Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3 von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und Seſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Biblivthek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 5 3. Laution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt für nhchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 W 5 Pf 2 M. 3 „ 5. Answärtige Abonnenten haben für Hin- und Zuräckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. zerriſſene orene oder defecte Bu n der Leſer ſ Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ansleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. C. Spindler's sämmtliche WMertr. Ein und dreißigſter Band. Enthaͤlt: e i en IHI. Mit Konigl. wurttembergiſchen und Konigl. bayeriſchen aller⸗ * gnaͤdigſten Privilegien. Stuttgart, Hallberger'ſche Verlagshandlung. 1 8 3 4. Erzählungen und Novellen von C. Spindler. 3 weiter Band. Stuttgart, Lallberger'ſche Verlagshandlung. 1 8 3 4. —— Das modell und das Ave Maria. Ballade eines römiſchen Bänkelſängers. Das Wodell und das Ave Maria. Ballade eines romiſchen Baͤnkelſaͤngers⸗ „Ehre ſey der hochwuͤrdigſten Jungfrau Ma⸗ ria, der heiligſten Mutter des Kindleins Jeſus! Unter ihrem Schutze wollen wir heute andächtig⸗ lich vernehmen, was ich in alten glaubwuͤrdigen Buͤchern geleſen, und von einem ſehr gelehrten Abbate beſtätigt erhalten habe. Ihr mdget wiſſen, Freunde und Zuhoͤrer, de⸗ nen ich um den geringen Preis einiger Kupfer⸗ muͤnzen eine wunderbarliche Hiſtorie zur Befeſti⸗ 8— gung der Andacht und des Glanbens verkuͤn⸗ dige, daß es im rauhen Norden Länder giebt, wo der Olivenbaum nicht waͤchſ't, und der Lor⸗ beer nicht gedeiht, ſondern Oede und Unfrucht⸗ barkeit herrſcht. Eines dieſer Laͤnder iſt Deutſch⸗ land, woher die Ketzerei ſtammt, die wie eine freſſende Schlange allenthalben hinkroch, und nur unſer Vaterland, das geſegnete Italien verſcho⸗ nen mußte, weil es unmitlelbar unter dem Schutze des heiligſten Statthalters Gottes ſteht. Wuͤn⸗ ſchet Euch darum nicht, fremde Laͤnder zu beſu⸗ chen, weil der Italiener ſtirbt, wo er ſeinen Wein, ſeine Geſaͤnge und ſeinen Gott nicht findet. Aber es iſt den verlorenen Schafen der Kir⸗ che gegeben, den Weg uͤber die Alpen zu ſuchen, und ſogar in die Naͤhe des heiligſten Stuhls Pe⸗ tri zu dringen, und ſie geben vor, entweder zu ihrer Belehrung zu reiſen, oder die Kuͤnſte zu ſiudiren, deren Wiege und Triumph bei uns zu ſchauen iſt. Falſche Vorſpiegelungen jedoch! Braucht man zu reiſen, um gluͤcklich zu ſeyn? ——— —4 — Nuͤtzt dieſen Kuͤnſtlern ihre Geſchicklichkeit, wenn ſie in ihre Heimath zuruͤckkehren, wo es kalt iſt, und wo man ſich in die Häuſer verkriechen muß, wo man die Bilder aus den Kirchen verdraͤngt, und das Volk wenig den unvernuͤnftigen Thieren nachſteht? Ich will Euch ſagen, warum dieſe Leute zu uns kommen: entweder, um reuevoll Buße zu thun, und das Ketzerthum abzuſchworen, und das ſind die wenigſten; oder, wie die meiſten thun, Eure Sitten zu verderben, das Anſehen unſerer wuͤrdigſten Obrigkeit zu ſchmaͤlern, in Saus und Braus zu leben, und Eure Weiber und Toͤchter zu verfuͤhren, wenn ſie nicht ſogas den frechen Blick nach den dem Himmelsbraͤuti⸗ gam geweihten Jungfrauen emporheben. Billig fraget Ihr, wie der heiligſte Vater ſolch' Geſin⸗ del in den Mauern der geweihten Stadt dulden moͤge? Meine Antwort iſt: daß die Langmuth des Himmels unerſchopflich iſt, und die wohl⸗ thuende Sonne den Boͤſen wie den Gerechten ohne Unterſchied beſcheinet. Nun will ich Euch eine Geſchichte erzaͤhlen von einem ſolchen wuͤſten, fremden Maler, die ſich vor langer Zeit begeben. Er war einer von denen, wie ſie hier herumziehen in unanſtaͤndigen Rocken, mit ſtinkender Tabakspfeife, haͤngenden Haaren und wenigen Bajocchis in der Taſche. Denn ſie haben immer minder Geldes in ihrem Beutel, als Haare in ihren revolutionaͤren Bärten. Waͤhrend ich Athem ſchopfe, und meine Ge⸗ danken ſammle, ſo kauft in der Geſchwindigkeit um einen Spottpreis die vor mir liegende, Euch zu Nutz und Frommen gedruckte Lebensbeſchrei⸗ bung des verruchten Rebellen Menotti, der in voriger Woche zu Modena gehangen wurde. Be⸗ tet dabei fur ſeine arme Seele und zugleich fur die Eurige, daß Gort dieſelbe beſſer vor dem Laſter der Revolution bewahre, als es mit Euren Lands⸗ leuten zu Bologna geſchah. So, meine Freunde, kauft immerhin; jeder Pfennig wird durch mein dankbares Gebet den armen Seelent im Fegefeuer tauſendfaͤltige Fruͤchte —— —— — tragen. Der Maler hieß aber Theobald, und ein Mädchen aus dem guten Volk jenſeits der Tiber, welches auch dießmal dem heiligſten Vater treu blieb in der Stunde der Noth, hieß Paola. Das Mädchen trug duftendes Brod in die Stadt zum Verkauf, und brachte ſeinem Bruder, wel⸗ cher damals als Maurergeſelle an irgend einem Palaſte arbeitete, haͤufig eine kleine Erfriſchung zu ſeinem Vergnuͤgen. Auf einer dieſer Wan⸗ derungen wurde Paola von dem fremden Maler geſehen, der alſobald in ſchnoder Luſt fuͤr die Schoͤne entbrannte. Die Schoͤnheit der Frauen iſt nur bei uns zu Hauſe, und das gluͤckliche Italien das Para⸗ dies der Liebhaber. Aber neugierig und ver⸗ ſchmitzt und eitel ſind auch unſere Weiber, und ſtehen darinnen den fremden wenig nach.— Gott helfe Euch, guter Nachbar Lorenzo, der Ihr ſo kraͤftig nießet, und zwei huͤbſche Toͤchter habt! Ihr beſtätigt meine Worte. Paola bemerkte leichtlich, daß Theobald Ge⸗ fallen an ihr gefunden, und ihr auflauerte, ſo gut er konnte. Da ſie nun dieſes gewahrte, und nicht ſogleich ſich daruͤber ärgerte, war ſie ſchon halb in die Schlingen des Satans gefallen. Es iſt ein treuloſes Volk, das der Fremden⸗ Die Reichen klappern mit dem Gelde, und ſagen zu dem reizenden Weibe:„Ergib Dich mir, mein Schatz, mein ſoͤßes Gut, mein holdes Leben, meine theuerſte Seele; ſiehe, ich bin nur einen Augenblick da, und fahre morgen nach Neapel oder nach Genua, und dann nach der Heimath, und Du ſiehſt mich nicht mehr, und kein Menſch weiß, daß wir zuſammen vergnuͤgt geweſen!“ Die Aermeren ſagen:„Schoͤnſte Blume, die ich auf meiner Pilgerſchaft gefunden! Laß Dich pfluͤcken, und ruhe an einem Buſen, den Du treuer und redlicher in der Welt nicht findeſt. Zwar weile ich nur kurze Zeit, aber ſobald ich meine Wanderſchaft geendigt, bin ich wieder da, und fuͤhre Dich als meine eheliche Frau heim!“ Die Künſtler aber ſagen mit teufliſcher Hin⸗ lerliſt:„Du gefällſt mir, ſchones Bild, doch ge⸗ fallſt Du mir in allen Ehren. Die Natur hat aus Deinem Halſe, Deinen Schultern, Deinen Armen Meiſterſtuͤcke gemacht, die nirgends ſonſt geſehen werden. Leihe mir dieſe Schaͤtze nur auf ein Paar Stunden fuͤr das Auge, damit ich ſie auf der Leinwand entwerfe, und Dich vere⸗ wige; das iſt nichts Boͤſes, und geſchieht nur zu Ehren des Schoͤpfers, und Leib und Seele hat keinen Schaden davon!“ Ach, durfte ich doch hinzuſetzen: daß ſolches Scharwenzeln und Schlangengeplander vergebens und in den Wind geſprochen ſey! Ihr wißt aber ſicherlich, geliebte Zuhdrer, ein jeder unter Euch, ohne Ausnahme, daß jenes Weib ſich dem Gelde des Fremden ergab, und dieſe Bluͤ⸗ the von dem Freier, der niemals wiederkam, ge⸗ pfluͤckt wurde, und daß den Kuͤnſtlern taͤglich neue Opfer in die Schlingen laufen. Aus der Schmeichelei ſproßt die Eitelkeit, hieraus das unbeſonnene Vertrauen, und aus demſelben die Schande. Die Schande bleibt aber niemals ver⸗ ſchwiegen, eben ſo wenig als eine Verſchwoͤrung, die gegen die rechtmaͤßige, von Gott eingeſetzte Gewalt angezettelt wird. Nebenbei erzaͤhle ich Euch, daß der hoͤlliſche Zuecchi bereits geviertheilt wurde, und die Franzoſen jetzt haufenweiſe an der Cholera ſterben. Die Cholera iſt aber nichts anders als der Erzfeind des Menſchengeſchlechts, den der all⸗ maͤchtige Gott als ſeine Geißel in der Geſtalt von Peſibeulen und ſchwarzem Erbrechen uͤber die Rebellen aller Laͤnder ſchickt. Gott bedient ſich in ſeiner unerforſchlichen Weisheit haͤufig des Boͤſen, um die Anſchlaͤge der Schurken auf Erden zu vereiteln und zu beſtrafen. Wir wer⸗ den dieſes aus dem weitern Verlauf der lehrrei⸗ chen Hiſtorie erſehen, die ich Euch verkuͤndige. Präſervatiobillen gegen die um ſich greifende Peſt ſind um billigen Preis bei dem gelehrten Doctor Spigoni, unfern vom Coliſeo, zu haben. Dem, der den feſten Glanben hat, helfen ſie gewiß. Paola war ein gutes Maͤdchen, ſchoͤn wie der Tag, und fromm, als ob ſie von Engeln er⸗ zogen worden wäre; dieß hinderte jedoch nicht, daß ſie den Vorſpiegelungen des Malers aus Eitelkeit ein williges Ohr lieh. Der Teufel freute ſich ſchon auf den feiſten Braten, denn wie Euch nach den koſtlichen Fritelle, ſo waͤſſert ihm das unſaubere Maul nach einer andaͤchtigen Seele. Paola hatte aber eine beſondere Andacht zur heiligen Jungfrau, der ſie von ihrer Mutter ver⸗ lobt worden, und darum erbarmte ſich ihrer die großmaͤchtigſte Patronin, und gebot gerade dem Teufel, ſie vor der Wolluſt des Fremdlings zu ſchuͤtzen. Satan murrte, und wir koͤnnen's ihm nicht verargen, weil er alle Muͤhe umſonſt hatte, indem ihm der deutſche Ketzer ohnehin ſchon ge⸗ wiß war. Aber er muß thun, was ihm die Himmliſchen befehlen. Tebaldo ſagte eines Tags zu Paola, da er ihr wieder begegnete:„Ich bewohne ein ganz ſtilles Haus auf dem quirinal'ſchen Huͤgel. Keine Seele iſt, welche Dich bei mir mit neugierigen Augen entdecken koͤnnte; Deine Ehre lauft nicht Gefahr, und eine kurze Weile reicht hin, daß ich Dei⸗ nen wunderſchoͤnen Arm ſammt der zierlichen Hand mit leichten Kohlenſtrichen copire, wenn Du mir dieſes Gluͤck zu Theil werden läſſeſt. Ich warte Deiner, wann es morgen Abend zum Gebet laͤutet, unter der Thuͤre meiner Wohnung, und hoffe zuverſichtlich auf Deine Zuſage.“ Paola weigerte ſich anfangs, und bald gab ſie nach. Ihr kennt ja die Weiber. Sie ver⸗ ſprach zu thun, wie der fremde Schmarozer es verlangte, und freute ſich im Voraus, die Uner⸗ fahrene, auf den verhaͤngnißvollen Abend. Ihre Mutter lag kränklich zu Bette, und fragte die Tochter:„Was ſchmuͤckeſt Du Dich alſo, mein Kind? Wozu das feine Sonntags⸗ hemd mit den durchſichtigen Spitzen? Wozu das Corallenhalsband von Deiner Pathin? Willſt Du Deine arme Mutter verlaſſen, um zu einem Feſte zu gehen? O, halte an den Geboten Got⸗ tes, und laß Dich nicht von den leichtſinnigen —— —,—— Burſchen verlocken, die bei Geſang und Tanz des Mädchens Herz zu verfuͤhren ſuchen! Du wirſt bald in's Kloſter treten. Huͤte Dich alſo vor Suͤnde!“ Die verſchmitzte Paola antwortete:„Lieb' Muͤtterleir, ich gehe zur Kirche, um ein Geluͤbde zu thun, daß ich bei mir beſchloſſen, damit Du geneſeſt. Ich will der heiligſten Mutter eine Kerze opfern, und komme mit dem Bruder zu⸗ ruͤck, wenn er von der Arbeit wiederkehrt.“ Deſſen erfreute ſich die Mutter, und belobte in Worten und Gedanken das fromme Kind, und ergab ſich darein, allein zu bleiben. Wie aber nach geraumer Friſt der Bruder allein kam, und die Schweſter nicht geſehen haben wollte, da rief die Mutter mit aufgehobenen Händen: „Ach, Tommaſo! guter Sohn, wir werden gewiß ein großes Ungluͤck mit unſerer Paola erleben. So gehe denn, und ſuche ſie allenthalben, und komme nicht wieder, bevor Du ſie gefunden.“ Srindler's ſimmtſ. Werke XRRI. Bd. Herbſtviolen II⸗ 2 Tommaſo rannte wie ein Beſeſſener davon, und fuͤrchtete nur, daß ſeine ſchoͤne Schweſter in die Haͤnde von verfluchten Freimaurern ge⸗ fallen ſeyn moͤchte, die oͤfters bei ihren heimli⸗ chen Gaſtmälern das Blut einer keuſchen Jung⸗ frau zu trinken pflegen. Hat jemals Einer von Euch einen Freimau⸗ rer geſehen? Sie wandeln in menſchlicher Ge— ſtalt, und ſind doch wuͤſte Ungeheuer darunter. Ein bosliches Geſchlecht, noch vom babyloniſchen Thurm herſtammend, und rußig von Innen, wie die Kohlenbrenner von Außen. Darum haben ſie ſich auch zu unſerer Zeit in Kohlenbrenner verwandelt, und der Himmel gebe, daß dieſe Emporer und Verſchwoͤrer von Grund aus zer⸗ nichtet werden! Gegen Carbonari und Calderari Kyrie Eleiſon! Während Tommaſo lief, und die arme Mut⸗ ter betete, hatte der Maler ſein Opfer ergattert, und verſtohlen in ſein Haus gezogen. Bedächtig ſchob er den Riegel vor ſeine Kammerthuͤre, und p ſagte mit funkelnden Augen:„Nun ſind wir ak— lein, mein Leben! Niemand uberraſcht uns, und wir ſind ungeſiort, ſo lange es Dir bei mir efällt.“ Dann betrachtete er mit wolluſtigem Entzuͤ⸗ cken das verſchämte Madchen, wie es, reizender als je, verſchaͤmt vor ihm ſtand, und rief feurig: „Wie Du geputzt biſt! Ein Meiſterſtuͤck des Schoͤpfers, und geſchaffen nicht nur fuͤr die Kunſt, ſondern auch fur die Liebe!— Komm', ſetze Dich zu mir auf dieſes Ruhebett. Erlaube, daß ich dieſen weißen Flor von Deinen Alabaſter⸗ ſchultern nehme, und den Arm enthuͤlle, nach deſ⸗ ſen wunderſchoͤnen Formen mein Ange ſich ſehnt. Biſt Du ängſtlich, mein Kind, weil Dein Buſen ſo wallt? Beruhige Dich, und theile meine Ge⸗ fuͤhle; ich bitte Z Dich darum! Ich bete Z Dich an, Du ſchoͤnes Modell, wie kein anderer Kuͤnſtler es je beſeſſen. Sey ganz die Meine, und zaͤhle auf meine Liebe und meine Verſchwiegenheit!“ 2* * ſchuͤttert, und ſeufzte:„Liebenswerther Fremd⸗ ling! bedenke doch, was Du thuſt. Noch ſum⸗ men in meinen Ohren die letzten Glockenſchläge des Ave Maria, und ſchon ſoll ich Deinem Wil⸗ len zu eigen ſeyn? Verlange nicht nach meiner Umarmung, die Suͤnde moͤchte Dir Verderben bringen. Du haſt mich getäuſcht und uͤber⸗ liſtet, und wenn ich auch die Liebe theilte, die Du mir zu erkennen gibſt, ſo wuͤrde dennoch unendliche Schmach Dir aus dieſer Stunde er— wachſen.“ Dieſe Worte verwirrten den jungen Luͤſiling, und eine gottliche Mahnung klopfte an ſein Herz, denn auch die Ketzer haben dfters menſchliche Regungen; nur weichen dieſe leider ſchnell vor der boͤſen Luſt. Tebaldo ſetzte ſich der ſchdnen Paola gegenuͤber an die Staffelei und begann zu zeichnen; aber die Kohle flog in ſeiner Hand, und ſeine Pulſen tobten vom ungeſtuͤmen Blut und alle ſeine Sinne kamen in Aufruhr, als ihm ge⸗ genuͤber das ſchoͤne Bild den Kopf wie entſchlum⸗ mernd ſinken ließ, und die leichte Umhuͤllung des Buſens verrätheriſch lockend herabfiel. Der Maler ſtuͤrzte außer ſich in die Arme des Mädchens, die ihn wie die einer Traͤumenden gleichſam bewußtlos umfingen. Er druckte gluͤ⸗ hende Kuͤſſe auf die Lippen der Schoͤnen, und das halbdunkle Gemach ſollte ſich in einen Tempel verbrecheriſcher Liebe verwandeln. Da durchfährt es ihn, wie ein kalter Schwert⸗ hieb, und ſein Blut wird zu Eis, da er gewahrt, wie Paolo an ſeiner Bruſt immer bleicher und kalter wird, wie ſich ihre Züge veraͤndern, wie ihre Augen aufgehen, aber ſtarr und gläſern ſind, wie die einer Todten. Er will in die Hoͤhe ſpringen, aber die Arme der rathſelhaften Leiche halten ihn zuruͤck; er will die Laſt— vor Kurzem noch ſo beneidens⸗ werth— obſchuͤtteln; vergebens. Das Entſetzen ſteigt ihm toͤdlich zum Herzen, und er ſchreit nach Huͤlfe, aber ſeine Stimme verhallt, und Niemand nähert ſich der verſchloſſenen Thuͤre. Da dͤffnet ſich— erſchreckt nicht zu ſehr, meine Freunde, denn dieſe Geſchichte iſt wahr, und nicht etwa ein Spiel der Einbildungskraft— Paola's Mund, und aus ihm dringt ein rauher Ton, wie der einer Poſaune, und droͤhnt ihm in's Ohr:„Du biſt am Ziele, feiger Suͤnden⸗ knecht! Du wollteſt einer Jungfrau die Ehre, einer Mutter die Tochter, der Kirche eine verlobte Braut rauben, und dieſes koſtet jetzt ſchon Dein Leben. Weißt Du, wer ich bin?“ Wimmernd ſiarrte Tebaldo nach Pavla's Munde, der ſich aufthat, wie der Rachen eines Delphins, und woraus ein gehoͤrnter Kopf mit Ziegenbart und gluͤhenden Augen und feuerſpruͤ⸗ henden Naſenloͤchern ſprang, und Paola's runde Arme wurden zu lang behaarten Teufelsklauen, und ihr Gewand zerfiel wie muͤrber Staub, und Satan ſelbſt in ſeiner ſcheußlichſten Geſtalt er⸗ hob ſich, ungeheuerlich ſchnaufend, und ließ nicht ab von dem Maler, deſſen Kehle unter dem gewaltigen Griff des Hollengeſpenſtes nur aͤchzte:„Paola! Hexe! was haſt Du mir ge⸗ than 2* „Sie iſt gerettet!“ ſchnaubte das brennende Ungethuͤm:„Die Glocken des Ave Maria lock⸗ ten ſie in die Kirche, an welcher ſie vorbeiging, und die gnadenreiche Mutter des Herrn ſendete ihr einen plotzlichen Schlummer, und mich hier⸗ her zu Deiner Strafe!“ Somit zerriß Satan den Maler, und ſtreute ſeine Gliedmaßen in dem Gemach umher, worin⸗ nen man noch jetzt an den Wänden die blutigen Spuren des Ketzergehirns ſieht. Tommaſo fand nach langem Suchen ſeine Schweſter in einem Winkel der Kirche, eingeſchla⸗ fen vor dem Altar der Madonna, zur Zeit, als ſchon der Meßner die Pforten ſchließen wollte. So iſt verlaufen dieſe bewundernswuͤrdige Hi⸗ ſtorie, zum abſchreckenden Exempel fuͤr alle Ver⸗ fuͤhrer und eitle Weiber, die ſich gerne verfuͤhren laſſen. Paola iſt eine heilige Nonne geworden, und wird nächſtens vom heiligen Vater ſelig ge⸗ — 24— ſprochen, hoffe ich. So wie ſie nun im Himmel unſere Fuͤrbitterin iſt, ſo wollen wir auch hier zu ihr beten, und nicht minder fuͤr die Seelen aller irregeleiteten rechtglaͤubigen Weiber. Die Seelen der Ketzer kuͤmmern uns ohnehin nichts, und wir wuͤrden ihnen wenig helfen, da ſie alle verdammt ſind!— So, meine Freunde! Nun noch ein kleines Scherflein in meine Muͤtze, damit ich zu⸗ frieden heimkehren kann, um fuͤr Euch ein neues Lied zu erſinnen, welches Euch Nutzen und Be⸗ lehrung bringt. Der Himmel vergelte es Euch tauſendfach an Euern Kindern, und der Segen des heiligen Vaters ſey fur Euch ein doppelter.““ Der Bänkelſänger kehrte heim in ſeine räu⸗ cherige Spelunke unfern von dem Monte testac- eio. Sein Weib ſchleppte ihm das Nachtmahl von fetten Kuchen und wuͤrzigen Zwiebeln herbei, und labte mit einem tuͤchtigen Kruge voll Weins — 25— ſeine trock'ne Kehle. Nachdem er ſich erholt und den Magen uͤppig gefuͤllt, ſchmatzte er behaglich, und ſprach zu dem Weibe:„Hier ſind drei Tha⸗ ler, die ich mir ſauer verdient, Signora Marga⸗ ritta. Was hat Dein Troͤdelverkauf heute ge⸗ tragen?“—„Bei'm Bacchus, mein Alter, ver⸗ teufelt wenig, einen halben Thaler Ueberſchuß.“ —„Und der Bettel des kleinen Nicolino?“— „Hm“ der Kleine iſt ein durchtriebener Strick, er brachte heute ſchon anderthalb Thaler heim.“— „Ja, ja! Gott ſegnet die Ingend! Er wird ein wackerer Burſche werden, wie ſein Aelterer, der auf den Heerſtraßen von Calabrien unter dem klugen Giovanni ſein Gluͤck macht. Und There⸗ ſina?“—„Ach, das Weibsbild hat heute wenig nach Hauſe gebracht! Die Maler behaupten; ſie haͤtte ſchon zuviel an ihrer Friſche verloren, und nur die Aermſten verlangen ſie noch zum Modell.“ —„Verdammtes Lumpenpack! aber natuͤrlich, Magaritta: die Ingend waͤhrt nicht immer. Wir muͤſſen naͤchſtens die kleine Clandia zum erſten Mal ausſchicken. Das Maͤdel mit ſeinen vier⸗ zehn Jahren und brennenden Augen wird wieder Geld in's Haus bringen. Die Thereſina mag ſehen, wie ſie ſich nun weiter hilft. Mit Klug⸗ heit und Andacht verhungert man nicht.“ — — — — — 8 — — 5 t Waruzpa. 4 Froͤhliches Getuͤmmel wogte hin und her auf dem grünen Abhang, wo ſich, zum Doͤrfchen Szluka gehoͤrig, ein neues Haus erhob. Es war der Tag, an welchem ein fruͤher im tiefen Thale wohnender Bauer dieſe neue Wohnung bezog, die ihm hergerichtet worden war durch die Menge ſeiner Freunde und Verwandten. Ein walachi⸗ ſches Haus iſt bald gefertigt; ſeine Waͤnde ſind aus Lehm geſtampft, ſtatt auf Dielen wandelt man darin auf dem feſt geklopften Eſtrich, das Dach iſt von dichtem Maisſtroh bereitet, und der einladende Blumenſtrauß ſteckt oft ſchon nach drei Tagen darauf, ſeit man die ganze Arbeit begon⸗ * nen. Das Innere iſt nicht minder beſcheiden und genuͤgſam verziert; mit dem bunten Gewebe ihrer fleißigen Hände ſchmuͤcken die Frauen des Hauſes, gleich wie mit Tapeten, die Stube, das vom Bauer ſelbſt gezimmerte Geräthe iſt karg zugemeſſen, fuͤr die bunte Schatz⸗ und Lein⸗ wandtruhe findet ſich allenthalben ein Winkel, und der ungeheure Ofen, worinnen gekocht, gebacken und geheizt wird, iſt zugleich die Schlafſtätte der Familie, die Vorſteher des Hauſes ausgenom⸗ men, die in der Nebenkammer auf hochgethuͤrm⸗ ten, jedoch mit Stroh ausgeſtopften Betten ſchlum⸗ mern. Von leichten Staͤllen umgeben, daneben ein umzäunter Garten, lachte das neue Haus des Dodje Andreilin den Thalgrund hinab, die graͤ⸗ nen Baͤume nickten freundlich uͤber das gelbe Dach, und vor dem Hauſe tanzten in abgeſon⸗ derten Choͤren die Burſche und Mädchen der Sippſchaft bei'm Klange der Geigen und Trian— gel einer wandernden Zigeunerfamilie. Die Al⸗ ten lagerten aber am Boden, und rauchten und tranken, und ließen ſich in wohlgefälliger Ruhe von den Weibern bedienen, die in ehrerbietiger Entfernung ſaßen, des Winks ihrer Herren ge⸗ wärtig. Andrei ſagte, auf beide Ellbogen geſtuͤtzt, und den Dampf der kurzen Pfeife majeſtätiſch hinausblaſend, zu ſeinem Nachbar:„Der Him⸗ mel und das Gebet haben mich geſegnet, und mich zu beſſer'm Wohlſtand erhoben. In Wald und Wieſen treibt Vieh, das mir gehoͤrt, und meine Aecker ſind wohlbeſtellt, ſo daß die Steuer fuͤr den Biſchof, und das Neuntel fuͤr den Grund⸗ herrn nirgends richtiger fällt. Von Linnen ſtrotzt meine Vorrathskammer, und meine Hausfrau baͤckt das beſte Brod, ſo wie ſie mir die wacker⸗ ſten Kinder brachte. Dort tanzen weine Toͤch⸗ ter; gibt's niedlichere Dirnen auf drei Tagreiſen in der Runde um Szluka? Und mein Sohn? Komm' her Dmitr! Schaut Nachbar, ob er nicht ausſieht wie ein Edelmann. Man glaubt nicht, daß er vor einem Jahre noch mein Zi⸗ koſch war. Doch iſt's jetzt mit dem Pferdehuͤten voruͤber, Dmitr. Du kannſt Dich ſelbſt ſetzen, ₰ ſchlanker Junge. Waͤhle Dir eine Braut unter den ſchoͤnſten und reichſten Mädchen des ganzen Comitats. Du wirſt gewiß keine hochmuͤthige Maruzza mehr darunter finden, wie die Tochter des alten Gurul. Die Peſt auf das Katzenge⸗ ſicht! Nicht wahr, Du rothwangiger Dmitr?“ Dmitr ſchnippte mit den Fingern, und ſtrich dann mit hoͤhniſchem Lächeln ſein glänzend ge⸗ ſalbtes Haar. S ine Angen rollten aber duͤſter, waͤhrend die Nachbarn ſeines Vaters lachten und ſpotteten, und den alten Andrei wegen ſeines Wohlſtands und Selbſivertrauens hoch prieſen. Ein junger Mann, der uͤber dem buntgeſtickten Walachenhemd eine blaue Weſte mit gelben Schnuͤ⸗ ren trug, und dadurch verrieth daß er Soldat geweſen, klopfte den Dmitr auf die Schulter, und fragte:„Willſt Du mir nicht erzaͤhlen, Vet⸗ ter, wie es damals mit Deiner Freiwerberei er⸗ gangen? Ich bin neugierig, etwas aus der Hei⸗ math zu erfahren, wo ich lange nicht geweſen.“ Dmitr knirſchte mit den Zähnen, und ver⸗ ſetzte:„Ich muß Dein großer Freund ſeyn, Nicol, wenn ich Dir's ſage, und dennoch iſt's mit ein paar Worten geſchehen. Du erinnerſt Dich des Doͤrfchens in dem Felſen, wo wir zuerſt ge⸗ wohnt, und wie man den Vater, da er hieher zog, immer ſpottweiſe den Ruſſniaken genannt. Der Vater ließ die Leute ſpotten, und brachte etwas vor ſich, ganz im Stillen, waͤhrend die Andern nur fuͤr's liebe Leben ſorgen. Einer von denen iſt der Gurul, der nebenodes Poppen Hauſe wohnt— dort, wo der Gießbach uͤber den Fel⸗ ſen ſprudelt. Das ſchoͤnſte Gut, was der alte Zaͤnker beſaß, war ſeine Tochter Maruzza. Sie gefiel mir, und ich ging bei ihr zur Freite, nach⸗ dem ſchon ein Verwandter, der in meinem Na⸗ men warb, abgewieſen worden. Was gab mir aber der alte Gurul zur Antwort? Seine Toch⸗ ter ſey ſchon vom Kindesalter an mit dem ſchwar⸗ zen Joſchuch verlobt, und wenn das auch nicht waͤre, ſo wuͤrde er dennoch ſein Kind einem ge⸗ meinen Roßhirten und Ruſſniakenſohn nicht ge⸗ ben. Ich zog ab mit der Wuth im Herzen, und Srindler's ſimmtl. Wirke XKXKI. Bd. Herbſtbiolen II. 3 — 34— hatte vielleicht den Alten ſtreng gezuͤchtigt, wenn mir dieſes nicht von meinem Vater, der ein gu⸗ tes Kind iſt, verboten worden waͤre. Die Strafe Gottes fuͤr ſolchen Hochmuth blieb indeſſen nicht aus. Der Sohn des Grundherrn kam bald dar⸗ auf in's Dorf, und ſah die Tochter des Gurul, die ihm gefiel. Er wollte ſie in die Dienſte ſei⸗ nes Vaters bringen, aber Gurul und Joſchuch bekamen Wind davon, und der Letztere ſchoß den Sohn des Grundherrn zum Kruͤppel, und ging auf und davon. Man hat ihm vergebens nach⸗ geſpuͤrt, aber der alte Gurul ſaß lang im Ker⸗ ker, und ſein Haus verarmte ganz, und fuͤr's Mädel hat Niemand mehr Luſt gehabt, ſich zu melden. Er iſt ein verachteter Mann, der Vater der Maruzza, und mag darum meinethalben noch lange fortleben, weil Verachtung und Schand immer noch ſchlechter ſchmecken, als ſelbſt der bittere Tod!“ Nicol hatte mit ernſtem Blicke zugehoͤrt, und wollte dem ſchadenfrohen Vetter auf ſeine Rede noch etwas erwiedern, als ein kleiner Bube in Feſttagskleidern ſich an die Hand des Dmitr hing, 6 * — und ihn mit Ungeſiuͤm fragte:„Wo iſt meine Braut, Schwager?“ worauf Dmitr laͤchelnd nach einem jungen mit Blumen geſchmuͤckten Kinde, ſeiner juͤngſten Schweſter, die ganz ehrbar in der Mitte der Weiber ſaß, zeigte.„Dort ſitzt Dein Braͤutchen, Du wilder Sten. Iſt ſie Dir davon⸗ gelaufen? Geh' hin und brauche Dein Haus⸗ recht.“ Sten lief hin, ſchalt das vom Herumſpringen ermuͤdete Kind aus, wie ein Erwachſener, gab ihm ein paar derbe Puͤffe, und zerrte es zu dem Tanze zuruͤck. Andrei laͤchelte beifaͤllig, ſtrich ſich ſchmunzelnd den grauen Bart, und ſagte zu Sten's Vater, der neben ihm lag:„Das wird ein tuͤchtiger Hausherr, Bruder! Es reut mich keinen Augenblick, daß ich die Kinder ſo fruͤhe verlobte. Mein juͤngſtes Maͤdel iſt mir zwar das liebſte Kind, aber verzogen, wie die Spaͤt⸗ linge zu ſeyn pflegen. Darum iſt's gut, daß die Kroͤte ſchon ihren Braͤutigam und Herrn hat, fuͤr den ſie arbeitet, und den ſie fuͤrchtet wie 3* den Vater. Dafuͤr, daß man ſie tagtäglich putzt und ehrt wie eine Braut, mag ſie auch was lei⸗ den. Die Schlaͤge, die ihr der Sten jetzo gibt, braucht er als Ehemann nicht auszutheilen. Sie wird gluͤcklich werden, und Dein Bube eine wa⸗ ckere Magd an ihr gewinnen.“—„Und er wird ihr keine Schande machen, wie der ſchwarze Jo⸗ ſchuch ſeiner Maruzza und dem Gurul,“ ver⸗ ſetzte Sten's Vater mit phlegmatiſcher Behag— lichkeit. Da kam ein Haufe jungen Volks geſprun⸗ gen, und rief aus vollem Halſe:„Der Domno koͤmmt! der Domno! Sein Huſar und Laufer halten gerade unten im Dorfe.“—„Der Domno! der Grundherr?“ ſchrieen alle Anweſende entge⸗ gen, und ſiellten ſich ehrerbietig mit abgezogenen Muͤtzen in eineg Kreis, ſo wie unten im Dorfe Weiber und Männer und Kinder auf die Schwel⸗ len ihrer Häuſer traten. Wirklich hatte auch der Edelmann, gefolgt von ſeinem Span, dem Dorfrichter und einigen Geſchwor'nen, den Weg zu Andrei's Huͤtte eingeſchlagen, weil der Blu⸗ menſtrauß auf ihrem Gipfel, und die jauchzende Menge davor ſeine Neugier erregten. Der Edelmann war ein hagerer Greis mit langem Geſichte, verdrießlichen Lippen, und kah⸗ lem Haupte, welches er unter einem dreieckigen Hute barg. Ein dunkler einfacher Pelz floß von ſeinen Schultern, und ſchwarz mit ſchwarzen Schnuͤren beſetzt, war ſeine Tracht. Der Säbel klirrte an ſeiner Seite, klingende Sporen blink⸗ ten an ſeinen Ziſchmen, und ſein ungleicher Schritt verrieth den geuͤbten Reiter, ſeine Haltung den ehemaligen Huſarenofficier. Der Span des Grund⸗ herrn war ein gewoͤhnliches Inſpectorengeſicht ohne allen Ausdruck, gleichguͤltig und theilnahm⸗ los, ein Werkzeug des Herrn im Guten wie im Boͤſen. Er beeiferte ſich, den Patron auf An⸗ drei's Haus, als auf eine Veſchoͤnerung des Dorfes aufmerkſam zu machen, und ſchwatzte viel von dem Gluͤck der Bauern, einen Herrn zu be⸗ ſitzen, der der edelſte und gerechteſte in ganz Sie⸗ benbuͤrgen ſey. Bei dieſen Schmeicheleien ſchwieg der ernſthafte Dorfrichter, und Niemand von den Vorſtehern ließ ein Wort verlauten. Auch das Volk ſchwenkte nicht die Muͤtzen, und rief kein Lebehoch! nur die Zigeunerbande, die ſchon ei⸗ nige Male die Ehre gehabt, auf dem Schloſſe des Grafen ihre Kunſt zu zeigen, jubelte und ſchrie wie beſeſſen, lockte eine gellende Fanfare aus ih⸗ ren Inſtrumenten, und gab dem Auftritte we⸗ nigſtens dem Aeußern nach, einen lebendigen An⸗ ſtrich. Der Edelmann ſah uͤbrigens darnach aus, als ob er ſich aus ſolchen Ehrenbezeugungen nichts mache, ließ die kalten Blicke uͤber das Haus ſchweifen, und nickte gleichguͤltig mit dem Kopfe. Sein Auge erheiterte ſich nur dann, als es auf dem kleinen Sten und deſſen Braut haftete. Es war nicht moͤglich, den gravitaͤtiſchen Herren⸗ ernſt des kleinen Jungen, und die ſproͤde Demuth der winzigen Braut ohne Lächeln zu betrachten, aber bald trieb eine finſtere Schwermuth den Strahl der Zufriedenheit von den Wangen des Grafen. Er drehte ſich zu dem Span und ſagte bitter:„Mir iſt's nicht moͤglich, Inſpector, bei dem Anblick ſolch' froͤhlicher Jugend meine Weh⸗ muth zuruͤckzuhalten. Auch ich war Vater von bluͤhenden Kindern; auch mir laͤchelte einſt eine Tochter, und ein Sohn war die Hoffnung mei⸗ unes Lebens. Weh' mir, daß ich beide betrauern muß: die Tochter, die ich vor wenigen Wochen begrub, und den Sohn, der, ein armer Kruͤppel, dem Tode entgegenſiecht.“ Indem er ſo redete, ſah der Inſpector nach der Seite, und rief dem Richter zu, der mit meh— reren Hausvätern ſich dem Edelmann zu nähern begehrte:„Bleibt doch zuruͤck, ihr zudringlichen Leute! Seht Ihr nicht, daß der Herr Graf nicht von euch geſtort ſeyn will?“— Der Richter ant— wortete:„Verzeihe, Herr Span, aber eine redliche Bitte findet auch immer ein bereitwilliges Ohr. Der gnaͤdige Herr iſt ſogar verbunden, uns zu hoͤren, weil wir Gerechtigkeit von ihm verlan⸗ gen!“ Der Graf ſchob den Inſpector zur Seite, und gab mit der Hand dem Richter einen Wink, zu ſprechen. Derſelbe ſagte mit demuͤthiger Geberde und einſchmeichelndem Tone:„Eine Fuͤrbitte brin⸗ — 40— gen wir, da wir glauben, daß unſer Herr gekom⸗ men ſey, um Gnade zu uͤben an ſeinen Unter— thanen. Wir erinnern unſern Herrn nicht mit Freude an den Tag, wo der ſchwarze Joſchuch einen freventlichen Angriff gegen den Sohn ſei⸗ ner Herrſchaft wagte; aber wir muͤſſen's thun, um fuͤr den armen Gurul ein Wort zu reden. Der Thäter iſt in die Gebirge geflohen, und wahrſcheinlich darinnen umgekommen, oder in's turkiſche Land gegangen, von wannen er nimmer wiederkehrt, wenn er nicht Luſt hat, den ſchimpf⸗ lichen Tod zu erleiden. Aber fur den Entwiche⸗ nen hat man den Unſchuldigen geſtraft, und den alten Gurul in Ketten gelegt, ob er gleich nichts von Allem wußte, was geſchehen. Er iſt uͤber's Jahr gefangen gehalten worden, fern von ſeinem Hauſe, das in Armuth verfiel. Sein Weib und ſeine Tochter wären verhungert, wenn wir nicht mitleidig ſeinen Acker beſtellt haͤtten. Nun aber kommt, nachdem der arme Mann kaum freige⸗ laſſen, der Preßbote des Spans und droht, ihm Alles zu nehmen, wenn er nicht die Abgaben an —— den Herrn entrichte. Wir ſind arme Leute all⸗ zumal, und muͤſſen dem Herrn zinſen und dem Biſchof, und dem Koͤnig von Ungarn. Wenn wir aber in der Freiheit dieſes kaum zu thun ver⸗ moͤgen, wie ſoll der alte Gurul es erſchwingen? Wir bitten um Nachlaß, um Nachſicht fuͤr den verarmten Mann.“ Nachdem der Richter geſchwiegen, antwortete der Edelmann mit finſterm Blicke:„Du haſt Deine Zeit nicht gut gewaͤhlt, Alter. Ich bin Vater, und mein PVaterherz blutet aus zwei off'⸗ nen Wunden. Es war die Sache der Gerichte, dem Verbrecher nachzuſpuͤren, und ſie haben ge⸗ recht gehandelt, da ſie den Gurul frei ließen, wenn er unſchuldig war. Ich werde ihn aber doch nicht belohnen ſollen, weil ſeine Tochter Schuld iſt, daß ich den einzigen Sohn verlor? Es iſt traurig genug, daß der Schurke Joſchuch der Strafe ſich entzog. Laß' mich alſo aus dem Gedraͤnge mit Deinen vergeblichen Bitten. Ihr koͤnnt Euch uͤber mich nicht beklagen; ſeht zu, wie ſtreng andere Grundherren auf ihre Rechte ſehen, und lernt meine Milde ſchätzen. Ich habe des Koͤnigs Dienſt aufgegeben, um ſelber in der Mitte meiner Unterthanen zu wohnen, und fuͤr ihr Beſtes zu ſorgen. Lernt aber meine Gnade verdienen, und verſchont mich mit Zudringlichkei⸗ ten. Wer von der Gemeinde uͤbrigens guͤltige Anſpruͤche an mich zu ſtellen vermeint, der findet mich im Hauſe des Richters. Dem Gurul rathe man jedoch, vor mir nicht zu erſcheinen.“ Somit wendete er den verbluͤfften Untertha⸗ nen den Ruͤcken, und begab ſich hinweg, begleitet von dem Span und dem unmuthig blickenden Richter.— So ſtille, wie vor Andrei's Huͤtte geraͤuſch⸗ voll, webte das Leben der Menſchen in den paar Haͤuſern am Gießbache. Des Popen Wohnung, dort gelegen, hing vermittelſt eines kleinen Gar— tens mit Gurul's Beſitzthume zuſammen, und an Gurul's Haus ſtieß wieder die Huͤtte von Joſchuch's Mutter. Die Nachbarſchaft hatte zwi⸗ ſchen den Familien die innige Vertraulichkeit ge⸗ ſchaffen, deren Frucht Maruzza's und Joſchuch's Verlobung geworden war. Auch im Ungläck wa⸗ ren ſie ſich treu geblieben. Die alte Mutter Fe⸗ dra war die tägliche Hausgenoſſin bei Gurul, und das Weib des Letztern, Aya, unterhielt ſich gern mit der Freundin von Joſchuch, wie auch Gurul maulte und den Fluͤchtling haßte, weil er ſchuld an ſeinem Ungluͤck geweſen. Die Frauen geben nie ſo leicht die Sache eines Verfolgten auf, und man ſieht ſie oft ſogar das Verbrechen vertheidi⸗ gen, wenn den Thaͤter ein hartes Loos betraf.