Leihbib deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur on 2 Cduard Ottmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Feſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Biblipthek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und eb der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.§ 3. Caution. Unbekannte Verſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe i welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ( ſ beträgt: 3 für wöchentli 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 5—————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 50 Pf. 2 Mk.— If. Answürtige Abonnenten haben füt Hin ind Zuräckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefaht ſelbſt zu ſorgen. 3 6. Schadenersatz. 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Schön iſt es, über eine Schwelle zu ſchreiten, jenſeits welcher der Fleiß und die geſchäftige Betriebſamkeit ihren Thron erbaut haben, ſobald man ſieht, daß all das ewige Treiben das Wohlſeyn des Lebens begründen ſoll, und nicht blos einen glatten Gypsmarmor um die trockne, dürre Säule von Holz. Der Hausvater iſt ein ehrwürdiger, geliebter Mann, wendet er ſeiner unermüdlichen Thätigkeit Zinſen dazu an, daß die Seinen ſich fröhlich daheim finden in dem traulichen Hauſe;— daß er ſelbſt,— der Schöpfer des Wohlſtandes— behaglich ruhe in ſeinem Eigenthume. Die heitere Wohnung wird ein Paradies für den Beſitzer, ein Ort des Friedens den Freunden, den Bedrängten ein Aſyl. Keucht aber im Erdgeſchoſſe die beſoldete Mühe im eiſernen Dienſt⸗ joche, während im obern Stockwerke die Langeweile, Idie Verdroſſenheit, auf einſamen Polſtern, hinte kaltem Stein 6 und vornehmen Goldwänden gähnt,— dann, Wanderer, meide die ſtolze Pforte, wenn auch noch ſo einladend das „Salve“ von ihrer Schwelle ſpricht. In dem Steinhaufen gebietet kein fühlendes Gemüth, und vor dem ſtarren Reich⸗ thum floh die Zufriedenheit!— Wer im Jahre 1720 gelebt, und das Innere des Hauſes geſehen hätte, welches der Se⸗ nator Müſſinger in der deutſchen Reichs⸗ und Handelsſtadt, die der Aufzeichner dieſer Begebenheiten meint, aber nicht nennt, dazumal bewohnte, müßte dem einleitenden Spruche Beifall geben. Das ſtattliche Gebäude war von Uranbeginn zum Denkmale des Hochmuths beſtimmt geweſen. Ein Spe⸗ kulant, der in den erſten Jahren des ſpaniſchen Erbfol gekriegs durch Lieferungen für die alliirten Heere ungeheure Summen gewonnen hatte, legte das Fundament zu demj pallaſtähn⸗ lichen Hauſe. Die Vollendung deſſelben ſollte er nicht ſehen. Mancher Schurkereien überwieſen, ſollte ihm, kurze Zeit nach der Schlacht bei Hochſtädt, der Prozeß gemacht werden: er entging der Schande jedoch durch einen kühnen Piſtolenſchuß. Die leere, unausgebaute Prachtwohnung des verunglückten Lieferanten kaufte bald der vom Glücke begünſtigte Senator Müſfinger. Der unternehmende Handelsherr, der mit Oſt⸗ und Weſtindien verkehrte, fand ſich zu enge in dem kleinen Vaterhauſe, zog über in das Neue, Große; und Fortuna, dietbereitwillig in dem beſcheidenen Spezereikrame des Kauf⸗ manns Platz genommen hatte, ſiedelte mit in das neue, geräumige Comptoir. Müſſingers Firma war die Erſte auf dem Markte, und florirte weit und breit im Aus⸗ wie im Inlande; trieb Jahr für Jahr die ſchönſten Blüthen und Früchte. Die Mehrzahl ſeiner Mitbürger beneidete den glücklichen Senator; ſie bewies aber durch dieſen Neid— — —————— — — 6 entweder ihre Unbekanntſchaft mit Muſſingers anderweitigen Verhältniſſen,— oder einen Gelrdurſt, der Alles ſchnöde überſieht, was das Herz berührt, und nicht allein den Cours⸗ zettel im Gehirn. Trieb des Kaufmanns Geſchäft auch Blüthen,— der Hausvater ſammelte keine aus ſeinem Fa⸗ milienleben. Seine Frau, ſeit achtzehn Jahren mit ihm vermählt, hatte ihm viele Geldſäcke, keine Neigung zugebracht, und die Zeit nichts gethan, die vom Berechnungsgeiſt der Väter verbundnen Ehegatten im Gemüthe zu vereinen. Un⸗ friede herrſchte gerade nicht;— der Friede aber, der da verſöhnt und duldet und vergibt, wahrlich auch nicht. Der Senator, ein lebendiger Mann, an den Fünfzigen ſtehend⸗ choleriſchen Temperaments, dem beim geringſten Anlaß zu heiß unter der Stirn, die Halsbinde zu enge wurde, ſtellte das ſchneidendſte Widerſpiel ſeiner Ehefrau dar, die mit be⸗ leidigendem Uebermuth, welcher ſeine Quelle in fehlerhafter Erziehung gefunden, eine Kälte und Trägheit vereinigte, wie ſie ſonſt nur im höchſten Norden, oder im ſengendſten Süden vorkommen mag. Frau Jacobine, im Ueberfluſſe aufgehät⸗ ſchelt, kannte nicht Sorge, nicht Mühe, nicht einmal das bequeme Streben einer vornehmen Hausfrau. Kam der Tag, ſo verlebte ſie ihn, und er mußte eben ſo prunkend einhertreten, wie ſeine Vorgänger; Geld in Hülle und Fülle für jedes, auch noch ſo eingebildete Bedürfniß ſpenden, rei⸗ chen Schmaus für Lippe und Gaumen, und eine lange Plauderſitzung im Kreiſe der geſchwätzigſten Muhmen.— Während deſſen ſchaffte und plackte der Senator, bald wie der ärmſte Knecht, bald wie der härteſte Frohn, im Bezirk ſeines Handelsgetriebes, und gönnte ſich kaum vor ſpru⸗ delnder Thätigkeit und muthwillig gehäufter Arbeit⸗ und 8 Spekulationslaſt, die nöthigen Ruheſtunden. Doch feierte er dieſe wenige nicht im Schoße der Seinen. Weder beim Frühſtück, wo man den braunen weſtindiſchen Trank aus ja⸗ paniſchen Gefäßen ſchlürfte, und dabei ſo ſteif ſaß, wie die blaſſen Figuren auf dieſen Taſſen,— noch beim Mittags⸗ Mahl, wo die leckerſte Koſt entweder mit gieriger Haſt, oder mit vitelliſcher Trägheit verſchlungen wurde, war ihm froh zu Sinne. Bald verdrüßlich keifend mit dem verdrüßlich langweiligen Weibe, bald ſeine überſeeiſchen Hoffnungen und Handelsoperationen nicht loslaſſend in ſtummer Grübelei, floh ihn die Heiterkeit innerhalb ſeiner Mauern; und aus⸗ wärts,— auf einem Collegium, wo er wieder von nichts, als von Geſchäften reden hörte, eine Pfeife Tabak rauchte, um ſich zu betäuben, in der Karte ſpielte, um ſich zu zer⸗ ſtreuen— verträumte er ſeine Abende.— Nicht Er, nicht ſein Weib, das mit ſchnödem Geſchwätze, oder abgeſchmackter Frömmelei den verlangweilten Tag beſchloß, ahnten die Quelle von Genuß und Freudigkeit, die ihnen in der Toch⸗ ter, dem einzigen Sprößling dieſer übelpaſſenden Che, auf⸗ gehen hätte können. Die Natur hatte in dieſem lieblichen Geſchöpfe die glücklichſte Verſchmelzung widerſtrebender Ge⸗ müthsrichtung zu Stande gebracht. Des Vaters Heftigleit herrſchte zwar vor, allein mäßigende Ruhe ſtellte bald das Gleichgewicht wieder her. Das Mädchen hatte ſeinen eigenen Kopf und Willenz'es war ja das einzige Kind, und nicht beſchränkt von den Eltern. Allein, der Leidenſchaftlichkeit, dem heftißen Zorn ſogar, folgte ſchnell die Beſinnung, die Theilnahme, die zarte Reue, die gefühlvollſte Vergeltung. Der Liebreiz des ſo wunderlich herangebildeten Mädchens war in dieſen Verſöhnungsmomenten ſo groß, daß Freundinnen —————————————— — —˙m————————— 9 und Geſinde gern den Sturm auflodernder Hitze ertrugen⸗ um doppelt in der Milde zu ſchwelgen, die unmittelbar darauf das Engelherz der Zürnenden bethätigte. Der Vater war nicht ſo;— denn, that ihm die jache Härte manchmal ſelber weh, ſo verſchloß er, ſeinem Stolze nichts zu vergeben, das Gefuhl in ſich. Die Mutter glich eben ſo wenig ihrem Kinde; ſie liebte zwar Niemanden auf der weiten Erde, aber ſie haßte aus Gewohnheit; ſie verachtete mit jener ſtumpfen Stätigkeit, an der ſich, hat ſie einmal ein Ziel des Widerwillens erſehen, vergebens Belehrung, Erfah⸗ rung und Pflichtgebot verſchwendet. Juſtine, ein ſiebzehn⸗ jähriges Mädchen, früh entfaltet in Geſtalt und Verſtand, fühlte wohl dunkel und unbehaglich, daß ſie zwiſchen den getrennten Eltern ihren eigenen Weg wandle. Die Jugend aber, jene herrliche Zeit, in welcher man nur ſich ſelbſt, wenn gleich oft allzuviel, vertraut, ungeduldig in's Freie, in die Zukunft blickt, ſie ſetzt ſich über das Pein⸗ liche in naher Umgebung hinweg; ſchafft ſich ihre eigne Welt, und flicht die Mürriſchen, um ſich an Freundliche zu ſchließen. So kam es, daß Juſtine bald wie ein fremder Gaſt im Vaterhauſe wohnte, und größtentheils nur in dem Zirkel ihrer Jugendgefährtinnen lebte. Seit der Confirma⸗ ttion war es jedoch ein bischen anders mit Juſtinen gewor⸗ den. Nie hatte ſie noch ihren Vater ſo bewegt geſehen, als in dem Augenblicke, wo ſie, von der heiligen Handlung kom⸗ mend, in ſeinem Schreibſtübchen vor ihm auf die Kniee ſank, ihn bittend, ſeinen Segen mit dem des Himmels zu vereinen. Des Senators Stimme hatte gewankt, als er den Segen ausſprach; an's Herz hatte er die Tochter gedrückt, und, wie mit einein leiſen Vorwurf gegen ſich ſelbſt, hinzugeſetzt: 10 Glaube nur um Gotteswillen, mein Kind, daß ich Dich liebe, herzlich, wie es einem chriſtlichen Vater zuſteht. Aber ich muß an mich halten mit dieſer Zuneigung, ſonſt bricht mir das Herz vollends, wenn Du aus dem Hauſe gehſt, nimmer wiederkehrſt, und ich dann in ganz Europa keinen Menſchen mehr weiß, der mir näher am Herzen liegt, als der kalte Treſſenrock. Du biſt alt genug, Juſtine, um zu wiſſen, daß eine Heirath die Beſtimmung eines jeden Mäd⸗ chens iſt, folglich auch die Deine.— Du biſt bereits verſobt: zu New⸗York in Amerika wohnt Dein Bräutigam, der junge Kaufmann Birsher, und, wie mir ſein Vater neulich ſchrieb, werden wohl nicht anderthalb Jahre vorübergehen, ſo kömmt der deſignirte Schwiegerſohn ſelbſt, um Dich abzuholen. Dein Beſtreben gehe alſo jetzt vornehmlich dahin, der eng⸗ liſchen Sprache mächtig zu werden, zu welchem Endzweck ich für eine Lehrerin ſorgen will. Juſtine verließ den Vater mit ſichtlichem Behagen. Aus⸗ gezeichnet vor all ihren Geſpielinnen nach Amerika zu zie⸗ hen, in das junge Land, das ſich europäiſche Imagination damals nur als ein Paradies, unerſchöpflich in Genuß und Reichthum, vorſtellte;... als Frau, an der Seite eines jungen Cröſus, dahin zu ziehen, das ſchmeichelte der jugendlichen Eitelkeit gar ſehr. Des Vaters Erklärung hatte vollendet, was die Confirmation begonnen; das Mäd⸗ chen war raſch zur Jungfrau, zur Braut geworden. Juſtine zog ſich nun auch wähliger von dem Haufen ihrer Freun⸗ dinnen zurück, verkehrte nur mit den Wenigen, die, gleich ihr, nicht fern vom Hochzeitfeſte zu ſtehen vermeinten, und beſchäftigte ſich mehr als ſonſt, in Einſamkeit und Stille, mit Arbeit und wißbegierigem Forſchen. Nit der engliſchen 11 Sprache allein wollte es bei dem fleißigen Mädchen nicht ſo fort. Die Ziſch⸗ und Gaumenlaute waren der Schulerin zuwider, und eine Lehrerin nach der andern wich dem Un⸗ geſtüm Juſtinens, die auf Jener Nachläßigkeit den eignen Fehler ſchob. Die Zahl der, mit dem engliſchen Idiom ver⸗ trauten Frauen war in jener Stadt nicht groß; daher hatte Juſtine bald die Reihe durchgemacht. Die männlichen Lehrer ließen keinen beſſern Erfolg hoffen. Der Eine derſelben, ein grämlicher Alter, mit wunderlichen Launen, hatte ſchon nach der zweiten Lehrſtunde all ſeine Autorität eingebüßt; den zweiten, einen allbekannten Wuſtling, noch in rüſtigen Jah⸗ ren, trug der Vater billig Bedenken, bei der Tochter einzu⸗ führen. Der Zufall ſchlug ſich in's Mittel. An einem Tage ſaurer Geſchäfte handthierte und ordnete der Senator in eigner Perſon an dem Krahnenhauſe der Stadt. Beträcht⸗ liche Waarenſendungen in Ballen und Kiſten waren für ihn angekommen; nicht minder beträchtliche Ladungen wollte er dem dienſtfertigen Fluſſe anvertrauen. Seine rüſtigſten Handelsdiener, zwei junge und gewandte Leute aus guter Familie zur Seite, ging er am Ufer auf und nieder, befahl hier den ausladenden Bootsknechten, dort den herbeiſchaffen⸗ den Kärrnern. Der eine Diener, Berndt, revidirte, die Frachtbriefe und Geleitzettel in Händen; der andere Diener, Nothhaft, machte Zeichen und Zahlen auf die Frachtſtücke; um und um bewegten ſich rührige, geſchäftige Leute, und ein Treiben beſeelte die Vielen am Ufer, vom Centnerſchleppen⸗ den Laſtträger bis zu dem kleinen Buben herab, der die Theerpfanne hielt. Ein Einziger lehnte unbeſchäftigt, mit verſchränkten Armen an dem Krahnengebäude. Der Einzige mußte unter dem Getümmel dem Senator auffallen, als 12 dieſer gerade an ihm vorüberkam. Der eifrige Mann blieb unwillkuhrlich vor dem jungen Menſchen ſtehen, deſſen Klei⸗ dung, obgleich nicht allzuwohl erhalten, auf einen Lehrling oder Diener der Kaufmannsgilde ſchließen ließ.— He, junger Menſch! redete der Senator ihn an: he! warum ſo müßig? Die Sonnenſtrahlen machen nicht ſatt; wohl aber eine Schüſſel, die man im Schweiße ſeines Angeſichts verdient hat. Trägheit in der Jugend macht alte Spitalleute. Hat Er hier nichts weiter zu ſchaffen, ſo geh' Er wieder hinter Sein Pult, ſtatt Maulaffen feil zu haben, und ſtehle Er Seinem Prinzipal nicht das Brod ab, das Er ißt!— Nicht die Flamme, die der gerechte Tadel auf dem An⸗ geſichte des Geſcholtenen entzündet, ſondern die Röthe eines unſchuldig gekränkten Gefühls ſtieg auf die Stirne des Fremden, der in ausländiſch betontem Deutſch nicht mit der Antwort ſäumte.—„Seht zuvor, mit wem Ihr ſprecht, Herr!“ ſagte er etwas bitter:„Niemand würde lieber ar⸗ beiten, denn ich, wenn mir nur Jemand Arbeit gäbe.“— Kann's hier daran fehlen? fragte Müſſinger verwundert.— „Ich bin ein Fremder.“— Woher?—„Ein Engländer. Mein Name iſt James White. Mein Vater war Baronet und Tory. Sein Schickſal wollte, daß ſein Wappen, die blutige Hand von Ulſter, ſich an ihm erwahre. Für den Prätendenten bewaffnete er ſeine Fauſt. Georgs Henker ſchlug ſie ihm ab, und hierauf das Haupt. Vor'“ fünfthalb Jahren floh meine Mutter mit mir nach Deutſchland herüber. Seit einem Jahre hat ſie hier ihr Grab gefunden. Sie ſtarb, bevor der Mangei zu uns trat. Ihr Hinſcheiden raffte aber alle Hülfsmittel weg. Die Armuth trieb mich in's Werbhaus; die Barmherzigkeit eines alten Mannes, der mir wohl will, rettete mich vom Soldatenſtande. Aber noch lebe ich von ſeinen Wohlthaten, und ich ſchäme mich deſſen.“ Das iſt recht; Wohlthaten erzeigen, iſt wacker, aber edler, ſie nicht zu mißbrauchen. Verſteht Ihr etwas vom Handel, junger Herr?—„Nein; ich ſollte Theologie ſtudiren; ver⸗ ſtehe Latein, Rhetorik, Philoſophie, ein bischen Spaniſch, und aus dem Grunde meine Mutterſprache.“— So? Ver⸗ dorbner Theolog alſo? Doch Proteſtant, will ich hoffen?— Der junge Mann bückte ſich ſchweigend. Könnt und wollt Ihr Unterricht im Engliſchen geben? fragte Mufſinger weiter.—„Ich kann's, und ſchäme mich deſſen nicht.“ Kommt mit. Verſuchts mit meiner Tochter. Freie Sta⸗ tion, wie meine Comptvirdiener, die Wohnung ausgenommen, und ein billiges Salär nach Euern Fähigkeiten verſpreche ich Euch. Beliebt's?—„Gern; doch muß ich's meinem Verſorger melden.“— Gut; wer iſt der Mann?—„Ein Doctor der Rechte, heißt Leupold, iſt vor Herkunft ein Fremder, lebt zu ſeinem Vergnügen ſeit anderthalb Jahren ungefähr in hieſiger Stadt, und beſchäftigt ſich ausſchließlich mit ſeinen Studien.“— Ein Bücherwurm und Rechts⸗ verdreher alſo? murmelte der Senator zwiſchen den Zähnen: Bin nicht neugierig auf die Bekanntſchaft. Mögt indeſſen ſein Gutachten einholen, junger Herr. Er wird wohl nichts dagegen haben, denn ich bin der Senator Müſſinger!— Der ſtolze Kaufmann ging von dem unglücklichen jungen Baronet weg, und vergaß denſelben im Gewühl ſeiner Ge⸗ ſchäfte bald darauf. Der finſtere und einſilbige Buchhalter trat ihm in der großen Schreibſtube mit einem Paket Briefe entgegen, die er alſobald, wie gewohnt⸗ erbrach und durchlas. 14 Er begleitete jedoch dieſe alltägliche Verrichtung mit ſo vie⸗ len heftigen Bewegungen und ſchlecht unterdrückten Zorn⸗ worten, daß die Comptvirgehulfen aufmerkſam wurden, und manchen neugierigen Blick durch die Gitterrahmen in das Cabinet des Prinzipals ſandten. Endlich, nachdem der ganze Briefpack durchflogen, ſtürmte der Senator wie ein Pfeil vom Seſſel auf, warf Schubladen und Schlöſſer zu, und tobte durch die Nebenthur in das Innere des Hauſes.„Der himmliſche Vater erbarme ſich!“ ſeufzte Berndt mit andäch⸗ tigem Blicke und Händefalten, denn er gehörte zur philadel⸗ phiſchen Geſellſchaft:„was wird es heute wieder in dem Hauſe geben?“— Der andre Diener, Nothhaft, ein ziem⸗ lich lockrer Geſelle, lachte indeſſen wie ein Schelm vor ſich hin, und ſummte die Worte eines damals beliebten Liedes: Nach dem Brunnen geht der Krug Oft genug; Und am End' bekömmt er doch Welch ein Loch! St! ziſchte der Buchhalter, hinter dem Hauptbuche auf⸗ ſtehend, zu dem Vorlauten hinüber, und Berndt ſtieß ihn mit dem Ellenbogen in die Rippen. Der arge Menſch fuhr aber kichernd, wiewohl noch leiſer, fort: Chriſt ſitz ſteif, denn der Proteſt Setzt Dich feſt; Und dann heißt's mit Schand und Spott, „ Bankorott! 5 Will Er wohl ſchweigen? ſchalt der Buchhalter auffah⸗ rend; Was ſollen dieſe Schelmenverſe in einer ehrſamen Handelsſtube? Pfui des leichtfertigen Dieners, der ſeine 15 — eigne ſaubere Firma gern für eine ſchmutzige ausgeben möchte. Noch einen ſolchen Ausdruck, und Er iſt um Dienſt und Lohn, und für ein ſchlecht Teſtimonium will ich dann ſchon ſorgen. Ueberhaupt mag Er ſichs geſagt ſeyn laſſen, daß ich hinfüro Seinen Lebenswandel, von dem mir zu Ohren ge⸗ kommen iſt, nicht alſo dulden werde. Alle Abende ſpielt und bankettirt Er, und am Sonntag kömmt Er nicht aus der Kaffeeſchenke, der Billardſtecken nicht aus Seiner Hand. Wo das beſte Roſtocker Bier zu finden iſt, das weiß Er auf ein Haar; aber man fragt Ihn vergebens, wie die ſpaniſchen Dublonen ſtehen. Sein Nebengehülfe iſt allzuſtill; Er iſt allzutoll. Ein Karthäuſer wird ein ſchlechter Kaufmann; ein Bruder Lüderlich aber noch ein ſchlechterer. Gott ſteh' Ihm im Commerz bei, wenn Er es einmal zum eignen Herrn bringt.— Das wird er auch; verſetzte Nothhaft trocken, ohne ſich zu erzürnen: Der Kaufmann muß wagen und wet⸗ ten, und dazu bin ich gemacht, wie unſer Herr, der ſich aus der Saffranbude zum erſten Kaufmann allhier verſtiegen hat. Sorgen Sie nicht fur mich, Herr Buchhalter. Der Herr Senator kennt mich beſſer, als daß er mich um eines zweck⸗ loſen Liedleins willen, oder weil ich den Sonntag Nach⸗ mittag beim Billard zubringe, fortſchicken ſollte.— Der Buchhalter ſchwieg verdrüßlich; theils, weil ihn des Dieners Verſtockung empörte, theils, weil der Senator wie⸗ der in ſein Cabinet zuruckkam, und ihn eilends zu ſich hinein beſchied. Hierauf wurde die Thure geſchloſſen, die Schieber vor die Gitter geſtoßen, und die beiden Comtoriſten waren von den Vorgeſetzten geſchieden, wie die Lehrlinge⸗ die im Vor⸗ zimmer ſchafften und boſſelten, von ihnen ſelbſt geſchieden waren.— Sie ſitzen im geheimen Rath! fluſterte Rothhaft — ſeinem Nachbar zu: Der Perückennarr, der Buchhalter, mag aber ſchwatzen und difteln, wie er will. Unſere Eontanti ſtehen ſchlecht, abſcheulich ſchlecht. Ich habe ſchon neulich einmal einen Blick in des Herrn Correſpondenzlade gewor⸗ fen, die zufällig offen ſtand......— O pfui! Du neu⸗ gieriger Baaldiener! fiel Berndt ein. Nothhaft ſprach aber wie oben weiter:„Du Hans! was kann ich denn für mein ſcharfes Auge? Genug; wir ſollen zahlen und zahlen, und wollen und wollen nicht; weil wir nicht können. Unſere Aktien in Indien ſtehen ſchlecht. Mit der vermaledeiten Bodmerei haben wir, wie es ſcheint, unſinnig viel Geld verſchleudert und verloren. Aſſekuranten unſerer eigenen Schiffe find bankerott geworden; viel Unglück auf einmal! und dann das Leben in dieſem Hauſe! ein wahres Heididel⸗ dum!“—„Ja wohl,“ bekräftigte Berndt ſeufzend,„ein heidniſches Scandalum. Herz, was begehrſt du? Keine Wirthſchaft, keine Gottesfurcht! Wir müſſen nach dem Ge— müſe gleich vom Tiſche aufſtehen, und Braten, Gänſelebern und indianiſche Vogelneſter kommen hinterdrein. Alſo, lieber Freund und Kollege! wir beginnen zu wanken? Danke fur gegebenes Aviſo. Ich will gleich auf anderweitige Verſor⸗ gung denken.“—„Unter der Hand, Beſter;“ ſetzte Nothhaft bei:„nicht vor der Zeit gebrochen. Hübſch Alles abgewartet; für einen klugen Diener gibt's in Bankerottchen! gute Ernten.“ —„Der Einttitt des Unheils möge noch ferne bleiben, bis mir eine andere Schwelle geſegnet iſt!“ betete Berndt mit zerknirſchter Miene:„das Schlampampen ohne Condition iſt mir und dem lieben Gott zuwider, und koſtet nur Geld, ſtatt einzubringen.“—„Betbruder und Scharrer!“ ſchalt Noth⸗ haft.„Jammre nicht. Der Geiſt Gottes wird ja nicht 17 ermangeln, Dir Alles im Voraus zu entdecken. Ich bin zwar nur ein Weltkind, habe keine Anwartſchaſt auf das tauſend⸗ jährige Reich, aber im Herzen bin ich froh, wenn die Um⸗ ſtände mich zwingen, ein Haus zu verlaſſen, in dem mich nur der gute Lohn zurück hält. S iſt eine Galeere, dieß Comtoir;“—„Bete und arbeite! ſagt die heilige Schrift,“ ſprach Berndt hierauf demüthig,„ich weiß mich einer Zeit zu erinnern, in welcher Dir gar wohl in dieſer Schreibſtube war, und noch wohler an dem Tiſche des Prinzipals. Du hatteſt damals noch große Dinge im Kopfe, und ſcheuteſt Dich nicht, Deine ſündhaften Augen auf die Jungfer zu werfen. Aber ſeit ſie Dir den Spaß verdorben,..„„Pfui, Berndt, mich daran zu erinnern,“ entgegnete Nothhaft:„die hochmüthige Perſon! wie ſie ſich ſpreizte in ihrem Stolz! Und mein Vater iſt doch eben ſo gut in ſeinem Städtchen ein Rathsherr, als der Ihrige hier! und mein Vater hat vielleicht mehr Geld, als ihr Vater beſaß, da er noch die Roſinen Pfundweis, und das Baumöl pr. Kännchen verkaufte. Ich hätte ſie geheirathet. Parbleu! Das hätte ich gethan;z aber ſie trug die Naſe verzweifelt hoch! Stand ich in der Lirche und ſtierte hinauf zum Betſtübchen, ſo zog ſie gewiß das Fenſter vor, oder verſteckte ſich hinters Geſangbuch. Zweimal paßte ich's ab, und präſentirte ihr, an Kirchen⸗ dieners Statt, den Predigttert und die Nummer des Lieds. Immer erhielt ich ein froſtiges:„Inkommodir' Er ſich nicht, Mosje! zum Dank. So ſchlag der Donner hinein!“ Berndt hielt bei der Verwünſchung beide Ohren zu. Nothhaft fuhr indeſſen ſchadenfroh fort:„Na, Gott geſegn' ihr die baldige Abkühlung! Hochmuth kommt vor dem Fall. Proſit, Juſtinchen. Die Puppe hat dem Papa und der III. 1. 2 18 Mama geſagt: mein Geſicht ſey ihr fatal, und darum mußte ich am Tiſche den Platz verändern, damit ſie ſich nicht an meinem vis à vis den Appetit verderbe. Geliebt es Gott, wollen wir bald den Spieß umkehren. Wo ſie weint, will ich lachen.“ Berndt ſtieß ihn abermals in die Seits, denn Senator und Buchhalter kamen aus dem Kabinet, mit entſchloſſenen Geſichtern, und ein Lehrling wurde gleich hinweg geſandt, Eilpferde für den Geſchäftsführer zu beſtellen; Eilpferde nach Amſterdam. Der Prinzipal händigte dem dienſtfertigen und erprobten Diener noch ein wohlverſchloſſenes Portefeuille ein, nahm von ihm Abſchied, und ging, da die Mittagsglocke im Hauſe läutete, mit ſeinem Komptoriſten zu Tiſche. Die gewöhnlichen Bürgergerichte waren verzehrt, die Diener durch einen Wink von der bisher ſchweigſamen Tafel entlaſſen und eine koſtbare Gallertſchüſſel, aus welcher der Duft des Zimmts, und herrlichen Bordeaurweins ſtieg, wurde, nebſt den Platten des Nachtiſches, aufgeſetzt. Die Frau Senatorin wendete ſich leckerhaft vergnügt zu der rei⸗ zenden Speiſe; Juſtine ſchnitzte kichernd ein Eichhörnchen aus einem Mandelkerne; der Hausherr ſah trüb vor ſich hin, klopfte mit dem Meſſer an die ſilbernen Gefäſſe und brach endlich das Stillſchweigen mit einer Einleitung, auf die er lange ſtudirt haben mochte. „Was meiut ihr wohl,“ begann er mit erzwungenem Scherze,—„was meint Ihr, wenn auf einmal all' dieſes Silber und Porzellän zur Decke hinausflöge, und eitel irdene Leller auf dem Tiſche zurückblieben mit nothdürftiger Koſt?“ Die Senatorin zuckte verächtlich die Achſeln ob dem mißlungenen Spaſſe. Juſtine rief lachend:„'s wär' ein hübſcher Hexenſtreich. Papa würde alsdann tief in den Geld⸗ kaſten greifen müſſen, um dem Schaden abzuhelfen.“ „Und wenn nun auch dieſe Geldkiſte leer geworden wäre?“ fragte Müſſinger weiter. „Narrethei!“ verſetzte die Frau?, ruhig eſſend:„was ſollen dieſe Fragen?“ „Euch vorbereiten auf eine unangenehme Möglichkeit;“ brach Müffinger los:„Es ſteht noch auf der Schwebe, ob wir reiche Leute bleiben, oder Bettler werden ſollen.“ „Iſt denn heute der erſte April,“ fragte die Frau, „daß der Herr Senator uns mit ähnlichen Kindereien be⸗ helligt?“— Juſtine merkte aber, in des Vaters Augen ſe⸗ hend, den Ernſt, wie die Ungeduld, die in ihm arbeitete. Er fuhr heftiger fort:„Deine Frage iſt Kinderei, Ja⸗ kobine. Ein Kaufmann ſcherzt nicht dergeſtalt mit ſeiner Bilanz. Wahr iſt's. Mir droht Unglück. Eng mit mir ver⸗ bundene Häuſer ſind gebrochen, Kaper haben meine Schiffe genommen, der letzte Sturm, von dem die Berichte meldeten, hat Kauffahrer vernichtet, auf welche ich bedeutende Kapi⸗ talien à grosse Aventure herlieh. Der Ultimo bringt eine Fracht von ſchweren holländiſchen Wechſeln. Ich bin zu Grunde gerichtet, wenn es meinem Buchhalter nicht gelingt, meinen Hauptereditor in Amſterdam zu beſänftigen und zur Prolongation zu bewegen“ „Armer Vater!“ verſetzte Juſtine mitleidig. Die Mut⸗ ter zog jedoch die Stirne in Falten.„Unbeſonnener Vater!“ predigte ſie:„Räuber an Weib und Kind! Mußt Du Dein Hab und Gut auf die Spitze ſtellen, und an ein Paar elende Schiffe hängen? Pfui, Du biſt ein Verſchwender, den man in's Irrenhaus ſtecken ſollte, wenn nur damit U 2 gedient wäre. Doch iſt Dein Vergehen gewiß nur ein ſchlech⸗ ter Scherz, ſonſt wollte ich anders mit Dir reden. Sprächſt Du wahr, ſo müßte mein Vermögen heraus bei Heller und Pfenning, ſammt Zinſen und Zubehör. Ich würde mich nicht hinſetzen, Dir zu Liebe, und Grütze ſpeiſen, wie eine Tag⸗ löhnersfrau. Ich bin ein gutes Leben gewöhnt, und hätte hundert Männer haben können, die reicher und ſchöner wa⸗ ren, als Du. Darum fordere ich auch, daß Du mich halteſt, wie bisher, oder das Eingebrachte herausgibſt; ſonſt müßte ich klagen.“ Des Senators Geſicht überlief Leichenbläſſe, und er bückte ſich ſcheinbar nach der entfallenen Serviette, um ſeine Verlegenheit und ſeinen Grimm zu verbergen. Dann ſagte er gezwungen gleichgültig:„Recht, Jakobine. Deine Liebe iſt mir wieder recht klar geworden. Leider kann ſie ſich nicht ſo triftig vor dem Gerichte ausweiſen, indem wirklich mein Vorgeben nur Scherz war, um Deine Geſinnung auf den denkbaren Fall hin, zu prüfen.“ „Schäme Dich,“ eiferte, nun erſt zornroth werdend, die Senatorin:„Ich dachte es gleich. Mir den Appetit in dem Grade zu verderben! Mir alſo die Galle zu reizen! Ich bin ohnehin die unglücklichſte Frau in der Welt, wenn ich nicht meine Seelenruhe und Bequemlichkeit habe! Gottvergeſſener, frevelhafter Mann! Juſtine, den Extract!“ Juſtine, bereits angewieſen, wie bei ähnlichen Gelegen⸗ heiten, zu verfahren, ſtand ſchon mit der ſtärkenden Eſſenz vor der Mutter. Der Senator fuhr heftig vom Stuhle auf, ſummte das Marlborvugh-Lied durch die Zähne, und zog die Halsbinde weiter. Mit einem Male erblickte er, ſeitwärts unter der Thüre, den jungen Mann, den er am 21 Morgen zum Sprachlehrer angeworben. Der Eintretende war ein erwünſchter Ableiter und Beſänftiger. Der Senator liebte es durchaus nicht, vor einem Andern, als den Haus⸗ genoſſen, ſeinen Jähzorn zu zeigen, und hielt plötzlich an ſich.„Sieh da, mein junger Freund;“ redete er den Jüng⸗ ling an,„Ihr kommt gerade recht. Wie es ſcheint, hat Euer Pflegvater eingewilligt?“ „Er erlaubte mir, in dem ungewohnten Dienſte mich zu verſuchen;“ antwortete James beſcheiden und ruhig. Die Senatorin hatte bei ſeinem Eintritt die begonnene Ohnmacht vergeſſen. Nicht minder neugierig und überraſcht ſah Ju⸗ ſtine nach dem jungen, fremden Manne, der in ſeiner ein⸗ fachen, faſt dürftigen Kleidung, furchtloſer vor ihrem Vater ſtand, als ſie es bisher an irgend einem Aermern und Jün⸗ gern wahrgenommen. „Ein junger Engländer,“ ſagte Müſſinger, ihn den Frauen vorſtellend,„der Juſtinen in ſeiner Sprache unterrichten ſoll. Ich empfehle der Jungfer Fleiß, und dem Lehrer den beſten Eifer. Geht hin, junger Herr, und empfehlt Euch der Frau Senatorin und Eurer Schülerin. Dann mögt Ihr gleich den Unterricht beginnen, und zeigen, was Ihr wißt und könnt.“ James ging frei und ungezwungen auf die Mutter zu, faßte, indem er ſich verneigte, ihre beiden Hände, und ſchüt⸗ telte ſie, näherte ſich dann Juſtinen, that daſſelbe, und wollte ihr zierlich die Wange küſſen. Erröthend und heftig bog ſich das Mädchen zurück, und ſtieß ihn von ſich. Die Mut⸗ ter rümpfte die Naſe, der Vater lächelte.„Ei,“ ſprach er⸗ „junger Herr, wir ſind hier zu Lande nicht in Eurer 22 Heimath, wo ſolcher Brauch üblich iſt. Hier küßt man den Frauen die Hand und den Jungfrauen die Fingerſpitze.“ Mit einiger Verlegenheit ſich entſchuldigend, aber mit vielem Anſtande, that nun James, was ihm geheißen war, und verſöhnte ſomit die Mutter; Juſtine jedoch nur halb, die in dem ungewohnten Weſen des neuen Lehrers etwas fand, das ihr mißſiel, von dem ſie ſich indeſſen keine klare Rechenſchaft geben konnte. Mit übel verhehltem Wider⸗ willen führte ſie den Jüngling an ihren Arbeitstiſch, zeigte ihm die Bücher, die bisher ihr Leidfaden geweſen waren, und berichtete von ihren bisherigen ſchwachen Fortſchritten. James meinte, nach flüchtiger Einſicht und flüchtigem Hö⸗ ren, die Jungfer ſey bei Weitem nicht ſo mehr im Wiſſen zurück: als ſie wohl meine; deſto mehr hingegen im guten Willen.— Juſtinens Geſicht verfinſterte ſich wieder merk⸗ lich, und ſchweigend ſetzte ſie ſich, als der Vater den Befehl wiederholt hatte, den Unterricht alſobald anzufangen. Auf die Stuhllehne ſeiner Frau gelehnt, folgte nun der Senator dem Beginnen des jungen Engländers, und ſah bald, daß derſelbe ſeiner Sache vollkommen gewiß ſey. Zugleich ge⸗ fiel ihm die zutrauliche, freundliche Weiſe, mit welcher er der ſtummen Schülerin die Vorzüge der Sprache ausein⸗ ander ſetzte; er hoffte von dieſer, aus dem Alltagsgeleiſe weichenden Art, den beſten Erfolg, und enzfernte ſich endlich unter aufmunterndem Lobe. Die Lehrſtunde ging fort unter der Aufſicht der Mutter, die aber bald, der Gewohnheit nachgehend, dem Schlummer in die Arme ſank. Juſtine hatte, wenig auf die Reden ihres Lehrers hor⸗ chend, mit unverwandtem Auge die Mutter beobachtet, und wie es ſchien, den Moment der Sieſta erwartet, denn im Augenblicke, als Jalobinens Augen zufielen, nahm ſie dem in ſeinen Vortrag verſunkenen James das Buch aus der Hand, klappte es ſchnell zu, und ſagte, kurz abfertigend: „Laſſen wir's jetzt gut ſeyn⸗ Monſieur. Ich habe keine Luſt, und damit genug. Weil mein Vater es will, und Euch vielleicht an einem Verdienſte in unſerem Hauſe etwas ge⸗ legen ſeyn möchte, will ich wohl mich anſtellen, als ſey mir die Sache Ernſt. Spart Euch jedoch alle ernſtliche Mühe, denn ich kann Eure Sprache nicht leiden, folglich nicht ſpre⸗ chen. Adieu bis Morgen, Monſieur.“ James ſah die gar offenherzige Schülerin überraſcht an, biß ſich gekränkt in die Lippen, und erwiederte:„Wahrlich, Mademviſelle, aus Ihrem Munde hätte ich ein lieblicheres Wort erwartet. Mein Vater war ein Edelmann, und hat mir den Grundſatz eingeprägt, nirgends läſtig zu ſeyn, wo ich nicht nützen kann. Ich werde gehen; erlauben Sie je⸗ doch, daß ich das Erwachen Ihrer Mutter abwarte, um mich in der Form von ihr zu beurlauben. Bis dahin dul⸗ den Sie meine Gegenwart.“ „Ich wollte Euch nicht beleidigen, mein Herr,“ antwor⸗ tete hierauf Juſtine etwas beſchämt:„Vergebt, wenn ich die Worte vielleicht ſchlecht gewählt. Ich bin oft vorlaut mit Reden, die mich nachher renen. Eure Perſon wäre mir nicht ſo unangenehm, aber Eure Sprache pfeift und ziſcht ſo viel, ſie iſt ſo rauh, daß... „Wundern muß ich mich,“ fiel James ſchnell verſöhnt ein,„daß Ihr Herr Vater, Ihnen und ihrem Wunſche ge⸗ genüber, mit Gewalt auf dieſer Sprache beſteht. Unluſt lernt und fördert nicht, aber die Zeit iſt verloren.“ 24 in 1. lächelte W die Augen auf das Schrei 0 der Vater glaubt.. „Nach New⸗ in Nordamerika?“ fragte James nend. e nickte ſchweigend, und machte Buchſtaben— das vor ihr liegende Blatt. „Nach New⸗York?“ wiederholte James, und ſchlug mit verſchränkten Armen die Blicke zur Decke auf:„So weit vom Vaterhauſe? Da müſſen Sie freilich engliſch lernen.“ „Nicht doch,“ verſetzte Juſtine lächelnd, aber beſtimmt: „mein zukünftiger Mann mag deutſch lernen, und die Freunde meinethalben franzöſiſch, um ſich mit mir zu unterhalten. Das Engliſch für die Domeſtiken lernt ſich dort an Ort und Stelle.“ „Sie irren ſich im erſten Punkte,“ behauptete James: „man würde es zu New⸗York für eine Schande halten, eine andere Sprache in Geſellſchaft zu reden, als die engliſche Coloniſten⸗Mutterſprache. Im Innern finden Sie wohl noch das holländiſche Idiom, aber....