3 3 ß Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Ednurd Otlmann in Gießen, 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothet ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenymmen. 3. Qaution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme ſ eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe ee welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih und eſebedingungen. 4. Monnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für uentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: *—..—————— auf nat— Pf. 1 Mt. 50 Pf..— Pf. „ 6„ 5 F 8 3„ 5. Auswörtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß ver Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt 7. Ausleihereit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. — * N ———— —— ——— Der Erzähler aus der Peimath und Fremde. Originalerzählungen und Ueberſetzungen. Herausgegeben von Carl Spindler. Jahrgang 1846. 5 Erſter Band. —————— Stuttgart, Franckh'ſche Verlagshandlung. Jnhalt. Der Hofzwerg. Von C. Spindler Croix⸗Fonta ine. Ein Charaktergemälde aus dem acht⸗ zehnten Jahrhundert. Nach Leon Gozlan, von Neu⸗ berger Der Aſſaſſinen⸗Clubb. 2p5 Gautier, von J. Smith. 5.*. Cimaroſa. Nach P. A. Fiorentino, von A. Zoller Das Heckenröschen von Otta. Von Wilhelm von Chézy Des Bildhauers erſte Liebe. Nach dem Engliſchen, von Auguſt Zoller Das Scharfrichterskind. Nach dem Vlämiſchen des Hendrik Conſcience, von E. Zoller Züge aus dem Leben des Tages, von Clementi — „ Seite. . er Herzog war geſtorben, der letzte Mann ſei⸗ nes Stammzweigs.— Er war unverhofft und ſchnell in die Ewigkeit gegangen— rapid, wie er ſich im Leben auszudrücken pflegte, als ein Sohn der König⸗-Friedrich⸗Zeit, in deren Dienſt er unerſchütterlich ſtehen geblieben war, unzugänglich allem Neuen, das er ritterlich ferne gehalten von ſeiner Perſon, wie von ſeinem Landesregiment.— Viele Soldaten und 6 Lakaien, viele Pferde und Geſchütze folgten ſeiner Leiche; viele Liebe ging nicht mit. Die Glocken leierten langweilig ihr Klingklang, die Kanonen donnerten gleichſam unwillig ihr„Fahre wohl!“— Der Alte iſt todt! ſagten einander gleichmüthig die Leute im Lande, und wenn ſie dabei verdrießliche Geſichter machten, ſo geſchah es nur, weil es ſie ärgerte, daß der„Alte“ ohne Kin⸗ der geſtorben, und weil daher Land und Leute einem Vetter und Nachbarherzog des hohen Verblichenen anheimfielen. Waren ſchon die Bürger ungehalten, daß ihrer Heimath Name ſo zu ſagen ins Schlepptau genommen werden ſollte Der Erzähler. 1846. I. 1 2 von dem Nachbarlande, daß ihre Hauptſtadt aufhören ſollte, eine Reſidenz zu ſein, um zu einem ordinairen Landſtädtchen herabzuſinken,„ was ſollte der Hof des Höchſtſeligen, der verwaiste Hof, zu einem ſolchen Zuſtand der Dinge ſagen? Der Adel am Hofe wußte ſich zu helfen. Die ehrgeizigen Herren pilgerten nach der Reſidenz des neuen Landesherrn, und bewarben ſich um die allerhöchſte Gunſt; die Begüterten zogen ſich auf ihre Beſitzungen zurück, und ſchmollten mit dem neuen Geſtirn. Die jungen Damen ſchloſſen ſich an die ebenfalls noch junge herzogliche Wittwe an, die, freigeworden von aufgedrun⸗ genen Feſſeln, ſich zu einer glänzenden Reiſe in den Süden be⸗ reitete; die ältern Frauen des Hofs verſchwanden, um entwe⸗ der im Schooß ihrer Familie oder in Damenſtiftern ihre Plätze n— Aber die eigentliche Dienerſchaft des Höchſt⸗ ſeligen„von ſeiner Kargheit nur mit gar ſchmalen Gnadenge⸗ halten bedacht. was ſollte dieſe beginnen? Zu den ſchmalen Gnadenbiſſen waren der Diener viele berufen, und ſie hatten enig Hoffnung„daß der neue Herr ihrer Viele in ſeinem Dienſte behalten würde. Er ſtand im Rufe, ſeines verſtorbe⸗ nen Vetters ganze Hofwirthſchaft nicht beſonders geſchätzt zu haben; auch ſogar den Vetter ſelber nicht, um von oben an⸗ zufangen.— Die Diener ſteckten alſo die Köpfe zuſammen, und warteten bange der Dinge, die da kommen ſollten. Ein einziger von ihnen ſah der Zukunft mit Selbſiver⸗ trauen entgegen. Es war der Hofzwerg.— Ja; der ſelige Herzog hatte noch einen Hofzwerg an ſeinem Hofe gehalten und hinterlaſſen; wahrſcheinlich das einzige damals noch lebende Eremplar jener in frühern Zeiten ſo beliebten Ertramenſchen.— 3 Der Hofzwerg alſo ſagte ſich ganz einfach: War ich nicht der Vertraute und die rechte Hand meines höchſtſeligen Herrn, des Herzogs Nikolaus? Wird der neut Herzog Julius anſtehen, meine Perſon für ſeinen Hofſtaat zu gewinnen? Wenn auch das andere Dienervolk dem Dutzend nach von Hof und Reſi⸗ denz wird wandern müſſen,— kein Zweifel, daß ich im Amt verbleibe, denn eine Rarität wie ich wird nicht mehr gefunden. Das letztere, das Sprüchlein von der„Rarität“, hatte ſeine Richtigkeit. Thaddäus Fingerlin hätte mit dem berühm⸗ ten Bébé ſehr glücklich um die Palme ringen dürfen. Noch um ein paar Linien kleiner, zierlicher gebaut, als jener, beſaß Thaddäus die hochſt mögliche Vollkommenheit und Anmuth einer Zwergnatur aus einem Guß. Dem Ebenmaß ſeines Kör⸗ pers ſtand die Entwickelung ſeines Verſtandes recht artig zur Seite. Sein fürſtlicher Gönner hatte ihm allerlei Unterricht geben laſſen, hatte ihn mit mehr Sorgfalt erzogen, als ſeinen beſten Jagdhund. Die Sorge fand Erwiederung in der Dank⸗ barkeit des Pfleglings; deſſen Anhänglichkeit rührte gewiſſer⸗ maßen den hohen Pfleger, der nicht viel von Freundſchaft er⸗ fahren, weil wenig geſchickt, ſich Freunde zu machen. So hatte er denn eines Tags dem Hofzwerg ſein volles Vertrauen zuge⸗ wendet und der Zwerg daſſelbe angenommen— die Laſt war größer als der Vortheil— und beide Theile befanden ſich dabei nach Umſtänden gut. Der Fürſt war nicht völlig ver⸗ einzelt; Fingerlins Ehrgeiz war befriedigt. Denn aus dem geringen Leibe ſtrebte rieſengroß der nach Hohem verlangende Geiſt gen Himmel. Das war natürlich; ſchon ſeiner Geburt war ein Stück von Wunder vorausgegangen Sein Vater, ein wohlgewachſe⸗ ner ſtämmiger Hufſchmied, arm aber tüchtig im Handwerk, verheirathet mit einer zierlich⸗ſchlanken und nicht rieſigen, aber auch keineswegs zwerghaften Weberstochter, erwartete mit Un⸗ geduld den Tag, der ihn zum Vater, wo möglich zum Vater eines Knaben machen würde. Der Tag war nicht mehr fern. Die junge Frau ſaß einſt allein am Fenſter ihres Stübleins, und dachte ſich: Wär's nur ſchon vorbei und mein lieber Mann zufrieden!— Da klopfte ein altes Bettelweib— eine Zigeunerin, wenn man will; die Geſchichte wird dadurch nur noch romantiſcher— an das Fenſter, und bettelte um Geld oder Brod. Beides wat ſelten in jenem harten und theuren Winter. Die Schmiedin war von Natur ſparſam, äußerſt häuslich ſogar. Des Geldes war bei ihr nicht Ueberfluß; ſo gab ſie denn Brod, ein dünnes Schnittichen, der Wind trug's ſchier davon. Das alte Weib hielt plötzlich die Gabe gegen die wintet⸗ liche Sonne, die prächtig durchſchien, und ſagte bösartig: Der Himmel wird Euch an Euerm Kind vergelten, was Ihr der lieben Armuth ſpendirt!— Lachte und ging fort. Die Schmiedin war jedoch zum Tod erſchrocken, rief ihr nach und hätte ihr gern jetzv den ganzen Brodlaib gegeben, aber die Alte war fort und das Unglück geſchehen.— Vier⸗ zehn Tage darauf— zweimal ſieben Tage ſpäter kam Thaddäus zur Welt, ein Gegenſtand des Schreckens für die Mutter, des Abſcheu's für den Vater, mit deſſen Pelzmütze man den Buben beguem bedecken konnte vom Kopf bis zu den 5 Füßen. Ein Holzſchuh war ſeine Wiege, ein kleiner Mops— damals gab's noch Möpſe— ſein Reitgaul; mit einer Elle Tuch oder Leinwand kleidete man ihn noch völlig in ſeinem zehnten Jahre in Rock und Hoſe und Weſte.— Er hatte Muße und Platz gehabt, ſich körperlich zu entwickeln, denn der Vater konnte ihn nicht vor Augen ſehen, und die Mutter ließ ihn daher unbekümmert laufen in der Gaſſe, im Feld, im Wald, und ſorgte nur für die andern Kinder, die nach und nach ankamen und aufwuchſen wie andere Menſchen. Aber Thaddäus entwickelte ſich ſo ſpärlich, daß er nur halb ſo groß wurde, wie ſeines Vaters Spazierſtock, und dann blieb er im Wachsthum ſtehen.— Wenn den Krüpgel doch nur einmal ein Kettenhund ſchluckte, wünſchte manc ſtill und laut der rußige Chriſt, ſein Vater.— Die Mutter ki merte ſich im Stillen ab, und ſchnitt den Bettlern immer größere Stücke vom Brodlaib, was vielleicht den Geſchwiſtern des Thaddäus zu gute kam, ihm ſelber aber nicht.— So trieben Nachbarn und Brüder mit dem Armen ihren Sport, und Hund und Katze hatten nicht vor ihm Reſpekt. Doch ſchluckte ihn kein Kettenhund. Aber verbrannt wäre Thaddä einmal, es fehlte wenig daran. Der Schmied hatte einſt Feuer verzettelt und das Haus ging an, mitten in der Nacht. Das Elend! Der Mann ſchaffte ſein Handwerkszeug aus dem Brande, die Frau ſchleppte die Kinder durch die Flammen. Niemand dachte an den„Finger⸗ lang,“ wie Thaddäus geheißen wurde. Thaddä hätte ſich etwa gradaus in den Himmel hinein geſchlafen, aber ein dreiſter Schornſteinfeger, der zu retten kam, und alles Bettzeug raſch 6 zuſammenpackte, warf den Kleinen, den er gar nicht bemerkt, mit den Betten in einen Ball gebunden zum Fenſter hinaus, grad vor die Füße des Herzogs, der von ſeinem Schloß herab⸗ gekommen war, um durch ſeine Gegenwart die Löſchmannſchaft zu ermuntern. Er hörte den Kleinen wimmern, wie einen jungen Hund, und ließ ihn aus all dem Wuſt herauswickeln.— Die ſeltene Zwerghaftigkeit des Geretteten machte den Herrn ſtaunen, und da er juſt ſeine gute Stunde hatte, kaufte er den Buben für ein paar Thaler ſeinen Eltern ab, die bis ins Herz hinein froh waren, dieſe Rarität los zu werden. So kam Thaddäus an den Hof, und wurde nach und nach ein großer Herr von Einfluß. Tag und Nacht um den Berzog, vermochte er oft mehr über ihn, als ein Geheimer⸗ rath, und mehr als einmal vertrauten ihm die älteſten Zwei⸗ unddreißig⸗Ender ihr geheimes Leid, ihre ſtillen Wünſche und bückten ſich vor dem kleinwinzigen Fingerlin. Dagegen hatte der Hofzwerg auch Unglück mit großen Herrſchaften am Hofe. Erſtens konnte ihn des Herzogs zweite, dritte oder vierte Gemahlin nicht leiden, und nannte ihn nur „le petit monstre.“— Ob ihr jedoch Thäddäus den Haß vergolten? Das Vergeſſen war ſeine Sache nicht. Für Wohl⸗ thaten, wie für Beleidigungen hatte er ein trefflich Gedächtniß. — Um indeſſen von den großen Herrſchaften weiter zu reden, mit denen Thaddä Unglück hatte, ſo war ihm paſſirt, daß ihm der längſte Mann am Hofe, ein unvergleichlicher Büchſen⸗ ſpanner des Herzogs, ſeine Liebe wegſchnappte ganz und gar. In der That: Der Hofzwerg hatte ſich in ſeiner Jahre 5. Blüthe verliebt. Eines Silberdieners Tochter— ſte hieß Ahgneſe— war ſeiner Neigung, ſeiner flammenden Zärtlichkeit Ziel geworden. Da aber zielen und treffen zweierlei, ſo hat dazumal Thaddä allerdings nach dem Ziele gezielt, aber es nicht getroffen.— Sie ſind mir zu klein; antwortete ihm und ſeinen Werbern beharrlich die Silberdienertochter, und blieb hartnäckig bei ihrer erſten grünen Liebe zu dem unvergleich⸗ lichen Büchſenſpanner.— Sie kannte Fingerlin's Herz nicht! Sie kannte aber auch nicht ſeinen Zorn und die Wirkun⸗ gen deſſelben. Der Hofzwerg, der nicht leiden mochte, daß der Büchſenſpanner mit ſeinem impertinenten Geſicht gleichſam wie der bittre, Fleiſch gewordene Hohn an ihm täglich vorüber ging, und daß die Frau Büchſenſpannerin, um den Sthl der Hofdienerſchaft zu gebrauchen, eine gewiſſe Rolle in Kammer und Garderobe ſpielte, löſchte dem Paar die herzogliche Gna⸗ denſonne aus, die bis dahin es beſchienen, zeigte dem Gebieter in einer der böſen Stunden, die ihm häufiger wurden als die guten, einige Veruntreuungen des Mosje Henri an; und der zornige Herr, der ohnehin verheirathete Diener in ſeinem Schloſſe nicht gerne leiden mochte, verbannte den langen im⸗ pertinenten Schlingel ſammt Frau und Zubehör auf eine alte, in Trümmer fallende Veſte, ſechs Meilen von der Reſidenz, um dort, ihm zur Strafe und Andern zum warnenden Bei⸗ ſpiel als Forſtwart zu leben und zu ſterben. Groß war der Jammer des Ehepärchens, aber gegen den Willen des Herrn war nicht anzukämpfen, und der Zwerg behielt das Feld. Er wußte nicht einmal, wie umfaſſend ſeine Rache ſich geltend machen würde. 8 Man war damals noch in der Zeit, da ein Haſe oder Faſan mehr galt, als ein Menſch. Der Henri, theils um ſeine wuthkochende Bruſt zu kühlen, theils um durch ein paar glänzende Großthaten ſich wieder beim Herzog in Gunſt zu ſetzen, ſchoß bald nach einander zwei oder drei Wilderer todt. Die fürſtliche Rentkammer gab ihm Lob und Schußgeld; aber der Herzog ließ ihn ſitzen, und ſeine Agnes, die ein gefühl⸗ volles Weib war, wenn ſchon ſie mit dem armen Hofzwerg kein Mitleiden gehabt, faßte einen dergeſtalten Widerwillen gegen den frevelnden Mörder, daß auch ſie ihn ſitzen ließ, und mit ihrem Söhnchen nach der Reſidenz, zum Papa Silberdie⸗ ner zurückkam. Vergebens waren des Forſtwarts Bemühungen, ſie zu ihrer Pflicht zurückzubringen, und da er ſah, daß weder Bitten noch Gewalt ausreichten, und daß der Herzog keinen Zug zu ſeinen Gunſten that, ſo henkte ereſich einſtens, eine verkannte Größe, an einer ſtarken Eiche ſeines Reviers auf, und damit„Gute Nacht!“— Der Hofzwerg triumphirte im Stillen, und Agnes ließ ſich in der Welt nicht mehr ſehen, denn der Selbſtmord des Mannes brachte ſeinem Andenken damals mehr Schande, als wenn er ein Dutzend Wilderer, während ſie ſchliefen, erſchoſ⸗ ſen hätte. Mit der Herzogin, die ihn le petit monstre nannte, wurde der gewaltige Fingerlin eben ſo ſchnell fertig, wie mit dem Büchſenſpanner, obwohl um viele Jahre ſpäter, denn zu Henri's Zeit hatte Herzog Nikolaus noch ſeine zweite oder dritte Frau, mit der er vortrefflich lebte, weil ſie immerdar zu Venedig oder Trieſt wohnte, und der Herzog nicht von 9 ſeiner Ahnen Reſidenzſchloß wich.— Der Tod hatte endlich dieſes zärtliche Verhältniß gelöst, und der Herzog erwählte ſich, gerade nur um eine Herzogin zu haben, die dritte oder vierte Gattin, jene ſchnippiſche junge, der, wie dem Vetter Julius, am ganzen Hofe nichts gefiel, nicht einmal der Her⸗ zog, und die ihrer Zunge wenig Gewalt anthat. Sie hätte mit dem Hofzwerg gut fahren können, wenn ſie ihn, den zweiten Mann im Reich, wohlwollend behandelt hätte. Thad⸗ däus hatte viel Sinn für gute Begegnung und hätte gern die gute junge Frau protegirt, da er den Schlüſſel zu des Fürſten Herzen beſaß; aber die arme ſchnippiſche Dame begriff nicht ihre Lage. So kam es denn, daß in Kurzem der erlauchte Gatte ſeine hohe Frau ein„grand monstre“ nannte, und immer wunderlicher und immer feindſeliger gegen ſie auftrat, bis er ſich endlich eines andern beſann, nemlich ſtarb. Und derſelbe Thaddäus Fingerlin alſo, der ſo viel er⸗ lebt, erſtritten und durchgeſetzt, ſtand jetzt, zwar verwaist, aber dennoch in voller Hoffnungsblüthe da, und ſagte ſtolz: Wenn auch das andere Dienervolk dem Dutzend nach von Hof und Reſidenz wird wandern müſſen kein Zweifel iſt, daß ich im Amt verbleibe; denn eine Rarität wie ich wird nicht mehr gefunden! 2. Das Trauergeläute war kaum verklungen, die Pferde ſchwitz⸗ ten, die Kanonen dampften noch, ſo war auch ſchon eine Kom⸗ miſſion da, um Land und Leute für den Herzog Julius in Beſitz und Eid und Pflicht zu nehmen. Das waren Männer, die 10 ziger— gſchnlegelt, giz uniformirt und raſch in Wort und That, Halbgötter im Vergleich zu den Urſtaatsdienern und ſtaubigen Beamten des Höchſtſeligen. Die neue Zeit des Fortſchritts gegenüber der ergrauten Barbarei eines frühern Jahrhunderts. Die gemächliche Perrücke, der thranniſche Zopf, der vom Roßſchweif eines Türkenpaſcha's ſeinen Anfang ge⸗ nommen— vernichtet und gedemüthigt ſtanden und hingen ſie da vor den dreiſtſpöttiſchen Augen und Naſen der hohen Ue⸗ bernahms⸗Kommiſſion. Ein lehrreicher Anblick. Thaddäus, der nichts vergeſſen, lernte aber auch nichts von dieſem Umſchwung. Zwar war auch er alt geworden— in Liliput ſind vierzig Jahre ſchon ein Alter— doch fühlte er noch einen gewiſſen jugendlichen Werth im Kopf und in der Bruſt und war der feſten Meinung, ein Erxtramenſch, wie er, werde, wenn auch nur einige Loth ſchwer, gewichtiger in die Wagſchale der herzoglichen Gerechtigkeit fallen, als der ganze Troß der alten Dienſtmannſchaft. Er ſah ſich vor der Hand getäuſcht, aber ſein Muth blieb aufrecht.— Als im weiten Kreiſe der Hof⸗ und Be⸗ amtenſtand des verblichenen Herzogs im großen Ritterſaale des Schloſſes an den Wänden ſtand; als die Kommiſſäre das Inbentarium der Rococo⸗Möbel der Verlaſſenſchaft geſchloſ⸗ ſen, kam auch die Reihe an die lebendigen Fahrniſſe und den bänglich Lauſchenden erklärte der Chef der fremden Würden⸗ träger, daß Herzog Julius ihnen ein gnädiger Landesvater ſein werde, und ſie insgeſammt, um nicht ferner langgediente Liebe und Getreue zu beläſtigen, in den Friedens⸗ und Ruheſtand 11 verweiſe, und zwar nach den Beſtimmungen des Höchſtſeligen, was Gnadengehalt und ſonſtige Remunerationen betreffe. Da war ein furchtſam Schweigen rings im Saal, und bleich wurden alle Geſichter, und durch alle Dienerköpfe ging der bange Gedanke: Uns iſt der Stab gebrochen. Leben ſollen wir von den Penſionen des Höchſtſeligen? Boshafter Spott! Noch boshafter indeſſen, was der goldne Herr Miniſter oder Kanzler von Remunerationen geſagt. Wann gab je der todte Herzog ein Geſchenk, einen Ehrenſold? wenn nicht vielleicht dem Knirps, dem Fingerlang, der uns alle auslacht? Grimmige Blicke flogen dem Thaddäus zu. Sie wandel⸗ ten ſich jedoch in ſchadenfrohe, da all gemach bemerkt wurde, daß dem Hofzwerg kein beſſer Loos gefallen, als der geſammten Kammer und Garderobe. Aufgerufen von dem Sekretär der Kommiſſion nahten ſich, einer nach dem andern, die Penſioniſten, um in einem großen Buche zu unterſchreiben, daß ſie dem gnädigſten Herzog Julius dankbar, wohl zufrieden ſich vermeldeten. Auch Thaddäus trat heran nach Rang und Aufruf. Mit trübem Blicke, aber ſtolz wie ein römiſcher Senator— von denen, die ſich auf den cu⸗ ruliſchen Stühlen von den Barbaren tödten ließen oder tödten laſſen wollten— ergriff er die Feder, und der Sekretär, das putzig⸗trotzige Männlein betrachtend, lachte in ſich hinein. Auf einmal bückte er ſich aber tief zum Ohr des Fingerlin und raunte ihm zu:„Se. Ercellenz, unſer V Vorſtand, erwartet Sie in einer halben Stunde im Kabinet des weiland Herzogs Ni⸗ kolaus.“ Eine Sonne der Verklärung ging über Fingerlin's Stirne 12 auf:„Werde nicht ermangeln,“ beſchied er den Sekretär her⸗ ablaſſend und ging noch einmal ſo aufrecht an ſeinen Schick⸗ ſalsgefährten vorüber. Jetzt hatte er ohne Zweifel ſein erneu⸗ ertes Hofzwerg⸗ und Herzogsvertrauten⸗Diplom ſo gut wie in der Taſche. Flugs begab er ſich in ſeine Stube im Entreſol, über⸗ legte da eine Weile, zog dann eine ſcharmante Jagduniform an, vor welcher ſchon mancher Haſe im freien Feld, manch Kaninchen im engen Geheg erſchrocken war, und ſtand wohl⸗ gemuth zur bezeichneten Friſt in dem fürſtlichen Kabinet. Ja, das war noch immer wie ehedem die alte Räumlichkeit, worin⸗ nen der Herzog mit ihm geſchäckert, oder des Landes Wohl berathen! Da waren noch die hohen Spiegel, vor welchen Thaddäus ſeine winzige aber angenehme Perſönlichkeit beifällig gemuſtert; das Sofa, auf dem er manch liebesmal faul gele⸗ gen, während der Herr ſeine Audienzen gegeben; da ſtand noch der braun⸗ und blankgebeizte, vieleckige Tiſch, ruhend auf einer vergoldeten Syrene, mit galantem Fiſchſchwanz, auf welchem Tiſche der Herr Tag für Tag dem mühſamen Geſchäft des Un⸗ terzeichnens obgelegen. Alles war da, nur fehlte des Gebieters geliebte Perſon und an ihrer Statt ſaß im ſchwarzdamaſtenen Armſtuhl der Chef der Kommiſſion, der Fünfziger, mehrerer Orden Ritter und Kommandeur, auch Excellenz. Der Hofzwerg machte ſeine Verbeugung. Die Ercellenz, deren Vater bei Roßbach mitgefochten und etwas vom altpreußi⸗ ſchen Weſen dem Sohn hinterlaſſen, geruhte im Seſſel ausge⸗ ſtreckt zu verbleiben und mit dem air goguenard eines ultra⸗ 13 vornehmen Herrn zu ſagen:„Ah! Er iſt pünktlich, Weiſe Zaches, ſo hab' ich's gern.“ 2 Der Zwerg ſtutzte, lüpfte ſich, die Naſe rümpfend, auf 5 ſeinen beſpornten Abſätzen, ſchüttelte mit einer Hand den Fe⸗ derhut, mit der andern das verſilberte Hirſchfängerlein an ſeiner Seite und entgegnete in ſchneidender Fiſtel:„Die höchſtſelige Durchlaucht nannten mich Du, das Land Sie!— Ich habe Kammerdieners⸗Rang, heiße auch nicht Zaches, ſondern Fin⸗ gerlin.“ „Alle Wetter!“ machte die Excellenz nach einer Pauſe ſpaßhaft:„Bitte alſo tauſendmal um Vergebung, mein lieber kleiner Herr! Sie geben mir eine wackre Lektion, Sie, und wenn Sie ſo aufrichtig ſein wollen, als Sie auf Ihren Stand und Rang halten, ſo wird Ihnen nicht nur meine, ſondern Sr. Durchlaucht des jetztregierenden Herzogs Achtung in vollem Maße werden.“ Der Genugthuung froh und Beſſeres erwartend, verſetzte Fingerlin:„Was wünſchen Exeellenz von mir?“ „Zuvörderſt,“ hob der Kommiſſions⸗Chef an, will ich Ihnen bemerken, daß unſere Unterredung eine ganz vertrauliche ſein ſoll, und daß Sie mir daher zu berſprechen haben, kein Wort davon laut werden zu laſſen, der Erfolg ſei, welcher er wolle.“ Feierlich erhob der Hofzwerg ſeine Fingerchen wie zum Schwur, und ſprach möglichſt tief und männlich:„Das ge⸗ lobe ich.“ „So hören Sie denn,“ ſprach der Chef, indem er ſich noch bequemer in den Stuhl zurück legte„ich will kurz ſein und gleich in die Sache eingehen.“ Da Thaddäus mißfällig bemerkte, daß man ihn nicht ſitzen hieß, nahm er behende und ohne Umſtände unter dem Buſen der Syhrene das kleine bunte Schemelchen hervor, wor⸗ auf er ſo oft zu ſeines Herrn Füßen geſeſſen, pflanzte ſich dar⸗ auf und ſagte dreiſt:„Mein erlauchter Herr ließ mich nicht ſtehen vor ſeinem Angeſicht, wenn er Wichtiges mit mir abzu⸗ thun hatte.“ „Auch gut,“ ſchmunzelte die Excellenz:„Paſſen Sie aber auf. Die Kommiſſion, der ich vorzuſtehen die Ehre habe, hat alles hier erhoben, was zu erheben, alles verrichtet, was zu verrichten war, und könnte getroſt abreiſen, und der Zufrie⸗ denheit Sr. regierenden Durchlaucht verſichert ſein; allein es bleibt ihr noch eine ernſtliche Bedenklichkeit, ein unabweisliches Befremden zu beſeitigen. Wir wollen nicht leugnen, daß wir principaliter gehofft hatten, die Schatulle des Herzogs Ni⸗ kolaus, dem Gott die allergnädigſte Ruhe ſchenken möge, beſ⸗ ſer verſehen, reicher gefüllt vorzufinden. Wir haben uns ge⸗ täuſcht geſehen“ Die Handkaſſe enthält nur wenig; in den Aufzeichnungen des hohen Verblichenen iſt keine Spur von an⸗ derweitigen Kapitalien und fürſtlichen Erſparniſſen zu finden. Das allerhöchſte Teſtament ſchweigt darüber, obgleich dem Beſitz Ergreifenden ſchwierige Laſten aufbürdend. Nun iſt nicht an⸗ zunehmen, daß ein knauſeriger.. ein genauer Herr, wollte ich ſagen.. wie der ſelige Herzog geweſen, nicht einen reichen Noth⸗ pfenning, einen Schatz, beſſer geſagt, aufgeſammelt haben ſollte. Er hatte ja— Sie erlauben mir wohl es zu ſagen, da dieſes 15 ſeine übrigen Regententugenden nicht ſchmälert..— hier mußte die Excellenz nieſen und der Hofzwerg ſprach ein ſal⸗ bungsvolles„Gott erhalte Euer Ercellenz noch lange Jahre!“ Nachdem er würdevoll gedankt, fuhr der Chef fort:„Er hatte alſo, ſo zu ſagen, beſtändig die Hände in den Taſchen ſeiner glücklichen Unterthanen, und den Landeskaſſen floß nur ſpärlich, was ſie brauchten, zu. Nebſtdem trieben weiland Sereniſſimus keine koſtſpieligen Liebhabereien; Sie reiſten nicht, Sie waren ein getreuer Ehegatte, Sie verwendeten nichts auf Dero Armee. die hundertundfünfzig Mann hatten ihren eige⸗ nen Etat, worüber nicht hinausgegangen wurde. Die Gaſt⸗ freundſchaft koſtete Höchſt Ihnen nichts, weil Sie keine bewil⸗ ligten, Dero Jagden waren ein ſehr einträgliches Regale ohne bedeutende Auslagen; Muſeen und Theater waren nicht vor⸗ handen. wo alſo iſt das viele Geld, womit der Herr— ich will ſagen, der Allmächtige— den Durchlauchtigſten geſegnet, geblieben 2“ „Ich wüßte nicht,“ antwortete nach einer Pauſe der Hof⸗ zwerg; doch war der menſchenkenneriſchen Ercellenz nicht ent⸗ gangen, daß Fingerlins Näschen ſich in die Höhs, ſein Un⸗ terlippchen aber ſich niederzog und daß er, wie ein in die Luft ſpähendes Hündchen, gleichſam windete, als ſei ein Wild in der Nähe zu fangen.— Daher fuhr der Chef nachdrücklich und ſelber dreiſter auf der Fährte fort: „Sie waren des Seligen Vertrauter, ſeiner Geheimniſſe ſtrenger Siegelbewahrer.. nicht wahr?“ Der Zwerg lächelte geſchmeichelt.—„Ich hatte die Gnade,“ bemerkte er mit Selbſtgefühl,„aber 16 „Ich könnte Sie,“ redete die Excellenz weiter,„bei dem Eid, den Sie vor einer Stunde unſerm gnädigſten Herrn ge⸗ leiſtet, befugtermaßen und ſtrengſtens anhalten, unumwunden die reinſte Wahrheit auszuſagen. Doch appellire ich mehr an Ihr hohes Ehrgefühl, ja, an Ihren Ehrgeiz, den löblichen, und ermahne Sie mit Freundlichkeit und sub rosa eine Ge⸗ legenheit nicht vorbei zu laſſen, die Ihnen des Herzogs Julius völligſte Gunſt zuzuwenden nicht verfehlen wird, und mir zu offenbaren, ob nicht und wo der Durchlauchtigſte Todte etwa ein kleines Magazin von Kapitalien in Papier oder Baar⸗ ſchaften angelegt haben dürfte?“ Der Zwerg zuckte die Achſeln, ſchüttelte den Kopf, aber lächelte dabei ſo fein und ſchnippiſch, daß der Chef überzeugt wurde, mit ſeiner Wünſchelruthe auf den rechten Fleck getippt zu haben. Dringender, aber mit Sammetpfötchen den kleinen Extramenſchen ſtreichelnd, erging er ſich ferner in ſeiner Rede: „Offenbaren Sie, was Sie wiſſen, beſter Herr Fingerlin, le⸗ gen Sie das Saatkorn Ihres künftigen Glücks in meine ver⸗ ſchwiegene Bruſt. Jede Silbe der Enthüllung, die Sie aus⸗ ſprechen, als eine Formel, eine zauberiſche, ſchätzebringende, wird ein Goldtropfen ſein, der Ihnen tauſendfach vergolten werden ſoll. Herzog Julius iſt ein lebensfroher, neuzeitiger Fürſt und die Lebensfrohen der Neuzeit ſind freigebig, jind bürgerfreundlich, haben längſt die Kluft überwölbt, die im der Zopfzeit den Adelichen vom Plebejer getrennt. Vertrauen Sie dem Herzog.. vertrauen Sie mir, ich bin ein guter Mann, bieder denkend und offenherzig redend, meinen Verheißungen ge⸗ treu bis zum Grabe. Reden Sie, es gilt Ihr eignes Beſte“ 17 Da nun Thaddäus immer noch ſchwieg, aber dabei über⸗ legend den Kopf hing und ungeduldig fiebernd die Hände rieb, wagte der beuteluſtige Chef einen Fechterſtreich und ſchnaubte ſein Männchen ängſtlich, haſtig, zugleich Verhörrichtermäßig an:„Oder wäre es ſchon zu ſpät? Hätten Sie etwa der ver⸗ wittweten Herzogin Durchlaucht ſchon offenbart, ſchon ausge⸗ händigt..25 Ueberraſcht und gehäſſig fuhr Fingerlin empor und rief: „Da hab' ich mich wohl gehütet! Und hätte mir's der Herzog auch befohlen, wer weiß, ob ich...“— Er ſchwieg, ſehend, aber zu ſpät, daß er ſich verſchnappt. Geruhig fuhr der Chef fort:„Sie hätten ohne Zweifel als ein getreuer Unterthan Ihre Pflicht gethan. Indeſſen wird der Selige in dieſem Punkt keine Verfügungen hinterlaſſen haben?“ „Er ſtarb zu ſchnell;“ entgegnete Thaddäus, der immer tiefer in die Schlinge gerieth. „Gut, ſo erfüllen Sie jetzo Ihre Pflicht als Unterthan des neuen Herrn. Eine angenehme Pflicht, die Ihnen Roſen bringen wird. Geld iſt alſo da, geben Sie mir die Stelle an, wo es liegt.“ Der Zwerg murmelte verlegen lächelnd:„Sie trauen mir el zu, Erxcellenz. Wäre aber der Fall, was Sie vor⸗ ausſetzen„wer ſteht mir dafür, daß unſer neuer Landesherr den Entdecker mit ſeiner Gunſt begnadigen werde? Was wäre der Lohn für ſolchen Dienſt?“ „Sie haben ſelbſt zu beſtimmen,“ entgegnete äußerſt leut⸗ ſelig der Chef,„fordern Sie, was billig und es ſoll Ihnen Der Erzähler. 1846. I. 2 18 gewährt ſein. Ich habe Vollmacht, bin Ihnen geneigt, mein Wort iſt heilig.“ Thaddä erhob den Kopf ſtolz und entſchieden, und hob an:„Erſtens...“ er zählte dabei an den Fingern und die Excellenz, vorausſehend, daß der Bedingungen etliche kommen würden, zog ſeine Schreibtafel hervor und notirte ſich Punkt für Punkt. „Erſtens müßte ich meinen Gehalt von dreihundert Tha⸗ lern und freie Station behalten, auf Lebenszeit behalten.“ „.. Behalten; weiter!“ „Zweitens meinen Rang und Holz und Licht und jähr⸗ lich eine Gratifikation von 50 Thalern.“ „ Fünfzig Thalern.— Ferner?“ „Drittens müßten Durchlaucht gnädigſt mich in Ihre Kammer nehmen, und als Hofzwerg an Dero Hofe einreihen, wenn, wie ich beinahe fürchte, hieſige Stadt die Reſidenz ver⸗ lieren würde.“ „. Verlieren würde.— Noch etwas?“ Der Zwerg kratzte ſich am Kopfe, die Bereitwilligkeit des Zuſagers ermunterte ihn, noch mehr zu fordern.. aber ihm fiel nichts ein. Er geſtands, der Chef klappte ſein Taſchen⸗ buch zu und ließ ſich ſänftiglich vernehmen:„Der Herzog wird, denke ich, noch mehr thun, als das, wenn, wie ich hoffe, der Schatz ſeinen Erwartungen entſpricht. Darauf gebe ich Ihnen die Hand.“ Fingerlin, von glänzenden Träumen und Ausſichten durch⸗ ſchauert, führte nun in tieſſter Stille und Geheimniß die Ex⸗ eellenz durch ein paar an's Kabinet ſtoßende Verſchläge in eine 4 16 geräumige, aber längſt außer Gebrauch gekommene Küche. Eine Menge von abgenutztem Geräth hing, lag, ſtand an den Wän⸗ den umher. „Da iſt der Ort,“ ſagte Thaddäus und holte mit Mühe aus dem finſterſten Winkel ein Stemm⸗ und Hebeiſen hervor. „Hier?“ fragte der Chef ſtutzig:„Ei, hier bin ich ſchon mit der Kommiſſion geweſen und aufgezeichnet iſt alles, was hier vorhanden.“ „Pſt!“ ermahnte der Zwerg geheimnißvoll:„hinter den Bergen wohnen auch Leute. Geruhen Excellenz, Dero Hände zu einem gemeinen Geſchäft zu mißbrauchen Ich bin dafür zu ſchwach.“— Dem Chef die Eiſen überantwortend, deutete er auf eine in der Fenſterniſche angebrachte Steinbank und fuhr fort:„Da, juſt, wo ich Ihnen hindeute, ſtemmen Sie an und heben Sie aus Leibeskräften.“ Es geſchah. Die ungemein ſchwete Steinplatte wich mit Mühe und ein tiefer Behälter, angefüllt mit Goldrollen und Thalerſäcken that ſich langſam auf.—„Viktoria!“ ſeufzte wonniglich der ſchwitzende Staatsmann.. Mit gierigen Händen die Baarſchaften heraushebend, hängte er an den Siegesruf die Frage ſteigenden Golddurſts:„Wo noch?“ „Nirgends,“ verſicherte der Zwerg:„iſt das nicht ſchon genug?«“— Worauf die Ereellenz ſchwermüthig lächelnd: „Beſter, Sie kennen unſern Herzog noch nicht. Das Wörtchen „Genug“ ſteht nicht in ſeinem Wortregiſter!“ „So?“ fragte Thaddä mißtrauiſch entgegen.—„Fürch⸗ ten Sie darum nichts, Geliebter!“ fuhr der Chef beſchwichtigend 20 dazwiſchen:„Ihr Lohn wird Ihnen dennoch. Ich bürge Ihnen für den Herzog, wie für meine Zuſagen; aber reinen Mund gehalten!“ — 3. „Wenn die Hoffnung nicht wär', ſo lebt' ich nicht mehr!“ Ein guter, alter, grunddeutſcher Reim, beiläufig der ganzen Welt als Troſtſpruch zu empfehlen! Von dem Balſam dieſes Troſtes geſtärkt, ging am Abend nach der Abreiſe der hochver⸗ ehrlichen Uebernahmskommiſſton der Hofzwerg, in ein ſehr in⸗ tereſſantes Mantelkoſtüm gehüllt, nach einem weitläufigen Spa⸗ ziergang, in die Vorſtadt hinaus, wo unter grünen Linden ein klein und ſchmales Häuschen ſtand: ſeiner Abendgänge gewöhn⸗ liches Ziel. Das Häuschen gehörte einſt dem alten, lang verſtorbenen Silberdiener, und war an Agneſe übergegangen, die allda in ſtrenger Wittwenſchaft die Tage des Alters erwartete, ſich näh⸗ rend ſchlecht und recht von Arbeit und vom Erträgniß eines Kapitälchens, das ihr der Vater hinterlaſſen.— Nach dem Jode des Silberdieners hatte ſich nach und nach eine Annähe⸗ rung zwiſchen dem Hofzwerg und Agneſe gemacht. Das An⸗ denken einer wenn gleich unglücklichen und verſchollenen Liebe, die jedoch immerhin die erſte des armen Thaddäus geweſen und ſeines Lebens einzige geblieben, hatte ihn wie an einem unſicht⸗ baren Gängelband wieder der Wittwe zugeführt, die ihrerſeits nicht ungern in ihrer vereinzelten Stellung einen Freund ge⸗ wann, der bielleicht eimnal nicht nur rathen, ſondern thätig helfen konnte, als ein Günſtling des Herzogs. Ueberdies waren 21 ſo manche Jahre über Agneſens und Fingerlins Scheitel hin⸗ gerollt, daß von einer neuaufbrennenden Zärtlichkett des Letz⸗ tern keine Rede ſein konnte. Daneben war Agneſens Wandel ſo muſterhaft, daß auch die ſpitzigſten Zungen der Stadt an der erneuten Bekanntſchaft mit Thaddäus nichts auszuſetzen fander; und zudem war jederzeit bei Fingerlins Beſuchen ein Zeuge zugegen, eine zierliche junge verwaiste Dirne, das blonde Traudchen, die aus Barmherzigkeit von der ſelbſt wenig be⸗ güterten Agnes in's Haus, in mütterliche Obſorge genommen worden war. Thaddäus betrat alſo Agneſens ſtille Stube. Die Haus⸗ frau und Traudchen nähten emſig und begrüßten mit Freund⸗ lichkeit den Gaſt, der von des ſeligen Vaters Sorgenſtuhl Beſitz mit fröhlicher Miene eine Priſe nahm, und die unge⸗ heure Doſe der wirthlichen Agnes anbot. Die Wittwe verſagte nicht, und ſprach alsdann:„Sie kommen voll von guter Laune, Herr Fingerlin. Wie ich höre, ſind Sie von der Kommiſſion wohl berathen und beſſer geſtellt worden, als die übrige Die⸗ nerſchaft?“ Mit großem Bewußtſein verſetzte Thaddäus:„Ich erwar⸗ tete es nicht anders, Agnes. Du weißt ja, wie ich über den Punkt gedacht.(Der Zwerg dutzte alle Perſonen, die ſeines Standes und unter demſelben waren.) Mir thut's leid um die guten Leute, die jetzo mit Sack und Pack aus dem Schloſſe wandern müſſen. Was kann ich aber thun? Ich habe mein Entteſol behalten, ſo gut wie der Haushofmeiſter ſeine Woh⸗ nung und der Thürhüter ſeine Loge. Doch werd' ich ſelber 22 nächſtens wandern müſſen; nemlich, in die neue Hauptſtadt. Der Herzog kann nicht ohne mich ſein.—“ „Sie Glücklicher!“ ſeufzte Agneſe recht aus vollem Her⸗ zen. In kleinen Reſidenzſtädten kennt man kein höheres Glück, als die nächſte Anſchauung der regierenden Majeſtät. „Mir geſchieht nach Verdienſt;“ bemerkte Fingerlin gra⸗ vitätiſch und ſchlenkerte übermüthig mit den Beinen:„Die Natur hat mich nicht umſonſt zu einer Rarität gemacht. In der That“— hier lächelte der Zwerg boshaft—„wenn es auch hie und da Leute gegeben, denen ich zu klein geweſen, ſo wiſſen doch wieder Andere einen Extramenſchen von meinem Kaliber zu ſchätzen. Ein jeder Narr kann groß ſein,— von Statur, meine ich. Groß iſt jeder Grenadier, jeder Portier, jeder Vüchſenſpanner... vergib, Agnes; ich dachte juſt nicht an den Henri, übeln Angedenkens. Seufze nicht;'s war nicht bös gemeint. Aber, um fortzufahren, ſage ich: die größten Männer am Geiſte ſind von Alters her kleine Leute geweſen. Der große Alerander zum Beiſpiel und der Doktor Fauſt, Albertus Magnus und der Wallenſtein. Der heutige Fran⸗ zoſen⸗Konſul iſt, wie es heißt, ebenfalls nur ein paar Zoll höher als ich, und demungeachtet ein ganzer Kerl, der ſich für Geld ſehen laſſen könnte. Wer weiß auch, ob er nicht näch⸗ ſtens eine Reiſe durch alle Hauptſtädte und Länder Europa's antreten dürfte? Er würde die Neugierigen ſchön brandſcha⸗ tzen!— Doch für mein Theil halte ich nichts von dem Sich⸗ fürgeldſehenlaſſen. Wäre ich nicht ein Millionär..2 Dennoch hätt' ich's nie get han. Ich bin für den Hof geboren, und gib Acht, Agnes, Leute meines gleichen werden einſt friſchweg 23 zu Generalen und Marquiſen oder ſo was gemacht werden. Das bleibt nicht aus. Laß' mir ein Glas Wein vorſetzen, Agnes. Hier iſt Geld. Ich will meines neuen Herrn und Herzogs Geſundheit trinken.“ Während Traudchen gehorſam lief, um aus dem Wirths⸗ hauſe den Wein zu holen, ſprach Agneſe traurig zu Thad⸗ däus:„Ach, beſter Herr Fingerlin, wie iſt die ſelige Durch⸗ laucht ſo recht zur Unzeit geſtorben, und jetz wollen auch Sie mich verlaſſen? Wenigſtens aber verſprechen Sie mir, in Ihrer neuen fürſtlichen Kondition der armen Agneſe nicht zu vergeſſen, und ein gutes Wort für ſie einzulegen.“ „Ich zweifle nicht, daß ich's zu thun im Stand ſein werde,“ antwortete der Hofzwerg gnädig:„es ſoll mich freuen, für Dich etwas thun zu können. Welches wäre indeſſen Dein Anliegen? Wenn ſich's mit dem Wohl des Landes verträgt. 2“ „Ei, warum denn nicht?“ fragte Agnes, wider Willen des Zwergs Sorge für das Vaterland belächelnd, entgegen: „Die Sache iſt nur einfach dieſe: mein Heinrich, der Junge iſt achtzehn Jahre alt, verläßt in den nächſten Tagen das Lyceum, und ſollte entweder ein Stipendium erhalten, um etwas rech⸗ tes zu ſtudiren, oder wenigſtens eine kleine Schreiberſtelle oder dergleichen kriegen, die ihm in ein paar Jahren eine Beför⸗ derung verſpräche, und hinlänglich Brod, um eine Frau er⸗ nähren zu können.“ „Eine Frau?“ machte verwundert der Hofzwerg. „Sie glauben nicht,“ fuhr Agnes vertraulicher fort,„wie ſehr der Heinrich und das Traudchen ſich lieben. Ach, wenn manchmal der Burſche von ſeiner Schule herüber kömmt,— 24 und Sie mögen glauben, daß er gewiß jedes Vakänzlein be⸗ nützt, um die paar Meilen zurückzulegen— welche Freude iſt dann in meinem Häuschen los!“ „Aha!“ grinste Thaddäus:„Dann iſt Traudchen aus dem Häuschen.“ „Und Heinrich nicht minder, beſter Herr Hofzwerg. Mir gehen dann gar oft die Augen über. Ich liebe die jungen Leute ſo herzinniglich! Traudchen iſt mir werth, wie der eigne Sohn... und der eigne Sohn mehr, als Alles in der Welt. Nun, Sie begreifen das; haben ſelbſt einmal Vater und Mut⸗ ter gehabt. 4 „Zufällig;“ verſetzte Fingerlin, und erinnerte ſich, wenig erbaut, an den Radſchuh, der ſein Bett geweſen; an ſeines Vaters chriſtliche Wünſche; an der Mutter Vorliebe für ſeine jüngern Geſchwiſter, und wie ſie ihn in den Flammen bver⸗ geſſen.— Aber mit edler Bereitwilligkeit fügte er hinzu: „Du haſt gehofft, vom ſeligen Herzog zu erhalten, was ich vom neuen erbitten ſoll? Der Herr war eben nicht von Schen⸗ kenbach und Gebenhauſen?“ „Er verſprach mir einſt... es iſt ſchon Enge he meinte Agnes, leicht erröthend:„er hatte damals ſeine Stunde.. und wenn der Knabe erwachſen ſein würde, ſagte „Pß! Dein Rothwerden, Frau Wittib, gefällt mir nicht ſonderlich!“ hob der Zwerg etwas unwirrſch an:„ich weiß von ſeinen guten Stunden zu erzählen... Du warſt damals noch jung... laſſen wir das“— Thaddä fuhr mit ſeinem Tüchlein über Augen und Stirne und ſagte nach einigem 25 Bedenken gefaßt:„Sieh, Agnes: damit Du Dich überzeugſt, wie ſehr ich Dein Freund geworden und geblieben, ſo will ich das Verſprechen des Herzogs Nikolaus verwirklichen. Dein Heinrich ſoll drei Jahre lang alle Neujahr von mir hundert Thaler erhalten...; das iſt ſchon ein jettes Stupidium. Iſt's ſo recht? langt's aus zum Studiren?“ „Ach, großmüthigſter Herr!“ rief überraſcht Agneſe und hätte dem Zwerg beinahe die Hand geküßt:„Wie ſoll ich das vergelten? Solche Güte! Darf ich's aber annehmen? Sind Ihre eigenen Mittel reich genug..2“ „Pſt!“ wiederholte der Zwerg:„die einzige Bedingung iſt, darüber gegen Jedermann zu ſchweigen. Der Mann, der Dir zum Ehegatten zu klein geweſen, hat ein reiches Herz, und ein ſolches macht alles möglich. Aber ſtille gegen Jedermann, ſonſt „Gewiß, gewiß;“ verſicherte Agnes froh:„wir Weiber können auch manchmal ſchweigen, wenn das uns Vortheil bringt.“ „Katzennatur, Katzenart!“ lächelte der Zwerg, wie Einer, der Quaſſia im Munde hat, zu lächeln pflegt:„ich halte, was ich verſpreche, und erſpare mir dabei die Mühe, meinen neuen Herzog alſogleich anzubetteln. Für des Heinrich Anſtel⸗ lung ſorge ich dann um ſo beſſer. Herzog Julius wird ver⸗ nünftig genug ſeynd mir in ſeinem Ohr denſelben Platz zu gönnen, den ich bei Herzog Nikolaus beſeſſen.— Sieh, da kommt Traudchen. Her das Glas, her den Wein. Schenkt euch ein, ihr Weiber. Der todten Durchlaucht und der leben⸗ digen ein feierliches Hoch!“ 26 4. „Wenn die Hoffnung nicht wär', ſo lebt ich nicht mehr!“— Es vergingen Tage, lange Tage, Wochen, lange Wochen, ein Monat, ein unendlicher Monat, und immer kam noch nicht der große Brief mit dem Hofmarſchallamtsſiegel, den der Hofzwerg ſo ungeduldig erwartete: ſeine Berufung in die neue Reſidenz. Aber Thaddäus lebte immer noch, weil die Hoffnung ihn aufrecht erhielt, und ging viel ſpazieren, um ſich von der Sehnſucht der Erwartung zu zerſtreuen. Er ſchritt wie ein Geheimniß durch die Straßen, in einem Ueberrock, der ihm bis auf die Ferſen fiel, mit einem enormen Rundhut auf dem Kopfe, in den Händen den längſten Spazierſtock, der ſich in der Stadt vorgefunden.— Aber bald hatte unter dem ungeheuern Hut ſeine Ungeduld nicht mehr Raum; er faßte einen großen Entſchluß: er ſchrieb einen Brief an die Excel⸗ lenz, im größten Format, mit zolllangen Buchſtaben, mit einer Adreſſe, die ein Blinder hätte greifen können, mit einem Siegel, größer als das herzogliche mit dem ſechszehnfelderigen Wappen. Der Kleine liebte, Alles großartig in's Werk zu richten, gigantiſch in's Zeug zu gehen.— Der Brief reiste ab; wie gern wäre der Schreiber in Perſon nachgereist! Aber, war nicht zu fürchten, daß des Herzogs Befehl eintreffen möchte, juſt da er, Thaddäus, der neuen Reſidenz zueilte?— Somit wartete er und zählte die Tage, die Stunden, die Mi⸗ nuten.— Endlich.. o, die Excellenz war nicht mit Gold aufzuwiegen... endlich kam von ihr Beſcheid. Der Zwerg küßte die Aufſchrift des Briefs; eine Minute ſpäter hätte e 27 nicht mehr gethan. In dem kurzen Beſcheid hieß es:„Dem ehemaligen, nun penſionirten Hofzwerg Th. Fingerlin wird kund gethan, daß Se. Durchlaucht demſelben, um ſeiner Ver⸗ dienſte willen, allergnädigſt eine Gratifikation von 25 Thalern ein für allemal bewilligt, ſeine übrigen Verhältniſſe jedoch, wie ſie jetzv eben beſtehen, aufrecht gehalten haben. Um ſo mehr iſt der ehemalige Hofzwerg zu bedeuten, ſich dabei zu beruhigen, als ihm im entgegengeſetzten Fall die allerhöchſte Gnade entzogen, und nachträglich eine Kriminalunterſuchung wegen Verheimlichung von Staatsgeldern zugemittelt werden würde.— Siegel; Unterſchrift— alles ächt, alles kein Traum! — Der böſe Traum kam nach der Hand. Der alte Römerkaiſer, der, den Kopf an alle Wände rennend, vom griesgrämigen Schickſal und von dem dummen General Varus ſeine Legionen, ſimpelhaft genug, wieder for⸗ derte, kann unmöglich in einer ſchauderhaftern Laune geweſen ſeyn, als der Hofzwerg, der die ſpaniſchen Schlöſſer ſeines Ehrgeizes ſo elendiglich zuſammenſtürzen ſah. Und eben ſein Ehrgeiz, eben ſein Starrſinn war's, der ihm unterſagte, irgend einer Seele ſein Leid zu klagen. Klagen erleichtern die Bruſt, aber ein großes Herz 5 ſtill und ſtolz ſein Wehe, wenn gleich der Schmerz dann doppelt brennt.“ Fingerlin kroch ſein Bett; das größte, das im gan⸗ zen Lande ſtand. Er hatte ſich's expreß anfertigen laſſen, um ſomit in ſeiner Lebensgeſchichte den ſchnöden Holzſchuh, der ſeines jüngſten Daſeins erſte Wiege geweſen, auszugleichen.— Allein das Rieſenbett war nicht geräumig genug, um neben dem kleinen Leibe des Beſitzers das Heer von Sorgen, 28 Aengſten und Qualen beleidigten Ehrgefühls aufzunehmen, das über ihn gekommen war. Die böſen Geiſter wimmelten in Schwärmen um die Kiſſen des Thaddäus, zupften an ſeinen ſtruppigen Haaren, rupften an ſeinen unruhigen Gliedern, und wenn er mit der Hartnäckigkeit, die Leuten ſeines Schla⸗ ges eigen, dennoch ſich in Schlummer berſenkte, ſo geſchah es nur, um in einen Traum zu berfallen, der ſeine Unruhe bis auf den höchſten Grad ſteigerte und ihn endlich mittelſt der gräßlichſten Bilder und Vorſtellungen erweckte;— die Schloß⸗ uhr ſchlug eben heiſer die mitternächtliche Stunde an.— Wenn in dem öden Pallaſt, den die verwittwete Herzogin längſt und die geſammte Hofdienerſchaft verlaſſen, Jemand von dem Thun und Treiben, das Thaddäus jetzt unternahm, hätte Zeuge ſein können, er würde ſich bekreuzt, geſegnet und allen himmliſchen Mächten beſtens empfohlen haben. Er hätte nämlich mit leib⸗ haftigen Augen geſchaut, wie der Hofzwerg, aufgeſchüchtert als ein ſcheues Reh dem Goliathbett entſtieg, oder beſſer geſagt entpurzelte; wie er in der einfachſten Nachttracht eines Jung⸗ geſellen, im flatternden Hemdchen und behelmt mit einer Nacht⸗ mütze ohne Ende, im Zimmer umher ſchoß und Licht zu machen ſuchte, was ihm zehnmal mißglückte, bis es ihm einmal ge⸗ lang; wie er alsdann, die Leuchte in der einen, einen gewal⸗ tigen Schlüſſel in der andern Hand, auf den Flur ſchlüpfte, und von dannen über eine kleine Treppe in den nun völlig verlaſſenen Trabantenſaal drang, und von dort aus durch eine Thüre, die einen Kamin zu verſchließen ſchien, ſeinen Weg nahm und einen ſchauerlich langen Gang durchſchreitend, an die Pforte des alten Chriſtophthurmes gelangte, der, das 5 3 — 38 M 9 9 einzige Ueberbleibſel des mittelalterlichen Herrenſchloſſes, aufrecht und in Verbindung mit dem Rococopallaſte geblieben war.— Es verſteht ſich von ſelbſt, daß in jenem Thurm mehrere Ge⸗ ſpenſter von verhungerten Rittern und eingemauerten Mönchen umgingen; den Glauben ließ ſich Volk und Hofdienerſchaft nicht nehmen. In jener ve rhängnißvollen Nacht aber war nur ein Geſpenſtlein im Schloſſe wach: der arme Hofzwerg in ſei⸗ nem flatternden Hemdlein, in ſeiner wehenden Zipfelmütze, einem Gnomen zu vergleichen, der mit roſtgem Zauberſchlüſſel den Schacht voll von Schätzen zu revidiren geht, welcher vom großen Erdgeiſt ſeiner Obhut anvertraut worden.— Krack! krack! Der Schlüſſel hat im Schloß geklirrt, die ſchwarze Pforte thut ſich gähnend auf.... mit flackernder Leuchte ſteigt der Zwerg über einige Stufen nieder in das Thurmgemach... aber leer und öde iſt die Stätte. Keine Spur von Schätzen, von Haufen blanken Goldes, von unterirdiſchen Prachtdiamanten! Lange Spinnengewebe flirren vor der Leuchte des Zwerges ein⸗ her, kriechenden Ungeziefers geſtörter Sabbat flüchtet ſich eiligſt vor den Strahlen des Lichts in den Abgrund und von der Spitze des Thurmdaches lacht die Eule ſo unbefangen in die Nacht hinein, als wäre ſeit Uhu's Gedenken kein menſchlicher Fuß in ihre Nähe gekommen.— Und der Zwerg, vor Zufrie⸗ denheit ſtumm, ſieht ringsum in der weiten todten Halle, faltet ſeines Angeſichts ſchreckhaft verzerrte Züge in ein ganz gemüthlich, ſchier aber lächelndes Antlitz, und ſpricht erſt nach mehrern Seufzern der Erleichterung, die ſeiner Bruſt entquollen:„Gott ſei Dank,'s war nur ein Traum!“— kehrt dann wieder um, ſchließt ſorgfältig die Thüre zu, wandert getroſt über Gang und Saal und Treppe und Flur heimwärts, legt ſich, von Froſt vurchſchüttelt, in das bewußte Bett⸗ Monstre, und kriegt alſobald ein Fieber, wie ſich's der phan⸗ taſiereichſte Arzt nicht ſchöner wünſchen mag. Die Krankheit, die von Verkültung und Gallenberſtim⸗ mung ſehr niedlich ausgearbeitet war, wich indeſſen ſchon nach einigen Tagen der Lanzette und den Schröpfköpfen des erfahr⸗ nen Hofbaders und der herzlichen Pflege jener guten Agneſe, die ſchleunigſt herbeigeeilt war, um vas Leben des Wohlthäters ihres Heinrichs zu ſchirmen und zu erhalten.— Die erſte Frage, die der gerettete Hofzwerg mit ängſtlichen Blicken an die Pflegerin richtete, war:„Hab' ich geplaudert? Was hab' ich im Fieber geſprochen?“— Worauf Agneſe, ihm zum Troſte lächelnd:„Immer nur das Eine, lieber Herr Fingerlin: Man muß nicht alle ſeine Eier in einen Sack ſtecken; wie⸗ wohl in aller nur erdenklichen Wortverſetzung, haben Sie doch immer nur dasſelbe geſagt!“—„Gewiß? lügſt du nicht, Ag⸗ neſe? Hab' ich nicht von einem großen Staatsgeheimniß gefa⸗ belt? Sind nicht Schergen da geweſen und haben meine Kiſten und haben meine Kaſten unterſucht? Sind nicht Landreiter gekommen, um mich zu verarreſtiren und nach der neuen Re⸗ ſidenz zu ſchleppen?“—„Behüte Gott, lieber Herr Finger⸗ lin. Ich bin Tag und Nacht nicht von Ihrem Bett gekommen und habe keinen Menſchen geſehen, als den Bader und den Badersknecht und die Frau des Thürhüters, die Ihnen die Suppe bereitete und Eisumſchläge um die Schläfe legte.“—„Gott ſei Dank!“ murmelte wiederum Thaddäus:„ſo iſt auch das —— — —— 31 nur ein Traum geweſen, und es kommt mir gut, daß meine Eier nicht in einem Sack ſtecken.“ Agneſe wußte freilich nicht, was der Hofzwerg beſtändig mit ſeinen Eiern und ſeinem Sack ſagen wollte, unterdeſſen aber genas der Kranke und von ſeinem Fieber blieb ihm nichts zurück als eine intereſſante Bläſſe. Seine Seele war ruhig geworden wie das Meer, wenn es einen glatten Spiegel vor⸗ ſtellt, die Hoffnung war von nun an wieder in ſeine Bruſt eingekehrt. Agneſe hatte ihm, um ihn zu erheitern, mehrere Nummern der priollegirten Landeszeitung vorgeleſen, worinnen Herzog Julius pflichtgemäß über den Schellenkönig hinausge⸗ lobt wurde und der Zeitungsſchreiber hatte nicht ermangelt, von dem Belobten mehrere Regenten⸗, Huld⸗ und Gnadenſtücklein zu erzählen, die, wenn auch nicht wahr, doch recht gut und pa⸗ triotiſch erfunden waren.— Nachdem auf dieſe Weiſe der gute Fingerlin erfahren, daß der Herzog in ſeinem neuen Ländchen dem gebrechlichen Regiſtrator£ eine Laſt Kartoffeln, dem in ſeinem Beruf zu Schaden gekommenen Straßenaufſeher 9 drei Thaler und ſechszehn Groſchen, dem ſeit längerer Zeit baarfuß laufenden Schullehrer Z ein Paar Stiefel geſchenkt, tröſtete er ſich ſelber mit den beſten Ausſichten.—„Wenn der Herzog ſo wohlmeinend mit der ordinären Kanaille ver⸗ fährt,“ rief Thaddäus oft begeiſtert aus,„ſollte er taub gegen die Bitte eines außerordentlichen Menſchen ſein, wie ich einen vorſtelle? Unmöglich! Er weiß nur noch nicht, was an einem ehrlichen und ſoliden Hofzwerg iſt, was er an mir, dem Ver⸗ trauteſten aller Hofzwerge, haben könnte! Sobald ich wieder völlig hergeſtellt ſein werde, will ich in eigener Perſon mich Herrn vorſtellen, und mir wird's gehen, wie da er kam, ſah und fiegte. Aber dann, Du gute, meineidige Excellenz, die mich betrogen und elend hinter's Licht geführt, dann: gute oder ich dem gnädigſten dem weiland Cäſar in ſelbiger Bataille, belogen, Nacht! Du ſollſt penſionirt und banniſirt werden, will am längſten Hofzwerg geweſen ſein!“ 5. Das gute Glück ſchien dem hochſtrebenden Thaddäus die Reiſe erſparen zu wollen. Eines Tags— er hatte ſchon einen Koffer geliehen, um ſeine Reiſeeffekten einzupacken— erſchallte der große Wald, der nordwärts an die Stadt ſtößt, von ftemd⸗ artigem Jagdgetön, von Hörnerklang, von Halloh und Hunde⸗ gebell. Alle Bürger ſteckten die Köpfe aus den Fenſtern, an den Brunnen ſchwieg plötzlich die Konverſation der Mägde, der Feuerwächter auf St. Martin lugte weitaus durch ſein Fernrohr. Wer zufällig am Norderthor ging, ſtand oder ſitzend Maulaffen feil hatte, kam zu allererſt auf den Grund der Sache. Denn in geſtrecktem Trabe ſtürmte ein Küchenwagen, mit des Herzogs Wappen bemalt, in die Stadt, Reitknechte mit ledigen Handpferden folgten, ein Kammerfourier, einſpän⸗ nig, aber ſchnell wie der lebendige Gottſeibeiuns, jagte nach, und all dieſer Pomp raſſelte vor das Schloß, und der Fourier rief dem unterm Portal leichenblaß erſcheinenden Verwalter zu: „Der Herzog, der Herzog tommt! Geſchwinde das große Thor aufgeſperrt, geſchwinde Feuer auf den Herd! Seine Durchlaucht werden nicht lange ausbleiben, die Jagd iſt beinahe zu Ende 33 und der Herr will hier im Schloſſe ſein Mittagmahl ein⸗ nehmen!“ Da war's heraus, das große Geheimniß. In allen Ecken der Stadt gab es Unruhe und Getümmel. Der Magiſtrat rot⸗ tete ſich zuſammen, die Zünfte liefen auf ihre Herbergen, die Behörden warfen ihre Schreibärmel weg und wurden zur Stelle ſchwarz— von Gewand. Die Schullehrer riefen ängſtlich nach neugewaſchenen Mädchen und Blumenſträußen, der Thurm⸗ wächter wollte die Sturmglocke anziehen, die Miliz unter die Waffen treten.— Das Entſetzliche wäre auch beinahe geſche⸗ hen; zum Glück erſchien noch rechtzeitig ein milder kleiner Herr, ein Kammerherr des Fürſten und ſein Vorläufer und bedeutete der durcheinanderwogenden Gemeinde, daß der Herzog ſich alle und jede Feierlichkeit und Aufwartung verbitte, ja ſelbſt Ver⸗ zicht leiſte auf des Thürmers Zinkengebläſe, auf die Brand⸗ glocke und auf den Zapfenſtreich der Zopfmiliz. Der Hofzwerg, als ein Inſaſſe des Schloſſes, war natür⸗ lich nicht der letzte geweſen, der die bedeutſame Kunde von der Ankunft des Allergnädigſten vernommen. Er machte einen Satz über ſeinen Koffer hinaus, klatſchte in die Hände und rief: „Fortuna iſt mir günſtig! Mein Prozeß iſt ſo gut als gewon⸗ nen und ich müßte mich ſehr wundern, wenn mich Sereniſſi⸗ mus nicht heute noch vom Fleck weg in ſeiner höchſteigenen Kutſche an ſeinen Hof entführte!“ Sein erſtes Geſchäft war vorläufig dem milden Kämmerer und Reiſemarſchall unter die Augen zu treten. Ein wackrer Mann, der bewußte Kammerherr! Selbſt von kleiner Statur empfand er Mitgefühl für Einen, der noch kleiner war als Der Erzähler 1846. 1. 3 34 er. Es ſchmeichelte ihm, dem Zwerg gegenüber beinahe ein großer Mann zu ſein. Und deshalb ſagte er gar ſanft und innig zu dem um eine Audienz beim Herzog anſuchenden Fin⸗ gerlin:„Ich will Ihrer Bitte und Ihrem Glück nicht hinder⸗ lich ſein. Halten Sie ſich bereit, in einer anſprechenden Klei⸗ dung dem gnädigſten Herrn beim Deſſert aufzuwarten. Ich werde Sie vorſtellen, lieber kleiner Mann.“— Worauf ſich der Vielbeſchäftigte in das Küchendepartement vertiefte, denn die Zeit gebot Eile und der Herzog drohte, ſehr hungrig ein⸗ zutreffen.. Thaddäus dagegen ſpürte weder Hunger noch Durſt. Die Seligen kennen dergleichen grobe Erdenbedürfniſſe nicht, und wer war ſeliger, als Thaddäus? Doch durfte auch Er keine Zeit verlieren, um, wie der Kämmerer befohlen, in anſpre⸗ chender Kleidung vor dem Meiſter und Herrn ſeines Glückes zu erſcheinen. Bereits blieſen die Jäger mitten in der Stadt ihre Fanfaren; der fürſtliche Wagen donnerte über den weiten Platz. einige Gaſſenbuben riefen„Vivat!“— eine Gruppe von anſtändigen Leuten, vor dem Schloſſe zuſ ſammengetreten, zog ehrerbietig die Hüte.. der Herzog war da! Und noch hatte der ſo ſchnell oom Glic überrumpelte Hofzwerg ſeine Kleiderwahl nicht getroffen, und die Wahl war doch ſo ſchwer! Wenn auch Fingerlin's ehemaliger Gebieter nur mit ſei⸗ ner gewohnten Knickerei für ſeines Hofzwergs Tafel geſorgt, und deſſen Beſoldung und Taſchengeld ſparſamſt zu gemeſſen hatte, ſo war er doch fürſtlich und kindiſch zugleich freigebig geweſen, wo es ſich um die Kleiderkammer ſeines Lieblings handelte Wie an Gelde, ſo auch an Launen reich, war HBerzog 35 Nikolaus, und ſo hatte er denn auch die Laune, ſeinen „Fingerlang“ alle Tage anders aufgeputzt vor ſich zu ſehen, und durch den Kleinen ſich das ganze Jahr hindurch eine er⸗ götzliche Maskerade aufführen zu laſſen. Der Hofſchneider hatte vollauf zu thun, den Zwerg zu bekleiden; alle Gattungen bon Trachten kamen nach und nach in ſeiner Garderobe zuſammen, je nachdem dem Durchlauchtigſten es gefiel.— Dieſe Kleider⸗ kammer nun war des Hofzwergs Eigenthum geworden, und in derſelben ameiſelte er gerade herum, um dasjenige Koſtüm auszuſuchen, welches ihm gleich beim Auftreten die Gunſt des neuen Herrn erobern ſollte. Da hingen die Gewänder längs der Mauer hin von allen Farben und von jedem Schnitt: Narrenjacken, Tirolerbauern, Schornſteinfeger, Mamelucken, Kalabreſen und Tartaren.. Die Wahl war ſchwer! Doch blieb am Ende Fingerlin's Blick, nachdem er lang geſchwankt zwiſchen einem Türkenkleide und einem zierlichen Pagenrock, auf einer Huſarenuniform haften, worinnen ſein hoher Gönner den Zwerg ausnehmend gern ge⸗ ſehen hatte. Der leibhaftige Vater Ziethen in ſehr verjüngtem Maßſtabe, wahrhaftig! Dem guten Thaddäus ging zwar der Schnurrbart ab, wie überhaupt bei ihm der Bart ein Un⸗ ding; aber dennoch hielt das kleine Naturwunder außerordent⸗ lich viel auf die ſtolze, martialiſche Haltung, die er ſich nach ſeiner Meinung in dem kriegeriſchen Ungarkleide zu geben wußte, auf das Schwanken des Adlerfittigs auf ſeinem Kolpack, auf das Klappern ſeines vergoldeten Sarraß und auf das Klirren der ebenfalls vergoldeten Sporen ſeiner Czismen. Der arme Kleinmeiſter! er ſpürte, in dem bunten Tand 36 ſteckend, eine Welt von Huſarenjugend in ſeiner Bruſt, und war doch, obſchon vor dem Spiegel ſich reckend und ſtreckend, blind für die tauſend Falten und Fältchen, die in ſeinem Ge⸗ ſichte wirr durch einander liefen! Er ahnte nicht, wie trüb⸗ ſelig, verwittert und verblichen er ausſah, werth, verglichen zu werden einem alten verſchimmelten Bilde irgend eines in früh⸗ reifer Jugend geſtorbenen Erben eines alterthümlichen Ge⸗ ſchlechts; wie man dergleichen wohl hie und da in beſtaubten Ahnenſälen trifft.— Aber das Schickſal ſteht oft in kohl⸗ pechrabenſchwarzer Unglücksmontur dem Menſchen zur Seite, und der Menſch merkt es nicht. So ging ſiegesfreudig Held Fingerlin auf den Kampfplatz, wo er Ehre, Rang und Wür⸗ den zu gewinnen dachte, und— leider— verlor er die Schlacht. Anfänglich ging zwar Alles gut. Nicht einmal eine ganze Viertelſtunde lang hatte der Zwerg im Vorgemach trip⸗ peln müſſen, der anweſenden Livree ein wunderlich lächerliches Schauſpiel. Das Deſſert war ſchnell hinein getragen worden, der verabredete Klingelzug geſchah, und dreiſt in das Tafel⸗ zimmer eintretend, ſah ſchon Fingerlin den milden Beſchützer, auch Kammerherrn, nächſt der Thüre ſtehen.— Der Herzog ſaß allein noch an der Lafel; einige Jagdjunker ſtanden ehr⸗ erbietig um ihn her. Der Kammerherr, ohne weitere Umſtände, nahm das Wort und ſagte:„Ich gebe mir die unterthänigſte Freiheit, Eurer Durchlaucht, bevor Höchſt Sie ihre Rückreiſe antreten, einen raren Menſchen vorzuſtellen, der, am Hof Ihres erlauchten Vetters erzogen und gebildet, keinen ſehnlichern 37 Wunſch hegt, als in Höchſt Ihrem Kammerdienſt ſein Leben zu beſchließen.“ Der Herzog, ein noch paſſabel junger Mann, von fadem Aeußern, überlebt und äußerſt kurzſichtig obendrein, wußte gar nicht, wovon die Rede, bis endlich Thaddäus, der mit vielen Bücklingen vorausgeſchritten, dicht vor ihm ſtand im Glanz der Kerzen und ſeines reichen Gewandes.— Aber, o weh! der Gnädigſte, ſtatt einen Blick der Huld von ſich zu geben, ſprang von ſeinem Seſſel auf, als hätte ihn ein Skorpion ge⸗ ſtochen und fuhr einen Schritt beiſeite mit dem zornigen Aus⸗ ruf:„Wer unterſteht ſich? Wer hat mir das gethan?“ Weil der Herr in ſolcher Entrüſtung, wollte natürlich Niemand das gethan haben. Sehen, was er angerichtet, ſchwei⸗ gen und verſchwinden war für den Kämmerer die Sache eines Augenblicks. Daher redete der Fürſt, einen Stuhl als Bar⸗ riere zwiſchen ſich und den Hofzwerg ſchiebend, den Letztern unwillig an:„Was will Er hier? Wie kann Er ſich er⸗ frechen... 2* Fingerlin's fahles Unterthänigkeitsgeſicht wurde, da er ſich nicht geehrt, ſondern ge⸗Ert ſah, im Nu kirſchroth, wie ſein Doliman, und, ob vor Schreck, oder vor Verzweiflung, ſchlug er, ſeinerſeits zurücktretend, an ſein Klapperſäbelein.