— Gurul lag faul, wie der Walache auf ſeinem Grund und Boden zu thun pflegt, unter den Zwetſchgenbäumen vor ſeiner Hutte. Die ſinkende Sonne verklärte mit ihrem Schein die dlgetränk⸗ ten Papierrahmen vor den winzigen Fenſtern des kleinen Hauſes, und glitzerte in dem blutrothen Weine, der im gruͤnen Glaſe neben dem Ruhen⸗ den ſtand. Aya kauerte unfern und bereitete fuͤr den Mann eine ſaftige Waſſermelone, Fedra brachte 1 — 44— auf einem Brette den ſo eben auf ihrem Herde fertig gewordenen Aſchenkuchen von Kukuruz⸗ mehl.— Gurul betrachtete mit verdroſſenem Auge alle dieſe Anſtalten zu ſeiner Mahlzeit, und horchte traͤge auf das gleichformige Geklapper des häus⸗ lichen Webſtuhls, den im Hauſe Maruzza's Haͤn⸗ de regierten; die kunſtfertigen Haͤnde, die im ganzen Gebirgsthale die ſchoͤnſten, bunteſten und haltbarſten Gewebe zu ſchaffen wußten, wie nicht minder das inſte Linnen und die funkelnden Stickereien von Wolle oder Seide, die des Wa⸗ lachen beſcheidenes Gewand in eine phantaſtiſch aufgeputzte Tracht umwandeln. Die Melone war zerlegt und mit der ſcharfen Paprica beſtäubt, als ein Mann um die Ecke kam, wo die Bruͤcke uͤber's Waſſer hing. Er trug Ackergeräthſchaften auf den Schultern, und ein Paar duͤrftig gefutterter Buͤffel ſchritten ihm vertraulich und langſam, mit den ſtarken Haͤup⸗ tern an einander gefeſſelt, nach. Der Mann war gekleidet, wie ein Bauer, aber lange, gut gepflegte Locken fielen unter dem breiten Hute von ſeinem Scheitel zur Schulter, ind ſtatt des haͤngenden Schnurrbarts walachi⸗ ſcher Landleute, ſchmuͤckte ein voller krauſer Bart ſeine Wangen, Lippen und Kinn.— Gurul er⸗ hob ſich langſam, kroch beinahe dem Andern ent⸗ gegen, kuͤßte ihm die Hand, und ſprach:„Guten Abend, Vater! Ihr war't lang auf dem Felde, und mittlerweile iſt der Domno ſchon geraume Zeit im Dorfe.“— „Ich weiß es, mein Sohn!“ verſetzte der Pope der Gemeinde mit gleichguͤltigem Tone: deßhalb kehre ich fruͤher heim, um mich in meinen Rock zu kleiden, und dem Herrn aufzuwarten. Frei⸗ lich habe ich nichts von ihm zu erwarten, aber viel zu befuͤrchten, wenn ich die Hoflichkeit ver⸗ ſaͤume.“ „Guten Abend, Vater!“ ſprachen nun die Weiber, herbeikommend, und kuͤßten auch die Haͤnde des Popen:„Eure Kinder ſind friſch auf,“ ſetzte Ayg freundlich hinzu,„ſie ſitzen zu den Fuͤ⸗ ßen meiner Maruzza.“ „Die Heiligen werden die Furſorge vergelten, — 46— welche Deine Tochter meinen Kindern ſchenkt!“ antwortete der Pope mit einer dankbaren Thraͤne. „Maruzza erſetzt ihnen, ſo gut ſie kann, die Mut⸗ ter, weil dieſe nicht mehr aus dem Himmel geht, ob ich gleich keinen Freitag verſäume, auf ihrem Grabe zu beten. Wenn mich der Biſchof in's Kloſier ſchicken ſollte, ſo bliebe Maruzza die ein⸗ zige Hoffnung fuͤr meine Kleinen.“ Hierauf ging er in ſein Haus, um ſich anzu— kleiden. Gurul aß und trank, und erlaubte den Weibern, bei ſeinem Mahle zuzugreifen, worauf jede derſelben ein Stuͤck Melone und Malai nah⸗ men, damit ein paar Schritte weit gingen, ſich niederhuckten, die Arme uͤber der Bruſt kreuzten, und abwechſelnd von der Frucht und dem Kuku⸗ ruzbrode genoſſen.— Als nach kurzer Weile der Pope in ſeinem langen mit vielen Kndpfen verſe⸗ henen lichtblauen Rocke voruͤberging nach dem Innern des Dorfs, ſagte Aya, gleich wie hinge⸗ worfen:„Du hätteſt wohl auch gehen ſollen, Herr, dem Domno das Kleid zu kuͤſſen, und um Na hlaß zu bitten.“ —— Gurul ſchuttelte trotzig den Kopf, und erwie⸗ derte:„Das ſoll man dem Gurul nicht nachſa⸗ gen. Der Domno hat mich im Loch ſitzen laſſen, daß ich einmal das Oſterfeſt und zweimal das Feſt der Waſſerweihe darinnen zubringen mußte: ich bin mit ihm fertig. Wenn der Richter was ausrichtet— meinetwegen. Wenn nicht— mei⸗ netwegen auch.“ „Ihr habt recht!“ meinte alſobald die alte Fedra, eine ſcharfe bitter vorlaute Zunge:„Er hat Euch arm gemacht; vor dem Teufel hilft keine heilige Lampe.'s iſt kaum der Muͤhe werth, dem Edelmann ein gutes Wort zu geben, Ein Ungar gilt nicht viel mehr, als ein Morre oder Zigeuner. Aber was hilft's? Er iſt der Herr, und wir ſind ſeine Laſtthiere!“ Gurul, der ſein Mahl geendet, wiſchte ſich mit dem Aermel den Mund, bekreuzte ſich ein Du⸗ tzendmal, und entgegnete auf Fedras Bemerkung: „Beim heiligen Nicolaus! freilich ſind wir die Knechte. Herr erbarme Dich unſer! Unſer Le⸗ ben iſt ein langer Roſenkranz von Zehenten und — 48— Steuern, und Robothen. Ein Narr iſt, wer nur einen Halm mehr zieht, als er fuͤr's Maul be⸗ darf, weil ihm der Koͤnig und die Herrſchaft von zehn Koͤrnern kaum viere laſſen.— Schindet uns der Ungar nicht, ſo thut's der Sachſe oder der Zeckler. Unſer Volk iſt uͤberall unterdruͤckt, und muthige Leute fehlen uns.“ „Nun, mein Joſchuch hat doch gezeigt, daß er ein tuͤchtiger Mann iſt, der nichts einſteckt oder leidet!“ rief Fedra mit prahlendem Stolze.— Gurul aber erwiederte zornig:„Schweigt, Fedra! ich koͤnnte dem Buben noch heute den Kopf zer⸗ ſchmettern, daß er ein ſo elendes Stuͤck gemacht, was mich in's Gefaͤngniß brachte. Bei St. Ste⸗ phans Blut, hätte er den jungen Domno nicht im Walde, als er auf der Jagd war, treffen und erſchießen koͤnnen? Ein Dieb haͤtte es gethan haben muͤſſen. Aber im off'nen Dorfe, vor allen Leuten!— Aya, noch einen Krug Wein, daß ich mir die Galle vertreibe. Geſchwinde! He, ſoll ich Dir Beine machen?“ Aya floh wie eine demuͤthige Sklavin vor der geballten Fauſt des Gebieters in's Haus; Gurul fuhr aber heftig zu Fedra gewendet, fort:„Ei⸗ nen unſchuldigen Mann in's Loch zu ſtecken! ihn zu behandeln, wie man einen Spießgeſellen des Gloska behandelte! Joſchuch iſt an allem Schuld. Ich habe das Feſt der Waſſerweihe zweimal im Kerker zubringen muͤſſen; das vergeſſe ich ihm nicht; ich bin arm geworden durch ſeine That, das vergeſſe ich ihm bis zu meiner letzten Stunde nicht. Vielleicht kommt noch heute der Span und ſein Knecht, mich anf's Neue wegen der Steuer in's Gefängniß zu werfen, weil Korn und Vieh ſchon lang dahin iſt. Das verdanke ich Deinem Sohn, Fedral“ Fedra haͤtte gerne, von ihrer eigenen Heftig⸗ keit dahingeriſſen, Zorn mit Spott vergolten, aber ſie fuͤrchtete die ſchwere Hand des Nachbarn, und murrte verſtockt vor ſich hin:„Euch ſteht's noch an, ſo arg das Maul zu gebrauchen, da Ihr doch nur ein bischen Wohlſtand verloren habt, der Euch beſchwerlicher war, als rutzlich, Spindler's ſimmtl. Werke XRRI. Vd. Herbßviolen II. Hattet Ihr viel, mußtet Ihr dem Domno viel geben, deſſen Sohn Euer Kind zu ſeiner Metze machen wollte. Er haͤtte ſie auch dazu gemacht, denn der Herr kann Alles, wenn nicht mein ehr⸗ licher Joſchuch es verhindert hätte: mein Kind, das ich verloren habe, auf immer verloren, ohne zu wiſſen, wohin es gekommen; ich arme Witt⸗ we! ich arme verlaſſene Mutter! Ihr, Nachbar Gurul, koͤnnt leicht wieder zu ein paar Pferden, zu einer Schafheerde und zu einem Hof voll Fe⸗ dervich gelangen; mir jedoch gibt Niemand den Sohn zuruͤck! Wenn ich nun auch hintreten wollte, um zu ſagen, daß an meinem Ungluͤcke nur die Verlobniß zwiſchen Joſchuch und Maruzza ſchuld geweſen? Der unſelige Brautſtand, den Ihr ver⸗ anlaßt habt, als noch Maruzza an Aya's Bruͤ⸗ ſien trank, und ich den Joſchuch allenthalben auf meinen Ruͤcken hintrug?“ Gurul machte dem betruͤbten Weibe ein paar falſche Augen, und ließ ſeinen Groll an der zu⸗ ruͤckkehrenden Aya aus, indem er ihr einen der⸗ ben Schlag uͤber die Schulter gab, und behaup⸗ tete, ſie habe ihm den Wein getrübt den er nichts deſto weniger begierig in ſich ſchuͤttete, gleich dem trefflichſten Meneſcher. Dann ſprach er rauh, ſeine Pfeife hervorholend, und den Tabaksbeutel von ſeinem Guͤrtel neſtelnd:„Heult nicht, Mut⸗ ter Fedra! Das kann ich nicht vertragen. Das Heulen bringt Euch eben ſo wenig den Sohn zu⸗ ruͤck, als mir mein Gut wiederkaͤme, wenn ich auch den Fiscal und das Comitat gegen den Domno aufhetzen wollte. Unrecht behaͤlt Recht; das iſt immer ſo, Mutter Fedra. Ich ruͤhre mich im Leben nicht mehr. Wenn Alles im Hauſe aufgezehrt iſt, mag der große Gott weiter hel⸗ fen. Wer nicht in Ziſchmen gehen ſoll, geht in Opintſchen von Buͤffelhaut. Der Brinſa in der Baumrindbuͤchſe ſchmeckt ſo gut, wie der feinſte Kaͤſe auf einem gold'nen Teller— wenn man Hunger hat. Wozu ſich plagen auf der Welt?“ Aya ſeufzte bei dieſen Worten, und ſagte, je⸗ doch nur halb laut:„Ihr Maͤnner plagt Euch 4* ja ohnehin nicht im Geringſten; habt Ihr das Feld geackert, und die Frucht nach der Stadt ge⸗ fahren, ſo habt Ihr ja ohnehin ſchon Alles ge⸗ than. Wenn Ihr vollends auch dieſes unterlaſ⸗ ſen woll't, was ſoll denn daraus werden?“ „Pruͤgel fuͤr das widerbellende Weib!“ drohte Gurul mit einer bezeichnenden Geberde, ohne je⸗ doch ſeine Stellung zu veraͤndern. Aya verſtummte ſchon vor dieſer Geberde, aber Gurul fuhr, vom beginnenden Wein- und Tabakstaumel tuckiſch werdend, biſſig fort:„Dein Sinn ſteht gewiß nach dem neuen Hauſe und dem Viehſtand des Dodje Andrei? denn der alte Ruſſniak verdreht Euch Allen mit ſeinem erwucherten Reichthum den Kopf. Die Hexen muͤſſen ihm geholfen ha⸗ ben, denn ihm hat nie ein Ungluͤck, oder das boͤſe Auge geſchadet. Der ſchlechte hochmuͤthige Kerl hat freilich mehr Gluͤck als ein wackerer Hausvater. Es thut Dir wohl leid, daß der Bengel von Dmitr nicht unſere Maruzza heim⸗ gefuͤhrt hat? Wie koͤnnteſt Du jetzt bei dem neuen Hauſe mit den Nachbarinnen Dich luſtig machen! Statt hier den Malai zu kauen, wuͤrdeſt Du dort das weiße flaumige Hopfenbrod eſſen, und noch ein paar bunte Fetzen mehr um Dei⸗ nen alten Kopf winden, und Dich blähen im Reichthum des hochmuͤthigen Dodje! Das ſchwarze Wetter ſoll in die Hexenwirthſchaft ſchlagen, und auch in die Deinige, wenn Du nur muckſeſt und bereueſt, daß Du mein Weib geworden!“ Aya zitterte, und bat mit unterwuͤrfigem Tone: „Erzuͤrne Dich doch nicht, Herr! ich will ja gern ſchweigen und Dich bedienen, wie es mir zu⸗ koͤmmt, und Dein Ungluͤck bedauern, wie eine rechtſchaffene Frau.“ Fedra ſtieß aber das Weib heimlich an, und fluͤſterte ihm zu:„Du ſiehſt ja Nachbarin, daß er berauſcht iſt. Mein ſeli⸗ ger Mann war um kein Haar anders; da reg⸗ nete es Schläge, bei dem geringſten Anlaß, und alle Freundinnen beneideten mich, daß ich einen ſo ſtarken wilden Mann hatte. Ach mein lieber Joſchuch waͤre gerade ſo geworden!“— Heiße Thränen ſtiegen in die Angen der alten Mutter, und Ana hing betruͤbt den Kopf, und ſah ihre —— Tochter nicht, die ſich unter der Thuͤre der Huͤtte zeigte, nachdem ſie den Webſtuhl auf die Seite geſchoben, und die Kinder des Popen auf den Arm genommen. Gurul gewahrte aber durch ſei⸗ nen Taumel hindurch das Mädchen, wie es ſo ſtattlich daſtand, in dem einfachen duͤnnen und faltigem Hemde, die ſtarken ſchwarzen Zoͤpfe um das Haupt gelegt und befeſtigt mit glänzenden Nadeln und geſchmuͤckt mit Blumen von den hellſten Farben, funkelnd und brennend, wie die Stickerei am Saume des Gewands, und das kunſtreiche Gewebe des Guͤrtels und der bunten Schuͤrzen, die ſowohl ruͤckwaͤrts als vorn uͤber das weiße Gewand herabfielen. Der Vater ſagte, ſich einen Augenblick der gluͤcklichen Erinnerung hingebend, und freundlich den Bart ſtreichend: „Ja, vordem waren beſſere Zeiten, da wir jung waren, Aya, und Du ausſahſt, wie jetzo Deine Tochter, und ich, ein ruͤſtiger ſchlanker Burſch, vor Dir ſtand und Deine Liebe begehrte. Bei St. Stephans Blut! ich ſuchte auch meines Gleichen, wenn ich geputzt war, und mir die Haare ſchon geſalbt hatte mit dem Oel aus der heiligen Lampe. Ich habe manchen Polturaken dafuͤr an den Popen gegeben, in der Meinung, die Heiligen ſollten mich ſegnen, bis an meines Lebens Ende, und nun, was habe ich nun da⸗ von? daß ich mir nicht einmsl mehr, ein Boh⸗ nengericht oder einen Schafsbraten zurichten laſ⸗ ſen kann.“ Murrend ſenkte der Alte ſein Haupt, und du⸗ ſterte ſo vor ſich hin, während Mutter Fedra an ihren Sohn dachte, und Aya mit frommen Troſte meinte: es konnte am Ende doch noch Alles beſ⸗ ſer werden. Sie hatten noch nicht ausgeredet, als man Je⸗ mand uͤber den Steg kommen hoͤrte, worauf in einem Augenblick der Span des Edelmanns vor den Bewohnern der Huͤtte ſtand. Gurul raffte ſich taumelnd auf, und verſuchte mit wildem Blick eine ſclaviſche Verneigung; die Weiber ſtan⸗ den mit gefalteten Händen, ſtille erwartend, was ſich nun begeben wuͤrde.—„Nun, wie ſteht's, Bauer?“ hob der Inſpector, bereits mit drohen⸗ dem Tone, an:„Du biſt ſchon ſeit ein paar Wochen aus dem Comitatsgefaͤngniß entlaſſen, und haſt noch immer nicht daran gedacht, Deine Ruͤckſtände an den Herrn zu zahlen. Vielmehr unterſtandſt Du Dich, den Boten, den ich Dir ſchickte, zu beleidigen, und aus dem Hauſe zu werfen. Du biſt der ſchlimmſte Unterthan, den mein gnaͤdiger Herr auf ſeinen Doͤrfern zählt. Dein aufruhreriſches Gemuͤth ſteckt auch die uͤb⸗ rige Heerde an, und der Graf hat mit beſon⸗ derm Zorn vernommen, daß der Richter ſich nicht entbloͤdete, fuͤr Dich das Wort zu fuͤhren. Zum letzten Male rathe ich Dir, Deiner Widerſpen⸗ ſtigkeit ein Ende zu machen, und auf der Stelle Deine Schuld zu bezahlen!“ Gurul wurde bleich durch die gebraͤunte Wange hindurch, waͤhrend die Weiber zuſammenbebten, und ſagte mit erſtickter Stimme, indem er krampf⸗ haft die Pfeife in ſeinen Händen drehte:„Da iſt meine Huͤtte, Herr! dort iſt mein Stall; aber in der Huͤtte iſt nichts, und der Stall haͤngt voll Spiunweben. Macht damit, was Ihr wollt. Der Teufel ſegne Euch das bischen Speiſe, was Ihr noch in meinem Ofen findet; weiter habe ich nichts.“ „Du!“ drohte der Span, und hob bedeutungs⸗ voll ſeinen Stock, worauf der Walach ſich einige Schritte zuruͤckzog, und ſchweigend die Zaͤhne uͤbereinander biß. Der Inſpector fuhr fort: „Wenn Du nicht bezahlen willſt oder kannſt, ſo wirſt Du mit Deinem Leibe buͤßen muͤſſen. Du ſchlemmſt, wie ich ſehe, bei Wein und leckerm Mahle; in der Keuche wird Dir jedoch der Ue⸗ bermuth vergehen.“ „Meinethalben!“ verſetzte Gurul ſtorriſch, und ſtellte ſich wieder dem Inſpector herausfordernd entgegen:„So muͤßt Ihr mich in der Keuche er⸗ nähren, und meine Weiber betteln gehen laſſen.“ — Der Span erwiederte:„Gegen das Letztere werden ſchon die Gerichtsknechte Sorge tragen. Es läuft des muͤßigen liederlichen Geſindels ge⸗ nug im Lande umher. Der Herr iſt entſchloſſen, das ſtrengſte Beiſpiel zu geben. Ihr nichtsnutzige Bauern, die Ihr nur von der Gnade der Herr⸗ ſchaft lebt, wollt Ihr Trotz bieten? Kurz und gut, um mit einem Suͤnder Deines Gleichen nicht mehr Worte zu verlieren: entweder Du ruckſt auf der Stelle mit Deiner Schuld heraus, oder ich laſſe Dich jetzo gleich einſtecken.“— Gurul, wankend auf ſeinen Fuͤßen vor Weines Ueber⸗ maaß und ohnmächtigem Grimm, vermochte nicht zu antworten, aber er machte ungluͤcklicher Weiſe, den Span zu hoͤhnen, eine ſchmutzige Ge⸗ berde, die der Walache in gereizter Stimmung gegen einen verachteten Feind anzuwenden pflegt. Im Nu ſaß hierauf ein derber Stockſchlag auf Guruls Schulter. Die Weiber ſchrieen auf, ob⸗ gleich unthaͤtige Zuſchauerinnen; die Kinder an Maruzzas Hand heulten; Gurul knirſchte jedoch mit den Zähnen, rieb ſich mit der rechten Hand die Achſel, und ſuchte mit der Linken nach dem Meſſer, das an einer der Guͤrtelſchnure an ſei⸗ ner Seite hing. Zum Gluͤck kam der Pope da⸗ her, und trennte mit einigen Worten der Ucber⸗ — 55— redung die erhitzten Gegner, obgleich ſeine Ver⸗ mittlung nicht nachhaltig war. Gurul verſuchte, in heftiges Schreien ausbrechend, das Mitleid des Geiſtlichen noch mehr zu entflammen, und der Span, ein eifriger Katholik, ſchalt auf pd⸗ belhafte Weiſe den von ihm gering geachteten griechiſchen Pfarrer.„Wir brauchen Deine Worte nicht, ſchaͤbiger Pfaffe!“ ſchnaubte er:„Du ſollſt mich wahrlich nicht hindern, dieſen beſoffenen Schurken zur Haft zu bringen, wenn Du nicht fuͤr Deinen Landsmann und Beichtſohn das Geld zahlſt, daß er der Herrſchaft ſchuldet.“—„Ei was!“ murrte Gurul, mit einem finſtern Seiten⸗ blick auf den Popen:„Der Vater hat ſelbſt nichts. Ihr vermaledeites ung'riſch Volk hungert den Hirten mit der Heerde aus.“—„Herr, wie moͤgt Ihr alſo reden?“ ſagte auch der Pope mit bitterer Kälte zu dem Inſpector:„Iſt denn das Elend in unſern Pfarrwohnungen geringer als in den Huͤtten dieſer armen Leute? Muß ich denn nicht ſelbſt wie der geringſie Knecht mein Feld beſtellen, weil ich nicht vermoͤgend bin einen Ar⸗ 1 3 1 6 1 . 1 3 — 60— beiter zu bezahlen? Und bringe ich denn, trotz Schweiß und Noth, mehr davon als das nackte duͤrftige Leben? Laß't doch das Mitleid etwas gelten! Schenkt dem Manne noch einige Nach⸗ ſicht; denn dem Grundherrn iſi's doch wahrlich gleich, ob er die paar Thaler einen Monat fruͤher erhaͤlt, oder um ſo viel ſpater.“—„Nichts da!“ polterte der hartnäckige Inſpector:„Du verſtehſt den Teufel von dem Vewaltungsgeſchaͤft! Wollten wir allen dieſen faulen Schuften die Steuern nachſehen, ſo wuͤrden wir das ganze Jahr hindurch nicht einen Gulden einkiefern. Ihr Pfaffen aber macht das Volk ſo träge und wi⸗ derſpenſtig durch Euern Aberglauben, und ſeyd eine Peſt, wie die Zigeuner. Der Faulenzer hier hat zur Zeit der Ernte nicht in Fruͤchten bezahlt, was er ſeit zwei Jahren ſchuldet; er zahle es alſo jetzo in Geld. Der Nachſicht ward ſchon viel zu viel an ihm verſchwendet!“ „Eine ſchoͤne Nachſicht, als der Mann im Kerker lag, und nichts verdienen konnte!“ ließ ſich hinter dem Span eine Stimme vernehmen, — und ein junger Mann, Dmitrs Vetter, Nicol, ſeit einer Weile Zeuge des barbariſchen Auftritts, trat zwiſchen die Streitenden.„Schaͤmt Euch, die Armuth ſo zu mißhandeln!“ fuhr er fort: Wenn der Koͤnig das wuͤßte— Ihr ſammt Eu⸗ rem Herrn wuͤrdet uͤbel fahren. Aber Wien iſt leider weit, und nicht einmal zum Gouverneur nach Klauſenburg dringt der Wehruf dieſer Un⸗ gluͤcklichen.“— Der Inſpector ſah ſich betrof⸗ fen nach dem kuͤhnen Nicol um, und fragte barſch:„Wer biſt Du? haſt Du ein Recht, hier darein zu reden?“—„Ich gehoͤre nicht unter Euren Zwang;“ verſetzte Nicol ſcharf:„ich bin kein Unterthan des Grafen, wenn ich gleich Ver⸗ wandte in dieſer Gemeinde habe. Ich habe bei Benjowöky gedient, ich habe Feldzuͤge im Dienſie des Konigs gemacht. Die Guͤte meines Grund⸗ herrn, der mir Dank ſchuldig iſt, hat mich vom Soldatenſtand befreit, und mir einen Dienſt im Vaterland verſprochen. Wenn ich gleich wieder ein Bauer ſcheine, ſo habe ich doch die Welt geſehen, gegen die Franzoſen gefochten, und mehr Menſch⸗ lichkeit vom Feinde erfahren, als Ihr an Eures Herrn Unterthanen beweiſ't, obgleich Ihr nicht einen Schritt uͤber die Graͤnzen des Comitats hinaus gekommen ſeyd. Schneidet kein Geſicht, und verhaltet Euch ruhig, ich habe ſchon zu Szember, wo Ihr als Verwalter ſtandet, genng Schlechtes von Euch gehoͤrt, und moͤchte es wohl beim Obergeſpan anbringen, den ich binnen Kur⸗ zem zu ſehen hoffe, wenn Ihr nicht augenblick⸗ lich die Fahne einzieht!“ Die derbe Mahnung an gewiſſe Schurkereien, deren er ſich in Szember ſchuldig gemacht, ver⸗ ſchloß dem Inſpector ploͤtzlich den Mund, und ſtimmte ſeine herviſche Hitze bedeutend herab. Er begnuͤgte ſich, den ſich einmiſchenden Fremd⸗ ling mit vernichtendem Blick zu meſſen, und ſag— te, nachdem er eine Weile ſeine Gedanken geſam⸗ melt:„Wir ſprechen noch zuſammen, guter Freund! Zuvoͤrderſt will ich Euch doch nur be⸗ merken: daß Ihr, waͤret Ihr der Gouverneur ſelbſt, kein Recht habt, meines Herrn Anſehen und Gewalt zu ſchmälern. Der Adel hat Pri⸗ — 685— vilegien, die Kaiſer und Koͤnige nicht umzuſtoßen vermoͤgen, und ſein erſtes Vorrecht iſt die unum⸗ ſchränkte Erhebung der Stenern. Darum ſchweigt, wenn Ihr fuͤr den Bauer hier nicht ſelber klin⸗ gende Zahlung leiſten wollt!“ „Zum Teufel, das will ich ja!“ rief Nicol zur großen Verwunderung des Spans und Gurul's ſelbſt:„Sagt mir, wie hoch ſich die Schuld be⸗ laͤuft, damit wir hier zu Ende kommen.“— Da⸗ bei knuͤpfte er einen ziemlich ſchweren Beutel von ſeinem Guͤrtel, und ſchuͤttelte den Inhalt, der ſilberhell in die Ohren des Glaͤubigers und des Schuldners klang. Der Span ſaͤumte nicht, den ganzen Betrag ſeiner Forderung mit moͤglichſter Uebertreibung aufzuzaͤhlen, und Nicol zahlte eben ſo unverweilt, und gleichſam, als ob er dazu be⸗ rufen waͤre, die Summe in ſchoͤnen ungariſchen Thalern. Der Inſpector ſchob verbluͤfft das Geld ein, während der Pope dem freundlichen Geber die Hand druͤckte, die Weiber mit ungemeſſener Freude in die Haͤnde klatſchten, und der aus dem Himmel gefallene Gurul dem Koͤnig ein 6 kreiſchendes Lebehoch ausbrachte. Ohne ſodann den Bauer mehr eines Blickes zu wuͤrdigen, ſagte der Inſpector zu Nicol mit hãmiſcht Ausdruck: „Du biſt ein ſonderbarer Kauz, und ich werde dem Grafen, wenn er morgh von ſeiner Meierei zuruͤckkehrt, von dem großmuͤthigen Fremdling berichten, der in dieſer Herrſchaft ſo freigebig fuͤr ſeine verarmten Landsleute bezahlt. Das Geld mag herkommen, woher es wolle, diefes wollen wir jetzt nicht unterſuchen—ber ic wnſche daß Dich nicht gereuen moͤge, es fuͤr dieſen alten Taugenichts hingegeben zu häben— moͤchte denn ſeyn, daß Dich ſeine buhleriſche Tochter ſchon dafuͤr belohnt hätte.“ 4 Nach dieſer Rede voll Boshei xſchwenkté der Inſpector mit raſchen— dem Stege ab, und hatte Recht, daß er es that, indem Nicol viel Luſt empfand, ihm noch einen Denkzettel auf. den Weg zu geben. Der eigentliche Stachel der luͤgenhaften Vorausſetzung des Spans war abge⸗ ſtumpft, denn weder Maruzza noch ihre Aeltern hatten etwas von dieſem Abſchiedsſegen vernom⸗ men, und er⸗fil bei Nicol nicht in ein empfaͤng⸗ lich Ohr. Der junge Mann hatte ja gerade um Marpzza's du den Weg nach der Huͤtte ge⸗ macht, zu der verzeihlichen Neugierde aufgefordert durch das einſtimmige Zeugniß, welches die Leute im Dorfe von der ſtolzen Unbeſcholtenheit des Mädchens gaben. Der traurige Ausgang ihres Brautſtandes hatte in ihm ein mitleidiges Herz gefunden, und ein dunkles Gefuͤhl trieb den Juͤng⸗ ling an, zu verſuchen, ob er nicht das unthaͤtige Mitleid in einen gefälligen Troſt verwandeln moͤchte. Die Geſtalt Maruzza's, die ſich ihm nun, gleich den Uebrigen, dankbar nahte, war ſo ſchon, als er es nur érwartet hatte, und er mußte ſich geſtehen„ſo viel Reiz in dieſen Thälern nie geſehen zu haben. Einen Blick aus Nicol's kuͤh⸗ nem Auge verrieth dem Maͤdchen ſeine Gedanken, ſeine Wuͤnſche, und die Jungfrau ſtaunte nicht, als der Fremdling, da ſchon der Sternenſchim⸗ mer vom Himmel leuchtete, und er von der Fa⸗ milie ſcheiden mußte— mit dem Verſprechen: Spinbler's ſämmtl. Werke XMXI. Bd. Herbſtviolen II. 5 — 66— ſobald als moͤglich wiederzukehren— ſie halb ſcherzhaft, halb im Ernſte fragte: ob ſie nicht ſchon die Trauer um den Verlobten abgelegt, und willens ſey, einem neuen Freier ihre Liebe zu ſchenken. Sie erwiederte aber mit dem unbe⸗ fangenen Freimuth, der ſie zum Sprichwort im Dorfe gemacht hatte:„Ich ſehe Euch gern, Nicol; aber ich hoffe, daß mein Bräutigam noch lebt, und bin entſchloſſen, ihm den Eid zu bewahren.“ Des Geredes war mancherlei unter den Be⸗ wohnern und Freunden von Gurul's Huͤtte, da der Retter aus der Noth ſich entfernt hatte. Der Pope ſprach von nichts wenigerm als von einem Wunder, und einem in Nicol verkoͤrperten Engel; Fedra jauchzte, daß der Span ſo odllig beſiegt hatte abziehen muͤſſen; Aya fluͤſterte ihrer Toch⸗ ter zu: daß Nicol ein guter Schwiegerſohn ſeyn wuͤrde; Maruzza gab dieſes zu, verwies aber auf Joſchuch's immer noch beſtehende Rechte; Gurul dagegen wußte dem jungen Manne ſo eigentlich — 67 keinen Dank, ſondern hoͤrte nicht auf, ſich zu verwundern, daß ein wildfremder Menſch ſich ſo ſchnell entſchließen konnte, ein nicht unbedeuten⸗ des Geld fuͤr einen Mann hinzugeben, den er im Leben noch nie geſehen. „Der Burſche iſt ein Verſchwender!“ rief er in trunkenem Uebermuth und rohem Scherz:„ein Verſchwender, den man von Geſpanſchaftswegen einſperren ſollte! Wer hieß ihn meine Schulden bezahlen? weiß er denn, ob er nur eines Kraut⸗ kopfs Werth dafuͤr zuroͤckerſtattet erhaͤlt? ich witt're wohl, woher die Freigebigkeit— Er hat in Maruzza's Geſicht geſchaut, und ihre Augen ha⸗ ben ihn bezaubert; aber er kennt die Dirne ſchlecht. Maruzza nimmt keinen Landſtreicher, von dem man nicht weiß, woher er iſt, und w⸗ her er ſein Geld hat. Er ſagt freilich: daß er Beute gemacht hat, Franzoſenbeute, oder wie die Schufte heißen, mit denen der Koͤnig Krieg fuͤhrt. Hat aber leicht reden, der Aufſchneider, weil wir gutmuͤthige Leute ſind, die hochſtens nach Kron⸗ 5* ſtadt reiſen. Das Alles kann erlogen ſeyn. Auf der Graͤnze in den Felſen und Wäldern treiben. ſich manche ruͤſtige Kerle herum, die ihr Geld leicht von den Reiſenden verdienen, und mit der Miliz immer im Streite liegen. Der Nicol waͤr' mir nicht zu gut fuͤr einen ſolchen. Was kuͤm⸗ mert's aber mich, woher er das Geld hat, wenn nur der Span mit langer Naſe abziehen mußte. Doch Maruzza„nimm Du Dich vor ihm in Acht! Er koͤnnte auch ſo ein ver⸗ dammter Geiſt ſeyn, der immer einen Tag uͤber den andern aus dem Grab ſteigen, und in eines Andern Leibe umherwandeln darf. Solch' ein Geſpenſt hat nichts lieber, als Jungfernblut, und daher huͤte Dich, mein Kind! Nicht wahr, Va⸗ ter? Ich moͤchte wiſſen, wo der Kerl eigentlich begraben liegt.... ich wuͤrde ſelber hingehen, ihm einen Pfahl durch den Leib zu rennen, da⸗ mit er nicht wieder kaͤme, um Dir das Blut aus dem Leibe zu ſaugen, und von mir das ge⸗ liehene Geld wieder haben zu wollen.“ Mit dieſen Worten taumelte er— es war die „ — — 65— bochſte Zeit— nach der Hütte, und warf ſich, angezogen, wie er war, auf die Ofenbank, wo er entſchlummerte, und ſeinem Weibe die Sorge hinterließ, die Opintſchen von ſeinen Fuͤßen zu ſchnuͤren, und ihn zurecht zu legen, wie es die Bequemlichkeit erheiſchte. Der Pope ging mit ſeinen Kindern nach dem dden Pfarrhauſe, und auch Fedra nahm von Maruzza fuͤr die Nacht Abſchied. Doch ſagte ſie beim Lebewohl mit be⸗ kuͤmmertem Geſichte:„Liebe Maruzza, ich habe wohl gehoͤrt, daß der fremde Menſch Dir Knall und Fall ſein Herz antrug, aber ich bitte Dich, Du wolleſt Dich doch um meines Joſchuch's willen bedenken! Als der arme Junge den Sohn des Domno niedergeſchoſſen, und fluͤchtig wie ein Vogel zu mir in die Huͤtte ſurrte, um Abſchied zu nehmen, wer weiß auf wie lang— da ſagte er:„Du ſolleſt ihm Deine Liebe aufheben, weil er nicht ruhen und raſten werde, bis er in einem andern Lande fuͤr ſich und Dich und mich ein freies Plätzlein gefunden habe, und er ſetzte hin⸗ zu: daß es das groͤßte Ungluͤck geben wuͤrde, wenn er je zuruͤckkäme, und Dich als eines An⸗ dern Frau fände.“ Nun hat er freilich, ſeitdem er ſchied, kein Lebenszeichen von ſich gegeben, und liegt vielleicht ſchon lange, von einem Bären zerriſſen, oder von einem Szekler erſchoſſen, in wilder Bergſchlucht. Aber bevor wir nicht un⸗ umſioßlich erfahren, daß er nicht mehr am Leben — vor dieſer Zeit ſchalte nicht uͤber Deine Hand, Maruzza. Verſprich mir das!“ Maruzza ſah ihr treu und feſt in's Auge, ſchuttelte ihre beiden Hände, und antwortete: „Sorge nicht, Mutter Fedra! Was die Aeltern einſt beſchloſſen haben ohne mein Zuthun, denk' ich jetzt mit beſonnenem Willen zu erfuͤllen. Der Ring, den mir Joſchuch gegeben, und den der Vater mir trotz meines Widerwillens an die Hand geſteckt, iſt die ſilberne Kette, die mich an ihn bindet. Freiwillig hätte ich mich vielleicht nie mit Eurem Sohne verlobt; da ich es aber einmal gezwungen that, will ich auch ferner im Ungluͤcke an ihm haͤngen, ohne Menſchenfurcht und ohne Ruͤckſicht fuͤr mich. Die Heiligen wer⸗ —— —— den ja helſen, denk' ich!“— Somit entließ ſie die alte Fedra mit voller Beruhigung, und ſetzte ſich in der milden Nachtluft auf die Bank vor der Huͤtte, um ihre Augen an dem Spiel der Mondſtrahlen in den ſchnellfluthenden Wellen des Kies bachs zu ergotzen. „Marüzza! geh', lege Dich zu Bette!“ rief die Mutter zu wiederholten Malen in der Huͤtte, und die Tochter antwortete immer:„Laß' mich, Mutter; die Nacht iſt ſo ſchon, und ich kann nicht ſchlafen.“ Dann rief auch Aya nicht mehr, weil ſie ſelbſt, von den Muͤhen des Tages er⸗ ſchoͤpft, entſchlummerte, und Maruzza uͤberließ ſich ungeſtort dem Wechſel von Empfindungen, den ihr wunderliches Schickſal und ihre ungewiſſe Zukunft in ihr hervorbrachten. Die Nacht iſt ohnehin geeignet, die Sehnſucht zu wecken, die vor der Sonne flieht, aber mit dem Monde trau⸗ lich koſet. Maruzza hatte jedoch nicht lange gleich einer Kdnigin den Hofſtaat ihrer Gedanken um ſich verſammelt, als ſchon ein nahes Geraͤuſch ſie — 72— ſtorte. Sie glaubte das Geraſchel einer Schlange zu horen, und fuhr von ihrem Sitze auf, und griff nach der hoͤlzernen Klinke der Thuͤre; ein ſtarker Arm hielt ſie zuruͤck, und wie ſie dem naͤchtlichen Gaſt, der um den Zaun geſchlichen war, forſchend in's Antlitz blickte, entfuhr ein Laut der Ueberraſchung ihren Lippen.„Gabor! um aller Heiligen Willen, Gabor! welch' ein Gluck fuͤhrt Dich hieher? woher um dieſe Stun⸗ de? was bringſt Du mir? ich ſah Dich ſchon ſo lange nicht.“ Gabor, ein Juͤngling in der Bluͤthe der Kraft, gekleidet in die maleriſche Tracht der walachiſchen Bauern, antwortete vertraulich und froͤhlich auf Maruzza's Rede:„Haſt Dich geängſtigt, armes Herz? Es iſt nicht anders: Maͤnner muͤſſen ja⸗ gen, Weiber muͤſſen zagen. Der Lebenslauf ei⸗ nes Fluͤchtlings iſt rund wie eine Kugel, und rollt, wer weiß wohin, wer weiß wie lang. Ich habe einen weiten Weg gemacht, und fuͤrchtete Dich im Schlaf ſidren zu muͤſſen. Ich ſaß eine gute Weile ſchon in Eurem Garten, wo die — Bohnen eine Laube bilden, und wo ich das Fen⸗ ſter Deiner Kammer weiß. Mutter Aya's Ruhe ließ mich jedoch errathen, daß Du nach außen weileſt, und mir iſt's lieb. Man kann hier trau⸗ licher plaudern, als durch den Fenſterladen. Ich bringe Dir Gruͤße von einem Freund!“ Maruzza ſchlug verwundert die Hände zuſam⸗ men, und fragte dringend:„Iſt es denn moͤglich, was ich ahne? Du hätteſt ihn alſo wirklich ge⸗ funden? O ſage— es iſt ja ſchon ſo lange her, daß Du von hinnen gingſt— wo entdeckteſt Du ſeine Spur, wo iſt er, wo weilt er? Beluͤge mich nicht, Gabor!“ „Gabor beluͤgt nur ſeine Feinde, denn dazu hat ihm Gott die Schlauheit gegeben;“ verſetzte der Juͤngling:„ſeinen Freunden ſagt er die Wahrheit. Du biſt mir immer noch lieb, Maruzza, ob Du gleich meine Bewerbung um Joſchuch's Willen zuruͤckwieſeſt. Ich war Dir nie boͤſe, weil ich auch Fedra's Sohn liebte, denn Du weißt, daß wir innige Freunde waren, und alle Luſt der Ju⸗ gend zuſammen theilten. Du weißt auch, wie —— ich vom Dorfe fortging. Mein Gut hatte ich verſchwendet, eine uͤbel berathene Waiſe, und ſehnte mich, Joſchuch's Schickſal zu theilen, der bei ſeiner Flucht mich beredet hatte, ihn am eiſernen Thore aufzuſuchen. Ein guter Geiſt fuͤhrte mich; wir vereinigten uns, und ſtrichen durch die Welt längs den tuͤrkiſchen Graͤnzen auf und ab, bis zum heutigen Tag. Da fiel dem Joſchuch plotzlich mit aller Macht ein, daß er ein liebes Kind zu Hauſe zuruͤckgelaſſen, und er trug mir auf, den Schatz von ihm zu gruͤßen. Von dem Paß am eiſernen Thore gruͤßt er Dich.“ „Wie? Du machteſt den weiten Weg, um mir ein Wort der Liebe zu bringen?“ „Warum nicht? ich habe ſchon den hoͤchſten Berg erklimmt, um eine Blume zu holen, die am naäͤchſten Tag verwelkte, den laͤngſten Wald durchwandert, um einen Vogel zu fangen, der am zweiten Morgen ſtarb— wie ſollte ich nicht fur den Freund, und um Maruzza zu ſehen, ein paar Tage laufen? er ſchickt mich als ſeinen —— Boten, zwar mit leeren Händen, aber mit dem Auftrag, zu erforſchen, ob Du ihm Dein Wort gehalten?“ „Das habe ich, Gabor! Er haͤtte dieſes vor⸗ aus wiſſen konnen. Doch war der Zweifel von ſeinem Argwohn zu erwarten. Sage ihm, daß wir arm geworden ſind durch ſeine raſche That, daß ich aber nicht aufhorte, meinen Reichthum in der Hoffnung zu finden, von ihm nicht ver⸗ geſſen zu ſeyn.“ „Ach, dieſe Verſicherung wird auch ihn wieder reich machen! Gute Maruzza, er hat nichts mehr auf der Welt, als Dein Vertrauen. Das ſchlimm⸗ ſte Loos eines Fluchtlings hat ihn betroffen. Ent⸗ bloßt von Allem, lebt er im finſtern Wald von wilden Beeren und Schwaͤmmen; Vogeleier, oft mit Lebensgefahr aus dem Neſie geholt, ſind ſeine Leckerbiſſen, denn obgleich ſeine treue Flinte ihn nicht verließ, ſo mangelt ihm doch ſeit langem das Geld, Pulver und Blei zu erhandeln, um im Forſt auf die Jagd zu gehen. Aber mehr noch als der Mangel druͤckt ihn eine Krankheit — zu Boden, die ihn plotzlich uͤberfiel: ein Fieber, nach einem kalten Bade, das in der einſamen Hoͤhle, worinnen er liegt, den Huͤlfloſen derb durchſchuͤttelt.