“ „Sieh' doch,“ unterbrach ihn Juſtine, durch den Wider⸗ ſpruch gereizt: Ihr redet ja ſo entſchieden, als ob Ihr mit eigenen Ohren gehört hättet, was Ihr behauptet.“ „Das hab' ich auch;“ bekräftigte James mit aufgeheiter⸗ ten Zügen:„den größten Theil der Knabenzeit verlebte ich auf Amerika's Continente, zu New⸗Jork, mitunter auch weiter im Lande.“ „Wie?“ fragte Juſtine, plötzlich zutraulicher und milder: „ach, erzählt mir doch von dieſer meiner zweiten Heimath. Man hat mir ſchon ſo viel Schönes davon vorgeſagt, daß ich begierig bin. Wir wollen fein zuſammen rücken, und 25 recht leiſe ſprechen, und recht leiſe horchen, daß die Mutter nicht ſo früh erwache. Seht, ich bin ganz Ohr.“ Sie hatte ſich bei dieſen Worten mit beiden Armen auf den Rand des Tiſches gelehnt, und ſah mit geſpannter Auf⸗ merkſamkeit und ſo vorwitzigen Augen dem Lehrer in's Ge⸗ ſicht, daß er ſeine Blicke auf die Manſchetten ſeiner Hände richten mußte, um nur den Faden des Geſprächs feſthalten zu können. „Mein Vater,“ hob er auf wiederholte Aufforderung an, „hatte zur Zeit ein Commando in der Citadelle zu New⸗York; mein Onkel einen entlegenen Wachtpoſten gegen das Gebiet der Indianerſtämme zu. Gelegenheit gab es für mich, den achtiährigen Knaben, genug, ſomit das Leben in der ameri⸗ kaniſchen Stadt wie auf dem Lande kennen zu lernen. In⸗ nerhalb der erſtern fand ich wenig Freude. Das Seyn darinnen war ſteif und einförmig, keine Heiterkeit, aber viel Frömmelei und militäriſcher Druck. Am Werkeltage ſchafft die ſich ſelbſt übertreibende Mühe, denn reich zu werden iſt das Ziel, wonach Alle ſtreben. Dazwiſchen tönt die Trom⸗ mel und das Commandowort der Beſatzung. Am Sonntage iſt der Sabbath ſtrenger geheiligt, als in England ſelbſt. Die Luſt hüllt ſich in Sack und Aſche, und einförmige Glocken⸗ ſchläge langweilen den Städter, bis er, von der Laſt des Feiertags ermüdet, das Bette ſucht.“ „O weh!“ ſeufzte Juſtine,„das iſt ein traurig Bild. Da lebt ſich's ja in unſerer dunkeln Stadt noch beſſer und ſchöner. Doch macht das Landleben vielleicht wieder Alles gut, und Herr Birsher wird mir wohl den Gefallen erzei⸗ gen, es der Stadt vorzuziehen.“ 26 „Wenn ich vom freien Lande Amerika's reden ſoll,“ er⸗ wiederte James,„ſo bemeiſtert ſich meiner eine heilige Weh⸗ muth, denn mir gefiel es ſehr, obgleich eine frohe Jungfrau, wie Sie, nicht leicht dieſes Gefallen theilen möchte. Um New⸗York, in billiger Nähe, finden Sie kein ſtädtiſch Land⸗ haus: kümmerliche, flache Gärten nur, ohne Schatten, ohne Obdach, denn die Soldatenherrſchaft duldet im Umkteiſe von Stadt und Citadelle nicht Buſch, nicht Haus. Setzt man jedoch über's Waſſer, und dringt in's Innere vor, ſo geht für ein muthig Herz und ein kühnes Auge die Wonne an. Der angebauten Fluren ſind nur wenige, von ſtlaviſch pflügenden Coloniſten beſorgt, allein ringsum dehnen ſich Forſte, in deren Saum ſich nur bis jetzt die Art verirrte, Urwälder mit himmelhohen Bäumen und zahlreichem Wilde. Welch' ein herrlich Schauſpiel, auf ſolcher Waldſtraße hin⸗ zureiten, unterm dichten Lanbdach, durch welches nie der Sonne Strahlen dringen! Welch' ewiges Schweigen weit umher! ſo geeignet, das Gemüth zu erheben! Stundenlang bin ich oft im Graſe gelegen, und habe auf das Hacken des Hehers, auf das Fuchsgebell gehorcht; lauſchend unter den tauſendjährigen Säulen der Natur. Doch fördert man end⸗ lich gern den Weg, weil die Dämmerung naht, das wilde Gethier in ſeinen Lagern aufſteht, und vielleicht der Weg noch lange ſich ſtreckt, bis zu dem einſamen Blockhauſe, in dem der müde Wanderer das Nachtlager finden ſoll. Man erreicht des Waldes Ende, und ſieh, ein neues Schauſpiel feſſelt den entzückten Blick. Einer der Rieſenſtröme, die Amerika durchſchneiden, hemmt den Weg. Das Auge trägt laum bis an das jenſeitige Ufer, und ſtolz ſchaukeln ſich die Wogen des gewaltigen Fluſſes dahin. Da zeigt ſich ein 6 de ſchwarzer Punkt in dem Geſchäume der Wellen. Die Rei⸗ ſenden verdoppeln den Ruf„Hü⸗v!“ denn der ſchwarze Fleck iſt die Fähre, die wild und gebieteriſch durch die Strömung dringt, und uns über das rothe Gold, das die Abendſonne auf den Waſſerrücken legt, zum erſehnten Geſtade ſchafft. Nun geht's über Haide und feuchten Grund hinweg, dem Walde zu, der blau und ungewiß aus der Ferne ſieht. Rechts ſtarren Felſen, und aus ihren Schluchten donnern die Gießbäche und Waſſerfälle der Wildniß meilenweit zu uns perüber. Links dehnt ſich die Fläche, ſchlecht bebaut, aber üppig wuchernd mit dem, was die Natur auf ſie gepflanzt, an maſtigen Futterkräutern und prachtvollem Unkraut. Schaaren von kreiſchenden Vögeln ſchwirren über die Ebene, den Felſen zu, denn die ſinkende Sonne ſcheucht ein Gewitter auf, das eilig daherkömmt, eiliger, als jener nackte, roth⸗ häutige Indianer, der, von ſeinem Hunde begleitet, Flinte und Taſche auf der Schulter, geſtreckten Laufs von der Jagd zurückkehrt, und von den Geſtirnen, wie von den Felſen⸗ ſpitzen den Weg zu ſeines Stammes Wohuplatz erfragt. Mit der Schnelligkeit des Roſſes jagt der Sohn der Wildniß durch den weiten Raum, einem Nebelbilde gleich, das auf Sumpf und Moor zur Nachtzeit der Luftzug hin und her treibt. Ihn kümmert keine Straße, kein Pfad, keine Brücke, keine Fähre, denn die Welt iſt ſein Haus, der Hiwmel ſein Zelt, und friſche Sinne ſtellt er als Wacht und Läufer aus. Gerade aus geht er, wie das flüchtige Wild, das er verfolgt. Nicht um den Hügel herum, über ihn hinweg eilt ſein Fuß. Er ruft nicht den Kahn oder den Floß; ſchnell wie ein Fiſch ſchießt er durch Strom und Gewäſſer. Wir haben ihn aus den Augen verloren, ehe fünf Minuten vergehen. Er ſieht 28 uns jedoch durch Dämmerung und Gewitterduft noch auf eine halbe Stunde weit, und lacht der unbehülflichen Eile, mit welcher wir dem Walde zulaufen, um uns vor dem Re⸗ gen zu ſchützen, der in großen Tropfen fällt; vor dem Or⸗ kan, der mächtig daher braust. Nun iſt der Forſt nicht mehr ſchweigend: nun redet er mit Millionen Zungen, und dieſes Rauſchen, dieſes Wehen, das Krachen und Fallen der Aeſte und Kronen macht den Menſchen ſtumm. Bären und Wölfe fliehen über den Weg, ganze Strecken lang neben dem Rei⸗ ſenden her, und an Zwietracht und Kampf denkt im Sturme keiner von Beiden. Der Donner, der Blitzſtrahl machen nun die ſchönen Schreckniſſe voll, die uns erſchüttern und erheben, aber dieſe Himmelslampen leuchten auch zur Hütte, die uns gaſtlich aufnimmt, und auf deren Mooslager wir in behag⸗ licher Ruhe das Hochgewitter verſchlummern.“ James endete hier, Athem ſchöpfend, die pittoreske Schil⸗ derung eines Ganges durch Haide und Forſt der neuen Welt, zu welcher ihn die zauberiſche Macht wohlthuender Erinne⸗ rung wider Willen hingeriſſen hatte, und erhob beinahe ſchüchtern den Blick zu Juſtinen, in deren Antlitz er Unzu⸗ friedenheit mit ſeinem langen und abſchweifenden Berichte zu entdecken fürchtete. Wie freudig überraſcht war er jedoch, in Juſtinen's glänzenden Augen die aufmerkſamſte Theilnahme leuchten zu ſehen.— Das Mädchen nickte ihm beifällig zu, legte zutraulich ihre Hand auf die ſeinige, und ſagte: „Ei, wie gut erzählt Ihr doch, mein guter Herr! Ich habe juſt geſehen, was Ihr beſchrieben habt. Doch hab' ich auch an dem Gemälde genug. Die Herrlichkeiten, de⸗ ren Schönheit ich wohl ahne, ſind im Grunde doch nicht für ein ſchwaches Weib, das im bequemen Stübchen oder 29 auf dem hübſch geordneten Landgut wohl dann und wann gern hören oder leſen mag, wie es in der Wildniß ausſieht, ohne darum die Luſt zu verſpüren, ſelbſt ſie zu beſchauen. Dieſe Wälder.... dieſe Haiden und Ströme,... und vollends dieſe einſamen Blockhäuſer, Tagereiſen weit von jeder Nachbarſchaft entfernt.... mich ſchaudert!“ „Gerade in dieſen Hütten iſt patriarchaliſche Glückſelig⸗ keit zu Hauſe;“ erinnerte James mit Wärme:„noch entſinne ich mich der Einwohner von einigen ſolchen Wohnungen. Glückliche Familien, zufrieden in ihrer Abgeſchiedenheit, im Kreiſe ihres ſtillen Eigenthums. Das innigſte Band ver⸗ knüpft hier die Gatten, die Kinder, die Enkel: das Band der Liebe; und Liebe fordert ja nur den kleinſten Raum; ein Vinkelchen nur, in dem die glücklichen Leute ſo viel Platz finden, ſich in die Arme zu nehmen und zu ſagen: ich bin Dir gut, auf ewig, bis zum Tode Fut So ſehr auch die vorige Rede des Lehrers Juſtine in Anſpruch genommen hatte, ſo wenig ſchien das Mädchen Geſchmack an der folgenden zu finden. Verwundert hatte ſie den jungen Mann betrachtet,— beängſtigt faſt die Gelegen⸗ heit geſucht, ſeine Worte zu unterbrechen, und endlich unge⸗ duldig das ſchwere Wörterbuch vom Tiſch geſtoßen, daß ob dem Geräuſche die Frau Senatvrin erſchreckt aus dem Schlum⸗ mer fuhr. „Die Lehrſtunde iſt zu Ende, beſter Monſieur;“ ſagte Juſtine mit ſteifer Verbeugung zu James:„Vergeßt jedoch nicht, daß ich Euch morgen Vormittag ganz beſtimmt erwarte. Ich habe plötzlich viele Luſt bekommen, Eure Sprache zu erlernen, und hoffe, daß Euer Beiſtand mir von vielem Nutzen ſeyn werde.“ 30 James, obgleich nicht wiſſend, ob er ſeinen Ohren, nach allem dem, was vorgegangen war, zu trauen habe, verſprach feierlichſt, wiederzukehren, küßte der Senatorin mit aller Förmlichkeit die fleiſchige Hand, bückte ſich ſtill vor der gleichgültig nickenden Juſtine, und empfahl ſich, wie ein Mann von Bildung und Welt. „Warum blieb er nicht zum Abendbrod?“ war des Vaters erſte Frage, als er zu den Frauen herauf kam:„ich habe ihm freie Koſt verſprochen, damit er ſich häufig einfinde, und Juſtine durch die Converſation die Fortſchritte mache, die ihr Fleiß nicht erringt. Ich hätte gern heut mit dem Menſchen geplaudert, denn auf dem Collegio ſchwatzen ſie auch nur von Briefen, Procenten, Sicht und Manco, und mir brummt vor Arbeiten der Kopf. Mit dem pietiſtiſchen Berndt iſt nichts anzufangen, und Nothhaft jubilirt gewiß wieder in der Schenke. Die Frau Senatorin erwartet ihre Baſen, Juſtinchen treibt Kindereien, oder liest in Arminius und Thusnelda. Mit dem Engländer hätte ich ein vernünftig Wort reden können.“ „O, ich bitte Dich;“ erwiederte die Frau, indem ſie vor⸗ nehm vom Stuhle aufrauſchte:„binde den fremden Menſchen nicht ſo ſehr an's Haus. Die Unſchicklichkeit von heute werde ich ihm nie vergeſſen. Es taugt nicht, wenn man einen Adelichen in eine Bürgerfamilie verpflanzt. Solch hungri⸗ ges Geziefer ohne Geld und Mittel bewahrt doch immer ſein Vornehmthun und ſeinen Stolz, dem Alles zu ſchlecht iſt“ was ihn umgibt.“ „Du vergiſſeſt, Frau,“ antwortete der Senator,„daß Du ſelbſt in dieſem Augenblicke den unerträglichſten Hochmuth auskramſt. Ich kann das an einem Weibe vollends nicht leiden, weil nur der Mann ihm die Würde und den Rang im Staate verleiht. Schweig darum!“— „Wenn's mir beliebt;“ ſetzte die Senatorin phlegmatiſch bei:„Deine Matroſen⸗- und Laſtträger⸗Weisheit beleidigt mich nicht, und ich gebe darum meinen Stolz nicht auf. Mir gehört er, einem hergelaufenen Burſchen gegenüber, der kein Verdienſt hat, als daß ſein Vater Baronet war, und ein gehenkter, fürchte ich obendrein, weil Du vom Präten⸗ denten ein Wort fallen ließeſt. Wer an meinem Tiſche ißt, und von meinem Gelde lebt, iſt unter mir, und damit gut.“ Der Senator fühlte ſeine Geduld zu Ende gehen, und entfernte ſich ſchnell, die Thüre hinter ſich zuwerfend.— „Der Mann ereifert ſich um des Kaiſers Bart,“ ſagte die Mutter ſpöttiſch und eiskalt, indem ſie die Seidenzupfläſt⸗ chen, mit welchen ſie ſich in der Abendgeſellſchaft zu beſchäf⸗ tigen pflegte, hervorholte:„es verlohnt ſich auch der Mühe, für einen Menſchen Parthie zu nehmen, den ich morgen aus dem Hauſe jage, wenn mir's beifällt.“ „Ich will nur von ihm engliſch lernen!“ erwiederte kurz und herriſch Juſtine, und drehte ſich auf dem Abſatze gegen das Fenſter um. „Oho, mein Püppchen!“ ſagte die Mama lächelnd, und wollte dem Mädchen ſcherzend auf die Wangen klopfen. Die Tochter entzog ſich ihr jedoch ziemlich ungeſtüm, und entgegnete ſcharf und beſtimmt:„ich will, daß man mei⸗ nen Lehrer mit Freundlichkeit behandle; ſonſt werde ich Gleiches mit Gleichem vergelten.“— Die Mutter wußte nun, woran ſie war, und gab, wie ſchon unzähligemale, um nicht einen guten Alliirten gegen den kampfluſtigen Eheherrn zu verlieren, auch diesmal nach; ging, ohne die eigenſinnige 82 Tochter zu ſchelten, in ihr Kränzchen, und ließ dem jungen James in ihrem Hauſe freien Paß. Sie begnügte ſich, ihm ihre Abneigung dadurch zu beweiſen, daß ſie ihm kein Wort gönnte; nicht bei Tiſche, nicht während der Lehrſtunden, die ſie ſorgſam bewachte. Am Vormittage lernte Juſtine fleißig, und ſchien die eifrigſte Schülerin. In den Nachmittags⸗ ſtunden jedoch wurde der Schlummer der Mutter benützt. Juſtine gab das Signal zum Schweigen, und alsdann das des Erzählens, und Nordamerika war einige Tage hindurch die Axe, um die ſich James Berichte und Erklärungen drehen mußten. Endlich ſagte einſt Juſtine, da der Engländer wie⸗ der von dem beliebten Thema anheben wollte:„Stille; ge⸗ nug! ich kenne das dortige Leben, wie meinen Arbeitsſack, und muß geſtehen, es gefällt mir nicht. Herr Birsher wird ſich entſchließen müſſen, ſich mit mir in einem andern Lande anzuſiedeln, wo es lebendigere, fröhlichere Leute gibt, und einen mildern Himmelsſtrich, und viele Freude, und viel Geſang. Wenn ich aus Kälte, Reif und Nebel im Winter nicht ſcheiden ſoll, bleibe ich lieber in der Heimath, und zur traurigen Hausunke will ich mich in meiner Jugend nicht machen laſſen. Wißt Ihr, guter Herr, was ich will und verlange? Ein Daſeyn voll Vergnügen. Ich bin ja reich, des Vaters und der Mutter einzige Erbin, und Herr Birs⸗ her iſt, wie es heißt, ein kleiner König an Ueberfluß. Warum ſoll ich mich nicht der Welt freuen, weil ich Alles dazu be⸗ ſitze? Ferner will ich einen ewig heitern Himmel über mir, bläu und ſonnefunkelnd; Myrthen, Loorbeer und Roſen auf meinen Wegen...z ach! wenn ich Euch beſchreiben könnte, wie mir manchmal im Traum das Land erſcheint, in dem ich be ichte 33 „Die Myrthe winkt ihnen ſchon;“ antwortete James mit leichtem Seufzer:„das Land, von dem Sie ſprachen und träumten, iſt auch wirklich. Ziehen Sie ſüdwärts in dem ſchönen jungen Welttheil Amerika, ſo finden Sie es. Die Mittagsländer bieten die üppigſte Reichthumsfülle. Der Schöpfer hat über ſie das Horn des Ueberfluſſes ausge⸗ ſchüttet. Ueber ihren Triften und Höhen hängt der ewig leuchtende Himmel; in ihren Fluren wächst die ungeheure Palme neben dem Heer von duftenden Kräutern, die in der Luft auf Meilen in die Runde Wohlgeruch verbreiten. Der Menſch kämpft dort nicht dem Boden ſein Leben ab; ſpie⸗ lend gewinnt er ein fröhliches Daſeyn. In jenen luſtigen Wäldern tummelt ſich der bunten Vögel glänzendes Gefieder; ſtattliche Heerden, und der kräftigen Wildroſſe flüchtige Ge⸗ ſchwader beleben die Landſchaft, die an jedem Morgen in neuem tauſendfältigen Reiz aufgeht, und in der dunkelſten Nacht nichts von ihrem Reiz verliert. Dort bewegt ſich ein leidenſchaftlich lebendiges Volk. Die Cymbeln rufen zum Tanz; die duftenden Büſche, vom Glühwurm erleuchtet, hal⸗ len den Jubel wieder, und die Citharre murmelt wie eine liebe Geiſterſtimme unter dem Fenſter der angebeteten Dame.“ „Das klingt ja ſchön!“ flüſterte Juſtine froh bewegt:„O ſagt, gehört das ſchöne Land auch Euerm Könige? „Mein König,“ verſetzte ſchmerzhaft der Jüngling,„beſitzt kein Land, als ſeine himmliſche Heimath, die ihm kein Uſur⸗ pator rauben kann. Der Krone England gehören jedoch jene Länder auch nicht. Dort herrſcht Spanien und der Pabſt.“ „Gott ſteh' uns bei!“ rief unwillkürlich Juſtine aus. Da ſie bemerkte, daß James ſie fragend wihr„fühlte ſie 34 Beſchämung, und ſetzte bei:„Bin ich nicht ein närriſches Kind, und werdet Ihr mich nicht auslachen, daß ich vor dem Pabſt erſchrecke?“— „Ich weiß ja,“ entgegnete James ruhig,„daß in England, ſo wie hie und da auf deutſchem Boden die Amme ſchon dem Säugling den Namen des Pabſtthums neben der Ver⸗ dammniß nennt. Mich wundert das eingeſogene Vorurtheil nicht, ob es mich gleich ſchmerzt, es in einer Seele, ſo ſchö⸗ ner Anlagen und Keime voll, wie die Ihrige, zu entdecken. Laſſen Sie unſerm Parlamente ſeine Barbarei gegen Irland, dem fanatiſchen Calvin ſeine Scheiterhaufen: dem Weibe ſey Duldung ein bekannter, wohlaufgenommener Gaſt.“ Das Mädchen ſah den Lehrer mit großen Augen an; äußerte jedoch alsdann:„Wahr, mein Herr; ſehr wahr. Ohnehin kann ich nur urtheilen, wie der Blinde von der Farbe. Ich habe noch nie einen Katholiken gekannt, noch nie den römiſchen Gottesdienſt geſehen.“ „Dann ſahen Sie das Schönſte nicht, was jemals der menſchliche Geiſt erſann, ſeine Anbetung des Allerhöchſten glänzend und würdig an den Tag zu legen;“ rief James, wie begeiſtert:„das geheimnißvollſte, und doch zu den Sin⸗ nen ernſt und ſchmeichelnd ſprechende Schauſpiel! O! wer rühmte ſich wohl, je gewußt zu haben, was Gebet iſt, der nicht dem römiſchen Cultus einmal beigewohnt? Dieſem erhabenen Opfer, das ein ſo heiliges Band um alle Ge⸗ müther webt! Das iſt der Tempeldienſt für fühlende Men⸗ ſchen, für Seelen, die ſich begeiſtert an die Flügel der Gott⸗ heit hängen wollen; der Dienſt, den der heitere Süden ge⸗ bar, und das Land, in dem der Herr ſichtbar wandelte. In unſerm traurigen Norden, wo das Herz kalt und 35 unfruchtbar iſt, wie der harte Boden, wo der Alltagsverſtand grübelt, ſtatt zu glauben, iſt Alles anders, und in der ei⸗ ſigen Form verſteinert endlich auch der Geiſt.“ „Ich wundre mich, daß ein engliſcher Proteſtant der feind⸗ lichen Kirche ſo glänzend Gerechtigkeit wiederfahren laſſen mag;“ verſetzte Juſtine, als James ſchwieg: Unſre Prediger ſchildern ſie ganz anders. Indeſſen iſt etwas wahres an Euern Empfindungen und Meinungen. Das fühle ich wohl. Aufrichtig geſagt: die Perücke unſers Pfarrers hat mir nie beſſer, nie ſchlechter gefallen als ſeine Predigt, und die ſchnar⸗ renden und ſchluchzenden Stimmen meiner Kirchennachbarin⸗ nen machen allezeit das Lied zu einem poſſirleichen, nicht ehr⸗ würdigen Ohrenſchmaus. Wir haben indeſſen ſchon allzu⸗ lang von Babylon geſprochen, mein guter Monſieur, und die Mutter nimmt ſich eben vor, zu erwachen.“ Die Unterredung, die einen ſo wunderlichen Umſchwung genommen hatte, fand ihr Ende, aber in Juſtinens Ohren ſetzte ſie ſich leiſe fort, und das Mädchen konnte ſich nicht erwehren, dann und wann Betrachtungen über den Gegen⸗ ſtand anzuſtellen. Wohl hatte ſie hin und wieder von den geweihten Flammen, den prächtigen Gewändern einer Meſſe gehört; von der herrlichen Muſik, den duftenden Weihrauch⸗ wolken, den Blumengefäſſen und heitern Panierenz.... allein, theils war immer in ihrem Kreiſe nur mißbilligend und verdammend von dieſen Dingen die Rede geweſen, theils waren dieſe angedeuteten Bilder zu verworren, um ſich in einem Rahmen vor der Seele zuſammenfügen zu können. Durch James feurige Rede waren die ſeltſamen Vorſtellun⸗ gen wieder erwacht. Hielt ſie mit ihnen die finſtre Johan⸗ niskirche zuſammen, mit dem ſchmuckloſen der einfachen 3 8 36 gothiſchen Kanzel, und dem zufällig eintönigen näſeln⸗ den Vortrag des Predigers, ſo mußten Letztere verlieren. Ihr lebhaftes, fröhliches Gemüth haſchte nach dem fröhli⸗ chern Eindruck, und, ſann ſie oberflächlich über den Kern der unfreundlichen Schaale nach, ſo waren eben jene geſchmack⸗ loſen Kanzelreden, und das geiſtloſe Plappergebet, das ihre Mutter alle Abende ableierte, nicht geeignet, ſie in dem un⸗ bedingten Vertrauen zu ihrer Lehre zu ſtärken. In dem Geſchäftslokale des Hauſes ging indeſſen alles einen gedrängten, unheimlichen, leiſen Gang. Von Mäcklern und Untertäufern wurde es nicht leer. Aufgebrachte, dro⸗ hende Gläubiger und Bürgen gingen oft aus dem Hauſe; lauernde Juden, Leute die ſonſt nimmer in des Senators Schreibſtube geſehen worden, gingen häufig hinein, und einer gab dem Andern die Thüre in die Hand. Waarenvorräthe wurden ſchnell losgeſchlagen, um Spottpreiſe weggegeben; kleinere Schuldpoſten an des Senators Firma mit Härte und Ungebühr von Nothhaft eingetrieben. Dürftige Geldlaſten kamen ein, ſchwerere Ladungen gingen hinaus. Der Neid hatte auf den glücklichen Müſſinger ein offnes Auge ge⸗ habt. Der Unglückliche wurde von tauſend Augen belauert. Ein dumpfes Gerücht kam auf der Börſe aus: der Senator ſtehe ſchlecht, ſein Haus würde fallen. Viele Geſchäftsfreunde zogen ſich plötzlich aus allen Verhältniſſen mit ihm; Andere, die nicht ſo ſchüell ſich losmachen konnten, führten drohende Reden in der Blume; die wenigſten warnten den Senator; keiner bot ihm die Freundeshand. Müſſinger hatte Mühe und Plage, unter dieſen beunruhigenden Vorzeichen ſein un⸗ befangenes Geſicht zu bewahren, und das vornehme Ueber⸗ ſehen, das er ſich angewöhnt hatte. Indeſſen wünſchte ſein 37 Herz ungeduldig den Buchhalter herbei, und viele Augen warteten auf deſſen Rückkehr. Es hieß, von Amſterdam aus werde die Entwicklung kommen; ob nun der erfriſchende Oſtwind, oder der niederwerfende Sturm. Endlich kam in der Nacht der Buchhalter wieder an; mit Eilpferden, wie er verreist war. Der Senator wurde ge⸗ weckt, und ſtieg zu dem Harrenden in das Cabinet hinunter. Bei ſtiller Lampe und feſt verriegelter Thüre wurde die Un⸗ terhandlung gepflogen, bis das Morgenroth zu den Oeffnun⸗ gen der Fenſterladen hereinſah, und die Gaſſen belebt wur⸗ den. Da trat der Senator allein aus ſeinem Hauſe, und ſchlug den Weg zum Kaufhauſe ein. Sein Anzug war in einer Unordnung, wie er ihn noch nie auf der Straße ge⸗ zeigt hatte; unverändert ſo, wie er ihn um die Mitternachts⸗ ſtunde umgeworfen hatte; die Schuhe niedergetreten, die Strümpfe hängend, die Halsbinde locker, und das Haar zerrüttet. Doch war ſein Schritt ſo haſtig, daß er wie im Fluge an den Leuten vorbeiſchoß, die mit Lebensmitteln zur Stadt kamen. Am Krahnenhauſe war Alles noch ſtill und einſam. Einzelne Schiffer lungerten am Geſtade, oder wälz⸗ ten ſich auf dem Verdeck ihrer Fahrzeuge. Der Senator hielt ſich nicht bei den Grüßenden auf, ſondern lief immer ſtromabwärts, bis er die letzten Gebäude und Schuppen der Quai's und der Stadt hinter ſich hatte, und zu der Ka⸗ ſtanienallee gelangte, welche, auf eine Viertelmeile ſich er⸗ ſtreckend, neben dem Fluſſe hinlief, zum Spaziergange der Städter dienend. Steinbänke waren zwiſchen den Bäumen angebracht, und eine mäßig hohe Bruſtwehr von Eiſengitter ſchloß den Platz gegen den Strom zu, der reißend und tief unter der Balluſtrade vorüber tobte. Dieſer Ort war, ſart beſucht; jedoch meiſtens nur in den denn die Aurora verträumen die Müßiger gerne, und ihren Genuß im Freien verſchmähen die Arbeitſamen. So kam es denn, daß auch am heutigen Tage nur ein einziger Mann auf der Prome⸗ nade ſaß, halb von ein chtigen Stamme verdeckt, deſ⸗ ſen Farbe von dem n Oberrocke des Mannes wenig abſtach. Eine Drucſchrift lag auf den Knieen des Einſamen, allein die Aufmerkſamkeit, die er auf dieſelbe verwendete, hinderte ihn nicht, den Senator zu gewahren, der herbei⸗ eilte, ohne eiwas vor ſich zu ſehen, als das Ziel ſeiner Wünſche; der, einige Schritte von dem Leſenden entfernt, ſchnell wie der Blitz den Stock wegwarf, mit einem Satze auf dem Gender ſaß, und ſich im folgenden Moment in den Fluß geſtürzt haben würde, hätte ihn nicht der herzu⸗ gekommene Fremde kräftig bei den Schultern gefaßt, und ihn zurückgezogen. 2 Verſuch eines feigen Selbſtmords duldet keine Zeu⸗ gen. Der Mann, der, einem großen Zwecke zu genügen, das Leben wegwirft, wird in ſeiner Begeiſterung den Arm zurückſtoßen, der ihn hindern will. Der Schwärmer, der Wahnſinnige, der gegen ſich den Dolch zuckt, wird auf kurze Zeit die Raſerei eines Thieres gegen Denjenigen wenden, der ihm die Waffe entreißt; der Schwächling aber, oder der Menſch, der eihem falſchen Ehrgefühl, ſeinem Hochmuth, ſich zum Opfer ſchlachten will, verliert alle Herzhaftigkeit, ſieht er ſich ertappt; denn er ging auf einen Frevel aus. Ohn⸗ mächtig läßt er den Vorfatz fahren, und die bitterſte Beſchaͤ⸗ mung vergilt den kurzen Rauſch eines erzwungenen He⸗ roismus. Der Senator lag mit geſchloſſenen Augen und hochath⸗ mender Bruſt in den Armen des unbekannten Helfers, und ließ ſich von ihm, ohne das mindeſte Widerſtreben zu äußern, nach der nächſten Bank geleiten. Hier hielt er ſich an den Baum, und ſchlug beide Hände vor's Geſicht. Nach einem kurzen Stillſchweigen ſagte der Andre mit ſanfter und wohl⸗ klingender Stimme:„Sie wollten ein voreilig Werk thun⸗ lieber Mann, aber Gott hat Anderes mit Ihnen im Sinne. Beruhigen Sie ſich daherz; vergeſſen Sie, daß der Teufel Sie in Verſuchung führte, und gehen Sie wieder muthvoll an die Geſchäfte, die Ihnen obliegen.“ Der Senator zuckte zuſammen, ſchlug die Augen wild auf, und erwiederte dem Manne, in deſſen ernſtem Geſichte ein erfreuliches Mitgefühl zu leſen war, mit gepreßter Stimme:„Warum haben Sie mich zurückgehalten, Herr? Jetzt wäre Alles vorbei, und meine Ehre nicht doppelt ver⸗ loren, wie es geſchehen wird, wenn man in der Stadt er⸗ fährt, was ich verſucht habe.“ „Bekümmert Sie das allein?“ fragte der Nachbar tröſtend: „Beruhigen ſie ſich, wiederhole ich Ihnen. Ich bin ein ver⸗ ſchwiegener Mann, verpflichtet zur Bewahrung der Geheim⸗ niſſe, die man mir anvertraut⸗ und werde niemals Ihren Frieden oder den Ihrer Familie durch eine Unbeſcheidenheit ſtören.“ Der Senator ſah ſich ſcheu um.„Wahr iſt's;“ ſagte er hierauf:„Wir ſind die einzigen Anweſenden an dieſem Orte, Wenn ſie daher ſchweigen wollten..... Kennen Sie mich?“ „Ich könnte es verneinen, um Sie zu täuſchen;“ erwiederte der Andere:„allein ich haſſe den unſchuldigſten Winkelzug. 40 Sie ſind mir bekannt, Herr Senator; aber wie geſagt, ſchon mein Stand ſchützt Sie vor einer möglichen Indiskretion. „Darf ich fragen. 2“ ſagte Müſſinger, ihm geſpannt in's Auge blickend.— „Ich nenne mich Leupold, bin Doctor beider Rechte, und habe ſeit manchen Jahren als Sachwalter bei verſchiedenen Gerichten fungirt. Ich verſtehe mich auf's Schweigen; um ſo mehr, als es hier den Ruf eines Mannes gilt, deſſen Haus mein guter Pflegeſohn zu beſuchen berufen worden iſt.“ „Ich entſinne mich;“ entgegnete der Senator, nicht unan⸗ genehm überraſcht, den neuen Bekannten durch ein gewiſſes Band des Vertrauens an ſich gefeſſelt zu ſehen:„Wären andre Umſtände vorhanden, ich würde mich Ihrer Bekanntſchaft freuen, Herr Doctor. Vergeben Sie mir daher, wenn ich nicht bin, wie ich ſeyn ſollte.“ „Solche Revolutionen gehen nicht leicht ab. Gehen Sie nach Hauſe, Herr Senator. Ein niederſchlagendes Pulver und Ruhe werden Ihre Beſonnenheit am Beſten wieder herſtellen.“ „Nach Hauſe? Wo denken Sie hin? Nach Hauſe, wo ich der Schande entgegen ſehe? Sie haben mich verhindert, im Fluſſe mein Ende zu ſuchen. Laſſen Sie mich wenigſtens ſo weit fliehen, als mich meine Füße tragen. Ich bin ein zu Grunde gerichteter Mann. Ich kann den Spott der Feinde und diq Vorwürfe der Meinen nicht ertragen. Ich will fort, über See!“ Er ſtand raſch auf, um in dem verſtörten Zuſtande, wo⸗ rinnen er ſich befand, in die Welt zu laufen. Der Doctor hielt ihn zurück.—„Bedenken Sie, was Sie thun!“ ſagte er:„Ich kenne nicht Ihr Leid, nicht Ihre Verhältniſſe. Aber die Lage Ihrer Angehörigen wird zehnfach ſchlimmer, wenn Sie dieſen Schritt thun, und Ihnen folgt die Schande zehn⸗ fach. Ich habe viel erfahren in der Welt. Das Schickſal hat uns auf eine ſo ſeltne Weiſe zuſammengeführt, daß ich mir faſt die Freiheit nehmen möchte, mir ein Recht auf Ihr Vertrauen anzumaßen. Daher 4 „Iſt es denn der Mühe werth, Ihnen ein Geheimniß aus dem zu machen, was binnnn drei Tagen die ganze Stadt wiſſen wird, wiſſen muß? Herr! mein Geſchäft bricht ein⸗ Der Ultimo kommt heran, ich kann nicht zahlen. Ein un⸗ varmherziger Gläubiger, der jede Verlängerung ausſchlug, tommt übermorgen ſelbſt hier an, um mich zu verderben. Kaum vermochte mein Agent mir davon früher Kunde zu bringen. Ich kann ihn nicht befriedigen, nicht den ſechsten Dheil ſeiner Wechſelforderung ſchaffen. Alle Quellen ſind erſchöpft; meine Bücher weiſen eine geldleere Wüſte auf. Der Senat ſtößt den Bankerutier aus, und meine Familie in's Elend. Da, da wiſſen ſie Alles, was ein Kaufmann ſonſt nur im letzten Augenblick geſteht. Ermeſſen Sie meine Lage, und poſaunen Sie dieſelbe aus, oder ſchweigen Sie. Mir iſt Alles gleichviel. Laſſen Sie mich aber fort.—“ „Wollen Sie in's Verderben rennen, und auf Glück, auf Gott, und Ihre eigne Männlichkeit nicht vertrauen— gehen Sie hin!“ ſprach mit abſtoßendem Tone der Doctor, und wen⸗ dete ſich mißmuthig von dem Verzagenden.— Dieſer kurze Beſcheid brachte indeſſen den Senator wieder zu ſich. Wir ſind häufig in mißlichen Lagen, wie die Kinder, klagen und jammern immer mehr, je größre Mitklage wir erwecken⸗ und ſchweigen plötzlich gefaßt, wenn unſer„Zeter“ keinen Eindruck mehr macht. Der Senator ſah ſich betroffen nach S 4² ſeinem neuen Freunde um. Sein Fuß wurzelte. Er legte ſeine Hand auf des grauen Mannes Schulter, und fragte nach geraumen Schweigen:„Was ſagten Sie da? Wem ſoll ich vertrauen? Gott? Guter Herr, ich bin kein Pietiſt, und nicht von heute. Laſſen wir das. Dem Glück? Ich habe mich lange dabei wohl befunden, allein, wenn eine Stütze bricht, halten auch die andern nicht lange mehr. Meiner Männlichkeit? Wie meinen Sie das?“ „Der Wille des Menſchen vermag viel,“ antwortete der Doctor:„In ihm liegt der Beiſtand des Höchſten; er regiert das Glück; glauben Sie mir das. Das Leben iſt nun einmal ein Kampf, dieſe Welt der Fechtplatz. Wer ſich am rüſtigſten durchſchlägt, gelangt ſicher zum Ziel. Uebel⸗ verſtandenes Ehrgefühl,— ſchlecht ausgelegte Moral ſogar, kann den beſten Kämpfer entwaffnen, und zum Spott ſeiner Gegner machen. Man behaupte die Bahn, in welche man geworfen iſt, und träume ſich nicht in eine andere. Man zittre nicht vor der Gefahr, man trete ihr auf den Nacken.“ „Ich verſtehe Sie nicht;“ äußerte der Senator, und ließ ſich horchend neben den Doctor nieder:„ich bin fünfzig Jahre alt geworden, und wenn ich gleich ſchon Aehnliches, wie Sie mir da predigen, gefühlt habe, geſagt hat mir es noch Niemand.“ „Sie haben nur die Handelswelt kennen gelernt;“ ver⸗ ſetzte achſelzuckend der Doctor:„Ein Beiſpiel wird Sie jedoch überzeugen. Sehen Sie hier einen Traktat über die See⸗ ſchlacht bei la Hogue, wo Admiral Ruſſel die franzöſiſche Flotte vernichnet hat. Dieſe Schlacht war eine der außer⸗ ordentlichſten Begebenheiten der Zeit, und herbeigeführt und gewonnen unter den widerſtrebendſten Conjunkturen. Nicht 43 Wind, nicht Wetter, nicht das eiſerne Joch der Verantwort⸗ lichkeit achtend, wurde geſchlagen, wurde geſiegt. Aus dem gefürchteten Verderben trat glänzend die Viltorie hervor. So viel vermag der Wille und die dadurch aufgeregte Kraft des Menſchen. Und,— merken Sie ſich das genau: im bürgerlichen Leben, wie im Schlachtandrang gilt der Satz: Hilf Dir ſelbſt, und Gott iſt mit Dir. Stoße den vom Brett, der Dich hinunterſtoßen will, oder vergieb Dich er⸗ gib Dich verzagt in das verdiente Geſchick.“—„Ich ſtaune über Ihre Reden, gelehrter Herr,“ ſagte der Senator, ob⸗ ſchon aufgerichteter als zuvor:„wie aber ſoll ich ſie in praxi anwenden? Dunkel bleiben mir Ihre Worte, oder ma⸗ chen mich zittern, ſollte ich Sie verſtehen.“— Der Doctor lächelte. „Träumen Sie ja nicht von Geſpenſtern,“ erwiederte er halb im Scherze:„ich ſchreibe nur ſanfte Mittel vor. Sie führen ja nicht das Bajonnet, nicht den Kommandoftab. Nur ſo viel in Kurzem: Geben Sie nicht feig Alles verlo⸗ ren. Von Stunde zu Stunde wechſelt das Glück ſeine Häu⸗ ſer, und ſchüttet vielleicht in der nächſten den goldenen Re⸗ gen durch Ihren Schornſtein. Verlarven Sie nicht. Spricht das Unglück von ihrer Stirne, ſo finden Sie keinen Freund mehr, während der Schein der Zuverſicht Ihnen vielleicht in der letzten Minute den thätigſten wirbt. Waffnen Sie ſich wider den Gegner, der ſich naht; nicht mit Meſſer und trotziger Schmähung, ſondern mit dem glatten⸗ überredenden Vorte, und der vielverſprechenden Stirne. Freundlichkeit bezwingt den feſteſten Vorſatz. Jeder Menſch hat den ver⸗ wundbaren Fleck. Jeder Menſch iſt eitel. Suchen Sie die Ferſe des Achilles. Schmeicheln Sie ſeiner Eitelkeit. Der 44 günſtige Augenblick einmal benützt, und die Wechſel werden prolongirt, die Friſt iſt gewonnen, mit ihr die Hoffnung, und in der Hoffnung liegen ja alle unſere Reiche. Was mög⸗ lich iſt, kann auch wahr werden, und das Mißgeſchick macht immer wieder der Fortuna Platz. Hören Sie nie auf, auf ſich zu zählen, und auf meine Verſchwiegenheit.