— In⸗ deſſen fuhr der Herzog, der ſich da von gekränkter Ehre und von kriegeriſcher Drohung nichts träumen ließ, immer unwil⸗ liger fort:„Er wagt, mir überläſtig zu werden? Glaubt Er, daß, weil Er meines ſeligen Vetters Liebden Hofknirps und Pavian und Vogelſcheuche geweſen, Er dürfte ſich beigehen 38 laſſen.2“ Dem guten, von der Jagd ſchon ſo ſehr erſchöpf⸗ ten Herrn verſagte die Stimme. Dagegen erhob der Hofzwerg ein grimmiges Gezeter in höchſter Fiſtel:„Ein Pavian, ein Knirps, eine Vogelſcheuche!“ rief er:„Durchlaucht thun mir grauſam Unrecht, Durchlaucht mißhandeln mich!“ Worauf der Fürſt, die Augen abwendend, zu den Ser⸗ ren von der Jagdparthie ſagte:„Um Gotteswillen, ſchaffen Sie mir dieſen unheimlichen Kobold von dannen! Ich habe eine ganz eigene Antipathie gegen ſolche kleine Ungeheuer! Mir greift's die Nerven an..“ Die rohen Waidgeſellen wollten ſchon ſich an den Klei⸗ nen machen, wie ihre Meuten an den Hirſch gehen; aber der kecke Zwerg retirirte ſich ſchnell auf einen Stuhl, von dannen auf die Tafel und ſchwadronirte dort oben, hinter eine Paſtete verſchanzt, dergeſtalt mit ſeinem blank gezogenen Flederwiſch in die Kreuz und Quere, daß die Nimrode helllaut zu lachen be⸗ gannen und mit ihren gewaltthätigen Händen von ihm ablie⸗ ßen Auch der Herzog wurde verleitet, in das unwiderſtehlich ausbrechende Gelächter einzuſtimmen, und ſprach, nachdem er ſich ſattſam ergötzt:„Genug! Die Komödie habe ein Ende; aber ich rathe Ihm, ehemaliger Hofzwerg, ſich auf der Stelle davon zu machen, und dem Himmel zu danken, daß ich heut bei guter Laune.“ Mit Feierlichkeit ſtieg xhavdus von ſeiner improviſirten Feſtung hernieder, machte ſich ganz klein, indem er ſich auf ein Knie niederließ, faßte ſeinen Säbel bei der Spitze, reichte 3 ihn mit ſchwermüthiger Geberde dem Fürſten hin, und ſprach 39 noch ſchwermüthiger:„Durchlaucht ſind meines Schickſals Herr; ich habe mich ſo weit vergangen, vor meines gnädigſten Ge⸗ bieters Augen das Schwert zu zücken, weil mir Durchlaucht die Ehre genommen, nachdem mich Dero Miniſter Excellenz mit den falſcheſten Vorſpiegelungen hintergangen. Nehmen mir Durchlaucht jetzo mit der Ehre auch noch das Leben!“ Worauf der Fürſt:„Genug, kleiner Hanswurſt! Er ſpielt ſeinen Schwank recht poſſierlich durch, allein von ſeinem An⸗ ſinnen, bei mir in Dienſt zu treten, will ich ein für allemal nichts wiſſen. Dabei bleibt's; jedoch, um Ihn zu ergötzen und aufzumuntern, will ich zu den fünfundzwanzig, die ich Ihm ſchon reichen ließ, noch weitere fünfundzwanzig in Gnaden Ihm bewilligt haben.“ Vernichtet, mit gerungenen Händen und weinenden Augen ſtand lautlos gebückt der Zwerg.—„Iſt ein Profoß zur Hand, um dem Knirps mit der Gratifikation von fünfundzwanzig auf⸗ zuwarten?“ fragte einer der Jagdjunker übermüthig. Aber bei dieſen Worten funkelten Fingerlin's Augen wieder hell und drohend auf, und ſeine Fäuſtchen ballten ſich, und ein Wort des tiefſten Ingrimms drohte ſeinen Lippen zu entſchlüpfen, als noch zum Glück zu rechter Zeit der Herzog lächelnd und beſchwichtigend ſagte:„Nicht der Profoß, ſondern mein Rent⸗ meiſter mag meinen Spruch erfüllen; und, wie ſchon geſagt, noch einmal ſchenk' ich Ihm fünfundzwanzig Thaler, aber wehe Ihm, wenn Er mir noch einmal ungerufen vor die Augen kommt!“ 6. In Frolge der erſchrecklichen Tafelſcene wäre Thaddäus beinahe wieder krank geworden. Indeſſen verhinderte dieſes das überlebendige Rachegefühl, das ihn überkommen, indem es des Hofzwergs Blut ſo wild durch einander peitſchte, daß eine Krank⸗ heit gar nicht Zeit hatte, ſich in ihm auszubilden. Mancher Menſch hat ſchon Jahrelang von Haß und Rachbegierde gelebt, wenn er auch eben nicht dick und fett dabei wurde. Dem ge⸗ vemüthigten Zwerg gings juſt ſo. Mit den ſchauerlichſten Pla⸗ nen fütterte er ſich von Stund an, und von den abenteuer⸗ lichſten Hoffnungen auf Wiedervergeltung zehrte er unaufhörlich. Was wollte er aber eigentlich? Mit ſeinem kindiſchen Tiroler⸗ ſtutzen den Herzog erlegen, oder ihn ſpießen an ſeinen ſpaniſchen Livreedegen, oder ihn mit ſeinem Huſarenſäbel in Kochſtücke zerhauen, oder— entſetzlich!— mit ſeinem türkiſchen Yata⸗ gan ihm den Leib aufſchlitzen, um das landesväterliche Serz dem Uhn auf dem Chriſtophsthurm vorzuwerfen? All dieſe hochverrätheriſchen Blutgedanken lachten ihm. Nicht minder pikant kam ihm vor der Plan, den rothen Hahn auf die Schloßdächer zu ſetzen, und den Thrannen, wenn er wieder ein⸗ mal eine Jagdruhe darunter halten würde, bei lebendigem Leibe 2 zu roſten! Dieſe mörderiſche und brenneriſche Geiſtesrichtung, die von einem übermäßigen und falſchen Ehrgeiz hervorgerufen, aber dem urſprünglich guten Herzen des Hofzwergs ſo wenig ent⸗ ſprechend war, wurde leider nicht umgeſtaltet durch den aller⸗ höchſten Befehl, der ihm andern Tags von dem Schloßverwalter 41 eröffnet wurde, und der beſagte: Fingerlin habe ſchnellſtens ſeine Wohnung im Entreſol des Pallaſtes zu räumen, und ſich mit einem beliebigen Quartier in der Stadt zu verſehen.— Sein geliebtes Entreſol verlaſſen, wo er gleichſam in Mitte des allerdings jetzo verſchollenen Hoflebens ſaß! von dem er mit ein paar Schritten durch geheime Treppchen und Schlupf⸗ winkel bis zur Perſon ſeines Fürſten hatte gelangen können! — Dieſer Gewaltſtreich war ein Angriff auf ſein Leben.— „Der Herzog macht mich zu ſeinem Feinde, zu ſeinem bitter⸗ ſten Gegner, und überzieht mich mit Krieg und Plünderung!“ rief Thaddäus in ſeiner Verzweiflung und drohte mit nicht von ferne geahnten Repreſſalien.— Wer indeſſen den kleinen Mann toben hörte, lachte nur ſeiner Wuth, wie auch der Rentmei⸗ ſter ſeines ſtolzen verachtenden Worts lachte, womit er die Gratifikation von fünfundzwanzig Thalern von der Hand wies. „Lachen Sie nur!“ ſagte hierauf drohend der Zwerg:„Wer am letzten lacht, lacht am beſten! Ich aber nehme kein elen⸗ des Gnadengeſchenk von einem Feinde, der mir den Krieg auf Tod und Leben macht. Gott ſei Dank, ich werde mich zu wehren wiſſen. Ihr Geld nehme ich nicht, aber aus dem Schloſſe gehe ich auch nicht, und ſchickte der Herzog ſeine ganze Armee! Treue Dienſte belohnt man nicht auf ſolche Weiſe. Lebendig bringt man mich nicht von dannen, und mein Blut wird nach Rache ſchreien!“ Immer noch lachte der Rentmeiſter; aber der Schloßber⸗ walter, gerührt von der maßloſen Verzweiflung des armen Klei⸗ nen, traf mit ihm, auf eigene Verantwortlichkeit hin, ein Ab⸗ kommen, vermöge deſſen Thaddäus freilich das Entreſol meiden mußte, aber ſich doch innerhalb der Schloßmauern in ein al⸗ tes verlaſſenes Häuschen zurückziehen durfte, das zunächſt an den gefürchteten Chriſtophthurm ſtieß. Man verſuchte zwar⸗ den Hofzwerg mit allerlei Geſpenſtergeſchichten zu ängſtigen, aber ſeine Beherztheit ſpottete dieſer Mährchen, und muthig wie ein Held bezog er ſeine neue ſtille Wohnung, worinnen er ſich ſo bequem als möglich, umgeben von allen Reliquien ſeiner ſchönen Zeit, einrichtete, und ſtille verblieb, wie eine Spinne in ihrem Gewebe, oder wie ein Verſchwörer, der mit der Welt zerfallen, ſeine ungeheuerlichen Vorſätze ſchweigend wieder⸗ käut, bis einſt der Tag der Rache blutigroth am Horizont auf⸗ ſteigt.— Sein Mund ſtieß keine Drohung mehr aus, ſogar in Agneſens Haus vermied er von ſeinem Mißgeſchick und dem Undank der Könige zu reden. Kalt und einſilbig verbrachte er ſeine Stunden, aber, obgleich den tiefſten Haß mit Liebe nährend in verſchwiegner Bruſt, erfüllte er redlich, was er Ag⸗ neſen verſprochen, und unterſtützte mit einer Freigebigkeit, die man ſeinen Verhältniſſen weitaus nicht zugetraut hätte, den in Traudchen verliebten Heinrich, den Sohn ſeines noch bis über's Grab hinaus verabſcheuten Nebenbuhlers. Während es, wie oben gemeldet, in Fingerlin's kleiner Gehirnwelt gewaltig durcheinander gährte, ging es auch drun⸗ ter und drüber in zwei andern Köpfen: in einem von Alters her fürſtlichen und in einem, der ſelbſtmächtig fürſtlich werden wollte. Der Konſul Bonaparte machte ſich zum Kaiſer und ſchritt zur Krönung, Herzog Julius war vor Eiferſucht beinahe toll geworden und ſchickte ſeine unſchuldige, verläumderiſch ver⸗ 43 dächtigte Gattin in's Gefängniß, nemlich in die alte Reſidenz des allerhöchſtverewigten Herzogs Nikolaus. Nun begriff man auf einmal, daß der Fürſt nicht ſo ganz zufällig und umſonſt von jener Jagdparthie ſich in ſeines ſeligen Vetters Schloß verloren; jetzt wußte man plötzlich ganz genau, warum er ſich alle bewohnbaren Gemächer deſſelben hatte zeigen laſſen, warum er ſich ſo aufmerkſam darinnen umgeſehen.— Die Herzogin Seraphine wurde in die Zimmer des weiland Herzogs einquartirt, ein Schloßhauptmann geſen⸗ det, deſſen Auftrag darinnen beſtand, die hohe Frau innerhalb des Pallaſtes und ſeiner Gärten ſtrengſtens zu bewachen. Nur ein paar Kammerfrauen, die von der Gebieterin keineswegs geliebt wurden, theilten deren Verbannung. Eine von ihnen war ſo vernünftig, gleich in den erſten Tagen rechtſchaffen krank zu werden und dadurch zu veranlaſſen, daß eine Stell⸗ vertreterin nöthig wurde, die man in der Stadt ſelbſt ſuchte und fand. Agnes, Henri's Wittwe, wurde auf Empfehlung des Schloßverwalters zum Kammerfrauendienſt angenommen und verpflichtet. Sie erhielt ihre Wohnung in dem von Fingerlin verlaſſenen Entreſol nnd man berließ ſich um ſo mehr auf ihre Treue und Wachſamkeit, als ſie keinerlei Verbindung und Be⸗ kanntſchaft in der neuen Reſidenz hatte, welche die Anknüpfung eines geheimen Einberſtändniſſes mit den ſtreng beobachteten Freunden und Dienern der unglücklichen Fürſtin hätte befürch⸗ ten laſſen. Der Hofzwerg war allerdings, von der Stunde an, da die Fürſtin im Schloſſe erſchien, zu ihren Gunſten eingenom⸗ men. War ſie doch ebenfalls von dem Herzog, ſeinem Feind, 44 auf Tod und Leben mißhandelt, unſchuldig mißhandelt obendrein! — Das ganze Land glaubte nemlich an Seraphinens Unſchuld, und wenn auch Fingerlin nicht daran geglaubt hätte, würde er* dennoch für die Frau, die ſeinen fürſtlichen Widerſacher tief gekränkt und gedemüthigt, von Herzen und ſchwärmeriſch ge⸗ ſtimmt worden ſein.— Das war aber vor der Hand alles. Er verſuchte nicht ein Schrittchen, der erlauchten Frau unter die Augen zu kommen. Nikolaus dritte oder vierte Gemahlin ſtand bei ihm in ſo verhaßtem Angedenken, daß er allen Her⸗ zoginnen der Welt, als Herzoginnen, gram zu bleiben geneigt war. Sollte er ſich noch einmal dem Kummer ausſetzen, mit eigenen Ohren zu hören, daß ihn eine Herzogin ein„pe- tit monstre“ nannte?— Nichts da; Thaddäus verhielt ſich — ſtill und unſichtbar, wie der Maulwurf im tiefen Grunde. Die Welt wußte nichts mehr von ihm, zwei Weſen ausgenn die er daun und wann ein paar men: die V chloßrerwalter, der ihm ſeine Venſion Minuten ſah, eung und wie viele Leute behaupteten! So beſchloß alſo Fingerlin die Dame zu ſehen, ohne geſehen zu werden, und ſtieg eines hellen Abends zu dem Schuhu in das Neſt auf dem Chriſtophthurm und lugte mit ſeinen haarſcharfen Aeuglein in den großen Blumengarten hinunter, wo ſich Herzogin Seraphine luſtwan⸗ delnd erging, ihre Kammerfrauen im Gefolge.— War es die Verklärung der Abendröthe oder eine beſondere Empfindſamkeit, die den wackern Fingerlin plötzlich überkommen, daß er plötz⸗ lich von dem Anblick der unglücklichen Fürſtin gerührt, er⸗ ſchüttert, hingeriſſen, bezaubert, gleichſam aufgelsst und ver⸗ nichtet wurde? Nichts auf Erden iſt empfänglicher, als das Herz eines kleinen Menſchen. Auch iſt nichts auf Erden ſtrebſamer. Das Kind will die Sterne vom Himmel herunterlangen, der Er⸗ wachſene läßt das bleiben.— Fingerlin war alſo ganz ver⸗ zückt und wenn ihm gleich ſeine Vernunft ſagte, daß ſein ver⸗ liebtes Gemüth aus Reſpekt vor der erlauchten Frau zu ſchwei⸗ gen habe, ſo konnte er ſich doch der frommen Begierde nicht erwehren, der ſchönen fürſtlichen Dame als ein getreuer Knecht einen Dienſt zu erweiſen, je ſchwieriger und gewagter, um ſo beſſer.— Aber wie das anſtellen? Thaddäus ſeufzte tief und der Schuhu, der in der einbrechenden Dämmerung anfing, ſei⸗ ner Sehkraft mächtig zu werden, ſchaute ſeinen ſehnſuchtsbollen Nachbar verwundert an. Indeſſen ſagte umten im Garten die Fürſtin, die ſich vom dem, was in den obern Regionen vorging, nichts träumen ließ, zu ihrer Reſidenzkammerfrau:„Holen Sie mir das Schnupf⸗ tuch, das ich auf meiner Bergère zurückgelaſſen— Und hierauf ſagte ſie zu Agneſe:„Du biſt eine brave und guther⸗ zige Frau und meiner Seele näher als die giftige Spionin, die ich eben fortſchickte. Dir kann ich wohl geſtehen, daß heute Abend mein Verlangen nach der mir ſo ſchnöde geraub⸗ ten Freiheit heftiger iſt, als ſonſt. Sieh, wie munter die Vö⸗ gel in ihr Neſt kehren, wie frohlich der Wind in den Blät⸗ tern der Bäume ſpielt, und ich— bin hier gefangen!“— Die Fürſtin weinte und Agneſe weinte mit ihr. Acht Tage darauf— diesmal nicht im Garten, ſondern im ſtillen Gemach, ſprach die Fürſtin zu Agneſe:„Du biſt ein frommes und anhängliches Weib. Du mußt ein getreues und frommes Kind geweſen und Deiner Mutter viele Freude gemacht haben?“— „Nicht ſo viele Freude, als mir die Mutter Liebe und Gutes erwieſen,“ verſetzte Agneſe traurig, des allzufrühen To⸗ des der theuern Mutter gedenkend. „Ja, Mutterliebe iſt die größte und nachhaltigſte Wohl⸗ that, die uns auf Erden wird,“ ſagte die Herzogin ſeufzend nach einer Pauſe:„Meine Mutter lebt und liebt mich noch, doch liegen hundert Meilen zwiſchen ihr und mir, und mein ſtrenger, irregeleiteter Gatte verbietet mir ſogar, mit der ehr⸗ würdigen Frau Briefe zu wechſeln. Ich bin abgetrennt von aller Welt. Der Himmel weiß, wie oft, wie zärtlich und un⸗ terwürfig mein vertrauend und geduldig Herz ſich an meinen erlauchten Gemahl gewendet! Nicht eine Silbe wurde mir zur Antwort. Und doch verſagt er mir den Troſt, der Mutter mein Leid zu klagen und ſie zur Vermittlung aufzufordern in dem unſeligen Mißverſtändniß, das meinen ewig und immer —— —— 47 treu geliebten Gatten gegen mich aufgebracht hat. Mein plum⸗ per Kerkermeiſter, der Schloßhauptmann, hat mir jedes Schreiben, das ich an meine Mutter richtete, brutal zurückgeſtellt. Bis heute habe ich aufrichtig gegen ihn gehandelt, aber ich bin zum Aeußerſten gebracht, und wenn Du, meine treue Seele, einen Ausweg wüßteſt, meiner Mutter ein kleines Briefchen nur, von meiner Hand geſchrieben, zu übermachen..24 Schnell entſchloſſen entgegnete Agneſe:„Eurer Durchlaucht Vertrauen iſt mir eine Ehre; das Brieſchen ſoll zuverläſſig beſtellt werden. Ich kenne eine Hand, die Eurer Durchlaucht und mir dieſen Dienſt gern erweiſen wird, ohne meine Ver⸗ antwortlichkeit bloß zu ſtellen.“ „Das iſt mir lieb, ſehr lieb! Ich möchte nicht mit der leiſeſten Gefahr für Dich mein Glück erkaufen.“— So ließ ſich die Fürſtin vernehmen; aber nach einer Weile fügte ſie hinzu:„Indeſſen hoffe nicht auf einen andern Lohn, als meine Liebe. Ich bin hier bettelarm und der Herzog verſagt mir alle Geldmittel in dem Grade, daß ich ſogar meine einzige Leiden⸗ ſchaft, den Dürftigen Wohlthaten zu ſpenden, ganz und gar unterdrücken muß.“— Worauf Agneſe begeiſtert antwortete: „Gibt es denn einen ſchönern Preis auf Erden, als die Gnade Eurer Durchlaucht?“ Schon am nächſten Morgen fand die Herzogin auf ihrem Toilettetiſch, und ohne daß die andre Kammerfrau etwas da⸗ von merkte, ein gewichtiges Goldröllchen.—„Von wem dieſe Gabe, dieſe reiche Unterſtützung?“ fragte Seraphine ihre innigſt vertraute Agneſe. Und dieſe begnügte ſich, darauf zu antworten: „Von einem, ſeiner Durchlauchtigſten Fürſtin ganz ergebenen 48 Freunde, der noch gern ein Mehreres thäte, ſeiner hohen Ge⸗ bieterin zu gefallen.“ Eine Ahnung düſterer Art, die in Seraphinens Buſen auftauchte, machte ſie erbleichen, und mit entſchiednem Tone ſagen:„Ich muß wiſſen, von wem das Gold. Ein fremder Graf, der unſre Reſidenz beſucht und die flüchtige Zuneigung meines Gatten gewonnen hatte, iſt durch gewiſſe prahleriſche Aeußerungen, die ebenſo grundlos als niederträchtig waren, die Urſache des traurigen Zerwürfniſſes zwiſchen mir und meinem Gatten geworden. Vor dem Zorn des Herzogs hat er zwar die Reſidenz und das Land gemieden, aber wenn er wagen ſollte, aus der Ferne mein Unglück benützen zu wollen, um mit mir in ein vertraulicheres Verſtändniß zu treten, deſſen ich ihn nie gewürdigt— wenn er ſich unterſtehen ſollte, ſein Gold mir anzubieten...! Das dürfte nicht ſein, Agneſe. Zum Fluche werde mir der Heller, den ich von ſolchen unreinen Händen annehme!“ Agneſe hob die Hand betheuernd auf, erwiedernd:„Mir ſelbſt und meinem Sohne zum Unglück ſchlage die Stunde aus, die mich ſchwach genug fände, in eine ſolche Verſchwörung ge⸗ gen die Ehre meiner gnädigſten Frau zu willigen! Nein, nein! Dieſes Gbld ſtammt von einem Manne, der dem Adel nicht angehört, von Eurer Durchlaucht winzigſtem Unterthan, der ſich glücklich ſchätzen würde, wie geſagt, für Eure Durchlaucht mehr zu thun.“ Die Fürſtin glaubte und fragte nicht mehr nach dem Ge⸗ ber.„Vielleicht kann ich ihm einſt vergelten,“ ſagte ſie.— Und allwöchentlich fand ſich ein neues Goldröllchen auf 49 Seraphinen's Toilette ein und Agneſe nahm davon nicht das kleinſte Stückchen an, aber in der Stille wurde die Armuth des Städtchens und der Umgegend reichlich erquickt, ohne daß ſie von ferne geahnt hätte, wer und wo der Segen ſpendende Engel. Die Erquickung kam jedenfalls zur rechten Zeit, denn überall ſtockte der Verkehr, verarmten die Gewerbe, weil die Kriegsfurie durch ganz Europa zog und der franzöſiſche Sol⸗ datenkaiſer ſeine Heere nach allen Richtungen zum Sieg und Raub ausſchickte Auch des Herzogs Staaten wurden von dem Eroberer bedroht, und die Völker ſahen uſrl überall einer traurigen Zukunft entgegen. Nach längerer Zeit erſt fand eine Antwort auf Sera⸗ phinens Leidensbrief den Weg zu ihr durch Agneſens getreue Hände. Die Leſung dieſes Antwortſchreibens verſetzte die Her⸗ zogin in die peinlichſte Betrübniß. Wiederum zur verſchwie⸗ genen Nachtzeit, im geheimnißvollſten Winkel ihrer Gemächer, weinte Seraphine ihre Thränen vor der vertrauten Agnes aus, und meldete ihr ſchluchzend:„Der Feind hat meines Vaters Land mit Waffengewalt überzogen, eine ſchwere Schlacht iſt geſchlagen worden, iſt für unſer Heer blutig und unglücklich ausgegangen. Stündlich erwarten meine hohen Eltern den ſtolzen unbarmherzigen Sieger in ihre Hauptſtadt einfallen zu ſehen und kein Gott iſt vermögend, den wilden Strom der Vernichtung aufzuhalten. Weh mir! ich muß hier in Sehn⸗ ſucht verſchmachten, während meine Nähe der bejahrten Mut⸗ ter eine Stütze und ein Stab ſein würde! Ich kann hier nicht bleiben, muß entweder frei ſein oder ſterben. Weſſen Arm Der Erzähler. 1846. I. 4 —— eakr 50 jedoch machte mich frei? Und leider zögernd iſt ſogar der Tod, wenn man ihn mit Begierde ruft!“ Agneſe ſagte hierauf, von innigſter Wehmuth und leb⸗ hafteſtem Mitgefühl erſchüttert, der Fürſtin allerlei in das ge⸗ neigte und ſtaunende Ohr und in Folge dieſer geheimnißvollen Unterredung blieb am folgenden Abend, nachdem ſie alle Die⸗ nerſchaft, Agneſe nicht ausgenommen, unter dem Vorwand, zu Bette gehen zu wollen, beurlaubt hatte, in völliger Kleidung wach und aufrecht und harrte, mit ängſtlichem Blick den ſäu⸗ mig ſchleichenden Zeiger auf der großen Pendeluhr verfolgend, der mitternächtigen Stunde. 7. Obſchon die Fürſtin auf etwas Ungewöhnliches ſo zu ſa⸗ gen vorbereitet war, erſchrack ſie doch, daß alle Glieder an ihrem Leibe bebten, als ſich in einer Wand ihres Kabinets eine ihr bis daher völlig unbekannte Thüre kniſternd öffnete, und eine Erſcheinung in das Gemach trat, die ſie mit Befrem⸗ den und klopfendem Herzen anſtarrte, wenn ſchon vor derſel⸗ ben zu einer andern Zeit ihr das Lachen näher geſtanden wäre, als der Schrecken. In der That: der winzigſte Unterthan der Durchlauchtigſten Frau ſtand vor ihr. Der Hoſzwerg, der mit ſeiner Freundin Agneſe in das bündigſte Einverſtändniß getre⸗ ten, hatte ſich zu der wichtigen Sendung, die er übernommen, paſſend angekleidet. Er trug die Livree eines reiſefertigen Jockeh, in der einen Hand die ſilberbequaſtete Kappe, in der andern eine kleine zierliche Kaſſette, aber an der Seite den ſchon be⸗ kannten Hirſchfänger und im Gürtel mindeſtens drei oder vier V* — 51 Terzerolen, alle ſcharf geladen; welchen letztern Umſtand Se⸗ raphine nicht ahnte, ſonſt hätte ſie vielleicht die Flucht ergrif⸗ fen vor dem kecken Abenteurer Fingerlin, der äußerſt maleriſch vor ihr das Knie beugte und ungefähr mit Schillers Worten ſeine Rede anhob:„Lang lebe meine hohe fürſtliche Frau! Verderben ihren Feinden und Freiheit der tugendhafteſten Dame, die je auf einem Throne dieſer Welt geſeſſen! Eure Durchlaucht erſchrecke nicht vor meinem Anblick, ich bin nur ein Wurm, ein Sandkorn zu Höchſt⸗Ihro Füßen. Aber mein Herz fühlt ſich tapfer genug, um kühn das Wagſtück zu beſtehen, das ich freudig unternommen.“ Eingeſchüchtert beinahe, aber um ſo leut⸗ ſeliger, entgegnete Seraphine mit dem weichen Tone, der ihr ſo geſchwinde alle Herzen gewann:„Stehen Sie doch auf, mein Herr... Agneſe ſagte mir bereits.. ich weiß nicht, womit ich Ihre Anhänglichkeit verdient habe.24 Entzückt, ſich von der Fürſtin angeredet und behandelt zu ſehen, wie er es zu verdienen glaubte, wagte Thaddäus ſeine Gebieterin zu unterbrechen, um mit Leidenſchaft fortzu⸗ fahren:„Iſt die Sonne nicht die Königin der Welt? Baut ſich nicht die Tugend in jeder Menſchenſeele, die dem Guten zugänglich, ihren Altar? Wer hat je eine theurere und ehr⸗ furchtgebietendere Fürſtin geſehen, als meine angebetete Herzogin? Verdammt ſei der Reid und die Bosheit, die ſich gegen Eure Durchlaucht verſchworen! Wenn mich nicht Höchſt Ihre glän⸗ zenden Eigenſchaften ſchon längſt bezaubert hätten, bevor ich nur das Glück gehabt, vor Höchſt Dero Augen zu erſcheinen, ſo müßte jetzo Ihre Durchlauchtigſte Herablaſſung mich an Höchſt Dero Dienſt feſſeln! Eure Durchlaucht verſtehen, was 52 jeder Menſch in der Schöpfung auf ſeinem Boden werth iſt; Eure Durchlaucht ſchelten mich nicht ein petit monstre, weil ich zufällig ein paar Zoll kleiner geworden bin, als der mili⸗ täriſche Maßſtab es fordert; Eure Durchlaucht reden mich nicht an mit dem abſcheulichen Er, womit mich ſogar der höchſt⸗ ſelige Herzog Nikolaus verſchonte, der doch das ganze Land Erte, während er mich gewöhnlich dutzte, und bei feierlichen Anläſſen vor der Welt mit dem Sie bedachte. Alles dieſes iſt eine Summe von Wohlthat, wofür ich Höchſt Ihnen, er⸗ lauchte Herzogin, meinen letzten Blutstropfen willig darbringe. Aber nebſtbei werd' ich von einem Hochgefühl getrieben, das ſich mit wahrer Luſt Bahn nach Oben bricht. Höchſt⸗Ihr Durchlauchtiger Gemahl hat mich mißhandelt, man möchte ſagen, daß er mich gefuchtelt, geſchunden, gereitpeitſcht, unter Höchſt⸗Seinen Stiefelabſatz getreten! Und dennoch hat ein altgedienter Hofzwerg ſeine Ehre und daneben habe ich die Mit⸗ tel und den beherzten Willen, mir Genugthuung zu verſchaf⸗ fen. Darum habe ich dem Herzog den Krieg erklärt. Wie der Kaiſer Napoleon es gethan, der auch nicht küraſſiermäßig aus der Hand der Natur hervorgegangen iſt. Während die Fran⸗ zoſen anmarſchiren, dem Herzog Land und Leute abzunehmen, will ich den Kerker Höchſt⸗Seiner tugendhaften Gemahlin zerbrechen, und Eure Durchlaucht noch in dieſer Nacht auf den Weg bringen, der zu Allerhöchſt⸗Ihrer Allerdurchlauch⸗ tigſten Mutter führt.“ Die Fürſtin fuhr zuſammen.„In dieſer Nacht?“ fragte ſie beſtürzt;„wie ſoll das geſchehen?“ „Bis morgen iſt es zu ſpät;“ verſetzte der Hofzwerg nach⸗ 53 drücklich.„Morgen ſchwärmen die Franzoſen überall; heute iſt noch ein Weg frei; raſche Pferde, zuverläſſige Begleiter, von denen keiner meine durchlauchtigſte Gebieterin verrathen wird, weil Keiner ahnt, wer die hohe Reiſende iſt, find von mir beſtellt, und warten in der Nähe. Hier iſt Reiſegeld genug; über die Nacht geh' ich nicht von Höchſt-Ihrer Seite und werde von Eurer Durchlaucht nur ſcheiden, wenn nicht die ge⸗ ringſte Gefahr mehr vorhanden. Aber Eile thut Noth; werfen Sie Höchſt⸗Ihren allerdurchlauchtigſten Mantel um, und ge⸗ ruhen gnädigſt, mir zu folgen. Die Dringlichkeit der Umſtände entſchuldige meine Keckheit, Höchſt⸗Ihnen vorzutreten.“ Indem Seraphine, von der goldenen Freiheit angelockt, und von der abenteuerlichen Scene hingeriſſen, ſich in der That in ihren Mantel hüllte, fragte ſie ängſtlich:„Scheiden und fliehen ohne alles Gepäck? Ohne meinem ſtrengen, aber immerdar noch geliebten Gemahl nur eine arme Zeile zu hinterlaſſen?“ „Gepäck iſt nicht nöthig, da Geld vollauf vorhanden;“ belehrte der Zwerg und ſetzte hinzu:„Des Herzogs Durchlaucht verdient eigentlich nicht, daß meine allergnädigſte Gebieterin ihm ſchreibe. Jedenfalls werden Höchſt⸗Sie an Dero Erlauch⸗ ten Ellern Seite bequemere Muße zum Schreiben finden. Ge⸗ ruhen Sie aber jetzt, gnädigſt eilen zu wollen.“ „Und Agneſe?“ fragte die Fürſtin, dem Führer folgend, „wird mich Agneſe verlaſſen?“ Worauf der Zwerg haſtig antwortete:„Ich habe dieſe Agneſe ſchon vor geraumer Zeit in ihrem Entreſol eingeſchloſ⸗ ſen und eingeriegelt, um jeden Verdacht der Beihülfe zur Flucht von ihrem Haupte zu wälzen. Auch die andere Kam⸗ 54 merfrau ſchläft ohne es zu wiſſen hinter Schloß und Riegel Zur Stunde jedoch, da die Weiber ihren pflichtſchuldigſten Spektakel anheben werden, ſind Ihre Durchlaucht längſt geret⸗ tet und geborgen, und meine Wenigkeit wird zurückgekehrt ſein, und vorgeblich krank tief im Bette ſtecken, ehe nur Jemanden einfällt, nach dem vergeſſenen und verſchollenen Hofzwerg zu fragen.“ Mit dieſen Worten öffnete der kecke„Fingerlang“ die Tapetenthüre, hinter welcher eine Blendlaterne einſam brannte, bemächtigte ſich der Leuchte und führte, leiſe ſchleichend wie eine Katze, die Fürſtin, die ihm zitternd folgte, Treppchen auf, Treppchen ab, dem verlaſſenen Trabantenſaal entgegen.— Auf dem Wege ſtand die Herzogin plotzlich ſtill, und flüſterte, in der tiefſten Seele erſchrocken:„Welch ein Geräuſch? Was iſt das?“ Der Zwerg horchte einen Augenblick und ſagte dann leicht⸗ hin:„Nichts da! Der Wind braust um das Dach des Chri⸗ ſtophelthurms.“ Nach ein paar Schritten hielt die Herzogin wieder inne, fragend:„Um Gotteswillen, ich höre abermal Geräuſch... das ſind Menſchenſtimmen.... das iſt Pferdegetrab....“ Der Zwerg wurzelte verdutzt am Boden.„Wahrhaftig!“ brummte er,„die Hölle hat ihr Spiel, oder...“ Im ſelben Augenblick donnerte eine Kutſche in das Por⸗ tal des Schloſſes, daneben klapperte Hufſchlag wie von einem Reitergeſchwader. Faſt zur gleichen Zeit, während die Glocke des Thürhüters Schloßhauptmann und Verwalter aus dem Schlafe ſtürmte, ließ ſich die Stimme des Herzogs ſelbſt leider „ „ 55 nur zu deutlich vernehmen, die da haſtig fragte:„Die Herzogin ſchon zur Ruhe gegangen?“ „Alles verloren!“ ſtotterte die Fürſtin, ihren Muth ein⸗ büßend. Zur gleichen Zeit riß ſie dem Hofzwerg die Leuchte aus der Hand, und lief, als hätte ſie ſchon tauſendmal den geheimen Schlupfwinkelweg zurückgelegt, gerade aus in ihr Ka⸗ binet. Kaum dort angelangt, klopfte Herzog Julius ungeſtüm an die verriegelte Pforte des Gemachs, und rief ebenſo drin⸗ gend:„Oeffnen Sie, Herzogin Seraphine! Ihr Gemahl wünſcht Sie zu ſprechen.“ Noch einen furchtſamen Blick ſendete die beſtürzte Dame nach dem Hofzwerg aus; der Zwerg war jedoch verſchwunden⸗ Mit bei weitem rüſtigerem Gemüth, da ſie den Befreier in Sicherheit wähnte, that Seraphine dem Gemahl die Thüre auf. S. Das erſte Wort des Herzogs, der eilig und verſtört bei ſeiner Gemahlin eintrat, war:„Meine theure Herzogin möge mir vergeben, daß ich ſo ſpät ihre Ruhe ſtöre!“— Sein zweites Wort entließ die gaffende Dienerſchaft, die ihn mit Lichtern bis in das kleine Vorgemach begleitet hatte. Allein geblieben mit der Gattin, die mit einer wahren Todes⸗ und Gewiſſensangſt kämpfte, näherte ſich ihr Julius und ergriff leidenſchaftlich ihre beiden Hände mit den ſeinigen. —„Die unwillkommene Störung vergeben Sie mir wohl, theuerſte Seraphine;“ ſagte er mit ſchmerzlich mildem Aus⸗ druck.„Aber werden Sie auch großmüthig genug ſein, dem reuigen, zerknirſchten und zerſchmetterten Sünder zu verzeihen, 8 56 der mit dem offnen Bekenntniß ſeiner Schuld vor Ihnen ſteht? Welch bittere Tage habe ich Ihnen gemacht? Ach, ſie waren auch für mich Tage der Hölle! Wie hat ein leeres Hirnge⸗ ſpinnſt mich zu ſolcher Grauſamkeit entflammen können? Ich muß es leiden, wenn Sie jetzv mich von Ihrem Angeſichte weiſen, aber wenigſtens ſollen Sie erfahren, wie elend, wie vernichtet ich bin, da ich von meinem heilloſen Irrthum zu⸗ rückgekommen!“ Ein Strahl von ſeliger Befriedigung leuchtete über Se⸗ raphinens Antlitz. Tief bewegt konnte ſie nur entgegnen: „Euer Durchlaucht wiſſen alſo jetzt...2“ „Daß ich der grauſamſte Tirann auf Erden geweſen?“ fiel der Herzog ſchmerzlich ein,„ja, das weiß ich; grimmiger und kopfloſer als ein Nero, wahnſinniger, als der ſchwarze Othello! Ihre Unſchuld, Angebetete, iſt ſo blendend an den Tag getreten, daß meine niedrige Leidenſchaft, meine verrückte Eiferſucht davor in den Staub geſunken iſt. Jener fremde Edelmann, Fluch ſeiner verwegenen Zunge!— iſt vor einigen Tagen auf der Gränze des Nachbarſtaates im Zweikampfe er⸗ legen. Emil, mein hochherziger Vetter, hatte ſein edles Blut daran geſetzt, Ihre Tugend an den Tag zu brinßen und mich von meiner himmelſchreienden Ungerechtigkeit zu überführen. Der Kampf war ein ächtes Gottesgericht. Auf dem Sande verblutend, gab der leichtſinnige Prahler Zeugniß von Ihrer hohen und reinen Weiblichkeit. Briefe, die man bei ihm vor⸗ gefunden, beſtätigten ſeine Ausſage, deren Mittheilung mich vor Freude in den höchſten Himmel entrückte, und gleich dar⸗ auf im Bewußtſein meines unedlen Handelns zur Hölle 57 ſchleuderte. Sprechen Sie nun mein Urtheil; ich hoffe— ach, ich fürchte auch Alles aus Ihrem Munde! Die Herzogin, froh gehoben durch die Genugthuung, die ihr wurde, und nicht geneigt, das ungeheuchelte Leid ihres enttäuſchten Gatten dauern zu laſſen, verſetzte mit der ganzen Fülle ihrer Liebenswürdigkeit in Worten und Geberden:„Ich habe Sie beklagt, Julius, ich habe Sie nicht gehaßt, noch weniger verachtet... ach, dazu lieb' ich Sie zu ſehr!“ Mit einem Schrei der Freude umſchlang der Fürſt ſeine Gattin; das Wort der Gnade wurde im ſelben Augenblick ein Pfand des erneuerten Friedens.— Sich ſelbſt zurückgegeben, befreit von der Angſt, mit ſeinem Verſchulden das Theuerſte auf Erden zu verlieren, blickte der Herzog raſch im Gemach umher, und natürlich blieb ſein Auge verwundert auf dem Reiſeanzug der Herzogin und auf der Blendlaterne haften, die auf der Conſole flackerte.— „Was bedeutet dieſes Kleid? Was dieſe ſehr ungewöhn⸗ liche Beleuchtung?“ fragte er erſtaunt. Und ihm erwiederte mit herzgewinnendem Tone und kind⸗ licher Aufrichtigkeit die Gattin:„Jetzt iſt an mich die Reihe gekommen, ein Bekenntniß meiner Schuld abzulegen. In dem Augenblick, als Du, mein geliebter Julius, hier ſo unerwar⸗ tet eintrafſt, war ich im Begriff, da ich Dein Herz für mich verloren glaubte, zu meiner Mutter zu entfliehen. Vergib nun auch Du mir den Schritt, den ich thun wollte, und vergelte mir ſomit Liebe mit Liebe. — Herzog ſtand beſtürzt und faltete gen Himmel ſeine Hände:„So war es ja eines Engels Wink, ſo war ja eine 58 Himmelsbotſchaft das ſchwarze Geſchick, das mich, den Flücht⸗ ling, zur mitternächtlichen Stunde hierher getrieben!“—„Den Flüchtling?“ fragte die Herzogin ahnend. Julius entgegnete ſchnell:„Ich frage nicht, wer Deine Flucht begünſtigen wollte, Seraphine; wenn er's, wie ich glaube, ehrlich und treu meinte, ſo mag er uns getroſt folgen, denn ich, ich komme jetzo, Dich zu entführen. Ich komme, mit Dir zu fliehen. Aber wohin, auf wie lange, mit welchen Mitteln? Ich weiß das ſelber nicht, gejagt von dem drohenden Feinde, der in mein armes Land gebrochen iſt, der morgen noch vor Sonnenuntergang meine Reſidenz beſetzen wird, um den harten Gebieter da zu ſpielen, wo ich bis heute vielleicht läſſig, aber milde und ohne Falſch geherrſcht. Vor einigen Tagen iſt von den Franzoſen die große Schlacht gewonnen worden; meine Truppen, unter'm Befehl des königlichen Prinzen, haben ſich brav gehalten, deckten jedoch mit ihren Leibern den Wahlplatz. Alles, was noch von der geſchlagenen Armee übrig geblieben, flieht ohne Aufenthalt, iſt nicht mehr zu ſammeln. Mein Land iſt preisgegeben; die Feinde haben mir den Untergang geſchwo⸗ ren, um den Haß zu vergelten, den der ehemalige Beſitzer dieſes Schloſſes, der alte Preußengeneral, bei jeder Gelegenheit den Franzoſen bewieſen. Ich will mich nicht wehrlos in die Hände des Feindes liefern. Wer weiß, wie dem Emporkömm⸗ ling, dem ſelbſtgemachten Kaiſer, gefallen würde, einen gefan⸗ genen Fürſten zu behandeln? Darum flieh' ich, und Du, mein treues Weib, wirſt mein Schickſal theilen. Dieſe Gunſt der Vorſehung iſt mir Bürge für eine beſſere Zukunft. Vorüber⸗ gehen wird der Sturm und uns nur bleiben die Erinnerung — —, — ——— 59 an ſchwere Tage, die wir mit gegenſeitiger Liebe uns ver⸗ ſüßten!“ Da nahm mit Zärtlichkeit, aber auch zugleich würdevoll die Herzogin das Wort und ſagte:„Allerdings, mein Gemahl, iſt mein Platz an Deiner Seite und ich werd' ihn nicht ver⸗ laſſen. Aber Du, Herr des Landes, Gebieter von ſo vielen Tauſenden, willſt Du muthlos weichen von dem erhabenen Platz, wohin der König aller Könige Dich geſtellt? Du woll⸗ teſt fliehen aus der Mitte Deiner Unterthanen? fliehen eben in den Tagen der Gefahr, wo Deine Pflicht, auszuharren, als eine noch heiligere erſcheint, denn ſonſt? O gib nicht zu, daß von Dir, dem Sproſſen tapferer Vorfahren, daß von Dir, meinem heißgeliebten Gatten, einſt die Geſchichte ſchreibe: Er ging in der Zeit der Noth von ſeinem Volke!“ „Deine Ermahnungen ſind gerecht und ſtimmen zu den Vorwürfen, mit denen meine innere Stimme mich ſelbſt nicht verſchont;“ rief der Herzog, rathlos die Hände ringend:„Was ſoll ich jedoch beginnen? Tollkühn mit einer Handvoll Sol⸗ daten dem Koloß entgegen rennen? Die Niederlage wäre un⸗ vermeidlich, und der Unbefangeuſte müßte den Verſuch lächer⸗ lich ſchelten. Ein Mittel wäre noch übrig, mit Ehren aus dem Kampf zu gehen. Es find Unterhändler an mich gekom⸗ men, die mir, wie andern Fürſten, den Vorſchlag machten, als ein Verbündeter dem Soldatenkaiſer anzugehören, da nun einmal jede Gegenwehr umſonſt. Allein die Unterhändler, ſo wie die Feldherren des Eroberers ſind habſüchtige Naturen, und nur mittelſt äußerſt bedeutender Geldopfer könnte ich mir, da mein geſammtes Haus auf der ſchwarzen Liſte ſteht, das Glück erkaufen, ein Verbündeter— ein Vaſall— des Welterſchüt⸗ terers zu werden. Und meine Kaſſen ſind leer, mein Schatz bis in's Bodenloſe erſchöpft. Ich habe meines Landes langen Frieden als ein fröhlicher Fürſt genoſſen, mit vollen Händen Freigebigkeit geübt und fürſtliche Pracht aufrecht erhalten. Ehr⸗ licher geſagt: ich habe verſchwendet und bin deſſen zuletzt— zu ſpät— gewahr geworden. Die Ausrüſtung meines Heer⸗ theils hat meine letzten Vorräthe aufgezehrt. Die ſchwere Zeit findet mich nackt und bloß. Woher nehmen, was ich brauchte, um dem Moloch zu opfern? Mein Volk, arm geworden durch meine Verſchwendung, ſieht mit Schrecken der furchtbaren Brand⸗ ſchatzung entgegen, die der Feind in eroberten Ländern auszu⸗ ſchreiben pflegt. Die Fürſten, mir verwandt, kämpfen mit ih⸗ rem Blut und Gold denſelben Streit, und können mir nicht helfen. So muß ich denn entweichen auf fremde Erde; in der Verbannung harren des Tags, der uns etwa zurück ruft auf den Thron meiner Väter. Möge mir dann vergönnt ſein, zu beſſern, was ich verdorben, und mein Volk glücklich zu machen, nachdem durch meine ſorgloſe Unerfahrenheit es beinahe zu Grund gegangen. Mir blutet das Herz, von dannen zu fliehen in ſolcher Noth; aber ich muß!—“ Den Herzog umarmend, mit Thränen in den Augen, re⸗ dete ihn Seraphine an:„Fliehen auf fremde Erde? Leben von fremder Gnade? Zehren.. o mein Gott! von fremden Almo⸗ ſen? Laß uns lieber Beide ſterben, Julius.“ „Du wollteſt... O welch ein Weib!“ ſchrie Julius wei⸗ nend auf und verbarg ſein Geſicht an Seraphinens Buſen.— Aber gleichſam erſchreckt fuhr das Paar aus dieſer Stellung — —,—— 61 der Troſtloſigkeit empor, da eine grelle Fiſtelſtimme neben ih⸗ nen laut wurde und die Worte vernehmen ließ:„Ja wohl, Gott ſei gedankt, welch eine erhabene unvergleichliche Frau! Da können Eure Durchlaucht, wenn Höchſt⸗Sie auch das chi⸗ neſiſche Reich zu verlieren hätten, ſich noch zehnmal glücklicher preiſen, als alle Potentaten ſind, weil Ihnen, Höchſt⸗Ihnen, gnädigſter Herr, die Gnade geworden, eine ſolche fürtreffliche Herzogin Allerhöchſt eigenhändig geehlicht zu haben!“ Die Blicke des Fürſten und der Fürſtin richteten ſich er⸗ ſtaunt auf den Hofzwerg, der wie aus der Erde gewachſen in ſeinem ganzen ritterlichen Reiſe⸗ und Waffenaufzug vor ihnen ſtand.—„Was wollen Sie hier?“ fragte Seraphine mit ſanf⸗ tem Vorwurf.—„Was ſoll das?“ fragte der Herzog. Ohne denſelben weiter zu Worte kommen zu laſſen, legte Thaddäus behende und demüthig ſeine Waffen zu des Herzogs Füßen nieder, faltete die Hände auf der Bruſt, ſchlug beſchei⸗ den die Augen nieder und verſetzte.„Eine Unziemlichkeit iſt, an den Wänden zu horchen; aber, Gott helf mir, ich konnte nicht anders, und in jenem Winkel ſtehend“— er deutete nach der aufklaffenden Tapetenthüre—„habe ich, Gott ſei gedankt, vernommen, daß eine Fürſtin, wie die Gebieterin des armen Thaddäus Fingerlin, auf Erden nicht mehr zu finden, und daß meines allergnädigſten Herzogs Durchlaucht von Tu⸗ genden voll, indem Höchſt⸗Er der vollen Liebe ſeiner unber⸗ gleichlichen Gemahlin ſich erfreut. So habe ich denn, obgleich ein Horcher, meine Zeit nicht übel angewendet, und hänge an das, was ich bis jetzt unterthänigſt geſagt, noch einen Frie⸗ 62 densvorſchlag und die Bitte um einen vollkommenen Ablaß für meiner gnädigſten Durchlauchten unterwürfigſten Knecht.“ Es ſpielte ein Lächeln um des Herzogs Lippen, da er die Gattin halblaut fragte:„Was will der Menſch da?“— Aber die Herzogin, die jetzt das kleine Männlein kennen gelernt hatte, legte, ebenfalls lächelnd, den Finger auf Julius' Mund und ſagte:„Erlauben Euer Durchlaucht, daß ich dem Herrn Hof⸗ zwerg Fingerlin Beſcheid gebe, damit nicht auf's neue in die⸗ ſer Einſamkeit das Kriegsfeuer entbrenne. Sie ſchlagen den Frieden vor, Herr Thaddäus Fingerlin? Was meinen Sie damit?“ Sehr ernſthaft antwortete der Letztere:„Ja, ich biete die Hand zum Frieden und zugleich unterwerfe ich mich meinem gnädigſten Herrn. Möge Höchſtderſelbe mir Generalpardon für die hochverrätheriſchen Plane geben, die ich gegen Ihn, den ich jetzt nach meinem Horchen an der Wand als einen muſterhaf⸗ ten Ehegatten und einen Landesbvater mit den beſten allerhöch⸗ ſten Vorſätzen erkenne, gehegt habe; dann wird zu gleicher Zeit vergeben ſein, daß ich dem Allergnädigſten die durchlauch⸗ tigſte Gemahlin gewiſſermaßen habe wegpraktiziren wollen und zugleich, daß ich an der Wand gehorcht habe, und zugleich.. doch halt! das muß in den eigentlichen Friedensſchluß!“ Der Herzog machte eine Geberde der Ungeduld. Ihren Gatten abermals beſchwichtigend ſprach Seraphine den Zwerg freundlich, aber mit dem gemeſſenen Tone, der zu dem ganzen Auftritte paßte, an:„Ich weiß, Herr Hofzwerg, daß ich Ihnen verbindlich wurde, wegen mancher treuer Dienſte, die Sie mir theils leiſten wollten, theils geleiſtet haben. Ich kann Ihnen f⸗ —˙—— . 63 darum manche Freiheit nachſehen und auch mein Gemahl wird es thun; allein Sie fühlen ſelbſt, da einmal das Schickſal gewollt, daß Sie ein Zeuge unſerer Unterredung geworden, daß dieſe Stunde nicht zu einem Scherz geeignet iſt und ich fordere Sie daher auf..“ Der Zwerg unterbrach die Fürſtin hitzig, indem er auf ſeine Bruſt pochte und die Finger wie zum Eid gen Him⸗ mel ſtreckte:„Durchlaucht glauben, daß ich Scherz treiben will, während mir beinahe das Herz in Stücke geht? während mir ein Geheimniß, das Ihro Durchlauchten und das ganze Land vom Abgrund retten könnte, ſchier die Seele abdrückt, während ich ängſtlich ſuche, es los zu werden und es ſchier nicht kann, weil ich mich ſchäme, es bis jetzt verſchwiegen zu haben, als ein ſchlechter Diener, als ein gehäſſiger nachträgeriſcher Burſche? Denken Sie beſſer von mir, Durchlauchten, ich bin nicht ein Dieb und wenn ich auch einen Hehler vorſtellte, ſo iſt doch immer noch die rechte Zeit, nichts mehr zu verhehlen, wenn...“ „Ich ahne, was da kommen wird!“ rief der Herzog leb⸗ haft„Wenn? reden Sie aus, ſprechen Sie geſchwinde. Ich bin bereit zu thun, was Sie begehren.“ „Gnädigſter Herr,“ verſetzte der Zwerg, immer zufriede⸗ ner werdend mit der Rolle, die er ſpielte, und auch mit ſei⸗ nen erlauchten Zuhörern:„ich habe durch lange Jahre mit dem höchſtſeligen Herzog das Land regiert... ich darf das ſagen. Nach des Herzogs Hinſcheiden ſtellten Höchſt⸗Sie mich in den Winkel. Ich bedarf wenig; ich hätte ſchmal aber aus⸗ reichend gelebt mit Höchſt⸗Dero Penſion— ich habe das bis⸗ her gethan. Aber mein Ehrgefühl hungerte, und ſtatt es zu 64 füttern mit Gnade, Durchlaucht, haben Sie es überſättigt mit Verachtung. Bittre Zeit, bittres Leben für mich, der ich ein⸗ her ging unter der Laſt Ihrer Ungnade, der Schadenfreude meiner ehemaligen Neider— ein abgelebter, abgebrauchter und vergeſſener Mann, um den ſich Niemand mehr kümmerte, wäh⸗ rend vordem das ganze Land vom Hofmarſchall bis zum salva venia Schweinhirten baarhäuptig vor mir ſtand.— Das ſchmerzt, Durchlaucht. Aber nun iſt die Zeit gekommen, die auch mit Höchſt⸗Ihnen kurzen Prozeß zu machen droht. Sie ſtehen in Gefahr, Kron' und Reich zu verlieren, und gleich⸗ gültig wird das Volk von Ihrem Abgang hören... das Volk, das vordem Ihrer Perſon entgegen jubelte! Wir Beide, Durch⸗ laucht, ſind geſunkene Größen... geſtehen Sie das. Wir beide müſſen daher zuſammen halten, um uns zu ergänzen und den Stein im Brett nicht zu verlieren. Zwar weiß ich, daß ich alt geworden, Durchlaucht: des Landes Verhältniſſe und Bedürfniſſe haben ſich geändert. Ich könnte meinen gnädigſten Herzog Julius nicht mehr in ſeinen Landesgeſchäften unter⸗ ſtützen, wie ich beim Herzog Nikolaus gethan; aber einen Platz an Höchſt⸗Ihrem Hofe, den lebenslänglichen Beſitz meines Ti⸗ tels und Ranges wäre ich und wenn mir Durchlaucht das verſprechen wollten. 36 „Es iſt Lerſprochen Ip⸗n, närriſcher Kauz!“ ent⸗ gegnete Julins lächelnd:„Auch ſollſt Du von mir, wie von meinem Vorgänger gedutzt werden, und des höflichſten„Sie“ von aller Welt genießen!“ „Nun wohl,“ ſagte großartig der Zwerg, indem er sans 5 S 5* fagon dem Herzog ſein Pfötchen bot, worein Julius ſeine —— 65 Hand legte:„ſo rette ich die Monarchie und verzichte auf jede weitere Belohnung. Ew. Durchlaucht erfahren jetzo, daß ich an Dero Commiſſär bei weitem nicht den Umfang der Schätze verrieth, die Herzog Nikolaus hinterließ, um deren Aufſpeiche⸗ rung ich allein, der die Leuchte dabei hielt, wußte; die mir noch kurz vor ſeinem ſchnellen Tode der Herzog befohlen, ewig geheim zu halten, indem er ſagte: Lieber erſticke in der Erde Schutt der Reichthum, als daß ich ihn meinem lachenden Er⸗ ben und Vetter aushändige!“ „Das ſieht ihm leider nur zu ähnlich;“ bemerkte Julius traurig. Der Zwerg fuhr fort:„Jetzt aber iſt die Stunde da, die mich zum Reden zwingt. Im Chriſtophelthurm, Durchlaucht, liegt der große Schatz begrabeu.. ich kenne nicht den Betrag, doch wird er zu Höchſt⸗Ihren Zwecken auslangen. In jenem Thurm, dem ſchärfſten Aug' verborgen, hinter einer dem Un⸗ eingeweihten völlig unauffindbaren Thüre von Stein ſchläft der Mammon, von dem ich ſelber— Gott weiß— nichts ge⸗ nommen, als was ich der Durchlauchtigſten Frau gegeben und zum Reiſegeld beſtimmt hatte.. ferner noch einige wenige Gulden, Sdie verwendet worden, Ew. Durchlaucht im Sohn meiner Freundin Agneſe einen treuen Diener zu erziehen. Die Blendlaterne iſt zur Hand. Will mein Herzog ſich meiner Lei⸗ tung anvertrauen, ſo führe ich Allerhöchſt⸗Ihn alſobald zur Ouelle neuer Herrlichkeit!“—. — Herzog und Zwerg gingen; zufrieden kamen Beide zurück. Julius umarmte den zu neuem Stolz erwachſenen Thaddäus wie einen Bruder; Seraphine ſchmückte ihn eigenhändig mit Der Erzähler 1846. 1. 5 66 einer goldenen Kette.— Kuriere wurden abgefertigt, flogen hin und wieder. Der feindliche Feldherr ſchmiegte ſich dem Glanz des Goldes; nach kurzer Zeit kehrte Julius als ein Ver⸗ bündeter des Eroberers in ſeine Reſidenz zurück, und erhielt durch ſolchen Schritt zwar nicht den Lorbeer der Unſterblichkeit, aber ſein Land und ſeine Krone. Der Hofzwerg ſaß in prächtig⸗türkiſchem Kleide allein auf dem Dienerſitze des herzoglichen Wagens; allein erhielt er beim Herzog zu jeder Stunde den Eintritt. Eine ſchöne ſtolze Zeit ging noch wie ein prächtig Abendroth an ihm vorüber. Als der letzte Hofzwerg in Europa ſtarb er, kurz nachdem er Hein⸗ rich und Traudchen vermählt hatte, an Ueberſättigung von Ehre und Herrengunſt. meinten ſogar: unerhört frech, ſelbſt zur Zeit Ludwigs KV., 2. 2 Croix⸗Fontaine. Ein Charaktergemälde aus dem 18. Jahrhundert. Nach Leon Gozlan; von Neuberger. 5 — Fhr ſeht mir ganz danach aus, daß Ihr Marlh nicht kennt; kommt, Herr, ich will's Euch zei⸗ N gen.“ Dieſe einfachen Worte, aber freilich aus Ludwigs XIV. eigenem Munde, reichten hin, einen Generalpächter zu beſtimmen, den bereits geleiſteten Vorſchüſſen noch einige Millionen hinzuzufügen. Sein Herz, ſonſt kalt wie ſein Geld ſelber, ſchmolz vor dem Schmeichelton, 3 welchen der König ſo gut anzuſchlagen verſtand, 3 wo es galt, durch Freundlichkeit gegen Kleine die Großen zu demüthigen, und von den Klei⸗ nen Gold oder Dienſte zu begehren, wie ſie von den Großen nicht zu erhalten waren. Der Generalpächter erſchien bekanntlich zu Marly, und dieſe beiſpielloſe Ehre war durch ſeine Millionen lange noch nicht bezahlt; aber das Beiſpiel war bedenklich genug. Seit jenem Tag wollten alle Geldmänner bei ähnlichen Anläſſen immer mit dem König reden. Das war ſtark; die Hofleute 68 wo die ſtrenge Förmlichkeit des vorigen Jahrhunderts ſchon um ſo Vieles milder geworden. Allerdings war der Anſpruch auf ſolche Auszeichnung ziemlich keck, aber er bezeichnete ſchon die bewundernswerthe Gleichheit aller Franzoſen vor.. den Schulden, und war die träumeriſche Ahnung künftiger Ent⸗ wickelungen eines Jahrhunderts, worin Sainte⸗Pelagie und die Clichy⸗Straße durch die edelſten Namen von Herzogen, Fürſten, Marquis, Grafen, Vicomtes und Freiherren geweiht werden ſollten. Die Schulden des Hofes waren dringend, und der Hoch⸗ muth mußte dem Ehrgeiz der Geldmänner ſchon ein bischen durch die Finger ſehen; das Unerhörte geſchah,— Marlh, Verſailles, Saint⸗Germain ſahen den Geldmann beim König! Die Ueberlieferung ſpricht noch von dem unermeßlichen Reichthum eines gewiſſen Bouret. Manche ſchreiben den Mann auch Boureh oder Bourette, aber Voltaire, der ihn genau kannte, nennt ihn Bouret. Wo hatte dieſer Bouret all das Geld her? Auf die Frage könnte ich antworten, was der Marquis von Saint⸗Simon zu ſeinem Gläubiger ſagte:„Sie wollen wiſſen, wann ich Sie bezahle, Herr? Sie ſind ſehr neugierig.“— Vielleicht hatte er's am Salz gewonnen oder am Mehl, wie die bekannten Gebrüder Paris; etwa auch mit gar nichts, und das wird das Wahrſcheinlichſte ſein, denn mit dem Geld verhält ſich's wie mit dem Oel: wenn Du ein paar Tropfen mit Ausdauer und Geſchicklichkeit peitſchſt, erhältſt Du Berge von Schaum. Indeſſen mag Bouret doch vorzüg⸗ lich durch Kornhandel ſich bereichert haben. Im Jahr 1747 ließ die Probence ihm zu Ehren eine Schaumünze prägen, zum Dank für die Uneigennützigkeit, womit er zur Zeit der —— —— 6 „ 69 Noth dem hungernden Volk durch Zufuhren von Getreide zu Hülfe gekommen war. Bouret war ein ſchwerer Millionär; eine Zeit lang war ſeine Unterſchrift ſelbſt jenſeit des Weltmeeres geſuchter als Gold. Seine Zeitgenoſſen— befugte Richter in dieſem Fach — gaben ihm das Zeugniß: daß er ſein Geld auch auszu⸗ geben verſtehe. Er hatte wohl ſein„kleines Haus“ in der Vorſtadt, zahlreiche Tiſchfreunde, freien Eintritt in die be⸗ rühmteſten Boudoirs, Roſſe edler Art und Zucht, und empfing große Geſellſchaft in ſeinen Sälen, wo das Gold aus Kiſten und Kaſten in Blumen, Laubwerk und Schnörkeln wie Sal⸗ peter an den Wänden aufſchoß. Bouret behandelte die Schriftſteller insgeſammt mit jener gaſtfreundlichen Zuvorkommenheit, die man in der tafelnden Geſellſchaft nur noch den Zeitungsſchreibern gegenüber kennt. Die Ahnherrn fürchteten Sinngedicht und Spottlied; die Enkel ſcheuen nichts mehr, als den„Premier⸗Paris.“ Die Proſa ſtahl der Poeſie den Löffel. Bouret wußte durch Schmaus, Geſchenk und Darlehen die ſpöttiſche Muſe ſeiner Zeit zum Schweigen zu bewegen. Nur Voltaire hat einmal in ſeinen alten Tagen in einem Anfall übler Greiſenlaune den Aufwand Bourets getadelt. Derſelbe Voltaire, welcher einſt ausgerufen:„O über die guten Tage der eiſernen Zeit!“ — er vergißt plötzlich ſeine freundſchaftlichen Beziehungen zu dem reichen Geldmann. In ſeiner Flugſchrift:„Requete aur Magiſtrats“ läßt er das Volk, ſich über die Faſten beklagend, ſagen: ſie behaupten, es ſei eine große Sünde, wenn wir zur Faſtenzeit ein Stück ranzigen Speck zu unſerem 70 Schwarzbrod eſſen. Fruͤher hat wohl auch hie und da der Richter einen armen Teufel an Leib und Leben geſtraft, weil er an einem gebotenen Faſttag aus Hunger und Elend von einem gefallenen Pferd gegeſſen. Zu derſelben Friſt ſtanden auf der Straße von Dieppe die Pferde eines bekannten reichen Mannes bereit, um Tag für Tag von Poſt zu Pvſt in ſchnell⸗ ſtem Lauf die Gaben der See nach Paris zu bringen. Er brach die Faſten nicht, wenn er mit ſeinen Schmarotzern für zweihundert Thaler Fiſche fraß! Wir wollen Bouret grade nicht darum beſonders loben, wie ſeine Zeitgenoſſen, daß er durch ſeine Verſchwendung dem Geld einen glücklichen Abfluß geöffnet; doch dürfen wir in unſerer charakterloſen Zeit allenfalls das Ausſterben ſolcher Charaktere bedauern. Der Reiche verbirgt jetzt ſeinen Schatz in Darlehen auf Grund und Boden, weit von der Hauptſtadt weg, oder, noch ſchlimmer, in den Kellergewölben einer aus⸗ wärtigen Bank. Welch ein trübſeliger Reichthum, den niemand merkt, nicht einmal der ſogenannte Beſitzer! Er hinterläßt ſeinen Kindern ein paar Bankbriefe von Wien oder Amſter⸗ dam, und ſeine Kinder genießen nicht mehr davon, als ihr Vater. Der ganze Bettel iſt ein Wiſch, der von Hand zu Hand erbt, und der Beſitzer iſt der Drache auf dem Hort. Ausgeſtorben ſind die weltberühmten Tollheiten eines Brunoh, eines Lauraguayh— todt die lobenswerthe Verſchwendung, die Kunſtwerke aus Erz und Marmor, auf Holz und Leinwand in's Daſein rief, und von der mit der Kunſt die Künſtler lebten. Welche Gebilde, Gemälde und Geräthe erheiſchten nicht die Prachtbauten des geldſtolzen und üppigen Beſitzes! Jener 71 Zeit verdanken wir noch auf fünfhundert Jahre hinaus die Tauſende und aber Tauſende von Figürchen, womit wir Ge⸗ ſimſe und Geſtelle verzieren und die wir ſogar nachzuahmen unternehmen. Die Geldleute haben das erfunden und bezahlt noch kurz vor jenem gewaltigen Umſturz, der ſo manchem Lie⸗ besgott von Meißner Porzellan die Naſe abſtieß, mancher Schäferin aus Sevres die Finger zerbrach. Und was verdankt dieſen Herrn erſt die Litteratur! Romanſchreiber und Luſtſpiel⸗ dichter haben ſie zum Stoff erkoren, und ſie ließen es gut⸗ willig geſchehen. Sie lachten am allererſten über ihre chine⸗ ſiſchen Schmeerbäuche, über ihre breiten Goldtreſſen, über ihre Hängbacken und über die Schwerfälligkeit ihrer geſchraubten Reden. Sie waren gutmüthige kleine Götter, die ſich ſchon auf den Bauch klopfen ließen. Welches Vergnügen könnt' es dagegen heutzutag gewähren, auf der Bühne einen Bankier in ſchwarzem Frack zu ſehen, wie er mit einem Advokaten ſeiner Art von Fortſchritt und Geſinnungstüchtigkeit ſpricht. Ludwig der Fünfzehnte trieb es wie ſein großer Ahn: er lebte auf Borg. Aber das erbärmliche Mittel langte nicht immer zu, weil einigemale das Wiedererſtatten nicht mit er⸗ wünſchter Pünktlichkeit vor ſich gegangen war. Die Geld⸗ männer fingen an, vor der Ehre zu erſchrecken, einem König ihre Piſtolen zu geben, der vielleicht eines Tages Bankrutt machen konnte. Zu der bedenklichen Zeit, in welcher die Zahlungsfähig⸗ keit des Hofes ſtark bezweifelt ward, ſollte Bouret verſchiedene Millionen vorſchießen. Ludwigs XV. Kiſten waren leer, durch unvorhergeſehene Ausgaben, wie es hieß, als ob nicht grade 72 die Ausgaben dieſer Art am erſten vorauszuſehen wären. Bou⸗ ret war eben nicht der zugänglichſten einer, aber der keckſte. Nachdem er ſich alle mögliche Sicherheit ausbedungen, erklärte er ſich bereit, den Hof ſich zu verpflichten, wenn er dem Kö⸗ nig vorgeſtellt würde. Bei Geldgeſchäften wurde amtlich nie der Name des Königs gebraucht; alle Darlehen wurden nur dem Hof gemacht. Er beſtand mit Zähigkeit auf eine Aus⸗ zeichnung, deren ſeine ſpäteſten Nachkommen noch mit gerech⸗ tem Stolz gedenken würden. Er könne ihnen nicht Titel und Wappen, keinen Waffenruhm oder ſonſtige Berühmtheit hinter⸗ laſſen; für ſeine dunkle Abkunft ſolle nun die begehrte hohe Ehre Erſatz leiſten. Der Bevollmächtigte des Hofes brach au⸗ genblicklich die Unterhandlung ab; er konnte begreiflicher Weiſe nicht die Verantwortlichkeit auf ſich nehmen, eine Hoffnung auf Erfüllung des maßloſen Wunſches auch nur durchſcheinen zu laſſen. Dem König vorgeſtellt werden, mit Seiner Maje⸗ ſtät reden! Selbſt Edelleute vom beſten Adel erhielten nicht ohne den triftigſten Anlaß, was der Mann aus dem Volke hier begehrte. Bouret nach Verſailles bringen, ihn dem König vorſtellen, hieß das nicht: die Etikette gänzlich zerſtören? Ohne Etikette kein Hof, ohne Hof kein König, ohne König kein Reich. Die Frechheit des Goldes ging in's Ungeheuerliche! Indeſſen konnte der Unterhändler nicht umhin, dem Pa⸗ laſtgouverneur über den Stein des Anſtoßes zu berichten. Der Gouverneur machte dem Miniſter Meldung. Die Herrn mach⸗ ten ſich über die lächerliche Ehrſucht des Glückspilzes ungemein luſtig und witzelten wahrſcheinlich ungemein geiſtreich. Vouret — 73 ſaß indeſſen auf ſeiner Geldkiſte und wartete ruhig auf Ant⸗ wort und Beſcheid. Ihn drängte die Zeit durchaus nicht. Der Miniſter paßte eine heitere Stunde ab, um den ſchwierigen Punkt anzuregen. Ludwigs XV. weltbekannte Leicht⸗ fertigkeit erſtreckte ſich nicht auf Gegenſtände der Etikette; hierin war er unbeugſam, wie nur ſein Großvater ſelber. Er ſchlug den Antrag rundweg ab. Die Folgen mußten bevacht werden. Ohnehin machten die Hofleute ſich ſchon viel zu ge⸗ mein, und ein ſolches Beiſpiel würde ſie nur noch ermuthigt haben, auf dem betretenen Irrweg fortzuwandeln. Jedes Ding hat ſeinen angewieſenen Platz: die Tannen im Wald, die Ge⸗ ſtirne am Himmel. Ob Seine Majeſtät ſich juſt dieſes Gleich⸗ niſſes bedient haben, wollen wir nicht verbürgen; aber gewiß iſt, daß Sie nicht unerbittlich bei Ihrem erſten Entſchluß be⸗ harrten, ſondern nach und nach ſich herbeiließen, dem wunder⸗ lichen Geſuch zu willfahren. Bouret ſollte den König ſehen, aber nur unter gewiſſen Bedingungen. Unangemeldet, uner⸗ wähnt auf der Empfangsliſte, nicht vorgeſtellt nach der Meſſe, ſollte ihm vergönnt ſein, dem König auf dem Spaziergang im Garten von Marlh ſeine Ehrfurcht zu bezeugen. Am nächſten Morgen, wenn nicht etwa ſchon deſſelbigen Tages, wanderten in aller Stille die verheißenen Millionen nach Hofe. Bouret hatte ſein Wort gelöst, und erwartete, daß der König nun auch ſeinem Verſprechen nachkomme. Was mag der gute Bouret nicht Alles empfunden ha⸗ ben, da er im Baumgang von Marlh des Königs harrte, der ſeinerſeits wahrſcheinlich mit weit größerer Unbefangenheit der 74 Begegnung entgegenſah. Von welcher Seite wird Seine Ma⸗ jeſtät wohl kommen? Wer wird mit dem König gehen? Wie wird der König ihn anſehen, was er dem König ſagen? Als er Ludwig XV., geſtützt auf ſein Meerrohr mit dem Goldknopf, langſam auf ſich zukommen ſah, verlor Bouret Faſſung und Gedächtniß. Er wußte kein Wort mehr von den geiſtreichen Dingen, womit er die Unterhaltung zu würzen, zu beleben, möglichſt in die Länge zu ziehen gedacht. Seine Kniee ſchlotterten, die Gedanken vergingen ihm, die Ehrfurcht ward zur Furcht. Er hätte gern der Ehre entſagt, wär' es nicht zu ſpät geweſen. Aber ſchon war der König bis auf zwanzig Schritt bei ihm, und den Hut in der Hand nahm Bouret eine ſo unterwürfige und gebückte Haltung an, als die Ver⸗ hältniſſe ſeines Körpers irgend nur vergönnten.— Einmal zum Opfer entſchloſſen, wollte der König auch mit aller Leut⸗ ſeligkeit ſein Wort löſen; und in Hinſicht der gnädigen Her⸗ ablaſſung war er Ludwigs XIV. würdiger Erbe, voll bezau⸗ bernder Anmuth, wenn er nur wollte. Vor dem Finanzmann ſtehen bleibend lüpfte er den Hut und ſagte überaus huldreicht „Herr Bouret, ich verſpreche mir das Vergnügen, auf Euerm Landſitz einen Pfirſich zu genießen, da Ihr mich zu Marlh beſucht habt.“ Ludwig XV. war ſchon weit weg, bevor Bouret, trun⸗ ken von Stolz und Glück, ſich auf eine Antwort beſonnen. Welche Gnade! Der König von Frankreich und Navarra hatte verheißen, einen Pfirſich auf ſeinem Landſitz zu verſpeiſen. Das hieß natürlich ſo viel, als: der König wird mich der Ehre würdigen, bei mir zu frühſtücken. Ich kenne keinen ſo ſchönen, 75 ſo edlen, ſo großartigen Zug in der Geſchichte Frankreichs. Welch' ein Fürſt. Wodurch aber bin ich ſo hoher Gnade werth?— Schon hatte der allzu beſcheidene Bouret die Mil⸗ lionen vergeſſen, die er dem Hof geliehen.— Ludwig iſt der größte König der Welt, wiederholte er fort und fort, wie närriſch. Armer Bouret, wußteſt Du nicht, daß Frau von Sevigné einſt daſſelbe von Ludwig XIV. ſagte, nachdem ſie mit ihm getanzt? Paris wurde ſchier zu klein für ſeine Größe. Alle Leute mußten ſeines Glückes theilhaftig werden, und Abends war in den Kuliſſen der großen Oper von nichts Anderem die Rede. Die Tänzerinnen ſahen ihn bereits als Miniſter, und Bouret wäre nicht gar zu ſchwer zu ihrer Meinung zu bekehren ge⸗ weſen. Er durchlebte eine ſelige Nacht. Der Morgen aber brachte Ruhe und Ueberlegung. Der König,“ murmelte Bouret hinter den Goldſtoff⸗ vorhängen ſeines Bettes:„der König will auf meinem Land⸗ ſitz einen Pfirſich eſſen, und ich habe doch gar keinen Land⸗ ſit. Muß alſo einen anſchaffen, und zwar des hohen Gaſtes würdig, mit Schloß und Park. Ein ſchones, großartiges Schloß bei Paris, das brauch' ich juſt. Wo find' ich's? Wer ſucht, der findet.