“ „Herr, erbarme Dich unſer! Du konnteſt ihn verlaſſen und Tagreiſen weit von ihm gehen, waͤhrend er mit dem Fieber, vielleicht mit dem Tode ringt? Ach, Gabor, Du beluͤgſt mich! Du bringſt mir ſeinen letzten Gruß: Du kömmſt von ſeinem Grabe; geſtehe mir's, und ſpanne nicht meine Seele auf eine aͤrgere Marter.“ „So wahr meine Seele lebt, ſo gewiß lebt auch er! Doch fraͤgt er Dich durch meinen Mund, ob Du noch an ihm haängſt, dem Bettler, dem gaͤnzlich Hoffnungsloſen? Er hat Dir nichts zu bieten, wohl aber bettelt er von Dir eine Gabe des Mitleids oder der Liebe. Kannſt Du ihn unterſtuͤtzen, mit Geld, mit Nahrungsmitteln, mit leidern, ſo thue es. Ich beſorge die Gabe richtig in ſeine Hand.“ Maruzza ſprang unruhig von der Bank auf, rang die Haͤnde, uͤberzaͤhlte in Gedanken die we⸗ ———rnn. — nige Habe, welche ſie ihr Eigenthum nennen konnte, und ſagte mit Zagen und Beſchämung:„Lieber Gabor, Joſchuch und ich ſind jetzt wieder ein Paar, das ſich fuͤr einander ſchickt. Der Arme wendet ſich an die Bettlerin. In des Vaters Huͤtte findet ſich nicht eine Kupfermuͤnze mehr; unſere Vorraͤthe ſind zu Ende, und Gott weiß woher wir morgen die Speiſe nehmen, wenn Jo⸗ ſchuch's Mutter, die alte Fedra, welche ſelber arm iſt, uns nicht aushilft. Das Einzige, was ich dem Fluͤchtling geben kann, iſt ein Gewand, das ich fuͤr ihn webte. Es ſollte ſein Kleid an unſerm Hochzeittage werden. Ich hole Dir's; wie gerne wuͤrde ich es ſelbſt ihm bringen, und in der Krankheit ſeine Pflegerin ſeyn, wenn ich meine Mutter verlaſſen duͤrfte, die gerade jetzt meiner am beſten bedarf, da Vater Gurul's Trägheit und rauhe Wildheit auf das Höchſte ge⸗ ſtiegen! Warte nur einen Augenblick meiner; ich komme gleich zuruͤck.“ Sie eilte mit fliegenden Schritten in die Hutte, wo der Vater ſchnarchte, wo die Mutter in aͤngſt⸗ lichem Traume ſiohnte. Sie ſchlich leiſe in die niedere Kammer, holte aus der Truhe das Kleid, welches ſie heute erſt vollendet, legte noch von ihrem duͤrftigen Eigenthum bei, was ſich fuͤr den Kranken ſchicken mochte, und was der ſchwache Mondſtrahl, der durch den Spalt des Fenſterladens in die Kammer fiel, ihr zu finden erlaubte, machte aus Allem einen kleinen Buͤndel, und kehrte eilig zu Gabor zuruͤck. Dieſer ruͤſtige Bote zog gerade den ledernen Riemen um ſeinen Leib feſter zuſammen, wie auch die Schnuͤre an den Sandalen von Buͤffelleder, gleich als ob er unverweilt die Wanderſchaft wieder antreten wollte. Maruzza ſagte ihm aber:„Nimm dieſe kleine Gabe, und ſage dem Freunde, wie Du mich fan⸗ deſt, wie ich geſinnt bin. Sage ihm, daß ich fuͤr ihn beten werde, damit er geneſe, und damit eine frohliche Stunde noch fuͤr uns ſchlage. Du aber ſey nicht boͤſe, daß ich Dich nicht einmal mit Speiſ' und Trank erquicke, denn Kuͤche und Kel⸗ ler ſind leer. Lebe wohl, Gabor, und gib bald —— Nachricht von Dir und Joſchuch. Der Himmel beſchuͤtze Dich auf Deiner weiten Reiſe!“ „Ich werde nicht ſo weit gehen;“ verſetzte Ga⸗ bor lachend:„das Geſchenk wird gleich an Ort und Stelle ſeyn. Paß' auf, Joſchuch! fang' den Ball!“— Er warf den Buͤndel in die Luft, und derſelbe wurde im Herunterfallen richtig von ei⸗ ner Geſtalt aufgefangen, die ſchnell mit dem Rufe:„Schoͤnen Dank, Maruzza!“ aus dem finſtern Schatten ſprang.— Maruzza fuͤhlte vor Schreck und Freude ihr Herz klopfen, denn die Stimme und Geſtalt war Joſchuch's. Der Braͤutigam ſtreckte der Verlobten die Hand entgegen, und ſagte mit rauhem aber zufriede— nem Tone:„Du biſt ein brav Maͤdel, Maruzza! Ich bin mit Dir zufrieden. Gib mir die Hand, damit Du fuͤhlſt, daß kein Geſpenſt vor Dir ſteht, ſondern Joſchuch wie er leibt und lebt.“ Er war es auch wirklich, wie ſich Maruzza ſtaunend uͤberzengte. Er war es, der hochge⸗ wachſene ſchlanke Geſelle mit den hinter den Ohren lang herabhäͤngenden geflochtenen Zopfen, dem buſchigen Schnauzbart und dem Pulverfleck auf der linken Wange, um deſſentwillen ſeine Landsleute ihn den ſchwarzen Joſchuch nann⸗ ten. Gleich als ob er nie fluͤchtig gegangen wäre, als ob er ein Recht hätte, ungeſtraft auf dieſem Grunde zu ſtehen, trat er kecken Fußes vor ſeine Braut, die verwundert ihn gegen das Mondlicht kehrte, und ſeine Kleidung betrachtete. Er trug wohl noch das Gewand ſeines Volks, doch ſchlang ſich ein breiter Guͤrtel mit funkelnder Schnalle um ſeinen Leib, an welchem ein lang und bunt⸗ befranztes Schnupftuch flatterte, und daneben ein geſtickter Beutel und ein blinkendes Meſſer hing; ſaubere bunt ausgenähte Ziſchmen hatten die Sohlen von Buͤffelleder an ſeinen Fuͤßen er⸗ ſetzt, ein weißer Aermelmantel, weit und faltig und mit rother Stickerei an Saum und Kragen verbraͤmt, hing an ledernen Riemen um ſeine Schultern, und auf ſeinem Haupte ſaß ein feiner Hut mit breiter Krempe, einem Kranz von — 5— farbigem Pluͤſch und einem Blumenſträußlein. Ueber die linke Schulter hing die getreue Kngel⸗ buͤchſe, halb im Mantel verſteckt und in der rech⸗ ten Hand fuͤhrte der martialiſche Menſch einen Czakan von anſehnlicher Groͤße mit hellſpiegeln⸗ dem Beil.— Wie nun Maruzza die veränderte Tracht an dem Verlobten ſah, den ſie ſich in ſchmählichen Lumpen gedacht, rief ſie beſtuͤrzt: „Heiliger Nicolaus! wie ſieh'ſt Du aus, Joſchuch? Gabor hat abſchenlich gelogen, wie ich nun be— greife. Du gingſt als ein Bauer fort, und kehr'ſt wieder als wie ein Hauptmann von der Graͤnzmiliz! Wahrlich, im ganzen Czibunage⸗ birg kommt Dir Keiner gleich, waͤr's auch ein Edelmann.“ Joſchuch lachte halblaut vor ſich hin, verſchloß mit ſeiner Hand Maruzza's Mund, und ant⸗ wortete:„Das Luͤgen iſt einmal dem guten Ga⸗ bor angeboren, wie Euch Weibern der Scharfſinn der Ottern. Wie Du ſo gleich errathen haſt, was ich jetzt vorſtelle! Ich dachte Dich damit Stindter's ſinm. Werft NMxI. Pb. Herbſtvioten. A. 6 82 zu uberraſchen, und nun lieſeſt Du mir mein Geheimniß von den Kleidern ab. Ja, Maruzza: nach vielem Elend hat mir das Gluͤck gelächelt. Ich fuͤhre den Befehl uͤber eine tuͤchtige Graͤnz⸗ miliz, habe mein eigenes Haus und gutes Aus⸗ kommen, und bin da, Dich heimzufuͤhren in meine Wirthſchaft.“ Maruzza's Herz fuͤhlte ſich im Innerſten er⸗ ſchuͤttert von der Redeweiſe Joſchuc's. Seit der geraumen Friſt, als er Szluka verlaſſen, war ſeine Sprache derber, kuͤhner, wilder geworden, denn zuvor; jedes ſeiner Worte, obgleich leiſe geſagt, rollte wie ein dumpfer Donner in Maruzza's Ohr, und obgleich dem Bräutigam ergeben, ver⸗ mochte nicht das Mädchen ſich ſeiner Wiederkehr zu freuen, und die Zukunft zu preiſen, die er vor ihren Augen entrollte. Sie ſchwieg; Joſchuch bemerkte ihr Zandern, und wurde ſtutzig.„Du ſchweigſt?“ fragte er finſter: bebt in der meinigen? was iſt Dir? rede! Ich will keine Umſchweife, kein Räthſel, keine Luͤge „Deine Hand er⸗ von der Braut. Ich ſandte Gabor, Deine Ge⸗ ſinnung zu pruͤfen, ich horchte am Zaun des Gar⸗ tens Deiner Rede. Sieh', die Buchſe iſt geladen, der Hahn geſpannt; die Kugel waͤre in Deinen Kopf gefahren, ſobald ich von Deiner Zunge ei⸗ nen Laut der Untreue vernommen haͤtte. Ma⸗ ruzza! ich glaubte, in Dir gediegenes Gold ge⸗ funden zu haben. Wäreſt Du aber falſch, wie Ihr Alle ſeyd? haͤtteſt Du vor dem Gabor Dich verſtellt, und koͤnnteſt vor mir die Heuchelei nicht bewahren 2 Maruzza! Nun?“ Langſam glitt der Riemen der Kugelbuͤchſe mit dem Gewehr von der Schulter des argwoͤh⸗ niſchen Joſchuch; er ſtieß den Czakan mit dem Stachel in den Boden, ſprang wie der Blitz ei⸗ nen Schritt zuruͤck, und Maruzza ſah mit Schau⸗ dern, daß die Muͤndung des Buͤchſenlaufs ſich drohend gegen ſie erbob. Mit vorgeſtrecktem Ar— me rief ſie:„Halt' ein! Willſt Du mich zum Willkomm ermorden?“ „Sobald Du noch einen Angenblick zögerſt, mir genuͤgend zu antworten, und die Hand zu 6* — 8 1— geben, wie ein redliches Weib;“ entgegnete Jo⸗ ſchuch in heftiger Bewegung:„antworte, heuch⸗ leriſche Magd, oder ich gebe dem Dorfe ein neues Beiſpiel! Ich liebe die geraͤuſchloſe That nicht; mein Zorn muß ſiets im Pulverknall von den Bergen widerhallen!“ Maruzza wußte, wie unverbrächlich Joſchuch ſein Verſprechen hielt; ſie ſah den Tod vor Au⸗ gen, und dennoch war's, als ob eine unwiderſteh⸗ liche Macht ſie vom Flecke reiſſen muͤßte, der Kugel ſpottend, die bereit war, ihr nachzufliegen. — Gabor's Dazwiſchenkunft verhinderte Flucht und Verbrechen. Mit der einen Hand ſchlug er die drohende Waffe in die Hohe, mit der andern faßte er Maruzza's Arm, und zog ſie naͤher her⸗ bei, mit den Worten:„Fuͤrchte Dich nicht, Ma⸗ ruzza, und Du, Joſchuch, ſchäme Dich, Deine Braut in Schrecken zu jagen. Sie liebt Dich ja, ſie iſt Dir unterthanig und folgt Dir— ich weiß es— wohin Du willſt. Biſt Du nicht zufrieden mit dem, was ſie hinter Deinem Ruͤcken gegen mich ſagte? Die Weiber ſchmeicheln im⸗ * ————,— —,—— mer eher in's Geſicht, als hinter'm Ruͤcken. Spare Deine Kugel fuͤr einen drohenden Feind, und bringe nicht durch Deine Wuth das Dorf in Auf⸗ ſtand.“ Joſchuch ließ das Gewehr ſinken, und harrte auf ein Wort von Marnzza. Das Maͤdchen fuͤhlte, wie Gabor ſie wohlmeinend in den Arm kniff, und uͤberwand ſich, an die Mutter Aya denkend, dem kuͤnftigen Ehemann demuͤthig zu antworten:„Erzuͤrne Dich nicht, Herr! ich bin Dir ja verlobt, und thue, was Du befiehlſt.“— Joſchuch nickte zufrieden, reichte ſein Gewehr dem Gabor hinuͤber, zog Maruzza an ſeine Bruſt, ſtreichelte ihr das Kinn, und ſprach hinwieder ſo milde, als es in ſeinem Munde anging:„Das laͤßt ſich hoͤren, Kind. Mußt fein gehorſam ſeyn und auf meine Fragen antworten, wie der Don⸗ ner auf den Blitz folgt. Ich rede nicht gern in den Wind. Sage mir aber, wenn ich an Deine Aufrichtigkeit glauben ſoll, warum Du ſo be⸗ fremdet warſt, warum ſo raͤthſelhaft?“ „Ich gedachte der Gefahr, der Du hier aus⸗ —————— — 5— geſetzt biſt, und das verdarb mir wiederum die Freude;“ entgegnete das Maͤdchen, nicht ohne Schlauheit.—„Närrchen! Gefahr? ich wuͤßte nicht. Und wenn plotzlich die ganze Gemeinde hier ſtuͤnde und die Sonne ſchiene, und Jung und Alt mich erkennte— die Leute wuͤrden mir nichts thun, glaub' mir.“ „Die Bauern nicht, ach nein! Aber der Herr iſt da, und von ſeinen Leuten wimmelt das Dorf.“ „Wie?“ fragte Joſchuch ſchnell und uberraſcht: „Das iſt etwas Anderes. Gabor, hoͤrſt Du? Wie gut, daß wir erſt zur Nachtzeit durch den ſchwarzen Wald herniederkamen? Was meinſt Du, Gabor?“ „Daß die Hexen dem alten Edelmann das Licht gehalten haben muͤſſen;“ meinte Gabor mit einer drohenden Bewegung nach dem Dorfe:„Du darfſt Dich nicht ſehen laſſen, Joſchuch. So wie es Tag geworden, will ich mich auf die Lauer legen.“ Joſchuch gerieth nach und nach wieder in Jaſt und Zorn, dem er in leiſen Verwuͤnſchungen, † „—— — die Fauſt nach dem Dorfe geballt, Luft machte. „Hat der Alte jetzt vielleicht Luſt, Dich mir zu entfuͤhren, Maruzza?“ fragte er mit tuͤckiſchem Lächeln.„Will der Alte nun vollenden, was der Junge hat unterlaſſen muͤſſen, weil ich ihm einen Flugel vom Leib ſchoß? Wollte Gott, das Blei wäre ihm durch's Hirn gegangen! Alter Domno, alter Domno! Es mochte Dir gefährlicher ſeyn, mir in den Weg zu laufen, als einer wild ge⸗ peitſchten Buͤffelheerde. Nimm Dich in Acht, Domno!“ „Nicht dieſen Groll, nicht dieſe Wuth, Jo⸗ ſchuch!“ bat Maruzza mit dringendem Ernſt, in⸗ dem ſie Joſchuch's Haͤnde ſchmeichelnd druckte: „Willſt Du denn meinen armen Vater, der ſchon einmal um Deinetwillen mit ſeinem Leib und ſeiner Habe buͤßen mußte, auf's Neue in's Elend oder an den Galgen bringen? Du biſt ein ruͤ⸗ ſtiger Mann, und ſpotteſt auf Deinen leichten Fuͤßen den Verfolgern. Aber der unſchuldige alte Gurul, der nicht entfliehen kann, wurde es ent⸗ gelten muͤſſen. Was willſt Du auch vom Dom⸗ no? Du haſt ſeinen Sohn geſtraft, laß den Va⸗ ter in Ruh'!“ „Die Braut hat's nicht verdient, daß Du ihre Furſprecherin wirſt;“ murmelte Joſchuch ver⸗ droſſen:„So ſeyd ihr aber, ihr Weiber. Sogar wenn Einer kommt, um euch die Ehre zu rauben, fuͤhlt ihr euch geſchmeichelt, daß euer bischen Reiz ſo viel Begierde hervorgebracht. Ich hoffe nicht, daß Du bedauerſt, daß jene Sache mit dem jungen Grafen Miklos ſo blutig ausgegangen, ſtatt in ſtraͤflicher Wolluſt. Wenn ich ahnen duͤrfte, daß das Leben einer Edelmannsbuhlerin, ſo wie ſie in Staͤdten und Schloſſern frech und luſtig umherſitzen, Dir wuͤnſchenswerth ſey, und eine Frucht, wornach Du verlangſt— erdroſſeln wuͤrde ich Dich zur Stelle. Was aber den Domno betrifft, ſo ſoll er nicht vergebens hier geweſen ſeyn. Er ſoll Deinem Vater herausgeben, was ihm verloren ging, oder ich will einen blutigen Zehnten von ihm fordern!“ Gabor vereinigte ſeine Bitten mit Maruzza's, und ermahnte den Freund, ſich zu beruhigen. Als dieſe Vorſtellungen etwas gefruchtet zu haben ſchienen, erzaͤhlte auch Gurul's Tochter von dem Auftritt des verwichenen Abends zwiſchen dem Span und ihrem Vater, und von dem Retter, den der Himmel in der Perſon des Fremdlings Nicol geſchickt.— Joſchuch runzelte wieder die Stirn, und ſagte:„Dem fremden Burſchen muß ſein Geld werden. Ihr duͤrft Niemand auf der Welt etwas ſchuldig ſeyn, als mir. Ich bin in den Stand geſetzt, Euch Alles zu ſeyn, und wo mein Geld nicht auslangt, da reichen meine Ku⸗ geln hin. Ich haͤtte den Schaͤdel des Spans mit Blei gefuͤttert, ſtatt mit Silber ſeinen Beu⸗ tel. Du wirſt Dich nach dem Soldaten erkun⸗ digen, Gabor. Er muß ſein Geld wieder haben, und bis morgen Nacht muͤßt Ihr Alle fort ſeyn, gleich wie zerſtoben in der Luft, als ob der Re⸗ genbogen Euch aus dem Sumpfe, wo er ſaͤuft, gen Himmel gezogen haͤtte. Die uͤble Nachrede will ich Euch vom Leibe halten, denn meine Braut muß unbeſcholten bleiben bis an's Ende, — und nicht einmal ihres Vaters Name in dem Mund eines Glaͤubigers entweiht ſeyn.“ Maruzza's Verwunderung ſtieg immer hoher, da ſie ihren Verlobten von ſeinen Mitteln und Kraͤften mit einer Sicherheit und Zuverſicht reden hoͤrte, wie ſie nur ein reicher Gutsbeſitzer haben konnte. Ihre Verwunderung ſprach ſich laut aus, als Joſchuch unverſehens mit einer Art von ritterlicher Hoͤflichkeit eine Schnur glaͤnzender Perlen hervorzog, und um Maruzza's Hals ſchlang. Sie rief:„Soll dieß mein ſeyn, Jo⸗ ſchuch? Ach, wie ſchoͤn ſind dieſe Perlen! Du mußt reich ſeyn, Herr; nicht wahr? Wie iſt das gekommen? Wie geſchah's, daß Dich der Konig zum Officier gemacht, und Dir ſo viel Geld gegeben?“ „Das erzaͤhle ich Dir ein andermal;“ verſetzte Joſchuch ſchmunzelnd. Dann foͤgte er ernſthaft hinzu:„Unterſtehe Dich aber nicht, ein Wort von meinem Hierſeyn verlauten zu laſſen, gegen Niemand, er ſey, wer er wolle. Ich habe Ur⸗ ſache, wegen meiner Jagd auf den jungen Miklos dem Vater nicht allzuſehr zu trauen. Schweige von Allem, was Du jetzt geſehen und gehoͤrt! Wirſt Du?“ „Ich werde, Joſchuch!“ antwortete Maruzza betroffen:„Willſt Du aber nicht Deine Mutter ſehen und begruͤßen 7“ Joſchuch ſchwieg eine Weile, und heftete mit ei⸗ ner Art von Ruͤhrung den Blick auf Fedra's Huͤtte. Dann entgegnete er mit weicher Stimme:„Wie geht's meiner Mutter? Denkt ſie meiner, und hat ſie mich noch lieb?“ „Ach, ſie weinte um Dich, wie um einen Todten!“ „Wie um einen Todten?“ wiederholte Jo⸗ ſchuch nachdenklich, und ſtuͤtzte ſich, im Sinnen verloren, auf den Czakan.—„Die Häͤhne kraͤhen ſchon;“ raunte ihm Gabor in das Ohr:„Wol⸗ len wir nicht gehen?“— Joſchuch hoͤrte nicht. —„Soll ich Deine Mutter nicht wecken?“ ſagte Maruzza ſanft, die Hand auf Joſchuch's Schul⸗ ter gelegt:„Gewiß traͤumt ſie von Dir, und — 92— ein Erwachen wie im Himmel waͤre der Verlaſ⸗ ſenen wohl zu goͤnnen.“ Joſchuch richtete ſich in die Hohe, ſchuͤttelte den Kopf und entgegnete langſam aber beſtimmt: „Nein, Maruzza. Sie hat mich geboren, geſaͤugt, getragen und ernaͤhrt— darum liebe ich ſie. Aber Fedra iſt ein Weib wie ein anderes, und Mutterliebe macht ſchwatzhafte Zungen. Ich will, daß Du ihr nichts ſageſt. In der nächſten Nacht hole ich Euch Alle zuſammen ab. Ich baue auf Deine Verſchwiegenheit. Dein Wohl, Dein Leben ſogar hangt von Deinem Gehorſam ab. Vergiß das nicht, und verſtecke die Perlen bis zu unſerm Hochzeitstage. Koſtbarer als die⸗ ſer Schmuck iſt mir das Geſchenk, welches Du dem Gabor anvertrauen wollteſt. Sorge nicht: der Hochzeittag wird kommen, fuͤr welchen Du mir das Feſtgewand gewoben. Lebe wohl, und bleibe mir tren. Treue iſt Dein Leben, Untreue Dein Tod!“— Er warf ſeinen Mantel heftig um ſeine Schultern, druͤckte einen wilden Kuß auf Maruzza's Stirn, und kletterte, den Gabor „ —— mit fortreiſſend, wie eine ruͤſtige Ziege die An⸗ hoͤhe hinan, wo die weißen Geſtalten alſobald unter den dunkeln Baͤumen, die den abſtuͤrzenden Giesbach beſchatteten, verſchwanden. Noch hatte die Sonne die Mittagshoͤhe nicht erreicht, und ſchon wimmelte es in der Schenke zu Szluka von Gaͤſten in buntem Gemiſch. Die wenigen Tiſche waren ſtark beſetzt, und um den Herd wie auf dem Boden lagerten andere Grup⸗ pen von Zechenden und Sprechenden. Wandernde Saffrantrager und Scorpiondlverkaͤufer ſchrieen aus vollem Halſe ihre Waaren und Abenteuer aus; die Zigeuner, die geſtern bei Dodje aufge⸗ ſpielt hatten, klimperten auch hier auf dem Hack⸗ brett und ſtrichen die Geige; in einem andern Winkel ſaß eine Reihe ausruhender Maͤgde, und ſummte halbleiſe eine jener melancholiſchen Wei⸗ ſen, die im Munde der Walachen heimiſch ſind; Hirten, die ſo eben von einer Weide zur andern „ — 91— zogen, hielten unfern ihr Mahl mit ſtark gepfef⸗ fertem Gulyasfleiſch, und tranken in vollen Zuͤgen den Branntwein aus ihren Flaſchen, waͤhrend draußen ihre Heerden bloͤckten, bewacht von den Vuben und den eifrigen Hunden. Einige Haufen von Ziſchmenmachern, die aus dem Bannat von einem Jahrmarkte kamen, laͤrmten und rauch⸗ ten in der Schenke mit demjenigen Stolze, den ſie als ſtädtiſche Buͤrger dem Bauer gegenuͤber hegten und pflegten; der meiſte Spectakel ging aber von der Gegend aus, wo die Fäſſer voll ſprudelnden Weins lagen, und wo Joſchuch's Be⸗ gleiter, Gabor, einen Trupp von alten Bekannten bewirthete, die ſich aus dem Dorſe zu ihm ge⸗ funden hatten. Wie ein Lauffener hatte ſich, als Gbor kaum in die Schenke getreten, das Geruͤcht im Dorfe verbreitet, daß Pawo's liederlicher Sohn, der all' ſein Vermoͤgen vergendet, wiedergekommen ſey, und theils Neugierde, theils die freundliche Einladung des verlor'nen Sohns hatte ſeine Ju⸗ gendgeſpielen um ihn verſammelt. Wie ſchauten die einfältigen Dorfſoͤhne, als Gabor mit einem —— — „—— vollen Beutel klapperte und dieſen Beutel freige⸗ big aufthat, rothen und weißen Wein in der Freunde Gurgeln fließen ließ, wie bei einer Kroͤ— nung, ſchmackhafte Forellen herbeiſchaffte, gewuͤrzt mit Zwiebeln und Salz, des beliebten Ballocos zu geſchweigen, den er in einer ungeheuern Schuͤſ⸗ ſel, dampfend und hoch auſgethuͤrmt, ſeinen Gaͤ⸗ ſten vorſetzen ließ! Die Hungrigen fanden hier genugſame Speiſe, die Durſtigen ein unverſiegli⸗ ches Faß, und auch die Ohren der Neugierigen fuͤtterte der theure Landsmann mit maͤhrchenhaf⸗ ten Erzählungen von Reiſen zu Waſſer und zu Land: wie er, ein armer Burſch, auf⸗ und davon gegangen, weil ihm ein Morre Gluͤck und Geld aus der Hand prophezeiht; wie er ſich muͤhſam fortgeholfen mit Hirtendienſt und Feldarbeit bis auf das tuͤrkiſche Gebiet, wo die Czerna entſpringt; wie er längs dem Fluͤßchen fortgegangen, und nach mancher Fährlichkeit gen tuͤrkiſch Orſowa war gerathen, wo ihn der Commandant in Ket⸗ ten ſchlagen ließ, weil er ſich geweigert, ſein Tra⸗ bant zu werden; und wie ihn dann ein ſerbiſcher — 35— Kaufmann in ſeinen Dienſt, ja ſogar an Sohnes Statt aufgenommen, in deſſen Auftrag er jetzt nach Kronſtadt gehe, Felle zu holen und Leder⸗ werk. Er habe dem Vergnuͤgen nicht widerſtehen konnen, einen Seitenſprung nach dem Geburts⸗ dorf zu machen, und freue ſich, ſeine Landsleute zu bewirthen.— Ein lauter Jubel antwortete auf ſeine Erzaͤhlung; die leichtſinnigen Burſche ließen ihren Freund hochleben, die ernſthafteren warnten ihn vor dem Recrutiren, von dem man neuerdings viel munkle; Allen aber entgegnete er, daß er nichts fuͤrchte, indem ein guter Paß in ſeiner Taſche ſtecke, und er ſich als des Koͤnigs Unterthan nicht mehr betrachte. Nun ſetzte ihm, faſt unaufgefordert, der ganze Schwarm mit Neuigkeiten aus der Heimath zu, und des Er⸗ zaͤhlens wurde kein Ende. Jahrmarktsraufereien, Roßdiebſtähle, Heirathen und Kindtaufen, Ver⸗ armungen und Gluͤcksfäͤlle, fabelhafte Mordhiſto⸗ rien aus der Nachbarſchaft und Hexereien kamen an die Reihe.„Du biſt reich geworden, Dmitr? ragte Gabor Dodje's Sohn, der mit unter den Genoſſen war, und gab ihm einen recht broͤder⸗ lichen Schlag in's Genick:„Warum haſt Du denn kein Weib? Iſt doch der ſchwarze Joſchuch nicht mehr da, um Dir ſie wegzufiſchen.“— Dmitr ſchnitt ein fuͤrchterliches Geſicht. Gabor fuhr lachend fort:„Sey nicht boſe, Bruder! Der Schlingel hat mir's ja um kein Haar beſſer ge⸗ macht. Ich danke ihm noch dafuͤr. Was ſollte ich damals mit einer Frau anfangen, die mir nicht wenigſtens ein Hundert Oka Goldes mit⸗ gebracht hätte? Jetzt wäßte ich ſchon beſſer zu waͤhlen.“—„Ei, haſt Du nie etwas von Joſchuch gehoͤrt?“ ſagte ein Burſche mit weit aufgeriſſenen Augen.—„Ja, ja, iſt er Dir nicht auf Deinen Zuͤgen aufgeſtoßen, der Landſtreicher?“ ſetzte Dmitr hinzu. Gabor erwiederte hierauf, ſich uͤber den ſchmalen Tiſch vorbuͤckend, und den Zeigefinger bedächtig an die Naſe legend:„Ich habe den Schwarzen nicht geſehen, meine Freunde. Doch habe ich von ihm gehoͤrt. Er iſt, die arme Haut, unter die Sereſſaner gegangen, hat dort— Ihr Sindtens ſinm. Werke. XXXI. Bd. Herbſtviolen. II. 54 wißt ja, wie er heftig war— Streit mit ſeinem Harum⸗Boſcha bekommen, und wurde darinnen erſchoſſen. Der Himmel troͤſte ihn, und nehme ihn auf, wenn er noch einen Popen fand, der ihm in der letzten Stunde einen guͤltigen Paß nach dem Paradies ausſtellte. Das iſt aber Alles gewiß und wahr, meine Freunde. So hat mir's ſelbſt ein wilder Teufelskerl von Sereſſaner er— zählt, mit dem ich ein paar Stunden durch den Wald an der Gränze ging.“— Gabor ſtellte ſich, als ob er ein paar Thränen aus dem Ange wiſchte, die ihm wider Willen hineingekommen, und die trunk'nen Geſellen um ihn her wurden weichmuͤthig wie er, und ſtimmten im Chor eines ihrer kläglichſten Lieder an, deſſen Refrain immer hieß:„Was ruͤtzt ihm nun das raſche Pferd, und was der weiße Stier? Der Bruder ging von hinnen fort, und weilet nimmer hier! Du lieber Bruder— dai, dai, dai, dai!“ Dmitr war der Einzige, der ſich, obſchon auch nicht mehr nuͤchtern, grämlich abwendete, und vor ſich hinbrummte:„Einfaͤltiges Lumpenvolk! —— —,— wenn das einen Tropfen auf der Zunge hat, ſo ſingt es dem aͤrgſten Taugenichts ein Lob- und Trauerlied.— Sieh' da,“ fugte er erſtaunt bei: »Du auch hier, Nicol? Ich hätte nicht geglaubt, daß Deine Ernſthaftigkeit ſich in's Wirthshaus verliefe. Kommſt Du vielleicht, den Tod des ſchwarzen Joſchuch mit zu feiern? Freue Dich, daß Dir zu Maruzza der Weg jetzt offen ſteht. Der Vater hat ſchon gehoͤrt, wie Du Dein Geld an den Span verſchleudert, um dem Trunken⸗ bold Gurul zu helſen. Das gilt der Tochter, guter Vetter; wir ſind nicht ſo dumm, das wir das nicht begriffen. Aber meinethalben; geſegne Dir Gott die Mahlzeit; ich gonne ſie Dir ſo gut, als dem Boſewicht, dem Joſchuch, daß er krepirte“ „Du biſt beſoffen!“ antwortete ihm Ricol mit ruhiger Verachtung, und wendete ſich von ihm. Gabor hatte indeſſen, wenn er auch mit ſeinen Freunden beſchaͤftigt ſchien, ein feines Ohr nach dem Zweiſprach Dmitr's und Nicol's geſpitzt, — 100— und warf wie einen Blitzſtrahl die rauhen Worte nach Dmitr hinuͤber:„Was ſchimpfſt Du mei⸗ nen Freund? der kleine Finger ſeines todten Leichnams iſt mehr werth, als Dein ganzes le⸗ bendiges Fell, mit Allem, was daran und darun⸗ ter iſt. Widerrufe gleich den Schimpf, oder es geht Dir nicht gut 16 Die Zechbruͤder rund umher ſchwiegen mit Geſang und Geſchrei, und ſtarrten aufmerkſam auf Dmitr, begierig, einen Streit zu erleben. Dodje's Erbe antwortete grob und trotzig:„Mei⸗ nes Vaters Sohn widerruft nicht. Ich werde nicht viel Umſtaͤnde mit einem Strolchen ma⸗ chen, der am Galgen haͤngt, ſobald er ſich nur im Veterlande blicken läͤßt. Er iſt ein Moͤrder, ein Mädchendieb, und hat gewiß ſchon manches Pferd und manches Schaf von der Waide ge⸗ ſtohlen. Da man ihn nicht fing, haͤtte man we⸗ nigſtens ſeine Mutter, die alte Hexe, verbrennen ſollen.“— Gabor ſprang auf, ſchlug den Dmitr in's Geſicht, und rief:„Da, Hund! das fuͤr den Roßdieb, das fuͤr den Todtſchläger, und das fuͤr —— ——— ———— — 401— die alte Hexe! Schaͤndlicher Tropf, wehre Dich, wenn Du Herz haſt!“ Dmitr, von wiederholten Fauſiſchlägen getrof⸗ fen, duckte ſich, und ſchlenderte ſeinem Feind ei⸗ nen hoͤlzernen Teller zu, der an Gabor's Ohr vorbeiflog, und einen Hirten an die Stirn traf. Nun wurde der Laͤrm allgemein. Während Ni⸗ col mit aller Kraft den Gabor und Dmitr, die er bei der Bruſt packte, aus einander hielt, fiel der ganze Schwarm der Schaf- und Ochſenhuͤ⸗ ter auf Dodje's Sohn, fuͤr den nun gegen die Fremden die ruͤſtigſten ſeiner Zechbruͤder Partei ergriffen. Das Gewirre drohte in arge Thaͤtlich⸗ keiten uͤberzugehen, und ſchon blinkten hin und wieder Meſſer und Waldbeile in der Luft, ſchon waren Ricol's Kraͤfte faſt nicht mehr hinreichend, die beiden wuͤthigen Gegner aus einander zu hal⸗ ten, als plotzlich das Niederſtampfen von Ge⸗ wehren mit einemmale Ruhe und Friede machte. Alles ſah nach der Thuͤre hin, wo ein Trupp von fuͤnf bis ſechs Plajaſchen oder bewaffneten Geleitsmaͤnnern laͤrmend eintrat. Dieſe Sicher⸗ heitswachen, die in jenen wilden und ſchwer zu huͤtenden Gegenden von einem Diſtrict zum an⸗ dern ſtreifen, um in der zweiten Linie die Polizei⸗ corps der Graͤnzregimenter zu unterſtuͤtzen, kamen äußerſt ſelten nach Szluka, und waren daher der Gegenſtand allgemeiner Aufmerkſamkeit. Die in der Schenke angekommenen Plajaſchen, mit Meſſern und Buͤchſen bewaffnet, ſchleppten in ihrer Mitte einen abgeriſſenen Vagabunden, deſ⸗ ſen Geſicht die aͤußerſte Verwegenheit verrieth, in dieſem Augenblick jedoch gequält von ſchwerer innerer Angſt. Die Streifer hatten ihm die Hände auf den Ruͤcken gebunden, befahlen ihm, am Herde nieder zu ſitzen, und feſſelten ihm dort auch die Fuße mit ſtarken Stricken, woran ſie keinen Mangel hatten, weil ein Jeder von ihnen einen langen Strang zu dieſem Behufe um den Leib trug. Ein paar haͤßliche auf der Straße ergriffene kroatiſche Weiber, mit den Armen an einander gebunden, keuchten dem Trupp nach, und wurden ebenfalls an den Herd ver⸗ wieſen, wo ſie ſich niederkauerten.— Indeſſen ſchlichtete ſich durch die unvermutheten Gäͤſte der entbrennende Streit. Gabor verſetzte dem Dmitr einen Stoß mit ſeinem Fuße, und rief ihm veraͤchtlich zu:„Packe Dich, raͤndiger Hund! ich treffe Dich im Gebuͤſche!“— Dmitr entfloh mit allen Zeichen der Wuth und des Schreckens, gefolgt von Nicol, und alle Umherſitzende er⸗ ſchracken nicht minder, und ſagten beſtuͤrzt:„Gott geſegne ihm das letzte Brod! Iſt's aber Dein Ernſt, Gabor?“— Und dieſer erwiederte ſchnau⸗ bend wie zuvor:„Bei dem Haar meines Vaters! Ich treffe ihn ſchon noch im Gebuͤſche! Ich ſcherze nicht!“— Worauf alle Burſche des Dorfs den Dmitr ſchon im Voraus verloren erachteten, weil nun, nach des Wallachen Begriffen, ſein Tod unvermeidlich war— wenn er nicht ſelbſt bei einer guͤnſtigen Gelegenheit dem Todfeind durch einen raſchen Meſſerſtich zuvorkam. — Noch ſchwatzten, fragten, läſterten und faſel⸗ ten alle Zungen, als ein prächtig gekleideter Leib⸗ — 104— huſar des Grundherrn an die Schenke gejagt kam, von dem dampfenden Pferde ſprang, und mit den Worten:„Wein, Du fauler Schenk⸗ wirth! Ein gebratenes Huhn, faule Schenkwir⸗ thin!“ in die Kneipe trat. Dem ſchimmernden Domeſtiken machte Alles ehrfurchtsvoll Platz⸗ und der einzige Stuhl des Wirthshauſes wurde ihm gebracht. Sein Geſicht war zufrieden und frohlich, und die armen Bauern des Dorfs freu⸗ ten ſich deſſen, weil des Bedienten Antlitz ge⸗ woͤhnlich eine Copie der Laune ſeines Herrn dar⸗ ſtellt. Dem Grafen mußte alſo etwas Ange⸗ nehmes widerfahren ſeyn; der wohlgelaunte Herr iſt natuͤrlich mehr zur Gnade aufgelegt als zur Strenge, und ein walachiſcher Unterthan kann einen Gnadenſtrahl ſeiner Herrſchaft ſchon vertragen, weil dieſe Sonne ihm ſelten leuchtet. Neugierige Blicke ſchoſſen von allen Seiten nach dem Leibhuſaren, aber keiner von den Bauern hatte das Herz, den Herrenknecht anzureden, der ſich auf ſeinem Stuhl bruͤſtete wie ein Pfau, die Sporen an einander ſchlug, den ſilbergeſchnuͤrten — 405— Dollman offnete, ſich mit einem ſeidenen Tuche friſche Luft zuwedelte, den Staub vom dicken Federbuſch ſeines Kolpaks blies, den Wein mit veraͤchtlicher Grimaſſe ſchluckte, und mit vieler Vornehmigkeit den ſilberbeſchlagenen Meerſchaum⸗ kopf aus der funkelnden Säbeltaſche holte. Kuͤh⸗ ner als die guten Leute von Szluka war einer der fremden Plajaſchen, der, nachdem er den Hu⸗ ſaren eine Weile betrachtet, feſt auf ihn zutrat, und mit dem Tone der Vertraulichkeit anhob: „Sieh' da! Iſt das nicht der lange Gyorg von Hobitza? Bei'm heiligen Andreas! Unſerer Aeltern Gaͤrten ſtießen zuſammen. Gott gruͤß' Dich, ſchmucker Geſelle!“— Weil die uͤbrigen Gefaͤhrten des Plajaſch nun ebenfalls Miene mach⸗ ten, den Huſaren als einen Landsmann zu er⸗ kennen, vermochte dieſer nicht wohl, durch ein kaltesz und freches Leugnen des JIugendgeſpielen Vertraulichkeit von ſich zu ſcheuchen, wie er es ſchon in der Stadt oder auf dem Schloſſe ſeines Herrn gethan haben wuͤrde. Er begnuͤgte ſich daher, eine vornehme Herablaſſung auf ſeinem — 106— Geſichte zu zeigen, und erwiederte mit ſcheinba⸗ rer Zerſtreuung:„Wahrhaftig; ich glaube mich zu erinnern. Du biſt des Gerbers Sohn, der ausgelaſſene Davidow, der meiner Mutter die Pflaumen ſtahl. Nun, was macht Ihr denn zu⸗ ſammen, Ihr chrlichen Leute von Hobitza? Wie ſteht die Ernte? Wie bringt Ihr Euch durch? Du biſt aus einem kleinen Spitzbuben ein großer Spitzbubenfaͤnger geworden?“— Der Plajaſch lachte herzlich uͤber den gnaͤdigen Spaß ſeines ſo hoch emporgeſtiegenen Cameraden, und reichte ihm die grobe braune Hand hin, worein aber der Huſar ſtatt der ſeinigen ſeinen Tabaksbeutel legte, und mit einem mitleidigen Wohlwollen ſagte:„Stopfe einmal eine Pfeife mit mir. Verſchuͤtte aber nichts; es iſt ächt tuͤrkiſcher, wie wir ihn immer rauchen, ich und der Graf!“ — Der Plajaſch machte ſich mit vieler Zimper⸗ lichkeit und Ehrerbietung daran, mit feingeſpitz⸗ ten Fingern die Schnuͤre des Beutels aufzuzichen, und ſowohl ſeine Gefährten, als die uͤbrigen Gäſte und Bauern draͤngten ſich um ihn, den herrlichen Beutel zu betrachten, der, mit ſilber⸗ nen Blumen verziert, und mit bunten Franzen benaͤht, den Naturſoͤhnen gewaltig in die Augen ſtach. Gabor benuͤtzte indeſſen den Augenblick, um ſich nach dem Gefangenen zu kehren, der ne⸗ ben dem Herde lag, ein huͤlfloſer Menſch. Ga⸗ bor's Falkenauge erſpaäͤhte juſt, daß eines der krva⸗ tiſchen Weiber ein ziemliches Stuͤck Speck von dem verlaſſenen Herde ſtahl, und ſagte zu ihr mit gedämpfter Stimme:„Hexe, wenn ich Dich verriethe!“— Statt der Antwort hoben die bei⸗ den Weiber ſtumm und zagend die gefalteten Haͤnde empor, und Gabor machte ihnen ein Zei⸗ chen, daß er ſchweigen wolle, wenn auch ſie rei⸗ nen Mund halten wollten. Die Weiber nickten, und Gabor richtete nun ſchnell und in dem bar⸗ bariſchſten Gaunerdialect an den Gebundenen, der ihm vertraulich und bittend mit den Augen zuwinkte, die Fragen:„Was iſt Dir geſchehen, Proſz? Wie wurdeſt Du gefangen?“—„Ach, auf dem Wege zu Euch.“—„Toͤlpel! haſt Du etwas bekannt?“—„Wahrhaftig nein! Das — 108— reine Ungluͤck iſt an Allem ſchuld. Da ich heute im Walde meine Opanken anzog, mußte ich nie⸗ ßen, und da hat immer mein Lebetag der Teufel ſein Spiel.“—„Sey ruhig; ich helfe Dir. Wie ſteht's mit dem Jagdhauſe?“—„Alles richtig. Der Kapitan ſoll nur kommen. Alles bereit.“— „Gut! wo Du uns verräth'ſt...“—„Hilf mir, und ich verrathe nichts.“ Gabor ſchwenkte ſich raſch auf die Gruppe der Uebrigen zu, weil nach und nach Alle wieder zu ihren vorigen Beſchaͤftigungen zuruͤck kehrten. „Gott ſegne Dich, Alte!“ ſagte er lachend zu der Wirthin, die nach dem Herd eilte:„So eben hat ein ſchoͤner weißer Hirtenhund ein fettes Stuͤck Speck von der Pfanne geholt. Wer aufpaßt, muß Noth leiden.“ Und die Wirthin fing an zu fluchen, und die Schafhoͤter zu ſchelten, und dieſe erwiederten mit gewichtigen Schimpfworten, und Gabor und die kroatiſche Diebin lachten in's Faͤuſichen.— Nun naͤherte ſich Gabor dem wacker dampfenden Pa⸗ joſch, und ſagte ſchmeichelnd:„Ihr thut Euch guͤtlich beim Wein und bei der Pfeife, und Euer Tabak riecht wie Weihrauch. Der arme Teufel, den Ihr dort niedergelegt, wuͤrde auch gluͤcklich ſeyn, wenn er ſeinen Stummel anzuͤnden duͤrfte.“ —„Der iſt ein Landſtreicher, Freund! Wir er⸗ wiſchten ihn, da er juſt verdaͤchtig durch die Pußte ſchlich.