“ Mit einer anſtändigen Verbeugung verließ der Doctor den Handelsherrn, und wandelte nach der Stadt zurück. Müſſinger ſah ihm verwundert nach, und dann in ſein eig⸗ nes Innres. Mittel und Wege fand er freilich darinnen nicht vor, aber ein beſſerer Muth belebte ſeinen Geiſt, und ſein Plan, ſich aus der Welt zu ſchaffen, kam ihm bald wie ein Traum, bald lächerlich vor. Der prachtvolle Morgen trug das Seinige dazu bei, den aufgeregten zu beruhigen. Die erſte Folge dieſer eintretenden Ruhe war die Sorgfalt, die der Senator darauf verwendete, ſeinen Anzug wieder bildlicher und anſtändiger herzuſtellen. Alsdann ſtand er auf, blickte zum Himmel auf, und murmelte: Wohlan! den Ver⸗ ſuch iſt ja wohl die Lehre werth, und im ſchlimmſten Falle ändert ja der Strom binnen drei Tagen nicht ſein Bett! — Sonmit drückte er den Hut in die Augen, wanderte gra⸗ vitätiſch zur Stadt zurück, und ſeiner gleichgültigen Miene hätte Niemand angeſehen, wie es vor einer halben Stunde um ihn geſtanden. „Mein Guter,“ ſprach er nach einiger Ueberlegung in ſeinem Kabinette zu dem Buchhalter:„Es liegt mir dar⸗ an, daß ihr Euch von dem Amſterdamer nicht in meinem Hauſe finden laſſet. Es dient mir zu beſſerem Stand und Hinterhalt, wenn ich ſagen kann, daß Ihr, auf andern Geſchäftstvuren begriſſen, noch nicht zu mir heimkehrtet, 45 mir ſeine Antwort noch nicht hinterbrachtet. Ihr habt mir nur in einem Briefe gemeldet, daß er ſelbſt kommen würde, ſich mit mir in Richtigkeit zu ſetzen; nichts weiter, verſteht Ihr mich? Ich gewinne durch dieſe Unwiſſenheit Aufſchub, und während deſſen geht eine neue Quelle auf.—„Das gebe Gott!“ ſeufzte der treue Buchhalter:„wo befiehlt aber mein hochzuverehrender Herr Prinzipal, daß ich mich hinbegebe?“ —„Ihr mögt nach Steinſtadt reiſen,“ erwiederte der Se⸗ nator,„und bei Gericht den Zwangprozeß gegen unſern ſaumſeligen Schuldner, den Apotheker, eifrig betreiben und anhängig machen. In einigen Tagen iſt das Geſchäft been⸗ digt, zu dem ich einen Diener abfertigen würde, wenn nicht die Umſtände wären, wie ſie ſind. Damit jedoch Eure Abfertigung ein gewiſſes Aufſehen mache, mögt Ihr hier noch zu verbreiten ſuchen, daß Ihr in meinem Namen auf die Steinkohlengruben bieten ſollt, die der Graf zu Stein⸗ ſtadt verſteigern läßt.“ „In Gottes Namen!“ ließ ſich der Buchhalter vernehmen, und ging, ſich fertig zu machen. Der Senator ſtieg indeſſen hinauf zu ſeinen Frauensleuten, und kündigte ihnen an, der Herr van den Höcken von Amſterdam werde binnen wenigen Tagen eintreffen, und eingeladen werden, in dem Hauſe ſeines Geſchäftsfreundes ſein Quartier zu nehmen. Deßhalb müſſe das beſte Gaſtzimmer in Stand geſetzt, und in Küche und Keller alles auf den Fuß hergerichtet werden, einen ſo ehrenwerthen Beſuch nach Gebühr zu empfangen und zu vergnügen. Die Senatorin murrte und maulte viel über die ungelegene Störung des Hausweſens, gab dann, da ſie nichts an dem Befehl zu ändern vermochte, in aller Gleich⸗ gültigkeit Juſtinen die Schlüſſel zu Haus und Hof und ließ 46 die flinke, bereitwillige Tochter für Alles ſorgen. Sie ſelbſt ſah, nach wie vor, ganze Stunden lang durch's Fenſter, ſchlief, betete ihre Pfalmen gedankenlos, und hatte am Abend, in träger Ruhe unter den Freundinnen ſitzend, viel von der Mühe und Plackerei einer weitläufigen Wirthſchaft und unbequemer Gäſte zu erzählen. Die Spiel⸗ und Klatſch⸗ ſchweſtern ſäumten nicht, das Erfahrene und Gehörte in der ganzen Stadt zu verbreiten. Durch Lehrlinge und Diener und Mäkler ging von der andern Seite das Gerücht von jener Steinkohlenſpekulation um, und der Senator hatte die Freude, auf der Börſe wieder freundliche Geſichter zu ſehen, und das Wiederauftommen ſeines Eredits zu bemer⸗ ken.„Van den Höcken wird bei ihmn wohnen!“ flüſterten ſich Händler und Senſale zu:„er erwartet ihn alſo mit gu⸗ tem Gewiſſen! Auf die Steinkohlengruben des Grafen läßt er bieten? Sie müſſen baar bezahlt werden, weil die Ex⸗ cellenz das Geld für Spa braucht. Er florirt alſo wieder, der Herr Müſſinger!“ Und:„Ein wackrer Mann! ein braver Mann!“ ſcholl es nun wieder weit und breit, gerade aus dem Munde derjenigen, die ihn ſchon am meiſten geſchmäht hatten. Die ruhigern, ſolidern Kaufleute zuckten indeſſen die Achſeln, ſchüttelten die Köpfe, murmelten von Dunſt und tauben Nüſſen, und erwarteten die Zukunft. Aengſt⸗ licher und ſehnſüchtiger als ſie Alle, erwartete der Senator die Tage der Entſcheidung, und es wurde ihm ſchwül zu Sinne, denn ſchon waren faſt zweimal 24 Stunden ſeit der Unterrgdung mit dem Doktor verfloſſen, und noch hatte ſich, außer dem Dunſt nichts geändert in ſeinen Verhältniſſen. Wo er ging und ſtand, dachte er an unausbleiblichen Bankerott, und zugleich an die Worte des Doltors, die wie Metall⸗ 47 klänge an ſein Ohr ſchlugen:„Hilf Dir ſelbſt, und Gott iſt mit Dir. Stoße den vom Brett, der Dich hinabſtoßen will!“ Kann ich denn dieſe harten Reden nicht los werden? fragte er ſich oft, wild an ſeine Stirne ſchlagend, und ver⸗ ſchloß ſich dann wieder auf Viertelſtunden in den ſtillſten Winkel ſeines Hauſes. Unterdeſſen machte Juſtine die fleißige Wirthin, und ord⸗ nete und putzte in den Gaſtzimmern, daß es eine Freude war. James, der vergebens zur Stunde kam, und den die Mutter ſchnöde abgefertigt hatte, ſah im Vorübergehen die Thüre der Gaſtſtube zufällig offen, blickte hinein und grüßte Juſtine, die auf einem Tiſche ſtand, und ſich umſonſt be⸗ mühte, die ſchwere Stange des Vorhangs auf die Hacken über dem Fenſter zu bringen. Ihr Geſichtchen war feuer⸗ roth vor Zorn: und mit weinerlicher Stimme rief ſie dem Engländer zu:„So kommt doch herein, Monſieur! ſeit zehn Minuten rufe ich mir die Kehle rauh, nach den einfältigen, dummen Mägden, die mich hier allein gelaſſen haben. Noch eine Minute, und ich hätte die ſchwere Fahne da, wie ſie iſt, auf das Getäfel geworfen, und wenn Spiegel und Mar⸗ mortiſch, und Alles dabei zu Grunde gegangen wäre. Helft mir!“ „Mit Vergnügen!“ betheuerte James, legte den Hut ab, und bereitete ſich, auf den Tiſch zu ſteigen. Juſtine ſtampfte ungeduldig mit den Füſchen.„Mein Gott, wie förmlich!“ rief ſie;„legt doch um Gottes Willen euer eng⸗ liſches Phlegma ab. Ein Anderer wäre mit einem Sprunge ſchon bei mir geweſen!“—„Ein wenig Geduld!“ ermahnte James das Mädchen, nahm den armen Vorhang aus deſſen Hand und in einem Augenblicke ſaß er, wo er ſollte.— 48 „Beſonnen kommt man nicht minder ſchnell zum Ziele,“ ſprach James weiter, und reichte Juſtinen die Hände, ſie vom Tiſche zu heben. Sie bedachte ſich eine Weile, wollte ihr böſes Geſicht beibehalten, das ſchelmiſche Lächeln drang aber durch das Gewitter, und wie ein Zephyr flog ſie an des Jüng⸗ lings Armen zur Erde.„Ihr ſeyd ein poſſierlicher Menſch!“ ſagte ſie, ihm neckend in die Augen ſehend:„ſo oft ich Euch die Wahrheit ſage, ſpielt Ihr den Gekränkten, und gebt eine Sentenz zum Beſten. Gewöhnt Euch das ab, Monſieur. Ihr ſeyd ja kein Kandidat, der blöde thun muß, um's liebe Brod. Was ein vorwitziges Mädchen ſagt, muß den Ver⸗ nünftigen nicht kümmerh.“ „Menſchen, die mir gleichgültig ſind, kümmern mich auch nicht;“ antwortete James, der noch nicht alle Bitterkeit be⸗ ſiegen konnte. Juſtine blickte ihn raſch und gleich wie ſtra⸗ fend an, verzog dann fröhlich lächelnd den Mund, und drehte ſich, ſchnell wie der Wind, im Kreiſe um. „Seht aber doch, wie ſchön ich Alles hier eingerichtet habe!“ rief ſie, ſich dreimal gegen den Spiegel verbeugend, und luſtig in die Hände klatſchend:„Ich wette darauf, die Königin Ulricke hat keine ſchönere Wohnung.“— „Die Freude, die Sie an Ihrem eigenen Werke haben,“ entgegnete James ſcherzend,„brächte mich beinahe auf die Vermuthung, dieſe Zimmer ſeyen für Ihren Verlobten ein⸗ gerichtet.“ 1 „Ach Gott, nein!“ verſetzte Juſtine, indem ſie die Hände in ſpaßhafter Klage zuſammenſchlug;„Herr Birsher wohnt leider nicht an der Ecke, um ſo geſchwinde ſeinen Beſuch abſtatten zu können. Vor der Hand wird nur ein al⸗ ter ſteifer Holländer, der Herr van den Höcken hier ſein 49 Quartier nehmen. Der beſte Freund meines Vaters: ſie haben ſich aber in ihrem Leben noch nicht geſehen. Der liebens⸗ würdigſte Mann: wir wiſſen aber noch nicht das Geringſte davon. Seht Euch das Zimmer noch einmal recht an, und lobt meinen Geſchmack. In dieſem Zuſtande ſeht Ihr es nicht mehr wieder!“— „Wie ſo?“ „Herr van den Höcken wird ſchon alle meine Bemühun⸗ gen zu Schanden machen. Dieſe weißen Vorhänge wird der Rauch ſeiner Pfeife ſchwärzen, all' dieſe Ordnung ſeine vlumpe Hand zerſtören. Ach, die Männer find ja nur dazu vorhanden, der Weiber zierliche Schöpfung zu verunglimpfen.“ „Wie kommen Sie jetzt zu der Sentenz?“ „Das Medaillon an jenem Vorhang, den Ihr, Monfieur befeſtigt habt, bringt mich zu der Beſchwerde. Es ſteht ſchief und baufällig. Schade dennoch um das arme Bild.“ „Warum befehlen Sie nicht?“ fragte James lebhaft, ſprang abermals auf den Tiſch, und richtete das vergoldete Prunkſtück nach der Regel auf. Juſtine verneigte ſich ſteif. „Monſieur!“ ſagte ſie,„ich bin mit Euch zufrieden. Wie kömmt's, daß Ihr jetzt lebendiger werdet?“ „Ich ſtrebe nach Ihrer Zufriedenheit, Mademviſelle,“ entgegnete James verbindlich.—„Das gefällt mir,“ ſprach Juſtine ernſthaft wie eine Königin,„Ihr mögt aber wiſſen, daß ich nicht genügſam in meinen Forderungen bin.“ „Und doch würde ich eine jede erfüllen!“ verſicherte James nicht minder ernſthaft.„Jede?“ fragte Juſtine noch ernſter:„Beſinnt Euch, Monſieur. Ich laſſe nicht mit mir ſcherzen.“ ſcherze ich nicht,“ ſchloß James feſt beſtimmt. „So wolltet Ihr alſo auch, wenn ich es verlange, den einfältigen Lauſcher über die Treppe werfen, der ſchon ſeit einer Minute den Kopf in die Thüre ſteckt, und nicht ahnt, daß ich im Spiegel ſeine Ohren ſehe?“ James ſah ſich verwundert um, und gewahrte Nothhafts Kopf, ein albernes ertapptes Fuchsgeſicht, aus deſſen Munde ſtammelnd die Worte kamen:„Mit Permiß, hochgeehrte Jungfer! Ich ſuche nur Ihren Herrn Vater!“ „Mit Permiß,“ antwortete Juſtine verächtlich:„Er iſt ein erbärmlicher Pinſel, dem mein Herr Vater für ſeine Hor⸗ cherei den Kopf zurecht ſetzen ſoll. Führ' Er ſich ab, und ſuch' Er anderswo.“ Nothhaft verſchwand mit leiſen Verwünſchungen. Juſtine lachte herzlich, theils über den Diener, theils über James, der, wie aus einem Himmel gefallen, vor ihr ſtand. „Sagen Sie, wunderliche Fee!“ ſprach er:„Wie ſoll ich Sie nennen? Sie wechſeln die Farbe wie ein Demant. Schon glaubte ich auserkohren zu ſeyn, Ihnen einen wich⸗ tigen Dienſt leiſten, Ihren Beifall erwerben zu können, und plötzlich löst ſich Alles in einen Scherz auf.“ „Geſteht es nur, Monſieur!“ erwiederte hierauf Juſtine; „Ihr ſeyd eitel. Ich bin es aber nicht weniger. Ihr könn⸗ tet ein Franzoſe ſeyn. Mein Ernſt iſt jedoch nicht immer Scherz.“ Die Gutmüthigkeit, die ſich in Juſtinens Rede kund gab, machte dem Jüngling Muth, nach ihrer Deutung zu fragen, allein Mſſingers Dazwiſchenkunft ſetzte ſeiner Neugier un⸗ überſteigliche Schranken. Der Senator trat heftig ein, und rief mit auffallender Sorglichkeit:„Iſt alles fertig, Juſtine? Alles hergerichtet 51 und geordnet?“ Auf die Bejahung fuhr er fort, ohne auf James zu achten:„Brav, ſchön, meine Tochter. Zur beſten Zeit, mein Kind. Er iſt angekommen. Van den Höcken iſt da. Der Kellerburſche aus dem römiſchen Kaiſer hat mir's ſo eben geſteckt. Allein gekommen, ohne Bedienung. Man kann den Mann nicht im Gaſthauſe laſſen. Ich gehe ſelbſt zu ihm. Sage mir, bin ich angezogen, wie ſich's gebührt? Fällt die Perücke gut? Sitzen die Strümpfe und Kniebän⸗ der? Hängt der Degen recht, wie er ſoll? Wie findeſt Du den Buſenſtreif?“ „Schön und wohlanſtändig wie alles Uebrige, lieber Va⸗ ter;“ antwortete Juſtine, ein feines Lächeln kaum bemeiſternd: „Sie ſind jedoch in einer Unruhe befangen, die mir auffällt. Sie haben ja nicht vor den Kaiſer zu treten, ſondern vor einen Kaufmann, der nicht mehr, nicht weniger iſt, als Sie ſelbſt, und obendrein Ihr Handelsfreund!“ „Ach ja!“ verſetzte der Senator mit ängſtlichem Athemzuge: „ach ja! das iſt er, aber die Schicklichkeit, die Mores,.. und dann meine Pflicht, und worauf es ankömmt! Liebe Juſtine, erhebe Deine Seele zum Gebet! Deine Mutter iſt Eis, Du aber mein Kind halte den Daumen für mich! hörſt Du? bringe mir Glück! freilich darfſt Du nicht wiſſen, aber wie geſagt Adieu!“ Schon war er jenſeits der Schwelle. Die Herzensangſt, die unverkennbar aus ihm ſprach, machte Juſtine ſehr nach⸗ denklich. Sie ſtützte ſich auf den Tiſch, und blickte finnend auf die Straße. Nach einigen Augenblicken des Nachdenkens drehte ſie ſich kopfſchüttelnd um, um zu gehen. „Wie? Ihr ſeyd noch da, Monſieur White?“ fragte ſie, wie erſtaunt den jungen Mann zu ſei der ſie mit 52 verſchränkten Armen und theilnehmend betrachtete.„Könnt Ihr mir nicht ſagen, was der Auftritt ſo eben edeuttt⸗ ſetzte ſie gezwungen lächelnd hinzu. „Die Mächte, die uns leiten, warnen oft den otieuten daß er ſich auf Unheil gefaßt mache;“ entgegnete ſchonend und vorbereitend der Jüngling.—„So?“ fragte Juſtine wrieder mit durchdringendem Blicke: Euch ſteht's jedoch ſchlecht an, den Unglückspropheten allein hier ſpielen zu wollen. Was berechtigt Euch dazu? gewiß nur meine Nachſicht, die Euch zu ſolcher mißbrauchten Vertraulichkeit den Muth gibt.— der Lehrſtunde bin ich nicht für Euch zu Hauſe.“ James Gefühl wallte über.„Nach Befehl;“ entgegnete er kaum hörbar,„hätte ich geahnt, daß ſie auf Ihre Frage nur ein ſtummes Achſelzucken wünſchen, und nicht ein freund⸗ lich offen Wor ſo hätte ich mir die Beleidigung, Ihnen die Reue Er entfernte chnell. Schon war Juſtine im Begriff⸗ vereits von dem innern Vorwurf gequält, ihn zurückzurufen; ſchon hob ſich ihr Fuß, Her aber Stimme und Bewegung bezwang ſie im ſtolzen Selbſtgefühle.„Ein uner⸗ träglicher Menſch!“ eiferte ſie vor ſich hin:„Was er ſich erlaubt! Iſt das nicht der Ton, den ein Vater gegen ſeine Tochter annimmt? Gelte ich ihm denn nicht für voll? Bin ich denn ein Kind⸗ das ſich Alles gefallen laſſen muß?“ Ein ſchneller Blick in den Spiegel belehrte ſie zur Genüge, daß ſie kein Kind mehr war, ſondern eine Jungfrau in der ſchönſten Blüthe des Alters. Wohlgefällig ordnete ſie die Spitzen, die ihren Buſen zart und ſchwach verhüllten, die Schärpe um das enge pralle Mieder, die Falte ihres ide⸗ nen Gewandes, und ging einigemal vor dem Spiegel auf und ab.„Wahrlich!“ ſprach ſie alsdann mit verklärtem eſichte:„Herr Birsher wird nicht die häßlichſte Braut uropa entführen. Wenn er nur auch recht hübſch iſt, d wohlgewachſen, und prächtig und ſauber im Aeußern! Wie werden ſich die Jungfern ärgern und die Frauen, wenn ich in aller Herrlichkeit mit ihm abziehe! Wie werde ich da⸗ gegen jubeln, wenn ich aus dieſem Hauſe ſcheide, wo mich die Mutter nicht liebt, nicht haßt, und nur für ihre Kam⸗ merjungfer anſieht, wo der Vater von Tag zu Tag wunder⸗ licher wird. Wahrhaftig, noch einmal ein Auftritt wie der vorige, und mir würde bange um ſeinen Verſtand 1 So eben ließen ſich Stimmen in der Hausflur vernehmen, und gewichtige Schritte kamen über die Treppe herauf. Er⸗ ſchreckt flog Juſtine aus dem Zimmer, und bewillkommte ſehr verlegen einen ſehr dicken ſchweren Mann, der an der Hand des Senators, in Reiſekleider gehüllt, emporkeuchte. Ein Laſtträger folgte mit einem gewichtigen Koffer auf der Schulter. Das ganze Comptvirperſonale lauſchte unten mit vorgeſtreckten Hälſen. „Der ſehr achtbare Herr und Freund van den Höcken aus Amſterdam;“ ſprach der Vater geſchäftig zu Juſtine, und zupfte ſie, einen ſehr tiefen Knix zu machen. Der Holländer verſuchte ſeinerſeits eine Verbeugung, ſah Juſtine ſtarr aber freundlich an, blinzelte mit den kleinen Augen.„Ein hüb⸗ ſches Kind, die Jungfer Tochter;“ ſagte er noch halb athem⸗ los:„ein recht hübſches Kind, eine lockende Eva! es iſt char⸗ mant, Ew. Edeln, daß ich dem römiſchen Kaiſer Valet ge⸗ ſagt habe, um hier in die Arme einer griechiſchen Helena zu ſinken,“ Ei, der Himmel bewahre mich in Gnaden!“ platzte 54 . Juſtine heraus, und floh vor den ausgeſtreckten Armen des Fremdlings nach der Mutter Zimmer. Van den Höcken lachte ungemeſſen, und wehrte dem Senator ab, der Juſtinen nach⸗ eilen wollte. „Laſſen Ew. Edeln das wilde Jüngferlein immerhin ſpringen und laufen,“ ſagte er fortlachend,„der Wein muß brauſen, das Bier ſchäumen. Am Ende gibt es noch den ſolideſten Trank. Ich bin der Jungfer ſchon recht zugethan, und denke, ſie ſoll mir es auch werden. Alte Hageſtolze wie ich, haben das Geheimniß endlich weg, wie man das Frauenzimmer kirre macht. Für's Erſte jedoch,“ ſetzte er hin⸗ zu,„weiſen Sie mir mein Zimmer an, und entſchuldigen Sie mich bei Ihrer lieben Frau. Zum Thee komme ich her⸗ über. Meine müden Beine müſſen bis dahin ausraſten.“ Der Senator ſtieß dienſtfertig die Thüre auf, und van den Höcken betrachtete mit Wohlgefallen ſein Quartier.„Ew. Edeln haben mich wie einen Congreßambaſſadeur logirt,“ ſchmunzelte er,„Item, unſere perſönliche Bekanntſchaft hebt vollkommen gut anz wünſche nur, daß auch in caeteris alles gut ablaufe, mein beſter Herr.“ „Der Senator wollte den Augenblick benutzen. Er ßellte ſich daher vor den im Lehnſtuhle ruhenden Gaſt, und begann zu erzählen von dem Buchhalter, der nicht zugegen, von deſſen oberflächlichem Briefe, von der Freude, die er em⸗ pfinde, den Handelsfreund zu bewirthen, von den böſen Zeiten und den Wagniſſen eines Spekulanten, und beſonders von der Nothwendigkeit, ſich als Chriſten gegenſeitig zu unter⸗ ſtützen, und zu ſchonen. Als er jedoch bis zu dieſemPunkte gekommen war, faltete der Gaſt ſeine Stirne mächtig, bewegte mißbilligend den Kopf, und entgegnete ziemlich unfreundlich: 55 „Geſchätzter Herr Senator! Dergleichen Betrachtungen ſchicken ſich wenig in der erſten Bewillkommungsſtunde. Was jedoch die Spekulanten betrifft, und die chriſtliche Moral, ſo ſollen Erſtere nicht weiter fliegen wollen, als die Federn reichen, und Letztere nicht begehren, daß Einer, um dem Andern durch die Finger zu ſehen, ſich ſelber ruinire. Sie werden mich begreifen, obgleich ich nicht das beſte Deutſch rede. Im Holländiſchen könnte ich mich freilich beſſer ausdrücken. Ueb⸗ rigens laſſen wir dergleichen Erörterungen auf Morgen. Meine Maxime iſt: zuerſt ruhen, dann arbeiten.. Morgen nach dem Frühſtück von Geſchäften. Meine Wechſel ſind in aller Ordnung. Halten Sie nur das Ihrige in Bereitſchaft.“ Der Senator war wie von kaltem Waſſer übergoſſen.— „Ew. Edeln vergeſſen,“ ſtotterte er,„daß meines Buchhalters Abweſenheit..... 660 „Doch keinen Aufſchub macht?“ unterbrach ihn van den Höcken, herzlich lachend.„Warum nicht gar! Ein exakter Kaufmann, wie Sie, weiß die Zahltermine auch ohne den Buchführer. Reſpekttage habe ich in Hülle und Fülle gelaſſen, und aufhalten kann ich mich nicht länger als zwei Tage. Alſo haben Ew. Edeln die Güte, ſich nicht länger zu ſträuben. Ich weiß es; große Summen gehen ſchwer vom Herzen; mir ſelbſt nicht minder; allein was ſeyn muß..„ nun, Sie ſind ja ein Ehrenmann, und ſomit heute kein Wort mehr hievon.“ WMiüſſinger empfahl ſich mit verſtecktem Mißvergnügen, und ging bis zur Dämmerung heftig auf dem Altan des Hauſes hin und her, um ſich die gehörige Faſſung zuzuwenden⸗ deren er, ſeinem Gaſte gegenüber, bedurfte. Plötzlich blieb er ſtehen, und ſagte vor ſich hin:„Bin ich denn nicht ein 56 blödſinniger Menſch, daß ich noch hoffe, und kann dieſe Hoffnung mit nichts in der Welt rechtfertigen? Was ſoll mir eine leere geſpenſtige Erwartung? Warum habe ich nicht auf der Stelle dem hartnäckigen Manne geſagt, was er Morgen dennoch erfahren muß? daß es weit ärger mit mir ſteht, als ſelbſt mein Buchhalter ihm geſagt, deſſen vergeb⸗ liche Bemühungen er nur für die Flauſen eines Mannes, der nicht zahlen will, zu halten ſcheint. Ich muß mich demüthigen vor ihm, wie nicht vor einem Kaiſer, und nur von ſeiner Barmherzigkeit Rettung erwarten! Ein ſaurer Schritt,— der ſauerſte meines Lebens! iſt er aber ver⸗ gebens, auch mein Letzter, ſo wahr mir Gott gnädig iſt. Vor des Holländers Angen zerſchmettre ich mir den Kopf!“ Von dieſem Gedanken erfüllt, ſtieg er hinab in ſein Cabinet, lud mit der Entſchloſſenheit der abgeſtumpften Verzweiflung ſeine großen Reiſepiſtolen, und legte ſie, unfern von ſeinem Drehſtuhle in ein verſtecktes Fach des Schreibtiſches. Hierauf ſchloß er ſorgfältig zu, gab den Comtvirbedienten für den ganzen folgenden Tag— einen Sonntag— freien Urlaub, und verfügte ſich in die Wohnſtube, wo er ſeine Frau, ihre Freundinnen, Juſtine und van den Höcken ſchon beiſammen fand. Der Thee wurde nach holländiſcher Sitte herumgereicht. Der Gaſt ſetzte ſein größtes Vergnügen da⸗ rein, ſich von der Tochter bedienen zu laſſen, und durch mehrere Scherze, wie ſie alte Herren ſeines Schlags ſich oft zu erlauben pflegen, die Röthe der Jungfräulichkeit auf ihre Wangen zu,jagen. „Das wäre ein Mädchen,“ ſagte er unter Andern,„das wieder Leben in mein verödetes Hausweſen bringen könnte, wenn ich einen Sohn hätte, oder wenn die Jungfer mich . 2 ſelbſt zum Manne nehmen wollte. Unſre ſteifen Amſterdamer Puppen müßten ſich verſtecken vor der muntern Frau van den Höcken. Wahrhaftig, Ew. Edeln:— ſeh' ich die Jungfer an, ſo wird mir's wohl begreiflich, wie ſie Ihre Tochter ſeyn kann; aber die bequeme Madam dort im Kanape würde nicht jeder für ihre Mutter halten.“ „Hm!“ dehnte die Senatorin etwas empfindlich:„Ew. Edeln und meine Wenigkeit ſtellten dafür ein paſſenderes Paar vor.“ „Wahrhaftig!“ lachte van den Höcken ausgelaſſen:„Sie haben recht, meine Werthgeſchätzte, und ich würde auch des Schickſals Wink nicht unbeachtet laſſen, hätte es dem Himmel gefallen, Sie in ledigem Stande vor meine Augen und Gemüth zu führen. Wie die Sachen aber jetzo ſtehen, werde ich mich ſchon an die Jungfer Tochter halten müſſen.“ „Bitte ſehr!“ lächelte Juſtine ſchnippiſch, und zog ihre Hand aus der Rechten des Holländers. Die geneigte Mama ſetzte indeſſen phlegmatiſch bei:„Inkommodire ſich der Herr nicht. Meine Lochter iſt verſprochen; ſie wird eine Birsher in New⸗York.“ „Oho!“ entgegnete van den Höcken:„Mit dem Birsher nehm ich's auch noch auf. Bin ich nicht ſo jung wie der Sohn, bin ich doch reicher als der Vater, und der Weg nach Amſterdam iſt um ein gutes Stück näher, als der nach Amerika.“ „Danke gar ſehr, lieber Herr!“ ſpöttelte Juſtine.— Die Mutter nickte ihr den völligſten Beifall zu. Der Vater ließ ſich vertraulich neben dem Holländer nieder, und ſagte, als die Frauen ſich wieder alle um die Theekanne und Butter⸗ ſchnitten drängten, ſo ſüß als möglich: Ew. Edeln haben 58 eine unvergleichliche Gabe, zu ſcherzen. Ein Andrer hätte glauben können, Sie hätten in der That ein Auge auf unſer Kind.“ „Das habe ich auch;“ bekräftigte van den Höcken:„Ich bin der ſchnippiſchen Jungfer ſeelengut, und möchte ſie für mein Leben gern in meinem Bauerchen haben.“— „Ha!“ verſetzte der Senator, vor deſſen Seele allerlei Hoffnungen und Plane wieder aufdämmerten:„Wir waren ja bisher, ohne uns zu kennen, ſo gute Freunde, achtbarer Hevr Er ſtockte: ein Auge ſah verlegen auf den zitternden Buſenſtreif, das Andere auf den Holländer, der, ſeine Pfeife faltblütig anbennend, langſam zu ihm ſagte:„Nun? und weiter? Drücken Ew. Edeln ab! Nun?“ „Ich meinte nur,“ fuhr der Senator, ſeine Schmiegſam⸗ keit mit ungeduldiger Ruhe behauptend, fort,—„daß ich Ihnen nicht leicht ein Anſuchen fehl gehen laſſen möchte, wenn deſſen Erfüllung in meiner Macht ſtände.“ „Verſteh ich Sie?“ fragte van den Höcken heimlicher:„Viel⸗ leicht auch nicht das Anſuchen um die Jungfer Tochter?“— „Ihr Scharfſinn, werther Herrz...“ begann der Se⸗ nator.— „Bitte! keine Complimente!“ fiel der Holländer ein: „Der Birsher ſteht aber im Wege. Wie könnte man den wegſchaffen?“ 1. „J nun,“ flüſterte Müſſinger:„man müßte ſehen, wie ſich etwa die Gelegenheit darböte.. „Ein ehrliches Mannswort zu brechen?“ ſagte van den Höcken ernſt, und mit Vorwurf:„ein kaufmänniſches Ver⸗ ſprechen iſt heilig wie ein Eid. Es muß gehalten werden, 59 wenn auch eine Gelegenheit ſich darböte... lieber Mann, und ein noch zehnmal reicherer Freier als van den Höcken von Amſterdam, der Ihnen nur um der lieblichen Tochter Willen den niedrigen Charakterzug vergibt.—“ „Mein werther Herr;“ wollte der Senator auffahren. Der Gaſt hielt ihn jedoch im Zaume, indem er ihm zuflü⸗ ſterte:„Machen Sie doch ihren Schritt nicht vor Ihrer Fa⸗ milie und den Fremden offenbar. Schämen Sie ſich im Stillen vor mir allein, und wundern Sie ſich nicht, wenn ein ehrlicher Mann zögert, Ihnen Credit zu geben, da Ihre feierlichen Zuſagen Ihnen feil geworden ſind.“ Den Rücken des Senators überlief es wie mit tauſend Nadelſpitzen. Kurz und trotzig, um den Herrn von Amſter⸗ dam ſeine Beſchämung nicht ſehen zu laſſen, wendete er ſich von ihm, und vergaß die Pflichten des Hausherrn. Van den Höcken überſah ihm den Ingrimm, und miſchte ſich in ein Geſellſchaftſpiel, das die Frauen beliebt hatten. Hier entfal⸗ tete er bald eine Fröhlichkeit, die man ihm nicht angeſehen hatte, eine Freigebigkeit, die den Spielerinnen nicht mißfiel, und eine Gutmüthigkeit, die ihm Juſtinens Herz geneigter machte. Er zog es auffallend vor, ſich mit dem muntern Mädchen zu unterhalten, gab ſich viele Mühe, es an ſich zu feſſeln. Der Senator ſah mit ſchwankenden Hoffnungen und vieler Reue dieſer feinen Bewerbung zu, bis die zehnte Stunde ſchlug, und die Schicklichkeit gebot, den Gaſt nach ſeinem Zimmer zu geleiten, und die Frauen allein zu laſſen. Verbindlich und gefällig wünſchte van den Höcken allerſeits gute Nacht, und begehrte ſcherzend von Juſtinen den Ver⸗ lobungskuß. Die Jungfer verweigerte ſich lachend. Van den Höcken hatte ſich's vorgenommen, die ſüße Frucht nicht 60 unberührt zu laſſen.—„Will Sie mich nicht qua Bräuti⸗ gam küſſen, ſpröde Jungfer,“ ſagte er lachend,.„ſo erlaube Sie mir doch wenigſtens, Sie qua Papa zu küſſen. Ich könnte es ja dach ſeyn, denke ich; he?—“ „Gute Nacht, Herr Vater!“ antwortete dem Scherze nachgebend und munter das luſtige Mädchen, und bot ihm Stirne und Wange zum Kuß. Van den Höcken zauderte nicht, von der Erlaubniß Gebrauch zu machen, und verließ, glänzend und ſtrahlend von Vergnügen das Zimmer. Der Herr vom Hauſe, von widrigen Gefühlen bewegt, ging, den vergoldenen Armleuchter in der Hand, zum Gaſtzimmer hin⸗ aus. Beide Männer ſchweigen ernſthaft. Der Senator öffnete mit eignen Händen die grünen Damaſtvorhänge des Alkovens, ſchloß die Fenſter, zeigte ſtumm auf alle Bequemlichkeiten der Wohnung, und wollte ſich mit einem trocknen:„Schlafen Ew. Edeln wohl!“ abführen. Van den Höcken redete ihn darauf an. „Wollen wir den im Groll ſcheiden, werther Herr und Gaſtfreund?“ ſagte er:„Laſſen Sie uns Friede machen. Ich habe Ihnen meine Meinung geſagt, und Sie haben be⸗ reut; ſomit gut. Wollen Sie bedenken, daß Feindſeligkeit nichts taugt. Sie haben mich ſelber in Ihr Haus geladen, und vertrauensvoll hab ich's angenommen. Seyn Sie auch freundlich in dem gaſtfreundlichen Hauſe. Bei Gott, ich bin es auch wieder.“ 1 Der Senator konnte zwar die dargebotene Rechte des Kaufmanns⸗nicht ausſchlagen, aber gefangen geben mochte ſich ſein Stolz auch nicht. Steif verbeugte er ſich daher und erwiederte:„Ew. Edeln wollen ſcherzen. Ich habe Alles 61 vergeſſen, und bitte um dieſelbe Vergünſtigung. Wann be⸗ fehlen Sie Morgen geweckt zu werden?“ „Ich incommodire nicht;“ verſetzte van den Höcken, ziemlich unbefriedigt von des Senators Rede:„mein über⸗ geſegneter Körperumfang weckt mich frühzeitig, duldet mich nicht im Bette. Um acht Uhr wünſche ich mit dem Frühſtück bedacht zu werden, damit wir um Neun an unſer Geſchäft gehen können.“ „Sehr wohl;“ entgegnete Müſſinger eiskalt;„Alles ſoll geſchehen, wie ſie es anordnen. Gute Nacht!“— Van den Höcken legte ſich zu Bette: aber der Senator fand in ſeiner Stube keine Ruhe. Einmal ſogar verließ er dieſelbe, das Licht in der Hand, und ſchlich in leiſen Pan⸗ toffeln bis zu der Schlafkammer ſeiner Tochter. Schon hatte er den Finger gekrümmt, um anzuklopfen, aber ſcheu trat er wieder zurück, ſuchte er wieder ſeine Stube.— Warum das Mädchen in das Geheimniß ziehen? ſagte er mißbilli⸗ gend zu ſich ſelbſt: Wird nicht ihr Eigenſinn oder ihre Angſt mich verderben? Es iſt nicht gut, wenn der Vater die Ret⸗ tung ſeiner Habe in ſchwache Kinderhände legt. Im Alter folgt der Vorwurf hinterdrein, oder auf der Stelle mißlingt der Plan. In welchem Lichte ſtünde ich vor dem holländi⸗ ſchen Herrn! Könnte ers dann nicht mit Händen greifen, daß ich ihn nur in's Haus gelockt, um ihn zu kirren; daß ich auf gewiſſe Art der Kuppler meiner Tochter...7 Pfui, Müſſinger. Dieſe Blöße wäre unverzeihlicher, als die, welche Deine Schwäche und Deine fürchterliche Bedrängniß gaben. Faſſe Muth, unglücklicher Mann! Trinke den bittern Kelch aus, wie Du es Dir vorgenommen. Iſt der Holl⸗ länder, ſeiner Pünktlichkeit und Hartnäckigkeit zum Trotz, 62 ein Mann von Gefühl, wie ich beinahe nach ſeinen Reden vor dem Schlafengehen glauben möchte, ſo wird ihn die treue Schilderung meiner Lage rühren; wo nicht in Gottes Namen! Mit einem ſchweren Seufzer löſchte der Senator ſein Licht, und gab ſich einem wilden Traumgewirre hin, das den von Schlafloſigkeit und Grübeln Erſchöpſten, endlich gegen Morgen umfing. Van den Höcken hatte ſchon einigemal nach ihm gefragt, als er erwachte. Wie ein, ſeiner Sinne nicht klar bewußter Mann, ließ er ſich von dem eintretenden Be⸗ dienten die Haare ordnen, zog ſich nicht allzu ſorgfältig an, und begab ſich unter dem erſten Geläute der Kirchenglocken zu den Seinigen. Die Senatoren ſtand ſchon, geſchmückt und mit Putz trotz einer Markgräfin überladen, in der Mitte des Zimmers. Juſtine trat mit Blumenſträußen und Ge⸗ ſangbüchern verſehen, ebenfalls im Staate von Cros de Tours, herein. Die Senatorin nannte mit ihrer gewohnten Schläf⸗ rigkeit in Ton und Weſen, ihren Mann einen trägen Lang⸗ ſchläfer, der ſein Frühſtück allein, oder mit ſeinem galanten Freunde aus Holland verzehren könne. Juſtinens Scharf⸗ blick errieth jedoch weit gelehriger, daß in dem Vater immer noch das ungewöhnliche Treiben wühle, das ſie ſchon in den verfloſſenen Tagen bemerkt hatte. Von der Freundlichkeit ihres Grußes wohlthuend angeregt, wurde der Senator mil⸗ der, und ſagte faſt liebevoll zu ſeiner Ehefrau:„Liebe Jako⸗ bine! Ich muß Dich heute freilich alleine in die Kirche gehen laſſen, weil mich ein Geſchäft zu Hauſe hält. Aber gerade deshalb bete Du für mich, und denke meiner einmal im Gu⸗ ten gegen den Schöpfer.“—„Faſelt er nicht ſchon wieder?“ fragte die Senatorin, ſpöttiſch zu Juſtine gewendet:„Bete 63 eine Jeder für ſich, und erhalte der Herr jedem den Verſtand. Wenn ich den Doctor in der Kirche ſehen ſollte, will ich nicht verſäumen, ihn zu Dir zu ſchicken. Eine Aderlaß iſt Dir wahrlich nöthig, denn richtig ſcheint mirs ſeit einiger Zeit nicht mehr in Deinem Kopfe zu ſeyn.“ Der Senator hob, ſtatt der Antwort, beide Arme heftig gen Himmel, und wendete ſich von dem Weibe.—„Ich will mich nicht erzürnen,“ ſagte er mit gewaltſam unterdrück⸗ tem Unmuth:„es möchte vielleicht gut ſeyn, daß wir gerade jetzt nicht im Hader ſcheiden. Darum gehe recht geſchwinde, Jacobine, und leb' wohl!“ „Der Mann wird ſich noch durch ſeine Galle umbringen!“ verſetzte die Senatorin gleichgültig, füllte ſich den Mund mit getrockneten Feigen, und rauſchte in ihrem weiten Stoff⸗ kleide vornehm zur Thüre hinaus. Juſtine blieb hinter ihr zurück, kam auf den Vater zu, und ſagte mitleidig:„Spre⸗ chen Sie lieber Vater, ob ich bei Ihnen bleiben ſoll? Sie ſcheinen mir in der That, krank zu ſeyn.“—„Geh' mein Kind;“entgegnete Müſſinger:„Du erzürnſt Deine Mutter.“— „Ich fürchte ihren Zorn nicht;“ verſicherte Juſtine gleichmüthig; allein da der Senator darauf beſtand, zu bleiben, um ſeinen Geſchäften zu genügen, ſolgte ſie, wiewohl beſorgt, der Mut⸗ ter in die Kirche. Die Glocken ſchlugen ringsum die neunte Stunde, und Müſſinger klopfte an van den Höcken's Thüre. Der Gaſt, erhitzt von der Pein einer faſt ſchlafloſen Nacht, empfing ihn nicht in der beſten Laune, und ſchien geneigt zu ſeyn, das unangenehme Geſchäft zu verſchieben. Der Sena⸗ tor jedoch, dem es wie ein Fels auf der Bruſt lag, der um jeden Preis der Qual fernerer Ungewißheit enthoben ſeyn wollte, drang, wiewohl beſcheiden, dennoch ſo beſtimmt auf der Arbeit Beginnen, daß van den Höcken endlich mit den Worten:„Sieh, wie ſich das machte! Geſtern ſo ſäumig, heute ohne Raſt und Weile!“ den Rock überwarf, ſeine Brief⸗ taſche aus dem wohlverſchloſſnen Koffer nahm, und dem Haus⸗ herrn nach der Schreibſtube folgte. „Der Tag iſt recht günſtig;“ ſagte er, da ſie durch das leere Comtoir nach dem Cabinette ſchritten:„die Diener ſind vermuthlich alle im Gottesdienſte. Da läßt ſich das Ge⸗ ſchäft rund abmachen; und bei Zahlungen liebe ich ſonder⸗ lich keine Zeugen.