S—— Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und geſebedingungen. 1. oftensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em- pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe te welche bei deſſen Zurückgabe von mir zu rſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:. 8 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: ———— auf 1 Monat:— Pf. 1 Mk. 50 Pf. „3„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und der Bücher Ste eigenen Koſten und Gefahr ſe 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern zc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ torene oder defecte Buch ein Theil eines größeren der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage ügeſebt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen habe —— — F. 6 Bücher: Zuräckſendung lbſt zu ſorgen. verlorene und Werkes, ſo iſt eiterverleihen n. Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cdnard Ottmann in Pirſen. 5 ——— 5 3 — Der Jeſuit. Charaktergemälde aus dem erſten Viertel des achtzehnten Jahrhunderts von C. Spindler. Zweiter Theil. ———— Stuttgart, Dck von C. F. 1838. ——— Srſter Abſchnitt. Der Freier.— Jakobinens Geheimniß.— Des Senators Tröſter.— Georg Birsher.— Tiſchgeſpräche. Häuslicher Sturm.— Juſtinens Opfer.— Abend⸗Unterhaltungen.— St. Sebaſtian und die heilige Pulcheria.— Das Geſpenſt.— Der Superior.— Seine Philoſophie.— Wuth der Leidenſchaft.— Qual der Schuld.— Neues Uungewitter.— Der Heilige unter den Myrthen.— Die Geiſterbannerin.— Verlobung.— Vor⸗ träge auf der Mailbahn.— Plaudern zur Unzeit.— „ ———— Nothhaft war ſchon ſeit den erſten Frühſtunden im Hauſe des Senators herumgegangen,— glänzend, ſtrahlend, hof⸗ färtig wie ein Pfau. Feiertäglich geputzt, vom Dreſſenhute bis zur ſchweren Silberſchnalle am Korduanſchuh mit dem leuchtenden Abſatze, hatte er mehreremale an die Thüre des Principals geklopft, und murrend von der Verſchloſſenen Abſchied genommen. So hielt er Schildwachtpoſten und Schildwachtgang durch's ganze Haus, getraute ſich aus Reſpekt nicht den Fuß in der Senatorin Zimmer zu ſetzen, und hielt es unter ſeiner Würde, in die Schreibſtube zu treten, durch deren Fenſterchen Berndt den geputzten Wandler mit neugierig neidiſchen Augen betrachtete. Endlich,— von mancher Priſe Tabak geſtärkt, und an dem Glauben hal⸗ . tend, daß Geduld Alles überwinde, beſiegte der Commis, 4 der nichts Geringes im Schilde führte, die ſchleichende Zeit und ſeinen Unmuth. Die Hausthüre gieng auf; der Senator kam heim. Mit einer vertraulich patzigen Verbeugung em⸗ pfieng ihn Nothhaft an der obern Treppenſtufe, und ſein Herz lachte im Stillen, denn ſein Benehmen ſchien zu wirken. Der hochfahrende Senator hatte völlig die Miene eines vetretenen Kindes angenommen. Seine Stirne lag zwar glatt und freundlich; aber in den Augen ſaß eine gewiſſe unerklärliche Demuth, und ſeine Stimme war lammfromm und gemäßigt. „Was verlangt Er, mein Sohn?“— fragte der Senator, nachdem er den Commis in ſeine Stube gewinkt; und ſtolzer hielt Nothhaft ſein Haupt, und nachläßiger ſpielte er mit dem Uhrbande. „So geputzt?“ fuhr Müſſinger fort, mit niedergeſchlagenen Augen den umherſchweifenden des Dieners ausweichend:„Ich wette darauf, der junge Herr will mich beſänftigen, daß ich nicht zürne, weil er bereits zween Tage lang gefaullenzt hat? Danke Er Gott, Monſieur, daß ich nicht ſo ſtrenge wie der Buchhalter bin, und mich überhaupt heute in einer Laune befinde, die mich nicht leicht zum Janken kommen läßt. Es ſey Ihm Alles vergeben, aber continuire Er dafür in Seinem vor gen Fleiße.“ „Es hat ſic hier Nichts zu vergeben, Herr Senator und geſchätzteſter* netpal,“ antwortete Nothhaft ziemlich dreiſt und nachdrücklich;„die Urſache meiner Abweſenheit von Dero Comtoir wird mich,— ſo hoffe ich,— ſehr genügend ent⸗ ſchuldigen. Ioh bin hier, um dieſelbe gebührend vorzutragen, da Ew. Edeln Geſchäfte geſtern und vorgeſtern mir Solches unmöglich gemacht. Freilich ſollte ich gebührenderweiſe ſchwarz S wie ein Tintenfaß vor Ihnen ſtehen; allein, Erſtens hat der ſaumſelige Schneider mich noch nicht mit Kleidern ver⸗ ſorgt, und— zweitens— will ſich's wohl ziemen,— da eine fröhliche Botſchaft an der traurigen hängt, daß ich ihrer im fröhlichen Kleide gedenke. Wiſſen Sie demnach, Hochzu⸗ verehrend er, daß mein Herr Vater,— bis dato Kaufmann und Rathsherr in meiner Geburtsſtadt, am verwichenen Frei⸗ tage im 70ſten Jahre ſeines Alters das Zeitliche mit dem Ewigen vertauſcht hat. Ich bin ſein einziger Erbe in Haus und Gewölbe geworden, und— wie mir ſchmeichelhafte Verwandte verſichern,— würde der Magiſtrat ſich nicht lange ſperren, mir auch den Rathsſtuhl des Verewigten als vollgültiges wohlerworbenes Erbe zu überlaſſen.“ Der Senator war unwillkührlich vom Stuhle aufgeſtanden, hatte einen nebenſtehenden Seſſel herbeigezogen, und winkte lächelnd und verbindlich dem Eommis, Platz darauf zu nehmen. Nothhaſt ließ ſich nicht lange bitten, und indeſſen ſprach Müſſinger ſehr freundſchaftlich:„Sehen Sie, beſter Herr Nothhaft; der Tod iſt ſo eigentlich kein Unglück, ſondern ein Soll, das früher oder ſpäter jeder Lebensnegoziant zu ſaldiren hat. Tröſten Sie ſich demnach über den herben Verluſt, und genehmigen Sie den wärmſten Ausdruck meiner Theilnahme an Ihrem fernern Wohlergehen. Dieſes wird nun freilich lediglich von Ihnen abhängen, denn Sie haben in meinem Geſchäfte von der edeln Handels⸗Wiſſenſchaft ohne Zweifel ſo Vieles profitirt, daß Sie ganz gut auf Dero eigenen Füßen werden ſtehen können. Behalte mir demnach nur die Fortdauer Ihrer freundſchaftlichen Anhäng⸗ lichkeit vor, und bitte mir zu hächſtem Sonntage die Ehre 6 aus, Ihnen mit einem Löffel Suppe aufwarten zu dürfen, wie ein Handelsfreund dem Andern.“ Miüſſinger hätte hier gerne, nachdem er der Förmlichkeit ihr Recht gegeben, das Geſpräch beendigt, aber Nothhaft ſaß immer noch breit und läſtig im Stuhle, nickte vornehm dankend mit dem Kopfe, und hob an, den Zweiſprach weiter fortzuſpinnen. „Eben darum, geehrter Herr Senator,“— ſagte er— „weil ich weiß, wie förderlich mir Ihre Freundſchaft iſt, und geweſen, ſo wie auch die Meinige vice versa, ſo unterſtehe ich mich, an obige Trauer-Nachricht ein artiges Vergnügen zu knüpfen, indem ich auf ein Band hinweiſe, das unſre visherige Freundſchafts⸗Societät zu befeſtigen geſchickt ſeyn möchte. Mein ſeliger Herr Vater hat jeden Albus ſechsmal umgewendet, ehe er ihn atksgab, und vermittelſt dieſes Grund⸗ ſatzes einen anſehnlichen Kaſten voll harter Thaler zuſammen⸗ geſpart: ein Tuchgeſchäft in vollem Gange, eine Wein-Fabrik, ein wohleingerichtetes Haus, Gartenland und Ackerfeld, Brunnen und Stall, Geſchirr von Silber und Ringe von Gold. Alles dieſes iſt mein, und mir geht nichts ab, als ein Weib. Ich halte dem nach, geziemend und gebührend, um Ew. Edeln Tochter an. Jungfer Juſtine iſt zwar ein ſchwieriges, ſchnippiges Ding; aber ich mag ſie doch wohl leiden, und hat man erſt ein Dutzend Wochen im Eheſtand zugebracht, ſo findet ſich Alles hinterdrein.“— Der Senator ſaß verſtummt da, und lächelte vor ſich hin; ob aus Spott oder aus Ueberraſchung? Dann erwie⸗ derte er ziemlich treuherzig;„Lieber Herr Nothhaft! Sie thun mir unläugbar eine Ehre an, ſo wie Juſtinen. Aber, Beſter!— ſollte es Ihnen denn unbekannt ſeyn, daß meine 7 Tochter noch immer verſprochen iſt? Vevor Herr Birsper junior nicht ſein Wort und das meinige aufgegeben... „Täuſchen Sie ſich noch beſtändig mit dem Bräutigam aus Newyork?“ fragte Nothhaft achſelzuckend;„geben Sie um Gotteswillen die Anwartſchaft auf. Der junge Herr wird an Deutſchland gedenken, und über kurz oder lang wohl die Brautgeſchenke wieder einfordern laſſen, die ſein armer Papa hieher bringen mußte; aber ſicher nicht die Braut.“ „So2“— fragte Müſſinger etwas gereitzt;„Woher wiſſen Sie das? Sind Ihre Briefe ſicher?“ „Hm!“ antwortete Nothhaft ruhig und bedeutend;„ich meine nur.. z wenn ich der Sohn wäre— ich könnte nimmer in das Haus heirathen, worinnen man meinen Vater.. begraben hätte.“ Des Senators Mundwinkel zuckten krampfig.„Man muß es darauf ankommen laſſen;“ ſagte er trotzig. „Laſſen Sie's nicht ankommen,“ fuhr Nothhaft fort: „erkennen Sie Ihren Vortheil nicht. Eine Verbindung mit mir iſt Ihnen heilſamer, als eine Verwandtſchaft mit dem Amerikaner. Ich habe zwar keine Millivn in Caſſa; aber einen Mund, der ſchweigen kann, und einen milden Verſtand, der mit dem Mantel der Liebe allzeit fertig und bereit ſteht, wenn gewiſſe Menſchen-Irrthümer zur Sprache kommen wollen.“ „Wie ſo? Wie begreife ich, was Sie mir ſagen?“ „Denken Sie an des alten Sterbetag. Gedenken Sie des ſeltſamen Sterbefalls. „Und nun, Monſieur? Was will Er.. i wollen Sie damit ſagen?“ 8 „Der Piſtolen auf der Diele, der verzettelten, gerade noch vor Thorſchluß, möchte man ſagen, quittirten Wechſel. oder Verſchreibungen... Der Senator wurde weiß wie die Wand, ſtand auf, ſchöpfte tief Athem, und ſagte mit gepreßter Stimme:„Sie ſind ein ſchauerlicher Patron, und verſtehen's, ſolche un⸗ angenehme Todes⸗Auftritte recht täuſchend zu ſchildern, daß man ſich unwillkührlich fürchten möchte.“ „Herrlich!“ rief Nothhaft,„um ſo ſchneller werden Sie mit der Heirath in Ordnung kommen. Schlagen Sie ein: Allianz! Reſpect dann vor Ihrer Firma!“ „Ei! den müſſen Sie auch haben, junger Menſch!“ fuhr der Senator auf:„haben ohne Allianz! Sie thun abſonder⸗ lich vertraut mit mir; mehr als ſich's ſchicken dürfte! Werden wohl berathen ſehn, wenn Sie dieſes unterwegs laſſen!“ Nothhaft ſah den Aufblitzenden ſtutzig und verblüfft an. Die auflodernde Hitze reute indeſſen den Senator im Augen⸗ blicke. Er beruhigte ſich gewaltſam, murrte ein finſteres: „Pfui!“ gegen ſich ſelbſt gerichtet, in den Bart, und fuhr fort:„Verzeihen Sie mir den Ausfall. Ich habe mir vor⸗ genommen, mich nicht zu erzürnen; aber die Zunge läuft manchmal wie ein toller Deſerteur davon. Mit Permiß! ſo wir uns alterirten, wollen wir wieder Freunde ſeyn. Das Schätzbare Ihrer Werbung iſt mir nicht entgangen; aber ſagen Sie ſelbſt: iſt es möglich, Ihnen etwas, das geringſte aufmunternd zuzuſagen, da der junge Birsher ſelber pier eingetroffen iſt?“ Nothhaft ſprang überraſcht vom Seſſel. Er ſindirte lange an dem Ernſte in des Senators Augen; dann ſprach er hitzig, wie ein Pfeil ſchwirrt:„Wenns in der That alſo iſt, Herr 4 — —————— ————— m—— 9 Senator, ſo heißts: Kurz reſolvirt. Leberlegen Sie genau, wie's anzufangen ſeyn möchte, damit der Herr von New⸗York nicht an's Ueberlegen komme. Parbleu! Ihr Jawort iſt ſo gut als ſchon in meiner Taſche. Juſtinens wird ſich dann ſchon finden. Apropos indeſſen Ew. Edeln: dem ehrlichen Freiersmann kann es nicht angenehm vorkommen, wenn ſich die Braut an ein fremdes, leider malhonnettes Volk hängen will. Jungfer Juſtine iſt in der Education ſehr vernach⸗ läßigt.“ „Monſieur Nothhaft!“ ſagte Müſſinger erſtaunt, und wie⸗ der böſe werdend. „Na! ruhig im Gemüthe Herr Senator! Ich hab's aus guter Quelle. Der engliſche melancholiſche Junker, der hier im Hauſe den Sprachmeiſter abgibt,— der verdient's, daß Sie ihm böſe, gram und giſtig werden. Er hat Juſtinen gekirrt; Parbleu! ich weiß es ſehr genau. Morgen⸗Prome⸗ naden— im Frühroth— Berndt hat's mit angeſehen, wie ſie plauderten, wie ſie Abſchied nahmen. Solche Luſtwandeleien im Morgenthau mögen vielleicht unter den grobhäutigen Eng⸗ ländern gäng und gäbe ſeyn, aber der gute Ruf unſrer deutſchen Töchter und Schweſtern bekömmt leicht davon den Schnupfen.“ 3ch werde die Sache unterſuchen;“ erwiederte der Sena⸗ tor ſtrenge; wendete ſich aber von dem Freiwerber ab, damit er nicht die Röthe der Schaam auf ſeiner Stirne bemerke: „Verlaſſen Sie ſich darauf: iſt's wahr,— ſoll's gewiß nicht mehr geſchehen!“ „Dann bin ich um meiner Jungfer Braut willen bereits content!“ äußerte Nothhaft, den Weg zum Abſchiede ſuchend. Der Sat ermangelte nicht, dem Zuberſichtlichen zu 10 bemerken, daß ſeinem Anſuchen bei weitem noch kein Amen geſprochen worden, aber unwillkührlich nahm ſeine Rede einen trügeriſchen Schein an, und Nothhaft— wäre er auch nicht der alte dumm⸗dreiſte und hochmüthige Geck geweſen, wie ſonſt,— hatte Urſache, mit mancher Hoffnung von dannen zu gehen. „Verzeihe mir der Himmel die Sünde, wie er mir heute bereits die ſchwereren vergab!“ ſagte der Senator leiſe vor ſich hin, wie im Gebet;„ich konnte mir in der Verlegen⸗ heit des Augenblicks nicht zjn⸗ helfen. Der freche Tölpel, der ein Endchen meiner Geheimniſſe kennt, muß berückſich⸗ tigt werden;— wenigſtens, bis er die Stadt im Rücken, den Weg nach ſeiner Heimath unter der Sohle hat.“ Er ging hin und her in der Stube, muſterte ſeinen Schreibtiſch, ſeine Bücher,— zuckte auf wie vor dem Anblick einer Schlange, als er die beſtaubte Hauspoſtille darunter gewahr wurde, ſchob ſie mit unmuthiger Hand in einen klaffenden Wand⸗ ſchrank, und reinigte dann die Finger vom Staube.—„Wie dieſer Anblick mich plötzlich an die Jugend errinnert hat!“ ſagte er mit wehmüthigem Vorwurfe zu ſich ſelbſt;„dieſes Buch, woraus ich meinen Eltern den Abendſegen leſen mußte, deſſen Haupt⸗Predigt⸗ und Erbauungsſtellen ich auswendig gelernt hatte, trotz dem Vater⸗Unſer... Dieſes Buch, worein der Vater alle Begebenheiten unſers Hauſes verzeichnete, wie eine Geſchlechterchronik,— dieſes Buch ſoll mir von nun an ein Gräuel ſeyn!“ Er ſeufzte, drückte jedoch den Wandſchrank entſchloſſen zu, und zog ein kleines Büchlein aus dem Buſen, vas er mit einer ſeltſamen Miſchung von Neugierde, Zuver⸗ ſicht und Zweifel betrachtete.„Du ſollſt in Zukunft mein Hort ſeyn?“ fragte er flüſternd und ſetzte, egin blätternd, hinzu:„Ihr Heiligen Alle, deren Häupter aus dieſen Bil⸗ dern, mit Dornen und Blut bekränzt, ſchauen! nehmt Euch meiner an, daß ich nicht vergehe in muthloſem Schwanken! wahrt mir doch den Frieden, den ich kaum durch einen bei⸗ ſpiellos raſchen Entſchluß gewonnen!“ Sein Blick fiel auf den Rand eines Kupferſtichs, und in dem Blicke ging es auf wie ein Freudenfeuer.„Münzner! Münzner! iſt das nicht Claras Weltname? Und iſt ſie nicht der Engel, der heute mein Pathe geweſen? Und ich ſollte friedlos bleiben, da ſie für mich zu den Füßen des Heilands betet? Muth, mein Herz!“ Die Glycke, die zum Frühſtück rief, ertönte. Der Senator verſteckte das Gebetbuch, zog ſein Geſicht in die gebieteriſchen Alltags⸗Falten, und begab ſich zur Wohnſtube. Der Kaffee dampfte von dem blaudamaſtenen Tafeltuche, das glänzende goldgeringelte Porzellän, berührt von dem ſchweren ſilbernen Geräthe, erklang hell; im Uebri⸗ gen blieb es ſtumm in dem kleinen Kreiſe. Die Senatorin, die kaum den Morgengruß des Mannes erwiedert hatte, ſaß, zwar ihm zur Seite, aber dennoch halb von ihm gewendet, und genoß, die Taſſe in der bequem ruhenden Hand haltend, das Frühſtück und den Morgenſtrahl, der durch's Fenſter ſchlug, zugleich. Juſtine hütete mit beſorgten Blicken bald den ſtillen Vater, bald die feindſelige Mutter, und beſtellte die Frühſtücks⸗Angelegenheit; ſchenkte ein, bediente, nöthigte wie es der Brauch war. Berndt ſaß unfern, wie ein Lämm⸗ chen, unfähig, ein Wäſſerchen zu trüben, unterrichtete bald den Principal von den Arbeiten, die er heute ſchon gethan, bald ſchoß er lauernde Blicke nach dem Mädchen. Der ernſte Buchhalter, gegen jede Kaffeebedienung deprecirend, zum zwanzigſten Male behauptend, daß er bereits in aller Frühe 12 ſeine Portion genoſſen, ſtand hinter dem Herrn, und produ⸗ cirte eine eingelaufene Miſſive nach der Andern, eine Reihe abzuſendender, und eine Menge, der Unterſchrift bedürftiger Papiere. Müſſinger las und unterſchrieb ſchweigend, ſandte den Buchhalter hinunter, beſchied Berndt in einer Stunde auf ſeine Stube, und fragte, nachdem auch dieſer feuerroth hinweggegangen, mit ungewöhnlich ſanftem Tone:„Wie uun, Jacobine, unv Du mein Juſtinchen? Iſt denn ſchon die Tafel für den zu erwartenden Gaſt geordnet?“— Juſtine wollte die Mama antworter laſſen, aber die Senatorin hatte dazu keine Luſt. Mit einem tiefen Seufzer ſetzte ſie die Taſſe geräuſchvoll hin, kehrte dem Senator n0 den Rücken, und ſtarrte in's Blaue.—„Ei Jakobine..— ſagte Müſſinger hierauf ſtaunend und gereizt,— täyrte ſich der Schmollen⸗ den, und wollte die Hand auf die Lehne ihres Stuhles legen, um ſich vertraulich zu ihr her abzubücken; aber wie vor einem Scorpion fuhr die Senatorin empor, wiſchte ſchnel mit ihrem Schnupftuche die Stelle ihres Kleides ab, woran zufällig ſein Finger geſtreif hatte, und ſchritt trotzig und ſtumm in's Seitenzimmer. Die Thüre ging krachend hinter ihr zu.— „Was bedeutet das?“— fragte Müſſinger, ſeine Jaſt kaum bezwingend. Juſtine erzählte ſchüchtern und verlegen, daß ſich der Mutter Betragen ſeit ihrem Spaziergange von geſtern nach dem Ritterhofe geändert habe; daß ſie nichts über die Veranlaſſung zu dieſem ſtummen Groll geäußert, und daß ſie, Juſtine, von der Sache nicht das Geringſte begreife.— „Mit wem hat Deine Mutter draußen geſprochen?“— fragte der Vater mit krauſer Stirne. Juſtine geſtand, daß ſie, in Scherz und Gelächter mit andern Perſonen ihres Alters und ihrer Bekanntſchaft vertieft, es nicht bemerkt habe. 13 „Welche unſelige Grille beherrſcht das Weib nun wieder!“— ſagte der Senator empört, aber wie mitleidig die Achſeln ziehend;—„Iſt denn wohl ein Hausvater in dieſer Stadt, der unglücklicher wäre, als ich? Dieſe ſtumpfſinnige antippe, die mein Leben verbittert.. Juſtine flog mit thränendem Auge an ſeinen Hals, und fragte:„Lieber Vater! Sind Sie denn auch mir böſe? Verdiene auch ich Ihren Unwillen?“ Der Senator ſah ſie gerührt an, ſchob ſie dann, plötzlich verfinſtert, von ſich, und antwortete:„Unter Deinen Fehlern vermißte ich wenbgſtens bis heute die Heuchelei. Nun tritt auch dieſe hervor. Ungerathene mit dem Unſchuldsblick! Wohin haſt Du Dich verirrt? Mit einem jungen Manne, der mein Vertrauen verräth, biſt Du am frühen Morgen auf den Gaſſen der Stadt geſehen worden.— Bekenne! wohin führen dieſe Gänge? und ſeit wann?“ Juſtine erbleichte ein wenig; allein ſie war bald wieder gefaßt.„Berndt hat mich verläumdet;“— ſagte ſie ruhig; „der Schleicher trat auf meinen Ferſen in das Haus. Glau⸗ ben Sie dem Menſchen nicht. Verlangen Sie jedoch nicht, daß ich Ihnen mehr von dem Morgengange ſage, als daß er nur ein einzig Nal— Geſtern— ſtatt gefunden, und daß ich die Hütte einer Armen aufgeſucht. Um Alles Uebrige befragen Sie, wann es Ihnen gefällt, den Monſieur White ſelbſt.“ „Welch ein kühnes Vertrauen!“— rief Müſſinger;— „Ich will glauben, daß noch die Sünde nicht mit Euch ging. Was ſoll abe daraus in Zukunft werden? Du wirſt, hoffe ich, nicht den thörichten Gedanken hegen, den bettelarmen Baronet,— obendrein zu einer Zeit, wo Dich noch andere Bande feſſeln, die Reheiit feſter zu knüpfen, Dein Verlob⸗ ter im „Vollenden Sie nicht, Herr Vater;“ verſetzte Juſtine; „lernen Sie mich beſſer kennen. Ihre Beſorgniſſe ſind grund⸗ los. Da Herr Birsher hier angekommen, ſchickt ſich's ohne⸗ hin nicht, daß ich den Beſuch eines Mannes ferner annehme. Sie werden mich verbinden, wenn Sie Herrn White heute ſchon entlaſſen. In Frieden, denke ich, wenn Sie meinen Nuf ſchonen wollen. Was Berndt betrifft.. „Das iſt meine Sorge!“ ergänzte der Senator, und eilte auf ſeine Stube, wo ſich Berndt demüthig und bald einfand. „Er hat ſich erlaubt,“ fuhr ihn der Prineipal mit Strenge an,„meine Tochter durch böſe Nachrede zu verunglimpfen, und ihr einen Spaziergang zum Verbrechen zu machen, von dem ich unterrichtet war, und der einer Armen galt. Ver⸗ läumder und Züngler dulde ich nicht in meinem Hauſe. Er hat ſich um einen andern Dienſt umzuſehen, und mit Ablauf des QOuartals von meiner Schreibſtube abzuziehen. Bon Dies.“ Stumm und niedergeſchlagen entfernte ſich Berndt, und murmelte zwiſchen den Zähnen:„Das kommt von Nothhaft, dem neidiſchen Bengel! Das gedenk' ich ihm!“ Der Geiſt der Verdroſſenheit hatte ſich auf Wäſſingelb Dach gelagert. Ein dumpfes Mißbehagen bedrängte Alle, die darunter wohnten, Inſtine ausgenommen, die mit unbe⸗ fangnem Herzen, mit klaren Augen die Zukunft muſterte. Freilich miſchte ſich auch in dieſe unbefangene Klarheit dann und wann ein wenig Unruhe, wenn ſie an den Verlobten dachte, der ſo plötzlich erſchienen war; von deſſen Wollen und Wünſchen noch nichts verlautet hatte.„Wie wird er die 4* — 4* — — 15 Sache entſcheiden?“ fragte ſie ſich,„und will er mich noch heimführen, oder hat der Tod ſeines Vaters ſeinen vielleicht erzwungenen Vorſatz geändert? Aber: wie ſieht wohl der junge Mann aus?“ fragte ſie ſich noch weit öfter, und erbebte ein Bischen, dachte ſie ſich des alten Birshers Cor⸗ pulenz, ſeine Perücke, ſeine Manieren, die ſich vielleicht alle, wenn auch nach verjüngtem Maaßſtabe, in dem Sohne wie⸗ dergaben, wie im Spiegel. Werde ich ihn heirathen?— war natürlich die letzte, die bedentendſte Frage, die Juſtine an ihren Verſtand, an ihr Herz richtete. Der Verſtand, der den Reichthum und das daraus entſpringende heitere Leben zu ſchätzen wußte, ſagte allerdings: Ja! aber das Herz? In dieſem verborgenſten Winkel tauchte von Zeit zu Zeit, einem ſpielenden Geiſt zu vergleichen, ein Bild auf,— an⸗ genehm in ſeinen Zügen, unangenehm jedoch in ſeiner Be⸗ deutung: James.— Juſtine wurde nun ſehr ernſthaft, ſehr unruhig, und dankte dann dem Himmel von ganzer Seele, als dieſes Bild nach kräftigem Bedenken mit einem Male verſchwand, und nimmer wieder kam.— So halte ich dem beſorgten Vater Wort, und meiner eigenen Würde!— ſagte ſie gleich einer Siegerin, und gieng, eines hellen Entſchluſſes voll, die Schlüſſel des Hauſes eg um das Gaſtmahl zu rüſten. Frau Jacobine machte gar teine Satri auch heute die Wirthſchaft dem Mädchen anzuvertrauen.„Du wälzeſt einen Stein von meinem Herzen!“— ſprach ſie, die Schlüſ⸗ ſel hinreichend, und wieder in die Kiſſen des Kanape's ver⸗ ſinkend, in denen ſie ſich ausnahm, wie eine im Nachdenken Verlorne. „Darf ich nicht wiſſen, was Sie beängſtigt oder ärgert, liebſte Mutter?“— fragte Juſtine mit ſanfter Theilnahme. Die Mutter ſchlug die Hände zuſammen, und ſchüttelte den Kopf mit Heftigkeit.„Frage mich nicht, Juſtine!“— ſagte ſie alsdann mit phlegmatiſchem Pathos:„Es wird die Zeit kommen, da ſich Alles enthüllen wird. Armes Kind! und ich... eine arme Mutter! Mir bleibt nichts übrig, als zu überlegen, wie wir beide einer großen Seelengefahr zu entrinnen haben. Gott wird ja einen Engel ſchicken! Be⸗ halte indeſſen die Schlüſſel dieſes unſeligen Hauſes! In meinem Leben rühre ich ſie nicht mehr an!“ Sie ſchwieg verſtockt, und Juſtine fürchtete für den Ver⸗ ſtand der Mutter. „So werden Sie mir doch erlauben,“— ſprach ſie,— „eine Gehülfin zu erwählen; denn in der Zeit, als Herr Birsher hier aus⸗ und eingehen wird, dürfte es viel zu thun geben, dem ich allein nicht gewachſen wäre.“ „Wie Du willſt. Got. ſegne den Herrn Birsher! Er hätte aber beſſer gethan, zu Newyork zu bleiben. Wen willſt Du jedoch Dir zur Seite ſetzen?“ „Eine Freundin: Madame Lahnez, eine Franzöſin.“— „Wer iſt die Perſon? Ich kenns ſic nicht.“—„Die Frau Syndikus empfahl ſie mir,“— verſetzt⸗, um eine Antwort etwas verlegen, Juſtine.—„So?“— erwiederte Jacobine mit großen Augen;—„meinethalben dann. Die Syndikuſſin empfiehlt ſicher kein Geſindel; ſonſt mchte ich wohl gerathen haben, auf der Hui zu ſeyn. Di⸗ Franzoſen nachen gerne lange Finger, und bei Gelegenheiter, Hin die heutige..“— „Laſſen Sie mich walten, Mutte und erheitern Sie ſich. Dieſer unbegreifliche Mißmuth würde den Gaſt verſchüchtern und den Vater erzürnen.“„Den Vater?“— rief die Mut⸗ ter zuſammenfahrend aus;—„ſchweige von ihm. Ich will nichts von ihm wiſſen, nichts von ihm hören! Ich wollte, ich hätte ihn nie geſehen. Du wäreſt nie geboren worden!“— „Mutter!“— Ich wollte, meine Augen müßten den fremden Gaſt nicht ſehen. Aber— nicht wahr, es wäre unſchicklich, wenn ich bei Diſche ſehlte?“—„Gewiß, liebe Mutter! Be⸗ denken Sie ſelbſt,— die Frau vom Hauſe....“ „Mein Heiland, ja! Was muß man nicht thun, um der Schicklichkeit willen? Was muß man nicht verſchweigen und verbeißen um der Schande willen! Ach, liebſte Tochter, ich werde viel leiden an dieſer Tafel! Jeder Biſſen wird mir im Munde quellen. Ach Gott! verzeihe mir meine Sünden; womit hab' ich aber all dieſe Noth verdient?“ „Ich fürchte mich bei Ihnen, Mutter!“ „Bei mir?“— ächzte das Weib, das ſich mit Gewalt in eine Aufregung verſetzte, die ſich lächerlich uud peinlich zu⸗ gleich ausnahm;—„bei mir, Du gottloſes Kind? Und ich bin doch ein Lamm, wie Schnee ſo rein; und ich habe Dich zur Welt geboren, und ich ſinne und ſinne ſeit geſtern, daß mir der Kopf ſchwindelt, wie ich Dich, meinen Herzensſchatz, mit mir zugleich erretten kann. An mir ſollſt Du Dich halten, und nur Gott fürchten in Demuth, und... Deinen Vater in Angſt! Fürchte Dich vor dem Vater, wie das un⸗ ſchuldige Lamm vor dem Wolf! Thue von heute an nie mehr, was er begehrt, denn er begehrt nur unſer Verderben.“ Juſtine ſah die Frau, die ſich wie eine in Wahnſinn fal⸗ lende zerängſtigte, mit großen Augen, dann mit Mitleid, dann mit Geringſchätzung an, drehte ſich endlich kurz und gut um, und ſah nach ihren Pflichten. III. 2. 2 18 „Was ich verſprochen, kann ich heute ſchon mit dem Segen Gottes beginnen,“— ſchrieb ſie in Eile an die Laynez: „Kommen Sie, gute Frau. Verſuchen Sie es für's Erſte auf ein Paar Tage, wie es Ihnen gefallen möchte bei Ihrer herzlichen Freundin Juſtine.“ Sie ſendete dieſen Zettel durch den dümmſten Packknecht ihres Vaters in den Johanniterhof an die Adreſſe, und ver⸗ lor im Drang ihrer überhäuften Geſchäfte bald die ſeltſamen Launen öhrer Mutter,— ſogar den eingeladenen merkwürdigen Gaſt aus den Gedanken. Indeſſen hatte ſich bereits ein anderer Geladener in des Senators Stube eingeſtellt. Müſſinger erkannte ſelbſt bei⸗ nahe den Eintretenden nicht, ſo ſehr veränderte dieſen der ſchwerbetreßte Rock, die anſehnlich bauſchende Halsbinde und die große weiß erglänzende Perücke. „Im Namen des Herrn und Heilands!“ fagte der Kom⸗ mende— Doctor Leupold— mit leiſer Stimme. „Amen, und willkommen, hochwürdiger Herr!“— ant⸗ wortete der Senator ebenſo, und gieng dem Doctor entgegen, ihm die Hand zu küſſen; eine Ehrenbezeugung, deren ſich Leupold weigerte. „Laſſen Sie dieſe Förmlichkeit der Jugend und dem Volke, die in Reſpect gehalten werden müſſen, mein werther Beicht⸗ und Taufſohn;“— ſprach der Doctor.—„Unſer Verhält⸗ niß ſey das eines Freundes zum Freunde. Ich finde Sie mit den Büchern beſchäftigt, deren Studium ich Ihnen empfahl, und frage nicht, ob die heutige bedeutungsvolle Frühſtunde Frucht getragen, oder nicht. Im Herzen des Frommen gedeiht ſtets die himmliſche Speiſe, und der ſchnellſte Entſchluß belohnt ſich am Schnellſten. So wären wir denn nun eins in Gott und ſeiner Kirche, beſter Herr, und Sie haben ohne Zweifel die Gnade recht empfunden, die unſer Heiland und Erlöſer in Ihnen erweckte? Die Huld unſrer barmherzigen liebreichen Mutter⸗Kirche, bie Ihnen erlaubt hat, alle Vorübungen, Prüfungen und Bräuchlichkeiten zu überſpringen, um ſich ſo ſchnell als möglich in ihre Arme zu werfen? Das Glück, das ich genoß, ich, eines der ge⸗ ringſten Rüſtzeuge, die im Felde des Herrn zu ſeiner größern Ehre ſtreiten,— Ihr Führer zur Himmelsleiter ſeyn zu dürfen, erfüllt mein Herz mit ſeligem Behagen. Und auch in Ihrem Herzen, mein Sohn, iſt nunmehr Friede; nicht wahr?“ „Wenn Glaube an unbedingte Erlaſſung Friede iſt, ſo genieße ich des Friedens;“ antwortete Müſſinger. „Glaube iſt allerdings der ſchützende Schild, und ſeine Wohlthat zögert nicht. Ich wette darauf, Herr Senator, Sie erwarten nun mit ſicherem Fuße den Gaſt, vor dem Ihnen geſtern noch gegraut.“ „Ihres Beiſtands verſichert, ohne Zweifel.“ „Des Beiſtands des Herrn und ſeiner Schaaren, deren Engelfittich auch den Gedanken der Sünde von Ihrem Bewußtſeyn ſcheuchte. Halten Sie ſich an dem Bewußtſeyn Ihrer nunmehrigen Reinheit feſt, und Sie werden nicht ſtraucheln. Der Verſucher naht wohl zuweilen dem Menſchen; am haͤufigſten dem Gottgefälligen. Ich habe Ihnen den Lebenslauf unſers heiligen Ordensſtifters und des herrlichen Heidenapoſtels Faver in die Hände gegeben. Sie werden meinen Reden als Belege dienen. Aber— je gefährlicher die Verſuchung, je herrlicher der Sieg der Beſtändigkeit. Und auch das iſt Verſuchung, wenn dem Neubelehrten der 20 Teufel ketzeriſchen Zweifelmuths ins Ohr raunt: biſt du denn nun auf dem rechten Wege? Und auch das iſt herrlicher Sieg, wenn der gottſelige Jünger ihm antwortet: Ja, Satan; Trotz Dir und Deinen Schrecken!— Sie verſtehen mich. Ihre früheren Sünden ſind nicht mehr, denn das Blut unſers Herrn hat ſie getilgt, und mein Prieſterwort iſt Ihnen dafür Bürge. Muth alſo, und ein klares Auge! Sie haben Gottes Gnade gewonnen;— gewinnen Sie auch jetzo das Vertrauen des Ordens, der Ihnen Geneſung brachte. Ein Thron iſt ſchön, aber ein Cvadjutor unſerer Geſellſchaft ſelbſt in weltlichen Dingen zu ſeyn, iſt ein weit ſchönerer Beruf.“ „Verlaſſen Sie ſich auf mich, ſſobals Sie mir über die gefährlichſte Brücke geholfen haben, in allen Dingen, die nicht mit meiner Bürger- und Vaterpflicht im Widerſpruche ſtehen.“ „Verfängliche, aber unnöthige Klanſeln!“ lächelte der Doctor;„Vaterpflicht? Die Kirche iſt ja ſelbſt die liebendſte Mutter. Bürgerpflicht? Ein relativer Begriff. Halbheit, mein Beſter, führt nur zu Troſtloſigkeit. Man muß, was man ſeyn will, ganz ſeyn, und auf dem Wege der Religivn kommen unſere Pflichten nie ins Gedränge, wenn man ohne des Vorurtheils Brille um ſich ſchaut. Die Wahrheit iſt immer nur Eine; das Recht iſt ſtets nur Eines. Menſch⸗ liche Satzungen fehlen; die göttliche Wahrheit nimmer. Sind Sie überzeugt, Ihrer Mitbürger Beſtes zu wollen, ſo gehen Sie muthig zum Ziel. Wüthende Partheien und ſchielende Geſetze ſchelten gar zu oft Hochverrath, was man mit allen Bürgerkronen nicht aufwiegt,— die Rettung des 21 Vaterlandes. Ich behalte mir vor, Ihnen dieſe unerſchütter⸗ lichen Grundfätze deutlicher auszuprägen, wenn ſie zur An⸗ wendung reifen ſollten.“ „Zur Anwendung?“ fragte der Senator gedehnt, denn ſein Kopf ging im wirbelnden Kreiſe. „So iſts, mein Sohn;“ erwiederte der Doctor ruhig; „die Geſtirne wandeln ihre Bahn; folglich auch die Schick⸗ ſale der Welten, der Völker, der Gemeinden, der einzelnen Menſchen. Laſſen Sie uns den Fall ſetzen, es wäre dem Himmel gefällig, in dieſer Stadt die Anarchie des Luther⸗ thums zu beendigen, die von dem unerforſchlichen Rathſchluß nur aus dem Grunde zugelaſſen worden iſt, damit der er⸗ ſchlaffende Chriſtusſinn ſich an dem Widerſtande wetze und ſiegend wieder aufſebe. Noch mehr: der Allmächtige hätte Sie auserſehen, das Panier des wahren Glaubens, dem Sie freiwillig ſich unterworfen, kühn und frei zu erheben. Würden Sie ſich deſſen weigern? Gott durch eine ſchimpfliche Feigheit beleidigen? Oder geſtehen, daß ie ſich ſelbſt be⸗ logen, als Sie ſich dem Meßopfer zugewendet?“ „Wahrlich, ich erſtaune ob Ihrer Rede;“ ſagte der Se⸗ nator mit Angſtſchweiß auf der Stirne:„welch einen Kampf⸗ platz thun Sie mir in dieſen Worten auf?“ „Keinen gefährlichen; denn Gott würde mit dem Beharr⸗ lichen ſeyn, und ſein Engel den Satan ſtürzen. Beruhigen Sie ſich indeſſen. Das Heldenbild eines ſolchen Kampfes lebt nur in der Einbildungskraft, nicht in der Zeit, die eine gemeſſene, mathematiſch ſchleichende iſt. Wir bekehren nicht mehr mit Feuer und Schwert, ſondern mit dem kraft⸗ vollen Honig der überzeugenden Rede. Wir dringen uns nicht mehr den Völkern auf. Die Völker werden aber, vom 22 geheimen Zuge ergriffen, alle zu unſerm Tiſche treten. Die Wunder der grauen Judenzeit geſchehen nicht mehr, ſondern langſam, ſtill webend, wie der Trieb der Natur, bereitet der Schöpfer ſeine Ereigniſſe vor; Mirakel, nicht kleiner als die der heiligen Bücher, aber myſtiſcher als ſie. Durch göttliche Schickung rüttelte ſich der Wolf der Ketzerei los; aber mit dem Gifte erſtand zugleich das Gegengift. Der Urſprung unſerer Geſellſchaft, iſt er nicht ein Wunder? er⸗ zeugt im Staube, und herrlich fortblühend an der Bruſt der Könige? Zeigen Sie mir ein ähnliches Beiſpiel in der Ge⸗ ſchichte aller Völker, und bezweifeln Sie den Fingerzeig des Herrn, der uns, ſeine Streiter erweckte; nicht zum blut⸗ dürſtigen Morde, wie jene Dominikaner, die ihren Beruf, die Unſeligen, verkannten; nicht zum faulen Bettel, wie iene ſchmutzigen Mönche des Franziskus von Aſſiſt, welche ihre Sendung mit Füßen treten; ſondern zu der ſchweren Arbeit, wie ſie die Noth der Zeit erfordert. Warum wüthet man gegen uns? Weil man uns ungemeſſen fürchtet. Warum verläumdet man uns? Weil wir heller ſehen, als alle Welt. Wie kömmt es aber, daß wir das können? Weil die hundert⸗ tauſend Augen meiner Brüder nur ein Einziges ſind, und ein ſcharfes; ihre hunderttauſend Arme nur ein Einziger, und ein thätiger; beſeelt von einem Willen, von einer Kraft. Ein Ziel ermißt unſer Blick, nach dem Einen greifen unſerc Händez nach dem Einen ſchreitet unſer Fuß: Ehre dem Herrn in der Höhe! Nachfolge dem Menſchge⸗ wordenen Sohne und ſeinem Kreuze! Belehrung der Gläu⸗ bigen, Zurechtweiſung der Verirrten und der noch nicht im Geiſte Gebornen! Aufrechthaltung der allein ſeligmachenden Kirche! Krieg auf Tod und Leben dem Satan der Zeit, 23 welcher da iſt der der Unvernunft, der der Hartnäckigkeit, der des Laſters!— Hier nannte ich Ihnen in Kürze die Grundlagen unſerer Beſtimmung, die Zwecke unſers Daſehns. Gibt es vortrefflichere auf Erden? Verdienen ſie nicht die größte Theilnahme, und den göttlichen Schutz, der ihnen ſo offenbar zu Theil geworden? Ueberall verbreitet, in je⸗ dem Welttheile angeſiedelt, predigen wir die wahre, reine Religion. Wir haben ganze Völker dem Heile zugewendet; wir haben Halbthiere zu Menſchen gemacht. Wir leiten das Gewiſſen der Fürſten; wir bewachen den Stuhl des Stadt⸗ halters Jeſu Chriſti. Unſere Schulen— wer lobte ſie nicht als die Vollkommenſten! Unſere Zöglinge— wer rühmte ſie nicht als die Gelehrteſten? Meine Brüder— wer hätte ſich nicht an ihrer heitern Freundlichkeit, an ihrem milden Ernſte, an ihrer Weisheit erquickt? um jedoch ausgezeichnet und allumfaſſend wirken zu können, mußten wir umfaſſende Hülfsmittel wählen und ſchaffen: ein Band der Religion, der Wiſſenſchaften, der Künſte, der Gewerbe, des Handels um die Erde und die fernſten Meere legen. Für alle Be⸗ dürfniſſe des Menſchenwohls Sorge zu tragen, haben wir uns verbindlich gemacht; wir beſitzen in unſerm Ordens⸗ ſchvoße alle Elemente dazu; die Mittel muß die Außenwelt geben, die uns freilich gern und oft zurückſtoßen möchte, während ſie uns danken ſollte. Die kanoniſche Armuth der Kirche, die Kargheit der meiſten Fürſten, verſagt uns be⸗ deutende Unterſtützungen, und unſere Spekulation muß aus⸗ helfen; daher,— im Vertrauen— unſere Colonieen in fernen Welttheilen; daher Schiffe mit unſerer Fracht auf dem Meere; daher das Bedürfniß, Stappel⸗, Lager⸗ und Ausladungsplätze in allen Gegenden der Windroſe zu beſitzen. Ich komme jetzt ganz natürlich auf unſer hieſiges Etabliſſement, das im Anbeginn einen ſolchen Lagerplatz ganz allein bezwecken ſollte. Einige Vertraute waren nöthig; mein Vorgänger entdeckte jedoch viel Glauben, viel fromme Sehnſucht, und pflanzte die Reben des Herrn mit gutem Gedeihen an, ſo daß ich, ſein unwürdiger Nachfolger, ſchon eine anſehnliche Zahl von Sprößlingen vorgefunden. Auch mit mir war der Segen des Herrn und das Glück, das mich berief, Ihnen zu dienenz dem alten bereuenden Freunde, dem nievergeſſenen Freunde Clara's. Ihr Einfluß, mein Sohn, wird, hoffe ich, viel Gefahr von unſerer ſtillen Ge⸗ meinde abwenden, und ein guter Wächter für den Handels⸗ vertrieb der Geſellſchaft ſeyn, die hingegen ſlets bereit ſepn will, ihre müßigen auf hieſigem Platze liegenden Capitalien in Ihre vertrauten Hände zu legen, und gegen billigen Zins zu laſſen; ſo wie ſie Ihnen auch bereits,— gänzlich uneigen⸗ nützig, und mit Ihren frommen Geſinnungen nicht bekannt— die bewußten Wechſel auf Braſilien angeboten: ſo wie ein Freund dem andern zu dienen venpflichtet ſeyn ſollte.