“—„Der Tuͤrk goͤnnt aber ſogar dem Miſſethaͤter am Spieß die Erquickung. Er iſt doch ein Menſch, und vielleicht unſchuldig an jedem Frevel.“—„Meinethalben; der Hund ſoll rauchen, wenn es ihm gefällt.“— Somit ging er hin, band die Haͤnde des Burſchen los, wor⸗ auf dieſer die Pfeife vom Hut nahm, und mit einer Kohle vom Herd in Brand ſteckte. Waͤh⸗ rend deſſen begann der Huſar laut zu erzaͤhlen, wie er in den Herrendienſt gekommen, und die Plajaſchen ſaßen und ſtanden um ihn her, und auch Gabor horchte zu ſammt den Bauern, und vernahm unter anderem, daß der Graf, der auf ſeiner Meierei uͤbernachtet, am fruͤhen Morgen einen Boten von ſeinem Sohn erhalten, der ihm gemeldet: der junge Herr ſey durch die Bemuͤ⸗ — 110— hung eines geſchickten Arztes in Herrmannſtadt faſt wieder hergeſtellt, und werde im Laufe des Tags zu Szluka eintreffen, um in die warmen Herkulesbaͤder von Mehadia zu gehen, wo er vollſtaͤndig zu geneſen hoffe, obgleich der bleſſirte Arm ſtieif bleibe fuͤr immerdar.„Nun iſt der Wille des Herrn,“ verſetzte im Verlauf ſeiner Etzahlung der Bediente:„daß ſeinem Sohne hier die Ehrfurcht erwieſen werde, wie ihm ſelbſt, und das habe ich gerade dem Richter anbefohlen. Die Bauern werden gut thun, wenn ſie Alles aufbieten, um den erlauchten Patienten gebuͤhrend zu empfangen, wenn er hier durch nach der Meierei reitet.“— Nun verbreitete ſich Gyorg weiter uͤber die edlen und lobenswerthen Eigen⸗ ſchaften der alten und jungen Herrſchaft, und ließ den Plajaſchen fleißig einſchenken, und die uͤbrigen Bauern glaubten auch nichts Beſſeres thun zu konnen, als einſtweilen auf die Wohl⸗ fahrt ihres Grundherrn Glas auf Glas zu lec⸗ ren. Gabor, deſſen Zechgenoſſen theils auf's Neue mit dem Huſaren tranken, theils entſchlum⸗ —— mert im Winkel lagen, ſtrich hin und her, und ließ, da auch die kroatiſchen Weiber ſich zur Ruhe gelegt hatten, und ein dichter Dampf am Herde die Wirthin hinderte, auf das zu achten was um ſie vorging, im Vorbeigehen zu Proſz's Fuͤßen ein Meſſer niedergleiten, deſſen ſich der pfiffige Burſche bemächtigte. Hierauf erwiſchte Gabor mit kecker Hand eine Kohle vom Herd, und brachte dieſe geſchickt in das Ohr des Hu⸗ ſarenpferdes, das vor der Schenke angebunden ſtand. Nach wenigen Augenblicken wurde das arme Thier wild, ſchlug aus, riß am Zuͤgel, und wieherte laut vor Schmerz. Urſache genug, daß der Reiter beſturzt aufſprang, vor die Thuͤre flog, und daß Alles, was in der Schenke lebte, ihm nachfolgte, Wirthin und nicht aus⸗ genommen. Dieſen Zeitpunct erſah Proſz, ſchnitt mit ſicherer Fauſt die Bande an ſeinen Fuͤßen durch, und kroch ſchnell auf allen Vieren hinter dem Heerde durch, in die Thuͤre, die neben dem un⸗ geheuern Ofen in die finſtere Speckkammer fuͤhrte. — 112— Dort ſchlug er mit der Kraft der Verzweiflung das verklebte Fenſier auf, und ſchob ſich hin⸗ durch in's Freie.— Es dauerte lange, bis man den Grund der Unruhe des Pferdes inne wurde, das arme Thier von der Qual befreit und be⸗ ruhigt hatte, und nun verging erſt wieder eine gute Weile mit leerem Schelten und Fluchen, wozu auch Gabor mit der unbefangeſten Miene ſelbſt getreulich half. Der Huſar fiel mit roher Wuth die armen Hirtenbuben an, die er des Frevels an ſeinem Roß beſchuldigte, hieb mit flachem Säͤbel unter ſie hinein, wurde dann in einen grimmigen Streit mit den erwachſenen Huͤtern der Heerden verwickelt, rief ſeine Lands⸗ leute, die Plajaſchen zu Huͤlfe, und des Tobens und Raufens wurde lange kein Ende. Gabor benutzte aber das Getuͤmmel, ſich davon zu ma⸗ chen, um ſeinen Freund Joſchuch aufzuſuchen, und uͤberließ den halbtrunkenen Zechern in der Schenke, ſich uͤber die Flucht des gefangenen Land⸗ ſtreichers zu verwundern, wie ſie wollten. — 113— Mutter Aya hatte ſo eben ihre Hausgeſchaͤfte ſowohl, als die Beſtellung des Gartens und des kleinen Ackerfeldes, das daran ſtieß, beendigt, während der traͤge Gurul wieder unter ſeinen Zwetſchgenbäumen lag und ſchlief, und ſagte zu Joſchuch's Mutter, indem ſie den Korb voll Steine, die ſie vom Acker aufgeleſen, in den Giesbach ſtuͤrzte:„Unſer Eigenthum iſt doch als wie verflucht, gute Fedra. Statt der kuͤmmer⸗ lichen Nachernte wachſen uns nur Steine. Ja, wo des Herrn Ange nicht iſt, koͤnnen wir nichts ausrichten. Ich bin muͤde zum Sterben, und ſtuͤrbe auch recht gerne, um die Laſt los zu ſeyn, die wir armen Weiber auf Erden tragen muͤß⸗ ſen.“— Fedra verſetzte darauf, den Finger auf den Mund gelegt:„Nur daß es Dein Mann nicht hoͤrt, Nachbarin; es iſt einmal ſo, und wird immer ſo bleiben. Du mußt Dich durch eine innere Friſche und Lebendigkeit entſchädigen. Ein bischen Zorn und Aerger, ſo wenn man die Galle recht laut herausſprudelt, gibt wieder fro⸗ Spindler's ſimmtl. Werke XXRI. Bd. Herbſtviolen II. 8 — 114— hen Muth und langes Leben. Im Anfang mei⸗ ner Ehe, wenn mir's mein Alter zu arg gemacht hatte, ſaß ich immer in einem Winkel, wie ein begoſſenes Huͤhnchen, und das Herz war mir ſo ſchwer, als ob's mir abgedruͤckt wuͤrde. Aber mit der Zeit kam ich ſchon auf das rechte Mit⸗ tel, und nach jedem Sturm mit Joſchuch's Va⸗ ter fuhr ich, wenn er davon ging, wie das ſchwarze Wetter in dem Hauſe herum, ſchmiß das Holz durch einander, peitſchte das Vieh, und ohrfeigte meinen Buben, bis mir wieder wohl wurde. Es kam ſo weit, daß keine Frau im Dorfe ihren Eſſig machen konnte, ohne mich dabei zu haben, denn Zank und Aerger machen, wie Ihr wißt, den ſchaͤrfſten Eſſig. Ihr ſeyd aber zu gut, liebe Aya, und gleicht dem Schaf, das ſich tre⸗ ten laßt, ohne zu beißen.“—„Ach Fedra, wie Du wieder redeſt! ich habe ja kein Holz, um es durch einander zu werfen, keinen Topf, den ich zerſchlagen konnte, und kein Vieh, um es zu peitſchen. Alles iſt ja dahin, und mein Geſchäͤft am Tage nur, die Spinnweben und den Staub aufzuräumen, und Steine vom Acker zu ſam⸗ meln.“—„So hudelt Eure Tochter! die Ma⸗ ruzza iſt ſtark, und kann ſchon etwas vertragen, beſonders hente, wo ſie herumgeht, als ob ihr's im Kopfe nicht richtig wäre. Sie iſt mondſuͤch⸗ tig, glaube ich, am hellen Tage. Lauter ver⸗ kehrte Antworten; wohl zehnmal habe ich heute, wenn ich in ihr Fenſter ſchaute, geſehen, daß ſie das bischen Garn vom Webſtuhl und ihre paar Luͤmpchen zuſammenpackte, wie ein Soldat, der ſeinen Torniſter macht. Ging ſie nicht ſoweit, mir ſogar zu ſagen, als ich ſie bat, vernuͤnftiger zu ſeyn, und ihrer Mutter zu helfen:„Ach, Nach⸗ barin! das iſt nicht mehr der Muͤhe werth, wir werden Alle bald nicht mehr hier ſeyn!“ Macht mir daraus einen Spruch, wenn Ihr koͤnnt. Wäre die Dirne nicht ſchon ſo groß, ich wuͤrde glauben, ein Zigeuner habe ſie ausgetauſcht.“ Aya dachte eine kleine Weile nach, und er⸗ wiederte dann, die Haͤnde auf dem Ruͤcken, und mit dem Kopfe nickend:„Du haſt Recht, Mut⸗ 8 — 116— ter Fedra. Es kommt mir gerade auch ſo vor, als ob die Maruzza mit dem Gedanken umginge, ſich davon zu machen, uns im Stiche zu laſſen, und in die Welt hineinzulaufen. Vorhin kamen des Popen Kinder heruͤber, und ſie war zartli⸗ cher gegen ſie, als wohl ſonſt, und weinte, und kuͤßte die Kinder hin und her, und, nachdem ſie dieſelben fortgeſchickt, und ich ſie fragte, was ihr Weinen bedeute, verſetzte ſie:„Ach, wer weiß, wie bald ich die Engel nicht mehr wiederſehe, und auf immer verlaſſe!“— Wahrhaftig, nun ſteigt mir Alles zum Kopfe, und wenn ich wuͤßte, daß ſie ihre Kindespflicht verläugnen wollte, ich wuͤrde ſo wild ſeyn, als ich bisher zahm gegen ſie geweſen.“—„Am beſten wäre es,“ meinte Fedra,„wenn wir das Mädchen zuſammen in die Klemme nähmen. Wir wollen Eurem gro⸗ ben Mann nichts davon ſagen, denn die Maͤn⸗ ner ſchlagen gleich zu, und da wird die Dirne verſtockt, und ſagt kein Wort. Oder er frägt ſie dumm aus, und dann beluͤgt ſie ihn, ſo daß er's glaubt; aber das verſchmitzteſte Ding wider⸗ — — ſteht nicht zwei pfiffigen Weiberzungen. Darum ſollt Ihr den Honig und ich will den Pfeffer in's Geſpraͤch geben.“ In dem Augenblicke knallten einige Flinten⸗ ſchuͤſſe weit unten im Dorfe. Die Weiber ſtutz⸗ ten, Gurul fuhr aus dem Schlafe auf und tau⸗ melte dem Popen entgegen, der nach dem Dorfe eilte, und im Vorbeigehen zuruͤckrief, der junge Graf Miklos komme, und muͤſſe von allen Vor⸗ geſetzten des Dorfs eingeholt werden. Der Bauer reckte ſich mit verächtlichem Geſicht, gähnte laut, und ſchluͤrfte zu den Weibern heran, mit den Worten:„Die Heiligen ſeyen gelobt, daß ich der Richter nicht bin, und dem jungen Domno nicht entgegen gehen muß. Ich glaube, ich wuͤrde ihn beißen, wenn ich ihn ſähe. Er iſt doch ſchuld an meinem Elend, wenn ich's recht be⸗ denke, ob er's ſchon mit der Marnzza gut mein⸗ te.—„Pfui, pfni, und noch einmal pfui!“ rie⸗ fen die Weiber, als wie im Chor, und ſpuckten aus.— Indeſſen ſtuͤrzte Maruzza, wie außer ſich, aus der Huͤtte, rang die Haͤnde, und rief: 5 „Es wird im Dorfe geſchoſſen? haben ſie viel⸗ leicht den Ungluͤcklichen entdeckt? O, es wird ihm das Leben koſien!“ Sie wollte gegen den Steg eilen, aber Gu⸗ rul fing ihr Gewand mit einem tuͤchtigen Griff auf und ſagte:„Biſt Du närriſch, Maruzza? Haſt Du vom Tollkraut gegeſſen? Willſt Du jetzt dem jungen Domno in die Arme laufen, weil er nun einen Arm weniger hat?“— Ma⸗ ruzza ſtand mit ſcheuen Blicken ſtill, ob ſie gleich mit Gewalt ihre Häͤnde von den Haͤnden Fe⸗ dras und Aya's loszumachen ſuchte, die auch das Ihrige thaten, um die Erſchrockene feſtzu⸗ halten.„Kind, um des Himmels Willen! was ſprichſt Du, was haſt Du vor 26 fragte Aya.— „Maruzza, Nachbarin, wer hat Dir es ange⸗ than?“ ſetzte Fedra kreiſchend hinzu.— Ma⸗ ruzza deutete nur ſprachlos nach dem Dorfe, wo ein lautes Jubelgeſchrei ſich hoͤren ließ, und ihr Mund ſtammelte:„Gewiß haben ſie ihn jetzt uberwaͤltigt, gewiß liegt er jetzt in Banden! Va⸗ ter, Mutter, Nachbarin, wir muͤſſen fliehen, wir — 419— ſind verloren mit ihm!“—„Beſinne Dich doch!“ ſchalt der Vater, und ſchuͤttelte ſie derb bei den Schultern:„Freudenſchuͤſſe ſind's, Freudenge⸗ jauchze, wozu das Volk gepruͤgelt wird, weil der Sohn des Herrn kommt, den Gott verdammen moͤge!“— Maruzza ſtarrte ihn mit großen Augen an, druͤckte dann mit beiden Haͤnden die hochaufath⸗ mende Bruſt, und ſetzte ſich ſtill auf die Bank vor der Huͤtte. Gurul und die Weiber ſahen ihr zu, und ſchuͤttelten beſorglich den Kopf. Dann machte der Alte plotzlich ein pfiffiges Geſicht, und fluſterte den Weibern in die Ohren:„Ich merke, was dem verſtockten Ding im Sinne liegt. Denkt an den Kerl, der geſtern ſo großmuͤthig meine Schuld bezahlte. Die Marnzza hat es mit dem Kerl. Der Burſche iſt, ſo wahr ich lebe, ein Dieb, und die Maruzza weiß es. Da furchtet ſie nun, daß man ihn auf friſcher That ertappt hat, wie er vielleicht juſt einen Bienen⸗ ſiock hinwegtrug, oder einen Hammel ſtahl. Ich wollte um meinen Hals wetten, daß es ſo iſt, 4 wie ich mir es einbilde.“ Aya klopfte in die Haͤnde, und verſetzte ebenſo geheimnißvoll:„Fe⸗ dra, ich glaube, der Alte hat Recht. Gurul iſt nicht ſo einfaͤltig, Nachbarin. Am Ende will die Dirne die Heiligen verzeihen mir die Suͤnde„aber mir iſt's klar... ſie wollte geſtern gar nicht zu Bette... mir war's im erſten Schlaftaumel, als hoͤrt' ich vor der Huͤtte mehrere Stimmen reden.... gewiß war der Soldat da, und hat ſie beredet, mit ihm davon zu laufen.“— Fedra ſtemmte die Arme in die Seite, nickte mit bitterboͤſem Geſichte und mur⸗ melte: Verlogenes Geſchoͤpf! Aber es iſt die reine Wahrheit, was Ihr ſagt. Als ich geſtern noch mit ihr redete.. mir ahnte ſchon Boͤ⸗ ſes„ſie hat es fauſidick hinter den Ohren. Ja ja, ſie hat den Burſchen erwartet. Armer Joſchuch, wenn Du wuͤßteſt.—„Weißt Du noch, Aya,“ ſagte Gurul weiter,„wie wir es einſt machten, als ich Dich zur Nachtzeit in den Wald holte, und wir nicht eher zuruͤckkamen, als bis Dein Vater die Einwilligung zu unſerer — 121— Hochzeit gab? Das ſteckt im walachiſchen Blut. Aber hier iſt die Sache ſchlimmer. Der Dieb will uns das Maͤdel nicht mehr zuruͤckbringen, aber wohl mit ihr durch's Land reiſen, ſie zum Stehlen abrichten, ſie dann an einen liederlichen Raazen verkaufen, wenn er genng an ihr hätte. Da ſoll ja gleich das ſchwarze Wetter in die Maruzza ſchlagen! Hol' mir die Buͤffelpeitſche!“ —„Ach Hert, ſchlage doch nicht gleich zu!“— „Die Buͤffelpeitſche in aller Hexen Namen! Habe ich gleich keine Buͤffel mehr, ſo bin ich doch Herr uͤber mein ungerathenes Kind. Lauf', Weib, oder Du kennſt meine Fauſt!“ Aya lief erſchreckt nach der Huͤtte, ſtieß im Voruͤberlaufen die Tochter, die ganz unempfind⸗ lich daſaß, mit dem Ellbogen an, und raunte ihr zu:„Verſtecke Dich, Landlaͤuferin; der Va⸗ ter will Dich pruͤgeln!“ und verſchwand in der Thuͤre. Maruzza ſah erſtaunt in die Hoͤhe, er⸗ blickte den Vater voll Zorn und Wuth, den die Nachbarin mit äußerſter Muͤhe zuruͤckhielt, aber zugleich gewahrte ſie den flinken Nicol, der juſt — 422— uber den Steg auf ſie zukam. Seine Nähe, ob⸗ gleich aus andern Gruͤnden ihr ſchmerzlich, mil⸗ derte dennoch ihre Angſt. Gurul ſagte dagegen mit feigem Zorn zu Fedra:„Da iſt er wieder, der Schuft. Soll ich nicht hingehen, und ihm ein paar Faͤuſte um die Ohren ſchlagen, daß ihm die Luſt vergeht, wieder zu kommen 2“— „Haltet an Euch, Gurul!“ verſetzte Fedra:„der junge Kerl iſt ſtärker als Ihr, und es iſt nicht gut, wenn ſich der Mann vor ſeinen Weibsleu⸗ ten pruͤgeln laſſen muß.“—„Ihr ſeyd klug, Fe⸗ dra. Ich will alſo nur mit dem Maule gegen ihn grob ſeyn.“ Hiemit wendete er ſich raſch zu Nicol, der ihn freundlich grͤßte, und ſagte mit boshaften Augen:„Ein ſchoner Abend, Freund! Habt IFhr aber ſonſt nichts zu thun, als hier herum⸗ zuſtreifen? Bei uns gibt's nichts zu ſtehlen, als hoͤchſtens die Maruzza. Aber ich bin pfiffig und wachſam wie ein Schäferhund.“— Nicol ſah ihn mit großen Augen an, und erwiederte ru⸗ hig:„Es freut mich, das Euch heute der Wein wieder wohl geſchmeckt hat, aber ich habe nichts mit Euch zu reden, ſondern will nur der Ma⸗ ruzza ein paar Worte ſagen.“ Ohne eine Er⸗ wiederung abzuwarten, naͤherte er ſich dem Mad⸗ chen. Gurul ſagte leiſe zu Fedra:„Der iſt frech wie ein Zigeuner. Wo bleibt nur die Aya mit der Peitſche?“—„Ruhig, Nachbar!“ verſetzte Fedra.„Wir wollen ſehen, was er denn vor un⸗ ſern Angen anfaͤngt. Wollte er jetzt die Ma⸗ ruzza mit ſich nehmen, ſo duͤrfte er ſchon un⸗ ſere Naͤgel furchten.“ Aya kam nicht, denn ſie lauerte hinter einem zerriſſenen Papierfenſter. Gurul, der ſich heim⸗ lich vor Schlägen furchtete, glotzte ziemlich dumm, von Fedra gehalten, nach dem Paare hin; Ni⸗ col ſprach aber mit freimuͤthiger Rede zu Ma⸗ ruzza:„In Deine Hand, meine Schatz, lege ich mein Wohl und Leid. Ich habe eben von meinem Herrn die Kunde erhalten, daß er end⸗ lich daran dachte, mich dafuͤr zu belohnen, daß ich ihm das Leben gerettet. Aber welche Beloh⸗ nung! Das Verſprechen iſt edelmänniſch, aber nur der Bauer hält ſein Wort. Statt mir ein kleines Eigenthum zu geben, oder einen Dienſt in ſeinem Hauſe zu verleihen, will er mich un⸗ ter die Panduren ſchicken, tief in's Gebirg hin⸗ aus, an die bannatiſche Graͤnze. Ich ſoll dort Corporal werden, und in einem ſchmaken Hauſe wohnen, und nur des Lebens Nothdurft haben, bei taglicher Muͤhſeligkeit und Gefahr. Aber das ſchmale Haus ſollte mein Schloß ſeyn, und das härteſte Brod mir ſchmecken wie Paſteten, und Muͤhſeligkeit und Gefahr meine Luſt werden, wenn Du mit mir das einſame Leben theilen wollteſt. Werde mein Weib und folge mir dann.“ Ma⸗ ruzza, die ihm furchtſam zugehoͤrt, ſchuttelte nun langſam den Kopf, und ſeufzte tief.—„So hore einen andern Vorſchlag;“ fuhr der junge Mann dringender fort, indem er ihre Hand ergriff, die ſie ihm ohne Widerſtreben ließ:„Ich ſchlage, wenn Du willſt, den Häſcherdienſt aus, und be⸗ gehre nichts von dem undankbaren Herrn. Doch habe ich in Fogaras ein huͤbſches Stuͤck Geld niedergelegt, ehrliche Beute aus dem Kriege. Es — 5— ſollte einſt meiner Wittwe Nothpfennig ſeyn, wenn ich ſtuͤrbe; aber ich will's, gehſt Du mit mir, dazu verwenden, mir einen kleinen Acker zu kau⸗ fen, und will ein Bauer ſeyn, gerne dem Herrn und dem Koͤnig die Hälfte von dem geben, was ich erringe, und mit dem Reſt an Deiner Seite gluͤcklich ſeyn. Schlage ein, und ſage Ja.“ Maruzza's Augen wurden feucht, und ſie mach— te nach einem leichten Haͤndedruck ihre Finger aus Nicol's Händen los, mit den Worten: Ich kann ja nicht, Nicol; Ihr wißt, warum. Denkt nicht mehr an mich, und vergeßt mich!“ Gurul und Fedra hatten Wort fuͤr Wort mit angehoͤrt, was Nicol geſprochen, ſo wie Maruz⸗ za's Antworten, und des Alten Zorn war ſchnell beſänftigt, ſo daß er ſehr zufrieden ſagte:„So hat er doch nicht mit ihr davon laufen wollen, der gute Kerl. Ihr habt das Mädel abſcheulich verlaͤumdet, Nachbarin. Ich ſagte ja gleich, daß Maruzza ein liebes Kind iſt, und der Nicol ein Balſam von Ehrlichkeit. Um Eure boͤſe Zunge zu beſchämen, wollte ich wahrhaftig, daß Ma⸗ — 126— ruzza ihm die Hand gäbe; ſo behielte ich Ni⸗ „ col's Geld, und bekäme noch etwas Schoͤnes von ihm heraus.“—„Aber Joſchuch, Nachbar Gu⸗ rul? Mein armer Sohn Joſchuch?“—„Ei, faule Fiſche; der kommt nimmer wieder. Komm' nur heraus, Aya. Laß' die Buͤffelpeitſche drin⸗ nen.“ Rachdem Nicol während dieſer Reden eine Weile mit ſich ſelbſt gekaͤmpft, ſtellte er ſich wie⸗ der dicht vor Maruzza, und ſagte, ſeine Hände auf die Schultern des ſitzenden Mädchens le⸗ gend:„Es thut mir weh', mein liebes Herz, Dich plotzlich zu betraͤben, und ich hätte es gern ver⸗ mieden, aber die Sorge fuͤr Deine Beruhigung, und nicht minder die Hoffnung, mein Gluͤck zu erzielen, oͤffnet mir den Mund. Dein Verlob⸗ ter iſt das Hinderniß meiner Wohlfahrt, Jo⸗ ſchuch's Leben war der Tod Deiner Freiheit. Nun aber iſt es anders. Joſchuch, mein Kind, iſt todt.“ „Todt!“ ſchrie Maruzza, voll Entſetzen auf⸗ ſpringend, aber aus ihrem Blicke leuchtete ein heller Strahl.—„Todt? da habt Ihr's ja, Nach⸗ barin;“ ſetzte Gurul phlegmatiſch hinzu, und Fedra ſchlug, wie vom Blitz getroffen, zur Erde, und wälzte ſich heulend und ſchreiend, den Bo⸗“ den mit ihren Naͤgeln zerkratzend. Aya eilte, von derſelben Kunde beſtuͤrzt, aber mit ſtummem Schrecken, hinzu, der Freundin beizuſtehen.— Nicht die Neugierde des Alten, nicht der Schmerz der Mutter— er kannte ſie ja nicht— kuͤm⸗ merten den Juͤngling, ſondern er fuhr, um Ma⸗ ruzza zu uͤberzeugen, fort:„Ich luͤge nicht, Ma⸗ ruzza! Ich habe Joſchuch's Tod aus dem Munde von Pawo's Sohn, aus Gabor's Munde erfah⸗ ren.“—„Aus Gabor's 2« entgegnete Gurul's Tochter mit wilder Haſt, faßte Nicol an beiden Armen, und ſah' ihm forſchend, dringend in die redlichen Augen.—„Wenig Stunden ſind's, ſeit er's im Dorf erzaͤhlte.“—„Er iſt todt? ſo plotz⸗ lich? Um Gottes Willen, wie kam er um?“ —„Durch die Kugel eines Sereſſaners.“—„Wie kam der hieher? Wo iſt ſeine Leiche? Wie ge⸗ ſchah die ſchnelle That?“—„Auf der türkiſchen — 128— Gränze, mein Kind. Du kannſt mir's glau⸗ ben.“— Maruzza fuhr zuruck, ſchlug die Hände zuſammen, und ſchrie:„Wie iſt mir denn? ſo fern von hier? Alſo nicht heute? Nicht in die⸗ ſem Dorfe? Nicht in dieſem Walde? Armer Nicol, Du biſt belogen, Du haſt uns Alle ge⸗ täuſcht!— Joſchuch lebt, und uͤber uns ſpricht in Ewigkeit kein Prieſter den Segen.“ Sie riß ſich ſcheu von dem betroffenen Frei⸗ werber los, ſtuͤrzte in die Huͤtte, warf die Thuͤre hinter ſich zu, und entfloh wie ein Reh durch den Garten in das Feld. Gurul lief, ohne ſich nach Nicol umzuſchauen, der Flͤchtigen nach, und Aya labte mit friſchem Quell die in Kräm⸗ pfen ſiebernde Fedra.— Eine Weile ſtand Nicol wie niedergedonnert da; dann ermannte er ſich mit wildem Blicke, drohte mit der Fauſt nach der Gegend, wo Maruzza entlief, und warf in grimmiger Wallung eine Handvoll Staub gegen die Huͤtte.„So iſt es aus, rein aus mit meinem Gläcke!“ rief er erſchuttert:„Es ſcheitert an der Loge und an der räthſelhaften Thorheit des Wei⸗ bes; ſo will ich denn auch hart werden, wie der Fels, um im wilden Gebirg, auf den Spu⸗ ren der Miſſethaͤter, des Undanks kaͤrgliches Brod zu eſſen!“ Er rannte, wie von einem Sturm ge⸗ jagt, uͤber den Steg zuruͤck nach dem Dorfe. Nicol war lange Zeit, ohne ſelbſt genau zu wiſſen, wohin er ſeine Schritte zu richten habe, von inner'm Groll gepeitſcht, auf einer gebahn⸗ ten Straße fortgegangen, die halbmondformig um das Dorf herum fuͤhrte, als er in geringer Ent⸗ fernung einen Hauſen von Bewaffneten erblickte, der auf ihn zukam. Weil ſeine Stimmung ihm das Zuſammentreffen und Geſpraͤch mit fremden Leuten unerträglich machte, bog er raſch in ei— nen Hohlweg ein, um die Leute voruber zu laſ⸗ ſen. Dieſe hatten ihn jedoch ebenfalls bemerkt, in ſeinem raſchen Abſchwenken Verdächtiges ge⸗ wittert, und ehe eine Minute verging, ſah ſich Nicol von ihnen umringt, feſtgehalten, ſah ihee Stindler's ſimmtl. Verke AKRI. Bo. Herſtviolen. II. 9 — 150— Flinten auf ſeine Bruſt geſetzt. Die Plajaſchen waren es, die er am Morgen in der Schenke getroffen, und an ihrer Spitze der Span des Grafen.„Halt da!“ ſchrie dieſer Letztere:„Ver⸗ dächtiger Burſche, wohin? Haben wir Dich end⸗ lich? Es iſt mir klar, daß Du der Moͤrder biſt, der dem Sohn des Andrei mit dem Tode ge⸗ droht. Der bekuͤmmerte Vater hat ſelbſt mich aufgefordert, auf Dich zu fahnden, und meinem Falkenauge entgeht kein Niſſethaͤter.“— Nicol entgegnete entruͤſtet: Wie? ich, der Vetter von Andrei ſelbſt, ich hätte ſeinem Sohn den Tod gedroht?“—„Stille! jedes Wort iſt erlogen, das aus Deinem Munde geht. Greift zu, ihr Leute! haben wir erſt dieſen Einen, ſo wird er uns ſchon verrathen, wo der Landſtreicher ſieckt, dem er fortgeholfen.“ Die Plajaſchen hielten Nicol feſt, und hatten ihn im Nu gebunden, trotz des heftigſten Wi⸗ derſtandes.„Dummkoͤpfe!“ ſchnaubte Nicol: „Ihr habt den Unrechten; ſeyd ihr denn blind?“ — Wir ſind nicht blind,“ verſetzte Davidow; „und ich weiß recht gut, daß wir Dich in der Rauferei mit dem jungen Mann erwiſchten.“— »Das haben wir!“ rief ein Anderer:„Obſchon ich nicht behaupten will, daß dieſer Burſche der nämliche ſey, der mit unſer'm Landſtreicher ge— meinſchaftliche Sache machte.“—„Pah!“ ver⸗ ſetzte wieder Davidow:„Du meinſt, weil er jetzt eine blaue Weſte traͤgt? Die Kerle vermummen ſich in jeder Stunde anders. Haſt Du mich nicht um Mitleid fuͤr den Landſtreicher gebeten? Haſt Du nicht gemacht, daß ich ihn eine Pfeife rauchen ließ? Geſtehe es ſelbſt..—„Ich weiß nicht, was Ihr wollt;“ antwortete Nicol voll Wuth:„Ihr ſeht mich fuͤr einen Andern an.« —„Gleichviel! wir muͤſſen dem Commando den Gefangenen ſtellen, der uns entwiſchte. Zeigſt Du nicht ſeinen Schlupfwinkel an, ſo muß Dein Leib dafuͤr buͤßen.“ Mit lautem Gelaͤchter und Hohn ſchleppten ſie ihn aus dem Hohlweg wie⸗ der auf die Straße zuruck. „Koͤnnt Ihr's im Himmel verantworten, Herr — 6 Span, wie dieſe Leute mit mir umgehen?“ fragte Nicol waͤhrend des gezwungenen Marſches, und der Span erwiederte:„Die wackern Leute ha⸗ ben Fug und Recht, das zu thun. Leugne nicht, Du erſchwerſt Deine Strafe. Haſt Du nicht von Joſchuch's Tode erzählt? Haſt Du nicht den armen Dmitr geſchlagen?“—„Ich war's nicht, in aller Hexen Namen! Gabor war's, Pawo's Sohn!—„uͤge, guter Freund! Es kommt Dir nicht darauf an, verſchiedene Namen in ei⸗ nem Athem zu tragen⸗ Ich laſſe Dich nicht aus meinen Klauen. Ich wußte ſchon geſtern, Du freigebiger Hund, daß Du Dein Geld geſtohlen. Du wirſt Dich vor Gericht verantworten. Erſt beweiſe mir, daß Du nicht der Gabor biſt, und dann rechtfertige Dich wegen Deines Geldes, und dann gib dieſen Leuten Rechenſchaft, wo Du ih⸗ ren Gefangenen hingebracht haſt. Du ſollſt mich geſtern nicht umſonſt beleidigt haben. Voran, Freund! Stoßt ihn mit den Flintenkolben in den Ruͤcken, wenn er nicht gutwillig geht.“ Ein paar nengierige Buben aus dem Dorfe, — 153— mit ausgehobenen Vogelneſtern in den Händen, ſtanden, das Maul auſſperrend, im Wege. Der Span hielt ſie an, und ſagte:„Heda, ihr Jun⸗ gen! Kennt ihr dieſen Kerl da?“— Die Buben ſchuͤttelten den Kopf:„Da ſiehſt Du ja, daß Du ein Landſtreicher biſt!“ ſagte der Inſpector mit giftigem Blick zu Nicol, und fuhr zu den Buben fort:„Lauft, was ihr koͤnnt, zu Dodje Andrei, und ſagt ihm, der Kerl ſey gefangen, der ſeinen Sohn mit dem Meſſer bedroht. Lauft, und verdient euch ein gutes Trinkgeld.“ Die Buben ſprangen davon, und Ricol lachte voll bitterer Wuth laut auf.„Wir wollen ihn gleich nach der Meierei fuͤhren;“ ſprach der Span zu den Plajaſchen:„Es wird den beiden Herren Grafen angenehm ſeyn, etwas von dem Ende des ſchaͤndlichen Joſchuch zu erfahren. Du ſollſt dorten ſchon noch einmal die Geſchichte erzählen duͤrfen, mein Sohn, und wenn Du nicht woll⸗ teſt, ſo.. Er machte die Bewegung des Zuſchlagens. Nicol knirſchte mit den Zähnen, und verſetzte, dem kochenden Grimme in ſeiner — 134— Bruſt nachgebend:„Umgekehrt, Herr. Ich wer⸗ de den Grafen etwas Angenehmeres erzahlen, wovor ihnen die Haut ſchaudern mag: ich werd' ihnen ſagen, daß Joſchuch noch lebt, daß er vielleicht in der Nähe iſt, um noch einmal zu verſuchen, wie der Bauer auf ſeine Weiſe zum Herrn ſpricht, der ihn mit Fuͤßen tritt.“— Der Inſpector ſtutzte und ſchrie:„Was? Unerhoͤrte Frechheit! Doch wäre es moͤglich, daß Du wahr ſpraͤcheſt, Bube. Kommſt Du nicht gerade von Gurul's Huͤtte? Wenn Joſchuch in der Nähe iſt, ſo muß dort ſeine Hohle ſeyn, und Du biſt mit ihm im Verſtändniß, und die ganze Sipp⸗ ſchaft iſt mit im Complott. Das wollen wir aufklären, Schurke. So wie die Nacht kommt, laſſe ich das Diebsneſt aufheben. Was gilt's, ihr guten Leute von Hobitza, daß wir dort auch euren Landſtreicher wieder finden? Marſch, vor⸗ an! Nicht wahr, Du erblaſſeſt, Du Dicb mit der blauen Weſte? Es werden andere Dinge zur Sprache kommen, als die erbärmlichen Ver⸗ leumdungen von Szember. Was meinſt Du? — 135— Ich denke, den Panduren werden ſchon die Faͤu⸗ ſte jucken, um Dir mit dem Stock den Will⸗ komm aufzuzaͤhlen!“ Nicol antwortete auf die poͤbelhaften Schimpf⸗ worte des Spans nicht mehr, aber er bereute in der Seele, daß er, von Wuth gereizt, durch eine unvorſichtige Aeußerung Maruzza's Frieden auf das Spiel geſetzt, und ſo konnte es ihm nur ge— ringe Beruhigung gewaͤhren, als, kurze Zeit nach ſeinem Eintreffen auf der Meierei, der alte Dodje Andrei herbeikam, ihn mit Erſtaunen an Ga— bor's Stelle ſah, und eidlich erklaͤrte, daß Nicol ſein Vetter ſey. Schrecklicher indeſſen, als dem armen Nicol, war dem reichen Andrei zu Mu⸗ the, denn er rief mit zuſammengeſchlagenen Hän— den aus:„Ach, welcher Irrthum! Wenn nur kein Ungluͤck daraus erwaͤchpt! ſobald wir die Nachricht vernahmen, daß Gabor feſtgehalten, iſt mein guter Dmitr hinaus, um noch eine Fuhre Heu hereinzubringen, und wer weiß, ob er wieder geſund heimkehrt, weil Gabor noch frei umhergeht!“ — 136— Der alte Mann lief wie verzweifelt nach dem Dorf zuruͤck, Nicol wurde aber ungeachtet der Erklaͤrung Andrei's in einen Keller der Meierei geſperrt, um am naͤchſten Tage vor dem Grafen ein Verhoͤr zu leiden. In Gurul's Huͤtte ſaßen beim Schein einer ſchwach glimmenden Lampe vier vergnuͤgte Men⸗ ſchen beiſammen. Maruzza hatte naͤmlich, um Aufſchluß zu geben uͤber ihr ſeltſames Betragen, den dringenden Bitten der Mutter und Fedra's weichen muͤſſen, das Siegel ihrer Verſchwiegen⸗ heit gebrochen, und in engſter Vertraulichkeit er⸗ zaͤhlt, was ihr in der letzten Nacht begegnet, und was Joſchuch fuͤr dieſe beginnende Nacht verſpro⸗ chen. Ihr Bericht, die Vorweiſung des prächti⸗ gen Perlengeſchmeides, Joſchuch's Worte und Verheißungen hatten ein neues Leben in die Zu⸗ hoͤrer gebracht. Gurul hoffte von der Zukunft und einer veränderten Lage Nahrung fuͤr ſeinen Muͤßiggang, Aya ein ſorgenfreieres Daſeyn und — 137— das Gluͤck der Tochter, Fedra des Sohnes Wie⸗ derſeh'n und einen ſanften Tod in ſeinen Armen. Maruzza allein war traurig im tiefen Grunde ihres Herzens, aber im Abglanz der Freude ihrer Lieben wurde auch ſie nach und nach heiterer und ergab ſich demuͤthig in ihr Geſchick. Die Weiber ſprachen von tauſend und tauſend Dingen, die da kommen wuͤrden, Gurul ſchaukelte ſich auf ſeiner Bank behaglich und trank den Reſt ſeines Branntweins, und Alle zählten mit Ungeduld die Augenblicke, und wuͤnſchten die Stunde herbei, wo Joſchuch, der neue ſchmucke Officier, eintre⸗ ten wuͤrde, ſie Alle in ein beſſeres Land, zu Wohl⸗ ſtand und Frende abzuholen. Es war draußen dunkel geworden, und der Sturz des Giesbachs deutlicher im Innern der Huͤtte zu hoͤren, als am Tage, wo des Eeraͤuſches, ſelbſt in den dde— ſten Gegenden, mehr iſt. Durch dieſes Rauſchen drang indeſſen ploͤtzlich ein ziemlich lautes Klo⸗ pfen an der Thuͤre der Huͤtte.„Er iſt's!“ fluͤ⸗ ſterte Maruzza, ſchnell aufſpringend, und Alle wiederholten die Worte:„Er iſt's!“ Die alte, — 1368— kaum von ihrer Ohnmacht geneſene Fedra wollte hinaus, die Thuͤre zu oͤffnen, aber Maruzza ließ ſich's nicht nehmen, den Dienſt zu verrichten, und ſchloß draußen behutſam die Pforte auf, und ſagte zu dem Eintretenden:„Biſt Du's, mein Freund?“— Schrecken fuhr durch ihre Glieder, als eine fremde Stimme ihr entgegnete:„Gut Freund, mein Kind!“ und nicht Joſchuch's rauhe Fauſt, ſondern eine weiche Hand ſich an ihren Arm legte. Schon ſtand jedoch der Fremde in der Mitte der ſtaunenden Landlaute, ließ den wei⸗ ßen Reitermantel fallen, und ſowohl Maruzza als ihre Aeltern erkannten zitternd die Geſialt des jungen Grafen Miklos. Die Furcht buͤckte unwillkuͤhrlich die armen Leute zu Boden vor dem todibleichen jungen Manne, der in der ſchwarzen ungariſchen Tracht, ausgezeichnet durch die dun⸗ keln Kndͤpfe, auf deren Spitze hellblinkende Sil— berperlen ſtrahlten, vor ihnen erſchien, wie ein Geſpenſt aus dem Grabe. Miklos bemerkte die⸗ ſes Zagen, und hob, ſeine fruͤhere Wildheit ver⸗ leugnend, mit Herablaſſung und Freundlichkeit )——— . die Tieſgebeugten auf. Bei dieſem Anlaß be⸗ merkte Maruzza mit Schmerz und Mitleiden, daß der rechte Arm des Grafen todt und abge⸗ ſtorben von der Schulter hing. Miklos ſagte aber mit ſanfter Stimme:„Fuͤrchtet nichts, ihr Leute! Ich komme weder, um Euch fuͤr eine That zur Rechenſchaft zu ziehen, die ein grauſa⸗ mer Verbrecher beging, noch um auf's Neue ei⸗ nen Verſuch zu wagen, Maruzza's Reize fuͤr mich zu erkaufen. Die Luſt des Lebens und ſein Muthwille ſind fuͤr mich dahin. Aber ich erin⸗ nere mich noch mit Freuden der Blume, die ich einſt mit ſchnoͤder Luſt begehrt, und will nicht haben, daß ſie ein Opfer rauher Stuͤrme werde.“ Er hatte ſich während dieſer Worte auf die Bank geſetzt, und faßte nun die Hand der un⸗ fern ſtehenden Maruzza mit ſeiner fiebriſch gluͤ henden Linken, und ſah ihr, wie mit wehmuͤthi⸗ ger Erinnerung, in's Antlitz, welches ſie halb ab⸗ wendete, damit er ihre Mitleidsthränen nicht ſe⸗ hen ſollte. Die Uebrigen ſtanden mit gefalteten Händen um den vornehmen Gaſt her, und ſelbſt — 140— in Fedra's Herz drang ein leichtes Bedauern fuͤr den verſtuͤmmelten jungen Mann. Mit einem Seufzer ließ Miklos endlich Maruzza's Hand aus der ſeinigen, wendete ihr den Ruͤcken, und fuhr weiter fort:„So wie mich mein elendes kran⸗ kes Daſeyn und die Ausſicht auf einen fruͤhen Tod mitleidig und weich macht, ſo verſteinert die grauſam beleivigte Liebe zu mir, dem Sohne, das Herz meines Vaters. Er wird Euch, fuͤrchte ich, von dieſem Grund und Boden endlich ver⸗ treiben laſſen, und ſelbſt meine Vorſtellungen lin⸗ derten ſeinen Haß gegen Euch nicht. Was wollt Ihr alsdann anfangen? Ich habe mich daher am ſpäten Abend noch nach Szluka auf den Weg gemacht, meine Pferde im Dorfe gelaſſen, und Euch aufgeſucht, ohne daß Jemand darum weiß. Ich bringe Euch ein Geſchenk, das hinreichen wird, Eure Anſiedlung in einem andern Diſtricte zu begruͤnden, und Eurer Tochter eine Ausſtener zu bereiten. Er ſetzte einen Beutel auf den Tiſch, und Maruzza konnte ſich bei dieſem Anblick nicht 14— mehr in der Huͤtte aufhalten, und lief weinend hinaus. Miklos ſah ihr ſchmerzlich nach, und die Weiber erſchoͤpften ſich in geruͤhrten Dankſa⸗ gungen. Gurul allein blieb ziemlich kalt, wog den Beutel in ſeiner Hand und verſetzte: „Das iſt viel, guter Domno. Aber ich babe — der heilige Nicolaus ſoll's wiſſen— ſicher nicht viel weniger verloren, weil Euer Vater mich das Feſt der Waſſerweihe zweimal im Ge⸗ fängniß zubringen ließ. Maruzza ſoll fuͤr Euch beten, wohlthätiger Herr. Das Gebet von armen Leuten iſt ſo kraͤftig, wie das der Reichen, und mit der Ausſteuer wird ſchon Rath werden; die Maruzza heirathet ohnedieß bald, und ich hatte mir ſchon vorgenommen, von Eures Vaters Guͤ⸗ tern den Abzug zu nehmen, damit die Scheererei ein Ende hat. Es gibt ja auch an andern Or⸗ ten Milch und Wein, und Fiſche zum Sieden, und ein Stuͤck Fleiſch in den Topf; es muß ja nicht gerade in Szluka ſeyn.