“ „Ich auch nicht;“ entgegnete der Senator zähneklappernd; zog den Laden des Hoffenſters auf, und bot dem Fremden einen Stuhl. Van den Höcken machte ſich mit dem Schloſſe des Portefeuille zu ſchaffen; Müſſinger blätterte mit zittern⸗ der Hand in dem Hauptbuche. Nachdem endlich der Holländer eine ziemliche Parthie von Wechſeln geordnet, und die Brief⸗ taſche wieder zugemacht hatte, ſah er mit fragenden Blicken auf den unruhigen Schuldner. Der Letztere bemerkte es, und ſagte mit kaum hörbarer Stimme:„Es wird Alles bald abgethan ſeyn, werther Herr. Hier— ſehen Sie im Buche, was ich Ihnen ſoll; und in meiner Caſſa, was ich habe!“ Er ſtieß mit dem Fuße den Deckel der Geldkiſte auf; ſie war beinahe leer.— Van den Höckens Geſicht verfinſterte ſich ungemein.„Was ſoll das, Herr?“ ſagte er ſcharf.— „Ich bin jetzt ſchon éin vornehm thuender Bettler;“ verſetzte Müſſinger:„Gewährt mir Ihr Mitleid nicht Jahresfriſt, ſo ſtehe ich auch am Pranger.“—„Sie haben es durch Ihre unmäßige Spekulationswuth verſchuldet;“ fuhr van den Höcken mit ſtrengem Verweiſe fort:„Ihre Firma ſchien nur 65 ſolid, und war eine Seifenblaſe, um Andere ſichere Credi⸗ toren zu täuſchen.“— „Herr!“ ſprach der Senator mit mühſamer Faſſung und Unterwürfigkeit:„Seyn Sie nicht ungerecht; Ihre Menſch⸗ lichkeit,... mein Unglück 1 „Pah!“ eiferte der Gläubiger:„jeder Verſchwender ſchützt unglück vor, und appellirt an weiche Herzen. Ein Kauf⸗ mann muß ein ſteinhartes Herz beſitzen, ſoll er nicht ſelbſt zu Grunde gehen. Und wer ſteht mir denn am Ende dafür, daß dieſe ganze Wehklage nicht eine bloße Komödie ſey, und in einen fraudulöſen Bankerott ausgehen werde, weil ſich gerade die Gelegenheit darbietet...... „Herr! nehmen Sie den Schimpf zurück!“ fuhr ihm der Senator wüthend in die Rede. „Was da!“ brummte van den Höcken wild entgegen: „Dero geſtrige Propoſition darf wohl auf den Gedanken führen; und kurz und gut: die leere Geldkiſte befriedigt mich nicht. Hier in meiner Hand ſind Ihre Wechſel. Sehen Sie dieſelben an, und lernen Sie mich kennen! Ich bin nicht umſonſt den weiten Weg hieher gereist; ich will nicht vergebens„ 4 „Wohlan, unterbrach ihn der verzweifelnde Schuldner: Da doch nichts Ihr Menſchengefühl erregen kann: Wohlan! Sie ſollen Ihren Willen haben. Dieſe Wechſel kenne ich, und Sie ſollen nicht umſonſt ſich bemüht haben. Sehen ſollen Sie, wie ich meine Rechnung ſchließe!“ Mit der einen Hand ſtieß er die Wechſelpapiere von ſich, die ihm van den Höcken vorhielt, mit der andern zog er eine von den Piſtolen aus dem Fache des Schreibtiſches. Bei dieſer unverhofften drohenden Bewegung entſetzte III. 1. 5 —— ———— ſich van den Höcken zum Tode.„Herr! Sie wollen doch nicht. lallte er, vom Stuhle auffahrend.— „Nothhaft, der Comtoriſt, hatte die Kirche umgangen, ſeine Zeit in einer verſteckten Spielſtube zugebracht, und kehrte, nach manchem Verluſte, nach Hauſe zurück, um ſeine letzten Thaler zu ſich zu ſtecken, und auf's Neue ſein Glück zu verſuchen. Zweimal hatte er ſchon an der verſchloſſenen Hausthüre geklingelt, Niemand ihm aufgethan. Die haus⸗ hütende Magd hielt am Dachfenſter des Hintergebäudes eine gewichtige Unterredung mit der Dienerin im Nachbarhauſe. Der Knecht war auswärts zu ſeinem Schätzchen geſchlichen. Demnach brannte dem lockern Kaufdiener die Ungeduld auf den Nägeln, und, als nehme er ſich vor, Sturm zu läuten, zog er kräftig und unausgeſetzt an der volltönenden Schelle. Sein Bemühen ermangelte nicht des gewünſchten Erfolgs. Schritte kamen, das Schloß ging langſam und zögernd auf.“ „Taubes, ungeſchicktes Murmelthier!“ grollte der Ein⸗ tretende, erſchrack aber über die Maßen, als er nicht die Hausmagd, die er gemeint, ſondern den Prinzipal ſelbſt vor ſich ſah, der das Amt eines Pförtners verrichtet hatte. Seine Unbeſonnenheit verwünſchend, und den Jähzorn des Senators aus Erfahrung fürchtend, bückte er ſich verlegen, und ſtotterte eine Entſchuldigung cher, die nicht ſchlechter hätte ausfallen können.“ „Wunderbarer Weiſe genügte ſie gerade heute dem wenig duldſamen Prinzipal.„Schon gut, mein lieber Nothhaft;“ verſetzte er mit leiſer Stimme:„Er meint es nicht böſe. Darum,“— hier ſchloß er die Thüre wieder ſorgfältig,— . „darum iſt mir's auch lieb, daß Er gerade heimkömmt. Iſt etwa die Kirche ſchon zu Ende?“ fragte er haſtig nach.— „Nothhaft war innerlich erſchrocken ob der Todtenbläſſe, die auf des Senators Antlitz lag, und nicht minder ob der raſchen Unſicherheit in ſeiner leiſen Rede; er erwiederte da⸗ her kleinlaut:„Nein, hochgeehrter Herr, ich konnte aber vor Uebelſeyn nicht in der Kirche ausdauern. Deßhalb.... ſo eben ſchlug es zehn Uhr.“—„Zehn Uhr erſt?“ fragte der Senator wieder mit ſchleppendem Tonez„wie die Zeit ſchleicht! ich dachte, es müſſe Mittag vorüber ſeyn. Komm' Er mit in's Comtvir.“ „Soll ich nicht die Fenſterladen öffnen?“ ſagte Nothhaft als ſie in der finſtern Stube ſtanden.—„Nicht doch,“ er⸗ wiederte Müſſinger haſtig,„drinnen iſt es ſchon heller. Nicht wahr, Nothhaft, Er hat nicht Furcht, noch Grauen?“ „Ich habe Beides nie gekannt;“ betheuerte Nothhaft⸗ ſehr aufmerkſam werdend. „Deſto beſſer!“ ſetzte der Senator bei:„ſo wird Er doch Rath wiſſen. Mich hat es ſtark angegriffen.“—„Was denn, Herr Senator?“—„Rede Er nicht laut. Es hat ſich vor einer halben Stunde,— es kann vielleicht auch eine Stunde ſeyn,— ein Unglück im Hauſe begeben.“ „Ein unglück? hier im Hauſe?“ „Ja doch; nur leiſe geſprochen. Dort im Kabinet.. Der Senator drückte, das Geſicht wegwendend, die Thüre auf. „Im Kabinet?“ fragte Nothhaft, dem es kalt über den Körper fuhr, ohne ſich zu regen.„Was iſt dort?“ „Der Holländer....“ ſtammelte Müſſinger;—„es war plötzlich aus mit ihm.“ „Mit dem Holländer?“ 5 1* „Er iſt in meinen Armen... geſtorben, glaube ich. Geh Er hinein, und ſehe Er nach, ob Er's auch ſo findet, oder ob vielleicht... „Nothhaft war ſchon im Kabinete. Van den Höcken lag leblos an der Erde, mit entſtelltem Geſichte, und in Unord⸗ nung gebrachter Kleidung. Kein Athem war an ihm zu er⸗ horchen, kein Pulsſchlag zu finden. Der Diener fühlte des Körpers Eiſeskälte, und hielt ſich nicht lange bei demſelben auf. Einen Falkenblick warf er durch das Gemach, und kam eilends wieder zu dem Herrn zurück. Dieſer ſaß, die Hände zwiſchen den Knieen gefaltet, und das Haupt geſenkt, im Winkel der dunkeln Schreibſtube.„Nun?“ war ſein ein⸗ ziges Fragewort. NPothaft zuckte die Achſeln.„Hin iſt hin;“ ſagte er,„er hört den Kuckuck nicht mehr ſchreien. Wie kam denn Alles ſo plötzlich, Herr Senator?“ Müſſinger zog einen tiefen Seufzer aus der Bruſt.„Wir rechneten zuſammen;“— flüſterte er ſcheu:„wir hatten eben Alles geſchloſſen, da überkam es ihn plötzlich,— er ſank— auf meinen Knieen wurde es mit ihm alle.“— „So?“ entgegnete Nothhaft mit ſeltſam gezogenem Tone: „Ein Glück nur, daß es nach dem Rechnungsabſchluß traf.“— „Was meint Er?“ fuhr der Senator ſchnell, wie aus einem Traume, in die Höhe:„was iſt jetzt bei der Sache zu thun?“—„Der Herr Prinzipal ſcherzen wohl mit mir;“ verſetzte der Diener:„die Gerichte müſſen gerufen, des Ver⸗ blichenen Fffekten verſiegelt werden: das iſt ja klar.“—„Die Gerichte?“ fragte Müſſinger, wie von Schauder überlaufen, und ſehr zerſtreut:„ach ja, wahr iſt's; das iſt zu thun, und Siegel, meint er, müſſen auch?. 69 „Herr Senator,“ entgegnete Nothhaft ſpitzig:„Sie ſind ja ſelbſt beim Rathe; müſſen das beſſer verſtehen, als ich einfältiger Schreiber.“—„Er hat Recht, mein Sohn, ſehr Recht;“ ſprach der Kaufherr alsdann, wie ſich beſinnend: „Und wann wäre es wohl nöthig,.. glaubt Er?“..— „So ſchnell als möglich;“ fiel Nothhaft ein:„Verzöge⸗ rung könnte zu Unannehmlichkeiten Anlaß geben.“—„Leider! leider!“ ſtimmte der Senator ein;„Darum laufe Er, guter Nothhaft, und ſey Er diskret gegen Jedermann, damit es ſich ſo glatt und ſtille abmachen laſſe, als nur möglich.“ „Sehr wohl, Herr Senator;“ antwortete Nothhaft, be⸗ reitwillig nach dem Hute greifend:„wollten Sie indeſſen einen Rath nicht verſchmähen? Schaffen Sie die Piſtole weg, die drinnen auf dem Boden liegt.“ Der Senator fuhr zuſammen.„Eine Piſtole?“ ſtotterte er:„es muß ein Zufall dieſelbe.. laßt doch ſehen!“ Sich an den Diener haltend ging er nach dem Kabinete, wendete aber alſobald der Stelle, wo der Holländer lag, den Rücken, und ſtierte auf die Waffe nieder, die Nothhaft dienſtwillig und eifrig aufhob.—„Wir wollen ſie zu der andern legen,“ ſagte derſelbe leiſe und haſtig; ſie könnte übeln Effekt machen, und wenn Sie's erlauben, bringe ich auch die Halsbinde des armen Schelmen hier wieder in Ordnung. Es läßt gerade, ols ob ſich drei Finger hinein verwickelt hätten, um ſie zuſammenzuſchnüren.“ Ohne Regung kehrte der Senator dem Diener, der ohne Scheu an van den Höcken die beſagte Aenderung vornahm, den Rücken fortwährend zu. „Ich wollte ihm die Binde öffnen;“ ſagte er halblaut: 70 „aber es iſt möglich, daß ich in der Alteration ſie feſter zuzog.„ „Ja, ja,“ ſtimmte Nothhaft, ſein Geſchäft vollendend ein: „es geſchieht wohl öfters, daß die Hand ungeſchickter iſt, als der Kopf. So. Das wäre gut, und ich will laufen, was ich kann. Haben Sie noch etwas hier mitzunehmen, Herr Prinzipal, ſo nehmen Sie es jetzt. Es wird ſchicklich ſeyn, daß die Herren von Gericht das Kabinet verſchloſſen finden.“ Der Senator wurde wieder regſam, und begann, ohne eine Sylbe zu ſprechen, aber mit einer beunruhigenden Haſt, auf ſeinem Schreibtiſche Papiere und Bücher untereinander zu werfen, ohne in der beklagenswerthen Zerſtreuung, die ihn feſſelte, dasjenige zu finden, was er zu ſuchen ſchien. Nothhaft trat hinter ihn, und ſein Auge fiel auf ein Packet von Wechſelbriefen, nach welchen des Senators linke Hand immer tappte, während ſeine Rechte ſie immer wieder ver⸗ ſchob. Der Diener ergriff ſie.„Sie ſuchen wohl dieſe Papiere mit ihrer Unterſchrift?“ fragte er dringend,„Da! da! Herr— ſechs— ſieben— neun Tratten auf ſie ſelbſt, von van den Höcken in Cours geſetzt und endoſſirt.“— „Endoſſirt?“ fragte der Senator, heftig nach den Briefen haſchend.„Endoſſirt auf die QOrdre des Georg Birsher zu New⸗York!“ fuhr Nothhaft fort, indem er ſie überlieferte. „und— wahrhaftig quittirt von demſelben.“ „Birsher?“ fragte der Senator, betäubt auf die Blätter ſchauend. Pothhaft lächelte betäubend:„Stecken Sie ein, Herr Prinzipal. Daß Sie bezahlt haben, beweiſen ja ſchon die Wechſel in Ihrer Hand,. das„Quitte“ hätte weg⸗ bleiben können. Die Dinte iſt gar zu friſch. Lägen viebeicht 1 71 noch andere Dokumente in der Brieftaſche, die ich bei dem Holländer wahrnahm?“ „Was geht mich van den Höcken's Portefeuille an?“ fuhr Müſſinger ſtutzig werdend auf. Nothhaft machte einen ent⸗ ſchuldigenden Katzenbuckel, und trieb zum Fortgehen an. Wie ein Kind folgte der Senator ſeinen Worten, ſchloß das Kabinet, ohne ſich einmal umzuſehen, und ging, an Noth⸗ ha fts Arme, zu ſeiner Stube, wo er ſich an allen Gliedern zitternd, zu Bette legte. Wie ein guter Geiſt erſchien ihm vie aus der Kirche zurückkehrende Juſtine, die, von des Vaters Unpäßlichkeit hörend, mitleidig zu ihm eilte. Der Vater konnte und wollte nicht reden, ſondern verſuchte nur in einzelnen Lauten ſein Kind zu beruhigen. Juſtine er⸗ ſchöpfte ſich in Muthmaßungen über des Rathsherrn Zuſtand⸗ bis die Schelle des Hauſes wieder ſehr ſtark geläutet, und vieles Geräuſch hörbar wurde. Die Thüre des Zimmers ſprang auf, und Frau Müſſinger, weiß wie die Wand, und ſchwerfällig, wie noch nie, ſchwankte in's Zimmer.— „Was iſt das?“ kreiſchte ſie, ohne des Kranken zu achten: „Das Haus wimmelt von Gerichtsperſonen und Schergen! Ach, das Unglück! Der Holländer ſoll ſich erhängt haben, böre ich! Ach, welch' eine Schande! Gib die Schlüſſel her, Du gottvergeſſener Mann, der mir durch ſeine ſauberen Freunde ſo viel Schrecken verurſacht!“ „Juſtine wird öffnen;“ verſetzte der Senator unter Fie⸗ berſchauern, indem er dem Mädchen die Schlüſſel reichte: „Stecke dieſe Wechſel zu Dir;“ flüſterte er demſelben zu; „bewahre ſie ſorgfältig!“— Juſtine ſchob, nicht minder blaß vor Schrecken, die Papiere ein, und entfernte ſich eilends. Die Mutter dagegen blieb zurück, um den Mann ferner zu — guälen.— Welch ein abſcheulicher Spektakel! ächzte ſie, in den Lehnſtuhl am Bette ſinkend: In dieſem Hauſe halte ichs nicht mehr aus. Der Holländer wird umgehen, in ſeinem weißen Mantel, ein ſchreckhaftes Geſpenſt! O Herr, gehe nicht mit uns in's Gericht! Was ich erleben muß! Pfui, abſcheulich! Die Steuercommiſſärin hatte Recht, ob⸗ gleich ſchon Sie mich in der Kirche zum Entſetzen gebracht hat. Sie hat geſtern geſehen, was wir alle nicht ſahen. Wir ſaßen Abends zu Dreizehn am Liſche, und Einer von den Dreizehn muß binnen Jahresfriſt ſterben! Wie mich das ſchon alterirte! Man ſieht aber: Wahr iſts! der Hol⸗ länder hat bereits die Welt geſegnet.— „Und ich werde es noch heute,“ ſeufzte der Senator, „wenn Du nicht nachläſſeſt mit Deinem abſcheulichen Ge⸗ kreiſche, Jacobine!“ „Und dennoch wirſt Du mich dulden müſſen, bis Juſtine kömmt;“ ontwortete ſie phlegmatiſch:„Ich gehe ohne Beglei⸗ tung nicht über den Gang.“ Nothhaft trat ein, und ging raſch auf den Senator zu. „Alles beſorgt, Herr Prineipal;“ rief er wichtig und ver⸗ traulich:„Die Herren ſind ſchon unten, laſſen ihre Condo⸗ lenz vermelden, und ſo eben den Verſtorbenen über die Treppe nach ſeinem Zimmer bringen.“ „Gott ſtehe uns bei!“ jammerte die Senatorin mit der ausgelaſſenen Betrühniß ſtumpffühlender Leute, während Müſſinger ſein Geſicht in dem Kiſſen verbarg:„Warum ließeſt Du den Landläufer nicht im römiſchen Kaiſer, da es ihm ohnehin nicht beliebte, in ſeiner Heimath zu ſterben? Wie würde ſich jetzt die hoffärtige Wirthsfrau gebärden, die ſich trägt wie unſereins, hochmüthig thut, wie der Großmo⸗ 73 gul, und ſich erſt heute in einem ganz neuen Stoffkleide brüſtete, daß es der ganzen Kirche zum Aergerniß gereichte! Statt deſſen haben wir nun die Schande! Geh' Er, Noth⸗ haft, ſorge Er wenigſtens dafür, daß der Menſch nicht von den Amtsknechten heraufgetragen werde. Ich bin des Todes, wenn der Scherge in das Stockwerk kommt, das ich bewohne.“ „Sorgen Sie nicht, wertheſte Frau Principalin,“ ver⸗ ſetzte Nothhaft:„Der Herr ſind ja verblichen, wie ſchon viele tauſend Chriſtenmenſchen, und die Ehre ſchneidet der Tod nicht ab. Die Herren werden ein Inventarium dreſ⸗ ſiren, und die Habſeligkeiten des van den Höcken unter Siegel verwahren, bis die Erben auszumitteln. Auch habe ich für nöthig erachtet, Herr Senator, einen Poſtboten nach Steinſtadt abzuordnen, damit der Buchhalter hereinkomme, ſintemalen Dero Leibesumſtände denſelben nicht erlauben werden, an der Spitze der Geſchäfte zu bleiben.“ „Warum nicht?“ fragte der Senator mühſam, aber auf⸗ brauſend:„Der Unglücksfall hat mich ſehr angegriffen⸗ aber bis zur Krankheit iſt noch ein weiter Sprung. Ein Magneſia⸗Pülverchen bringt wieder alles in's Geleis.“ „Mit Gottes Hülfe!“ ſagte Juſtine, die ſo eben, nicht wenig erſchüttert, hereinkam, und dem Senator die Comtvir⸗ ſchlüſſel übergab. Sie holte das Medikament aus der klei⸗ nen Hausapotheke, reichte es dem Vater, und fuhr fort: „Ich will gleich nach dem Doctor Widerlein ſchicken,— was vis jetzt vergeſſen wurde,— damit Sie wieder von dem Schrecken zu recht kommen.“ „Ich bin nicht krank;“ behauptete der Senator, ſich är⸗ gerlich aufrichtend:„kein ſolch Geſchwätze! Ich werde allen meinen Arbeiten vorſtehen/ wie bisher!—“ 7 „Der Briefträger brachte ſo eben dieſe beiden Schreiben;“ unterbrach ihn der ſüßliche Berndt, der mit den Briefen in der Hand hereinſchlich. „Geb' Er her;“ befahl der Senator, und winkte alsdann den Dienern ſich zu entfernen. Sie gehorchten; gähnend und ſchmollend ſchloß ſich Frau Jacobine, die Langeweile des Krankendienſtes fürchtend, an die ſubalternen an, um ohne Gefahr nach ihrem Zimmer zu gelangen. Der Senator gab aber der Tochter die Briefe, und ſagte leiſe zu ihr:„Nimm, mein Kind; mir ſchwimmt und flirrt es vor den Augen. Es frommt jedoch viel, ſich vor dem Comtoirgeſindel rüſtiger zu ſtellen, als man iſt. Dir verberge ich mich nicht. Lies Du mir daher vor, und unterſtütze meine Schwäche.“ Bereitwillig erbrach Juſtine das erſte Schreiben.„Von Amſterdam!“ fagte ſie, und der Senator zuckte hoch auf. „Hochedelgeborner Herr!“ fuhr ſie leſend ſort:„Ew. Edeln will ich nicht ermangeln, nach abgethaner fataler Differenz mit denen Verſchreibungen Ew. Edeln in Wechſelform, an⸗ zuzeigen, daß wieder bereit bin, auf Garantie des wer⸗ then Freundes, der ſich jetzo bei Denſelben befindet, in Alle⸗ wege Credit obwalten zu laſſen. Wir Kaufleute ſtehen ja in Gotteshand, und können wanken. Wohl dem jedoch, der einen Bürgen und Stützen findet, wie den aller Orten geach⸗ teten Herrn Birsher von New⸗York.“ „Was ſoll das 2 fuhr der Senator auf, da Juſtine ver⸗ wundert inne hielt:„Der Teufel verſtehe, was der Schrei⸗ ber will. Sieh nach der Unterſchrift.“ Juſtine that es, ſtutzte, wiſchte ſich die Augen, und ſagte endlich leiſe:„Ich weiß nicht aber doch ſtehts da;— van den Höcken heißt die Unterſchrift.“ 75 „Van den Höcken!“ ſchrie der Senator:„Sind wir beide toll?“ „Das Datum iſt vier Tage alt;“ verſetzte Juſtine mit ſchwankender zweifelhafter Stimme. „O mein Kopf, mein Kopf!“ jammerte Müſſinger, die Stirne mit beiden Händen haltend:„ich werde närriſch, raſend! Laß den Brief ſehen....! Gott ſey mir gnädig! es iſt Höckens Schrift. O Du mein lieber ſtarker Gott und Herr!“— Er weinte faſt in der fürchterlichen Wallung ſeines heftigen Gemüths.—„Dieſer Brief!“ ſtöhnte er,— „und jene Wechſel, das Endoſſement, das Acquit,— ich erinnere mich erſt jetzt,— von Birsher's Hand o mein armes Gehirn!“— „Mein Vater! was haben Sie, was iſt?“ fragte Juſtine ſchluchzend in der höchſten Angſt. Der Senator riß ihr ſtatt der Antwort den andern Brief aus der Hand.„Gib!“ ſtammelte er außer ſich:„Gib! vielleicht macht mich dies Papier vollends wahnſinnig!“ Er riß es, trotz Juſtinens Widerſtreben, auf, überflog es mit dem ſtarrenden Blicke,.. ein krampfhaftes ſchreckliches Lachen erſchütterte ſeine Bruſt, und mit den troſtloſen Worten:„Auch das noch! Einen Tag früher, und— ich elender, elender Menſch!“ ſank er ohnmächtig aufs Lager zurück. Schaudernd raffte Juſtine das fallende Blatt auf. In wenig Zeilen meldete darinnen ein Hamburger Correſpondent ein großes Glück. Die Hamburger Lotterie war gezogen worden, und das große Loos auf den Senator gefallen. 76 Verdacht.— Der Paſtor der Johanniskirche.— Sein Nachfolger bei dem Senator.— Der Doktor in ſeinem Hauſe.— Die Kupferſtecherfamilie. — Juſtinens geheimer Ausgang.— Die Meſſe.— Die Wittwe des bei Denain gebliebenen Offiziers.— Die Beichte.— Des Doktors Tagewerk.— Geſchichte eines Schauſpielers.— Der unerwartete Fremde.— Es beſtätigte ſich durch den von Amſterdam eingelaufenen Brief, der den Commiſſarien des Gerichts ſchuldigerweiſe vorgelegt wurde, daß der in des Senators Hanſe verſchie⸗ dene Fremde nicht van den Höcken geweſen; aus dem In⸗ ventarium dagegen, welches über den an Creditbriefen, Empfehlungsſchreiben, koſtbarem Leibgeräthe und beträcht⸗ lichen Pretioſen reich ausgeſtattenen Nachlaß des Verſtorbenen aufgerichtet wurde, ſchien nicht undeutlich hervorzugehen, daß Herrn Birsher den Aeltern von New⸗York ſelbſt das Unglück betroffen. Vor Allem rechtfertigte dieſe Muthmaßung ein reicher Frauenſchmuck, der ſich vorfand, in ein artiges Etui gepackt, auf welchem mit Goldſchrift die Worte ſtanden: „Meiner vielgeliebten künftigen Schwiegertochter und Freun⸗ din, Juſtine Müſſinger, zum Hochzeitsgeſchenke.“— Der Anblick dieſes Schmucks, den ein galanter Commiſ⸗ ſarius der⸗Verlobten vorwies, regte in derſelben erſt deut⸗ lich die Beziehung an, in welche ſie zu dem Dahinge⸗ gangenen hatte treten ſollen. Seine letzten Worte verge⸗ genwärtigten ſich ihr wieder aufs Neue, und ihr Gemüth 77 ergriff eine ſtille Wemuth, wie ſie noch nie empfunden. Sie wäre ſelbſt krank geworden, wenn die Umſtände eine längere Pflege an des Vaters Bette erheiſcht hätten. Der Senator genas indeſſen wie durch ein Wunder, plötzlich am Tage der Beſtattung ſeines Gaſtes. Durch die tobenden Vorzeichen einer furchtbaren Nervenkrankheit hatte ſich ſeine ſtarke Natur gear⸗ beitet, aber der fliehende Feind rächte ſich demungeachtet. Die Paar Tage ſtreiften die Schärfe und klare Beſtimmt⸗ heit ſeines choleriſchen Temperaments von ihm. Haltung und Gang, Geſichtsfarbe und Rede,— Alles war anders geworden; aus dem heftigen, gerade durchgehenden Manne ein ſcheuer ſchwermüthiger Menſch, der ſeiner Arbeiten nicht mehr froh wurde, nicht mehr polterte und lärmte, aber da⸗ für gern innerhalb ſeiner vier Wände für ſich allein brütete und gloſſirte. Dieſes Benehmen, das ſchon am Begräbnißtage deutlich hervortrat, ermangelte nicht die gebührende Aufmerkſamkeit zu erregen. Die plötzliche Schreckensbegebenheit hatte Auf⸗ ſehen gemacht; die vorangehenden Ereigniſſe, wie der Ort, die Stunde und alle Einzelnheiten des Sterbefalls, waren geſchickt, zu allerlei Verarbeitung zu dienen. Ein entehren⸗ des Gerücht hatte ſich plötzlich auf tauſend Zungen verbrei⸗ tet, und ſelbſt im Senate ſeinen Sitz gefaßt. Die Mehr⸗ zahl des Raths jedoch,— eiferſüchtig auf deſſen Vorrechte, und die Bewahrung eines unbefleckten Rufs der Glieder veſſelben,— bemühte ſich, jede Ahnung, jede Vermuthung niederzuſchlagen, die der bürgerlichen Exiſtenz des Collegen Müſſinger hätte ſchädlich werden können; und jede Angabe, und jede noch ſo leiſe Hindeutung auf obige Begebenheit wurde mit Gewalt unterdrückt, während der Gegenſtand 78 dieſer Anklagen durch ſein auffallend verändertes Betragen, dem bloßen Verdacht einen Dolch nach dem Andern in die Hände gab. Die wenigen Beſucher mieden das Haus des Senators; er erſchien am nächſten Sonntage mit ſeiner Familie in der Kirche: nach ſeinem Betſtübchen ſtarrte die gaffende Menge, aber aus ſeiner Nähe entfernten ſich alle diejenigen, die ſonſt während des Gottesdienſtes gute Nach⸗ varſchaft mit ihm gehalten hatten. Frau Jacobine merkte es nicht, dank ihrer Stumpfſinnigkeit; Juſtine nicht, denn ihre Unbefangenheit hatte keine Ahnung von dem gräß⸗ lichen Verdacht; aber dem Senator, der dieſes wohl ver⸗ ſtand, zehrte es, wie ein Wurm am Herzen. Er wurde immer verſchloſſener. Zwiſchen ihm und der Mutter fielen die Worte immer ſeltener; Juſtine litt unter den Folgen dieſer übeln Verſtimmung, und ihr einziger Troſt wurde jetzt, da ſie— ihr unbegreiflich— keine ihrer Freundinnen mehr bei ſich ſah, oder zu Hauſe fand, die engliſche Lehr⸗ ſtunde, zu der ſich James wieder, nach den drei Tagen, eingefunden hatte. Mit keiner Sylbe der vorangegangenen Mißhelligkeit gedenkend, ſuchte Juſtine durch ein ſichtlich mildes Betragen ihre Uebereilung gut zu machen, und James war nicht unverſöhnlich. Es ſtellte ſich ein gewiſſes Vertrauen zwiſchen den beiden jungen Leuten her. Juſtine benützte den erſten Augenblick, in welchem ſie ungeſtört waren, es zu befeſtigen. Ernſt und nachdenkend ſaß ſie dem vortragenden Lehrer gegenüber, und ſagte, indem ſie ihn bat, das Buch wegzulegen:„Wir wollen plaudern, mein Herr, und uns gegenſeitig wundern, wie wir ſo plötzlich für einander paſſend geworden ſind. Ich habe Eurer Pro⸗ phetenkunſt ſchreiendes Unrecht angethan, und muß dieſelbe 79 leider jetzw anerkennen. Der Abend jenes Samſtags war der letzte glückliche in unſerm Hauſe. Heiterkeit und ge⸗ räuſchvolles Leben ſind daraus entſchwunden, und es kommt mir beinahe vor, als wenn man von außen her unſer Un⸗ glück uns recht fühlbar zu machen ſuchte.“ „Dem Ungkücklichen iſt Mißgunſt näher, als der Troſt;“ meinte James:„Ich ſelbſt habe, als Flüchtling, dieſe Er⸗ fahrung oft genug gemacht. Indeſſen haben auch die Blumen der Freude ihre Zeit der Wiederkehr. Der Sturm zernichtet nicht immer; er entwickelt auch Blüthen.“ „In unſerm Hauſe?“ fragte Juſtine ungläubig:„O nein, mein guter Herr. Die Mutter,— Ihr kennt ſie. Der Va⸗ ter iſt heute noch einmal ſo finſter und verdroſſen geworden. Uns wurde durch einen Amſterdamer Brief die Gewißheit, daß Herr Birsher in unſerm Hauſe verblichen.“ „Was ihn nur bewogen haben mag, die fremde Maske vorzunehmen?“— „Er wollte uns kennen lernen, ſelber unerkannt. Ein Scherz, der, ſich unbewußt, den Trauermantel auf den Schultern trug.“— „Der Menſch ſey auf ſein Ende gefaßt, jederzeitz“ ent gegnete James!„Genug indeſſen von dem traurigen Ge⸗ genſtande. Fröhlichkeit ſteht Ihnen beſſer, als Betrübniß; und die Braut hat ja den Bräutigam nicht verloren!“ „Ich verbitte mir die Anſpielung;“ ſagte Juſtine lebhaft: „Herrn Birsher's Sinn wird ſich wohl anders wenden. Mir vergingen auch alle Heirathsgedanken, ſtünde ich am Sarge meines Vaters. Mein guter Vater!“ ſetzte ſie ſeufzend hinzu, in die ſiue Wehmuth verſinkend, die, in ihrem Schmerze ſelbſt, uns wohl thut. 80⁰ „Erheitern Sie ſich!“ ermahnte James, ſich zu ihr beugend, „Hören Sie mich. Der Schmerz bedarf nur eines Ableiters, um gemäßigt und ruhig hinzufließen, wie ein geräuſchloſer Strom in ſeinem Bette. Was wäre wohl zu dieſem Zwecke geeigneter, als eine gute That? Im Ungemach iſt ja ohne⸗ hin das Herz weicher, geneigt zum Mitgefühl, weil der Kummer ihm nicht mehr ein fremder iſt. Ich nehme mir da⸗ her den Muth, Ihrem Diefſinn eine andere Richtung gebend, im Namen einer ſehr bedrängten Frau Ihr Mitleid, Ihre Freigebigkeit aufzufordern. Fürchten Sie keinen Mißbrauch Ihrer Güte, hoffen Sie aber auf den Segen von Oben.“ „Nicht ſo viel Worte, Monſieur,“ ſprach das Mädchen, bereitwillig, der neuen Wendung des Geſprächs zu folgen: „Man überredet mich ſelten, wenn nicht ſchon mein Kopf und mein Gefühl gewonnen ſind. Ich helfe gern, bin auch nicht hart, wie oft die Leute ſagen; ich bin auch nicht ſo leichtſinnig, fremde Noth nicht zu bemerken und zu bedauern. Redet, wer iſt die Frau?“ „Eines franzöſiſchen Offiziers Wittwe. Ihr Mam blieb in dem Treffen bei Denain. Villars empfahl die unglück⸗ liche Frau der königlichen Gnade, aber Ludwig vergaß der Armen. Der Regent mißhandelte ſie ſogar, als ſie es wagte, nach des Königs Tode bittend und flehend ihr Recht geltend zu machen. Aus der Hauptſtadt verwieſen, friſtete ſie in ih⸗ rer Heimath durch Handarbeit kümmerlich ihr Leben. End⸗ lich ſchien ihr das Glück wieder zu leuchten. Eine ſächſiſche Herrſchaft, rückkehrend aus den Bädern zu Air ſchlug ihr vor, ſie als Gouvernante der Kinder nach Dresden zu neh⸗ men. Von allen Hülfsmitteln entblößt ſchlug Madame de Laynez willig ein, ſchied vom Vaterlande, um in Sachſen eine neue Lebensbahn zu betreten, kam aber nur bis in dieſe Mauern. Von einer heftigen Krankheit befallen, mußte ſie hier zurückbleiben. Ihre Gebieter hinterließen ihr eine dürftige Geldſumme, und ſagten ſich von ihr los. Mehrere Monden hindurch ſchwebte die Verlaſſene zwiſchen Tod und Leben. Das Mitleid gefühlvoller Menſchen rettete ſie endlich vom Grabe, aber ihre völlige Geneſung geht langſam von Statten. Mangel drückt ſie, und es bleibt ihr nichts übrig, als auf's Neue ſich an die Theilnahme wahrer Chriſten zu wenden.“ James hatte kaum geendet, und ſchon lag Juſtinens an⸗ ſehnlich gefüllte Börſe in ſeiner Hand.—„Kein Wort!“ gebot ſie, da er ſprechen wollte:„nichts davon. Gebt, helft, rettet! Es ſoll nicht dabei bleiben, wenn es mir ge⸗ lingt, den Vater in günſtiger Stunde für die Bedrängte zu gewinnen.“ Eilig ging ſie davon, damit James nicht die Bewegung ſehen ſollte, die ſich auf ihrem holden Antlitz kund gab. Aber der junge Mann hatte ſcharfe Augen. Es war ihm nicht entgangen, daß die ganze Fülle der herrlichen Seele aus Juſtinens Zügen geſprochen, und, ſelig überraſcht von einem Anblick, wie er ihn noch nie gehabt, ſah er der Fliehen⸗ den ſehnſüchtig nach. „Welch ein Mädchen!“ ſeufzte er:„und ich— täglich fühle ich mein Unglück mehr, und darf nicht wanken und nicht weichen von der Stelle, die mir ſo gefährlich wird.“ Juſtinens Gabe im Buſen verbergend, ſchied er, um heim zu kehren. Unten im Hauſe war viel Geräuſch. Geldſäcke wurden gewogen, Thaler klangen; die Diener gingen geſchäftig hin und her; Nothhaft ſtieß im Vorbei⸗ III. 1.* 6 82 gehen mit dem Ellenbogen an James Arm, und machte ein ſehr herriſches Geſicht, als der Engländer ſich befremdet nach ihm umſah.—„Der muß mir auch aus dem Hauſe, und wenn's mich tauſend Gulden koſten ſollte!“ murmelte der Diener, dem Engländer nachſehend, zwiſchen den Zäh⸗ nen. Berndt, der eben in's Haus getreten war, hörte die Rede.„Warum ſo giftig, lieber Bruder?“ fragte er lä⸗ chelnd:„giftig und freigebig obendrein? Du wirfſt mit Tau⸗ ſenden um Dich? Glück zu!“—„Iſt's ein Wunder?“ ſagte Nothhaft hierauf:„Baar Geld macht Muth. Wir ſchwim⸗ men ja in Geld, ſiehſt Du. Laß uns daher auch in Gottes Namen davon reden, und lüderliche Schmeißfliegen damit todt ſchlagen.“ „Ich verſtehe Dich nicht, Herr Bruder;“ verſetzte Berndt achſelzuckend,„aber ich ſehe, daß Deine Prophezeihung nicht falſcher hätte ſeyn können. Statt des Bankerotts ſtrömt der Segen Gottes in das Haus.“ „Erbſchaft! unverdientes Glück!“ verſicherte Nothhaft leiſe:„Wer weiß, ob ich ſo unrecht hatte;. doch— Stille!—“ Er ſchlug ſich bedeutend auf den Mund.„Wer weiß auch“— fügte er hinzu, wichtig und geheim—„wem's die Firma verdankt, daß ſie noch mit Ehren ſteht?“ „Wichtigkeitskrämer!“ lächelte Berndt ungläubig:„Du ſpreizeſt dich ſo abſonderlich, daß— wer nicht wüßte, welch' ein Windbeutel Du biſt,— glauben ſollte, Du erratheſt auf's Haar, was unſer Herr denkt und beſchließt. Glück auf, zu dein Vertrauen, Herr Geheimhorcher! empfehle mich zu Gnaden!“ 5 „Ei, des breitmänligen Augenverdrehers!“ ſchalt Noth⸗ haft verächtlich:„wir wollen ſehen, wer am Ende hier im . 83 Sattel bleibt. Du biſt ein Eſel, ſonſt hätteſt Du ſchon ge⸗ merkt, daß meine Aktien um 200 Prozent beſſer ſtehen, als ehedem.“ „Gott ſey mir vor dem Prahler gnädig,“ ſagte Berndt, den Kopf ſchüttelnd:„der Prinzipal redet mit Dir ſo wenig, als mit mir, und die Jungfer macht Dir immer ein verdrüß⸗ liches Geſicht.“ „Soll bald ein freundlicheres machen,“ verſicherte Noth⸗ haft hochmüthig. „So?“ fragte Berndt, deſſen Neid allgemein rege wurde: „Du mein Jeſulein! darf man ſchon Glück wünſchen, Herr Hochzeiter?“ „Narren ſagen oft die Wahrheit;“ erwiederte Nothhaft, noch patziger als zuvor, und Berndt verſetzte giftiger:„Gra⸗ tulire alſo, Herr Aſſocié und Schwiegerſohn. Wird bald heißen: Müſſinger und Kompagnie? Charmant. Nun be⸗ greife ich erſt, warum ich den Pa ſtor Lammer zum Herrn habe bitten müſſen. Das Aufgebot wird gewiß bereits beſtellt? Nun, viel Suecceß und geneigte Protektion, wertheſter Herr Kollege! Vergeſſen Sie Dero getreuſten Die⸗ ner nicht im Glücke!“ „O Du miſerabler, kothiger Adam!“ ſpottete Nothhaft. Der Buchhalter klopfte aber an's Comptvirfenſter, und rief: „Soll ich Euch Stühle hinausſetzen zu bequemerer Conver⸗ ſation, Ihr Lungerer? Herein, hier gibts zu thun, Ihr, des lieben Herrgotts Müſſiggänger!“ Berndt ſchwenzelte, der Amtspflicht getren, ſchnell in die Schreibſtube, Nothhaft zögerte ſtätig. Indeſſen trat bereits der Paſtor der Johanniskirche im Amtsrock in das Haus.— „Der Herr Senator oben?“ fragte er vornehm und ſchleppend 8⁴ Rothhaft bejahte freundlichſt, und ſchlich mit einem bedeu⸗ tenden:„Aha!“ an ſein Pult. Der Senator empfing den Paſtor an der Thüre ſeines Zimmers, und bewillkommte ihn ſo freundlich, als ein im Gemüth Verletzter nur vermag. Der Geiſtliche nahm dieſes Entgegenkommen als eine ihm gebührende Huldigung an, und antwortete darauf ohne ſichtbare Herablaſſung. „Ich bin wahrlich neugierig, Herr Senator,“ ſagte er, „zu erfahren, zu welchem Endzweck ich hier bin. Unter allen den, meiner geiſtlichen Pflege Empfohlenen, haben Sie mir noch am wenigſten zu ſchaffen gemacht. Mein Amt legt mir indeſſen die Pflicht auf, einem Jeden Gehör zu ſchenken; dem Sterbenden, dem Frommen und dem Sünder. Das Erſte ſind Sie nicht; das Zweite?. will ich nicht beſchwö⸗ ren. Was befehlen Sie?“ „Sündig ſind alle Menſchen vor Gott und ſeiner Kirche;“ entgegnete der Senator melancholiſch und achſelzuckend: „Die Frömmigkeit iſt dagegen nur ein Gnadengeſchenk. Ich habe Sie, würdiger Herr, für jetzt erſuchen wollen, der Spender einer Gabe zu ſeyn, die ich der Armuth beſtimme. Vertheilen Sie nach Ihrem Gutdünken dieſe Summen unter diejenigen Bedürftigen, die Ihnen der Unterſtützung am würdigſten ſcheinen.“ Der Paſtor wog die anſehnliche Rolle in der Hand, und ein Schimmer von Behagen flog über ſein düſtres Geſicht. Im nächſten Augenblicke war es jedoch wieder Stein, wie zuvor.„In Gottes Namen;“ ſprach er, und ließ das Geld in die weite Taſche ſeines Prieſterrocks gleiten:„Der Ar⸗ muth ſey dieß Scherflein geſegnet. Ew. Hochedlen Freige⸗ bigkeit kömmt mir unerwartet.“ 85 „Der Himmel hat mich mit einer reichen Erbſchaft be⸗ dacht;“ antwortete der Senator ſeufzend:„ich opfere einen kleinen Theil derſelben guf den Diſch der Dürftigen. Sie mögen für einen Unglücklichen beten.