wird. deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 252 von Cdnard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Teih und Teſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr vffen. 3 2. Lehepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ei Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für nchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 2———————— auf 1 Monat: Vet.— Pf. 1 Wr. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. S 3 6 swärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung ücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Nach dem Eng⸗ liſchen des Dudley Caſtello von Auguſt Zoller Die Goldſucher. Reiſe-Erinnerungen aus Californien von Dupleſſis. Dentſch von Edmund Zoller. Stunden vor'm Pinſel, Originalerzählung von C. Spindler Seite 135 229 254 333 Die ſieben Noten der Tonleiter. Nach Paul Smith von Auguſt Zoller. (Fortſetzung und Schluß.) S. Bd. M. — XII. ie hat es vielleicht Zwillinge gegeben, die ſich weniger dem Charakter und der Phyſiognomie F nach glichen, als Carlo und Francesco, die vierte und die fünfte Note der Tonleiter, deren Geſchichte zu ſchreiben wir unternommen haben. So ſchüchtern und ſanft der Eine war, ſo ſtolz und hoffärtig war der Andere: Carlo wollte nichts Anderes, als unterwürfig ſein, Francesco wollte nur ſich empören, und der Ausdruck dieſer ſo verſchiedenen Naturen ſpiegelte ſich vollkommen in ihren Augen, in ihrer Haltung, im Ton ihrer Stiimme ab. Dennoch aber hatten ſich nie zwei Brüder mit einer innigeren, beſtändigeren Freundſchaft geliebt, und dies kraft des twigen Geſetzes der Der Etzühler 1848. W. 1 Contraſte, das die Anhänglichkeiten hienieden regiert und be⸗ feſtigt... Carlo und Francesco konnten nicht ohne einander ſein, ſie verließen ſich nie, und obgleich ſie gewöhnlich hin⸗ ſichtlich der Gefühle und Ideen im Widerſpruch ſtanden, ob⸗ gleich ſie ſich ſehr oft ſtritten, fanden ſie ſich doch immer wieder in der Gegenſeitigkeit einer unwandelbaren Zuneigung vereinigt. Unſere Leſer erinnern ſich, daß ſie Meiſter Daphnis nach Frankreich ſchickte, verſehen mit einem Empfehlungsbrief an Caldara, den zweiten Orcheſterdirector des Italieniſchen Thea⸗ ters, welchem Brief ein Sümmchen Geld zu Beſtreitung der Reiſekoſten beigefügt war. Sie wurden einem Vetturin an⸗ vertraut, der ſie bis Lhon führen ſollte, doch in Chamberh begegnete ihnen ein großes Unglück: die Börſe, die ihr ganzes Vermögen enthielt und von Francesco übernommen worden war, verſchwand plötzlich. Francesco hatte ſie verloren„ oder war ſie ihm von einem ſeiner Reiſegefährten entwendet worden? Niemand vermöchte dies zu ſagen. Francesco neigte ſich ſtark zu der letzten Hypotheſe; aber wie die Thatſache beweiſen? auf wem den Verdacht ruhen laſſen? Trotz ſeines natürlichen Ungeſtüms zögerte Frantesco in dem Augenblick, wo er an⸗ ſchuldigen ſollte, und als es ſich darum handelte, die Zeche im Wirthshaus zu bezahlen, erklärte er mit feſtem, keckem Ton, er habe kein Geld. Der Vetturin war ganz verblüfft. „Wie!“ rief er,„kein Geld! Ihr ſpaßt ohne Zweiel? und was habt Ihr mit dem, was Ihr beſaßet, gemacht?“ „Ich Euch hierüber keine Rechenſchaft abzulegen,“ 3 erwiederte der Andere,„ich habe es nicht mehr... und damit iſt es genug!