“ Die redliche Stimmung des jungen Miklos fuͤhlte ſich ſehr durch die Rohheit des Bauers — 142— verletzt, und der vornehme Mann ſagte ſich nun im Stillen ſelbſt, was ihm der erfahrue Vater ſchon oft begreiflich machen wollte: daß jede Gunſt und Gnade, die man einem Walachen zuwende, an den Undankbarſten verſchwendet ſey. Darum erwiederte er auf Gurul's Rede nicht das Geringſte, brach den edelmuͤthigen Beſuch ab, und ſchied faſt ohne Gruß, indem er den demuͤthigen Wei⸗ bern bedeutete, zuruͤckzubleiben, und der Tochter von ihm ein Lebewohl zu ſagen.— Die Thuͤre wurde ſorgſam hinter ihm geſchloſſen, und die Weiber erlaubten ſich alsdann, dem eigenſinnigen und groben Gurul beſcheid'ne und zaghafte Vor⸗ wuͤrfe uͤber ſein Betragen zu machen. Der Alte lachte jedoch ihrer Angſt und Theilnahme, ſchickte dem Wohlthäter noch einige derbe Schimpfworte nach, und machte ſich daran, den Beutel zu off⸗ nen und ſeinen Jnhalt zu uͤberzählen. Eine ziem⸗ lich anſehnliche Summe fand ſich darinnen vor, bei weitem hinreichend, die von Miklos benann⸗ ten Zwecke zu erfuͤllen. Guruk's Herz ging auf beim Anblick des hellen Silbers und der paat Goldmuͤnzen, die in ſeine Hand fielen. Er ſchwelgte in den uͤppigſten Hoffnungen, und ju⸗ belte, daß er nun das Haus ſeines reichen Schwie⸗ gerſohns nicht mit leeren Händen betreten muͤſſe. Während deſſen ſuchte Aya ihre Tochter verge⸗ bens in der Huͤtte, im Garten, und rief umſonſt ihren Namen in die dunkle Nacht. Fedra, deren Herz ſehnſuͤchtig nach dem Sohne pochte, horchte eifrig am Fenſterladen auf ſeine Schritte. End⸗ lich.ſie tauſchte ſich nicht.... naͤherten ſich Tritte, wie begleitet von Sporenklang. Eine leiſe Stimme wurde draußen laut.... eine vertrauliche Hand klopfte an die Thuͤre.—„Iſi's Maruzza?“ fragte die zuruͤckkommende Aya. „Wenn's nur der Soldat nicht iſt, der ſein Geld will!“ bemerkte verdrießlich Gurul, und ſcharrte das Silber des jungen Grafen wieder in den Beutel. Aber Fedra ſchrie mit uͤberſiromender Freude:„Nein, nein, Joſchuch iſt's, mein Sohn! Joſchuch, mein herziger Joſchuch!«— Als ob das Entzuͤcken ihre alten Beine verjuͤngt hätte, ſo lief ſie nach der Thuͤre, riß ſie weit auf... — 144— und ſank an die Wand vor Entſetzen. Gewehre ſtampften auf der Schwelle des Hauſes nieder, eine Bande bewaffneter Plajaſchen erfuͤllte deſſen Raum..... Gurul, Aya und Fedra waren im Augenblicke feſigenommen, und der Span, der wie ein Geier auf den Geldbeutel ſtuͤrzte, rief mit hoͤhnender Siegesluſt:„Sagt' ich's nicht, daß wir das Diebsgeſindel ſammt dem Ranbe treffen wuͤrden? Nur fort mit ibnen; ſie ſollen uns ſchon ſagen, wo ſie das Geld her haben. Ihr aber, wackere Leute von Hobitza, ſtreift noch rund um das Haus, den Joſchuch zu fahen, der mit ſeiner Metze entwich. Ich witt're ihn in die— ſer Nähe, und an einem Galgen ſoll dann die ganze Spitzbubenzunft prangen!“— Vergebens die Bethenerungen Gurul's, in den Wind geheult die Thraͤnen der Weiber; ſie mußten Alle gebun⸗ den aus der Huͤtte wandern, ohne daß Marnzza ſich gezeigt hätte, ſie zu troͤſten, noch Joſchuch, ſie zu retten. Der Leichenacker von Szluka umgraͤnzte des Popen Haus und das kleine unanſehnliche Kirch⸗ lein. Dorthin richtete Maruzza ihre Schritte, weil ihr zu eng war in ihres Vaters kleiner Huͤtte, und ſie dennoch ſich ſcheute, des Popen Wohnung zur Nachtzeit zu betreten. Hier auf dem Todtenfelde ſuchte ſie Niemand, hier wuͤrde ſie ungeſtort weilen können, glaubte ſie, bis Mik⸗ los des Vaters Haus verlaſſen haben wuͤrde.— An der verfallenen Pforte des Gottesackers ſtand ſie hochathmend ſtill, warf einen Blick nach der Gegend des Dorfes, ſetzte ſich dann auf das Grab, das ihr zunächſt lag, und verſank einen Augen⸗ blick in tiefes Hinbruͤten. Dann fuhr aber wie ein Blitz der Gedanke durch ihren Kopf, daß Jo⸗ ſchuch verſprochen habe ſie zu holen, und daß das boͤſe Schickſal fuͤgen koͤnnte, daß er und Mi⸗ klos zuſammentraͤfen. Die Moglichkeit dieſer Ge⸗ fahr beſtuͤrmte ihre Sinne, ihre lebhafte Einbil⸗ dungskraft zeigte ihr ſchon den Verlobten oder den Wohlthäter todt am Boden hingeſtreckt;— ſie mußte eilen, um ein Ungluͤck zu verhuͤten. Spindler's ſiant. Were XXKRI. Vd. Hertſviolen II. 40 —„Zuͤrne nicht, Joſchuch. Stoͤre nicht des Wie⸗ — 146— Gewaltſam riß ſie ſich empor, wollte zur Pforte hinaus, und lief in die Arme Joſchuch's. Die Freude, ihn hier zu wiſſen, und nicht dem Feinde gegenuͤber, begeiſterte das Maͤdchen zu ei⸗ nem herzlichen Empfang, der dem Braͤutigam ſchmeichelte.„Was machſt Du hier, mein Herz?“ fragte er ziemlich ſanft, und Maruzza hatte kein Hehl mit dem Beſuche, der ſie vom Hauſe weg⸗ getrieben. Sie wußte ja, daß Joſchuch von den Aeltern Alles erfahren wuͤrde, und wollte ſeinen Grimm durch die Verheimlichung des Zufalls nicht reizen. Joſchuch hoͤrte ziemlich kalt die Erzaͤhlung an, und hieß des Mädchens Betragen gut. Zugleich aber ſprach er verächtlich von Mi⸗ klos, und ließ endlich mit bedeutendem Tone die Worte fallen:„Entweder ſann der Bube auf neuen Verrath, oder die Todesfurcht hat ihn ver⸗ mocht, ein reuiges Opfer fuͤr ſeine Suͤnden zu bringen. Meine Rechnung iſt aber noch nicht mit ihm abgeſchloſſen, weder mit ihm noch mit ſeinem Vater. Ich will das Kerbholz tilgen.“ —— derſehens Freude durch eine heftige That. Ge⸗ wiß hat er ſchon des Vaters Haus verlaſſen und Du findeſt dort nur Freunde, welche Dir bereit⸗ willig folgen werden.“—„Wir gehen gleich, Maruzza,“ antwortete Joſchuch ernſthaft, und ſchritt in das Leichenfeld hinein:„Verweile nur noch kurze Zeit!“—„Gern; was willſt Du aber hier? was ſuchſt Du auf dieſem dden Platze?“ —„Vorerſt meines Vaters Grab, und dann des Prieſters Segen. Folge mir; ich habe Gabor und noch einen Freund hieher beſchieden, und vielleicht warten ſie ſchon meiner.“ Maruzza folgte dem Verlobten ohne Wider⸗ rede, und trat mit ihm an das Grab ſeines Va⸗ ters. Die Freunde waren noch nicht da, ſtille Alles ringsum. Sternſchimmer leuchtete, und Jo⸗ ſchuch zog den Hut vom Kopfe, verſchrankte an⸗ dächtig die Hände, und betete ſtill vor ſich hin. Dann ergriff er die Weihwaſſerſchaale mit an⸗ daͤchtiger Geberde, beſprengte nach der ganzen Länge das ihm ſo werthe Grab, bekreuzte ſich — 148— einige Male, und ſagte hierauf mit wehmuͤthiger Stimme zur Braut, indem er dem Huͤgel den Ruͤcken kehrte:„Ich habe von dem Vater Ab⸗ ſchied genommen, weil ich dieſes Dorf gewißlich nicht mehr ſehe. Nun aber komme Du mit mir in des Popen Haus. Er ſoll, alles uͤberfluͤſſigen Brauchs ledig, unſere Haͤnde zuſammengeben. Die Freunde muͤſſen, ehe ich Hundert zaͤhle, da ſeyn, und uns als Zeugen dienen.“ Dieſer Vorſchlag ſchnuͤrte Maruzza's Bruſt zuſammen; ſie wich voll Erſtaunen einen Schritt von Joſchuch's Seite.„Heute? Gerade jetzt? Scherzeſt Du?“ fragte ſie ſtammelnd. Joſchuch entgegnete mit rauhen Worten:„Was ſoll das. Maruzza? Erſchreckt Dich die Hochzeitsſtunde? Die Stunde, nach der all' mein Sehnen und Ver⸗ langen hing, als ich heute den Tag, im Dickicht verſteckt, durchleben mußte, den Tag, welcher dauerte, wie eine Ewigkeit? Sieh' mich an; ich trage das Gewand, das Du fuͤr mich bereitet. Mit Deinem Blute faͤrbe ich's aber, wenn Du mit einem Hauche nur Dich weigerſt, mit mir — 149— zum Altare zu treten!!— Joſchuch's Stimme hatte einen ſo ſchrecklichen Ausdruck angenommen, daß fuͤr Maruzza kein Ausweg blieb, als ſich in das Unvermeidliche zu ſchicken. Zitternd wie ein Lamm, die Hände auf die Bruſt gekreuzt, trat ſie in die Fußtapfen ihres Draͤngers, der durch das Gras ruͤſtig hindurch ſchritt, bis ſie an die Hofthuͤre des Popenhau⸗ ſes gelangt waren. Ein Druck auf den Riegel derſelben ffnete ſie, und ſie betraten das Innere der verddeten Prieſterwohnung, die duͤrftige Stube, worinnen die alte Magd des Pfarrers deſſen beide Kinder in den Schlummer ſang. Die Alte fuhr entſetzt empor, als ſie den bewaffneten Mann eintreten ſah, und wurde nur beruhigt, als ſie die ihr wohlbekannte Maruzza gewahrte.— „Was wollt ihr denn am ſpäten Abend?“ fluͤ⸗ ſterte ſie, um die Kinder nicht zu wecken.—„Iſt der Pope nicht zu Hauſe?“—„Ach nein, Herr 1 —„Wie? wie kommt das?“—„So eben wurde er abgerufen, mein guter Herr. Ein Sterbender verlangte nach dem letzten Troſte: des alten — 150— Dodje Andrei Sohn, der an ſeines Vaters Ku⸗ kuruzfeld einen Meſſerſtich erhielt, daß ihm die Eingeweide aus dem Leibe hingen.“—„Ver⸗ flucht! Komm' Maruzza, und Du Alte, verrathe mit keinem Wort, daß wir hier geweſen, wenn Du das wurmſtichige Herz vor einem Dolchſtoß bewahren willſt.“ Vergebens ſtrebte Maruzza nach den Kindern hin, die im Schlummer laͤchelten, als ob ſie Engel ſaͤhen, um die Kleinen noch einmal zu kuͤſſen; Joſchuch riß ſie heftig von dannen, und tobte mit aller Leidenſchaftlichkeit, ſobald ſie das Haus hinter ſich hatten, uͤber ſein Geſchick, uͤber den Fluch, der auf ſeinem Leben laſte, und uͤber Gabor's Unbeſonnenheit, der ſeines Freundes Si⸗ cherheit, um einer moͤrderiſchen Drohung zu ge⸗ nuͤgen, ſo gefaͤhrlich auf das Spiel geſetzt.— Nun ging's in vollem Laufe nach Gurul's Huͤtte hin, aber kaum hundert Schritte davon entfernt, ſtuͤrzten Gabor und Proſz dem Paar in den Weg.„Wo wollt Ihr hin?“ rief Gabor mit ge⸗ daͤmpfter Stimme, und hielt die Beiden mit Lo⸗ — 151— wenkraft zuruͤck:„Ihr rennet Beide in das Ver⸗ derben. Gurul und Aya, und Deine Mutter, Joſchuch, ſind gefangen, ſind hinweggeſchleppt in den Kerker, und Bewaffnete lauern in Gurul's Garten und Feld auf Dich und Maruzza.“— Maruzza ſank vernichtet an Joſchuch's Bruſt, der nicht minder wie ſinneverloren daſtand. Dann brach mit einem Male ſein Zorn im heftigſten Toben los: in bittern blutigen Thraͤnen, weil die Sorge fuͤr ſeine Freiheit ihm das Wort, das Rachegeſchrei verbot. Sprachlos drohte er mit beiden Faͤuſten nach dem Dorfe hin, nahm als⸗ dann Maruzza auf ſeine bebenden Arme, und trug ſie den Berg hinan, wohin Gabor und Proſz, leiſe auftretend, vorankletterten. Hoch aber in der Finſterniß des Waldes, wo nur Gloh⸗ wuͤrmer leuchteten, ſtand Joſchuch ſiille, ſetzte Maruzza auf den Raſen nieder, und fragte im kalten eiſigen Richterton:„Wer von Euch hat mich verrathen? Du Proßz? den ich vom Hun⸗ gertode rettete, oder Du Gabor, den ich meinen Freund nenne, oder Du, Maruzza, der ich mich „ — 152— ganz anvertrauet?“— Zu ſeinen Fuͤßen beſchwor Maruzza ihre Unſchuld, betheuerten Gabor und Proſz die ihrige. Da rief er mit einem Male, wie von einem boͤſen Geiſte erleuchtet:„Das war der junge Domno! der Heuchler war's, der Wolf im Schafspelz! durch Geld ſuchte er euch zu kirren, und Ketten und Verrath waren im Hintergrund. Dieſes Räthſel mag ſich loͤſen wie es wolle— am Leben meiner Mutter haͤngen auch des Domno Tage.— So wie nur eines ihrer grauen Haare gekruͤmmt wird, ſo ziehe ich auch den letzten Schein von Menſchlichkeit noch aus, um dieſes Otterngezuͤcht nach Verdienſt zu ſtrafen. Steh' auf, Maruzza; auf, ihr Andern! Wir wollen weiter ziehen, und ich will verflucht ſeyn, wenn ich einen Kuß von den Lippen mei⸗ ner Braut ſiehle, bevor ich nicht mich in Rache geſättiget habe. Wo ſind unſere Pferde, Proſz?“ —„Bei dem Doppelkreuz, wo der Teufel die Felſen geſäet hat.“—„So eilt, daß wir von dan⸗ nen kommen, weil wir doch zu ſchwach ſind, um das Geſchehene heute ſchon ungeſchehen zu ma⸗ chen. Aber in meinem Kopf liegt die Rettung und die Vergeltung ſchon ſo klar wie der Tag. Stuͤtze Dich auf mich, Maruzza, Du arme Toch⸗ ter, und Du, Gabor, leih' mir Deinen Arm, daß ich mich auf denſelben ſtuͤtzen kann. Ich bin wirklich ſchwach wie ein Kind; die raſendſte Wuth hat mich ſo ſchwach gemacht. Doch Ge⸗ duld! ich will ſchon wieder erſtarken. Was haſt Du an Deinem Aermel, Gabor? Woher der naſſe Fleck?“—„'s iſt Blut, Joſchuch;“ verſetzte Ga⸗ bor gleichguͤltig;„Dmitr's Blut, dem ich Wort hielt, wie der redlichſte Schuldner dem zudring⸗ lichſten Juden. Er hat mit dieſem rothen Duͤn⸗ ger ſeines Vaters Korn getraͤnkt, und ein Strahl davon fiel zum Gedaͤchtniß auf mein Gewand.“ — Maruzza ſchanderte, und Joſchuch ſagte zu Gabor kalt wie dieſer ſelbſt:„Du haͤtteſt uns in's Verderben bringen koͤnnen mit dem Spaß. Doch entſchuldige ich Dich in dieſem Augenblicke noch mehr als ich ſollte. Blut koͤnnte auch mich geneſen machen, und ich muß noch ſo lang dar⸗ auf warten. Ich werde es nicht einmal vergie⸗ — 154— ßen duͤrfen, daß Blut des Feindes, um das theure Blut der Mutter zu erhalten! Verfluchtes Schick⸗ ſal! fort, fort, zu den Roſſen. Es moͤgen die Sporen arbeiten, weil das Meſſer hier nicht ſein Ziel findet!“ „Hore, wie der Wind durch den Schornſtein tobt!“ ſagte die Alte zu ihrem Mann, der ſich neben ihr in die Bettdecke von Schaffell vor Froſt zitternd einwickelte:„Es iſt doch gerade, als ob die Geſpenſter ihren Tanz durch das Haus hielten. He! Slomi, ſchlaͤfſt Du denn? oder be⸗ teteſt Du?“— Der Mann gab der ungeſtuͤmen Fragerin einen derben Stoß mit dem Ellbogen, und verſetzte brummend:„Was ſchlafen, was be⸗ ten? Das Eine kann ich nicht, das Andere mag ich nicht. Mich ſchuͤttelt der Froſt.“—„Und mich die Furcht, Slomi. Seit dem letzten Re⸗ gen, wo die Luft ſo kalt wurde, als waͤren wir im Winter, fiebert's mir durch's Gebein, und der Kopf geht mir rundum, als muͤßte ich Ge⸗ — 155— ſpenſter ſehen. Ach, Slomi! wenn die wieder kaͤmen, die hinter dem Pferdſtall verſcharrt lie⸗ gen?“—„Das Weib koͤnnte Einen mit ſeiner Herzensangſt anſtecken;“ verſetzte Slomi erbebend: „Steh' auf, und wirf mir den Pelz auf das Bett, und hänge dann Etwas vor den Fenſterla⸗ den, das Mondlicht ſticht in unſ're Stube, wie ein kaltes Meſſer. Ein tolles Wetter! Mond und Sturm nebeneinander.“ Das Weib erhob ſich gehorſam, und that wie der Mann befahl; tappte dann wieder an das Lager, und warf uber ſich und ihren Alten den breiten Pelz. Mit heiſerer Stimme fuͤgte ſie bei:„Wir waren doch in unſerer Erdhuͤtte gluͤck⸗ licher als hier, guter Slomi. Ich haätte nicht gedacht, daß in einem Herrenhauſe ſo viel Angſt und Schrecken Platz nehmen koͤnnte. Ein gut Gewiſſen iſt doch am Ende der ſanfteſte Pfuͤhl.“ —„Aber die Gewohnheit iſt auch ein eiſernes Hemd, Du thorichte Priſſa. Wenn wir erſt ein Hundertmal in dieſem Hauſe geſchlafen haben, ſo werden wir an Alles das, was Dich jetzt — 4156— ſchreckt, nimmer denken. Die Armuth thut weh, und geſtohlener Speck ſchmeckt endlich doch beſ⸗ ſer, als der mit ſau'rer Muͤhe erworbene. Der Teufel hole die reichen Leute, die uns unterdruͤ⸗ cken. Wenn's uns nur wohlgeht, ſo mag mei⸗ nethalben zum Schluß der rothe Henker kom⸗ men, und uns den Hals verſchnuͤren. Ob er's thut, oder der Hunger, gleichviel!“—„Ihr ſeyd boͤſe Maͤnner, Slomi. Wir muͤſſen Euch eben folgen, wie die Schafe dem Metzger. Aber wenn das letzte Gericht kommt, dann werdet Ihr an⸗ ders beten und zagen. Es wird gerade in einer ſolchen Nacht angehen, wie die heutige. Wir wer⸗ den unbeſorgt ſchlummern, und indeſſen kommt der Engel, und bläſ't vor unſerer Thuͤre.... oder die Todten, die hinter dem Pferdſtall lie⸗ gen, pochen an unſere Kammer, wie die Gerichts⸗ boteü. n Sie hatte kaum vollendet, als derbe Stoͤße an das Thor donnerten, daß die Balken in der Kam⸗ merdecke krachten, Slomi und Priſſa zuſammen⸗ fuhren, und der Fanghund im Hofe in rauhes — 152— Gebell ausbrach. Die beiden Alten zogen vor⸗ erſt den Schafpelz uͤber die Ohren, und plapper⸗ ten in wilder Angſt ein thoͤrichtes Gebet, bis des Klopfens immer mehr wurde, und der Laͤrm nicht nachließ. Da ſagte Slomi:„So ſteh' auf, und laß' die Herren herein.“ Und das Weib er⸗ wiederte:„Ich wage es nicht; die vor dem Thore ſtehen koͤnnen ſchon eintreten, ohne daß ich den Riegel oͤffne, denn es ſind die Todten!“—„Al⸗ bernes Geſchwaͤtz! Hore ich denn nicht deutlich, wie ſie ſo kraͤftig fluchen? Scharren nicht die Pferde auf dem Sande? Der Baſchi iſt's, alte furchtſame Hexe. Lauf' und reiſſ' das Thor ſperr⸗ angelweit auf, denn der Baſchi verſteht keinen Spaß.“ Er warf das Weib mit einem Fußtritt aus dem Bette, und Priſſa, in den zottigen Pelz gehuͤllt und gebuͤckt dahin laufend, wie ein auf den Hinterfuͤßen gehender Wolf, huſchte aus der niedrigen Kammer in den Thorweg, den der Mond vom Hofe aus mit hellem Lichte beſtrahlte, und begann den ungeheuern Holzriegel, der das Thor verſchoß, aus ſeinen Klammern zu heben. — 168— Die Leute draußen wurden immer ungeduldiger, und eine herriſche Stimme rief fluchend und wet⸗ ternd:„Aufgemacht in aller Hexen Namen! Will das faule Gezuͤcht uns dem Sturme Preis ge⸗ ben? Eine Kugel vor Eure Koͤpfe, wenn nicht augenblicklich das Thor aufſpringt!“— Nun fiel der ſchwere Hebebaum zu Boden, und die Thor⸗ fluͤgel gingen auf, und wie raſend ſprengten meh⸗ rere Pferde in den Thorweg, ſo daß die Alte von einem fliegenden Hufſchlag getroffen zu Boden fiel. Ohne darauf Ruͤckſicht zu nehmen, ſpecta⸗ kelte der Troß von Reitern bis in die Mitte des Hofes, wo Alle von den Gaͤulen ſprangen, und der Anfuͤhrer, ein Weib von ſeinem Roſſe he⸗ bend, ſagte:„Friſch, Maruzza; wir ſind an Ort und Stelle. Fuͤrchte Dich nicht mehr, mein Herz, und folge mir, daß ich Dich unter Dach und Fach bringe.“ Joſchuch fuͤhrte ſeine Begleiterin nach dem Hauſe zuruck, auf deſſen Schwelle Slomi mit ei⸗ ner kodernden Fackel erſchien, warf dem traͤgen Caſtellan bittere Schimpfworte in den Vart, und — 459— befahl ihm, nach dem beſten Zimmer voranzu⸗ leuchten. Die hinkende Priſſa ſtellte ſich mit ei⸗ ner Lampe ein, und ging demuͤthig voraus. Am Ende eines langen Ganges, nachdem man eine ſteile Treppe erſtiegen, dffnete ſich ein großes Gemach, geraͤumig wie ein Tanzſaal, aber auch ode und leer, wie ein ſolcher. Seltſam ver⸗ kruͤmmte Hirſchgehdrne waren in langer Reihe an der weißen Wand angebracht; dazwiſchen hie und da Wandleuchter von verdorbenem Spiegel⸗ glas. Einige Geraͤthſchaften von verſchiedenar⸗ tigſter Form ſtanden unordentlich herum, den breiten rundſcheibigen Fenſtern gegenuͤber hingen einige, bei dem ſchwachen Lichte nicht erkennbare Bilder, und in einem Winkel war ein hohes Bett aufgethuͤrmt, ohne Vorhaͤnge mit tief herabhaͤn⸗ gender gruͤner Decke.„Hier iſt der Herrin Zim⸗ mer;“ ſagte Priſſa, und verneigte ſich wie eine Sclavin. Maruzza, die noch nie in einem ſo weiten ungeheuerlichen Raume geſchlafen, betrach⸗ tete mit Verwunderung das dde Gemach, und ſetzte ſich ſinmm, aber mit tiefem Seufzer auf — 650— einen Stuhl. Joſchuch aber ſchritt mit vergnuͤg⸗ tem Geſicht und ſtolz aufgeworfenem Kopfe hin und her, und fragte ſeine Braut:„Wie gefällt's Dir hier, Maruzza? Iſt mein Haus nicht ein Edelſitz in dem großen Bergwalde?“— Ma⸗ ruzza nickte, ohne ein Wort hervorzubringen. Jo⸗ ſchuch fuhr fort:„Du wirſt hier wie eine Gräfin leben, erhole Dich jetzt von der Muͤhſeligkeit des langen und ſchnellen Rittes. Du aber, altes Weib, erkenne in dieſer hier meine Braut, Deine Gebieterin, und thue Alles, was ſie von Dir be⸗ gehrt. Die geringſte Widerſpenſtigkeit, oder ein heilloſes Geſchwaͤtz, wie es oft aus alter Hexen zahnloſem Munde koͤmmt, kann Dir die ärgſte Strafe zuziehen. Du weißt, glaube ich, daß meine Drohungen nicht leer ſind! Richte Dich darnach, und folge mir, wenn Du Alles zur Be⸗ quemlichkeit Deiner Herrin herbeigeſchafft haſt.“ — Priſſa verbengte ſich wieder tief bis auf den Boden, ſchob einen angezuͤndeten Strohbund in den Ofen, brachte Waſſer in einer Kanne, und deckte das Lager auf. Joſchuch trat indeſſen vor — 161— Maruzza hin, faßte ſie ſchmeichelnd bei'm Kinn, und lachte mit ſcherzhafter Laune:„Gute Nacht, Maruzza! Weil mir verboten iſt, Dir Geſell⸗ ſchaft zu leiſten, ſo behilf Dich allein, und ver⸗ ſuche, Dich in ſanften Schlummer zu wiegen. Du wirſt hier eine Konigin ſeyn, und mir Dank wiſſen, daß ich Dir ein ſolches Loos bereitete. Ich ſehe Dich morgen fruͤhe wicder, wenn ich nicht in dieſer Nacht noch fort muß. Lebe ſiille vor Dich hin, und wehre ſowohl der unndͤthigen Beſorgniß, als uͤberfluͤſſiger Neugierde. Schlaf' wohl, mein Herz!“— Mit dieſen Worten ſchuͤt⸗ telte er Maruzza's Hand und entfernte ſich lang⸗ ſam aus dem Zimmer. Priſſa ging ihm nach, ſobald ſie der neuen Herrin gute Nacht geſagt, und begleitete ihn die Treppe wieder hinab in ein leeres Gemach unfern vom Thore, wo Ga⸗ bor und einige andere Männer, die mit Joſchuch gekommen, aus ihren Mänteln und Pferdedecken ein Lager fuͤr Joſchuch bereiteten. Auch Slomi wurde beſchieden, und Joſchuch, auf ſeinen Cza⸗ Sindler's ſimmtl. Werk⸗ XXXI. B'. Herbſtoiolen 1I. 14 kan gelehnt, fragte denſelben:„Iſt Alles wahr, wie mir Proſz und dieſe Leute hier berichteten? Es entkam bei dem Ueberfalle kein Einziger, der die Kunde von der That weiter verlautbaren konnte?“— Slomi ſchuͤttelte den Kopf, und er⸗ wiederte mit aller Ruhe, als ob er die gleichgul⸗ tigſte Begebenheit erzählte:„Kein Einziger, Ba⸗ ſchi. Wir waren zehn bewaffnete Maͤnner, die zur Nachtzeit hier einbrachen. Wir fanden we⸗ nig Widerſtand. Das Pferdgeſtuͤte, das vor Zei⸗ ten hier war, hatte der Herr vor geraumer Friſt ſchon in das Temeswarer Bannat verlegt, und ſo hatten wir es nur mit dem Schließer und zwei Roßknechten zu thun, die zur Pflege der paar kranken Gäule zuruͤckblieben, welche noch im Stalle ſtehen. Wir hatten ſie bald nieder⸗ geſchlagen, und auch die einzige Magd, welche die milchgebende Kuh beſorgte, mußte das Schick⸗ ſal erleiden, denn wir hielten feſt an Deinem Befehl, keine menſchliche Seele zu ſchonen. Das Weibsbild ſchrie erbaͤrmlich, aber es mußte den⸗ noch d'ran; und die vier Leichen haben wir im ————— Felde in der alten Getreidgrube verſcharrt, wo ſie liegen bleiben moͤgen, bis es dem Engel ge⸗ fällt, ſie aufzuwecken.“—„Das iſt gut; Du biſt ein kluger Spitzbube, Slomi! Du taugſt zum Caſtellan an dieſem Orte, und ſollſt den Dienſt behalten, ſo lange wir hier die Station haben, und ſo lange Du Dich geſchickt benimmſt. Wie wird Dir aber, wenn ich Dir ſage, daß der Graf vielleicht ſchon uͤbermorgen hier eintrifft? Wie wirſt Du Dich aus der Schlinge ziehen, alter Schurke?“—„Je nun, Baſchi;“ antwor⸗ tete Slomi, mit gräßlichem Laͤcheln, indem er ſich den geſchor'nen Kopf rieb:„Ich denke, daß, wenn Ihr wißt, wann der Graf koͤmmt, Ihr ihn nicht an die Schwelle laſſen werdet, Ihr wa⸗ ckern Leute. Und wäre es, ſo ſollte mir nicht um eine Luͤge bang ſeyn, die mich uͤber dem Waſſer hielte, bis Ihr mit Feuer und Schwert dazu kommt, mir zu helfen.“— Joſchuch lä— chelte beifällig, und Gabor belobte laut die Fä⸗ higkeiten des alten Suͤnders. Dann erhob der 1 — 164— Anfuͤhrer wieder ſeine Stimme, und ſagte ge⸗ meſſen:„So vernehmt nun Ihr Alle, daß mei⸗ ner Braut fuͤr's Erſte unſre wahre Beſchaͤftigung ein Geheimniß bleibe. Sie muß erſt ſtark genug werden, um ſich in ihr Geſchick zu finden. Das Wort, das ihr unſ're Lebensweiſe verriethe, wuͤrde Euch den Kopf koſten, vor allem dem alten ſchwaz⸗ haften Weibe, das ich zu Maruzza's Magd er⸗ nannte. Ein Naͤheres, Slomi, erfaͤhrſt Du noch aus meinem Munde. Geht nun Alle hinweg, ſchließt das Haus, und laßt den wachſamen Hund los. Schlaf't ruhig bis morgen; heute habt Ihr nichts zu befahren.“ Alle gingen; den Gabor rief Joſchuch zurück, und ſagte vertraulich zu demſelben:„Wie iſt mir ſo wohl, daß ich im Eigenthum des ſchwer⸗ ſten Todfeindes als deſſen Herr uͤbernachte! Die⸗ ſes Haus, im tiefen Gebirge, kann ſchon eine Zeitlang unſer Hauptquartier bleiben, bis die ge⸗ ſammelte Beute uns erlaubt, nach einem andern Schauplatz zu ziehen, und dort in Ruhe zu ver⸗ zehren, was wir in Leib⸗ und Lebensgefahr er⸗ oberten. In den Kellern dieſer Eindde befindet ſich auch der beſte Platz fuͤr den armen Suͤnder, den ich hier einſperren will. Wir duͤrfen nicht raſten. Der Graf mit ſeinem Sohne wird ſpaͤ⸗ teſtens uͤbermorgen dieſe abgelegene Straße, die nach den Herkulesbaͤdern fuͤhrt, ziehen. Ich lau're ihm auf. Tod ſeinem Sohne, und Feſſeln fuͤr den Alten. Feſſeln ſo lange, bis er meine Mut⸗ ter und Maruzza's Aeltern freigegeben. Während ich am ſchmalen Paß, wo der Waldſtrom die Straße verengt, ſo daß ſie nur einer ſchmalen Bruͤcke gleicht, auf den Domno lau're, mußt Du hier zuruͤckbleiben, und den Boten auffangen, den der Edelmann ſchicken koͤnnte, um hier ſein Nacht⸗ lager zu beſtellen. Er werde auf ewig ſtumm gemacht. Das Uebrige beſorge ich.“— Du kennſt ja meine Treue und Ergebenheit!“ erwie⸗ derte Gabor, ihm die Hand reichend:„Ich harre aus bis zum letzten Faden, und was Du mir befiehlſt, iſt, als ob Du es ſelber thäteſt. Sorge nicht, ich werde Deine Braut bewachen, und fuͤr den alten Herrn einen Kerker bereiten, den nicht — 166— Sonne noch Mond beſcheint, und woraus kein Entrinnen iſt. Wann gedenkſt Du, Dich in den Hinterhalt zu legen?“ Joſchuch fuhr ſich verdrießlich mit der Hand uͤber die Stirn und murrte:„Wäre ich nicht betrogen und verflucht vom Schickſal, und nicht gebunden durch meinen heiligen Schwur, ich wuͤrde gern einen Freudentag in den Armen mei⸗ nes Weibes genießen, ſelbſt wenn die Gefahr vor der Thuͤr ſtuͤnde; was iſt denn das Verderben gegen einen Tag der Luſt? Ein Tag der Freude nur, nach ſo langen Tagen des Verbrechens und der Wildheit, und des Fluches, der uns in Berg und Wald trieb, um in dem Leben Anderer das unſrige zu gewinnen!— Doch darf es jetzt nicht ſeyn, und weil es nicht ſeyn darf, fliehe ich Ma⸗ ruzza's Anblick. Die Flammen verzehren mich in ihrer Nähe, und dennoch muß zuerſt mein Schwur erfullt ſeyn, ehe ich daran denken kann, ſie zu daͤmpfen. Ich gehe morgen ſchon fort, ſo⸗ bald der Tag bleicht. Der Sturm im Forſt ſchuͤttelt mein Blut durcheinander, und vielleicht S — gibt mir ein reicher Wanderer Gelegenheit, mich auf das großere Stuͤckchen vorzubereiten, das ich gegen den Domno im Schilde fuͤhre. Sage den Leuten, daß ſie ſich mit dem Fruͤheſten bereit halten. Proſz denke daran, die Einfalt, womit er ſich bei Szluka fangen ließ, wieder durch ein kuͤhnes Handeln gut zu machen. Du bleibſt mit Slomi dann allein zuruͤck, weil ihr hinreichend ſeyd, das Haus zu vertheidigen. Lege Dich nie⸗ der dann, und auch ich will verſuchen, ob ich ſchlafen kann.“ Maruzza ſchloß kein Auge, und die kurze Som⸗ mernacht wurde ihr zu einer qualvollen Ewigkeit. Die letzten Auftritte in dem Dorfe Szluka, die Eilreiſe durch das Gebirge, die zwei volle Tage angehalten, die Angſt um das Schickſal ihrer Aeltern, und die Furcht vor der Entwicklung ih⸗ rer Zukunft vereinigten ſich, ihrer korperlichen Mattigkeit die großte Seelenfolter beizugeſellen. Sie wand ſich wie in den Feſſeln eines ſchlim⸗ — 168— men Zaubertraumes, und ſo wie die Nacht kei⸗ nen Schlummer, ſo brachte auch der Tag keinen Strahl der Beruhigung in ihr Herz Sie ver⸗ ließ ſchnell das Lager, warf ſich in die Kleider, und offnete das Fenſter, um die heißen Angen in dem friſchen Morgenwinde zu baden. Ach, ihr Blick ſuchte vergebens eine Ausſicht in die heit're Ferne. Der duͤſt're Wald umgab wie ein Gehege von tanſend Lanzenſpitzen das Haus, und kein Vogel ruͤhrte ſich in dem Walde, und kein munteres Wildthier flog uͤber die ſchmale Wieſe, die von der Hofmaner einen Waldſaum trennte, gleich einem ſchmalen Graben. Alles ſtille, Alles einſam; im Hofe ſchritt langſam und faul ein ſchwerer Hund mit niederhaͤngendem Kopf und Schweife. Hie und da nur ſchallte Pferdege⸗ wieher aus den Ställen, die eine Seite des Ho⸗ fes einnahmen. Kein Menſch ließ ſich ſehen; das Haus hatte das Anſehen eines Gefaͤngniſſes. Eine unnennbare Angſt, ein niegefuͤhltes Miß⸗ behagen preßte Maruzza gewaltſam. Sie ſtreckte die Haͤnde empor, und fragte ſich leiſe, unter — 6 herabrollenden Thraͤnen:„O ihr Heiligen, hier ſoll ich mein Leben verbringen? Dieſes dde Haus ſoll mein Paradies ſeyn? Joſchuch will noch, daß ich ihm und dem Himmel fuͤr dieſes Loos danke? Nein, nein; die ſchlichte Baͤuerin paßt nicht in dieſen verwaiſ'ten Edelhof. Warum biſt Du kein Bauer geblieben, Joſchuch, der in der kleinen Huͤtte wohnt, wo auch die Freuden klein, aber die Sorgen gering ſind? Wie gerne wollte ich, weil es ſo ſeyn muß, alsdann Deine Frau ſeyn„ aber wie ſchwer wird mir's, in die⸗ ſen Raum, in dieſe Abgeſchiedenheit mich zu fin⸗ den!“ Nun wurden Menſchenſtimmen hoͤrbar, nun gingen unten die Thuͤren auf, nun kamen die wilden Männer aus dem Hauſe, die beim Ein⸗ tritt in dieſen langen Gränzwald den Joſchuch als ihren Anfuͤhrer empfangen hatten. Alle wa⸗ ren reiſefertig, den Mantel auf dem Ruͤcken, Sporen an den Stiefeln, Waffen an der Seite, und liefen mit Haſt nach den Ställen, worinnen die Pferde unruhig wurden, ſtampften, ſchnaub⸗ — 6 ten und ſich baͤumten unter den Peitſchenhieben der Reiter, welche die Thiere raſch aufzaumten. „Sie gehen?“ fragte ſich Maruzza leiſe, und trat einen Schritt vom Fenſter zuruͤck:„Geht auch Joſchuch?“— So eben betrat auch er den Hof, und Proſz zog den Rappen, den Joſchuch zu reiten pflegte, aus dem Stall, worauf ſich ohne Verzug alle Bewaffnete in einen Haufen ſammelten. Joſchuch warf einen Blick im Kreiſe umher, und ſprang dann mit einem Satze vom Boden auf das Pferd. Maruzza athmete leich⸗ ter, da ſie ihn ſcheiden ſah, und die Furcht, al⸗ lein zuruͤckzubleiben, trat in den Hintergrund vor der Freiheit, die ſie jetzt, wenn auch nur auf Stunden genoß, entledigt des Zwangs, ſich ver⸗ ſtellen und demjenigen Liebe heucheln muͤſſen, den ſie mit ſtummen Grauen betrachtete, mit ſtillem Entſetzen zum Lenker ihres Schickſals berufen ſah.— Joſchuch ahnte nicht, daß Maruzza am Fenſter ſtand, ſondern gab dem Pferde die“ Spo⸗ ren, und jagte zum Thorweg hinaus, und die ganze wilde Horde brauſ'te ihm nach. —— Das Geklapper der Hufſchlaͤge erſtickte bald auf dem ſandigen Waldboden, und das Haus, nachdem die Thorfluͤgel wieder zugeworfen waren, verſank in ſeine vorige Stille. Maruzza wendete ſich trauernd von dem Fenſter ab, und muſterte mit neugierigem Auge das Gemach, das ſie be⸗ wohnte. Ueberall alterthuͤmliche Prachtreſte, ge⸗ paart mit Verddung. Gleichguͤltig ſchweifte ihr Ange uͤber die zertruͤmmerten Herrlichkeiten weg, und betrachtete mit mehrerer Theilnahme die Bilder an der Wand: die Geſtalten zweier vor⸗ nehmen Frauen in ungariſcher Adeltracht, und in ihrer Mitte das Bild eines Huſarenofficiers. Die Bilder waren ſchlecht, aber dennoch Wunderwerke fuͤr Maruzza's ungeuͤbten Blick, und durch die Treue der grobgemalten Geſichtszuͤge beſonders merkwuͤrdig. Maruzza zogerte naͤmlich nicht, in dem Huſarenofficier, obgleich derſelbe in der Bluͤthe maͤnnlichen Alters abgebildet war, den ungnädigen Domno von Szluka, den alten Gre⸗ fen, ihren Grundherrn, zu erkennen. Sie er⸗ ſchrak beinahe vor dieſer Aehnlichkeit, und fragte — 2 ſich ſelbſt neugierig: wie denn wohl des Domno Conterfei hieher komme? hieher, in das ſtille Haus eines Graͤnzofficiers? Und wie Joſchuch, der bittere Feind des Grafen, dieſes Bild in ſei⸗ ner Wohnung dulden koͤnne?— Sie ſtand noch vor dem Gemaͤlde, und ſann, als ein leiſes Klo⸗ pfen an der Thuͤre vernehmlich wurde. Sie ging ſchnell, den Riegel zuruͤckzuſchieben, und begruͤßte nicht ohne Vergnuͤgen den alten Slomi und deſ⸗ ſen Weib, die knechtiſch freundlich hereinſchlichen, ſich nach dem Befinden der neuen Herrin zu er⸗ kundigen. Maruzza, die in ihres Vater Huͤtte, gleich der Mutter, eine dienende Magd geweſen, und ſich nicht in den Character einer gebietenden Fran zu finden wußte, antwortete auf dieſe Fra⸗ gen unbefangen, und ſtellte gleich an die al⸗ ten Leute die weitere Frage: wen jenes Bild vorſtelle, und ob es nicht das Bild des alten Miklos ſey. Die alte Priſſa ſtarrte dumm und unverſtndig nach dem Bilde, aber Slomi kratzte ſich hinter den Ohren, und antwortete ſchlau: 53 „Ach heiliger Andreas! wie ſollte der Domno von Szluka hieher kommen? Dieſe Tafel ſtellt un⸗ ſern großmaͤchtigſten Koͤnig vor, und die Frau zu ſeiner Linken, wie ich glaube, die Koͤnigin Maria Thereſia, und die zu ſeiner Rechten, ge⸗ wißlich eine andere Koͤnigin.“—„Sonderbar!“ meinte Maruzza, lächelnd und beſchaͤmt uber die Taͤuſchung, die ſie ſich ſelber vorgemacht:„Der Koͤnig ſieht dem Domno, der freilich aͤlter iſt, aͤhnlich wie ein Bruder.“ Sie warf noch einen Blick nach dem Bilde, und Priſſa ihrerſeits ſah ihren Mann forſchend an, und dieſer winkte ihr, ja kein vorlautes Wort uͤber ihre Lippen gehen zu laſſen.—„Wo iſt Joſchuch?“ fragte Ma⸗ ruzza weiter. Slomi antwortete:„Wahrlich, Frau, wir wiſſen's nicht; er ſagt's uns nie.“— „Ihr ſeyd fuͤr beſtaͤndig in ſeinen Dienſten?“— „Ei, ſo lange er uns behaͤlt.“—„Iſt er ein guter Herr?“—„Je nun, er iſt ſcharf wie ein zweiſchneidiger Saͤbel. Bald Regen, und bald Sonnenſchein, wie die Herren ſind.“— „Ihr muͤßt's ihm zu gut halten. Es iſt ihm ſchwer ergangen. Aber jetzt ſcheint er ſich in ſei⸗ nem neuen Stande wohl zu befinden.“—„Ei ja; es geht ihm gut, glaube ich.“—„Doch iſt ſeine Pflicht beſchwerlich, nicht wahr, gute Leute 2“ —„Hm ja, es kann wohl nicht anders ſeyn. Man treibt's eben, ſo lange es geht.“— „Aber es iſt ſchoͤn, fuͤr den Koͤnig ſeine Kräfte aufzuopfern, und die unſichern Heerſtraßen und Waldwege zu beſchuͤtzen..“—„Ja, wenn die Waldwege nicht waͤren, und die Gebirgsſtraßen die Hexen moͤgen aber wiſſen, ob's ihm der Koͤnig ſo recht aufrichtig dankt.