“ „Ihrem Orden meinen Dank;“ ſagte der Senator er⸗ heitert:„ich will zu vergelten ſuchen, wie ich kann. Treue Freunde thun heut zu Tage Noth. Sie haben mein Ohr bezaubert durch Ihren kurzen Bericht und Ueberblick Ihrer Wirkungskreiſe. Wahrlich! ein ſolcher Verein iſt ein Wunder, ein noch nie geſehenes, nie erhörtes; und Sie hochwürdiger Herr, müſſen ſich im Paradieſe wähnen, wenn Sie ſtündlich ſich erinnern, auch ein Glied an dieſer großen edeln Brüder⸗ kette zu ſeyn!“ Der Doctor ſah bei dieſer Wendung ernſt und wehmüthig auf die ſtumpfen Spitzen ſeiner Schuhe, lehnte das Kinn auf 25 den Rohrſtock, und entgegnete nach einem verhaltenen Seuf⸗ zer:„Je nun, Herr Senator! Jeder Beruf hat ſeine Laſt! und ich gehöre zu den Laſtthieren unſers Ordensberufs. Herr Senator! um ein gläubig Gewiſſen, um ein unge⸗ ſchwächtes Vertrauen auf die Unfehlbarkeit eines vorgeſetzten Endzwecks iſt's eine ſchöne Sache. Dieſes Vertrauen auf Gott, meine Obern und meiner Pflicht wohlthätige Früchte iſt mein Reichthum, mein Paradies. Die Pflichten ſelbſt ſind gar oft ſchwer, widern oft anz allein man tröſtet ſich mit der Fürſicht, die das Alles befiehlt und ordnet, und wiſſen muß, zu welchem guten Zweck Alles ſo befohlen und geordnet werden ſoll. Lichtpunkte in meinem Berufe und Treiben find Vereinigungen, ſo erwünſcht, ſo freundlich, wie die mit Ihnen im Namen der ſanfteſten Religion einge⸗ gangene. Clara betete für Ihr Glück! Clara's Freund feindlich mir gegenüber zu ſehen, der Verdammniß verfallen, der Hoffnung baar, einſt mit Claren, mit mir vereinigt zu werden!.. Der Gedanke ſchmerzte mich tief, und indem ich Sie für unſere Lehre gewinnen durfte, gewann ich ſelbſt einen Schatz tröſtenden Bewußtſeyns!“ Der Senator war bewegt, da er in die bewegten Augen des Doctors ſah, und auch die ſeinigen gaben Thränen, und in einer herzlichen Umarmung erkannten ſich Prieſter und Neophyt als höhere Würdenträger der Menſchheit; als ver⸗ wandte Gemüther, als Freunde. Der Senator ſagte hierauf, indem er ſich die Augen trocknete, und des Doctors Hand ergriff:„Was mir einfällt, mein würdiger Freund! Ihr Pflegeſohn ſcheint Luſt zu haben, ein Proſelyt meiner Tochter zu werden, denn umgekehrt läßt ſich bei des Mädchens Starrköpfigkeit die Sache nicht denken. Allein... Sie begreifen... und erſparen mir wohl fernere Erläuterung.“ „Allem iſt ſchon vorgebaut;“ unterbrach ihn der Doctor: „mir iſt's nicht entgangen, und dem jungen Menſchen iſt be⸗ reits Ihr Haus unterſagt. Ihn binden frühere Pflichten, und Zeit iſt's, daß ſein Schwärmen endige.“ „Welch ein Mann ſind Sie!“ rühmte der Senator, freu⸗ dig des Doetors Hand ſchüttelnd:„ſolch' ein Scharfſinn— ſolch' feine verhütende Moral lernt ſich wahrlich nur in Ih⸗ ren Collegien. Was ſind dagegen unſere trockenen, dürren Gymnaſien, wo man nur Buchſtaben lernt, und nicht Men⸗ ſchenkenntniß?— Was unſere Schreibſtuben, in denen man den Charakter unſerer Geſchäftsfreunde, wie der Welt, nur nach den Zahlen taxirt, die ſie in Gold oder Papieren aufzu⸗ ſtapeln vermögen! Was Ihnen der klare Forſcherblick ſchon ver⸗ rathen, das i mir der eines ſchleicheriſchen Handlungdieners.. Die Schelle am Sn wurde gezogen: einmal, zweimal, dreimal, beſcheiden, aber ſteigend, wie ſich dazumal geladene Fremde anzumelden pflegten, während Hausfreunde nur zwei⸗ mal läuteten und Hausgenoſſen das ganze mit einem derben Riß an der Schelle abzuthun gewohnt waren. Der Senator erblaßte; das Wort erſtarrte in ſeinem Munde, ein heftiges Zittern überkam ihn. „Herr. Birsher...“ ſtammelte er. Der Doctor rüt⸗ telte ihn zurecht, und ſagte ihm tröſtend und ermahnend: „Sie ſind entſündigt. Im Namen der Dreieinigkeit! gehen Sie hin; trauen Sie auf meinen Beiſtand, und geben Sie nicht Anlaß zum Argwohn, noch Aergerniß!“ E Ein nachfolgender Zug an der Comptoirſchelle benach⸗ richtigte den Hausherrn, daß der Fremde hereingelaſſen wor⸗ den,— daß der Beſuch nicht dem Kaufmann allein gelte. Seine Pflicht zu erfüllen, nahm ſich Müſſinger zuſammen, und ging dem die Treppe Erſteigenden höflich entgegen. Der große junge in Schwarz gekleidete Mann mit dem wenig gefärbten ernſten Geſichte und den hellen geradausſchauenden Augen hatte den Senator beinahe wieder aus der Faſſung gebracht; was indeſſen der erſte Anblick verderben zu wollen ſchien, brachten die erſten Worte des Fremden wieder ins Geleis. Der junge Mann ſtreckte, ohne den Hut zu rücken, aber mit offenem Geſichte dem Wirthe die Hände entgegen, und ſagte:„Ei, herzlich willkommen, Herr Senator. Freue mich, Sie endlich zu ſehen. Vor Allem Entſchuldigung, daß ich mich geſtern, von der Reiſe ermüdet, durch den Kellner anmelden ließ. Hierauf verbindlichen Dank für die Einladung, und— das Beſte kömmt zuletzt— meine herzlichſte Erkennt⸗ lichkeit für die Bewirthung meines armen⸗Vaters.“ Der Senator bückte ſich äußerſt verlegen, und öffnete die Thüre des Tafelzimmers. Ohne ſich jedoch unterbrechen zu laſſen, fuhr der junge Mann ruhig und behaglich fort:„Das Grab meines guten Vaters war das Erſte, was ich hier be⸗ ſuchte. Meine Thräne iſt darauf zurückgeblieben, und mein Segen nicht minder. Wir wollen uns jedoch, nach dieſem Berichte, die Hände darauf geben, daß wir kein Wort mehr über ſein Schickſal verlieren wollen. Sie überſehen gütigſt die Farbe meiner Kleider, ſo wie ich ſelbſt den eigenen Kum⸗ mer überſehen will, um Ihnen nicht ein unerträglicher, un⸗ willkommener Gaſt zu ſeyn.“ Der Senator ſah den Doctor verwundert, aber mit erleichtertem Herzen an. Leupold 28 ſtudirte in dem Geſichte Birshers. Er erkannte ſeinen geſtrigen Tiſchnachbar im Schwan. Dieſelbe ruhige Unbefangenheit, die ihn im Gaſthauſe ausgezeichnet hatte, verließ ihn auch heute nicht. Der ungewöhnliche Prunk, von welchem die Tafel ſtrotzte, nöthigte ihm keinen Blick der Verwunderung ab, und, als ſey er ſchon ſeit geraumer Friſt ein Genoſſe dieſer Tafelrunde, begrüßte er ohne förmliche Umſchweife die geputzte Senatorin, die ſich endlich einfand, und Juſtina, die im Kleide der Hausfrau erſchien, um, der Küche entſagend, bei Tiſche das Ehrenamt zu verrichten. Nachdem Doctor Leupold von dem Senator den Seinigen und dem Fremden vorgeſtellt worden, begann das Mahl, dem heute im Uebrigen kein anderer Gaſt als der ernſthafte Buchhalter beiwohnte. Die Unterhaltung war anfänglich geſchraubt. Der Senator bewachte mit ängſtlichem Auge Herrn Birsher, die Senato⸗ rin ſaß mit ſtummem verzogenem Munde und niedergeſchla⸗ genen Augen, der Buchhalter ſchwieg nicht minder devot, und der Doctor allein führte mit dem New⸗Forker ein unbe⸗ deutendes Geſpräch. Juſtina beobachtete, und ihre Aufmerk⸗ ſamkeit,— ſobald es ihre Geſchäfte erlaubten— theilte ſich zwiſchen Herrn Birsher und den Doctor. Die Züge des Letz⸗ tern hatten für ſie etwas Bekanntes, mancher Anklang ſeiner Stimme war ihr ebenfalls nicht fremd, und dennoch hatte ſie ihn im Cabinete des Vaters nur ein einzigmal— beinahe nicht geſehen, keine Splbe aus ſeinem Munde gehört. Sie grü⸗ belte in der Erinnerung, gelangte jedoch zu keinem Ergeb⸗ niß, weil ihr des Doctors Nachbar intereſſanter erſchien. Wider Willen kehrte ihr Auge immer häufiger auf den jun⸗ gen Amerikaner zurück, und ſie mußte ſich geſtehen, daß ihre Phantaſie an dem Manne eine Sünde begangen. Nicht die 29 müde Behaglichkeit des Vaters,— die entſchloſſene Ruhe eines mit ſich ſelbſt auf's Reine gekommenen Menſchen, re⸗ dete von dieſer Stirne, aus dieſen Blicken, die manchmal hell und feſt den ihrigen begegneten,— die ihr eine freund⸗ liche Bewunderung, verbunden mit einer beinahe ehrfurchts⸗ vollen Scheu, einflößten. Sie horchte neugierig auf jedes ſeiner Worte; ſie lächelte unwillkührlich und beifällig, als der Zurückhaltende endlich geſprächig wurde.— Nach der dritten Speiſe ſchob Birsher mit einer leichten Verbeugung den Teller etwas zurück, und ſagte:„der Hunger iſt geſtillt, und zum Vergnügen eſſe ich nicht. Ich erbitte mir daher die Vergün⸗ ſtigung, unangefochten und nachſichtsvoll beurtheilt, ein un⸗ thätiger Zeuge der fernern Mahlzeit ſeyn zu dürfen.“ Die Senatorin, viel auf Tafelgenüſſe haltend, und die⸗ ſelben ſogar in ihrem jetzigen gereizten Zuſtande nicht ver⸗ nachläſſigend, warf dem Redner einen mißbilligenden, ver⸗ wunderten Blick zu. Birsher bemerkte denſelben, fuhr aber, ruhig und verbindlich zu der Frau vom Hauſe gewendet, fort:„Ein Paar Worte, hochzuverehrende Gaſtfreundin, wer⸗ den hinreichen, den Verdacht einer Unſchicklichkeit von mir zu entfernen. Ich habe es wohl erfahren, daß man in Deutſchland die freundſchaftlichen Mahlzeiten hochſchätzt und ſie verlängert; daß man den Grundſatz hegt, dem willkomme⸗ nen Gaſt könne nie zu viel angeboten werden, und er könne hinwieder nie zu viel genießen. Bei uns in Amerika iſt die Lebensart viel einfacher, ſo wie unſere Wohnungen, unſer Tafelgeräthe und unſere Kleidungen einfacher ſind. Drei Gerichte, eine Flaſche Bier oder Vein, ein herzliches Tiſch⸗ geſpräch von einer' halben Stunde, ein aufrichtiges Ge⸗ bet zum Beſchluß— das ſind die Veſtandtheile unſerer Sonntags⸗ und Feier⸗Tafeln. Laſſen Sie mich bei dieſer Ge⸗ wohnheit, die meine Landesſitte mir einprägte, die mir immer wohl bekam. Ich will, da ich meinen Theil von dieſem überprächtigen Gaſtmahle nicht gehörig annehmen darf, meinen Antheil zu der Unterhaltung geben, und fange damit an, Ihnen unumwunden zu bekennen, weßwegen ich im Grunde hieher gekommen bin.“ Alle Anweſende neigten höflich das Haupt, und der Se⸗ nator, um eine Erwiederung verlegen, ſagte mit zweifelhaft ſchwankendem Tone:„Ew. Edeln kommen unſern Wünſchen zuvor. Ich darf geſtehen,.. daß. ſo höchſt angenehm mir auch Dero Ankunft erſchienen, ich nicht begreife, wie es möglich wurde, Sie ſchon jetzt hier zu begrüßen. Meiner erprobten Berechnung gemäß könnte das ſchnellſt ſegelnde Schiff kaum die Nachricht nach New⸗York gebracht haben, daß„ „Ihre Berechnung täuſcht nicht, Herr Senator;“ antwortete Birsher:„das däniſche Kauffahrteiſchiff Kiöbenhaven, das vom Texel abging, mit der Depeſche des Herrn van den Höcken befrachtet, kann erſt ſeit drei Wochen, fiel die Fahrt vollkommen günſtig aus, zu New⸗York angekommen ſeyn. Doch hatte ich nicht auf eine Nachricht aus Europa gewartet. Eine Ahnung— man möchte ſagen, wie mein ſchottiſcher Faktor zu ſagen püest ein zweites Geſicht hat mich übers Meer getrieben!“ „So?“ fragte Doctor und Buchhalter. Des Senators Ge⸗ ſicht verlängerte ſich. Die Frauen hingen mit ihren Blicken an dem Munde des Erzählers. Dieſer bemerkte die geſpannte Neugier, und ſprach lächelnd weiter:„Erwarten Sie keine Geſpenſtergeſchichte. Nichts Ungewöhnliches. Ein einfacher 3¹ Traum iſts nur, der ſich leicht erklärt, wenn man erfährt, daß Vater und ich uns unausſprechlich lieb gehabt. Um ein Kapital zu retten, das in Oftfriesland unſicher ſtand, und um mir— wovon nachher— einen Schatz mitzubringen, unternahm der alte Herr die mühevolle Reiſe. Eine Art von Heimweh geſellte ſich zu den obigen Motiven. Er hatte früher in Holland und Deutſchland gelebt. Es war ihm in dieſen Ländern wohl ergangen. Er wollte das Paradies ſeiner Jugend noch einmal ſehen vor ſeinem Ende. Er hoffte, ſeine läſtige Corpulenz auf der Seefahrt zu vermindern. Er be⸗ ſtand— eigenſinnig von jeher— auf ſeinem Vorhaben, und ſegelte ab. Das Schiff hatte einen bedeutungsvollen Namen: Fare well! Mein Glück⸗ und Segensruf hing ſich an des Schiffes Wimpel, und— ſetzte ich mich gleich ſtracks wieder vor die Bücher und die Correſpondenz, ſo ſchankelte ſich doch meine Seele neben dem Vater auf dem fernhingleitenden Fare well! Dieſe Einbildung verwuchs, ſo zu ſagen, mit mir, und gab ſicherlich Anlaß zu dem Traume, der mir einſt, geraume Zeit nach des Vaters Abfahrt, vorkam. Ich ſaß im Comtvir und ſchrieb. An die Thüre klopfte es.„Herein!“ rief ich. Alles ſtill. Nun ſtand ich auf und ſah ſelbſt nach. Vor der Thüre ſtand mein Vater: gekleidet, wie wohl ſonſt, aber blaß. Willkomm! ſagte ich, und ſtreckte die Hand aus. Er aber ſprach: Beileibe, Freund Georg; ich bin ja geſtor⸗ ben, und muß in Europa bleiben.— Ich fuhr auf, und das nächſte Schiff nahm mich mit nach Holland. Van den Höcken ſagte mir bei der Ankunft in Amſterdam nichts Neues. Ich war von der Wahrheit meiner Ahnung innig überzengt.“ „Das iſt eine entſetzliche Geſchichte!“ ſagte die Senatorin, und erhob ſich, von Geſpenſterfurcht ergriffen, vom Stuhle, 32 um mit ſtarren Augen und bedendem Kinn von hinnen zu wanken. Der Senator, der auf glühenden Kohlen geſeſſen, beeilte ſich, der Frau ſeinen Arm zum Weggehen anzubieten. Mit einer Geberde ſchaudernden Abſcheu's ſtieß ihn jedoch Frau Jacobine zurück, griff mit heftiger Gewalt nach Juſti⸗ nens Hand, und verließ, auf dieſelbe geſtützt, das Eßzimmer. „Die Frau Senatorin ſcheint reizbarer zu ſeyn, als ihre Conſtitution errathen läßt;“ verſetzte Birsher, etwas aus der Faſſung gewichen;„ich habe dennoch nur Alltägliches erzählt, um einen Beitrag zur Seelenkunde zu geben.“ „Ein merkwürdiger Beitrag allerdings;“ hob der Doctor an, um des Senators betretene Beſchämung zu bemänteln: „die Geſchichte zeugt von Ihrer außerordentlichen Liebe zu dem Vater, deſſen Tugend ein ſpäteres Lebensziel verdient hätte.“ „Ich habe beſchloſſen, daß er in ſeinen Vorfätzen, in ſei⸗ nen Wünſchen fortlebe;“ entgegnete Birsher:„ſein Wille iſt mir ein ſchätzbareres Vermächtniß als ſeine beträchtlichen Güter. Ich bin weniger gekommen, um hier das mir zu⸗ ſtebende Erbtheil zu holen, als um den hochachtbaren Herrn Senator zu fragen, ob er die Freundſchaft, die er für meinen Vater hegte, auf mich fortpflanzen, und mich, wie der Selige gewünſcht, zu ſeinem Schwiegerſohne an⸗ und aufnehmen will.“ „Herr Birsher;“ ſtammelte der Senator, höchlich überraſcht: „Ihr wackerer Sinn ſpricht ſich ſo unerwartet aus, daß... „Was der Vater beſchloß, will ich gehorſam ausführen!— Von ſeinen Händen hätte ich blindlings die nie geſehene, ungeliebte Braut empfangen. Was ſoll ich nun thun, da ich die liebliche Jungfer geſehen, da ich aus jedem Munde nur ihr Lob vernommen? Ich bin kein Freund von vielem Re⸗ den. Ja oder Rein, Herr Senator? obſchon unter Männern von Wort ein„Nein“ nicht wohl denkbar iſt. Ueberlegen Sie nicht, grübeln Sie nicht. Der Brautſchmuck iſt in Ih⸗ rem Hauſe. Das Capital, das mein Vater, es ſchon ver⸗ loren gebend, zu Emdes rettete, hat er verwendet, gewiſſe Verbindlichkeiten, die Ew. Edlen gegen van den Höcken hatten, aufzulöſen; die quittirten Verſchreibungen zu der Jungfer Nadelgeld beſtimmt. Mein Vater hat Alles im Voraus geleiſtet und beſorgt... werden Sie nun nicht auch das Ihrige gegen mich thun?“ „Ich wills, ich werde es!“ rief der Senator ausbrechend, weil ihm ein Felſenberg von der Bruſt fiel:„ich heiße Sie doppelt willkommen, als meinen lieben Sohn und Handels⸗ freund.“ Er und Birsher ſchüttelten ſich treuherzig die Hände. Der Buchhalter, mit dem Glaſe an das des Doctors klin⸗ gend, rief ein jubelndes„Gratulor, gratulor von Herzen!“ Der Doctor ſtieß wohl an, neigte ſich wohl glückwünſchend, aber auf ſeiner Stirne ſaß nicht das zufriedene Einverſtänd⸗ niß. Wie hätte ſich jedoch die Falte auf des welterfahrenen Mannes Antlitz lange halten können? Nun wurde der Senator lebendig. Die Spannung ſeines Gemüths ſchien wiedergekehrt zu ſeyn, eine heftige Freude ihn zu beleben. Die ſilberne Schelle ertönte in ſeiner Hand⸗ „Alicante!“ rief er dem eintretenden Burſchen zut„vier Flaſchen! Das Siegel mit den vier Thürmen! Friſch! Schnell! nicht gezaudert! die ſpaniſchen Kelchgläſer mit den Lilien dazu! den Nachtiſch herein! Juſtine ſoll kommen; ſie ſoll kredenzen!“ III. 2. 3 34 Und ſo ging es fort in Feuer und Leben. Der Nier⸗ ſteiner, der gerade auf dem Tiſche kreiste, floß in ungedul⸗ digen Bächen in die traulichen Römer. Geſundheit auf Ge⸗ ſundheit wurde getrunken. Unter den fröhlichen Bewegungen der Gäſte erzitterten beſtändig die ſilbernen Glöckchen an dem prächtigen Spiegelverzierten Aufſatze, der, einen chineſiſchen Tempel vorſtellend, mitten auf der Tafel ſtand; aber das Funkeln dieſer ſchillernden Spiegel und bewegten Perlen war todte Aſche gegen Müſſingers ſtrahlendes Auge; das Schel⸗ lengetön verklang unter der tönenden Sprache ſeiner erwei⸗ terten Bruſt. Die Thüre ging auf. Einen ſilbernen Präſentirteller in der Hand, auf welchem ſechs Kelche voll des köſtlichen Ali⸗ cante ſchimmerten, neben der geöffneten Flaſche, die nun mit einer prachtvollen Blume verſchloſſen war;— gefolgt von dem dienenden Burſchen, der im Korbe die drei übrigen Flaſchen nach ſich ſchleppte,— trat eine ſchöne Frau herein, in einfachem aber angenehmem Kleide, mit Wirthlichkeit kün⸗ dender Florſchürze angethan, und die zierlichen Hände von ſaubern Handſchuhen bedeckt. Die Herren fuhren überraſcht und grüßend auf. Der Senator blickte überraſchter als die Uebrigen auf die ihm Unbekannte. „Mademoiſelle Juſtine iſt nicht zu finden,“ ſagte die an⸗ genehme Wirthin, den Wein mit einem Anſtande umherreichend, als bediene ſie eines Königs Liſch.„Um die verehrten Herren nicht allzu lange warten zu laſſen, mußte ich alſo ſelbſt... entſchuldigen Sie gütigſt.“ So eben trat Juſtine aus der Seitenthüre. Mit einem Blicke begriff ſie die Verlegenheit der Helferin, die Ueber⸗ raſchung des Senators, und ſagte mit der freundlichſten 35 —— Betonung, zu der ganzen Geſellſchaft gewendet:„Madame de Lainez, die Wittwe eines im Felde gebliebenen königlich franzöſiſchen Hauptmanns, meine ſehr liebe Freundin, die ſich heute erbitten ließ, meine häusliche Pflicht zu theilen und mir zu erleichtern.“ „Freut mich unendlich;“ verſetzte der Senator mit einem Bückling, und wies der Erröthenden den ledigen Stuhl Jacobinens an. Die Lainez wollte ſich, ſtumm verſagend, empfehlen. Juſtine hielt ſie aber zurück, ſagte ihr viele ſchmeichelhafte Worte und behauptete: durch eine plötzliche Unpäßlichkeit der Mutter würde ſich die Tafel verwaist ſehen, wenn nicht eine liebenswürdige Frau den Platz einnähme.— Leiſe flüſterte ſie indeſſen der Lainez zu:„Bleiben Sie um Gotteswillen, meine Beſte, und unterhalten Sie die Herren. Ich finde noch kein Wort, das nicht meiner Seele wehe thäte.“ So fügte ſich Madame Lainez endlich.„Bei Denain fiel Ibr Gemahl?“ fragte nach einigen vorläufigen Er⸗ kundigungen der Senator:„er iſt in einem rühmlichen Kampfe gefallen gegen ehrenhafte Feinde. Man muß geſtehen, daß des Kaiſers Truppen in den Niederlanden einen Schau⸗ platz vielen Ruhms, und nur weniger Niederlagen gefunden haben. Meine Herren! der Prinz Eugen ſoll leben!“ „Ich bitte, unſern Marlborough nicht zu vergeſſen;“ ſprach Birsher in den Gläſerklang:„das Heldenpaar hat ſich zu Malplaquet unſterblich gemacht. Ich habe mich oft geſehnt, Flandern zu beſuchen, wo ſo viele Tapfere gefochten. Ich will es thun, und bei dieſer Gelegenheit nicht verſäumen, das ehrenvolle Bette Ihres Gemahls zu betreten, Madame. Wiſſen Sie aber, daß Ihr Name weniger militäriſche Erin⸗ nerungen als vielmehr geiſtliche erweckt? ich nicht 36 irre, ſo nannte ſich der zweite Ordensgeneral der Jeſuiten Lainez. Er war ein ausgezeichneter Mann; ſeine Feinde ſelbſt müſſen es eingeſtehen, denn ſeiner raſtloſen Bemühung verdankt dieſe furchtbare Geſellſchaft ihren raſchen Aufſchwung.“ Die Lainez ſchlug die Augen nieder und erwiederte: „mir iſt von jenem Manne nichts bekannt. Auch hörte ich nie von meinem Manne, daß einſt in ſeiner Familie... „Wünſchen Sie ſich Glück, Madame:“ unterbrach ſie der junge Birsher mit freundlicher Beſtimmtheit:„ſo floß in ſeinen Adern auch kein Tropfen jenes herrſchſüchtigen Alles verachtenden Uebermuths, der in den Jüngern des Loyola und des Lainez ſich hervorthut.“ „Ja wohl! ja wohl!“ äußerte der Buchhalter, beſorgt den Kopf ſchüttelnd:„die Jeſuiten! die Jeſuiten! Wer dieſe Firma zuerſt auf den Markt brachte.../ „Man macht, denke ich, die Leute gefährlicher als ſie ſind;“ ſagte der Doctor guthmüthig lächelnd:„was meinen Sie, Herr Senator? Unſer hochgeehrter Tiſchgenoſſe hat ſich, wie ich glaube, mehr mit der verrufenen Geſellſchaft Jeſu ab⸗ gegeben, als bei einem Kaufmann bräuchlich iſt.../ „Freilich;“ ſagte Birsher aufrichtig:„es iſt ganz natürlich. Wir Leute zu New⸗York yören an jedem Sonntage den Prediger über den Pabſt und ſein Reich den Bann aus⸗ ſprechen, und der Jeſuiten, dieſer Trabanten des Stuhls Petri, wird allerdinds dabei auch nicht geſchont. Ferner leſen wir hiſtoriſche Schriften. Und ſpräche nicht die Welt⸗ geſchichte zu uns,— würde auch unſer Prediger der Schild⸗ halter des Pabſtthums nicht erwähnen,— die Zeit würdé es von ſelbſt thun. Dieſer gefährliche Orden iſt unſers Standes Nebenbuhler, Herr Senator. In den katholiſchen 37 Staaten ſitzen Jeſuiten am Ruder, und lenken die Zügel des Handels und der Gewerbe. In Weſtindien, in Süd⸗ amerika vorzüglich haben ſie ihre Commanditen. Ihre Hab⸗ ſucht trachtet alle Monopole, von welchen die Handelswelt niedergedrückt iſt, in ein Einziges zuſammen zu ziehen, und dieſes Einzige ſelbſt auszubeuten.“ „Ei, ei, Ew. Edeln gehen verzweifelt weit,“ ermahnte der Senator lächelud, und ungeduldig wegen des Doctors, der unruhiger wurde.“ „Keineswegs;“ fuhr jedoch ohne Bitterkeit und Animoſität der Amerikaner fort:„ich geſtehe ein, daß ich die Katholiken nicht liebe. Unſer Mutterland hat viel durch ſie gelitten. Ich liebe eben ſo wenig den Orden, den wir berührten. Allein Partheilichkeit leitet mich auch nicht, indem ich ihn verdamme. Die ledige Erfahrung ſpricht für mich. Was baben wir, was hat die ganze Welt von einer Stiftung zu erwarten, die den Fürſtenmord begünſtigt? von einem Orden, deſſen Glieder, als Beichtväter der Könige, Zwietracht ſäen zwiſchen den Herrſchern und ihren Völkern? Man weiß, wer in den letzten Zeiten die abſchenliche Mörderei in den Cevennen, wer den Widerruf des Toleranzedikts von Nantes verſchuldet bat, der Tauſende der beſten Bürger mit ihren Familien der Heimath entfremdete. Wer dem Vaterlande in ſeinen Söhnen das Mark ausſaugt, wer es in ſeinen Söhnen ermordet, begeht Hochverrath an der ganzen Natur und an ihrem Schöpfer. Vielleicht ſind Sie nicht meiner Meinung, Ma⸗ dame, aber ich denke nicht anders.“. „Die Aufhebung des Edikts von Nantes machte mich mit meinen Eltern unglücklich;“ erwiederte die Lainez mit Doppelſinn. 38 „Eine Vertriebene alſo? eine Gemißhandelte?“ fragte Birs⸗ her mit warmer Theilnahme:„nun wahrlich, ſo freut es mich, hier unter ehrlichen Proteſtanten zu ſitzen, vor denen mein Herz reden kann, wie ihm zu Sinne iſt. Ich haſſe die Heuchelei, und dieſe Aufrichtigkeit iſt nicht meine Tugend, ſondern Sitte in Amerika.“ „Eine ſchöne Sitte!“ meinte der Buchhalter:„in Deutſch⸗ land ſelbſt verſchwindet nach und nach die deutſche Treue und Offenheit. Wohl unſern Nachkommen, wenn ſie wenig⸗ ſtens ſolche Qualitäten dann in Amerika wieder finden mögen!“ „Es iſt Schade,“ begann der Doctor mit einem ſpitzigen Lächeln:„daß Sie, hochzuverehrender Herr Birsher, nicht den Beruf in ſich empfunden, ein Weltumſegler zu werden. Vor Ihren Anſichten und Ihrer ſeltenen Aufrichtigkeit hätten alle fremde Götzen weichen, alle anders Glaubende ſich be⸗ kehren müſſen.“ „Meine Reden ſind zu harmlos, als daß ſie vielleicht die feine Zurechtweiſung verdienen:“ erwiederte Birsher freund⸗ lich, aber ernſt:„indeſſen muß ich mich rechtfertigen. Ich bin nicht unduldſamz ich verabſcheue jeden Glaubenszwang. Wir Amerikaner denken in dieſem Punkte freier, als man es in England darf. Mit Freuden würde ich's ſehen und erleben, was mein Vater einſt in einer halb prophetiſchen Stunde vorausſagte: daß einſtens allenthalben in Amerika jeder Glaube neben dem andern wohnen werde, friedlich, ungeſtört, wie in dem Schooße von Brüdern: wie Penn's Brüderſtadt das Beiſpiel ſchon gegeben: wie bereits des Königs Dul⸗ dungsakte dieſes Beiſpiel unterſtützt.“ „Dieſe Aeußerung wirſt Ihre frühere um!“ ſagte der 39 Doctor triumphirend.„Oder lieben Sie Ihre W alle, den katholiſchen Bruder ausgenommen?“ „Weil ich ſagte, daß ich den Katholiken nicht liebe, ſagte ich damit, daß ich ihn haſſe und verwerfe?“ entgegnete Birs⸗ her, warm werdend:„ich werde ihn vielleicht nicht rufen, daß er neben mir ſein Haus baue: das thut man nur lieben Freunden. Aber, wenn er aus eigenem Antrieb ſeine Hütte an die meinige lehnt, und zu mir ſpricht: Bruder, wir wollen verſuchen, wie wir gute Nachbarn ſeyn mögen! ſo werde ich ihm antworten: gern, Bruder, laß es uns ver⸗ ſuchen. Und fügten wir uns Beide in Güte und nachbar⸗ licher Geduld, ſo würde ich ihn am Ende wohl noch lieben, herzlich lieben lernen, und ihn nicht aus ſeinem Eigenthum jagen, und nicht von ihm begehren, daß er zu Gott bete wie ich. Allem Bekehren, allem Uebertritte bin ich Feind. Bleibe Jeder auf der Seite, wohin ihn der Zufall, der ja auch unſere Geburt leitet, geſtellt hat. Glaube Jeder, was er kann, und folge er den Gebräuchen ſeiner Lehre, damit die Schwachen kein Aergerniß nehmen, und die Schaden⸗ frohen jenſeits nicht triumphiren. Ich könnte dem Menſchen nimmer trauen, der ſeine Religion verändert hat. Er hat den Rock ſeines Herrn weggeworfen, um keinen Herrn zu haben, und verdient kein Zutrauen, weil er ſein Heiligſtes verrieth.“ „Und nun genug, mein Herr, von ſolch abnormem Ge⸗ ſpräche;, ſagte der Doctor verbindlich: in der That aber erſchreckt von dem bleichgewordenen, nachdenkenden Geſichte des Senators:„Ihre Grundſätze ſind redlich gedacht; wohl leichter anzugreifen, als Sie glauben; aber wir befinden uns hier nicht vor einer Synode, ſind Beide,— ein 40 Kaufmann, ein Juriſt— nicht berufen, ſolche Streitigkeiten durchzufechten. Die Damen zumal finden an unſern Reden nur Langeweile.“ „Nicht doch; wir hören gerne zu;“ nahm Juſtine für ſich und die Lainez, welche ſchwieg, das Wort:„eine Duldungs⸗ predigt aus Ihrem Munde, hochgeehrter Herr Birsher, müßte ſich gut ausnehmen. Ich wünſche Ihnen den Sieg gegen den Herrn Doctor, obgleich derſelbe ſchwere, uns unbekannte Waffen in den Streit führen möchte.“ „Wünſchen Sie mir wirklich den Sieg, ſchöne Jungfrau?“ fragte Birsher verbindlich, und Juſtinens Wangen wurden Gluthroſen vor ſeinem Blick:„o dann habe ich meine Sache ſchon gewonnen, und dem Herrn Senator bleibt nichts übrig, als ſeinen und meinen Wunſch Ihrer Entſcheidung vorzulegen.“ Die Männer ſtanden alle auf, und ergriffen die Gläſer. Der Senator räuſperte ſich, um auf eine zierliche Weiſe ſeinen Spruch anzuheben, der der Lochter galt. Juſtine ſtand wie auf Nadeln, und wünſchte eine Gelegenheit herbei, die Rede, deren Inhalt ihr Scharfſinn und ihre Eitelkeit ahnten, zu verhindern, zu unterbrechen. Siehe, da erhob ſich auf dem Gange ein Getöſe. Eine ferne Thüre flog auf, man hörte gellendes Geſchrei. „Um Gotteswillen! der Mutter Stimme!“ rief Juſtine erſchrocken und erfreut zugleich, aus der Angſt zu kommen. Sie enteilte ſchnell durch die Thüre. Die Lainez folgte. Staunend blieben die Herren zurück. Der Senator, von Groll gegen das Betragen ſeiner Frau erfüllt, verweigerte es kalt, zum Beiſtand der Hülferufenden zu gehen. Bald brachte die Lainez die Nachricht, daß ein lebhafter Traum Frau Jacobine ihrer Sieſte entriſſen, und ihre Unruhe erregt. 41 Man habe die wieder zur Beſinnung Gekommene zu Bette gebracht, und Juſtine wollte ſie nicht verlaſſen. Sein Beileid bezeugend, wie ſeine Erzählung verwünſchend, die vielleicht Anlaß zu der Senatorin Zuſtand gegeben haben durfte, beur⸗ laubte ſich Georg Birsher, mit dem Verſprechen, Morgen bei Eröffnung der verſiegelten Habe ſeines Vaters gegenwärtig ſeyn zu wollen. Dem Ceremoniell ſchicklicher Sitte zu Folge begleitete ihn Buchhalter und Doctor nach ſeinem Gaſthauſe, und ließen den Senator nachdenkend allein. Der Drang, den Beweggrund ſo mancher unbegreiflichen Erſcheinung in dem Benehmen ſeines Weibes zu erforſchen, vermochte ihn, ſich nach dem Schlafzimmer deſſelben zu be⸗ geben. Er trat leiſe in die dunkle Stube. Jacobine ſchien zu ſchlummern. Am Fuße ihres Bettes, den Kopf in beide Hände geſtützt, ſaß Juſtine. Der Senator näherte ſich der Kranken, ohne von jemand bemerkt zu werden; er bückte ſich lauſchend über das Bette. Jacobine ſchlug die Augen auf, und fuhr mit dem Geiſchrei:„Alle gute Geiſter loben Gott den Herrn!“ empor. Juſtine erwachte aus ihrem Nachdenken.„Der Vater, liebe Mutter!“— ſagte ſie ſanft zu derſelben. „Weg, weg aus meinen Augen!“ lautete die gellende Antwort:—„Weg! weg! willſt Du mich umbringen? weg, entſetzlicher Mann!“ Sie drehte den Kopf nach der Wandſeite, und ſchwieg hochathmend.„Jacobine!“ ſtammelte der von heftigem Zorn ergriffene Gatte, und faßte ihre Schulter:„Weib! was haſt Du vor? Was ſoll dies Alles?“ Er mochte aber der Worte ſo viele es ihm beliebte, ver⸗ ſchwenden; umſonſt. 42 Die Senatorin beharrte wieder in dem dumpfen Unheil⸗ kündenden Schweigen. „Nun ſo ſtrafe Dich Gott, läſterndes nichtswürdiges Weib, daß Du alſo mit mir verfährſt!“ brach er in jäher Wuth aus, und hob die Hand zu einer Mißhandlung. Juſtine ver⸗ hinderte dieſe ängſtlich, und bat mit Lippe und Auge den Vater, hinwegzugehen. „Nun, ſo folge Du mir; ſcheide von dieſer Rabenmutter, die mein Leben zwecklos vergiftet!“ ſagte der Senator, zu ſich ſelbſt kommend, und ergriff ihre Hand. Juſtine zögerte. Die Senatorin erhob ſich, bleich vor Aerger und Ungeduld. Sie drohte der Tochter mit dem Finger. Juſtine zog un⸗ ſchlüſſig die Hand aus der des Vaters. Nit dem bitterſten Gefühle der innern Empörung ſagte dieſer:„wie? auch Du mein Kind, biſt in dieſes gräuliche unbegreifliche Com⸗ plott gegen mein Herz verwickelt? Ich befehle Dir, mir zu folgen; oder— ſoll ich fremde Autvrität anrufen, daß mir mein einziges Kind gehorſam bleibe?“ Mit erneuter Gewalt ergriff er Juſtinens Hand und zog ſie nach der Thüre. Die Senatorin winkte der Gehenden, legte den Finger auf den Mund, und rief ihr dann nach: „Du biſt die elendeſte Creatur, Juſtine, wenn Du meine Befehle vergiſſeſt!“ Juſtine gieng nun mit dem Vater auf deſſen Zimmer. Wie eine arme Sünderin ſtand ſie vor ihm; er ruhte auf einem Lehnſtuhl von den Bewegungen ſeines Gemüths aus, und ſammelte ſeine Gedanken; ſah die Tochter unverwandt an, ſeufzte, ſchüttelte öfters mißmuthig das Haupt, und ſagte endlich mit angegriffener Stimme: „Gott weiß, Juſtine, daß ich mich immer bemüht habe, ein guter Hausvater zu ſeyn; daß ich oft mit der äußerſten 43 Anſtrengung meinen Jähzorn im Zaume gehalten habe, um Weib und Kind nicht weh zu thun, hatten ſie gleich meinen Zorn verdient. Aber ſolch Betragen, wie es ſeit geſtern Abend ſich entwickelt, muß endlich ein Lamm in einen Wolf verkehren. Sieh, Juſtine, vor einer Stunde war ich noch ſo fröhlich! Es war mir Diverſes wider Erwarten dergeſtalt nach Wunſch gegangen,— es hatte ſich ſo Manches, das ich befürchtete, anders und befriedigend geſtaltet und gedreht, daß ich die Welt hätte umarmen mögen, und meinem lieder⸗ lichſten Schuldner die Quittung geſchrieben hätte. Da er⸗ hebt ſich wieder aufs Neue dieſer häusliche Sturm, deſſen Urſprung mir ein Räthſel iſt. Auch Du, Juſtine, biſt mir Eines. Am heutigen Morgen— zu Anfang der Mittags⸗ tafel noch— das fröhliche ſtarke Mädchen, wie ſonſt, biſt Du plötzlich ein betrübtes, finſteres geworden. Läugne nicht; ich habe helle Augen, welche ſahen, daß die Deinigen ver⸗ weint waren, als Du beim Nachtiſch wieder zu Uns kamſt, nachdem Deine blödſinnige Mutter ſich vor den Gäſten zum bedauerlichen Spektakel gegeben hatte. Gezwungen, unbe⸗ holfen war Deine Rede, und Du zwangſt Dich, meinen Blicken zu entgehen. Jetzt bemerke ich wieder Thränen in Deinen Wimpern. Sprich, Juſtine, woher dieſe Veränderung? Sey aufrichtig, mein Kind!“ Juſtine öffnete den Mund, aber dennoch ſchwieg ſie kopß⸗ ſchüttelnd und mit geſenktem Blicke. Der Senator ſprang ungeduldig auf, ſpielte mit ſeiner Tabaksdoſe, pfiff einige Töne des Marlborvugh⸗Lieds, und ſtellte ſich mit hochge⸗ rötheter Stirne vor die Tochter.„Undankbares Geſchöpf!“ ſagte er mit unterdrücktem Grimme:„wirſt Du reden? Soll ich wie ein Bube um die Gnade eines Worts vor Dir betteln? Heraus mit der Wahrheit, verlarvte Perſon! Du weißt was Deine ſtätige Mutter im Schilde führt. Du haſt auf den Grund ihres Steinherzens geſehen; Du haſt erfahren, was in ihrem vertrockneten Gehirne ſpuckt; heraus damit⸗ oder Gott ſtrafe mich!.. * 3 Er warf im Ausbruche der Wuth die porzellanene Tabatiere ſo ſtark zu Boden, daß ſie in tauſend Stücke zerſprang. 5 Juſtine fuhr zuſammen, faßte des Vaters rechte Hand ſo kräftig, als ſie konnte, und ſagte zu ihm, zwiſchen Thränen der Angſt und einem plötzlichen Entſchluſſe ſchwankend: „Um's Himmelswillen! keinen Schlag, mein Vater! Ich bin ſolcher Begegnung nicht gewohnt; Sie würden mich durch dieſe Entwürdigung umbringen. Ich kann die Zwiſchen⸗ trägerin nicht machen. Ein ſchimpflicher Zwang würde mich vollends nicht bewegen! Hüten Sie ſich, Vater! daß Sie nicht noch mehr des Fluchs auf Ihr Haus laden!“ „Mehr des Fluchs!“ verſetzte der Senator, und ließ ohnmächtig die Hände ſinken:„wahr geſprochen, meine Tochter; Es laſtet auf mir ſchon genug des Unſegens. Geh' hin!“ Vor dem Bekümmerten ließ ſich das gerührte Mädchen auf die Kniee nieder, und redete mit gefaßten und bewegten Worten zu ihm:„ach, wenn Sie gut und ruhig ſind, mein Vater, will ich Alles thun; nur nicht ausplaudern, was die Mutter mir errathen ließ; was meine Zunge aus Ehr⸗ furcht und Angſt nicht ausſprechen will. Sie ſollen aber wiſſen, was die Mutter zuletzt ſo gewaltig aufregte. Ob es eine Täuſchung ihrer gereizten Sinne geweſen— ob Wirk⸗ lichkeit— ich weiß es nicht. Doch ſie behauptet, es habe ſich langſam die Thüre ihrer Kammer geöffnet, und die 45⁵ Erſcheinung des in unſerm Hauſe verſtorbenen Birsher auf der Schwelle ſtehend ſich gezeigt; mit trüb wankendem Haupte und drohender Geberde. Die Geſtalt ſey einige Augenblicke ſichtbar geblieben, bis ſie unter der Mutter Schreckgeſchrei verſchwunden.“ „O des fratzenhaften Unſinns!“ verſetzte der Senator, obgleich ſein eigen Geſicht länger und ſchmäler wurde: „Gaukelſpiel eines verwirrten Weiberkopfes! Und daher die Mißhandlung, die mir von der Unverbeſſerlichen angethan wurde?“ „Was im Uebrigen die Mutter verbittert,“ fuhr Juſtine ſeufzend fort,—„ich will es nicht ergründen; ich will daran nicht glauben! ich müßte ja an der Tugend des Mannes verzweifeln, den ich als Vater bis hieher geehrt habe, und noch ferner von Herzen ehren will. Ich überlaſſe es Ihnen, den Zwiſt mit Sanftmuth zu beenden und die Eintracht wieder herbeizuführen, denn es iſt nicht gut, wenn ſich das Kind als Mittler zwiſchen die Eltern ſtellen muß.