“ Der Prediger faßte den Handelsherrn ſcharf in's z „Für einen Sünder?“ fragte er betonend, und da keine Ant⸗ wort erfolgte, fuhr er gemeſſen und drohend fort:„Der Un⸗ glückliche, von Gott gewichene, betrüge ſich nur nicht. Geld und Gut iſt eine ſchöne Sache, inſoferne man damit Chri⸗ ſtum ſpeist; aber eitel Schlacken vor dem großen Richter der Welt, will man damit eine Miſſethat abkaufen. Die Buße iſt unfruchtbar, wenn nicht herzliche Reue die Bruſt des Verirrten erfüllt; unfruchtbar, und wenn er Millionen in Klingelbeutel oder Armenbüchſen wärfe.“ Der Senator ſah den Paſtor erſtaunt und erbleichend an, bedachte ſich einen Augenblick, und erwiederte alsdann mit niedergeſchlagenen Augen:„Ich begreife Ew. Ehrwürden nicht. Man kann unglücklich ſeyn, ohne geſündigt zu haben. Der Sünder ſelbſt jedoch kehrt ſich freudig zur Reue, wenn man ihm nur glauben will; wenn er nur das Vertrauen haben darf, daß ihm einſt vergeben werde.“ „Einſt? einſt?“ verſetzte der Paſtor mit überlegendem Blick gen Himmel:„Ja, einſt vielleicht; denn Gottes Barm⸗ herzigkeit iſt ein tiefer Brunnen. Das entſcheidet ſich indeſ⸗ ſen— nach meiner Meinung— erſt am letzten Tage des Zorns und der Strafe. Ich halte nämlich dafür, daß kein Menſch auf Erden, ſelbſt nicht ein ordinirter, ſich anmaßen dürfe, die Sünden eines Andern hinwegzunehmen,— ſobald ſie unter die Schweren gehören. Nur der Herr prüft Her⸗ zen und Nieren. Das Gewand der wahren Reue iſt ein 86 feines Kleid, aber es muß das Leben hindurch getragen, in's Grab genommen, und dem Herrn am jüngſten Gerichte un⸗ tadelhaft vorgewieſen werden. Dann mag allerdings ſeine unendliche Milde vergeben.“ „Sie entfalten eine traurige Zukunft vor meinen Augen;“ erwiederte der Senator ſchwerbekümmert, und ließ ſich er⸗ ſchöpft auf einen Stuhl nieder:„Ihre Kollegen—“ „Sprechen vielleicht anders;“ fiel der Geiſtliche ein:„ich betheure aber, daß ſie im Irrthume tappen, und bin bereit, meine Meinung vor jeder Synode durchzufechten. Meine Mitarbeiter im Weinberge ſind zum Theil junge Leute, denen der philoſophiſche Kram unſerer Zeit den Kopf verwirrt hat. Der alte Lammer geht jedoch nicht ab von ſeinen Grund⸗ ſätzen, die er ſeit fünfzig Jahren gelehrt hat. Er läßt kein Schäflein ſeiner Heerde davon abgehen, ſo lange er noch ein rüſtiger Hirt iſt. Er iſt Keiner von den Sanften und Süßen, die nur ſchmeicheln, wo ſie packen,— nur einlullen, wo ſie donnern ſollten. Troſt dem Unglücklichen, denn er iſt zu ſeinem Heil! Krieg dem Sünder, denn er iſt wieder zu ſei⸗ nem Heil. Unabläßig, bis an ſeinen Tod, ſchneide ich ihm das wilde Fleiſch aus der Wunde, daß ſie friſch blutend vor Gottes Thron komme, und ich dann ſagen darf:„Sieh⸗ Herr, Dein unwürdiger Knecht hat Dir nicht in's Amt ge⸗ griffen. Er hat nicht gepfuſcht, da, wo Du nur heilen kannſt; aber er bringt Dir den Kranken, dürſtend nach der Geneſung, wie in der Stunde, da ihm zuerſt ſein Uebel un⸗ erträglich wurde!“ Eine heftige Unruhe bemeiſterte ſich Müffingers, und ſein⸗ von Schwermuth in Feſſeln geſchlagener Jähzorn rüttelte gewaltſam an ſeinen Banden.„Ich weiß nicht,“ ſagte der . —— 87 Senator, mit Mühe an ſich haltend:„wie Sie dazu kom⸗ men, Herr Paſtor, mir Ihr Syſtem ſo ſchonungslos darzu⸗ legen. Ich kann diejenigen blos bedauern, die, in einem Fehltritt befangen, von Ihnen Troſt und Erlaſſung begeh⸗ ren, und wünſche Ew. Ehrwürden recht wohl und lange zu leben!“— Der Paſtor bückte ſich, und verſetzte ſpitzig:„Alles, wie Gott will, Ew. Hochedeln. Der alte Lammer ſtirbt gern, wenn ſeine Uhr abgelaufen iſt. Der Herr ſchenke Allen einen ſanften Tod. Meine Worte bereue ich jedoch nicht, denn ich glaubte ſie hier vonnöthen. nebrigens hat unſere Unter⸗ redung ſicherlich ein anderes Ende erreicht, als wir beide hofften, Herr Senator, nicht wahr? Ich bin nicht böſe des⸗ halb, und wünſche kein Vertrauen, das ich nicht mit der ſündlichen Villfährigkeit vergelten könnte, die man von mir erwartet. Die offne Beichte in der Kirche ſteht Ihnen frei. Werde mit ſeinem Gewiſſen fertig, wer da kann. Sapienti sat, Herr Senator, und: Gott beſſere Sie!“ „Was iſt das? Was ſagen Sie da?“ fuhr der Senator auf. Lammer zog aber bereits die Thüre hinter ſich zu⸗ Müſſinger ſchritt im Zimmer auf und nieder, und rang die Hände. Steht mir denn das Zeichen auf die Stirne ge⸗ brannt? fragte er ſich mit erſtickter Stimme: Die blöden Augen dieſes Wolfs im Hirtenkleide ſelbſt ſcheinen errathen zu haben, o gewiß!. und der Menſch kann ſo unbarmherzig ſeyn!... und der Mann iſt Proteſtant? O der herzloſen, ſteifen Eiferer! was ſie berühren, wird Eis oder Thräne. Hätte ich, wie ein altes Weib, auch in der Woche die Kirche beſucht, keine Nachmittagspredigt, keine Bet und Vorbereitungsſtunde verſäumt⸗ dem Klingelbeutel 88 reichlicher gegeben, und den Schwarzröcken Ueberfluß in Küche und Kaſten geliefert,— der harte Menſch würde nun nicht ſo widrig mit mir geſprochen haben, da ihm ſonſt Worte weit wohlfeiler ſind, als der Heller, den der Geizige, ſelten genug, einem Bettler ſpendet! Warum habe ich auch nur einen Schritt verſucht, mich der Kirche wieder zu nähern, die Alles gethan zu haben glaubt, iſt die trockene Predigt und das Geplärre des Lieds vorüber!— Warum? ſetzte er fragend und gemäßigter bei: Warum? Ach! drückt nicht hier auf meiner Bruſt eine Laſt, unter welcher ich erliege? Iſt es nicht verzeihlich, daß ich in der Angſt meiner Seele Linderung ſuche und Troſt? Aber nun fehlt mir der Mutbh, und ich fürchte.. Ein beſcheidenes Klopfen unterbrach ſeine Betrachtungen. Faſt erſchreckt eilte er an die Thüre, öffnete, und ſah, ſehr überraſcht, den Doctor Leupold draußen ſtehen. Er konnte ſich nicht Rechenſchaft geben, warum der Anblick des Mannes ihn freundlicher anſprach, als er wohl zuweilen gehofft hatte, wenn er ſich die Möglichkeit gedacht, ihm wieder zu begegnen. Er bewillkommte ihn mit einiger Auszeichnung, und führte ihn bei ſich ein. Der Doktor entſchuldigte ſich tauſendmal um der Störung willen, die er vielleicht verur⸗ ſache, und ließ im freundlichſten Tone das Wort fallen, daß ſein Beſuch wohl eben ſo gut hätte unterbleiben können. „Mein Herr Doctor,“ ſagte der Senator hierauf ver⸗ bindlich:„die Beſuche werther Freunde, denen wir Dank ſchuldig ſind, ſollten nie unterbleiben. Sie lehren mich ohnehin, was ich ſchon längſt hätte thun ſollen. Sie ver⸗ zeihen jedoch; eine Fluth von Begebenheiten raubte mir die Muße, Ihre Wohnung aufzuſuchen.“ 89 „Unnöthig;“ verſicherte der Doctor:„ich dachte nichtz dar⸗ an, Sie an einen ſehr erläßlichen Beſuch mahnen zu wollen. Mein Gang in Ihr Haus hatte einen andern allein— und ich darf ſagen— mit Vergnügen ſehe ich, daß er wohl vereitelt iſt.“ „Ein Zweck? vereitelt?..“ fragte Müſſinger; „Wie ſo? erklären Sie ſich.“ „Sie ſetzen mich durch Ihre Frage in Verlegenheit;“ ſagte Leupold hierauf zögernd:„indeſſen darf der Menſch, wenn er ſich ſeines Wollens nicht zu ſchämen hat, wohl reden, ohne den Vorwurf der Ruhmredigkeit auf ſich zu laden. Ich habe hier einige Wechſel auf St. Sebaſtian und Braſilien. Das Haus Minhao iſt ſolid, die Summen ſind nicht unbe⸗ deutend, bald fällig. Ich hatte den Auftrag, Ihnen die⸗ ſelben auf eine gewiſſe Zeit zum Genuß gegen äußerſt billige Preiſe anzubieten. Allein,— wie ich beim Eintritt in Ihr Haus bemerkte, ſo hat der Ueberfluß Ihnen auf's Neue die Hand gereicht, und durch ihn wird meine wohlgemeinte Hülfe überflüſſig.“ Der Senator erhob bewundernd ſeine Augen, ergriff beide Hände des Doctors, ſchüttelte ſie, und ſprach:„Mein Herr, Sie bereiten mir den frohſten Augenblick meines Lebens! Da ich gerade an allem Troſt verzweifle, richten Sie, ein Fremder, mich wieder auf. Gott ſey Lob, ich bedarf Ihres freundlichen Darlehens nicht; aber— glauben Sie mir,— demungeachtet habe ich's doppelt empfangen.“ „Und ſomit keine Splbe mehr davon;“ ſetzte der Doctor ruhig hinzu:„Sie preiſen mich unverdient. Eine Geſell⸗ ſchaft von Menſchenfreunden wollte Ihnen ihre Theilnahme 90 beweiſen, und hatte keine Gefahr dabei, da ſich Ihre Ge⸗ ſchäfte etablirt haben.“ Der Senator nickte ſeufzend mit dem Kopfe, und ent⸗ gegnete:„Ja, mein Herr, ſo iſt's. Nicht minder jedoch meinen wärmſten Dank der Geſellſchaft, von welcher Sie ſprachen, und die ich wünſchte kennen zu lernen.“ Das iſt Ihnen— hier— unmöglich;“ ſagte der Doctor:„laſſen Sie uns, da ich einmal Ihnen zur Laſt falle, von etwas Anderem reden. Wie geſagt: Fortuna iſt bei Ihnen eingekehrt, und ich freue mich, Ihnen damals auf der Promenade ein gutes Prognoſtikon geſtellt zu haben; allein— Sie ſelbſt— Herr Senator,— ſcheinen ſich nicht im Geringſten zu freuen.“ „Einem Manne gegenüber,“ entgegnete Müſſinger,„der ſich mir als verſchwiegener und hülfreicher Freund erwieſen hat, kann ich keine Lüge ſagen. Die. Erbſchaft, die mich wieder auf den Gipfel meines vorigen Reichthums hebt, iſt mir ganz gleichgültig. Ich bin ein armer, armer Mann. Mein Gemüth iſt krank, meine Seele ſehnt ſich vergebens nach Geneſung.“ „Und Religion,— die ſicherſte Tröſterin?“ fragte der Doctor mitleidig. „O, laſſen Sie das!“ erwiederte der Senator ſtill er⸗ grimmt:„Die Religion iſt entartet in ihren Dienern. Weiß Gott,— Herr! wir haben uns in einer ſehr bedeutenden Stunde kennen gelernt,— aber— ob ich nicht vielleicht ſache hätte, jetzt dem näher zu ſtehen, als damals?“ „Ich würde Sie alsdann nicht mehr zurückhalten“ er⸗ wiederte der Doctor kalt und ernſthaft:„Sie verdienen hier und jenſeits das traurigſte Lvos, wenn Sie zum zwei⸗ tenmal wagen, wovon die Vorſehung Sie einmal ſchon gerettet.“ „Sie wiſſen nicht...!“ entſchlüpfte dem leidenſchaft⸗ lichen Senator:„Es gibt noch drückendere Schmerzen, als die des Mangels und der Schaam. Die Stimme des Innern „Sagen Sie nur frei heraus: das Gewiſſen;“ unter⸗ brach ihn der Doctor ſanft aber feſt:„Um das Gewiſſen iſt es eine kitzliche Sache; freilich.— So lange aber Gott die Quelle aller Liebe, die Kirche eine freundliche Mutter iſt, ſo lange darf ſelbſt der trotzigſte Sünder unverrückt auf Gnade und Verzeihung rechnen. Im Zeitlichen wie in der Ewigkeit. Soll denn der Menſch, der ein Verbrechen be⸗ ging, das er vielleicht in der nächſten Minute bereut, an dieſem Unglück verkümmern, rettungslos daran verzweifeln, während ſein friſches Leben noch viel des Guten ſchaffen könnte? In der Strafe ſelbſt liegt Vergebung⸗ und ein Augenblick der Reue des Sünders wiegt manches ſchuldloſe Menſchenleben auf.“ „Sie ſprechen von Gott, dem Quell aller Liebe?“ fragte der Senator ſcheu.—„Er iſt's!“ bekräftigte der Doctor.— „Von der Kirche, einer freundlichen Mutter?“—„Sie iſt's.“— Der Senator ſeufzte tief beim Angedenken an Lammers Worte. Der Doctor ſagte aber nun mit gemeſſenem Tone: „Unſere Anſichten weichen ab, wie ich ſehe. Es befremdet mich nicht, da ich mich zu einer andern Kirche bekenne, als Sie.“— Dem Senator ſtarb die weitere Frage im Munde, dader Doctor ganz ruhig fortfuhr:„Ich bin Katholik. Von meiner 92 Kirche hab' ich geſprochen: und— wahrlich— ſie erfüllt ihre Mutterpflichten tüchtiger als Eine.“— Müſſinger bückte ſich verlegen. Der Doctor ſprach un⸗ befangen weiter:„Von unſerer Kirche Schwelle geht kein Vertrauender ungetröſtet, kein Leidtragender unerquickt, kein Verirrter ungelöſet. Alle ihre Gebräuche deuten in ihrer myſtiſchen Form auf die heiligſten Pflichten hin; auf die der Verſöhnung, der Menſchenliebe. Doch, wem ſage ich das, und zu welchem Endzweck?“ fügte er, ſich beſinnend bei:„Sie mein verehrter Herr, haben nie die apoſtvliſche Lehre näher prüfen gelernt, da die Geſetze Ihrer freien Stadt die Ausübung jenes Cultus und die Ausbreitung unſers Lehrbegriffs auf ihrem Gebiete aufs ſtrengſte unterſagen; gewiß iſt es Ihnen auch völlig wie ein Katholik von ſeinem Glauben denkt.“ „Ich habe zu Augsburg meine Lehrzeit vertᷣbij⸗ verſetzte nachdenkend der Senator:„Ich habe mich oft hinter dem Rücken meiner Vorgeſetzten in die katholiſche Kirche geſchli⸗ chen, mich an der feierlichen Pracht des Gottesdienſtes, an der herrlichen Muſik ergötzt;.. ich kann nicht läugnen, daß Juſtinens Stimme ſtörte die Herren. Das Mädchen trat ein, und berichtete dem Vater,— ſich vor dem Fremden ſitt⸗ ſam verbeugend— über eine nicht beſonders bedeutende Angelegenheit der Wirthſchaft. Der Doctor betrachtete wäh⸗ rend deſſen ſowohl den Senator, als ſeine Tochter mit der größten Aufmerkſamkeit. Als Juſtine wieder hinausgegangen war, ſagte Leupold mit faſt bewegter Stimme:„Wahyrlich, Herr Senator! Wüßte ich nicht durch meinen Pflegefohn, daß Ihre Tochter ſich Juſtine nennt, ich würde darauf ſchwören, ſie müſſe Klara heißen.“ Der Senator richtete ſchnell und fragend die Augen auf den Doctor. „Klara?“ fragte er:„Wie kommen Sie zu dieſem Namen?“ „Klara war, wie Juſtine.“ „Welche Klara?“ „Klara Münzner.“ „Mein Gott! Sie wiſſen...7 „Ja, mein Freund.“ „Woher?— Herr, Sie reißen eine Vergangenheit vor mir auf, die jetzt doppelt ſchmerzlich mein Gefühl verletzt.“ „Das ſoll ſie nicht. Eines Engels Gedächtniß bringt Segen.“ „Ja; Sie war ein Engel!.. ein Engel, wie ihn dieſe Welt nicht verdient.“ „Der Engel iſt in ſeine Heimath gegangen.“ „Barmherherziger! verſteh' ich Sie?“ „Klara iſt todt.“ „Tod? todt? uUund ich lebe noch;„wie lebe ich?. „Bis an ihr Ende hat ſie in Ihnen gelebt, wenn gleich Länder und ein Jahrzehend ſie von Ihnen trennten. Jetzt wird ſie, ſollte es Noth thun, für Sie beten bei dem un⸗ ſterblichen Vater!“— „Oh!“ ſeufzte Müſſinger, und lehnte ſich mit vor das Geſicht gehaltenen Händen zurück. Dann fragte er jedoch lebhaft:„Erklären Sie mir, räthſelhafter Mann! wie können Sie von dem unterrichtet ſeyn, was außer mir flüſterte der Doctor dem „Ich bin Clarens Bruder!“ Senator in das Ohr. „Laver?“ „Derſelbe, mein Freund. Ich höre, daß man uns wieder unterbricht. Ihr Zimmer, dem Drang der Geſchäfte Preis gegeben, iſt nicht geeignet, daß wir uns darinnen der wohl⸗ thätigen Erinnerung ungeſtört hingeben könnten. Macht Ihnen die Vergangenheit Freude, ſo beſuchen Sie mich. Ich wohne eng, aber niedlich und einſam, in der Rahmgaſſe. Das Haus iſt zum Apfel geſchildet. Fragen Sie im zweiten Stocke nach dem Doctor Leupold. Sie werden mir will⸗ kommen ſeyn.“ Indem der Buchhalter eintrat, verbeugte ſich der Doctor gelaſſen und fremdthuend gegen den unbeweglich hinſtarren⸗ den Senator, und ging. Langſam und finnend durchſtrich er die Stadt, und machte gefliſſentlich einen Umweg nach ſeiner Wohnung, um ſeinen Gedanken nachhängen zu können. Hie und da nickten ihm aus Hütten oder wohlanſtändigen Bürgerhäuſern freund⸗ lich grüßende Geſichter zu. In einem armſeligen Gäßchen ſchlich eine bettelhaft gekleidete Frau, nachdem ſie ſich vor⸗ her überall umgeſehen, geheimnißvoll an ihn, und küßte ſeine Hand. Er reichte ihr dagegen eine kleine Münze, und ermahnte ſie für die Ruhe eines Sünders zu beten. Hier⸗ auf ſchlug er ſich rechts durch ein Paar Durchgänge nach der Rahmgaſſe, und ſtieg im bezeichneten Hauſe in ſein Quartier hiſauf.— Eine ſauber angekleidete Magd öff⸗ nete ihm ehrfurchtsvoll die Gitterthüre an der Treppe. James, der in der Wohnſtube ſchreibend ſaß, richtete ſich grüßend auf, und brachte dienſtfertig dem Pflegevater den 95 Schlafrock herbei, gegen den der Doctor eilig den unbe⸗ quemen Steifrock vertauſchte. Er nahm ſeinen Platz im Lehnſtuhle am Fenſter, das, auf einen Garten ausſehend, ſelbſt einen Garten vorſtellte, geſchmückt mit würzigen Blu⸗ menſtöcken. In der Stube ſah es ſo reinlich, ſo friedlich und traulich aus; ſie ſtellte ein reizendes Stillleben dar. Der Boden, ſauber wie ein Spiegel; die Geräthſchaften blank und rein. Ordnung überall; keine Falte in den Tep⸗ pichen der Tiſche, kein Stäubchen auf dem grünen Vor⸗ hange, der eine kleine Bücherſammlung barg; ein niedlicher Vogel im luftigen Bauer von der weißen Decke ſchwebend; eine picknede Schwarzwälderuhr an der Wand; viele ſum⸗ mende Mücken auf dem Blumenflor am Fenſter. Das Schweigen wurde lange nur durch der Thierchen Geſchwätz, den Perpentikelſchlag, und die knarrende Feder des jungen Eng⸗ länders unterbrochen, der ſich gleich wieder an ſeine Arbeit geſetzt hatte. Der Doctor ſaß mit gefalteten Händen, rück⸗ wärts gelehntem Kopf und geſchloſſenen Augen in ſeinem Lehnſtuhle. Seine Lippen trugen das Lächeln einer freund⸗ lichen Gedankenwelt, die unter den zugezogenen Augendeckeln vorüber ſchwebte, und er ſchwieg wie ein Träumender, bis er einen leiſen Hauch an ſeiner Wange fühlte, und forſchend die Augen aufſchlug. Schon dämmerte es. James ſtand bei ihm, und hatte ſich über ſein Geſicht gebeugt. „Ich wollte mich überzeugen, ob Sie ſchliefen, mein Vater;“ ſprach der Jüngling:„Meine Arbeit iſt vollendet; die Feierſtunde da. Sie ſind aber heute nicht ſo munter und geſprächig, wie wohl ſonſt. Darf Ihr Pflegeſohn nach der Urſache fragen?“ Die Urſache, mein Sohn, iſt nur eine kleine Geſchichte 96 aus der Zeit, da ich Dein Alter hatte;“ antwortete der Doctor, freundlich ihm zunickend;„ſetze Dich zu mir, und höre ſie, wenn du willſt. Ich ſage Dir aber im Voraus, daß die Geſchichte ſo kurz und einfach und natürlich iſt, wie nur eine in der Welt. Den Jüngling befriedigt freilich nur ein Labyrinth von Abentheuern. Dem greiſen Manne jedoch ſchließt gerade die klarſte Begebenheit einen Zauber⸗ tempel auf. Verſetze Dich mit mir nach Augsburg, wo Du zwar niemals warſt, von dem Du aber manches geleſen. In jener alten weit berühmten Stadt iſt eine abgelegene Gegend an der Stadtmauer, unfern von einem kleinen Thore. Durch dieſen leicht zu überſehenden Winkel ſoll, heißt die Sage, der Teufel den Doctor Luther in's Freie geführt haben, da demſelben große Gefahr drohte, und alle anderen Aus⸗ gänge von Feinden beſetzt waren. Obgleich nun dieſe Ge⸗ ſchichte durchaus Fabel und unhaltbar, ſo führt doch noch zu heutiger Stunde der Platz den Namen: Dahinab!— In dieſem Dahinab nun ſtand unter andern kleinen Häuſern ein von einem Gärtchen umgebenes; reputirlich anzuſchauen, und die Wohnung eines braven Mannes. Der Fleiß deſ⸗ ſelben hatte das Haus gebaut, und die Heiligen,— buch⸗ ſtäblich zu verſtehen,— hülfreich dazu gethan. Der Fleißige war nämlich Kupferſtecher, und hat— durchaus dem Fach ſich hingebend,— viele hundert Heiligenbilder geſtochen und geätzt, die zU damaliger Zeit in großen Ladungen über die Berge nach Italien gingen. Der Künſtler war fromm und ſtill, wie ſeine Bilder, arbeitete unverdroſſen von früh bis ſpät, und ſeine einzige Erholung außer dem Hauſe war am Sonnabend ein Ruhe⸗Stündchen auf der Schießſtatt, bei einem Krug Bier und freundlichem 97 Geſchwätze. Den Sonntag nahm die Kirche und— bei ſchö⸗ nem Wetter— ein Spaziergang mit dem Weibe nach dem Ablaß oder nach Göggingen hinweg. Dieſe Lebensordnung machte auch, daß es im Hauſe fein und ordentlich ausſah⸗ und der Friede doppelt mit den Kindern einkehrte, die der Himmel dem einfachen Künſtler ſchenkte. Der Bube hieß Laver, die Tochter Clara. Der Erſte, zugleich der Aeltere, ſollte anfangs Kupferſtecher werden, wie der Vater; die Zweite ein braves Weib, wie die Mutter. Es ergab ſich indeſſen bald, daß Faver, um ſchwacher Augen willen, der Kupferſtecherkunſt nicht gewachſen war, und, noch in der Wahl verharrend, was einſt aus dem Jungen werden möchte, ſchickte ihn der Vater in die Schulen, damit er etwas Tüchtiges lerne. Clara wuchs arbeitend und blühend auf, beſuchte kein an⸗ deres Haus, als das Haus Gottes, und ahnte nicht, daß an jener Stätte ein ſehnſüchtiger Jünglingsblick die verborgene Blume ausgeſpäht hatte. Die Eltern ahnten's um ſo we⸗ niger. Der Bruder allein, der oft, um zu ſtudiren, im Gärtchen ſich befand, merkte das Erſte von der Sache. Eine Baſtion der Feſtungswerke, die gerade,— ſenkrecht faſt,— in die Höhe ſtieg, und die Anſicht über die Häuſer des Dahinab frei gab,— bildete die Schlußwand des Gartens. Auf dem Rand vieſer Baſtion ſtand einmal um die Mit⸗ tagszeit ein blutjunger Mann, und ſah immer ſo ſteif und unverrückt in den Garten hinab, daß dem ſtudirenden Kaver,— als dieſer, durch die Blätter der Laube ſchillend, zum zwei⸗ ten oder dritten Male das Unweſen wahrnahm,— bang um den Verſtand des jungen Menſchen wurde. Bald kam er jedoch dahinter, daß die Schildwache auf der Baſtion ei⸗ gentlich der Schweſter gelte. Denn ſo oft dieſe, blühend III. 1. 5. 98 und friſch wie eine Roſe, um die Mittagsſtunde aus dem Hauſe hüpfte, den Bruder zu Tiſch zu rufen,— ſo oft zog der auf der Schanze ein Fernrohr aus der Taſche, und richtete es ſo ſcharf und feſt auf das Mädchen, als ein Conſtabler nur mit ſeinem Geſchütz thun kann. Der Bruder hütete ſich wohl, der unbefangenen Schweſter das Geringſte von ſeinen Beobachtungen,— die er eine ganze Woche hin⸗ urch fortſetzte, mitzutheilen. Endlich eines Vormittags⸗ aus dem Collegium kommend, wandelt ihn die Luſt an, der Sache auf den Grund nachzuſpüren. Er ſteigt auf die Ba⸗ ſtion, und findet den Bewußten bereits am Poſten. Er ſchlägt ihn auf die Schulter, und fragt ihn: Was hat Er dahinab zu ſpioniren, mein Freund?— der Andere erröthet, antwortet aber vornehm: Das geht Ihn nichts an, mein Freund.— Er iſt ein Narr! ſagt ihm hierauf Laver, und der Andere antwortet mit einem„unverſchämten Menſchen.“ Für einen Studenten von neunzehn Jahren iſt das zu viel. Er antwortet ebenfalls mit einer nachdrücklichen Beleidigung. Der Andere greift nach ſeinem Degen. Faver bedeutet ihm, er ſelbſt dürfe als angehender Thevlog keine Waffe tragen; er werde aber nur hinunter in's Haus gehen, ſich einen Degen holen, und ſicherlich binnen wenig Minuten auf die Schanze zurückkehren, um die Sache auszumachen.„Was hat er in jenem Hauſe zu thun?“ fragt⸗ der Andere ver⸗ wundert.— Es iſt das meiner Eltern; entgegnete Taver.— Und das Mädchen?— Meine Schweſter.— Nun lacht der Menſch ausgelaſſen, ſteckt die Klinge ein, fällt dem Studenten um den Hals, und ruft: Wir müſſen Kameradſchaft trinken.— Wie ſo?— Ich bin in Deine Schweſter verliebt, mein Junge; Fährt der Andere fort: ich ſterbe, wenn ich nicht 99 wenigſtens bald zu ihr ſagen kann: Wie befindet Sie ſich⸗ Jungfer? Du mußt mich bei Deinen Eltern einführen, als einen Mitſtudenten, als einen Freund aus dem Gaſthauſe,— als was Du willſt.— Nun erzählte der heftige närriſche Menſch weiter, und es kam heraus, daß er Kaufmannsdiener ſey, vor wenigen Wochen erſt die Lehre verlaſſen habe, und in einer der erſten Hondlungen Augsburgs conditionirte. Ein Zufall hatte ihm meine Schweſter gezeigt. Dazumal wurden gerade Bittgänge gehalten und Gottesdienſt gefeiert, zum Beſten und Frommen der unglücklichen Rheinländer und Pfälzer, die unter dem Mordſchwerdt des Königs von Frank⸗ reich bluteten. Bei einer dieſer Proceſſionen war der Kauf⸗ mannsdicner an Clara's Seite gekommen, und ſie hatte ihm ſchnell gefallen, obſchon ſein Mund keine Sylbe mit ihr ge⸗ ſprochen.— Faver, der in dem fremden jungen Mann einen Sohn wohlhabender Eltern aus einer entfernten Stadt er⸗ kannte, dem derſelbe gefiel, ließ ſich endlich bereden, gab den ſonderbaren Geſellen für einen Bekannten aus, und brachte ihn in der Eltern Wohnung. Ach; nun— beginnt eine ſchöne Zeit; ſie umfaßt beinahe ein Jahr. Die Eltern gewannen den Fremdling lieb; Clara theilte ſeine Gefühle. Laver ſah eine ſchöne Zukunft für die Schweſter leuchten. Die Mutter betete zu dieſem Endzweck im Stillen⸗ Harmlos floßen die Tage, von Vertrauen, von Freundſchaft und Liebe getragen, dahin! In dem engen Häuschen, in dem kleinen Garten waren alle glücklich. Aber— der Friede, das Glück hat ſeine Gränzen, und ſomit endigte auch dieſes.“ Der Doctor ſammelte ſich hier, wehmüthig werdend, und ſprach nach einer langen Stille, gefaßt und trocken weiter: „Der junge Menſch hatte nicht redlich al dzr Familie 7* gehandelt. In dem Augenblick, als alle,— Clara ſelbſt— im Stillen auf eine baldige Erklärung und Werbung hofften, verließ er Augsburg, heimlich, ſchnell, um in die Heimath zurückzukehren. Ein Brief belehrte uns, daß er als Prote⸗ ſtant,— er hatte ſich für einen der Unſern ausgegeben— nicht daran denken könne, aus der Neigung ſeiner Jugend Ernſt zu machen, und mit blutendem Herzen ſich von der Stelle losreißen müſſe, die ihm theuer und lieb geworden, wie das Vaterhaus.— Wir weinten; Clara verzweifelte faſt. Die Jahre beruhigten zwar ihr Herz, aber— an dem Entfernten treu und eigen hängend, blieb ſie Jungfrau, legte als fromme Wärterin die Eltern in's Grab, und folgte ihnen dann, zehn Jahre, nachdem er ſie verlaſſen;— mit ſeinem Namen auf den Lippen. Hiemit, mein Sohn, endigt ſich die Geſchichte, deren erſter Theil noch jetzt meine Seele mit angenehmen Bildern füllt. Du haſt meine Eltern, meine Schweſter und mich kennen gelernt. Vor achtzehn Jahren habe ich Elaren verloren, und heute— bewundere die Wege der Allmacht! heute finde ich ihn wieder, der ſie verließ, der vielleicht ihr Leben abkürzte; finde ihn wieder, unglück⸗ lich, darniedergedrückt von ſchweren, ſchweren Aengſten⸗ wie ich fürchte; ein armer elender Menſch, im Schooße des veberſtuſſes der eiteln Welt!“ „Errathe ich?“ fragte James unge ſtüm:„Der Senator?“ Der Doctor nickte mit dem Haupte.—„Beinahe,“ ſagte er,„hätte mich die Schwachheit überraſcht, ein Wohlbehagen zu empfindem als ich ihn ſo erbarmenswürdig vor mir ſtehen ſah, und jetzt erſt beſtimmt in's Reine kam, daß er jener Walter ſey, den ich— ſeltſam fürwahr— beinahe vergeſſen vatte. Kein Zug der Jugend mehr in ſeinem Geſichte; keine —— 101 Zufriedenheit in ſeinem Hauſe; keine Ruhe in ſeiner Bruſt. Die Vergeltung hat an Dir gearbeitet! wollte ich ſagen; doch Gott hielt meine Zunge im Zaume. Clara hat mir ja auf dem letzten Lager ihre Liebe zu ihm als Vermächtniß hinterlaſſen, und ich muß ihn oder die Seinen glücklich machen, wenn ich's vermag; ſchon darum, weil ihn Clara geliebt, weil ihn Clara geſegnet hat!—“ „O ein heiliges Gefühl, ein heiliges Erbe iſt die Liebe!“ verſetzte James mit einer wehmüthigen Innigkeit. Der Doctor ergriff ihn feſt bei der Hand, und redete:„Mein Sohn, hüte Dich vor Sophismen, wie ſie nur gar zu gerne die Leidenſchaft gebiert, wenn ſie ſich in Feſſeln ſpürt. Denke Deines Verſprechens, der Zuſage, die Du mir gegeben. Du gehörſt nicht mehr Dir ſelbſt an, Du gehörſt nicht mir. Und wäre dieß Alles nicht, ſo ſollte meine Erzählung Dir bewieſen haben, daß Ungleichheit des Glaubens Verderben bringt.“— James ſchwieg mit bitterem Gefühle.—„Ich ſehe, daß es Zeit iſt, Deine Beſuche in des Senators Hauſe abzukürzen;“ fuhr der Doctor ſorglich fort:„die letzte Auf⸗ gabe vollende noch. Vielleicht begründeſt Du dadurch das Heil einer Perſon, die Du liebſt, wie ich fürchten muß.“— „Und gelänge es mir,“ fragte James, Muth faſſend;„dürfte ich alsdann hoffen, mein Vater?“ „Dein Schickſal hängt nicht von mir ab;“ antwortete der Doctor:„wäre dieſes aber auch,— Sohn! hätten wir uns in Dir getäuſcht..2 Laß mich das nicht ahnen!“ „O, welch' ein Schickſal iſt mir bereitet worden?“ ſeufzte der junge Mann:„Zu welchem Gewerbe,— mir wider⸗ ſtrebend, meinen Sinn empörend, wurde ich beſtimmt! und 102 zum Dank dafür verbietet man mir grauſam, zu fühlen wie ein Menſch!“ „Dafür raſeſt Du wie ein Thor;“ unterbrach ihn der Doktor heftig:„zur Strafe wirſt Du Deine bisherigen An⸗ dachtsübungen verdoppeln, bis ich es anders beſtimme!—“ Milder fuhr er, und plötzlich beſonnen fort:„Was wäre Dein Schickſal unter den däniſchen Dragonern geweſen, Du Verblendeter? Du ſchlägſt die Hand, die Dir wohl that. Dein Gewerbe empört Dich? Das heißt: Deine Pflicht ge⸗ fällt Dir nicht. Glaube mir: Oft iſt auch mir die Meinige zuwider, aber ich erfülle ſie dennoch ohne Murren, weil ich überzeugt bin, daß zu einem vollkommenen Bau der geringſte Dienſt vonnöthen iſt, wie der edelſte. Die Leute, die im fin⸗ ſtern Schacht den Keller wölben, haben durch ihre lichtſcheue Arbeit mehr gethan, als der Meiſter, der das leichte Prunk⸗ getäfel anſchlägt, und, den Blumenſtrauß ſtecken auf den fertigen Bau, kann vollends jeder Lehrjunge. Beſcheide Dich alſo dankbar vor dem Höchſten, zu deſſen größerer Ehre wir handeln, und bemeiſtre flüchtige Aufwallungen der Jugend, die immer nur eitel ſind, und denen im vorliegenden Falle ohnehin nicht entgegengekommen wird.“ Dieſes letzte Argument entſchied. James fühlte wohl⸗ was er empfand, aber die Empfindung der Geliebten war ihm mehr als zweifelhaft geblieben. Er ſchwieg daher halb unterwürfig, halb gekränkt, und waffnete ſich mit ſtarrer Kälte, als er am folgenden Tage des Senators Haus be⸗ treten mußter„Wo will Er hin?“ ſchnauzte ihn mit uner⸗ träglicher Grobheit der verdrießliche Nothhaft an, der ihm juſt entgegen kam. „Zur Jungfer Juſtine.“—„Die Jungfer hat Kopf⸗ ſchmerzen. Komm Er ein Andermal.“— James wollte, nachdem er mit leichtem Achſelzucken den Ungeſchliffenen ge⸗ meſſen, ſtill davon gehen, als ſich Juſtinens Stimme von oben vernehmen ließ:„Kommt nur herauf, werther Mon⸗ ſieur; für Euch bin ich zu Hauſe, nur für den Neidhammel nicht, der Euch sans facon belügt, wie ein Schelm!“— James ſtutzte erfreut. Von Zorn brennend, und mit einem: „Verdammter Naſeweis!“ lief Nothhaft in das Comtvir. „Laßt Euch meine Sprache nicht befremden,“ ſagte Ju⸗ ſtine ohne Umſtände in Gegenwart der Mutter zu dem jun⸗ gen Engländer:„Wir Deutſche haben— wie wir denn in allem derb ſind— ein derbes Sprichwort, das man wohl ſonſt nur in Pöbels Mund hört⸗ das aber ſtets wohl ange⸗ bracht iſt, wenn man vom Pöbel redet: Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil!— Ich zweifle nicht, daß in Eurer Sprache ſich ebenfalls ein ähnlicher Spruch vorfinden werde. Der Burſche, der Euch belog, iſt der Klotz, der ſich ſogar einmal unterſtanden hat, ſich in mich zu verlieben. Ich bitte Euch! damals noch ein Kind von fünfzehn Jahren⸗ ſollte ich an dem blatternarbigten ungeſchickt eine Freude finden! Ich habe ihm das Zärtlichthun abgewöhnt; nun verfolgt mich jedoch der holde Amadis mit tauſend Tücken und Nücken, die mir,— wider ſeinen Willen,— Spaß machen, weil ich ſie gewöhnlich vereitle. Seit der letzten Horcherei hat er auch auf Euch ſeinen hohen Zorn geworfen. Fürchtet Euch aber * nicht, Monſieur: Ihr ſteht unter meinem Schutze.“ .„Ich bin Ihnen ſehr verpflichtet, Mademoiſelle,“ antwor⸗ tete James lächelnd!„Doch wüßte ich ſchon ſelbſt mir den Ueberläſtigen vom Halſe zu ſchaffen, wenn er mir ernſtlich zur Laſt fallen wollte.“. 104 „Das meine ich auch;“ ließ ſich die Senatorin breit und förmlich vernehmen;„Er hat ſtarke Knochen, Monſieur, und mag ſich durchhelfen. Für Dich Juſtine ſchickt es fich indeſſen ganz und gar nicht, einem jungen Mann ſolche Promeſſen zu geben. Die Chapeaus ſind doch— ſo Gott will,— da⸗ für in der Welt, uns zu beſchützen, und es ziemen ſich folg⸗ lich ſolche cavaliere Redensarten für eine ſchon verlobte Tochter. Ich werde alſo. „Uebergenug, beſte Mama;“ kurz abfertigei ein;„Sie verſtehen es, mich zum Schweigen zu bringen, und Ihr, Monſieur beginnt die Lehrſtunde!“— James ge⸗ horchte, doch Juſtinens Geiſt war keineswegs bei der Gram⸗ matik. Ungeduldig zählte ihr Auge die Minuten auf der Wanduhr, und ſie machte Schicht, ſobald die Glocke ſchlug. Ein Vorwand wurde bald gefunden, den Lehrer zu beglei⸗ ten, und ſchnell raunte ſie ihm zu:„Wie iſt's Herr? habt Ihr der armen Franzöſin das Geſchenk gebracht? Lindert es ihr Elend? Was iſt ferner zu thun?“— James erwiederte verlegen:„Ich bringe Ihnen der Unglücklichen heißen Dank. Ihre reichliche Gabe hat ſie in Ueberfluß verſetzt, und zu ih⸗ rem Glücke fehlt nur noch Eines: Sie, freundliche Gebe⸗ rin, von Angeſicht zu ſehen; Ihnen mündlich danken zu können!“— „Rathet der guten Frau ab:“ verſetzte Juſtine ängſtlich: „Sie ſoll ja nicht hierher kommen. Der Vater,— er iſt ohnehin mürriſch— würde es nicht gerne ſehen. Die Mut⸗ ter gibt in ihrem Leben kein Almoſen, und ich hätte nur Verdruß, wenn es herauskäme, daß ich mein Taſchen⸗ Sie ſtockte, beſann ſich einen Augenblick und ſetzte dann 105⁵ — hinzu:„Die arme Frau ſoll ſich deßhalb nicht kſo grämen. Ich wünſche ſelbſt, ſie zu ſehen, mich nach ihren Bedürfniſſen zu erkundigen, aber Ihr vegreift, es geht nicht an, daß ſie komme. Ja,— wenn ich ein Mittel wüßte, ich würde mich gerne ſelbſt einmal zu ihr ſchleichen ich helfe gar zu gern; aber.. ich weiß nicht. 4 „Das Mittel wäre leicht,“ entgegnete James, etwas zö⸗ gernd;„Vertrauen Sie ſich mir an; ich führe Sie; in einer Stunde ſind wir hin- und zurückgegangen.“ Juſtine blickte ihn neugierig und ſtrenge forſchend an: „Ich halte Euch für einen Ehrenmann, Herr White. Ich würde mich nicht fürchten, mit Euch zu gehen. Aber, wann? Ich will nicht mit Euch geſehen werden, und am Abend gehe ich nicht aus, mögt Ihr wiſſen.