—“ Mit einem Satz ſprang er aus dem Bett und machte ſich auf den Weg nach Verſailles, voll Ungeduld und Hoff⸗ nung. Zur Rechten wie zur Linken der Straße gab es einen Ueberfluß von prächtigen Ländereien mit einem Grasboden wie Sammet, mit ſtattlichen Springbrunnen, mit Schlöſſern, .„ zierlich wie aus der Werkſtätte eines Florentiner Goldſchmiedes hervorgegangen. Doch waren dazumal die großen Landgüter nicht zu jeder Stunde feil, wie jetzt; die Gerichte hatten nicht Schlöſſer und Wälder im Ueberfluß zu verſteigern, wie in un⸗ ſern beglückten Tagen. Damals behielt jede Familie ihren Sitz, wie der Sitz ſelber ſeine Stelle. Der Beſitz wechſelte nicht, und das Bildniß des Ahnherrn blieb an der Wand, wie der Schmuck der Ahnfrau bei der Enkelin. Schöne und rührende Unbeweglichkeit! Denn wo Daſein und Beſitz ihre ernſte Geltung haben, fehlt es den Empfindungen nicht an Tiefe und Nachhaltigkeit. Glauben, Lieben, Verſprechen ſind da nicht leerer Schaum. Bouret zog vergeblich Klingel um Klingel von Paris bis Verſailles; kein Schloß war zu verkaufen. Kaum daß irgend ein kleines Gut, aber viel zu viel abſeits gelegen, zu haben war. Dieſe armſeligen Häuſer waren Wohnungen heruntergekommener Junker, die ſich hier angeſiedelt hatten, um möglichſt nah bei Verſailles zu ſein, dem großen Stelldichein aller Bittſteller; ſo etwas war nicht für Bouret gewachſen. Er empfand das ungeſtüme Sehnen eines Columbus, der, eine neue Welt vor den Augen ſeiner Seele, kein Schiff zur Ueberfahrt erhalten kann. Seine Ausflüge nahmen ihre Richtung gegen Fontaine⸗ bleau. Nichts, gar nichts zu finden auf der Strecke von acht⸗ zehn Wegſtunden, wo jetzt im Jahre des Heils 1846 von zehn zu zehn Schritten ein Schloß zu verkaufen ſteht,„wenn der Schätzungspreis nicht erzielt wird, auch darunter für das höchſte Angebot,“ wie es im deutſchen Gerichtsſtyl heißt. Vielleicht fand ſich am Seineſtrande das heißerſehnte ——— 77 Beſitzthum. Dort waren unter andern reizenden Landgütern Choiſh⸗le⸗Roi,(ſpäter Eigenthum der Pompadour,) Sviſy⸗ ſous⸗Etiolles, Petit⸗Bourg, dem Herzog von Antin, und Sainte⸗Aſſiſe zu ſehen, dem Herzog von Orleans zugehörig. Wenn Bouret ihr Nachbar hätte werden können! Der König würde den Pfirſich verſpeist haben, ohne ſein Haus zu ver⸗ laſſen! Unglücklicher Weiſe jedoch war auch hier kein Landhaus aufzutreiben, eines ſo erlauchten Gaſtes würdig. Bouret ver⸗ lor den Muth; ſeine Wangen fielen ein, aus ſeinen tiefliegen⸗ den Augen blickte troſtloſe Verzweiflung. Der unſelige Pfirſich verfolgte ihn Tag und Nacht in Wachen und Traum, lag, ein geſpenſtiger Alp, auf ſeiner Bruſt. Es gibt überhaupt keine kleinen Leiden und keine geringen Schmerzen. Es iſt nicht das Uebel, das in's Herz einzieht; das Herz dehnt ſich aus bis zum Zerſpringen oder zieht ſich zu einem Atom zu⸗ ſammen, um ſich der Geſtalt des Uebels anzupaſſen. Alexan⸗ ders großes Herz zerſprang aus Sehnſucht nach der Herrſchaft über die ganze Welt, Bourets kleines Herz war immer noch zu groß für den Pfirſichkern, in welchen es ſich bergen mußte. „Welch' ein Einfall für einen König!“ ſagte Bouret oft in übler Laune zu ſich ſelber; dann aber fügte er, ſich faſ⸗ ſend, auch regelmäßig hinzu:„doch iſt's für mich eine ſo große Ehre.“ Ermüdet und abgehetzt, keinen Funken Hoffnung mehr in der Seele, ließ er eines Tages den Forſt von Senart und den Wald von Rougeaux hinter ſich. Er hatte wieder eine Menge von Herrſchaften geſehen, deren geringſte ihn glücklich gemacht haben würde, und trat in's Freie unfern vom Seineſtrand bei 78 dem Dörſchen Nandh, einſt berühmt durch den edlen Namen derer von lHoſpital, die ſich ein Schloß hier erbaut hatten. Der Platz iſt eine maleriſche Hochebene, von wo das Herz mit dem Simmel und der weiten Rundſicht ſpricht. Hinter Dir der Wald von Rougeaux, zu Deinen Füßen der Strom, ein Jahrhunderte altes und dennoch ſo friſches Band mit eingewo⸗ benem Gebilde von Feldern, Wäldern, Vögeln, Blumen, Dörfern. Beim Anblick der reizenden Landſchaft kam dem armen reichen Mann ein koſtbarer Einfall.„Wenn mir denn doch niemand ein Schloß verkaufen will,“ rief er plötzlich aus, „warum ſoll ich nicht ſelber eins bauen? Eins, das alle andere beneiden müſſen?“ In wenigen Tagen darauf kaufte Bouret Grund und Boden von Crvir⸗Fontaine, um hier ſein herrſchaftliches Ge⸗ bäude aufzuführen Das iſt der Urſprung jenes Schloſſes, welches, berühmt durch die ungeheure Summe der Baukoſten, bald nach des Erbauers Namen und bald Croir⸗Fontaine ge⸗ nannt ward. Das Schloß iſt keine ſechzig Jahre nach ſeiner Erbauung wieder zerſtört worden, und eine genauere Beſchreibung kaum möglich. Man weiß indeſſen, daß es die Form eines großen Pavillons, wahrſcheinlich alſo gar keine Flügel hatte. Die Pracht der inneren Ausſtattung verſteht ſich unter den gege⸗ benen Umſtänden von ſelber; auch ſind einzelne beſſere Stücke der fahrenden Habe, ſpäterhin in fremde Hände gekommen, noch in unſern Tagen geſehen worden. Außer den unerläßlichen Sälen gab es im Schloß Bouret auch noch Cabinets von —— ,— ——— — unvergleichlicher Eigenthümlichkeit. So die Japaniſche Kammer, die für ſich allein Millionen gekoſtet hatte, und buchſtäblich genommen von Porzellan war. Tiſche, Seſſel, Kamin, Kar⸗ nieße kamen aus China. Lauter furchtbar große Stücke der weißen Erde, damals ſo theuer und jetzt wiederum ſo koſtbar. Selbſt der Eſtrich war aus keinem andern Stoff. So auch die Stiege, die, blau und golden ſchimmernd, in Form einer Seemuſchel gewunden, und durchſichtig wie dieſe zu dem Wun⸗ derkabinet emporführte. Die Gauſſin hat ihrer Zeit unzählige⸗ mal die feenhafte Treppe betreten. Zaire wird wohl ihre Pan⸗ toffel abgelegt haben, bevor ſie den Fuß auf die erſte Staffel ſetzte. Welch' ein Traum aus Tauſend und einer Nacht: der Mann mit dehn Goldbrunnen, die„göttliche“ Künſtlerin, die Wendelſtiege im roſigen Schimmer dämmernder Kerzen! Um der Einbildungskraft des Königs zu ſchmeicheln, hatte Bouret ein anderes Cabinet nach dem Muſter desjenigen ein⸗ richten laſſen, welches Ludwig XV. kurz vor ſeiner Vermäh⸗ lung mit der Tochter des Polenkönigs einſt bewohnte. Die Sigenthümlichkeit dieſes Raumes würde vorhergegangene Erklärung unverſtändlich bleiben. Als mit Uebergehung der portugieſiſchen und der ſpaniſchen Infantin die polniſche Prinzeſſin zur Königin von Frankreich erkoren worden, dachte der greiſe Cardinal Fleurh ernſtlich darüber nach, wie er ſeinen königlichen Zögling ohne Gefahr und dennoch unzweifelhaft über die Pflichten des Eheſtandes aufklären könnte. Bekanntlich flößten die Weiber dem jungen Fürſten ein ſolches Entſetzen ein, daß er in Thränen ausbrach und vor Schrecken erbebte, da er zum erſtenmal unborbereitet 80 vernahm, er werde ſein Lager mit ſeiner Gemahlin theilen müſſen.— Der alte Cardinal ließ für das Zimmer ſeines allzublöden Zöglings zwölf Gemälde anfertigen, welche die Ein⸗ bildungskraft des Jünglings in Flammen zu ſetzen beſtimmt waren. Die Neugierde der Augen ſollte die Neugier des Her⸗ zens wecken; die Erfahrung des Malers der Unerfahrenheit zum Führer werden. Zu dieſen zwölf Bildern gehörten unter andern: Amors Geburt, Daphnis und Chloe, die Roſenknoſpe, die erſehnte Blume, die geraubte Blume. Unter dem letztge⸗ nannten Bild waren folgende Verſe von Chaulieu zu leſen: Iris, die ſpröde Maid, Iris mit kaltem Muth, In heiße Küſſe taucht ſie plötzlich meine Gluth, Um jeden Tropfen nun des Göttertranks zu nippen, Wohnt meine Seele blos fortan noch auf den Lippen. Dieſe Verſe wählte ein Cardinal aus den Werken eines Abbé's zum Unterricht eines königlichen Bräutigams. O acht⸗ zehntes Jahrhundert! Maurer, Zimmerleute, Maler,— die ganze Schaar der Beſchäftigten wich nicht von der Stelle, bis das Werk in allen ſeinen Theilen vollendet daſtand. Byuret ſälte Gold und erntete Wunder. An derſelben Stelle, wo er aus lauter Ver⸗ zweiflung ſich gern in den Fluß geſtürzt hätte, überblickte er von ſeinem Belvedere aus ſeine weiten Wälder und Triften. Natürlich waren die Pfirſiche nicht vergeſſen worden. Sein Obſtgarten beſtand aus einer Menge von Gärten, die er zu einem vereinigt hatte, und es gab Pfirſiche genug, um ſie dem Könige vorzuſetzen. Nun galt es, dem König ſein huldreiches Verſprechen 81 in's Gedächtniß zurückzurufen. Ein Jahr war inzwiſchen ver⸗ gangen und Ludwig XV. um nichts reicher geworden, als an Schulden. Auch Bouret war nicht bezahlt worden, ſondern hatte im Gegentheil neue Vorſchüſſe gemacht. So war denn diesmal der König weniger ſchwierig, der Unterthan weniger blöde, da es ſich um einen abermaligen Empfang handelte. Der erſte Schritt, bekanntlich der ſchwie⸗ rigſte, war beiderſeits geſchehen. Diesmal wurde der Generalpächter nicht hehlings und in freier Luft vorgeführt; er zeigte ſich frank und frei im könig⸗ lichen Saal zu Verſailles inmitten der Condé's, Matignons und Villeroi's.* „Sire,“ wagte Bouret zu ſagen:„der Pfirſich iſt reif. Mein Schloß rechnet auf die Ehre des Beſuches, die Euere Majeſtät ihm zu Marlh verhießen.“ Der König wußte von dem Verſprechen nichts mehr und vollends nichts von dem Pfirſich; doch begriff er, daß er wahr⸗ ſcheinlich einmal verheißen haben mochte, nach Croir⸗Fontaine zu kommen, und ohne ſich weiter den Kopf über das zu zer⸗ brechen, was ihm dunkel geblieben, verſetzte er „Schön, Herr Bouret. Wir werden nächſtens in Euerm Park jagen.—“ „Jagen? In meinem Park jagen? Eine noch höhere Auszeichnung,“ ſagte ſich Bouret:„kein Pfirſich iſt es mehr, den Ludwig XV. von meinem Spalier pflücken will. Er wird bei mir jagen.“ In Gedanken ritt Bouret ſchon neben dem König einher, dem Schall der Waldhörner, dem Gelaut der Meute nachgaloppirend, als ob er Condé hieße. Er träumte Der Erzähler. 1846. 1. 82 von einem neuen Chantilly). Aber kein Traum waren die Hunderttauſende, die er ausgab, um ſich Rüden, Roſſe und Waidleute anzuſchaffen; ein artiger Zuſchuß zu den Millionen, welche der Ankauf, der Bau, die Einrichtung bereits ver⸗ ſchlungen. Das Schloß iſt, wie oben erwähnt wurde, zertrümmert. Nur ein Pabillon iſt ſtehen geblieben, gleichſam als Muſter der großartigen Thorheit des guten Geldmannes. Die Keller aus gehauenen Steinen und Marmor wurden während der Re⸗ volution geplündert; aber ihre Gewölbe widerſtanden der Haue und dem Pickel, und man hätte ſie mit Pulber ſprengen müſ⸗ ſen, um ſie zu zerſtören. Dieſe Keller ſind unermeßlich, ihr Umfang berliert ſich hinter eingeſtürztem Erdreich. Eichen ha⸗ ben ihre Wurzeln mit Gewalt zwiſchen den unzerſtörbaren Steinen durchgetrieben. Hernach werden wir auf die Sage zurückkommen, welche über die Keller von Bouret im Volke forterbt. Im Walde ſind noch einige der Meilenzeiger zu ſehen, die Bouret aufrichtete, und theilweiſe an weniger überwachſenen Stellen auch die Straße, die er bis nach Paris führte, um dem erwarteten Beſuch einen bequemen Weg zu bahnen Man könnte ſie für eine Römerſtraße nehmen; die Revolution hat viele junge Alterthümer hinter ſich zurückgelaſſen. „Da ich nun nicht länger bezweifeln kann,“ ſprach Bou⸗ ret in ſeinen Gedanken:„daß der König mich beſuchen und einen ganzen Tag bei mir verbringen wird, ſo wird es mir zur Ehrenſache, in jeder Art zu beweiſen, von welcher Vereh⸗ rung für den Monarchen mein ganzes Weſen durchdrungen iſt. 83 Die Geſchichte wird dieſen Beſuch auf ihre Erztafeln eingra⸗ ben. Künftige Jahrhunderte werden meinen Namen gelegent⸗ lich neben dem fünfzehnten Ludwig nennen. Thun wir alſo etwas, um uns perſönlich auf die Höhe der Geſchichte zu ſtellen.“ Nachdem er mit der fleißigſten Aufmerkſamkeit alle Ver⸗ anſtaltungen getroffen, um jede Minute des königlichen Auf⸗ enthaltes durch ein Vergnügen, einen Genuß, eine Ueberraſchung zu würzen, ſann Bouret allen Ernſtes auf eine Verewigung des glorreichen Ereigniſſes. Ihn ergriff die Krankheit eines Fouquet, eines Lafeuillade: der König ward ihm zum Gott; und die Strafe für den Götzendienſt blieb nicht aus, wie ſchon aus dem hervorgeht, was wir bis jetzt berichteten. Wie aber war die Verewigung in's Werk zu richten? Eine Medaille fällt zu wenig in die Augen und ſpricht nur den Fachgelehrten an. Bildliche Darſtellungen der einzelnen Vorkommenheiten des Feſtes hatte Fouquet bereits zu Vaur angewendet und das Mittel war verbraucht. Für den Finan⸗ cier wär' es auch eine Schmach geweſen, ſeines Gleichen nach⸗ zuahmen. Für die Gnade ohne Beiſpieb bedurfte es eines Dankes ſonder Gleichen. Bouret beſchloß, dem König ein rie⸗ ſiges Standbild im Ehrenhof des Schloſſes zu errichten. Der erſte Gegenſtand, auf welchen beim Eintritt des Königs Blick ſich richtete, ſollte ſein eigenes Bild ſein, ausgeführt von Mei⸗ ſterhand. Das Standbild ward errichtet. Ueber den künſtleriſchen Werth deſſelben fehlen alle Nachrichten, und unſere Nachfor⸗ ſchungen darüber ſind vergeblich geblieben. Indeſſen muß Bouret 84 doch mit der Ausführung zufrieden geweſen ſein, da er von Voltaire eine Inſchrift zu begehren wagte, von Voltaire, deſſen leuchtendes Geſtirn in erhöhtem Glanze von der Mittagshöhe ſeiner irdiſchen Laufbahn abwärts ſank. Entweder ſpürte Voltaire in ſeiner Verbannung zu Fer⸗ neh keine Luſt, den König zu beſingen, oder es lag ihm nichts an Bourets Gewogenheit, kurz: er antwortete nicht minder be⸗ fangen als geiſtreich. Er erſtickt an Witz! Ja, wenn er ſich luſtig machen könnte über den König wie über den Glücks⸗ pilz.. aber die Jahre haben ihn vorſichtig gemacht. Aus ſei⸗ ner Antwort iſt jedoch zu erkennen, daß es ihm eben ſo lieb wäre, wenn das Standbild ihm errichtet würde. Er antwor⸗ tet Bouret, daß Marmontel ihm ſagen könne, wie ſehr die franzöſiſche Sprache durch ihre Bei⸗ und Nebenwörter dem In⸗ ſchriftenſtyl widerſtrebe. Und es wäre doch gar zu traurig,“ fügt er hinzu, den Pferdefuß ein wenig herausſtreckend,„wenn man dem Alterthum ein paar Zeilen entlehnen ſollte, um den großen Ludwig XV. zu preiſen. Wiederholen, was andere geſagt, heißt ſelber nichts zu ſagen wiſſen. Mehr noch; der König wird ſelber kommen, das Bild ſehen und die Inſchrift nicht verſtehen. Wenn ein gelehrter Herzog und Pair ihm dann ſagt, daß man ihm langes Leben anwünſche, ſo wird er den Einfall nicht für neu, nicht für witzig halten. Schlimm iſt das: wenn ich die Kühnheit hätte, Euch eine Inſchrift in Verſen für das Königsbild zu machen, ſo müßte ich damit Euern und Euerer Freunde Geſchmack treffen, und Ihr wißt doch, daß bei Tiſch, wie nach Tiſch immerdar die erſte 85 Regung des Gaſtes dahinzielt, alles abſcheulich zu finden, was ihm vorkommt, echten Tokaier ausgenommen.“ Der Brief iſt lang, wiewohl geiſtreich, und findet ſich in Voltaires Briefwechſel(Brief AlLII. 1768). Der Verfaſſer ſtößt dem armen Byuret den Dolch Zoll für Zoll in den Leib. Er ſchickt keine Verſe, weil die Zeit der Verſe in Frankreich überhaupt, und insbeſondere für ihn ſelbſt vorüber ſei, wenn er aber noch ein Angeſtellter der königlichen Kammer wäre und hätte ein Marmorbild auf einem ſchönen Fußgeſtell erhöht, dann würde der König vier Zeilen zu ſehen bekommen, ſchlechte Verſe, die jedoch wenigſtens ausdrückten, daß einer der Be⸗ dienten Seiner Majeſtät es errichtet habe. Nachdem er alſo in ſeiner heimtückiſchen Rede ſich als einen Bedienten bezeich⸗ net, um nur die ſaubere Bezeichnung auch auf Bouret anwen⸗ den zu dürfen, bringt Voltaire vier unbedeutende Verſe zum Vorſchein, worin es heißt:„Wie ſüß, dieſem Gebieter zu die⸗ nen, wie recht, ihn zu lieben. Doch hüten wir uns, ihn zu nennen, er allein könnte ſich nicht wiedererkennen*).“ „Doch, was ich in meinem Salon von vierundzwanzig Schuh mache, wird ſchwerlich für Euern Saal von hundert Schuh paſſen. An Euerm Platz würde ich ganz einfach ein Stück Papier an das Fußgeſtell kleben und darauf am Tage des königlichen Beſuches ſchreiben: *) In der Urſchrift: Qu'il est doux de servir ce maitre, Et qu'il est juste de l'aimer. Mais gardons nous de le nommer, Lui seul pourrait s' y méconnaitre. 86 Juste, simple, modeste, au-dessus des grandeurs, Au-dessus de l'éloge, il ne veut que nos coeurs. Qui ſit ces vers dictés par la reconnaissance? Est-ce Bouret? Non, c'est la France. (Gerecht, einfach, beſcheiden, erhaben über Großthun und Lo⸗ beserhebung, will er nur unſte Herzen. Wem gab die Dankbarkeit dieſe Verſe ein? War es Bouret? O nein, ganz Frankreich.) „Das Ende von alledem, mein Herr, iſt: daß Sie keine Verſe von mir zu erwarten haben.“ Das war aber nicht„der langen Rede kurzer Sinn.“ Der Philoſoph von Ferneh ſagt vielmehr zwiſchen den Zeilen: „Ich liebe Ludwig XV. nicht, fürchte ihn aber. Ich habe keine Zeit, Verſe für Euch zu machen. Wollt Ihr die beifolgenden verwenden, ſo iſt mirs lieb; dann hab ich ſie doch nicht umſonſt gemacht. Werden Sie etwa ſchlecht befunden, ſo fällt die Schuld auf Euch, denn ich habe Euch geſagt, nehmt ſie nicht.“ Was Bouret mit den Verſen begonnen, iſt unbekannt, vermuthlich ließ er ſie dem Fußgeſtell einmeißeln, damit der König ſie mit dem Bilde zugleich bemerke. Ludwig XV. war nichts weniger als jung mehr, als er ſo leichtfertig das verhängnißbolle Wort vom Pfirſich ſprach, und ſeitdem um fünf Jahr älter geworden, als Bouret zum drittenmal, diesmal in den Tuilerien, vor ihm erſchien und mit ehrfurchtsvoller Zudringlichkeit ihn an die Jagd im Park von Croir⸗Fontaine mahnte. Diesmal erinnerte Ludwig XV. ſich ſeines Verſprechens ganz deutlich. Geiſtreich, wie er war— er galt für den Voltaire unter den Königen— bemerkte er: er ſei wohl zu — 87 alt, um noch Einladungen zur Jagd anzunehmen; doch müſſe er freilich ſein Wort löſen, trotz Alter und Unbehülflichkeit, wenn Bouret anders darauf beſtehe. Der warf ſich dem Herrn zu Füßen, und betheuerte, wenn ihn etwas dafür tröſten könne, der verheißenen Ehre nicht theilhaftig zu werden, ſo ſei es dieſe gnädige Aeußerung. „Erhebt Euch, Herr Bouret,“ ſprach der König;„und ſagt Euerer Frau Gemahlin, daß ich eine Medianoche bei ihr will begehen helfen, ſobald meine Gicht es geſtattet, da denn doch die Jagd mir ein für allemal unterſagt bleibt.“ Bouret erhob ſich und begleitete den König bis zur Thüre der inneren Gemächer. „Hienieden bleibt mir nichts mehr zu wünſchen übrig,“ dachte Byuret auf dem Heimweg aus den Tuilerien:„Seine Majeſtät hat ſich entſchuldigt wegen der Jagd und lädt ſich ſelbſt zu einer Medianoche auf mein Schloß. Der Pfirſich war ein Frühſtück, die Jagd eine Mittagsmahlzeit, die Me⸗ dianoche iſt mithin Ball und Nachteſſen. Seine Majeſtät wird bei mir übernachten, wie Ludwig XIV. zu Chantilly bei Condé, zu Ecouen bei dem Herzog von Montmorench.“ Bereits erwähnten wir der unberhältnißmäßigen Ausga⸗ ben des Goldmännchens für ſein Schloß, dazu, außer den neuen Darlehen an den Hof, die Koſten für Bevölkerung ſeines Par⸗ kes mit Hirſchen und Sauen. Sein Vermögen begann in die Brüche zu gehen; aber durch den Ehrgeiz von Woge zu Woge getragen, fand er ſich auf hoher See und ſein Verlangen, den König bei ſich zu ſehen, hatte die urſprüngliche Unbefangenheit eingebüßt. Was König Midas einſt berührte, ward zu Gold, 88 warum ſollte die Berührung einer königlichen Hand, die Kröpfe heilte, nicht auch Croir⸗Fontaine zum Edelſitz, den Herrn Bouret zum Herrn von Pfirſichblüth machen? Der Gedanke lachte ihm, auf ſeinem Silbergeſchirr und am Schlag ſeiner Caroſſe ein adliges Wappen zu führen; ein ganz beſcheidenes Wappen hätte ihm genügt, etwa ein Pfirſich in ſeiner natür⸗ lichen Farbe auf grünem Feld, und über dem Schild die Krone eines Vicomte. Am nächſten Morgen kam wiederum, wie nach der erſten Vorſtellung beim König, die nüchterne Ueberlegung, diesmal nur etwas ernſter, denn es handelte ſich nicht mehr um ein Landgut, ſondern um eine Frau. „Der König hat ſich bei Madame Bouret zu einer Me⸗ dianoche eingeladen? Er hält mich alſo für verheirathet. Sollte ich ihm etwa dieſe Meinung benehmen 2... In meinem Alter ſollte ein Generalpächter allerdings verheirathet ſein... Der König hat ganz Recht... Und eine Medianoche ohne Hausfrau iſt ja gar nicht denkbar. Welche anſtändige Dame würde ein Haus betreten, wo eine Schauſpielerin die Gäſte empfängt? Kann ich Seine Majeſtät mit einem Kreis von Ballettänze⸗ rinnen umgeben? Ruf und Ehre wären verſcherzt. Im Punkt der Sitten ſind die Generalpächter überhaupt nicht am beſten angeſchrieben und gelten für keine Tugendſpiegel. Auch dürfte es endlich wohl an der Zeit ſein, den jungen Menſchen aus⸗ zuziehen, den ich vielleicht ſchon viel zu lange ſpielte. Der Irrthum des Königs iſt ein Wink vom Himmel, und ich will ein ehrſamer Familienvater werden.“ Die Frau war leichter gefunden als das Schloß. Ein 89 Bäschen der Pompadour ward Madame Bouret. In den Ku⸗ liſſen der großen Oper ſetzte es furchtbaren Lärm und grau⸗ ſamen Spott; Bouret erröthete, faßte ſich dann, und zuletzt gewöhnten ſich die Leute daran, ihn mit einer rechtmäßigen Frau zu ſehen. „Jetzt mag der König kommen, wann er will,“ rief der junge Ehemann:„Seine Majeſtät findet eine Hausfrau in meiner Wirthſchaft.“ Ludwig XV. bekam nach der Gicht Rheumatismen, zwi⸗ ſchen Rheumatismus und Gicht Verdauungsbeſchwerden. Seine Geſundheit war unwiderbringlich zerrüttet. So oft Bouret beim Miniſter von der Medianoche anhob, hieß es regelmäßig: „Seine Majeſtät verläßt Verſailles nicht mehr. Sollte indeſſen das Vefinden ſich beſſern, ſo werden wir nicht ermangeln, von Eurem Feſt zu reden.“ Mit der Zeit gingen fortan die Geſundheit des Königs und der Reichthum des Geldmannes Hand in Hand den glei⸗ chen Weg. Eines ſchönen Morgens war Ludwig XV. an den Pocken verſchieden. Bei der Nachricht meinte Bouret, der Schlag werde ihn rühren.„Es ſtand geſchrieben, daß der König kei⸗ nen Fuß über meine Schwelle ſetzen ſollte;“ klagte er:„Pfir⸗ ſich, Jagd und Medianoche, eitle Trugbilder.. Und ich bin verheirathet,“ fügte er gedämpften Tones hinzu. Jetzt rathe einer, wie dieſe goldſchimmernde Laufbahn en⸗ dete?— Durch eine Piſtolenkugel, die Bouret ſich durch den Kopf jagte. Wer möchte behaupten, daß der Keim des ver⸗ zweifelten Entſchluſſes ſich nicht aus dem Ehrgeiz entwickelt habe, welcher den Generalpächter zum König führte. Der ver⸗ 90 verheißene Beſuch Ludwigs XV. machte wenigſtens den Mann arm. Als Bouret im Jahre 1778, vier Jahre nach ſeinem Abgott und Schuldner, dem Erdenleben gute Nacht ſagte, war er ſo herunter gekommen und von aller Welt verlaſſen, daß er, der einem König Millionen vorgeſtreckt, vergebens ein Dar⸗ lehen von fünfzig Louisd'or aufzutreiben geſucht hatte. Wo waren alle die Dichter, Maler, Bildhauer, die er einſt ſo reichlich bedacht? Wo die Tänzerinnen, Sängerinnen, Schau⸗ ſpielerinnen, für die er Kammern mit Porcellan pflaſterte, mit Hermelin bekleidete? Deren jede eine Danae geweſen, zu welcher er als Jupiter in ſeiner allerunwiderſtehlichſten Geſtalt: als Goldregen gekommen? O, klagt ſie nicht vorſchnell an. Dieſe wie jene ſtarben im Spital, als Bouret im Elend um⸗ kam. Bedarf es mehr zu ihrer Rechtfertigung? Der Schön⸗ geiſt, witzig bis zum letzten Faden, erhob ſich über die Ver⸗ pflichtung durch die Unmöglichkeit, ſich dankbar zu beweiſen. Der gerechte Tadel verſtummt auf den Lippen vor der Betrachtung, daß Freigebigkeit und Hingebung Bouret zu Grunde richteten. Er war ein Held in ſeiner Art, einer Art, die ge⸗ rade nur in der genannten Zeit möglich war. Sonſt hätte der Pfirſich ihn nicht ſeine ſchönen Millionen gekoſtet, und ſein Enkel wäre etwa der Hauptactionär einer Eiſenbahn. Was hätten wir davon? Auch Bouret's Stündlein iſt gekommen, ſein Name taucht in dieſem Augenblick wieder aus dem Meer der Vergeſſenheit auf; was er unſerer Feder verdankt. Ihr habt über ihn ge⸗ lächelt, und mancher unter euch wird auch ein wenig über das eben Vernommene nachdenken. Iſt das nichts? Viele Millionen 91 ſind ſchon verausgabt worden, ohne nur ſo viel zu erzwecken, ganz abgeſehen vom Budget. Ich habe nie den Wald von Rougeaur betreten, ohne einen Abſtecher nach den Ruinen zu machen, wo einſt ein ein⸗ ziger Mann ſo viel Gold, Hoffnung und Hingebung verſchwen⸗ dete. Das achtzehnte Jahrhundert, ſo keck, ſo zügellos, ſo geiſt⸗ reich und ſo ungläubig, ſpricht hier in ſeiner bezauberndſten und zugleich trübſeligſten Weiſe zum Gemüth; es iſt eine an⸗ betungswürdige Enttäuſchung. Es iſt wohl zu merken, daß übergroßer Reichthum, ſei er wohl, ſei er übel erworben, gleichviel, ſeinen Beſitzer immerdar mit einer Art von Fluch belaſtet. Der Himmel liebt keinen Cröſus, ſondern duldet ihn nur, und den Enterbten dieſer Welt zum Troſt läßt er ihn wenigſtens lächerlich er⸗ ſcheinen, wenn er ihn nicht mit ſchwerer Trübſal heimſucht. Wir kannten in unſern Tagen einen Geldmann, der, nicht min⸗ der reich als einſt Bouret, eben ſo freigebig, aber mit mehr Ordnung und Einſicht war, und deſſen Rechtlichkeit wir genau kennen, während wir von Bouret nur ſagen dürfen, daß wir keinen Grund haben, etwas anderes von⸗ ihm vorauszuſetzen. Eines Tages mit einer Einladung nach Maiſons beehrt, waren wir im Fall, natürlich mit der Zurückhaltung, die ein großer Name und die erfahrene Gaſtfreundſchaft vorſchrieben, einen Blick auf die Schattenſeite eines ſo ruhmreichen und reinen Daſeins zu werfen. Auf Laffittes anſcheinend heiterer Stirn lag eine trübe Wolke. Nur einem König ſteht es zu, in ſolcher Weiſe betrübt zu ſein. Wir ſahen den hohen Geiſt in un⸗ ruhiger Aufregung über ſeine Schöpfung auf wenigen Hufen 92 Landes, ihn, der drei Tage lang Frankreichs Maſaniello ge⸗ weſen. Die zwanzig oder dreißig Strohdächer von Maiſons⸗ Laffitte machten ihm nicht minder ſchwere Sorgen, als einem Lhkurg die Geſetzgebung für ein ganzes Volk. Bald hatte ein Bürger der neuen Stadt ſeinen Nachbarn um ein paar Run⸗ kelrüben verkürzt, bald einer dem andern das Waſſer aus dem Rinnſal geleitet. Die ſchlimmſte Sorge jedoch war die: daß die neue Stadt nicht an Bevölkerung zunehmen wollte. Er hatte ſie ſo hübſch, ſo maleriſch, ſo ehrſam und ruhig ange⸗ richtet, und die Leute blieben aus. „Sie haben Maiſons geſehen,“ ſagte er zu mir:„Sie kennen die Mühe, die ich mir gab, den Pariſern eine Mähr⸗ chenſtadt, mit Blumen, Vogelgeſang und Stille zu gründen. Was fehlt noch darin?“ „Laſter,“ verſetzte ich. „Wie, Laſter?“ „Gewiß. Romulus gründete Rom mit einer Räuberbande 3 die beſten Anſiedlungen ſtammen von Seeräubern her. Städte und Theater leben von den Laſtern. Zu Maiſons hat es zu viel Akazien und Singoögel, zu wenig Kneipen und Tanz: böden.“ „Sie mögen Recht haben,“ ſagte er ſeufzend:„doch werd' ich Ihr Mittel nicht verſuchen.“— Und wie er weiter ſprach, ward mir ſein Schmerz über die mißlungene Schöpfung immer klarer. Er hatte auch ſeinen Pfirſich auf dem Herzen. Bouret erwartete einen König, Laffitte ein Volk.——— Wir erwähnten oben einer Sage, die im Munde des ————— 93 Volkes das Gedächtniß Bouret's nicht erſterben läßt; ſie nennt ſich vom verlorenen Trompeter und klingt ganz deutſch. Voll Staunen über die Verſchwendungen Bouret's, hiel⸗ ten die Bauern ihn für unerſchöpflich reich, nicht nur für rei⸗ cher als den König,(was im Grunde wahr erſchiene, da er dem König Geld lieh) ſondern für reich durch Zauberei. Wenn er nicht etwa ſelber Gold machte, ſo hatte er doch alle Keller voll, die, nach allen Seiten unter dem Wald hinlaufend, mit Gold in Münzen und Barren, mit Demanten und Karfunkeln gepflaſtert waren. Bei der Zerſtörung des Schloſſes ließen die böſen Geiſter, des Goldes Hüter, den Kellergewölben nichts geſchehen. Die keckſten Burſche hatten bisher vergebens den Verſuch unternom⸗ men, den Schatz zu heben; die Geiſter ließen keinen Eindring⸗ ling zu, ſondern jagten jeden durch Grauſen und Entſetzen zurück, dem ſelbſt der Beherzteſte nicht widerſtand Jedes Jahr ſah die vergeblichen Verſuche ſich erneuern, und ſtatt abzu⸗ ſchrecken, ſchien das Mißlingen die Begierde nur zu reizen. Ein Sohn der Gegend, ein Trompeter, der auf Urlaub zu Lauſe war, hörte davon in der Rockenſtube erzählen. Vergeb⸗ lich ſuchten die Anweſenden auf ſeinem braunen Antlitz Spu⸗ ren von Grauſen oder nur von Erſtaunen; denn er, der Kairo und Moskau geſehen, wunderte ſich ſelten mehr und empfand niemals Furcht. Er war als ſiegreicher Eroberer zu Rom ein⸗ gezogen, ſein Roß hatte im geheiligten Garten des Vaticans das Gras abgeweidet. Der Trompeter war juſt ſo gottlos wie ſein Gaul. Nachdem er die Schaudergeſchichten vernommen, klopfte er ſeine Pfeife aus, ſtrich ſich den Schnauzbart und 94 rief lachend:„Was noch? Die Nacht iſt ſchön. Mit eurer Vergunſt geh' ich ſtehenden Fußes in den Keller, und, beim Bart des Mufti, den ich zu Kairo rupfte! ich will die Ge⸗ wölbe durchſtöbern wie die Taſche eines Preußen. Einen Stock her und eine Laterne.“ Allgemeine Ueberraſchung. Vergebliches Warnen. Der kürzlich erfolgte Einſturz mehrerer Gewölbe erſchreckte den Waghals ſo wenig als Geiſter, Zwerge und Drachen. Das einzige, was von ihm im Namen ſeiner alten Mutter und ſei⸗ ner jungen Braut zu erhalten, war das Verſprechen: fortwäh⸗ rend in die Trompete zu ſtoßen, damit die andern über dem Boden ihn begleiten könnten.— Der Haufe geleitete den Trom⸗ peter zum Eingang der Gewölbe, wo er alsbald verſchwand. Eine Viertelſtunde lang ertönten unterirdiſche Fanfaren, bald ſchmetternd, bald gedämpften Tones, den gewundenen Pfad des Abenteurers bezeichnend.„Welche Schätze erblickt er!“ murmelte der Neid:„welche Schätze wird er herausbringen.“ Plötzlich verſtummt die Trompete. Die Zeugen horchen, fragen ſich, horchen wieder, legen das Ohr an den Boden; alles ſtill. Was iſt geſchehen?... Was beginnt er?. Er füllt wohl alle Taſchen mit Dublonen! Nach einer halben Stunde ertönt ein Trompetenſtoß, aber der Trompeter kommt nimmer zum Vorſchein... Eine Fanfare klingt von der einen Seite her... Dann ein Ton von der an⸗ dern, dann wieder bald da, bald dort, wie ein Irrwiſch auf⸗ taucht. So ging es bis zum Morgen, dann blieb alles ſtill. Vergebens kehrten die Lauſcher wieder und wieder. Die Trom⸗ pete blieb ſtumm, der Trompeter verſchwunden. Ein Jahr darauf wollte ein alter Holzhauer nächtlicher Weile im Wald unterirdiſche Trompetenſtöße vernommen haben; in derſelben Nacht, aber an einer andern Stelle, hat ein Wild⸗ hüter Aehnliches gehört. Im folgenden Jahr erlebten Wild⸗ ſchützen daſſelbe, und ſeitdem ſteht feſt, daß der Trompeter noch bis zum heutigen Tag in den Kellern umgeht, und, ſei⸗ nes Verſprechens eingedenk, von Zeit zu Zeit Kunde von ſich gibt. Was übrigens ganz überflüſſig iſt, denn ſeine alte Mut⸗ ter iſt längſt todt, die einſt junge Braut hat einen andern genommen und iſt bereits Großmutter. Das iſt die Sage vom verlorenen Trompeter und das Ende der Geſchichte vom Schloß Croix⸗Fontaine. Der Vfſaſſinen⸗Clubb. Nach Theophil Gautier. Von J. Smith. e——— G 1. , Das Botel Pimodan. 2 n einem Decemberabend führte mich die geheimniß⸗ * 8 volle Einladung, in ihren räthſelhaften Aus⸗ — drücken nur dem Geweihten verſtändlich, in ein 5 fernes Stadtviertel, zu einer Art von einſamer ſdn mitten in Paris, welche der Fluß, mit — zwei Armen ſie umfangend, gegen den Andrang der Verfeinerung zu vertheidigen ſcheint. Zum erſtenmal, ſeit ich Mitglied geworden, verfügte ich mich zur Monatsverſammlung der Aſſaſſinen, in das alte Hotel Pimodan, von Lauzun auf der Inſel des heiligen Ludwig erbaut. Die Nacht war ſchwarz, obſchon es kaum ſechs Uhr geſchlagen. Der Nebel, in der Nachbarſchaft des Fluſſes dichter denn ſonſtwo, lag flockig über allen Gegenſtän⸗ den. Von Strecke zu Strecke brach das umdunſtete Licht einer Luterne oder der Schein eines erleuchteten Fenſters ſich Bahn. Das regennaſſe Pflaſter ſpiegelte wie ein Bach. Ein[Warfer 97 Wind ſchlug Eiskörner mit den Regentropfen in's Geſicht, die Kehllaute ſeines Geheuls ſtellten die hohen Töne einer Sym⸗ phonie vor, deren Baß die Wogen des angeſchwollenen Stro⸗ mes an den Brückenpfeilern ſtrichen. Die herbe Poeſie des Winters offenbarte ſich ganz in dieſem Abend. Es war ſchwer, am öden Strand unter der dunkeln Maſſe von Gebäuden das Haus herauszufinden, das ich ſuchte; doch gelang es meinem Kutſcher, indem er ſich von ſeinem Sitz erhob auf der Marmorplatte den halbverſchoſſenen Namen des Hotels zu entdecken. Ich hob den zierlich ausgearbeiteten Klopfer. Vom kup⸗ fernen Schellenknopf wiſſen jene entlegenen Weltgegenden nichts. Ich hörte drinnen den Draht ein paarmal vergeblich klirren, bevor ein verſtärkter Zug den roſtigen Schnappriegel weit ge⸗ nug zurückzog, daß die ſchweren Eichenbohlen der Pforte ſich auf den Angeln knarrend zu drehen vermochten. Hinter vergilbten Scheiben erblickte ich unfern der Ein⸗ fahrt den Kopf einer alten Frau beim ungewiſſen Schein einer flackernden Kerze— ein lebendig gewordenes Bild von Skal⸗ ken. Der Kopf ſchnitt mir ein ganz beſonderes Geſicht nd ein knöcherner Finger, aus der Loge ſich herausſtreckend, deu⸗ tete mir die Richtung an. Soviel jener dämmerige Schein, der ſelbſt dem dunkelſten Nachthimmel nie ganz mangelt, zu unterſcheiden geſtattete, war der Hof, den ich durchſchritt, von alterthümlichen Gebäuden mit ſpitzen Giebeln umgeben. Die Füße wurden mir naß wie auf einer Wieſe, ſo dicht ſtand auf dem ſelten betretenen Pfla⸗ ſter das Gras. Der Erzähler. 1646. 1. 98 Der fahle Schein henter den ſchmalen Scheiben der hohen Fenſter des Stiegenhauſes diente mir zum Leitſtern und ließ mich nicht verirren. Jenſeits der äußern Rampe traf ich eine jener Rieſentreppen, wie das Jahrhundert Ludwigs XIV. ſie baute und worin zum Beiſpiel ein ganzes Haus aus unſern Tagen bequem tanzen könnte. Eine äghptiſche Chimäre in Lebruns Art, von einem Amor geritten, ſtreckte ihre Tatzen auf einem Fußgeſtell aus, und trug auf den als Lichtknecht emporſtehenden Krallen eine Kerze. Der überaus bequeme Aufgang, die mit Einſicht ange⸗ brachten Abſätze zeugten von der Geſchicklichkeit des Baumei⸗ ſters und dem großartigen Leben der Vergangenheit. Das be⸗ wundernswerthe Staffelwerk in meinem erbärmlichen ſchwarzen Frack erſteigend, fühlte ich lebhaft, daß ich nur einen Mackel abgab und gar nicht an meinem Platze war. Die Bepiett treppe wäre gut genug für mich geweſen. Die Wände bedeckten Oelgemälde, Nachbildungen italie⸗ niſcher und ſpaniſcher Meiſterwerke, meiſtens ohne Rahmen, und hoch oben dämmerte kaum erkennbar das mythologiſche Wandgemälde der Decke. Ich gelangte zum bezeichneten Stocer und erkannte den Eingang an der mit Plüſch ausgeſchlagenen Vorthüre, die ab⸗ genutzt und verſchoſſen mit ihren eingedrückten Nagelköpfen von langen Dienſten ſprach. Ich ſchellte, unter vorgeſchriebenen Vorſichtsmaßregeln that man mir auf und ich trat in einen großen Speiſeſaal, den von dem äußerſten Ende her ein paar Lampen erhellten. Der eine Schritt über die Schwelle hatte mich zweihundert Jahre 99 weit zurück verſetzt. Die Zeit ſchien ihre flüchtigen Schwingen nicht für dieſes Haus zu beſitzen, das etwa einer Uhr glich, die, ſeit unvordenklichen Tagen unaufgezogen, immerdar dieſelbe Stunde weist. Die Wände bekleidete weißangeſtrichenes Getäfel, zur guten Hälfte verſteckt von dunkeln Gemälden mit dem Stem⸗ pel ihrer Zeit. Der rieſige Ofen trug eine Figur wie aus den Gartengehegen von Verſailles. An der gewölbten Decke wand ſich eine verzwackte Allegorie im Geſchmack Lemoines, wenn nicht von ihm ſelber. Ich wandte meine Schritte dem hellen Theil des Saales zu, wo verſchiedene Menſchengeſtalten ſich an einer Tafel reg⸗ ten, und ſobald das Licht mich kenntlich machte, prallte ein gewaltiges Hurrah gegen die Wölbung. „Er iſt es!“ ſchrieen mehrere Stimmen zugleich:„gebt ihm ſein Theil.“ 0 Senf vor Tiſch. Der Doctor ſtand am Schenktiſch vor einer großen Platte mit kleinen Unterſchalen von japaniſchem Porcellan. Aus einem Kryhſtallgefäß ſtach er mit dem Spatel eine grünliche Latwerge, und ſtrich davon auf jede Untertaſſe. Des Doctors Antlitz ſtrahlte von Begeiſterung; die Augen blitzten, die Wangen flammten purpurroth, die Adern an den Schläfen ſchwollen auf, die weit geöffneten Nüſtern ſchnaubten heftig. „Auf Abſchlag der Paradieſesfreuden,“ ſprach er, mir meinen Antheil darreichend. 100 Nachdem wir die Latwerge verzehrt, wurde Kaffeh von arabiſcher Bereitung, nämlich mit dem Satz und ohne Zucker gereicht. Dann ging's zu Tiſch. Der Leſer wird nicht umhin können, ſich über die ver⸗ kehrte Welt hier zu verwundern. Wir ſind gewohnt, den Kaffeh nach der Mahlzeit zu trinken, Eingemachtes zum Nachtiſch zu verſpeiſen, und müſſen alſo wiſſen, weshalb es diesmal anders gehalten wurde. Z. Einſchaltung. Im Morgenlande beſtand vor Zeiten die furchthare Ver⸗ brüderung, deren Scheik„der Alte vom Berge,“ zuweilen auch „Aſſaſſinenfürſt“ hieß. Dem Alten vom Berge wurde unbedingt gehorcht. Die Aſſaſſinen vollführten unbedenklich, was er irgend nur gebot; keine Gefahr erſchreckte ſie, und ſelbſt der gewiſſe Tod ließ ſie nicht zögern. Ein Wink, und ſie ſtürzten ſich kopfüber von der Zinne des höchſten Thurms; ein Wort, und ſie erdolchten einen König inmitten ſeiner Leibwache. Durch welche Künſte unterwarf der Alte vom Verg ſich ohne Rückhalt Leib und Seele?— Durch die wunderſame Miſchung, deren Geheimniß er beſaß, und deren Genuß in ſolche Verzückung brachte, daß dem Erwachten das gewöhnliche Leben überaus ſchaal und ekelhaſt vorkam. Darum warf er es leichten Kaufes hin, und zwar um ſo lieber, als ihm eine Wonne ſicher war; entweder nach dem Tod das Paradies ſei⸗ ner Träume, oder wenn er der Gefahr entrann, der erneute 101 Genuß, der ihm wenigſtens ein Stückchen der unnennbaren Seligkeit verſchaffte, welche die Kinder des Alten vom Berge jenſeits erwartete. Nun war die Latwerge, welche der Doctor uns austheilte, nichts anderes, als was der Alte vom Berge ſeinen Unterge⸗ benen ſo beizubringen pflegte, daß ſie vom Wahn befangen blei⸗ ben mußten, er habe den Himmel Muhammeds mit allen ſeinen Seligkeiten zur Verfügung. Der Stoff des Mittels iſt Had⸗ ſchih, das Mittel Hadſchidſch, und Hadſchidſchin heißt einer, der es zu ſich nimmt. Aſſaſſin kommt von Hadſchidſchin her, und die blutige Bedeutung des Wortes,(ijetzt ſchier noch die einzige,) erklärt ſich aus den bielen Unthaten, welche der Alte vom Berg durch die Seinen vollführte. Da ich von zu Hauſe wegging zur Stunde, in welcher gewöhnliche Sterbliche ihr tägliches Brod zu ſich zu nehmen pflegen, hätte mir niemand angeſehen, daß ich, und noch dazu auf der friedlichen und zahmen Ludwigsinſel eine Miſchung genießen wollte, wie ſie vor Jahrhunderten dazu diente, ver⸗ blendete Schaaren zu den tollkühnſten Verbrechen z zu entflam⸗ men. In meinem ſo ganz gewöhnlichen Aeuß ern verrieth nichts die Erwartung morgenländiſcher Begeiſterung. Ich ſah höch⸗ ſtens wie ein Neffe aus, der bei ſeiner alten Tante ſpeiſen will; dennoch ging ich dem Paradieſe Muhammeds entgegen, deſſen Freuden ich mit einem Dutzend Araber von franzöſiſchem Vollblut zu genießen dachte. Jetzt wißt ihr's freilich. Wenn euch aber früherhin wer geſagt hätte, daß es im December 1845 zu Paris neben dem allgemeinen Börſenſchwindel auch noch einen beſondern Clubb 102 von Aſſaſſinen gebe, deren Geſchichte noch dazu der Herr von Hammer⸗Purgſtall nicht beſchrieben, ihr hättet keine Sylbe davon geglaubt. Dennoch wär' es die reine Wahrheit geweſen, ganz nach Gewohnheit unwahrſcheinlicher Dinge. A. Agape. Die Mahlzeit und das Geſchirr waren eigenthümlich, phantaſtiſch, fratzenhaft. Die Stelle der gewöhnlichen Gläſer und Flaſchen ver⸗ traten große venetianiſche Becher mit ihren milchigen Streifen, deutſche Vidrecomes(Willkommen) mit ihren Wappen und Sprüchen, vlämiſche Steinkrüge mit eingebrannter Malerei, langhalſige Flaſchen in Schilfgeflecht. Das durchſichtige Porcellan von Ludwig Lebeuf, das ge⸗ blümte Steingut aus England glänzten durch gänzliche Ab⸗ weſenheit. Kein Teller glich dem andern, jeder hatte ſeine eigenthümlichen Vorzüge; China, Japan, Meißen hatten hier ihre ſchönſten Muſter an Stoff und Farbe, ein wenig abge⸗ ſtoßen zwar, aber vom ausgeſuchteſten Geſchmack. Die Schüſſeln waren größtentheils in Schmelzwerk von Bernhard von Paliſſy oder Steingut von Limoges, und oft traf das Meſſer des Vorſchneiders unter dem eßbaren Gericht auf Schlangen, Fröſche, Vögel in halberhabener Arbeit. Der Aal wand ſich über der buntſchillernden Schlange. Ein ehrſamer Philiſter*) hätte ſich vielleicht beim Anblick manches andere noch dem Deutſchen entlehnt. 5 *) Die franzöſiſchen Romantiker haben das Wort Philiſter wie ₰ 1 103 der zottelbärtigen, langhaarigen oder wunderlich geſchorenen Gäſte entſetzt, die mit allerlei alterthümlichen oder fremdartigen Mordwaffen, mit Dolchen aus dem ſechszehnten Jahrhundert, mit malahiſchen Kriss und andaluſiſchen Navajas Speiſen zerlegten, welche beim flackernden Lampenſchein verdächtig genug ausſahen. Die Mahlzeit nahte ihrem Ende Schon verſpürten einige der glühendſten Eingeweihten die Wirkungen des Teiges; ich für mein Theil empfand eine vollſtändige Verſetzung des Ge⸗ ſchmackes. Das Waſſer duftete mir wie Wein, das Fleiſch wie Simbeeren, und umgekehrt. Ich hätte einen Pfirſich für eine Cotelette gegeſſen. Die Tiſchgenoſſen fingen an, mir wunderlich vorzukom⸗ men; ſie machten Glotzaugen wie die Nachteulen, die Naſe ver⸗ längerte ſich zum Rüſſel, der Mund verzog ſich wie die Oeff⸗ nung einer Rollſchelle. Die Geſichter überzogen ſich mit übernatürlicher Färbung. Ein bleiches Antlitz in ſchwarzem Bart belachte laut ein unſichtbares Schauſpiel; ſein Nachbar gab ſich erſtaunliche Mühe, das Glas zu den Lippen zu brin⸗ gen, und ſeine Verrenkungen erregten tolle Heiterkeit. Der wirbelte in Nervenzuckungen ſeine Daumen mit unglaublicher Schnelligkeit; jener warf ſich, zurückgelehnt, ſtumpfſinnigen Blickes in die Fluth behaglicher Selbſtvergeſſenheit. Auf den Tiſch gelehnt ſah ich dem allen mit einem Reſt von Beſinnung zu, der wie ein erlöſchendes Nachtlicht flackernd ging und kam. Drückende Hitze wallte durch meine Gliedmaßen, und der Irrſinn, einer Woge gleich, die vom Felſen abprallt um gleich darauf mit erhöhter Wuth anzuſtürmen, brandete 104 gegen mein Gehirn und wogte zurück; bis er im letzten Anlauf Sieger blieb. Die Verzückung war über mich gekommen. „In den Saal, in den Saal,“ ſchrie ein Gaſt:„ver⸗ nehmt ihr nicht die Sphärenmuſik? Die Mufikanten ſind längſt ſchon am Werk.“ In der That, wie himmliſche Muſik klang es in abge⸗ riſſenen Zwiſchenräumen durch den Tumult der überlauten Un⸗ terhaltung. 5. Ein ungehetener Gast. Der Saal iſt ein unermeßlicher Raum mit ausgeſchnitz⸗ tem vergoldetem Getäfel und gemalter Decke. Am Frieß ver⸗ folgen Faune fliehende Nymphen durch Schilf und Rohr. Den Kamin umgibt eine Einfaſſung von buntem Marmor. Alles, bis zu den bauſchigen Brocatvorhängen athmet die Prächtig⸗ keit einer verſunkenen Zeit. Geſtickte Kanapees, Lehnſeſſel, Bergeres, breit und weit genug für Herzoginnen und Marqui⸗ ſen in Reifröcken, empfingen die Aſſaſſinen in ihren weichen, ſtets offenen Armen. Eine Chauffeuſe neben dem Kamin lieb⸗ äugelte mit mir, ich folgte der Einladung und überließ mich ohne Widerſtand den Wirkungen des Wundermittels. Nach wenigen Minuten verſchwanden die Genoſſen einer um den andern und ließen keine Spur zurück als den Schat⸗ ten an der Wand, der ebenfalls bald darauf erblaßte, wie der Sand einen Waſſertropfen einſaugt. Und da ich von ſelbigem Augenblick nicht mehr innegeworden, was ſie etwa thaten oder ſprachen, ſo müßt ihr euch ſchon mit dem Bericht meiner eigenen Empfindungen begnügen. Einſamkeit beherrſchte den kaum mehr erleuchteten Raum; doch plötzlich fuhr es wie ein Blitz vor meinen Augen auf, unzähliche Kerzen hatten ſich von ſelbſt entzündet, ich badete in einem lauen Meer goldenen Lichtes. Ich befand mich wohl noch an derſelben Stelle, aber die Oertlichkeit verhielt ſich wie das ausgeführte Gemälde zur Farbenſtizze; alles war größer, reicher, glänzender. Die Wirklichkeit hatte das Samenkorn für die Herrlichkeiten der Verzückung vorgeſtellt. Ich erblickte keine Seele; dennoch fühlte ich bereits die Nähe einer zahlloſen Menge. Ich hörte es wie von Stoffen rauſchen, von Tanzſchuhen knarren; es klang wie Liſpeln, Flü⸗ ſtern, Lachen, wie das Rücken von Seſſeln und Tiſchen durch⸗ einander. Geſchirr und Gläſer klirrten, Thüren knarrten und klappten,— es begab ſich etwas Außerordentliches, wie es ſchien. Plötzlich ſtand eine unbekannte Perſönlichkeit vor mir. Wie, woher? Ich weiß es nicht, doch flößte der Anblick mir keinen Schrecken ein. Ich ſah eine Naſe wie einen Vogel⸗ ſchnabel, grüne Augen in dreifachem Kreis brauner Ringe, welche der Fremde oft mit einem ungeheuren Taſchentuch über⸗ fuhr, eine hohe weiße Halsbinde, ſteifgeſtärkt, in deren Schleife eine Viſitenkarte mit der Inſchrift:„Daucus⸗Carota aus dem goldenen Topf“ ſteckte, und dieſe weiße Binde umſchloß den dünnen Hals feſt zum Erſticken; dann ſah ich einen ſchwarzen Rock mit viereckigen Schößen, an denen allerlei Gehänge von golde⸗ nen Ketten und Pettſchaften baumelte, und endlich eine kugel⸗ runde Geſtalt. Was die Veine betrifft, ſo glichen ſie einer gabelförmigen Alraunwurzel, ſchwarz, knotig und eben erſt aus dem Boden geriſſen, wie die friſche Erde an den Faſern 106 bezeugte. Dieſe Beinchen ſchlenkerten und ſchlegelten mit un⸗ gemeiner Behendigkeit, und wie das Ungethüm ganz nahe vor mir ſtand, trocknete es ſich mit poſſenhaftem Eifer die Augen und ächzte mit höchſt jämmerlicher Stimme: „Heute iſt der Tag vor Lachen zu ſterben.“ „Vor Lachen, vor Lachen,“ wiederholten Chöre näſelnder Stimmen. 6. Fantasia. Zur Decke emporblickend ſah ich eine Menge bon Köpfen — ohne Körper, wie die Engel auf alten Bildern— und alle ſchauten ſie ſo heiter, glücklich und luſtig auf mich herab, daß ich unwillkürlich ihre Fröhlichkeit theilte— Ihre Augen falteten, der Mund erweiterte ſich, die Naslöcher gingen auf und zu. Der Spleen in höchſteigener Perſon wäre luſtig da⸗ bei geworden. Nach und nach hatte ſich der Saal mit Geſtalten ange⸗ füllt, wie nur Callot und Goha ſie nachbildeten: ein Durch⸗ einander von Flitter und von Lumpen, von menſchlichen und thieriſchen Formen. Bei jeder andern Gelegenheit würde die Geſellſchaft mich ein Bischen beunruhigt haben, aber die Un⸗ geheuer ſahen gar nicht bösartig aus. Was aus ihren Augen blitte, war keine Wildheit, ſondern reine Schelmerei. Nur die Luſtigkeit trieb alle dieſe Poſſenreißerei. Als wär' ich der König des Feſtes trat nach und nach vor mich, der ich im Mittelpunkt eines Lichtkreiſes ſaß, jede dieſer abenteuerlichen Geſtalten, um mir allerlei Scherze in's 107 Ohr zu flüſtern, deren keiner mir im Gedächtniß geblieben iſt, obſchon ſie, aus ihrer Wirkung auf mich zu ſchließen, zwei⸗ felsohne überaus geiſtreich waren; denn ſie ſteigerten fortwäh⸗ rend meine ausgelaſſene Laune. Jede neue Erſcheinung erregte ringsumher ein homeriſches, olhmpiſches, unauslöſchliches und betäubendes Gelächter, die Luft erſchütternd wie das Rollen des Donners. Kreiſchende Stimmen riefen abwechſelnd mit tief brummenden:„Nein, es iſt doch zu toll... Genug, zu viel... Gott, wie unterhaltend... Hört auf, ich kann nicht mehr... Ho ho, hu hu, hi hi!.. Ein guter Einfall, ein witziger Spaß Ich erſticke. Schaut mich nicht ſo an... Reifen her, ſonſt platz' ich!“ Trotz dieſer, halb im Ernſt gemeinten, halb im Scherz ge⸗ ſprochenen Bitten ging die Tollheit immer weiter, der Lärm nahm an Gewalt zu, die Wände des Hauſes hoben und ſenk⸗ ten ſich wie ein menſchliches Zwerchfell im unerbittlichſten Lachkrampf. Bald traten die Geſpenſter nicht mehr einzeln, ſondern maſſenweis zu mir, ihre langen Pierrot⸗Aermel ſchüttelnd, tölpelhaft über ihre langen Gewänder ſtolpernd, worin ſie Ma⸗ giker vorſtellen ſollten, ihre Naſe von Pappendeckel in lächer⸗ lichem Anprall zerquetſchend, in Wolken den Puder aus der Perrücke ſchüttelnd und in falſchen Noten tolle Lieder mit un⸗ möglichen Reimen ſingend. Alle Zerrbilder, welche der Witz des Volkes, die Einbildungskraft der Künſtler je erfand, hier waren ſie. vereint zu ſchauen, aber zu tauſendfacher Wirkung geſteigert. Der Puleinella von Neapel ſchlug vertraulich den engliſchen Punch; der Arlechino von Bergamo wetzte ſeine 108 ſchwarze Schnauze an der weißbeſtäubten Larve des franzöſi⸗ ſchen Poſſenreißers, des Paillaſſe, der erbärmlich kreiſchte; der Doctor von Bologna warf dem Vater Caſſandro Tabak in die Augen; Tartaglia galoppirte auf einem Clown; Gilles war⸗ tete dem Don Spavento mit Fußtritten auf; der Karagös legte ſeine wunderliche Partiſane gegen den deutſchen Hanswurſt ein. Weiterhin gab es ein undeutliches Gewirr neckiſcher Traumbilder und Menſchengeſtalten aus allerlei Geräth; Mönche mit Rädern ſtatt der Füße, mit Keſſeln als Bäuchen, Sol⸗ daten von Töpfergeſchirr mit hölzernen Säbeln in Vogelklauen, Staatsmänner, durch das Getriebe des Bratſpießes in Bewe⸗ gung geſetzt, Alchimiſten mit Blasbalgköpfen, mit Gliedmaßen von Brennkolben, Weiber aus Kürbiſſen,— Bilder, wie nur die trunkene Zügelloſigkeit ſie denkt und ſchafft Mich dem Wimmeln, Kriechen, Springen, Rollen und Pfeifen zu entziehen, flüchtete ich in einen düſtern Winkel, um die Tänze nicht ferner zu ſehen, in denen ein Schritt mehr Philoſophie, Witz und Sathre zeichnete, als Voltaire, Swift, Rabelais und Moliere je aufgebracht; ich 6 mir ſelbſt in meinem Winkel den Bauch halten. Dauecus⸗Carota führte, immer ſich die Augen trocknend, die tollſten Sprünge aus, eigentlich unmöglich für einen, der auf Beinen von Mandragorawurzel tanzte, und wiederholte fort und fort ſeine Klage:„Heut iſt der Tag vor Lachen zu ſterben.“ O ihr alle, die ihr jemals euch vor Lachen ausgeſchüttet habt bei den Späſſen irgend eines Komikers, und die ihr euch ein Urtheil über ſolche Leiſtungen zutraut— hättet ihr meinen 109 Hadſchidſch⸗Maskenball mit angeſehen, ihr würdet fortan alle beliebten Tölpel, Rüpel und Dadätſche der Bühne für traurige Stümper erklären. Welch' großartiges Geſichterſchneiden! Welches Blinzeln witzſprühender Vogelaugen! Welche unwiderſtehliche Verzerrung aller Formen! Welche wunderſame Aehnlichkeiten, die, wie der Blitz auftauchend und verſchwindend, auch wie ein Blitzſtrahl trafen und zündeten! Welche Bäuche, um die Bildner chine⸗ ſiſcher Pagoden vor Neid berſten zu machen! Indeſſen waren nicht alle Erſcheinungen ungeheuerlich oder burlesk; auch die Anmuth geſellte ſich dem tollen Durch⸗ einander: neben dem Kamin wiegte ſich ein Köpfchen mit Pfirſichwangen in blondem Haar, zeigte in endloſer Luſtigkeit zweiunddreißig blanke Zähne von der Größe der Reiskörner, und lachte ſilberhell und ſcharf, unaufhörlich und mit Trillern verbrämt; das feine Gelächter drang mir durch Mark und Bein, und nöthigte mich wie durch Sympathie zu einer Menge von Ausgelaſſenheiten. Die Tolkheit hatte den höchſten Grad erreicht; es war nichts mehr zu unterſcheiden, als krampfhafte Seufzer und Gluckſer. Das Gelächter hatte ſeine urſprüngliche Natur ab⸗ gelegt und ſich in Grunzen verwandelt, das Vergnügen ward zu Gichtern, und Daucus⸗Carvta mußte am Ende Recht be⸗ halten. Schon waren etliche Aſſaſſinen mit aller Weichheit, welche der Rauſch gibt, zu Boden gekollert. Ausrufungen, wie„Mein Gott, welches Glück, welche Wonne! Ich ſchwimme in Sceligkeit, ich verſinke in Abgründe der Luſt!“ kreuzten und verſchlangen ſich. Heiſeres Gekreiſch entrang ſich gepreßter Bruſt; Arme ſtreckten ſich nach flüchtigen Trugbildern aus; Ferſen und Nacken trommelten den Eſtrich. Es war höchſte Zeit, einen Tropfen kalten Waſſers auf den heißen Dampf zu gießen, ſollte der Keſſel nicht platzen. Die Hülle der Men⸗ ſchenſeele, die ſo wenig Luſt und doch ſo vieles Leid ertragen kann, würde einen ſtärkern Wonnedruck nicht ausgehalten haben. Einige Mitglieder des Clubbs hatten, wie immer, nicht an der wonnigen Vergiftung theilgenommen, um Wache zu halten, und zum Beiſpiel zu verhüten, daß nicht in der Fan⸗ taſia einer, der ſich etwa für beflügelt hielt, zum Fenſter hin⸗ ausfliege. Einer dieſer Nüchternen öffnete das Piano und nahm Platz davor. Seine zwei Hände begruben ſich, zugleich niederfallend, in das Elfenbein der Taſten, und ein herrlicher Accord brachte den Lärm zum Schweigen, veränderte die Rich⸗ tung der Geſichte. Rief. Vor den Tönen der himmliſchen Muſik— ich glaube, es war die Arie Agathens, welche der Spielende angeſchlagen — verwehten die lächerlichen Erſcheinungen wie Wolken, die der Sturm fegt. Die Larven verkrochen ſich mit erſtickten Seufzern unter die Stühle, in die Falten der Vorhänge, und wiederum war ich allein im Saal, wie mir's vorkam. Die große Orgel zu Freiburg klingt nicht kräftiger, als unter n Händen des„Schauenden“ das Piano erklang.(Schauende hei⸗ ßen die Brüder, welche die Reihe zum Nüchternbleiben trifft.) 5 11¹ Die Noten drangen mir wie leuchtende Pfeile in das Herz. Bald ſchien mir die geſpielte Weiſe von mir herzurühren; meine Finger bewegten ſich auf einem abweſenden Clabier, welchem die Töne wie blaue und rothe Funken entſtiegen. Webers Seele wohnte in meiner Bruſt. Nach Beendigung der Arie fuhr ich in mir mit Improviſationen im Geiſte des deutſchen Meiſters fort, wobei ich unnennbares Vergnügen em⸗ pfand; wie Schade, daß nicht ein magiſcher Schnellſchreiber die Weiſen nachſchreiben konnte, die ich in meiner Begeiſterung allein vernahm, und mit aller möglichen Beſcheidenheit dennoch allen Meiſterwerken Roſſini's, Meherbeers und des unſterbli⸗ chen Felician David,(auch: Infelician Saul) vorziehen muß. O Pillet! O Vatel! nur eine der dreißig Opern, die ich in zehn Minuten hörte, würde euch in ſechs Monden reich machen. Der krampfhaften Fröhlichkeit war unbeſchreibliches Wohl⸗ behagen, unendliche Beruhigung gefolgt. Ich trat in die woh⸗—— lige Abtheilung des Hadſchidſch⸗Rauſches, welche bei den Mor⸗ genländern„Kief“ heißt. Ich fühlte meinen Körper nicht mehr, mein Geiſt war aller irdiſcher Bande ledig, und nach freiem Willen bewegte ich mich, ohne itgend auf Widerſtand zu ſtoßen. So denk ich, müſſen ſich nach dem Tode des Lei⸗ bes einſt unſere Seelen im Jenſeits bewegen. Ein bläulicher Dunſt, eine eliſäiſche Helle, ein Widerſchein aus Azurgrotten bildeten den Dunſtkreis, worin ich dämmernde Umriſſe ſchwim⸗ men ſah. In dieſer friſchen und zugleich lauen, feuchten und würzigen Atmoſphäre lag ich wie im Wellenſchlag eines Ba⸗ des, in Luſt mich auflöſend. Wenn ich mich bewegte, wogte und wallte die Luft um mich mit wollüſtigem Fächeln, und eine ſo angenehme Ermattung bemeiſterte ſich meiner, daß ich aufs Sofa hinfiel wie ein ausgezogener Rock. Nun begriff ich das Vergnügen der Geiſter und Engel im endloſen Raum und die ewige Beſchäftigung der Seligen im Paradies. Die Verzückung blieb frei und rein von jedem irdiſchen Gedanken. Selbſt die Liebe würde nicht im Stande geweſen ſein, ihre Wonnen zu ſteigern; eher hätte Romeo unter den Aſſaſſinen ſeine Julia vergeſſen. Die arme Kleine, vergebens hätte ſie zwiſchen Roſen und Jasmin auf dem Söller die Alabaſterarme in die ſchwarze Nacht hinausgeſtreckt; ihr Ro⸗ meo wäre am Fuß der ſeidenen Strickleiter liegen geblieben. Ich ſelber bin der feurigſte Verehrer des Engels, den Shaks⸗ peare ſchuf, dennoch muß ich bekennen, daß Verona's ſchönſte Maid für einen Aſſaſſinen nicht der Mühe werth ſcheint, ſich nur umzudrehen. So betrachtete ich denn mit vollkommener Ruhe, wiewohl voller Entzücken die Schönheiten am Frieß; ich wußte ihre ausgezeichneten Reize zu würdigen, ohne die mindeſte Sehnſucht danach zu empfinden. Wenn der heilige Antonius vorher Hadſchidſch genoſſen hatte, ſo war es kein Verdienſt, daß er den Verſuchungen der üppigen Geſichte widerſtand. Durch einen merkwürdigen Sprung der Einbildungskraft verwandelte ich mich nach einer Weile aufmerkſamer Betrach⸗ tung in den betrachteten Gegenſtand, und ward zur Nymphe Syrinr, weil meine Augen am Frieß oben die Tochter Ladons von Pan verfolgt erblickten. Ich empfand alles Entſetzen der 11¹3 ſchüchternen Jungfrau, und ſuchte im Schilf ein Verſteck vor dem bockfüßigen Ungethüm. S. Dem Rief wird bange. Während meiner Verzückung war Daucus⸗Carota zurück⸗ gekommen. Wie ein Schneider oder wie ein Türk auf ſeinen ganz dazu gemachten Wurzelbeinen hockend, betrachtete er mich mit flammenden Blicken. Sein Schnabel klapperte ſo ſchaden⸗ froh, ein ſo ſpöttiſcher Triumph offenbarte ſich in allen Thei⸗ len der kleinen Mißgeſtalt, daß ich unwillkürlich erbebte. Meine Furcht errathend verdoppelte er ſeine Grimaſſen und hüpfte hinkend auf mich zu. Nun fühlte ich einen kalten Hauch am Ohr, und eine Stimme, die mir bekannt ſchien, ohne daß ich gleich wußte, wem ſie angehöre, flüſterte:„Dieſer elende Daucus⸗Carota, der ſeine Beine liederlicher Weiſe verſoffen, hat Dir jetzt Dei⸗ nen Kopf geſtohlen und vertauſcht.“ Neugierig trat ich zum Spiegel. Die Stimme hatte nicht gelogen, und ich ſah aus wie etwa ein indiſcher Götze. Meine Stirn war gewaltig hoch und breit geworden, die Naſe ſchlängelte ſich zum Rüſſel verlängert, die lappigen Ohren ruhten auf den Schultern, und verdrießlicher Weiſe war ich auch noch in die Farbe des Indigo getaucht, wie Shiwa der blaue Gott. Außer mir vor Wuth, ftürzte ich auf den ſchändlichen Daucus⸗Carota los, der mit allen Anzeichen des Entſetzens vor mir floh. Endlich gelang es mir ihn zu ertappen und Der Erzähler. 1846. 1. 8 1¹4 ſo feſt gegen den Tiſch zu vrücken, daß er mir alsbald den Kopf wieder zurückſtellte, den er im Schnupftuch mit ſich trug. Zufrieden mit meinem Sieg, wollte ich den alten Platz auf dem Sofa aufſuchen; aber die vorige Stimme flüſterte wiederum: „Nimm Dich in Obacht, Du biſt von Feinden umgeben, unſichtbare Gewalten ſtrecken die Krallen nach Dir aus, um Dich zu greifen und zu halten. Du biſt gefangen; verſuche nur zu fliehen und Du wirſt es gleich iune werden.“ Wie Schuppen fiel mir's von den Augen, und mir wurde urplötzlich klar, wie die Aſſaſſinen, lauter Zauberer und Herenmeiſter, ſich zu meinem Verderben verſchworen hatten. 