“ Der Senator trocknete ſich kalten Schweiß von der Stirne. „So geh' hin,“ ſagte er ermattet;„Geh' hin, ich will nicht in Dich dringen. Die Zeit mag löſen, was mir weibiſcher Eigenſinn noch verhehlt.“ Juſtine wollte bekümmert weggehen. Der Senator rief ſie zurück.„Du biſt meine Feindin geworden,“ ſagte er bitter und gekränkt:—„ich verzweifle daran, Deinen Starrkopf für ein Project zu gewinnen, in dem ich alberner Thor Dein und mein Glück zu ſehen ver⸗ meyne. Ich hätte gewünſcht, ich hatte es ſchon beſprochen, meinem alten Vorhaben Kraft und Vollendung zu geben;— Dich mit Herrn Georg Birsher zu verheirathen, wie es ſchon 46 beſchloſſen war. Aber nun wird wohl nichts daraus werden. Die abergläubiſche Mama wird Dir's verbieten, wäre es auch nur aus dem Grunde, weil ich eine Hoffn ung darauf geſetzt. Du wirſt Dich weigern, weil Du Dein Loos an Jacobine bindeſt. O, bewege nicht die Lippen, mir ein verſagendes Nein zuzurufen. Ich leſe es ſchon in Deinem ſcheuen Auge. So ſey es darum. Ich werde tragen, und Du— gehe hin!“ „Sie täuſchen ſich, beſter Vater;“ erwiederte Juſtine feſt und beſcheiden:„Ihr Wille iſt hier mein Geſetz; ich bin bereit, den Herrn zu heirathen, wann Sie es befehlen.“ Der Senator betrachtete ſie mit großen Augen, und ein lächelnder Schein ſpielte um den bitter geklemmten Mund. Er ſtreichelte Juſtinens Geſicht mit wiederkehrender Zärtlich⸗ keit.„Belügſt Du mich nicht, Mädchen? Oder yältſt Du mich nicht etwa hin, um im Augenblick, wo es darauf an⸗ kömmt, wahr zu ſeyn, Dein Wort zurückzunehmen?“ „Ich lüge nicht, lieber Herr Vater,“ bekräftigte Juſtine mit offener Stirne:„ich will des Herrn Birsher Frau wer⸗ den, wann Sie es haben wollen.“ „Und Deiner Mutter unvermeidliche Einſprache?“ „Die Mutter iſt damit einverſtanden, lieber Vater.“ „Einverſtanden?“ „Die hat mich ſogar mit Thränen gebeten, den Antrag nicht zurückzuweiſen, wenn er mir gemacht werden ſollte; und ich darf Sie erſuchen, Herr Vater, daß Sie mit der Hochzeit eilen, wie es nur die Schicklichkeit verſtattet.“ „Unverſtändliche Sybille! ich faſſe Dich nicht.“ „Mir ahnt, Herr Vater, als ob in dieſem Bunde viel „ 47 Beſorgniß ihr Grab finden müßte;“ erwiederte Juſtine mit Bedeutung:„wann Sie wollen, demnach, mein Vater.“ Wie iſt es dem ruhig verſtändigen Mann gelungen, in ſo kurzer Zeit Dein gepanzertes Herz zu erobern? Er hat nicht einmal Deiner Eitelkeit geſchmeichelt.“ „Sie halten mich noch für ein Kind. Herr Birsher miß⸗ fällt mir nicht. Ich liebe ihn indeſſen eben ſo wenig. Ob ſich die herzliche Zuneigung finden wird?— ich weiß es nicht. Aber ich opfre mich gerne einer zweifelhaften Zukunft, um Sie und Ihr Haus zu beruhigen.“ „Beruhigen? Du beglückſt mich, Gold⸗Juſtine. Ich fange an, vor Dir Reſpekt zu haben. Verlange für die Freude, die Du mir ſo unvermuthet machſt, was Du willſt.“ Juſtine beſann ſich eine Weile, ernſt und in ſich verſun⸗ ken.„Wenn ich nun zweierlei verlangte?“ fragte Sie mit klarerem Auge. „Begehre.“ „Daß Sie für's Erſte die Mutter ganz ihren Gedanken überlaſſen, Friede mit ihr halten, und meine Heirath be⸗ ſchleunigen wollen?“ „Zugeſtanden. Böſes Mädchen! Du eilſt, mein Haus zu verlaſſen und Deinen verwaisten Vater!“ „Sie ahnen nicht, wie ſchmerzlich dieſes Scheiden mir ſeyn wird; aber Mama wünſcht Herrn Birsher ſo ſchnell als möglich aus der Stadt zu entfernen.“ „Wie ſo? Weshalb denn, zum Donner?“ Juſtine übergieng dieſe Frage mit Schweigen.„Für's Zweite,“ fuhr ſie fort:„geben Sie mir die Erlaubniß, Sie zu warnen. Monſieur White hat ſich falſch gegen mich 48 bewieſen; und ich fürchte, ſein Pflegevater meint es auch nicht ehrlich mit Ihnen.“ „Der Doctor?“ Den Senator ſchlug das Gewiſſen. „Wenn ich meinen Augen— einer gewiſſen Erinnerung trauen darf, ſo iſt der Doctor nicht, was er zu ſcheinen viel⸗ leicht Urſache hat.“ „Unglückliche!“— fuhr Müſſinger auf. Juſtine unter⸗ brach ihn: „Ich will meinen Scharfblick nicht über den Ihrigen ſtellen. Ich überlaſſe es Ihnen, auf der Hut zu ſeyn. Es iſt nicht unmöglich, daß ich mich getäuſcht. Die Wahrheit muß ſich jedoch bald auf dieſe oder die andere Weiſe enthüllen.“ „Du treibſt Gauklerkünſte,“ ſagte der Senator verlegen lächelnd:„Und auf's Wort und Deine vielleicht grundloſe Ahnung hin, ſoll ich Dir in einer Sache folgen, deren Be⸗ wandtniß mir völlig unbekannt iſt?“ „Der Tag, an dem ich mit Herrn Birsher abreiſe, wird Ihnen meine Vermuthung enthüllen. Ich fühle mich jetzt nicht aufgelegt, durch eine Unbeſonnenheit einem Andern, oder Ihnen ſelbſt Unrecht zu thun. Ich habe Ihre Klugheit gewarnt. Angeberin kann und will ich nicht ſeyn.“ Sie verließ heiterer, erleichterter den Vater. Die Däm⸗ merung war ſchon eingebrochen. Die Thüre ihrer Mutter war verriegelt. Das Dienſtmädchen berichtete, die Frau Se⸗ natorin hätte Thee begehrt, und hierauf das Zimmer ver⸗ ſchloſſen, um ruhig zu ſchlafen. Die alte Marthe wache an ihrem Lager. „O welch' eine Zerſtörung alles häuslichen Friedens!“ ſeufzte Juſtine, da ſie an dem offenen Eßzimmer vorüber ging, das, verödet, vom blaſſen Mondlicht erhellt, die 49 gemüthlichen Abendgäſte nicht aufwies, die ſich vor Zeiten wohl öfters darinnen einfanden. Juſtinens Schritte wurden ſchneller, als ſie an der verſchloſſenen Thüre des Zimmers hinſchlüpfte, welches der verſtorbene Birßher eine Nacht hin⸗ durch bewohnt hatte. Mit beengtem Athem betrat ſie ihr eignes Zimmer. Die Lainez ſaß darinnen, leſend, und erhob ſich bei Juſtinens Ankunft. „Sie blieben recht lange, meine Verehrte;“ ſagte die Franzöſin mit einem freundlichen Vorwurfe im blühenden Ge⸗ ſichte.„Die Pflicht allein, mein Amt in Ihre Hände nieder⸗ zulegen, ſtärkte mich mit Geduld. Hier, meine Beſte, iſt all das koſtbare Silberwerk, das man in der Verwirrung auf der Tafel gelaſſen,— eine Beute für jeden kecken Dieb. Zählen Sie die Stücke, Mademoiſelle. Ferner empfangen Sie die Schlüſſel zu Speiſekammer und Keller, die Sie mir anvertrauten, und entbinden Sie mich meiner Verantwort⸗ chlikeit.“ Juſtine küßte die Hülfreiche dankbar auf die Wange, er⸗ ſtaunte aber, als dieſe nach dem Mäntelchen und den Hand⸗ ſchuhen griff.„Wollen Sie nicht bei mir bleiben?“ fragte Juſtine verwundert:„ich bat Sie ja, mit unſerm Hauſe ver⸗ lieb zu nehmen.“ „Ach, dieſe Güte! meine beſte Jungfer, darf ich ſie an⸗ nehmen! Beſinnen Sie ſich wohl. Welche Figur würde ich in Ihrem Hauſe darſtellen, worein ich ſo unvermuthet, un⸗ vorhergeſehen kam? Das Staunen Ihres Vaters, der gar nicht ermuthigende kalte Empfang Ihrer Mutter, das Glotzen der Domeſtiken... Ach der Spott dieſer Letztern, bei Allem, was ich anordnete,— und ich verſtehe doch, ein anſtändiges Haus zu verwalten,— er ſchnitt mir in's Herz. Seht doch III. 2. 4 50 die Franzöſin! hieß es rings um mich, und ich hatte Mühe, meinen Verdruß zu verbeißen; ein Unglücklicher iſt ja doppelt reizbar! Erlauben Sie daher, daß ich Ihr freundliches Anerbieten ausſchlagen darf.“ „Ei mit nichten;“ verſetzte Inſtine ſehr erbittert:„Sie erzählen mir da von Schändlichkeiten, denen ich ein ſchnelles Ende machen werde. Verzeihen Sie, liebe Frau, unſerm dum⸗ men Mägdevolk vom Lande, dem Alles lächerlich vorkommt, das nur ein wenig aus dem Geleiſe ſchreitet, welches dieſe Gänſe Tag für Tag auszutreten gewohnt ſind. Morgen ſollen ſie ſchon ernſthafter ſeyn— ich ſtehe ihnen dafür. Sie kennen mich, und wiſſen, wie man mit mir fährt, wenn ich ungnädig bin. Ich verſtehe die Mittel, ſolch' unbeſcheidenes Geſindel zur Ordnung zu bringen.— Nein, Madame, Sie müſſen bleiben; meine Ehre ſteht auf dem Spiele: denn, was ich mir einmal vorgenommen, muß ich durchſetzen, und wenn... lächeln Sie nicht; man nennt mich allgemein die tolle Juſtine, und manchmal hat man Recht.“ „Welche kindliche Naivetät!“ rief die Lainez, und ſtrei⸗ chelte Juſtinens Hände:„eine Königin, ſo ſchön, ſo liebens⸗ würdig, ſo lebhaft wie Sie auf Frankreichs Throne, und meine Landsleute würden Sie vergöttern!“ Juſtine ſah plötzlich mit großen und ſehr unmuthigen Augen in die Höhe.„Warum nicht gar?“ ſagte ſie kurz ab⸗ brechend:„welche Schmeichelei! Sie können Ihr Vaterland nicht verläugnen, Madame Lainez!“ Die Franzöſin war betreten, dann erwiederte ſie mit dem ſchmachtenden Augen⸗Aufſchlag, den ſie vollkommen in der Gewalt hatte:„Verzeihen Sie, Mademviſelle. Entſchuldi⸗ gen Sie die fade Uebertreibung, womit ſich mein Mund 51 verſündigte, mit der herzlichen Anhänglichkeit, die ich für Sie hege, und die etwas Beſſeres ſagen wollte.“ Juſtine bereute ſchon das harte Wort, und glaubte um ſo leichter dem Bittworte.„Das laſſe ich mir gefallen;“ ſagte ſie, der Lainez verſöhnt die Hand reichend:„lernen Sie im⸗ merhin in Deutſchland, das Ihr zweites Vaterland werden ſoll, ſich deutſcher ausſprechen.“ Sie zog die Wittwe vertraulich neben ſich auf einen Stuhl, und fuhr fort:„Hören Sie, wie ich mir Alles, was Sie betrifft, klar und baar ausgeſponnen habe. Sie bleiben vor der Hand bei mir,— unter dem Schutze Ihrer Königin,“ ſetzte ſie lächelnd bei. Aber leider kann dieſer unmittelbare Schutz nicht lange dauern, da mein eigenes Schickſal erne raſche Wendung nehmen,— mich für immer von hier entfer⸗ nen wird. Daher— nebenbei geſagt, darf Ihnen vor Vater und Mutter nicht bange ſeyn; ich heiße Juſtine und ſtehe für Alles,— daher laſſe ich an einem der nächſten Sonntage unſre Karoſſe einſpannen, und bringe Sie, meine gute Frau, nach einem Städtchen in der Nachbarſchaft, wo eine alte Baſe meines Vaters lebt;— etwas taub, etwas ſtumpf, aber wohlhabend, gottesfürchtig, und mir mit uneigennütziger Liebe ergeben, ob ſie gleich eine veraltete Jungfer iſt. In ihrem Hauſe erhalten Sie Koſt und Wohnung, und beſuchen fleißig den Pfarrer der walloniſchen Gemeinde in jener Stadt, wenden ſich von der aufgedrungenen Religion zu der Ange⸗ bornen, und treten, da hoffentlich Ihr Wille ernſtlich iſt, oͤffentlich in den Schvoß Ihrer Gemeinde zuruck. Sind Sie ſo weit gekommen, ſo bedürfen Sie meiner Unterſtützung nicht mehr. Ihre Verwandten zu Berlin werden Sie alsdann mit offenen Armen aufnehmen;— mir 6 246 Bewußtſepn 52 einer rechtſchaffenen Bemühung, und Ihnen— ſo Gott will— ein freundliches Andenken an ein unbedeutendes Mäd⸗ chen, das man böſe nennt, das ſich aber ſchmeichelt, von Herzen gut zu ſeyn.“ Die Lainez umarmte das zauberiſche Geſchöpf mit Thrä⸗ nen in den Augen.„Ich bin Ihrer Wohlthaten nicht wür⸗ dig,“— ſagte ſie, das Geſicht an Juſtinens Buſen verber⸗ gend;—„wr werde ich jemals ein Gemüth wie das Ihrige wiederfinden?“ Juſtine hielt ihr den Mund zu.„Wo werde ich je⸗ mals——?“— parodirte ſie, aber aus dem Scherze wurde Ernſt. Sie ließ den Kopf ſinken, und wiederholte langſam: „Wo werde ich jemals finden, was mir Glück bringt? Ach meine Liebe, ich habe heute ein recht traurig Gemüth, und meine Seele iſt müde, wie mein Körper. Ich will gehen, und den Vater fragen, ob er noch etwas wünſcht. Dann wollen wir zu Bette. In jenem Cabinete habe ich Ihr Lager aufzuſchlagen befohlen.“ „Heute noch nicht,“— bat die Lainez:„ich habe zu Hauſe noch einiges zuſammen zu räumen und zu packen. Morgen, wenn Sie's erlauben, will ich Ihrem Anerbieten nachkommen.“ „Ich werde Ihnen keinen Zwang auferlegen;“— ſagte Juſtine, wiewohl etwas verdrüßlich:—„morgen alſo. Aber es iſt ſchon nahe an neun Uhr. So ſpät wollen Sie durch die Straßen gehen?“ „Die Wittwe eines tapfern Soldaten fürchtet ſich nicht.“ „Ei, wenn auch. Chriſtine ſoll mit der Laterne vvraus⸗ gehen. Aber— Morgen nicht wahr? ſo bald als möglich? Ich ſehne mich nach Ihrer Geſellſchaft. Ich bedarf jetzt der . Aufheiterung. Sie werden nicht zaudern, oder gar Ihr Wort zurücknehmen. Die Franzoſen, ſagt man, halten die Parole nicht zum Allerbeſten. Geben Sie mir ein Pfand, daß Sie gewiß kommen.“ „Ein Pfand, ſonderbares eigenſinniges Mädchen? Ich würde Ihnen mein Herz ſchenken, wenn es möglich wäre. Nehmen Sie jedoch, was meinem Herzen zunächſt ruht.“ Die Lainez zog ein Medaillon, das an einem ſchwarzen Sammetbande um ihren Hals hieng, hervor, nahm es ab, und überlieferte es lächelnd der mißtrauiſchen Gläubigerin. „Sieh doch!“ rief Juſtine, als ſie das Medaillon empfing, und es von allen Seiten betrachtete:—„welche ſchön gear⸗ beitete Bilder! Erklären Sie mir, liebe Frau! Wer iſt dieſes herrliche Weib im Purpurmantel, mit der blitzenden Krone auf dem Haupte, und dem noch ſtrahlenderen Scheine um daſſelbe?“ „Es iſt die fromme und ſelige Kaiſerin Pulcheria, meine Patronin,“ verſetzte die Lainez:—„ihre Schönheit war das Wunder ihrer Zeit; und ihre Tugend war ihren Reizen gleich, und die dankbare Erinnerung der Nachwelt verſetzte ſie unter die Heiligen!“ „Welche Anmuth! welche Lieblichkeit!“ fuhr Juſtine fort: „ja, wer ſo ſchön wäre! Dieſe Strahlen. „Sind der Heiligſchein, mit welchem die römiſche Kirche das Haupt der Geprieſenen umgibt. Die Bilder dieſer Hei⸗ ligen ſchmücken heiter und lebendig die Gotteshäuſer, und es läßt recht angenehm, wenn Weihrauchwolken ſie umnebeln, Kerzen davor flammen, Blumenbüſche um ſie blühen und das Volk ſich vor den Geehrten fromm verneigt.“ — „Mit andern Worten; die Götzen anbetet. Ich weiß, unſer Paſtor hat ſchon oft dieſes Thun in ſeinen Streitpredigten be⸗ rührt, und einen heidniſchen Gräuel genannt.“ „Vielleicht gieng er darinnen zu weit. Die Katholiken haben in dieſen Bildern nur das Andenken frommer Tugendfürſten zu verehren: nicht das Holz, nicht den Stein.“ „So? Dann laſſe ich mir's gefallen. Ich ſinde die Sitte ſogar hübſch. Man ſtellt ja auch Bildfäulen berühmter . Männer in Städten auf. Wir haben z. B. hier auf dem Rathhauſe das Reiterbild eines Bürgermeiſters aus der alten 3 Zeit, der einſt mit Opferung ſeines Lebens die Vaterſtadt von Schimpf und Untergang gerettet hat. Das Bild ſteht wohl ſchön anzuſchauen an der großen Treppe, aber die Leute gehen kalt vorüber, und beachten's nicht. Stünde es in einer Kirche, würde es beſſer geehrt.“ Sie wendete das Medaillon um, ſtutzte etwas, und fragte kleinlaut:„Das iſt ein Mann? nicht wahr? Der Maler hätte ihm allenfalls einen Mantel um die Schultern werfen können.“ „Der Zweck wäre gefehlt geweſen; die Pfeile ſeines Märtyrthums müſſen dem Gläubigen ſichtbar ſeyn. Man nennt den ſchönen Jüngling den heiligen Sebaſtian.“ Juſtine ſah das Bild noch einmal flüchtig erröthend an, legte es dann ſtill auf den Tiſch, warf ein Tuch darüber, und wünſchte der ſcheidenden Lainez eine ziemlich einſylbige Gute Nacht! Indem die Wittwe aus Juſtinens Thüre trat, vernahm man in dem ſchräg gegenüber liegenden Zimmer des Senators ein ſtarkes Geräuſch, und Müſſingers halberſtickte Stimme, welche nach Leuten rief.„Mein Gott! was iſt da wieder vorgefallen?“ ſagte Juſtine, auf das Gemach zueilend, und winkte der Lainez und der Magd, die derſelben mit der Laterne vorausgehen ſollte, ſich zu entfernen, ohne weiter dem Ge⸗ räuſch nachzuforſchen. Die Franzöſin, der es in dem Hauſe unheimlich vorkam, trieb ſelbſt die gaffende Magd zur Eile an. Sie erreichten Beide, ohne ſich umzuſehen, die Treppe, und ſtiegen ſchnell hinab. Doch unten am Geländer ſtand unbeweglich und lautlos eine breite weiße Geſtalt, welche drohend den Arm gegen die Kommenden erhob, und alsdann im Dunkel niederzutauchen ſchien. Die erſchrockene Lainez und die erſchrockenere Magd ſtießen einen Schrei des Ent⸗ ſetzens aus. Die Letztere ließ die Laterne fallen, welche zu⸗ ſammenklirrte und erloſch. Das Dienſtmädchen rannte ſchreiend über die Treppe zurück; die Lainez aber, welche im Mond⸗ ſtrahl, der durch ein vergittertes Fenſter fiel, die Hausthüre wahrnahm, eilte ſchauderud auf dieſelbe zu, fand ſie zu ihrer größten Freude nur angelehnt, riß ſie auf und entfloh. Scheu zurückblickend, glaubte ſie die grauſende Erſcheinung wieder auf der Schwelle des Hauſes zu erblicken, auftauchend wie ein weißer Blitz, verſchwindend wie dieſer, und von Geſpenſterfurcht bedrängt, flüchtete ſie auf's Gerathewohl in die Gaſſen. Allenthalben waren dieſe leer; von ferne her hörte man die Schnarre eines Nachtwächters,— endlich den geſchwinden Schritt eines Kommenden;... eine Hand⸗ laterne näherte ſich,— ihr blendender Schein führte die flüchtige gerade auf den Mann los, der ſie trug;... Der Doctor war's.„Ei, Madame! woher um dieſe Stunde? auf welchem Wege finde ich Euch?“ Die zitternde Lainez bat um ſeine Hülfe, indem ſie mit ein Paar Worten ihre Angſt ſchilderte. 56 Der Doctor, lächelnd bald, bald ernſt und zweifelnd den Kopf ſchüttelnd, erbot ſich, ſie nach Hauſe zu führen.„Um Gotteswillen, nein!“ bat die Lainez dringend:„in dem alten Gebäude, allein... von aller Welt geſchieden... würde mich heut nach dieſem Auftritte die Angſt umbringen. Ich ſchwöre darauf, daß mir mein Mann erſchienen iſt. Seine weiße Uniform.. ſein drohendes Geſicht meine Sünden... Hochwürdiger! nur unter Ihrem Schutze kann ich meine Seele beruhigen.“ „Bedenkt meinen Stand, liebe Frau,“ verſetzte Leupold beſchwichtigend:„Eure Phantaſie iſt erhitzt; Ihr bedürft der Sorgfalt;... was kann ich jedoch für Euch thun? Doch, wenn Ihr's wünſcht, will ich meine bewegen, Euch dieſe Nacht zu beherbergen.“ „Gleichviel!“ rief die Lainez!„nur bringen Sie mich unter Menſchen, oder ich ſterbe an dem Schreck!“ Der Doctor winkte ihr, nebenher zu gehen, und förderte, dann und wann ſie unterſtützend, ſeinen Weg.„Ich kehre ſo eben von einem Kranken zurück,“ ſagte er,—„den ich ſeit Abends Einbruch mit geiſtlichem Troſte und endlich mit dem Leibe des Herrn erquickte.“ Er zeigte auf die Saffian⸗ taſche, die er, unter ſeinem Oberrocke verborgen, auf der Bruſt trug, und in welcher er die Hoſtie insgebeim zu über⸗ bringen pflegte.—„Ein Glück, daß Ihr gerade mir be⸗ gegnen mußtet. Meine fromme Hausmeiſterin wird ein Uebri⸗ ges thun, und Morgen ſollt Ihr mir mit geſammelten Kräften den Hergang der ganz abſonderlichen Erſcheinung mittheilen.“ Die Eigenthümerin des Quartiers, welches der Doctor be⸗ wohnte, eine eifrige Anhängerin der im Verborgenen waltenden Kirche, welche wußte, daß ſie in der Lainez eine Verbreiterin 57 dieſer Kirche vor ſich hatte, machte nicht die mindeſten Um⸗ ſtände, in des Doctors Begehren zu willigen, und dieſer Letztere, Mitleid mit der Niedergeſchlagenheit der Franzöſin fühlend, lud ſie ein, auf ſeinem Zimmer,— bis die Wirthin ihr Lager bereitet haben würde,— eine Taſſe Kräuterthee zu genießen, den er ſelbſt auf's Beſte zu bereiten verſprach. Die Lainez nahm mit Dank den Antrag des Mannes an, der aus Theilnahme für ſie, die ſtrenge Gränze, die ſein Anſtands⸗ und Schicklichkeits⸗Gefühl zwiſchen ihm und der Mitarbeiterin gezogen hatte, in etwas erweitern wollte. Als ſie jedoch an des Doctors Hand deſſen Wohnzimmer betrat, wurde ihr Auge von einem Beſucher überraſcht, der in dem Großvaterſtuhl am Fenſter ſaß, und kaummerklich mit dem Kopfe nickte, als James den Doetor mit ſeiner Begleiterin einließ. „Gelobt ſey Jeſus Chriſtus!“ ſprach der Fremde, und der Doctor, im höchſten Grade überraſcht, erwiederte mit kaum hörbarer Stimme, ſich tief verneigend:„In Ewigkeit. Der Herr ſegne Ihren Eingang, Pater Superivr. Ihr Be⸗ ſuch iſt eine unerwartete Freude.“ Der Superior, ein hagrer Mann mit ganz blaſſem Ge⸗ ſichte, aus welchem ein Paar dunkle Augen ſprühten, lüftete ein wenig das Käppchen, das ſeinen Scheitel bedeckte.„Ich bin vor gar nicht langer Zeit angekommen,“ ſagte er,— „bin herzlich müde, und habe mir die Freiheit genommen, bei Ihnen, mein Vater, meine Schlafſtelle zu ſuchen, indem ich hier unbemerkt und ſichrer zu ſeyn glaube, als in dem verſteckteſten Gaſthoſe. Es thut mir indeſſen leid, wenn ich hier ſtören ſollte.“ Er warf einen zweideutigen Blick auf die Lainez. Der Doctor errieth deſſen Sinn, und ſagte empfindlich:„Ich 58 hoffe, Ew. Hochwürden bewieſen zu haben, daß mein ſittliches Betragen kein Mißtrauen verdient. Der Zufall nur...“ Mehr als ſeine Worte beruhigte die Franzöſin ſelbſt den argwöhniſchen Geiſtlichen. Sie gieng demüthig auf ihn zu, küßte ſeine Hand, bat um ſeinen Segen, und erbot ſich, alsbald das Zimmer zu verlaſſen. Der Superior ſchenkte ihr einen günſtigen Blick, klopfte ihre Wange.„Laſſe Sie's nur gut ſeyn;“ ſprach er mit dem empfindlichen Uebergewicht, welches häufig von Prieſtern, den ihnen ganz ergebenen Weibern gegenüber, fühlbar gemacht wird:„ich kenne Sie ja, und hoffe in Ihr kein unwürdiges Rüſtzeug vorgeſchlagen zu haben. Vater Münzner wird mir Alles genügend er⸗ klären. Sie kann ſich indeſſen wegbegeben, denn wir haben hier noch allerlei zu bereden, das nicht für Sie iſt.“ Noch ein gnädiger Schlag auf die Wange, und die Lainez, feuerroth und betreten, war entlaſſen. James ſperrte das äußere Gitter, und wollte den Herren eine gute Nacht wünſchen. Der Superior verhinderte dieſes; ſprechend: „Verbleibe Er immer noch ein Weilchen, junger Menſch. Ab initio wird von Ihm die Rede ſeyn.“ James bückte ſich, und ſtumm ſtand er nebſt ſeinem Pflege⸗ vater vor dem Superior, der gemächlich ſeinen Platz fort und fort behauptete. „Ich habe den Juvenem allhier examinirt;“ hob der Be⸗ queme an, zu dem Doctor gewendet:„habe denſelben doch noch nicht weit vorgerückt gefunden. Er ſcheint ſeine Studia oberflächlich betrieben zu haben, und— was am übelſten— das ernſte und äußerſt wichtige Ziel ſeiner künftigen Be⸗ ſtimmung nicht genug in's Auge zu faſſen. Die Petulanz, „ ſo ich in ſeinem Weſen und ſeinen expressionibus wahrnehme, wird in ſeinen gegenwärtigen Beſchäftigungen nur wachſen können. Es iſt daher unumgänglich nothwendig, daß er unter die Disciplin des Noviziatmeiſters genommen werde.“ James erröthete erbebend; der Doctor verneigte ſich ſtumm.„Ich werde ihm vorläuſig die exercitia Spiritualia unſers heiligen Ordensſtifters und Regulators in die Hände geben,“ fuhr der Superior fort,„und Er mag ſich bereit halten, mir in das für Ihn beſtimmte Collegium zu ſolgen, ſobald meine Geſchäfte in hieſiger Gegend beendigt ſeyn werden. Ich habe mit dem Pater Rector ſchon die nöthige Rückſprache genommen, wie es Ihr letzter Brief, Pater Münzner verlangt hat. Quod erat demonstrandum.“ James küßte des Superiors Hand, und ging niederge⸗ ſchlagen nach ſeiner Kammer. Der Doctor blickte ihm mit⸗ leidig nach, und ſagte nach einer Pauſe leiſe und demüthig zu dem Superior:„Es kömmt mir beinahe vor, ehrwürdiger Herr, als ob ich mich in den Anlagen des jungen Mannes getäuſcht hätte. Seine Geiſteskräfte ſind wohl ſcharf, allein noch ſchärfer iſt der Trieb ſeines Herzens. Er begehrt, er verlangt wie ein kräftiger ſinnlicher Jüngling. Er zeigt dann und wann Widerſpruchsgeiſt, Grübelei... es wird ſchwer halten, ſeine Vernunft in die wohlthätigen— Ketten des Glaubens zu legen, und ich würde mir's zum ewigen Vorwurf machen,— geſtaltete ſich aus dieſem— in die Welt berufenen Jüngling ein ſchlechter Prieſter.“ Der Superior ſah den Doctor hoch und mißbilligend an: „Sie reden jetzt ganz anders, mein Vater, als Sie vor kurzer Zeit geſchrieben. Welche unzeitige kränkelnde Phi⸗ lantropie! Wären auch Sie von der Lüſtelei, von dem 1 60 empfindelnden Wahnſinn des Jahrhunderts ergriffen worden? Haben nicht auch wir begehrt und verlangt, und ſind wir deßhalb ſchlechte Prieſter geworden? Die Disciplin bändigt den Widerſpruch; die raſtloſe Thätigkeit der Novizen ſteuert der Grübelſucht. Vernunft?— Glauben?— Sie ſind nicht klar über die Grundſätze unſer Inſtitutionen, ob Sie gleich Profeß und das vierte Gelübde gethan haben. Fähige Geiſter gewinnen,— dieſelben nach ihrer Richtung beſchäftigen,— das iſt unſere Aufgabe, und deren Erfüllung ſichert das Gedeihen unſerer Geſellſchaft.— Der nützliche Schwärmer, der ein begeiſterter Apoſtel werden will, glaube. Der rein Vernünftige, geeignet, die politiſchen Zwecke unſers Daſeyns zu erreichen, gehorche, wo er nicht glauben kann. Und dieſes Gehorſams Triebfeder iſt ſein Vortheil,— das Intereſſe, das man ihm an ſeinem auferlegten Streben beizubringen hat. Und nach den geſchickten Combinationen unſers herrlichen Staats iſt der Vortheil des Einzelnen der Vortheil des Ganzen. Darum herrſchen wir, darum ſiegen wir; darum beneidet man uns. Glauben Sie mir: Ihr Pflegling wird noch gut werden, und reichliche Zinſen tragen, für das Geld, das wir an ſeine Bildung verſchwendet haben, und noch verſchwenden werden. Nunzur wichtigern Sache, Pater Miſſionär. Ich habe Ihre Bücher durchblättert. Unſer Commerz über hieſigen Platz rentirt ſich nicht beſonders. Ob die Pariſer uns Schaden bringen? oder ob die Schiffskapitäne, die unſere Frachten beſorgen, Betrüger ſind? Iſt das Erſtere, ſo müſſen wir die Augen zudrücken. Das Zweite kann nur an Ort und Stelle erforſcht werden. Ich erwarte darüber Befehle von dem Pater Provinzial. Ein geſchickter Ordensmann hat zugleich mit meiner Eingabe ein Projekt eingeſendet, das, wird es angenommen, dem Handelsfond unſerer Geſellſchaft unbe⸗ gränzten Vortheil bringen wird. Es wird darinnen vorge⸗ ſchlagen, den Selavenhandel für Braſilien unter billigern Bedingungen zu übernehmen, als ihn bisher unſere unver⸗ ſchämten Schiffsmeiſter nebenbei getrieben haben.“ „Den Selavenhandel?“ fragte der Doctor erſchrocken. „Ja;“ verſetzte der Superior gleichgültig:„der Trafik mit denen ſchwarzen Negern bringt immenſe Dividenten.“ „Aber die Menſchlichkeit, Pater Superior?“ fragte der Doctor ſchaudernd weiter. Der Jeſuit lächelte vornehm.„Floskeln, lieber Pater Münzner. Dieſe Schwarzen ſind eine untergeordnete Race; an ſchmutzigen Heiden, wie ſie ſind, iſt nichts verloren. Ueber⸗ dieß iſt ihr Selavenleben reicher an Genüſſen, als ihre Freiheit.“ „Das Naturrecht, Pater Superior.. 4 „Sie ſind Doctor juris utriusque;“ ſagte dieſer gähnend: „man hört es Ihnen an. Satis über dieſen Punkt. Der Verfaſſer jenes Projekts wird belobt werden, und es noch weit bringen. Wie weit iſt's aber mit der heiligen Chriſten⸗ verbeſſerung gediehen?“ Der Doctor berichtete in Kürze; legte die Liſten der klei⸗ nen Gemeinde vor; ihre Beiträge zum Kirchendienſt; die Be⸗ rechnung des Ueberſchuſſes. Der Superior durchging die Liſte ſchmunzelnd und zählend.„Viele Leute;“ ſagte er hierauf: „aber nichts Beſonderes. Die meiſten ex infima plebe.“ „Unſer Heèrr Jeſus Chriſtus fand unter dieſer Claſſe ſeine erſten Jünger.“ „Hm! ja. Sehr viele Weibsperſonen finde ich hier auf⸗ gezeichnet; zum Theil wohl aus den beſſern Ständen. Nun 62 —— ja; das ſind die Lämmlein, die zum Paradieſe locken. Aber.. aber.. ich vermiſſe denn doch die Männer von Ge⸗ wicht. Ein Paar Kaufleute, ein Recheneiverwalter... ein quiescirter Fünfzehner;... heilige Maria! was will das im Ganzen heißen? Den Beſchluß der Reihe macht doch end⸗ lich ein Senator. Wer iſt der Mann? Derſelbe, von dem Sie ſchon ein Wörtlein fallen ließen?“ „Derſelbe, Pater Superior.“ „Hat ſeine Bekehrung ſich ſo ſchnell gemacht? Gelobt ſey der Herr. Dürfen wir von ihm hoffen?“ „Vieles. Er iſt durch ein beſonderes Verhängniß ganz der Unſrige geworden.“ „Favente Deo. Recht. Wie hat ſich die Lainez ge⸗ macht?“ „Sie hat Einiges gethan; doch Unwichtiges. Das Weib iſt zu eitel, leichtſinnig und verliebt.“ „Bene dixisti, Pater Münzuer. Eitel und verliebt. Die Franzöſin ſieht überall hervor, und ihr Mann hat nicht ſo viel an ihr verloren. Es hat ihr indeſſen eine Zeitlang mit Proſelyten recht geglückt. Sie iſt ſehr fromm und möchte die ganze Welt in's Paradies bringen. Eine luſtige, ſchnackiſche Frauensperſon im Uebrigen; nimmt nichts übel, und hat dem Pater Provinzial, der ſie mir empfohlen, viele trübe Grillen verſcherzt. Sie weiß allerlei von Sr. Hoch⸗ würden zu erzählen, und hält ſich damit oben, ſo daß ihr Sub manu eine ewige Verſorgung aus der zu ähnlichen Zwecken beſtimmten Kaſſe verſprochen wurde. Hierin wurde aber eine kluge Reservatio mentalis beliebt. Ködert ſie nicht mehr, ſo ſteckt man ſie in ein Kloſter, und damit gut. Die 63 Schweſtern mögen ſie dann füttern. Alſo hier hat ſie wenig genützt?“ „Das Wichtigere hat ſie vor kurzer Zeit übernommen: die Bekehrung der Lochter jenes Senators. Aber ein unſeliger Zufall reißt hier alle Hoffnung ab.“ „Wie ſo?“ Der Doctor erzählte von der Ankunft des Verlobten, der ſeinen Heirathsantrag erneuernd, im Begriff ſtehe, das Mäd⸗ chen unwiderruflich in ein proteſtantiſches Land zu führen. „Pessime!“ rief der Superior:„das darf nicht geſchehen. Das Mädchen, als einzige Erbin eines ſehr beträchtlichen Vermögens muß der Kirche zugewendet, und von dem Angli⸗ kanen abgezogen werden. Wir hätten pro Studio et labore nichts als das leere Nachſehen? Nein lieber Pater Münz⸗ ner! laſſen Sie uns in die Fußſtapfen unſerer würdigen Vor⸗ gänger treten, die auch nicht vom Heller des Armen ihre Collegia und Profeßhäuſer erbaut haben.“ „Wie wollen Sie aber vorbauen, Pater Superior? Ich mißbillige die Sache, weil es mich ſchmerzt, ein unſchuldiges Schäflein auf ewig von der Heerde, der es ſich näherte, ge⸗ trennt zu ſehen,— aber ich begreife nicht, wie...“ „Sie begreifen nicht? Sind Sie nicht der Beichtvater des Senators? Preſſen Sie ſein Gewiſſen in die Schrauben ihrer gerühmten Dialektik. Einem gewandten Beichtvater iſt nichts unmöglich. Experienta docet. Während Sie ſein Herz mit den Sturmblöcken einer zerſchmetternden Rhetorik bela⸗ gern, ihm ſein Kind im Fener der Verdammniß zeigen,— mag die Lainez von der andern Seite dem Mädchen kräftig, ſchlagend zuſetzen. Ich habe ſchon Meiſterſtücke in dergleichen 64⁴ Angelegenheiten,— Caeteris paribus,— verrichten geſehen, ſelbſt verrichtet.“ „Der Glaube iſt in dem Senator nicht ſonderlich ſtark genug, um... „Res indifferens! So greifen Sie ſeine ſchwachen Seiten an. Cum auxilio divino muß Alles gehen. Die Lainez ſoll nicht ſaumſelig ſeyn! periculum in mora! Das Mädchen wird allerdings auch ſeine ſchwachen Seiten haben. Die Weiber ſind gebrechlich. Iſt unſere liebe Tochter in Hoffnung nicht etwa verliebt? Da könnte Ihr Pflegeſohn benützt werden.“ „O weh! Steh uns der Himmel bei. Er iſt in das WMädchen verliebt. Juſtine zeigt aber keine Spur von Em⸗ pfänglichkeit.—“ „Ein kalter Froſch? Deſto beſſer. Sie muß in's Klo⸗ ſter; unſerer Geſellſchaſt alles zuwenden, bis auf ein Pflicht⸗ theil für die Schweſtern. Sie ſagen, man ſchätze den Se⸗ nator auf dreimal hunderttauſend Thaler? Und dieſe Summe ſollte uns entgehen? Minime, Pater Münzner. Alles zur größern Ehre Gottes!“ „Sie legen mir da ein hartes Probeſtück aufz“ verſetzte der Doctor ſeufzend:„um des Eigennutzes willen.. ja, wenn es einzig die Sorgfalt für des Mädchens Seelenheil gälte!“— „Bilden Sie ſich das ein, Pater Münzner. Ich erlaube es Ihnen. Aber, laſſen Sie ja den goldgefiederten Vogel nicht aus. Und,— beharrt das Mädchen auf Widerſpenſtig⸗ keit, ſo muß es möglich gemacht werden, daß ſie der Vater enterbt. Es muß möglich gemacht werden, Pater Münzner! Verſtehen Sie mich wohl?“ „Ich verſtehe;“ antwortete der Doetor niedergebeugt. 65 „Nie ſind die Zeiten ſchwieriger geweſen, als jetzt;“ fuhr der Superior rubig fort:„die langen Kriegsjahre haben das flammende Verlangen der Gläubigen, der Kirche wohl zu thun, gedämpft. Der Handel hat durch Kapereien gelitten. Viele fähige Studenten werden auf Koſten der Geſellſchaft erhalten, gebildet, verſendet. Man muß zu allen Hülfsmit⸗ teln greifen, um die überſchwenglichen Koſten unſerer Arbei⸗ ten zu decken. Die 300,000 Thaler dürfen nicht nach Amerika! Der Wiklefit ſoll abziehen, oder— wenn Alles nichts hilft.. nun; wir werden ſehen. Ich verpflichte Sie, Pater Miſſionär, Morgen alſobald Ihre Bemühungen, mir zu gehorſamen, an⸗ zutreten. Thun Sie die erſten Schläge, während ich mit dem verſchmitzten Tormerpick Abrechnung halte. Wenn Ihrem Scharfſinn, was ich Ihnen andeutete, gelingt,— und es muß gelingen,— ſo ſeyn Sie der vortrefflichſten Note in meinem vierteljährigen Cenſurbericht an den General vergewiſſert.“ Der Doctor, wenn ſchon im Herzen tief verwundet, ver⸗ beugte ſich, wie es der Gehorſam erforderte, und brachte eine qualvolle Nacht unter dem Kampfe ſeines Gewiſſens, und der Pflicht, die er beſchworen, zu.— James, der ihm am nächſten Morgen mit rothgeweinten Augen entgegentrat, zerriß ſeine Seele noch mehr. „Mein Vater!“ ſagte ihm der junge Mann, auf deſſen Zügen der Schmerz ſaß:„ich kann nicht in das Noviziat treten. Ich kann nicht, und ſollte es mein Unglück ſeyn!“ „Du mußt;“ erwiederte ihm der Doctor ſtreng, und drehte ſich von ihm, daß er das Mitgefühl nicht in den Zügen des Pflegers leſe. „Ich muß nicht; mein Vater;“ fuhr James mit kalter Sſeſentet fort:„ich bin kein Leibeigener. Ich will Ihnen 66 im Orden keine Schande machen. Ich tauge nicht dazu; ich verabſcheue mich ſelbſt, um der Winkelzüge, zu welchen ich mich brauchen ließ. Haben Sie Mitleid mit mir, Sie mein zweiter Vater!“ 3 „Der Pater Superior nimmt mir meine Pflichten gegen Dich, ſammt meinen Rechten auf Deine Perſon abz“ erwie⸗ derte der Doctor, wie oben:„faſſe und füge Dich.“— „Ich mich faſſen? ich mich fügen?“ rief James, wie außer ſich:„Ich ſoll mich in Kloſterfeſſeln ſchmieden.. ich, der die Feſſeln dieſes Lebens nur mit Mühe trägt?“ „Menſch!“ ſagte der Doctor hierauf erſchrocken, und ſah dem Jüngling aufmerkſam ins Auge:„Was ſollen dieſe Worte bedeuten?“ „Meinen Ueberdruß an der Welt, Vater; meinen Ekel am Daſeyn. Ich bin zum Unglück geboren, wie die Meini⸗ gen zum elendeſten Tode. Hier lächelte mir, dem Spion, dem elenden Hehler und Helfershelfer ein Stern der Wonnez... ich fühlte Seligteit!“ „Die Seligkeit eines Thoren! Die Verzuckung des heidni⸗ ſchen Bildhauers vor einem Marmorbilde!“ „Nein, mein Vater! ich war kein Thor; ich bin es nicht! Noch jetzt erhält mich der Gedanke, daß Galathee im Innern der kalten Bruſt Leben für mich empfindet! Aber— wenn das Geſchick befiehlt,— wenn ſich erwahrt, was die Lainez mir ſo eben vertraute,— wenn Juſtine einem Andern ange⸗ hören ſoll,— dann höre ich auf, zu leben; bei Gott! ich höre auf, zu ſeyn!“ „Wohlan!“ entgegnete der Doctor bitter und verletzt:„ſo höre auf, wie tauſend Narren Deines Nebellandes, deren 67 leeres Gehirn ſich an der Leere ihres Lebens langweilt; höre auf, wie ein inſolventer betrügeriſcher Schuldner, und über⸗ laſſe mir, dem Getäuſchten, die Laſt, Deine Schulden an Deine Ernährer zu bezahlen!“— „Mein Vater!“ ſtammelte James, von Scham ergriffen: „Was ſagen Sie? O, Sie haben Recht! Ich gehöre ja nicht mehr mein. Ich bin Ihnen und den Obern verſchuldet! ich bin Ihr Sclave! O, ſo machen Sie mich zu Gelde! Ver⸗ kaufen Sie mich, damit ich mein Leben hindurch unter Blut und Thränen arbeiten muß, um das Jahr zu bezahlen, das mir Ihre Wohlthaten friſteten!“ „Undankbarer, roher Menſch!“ ſagte der Doctor unwillig: „So gehe hin und ſuche den Tod in eitlem Wahne. Du ſollſt mir nicht noch einmal vorwerfen, wie wenig ich für Dich gethan.“ Der erſchütterte Ton des Doctors machte den beſten Ein⸗ druck. James ſtürzte reuevoll vor ihm nieder, weinte auf ſeine Hände.„Ich ſoll leben? ich will leben!“ ſchluchzte er;„Aber wie wird es möglich ſeyn, wenn Juſtine des Ame⸗ rikaners Weib wird?“ Den Doctor trafs durchs Herz. Er blickte nach dem Ge⸗ mache, in welchem der Deſpot ſeiner Handlungen noch ſchlief, erinnerte ſich ſeines qualvollen Geſchäfts, neigte ſich zu James und— um wenigſtens eine gute Frucht aus der hinterliſti⸗ gen That zu gewinnen, die er vollbringen ſollte: die Beru⸗ higung einer verzweifelnden Seele— ſagte er ihm:„Juſtine wird nicht des Amerikaners Weib!“ Somit ging er von dem Staunenden, um den Senator zu beſuchen. Ein finſterer, wolkenumzogener Tag paßte vor⸗ trefflich zu ſeiner Gemüthsſtimmung. Während des Gehens 5 68 wollte er beten,— aber dunkle Gedanken durchbrachen in Maſſen ſein Gebet. In ſich gekehrt, betrat er Müſſingers Haus.