“ „So bleiben uns die frühen Morgenſtunden;“ meinte James, und der Vorſchlag gefiel Juſtinen.—„Schön!“ rief ſie,„das paßt. Mutter ſchläft feſt bis um neun Uhr. Vater iſt vor acht nicht ſichtbar, und kümmert ſich nicht um mich. um ſechs Uhr alſo. Dann ſind die Straßen noch ziemlich leer von den Leuten, die mich nicht ſehen ſollen. Wartet mei⸗ ner Morgen um dieſe Stunde am Neumarkte. Wollt Ihr das thun, ſo wird mir das artige Abentheuer Freude ma⸗ chen.“ James verſicherte ſeine Bereitwilligkeit, und ging, nicht mit leichtem Herzen, aus dem Hauſe. Juſtine ſchwelgte da⸗ gegen in dem Genuſſe ihres kleinen Geheimniſſes. Der Um⸗ ſtand, die Wohlthäterin einer Bedrängten geworden zu ſeyn, ſchmeichelte ihrer Eitelkeit, und ſchien ihrem Leben eine ge⸗ wiſſe Bedeutung zu verleihen. Sie ſah ſich nicht mehr ver⸗ dammt, zwiſchen einer ſtumpfſinnigen Mutter und einem 106 ſchwermüthigen Vater den freudenloſen Pfad zu gehen; ſie wirkte nach Außen hin, und dieſe Idee erquickte ihren Geiſt. der ihr zu etwas Beſſerem geſchaffen ſchien, als zu der Ein⸗ klammerung in alltägliche Hausverhältniſſe. Juſtine war ſo gut und liebevoll, als ſie ſich manchmal ſchroff ungeſtüm geberdete. Sie hätte gewünſcht, die Pflegerin der Welt zu ſeyn, alle Schätze der Goldminen Amerikas zu beſitzen, um ſie an die Armuth zu vertheilen. Sie konnte darh der Neugierde nicht widerſtehen, das dankbare Geſchöpf ihrer Milde zu ſehen, deſſen Noth mit eigenem Ohre zu verneh⸗ men, ihm Troſt zu geben durch Worte und durch die freige⸗ bige That. Mit Ungeduld erhob ſie ſich, als der bezeichnete Tag angebrochen, von ihrem Lager. Ein Blick durch's Fen⸗ ſter belehrte ſie, daß das ſchönſte Wetter ihre heimliche Wan⸗ derung begünſtige; ſchnell war ſie in ein unſcheinbares Ge⸗ wand gehüllt, ihr Haar, ihr Antlitz von einem dichten Schleier bedeckt, und, bevor noch der Zeiger auf ſechs Uhr wies, die Thüre ihrer Schlafkammer leiſe, leiſe geöffnet. Ein Geräuſch hielt ſie auf der Schwelle zurück. Am Ende des Ganges öffnete nämlich auch der Senator behutſam die Thüre ſei⸗ nes Gemachs, und trat, wie auf den Zehen, heraus; völlig angezogen. Langſam ſchritt er die Treppe hinab, und ging aus dem Hauſe. Juſtine war betroffen. Sie hatte den Va⸗ ter geſtern am ganzen Tage nicht geſehen. Eine Sitzung des Senats hatte ihn, ſeinem Vorgeben nach, fern gehalten. Und heute, dieſes leiſe, ſchleichende Ausgehen es kam ihr ſeltſam vor. Allein, was war denn, ſeit jener unglücklichen Begebenheit, nicht ſeltſam in dem Benehmen ihres Vaters? Schnell gefaßt trat Juſtine ihren Weg an, um die Zeit nicht zu verſäumen, und ihren Begleiter nicht warten zu laſſen. 107 James hatte ſich ſchon ſeit geraumer Friſt auf dem Neu⸗ markte eingefunden. Auch an ihm war der Senator, tief in Gedanken, vorbeigekommen. Mit klopfendem Herzen begrüßte er Juſtine, die eiligſt herbei hüpfte, den Schleier nur leicht lüftete, mit dem Kopfe nickte, und zur Eile antrieb. Stumm ging James neben der Holden her, die ihre Schritte immer munterer förderte. Der Weg war jedoch weit. James führte ſeine Schülerin in ein entlegenes Quartier der Stadt, wo⸗ hin ſie noch nie gekommen war. Stutzig ſah ſie ſich auf ei⸗ ner Kreuzſtraße um, und ſagte engliſch zu dem Führer:„Hat hier nicht die Ehrlichkeit ein Ende, Sir? und wie ſteht's mit der Euern?—“ James lächelte etwas verlegen, deutete je⸗ doch auf eine Thüre, und antwortete:„Wir ſind am Ziele!“ Juſtine betrachtete dieſe Pforte aufmerkſam. Nur eine Mauer ſtellte ſich dar, über welche ſparſame Epheugewinde herabhingen. Das Pförtchen, ohne Seitenfenſter oder Lücke, war enge, niedrig, und ſehr feſt, von Eichenholz gezimmert. In der Umgegend, durch Gartenmauern und Gehäge von dem Pförtchen abgeſondert, ſtanden nur einige halbverfallene, elende Wallhäuschen, deren Bewohner, im Taglohne arbei⸗ tend, ſchon beim Grauen des Morgenlichts ausgingen, und in ſpäter Nacht erſt wieder heimkamen. Alle Thüren und Fenſter zu; nur hie und da ſchrie aus dem Innern ein ein⸗ geſperrtes Kind, oder bellte ein angeketteter Hund.— Mit fragendem Blicke deutete Juſtine auf die bezeichnete Thüre. James nickte, und wollte an dieſelbe pochen. Raſch hielt ihm das Mädchen die Hand, und ſagte mit gedämpfter Stim⸗ me:„Wo führt Er mich hin, Monſieur? Da hinein gehe ich nicht.“ James betrachtete einen Augenblick ihre Miene⸗ Die 108 ſeinige verfinſterte ſich nicht.„Nach Belieben!“ entgegnete er ſchnell,„ſo gehen wir zurück, weil Sie ſich fürchten.“ Der Vorwurf der Furcht, ſo wenig er verwunden ſollte, traf ſein Ziel. Juſtine maß von neuem mit dem Auge die verſchloſſene Thüre, den zum Gehen gewendeten Jüngling, die menſchenleere Nachbarſchaft.„Glaubt Ihr, daß ich ein Kind ſey?“ fragte ſie alsdann mit Vorwurf:„Furcht kenne ich nicht, Monſieur, aber ich muß darauf ſehen, daß mein Vorwitz mich nicht an einen Ort bringe, der vielleicht mei⸗ nem Geſchlecht und meiner Familie gleich unangemeſſen wäre.“ „Wie, Mademoiſelle?“ fragte James mit flammenden Augen:„Glauben Sie, daß ich fähig ſey, Sie an einen ſol⸗ chen Ort zu führen? O wenden Sie ſchnell um, ich will Ihre Erniedrigung nicht.“ Juſtine machte ihm raſch ein Zeichen, zu ſchweigen, und faßte, an ihn tretend, ſeinen Arm. Sie hatte eines Mannes Schritt gehört, und in der That kam ein Herr um die Ecke der Mauer, den Hut tief in's Geſicht gedrückt, und zum Ue⸗ berfluß einen Mantel um das Kinn geſchlagen, daß auch kein Zug von ihm zu erkennen war. Einen flüchtigen Blick warf er auf die verhüllte Dame und ihren Begleiter, klopfte dann ziemlich vertraut zweimal an die räthſelhafte Thüre. Ein Menſch von gemeinem Anſehen öffnete ſie, und ſchob hinter dem Eintretenden die Riegel vor. Juſtine hatte eben in dem Moment des Oeffnens die Ausſicht auf einen Hof mit Bäu⸗ men, und ein darin ſtehendes Gebäude erhaſcht.—„Kennt Ihr den Mann?“ fragte ſie ihren Führer. Er verneinte. „Es ſieht doch da drinnen nicht wie in einer Mörderhöhle aus!“ fuhr ſie lächelnd fort:„wäre es Euch noch gefällig, mich zu begleiten?“„Ihr wollt es?“ verſetzte James:„in 109 Gottes Namen denn!“— Er klopfte zweimal, wie der Vor⸗ gaͤnger. Derſelbe Pförtner ſchloß auf, bückte ſich wie ein Bekannter vor dem Engländer, und begrüßte auch auf ein Zeichen deſſelben die Dame. Der Hof war bald durchſchrit⸗ ten, das Gebäude bald erreicht. Tiefe Stille herrſchte rund um das alterthümliche Haus, das ehedem ein Kloſter gewe⸗ ſen zu ſeyn ſchien. Die in der Hausflur aufgeſchichteten Ge⸗ räthe ließen vermuthen, daß hier früher ein Magazin gewe⸗ ſen. Die halbdunkle, halbverfallene Holztreppe kniſterte un⸗ ter den Schritten der Kommenden. Neue Beſorgniſſe ſtiegen in Juſtinens Seele auf. Da pochte James an eine recht unſcheinbare Thüre. Sie ward geöffnet, und der Engländer mit ſeiner Begleiterin trat raſch hinein.„Mein Gott!“ flü⸗ ſterte nun James der Letztern zu:„wir ſind am unrechten Orte!“ Aber ſchon hatte der Oeffnende, ein Pförtner, wie jener am Hauptthore, die Thüre zugemacht, und wies die Kommenden in einen hölzernen Verſchlag, der zur Seite ſtand. Eine Bank war in dem dämmerigen Verſteck zu ſe⸗ hen, und ein hölzernes Gitter gab die Ausſicht auf das Ge⸗ mach, in welches die Senatorstochter gerathen war. Ein Spitzgewölbe, dem Anſehen nach eine verwitterte Kapelle, mit Grabſteinen auf dem Fußboden, und ausgebrochenem Zie⸗ gelpflaſter. Die Fenſter waren theils zerfallen, theils von Spinneweben umflort. An den Mauern liefen zu beiden Seiten Verſchläge hin, dem ähnlich, in welchem ſich Juſtine vefand; theils mit vergitterten, theils mit offenen Fenſter⸗ lucken; Betſtübchen aus ſehr lang verwichener Zeit. Durch die Oeffnungen waren tief verhüllte Männer, Weiber in Schleierhauben, Kaputzmänteln und anderer Vermummung zu ſehen.—„Vir ſind in der ehmaligen Kapitelſtube der 11⁰ Johanniter!“ ſagte James leiſe und verlegen zu der ſtau⸗ nenden Freundin:„Verzeihen Sie meinem Ungeſchick. Schwei⸗ gen Sie aber ja zu Allem, was hier vorgehen möchte. Sie haben nichts zu befahren.“ Juſtine ſah ihn ſtarr an, und wendete ſich, ohne eine Sylbe zu erwiedern, zu dem Gitter, um zu beobachten, was der Thürſteher beginnen würde, der durch die Kapelle auf einen großen Kaſten zuging, welcher am obern Ende derſel⸗ ben ſtand. Er öffnete das Schloß, hob den Deckel, ſchlug die vordere Wand herab, und ſiehe, es geſtaltete ſich unter ſeinem Geſchäfte ein Altar mit zwei hölzernen Stufen, und belegt mit einem ſauberen weißen Linnen. Zwei Leuchter mit Wachskerzen, die der Diener anzündete, und einige Ge⸗ fäſſe mit Blumen ſtanden zu den Seiten eines Kruzifires. Schmucklos war im Uebrigen der Altar. Der Diener nahm einige zinnerne Kännchen nebſt Schlüſſel und Serviette aus einer Lade, ſetzte eine kleine Schelle auf die Stufen nieder, und entfernte ſich durch eine enge Thüre hinter dem ſchnell errichteten Opfertiſche. Juſtine ſah nun deutlich, wie von den Leuten um und um Gebetbücher und Roſenkränze aus den Taſchen genommen wurden, und ſie ahnte, was hier ge⸗ ſchehen würde. Dieſe Ahnung wurde zur Gewißheit, als die enge Thüre wieder aufging, der Diener heraustrat, mit ei⸗ nem großen Buche in der Hand, aus welchem viele bunte Bänder herabhingen, und ihm ein anſehnlicher, ehrwürdig ausſehender Mann folgte, in einem funkelnden, wunderlich geſchnittenen Gewande, einen vergoldeten Kelch tragend, und in ernſtes Sinnen und Gebet verſunken. Juſtine hatte eini⸗ gemal auf Bildern und in Kupferſtichen römiſch⸗katholiſche Prieſter in ſolchen Kleidern geſehen, und zweifelte nun nicht, 111 ſich an einem Orte zu befinden, wo man den römiſchen Got⸗ tesdienſt unter'm Schleier des Geheimniſſes feierte. Welch ein Gefühl in ihrer Bruſt entſtand, läßt ſich nicht beſchrei⸗ ben. Unwillig gegen die ihrem Glauben widerſtrebende Form, gegen den dienſtfertigen Führer, gegen ihren eigenen Leicht⸗ ſinn, hätte ſie den Ort verlaſſen, aber die verriegelte Thüre, die Furcht vor dem Aufſehen, das entſtehen würde,— mehr noch als das— ihre Neugierde hielt ſie feſt. Das Meß⸗ opfer begann mit der größten Ruhe, und der Anſtand des Geiſtlichen verſöhnte bald die Proteſtantin mit den Gebräu⸗ chen, die ſie nicht faßte. Sie ſah den Prieſter demüthig vor den Stufen des Altars auf die Kniee finken; ſie fühlte, daß er vor dem Einigen ſeine Schuld bekenne, für ſich und ſeine Gläubigen; und geheimnißvoll vorbereitend drangen die halb⸗ laut geſprochenen lateiniſchen Worte zu ihrem Ohr. Unwill⸗ kührlich machte ſie die Geberden der übrigen Zuhörer nach. Sie hörte ſtehend das Evangelium, beugte das Haupt bei der Wandlung. Sie genoß im Geiſte das Abendmahl des Prieſters mit, und als derſelbe dem Volke verkündete, die Meſſe ſey vorüber, als er wieder hinter der Thüre entſchwand, durch welche er gekommen,— da bedauerte faſt Juſtine, daß das ſeltſame, nie geſehene Schauſpiel vorüber gegangen. Um den Eindruck, den daſſelbe auf ſie gemacht, noch aus dem baufälligen Hauſe mit ſich in die freie Luft zu retten, drängte ſie raſch den Begleiter, der ſie zurückhalten wollte, nach der Thüre, und trat,— beinahe die Erſte der Davongehenden⸗ aus der Kapelle. „Was thun Sie?“ flüſterte ihr James beſorglich zu: „Sie werden ſich verrathen, erkannt werden! Wir hätten die Letzten ſeyn ſollen!“ 112 Von der triftigen Einrede erſchüttert, ſtand Juſtine ver⸗ legen ſtill, zog den Schleier feſter zu, und ſah kaum nach den Vorrübergehenden, die, vermummt wie ſie, mit flüch⸗ tigem Seitenblick von dannen zogen. „Hier herein!“ ſagte mittlerweile der junge Engländer, und zog Juſtine in eine andere, nur angelehnte Thüre: „Hier finden wir, was wir geſucht, und indeſſen wird Haus und Hof von den neugierigen Gäſten rein.“ Juſtine ſah ſich in dem Gemache um, und ward ange⸗ nehm überraſcht, ein ziemlich junges und hübſches Frauen⸗ zimmer, in prunkloſer, aber ſorgfältiger Kleidung, vor ſich zu haben. Dieſes Letztere bewillkommte ſie demüthig freundlich, mit einem wohlgeſetzten Gruße in ausländiſchem Deutſch. „Darf ich fragen...2“ äußerte Juſtine.— „Mein Name iſt Lainezz“ verſetzte die junge Frau:„wie glücklich machen Sie mich, indem Sie mich eines Beſuchs würdigen, und einer Gelegenheit, Ihnen zu ſagen, wie dankbar ich für die großmüthige Hülfe bin, die Sie mir durch den uneigennützigſten Wohlthäter, durch Herrn White angedeihen ließen.“ „Die Offizierswittwe, von der ich Ihnen ſagte;“ ſchaltete James ein:„Nur ein Zufall ließ uns die rechte Thüre verfehlen.“ „So2“ erwiedert Juſtine trocken, indem ſie einen miß⸗ fälligen und mißtrauiſchen Blick auf den Engländer warf, ſich aber dann ſchnell zu der Franzöſin wendete: „Sie leben in einer geheimnißvollen Nachbarſchaft, Ma⸗ dame.“§ „„Ich kenne meinen nächſten Nachbar nicht;“ aitn 113 die Wittwe unbefangen, und ſah Juſtinen furchtlos in das Augez„der Verwalter dieſes ehemaligen Magazinhauſes hat viel von dem bedeutenden Gelaſſe, in dem er befiehlt, an arme Miethsleute gegeben, und die Armuth verkriecht ſich gern. Die Hausgenoſſen ſind mir fremd, bis auf eine alte, beinahe taube Frau, die mich mit Waſſer und Holz verſieht.“ „Ich glaube Ihnen,“ verſicherte Juſtine, indem ſie der Freundlichen die Hand reichte:„Monſieur White wird um deſto bekannter mit den Leuten ſeyn, die ich ſo eben verließ.“— „Ein Zufall, wie geſagt, Mademoiſelle, brachte uns in die Ritte einer Verſammlung, von der ich unter der Hand Einiges vernommen, zu welcher ich mich jedoch nicht zähle.“ Juſtin betrachtete ihn ungläubig, und erwiederte raſch und drohend:„Gleichviel, Monſieur, wie's Euch gefällt, mich zu belehren. Die Herrn und Frauen mögen unterdeſſen ſorgen, daß nicht auch der Senat unter der Hand Einiges von ihrem Thun vernehme. War mein Vater heute an meinem FPlatze, ſo war ein Unheil fertig. Wer bürgt übrigens dafür, daß ich nicht plaudre?“ „Ihr Herz;“ verſetzte James ruhig und zuverſichtlich: „Sie ſind ein zartfühlendes Weib. Sie werden nicht vor⸗ ſätzlich unglück über Menſchen bringen, die es wagen, im Verborgenen eine Feier zu begehen, welche ihr Gewiſſen zu ſeiner Beruhigung verlangt, obgleich ein hartes Staatsge⸗ ſetz ſie verbietet.“ „Was iſt denn hier im Werke? Was iſt vorgefallen?“ fragte Madame Lainez verwundert und neugierig. Juſtine ſagte:„Das kümmert Sie nicht, liebe Frau. Noch ein Wort zu Herrn White: Ich bin Euch für die gute III. 1. 8 114 Meinung verbunden, Monſieur. Ihr fangt an, in meiner Seele zu leſen. Was wünſcht dieſe wohl gerade jetzt?“ „Die Heimkehr;“ antwortete James gefällig:„darf ich Ihnen wieder meinen Arm bieten?“ „Mit nichten, Monſieur. Ich werde ohne Euch den Weg nach dem Hauſe meines Vaters finden. Ich fürchte weitere Zufälle an Eurer Seite. Eure völlige Entfernung iſt mein Wunſch, und bis Ihr dieſen erfüllt, werde ich ſchon der Dame hier zur Laſt fallen müſſen.“ „Welche Ehre!“ betheuerte die Lainez:„Wie ſchmeichel⸗ haft dieſe Güte!“ „Sie zürnen?“ fragte James gekränkt und beſtürzt. „Die ganze Stadt ſpricht von Juſtinen's Launen;“ er⸗ wiederte Müſſingers Tochter;„ich habe heute die Caprice, vorſichtig zu ſeyn; ich werde ſie auch Morgen und Ueber⸗ morgen haben, und bitte Euch daher, dieſes heutige Zu⸗ ſammenſeyn als unſer Letztes anzuſehen.“ „Sie verſtoßen mich?“ rief James mit den Lauten des tiefſten Grams, wollte heftig auf das Mädchen zugehen,— faltete jedoch, ſich beſinnend, die Hände, warf noch einen ſeelenvollen Blick auf Juſtine, und empfahl ſich dann raſch mit einer Verbeugung. Juſtine hatte den ſchnellen Abſchied nicht erwartet, und ihr aufgeregtes Mißtrauen machte einem wärmern, mildern Gefühl Platz.„Ich habe dem Monſieur vielleicht Unrecht gethan;“ ſagte ſie langſam zu der Offizierswittwe, die neugierig auf ihrer Stirne las:„allein was ſoll ein Mädchen thun, dem ein Mann Urſache zu gerechtem Argwohn gab? Aengſtlich auf der Hut ſeyn, denn die Männer ſollen lieben, uns mit Schlingen zu überziehen, und jenes Engländers 1¹⁵ Zufälle ſcheinen mir ein Netz. Nun aber zu Ihnen, meine Gute. Ihr Geſicht gefällt mir, wie Ihr Benehmen, das von keiner gewöhnlichen Herkunft zeugt. Laſſen Sie mich wiſſen, worin ich Ihnen noch gefällig ſeyn könnte.“ „Meine junge Dame! ich habe ſchon ſo Vieles von Ihrer Güte genoſſen, daß ich unbeſcheiden ſeyn würde, wenn ich ein Mehreres verlangte. Ihre Hülfe reichte hin⸗ die Wohnung, in welcher Sie mich finden, wie ein anſtän⸗ diges Wittwenzimmer auszuſchmücken, und Sie würdiger auf⸗ zunehmen. Darf ich noch begehren, daß Sie Ihrer Milde Etwas hinzufügen, ſo flehe ich Sie nur an, dem guten Herrn White, der troſtlos von Ihnen ging, zu verzeihen, wenn ich gleich nicht weiß, wodurch er Ihren Unmuth verſchuldet hat.“ Juſtine bewegte ungeduldig das Haupt.„Warum reden Sie von ihm?“ fragte ſie:„Ich habe Krieg mit ihm, nicht Sie; Sie ſcheinen viel von ihm zu halten.“ „Mademoiſelle!“ erwiederte die Lainez:„Ich lebe eigentlich nur in meinen Wohlthätern. Von der übrigen Welt habe ich Abſchied genommen, ſeit ich meinen Mann verlor, der bei Denain den Tod eines braven Soldaten ſtarb. Gott ſey gelobt, daß die Handlungen eines wackern Mannes noch für deſſen Wittwe und Nachkommen Früchte tragen. Mademviſelle! mein Gatte, Victor Lainez, machte,— wir waren kaum einige Monate verbunden,— an der Spitze ſeiner Grenadierkompagnie, die Schlacht bei Malplaquet mit. Der Himmel wollte, daß er den tapfern Boufflers aus der drohendſten Gefahr retten konnte, worein ein ſcheu gewordenes Pferd den Marſchall verſetzt hatte; ferner, daß er den küh⸗ nen Ritter St. George, der die Reiterei gegen die Feinde 8* 116 führte, durch einen heldenmüthigen Angriff aus dem Gedränge riß.— Villars belohnte freilich die ſeinem Nebenbuhler Boufflers geleiſtete Hülfe nur mit Geiz und Verdruß, aber des Marſchalls Familie verließ mich doch nicht in meiner Noth. Und als ich, vom Mißgeſchick dem vaterländiſchen Boden entfremdet, hier in Krankheit verfiel, erwarb mir des Ritters St. George Rettung einen Freund in dem guten James White. Das Ungefähr machte ihn mit meiner Lage bekannt: kaum hörte er, daß mein ſeliger Mann dem Stuart, den er mit vielen tauſend Engländern als König verehrt, einen Ehrendienſt geleiſtet, als auch ſein Beiſtand ſich ver⸗ doppelte. Er wußte, ſelbſt mittellos, ſeinen Pflegevater, den Doctor, in mein Intereſſe zu ziehen,— mein Schickſal zu erleichtern, und endlich in Ihnen nicht minder einen gu⸗ ten Engel für mich zu gewinnen.“ „So?“ verſetzte Juſtine, beinahe mit einem Anſtriche von Eiferſucht:„Es muß Ihnen peinlich ſeyn, Madame, von einem jungen Manne abzuhängen. Frauen ſollten billig wieder nur Frauen die Erleichterung eines unverdienten Mißgeſchicks verdanken. Welches iſt denn Ihr weiteres Ziel? Ohne Zweifel ſehnen Sie ſich, in die Heimath zurückzu⸗ kehren?“ Die Lainez ſchüttelte traurig den Kopf.„Ich finde nur Gräber dort, die mir werth ſind;“ antwortete ſie:„meine Lieben ſind alle hinüber. Weitläufige Verwandte, die die Aufhebung des Edikts von Nantes aus ihrer Heimath ver⸗ wieſen, leben zu Berlin. Ich kenne dieſe fremden Vettern und Baſen nicht, und fürchte, ſie werden auch mich nicht kennen wollen.“ 117 „Ihre Furcht möchte gegründet ſeyn;“ begann Juſtine nach einigem Nachdenken. Die Lainez fuhr fort: „Und iſt es nicht grauſam, daß ich dieſe Ueberzeugung hegen muß? Trage ich denn die Schuld, daß mein Vater, ſeiner Familie Vortheil berückſichtigend, den katholiſchen Glauben für ſich und die Seinigen annahm? Die Aus⸗ wanderung hätte uns zu Grunde gerichtet, um Gut und Leben gebracht. Im Grunde iſt es ja doch gleichviel, unter welchen Gebräuchen wir Gott verehren. Wir ſind die Kinder Eines Vaters, und, ſo gut von ihm die zahlloſen Sprachen verſtanden werden, in welchen die Welt zum Himmel betet, ſo gut verſteht er auch des Herzens frommen Willen von der Form zu ſondern.“ Juſtine ſah ihr bewegt, ſcheu und dennoch freundlich in's Auge.—„Sie ſprechen gut, Madame 1“ ſagte ſie:„Sie erregen meine lebhafteſte Theilnahme. Ich werde Sie wieder ſehen; ganz gewiß, Madame. Ich will über Ihre Zukunft mit Ihnen reden. Verlaſſen Sie ſich auf mich. Ich bin ein junges Mädchen, aber ich habe meinen eigenen Kopf. Ich dürfte Ihnen von größerem Nutzen ſeyn, als der Mon⸗ ſieur White. Es wäre mir lieb, wenn Sie ſich ſeinem Bei⸗ ſtande entzögen, und mir erlaubten, Ihnen ſchicklichere Dienſte zu leiſten. Ich muß überlegen,. mein Gott! ich habe dieſen Morgen ſchon ſo Vieles gehört und geſehen; ſagen Sie mir aufrichtig: Sie wiſſen in der That nicht, was in Ihrem Hauſe— Ihrem Zimmer gegenüber, vorzugehen pflegt? „Wahrlich: Nein, Mademvoiſelle.“ „So bleibt mir nichts übrig, als die Delikateſſe 3 = bewundern, womit ſich augenſcheinlich eine Geſellſchaft Ihrer annimmt, zu welcher Sie eigentlich gehören,— die es aber vermeidet, Sie in ihren Kreis zu drehen, um Sie der Ge⸗ fahr einer möglichen Entdeckung zu entziehen. Oder.. will man erſt Ihrer Verſchwiegenheit gewiſſer werden.“ „Noch einmal, Mademoiſelle, ich verſtehe Sie nicht.“ Juſtine rieb ſich ungeduldig die Stirne.—„Ich werde ganz verwirrt;“ ſagte ſie:„Ihre Unwiſſenheit.... White's räthſelhaftes Betragen iſt der Monſieur Proteſtant oder nicht?“ „So viel ich weiß: ja.—“ „Und Sie, Madame, ſind, wie Sie ſagten, Katho⸗ likin?“ „Aufrichtig zu ſeyn, Mademviſelle, muß ich Ihnen beken⸗ nen, daß mein Vater, ob er gleich zur Meſſe ging, dennoch Proteſtant geblieben. Wir Kinder folgten, größer geworden, ſeinen Grundſätzen. Herr von Lainez ließ mir freien Willen in Religionsſachen. Meine Verwandten zu Berlin werden freilich nie glauben, was ich Ihnen ſo eben geſtand, aber es iſt nicht minder wahr, daß ich einem Rücktritt mich ent⸗ gegen ſehne.“ „Dann müſſen Sie aus dieſem Hauſe!“ rief Juſtine lebhaft:„ja Madame, Sie müſſen,— ehe Sie erfah⸗ ren „Was, Mademoiſelle?“ „Ich werde überlegen,— nachdenken, Sie dieſer Lage entreißen. Glauben Sie mir; ich will nur Ihr Heil, Ihres Lebens Wohl.“ „Erklären Sie ſich... „Ein Andermal... Morgen oder Uebermorgen! So eben ſchlägt die Stunde, in der ich ſchon zu Hauſe ſeyn ſollte. Ich verlaſſe Sie jetzt, um Sie bald gefaßter wieder zu ſehen. Veranſtalten Sie indeſſen, daß ich den Engländer hier nicht finde. Leben Sie wohl„meine Beſte. Keinen Dank für die Kleinigkeit, die ich Ihnen reichen durfte; ich wünſche, ich boffe, ein Mehreres für Sie thun zu können. Adieu.“ Juſtine ging in der heftigſten Bewegung von dannen. Die Lainez folgte ihr verlegen über den Hof; öffnete ihr die Pforte, und des Senators Tochter eilte die Gaſſe hinauf. James, der an der Ecke ihrer wartete, wie ein armer Sün⸗ der ſeines Richters, hätte zu keiner unpaſſenderen Zeit in ih⸗ ren Weg treten können. „Was wollt Ihr?“ fragte ſie ernſt und haſtig, und ſtreifte an ihm vorüber. „Mademoiſelle!“ entgegnete er verſchüchtert:„haſſen Sie mich nicht! ich wollte meine Reue. ich hatte nicht Ruhez.. darf ich nicht ein Wort. 2 „Incommodirt Euch nicht, Monſieur;“ ſagte Juſtine kurz:„Schleicht nicht an meiner Seite hin. Bleibt zurück. Ihr wißt bereits wie ich denke. Adieu.“ Der niedergedonnerte James blieb in der That, an der Geduld der Zornigen verzweifelnd, zurück, und ſchlug den Weg in eine andere Straße ein. Er rannte an einer be⸗ kannten Figur vorbei; an dem Kaufmannsdiener Berndt, der ihn von der Seite mit einem Blicke, ohne ihn zu grüßen, maß, und dann eiligſt der Jungfer folgte, die er wahrſchein⸗ lich von ferne, mit James redend, geſehen. White hatte indeſſen nicht Zeit, nicht Beſonnenheit genug⸗ über dieſe Begegnung nachzudenken. Die, wie er ſich be⸗ wußt war, verſchuldete Mißbilligung und Verachtung eines 120 geliebten Mädchens, auf deſſen Gedanken⸗Conſeguenz nicht gehörig gerechnet worden war, bekränkte ganz allein ſein Herz, erfüllte ſein Gemüth. Er verwünſchte im raſchen Laufe nach ſeiner Wohnung ſeine Beſtimmung, ſein Geſchick, ſeine Liebe, und den Zwang, dem er unterworfen. Mit thränen⸗ dem Auge und hochſchlagender Bruſt erreichte er ſein Stüb⸗ chen, und warf ſich, wie troſtlos auf das Lager. Er hatte nur wenige Minuten mit geſchloſſenen Augen ſeine Sinne geſammelt, als er hinter der Bretterwand, die ſein Gemach von dem Schlafkabinete des Doctors trennte, das Geräuſch einer aufgehenden und zufallenden Thüre vernahm. Er horchte, und unterſchied die Stimme des Doctors, die Stimme des Senators Müſſinger. „Erholen Sie ſich;“ ſagte der Erſtere:„in allen Verhält⸗ niſſen des Lebens iſt uns Faſſung am nöthigſten. Der Menſch iſt ſeiner Herr, ſobald er über ſeinem Schmerze, wie über ſeinem Glücke ſteht. Die Erinnerung an das Jahr 1690 hat Sie übel angegriffen. Hier ſtört uns niemand; hier lauſcht niemand.“. „Arme Clara!“ ſeufzte der Senator:„nach neun und zwanzig Jahren muß ſich Dein Andenken ſo grell in meinem Gehirne erneuern! In welcher böſen Zeit mein Freund! O, in welchen betrübten Stunden!“ „Clara iſt im Himmel, Herr Senator. Sie ſitzt zu den Füßen der Gebenedeiten, und ſieht gewiß ſegnend auf uns herab, denn dort oben löſcht jeder Groll aus, und Clara grollte Ihnen auch hienieden nicht.“ „Welche Reden, würdiger Herr! das ſind Worte des Tro⸗ ſtes, der unendlichen Zuverſicht auf unendliche Barmherzig⸗ keit! Aber— was hilft es? Ein ſtummer Fluch verfolgt 121¹ mich,— und weil mein frevelhafter Leichtſinn ein unſchuldig Herz gebrochen, bricht die Schuld das Meine.—“ „Der Schatz göttlicher Liebe iſt groß, unermeßlich. Ver⸗ trauen Sie dem Heiland. Ich darf ſeine Stelle auf Erden vertreten, wenn ein reuiges, nach Verſöhnung lechzendes Gemüth ſich vor dem Kreuze in Staub wirft. Sie erſchracken beinahe, Herr Senator, als ich, Vertrauen mit Vertrauen vergeltend, Ihnen bekannte, daß ich die Weihen meiner Kirche trage. Wollte die heilige Mutter Gottes, daß Sie auch derſelben angehörten! um zu erproben, ob ich den Be⸗ ruf und die göttliche Gnade zu meinem Stande beſitze.“ „O!“— ſtieß der Senator nach einigen Augenblicken mit Gram und Kummer heraus:„faſt wünſchte ich auch, einer der Ihrigen zu ſeyn, daß ich auf Milde und Vergebung rechnen dürfte.—“ „Die Sonne ſcheint dem Böſen, wie dem Guten;“ ant⸗ wortete der Doctor mit Salbung:„Der Verirrte hat in ſeinem Irrthum ſelbſt Anſpruch auf die Gnade ſeines Schöpfers: um wie viel mehr der Bereuende? der Entfrem⸗ dete, der einen Blick des Sehnens nach der traurenden Hei⸗ math zurückwirft? Beruhigen Sie ſich, beſter Freund. Das Wort, das Sie ſo eben geſprochen haben, macht Sie ſchon gleichſam zu den Unſrigen. Ich trage daher,— die Macht benützend, die unſere frommen Väter im Namen des Statt⸗ halters Gottes auszuüben begannen,— kein Bedenken, Ih⸗ nen die Tröſtungen unſrer Religion anzubieten, da Ihnen⸗ wie ich bemerke, diejenigen, welche Ihre bisherige Lehre Ih⸗ nen zu geben vermag, nicht zulänglich ſcheinen. Sammeln Sie Ihr Gedächtniß, mein werther Sohn, und erleichtern Sie Ihr Herz. Mein Ohr iſt Ihnen offen, und meine Hand 122 bereit, jeden Kummer aus Ihrer Bruſt zu nehmen, und den Balſam der Verſöhnung dafür hinein zu legen.“ Der Doctor ſchwieg, und James hörte Stühle rücken, den Senator verlegen huſten, und endlich mit unſicherer Stimme erwiedern: „Ich danke Ihnen, würdiger Herr, für die Wohlthat, die Sie mir zu erzeigen bereit ſind. Allein,— obgleich mein Herz ſich nach der himmliſchen Speiſe ſehnt, und ich nicht läugnen mag, daß es noch empört iſt von der ſtarren Härte, mit welcher der Diener meiner Kirche meinem kindlichen Ver⸗ trauen entgegen kam,— ſo muß ich doch nicht minder be⸗ kennen, daß die in der Jugend eingeſogenen Grundſätze und Lehren mir zu verbieten ſcheinen, von Ihrer barmherzigen Freundſchaft Gebrauch zu machen. Ich bin nie ein Kopf⸗ hänger geweſen,— leide nur ſeit einiger Zeit an den ſchwe⸗ ren Serupeln meines Gewiſſens,— ich darf nur von der mildeſten aller Religionen Milderung meines Zuſtandes erwarten,— aber— das iſt die Macht des Vorurtheils, wenn Sie es ſo nennen wollen, daß ich in meiner Angſt nicht weiß, ob ich in Ihren Vorſchlag eingehen darf, wenn ich gleich ſonſt an jeder Tröſtung verzweifle.“ „Herr Senator!“ lautete des Doctors ruhige und alſo⸗ bald folgende Antwort:„Sie gebrauchen das rechte, das wahre Wort. Vorurtheil! ſo heißt die ſchwere Kette, die das Herz an die Erde bindet, während es ſich umſonſt be⸗ ſtrebt, ſich zu Gott zu erheben. In der heidniſchen Fabel von dem Vogel Phönir finden Sie den Zuſtand einer mu⸗ thigen Seele angegeben, die, über Zeit und irdiſche Hinfäl⸗ ligkeit hinaus verlangend, ſich durch ein heilig Feuer reinigt, um mit Gott vermählt zu werden. Die Heiden verſtanden 123 ſelbſt die Fabel nicht, die ſie dichteten, aber dem wahren Chriſten muß ſie verſtändlich ſeyn. Er verbrenne in der Anſchauung des Höchſten den vom alten Adam umſponnenen Körper, und mit ihm alles Irdiſche, damit er in Gott ver⸗ jüngt werde. Er laſſe ſich nicht von weltlichen und irrthüm⸗ lichen Feſſeln halten, um das Wahre zu finden. Er ver⸗ ſchmähe nicht die herrlichſte Frucht, weil ihm etwa von Kindheit auf aberwitzige Leute geſagt haben, ſie ſey unge⸗ ſund.“ „Indeſſen,“ fuhr der Doctor fort, nachdem er einen Angenblick inne gehalten:„indeſſen rottet man das Vorurtheil, kür welches der arme, irrende Menſch nicht kann, nicht mit Gewalt aus. Die zarten Blumen verlangen von ihrem für⸗ ſichtigen Gärtner eine kluge, treue und ſanfte Pflege. Welche Milde entwickelt daher unſere Kirche, die, allen Läſterungen zum Trotze, dennoch die weißeſte, ſanfteſte— und freudigſte Gärtnerin im Paradieſe des Herrn iſt? Sie ſpricht alſo zu Ihnen, mein werther Freund und Beichtſohn: Es iſt nicht zu läugnen, daß gebieteriſche Umſtände das Abweichen von der gewohnten und vorgeſchriebenen Regel entſchuldigen. So gilt zu Zeiten das mündliche Teſtament eines vom gericht⸗ lichen Leſtiren abgehaltenen Sterbenden;— ſo gilt die Nothtaufe des Vaters, der Wehmutter, und im dringenden Fall tauft Wein oder Sand wie das reinigende heilige Waſſer.— Soll ich noch von den Begräbnißgebräuchen reden, die der Kapitän eines Schiffes, in Ermanglung eines Geiſtlichen an den verſchiedenen Matroſen verrichten darf? oder von der Abſolution, die im Augenblicke der Schlacht der Soldat ſeinem Nebenmanne ertheilen darf, als komme ſie aus Prie⸗ ſters Munde? Es wäre überflüſſig, mich weiter darüber zu 124 verbreiten. Ihre Seele liegt in Extremis, Herr Senator, und ob ein katholiſcher Prieſter oder ein Prädikant ihr bei⸗ ſteht,— gleichviel! wenn ſie nur geſundet!“ „Wahr, ehrwürdiger Herr!“ verſetzte Müſſinger:„je⸗ doch„ Der Doctor unterbrach ihn alſobald:„Mit wie viel größerem Rechte aber bietet Ihnen meine Kirche ihre trö⸗ ſtende Hand! Sie dringt ſich Ihnen nicht auf, ſie bettelt auch nicht um Ihre Genehmigung zu Ihrem Heil! Sie will Sie nicht erſt überreden, ſich zu ihr zu wenden; ſie macht alte Rechte auf Sie geltend. Wahrlich, mein Herr Senator, was auch Ihre Partei ſagen mag: Die katholiſche Kirche iſt Ihre Mutterkirche. Sie haben ihren Schooß verlaſſen; aber die Mutter hat Sie nicht aufgegeben. Sie ſind, indem Sie zu den Gebräuchen der katholiſchen, der Allgemeinen Kirche zurückkehren, kein Proſelyt für dieſe Letzte, kein Abtrünniger von Ihrer Sekte;— Sie ſind ganz einfach nur dem verirr⸗ ten Kinde zu vergleichen, das wieder ins Vaterhaus zurück⸗ kommt, und ſich an die gewohnte Stelle am Tiſche ſetzt. Die römiſche Kirche iſt Ihr Haus, auf welches ſich Ihre An⸗ ſprüche nicht verjähren, ſo wie ſich hinwiederum das Recht derſelben auf Sie nicht verjährt; ob es anerkannt werde, oder nicht. Darum begehen Sie nicht nur keine Sünde, ſondern Sie üben eine Tugend, wenn Sie dem Zuge Ihres Herzens ohne Zweifelmuth folgen, da es Ihnen ſelbſt ſagt, daß ich wahr geredet habe.“ „Ihre Worte rühren und ergreifen mich;“ ewiederte der Senator:„verlangen Sie aber nicht, daß mein ſo befan⸗ gener geängſtigter Geiſt ſich davon überzeugen laſſe. Ich bin keiner der Frommen in meiner Kirche, aber wenn es darauf 125 ankömmt, die dem Knaben eingepflanzte Lehre zu vertauſchen, ſo raſch, ſo unüberlegt.....“ „Verlange ich denn dieſes?“ fragte der Doctor ſehr ſanft:„Hat denn der Menſch ſeinen freien Willen umſonſt? Iſt denn die Kirche neidiſch auf den Pflegling, der einer irrthümlichen Idee nachjagt? Keineswegs. Dem Vater iſt es Freude genug, wenn der Sohn einmal wieder nach Hauſe kommt, unbekümmert, ob ihn der nächſte Augenblick wieder don dannen reiße. Weil die Mutter nur um Seinetwillen das Kind liebt, füllt ſie dem Scheidenden die Reiſetaſche mit köſtlicher Speiſe und mit Ruhe die Bruſt. Mag es dann wieder fremdem Zuge folgen; ſie liebt es nicht minder zärtlich.