“—„Wie viel Leute ſind unter ſeinen Befehlen?“—„Ich weiß nicht; bald ſeh' ich mehrere, bald weniger mit ihm kommen.“—„Wohnen alle die Leute in dieſem Hanſe?“—„Meiner Tren', entweder hier, oder im Walde; das iſt unterſchiedlich.“— „Wird Joſchuch bald zuruͤckkehren?“—„Frau, das wiſſen wir nicht, wir werden's ja ſehen, wenn er wiederkoͤmmt.“—„Sind wir nun ganz al⸗ lein im Hauſe, Du und Deine Frau und ich?“ —„Ganz allein bis auf den Gabor, der unten — 175— auf des Baſchi Lager ſchnarcht, und nicht viel Luſt zu haben ſcheint, bald aufzuſtehen.—„Nun, ſo laß't ihn ſchlafen, und ich will ruhig ſeyn, weil Gabor daheim iſt. Fuͤhrt mich aber jetzt durch das Haus, und zeigt mir alle Gelegenheit deſſelben, wie auch das Feld, das dazu gehdrt. Du mußt mich in die Wirthſchaft einfuͤhren, gute Priſſa. Ich will von Dir lernen, denn ich bin nur eine arme Bauerndirne, die noch gar nicht weiß, wie man das Haus eines Officiers des Koͤ⸗ nigs beſtellt.“ „Frau, das iſt bald gelernt, der Baſchi lebt nicht vornehm, und mehr als Fleiſch und Zwie⸗ bel und Salz und Brod kann doch der Vornehm⸗ ſie nicht verlangen. Die Kuͤche iſt bald beſorgt, und Felder haben wir am Hauſe nicht. Da gibt's Wieswachs, um die Pferde zu fuͤttern, nichts weiter. Ihr werdet ein gutes Leben haben, ohne Sorge, ohne Muͤhe. Der Herr ſchafft Alles in das Haus, um Nichts habt Ihr Euch zu kuͤm⸗ mern.“—„Ei, da werd' ich lange Weile ha⸗ ben. Fuͤhre mich in die Kuͤche, damit ich Dir — 176— wenigſtens helfe, gute Alte, die Mahlzeit zu be⸗ reiten.“—„Wenn Ihr wollt, ſo kommt.“— „Dann zeigt mir den Keller, wenn ſchon Vor⸗ raͤthe darinnen liegen.“—„Seyd nicht boͤſe, Frau, aber mein Alter verſieht den Keller allein. Der Herr hat ihm den Schluͤſſel gegeben, und Niemand außer dem alten Slomi darf hinein.“ Maruzza ſchwieg betroffen, und fragte nicht weiter. Sie folgte der alten Priſſa durch das ode leere Haus an offen ſtehenden weiten Ge⸗ maͤchern voruͤber nach der Kuͤche, die auch ſo leer ſtand, als wäre ſie vor Kurzem erſt ausgepluͤn⸗ dert worden. Das Geſchirr war duͤrftiger als in Gurul's Huͤtte, der Speiſevorrath magerer, und wenn Maruzza, im Verein mit der geſchäf⸗ tigen Alten die einfache Mahlzeit richtend, dann und wann ſich erkundigte, wo denn die Vorräthe herkommen ſollten, antwortete Priſſa immer: „Der Herr ſorgt dafuͤr; das geht Euch nichts an, Frau.“— Dieſe Lebensweiſe ſchien der Tochter Gurul's von Augenblick zu Angenblick raͤthſelhafter und beſorglicher, und kaum hatte — 17— ſie mit Slomi, deſſen Frau und Gabor, der im⸗ mer noch nicht recht aus ſeiner Schlaftrunken— heit herauskam, das Pfefferfleiſch als Mittags⸗ ſpeiſe verzehrt, als ſie ſchon ſich beeilte, den Ort zu verlaſſen, wo ſich ihr tauſend Erinnerungen und tauſend Befuͤrchtungen aufdraͤngten. Sie be⸗ ſchloß die Wieſe und den Waldſaum zu durch⸗ wandeln, Schwaͤmme zu ſammeln, und dabei ihren Gedanken nachzuhaͤngen. Priſſa wollte ſie begleiten, aber Maruzza wies die Gefaͤhrtin von ſich, und verſprach, bald zuruͤck zu ſeyn.„Wagt Euch nicht zu tief in den Wald, Frau!“ rief ihr noch Slomi's Weib nach, als ſie durch die Hin⸗ terpforte des Hofes hinaus in's Freie ging:„Es gibt noch viele wilde Thiere dort, und ſumpfige, gefährliche Stellen.“ Maruzza verſprach, ſich nach dieſer Weiſung zu richten, und ging lang⸗ ſam durch das hoch aufſproſſende Gras nach dem Walde. Spinbler'e ſimutl. Verke KRRI. Sb. Herbſtviolsn. II. 12 — 178— Die Sonne ſank bereits, als munterer Huf⸗ ſchlag auf der Waldſtraße ertoͤnte, und ein fluch⸗ tiger Klepper gegen das alte Jagdgehoͤfte trabte, darauf ein Reiter, den Kolpak auf dem Kopf, den Mantel um die Schultern wehend, und ſorg“ los ein Liedchen pfeifend. Er ritt ſchnurgerade an das Thor, und zog, ohne vom Pferd zu ſiei⸗ gen, die Klingel. Dann ſtreichelte er den Hals ſeines Roſſes, und ſprach luſtig:„Brav, brav Skanderbeg! Du biſt ein leichtes, ſchlankes Thier, und ſollſt nach ſtrengem Ritt vollauf Haber ge⸗ nießen, und ausruhen, ſo daß Dir der Marſch nach den Bädern nur wie ein Sprung uͤber den Graben vorkommen wird. Die warmen Brun⸗ nen werden auch Deinen edlen Gliedern wohl⸗ thun, guter Skanderbeg.— Wo bleiben denn aber die Schlingel im Hauſe? Heda, fauler Hund von Caſtellan! Aufgemacht! Der Gyorg iſt draußen!“ Und er läutete immer ſtärker, und ſchrie, daß der Wald hallte. Mittlerweile ſpitzten in der Kammer der Schließer Slomi und Priſſa die Ohren, und Gabor, der Muͤdigkeitshalber ſich auf den Ofen gelegt hatte, fluſterte von dort her⸗ unter:„Das iſt der Leibhuſar des Grafen. Nun gilt's frech und geſchwind ſeyn. Macht ihm nur auf und kirrt ihn; ich will ſchon dabei ſeyn, wenn's zum Treffen koͤmmt.“— Hierauf ſtreckte er ſich, auf dem Geſichte liegend aus, und blin⸗ zelte nur zwiſchen den Fingern hervor in die Kammer. Slomi ging aber, um zu bffnen, und Priſſa ſuchte auf Befehl Gabor's einen feſten Strick aus der Lade hervor.— Der Huſgr ritt in's Thor, ſprang vom Gaul, uͤbergab denſelben dem Alten, ihn nach dem Stall zu fuͤhren, und ſagte dann verwundert, indem er Slomi's Zuͤge betrachtete:„He, wer biſt Du? ich habe Dein Geſicht noch nie in dieſem Hauſe geſehen. Wo bleibt der Peter, der alte Schwänkemacher?“ —„Ach, Herr!“ antwortete Slomi mit bewunde⸗ rungswuͤrdiger Unbefangenheit:„da iſt der alte Peter plotzlich krank geworden, und ſteif von Gicht, und hat mich rufen laſſen aus meiner „ — 180— Heimath im Bannat, denn ich bin ſein Bruder, Herr, und ſoll an ſeiner Statt das Haus beſor⸗ gen, bis er wieder zur Geſundheit koͤmmt, wo— zu ihm das Herkulesbad verhelfen moͤge. Seyd alſo nicht boͤſe, wenn ich Euch ſchlechter bediene, als der Bruder gethan haben wuͤrde, und nehmt vorlieb.“— Der Huſar verſetzte, von dem Tone des Slomi getauſcht:„Schade um den alten Schaͤcher! Wie kam der kerngeſunde Kerl zur Gicht? Na, ich werde ihn bald beſuchen. Das erſte Wort, das ich hoͤre, daß er einen Bruder hat. Verſorge nur meinen Gaul, und folge mir in die Kammer. Ich habe Auftraͤge vom Herrn.“ Gyorg trat unverweilt in des Beſchießers Ge⸗ mach, und nickte der Priſſa einen kurzen Gruß zu:„Biſt Du die Schwägerin des alten Peter?“ —„Ja, Herr!“—„Nimm mir den Mantel ab. So. Stelle meinen Kalpak dort auf's Fen⸗ ſter. Da haſt Du meinen Carabiner. Lehne ihn vorſichtig hinter den Ofen; er iſt geladen.“— „Gleich Herr, ich mache es geſchickt. Wollt Ihr nicht auch den ſchweren Säbel ablegen? Ihr — 181— ſeyd ja bewaffnet bis an den Hals.“—„Das muß man thun in Euren verfluchten Waldern. Ich bin froh, die Strecke zuruͤckgelegt zu haben, obgleich mir kein verdächtiges Geſindel begegnet iſt. Da haſt Du den Säbel. Putze ihn fein ſau⸗ ber ab, das Beſchlaͤge iſt angelaufen. Die Pi⸗ ſtolen aber ruͤhre nicht an, und laß ſie, wo ich ſie aufhaͤnge.“— Er hing ſeine Piſtolen an ei⸗ nigen Naͤgeln auf, und pflegte ſich behaglich in einem ziemlich bequemen Sitz am Ofen. Indeſ⸗ ſen trat Slomi wieder ein, und ſprach: Das Pferd iſt beſorgt, Herr Huſar.“—„Gut, Al⸗ ter; ich will dann ſelbſt nachſehen.“—„Was befiehlt denn der Herr?“—„Sperre Deine Ohren auf. Er reiſ't mit ſeinem Sohne nach Mehadia, wo er morgen Abends, ſo Gott will, eintreffen wird. Zuerſt hatte er beſchloſſen, ſelber hier vorzuſprechen, aber die ſchwaͤchliche Geſund⸗ heit des jungen Herrn beſtimmte ihn, ſtatt uͤber den Bergruͤcken, durch das heitere und waͤrmere Thal am Tuͤrkengrunde ſeinen Weg zu nehmen. Deßhalb hat er mich hieher geſandt, ſeinem Ca— — 182— ſtellan anzubefehlen, morgen unverzuͤglich alles Bettwerk, das ſich im Hauſe findet, nach Me⸗ hadig hinabzuſchaffen. Man iſt dort ſchlecht auf Gäſte eingerichtet, und die Herrſchaft will doch Bequemlichkeit. Du magſt alſo einen Wagen ruͤſten laſſen, und durch einen Knecht das Ge⸗ ſchäft abthun. Wo ſind Deine Knechte?“— „Der eine, Herr, iſt mit den kranken Pferden auf der Huth und der zweite ſchlaͤft da auf dem Ofen. Er ſoll aber in der Nacht das Fuhrwerk herrichten, und abfahren, ſo wie der Morgen bleicht.“— Gyorg warf einen fluͤchtigen Blick nach dem auf dem Ofen ausgeſtreckten Gabor, und ſagte:„Du verſtatteſt den Leuten viel zu viel Trägheit. Dein Bruder iſt viel ſtrenger mit ihnen. Jage den Kerl auf aus ſeiner Ruhe. Je ſchneller des Herrn Wille erfullt wird, je beſſer iſt's.—„Es ſoll gleich geſchehen, Herr. Schade iſt's aber, daß die Herrſchaft nicht hieher kommt. Ich hätte mich zu ihren Gnaden empfehlen koͤn⸗ nen. Ich bin ein armer Schmied meines Hand⸗ werks, und waͤre recht zufrieden, wenn mir der Graf ein Dienſichen im Hauſe ertheilen wuͤrde. Ich bitte um Euer Fuͤrwort, geſtrenger Herr Hu⸗ ſar.“— Gyorg ſchmunzelte und erwiederte:„Was Du mir thuſt, ſoll dem Herrn gethan ſeyn. Ich werde hier uͤbernachten, und ſehen, was Du mei⸗ nem hungrigen Magen vorſetzen wirſt. Darauf kommt es an, wenn wir gute Freunde bleiben ſollen. Fuͤr's Erſte ſchaffe etwas zu trinken.“— Slomi ſchielte nach Gabor hinauf, und dieſer machte ihm ungeduldig ein Zeichen, welches von dem ſorgloſen Gyorg nicht bemerkt wurde.— „Wir haben allerlei im Keller;“ ſagte hierauf Slomi treuherzig und mit leckerhaftem Lächeln: „othen und weißen Wein, Gewächs aus der tuͤr⸗ kiſchen Walachei, und dreierlei Zwetſchgenbrannt⸗ wein von verſchiedener Guͤte. Wenn's Euch ge⸗ faͤllig wäre, Euch die paar Stuſen mit mir her— ab zu bemuͤhen, ſo konntet Ihr aus den Fäſſern koſten, und wählen, was Euch beliebt. Der Trin⸗ ker holt vom Faſſe den beſten Geſchmack.“— „Meinetwegen, ich gehe mit Dir. Deine Alte mag indeſſen etwas zum Imbiß richten. Zuerſt — 184— in den Keller, dann zu meinem Skanderbeg, und dann zu der Flaſche, die ich waͤhlen werde, und die wir zuſammen ausſtechen wollen.“ Er erhob ſich, und Slomi leuchtete ihm mit brennendem Lichtſpan voraus. Kaum waren ſie vor der Thuͤre, als Gabor ſchnell vom Ofen huſchte, den Strick ergriff, den ihm Priſſa nicht ohne Beben hinhielt, und ſeinem Opfer in den Keller nachſchlich. Auch Priſſa naͤherte ſich er⸗ ſchuͤttert der dunkeln Treppe, und horchte auf⸗ merkſam, mit einem Fuße ſchon zur Flucht be⸗ reitſtehend. Eine Weile toͤnten unten des Huſa⸗ ren und Slomi's Stimmen verworren fort, und man vernahm, wie Gyorg fragte:„Alter, wohin fuͤhrſt Du mich? Wo ſtehen denn die vermale⸗ deiten Faͤſſer?«“ Dann wurde es ſtill.... dann auf einmal ein lauter Schrei, dazwiſchen Gebruͤll aus Gabor's Munde.... dann dumpfes Rocheln, kurz, aber ſchauerlich... und endlich Todtenſtille. — Nach geraumer Zeit kamen erſt Slomi und Gabor aus dem Keller hervor. Gabor trug den koſibaren Dolman des Huſaren auf dem Arme, —— Slomi die Beinkleider des Ungbuͤcklichen, und ſeine geſtickten Ziſchmen.—„Er iſt hin!“— ſagte Slomi mit fuͤrchterlicher Kaͤlte zu ſeinem zitternden Weibe, und warf ihr des Gemordeten ſeid'nes Schnupftuch zu:„Da iſt etwas fuͤr Dich! Schaffe aber gleich die Haue und den Spaten in's Gewoͤlbe, damit ich den Hund vol⸗ lends verſorge.“ Gabor zog ohne Weilen das ſilbergeſchnuͤrte Wams des armen Gyorg uͤber ſein Gewand, hing ſeinen Mantel daruͤber, und lief nach dem Stalle.„Wohin?“ fragte Slomi verwundert.—„Ich muß dem Joſchuch berichten, daß der Graf einen andern Weg faͤhrt, ſonſt mißgluͤckt der ganze Streich; bewahre Du indeſ⸗ ſen das ganze Haus, und wache ſorgſam uͤber des Kapitans Braut. Wenn Alles gut geht, ſind wir ſammt und ſonders morgen Abends wieder hier, und der Vogel, dem wir nachſtellen, ſitzt dort unten in ſeinem dunkeln Käfig.“ Nach einer Weile jagte Gabor auf dem Pferde des Huſaren von dannen, Slomi begrub den Er⸗ wuͤrgten im Keller, und Priſſa— putzte ſich vor dem Spiegel mit Gyorg's ſeid'nem Tuche.— Sie wurde bei dieſem Geſchäfte von Maruzza uͤberraſcht, die ploͤtzlich in heftiger Bewegung in ihre Kammer trat, und blaß wie der Tod auf den Stuhl ſank, wo fruͤherhin Gyorg geſeſſen. Ihr Anblick— der eines Geſpenſtes— erſchuͤt⸗ terte das alte verdorbene Weib, und ſie fragte mit einiger Beſorgniß: ob denn der Frau etwas Boͤſes begegnet ſey. Maruzza antwortete zuerſt nicht, ſondern hob nur, außer ſich vor Schrecken, und wie dadurch der Sprache beraubt, die Haͤnde nach dem Himmel auf. Dann packte ſie unverſehens die Alte beim Arm, und riß ſie mit ſich fort zur Kammer hinaus, uͤber den Hof hinweg, hinaus auf die Waldwieſe und nach der Stelle hin, an welche Priſſa ſelbſt nur mit Schanuder dachte: an die alte verfallene Getreidegrube hinter dem Pfer⸗ deſtall. Indem ſie einige unzuſammenhaͤngende Worte ſtammelte, deutete Marnzza auf den dar⸗ uͤber aufgeſchuͤtteten Huͤgel, und Priſſa wurde beinahe zu Eis und Stein, als ſie trotz der Dam⸗ merung, welche ſich herabſenkte, eine erſtarrte — 187— Hand gewahrte, die aus dem Huͤgel ragte, ge⸗ ſchmuͤckt mit einem breiten metallenen Fingerring. Sich ſelbſt vergeſſend, ſchrie das Weib:„Ach, alle Heiligen ſchutzen uns! das iſt Ruſchi's Hand, die Hand der armen Magd! Entweder haben wilde Thiere hier nach den Leichen geſcharr't, oder Gott ſelbſt hat die Hand aus dem Grabe wachſen laſſen, um uns Alle zu verderben!“ Dieſes unwillkuͤhrliche Zeugniß von Priſſa's Mitwiſſenſchaft der hier begangenen Unthat ſchleu⸗ derte vollends eine Brandfackel in Maruzza's zer⸗ riſſenes Herz. Mit erſtickter Stimme, mit dem Ausdruck der Verzweiflung fiel ſie das in Todes⸗ angſt verſtummende Weib an, und fragte:„Dir iſt alſo dieſes Grab nichts Neues? Was mir der Zufall verrieth, da ich ſchwermuͤthig meine Schritte hieher lenkte, war Dir lange ſchon be⸗ wußt? Das Grab einer Gemordeten dicht am Hauſe der vom Koͤnig beſtellten Sicherheitswache? Geſtehe jetzt, wie Alles dieß zuſammenhaͤngt! Ich laſſe Dich nicht lebend vom Platze, bevor Du nicht mir Alles enthuͤllt haſt. In welchen Hän⸗ — 188— den bin ich hier? Was iſi's mit Joſchuch und ſeinen Geſellen? Wie kommt dieſe Leiche hieher?“ — Von Maruzza's ſtarken Haͤnden geſchuͤttelt, wußte Priſſa ſich nicht zu faſſen, und verſetzte ſtotternd:„Freilich ſeyd Ihr in den ſchlechteſten Haͤnden, Frau. Der heilige Nicolaus verzeihe mir meine Suͤnden, Ich habe ja noch Niemanden gemordet; ich mußte ja Alles thun, was mir mein Mann befahl. Erſt, ſeit Joſchuch in dieſe Wälder kam, als ein fluͤchtiger Moͤrder, iſt der alte Slomi ſo ſchlecht geworden, und hat mit ihm und Gabor und den uͤbrigen Spießge⸗ ſellen, die ſich zuſammenfanden, die Hand in Menſchenblut getaucht, fruͤher hat er nur geſtoh⸗ len, hat er nur den Strang verwirkt jetzt ſpie⸗ ßen ſie ihn, wenn ſie ihn erwiſchen. Verrathet mich nicht, liebe Frau, gute Maruzza, denn wir ſind beide ſonſt des Todes.“— Sie ſchwieg plotz⸗ lich, und horchte nach dem Hofe hin, und auch Maruzza ließ von ihr ab, denn Slomi's ſchlep⸗ pender Schritt und ſeine Stimme wurden hoör⸗ bar.„Priſſa! Maruzza!“ rief er gellend hinter⸗ — 189— einander in die Luft, und wie verzweifelt riß des Suͤnders Weib ihre zoͤgernde Gefährtin von dem Grabe weg, und in die Wieſenflur hinein, ſo daß, als Slomi unter der Hinterpforte des Hofes an⸗ kam, beide vom Walde her zu wandern ſchienen. Stumm naͤherten ſich die Weiber dem alten Mor⸗ der, der des Huſaren geladenen Carabiner in der Fauſt trug, und duldeten, daß er ſie derb aus⸗ ſchimpfte, weil ſie ſich ſo weit vom Hauſe ent⸗ fernt haͤtten. Maruzza hatte einen Augenblick den Gedanken, ſich auf den Greis zu ſtuͤrzen, ihm die Waffe zu entreißen, ihn ſogar damit zu tod⸗ ten, wenn er ſie verfolgen ſollte, und aus dieſer Hoͤhle des Verbrechens zu entfliehen. Aber ſie erbebte, wie Espenlaub, da ihr der Menſch zu⸗ krächzte:„Ich werde Euch einſperren, Maruzza, wenn Ihr noch ferner ſo herumſchweift. Wißt Ihr wohl, daß es mich das Leben koſtete, wenn Joſchuch Euch nicht mehr faͤnde? Herein, herein mit Euch! Zur Abendzeit ſpazirt man nicht im Walde mehr. Es gibt boſe Leute genug in dieſer Gegend, und der Baſchi iſt nicht da, um uns zu — 190— beſchutzen.“— Somit trieb er die Weiber in das Haus zuruͤck, und verſchloß die Hinterpforte, wie auch das große Hofthor ſtets verſchloſſen war. Maruzza floh nach ihrem Zimmer, und Priſſa erhielt von ihrem Manne derbe Pruͤgel, verrieth aber den Schlägen zum Trotze nicht das Gering⸗ ſte, was Maruzza's Lage haͤtte trauriger machen koͤnnen. Nur, als die Zeit kam, da beide ſich zur Ruhe legen wollten, ſagte die Alte, voll Furcht fuͤr das eig'ne Leben, zu Slomi:„Ich weiß nicht, wie mir iſt, Mann. Es kommt mir aber vor, als ob die Braut des Baſchi ein bitt'res Heim⸗ weh hätte, und gern davon liefe. Wir waͤren dann ſo gut wie verloren. Du ſollteſt doch nach⸗ ſehen.—„Das will ich. Ich lege mich auf ihre Schwelle, und ſie wird nicht uͤber mich hin⸗ wegſchreiten, wenn ſie nicht eine Kugel im Leibe haben will.“— Slomi warf den Pelz um, nahm Gyorg's Buͤchſe, und wollte gehen. Priſſa hielt ihn ängſtlich zuruͤck:„Willſt Du mich allein laſſen? Wenn der Huſar aus dem Keller kaͤme? Wenn er das Seidentuch von mir haben wollte.“ — 194— —„Du biſt ein Vieh, alter Borſtwiſch! So komm' denn mit, und lege Dich auf die Treppe. Mir iſt's gleichviel, wo Du ſchläfſt, aber ich habe nicht Luſt, um der einfältigen Dirne willen mein Leben zu laſſen. Wäre ſie doch daheim geblieben! Zu unſerm Handwerk taugt ſie nicht!— Das verruchte Paar lagerte ſich ſodann gleich lauern⸗ den Hunden vor Maruzza's Thuͤre. Welche Nacht fuͤr Gurul's Tochter! Der Taumel eines Fieberkranken, die Agonie eines toͤdtlich Verwundeten, die letzte Nacht eines Suͤn⸗ ders vor ſeiner Hinrichtung konnen nicht ſchreck⸗ licher ſeyn. Maruzza konnte nicht ſchlummern, und vermochte dennoch nicht, beſonnen zu wa⸗ chen. Von tauſend Dolchen war ihr Herz zer⸗ riſſen, und ihr Gehirn brannte. Die aus der WMordgrube aufgewachſene Hand tanzte ihr ſiets wie ein Geſpenſt vor Augen, aus jedem Winkel ſtarpten Leichengeſichter ſie an, Blutdunſt ſchien das Gemach zu erfuͤllen, und ſie ſprang entſetzt vom Bette, worauf ſie minutenlang keuchend ge⸗ ruht, weil Joſchuch's Geſtalt wie ein mordſchnan⸗ bender Rieſe vor ihrer Einbildungskraft auftau⸗ melte. Sie rang die Haͤnde, ſie warf ſich betend auf die Kniee, ſie rief den Tod, und zitterte doch vor dem Meuchelmorde. Unzaͤhlige Male ver⸗ ſuchte ſie an der Thuͤre, ob denn auch der Riegel noch feſt halte; ſie ſpaͤhte durch das vom Mond⸗ ſtrahl ſchwach erhellte Gemach nach einer Waffe, ſie rief in Gedanken alle Freunde und Verwandte herbei, ſie zu beſchuͤtzen.... Aber ſchnell ſank ihr Muth. Gurul und Aya im Kerker, Nicol verſchmaͤht, Gabor, ein Geſpiele ihrer Jugend, unter den Moͤrdern, der gutmuͤthige Pope von Szluka fern, und auch Fedra in Ketten ſie, die vielleicht noch etwas uͤber ihren gewaltſamen Sohn vrrmocht haͤtte.— Dann aber kam wieder ein Moment, herbeigefuͤhrt durch eine lange ſtille Thränenfluth, in welchem ſich Maruzza beſann, in welchem ſie ſich ermannte. Warum fuͤrchtete ſie Joſchuch's und ſeiner Genoſſen Dolch? Sie — 193— hatte ja noch nichts gethan, des Wuͤthrichs Rach⸗ gier zu reizen. Nicht der Tod von ſeiner Hand war's, den ſie zu ſcheuen hatte; wohl aber ſeine Liebe, ſeine Begierde.. die Stunde, wo er ſie zwingen wuͤrde, dem Verlobten Wort zu halten! Was war dann ihr Loos? Elend, Schmach, Verderben oder Verderbtheit. Sie malte ſich mit den furchtbarſten Farben das Schaffot aus, worauf Joſchuch einſt verbluten wuͤrde... Sie erblickte ſich ſelbſt im Geiſte, weinend zu den Fuͤßen des hingerichteten Suͤnders, oder,— ihr noch ein gräͤßlicheres Bild— entmenſcht gleich ihm, Raͤuberfrau bei den wuͤſten Gelagen der Bande, ein Zeuge blutgieriger Thaten, eine Mit⸗ ſchuldige himmelſchreiender Verbrechen...!— Ja, ſie wollte leben, aber nicht als Gattin eines Räubers, ſie wuͤnſchte zu leben fur die Pflege ih⸗ rer Aeltern, fuͤr eine gluͤcklichere Zukunft, als die, welche ihr in dieſem fuͤrchterlichen Hauſe bereitet wurde. Aber frei mußte ſie ſeyn, und nicht mit Luͤge, nicht mit Entehrung dieſe Freiheit erkaufen. Srindlen?. ſämmtl. Werk. XXXI. Bd. Herbſtvio In. 11. 13 — 194— Ein raſcher Entſchluß, meinte ſie, mochte ſie ret— ten, die Gnade des Himmels ihre Flucht ſichern, aber ſie durfte nicht warten, ſie mußte es ſchnell vollfuͤhren, weil Joſchuch mit dem naͤchſten Tag erſcheinen konnte.— Sie eilte an's Fenſter, ſie ſpähte, ob ein kuͤhner Sprung zu wagen! Ach, vor der Tiefe ſchauderte das Weib. Da, wo der Sprung ſicherer geweſen wäre, verwehrten ihn eiſerne Gitterſtäbe.— Wie aber, wenn ſie keck durch's Haus ſchritte, eine Thuͤre ſuchte, die ihr zur Flucht den Ausweg oͤffnete? Ein Wunder konnte ja eine Pforte gedffnet haben, der gefaͤhr⸗ liche Hofhund konnte juſt ſchlummern, Slomi berauſcht ſchnarchen, Priſſa vielleicht, von Menſch⸗ lichkeit ergrifſen, ihr zur Flucht behuͤlflich werden. Sie eilte zu der Thuͤre ihres Gemachs, ſchloß ſie vorſichtig auf, und ſank faſt bewußtlos zuruck, da ſich auf der Schwelle eine bewaffnete Geſtalt erhob, und unfern davon die gluͤhenden Augen des Hundes durch das Dunkel blitzten. Slomi's Stimme murrte ihr eine Verwuͤnſchung entgegen und ſie warf ſchnell die Thuͤre wieder zu, und —— gab ſich verloren, und verfiel in die ſtarre Un⸗ thaͤtigkeit der hoffnungsloſen Verzweiflung. So fand ſie der Tag. Slomi's Weib kam, und beredete ſie, ſich zu Bette zu legen.„Verra⸗ thet mich um des Himmels Willen nicht!“ bat Priſſa mit leiſer Stimme:„Gebt vor, daß Ihr am Heimweh leidet. Slomi's Argwohn iſt ge⸗ faͤhrlich. Was wollt Ihr auch thun? Wenn Ihr auch fliehen wolltet, ſo kommt Ihr keine Meile weit, ohne in die Branken eines Bären, oder in Joſchuch's Haͤnde zu laufen. Seine Ge⸗ ſellen ſind allenthalben im Walde zerſtreut. Ihr wär't verloren, armes jurges Blut, und wir waͤ— ren es auch. Ergebt Euch darein. Als mein Alter zum erſten Mal ſtahl, war mir auch ent— ſetzlich zu Muthe, und ich fuͤrchtete mich vor der Hoͤlle. Aber jetzt ficht's mich ſchon nicht mehr an, und wenn ich einmal erſchrecke, als wie ge— ſtern, ſo iſt es nur ein Uebergang.“— Maruzza ſtieß heftig die niedertraͤchtige Läſterin von ſich, und vergrub ihr Haupt in den Kiſſen.— Slomi — 196— kam; ſie ſah ihn nicht an, mußte aber dulden, daß der graue Boͤſewicht ſeine Hand auf ihre brennende Stirn legte, worauf er zu ſeinem Weibe ſagte:„Sie iſt wirklich krank, und ſomit erklaͤrt ſich auch ihr mondſuͤchtiges Wandeln in der Nacht. Sie ſoll viel Waſſer trinken, um ſich abzukuͤhlen, und ruhig im Bett bleiben, bis Joſchuch koͤmmt. Der Baſchi mag daun mit ihr anfangen, was er will; ich bin der Verantwortung ledig.“ Das wuͤrdige Paar eutfernte ſich, Maruzza hoͤrte, wie man von außen die Thuͤre verſchloß, und verſank wieder in das ſtarre Hinbruͤten, wor⸗ aus ſie nur ſelten zur Beſinnung kam, wenn et⸗ wa die Alte einen Blick in's Gemach warf, und ſie zwang, einige Tropfen friſchen Waſſers zu ſchlurfen. Gegen die Mittagsſtunde verfiel ſie in einen dumpfen Schlaf, und träumte verworren von erſchlagenen Menſchen, ſprengenden Pferden, und dem fuͤrchterlichen Joſchuch, der mit ſeiner Flinte beſtaͤndig auf ihr Herz zielte. Endlich vergingen auch dieſe Bilder, und ſie ſchlummerte feſt, bis ein heftiges Geraͤuſch ſie weckte. Sie — 7— fuhr auf, als ob Flintenſchuͤſſe in ihr Ohr ſauſ'— ten, und richtete ſich empor mit voller Beſinnung und klarem Bewußtſeyn. Die Sonne blitzte ſcharf in das Gemach, am Hausthore wurde ge⸗ pocht, und kurz darauf knarrte unten der Thor⸗ fluͤgel.„Joſchuch iſi's!“ fluͤſterte ſie entſetzt, und eilte nach der Thuͤre, um zu horchen. Sie ver⸗ nahm zwei Stimmen: Slomi's und eines Frem⸗ den. Slomi fragte:„Wer ſeyd Ihr 2“—„Das frage ich Dich. Iſt der Herr des Hauſes in demſelben ſo unbekannt? Dich aber kenne ich nicht!“—„Seyd Ihr vielleicht der gnaͤdige Herr Graf?“—„Ja doch, Toͤlpel. Wer biſt aber Du? Wie kommſt Du hierher? Wo iſt der Caſtellan?“ —„Er iſt in die Bäder gefahren, wie ihm Euer Leibhuſar befahl. Ich, ſein Bruder, hute indeſſen ſtatt ſeiner das Haus.“—„So rufe ſchnell die Knechte, ſie ſollen ſich bewaffnen, nehmen, was gerade in ihre Haͤnde fäͤllt. Pferde heraus, eins fuͤr mich, die andern fuͤr Euch. Alles, was hier lebt, ſoll aufſitzen, und mir angenblicklich folgen. Ich bin im Tuͤrkengrunde angefallen worden, und — 198— mein Sohn iſt vielleicht in aͤußerſter Gefahr, während mich das Roß, welches ich ritt, von ciner Schußwunde toll gemacht, auf einem Sei⸗ tenpfad in die Flucht trug. Zehn Schritte von hier iſt es zuſammengeſtuͤrzt. Eile, keine Saͤttel auf die Pferde, in's Teufels Namen, eile!“— „Ach Herr, die Knechte ſind auf der Waide. Priſſa, eile, ſie zu ſuchen. Verſchnauft ein we⸗ nig, Herr. Es ſoll gleich gethan ſeyn.“— Dann wieder einige Fluͤche aus dem Munde des alten Grafen, deſſen Stimme ſich entfernte, und hier⸗ auf kurze Stille. Maruzza bebte an allen Glie⸗ dern, lief an das Fenſter, erkannte den Domno von Szluka, der wie ein Verzweifelter im Hofe herumrannte, an die verſchloſſenen Ställe klopfte, den Knechten rief, auf den zandernden Slomi ſchalt, und einmal uͤber das andere ſchrie:„Mi⸗ klos, mein Sohn! Wenn Dir nur der Himmel durchgeholfen hat. Die Moͤrder ſollen der Rache nicht entgehen!“— Indeſſen ſtolperte etwas ůͤber die Treppe; Maruzza's Thuͤre wurde raſch geoff⸗ net, und Slomi kam herein mit verſioͤrtem Ge⸗ — 199— ſichte, Gyorg's Carabiner in der Fauſt. Er eilte auf Maruzza zu, und rief zähneklappernd:„Frau, nun gilt es! Der alte Graf iſt da. Joſchuch hat mir auf's Leben befohlen, ihn, wenn er kaͤme, lebendig zu faſſen; Frau, Euer Vater ſchmachtet auf des Domno Befehl im Gefängniß; Frau, Ihr ſeyd ſtark und nervig ſieht mir bei, weil ich Priſſa entfernen mußte, um den Alten zu kirren. Kommt herab, denn ich ver— traue nicht allein auf meine Kraft. Hier iſt ein Strang. Werft ihn dem Grafen hinterruͤcks um den Hals, ich ſtuͤrze dann auf ihn, und drohe ihm mit der Kugel, bis er ſich binden läßt. Ge⸗ ſchwind' aber; keine Zeit verloren!“ Da blitzte es wie ein Wetterſtrahl in Marnzza's Hirn auf. Sie ſturzte ſich wie eine Loͤwin auf Slomi, und ſchleuderte ihn in eine Ecke nieder, ehe er ſich verwußte. Dann flog ſie wie ein Pfeil zur Stube hinaus, warf hinter ſich die Thuͤre in das Schloß, und ſchlenderte, die Treppe herabſpringend, die ſchwere eichene Pforte zu, welche den Aufgang verſperrte. Wohl ihr, denn ſchon hatte ſich Slomi — 200— oben ermannt, und ſchnell beſonnen, ſprengte er mit einem Schuß aus dem Carabiner das Schloß der Stubenthuͤre auf. Seine Wuth ſcheiterte aber an der zweiten ſchweren Pforte; während er dar⸗ an tobte, ſtieß und ruͤttelte, war ſchon Maruzza unten im Hofe, und dem Grafen nahe, der, von dem Schuß erſchreckt, den Säbel in der einen, die Piſtole in der andern Hand, auf ſie zulief. „Ihr ſeyd unter Moͤrdern, Herr!“ ſchrie ihm Ma⸗ ruzza zu, und der alte Krieger erſtarrte.„Ihr muͤßt fort, auf der Stelle!“ rief das Mädchen weiter:„Joſchuch iſt nahe, und um Euer Leben iſt's gethan.“—„Joſchuch? Nun wird's hell in meiner Seele. O mein armer Sohn!“— „Fort, fort!“—„Wie ſoll ich? Kein Pferd!“— Maruzza lief auf den Stall zu, ſprengte mit ei⸗ ner ſchweren Art, welche dort im Winkel lehnte, die ſchwache Thuͤre, riß den ruͤſtigſten von den kranken Gaͤulen heraus, zaͤumte ihn mit geuͤbter und ra⸗ ſcher Hand, und ſagte dringend:„Fort nun, Herr, zaudert nicht!“—„Wohin?“— Wieder ergriff Maruzza die Art, und hieb wie eine Verzweifelte — 201— das Schloß von der Hinterthuͤre des Hofes. Das Gatter ſprang auf, der Weg war frei, und Slomi vor Wuth ſchaͤumend, mußte vom Fenſter des Hauſes unthaͤtig zuſehen, wie der Graf ſich auf das Roß ſchwang.— Verwuͤnſchungen ohne Zahl geiferten von ſeinen Lippen, er drohte mit der unſchaͤdlich gewordenen Waffe in ſeiner Hand. Alles umſonſt.—„Wer biſt Du, huͤlfreicher En⸗ gel?“ fragte der Graf im Augenblick des Schei⸗ dens.—„Die arme Maruzza, Gurul's Tochter;“ erwiederte das Maͤdchen, und ſank, von allen Kräften verlaſſen, auf einen Stein. Der Name griff an das Herz des alten Grafen.„Wie ſoll ich Dir vergelten, armes Kind?“—„Laß't meine Aeltern frei, und Gott ſegne Euch!“—„Bei meiner Seligkeit!“ ſchrie der Edelmann, und ſpornte ſein Pferd, und jagte uͤber die Wieſe nach dem Walde. Maruzza dachte nun auch an die eigene Sicherheit, und wollte zu Fuße der Bahn des Pferdes folgen, aber umſonſt. Der Kraft⸗ aufwand der letzten Augenblicke hatte ſie erſchoͤpft, ſo daß ſie in Ohnmacht dahinfiel. Durch den — 202— Flor, der ihre Augen bedeckte, erkannte ſie nur noch des alten Slomi Weib, das in's Haus ge⸗ laufen kam, und neben ihr die Haͤnde rang, ſich das Haar zerraufte, und mit Verwuͤnſchungen die Ungluͤckliche uberhäufte, deren Beſinnung un⸗ aufhaltſam ſchwand. „Erwache, erwache, abſcheuliches Weib!“ don⸗ nerte es in den Ohren Maruzza's, und ſie ſchlug langſam die Augen auf, und mit ſtuͤrmiſcher Gewalt kehrten alle ihre Sinne wieder, denn ſie ſah ihr Grab vor ſich. Die Räuber waren zu⸗ ruͤckgekehrt, im Kreiſe ſtanden ſie, angelehnt an ihre dampfenden Roſſe; Slomi und deſſen Weib zitterten gebunden in dieſem Kreiſe, und Joſchuch, ſchrecklich wie der Bote des Todes ſelbſt, riß die ohnmächtige Braut, ſie mit rohen Fäuſten auf⸗ ſchuͤttelnd, in die Hoͤhe. Sein Geſicht war blaß vor Wuth und verzerrt, durch den ſchwarzen Fleck auf ſeiner Wange lief eine leichte Hieb⸗ wunde, ſein Gewand war zerfetzt, denn er kam — 205— aus blut'gem Streite. Doch war er Sieger ge⸗ blieben; als Siegeszeichen ſtrahlten auf ſeinem Guͤrtel die blinkenden Knoͤpfe von dem Dollmann des jungen Miklos. Maruzza gewahrte dieſe Beute, und ſtieß einen gellenden Schrei aus. Dagegen bruͤllte Joſchuch außer ſich:„Beweinſt Du den Tod des Schurken, deſſen Buhlerin Du gerne geweſen waͤr'ſt? Beklagſt Du ihn, Du, welche dem Vater forthalf? Verfluchte! Geſtehe Dein Verbrechen. Hat dieſer bloͤdſinnige Burſche wahrgeſprochen? Ließ er ſich von dem einfälti⸗ gen Weibe fangen?“— Maruzza ſchwieg, und heftete den Blick, des Aergſten gewärtig, feſt auf den Boden. Joſchuch warf ſie mit einem Stoße ſeiner Fäuſte zur Erde nieder.„Dein Schwei⸗ gen, Verſtockte, ſpricht Dein Urtheil!“ ſchrie er, und ſchwang das Beil ſeines Czakans uͤber ihrem Haupte. Doch hielt er inne, ließ die Waffe ſin⸗ ken, und ſagte zu Einem, der neben ihm ſtand mit grimmigem Lächeln:„Der Alte muß zuerſt vor ihren Augen ſterben. Schaffe ihn weg!“— Im Nu ſaß ein breites Meſſer in Slomi's Her⸗ — 204— zen, und mit einem dumpfen Seufzer fiel der gemordete Boͤſewicht zu Maruzza's Fuͤßen nieder, daß ſein Blut ihre Sandalen benetzte. Priſſa er⸗ hob ein gellendes Zetergeſchrei, das nur unter den heftigen Schlägen der Raͤuber wieder ver⸗ ſtummte.—„Nun an Dich die Reihe!“ begann wieder Joſchuch mit ſteigender Wuth, und riß ſeine Flinte einem Nebenſtehenden aus der Hand. Maruzza, auf ihren Knieen, ſchlug die Arme ge⸗ kreuzt vor das Geſicht, und erwartete den Tod. Der gräßliche Bräutigam, um ihren letzten Kampf zu verlängern, ſetzte wieder die Flinte ab und ſchnaubte:„Du traͤumſt wohl ein Paradies, elende Suͤnderin? Du glaubſt gerade auf in den Him⸗ mel zu fahren, wähnſt mich dem Pfuhl der Holle geweiht? Mein Blut komme uͤber Dich, Elende! Mein, meiner Mutter und Deiner Aeltern Blut; um Deinetwillen habe ich die That begangen, die mich zum Moͤrder macht, um Deinetwillen ſchmachten Gurul, Fedra und Aya im Kerker, und Du ließeſt den Edelmann nur frei, damit er den Henkertod der Unſchuldigen beſchleunige. —— Meiner Mutter Fluch uͤber Dich, mein Fluch. der Dich begleite im Angenblick Deines Ster⸗ bens!“ Abermals ſchlug er das Gewehr an, zielte mit gierigen Augen, und druͤckte ab. Der Schuß verſagte; fluchend ſchuͤttete er friſches Pulver auf, und wollte auf's Neue losdruͤcken, als mit einemmale Gabor und noch ein Raͤuber mit fuͤrchterlichem Geſchrei in den Hof ſpreng⸗ ten.— Mit flammendem Auge warf Joſchuch die Flinte uͤber die Schulter, und fragte leiden⸗ ſchaftlich:„Bringt Ihr den Domno, oder habt Ihr ihn erſchlagen? Berichte ſchnell, Gabor: Du retteſt das Leben dieſer Suͤnderin!“ „Nein, nein!“ ſchrie Gabor, ſein Pferd wild tummelnd:„Auf's Roß, Joſchuch, zur Flucht oder zum Kampf! Ein Trupp von Panduren folgt mir auf dem Fuße. Der Alte hat uns verrathen, er fuͤhrt ſie. Laß' dieſe Ungluͤckliche und fliehe, oder wehre Dich wie ein Mann!“— Mit einem graͤßlichen Hohngelaͤchter ſprang Jo⸗ ſchuch, ohne ſich zu beſinnen, auf das Pferd, ſeine Geſellen thaten desgleichen.„Der Domno will ſeine Wegzehrung holen!“ rief Joſchuch:„Er ſoll ſie haben, und wer von Euch nicht ſtreitet, wie ein hungriger Wolf, ſtirbt von meiner Hand.— Du, Gabor, bleibſt zuruͤck, und todteſt ſchnell dieſe Undankbare. Nur ihre Leiche will ich fin⸗ den, wenn ich wiederkehre. Die Kugel, die ich ihr beſtimmte, kann ich jetzt beſſer gebrauchen!“ — Den Säbel in der Fauſt ſprengte er dem Feinde entgegen, und ſeine Genoſſen folgten ihm. — Gabor blieb bei den Weibern zuruͤck, Priſſa hielt bei Slomi's Leiche, und Maruzza erwartete mit gefalteten Händen die Vollendung ihres Geſchicks. Nachdem der lärmende Trupp ſich weit genug entfernt, naͤherte ſich Gabor dem Mädchen, und ſagte mit bewegter Stimme:„Ich habe noch nie ein Weib umgebracht, und ich bin Dir gut, Ma⸗ ruzza. So lebe denn, und uͤberlaſſe mir's, Io⸗ ſchuch's Grimm zu beſaͤnftigen, wenn er zuruͤck⸗ kehrt. Ich darf Dich nicht frei laſſen, weil ich Jo⸗ ſchuch's Wuth fuͤrchte, aber ich ſtehe Dir dafuͤr, daß Du nicht ſterben ſollſt. Folge mir, und auch Du, alte Vettel, komm', um Deiner Gebieterin — Geſellſchaft zu leiſten.