9. Tretmühle. Mit gewaltiger Anſtrengung ſtrebte ich dem Ausgang des Saales zu, den ich nach geraumem Zeitverluſt erſt erreichte, da eine unſichtbare Macht mich zwang, alle drei Schritte einen rückwärts zu thun. Nach meiner Rechnung dauerte der Weg zehn Jahre. Daucus⸗Carota folgte grinſend und murmelte mit verſtelltem Mitleid:„Wenn er ſo fortmacht, kommt er als Greis zur Thüre.“ Endlich erreichte ich das nächſte Zimmer, das mir bis zur Unkenntlichkeit verändert ſchien. Es zog ſich unabſehbar in die Länge. Das Licht am andern Ende war fern wie ein Stern am Himmel. Entmuthigt wollte ich nicht vom Fleck, aber die Stimme flüſterte wieder, und zwar ſo nah, daß ich 415 ſchier die Lippen am Ohr fühlte:„Muth, Muth, um elf Uhr erwartet ſie Dich.“ Durch ein verzweifeltes Aufgebot aller Seelenkräfte ge⸗ lang es mir, meine feſtgewurzelten Füße vom Boden loszu⸗ reißen. Das Ungethüm mit den Mandragorabeinchen begleitete mich und ſang in langgezogenem Ton:„Der Marmor nimmt überhand, der Marmor nimmt überhand!“ In der That fühlte ich meine Gliedmaßen ſich verſtei⸗ nern, und den Marmor bis über die Hüften hinaufwachſen, als wär' ich der verzauberte Prinz aus der Mährchenwelt. Der Boden hallte furchtbar unter meinem ſchweren Tritt und ich hätte Don Juan's ſteinernen Gaſt vorſtellen können. Indeſſen war ich doch zur Treppe gelangt, die ich hinab⸗ zuſteigen unternahm. Sie war ſchwach erleuchtet und zu rie⸗ ſigem Umfang angewachſen. Die zwei Endpunkte, in tiefes Dunkel getaucht, verloren ſich oben im Himmel, unten in der Hölle. Ueber mir ſah ich unzählige Treppenabſätze, als gält es zur Höhe des babhloniſchen Thurms zu führen; unter mir ahnte ich ſchauerliche Abgründe. „Dieſe Treppe führt mitten durch den Erdball,“ ſprach ich zu mir im Abwärtsſteigen:„am jüngſten Tag erreich' ich etwa das Ende.“ Mitleidvoll ſchauten die Bilder auf mich nieder, einige bewegten ſich ſogar wie Stumme, welche durch ängſiliche Zei⸗ chen jemanden vor naher großer Gefahr zu warnen begehren. Offenbar wollten ſie mich auf gelegte Fallſtricke aufmerkſam machen, aber eine ſchwerfällig finſtere Macht drückte mich nach abwärts. Die Staffeln gaben unter meinen Füßen nach, wie 116 die geheimnißvolle Leiter bei der Prüfung des Freimaurers. Der Stein war weich und klebrig zum Krötenleib geworden, und immer wieder boten friſche Abſätze ſich meinen Füßen dar, bis ich zuletzt nach einem vollen Jahrtauſend das Vor⸗ haus erreichte, wo neues Entſetzen meiner harrte. Die Chimära mit dem Licht, welche ich beim Eintritt bemerkt hatte„berrannte mir in offenbar feindſeliger Abſicht den Paß; ihre grünlichen Augen blitzten voller Hohn, ihr ſpöttiſcher Mund lachte boshaft; geduckt, daß der Bauch faſt den Boden berührte, kam ſie auf mich zu, doch nicht aus Demuth ſchleifte ſie die eherne Schabracke im Staub, denn zornig ringelte und ſchwang ſie den Leuenſchweif, und ſie hetzend rief Daucus⸗Carota:„Faſſ, faſſ; Marmorfleiſch iſt ein koſtbarer Schmaus für den Rachen von Etz.“ Unerſchrocken ging ich vorüber. Ein kalter Luftzug wehte mich an, und von Wolken frei ſpannte ſich der Himmel über mir aus, das Wappen der königlichen Nacht: ein blauer Schild mit goldnen Sternen beſüt.— Ich ſtand im Hof. Der Hof aber war noch viel größer als das Marsfeld, und umgeben von rieſigen Gebäuden, deren Zinnen, Kuppeln, Thürme, Giebel und Phramiden Roms und Babhlons würdig erſchienen. Meine Ueberraſchung war groß. Ich hätte mir nie zuvor eingebildet, daß die Ludwigsinſel im Stande wäre, eine Maſſe von Gebäuden zu tragen, deren Umfang allein ſchon einen zwanzigfach größern Flächenraum erheiſchte, als ſie ihn darbot. Mit Grauſen bedachte ich die Macht der Zauberer, die im Verlauf kurzer Stunden dieſe gewaltigen Werke vollführt hatten. 117 „Du biſt ein Spielball thörichter Einbildung,“ murmelte die Stimme in mein Ohr:„der Hof iſt ſiebenundzwanzig Schritte lang, fünfundzwanzig breit.“ „Ja, ja doch,“ höhnte die Mißgeburt mit den ſchlenkern⸗ den Wurzeln:„Der in den Siebenmeilenſtiefeln hat die Schritte gezählt.— Um elf Uhr willſt Du ankommen? Bereits fünf⸗ zehnhundert Jahre biſt Du unterwegs. Die Hälfte Deines Haares iſt ergraut.. Kehr' um; es iſt das Klügſte, was Du thun kannſt.“ Da ich nicht gehorchen wollte, umſchlang das Ungeheuer mich mit ſeinen Beinen, und ſeine Hände als Klammern an⸗ wendend, ſchleifte es mich trotz allen Sträubens wieder die Treppe hinauf, wo ich ſo viele Angſt ausgeſtanden, und in den Saal zurück, den ich mit ſolcher Anſtren gung verlaſſen hatte. Der Schwindel überwältigte mich hier vollends. Daucus⸗ Carota ſchnellte hüpfend bis zur Decke enpor, und ſo auf und ab gaukelnd, kreiſchte er: „Thor, der Du biſt, Deinen Kopf mußt' ich Dir freilich wieder geben, aber das Hirn war ſchon ausgelöffelt.“ Ich hob die Hand zum Haupt, der Schädel war offen und leer, voll inniger Betrübniß ſank ich vollends zuſammen⸗ und das Bewußtſein ſchwand mir. 10. Die Uhren lügen, Als ich wieder zu mir ſelber kam, ſah ich das Zimmer voll von ſchwarzgekleideten Herrn, die mit trauriger Miene ſich 118 die Hände drückend überaus niedergeſchlagen ſagten:„die Zeit iſt todt. Fortan gibt es keine Stunden, Tage mehr. Die Zeit iſt todt, und wir müſſen ſie zur letzten Ruheſtätte geleiten.“ „Sie war wohl alt, dennoch war ich auf ein ſolches Er⸗ eigniß nicht vorbereitet, denn für ihr Alter befand ſie ſich vortrefflich,“ flüſterte mein Freund, der Maler. „Die Ewigkeit war ſehr abgenutzt,“ meinte wieder einer: „und zum Ende reif.“ „Großer Gott,“ rief ich aus:„wenn die Zeit aufhört, wann wird es dann elf Uhr ſein?“ „Nie!“ donnerte Daucus⸗Carota, indem er mir ſein Ge⸗ ſicht an die Naſe warf und ſich in ſeiner wahren Geſtalt zeigte„niemals. Es wird fortan ein Viertel auf Zehn blei⸗ ben. Der Weiſer bleibt ewig auf der Todesſtunde der Zeit ſtehen, und Deine Strafe wird ſein: ſtets nach der Uhr zu gehen, um nachzuſchauen, und nur wieder zu Deinem Platz zurückzukehren, um aufs neue den Gang zu machen, bis Du auf den bloßen Knochen läufſt.“ Eine höhere Gewalt erfaßte mich. An die fünfhundertmal machte ich den Gang hin und her, um mit unendlicher Angſt nach dem Zifferblatt zu ſchauen. Daucus⸗Carota ſaß rittlings auf der Uhr und ſchnitt entſetzliche Geſichter. Der Weiſer rückte nicht von der Stelle. „Elender, Du haſt den Pendel angehalten,“ ſchrie ich wuthſchäumend. „Nicht doch, er ſchwingt ſich hin, er ſchwingt ſich her, aber Sonnen werden in Staub zerfallen, bevor die Stahlſpitze nur um das Milliontheil einer Secunde vorrückt.“ 1¹9 Da ſprach der Schauende:„Es iſt an der Zeit, die böſen Geiſter zu bannen. Das Erardſche Piano ſei diesmal die Harfe Dabids.“ Somit begann er fröhliche Weiſen aufzuſpielen, die dem Wurzelmännchen durchaus nicht zu behagen ſchienen. Seufzend nahm es von Secunde zu Secunde ſichtlich ab, bis es zuletzt als eine geſpaltene welke Rübe zu Boden fiel. Der Bann war gelöst. „Hallelujah! Die Zeit iſt wieder erſtanden!“ jauchzten ſilberhelle Engelsſtimmen:„ſieh' nach.“ Die Uhr zeigte elf. Ein Diener meldete meinen Wagen. Der Traum war aus. Die Aſſaſſinen gingen heim, wie die Offiziere nach Marlboroughs Leichenbegängniß Leichten Fußes eilte ich die Treppe hinab, die mir ſo arge Beklemmungen verurſacht hatte, und bald darauf befand ich mich vollkommen nüchtern daheim, ſo nüchtern, daß ich ohne Mühe ein Vaudeville beurtheilt oder ſchlechte Verſe ge⸗ macht hätte. Der göttliche Rauſch war vſtogel iſt das Loos des Schönen auf der Erde⸗ 4 Cimaroſa. Nach P. A. Liorentino. —— chön war der Morgen des Junitages im Jahr 1799, an welchem die Begebenheit beginnt, die wir hier erzählen wollen. Der prachtvolle Himmel Neapels, dieſer von Kriſtall und Azur ſchimmernde Dom, ſchien durch eine Vetdoppelung von Glanz und Heiterkeit zu den Ausſchweifungen der blutigſten Reaction, deren Andenken die Geſchichte aufbewahrt hat, zu er⸗ muthigen. Von allen Theilen der Stadt nach dem Largo di Monte Oliveto ſtrömend, murrte in ſei⸗ nen Tiefen und toste auf ſeiner Oberfläche ein unfläthiger, zerlumpter, blödſinniger Volkshaufe, wie ein durch den Wetterwirbel emporgehobenes oder durch den Orkan ge⸗ 3 peitſchtes ſumpfiges Waſſer. Die Giunta di Stato, dieſes mörderiſche Tribunal, welches Tag und Nacht verſammelt war, um ſein Geſchäft raſcher zu betreiben, hatte einen Augenblick ihre Gerichtsver⸗ handlungen unterbrochen. Die Angelegenheit, welche den Rath beſchäftigte, war offenbar von der höchſten Wichtigkeit, denn ————— 121 man hatte ſich in der Eile einige Rechtsgelehrte und ein paar Mitglieder der hohen Geiſtlichkeit beigegeben. Die Sitzung zog ſich über die Maßen in die Länge, und das Volk harrte mit der größten Bangigkeit dem Ergebniß entgegen. Es handelte ſich in der That um nichts Geringeres, als den heiligen Gennaro, den bisherigen Patron der Stadt, ab⸗ zuſetzen und an ſeiner Stelle den glorreichen heiligen Antonio zu wählen. Eine in guter Form abgefaßte Anklageakte machte dem erſten von dieſen zwei Heiligen den Vorwurf, er habe einer neuen Regierungsform ſtillſchweigend ſeine Genehmigung ertheilt, den Einzug der franzöſiſchen Armee begünſtigt und die Grün⸗ dung der parthenopäiſchen Republik ſanktionirt, indem er das Wunder der Flüſſigwerdung des Blutes auf das Gebet, Andere behaupten auf die Drohung von Championnet, zugegeben. Der heilige Gennaro, Biſchof von Pozzuoli, wurde dem zu Folge vor das oberſte Tribunal gefordert und ſollte ſich darüber vertheidigen, daß er ſich des Hochverraths, des Auf⸗ ruhrs, der Felonie ſchuldig gemacht, Verbrer für welche das Geſetz u. ſ. w. Da ſich Niemand zeigte, um die Rechtfertigung des Hei⸗ ligen zu übernehmen, und ſeine himmliſche Stellung ihn längſt vor jeder perſönlichen Unbilde ſchützte, ſo begnügte man ſich, den⸗ ſelben öffentlich, wegen ungehorſamen Ausbleibens, ſeiner Würde zu entſetzen; ſein Name wurde aus der Liſte der Beſchützer des Königreiches geſtrichen und man confiscirte, was das Weſent⸗ lichſte dabei war, ſeine ungeheuren Güter, ſeine Statuen, ſeine Diamanten zu Gunſten des Staats. 122 Durch Decret von demſelben Tag wurde der heilige An⸗ tonio, Abbate, bekannt durch ſeine über alle Proben erhabene Treue und durch die außerordentlichen Dienſte, die er am 13. Juni der Sache der Royaliſten geleiſtet, zum Patron von Neapel und der Umgegend ernannt. Sobald dieſe wichtige Entſcheidung außen ruchbar wurde, zerſtreute ſich die Menge in den Straßen unter dem Geſchrei: „Es lebe Sant Antonio, nieder mit Gennaro; es lebe der König! es lebe der Cardinal Ruffo! Tod der Republik!“ Es war ein furchtbares, halb wildes, halb poſſierliches Schauſpiel. Die häßlichſte Zuſammenballung aller Laſter, aller Ver⸗ worfenheit, alles Elends; der Auswurf von Galeerenſklaven, von Lazzaroni, von öffentlichen Dirnen, von Banditen, welche ſich durcheinander drängten, beteten, Gottesläſterungen ausſtie⸗ ßen, mit Koth und Beſchimpfungen jüngſt erehrte Hei⸗ ligenbilder bedeckten und ſich andächtig Heiligen, welche man am Tage zubor angeſpuckt hatte, niederwarfen; Wuth⸗ und Todesgeſchrei, ſchmutzige Geſänge, ruchloſe Lieder, vermiſcht mit Reſponſorien und Litaneien; überall Nothzucht, Plünderung, Mord; das Röcheln der Opfer erſtickt durch ſchal⸗ lendes Gelächter; die Diener Gottes das Blutbad predigend und leitend, ſo denke man ſich das Bild, welches die ſchönſte Stadt der Erde während dieſer unſeligen Tage bot. Durch die Strade di Toledo und di San Fernando aus⸗ mündend, zog ſich der häßliche Haufe von dem Largo di Pa⸗ lazzo bis Chiatamone und ließ die anderen Straßen von 1 auf ein paar Stunden in düſterer Verödung. 123 Dies waren jedoch nur die Vorläufer der gräßlichen Sce⸗ nen, welche ſich nun folgen ſollten. Während ſich das Ufer und der Hafen mit lebendigem Ausſatz bedeckten, entwickelte ſich ein furchtbares Drama am Golf. Vor der Zurückgabe der Caſtelle hatten die neapolitani⸗ ſchen Patrioten einen Vertrag unterzeichnet, durch welchen man ihnen das Leben ſicherte; ſie ſollten St. Elmo und die an⸗ dern Caſtelle mit den militäriſchen Ehren verlaſſen, die Re⸗ gierung machte ſich anheiſchig, ihnen die nöthigen Schiffe zum Transport nach Marſeille und Toulon zu liefern und ihnen während der Ueberfahrt Schutz und Beiſtand zu gewähren. Die für die Garniſon der Caſtelle feſtgeſetzte Amneſtie ſollte ſich auf alle Bürger erſtrecken, welche ſich nicht den Wechſel⸗ fällen der Auswanderung unterwerfen, ſondern lieber am hei⸗ miſchen Herde bleiben wollten. Dieſe von dem General Maſſa vorgeſchlagene und von dem Cardinal Ruffo, dem Generaliſſimus der Armeen der Santa Fede, angenommene Capitulation liegt vor unſern Augen; es findet ſich darin nicht nur die Unterſchrift der Agenten des Königs, ſondern auch die Sanction mit Inſiegel und Namensunterzeichnung von Seiten der Obercommandanten der ruſſiſchen, der engliſchen und der ottomaniſchen Flotten. Die Patrioten hielten ſich ſtreng an die Worte des Vertrags, überlieferten die Caſtelle, legten die Waffen nieder und begaben ſich an Bord der Schiffe, welche man zu ihrer Verfügung ge⸗ ſtellt hatte. Man harrte nur noch auf günſtigen Wind, um auczulaufen, als man mit Einbruch der Nacht und gegen alle Erwartung die Flottille unter die Batterien des Caſtello del 124 ovo trieb, die Steuerruder zerbrach, die Segel abriß und die Schiffe in Gefängniſſe verwandelte... ein bis dahin beiſpielloſer Verrath, ausgeführt unter den Augen und durch die Vermit⸗ telung von England, von dieſer Nation mit dem Granitherzen, welche durch ein ſeltſames Geſchick dazu verurtheilt zu ſein ſcheint, ihren Namen mit allen großen politiſchen Frevelthaten in Verbindung zu ſetzen und gleichſam an dieſelben anzukleben. Die Nacht verging in Furcht und Zweifel. Am andern Tage erſcholl die furchtbare Kunde wie ein Donnerſchlag unter den Gefangenen: Nelſon verweigerte im Namen des Königs die Ratification des Vertrags. Es war ungefähr ein Uhr Nachmittags. Die entehrte Flagge des Leoparden flatterte auf dem Admiralſchiffe; der Sie⸗ ger von Abukir vergaß in den Armen einer Courtiſane ſeinen neuerworbenen Ruhm' und ſeine äghptiſchen Lorbeeren, und er⸗ röthete nicht, die Augen auf die ſchwimmenden Kerker gerichtet zu halten, in denen unter einander berühmte Gelehrte, Literaten, Künſtler, Frauen, Greiſe ſeufzten, wo gräßlichem Jammer Alles preisgegeben war, was Neapel an Genie; Muth und Tugend übrig blieb. Das Meer verſchwand unter einer ungeheuren Decke von Flößen und Barken, worauf ſich der Auswurf der Bevölkerung luſtig verſammelt hatte. Dieſe Elenden, deren rohe Unwiſſen⸗ heit vielleicht mehr zu beklagen, als zu ſchmähen iſt, umgaben die Pontons mit unmenſchlichem Geſchrei und viehiſchen Ge⸗ berden und brüllten in ihrem Patvis ein ſchändliches Lied, von welchem hier die erſte Strophe folgt: Unſer heiliger Vater iſt gekommen; er hat uns kleine Kanonen 125 gebracht; metzeln wir die Jacobiner nieder; ſchlagen wir der Freiheit ins Geſicht. E venuto lo papa santo, Ce ha portato li cannoncini; P'ammazzä li giacobini, Cauce'nfaccia à libertaà. Die Calabreſen, die Deutſchen, die Türken, die Ruſſen und die Griechen, wegen ihrer weißen Tunica, die ihnen bis auf die Kniee ging, Camiſciotti genannt, belauerten, die Funktionen von Kerkermeiſtern und Henkern übernehmend, ei⸗ nige unglückliche Gefangene in dem Augenblick, wo ſie, um nicht erſtickt zu werden, aus den Luken hervorſahen, ſchlugen mit ihren langen Carabinern auf ſie an und fanden ein wil⸗ des Vergnügen an dieſer Jagd neuer Art. Oft ging der Schuß los; zuweilen begnügten ſich die guten Soldaten, den Unglück⸗ lichen Angſt zu machen, und riefen ihnen aus der Ferne in einem ſeltſamen, aus allen Sprachen und allen Mundarten ge⸗ miſchten Jargon zu:„Verfluchte Jacobiner, die ihr nicht an die Jungfrau Maria glaubt, nieder mit euch, ſterbt wie die Hunde.“ Bei einem ſolchen Loshrennen von Carabinern, welches wie immer mit einem donnerähnlichen Beifallsgeſchrei aufge⸗ nommen wurde, ſah man die um die beweglichen Baſtillen gruppirten Schiffe ſich öffnen, und eine herrliche Schaluppe mit engliſcher Flagge, woran Gold⸗ und Silberſtickereien, flog wie ein Pfeil unter der Anſtrengung von zwölf Ruderern hervor. Auf dem Hintertheile dieſes reichen Fahrzeugs, worauf ein Prachthimmel von Brocat ſichtbar war, lehnte, den Kopf auf die flache Hand geſtützt, den Ellbogen halb in Sammetkiſſen 126 verſenkt, in einer nachläßigen, beinahe wollüſtigen Lage, Lady Hamilton, oder wenn man lieber will, Emma Leona, dieſe auf ewige Zeiten verfluchte Frau, welche, nachdem ſie ſich aus den niedrigſten Verhältniſſen zum Range einer Lady und Bot⸗ ſchafterin emporgeſchwungen, nachdem ſie die ungeheuerlichen Ausſchweifungen einer Meſſalina weit hinter ſich gelaſſen, ihre durch alle mögliche Schwelgereien befleckte Schönheit,— eine neue Herodias für jede Liebkoſung das Blut eines Märtyrers fordernd,— Lord Nelſon preisgab. Bebend und nackt unter ihrer Gaze, wie ſie ſich einſt in ihrer erſten Jugend den Neugierigen und Malern auf dem berühmten Bette Apollo's gezeigt hatte, belebte dieſe Englän⸗ verin mit den Hyäneninſtinkten, mit den durch das Uebermaß des Genuſſes abgeſtumpften Sinnen ihre erloſchenen Begierden durch die Anſchauung körperlicher Qualen und einer bis zum äußerſten Parorismus geſteigerten Barbarei. Dieſes Schauſpiel berauſchte ſie. Die Augen halb geſchloſſen, den Mund leicht geöffnet, die Naſe ausgedehnt, horchte ſie neugierig auf die Seufzer der Opfer, athmete ſie mit einer herben Wolluſt den Blutgeruch ein. Emma fuhr ſo bei allen Schiffen unter dem Klange von Fanfaren umher, welche ein ſchallendes Rule Bri- tannia hören ließen, und ſtieg, nachdem ſie bis auf die Heſe alle Aufregungen ihres von tauſendfachem Zuruf begrüßten Triumphzuges genoſſen hatte, wieder auf das Schiff von Nelſon. Der unterjochte Seemann eilte ihr entgegen, zog ſie an ſich, und drückte ihr einen zugleich zärtlichen und ehrfurchts⸗ vollen Kuß auf die Hand. „Nun, Mhlord,“ ſagte Lady Hamilton mit kurzer Be⸗ 3 tonung,„werden Sie endlich die Wünſche dieſes braven Volkes erfüllen und ihm die Schuldigen preisgeben, damit es dieſelben nach ſeinem Belieben henken oder erdroſſeln kann?“ „Geduld,“ murmelte Nelſon,„Geduld! Sie wiſſen, meine liebe Emma, daß es mein innigſtes Verlangen iſt, mich Ihren Befehlen zu fügen. Doch man muß dieſen Hinrichtungen den Anſchein von Gerechtigkeit und Geſetzmäßigkeit geben.“ „Immer Zögerungen, ſtets Bedenklichkeiten! Habe ich Ihnen nicht die königlichen Briefe übergeben, die Ihnen das Recht über Leben und Tod aller neapolitaniſchen Unter⸗ thanen verleihen, und ſind Sie nicht bevollmächtigt, den Prozeß abzukürzen und jede unnütze Förmlichkeit zu unterdrücken?“ „Aber die Capitulation, der Schwur!“ ſtammelte der Admiral, während unwillkührlich eine lebhafte Röthe ſeine Stirne bedeckte. „Was will das bedeuten?“ rief Emma mit hartem, ge⸗ bieteriſchem Tone;„ſoll ſich ein König ſo ſehr erniedrigen, daß er mit ſeinen Unterthanen unterhandeln würde? Haben die Feinde des Thrones und der Religion ihres Landes Ge⸗ währleiſtungen feſtzuſetzen und Bedingungen zu dictiren? Wer⸗ den es die Meineidigen und Verräther wagen, die Aufrecht⸗ haltung der Schwüre anzurufen und ihren geſetzlichen Herrn des Verraths und des Meineids auzuklagen? Thun Sie Ihre Pflicht, Mhlord, vollſtrecken Sie das Geſetz in ſeiner ganzen Strenge, und legen Sie nicht Ihren Admiralsſtab zwiſchen das Beil und den Block.“ „Meine liebe Emma,“ verſetzte Nelſon mit unterwürfiger Miene, denn er ſchmiegte ſich bereits unter den Einfluß ſeiner „mit dem beſten Willen der Welt ſchrecklichen Gebieterin, rzig tauſend Angeklagte kann ich mir nicht an einem Tage vie vom Halſe ſchaffen.“ „Beginnen Sie mit den Anführern; ihre Hinrichtung muß als Beiſpiel und Schrecken für das Volk dienen. Man wird dann ein Mittel finden, die Andern zu vertilgen; man verſenkt die Schiffe, man vergiftet die Lebensmittel, man legt Feuer an die Gefängniſſe,. was weiß ich? Das Weſentlichſte dabei iſt, daß Keiner von den Schuldigen, hören Sie Mylord, nicht ein Einziger der gerechten Strafe entgeht, die ſeiner harrt.“ „Seien Sie unbeſorgt, mein Kind,“ ſprach Nelſon mit begütigendem Tone,„ich wiederhole Ihnen noch ein Mal, die Rebellen ſollen beſtraft werden.“ „Warum warten Sie dannk“ rief Lady Hamilton, zornig mit dem Fuße ſtampfend. „Stille, Emma,“ erwiederte Nelſon bebend,„unter Ih⸗ ren Füßen, in meiner eigenen Kajüte ſitzt man in dieſem Au⸗ genblick über einen der Hauptangeklagten zu Gericht.“ „Und er wird verurtheilt werden?“ „Ich zähle darauf.“ Ein Blitz der Freude erleuchtete das ſchöne Antlitz von Emma. Sie näherte ſich dem Admiral, legte ihre Hand mit liebevoller Zärtlichkeit unter ſeinen Arm und ſagte ihm ganz ſachte und mit weichem Tone in das Ohr: „Sollte es zufällig Cirillo, der berühmte Arzt ſein, der vreimal meinem Gatten das Leben gerettet hat?“ 129 „Noch nicht; die Reihe wird bald an ihn kommen, doch für den Augenblick handelt es ſich nicht um ihn.“ „Dann iſt es,“ fuhr Lady Hamilton mit verdoppelter Neu⸗ gierde fort,„dann iſt es Mario Pagano, der kühne Philo⸗ ſoph, der von Begeiſterung und Freiheit glühende Blätter ge⸗ ſchrieben hat?“ „Nein, Mhlady, es iſt ein Mann, welcher, wenn nicht durch die Wiſſenſchaft, doch wenigſtens dem Range nach höher ſteht.“ „Caraffa, Falconieri, Pignatelli?“ „Sie haben nicht errathen, Emma.“ „Wer iſt es denn? Bei der Hölle, ſagen Sie mir ſeinen Namen, Myhlord.“ „Es iſt ein ehemaliger Nebenbuhler von mir, ein Prinz, ein Seemann, deſſen Frechheit ſo weit ging, daß er ſich für meines Gleichen hielt, weil er ein paar Stürme geſehen und ein paar Schiffe beſchoſſen hat.“ „Deſto beſſer!“ rief die ſeltſame Frau,„deſto beſſer! denn er wird als Braver ſterben, und keine Muskel ſeiner Stirne wird bei den Vorbereitungen zur Hinrichtung zittern. Ah! Mylord,“ fuhr ſie mit funkelndem Blicke und belebten Wangen fort,„ah! mein Freund, ich glaubte alle Vergnü⸗ gungen erſchöpft zu haben, aber es gibt keinen ſchärferen, kei⸗ nen tieferen, keinen heißeren Genuß, als einen ſchönen Mann von edler Geburt mit ruhiger Miene alle Martern ertragen und lächelnd ſeinen Henkern trotzen zu ſehen.“ Während ſie ſo ſprach, ſchwellte ſich ihre Bruſt; ihre Haare ſpiegelten an den phosphoriſche Reflere, ein Der Erzähler, 1846. 1. 9 130 wollüſtiger Schauer lief über ihre entblößten Arme und über die Alabaſterſchultern hin, welche für ſo viele Meiſterwerke als Wydell gedient hatten. „Wie ſchön Du ſo biſt, meine Leona!“ rief Lord Nel⸗ ſon, voll Vewunderung die Hände faltend,.. und er war im Begriff, ſich dem hölliſchen Geſchöpf zu Füßen zu werfen, als er einige Schritte von ſich einen Oberofficier gewahrte, der ſeiner Stellung nach nur auf ein Zeichen, ſich nähern zu dür⸗ fen, wartete. Lord Nelſon ging raſch auf ihn zu, zog ihn noch mehr beiſeits und ſagte: „Nun, Graf?“. 5 Der Officier reichte Nelſon ſtatt jeder Antwort ein Papier; ſobald der Admiral einen Blick darauf geworfen hatte, verdüſterte ſich ſein Geſicht, er faltete ſeine Stirne und ſprach: „Achtet man ſo meine Befehle, mein Herr?“ „Veizeihen Sie Mylord,“ entgegnete der Graf von churn,„es iſt Alles, was ich von dem Comité erlangen konnte, zu deſſen Präſidenten mich Euere Herrlichkeit ernannt hat. Bedenken Sie, MWylord, daß die Veweiſe fehlen, daß ſich der Gefangene mit einer ruhigen Würde vertheidigt hat, mit einer Würde, welche in dem Geiſte der Majorität die ueberzeugung von ſeiner Unſchuld zurückließ, und daß endlich die von Euerer Herrlichkeit gewählten Richter insgeſammt Landsleute und ehemalige Waffengefährten des Admirals ſind.“ Nittlerweile hatte ſich Emma den zwei Redenden mit dem dumpfen Tritte und den argliſtigen Wellenbewegungen aeeeißeöi 131 eines Panthers genähert; ihren ſchönen Hals über die Schulter ihres Geliebten ausſtreckend las ſie die zwei Worte: lebens⸗ längliche Einkerkerung. Sie zog nun ein Rothſtift aus einem reizenden kleinen Soubenir von Saffianleder und reichte es Nelſon mit einem Ausdruck, der nicht den geringſten Zwei⸗ fel über den Gebrauch übrig ließ, den er davon machen ſollte. Er nahm es auch mit feſter Hand und ſchrieb an die Stelle von Einkerkerung das Wort Tod! Der Graf verbeugte ſich bis zur Erde; nach einigen Mi⸗ nuten erſchien er abermals, die unſelige Entſcheidung in der Hand haltend, und ſprach: 3 „Mhlord, Ihre Befehle ſind erfüllt. Hier iſt das Todes⸗ urtheil.“ „Man vollſtrecke es auf der Stelle.“ „Aber der Name, der Name des Verurtheilten!“ rief Lady Hamilton, deren Augen in fieberhaftem Glanze brannten. „Sieh dort,“ ſprach Nelſon, mit dem Finger auf eine neapolitaniſche Fregatte deutend, welche dem engliſchen Schiffe gegenüber vor Anker lag. Emma folgte mit den Augen der angegebenen Richtung und ſah bald, daß eine außerordentliche Bewegung an Bord der Minerva ſtatthatte. Ein durch ſchwarzes Tuch, womit das Inſtrument überzogen war, gedämpftes Raſſeln der Trom⸗ meln zog die allgemeine Aufmerkſamkeit auf einen Punkt. Die Menge ſchwieg, und beinahe in demſelben Augenblick ſah man den Fürſten Francesco Caraccioli, den Admiral der neapoli⸗ taniſchen Flotte, den edelſten, brabſten, beliebteſten von allen Officieren erſcheinen; man erblickte ihn mit Ketten beladen, — 132 wie einen Miſſethäter, und begleitet von einem Prieſter, der ihn gut zu ſterben ermahnte. Der Fürſt hatte als Edelmann wenigſtens Anſpruch darauf zu machen, daß man ihn auf dem Schaffot ſterben ließ, aber mit Hintanſetzung jedes Rechts be⸗ feſtigte man eine Schlinge an dem großen Maſt der Minerva, der Fregatte, welche er befehligte, ſchob ihm den Hals durch den ſchändlichen Strang, der Henker klammerte ſich an die Beine des Verurtheilten an, ließ ſich am Maſt herabgleiten und zog mit aller Gewalt... Der Mord war vollbracht. Ein Schrei des Entſetzens durchlief die erſchrockene Menge und wiederhallte bis an dem entfernten Geſtade von Portici und Mergellina; eine blutige Wolke verſchleierte das Antlitz der Sonne, als ob das entrüſtete Geſtirn dieſes furchtbare Verbrechen zu beleuchten ſich weigerte. Emma hatte alle die einzelnen umſtände der gräßlichen Hinrichtung mit lebhaftem, glühendem Auge verſchlungen. Sie war außer ſich vor Glück. 8 Inmitten des Stillſchweigens, das auf die Ermordung von Caratcivli folgte, erhob ſich plötzlich ein mächtiger, rei⸗ ner Geſang von einem der Schiffe, wo die Patrioten ſchmach⸗ teten, und zwei junge Edelleute, Serra und Genzano, von denen der ältere noch nicht zwanzig, der jüngere kaum ſechzehn Jahre alt war, ließen, ſich an der Hand haltend, die Augen auf den Leichnam des erhabenen Opfers gerichtet, die Stirne bereits ſtrahlend von der Glorie des Märtyrthums, mit kräf⸗ tiger, vibrirender Stimme: 133 „Or che innalzato è l'albero S'abbattano i tiranni!“ ertönen, und ſangen ſo bis zur letzten Strophe die Hymne an die Freiheit, ohne daß Jemand daran dachte, ſie zu unter⸗ brechen. Als aber der erſte Augenblick des Erſtaunens vor⸗ über war, ſtürzten ſich die Wachen auf die beiden Gefangenen und man unterwarf ſie der grauſamſten Mißhandlung. Da geſchah es, daß ein Menſch, deſſen Namen man nie erfahren konnte, mitten unter die Menge die furchtbare An⸗ klage ſchleuderte: „Die Muſik der Worte, welche die zwei Verräther ſo eben geſungen haben, iſt von Domenico Cimaroſa.“ „Cimaroſa ſterbe! Tod dem Jacobiner!“ brüllte der Pö⸗ bel, deſſen Wuth die neue Mordſcene auf das Aeußerſte ge⸗ ſteigert hatte, und die Rachgierigſten wandten ſich mit Sturmes⸗ eile in thieriſchem Blutdurſt nach dem Hauſe des unſterblichen Tondichters des Matrimonio segreto.— 2. Domenicv Cimaroſa bewohnte damals ein kleines Haus in der Strada dei Fiorentini. Er war ein Mann von fünf⸗ undvierzig Jahren, von mittlerem Wuchſe, ziemlich beleibt, von offener, treuherziger, angenehmer Geſichtsbildung. Seine ganze Perſon war anmuthig. Wenn er gefallen wollte, und Cima⸗ roſa wollte es immer, bezauberte er. Seine Züge glichen auf eine höchſt auffallende Weiſe denen von Roſſini, abgeſehen von der funkelnden Bosheit des Blickes und der grauſamen Ironie des Lächelns. Liebevoll, gutmüthig, dienſtfertig, von N 134 ſeltener BVeſcheidenheit, von beinahe kindlicher Aufrichtigkeit, kannte man nur einen Feind oder vielmehr einen Nebenbuhler von ihm: Paiſiellv. Trotz des Widerwillens, womit ihn die Eiferſucht dieſes unverſöhnlichen Meiſters überſättigte, hörte man Cimaroſa nie ein Wort der Bitterkeit oder des Zornes gegen Paiſiello ausſtoßen. Seine Unterhaltung im Geſpräch war voll Geiſt und Witz. Er ſang vortrefflich, beſonders komiſche Scenen, und ſpielte die Violine als Virtuoſe erſten Rangs. So biele lie⸗ benswürdige Eigenſchaften, ſo viele perſönliche Vorzüge machten ihn zum Rdol der beſten Geſellſchaft von Neapel, von Sanct Petersburg und von Wien. Er ſtand auf dem höchſten Gipfel ſeines Ruhmes und Glückes, als ihn die Revolution über⸗ raſchte. Haben wir im vorhergehenden Kapitel des Breiteren über eine der traurigſten Epiſoden der Schlächterei von 1799 ge⸗ ſprochen, ſo geſchah dies, um den Contraſt kräftiger hervorzu⸗ heben, den die Vorſehung zwiſchen dieſem ſo friedlichen, ſo reinen Künſtlerleben und den Ereigniſſen bezeichnet hatte, in deren Mitte daſſelbe mit aller Heftigkeit geſchlendert wurde. Der Sohn eines armen Arbeiters von Aberſa, liebte Cimaroſa das Volk, zu dem er gehörte, und hegte die innigſte Theilnahme an ſeinen Leiden. Sein natürlich erhabenes Gemüth wurde hingezogen zu allen edeln Gefühlen, zu allen hochherzigen Ge⸗ danken; aber ganz und gar von ſeiner Arbeit in Anſpruch genommen, hatte er ſich nie die furchtbaren geſellſchaftlichen Probleme geſtellt, welche ſo viele Stirnen erbleichen, ſo viele Köpfe fallen machten. Cimaroſa war bor Allem Künſtler und 6 — 135 wir ſind der Anſicht, daß ſich ſein politiſches Glaubensbe⸗ kenntniß darauf beſchränkte, daß es unter jeder Staatsverwal⸗ tung erlaubt ſei, als ehrlicher Mann zu leben, und daß man unter allen Regierungsformen gute Muſik machen könne. Er wurde auch von tiefem Erſtaunen ergriffen, als er üͤber den rauchenden Batterien von Caſtell Sant⸗Elmo die dreifarbige Fahne flattern ſah. Eine durch Blut eingeweihte Republik, die im Namen des fremden Siegers bekannt gemachte Unabhängigkeit, eine Freiheit, welche mit Aechtung, Einkerke⸗ rung, Niedermetzelung debutirte, erſchreckten dieſes ehrliche, liebe⸗ volle Gemüth, dieſes reine, ſchüchterne Gewiſſen. Er bedauerte es beinahe, daß er den Hof der Selbſtherrſcherin verlaſſen hatte, wo es ihm wenigſtens ruhig zu arbeiten geſtattet war. So kam es, daß Cimaroſa, als am Abend des 6. Juni drei Kanonenſchüſſe, von der Feſtung abgefeuert, den Bürgern bei Todesſtrafe nach Hauſe zu kehren befahlen, in aller Eile gehorchte; als aber dieſelbe Kanone, nach Aufhebung des Be⸗ lagerungszuſtandes, ankündigte, Jedermann könne wieder ſeinen gewöhnlichen Geſchäften nachgehen, da benützte der Tondichter des Matrimonio segreto die Erlaubniß, die man ihm er⸗ theilte, um einen zweiten Riegel an ſeine Thüre zu legen. Die vierzehn hierauf folgenden Tage vergingen für ihn in einer ewigen Abwechſelung von Furcht und Hoffnung; ſeine Seele blutete bei den Schreckniſſen der Gegenrevolution, wobon das Gerücht bis in ſeine Einſamkeit gedrungen war. Endlich ſchien ſich der Horizont aufzuhellen; die nahe bevorſtehende Ankunft des Königs, eine allgemeine Amneſtie, der man beinahe mit Gewißheit entgegenſah, belebten wieder die verzagteſten Gemüther. —— ——— 136 Unſere Leſer kennen bereits die Wendung der Dinge. Aber Cimaroſa wußte im Augenblick, wo dieſe Erzählung beginnt, noch nichts davon. Während der Volksſturm über einem Theile der Stadt brauſte, herrſchten Ruhe und Einſamkeit in dem Quartiere der Florentiner. Cimaroſa ſaß auf einem niedrigen Stuhle vor ſeinem Klavier. Er war außerordentlich reinlich und beinahe koſtbar gekleidet. Neben ihm ſtand, die Augen auf ein Pult gerichtet, worauf eine Partitur geöffnet lag, ein Zögling von zehn bis zwölf Jahren von einer reizenden Geſichtsbildung, hervorgehoben durch die ſchönſten goldenen Haare, welche je das Antlitz eines Cherubim umrahmt haben. Der Zögling ſang mit ſeiner wei⸗ chen Stimme eine Arie von Artaxerres, wobei der Meiſter ihn mit dem Kopfe ermuthigte, bei jeder Phraſe lächelte und mit dem Fuße den Takt ſchlug. Zu einer ſchwierigen Stelle ge⸗ langt, aus der ſich der Schüler mit Ehre zog, ließ Cimaroſa ein Bravo vernehmen, als plötzlich ein Anfangs entferntes, dann näher kommendes und deutlicher werdendes Geräuſch und endlich wüthende Schreie auf der Straße Kſchollen. Die ange⸗ fangene Note erſtarb auf den Lippen des Kindes, während die Finger des Meiſters vor Schrecken auf dem Klavier erſtarrten. Doch ehe der Meiſter und der Schüler Zeit gehabt hatten, ein Wort zu wechſeln, war der Hof überſtrömt, die Treppe zitterte unter den Tritten der Heranſtürmenden und die Thüre zerſprang in Stücke. In demſelben Augenblick drangen fünf bis ſechs Raſende, mit bleichem Geſicht, mit ſchäumendem Munde, die Haare in Unordnung, in das Zimmer und ſuchten mit gieri⸗ gem Auge die Beute, welche ſie zu verſchlingen gedachten. — — ——„—— — 137 Die Mörderbande war in ununterbrochenem Laufe und ohne eine Sekunde zu verlieren von dem Hafendamme des Chiatamone bis in die Wohnung des Meiſters geſtürzt, hatte ſich unter Wegs mit aller müßigen Canaille rekrutirt un fortwährend das furchtbarſte Geſchrei ausgeſtoßen, ohne daß man etwas Anderes als:„Tod dem Cimaroſa!“ zu unter⸗ ſcheiden vermochte. Nun eilten, da die Stimme der Mörder ſchneller lief als ihre Beine, diejenigen, welche aus der Ferne dieſe Drohungen hörten, in der angegebenen Richtung herbei, ohne die Haupttruppe abzuwarten, ſo daß die Anſtifter des Verbrechens ſich unmerklich in die Nachhut zurückgedrängt fan⸗ den, und daß diejenigen, welche zuerſt ankamen, nicht wußten, wegen welcher Miſſethat oder auf weſſen Befehl man auf dieſe Art das Domicil eines allgemein geſchätzten, ruhigen Bürgers verletzte. Doch man ſollte einen Menſchen umbringen, ein Haus plündern, und das war nehr, als es bedurfte, um das Ge⸗. wiſſen dieſer braven Leute zu beſchwichtigen. Die ehrliche, friedliche Wohnung, die ſanfte, wohlwol⸗ lende Heiterkeit, welche durch die Aufregung auf der Stirne von Cimaroſa durchſtrahlte, bewerkſtelligten bei den Banditen jene ſchwindelartige Verblendung, welche das wilde Thier in dem Augenblick erfaßt, wo es in die Arena ſpringt. Der entſchloſſenſte Mörder muß an ſein Opfer Vorwürfe und Schmä⸗ hungen richten, ſich zum Verbrechen aufſtacheln und ſeinen ſin⸗ kenden Arm unterſtützen. So blieben die Elenden, welche nur noch einen Schritt zu thun hatten, um einen wehrloſen Men⸗ ſchen zu erſchlagen, verblüfſt ſtehen und fragten mit dem Blicke, wer von ihnen es wagen würde, den Angriff zu beginnen. Die 138 allgemeine Wahl ſchien durch eine ſtumme Pantomime den Jüngſten der Bande zu bezeichnen, der, offenbar geſchmeichelt durch dieſe Ehre, auf eine drohende Weiſe die Fäuſte ballte und mit einer Donnerſtimme brüllte: „Ah! da biſt Du, Hund von einem Jacobiner, wir wollen lachen.“ „Ihr täuſcht Euch, meine Freunde,“ entgegnete Cimaroſa, ſeine beiden Hände auf das Klavier ſtützend, um ſich von ſei⸗ nem Stuhle zu erheben,„ich bin weder Jacobiner noch Santa⸗ fede, ſondern Kapellmeiſter, Euch zu dienen.“ „Du lügſt, verfluchter Republikaner,“ verſetzte der Laz⸗ zarone.„Doch darüber darf man ſich nicht wundern, Ihr Franzoſen glaubt weder an Gott, noch an die Heiligen.“ „Ah, Herr!“ rief Cimaroſa, die Hände mit ſo rühren⸗ dem Ausdruck faltend, daß es nicht möglich war, ſeine miß⸗ kannte Nationalität und die Aufrichtigkeit ſeiner religiöſen Ge⸗ fühle in Zweifel zu ziehen. ⸗ Der enttäuſchte Redner ſchickte ſich nun an, eine Lection herzuſagen, die ihm unter ähnlichen Umſtänden ſehr erſprieß⸗ lich geweſen war, und die darin beſtand, daß er den Liberalen alles Gute vorwarf, was ſie dem Volke gethan hatten oder hätten thun können. Seltſame Verirrung der menſchlichen Seele, kaum glaublich, wenn nicht Augenzeugen zur Beſtäti⸗ gung vorhanden wären! Dieſe unglücklichen waren ſo ſehr in Rohheit verſunken, daß ſie den Patrioten die edelſten Hand⸗ lungen, die größten Dienſte, welche ſie der Sache des Volkes geleiſtet, zum Vorwurf machten. — — 139 „Ah!“ rief der Lozzarone voll Erbitterung,„Ihr habt die Salzſteuer aufgehoben, und wir ſagten nichts dazu.“ „Um Vergebung, meine Freunde,“ antwortete Cimaroſa mit ſanftem Tone,„mir habt Ihr dieſe Wohlthat nicht zu Ler⸗ danken.“ „Ihr habt die Mehlabgabe vermindert, und wir mucks⸗ ten nicht.“ „Ich muß zu meiner Schande geſtehen, daß ich an dreſer Ermäßigung keinen Antheil habe.“ „Ihr habt die Zollſtätten für Obſt, Fiſche, Gemüſe ge⸗ ſchloſſen, und wir ließen Euch gewährer. Doch warum habt Ihr den Titel Ercellenz unterdrückt, was hat Euch die arme Eycellenz zu Leide gethan?“ „Oh! was das betrifft,“ ſprach Cimaroſa,„da bin ich vollkommen Euerer Meinung, ich habe ſtets den Perſonen die ihnen gebührenden Titel gegeben, und konnte nie glauben, man müßte ſich dutzen, um liberal zu ſein.“ Der Lazzarone war mit ſeinen Vorwürfen zu Ende Die unſtörbare Sanftmuth von Cimaroſa brachte ſeine Angreifer ſichtbar aus der Faſſung. Ihre Unzufriedenheit kehrte ſich ge⸗ gen den Anführer, den ſie ſich gegeben hatten, und der ſich nun ſeiner Aufgabe ſo ſchlecht entledigte. Der Wolf in der Fabel war nicht minder wild, aber er hatte mehr Geiſt. Der Laz⸗ zarone fühlte es ſelbſt; nachdem er mit ſeinen Worten ge⸗ ſcheitert war, blieb ihm nur ein Mittel, um die Gunſt der Seinigen wiederzugewinnen: er mußte Cimaroſa ſogleich erdroſ⸗ ſeln. Doch der Burſche war zu feig hiezu. Seine Stellung wurde immer ſchwieriger, als ihn eine unerwartete Hülfe aus 140 der Verlegenheit zog. Man vernahm neues Geſchrei auf der Straße und eine neue Gruppe von Angreifenden ſtürzte in das Zimmer. Diesmal ſchritt ein Fleiſcher von athletiſchen For⸗ men, mit unermeßlichen Armen und einem Stierhalſe voran. „So iſt es gut! hier kommt Pascalone!“ rief die Menge und zog ſich ehrfurchtsvoll auf die Seite, um dieſe gewichtige Perſon durchzulaſſen. Der Rieſe ſchwang mit ſeiner Rechten einen ungeheuren Hammer und hielt in ſeiner Linken fünf bis ſechs Nägel von furchtbarer Länge. Sein Kopf berührte beinahe die Zimmer⸗ decke und unter ſeinen nackten Füßen erkrachte der Boden. „Was gibt es, meine Kinder?“ fragte das Ungeheuer mit einer väterlichen Miene. „Gut, daß Du erſcheinſt,“ rief die Menge,„wir bedür⸗ fen Deiner. Woher kommſt Du, daß man Dich den ganzen Tag noch nicht geſehen hat?“ „Ich!“ entgegnete der Fleiſcher mit dem natürlichſten Tone der Welt,„ich war eben damit beſchäftigt, in dem Hauſe gegenüber einen Jacobiner zu kreuzigen. Er machte mir viel Mühe, der Böſewicht, mit ſeiner harten Haut! Ich hörte Lär⸗ men und ſagte zu mir:„„Wir wollen ſehen. Es iſt dort viel⸗ leicht ein Handſtreich zu geben.““ „Und zwar ein tüchtiger!“ rief man von allen Seiten. „Hier iſt ein Ketzer von einem Republikaner, welcher behaup⸗ tet, er habe nichts gethan und ſei ſo unſchuldig als das Kind, 6 wenn es ſogleich nach der Taufe ſtirbt.“ „Halt! halt! halt!“ murmelte der Koloß, während ſich ſein gemeiner Mund durch ein Gelächter bis an die Ohren ʒ — 14¹ ſchlitzte.„Soll dieſer Herr Recht haben, ſo müſſen wir zuerſt nach ſeinem Kopfputze ſehen.“ Und mit einem Fußtritt das Klavier umſtoßend, das ihn zu dem Meiſter zu gelangen verhinderte, tauchte er mit einer rohen Geberde ſeine Hand in deſſen Haare. „Es iſt Schade,“ ſagte er ſodann mit einer abſcheulichen Grimaſſe,„er trägt das länger, als die Andern. Seht, meine Kinder,“ fügte er, ſich an ſeine Kameraden wendend, bei, „wenn er unglücklicher Weiſe ſeinen Zopf abgeſchnitten hätte, ſo würde ich ihm ein poſſierliches Stückchen aufgeſpielt haben, ſo wahr ich Pasealone heiße.“ „Was hätteſt Du ihm gethan?“ fragten die Zuhörer mit einem Zittern der Neugierde. „Ich hätte ihm einen hübſchen kleinen Nagel an die Stelle des Zopfes geſchlagen, wie wir es geſtern den drei ge⸗ ſchniegelten Herrchen thaten, die am Hafen ſpazieren gingen; ich ſtehe Euch dafür, ihr Kopfputz ſah verflucht hübſch aus!“ Der grauſame Scherz machte die Cannibalen lächeln. „Schlage ihm Deinen Nagel dennoch ein,“ ſagte der Witzigſte der Truppe,„dann hat er zwei Zöpfe ſtatt eines einzigen.“ „Nein, meine Freunde, vor Allem Gerechtigkeit,“ erwie⸗ derte mit ſtrengem Ausdruck der Schlächter, der, ſtolz auf die Herrſchaft, welche er über ſeines Gleichen ausübte, bei der Vollführung ſeiner Räubereien mit einer amtlichen Feierlichkeit und der gewiſſenhafteſten Regelmäßigkeit zu Werke ging. Aber ſich auf der Stelle gegen Cimaroſa umwendend, welcher einen Au⸗ genblick geathmet hatte, fügte er mit rauhem Tone bei:„Freue 142 Dich nicht zu frühe, mein Herzchen, Du biſt noch nicht los⸗ gewickelt. Man wird Alles durchſuchen, Deine Schränke, Deine Taſchen, Dein Vett, und findet man nur das Ende einer Schnur, eine Cocarde, ein Papier, gleichviel, irgend et⸗ was, wodurch Deine Schuld angedeutet wird, ſo ſchlage ich Dir mit meinem Hammer den Schädel platt.“ Die Räuber hatten die Erlaubniß von Pascalone nicht abgewartet, um die Durchſuchung zu beginnen. Sie zerſtreu⸗ ten ſich in der ganzen Wohnung, zerbrachen, plünderten, ver⸗ brannten Alles, was ihnen in die Hände fiel. Aber trotz der thätigſten, ängſtlichſten Forſchung erhob ſich kein Anzeichen, worauf ſich eine Klage gegen Cimaroſa hätte gründen laſſen. „Endlich haben wir ihn!“ rief plötzlich der Lazzarone, welcher zuerſt geſprochen hatte, hoffend, für ſeine wichtige Entdeckung würde man ihm den geringen Erfolg, den er als Redner gehabt, wieder verzeihen.„Hier iſt das Porträt von Championnet mit Edelſteinen eingefaßt; der Jacobiner hatte es in einer Kiſte verborgen, und ich ſprengte das Schloß.“ „Beklagter, was habt Ihr zu antworten?“ fragte der Fleiſcher pathetiſch, indem er dem Schuldigen erſte Stück der Ueberweiſung vor Augen legte. „Es iſt das Portrait von Kaiſer Leopold von Oeſterreich,“ erwiederte Cimaroſa,„Seine Majeſtät hat es mir ſelbſt zum Geſchenk gemacht.“ „Das ſiehr nicht aus wie ein Kaiſer,“ ſagte der erſte Schuft, die Hand ausſtreckend, um ſeine Beute wieder zu nehmen. 143 „Warte,“ entgegnete der Fleiſcher, der in Allem die Form beobachtet wiſſen wollte;„wir werden über dieſen Punkt ſo⸗ gleich entſcheiden;“ und er bemächtigte ſich vorläufig des Me⸗ daillon. „Und hier iſt das Portrait der Freiheit,“ ſagte ein An⸗ derer und zog aus einem Etui von carmeſinrothem Sammet ein Miniaturbild, das eben ſo zart gemalt, eben ſo reich ge⸗ faßt war, als das erſte. „Mein Gott!“ rief Cimaroſa, die Augen zum Himmel aufſchlagend,„iſt Niemand unter Euch, der die Züge der Kai⸗ ſerin von Rußland, Catharina 1I., meiner erhabenen Be⸗ ſchützerin kennt?“ „Das die Kaiſerin von Rußland!“ rief der Bandit, die Achſeln zuckend,„ſie iſt ganz nackt.“ „Es iſt nur ihr Hals entblößt,“ ſprach Pascalone in ern⸗ ſtem Tone und ſteckte das zweite Portrait in die Taſche. Das Verhör ſchien indeſſen zu vollkommener Rechtferti⸗ gung von Cimaroſa beendigt, und nach den Grundſätzen der Billigkeit und des Zartgefühls, deren ſich der Fleiſcher als eines Aushängeſchildes bediente, war es unmöglich, einen Men⸗ ſchen ohne den geringſten Vorwand niederzumetzeln. Doch es ſollte noch nicht Alles vorüber ſein an dieſem Unglückstage. In dem Augenblick, wo ſich die Banditen murrend zurück⸗ zogen, ſprach dieſelbe geheimnißvolle Stimme, welche kurz zu⸗ vor auf dem Hafendamme ertönt hatte, in einem anſtoßenden Zimmer die unſeligen Worte: „Cimaroſa iſt der Urheber des republikaniſchen Liedes.“ Dieſe niederſchmetternde Offenbarung wurde mit einem 144 Wuthgeſchrei aufgenommen. Der Fleiſcher ward leichenblaß, machte einen Schritt gegen ſein Opfer und fragte mit einem furchtbaren Lächeln: „Was haſt Du zu erwiedern?“ „Cimaroſa hat nie gelogen,“ antwortete der Meiſter mit feſter Stimme.„Ich ſetzte allerdings die Verſe, die man mir brachte, in Muſik, doch ich muß Euch erklären, wie..“ „Keine Erklärung!“ brüllte die Menge. „Kein Wort!“ rief der Fleiſcher, ſtürzte auf Cimaroſa los und ſchleppte ihn mit ſolchem Ungeſtüm fort, daß der arme Tondichter nicht einmal Zeit hatte, einen Blick auf ſeinen geliebten Zögling zu werfen, der ſchon bei den erſten Worten regungslos niedergefallen war. „An den Galgen! in das Meer! auf den Scheiterhau⸗ fen!“ ſchrie der Pöbel mit einer gräßlichen Verdoppelung der Wuth. Pascalone hatte unſägliche Mühe, das Opfer zu be⸗ ſchützen, daß es wenigſtens unberſehrt auf den Richtplatz ge⸗ langte. Bei jedem Schritte ein tödtlicher Halt, ein Donner bon Läſterungen und Beleidigungen, ein Hagel von Steinen und Koth! So von ſeinen Henkern fortgeriſſen, gelangte Cimaroſa mehr todt als lebendig auf die Höhe des Caſtello nuovo, als eines von dieſen Ungeheuern einen neuen Vorſchlag machte. „Ehe wir ihn verbrennen,“ ſchrie der Wüthende,„wol⸗ len wir ihm die Kleider auszichen; er muß auf dem Rücken und auf der Bruſt den Baum der Freiheit gemalt haben.“ Es war dies der ſchändliche Vorwand, deſſen ſich die Santafede bedienten, um ſich Ausbrüche und Handlungen der ———— empörendſten Rohheit gegen die Unglücklichen zu erlauben, welche ihnen in die Hände fielen. „Das iſt richtig,“ ſprach Pascalone mit einem lüſternen Blicke auf den blauen Frack, die ſchwarzen Atlaßbeinkleider und die Schuhe mit Maeſtroſchnallen. Dieſer letzte Streich ſchmetterte Cimaroſa vollends nieder. „Gnade!“ rief er mit flehender Stimme,„tödtet mich, meine Herren, aber achtet ein reines Leben, einen fleckenloſen Namen, der dem Vaterland einige Ehre gemacht hat.“ „Sollte man, bei Gott! nicht glauben, es wäre ein Mäd⸗ chen,“ verſetzte lachend Pascalone.„Wir haben daſſelbe der Fonſeca gethan, die man als eine Gelehrte bezeichnet, und der San⸗Felice, einer Prinzeſſin, und der Salonna, welche in geſegneten Umſtänden war.“ Und er fing an, ſein Opfet auszukleiden. Doch ſeine Aufmerkſamkeit wurde plötzlich nach der Thüre des Caſtells gelenkt, welche ſich für einen Bruder Almoſen⸗ ſammler der Antoniner öffnete, für einen kleinen, vertrockneten, ſchwächlichen, blatternarbigen Mönch, deſſen n jedoch von Lebhaftigkeit und Geiſt glänz ten. „Oho! Fra Paolino,“ rief die Menge, di⸗ Erſcheinung des Mönches mit Freudengeſchrei begrüßend,„kommt doch und hört dieſen Abtrünnigen Beichte, ehe wir ihn an den Spieß ſtecken.“ Der Bruder näherte ſich mit nachläßigem Weſen, wie ein Menſch, der an dergleichen Schauſpiele gewöhnt iſt, aber ſo bald ſich der Kreis vor ihm geöffnet hatte, wich er einen Schritt zurück, ſtieß einen Schrei des Erſtaunens aus und rief: Der Erzähler 1846. 1. 10 146 „Gott des Paradieſes! Ihr kennt den Mann nicht, den Ihr erwürgen wollt! Unglückliche, dieſer Mann iſt das größte Genie unſeres Landes, es iſt der würdigſte, der edelmüthigſte, der menſchenfreundlichſte Chriſt, es iſt Cimaroſa!“ „Wir wiſſen es,“ erwiederte die Menge, ver iſt ein Ver⸗ räther, ein Jacobiner, ein Gottloſer!“ „Er, ein Verräther! der treuſte, der beſtändigſte Freund unſerer frommen Gemeinde. Er, ein Jacobiner! der Zögling von Pater Porzio, dem Organiſten unſeres Kloſters. Ein Gott⸗ loſer, er! der ſeine Kindheit in unſerer Kirche zugebracht hat, wo er mit einer Seraphimſtimme das Lob des Herrn ſang, er, der mehr Meſſen, Pſalmen und Deus dixit geſchrieben, als Ihr Sünden auf dem Gewiſſen habt! Zurück, elende Pro⸗ fane! Und wehe dem unter Euch, der es wagen ſollte, ein Haar ſeines Hauptes zu berühren!“ „Nicht ſo hitzig, mein Ehrwürdiger!“ rief der Koloß ſich ſtolz vor den Mönch ſtellend und ihn verächtlich vom Kopf bis zu den Füßen meſſend.„Dieſer Menſch, welcher, wenn man Euch hört, ſo gut das Lob des Herrn geſungen hat, ſingt, wie es ſcheint, noch viel beſſer das Lob des Teufels. Von ihm iſt die Muſik zur S an die Freiheit; er hat es uns ſelbſt geſtanden.“ „Iſt dies wahr?“ fragte der Bruder Paolino mit un⸗ gläubiger Miene. Es iſt wahr,“ murmelte der weiſter nn wohl,“ verſetzte der Mönch, ohne ſich entmuthigen zu laſſen,„wenn er ſchuldig iſt, ſo kommt es den Behörden zu, ihn du richten. Wir übergeben ihn den Gefangenwärtern ————— 147 des Caſtells, die ihn gut bewachen werden, und vor Einbruch der Nacht iſt ſein Schickſal entſchieden.“ „Keines Wegs,“ rief Pascalvne,„der Commandant des Caſtells hat uns dieſen Morgen ſchon zweimal zurückgewieſen, unter dem Vorwand, ſeine Kerker ſeien voll und ſeine unter⸗ irdiſchen Gewölbe überlaufen gleichſam von Gefangenen.“ „Ich übernehme es,“ ſagte der Mönch und machte einen Schritt gegen das Fort. „Und ich will nicht,“ ſprach der Rieſe mit einer furcht⸗ baren Stimme. „Ah! mit welchem Rechte?“ fragte der Mönch ganz ruhig. „Mit dem Rechte meines Beliebens, ehrwürdiger Vater. Ich bin Caporione in meinem Quartier, freiwilliger Soldat der Santa⸗Fede, und einer der ergebenſten Diener Seiner Emi⸗ nenz des Cardinal Ruffo, ohne Euch zu befehlen.“ „Wohl! im Namen Seiner Eminenz befehle ich Euch, ich, der demüthige Almoſenſammler des Kloſters vom heiligen Antoniv— hier machte Fra Paolino eine Pauſe— vom hei⸗ ligen Antonio, dem glorreichen Wunderthäter, den man ſo eben zum Patron dieſer Stadt ernannt hat— neue Pauſe des Mönches— im Namen unſeres großen Cardinals befehle ich Euch, dieſen Mann loszulaſſen.“ „Der Cardinal iſt ein Jacohiner,“ ſprach der Fleiſcher, auf's Aeußerſte getrieben. „Ah! Canaille,“ rief Fra Paolino, holte unter ſeiner Kutte ein ungeheures Crucifir von Eichenholz mit einem Chri⸗ ſtus von Bronze hervor und verſetzte Pascalone einen furcht⸗ baren Schlag auf die Stirne. 148 Der neue Goliath drehte ſich einen Augenblick um ſich ſelbſt und ſtürzte dann wie ein Ochs mitten in eine Blutlache nieder. Bei dieſem Anblick wich die Menge erſchrocken zurück, Fra Paolino benützte den erſten Schrecken, näherte ſich einer Luke am Fort, und kaum hatte er mit leiſer Stimme ein paar Worte geſprochen, als ſich die Pforte wie durch einen Zauber öffnete und ſogleich hinter Eimaroſa wieder ſchloß. 3. Cimaroſa machte einige Schritte auf der Zugbrücke im Zuſtande eines Menſchen, der ſich ſeiner Handlungen nicht mehr bewußt iſt. Seine Schläfe ſchlugen, ſeine Kniee wankten unter ihm; er wähnte ſich noch unter dem Zwange der eiſer⸗ nen Hände, welche ihn beinahe erdroſſelt hätten. Der Kerkermeiſter, der ihn weniger aus einer Vorſichts⸗ maßregel, als um ihn im Gehen zu unterſtützen, unter den Armen gefaßt hatte, vermochte ihn nur mit Mühe ſeiner Er⸗ ſtarrung zu entziehen. Endlich ſchien Cimaroſa zu ſich zu kommen, er öffnete die Augen, brachte ſeine Kleider wieder in Ordnung und folgte ſeinem neuen Führer nicht nur ohne Wiverſtand, ſondern beinahe mit einem Gefühle der Dank⸗ barkeit. Nachdem man mehre Höfe durchſchritten hatte und wieder⸗ holt an den Wällen hingegangen war, auf denen man die Ka⸗ nonen nach der Stadt gerichtet ſah, blieb der Kerkermeiſter vor einer niedrigen Pforte ſtehen, nahm einen Schlüſſel aus ſeinem Bunde, drehte ihn im Schloſſe, lud ſeinen neuen Gefangenen durch eine Geberde ein, ihm voranzugehen, verſchloß die Pforte ——. —— 149 wieder und ſtieß zu größerer Sicherheit einen ungeheuren Rie⸗ gel vor. Cimaroſa fühlte eine ſteile, ſchmale, ſchlüpferige Treppe gleichſam unter ſeinen Füßen weichen und klammerte ſich an ein Seil an, das die Stelle eines Geländers vertrat, um nicht in die Tiefe des unterirdiſchen Gewölbes zu ſtürzen. Je tiefer er aber hinabſtieg, deſto mehr gewöhnten ſich ſeine Augen an die Finſterniß; er vermochte unter ſich eine Art von Keller von ungeheurer Länge zu unterſcheiden, der ſchwach durch ein Luftloch erhellt war, deſſen Gitter, nach dem Ge⸗ räuſche der Wellen zu urtheilen, welche an die Mauern ſchlu⸗ gen, gegen das Meer ging. Cimaroſa blieb auf der vorletzten Stufe ſtehen; ſuchte Athem zu ſchöpfen, machte ſich aus ſeiner Hand einen Lichtſchirm, um den Strahl zu concentriren, und ſchaute vor ſich hinaus, ſo weit es ihm ſein geſtörtes Geſicht und der Halbſchatten, welcher das Gefängniß übergoß, geſtatteten. Gefangene jedes Alters und jedes Geſchlechts waren in dieſem düſtern, feuch⸗ ten Gewölbe zuſammengedrängt und ſchienen ihr Schickſal mit heiterem, glühendem Glauben, mit muthiger Ergebenheit, mit ſtoiſcher Ruhe zu erwarten. Keine Klage, kein Schrei ent⸗ ſchlüpfte der Bruſt der Opfer. Die Einen unterhielten ſich leiſe mit einander, die Andern gingen langſam auf und ab, wie die Geiſter, von denen Dante im vierten Geſange ſeines göttlichen Gedichtes ſpricht. Man hätte glauben ſollen, es wäre alle Hoffnung auf Erden verloren, und ſie richteten be⸗ reits ihre Blicke zum Himmel empor. Während ſich Cimaroſa unter ſeinen Unglücksgefährten zurecht zu finden ſuchte, entfernte ſich ein Menſch von 150 einigen andern, mit denen er ſprach, und ging die Arme gegen ihn erhebend und einen Schrei des Erſtaunens ausſtoßend auf ihn zu. Cimaroſa erkannte in ihm ſogleich einen Mann, den er oft in den Salons von Don Luigi von Medici, dem Re⸗ genten der Vicaria, getroffen hatte; aber die Gegenwart dieſes Mannes vermehrte noch, ohne daß er ſich von dem Gefühle, welches ihn ergriff, Rechenſchaft geben konnte, ſeinen Kummer. Es war ein Profeſſor der Mathematik, Namens Annibale Giordano, ein ausgezeichneter, berühmter Gelehrter, Verfaſſer von zahlreichen Werken und Urheber von mehren eben ſo nützlichen als geiſtreichen Entdeckungen. Wiederholt unter der Beſchuldigung eines Majeſtätsverbrechens verhaftet, war er ſtets wie durch ein Wunder dem Todesurtheile entgangen. Die⸗ ſer Mann hatte ein angenehmes Weſen, eine geiſtreiche Ge⸗ ſichtsbildung und ein durchdringendes Auge; er ſprach viel, machte noch mehr Geberden und bekannte laut, er verabſcheue die Thrannen und ſei mit Herz und Seele für die Menſchen von Vernunft und ehrlichem Gemüthe eingenommen. Aber trotz der Hochachtung, welche man für ſein Wiſſen hegte, trotz des außerordentlichen Vertrauens, das ſein Charakter einflößte, fühlte man unwillkührlich bei ſeiner Annäherung jenen in⸗ ſtinktartigen Widerwillen, jene unüberwindliche Antipathie, der die Völker des Südens mehr als die andern Nationen unter⸗ worfen ſind. „Darf ich meinen Augen trauen!“ rief Giordano, Ci⸗ maroſa entgegeneilend;„oh! die abſcheulichen Ungeheuer! die heilloſen Thrannen! Es fehlte nur noch dieſe Frevelthat zur Schmach des Despoten und zum ewigen Ruhme unſerer heiligen —.—Ü˖ÜY —,— ————. —,— 151 Sache. Bürger,“ fügte er, ſich gegen die Gefangenen um⸗ wendend, bei,„ich ſtelle Euch den großen Cimaroſa, den un⸗ ſterblichen Tondichter der Hymne an die Freiheit vor.“ „Signor Annibale;“ ſprach Eimaroſa mit einer Beſchei⸗ denheit, unter der eine leichte Tinte von Aerger nicht zu ver⸗ kennen war,„es ſcheint mir, der Augenblick iſt ſchlecht gewählt, um mich mit Ihren Komplimenten zu beehren.“ „Meiner Treue, nein, lieber Meiſter, ich werde Ihr Lob unter dem Beile des Henkers, in den Flammen des Scheiter⸗ haufens verkündigen. Treten Sie ein, Bürger Cimaroſa, neh⸗ men Sie Beſitz von dem letzten Aſhl, das die Thrannen der Tugend, der Ehre, der Vaterlandsliebe gelaſſen haben. Seien Sie willkommen, edler Orpheus, Sie finden hier eine aus⸗ gezeichnete Geſellſchaft“ Und ihn von einer Gruppe zur andern fortziehend, ſprach er unabläſſig mit einem vernichtenden Tone und mit der größ⸗ ten Zungenfertigkeit „Hier iſt Marcello Scotti, ein tadelloſer Prieſter, ein er⸗ leuchteter Philanthrop; hier ſind Logoteta und Baffi, ein Latiniſt und ein Helleniſt; hier Nicola Fiorentino, unſer größter Rechts⸗ gelehrter; die ſtolze, reſignirte Frau, welche Sie dort ſehen, iſt Eleonora Pimentel, Sie müſſen ſie kennen, ſie ſchrieb den Moniteur“) und ſprach ſich oft lobend über Ihre Opern aus. Hier ſind Rotondo, Albaneſe, Bagni, der Stolz unſerer Facultät; ferner Neri, Ciaja, Falconieri und die Caraffa, *) Hiſtoriſch: Elevnora Fonſeca Pimentel war die geiſtreiche Her⸗ ausgeberin des neapolitaniſchen Moniteur und mußte dies mit dem Tode büßen. 2 3. 152 die Colonna, die Pignatelli; Sie ſehen, Niemand entgeht der Wuth unſerer Tiger, weder die Gelehrten, noch die Edeln, noch die Frauen. Dort erblicken Sie endlich Pagano und Conforti, zwei Genies, welche Sie ebenſo ſehr lieben und ſchätzen, wie ich ſelbſt, aber nicht mehr.“ Während Giordano nach und nach die erhabenen Gefange⸗ nen nannte oder bezeichnete, näherten ſie ſich Cimaroſa und vrückten ihm ſtillſchweigend die Hand. Nur die zwei Letzten, Francesco Conforti und Mario Pagano, ſetzten, in ernſte Ge⸗ danken vertieft, ihr Geſpräch fort, ohne aufzuſchauen oder ihre Stellung zu verändern. Cimaroſa, der ſich in ihrem Bereiche fand, konnte einige Worte von den berühmten Publiciſten er⸗ lauſchen.. „Ach!“ ſagte Conforti,„unſer Eifer hat uns getäuſcht, das Volk iſt noch nicht reif für die Freiheit.“ „Läſtere nicht, mein Freund,“ erwiederte Pagano mit ſtrengem Tone.„Es wäre gerade ſo viel, als wollte man ſa⸗ gen: das Kind ſoll erſt anfangen zu athmen, wenn es ſich Rechenſchaft von den Eigenſchaften der Luft und von dem Spiele der Strahlen geben kann. Jeder Menſch, der das Tageslicht ſieht, hat ein Recht auf das Leben, jedes Volk von regel⸗ mäßiger Conſtitution hat ein Recht auf die Freiheit.“ „Warum aber dann ſeine Zuflucht zu den Waffen der Ausländer nehmen?“ „Wir haben ihre Unterſtützung nicht nachgeſucht, ſondern dieſelbe angenommen, als es uns unmöglich war, ihre Allianz zurückzuweiſen. Der König erklärte Frankreich den Krieg, die Republik triumphirte, wir mußten gemeinſchaftliche Sache mit — — —, 153 einer Nation machen, welche laut unſere Grundſätze verkün⸗ digte und unſere Theorien durch den Glanz eines Sieges heiligte.“ „Und wir hatten Unrecht!“ verſetzte Giordano, dem Pub⸗ liciſten vertraulich auf die Schulter klopfend.„Wehe dem Volke, das ſein Heil von Fremden erwartet!“ „Schweige, Annibale,“ rief ein junger Gefangener, den Cimaroſa noch nicht bemerkt hatte,„ſchweige oder ſtelle Deine Betrachtungen wenigſtens mit leiſer Stimme an; Du hinderſt mich, mein Lied zu vollenden.“ „Ah! ah!“ ſprach Giordano,„immer derſelbe! Du wirſt alſo bis zum Schaffot Reime ſchmieden! Laß Deinen Schwa⸗ nengeſang ſehen.“ Und er beugte ſich ohne Umſtände über die Schulter des jungen Mannes und las folgende Worte: Simbolo allor d'affetto, Or pegno di dolor, PTorno a posarti in petto Questo appasito fior. „Nicht ſchlecht, mein lieber Vincenzo, nicht ſchlecht für einen Advokaten: das Bild von der Blume iſt reizend. Beeile Dich, Dein Lied zu vollenden, wenn man Dir Zeit dazu läßt; unſer guter Cimaroſa wird es Dir in Muſik ſetzen.