—„Sind der Herr Senator oben?“ fragte er mit geſenktem Auge einen Menſchen, der ihm entgegenkam.— „Ja, Monſieur;“ antwortete man ihm kurz und unhöflich. Der Doctor ſah auf. Nothhaft war der grobe Beſcheidgeber, und nicht wenig erſtaunt, den Mann vor ſich zu ſchauen, mit dem er vorgeſtern einen Handel hatte abſchließen wollen. Auch der Doctor erinnerte ſich ſeiner.„Sieh da, Monſieur!“ ſagte er:„finden wir uns hier? Sie blieben aus, Verehr⸗ ter?“—„Ich weiß nicht, was Sie wollen!“ ſchnauzte ihn der Andere überraſcht, verlegen, und unerkannt zu ſeyn wün⸗ ſchend, an:„Ich kenne Sie nicht, Monſieur!“ Er zum Hauſe hinaus; der Doctor die Treppe hinan. Des Senators Geſicht trug alle Spuren einer mühſelig durch⸗ wachten Nacht, und kaum verzog ſich ſeine Lippe zu einem matten Willkommslächeln, als der Beichtiger eintrat. „Sie finden mich ſchwach und krank;“ ſagte Müſſinger, wieder in die Kiſſen ſeines Ruhebetts zurückſinkend;„doch iſt mir Ihre Gegenwart von hohem Werthe. Ein ſtürmiſch rollendes Geſchick hat mich, ſo zu ſagen, an Sie gebunden, während alle Weſen, welche die Natur mit mir verband, von mir abfallen zu wollen ſcheinen, und ſelbſt übernatürliche ſich in mein Verhängniß miſchen. Eine Frage, hochwürdiger Herr: glauben Sie, daß zwiſchen Sterblichen und Abgeſchie⸗ denen Geiſtern von Sterblichen ein Rapport eintreten kann 4 Der Doctor ſtutzte.„Die Philoſophie unſerer Religion, und häufige, von Zweiflern vergebens beſtrittene Erfahrun⸗ gen weiſen mich an, Ihre Frage zu bejahen.“ 69 Der Senator ſeufzte tief, und ſtützte das wankende Haupt in die kraftloſe Hand.„Hören Sie an,“ erwiederte er als⸗ dann:„was mir in den Spätabendſtunden des geſtrigen Ta⸗ ges begegnet iſt. Von den mancherlei Gemüthsbewegungen, die mich erſchüttert hatten, wie von quälenden Mißverſtänd⸗ niſſen in meiner Häuslichkeit ermüdet, war ich in meine Stube gegangen, um zu ruhen, und einen erquickenden Schlaf zu thun. Ich las in dem Gebetbuche, das ich Ihrer Fürſorge verdanke, die Lampe brannte dunkel: aus meinen Betrachtungen erwachend, erhebe ich mich, den flackernden Docht zu putzen,— da ſchaue ich zufällig nach der Thüre, und dieſe ſteht halb offen,— und zeigt mir eine Geſtalt, die mich erbeben macht, die leichenhafte Geſtalt des ſeligen Birsher in ſeinem weiten weißen Ueberrocke, den er zuletzt trug,— mit hohlen, ſtarrenden Augen. Ich will rufen,— die Kehle iſt mir zugeſchnürt. Die Erſcheinung öffnet dagegen den ſchaurigen Mund, und ich vernehme die dumpfen Worte: Du haſt mich umgebracht, und willſt auch die Tochter tödten? Nicht nach Amerika! Wehe ſonſt!— Wie Todtenglocken ſausten die Töne in mein Ohr, und im Nu verflimmerte das Geſpenſt vor meinen angſtvollen Blicken. Sein Abſchied löste die Bande meiner Zunge. Außer mir ſtürzte ich in einem Seſſel um, rief nach Hülfe; Juſtine kam, Leute kamen. Die Erſcheinung iſt von einigen geſehen worden, und ſpurlos ver⸗ ſchwunden. Ich befinde mich im gräßlichſten Seelenſturm. Rathen Sie, reichen Sie mir den Anker des Heils!“ Der Doctor combinirte, ſtill vor ſich hinſchauend, des Senators Ausſage mit dem Behaupten der Lainez, und be⸗ trachtete dieſen Zwiſchenfall als einen Fingerzeig aus hohen Wolken zur Erreichung des ihm aufgegebenen Zwecks. 20 „Eine ſeltſame Begebenheit!“ ſagte er bedächtig und ernſt: „der innigſten Prüfung werth. Es ſcheint, als ob in der Zukunft Unheil brüte, als ob der Geiſt des Abgeſchiede⸗ nen, der Ihre Tochter lieb gewonnen hatte, dieſelbe zu retten, ſeinen Wohnort verlaſſen, ein nothwendiger, warnender Helfer!“ Der Senator nickte ſtumm mit dem Kopfe.„Was würden Sie an meiner Statt thun, ehrwürdiger Mann?“ fragte er. Der Doktor zuckte die Achſeln.„Fragen Sie lieber,“ ſprach er,„was ich vor jener bedeutungsvollen Erſcheinung gethan haben würde. Ich hätte meine Tochter nicht mit dem Amerikaner verlobt. Dieſe Leute ſind Ihnen verderblich. Mit dem Vater zog ein bedauerliches Unheil in Ihre Wohnung. Der Sohn wird nicht viel Beſſeres bringen. Nennen Sie dieſes Vorurtheil. So wie es in der Natur Elemente gibt, die ſich ewig Widerpart halten, ſo verflicht das Schickſal öf⸗ ters gewiſſe Menſchen in gegenſeitige Feindſeligkeit, ohne daß ſie es ahnen. Wenn wir annehmen, daß mancher Tag, manche Stunde wichtiger iſt, als die übrigen,— warum nicht auch ein Menſchenloos vor dem andern? Ich hätte Ju⸗ ſtinen dem jungen Manne nicht verſprochen, nicht dieſes Ein⸗ ſchreiten einer unbekannten Macht herbeigerufen!“ „Ich war ſo heiter geworden;“ verſetzte der Senator:„ich ſah eine furchtbare Wildniß, die mich entſetzt hatte, plötzlich geebnet. Sie wiſſen es: wir hatten uns zu offenem und heimlichem Krieg gegen den gefürchteten Gaſt gerüſtet. Statt des Zürnenden, Argwöhniſchen erſchien jedoch ein Friedens⸗ engel; ein Johannes an milder Güte und Vertrauen. Ich konnte ihm die Tochter nicht weigern.. ich mochte es nicht,“ ſetzte Müſſinger ſtockend bei,„um oben den Schatten des Vaters zu verſöhnen.“ 7¹ „Unglücklicher!“ ſagte der Doctor mißbilligend:„Kaum in den Schooß der wahren Kirche aufgenommen, verkennen Sie deren Wohlthaten? War nicht ſchon jede Sünde von Ihnen gewichen durch meine Abſolution? Bedurften Sie noch eines Sühngedankens, der an heidniſchen Irrthum gränzt? Mehr noch Herr Senator: dieſer Vorſatz iſt ein Verbrechen gegen die liebende Allmutter unſerer gottſeligen Heerde. Sie wer⸗ fen durch die Verbindung mit dem Proteſtanten Ihre Tochter in den Pfuhl der Verdammniß, ſtatt ſich Ihrer väterlichen Gewalt zu bedienen, ſanft und ernſt die Unbekehrte auf den Pfad des Heils zu bringen!“ entſchloſſen:„ich bin zum Bekehrer verdorben. Mein Kind wandle ſeinen Weg unter der Obhut des allbarmherzigen Vaters. Iſt es deſſen Wille, ſo wird meine Tochter ſelig werden— ſo wird ſie zum wahren Hirten gelangen; ſo Gott will, ohne, wie ich, von einem grauſamen Zuſammentreffen aller Schreckniſſe zu einem Uebertritt gezwungen zu werden, den ich... Er ſchwieg plötzlich. Der Doctor ergänzte mit ſtrafendem Blicke,„den ich jetzt ſchon von Herzen bereue. Sprechen Sie es nur aus. Ihre Verhältniſſe haben ſich ja ſo geſtaltet, daß, was Sie gethan, ganz unnöthig war. Sie bedurften der Losſprechung nicht, weil der Sohn des Todten Ihnen freundlich entgegentrat; Sie bedurften meines Rathes nicht, weil er Ihnen ſogar die Gelder ſchenkte, vor deren Rück⸗ zahlung Ihre Oekonomie, vor deren Bewahrung Ihr zartes Gewiſſen ſchauderte. Sie bedurften meiner Hülfe gegen den Feind nicht, weil ſich dieſer ſelbſt in Ihre Hände lieferte. Ihr Uebertritt war zwecklos. Sie wünſchten ihn ungeſchehen 72 zu machen; beinahe wünſchte ich es auch, weil Sie meine Theilnahme und mein Vertrauen auf eine unwürdige Weiſe mißbraucht haben.“ „Hochwürdiger Herr.. „Ich gehe von ihnen; no Bedenken Sie jedoch, daß, indem ich auf immer von Ihnen ſcheide, mein Segens⸗ und Löſeſpruch zu nichte wird. Sie werden in Ihre Irrthümer, in Ihre Zweifel, in Ihre Gewiſſensqualen zurückfallen; eine Beute der mahnenden Geiſterwelt werden, Ihre Tochter mit Ihnen in's Verderben reißen, und, ſtatt einſt mit Elara ver⸗ eint, himmliſche Wonne zu genießen, in Ohnmacht und Pein vergehen, weil Ihr Ohr taub geblieben,— weil Sie die irdiſchen Stimmen und die Stimmen von Jenſeits 6 ge⸗ hört!“ „Ach! welch' ein Abgrund von Troſtloſigkeit und Furcht!“ klagte der Senator, den Doctor, der zu gehen Miene machte, zurückhaltend:„Verlaſſen Sie mich nicht! rathen Sie mir; helfen Sie mir! Mich verläßt der Verſtand und Gott, wenn Sie von mir ſcheiden!“ „Wo bleibt Ihre Entſchloſſenheit, Herr Senator? Ihr unbiegſamer Charakter?“ „Ich bin nicht mehr Müſſinger;“ verſetzte der Senator tiefgebeugt;„ich kenne mich ſelbſt nicht mehr. Wenn Sie verlangen, will ich, wo möglich, alles zurücknehmen; aber... der Betrag jener Wechſel,.. wird Georg denſelben nicht fordern, wenn aus der Hochzeit nichts wird?“ „Sind denn die Wechſel nicht in Ihren Händen? Ich be⸗ vollmächtige Sie, zu beſchwören, daß Sie an Birsher, den Vater, das Geld gezahlt. Sie leiſten den Eid mit dem ſtill⸗ ſchweigenden Sinnesvorbehalt, daß Sie die Nothausflucht 73 auf dem Wege wieder ausgleichen wollen, den ich Ihnen be⸗ reits angegeben, und Alles iſt in völliger Richtigkeit; Ihr Heil bewahrt.“ Der Senator ſtand entſchloſſen aber unzufrieden auf, und entließ mit den Zeichen einer völligen Sinnesänderung den Doctor, an welchem Juſtine haſtig und kalt grüßend vorüber zum Vater ging. „Verhüten Sie doch Unheil, beſter Vater;“ ſagte ſie ſchnell und mit Thränen des Unmuths in den Augen:„Erklären Sie ſich gegen die Mutter. Sie räumt ihre koſtbarſten Sa⸗ chen zuſammen,— ſie verſchließt ihre Schränke,— ſie will heute Abend das Haus verlaſſen. Welch' eine Schande für uns, wenn das geſchieht! Reden Sie mit ihr, und ein grau⸗ ſames Mißverſtändniß wird ſich heben!“ Des Senators bleiches Geſicht verwandelte ſich in ein zornrothes. Erſchrocken und verletzt zugleich eilte er, dem Juſtine zuredend und ermahnend folgte, dem Gemach ſeines Weibes zu. Jacobine war gerade beſchäftigt, aus Schub⸗ fächern und Commoden ihre Kleider, ihre Wäſche zu nehmen, und die ungeheuern Schränke damit anzufüllen, die ſie, voll von ihrer Ausſteuer einſt in's Haus gebracht. Sie zuckte et⸗ was zuſammen, als ſie den Senator wahrnahm, ließ ſich je⸗ doch nicht ſtören, drehte ihm den Rücken, und kramte, ohne ein Wort zu reden, weiter ſort. Auf die dreimal und immer heftiger wiederholte Frage des Gatten:„Jakobine! Was machſt Du da?“ antwortete ſie endlich, der Anrede überdrüſſig, kurz und verächtlich: „Du ſiehſts.“ „Du packſt ein?“ „Ja.“ 74 „Warum?“ „Ich gehe fort; heute noch.“ „Jacobine! von Deinem Ehemanne? aus Deinem Hauſe? von Deinem Kinde?“ „Iſt Juſtine ein brav Mädchen, ſo geht ſie mit. Wo nicht, deſto ſchlimmer für ſie.“ „Liebloſe! Blödſinnige!“ donnerte Müſſinger, kaum ſeiner mächtig:„Wiegelſt Du wieder mein Kind gegen mich auf? Was that ich Dir, Beſeſſene? Rede endlich!“ Die Senatorin ſchwieg in galligem Stumpfſinn. Juſtine, den bebenden Vater betrachtend, und Alles fürchtend, lief auf die Mutter zu, faßte deren Hände, und bat weich und flehend:„So reden Sie doch, Mutter. Beendigen Sie doch dieſen gräulichen Zwiſt. Juſtine bittet Sie herzlich darum!“ Die Senatvrin ſchob ſie heftig von ſich, und trieb ihre Geſchäfte weiter. Juſtine folgte ihr ins andere Zimmer, verſuchte noch ein Bittwort, und da auch dieſes nicht fruchtete, ſtellte ſie ſich der ausweichenden Mutter in den Weg, und ſagte mit geſchärftem Nachdruck:„Sie werden jetzo dem Aergerniß im Hauſe auf eine oder die andere Weiſe ein Ende machen, Mutter. Sie werden es, ſo wahr ich Juſtine heiße. Sollen die Dienſtleute noch mehr des ſchändlichen Geredes unter die Leute bringen? Soll mein— der Un⸗ ſchuldigen Wohl unter Ihrer übeln Laune leiden? Geben Sie jetzt noch nicht dem billigen Verlangen meines Herrn Vaters nach, ſo nenne ich Sie nie mehr meine Mutter!“ „Unglückskind!“ zürnte Jakobine:„hätte ich Dich nicht geboren!“ „O Du Rabenmutter!“ rief der Senator, der ihnen ge⸗ folgt war, und nun voll Wuth auf Jakobine zuging:„Biſt Du denn werth, daß Dich die Sonne beſcheint?“ Seine Hand ſuchte und fand das ſpaniſche Rohr am Kamin. Juſtine hielt ihn mit aller Kraft zurück. Die Senatorin jedoch, ohne die drohende Bewegung zu fürchten, ſtellte ſich ihm trotzig entgegen, und rief herausfordernd:„Nun, ſo komm' an! Schlage mich todt, wie den alten Birsher, deſſen Geſpenſt ſchauderlich im Hauſe herumgeht, und mit Dir, dem Schul⸗ digen, alle Unſchuldigen quält, daß ſie unmöglich ausdauern können!“ Wie Bildſäulen ſtanden der Senator vor dem Donner⸗ worte ſeines Weibes,— Juſtine vor dem Erſchrecken des Vaters. Er hatte die entſetzliche Entwicklung nicht geahnt. Juſtine hatte ſie geahnt,— aber nicht das Verſtummen des Beſchuldigten, den ihr Gemüth bisher frei geſprochen. Mit Mühe gewann Müſſinger ſeine Sinne wieder und die Sprache.„Laſſe mich mit dieſem Weibe, Deiner Mutter, allein!“ ſagte er mit erlöſchender Stimme, blaß wie der Tod, und winkte dem Mädchen, zu gehen. „O Du mein Herrgott!“ kreiſchte das Weib:„Er will mich mißhandeln!“ „Bleibe, tolles Weib!“ entgegnete der Senator, und zog ſie mit ſolcher Gewalt auf einen Seſſel nieder, daß ſie plötz⸗ lich verſtummte, ſich nicht mehr regte. Juſtine wich nun auf ein zweites Zeichen ihres Vaters der traurigen Scene aus, die ſich unter ihren Augen ent⸗ ſponnen hatte. In der Wohnſtube kam ihr Georg Birsher entgegen: freundlich, offen, ruhig wie geſtern. „Ich ſehe Sie gerne, liebe und gute Miß,“ ſagte er: „Ihr Anblick iſt mir ein Troſt vor dem traurigen Geſchäfte⸗ das mich erwartet. Die Commiſſarien des Gerichts werden 76 erſcheinen, und mir den Nachlaß des Vaters übergeben. Schenken Sie mir zuvor das Köſtlichere: Ihre Gewogenheit.“ „Ich habe nichts gegen Sie, Monſieur;“ verſetzte Juſtine, verlegen an der Schürze zupfend:„Was wird aber Ihnen an der Gewogenheit einer Jungfer, wie ich bin, liegen?“ „Viel; weil aus der Gewogenheit herzlichere Freund⸗ ſchaft werden kann. Sehen Sie, Miß: Als mein Vater ſagte: Georg! Du wirſt heirathen, und das Mädchen nehmen, das ich Dir beſtimme: ein deutſches wirthliches Mädchen, das mein Correſpondent ſehr lobt an Eigenſchaften und Vermögen!— Da dachte ich bei mir ſelbſt: In Gottes⸗ namen! Der Vater wills; aber ich kann's ſchon erwarten.— Als ich Europa betrat, und hörte, daß mein Vater geſtorben; dachte ich: Sein Verlobungswort lebt zwar noch. Wird es mir jedoch zurückgegeben, iſt mirs gleichviel.— Als ich aber hier ankam, in Ihr leuchtendes Auge ſah, und tief in Ihr Herz;— da wurde es anders. Seitdem denke ich: es würde ein Unglück für mich ſeyn, wenn ein ſolches Capital mir entginge. Ohne Umſchweife denn, meine werthe Jungfer! Ihr Herr Vater wird mit Ihnen geredet haben. Ich bin ein ehrlicher Mann, ſuche eine ehrliche Frau, und wünſche Sie an dieſe Stelle. Was antworten Sie hierauf?“ Juſtine ſah auf die Spitzen ihres Aermels, dann feſt und ſicher in Georgs feſtes und ſicheres Auge, und ſprach ohne Umſtände:„Was mein Herr Vater will, iſt mir, einer ge⸗ borſamen Tochter recht. Ich kann Sie, glaube ich, wohl leiden, mein Herr. Ich will mit Ihnen gehen, wenn Sie es wünſchen; als Ihr Weib und Ihre treueſte Freundin.“ Birsher verbeugte ſich ſehr erfreut, und verſetzte:„Wollten Sie mir nicht erlauben, holdſelige Braut, einen Kuß auf E? Ihre Wange drücken, und Ihnen ein Pfand dieſer Stunde verehren zu dürfen?“ Juſtine nickte freundlich, und duldete den verſchämten Kuß. Georg zog hierauf einen ſchlichten goldenen Reif vom Finger, ſteckte ihn an ihre Hand, und ſprach: „Amerikaniſch Gold, ächt und klar, wie amerikaniſche Treue! Der Brautſchmuck von braſilianiſchen Steinen, den mein Herr Vater Ihnen zugedacht, und den ich Ihnen bald überreichen werde dürfen, iſt zwar zehnmal ſchöner als dieſer Ring. Ich bilde mir jedoch ein, daß der Ring mehr Werth für Sie haben werde, weil er von mir kömmt, und nicht vom freiwerbenden Vater eines willenloſen Sohnes.“ „Sie charmiren mich durch das artige Präſent!“ verſicherte Juſtine lächelnd, und entfernte ſich mit dreimaliger Ver⸗ beugung, weil die Commiſſarien ſich hören ließen. Im Be⸗ griff, dem Vater dieſe Nachricht zu bringen, begegnete ſie ihm, der aus der Mutter Zimmer trat. Er ſchien gefaßt. Die Senatorin ſaß, wie die klaffende Thüre ſehen ließ, mit gefalteten Händen, ſtumpf brütend und niedergeſchlagen auf einem Stuhle. Juſtine wünſchte dem Vater ſchüchtern Glück, zur Beruhigung der Mutter. Die Albernheit hält in ihrem Kopfe offne Bank; ſagte der Senator eiskalt und verächtlich: Man muß ſie verblüffen, da mit Raiſon nicht anzukommen iſt. Ich habe ihr geſchworen, daß ich ſie als verrückt ins Irrenhaus bringen laſſe, wenn ſie noch einen Schwank macht, wie geſtern an dem tollen Teufelstage. Du ſtehſt mir dafür, daß ſie mittlerweile nicht aus dem Hauſe geht. Die Verläumder, die ihr ſolche Schandmücken in das Ohr geſetzt, will ich ſchon finden⸗ ſchon züchtigen. 78 Juſtine freute ſich der Ruhe ihres Vaters. Sie ſchien ihr ein Bürge ſeiner Schuldloſigkeit. Sie wollte ſeine Zufrieden⸗ heit erhöhen, und ſagte:„Sie werden mich loben, Herr Vater. Juſtine iſt gehorſam und eilig, Ihren Wünſchen zu entſprechen. Monſieur Birsher kam vor einer Viertelſtunde; er hat mit mir geredet; ich trage ſeinen Verlobungsring. Hier iſt er, lieber Vater!“ Des Senators Geſicht verzog ſich düſter und unwillig. „Warum dieſe Eile?“ braußte er auf:„Alles zur Unzeit! Das Donnerwetter ſoll... Welche Plage mit unbeſonnenen Weibern!“ „Mein Vater..“ fragte Juſtine ſcheu:„welche Aenderung? ſagten Sie nicht geſtern?... „Heute iſt nicht geſtern, und geſtern war nicht heute!“ verſetzte Müſſinger:„Der Ring muß zurück! Ich wills; ich befehle es Dir!“ „Sie befehlen mir Ungerechtigkeiten!“— ſagte Juſtine von kränkender Beſchämung gepeinigt:„was müßte Herr Birsher glauben? Ich will nicht als wahnſinnig ausgeſchrieen werden! beſinnen Sie ſich doch, mein Vater!“ „Ihr ſeyd wahnſinnig; Du und Deine Mutter!“ ant⸗ wortete ihr in der höchſten Aufregung der Senator, und rannte dahin, wo die Commiſſarien ſeiner warteten. Juſtine ſchlug ſtaunend die Hände zuſammen, fühlte ſich an die Stirne, um ſich zu überzeugen, daß ſie in der That wache und alles Vorige gehörthabe.— „Ich ſoll nicht fort?“ fragte ſie ſich ſchmerzhaft!„O nicht doch! fort nach Amerika, wenn das Leben daſelbſt hundert⸗ mal einförmiger wäre, denn hier! Fort! hinaus in die Ferne! hinaus nur aus dieſem Hauſe, in dem ſich alles 79 Unheil vereint, um uns ſammt und ſonders nach und nach um den Verſtand zu bringen, wie es uns ſchon um Herz und Gemüth und Sorgloſigkeit und Frieden brachte. Ich wollte ja lieber unter Fremden mein tägliches Brod verdienen, als es unter ſolcher Seelenangſt verzehren zu müſſen; ich wollte lieber. gleich einer Flüchtigen...“ Sie hielt inne.„Ei, die Lainez!“ fuhr ſie fort;„Wo bleibt die gute Frau, deren Umgang allein jetzv meinen Geiſt erheitern könnte? Sollte ſie, ihrem Pfande zum Trotz, wortbrüchig werden?... Sie zog langſam, zögernd und erröthend, das Medaillon der Lainez aus der Taſche, und trat, von jungfräulicher Scheu und Neugierde zugleich befallen, aus dem Vorſälchen der Mutter in einen kleinen Verſteck, kaum einen Kreuzſtock breit— ein Altänchen nach dem Hofe bildend, auf welchem eine Anzahl von Blumenſtöcken an Geländer und Wand hingereiht war, von freierer Luft heimgeſucht, und durch ein ſchirmendes Dach vor Sonnenhitze und Regen beſchützt. Dieſer Blumenwinkel am äußerſten Ende des Hauſes, ſtand mit dem, ebenfalls von Küche, Wohnſtube und Geſindzimmer entlegenen Vorſaale der Senatorin vermittelſt einer Thüre in Verbin⸗ dung, in der eine Drathvergitterte Glasſcheibe angebracht, vor welcher ein Vorhang befeſtigt war. In der Mitte der Blumentöpfe, auf einen leeren Fleck des Geſtells derſelben, kauerte ſich Juſtine nieder, und betrachtete, ſich zu zerſtreuen, und ihrem Vorwitze zu genügen, die Heiligenbilder der Lainez. Der heiligen Pulcheria wurde indeſſen kaum ein Blick ge⸗ ſchenkt; der ſchöne Sebaſtian feſſelte ihre Aufmerkſamkeit. Der Maler hatte in dem kleinen Bilde ein großes Stück geliefert, und der Beſchauer wußte nicht, was er vorzüglich daran preiſen ſollte: die männliche Formenſchönheit des Märty⸗ rers, die zu den Sinnen ſprach; oder die himmliſche Ver⸗ klärung, die ſowohl in ſeinem Geſichte, als auf ſeinen Gliedern lag, und jeder Sinnlichkeit wehrte,.. oder den magiſchen geheimnißvollen Farbenzauber, der aus den Blumen hervor⸗ ging, die aus den ſtürzenden Blutstropfen des Heiligen ſproßten; oder endlich das herrliche Schauſpiel des aufge⸗ ſchloſſenen Himmels, der ſeine Goldſtrahlen um das jugend⸗ lich ſchöne Haupt des Sterbenden legte,— aus deſſen Wolken⸗ kranze die heilige Mutter ſah, und der Heiland und ihre dienenden Engel! Juſtine konnte ſich nicht ſatt ſehen an dem lieblichen Meiſterwerke, und ſo oft eine ſeltſame innere Beklemmung ſie zwang, den Blick wegzuwenden, flugs kehrte er zu dem Bilde wieder zurück. Sie ſtellte es endlich, verſchämt und dennoch zu kleinem Frevel verſucht, in die Zweige einer jungen, grün und glänzend aufſproſſenden Myrthe. Sie dachte ſich den Altar hinzu,— nicht den violettbehangenen der Johanniskirche, ſondern den roth und weiß geſchmückten aus der Johanniterkapelle; die Kerzen und den Weihrauch, von denen die Lainez geſprochen. Das Bild jener heimlichen Meſſe geſellte ſich zu dem ganzen Begriff, und— ſiehe da! in blühende ſchmeichelnde Formen geſtaltete ſich vor dem Mädchen der römiſche verpönte Gottesdienſt, und es dachte bei ſich: die Mittagsländer mit ihren heitern Tempeln müßten doch ſchön ſeyn, wie ihr Kirchendienſt fröhlich; glänzend und begeiſternd, wie ihre Heiligenbilder zart, rührend und Ideal. Da wurde der ſchweigend überlegenden und prüfenden Jung⸗ frau plötzlich zu Muthe, als ſey Herr Georg Birsher an ihre Seite getreten, und frage ſie mit ſeiner ruhigen und 8¹ männlichen Stimme:„Wozu das alles, liebe Miß? Ich fürchte: was Sie da treiben, ſieht einer kleinen Sünde ähnlich auf ein Haar. Laſſen Sie den raſchbewegten Mit⸗ tagskindern ihren bunten luſtigen Schauſpieldienſt, und das Heer ihrer Heiligen und Seligen, zu denen man betet. Ihr wandelbarer Geiſt verlangt einen Blumenflor, auf dem er flattere und wühle, und ſchaue und genieße wie die Biene; denn der Süden zeugt raſches Blut und glühende Sinne. Bleiben Sie jedoch, gute Miß, in der Bahn des Nordens, des gemüthreichen, lang und beſtändig Empfindenden, zu⸗ frieden mit einem Gotte, mit einem treuen Herzen. Und dieſes Herz— bin ich gleich nicht ſchön wie der Pfeildurch⸗ bohrte Sebaſtian,— nicht Theilnahme erregend, wie ein Anderer, der mir gefährlicher wäre, als der todte Heilige— dieſes treue Herz finden Sie in mir!“ Juſtinens Phantaſie hatte ihr eine ſo artige Täuſchung vorgemacht, daß ſie jetzt ſelbſt verwundert aufſah, ob Birs⸗ her wirklich zugegen. Nein! er war nicht da. Ihr Auge ſank zu Boden, aber ihr Ohr wurde von einem kreiſchenden Schrei erreicht, von der Mutter Stimme.„Das Geſpenſt!“ flüſterte ſie erſchreckend, und hob mechaniſch obgleich ſchau⸗ dernd den Vorhang von dem Thürfenſterchen. Der Mutter Zimmer war offen; auf dem Sofa lag Jacobine, wie von Convulſionen durchſchauert; über den Vorſaal nach der Aus⸗ gangsthüre ſchlurfte langſam eine weiße Geſtalt. Vom Schrecken zu einer heldenmüthigen Entſchloſſenheit übergehend, ſprang Juſtine aus ihrem Verſteck, eilte der ſchnell ſich fort⸗ bewegenden Geſtalt, die dieſe Dazwiſchenkunft nicht vermuthet hatte, um ſo haſtiger nach, faßte auf das 8² fliegende weiße Gewand, und rief ihr wacker zu:„Halt! ergieb Dich! Du allzeit fertiges Geſpenſt!“ Dieſes Letztere hielt nicht, ſondern ließ den Oberrock in den Händen der tapfern Angreiferin; ein Mann entſprang dieſer Hülle, ließ Perücke und andern Ballaſt, der ihm zu beliebiger Ausſtopfung gedient hatte, feig im Stich, und floh, da von der großen Treppe, ſowohl der Senator, als mehrere Domeſtiken auf Jacobinens Geſchrei herbeikamen, eine ſchmale Wendelſtiege hinab, die zum Magazin und Brunnen des Hauſes führte. Der Geiſt rannte hier dem zu⸗ fällig herankommenden Berndt in die Hände. „Halt! wer biſt Du, Deſerteur?“ „Laß mich! Bruder Berndt! um Gottes willen!“ „Was? Dort oben ſchreit man nach Hülfe? und was gilt's? ich habe hier den Dieb? Halte ſtill; und komm'mit.“ „Kennſt Du mich denn nicht? Parbleu.. ſey kein Kind!“ „Eben deßhalb, guter Freund! Weil ich kein Kind bin, und weil ich Dich kenne, komm' mit. Deine Zwiſchenträgerei hat mich um den Dienſt gebracht; meine Unerbittlichkeit ſoll Dich zu Schanden machen, Du Baalsſohn!“ So ſanftmüthig auch Berndt dieſe Rede ſagte, ſo derb packten ſeine Fäuſte den Gegner, und trugen ihn beinahe in die Höhe. Juſtine, Senator und Geſinde empfingen den Ertappten, und führten ihn vor die Senatorin. Nachdem der Senator hierauf die Domeſtiken ertfernt hatte, um ihnen nicht die Vapeurs ſeiner Frau und die Schaam des entlarvten Geiſtes länger zum Schauſpiel zu geben, ſagte er zu Jaco⸗ bine:„Sieh hier das übernatürliche Weſen, das ſeit geſtern unſer Haus umzuwälzen ſich bemühte, das aus dem Grabe wiederkehrte, um Einſpruch in eine Hochzeit zu thun, die ihm 83 mißfiel, und denke daran, daß Deine Ungerechtigkeit gegen mich aus eben ſo nichtiger Quelle fließt.“ „Nothhaft!“ rief die Senatorin, plötzlich ihrer Krämpfe ver⸗ geſſend, und zornig aufſpringend:„Nothhaft! Er niederträch⸗ tiger Burſche! Was bedeutet die ſchändliche Maskerade? Man hätte den Tod davon haben können! Am hellen Tage zu ſpucken! Den Amerikaner wieder aufleben zu laſſen! Mei⸗ nen armen Kopf zu verwirren! Ich hoffe, daß Herr Senator Müſſinger Ihn exemplariſch zur Rechenſchaft wird ziehen laſſen! Auf dem Rathhauſe, vor allen Richtern und Volk!“ „Ich hoffe, daß der Herr Senator das unterlaſſen wer⸗ den;“entgegnete Nothhaft mit einem giftigen Drohblicke auf denſelben:„Was in dieſem Hauſe nur als ein unſchuldiger Jocus paſſirte, könnte am geeigneten Orte zum Ernſte wer⸗ den! und Ihre Beleidigungen, Frau Senatorin, muß ich mir eben ſo ernſtlich verbitten. Ich bin nicht mehr der Commis in Ihrem Hauſe; ich bin mein eigner Herr, und alle Tage fähig, einen Rathsherrn abzugeben, wie Ihr Herr Liebſter.“ „Ach Gott! das Läſtermaul!“ ſeufzte die Senatorin weiner⸗ lich und aufhetzend:„Ich zittere noch vor Schreck an allen Gliedern, und Er thut, als ob Er Fug und Recht gehabt hätte. Müſſinger! wenn Du das leideſt.....„Ein Wort, Herr Ex⸗Principal!“ ſagte Nothhaft unverſchämt, und zog den Senator bei Seite:„wir wollen uns nicht über die Gründe verbreiten, die mich zu der Vermummung beſtimmt haben. Ich thue Ihnen damit einen Gefallen, ſo wie ich den ganzen Plan zu Ihrem Beſten allein angelegt habe. Vor der Hand laſſe ich Ihnen noch die Wahl, mich als Schwie⸗ gerſohn anzunehmen, und den dem Hauſe zu weiſen, oder verſichert zu ſeyn, daß meine ſchonende Freundſchaft für Sie ein Ende erreichen wird.“ „Er iſt ein ſchlechter Menſch!“ polterte der Senator hitzig: „was werde ich auf ſeine elenden Drohungen geben? Packe Er ſich aus meinem Hauſe! Ich habe Nichts mit Ihm gemein. Setze Er ſich in ſeine Heimath hin, und rathe und verkaufe und ſpucke Er fort ſo viel als Er will. Ich warne Ihn⸗ ſich ferner hier betreten zu laſſen. Ich würde ſonſt meine Anklage bei dem Polizeiaufſichter anbringen müſſen, während ich jetzt noch den Scandal, den er verurſachte, mit Schweigen übergehen will.“ Nothhaft ſchnitt ein grimmig ſaures Geſicht.„Na!“ ſagte. er trotzig:„ich gehe, Herr Senator. Schreiben Sie das heutige Datum in's Kamin. Wiünſche allerſeits wohl zu leben. Und Sie, meine beſte Jungfer! bittet Sie nicht ein wenig um Pardon für mich, da ſie mich doch eigentlich in die ſaubere Patſche verſetzt hat?“ „Ich freue mich, Monſieur, Ihn ertappt zu haben, während ſich Männer vor dem Popanz fürchteten;“ verſetzte Juſtine ſpöttiſch:„ich bin recht vergnügt, daß nun auch die ganze Stadt von Ihm glauben wird, was ich ſchon längſt von Ihm behauptete: daß Er eine bösartige Kröte iſt, und damit Punktum. „Damit noch nicht Punktum!“ erwiederte Nothhaft frech und ergrimmt:„ich werde die Ehre haben, ſo Gott will, ein Weiteres von mir vernehmen zu laſſen. Er aber, Mosje Berndt! Er wahre ſeine Ohren! Gott befohlen!“ „Du ruchloſes Höllenkind!“ rief Berndt dem Davoneilenden nach:„der leidige Gott ſey bei uns muß wenigſtens Dein Großvater geweſen ſeyn!“ Der Senator hatte indeſſen ſeine Parthie genommen. Die alte Energie ſchien in den Mann zurückgekehrt zu ſeyn. „Keine unnöthige Betbruderei!“ ſagte er ſcharf, aber freund⸗ lich zu dem Augenverdreher:„wir müſſen vor der Natter auf der Hut ſeyn. Seh' Er nach, daß der Bengel ſeine Effekten noch in dieſer Stunde aus dem Hauſe ſchaffe. Dann laufe Er, und zeige Er auf der Börſe an, daß Nothhaft nicht mehr in meinen Dienſten ſteht. Laſſe Er merken, daß er mit Schimpf und Schande aus dem Hauſe kömmt. Aber von der Geſpenſtergeſchichte kein Wort. Sonſt bleibt's beim Quartalabſchied. Unterdeſſen bedanke ich mich bei Ihm ſchönſtens.“ Berndt eilte, vergnügt über ſeine geſicherte Exiſtenz, den Befehlen des Principals zu genügen. Der Senator wendete ſich zu Juſtine:„Dir, mein Mädchen, danke ich in's Beſon⸗ dere. Dein Muth hat uns die Augen geöffnet. Der Burſche wußte, mit wem er's zu thun hatte. Zu mir kam er in der melancholiſchen Nacht,— meiner leichtgläubigen, ſchreckbaren Frau erſchien er am Mittage,— wahrſcheinlich, weil das Geſpenſt am Abend nicht durch die verſchloſſene Thüre drin⸗ gen konnte. Auf den Aberglauben der Dienſtleute konnte er's bei Tage wie bei Nacht wagen. Allein zu Juſtine kam er nicht. Er hat das Mädchen mit Recht gefürchtet. Mir bleibt jetzo noch Einiges zu thun. Meine Gegenwart iſt im Hauſe entbehrlich. Ich war bei Eröffnung der Schränke. Man hat ſich überzeugt, daß alle Siegel unverletzt geblieben. Ich will ausgehen, Juſtine! meinen Hut, meinen braunen Rock mit der ſchmalen Stickerei. Den Mantel, den Degen! Ich muß zum zweiten Bürgermeiſter gehen. Der Kerl von Nothhaft muß aus der Stadt, ehe die Sonne untergeht, ehe 86 er mir Stänkereien macht; ich fürchte, der Burſche hat tau⸗ ſend Kniffe im Kopfe.— Ich werde auch dem Steuercom⸗ miſſär meinen Beſuch machen. Ich werde ihn ernſtlich wegen des Geſchwätzes ſeiner Frau bedrohen. Beruhige Dich, Ja⸗ cobine! Du ſahſt, daß der Geiſt des Verſtorbenen eine Poſſe war. Du wirſt einſehen, daß die Commiſſärin in dem, was ſie Dir auf dem Ritterhofe vertraute, eine Lüge geſagt hat.“ „Das gebe Gott!“ entgegnete die Senatorin phlegmatiſch und die Hände in dem Schvoß faltend: ich reiße mich nicht gerne aus meiner Ruhe, und verlaſſe nicht mit Plaiſir dieſes Haus. Aber, wann Du in der That ein ſo ſchlechter Menſch wärſt, wie die Leute ſagen. „Schweig!“ unterbrach ſie der Senator finſter, denn Ju⸗ ſtine kam mit Rock, Mantel, Hut und Degen. Während Müſſinger ſich in den Interimsſtaat der Rathsherren warf⸗ kam auch Georg Birsher hinzu.„Ich komme, Ihnen für die Bewahrung meines Eigenthums zu danken;“ ſagte er zu dem Senator:„welche Gerüchte haben ſich jedoch zu meinem Ohr gefunden? Meines Vaters Geiſt ſoll ſich gezeigt, und ſich endlich, von einer muthigen Amazone ergriffen, in einen Ladenſchwengel verwandelt haben?“ „Dummes Zeug!“ erwiederte der Senator verdrüßlich: „das Domeſtikenvolk hat doch tauſend Zungen. Beruhigen fich Ew. Edeln. Es war ein einfältiger Nebenbuhlerſtreich.“ „So?“ verſetzte Birsher lächelnd:„die Bosheit ſcheiterte ſicherlich an Ihrem Ringe, beſte Jungfer Braut. Die Wil⸗ den meines Vaterlandes beſchenken ſich mit ſolchen Talisma⸗ nen, und vielleicht iſt dieſer Ring ein ſolcher. Erlauben Sie, Verehrteſte, daß ich Ihren Heldenmuth und Ihre Treue mit dieſem Diamantſchmucke belohne, der freilich ſchon Ihr . Eigenthum iſt. Die Roſe von Edelſteinen, die ich eben⸗ falls in dieſes Käſtchen gelegt habe, bitte ich, Ihrer Frau Mama, meiner allerwertheſten Schwiegermutter, als ein dürf⸗ tiges Pfand meiner Ergebenheit zuzuſtellen.“ Er hielt dem Mädchen freundlich das geöffnete Etui hin, aus welchem ein Meer von Demantenglanz ſtrahlte. Die Senatorin zwinkerte lüſtern mit den Augen; Juſtine, ein weigerndes Compliment machend, las in dem Geſichte des Vaters, deſſen Sinnesänderung ſie beunruhigte. Der Se⸗ nator bemerkte ihre Verlegenheit, und fuhr raſch und leben⸗ dig dazwiſchen:„angenommen, meine Lochter!“ ſagte er freundlich und dringend:„alles geht wieder im rechten Gleiſe! Die Stimmen aus der Unterwelt haben gelogen, und im Uebrigen.... wrill ich ſchon fertig werden. Ew. Edeln werden alſo mein Schwiegerſohn!“ Die Senatorin hatte ſich der Diamanten bemächtigt, und bekräftigte des Mannes Wort mit einem tiefen verbindlichen Knix. Der Amerikaner umarmte den Senator, küßte der Senatorin beide Hände, der beruhigten Juſtine beide Wan⸗ gen und die Stirne. „Eine Bedingung indeſſen!“ fuhr der Senator zwiſchen beide Verlobte tretend fort:„ich trage an Sie, beſter Sohn und Handelsfreund, eine heilige Schuld ab, indem ich Ihnen mein Liebſtes gebe. Ich habe jedoch meine Gründe, warum ich die Heirath für's Erſte ganz geheim gehalten, und endlich in Bälde und Stille gefeiert wiſſen will, damit nicht ferner eine Albernheit dazwiſchen komme. Mein Buchhalter und—“ hier ſeufzte er—„Doctor Leupold ſchweigen wie beeidigte Männer. Knall und Fall! heute über acht Tage die 88 — Copulation in Liebkirchen; und dann, mein Brautpaar, zu Schiffe, und fort, in Gottes Namen! Jetzo aber Gott befohlen!“ „Wenn Juſtine Mein wird,“ ſagte Georg,„ſo bedarf ich keines Gepränges, und ſo wenig ich mir's nehmen laſſen werde, zu New⸗York mit einer hübſchen Frau groß zu thun⸗ ſo wenig dringe ich hier— in der fremden Stadt— auf dieſe Befriedigung meiner Eitelkeit. In 14 Tagen ungefähr geht ein holländiſches Schiff, das auf dem Texel liegt, nach Amerika unter Segel. Ich werde an van den Höcken ſchrei⸗ ben, daß er deſſen Cajüte für uns miethe. Bis dahin ſind wir zu Amſterdam und reiſefertig. Nicht wahr, Juſtine?“ Juſtine nickte ſtumm aber bewegt mit dem Kopfe. In der Senatorin Geſicht zeigte ſich ſogar ein flüchtiger Wehmuths⸗ ſchatten des Gedankens an Juſtinens Scheiden. Dem Se⸗ nator gingen die Augen über. Er drückte Allen haſtig die Hände, und entfernte ſich raſch, ſeinen Geſchäften nachzugehen. Das Herz wurde ihm leichter; er ſah Nothhafts Koffer von den Poackknechten nach dem Gaſthauſe ſchaffen. Sein Herz wurde ihm ſchwerer; der Doctor begegnete ihm bald hierauf. „Nun, mein verehrter Herr?“ fragte der Jeſuit zutraulich und forſchend:„Ihr Geſicht trägt das Gepräge eines freudigern Sinns? Gewiß haben Sie Ihren Entſchluß gefaßt, und ſind mit Ihrem Gewiſſen auf's Reine gekommen.“ „Das bin ich, hochwürdiger Herr;“ ſagte der Senator hier⸗ auf muthig, und zu der Waffe des Doppelſinnes greifend: ich werde in Bezug auf meine Tochter thun, was Recht iſt.“ „Dafür ſegne Sie Gott und der Dank Ihres Kindes!“ erwiederte der Doctor mit Salbung, und verließ den unge⸗ duldig Fortſchreitenden. Während dieſer zum Bürgermeiſter 89 wanderte, um bei demſelben gegen Nothhaft zu procediren, und hierauf den Steuercommiſſär aufſuchte, ihm zu ſagen, daß deſſen Weib ſich unterſtanden, gegen ſeine Ehefrau ſchänd⸗ liche Injurien und Calumnien über ihn an den Tag zu legen,— und dem Commiſſär zu drohen, im Wiederholungsfalle ſeine geſchärfte Klage vor den Gerichten anzubringen,— während deſſen traf der Doctor Leupold ſehr zufrieden mit dem Superior und dem Schiffskapitän auf der Mailbahn am Schwanen⸗ markte zuſammen. Der Kapitän war in ſeiner Uniform, der Superior als Quäcker gekleidet. Die Anhänger dieſer Secte waren dazumal ſelten zu ſchauen, und von dem Volke ſehr geehrt, weil die ſonderbare Einfachheit des Aeußeren Vieles von dem Innern hoffen ließ. Der Lakonismus dieſer Leute, die Gewohnheit derſelben, den Hut auf dem Kopfe zu behalten, ihre ſchmuckloſe Kleidung und ihr ſchulmeiſter⸗ licher Gang ſagten dem Superior als Larve vorzüglich zu, um darunter Tonſur und Prieſterſchritt zu verbergen. So zufrieden der Doctor zu den Herren trat, ſo unzufrieden waren dieſe gegenſeitig, wie Leupold bemerkte. Der Superior blickte ſehr vornehm und niederſchmetternd vor ſich hin. Der Kapitän ſah verdrüßlich aus, und ungeduldig mit dem Stocke in dem Sand ſtochernd, rief er den nahenden Doctor an, ſagend:„Sehr recht, mein würdiger Herr, daß Sie kommen. Der ſehr geehrte Herr und Freund zu meiner Seite hat mich außs Korn genommen, und will mir den Spiegel ſammt Maſt und Korb und Ragen mit einer Ladung zerſchmettern. Helfen Sie mir auf. Bezeugen Sie, daß ich der ehrlichſte niederländiſche Schiffskapitän bin, der jemals die See befuhr. Iſt es wahr, daß ich ſchmutzige Procente von meiner Fracht nehme? Iſt es wahr, daß ich Seelen⸗Verkäuferei und 90 Negerſpedition nebenbei betreibe, und ſomit meine Fracht an Qualität und Quantität in Gefahr ſetze und ſchmälere?