“— Er faßte Beide an der Hand, und zog ſie ſchnell nach dem Keller. Er drängte ſie in das Gewoͤlbe hinab, verrammelte die Thuͤre, und rief durch's Schluͤſſelloch den BGefangenen zu: Verhaltet Euch ruhig und maͤuschenſtill. Ich folge dem Joſchuch, um neben ihm zu fechten. Sorgt aber nicht; ich komme dann wieder, und hebe ſelbſt Euch aus dem Grabe.“ Die Weiber in dem Keller hoͤrten, wie ſeine Schritte ſich entfernten, und auf die Schrecken der letzten Stunde folgte eine tiefe Stille. Ma⸗ ruzza ſaß ſtarr wie ein Steinbild am Boden, und auch der alten Priſſa Schluchzen verſtummte in dem Maße, als die Geſpenſterfurcht wieder in ihr aufkam. Von der dichteſten Dunkelheit umgeben, athmeten die Gefangenen neben einan⸗ der, ohne mit einem Wort das graͤuliche Schwei— gen zu brechen, und an ihr Ohr ſchlug lange kein Laut. Endlich... von ferne verwirrtes Getoͤſe; Pferdegetrappel durch das weite Thor... Geſchrei, Laͤrmen, Waffengeklirr, Gejauchze einer ſiegestrunkenen Menge.„Bereite Dich zum To⸗ — 208— de!“ ſeufzte Maruzza in ſich hinein, erſchuͤttert von Joſchuch's Wiederkehr, und an Gabor's Troſt verzweifelnd. Priſſa heulte und ſioͤhnte wieder auf's Neue.—„Wo, wo ſind ſie?“ riefen drau⸗ ßen mehrere rauhe Maͤnnerſtimmen, waͤhrend uͤber den Haͤuptern der Gefangenen ſchwere Tritte polterten, und Flintenkolben aufſtampften. Unter gewaltigen Schlaͤgen ſprangen die Thuͤren, auch an die Kellerpforte donnerten Kolbenſitoͤße... die Pforte wich... der Augenblick der Metzelei ſchien gekommen... unwillkuͤhrlich feſt um⸗ ſchlangen ſich die Weiber, den Tod zuſammen zu leiden. Blutrother Schein der Abendſonne ſchlug durch die zertruͤmmerte Pforte... viele Män⸗ ner ſtroͤmten in das Gewoͤlbe, und riſſen die Ver⸗ kleidungen von den Kellerfenſtern. Es wurde hell.„Sind hier Raͤuber?“ ſchrieen die Kom⸗ menden wild:„Ergebt Euch, Ihr Hunde!“ Ein Schuß knallte auf's Ungefäͤhr durch den Keller, und die Weiber ſchrieen laut auf.—„Weiber⸗ ſtimmen? Alle Heilige! Maruzza! Wo biſt Du?« rief der Anfuͤhrer der eindringenden Schaar. — 200— Maruzza ſtutzte, ein Strahl der Freude belebte ſie...„Nicol's Stimme? Hier bin ich!“ ſeufzte ſie aus ſchwer athmender Bruſt, und lag weinend vor Entzuͤcken in den Armen des Pandurenfuͤh⸗ rers. Auf ſeinen Armen trug ſie Nicol zum Ta⸗ geslicht empor. Im Hofe lagen gebundene Raͤu⸗ ber am Boden, aufgeſchichtete Waffen, Sieg ver⸗ kuͤndende Beute. Die Panduren ſtanden rings mit blitzenden Gewehren, in ihrer Mitte ſaß der alte Graf, Kampfeshitze auf der Stirn, aber tiefe Trauer in den Zuͤgen. Nicol hielt vor den Angen der ſtaunenden Maruzza Joſchuch's bluti⸗ gen Guͤrtel in die Hoͤhe, und jauchzte mit wil⸗ der Freude:„Er iſt todt, der Abſcheuliche! Dich bindet nichts mehr, Maruzza. Das Grab gibt Dich frei.. ſey nun endlich die Meinige!“ „Horch, der Hahn kraͤht, der Morgen dämmert — der Dienſt ruft mich von Deiner Seite;“ ſagte Nicol, der kuͤhne Pandurencorporal, und verließ Sindler's ſinml. Werke XRKI. Bb. Herbſtbiolen M. 14 das geliebte Weib mit einem Kuſſe. Maruzza hielt ihn auf, und antwortete:„Scheide doch nicht ſo rauh und kurz von mir. Ich fuͤhle mich im⸗ mer ſo allein, wenn Du mich verlaͤſſeſt, und moͤchte jeden Augenblick, wo ich Dich noch län⸗ ger zuroͤckhalten kann, mit Gold bezahlen. Du darfſt nicht gehen, ohne von meinen Haͤnden Deine Waffen zu erhalten. Mein Segenſpruch wird Dich alsdann uͤber den ganzen Tag vor Gewalt und Gefahr ſchutzen.“ Sie reichte ihm den Guͤrtel und die Patron⸗ taſche, den Säbel und die Piſtolen, und bemerkte hiebei, daß Nicol heute juſt ſo kriegeriſch ausſehe, wie an dem Tage, da er ſie in des Grafen Jagd⸗ hauſe vom Tode befreit.—„Ein ſchoͤner Tag!“ ver⸗ ſetzte hierauf Nicol, und ließ ſich, noch eine Weile zu plaudern, neben Maruzza auf die Bank nieder: „Das war unſer eigentlicher Hochzeittag. Der Segen des Popen, der bald darauf folgte, ver⸗ mochte nicht, uns inniger zu verbinden, als der Angenblick es gethan, wo ich auf meinen Armen Dich aus dem Keller trug, Dich zu retten, nach⸗ — 21— dem ich kurz vorher den Joſchuch von meinem braven Volkow darniedergeſtreckt ſah, ihm den Guͤrtel raubte, als Preis und Beweis meines Sieges! Ich danke dem Himmel, daß ich Pan⸗ dur geworden bin, um Dich zu befreien, ob ich gleich nicht ſehr froh war, als mir der Graf, noch in der Nacht, da Joſchuch Dich von Szluka holte, das Gefaͤngniß oͤffnete, worin mich der niedertraͤchtige Span geworfen. Ich war zerfal⸗ len mit den Menſchen, und dankte dem Grafen kaum, und eilte, was ich konnte, ſchnell das un— ſelige Dorf zu verlaſſen, wo ich Dich nicht mehr fand, und ahnte nicht, daß ich ſchier dieſelbe Straße zog, worauf Dich Joſchuch fortriß. Ich flog wie ein Pfeil meiner Beſtimmung entgegen, ich war begierig, einem Raͤuber die Spitze zu bieten. Das Mißtrauen, womit mich das kleine Commando empfing, dem ich vorzuſtehen hatte, ſchaͤrfte noch in mir die Luſt, bald recht kuͤhn an ſeiner Spitze zu fechten. Wie mein Herz klopfte, als ſchon am erſten Tage ſich die Gelegenheit — 212— bot, auf die Streife zu ziehen, als ich erfuhr, daß man Spuren einer gefährlichen Räuberſchaar ent⸗ deckt! Wenn ich gewußt haͤtte, daß Du mir ſo nahe warſt! Eine Nacht und einen halben Tag hatten wir fruchtlos ſtreifend zugebracht, als uns der Graf auf keuchendem Pferde begegnete, mich erkennend, uns aufrufend zur Huͤlfe, uns fuͤhrend zum Siege.“— Maruzza verbarg ihr Geſicht an Nicol's Bruſt, und fluͤſterte:„Jener Tag hat mich zwar in Deinen Beſitz gebracht, und ich freue mich deſſen, aber vergeſſen konnte ich doch nicht, obſchon mehrere Monden ſeitdem verfloſſen, daß jener Kampf einem Manne das Leben koſtete, der vielleicht weniger ſtraͤflich war, als ſein Ge⸗ werbe. Er moͤge von der Hoͤlle erlöſtt ſeyn!“— „In Gottes Namen!“ erwiederte Ricol:„Ich habe keinen Groll gegen ihn; nur kann ich Dir be⸗ theuern, daß gerade der mit dem Pulverfleck ge⸗ zeichnete Menſch der groͤßte Schrecken dieſer Wäl⸗ der war. Von ſeinen Genoſſen ließ ſich dann und wann Schonung erwarten, aber nie von ihm. Sein Meſſer wuͤrgte unaufhaltſam, ſeine Kugel — 243— war unbarmherzig. Daher nannte man ihn den Stolz des ſchlechten Geſindels, das ſich hier her⸗ umtreibt, und deſſen Daſeyn man in dem fried⸗ lichen Szluka nicht ahnte, als bis Gabor dort erſchienen war, um meinen armen Vetter zu mor⸗ den. Gabor ſtarb eines verzweifelten Todes, wie ein Reiter in der Schlacht; ſiebzehn Wunden bluteten an ſeinem Koͤrper, und nur mit ſeinem Fall endete der Streit. Joſchuch war vor ihm durch einen Schuß getoͤdtet worden, und ſchien im Tode noch zu drohen und meinen Leuten Ent⸗ ſetzen einzujagen. Sie pluͤnderten ihn, aber Kei⸗ ner wagte es, die nakte Leiche zu beruͤhren. Die verſprengten Genoſſen des Raͤuberhauptmanns hatten uͤbrigens, da wir zur Wahlſtatt zuruͤckka⸗ men, mit aberglaͤnbiſcher Vorſicht die Leichen der Gebliebenen zur Seite gebracht, und in irgend einer verborgenen Schlucht begraben, den Voͤgeln und Raubthieren eine wehrloſe Beute.“—„Gott ſchenke denen Ruhe, deren Leiber unbegraben auf dem Felde liegen!“ ſagte Maruzza fromm:„und Friede gebe er den Menſchen auf der Erde. Ach, — guter Nreol, mich flieht der Friede ſo lang, bis ich meine Aeltern wieder ſehe. Schon ſind ſo viele Monate verfloſſen, der Spätherbſt entlaubt die Bäume, und meine Hoffnung will nimmer gruͤn werden. Der Graf vergaß des Verſpre⸗ chens, das er zur Zeit der Noth mir ſo heilig gegeben; mein Vater und Mutter Aya ſchmach⸗ ten immer noch im Gefängniß. Waären ſie frei, ſo hätten ſie laͤngſt ihre Tochter aufgeſucht, und Dich als ihren Schwiegerſohn umarmt.“—„Der Edelmann iſt mit dem Wort gleich bei der Hand, und zandert mit der That!“ verſetzte Nicol bitter, und warf einen finſtern Blick auf die aͤrmliche Wirthſchaft, den einzigen Lohn, den er ſich mit ſeinem Blute gewonnen:„Vornehme Leute beſin⸗ nen ſich lange; entſchuldige jedoch den alten Gra⸗ fen mit ſeinem Schmerz; ſein einziger Sohn fiel ja von Joſchuch's Hand getoͤdtet, und er iſt der Letzte ſeines Stammes. Ich fertige morgen einen Panduren nach dem Hanptcommando ab, und will durch ihn ein Schreiben an den Grafen be⸗ fordern laſſen: eine Mahnung, damit er ſich des. — 215— Schickſals Deiner Aeltern erinnere, und Ernſt mache. Vielleicht hilft's.“— Die Panduren, die zu der Station gehoͤrten, welche Nicol befehligte, hatten ſich während des kurzen Geſprächs vor dem Stationshauſe aufge— ſtellt, und riefen dem Anfuͤhrer. Der Dienſtpflicht eingedenk, trennte ſich Nicol augenblicklich von dem geliebten Weibe, und verſprach, am fruͤhen Abend von der Streife zuruͤck zu ſeyn. Maruzza wollte ihn kaum aus ihrem Arm laſſen, und er ſagte daher verwundert zu ihr:„Warum heute dieſer Schmerz? Du mußt der kurzen Trennun— gen gewohnt werden. Warum gerade heute ſo beklommen? Fuͤrchte nichts, wenn Du auch allein zu Hauſe zuruͤckbleibſt; in unſere Nähe wagt ſich nicht ſo leicht raͤuberiſches Geſindel, und ringsum laſſe ich die Patrouillen gehen. Zum Ueberfluß bleibt ja der wackere Hund Tolpaſch an Deiner Seite. Der ſchwarze zähnebloͤckende Wächter weiß gar wohl, daß er meinen Schatz zu huͤten hat.“ Laͤchelnd machte ſich Nicol aus Maruzza's Armen los, und trat zu ſeinen Soldaten. Er hatte bald einer „ — 216— jeden Rotte ihren Weg vorgezeichnet, die Com⸗ mandirten ſchwenkten ab, und Nicol zog mit derjenigen Abtheilung, welche den ſchwierigſten Weg zu machen hatte. Die flatternden Mäutel, die blinkenden Waffen waren bald im grauen Wald verſchwunden, bald verſtummte der letzte Ton des Geſangs, womit die Panduren abzogen. Maruzza war allein. Die Sonne trat lächelnd aus den grauen Wolken, und die herbſtliche Natur erquickte ſich an den warmen Strahlen. Maruzza's Geiſt wurde hei⸗ terer, gleich dem Himmel, und ſie ging mit Luſt an die tägliche Beſchäftigung. Sie fegte ſauber die kleine Stube, die ſie mit Nicol bewohnte, ordnete das Lager, oͤffnete Fenſter und Thuͤren, damit die warme Luft einziehen moͤge, putzte den kleinen Spiegel in dem breiten bunten Rahmen, wiſchte den Staub von den Waffen ihres Man⸗ nes, von ſeinem Torniſter, und ſah nach dem Ofen, um den Speiſevorrath zu berechnen, der ſich noch im Hauſe fand, und vorhalten mußte, ſowohl fuͤr Nicol als die uͤbrigen Panduren, die in demſelben Hauſe Nicol's Stube gegenuͤber, in einer Art von Speicher wohnten und ſchliefen. Das Haus ſelbſt ſtand aber auf ziemlich hohen Pfählen, in dem ſumpfigen Boden feſt eingerammt, und bildete ſomit in ſeinem Untergeſchoß einen offenen Stall, oder ein Obdach vor dem Regen fuͤr die Schild⸗ wache, die in der Nacht das Haus zu huͤten pflegte. Denn die Station war, obgleich an einer fahrbaren Straße, dennoch rings von Wald und Schluchten umgeben, und zur Nachtzeit wohl zu verwahren. Am Tage ruhte zwiſchen den Pfaͤhlen der große Hund der Station, der ſich mit Maruzza bald befreundet hatte, und heute ſie allenthalben bei ihren haͤuslichen Ver⸗ richtungen begleitete, bis Maruzza ihn wieder auf die hohe Haustreppe verwies, um ein Stuͤnd⸗ chen der weiblichen Eitelkeit zu widmen. Sie holte nämlich, als ob Sonntag wäre, die ſchoͤnen bunten Kleider, welche ihr Nicol von einem be⸗ nachbarten Jahrmarkte mitgebracht hatte, aus der Truhe, und ſchmuͤckte mit hellfarbigen Tuͤ⸗ chern, in einen türkiſchen Bund geſchlungen, den Kopf, nach Weiſe und Sitte der Frauen. Sie putzte ſich auf, ſo gut ſie vermochte, und be⸗ ſchaute ſich wohlgefällig im Spiegel; da ſie aber in der Truhe weiter ſuchte nach Schmuck und Kleinodien, ihren Hals zu zieren, fielen ihr die Perlen in die Haͤnde, die ſie einſt von Joſchuch empfangen. Ihr Anblick verſcheuchte Maruzza's gute Laune, ohne ein Wort zu ſprechen, legte ſie die Perlen nieder; ſchloß die Kiſte, und trat an's Fenſter, um ſich zu zerſtreuen. Es kam zufaͤllig eine Menge von Menſchen die Straße dahergezogen: Helverkaͤufer, wandernde Schaͤfer, Roßhaͤndler mit ihren Thieren, Bauern mit ihren Weibern, barfuß ſchlendernde Kaluger, und dann und wann Fuhrleute vor beladenen Wägen, mit ganzen Heer⸗ den kleiner Pferde beſpannt. Unfern von dem Stationshauſe ſtieg ein ſteiler Bergabhang in die Hoͤhe, und das Thal wiederhallte von dem be⸗ ſtändigen raſenden Geſchrei der Fuhrknechte, wo⸗ mit ſie die Pferde immer im angeſtrengteſten Trab die ſchroffe Hoͤhe hinanjagten, ganz kurze Zeit inne hielten, und dann wieder den Laͤrm — 219— von Neuem begannen. Aber auch dieſes Getuͤm⸗ mel verhallte, und alle Wanderer waren fluchtig voruͤbergegangen, als die Mittagszeit herannahte. Da die Straße dde geworden war, wich auch Maruzza vom Fenſter, und war im Begriff, ihren Putz abzulegen, wodurch ſie manchen vor⸗ äberzichenden Mann entzuͤckt hatte, als plotzlich Tolpaſch auf der Treppe ein ungeheuerliches Ge⸗ bell erhob. Maruzza pfiff dem aufruͤhreriſchen Hunde, und Tolpaſch kam zu ihr an den Ofenheerd, obgleich knurrend und zähnefletſchend, und ihm folg⸗ te ein abgeriſſener verwilderter Bettler mit ſchwerbe⸗ ſchlagenem Knotenſtock, ein kurzes Beil im Euͤrtel, und die Muͤtze von Lammfell tief in die Stirn ge⸗ druckt.„Gib mir zu eſſen, Frau!“ ſagte er mit dum⸗ pfem und gebieteriſchem Tone gleich beim Eintreten: „Ich bin hungrig, und dulde keine Ausfluͤchte.“ Maruzza trat verwundert dem rohen Gaſt einen Schritt entgegen, und fuhr wie vernichtet zuruͤck, da ſie die Zuͤge des Bettlers gewahrte. Joſchuch's Antlitz ſtarrte ihr entgegen, zerriſſen von Narben, entſtellt von Hunger und Wildheit. Ein Auge — 220— war zu Grund gegangen, das andere ſtierte gluͤ⸗ hend und drohend nach dem Weibe.„Bei allen Heren!“ rief er mit heiſerer Stimme:„Iſt die⸗ ſes Weib nicht Maruzza?“— Er ſtreckte beide Hände nach ihr aus, ſie wich zuruͤck und ſtrau⸗ chelte, Tolpaſch glaubte ſie in Gefahr, und fiel den Bettler mit ſcharfem Zahne an; aber mit einem Meiſtergriff packte der geuͤbte Räuber den Hund bei der Kehle, und ſchlenderte ihn ſo un⸗ ſanft uͤber die Treppe, daß Tolpaſch ſich wim⸗ mernd unter die Strebepfaͤhle verkroch.„Wenn Du keine andere Wache haſt, Maruzza!“ ſagte Joſchuch hierauf hoͤhniſch:„ſo biſt Du verloren, geluͤſtete mir nach blutiger Vergeltung. Aber ich will noch nicht von der Vergangenheit reden. Schaff' mir zu eſſen, denn ich muß meinen Hunger ſtillen, bevor ich entſcheide, ob ich Dir das Leben ſchenke, oder meiner Rache ihren Lauf laſſe. Es iſt ſchon ſo weit mit mir gekommen, daß ich meine Leidenſchaft dem Hunger unter⸗ ordne. Bediene mich alſo gleich, oder fuͤrchte den Tod! Du magſt Dir einbilden, daß nur das verzweifelſte Elend den Gauner in ein Pan⸗ durenhaus treiben kann, um darin Eſſen zu ver⸗ langen. Schaff' her, was Du haſt.“ Er drohte ſeiner ehemaligen Braut mit dem kleinen Handbeil, und ſie ſchickte ſich zitternd an, ſeinem Befehle zu gehorchen, obſchon ungewiß, ob ſie mit einem lebendigen Menſchen, oder mit einem Geſpenſte zu thun habe. Waͤhrend deſſen machte ſich's Joſchuch in Nicol's Stube bequem, pflanzte ſich an den Tiſch, wie der Herr vom Hauſe, und ſprach der wohlgefullten Flaſche zu, die auf dem Fenſterſimſe ſtand.— Ohne ein Wort zu reden, ſtellte Maruzza vor ihn hin, was das Haus vermochte. Er aber ſagte, mit Heiß⸗ hunger uͤber die mäßige Speiſe herfallend:„Du biſt unfreundlich, Du haſt, ſeit Du ein Pandu⸗ renweib geworden, die Sitte verlernt. Unterhalte Deinen Gaſt. Setz' Dich zu mir!“— Maruzza zoͤgerte.—„Setz' Dich, oder es wird nicht gut!“ wiederholte Joſchuch mit gefaͤhrlichen Blicken, und riß mit nerviger Fauſt das bebende Weib an ſeine Seite. Maruzza vermochte nur mit zitternder Lippe zu ſtammeln:„Ich fuͤhle nun, das Du lebeſt, Joſchuch, aber ich begreife es nicht. Du ſchienſt mir ein Geſpenſt, weil treue Zeugen mir Deinen Tod verkuͤndeten.“— Jo⸗ ſchuch lachte wild, und erwiederte, nachdem er einen langen Zug aus der Flaſche gethan:„Un⸗ kraut kommt ewig wieder, Maruzza. Ein ſchlech⸗ ter Kerl verdirbt nicht. Darum lebe ich noch. Ein Schuß ging mir brennend durch die Bruſt, aber ich rang mich dem Tode ab, kroch matt und blutend von dem Platze, den der Feind verlaſſen hatte, und rollte mich in den naͤchſten Abſturz, damit ſie meinen Koͤrper nicht verſtuͤmmeln, mir den Kopf nicht zum Siegeszeichen abſchneiden ſollten. Lieber wollte ich am Geſtein zerſchmet— tern, oder mich auf einer Tanne ſpießen. Keines von Beiden geſchah. Ich ſtuͤrzte von Klippe zu Klippe, auf den Boden der Schlucht, und der Fall koſtete mir, außer dem zerſchundenen Fell nichts, als dieſes Auge, das an einem Dornen⸗ ſtrauche haͤngen blieb. Vom Schmerz zerfleiſcht lag ich lange im kuͤhlen Sumpf und Moor, bis mich Zigeuner fanden, Diebe, welche in jener Tiefe ihre Hoͤhle hatten, und mich darinnen mit ihren heilſamen Traͤnken und Pflaſtern am Leben erhielten. Ich bin noch nicht lange von ihnen weg, und ſetze meinen Weg hungernd und ſteh⸗ lend fort. Aber in dieſen verfluchten Bergen gibt's fuͤr den Einzelnen keine Beute; ich habe meine Flinte nicht mehr; des einen Auges be⸗ raubt, bin ich nicht mehr Herr der Welt, aber mich hungert, wie den geſuͤndeſten Räuber, und ich wollte heute ſogar den Pandurenſchergen tro— tzen, es auf's Aeußerſte ankommen laſſen, um nur zu eſſen. Ich fand Speiſe und— Dich! Zu jeder andern Zeit hätte mir Dein Anblick die Luſt zum Eſſen genommen. Heute bin ich gleich⸗ gultiger. Wie kommt's aber, daß ich Dich hier treffe? Du das Weib eines Panduren? Oder die Metze eines Haͤſchers?“ Maruzza verneinte empoͤrt durch ein Zeichen, und wollte ſich von Joſchuch entfernen. Dieſer hielt ſie jedoch mit krampfhaft zitternder Hand zuruck, und fuhr mit hohlem Tone und boshaß⸗ tem Ausdruck fort:„Ich glaubte Dich im Him⸗ mel, mein gutes Herz. Gabor hat alſo ſeine Pflicht nicht gethan? Geſtehe mir: hat Gabor Dich nicht geliebt? Haſt Du ihn nicht wieder geliebt, und ihm etwa erlaubt, was ich mir ſelbſt, ich Thor, durch einen Schwur verſagte?“— Maruzza ſchuͤttelte voll Abſchen den Kopf, und wendete ſich von dem gräulichen Nachbar. Die⸗ ſer ſprach weiter:„Du verneinſt, und ich muß es glauben. Jedoch.. wenn das Verbrechen geſchah, ſo hat er ſeine Strafe dafuͤr, und die Deinige bleibt nicht aus.“ Hier ſah er Nicol's Weib mit einem vernichtenden Blick an; ſein Ange wurde aber bald milder, und er fuhr, tän⸗ delnd wie mit einem Kinde, fort:„Aber ſag': Wie konnteſt Du meiner ſo ſchnell vergeſſen? Ich hatte es ſo gut mit Dir vor. Du waͤr'ſt eine ſchoͤne Raäubermutter geworden, und am Ende haͤtten wir uns zur Ruhe geſetzt, und ge⸗ lebt wie ehrliche Leute. Wie konnteſt Du einen Panduren zum Manne nehmen? Vielleicht ei⸗ nen von denen, die mich fangen wollten?“— Maruzza ſah verwundert in Joſchuch's Antlitz; ſie fuͤrchtete, daß er wahnſinnig ſeyn moͤchte, und ein verruͤcktes Lächeln ſpielte wirklich um ſeinen Mund. Daher ſagte ſie ihm ſtreng:„Ich hielt Dich todt; Dein Handwerk hatte uns fruͤ⸗ her ſchon getrennt. Ich durfte mich einem an⸗ dern Manne zum Weibe geben. Du haſt mich nicht zur Rechenſchaft zu ziehen. Fuͤrchte aber meines Gatten Heimkehr. Du biſt dann unrett— bar verloren.“ Nun wurde Joſchuch's Geſicht wieder ernſt⸗ haft, und er antwortete verächtlich:„Du wirſt mich nicht verrathen, ſchwaches Geſchoͤpf! Du wirſt nicht den Verlobten, den Du betrogſt, an den Strang liefern. Freue Dich, daß ich Dei⸗ nen erſten Verrath noch nicht beſtrafte. Du haſt Syindler's ſimmtl. Werke XXXI. Bd. Herbſtviolen II. 15 1 — 226— Todesangſt dafuͤr ausgeſtanden; fahre alſo hin. Ich verlange aber von Dir eine Waffe, mich zu vertheidigen, eine fern hintreffende Waffe, und jene Piſtole iſt gerade, was ich wuͤnſche.“ Ehe Maruzza ihn hindern konnte, ſprang er auf, und bemächtigte ſich einer Piſtole, die an der Wand hing. Er unterſuchte Lauf und Schloß, und fand mit großem Behagen die Waffe ſcharf geladen. Zugleich hing er ein Pulverhorn um ſeine Schultern, und naͤherte ſich wieder der in Furcht aufgeloſ'ten Maruzza.„Warum ſo bleich?“ fragte er. Maruzza verſetzte aͤngſtlich:„Du bringſt mich um durch Deine Reden und Dein Thun. Wenn mein Mann käme! Was wirſt Du beginnen? Wo willſt Du hin 2“—„Nach Szluka,“ rief Joſchuch trotzig, die Hände in die Seite geſtemmt, und betrachtete Maruzza mit gluͤhendem Blicke.—„Unſeliger, was willſt Du 3 dort?“—„Noch einmal die Mutter ſehen, die im Kerker ſchmachtet, und dann den Domno er⸗£ morden.“—„Alle Heiligen ſtehen uns bei! Und dieſes Gewehr ſoll dazu dienen? Wehe mir, und wehe Dir!“ „Ja, wehe Dir! wenn ich zurück keh⸗ re, weil es Dir alsdann gelten wird. Du ſollſt die letzte Speiſe fuͤr meinen Heißhunger nach Rache ſeyn. Die Mutter ſehen, den Gra⸗ fen todten, und Dich zuletzt erwuͤrgen, dieſesiſt allein noch der Zweck meines Lebens. Donn ſtoße ich mir ſelbſt das Meſſer in den Leib, oder knuͤpfe mich am naͤchſten Baumaſie auf. Zuvor aber, ſchoͤne ungetreue Braut, will ich die Liebe in Deinen Armen koſten. Ein Elend waͤr's, zu ſterben, ohne die Reize zu genießen, die einſtens fur mich bluͤhten. Ergib Dich mir, denn die Stunde iſt guͤnſtig.“— Maruzza fluͤchtete ent⸗ ſetzt nach dem Ausgange, und rief:„Du biſt wahnſinnig, Joſchuch! Pfui uͤber Deine Schaͤnd⸗ lichkeit! Entferne Dich, oder ich ſchreie um Huͤlfe, daß der Wald und die Straße wieder⸗ hallen.“ Joſchuch verrannte ihr an der Treppe den Ausweg, und ſagte dringend luſtern:„Ergib Dich mir, gutes Herz, und ich ſchenke Dir dafuͤr das Leben, habe dann nicht mehr die Muͤhe, hieher zuruͤck zu kommen, und finde ſchon in Szluka mein Grab.“— Da gedachte Maruzza des Abends auf dem Kirchhofe zu Szluka, wo ſie den rauhen Joſchuch von menſchlicher Regung ergriffen geſehen, und ſie baute darauf ihre Hoſf⸗ nung, und naͤherte ſich mit aufgehobenen Haͤnden dem gierigen Wuͤtherich, und ſagte beweglich zu ihm:„Ich bin ein ſchwaches Weib, Du aber biſt ein Mann. Du warſt immer wild und unbarm⸗ herzig in Deinem Leben, doch drohteſt Du nur dem maͤchtigen Feind, und nicht einem wehrlo⸗ ſen Geſchoͤpf. Sey auch heute ſo. Gedenke we⸗ nigſtens der Zeit, da Dein Herz noch faͤhig war, zu lieben, gedenke Deines frommen Vaters, an deſſen Grabhuͤgel wir zuſammen gebetet, gedenke Deiner Mutter, welche Du immer liebteſt, trotz Deines Ungeſtuͤms. Um Deiner Mutter, um — 229— des Weibes willen, ſchone heute das Weib!“— Die Schlauheit oder der Verſtand Maruzza's hatten ihr Ziel nicht verfehlt. Durch die trock'ne Rinde um Joſchuch's Herz drang ein ſchmelzen⸗ der Strahl des Gefuͤhls. Er ließ erſchuͤttert ſeine Arme ſinken, hielt dann beide Haͤnde vor das Geſicht, ſeufzte tief auf, und wankte dann wie ein erſchoͤpfter Menſch zu der Bank, wo er ſich ermattet niederſetzte. Sein Geſicht verzog ſich gewaltſam, als ob er mit der letzten Thräne kämpfte, und er murmelte vor ſich hin:„Du haſt gewonnen, Maruzza! Mein Sinnen ſoll nur nach dem Kerker der Mutter, nach dem Grabe des Vaters ſtehen. Ich verzeihe Dir Al⸗ les; ſey ruhig, Du wirſt nicht von meiner Hand ſterben! Du wirſt mir heilig ſeyn. Aber, ſo wie der Abend daͤmmert, und die Ruͤckkehr Dei⸗ nes Mannes zu beſorgen ſteht, wandere ich wei⸗ ter, um Fedra zu ſehen, und dem Domno mit dem Tode die Grauſamkeit zu vergelten, die er — 230— an dem armen Weibe veruͤbt. Laß' mir dieſe Freude, Maruzza; ſie iſt die letzte meines Lebens.“ „Horch!“ fiel ihm Maruzza in's Wort, und legte den Finger auf den Mund. Mehrere Men⸗ ſchenſtimmen wurden am Fuße der Treppe laut, Tolpaſch bellte und knurrte, Maruzza erkannte die Stimmen einiger Panduren der Stativn. Sie erblaßte, und fluͤſterte zu Joſchuch:„Du biſt ein Mann des Todes! Panduren ſind da, ihre Waffen klirren, ſie ſteigen die Treppen her⸗ an, wehre Dich wenigſtens nicht, lege das Ge⸗ wehr ab, vielleicht retteſt Du Dein Leben!“— Statt aller Antwort warf Joſchuch ſchnell ent⸗ ſchloſſen den Blick durch's Gemach, deutete auf den Rauchfang uͤber dem Herde, und kletterte wie eine Katze darinnen empor.„Mach' kein Feuer an, ſchmore mich nicht!“ rief er leiſe hin⸗ ab:„Schicke die Leute bald fort, damit ich von Dir Abſchied nehme.“ Er verſchwand im rußigen Schlot; Maruzza trat den Panduren entgegen.—„Frau!“ ſagte der Eine von der Patrouille,„wir haben Dir ein fettes Wildpret gefangen. Was gibſt Du uns dafuͤr?“— Und als Maruzza verwundert ſchaute, trat zwiſchen den Panduren hindurch ein Mann auf ſie zu, von einem Weibe beglei⸗ tet, in der Tracht ihrer Heimath, von Staub bedeckt, ermuͤdete Wanderer, aber in dieſer Huͤtte willkommen. Im Taumel des Entzuckens laut ſchreiend, fiel Maruzza um den Hals der Frem⸗ den, und jauchte:„Gurul! Aya! kommt ihr end⸗ lich, theure Aeltern? Freude iſt dieſem Hauſe aufgegangen, und der Himmel ſegne Euern Ein⸗ gang, Vater, Mutter!“ Weinend und durch einander redend ewih kommten ſich die Leute, die ſich ſo lange nicht geſehen. Die Panduren ſtanden mit verſchraͤnk⸗ ten Armen dabei, als geruͤhrte Zeugen.—„So weit ſeyd Ihr zu Fuße gewandert?“—„Wir ha⸗ — 232— ben keinen Wagen und kein Roß, Kind!“ per⸗ ſetzte Gurul, die Achſel zuckend:„Im Comitat behielten ſie das Geld des jungen Grafen, und wir waren froh, daß wir mit der Haut davon kamen.“—„Wie lange hat es gedauert, bis Ihr mich beſuchen konntet! Hielt man Euch ſo lange im Kerker? Zanderte der Graf ſo lang, ſein Wort zu halten?“— Aya verſetzte mit gefalte⸗ ten Haͤnden:„Freilich kommen wir jetzt erſt aus dem Gefaͤngniß, aber der Domno iſt nicht Schuld an dem Verſaͤumniß. Er war kaum auf ſein Schloß zuräck gekommen, als er in Krankheit fiel, und ſeinem armen Sohne recht bald folgte. Da mußten wir denn ſchmachten, bis es lang nachher dem neuen Erben und Grundherrn ein⸗ fiel, daß ihm der Domno auf dem Krankenbett empfohlen, uns frei zu laſſen. Dann erſt ge⸗ ſchah's.“ „Gott verdamme den Span, und alle Richter, die unſere Henker waren!« ſetzte Gu⸗ — 255— rul verdrießlich hinzu. Mutter Aya fuhr aber geſchwätzig fort:„Wir wären dennoch um ein paar Tage froͤher gekommen, gute Maruzza, aber wir wollten die Nachbarin, die im eigenen Ungluͤck ſo treu bei uns ausgehalten, in ihrer Noth auch nicht verlaſſen.“—„Wen meinſt Du, Mutter 2“—„e nun, die alte Fedra meine ich.“ —„Joſchuch's Mutter?“—„Dieſelbe.“—„Hei⸗ liger Nicolaus! Sie iſt todt?“—„Wahrhaftig!“ ſagte Gurul kalt und gleichgältig:„Die alte Fedra iſt richtig todt, und im Sterben war ihr letztes Wort noch der Name ihres Sohnes.“— Da verſtummte Maruzza in Thränen, und auch die Andern ſchwiegen; aber in der Hoͤhe des Schlots donnerte ein Schuß, und mit zerſchmet⸗ terter Stirn ſtuͤrzte Joſchuch auf den Herd her⸗ ab. Mit einem Schrei des Entſetzens flohen Alle vom Herde weg, und Joſchuch hoͤrte dieſen Schrei nicht mehr, denn er war hinuͤber gegan⸗ gen, wo Fedra ſeiner wartete.— In dieſem Au⸗ — 234— genblicke kam Nicol mit ſeinen Leuten heim, und fand zu gleicher Zeit die willkommenen Schwie⸗ geraͤltern, und einen gefaͤhrlichen Feind in ſeinem Blute. Das Haus der Frommen. — Relation eines Officiers, aus dem ſpaniſchen Erbfolgekriege. — N Das Haus der Frommen. X Es war gar nicht lange nach der Schlacht bei Hoͤchſtaͤdt, als mir von dem Prinzen Euge⸗ nio ein Congé von einigen Monaten bewilligt wurde, um mich von meinen Strapazen und Wunden zu erholen. Ich gedachte dieſe Zeit in Neuſtadt zuzubringen, weil mir die Lage des Staͤdtchens uͤberaus wohl gefiel, und der Weg nach meiner Heimath allzuweit geweſen waͤre. Auch hatte ich daſelbſt keine Verwandten mehr, die einige Zuneigung meinerſeits meritirt haͤtten, indem meine Schweſter, wiewohl verheirathet, und ein arger Zankteufel fuͤr ihren Mann, den⸗ noch ein groͤßerer Sadrach ſtets gegen mich ge⸗ weſen, wofuͤr ich ſie erſt vor einem Jahre auf gut militaͤriſch mit der Fuchtel abgeſtraft. Der Schwager ſelber war ein gutes Thier, und gar wohl zufrieden, wenn ihn ſeine Rantippe nur beim Schnaps beließe, den er vor Allem liebte. Ich halte dafuͤr, daß er ſich nicht gemukſt hätte, wenn mir die Frau Schweſter ein Ratzenpulver in die Bierſuppe geruͤhrt haben wuͤrde. Derohal⸗ ben dachte ich mir: Baſta mit der ganzen Sipp⸗ ſchaft, und ich wollte in der Fremde leben, weil mir daheim nicht Geſundheit und nicht Geld ge⸗ blüht hätte. Wie vergnuͤglich hätte mir jetz eine gute und honette Frau gethan! Aber ich bin in allen meinen Liebſchaften meiner Tage her un⸗ glͤcklich geweſen. Die eine iſt geſtorben, die an⸗ dere hat mich quittirt um eines Agdern willen, und die dritte zog ſich zuruͤck, da ſie merkte, wie ich ein armer Schlucker war, und kaum als Lieutenant meine Equipage aufrecht erhalten mochte. So jung ich dazumal auch war, ſo haͤngte ich alſo jedwede Amour an den Nagel, und gab mich nur mit den Cameraden ab, oder mit meinem braven Philipp, der mein Pferd ſo lieb hatte, wie ſein Leben, und mich, ſeinen — 639— Herrn, noch etwas lieber. Der Philipp war ein alter Soldat, nicht mehr gar adrett in ſeinen ſteifen Gliedmaſſen, aber von beſtem Character, und einer ſeltſamen Memorie, indem er Alles wieder zu erzaͤhlen verſtund, was ihm paſſirt, da er unter dem tapfern Markgrafen Lonis von Baden gedient; wobei wir uns in allerlei ergdz⸗ liche Converſationen einließen, Tabak rauchten, und Bier tranken oder Wein bis in die ſpäte Nacht, obgleich mäßiglich, weil ſich Trunkenheit fuͤr einen Soldaten und Officier nicht ſchicken mag. Der Philipp zog alſo mit mir nach Neu⸗ ſtadt, und machte zugleich meinen Feldſcheer, in⸗ dem er mich verband und pflegte, und allenthal⸗ ben den tuͤchtigſten Quartiermeiſter abgab. So hatte er mir zu Neuſtadt eine Wohnung ausge⸗ macht, wie ich ſie nicht zum zweiten Male in meinem Leben jemals gefunden. Das Quartier war in dem Hauſe am großen Markt, neben der Schmiede, und hieß zu den drei rothen Herzen, und eine Familie von Pietiſten wohnte darinnen, — 240— bei der ich in Koſt und Wohnung lag. Die Familie war curieus zuſammen geſetzt, und be⸗ ſtand aus einem alten, vom Geſchaͤft zuruck ge⸗ zogenen Kaufmann, der eine gar nicht viel juͤn⸗ gere Frau hatte, und ſtatt der Kinder einen klei⸗ nen Neuveu, und eine ditto Niece, deren Vater auf der Inſel Ceylon in der groͤßten Pauvreté geſtorben war, worauf der Oncle die Waiſen um Gotteswillen zu ſich genommen. Ein graukoͤpfi⸗ ger Bedienter beſorgte die Wirthſchaft dieſer Leute; das Haus gehorte aber der Schweſter der vorbenannten Kaufmannsfrau, und bei die⸗ ſer Schweſter war es eigentlich, wo ich logirte. Mein Philipp hatte ſich bei ihr in ſonderbar⸗ liche Gnade und Zuvorkommenheit geſetzt, und ſomit fuͤr mich die ſchoͤnſte Stube im Hauſe ac⸗ quirirt. Die Menbles waren freilich etwas alt⸗ väteriſch, und hätte meines Beduͤnkens wohl der kuͤhne Held Jean de Werth daſelbſt zur Zeit ſein Hauptquartier aufſchlagen duͤrfen, aber Alles war im Ueberfluß vorhanden und eingerichtet, wie es ſich fuͤr einen Cavglier ſchickt. Als ich — 241— zum erſten Male hineinkam und wohlgefaͤllig be⸗ merkte, wie gut das Quartier beſtellt ſey, mit Lehnſeſſeln, Vorhängen und allerhand galanten Figuren und Spielwerken von Porcellan auf dem Camin und denen Spiegel⸗Tiſchen, bemerkte ich auch zugleich eine erquiſite Uhr von bedeutender Groͤße und Umfang, die mitten in der Stube gleich als auf einem Poſtamente aufgeſtellt war. Weil ich nun von Jugend an, da mein ſeliger Herr Vater ein uͤberaus kunſtreicher Goldſchmied und Mechanicus geweſen, an allerlei mechaniſchen Arbeiten und Studien abſonderliche Freude ge⸗ habt, ſo mochte ich mich nicht enthalten, augen— blicklich auf dieſe Standuhr hinzulaufen und die⸗ ſelbe von allen Seiten zu beſehen. Sie war ein curieuſes Meiſterſtuͤck, und zeigte außer den ge⸗ woͤhnlichen Verrichtungen, den Mond⸗ und Son⸗ nenlauf, und einen immerwaährenden Kalender, war aber nicht aufgezogen, und ſtand daher ſtille. Ich ſchickte den Philipp hinunter, um von der Hausfrau den Uhrenſchluͤſſel zu begehren, und er⸗ Syindler's ſimmtl. Werkt XXXI. Bd. Herbſtviolen II⸗ 16 hielt denſelben ohnverweilt, worauf ich die kunſt⸗ liche Maſchine aufzog, aber mit Leidweſen bal⸗ digſt einſehen mußte, daß ſie voll von Staub und Unrath ſtecke, und ſehr bald wieder nicht mehr ging. Gleich darauf war ich jedoch wieder ganz eontent, weil ich mich reſolvirte, die Uhr wieder ſelbſt auszuputzen und herzuſtellen, ſintemal ich eine große Praxin in ſolch' artiger Geſchicklich⸗ keit beſaß. Der Philipp, weil er froh war, wie er ſah, daß ich wieder an etwas Freude hatte, lief wie ein Marodeur im Hauſe auf und nieder, und verſchaffte mir bald alle Inſtrumente, die ich brauchte. Denn der verſtorbene Mann mei— ner Quartierfrau war ein Uhrmacher geweſen, und ſein ganzes Handwerkszeug noch vorhanden, Da machte ich mir's denn commode mit mei⸗ nem bleſſirten Fuße, ſetzte mich ſchon am andern Morgen nieder, ſtreifte die Hemdärmel auf, und laborirte, wie ein gelernter Uhrmacher. Das waren den Leuten im Hauſe ſpaniſche Dor⸗ fer, denn ſie waren bisher von ihren Einquar⸗ tierungen nur ein wuͤſtes Fluchen und Toben und — 243— ein abſcheuliches Saufen und Spielen gewohnt, aber keine ſedate Beſchäftigung und keinen Fleiß. Sie wollten Alle ſehen, wie einem kaiſerlichen Officier das Schurzfell zur Viſage ſtehe, und ka⸗ men mir rottenweiſe, Eines nach dem Andern, auf die Stube geruͤckt. Die Erſten natuͤrlich wa⸗ ren die Kinder: huͤbſche und modeſte Geſchoͤpfe von neun bis zehn Jahren, mit ſchoͤnen Haaren und himmelklaren Augen, die bei dem Maͤdchen ganz fromm, bei dem Jungen dagegen ſchon ein bischen verwegener dreinſahen, obſchon mit der⸗ jenigen Douceur, welche die Pietiſten in ihrem ganzen Maintien zu obſerviren pflegen. Nach de⸗ nen Kleinen, die ich ergotzte, da ich das Glo⸗ ckenſpiel der Uhr in Bewegung ſetzte, kamen ihr Oncle und ihre Tante und ſtellten ſich auch hin mit gefalteten Haͤnden und freundlichem Kopf⸗ nicken, aber ohne ſchier ein Wort zu verlieren, denn der Ernſt dieſer frommen Sectirer iſt bei⸗ nahe nicht in ein Laͤcheln zu verwandeln, und ſie ſind in der Freude ſo ſtill wie im Schlaf und 16* — 244— in der Trauer. Die Hausfrau war die letzte, die ſich einſtellte, aber auch die, ſo mir die meiſte Attention erwies. Sie war eine alte Frau, ob⸗ wohlen junger noch als ihre Schweſter, und trug ſich in dem Kleide einer Wittib, wenn ſchon ihr Herr Liebſter vor mehreren Jahren geſtorben. Doch iſt es bei denen Pietiſten etwas Ordinäres, daß ſie ſich in Faltenroͤcken von ſchwarzem Boy und weißen eng anliegenden Hauben ſehen laſſen, weil ſie nur den Tod und die Vergaͤnglichkeit und das ewige Leben vor Augen haben wollen. Mei⸗ nethalben; ich ſtieß mich nicht daran und con⸗ verſirte gern mit der Frau, und ſie kam erſt auf eine halbe Viertelſtunde, und dann wieder auf eine ganze, und ſo fort bis auf eine Stunde, um mir bei der Arbeit zuzuſehen. Da ſeufzte ſie auch dfters, und ſagte:„Die Uhr war das Letzte, ſo mein ſeliger Mann gefertigt hat, und ſollte ſie ſchon nach Upſala im Konigreich Schweden, abgehen, als der Selige heimging. Nachher habe ich ſie nicht mehr fortſchicken wollen, und als der Geſelle wegging, da ich die Profeſſion aufgab, — 245— ſo blieb die Uhr verlaſſen ſtehen, und ich freue mich recht, daß ſich jetzt eine geſchickte Hand ih⸗ rer angenommen.