“ „Sie glauben, Giordano, es ſei keine Hoffnung mehr?“ fragte der Meiſter mit erſchütterter Stimme. „Stille,“ flüſterte Giordano, ihn bei Seite ziehend,„ich will Ihnen ein Geheimniß anvertrauen, von dem mein Schick⸗ ſal, wie das Ihrige und das unſerer braven Kameraden, ab⸗ hängt, doch unter der daß Sie es keiner lebenden Seele mittheilen.“ 154 „Zweifeln Sie an meiner Verſchwiegenheit?“ „Wohl, mein erhabener Freund, ich will Sie Ihrer Unruhe entreißen. Noch in dieſer Nacht, ehe die Uhr des Ca⸗ ſtells die zwölfte Stunde geſchlagen hat, ſind wir entwichen. Eine uns ergebene Frau hat mir Feilen, Stricke und Alles zukommen laſſen, was man raucht, um aus dieſem furcht⸗ baren unterirdiſchen⸗Gewölbe zu fliehen. Wir dürfen nur zwei Stangen durchfeilen, und können uns in ein Schiff hinablaſſen, das uns unten an dieſer Mauer erwartet. In weniger als zehn Minuten gewinnen wir das Weite und ſind geſchützt vor jeder Gefahr. Aber ich bitte Sie um Alles in der Welt, ſagen Sie Cirillo nichts davon; Sie werden ihn ſogleich ſehen. Er ſteht in dieſem Augenblick ſein letztes Verhör aus und wird, wie auch das Urtheil gegen ihn lauten mag, nicht vor ſeinen Mördern zurückweichen wollen. Es iſt eine eiſerne Seele, ein wahrer Römer, der mit Entrüſtung jedes Mittel zur Flucht zurückweiſen würde.“ „Er hat vielleicht Recht,“ ſprach Cimaroſa nachdenkend; „man müßte den Ausgang unſeres Prozeſſes abwarten, ehe man unſere Lage durch die Flucht erſchweren würde.“ „Unſeres Prozeſſes?“ rief Giordano lachend;„woher kommen Sie denn, mein Freund? Sie glauben, man werde ſich die Mühe geben, uns einen Prozeß zu machen? Sie haben keine Zeit dazu, die lieben Herren; wir werden gehenkt, ge⸗ köpft, erſchoſſen, ad modum et horas belli, in zwei Tempi und vrei Vewegungen, obgleich Sie Muſiker ſind und ich Pro⸗ feſſor der Geometrie“ „Doch 5 ₰ —— —— 5 —— ———— „Stille hier kommt Cirillo.. Verſprechens.“ Cirillo trat wirklich in dieſem Augenblick ein. Der große Arzt, eine der ſchönſten Geſtalten der neapolitaniſchen Revo⸗ lution, ſchritt mit ruhiger, würdiger Haltung mitten durch ſeine Kameraden, welche ſich ehrfurchtsboll bei ſeiner Erſcheinung er⸗ hoben. Zum Mittelpunkte des Gewölbes gelangt, blieb er ſtehen, und ſchnell bildete ſich ein Kreis von Gefangenen um ihn. Cirillo war ganz ſchwarz gekleidet; der Schnitt ſeines Rockes und ſeiner Weſte war einfach und ernſt Eine Mütze von ge⸗ ſtärkter weißer Mouſſeline, von coniſcher Form, vorne an der Stirne durch einen Bandknoten feſtgehalten, umſchloß ſeinen Kopf, um ihn vor den Schmerzen zu bewahren, an denen er häufig litt. Sein Antlitz ſtrahlte von einem unausſprechlichen Glück, von einem heiligen Stolze Seine Augen ſchleuderten Blitze, und er ſtreckte ſeine beiden Hände Pagano und Pigna⸗ telli entgegen, welche dieſelben mit Küſſen bedeckten. „Nun?“ fragte der Letztere mit zitternder Stimme. „Ich bin zum Tode verurtheilt.“ „Und was ſagte der Henker, denn er verdient den Namen eines Richters nicht?“ „Oh! mein Verhör währte nicht lange—„„Dein Name?““ fragte mich Speciale. „„Domenicv Cirillo.““ „„Dein Alter?““ „„Sechzig Jahre.““ „„Dein Stand?““ Erinnern Sie ſich Ihres 156 „„Arzt unter dem Despotismus, Abgeordneter des Volks während der Republik.““ „„Gut,““ verſetzte er voll Ingrimm,„„aber was biſt Du mir gegenüber?““ „„Dir gegenüber, Elender, bin ich ein Held.““ Wüthendes Beifallsgeſchrei erſchütterte das bis dahin gräberartig ſtille unterirdiſche Gewölbe. Jedermann wollte ſich dem großen Bürger nähern und ſeine Hände oder wenigſtens ſeine Kleider berühren. Giordano überbot die allgemeine Be⸗ wunderung durch die lärmendſten, übertriebenſten Ergüſſe. Ci⸗ maroſa hielt, ohne ein Wort zu ſagen, ohne eine Bewegung zu machen, die Augen auf Cirillo mit ſo aufrichtiger, ſo leb⸗ hafter Theilnahme geheftet, daß dieſer es wahrnahm, den Kreis durchbrach, ſich in ſeine Arme warf und voll Rührung aus⸗ rief, denn er liebte Cimaroſa nicht nur, ſondern hatte ihn auch oft während ſeiner Krankheiten gepflegt: „Sie hier, mein armer Freund! die Barbaren haben Sie ſicherlich mißhandelt! Und Sie waren, wie mir ſcheint, bereits leidend!“ „Allerdings!“ antwortete der Meiſter,„und ich muß geſtehen, dieſe etwas ungeſtüme Verhaftung hat mir nicht ge⸗ rade wohl gethan.“ „Auf, mein Sohn, erholen Sie ſich, es iſt Ihnen ver⸗ gönnt, noch zu hoffen. Conforti hat eine Denkſchrift verfaßt, welche wir an Nelſon richteten, um ſeiner Entſcheidung die von den Patrioten unterzeichnete und unter der Gewährleiſtung der alliirten Mächte von Ruffo angenommene Capitulation zu unterwerfen. Nelſon iſt ein ausgezeichneter, rühmlichſt bekannter 5 ſchuldung ſeiner Unterthanen ſein muß. Seemann, ein Mann von Ehre, und ich glaube nicht, daß er in dieſem Punkte meineidig werden und ſein Vaterland mit ewiger Schmach bedecken wird. Seine Antwort kann nicht lange ausbleiben.“ ſt „Ja, rechnen Sie immerhin hierauf, mein lieber Cirillo,“ rief Vincenzo Roſſt, während er heiter ſeinen Platz wieder ein⸗ nahm. Und um irgend eine Abwechſelung in dieſe Scene zu bringen, welche thränenreich zu werden drohte, begann er die letzte Strophe ſeiner Ode zu ſingen. Doch als ſollte der Dichter Lügen geſtraft werden, ächzte die Thüre des Kerkers auf ihren Angeln, und man ſah zugleich einen Officier der engliſchen Marine und einen Gerichtsſchrei⸗ ber der Giunta eintreten. „Was gibt es?“ fragte Cirillo mit jenem Tone natür⸗ licher Würde, durch den er den erſten Platz einnahm, wo immer er ſich auch befinden mochte. „Hier iſt die Antwort des Lord Admirals,“ ſprach der Officier und überreichte ihm eine Depeche. Cirillo zerriß den Umſchlag und las wie folgt: „J have shown your paper to your gracious king, who must be the best and only judge of the merits and demenits of his subjeets. „Nelson.“ „Ich habe Euern Brief Eurem gnädigen König gezeigt, der der beſte und einzige Richter der Verdienſte und der Ver⸗ „Nelſon.“ „Euer gnädiger König!“ riefen beinahe gleichzeitig in den 158 Kerker ſtürzend Serrv und Genzano;„welch eine abſcheuliche Ironie! Bürger, Euere Ermordung iſt entſchieden. Wir haben ſo eben mit unſeren eigenen Augen Caraccioli an dem Maſt⸗ baum ſeiner Fregatte aufhängen ſehen.“ Ein ſchmerzlicher Ausruf empfing dieſe furchtbare Kunde. „Auch uns hat man zum Tode verurtheilt, weil wir des großen Cimaroſa Hymne an die Freiheit ſangen.“ „Abermals!“ dachte der Meiſter, die Augen zum Him⸗ mel aufſchlagend,„ſie haben ſich alſo das Wort gegeben, mich“ in das Verderben zu ſtürzen.“ Meine Herren,“ ſprach der Gerichtsſchreiber, in den Kreis tretend,„ich bin durch das Tribunal beauftragt, den Ausdruck Ihrer Wünſche in Empfang zu nehmen, und in eine Liſte einzutragen, welche Gnade ſich der Eine oder der Andere erbitten dürfte.“ „Fort, Galgenvogel,“ rief Roſſi, dem Schreiber die Fäuſte zeigend,„wir haben genug an Euren Liſten. Ihr möchtet uns gern irgend ein Geſtändniß entreißen. Aber man läßt ſich nur ein Mal fangen.“ „Stille, Roſſi,“ ſprach Cirillo und ſtreckte die Hand gegen den jungen Mann aus. Dann ſich an den Gerichtsſchreiber wendend, ſprach er: „Schreiben Sie, mein Herr, ich erbitte mir als einzige Gnade, mit meinen theuerſten Freunden, Pagano, Ciaja und Pignatelli, ſterben zu vürfen.“ „Und ich,“ ſagte der Graf von Ruvo,„der ich als Adeliger das Schaffot zu beſteigen berechtigt bin, verlange die Stirne dem Himmel zugewendet ſterben zu dürfen, damit ich, zum Zeichen der Verachtung, das Meſſer, das meinen Kopf abſchlagen ſoll, fallen ſehen kann.“ „Und ich,“ ſprach Eleonora Pimentel,„ich, die ich durch das Tribunal des Thrannen verurtheilt bin, auf öffent⸗ lichem Platze gehenkt zu werden, bitte um Unterbeinkleider.“ Dieſes Wort, das unter allen andern Umſtänden lächer⸗ lich geſchienen hätte, war in dieſem Augenblick erhaben. Der Seemann und der Mann des Geſetzes entfernten ſich von Mitleid und Achtung ergriffen. „Und nun, Bürger,“ fuhr Cirillo mit feierlichem Tone fort,„nun iſt unſere Aufgabe auf Erden erfüllt. Wir ver⸗ laſſen dieſen Kerker nur, um der Hinrichtung entgegen zu gehen. Erheben wir unſere Gedanken zu dem höchſten Weſen und beten wir für denjenigen von uns, welcher zuerſt die Ehre haben wird, ſein Blut für die Freiheit und das Vaterland zu vergießen.“ Düſteres Schweigen folgte auf dieſe Worte. Ein glühen⸗ des, ſtummes Gebet ſtieg aus dem Innerſten der Gefangenen, aus dieſen ergebenen Herzen, aus dieſen wroßen, edeln Seelen zum Allmächtigen empor. Die Nacht hatte ſich ſchwatz und unheilſchwanger herabgeſenkt. Man hörte außen nur noch das Geräuſch der Wellen, welche in gleichen Zwiſchenräumen die Mauern des Caſtells peitſchten. Plötzlich ließ, mitten unter dieſem Schweigen, mitten un⸗ ter dieſer Andacht, eine rauhe, hohle Stimme die Worte: „Domenico Cimaroſa!“ ertönen. Der Meiſter bebte, Todesbläſſe bedeckte ſein Antlitz; aber 160 dieſer Schreckensſchauer war nur vorübergehend. Der Anblick der hochherzigen, erhabenen Männer, von denen er ſich um⸗ geben ſah, belebte ſeine erſchütterten Kraͤfte wieder. Er um⸗ armte mit vollem Erguß diejenigen von ſeinen Gefährten, welche zunächſt bei ihm ſtanden, machte den Andern mit ſeinen Händen ein Zeichen des Abſchieds, und folgte dem Kerker⸗ meiſter mit feſtem Schritte. 3 A 6 Der Kerkermeiſter führte Cimaroſa, mit einer Blendla⸗ terne leuchtend, durch ein Irrſaal von Fluren und verſchieden⸗ artigen Treppen, welche durch einen geheimen Gang die Fe⸗ ſtung mit dem Palazzo Vecchio verbanden, der proviſoriſch dem Cardinal Ruffo und den Commandanten des fremden Heeres zur Wohnung diente. Im zweiten Stocke blieb der Kerkermeiſter ſtehen, klopfte dreimal an eine Thüre und übergab den Gefangenen zwei Soldaten, welche mit ihrem Kopfe für ihn haften ſollten. Ci⸗ maroſa durchſchritt aberwals drei bis vier in vollkommene Finſterniß begrabene Stuben, hörte an eine zweite Thüre klopfen, und befand ſich in einem großen erleuchteten Zimmer oor einem Manne von hoher Geſtalt und eindrucksvollem, ernſtem Antlitz; der Unbekannte trug eine reiche Generals⸗ uniform und hielt in ſeiner rechten Hand einen langen Stock mit goldenem Knopfe. Eine Art von fieberhafter Exaltation, welche den Ge⸗ fangenen bis jetzt aufrecht erhalten hatte, verließ dieſen plötz⸗ * lich; er zweifelte nicht daran, der Unbekannte würde ihn nachdem er der Form wegen einige unbedeutende Fragen an ihn gerichtet, dem Henker übergeben. So von Nahem erſchaut, kam ihm der Tod ſchrecklich vor, und er mußte ſich auf einen Lehnſtuhl ſtützen, um demjenigen, welchen er für ſeinen Rich⸗ ter hielt, nicht das Schauſpiel ſeiner Schwäche zu geben. Der General befahl den Wachen durch eine Geberde ſich zurückzuziehen, und ehe die Thüre ſich wieder geſchloſſen hatte, warf er, brennend vor Ungeduld, ſeinen Stock weit von ſich, lief auf Cimaroſa zu und ſchloß ihn in ſeine Arme. „Gerettet!“ rief er, den Tondichter mit Liebkoſungen über⸗ häufend,„gerettet! Die italieniſche Muſik wird ihre erhabenſte Stütze nicht verlieren. Aber wiſſen Sie, mio caro maestro, daß es nicht ohne Mühe abgegangen iſt! Ich mußte bei Gott mit dem Stocke in der Hand*) in die Rathsverſammlung treten und dieſe Burſche bedrohen, ich würde ihnen alle Kno⸗ chen im Leibe entzwei ſchlagen, wenn ſie nicht auf der Stelle Ihren Loslaſſungsbefehl unterzeichneten.“ „Gnädigſter Herr, Ercellenz,“ ſtammelte Cimaroſa, wie ein Menſch, der plötzlich aus dem Schlafe erweckt wird,„wer iſt der Schutzengel, dem ich mein Leben, meine Freiheit ver⸗ danke?“ „Sie kennen mich nicht, und das iſt ganz natürlich; aber ich kenne Sie ſeit geraumer Zeit und liebe Sie. Ich bin ein glühender Verehrer Ihrer Muſik und folgte Ihnen von Sanct Petersburg nach Wien, von Wien nach Mailand, von Mailand *) Hiſtoriſch. Der Erzähler 1846. 1. 162 nach Rom, von Rom nach Neapel. Es iſt mir das Glück gewordeh, die Pflichten meines Dienſtes mit der leidenſchaft⸗ lichen Bewunderung, welche mir Ihre Werke einflößen, ver⸗ binden zu können. Bei jeder erſten Vorſtellung von einer Ihrer Opern konnten Sie mich am Orcheſter ſehen, und wehe dem, der nicht ſtärker Beifall klatſchte, als ich ſelbſt! Ich habe mich ein Dutzend Mal für Sie geſchlagen und einen Dumm⸗ kopf getödtet, weil er Paiſiello Ihnen vorzog.“ „Aber ich bitte, Ihr Name, damit ich meinen Rette⸗ nennen und ſegnen kann.“ „Ich bin Katanhvetern, Miniſter von Rußland und Com⸗ mandant der ruſſiſchen Streitkräfte im Königreich Neapel. Ich habe Sie zum erſten Male am Hofe der Czarewna geſehen und ſeit jener Zeit nicht aufgehoͤrt, zu der Zahl Ihrer wärm⸗ ſten Verehrer zu gehören. Doch Sie bedürfen ohne Zweifel einiger Erfriſchungen. Folgen Sie mir in ein anderes Zim⸗ mer; wir können dort mehr nach unſerer Bequemlichkeit plaudern.“ Der General bot dem Meiſter voll Güte und Zuvor⸗ kommenheit die Hand und führte ihn in einen kleinen Salon, wo man in Eile ein Abendbrod aufgetragen hatte. Cimaroſa glaubte zu träumen. Er legte ſeine Hände an ſein Herz, um durch eine ihm eigenthümliche Geberde ſeine Dankbarkeit auszudrücken, und ſprach mit Thränen in den Augen: „Nie werde ich meine Schuld für ſo viele Wohlthaten abtragen können; es iſt mir jedoch unmöglich, von Ihrer Gnade Gebrauch zu machen; die Aufregungen dieſes Tages —,— — — 163 haben meine Kräfte gelähmt; ich verließ ſo eben eine große Anzahl Unſchuldiger, deren Leben bedroht iſt, und ich flehe Sie auf den Knieen an, Excellenz, Ihren Schutz gnädigſt auf ſie ausdehnen zu wollen.“ „Wir werden ſogleich hievon ſprechen; mittlerweile kann ich Sie verſichern, daß von jetzt bis morgen kein Beſchluß über dieſelben gefaßt wird; aber ſetzen Sie ſich doch, mein lieber Meiſter, und ſuchen Sie wenigſtens ein paar Tropfen von dieſem Laerymä⸗Chriſti zu trinken, der Ihnen nur wohl⸗ thun kann.“ Während der General ſo ſprach, rückte er zwei Lehn⸗ ſtühle an den Tiſch; dann nahm er ein Kriſtallglas und machte es ſich zur Aufgabe, Cimaroſa ſelbſt zu bedienen. Dieſer widerſtand nicht länger, denn er befürchtete durch ſeine Weigerung den mächtigen Beſchützer zu ärgern. Er ließ ſich alſo auf einen Stuhl nieder, den ihm der General bezeichnet hatte, ergriff das Glas mit ziemlich feſter Hand und ſetzte es eilig an ſeine Lippen. „Wiſſen Sie, Maeſtro,“ ſprach der Ruſſe,„wiſſen Sie, daß es in Europa wenige Dilettanti gibt, welche im Stande ſein dürften, von einem Ende zum andern gleichviel wel⸗ ches, auf den Zufall aus Ihrem ungeheuren Repertorio aus⸗ gewähltes, Stück zu wiederholen? Ich weiß alle Ihre Opern auswendig. Soll ich Ihnen die Titel genau nach der Ord⸗ nung ihrer erſten Aufführung ſagen? ſehen Sie, ob ich mich nur um eine Shlbe täuſche: la baronessa Stramba,— l'Italiana in Londra,— la Finta Frascatana,— la Finta Parigina,— il Fanatico per gli antichi 164 Romani,— la Contessina,— il Giorno felice,— 1 Pittore Parigino,— I due Baroni,— Amor co- stante,— il Matrimonio per Industria,— 1 Pirati nobili,— l'Armida imaginaria,— Gli Amanti comici,— il Duello per Complimento,— il Ma- trimonio per Raggiro,— la Circe,— il Ritorno di Calandrino...“ „In der That, Ercellenz, Sie haben ein beſſeres Ge⸗ vächtniß, als ich.“ 6 „Und Cajo Mario, ein bewunderungswürdiges Werk, und Assalone, und die Giuditta, Tlnfedeltà fedele, il Falegname, der Amante combattuto, Avviso ai Mari- tati, Alessandro nelb' Indie, Artaserse! Man hat kein Beiſpiel von einer ſolchen Fruchtbarkeit, von einer ſolchen Leichtigkeit in jedem Genre und in allen Sthlen.“ „Welche Nachſicht, gnädigſter Herr.“ „Oh! wir ſind mit Ihren Triumphen noch nicht zu Ende. Rom hatte Ihren Alerander bis in die Wolken er⸗ hoben; Turin klatſchte Ihrem Artaxerxes Beifall; von da begaben Sie ſich nach Venedig, wo der Convitato di Pietra eine ſolche Begeiſterung erregte, daß man Sie unter Fackel⸗ ſchein und mit geräuſchvollen Serenaden nach Hauſe geleitete. Nach Neapel zurückgekehrt gaben Sie Schlag auf Schlag la Ballerina amante und Nina e Martuffo im Theater di Fiorentini, la Villana im Theater del Fondo, Oreste und den Eroe Cinese bei St. Carlo. Vicenza, Mailand, Venedig wiederhallen von Ihren neuen Siegen. Die Olim- piade, 1 supposti Conti, Giannina e Bernardone, —,——— ——————— 165 il Marito disperato, il Credulo, la Scuffiara, le Trame delasse, gli Amanti alla prova, Impressario in angustie, il Fanatico burlato folgen ſo raſch äuf einander, daß das erſtaunte Italien nicht Zeit hat, ſich für irgend eines dieſer Meiſterwerke auszuſprechen, welche von ihm bewundert, mit enthuſiaſtiſchem Beifall überſtrömt werden.“ „Ich bitte, gnädigſter Herr, führen Sie die Eitelkeit eines armen Kapellmeiſters nicht ſo in Verſuchung. Sie bewahren meinen beſcheidenen Werken ein ſo ſchönes Andenken, daß Sie mich in eine Sünde gerathen laſſen würden, welche ich nie gekannt habe, in die des Stolzes.“ „Ich ſpreche nicht von den Werken, welche Sie für das kaiſerliche Theater in Petersburg componirt haben: es iſt kein Verdienſt von mir, wenn ich mich derſelben Note für Note erinnere. Valdomiro, la Felicità inaspettata und Cleo- Patra werden ohne Unterlaß mit dem größten Beifall aufge⸗ führt, und es gibt keinen Muſikliebhaber, ſo widerſpänſtig ſein Gedächtniß auch ſein möchte, der nicht die Motibe zu trällern wüßte Endlich geben Sie in Wien il Matrimonio segreto, Ihre Lieblingsoper, welche die Nachwelt zu bewundern nicht müde werden wird. Ah! mein Freund, ich wohnte der erſten Vorſtellung dieſes Meiſterwerkes bei, als dasſelbe der Kaiſer zwei Mal vom Anfang bis zum Ende wiederholen ließ, und wären die Künſtler nicht buchſtäblich entkräftet geweſen, ſo hätten wir— der ganze Hof und ich an der Spitze von Allen— Ihre Oper zum dritten Male verlangt.“ „Gnädigſter Herr, Sie erinnern mich an einen der ſchön⸗ ſten Tage meines Lebens.“ 166 „Und wenn man bedenkt, daß man Sie als Neuerer, als Barbaren, als einen Schüler behandelt hat, der nicht ein⸗ mal die erſten Regeln ſeiner Kunſt kenne! Wenn man bedenkt, daß Ihnen die Pedanten beſtändig einen Pergoleſe entgegenſtellen!“ „Man wird auch meinen Namen Andern entgegenſtellen, wenn ich Zeit habe, ebenfalls claſſiſch zu werden.“ „Ohnmüächtige, eiferſüchtige Race, welche nur dem Genie Feſſeln zu ſchmieden weiß! Sie haben wohl daran gethan, Cimaroſa, daß Sie beſtändig dieſer albernen Tröpfe ſpotteten, daß Sie dieſelben Ihres Zornes nicht würdig erachteten.“ „Was wollen Sie, gnädigſter Herr, es iſt ein ſo großes Vergnügen für diejenigen, welche nichts thun, die Menſchen zu verfolgen, welche etwas thun, daß ich mich nicht ſtark genug fühlte, ſie deſſelben zu berauben.“ „Der Profeſſor Fenaroli erzählte mir eine luſtige Anek⸗ dote in dieſer Hinſicht.“ „Oh! bei dieſem iſt es etwas Anderes! ſeinen Lectionen verdanke ich das Wenige, was ich von der Muſik weiß, und ich habe ihn ſtets mehr geliebt und verehrt, als meinen Vater.“ „Er ſagte es mir auch. Es ſcheint, Herr Fenaroli hielt Ihnen eines Tags eine ſehr ſchöne Rede über die verbote⸗ nen Quinten, und Sie antworteten ihm lächelnd:„Wenn nur das Publikum ſich beluſtigt; es bemerkt einen kleinen Riß nicht, den man hätte beim Contrapunkte machen können.„„Die Ignoranten, das iſt möglich,““ erwiederte der zornige Meiſter, „„aber die Kenner täuſchen ſich nicht.““ „Er hatte Recht, der würdige Mann.“ „Ja, aber nun kommt das Reizende der Geſchichte. o. In 167 einer von Ihren Opern ſchrieben Sie eine Reihenfolge von Quinten, daß das Trommelfell eines Harmoniſten hätte berſten ſollen, und Sie brachten dieſelben ſo gut auf die Worte: Tu no li siente an, daß es der arme Fenaroli, der doch mit geſpannter Aufmerkſamkeit zuhörte, nicht wahrnahm. Ich er⸗ zählte dieſen Streich Ihrem Sohne, der noch darüber lacht.“ „Sie kennen meinen Sohn, Excellenz?“ „Allerdings; iſt er nicht in ruſſiſchen Dienſten?“ „Seit zehn Jahren, gnädigſter Herr.“ „Nun wohl, er diente als Unterlieutenant in meinem Regimente, als ich Oberſter war. Ihr Sohn iſt ein braver Officier und hat viel Aehnlichkeit mit Ihnen, was das Aus⸗ gezeichnete der Manieren und die Heiterkeit des Geiſtes betrifft. Scherzend ſagte er zu mir, Sie hätten ihm ſechs Finger an jede Hand gegeben, um einen Pianiſten aus ihm zu machen, ſeine Mutter aber habe ihm ſechs Zehen an jeden Fuß gege⸗ ben, um einen Soldaten aus ihm zu machen; als er dies ge⸗ ſehen, habe er es vorgezogen, das väterliche Haus zu verlaſſen, um unter der Fahne zu marſchiren.“ „Das iſt wahr, meine zwei Kinder tragen jedes ein Zei⸗ chen an ſich, das ſie leicht erkenntlich macht. Mein älterer Sohn hat, wie Euere Excellenz ſagt, an jeder Hand einen Finger, an jedem Fuß eine Zehe zu viel, und der jüngere iſt buckelig.“ „Was ſoll dieſer werden, mein Freund?“ „Ich gedenke einen Singmeiſter aus ihm zu machen, gnä⸗ digſter Herr, denn er verräth die beſten Anlagen zur Muſtk.“ 168 „Gelingt es ihm einſt, daſſelbe Talent zu erproben, wie ſein Vater, ſo wird er der beſte Sänger Europas ſein.“ „Excellenz..“ „Nicht ich ſage dies. Velluti behauptet, wenn Sie Ihr Genie nicht auf den erſten Rang der Componiſten geſtellt hätte, ſo wären Sie der erſte Sänger unſerer Zeit. Zwanzig Mal wiederholte er mir in Venedig, er habe alberner Weiſe Ihre große Arie der Horazier Quelle pupille tenere zurückge⸗ wieſen; nachdem er ſie aber bei der Generalprobe von Ihmen ſingen gehört, habe er Sie um Gotteswillen gebeten, ihm die Arie zurückzugeben. Jedermann weiß, welche Triumphe er damit erlebt.“ „Dies geht ſo, weil Velluti ein großer Künſtler iſt.“ „Dies geht ſo, weil er ganz einfach Sie copirte. Doch halt, Sie wären ſehr liebenswürdig, wenn Sie Kir mit eige⸗ ner Hand dieſe wundervolle Arie niederſchreibe würden.“ „Mit dem größten Verben Excellenz! Und wenn ich nicht bereits meine Manuſtripte dem Cardinal Conſlol vet⸗ macht hätte, ſo würde es mir eine große Freude gewähren, Ihnen damit meine Huldigung darzubringen.“ „Trauen Sie dieſem Geiſtlichen nicht, er hält allerdings viel auf Ihre Werke, aber er behauptet, Sie haben keine Nei⸗ gung für geiſtliche Muſik.“ „Ach! ich muß es zu meinem großen Bedauern geſtehen.“ eEr fügt bei, als er Sie gebeten, für die Soprani der Sirtiniſchen Kapelle, ich weiß nicht, welchen Pſalm in Muſik zu ſetzen, haben Sie, zu dem Verſe castra non timebit 169 gelangt, ſo auf dem Worte castra geſpielt, daß es nicht mög⸗ lich geweſen ſei, das Concert fortzuſetzen.“ Cimaroſa konnte ſich eines Lächelns nicht enthalten, wäh⸗ rend er zugleich das wunderbare Gedächtniß und die in hohem Maße empfängliche Natur des Generals bewundern mußte. Dieſer erwärmte ſich immer mehr, die Anekdoten regneten aus ſeinem Geiſte, die Gläſer leerten ſich unter ſeiner Hand. Durch ein großes Quantum Wein befeuchtet, hatte ſich ſein Liebhaber⸗Enthuſiasmus allmälig dergeſtalt geſteigert, daß er das Lob des Meiſters auf ſeine eigenen Motive zu ſingen anfing. Doch in dem Augenblick ſeiner geräuſchol Hei⸗ terkeit unterbrach ſich der General plötzlich, kehrte in ſich ſelbſt zurück, ſchlug mit der Fauſt auf den und rief mit dum⸗ pfem Zorne: „Nicht vhne einen Schauer kann i daran denken, daß wenn nicht ein armer Antoniner⸗ Mönch, Fra Paolino, der Almoſenſammler, mich zu rechter Zeit benachrichtigt hätte, das größte muſikaliſche Genie unſeres Jahrhunderts bielleicht zu dieſer Stunde nicht mehr leben würde.“ Cimaroſa hatté dieſem Augenblick mit der größ ten Unge⸗ duld entgegen geharrt; er drückte mit ſeinen beiden Händen die Hand, welche ihm der General reichte, und ſprach mit flehen⸗ dem Tone: „Ach! gnädigſter Herr, thun Sie die Dinge nicht halb; ſeien Sie ganz großmüthig. Retten Sie die anderen Unglück⸗ lichen, welcht zu Sunderten in den unterirdiſchen Gewölben des Caſtells ſchmachten. Es ſind die edelſten Kinder des Landes, und nicht Einer befindet ſich darunter, das ſchwöre ich Ihnen, ———— c—ZYÜ 170 der nicht unſchuldiger als ich an den Verbrechen iſt, deren man ihn bezüchtigt.“ Der General wurde wieder nachdenklich; er zog ſeine Hand langſam zurück und erwiederte traurig: „Mein lieber Cimaroſa, verlangen Sie von mir nicht, was zu bewilligen nicht in meiner Macht liegt. Niemand be⸗ klagt mehr als ich die Exceſſe, welche in dieſer Stadt ſeit eini⸗ gen Tagen begangen werden, und es drängt mich mit aller Gewalt, dieſelbe zu verlaſſen. Aber die Nothwendigkeit dictirt mir bei dieſer unſeligen Geſchichte, meine Freunde zu retten und die Freunde meiner Freunde ihrem Schickſal preiszu⸗ geben.“ „Oh! ſagen Sie das nicht, gnädigſter Herr.“ „Mein lieber Freund, Ihre Landsleute ſind wahnſinnig oder blind; ſie ſehen nicht, daß ſie von Verräthern und Spio⸗ nen umgeben ſind; aus ihrem eigenen Schvoße geht der Schlag hervor, der ſie trifft. In dem Augenblick, wo ich mit Ihnen ſpreche, verkauft ein Elender, Namens Giordano, nachdem er ein Entweichungskomplott gebildet, ſeine Brüder an den Car⸗ dinal, wie Judas Chriſtus verkauft hat, nur um einen noch ſchmählicheren Preis.“ „Großer Gott, iſt es nöglich!⸗ „Oh! das iſt nicht ſein erſter Verrath; was Sie aber noch mehr in Erſtaunen ſetzen wird, iſt der Umſtand, daß Ihr Name auf der von Giordano abgefaßten und übergebenen Liſte ſteht.“ 3 „Schauderhaft!“ murmelte Cimaroſa. „Eine Minute ſpäter wäre es mir unmöglich geweſen, — —————— 17¹ Sie den Händen Ihrer Richter zu entreißen. Ich muß Sie ſogar wieder auf einen oder zwei Tage in die Gefängniſſe der Vicaria ſetzen, damit Ihre Freilaſſung ſich der Ordnung ge⸗ mäß bewerkſtelligt und man Sie in Zukunft nicht mehr belä⸗ ſtigt. Doch ſeien Sie unbeſorgt, Sie haben mein Wort.“ „Oh! wir wollen nicht mehr an mich denken, Ercel⸗ lenz; aber die Andern, mein Gott, was ſoll aus den Andern werden?“ „Die Andern? Nur Gott vermag ſie zu retten.“ Der gute General Katanhvetern hielt pünktlich ſein Ver⸗ ſprechen. Cimaroſa wurde zwei Tage nach der von uns mit⸗ getheilten Unterredung in Freiheit geſetzt. Die Geſchichte hat in ihre erhabenſten Blätter den Tod der andern Märthrer eingetragen. Die Biographen fügen beinahe einſtimmig bei, Cimaroſa habe ſich, kaum aus dem Kerker entlaſſen, nach Venedig be⸗ geben, wo er wenige Tage nachher halb todt vor Schrecken angekommen ſei. Wir ſind weit entfernt, aus dieſem unſchulds⸗ vollen Künſtler einen zweiten Brutus machen zu wollen, aber es beſteht eine weite Kluft zwiſchen Dieſem und der Beſchuldi⸗ gung der Feigheit und eines kindiſchen Betragens. Ueberdies hat Niemand dieſe Heldenzeiten durchlebt, ohne daß ſeine Seele durch den Anblick ſo ſeltener Tugenden, ſo bewunderungswür⸗ digen Muthes geſtählt worden wäre. Wir fühlen uns auch glücklich, das Andenken einer der genialſten Erſcheinungeit der Menſchheit reinigen und wiederherſtellen zu können, und zwar mittelſt eines koſtbaren Documents, das der Zufall in unſere Hände gebracht hat. 172 Wir beſitzen drei authentiſche, noch nicht veröffentlichte Briefe, ganz von Cimaroſa's Hand geſchrieben und von Palermo und Neapel, kurz vor ſeinem Tode, datirt. Dieſe kei⸗ nem Biographen bekannt gewordene Correſpondenz, wurde von einem Bunde Akten losgemacht, welche von einem Pro⸗ zeſſe herrührten, den die Erben von Cimaroſa gegen den Im⸗ preſario von Venedig zu führen genöthigt waren, um den Be⸗ trag des Honorars für die Artemeſia, das letzte Werk des un⸗ ſterblichen Meiſters, zu erhalten. Dieſe Correſpondenz beweiſt Zweierlei: einmal, daß Cimaroſa ehe er nach Venedig abreiſte, einen Monat in Sicilien zugebracht hat, und ſodann, daß er ſich ruhig und würdig bis zu ſeinen letzten Lebenstagen mit der Kunſt beſchäftigte. Unſere zwei Briefe, das beſte Portrait, das wir von Cimaroſa zu geben vermögen, ſind zugleich ein Muſter von Kritik, vernünftigem Urtheil und Styl. Beiläufig dürfte die Bemerkung geſtattet ſein, daß alle große Künſtler Italiens auch vortrefflich geſchrieben haben; zum Belege führen wir Leonardo da Vinci, Michel Angelo, Vaſari, Salbvator Roſa, Benvenuto Cellini an. Wir dachten daher, unſere Leſer würden mit Vergnügen am Ende unſerer Erzählung und als rechtfertigende Beweiſe für den Charakter und die Sprache, womit wir Cimaroſa ausgeſtattet haben, die letzten Worte die⸗ ſes großen Geiſtes leſen. Es folgen hier die drei autographen Briefe in wortge⸗ treuer Ueberſetzung. An Herrn Alberto Cavos, Impreſario des Theaters della Fenice. Sicilien, den 26. Auguſt 1800. Geſchätzteſter Alberto, „Ich habe ſtets die Nobili gefürchtet, beſonders wenn ich mit ihnen in Dingen der Mufik, der Poeſie und der Literatur zu thun hatte. Ihnen, mein Freund, ſage ich ganz insgeheim und mit dergrößten Zurückhaltung, daß ich nur mittelmäßig mit dem erſten Akte, den Sie mir geſchickt haben, zufrieden bin. Wir kennen Beide den zarten Geſchmack von Venedig, das ſtets an die beſten Stücke gewöhnt war und deſſen vorherrſchende Leidenſchaft es iſt, das Intereſſe in den dramatiſchen Werken triumphiren zu ſehen. Und gerade an Intereſſe mangelt es dem erſten Akte ganz und gar; doch ich hoffe, das Gedicht wird ſich in den zwei folgenden Akten er⸗ heben. Sechs ganz einfache Arien, ohne irgend ein Enſemble⸗ ſtück oder hochſtens von Zeit zu Zeit unterbrochen duſch vier Schreie von ſcheinen mir nicht das ſchönſte D ing der Welt zu ſein. Ganz arlig und mit aller möglichen D Discretion habe ich die Sache mit einigen Worten gegen den Grafen von Colloredo berührt(es iſt vom Grafen von Colloredo, dem Ver⸗ faſſer des Libretto der Artemiſta, die Rere); doch mit Ihnen muß ich offenherzig ſprechen; ich kenne Ihre Klugheit und Ihre Art zu ſehen, und Sie begreifen ſehr wohl, von welcher Wichtigkeit es für unfere gemeinſchaftlichen Intereſſen iſt, daß wir uns nicht mit Ihrem hochgehorenen Dichter entzweien. „Ich rechne durchaus varaufg daß die Recitative an 174 verſchiedenen Stellen abgekürzt werden, denn ſie ſind von einer außerordentlichen Länge, und es ſcheint mir im höchſten Grade gefährlich, das Publikum, nachdem man es mit ſechs Arien gelangweilt hat, vollends durch eine endloſe Reihe von Reci⸗ tativen todtzuſchlagen. Man macht auch keine Gedichte mehr, wie das zu den Horaziern. Erlauben Sie mir, Ihnen die Wahrheit zu geſtehen; ich ſchrieb ſehr gern mit Sograſi, aber ich wurde hintergangen. Irgend ein Heiliger wird uns doch am Ende helfen. „Die vierhundert Zechinen, welche Sie mir vorzuſchießen ſo gütig waren, habe ich empfangen; bedarf ich vor meiner Abreiſe noch einer weiteren Summe, ſo werde ich von Ihrem wohlwollenden Anerbieten Gebrauch machen. „Sehr unangenehm hat es mich berührt, als ich hörte, Sie hätten Ihre Truppe noch nicht gebildet; wenn ich zum Voraus einen Theil meiner Muſik bearbeiten ſoll, ſo genügt es nicht, mir zu ſagen, die Prima Donna werde ein Soprano ſein! Allerdings, gerade wie der Tenor ein Tenor ſein wird; Sie müſſen mir die Eigenſchaften und den Umfang ihrer Stim⸗ men genau angeben. Ich hoffe, Sie werden dies ſobald als möglich thun, damit ich nicht in zu ſehr beſchränkter Zeit ar⸗ beiten muß. Ich bitte Sie, mir den zweiten Akt vollſtändig zu ſchicken. „Erhalten Sie mir Ihre Gewogenheit. Tragen Sie Sorge für Ihr Intereſſe und für meine Ehre, und glauben Sie mir, daß ich bin Ihr ergebenſter und wahrer Freund Domenico Cimaroſa. —— —, ———— 175 An denſelben. Neapel, den 2. September 1800. „Ich habe Ihren lieben Brief, datirt vom 23ſten vorigen Monats, mit dem Ende des zweiten Aktes, das Stück des Muſico ausgenommen, welches denſelben ſchließt, erhalten. Freund, ich ſage Ihnen immer Dasſelbe. Stoff wenig intereſ⸗ ſant, Verſe an den Haaren herbeigezogen, keine dramati⸗ ſchen Situationen! Alles für das Schauſpiel, nichts für den Maeſtro. Eine erſchreckliche Menge von Chören. Ich habe bis jetzt neun oder zehn zwiſchen dem erſten und zweiten Akte gezählt, und man will das Stück, wie mir ſcheint, mehr durch die Choriſten, als durch die Schauſpieler aufführen laſſen. Es ſind mir wenige Werke dieſer Art vorgekommen, welche auf der Bühne Glück gemacht haben. Man wollte den Geſchmack einer gewiſſen Nation' nachahmen, welche für uns in allen Beziehungen ſo unſelig geweſen iſt. Es bedarf eines Sujet, das intereſſirt, es bedarf vor Allem guter Muſik, guter Künſtler, welche ſingen. Das iſt der Geſchmack unſerer Zeit, und beſonders der Geſchmack von Venedig. Lieber Freund, hätten Sie mir, ehe Sie mich engagirten, geſagt, Sie gedächten mir ein adeliges Gedicht zu geben, ſo würde ich ſicher⸗ lich nicht eingewilligt haben. Nach Demüthigungen und Verdrießlichkeiten aller Art, welche ich zu erfahren hatte, war ich förmlich entſchloſſen, nie mehr die Gedichte von Adeligen in Muſik zu ſetzen, weil es ihnen weſentlich an theatraliſchen Kenntniſſen mangelt, und ſie nie in der Schule von zwei mächtigen Meiſtern: der Armuth und den Pfeifen, geweſen ſind. „Empfangen Sie u. ſ. w.“ 176 An denſelben. Neapel, den 30. Sept. 1800. „Ich hoffe, Sie haben Ihre Truppe gebildet, aber ich kenne noch nicht den Stimmumfang der Prima donna, und eben ſo wenig den ihres Gatten. Das unbegreifliche Zögern des Theaters war dies Mal Schuld, daß alles Uebrige im Rück⸗ ſtand iſt. Als ich das ernſte Gedicht(il libro serio) nicht ankommen ſah, dachte ich daran, mich auf das komiſche „vorzubereiten. Einer von unſern Dichtern hat mir einen Stoff mitgetheilt, und da ich ihn meinem Geſchmacke entſprechend fand, ſo bat ich ihn, dieſen Gegenſtand zu bearbeiten; er hat in der That den erſten Akt beinahe vollendet und will mir, wie er mir verſpricht, den Reſt vor meiner Abreiſe geben. „Ich glaubte auf Ihre Intereſſen bedacht zu ſein, indem ich dem genannten Dichter ein kleines Geſchenk auf meine Ko⸗ ſten zuſagte; bei meiner Ankunft nenne ich Ihnen die Baga⸗ telle, welche ich ausgegeben haben werde. „Mein lieber Cavos, ich bringe das Drama mit, deſſen Recitative ich auf die Verhältniſſe beſchränkt habe, wie ſie durch die Dauer des Schauſpiels und durch die billige Ent⸗ fernung vorgeſchrieben werden, welche zwiſchen dem einen Stück und dem andern ſtattfinden muß. Da ich aber höre, daß Alles nach der Anſicht und zu vollkommener Zufriedenheit des Herrn Grafen angeordnet werden ſoll, ſo wollte ich es nicht in Muſik ſetzen. „Ich empfehle Ihnen meine Wohnung; ſehen Sie vor Allem darauf, daß ſie einen Kamin und nicht einen Ofen — 177 hat; ein zweiſchläfriges Bett für mich und ein kleineres für meinen Diener. Im Uebrigen verlaſſe ich mich auf Ihre Für⸗ ſorge und Güte. „Ihr ergebenſter Cimaroſa.“ Cimaroſa ſtarb in Venedig am 11. Januar 1801, in einem Alter von ſieben und vierzig Jahren. Die Freiheit und Unabhängigkeit Neapels waren lange vor ihm geſtorben. 6 Der Erzähler. 1846. 1. 12 Das Heckenröschen von Otta. Von Wilhelm von Chézy. —S— S— S6 S üſtigen Schrittes ging das braune Mägdlein dem T Wane zu, den breiten Binſenkorb am Arm. Heiß brannte die Mittagsſonne auf die Hoch⸗ . 5 e, die ſich ſchräg vom Abhang des Sanico S bis zum ſteilen Ufer niederſenkt, von deſſen Rand S S wie von einem Bollwerk das Dorf Otta ſüd⸗ wärts auf das Hügelgelände von Vico, gen Niedergang auf den Gau von Porto hinab⸗ — ſchaut, bis wohin die Meeresfluth brandend und wogend den tiefen Golf hineingeſpült hat. Die See ſandte keinen auch noch ſo leiſen Hauch ihres erfriſchenden Athems, und kein Lüftchen bewegte die ſtachlichten, glänzenden Blätter der Steineichen im Gehölz von Palma. Dennoch waren der runden Dirne weder Mißmuth noch Müdigkeit anzuſehen, munter blickten ihre ſchwarzen Schelmenaugen unter dem breitränderigen Strohhut hervor, und das friſche Antlitz mit den rothen Wangen und Lippen lächelte gleich der wilden Roſe am dornigen Hag, von * 179 welcher ſie den Namen trug. Die Laſt am Arm ward ihr ſo wenig ſchwer, als der Weg ihr zu weit vorkam, den ſie ſo gerne betrat. Sie hätte ſchon die Mühe nicht geſcheut, ihrem Bruder und ihrem Vetter, die im Gehölze arbeiteten, die Koſt zuzutragen, und freudigen Herzens verlängerte ſie ihren Pfad, um vorher ein Werk der Barmherzigkeit zu üben. „Wie glücklich fühl' ich mich,“ ſprach ſie zu ſich ſelber. „Eine reichlichere Gabe von Oel brachte ich noch nie zuſam⸗ men, und kann diesmal auch Wein hinzufügen zur Srqtictung des lieben Serafino.. und,“ ſetzte ſie ſich verbeſſernd hinzu: „und des wackern Battiſta, wie ſich von ſelber verſteht. Dem Serafin würde kein Tropfen ſchmecken, den er nicht mit ſeinem Brüderlein theilen könnte. Wie uh er ſein.“ Der junge Mann aber fah gar nicht danach aus, als könnte er jemals wieder in dieſem Leben vergnügt ſein. Trüb⸗ ſelig zuſammengekauert ſaß er auf dem Stamm eines gefällten Baumes, das Kinn auf beiden Händen, die Hände auf dem Stiel der Holzart, bleich wie der Tod und mit ſtieren Augen. Die Dirne erſchrack vor ſeinem Ausſehen, der kurze Gruß aus ſeinem Mund übergoß ihre Freudigkeit mit kaltem Waſſer, und da ſie vollends Serafin gegenüber ein Weib mit einem Kind auf dem Arm erblickte, ging es in ihrem jungfräulichen Herzen urplötzlich auf wie lodernde Eiferſucht. Doch lächelte ſie gleich darauf. Das Weib war ja Ceccha Battini, die Schweſter Serafins und Battiſtas, von welcher die Sage ging, ſie ſei einem geliebten Mann nach Santa Maria d'Or⸗ nano gefolgt. Die Regung der Eiferſucht ging indeſſen nicht, einander aufgewachſen, und... und... doch, genug davon.“ 180 ſpurlos vorüber; ſie machte der Jungfrau die eigenen Gefühle um Vieles klarer, und vom Augenblick an begann ſie nicht mehr blos zu ahnen, daß Serafin ihrem Herzen mehr ſei, als nur Jugendgeſpiele und Freund. Auch Ceccha ſagte nichts, als ein trockenes:„Guten Tag, Fiordiſpina.“ Verſtimmt durch den unerwarteten Em⸗ pfang, wie betreten durch die Wahrnehmung über ihr eigenes Gefühl, legte Fiordiſpina ihre Gaben ſtill auf den Baum⸗ ſtrunk hin, und fragte nur, um nicht ganz ſtumm zu bleiben, nach Battiſta. „Er iſt mit einer Botſchaft unſeres Herrn Pfarrers nach Caſamacioli hinaufgegangen,“ verſetzte Serafin, und fügte ſeufzend hinzu:„ für ihn, da hat er ein paar vergnügte Stunden mehr,. das iſt ſchon etwas, obwohl nur eine armſelige Galgenfriſt.“ „Welch' ein Unglück iſt geſchehen?“ fragte Fiordiſpina mit theilnehmender Beſorgniß:„wirſt Du mir, Deiner beſten Freundin, ich wollte ſagen, der beſten Freundin eueres Hauſes verhehlen, was euch kränkt?“— Sie warf bei dieſen Worten einen raſchen, ſcheuen Seitenblick auf Ceccha, doch nicht ſchnell genug, daß beide Geſchwiſter ihn nicht bemerkt hätten. Ceccha ſenkte die Wimpern, Serafin ſchlug bitter lächelnd die Augen zum Himmel auf. „Ja, Du biſt unſere beſte Freundin, die Wohlthäterin unſerer Armuth,“ ſagte er nach einer Weile:„ich bekenn' es gern, und keiner von uns hat ſich je geſchämt, Gaben aus Deiner Hand zu nehmen. Sind wir doch wie Geſchwiſter mit —— —) „ 181 In Fiordiſpina's Seele fragte es: weshalb genug? Sie hätte lieber recht ausführlich die Worte vernommen, die ſich auf Serafins Lippen drängten und die er ſo grauſam zurück⸗ hielt. Laut zu fragen fand ſie keine Muße, wenn ſie auch den Muth dazu gehabt hätte, denn grollend fuhr der junge Mann fort: „Dieſe Franzoſen haben mit allen ihren geſchriebenen Satzungen unſere ſchöne Inſel wie mit einer Seuche heimge⸗ ſucht, mit ihrer papierenen Freiheit uns die Sitten der Väter verkümmert, und treiben noch täglich die wahrhaft freien Män⸗ ner hinauf in die Buſchwälder. Das Volk aber iſt ein Volk von Memmen geworden unter der Herrſchaft dieſer Feiglinge. Die Blutrache überlaſſen ſie dem Schwarzrock und ſeinem Schreiber. Wenn aber ein Elender eine ganze Familie in einer ihrer Töchter entehrt, da ſchweigt ihr geprieſenes Geſetz⸗ buch, das ſo behend doch mit Henkerbeil und Sklavenkette droht, wenn ein edles Herz die zugefügte Schmach nicht zu ertragen vermag, und Blut heiſcht als die einzige Münze, womit die Ehre ſich bezahlen läßt.“ Fiordiſpina reichte dem Unmuthigen die Hand, und ſprach dazu„Du biſt ein Mann, Serafino. Dich hat die Freiheit von Papier nicht in den Schlummer gewiegt, der ſo viele Väter, Gatten und Brüder betäubt. Du wirſt handeln wie ein Corſe und dann in den Buſchwald gehen. Ehre und Freiheit ſind noch nicht geſtorben, wie Du eben ſagteſt, ſicherlich gib einſt die p unſere Väte und t es auch außer Dir unter uns noch Männer, die apierne Thrannei von ſich ſchütteln werden, wie r in ſtolzem Muth das Genueſiſche Joch zerbrachen.“ 182 Die dargereichte Hand drückend wie zum Dank für den Troſt der herben Worte, verſetzte Serafino:„Mit der Väter Muth ſind auch Treu und Glauben der Väter gewichen. Iſt nicht jener Elende, der Sohn einer Kuh, mit dieſer Unglück⸗ ſeligen vor den Altar getreten, da eben der Prieſter das hei⸗ lige Meßopfer feierte? Sie an der Hand haltend, ſagte er klar und vernehmlich: Ceccha Battini iſt mein Weib— Worauf ſie: Matteo Bevilacqua iſt mein Mann!— So waren ſie Mann und Weib vor Gott und dem ganzen Volke, und wir betrachteten Matteo als unſern Schwager und recht⸗ mäßigen Blutsfreund, unbekümmert um des Franzoſen Stem⸗ pelpapier. Wer ihn beleidigt, hätte uns zu Todfeinden ge⸗ habt. Er aber ruft plötzlich die verachteten Satzungen zu ſei⸗ nem Beiſtand, ſtößt Ceccha mit dem Kind von ſeinem Herd, und fragt höhnend: wo ſind die Papiere, welche Dein Recht begründeten? Geh' heim nach Otta und mache Platz für die Hausfrau, die ich nächſtens einzuführen vorhabe unter der Bürgſchaft des Geſetzes.“* „Und Du haſt Dich ohne Widerſtand hinausweiſen laſ⸗ ſen?“ fragte Fiordiſpina die Verſtoßene mit vorwurfsvollem Ton. „Ceccha's Blicke flammten.„Ich leiſtete Widerſtand,“ verſetzte ſie dumpf:„mit Schreibern und Schergen mußten ſie kommen, um mich aus dem Haus zu ſchaffen. Sie hätten mich wohl auch einer Diebin gleich mit bewaffnetem Geleit von Brigade zu Brigade geſchleppt. Da verhieß ich allein zu gehen, um wenigſtens dieſer Schande zu entrinnen. Ich ging. Doch wagte ich mich nicht in's heimathliche Dorf....“ —, 183 „Als ob Dich ein Vorwurf treffen könnte!“ unterbrach ſie der Bruder:„Du hätteſt frank und frei in unſere Hütte treten dürfen, ſtatt auf weitem Umweg durch Gebirg und Wald mich bei der Arbeit zu ſuchen. Du biſt ſchuldlos, und auch Matteo war bisher in unſern Augen ohne Fehl... Lebte er ſonſt?“ fügte er halblaut hinzu. Ceccha ergriff ſeine freie Linke. Die Rechte ruhte noch in Fiordiſpina's beiden Händen.—„Ich weiß nur allzuwohl,“ ſagte das unglückſelige Weib,„daß ich keine Stimme habe im Rath der Männer, wo es ſich um Ehre und Blut handelt. Du würdeſt nach Santa Maria gehen, und wenn ich Dir verhaßt wäre wie Dein bitterſter Todfeind, denn ich bin Dei⸗ nes Vaters Kind. Aber ich weiß, daß Du mich mit brüder⸗ licher Zärtlichkeit liebſt, und darum beſchwöre ich Dich bei der Erinnerung unſerer glücklichſten Jahre: übereile nicht das Unwiderrufliche. Mattev iſt der Vater Deines Neffen. „Ein Vater?“ zürnte Serafin:„ein Vater, der ſeinem Kind ſeinen Namen vorenthalten will, und aller Verpflichtung ledig zu ſein meint, wenn er nur das Koſtgeld richtig zahlt! O der Schmach! Und ich, der ich Battini heiße, verliere die Zeit mit eitlen Klagen?“„ Er ſchnellte empor, doch ließen die beiden nicht ſeine Bände fahren. Jede hatte noch etwas zu ſagen. „Schone ſeiner,“ flehte Ceccha, überwältigt von Erinne⸗ rungen der Liebe, vom Angedenken einer glücklichen Zeit an der Seite des immer noch theuern Treuloſen. Ein unwilliger Blick aus Serafins finſtern Augen gab wenig tröſtlichen Be⸗ ſcheid. 184 Nun hob Fiordiſpina an:„Verheiße mir eines, Sera⸗ fino: kein ehrliches Mittel unverſucht zu laſſen, um Deinen Schwager zu beſſeren Geſinnungen zurückuführen. Sprich mit dem Pfarrer, mit dem Vogt und mit den Vätern der Ge⸗ meinde;*) rede mit den Verwandten. Die Verſuche zur Sühne bringen Dir keine Schmach. Mißrathen ſie, ſo wird das Bewußtſein Dich tröſten, Alles gethan zu haben, um Dir das Aeußerſte zu erſparen, und Deine Freunde werden ſagen er hat wie ein Mann mit Ueberlegung und Vernunft ſeine Pflicht gethan. Und iſt der Verſuch nicht eitel, wie ich hoffe, findet das gute Wort eine gute Statt, dann haſt Du einem Weib den Mann, einem Kind den Vater erhalten, und nach einem ſo ſchönen Siege werden wir alle Dich im Triumph einholen.“ Das verheißende Lächeln auf Fiordiſpina's Lippen ſprach beredter noch als ihre Worte. Serafin begriff ohnehin, daß er ſich beſſer an ſeinem Herd und bei ſeiner Arbeit befinden würde, als beim ruheloſen Leben des Banditen, der, unab⸗ läßig gehetzt wie ein wildes Thier, in ſeinem Dickicht mit ſchlechter Ausſicht auf dauernden Erfolg nur um das nackte Leben kämpft, ohne auf die Freuden dieſes Lebens je mehr rechnen zu dürfen. Und öffnete nicht eben jetzt das ganze Weſen der Stillgeliebten die Ausſicht auf Erfüllung noch un⸗ ausgeſprochener Wünſche? *) Der Gemeindevorſtand(Maire) heißt nach altem Herkommen auf Corſica:„Podeſtä,“(Vogt,) die Gemeinderäthe;„Väter.“ 2 185 „Ich weiß, was auf dem Spiele ſteht,“ verſetzte er: „und Du magſt Dich darauf verlaſſen, daß ich keine Mühe ſcheuen werde, um Deinen Rath zu befolgen, der mir aus der Seele geſprochen iſt. Doch nun lebt wohl. Bevor mor⸗ gen die Sonne ſich in's Meer ſenkt, will ich das Lehen der Bevilacqua vor mir ſehn.“ Mit dieſen Worten ſchied er. Zwar wollte Ceccha ihn noch zurückhalten, aber Fiordiſpina ließ ſie nicht gewähren, und ſagte beſchwichtigend: „Was etwa Freunde, Pfarrer und Väter nicht vermö⸗ gen, das wird die Furcht vollführen. Wenn Mattev erſt Aug' in Auge vor Serafino ſteht, dann wird er ſich erinnern, um wie viel es beſſer iſt, den ſtarken, kecken Knaben zum Freund als zum Feind zu haben. Auch wird die neue Braut mit ihren Freunden gern zurücktreten, ſobald ſie inne werden, daß Ceccha nicht ohne Schutz und Hort der Willkür preisge⸗ geben iſt. Darum ſei frohen Muthes, erquicke Dich mit Trank und Speiſe, und warte meiner hernach beim Fahrweg am Ausgang des Gehölzes. Ich habe Dir mancherlei noch zu ſa⸗ gen, doch zuvor muß ich meinen Leuten ihr Eſſen bringen.“ Sie eilte von dannen, leichten Fußes, wie ſonſt, aber nicht mehr leichten Herzens. Die Zurückbleibende dachte nicht mehr an Speiſ' und Trank; nur unwillkürlich nahm ſie Brod, Wein und Oel von der Stelle, wohin der Jungfrau wohl⸗ thätige Hand dieſe Gegenſtände gelegt. Und wenn die arme Ceccha etwa ſich hie und da ein Weilchen in freudigen Er⸗ wartungen wiegte, und an die Möglichkeit glauben wollte, daß Fiordiſpina das Rechte getroffen, ſo genügte ein Blick auf den 186 Knaben an ihrer Bruſt, um ſie zur Stelle eines Andern zu belehren. Die Züge des kleinen Matteo, ſo weich und kindiſch ſie auch waren, erinnerten doch nur allzudeutlich an den ſtar⸗ ren Ausdruck auf dem Antlitz des großen Matteo, und an ſeine harte Stirn, welche dem milden Wort der Bitte und der zornigen Drohung gleich unzugänglich entgegenſtand, wie ein Fels im Meere. Der ſonntägliche Nachmittagsgottesdienſt war zu Ende, die Einwohner von Otta verließen die Kirche, um ſich durch Geſpräch oder Spiel auf dem großen Platz zu vergnügen, wo ein alter Kämpe aus Sampiero's Tagen, oder nur ein Scharf⸗ ſchütz Paoli's ſeine Heimath ſo wenig wieder erkannt hätte, als ſeine Landsleute. Die corſiſchen Häuſer ſind heutzutag voffen und zugänglich, wie die Bauernhütten in Frankreich ſel⸗ ber, die Leute zeigen ſich ohne Flinte und Meſſer, ihrer viele tragen ſogar die franzöſiſche lange Hoſe und ſpielen franzöſi⸗ ſches Kartenſpiel, ſtatt ſich mit den ritterlichen Uebungen der Vorfahren zu erluſtigen oder die althergebrachten Spiele zu treiben. Darum ſagte der alte Mann auf der Bank vor ſeinem Hauſe zur Enkelin an ſeiner Seite: „Mir hätte einer vor ſechzig Jahren und allenfalls noch vor zwei Jahrzehenten viel bieten dürfen, um mich zu bewe⸗ gen, an einem ſo angenehmen Nachmittag unthätig dazuſitzen, ſtatt nach der Scheibe zu ſchießen. Aber eure jungen Leute —,— 1 ————.—— 187 können kein Pulber riechen; ich nehme meine eigenen Enkel nicht aus. Sitzen ſie nicht da, als wären ſie in Gefängniß⸗ mauern gebannt?“ Der Greis ſtreckte die hagere Hand gegen eine Gruppe von jungen Männern aus, die unfern davon, theils auf dem Boden kauernd ein Kartenſpiel ſpielten, theils als Zuſchauer oder unberufene Rathgeber dabei ſtanden. Sie waren alle ihrem Ausſehen nach Landleute und Bauern, bis auf zwei, deren einer das Heerkleid der Landjäger*) trug, der andere im kurzen Ueberrock, mit dem runden Hut und der beſtegten Hoſe ganz wie ein franzöſiſch zugeſchnittener Stadtherr aus⸗ ſah. Dieſer letztere war es allein, welcher die Rede des al⸗ ten Mannes nicht überhörte, weil er nur mit halber Aufmerk⸗ ſamkeit bei dem Spiele weilte, in deſſen Wechſelfülle die üb⸗ rigen mit Seele und Leib vertieft waren. Er wandte ſein Antlitz nach dem Sprecher, und ließ den Blick ſeiner feurigen ausdrucksvollen Augen auf dem jungen Mädchen weilen, das eben die Antwort ertheilte: „Vergebt, Herr Großvater, wenn ich Euch an etwas erinnere. Mein Bruder Gian iſt doch ein guter Schütz „Er führt die Flinte nur, weil er muß,“ unterbrach ſie unwillig der Großvater:„er iſt gezwungen, im Dienſte des Franzoſen auf ſeine unglücklichen Landsleute im Buſchwalde Jagd machen zu helfen. Aber Luigi, Dein Vetter, rührt kein Gewehr an, und muß ſich vor Dir ſchämen. Du verſtehſt ——— *) Voltigeurs de Corse. 188 nicht nur ein Geſchoß zu laden, wie das der künftigen Haus⸗ frau Pflicht iſt, Du weißt auch das Blei zum Ziel zu ſenden mit feſter Hand und ſcharfem Auge.“ „Sie braucht gar kein Gewehr,“ ſprach eine Stimme neben dem Greis:„Eure Enkelin, mein guter Vater Pasquale Padovani,— die ſchießt die Leute mit den Augen allein zu⸗ ſammen, ohne Pulber und Blei.“ Pasquale ſah ſich nach dem Sprecher um, und antwor⸗ tete dem jungen Mann, der in Hemdsärmeln, das Wamms über die linke Schulter gehängt, auf einen langen Stachelſtecken geſtemmt vor ihm ſtand: „Iſt das geſprochen wie ein Mann, Francescone Leca? Du plauderſt ja daher wie ein leichtfertiger Franzos, der eigens darauf ausgeht, Weibern und Dirnen die Köpfe zu verdrehen. Aber wenn wir auch aller Sitten und Gebräuche der Väter uns entkleideten, ſoweit ſind wir doch noch nicht, daß wir Worte der Liebeswerbung wie ſchmutzige Scheidemünze von Hand zu Hand gehen laſſen. Verſtehſt Du mich?“ Francescone lächelte bitterſüß.„Ihr macht mir da einen Vorwurf, Vater Pasquale, den ich nicht zu verdienen glaube. Oder ſollte meine alte Baſe am vergangenen Sonntag nicht bei Euch geweſen ſein, nicht ausgerichtet haben, daß ich heute ſelber kommen würde, um Euern Beſcheid abzuholen?“ Das Mädchen erröthete, aber es war nicht das holdſelige Erröthen bräutlicher Ahnung, was auf ſeinen Wangen auf⸗ flammte. Der Greis zuckte die Achſeln und verſetzte leichthin: „Deine Baſe war bei uns, und hätte aus der Aufnahme —2 ————————— 189 der Anfrage ſchließen können, daß Du die Mühe ſparen dürfteſt, erſt noch eine Antwort zu holen.“ „Aha!“ machte Francescone und warf dabei einen überaus frechen Blick auf den jungen Mann in der ſtädtiſchen Tracht. „Was: aha?“ fragte Pasquale, ſichtlich erzürnt. Halblaut verſetzte Francescone:„Nicht böſe ſein, Vater Padovani. Schaut, ich habe Euere Tochter Roſa Suſini drüben in Pianella gefragt, ob ſie mich zum Eidam wolle? Sie wies mich an Marcantonio, ihren Mann, und der ſagte: ich habe über meine Stieftochter nicht zu verfügen, ſo lange der ehr⸗ würdige Pasquale mich nicht dazu bevollmächtigt. In gleicher Weiſe ſchickten mich Gian und Luigi zu Euch, und keins von allen wies mich ab.“ Der Großbater lächelte ſpöttiſch.—„Und was ſagt Fior⸗ diſpina dazu?“ fragte er. „Bis jetzt ſagte ſie noch nichts;“ verſetzte Francescone hämiſch:„aber ich merke ſchon, daß ſie mich an den Pariſer, den Schulmeiſter weiſen wird.“ „Achilles Franchi iſt kein Pariſer, wie Dir ſehr wohl bekannt,“ berichtigte Pasquale:„ſondern von Lopigna ge⸗ bürtig.“ Und Fiordiſpina fügte hinzu: „Wenn Du es denn durchaus wiſſen mußt, an wen wir Dich weiſen werden, Francescone, ſo geh' zu Deiner Nanna.“ Der junge Mann in ſtädtiſcher Tracht hatte vernommen, wie Pasquale ſeinen Namen nannte, und trat näher. Seine Neugierde war um ſo erklärlicher, als ſie ihm einen willkom⸗ menen Vorwand bot, ſich der hübſchen Fiordiſpina zu nähern, ———— 190 über deren Grauſamkeit Francescone nicht allein zu kla⸗ gen hatte. „Was ſprichſt Du von Nanna?“ fragte Francescone: „wenn Du etwa auf ſie eiferſüchtig biſt, ſo wiſſe, ich habe nichts mehr mit ihr zu ſchaffen.“ „Hebe Dich von dannen!“ rief die Jungfrau laut und heftig:„Nanna iſt Dein Weib, wie Ceecha Battini das Weib des Mattev Bevilacqua, und wenn Du ſie verſtoßen, ſo haſt Du ehrlos gehandelt.“ Die Zuſchauer verließen die Spielpartie, die Spieler ſelbſt legten die Karten nieder, um den Wortwechſel anzuhören. Gian der Landjäger, und ſein Vetter Luigi traten zu ihrem Groß⸗ vater und zu Fiordiſpina hin, und ihnen geſellte ſich Battiſta Battini, noch beſonders angelockt durch den Namen ſeiner Schweſter. So geſchah es, daß Francescone die Schmähung geduldig hinnahm, weil er nicht wagen durfte, die jungen Padobani's gegen ſich aufzureizen; doch verſuchte er, ſich zu verantworten. „Mein Verhältniß zur Nanna war kein erlaubtes,“ ſagte er kleinlaut:„unſer hochwürdiger Herr Pfarrer hat mir das oft genug geſagt.“ „Das mag wohl ſein,“ nahm Pasquale das Wort:„aber hat der hochwürdige Herr Ambroſini Dir auch geſagt, Du ſolleſt ſie verſtoßen? Wir alle betrachten ſie als Deine recht⸗ mäßige Frau„ „Vergebt, Herr Padovani, wenn ich Euch unterbreche,“ fiel ihm der junge Schullehrer in die Rede:„von den allen muß ich bitten, mindeſtens meine Wenigkeit auszunehmen. Nicht —. 191 um der Perſonen willen; Perſonen ſind gleichgültig, wo es ſich um Grundſätze handelt. Nun iſt mein Grundſatz: daß wir alles von uns thun müſſen, was uns von unſern jenſei⸗ tigen Mitbürgern trennt und unterſcheidet. Wir ſind Franzoſen alle Franzoſen ſind gleich vor dem Geſetz, und da nun das Geſetz eine Ehe erſt dann für gültig hält, wenn der Beamte des bürgerlichen Standes ſie dafür erklärt hat, ſo dürfen wir aus Grundſatz ſchon keine Verbindungen anerkennen, als ge⸗ ſetzlich geſchloſſene, unter deren Zahl der Code Napoleon die corſiſche Ghe„a mal destino“ durchaus nicht rechnet. Womit ich jedoch nicht gradezu behaupten will, daß dieſer Herr nicht eine gewiſſe ſittliche Verpflichtung gegen beſagte Ranna einge⸗ gangen habe, die zu löſen oder nicht zu löſen übrigens nur ſeine Sache iſt.⸗ „Junger Menſch,“ gab der Greis dem altklugen Lehrer zur Antwort:„Du gehörſt zu den Kindern einer neuen Zeit, die ich nicht begreife Aber das kann ich Dir ſagen, wenn in meinen Tagen derlei ſich zugetragen, und das verſtoßene Weib nur einen Vetter von Noah her noch beſeſſen hätté, ſo würde ich einem gerathen haben, ſeine irdiſchen Angelegenheiten in Ordnung zu bringen, und ſeiner Seele Heil zu bedenken.“ „So war es früher allerdings,“ ſagte Achilles Franchi, „und die Ueberreſte dieſer alten Barbarei vollends auszutilgen war erſt der Aufklärung unſerer beglückten Tage vorbehalten. Aher nun, Herr Padovani, nun iſt der alte Unrath auch ganz über die Schwelle geworfen, und nur als ſchauerliche Ueberlieferung lebt noch die Sage von den blutigen Vorur⸗ 192 theilen der Vorfahren unter unſerem aufgeklärten mündigen Volke„— Der junge Schulmeiſter hörte ſich ſelber ungemein gern, war im Zug, eine treffliche Rede über den angeregten Gegen⸗ ſtand zu halten, und bedauerte mehr als ſeine Hörer die Unter⸗ brechung, welche er durch den greiſen Pfarrer erfuhr, der un⸗ erwartet mitten in den Kreis trat. „Meine Freunde, meine Kinder,“ ſagte der ehrwürdige und geliebte Abbate Ambroſini mit ſchmerzlichem Ausdruck: „ich habe Euch eine betrübte Neuigkeit mitzutheilen, die mir in dieſem Augenblicke zugekommen.“ Theilnehmend drängten alle ſich näher, um ihr Bedauern auszudrücken, ihren Beiſtand anzutragen. Sie meinten, ihrem Seelenhirten ſei ein Unfall zugeſtoßen. Das Mißverſtändniß begreifend, dankte Ambroſini für den guten Willen, und fügte hinzu: „Ich bin bei dem Mißgeſchick mit Euch betheiligt, und trage ſchwerer daran, als ob es mich allein beträfe. Einer der Unſern, meine lieben Kinder, einer aus euerer Mitte hat ſchwer gefrevelt gegen das göttliche Gebot und das irdiſche Geſetz.“ Die Hörer ſahen einander ſtaunend an. Nur Fiordiſpina verſtand, was der Pfarrer ſagen wollte. „Serafin!“ rief ſie in überwallendem Gefühl:„Serafin Battini.“ Erſtaunt fragte Ambroſini:„Wie, meine Tochter, wußteſt Du von ſeinen finſtern Vorſätzen? Warſt Du die Vertraute ſeiner verbrecheriſchen Gedanken? Offenbarte er Dir ſeine Plane?“ Die Jungfrau ſchüttelte das Haupt.—„Wozu bedurfte 193 es hier der Offenbarung erſt? Serafin iſt ein Mann, Matteo Bevilacqua hat den Battini's Schmach zugefügt.— „Herr im Himmel,“ kreiſchte Battiſta:„mein Bruder hat ihn erſchlagen.“ „Erſchlagen,“ beſtätigte Ambroſtni:„und wie ſtrafwürdig vor Gott und Menſchen ein ſolcher Frevel auch erſcheine, ſo laßt uns für den Mörder beten. Er iſt wahrlich unglücklicher, als ſein Opfer. Gottes Gnade aber gebe, daß nicht ein Mit⸗ glied unſerer Gemeinde durch Sündhaftigkeit und Treubruch, jenem Matteo gleich, das Strafgericht auf ſein Haupt herab beſchwöre. Wir zählen einen Mörder zu den Unſern, mögen wir nicht auch ein Opfer zu beklagen haben.“ Vetreten verlor ſich Francescone in den dichteſten Haufen, um möglichſt unbemerkt zu bleiben, während der Pfarrer die näheren Umſtände berichtete, wie ein Brief ſeines Amtsgenoſſen vvn Santa Maria d'Ornano ſie meldete. Zugleich kamen auch einige Leute von Sagone zurück, die Mittags bereits in der Stadt die traurige Neuigkeit vernommen. Mattev war mit zer⸗ ſchmettertem Schädel auf freiem Felde zwiſchen ſeiner Heimath und Eceicca gefunden worden, und obſchon Nismand geſehen wie der Mord geſchehen, ſo bezeichnete dennoch jeder Mund Serafin als den Thäter.— Der ſonſt ſo vorwitzige Frances⸗ cone aber war diesmal gar nicht neugierig, ſondern nahm der Gelegenheit wahr zu entſchlüpfen. Hinter der Kirche traf er auf den Lehrer, der ſich ebenfalls weggeſtohlen hatte, nur aus ganz andern Gründen. Theils ſchämte er ſich über die offenbare Demüthigung, die ſeine ſo laute Zuberſicht erfahren, mehr noch drückte ihn der Gedanke, in Serafino einen beglückten Neben⸗ Der Erzähler. 1846. 1. 13 194 buhler zu haben. Doch ſagte er zu ſich ſelbſt:„Steht er auch höher in Gunſt, als ich meinte, ſo iſt er dafür fern, und ich habe das Feld frei. Alſo friſch daran.“— Zu Francescone aber ſprach er mit verſtellter Theilnahme: „Nimm Dich in Acht, mein guter Knabe. Der Nanna Brüder ſind nicht minder böſe Buben, als die Battini's. Ein ſo trauriges Beiſpiel, wie das gegebene, könnte zur Nachahmung reizen. Und weshalb willſt Du Deine Seele dem Böſen um⸗ ſonſt verkaufen? Fiordiſpina tritt Deine Liebe doch nur mit Füßen, und lacht Deiner Sehnſucht, um deretwillen Du das Leben wagſt. So feil wäre mir meine Haut nicht, wenn ich Leca hieße.