“ Sie meinen alſo, daß der Seelentroſt, den Sie mir ver⸗ heißen, von mir genoſſen werden kann, ohne daß ich aus der Glaubensbahn treten müßte, die ich bisher beſchritt? „Nichts faßlicher, als dieſes. Soll ich von Ihnen einen Eid verlangen, der Sie um nichts näher dem Vater bringt, dem Sie doch einmal angehören? Werde ich von Ihnen erſt ein Glaubensbekenntniß fordern, das von dem Verlan⸗ gen Ihrer Seele ſchon ausgeſprochen wurde? Ohne es zu wiſſen, waren Sie ſchon wieder der Unſrige geworden,— und iſt, mein werther Beichtſohn, in Ihrem Sünden⸗Be⸗ kenntniſſe und der daraus entſpringenden Vergebung, der erneuerte Bund mit der wahren Kirche erſt aufgegangen⸗ ſo iſt Alles geſchehen, was Sie im Grunde bedürfen. Sie ſind im Innern wieder geworden, wozu Sie Gott erſchuf, und das genügt uns. Von ihrem Gutdünken, und der For⸗ derung Ihrer Seele allein wird es abhängen, ob Sie nicht in der Befolgung aller Gebräuche unſrer Kirche eine größere, 126 Beruhigung finden möchten. Die Weisheit Gottes und ſei⸗ nes Stellvertreters auf Erden ermächtigt uns, in den Fällen, deren Gewicht unſre Nachſicht verlangt, den Rücktretenden, den heimkehrenden Söhnen und Töchtern, jede öffentliche Ausſprechung dieſer Handlung zu erlaſſen, damit die Ver⸗ einigung mit der allgeliebten Mutter, dem Vater und dem Sohne, und dem Geiſte, nicht durch weltliche Rückſichten und Bedenklichkeiten aufgehalten oder gar verhindert werde. Doch dieſes berührt Sie vor der Hand nicht, mein werther Beicht⸗ ſohn, den ich als einen Gaſt freundlich zum Tiſche des All⸗ barmherzigen lade. Machen Sie ſich demnach keine weitere Ge⸗ müthsbewegung; ſammeln Sie Ihre Gedanken, und beginnen Sie, im Namen der heiligſten Dreifaltigkeit, die unge⸗ ſchmückte ſchlichte Schilderung des Kummers, der Sie be⸗ drängt, und der Sünden, von denen Wir Alle nicht rein ſind, in meinen Schoos niederzulegen.“— James hörte, wie hierauf der Senator mehreremale heftig auf und ab ging, wie er ſich alsdann mit einem tief aus der Bruſt geholten:„Ach! in Gottesnamen denn!“ neben dem Doktor niederließ,— wie er mit gedämpfter Stimme begann, demſelben ſein Herz zu eröffnen. Ein unbehagliches Gefühl, mit dem Gedanken verbunden, daß es edler und ge⸗ wiſſenhafter ſeyn würde, nicht länger den Horcher abzugeben, — die Scheu endlich, ein Beichtgeheimniß zu erlauſchen, vermochte den Jüngling, ohne Geräuſch dem Lager zu ent⸗ weichen, und ſich an das Fenſter zurückzuziehen, das in den Garten eine friedlich reizende Ausſicht gewährte. Er verlor ſich in den Träumen ſeines Verſtandes, in den Bewegungen ſeines Herzens, und ſein wachendes Auge theilte ſich mit dem Letztern in das Geſchäft: eine Täuſchung zu geben, die 2 127 dem Hellſehen ähnlicher iſt, als dem gewöhnlichen Spiele aufgeregter Einbildungskraft. Die Bohnenlaube des Gar⸗ tens geſtaltete ſich zu dem Hauſe des Senators, und darin⸗ nen waltete ein liebliches, wohlbekanntes Bild, das, einem Zauberwerke gleich, den Beſchauer durch unendliche Anmuth feſſelte, durch unendliche Seltſamkeit abſtieß. Dem jungen Engländer kam es vor, als ſey es ihm vergönnt, in das Innere Juſtinens einen ſcharfen Blick zu werfen; als ſey er auf dem Punkte, dieſes holde und quälende Räthſel zu ent⸗ ziffern. Juſtinens Blicke ſprachen Empfindung für den Freund, Liebe für den Liebenden aus, und vergebens ſchien der trotzige Mund es zu läugnen, das fremde Wort es zu verneinen. Ja⸗ mes ſah ſein Bild in ihrem Herzen leben, während ihre Hand es muthwillig von ſich warf. Warum wehrſt Du Dich gegen das Gefühl, das uns verbinden möchte? fragte ſeine Zunge ſtille vor ſich hin: Siehſt Du denn nicht, daß ich dennoch im Grunde Deiner werth bin? daß mein Herz nicht böſe, meine Seele ohne Falſch iſt? Betrübe Dich doch nicht um meiner Handlungen willen! Verachte mich doch nicht um ihretwillen! Sie ſind mir ja von einem harten Lvoſe aufge⸗ geben: noch bin ich zu ſchwach, den Bann zu zerreißen, der mich zu einem Maskenſpiele zwingt, das ich Muth haben möchte, zu verabſcheuen, und zu endigen! Ich kann ja nur durch Deine Liebe zum Manne werden, nur in Dir meine Stütze finden, ſo wie Du in mir, denn verwaist ſtehen wir beide: Du, einſam im Vaterhauſe zwiſchen den lebendigen Eltern,— ich, in der Fremde, zwiſchen dem Schaffot, das meinen Vater, und dem öden Grabe, das meine Mutter verſchlang! Wenn ich Dich rufe, damit Du mich zu kühner That begeiſterſt,— wirſt Du mich nicht hören? Wenn ich 128 meine Arme nach Dir ausſtrecke, um Dich an mein Herz zu ziehen,— wirſt Du Dich ewig ſträuben?— Das Bild der Geliebten entzog ſich den Armen des Jünglings nicht; es beugte ſich aus den ſpiegelhellen Fenſtern,— heller, klarer als dieſe; ſeine Bruſt pochte vor Entzücken, ſeine Hand zit⸗ terte vor Wonne, und doch blieben der Sehnende und die Gewährende getrennt. Ein dunkles Feld ſchob ſich zwiſchen Beide. Ein Thurm ſchoß auf aus der Tiefe, und trug Ju⸗ ſtinens Geſtalt bis zu den Wolken, daß der Zurückbleibende bald ihre Züge nicht mehr unterſcheiden lonnte. Statt ihres glänzenden Auges blinkte ein vergoldeter Thurmknopf auf die Waſſerwüſte hernieder, die auf ihren unſtäten Wellen den Jüngling fortzureißen ſchien. Wie vorhin die Laube zum Hauſe, ſo wurde nun die hochſtrebende Tanne zum Maſte, von welchem ſchwarze Wimpel flatterten. Je friſcher der Wind über des Gartens Blumenbeete ſtrich, und deren Häupter bewegte, je drohender ſchienen die Waſſer zu ſchwel⸗ len, und James ängſtigte ſich, von Heimweh und Sehnſucht gemartert, auf der reißenden Fahrt. Wohl klärte ſich der betäubende Schwindel wieder in ein helles Bewußtſeyn auf; — wohl warf an den Ufern eines reizenden Landes die Hoff⸗ nung den Anker aus, und es raſtete der fluthenſchneidende Kiel... wohl winkte aus dem Myrthengebüſch am Strande, aus den Palmenwipfeln der Höhen ein reizendes Weib, ver⸗ führeriſch in ihrer Anmuth und in fremder Tracht und Sitte.„James konnte nicht weilen im herrlichen Gebäude, durfte nicht⸗ raſten, wie das verlaſſene Schiff. Juſtine ſchwebte ja über den blauen Bergen des Horizonts; ihre verſagende Geberde, ihr ſtrenges Lebewohl, riß ihn ja dahin wie mit Göttergewalt,— bis unter den Blätterbehängen 129 eines lautloſen Waldes ihre Huldgeſtalt verſchwand, ihr abmahnender Ruf verhallte. James konnte ihr nicht mehr in das Innre jenes geheimnißvollen Waldes fol⸗ gen, denn ſeine Sinne endigten, erſchöpft von den über⸗ menſchlichen Hinderniſſen, die ihre eigene Laune gebar, das trügeriſche, peinliche und dennoch angenehme Spiel. Es war mit einem Schlage Alles um ihn her, wie zuvor; der Thurm zurkleinen Laube, der ſchwarzgewimpelte Maſtzur düſter belaubten Tanne geworden. Das wogende Meer hatte ſich wie⸗ der in ein Blumenfeld, die Myrthenbekränzte Küſte in des Nachbars wohlgeſchmückte Orangerie verwandelt; der blaue Gebirgsrücken in das hohe Schieferdach der Pauluskirche; der ſchweigende Wald in die Pappelſpitzen des zu St. Paul gehö⸗ renden Friedhofs. Das Schauſpiel war vorüber, und den Ge⸗ danken des Jünglings wurde ſogar verwehrt, ihm einen grü⸗ belnden Epilog zu halten, denn die Herren im Nebenzimmer, die wieder angefangen hatten, laut zu ſprechen, erregten des faſt unwillkührlich Lauſchenden Aufmerkſamkeit. „Sie können von der Sünde, die Sie ſich zuzurechnen ha⸗ ben, nur in Ihres Gewiſſens Buße und im Gebete Be⸗ freiung finden;“ hob der Doctor ernſt und mit bewegter Stimme an:„Gott und die Barmherzigkeit find Eins; ich darf Ihnen im Namen des Allbarmherzigen Vergebung zu⸗ ſichern, und muß jetzo doppelt beklagen, daß Ihre Eltern Sie den Gebräuchen der wahren Kirche entfremdet haben: ein Irrthum, woran Sie unſchuldig ſind; der aber nichts deſto weniger ſtörend auf Ihren Seelenzuſtand in vorliegen⸗ dem Falle einwirken muß.“ „Wie das, mein würdiger Vater?“ fragte der Senator und erchſöpfter Stimme. . „Hätten Sie den Muth, den Willen, mein Sohn,“— begann der Doctor wieder,—„mehr als ein Gaſt am Tiſche Ihres Vaters, in den Armen Ihrer Mutter zu ſeyn,— würden Sie aufhören, die heiligen Glaubenslehren wegzu⸗ weiſen, die allein unſere Glückſeligkeit ausmachen,— in einem Augenblicke würde Ihr Herz beruhigt, glücklich ſeyn. Ich dürfte Sie los ſprechen; das Vergangene gänzlich un⸗ geſchehen machen. Vermittelſt einer kleinen Buße, die den Armen zu Gute käme, und einiger geiſtlichen Betrachtungen könnte ich jedweden Fehler von Ihrem Haupte nehmen, während ich jetzo nur als Freund Sie auf des Ewigen Liebe zu verweiſen habe. Ihre Prediger, mein Lieber, ſind gut und böſe, wie die Welt; aber die Beſten unter ihnen, die Gelehrteſten, wie die Spitzfindigſten, die Tuge dhafteſten wie die Klügſten, ermangeln des Stempels, der ihrem Thun die Weihe aufdrücken könnte. Gewandtheit in der Rede und in der Dialektik iſt nicht die Gelehrſamkeit vor Gott, dem das Opfer lieber iſt, als ein wohlgeſetzter Sermon. Ihre Prediger, Herr Senator, ſind nicht Prieſter, und gleichwie ihr Gewand ſich dem Weltlichen nähert, ſo iſt leider ihr Geſchäft nur ein Weltliches. Uns iſt vom Heiland die Macht vertraut, zu löſen: Darum ſprechen wir mit voller Zuverſicht die zuverſichtigen Glaubensbrüder kos, während Ihre Geiſtlichkeit, indem ſie dem Gewiſſen des Pönitenten und einem oberflächlichen ſorgloſen Vertrauen auf den Höch⸗ ſten alles Sündenweſen anheimſtellt, an jedem Beichttage eine Sünde inehr auf das Haupt derjenigen ladet, die ihr glauben.“ „Sie ſprechen hart ab, würdiger Herr.“ 131 „Nicht ſo hart, als man über uns das Verdammungs⸗ urtheil fällt. Gott duldet aber dieſe Schmähungen ſeiner Kirche, damit ihr Sieg einſt glänzender werde. Seine Lang⸗ muth kennt nur die weiteſten Grenzen. Hin und wieder warnt ſie ſcharf, aber der taube Irrende überhört den Ruf der Warnung. Ein Beiſpiel, mein Lieber. Es ſind kaum ſechs Monden verfloſſen, ſeit an einem Vorbereitungs⸗ und Beichttage in der Johanniskirche, plötzlich, wie aus heiterem Himmel kommend, ein Blitzſtrahl in die Emporkirche ſchlug, die Orgel beſchädigte, das in Marmor gehauene Evange⸗ lienbuch über dem Altare zertrümmerte, und durch ein offen⸗ ſtehendes Fenſter in's Freie fuhr. Sehen Sie hierin einen Fingerzeig des Ewigen, der in ſeinem Gewitter warnte, und dennoch nicht ſtrafte, da kein Menſch beſchädigt wurde, und der Organiſt mit einer leichten Betäubung davon kam. Der Tag, an welchem dieſer merkwürdtge Vorfall Statt hatte, das kecke Sinnbild, das der Blitz zertrümmerte, Alles erregte die gerechten Bedenklichkeiten der Menge, die immer mehr bereit iſt, Gottes Willen zu erkennen, als ihren Füh⸗ rern lieb iſt. Ihre Geiſtlichen verkündigten freilich von den Kanzeln, daß man den Schöpfer beleidigen würde, wollte man in der reinen Zufälligkeit jener Naturerſcheinung den Ausdruck ſeines Zorns erkennen. Was ſoll man jedoch von den gelehrten Männern denken, die am folgenden Tage vielleicht mit äller Wärme den Satz vertheidigen, daß kein Sperling von dem Dache, kein Haar von unſerem Haupie faͤllt, ohne den Willen des Allmächtigen?— Den ſchlechten Vogel auf dem Dache alſo, das dünne Haar auf unſerem Scheitel vermag er zu halten, aber nicht das Gewitter, auf 9* 132 dem er daherfährt? nicht den Blitzſtrahl, ſeinen fürchterlichen Macht⸗ und Zornboten?“ „Ich ſehe Sie in Gedanken vertieft;“ fuhr er nach einer Pauſe fort, während welcher ſich der Senator ganz ruhig verhielt:„Laſſen Sie uns abbrechen. Die Gnade des Herrn arbeitet an Ihrer Wiedergeburt. Folgen Sie Ihr. Jeder Menſch iſt zur Gnade reif, wenn er nur will, und die Wege zur Beſſerung einſchlägt. Jeder Sünder oder Irrende, der das Heil ſucht, hat Theil an demſelben, weil Chriſtus es für Alle durch ſein Blut erworben hat, und man muß ge⸗ rade nur Janſeniſt ſeyn, um dieſen Troſt läugnen zu wollen. Gehen Sie hin: ich bin überzeugt, daß Sie nach den acht Tagen Bedenkzeit, die ich Ihnen hiemit erlaube, freudig zu mir zurückkehren werden, um das Kleid der Unſchuld völlig anzuziehen.“ Der Senator ſeufzte wieder ſchwer, und ſetzte zögernd hinzu:„Was die Summen betrifft, würdiger Herr, welche den Betrag der Wechſel ausmachten mich peinigt der Betrug des Augenblicks. Ich könnte freilich,— Dank ſey es jenem blinden Glückszufall,— dem Erben die Summen abtragen, allein ſchon zirkuliren ſie im Handel. Mein ge⸗ ſunkener Credit bedurfte ſtarken Aufſchwungs,— jetzt kann ich das Geld nicht wohl ermangeln. In einigen Jahren allenfalls,. der Himmel behüte mich, es gänzlich abläugnen zu wollen aber. wie geſagt.. „Ich weiß bereits;“ verſetzte der Doctor:„ich glaube, daß Sie vor der Hand die fraglichen Summen gar wohl behalten dürfen. Wären Sie unſers Glaubens, ich würde unumwunden ſagen: Behalten Sie das Geld, mein Sohn. Ihr redlicher Wille, es einſt wieder zurückzuzahlen, genügt 133 der Moral vollkommen, da— Erſtens— Sie ſich durch die einſtweilige Verwendung der Summen aus der bedenklichſten Lage retten, und Selbſterhaltung die erſte Pflicht iſt; da— Zweitens— der jetzige Creditor in ſeinem Reichthume des Geldes nicht bedarf. Bei Ihnen iſt periculum; die Gelder, einſt mit Intereſſen zurückgegeben, werden ihm doppelt er⸗ wünſcht kommen. Sollte hingegen zu jener Friſt er ſelbſt nicht mehr leben, und keine Familie hinterlaſſen, ſo befreien Sie, der Kirche eine Stiftung von dem Gelde machend, Ihr Gewiſſen völlig. Wären etwa Hinterbliebene vorhanden⸗ fo genügen Sie den Anforderungen der Moral, wenn Sie unter dieſe und die Kirche den Betrag gleich vertheilen: denn, da die Erben perſönlich kein Unrecht erlitten, ſo entſchädigt ſite vinlänglich die Hälfte, während die andere, zu milden Stif⸗ tungen verwendet, am zweckmäßigſten die Rechnung mit dem Verſtorbenen ausgleicht.“ „Sie ſind ein wackerer, kluger Mann, verſicherte der Senator mit leichterem Herzen:„Ich fühle Vertrauen zu Ihnen, wie zu keinem Menſchen auf der Welt. Sie beruhigen meine Seele durch einige Worte mehr, als alle unſere Geiſtliche durch ihre ſtrengen Forderungen und ſchwülſtigen Neden. Ihre Sittenlehre paßt in die Welt, wie ſie iſt. Sie verſtehen die Bedürfniſſe eines Hausvaters und Geſchäfts⸗ mannes zu beachten. Wenn nur die Geſtalt des armen Birsher von mir weichen wollte!“ „Die Abſolution iſt der beſte Exorcism gegen die Ge⸗ ſpenſter des Gewiſſens. Nur die Losſprechung wälzt den Fels, den verſchuldeten, von Ihrer Bruſt. Sie wiſſen den Weg zur Gnade. Wählen Sie in Zeiten.“ 134 „Wenn mich nur die Furcht vor Sünde nicht abhielte, meine Sündhaftigkeit zu heilen!“ ſagte der Senator ängſt⸗ lich:„Ich armer Menſch!“ „Wir halten häufig für Sünde und Verbrechen, was eine gleichgültige Handlung iſt. Menſchenſatzung iſt immer voll von Fehlern, und das Lutherthum iſt eine ſolche. Der heilige Petrus konnte uns wohl Worte vom Himmel bringen: er vernahm ſie aus dem Munde ſeines himmliſchen Meiſters. Der Auguſtinermönch von Wittenberg konnte Ihnen nur Weltliches lehren. Wir öffneten ihm vie Arme, er ſtieß uns verſtockt zurück. Wer handelte hier im Geiſte des ver⸗ föhnlichen Gottes? Ein Cardinalhut hätte den ehrgeizigen Mönch beſchwichtigt und zahm gemacht; die demüthige Kutte behagte ihm nicht mehr. Am römiſchen Hofe nannte man es Verbrechen, den Widerſacher durch heilige Würden kirren zu wollen. Er nannte es zu Worms ein Verbrechen, der milden Mutter reuig entgegen zu kommen. Was iſt alſo Sünde, ſo lang die Welt es mit Recht und Unrecht zugleich hält? Würde man zu Hamburg Ihnen ein Verbrechen dar⸗ aus machen, daß Sie in der Lotterie ſpielten, und das große Lvos gewannen? Gewißlich nicht, während man Sie hier, würde es bekannt, aus dem Senate ſtoßen würde.— Wird ein unbefangener Menſch Sie eines Verbrechens be⸗ ſchuldigen, weil Sie nun wiſſen, daß ich ein katholiſcher Geiſtlicher bin, und weil Sie nicht hingehen, um mich zu denunziren, damit man mich aus der Stadt bringe? Sicher: nein. Und doch würden Sie Ihrer Würde verluſtig und in ſtarte Geldbuße verfallen ſeyn, erführe es die Stadt. Thun Sie Recht, bereuen Sie das Vergangene, damit Gott Ihnen vergebe. Werden Sie einer der Unſern, daß ich die Freude — 1½ haben kann, Ihr Gewiſſen gänzlich zufrieden zu ſtellen. Dahin gehe ihr Trachten. Beſuchen Sie mich, wie Nikodemus den Herfn⸗ im Stillen: Sie ſollen immer in mir den ver⸗ ſchwiegenſten, den treuſten Freund finden.“ „Der Engel Klara ſpricht für Ihre Tugend und Ihre Liebe!“ rief der Senator unter Thränen, die an des Doctors Bruſt zu ſtießen ſchienen. „Um Klara's willen alſo, Herr Senator;“ verſetzte der Doctor eindringlich:„Muth! heilſamer Entſchluß! Vertrauen zu mir und meinen Worten. Um Klara's Willen, armer zweifelnder Mann!“ Nach einer kurzen Stille hörte der junge Engländer den Senator fortgehen. Der Doctor rief nach ſeinem Frühſtück, ſang ſeinem Lieblingsvogel eine Melodie vor, und als James die Taſſe klirren hörte, glaubte er, es ſey an der Zeit, dem Pflegvater ſich vorzuſtellen. Der Doctor hatte die Gewohnheit, ſich zur Zeit des Frühſtücks in ſein Kabinet zurückzüziehen, um daſelbſt unge⸗ ſtört ſein Brevier beten zu können. James fand ihn damit beſchäftigt. Leupold legte das Buch indeſſen alſobald weg, und ſagte heiter:„Goten Morgen, mein Sohn. Du findeſt mich erfreut, denn Gott will erlauben, daß ich wieder eine Seele zu dem Freudenreiche der alleinſeligmachenden Mutter zurückführen darf. Wie hat ſich Deine Bemühung belohnt, James? Ich glaube, Dich in der Kapelle geſehen zu haben.“ James berichtete mit Bedauern und Achſelzuen. Der Doctor hörte aufmerkſam zu.„Recht gut! ſagte er alsdann: finde keinen Grund zum Verdruß und zur Mißbilligung. Das Mädchen hat, wie Du ſagſt, mit geſpannter N Neugierde die Meſſe abgewartet? folglich hat die heilige Handlung Eindruck auf daſſelbe gemacht. Der Reiz des Myſteriöſen vollendet die gegebene Richtung. Plaudern wird Juſtine nicht. Sie ſcheint feſter und verſchloſſener zu ſeyn, als Mädchen gemeinhin zu ſeyn pflegen.— Die Lainez ſoll hier ihr Meiſterwerk machen. Seitdem ſie hier iſt, hat ſie, den jungen Pahlens ausgenommen, keine Seele gewonnen. Die Frau iſt noch zu jung, zu hübſch, zu eitel, um mit Vortheil wirken zu können. Sie wirft ihre Netze nach den Männern aus, während ſie die Frauen erobern ſollte. Die Kunſt, die ſie beſitzt, ihr Aeußeres zu formen, wie es die Nothwendigkeit erheiſcht,— ihre Geſchicklichkeit, den Prote⸗ ſtantismus auszuhängen, um eben durch dieſe Liſt für die gute Sache zu werben,— dieſe lobenswerthen Eigenſchaften find mir wohl bekannt; aber ich wünſchte dennoch, der Pater Superior hätte mir eine andere Mitarbeiterin, älter, ge⸗ diegener, zuverläßiger, an die Seite geſtellt. Eine ſolche würde auch Dich, mein Sohn, mehr zu begeiſtern vermögen, als dieſe Lainez kann, von der Du Dich augenſcheinlich abwendeſt.“ „O, mein Vater;“ entgegnete James mißmuthig:„die heuchleriſche Lainez, wie ich, wir ſpielen eine recht gehäſſige Parthie.“ „Wieder die alte Klage?“ fragte der Doctor finſter: „Du wirſt mich zwingen, Dich vor Beendigung meiner Miſſion in's Noviziat abgehen zu laſſen. Schweige, wenn Du nichts Verſtändigeres vorzubringen weißt. Dort liegen Frachtbriefe,„Rechnungen, und zu beantwortende Miſſiven. Schreibe ab, trage in's Buch und auf mein eigenes Regi⸗ ſter. Vergiß nicht nachzurechnen, mein Sohn. Der Anſatz der Medizinalkräuter und Farbehölzer, den mir der Pater 137 Thomas Coſedro von Aſſumption beigelegt hat, ſcheint mir übertrieben. Sieh vorläufig nach, bis der Kapitän ſelbſt angelangt ſeyn wird. Ich erwarte ihn bald. Ich werde nun ausgehen, und mein Brevier im Freien leſen, und bei Spaldinger Wechſel für das Provinzialat negoziren, und dem Himmel danken, daß er unſers Ordens Bemühungen in hieſiger Stadt mit außerordentlichem Gedeihen ſegnet. Wir zählen bereits mehrere bedeutende Männer zu unſerer kleinen Gemeinde, und der Beitritt eines einflußreichen Rathsherrn ſoll unſerer Miſſion, mit Chriſt i Hülfe, größere Sicherheit und ein erfreuliches Beſtehen erleichtern. Gott erleuchte Dich, mein Sohn, und behüte Dich, bis zum Wiederſehn!“ Wie der Doctor, nachdem er ſein Haus verlaſſen, ſeine Wechſelgeſchäfte verrichtet, wie er ſodann unter den Bäumen der ſogenannten Brunnenhaide ſeine Gebete mit geflügelter Zunge abgethan,— im Voraus wegleſend, was noch zum Nachmittag aufbehalten hätte bleiben ſollen, bedarf keiner weitläufigeren Beſchreibung. Zufrieden, von Niemand in ſei⸗ ner Andachtsübung geſtört worden zu ſeyn, ſchob er das Buch in die Taſche, und ging zur Stadt zurück⸗ berichtigte an der Brücke auf's Pünktlichſte den Zollpfenning, grüßte freundlich und ergebenſt alle Gutgekleideten, die an ihm vorüber ka⸗ men, und nickte mit verſtohlener Herablaſſung einigen gemei⸗ nen Arbeitsleuten zu, die eben ſo verſtohlen beim Läuten der Nittagsglocke ihre Kappe zogen. Die Hölflichkeit des klugen Mannes erſtreckte ſich ſogar auch auf lebloſe Gegenſtände. Vor dem Schilderhauſe an der Thüre des erſten Bürgermei⸗ ſters, vor dem Stadtwappen über dem Thore des Rathhau⸗ ſes, vor den Kanonen der Hauptwache, zog er den Hut ab, und entblöste ſein Haupt beinahe vor jedem anſehnlichen Hauſe, wenn gleich aus deſſen Fenſtern Niemand fah. So⸗ bald er wieder in die engen Straßen ſein Viertels kam, machte die Demuth dem Selbſtbewußtſeyn Platz, und in der That war eine in jener Gegend vorfallende Begebenheit ganz dazu geeignet, ſeinen Ideen eine andere Richtung zu verlei⸗ hen. In einem engen Gäßchen ſtanden alle Bewohner vor den Thüren. Viele fremde Nachbarn aus den anliegenden Straßen erfüllten den Eingang des Gäßchens, und all' die zerſtreuten Gruppen gafften nach einem Hauſe, das auf ſei⸗ nem Aeußern ſchon das Gepräge der Armſeligkeit trug, hätte man auch nicht an deſſen Fenſtern die blaſſen, von Schmutz und Hunger entſtellten Kindergeſichter geſehen, die daraus auf die ſchwatzenden Leute ſtarrten. Schon hatte ſich der Doctor zu einem Trupp plaudernder Schuſtergeſellen gewen⸗ det, um Erkundigungen einzuziehen, als aus dem Hauſe, nach welchem alle Blicke ſahen, der Paſtor der Johanniskirche trat; im Amtskleide zwar, aber mit dem feindſeligſten Geſichte. Dem heftig ausſchreitenden und ſchnaubenden Manne folgte der gutmüthige Arzt Häckel, den das Volk gemeinhin nur den Armendoctor nannte, und verſchwendete manches gutge⸗ meinte Wort des Zuredens. Mehr noch indeſſen, als des Arztes Fürſprache griff das Geſicht und das Aeußere eines andern Mannes, der hinter dem Arzte einherſchlich, an jedes halbmenſchliche Herz. Der Prediger in ſeinem Unmuthe wurde jedoch nicht ge⸗ rührt. „Keine Begleitung, keine Nachrede!“ ſagte er heftig: „Verehrteſter Herr Doctor Häckel! kein Jota weiter! und Er, Monſieur, ſchweige Er vollends. Ich mag kein Wort an Ihn verlieren. Er hat mich betrogen, mir und der Bürgerſchaft 139 ein Scandalum gegeben. Hätte ich von Anfang gewußt, mit welchem nebulone; mit welchem Gelichter ich's zu thun ha⸗ ben ſollte,. nicht einen Schritt weit wäre ich gegan⸗ gen! nicht Seine Schwelle hätt' ich betreten!“ „Aber, ehrwürdiger Herr Paſtor! eine Sterbende.. ſtammelte der ſo unſanft Zurechtgewieſene. „Was kümmert das mich?“ eiferte der Geiſtliche mit gröſ⸗ ſerem Unwillen:„Wie gelebt, ſo geſtorben. Wem Ihr Leute im Leben angehörtet, dem bleibt auch im Tode. Helf' Euch der, dem Ihr Euch übergeben, Ihr Auswurf!“ Er ging mit allen Zeichen fortdauernden Zorns aus der Gaſſe, und die Mehrzahl der Gaffenden zog hinter ihm drein. Der Doctor ſah noch, wie der gutmüthige Arzt Häckel dem in ſeiner Betrübniß verſtummenden Bewohner jenes Häus⸗ chens ein Stück Geld in die Hand drückte, wie er, mitleidig, aber ohnmächtig die Achſeln zuckte, und ſich dann eiligſt ent⸗ fernte. „Dem hat's der Pfarrer recht geſagt!“ lachten einige rohe Burſche im Vorübergehen; und auf Leupolds Befragen er⸗ wiederte ihm ein alter Bürger, der, traurig den Kopf ſchüt⸗ telnd, ſich ebenfalls zum Gehen wendete: „Lieber Herr, Sie glauben nicht, welch ein Jammer das iſt! Der Paſtor mag wohl im Grunde Recht haben, aber hart iſt's, wenn man bedenkt, daß die Armen doch Menſchen ſind!“ „Erkläre Er ſich genauer, mein Freund.“ „Sie müſſen wiſſen, lieber Herr, daß der blaſſe Menſch, der eben wieder wie ein Verzweifelter in's Haus geht, ein Komödiant iſt. Er gehört zu der Bande, welche mit Erlaub⸗ niß des preislichen Magiſtrats in der Bude auf dem 140 Schwanenmarkte ſpielt. Vor acht Tagen ſind die Leute erſt angekommen, und jener Mann, der eine ſchwerkranke Frau und vier oder fünf Kinder mit ſich führt, hat bei dem Wagner⸗ meiſter Ulrich eine Wohnung gefunden. Die Menſchen be⸗ helfen ſich gar kümmerlich in der feuchten Stube, und ſchla⸗ fen, ſo zu ſagen, auf der ſchwarzen Erde. Da iſt die Frau nun kränker geworden, und bis an's Sterben gekommen. Der Armendoctor, der um Gotteswillen zu ihr kam, und die Arznei aus ſeiner Taſche bezahlt, hat dem armen Mann ver⸗ traut, wie ſchlimm es mit dem Weibe ſteht, und ihn aufge⸗ fordert, ſich nach geiſtlichem Zuſpruch umzuſehen. Der Pa⸗ ſtor iſt zwar wie der Blitz bei der Hand geweſen, aber kaum hat er gehört, daß die Frau eines Komödianten Weib ſey, und— wie ich meine,— demſelben nicht einmal angetraut, als er ihr das Abendmahl verſagte. Wie es alsdann mit dem Begräbniſſe gehen wird, das weiß Gott.“ Der Doctor ging, an der entſetzlichen Lage der Armen Antheil nehmend, auf das elende Häuschen zu, blickte durch's Fenſter, und überſah eine Scene des Jammers, die ſich je⸗ des fühlende Herz verſinnlichen mag. Das Weib lag, von Verzweiflung und Schwäche gleich erſchöpft, auf dem elen⸗ deſten Strohlager, und lallte die Worte:„Ach, Joſeph! Jo⸗ ſeph! warum ſind wir nur geboren worden? Ach, wie ver⸗ läßt uns Gott! Ach! was ſoll aus den Kindern werden!“ Und die Kinder ſchrjeen, und der Mann ſtand im Win⸗ kel, drückte beide Hände vor die Augen, und das eiskalte, bleiche, abgezehrte Geſicht ſprach mehr, als Worte vermocht bätten. Des Doctors Herz wurde aber noch einmal ſo ſchwer, als er in des Mannes Zügen, beſonders dann, als er wie⸗ der die Augen öffnete, und wild zum Himmel hob, die Züge 144 eines bekannten Geſichts erblickte. Er klopfte raſch an's Fen⸗ ſter. Langſam öffnete es der Trauernde. Der Doctor reichte ein Scherflein hinein, und fragte leiſe:„Wie iſt Euer Na⸗ me, mein Freund?“ „Ich heiße Wohlgemuth, mein Herr.“ Der Doctor ſchüttelte den Kopf.„Das iſt nicht Euer wahrer Name, Mann Gottes. Sagt mir den rechten.“ Der Menſch ſah ihn verwundert an, und rieb ſich verle⸗ gen die Hände. „Ich wundre mich, daß ich meinen ächten Namen nicht ſchon vergeſſen habe;“ ſagte er ſchmerzlich:„aber weil Sie ſo beſtimmt fragen, will ich ihn doch wieder einmal aus dem Gedächtniß hervorholen. Ich hieß einmal Joſeph Litzach.“ „Weiß Gott! er iſt's!“ ſagte der Doctor, wie vor ſich hin.„Ich kenne Euch,“ ſetzte er bei:„ich wünſche mit Euch unter vier Augen zu ſprechen.“ Der Mann deutete kummervoll auf die dahinſchmachtende Frau.„Bevor es nicht hier vorüber iſt...“ fagte er leiſe, „kann ich nicht ausgehen. Der Doctor meint: um die dritte oder vierte Stunde Nachmittags... der Pfarrer wird's wohl noch um ein Stündchen beſchleunigt haben... Dem Doctor traten die Thränen in die Augen.„Ver⸗ traut auf Gott!“ er:„Ich will Morgen wieder vor⸗ beikommen.“ „Bewahre!“ entgegnete Litzach haſtig:„Sagen Sie, mein Herr, wo ich Sie antreffen kann. Ich kann heute noch zu Ihren Dienſten ſeyn, wenn nicht Gott an meiner Alten ein Wunder thut. Um vier Uhr haben wir ohnehin Komödie. „Wie? und Ihr agirt mit, an dieſem Trauertage?“ 142 „O, mein Herr, darnach fragt der Principal nicht. Ich käme um den Wochenlohn, um's ganze Brod. Wir agiren heute eine Schnurre, und ich muß darinnen den Hanswurſt machen, luſtig, recht luſtig, damit das verehrte Publikum lacht, wenn mir auch das Herz unter der bunten Jacke ent⸗ zwei ginge.“ Der Doctor fand keine Worte. Litzach fuhr aber bald wieder fort:„Um ſechs Uhr ſtehe ich zu Dienſten, mein Herr. Wenn Sie allenfalls um dieſe Zeit auf der Mailbahn am Schwanenmarkte luſtwandeln wollten ich will mir aus des Principals Kleiderkammer einen reputirlichen Rock bor⸗ gen, damit ich Ihnen keine Schande mache. Jetzt aber.... entſchuldigen Sie. Meine Alte ruft ihren Joſeph. Vielleicht muß ich ihr jetzo ſchon Lebewohl ſagen....“ Leupold nickte ſtumm mit dem Kopfe, und ging betrübt weiter, während der Schauſpieler wieder ſein Fenſter zu⸗ machte. Der Doctor benützte den Umſtand, daß er an einigen Häuſern heimlicher Glaubensgenoſſen vorbeikam, um mit ei⸗ nem Worte Litzachs arme Familie ihrem Mitleid zu empfeh⸗ len. Die Leute waren alſobald bereit, einiges Eſſen und ein Paar Pfennige hinzuſchicken. Der Dürftige iſt am Er⸗ ſten geneigt, dem Dürftigen beizuſtehen. Dem Doctor war es lieb, durch die Begegnung eines an⸗ dern Bekannten aus ſeihen trüben Gedanken geriſſen zu wer⸗ den. Aus ſeinem Hauſe trat ein rüſtiger Seemann in brau⸗ nem Rocke und mancheſternen Beinkleidern, tüchtigen Schu⸗ hen mit großen ſilbernen Schnallen, das Halstuch nachläßig in den Schifferknoten geſchlungen, und ein derbes ſpaniſches 143 Rohr in der Hand. Der bordirte Hut mit der auszeichnen⸗ den Schleife verrieth den Kapitän. „Grüße Sie Gott, Ew. Hochw Herr Doctor, wollt' ich ſagen!“ rief der Kapitän in tiefem Baſſe:„Ich wollte eben ein Paar Dutzend Tonnen Teufel reklamiren, weil ich Sie nicht zu Hauſe gefunden. Sie müſſen, Gott beſſre mich! mit mir zu Mittag ſpeiſen; ſpäter als gewöhnlich, aber gut und herzhaft, wie's ein Seehund gerne hat. Um eilf Uhr bin ich aus der Kaleſche geſtiegen, und habe im goldnen Schwan mein Abſteigquartier genommen oder, beſſer geſagt, Anker geworfen.“ Somit nahm er den Doector vertraulich, aber ergebenſt unter dem Arm, und ſteuerte mit ihm in anderer Richtung weiter. „Sie haben mich wohl früher erwartet?“ fuhr er fort: „Aber,— Sturm und Segel! ich mußte laviren, bald auf Oſten, bald auf Weſten halten, ehe ich hier anlegen konnte. Mein Schiff iſt friſch und gut im Havre eingelaufen, und das würdige Collegium zu Paris hat bereits ſeine Contanti empfangen. Der Handel blüht im Stillen, und der Vater Lavalette, der, ſo jung er noch iſt, bereits eine ungemeine Spekulationsgabe entwickelt, hat mir ſchon von neuen Eta⸗ bliſſementen und neu auszurüſtenden Fahrzeugen geſprochen. Ich habe Briefe von Paris und Liſſabon an den Pater Su⸗ perior, und wünſche, daß Sie mir nach Vidimirnng der ein⸗ geſandten Rechnungen und Beſcheinigung des Geldes, das ich bei Ihnen niederzulegen habe, einen Sbſchlungshrirf an den wackern Herrn mitgeben möchten.“ Der Doctor verſicherte ihn ſeiner Bereitwilligkeit, und die Herren ſetzten ſich im Gaſtzimmer des Schwanen zum 144 X Speiſen nieder. Leupold war hier auf wohlbekanntem Felde. Die Gaſtwirthin, eine noch ziemlich junge und raſche Frau, hatte, von andächtigen Freundinnen beſtürmt, von dem Doe⸗ tor in's Geheimniß gezogen, ihren heimlichen Uebertritt zur verborgenen Kirche nicht ſchwer gemacht. Der Wirth, ein ſchwerfälliger Reichsſtädter von wenig Scharfſinn, war leicht zu täuſchen geweſen, und ahnte nicht das Mindeſte von der Religionsveränderung ſeines Weibes. Er ſchätzte den Doe⸗ tor, der häufig das Haus beſuchte, als tüchtigen Politiker hoch, und die Frau benutzte jede unbewachte Minute, um aus den ſalbungsvollen Worten ihres geheimen Beichtigers Troſt und Ruhe zu ſchöpfen. Ihre unerfreuliche Ehe, wie die immer neu erwachſenden Zweifel ihres Gewiſſens mach⸗ ten ihr Troſt zum Bedürfniß. Nebenbei ſprach die Stadt auch Vieles von ihrem weichen und gefühlvollen Herzen, und der Nachbarn Zunge bezeichnete ziemlich genau diejenigen jungen Männer, die ſich der Theilnahme der hübſchen Frau zu ſchmeicheln gehabt. Die Geſellſchaft in dem Schwan war nicht zahlreich. Der Kapitän und der Doctor, tafelnd in der einen Ecke. In der andern die Wirthin, am Schenktiſche und an dem Küchen⸗ fenſter beſchäftigt, durch welches die Speiſen hereingereicht wurden. In der Stube auf und niederwandelnd der Herr des Hauſes ſelbſt,— bald mit der Fliegenklatſche arbeitend, bald von Belgrads Einnahme, vom Reichstag zu Saragoſſa, und den ſchlechten Zeiten poſaunend. Am Fenſter zwei Kar⸗ tenſpieler: ein pausbäckiger Senſal, und ein Offizier der Stadtmiliz: beide der Frau vom Hauſe zärtlich zugethan; beide nicht von ihr erhört. Die Unterhaltung war, wie ge⸗ wöhnlich, wenn Einer allein ſpricht, wie hier der Wirth,— 145 nicht ſehr glänzend und erbaulich. Der Kapitän aß ſtark und trank nicht wenig; der Doctor beobachtete ſeine Umge⸗ bung, die Wirthin tranchirte, die Spieler trieben ihre Bi⸗ luſtigung fort. Eine Reiſekaleſche, die vor dem Hauſe hielt, brachte alle Köpfe in Bewegung. Sie fuhren an's Fenſter; nur die erfahrnern Tafelgäſte blieben ruhig. Der Reiſende, ein junger Mann, trat langſam in die Stube, während er vefahl, Mantelſack und übriges Gepäck nach dem beſten Zim⸗ mer des Hauſes zu liefern. Die von dem Anblick des hüb⸗ ſchen Mannes freundlich angeſprochene Wirthin machte den⸗ ſelben zum Nachbar des Doctors, und gebot, das verlangte Diner eiligſt herbeizuſchaffen. Der Fremde grüßte Kapitän und Doctor höflich, und ſtreckte ſich dann bequem auf dem Stuhle aus. Der Wirth ſetzte ſich gegenüber, und ſtierte den Gaſt neugierig an. Die Spieler ſetzten das Spiel fort. Der Kapitän brach das Schweigen. „Gute Reiſe gehabt, mein Herr?