“ „Ich habe keine Beweiſe dafürz“ verſetzte der Doctor:„die Correſpondenten melden bisweilen dergleichen, mein guter Herr Tormerpick, und wenn der ſehr ehrwürdige Herr an Eurer Seite daſſelbe behauptet, ſo muß er wohl genauer unterrichtet ſeyn!“ „Den Donner auch!“ ſagte Tormerpick mit galligem Ausdruck:„Es ſollen mich hunderttauſend Tonnen voll Teufel regieren, wenn es wahr iſt; ſo wahr ich Jahn Tor⸗ merpick heiße und mein Vater, der wackerſte Steuermann⸗ von einem Hai gefreſſen wurde; Gott habe ihn ſelig. Wahr iſt's, daß die Verläumdung am beſten Rufe am eifrigſten nagt, und ich will gar nicht läugnen, daß darauf hin meiner Redlichkeit mancher unpaſſende Antrag gemacht wurde. Wie ich ihn aber ſtets zurückgewieſen habe? Bei allen Signalen: dort läuft juſt einer, der mir geſtern Abends in der Schenke eine dito Eröffnung machte!“ Der Kapitän deutete auf Nothhaft, der in der Ferne quer über die Straße ging. Der Doctor lächelte, an ſeine Unter⸗ redung mit dem Menſchen gedenkend. Der Käpitän nahm's für ein ungläubiges Lächeln, und betheuerte ſeine Ausſage mit einem ſeemänniſchen Kraftworte. „Es waren ihrer zwei beiſammen;“ ſagte er ausführlicher: der Menſch dort— wie er mir ſagte: ein Ladenſchwengel aus einem vornehmen Hauſe allhier; und ein Anderer, ein Hamburger Ellenreiter, der von ſeinem Principal weggejagt worden ſeyn mußte ſo abgeriſſen und liederlich ſah er aus. Die Burſchen xten Bier und ſchwatzten von Hamburg, von dem Lot weiß Gott! wovon? Endlich ſchlief 91 der Hamburger, der am Meiſten geſchrieen hatte, ein, und der Andere kam auf mich zu, und erzählte mir von einem jungen engliſchen Rindfleiſcheſſer, deſſen er gern gerathen möchte, wenn ich demſelben eine Kommißbrodpfarrei zu Ba⸗ tavia verſchaffen wollte. Nunwiſſen Sie wohl, meine geehr⸗ ten Herren, daß man für einen achtzehnjährigen engliſchen Burſchen, der noch obendrein von guter Familie ſeyn ſoll, einen ordentlichen Batzen Handgeld bekömmt, und daß mancher Kapitän im Dienſte unſerer hochmögenden Herren eingeſchlagen haben würde,— wäre es nur aus Tück und Tort gegen die Hallunken von England, und weil ſogar die Transportkoſten bezahlt werden ſollten;— aber Kapitän Tormerpick hat den Werber derb heimgeſchickt, daß er nicht mehr anfragen ſoll!“ „Armer James!“ dachte der Doctor bei ſich, der nun den Zuſammenhang begriff; dann ſetzte er laut bei:„ich möchte Euch wahrhaftig nicht rathen, Kapitän, in den Handel ein⸗ zugehen. Ich kenne den bezeichneten Jüngling, und prophe⸗ zeie Euch ſchlechte Folgen, wenn Ihr Euch an demſelben vergreifen ſolltet.“ Der Kapitän machte ein ſehr langes und albernes Ge⸗ ſicht; der Superior ſetzte mit einem ſehr finſtern hinzu: „Ueberhaupt, Kapitän, gebe ich euch noch die Weiſung in den Kauf, in Zukunft Eure Tare, Zollliſten und Speſen billig einzurichten. Die Geſellſchaft möchte anſonſt leicht dazu bewogen werden, unter den holländiſchen Kapitänen einen Stellvertreter für Euch zu erwählen. Quod notandum!“ Tormerpick führte ſich mit verſchiedenen Gemeinplätzen und oberflächlichen Bereitwilligkeits⸗Verſicherungen ab. Der Superior ſandte ihm noch einige Anmerkungen nach, und 92 —— ſagte alsdann zu dem Doctor:„Pater Münzner! ich bin nicht ſehr mit Ihnen zufrieden. Sie ſehen dem Schiffs⸗ und Speditoren⸗Volk nicht genugſam auf die Finger. Sie ſchaden dadurch den Benefizdividenden unſerer Geſellſchaft; ſind auch zu nachſichtig gegen mangelhafte Zahler, ſind auch zu frei⸗ gebig gegen Arme. Ihr Almoſenbuch, das ich heute durch⸗ blätterte, ſtrotzt von Ausgaben aus Ihrer Kaſſa. Das geht nicht. Almoſengeben mit billigem Maaß und Ziel iſt nütz⸗ lich; es empfiehlt; es bindet. Die dieſem Zwecke entſprechende Quelle muß jedoch aus den Taſchen chriſtlicher Wohlthäter in den Sack der Armuth geleitet werden; nicht aus dem Vorrathe der Geſellſchaft, die nur verſtattet, größere Summen herzuleihen, welche doppelten und dreifachen Zins zu tragen verſprechen. Ich glaube, wir thun ohnehin ſchon genug an der Menſchheit. Nebenbei, mein lieber Pater, verſchwenden Sie Ihre Freigebigkeit an Unwürdige. Was ſoll zum Bei⸗ ſpiel die namhafte Unterſtützung bedeuten, die Sie einem Comödianten zugewendet haben? In der That,— wäre mir Ihr reiner Sittenwandel nicht bekannt, ich würde ver⸗ muthen, der Comödiant ſey im Beſitze eines hübſchen Weibes.“ Der Doctor, ſeinen Verdruß bezwingend, erzählte ſein Zuſammentreffen mit Litzach. Der Superior beruhigte ſich. „Ein Zögling der Geſellſchaft?“ ſagte er alsdann:„das iſt etwas Anderes. Das war ein Ehrenpunkt. Was ſoll aber mit dem liederlichen Subjecte werden? Er darf nicht faul⸗ lenzen. Man muß ihm Beſchäftigung geben. War er ein guter Akteur, ſo muß er in zwanzig Kleider paſſen. Ich werde darauf denken. Nun aber ein Weiteres, mein Bruder und Freund im Herrn. Sie ſind einer großen Lauheit im Bekeh⸗ rungsgeſchäfte angeklagt worden. Sie wollen nur diejenigen, 93 wie ich höre, in den Bund der Kirche aufnehmen, an welchen Ihr Gemüth einigen Theil nimmt. Sie haben ver⸗ ſchiedene Bekehrungen der Lainez getadelt, ſtehen ſich über⸗ haupt mit der artigen Wittib nicht zum Beſten. Nehmen Sie ſich in Acht. Die Lainez hat ſich bitter beſchwert. Sie wiſſen was die Perſon bei dem Provinzial gilt; Sie ſtellen ſich einer empfindlichen Demüthigung blos. Der Lainez darf Nichts geſchehen; weder von Ihnen, noch von dem jungen White, der ſie quasi verächtlich behandelt. Es iſt freilich, in Betreff des Provinzials, gut, daß der junge Menſch ſie nicht liebt, allein haſſen ſoll er ſie eben ſo wenig.— Kein Wort der Erwiederung, Pater Münzner! Wir ſind völlig über obige Punkte aufgeklärt worden, und es ſollte uns leid thun, Ihrer in unſerem Berichte nach Rom ungünſtig erwähnen zu müſſen. Den Provinzial hunc tu amice caveto! wie der Heide ſagt. Satis von obigem Gegenſtande. Ein Weiteres. Wie ſteht es mit dem Senator?“ „Wohl;“ verſicherte der Doctor mit freierer Bruſt:„Die projektirte Heirath wird in ſich ſelbſt zerfallen. Ein ſelt⸗ ſamer Geſpenſterglaube hat ſich in's Mittel geſchlagen, um—“ „Gleichviel;“ ſchaltete der Superior ein:„jedes Mittel taugt. Für's Erſte, natürlicher Weiſe, lehrt die Klugheit, alle Umſtände ſo zufällig als möglich zu combiniren; hilft aber der Alltagsgang zu Nichts, dann mögen ſpaniſche Flie⸗ gen angewendet werden. Ich habe der Lainez die Inſtruction gegeben, in dem Hauſe des Senators alle Minen anzuzün⸗ den, um das ſonderbare Gänschen von Tochter zu ſtimmen. Ich habe, im Namen der Geſellſchaft, eine wahre Paſſion auf ihr Vermögen.“ 94 „ „Zu Ihrem Troſte darf ich Ihnen alſo ſagen,“— verſetzte der Doctor, über des Vorgeſetzten heißhunrigen Geiz ſeufzend, „daß Juſtinens Vater mir ſein Wort gegeben, daß der Ameri⸗ kaner nicht ſein Schwiegerſohn werden ſoll.“ „Quod sufficit. Indeſſen geht die Zeit hin, und die Lainez wird ſchon das Uebrige thun.“ „Während Beide nun hingingen, völlig überzeugt, der Senator folge ihren Eingebungen unbedingt, fertigte dieſer einen Brief nach Liebkirchen an den Prediger ab, um die Hochzeit geheimnißvoll vorzubgreiten. Nothhaft ſchien von der Erde verſchwunden, und das Schweigen über die Hei⸗ rathsſache wurde vortrefflich ahrt. Die Senatorin, welche befürchtete, um der Geiſtergeſchichte willen ausgelacht zu werden, ſah ihre Muhmen nicht bei ſich. Die Männer beob⸗ achteten das Geheimniß unverbrüchlich. Juſtinens Zunge,— ſie konnte wohl ſonſt verſchweigen,— brach zuerſt das Siegel. Mit der Lainez, die in dem Hauſe eingezogen war, auf ihrem Zimmer arbeitend, und über die Geiſterhiſtorie lachend, ſagte ſie im Uebermuthe ihrer neu erwachenden Zufrieden⸗ heit: Mit der Entlarvung des Spucks kam Alles wieder in's Geleiſe, und dieſe Wäſche, an welcher wir arbeiten, meine Beſte, iſt mein Brautzeug. Ich werde Herrn Birshers Fran— Die Lainez erſchrack; faßte ſich, und erfuhr nach ein paar gleichgültigen Fragen auch das Nähere aus dem Munde der Braut. L Die unglücksprophetin.— Das Bild ihder Kapſel.— Gewitter im Braut⸗ ſtande.— Der Magiſter.— Morgenbeſuch bei der Braut.— Trauliche und bbſe Stunde.— Angſt des Senators.— Er und ſeine böſen Engel.— Das ſchreckliche Billet.— Todesſchrecken; übereiltes Ver⸗ ſprechen; liſtige Hülfe.— Seelenverkauf.— Birsher und Vothhaft.— Hiobspoſten.— Die Predigt mit Donner und Blitz.— Schande und Arreſt.— Wundergleiche Nettung.— Die Lainez erſcheint.— Der Thurm von St. Paul.— Hoffnung durch den Freund.— Der Balſam⸗ händler.— Zehn uhr.— Das Leben im Hauſe des Senators hatte ſich anders und beſſer geſtaltet. In den Familienvater war die Span⸗ nung und Kraft zurückgekehrt, die auf einen beſtimmten Zweck hin arbeitete: auf das Glück ſeines Kindes, auf ſeine eigene Beruhigung zugleich. Die Senatorin ſchien in die ehemalige Lebensweiſe zurückgetreten; apathiſch wie vordem, allein der begonnenen Feindſeligkeit gegen den Ehegatten entrathend. Juſtine war zufrieden. Sie begriff, daß Georg Birsher, wenn ſie ihn auch nicht mit jener Leidenſchaft liebte, welche das Ziel jugendlichen Sehnens iſt, nicht ermangeln würde, ihre billigen Anſprüche auf eheliches Glück zu erfüllen, und daß er geeignet ſey, mit ſeinem beſonnenen, ruhigen und klaren Weſen Hand in Hand mit ihr, der ſtarken, nicht an 96 —— Schwärmerei noch Idealen hängenden Jungfrau zu gehen. Ein Gedanke trug noch Vieles zu ihrer Beruhigung und Zufriedenheit bei. Sie fühlte in ihrem Innern⸗ daß ſie ſich als Opfer für irgend eine ungerechtigkeit, die ihr Vater an dem alten Birsher begangen⸗ hinzugeben habe; ſie fühlte, daß der Senator mit Verlangen ihrer Verbindung entgegen⸗ ſah: er hatte von einer heiligen Schuld geſprochen, und ſie war ſtolz darauf, die Zahlerin derſelben zu ſeyn. Die Be⸗ ſuche, die ihr Herr Georg Tag für Tag zweimal abſtattete⸗ machten ſie immer mehr und mehr mit den edeln Eigen⸗ ſchaften bekannt, deren ſich ſein Herz rühmen konnte, und wenn gleich Schüchternheit nd Convenienz ihr verboten⸗ dem Verlobten die volle Achtung zu zeigen, die ſein Benehmen ihr abzwang, ſo entſchädigte ſie ſich dafür in ihren Geſprächen mit der Lainez, die gutmüthig und freundlich dem Lobe zuhörte, das die Braut dem Bräutigam ſpendete, und ihr eine Theilnahme zeigte, welche die Mutter nicht äußerte, weil ſie dieſelbe nicht empfand. Unvermerkt nahmen indeſſen die Unterredungen eine andere Wendung. Die Lainez, ob⸗ gleich die Verbindung mit dem Amerikaner höchlich billigend, ſtimmte allgemach das Lob des ungebundenen feſſelloſen Le⸗ bens an. „Glauben Sie nicht,“ ſagte ſie einſt, da Juſtine ſich mißbilligend dagegen ausgeſprochen hatte,„daß ich den mindeſten Zweifel wider den Beruf hege, den der gute Herr Birsher verſpürt, Ihr Mann zu werden. Ich halte ihn für einen rechtſchaffenen Mannz; für denjenigen, der das Glück zu ſchätzen weiß, das ihm in Ihnen zu Theil wird. Aber,— beſte Mademoiſelle,— erlauben Sie, daß meine Erfahrung Sie nicht ungewarnt laſſe. Ich lebte in einer glücklichen — 97 Ehe, geliebt von einem jungen, ſchönen, mit Rang und Ehre begabten Manne; ich wurde von ihm auf den Händen getragen; aber dennoch fühlte ich oft recht ſchmerzlich den Verluſt meiner Freiheit. Die Gattin, der Gewalt des Mannes unterworfen, darf keinen Schritt mehr nach ihrem Kopfe thun; denn die Männer haben die Geſetze gemacht. Die Frau bleibt vor den Augen der Welt nichts mehr und nichts weniger als eine ledige Zugabe des Gatten, der ſie mit ſeiner Ehre bekleidet; eine trügende Sonne, die ihre Strahlen von dem Geſtirne, woran ſie geknüpft iſt, entlehnt, und untergehen muß, ſobald der Herrſcherſtern verliſcht, oder was nicht ſelten geſchieht,— eine abweichende Bahn zu beſchreiben für gut findet. Unvermählt, gibt Jugend und Schönheit uns einen Rang, auf welchen oft Fürſtinnen neidiſch herniederſehen; verheirathet, legen wir den Scepter der Reize nieder, um die Selavin eines— wenn auch geliebten— Herrn, unſrer Wirthſchaft, unſerer Kinder, unſers Rufs zu werden, und in Dunkelheit ein Leben zu en⸗ den, das oft ſo reizend, ſo vielverſprechend begann.“ „Ei, gute Frau, welche Reden?“ ſagte Juſtine verwundert und empfindlich:„Ihre Gedanken fliegen hoch. Ihre Prophe⸗ zeihung ſoll aber an mir zu Schanden werden. Halten Sie mich für das ſchwache Geſchöpf, das ſich unterjochen laſſen, oder Herrn Birsher für den Mann, der ſolche Erniedrigung begehren würde? Wenn,— verzeihen Sie mir,— der Kapitän Lainez, gewohnt, anderthalbhundert Menſchen mit Sack und Pack nach ſeinem Wort zu leiten, dieſe militäriſche Tyrannei in ſein Hausweſen übertrug,— ſo machen's die Herren vom Degen nicht anders. Ich ſoll jedoch die Aſſocise en Kaufmanns werden, die Gefährtin ſeines 0 — Glücks, nicht die Magd ſeiner Bequemlichkeit, und, wenn die Wagſchale einer gewiſſen Herrſchaft auf eine Seite ſchwanken ſollte, ſo müßte es die meinige ſeyn; darauf gebe ich Ihnen mein Wort.“ Die Lainez lächelte, zuckte die Achſeln.„Wir werden ja ſehen!“ ſagte ſie einſylbig.— Juſtinen genügte dieſes nicht. „Sie ſollen die Sache nicht unentſchieden laſſen;“ ſagte ſie lebhaft:„Sie müſſen ſich mir gefangen geben, oder mich gefangen nehmen. Mein Charakter iſt leicht zu erkennen, zu ergründen. Glauben Sie etwa, er paſſe, trotz ſeiner Gewohnheit, Alles durchzuſetzen, unter das Joch, deſſen Sie erwähnten?“— „Fürchten Sie ſich vor einem härtern, unerträglichernz“ entgegnete Lainez haſtig:„Sie gehen mit der Unbefangen⸗ heit,— ich möchte ſagen,— Unbeſonnenheit einer zuver⸗ ſichtlichen Jugend einem Bunde entgegen, zu welchem, wie Sie es auch läugnen wollen, das Herz, die Neigung, Sie nicht zieht. Sie werden blindlings die Frau eines Mannes, der Ihnen nicht mißfällt, den Sie aber auch nicht lieben. Dieſe Leidenſchaft bleibt jedoch nicht aus. Wehe Ihnen, wenn in Ihr beſchränktes, einförmiges Leben einſt der Mann tritt, der Ihre Gefühle mit Siegergewalt an ſich reißt; der es verſteht, Sie, die Unbewachte, zu bezwingen. Hätten Sie auch die Obergewalt in Ihrem Hauſe ereungen— vor dem Fremdling müßten Sie dieſelbe niederlegen!“ Juſtine ſah, bis unter die Haare erröthend, die Lainez ſtarr und verwundert an: verzog dann ſpöttiſch den Mund, und erwiederte:, Sie ſprechen Dinge aus, woran meine Seele bis jetzt noch nicht gedacht. Sollten auch dieſe zu Ihren Erfahrungen gehören? Sorgen Sie nicht für mich: die 99 Ehre iſt der Harniſch, der mich gegen den Verſucher wappnen ſoll.“— Die Wittwe verſtand ſehr wohl die rauhe Antwort; ſie erhob ſich ſchnell und gekränkt von ihrem Stuhle, ſchob die Arbeit von ſich, und trat an's Fenſter, Juſtinen ſtumm und beleidigt den Rücken kehrend. Das Mädchen bemerkte, ſchnell bereuend, den Eindruck, den ſeine Worte gemacht. Es näherte ſich— den Vorwurf fühlend, einen unglücklichen Gaſt gekränkt zu haben,— der Franzöſin. Zaudernd überlegte Juſtine, wie ſie wohl die Verletzte anzureden habe;— da gewahrte ſie, an dem Stuhle der Lainez niederblickend, ein Papier, das der Aufſtehenden entfallen war. Sie hob es auf, trat zu der Wittwe, und ſagte ihr freundlichernſt:„Hegen Sie keinen Groll gegen mich. Ich bedenke nicht lange, was ich ſagen will. Es that mir aber leid, Ihnen ſo unſanft geantwortet zu haben. Ver⸗ geben Sie, und nehmen Sie Ihren Platz wieder, wie dieſes Papier, das ſie verloren.“ „Sie ſind ein heftiges, liebes Kind;“ entgegnete die Lainez, und wendete die Augen voll Thränen der Reuigen zu:„Wer wollte Ihnen nicht vergeben?“ Sie umarmte da⸗ bei Juſtine, und drückte, zum erſten Male, Küſſe auf die Stirne, die Augen und den Mund des Mädchens, die wie Flammen brannten, und Flammen auf Juſtinens Antlitz riefen. Dann fuhr die Franzöſin, ruhig werdend, zu der Errötheten fort:„es iſt möglich, meine liebliche Freundin, daß ich mich, von Beſorgniß für Ihr Wohl ergriffen, mancher Ausdrücke bedient habe, die Sie auf den Argwohn führen konnten: es ſey mir darum zu thun, Ihren Geiſt, Ihr Herz in Unruhe zu verſetzen, und i Verſucher 100 ſelbſt zu ſpielen. Verbannen Sie dieſes Mißtrauen! Glauben Sie an meine harmloſe Zuneigung. Dieſes Papier, das Sie mir reichen, das mir entfiel, führt den Beweis für mich. Es ruht ſeit vorgeſtern in meiner Taſche, und ich zeigte es Ihnen nicht, um Ihre Ruhe nicht zu erſchüttern. Jetzt aber, da der Zufall es in Ihre Hände gegeben, da ich nun weiß, wie feſt Ihre Entſchlüſſe ſtehen, mögen Sie es eröffnen, und ſich von meiner Diskretivn überzeugen.“ Juſtine that neugierig und geſpannt, wie ihr die Lainez hieß. Bekannte Schriftzüge. Sie las dieſelben. Ihre Hand zitterte, aber ihr Auge, verrätheriſcher vielleicht, als ihre Hand, wich nicht von der Schrift, bis ſie zu Ende war. James, der aus Juſtinens Nähe verwieſene James ſchrieb: „Wie auch immer Ihre Geſinnung, Madame, ſich gegen mich entſchieden,— ich ſende Ihnen dieſe Zeilen: Saatkörner, die auf ein wirthliches Feld fallen mögen, wenn Gott es will. Sie leben, wie ich höre, bei Ihr! Sie wohnen in dem Paradieſe, aus dem mich leichte Schuld und eine allzu⸗ ſtrenge Tugend verbannt hat! Sie athmen Himmelsluft, und ich erſtickenden Nebel, der mein Glück mit dem Trauer⸗ flor eines ewigen Scheidens bedeckt. Wollen Sie, die Reiche im Schvoß der Seligkeit, dem Armen in dem Gefühle der Verzweiflung einen kühlenden Tropfen verſagen, daß ſeine brennende Lippe ſich labe? eine einzige Wohlthat, die Ihnen nur ein Wort der Fürſprache vor dem Throne der Gnade koſtet? Madame, Sie retten mich vom zeitlichen, wie vom ewigen Tode, wenn Sie mir mit einer Sylbe ſagen, daß Sie mir vergibt!“ Juſtine legte das Blatt auf den Tiſch, zog ihr Schnupf⸗ tuch hervor, und ging ſchnell in das Cabinet. Nach einigen —* 101 Augenblicken kehrte ſie wieder; ſie hatte geweint, aber die Thräne getrocknet; ihre Wange war blaß, aber ihr Gang ſicher. Sie ſagte zu der Lainez:„Nehmen Sie dieſen Brief wieder zu ſich; und erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken, daß Sie hart und grauſam handelten, indem Sie mir den Brief nicht mittheilten. Was beſorgten Sie für mich? Meine Bruſt iſt ruhig, völlig ruhig; ich verſichere es Ihnen. Aber das Gehirn des jungen Schwärmers, der von ſeiner trügeriſchen Gelaſſenheit völlig Abſchied genommen zu haben ſcheint, welche Marter hat er vielleicht in den paar Tagen ausgeſtanden— eine Antwort erſehnend, und keine erhaltend? Schreiben Sie ihm, gewiſſenhafte Frau. Sagen Sie ihm, daß ich verſöhnlich bin: unter der Bedingung, daß er vernünftig ſey, und ferner rechtſchaffen handle.—“ „Sie ſind ein Engel!“ erwiederte die Lainez mit vielem Aufwand von Affekt:„ich wagte nicht, hier Fürſprecherin zu ſeyn, und nun.. ja wahrlich: mein Brief wird Balſam für den Armen ſeyn. Gut indeſſen, daß er,— wie die Sachen abgeredet ſind,— nicht erfahren kann, daß, und wie bald ſchon Sie ſich vermählen. Welch ein Sturm auf ſeine heftigen Gefühle! Vernimmt er die Nachricht, nachdem ſich bereits Alles begeben, wird er ſie leichter tragen. Denn was einmal geſchehen. „Ich verſtehe Sie nicht;“ unterbrach ſie Juſtine, die Augen ſta rr auf die Arbeit geheftet:„Sie reden wieder in Räthſeln.“ „Ei, Mademviſelle:“ verſicherte die Lainez luſtig:„Ihr Scharffinn und Ihre Weiblichkeit wären mir ein Räthſel, wenn Sie nicht errathen hätten, daß der junge Vann ſterb⸗ lich in Sie verliebt iſt.“ „Madame Lainez!“ 102 „Mademviſelle Müſſinger! Sie werden abermals heftig und ungerecht. Ich will lieber ſchweigen.“ „Was halten Sie von Monſieur White?“ fragte Juſtine, nach einer langen Pauſe;„Sie kennen ihn, glaube ich, ge⸗ nauer.“ „Wie Elias ſeine Verſorger in der Wüſte. Er war mein Wohlthäter; kam und ging, je nachdem ſein Pflegevater meiner Armuth gedachte.“ „Dieſen Pflegevater,“ nahm Juſtine ſchnell das Wort auf:„dieſen Pflegevater— Sie kennen ihn?“ „Ich habe ihn nie geſehen.“ „Er war neulich ein Gaſt meines Vaters; der Doctor mit der großen Perücke war's.“ „So? hätte ich das gewußt! Und der edle Mann, der doch meinen Namen hörte, verrieth ſich gegen mich mit keiner Sylbe.. „Das war ſehr männlich und gut. Ich gäbe jedoch et⸗ was darum, könnte ich von dem Doctor etwas Näheres er⸗ fahren.“ „Welche Theilnahme! Wenn Sie es wünſchen, ſo ſoll Herr White uns morgen ſchon die nächſte Auskunft geben.“ „Welch' ein Gedanke! Monſieur White wäre der Letzte⸗ den ich zu dieſem Zwecke auffordern würde.“ „Ihre Gründe?“ „Mein Geheimniß.“ „Ich beſcheide mich. Wenn Sie jedoch an der Bereit⸗ willigkeit des jungen Herrn zweifeln ſollten, ſo bürge ich Ihnen, dieſem Briefe zufolge, dafür. Aus dieſen Zeilen ſpricht viel Hingebung. Ich bin überzeugt,— Ihnen zu Ge⸗ fallen— würde er ſich den Pfeilen einer amerikaniſchen 103 Horde mit ſo vielem Muthe ausſetzen, als der heilige Sebaſtian es that, um den Himmel zu gewinnen.“ „Velch' ein Gleichniß! Madame: Ihre Scherze ſind ſtumpfe Pfeile.“ „Eine Braut findet Alles langweilig. Uebrigens, meine gute Dame, werde ich wohl meinen armen Sebaſtian und die wunderſchöne verlaſſene Pulcheria nimmer zu ſehen be⸗ kommen? Finden Sie Geſchmack daran, meine Bilder zu be⸗ halten?“ „Warum nicht gar?“ verſetzte Juſtine ein bischen verle⸗ gen;„ich muß geſtehen, daß ich das Medaillon gänzlich ver⸗ geſſen habe.“ „Geben Sie es mir zurück.“ Juſtine ſuchte verlegen in den Taſchen.„Ich habe den Schlüſſel zu meinem Schranke verlegt. Ich werde ihn holen.“ Die Lainez lächelte.„Recht, meine Liebe,“ ſagte ſie:„brin⸗ gen Sie nur zugleich das Bild mit. Ich will Ihnen ſagen, wo es ſich beſindet. Sie haben es zwiſchen Myrthen aufge⸗ ſtellt, und ihm ein liebliches Tempelchen hergerichtet; trau⸗ lich, ungeſtört, denn Mama und Papa lieben die Blumen nicht ſonderlich, und der Wärterin dieſer Sommertöchter iſt es unverwehrt, dort im ſichern Pret ihren ſtillen Gottes⸗ dienſt zu halten.“ „Abſcheulich!“ rief Juſtine:„bin ich eine Götzendienerin? Auf der Stelle ſollen Sie das Bild haben, das ich in der That an jenem Platze vergeſſen habe.“— Sie eilte raſch davon, und brachte, etwas verdrüßlich und gereizt das Me⸗ daillon. „Hier, Madame, haben Sie ihr Pfand zurück.“ e 2 Die Lainez nahm es gleichmüthig, und ging damit zu einem Käſtchen, das ihre Papiere, und einige aus dem Sturme ihrer Verhältniſſe gerettete Angedenken einer beſſern Zeit ent⸗ hielt, und öffnete es. Während ſie ein Futteral hervorholte, in welches ſie das Medaillon verſchloß, und daſſelbe in die Chatouille niederlegte, ſagte ſie ſcherzend:„Es iſt gleich⸗ wohl beſſer geweſen, daß dieſes Bild unter jenen Myrthen⸗ ſträuchern und nicht an Ihrem Buſen vergeſſen wurde, Ma⸗ demoiſelle.“ „Wie ſo?“ „Hm! es ſoll eine Eigenſchaft beſitzen, die. „Und welche?“ „Die alle diejenigen, welche das Bild tragen⸗ zwingt⸗ katholiſch zu werden, oder es zu bleiben.“ „Welche Poſſe!“ „In der Kapſel liegt eine Reliquie des heiligen Kreuzes. Dieſe mag das Wunder wohl bewerkſtelligen. Aber die Wir⸗ kung ſoll unläugbar ſeyn. Darum wird es,“ ſetzte die Lainez ernſthafter hinzu,„beſſer ſeyn, wenn ich das Zauberbild nicht mehr am Halſe trage. Es möchte ſonſt aus meiner Bekeh⸗ rung zu Liebkirchen nichts werden.“ „Sie ſprechen etwas leichtfertig von der Wohlthat, wozu ich Ihnen verhelfen will, meine Schutzbefohlene. Um Sie von dem Aberglauben, wovon Sie ſprachen, zu heilen, wollte ich wohl dieſes Bild auf meiner Bruſt tragen, ſo lange Sie es begehren, ohne von dem thörichten Schwindel ergriffen zu werden, deſſen Sie erwähnten.“ „Es käme auf die Probe an;z“ ſagte die Lainez leichtſinnig: „hier iſt das Bild;“ ſie nahm es aus dem Käſichen:„ſammt 105 der geweihten Kapſel. Getrauen Sie ſich, das übermüthige Wort zu bewähren?“ „Geben Sie her!“ erwiederte Juſtine eben ſo leichtſinnig und trotzig:„ich verſpreche Ihnen ſogar, nicht einmal die Kapſel zu öffnen, und die Wunderkraft der Riliquie, wie die Neugierde zumal zu beſiegen: ein doppelter Triumph, der Sie von meiner Ausdauer überzeugen ſoll!“ „Recht ſo, meine kleine Heldin!“ rief die Lainez, und hing dem Mädchen das Bild um den Hals.„So reizend ſich nun wohl dieſes rabenſchwarze Sammetband auf dem pracht⸗ vollen Nacken ausnimmt,“ ſetzte die Schmeichlerin ſcherzend hinzu,„ſo wollen wir das Medaillon ſammt Band doch ſorgfältig unter dem Schleiertuche des Mieders verſtecken⸗ Mama könnte neugierig und ungehalten werden— erführe ſie den Scherz!“ Juſtine gab ihr Recht und ließ die Wittwe gewähren. Der bald darauf eintretende Bräutigam unterbrach das fer⸗ nere Geſpräch über obigen Gegenſtand. Die Lainez, um die Unterhaltung der Brautleute nicht zu ſtören, ging aus, und nach und nach verſammelten ſich der Senator und ſeine Frau in Juſtinens Stube. Die Mama belobte die feine Arbeit der Franzöſin, die Geſchicklichkeit, mit welcher dieſelbe die Spitzengarnitur angebracht; der Va⸗ ter pries die ſtille Anſpruchsloſigkeit der neuen Hausgenoſſinz Georg ſchüttelte jedoch den Kopf und ſagte:„Die Unglück⸗ liche, Heimathloſe verdient mein Mitleid und meine Achtung. WMWir iſt es jedoch angenehmer, daß ſie nach Berlin zieht, während ich und Juſtine nach Amerika ziehen. Franzöſiſche Nachbarſchaft thut weder der Deutſchen noch dem Engländer in die Länge gut. Mich freut es indeſſen, bei dieſer 106 Gelegenheit die Herzensgüte meiner tugendſamen Braut kennen gelernt zu haben. Wer ſich ſo freundlich einer Fremden, Hülfsbedürftigen anzuſchließen verſteht, wird den Verwandten nimmer fremd werden, den Gatten ſtets lieben, die Kinder ſtets ſorglich pflegen. Ich billige es auch ſehr, daß Sie, Herr und Frau Senatorin, dieſem Hang zum Wohlthun keinen Zwang entgegenſetzten.“ „Sie iſt das einzige Kind;“ ſagte der Senator lächelnd. „Sie thut immer, was ſie will;“ fügte Jacobine lang⸗ weilig hinzu:„wir ſind es ſchon an ihr gewöhnt, und es wäre nicht mit ihr auszukommen geweſen, hätten wir nicht die Landſtreicherin, von der Niemand das Geringſte weiß, im Hauſe geduldet. Freilich hat die Syndikuſſin ſie empfoh⸗ len, wie das Löchterchen ſagt; aber ihr Köpfchen hätte der Empfehlung nicht bedurft.“ Die Senatorin ſchwieg, von der langen Rede erſchöpft, und alle ſchwiegen mit ihr. Juſtine grollte über die ihr zu⸗ gefügte Beſchämung; der Senator über die geringe Lebens⸗ art ſeiner Frau; Georg überlegte, und ſinnend ruhte ſein Auge auf Juſtinen. „Sind Sie ſo herrſchſüchtig?“ fragte er plötzlich, und legte ſeine Hand auf Juſtinens arbeitende Rechte:„ſpricht Ihre Mutter wahr?“ „Monſieur. ſtammelte Juſtine nach einer Antwort ſuchend. „O gewiß,“ fuhr Georg offenherzig fort:„gewiß ſcherzte Ihre Mutter nur. In dieſen Angen, in dieſem Geſicht, das nur Ruhe und Feſtigkeit ausdrückt, ſuche ich vergebens nach Trotz und Eigenſinn. Nachgiebigkeit und Sanftmuth ſchmücken 107 ja die Frau. Durch dieſe Eigenſchaften regiert ſie den und erhält ihre Reize.“ „Sie predigen frühzeitig, mein Herr!“ verſetzte Juſtine, ihn ſcharf von der Seite anblickend. „Man verſtändigt ſich nie früh genug;“ ſagte er hierauf ohne Heftigkeit:„es iſt beſſer, ſich zuvor zu kennen. Unfer Brautſtand iſt kurz: wir können ihm nicht vertrauen. Wir ſind riskirende Kaufleute, ſchließen einen Handel auf Treu und Glauben, ohne Aſſekuranz. Seyn Sie daher offenherzig, wie ich, meine Liebe. Despotismus in der Ehe werde ich nicht tragen, der Launen Knecht nicht ſeyn. Ich biete Ihnen keine Eiſenketten. Wollen Sie mich damit binden? Sagen Sie mir's, damit wir Beide unſer Glück und unſere Freiheit retten.“ „Sie führen ſeltſame Diseurſe, worauf ich nicht antwor⸗ ten kannz“ antwortete Juſtine ſehr ſpitzig, erhob ſich und verließ mit ihrer Arbeit das Zimmer. Georg ſah die Zurückbleibenden verdüſtert und fragend an. Die Eltern ſchlugen beſchämt die Augen nieder.„Sehen Sie, mein Wertheſter,“ begann der Senator ſich räuſpernd:„das Frauenzimmer iſt hier zu Lande der Galanterien, die von den Wälſchen kommen, mehr gewöhnt, als der amerikani⸗ ſchen Freimüthigkeit. Ich möchte Ew. Edeln nicht das Con⸗ ſilium geben, auf dem durchgreifenden Tone zu beharren, ſintemalen das Kind noch in der Welt ſo fremd und uner⸗ fahren.. „Ich merke wohl, wo es hier fehlt;“ ſagte Birsher lä⸗ chelnd:„es thut jedoch nichts, wenn nur das Herz geſund und gutgeartet iſt. Sie wird ſich an meiner Faſſung, an meiner Aufrichtigkeit ein Beiſpiel nehmen, und alsdann die 108 Härten mildern, die ihr noch aus der früheren Jugend ankleben. Könnte ich das Gegentheil vorausſehen, ſo würde ich es, ſo weh mir es thäte, vorziehen, Ihnen, Herr Sena⸗ tor, Ihr Wort zurückzugeben.“ Der Senator erſchrack.„Ew. Edeln ſcherzen wohl;“ ſagte er, von dem Gewiſſen angeregt. „J nuz“ entgegnete Georg lächelnd:„wer weiß, ob Ju⸗ ſtine mir das Meinige nicht zurückzugeben gedenkt. Das arme Kind ging ſehr böſe von hier, und ſcheint eine hartnäckige Feindin zu ſeyn, wenn ſie den Krieg erklärte.“ Der Senator war verlegen. Die Senatorin verſetzte je⸗ doch ſehr ruhig und treffend:„Sorgen Sie nicht, geehrter Herr Schwiegerſohn. Juſtine ging nicht, ohne das Braut⸗ mieder, woran ſie arbeitet, mit ſich zu nehmen. Mit dieſem beſchäftigt, iſt's den Mädchen mit dem Groll nicht Ernſt.“ „Sie beruhigen mich, geehrteſte Frau;“ entgegnete Birs⸗ her:„ich hoffe wieder, will aber, da ich das Scharwenzeln um die Jungfern nicht leiden kann, auf Morgen die Ver⸗ ſöhnung verſchieben.“ Ein Weibel des Raths erſchien, und überbrachte dem Senator die Weiſung, am folgenden Tage Punkt neun Uhr auf dem Rathhauſe zu erſcheinen. „Iſt denn Morgen eine außerordentliche Sitzung?“ fragte Müſſ inger verwundert:„warum eine Stunde früher, als ſonſt?“ „Der wohlehrſame und weiſe Herr Senator ſollen zuvor vor Sr. Magniſicenz dem amtirenden Herr Burgermeiſter privatim vernommen werden;“ lautete die Antwort des ab, gehenden Rathsboten. Der Senator ſchwieg ſinnend und ſtaunend; die Senatorin wurde bald bleich bald roth, und 109 ſah ihren Mann ſcheu von der Seite an. Georg ſah ſich hier überflüſſig, und empfahl ſich, nicht minder gedankenvoll. Er begab ſich nach ſeinem Gaſthofe zurück. Die Reden der Senatorin, das Betragen der Braut, hatten auf den ge⸗ raden Mann einen gefährlichen Eindruck gemacht. Das Ideal häuslicher Glückſeligkeit, das er ſich in einſamen Stunden entworfen, das er an Juſtinens Seite zu finden gehofft, ſchien ihm plötzlich eben nur Ideal zu ſeyn und zu bleiben. So manche ſchielende Bemerkung, die er aus dem Munde der Gaſt⸗ wirthin über Juſtine ſowohl, als das Hausweſen des Sena⸗ tors überhaupt vernommen und bis jetzt überhört, gewann mit einem Male Gewicht und Bedeutung. Ein ſchmeichelnder Traum, der ſeine Sinne und ſein Urtheil umzogen, fiel ſtückweis vor ihm, der zu erwachen vermeinte, zuſammen. In großen Mißmuth verſunken, betrat er ſein Zimmer, und ſuchte an ſeinem Fenſter, das die Ausſicht auf die vom Abend⸗ ſtrahl beleuchtete unferne Mailbahn mit ihren Spaziergän⸗ gern gewährte, Unterhaltung, Zerſtreuung. Ein leiſes Klopfen an der Thüre erregte ſeine Aufmerkſamkeit, zog ſie von der Ausſicht ab. Auf ſein„Herein!“ kam demüthig grüßend und gebückt, ein ältlicher Mann mit kummervollen Zügen, in ſchwarzen Kleidern, mit einem ſchüchternen:„Gu⸗ ten Abend mein Herr!“ in das Zimmer. Georg hatte nicht ſo bald den unbekannten Beſuch mit dem Blicke gemeſſen, als er auch in ihm einen jener redu⸗ eirten Schullehrer oder grau gewordenen vacirenden Candi⸗ daten zu ſehen glaubte, die dazumal häufig von Stadt zu Stadt wanderten, ein ärmlich Stück Brod ſuchten, und ſowohl auf den Kanzleien, bei Pfarrern und Gutsbeſitzern, als auch in Gaſthäuſern bei wohlhabenden Fremden ein Viaticum zu 10 erbetteln pflegten. Der Amerikaner, dem ähnliche Figuren bereits in Deutſchland vorgekommen waren, griff mitleidig in die Weſtentaſche. Der Fremde verſtand dieſe Geberde, und eine verſagende Bewegung ſeines Kopfes und ſeiner Hand verrieth dem Freigebigen⸗ daß es hier auf ſeine Geld⸗ wohlthat nicht abgeſehen ſey. Er ließ daher die milde Hand ſinken, und fragte artig und zuvorkommend, was denn wohl zu den Dienſten des Schwarzgekleideten ſtehe. Der Mann richtete ſich beſſer empor, trat näher, und fragte mit einer ſehr weichen Stimme entgegen ob er die Ehre habe, mit Herrn Georg Birsher von New⸗York zu ſprechen.— „Ich bins; Herr. Ihr Anliegen?... „Iſt lediglich ein Anliegen, das ſich an Ihre Großmuth richtet. Ich frage nicht nach Ihrem Gelde, mein Herr; ich erkundige mich nur nach Ihrem Herzen.“— Birsher ſtaunte, und wies dem Fremden einen Seſſel. Der Mann ſetzte ſich und fuhr fort: „Man hat Sie als einen wackern, ſtreng rechtlichen Herrn geſchildert, der wenig Worte zu machen, aber deſto mehr zu handeln pflegt. Da habe ich den Muth gefaßt, Sie auf die Probe zu ſtellen.“— „Sonderbar! wie ſo?“ „Ich befand mich geſtern zu Liebkirchen; wohne eigentlich zu Faldern, und habe den Herrn Pfarrer und Inſpektor in erſterem Orte beſucht. Se. Ehrwürden, die gerne luſtig und guter Dinge ſind, und einen frohen Schmaus ſo ſehr lieben, als es ſich mit Ihrer Würde verträgt⸗ ſagten zu mir: Magiſter, wenn Sie ſich bene thun wollen,— ſo kommen Sie nächſten Dienſtag. Es gibt hier eine Copulation, die ſich fideliter endigen wird. Der Bräutigam iſt reich, der 1 Brautvater nicht minder, und luſtig obendrein. Ein ſplen⸗ dides Carmen von Ihrer Hand würde ſeinen Zweck nicht ver⸗ fehlen, und Ihnen ſilberne Früchte und Wein und Kuchen nach Herzensluſt eintragen.— Sie wiſſen vielleicht, mein Herr, daß wir ſtellenloſe Magiſter unſer Zeitliches ſauer und ſchmal zu verdienen haben, und daher Hochzeiten und Kind⸗ taufen nachziehen, wo ſich ſolche auch begeben. Ich freute mich daher und fragte nach den Namen des verehrteſten Brautpaars, damit ich ſolche in dem Epithalam gebührender Weiſe einfließen laſſen möchte. Da nannte mir der ehrwürdige Herr Inſpektor die Namen: Herr Georg Birsher, Kauf⸗ und Handelsmann aus New⸗York, und die tugendbelobte Jungfer Juſtine Müſſingerin, des Kaufherrn und Senators eheliche Tochter allhier. Ich ſtutzte zwar, verbarg jedoch dem Herrn Pfarrer mein Erſtaunen, habe mich indeſſen eiligſt auf den Weg gemacht, um, Verehrteſter, aus Ihrem Munde zu hören⸗ ob ſich wirklich die Sache alſo verhalte.“— „Der Herr Pfarrer, auch Inſpektor, iſt ein Schwätzer; Herr Magiſter. Er ſollte nicht plaudern. Da Sie jedoch einmal unterrichtet ſind, ſo mag ich's nicht läugnen, unter der Bedingung, daß Sie verſchwiegener ſind, und ein recht fröhliches Hochzeitlied liefern. Sie ſollen dann zufrieden ſeyn.“ „Zufrieden?“ ſagte der Magiſter, indem er ſeufzend und mit gefurchter Stirne aufſtand:„wie kann ich lächeln, da ich traurig bin? heißt es in irgend einem Pſalm. Zu dieſer Copulation kann ich kein Hochzeitcarmen fertigen.“— „So? Und warum nicht, wenn's beliebt?“ „Ich will lieber ein Leichengedicht machen, und einen Sarg beſtellen.—“ „Herr! Sie ſind ohne Zweifel im Kopfe nicht geſund.“ 112 „Doch; doch, Verehrteſter. Allein ein Menſch, der mir nahe angehört, ſteht am Rande des Wahnſinns, am Rande des Grabes; und er taumelt hinein, ſobald der Inſpektor zu Ihrer Trauung läuten läßt.