“ „Du wirſt ſchon Recht haben, Achill,“ ſeufzte Frances⸗ cone:„ich kann nichts anderes thun, als die Nanna wieder nehmen...4— „Um ſie vor dem Vogt wie vor dem Pfarrer zu heirathen,“ fiel ihm Achilles in die Rede. „Ich werde müſſen,“ ſagte der andere, und beladen mit ſo unwillkommener Ueberzeugung nahm er Abſchied von dem heimlich frohlockenden Nebenbuhler. Serafino war verſchwunden, Francescone, der ſo ſchnöd Abgewieſene, hatte ſeine Vewerbungen eingeſtellt, aber Achilles war darum nicht glücklicher denn zuvor. Für ihn hatte die Roſe nur Dornen. Nie gelang es ihm, unter vier Augen mit ihr zu reden, ſeine Brieſchen wies ſie zurück, ſeine Blumen⸗ ſträuße nahm ſie nicht an. Seine einzige Luſt beſtand in der ————. 195 tantaliſchen Qual, Fiordiſpina tagtäglich zu erblicken. Durch den Schattladen ſeiner Kammer konnte er nach Padobanis Haus hinüber ſehen, und die Jungfrau belauſchen, wie ſie in unberdroſſener Thätigkeit das Hausweſen beſtellte, für den Großs vater, den Bruder, den Vetter und eine jüngere Schweſter kochte, nähte, buk und wuſch. Und da er eines Tages wieder auf dem Poſten ſtand⸗ wo er ſo ziemlich alle freien Stunden in ſchmachtender Sehn⸗ ſucht zubrachte, bemerkte er, daß Fiordiſpina ſtill und nach⸗ denklich auf einem Schemel beim Herde ſaß, und ganz allein im Hauſe war.„Sie denkt an Serafin,“ ſagte er zu ſich: „wie wär' es, wenn ich hinüber ginge, um das Geſpenſt zu verſcheuchen, das ſich zwiſchen mich und mein Glück drängt? Wenn ich nur einen Vorwand hätte. Ich könnte etwa den Roſoglio hinüber bringen, welchen ich neulich dem Alten ver⸗ ſprach. Sie wird freilich behaupten, ich hätte Pasquale weg gehen ſehen 4 Er nahm die Flaſche vom Geſims, und ſtellte ſie un⸗ ſchlüſſig auf den Tiſch. Die Liebe iſt nicht minder verzagt als keck, die unerwiederte noch mehr wie die erwiederte.„Geh ichz Geh' ich nicht?“ fragte er noch, ſeine Rocktnöpfe abzählend, als es an ſeine verſchloſſene Thüre pochte, und eine helle Stimme ſeinen Namen rief. „Was gibt's, kleine Dora?“ fragte er öffnend.— Auf dem Flur ſtand die Tochter der Hausfrau, das zierliche Kind von noch nicht dreizehn Jahren; eine Knoſpe, dem Aufbrechen ganz nahe. Sie hatte einen großen Brief, den die Botenfrau von Vico mitgebracht. Achill haſchte nach der Hand, die ihm 196 das Schreiben darreichte. Wider Gewohnheit entzog ſich Dora zum erſtenmal der un ſchuldigen Liebkoſung, erröthete dabei, und entſpringend rief ſie von der Treppe aus zurück:„Was Hird Fiordiſpina ſagen, wenn ſie erfährt, daß Ihr Briefe erhaltet?“ Achill lächelte.„Ich habe Dora als Kind hier getroffen, und im Verlauf des einen Jahres iſt ſie ſchon ſo weit zur Reife gediehen, daß ſie jeden Brief für einen Liebesbrief an⸗ ſieht, wie Kinder und Bauern jedes Vuch für ein Gebet⸗ buch halten.“ Das Schreiben trug den Poſtſtempel von Ajacciv, und eine Aufſchrift von bekannter Hand. Der Inhalt beſtand aus einem ſorgfältig verklebten flachen Päckchen und der einen Zeile: „Ein Mann, ein Wort.“ Achill verſtand die Bedeutung davon nur allzuwohl, und der hölliſche Verſucher ſelbſt hätte die Stunde nicht verhäng⸗ nißvoller wählen können, in welcher Piero, der Apotheker, ſich des Verſprechens entſonnen, das er einige Monden zuvor in übermüthiger Stunde dem Geſpielen geleiſtet, als ſie in den Bädern von Vico*) ſich unvermuthet nach langer Trennung wieder gefunden. „Der Unſelige,“ ſagte Achill. Er aber war noch un⸗ ſeliger als der andre. Eine unſichtbare Macht führte ſeine Hand, ſo daß er das Päckchen öffnete, ein Pulber daraus in die entkorkte Flaſche gleiten ließ, und dann den Inhalt tüchtig durcheinander ſchüttelte. *) Vico liegt von Ajaccio etwa zwölf, von Otta vier bis Fu Stunden entfernt. „ * — Eine Minute darauf ſchreckte ſein pochender Finger Fiordi⸗ ſpina aus wachen Träumen. Sie trat zum Fenſter, woran er geklopft, und fragte ziemlich unwirrſch nach ſeinem Begehr. „Ich bringe eine Flaſche Roſoglio, die ich dem Herrn Pasquale verſprochen,“ ſagte Achill ſo unbefangen, als es ſeine Beklemmung irgend nur geſtattete:„Das Getränk iſt genau nach der Vorſchrift meiner ſeligen Großtante angeſetzt.“ „Gut. Gebt indeſſen nur her. Der Herr Großvater wird ſich ſelber bei Euch bedanken. Jetzt iſt er nicht daheim.“ „Ich beklage, ihn nicht zu treffen;“ heuchelte Achill: „Euch, ſchönſte Fiordiſpina, erwächst daraus die Unannehm⸗ lichteit, einem unwillkommenen Gaſt Beſcheid zu thun.“ „Wie ſo, Herr Franchi?“ „Ei, mein holdes Kind, ſollte die Enkelin des bieder⸗ herzigen Pasquale Padobani ſo wenig die hergebrachten Sitten des Vaterlandes achten, daß ſie die Flaſche ungekoſtet wegſtellte? Euer Großvater würde eine ſolche Verletzung des Herkommens Euch nie vergeben.“ Fiordiſpina war von der Richtigkeit dieſer Bemerkung betroffen. Mißmuthig, aber treu dem gewohnten Gehorſam gegen alle Wünſche und Anſichten des Ahns, nahm ſie ein Kelchgläschen, und hieß den Gaſt nur ein paar Tropfen ein⸗ ſchenken. Er füllte es jedoch bis zum Rande. „Viel weniger wäre immer noch zu viel geweſen,“ ſprach ſie verweiſend. „Nicht doch, Schönſte,“ verſetzte er:„auch dem mißlie⸗ bigſten Beſuch muß in Padobani's Haus ſein volles Recht werden.“ 198 Das Mädchen trank, um nur der Zwieſprach ein Ende zu machen und ſich des Zudringlichen möglichſt bald zu ent⸗ ledigen. Die Augen ſchienen dieſem aus dem Kopf quellen zu wollen, wie er ſein erkorenes Opfer den Trank langſam einſchlürfen ſah, der ein Gift enthielt, welchem Fiordiſpina— wenn ſie die Wahl gehabt,— unbedenklich jede tödtliche Miſchung vorgezogen hätte. „Nun ſchenkt euch auch ein,“ ſagte ſie, ihm das leere Glas reichend. Die Flaſche entglitt ſeiner Hand und zerbrach auf dem Boden in Scherben. „Verdammter Tölpel, der ich bin!“ rief Achill:„doch iſt der Schaden mein, und der Herr Padovani ſoll nicht darunter leiden. Ich habe noch eine Flaſche in Bereitſchaft. Vergönnt, ſchöne Grauſame, daß ich ſie hole. Gleich bin ich wieder da.“ Eilends lief er ſeiner Wohnung zu; dort gewann er es über ſich, ſeine Rückkehr zu verzögern.„Ich muß den Zunder erſt ein Weilchen glimmen laſſen,“ ſprach er beſchwichtigend der eigenen Ungeduld zu. Es hätte der vorſichtigen Zögerung in⸗ deſſen nicht bedurft; der Funke war nicht auf Zunder gefallen, ſondern in ein Pulberfaß. „Ich bin Dein auf Lebenszeit, Achilles, wie der Sklav' in der grünen Mütze auf Lebenszeit der Galere angehört, nur daß es für mich hienieden keinen König gibt, der mich be⸗ gnadigen könnte.“ So hatte Fiordiſpina in verhängnißvoller Stunde zu Achill geſprochen, nachdem er, ihrem widerſtrebendem Herzen zum 199 Trotz, wie durch Zauberei ſeinen unrühmlichen Sieg ertungen; er aber hatte geantwortet:„Du biſt meines Herzens Königin, und ich fühle mich ſelig, Dein Unterthan zu ſein. Bald muß ich auch vor der Welt der Deine heißen. Ich will Urlaub begehren, um meinen alten Vater zu Lopigna heimzuſuchen und ſeinen Segen zu erflehen. Laß uns indeſſen gegen jeder⸗ mann ſchweigen.“ Sie hatte ſtrenges Schweigen gelobt, ihr Wort gehalten, und fünf Monden ſpäter nochmals zu Franchi geſprochen: „Da mein Mißgeſchick mich an Dich feſſelt, Achill, ſo verliere nicht durch unnützes Zögern die koſtbare Zeit. Was ſein muß, geſchehe, damit dem Unglück ſich nicht auch die offenkundige Schmach geſelle. Sprich wenigſtens mit den Meinen.“ Worauf er: „Geduld. Zuerſt muß mein eigener Vater es wiſſen Das bin ich als guter Sohn ihm ſchuldig. Gehorche, ſchweige, und alles wird gut gehen.“ Seitdem war wieder ein volles Vierteljahr verſtrichen, und je mehr die Zeit drängte, um ſo minder wollte Achill erfüllen, was Ehre und Pflicht heiſchten „Soll ich denn für immerdar an ein Weib gekettet ſein, das mich nicht liebt?“ ſprach er zu ſich:„das mir zu jeder Stunde nur allzudeutlich ſeinen innern Haß bezeugt, und mich im Herzen verachtet?— Verachtet!— Wahrlich, es iſt hart, einen kurzen Taumel mit dem ganzen Daſein zu bezahlen. Und dennoch ſeh' ich keinen Ausweg, ſolchem Elend zu entrinnen. Wer erlöst mich, wer gibt mir mein Wort zurück?“ Er kam aus der Schule Unter der Hausthüre ſtand 200 ſeine Wirthin neben ihren Töchtern, alle mit langen Hälſen, neugierige Blicke auf Padovani's Haus richtend. Achill faßte von allen nur Dora in's Auge. „Ich Thor, hätt' ich gewartet,“ ſeufzte er in ſich hinein: „Dieſe Kleine würde Liebe nicht mit Haß, Vertrauen nicht mit Verachtung vergelten, und mein ſein wollen, um beglü⸗ ckend glücklich zu werden, nicht um mich zu ſtrafen. Auch iſt ſie viel jünger und ſchöner, als die andere.“ Dora warf dem Nahenden einen Blick zu, als hätte ſie die Sprache ſeiner geheimen Gedanken vernommen, und wollte darauf entgegnen:„Faſſe Muth und komm.“— Die Mutter ſah den Blick, wie ſie ſchon manche geheime Botſchaft derſel⸗ ben Augen aufgefangen, doch ſchien ſie nichts bemerkt zu haben und ſagte mit angenommener Gleichgültigkeit: „Die Padovani's halten Familienrath. Der Großvater, Gian und Luigi, die Roſa und ihr zweiter Mann, der Mar⸗ cantonio Suſini, ſitzen drinnen beiſammen.“ „Iſt das ſo etwas Beſonderes, Mutter Fieschi?“ fragte Achill:„ich ſehe ſeit einiger Zeit die Leute öfters beiſammen.“ „Sie mögen ihre Gründe haben,“ hob die Fieschi wie⸗ der an:„aber das Beſondere iſt, daß ſie heute den Matteo Montera dazu ziehen. Denn ſeht, lieber Herr Franchi, dieſer Matteo ſagte neulich vor der Kirche: ein ſeiniger Vetter zu Quilazzo, mit Namen Benedetto Maria, habe ihm aufgetng⸗ gen, ihm eine Braut zu ſuchen. So wird wohl, reim' ich mir zuſammen, im Rath die Rede von Fiordiſpina ſein.“ * . ———— Achill nickte ungemein vergnügt und dachte dabei:„Die⸗ ——— 201 ſer Benedetto ſei geſegnet, wie ſein Name ſagt, wenn er mich erlöſt.“ Die Frau plauderte weiter: „Die ſonſt ſo kerngeſunde Dirne kränkelt ſeit einiger Zeit. Kein Wunder. Sie zählt ſchon an die zwanzig Jahre und in dieſem Alter iſt Freien das beſte Heilmittel, diesſeits der Berge, wie jenſeits. Und ich fürchte ſehr, daß ſie nicht diesſeits ge⸗ blieben.“ Achill ſtutzte; doch ging ſeine Bewegung unbeachtet vor⸗ über, während die Fieschi eifrig fortfuhr: „Wenn ein Mädchen von leidlichem Ausſehen und mit einer ſo reichlichen Ausſtattung in Otta zwanzig Jahr alt wird, ohne einen Mann zu finden, ſo iſt es wohl gerathen, etwa in Quilazzo nach einem für ſie zu ſuchen. Der Serafin Bat⸗ tini wird ſich in's Fäuſichen lachen— ſein Bruder Battiſt, der Francescone Leca und Gott weiß, wer noch, werden dem Tölpel von Quilazzo zu Dank verpflichtet ſein. Er erſpart ihnen die Mühe, Hälmchen zu ziehen.“ Das boshafte Weib kicherte und lachte, die Mädchen wandten ſich ab und begehrten ſich zu ſtellen, als hätten ſie nichts gehört. Dem jungen Mann aber war zu Muth, als führen“ hundert Dolche ihm durch Herz und Seele und wie⸗ wohl ein dunkles Gefühl ihm zuraunte: daß er ja vor Gott und ſeinem Gewiſſen ſeines gegebenen Wortes ledig werden müſſe, wenn die böſe Zunge wahr geſprochen, ſo behielt für den Augenblick doch der eiferſüchtige Stolz die Oberhand, der jedem Corſen angeboren iſt und mit der Beſchämung, ſich be⸗ trogen zu wiſſen, ſtritt die Stimme, welche da ſprach: 202 „Verleumdung, Lug und Trug! Fiordiſpina iſt zu hoch ge⸗ ſinnt, zu edel von Gemüth, um jemals ſo tief verſinken zu können.“ Zu derſelben Friſt litt Fiordiſpina Höllenqual. Das alte Weib hatte den Gegenſtand der Familienberathung richtig be⸗ zeichnet, wie denn in kleinen Gemeinden Mauern und Wände wie von Glas ſind und manches Familiengeheimniß bon den Nachbarn errathen und verrathen wird, bevor die zunächſt Be⸗ theiligten ſelber recht in's Klare gekommen. Matteo Montera erhielt den Auftrag, ſeinem Vetter die Verbindung vorzuſchla⸗ gen. Die Männer brachten vorläufig die Frage über die Mit⸗ gift in Ordnung, die Mutter beſtand darauf, daß der Unter⸗ händler keine Zeit verliere und Fiordiſpina hörte mit ſcheinbarem Gleichmuth zu, obſchon ihr das Herz zu zerſpringen drohte. In jedem Augenblick drängte ſich ihr das Bekenntniß auf die Lippen, daß Franchi ſich insgeheim mit ihr verlobt habe. Aber ſie hatte Schweigen verheißen, vertrauend auf das Wort des Man⸗ nes, dem ſie, wiewohl ohne Liebe und Neigung, nun einmal zu eigen geworden, bezwang ſie heldenmüthig den innern Sturm und Drang, und als Roſa zuletzt noch mit bezeichnend verdäch⸗ tigem Seitenblick ihre Tochter fragte: „Haſt Du nichts zu erinnern oder einzuwenden, bevor Matteo geht?“ verſetzte ſie ein feſtes und entſchiedenes:„Nein!“ Der Unterhändler verhieß ſchon am nächſten Morgen ſich auf den Weg zu machen. Roſa und ihr Mann nahmen Ab⸗ ſchied, um nach Pianella heimzukehren, die übrigen gingen ih⸗ ren verſchiedenen Geſchäften nach, und Fiordiſpina verſank in — 7 ———— —————— 203 „— das krankhafte Hinbrüten, dem ſie ſeit einiger Zeit unterwor⸗ fen war. Mit Grauſen ſah ſie einer Zukunft entgegen, deren Beſtimmung unwiderruflich zu machen doch ihr eifrigſtes Stre⸗ ben ſein mußte mit Wehmuth dachte ſie zurück an die Tage der Kindheit, an den erwachenden Lenz des jungfräulichen Her⸗ zens, an Serafin, der jetzt als ein Flüchtling durch die Wäl⸗ der irrte und von dem ſeit Bevilacquas unſeligem Ende nie⸗ mand im Dorfe mehr vernommen. „Wär' ich doch mit ihm von dannen gezogen,“ ſagte ſie in ihren Gedanken:„Dann wär' ich das geliebte Weib des geliebten Mannes. Im unwirthlichen Geſtrüpp der Makis, allen Unbilden der Witterung und des Hungers ausgeſetzt, ſollte mir wohler ſein, als unter dem heimiſchen Dach, wo Sorge und Ungeduld an mir zehren. Wie gerne wollt' ich in wildem Felsgeklüft zwiſchen der Bärin und dem Weibchen des Fuchſes meine Wochen halten, wenn Serafin der Vater meines Kindes wäre.“ Das bleiche Antlitz in beide Hände bergend, begann ſie zu ſchluchzen und merkte nicht auf Ceccha's Gegenwart, die ſchon einigemale an's Fenſter geklopft hatte, bevor ſie die Stimme erhob, um Fiordiſpina's Namen zu rufen.—„Kann ich Dir in etwas helfen?“ fragte die. Worauf Ceccha: „Ich wollte, ich könnte Dir helfen, mein Kind. Indeſſen iſt noch nicht aller Tage Abend. Ich wollte Dich nur im Vorbeigehen grüßen, und gelegentlich fragen, ob Du morgen früh nicht Zeit haſt, mit mir graſen zu gehen. Dann wollt' ich Dir ſchon helfen, in Deiner Wirthſchaft die verſäumte Zeit wieder hereinzubringen.“— Sie lächelte dabei überaus verſchmitzt. 204 „Wenn es recht früh ſein kann, ſoll's geſchehen,“ be⸗ ſchied Fiordiſpina, ohne das auffallende Mienenſpiel der Freun⸗ din zu beachten. „Ich hole Dich vor Sonnenaufgang,“ ſagte Ceccha, und nachdem ſie Abſchied genommen, ſprach ſie zu ſich:„Wie wird ſich die Aermſte der willkommenen Ueberraſchung freuen, und wie wird aller Kummer ſo ſchnell gehoben ſein.“— Das gute Weib! es meinte, Fiordiſpina trage an keinem andern Gram, als demjenigen, welcher ſich an die Abſchiedsſtunde im Wald von Palma knüpfte. Die Sterne begannen zu erbleichen, friſcher rauſchte der Wind durch das Laub des Buſchwaldes, der einſame Schläfer auf dem Moos zwiſchen Felsblöcken ſchlug die Augen auf und erhob ſich. Die Glieder reckend und dehnend, wie einer, der ſeine Müdigkeit noch nicht recht verwinden kann, ſprach er zu ſich ſelber:„Die ſcharfe Jagd vor drei Tagen hat mir weh gethan. Sie haben mich übel gehetzt, die verdammten Land⸗ jäger, und mich von den Genoſſen verſprengt. Dafür aber bin ich auch in der Heimath und auf bekanntem Boden, wo ich jeglichen Schlupfwinkel kenne. Sobald ich mir nur ein wenig Speiſe verſchaffen kann, wird mir ſchon wieder wohler werden und die heilige Jungfrau mir Kraft ſchenken, mein Werk voll⸗ ends hinauszuführen.“ Er nahm ſein Gewehr vom Aſt, wickelte die Hülle vom Schloß, das er, wie den Lauf ſorgfältig unterſuchte, dann warf er den Mantel über die Schulter, der eben ihm noch als — 205 Bettdecke gedient, und machte ſich auf ſeinen pfadloſen Weg, deſſen Irrgewinde durch das Geſtrüpp von Meerkirſchen und ſtachelblättrigen Steineichen*) zwiſchen hochſtämmigen Pinien, hundertjährigen Eichen, rieſigen Kaſtanien mit breiten Kro⸗ nen er ſo ſicher folgte, als ging er im hellſten Sonnenſchein auf gebahnter Straße. Unaufgehalten von den ſteilen Felſen⸗ hängen, den tiefen Schluchten, den reißenden Wildbächen der grünen Einöde, erreichte er die angebaute Gegend, wo die Ka⸗ ſtanien, in kleinen Gruppen beiſammen ſtehend, um ihrer näh⸗ renden Frucht willen gepflegt werden, wo Citronen, Orangen, Mandeln und Granaten im Strahl der Sonne reifen, wo Aloe und Cactus die Saatfelder von Waizen, Roggen, Gerſte und Hirſe umhegen.— Wie ein Schatten huſchte er über die offenen Stellen des Baulandes und gönnte ſich nicht Raſt noch Ruhe, bis er die Thalſchlucht erreichte, wo das Gehölz mit den hochſtämmigen Burbäumen, dem zierlichen Taxus und dem ſtattlichen Lorbeer ihn barg. Im Strahl der aufgehenden Sonne ſchimmerte ihm zu Rechten das Metallkreuz auf der Kirchthurmſpitze des Dorfes Otta, das keck wie eine Ritterburg von ſeiner Felſenhöhe in's Thal hinabſchaut; zur Linken er⸗ blickte er das ſanft anſteigende Gelände, großentheils mit Maul⸗ beerpflanzungen beſetzt, mit dem Dorf Pianella auf der abge⸗ flachten Kuppe. Mit wehmüthiger Freude betrachtete der Flüchtling die langentbehrte Heimath und ſtand lange in tiefes Sinnen verloren, bevor er bon Bienengeſumm, das wie eine Mex, die immergrüne Giche, im weſtlichen Süddeutſchland „Stechpalme“ geheißen. 206 Einladung klang, ſich bewegen ließ, an einem nahen Immen⸗ ſtock beſcheidenen Raub zu begehen. Der corſiſche Honig iſt erquickender, als jeder andere; von dem fleißigen Bienenvolk aus der Blüthe duftiger Bergkräuter und des Mandelbaums vorzugsweiſe bereitet, erhält er durch den unvermeidlichen Zu⸗ ſatz aus den Blüthenkelchen des Lorbeers, der Mhrte und na⸗ mentlich des Eibenbaums den oft gerühmten bitterlichen Bei⸗ ſchmack, der ihm ſeine erfriſchende Kraft verleiht. Der Mann genoß von dem Honig und„ſeine Augen wurden wacker“ wie einſt die Augen Jonathans durch ſolche Speiſe. Noch munterer aber blitzten ſie bald darauf, da ſie eines lang erſehnten Anblickes theilhaftig wurden. —4„Mein Bote war getreu und ſie hat ſein dunkles Wort verſtanden, ganz verſtanden,“ rief der Flüchtling, und ſtand im nächſten Augenblick zwiſchen Ceccha und Fiordiſpina, beide umfangend, die an ſeiner Bruſt heiße Zähren bergoſſen. Aber dieſen Zähren wohnte bei weitem nicht die Luſt inne, wie Se⸗ rafino ſie vorausſetzte. Die Schweſter erblickte in ihm mehr den Mörder des geliebten Mannes, als den Rächer ihrer Ehre, die Geliebte klagte um die verſcherzten, ſchönen Hoffnungen, die in ſeiner Bruſt noch grünten und in voller Blüthe ſtanden. „Fiordiſpina,“ ſagte er zärtlich,„wie dank' ich Dir, daß Du gekommen, mich zu ſehen.“— Niedergeſchlagenen Blickes verſetzte ſie:„Ich wußte nicht, daß ich Dich treffen würde.“ „Sonſt wärſt Du wohl nicht gekommen,“ fragte er, halb zürnend, halb im Scherz. —————————————— 207 „Sonſt wär' ich nicht gekommen,“ verſetzte ſie mit ſtren⸗ gem Ernſt. „Wie iſt mir denn?“ fragte er auf's Neue:„biſt Du nicht Fiordiſpina Padovani, die Geſpielin meiner Kindheit, meine Freundin?“ „Deine beſte Freundin,“ verſetzte ſie dumpf und eintönig, „Dir und den Deinen mit unwandelbarem Gefühl zugethan.“ „Beweiſ' es,“ rief er,„wenn Dein Gefühl unwandelbar iſt, wie das meine, ſo folge mir. Ich weiß den Weg zur Flucht. Die Anſiedelung corſiſcher Flüchtlinge zu Longo Sardo nimmt uns auf. Ich habe ja den Beweis, daß ich kein Dieb, kein Räuber bin, ſondern einer, der um ſeiner Ehre willen Blut vergoſſen, und ein ſolcher iſt drüben auf Sardinien ſtets willkommen. Das Todesurtheil des Gerichtshofes von Baſtia wird dort unſer Paß ſein. Komm mit.“ „Wie gerne, ach wie gerne ging ich,“ ſeufzte Fiordiſpina, „doch es darf nicht ſein.“ „Folge ihm,“ drängte Ceccha. „Folge mir,“ flehte Serafin,„ich will Dich ja nicht dem unſtäten Leben des Banditen in den Makis zuführen. Wir wollen unſere Scholle bauen, arm, doch zufrieden. Ich weiß, Du haſt mich lieb. Unſere Seelen, unſere Herzen ha⸗ ben einander Treue geſchworen, wenn auch die Lippen ſchwie⸗ gen. Ich wollte Dich freigeben, um Deines Glückes willen.. doch ſiehe, Fiordiſpina, ich vermag es nicht. Ohne Dich kann ich nicht leben.“ „Ohne Dich muß ich ſterben,“ ſprach ſie dagegen. „So komm,“ mahnte er mit zärtlichem Ungeſtümm . 208 „Ich werde ſterben, Serafin,“ ſagte ſie abweiſend. Dem Banditen ſtieg das Blut zu Häupten.„Du treibſt ein unwürdiges Spiel mit mir,“ rief er aus. „Ich werde aus Sehnſucht nach Dir vergehen,“ betheuerte ſie:„dennoch muß ich ohne Widerrede mich dem ſichern Tode weihen. Ich kann nicht Dein Weib werden, Serafin, mein Wort feſſelt mich an einen andern.“ „Treuloſe!“ donnerte er ſie an. Sie ſchwieg. Ihr Blick haftete verlangend an dem Gewehr auf des theuern Mannes Schulter. Während Ceeccha ſich ver⸗ gebens bemühte, die Beiden auszuſöhnen und eine Verſtändi⸗ gung herbeizuführen, deren Unmöglichkeit ſie natürlich nicht begreifen konnte, hoffte Fiordiſpina im Stillen, Serafino würde durch eine Kugel ihrem Leiden ein Ende machen, der aber rief hohnlachend:„O Weiber, Weiber, Weiber!“ und wandte ihr den Rücken. Fiordiſpinas erſte Regung war ihm nachzueilen. Statt deſſen aber verhinderte ſie ſogar die erſchreckte Freundin, es für ſie zu thun. 6 „Dieſe Stunde iſt bitterer als der Tod,“ ſprach die Un⸗ glückliche leiſe vor ſich hin:„Die Prüfung härter, als ich je geglaubt, ſie beſtehen zu können. Fahre hin, mein Glück, mein Leben, Fiordiſpina hat hienieden nur noch Eines zu be⸗ denken und zu erſtreben, bevor ſie ſich zur Ruhe legen darf.“ Als an demſelben Morgen Matteo Montera ſich auf den Weg nach Quilazzo aufmachte, traf er den Lehrer auf der —————— ———— 209 Straße.„Ich geleite Dich ein Stückchen weit,“ ſagte Achill, „vielleicht daß die friſche Morgenluft mich ein wenig aufrichtet. Ich leide an Schlafloſigkeit und Kopfweh.“ Matteo lachte tückiſch.„Ich werde ein ſchlechter Tröſter für Dich ſein,“ verſetzte er,„denn ich bin gar nicht Willens, diejenige Dir zu laſſen, welche Dir ſchlafloſe Nächte verur⸗ ſacht— obſchon ich ſelber, wohlverſtanden, nicht Dein Neben⸗ buhler bin.“. „Ich weiß, wohin Du gehſt,“ ſagte Achill gelaſſen,„und gebe Dir meinen Segen dazu. Das meine Antwort auf Dei⸗ nen unzeitigen Scherz.“ Der andere wurde nachdenklich und ſchwieg. Achill ſtörte ihn nicht, ſondern dachte ſeinerſeits ebenfalls nach, wie er es weiter anſtelle, um nur recht klar werden zu laſſen, wie will⸗ kommen ihm das Auftreten des Benedetto Maria kommen würde. Vor dem Dorfe trafen ſie Francescone Leca mit Feld⸗ arbeit beſchäftigt.„Aha,“ ſchrie der vorlaute Burſch in ſeiner gewohnten übereilten Weiſe,„gehſt Du ſchon nach Quilazzo, Matteo? Du haſt Recht, ſonſt geht die Zeit verloren.“ „Was ſoll das heißen, Francescone?“ ftagte Matteo, „haſt Du etwas gegen meinen Vetter oder gegen ſeine Heirath einzuwenden?“ „Ich,“ lachte Francescone? im Gegentheil,„ich bin froh, wenn die gute Fiordiſpina verſorgt wird. Sie kann's brauchen.“ „Was weißt Du davon mehr wie wir?“ fragten die bei⸗ den, und einem wurde ſo wunderlich zu Muthe, wie dem an⸗ dern, wiewohl aus ganz verſchiedenen Urſachen. Der Erzähler, 1846. 1. 14 „Man hat ſo ſeine gewiſſen Zeichen, Schatz, und ich bin im Fall, mehr davon zu wiſſen, als einet,“ verſetzte Leca ſchmunzelnd. „Du biſt ein Prahler, Francescone, wir kennen Dich darauf, und dazu bös auf Fiordiſpina, weil ſie Dich abge⸗ wieſen hat,“ meinte Mattev. „Auch das wäre kein Grund, denn der Weiber Launen wechſeln wie der Wind, und die ſchlägt heute den als Freier aus, den ſie morgen ohne Ring und Segen begehrt. Das iſt es aber nicht, was ich ſagen wollte. Bleib' nur ein Weilchen bei mir ſtehen und Du wirſt mich gleich begreifen, ohne wei⸗ ter darauf einzugehen, inwiefern ich perſönlich bei der Sache betheiligt bin.“ Montera wurde wieder um vieles nachdenklicher. Hatten ihn Franchi's Aeußerungen ſchon ſtutzig gemacht, ſo waren Leca's Reden vollends geeignet, Verdacht zu erregen. Als nun Francescone die Hand plötzlich gegen die Thalſchlucht ausſtreckend rief:„Da, da!“ und drüben an einer offenen Stelle ein Mann mit einer Flinte ſich zeigte, in welchem Serafin nicht zu ver⸗ kennen war, während in entgegengeſetzter Richtung Fiordiſpina und Ceccha aus dem Gebüſch traten, da ſagte Matteo:„Ich verſtehe. Doch nun will ich verdammt ſein, wenn ich nach Quilazzo gehe.“ „Ich verſtehe,“ wiederholte Achill, und ſein Ingrimm Uöste ſich in Schadenfreude auf. Franceschne aber lehnte ſich vertraulich auf Matteo's Schulter und ſagte mit ſchlauem Lächeln: „Du gehſt nicht, weil Du den Zuſammenhang vollkommen —— 211 + begriffen haſt. Das dankſt Du mir. Dafür nun thu mir den Gefallen, mich ferner in der Sache aus dem Spiel zu laſſen. Verſtehſt Du wohl? Alle Schuld fällt auf den Ban⸗ diten; ganz allein auf ihn.“ Gebrochenen Herzens kam Fiordiſpina in das Dorf zurück. Sie hatte wie eine Heldin ihres Herzens Neigung niederge⸗ kämpft, um der Pflicht zu genügen, die Liebe bezwungen um der Treue willen. Jetzt wähnte ſie ſich am Ziele ihrer Prü⸗ fungen, und ahnte nicht, wie faſt in dem Augenblicke ihres Sieges ſelbſt neues größeres Unheil ſich entſponnen durch des Prahlers Francescone eitle Rede und durch Achills Bereitwil⸗ ligkeit, zu glauben, was ihm ſo willkommen war und worauf der Fieschi bösartige Einflüſterungen ihn ſchon vorbereitet hatten. Nachdem ſie Ceccha berlaſſen, trat Fiordiſpina in die Kirche, wo der Pfarret eben eine ſtille Meſſe las. Gefaßt und ergeben erhob ſie ſich vom Gebet. Vor dem Gotteshauſe traf ſie auf Matteo Montera, der mit höhniſchem Ausdrucke ihr im Vorbeigehen zuraunte: „Mache Dir keine Rechnung auf meinen Vetter. Ein WMontera iſt nicht die Grasmücke, die in ihrem Neſte den jun⸗ gen Guckuck außzieht.“ Das Mädchen war wie vernichtet, und mußte ſich an den nächſten Pfeiler lehnen, um nicht umzufinken. In dieſem Au⸗ genblick kam Achill des Weges und wollte vorüber gehen, ohne nur zu grüßen. Fiordiſpina hielt ihn auf. „Alle Verſtellung iſt fortan überflüſſig,“ ſagte ſie:„denn — 212 unſer Geheimniß iſt verrathen. Ich darf, ich kann nicht län⸗ ger ſchweigen. Komm' mit zu den Meinen, und laß uns eilen, daß nicht dieſer Montera mit ſeiner Läſterzunge dem Herrn Großvater offenbare, was er nur durch uns ſelber erfahren darf. Komm'“ „Ich nicht, Jungfrau,“ verſetzte Achilles ſchnöde. „Ich kann nicht länger zaudern,“ ſprach ſie dringlichen Tones:„beim Himmel, Achill, ich kann nicht, ſo gern ich möchte. Ich muß reden.“ „Ei, ſo redet,“ fuhr er im vorigen Ton fort:„nur bitt' ich, daß Ihr die Wahrheit, die ganze Wahrheit, nichts als die Wahrheit ſagt.“ Sich auf dem Abſatz drehend wandte er ſich zum Gehen, und ließ die Ueberraſchte allein. Wie vom Blitz gerührt, ſtarrte ſie ihm nach. Doch bald ſammelten ſich ihre Lebensgeiſter aufs Neue, das ſchnellkräftige Gemüth fand ſeine Willensſtärke wie⸗ der, und entſchloſſenen Schrittes ging Fiordiſpina dem Pfarrhof zu, um durch die Vermittlung des Abbate Ambroſini die Ih⸗ ren von allem unterrichten zu laſſen, was bis jetzt verſchwiegen zu haben ſie bereute. Die Fieschi empfing ihren Miethsmann mit gerunzelter Stirn.„Ich muß Euch bitten,“ ſagte ſie:„Euch eine andere Wohnung zu ſuchen.“* Betreten forſchte Achill nach dem Grund.„Ich weiß wohl,“ bemerkte er dazu:„daß Ihr die Padoyani nicht leiden mögt, und es übel vermerkt, wenn ich mit ihr rede, wie vor 213 einer Stunde geſchah. Aber ſie hat mich angeſprochen, als ich juſt zur Schule ging...“— Die Alte unterbrach ihn:„Das iſt es nicht, Herr Franchi, durchaus nicht. Jugend hat einmal nicht Tugend, und es kann mir nichts verſchlagen, ob Ihr bei jener Verlorenen einer von vielen geweſen...“ „Wenn ich aber doch keiner davon war 2 „Deſto beſſer für Euch, mein Kind. Dennoch müßt Ihr mir fort. Stroh und Feuer thun nicht gut beiſammen, und meine Dora, wißt Ihr wohl...“— „Eure Dora, müßt Ihr wiſſen, Mutter Fieschi, iſt mei⸗ ner Sehnſucht höchſtes Ziel, und ich meine, daß wir Beide, ſie und ich, kein unpaſſendes Paar abgeben würden. Das Mädchen ſieht mich nicht ungern, wie ich mir ſchmeichle. Ich habe eine leivliche Anſtellung, kann auf Beförderung rechnen, beſitze ein hübſches Vermögen von meiner Mutter her„— „Dora iſt auch keine Bettlerin,“ warf die Alte dazwi⸗ ſchen, und nun hätte die Unterhandlung ohneweiters die beiderſeits erwünſchte Wendung nehmen können, wäre nicht Luigi Padovani erſchienen, um mit ſehr ernſter Miene eine geheime Unterredung mit dem Lehrer zu begehren. Achill wechſelte die Farbe, wagte jedoch nicht das Be⸗ gehren abzulehnen. Die Unterredung war nicht lang, und Luigi ging ſichtlich unzufrieden dabon. Gleich darauf erſchien Gian, Fiordiſpina's Bruder. Der hielt ſich ſchon länger auf, und mit neugieriger Verwunderung ſahen die Fieschi's das ganze Saus der Padovani in offenbarer Aufregung. Der alte Pas⸗ quale ſtand auf ſeiner Schwelle in angelegentlichem Geſpräch 214 mit Luigi und dem Pfarrer, hinter welchem Fiordiſpina ſich hielt. Matteo Montera geſellte ſich nach einer Weile zu der Gruppe, die ſich bald darauf in Maſſe erhob, zu Fieschi's hin bewegte und bei Achill eintrat, als Gian eben zu dem Lehrer ſagte: „Wenn es Dir um die Mitgift zu thun iſt, Franchi, ſo wollen wir die Schweſter behandeln, als wäre ſie ein Bru⸗ der. Mein Wort darauf!“ Worauf Achill:„Geh' zu Serafin Battini mit Deinen Anträgen. Er iſt der Schuldige.“ „Verräther!“ rief Fiordiſpina. „Schweige,“ herrſchte Pasquale ihr zu, und wandte ſich zu Achill:„und Du, Franchi, ſteh' mir zu Red' und Ant⸗ wort. Du haſt Schmach gebracht über das ehrenwerthe Haus Padovani, und nun laſſ' uns wiſſen, ob Du als Mann von Ehre gut machen willſt, was Du gefrevelt, oder ob Du Dich der Blutrache auszuſetzen wagſt. Du haſt die Wahl.“ „Ich bin ein Mann von Ehre, alter Herr,“ verſetzte Franchi mit ſtolzer Zuverſicht:„und ich ſtimme darin mit Euch überein, daß es ein Frevel iſt, Schmach über ein ehrenwerthes Haus zu bringen. Aber ich halte mich nicht für verbunden, für die Sünden Anderer einzuſtehen. Wenn ich ſchuldig wäre, ſo würd' ich keinen Augenblick zögern, Euch Genugthuung zu geben. Wollt Ihr aber nach dem barbariſchen Brauch der Väter Rache nehmen, ſo wählt mindeſtens kein unſchulviges Herz zum Ziel Eurer Kugel. Doch mögt Ihr thun, was Ihr wollt, Eure Drohungen werden mich nie vermögen, für fremde Verbrechen einzutreten und Eure Schande auf mich zu nehmen.“ 21¹5 Mit hochwallender Bruſt vernahm Fiordiſpina dieſe freche Rede, und richtete, keines Lautes mächtig, vorwurfsvolle Blicke auf Achill, welchen der Reihe nach der ehrwürdige Pfarrer, der greiſe Pasquale, dann Gian und Luigi mit Vorſtellungen, Bitten, Verheißungen und Drohungen 2 bis er end⸗ lich voll Ungeduld ausrief: „Montera, weshalb biſt Du nach Quilazzo gegan⸗ gen? Rede.“ „Hab' ich's nicht bereits geſagt? Wegen des kleinen Un⸗ glückes, welches ſeit einer halben Stunde der Gegenſtand unſe⸗ rer Unterhaltung iſt;“ verſetzte Matted:„Du warſt übrigens ja auch einer von denen, die mich zu Benedetto Maria ſchicken wollten, mithin wußteſt Du wahrſcheinlich um...“ Achill unterbrach ihn heftig:„Hat nicht Francescone geſtanden?“ „Francescone iſt ein berüchtigter Prahler,“ ſagte Matteo: „wenn heut eine Frau ihn nur anſchaut, ſo weiß morgen das ganze Dorf, daß ſie aus Liebe zu ihm verſchmachtet. Den kennen wir.“ „Und der Bandit?“ ſchrie Achill wie außer ſich:„wer hat heute Morgen im Gebüſch eine Zuſammenkunft mit Sera⸗ fino gehabt? Doch wohl dieſe Heuchlerin, die ſchon als ein Kind ihren Großvater beſtohlen hat, um die Battini's, dieſes Geſindel, zu erhalten? Antworte, Matteo: wen haſt Du von der Höhe aus im Thal erblickt?“ „Schweige, Matteo,“ ſagte Fiordiſpina vortretend:„Du kannſt Serafin, ſeine Schweſter und mich geſehen haben. Für mich war das Zuſammentreffen ein ganz zufälliges.„— 216 Sie wollte mehr ſagen.„Ich nehme nur die Thatſache an, nicht die Ausrede,“ rief Achill:„und die geheime Zuſam⸗ menkunft paßt trefflich dazu, daß Fiordiſpina vom Mord des Bevilacqua zum Voraus unterrichtet war, daß ſie..“— Nun wurde er ſeinerſeits unterbrochen.—„Genug, über⸗ genug!“ fiel ihm der alte Pasquale mit flammenden Augen in die Rede:„Hört, was ich ſage. Ich ſtoße dieſe Unwürdige aus dem Verband der Meinen, bis ſie ihre verlorene Ehre wieder gefunden. Ich belege bis dahin mit meinem ſchwerſten Fluche jeden und jede Padovani, die es wagen, der Verſtoße⸗ nen Obdach, Nahrung oder Zuſpruch zu gewähren. Für einen Verführer gäb' es etwa noch eine Kugel, für die Verlorene und ihre Freunde gibt es nichts als Verachtung!“ Er ging, ohne Fiordiſpina nur eines Blickes weiter zu würdigen. Niedergeſchlagen folgten ihm die andern, bis auf den Abbate. Die Unglückliche warf ſich ihrem Verführer zu Füßen, Ambroſini ſtand ihr treulich bei, bemüht das ſchlum⸗ mernde Gewiſſen Achill's zu erwecken; der aber entzog ſich rauh und ungeſtüm dem Andrang, indem er, beide zur Seite ſtoßend, von dannen eilte. Sie folgte ihm. Im Flur empfing und geleitete ſie bittere Ver⸗ höhnung aus dem Mund der Hausfrau und ihrer Töchter. Vor dem Hauſe harrten der Gaffer viele, angelockt von dem ſchnell verbreiteten Gerücht der jüngſten Vorgänge; doch in⸗ mitten der neugierigen Menge ſchlug ein theilnehmendes Herz. und Verhöhnte in ihre Hütte zu führen, wohin der Abbate „Laſſt uns gehen, meine Tochter,“ mahnte der Geiſtliche. Dankbar und treu war Ceecha zur Hand, um die Verlaſſene ſie geleitete; dort verließ er ſie mit dem Verſprechen, alles aufzubieten, um ihr herbes Mißgeſchick nach Kräften zu mil⸗ dern. Er wußte wohl, der ehrwürdige Greis, daß alles, was er zu thun vermochte, auch im Fall des vollſtändigſten Gelin⸗ gens nur ein Troſt für die werden konnte, für welche es keine vollſtändige Geneſung hienieden mehr gab. Der Bandit trat einen ſchweren Gang an. Was am meiſten dazu beitrug, ſeinen Muth aufrecht zu erhalten, war die Gefahr, die er lief, in der unbekannten Gegend Landjägern in die Hände zu fallen, oder von Bauern feſtgenommen zu werden, deren Gaſtfreundſchaft er um einen Biſſen und einen Trunk anſprach, wenn ſie etwa den wildfremden Mann für einen Dieb oder Landſtreicher hielten, der ſich nur für einen Mörder ausgäbe. Denn die franzöſiſche Geſittung hat in man⸗ chen der am meiſten bevölkerten Landſtriche Corſica's ſchon ſolche Fortſchritte gemacht, daß viele Leute gar nichts Uebles darin ſehen, einen gemeinen Verbrecher der Gerechtigkeit zu überantworten. Zu welchem„Schergendienſt“ der Stolz ihrer Väter ſich um keinen Preis verſtanden hätte. Es war heller Morgen, als Serafino vor Lopigna an⸗ langte. Er legte ſich in ein Aehrenfeld zur Ruhe nieder, und wartete die Dankelheit ab, bevor er ſich in die Ortſchaft wagte. Mantel und Gewehr hatte er im Verſteck zurückgelaſſen. So klopfte er an die verſchloſſene Thüre eines vereinzelten Hauſes, und fragte nach Marco Franchi.—„Was ſoll's?“ hieß es 218 drinnen.—„Ich habe mit dem Herrn allein zu reden. Oeff⸗ net.“—„Komm' morgen wieder bei Tag. Nächtlicher Weile laſſen wir keine unbekannten Leute ein.“—„Bindet mir zu⸗ vor die Hände auf dem Rücken zuſammen, nur laßt mich mit Herrn Marco reden. Ich beſchwöre Euch um Euerer Todten im Fegfeuer willen.“ „Mach' auf, mach' auf, mein Sohn,“ rief nun eine an⸗ dere Stimme:„wir werden uns doch nicht vor einem einzelnen Mann fürchten.“ In kurzer Friſt darauf ſtand Serafin einem rüſtigen Greis von ſoldatenhaftem Ausſehen, mit langem, ſchneeweißem Bart und von ſtrammer Haltung gegenüber,— unter vier Augen, nach ſeinem Begehr, und hob ohne weitere Einleitung an: „Ich komme als Anwalt eines unſchuldigen Kindes, das bei ſeiner Geburt unverdiente Schmach erfuhr“ „Ich verſtehe, was Ihr ſagen wollt,“ unterbrach ihn Marco:„mein Sohn ſchreibt mir von Otta, daß ſie ihn nö⸗ thigen wollen, ſich zum Vater eines Kindes zu bekennen, das doch einem gewiſſen Serafin Battini angehöre.“ „O Herr,“ rief der Bandit:„Dieſer arme Serafin gäbe mit Freuden ſein beſtes Herzblut für die Wahrheit der Be⸗ hauptung. Es gibt keine treuere Liebe auf Erden, als er ſie für Fiordiſpina in glühender Seele trug. Und er iſt ein Mann von Ehre, Herr Marco Franchi. Er hat denjenigen erſchlagen, der ihm und den Seinen in einer Tochter der Battini's Schmach zugefügt. Während er draußen in den Buſchwäldern umher irtte, gewann,— nein: bethörte Euer Sohn Fiordiſpina's Herz, und als Serafin nach ihr verlangte, um mit ihr vereint 219 die Heimath zu verlaſſen, da war es zu ſpät. Wenn Ihr wüßtet, alter Mann, wie der Bandit in ſeiner Einſamkeit mit böſen Geiſtern Rath hielt, wie er ſich mit dem Gedanken trug, ſeinen zerſtörten Hoffnungen blutige Todtenopfer zu bringen, — Ihr würdet ihm nicht nachſagen. was Ihr ihm und Fiordiſpina nachſagt.“ „Ihr ſeid alſo ſelber dieſer Battini?“ fragte Marco. „Weshalb ſollt' ich's leugnen?“ fragte Serafino ent⸗ gegen:„ich halte mich unter Eurem Dach für ſicher genug. Ja, ich bin Serafin Battini und Ihr mögt mir aufs Wort glauben, Herr, wäre die Geliebte meiner Seele mein Weib vor Gott geworden, wie Euer Sohn behauptet, ſo würde ſie mir nicht ungeſtraft die Schmach eines Treubruches zugefügt haben. Sie hat nur mein Herz zerriſſen, aber nicht meine Ehre beſchädigt. Und als nun Euer Sohn mich ſuchen ließ, um mich zu bitten, das Ding zu ſagen, das nicht iſt, und dafür von ihm eine beliebige Summe Geldes zu begehren, da machte ich mich auf den Weg nach Lopigna, um Euch von allem zu unterrichten. Marco unterbrach ihn.„Was die Familie Padovani über die Angelegenheit denkt und ſpricht, weiß ich genau, mein Freund. Ein Vetter Fiordiſpina's iſt bei mir geweſen, und ich verhieß ihm, im Oetober ſelber nach Otta zu kommen. Dem Vetter folgte des Mädchens Bruder, dem ich mein Ver⸗ ſprechen erneuerte. Nun kommt Ihr, und auch Euch kann ich nur wiederholen, daß ich, ein Mann von unbeſcholtenem Ruf und Welterfahrung, ſelber kommen werde, um Groß und Klein, Alt und Jung zu vernehmen. Wenn Achill ſchuldig 220 iſt, ſo geb' ich Euch mein Wort, das Ehrenwort eines alten Kriegers, daß Fiordiſpina ſein Weib wird. Seid Ihr noch nicht zufrieden?“ Der Bandit ſchüttelte das Haupt. Auffahrend fragte Marco ziemlich unwirrſch, was denn noch fehle? „Daß Ihr nicht bis zum Oetober verſchiebt, was jetzt geſchehen muß, bevor es zu ſpät wird,“ beſchied jener. „Wie ſo zu ſpät? Das Unglück hat ſich einmal ereignet, alſo iſt durch Eile ihm nicht mehr zuvorzukommen; aber zur Unterſuchung bedarf ich längerer Zeit?“ Auf dieſe Worte Marco's verſetzte Serafin mit halbun⸗ terdrückter Stimme: „Es heißt, Euer Sohn wolle ſich mit Dora Fieschi ver⸗ loben. Ferner ſagen die Leute, er gedenke ſeine Stelle zu Otta mit einer andern zu vertauſchen. Nun geb' ich Euch zu be⸗ denken, alter Herr, daß Fiordiſpina zwar von ihrer Familie verſtoßen iſt...“— „So komme ſie zu mir,“ unterbrach ihn Marco:„ſie komme und theile das Brod meiner Kinder. Ich will ſie wie eine Tochter aufnehmen.“ „Ihr ſeid großmüthig und gut,“ verſetzte Serafin:„doch handelt es ſich hier nicht um Brod. Ich wollte ſagen, daß wenn Fiordiſpina ſo gut wie keinen Bruder und keinen Vetter mehr beſitzt, ſie noch einen Freund hat. Und dieſer Freund flüchtet nicht nach Sardinien, weil er für ſich allein es nicht der Mühe werth erachtet, den Kopf zu retten, den ſie ihm zu Baſtia abgeſprochen haben, ſo wenig es ihm darauf ankommen wird, denſelben Kopf noch einmal zu verwirken.“ 221 Dem Greis wurde dunkel vor den Augen, ſo heftig wallte ſein Blut auf. Ein böſer Geiſt flüſterte ihm zu, ſich des vogelfreien Mannes zu verſichern. Serafin ahnte den Kampf im Herzen Marco's, und wartete dennoch unbeſorgt das Er⸗ gebniß ab. „Ihr ſeid unbewaffnet in meiner Gewalt,“ ſagte nach einer Weile der Hausherr. „In Euerm Hauſe, wolltet Ihr ſagen,“ entgegnete lächelnd der Bandit:„von wannen wir morgen mit einander den Weg nach Otta antreten werden, wenn ich nicht irre.“ Marco öffnete die Kammerthüre und rief hinaus: „Bianca, ſorge für meinen Gaſt, und heiße Giuſeppe Sattel und Zeug rüſten. Ich muß morgen vor Tag verreiſen.“ Achill und Dora ſtanden zärtlich Hand in Hand am offenen Fenſter des Erdgeſchoſſes, von ſchönen Tagen der Zu⸗ kunft plaudernd, die ſie miteinander zu erleben ſich vorge⸗ nommen. Gegenüber ſahen ſie eine Abtheilung Landjäger, die müd und matt von einem Streifzug zurückkamen, einem vergeblichen, wie es ſchien. Sie lehnten vor Padobani's Thür ihre Büchſen neben der Vank an die Mauer, und folgten ihrem Kameraden Gian in ſeines Vaters gaſtliches Haus. „Sie werden den Serafin richtig fangen,“ ſpottete Achill: „ſie brauchen ſich nur der Leitung ſeines Schwagers zu über⸗ laſſen.“ Wie haſſt ich ſie alle, die Padobani's,“ verſetzte die — 222 Verlobte:„rede mir nicht von ihnen, die ſich verſchworen, Dich mir zu rauben, bevor ich Dich noch beſeſſen. Was ihnen bei⸗ nahe nur allzugut gelungen wäre, denn,— bekenn' es nur,— es gab eine Zeit, in welcher Fiordiſpina Dir nicht gleichgültig war, und dieſe Zeit hat mich manche ſtille Thräne gekoſtet.“ „Du irrſt,“ beſchwichtigte Achill die kleine Wallung ei⸗ ferſüchtiger Laune:„und wenn es wäre, daß die herausfor⸗ dernden Blicke jener Gefallſüchtigen mich einſt für kurze Friſt bethörten, ſo leben wir ja in der Obhut einer aufgeklärten Geſetzgebung, und haben Beide von den Anſ ſprüchen nichts zu fürchten, die ein dummdreiſtes Geſchöpf geltend zu machen verſucht.“ „Dennoch hoff ich, daß wir bald dieſen Ort verlaſſen werden, wie Du verheißen,“ antwortete Dora:„nicht wahr, Theurer„4 Es klopfte an die Thüre, und der Pfarrer zeigte ſich, deſſen Eintritt in's Haus das Paar überſehen hatte. „Mein Sohn Achill,“ ſagte der Abbate feierlichen Tones, veine der ſchwerſten Obliegenheiten meines geweihten Amtes führt mich zu Dir.“ „Erlaubt, Herr Ambroſini,“ unterbrach ihn der junge Mann:„vergönnt mir nur ein Wort, ehe Ihr fortfahrt. Aus Euerem ganzen Weſen und aus den Vorgängen der letzten Monate ſchöpfe ich Grund zur Vorausſetzung, daß Ihr mich von einem Gegenſtande unterhalten wollt, der, nur allzuhäufig angeregt, mich anekelt. Wenn ich richtig rieth, ſo ſpart Euch jede Mühe. Meine Geduld iſt ohnehin längſt erſchöpft, 223 und wenn Ihr mich weiter reizt, ſo ſteh' ich für gar nichts mehr.“ Der Geiſtliche ſeufzte ſchwer auf.—„Ich habe zum Voraus gewußt, wie Du mich empfangen würdeſt.“ „Warum alſo kamt Ihr dennoch?“ „Weil ſie mir anbefahl, die Kränkungen„ die ich von Dir erfahren würde, um Gottes willen in chriſtlicher Erge⸗ bung hinzunehmen.“ „Und weil,“ fügte eine Stimme vom Fenſter her hinzu: „weil die ſo ſchmählich verrathene Fiordiſpina keinen Mann mehr für ſich begehrt, ſondern nur noch einen Namen für ihr Kind.“ Vor dem Fenſter ſtand das bleiche Weib, das Kind auf dem Arm. Der Anblick rührte Achill mehr, als alle Vor⸗ ſtellungen des Pfarrers, und als die beweglichen Bitten Fior⸗ diſpina's, nur das Kind anzuerkennen. Sie wolle ja gerne jedem Anſpruch an ihn entſagen, den ſie ohnehin nie geliebt habe. Der Verſtockte ſchwankte, doch nur einen kurzen Au⸗ genblick, und die aufwallende Regung väterlicher Zärtlichkeit wich vor dem Gedanken, daß, wenn er das verhüngnißbolle Wort ſpreche, er nicht nur Dora verſcherzen könne, ſondern auch der Kugel gewärtig ſein müſſe, von welcher der alte Pas⸗ quale geſagt, ſie ſei für den Verführer gegoſſen. Dora nannte inzwiſchen Fiordiſpina eine Unverſchämte, und befahl ihr ſich zu entfernen. »Mit Dir red' ich nicht,“ verſetzte die Geſchmähte mit angenommener Ruhe. 224 „Metze“ rief Achill:„hebe Dich von dannen, Du Kuh!“*) Der Pfarrer fiel ihm in die Rede. Achill fertigte auch ihn in grobem Ton ab, während Fiordiſpina langſam auf das Haus ihres Großvaters zuging. Pasquale ſaß auf der Bank vor der Thüre.„Hebe Dich von dannen,“ rief er der Enkelin rauh entgegen. „Nicht doch, Herr Großvater,“ verſetzte ſie mit bewun⸗ dernswerther Faſſung:„Ihr ſollt im Augenblick inne werden, daß ich Eueres Hauſes würdige Tochter bin, und daß der Geiſt der Väter, der in den Männern erſtorben, in den Wei⸗ bern fortlebt.“ Der Greis ſtarrte ſie erſtaunt aus großen Augen an; er hielt ſie beinahe für wahnwitzig. Geduldig ließ er es ſich gefallen, daß ſie ihm ſeinen Urenkel in den Arm legte, und nun trug ſich etwas zu, das die Augenzeugen eigentlich erſt ſahen nachdem es geſchehen war. Achill hatte einen Reiter erblickt, der ſich dem Haus näherte. Mit dem Ausruf:„Mein Vater! Erſt vorgeſtern ſchrieb ich, und heut iſt er ſchon da? Iſt das Zauberei?“ hatte er den Pfarrer zur Seite geſchoben und war hinausge⸗ eilt. Er trat auf die Schwelle, wie Fiordiſpina juſt eine der angelehnten Büchſen von der Mauer nahm. Bevor er drei Schritte weiter gethan, hatte ſie den Hahn geſpannt, das *) In Ländern italieniſcher Zunge. B Kuh,(vacca) das ärgſte aller Schmähworte. Gewehr angelegt, und ſicher zielend losgedrückt. Knall und Fall ſtürzte Achill zuſammen, und der alte Marco, der eben noch aus einer Entfernung von kaum hundert Schritten den gelieb⸗ ten Sohn friſch und geſund erblickt hatte, konnte nur eine Leiche noch umarmen. Die Kugel war mitten durch's Herz gegangen. Wo nur ein ſchmaler Waſſerſtrich die Inſeln Corſica und Sardinien trennt, liegt Bonifacio gegenüber Longo Sardo, die Anſiedlung corſiſcher Flüchtlinge, wo keiner aufgenommen wird, als wer, zu Hauſe zum Tod oder zur Galeere verur⸗ theilt, doch kein entehrendes Verbrechen begangen hat. Hier hat auch Serafin Battini eine Zufluchtsſtätte gefunden; denn nachdem Fiordiſpina ohne ſeine Dazwiſchenkunft ſelber ihre Rache genommen, und ſomit vor den Augen der Ihrigen und aller Landsleute ſich wieder zu Ehren gebracht, hatte er keinen Grund mehr, das unſtäte Leben in den Makis fortzuführen. Er iſt gefaßt und getröſtet. Zwar iſt ſeiner Liebe Hoffnung für immerdar vernichtet, aber die, welche er einſt geliebt, hat ſeine Anhänglichkeit gerechtfertigt, indem ſie die verwirkte Ach⸗ tung ſich zurückeroberte. Voll ſtolzer Freude nennt Serafin ſich Fiordiſpina's brüderlichen Freund, und mit unwilligem Er⸗ ſtaunen hat er, wie mit ihm mancher Corſe noch, den Ur⸗ theilsſpruch des Gerichtshofes von Baſtia vernommen, der im December 1845 Fiordiſpina zu einer Haft von dreißig Mon⸗ den verurtheilte. Der Erzähler. 1846.. 15 226 „Wenn die Geſchworenen ächte Corſen wären, ſo hätten ſie Fiordiſpina losgeſprochen,“ rief Serafin aus. Der ſelige Franchi würde freilich dagegen einzuwenden haben: die Geſchworenen ſeien noch viel zu ſehr Corſen, denn in Frankreich müſſe eine ſolche That doch ſchwerer gerügt wer⸗ den, als es durch die einfache und verhältnißmäßig kurze Ge⸗ füngnißſtrafe geſchehe, wie ihr allzunachſichtiger Ausſpruch ſie bedingt habe. Des Bildhauers erſte Liebe. Nach dem Engliſchen. Von Auguſt Zoller. it ſchüchterner Hand hatte ein junger Fremder von mildem, bleichem Antlitz und geiſtreichem Auge wohl ſchon drei Mal an der Thüre von Volpato's Studio angeklopft. Die Sonne, obgleich es De⸗ cember war, drückte ihn, als er ſo ohne Schatten unter dem hohen Gebäude ſtand, und der Gang oon dem enffernteſten Ende von Rom hatte ihn nicht wenig ermüdet, denn er war von Straße zu Straße nach dem Wege zu fragen genöthigt geweſen. Er würde wohl bald geſchloſſen haben, der Meiſter ſei ausgegangen, und wäre ſelbſt wieder abgezogen. ärgerlich vielleicht, daß er die beſchwerliche Wanderung ohne Erfolg gemacht.. hätten ihn nicht ein gewiſſer unerklärbarer Lebensklang, ein unbeſtimmtes Geräuſch, ein Athemholen, der ſchwache Ton einer Stimme, wrelche ſich don Zeit zu Zeit hörbar machte, überzeugt, daß das Studio nicht leer war. Zögernd hob er endlich die „ 228 Klinke— er öffnete die Thüre— und ſtand wie von einem Zauber berührt auf der Schwelle, denn es traf ein Schau⸗ ſpiel ſeine Augen, bei deſſen Anblick er es fühlte, als wären die Tage der griechiſchen Fabel zurückgekehrt. Beinahe im Mittelpunkte des weiten, wundervoll durch das goldene, von ſeinem einzigen hochgeſtellten Fenſter aus eindringende, Licht beſtrahlten Saales ſchwebte ein Weſen, den jungen Göttinnen des Alterthums ähnlich, das mit nackten Armen und entblößter Bruſt, eine hohe Kanne in der einen Hand, eine flache Trink⸗ ſchale in der andern, im Begriffe zu ſein ſchien, einem grau⸗ haarigen Manne, der in Entzückung zu dieſem Weſen empor⸗ ſchaute, den Trank der Unſterblichkeit einzuſchenken. Wäre der Fremde ein Grieche der alten Zeit geweſen, ſo hätte er Hebe, herabgeſandt mit dem Becher der ewigen Jugend zu irgend einem Liebling der Götter, vor ſich zu ſehen geglaubt; doch als ein Venetianer aus dem achtzehnten Jahrhundert wußte er, daß er nichts Anderes vor ſich hatte, als ein Mädchen, das einem Künſtler als Modell diente. Aher wie ſchön war dieſes junge Mädchen! wie tadellos der Umriß dieſes claſſi⸗ ſchen Kopfes, dieſer antiken Augenbrauen, wie herrlich dieſes bildneriſche Profil, dieſe wellende, ſymmetriſche Form, überall ſo vollkommen, ſo harmoniſch, ſo fließend von dem gerundeten Hals bis hinab zu dem zartgeſtalteten Knöchel und dem feſten, elaſtiſchen Fuß, den das knappe, bis zum Knie aufgeſchützte, ſtatueske Gewand erſchauen ließ! Sie ſtand bewegungslos, als wäre ſie von Marmor; doch dieſe Bewegungsloſigkeit war das einzige Attribut, das ſie vom Stein beſaß; das warme Blut kreiſte unter dieſer reinen, durchſichtigen Haut; das dunkle Auge Italiens * — — ————— 229 blitzte unter dieſer gemeißelten Braue hervor; feuchter Athem zog zwiſchen dieſen halbgeöffneten Lippen hin und her. Es war keine Erinnerung an die Statue von Hebe, ſondern man glaubte die lebendige Göttin der Jugend ſelbſt vor ſich zu ſehen. Der Fremde ſtand bewegungslos wie der Gegenſtand, der ſeine Aufmerkſamkeit feſſelte; ſein Eintritt ſchien unbemerkt ge⸗ blieben zu ſein; weder der Künſtler, noch das göttliche Weſen kümmerten ſich im Geringſten um ihn. Aber auch er vergaß, daß er vergeſſen war, bemerkte nicht, daß er unbemerkt blieb; er hatte nur Augen und Sinn für das Bild vor ihm. Er verlor jeden Gedanken an ſeine Sendung,— jeden Gedanken, daß er eine Sendung hatte,— er erinnerte ſich nicht mehr, wo er war und was er war; er ſtand, als ob er an die Schwelle angewachſen wäre, den Athem zurückgehalten, das Herz mit einer Gewalt ſchlagend, daß es ſeinen Körper er⸗ ſchütterte, bis ungefähr fünf oder ſechs Minuten nach ſeiner Erſcheinung der alte Mann ſeinen Pinſel niederlegte, der jungen Göttin zunickte, und mit einem väterlichen Lächeln zu ihr ſprach: „Für dies Mal biſt Du erlöſt. Gehe, kleide Dich wie ein chriſtliches Mädchen und dann ſich, ob Raphael im Garten iſt. Ich brauche ihn.“ Hebe ſprang leicht vom Piedeſtal und ſetzte Kanne und Trinkſchale nieder; dann ſchlang ſie ihre Arme um des alten Mannes Nacken, betrachtete ein paar Sekunden das Bild mit funkelnden Blicken und fragte: „Doch das Haar iſt nicht gemacht?“ 230 „Raphael wird das Haar machen,“ erwiederte der alte Mann;„geh', ziehe Deine Kleider an und rufe ihn.“ Und Hebe verſchwand. Der alte Mann ſtand nun auf, näherte ſich dem Frem⸗ den und ſprach: „Verzeiht, Signore, daß ich Euch mit ſo wenig Umſtän⸗ den behandelt habe. Ich war bis auf ein paar Minuten der Vollendung meines Werkes nahe und fürchtete die Folge einer Unterbrechung. Darf ich Euch nun fragen, worin ich dienen kann?“ „Ich wünſche Unterricht im Zeichnen zu nehmen,“ begann der Fremde.„Ohne Zweifel habe ich die Ehre, mit dem be⸗ rühmten Meiſter Giovanni Volpato zu ſprechen?“ Der Meiſter verbeugte ſich. „Ich bin ebenfalls ein Künſtler,“ fuhr der junge Mann fort.„Ich habe ein paar unbedeutende Sachen in der Bild⸗ hauerei gemacht, welche über ihren Werth gelobt wurden. Eines Tages werde ich ein Bildhauer ſein, aber ich fühle, daß ich zuerſt zeichnen lernen muß.“ „Zeichnen,“ verſetzte Volpato lächelnd,„iſt allerdings eine Eigenſchaft von einiger Bedeutung für einen Bildhauer.“ „Ich kann zeichnen, was ich vor mir habe,“ ſprach der Fremde; doch wenn ich es verſuche, meine eigenen Gedanken auszuführen, ein Weal zu verkörpern, das über dem ſteht, was die wirklichen Formen um mich her darſtellen, ſo fühle ich, daß ich bin wie ein Seefahrer ohne ſeinen Compaß. Kurz, Signor Maeſtro, Ihr ſeht in mir einen Schwimmer, 231 der ohne ſein Korkholz nichts vermag; nehmt Ihr mir mein Modell, ſo bin ich keiner Linie ſicher.“ „Mein Unterricht ſteht ganz zu Euern Dienſten,“ erwie⸗ derte Volpatv.„Darf ich Euch bitten, mir zu ſagen, mit welchem Namen ich meinen Zögling anzureden habe?“ „Ich heiße Antonio Canova,“ antwortete der Fremde. Ein Blitz der Freude erleuchtete das Antlitz des alten Mannes; er nahm den Bildhauer bei beiden Händen und küßte ihn, more romano, zuerſt auf eine Wange und dann auf die andere. „Ihr möget wohl behaupten, daß Ihr eines Tages ein Bildhauer ſein werdet,“ rief Volpato.„Ich kenne Euere Werke und gebe nicht zu, daß ſie über ihr Verdienſt geprieſen worden ſind. Bei dem Lobe, Signor Antonio, ſind Quan⸗ tität und Qualität zweierlei Dinge, und Euere Arbeiten mögen mehr Lob, aber kein beſſeres Lob erhalten haben, als ſie verdienen. Euere Zeitgenoſſen haben Euch viel gerühmt. Ihr müßt ſie Euch gut zu rühmen lehren: Ihr müßt Euer Zeit⸗ alter von den Werken, die es jetzt preiſt, ſo denken lehren, wie Ihr davon denkt, indem Ihr ihm Etzeugniſſe gebt, bei deren Lob Ihr mit einſtimmen könnt. Dies iſt Euere Sendung, und Ihr werdet ſie erfüllen.“ „Ah! Maeſtro,“ ſprach Canova,„als ich zum erſten Male— es war vorgeſtern— vor dem Sonnengotte des Vatican ſtand, zweifelte ich, ob ich den Beruf hätte. Es ge⸗ brach mir an Muth, auszurufen:„„Auch ich bin ein Bild⸗ hauer!““ Der junge Künſtler war erſt wenige Tage zuvor in der 232 Ewigen Stadt unter Auſpicien angekommen, welche ſeinem Ehr⸗ geize die berauſchendſten Ausſichten eröffneten. Die Städte Ita⸗ liens wiederhallten bereits von dem Rufe ſeiner jugendlichen Erzeugniſſe, denen Andere eine höhere, und wir dürfen wohl ſa⸗ gen eine gerechtere Würdigung angedeihen ließen, als er ſelbſt. Doch nicht eher, als bis er mit eines Pilgrims Eifer unmit⸗ telbar nach ſeiner Ankunft zu dem Vatican gewallfahrtet war und die erhabenen Schöpfungen des griechiſchen Meißels und des Pinſels von Raphael betrachtet hatte, fühlte er die tiefe Unzufriedenheit mit ſich und ſeinen Werken, die jetzt ſo ſchmerz⸗ voll in ſeinem Buſen arbeitete. Enthüllungen einer Schönheit und einer Majeſtät, wie er ſie bis jetzt nur in dunkeln Bildern geträumt, hatten ſich an dieſem Tage vor ſeinen wachenden Sinnen verkörpert. Das Herviſche, das Göttliche hatte vor ihm aufgeblitzt. Er fand in ſeinen eigenen Werken, wenn ſein trauernder Geiſt zu denſelben zurückkehrte, lediglich nur den Eindruck der gewöhnlichſten Formen des Alltagslebens,— die Glieder, die Geſichtszüge, nicht von Göttern, nicht von Halbgöttern, ſondern von Men⸗ ſchen, und zwar von Menſchen aus dem unheroiſchen, unpoe⸗ tiſchen achtzehnten Jahrhundert. Im Gefolge des venetianiſchen Botſchafters nach Rom gekommen, adoptirt von der königlichen Republik, welche nach Wiederbelebung der alten Glorie der Kunſt in ihrer Mitte trachtete, hörte er mit Schrecken eine innere Stimme zweifelnd fragen, ob er in der That von der Gottheit berufen, oder ob ſeine Sendung nicht zufällig eine Sendung der Phantaſie, einer Aſpiration wäre, die ſich thörichter Weiſe für eine Inſpiration hielte. Und doch nicht: er ſah 233 im nächſten Augenblick ein, daß der Zweifel eine Verſündigung an der Gottheit war, die in ihm ſprach, die zu ihm ſprach„ob⸗ gleich ihre Stimme ihn noch nicht klar durchdrungen hatte. Eine Sendung hatte er jeden Falls. Konnte er das Licht Griechenlands nicht auf's Neue über ſeine Generation ergießen, ſo würde er es doch dahin bringen, daß ſie ſich des falſchen Lichtes ſchämte, in welchem ſie wandelte. Er würde die Welt von Bernini erlöſen. Er würde bei der Menſchheit den Sinn für das Schöne, für das Anmuthige wiederbeleben, denn in ihm war er wiedererwacht. Der junge Bildhauer fühlte indeſſen mit Recht, daß das Zeichnen ſeine ſchwache Seite war. So lange er ſich ſklaviſch an die Formen des Reellen hielt, an den Modellen hing, welche ihm das Alltagsleben bot, hatten ſeine Werke nicht nur einen ſchönen Grad von Correctheit, ſondern auch eine ge⸗ wiſſe Zierlichkeit, wodurch er ſich den Beifall einer Zeit er⸗ rang, die an keine Auszeichnung höherer Art gewöhnt war. Doch die Meiſterhand, welche ideale Schönheit in die Gränzen von gegebenem Maß und Verhältniß einzufügen weiß, mußte er ſich noch erringen. Er hatte das Nützliche noch nicht mit dem Möglichen zu paaren gelernt, und wenn er ſich zum Ideal erheben wollte, wurde der Mangel an Elementarkenntniſſen zum Verräther an ihm. Er ſah, daß, um ein Gebäude zu errich⸗ ten, deſſen Zinnen in die erhabene, reine Region der ſchaffen⸗ den Kunſt emporragen ſollten, die Baſe breit und tief und auf den Grund der beſtehenden Natur gelegt werden mußte, und faßte den raſchen Entſchluß, die Zeichenkunſt von ihren erſten Grundſätzen aufwärts unter dem vollendetſten Meiſter derſelben 234 in jener Zeit, unter Volpato zu ſtudiren. Es kam ihm ſogar der Gedanke, es dürfte eher ein Maler, als ein Bildhauer in ihm verborgen liegen. Raphael ſchien ihm minder entfernt, minder hoffnungslos unnahbar, als der Schöpfer des F des Antinous oder des Gladiator. Volpato's Schüler geworden, legte ſich Canova mit dem ſeinem Charakter eigenthümlichen energiſchen Eifer auf das Studium der Zeichenkunſt und machte Fortſchritte, welche den alten Meiſter im höchſten Maße erfreuten. Das Bild des herr⸗ lichen Geſchöpfes, das er bei ſeinem erſten Beſuche bei Volpato geſehen hatte, verweilte indeſſen beſtändig in ſeinen Gedanken; und ſo oft er nach dem Trastevere ging, wo das Haus ſeines Lehrers lag, ſchlug ſein Herz ſtürmiſch in der Hoffnung, ſie wiederzuſehen. Doch des Bildhauers Tochter— denn dies war, wie er erfahren, ſeine Hebe— erſchien nicht oft im Studio, und kam ſie auch, ſo war es gewöhnlich nur für einen Augen⸗ blick. Nichtsdeſtoweniger genügten ſolche Augenblicke, um den Eindruck, den ihre erſte Erſcheinung auf den jungen Künſtler hervorgebracht hatte, immer tiefer zu machen und ſein Herz mit dem reichen Vorrathe an Sympathien immer mehr in ihr Eigenthum zu verwandeln. Canoba beſaß gerade jene geiſtige Beſchaffenheit, jene außerordentliche Empfänglichkeit, jenes raſche, innige Gefühl für das Schöne, jenes offene, vertrauensvolle Weſen, wodurch der Menſch beim erſten Anblick zu lieben zum Voraus geneigt und gleichſam geſchaffen iſt: und er hatte in der That von der erſten Minute, wo er ſie erſchaut, die Toch⸗ ter von Volpato mit aller Kraft ſeiner Seele geliebt. Dieſe Liebe brachte eine ſeltſame und im höchſten Grade wohlthätige —— 235 * Wirkung auf ihn als Künſtler hervor Der Anblick des Apoll vom Belbedere hatte ihn eine Zeit lang zweifeln gemacht, ob er ein Bildhauer wäre, hatte ihm das hohe Ziel ſeines Berufes als etwas ſo Entferntes, ſo Unzugängliches gezeigt, daß er ſich verſucht gefühlt, das Ringen danach aufzugeben. Es war wie das Schimmern der Eisſpitze des Ararat für den abenteuerlichen Reiſenden, der erſt wenn er die Steigung halb vollendet und die unbedeutenderen Anhöhen hinter ſich hat, welche den Punkt, den er erreichen will, vor ihm verbargen, gewahr wird, wie fern von ihm dieſer Punkt iſt, welche Tie⸗ fen zu ergründen, welche Abſtürze zu erklettern ſind und noch zwiſchen ihm und dem Zielpunkte liegen. Aber Maria Vol⸗ pato's Schönheit, ſo ideal und doch von dieſer Welt, ſchien ihn eher zu begeiſtern, als zu entmuthigen und niederzudrücken. Sie verlieh ihm Vertrauen zu ſeiner Kunſt, gegen die er arg⸗ wöhniſch geworden war. Er ſtrebte nicht länger den Antiken nach, ſondern der lebendigen Holdſeligkeit, welche auf Erden wandelte, und die Schönheit, die er liebte, ſchien ihm nicht an den äußerſten Rand eines Abgrundes geſtellt, wie diejenige, welche er bewunderte und verehrte. Volpato ſagte oft zu ihm, als ſich der höchſte Grad von Schönheit immer mehr in ſeinen Zeichnungen entwickelte: „Ei, ei, mein Antonio, man ſieht, daß Ihr den Vati⸗ can fleißig beſucht.