“ „Sehr gut.“ „Kommen weit her, ohne Zweifel?“ „Sehr weit.“ „Durchreiſend?“ „Nein.“ „Geſchäfte auf hieſigem Platze?“ „Ja.“ „Wären wir Landsleute? Ich bin ein Frieſe.“ „Ich nicht.“ „Darf man fragen, mein Herr,.... „O ja.“ „Woher die Reiſe... „Kellner! eine Flaſche Wein!“ . 10 146 Hiermit brach der einſylbige Fremde ab. Der Kapitän biß ſich verdrießlich in die dicken Lippen. Der Doctor lä⸗ chelte, und betrachtete den Lakoniſchen genauer. Er ſah gar nicht aus, wie ein Spaßvogel, ſondern wie ein ernſthafter, ſehr beſonnener Mann. Sein regelmäßiges Geſicht war ruhig, die Angen groß, und blickten feſt vor ſich hin. Keine Freudigkeit, aber eine eiſerne Faſſung ſprach von der Stirne, aus der ganzen Geſtalt. Das Trauerkleid, das der Fremde trug, entſchuldigte allerdings den Ernſt, welcher der natür⸗ lichen Heiterkeit der Jugend Abbruch that. Der Fremde aß mit vielem Anſtande, was ihm vorgeſetzt wurde, und trank den Wein ſtark mit Waſſer vermiſcht. Den Doctor, dem ſeine früheren Verhältniſſe Mäßigkeit zur erſten Pflicht ge⸗ macht hatten, freute das regelmäßige, abgewogene Betragen des Fremden, und er richtete, auf die Gefahr hin, eben ſo zurecht gewieſen zu werden, wie vorhin der Kapitän, einige artige Worte an den Nachbar, die auch verbindlich und kalt erwiedert wurden. Indeſſen ſprang der Offizier, der ſo eben ſeine Partie gewonnen hatte, mit Getöſe von dem Stuhle, und riß die Fenſterflügel auf. „Mort de ma vie!“ rief er:„Senſal! Wechſelbote! ſchau' er auf! ein Kernmädel gibt's hier zu ſchauen!“ Der Senſal ſah hin, und ſagte ziemlich lau:„Die Jung⸗ fer Müſſinger! Aha! benebſt der Frau Mama!“ „Thu' Er nicht ſo kalt und vornehm!“ zankte der Offizier: Parole d'honneur! das Mädel iſt das Liebenswürdigſte in der ganzen Stadt! Seh' er nur, was ſich die Flegel von Sänf⸗ tenträgern einbilden, daß ſie eine ſo artige Laſt, wie dieſe, aufzunehmen gewürdigt ſind.“ ——.— 147 „Wohl bekomme ihnen die Mama von vier Zentnern!“ ſagte der Senſal ſpöttiſch, und nippte an ſeinem Glaſe: „Sie und ihr federleichtes Töchterlein gönne ich Ihnen von Herzen.“ „Das ſpricht der Neid aus Ihm, Senſal.“ „Ei nu, Herr Lieutenant,“ hob die Wirthin an, die es nicht leiden konnte, daß andere Frauenzimmer hübſch gefun⸗ den wurden:„das abſonderliche Wunderwerk finde ich nun auch nicht an der Mamſell. Ein patziges Dingelchen, recht keck, recht unverſchämt, und geſchminkt, ich laſſe mir's nicht nehmen. Geht ſie nicht am Sonntage wie ein Pfau auf ih⸗ ren hohen Abſätzen über die Gaſſe? Iſt wohl ein Menſch, der ſich nicht über ihren Stolz ärgerte? Die Mama iſt auch grob und hochmüthig; das weiß Gott! aber dabei iſt ſie dumm wie eine Henne. Das Töchterchen hingegen verſteht Ant⸗ worten zu geben,— ſo ſpitzig und witzig, und giftig und triftig; daß allen ehrlichen Leuten die Galle ſteigt. Das leichte Töchterchen mag froh ſeyn, daß ſie ſchwere Geldſäcke aufzuweiſen vermag.“ Der Senſal ſchnippte mit den Fingern. „Das ſpricht der Neid aus Ihnen, Frau Gaſthalterin!“ ſchaltete der Lieutenant ein; ſpaßhaft und impertinent zu⸗ gleich:„Der Himmel verdopple mir die Gage, wenn ich nicht gleich zugriffe;— die Jungfer dürfte nur die Hälfte ihres Geldes haben. Meine Schulden zu bezahlen fände ſich doch genug; auf Ehre.“ „Ew. Gnaden ſprechen in's Blaue hinein;“ verſicherte kaltblütig der Senſal:„O! der Himmel hängt in dieſem Hauſe voll Geigen, aber die Baßgeige wird doch am Ende ein Loch bekommen. Sie hätte es jetzt der dicke Holländer nicht ſo artig geweſen wäre, na! ich will klü⸗ ger thun, und ſchweigen.“ „Hm!“ begann die Wirthin:„es wurde allerlei gemun⸗ kelt, das einem die Haut ſchaudern machte, und das„ „Das gefährlich iſt, wiederzukauen!“ fuhr der Wirth da⸗ zwiſchen: ich bitte mir's aus, Frau Schwanenwirthin, daß Sie kein Wort mehr darüber verliert. Der hochpreißliche Senat hat's allen rechtſchaffenen Bürgern befohlen. Auf allen Zunftſtuben wurde es verblämt, und den Plaudermäu⸗ lern angedeutet; und ich bin auch Zunftmeiſter, und muß auch auf Ordnung halten.“ „Wohl geredet!“ rief der Lieutenant beifällig:„Wie die Zunft, muß auch die Frau pariren und Subordination muß ſeyn. Bei alledem möchte ich wiſſen, wohin die Damen ſich begeben haben. Auf Ehre, ich möchte es erfahren. Wäre ihres Spazierwegs Ziel der Kuchengarten oder die Wind⸗ mühle, ich ließe flugs meinen Polen ſatteln, um die reizende Jungfer von Mund zu Mund zu begrüßen.“ Der Senſal zuckte bei den prahleriſchen Aeußerungen des Windbeutels die Achſeln, ſah aber beinebſt durchs Fenſter, und erwiederte:„Da kommt Einer, der Ihnen, gnädiger Herr Lieutenant, ganz gewiß die beſte Auskunft zu geben vermag: der übergeſchnappte Thürmer von St. Paul, der zum Raſendwerden in des Senators Tochter verliebt iſt⸗ ohne daß er je ein Wort mit ihr geſprochen hätte. Brüſtet ſich nicht der Geck in ſeinem betrodelten Kleide wie ein Graf, und wer ſollk es dem geputzten Affen anſehen, daß er zu Poſaune und Glockenſtrang geboren und gebildet wurde?“ Der Mann Quaeſtionis flatterte in das Zimmer: ge⸗ ſchmückt wie der albernſte Zierbengel ſeiner Zeit. ——— 1⁴9 3 „Sieh da, Monſieur Pahlens,“ rief n Offizier entgegen:„Magnifiqueſter aller Thürmer! Woher, wohin, guter Freund? Iſt Ihnen der Stern unſerer Stadt, die wonnevollſte und freudenbringenſte der Grazien begegnet?“ „Ach, gnädiger Herr!“ verſetzte Pahlens mit ſchwärmeri⸗ ſchem Ausdruck:„Des Lebens Licht hat mir gefunkelt auf meinem Seufzerpfad! Ich habe Sie geſehen⸗ in deren Aug Cupido mit geſpanntem Bogen ſitzt; das Götterkind. Zum Ritterhof begibt ſich die Schöne, wie ich höre. Wäre ich doch der Kaffee, den ſie ſchlürft, der Kuchen den ſie genießt. Gleich dem Zwieback, das ihre Hand zerbricht, zerbröſelt ſich mein Herz in eitler Sehnſucht!“ „Abgeſchmackter Gimpel!“ brummte der ſchwarze Fremde leiſe vor ſich hin, ſtand auf, und entfernte ſich, langſam, wie er gekommen. Niemand, den Doctor ausgenommen, bemerkte ſeinen Abgang, denn der verliebte Thürmer ergoß ſich in blumen⸗ reichen und geſchraubten Redensarten, ſchnitt Jedem das Wort vom Munde, betäubte das Ohr eines Jeden⸗ Der Offizier unterbrach ihn endlich ziemlich brüsk, ſchnallte ſich den Degen um, ſetzte ſich den Hut martialiſch auf, fuhr in die Handſchuhe, und bereitete ſich, den Damen zum Ritter⸗ hofe zu folgen. „Geht Er mit, Senſal?“ fragte er barſch. „Ich habe auf der Niederlage zu thun. Auch beſitze ich fein Pferd, das mit Ihrem Polen gleichen Schritt halten könnte.“ S „Mort de ma vie! ich beſinne mich ſo eben, daß wein armer Polak ſich den Fuß zertrat, und den Stall hüten 150 muß. de zu zuße gehen müſſen. Begleiten Sie mich Pahlens?“ „Das würde ſich nicht ſchicken, Ew. Gnaden. Ohnehin ſchlägt um 4 Uhr meine Stunde. Mein armer Teufel von Geſell iſt ziemlich krank, und kann die Abendluft nicht recht vertragen. Ich muß alſo ſelbſt.. „Die Poſaune zur Hand nehmen, und tuten?“ fiel der Offizier ſpottend ein:„Parole d'honneur! Schade um den jungen galanten Mann! Das ignoble Handwerk paßt wenig zu ſeinen Gewohnheiten. Nicht wahr, meine Herren? nicht wahr, Madame? A revoir! Adieu!“ Er empfahl ſich unter lautem Gelächter. Nach einigen Anmerkungen über den Offizier und deſſen Schulden ging auch der Mäckler. Den Kapitän riefen ſeine Geſchäfte, die Wirthin die Hauswirthſchaft; der Gaſtwirth ſchlief, der Doctor und Pahlens gingen zuſammen auf die Straße. „Wie habe ich mich geſehnt, einmal mit Ihnen allein zu ſprechen:“ begann Pahlens vertraulich, aber ehrfurchtsvoll: „Seitdem Sie mein geiſtlicher Vater wurden, kenne ich nie⸗ mand auf der Erde, vor dem ich mein Herz auszuſchütten geneigter wäre.“ „Das gehört in den Beichtſtuhl, mein Sohn;“ erwiederte der Doctor leiſe. „Nicht doch Herr Doctor;“ verſetzte Pahlens:„Rathen Sie Pir g Freund. Meine Lage wird mir unerträglich. Ich as Beſſerem geboren, als auf dem abſcheulichen 6 zu verbtühen, und den Lutheranern zu ihrem Gottes⸗ dienſte hülfreiche Hand und Lunge zu leihen. Was werden Sie denken, wenn ich Ihnen ſage, daß mir in verwichener Nacht die heilige Mutter im Traume erſchien, und zu mir ſprach:„Mein lieber Sohn; allzulange Du im Ketzerdienſte. Geh hinaus, und ſuche Dir ein beſſers Glück. Ich und alle heiligen Engel werden Dir den nöthigen Beiſtand leiſten.“ Sofort erwachte ich, und konnte nicht mehr einſchlafen. Wie ſehr ich jedoch grübelte, ein Mittel zu finden, die gnädigen Abſichten des Himmels zu erfüllen, ſo ſtumpf blieb dennoch mein Geiſt. Rathen Sie mir, was ſoll ich thun? Als Geiger oder Lautenſchläger in die Welt ziehen, oder etwa als Apoſtel der wahren Lehre? Das Letztere wäre mein Wunſch, allein mich feſſelt hier ein Sehnen und Wähnen, ein Hangen, ein Verlangen, das vielleicht ſündlich iſt, weil es eine Ketzerin zum Gegenſtande hat.“ „Was ſoll ich Euch ſagen, mein Sohn?“ antwortete der Doctor:„Ich will die Erſcheinung, die Ihr gehabt, nicht be⸗ zweifeln. Wunder ſind allerdings möglich, und es wäre Frevel, ſie zu läugnen. So wahr es iſt, daß der göttliche Mittler dem heiligen Franziskus, die göttliche Mutter dem preiswürdigen Loyola in Perſon erſchienen, ſo läßt ſichs gar wohl denken, daß die unbefleckte Mutter auch zu Euch im Traum geſprochen; denn— was Euch an der Heiligkeit jener Männer mangelt, das erſetzt Ihr durch glaubige Zuverſicht, und kindlichen Gehorſam. Jedoch, gerade, weil ich an dieſe Erſcheinung wahrhaft glaube, dächte ich, Ihr fordert durch eifrige Gebeterweckung den Himmel auf, Euch einen nähern Fingerzeig zu geben; bevor Ihr Euer jetziges Amt von Euch werft, um in die Welt ohne Plan hinauszu⸗ gehen. Ein beſſerer Redner als ich, würde Euch ſagen daß Euer Lvos kein böſes iſt; daß Ihr beſſer thätet, ge⸗ rade auf Eurem einſamen Thurme ſitzen zu bleiben, und Euere Seele, gleich der eines Einſiedlers, zum wahren 6 152 mehr zu erwecken und anzufeuern, als daß Ihr jetzo wie ein Irrwiſch im Weltgetümmel umher fackelt. Er würde Euch ſagen, daß Ihr jetzo, als ein, Gottlob zur Mutterkirche Bekehrter, auf Eurem Thurme ein wahres Sinnbild der ſiegenden Kirche vorſtellt, wie ſie, im Verbor⸗ genen triumphirend, oben ſitzt, während zu ihren Füßen die Baaldiener orgeln, ſchreien und ihre Poſſen treiben. Ich ſage Euch blos: Schweigt, betet, und erwartet mit Geduld, wie es der Himmel mit Euch zum Guten lenken wird. Was iſts aber mit der Neigung, von der Ihr ſpracht? Hat ſie nicht die Tochter des Senators Müſſinger zum Gegenſtand?“ „Ach! Sie leſen in den Falten meines Herzens!“ entgegnete der Geck:„Ich muß meine Schwachheit geſtehen. Gehen Sie aber nicht ſtrenge mit mir in's Gericht. Mein Herz iſt ſo weich und empfänglich, als mein Mund blöde. Durch das Auge iſt das Mädchen in meine Seele gedrungen. Ge⸗ redet habe ich noch nicht mit ihr, und werde es auch nie, wenn Sie mir's nicht erlauben.“ „Das darfich nicht;“ entgegnete der Doctor:„Zu welchem Endzweck auch? Ihr ſeyd arm, die Jungfer iſt reich. Ihr Vater iſt Senator; Ihr ſeyd Thürmer. Das paßt nicht. Aber die Hauptſache iſt, daß Ihr Katholik ſeyd, daß ſie Lutheranerin iſt. Zwar arbeitet die Gnade des Höchſten, wie ich vernehme, an ihrer Wiedergeburt, wie denn über⸗ haupt, Dank ſey es der Fürbitte unſerer hohen Patronin, unſte Gemeinde täglich im Stillen zunimmt, bis ſie laut wird reden können. Aber man rechne nicht auf das, was* noch nicht iſt. Ich weiß nun zwar, daß ein Jünglingsherz ein weiblich Gemüthe ſucht, an das es ſich bindet, wie die Rebe an die Ulme. Die reine Verſchwiſterung tugendhafter Seelen 133 6 mag und darf ich nicht hindern. Ihr dankt der würdigen und gottſeligen Frau Lainez die Erleuchtung in Eurem frühern Irrthum. Weiht ihr Euer dankbar Gemüth, und vergeßt das Weib, das nicht für Euch auf der Welt iſt.“ Pahlens verneigte ſich, etwas unbefriedigt jedoch, und ſchied von dem Doctor⸗ der ſich zur Mailbahn begab. Auf und niederſchreitend überlegte er ſein heutiges Tagewerk⸗ horchte verdrüßlich auf die Trommel, die von Zeit zu Zeit von der Comödienbude herüber ſchallte, auf das Geſchrei des Luſtigmacher, der vor der Thüre des Schauplatzes ſein Publikum einlud; auf das Gejauchze der Gaſſenjungen⸗ die den Poſſenreiſſer umſchwärmten. Die Mailbahn, von Spaziergehenden angefüllt, wurde leer, weil die Neugierigen nach der Bude rannten, und bald befand ſich der Doctor allein mit einem Frauenzimmer, das ſchon lange auf den Augenblick, mit ihm unter vier Augen zu reden, gewartet zu haben ſchien. Die Frau, in bürgerlichem Kleide, näherte ſich ihm ſchüchtern, und ſagte nach einem tiefen Knir:„Ich bin des Schreiners Buttler Frau, Ew. Hochwürden: Ihr eifriges Beichtkind.“ Se „Was will Sie? Ich kenne Sie. Nun?“ „Ich kann es mit meinem Mann nicht länger aushalten.“ „Wie ſo?“ „Er mißhandelt mich.“ „Warum?“ „Weil ich, eine Krankheit vorſchützend, mich weigere zur Kirche zu gehen, und die Predigt zu hören, wie er's verlangt. Und dennoch fürchte ich mich vor der Sünde.“ „Ohne Noth. Ich ſpreche Sie los. Gehe Sie in die Kirche, damit der Schein bewahrt werde. Singe Sie mit⸗ 8 154 höre Sie aufmerkſam der Predigt zu; aber bewahre Sie Ihr kaum geneſenes Seelenheil mit geiſtlichen Stärkungs⸗ mitteln. So wird Ihr Mann beruhigt, und die Gemeinde ſchöpft nicht Verdacht.“ „Aber, Ew. Hochwürden: ich fürchte, das iſt Heuchelei!“ „Um einen guten Zweck zu erfüllen, iſt auch eine gewiſſe Heuchelei erlaubt. Beruhige Sie ſich, gute Frau. Wie ſtehts mit Ihren Kindern? Spürt Sie in dieſen keine An⸗ lagen zum Heil?“ „Ach Gott, nein, Herr Doctor. Die Buben ſind ſo roh, und die Tochter hat kaum die Confirmation überſtanden.“ „So laſſe Sie ab von Ihnen. Keine voreilige Vertrau⸗ lichkeit, damit die Kirche nicht in Gefahr komme. Sie muß wachſen, im Verborgenen, wie die Saat des Feldes. Ueber⸗ gebe Sie die Kinder ihrem Schicſale. Gott wird die Seinigen ſchon herausfinden.“ „Aber mich jammert, daß ſie verdammt ſeyn ſollen. Sie ſind doch meine Kinder, meine ehelichen Kinder.“ „Die Frage wäre erſt noch aufzuſtellen. Iſt Sie nicht katholiſch? Ihr Mann Proteſtant? Abgeſehen, daß ſolche paritätiſche Verbindungen an und für ſich nichts taugen, ſo könnte man gerade Ihre Ehe nicht gültig erklären. Sie wurde von keinem katholiſchen Prieſter eingeſegnet.“ „Herr Doctor...!“ ſtotterte die arme beſtürzte Frau. „Gräme Sie ſich nicht. Ich will es ſo genau nicht nehmen. Aber laſſe Sie die Kinder den eigenen Weg gehen, und er— warte Sie alles⸗von der Zeit.“ Die Frau verneigte ſich wieder demüthig, und entfernte ſich. Der Doctor ſetzte ſich auf eine Bank, lehnte ſich an die dahinter ſtehende Linde, und ſchloß, wie er zu thun pflegte, nachdenkend die Augen. Der heutige Tag war jedoch ganz dazu gemacht, ihm die Unterhaltung der verſchiedenſten Art zu bereiten. Ein raſch daherkommender Mann nahm geräuſchvoll neben ihm Platz. Der Doctor erkannte, aufblickend, in dem Nachbar des Senators Comtvirdiener Nothhaft. Der Menſch, dem der Doctor als ſolcher unbekannt war, befand ſich heute in gar aufgeregter Stimmung, und eine händelſüchtige, tückiſche Weinlaune ſprach aus ſeinen Augen und ſeiner Haltung. Um ein Geſpräch anzuknüpfen, das er zu wünſchen den An⸗ ſchein hatte, bot er dem Doctor eine Priſe Tabak. Dieſer verſagte. „Brauchen ſich nicht zu geniren!“ redete Nothhaft ziemlich barſch:„s'iſt nichts Giftiges, nichts Schlafmachendes darunter.“ Der Doctor, um den Grobian nicht zu beleidigen, nahm eine Priſe, ohne davon Gebrauch zu machen. Nothhaft be⸗ ſänftigte ſich, und verſetzte: „Freue mich, Dero Bekanntſchaft zu machen. Ew. Edeln ſind ohne Zweifel fremd auf hieſigem Platze?“ „Nicht doch, mein Herrz und dennoch mögen Sie Recht haben.“ Nothhaft ſtierte ihn verlegen an, lächelte dann, und fuhr fort: „Recht gut geſagt, mein Herr. Juſtiſſime! Optime! Das iſt al' mein Latein! Wie finden Sie das? Wenn man in⸗ deſſen Geld hat,— er klopfte auf die klingende Taſche,— ſo braucht man die Schulfüchſerei nicht. He?“ Der Doctor nickte. „Um aber wieder auf den Tabak zu kommen, ſo iſt eine prudente Vorſicht wohl vonnöthen. Da kommt oft ein Menſch daher, bietet Ihnen Tabak; Sie ſchnupfen, ſchlafen ein, und finden ſich am andern Morgen entweder im Werbhaus, oder auf einem holländiſchen Transportſchiffe. Nicht ſo, mein Herr?“ „Ich weiß das nicht.“ „Sie wiſſen das nicht? Parbleu! das iſt zum Lachen. Nun, nun! Sie haben freilich nichts mehr zu riskiren. Junge Seelen ſind die beſten. Na! wie gehen hier die Ge⸗ ſchäfte?“ „Welche?“ „Sapperment! die Ihrigen. Wie läßt ſich die Kaperei an? Ja, bei uns gibt's einen tüchtigen Menſchenſchlag, wie gemacht zum Matroſen und Soldaten. Wie viel Seelen ha⸗ ben Sie ſchon auf dem Korne? Na, Männchen! machen Sie mir doch aus Ihrem Handel kein Geheimniß. Parbleu! ich bin auch ſchon in Amſterdam geweſen. Ich kenne die Vögel an den Federn. Thun Sie nicht ſo unſchuldig. Unſer Ma⸗ giſtrat kann einen Puff vertragen, iſt ſeelenfroh, wenn man ihn ungeſchoren läßt, drückt beide Augen zu. Damit Sie aber ſehen, wie redlich meine Abſicht iſt, ſo bin ich bereit, Ihnen ein bedeutenderes Pfand meines Vertrauens zu ge⸗ ben.“ „Monſieur! Wofür halten Sie mich?“ „Ei, Liebſter! wozu die Umſtände? Für ein kluges Hol⸗ länderchen, für ein pfiffiges Seelenverkäuferchen. Machen Sie mir doch nichts weiß. Ich hatte noch nicht die Ehre, Sie zu kennen,„aber wie ich Sie heute mit dem Kapitän Tormerpick aus dem Schwanen treten ſah, vertraulich, Arm in Arm, von Geſchäften redend,— ich war im Kaffeehauſe gegenüber,— da hatte ich's auf der Stelle weg. Der 157 —— Kapitän hat den Ruf, mit Seelen zu handeln, und nach dem Sprüchlein:„Gleich und gleich...“ „Sie erzeigen mir viel Ehre, mein Herr!“ „Noch mehr, mein wertheſter Geſchäftsfreund. Ich will Ihnen Credit geben: ein Kapital; ſolid und unverzinslich; im Gegentheil: ich will die Depoſit⸗Intereſſen tragen.“ „Ich begreife Sie nicht.“ „Werden's alſobald. Sub dato Morgen oder Uebermor⸗ gen liefre ich Ihnen eine Seele: kerngeſund, jung, von den⸗ ben Schultern und Fäuſten; etwas naſeweis zwar und un⸗ gezogen, allein in den Colonieen hat man vortreffliche Schu⸗ len aufgerichtet. Soll mich der Teufel holen, wenn die gute Seele nicht ihre 2000 ſpaniſche Thaler werth iſt, wie einen Albus. Nun, acceptiren Sie? Die Emballirkoſten trage ich noch obenein aus meinem Beutel....“ „Erklären Sie ſich deutlicher.“ „Parbleu! ich habe ſchon Alles geſagt. Als ich Sie da ſo allein und brütend ſitzen ſah, fuhr mir's gerade durch den Kopf. Mit einem Worte: ich weiß einen Burſchen, den di⸗ verſe Leute gern vom Halſe haben möchten. Er hat Bären⸗ kraft, und der Stock wird ſeinen harten Kopf ſchon zurechte bringen. Meinen Namen ſollen Sie indeſſen gut behalten, aber ich garantire Ihnen meine Solvabilität. Ich bezahle die Fang⸗ und Transportkoſten bis an das Schiff. Schla⸗ gen Sie ein, und ſagen Sie mir, wann die Promeſſe liqui⸗ dirt werden ſoll.“ „Das iſt noch ſehr zu überlegen, mein Herrz“ verſetzte det Doctor lächelnd:„wenn Ihnen morgen noch eine Unter⸗ redung beliebt, ſo finden Sie ſich um dieſelbe Stunde hier ein. Für heute muß ich meiner Unterhaltung ein Ende machen, da, wie ich ſehe, ein Freund, den ich hieher beſchied, uns zu ſtören kommt.“ „Meinetwegen!“ ſagte Nothhaft, des Doctors Hand ſchüttelnd:„Auf Morgen alſo. Ew. Edeln, fehlen Sie nicht, ich werde auf dem Platze ſeyn.“ Er ging, und Litzach, der ſchon vor einigen Minuten auf der Mailbahn erſchienen war, kam. Der Doctor hatte Mühe, den Mann unter der übertrieben großen Perücke, dem pfir⸗ ſichblüthfarbigen Sammetkleide mit Seidenſtickerei verbrämt, zu erkennen. Das hagere, kummervolle Geſicht des Schau⸗ ſpielers paßte ſo wenig zu dem Staatsrocke, als die un⸗ ſcheinbaren Strümpfe, der zerknitterte Hut und die unmäßige Bandſchleife, die vom kurzen Degen in verblichenen Farben herniederhing. „Setzt Euch, mein Herr!“ ſagte der Doctor voll mit⸗ leidiger Höflichkeit:„Für's Erſte: erzählt mir, wie es in Euerm Hauſe ſteht!“ „Meine Alte lebt noch,“ antwortete Litzach:„der Doctor meint jetzo, ſie werde am Leben bleiben, und Gott ſey ge⸗ prieſen dafür. Mitleidige Menſchen haben meine Hütte mit ihren Wohlthaten erfüllt, und der Principal machte mir ſo eben das ſchmeichelhafte Kompliment: ich hätte meine Lazzi noch nie ſo gut gemacht, als heute. Die Leute haben viel gelacht, und der extemporirte Spaß floß mir nur ſo vom Munde. Gottlob! ich varf yoffen, daß mich der Impreſar behält.“ „Das Alles⸗ macht mir Freude,“ verſetzte der Doctor: „Ihr mögt wiſſen, Monſieur, daß ich Euch ſchon lange kenne, wenn Ihr der Litzach ſeyd, der auf der Jeſuitenſchule zu Augsburg ſtudirte.“ 159 „Der bin ich,“ ſagte Litzach ſeufzend:„und Sie, mein Herr?“ „Ich bin Münzner;“ erwiederte der Doctor. „Münzner?“ wiederholte Litzach, wie ſich befinnend, er⸗ griff dann des Doctors Hände, ſah ihm lange ins Geſicht, drückte dann einige Augenblicke, wie von Erinnerung ver⸗ klärt, die Augen zu, öffnete ſie wieder weit, und rief mit einem tiefen Athemzuge:„Weiß es Gott: das iſt Favers redliches, ehrbares Antlitz! Ach! habe ich denn das fröhliche Angedenken an Schul⸗ und Jugendfreundſchaft verdient? Wir haben uns„Du“ genannt, mein lieber, alter Taver! fürchte jedoch nicht, daß ich noch jetzt, wenn fremde Leute zugegen ſind, das„Du“ gebrauchen werde! Du biſt gewiß ein gelehrter und reicher Mann geworden, ich hingegen nur ein armer, verachteter Comödiant. Aber, erlaube mir, Dich wenigſtens in der erſten Stunde des Wiederſehens mit dem vertraulichen Namen zu begrüßen. Erlaube, daß ich Dich nur jetzo Bruder nennen darf; das wird mich erheben auf lange Zeit.“ 1 „Rede,“ mein armer Litzach!„Erzähle mir, was Dir ſeit unſerer Trennung begegnete.“ „Ich könnte hierauf antworten: Unglück, Unglück, Unglück! und Alles wäre geſagt; aber Du willſt, ich ſoll weitläufiger ſeyn, und ſo will ich Dir folgen, obſchon ich dennoch nicht viel Worte machen werde. Ich hatte meine Schulen perfekt durchgemacht, viel im Kopfe, und auch, Dank meinen ſpar⸗ ſamen Eltern, viel im Beutel. Das war ein Unglück. Ich hing die Viſſenſchaften an den Nagel, lebte in Hülle und Fülle, verſuchte es im Kriege bei einer Freiparthie, und kam endlich ganz herunter. Der Kaſten war leer, der Kopf wüſt 160 geworden, und in meinen beſten Jahren ſtand ich da, und fragte mich, wie ich mich als zehnjähriger Bube gefragt hatte:„Was willſt Du werden? Was anfangen? Was un⸗ ternehmen?“ Zu jener Zeit kam die Merſeburger Comödian⸗ tenbande nach dem Orte, der meinen letzten Heller verſchlungen hatte, und ich erinnerte mich plötzlich, daß man uns im Kollegium auch hin und wieder hatte Comödie ſpielen laſſen. Wenn Du Dich erinnerſt, ſo wirſt Du wiſſen, daß man mich um meines glatten Geſichts und meiner ſchwächlichen Glied⸗ maßen willen, vorzugsweiſe erwählt hatte, die Weibsbilder zu agiren. Ich habe die Judith geſpielt und die Herodias, und ſogar einmal die Lalage in dem Schäferſpiele:„Der treue Hirt,“ womit der junge Profeſſor der Rhetorik einſt zu Augsburg ſo viel Aergerniß anrichtete.— Ei! dachtegich bei mir: wenn die Väter der Geſellſchaft Jeſu das Comödienſpiel bei ihren jungen Leuten einführten, warum ſoll ich nicht mein Brod verdienen, wie andere verdorbene Studenten und redu⸗ eirte Soldaten? Gedacht, gethan. Der Principal Richter nahm mich an, und eine recht fröhliche Wanderzeit lbegann für mich. Damals, lieber Münzner, machte ich nicht den Hanswurſt, ſondern die Amanten. Ich ſtellte vornehme Leute auf der Bühne vor, und trug mich auch nobel außer derſelben, in Treſſenröcken und ſorgfältiger Wäſche. Hätte ich mich nur nicht verliebt!“ „Bis hieher war ich frei, und hatte nichts geliebet: Doch, daß mir dieſe Pein die Sinnen nie betrübet, Kam nicht von Tugend her. Weil mich der Wahn verkehrt, Schätzt' ich aus Uebermuth nicht eine meiner werth, Bis ich das Wunderbild beſchauet, Das mich vor dem ergötzt, ob dem mir jetzund grauet.“ 161 „Ich rede von meiner Frau, eines herrſchaftlichen Beam⸗ ten Tochter zu Halberſtadt. Wie ſehr empfand ich den Dich⸗ ter, als ich ſie ſah: „Die als ein Wirbelwind mich hin und her gerückt, und mein zerſcheitert Schiff in langem Sturm zerſtückt! Ich ſah ſie, und entbrannt'! ſie fühlte neue Flammen! Kurz: ihr und mein Gemüth, die ſtimmten wohl zuſammen!“ „Ich entführte die Liebſte. Der Fluch ihres Vaters folgte uns nach, und, ſobald meines Weibes Eltern in die Grube geſunken, fiel das Elend über uns her. Der luſtige Name, den ich mir beigelegt, war ein ſchneidender Spott aufunſere traurige Lage. Katharine hatte nicht ein bischen Geſchick zu der Comödie. Man lachte ſie aus, ſobald ſie ſich nur zeigte; der Principal zankte, und ich antwortete gallebitter, wir wurden von der Geſellſchaft weggeſchickt. Eine ſchwere Bruftkrankheit warf mich nieder, und verſchlang Alles, was wir hatten! Am Stabe ſchleichend, von Katha⸗ rinen geführt, die unſer erſtes Kind auf dem Rücken trug, bettelte ich mich weiter, von Kloſter zu Kloſter, von Spital zu Spital, von Bande zu Bande. Endlich fanden wir einen gutmüthigen Principal, der uns einen Wochenlohn anbot. Mein Weib ſollte für die Truppe waſchen, ich ſollte agiren. Aber mit dem Amoroſo war's vorbei! Ich hatte keine Stimme mehr, und keine Kraft. Der Prinzipal richtete mich zum Rüpel ab. Ach, Münzner! wie war mir zu Muthe, als ich zum Erſtenmale als Narr auf die Bretter trat! Daheim lag mein Jüngſtes im Sarge, meine Katharine, der Nieder⸗ kunft gewärtig, auf dem Strohlager, und ſie war allein, und nur Hunger und Mangel ſaßen an ihrer Seite, und ich mußte Poſſen reißen, und die bittern Thränen der III. 1. 11 162 Verzweiflung floßen aus meinen Augen über die geſchminkte Narrenlarve in den Kienrußbart!“ Litzach wiſchte ſich eine Zähre von der Wange, und fuhr gepreßten Herzens fort:„Ich machte den Luſtigmacher ſchlecht. Die Zuſchauer meinten, ich ſey ein betrübter, weinerlicher Narr; ſie warfen mich mit verdorbenen Aepfeln, und der Principal zog mir die Jacke aus, und ſchickte mich fort. Als ich heimkam, brachte mir die Wehmutter einen Buben entgegen, den ſie um Gotteswillen empfangen hatte, und ich brachte der Mutter meines Kindes ſechszehn Groſchen— und— den Abſchied.“ „Herr Gott!“ ſeufzte der Doktor. Litzach fuhr fort:„Ja, mein lieber, alter Freund: wer nur als Zuſchauer vor dem gemalten Vorhange der Comödie ſteht, weiß nicht, wie viel gebrochene Herzen unter dem Tand der Flimmer⸗Kleidung ſchlagen. Iſt es gerade nicht Kummer, der die Bruſt der Maskenſpieler zerreißt, ſo iſt es der giftige Neid, ſo iſt es die brütende Unzufriedenheit, die hinter dem bunten Spiele eine fröhliche Welt ſuchte, und nur kümmerliche Lappen und eine troſtloſe Zukunft fand. Der Leichtfinn nur, dem Alles gleichgültig geworden, mag ruhig in dieſem Getobe niedriger Leidenſchaften ſchlafen; auf dieſem wankenden Boden, den Prahlerei und Jammer beherrſchen. Was uns Geſchicklich⸗ keit erwirbt, raubt uns auf der andern Seite die Ungewiß⸗ heit unſerer Lage, und die Verachtung, die auf uns laſtet.— Ich überſpringe nun manches Jahr des Unheils, und bemerke blos, daß ich, in der Zeit einen Theil jenes Leichtſinns mir errang. Ich wurde ſtumpf, fühllos: ich lernte ſeltſame und tächetiche Grimaſſen machen und Capriolen ſchneiden, ob mir ſchon der Tod an der Kehle ſäße. Ich errang den Ruf * . ——————— eines guten Comödianten, eines poſſierlichen Burſchen; ich fand ein beſſeres Brod. Ich hatte geſpart: ich hatte meinen Kindern ganze Kleidungsſtücke angeſchafft, meine Katharine mit dem Nöthigſten verſehen; ich hatte ein Bett gekauft, und beinahe ſchon die Summe zu einem Plüſchrocke beiſam⸗ men, der mich in den Stand geſetzt hätte, reputirlich unter die Leute zu gehen, als Katharine in die langwierige Krank⸗ heit verfiel. Unſer Wohlſtand verging wie eine Seifenblaſe, und ein Dienſt, den ich bei der Geſellſchaft des ſel. Velten antreten ſollte, mußte ebenfalls aufgegeben werden. So kam ich hieher, ſo fandeſt Du mich. Nach langen Jahren erregt Dein Anblick, Münzner, wieder das erſte lebhaft frohe Ge⸗ fühl in meinem Herzen. Die Hoffnung, daß meine Katha⸗ rine leben wird, und Dein Wiederfinden, macht mich glücklich. Ach, wie wahr redet der unvergleichliche Lohenſtein in einem ſeiner Trauerſtücke: „Je finſterer die Nacht, je heller iſt das Licht: Je öfter man die Hand an ſpitz'ge Dörner ſticht, Je mehr bekränzt man ſich mit blutbemilchten Roſen:. Je mehr die Mittagshitz uns ſticht, je ſüßer koſen Die feuchten Abendlüft'; iſt Wetter, Sturm und Well', und Wolke krüb und ſchwarz, ſo dünkt uns noch ſo hell und luſtig Sonn' und Port. Die ſteinern harten Ketten, Die Felſenlaſt, die uns zu Boden ſchier getreten, Des Lebens ſteter Tod, der jeden Blick uns ſchreckt, Das dunkel⸗grauſe Loch, in das wir eingeſteckt, Der Trauerrauch hat ſich verkehrt in ſanfte Wonne, Die Nacht hat ſich verſtellt in eine lichte Sonne!“ Nach dieſen pathetiſch hergeſagten Worten ſchüttelte der Schauſpieler des Doktors Hand noch einmal herzlich, und ein warmer Tropfen fiel auf dieſe Hand. 11* 164 „Du biſt mit dem Weibe, das Du Deines nennſt, nicht copulirt?“ fragte der Doctor. „Die Ehen in unſrer Gilde,“ erwiederte Litzach beſchämt: „ſind meiſtens wild, und leider iſt's auch die meinige. Je⸗ doch thut es mir und Katharinen ſehr wehe, daß, unſern unabläßigen Verſuchen zum Trotz, ſich noch kein Geiſtlicher unterſtanden, unſern Bund zu ſegnen.“ „Ich will es thun;“ erwiederte der Doctor:„aber die Hand auf den Mund, mein Freund, und eine Bedingung zugeſichert.“ „Ach, Ew. Hochwürden...“ ſtammelte Litzach entzückt: „Ich will ſchweigen, wie das Grab, ich verſtehe Sie wohl aber— welche Bedingung?“ „Eure Kinder müſſen katholiſch ſeyn. Vermuthlich ſind ſie lutheriſch getauft, da Euer Weib es iſt, wie ich glaube.“ „Ew. Hochwürden,“ ſtammelte Litzach verlegen:„die ar⸗ men Würmer ſind noch gar nicht getauft. Die Koſten— und dann die Scheu der meiſten Geiſtlichen, wie gerne i „Gut;“ verſetzte der Doctor:„ihnen ſoll geholfen werden. Ich will Euch zu mir berufen laſſen, Freund; die Seelen müſſen gerettet ſeyn, und Eure Noth gemildert. Ich will mehr für Euch thun, wenn Ihr verſchwiegen ſeyd und bereit⸗ willig, das zu erfüllen, was ich im vorkommenden Falle von Euch verlangen werde. Entſagt indeſſen der Hanswurſtjacke: ich will Euch eine Empfehlung auf das nächſte Dorf, Brei⸗ tenbach, mitgeben. Koſt, Lagerſtätte und Verborgenheit werden Euch dort nicht entſtehen. Dann will ich weiter ſehen, was zu Eurem Beſten gereichen möchte.“ ———— 165 „Ach, Engel Gottes!“ rief Litzach:„wie ſoll ich dan⸗ ken... 2 Aber— ich ſoll acht Tage vorher dem FPrincipal aufkündigen,— und dann bin ich in ſeiner Schuld⸗ Mein Wochenlohn beträgt zwei Thaler und acht Groſchen ertra, was man gewöhnlich in der Kunſtſprache Rekreation oder Biergeld zu nennen pflegt. Ich habe indeſſen einen Vorſchuß von drei Thalern etlichen Groſchen abzuzahlen, „Mein Jeſus! welch' betrübte Rechnung!“ ſeufzte der Doctor voll Mitgefühl, und reichte dem Schauſpieler eine Hand voll Geldes:„Sagt dem filzigen Director auf: im Augenblicke, und zahlt ihm den Bettel von drei Thalern. Es ſoll nicht geſagt ſeyn, daß ein Zögling der Väter von der Geſellſchaft Jeſu länger in ſolcher Dienſtbarkeit beſtehe. Geht, mein Freund. Ich werde Euch rufen laſſen. Erquickt Eure Kranken und Hungrigen und danket dem Herrn!“ Litzach jauchzte:„Ja, mein Wohlthäter! Den Herrn und Sie werde ich preiſen,— dem Principal ſein Geld und ſeine Kleider vor die Füße werfen, und voll Hoffnung erwarten, was Sie über mich beſchließen. Von dieſem Gelde kann ich mit den Meinen einen Monat lang durchkommen, und mein Glück iſt gemacht!“ „Wir Menſchen irren ſtets. Wo wir uns ſicher trauen, Sinkt unſer Schiff in Grund. Wenn man's verloren hält, Hat das Verhängniß oft das beſte Glück beſtellt.“ So rief er noch mit allem Aufwande ſeiner rhetoriſchen Kunſt, und eilte mit geflügelten Schritten der Bude zu, aus welcher die befriedigten Zuſchauer gerade nach Hauſe ſtröm⸗ ten. Der Doctor fand ſich, da die größte Menge über die Mailbahn zog, in ſeinen Betrachtungen geſtört, uud 166 wanderte, mit ſeinem Tagwerle wohl zufrieden, gegen ſeine Wohnung. James berichtete ihm: Der Senator Müſſinger ſey vor wenigen Minuten plötzlich bei dem Doctor einge⸗ treten, habe ſich eilig und zerſtreut nach demſelben erkun⸗ digt, und darauf mit zitternden Händen ein Billet geſchrie⸗ ben, das der junge Mann dem Doctor wohlverſiegelt zu⸗ ſtellte. Der Senator ſagte darin mit bebend gezeichneten Schrift⸗ zügen:„Mein einziger mitfühlender Jugendfreund! Ich verzweifle, Ew. Edeln nicht in loco zu finden. Kommen Sie eiligſt, ſobald Sie können, in meine Schreibſtube. Wir werden ganz allein ſeyn. Ich ſtehe am Rande einer Seelen⸗ Crida; Sie nur vermögen mir zu rathen. So eben erhalte ich den Aviſo: der junge Birsher von New⸗York iſt in Perſon hier angekommen!“ Ende des erſten Theils. —— — 8 „— ₰ 58 g1i Snenqae