—“ Dem Bräutigam wurde immer unheimlicher zu Muthe. Er ſtarrte den ſeltſamen Magiſter an, rieb ſich die Hände,— faßte ſich nun gewaltſam, und verſetzte:„erklären Sie ſich, Herr. Ich bin kein Kind, ſondern ein Mann, mit dem ſich das ernſteſte Wort deutlich und ohne Umſchweif reden läßt. Von welchem Menſchen ſprechen Sie, und welchen Bezug hat meine Ehe auf denſelben?“ „So hören Sie. Mein ehemaliger Zögling, der junge hoffnungsvolle Mann, ein Engländer von Geburt,— ein Baronet— unglücklich, aber brav— liebt— liebt Dero Jungfer Braut.“ „So? das thut mir leid um meines Landsmanns willen. Er laſſe ſich indeſſen die Thorheit vergehen. Wo nicht An⸗ ſprüche ſind, gilt die einſeitige Leidenſchaft nichts.“ „Keine Anſprüche? Ach, er hat die gültigſten; denn Jung⸗ fer Juſtine hat ihm ihr Herz geſchenkt.—“ „Herr!“ fuhr Georg auf. „Er war ihr Lehrer; Amor miſchte ſich in's Spiel. Ein Verſtändniß erwuchs. Der Vater ſchlug es nieder. Daher ohne Zweifel das Geheimniß, worein er dieſe Hochzeit ver⸗ ſchleiern will.—“ „Wahrlich; ich befinne mich, von einem jungen Engländer gehört zu haben— aber— Juſtinens Unbefangenheit....“ „Ihre Neigung unterwarf ſich dem ſtrengen Willen des Herrn Senators. Es iſt aber nur Aſche über die Glut ge⸗ deckt. In der letzten Zuſammenkunft der jungen Leute... 113 — „Zuſammenkünfte? Schöne Entdeckungen!“ „Sollte Abſchied genommen werden; aber Jungfer Juſtine wollte nichts davon wiſſen. Sie ermuthigte meinen James, ihr binnen einer gewiſſen Zeit nach Amerika zu folgen.“ „Wahrhaftig?“ „Dieſer Vorſchlag war der eines heftigen unbeſonnenen Mädchens. Mein Zögling verwarf ihn. Glaubſt Du,“ ſagte er,„daß ich einen Landsmann, einen wackern Herrn, wie Herr Birsher iſt, hintergehen möchte? Lieber ſterbe ich, hier zurückbleibend, vor Gram.“— „Sieh doch! Der Landsmann hat mehr Ehrgefühl, als die Jungfer Braut.“ „Die Jungfer bereute auch alsbald, und weinte, und letzte ſich mit dem Freunde. Ich wußte von Allem nichts. Der Jüngling hatte mir Alles verſchwiegen. Seine Liebe hatte ich jedoch gemerkt. Darum kam ich zur Stadt, zu erfahren, ob er wohl wiſſe, was ſich zu Liebkirchen begeben ſolle. Da geſtand er mir Alles, und weinte und verzweifelte, und ich fürchte: er thut ſich ein Leides.“— „Nein, nein! das ſoll der Landsmann nicht. Was wollten Sie aber eigentlich bei mir?“ „Ich komme ohne Vorwiſſen meines James. Ich wollte Ihnen Alles entdecken, und Ihre Großmuth fragen, ob ſie es über ſich gewinnen kann, zwei Menſchen unglückich zu machen, die ſich lieben? ein kaltes Herz an ſich zu bin⸗ den?“— „Wahrlich! das will und werde ich nicht. Eine heuchelnde Gattin, die ſich nach einem fernen Freunde ſehnt? Nimmer⸗ mehr. Einen Nebenbuhler, der ſich eine Kugel vor den Kopf III. 2. 8 ſchießt, und meine Frau zur Grube welken macht? Gott be⸗ hüte mich vor ſolchem Verdruß und Jammer!“— „Gott lohne Ihnen dieſen Entſchluß!“— rief der Magiſter gefühlvoll, und führte ihn an das Fenſter:„ſehen Sie auf jener Bank den blaſſen jungen Mann, der tiefſinnig vor ſich nieder ſieht? Er ahnt nicht, daß hier von ihm geredet wird, aber das tiefe Weh, das ſeine Bruſt empfindet, läßt ihn auch Alles um ihn her vergeſſen. Das iſt James. Ueber ſein Leben haben Sie nun zu entſcheiden.“— „Ein anſprechendes Geſicht!“ verſetzte Georg, mitleidig herniederblickend;„wenn ich nun aber Ihrer Zuverſicht auf meine Rechtlichkeit entſpreche, und dem Glück, das ich ge⸗ träumt, entſage? was wird es dem jungen Unbemittelten nützen? der Senator wird nicht zu bewegen ſeyn.“ „Was wäre der ausdauernden Liebe unmöglich?“ fragte der Magiſter:„ſie bändigt Löwenbrut; warum nicht ein zur glücklichen Stunde überraſchtes Vaterherz?“ „Ei, Herr Magiſter! Sie ſcheinen die Liebe ſtudirt zu haben!“ ſagte Georg Birsher gedankenvoll lächelnd:„Ihre Beredtſamkeit überzeugt jedoch den ſoliden Geſchäftsmann nicht. Wo iſt die Caution für Ihre Ausſage? Sie ſind der Magiſter.. „Liebhold aus Faldern.“ „Ganz recht. Ihr Zögling iſt in meine Braut verliebt. Woher der Beweis, daß ihn meine Braut wieder liebt? Frage ich gerade und offen wie ein Mann, ſo erröthet ſie wohl, und läugnet nachher, des Vaters Zorn fürchtend, in den ſie ſich gehorſam gefügt. Der Vater wird mir, rede ich mit ihm, die Sache als eine jugendliche Thorheit ſchildern, und ich führe mißtrauiſch, aber dennoch beim Wort gehalten⸗ einen trügeriſchen Handel aus. Von der andern Seite kann 1¹⁵ aber Alles nur Trug ſeyn. Man hat ſchon eine gewiſſe Comödie auf meine und eines Verſtorbenen Rechnung ver⸗ ſucht. Wer weiß, ob Sie, Herr Magiſter, nicht ein Fuchs ſind, der mich irre leiten ſoll? der Urheber eines neuen Poſſenſpiels, mir Luſt und Neigung zur Ehe zu rauben?“ Der Magiſter bückte ſich ergebenſt.—„Ich habe wie ein Menſch zum Menſchen geſprochen;“ ſagte er mit dem Ausdruck tiefer Reſignation:—„mein Stand erlaubt mir nicht, öffent⸗ lich als Eheſtörer aufzutreten. Ich hätte die Rache des Senators zu fürchten, und bin ein alter Mann, der den Reſt ſeiner Jahre in Frieden zuzubringen wünſcht. Meine Worte ſind Ihnen vielleicht verdächtig. Ein gültigerer Zeuge iſt wohl das Bildniß des Geliebten, das Jungfer Juſtine behielt, das ſie, wie mir James vertraut, noch auf ihrer Bruſt trägt, das ſie geſchworen hat, auch ferner zu tragen, ſo oft— Es wurde dem Amerikaner heiß vor der Stirne. Er ſprang auf, unterbrach den Redner heftig.„Sein Bildniß!“ rief er:„Gott verzeihe mir die Sünde! bald wäre mir ein unbeſcheidenes Wort entſchlüpft! O ja, Herr Magiſter! das iſt ein unverwerflicher Zeuge; ich werde ihn anes Licht ziehen! ich werde ſehen. und... finde ich's ſo, wie ich jetzo beinahe fürchte.. Sie ſollen von mir hören. Gehen Sie aber jetzo, mein Herr, denn ich bin etwas aus dem Gleichmuth getreten, der zu einer comfortabeln Converſation gehört. Auf Wiederſehen... wann und wo Sie wollen!“ Er ſchob, ohne viele Umſtände zu machen, den kompli⸗ mentirenden Magiſter zur Thüre hinaus, und verriegelte dieſe hinter ihm. Ein ſtummer, aber heftig grollender Sturm bewegte ſeine ſonſt ſo ruhige Bruſt, und er mußte, zum 8* 1¹6 Erſtenmale in ſeinem Leben, ſich bittere Gewalt anthun, um den Sturm zu beſchwören. Er ſah an dieſem Abende keinen Menſchen mehr, und ſuchte vergebens den wohlthätigen Schlaf. Der Morgen fand ihn jedoch wieder gelaſſener. Er machte ſich Vorwürfe, ſeine Ruhe vergeſſen zu haben. Eine ſtille ahnungsvolle Wehmuth ſtellte ſich bei ihm ein, während ſein der Ungewißheit und dem Zögern feindlicher Charakter ihn ermahnte, den quälenden Verdacht, den marternden Zweifel, gegen baare unverfälſchte Münze umzuſetzen. Er warf ſich in die Kleider, er verließ das Haus, er ſuchte des Senators Wohnung auf, zu einer Zeit, die für einen Beſuch nicht die gewöhnlichſte war, denn die Glocke auf dem Rathhauſe hatte kaum halb zehn Uhr geviertelt. Er fand Juſtine allein, in einem reizenden Hausgewande. Die Braut, erröthend vor der unerwarteten Ueberraſchung, hatte kaum die Zeit, einen Blick in den Spiegel und ein ſeidenes Flortuch um den Buſen zu werfen, der noch von keiner Schnürbruſt beengt war. Ihre Locken ſielen natürlich, unfriſirt um das Haupt. Das anliegende Gewand, günſtiger als die ſteife Viſitenrobe, zeigte die ſchönſten Formen. Die Flor⸗Enveloppe verhüllte nur ſchwach die ſchönen Arme, und ſchöner als je malte die Wange der Verlobten die Zufrieden⸗ heit, ſich ohne künſtlichen Schmuck, dem ſchmeichelarmen Spiegel gegenüber, ſchön zu wiſſen. Birshers Herz klopfte unruhig und ſehnſuchtsvoll bei ihrem Anblicke; er hatte ſeine Vorſätze durcheinander geworfen. Streng wollte er ſeyn und kalt, und wurde milder und wärmer als je. Juſtinens Geſicht ſprach Sieg, aber auch zugleich die zarte Hoffnung, die Sanftmuth einer milden Siegerin. Juſtine hätte dem frühen waglichen Beſucher gezürnt, wäre ſie ſich nicht des 117 geſtrigen Unrechts bewußt geweſen. Sein wehmuthsvolles Antlitz, nur leicht von Roſenſchimmer überſtrahlt, ſchien ihr die Leiden zu bekennen, die ihre Härte in ihm erzeugt. Sein frühes haſtiges Erſcheinen ſchmeichelte ihrem eiteln Stolze. So empfing ſie ihn doppelt zauberiſch; triumphirend und beſchämt; vergebend und reuig; hoffärtig, alſo geliebt zu ſeyn, und geneigt, liebend zu umfangen. Verlegen ant⸗ wortete ihr Mund den verlegenen Entſchuldigungen des Bräutigams. Sie ſchien ſeinen Muth tadeln zu wollen, und bekannte faſt, daß er ein Recht dazu habe. Noch nie hatte ſie den Gedanken an das innigere Verhältniß von Verlobten ſo lebhaft aufgefaßt. Noch nie war ihr dieſer Vorhimmel das glückliche Mittelding zwiſchen Fremd⸗ und zu Bekannt⸗ ſeyn, klar geworden; und indem ihre Lippe lächelnd zürnte, verlobte ſich erſt und wurde erſt bräutlich ihr Herz. Birs⸗ her hing, wohlthuend erregt, an ihren Augen, die lebendiger glänzten als die Diamanten ves Brautſchmucks, der vor ihr auf dem Tiſche ſtand; in deſſen Beſchauung der Bräuti⸗ gam die Braut geſtört hatte. „Ich hatte nicht gehofſt, Sie mit dieſem Gegenſtande beſchäftigt zu finden;“ſagte der junge Mann leichter athmend: „Sie äußerten geſtern unverdienten Groll gegen mich.“ „Sind Sie überzeugt, daß er unverdient geweſen,“— er⸗ wiederte Juſtine gefällig, und näherer Erläuterung feind,— „ſo war er von meiner Seite ungerecht. Trauen Sie mir zu, daß ich es eingeſehen, und ſind Sie nun zufriedener?“ Birsher küßte entzückt ihre Fingerſpitzen, und in den Hinter⸗ grund ſeiner Erinnerung waren Argwohn und Vorſatz zurück⸗ getreten.„Dieſer Empfang bürgt mir für mein künftig Glückz⸗ ſagte er freudig:„ſo zarte Verſöhnung macht lüſtern nach „ 118 der veranlaſſenden Zwietracht. Hoffen auch Sie, beſte Jungfer, mit mir glücklich zu werden?“ „Ich hoffe es;“ antwortete Juſtine freundlich, und reichte ihm ungeziert die weiche Hand:„nun aber keine Zweifels⸗ frage mehr. Ich glaube, daß vernünftige Leute ſich in den Vortagen ihrer Ehe anders zu benehmen haben, als die Amanten in den Romanen gewöhnlich zu thun pflegen. Das Schäferleben und das Seufzen der Doris, und Corydons Klagen find mir nicht angenehm, und Ihnen ebenfalls nicht ſehr, mein werther Monſieur. Wir wollen uns demnach fein ge⸗ ſcheit benehmen, und den Anſtand wahren. Erlauben Sie daher, daß ich Sie erſuche, einſtweilen die Bilder an den Wänden zu betrachten, bis ich Ihnen in geſchickterer Kleidung aufzuwarten die Ehre haben werde.“— Die Liſtige wollte wie ein glatter Aal entſchlüpfen. Birs⸗ her hielt ſie ſanft auf.„Neidiſche Braut!“ ſagte er:„Sie wollen mir den ſchönſten Anblick rauben, deſſen ſich meine Augen jemals rühmen konnten? Thun Sie es nicht. Ich bin kein langweilig girrender Corydon und ſuchte nicht eine ſeufzende Doris, aber ich liebe das Ungezwungene trotz den Schäfern Arkadiens. Der ſteife Haarputz, die umfang⸗ reichen Damaſtkleider, die martervollen Corſetts, welche Ihnen die Mode aufzwingt, find eben ſo viele Beleidigungen der Natur, die Ihnen ihre ſchönſten und ſeltenſten Gaben nicht verweigert hat. Gewähren Sie daher Ihrem treueſten Freunde ein ferneres trauliches Beiſammenſeyn mit Ihnen, der Ungeſchmückten, aber deſtv Reizendern!“ „Das ſchickt ſich nicht!“ hieß die Antwort der Widerſtreben⸗ den. Birsher ließ ihre Hand nicht los, und bat:„So laſſen Sie mich wenigſtens die erſte Hand an Ihren Schmuck legen. 1¹⁰ Vergönnen Sie, daß ich Sie erſuche, heute mir zu Liebe dieſe Halskette, gleichſam zur Probe zu tragen. Erlauben Sie, daß ich ſelbſt dieſen ſchönen Nacken damit ſchmücken darf?“ „Ei, welche Zumuthung!“ verſetzte Juſtine, und wickelte ſich ſchamhaft in die Envelvppe. Birsher drang noch mehr auf die Erfüllung ſeiner Bitte, und der geſetzte Mann bat dießmal ſo ſanft, ſo dringend, ſo freundlich, daß es dem Mädchen vorkam, als müſſe es dem liebenden Freunde nach⸗ geben. Sittſam die Enveloppe um einen Zoll vom Kinn ſinken laſſend, neigte ſie das Köpfchen, ſchloß erröthend die Augen, und lispelte: Sie ſind ein arger Schalk, werther Herr! indeſſen, damit Sie mir nicht böſe werden ⸗ meinetwegen!“— Georg ergriff freudig die blitzende Kette. Die blinzelnde Juſtine ſah mit Entzücken, wie ſeine Hand zitterte, da ſie das Schloß öffnete: ſchon berührte das kalte Gold, der eiſige Diamant ihren zarten Hals. Das Flortuch ſank tiefer, und ein ſtaunendes„Ha!“ entfuhr Birshers Lippen. „Was iſt? Was haben Sie?“ „Sie tragen bereits einen Schmuck, deſſen Stelle ich beneide!“ „Wie ſo?“ Birsher zeigte auf das ſchwarze Sammetband, das ſich aus dem verhüllenden Tuche geſtohlen. Juſtinens Wange wurde Purpur. „Laſſen Sie den Schatz ſehen, der ſich ſolchen Vorzugs freuen darf...“ „Mein Gott! nein!“ „Warum denn nicht?“ 120 „Ich ich darf nicht. „Birsher heftete einen verdüſterten Blick auf Juſtine. Sie gewahrte es; aber— wie ein Blitz fuhr's durch ihr Herz: dem ſtrengen Proteſtanten durfte ſie, ſelbſt im Scherze, das katholiſche Heiligenbild auf ihrer Bruſt nicht zeigen. Sie ſträubte ſich entſchieden gegen ſein Verlangen, es zu ſehen. Er begehrte es freundlich, dann ernſtlicher, dann mit kalter Beſtimmtheit.„Nimmermehr!“ rief ſie: „Monſieur trauen mir zu, daß ſich nichts Böſes in dieſem Medaillon befindet; aber ich beſtehe nun einmal auf meinem Geheimniß!“ Mit dieſen Worten reißt ſie das Band von ihrem Halſe, um es in ihrer Taſche zu verbergen. Das Medaillon fällt von dem Bande, ſtürzt zu Boden. Die Kapſel ſpringt. Juſtinens unſichere Hand erfaßt dieſe. Georg rafft das Bild auf, betrachtet es, ehe Juſtine es verhindern kann, mit bitterm Lachen und gibt es dann der Trägerin zurück.„Ich gratulire zu dem geliebtern Freunde!“ ſagte er, und Juſtine glaubt vor Schaam und Beſtürzung in die Erde zu ſinken: das Bild iſt James in der vollen Blüthe ſeiner Jugend: ſprechend ähnlich; herrlich gemalt. Sie verſtummt, das ungeheure Mißgeſchick nicht begreifend. Der Amerikaner ſagt aber mit zitterndem Tone zu ihr:„So iſt es denn wahr, Jungfer Juſtine? ich war der Betrogene? ſollte der Betrogene bleiben? Armes Geſchöpf! ich bemitleide Sie!“ Ohne noch ein Wort hinzuzufügen, verließ er Juſtine, die— ebenfalls ohne ein Wort der Entſchuldigung beizuſetzen, ihm ſprachlos und beklommen nachſtarrte. Indem er eilig und außer ſich dahin ſchoß, begegnete ihm— zu ſeinem Entſetzen— der Menſch, den er geſtern geſehen, den das Bild vorſtellte. 121 „Sind Sie ein Engländer?“ fragte er haſtig, den Jüng⸗ ling bei der Bruſt faſſend. „Ja, Herr.“ „Heißen James?“ „James White.“ „Sie lieben meine Braut, Juſtine Müſſinger?“ „Mein Gott! was ſoll das heißen? woher wiſſen Sie?“ „Ihr Pflegvater hat mir Alles entdeckt.“ „Wie? Doctor Leupold?“ „Derſelbe. Sie werden geliebt!“ „Mein Herr!“ „Sie trägt Ihr Bild auf der Bruſt...“ „Ach, mein Herr! Sie ſind ein Engel, wenn Sie. „Stille. Warum ließen Sie mich im Dunkeln tappen? damit ich ſchmerzlicher erwachen mußte? das war Unrecht von Ihnen. Brav jedoch, daß Sie nicht nach Amerika folgen wollten. Darum renne ich Ihnen auch nicht den Degen durch den Leib. Seyn Sie glücklich! Ich ſage mich von ihr los!“ Er ließ den Staunenden, Bebenden ſtehen, und eilte, ſeine aufwallende Wehmuth zu unterdrücken, weiter. Unfern vom Rathhaufe ſtieß er auf den Senator, der, ſchwankend und blaß wie ein Geiſt, einherkam. Kaum rückte er vor demſelben den Hut, und ſtürzte davon, ſich in ſein Zimmer zu verſchließen. Der Senator ſah ihm verwundert, aufge⸗ bracht, niedergeſchlagen nach! ſetzte dann ſeinen Weg nach Hauſe fort, und kam ſehr verdrüßlich daſelbſt an. Frau und Tochter ſaßen ſtill beiſammen. Jacobine kämmte ihr Hündchen; Juſtine ſaß an einer Arbeit, und that dennoch nichts. Der Senator warf ſich ſeufzend in einen Stuhl. 122 „Der Satan iſt los!“ ſagte er:„Wenn ich mich aus dem Unglück loßreiße, das mich jetzo niederſchlägt, ſo will's etwas heißen. Mein Ruf, mein Amt, meine Würde ſtehen auf dem Spiele!“ „Mein Gott!“ ſagten die Weiber; die Senatorin rückte weit ab von dem Senator; Juſtine rückte ihm dagegen näher. „Ihr wißt,“ fuhr der Senator mit gedämpfter Stimme fort,„daß ich aufs Rathhaus beſchieden wurde. Der Bürger⸗ meiſter hat mich förmlich verhört. Ich denke, mein Kopf macht Bankerott, als er vom Lotto anhebt, und behauptet, ich hätte neulich das große Loos in dem Hamburger Glücks⸗ ſpiele gewonnen. Auf die Verſchwiegenheit meines Cor⸗ reſpondenten bauend, läugne ich Stein und Bein. Da wird er ernſthaft, nennt mir, als wäre er ein Hexenmeiſter, den Tag der Ziehung, die Nummer, die ich geſpielt, den Ge⸗ winnſtbetrag und die Prämie, den Kaufmann, der meine Angelegenheit beſorgt, und endigt damit, mir frei zu erklären, ein Comtvirdiener jenes Mannes, der in Unfrieden von ihm gegangen, habe eine Collekturliſte hieher gebracht, und die⸗ ſelbe hin und wieder indiskret zur Schau gelegt. Mein Name ſey von ihm genannt, der Senat ſtutzig geworden. Ich ſey mit dem beſtehenden Verbote bekannt, müſſe mich diskulpiren, oder gewärtig ſeyn, daß man Rechtens gegen mich verfahre. Der Angeber ſey ſchon abgereist, die vidimirte Collekturliſte liege aber vor; ich müſſe erklären, woher mir damals das viele Geld gekommen, und die Erbſchaft nachweiſen, die ich dazumal vorgeſchützt. Er, der Bürger⸗ meiſter, könne mir nicht helfen, und müſſe mir noch überdieß bemerken, daß diverſe Gerüchte über mich und mein Haus neuerdings in Schwung gekommen, die dem ganzen Corpori 123 Senatus nachtheilig werden könnten. Vor allem wolle er mich aufmerkſam machen, daß der Paſtor Lammer öffentlich über meine Saumſeligkeit, die Kirche zu beſuchen, läſtere, und daß es von der äußerſten Nothwendigkeit ſey, hierüber den Menſchen den Mund zu ſtopfen, worauf man allerdings im Uebrigen gelinder und gnädiger unterſuchen wolle, um keinen Anſtoß zu geben.— Hierauf entläßt mich Se. Magni⸗ ficenz ſehr kalt und ſehr unwillig, indem ſie mir noch aufgibt, binnen vier Wochen die Beweiſe beizubringen, wie es ſich mit jenem Gelde verhalte. Da habt Ihr mein Elend, ihr Weiber! mir iſts ein Troſt geweſen, es in Eurem Buſen niederzulegen, aber ich wünſche, daß es darinnen, und ein Geheimniß bleibe.“ „Das verſteht ſich;“ ſagte die Senatorin,„die wieder zu⸗ traulicher geworden war:„die Bürgermeiſterei hat ſich im Geringſten nicht um die Art und Weiſe zu bekümmern, wie man zu Gelde kommt. Der ſaubere Bürgermeiſter ſollte ſelber gar nicht den Großen ſpielen. Man weiß ſich noch ſehr wohl zu erinnern, wie er— ein armer Schlucker— zu den Schweden ging, um zu marketendern. Dann kam er an die Heulieferung, dann an die Spitalverwaltung, und endlich als reicher Mann hieher zurück. Wenn man ſeinem Reichthum nachfragen wollte.. pfui!“— „O des unnöthigen, vergeblichen Geſchwätzes!“ verſetzte der Senator ungeduldig:„Bei dem Allen,“ fügte er bei, „iſt es nothwendig, daß ich auf Mittel denke, das Gewitter abzuwenden. Ich bedarf des Raths... und wer ſoll mir rathen?... „Du nimmſt von mir den beſten Rath nicht an;“ ſagte die Senatorin gähnend;„darum gehe ich. Weißt Du Dich jedoch 124⁴ nicht aus der Fatalität zu wickeln, und ſie wollen Dich nicht mehr im Rathe haben, ſo laſſe ich mich ſcheiden. Ich muß Frau Senatorin heißen bis ans Ende. Der Titel iſt ohne⸗ hin der einzige Gewinn, den ich aus der Ehe mit Dir ge⸗ zogen habe.“ „Abſcheuliches Weib!“ murmelte der Senator der Ab⸗ gehenden zwiſchen den Zähnen nach:„Rathe Du mir, Juſtine. Mit wem ſoll ich mich bereden? wen beſchicken? der Augen⸗ blick drängt. Ich will mich dem Buchhalter nicht anvertrauen: der Mann iſt zu ſtreng und... nun heraus damit! zu ehrlich'mit einem Worte. Berndt iſt eine philadelphiſche Schlafmütze. Wünſchte ich mir doch faſt wieder den ver⸗ maledeiten Nothhaft herbei! Er war ein geriebener Kniffe⸗ ſpinner.— Aber wie wäre es, wenn Dein Bräutigam.. 7 er iſt die gute Stunde ſelbſt, und gäbe vielleicht in aller Unſchuld einen Ausweg an die Hand? was fehlt Dir denn, Mädchen? Du biſt ja weiß wie eine Sternblume? haſt naſſe Augen? was hats gegeben?“ Juſtine läugnete. Der Senator teſu ſich nun, Birsher geſehen und ſich über deſſen Unhöflichkeit geärgert zu haben. „Ich verſtehe;“ rief er:„ein verliebter Zwiſt! Deine Hart⸗ näckigkeit wird Dir noch böſes Spiel machen, Juſtine! was den Bräutigam betrifft: der iſt gut zu lenken,— aber. der Ehemann iſt ein ganz anderer Herr. Zu viel Sonnen⸗ ſchein in dem Brautſtand: finſtre Wolken in der Ehe. Ver⸗ ſöhnt Euch. Herr Birsher wird jedoch nicht geeignet ſeyn, den beſten Rath zu ertheilen;— darum— ſende nach dem Doctor Leupold, mein Kind... ich ließe mir die Ehre aus⸗ bitten„ 125 „Das thue ich nicht gerne, Herr Vater!“ antwortete Juſtine. „Warum nicht?— Ach! ich beſinne mich: du haſt einen Widerwillen gegen den Mann. Miſche dich doch nicht in unſere Angelegenheiten, Juſtine.“ „Laſſen Sie den Doctor nicht zu tief in die Ihrigen blicken;“ ermahnte Juſtine;„ohne mich Ihnen ganz deutlich machen zu können, warne ich Sie noch einmal vor ihm.“ Der Senator ſeufzte tief, und wendete ſein Auge ab. „Er iſt gewiß ein doppellarviger Menſch!“ fuhr Juſtine fort;„überhaupt, mein Vater, kömmt es meiner Ahnung vor, als hätte uns ein immer enger werdendes Netz umfangen und umſpannt;— als ſollten wir die Beute eines böslich bereiteten Verderbens werden.“ Der Senator ſah die Tochter betroffen und ſtarr an. „Der Doctor,“ ſprach dieſe weiter,—„von der Unruhe ihres Herzens wie von dem vortheilhaften Augenblicke begeiſtert,— erſcheint wie eine Hauptgeſtalt, bemüht, dieſes Netz, das ich nicht kenne, nicht durchſchaue, wohl aber fühle, zu bereiten. Mit jedem Tage wird mir klarer, was mir einſt der Zufall enthüllte. Der Doetor iſt nicht der einfache Juriſt, der ſimple Privatmann, mein Vater; er iſt..... wie ich beſchwören möchte, er iſt„ „Halt!“ donnerte ihr der Senator, von Angſt und Unruhe geſchüttelt, zu:„ich will nichts hören! ich darf nichts aus deinem Munde erfahren! Du machſt mich unglücklich, Juſtine, und wirſt es ſelbſt, wenn eine Sylbe Deiner ungereimten Vermuthungen unter die Leute kommt! Juſtine.. wir wären ja alle zu Grunde gerichtet!“ Juſtinens Begeiſterung ſchauderte vor dem außerordent⸗ lichen Schrecken des Vaters zurück.„Wie Sie befehlen!“ 126 ſtammelte ſie verſchüchtert:„beruhigen Sie ſich nur. Ich habe mit der Mutter nicht geredet, und Gott wird wohl Alles gut machen. Ich aber will nach dem Doctor ſchicken.“ Es wurde ihr erſpart. Die Schelle des Comptoirs er⸗ klang, und der Doctor, wie von einer Ahnung gerufen, kam mit einem Fremden, den Senator zu beſuchen. Dieſer Fremde gab ſich in einer ſalbungsvollen Begrüßung dem Senator als Superior eines Profeßhauſes der Geſell⸗ ſchaft Jeſu zu erkennen, und freute ſich, in ihm ein bereit⸗ williges Werkzeug der göttlichen Gnade zu finden. Der Se⸗ nator erwiederte das Compliment etwas lau, und ſagte, die niedergeſchlagene Verlegenheit des Doctors bemerkend, ohne beſondere Umſchweife, daß es ihm faſt leid thue, ſich durch ſeine ſonderbaren Verhältniſſe in Verbindungen verwickelt zu ſehen, die ſeiner bürgerlichen Exiſtenz nachtheilig werden könnten.„Ich hätte wenigſtens gehofft,“ ſprach er,„nicht compromittirt zu werden, aber ich habe mich getäuſcht. In⸗ dem ich heute vom Rathhauſe komme, nähert ſich mir ein Mann; der Krämer Ernſt, übel berüchtigt in der Stadt durch ſeine lockre Lebensweiſe und die Vergehen ſeines Bruders, wegen welcher derſelbe im Gefängniß ſitzt. Der Menſch redet mich an, und fordert mich ziemlich unverſchämt auf, bei der Kriminalkammer dahin zu arbeiten, daß ſein Bruder auf freien Fuß geſtellt werde. Da ich es ihm nun natürlich abſchlage, und mich wundere, daß er ſich gerade an mich ge⸗ wendet, den er kaum kennt, ſo ſagt mir der Mann im Ver⸗ trauen: ich kenne Niemand, der geeigneter und verbundener wäre, mir in dieſer Sache beizuſtehen. Ich weiß ja, daß Sie eben ſo gut Katholik geworden ſind, wie ich; und man hat mir den Anſchlag gegeben, Sie zum Beiſtand aufzufordern. Ich war wie vom Donner gerührt, und hatte kaum Faſ⸗ ſung genug, den Menſchen mit einigen Drohungen der Lüge zu zeihen, und ihn von mir zu weiſen; worauf er ſich ärgerlich und ſtumm entfernte. Was ſoll ich nun denken? Kaum habe ich ſeit wenigen Tagen— wie in einen Strudel hinabgezogen— mich zum Uebertritt anregen laſſen, und ſchon ſtehe ich blosgegeben da! verrathen an Menſchen, für deren Verſchwiegenheit kein Dreier zu verbürgen iſt!“ Der Doctor ſah verwundert den Superior an; dann be⸗ theuerte er dem Senator, deſſen Aufnahme geheim gehalten zu haben— vor der ganzen Gemeinde. Der Superior ver⸗ ſetzte dagegen hochmüthig und zuverſichtlich:„Beruhigen Sie ſich, Herr Senator. Ich war's, der den armen Teufel auf Sie aufmerkſam machte. Er ſuchte bei mir den Beiſtand eines geiſtlichen Vaters, und ich verwies ihn an Ihren welt⸗ lichen Schutz. Ein gutes Wort aus Ihrem Munde kann Vieles fruchten, und ſetzt Sie keinem Verrath aus; der Krämer iſt mir als ein eifriges Glied der wachſenden Kirche geſchildert worden, und ich habe durchaus keine Urſache ge⸗ funden, dieſer Angabe zu mißtrauen. Sehen Sie, lieber Sohn: Eintracht, gemeinſames Wirken führt ſtets zum er⸗ ſehnten Ziele. Concordia parvae res crescunt! Wie nun eine Gemeinde, die ſich im Schooße der Verborgenheit bildet, einem Bruderverein im ſchönſten Sinne zu vergleichen iſt, ſo iſt auch jeder der Brüder dem andern Schutz und Hülfe ſchuldig. Leiſten Sie daher dem Supplikanten nur einen leichten Beiſtand, wie er gerade in Ihren Kräften ſteht, und zählen Sie dagegen auf jeden Beiſtand des Ganzen. „O, daß ich mich in dieſe mißliche Speculation eingelaſſen habe!“ ſagte der Senator mißmuthig, und achtete nicht der 128 zornig aufſteigenden Wolke auf des Superiors Stirne, noch des bekümmerten Angeſichts des Doctors.„Wenn Sie es vermögen, meine Brüder, beweiſen Sie mir den Ernſt Ihrer Worte. Rathen Sie mir in meinem äußerſt kritiſchen Ver⸗ hältniſſe.“— Er erzählte von dem Verhöre des Morgens. Der Doctor ſchüttelte mitleidig und beſorgt den Kopf. Der Superior lächelte aber gleichmüthig und erwiederte, faſt ſpöttiſch:„as verſetzt Sie in Unruhe? Gilt das Zeug⸗ niß eines verlaufenen Ladenburſchen gegen Ihr Rathsherrn⸗ wort? Und hat man nicht Mittel, den Nothbehelf der Erb⸗ ſchaft klar darzuthun, als wäre er wahr wie die Sonne? Ich verpflichte mich, Ihnen Zeugen zu ſchaffen, und der Pater Münzner, der zugleich Doctor beider Rechte iſt, wird Ihnen mit einem in allen Formen ausgeſtellten Teſtamente auszu⸗ belfen nicht ermangeln.“ „Pater Superior!“ verſetzte der Doctor ſtutzig:„bedenken Sie! ein fingirtes Teſtament! ein falsum!“ „Nun?“ fragte der Superior kalt:„was weiter? Es gilt hier, einen chriſtlichen Bruder aus der Verlegenheit zu ziehen. Ich behaupte ſogar, daß ein Teſtament, deſſen Ausſteller eine persona fietitia iſt, gar kein kalsum darbietet. Es ſey übrigens Ihre Anſicht, welche ſie wolle, ſo wird hoffentlich der Befehl Ihrer Obern hinreichend ſeyn, alle Bedenklichkeiten zu heben.“ „Der Doctor bückte ſich mit unterdrücktem Widerwillen. Der Senator ſchauderte ein wenig vor der Leichtigkeit, wo⸗ mit der Superior eine ſo trügliche Maßregel durchgehen ließ; aber da ſein Syſtem, ſollte es ihn vor Schande retten, auf Lügen beruhen mußte, ließ er ſich's gefallen, daß es der kühne Pater übernahm, eine Zuſammenſtellung von Begebenheiten 129 und Dokumenten— beide in der Ferne geſchehen und aus der Ferne geſendet— zu erdichten, die dem Unbefange⸗ nen jeden Zweifel an des Senators Aufrichtigkeit rauben mußte, da man der Verſchwiegenheit des Correſpondenten in Hamburg verſichert ſeyn konnte.“ „Sie unterſcheiden jetzt, beſter Sohn,“ ſagte der Superior, „wie redlich wir es mit Ihnen meinen, und werden uns eine kleine Bitte Ihrerſeits nicht abſchlagen. Nach reiflicher Ueber⸗ legung habe ich gefunden, daß unſre Handelsbücher und Re⸗ giſter über kirchliche Angelegenheiten im Hauſe des ehrwür⸗ digen Paters Münzner zu exponirt erſcheinen. Ich erſuche Sie deßhalb, dieſe acta in Ihren Verſchluß zu nehmen, und zu erlauben, daß der Pater ſich täglich etwa eine Stunde in irgend einem abgelegenen Winkelchen Ihres Hauſes damit beſchäftige, wenn es einzutragen oder abzuſchließen gibt. In einem Lokale, wie das Ihrige ſich darſtellt, wird ſolches Ab⸗ und Zugehen unbemerkt bleiben; Sie ſind außer Ge⸗ fahr, und wir können völlig ruhig ſeyn.“ Der Senator antwortete:„Da ich mich bereits ſo offen in Ihre Hände gegeben habe, meine Väter, ſo mag es darum ſeyn. Ich will Ihnen auch im gegebenen Falle meine Bereit⸗ willigkeit nicht entziehen. Ich will in aller Stille ein Kabi⸗ net, an den Hof ſtoßend, zum Gebrauch des Herrn Doctors einrichten laſſen, und die nöthige Sorge tragen, daß er nicht geſtört werde.“ „So werde ich noch heute Abend die Bücher herbringen laſſen,“ ſetzte der Doctor bei:„da der ehrwürdige Pater Superior ſie bei mir nicht ſicher glaubt.“ „Quidquid agas, respice inem!“ bemerkte der Superior nn ſchlaueſten Geſichte:„ich danke Puetſir die ſchöne * ⸗ 2 Bereitwilligkeit, womit Sie unſerem Antrage entgegenge⸗ tommen. Ich geſtehe, daß derſelbe mich mit dem Mangel an Aufrichtigkeit verſöhnt, den Sie meinem würdigen Freunde, dem Pater Münzner beweiſen.“ „Wie ſo?“ fragte der Senator, und fixirte den Doctor, der wie beſchämt die Augen niederſchlug. Der Superior fuhr, wie ſcherzend, fort:„Der würdige Herr hat Ihnen Gründe der Freundſchaft, der Moral und der Pflicht angege⸗ ben, die eine Heirath zwiſchen Ihrer einzigen Tochter, und dem proteſtantiſchen Amerikaner dringend verbieten. Er hat, wie er behauptet, Ihr Herz gerührt, indem Sie verſprachen, ſeinen Gründen nachzugeben. Aber leider iſt ſolche Rührung nur ein Phantasma geweſen, das eben ſo ſchnell zerſtiebte, wie mancher gute Vorſatz. O, mein Sohn! in Ihrem Ge⸗ müthe liegt noch viel des kezeriſchen Sauertaigs verborgen, von welchem Sie nur eine reine und reife Andacht zu dem geheiligten Herzen Jeſu befreien kann! Wie könnten Sie es an⸗ ſonſt über ſich genommen haben, Ihr Verſprechen zu wider⸗ rufen, und, mit Fleiß Ihre Wege vor uns verſteckend, auf dem alten erwieſenen Unrecht zu beharren?“ Da der Senator, ſeiner Verſtellung überführt, kein Wort redete, ſo hob der Doctor ſanft und eindringlich zu ihm an: „Ja, beſter Herr Senator! wir wiſſen,— da uns nichts in die Länge verborgen bleibt,— daß Sie dennoch Ihre Toch⸗ ter mit Herrn Birsher zu vermählen gedenken,„wann und wo Sie es thun wollen; und ich frage Sie noch einmal freundſchaftlichſt: haben Sie auch Alles erwogen und über⸗ legt?“ „Ich bin meinem Gewiſſen und meinem Worte Erfüllung ſchuldig:“ antwortete der Senator auf's Aeußerſte gebracht: 131 — »ich haſſe jede Einmiſchung Unberufener in mein Hausweſen. Ich habe mir nur die Schwäche vorzuwerfen, daß ich vor Ihnen verhehlte, wie es mir darum zu thun ſey, recht zu handeln. Können Sie das nicht vergeben, meine Väter, ſo diſpenfiren Sie mich von jeder weitern Gemeinſchaft mit Ihren Kirchen und Geſellſchaftsverhältniſſen!“ „O welche bedauerliche Hitze!“ ſagte der Superior, die Augen wehmüthig gen Himmel richtend:„Saule! Saule! cur me persequeris? Verblendeter, heftiger, geliebter Sohn! Glauben Sie denn, daß das heilige Herz unſers Heilands ſich ſo ſchnell von Ihnen reiſſen werde, als Ihr Unmuth ſich von ihm zu trennen begehrt? Mit nichten, mein Sohn! Der Heiland wird Sie nicht verlaſſen, da Sie ſich ihm einmal ergeben! Wir, ſeine unwürdigen Diener, Ihre innigen Freunde, werden es auch nicht thun, und ſollten wir immer vergebens warnen, und immer vergebens ausrufen: Durch dieſe Verbindung machen Sie Ihr Kind des Himmelreichs verluſtig! durch dieſe Verbindung bringt der Proteſtant Un⸗ glück in Ihr Haus, das erſt kürzlich in Ihnen der Herr ge⸗ ſegnet hat mit Gnade, mit Erweckung, mit dem zukünftigen Paradieſe!“ Die Herren ſchwiegen alleſammt, da ſich vor der Thüre Schritte vernehmen ließen. Berndt ſchaute demüthig herein, und langte dem Principal ein Billet hin. Der Kellerburſche aus dem Schwan hat's gebracht, ſagte er, grüßte höflich, und verſchwand. Der Senator ſah in der Ueberſchrift Georg Birshers Hand. Seine Seele war ſo ſchreckhaft und arg⸗ wöhniſch geworden, daß er unter jedem Siegel eine giftige Schlange fürchtete. Darum löste er auch dieſes mit Herz⸗ klopfen, und— wie ſehr ſeine S Wahrheit . geſprochen,— wie giftig die Schlange ſey, die ſich aus dem kleinen Briefe in ſeine Augen und ſein Herz bohrte,— das bezeugte das Erbleichen ſeiner Wangen, das Erſtarren ſeines Blicks, die phyſiſche Vernichtung, die aus den ſchlaffen Zügen trat. Mit einer Bewegung der Verzweiflung aufſpringend⸗ reichte er mit zitternder Rechte das Briefchen an den Doctor, und ſankt mit dem Ausrufe: Nun bin ich ohne Rettung verloren! in den Stuhl zurück. Der Doctor las, während der Sups⸗ rior dem mit Ohnmacht Kämpfenden beiſprang, für ſich⸗ was folgt: „Unglücklicher Müſſinger!— Meine Hand bebt, aber „mein Herz erbebte noch heftiger, da ich erfuhr, was mich „und Sie elend macht. Elender! Sie haben meinen armen „Vater gemordet! der mir's entdeckt hat, iſt faſt Zeuge der „ſchändlichen That geweſen! um mich vor dem ſchauerlichen „Bunde mit Ihnen zu warnen⸗ hat er's mir geſtanden! aber ich „weiß, wozu die Rache den Sohn auffordert. Die Gerechtig⸗ „keit anzurufen, iſt meine Pflicht! um drei Uhr fahre ich „bei dem Bürgermeiſter vor. Ich will nichts von dem wiſſen, „was Sie bis dahin unternehmen! Birsher.“ Der Senator ſchlug die verwirrten Augen wieder auf, ſandte einen troſtloſen Blick nach dem Doctor, der ſchnell das Brieſchen wieder zuſammenfaltete, dem Senator zurück⸗ gab, und ſagte:„Faſſen Sie ſich, Sie ſind nicht verloren. Nothhafts Beſchuldigung— gewiß durch die tranſpirirende Neuigkeit von Juſtinens Vermählung veranlaßt— richtet Sie nicht zu Grunde. Ihre Seelenangſt iſt Ihr mächtigſter Gegner: darum— obſchon Sie gegründete Hoffnung haben dürften, von den Gerichten erledigt zu werden— iſt es gerathener, das Unheil in der Geburt zu erſticken. Birsher ſcheint großmüthig handeln zu wollen. Er will Ihre Flucht begünſtigen. Hüten Sie ſich jedoch. Weichen Sie keinen Fuß breit. Halten Sie ſich ruhig! überlaſſen Sie uns, für Sie zu handeln. Bevor es drei Uhr wird, denke ich, müßten Sie aller Gefahr enthoben ſeyn!“ „Wenn Sie das könnten!“ rief der Senator, und warf ſich dem Pater in die Arme:„mein Vater! Bruder meiner Clara! thun Sie das Möglichſte! der Verdacht! mein Rufl die Schande! Gott ſtehe mir bei, wenn Sie mich verlaſſen!“ „Hier muß dieſer Mann helfen!“ verſetzte der Doctor auf den Superior zeigend, der aufmerkſam und erwartend da ſtand:„Pater Superior! als Beichtvater Hieſes unglück⸗ lichen Mannes fordere ich Sie, einen der Vorſteher unſrer heiligen Geſellſchaft, in Ihnen den ganzen Orden auf, ihn vor einer dringenden Gefahr zu retten, mit der ihn Birsher bedroht. Der Grund derſelben iſt ein Beichtgeheimniß, aber ich beſchwöre Sie bei Ihrer prieſterlichen Würde, den Folgen vorzubeugen.“ „Ich werde mich mit Ihnen bereden;“ antwortete der Superior gleichgültig:„ich werde Ihre Meinung hören, und thun, was ich mit Gottes Hülfe vermag. Verſpräche aber wohl der Herr Senator, jeden fernern Gedanken an eine Verbindung ſeiner Tochter mit einem Proteſtanten aufzugeben? das unſchuldige Kind unſrer alleinſelig⸗ und glücklich⸗ machenden Mutterkirche zuzuwenden? es für ein erbau⸗ liches Jungfrauenleben zu beſtimmen, damit es im Verein mit andern gottſeligen Chorſchweſtern die Sünden des Vaters abkaufe mit Gebet und Ergebung? ſein Vermögen nach ſeinem Hinſcheiden der Kirche zu vermachen, der liebenden 134 und helfenden Geſellſchaft Jeſu in's Beſondere? Respondeas, mi üili; und dir ſoll geholfen ſeyn!“ Der Senator nickte ſprachlos mit dem Kopfe, winkte mit der Hand, und der Superior ergriff dieſelbe, ihn bei'm Worte nehmend.