“ Ich replicirte hierauf ſehr ga⸗ lant:„Mir iſt es ein beſonderes Plaiſir, werthe Madame, wenn Sie meiner Capacitaͤt und bis⸗ chen Kunſt Gerechtigkeit wiederfahren läßt;“ und da ſeufzte ſie nochmals, bedankte ſich recht ſchoͤn, und invitirte mich zum Fruͤhſtuͤck auf ihre Stube, wo ich die ganze Familie fand, und von Stund an von derſelben tractirt wurde, als ob ich zu ihr gehoͤrte. Ich kann nun wohl nicht ſagen, daß ich viel Annehmlichkeit dabei genoſſen haͤtte, weil die guten Leute doch den Tag uͤber gar zu fromm waren. Es ſtand ein kleines Poſitib in der Wittib Stube, und immer vor dem Eſſen ſetzte ſich der alte Diener des Kaufherrn daran, und ſpielte einen Pſalm oder Choral, und die Andern, Klein und Groß ſangen aus vollem Her⸗ zen mit, und dann wurde gebetet, ſodann exceſ⸗ ſive frugal gegeſſen und getrunken, und dann wieder gebetet und geſungen. Nach dem Eſſen kam gewoͤhnlich ein langer duͤrrer Diaconus mit — 246— einem desagreablen Geſichte, und ſchwatzte vom Heiland und den boͤſen Zeiten, und der Noth⸗ wendigkeit, daß ſich der Gerechte total abſchließe von der verruchten Welt, u. dgl. m. Da ging ich gewoͤhnlich wieder auf meine Stube, und las in ein paar Buͤchern, die mir der Philipp aufgetrieben, oder ſpielte im Garten mit den Kindern. So kam auch oft Frau Chriſtiana, die Wittib, zu uns herab, und ſchaute freundlich zu. Nicht ſel⸗ ten aber ſagte ſie auch wehmuthig:„Sage Er, Herr Lieutenant, ob es nicht ein Ungluͤck iſt, daß ich keine Kinder habe? ſie wuͤrden mich in mei⸗ nem Alter troſten, da mich mein Seliger verlaſ⸗ ſen hat. Derfelbe hat mir ein gutes Vermoͤgen angeſchafft, aber alles dieſes fällt, wenn ich heim⸗ gehe, in fremde Hände.“ Worauf ich immer auf die Kleinen hinwies und verſetzte:„Da ſind Die⸗ jenigen, von denen ſie ein Soulagement Ihres Alters zu hoffen hat, Madame. Die Kinder Ih⸗ res Bruders ſind ja auch keine Fremden.“ Da ſeufzte ſie aber immer, und ging wieder langſam hinein in die Stube. 2 Wenn ich mir je Kinder gewuͤnſcht habe, ſo ſind es die geweſen, die ich dort im Hauſe fand: der kleine Conrad und die Salome mit ihren blauen Augen. In dem kleinen Conrad ſieckte etwas Beſſeres, als ein Pietiſt; naͤmlich ein wa⸗ ckerer Soldat. Aber er durfte ſich's nicht mer⸗ ken laſſen, und wurde ſomit leider etwas heim⸗ lich hypokrit. Salomo dagegen war immer die gute Stunde. Den Kindern iſt aber waͤhrend meines Aufenthalts etwas ganz Apartes paſſirt. Sie liefen an einem ſchoͤnen Morgen zuſammen vom Hauſe weg, und promenirten aus der Stadt. Wie es Mittag war, waren die Kleinen noch nicht retour. Der Kaufmann und ſeine Frau wa⸗ ren desperat, und bildeten ſich ſchon alles Böſe ein. Frau Chriſtiana jedoch, die viel maͤnnliches Ingenium beſaß, und nicht leicht den Kopf ver⸗ lor, jammerte nicht lange, ſondern ſchickte den Knecht und die Magd aus, um nach den kleinen Deſerteurs zu ſchauen. Mittlerweile kamen ſie auch richtig daher; es war ſchon drei Uhr des Nachmittags. Conrad bat in ſeinem und der — 248— Schweſter Namen um Pardon, und etzaͤhlte, daß ſie auf das ruinirte Schloß ſpaziert waͤren, und lange Zeit von dem Berge herab in die Stadt und die Gaͤrten vigilirt haͤtten. Da ſey ihnen aber Beiden der Schlaf angekommen, und ſie haͤtten ſich unfern von einem Hollunderbuſch niedergeſetzt, die Augen zugemacht, und waͤren alſobald eingeſchlummert. Beiden jedoch hat— was gewiß ſehr extraordingir iſt— ein und das⸗ ſelbe getraͤumt: namlich von einer ſchoͤnen Mu— ſique, die ſich plotzlich neben ihnen in den Luͤf⸗ ten hat hoͤren laſſen, und worauf ein großer Wohlgeruch ſich um ſie verbreitete. Dann ſey die Geſtalt eines Mannes mit langen Haaren, in einem Reiſemantel und ſpitzigen Hute hinter den Truͤmmern hervorgekommen, und habe ſich ihnen approchirt. Weil der Mann von abſchre⸗ ckender Viſage war, und einen dunkeln Schim⸗ mer um ſich verbreitete, furchteten ihn die Kin⸗ der, obſchon er mit ſuͤßen Worten zu ihnen re⸗ dete, und ſie invitirte, mit ihm in ein Kellerloch zu ſteigen, ſo er bezeichnete, und dort viel Geld — 249— zu holen, was ſie gluͤcklich machen wuͤrde. Der Mann habe hierauf bald gelaͤchelt, bald gedroht, und ihnen ſeine Animadverſion zu erkennen gege⸗ ben, wenn ſie ihm nicht gehorchen wuͤrden. Sie haͤtten es dann wieder verneint, und ſeyen in ih— rer Reſiſtance beſtaͤrkt worden, ſintemal ſie hinter ihnen einen gar holdſeligen Engel erblickt zu ha⸗ ben behaupten, der ſeine Fluͤgel uͤber ihr Haupt ausbreitete, und den haͤßlichen Mann mit beiden Armen hinwegwinkte, worauf derſelbe ſich reti⸗ rirte wie ein Hollaͤnder. Dann habe der Engel ſich zu den Kindern herunter gebuͤckt, und ihnen liebreich geſagt:„Gehet heim, ihr Kleinen, denn Eure Verwandten aͤngſtigen ſich um Euch!“ Nun ſeyen ſie plotzlich erwacht, hätten ſich mit Thraͤnen im Auge das ganze Ebenement erzaͤhlt, und ebenfalls die Retirade angetreten.— Ich laſſe dieſes nun dahingeſtellt, ob gedachte Be⸗ gegniß ein wirklicher Traum geweſen, oder eine magiſche Aventure, wie derſelben nicht ſelten ar⸗ rivirt ſeyn ſollen; genug, ich habe die Hiſtorie — 250— hergeſetzt, weil ſie eben doch fuͤr die Zukunft der Kinder von Gewicht war. Der Oncle und die Tante waren ganz be⸗ ſturzt, und der Diaconus, der dazukam, ſtellte mit ſeiner näſelnden Stimme die Meinung her⸗ aus, daß wohl Alles das Werk eines boͤſen Gei⸗ ſtes geweſen, und der Mann mit den langen Haaren das Geſpenſt eines gewiſſen Raͤubers und Vagabunden, der vor geraumer Zeit die Gegend um Neuſtadt unſicher gemacht, und in jenem Schloſſe ſein Hauptquartier aufgeſchlagen. Alle kamen darin uͤberein, daß der Boͤſe die Kinder tentirt habe, aber der Schutz des Himmels uͤber die Verſuchung die Victvrie davongetragen. Frau Chriſtiane nahm Anlaß davon, mir noch am ſel⸗ bigen Abend zu ſagen, daß es wahrlich— wie es in der Bibel ſteht— nicht gut ſey, wenn der Menſch allein iſt, indem der Schlingen und Ge⸗ fahren allzuviele auf den einſamen Paſſagier lauern. Ich gab ihr Recht, und erprimirte mich dabei ſcherzhafterweiſe ſo, daß ich zwar froh ſey, daß die Kinder von der Verſuchung gerettet wor⸗ — 251— den— daß ich aber ſelber nicht wenig Luſt truͤge, in das Kellerloch auf dem Schloſſe zu ſtei⸗ gen, und das verſprochene Geld zu holen, weil ich deſſen beduͤrfe. Da erſchrak Frau Chriſtiane ſehr, daß ſie im Geſichte weiß wurde, wie ihre Schuͤrze, und ſagte wie eine Mutter zu mir? „Treib' Er ja doch keinen Frevel, Herr Lieute⸗ nant! Will Er um ſchnoͤdes Hexengeld Seine Seele in die Schanze ſchlagen? Laß' Er das ſeyn; es wird ſchon Leute geben, die Ihm helfen, wenn Er in der Noth und Bedurfniß iſt.“ Da lachte ich und dachte an die Raffel, meine Schweſter, die mir nicht einen Heller geben wuͤrde, außer etwa auf einen Strick, daran ich mich aufhenkte. Ich verſicherte indeſſen der Wittfrau, daß ich nur plaiſantirt hätte, und hinkte fort, um fuͤr den kleinen Conrad eine ſchoͤne Knallbuͤchſe aus den Fliedern des Gartens zu ſchneiden. Wie ich aber nach langer Weile in mein Logis kam, ſo ſagte mir Philipp mit wichtiger und freundlicher Confidenz, daß Frau Chriſtiane ihn mit ſubtilen Fragen inquiriret, ob es mir nicht angenehm — 252— ſeyn moͤchte, etwa ein Darlehen oder einen Vor⸗ ſchuß an Gelde zu empfangen, weil ſie furchte, daß mir die Gelder vom Regimente ausgeblie⸗ ben. Dieſe delicate Attention hat mich ſehr ge⸗ ruͤhrt, und ich gab dem Philipp ein abſonderli⸗ ches Compliment an die Hausfrau auf, und den Beſcheid: wie ich fur die angenehme Propoſition danke, deren aber nicht beduͤrfe. Somit war auch nicht mehr die Rede vom Gelde, bis ein⸗ mal Abends die Wittfrau abermals im Garten zu mir ſagte, da ſie auf Conrad und Salome deutete:„Die Kinder wiſſen nicht, wie glucklich ſie ſind. Ihr Vater war ein gewiſſenloſer Ver⸗ ſchwender, Gott habe ihn ſelig, der ſeine brave Frau in's Grab argerte, und den letzten Heller durchbrachte; aber dennoch werden ſeine Waiſen reich. Mein Schwager hat ihnen ſchon ſein Hab und Gut vermacht, und am Ende kriegen ſie auch noch das Meinige, weil ich leider ſelbſt keine Kinder habe. Aber des Herrn Wille ge⸗ ſchehe!“ Ich replicirte, daß es doch immer beſ⸗ ſer ſey, den Verwandten ſeine Habe zu hinter⸗ laſſen, als einem Spitale. Ich haͤtte naͤmlich einen Abſchen vor den Spitälern, wo ich erſt kuͤrzlich viel an Wundenſchmerz und Mangel er⸗ leiden mußte. Da kam ich aber ſchoͤn an bei der frommen Frau Chriſtiane. Sie ſagte mir: daß Spittel und geiſtliche Stiftungen fromme Monumente der Wohlthätigkeit ſeyen, die ſich gleich wie Staffeln in den Himmel hinein bau⸗ ten, um den Stifter bequem hinuͤber zu laſſen. Dabei lamentirte ſie noch einmal uͤber ihre Ver⸗ laſſenheit, und rechnete mir vor, daß ſie dieſes Haus und einen Eiſenhammer im Gebirge und ein vierzig bis fuͤnfzig Morgen Ackerlandes be⸗ ſitze, und daneben ein baar Vermoͤgen von zwoͤlf bis fuͤnfzehntauſend Gulden rheiniſch. Ich ſagte ihr im Scherz: da ſie ſich ſo ungern hergaͤbe, ihren Bruderkindern ihre Habe zu vermachen, ſo moͤchte ſie mich zum Erben einſetzen. Ich wuͤrde bald ein Invalide ſeyn, und einer Schenkung gar ſehr beduͤr⸗ fen. Die Wittib ſah eine Weile ernſthaft vor ſich hin, laͤchelte dann und verſetzte:„Das iſt ein recht militaͤriſcher Spaß. Indeſſen: kommt Zeit, kommt Rath.“ Noch an demſelben Abend fand ich auf meiner Stube eine vortreffliche Latwerge mit Zucker und feinem Gewuͤrz, und dabei koſt⸗ liches Gebäck und ſteinalten Rheinwein. Dieſes hatte die gute Hausfrau, mir zum Labſal und zum Vergnuͤgen, dem Philipp uͤbergeben, und ſich dabei geaußert: ſie muͤſſe jetzt fuͤr mich ſor⸗ gen, weil ſie mich an Kindesſtatt adoptire. Eine recht artige Surpriſe! dachte ich mir, und ließ mir's, sur mon honneur, tapfer ſchmecken. Den andern Tag jedoch war von Frau Chriſtiane nichts zu hoͤren und zu ſehen, und auch die folgenden Tage nicht, und die uͤbrigen Glieder der Fami⸗ lie machten ſaure Geſichter, wie es vorher noch nie paſſirt. Der Philipp ſagte mir aber, daß Frau Chriſtiane krank ſey, weil ſie ſich mit ih⸗ ren Blutsfreunden disputirt habe, wie er aus dem Munde der Magd vernommen. Es war mir ſehr frappant, daß die frommen Leute ſich alſo desperat zanken mochten, machte mir aber nicht viel daraus, und ging meines Wegs wie zuvor. Da kam der alte Kaufmann zur Abend⸗ zeit, da man die Retraite zu trommeln pflegt, auf meine Stube, und redete mit niedergeſchla⸗ genen Augen bald von diefem, bald von jenem, und brachte endlich die ſchlaue Quäſtion herfuͤr: wie lange mein Congé noch daure, und ob ich nicht bald zu meinem Regiment retournire. Ich antwortete ihm befremdet, daß ich eben bleiben wuͤrde, ſo lange es mir gefiele, und daß ich erſt Reconvalescent ſey, auch ihn, den Quäſtioneur, die ganze Affaire nichts angehe; worauf er ſich empfahl, wie ein begoſſener Pudel. Ich verhielt dieſen Entretien meinem Philipp nicht, und der⸗ ſelbe erwiederte, daß ihn die Frau des Kauf⸗ manns ebenfalls mit ſolchen Zudringlichkeiten tur⸗ birt, und nicht uͤbel zu verſtehen gegeben, wie es ſchon Zeit ware, daß ich mich mit Gott auf einen Abzug fuͤrſehen moͤchte. Auch der alte Markthelfer, ein durchtriebener frommer Lump, hatte in dieſem Sinne mit dem Philipp geredet, und uns beiden war das Ding zu rund. Je⸗ dennoch hielt ich als ein guter, grober Kriegs⸗ mann feſt an der Deviſe:„Was die Leut' ver⸗ drießt, das treib' ich, und wo man mich nicht haben will, da bleib' ich!“ Ließ mir nichts an⸗ fechten, die heuchleriſchen Schafspelze ihre Ge⸗ ſichter machen, und mir die Confituren ſchme⸗ cken, die Frau Chriſtiane ungeachtet ihrer Indis⸗ poſition mir alltäglich mit einem hoflichen bon soir zuſchickte. Erſt nach acht Tagen ſah ich ſie 3 wieder unten im Hausgang, und fragte ſie freund⸗ lich:„Hat ſich Madame wieder vollkommen re⸗ ſtaurirt?“ worauf ſie einſylbig verſetzte:„Ganz und gar; ich danke dem Herrn fuͤr die guͤtige †p Nachfrage.“ Somit ging ſie fort, und wir be⸗ gegneten uns drei Tage lang und gruͤßten uns hoͤflich, aber ich konnte ſie nicht zum Stehen bringen, um ihr zu ſagen, wie ungalant ihr Schwager und deſſen Frau ſich gegen mich con⸗ duiſiret. 5 Gegenuͤber dem Hauſe wohnte der Stadtarzt, der mir etliche Male mit Salbenrecepten ausge⸗ bolfen, und nach dem ich mich nicht mehr um⸗ ſah, ſeitdem meine Bleſſur zu heilen angefangen, und ich den ganzen Schmierplunder von Salben — 25— und Pflaſtern zum Fenſter hinausgeworfen. Aber des Phyſicus Tochter, ein rothhaariges ſtarkes Weibsbild mit einigen Bataillonen von Som⸗ merſproſſen auf dem Geſichte und den Haͤnden, kuͤmmerte ſich um mich, und kam immer an's Fenſter, wenn ich an dem meinigen eine Pfeife rauchte, oder in den Abendſtunden auf dem Jagd⸗ horn dudelte. Wenn man an den Nachwehen einer Kugel leidet, iſt man nicht ſehr zur Lieb⸗ ſchaft aufgelegt, und waͤre ich's geweſen, hätte ich mich nicht an die Doctorsmamſell addreſſirt. Ich konnte ihr aber nicht verwehren, an ihrem Fenſter zu liegen, und hoͤchſtens meine Vorhaͤnge zuziehen, wenn ſie mir allzulang mit ihren ſchar⸗ fen Falkenangen in mein Zimmer heruͤber ſchar⸗ muͤtzelte. Ich weiß nicht, wie es zuging, aber Frau Chriſtiane hatte dieſes obſerviret, und ſagte mir eines Tages, da wir uns wieder trafen, und Niemand um die Wege war:„Weiß der Herr wohl, daß Er recht unartig gegen das Weibsvolk iſt? Des Doctors Apollonia guckt Spindler's ſimmtl. Werke XXXKI. Bd. Herbſtviolen II⸗ 17 ſich faſt die Aungen heraus nach Ihm, und Er zieht ihr immer die Vorhange vor der Naſe zu. Der Herr iſt gewiß ein Weiberfeind.“ Darauf. verſetzte ich:„Das bin ich nicht, Parole d'hon- 4 neur! und kein Soldat iſt das. Aber ich habe 1 zum Beiſpiel lieber mit ehrlichen Weibern zu thun, als mit frechen, und dann: wer wird ſich in einen halben Kruͤppel, wie ich bin, verlie⸗ ben?« Da drohte mir die Wittfrau ſchalkhaft mit dem Finger und wollte etwas erwiedern, aber der fuchsaugige Schwager und die ſteife Frau 2 Schweſter kamen juſt aus dem Andachtsſtuͤnd⸗ lein nach Hauſe, und der Discours war aus. Gleich am naͤchſten Morgen klopfte es an mei⸗ ner Thuͤre, und ich meine der Tod in hoͤchſtei⸗ gener Perſon trete herein. Es war aber nur der 5 lange Diaconus im ſchwarzen Talar und gravi⸗ taätiſch auftretend wie ein Storch. Holla! dachte ich mir, was will der bei mir? und er fing an 3 vom Wetter und von der Traubenbluͤthe, und kam dann auf die vielen Gewitter, und den Se⸗ gen des Himmels, und wie der Himmel na⸗ mentlich die Frommen im Lande beſchuͤtze. Da⸗ mit meinte er die Pietiſten, denn der Kerl war auch ein ſolcher, und hatte viele Leute ver— ruͤckt gemacht, wie einſt der Schuſter Jacob Boͤh⸗ me, und war ſo zu ſagen der Papſt dieſer Secte zu Neuſtadt geworden. Ich ärgerte mich uͤber ſein Augenverdrehen, und fragte ihn kurz und barſch, was er von mir wolle. Da verneigte er ſich und ſchaute, wie in Distraction zur Stu— bendecke, und ſprach vom Aergernißgeben, ſo daß ich bald merkte, wie er meine, daß meine Ge⸗ genwart ein Scandal fuͤr die andächtigen Be— wohner des Hauſes abgebe. Ich ließ aber den Leiſetreter nicht recht zu Worte kommen, und verpappte ihm das Maul mit dergeſtaltigen Im⸗ pertinenzen, daß er noch heute an mich denken muß, wenn er nicht bereits an der Gelbſucht verſchieden.„Was?“ ſagte ich ihm:„Er katzen⸗ falſcher Fuchs im Chorrock will einem ehrlichen Soldaten bedeuten, daß er nicht in ein frommes Haus paſſe? Was kuͤmmert mich Euer Gebet 260 und Orgelſpiel? ich mache mir nichts daraus, aber ich turbire es auch nicht. Ich bin ſo gut lutheriſch, als Ihr, wenn ich gleich ein kaiſer⸗ licher Officier bin, und den lieben Herrgott nicht ſo oft mit zudringlichen Demarchen uͤberlaufe, wie Ihr. Ein gerader Fluch iſt mir lieber, als Eure krumme Rede, und wenn die Hausfrau etwas gegen mich hat, ſo ſoll ſie es in's Ku⸗ kuks Namen hervorbringen, und ich will ihr dann Satisfaction geben, oder mit Trommel und Ba⸗ gage abziehen. Aber, wenn mir noch einmal ein hinterliſtiger Spion, ein verdrießlicher Hin⸗ horcher auf die Stube koͤmmt, ſo laſſe ich den Kerl ſtandrechtlich hinauswerfen, wie man einen Paſſe⸗Volanten aus dem Regiſter ſtreicht!— Da der Schwarzrock dieſes Kartätſchenfeuers gewahr wurde, nahm er ſtille und confus ſeinen Abtritt, und ich wollte ſchon den Philipp als einen Par⸗ lamentair an die Hausfran ſchicken, als Frau Chriſtiane ſelbſt in meine Stube trat. Sie war ſehr verwundert, da ſie mich in ſolcher Hitze an⸗ traf; da ich jedoch gleich errieth, daß ſie von —— — 261— der Viſite des Diaconus nichts wiſſe, ſo wollte ich ihr das Desagrement erſparen, ſchob vorläu⸗ fig meinem Zorn eine and're Urſache unter, und fragte nach ihrem Wunſch und Begehr. Sie bat mich, nicht ohne einigen Embarras, den Fou⸗ rierſchuͤtzen zu dimittiren, und ich ſchickte den Philipp hinaus, weil ich nichts anders erwarte⸗ te, als daß ſie mir aufkuͤndigen, und ſomit eine General⸗Explication herbeifuͤhren wuͤrde. Nun ſetzte ſie ſich in einen Lehnſtubl mir gegenuͤber, und begann, wie immer, mit an den Boden ge— hefteten Augen und zaudernder Manier:„Zu⸗ voͤrderſt muß ich den Herrn bitten, daß Er nicht ſchlecht von mir denken moͤge, und Ihm bemer⸗ ken, daß wir alle mit unſern Herzen und Sin⸗ uen in Gottes Hand ſtehen, weß Alters wir auch ſeyen. Der Herr Lientenant wohnt nun ſchon ſeit einiger Zeit in meinem geringen Hauſe, und hat ſich die Eſtime von allen Leuten, die da aus⸗ und eingehen, erworben.“ Proſit die Mahl⸗ zeit, dachte ich bei mir ſelbſt, indem ich mich an die Flegel von Schwager und Prediger erin⸗ nerte. Die Wittib fuhr aber fort:„ch na⸗ mentlich habe in des Herrn Lieutenants Ankunft bald mehr zu ſehen geglaubt, als nur einen Zu⸗ fall und die Fuͤgung des Ungefährs. Wie ich Ihn ſo vor der Uhr ſitzen ſah, die mein Seliger gefertigt, dachte ich in meinem Sinn, wie es vielleicht moͤglich werden duͤrfte, einen ſo recht— ſchaffenen Mann, der mit vieler Tugend auch viele Geſchicklichkeit verbindet, in meinem Hanſe feſtzuhalten. Kurz geſprochen: nach langer Ue⸗ berlegung und Berathung mit meinem Gott und Schoͤpfer komme ich, den Herrn zu fragen: ob es Ihm ſo gar unpaſſend ſcheinen moͤge, einer Frau, die freilich um dreißig Jahre aͤlter iſt als Er, vor dem Altare als Ehegemahl die Hand zu geben? Der Herr iſt ſtark bleſſirt, und wird vielleicht nur mit großer Muͤhe die Strapazen des Kriegslebens ferner aushalten; der Herr iſt aber auch ohne Vermoͤgen, und es wäre mir ſchmerzlich, wenn der Herr, den ich ſo hoch eſtimire, einſtens von einer ſchmalen Penſion leben muͤßte, die kaum zu dem Nothwendig⸗ ſten hinreicht. Gott hat die Arbeit meines Mannes geſegnet, und mein Fleiß dieſen Se⸗ gen erhalten. Wenn ich ſierbe, bleibt dem Herrn all' mein Gut, und ich will fuͤr dieſen irdiſchen Mammon nichts, als ein wenig Freund⸗ ſchaft und Pflege in meiner letzten Krankheit, weil ich leider von meinen Verwandten nichts erwarten darf, als eine kalte Bedauerniß, und ein gleichguͤltiges Gebet an meinem Sterbebette, vielleicht ſogar ihr Fluch, da ich mich entſchloſ⸗ —— * ſen fuͤhle, die Gemeinde der Auserwählten nach manchen traurigen Erfahrungen zu verlaſſen.“ Die gute alte Frau ſchwieg jetzt ſtille, und drehte ſich, weil ihr die Schamrdthe bis in die grauen Haare emporſtieg, ſchier gaͤnzlich von mir ab, mit gefalteten Haͤnden und geſenktem Haupte. Ich war ſehr beſtuͤrzt, denn ich war auf ein ſol⸗ ches Denouement nicht präparirt. Nun wurde mir freilich klar, warum die werthe Familie mir ſo zugeſetzt, denn unſtreitig hatte Frau Chriſtiane ihre Abſichten den Blutsſreunden vorgetragen, und ſich trotz ihrer Einreden wenig irre machen laſſen. Doch war mir eben ſo klar, daß ich die gute alte Wittib nicht heirathen konnte, ſintema⸗ len ich lieber als Hageſtolz bei einem Stuͤcke Schwarzbrod geſeſſen, als verheirathet mit einem alten Weibe, das ich nur um's Geld genommen, bei einer Feldmarſchallstafel. Aber es wurde mir difficil, die redliche und wohlwollende Frau alſobald durch einen Refus zu afficiren. Daher war ich froh, als ſie mir ſelbſt eine Bedenkzeit von einigen Tagen offerirte, und ich acceptirte dieſelbe alſobald, worauf ſich die Wittib mit ei⸗ ner zuͤchtigen Verneigung empfahl. Meine Meditationes waren nicht lang, ich reſolvirte mich, noch ehe der Tag verlaufen, zu thun, was ich nie vor dem Feinde gethan ha⸗ — 264— be, wenn nicht der Commandeur ſelbſt Ferſen⸗ geld zu geben bedacht war: naämlich zu reti⸗ riren, und zwar auf's Schlennigſte. Mein Philipp war ganz conſternirt, wie ich ihm befahl, das Lager abzubrechen, und mit der Bagage nach dem erſten beſten Quartier auszu⸗ ziehen, was wir auch bei eintretender Nacht ef⸗ fectuirten. Ich vermochte es nicht, der braven Freiwerberin duͤrr und trocken zu declariren: daß ich ſie nicht moͤchte, und deſertirte ihr lieber, nachdem ich noch dem Kaufmann einen ſackgro⸗ ben Brief geſchrieben, weil der Bengel mir nun unverholen den Antrag machen ließ, daß er mir tauſend Gulden ſchenken wolle, ſo ich von der projectirten Heirath mit ſeiner Frau Schwaͤgerin abſtuͤnde. Ich hieß ihn einen ſchmutzigen Gro⸗ bian hin und her, der ſelber auf den Tod ſeiner Schwägerin lauere, um ſie zu beerben, ſagte ihm auf robuſte Manier, daß weder ſeine Inſinuationen noch ſein Geld mich bewegen wuͤrden, das Feld zu räumen, daß aber wohl die Ehre ſolches ge— bote. Pictum factum ſiegelte ich den Wiſch zu, und paſchte ab.— Da ich im neuen Quartier ſaß, in einer dunkeln Kammer eines unbequemen Wirthshauſes, da fiel mir wieder lebhaft ein, daß ich es viel commoder hätte haben koͤnnen, wenn ich mich in Chriſtianens Willen gegeben, und daß ich vielleicht in kurzer Zeit der alleinige Beſitzer eines conſiderablen Vermoͤgens geworden waäre, aber ich haͤtte mir auch im Augenblick wieder Ohrfeigen geben moͤgen, weil ich ſo hab⸗ ſuͤchtig an den Tod des guten alten Weibes ge— dacht hatte. So ſetzte ich mich hin, und ſchrieb ihr ein zierliches Brieflein, und wickelte den Wer⸗ muth in Honig ein, und ſagte ihr: daß ſie an ihres Bruders Kinder denken moͤchte, zugleich aber die uͤbrige Verwandtenrotte zum Haus hin⸗ aus werfen ſolle. Darauf war zwei Tage lang Ruhe, indem ich nichts von Frau Chriſtiane hoͤrte. Am dritten jedoch kamen plotzlich Conrad und Salome zu mir in Viſite, und brachten tauſend Gruͤße von der Tante Chriſtiane, und ei⸗ nen ſchoͤnen Latwergentopf toll Schleckereien, und einige Flaſchen voll des beſten Rheinweins. Die Tante ließe bedauern, ſagten die Kinder, daß es mir nicht mehr im Hauſe gefallen haͤtte, und ſchickte ihres Bruders Kinder, ſich bei nir zu bedanken, ich wuͤßte ſchon wofuͤr. Sie wolle thun, wie ich gerathen. Da erkannte ich, wie doch die Tugend ſchnell in dem Herzen der wa⸗ ckern Frau die Victvire davon getragen, und gra⸗ tulirte den Kindern, ohne daß ſie wußten warum, und herzte ſie, und obſervirte hiebei ganz im Stillen, daß Salome eine gar huͤbſche Perſon — 66— wuͤrde, die ich wohl lieber geheirathet haͤtte, als ihre Tante, wenn ſie nur ſchon tauſend Wochen alt geweſen waͤre. So blieb ich noch drei Wochen zu Neuſtadt, und wollte, da ich plotzlich wieder zum Regiment berufen wurde, und mein Fuß wieber heil war, ganz ſtille abziehen, aber mein Philipp mußte ſeine Zunge ſpazieren geſchickt haben, denn am Morgen der Abreiſe, da ſchon die Pferde geſattelt ſtanden, kam mit einem Male die Magd der Frau Chriſtiane, und bat mich, meine Route nicht eher anzutreten, als bis ich ihre Frau noch einmal beſucht. Obſchon es ungalant geweſen wäre, dieſes zu refuſiren, ſo ging ich doch mit ſchwerem Herzen hin, und fand die Frau im Garten, mit den Kindern, aber ruhig und gefaßt und ſanft, wie das erſte Mal, ſo ich ſie geſehen. Die Converſation war ſteif und reſervirt bis zum Augenblick, da ich mich beurlaubte. Als ich ihr die Hand bot und ſagte:„Gott erhalte Sie, Madame, recht geſund und in Floribus,“ ant⸗ wortete ſie, mit Thraͤnen in den Augen, und ver⸗ ſchämt, wie eine Jungfrau:„Es hat nicht ſeyn ſollen, daß ich den Herrn hier behielt, und ſo ziehe Er denn hin in Frieden. Ich will fuͤr Ihn beten, daß Er nicht zu fruͤhzeitig heimgehe. Wenn Er aber einmal wieder hieher kommt, und mein Grab findet, ſo ſey Er dieſen Kindern, meinen Erben, ein treuer Rathgeber, und denke Er an mich, als an eine Perſon, die es mit Ihm wohl⸗ gemeint hat. Nehme der Herr auch noch dieſes kleine Geſchenk“— ſie druͤckte mir einen ſchwe— ren Beutel in die Hand.—„Ich habe in Erfah⸗ rung gebracht, daß mein liſtiger Schwager Ihm tauſend Gulden geboten, damit Er nur aus mei— nem Hauſe ziehe, und daß Er dieſelben wie ein Galanthomme ausgeſchlagen; nehme er die glei⸗ che Summe jetzt von mir an. Sie iſt redlich von mir erworben, und wird Ihm Segen brin⸗ gen.“— Ich defendirte mich ſo gut ich konnte, aber ſie ließ nicht ab, und meine Caſſe war ſo ziemlich leer. Daher ſchob ich endlich das Geld ein, und ging weinend von dannen, wie von einer Mutter, ſo daß mir die Zaͤhren im Schnurrbart hingen, und ich mich vor den Gaſſenbuben ſchaͤmte. Das Gold der Wittib habe ich jedoch gut ver⸗ wendet, und nicht damit geſpielt, noch geſchlemmt. Auch iſt mir keine Dublone davon entwendet worden. Nun ging es wieder in den Krieg. Bei Mal⸗ plaquet avancirte ich zum Hauptmann, und nach der Defaite von Albemarle, wo uns Villars tuͤch⸗ tig geklopft, wurde ich Major. Meine erſte Func⸗ tion als ſolcher war, eine Spießruthen⸗Execution — 268— zu commandiren. Das Regiment lag in einigen brabantiſchen oder flanderſchen Doͤrfern, und wurde zu der Execution concentrirt. Ein Deſer⸗ teur, der mit Sack und Pack hatte hinuͤber wol⸗ len, ſollte abgeſtraft werden. Nun ſupplicirten mich Einige, dem Kerl die Spießruthen zu ſchen⸗ ken, weil ſolche Begnadigung ein Recht des neu inſtallirten Oberſtwachtmeiſters iſt, und wieder Andere drangen in mich, um des Beiſpiels wil⸗ len ja nicht Gnade fuͤr Recht ergehen zu laſſen. Nun aber war der Friede ſchon vor der Thuͤre, und ich habe nie ſolche Erecutionen leiden kön⸗ nen; dennoch wollte ich den Delinquenten vorerſt ſehen, und ließ ihn vor mich bringen, da ſchon die Reihen geſtellt waren, und die Ruthen aus⸗ getheilt. Ein blutjunger todtblaſſer Kerl war's, der mir zu Fuͤßen fiel, und wimmerte; daß es einen Stein haͤtte erbarmen muͤſſen, wobei er meinen Namen nannte, und declarirte, daß er derjenige Conrad ſey, bei deſſen Tante ich in Neuſtadt einquartirt geweſen. Mir gingen die Augen uͤber, da ich mich von der Juſteſſe ſeines Vorgebens uͤberzeugt hatte, und ich fragte ihn, wie er es von dem frommen Hauſe bis zum ar⸗ men Suͤnder gebracht. Nun erzählte er mir, daß ihn der Teufel geblendet, wie ſo Viele ſchon; daß ſein Oncle ihn und die Schweſter wegen 1 — 269— Zwiſtigkeit der Familie mit der Frau Chriſtiaue, aus dem Teſtamente geſtrichen, daß die Letztere jedoch ihnen all' ihr Erbe verſprochen, und ſie im Hauſe behalten, aber ihm, dem Conrad, all⸗ zuſpärliches Taſchengeld praͤſtiret, ob er ſchon bereits in einer Tuchhandlung als Lehrling ge⸗ ſtanden. Da ſey er von einem Diener der Hand⸗ lung verfuͤhrt worden, habe dem Principal etwas Geld detourniret, und daher aus Furcht und Angſt fluͤchrig gehen muͤſſen. Nur ſey ihm in⸗ deſſen jenes geſpenſtige Evenement auf dem rui⸗ nirten Schloſſe wieder in den Sinn gekommen, und er habe mit beſagtem Diener zur Nachtzeit in dem Kellerloche nachgeſpuͤrt, wohin dazumal das teufliſche Schemen gewieſen. Sie haͤtten richtig daſelbſt unter Schutt und Plunder einen ledernen Sack mit einem kleinen Treſor von al— ten Roſenobles gefunden, und es ſey dießmal kein Engel vorhanden geweſen, der ſie abgehalten, das Suͤnden⸗ und Raubgeld zu theilen. Sie ſeyen damit auf und davon gegangen, aber ſchon einige Tagreiſen weit von Neuſtadt habe der ſchurkiſche Diener ſeinen unerfahr'nen Compagnon um Alles beſtohlen, und denſelben gezwungen, unter den Reichstruppen als gemeiner Soldat ſich zu enrolli⸗ ren. Hier ſey es ihm lange ubel und ſchlecht gegan⸗ gen, bis er Gelegenheit gefunden, zu einem kai⸗ ſerlichen Regiment zu entwiſchen. Erſt ſeit Kur⸗ zem habe er dabei geſtanden, als er ſchon wegen eines Dienſtfehlers von ſeinem Unterofficier ge⸗ pruͤgelt worden, und er ſich dann reſolviret, zu den Franzoſen uͤberzulaufen. um ſeiner Jngend willen hätte das Kriegsgericht ihn mit der Todes⸗ ſrafe verſchont, aber ſtatt deſſen die ſchaͤrfſten Spießruthen angeordnet. Wuͤrde ich ihn jedoch davon begnadigen, ſo wolle er ſtracks ein ordent⸗ licher Kerl werden, und ſich nicht mehr vom Teu⸗ fel verblenden laſſen.— Nun konnte ich den Ne⸗ veu der guten Frau Chriſtiane unmoglich ſtrafen laſſen, wie er es verdient hätte; ich ſchenkte ihm die Spießruthen, und ließ ihn dafuͤr eine Weile in Priſon ſtecken. Waͤhrend deſſen war in Ra⸗ ſtadt Friede gemacht worden, und die Kriegsfurie begab ſich zur Ruhe. Mein Regiment marſchirte dem Suͤden zu, und ich liberirte auf dem Marſch den armen Conrad, und nahm ihn an die Stelle meines wackern Philipp, der bei Oudenarde das Zeitliche mit dem Ewigen vertauſcht hatte, zu meinem Fourierſchuͤtzen auf, um ihn auf dieſe Weiſe nach der Heimath zu bringen, weil ich ihm zum Abſchied zu verhelfen gedachte. Der arme Schelm wußte nicht das Mindeſte, was zu Hauſe paſſiret, und ich ignorirte es natuͤrlich nicht — weniger. So kamen wir in Neuſtadt an, an ei— nem Sonntag, beim Untergang der Sonne, und begaben uns ſpornſtreichs nach dem Hauſe der Tante. Ach! was mußten wir da ſehen! Die Magd, die uns aufmachte, war in Trauer, und die ſchoͤne Demviſelle, in der ich die kleine Salo⸗ me kaum wieder erkannte, befand ſich auch im grau und ſchwarzen Putz. Die gute Tante war vor einem halben Jahre heimgegangen, wie die Frommen das Sterben nennen, und hatte noch auf ihrem Todbette fuͤr den entlaufenen Conrad gebetet, und ihn der Schweſter zur chriſtlichen Liebe recommandirt, wenn er wiederkehren ſollte. Da war es freilich ganz naturlich, daß der ver⸗ lor'ne Sohn von der Schweſter mit vieler Ten⸗ dreſſe empfangen wurde, und daß dankbar wei⸗ nende Erben auf dem Leichenſtein der gottſeligen Chriſtiane ſaßen, waͤhrend das Grab des auch bereits verſtorbenen Oncles und ſeiner Frau von deren lachenden Erben gemieden und vergeſſen wurde. Dem Conrad wurde ein huͤbſches Eta⸗ bliſſement ausgemacht, und weil ich ſelbſt zu ſpät gekommen war, um die ſcharmante Salome zu freien, ſo tanzte ich doch in Kurzem bei ihrer Hochzeit mit einem reichen Gerbersſohne die Po⸗ lonaiſe. Ein froͤhlich ausſehender Prediger traute — 272— das Paar, und der gelbe Diaconus mit der gan⸗ zen Pietiſten-Gemeinde ſah mit ohnmaͤchtigem Neide, wie in das Haus der Duckmaͤuſerei ein actives kraͤftiges Leben eintrat, und ein Friede, der laͤnger dauerte, als der von Raſtadt. 578 oEde