“ Canova aber fühlte, daß der Anblick der Hebe im Studio mehr für ihn gethan hatte, als alle Ueberreſte des griechi⸗ ſchen Genius. Volpato wurde jeden Tag ſtolzer auf ſeinen Zögling, deſſen 236 ſanftes Weſen, deſſen gänzliches Befreitſein von aller Eitel⸗ keit, von allem Künſtlerneide, deſſen ſeltene Sittenreinheit und Unſchuld ihm eben ſo ſehr die Liebe ſeiner ganzen Umgebung erringen mußten, als ſein raſch ſich entfaltender Genius ihre Bewunderung heiſchen ſollte. Der alte Meiſter nannte ihn ge⸗ wöhnlich„Sohn“ und Canova hörte dieſen Namen nie, ohne ſein Herz mit einem gewiſſen unbehaglichen Vergnügen, mit einer Hoffnung, welche mehr als zur Hälfte Furcht war, ſchla⸗ gen zu fühlen. Sollte er vielleicht eines Tages berechtigt ſein, Volpato„Vater“ zu nennen? Doch unſer junger Bildhauer war nicht der einzige Schü⸗ ler des Kupferſtechers; als er zum zweiten Male das Studiv beſuchte, machte er Bekanntſchaft mit einem jungen Neapoli⸗ taner, der ſchon über ein Jahr den Unterricht von Volpato genoß. Es war dies der„Raphael,“ dem der alte Meiſter die Aufgabe, die Haare ſeiner Hebe zu vollenden, überlaſſen hatte; ſeinem Familiennamen nach hieß er Morghen; er war von vlämiſcher Abſtammung und in vielen Eigenſchaften des Geiſtes und Herzens gerade das Gegentheil von Canova. Der Italiener und der Niederländer fanden ſich wunderbar in dieſem jungen Manne vermengt, welcher ſchön war von Perſon, wie ſein Mit⸗ ſchüler einfach und ohne äußeren Schmuck, und vertrauensvoll, freudig, kühn, wie der letztere zurückhaltend und mißtrauiſch gegen ſich ſelbſt. Das ſchöne, ſeine nördliche Abkunft verra⸗ thende, Haar trug er nach der Weiſe des göttlichen Malers, deſſen Taufnamen er führte, und den er ſeinen Schutzheiligen zu nennen pflegte. In vollkommenem Einklang mit dieſen ſtol⸗ zen Locken ſtanden die munteren blauen Augen, die friſchrothen 237 Wangen, die kräftigen, wohlgeformten Glieder und in dieſem transalpiniſchen Aeußern wohnte eine italieniſche Seele, ſtolz, voll Geiſt, raſch von Gefühl; kurz er beſaß nur eine Eigen⸗ ſchaft des Vlamänders, die einer unbeugſamen Geduld in Vollen⸗ dung alles deſſen, was er in ſeine Hand nahm. Raphael Mor⸗ ghen ſtand Canova nur in ihres Meiſters Liebe nach; er er⸗ lernte die Kupferſtecherkunſt, und der alte Volpato prophezeite bereits, der junge Neapolitaner würde ſeinen Lehrer hinter ſich laſſen. Canova ſtudirte nicht lange unter Volpato's Aufſicht, als er ein kleines Werk ausführte, das, ſo unbedeutend es auch im Vergleich mit ſeinen ſpäteren Schöpfungen erſcheinen mag, doch eine eigenthümliche Bedeutung hat, inſofern es klar herausſtellte, daß eine neue Epoche in ſeiner künſtleriſchen Ent⸗ wickelung begonnen hatte. Es war ein Apollo, der ſich ſelbſt den Lorbeerkranz auf das Haupt ſetzt. Als er ſeine Arbeit Volpato zeigte, ſagte der alte Meiſter: „Es iſt an und für ſich ſchon viel, doch es liegt noch mehr Verſprechen darin, als in Allem, was Ihr zuvor gethan. Ihr habt Euer Korkholz weggeworfen, mein Antonio; ès ſind dies in der That nicht die Glieder des Sonnengottes, es ſind aber auch nicht die Glieder der gemeinen Erdenſöhne. Das Ideal hat ſich Euerem Zauberſpruch gefügt; Ihr habt im Vatican beſchwören gelernt.“ „Oh! Vater,“ erwiederte der junge Mann, und ſeine bleichen Wangen wurden ſcharlachroth, da er Volpato zum erſten Male ſo nannte,„nicht im Vatican, ſondern in dieſem Studio erfaßte mich die erſte Eingebung der höhern Fi 238 Der wundervolle Apollo öffnete allerdings meine Augen, aber ein Weſen, wundervoller als er, erweckte mein Herz, ein We⸗ ſen, das, in meine innerſten Gedanken hinein gewachſen und mit ihnen verkörpert, den Schaffungen meiner Finger alle Schönheit einflößt, deren ſie ſich rühmen dürfen.“ Und Muth faſſend, erklärte er dem alten Meiſter, er liebe Maria, er habe ſie geliebt von dem erſten Augenblick, wo er ſie geſehen, und nur ſie allein Lermöge ihm das Leben des Erhaltens, den Ruhm des Arbeitens dafür oder das Vermögen des Erringens werth zu machen. Volpato's Erſtaunen bei dieſem Geſtändniß war nicht größer als ſeine Freude. Den jungen Bildhauer umarmend rief er: „Und ſo willſt Du alſo in Wirklichkeit mein Sohn wer⸗ den vIch habe, ſo wahr ich ein ſündhafter Menſch und ein guter Chriſt bin, nichts gehört, was mir ſo viel Vergnügen machte, ſeit Maria's Mutter(deren Seele Gott gnädig ſein möge), Ja zu mir ſagte, und das iſt lange her, Antonio. Und Du liebteſt meine Tochter vom erſten Tage an! Wohl, ich liebte Dich auch vom erſten Tage, und als ich Dich beſſer ken⸗ nen lerpte, liebte ich Dich noch inniger, liebte ich Dich wie einen Sohn, und ſprach zu Dir wie zu einem Sohne; und, per Bacco, Du ſollſt nun auch mein Sohn ſein. Ich könnte meinem Kinde keinen beſſern Mann wünſchen, und ich darf wohl ſagen, Dir kein beſſeres Weib.“ „Doch wird ſie auch einwilligen?“ fragte Canoba. „Wird ſie?“ verſetzte lachend der alte Mann.„Wir wer⸗ den ſie nicht fragen, Junge. Wir wollen den Mädchen nicht 239 in den Kopf ſetzen, ſte haben einen Willen; ſie finden dies bald genug heraus, wenn ſie verheirathet ſind. Du ſollſt ſie bekommen, ſage ich Dir, und Du wirſt ſehen, daß ich Willen genug für mich und für ſie beſitze.“ „Aber ich habe keinen Grund, zu glauben, ſie liebe mich!“ ſprach der Bildhauer. „Dich nicht lieben!“ rief Volpatv.„Warum ſollte ſie Dich nicht lieben? Haſt Du ihr je etwas zu Leide gethan?“ „Der Himmel behüte mich.“ „Nun, was ſollte ſie dann hindern, Dich zu lieben? Ich liebe Dich, Raphael liebt Dich, warum ſollte Dich Maria nicht ebenſo lieben wie wir? Und iſt ſie einſt Dein Weib, Junge, ſo wird ſie Dich beſſer und inniger lieben, als irgend Einer von uns.“ Volpato theilte ohne Zeitverluſt ſeiner Tochter des jungen Bildhauers Erklärung und ſein eigenes Verſprechen mit. Doch dieſe Eröffnung wurde keines Weges in der von ihm erwarteten Weiſe aufgenommen. Maria ward geiſterbleich, jede Farbe wich aus ihren Wangen, und ihre Stimme war kaum hörbar, als ſie die Worte ſtammelte: „Ihr habt verſprochen, Vater? Ihr ſagt, Ihr habet ver⸗ ſprochen?“ „Ja, ja, mein Kind, ich habe verſprochen. Doch was iſt das? Biſt Du erſchrocken, weil ich von einem Manne für Dich ſpreche? Ah! Du denkſt wohl, das Heirathen ſei etwas Gräß⸗ liches? Thörichte Maria! Wozu glaubſt Du, daß die jungen Mädchen auf der Welt ſind, als um verheirathet zu werden?“ Maria brach in Thränen aus: 240 „Per Bacco! per Giove!“ rief der alte Mann,„das iſt zu viel. Biſt Du ein Kind? Du ſchreiſt, weil mein guter Antonio Dich ſo innig liebt, daß er Dich ſein ganzes Leben bei ſich zu haben wünſcht. Wähnſt Du, ein Mädchen werde einzig und allein in der Abſicht geboren, ſeinem alten Vater die Haushaltung zu führen?“ „Ich weiß gewiß, mein lieber Vater,“ ſeufzte Maria, „ich werde nie halb ſo glücklich ſein, wenn ich irgend etwas Anderes thue.“ Dann ihren Arm um ſeinen Nacken ſchlin⸗ gend, fuhr ſie ſchmeichleriſch, obwohl mit einer von Thränen unterbrochenen Stimme fort:„Iſt Papa ſeiner Maria über⸗ drüſſig? Iſt ſie eine ſchlechte Haushälterin? Soll ſie ihre Stelle verlaſſen?“ „Stille, ſtille, Unſinn,“ ſprach der Vater.„Mein An⸗ tonio wird Dich in hohem Maße glücklicher machen, als Dein Vater dies thun kann, Maria. Und Du ſollſt fortwährend die Haushaltung für mich führen, gutes Kind, wenn es nur hierauf ankommt. Was hindert uns beiſammen zu leben, Du und Dein Mann, und ich und Raphael. Weißt Du, Mäd⸗ chen, daß Du eines Tages die Frau des größten lebenden Man⸗ nes ſein wirſt? Antonio, ſage ich Dir, wird ſeinen Namen ſeinem Zeitalter geben. Und um das Bild von einer andern Seite zu betrachten.. er hat bereits eine Penſion von drei⸗ hundert Dukaten vom venetianiſchen Senate, und das iſt nur ein Anfang. Er zählt noch keine dreiundzwanzig Jahre und hat ſchon eine Penſion von dreihundert Dukaten! Du wirſt reich werden, kannſt Gutes thun, Almoſen geben, nach Deines Her⸗ zens Gelüſte, mein gutes Kind.“ 6 —————— ————— 241 „Ich bedarf des Reichthums nicht,“ entgegnete Maria, immer noch weinend.„Warum ſoll ich heirathen? Sind wir nicht ſo wie wir ſind insgeſammt glücklich? Doch mit Signor Canova kann ich nie glücklich ſein, denn ich liebe ihn nicht.“ „Ihn nicht lieben!“ rief Volpato, einiger Maßen entrü⸗ ſtet,„meinen guten Antonio nicht lieben, meinen fleißigen, meinen braben, meinen harmloſen Jungen! Was haſt Du ge⸗ gen ihn? Was hat er Dir je gethan?“ „Nichts,“ ſeufzte das junge Mädchen.„Ich glaube nicht, daß er jemals, weder im Guten noch im Böſen, mit mir ſprach. Aber bei alle dem liebe ich ihn nicht.“ „Gut, doch wenn Du ſein Weib biſt, wirſt Du ihn lieben. Du ſollſt ihn zuerſt heirathen und hernach lieben ler⸗ nen. Quäle Deinen Vater nicht, Mädchen, ſchweige, Du wirſt glücklicher ſein, als Du denkſt.“ „Wie kann man mit einem Manne glücklich ſein, den man nicht liebt?“ „Habe ich Dir nicht geſagt, Du werdeſt ihn lieben, wenn er Dein Gatte iſt? Jedes gute Weib liebt ſeinen Mann. Quäle mich nicht, Maria, ſei ein vernünftiges Mädchen, wie Du ſtets geweſen biſt. Ich ſage Dir, es iſt Alles abgemacht.“ Und der alte Künſtler kehrte in ſein Studio zurück. Maria ging in den Garten, um nach Gefallen zu wei⸗ nen. In einem entfernten Winkel dieſes Gartens fand ſich eine ſonnige Stelle, wo Raphael Morghen ſeine Skizzen zum Trock⸗ nen auszulegen pflegte. War es Zufall oder Abſicht,. die Tochter von Volpato lenkte ihre Schritte nach dieſer Stelle und ſetzte ſich auf eine Bank, welche von einer hohen Gruppe Der Erzähler 1846. 1. 16 . 242 von Fichten und Chpreſſen beſchattet war, und ließ ihren Thrä⸗ nen freien Lauf. Sie ſaß nicht lange hier, als ſie nahende Tritte hörte, und im nächſten Augenblick ſtand der junge Nea⸗ politaner vor ihr. „Maria!“ rief er,„in Thränen? Was iſt geſchehen?“ Und ſich an ihre Seite ſetzend, ſchlang er einen Arm um ihren Leib und zog ſie mit dem andern an ſich. Maria legte ihren Kopf auf ſeine Schulter und weinte mit wachſender Heftigkeit. „Raphael,“ ſeufzte ſie,„mein Vater hat meine Hand dem Signor Antonio verſprochen.“ Der junge Kupferſtecher fuhr zurück und wechſelte die Farbe. „Dem Antonio!“ rief er.„Wahnſinn! davon kann keine Rede ſein.“ „Ach!“ erwiederte Maria,„ſein Entſchluß iſt gefaßt, und er will nichts dagegen hören. Seine letzten Worte an mich waren:„„Es iſt Alles abgemacht.““ Da gibt es keine Hülfe mehr.“ „Keine Hülfe!“ wiederholte Morghen:„Alles abgemacht! Und haſt Du denn eingewilligt, Maria? Gibſt Du mich ſo leicht auf? Ah! vielleicht liebſt Du Antonio? Jedermann liebt ihn: es iſt unmöglich, ihn nicht zu lieben; ich ſelbſt liebte ihn bis zu dieſem Augenblick; doch wenn er Dich mir geraubt hat.. „Ach! Raphael, Du wirſt erfahren, daß dies nicht ge⸗ ſchieht. Ich kann nie einen Andern lieben als Dich.“ „Wohl, Maria, ſo iſt nichts verloren. Ich will ſogleich zu Deinem Vater gehen; er liebt Antonio allerdings, doch er liebt mich ebenfalls. Er kennt mich länger, ich bin ſein 243 älterer Schüler. Ich werde ihm am Ende mehr Ehre machen als Antonio; denn Antonio wird ſich ſelbſt eine Bahn öffnen, während ich diejenige verfolge, welche mein Meiſter vor mir be⸗ treten hat. Maria, es war eine große Thorheit, aus unſerer Liebe ein Geheimniß zu machen: wir ſollten unſerem Vater längſt davon geſagt haben, und dann wäre keine ſolche Störung entſtanden. Er würde mir Deine Hand ſo willig verſprochen haben, als er ſie Antonio verſprach, und Du wäreſt zu dieſer Stunde meine Verlobte, vielleicht mein Weib. Doch es iſt nicht zu ſpät, ich will auf der Stelle zu Deinem Vater gehen.“ Raphael Morghen verließ die Tochter von Volpato etwas minder verzagend, als er ſie gefunden hatte, und eilte in das Studio zurück, wo er den Meiſter allein traf. Der junge Neapolitaner begann ſogleich, erklärte Volpato ſeine und Ma⸗ ria's gegenſeitige Zuneigung und bat um ſeinen Segen zu ihrer Verlobung. Des alten Mannes Stirne verdüſterte ſich. „Es kann nicht ſein, Raphael,“ erwiederte er;„ich habe dieſen Morgen Maria dem Antonio verſprochen.“ „Dem Antonio, Meiſter? Maria liebt den Antonio nicht!“ „Das iſt nicht des armen Jungen Schuld,“ entgegnete Volpato,„und ſie hat Niemand darüber anzuklagen, als ſich ſelbſt.“ „Doch ſie kann nicht glücklich werden,“ rief Raphael, „ſie kann nicht glücklich werden mit einem Manne, den ſie nicht liebt, und ich ſage Euch, Meiſter, Ihr werdet Antonio's 244 Glück eben ſo wenig fördern, als das Euerer Tochter, indem Ihr ihm ein Weib gebt, das ihn nicht liebt.“ „Diavolo!“ entgegnete der alte Mann ungeduldig, „abermals dieſes Geſchwätz von Liebe. Ich glaube, die jungen Leute ſingen alle aus einer Tonart.„„Ich liebe Antonio nicht,““ ſagt die Eine.„„Sie liebt Antonio nicht,““ ſpricht der Andere.„Wie kann ich glücklich mit einem Manne ſein, den ich nicht liebe?““ ruft abermals die Eine.„„Wie kann ſie glücklich mit einem Manne ſein, den ſie nicht liebt?““ wiederholt als Echo der Andere. Nun frage ich Euch, mein Raphael, iſt das nicht hinreichend, um einem vernünftigen Mann das Hirn zu verdrehen? Ich ſage Euch, was ich be⸗ reits meinem Mädchen geſagt habe: ſie wird ihn lieben, wenn er einmal ihr Gatte iſt.“ „Aber ſie liebt mich,“ erwiederte beharrlich der Neapo⸗ litaner,„und ich ſie. Wir lieben einander, Maeſtro; Ihr brecht ihr Herz und das meinige, wenn Ihr uns trennt. Seht Meiſter, ich habe mir lange gelobt, die engſten Bande ſollten uns vereinigen— nämlich Euch und mich, wir ſollten den Reſt unſeres Lebens mit einander zubringen. Stets war es meine Abſicht, mich in Rom niederzulaſſen. Ich weiß, daß ich dereinſt der erſte lebende Künſtler in meiner Weiſe ſein werde; Ihr ſelbſt habt es geſagt, und ich fühle es und ſage es ebenfalls zu mir. Was für ein Hinderniß ſteht entgegen, daß mein guter alter Meiſter und ich mit der Zeit eine Partner⸗ ſchaft bilden, eine Familie ſind, und daß ich, der ich ſein Sohn in der Kunſt bin, auch ſein Sohn in der Ehe und Liebe werde? Antonio, Meiſter, Antoniv wird ein größerer 245 Mann werden als ich, aber er wird nicht Euer Mitarbeiter ſein. Er hat eine andere Laufbahn vor ſich. Die Welt iſt ſein Rom. Gebt Ihr ihm Euere Tochter, ſo verliert Ihr ſie und ihn; gebt Ihr ſie mir, ſo behaltet Ihr uns Beide.⸗ „Ich kann nicht,“ ſprach Volpato,„ich habe meine Zu⸗ ſage gegeben und mein Wort bleibt mein Wort. Hätteſt Du mich um Maria's Hand in der vorigen Woche oder geſtern gebeten, ſo würde ich ſie Dir mit freudigem Herzen bewilligt haben, denn ich liebe Dich, wie Du weißt, aber Antonio hat mein Verſprechen.“ „Wenn Antonio Euch zu heirathen begehrte, mein Mei⸗ ſter, ſo könntet Ihr ihm ſicherlich Euere Zuſage geben, und Niemand wäre berechtigt, etwas dagegen einzuwenden. Aber dürfte nicht Maria eine Stimme haben, wenn es ſich um ſie und um ihre Verheirathung handelt? Ihr werdet die Hand Ma⸗ ria's nicht ohne ihre Einwilligung verſchenken wollen? Das wäre mehr, als wozu Euch die Natur und Gott ein Recht verliehen haben. Ihr werdet ihr Herz nicht brechen, nicht ſie Einem entreißen wollen, den ſie liebt, um ſie einem Andern zu geben, den ſie nicht liebt? Dies wäre ſchrecklich!“ „Oh großer Jupiter!“ rief der alte Mann in Ver⸗ zweiflung,„wie viel müſſen dieſe Ohren heute von Liebe hö⸗ ren! Kann denn das junge Geſchlecht von nichts Anderem ſprechen? Für alle Vorſtellungen, für alle Gründe der Ver⸗ nunft haben ſie keine Antwort, als:„Liebe! Liebe!“ und mit dieſer Antwort ſoll Alles abgemacht werden!“ „Es kann nicht frommen, Jupiter anzurufen, Meiſter,“ ſprach Raphael lächelnd,„denn Amor iſt ſo gut ein Gott 246 als er, und wenn die Dichter nicht lügen, ſo ſind des blin⸗ den Knaben Pfeile mächtiger, als die Keule des Donnerers. Doch es gab eine Zeit, Meiſter, wo„Liebe! Liebe!“ Euere Antwort für alle Vorſtellungen, für alle Gründe, für Alles geweſen wäre, was die Vernunft vorzubringen gewußt hätte. Erinnert Euch dieſer Zeit und habt Mitleid mit denjenigen, welche ſind, wie Ihr waret.“ „Und ſoll ich kein Mitleid mit meinem armen Antonio haben? Iſt er der einzige Mund, in welchem:„Liebe! Liebe!“ eine zu keinem Schluſſe führende Klage ſein ſoll? Gut, ich will Dir ſagen, was ich thun werde, wenn ich auch nicht beſtimmt weiß, ob ich meinem Verſprechen dadurch nicht gewiſſer Maßen ungetreu bin. Jeder von Euch— Du und Antonio — ſoll Maria malen, und wer ſie am Beſten malt, ſoll ſie haben. Und mehr noch, ſie ſoll dabei Richterin ſein. Dies muß Dich zufriedenſtellen, Raphael. Ich liebe Dich, das brauche ich Dir nicht zu ſagen,— und es würde mich freuen, Dich zum Partner zu haben. Du biſt, wie Du ſagteſt, mein Sohn in der Kunſt, und man wird dereinſt Volpato als Raphael Morghens Meiſter nennen, während die Welt kaum danach fragen dürfte, ob Canova auch ein paar Lectionen im Zeichnen bei mir genommen hat. Doch mehr als ich nun ge⸗ ſagt, kann ich nicht thun.“ „Ich bin zufrieden, Meiſter, und verlange nichts Anderes.“ „Sei Deiner Sache nicht zu ſicher, Junge. Maria mag Dich lieben, wie Du ſagſt, aber denke nicht, daß dies ihr Urtheil auf Deine Seite hinziehen wird. Sie iſt eines Künſt⸗ lers Kind und wird ein ſchlechtes Gemälde nicht ein gutes, S ————— — 247 und nicht ein gutes ein ſchlechtes nennen, ſelbſt nicht einmal aus Liebe für Deine ſchönen Locken und Deine breiten Schul⸗ tern, Du Hercules aus Flandern.“ „Bin ich ein Hercules, Meiſter, ſo muß ich um ſo mehr Hebe zur Gefährtin haben,“ rief Raphael; und er eilte voll Vertrauen hinweg, um Maria ihres Vaters Entſcheidung mit⸗ zutheilen. Am nächſten Morgen ersffnete Volpato dem jungen Bild⸗ hauer, er habe einen Nebenbuhler an dem Neapolitaner, er⸗ wähnte aber des Vorzugs nicht, den Maria demſelben gab. Raphael und Antonio, ſagte er, wären ihm gleich theuer, ihre Liebe für ſeine Tochter käme ihm gleich innig vor, und er hätte beſchloſſen, Beiden die gleiche Anwartſchaft auf Erfüllung ihrer Wünſche zu geben. In Beziehung auf ſeine eigenen Wünſche verhehlte er nicht, ſie wären ganz und gar auf Seiten ſeines jüngeren Schülers. Er ſetzte dann Canova auseinander, wel⸗ cher Entſcheidung der Preis von Maria's Hand anheimgeſtellt ſei, und zu edel, zu beſcheiden in Allem, was ſeine perſönli⸗ chen Anſprüche betraf, um gegen dieſe Entkräftigung der be⸗ ſtimmten Zuſage, die er am Tage vorher erhalten, Einſprache zu thun, nahm Canoba die Bedingungen auf der Stelle an. Das Werk ſollte ohne Verzug beginnen: es wurde beſchloſſen, die ſchöne Veranlaſſung des Streites ſollte abwechſelnd den zwei Bewerbern um ihre Liebe eine Sitzung gewähren, und für den erſten Tag fiel das Loos auf unſern Antoniv. Mit einem Herzen, deſſen haſtige Schläge ſeiner Hand nicht gerade Feſtigkeit verliehen, ſetzte ſich Canovn vor die Leinwand, auf welche er die Geſichtszüge von Maria Volpato 248 übertragen ſollte. Der Pinſel zitterte in ſeinen unſtäten Fingern; er hatte keine geringen Fortſchritte im Zeichnen unter des Kupferſtechers Leitung gemacht, an dieſem Tage aber ſchien es, als hätte ihn Alles, was er ſeit ſeiner Ankunft in Rom errungen, plötzlich ſchnöde verlaſſen. Sein Strich war zaghaft, unſtät geworden; ſeine Hand hatte ihre Sicherheit verloren. Das Geſicht, auf welches ſeine Augen gerichtet waren, weigerte ſich, unter ſeinem Pinſel wieder hervorzutreten; keine Linie, die er zog, befriedigte ihn: die Macht, eine Aehnlichkeit auf⸗ zufaſſen, ſchien von ihm gewichen zu ſein. Vielleicht trug er die Sympathie ſeiner ſchönen Sitzerin nicht mit ſich, vielleicht gab ſie ſich ſeinen Bemühungen nicht hin. Allerdings erleuchtete kein erquickender Lebensfunke dieſe herrlichen Geſichtszüge; wohl waren ſie anweſend in ihrer tadelloſen, unvergleichlichen Schön⸗ heit, aber es war eine Schönheit ohne Seele. Unaufmerkſam⸗ keit, Verdroſſenheit, Unluſt, war Alles, was ſeinem unruhigen, jedes Selbſtvertrauens ermangelnden Auge begegnete. Und dann ging eine Veränderung in Wangen und Brauen durch einen raſtloſen Blick vor: die Tochter von Volpato konnte nicht zehn Minuten in derſelben Stellung verharren; ſie war zer⸗ ſtreut, ſie ſprang auf, ſie geberdete ſich bald ärgerlich, bald ſeufzte ſie,— lauter Zeichen des Widerwillens, mit dem ſie un⸗ ſerem armen Antonio ſaß! Zuweilen war ihr Ausdruck ver⸗ ächtlich, zuweilen boshaft, und der Künſtler ſelbſt ſchauderte bei dem Wiederſcheine desſelben auf ſeiner Leinwand. Er wiſchte die Linien aus, welche beinahe den Eindruck eines ſchönen Feindes hervorbrachten: er verſuchte es abermals, und das Geſicht, das unter ſeinen Händen erſchien, war das einer 249 Einfältigen. Darf man ſich wundern, wenn ſich der Schüler von Volpato ohnmächtig fühlte, wenn alle ſeine Anſtrengungen, die Linien des ewig wechſelnden Geſichtes zu erfaſſen, ſcheiter⸗ ten? Anfangs glaubte er, der Fehler läge an ihm, ſein Genius hätte ihn verlaſſen, und abermals regten ſich ſeine alten Zweifel an ſeinem Berufe in ihrer ganzen Bitterkeit. Bald aber ſah er ein, daß es Berechnung von Maria war, ihn zu verwirren und vom rechten Wege abzubringen.„Sie will nicht von mir gemalt ſein,“ dachte er, und dieſer Ge⸗ danke war noch bitterer für ihn, als derjenige, welchen derſelbe vertrieb. Nichts konnte günſtiger für ihre Abſicht wirken, als das Errathen dieſer Abſicht, denn der Verdacht, daß ſein Un⸗ terliegen die theuerſte Hoffnung ihres Herzens war, ſchien ſeine Hand zu lähmen, und am Ende legte er in Verzweiflung den Pinſel nieder und machte der Sitzung ein Ende. Dieſe Scene wiederholte ſich mehr als ein Mal, bis An⸗ tonio's Seele vor der hoffnungsloſen Leinwand erkrankte. Welch eine ganz andere Sitzerin hatte mittlerweile Raphael Morshen! und mit welch verſchiedenartigem Erfolge betrieb er ſeine Arbeit, zu deren Erleichterung Alles beitrug! Abgeſehen davon, daß der Künſtler Canova im Zeichnen unleugbar über⸗ legen war, erfreute er ſich des unſchätzbaren Vortheils eines vollkommen guten Einberſtändniſſes mit dem Mädchen, an deſſen Porträt er arbeitete. Mit dem Inſtinkte eines Maler⸗ kindes in alle ſeine Abſichten eingehend, ſeine Wünſche errathend und denſelben entſprechend, ihn mit ihrem liebevollen Lächeln ermu⸗ thigend, unterſtützte Maria den Neapolitaner in demſelben Maaße, in welchem ſie ſeinen Nebenbuhler geſtört und gehindert hatte. 250 Raphaels heiteres Selbſtvertrauen— eine Eigenſchaft, an der es keinem Neapolitaner gebricht— war ihm hiebei im höchſten Grade erſprießlich. Mit Blicken der feurigſten Leidenſchaft, welche der Gegenſtand derſelben mit nicht minder glühendem Auge zurückgab, verfolgte er die Geſichtszüge ſeiner Geliebten, und bald ſpiegelte die Leinwand mit lebendiger Treue das Antlitz ab, deſſen Spiegel ſein Herz längſt geweſen war. Im Ganzen war es nicht ein Bild von Maria, wie es Antonio hervorgebracht zu haben wünſchte. Es war nicht Hebe, ſondern die Chpriſche Göttin. Welcher Liebende kann wünſchen, die ganze Welt möge ſeine Geliebte ſehen, wenn ſie ihn mit jenen Blicken anſtrahlt, welche keine Zeugen dulden! Ihr Auge eine Sekunde ſo auf ihn gerichtet zu ſehen, würde den jungen Bildhauer in den ſiebenten Himmel emporgehoben haben; aber ſie ſo zu malen, ſie ſo der ganzen Welt zu zei⸗ gen, hätte ihm ein Verrath gedünkt. Auch hätte er es nicht ertragen können, daß auch nur„das Conterfei“ derjenigen, welche er in dem Heiligthum ſeines Herzens anbetete, auf jeden Gaffer, auf jeden Müßiggänger, oder ſelbſt auch auf jeden Conoſcente mit dem bezaubernden Blicke herabſchauen ſollte, als wäre ſie die Geliebte jedes Menſchen, der ſie betrachtete. „Nun, mein Sohn,“ ſagte Volpato nach einigen Tagen zu ſeinem Lieblingsſchüler,„welche Fortſchritte machſt Du? Biſt Du mit Dir zufrieden?“ „Oh! Vater,“ ſeufzte Antonio,„ich bin in Verzweiflung, ich habe nichts gemacht. Seht!“ und er zeigte die Früchte ſeiner vereitelten Bemühungen— Linien von unleugbarer Aehn⸗ lichkeit mit Maria, aber ohne Charakter— ohne Sthyl— 251 voll Gezwungenheit— die geiſtige Verwirrung und die zwei⸗ felhafte Hand deſſen, der ſie gezogen, verrathend.„Damit kann ich nicht genügen,“ fügte er bei,„und der Reſt wird mir eben ſo wenig gelingen,“ und er machte einen Riß mitten durch die Leinwand, während er ſo ſprach. Volpato ſchien erſtaunt und betrübt, aber er bemühte ſich, den jungen Mann zu ermuthigen, und forderte ihn auf, unter jeder Bedingung auszuharren. Antonio ging in die⸗ ſer Nacht nicht zu Bette; er ſaß und ſann über den erſten Anblick nach, den er von des Kupferſtechers Tochter gehabt hatte, bis ſich die Scene abermals vor ihm zu beleben ſchien. Den Pinſel ergreifend malte er nach dem Bilde in ſeinem geiſtigen Auge. Der Erfolg ſetzte ihn in Erſtaunen. Er ſchloß ſich in ſein Zimmer ein und malte nach einem Original, das keine Launen, keinen jähen Wechſel von Gemüthsſtimmung und Ausdruck kannte, nach den Zügen der Geliebten, wie er ſie in frommer Verwahrung in ſeinem Innern trug. Es war nicht die Tochter von Volpato— es war die Göttin— es war Hebe unter der Geſtalt von Maria. Der alte Kupferſtecher, ſowie ſeine Tochter und ihr Lieb⸗ ling glaubten indeſſen, Antonio hätte den Wettſtreit in Ver⸗ zweiflung aufgegeben. Volpato war bekümmert. Raphael und Maria wünſchten ſich Glück zu einem über ihre Erwartung leichten Siege. Endlich verkündigte der junge Neapolitaner, ſein Gemälde ſei vollendet. Volpato ſeufzte; als er jedoch über den Umſturz ſeiner Hoffnungen nachdenkend in ſeinem Studio ſaß und ſich ſeiner ganzen Unzufriedenheit über ſeines Lieblings feigherzigen Rückzug vom Schlachtfelde überließ, trat 252 Canova mit Freude ſtrahlendem Antlitz, wie es der Meiſter nie geſehen, in den Saal. Es war, als ob er Maria bereits gewonnen hätte. „Nun, Junge,“ ſprach Volpato etwas weniger herzlich, als gewöhnlich,„ich dachte, Du hätteſt es aufgegeben. Ra⸗ phael iſt fertig.“ „Und ich ebenfalls, Vater,“ verſetzte der junge Bild⸗ hauer. „Wie! und Du haſt ſeit drei Tagen keine Sitzung ge⸗ nommen?“ „Als ob Maria nicht bei mir wäre, wo ich bin.“ „Wohl! ich gewahre ein Omen des Sieges in Deinem Antlitz, mein Sohn. Nie ſah ich Dich ſo ſtrahlend.“ Der nächſtfolgende Tag war zur Ausſtellung der Ge⸗ mälde beſtimmt. Volpato hatte alle ihm befreundete Künſtler eingeladen, obgleich das Urtheil Maria überlaſſen blieb. Die zwei Portraits ſtanden, jedes mit einem Leintuche bedeckt, ne⸗ ben einander, und neben jedem Gemälde harrte ſein Schöpfer, bereit, auf ein Zeichen des alten Kupferſtechers die Verhüllung abzuziehen. Raphael, der einen unbeſtrittenen Triumph er⸗ wartet hatte, war unfähig, einen Ausruf des Erſtaunens zu unterdrücken, als er ſah, daß ihm dennoch ein Mitbewerber gegenüber ſtand, und ſeine freudig funkelnden Blicke machten Antonio's bleiche, bewegte Erſcheinung noch auffallender. Die Geſichtszüge des jungen Bildhauers hatten ihre ungewohnte Gluth wieder verloren; ſein Herz ſank in ſeinem Innern, als der entſcheidende Augenblick herannahte. Volpato ſprach das Wort, und die Gemälde wurden enthüllt. 253 War es möglich, daß dieſe zwei Portraits eine und die⸗ ſelbe Perſon darſtellen ſollten? Das verliebte italieniſche Mäd⸗ chen mit dem großen feuchten Auge und dem Seufzer wol⸗ lüſtigen Schmachtens auf den halbgeſchloſſenen Lippen— und dieſes geiſtige Geſchöpf mit dem glänzenden Ausſehen ewiger Jugend— ohne einen Flecken der Erde— ohne eine Spur des Falles, in ſeines Edens Reinheit? Der alte Künſtler be⸗ ſchaute abwechſelnd das eine Gemälde und das andere. Er konnte nicht ſagen, welches am Bewunderungswürdigſten ge⸗ malt war. Eben ſo wenig vermochte die verſammelte Schaar der Conoſcenti zu entſcheiden, welchem in Beziehung auf die Kunſt die Palme gebührte. Hinſichtlich der Aehnlichkeit ſtan⸗ den ſie auf einer Stufe, denn Beide waren gleich ähnlich und gleich unähnlich. Maria ſtand unentſchloſſen vor den Ge⸗ mälden.* „Mädchen!“ rief der Vater,„Du biſt weder, was Ra⸗ phael, noch was Antonio aus Dir gemacht hat; Du biſt weder eine ſinnliche, nach ihrem Buhlen ſchmachtende Dirne, noch ein Geiſt des Himmels: aber Du magſt Eines oder das Andere werden, und Deine heutige Wahl entſcheidet, was Du werden wirſt. Nimm Raphael und dieſes wird in Kurzem ein getreues Portrait von Dir ſein; nimm Antonio und Du wirſt Aehnlichkeit mit jenem haben. Es bleibt Dir überlaſſen, ob Du über Deine gegenwärtige Natur emporgehoben werden oder unter dieſelbe herabſinken willſt.“ Als der Vater ſo ſprach, ſchien ein Schleier von Ma⸗ ria's Auge zu fallen. Sie gewahrte den Unterſchied zwi⸗ ſchen der Liebe von Raphael und der von Antoniv. Sie ſah, 254 welche Liebe ihrer würdiger war, und ihr Urtheil neigte ſich zu Antoniv, während ihr Herz bei Raphael blieb. „Wähle,“ ſprach der Vater,„urtheile. Welcher hat Dich am Beſten abgebildet?“ „Es iſt ſo, wie Du geſagt haſt, Vater,“ ſprach ſie mit gebrochener Stimme.„Keines von dieſen Portraits iſt das meinige; aber ich kenne Deinen Willen und gehorche.“ Als der junge Bildhauer eine halbe Stunde ſpäter längs der vergitterten Gallerie hinging, welche von dem Studio in das Wohnhaus von Volpato führte und mit allen Arten von ſüdlichen Pflanzen bedeckt Auge undurchdringliche „Scheidewand bildete, hörte er auf der andern Seite der grünen Wand Stimmen von Schluchen und Seufzen unterbrochen und geflüſterte Worte a leidenſcheftlchen Küſſen vermiſcht. Unwillkührlich zitterte er, blieb er ſtehen. Er hörte die Töne von Maria, welche den Himmel anflehte, ihr Leben abzukürzen, ſie der verhaßten Heirath zu entreißen, ihrem gebrochenen Her⸗ zen Ruhe im Grabe zu gönnen— und was ſolche Phraſen der Verzweiflung eines Mädchens ſind. Er hörte ihre Liebes⸗ betheurungen für Raphael und vernahm, wie ſie dieſer mit ſeiner tiefen Stimme verſicherte, er würde ihren Verluſt nicht überleben, ſie würden ſich bald in einer Welt treffen, wo es keine deſpotiſchen Väter gäbe, keine Rivalen, die ſich zwiſchen liebende Herzen drängten,— wie er dann wieder Worte der Ermuthigung und des Troſtes zu ihr ſprach und erklärte, er würde dennoch Mittel und Wege finden die Abſi ichten der Feinde ihrer Liebe zu vereiteln— er würde n ihr nach 255 Frankreich, nach England, gleichviel wohin fliehen. Seine Kunſt ſollte ihm Unabhängigkeit verſchaffen, wo er auch wäre, und alle ihre Bemühungen ſollten darauf abzielen, die Heirath hinaus zu ſchieben, bis Rine Vorkehrungen getroffen wären. Antonio ſtand nicht länger als eine Minute vor Ver⸗ wunderung in Stein verwandelt; alsbald floß die Macht des Gedankens wieder zu ihm zurück; er ging geräuſchlos vorwärts und trat in das Studiv. „Mein Sohn,“ rief der alte Maler,„nun wirklich mein Sohn, komm' an mein Herz! Welchen Frieden verleiht es mir, denken zu dürfen, einem Geiſte wie dem Deinigen ſei die Lei⸗ tung des zukünftigen Lebens meiner Maria anvertraut!“ „Vater,“ ſprach Antonio, nachdem er des alten Mannes heiße une erwiedert hatte,„ich habe Euch etwas zu ſagen.“ Er ſchbuer als gewöhnlich aus, aber die Gewalt eines erhabenen Entſchluſſes bewältigte ſeinen Ton und ſeine Geber⸗ den; er ſprach feſt und mit ſcheinbarer Ruhe: „Ihr werdet mich für einen undankbaren, launenhaften Menſchen halten, der des Schatzes nicht werth ſei, den Ihr mir anzuvertrauen im Begriffe waret; dieſen Schatz verdiene ich allerdings nicht, launenhaft bin ich vielleicht, doch un⸗ dankbar nicht. Was ich Euch zu verdanken habe, werde ich nie vergeſſen.“ „Was ſoll das bedeuten?“ ſprach Volpato ganz beſtürzt. „Seit der Entſcheidung, welche mir ein Leben von mehr als irdiſcher Seligkeit zu verheißen ſchien, habe ich zum erſten Male tief in miein eigenes Herz geſchaut ich fragte mich, kann „ 256 ich dieſem ſchönen Weſen die Liebe geben, die es verdient, das ungetheilte Herz, welches Maria zu fordern berechtigt iſt?“ „Nun?“ rief der alte Mann. „Vater, die Antwort, welche eine Stimme aus der Tiefe meines Herzens gab, lautete:„Nein, Du kannſt es nicht! Du kannſt nur eine Gottheit verehren; Du kannſt Deine Neigun⸗ gen und Triebe in ihrer ganzen Fülle und Inbrunſt nur einer Geliebten darbringen, und dieſe Gottheit— dieſe Ge⸗ liebte—““ „Nun?“ rief der Kupferſtecher. „„Dieſe Geliebte,““ ſprach die Stimme,„„iſt die Kunſt!““ Seht, mein Vater— Maria's Schönheit zündete in meiner Finſterniß die Lampe an, bei der ſich mir die tieferen Ge⸗ heimniſſe der Kunſt enthüllten. Maria's Schö blitzte in meine Seele die Inſpiration des Ideals. Von m Augen⸗ blick bis zu dieſem habe ich die Prophetin mit der Gottheit verwechſelt. Meine Augen ſind nun gesffnet. In der Minute, wo Ihr die Hand einer irdiſchen Braut in die meinige legtet, und ich ihre Wangen, ihre Lippen in mädchenhafter Furcht erbleichen ſah, erfaßte meinen Geiſt das Bewußtſein, daß ich im Begriffe war, auf die Göttin ihrer Dienerin zu Liebe, auf das unveränderliche, unvergängliche Jdeal für das Weib mit ſeiner Mitgift an Verfall und Veränderung Verzicht zu leiſten. Ich fühlte dann, daß meine Geliebte, meine Gottheit eine ſein muß, deren Stirne das Alter nicht durch Runzeln zu entſtellen, deren Blüthe nicht Krankheit zu rauben vermag. Kurz, ich liebe Hebe, und nicht Maria Volpato.“ Der alte Mann ſchien ganz verwirrt; er ſchaute Antonio ſtillſchweigend an; ſeine Verwunderung, ſeine Entrüſtung wa⸗ ren zu groß, als daß er raſch etwas zu erwiedern vermocht hätte. Der Bildhauer fuhr nach einer Pauſe fort, während ſeine Wangen noch bleicher wurden und ſeine Stimme faſt grä⸗ berartig klang: „Gebt.. Maria.. dem Raphael. Sie lieben einander. Raphael wird ſie und Euch glücklich machen; ich vermöchte weder das Eine noch das Andere. Ich will mich ganz der Kunſt, der ich beinahe ungetreu geworden wäre, widmen und glücklich ſein, wenn ich weiß.. Vater!“ rief er— und hier verließ ihn ſeine geheuchelte Faſſung, und er warf ſich an des alten Mannes Bruſt.„Ich liebe ich liebe Maria zu innig, um erz zu brechen!“ Und Thränen floſſen wie das Blut aus einer Todeswun Alles, begriff Alles, und würdigte das Opfer ſeines Lieblings. Mit tiefer Rührung Antonio an ſein ückend, flüſterte er: „Es gibt eine Gottheit, mein Sohn, welche Du ſogar vor der Kunſt verehrteſt, und dieſe Gottheit iſt— die Her⸗ zensgüte.“ Warum eine kurze Geſchichte lang machen? Raphael Morghen heirathete Maria, und Volpato's Weiſſagung ging nicht in Erfüllung, denn die Herzen der zwei jungen Lrüte wurden gereinigt und geadelt durch das tief bewundernde Ge⸗ fühl für Canova's Selbſtverleugnung; und wenn der Neapo⸗ litaner ſeine“ Frau einer Seits nicht zu einem ätheriſchen Weſen erhob, ſo zog er ſie anderer Seits nicht zu einem Der Erzähler 1846. 1 17 ſinnlichen herab. In wenigen Jahren war ſie keine Hebe mehr, aber auch keine Prieſterin von Paphos; ſie war eine hübſche, ehrbare römiſche Frau und Mutter... glücklich und Glück ſpendend. Was Antonio betrifft, ſo gehört ſeine ſpätere Laufbahn der Geſchichte ſeiner Zeit und der ſeiner Kunſt an, welche aller Zeiten gleichmäßiges Eigenthum iſt. Er lebte nur in ſeinem Studio, kehrte zur Bildhauerei zurück, und bald be⸗ wies ſein Theſeus der Welt, daß ſeine Augen und ſeine Seele nicht vergebens dem Gefühls für das Herviſche erſchloſ⸗ ſen worden waren. Für ihn blieb des Bildhauers Tochter, — was ſie für ihren Gatten zu ſein aufhigte— ſtets die junge Göttin des trasteveriner Studio. K dere Liebe trat an die Stelle derjenigen, welche ſie in Herzen rege gemacht hatte, und dem unvergä dieſes Gefühles verdanken wir es, daß in als ſich Canova mit ruhiger Bruſt in die 6 dieſe Zeit verſetzen konnte, eine ſeines Genius würdihe allen Ländern verkündigte und für alle Zeiten beurkundete, was in den Tagen ihrer Schönheit und ihrer mädchenhaften Fröhlichkeit des Bildhauers erſte Liebe geweſen war. Das Scharfrichterskind. Vach dem Plämiſchen des Hendrik Conſcience. Von E. Zoller. —— 1 inſterer denn gewöhnlich, war es am Abend vor Pfingſten des Jahres 1507 zu Antwerpen: es war, als ob eine ſchwere undurchdring⸗ liche Wolke ſich über die ganze Stadt ge⸗ lagert hätte. Man hörte in der Dunkelheit nichts, als das Niederrieſeln des Waſſers von den Dächern, das in einem feinen Ne⸗ belregen ſich über die Stadt ergoß und nur bisweilen klang aus der Ferne der eintönige 5 Schlag einer Thurmglocke Die tiefſte Stille herrſchte auf allen Straßen, obwohl ſich noch wenige Bürger zur Ruhe begeben hatten, da es erſt neun Uhr wars Wer ſich in dieſem Augenblick bei den Schützenhöfen be⸗ funden und den dichten Nebel mit ſeine Auge hätte durch⸗ dringen können, würde bei der Mauer des Stiftes einen Mann — bemerkt haben, der mit dem Rücken an einem Pappelbaume lehnte und mit weit geöffneten Augen die Arme über die 260 Bruſt gekreuzt, in tiefes Nachdenken verſunken ſchien. Von Zeit zu Zeit entſchlüpften ſeinem Munde einige unverſtändliche, aber kräftige Worte, während ſein Geſicht einen wilden Aus⸗ druck bekam; wenige Augenblicke darauf hörte man einen ban⸗ gen, dumpfen Seufzer, ein Aechzen gleich dem eines Laſtträgers, der ſeine Bürde zu BVoden wirft. Wenn man aber das Geſicht des Unbekannten hätte ſehen können, würde man ein Lächeln darauf bemerkt haben; doch nicht das milde Lächeln, das die Freude und das Vergnügen im Gefolge haben, ſondern das bittere Lachen wilder Verzweiflung, das bei dem Manne die Stelle der Thränen vertritt. Er lachte, aber während ſeine Geſichts⸗ züge ein betrügliches Zeichen von Freude trugen, biß er ſeine Lippen, daß ſie bluteten und ſeine Hand wühl ſamer Wolluſt in dem Fleiſche ſeiner Bruſt. O unglücklich,— tauſendmal unglückli cklich Mann! Er brauchte die ſchrecklichen Qualen der uue nicht zu fürchten; denn er litt ſie ſchon ſeit zwanzig Jahhn in ſei⸗ nem eigenen Herzen! Als er aus dem Schvoße ſeiner Mutter tretend, den er⸗ ſten Schrei als Gruß an das Leben hören ließ, drückte ihm die Mutter keinen Willkommkuß auf die Wangen, ſie ſtieß ihr Kind von ſich. Sein Vater fühlte keine Freude, er hatte den Himmel weinend um den Tod ſeines erſten und einzigen Sohnes gebeten; ja, er weinte über dies Kind, als ob es die Frucht einer fluchwürdigen Sünde wäre. Und wenn das Kind, mehr mit den Thränen, als mit der Milch ſeiner Futter auferzogen, ſich unter andere Kinder wagte, wurde es verflucht, verſpottet, geguält, als ob ſein 3 261 Angeſicht das eines böſen Teufels wäre— und doch war es ſo ſanft und geduldig, daß man nie ein Zeichen von Aerger oder Wuth über ſeine Verfolger darauf bemerken konnte; nur der Vater wußte, welche Bitterkeit ſich in dem Herzen ſeines Sohnes ſammelte. Nun war das Kind zum Mann geworden. Trotz ſeiner Leiden hatte ſich ſein Körper kräftig entwickelt. Er fühlte in ſich den Drang nach Geſellſchaft, nach Mittheilung und ver⸗ langte Achtung; aber der Haß und die Verfolgung, der er ausgeſetzt war, hatten ihn nicht verlaſſen; wo er ſich unter Menſchen zeigte, überall ward ihm Spott und Hohn zu Theil und wenn er ſich dann nicht wie ein verworfener Sclave mit einer gnadeflehenden Geberde entfernte, wurde er, wie ein Hund, mit Schlägen fortgetrieben. Pir ihn gab es kein Recht auf Erden, das Gebet allein war ſein Theil und nur bei Gott durfte er um Troſt und Erleichterung flehen. Dieß war das Leben des Mannes, der ſo boll Verzweif⸗ lung und Qualen dort an der Pappel lehnte. Und doch wohnte in ſeinem Herzen Gefühl und Liebe, ſein Geiſt war hell und klar, ſeine Geſichtszüge hatten etwas Edles, ſein Tritt war ſtolz und männlich, der Ton ſeiner Stimme ſanft und ernſt.... Er rief in dieſem Augenblicke zum Himmel, während er ſeine Arme erhoß „O Gott! o Gott, wenn Dein heiliger Wille mich zum Leiden erſchaffen, gib mir auch die Kraft, es zu ertragen; mein Kopf brennt! meine Sinne vergehen! Beſchütze mich, Herr, vor Wahnſinn und Verzweiflung! Laß mir den tröſtenden Gedanken 262 Deiner Güte. und Gerechtigkeit.— Denn tödtender Zwei⸗ fel wühlt in meinem Buſen!“ Seine Stimme wurde ſchwächer und zerſchmolz in ein unverſtändliches Murmeln; dann, ſich raſch emporrichtend, lief er mit eiligen Schritten durch die Schützenhofſtraße bis zum Drhhvek und wandte ſich in die Haudaenſtraße, von da an ging er langſamer und man konnte bemerken, daß er ſich mit einem gewichtigen Gedanken beſchäftigte; denn oftmals blieb er ſtehen, gleich einem, der um beſſer nachdenken zu können, ſeine Schritte anhält.— Plötzlich drang ein ſchriller und trockener Ton aus ſeiner Bruſt, gleich dem Kreiſchen eines Nachtraben. Er ſeufzte: „O, der Durſt brennt in meiner Bruſt, wie Gift, ich muß trinken!“ 5 Dieß ſagend, lief er eiligen Schrittes den glſern ent⸗ lang, vor jedem eine Weile ſtehen bleibend, aus deſſen Fen⸗ ſtern ein Licht ſtrahlte; überall aber trieb es ihn fort, denn er hörte Me nſtimmen in den Häuſern und dieß war ge⸗ nug für ihn. In der St. Jansſtraße hielt er oor einer Herberge etwas länger und horchte aufmerkſam an allen Fenſtern. Der Erfund lockte Freudenſtrahlen auf ſein Geſicht und er ſprach leiſe: „Ha! da iſt Niemand d'rinnen— ich werde etwas trin⸗ ken können!“ Die Thürklinke aufdrückend, trat er ein. Unglücklicher! Er dachte Niemanden zu finden, weil er nichts hörte, aber wie fand er ſich betrogen, als er ſah, daß das Zimmer von den verſchiedenſten Perſonen angefüllt war, die mit der Kanne in der Hand, um einen Tiſch ſitzend, auf Etwas Achtung zu ge⸗ ben ſchienen. —2 — 263 Einer der Gäſte machte zum Vergnügen der andern den Taſchenſpieler und rüſtete ſich gerade zu einem neuen Kunſt⸗ ſtücke, als der Unbekannte am Fenſter horchte. Da die Um⸗ ſtehenden auf die Hände des Spielers achteten, um das Ge⸗ heimniß des Kunſtgriffs zu entdecken, ſo hatten ſie ſich nicht gerührt und ſchweigend dem Manveuvre ihres Kameraden zu⸗ geſehen. Der dürſtende Jüngling bebte bei dem Anblicke ſo vieler Menſchen und trat einen Schritt zurück nach der Thüre, um das Haus zu verlaſſen, doch bemerkend, daß die Köpfe neu⸗ gierig auf ihn gewandt waren und fürchtend, er möchte ver⸗ folgt werden, trat er zum Schenktiſche und verlangte eine Kanne Bier von 3 Wirthin. Dieſe beſah den geheimnißvollen Gaſt mit mißtrauiſchen Augen ur ſ ſein Geſicht unter der Krämpe ſeines Hutes beobachten zu können; aber der Gaſt, dieß bemerkend, beugte das Haupt noch mehr zur Erde und entging ſo ihren Blicken. Während die Wirthin die Treppe des s hinablief, um das verlangte Bier zu holen, hatten die andern Gäſte das Auge nach dem Fremdling gewandt und ſprachen flüſterus 6 n⸗ ander in's Ohr; einer von ihnen ſchien von Wuth entbrannt und gab durch ſeine zornigen Geberden genugſam zu erkennen, daß er große Luſt habe, den Unbekannten zu mißhandeln. Die⸗ ſer hatte den Gäſten den Rücken gekehrt und wartete bewe⸗ gungslos auf das Bier, während er vor Angſt zitterte und bebte. Die Wirthin eilte mehr als ſonſt und reichte bald die volle Kanne dem, der ihre Neugierde rege gemacht hatte. Der Jüngling trank mit beſonderer Haſt und leerte auf 264 einen Zug die Kanne bis zur Hälfte; dann dieſelbe auf den Schenktiſch ſtellend, gab er der Wirthin einen Stvoter von zwei Stübern. Als ſie ihm eine Blank herausgeben wollte, kam einer der Gäſte eilig von der andern Seite des Zimmers herbeigeſprungen, nahm die Kanne von dem Schenktiſche und ſpritzte dem bebenden Jüngling das übrige Bier in's Geſicht. „Verfluchtes Henkerskind!“ ſchrie er.„Wie, Du willſt in unſerer Geſellſchaft trinken! Was hindert mich, daß ich nicht ſtehenden Fußes Dir Hals und Bein breche, aber ſei froh, Kerl, daß ich meine Hand nicht an Deinem Leibe ſchmutzig machen will, elender Bube!“ Der Unglückliche, den man Senterskind nannte, war wirklich der einzige Sohn des Scharfrichters von Antwerpen, er hieß Geeraert und war wenig über zwanzig Jahre alt. Daraus wird alsbald klar, warum er die Menſchen floh, da er nur Haß und Verfolgung von ihnen zu erwarten hatte. Was ihm jetzt geſchah, geſchah immer, wenn ſich ein Scharf⸗ richter in G ſchaft anderer Bürger wagte. Der unglückliche Geeraert beugte geduldig das Haupt und beſah das Bier, das an ſeinen Kleidern hinabtrof, ohne daß er ein Wort gegen ſeinen Feind geäußert hatte. Dieſer aber hörte nicht auf mit Lärmen, Schelten und Fluchen und rief endlich der Wirthin zu: „Seht, Frau, morgen wird unſere Geſellſchaft zu Se⸗ baſtian ausziehen, wir werden unſer Geld nicht mehr hier ver⸗ zehren.— Ihr wärt im Stand und gäbet uns Morgen gar die Kanne, aus der das Henkerskind getrunken!“ „Da! da liegt die Kanne,“ rief die Wirthin ängſtlich — 265 und unwillig, während ſie den ſteinernen Topf auf den Boden warf, daß er in Stücke zerbrach,„kann ich dafür, daß das Galgenkind in eines ehrlichen Mannes Haus kommt?“ Und ſich zu Geeraert wendend: „Verläßt Du alsbald mein Haus, Spitzbube, Menſchen⸗ quäler! Willſt Du noch nicht gehen, Henkersbube?“ Der Jüngling hatte bis dahin alles mit Ruhe angehört, doch bei dieſem bittern Schimpfe war ſein männlicher Stolz in ihm wach geworden und ſtatt auf das Geſchrei der Wirthin hin ſich zu entfernen, hob er ſein ſtolzes Haupt in die Höhe und antwortete ihr kalt: „Frau, ich werde gehen. Ich, obgleich ein Henkerskind, würde mit meinen Nebenmenſchen mehr Mitleid haben. Mein Vater quält Menſchen, weil das Recht und die Menſchen ihn dazu zwingen, ihr alle aber guält mich ohne Noth und ohne daß ich Euch je etwas gethan. Denkt daran, daß ihr gegen Gott ſündigt, wenn ihr mich wie einen Hund behandelt!“ Die Stimme des Jünglings war von ſo weichem und rührendem Ausdrucke, daß die Wirthin ſich darüber wunderte. Sie konnte nicht begreifen, wie Jemand ſo ſanft bleiben könne, den man ſo hart behandelt hatte. Eine Thräne glänzte in ihrem Auge und den Stooter vom Schenktiſch nehmend, warf ſie ihn Geeraert hin mit den Worten: „Da, ich will Euer Geld nicht, nehmt es und geht im Frieden!“ Derjenige, der das Bier in Geerarts Geſicht geworfen, raffte den Stooter vom Boden auf, warf ihn aber, nachdem er ihn beſehen, mit Abſcheu auf einen Tiſch. 266 „Seht, ſeht, es iſt Blut an e Stooter,“ rief er; „Menſchenblut!“ Alle ſeine Kameraden ſammelten ſich um den Tiſch und fuhren vor Schrecken zurück, als ob ſie eine Leiche geſehen, von der ihnen das Blut zu kommen ſchien. Ein Ton des Abſcheues und Grauſens klang Geeraert entgegen. Der Jüngling wußte, daß der Vorwurf ungegründet war, denn er hatte den Stooter am ſelben Abende von einer Bet⸗ ſtuhlvermietherin in der Kirche empfangen. Das Unrecht ſeiner Feinde brachte ihn ſo außer ſich, daß er vor Zorn bleich, wie ein Leintuch wurde. Seinen Hut tiefer auf den Kopf drü⸗ ckend, ſprang er in der Wuth zu dem Tiſche, auf welchem der Stooter lag und rief wie ein toller Löwe ſeinen Feinden zu: „Buben! was redet ihr von Blut? Seht ihr nicht, daß das Geldſtück aus ſchlechtem Stoffe iſt und roth ausſieht, wie alle andern Stooter? Aber nein, die Luſt am Unrecht ver⸗ blendet euch. Ihr ſagt, daß ich ein Henkerskind bin,— ja, ſo wollte es Gott!— Doch ſeid ihr mehr zu verachten, denn ich und ich bin ſtolz, daß ich weder dem Namen, noch der That nach ſolch' verdorbenen Menſchen gleiche, wie ihr ſeid!“ Kaum hatte er dies geſagt, als Fauſtſchläge und Tritte von allen Seiten auf ihn einſtürmten. Er wehrte ſich tapfer und brachte manchen unter ſich, aber die Zahl war zu groß für ſeine Kräfte.. ſngen und Schmähworte tönten durch einander, Kannen und Gläſer zerbrachen zwiſchen den umgeworfenen Tiſchen und Stühlen, die Wirthin rief um Hülfe..... Nachdem man ſo einige Zeit gerungen und gekämpft hatte, 267 ſah ſich Geeraert plötzlich mitten auf der Straße, ganz be⸗ täubt und zugleich verwundet von den Schlägen, die er empfan⸗ gen: er richtete ſeinen Mantel her, glättete den zerknüllten Hut und ſetzte ſeinen Weg fort, ohne fürder des Streites zu ge⸗ denken, denn weit ſchrecklichere Dinge ſpiegelte ihm die aufge⸗ regte Phantaſie im Innern vor. Während der Zeit, daß Geeraert den Kampf beſtand, war⸗ tete ein Mädchen, deren Herz heftig pochte, auf die Ankunft des Henkerſohnes, mit dem bangen Vorgefühle, es möchte ihm etwas geſchehen ſein. Sie allein war der Engel des Tro⸗ ſtes und der Labung für den unglücklichen Jüngling; ſie allein liebte ihn;— weil ſie wußte, daß er von Jedermann gehaßt und verachtet war. Ihre Liebe hatte dem Tadel ihrer Mutter, den Vorwürfen ihrer Nachbarn, dem Spotte anderer Mädchen getrotzt. Ja, wenn man ihr das Amt von Geeraerts Vater als Scheltwort zurief, oder ſie Henkersfrau und noch anderes nannte, freute ſie ſich, da ſie dann erſt das Edle, die Reinheit ihrer Liebe fühlte und wußte, daß ſie ein Gott wohlgefälliges Werk thue. Sie hatte Recht, das gute Mädchen, denn ohne Geld und Gut, um nach dem Willen des Herrn ihren Nebenmen⸗ ſchen beizuſtehen, ſchenkte ſie dafür den köſtlichſten Schatz ihrer Seele, die Flamme einer reinen Liebe, dem Unglücklichſten ihrer Stadtgenoſſen. Apolonia oder Lina, ſo war ihr Name, wohnte in der Vliergaſſe, in einem kleinen Zimmer mit ihrer alten Mutter und ihrem Bruder Franz,— einem guten Burſchen, der fünf Tage lang in der Woche tüchtig arbeitete, einen halben Tag in der Kirche betete, und anderthalb Tage im Wirthshaus mit 268 Trinken und Singen verbrachte, von wo er ſelten ohne blaue Augen zurückkam. Während der fünf Tage, die er zum Ar⸗ beiten beſtimmt hatte, gab es keinen fleißigeren und geſchickte⸗ ren Zimmermann: auch brachte er pünktlich jeden Samſtag ein gutes Stück Geld ſeiner alten Mutter, die ihn deßhalb be⸗ ſonders liebte. Während Geeraert nach der Vliergaſſe eilte, ſaß Lina mit ihrer Mutter bei dem Schornſtein an einer Spitzenweberei; da ſie nur ein Licht brennen wollten, hatten ſie ſich einander gegenüber geſetzt. Etwas entfernt davon an der andern Seite des Zimmers ſtand eine Zimmermannsarbeitsbank, an welcher der arbeitſame Franz beſchäftigt war, etwas zu zimmern. Was das Zimmer ſelbſt betrifft, ſo war es ſauber, und mit weißem Sande beſtreut; mit einem Kreuze und einigen Heiligenbildchen verziert, aber nicht prächtig, denn die Bewohner des Zimmers konnten nicht viel mit ihrer Hände Arbeit gewinnen. Gewöhnlich kam Geeragert um acht Uhr Abends; nie hatte er dieß verſäumt, ohne es Lina zuvor wiſſen zu laſſen: und nun war es ſchon zehn Uhr und noch war er nicht erſchienen. Das Mädchen wußte nicht, was ſie denken ſollte, und war ſo verſtimmt und zerſtreut, daß ſie auf eine Frage ihrer Mutter nicht antwortete. „Nun, Kind,“ ſprach die alte Frau,„was quält Dich denn? Kommt er heute nicht, ſo kommt er morgen. Es ſind ja Tage genug im Jahre.“ „Ja, Mutter, Du ſprichſt wohl; aber ich fürchte ſehr, es iſt ihm etwas geſchehen; er kommt doch ſonſt nicht ſo ſpät.— Die Leute ſind ſo bös auf ihn!“ 1 269 „Ja, mein Kind, aber er iſt auch der Sohn des Scharf⸗ richters und die hat man von je gehaßt. Sie haben ja den Henker Harmen todtgeſchlagen und den Henker Hansken am Kroonenburgthurm ertränkt?“ „Und was hatten dieſe gethan, Mutter?“ „Das weiß ich nicht,— nichts glaube ich. Aber es ge⸗ ſchieht, weil die Henker ſo viele unſchuldige Leute aufhängen.“ „Wohl, Mutter, aber der Henker muß thun, was der Richter von ihm fordert. Warum ertränken ſie nicht lieber den Richter?“ „Ja, ja, Lina, das iſt immer ſo geweſen;— und es gibt ein Sprüchwort, das ſagt: in einem Neſte, in dem biel Hunde ſind, kriegt der kleinſte die meiſten Biſſe, die wenig⸗ ſten Biſſen.“ „Das iſt ein dummes Sprichwrt Mutter. Noch lange ſchwatzten ſie ſo fort, bis die u Frn des Wachens müde wurde, und zu ihrer Tochter gewendet ſprach: „Kind, ſteh' auf, wir wollen ſchlafen gehen, denn es iſt ſchon ſpät.“ Der Befehl aber gefiel dem Mädchen nicht, da ſie die Hoffnung auf Geeraerts Kommen noch nicht aufgegeben; ſie wußte aber keine Ausrede, um ihre Mutter noch aufzuhalten. Sollte ſie lügen? Nach einigen der Ueberlegung wagte ſie doch eine kleine Lüge. „Mutter,“ ſprach ſie,„laßt uns noch etwas wachen: noch drei Blumen, dann iſt meine Spitze fertig.“ „Nun wohl, ſo ſpute Dich, liebes Kind, denn meine Augen fallen zu.“ 270 „Ich gehe noch nicht zu Bette,“ rief Franz von der Werkbank herüber.„Ich muß dieß Nähkiſſen fertig machen für die Wirthin vom Peerdeken; ſie will es morgen früh holen.“ „Junge, Junge,“ ſprach die Mutter mit tadelndem Lä⸗ cheln,„Du haſt gewiß am Sonntag im Peerdeken mehr ge⸗ trunken, als Dein Beutel ertragen kann: und arbeiteſt nun, um Deine Schuld quitt zu machen.— Ich geh' zu Bette. Gute Nacht! und vergeßt nicht zu beten, eh' Ihr euch ſchla⸗ fen legt.“ Sie ſtand auf und begab ſich in ein anderes kleines Zim⸗ mer, indem ſie leiſe„Gute Nacht“ murmelte. Kaum konnte die Mutter einige Stunden zu Bette ſein, als Geeraert an die Thüre klopfte und von Franz ringe⸗ laſſen wurde. Sein Geſicht war blaß und traurig: doch Lina verwun⸗ derte ſich nicht, da ſie ſelten die Stirne ihres Geliebten ohne die Falten geſehen, die bange Gedanken auf ihr gezogen. Mit langſamem Schritte trat der junge Mann zu dem Mädchen, faßte ſchweigend ihre Hand und drückte ſie ſtumm an ſeine Bruſt Dieß war ſein gewöhnlicher Gruß, aber ſtatt der Worte, deren er wenige brauchte, ſprachen ſeine Augen die tiefſte Dankbarkeit und die innigſte Liebe aus. „Geeraert,“ rief Lina,„was haſt Du? Deine Hand iſt kalt wie Blei! Gott! es iſt Blut an Deinem Hals...“ „Es iſt nichts, Lina: in der Dunkelheit habe ich mich verletzt. Wie glücklich wäre ich, würd' ich nur am Kör⸗ per leiden!“ Das letzte Wort war von einem tiefen Seufzer begleitet, 271 deſſen hohler Ton Lina mit Angſt und Bangigkeit erfüllte. Der harte Blick Geeraerts ließ ſie eine fürchterliche Neuigkeit erwarten. Mit zarter Sorgfalt reinigte ſie ſeinen Kopf von dem Blute, das aus einer kleinen Wunde gedrungen war, und ergriff indeß die Hand ihres Geliebten, ſie ſanft drückend, um ihm Muth einzuflößen. Geeraert betrachtete das Mädchen mit bewegungsloſen Bli⸗ cken: man hätte glauben können, er wolle ſich ganz mit ihr verſchmelzen, ſo ſtarrte er ſie an, bis ſie ihn endlich losließ und auf einen Stuhl niederſinkend ihm zurief: „O Geeraert, ſieh mich doch nicht ſo an! Ich ſterbe unter Deinen Blicken..4 Der junge Mann beugte das Haupt und blickte zur Erde. Doch ſie wieder aufs Neue anblickend, nahm ſeine Stimme einen Ton an, der die tödtlichſte Angſt verrieth und Lina's Herz tief bewegte. Während das Mädchen ihn beinahe gefühllos anhörte und er auf einen Stuhl vor ihr niederſaß, ſprach er: „Freundin, horche auf, ich bitte, denn ich werde lange ſprechen: meine Stimme hörſt Du zum letzten Mal.“ Ohne auf das Blaßwerden der zitternden Lina zu achten, fuhr er fort: „Als wir noch Kinder waren, ſpielten wir zuſammen; etwas, das wir nicht begriffen, und das jetzt zur lodernden Flamme der Liebe geworden, zog uns zu einander Du wuß⸗ teſt es nicht, ſüßer Engel, was es heißt, der Erſtgeborene eines Henkers zu ſein. Du wußteſt es nicht, daß der, welcher hängt, rädert und brandmarkt, mit mehr Schande beladen iſt, als 272 der, welcher von ihm gehangen und gebrandmarkt wird. Spä⸗ ter erſt haſt Du's erfahren; aber Deine reine Seele wollte nicht Theil haben an der Ungerechtigkeit der Menſchen, und je mehr ſich mein Unglück vor Deinen Augen entrollte, deſto größer wurde Deine Liebe, weil Du wußteſt, daß ich Liebe bedurfte, um nicht ganz zu verzweifeln; ja, ohne Dich hätten mich die Qualen meines Innern längſt ins Grab gebracht, denn ich glaubte an nichts mehr, als an die Gerechtigkeit Gottes, der mir ein beſſeres Leben zubereitet, und an die Unveränderlichkeit Dei⸗ ner Liebe.— Die Menſchen verfolgen mich, wie einen Ver⸗ fluchten; das Blut, das an meinem Halſe klebte, iſt durch ihren Haß gefloſſen, aber all' das wäre nichts, meine Liebe, o nein, ich wollte nicht klagen; wenn man meinen Körper ſelbſt zwiſchen zwei Steine preßte,— aber der Schmerz— die Folter iſt hier!“— Und ſeine Hand an die Stirne hal⸗ tend fuhr er fort:„Wiſſen, daß man bei dem reinſten Leben, der größten Herzensgüte, von Jedermann verſpottet, geſchlagen und verachtet werde,— ohne für alle Wohlthaten anders be⸗ lohnt zu werden, als daß man mir ins Geſicht ſpuckt. O Engel der Güte, ſiehſt Du nicht, daß das mehr iſt, als ich tragen kann und daß ich verzweifeln muß bei dieſem Ge⸗ danken?“ „Ich habe es längſt gefühlt,“ ſeufzte Lina in Thränen zerfließend,„ſind Deine Schmetzen nicht auch die meinigen? Iſt Dein Angeſicht traurig, ohne daß meine Zu ſich mit Thränen feuchten*. Geeraert hielt einen ugahlic inne, um ſeine Freundin 273 zu hören, fuhr aber dann alſo fort, ohne von dem Gedanken abzuweichen: „Wir haben uns mit der Hoffnung geſchmeichelt, daß ein unerwarteter Zufall mich von dem Henkeramt befreie; durch Dich allein hab' ich das Glück kennen lernen, das mir ſonſt fremd geblieben wäre. Ja Du haſt Dich als Märthrin für mich geopfert. Die Liebe, die ich zu Dir fühlte, hat mich bis jetzt verblendet, aber denke, gute Lina, morgen bin ich nicht mehr Henkersſohn, ſondern der Henker ſelbſt. Und glaubſt Du, kannſt Du denken, Lina, daß ich ein ſolches Opfer von Dir verlangen würde? daß ich dulden könnte, wenn man Dich des Henkers Geliebte nennte?