„Sie ſind Zeuge, Pater:“ ſagte er feierlich:„und nun, kommen Sie, damit wir das widrige Geſchäft in Ordnung bringen. Ich bin ſanfter Natur, wähle gewöhnlich leichte Mittel; hier aber, fürchte ich, wird es auf dasjenige an⸗ kommen, was ich ſchon einmal vorgeſchlagen, und das Sie als zu hart verworfen haben!“ Der Doctor winkte dem Pater, zu ſchweigen, indem er auf den Senator deutete, welcher aus ſeiner Betäubung er⸗ wachte. Die Jeſuiten gingen bedächtig und ſtille von dannen. „O, der ſauern Pflichten!“ ſeufzte Münzners Seele, aber ſein Mund ſprach keine Sylbe, die ſeinem Vorgeſetzten hätte mißfallen können. Die Herren fanden in ihrem geheimen Convente die Lainez und den ehemaligen Schauſpieler Litzach.„Unfer Plan ſcheitert!“ ſagte die Erſtere, indem ſie dem Doctor das gefährliche Medaillon zurückgab:„behalten Sie das Bild Ihres Zöglings, mein Vater; es hat Aufſehen genug gemacht, aber Liebesleute vertragen ſich nach dem heftigſten Zanke. Vor der Hand hat mich Jungfer Juſtine der Mühe, ihr Geſellſchaft zu leiſten, enthoben, und alle meine Entſchuldigungen gingen in den Wind.“ „Unſer Plan glückt im Gegentheile, kurzſichtige Frau!“ ſagte der Superior ſtolz⸗lächelnd:„Sie hat Ihre Commiſſion ganz gut verrichtet; und es kommt nur darauf an, ob Er⸗ Litzach, daſſelbe thut.“ 1³5 Er führte den Unterthänigen in das Nebengemach. Indeſſen hatte der Doctor James Porträt in ſeinen Schrank ver⸗ ſchloſſen, und die Thränen waren ihm in die Augen geſtiegen, und er lehnte ſich über die in ſchwüler Hitze welkenden Blumen ſeines Fenſters hinaus, in's Freie, und betete:„Du heilige Mutter! vergib mir, daß ich ein Bild, welches von einem treuen Mutterbuſen getragen wurde, bis das Herz darunter ſtille ſtand, daß ich es— das heilige Geſchenk jugendlicher Dankbarkeit— mißbrauchen ließ, zu einer Betrügerei. Der Obere befahl es jedoch, und um der Pflicht willen wirſt du die Sünde vergeben, gebenedeite Mutter!“ Die Augen trocknend, fragte er die Lainez, ob ſie den jungen James nicht geſprochen habe. Die Lainez wußte nichts von ihm, als daß er ihr mit dem fröhlichſten Geſichte, daß ſie noch je an ihm geſehen, begegnet war, im Begriff, gegen das Thor zu eilen. Kapitän Tormerpick, der hinzu kam, hatte den jungen Menſchen ebenfalls auf dem alten Glacis angetroffen. James hatte ihn umarmt, hatte ausgerufen: „Kapitän! ſehe ich denn aus, wie der glücklichſte Menſch in der Stadt?“ und hatte ſich dann entfernt— wie ſich der Kapitän ausdrückte— tanzend, wie ein Matroſe, der nach ſechs Monden wieder zum erſten Male feſtes Land betritt. Der Dortor ſchüttelte ernſthaft und betrübt den Kopf, und verfügte ſich in das Seitenzimmer, aus welchem bald nach⸗ her Litzach ſchlüpfte, und dem Kapitän bemerkte: die Herren erwarteten nun ihn. Während Litzach davon eilte, ſprach Tormerpick mit den Vätern.„Ich nehme Abſchied von Ihnen;“ ſagte er:„Schlag zwei Uhr fahre ich ab. Ein dringender Brief ruft mich nach dem Hafen. Das Schiff wird 136 geladen. Ich bitte mir weitern Bericht oder anderwärtige Aufträge aus.“ Der Superior gab ihm ein Paket, mit dem Bedeuten, daß ſich darinnen alles befinde, was auf Handelsangelegen⸗ heiten Bezug hätte.„Wir hätten Euch noch Jemand mitzu⸗ geben;“ ſchloß der Pater, liſtig lächelnd:„einen Engländer, wohl gewachſen, ſtark, robuſt; ein guies Kapital, in Batavia anzulegen.“ Der Kapitän runzelte die Stirne.„Wollen Sie mich foppen, meine frommen Väter?“ „Nicht' doch, Kapitän. Verſteht uns wohl! wir haſſen die Seelenverkäuferei, wenn unſere Waarentransporte dadurch Noth leiden. Wo es aber auf eigene Rechnung geht...“ „Ich verſtehez“ erwiederte der Kapitän grinſend:„Sie ſollen Ihren Willen haben. Wann? wie? wo? Ich habe zwei Matroſen bei mir, die auf einem Kaperſchiffe gedient haben. Den Burſchen bangt vor dem Teufel nicht.“ „Haltet um zwei Uhr auf dem Damme;“ inſtruirte der Superior:„dort iſt's abgelegen und einſam. Der Menſch, welcher vorhin wegging, wird den Bewußten zum Damme bringen; einen großen tüchtigen Mann; nicht wahr, Pater Münzner?“ „Unſern Tiſchnachbar im Schwanz“ entgegnete der Doctor. Der Kapitän lachte hell auf.„Den ſtummen Oelgötzen?“ fragte er:„der mich ſo unverſchämt anlaufen ließ? Hoho, den kenne ich, und werde ihn wohl von dem dürren Magiſter unterſcheiden. Brav! ich habe dem naſeweiſen Flegel eine volle Lage zu geben! ich hab's ihm geſchworen. Gut ſo! ein Pechpflaſter auf den Mund, Strick um Arm und Beine! wie der Leufel nach dem Kanal gefahren; die Nacht durch 137 gerudert, mit Tagesanbruch an der Küſte. binnen zwei Tagen im Schiffe! herrlich! die Moorländer ſind wenig und nur von lockerem Gefindel bevölkert! ich bringe den Paſſagier glücklich durch, oder fülle ihm den Kopf mit Blei, wenn er mich durch ein unanſtändiges Spektakel in Gefahr ſetzen wollte. Gott behüte Ew. Ehrwürden! ſollen von mir hören!“ Der ungeſchlachte Menſch ging wiehernd weg, aß im Schwan noch ſo tüchtig, als ob er ſich auf ein Heldenwerk vorzubereiten hätte, ließ unter ſeine Matroſen viel Brannt⸗ wein austheilen, und beſtieg mit ihnen jubelnd den verdeckten Korbwagen, der ihn zum Damme, von da zum Kanal bringen ſollte. Dem Kutſcher wurde noch tüchtig mit Rum zuge⸗ trunken und bei'm Abfahren ſchwenkte der Kapitän in frechem Uebermuthe den Hut gegen den Amerikaner, der oben aus dem Fenſter ſah, und brüllte ein:„Auf Wiederſehen!“ Georg zog ſich, ergrimmt über den widrigen Seemann, vom Fenſter zurück, warf ſich auf das Kanapee, ſtützte den Kopf eine Weile in die Hand, ſprang dann wieder auf, legte mit erhabener Würde die Hände auf ſeine Bruſt, und ſagte, mit einem freien Athemzuge, zu ſich ſelbſt:„Biſt doch eine wackere Seele, Georg, und haſt einen ſchweren aber um ſo rühm⸗ licheren Sieg erfochten! Ach Du mein lieber, lieber Vater! Siehſt Du nicht aus den Wolken, und freuſt Dich meines Entſchluſſes? Iſt gleich mein Auge zu ſchwach, Dich zu erſchauen, ſo iſt doch gewiß der himmliſche Friede, der in mein Herz einzieht, Dein Werk! Ja! Vergebung iſt eine ſüßere Rache für Dich, als das Blut des Elenden, der denn doch ſein Leben ferner nur wie eine Peſtbeule mit ſich um⸗ herſchleppen kann!“ 138 Er warf einen Blick auf die Speiſen, die unangerührt auf dem Tiſche ſtanden, auf die Seitenthür. Er ging haſtig auf dieſelbe los, öffnete ſie mit dem Schlüſſel, und ſagte ernſt:„Komm' Er heraus, Monſieur!“ Eine blaſſe, ängſtliche Figur kam gebückt hervor: Noth⸗ haft, wie ein armer Sünder. „Setze Er ſich, und eſſe Er!“ fuhr der Amerikaner fort: „vergeſſe Er ſeine Schrecken. Ich habe mich beſonnen, und halte dafür, es ſey beſſer, die ganze Anklage zu unterlaſſen.“ „Ach, wenn Sie das im Ernſte wollten,“— ſtammelte Nothhaft—„ich würde neu aufleben.“ „Lerne Er, Menſch,“ ſprach Birsher weiter,„daß es nichts Gemeines mit ſolchen Anſchuldigungen auf ſich hat. Er hat mir auf die Bibel zugeſchworen, daß Alles, was Er mir heute entdeckt, reine Wahrheit ſey; ich will es glaubenz nicht um Seinetwillen, denn der erbärmliche Spuck in des Senators Hauſe verdächtigt Ihn, aber um des ſeltſamen Benehmens des Senators willen; um der Vorausſetzung willen, daß ein Menſch, der nur einen redlichen Bluts⸗ tropfen in ſich verſpürt, nicht auf eine Lüße hin ſeinen Nächſten in's Grab und in Schande ſtürzen werde. Er hatte nicht darauf gerechnet, daß mir es einfallen könnte, die Anklage öffentlich zu machen; Er hat mich beſchworen, es zu unterlaſſen: das iſt ein guter Zug von Ihm; Er hat mir geſtanden, daß Er nur, um mich von der Ehe mit Juſtine abzuhalten, mir die Eröffnung gemacht, die aber demunge⸗ achtet eine völlig wahre ſey. Er hat ſich endlich gutwillig in jenes Zimmer verfügt, wo ich Ihn inne zu halten für gut befand, damit es mir bei der Klage nicht an dem Gewährsmanne 139 fehlen möchte. Bedenke Er aber ſelbſt, wohin meine Klage führen würde: zu Seiner eigenen Haft, zu Seiner eigenen Schmach, als Hehler der begangenen Blutthat. Der Sena⸗ tor würde eines ſchimpflichen Todes ſterben, ſeine Familie würde zu Grunde gehen, mein Schmerz wieder tauſendfach erneut, meines Vaters Gebeine in ihrem Grabe geſtört wer⸗ den; und zu welchem Endzweck? Würde dieſe Genugthuung mein Herz befriedigen, den geliebten Todten wieder in's Leben rufen? Und die Unglücklichen, die— ihren ſchuldigen Gatten und Vater beweinend— mir, dem unglücklichen Verfolger fluchen würden! ach, welch' eine Zukunft! Darum will ich lieber ſchweigen, wie das Grab über dem Todten, und verlange daſſelbe von Ihm: ſchwöre Er mir's abermals auf die Bibel, und dann gehe er hin, von wannen Er gekommen, ſo wie ich nach der Heimath zurückkehren will: vergeſſend— und rein von Fluch!“ Nothhaft vernahm mit innigem Wolgefallen Birshers Worte. Er hätte tauſend Eide geſchworen, um nur den Folgen eines Schritts zu entgehen, den er weniger aus un⸗ verbeſſerlicher Bosheit, als, von frechem Trotze und Eiferſucht bewegt, gethan hatte. Er entlief mit Rieſenſchritten dem Gaſthauſel, und ſuchte den Weg nach ſeinem Städtchen. Birsher war mit ſeinen Entſchlüſſen zufrieden, und überlegte gerade, wie er dem Senator, wenn derſelbe ſich nicht bereits auf der Flucht befände, ſeinen edelmüthigen Vorſatz kund zu geben hätte— wie er von Juſtine Abſchied nehmen ſollte, als der Magiſter aus Faldern zu ihm trat. „Was wollen Sie, Magiſter?“ fragte Georg haſtig und verdrüßlich, geſtört zu werden. 1⁴4⁰ „Der Ueverbringer des Danks ſeyn, welchen Ihnen zwei redliche getröſtete Herzen zollen,“ antwortete der Magiſter freundlich und zutraulich. „Zwei getröſtete Herzen?— Schon gut!“ „Und der Bitte zugleich, dieſen Dank aus dem Munde der Getröſteten ſelbſt hören zu wollen.“ „Ihr Zögling ſoll zu mir kommen. Ich will ihn kennen lernen.“ „Und Juſtine, die ſich ſehnt, Ihnen ein dankbares Wort zu ſagen.“ „Welche Zumuthung? Vill ſie ſehen, wie mich die Ent⸗ ſagung kleidet?“ „Und Juſtine, die ſich vor Ihnen rechtfertigen möchte 2 „Falſchheit ſich rechtfertigen? Ich mag ſie nicht beſchämen?“ „Und Juſtine, die Ihnen etwas Wichtiges anzuvertrauen hat, das nur Ihrem theilnehmenden Herzen vertraut wer⸗ den kannz das auf das Glück Ihres Lebens den größten Ein⸗ fluß haben wird?“ „Magiſter! Sie ſchlagen die rechte Saite an. Juſtine ſoll einen Mann in mir finden, den Liebeskummer nicht nie⸗ derbeugt; einen Mann, der das Gute nicht halb thut. Ich vedarf dieſer Prüfung, um mich zu einer edeln That würdig zu ſtärken. Ich folge Ihnen; ich will dem Mädchen ebenfalls eine Nachricht bringen, die wohl manches Herz beruhigen dürfte. Wo, wann harrt meiner das Paar, das ich durch meinen Rücktritt ſo ſehr beglückte?“ „Wenn Sie mir folgen wollten?.. ich führe Sie.“ „Recht; geſchwinde, mein Freund! Sie noch einmal zu ſehen— Sie zu beruhigen, und dann ſchnell wiederzukehren, um meine Abreiſe anzuordnen.“ 141 Georg ging mit dem Magiſter weg, ohne wiederzukehren. Die Stunden gingen vorüber, der Abend war da. Der Gaſt im Schwan blieb aus. Die Wirthin, die den jungen, ſtillen Mann wohlwollend in's Auge gefaßt hatte, wurde un⸗ ruhig. Mit einbrechender Nacht ſendete ſie in des Senators Haus, um nach dem Amerikaner fragen zu laſſen. Er war dort nicht geſehen worden. Der Senator ſchickte den Kellner mit dem kühlen Beſcheide zurück; ging dann auf ſeine Stube, heimlich ſeinem Gott zu danken, und den Zettel wieder durch⸗ zuleſen, den ihm um die zweite Stunde des Nachmittags der Doctor geſchickt hatte, mit den lakoniſchen Worten:„Faſſen Sie Muth, Gebeugter! Wir verlaſſen Sie nicht. So eben iſt Er fort, um nicht wieder zu kommen. Er wird Sie ewig in Ruhe laſſen!“ Der Senator küßte, ſeiner Angſt entledigt, den kurzen Brief; trat dann zu ſeiner Familie und ſagte:„Mein armes Bräutchen Juſtine! Dein Verlobter ſcheint auf Abwege ge⸗ kommen zu ſeyn. Wir wollen morgen, am Tage des Herrn ſammt und ſonders zur Johanniskirche wandeln, um den Segen Gottes anzuflehen, daß er den Handelsfreund wieder geſund zu uns zurückbringe!“ „Endlich wieder ein frommer Vorſatz;“ erwiederte die Senatorin:„nur Schade, daß der Bürgermeiſter Dich heute zur Gottesfurcht bekehren mußte. Bei alle dem finde ich's ungezogen, daß Herr Birsher heute gänzlich ausbleibt. Wenn nur die leichtfertige Franzöſin, die ſich auch ſeit dem Morgen nicht ſehen ließ, den zutäppigen Sans facon nicht berückte!“ Juſtine ſchwieg; aber in ihre Augen traten unwillkührlich Thränen: unwillkührlich ſeufzte der Mund.„Ja, Vater;“ 142 ſagte ſie, als dieſer am Abend freundlicher und ruhiger als ſeither, Abſchied von den Seinen nahm:„wir wollen morgen aus dem Grunde des Herzens beten, damit Eintracht und Friede nicht von uns weiche!“ Am nächſten Morgen ſtand Pater Münzner ſehr frühe auf, um ſich zu dem Gottesdienſte vorzubereiten. In dem Garten kam ihm bereits ſein Pflegeſohn entgegen. Leidenſchaftlich faßte ihn dieſer bei der Hand, und rief:„Wohl mir, daß ich Sie endlich allein finde, mein Vater! Des Superiors Gegenwart hat meine Zunge gebunden, ſonſt hätte ich Ihnen geſtern ſchon geſtanden, wie ſehr ich's bereue, daß ich Sie verkannte! Ja, mein würdiger Pfleger! Sie wollen mein Glück; Sie wollen es, wenn Sie mir es auch verhehlen; meinen ewigen Dank dafür!“ „Verſtehe ich Dich, Unbegreiflicher?“ fragte Münzner ſtaunend. „Ihre Güte war mir unbegreiflich,“ fuhr James heftig und entzückt fort:„aber die Wege der Vorſehung ſind es ja auch, und dennoch gut und dennoch beglückend! Mögen Sie es doch wiſſen, daß ich Alles erfuhr, aus Birshers edelmü⸗ thigem Munde erfuhr!. „Birsher? um's Himmels willen! was weißt Du?“ „Daß Sie mit ihm geredet, daß Sie ſein Herz gerührt!... daß Juſtine— das herrlichſte Glück! daß Juſtine mir gut iſt, daß ſie, die ſo ſchlau ihre Liebe zu verbergen wußte, mein Bild,— vielleicht hat ihre liebe Hand es ſelbſt ent⸗ worfen— mein Bild auf ihrer Bruſt trägt,— daß der ge⸗ fürchtete Bräutigam zurücktritt!...“ „Menſch! Du fabelſt!“ 143 „Läugnen Sie nicht, mein Vater! Iſt es denn ein Ver⸗ brechen, einen liebenden Jüngling zu beglücken? Ich bin verſchwiegen! Ich ſehe ein, daß Sie Gründe haben können, vor dem Superior, der mich in's Noviziat ſchleppen will, Ihr menſchenfreundliches Beſtreben zu verbergen, daß Sie nur Zeit gewinnen wollen!... Legen Sie jedoch, uns ge⸗ genüber das Geheimniß ab, und hören Sie meinen Plan. Ich werde nicht Prieſter! Der Soldatenſtand allein kann und wird mich Juſtinen näher bringen. Ich habe geſtern des letzten Schwedenkönigs Leben geleſen— es hat mich be⸗ geiſtert! Noch bin ich jung; noch wetterleuchtet es am Ho⸗ rizonte Europa's! Ich liebe, ich hoffe! das Glück muß mir zur Seite ſtehen!“ „Jeſus Chriſtus!“ verſetzte der Doctor blaß und betrübt: „Du läſſeſt mich nicht zu Worte kommen, und dennoch muß ich Dir mit blutendem Herzen betheuern... Raſche Schritte von Annähernden unterbrachen ihn. Der Superior mit allen Zeichen des Schreckens— die Lainez, wie ein Schatten folgend— eilten herbei. „Hannibal ante portas!“ rief der Erſtere, der einen dicken Brief in der Hand trug:„Hochwürdiger Herr! Jetzt gilt's, zum Streit ſich rüſten!“ „Wie ſo? wie das?“ fragten der Doctor und James. „Erzählen Sie, während ich dieß Schreiben durchlaufe;“ verſetzte der Superior zitternd und bebend. Die Lainez ſprach mit erlöſchender Stimme: „Wir ſind verrathen; Alles kömmt an den Tag. Des Schreiner Ulrichs Frau iſt in der Nacht krank geworden; der Mann hat unſer Gebetbuch unter ihrem Kiſſen gefunden. Die Drohungen des Mannes, wie der Schmerz ihres 144 Körpers haben ſie zugleich bedrängt; ſie hat gebeichtet, daß ſie katholiſch geworden,— daß eine ſtille Gemeinde beſtehe,— daß in dem Johanniterhofe... „Gott ſtehe uns bei!“ riefen die Zuhörer. „Vor einer halben Stunde...“ fuhr die Lainez erſchöpft fort,—„läßt der Rottmeiſter, bei dem der Schreiner Alles angezeigt, den Hof umringen,— das Thor aufſprengen, den Verwalter feſt nehmen, Alles durchſuchen. An meiner Thüre vorüber dringen die Schergen in die Kapelle. Unſre heiligen Zierden fallen in ihre Hände. Man bemerkt mich nicht im Tumulte: ich entſpringe, um hier das Unglück anzuſagen!“ Litzach ſtürzte in den Garten.„O meine Herren! meine heiligen Väter! was wird daraus werden?“ rief er:„ich erfahre ſo eben, von dem Dorfe kommend.. der Verwalter iſt verhaftet, läugnet indeſſen noch feſt; hat nichts geſtanden; der Johanniterhof wird verſchloſſen gehalten, damit nichts vor der Zeit verlaute: vor dem Polizei⸗Aufſichter ſoll um neun Uhr erſt Alles klar werden! Der Sigriſt, der entſprang, ſagte mirs, es Ihnen mitzutheilen!“ „Das Interdikt über die Bübin, die den Herrn verrieth!“ zärnte der Superior:„das Etabliſſement, die Miſſion... Alles geht zu Grunde! Schande kommt über uns! Laſſen Sie uns Hand an die Rettung legen, Pater Münzner! Wir müſſen fort, ehe der Lärm um ſich greift.“ „Unſere Bücher liegen bei'm Senator;“ tröſtete der Doe⸗ tor:„kein Menſch ſucht ſie dort. Die Translation war zweckmäßig.“ Zweckmäßiger als Ihre Verwaltung, Pater Münzner!“ entgegnete der Superior zornig:„ſolche Leute, wie die Schrei⸗ nersfrau, an⸗ und aufzunehmen.. plaudernde Gänſe..“ 4 „Mein Vorgänger hat ſchon...“ wollte ſich Münzner entſchuldigen.— „Schweigen Sie!“ befahl der Superior heftig:„Marſch, auf die Beine! ihr Uebrigen! Er, Litzach, tummle ſich ſchnell um einen Wagen um. Vor dem Friederthore will ich ein⸗ ſteigen. Er, James, wird auf der Stelle alle Habſeligkeiten des Paters compendiös zuſammen packen. Cito! citissime!“ James eilte hinweg. Litzach rang die Hände;„ich bin der Unglücklichſte!“ ſeufzte er:„was wird aus mir,— was aus meinen Kindern, und was aus meiner kranken Frau werden?“. „Was Gott will!“ antwortete der Superior hart und rauh:„packe Er ſich fort, und beſorge Er den Wagen!“— Litzach gehorchte, faſt weinend.— „Laufe Sie, Lainez!“ ſagte der Superior dringend zu dieſer:„ein Weibsbild mengt ſich ohne Gefahr unter Gaffer und Pöbel! Horche, laure Sie. Wenn etwas Ungerades ſich verſpüren läßt,. ſchnelle Poſt hieher!“— Die Lainez eilte weg.„Pater Münzner!“ fuhr der Su⸗ perior fort:„unſers Bleibens iſt in dieſem Hauſe nicht. Der Doctor Leupold wird bald aufgeſucht werden! Schändlicher Baalſtreich! Wir flüchten uns einſtweilen in des Senators Haus, wo man uns ſicherlich nicht ſucht.“ „Ich Unglücklicher!“ rief Münzner, wie in Verzweiflung: „daß dieſes Unglück unter meiner Verwaltung geſchehen mußte! Welch' ein Empfang wartet meiner in unſerm Hauſe und bei'm Provinzial!“ „Erkennen Sie, ob ich Ihr Freund bin!“ erwiederte der Superior, indem er ihm den Brief reichte, den er vorhin geleſen:„ich will Sie der Traufe entziehen, weil Sie mir III. 2. 10 6 ein wohlgefälliger Mitbruder geweſen. Der Provinzial trägt mir auf, ein tüchtiges Mitglied nach Aſſumption im Paraguap zu ſchicken, um den Handelsangelegenheiten vorzuſtehen. Ihre Miſſion allhier iſt leider nun erledigt; verbergen Sie Ihre Schaam in Amerika, bis der General Sie zur Rechenſchaft rufen läßt. Es verfließen indeſſen Jahre, die Sache ſchlum⸗ mert ein, und ein ſimpler Verweis tritt alsdann an die Stelle der harten Pönitenz.“ Der die Commiſſion, ohne ein Wort zu erwiedern. Der Superior ſowohl, als die Haus⸗ wirthin, die ängſtlich herbeikam, drangen in ihn, ſich in Sicherheit zu ſetzen. Kaum, daß ihm die Zeit verblieb, ſeinen James zu umarmen:„ich gehe nach Paraguay!“ ſagte er weinend zu ihm:„das Schickſal macht hier ein ſchnelles Ende mit uns. Wir ſehen uns vielleicht nie wieder. Folge darum dem ehrwürdigen Pater Superior, der Dein Glück will! Vergiß, armer Getäuſchter, und zürne mir nicht!“ Der Jüngling war von dem Augenblicke zu ſehr erſchüttert, um auf die Rede ſeines Pflegevaters merken zu können. Der Superior riß den Doctor unwillig mit ſich fort, und ermahnte den jungen Engländer im Novizenmeiſterton, ſeine Packarbeit zu fördern, die Effekten vor das Friederthor zu ſchaffen, und bei dem Wagen ſeiner zu warten, um mit ihm ſich zu ent⸗ fernen. Hierauf ſchlugen die geiſtlichen Herren, die Hüte tief in die Stirne gedrückt und herabgekrempt, den Weg nach Müſſingers Wohnung ein. Ein heftig niederſtürzender Regen begünſtigte ihre ſchnelle Wanderung. Die Kirchen⸗ glocken riefen von allen Seiten die Gläubigen zum Gottes⸗ dienſte, und leerten die Straßen. Ohne Aufenthalt waren die Väter an des Senators Thüre gekommen. Sie war verſchloſſen. „Der Senator iſt in der Kirche!“ ſagte der Superior, ſich beſinnend:„Wir erlaubten ihm ja geſtern, als wir die Regiſter brachten, das Poſſenſpiel mitzumachen, um ſeinen Leumund wieder zu heben.“ „Ich habe glücklicher Weiſe den Schlüſſel zu der Si thüre in der Taſche;“ verſetzte der Doctor:„er gab mir ihn, um unbemerkt zu kommen, wann ich wollte; es iſt ſonderbar, daß es heute zum Erſten⸗ und Letztenmale ſeyn muß.“ Sie traten in das Gäßchen; der Schlüſſel paßte, und die Herren ſtellten ſich unter das Gewölbe des Hauſes, um zu berathſchlagen, ob der Senator zu erwarten, oder viel⸗ mehr rathſam ſey, daß der Superior oder der Doctor zuerſt ſich auf die Flucht mache.— Während dieſes in ſeinem Hauſe vorging, ſaß der Senator, noch von Allem ununterrichtet, mit den Seinigen im Bet⸗ ſtübchen der Johanniskirche. Das Gebäude war gedrängt voll. Das ſchlechte Wetter hatte es ungewöhnlich angefüllt. Die Orgel ſchmetterte die Melodie des Liedes, und nachdem einige Verſe deſſelben verklungen, betrat Paſtor Lammer die Kanzel. Sein Geſicht war feurig, ſeine Augen ſprühten und rollten in der Runde umher. Auf dem Oratorium des Se⸗ nators haftete ein drohender ſtaunender Blick, dem alle Augen der Anweſenden folgten. Heftig zerrte des Predigers Hand an der faltenreichen Krauſe; er huſtete; er öffnete den Mund, da ſiel ein Donnerſchlag ein, deſſen Vor⸗ gänger unter dem geräuſchvollen Orgelſpiel nicht gehört worden waren, und ein Blitz leuchtete durch die grauen 10* Fenſterſcheiben, die der Stromregen peitſchte. Lammer ſah, während ein Laut des Schreckens durch die Kirche ging, furchtlos nach der Seite, wo der Blitz erſchienen, ſeine Mienen nahmen eine gewiſſe Begeiſterung an,— verächtlich ſchob er das Concept ſeiner Predigt, das vor ihm auf dem Kanzelrande lag, hinunter, und begann plötzlich aus dem Stegreife mit aller Kraft ſeiner Stimme: „Du donnerſt, Herr der Welten? Du ſtarker zorniger Gott? ja, Barmherziger, entziehe mich heute der ſchweren Pflicht, Deine Gebote zu erklären! Nimm ſelbſt das Wort, damit gerade am heutigen verhängnißvollen Tage die Sünder zittern und ächzen, wenn Du in Deinem Zorne ſagſt:„Ich bin der alleinige ſtarke Gott, und Du ſollſt keine Eötter haben neben mir!“ Laß Deine Gewitter rollen und den grauen Schleier vom Himmel nieder fallen, damit die Natur in Sack und Aſche traure; ſchreibe einen außerordentlichen Bußtag aus für außerordentliche Sünden! denn ſie haben Dein erſtes Gebot mit Füßen getreten! denn ſie haben andere Götzen neben Dir! denn ſie haben Dich geſchändet, als wärſt Du nicht der ſtarke eifrige Gott, ſondern das elende Heidenbild Dagon, ein zerbrechliches Stück Koth! aber ſie täuſchen ſich, denn ſie knieen vor den faulen Götzen! ſie betrügen ſich, denn ſie haben keine Bundeslade, vor welcher Du den Staub küſſen müßteſt! ſie haben ſich belogen, denn ihnen iſt die Hölle worden; meine Brüder! vernehmt, daß das Weib aus Babylon aufer⸗ ſtanden war, daß es ſich gelagert hatte an den Thoren dieſer Stadt, und daß es geſprochen: kommt her, die ihr mich heimlich lieben wollt, und ſündigt mit mir!— O der Schande! o des Gräuels! o der verfluchten Ueppigkeit! ſie ſind nicht vorüberge⸗ gangen an dem frechen Weibe! ſie haben ihr Ohr nicht vor der — Schlange verſtopft! ſie haben mit ihr gebuhlt! ja, meine Freunde! ja, meine Brüder! das römiſche Pabſtthum hat eine Winkelbude in unſerer Stadt errichtet; es hat vielen Eurer Mitbürger das ewige Seelenheil gegen falſchen Tand abgetauſcht. Doch nicht alle Sündige waren verſtockt; ihrer waren etliche, die Reue fühlten. Sie haben bekannt. Die Kapelle iſt entdeckt, die Hülle iſt von der abſcheulichen Ver⸗ ſchwörung der Finſterniß gefallen! ſie ſind entlarvt, und harren angſtvoll der verwirkten Strafe!“ Eine Bewegung der Unruhe, des Abſcheus, der Beſtürzung, durchlief die Verſammlung, und jedes Ohr horchte neugierig auf die Fortſetzung der Predigt. Der Senator konnte ſich kaum vor Schrecken an der Brüſtung des Betſtübchens er⸗ halten; die Senatorin ſtarrte dumm und nicht begreifend auf den Prediger; Juſtine, ahnungsvoll und beklommen, behielt den Vater ängſtlich im Auge.— Der Prediger fuhr mit erhöhtem Kraftaufwande fort: „O, wie zittern jetzv die Herzen der Sündigen! wie werden ſie wünſchen, gar nicht geboren zu ſeyn! und dennoch ſelig noch diejenigen, die Schaam und Reue empfinden! ſeliger noch diejenigen, die ihre ſchweren Verbrechen durch ein aufrichtiges Geſtändniß verſöhnten! aber dreimal ver⸗ worfen diejenigen, ſo in ihrem Irrthume, in dem Laſter beharren! dreimal verworfen die gottloſen Prieſter aus Babel, die das Volk des Herrn verführt haben, und Unkraut geſtreut unter den Waizen!— Wie ſoll ich Euch aber nennen, Gottesläugner! was ſoll ich Euch prophezeihen, Ihr Verſtockte! die mit der Abtrünnigkeit noch Heuchelei verbinden? die mit glatter Stirne den Tempel des wahren Chriſtenthums beſuchen, und das falſche im Buſen tragen? beſſer wäre 150 es, Ihr bliebet aus dem Hauſe Gottes, das Ihr durch Eure betrügeriſche Gegenwart verunreinigt!— wie ſoll ich aber denjenigen nennen, der— ſelbſt ein Richter im Volke.. der— ſelbſt ein Erhalter der Geſetze— das Volk verräth, indem er deſſen Verführung begünſtigt? das Geſetz ſchändet, indem er thut, was es in ſeiner Weisheit ver⸗ bietet.. 2 den ehrwürdigen Senat, dem er angehört, brand⸗ markt durch ſeine entſetzlichen Frevel? ihn, der ſchamlos genug iſt, ſich allen Augen im Tempel des wahren Gottes Preis zu geben, ſich heuchleriſch darinnen zu brüſten, nachdem er, geſchweige anderer Unthaten, die erſt an's Licht kommen werden und müſſen, in dem teufliſchen verbotenen Lotto ſein Hab und Gut gewagt, und ſataniſches Handgeld damit ge⸗ wonnen? nachdem er ich ſpreche es mit Schaudern aus, meine Brüder,— nachdem er katholiſch geworden?“ Der von dem Feuer der tadelnswertheſten Heftigkeit er⸗ griffene Geiſtliche deutete mit Blick und Finger auf den Se⸗ nator unverholen hin, der, von Beſchämung und Wuth ge⸗ peinigt, in den Schatten ſeiner Betloge zurückſank, nach welcher murmelnd und blasphemirend die Menge gaffte, auf die der wüthende Prediger noch einen Hagel von Ver⸗ wünſchungen niederrauſchen ließ. Der Auftritt ſollte noch gräulicher werden. Der Senator, an ſeinem Stuhle nieder⸗ gleitend, hatte unbewußt den Arm ſeiner Frau ergriffen. Dieſe, die endlich mit abergläubiſchem Entſetzen begriff, wo hinaus der Prediger wollte, fühlte kaum die Hand ihres Mannes, als ſie dieſelbe lautſchreiend zurückſtieß, aufſprang, mit dem Geſangbuche nach dem Ohnmächtigen warf und kreiſchte:„Weg von mir, elendiger Mann! das fehlte noch⸗ —————— katholiſch zu werden! Gvott erbarme ſich unſer! Ich bleibe keinen Augenblick mehr an Deiner Seite!“— Vergebens warf ſich Juſtine ihr bittend in den Weg⸗ Schluchzend, wüthend, wie eine dem Teufel Entlaufende, drängte die Senatorin ihre Tochter von der Thüre.„Weg⸗ Satanskind!“ rief ſie aus vollem Halſe:„helft mir, ihr guten Chriſten! Ich gehe nicht mit einem Schritte mehr in das Haus des Abtrünnigen!“ Auf der Treppe von einem Schwarme von Betſchweſtern umringt, die fragten und ſchimpften, und bedauerten, ging das Kreiſchen des unvernünftigen Weibes in ein widerliches Heulen über, das der Menge Gemurre und des Predigers Stentorſtimme gewältigte.„Ich unglückliches Weib!“ ſchluchzte ſie:„wer führt mich zu meinen Verwandten, damit ich ſicher ſey vor dem Teufel, an den man mich verheirathet hat? Ich habe zu Allem geſchwiegen, aber nun kann ich's nicht mehr. Der elende Mann hat im Lotto geſpielt, hat den Holländer umgebracht, und nun erſt.. katholiſch zu werden... ich armſeliges Geſchöpf!“ Endlich wurde ſie fortgebracht, und mit ihr ging die Steuercommiſſärin und viele Freundinnen.„Da haben wir's ja!“ ſagte die Erſtere triumphirend.„Da hören Sie's ſelbſt, meine Lieben! den Holländer umgebracht, wahr⸗ ſcheinlich nicht minder deſſen Sohn, der ſeit geſtern verſchwun⸗ den iſt..! Lotterie geſpielt... katholiſch geworden! und mit alle dem that der ſchlechte Mann als wie ein Tugend⸗ ſpiegel! Aber mein Mann ſoll auf der Stelle zum Bür⸗ germeiſter, und dann wollen wir ſehen, ob noch Recht im Lande iſt!“ Während deſſen ſchritt, von einem angſterregenden Men⸗ ſchengedränge umgeben, von Juſtine unterſtützt, der todten⸗ ähnliche Müſſinger durch die Kirche und über die Gaſſen. Es regnete entſetzlich.„Warum gehſt Du nicht zu der Mutter?“ fragte er die Tochter leiſe und ohne die Augen zu ihr aufzuheben.„Ich bleibe bei Ihnen,“ erwiederte ſie ſanft:„ich kenne die Mutter nicht mehr. Ich habe im Stil⸗ len geahnt, was Ihre Vernichtung mir beſtätigt! Ach, ich habe nicht falſch geſehen;.. der Doctor!. Aber ich liebe Sie jetzt mehr, um Ihres Unglücks willen, und begehre nicht, von Ihnen mich zu trennen.“—„O mein armes, einziges, liebes Kind!“ ſprach der Senator unter Wehmuths⸗ wellen, und ſchauderte ſichtbar zuſammen, weil eine Menge Volks vor ſeinem Hauſe ſichtbar wurde, und die Hellebarden und rothen Röcke der Rathshatſchiere von der Thüre daher blinkten.—„Ich werde in Arreſt gebracht!“ ſeufzte der Beängſtigte. Juſtine erſchrack; ihre Thränen fielen auf ſeine Hand. Der Senator erhielt im Gedränge einen Stoß auf die Bruſt;z er ſah zur Seite und erblickte ſein ſchweres Porte⸗ feuille, das ihm eine hülfreiche Hand in den Buſen ſchob. „Einen Gruß von den Herren!“ ſagte der blaſſe Litzach zu ihm, der ſich wieder niederduckte:„Sie ſollen das bewahren und fliehen. Die Bücher ſind verbrannt und zerriſſen. Ernft hat Sie verrathen, fliehen Sie nach Amſterdam, der Doctor erwartet Sie.“— Die Worte waren wie im Fluge geſprochen worden, und der dem Senator unbekannte Bote verſchwand. Der Sena⸗ tor verbarg mechaniſch das Taſchenbuch, das ſeine Wechſel und Obligationen enthielt, ohne darüber nachzudenken, wie es wohl aus dem verſchloſſenen Hauſe in die Hände jenes 153 Menſchen gekommen. Zwei Senatoren, Commiſſarien des Bürgermeiſteramts, die in ihren ſchwarzen Kleidern und weißen Perücken ungeduldig im Regen warteten, riefen dem verdächtigen Collegen zu, die Thüre ſchnell aufzumachen. Müſſinger gehorchte; Commiſſarien, Hatſchiere, Volk, dran⸗ gen in das Haus. Juſtine wurde von des Vaters Arm ge⸗ riſſen, und flüchtete in das obere Stockwerk, deſſen Treppe von den Hatſchieren beſetzt wurde.„Ihre Papiere!“ hieß es unterdeſſen zu dem Senator. Er bückte ſich, die Thüre ſei⸗ nes Cabinetts zu öffnen. Sie war ſchon offen. Man trat ein. Der Pult war gewaltſam geöffnet von den Bü⸗ chern der Jeſuiten, die darinnen verwahrt geweſen, ſah der Senator, ſelber ſtaunend, keine Spur. Unglücklicherweiſe jedoch fand ein Spürhund in einem Winkel die Legenden der Heiligen Ignaz und Laver. Als ein Beweis des Ge⸗ ſuchten wurde das Buch mit Jubel empfangen.„Unwürdi⸗ ger Mann!“ ſagte ein Senator zu dem verſtummenden Müſſinger:„die Schlüſſel zu der Kaſſe, damit ſie für's Erſte in Beſchlag genommen werde!“„Oeffnen Sie die geheimſten Fächer des Büreau's!“ ſagte der Zweite:„man hat Sie mit Seelenverkäufern umgehen geſehen; nach der Ausſage Ihrer eigenen Comtvirbedienten Nothhaft und Berndt. Wo iſt die Correſpondenz über dieſen ſchändlichen Trafik?“— Müſſinger läugnete und verwies auf ſeine Handels⸗ ſcripturen. „Wer ſeinen Gott verläugnen kann, lügt auch vor Men⸗ ſchen!“ ſagte Einer der Commiſſarien:„wie kömmt es aber, daß Ihr Pult bereits geöffnet, gewaltſam geöffnet iſt?“— Müſſinger bezeigte ſeine Unwiſſenheit. 4154 Indeſſen kamen zwei Perſonen herbei, die viel Verwir⸗ rung in den Auftritt brachten. Der Erſte, ein Schwager der Senatorin, zu dem die bösartige Frau ſich geflüchtet und welcher erſchien, um deren Eingebrachtes zu reklamiren: der Zweite, der Comtvirdiener Berndt, den Neugierde und Schrecken zu kommen vermocht hatten. Der Schwager der Senatorin miſchte ſich mit vielem Lärm und aufgeblaſenem Benehmen in die Geſchäfte der Commiſſarien, und dieſe hiel⸗ ten es für gut, den Diener Berndt verhaften zu laſſen, weil gegen ihn der Verdacht obwalte, auf vorläufigen Befehl ſei⸗ nes Principals aus der Kirche entwichen zu ſeyn, und das Pult geſprengt zu haben, um die ſchwerſten Indicien, ſowohl des Katholicismus, als des Lottoſpiels, als der Seelenver⸗ käuferei, aus dem Wege zu räumen. Während nun der un⸗ ſchuldige Comtoriſt deprecirte, und die Hatſchiere Gewalt brauchen mußten, den jungen Mann, der ſeiner philadelphi⸗ ſchen Sanftmuth gänzlich vergaß, feſtzuhalten,— während der Senatorin Verwandter ſeinerſeits ſchrie und die Com⸗ miſſarien übertäubte, die Zuſchauer ſich um dieſe Scene drängten, ſtießen, und kleine Debatten unter ſich ſelbſt hiel⸗ ten, erwiſchte Jemand den Senator Müſſinger bei'm Kleide, und zog ihn mit kecker Fauſt in das Gedränge, durch das Gedränge, und Niemand bemerkte es im Tumult. James war der Kühne.„Kommen Sie!“ flüſterte er dem Staunen⸗ den dringend zu, riß ihn durch den Ausgang, unfern von der bewachten Treppe vorbei in den Hof, nach der Hinter⸗ thüre, klinkte ſie auf, und nun ſtracks mit dem Geretteten fort durch das öde Gäßchen.— „Wohin, wohin, mein Freund?“ fragte Müſſinger athemlos. „Still! kein Wort!“ verſetzte der Jüngling, undtlief, ſo ſchnell der Senator ſelbſt konnte, nach einer Querſtraße, wo er in ein Haus ſchlüpfte, das ein Werbſchild über der Thüre trug. Er hieß den Begleiter folgen, und trat mit ihm raſch in die niedrige Stube, wo einige Reiter, in bunten Unifor⸗ men, ſaßen und tranken. „Kameraden!“ rief James, als wie begeiſtert:„Ihr ſeyd Katholiken! Es gilt hier, einen Katholiſchen zu retten! Ei⸗ nen Helm, einen Reitermantel, ein Pferd für den Verfolg⸗ ten! Zwei von Euch zur Bedeckung, die ihn geleitet, bis zum Weichbilde geleitet, und nehmt dafür mich hin, mit Leib und Seele! Ich begehre kein Handgeld als den Lie⸗ besdienſt!“ „Was thut Ihr, mein Freund?“ fragte Müſſinger ver⸗ weiſend, ſank aber erſchöpft auf eine Bank. Ein Reiter bot ihm Wein. Die Andern überlegten; endlich, einig gewor⸗ den, daß ein hübſcher Burſche hier zu werben ſtehe, und wohlfeil, ſo wie nie, ſagte der Wachtmeiſter:„Meinetwegen, Wonſieur. Geb Er mir die Hand, und trink' Er auf's Wohlſeyn unſers Herrn!“— James ſtieß eiligſt an.— „Preſſirt's mit dem armen Mann?“ fragte der Unteroffizier weiter. James beſtätigte es dringend, erzählte, er habe gehört, man wolle die Thore ſchließen, um ſich der heimli⸗ chen Gemeinde deſto gewiſſer zu verſichern. Der Unteroffi⸗ cier lachte der ungeſchickten Maaßregel.„Unſrer Uniform ſtehen, ſo Gott will, alle Thore offen!“ ſagte er, trotzig den Bart ſtreichend:„ſchafft nur für den Herrn Stiefel, Mantel und Helm herbei, ihr Burſche. Mit ihm auf's Pferd dann, in Gottes Namen! ſcharfen Trab! ich bleibe indeſſen bei dem jungen Rekruten da!“ 156 Während Einer ging, die Monturſtücke herbeizuſchaffen, und der Andere, die Gäule aufzuzäumen, umarmte Müſſin⸗ ger kraftlos ſchwankend den Jüngling.„Nehmt die Hälfte meines Geldes!“ ſagte er, die Brieftaſche hinreichend. Ja⸗ mes ſtieß ſie mit glänzendem Auge von ſich.„Ich will ſchon meinen Lohn fordern, wann es Zeit ſeyn wird!