— Hältſt Du mich für unedel genug, Dich, die reine Unſchuld ſelbſt, morgen noch berühren zu können, mit meinen Händen, die ſich in Menſchenblut ge⸗ taucht haben? O ſage mir, daß Du mich noch für ſo ſeelen⸗ ſtark halteſt, und daß Du glaubſt, daß ich ſolches nicht m werde, nicht thun kann Eine wunderbare Veränderung war auf dem Geſichte des Mädchens vor ſich gegangen; es hatte einen Ausdruck freudigen Stolzes bekommen, denn aus ihren Augen leuchtete ein helles Feuer und ein ſanftes Lächeln bewegte ihre Lippen. Sie über⸗ ließ ſich ganz den Erinnerungen ihres Herzens und fühlte die innige Freude, die eine edle That im Gefolge hat. „Nun, mein Freund,“ antwortete ſie,„ich begreife wohl, was Du ſagen willſt, welch' edles Herz in Deiner Bruſt ſchlägt, aber glaubſt Du, daß ich nicht gleiche Liebe für Dich fühle oder daß ich minder edeln Herzens bin?— O, ich bleibe die Deine, ganz die Deine, auch morgen und für Der Erzähler. 1846. 1. 18 274 immer! Ich werde Dich umarmen, Henker oder nicht,— hier oder auf dem Schaffot. Geeraert, ich begreife meine Pflicht! einmal werde ich noch Deine Frau, trotz den Schmähungen der Menſchen und ich werde über Dein Leben den Balſam der Liebe gießen... „Nie,— nie, Lina, wirſt Du die Frau eines Henkers! O, wenn ich ſtrafbar genug wäre, dies zu dulden, verdiente ich den ewigen Fluch;— ſpollte ich Dich mit mir in den Pfuhl der Schande und Verachtung ziehen? o nein!“ „Nie verlaſſe ich Dich, Geeraert, ich hänge mich unzer⸗ trennbar an Dein Loos und Du ſelbſt biſt nicht mächtig ge⸗ nug, mich von Dir zu ſcheiden. Glaubſt Du, daß ich Dich ſterben laſſen wollte? Freund, wenn Du wüßteſt, wie ſtolz und ſtark ich mich in dieſer Stunde fühle. Mit Vertrauen werde ich zum Tiſch des Herrn gehen, denn ich fühle in mei⸗ nem Geiſt, daß der gerechte und gute Gott mich dafür lohnen wird.“ Es iſt unmöglich zu ſchildern, was der verwunderte Jüng⸗ ling fühlte. Mit Staunen betrachtete er das Mädchen, das ſich ſo edelmüthig für ihn aufopferte, um ſeinetwillen Schmach und Schande tragend. Diesmal malte ſich wahres Glück auf ſeinem Antlitz und ein tiefer Seufzer erleichterte ſeine Bruſt. Er hob die Augen zum Himmel und rief: „O Gott, vergib mir, daß ich klagte, Du haſt mir da⸗ für einen Engel geſchenkt!“ Lina fühlte ſich bei dieſem dankbaren Gebete erhoben; auf ihrer Stirne glänzte das Roth der Sittſamkeit und aus ihren Augen leuchtete das Feuer edeln Stolzes. 275 Während dieſes Zwiegeſpräches der beiden Liebenden hatte Franz fortgearbeitet, ohne auf Geeraert und ſeine Schweſter Acht zu geben; doch als das Nähkiſſen nun fertig war, hatte er nicht länger Luſt, wach zu bleiben Mit ſeiner Lampe herbeigekommen, ſagte er: „So, Lina, ich bin ſehr ſchläfrig und will mich zu Bette legen. Du mußt Geeraert ſagen, daß er morgen etwas früher kommt.“ Obſchon Geergert ſeiner Geliebten noch viel zu ſagen hatte, wollte er doch den guten Franz nicht ſeiner Nachtruhe berauben; er nahm daher ſeinen Hut und ſagte, ſich zum Fort⸗ gehen rüſtend: „Franz, ich muß morgen auf dem Schaffot einem Men⸗ ſchen den Kopf abſchlagen.“ „Gib nur Acht, Geeraert!“ antwortete Franz mit Kälte, „wenn es Dir mißglückt, wirſt Du todt geworfen, wie der Henker Harmen; aber dann will ich Dir beiſtehen.“ Der junge Scharfrichter betrachtete Lina mit ſchmerzlichen Augen und ging nach der Thüre, um das Mädchen zu ver⸗ laſſen, eine Thräne aus ſeinem Auge wiſchend. Sie warf ſich an ſeinen Hals und rief mit bewegter Stimme: „Auf dem Galgenfeld werde ich am Schaffote ſtehen.. beobachte mich dann wohl!“ Und ſie hörte, mit weinenden Augen und berwirrten Sinnen, die Schritte ihres Geliebten auf der Straße nach und nach verſchwinden. 2- Als der ſchlaftrunkene Franz ſo unerwartet das Geſpräch der beiden Liebenden unterbrach, hatte Geeraert ſeiner Lina das ewige Lebewohl nicht mehr wiederholt, da er ihr den Schmerz erſparen wollte; deſſen ungeachtet ſchien dies Lebe⸗ wohl dem jungen Scharfrichter unwiederruflich, da er den feſten Entſchluß gefaßt, das reine und edle Mädchen nie mehr an ſeine Bruſt zu drücken. 4 Mit unſicheren, aber feſten Schritten durchlief er die Straßen, die von der Vliersgaſſe nach ſeiner Wohnung führ⸗ ten und kam endlich, eh' er es noch bemerkte, zu der Stadt⸗ feſtung und klopfte an einer Thüre, die am hellen Tage durch ihre blutrothe Farbe das Haus des Scharfrichters anzeigte. Sobald der Knecht öffnete, fragte Geeraert: „Nun, Jnn, iſt der Richter hier geweſen?“ „Ja, er ging ſo eben weg.— Euer Vater hat mir be⸗ fohlen, Euch zu ſagen, daß er Euch erwarte.“ Geergert ſtieg die Treppen hinauf und trat in das Zim⸗ mer, wo ſein kranker Vater auf dem Bette ausgeſtreckt lag. Der alte Scharfrichter war bleich und mager; man konnte ſehen, daß eine auszehrende Krankheit ſeine Wangen gehöhlt und die verglasten Augen tiefer gelegt hatte. Wenn die Krankheiten auch den Körper oft bis auf Haut und Bein auszehren, laſſen ſie doch der Seele all' ihre Kräfte, ja oft ſcheint es, als ob mit dem Auszehren des Körpers der Geiſt immer ſtärker werde. So war es auch mit dem alten Scharfrichter; obſchon ſchwach und krank am Leibe„war ſein 277 Geiſt doch ſo frei, wie der eines geſunden Menſchen. Als ſein Sohn eintrat, wandte er die glänzenden Augen ihm zu, ſprach aber nicht. Geeraert ergriff einen Stuhl und ſetzte ſich an dem Kopf⸗ ende des Bettes; dann ſteckte er die Hand unter das Bett, um die magere Hand ſeines Vaters zu ſuchen, und dieſelbe drückend, rief er mit bebender Stimme: „Vater, Vater, der Richter iſt hier geweſen! Sage mir, was iſt mein Urtheil?— Soll ich Scharfrichter ſein?“ „Mein Sohn,“ antwortete der Vater traurig,„ich habe bei dem Richter Alles verſucht, umſonſt; er will nicht, daß der Knecht das Geſchäft verſehe.— Weder Geld noch Bitten können ihn erweichen; Du mußt Henker werden, mein un⸗ glücklicher Sohn.“ Der traurige Jüngling hatte dies Urtheil wohl voraus⸗ geſehen, und doch war ihm dieſe Verſicherung ein ſchrecklicher Schlag. Kalt überlief es ſeinen ganzen Körper und krampf⸗ haft ergriff er die Hand ſeines Vaters. Aber die Aufregung dauerte nur kurze Zeit und er verfiel bald wieder in ſeinen gewöhnlichen Trübſinn und ſeußzte: „Morgen alſo, morgen, mein Vater!— raubt man mir die letzte Hoffnung auf eine glücklichere Zukunft. Morgen ſoll das Blut eines Schlachtopfers auf mich zurückſpritzen. Nun beginnt für mich der ſchreckliche Lebenslauf.... Bezahlt Mörder! Mörder!“ „Mein Sohn!“ rief der Vater ihm ängſtlich in die Rede fallend,„bereite Dich zu einem Leben voll Martern und Qualen: jedes Haupt, das Du abſchlägſt, wird wie ein Stein 278 auf Dein Herz zurückfallen und wenn genug Steine auf Dei⸗ nem Herzen liegen, dann wirſt Du ſterben, wie ich jetzt ſterbe Aber es iſt oben ein Richter, der das Leiden vergilt.“ Geeraert horte nur den bittern Theil von ſeines Vaters Rede, ohne das Troſtreiche derſelben zu vernehmen. Er fuhr fort: „Ja jetzt verſtehe ich den Haß der Bürger gegen mich. Kann ich nicht alle Tage gerufen werden, um einen von ihnen zu tödten, er ſei nun unſchuldig oder Verbrecher? Und doch, wenn ſie ſehen könnten, was jetzt in meinem Herzen vorgeht, ſie würden mich nicht haſſen. Sie glauben, ein Henker finde Behagen am Blutbergießen, und wenn er bei dem Anblick des bloſen Halſes eines Schlachtopfers blaß wird und zittert, daß ſeine Hände das Schwert nicht tragen können, dann wirft man ihn mit Steinen todt, weil er kein guter Scharfrichter ſei und ſich vom Mitleiden bewegen laſſe!“ „Ich habe oft an dieſen Widerſpruch gedacht, mein Sohn, doch hab' ich ihn nie begriffen.“ „Ich wohl, mein Vater, ich hab' ihn ſchon lange be⸗ griffen: in jede Menſchengeſellſchaft gehört ein Opfer, ein Un⸗ glücklicher, an welchem man alle Grauſamkeit, allen Haß des Herzens ausläßt— und dann wird dieſer Dulder von der Umgebung mit Schande überhäuft, weil man ihn ohne Reue mißhandeln und verachten kann. Aber mein Vater, gibt es denn kein unverſuchtes Mittel mehr, um meinem Schickſal zu entgehen? Ich kann mich nicht an den Gedanken des Mords gewöhnen; was werd' ich morgen für ein verächtliches Geſchöpf 279 ſin ja, ich werde mich ſelbſt Lerachten— und keine Hoff⸗ nung mehr! Es muß ſo ſein!“ „Mein Sohn,“ ſprach der Vater, mit ſeinen Augen auf den Tiſch zeigend,„nimm das Vuch, das der Richter mir ge⸗ zeigt hat, und lies das Urtheil auf der aufgeſchlagenen Seite. Geeraert las ſeine unwiderrufliche Beſtimmung in tiefer Angſt; dann warf er das Vuch mit Entrüſtung zu Boden und rief: „Verflucht ſei das ungerechte Geſetz, das mich in meiner Mutter Leibe zu Blutvergießen und Schande verurtheilt hat! O Menſchheit! iſt es denn wahr— Du haſt über meiner Wiege gerufen:— Dieſe Frucht gehört mir, denn es iſt des Henkers Erſtgeborener: man liefre ihn der Verachtung der Menge aus: er werde mit Blut und Schande bedeckt und lebe unter ſeinen Kindern, wie die Schlange, deren Anblick man mit Ab⸗ ſcheu flieht... „Scheußlichkeit! Während man dieß Urtheil über mich ausſprach, lachte ich der leuchtenden Sonne aus der Wiege entgegen!— Mein Vater, glauben ſie denn, daß meine Mut⸗ ter mich ohne Herz geboren, und daß es mich nicht ſchmerze, ſo unter dem Schmutz der Schande begraben zu ſein?“ „Die Verzweiflung treibt Dich zu weit, Geeraert,“ ant⸗ wortete der Vater ſeufzend. Ich verſtehe Deinen Schmerz wohl, er hat mich nun ſchon ſo lange gemartert; aber bedenke, daß der Scharfrichter in einer Gemeinde ſo nothwendig und die Unterwerfung unter Dein Schickſal Dir durch den Herrn be⸗ ſtimmt iſt; vielleicht wirſt Du darin Deine Ruhe finden.“ „Ruhe finden! Haſt Du Ruhe gefunden, mein Vater? 280 Iſt das die Ruhe, die Dich zum Grabe bringt? Sind es die Thränen der Ruhe und des Friedens, womit Du ſeit zwanzig Jahren das Haupt Deines Sohnes befeuchtet? O! verbirg mir die Schrecken meines Schickſales nicht: Du haſt den Muth gehabt, es ſo lange zu tragen, aber ich, Vater, ich fühle mich nicht ſo ſtark.... und doch, ſterben iſt ſterben: wenn der Tod uns morgen zugleich trifft, ſo werden unſere Seelen gleich frei und heiter zum Richterſtuhl des Herrn aufſteigen, um dort erſt glücklich zu werden.“ Der alte Scharfrichter hörte mit inniger Freude, daß ein Strahl von Hoffnung ſich in die Bruſt ſeines Sohnes ſenkte; er vermuthete es wenigſtens aus ſeinen Worten, und um ihn zu bewegen, ſich zur Ruhe zu begeben, ſagte er: „Das lange Sprechen hat mich ſehr ermüdet: ich will Dir noch einen Rath geben.— Wenn Du morgen auf das Schaffot ſteigſt, ſo betrachte nicht das Volk; denn all' die Augen, aus welchen nur blutſüchtige Neugier ſpricht, würden Dich beſtürzt und beben machen. Stelle Dir vor, Du ſeieſt allein mit dem Verurtheilten auf dem Schaffot und nehme die Art des Schlages wohl in Acht; denn wenn Du das Opfer nicht mit einem Schlage tödteſt, werden tauſend Stimmen ſich gegen Dich erheben— und ich werde Dich nicht lebend wieder⸗ ſehen. Ich will Gott bitten, daß er Dir aus Mitleiden die Kraft gebe, das ſchreckliche Werk zu vollbringen.— Geh', mein Sohn, mein Segen über Dich!“ Geeraert wollte in Klagen ausbrechen, doch er ſah, daß ſein Vater Thränen aus ſeinen Augen wiſchte und beſchloß, ſeinen Schmerz nicht zu vergrößern. Er wollte ſagen:„O! ich 281 werde zittern, ich kann nicht ſchlagen,“ doch er hielt es zurück aus Liebe zu ſeinem kranken Vater und ihn zärtlich umarmend, als ob er ſich auf ewig von ihm trennte, ſprach er mit tief⸗ ſter Rührung: „Schlafe ruhig, mein guter Vater, o, ſchlafe ruhig!“ In ſeine Kammer gekommen, ſchloß er die Thüre zu, ſetzte ſich vor einen Tiſch und legte das Haupt in die Hand; dann wandte er das Auge nach der Seite des Bettes und ohne dies oder etwas anderes zu betrachten, blieb er wie bewegungs⸗ los ſitzen. Als die Sonne am andern Tage das Zimmer mit ihren erſten Strahlen erleuchtete, fand ſie den unglücklichen Jüngling noch in derſelben Stellung vor dem Tiſche ſitzend, die Augen feſt auf ein bloßes Meſſer geheftet, das er zwiſchen ſeiner Hand hin und her rollen ließ, als ob er ſich an ſeinem Glitzern beluſtigte. 3. Es war ein ſchöner Frühlingstag; die Sonne glühte am lichten Himmel, deſſen warmen Azur nur hie und da ein wei⸗ ßes Wölkchen unterbrach. Die reine Luft wirkte kräftigend auf die Gemüther der Bürger von Antwerpen. Auf allen Straßen wimmelte es mit Spaziergängern, die die ſchönfarbigen Pfingſt⸗ kleider mit klopfendem Herzen angezogen hatten; die Kinder ſpielten luſtig auf den Straßen, und die im Sonnenſchein durch einander kreuzenden Schmetterlinge und Goldkäfer zeigten einen herrlichen Frühling, der dem Schooße der Natur ihre großen Reichthümer entlockte. 282 Um zehn Uhr hatte ſich das Volk bei der Liebfrauenkirche verſammelt, um die Pfingſtprozeſſion beginnen zu ſehen: mit entblößtem Haupte ſahen ſie die prächtigen Fahnen und reichen Standarten vorüber tragen, bis das Allerheiligſte nahte: da breiteten ſie alle ihre Tücher über die Steine des Marktes und knieten betend nieder. Während das glänzende Gold an den Gewändern und Stolen den Prieſter in den Augen des Volkes zum Heiligen erhob, vermehrte ein Geſang von ſchweren Män⸗ nerſtimmen die Rührung und in dieſem Augenblick war keiner unter der Menge, deſſen Geiſt ſich nicht in die Wohnung Got⸗ tes geträumt hätte. Unmittelbar nach der Prozeſſton folgten die Mitglieder der ſechs Gilden: zuerſt die Brüder der Fechtergilde, dann die der Kolveniere, dann die jungen und alten Armbruſtſchützen, alle in glänzendem Anzug und mit blinkenden Waffen.— Als dieſe vorüber waren, kam plötzlich eine große Bewegung unter das Volk; jeder ſuchte ſich größer zu machen und ſeinen Kopf über den des Andern zu erheben; man ſtieg auf Fenſter und Eckſteine und ein allgemeines Händeklatſchen bezeugte die Freude der Menge. „Der Umgang!— Da iſt der Umgang!“ Ihn eröffnete ein ungeſtalteter Fiſch, in gemaltem Waſſer ſchwimmend, der ſich langſam durch die gaffenden Zuſchauer auf dem Groote⸗Markte drängte. Auf dem Rücken ſaß ihm ein Kupido, auf deſſen Wink ſich die beiden Waſſerbrunnen über die neu⸗ gierige Menge zu großer Beluſtigung ergoßen. Auf den Wallfiſch folgte der Rieſe Druon⸗Antigon, der Kopf und Augen fürchterlich verdrehte, und in die Dachfenſter —— 283 der höchſten Häuſer blicken konnte. Dann folgten die Delphine, die Seewagen Neptuns. Europa auf dem Stier, der Parnaß, der Mädchenwagen, Fortuna auf dem Elephanten, das Kauf⸗ fahrteiſchiff und noch viele andere Allegorieen. Bei jeder neuen Erſcheinung wiederholten die Bürger ihr Händeklatſchen; bald um der Schönheit des Sinnbildes, bald um der Bekannten willen, die die Perſonen vorſtellten Das ſchöne Frühlingswetter begünſtigte die heitere Beluſti⸗ gung der Bürger von Antwerpen. Während dieſer fröhlichen Seene, welche überall Freude und Luſt erzeugte, erblicken wir in einem entfernten Hauſe der Stadt ein Schauſpiel ganz anderer Art. Der arme Geeraert ſaß wieder an dem Bette ſeines Va⸗ ters, ſtillſchweigend die Arme über die Bruſt gekreuzt und niedergebeugt von dem herben Schmerze; er war nicht mehr der Jüngling mit den ſchönen ſchwarzen Haaren, die ſeinem blaſſen Geſichte ſo viel Männliches gaben; er war alt gewor⸗ den wie ſein kranker Vater. Tiefe Furchen hatten ſein Geſicht durchzogen,... und etwas andres,— ſchreckliches Zeichen einer fürchterlichen Nacht:— ſeine Haare waren ſchneeweiß. Die Seelenqualen der letzten Zeit hatten ſeine Nerben ſo auf⸗ geregt, daß er bei dem geringſten Geräuſche ſchauernd bebte und jedesmal, wenn' die Glocke von St. Jakob eine Stunde mehr anzeigte, lief ein kalter Schweiß von ſeinem Antlitz und ſeine weißen Haare ſtanden zu Berge. Es war zwei Uhr; um ſechs Uhr ſollte die Hinrichtung ſtattfinden. „Mein unglücklicher Sohn,“ ſprach der Vater,„habe 284 Muth, eröffne mir Dein Herz; vielleicht werden meine Worte Dir einigen Troſt geben. Du ſitzſt ſchon ſo lange da, ohne zu ſprechen!“ Geeraert drückte zitternd die Hand ſeines Vaters. Er hörte an ſeinem Tone, daß das Schweigen ihn ſchmerzte. Mit dumpfer Stimme antwortete er ihm: „Mein Vater, ich meſſe den Abſtand, der mich von der ewigen Schande trennt. Noch vier Stunden und meine Hände rauchen vom Blute meines Nächſten. O ſchreckliche Gewißheit! Dann iſt der Weg des Lebens unwiderruflich hinter mir ge⸗ ſchloſſen. Es gibt keinen Rückweg mehr, ich muß fortſchreiten, ohne umzuſehen, auf der Bahn der Schande und Verachtung und wenn ein mitleidiger Menſch— eine Frau, o Lina, Lina!— wenn ein Menſch mir ſeine Hand reicht, darf ich ihm mit der meinigen nicht danken!— Vater, ich kann es nicht ausdrücken, was ich fühle, meine Sinne vergehen mir. Dieſe Nacht hab' ich die Hand nach dem Meſſer ausgeſtreckt, das mich tödten ſollte!— aber ich glaubte Deine Hand zu ſehen, die mich davon zurückhielt.“ Während dieſer Worte liefen die Thränen über die Wan⸗ gen des alten Scharfrichters. Mit bittender Stimme rief er: „Mein Sohn, denk' an meine Krankheit und was ich leiden muß bei Deinen Worten. Weißt Du wohl, Geeraert, daß Du mir Deinen gewiſſen Tod ankündigſt? Und daß Du mir ſagſt:— Dieſen Abend wird mein Leichnam von dem raſenden Volke in Stücke gehauen und Du, mein Vater, wirſt meine zerſtreuten Glieder auf dem Galgenfeld nicht mehr finden können; denn meine Leiche wird das Volk mit den Füßen zer⸗ 285 malmen? Weißt Du, daß Deine Worte mir das Schrecklichſte wahrſagen?“ „Ja, ich weiß es,“ antwortete Geeraert mit hartnäckiger Kälte, die den alten Vater ſchauern machte. 2 Nachdem richtete er ſich halb im Bette auf und ſeinen Sohn an ſich ziehend, umarmte er ihn unter bittern Thränen. „O Geeraert,“ rief er,„ich verſtehe Dich, Du willſt ſterben! Du findeſt Freude an dem ſündigen Gedanken, an dem ſchrecklichen Traume. Freiwillig gibſt Du Dich der Raſerei der Menge zum Beſten.... Und ich alt und allein ſoll auf der Welt bleiben. Du willſt mich dem Unglück überlaſſen? Dachteſt Du nicht an die Undankbarkeit, die in Deinem Vor⸗ ſatze liegt, Geeraert?“ Dieſe Worte machten einen tiefen Eindruck auf den Jüng⸗ ling. Der Gedanke, dieſes Tages zu ſterben, hatte ihm die ganze Nacht zugelacht und jetzt mußte er aus Liebe zu ſeinem Vater alles anwenden, um ein Leben zu erhalten, das ihm läſtig war. „Mein Vater,“ ſagte er,„o vergib mir, ich weiß meine Pflicht. Wohlan! ich will mit Muth das Schaffot beſteigen. Mögen alle Schmach und Schande, die ein Menſch tragen kann, auf mich fallen, ich will ihnen Stand halten! Nun fürchte ich nichts mehr; bereit, den Schlag mit Kälte zu vollführen, will ich meine Hand in das Blut meiner Brüder tauchen, ohne daß ein Gefühl von Schauer über mich komme. Es iſt geſagt,— ſie haben es gewollt! Weine nicht mehr, mein Va⸗ ter, Dein Sohn wird Henker werden und mit einem Hen⸗ kersherzen!“ 286 Man hätte glauben ſollen ein ſtarker Geiſt ſei über Geeraert gekommen, aber dem war nicht ſo. Geeraert betrog ſich ſelbſt und ſeinen Vater und ſeine Worte waren nur der Aus⸗ fluß eines augenblicklichen Wahnwitzes, der ihn befangen hatte, als er ſich zwiſchen zwei Beſchlüſſen zu wählen gezwungen ſah, die ihm gleich ſchrecklich waren. Schon ſeine Haltung zeigte, daß nicht der Muth aus ihm ſprach, denn er zitterte am gan⸗ zen Leibe und als er zu ſeinem Vater ſagte:„Weine nicht!“ floßen ihm die Thränen über die Wangen. A. Es war ſechs Uhr des Abends, als der Schiffer Harmen hingerichtet werden ſollte. Lange zuvor ſchon ſah man zahlreiche Volkshaufen aus dem St. Georgsthore dem Galgenfeld zuſtrömen, um dem ſchreck⸗ lichen Schauſpiele anzuwohnen.— Nichts lockt das Volk mehr an als die Hoffnung, einen Kopf grinſend von dem Schaffot rollen ſehen zu können, während das bergoſſene Blut den Bo⸗ den röthet. Schauerliches Vergnügen! ſchreckliche Neugier, die ſich an der Hinrichtung eines Menſchen ergbtzt. Das Galgenfeld ſelbſt war gedrängt voll mit Menſchen, Frauen von allen Ständen und Altersklaſſen befanden ſich da mit ihren Kindern, und der alte Greis, der ſonſt nie aus der Ecke ſeines Zimmers herausgekommen, hatte die letzten Kräfte angeſtrengt, um ſeine lahmen Glieder unter das Schaffot zu ſchleppen und dem blutigen Schauſpiele einer Hinrichtung an⸗ zuwohnen.— Schäckernd und lachend wartete die Menge, wäh⸗ rend Galgen und Räder über ihren Köpfen prunkten. 287 Unter dem dichtgedrängten Volke ſtand Lina nahe am Schaffote: ihr Herz klopfte laut in dem bangen Buſen und bald hätte ſie geweint, trotz dem Volk, das ſie umringte: wäre ſie nicht gekommen geweſen, um Geeraert muthig zu machen und hätte ſie nicht gefühlt, wie wenig Thränen dazu taugen. Ihr Bruder Franz befand ſich an ihrer Seite, hübſch geklei⸗ det, mit einem breiten Hute auf dem Kopfe und einem brau⸗ nen Mantel auf den Schultern, wie ihn die meiſten Bürger jener Zeit trugen. Lina hatte ihm die ſchreckliche Gefahr Geeraerts geſchildert, und er in ſeiner leicht erregbaren Her⸗ zensgüte hatte unwiderruflich geſchworen, dem den Kopf einzu⸗ ſchlagen, der den erſten Stein nach dem Scharfrichter wer⸗ fen würde. Da es ſchon ſpät war und bereits zu dunkeln begann waren die Henkersknechte geſchäftig, auf dem Schaffote Alles herzurichten, damit man nicht mehr lange warten dürfe. In dieſem Augenblicke fuhr der Henkerskarren durch das Volk und wurde durch ein allgemeines Geräuſch angekündigt. Der verurtheilte Harmen, in ſchwarze Leinwand gekleidet, ſaß mit einem Prie⸗ ſter im hintern Raum des Wagens. Geeraert mit dem gro⸗ ßen Schwert befand ſich mit ſeinem Knechte auf dem vor⸗ dern Sitze. Es iſt unmöglich zu ſagen, was in dem Innern des Scharfrichters vorging, da auf ſeinem Geſichte ſich nichts ab⸗ ſpiegelte; er hatte ſeine Blicke zur Erde niedergeſchlagen, und ſah nicht auf das Volk. Und in der That, wenn das Schwert ihn nicht kenntlich gemacht hätte, würde man nicht haben ſa⸗ gen können, wer von beiden, ob er oder Harmen, der Verur⸗ 288 theilte ſei. Glücklicher Weiſe hatte der Vater ihm gerathen, ſich das Haar abſchneiden zu laſſen, ſonſt hätte das Volk ihn jetzt ſchon verhöhnt und verſpottet. Geeraert beſtieg das Schaf⸗ fot, ohne es zu wiſſen und war ſo ſehr im Geiſte abweſend, daß er nichts ſah, auch Lina nicht, obwohl ſie ihm mehre⸗ mal durch ihren Bruder Zeichen geben ließ. Die Henkersknechte wollten den Verurtheilten von dem Karren auf das Schaffot führen, aber dieſer gab vor, er habe ſeine Beichte noch nicht geendet, und daß er nun erſt ſein Ge⸗ wiſſen ganz reinigen möchte, da er wohl ſehe, daß es keine Be⸗ gnadigung mehr für ihn gebe. Vielleicht hoffte er in der Dun⸗ kelheit ſeine Freiheit erlangen zu können; denn ſchon konnten die, welche etwas ferne vom Schaffote ſtanden, daſſelbe nicht mehr wohl ſehen. Das Volk fürchtend, daß die Dunkelheit ihm das ſchöne Schauſpiel entziehen möchte, begann laut die Vollziehung des Urtheils zu fordern. Da brachte man den Verurtheilten mit Gewalt auf das Schaffot und hieß ihn niederknieen. Der Knecht des Scharfrichters entblößte den Hals des Verurtheilten und deutete mit einem bezeichnenden Blicke darauf, als wollte er ſagen:„Meiſter, ſchlaget hierher!“ Beim Anblick des nackten Fleiſches, in das er ſchlagen ſollte, erwachte Geeraert aus ſeinem dumpfen Traume. Seine Glieder begannen zu zittern, daß das Schaffot davon erbebte und das Schwert fiel ihm aus der Hand. Der Knecht raffte den Mordſtahl wieder auf und gab ihn ſeinem Meiſter zurück, der ihn krampfhaft in der Hand bewegte. Die rothe Ruthe des Halsgerichtsbeamten gab das Zeichen, aber Geeraert hörte weder ſeine Stimme, noch ſah er die Ruthe 289 fallen. Da rief der Knecht, während ſchon ein Murmeln von ſchlimmer Vorbedeutung durch das Volk lief: „Schnell, Meiſter, ſchnell!“ Wit all dem Muthe, aller der Kraft, die ihm noch übrig geblieben, erhob Geeraert das Schwert über dem Haupte des Verurtheilten, mit dem feſten Vorſatz, wacker zuzuſchlagen. Der Unglückliche wußte nicht, wo er ſich befand, was er that, noch was er dachte; ganz verloren in Scham und Schrecken, hatte ihn eine Wuth ergriffen, die ihn zu einem Schlage ausholen ließ, wie nie einer auf dem Schaffot geführt worden; aber im ſel⸗ ben Augenblick wandte der Verurtheilte den Kopf und ſtieß einen jämmerlichen Schrei aus, als er das drohende Schwert ſah. Da verlor Geeraert all' ſeinen Muth wieder und er ließ das Schwert auf Harmens Leib fallen, aber ſo ohne Kraft, daß es ihn nicht verwundete. Der Verbrecher, der bei dem Fallen des Schwertes einen eiskalten Schauer über den Leib laufen fühlte, ſprang plötzlich empor und ſeine Arme nach dem Volke ausſtreckend, rief er um Hülfe, weil man ihn muthwillig martere.. Und nichts hielt mehr die Wuth des Volkes zurück. „Schlagt ihn todt! ſchlagt ihn todt, den Menſchenquäler!“ war Alles, was man hörte. Steine flogen um Geeraerts Haupt, doch nur in geringer Menge, denn es waren nur wenig auf dem Galgenfelde zu finden. Der verſtummte Jüngling trat vorne an das Schaffot, kreuzte die Arme übereinander und ſich äls Märthrer hinſtel⸗ lend, der ſterben will, rief er mit kräftiger Stimme: „Da, wirf mich todt, blutdürſtiges Volk!“ Der Erzähler. 1846. 1. 19 Dieß trieb die Wuth der Menge auf die Spitze; die Frauen, Kinder und die beſſeren Bürger flohen nach allen Seiten des Galgenfeldes und es blieb nur noch der Abſchaum der Stadt, der böswillige und wüthende Pöbel, der mit unge⸗ meiner Gewalt ſich nach dem Schaffot drängte, und den Hen⸗ ker, trotz dem Widerſtreben der Gerichtsdiener, herabholen wollte. Es war ein Geſchrei und ein Gewühl, daß man we⸗ der hörte, noch ſah. Um den Scharfrichter hatten ſich auf dem Schaffote die Gerichtsdiener aufgepflanzt, in der Abſicht, ihn zu beſchirmen; aber beſonders auch, um den Verurtheilten feſtzuhalten, der mit Gewalt loszukommen ſuchte. In dieſem Augenblick ſtieg ein Mann langſam auf das Schaffot, und in die Nähe des Scharfrichters gekommen, raunte er ihm die Worte in's Ohr: „Geeraert, Lina beſchwört Dich bei Gott und Deiner Liebe zu ihr, daß Du noch einmal mit ihr ſprecheſt, ſie ſteht da unten— folge mir!“ Dann ſprang er zur rechten Seite unter das Volk, um Geeraert den Ort zu zeigen. Der junge Scharfrichter folgte dem Gedanken der Liebe; konnte er der guten Geliebten das letzte Lebewohl verſagen, ehe er ſterben würde: er lief das Schaffot hinab zu Lina, die daneben ſtand. Franz, der ihn gerufen hatte, warf ihm raſch den Mantel um die Schultern und ſetzte ihm ſeinen Hut aufs Haupt, dann den Arm Linas in den Geeraerts legend, ſprach er leiſe zu ihm: „Geht ruhig und muthig durch das Volk und in den Buſch hinter dem zweiten Schnellgalgen!“ Als er ſah, daß Lina ſeinem Befehle gehorchte und 294 Geeraert ſich ſprachlos leiten ließ, lief er guf die andere Seite des Schaffots und erhob da ein ſolches Geſlhhei daß die Menge, in der Meinung, er habe den Scharfrichter, ſtürmiſch nach der Seite drängte und Lina und Geeraert freien Weg ließ. Franz rief indeß mit aller Macht: „Schlagt ihn todt, ſchlagt ihn todt! Hier der Menſchen⸗ guäler. Seine Leiche wollen wir haben.“ Dann warf er wieder mit Steinen nach den Gerichts⸗ dienern und raste, wie ein Beſeſſener. Dieſer Lärm und die Dunkelheit ließen Lina ihren Geliebten aus dem Gedränge führen, vhne daß man ihn erkannte; denn der Hut und Fran⸗ zens Mantel bedeckten hinlänglich das Gewand des Scharf⸗ richters. Ehe die zwei Geliebten aber den Buſch erreicht hat⸗ ten, war der Pöbel bis auf das Schaffot gedrungen, hatte den Verurtheilten erlöst und laufen laſſen, nach dem Scharf⸗ richter mit Gewalt verlangend, indem man die Gerichtsdiener mißhandelte, um ſie zum Geſtändniß zu zwingen, wo der Schapfrichter ſich befinde. Ein Mann, der Franzens That bemerkt hatte, als dieſer den Mantel über Geeraerts Schultern warf, war der Frau mit dem verkleideten Manne mit den Au⸗ gen gefolgt und ſchloß richtig, daß dies der Scharfrichter ſein müſſe. Eilig lief er ihnen deßhalb nach durch das Galgenfeld, bis er endlich Lina mit Geeraert hinter dem Buſche verſchwin⸗ den ſah. Fluchend vor Freude und Zorn ſtürzte er auf die Liebenden los und Geeraerts Mantel herunterreißend, ſah er des Henkers Gewand. Ohne ein Wort zu verlieren, hob er ſeinen ſchweren Stock in die Höhe und gab dem Jüngling einen ſo harten Schlag auf den Kopf, daß er zu Boden ſtürzte. Der Mörder wo noch weiter ſeine Wuth an dem Opfer ſeines Haſſes auslaſſen, aber Lina warf ſich ihm entge⸗ gen und mit ihren beiden Armen ihn umſchlingend machte ſie ihm jede weitere Bewegung unmöglich. Der Anblick des Geliebten, der bewegungslos zu ihren Füßen lag, hatte ihr die Kraft dazu gegeben, und wiſſend, daß es beſſer, mit einem einzigen Feinde zu thun zu haben, als mit vielen, ließ ſie keinen einzigen Laut von ſich hören, um Niemand herbei zu locken. Glücklicherweiſe übertönte das Geſchrei des Pöbels die Flüche von Geeraerts Mörder. In dem Augenblicke, als ſie ihre letzten Kräfte anſtrengte und fühlte, daß ſie kaum länger widerſtehen könnte, kam Franz ihr Bruder gerade hinter dem Verſtecke hervor und ſah ſeine Schweſter mit einem Unbe⸗ kannten ringen; ein Blick auf Geeraert löste ihm das Räthſel des Vorgangs. Ein wüthender Racheſchrei entflog ſeiner Bruſt und ehe Lina ihn bemerkt hatte, ſprang er herbei und mit ſeinen zwei ſtarken Händen den Unbekannten bei den Schultern faſſend, riß er ihn rückwärts auf den Boden. „Lina,“ rief er, während er den niedergeworfenen Mann nach dem Galgenfelde ſchleppte,„trage Geeraert in das Ge⸗ 3 büſch; wenn er noch lebt, iſt er für immer gerettet und er⸗ löst.— Spute Dich!“ Bei dieſen Worten ſchleppte er ſeinen Feind ſo raſch mit ſich fort, daß dieſer ſich an nichts feſthalten konnte. So⸗ 293 bald Franz ſich unter dem Volk befand, begann er überlaut zu ſchreien, ſein Opfer immer weiter ſchleßpend: „Der Henker, da der Henker!“ „Schlagt ihn todt, ſchlagt ihn todt!“ ertönte es von allen Seiten und Alles lief hinter Franz drein, um der Ab⸗ ſchlachtung beizuwohnen. Und als ſich Lina's Bruder vom raſenden Volke dicht umringt ſah, warf er den Mann, den er bei den Füßen fortzog, mitten unter ſie, ihnen zurufend: „Da iſt der Scharfrichter!“ „Schlagt ihn todt! ſchlagt ihn todt!“ Und hunderte von Schlägen mit allen Waffen fielen auf den heulenden Mann, der in der Dunkelheit für den rechten Henker angeſehen wurde, da ſein Flehen in dem ungeheuren Getöſe nicht gehört wurde. Er lebte keine Viertelſtunde mehr; die Kleider wurden ihm vom Leibe geriſſen und ſein Körper ſo zerſtümmelt, daß er nicht mehr zu erkennen war. Franz ließ das tolle Volk bei ſeiner ſchauerlichen That und kam nach einiger Zeit zu ſeiner Schweſler zurück, die neben ihrem Geliebten ſaß und den Herrn um Gnade für ihn bat; er fand, bei der Unterſuchung von Geeraerts Zuſtand, daß das Herz noch klopfte, und daß nur eine Betäubung ihn des Gefühles beraubt hatte. Seine Schweſter verlaſſend, lief er nach einer Gracht und beſpritzte mit Waſſer das Antlitz und die Bruſt Geeraerts, der nach und nach wieder zu ſich kam. Das Erſte, was er bei ſeinem Erwachen fühlte, war der Kuß ſeiner lieben Lina, die beinahe vor Freude verging und keine Worte finden konnte, um ihre Gefühle auszu⸗ ſprechen. 294 Sobald Geeraert ſeine Kräfte wieder gewonnen, entfernten ſie ſich heimlich odn dem Orte und kehrten in die Stadt zu⸗ rück, wo Geeraert ſich in dem Hauſe ſeiner Geliebten bis tief in die Nacht verborgen hielt. Als die gefürchtete Mitternachts⸗ ſtunde angebrochen, ging er, von Franz begleitet, nach der Wohnung ſeines Vaters und trat unerwartet in das Zimmer. Der alte Scharfrichter, der weinend auf dem Bette den Tod ſeines Sohnes betrauerte, hielt, was er ſah, für einen trügeriſchen Traum; aber als die heftige Umarmung ihn über⸗ zeugt hatte, daß es Wahrheit ſei, glaubte er vor Freude ſter⸗ ben zu müſſen.— „Mein Sohn, mein Sohn!“ rief er,„Du begreifſt Dein Glück nicht. Nicht allein von der Marter biſt Du erlöst, auch von aller Schmach und Schande. Der Fluch, der auf unſerem Geſchlechte ruht, iſt gelöst mit dem Tode und.. Du biſt todt, mein Sohn!“ „Und ich habe noch kein Blut vergoſſen!“ rief Geergert freudig drein. „Geh' und wohne ferne von Deinen ungerechten Brüdern,“ begann der Vater wieder,„verlaſſ. Antwerpen, heirathe Deine gute Lina, liebe ſie immer;— und der Himmel ſchenke Dir reiche Nachkommenſchaft. Deine Söhne werden nicht mehr ge⸗ borene Henker ſein und Du wirſt nicht über Deine Kinder weinen, wie ich über Dich geweint habe. Die Erſparniſſe meiner Väter bewahren Dich für immer vor Armuth; ge⸗ brauche ſie wohl und lebe glücklich...“ Seine Stimme brach nach und nach von der heftigen Gemüthsbewegung. Geeraert hing an dem Halſe ſeines Vaters 295 und ſtammelte ſeinen Dank; denn ſeinem Entzücken und ſei⸗ ner Freude gebrach es an allen Worten. Lange noch nach dieſer Zeit lebte zu Brüſſel, unter an⸗ derem Namen, der Sohn des Scharfrichters, glücklich mit ſeiner Lina, die er immer gleich zärtlich liebte.— Und als er endlich auf dem Todtenbette lag, umringten zahlreiche und tugendhafte Kinder die letzte Lagerſtätte ihres Vaters. Züge aus dem Leben des Tages. Von Clementi. Vorbemerkung⸗ Die Ueberſchrift:„Züge aus dem Leben des Tages“ ſoll eine ſtehende ſein, die nach Maßgabe des ſich darbietenden Stoffes auch in den folgenden Bänden des Etzählers,(wenn vielleicht nicht gerade in jedem,) einzelne Begebenheiten von nobellenartigem Inhalt zu umfaſſen hat, und zwar Begeben⸗ heiten aus dem Leben der Gegenwart. Doch möge der Leſer den novellenartigen Inhalt nicht unter künſtleriſch abgerundeter Form erwarten, ſondern gerade nur, wie ihn der flüchtige Augenblick ganz zufällig darbietet; und den Ausdruck„Nooelle“ ſelbſt deute er hier in der Art, wie ihn die älteren Erzähler Italiens und Frankreichs genommen haben: als ein Stückchen Leben, mit raſcher Hand herausgegriffen, bemerkenswerth durch irgend eine Eigenthümlichkeit, ſei es der Vegebenheit ſelbſt oder der Nebenumſtände, ſei es der handelnden Perſönlichkeiten. — Wie ein Maler auf der Wanderſchaft bald ein auffallendes Geſicht, bald ein Haus, bald einen Brunnen oder einen Baum in ſein Skizzenbuch zeichnet, ſo nehmen auch wir in unſer Album Stoffe und Beſtandtheile zu größeren Gemälden auf, die einmal zuſammenzuſetzen und auszuführen Andern über⸗ laſſen ſei. Die erſte unſerer Skizzen trägt die Ueberſchrift: „Der Dadian von Mingrelien.“ 2 Der Dadian von Mingrelien. —5—— ewinn heißt die Loſung des Tages. Namentlich ſind in Frankreich die Zeiten vergeſſen, in denen einſt ein verarmter Edelmann ſeinen Degen zu den Stufen des Thrones niederlegte, und ſeinen Adelstitel dem König aufzuheben gab, um unter bürgerlichem Namen Kauf⸗ mannſchaft zu treiben, und ſpäterhin, da er mit großem Vermögen aus Indien zurückge⸗ kommen, Titel und Degen wieder zu begehren. Heutzutag ſchämt ſich in Frankreich kein Fürſt . und kein Prinz, ſeine Capitaljen an mehr oder minder gewagte Unternehmungen zu ſetzen, um möglichſt großen Nutzen daraus zu ziehen, und die Staats⸗ umwälzung, welche den landſäſſigen Adel ſeiner exerbten Vor⸗ rechte beraubte, hat ihn zugleich ſeiner angeſtammten Obliegen⸗ heit entbunden: Aufmerkſamkeit und Kräfte dem Landbau zu⸗ zuwenden.— Fabriken, Kanalbauten, Eiſenbahnen zählen zu 298 ihren Betheiligten die wohlklingendſten Namen von Frankreich, und ſo darf es uns nicht wundern, auch einen Marquis bei einem Unternehmen betheiligt zu ſehen, deſſen Verlauf wir hier im Auszug berichten wollen, weil es vom Urſprung bis zum Ende Bildung, Sitten und ſonſtige Eigenthümlichkeiten beleuchtet. Wir laſſen in der Hauptſache unſern Gewährs⸗ mann, den Pariſer Anwalt Nogent⸗Saint⸗Laurens reden, und werden größtentheils der eigenen Einſicht unſerer Leſer die ſich aufdrängenden Bemerkungen über merkwürdige Verſtöße über⸗ laſſen müſſen, von denen es in den Vorſtellungen aller Be⸗ theiligten wimmelt. — Im Jahr 1844 faßten ein paar Perſonen, ein Poſtbeamter Delacvur und der Marquis von Preigne, Mitglied der zweiten Kammer, den kühnen Plan zu einer gewagten Unternehmung. Sie hatten vernommen: daß es in den kau⸗ kaſiſchen Landen einen Landſtrich gebe, der, heutzutag Min⸗ grelien geheißen, das alte Königreich Kolchis ſei. Da gebe es keine Geſittung, ſondern nur Naturzuſtände in allen Bezieh⸗ ungen. Der Mingreliſche Edelmann treibe nichts als das Waidwerk, und es heiße dort im Sprichwort: ein wackres Roß, ein guter Hund und ein tüchtiger Falk machen des Menſchen Glückſeligkeit aus.— Das Land aber werde von Leibeigenen bebaut, die ſchlechter gehalten würden wie die Hunde. Der Beherrſcher dieſes Barbarenreichs(beſagen unſere Quellen weiter) heißt der Dadian, was ſo viel bedeutet als: Herr des Meeres. Ob er wirklich zur See viel zu ſagen habe, wiſſen wir nicht, aber herrliche Waldungen beſitzt er, „ * 299 das iſt ſicher. Buchen, Eichen, Ulmen erreichen in Mingre⸗ lien eine unglaubliche Größe. Der gegenwärtige Fürſt des Landes iſt der Dadian Da⸗ vid; mit ihm beſchloſſen die obengenannten Herren in Unter⸗ handlung zu treten und ihm Holz abzukaufen, um es dann weiter zu verwerthen. Die erſte Sorge mußte ſein: jemand zum Dadian zu ſenden. Doch wen? Es handelte ſich um eine weite Reiſe in unbekannte Länder, wo es nicht Weg, nicht Steg, noch we⸗ niger Eilwagen oder Dampfbvote gibt, der Eiſenbahnen zu geſchweigen. Es galt, die Hölzer bedeutender Waldungen ab⸗ zuſchätzen, deren öde Wildniß noch keines Vermeſſers Fuß be⸗ trat, und dann mit einem Barbarenhäuptling zu verhandeln, dem unſere Sprache, unſere Sitten und Geſetz gänzlich fremd ſind.— Die Wahl war ſchwierig genug, und fiel auf einen gewiſſen Montandon, einen Poſtbeamten, der zu Marſeille mit einer Frau lebte, die er ihrem Ehemann entführt hatte. Die Poſtbehörde hatte ihn mit einem Monatsgeld von 300 Fran⸗ ken einſtweilen in Ruheſtand verſetzt, um Gras über die är⸗ gerliche Entführungsgeſchichte wachſen zu laſſen. Dieſem Montandon ſchlug Delacvur vor, nach Georgien zu gehen und dem Dadian die Waldungen abzukaufen. Zwei Monate Zeit, dreitauſend Franken Geld würden zur Reiſe hinreichen, ſchrieb Delacour, und er habe von den Vorgeſetzten der Poſtbehörde den nöthigen Urlaub bereits in mündlicher Unterredung erwirkt. Wenn Montandon den Vorſchlag ein⸗ gehe, ſo ſolle er die 3000 Franken in einem Wechſel auf Konſtantinopel erhalten. 300 Montandon ſchrieb zurück: er ſei bereit dazu. Am 10. October 1844 ſchrieb Delacour, wenn Mon⸗ tandon die Sendung übernehme, ſo müſſe er ſchon am 21. d. M. mit dem Dampfſchiff nach Malta abgehen. Von Malta nach Konſtantinopel, von Konſtantinopel nach Trapezunt, von da endlich nach Redoute⸗Kaleh, einem Mingreliſchen Hafen⸗ platz unfern des fürſtlichen Wohnſitzes. Die Sache erheiſche Eile, Eifer und ſogar diplomatiſchen Geiſt, da ſich eine ge⸗ fährliche Mitbewerbung aufgethan. Es ſei ſogar möglich, daß Montandon ſchon auf dem Schiff mit einem gewiſſen Bechenec zuſammentreffe, der auch Hölzer kaufen ſolle. Vor dieſem mög' er auf der Hut ſein. In einem folgenden Schreiben Delacours wird Montan⸗ don unterrichtet: der, welcher ihn abſende, ſei der Marquis von Preigne, der aber durchaus nicht mit dem Beauftragten unmittelbar verkehren wolle. Alle Briefe ſeien an ihn, De⸗ lacvur, zu richten; ferner werde Montandon zwar ſeine Voll⸗ machten, unterzeichnet und beſiegelt vom Marquis, ſchon zu Marſeille erhalten, dennoch habe er ſie erſt von Konſtantinopel als dort empfangen zu beſcheinigen, ſo wie überhaupt ſeinen erſten Brief an die Geſellſchaft von Malta aus zu richten. Das Begehren war wunderlich, dennoch ging Montandon darauf ein, ohne ſich weiter um die Urſache zu bekümmern, und ging am 21. October an Vord, nachdem er mit den Vollmachten auch Geſchenke für den Dadian und deſſen Um⸗ gebungen erhalten hatte. Wir können uns das Vergnügen nicht verſagen, aus der Ueberſicht dieſer Geſchenke Einiges zu erwähnen. Sie beſtanden 301 unter anderem in einem Schnapps⸗Kiſtchen, Auswahl von Briefpapier, Uhrenhalter, Nähliſtchen, Fächern, Weiberſchuhen, Zuckerdoſen, ſechs Trinkgläſern von verſchiedenen Farben, Spiel⸗ doſen, Schrotbeuteln, achtzehn Scheeren, vier Schreibzeugen, zwölf paar Strümpfen, 24 Paar Handſchuhen, ſechs Pulber⸗ hörnern, eben ſo viel Spiegeln, etlichen Theetaſſen u. ſ. w. Man denkt bei dem Verzeichniß unwillkürlich an bunte Glas⸗ perlen für Rothhäute oder Neger. Die Vollmachten zerfallen in drei Abtheilungen. Die erſte Abtheilung enthält die Vorſchrift zur Abfaſſung der Verträge mit dem Fürſten von Mingrelien oder ſonſtigen Waldbeſitzern. Die zweite zeichnet dem Bevollmächtigten ſeine Reiſe vor, und iſt ein viel zu merkwürdiges Stück Arbeit, als daß wir nicht einen Auszug daraus mittheilen ſollten. „Von Trapezunt,“ heißt es darin:„geht man für ein Billiges mit türkiſchen Küſtenfahrern nach Redoute⸗Kaleh. Dort muß Quarantaine von einigen Tagen gehalten werden, die ſich noch abkürzen läßt durch gutes Einvernehmen mit dem Oberaufſeher. Zu Redoute⸗Kaleh finden ſich immer verſchiedene Italiener oder ſonſtige Fremde, die einem zu einem Dolmetſcher verhelfen können. Es wäre gut, nach der Entlaſſung aus dem Lazareth dem erſten Mauthbeamten einen Beſuch abzuſtatten; ihn zum Eſſen einzuladen, dürfte auch von Nutzen ſein, aber wahrſcheinlich iſt gar kein Gaſthof zur Hand. Wichtig iſt es, von den Abſichten beim Dadian nichts verlauten zu laſſen.— In Mingrelien angelangt, muß man dem Fürſten oder ſeinem Sohne zu wiſſen thun: ein franzöſiſcher Reiſender wünſche ihm 1* 302 aufzuwarten. Dem Fürſten, ſeinem Sohne und ſogar den erſten Hofdienern müſſen Geſchenke mitgebracht werden.— Ich ver⸗ gaß zu erwähnen, daß der Befehlshaber von Redoute⸗Kaleh auch Geſchenke erhalten ſollte, Kleinigkeiten für ſeine Frau, wenn er verheirathet iſt, für ſich ſelbſt Champagner und Rhum. — Der Dadian wird nicht ermangeln, ein bewaffnetes Geleit zur Beſichtigung des Landes zu bewilligen, und bei dieſer Ge⸗ legenheit kann man die Waldungen unterſuchen, und ſich durch den Dolmetſcher über die Eigenthümlichkeiten der Witterung, über Verbindungswege und derlei mehr unterrichten.“ Kleinigkeiten! Hat der Mann nicht zwei volle Monden Zeit und dreitauſend Franken zur Verfügung, um das alles in's Werk zu richten? Eben ſo merkwürdig iſt der Inhalt der dritten Abtheilung, worin unter andern folgende Sätze vorkommen, auf deren Rich⸗ tigkeit der ganze Plan ſich gründet: „Mingrelien iſt ein unabhängiges Reich.. Der Dadian ununſchränkter Herrſcher... Eigen⸗ thümer der meiſten Waldungen, deren übriger ge⸗ ringerer Theil kleinen von ihm abhängigen Für⸗ ſten gehört.“ Ohne den geringſten Zweifel in die Richtigkeit dieſer An⸗ gaben zu ſetzen, reiste Montandon ab, und hätte ſich nicht im Traume einfallen laſſen, daß Mingrelien unter ruſſiſcher Ober⸗ herrlichkeit ſteht, welche Unwiſſenheit ihm ſpäter hinlänglichen Verdruß bereitete. An Bord des Dampfbvotes, das ihn nach Malta bringen ſollte, traf der geheime Abgeſandte des Marquis von Preigne 303 mit jenem Bechenec zuſammen, auf welchen er bereits auf⸗ merkſam gemacht worden. Mit Bechenec reisten die beiden Herren von Roſemordue, Vater und Sohn. Montandon iſt zwar unwiſſend und leichtgläubig in hohem Grade, wie wir geſehen haben, aber dabei nicht ohne natürliche Verſchlagenheit, vermöge deren es ihm gelingt, ſeine Reiſege⸗ gefährten auszuhorchen, ſo daß er von Malta aus an ſeine Auftraggeber berichten kann: Bechenec gehe mit ſeinen Beglei⸗ tern nach Imeretien, um eine Erlaubniß auszubeuten, welche einſt der verſtorbene Conſul Gamba vom Kaiſer Alexander er⸗ halten; zugleich ſei ſein Zweck, dem Dadian Hölzer auf dem Stamm abzukaufen, und er habe deshalb ſchon mit einem ge⸗ wiſſen Circowich in Paris Unterhandlungen angeknüpft. Die⸗ ſer Circowich nämlich habe von Dadian ſich das Recht er⸗ wirkt, fünf Jahre lang mit Ausſchluß aller Mitbewerber in den Wäldern ſo viel Holz zu fällen, als ihm beliebe; da es ihm jedoch an den Mitteln fehle, das Geſchäft in großartigem Maßſtab zu betreiben, ſo wolle er die Hälfte ſeines Rechtes für 25,000 Franken abtreten. Die Unterhandlung ſchwebe noch, es ſei daher möglich, die Nebenbuhler bei Circowich aus⸗ zuſtechen; auf welche Weiſe man ſchon zum Voraus feſten Fuß in Mingrelien faſſen könne, während andererſeits an Circowichs Privilegium alle Bemühungen ſcheitern müßten. Am 4. November landet Montandon im Hafen von Kon⸗ ſtantinopel, ermüdet und angegriffen von der Reiſe, aber voll Feuereifer, ſeine Aufträge zu vollführen. Das Poſtſchiff nach Trapezunt ſoll am nächſten Tag abgehen, und der Reiſende innerhalb ſechsunddreißig Stunden wieder unter Segel ſein⸗ 304 oder acht Tage liegen bleiben. Er muß das erſtere vorziehen, um vor Bechenec und den Herrn von Roſemordue einen Vor⸗ ſprung zu gewinnen. Sie führen unberhältnißmäßig viel Gepäck mit ſich, und können alſo nicht ſo ſchnell, wie er, die Um⸗ ladung beſorgen. Dafür muß er große Mühe aufwenden und darf kein Geld ſparen, um Pelzwerk zu erhalten, denn ohne ſolches kann er in der rauhen Jahreszeit das unwirthliche Land nicht betreten.— Daß er nicht auch für einen ruſſiſchen Paß ſorgt, iſt nicht ſeine Schuld; Mingrelien iſt ja ein unabhän⸗ giges Reich, wie die wohlweiſen Herrn zu Paris ihm ſagten. Sonſt hätte er ja eben ſo gut einen Paß verlangt, als z. B. etliche Gabeln gekauft, um in Mingrelien nicht mit den Fin⸗ gern eſſen zu müſſen. Der eilfertige Montandon erreichte am 8. November Tra⸗ pezunt, und hatte alſo in der That einen allerliebſten Vorſprung vor Bechenec, der ſich noch Stambuls Herrlichkeiten beſah. Doch bald ſollte ſein Triumph ſich in Niedergeſchlagenheit ver⸗ kehren, und eine erſte Enttäuſchung ihm werden. Der fran⸗ zöſiſche Conſul, Herr von Clairambault, fragte nach dem ruſ⸗ ſiſchen Viſa auf dem Paß, ohne welches niemand nach Geor⸗ gien hineindürfe, denn der Dadian ſei keinesweges ein unab⸗ hängiger Fürſt. Das war ſchon ſchlimm, doch ſollte es gleich noch ſchlim⸗ mer kommen. Montandon verfügte ſich zum Ruſſiſchen Conſul, dem Ritter Gherſi; der aber offenbarte ihm: ein einfaches Viſa genüge nicht zum angegebenen Zweck, er müſſe einen Ruſſiſchen Paß haben, wie ihn nur der Botſchafter zu Kon⸗ ſtantinopel ausſtellen könne. Was war hier zu thun? Nach Konſtantinopel zurückzu⸗ kehren, um ſelbſt den Paß zu holen, hätte eine unerſetzliche Zeit gekoſtet; beſſer ſchien es um den Paß zu ſchreiben und indeſſen nach Redoute⸗Kaleh zu ſegeln, wo ohnehin Quaran⸗ taine gehalten werden muß. Dieſe Quarantaine zu Redoute⸗ Kaleh oder zu Nikolajeff, dem andern Hafenplatz, dauert vier⸗ zehn Tage, und Montandon fing an zu merken, daß er mit zwei Monaten Zeit nicht ausreichen würde. Das war auch an den Fingern abzuzählen; am 21. Oetober hatte er Marſeille verlaſſen, am 8. Nobember war er zu Trapezunt, vor dem 13 ten deſſelben Monats konnte er ſchwerlich Redoute⸗Kaleh erreichen, wo er vierzehn Tage zu verbleiben hatte. Wie ſollte er nun in einem Monat mitten im Winter das pfadloſe Wald⸗ gelände auch nur oberflächlich beſichtigen, die ſchwierige Unter⸗ handlung zum Ziele führen, und die Rückreiſe machen, wo ihn, nebenbei bemerkt, erſt noch eine neue Quarantaine von zwölf Tagen auf Malta oder zu Marſeille erwartete?— Dieſe Wahrnehmung überraſchte ihn nicht wenig. Eilwagen, Dampf⸗ ſchiffe, vor allem aber die Schienenwege haben in den geſit⸗ teten Ländern das heutige Geſchlecht verwöhnt, ſo vaß es nicht mehr an die Tage zurückdenkt, in welchen das Reiſen ein ſchwieriges Unternehmen war, und überraſcht iſt, wenn es ir⸗ gendwo in der Welt noch Gegenden trifft, wo das Fortkommen viel Zeit und Geld koſtet und mit Beſchwerlichkeiten verbun⸗ den iſt. Die Quarantaine von Redoute⸗Kaleh war juſt kein Pa⸗ radies. Elende Bretterhütten, ein Feuerheerd in freier Luft, ein ruſſiſcher Soldat als Aufſeher, das waren Herrlichkeiten, Der Erzähler, 1846. 1. 20 306 deren Genuß die 500 Einwohner des Städtchens noch benei⸗ denswerth erſcheinen ließ. Hier erhielt Montandon einen Brief aus Paris, worin Delacour meldete: jener Circowich, von welchem Montandon geſchrieben, ſei nichts als ein armſeliger Supercargo, den ein venediſches Haus zum ſchwarzen Meer geſendet, um eine Ladung Faßdaubenholz zu holen; wenn er ſich rühme, einen Vertrag mit dem Dadian zu haben, ſo ſei er ein prahleriſcher Lügner. Nicht minder ſei Bechenec ein Schwindler. Zum Schluß folgten im Brief noch weitere Auf⸗ träge zu anderweitigen Holzkäufen in großartigem Maßſtab, deren Ausführung den Reiſenden weit auf den Kaukaſus hin⸗ aufgeführt haben würde, ohne daß der Auftraggeber daran dachte, ihn mit den gehörigen Geldmitteln zu verſehen, als ſollten die elenden 3000 Franken, die ohnehin nicht zureichten, ſich gar noch ſtrecken laſſen. Am 26. November aus der Quarantaine entlaſſen, er⸗ wirkte Montandon die Vergünſtigung, im Städtchen die Ankunft ſeines Paſſes abzuwarten; auch erhielt er die Erlaubniß, in der nächſten Umgegend Käfer und Raupen zu ſuchen; aber weiter in's Land einzudringen ward ihm förmlich unterſagt. Als er jedoch erfuhr, daß Bechenec mit ſeinen Gefährten zu Nikolajeff eingetroffen ſei, verbarg er ſeine Briefe für den Dadian in den Stiefeln und machte ſich unter dem Vorwand eines wiſſenſchaftlichen Ausfluges auf den Weg nach Zug⸗Didi, der Hauptſtadt des Landes. Abends erreichte er zu Pferd mit ſeinem Führer Anakria. Einen Koſakenpoſten hatten ſie umritten. Zu Anakria ſuchte er ſich verſtändlich zu machen wie es eben gehen wollte, hatte —2 — 307 aber die größte Mühe einen neuen Führer und zwei Pferde zu erhalten, wofür er zwölf Silberrubel*) zahlen mußte, un⸗ gerechnet verſchiedene Trinkgelder und die Gebühren der Fähr⸗ leute. Eine Mingreliſche Fähre beſteht aus einem Baumſtamm, durch Feuer ausgehöhlt; die Pferde müſſen, am Zügel gehalten, nachſchwimmen. Zu Zug⸗Didi, wo er am Tag nach ſeiner geheimen Ab⸗ reiſe von Redoute⸗Kaleh eintraf, fand Montandon im Inten⸗ danten des Fürſten einen wohlwollenden Landsmann, Namens Lietard, der ihn nächſten Tages dem Dadian vorſtellte. Dieſer las die Briefe und ſchien nicht abgeneigt, auf die gemachten Vorſchläge einzugehen. Er gab dem Fremdling ein Schreiben für den Obriſten Broſſiloff, um ihm den freien Zutritt zu er⸗ bitten.—„Was aber komme,“ bemerkte der Fürſt:„in jedem Falle muß der Vertrag aufrecht gehalten werden, wel⸗ chem nach Circowich auf fünf Jahre ausſchließlich den Holz⸗ ſchlag beſitzt.“ Scharfſinniger und wohlunterrichteter Delacour, wo hatteſt Du Deine fünf Sinne, als Du Circowich einen armen Schlucker und Bechenec einen Wicht nannteſt? Dem guten Montandon mag ſchon damals ganz wunderlich um's Herz geworden ſein, da er ſich nicht länger verhehlen konnte, wie er ſich leicht⸗ ſinniger Weiſe von unwiſſenden und unüberlegten Leuten in die weite Welt hatte ſprengen laſſen. Indeſſen verlor er den Muth nicht, ſprach von den Geſchenken, die er das nächſtemal *) Ein Silberrubel iſt etwas mehr als ein Preußiſcher Thaler. mitbringen würde, und ritt durch Sturm und Wetter nach Redoute⸗Kaleh zurück, ohne ſich die Nachtruhe zu gönnen, damit nicht etwa ſeine Abweſenheit auffalle. Schon am nächſten Morgen konnte er dem Obriſten Broſſiloff das Schreiben des Dadians übergeben. Der Brief ſchien keinen großen Eindruck zu machen. Natürlich! Zu Paris gilt zwar der Dadian für den unumſchränkten Herrſcher Min⸗ greliens, aber in Kaukaſien iſt er viel weniger denn ein Ruſ⸗ ſiſcher Obriſt. Dennoch blieb Broſſiloff nicht ganz unerbittlich, und gab dem Franzoſen fünf Tage Urlaub. Am 5. December um acht Uhr Morgens war Montan⸗ don bereit, bis aber ſeine fünf Pferde mit landesüblicher Lang⸗ ſamkeit bepackt waren, verging der halbe Tag; dann gab es wieder allerlei Aufenthalt, und er erreichte nicht einmal Ana⸗ kria, ſondern mußte am Ufer eines Baches liegen bleiben, weil die Dunkelheit und der fallende Schnee die Furth nicht finden ließen. Der Reiſende und ſeine Führer froren erbärmlich. Morgens gegen drei Uhr kamen vier Koſaken, um Montandon nach Redoute⸗Kaleh zurückzuholen. Weshalb? Frag' einer die Koſaken! Das einzig mögliche iſt: Sack und Pack zurück⸗ laſſend nach Redoute⸗Kaleh zurückzuſprengen und den Obriſten Broſſiloff aufzuſuchen.„Sie haben bergeſſen,“ ſagt der:„den Befehlshaber des Ortes, Herrn Michelazzi, um Erlaubniß zu bitten.“—„Die ich übrigens gern ertheile“, fügt beſagter Michelazzi hinzu, der bei der Unterredung gegenwärtig iſt. Ob Broſſiloff wohl von Swift geleſen hat, der ſeine Magd zurückholen ließ, um die Thüre zuzumachen? Mon⸗ tandon war geneigt es zu glauben; da er aber auf's neue 309 unterwegs ſich von Koſaken überholt ſah, ſo vermuthete er, der Obriſt habe nur Zeit gewinnen wollen, um ihm Brief⸗ ſchaften nach Zug⸗Didi voranzuſenden. Am 7. December langte Montandon zum zweitenmal beim Dadian an, und übergab die Geſchenke, ſo gut er ſie hatte. Für ſein Geſchäft wär' es freilich zuträglicher geweſen, wenn er etwas Beſſeres gebracht hätte, aber ein Schelm gibt mehr als er hat; auch vermuthete er, daß in dieſer Hinſicht,(wie in mancher andern,) die Vefehle des Marquis von Preigne nur höchſt mangelhaft ausgeführt worden ſeien. Am 8. December überreichte Montandon dem Fürſten einen Vertragsentwurf; der verlangte ein paar Tage Bedenk⸗ zeit, und da der Reiſende ſein Wort gegeben, am 10ten zu Redoute⸗Kaleh wieder einzutreffen, ſo blieb nichts übrig, als dort bei Broſſiloff um Erneuerung des Urlaubs einzukommen, der endlich auch einige weitere Tage zugeſtand, nachdem er ſich lange geweigert. Am 14ten kehrte Montandon abermals nach Zug⸗Didi zurück, um mit dem Dadian zu unterhandeln, der ſich in ſehr weſentlichen Punten ſchwierig zeigte. So ſollten Circowichs erworbene Rechte unangetaſtet bleiben; ſo wollte er von einem Vertrag auf 99 Jahre nichts hören, und ſich nicht mit der Lieferung von Lebensmitteln für die Holzhauer befaſſen. So ging die Zeit in Unterhandlungen hin, bis endlich am 16. der Dadian kurz und gut abbrach. Er wollte nichts mehr davon wiſſen und ſchickte den Unterhändler fort. Der konnte nichts thun, als eben gehen wie er gekommen, und den Rückweg nach Trapezunt antreten. Zu Batum erfuhr er, daß 310 ſein Paß an Bechenec nach Nikolajeff„zu gefälliger Beförde⸗ rung nach Redoute⸗Kaleh“ übermacht worden. Bechenec aber mochte Lunte gerochen haben, wenigſtens war der Paß nicht nach Redoute⸗Kaleh gelangt.— Uebrigens hätte Bechenec einen Nebenbuhler kaum zu ſcheuen brauchen, der mit leeren Händen kam, während er ſelbſt 50,000 Franken zur Verfü⸗ gung hatte, und ſein vieles Gepäck, wenn es auch die Schnel⸗ ligkeit ſeiner Reiſe hemmte, doch keine unnütze Laſt war, ſon⸗ dern brauchbare Gegenſtände enthielt. Wozu kam, daß er die Kenntniß der Verhältniſſe voraus hatte. Am 31. December erreichte Montandon wieder Konſtan⸗ tinopel und ſandte von dort in den erſten Tagen des Jenners 1845 einen ausführlichen Bericht an Delacour. Vom 21. October bis zum 31. December 1844 waren ſiebenzig Tage verſtrichen, und der Reiſende bedurfte wenigſtens noch einen Monat, um Marſeille wieder zu erreichen; was er aber vor allem bedurfte, war Geld. In Konſtantinopel iſt, wie das Sprichwort ſagt, ein theures Pflaſter, wenn ſchon die meiſten Straßen gar nicht gepflaſtert ſind. Montandon lebte im Gaſthof auf ſein ehrliches Geſicht, wie erſchrieb, und hatte keinen rothen Heller mehr. Delacour ſchrieb zurück: er möge eilends wieder nach Mingrelien gehen, und um jeden Preis kaufen. Das war of⸗ fenbar keine Zurückberufung, ſondern eine Erneuerung des Auf⸗ trages, mehr noch eigentlich ein neuer Auftrag. Um ſo ge⸗ rechter war Montandons Erſtaunen, kein Geld zu ſehen. Doch Geduld, auch Geld ſollte eintreffen. Mit Verhaltungsbefehlen vom 17. März treffen ganze 500 Franken ein und die Benachrichtigung: man würde einen Geldbrief von 2500 Fran⸗ ken für ihn nach Tiflis übermachen. So ungenügend die Summen auch erſchienen, dennoch machte Montandon ſich im April auf den Weg, konnte jedoch, durch die ungünſtige Witterung zu Trapezunt feſtgehalten, erſt am 2. Mai zu Batum eintreffen, von wo er ſich nach Tiflis an den franzöſiſchen Conſul um die 2500 Franken wandte. Am 19. Mai hatte er noch keine Antwort. Da ſah er den Obriſten Broſſtloff, der von Tiflis kam und nach Uzurghete ging, und von dieſem erfuhr er, daß keine Anweiſung für ihn eingetroffen ſei. Wie ſich ſpäter herausſtellte, war gar keine von Paris abgeſendet worden. Inzwiſchen meldete ein Brief Lietards, daß Bechenec mit dem Dadian unterhandelt habe, der übrigens dabei bleibe, Cir⸗ cowichs Vorrecht in vollem Umfang zu achten. So war es denn mit Mingrelien aus und vorbei, aber Montandon verlor immer noch nicht den Muth, ſondern warf die Augen auf an⸗ dere Gegenden, von denen ſeine Verhaltungsbefehle ſprachen, und kaufte— obſchon ſelbſt in Noth um das liebe Brod— die Wälder des Guriel, von welchem Kauf er den Marquis von Preigne unter dem 6. Juni in Kenntniß ſetzte. Er ſelbſt kehrte nach Konſtantinopel zurück, wo er ſich glücklich ſchätzen mußte, als Lehrer der Naturgeſchichte bei der großherrlichen Arzneiſchule von Galata⸗Serai eine Zuflucht zu finden, um den fernern Verlauf der Sachen abzuwarten ohne zu verhungern. Die franzöſiſchen Poſtſchiffe kommen und gehen, doch keines bringt Nachricht für Montandon. Aber von Batum ſchreibt der engliſche Conſul: Der Marquis von Preigne wolle 312 on keinem Montandon wiſſen und erkläre den Handel wegen der Wälder für nichtig. Das war mehr, als ſelbſt der Leichtſinn in Perſon zu ertragen vermochte. Montandon raffte zuſammen, was er an Beiträgen von Gönnern und Freunden zuſammenzubringen ver⸗ mochte und eilte nach Frankreich, um die Hülfe der Gerichte in Anſpruch zu nehmen. Dort wird ſich erweiſen, an wem die Fehler liegen, welche bei dieſer ſonderbaren Unternehmung gemacht wurden; inſofern wir aber vorläufig urtheilen können, ſo iſt Delacvur nicht nur leichtfertig und ununterrichtet, ſon⸗ dern auch ein frecher Betrüger, denn der Marquis von Preigne ſoll ihm 50,000 Franken gegeben haben, um die Sache zu betreiben, während er nicht auf den Nutzen des Unternehmens, ſondern nur auf ſeinen Vortheil ſah, und daher auch mit Ränken und Schwänken umging, wie wir einiger oben erwähn⸗ ten. Wenn der Herr Marquis alſo zu jenen vornehmen Herrn gehört, die durch Handel und Wandel Geld zu gewinnen be⸗ gehren, ſo muß man bekennen, daß er die Sache inſofern als Cavalier betreibt, als er ſich allzu ſehr auf ſeine Leute ver⸗ läßt. Das wird ihn noch viel Lehrgeld koſten und er mag froh ſein, wenn es ihm nicht noch wie jenem Pferde geht, das ſterben mußte, da es juſt die Kunſt, vh zu eſſen, aus dem Grunde erlernt hatte. A. Zum Schluß iſt zu merken: die Geſchicht vom Dadian gibt uns zu lachen, aber auch allerlei zu denken. e1s snende