“ antwortete er, half dann dem willenloſen Senator ſeine Verwandlung vollenden, drückte ihm an Statt der Perücke den Helm auf den Kopf, und empfahl ihm, das bartloſe Kinn tief in den Radmantel zu ſtecken. Indem er ihn unterſtützte, um ihn zum Pferd zu geleiten, rief Müſſinger, wie aus einem Traume auffahrend:„Juſtine! meine Tochter! Sie bleibt zurück; und hat doch geſchworen, ſich nie von mir zu trennen! Edelmü⸗ thiger Menſch! wollt Ihr die Krone auf Eure That ſetzen, und die Angſt meiner Tochter endigen? Mein Buchhalter ſoll ſich ihrer annehmen, er ſoll ſie mir nachführen... nach Amſterdam, zu van den Höcken, wo ich ihrer ſehnſuchts⸗ voll warte!“ „Es ſoll geſchehen, Ew. Edeln,“ verſicherte James:„ich werde ſie aufſuchen;— will's Gott! auch ſie retten, Ihnen nachſenden. Gott geleite Sie.“ „Armer Menſch!“ klagte Müſſinger:„wie laſſe ich Dich zurück? Du haſt Deine Freiheit, Dein Leben um meinet⸗ willen verkauft. Schreibe, melde mir, ob Geld Dich wieder befreien kann, und ich „Poſſen!“ rief der Wachtmeiſter ärgerlich dazwiſchen: „war er ein paar Wochen zu Pferde, ſo begehrt er's nicht mehr anders. Aber zu Pferde, Herr, zu Pferde müſſen auch Sie, damit meine Burſche um RMittag zurück ſeyn können. Der Trompeter bläst. Steigen Sie auf, und machen Sie meinem Gaul keine Schande. Er geht auf's Wort.“ Indeſſen hatte James dem Senator zugeflüſtert:„Ich brauche kein Geld, lieber Herr, und indem Sie mir das trauliche„Du“ gaben, haben Sie die Hälfte Ihrer Schuld abgetragen. Leben Sie wohl! Gott mit Ihnen!“ Der Senator wurde auf's Pferd gehoben, und trabte majeſtätiſch zwiſchen den Reitern durch Stadt und Thor, welches die Stadtſoldaten gefällig und gehorſam vor dem gefürchteten Feldzeichen aufriſſen. Juſtine wußte von all' dieſen Begebenheiten nicht das Geringſte. Einer ſchüchternen Unentſchloſſenheit hingegeben, batte ſie in ihrem Zimmer ſich verborgen, um ſich zu faſſen. Der ſcandalöſe Auftritt in der Kirche, die Verhaftung ihres Vaters, die Ungewisheit ihrer zukünftigen Lage, beſtürmten zugleich ihre Sinne, daß ſie auf einen Augenblick die Selbſt⸗ ſtändigkeit ihres Charakters vergaß. Die Stimme ihres Vetters, der endlich ſich vernehmen ließ,— der die Treppen heranſtieg, um die Effekten ſeiner Schwägerin in Beſchlag zu nehmen, der von Verſchließung aller Gemächer redete, der rauh und ungeſchliffen ſich bei allen Domeſtiken nach ſeiner Verwandten Juſtine erkundigte, um ſie in ſein Haus, zu ihrer Mutter zu führen,— dieſe Stimme raffte Juſtinens Muth zuſammen. Dem eigenwilligen Mädchen erſchien plötzlich nichts auf Erden ſchrecklicher, als unter die Vor⸗ mundſchaft dieſes Menſchen treten zu ſollen, den es längſt gehaßt hatte; unter die Leitung einer Mutter, die es von ganzem Herzen mißachten mußte. Juſtine zauderte nun nicht mehr; ſie hoffte nicht ferner auf eine Eingebung von Oben: ihr Entſchluß war plötzlich gefaßt. Ihr Vater im Kerker? Welcher andere Ort wäre wohl ihre Stelle geweſen? Ihr Vater verbannt? Welche Pflicht erſchien ihr theurer, als die, den Urheber ihrer Tage zu begleiten? Sie ließ, in ihre Stube eingeriegelt, den im Hauſe herumſtö bernden Schwager ihrer Mutter ſeinem überläſtigen Geſchäfte ob⸗ liegen. Sie packte während deſſen ihr erſpartes Geld, ihre Kleinodien zuſammen; ſie erwartete mit Herzklopfen den Augenblick, in welchem die Wege zur Flucht rein ſeyn wür⸗ den; er kam. Sie entſchlüpfte; ſie eilte die Treppe hinun⸗ ter. Nirgends mehr eine Wache; das Comtvir verſchloſſen, und den Vuter auf dem Bürgergewahrſam aufzuſuchen ihre Aufgabe. Das Gewitter des Morgens ſendete noch immer fürchter⸗ liche Regengüſſe. Ihrer nicht achtend, trat Juſtine aus dem Hauſe. Eine Frau ftürzt ihr entgegen; die Lainez.„Wohl mir, daß ich Sie finde!“ ſagt dieſe athemlos:„Sie glauben mich im Unrecht. Aber Sie ſollen ſich vom Gegentheil über⸗ führen. Ich habe den Moment erſpäht, Sie zu retten. Kommen Sie mit mir, wenn Sie nicht nach Ihrer Mutter verlangen!“ „Ich verlange auch nicht nach Ihnen!“ antwortet Juſtine⸗ und will ſich von der Franzöfin losmachen:„laſſen Sie mich! mein Vater iſt im Gefängniß! ich will— ich muß zu ihm!“ „Zu ihm? Sie wiſſen alſo nicht?. 4 „Was, Madame?“ „Ihr Vater iſt entwiſcht; Niemand weiß, wohin!“ „Entflohen? Gott ſey gelobt! Adieu, Madame, ich folge ihm!“ „Vie? ohne Spur? ohne Rachricht?“ 159 „Der Herr wird mich erhören. Meine Angſt wird ihn finden! Laſſen Sie mich!“ „Sie machen ſich unglücklich! Der Senator hat ohne Zweifel die Stadt verlaſſen!“ „Gleichviel! Ich ſuche ihn auch nicht in dieſer Stadt!“ „Sie ſind aber hier eingeſperrt. Alle Thore ſind geſchloſ⸗ ſen; Niemand wird ohne die ſtrengſte Unterſuchung hinaus gelaſſen. Man kennt Sie! man wacht ſorgfältig über die Angehörigen des Senators. Man wird Sie zu Ihrer Mutter bringen!“ Dieſe Nachricht lähmte Juſtinens Kräfte. Mit einem tiefen„Ach!“ griff die Wankende nach der Hand der Fran⸗ zöſin, die mit ihr indeſſen an die Ecke der Straße gekommen war, und dringend weiter redete:„Aufſchub iſt's, den Sie gewinnen müſſen! Laſſen Sie die erſten Tage der Unruhe vorübergehen! Sie werden ohne Zweifel Nachricht von dem Vater erhalten! Rauben Sie ſich jedoch nicht die nöthige Freiheit, ihm alsdann folgen zu können. Vertrauen Sie ſich mir. Auch ich bin verfolgt, fürchte ich; auch mich verdäch⸗ tigt mein Aufenthalt im Johanniterhofe, obgleich meine Seele rein an jenen Umtrieben iſt, rein wie ein Sonnen⸗ ſtrahl. Ich weiß einen Ort, der uns Beide verbirgt, der uns für's Erſte den nöthigen Schutz verleiht. Folgen Sie mir. Sie werden daſelbſt ſichrer ſeyn, als unter den Augen Ihrer Mutter, die vielleicht Schuld an dem ganzen Unheile trägt, das Ihren Vater betroffen hat.“ „Lieber in den Tod als zu dem deſpotiſchen Onkel,— als zu der Mutter, deren Vorwürfe mich umbringen wür⸗ den!“ rief Juſtine:„ich will noch einmal an Ihre Aufrichtig⸗ keit glauben. Bringen Sie mich von hier!“ 160 „So eilen Sie!“ ermahnte die Lainez, und führte Juſtine ſchnell mit ſich von dannen; weit vom Vaterhauſe, auf den Paulsplatz, wo ſie ſehr durchnäßt ankamen, allein doch un⸗ veachtet. Raſch ſchritten die Frauen auf die Kirche los; heftig zog die Lainez die Glocke an dem Pförtchen des Thurms. Die wenigen Minuten, deren der Thürmer bedurfte, um her⸗ abzukommen und aufzuthun, wurden den Harrenden zu Ewig⸗ keiten. Endlich... Schlüſſelklang... das Pförtchen geht auf. Pahlens empfängt verwundert, freudig erſchreckt, die Einſtürmenden.„Gott grüße Sie, Herr Pahlens!“ ruft die Lainez in Eile:„oben ein Näheres!“ und mit flüchtigem Fuße eilen die Frauen über die hölzernen Stiegen; an Glocken und Uhr vorüber, über die finſtern Wendeltreppen, durch die finſtern Gangſchluchten, und an den hohen Lucken vorbei, die eine ſchwindelerregende Gruft vor dem Aufſteigenden eröffnen; und nimmer ruhen, und nimmer raſten ſie, bis der letzte Treppenabſatz erklimmt, und die Plate⸗Forme des Thurms erreicht iſt, wo der heftig ziehende Luftſtrom ſie zwingt, in des Thürmers Stübchen einzutreten, Platz zu nehmen, Odem zu ſchöpfen, und endlich dem nachgefolgten Pahlens die Abſicht ihres Kommens zu erklären. Die Franzöſin faßt ſich hierin, ſo wie in Allem, kurz. „Sie wiſſen, Monſieur, was in der Stadt vorging,“ ſagt ſie mit vertraulichem Tone zu dem Thürmer:„wir ſind eben⸗ falls das Opfer jener traurigen Ereigniſſe. Wir fordern von Ihnen Schutz und ſichern Aufenthalt für wenige Tage, und er⸗ warten von Ihrer Galanterie die Erfüllung unſers Begehrens 1. Ein Strahl von Freude und Behagen fuhr über Pahlens Geſicht; vergnügt rieb er ſich die Hände, und verſetzte:„Sie kommen zur beſten Stunde, meine Damen. Mein Gehülfe 161 wurde geſtern in das Landkrankenhaus gebracht, und ich bin allein. Mehrere Tage hindurch kann ich mich wohl allein behelfen, und der Magiſtrat wird mir die Schonung ſeiner Kaſſa danken. Ueber dieſem Zimmer, in der Kuppel des Thurms, befindet ſich das ſchönſte Belvedere; ein Plätzchen, wie geeignet, die Göttin Venus mit ihren Grazien und Amoretten zu beherbergen. Sie werden daſelbſt wohnen; ungeſtört ſeyn, und nur die Vorſicht beobachten müſſen, ſich nicht ſehen zu laſſen, wann ſich Neugierige oder Leute, die hier oben Geſchäfte haben, auf dem Thurme einfinden.“ Juſtine, von dem albern galanten Weſen des Thürmers unangenehm berührt, drang darauf, das gerühmte Kuppel⸗ Zimmer auf der Stelle zu beziehen. Ihrem Wunſche wurde alſo willfahrt, das Frauenpaar in ſein Aſyl eingeführt, das in der That eine gewiſſe Eleganz darbot, und eine vielver⸗ ſprechende Fernſicht; heute freilich von Regenſchleiern ver⸗ hüllt. Pahlens, nachdem er ſich in ſeinen beſten Putz gewor⸗ fen, trug ſeinen Schutzbefohlenen Alles auf, was die beſchränkte Speiſekammer des Junggeſellen vermochte, und lud ſeine Gäſte ein, ſeine Gaben nicht zu verſchmähen. Die Lainez ließ ſich nicht nöthigen. Juſtine verſagte, ſetzte ſich an's Fenſter, ſah hinaus in die grauen Wolkenmaſſen, und weinte und ſeufzte, und machte Pläne. Pahlens, nachdem er vergeblich verſucht, der Jungfer, die ſein Herz erobert, ein Wörtchen abzugewinnen, ging ver⸗ drüßlich davon, die Stunde zu ſchlagen; ließ die Frauen allein. „Wohin ſind wir gerathen?“ fragte Juſtine heftig:„wie ſind Sie hier bekannt geworden, Madame? Von der eines geckenhaften Menſchen S der mich durch ſeine Zudringlichkeiten ärgern könnte, machte ihn nicht ſeine Albernheit lächerlich! Warum habe ich mich von Ihnen beſchwatzen laſſen?“ „Wiſſen Sie einen Ort, an dem man uns weniger ver⸗ muthet? an dem wir unbemerkter ſind?“ fragte die Lainez einſylbig dagegen, und ſetzte bei:„ich kenne den Herrn dieſes luftigen Hauſes zwar nur oberflächlich, aber getraue mir⸗ für die redliche Reinheit ſeiner Geſinnung zu bürgen. Fürch⸗ ten Sie keine Beleidigung Ihrer Würde, keine Verletzung des Anſtands. Was Sie auch von mir halten mögen ich bin eine Freundin und Bewahrerin ſtrenger Sitte, und Nie⸗ mand wird mehr als ich von einer Unbeſcheidenheit verletzt- Schlafen Sie deßhalb ruhig. Morgen leuchtet uns vielleicht ein günſtigerer Himmel. Vielleicht ſind wir ſo glücklich, etwas Näheres von Ihrem Vater zu erfahren, und Ihr Zweck iſt dann erreicht.“ Dieſer Zuverſicht ſich überlaſſend, fügte ſich Juſtine in die ſeltſame ungewohnte Lage. Der Abend kam, und ver⸗ ging bei einſamer Kerze, und bei'm Lautenſpiel des Thür⸗ mers, der ſich's nicht nehmen ließ, die Frauenzimmer zu un⸗ terhalten, bis die Zehner⸗Glocke geläutet werden mußte. Pahlens Fürſorge hatte den Damen auf den Ruhebetichen des Belvedere ein erträgliches Lager bereitet. Er wünſchte ihnen gute Nacht, und empfahl ihnen das Licht zu löſchen, damit der Wächter, der nach zehn Uhr auf dem Thurme ein⸗ zutreffen habe, nicht Unrath merke. Juſtine verriegelte die Thüre. Die Laincz löſchte die Kerze. Die beiden ſchönen Flüchtlinge verſuchten, ohne ein Wort ferner zu wechſeln, zu entſchlummern. Juſtinens Angen floh jedoch der Schlaf; ihrer Begleiterin ging's nicht 163 beſſer, denn Juſtine, ganz ſtille ruhend, hoͤrte plötzlich, wie ſich die Lainez leiſe aufrichtete, und in franzöſiſcher Sprache,— in der Meinung, ihre Gefährtin ſchlafe— zu beten anfing. Das Gebet war an die Himmelskönigin, an die heilige Jungfrau gerichtet, und die Flehende forderte die göttliche Mutter auf, durch ihre Gnade den traurigen Zuſtand zu en⸗ digen, in dem ſich gegenwärtig die Bittende befinde; ihr es möglich zu machen, den lauernden Feinden zu entgehen, und unter den Schutz der Gläubigen zurückzukehren. Sie fügte hinzu, die Jungfrau möchte dieſe Gnade auch auf ihre Ge⸗ fährtin ausdehnen, die um ihrer Eigenſchaften willen, zu dem beſten Glücke würdig und berufen ſey. Sie möchte ein Wun⸗ der ihrer Huld thun, um das Seelenheil der Proteſtantin zu retten, ſie auf die Bahn, die ihr Vater betreten, zu füh⸗ ren, ihr alle Sünden zu erlaſſen, ſie frei und glücklich zu machen! Wenn die göttliche Fürſprecherin alles dieſes Ver⸗ langte thue, ſo verſpreche ihr die Beterin eine neuntägige Bußübung, ein vierzehntägiges Faſten und eine Botivtafel dem wunderthätigen Bilde zu Montſerrat. Hierauf begab ſich die Lainez wieder zur Ruhe, und entſchlief bald in voll⸗ kommener Friedſeligkeit. Juſtine, welche aufmerkſam gelauſcht hatte, machte ihre beſondern Betrachtungen. In dem Grade, als ihr Miß⸗ trauen gegen die Franzöſin zunehmen mußte, in der ſie nun eine eifrige Katholikin, und— wie ſie im Verlauf des letz⸗ ten Tages geahnt hatte— ein Werkzeug ihrer beabſichtigten Bekehrung erfand, nahm auf der andern Seite wieder ihr Ver⸗ trauen zu der Jerſon zu. Die Lainez hatte ja in ihrem Gebet die Proteſtantin mehr noch den himmliſchen Mächten empfoh⸗ len, als ſich ſelbſt; ſie hatte für San Sulntni und 1 164 Rettung gebetet, ſie hatte dafür ein Gelübde geleiſtet! Ju⸗ P ſtine dankte ihr im innerſten Herzen für die Beweiſe einer liebevollen Theilnahme, und vergab ihr allen Unglimpf. Juſtine beneidete ſogar die Franzöſin um ihr Vertrauen, um ihr gläubiges Gebet, das den ruhigen Schlaf auf die Augen. der Beterin goß, erzeugt von der Zuverſicht, daß das Gebet erhört, das Gelübde vergolten werden müſſe. Juſtinens Auge blieb wach und munter ihr Ohr. Sie ſah die Streif⸗ lichter der Wächterlaterne, die um das Thurmzimmergebäude die Runde machte; ſie hörte Pahlens und des ablöſenden Wächters Stimme, das heiſere Gebelle des Wachthundes, die von Stunde zu Stunde gegebenen Poſaunenſtöße in die weithallende Luft, das erſchütternde Ausheben der großen Uhr, die Donnerſchläge der allzunahen Stundenglocken. Un⸗ willkührlich dachte ſie an die Mährchen ihrer Amme, an das Traumgeſicht, das Georg Birsher erzählt hatte. Sie blickte ſorglich nach der Gegend der Thüre, ob nicht etwa des alten Amerikaners wahrhaftiger Geiſt hereinſchreiten werde⸗ Aber quälender wurde ihre Angſt, marternder ihre Schlafloſigkeit, erinnerte ſie ſich der verfloſſenen Tage, des Glücksruins ih⸗ res Vaters, ſeiner Verblendung, ſeiner Flucht, des Ver⸗ ſchwindens ihres Verlobten. Eine traurige Zukunft rollte ſich vor ihrer Einbildungskraft auf, und ſie hätte ſich aus den Fenſtern des Thurms in das Wolkenmeer geworfen, wenn es möglich geweſen wäre, auf demſelben überzuſchiffen nach der Weltgegend, in welcher ſich ihr Vater befand. Dem An⸗ denken des, gewiß auf immer von ihr getrennten Verlobten weihte ihr Herz nur eine vorübergehende Klage: des Vaters Bild erfüllte es ganz. Seine Führerin, ſeine Begleiterin in dem Labyrinthe ſeines Unglücks zu werden, ſchien ihr Beruf — — 165 zu ſeyn, und ſie ſehnte den Tag herbei, der ihr viel⸗ leicht Kunde zu geben beſtimmt war. Der Tag kam herauf, herrlich und prächtig, wie ſein Vorgänger häßlich und ſtür⸗ miſch geweſen war. Juſtine badete ihre glühende Wange in dem kühl ſtrömenden Glanzmeere, das um des Thurmes Spitzen lag. Die Nebel des Himmels hatten ſich zerſtreut, waren am Horizonte niedergeſunken. Durch die durchbroche⸗ nen gothiſchen Geländer der Plate⸗Forme ſchimmerte das tieſe Blau des Himmels, und über dem frei ragenden Gipfel ſtrahlte ein feines durchſichtiges Dach von Azur. Schaaren von munterem Gefieder ſtrichen neckend oder majeſtätiſch vor⸗ über. Der Storch klapperte fröhlich in ſeinem Neſte; mit ihm um die Wette gurrten die Ringeltauben des Thürmers. Eine köſtliche Ausſicht hatte ſich durch die Nacht zum Licht emporgearbeitet. Die weite Fläche um die Stadt, nur in der weiteſten Ferne von Gebirgsumriſſen begränzt, prangte in der vielfarbigen Fülle des nahenden Herbſtes. Städtchen mit glänzenden Thurmknöpfen, Kirchdörfer mir luſtigen Zie⸗ geldächern, zwiſchendurch belebte Landſtraßen, oder weite Baumgelände, oder grüne Fluren, oder ſilbernelStröme, oder abgeleſene Felder und friſch umgewühlte Aecker, über deren Furchen wunderlichet Herbſtſeidenfäden ihren weichen, eisgleichen Spiegel gezogen hatten— entzückten das Auge. Die anſehnliche Stadt, von grünen Baſtionen, alterthümlichen Warten und dem Strome umzogen, bildete gleichſam den Korb, aus welchem man in's Weite ſah. Juſtine hatte die⸗ ſen Anblick noch nie gehabt. Sie hatte noch nie hernieder geſehen in die dunkeln Straßen, auf die volkreichen Märkte, auf die Giebel der Häuſer, auf die niederer liegenden Kirchen. Sie ſuchte, ſie fand ihr Vaterhaus, die Wiege ihrer 165 Freuden; ſie ſuchte und fand den altergrauen Johanniterhof, die Wiege ihres Leidens und des Unglücks ihres Vaters; ſie ſuchte nicht das Gaſthaus, das ihren Bräutigam beherbergt batte, damit ihr Schmerz nicht erwache; ſie ſuchte aber die Straßen, die von iden Thoren in alle Weltgegenden aus⸗ gingen; ſie verſuchte zu errathen, welche ihr Vater wohl eingeſchlagen haben mochte, oder ob er vielleicht noch in der dumpfigen Häuſermaſſe athme, deren Bewohner ſich gegen ihn und ſeine Schwachheit verſchworen hatten. Sie lief, ohne ſich des„Warum?“ bewußt zu ſeyn, nach der Thüre, ſie öffnete dieſelbe unſchlüſſig, und hörte plötzlich vom Fuße der ſchma⸗ len Treppe, die in's untere Gemach führte, leiſe Flüſterworte⸗ eine Unterredung, die ſie nahe mit anging. Pahlens und die Lainez, die ſchon ſeit einiger Zeit das Gemach verlaſſen hatte, ſprachen zuſammen, heimlich und vertraulich— von Juſtinen. „Sie können ſich leicht denken,“ ſagte der Thürmer:„wie mich's allarmirt hat, als ich's vernahm. Es iſt doch Schade um die magnifique Jungfer. Parole d'honneur! die Mama und der Vormund wollen ſie, ſobald ſie ausfindig gemacht worden, in die Koſtſchule ſperren laſſen, weil ſie dergeſtalt an ihrem Vater hängt. Es wird behauptet, ſie ſey, wie Er, katho⸗ liſch geworden, und dieſer Schmutz müſſe abgekratzt werden.“ „Nichts weniger als das,“ verſetzte die Lainez:„indeſſen müſſen Sie, Monſieur, uns weiter helfen. Der Superior hat mir das Mädchen auf die Seele gebunden. Ich muß Wort halten, damit auch mir einſt Wort gehalten werde.“ „Ich will wohl behülflich ſeynz“ ſprach Pahlens wichtig: „aber um den Lohn begehre ich auch nicht zu kommen. Sie wiſſen, meine Beſte, wie mich der blinde Cupido ſelbſt avengle gemacht hat. Ich bin amoroso dergeſtalt, daß ich mit ——, 5 167 Thränen meine Speiſen ſalze, und täglich und nächtlicherweiſe von Morpheo verlaſſen werde. Wenn mir die ehrwürdigen Patres die Holdſelige zur chelichen Hausfrau geloben woll⸗ ten, auf das Vermögen thäte ich Verzicht, und baute irgendwo mein ſtilles Arcadia an. Könnte ich alsdann in irgend einem Dome Organiſt werden, ſo ſollten die dank⸗ barſten Liebesgötter meine Regiſter handhaben.“ „Sie ſind eigennützig, Monſieur Pahlens;“ entgegnete die Lainez empfindlich. „Ich opfere auch Alles auf, bis auf die Braut, die ich dorire;“ ſagte der Geck:„wenn es herauskömmt, daß auch ich den Staub des Lutherweſens abgeſchüttelt, ſo würde ich's nicht läugnen, und folglich meinen Bündel ſchnüren müſſen, und von denen Musis erwarten, wo ich wieder meinen Un⸗ terhalt fände. Nicht wahr? Wäre hingegen Jungfer Juſtine meine Verlobte... vraiment! noch heute ſagte ich auf, zöge morgen ab, und erhielte alsbald meinen Abſchied, weil ſich Zehne für Einen um meinen Dienſt bewerben.“ „Das Mädchen will ſeinen freien Willen haben, Monſieur Pahlens.“ „Recht; beſte Madame. Sie ſoll meine Devotion erkennen lernen, und wenn ſie meine liebesluſtigen Sentiments erfährt, wird ſie nicht unempfindlich bleiben. Die Zeiten ſind anders. Der Papa davon gelaufen.. die Mama, die ſie einſperren will; aufder andern Seite dagegen der niedliche Pahlens, ein Virtuoſe auf vielen muſikaliſchen Inſtrumenten und heftig verliebt;. ich bin gar nicht bange zu reuſſiren, wenn Sie mir Ihren Beiſtand nicht verſagen, und ein acht Tage hier oben verweilen.“ „Warum nicht gar? Sie müſſen uns ſo ſchnell als moͤglich wegbringen. Man gibt vor, ihr Vater habe ſie beſchieden.. 168 ———— wohin? das iſt gleichviel. Sie geht in die Falle. Wir bringen ſie in den Bereich des Superiors, und das Zureden deſſelben, wie Ihre galante Bewerbungen werden das Uebrige thun. Wir Weiber ſind ſchwach⸗ Monſieur, und weichen gerne der Schmeichelei, wenn uns die Stütze eines Vaters fehlt.“ „Wenn Sie meinen...“ fügte Pahlens hinzu, und das Geſpräch verſtummte. Juſtine zog ſich, empört und erſchreckt von dem, was ſte vernommen, zurück. Sie mochte überlegen, wie ſie wollte, ſie war gefangen und gebunden. Dort, wenn ihre Hart⸗ näckigkeit einen freien Abzug von dem Thurme erzwang, die ſchimpfliche Einſperrung in die Koſtſchule, worinnen unge⸗ horſame Töchter oder leichtſinnige Weiber oft Jahrelang wre Losſprechung entgegenharrten; und dann die Autorität eines ſteifen unfreundlichen Familienraths, endlich der Spott, die ehrenrührigen Gerüchte der müßigen Stadtſchwätzer.— Hier eine begünſtigte Flucht, die Hoffnung, den Ketten zu entrinnen, aber der Zwang einer lügenhaften Verſtellung, die Gewalt eines intrikanten Weibes, eines affenhaften Liebhabers, und irgend eines Superiors, den ſie nicht kannte, nicht begriff⸗ und der entſcheiden ſollte, ob ſie den Thürmer zu heirathen hätte, oder nicht! ſie ſah ſich ſchon im Netz heimtückiſcher Katholiken, und wenn hin und wieder ihr die Vernunft ſchmeichelnd zuflüſterte: ſie möchte ſich der Verſtellung unter⸗ ziehen, zu glauben vorgeben, was man ihr von Vaters Befehl vorſpiegeln werde, und auf der Reiſe eine Gelegenheit ſuchen, von ihren falſchen Freunden loszukommen,— ſo ſträubte ſich doch dagegen ſowohl ihr gerader Charakter, als auch die ſo natürliche mädchenhafte Schüchternheit. Wer wußte, ob ſich jene Gelegenheit fände? ob man ſie nicht 7—— 169 vereits in einen katholiſchen Zwinger gebracht, ehe ſie an ein Entrinnen denken konnte? wer gab ihr auch zunächſt die Verſicherung, daß ſie den Vater finden würde, ſie, ein hülf⸗ loſes unerfahrnes Mädchen ohne Schutz? ja, wenn Georg an ihrer Seite geweſen wäre! auf ihn, den beſonnenen und entſchloſ⸗ ſenen Mann hätte ſie jede Hoffnung geſetzt! aber allein 2 Sie verlor ſich in troſtloſen Die Lainez verließ ſie darinnen, um, wie ſie vorgab, einen ſchnellen Gang durch die Stadt zu machen, um zu erfahren, was ſich Neues zugetragen. Juſtine würdigte ſie kaum eines Abſchied⸗ grußes, und verſchloß vor dem Thürmer, der gern den Anfang ſeiner Bewerbungen gemacht hätte, die Thüre. WVie ſie nun da ſaß, und überlegte, und zu keinem klaren Willen gelangen konnte, hörte ſie auf der Gallerie ſchwere klingende Tritte nahen. Ein Blick der Neugierde flog durch die ringsum freien Fenſter des Belvedere. Zwei Männer in Uniform erſtiegen die Plate⸗Forme, und der Voranſchreitende, mit leuchtenden Achſelbändern und einer vielfarbigen Schärpe geziert, von deſſen Kasket eine breite Feder wehte, belobte alſobald die wunderſchoͤne Rundſicht, deren man von dem hohen Standpunkte genoß. Pahlens, die Mütze in der Hand, trat zu ihm, und beeilte ſich, dem Beſuchenden dienſtfertig die verſchiedenen Theile des großen Rundbildes zu erklären, nannte ihm die Haupt⸗ gebäude der Stadt, die umliegenden Dörfer, und ließ ſich eines Breitern in die Erläuterung der beſtehenden Wächter⸗ und Feuerordnung ein. Der Offizier horchte freundlich zu, ſendete Fragen auf Fragen, und ſchien mit ſeiner Expedition auf den Paulsthurm ſehr zufrieden. Sein Begleiter indeſſen⸗ in derſelben Uniform, doch ohne Silber und Schaͤrpe und 170 Feder und Achſelquaſte, ein gemeiner Reiter und dienender Gefährte des Offiziers, nahm keinen Antheil an dem Ge⸗ ſpräche, und wanderte einſam um die Gallerie, bis er auf die, dem Offizier entgegengeſetzte Seite zu ſtehen kam. Da legte er beide Ellenbogen auf das Geländer, ſtützte ſich auf dieſe, und bückte ſich nachdenkend hinunter. Juſtine war dem Menſchen gefolgt. Er hatte— ſo fremd ſeine Kleidung war,— ſo viel Bekanntes in ſeiner Haltung;.. neugierig lauſchte ſie, verwendete kein Ange von ihm, und.. als er einmal das Kasket abnahm, um ſich den Schweiß abzu⸗ trocknen, als ein jugendlich melancholiſches Geſicht darunter zum Vorſchein kam— da bewegte ſich Juſtinens Herz in unentſchloſſener Freude. Der Soldat war James, ſeine ab⸗ ſichtsloſe Unbefangenheit ein Bürge, daß er hier nicht auf hinterliſtigen Wegen wandle; daß er nicht, mit der Lainez einverſtanden, gekommen war, um Juſtine mit eigner Hand noch tiefer in das Netz zu verwickeln, das ſie bereits umgab. Vergeſſen waren alle Beweggründe, die einſt Juſtinens Un⸗ muth gegen ihn gereizt hatten; ſein ſoldatiſches Kleid, für Weiberherzen ſtets ein Vertrauen erregendes, zeugte von einer gänzlichen Veränderung ſeiner Lage, ſein Geſicht von be⸗ tümmertem Ernſte. Juſtine fühlte ſich hingezogen zu dem Jüng⸗ ling, der ihr ein Bekannter, ein ehemals geſchätzter Freund ge⸗ weſen. Da der Vater geflohen, da Georg verſchwunden— wo hätte ſie eine Seele finden können, ihr verwandter, angehörender als dieſer junge Mann? er oder Keiner war dazu gemacht, ſie den treuloſen Händen, worinnen ſie ſich befand, zu ent⸗ reißen, und ein innerer Zug beſtimmte ſie zur Zuverſicht auf ihn. Ohne ſich ihrer klar bewußt zu ſeyn, hatten dieſe Gedanken den Sieg in ihrem Verſtande, in ihrem Herzen errungen. Leiſe, aber dennoch nicht ohne Geräuſch, hatte ſie das Fenſter aufgezogen. James ſah ſich um; Ueberraſchung, Freude, — P— Entzucken zogen auf ſeinem Geſichte die fröhlichen Wimpel auf. Juſtine, ihm verbindlich zunickend, winkte ihm, bebut⸗ ſam zu ſeyn. Er legte beide Hände auf die Bruſt, ſah ſie voll Liebe an, und erwartete ihr Begehren. „Ich bin gefangen;“ liſpelte Juſtine engliſch:„wenn Ihr, Herr, kein Verſchworner der Lainez ſeyd, befreit mich; doch behutſam.“ James, der bei dem Namen der Franzöſin eine Bewegung des Abſcheus nicht hatte unterdrücken können, antwortete raſch und ohne zu überlegen:„Mit Gottes Hülfe, Miß.“ „Mein Vater?“ fuhr zaudernd und ahnend Juſtine fort: „meine Zukunft? erfuhrt Ihr Nichts? darf ich Euch vollends vertrauen?“ Die Sporen des Offiziers erklangen, des Thürmers gellende Stimme erſcholl; James winkte der holden Bitten⸗ den, ſich zurückzuziehen. Sie ſtellte ſich hinter den offenen Fenſterflügel, den Engländer im Auge behaltend, der ſich wieder an das Geländer lehnte, den Blick gleichgültig gegen Pahlens Taubenſchlag kehrte, und nach ſelbſterfundener Melodie ein Liedchen ſang, das— nicht künſtlich in Strophen und Reim geſchnitten— in ſeiner Nationalſprache dem Mäd⸗ chen zu wiſſen that, was ihm noth war: daß der Senator gerettet, daß er ſie nach Amſterdam veſchieden, daß James⸗ ihre Spur verlierend, beinahe in Verzweiflung gerathen; daß er die Lainez haſſe, Juſtinens Schickſal bedaure, und Alles zu ihrer Befreiung und zu ihrer Rücktehr zum Vater aufbieten werde. Die Thore der Stadt ſeyen wieder offen⸗ und Juſtine würde noch am Nachmittage Nachricht erhalten. Juſtinens Buſen erzitterte von Wonne. Der Offizier machte jedoch dem improviſirten Liede ein Ende.„Brav;“ ſagte er in ziemlich ſchlechtem Deutſch:„ich ſehe doch⸗ daß Seine Melancholie ein Ziel hat⸗ Wenn der Geſang auf die Zunge hüpft, wird auch das Herz ruhig. Er wird mich vollends zu Seinem Freunde machen, wenn Er aufgeweckt und munter iſt.“ James bückte ſich, und wußte, auf geſchickte 6 Weiſe das Kasket in Stirn und Auge drückend, dem umher⸗ faſelnden Pahlens ſein Geſicht auf's Beſte zu verbergen. ach einigen Worten empfahl ſich der Offizier, und James igte ihm dienſtpflichtig. Der Schlüſſel tragende Thürmer geleitete ſie hinab. ſchnell hüpfte nun Inſtine aus ihrem engen Zimmer! wie i tanzte ſie auf der Gallerie umher! wie ver⸗ ächtlich ſah ſie auf die düſtere Stadt, wie wonnetrunken auf die fern hinziehenden Heerwege nach Weſten, wohin der väterliche Ruf ſie beſchied. Sie fürchtete keine Tücke don James! ſie rechnete auf das Uebergewicht, das ſie über die Handlungen des Jünglings ſtets behauptet.. und nur nach Freiheit, nach Vereinigung mit dem geliebten— unglücklichen Vater, lechzte, alle Bedenklichkeit vergeſſend, ihre Bruſt. Und als Pahlens zurrückkam, mit abgeſchmackter Schmei⸗ chelei ihr näher trat, und den erbärmlichſten Witz, die trau⸗ rigſte Galanterie an ſie verſchwendete,— als ſpäter auch die Lainez erſchien, und ihr in einer wohlgeſetzten Lüge er⸗ zählte: ihr Vater warte ihrer zu Steinſtadt mit dem grök⸗ ten Verlangen, und Pahlens werde ſich ein Vergnügen daraus machen, ſie hinzubringen,— da lächelte ſie kindlich unbe⸗ fangen; die Liſt ſprach nicht aus ihren Augen, die kraufe Stirn verrieth keinen Ernſt, keine prüfende Ueberlegung. Sie ſchien die Vertrauende zu ſeyn, die Einwilligende, die Zufriedene. Die Verbündeten glaubten ihr Spiel gewonnen, und nie war es ſo troſtlos verloren. Am Nachmittage führte der von Juſtinens Nachgiebigkeit bezauberte Pahlens ſelbſt einen Balſamhändler auf den Thurm, deſſen verſchmitzte Augen wie Blitze aus dem bleichen Geſichte ſtrahlten. „ 8 „Der Kerl iſt ein Fremder; es hat keine Gefahr!“ ſagte Pahlens zu den Frauen, die ſich ſträubten, auf der Gallerie zu erſcheinen, um die Galanterien auszuwählen, die ihnen der verliebte Thürmer zu kaufen willens war. „Mein Gott! iſt das nicht Monſieur Litzach?“ fragte die Lainez nach einem Blicke auf den Händler. Dieſer bejahte. achſelzuckend, und freute ſich, die Madame hier zu finden. „Einer der Unſrigen!“ flüſterte die Franzöſin dem erſtaun⸗ ten Pahlens zu:„was macht Ihr aber mit dieſem Kram?“ fragte ſie weiter. „Ei nun, Madame;“ antwortete der Schauſpieler lächelnd: „da es mit der Comödie nicht fort wollte, und meiner Wohl⸗ thäter Waizen auch nicht ferner blühte, gab ich mich einem Parfümeur als Hauſirer hin; will ſehen, ob das Geſchäft Weib und Kind ernährt!— Die Herren werden mich ja für die Zukunft nicht im Stiche laſſen,“ ſetzte er bedeutend hinzu. „Seyd meiner Fürſprache gewiß, wenn Ihr diskret ſeyd!“ ſagte die Lainez mit Beziehung und warnend. „Ich weiß, was ich meinen Glaubensfreunden ſchuldig bin;“ entgegnete der Hauſirer, der die Lainez verſtand; und in dem Augenblicke, als die Letztere ſich zu Pahlens wendete, um ihm zu betheuern, er könne dieſem Menſchen vertrauen, hatte auch ſchon Juſtine ein Blättchen Papier in der zittern⸗ den Hand. Sie dankte dem liſtigen Ueberbringer mit einem Blicke, und trat bald hinter einen Vorſprung des Thurms, um die Poſt zu leſen. James ſchrieb: „Seyn Sie um 10 Uhr Abends an der Pforte des Thurms. Ich mußte meinen Kapitän in's Geheimniß ziehen. Er läßt Sie in ſeinem Wagen fortbringen, weil er ein bra⸗ ver, ritterlicher Mann iſt. Es quält mich, daß meine Pflicht mich hier zurückhält. Sie ſollen indeſſen— ſo Gott will— ein Mehreres von mir erfahren.“ Das Billet flog zerriſſen über das Geländer. Nachdem Pahlens ſeine Geſchenke gemacht,— nachdem Litzach hin⸗ weggegangen, ſetzte ſich Juſtine in ein Winkelchen: ging mit ſich zu Rathe.„Was in aller Welt hat Herrn White zum Soldaten gemacht?“ fragte ſie ſich:„und darf ich mich wohl der Diskretion des Kapitäns anvertrauen?“— Ihre Herz⸗ haftigkeit überwand den Zweifel; ſie fühlte ſich über Furcht erhaben, und ſuchte nur nach Mitteln, dem verſchloſſenen Thurme, den Pahlens ſtets ſelber öffnete, um die beſtimmte Zeit zu entkommen. Endlich gelangte ſie mit dem Plane auf's Reine, Sie wollte gegen die zehnte Stunde, mit welcher der ablöſende Wächter im Thurme einzutreffen pflegte, ihr Lager verlaſſen, die Treppen hinabſchlüpfen, und hinter einer Säule am Eingange den Thürmer erwarten, wenn er kommen werde, dem Wächter zu öffnen. Sie wollte alsdann herzhaft den ſchmächtigen Pahlens zurückſtoßen, und an dem Wächter vorbei durch die offene Thüre entſpringen. Pahlens Vor⸗ theil, dachte ſie, würde ihn bewegen, keinen Lärm zu machen, und der Retter nicht weit vom Thurme ihrer warten.— Von ihren Hoffnungen ermuthigt, hörte ſie mit vieler Geduld die Schmeicheleien der Lainez, die Albernheiten des Thürmers an, womit dieſe, ihr zu gefallen, den Abend töd⸗ teten, und ſuchte frühzeitig das Lager auf. Die Laincz loͤſchte die Lampe aus, und entſchlief bald an Juſtinens Seite. Dieſe Letztere verſäumte keinen Augenblick. Sie war angekleidet geblieben; ſie hatte das Päckchen, das ihren. Schmuck und ihre Sparpfennige enthielt, unter ihr Kiſſen verborgen; dieſes und die Schuhe in der Hand, entriegelte ſie ſo leiſe als möglich die Thüre, fühlte ſich das ſteile Treppchen hinab. Die Stiege knarrte; Juſtine erſchrack: zum Glücke jedoch klimperte Pahlens, in dem Lehnſtuhl ſei⸗ nes Zimmerchens hingeſtreckt, auf der Laute, und kämpfte mit dem Schlafe. Juſtine bemerkte dies, durch das Thuͤr⸗ fenſterchen ſchauend, und dankte dem Strahle des durch⸗ ſchimmernden Lichts, der ihr die erſten Stufen der Wendel⸗ treppe zeigte. Muthig betrat ſie den dunkeln Weg, vorſichtig den Strick anfaſſend, der als Geländer diente. Endlich kam ſie in den Bereich der Glockenſtube, wo die Wendelſteige aufhörte, und die breitern hölzernen Treppen begannen. Eine falbe Sternenhelle ſchlug durch die rieſengroßen Fen⸗ ſter. Das Uhrwerk webte und regte ſich mit wunderlichem Geräuſch neben der Fliehenden. Sie enteilte der ſchauer⸗ lichen, in abgemeſſenem Takte pickenden und ſchnarrenden Nachbarſchaft. Ein ſchützender Geiſt führte ſie die geländer⸗ loſen Stiegen, dicht am Rande einer rabendunleln Tiefe, hinab. Ungeziefer raſchelte über ihren Pfad, hüpfte und kletterte auf und ab neben ihr; begleitete ſie bis in die un⸗ terſte Halle, wo ſie hochathmend ſtille ſtand, hinter die Säule, die ſie erfaßte, ſchlüpfte, und mit hoffender Seele wartete;— denn ſchon glaubte ſie, den herannahenden Wächter zu hören; — doch— das war nicht der Schritt eines Einzelnen; mehrere— immer näher kommend...;„ſind's die Retter?“ fragte ſie ſich mit geſpannter Aufmerkſamkeit... Und plötzlich wurde es ſehr laut vor der Thüre: viele Stimmen; Flinten⸗Geraſſel; rohe Reden; Spott, Gelächter, ſtarker Schellenlärm; der vielſtimmige Ruf nach der Höhe endlich:„im Namen des Magiſtrats!“ Laternenglanz fiel durch das Schlüſſelloch. Juſtine ſchreckte auf.„Das ſind Verfolger!“ klagte ihre ahnende Seele;..„ſie kommen, Dich zu fangen! Deine Freiheit ſoll verloren gehen! Oeffnet ſich die Thüre, ſo geräthſt Du mitten in die Feinde!“ 5 Sie wendet ſich entſetzt zum Rückwege. Sie eilt die Treppe hinan. Neue auflodernde Angſt. Von oben naht ſich Schlüſſelgeraſſel, Lampenſchein.... Pahlens unzufriede⸗ ues Schelten!— Dem verhaßten Menſchen, den Verfolgern zu entgehen... Wo das Mittel? Ihre Hand tappt nach der Seite der Uhrſtube, neben welcher ſie wieder iſt. Sie ſindet eine angelehnte Thüre; drückt ſie auf; ſtürzt hinein.. klammert ſich bebend an zwei dicke Pfoſten feſt, neben wel⸗ chen durch man zum Uhrwerk geht.— Sie läßt Pahlens vorüber gehen, hört ihn die Thüre öffnen, hört, wie man ihn gewaltſam ergreift, feſtnimmt, zwingt, den bewaffneten Troß hinauf zu führen, während unten ſorgfältig die Thüre wieder verſchloſſen wird. Wenige Minuten, und der Schwarm kömmt zurück. In ſeiner Mitte jammert der arretirte Pah⸗ lens.—„Verdammter heimlicher Katholik!“ ruft eine Stimme:„Du ſollſt ſchon reden lernen!“ und fort tobt die Schaar, und verläßt den Thurm. Die Pforte fällt zu; Schlüſſel drehen ſich im Schloß; ſchwere Tritte kommen die Treppen herauf. Der neue Wächter gewinnt die Höhe. Seine Tritte verhallen, ſeiner Lampe Schimmer vergeht; Alles wird ſtill— todtenſtill, und troſtlos erräth Juſtine, daß ſie ganz verlaſſen geblieben. Keine Hoffnung zu entkommen..z kein rettender Zuruf von Außen. Unter der Laſt ihrer Angſt wanken ihre Kniee, ſchwindelt ihr das Haupt. Da fängt das Uhrwerk an zu raſſeln wie Gewitterlärm, Walzen und Räder knarren, pfeifen und rauſchen, und die furchtbar große Glocke ſchlägt an, als ob jeder Streich Juſtinens Leben zu vernichten bätte. Die Erſchütterte finkt unter den donnernden Schlä⸗ gen, die nicht endigen wollen, zuſammen. Ihr Bewußtſeyn ſchwindet.— Ende des zweiten Theils. ————— — — — 5 1 , 8 G 1 3 2 3 578S g14 Snenqe