“ „Damit iſt es genug!... Ich finde ihn ſehr ſpaßhaft, den kleinen jungen Mann... Damit iſt es im Gegentheil nicht genug! Ah! Ihr glaubt, Ihr habet mir keine Rechen⸗ ſchaft abzulegen! Ihr täuſcht Euch, mein lieber Freund.. und Ihr werdet mir nicht ſpäter, als auf der Stelle das Vergnügen machen, zu berechnen, was Ihr mir dafür, daß ich Euch und Euren Bruder hierhergebracht, ſchuldig ſeid... Ihr werdet auch berechnen, was Ihr dem ehrlichen Wirth hier ſchuldet, und ſind dieſe Rechnungen gemacht, ſo habt Ihr die Güte, Alles bis auf den letzten Heller baar auf das Brett zu bezahlen.“ „Keines Wegs... Ihr bezahlt für uns den Wirth und führt uns nach Lhon, wie es Eure Pflicht iſt!“ „Meine Pflicht!“ „Ihr leiht uns, was wir brauchen, um von Lhon nach Paris zu reiſen, und ſind wir in dieſer Stadt, ſo ſchicken wir Euch Alles, was Ihr für uns ausgegeben und uns vor⸗ geſtreckt habt.“ „Bravo! brabiſſimo! ſo macht Ihr die Sache ab. Dabei iſt nur eine Unannehmlichkeit, die, daß ich ſie anders abmache, daß ich Euch, weit entfernt, Euch einen Heller vorzuſtrecken, nicht einen Obol erlaſſe und, wenn Ihr Euch nicht als artige Jungen benehmt, ohne Euch abreiſe ich übergebe Euch dem Wirth als Pfand, und Ihr möget Euch aus ſeinen Klauen ziehen, wie Ihr könnt.“ Als Francesco dieſe Erklärung des Vetturin hörte, konnte 4 er ſeinen Zorn nicht länger bemeiſtern; er ſtrömte ihn in den heftigſten Reden aus, auf welche der Andere mit derſelben Energie zu antworten nicht ermangelte. Obgleich von ſeinem Bruder zurückgehalten, war Francesco im Begriff, von den Worten zu den Geberden überzugehen, als eine mit bier Pferden beſpannte Poſtchaiſe vor der Thüre des Wirthshauſes anhielt; ein Reiſender, gehüllt in einen reichen blauen Mantel, deſſen ſchwarzer Sammetkragen mit Gold geſtickt war, ſprang reicht heraus und erkundigte ſich nach der Veranlaſſung des ſo belebten Streites. Der Wirth erzählte ihm die Sache mit wenigen Worten. Der Reiſende lachte und ſagte zu dem Vetturin: „Ihr ſeid nicht großmüthig.. Es iſt nicht ſchön, zwei arme Kinder ſo zu verlaſſen. Fahrt ab, wenn Ihr wollt; ſie werden leicht Jemand finden, der ſich ihrer annimmt.“ Der Vetturin hatte ſich Anfangs geſchmeichelt, der reiche Reiſende werde ſeine Börſe öffnen, als er aber ſtatt Geld einen Verweis erhielt, entfernte er ſich brummend, ſpannte eiligſt ein und fuhr ab. Der Reiſende, der das Bedürfniß fühlte, etwas zu ſich zu nehmen, bot den zwei Brüdern an, mit ihm zu frühſtücken. „Sehr verbunden, Signor,“ erwiederte Francesco;„es iſt ſchon geſchehen.. auch haben wir nicht das Vergnügen, Euch zu kennen..4 „Teufel! Ihr ſcheint mehr mit Stolz, als mit Thalern geſpickt zu ſein. Doch wer ſeid Ihr?. woher kommt Ihr? wohin geht Ihr?“ Francesco lächelte verächtlich bei allen dieſen Fragen, 5 welche zu beantworten er durchaus nicht geneigt ſchien; Carlo aber nahm raſch das Wort und gab dem Reiſenden die ver⸗ langte Auskunft, trotz der Blitze, die ihm ſein Bruder unab⸗ läſſig mit den Augen zuſchleuderte. „Ich bin entzückt von Allem, was ich gehört habe,“ ſagte der Reiſende;„Ihr ſeid Muſiker, ich bin es auch.. Ihr geht nach Paris, ich gehe auch dahin! Ich nehme Euch Beide mit, nicht in meiner Chaiſe, in der nur für mich Platz iſt, ſondern in der Berline, die mir mit meinen Leuten folgt. Das iſt abgemacht, nicht wahr?“ Diesmal ließ Francesco ſeinem Bruder nicht Zeit, zu antworten. Verletzt durch den Vorſchlag, den ihm ein Unbe⸗ kannter machte, ſie in einen Wagen mit ſeinen Bedienten zu ſetzen, wies er das Anerbieten geradezu von ſich. „Was denkt Ihr!“ rief der Reiſende,„was ich Euch an⸗ biete, iſt ganz anſtändig.“ „Und dennoch ſagt es mir nicht zu.“ „Was wollt Ihr denn? Ihr habt keinen Heller in der Taſche, und könnt die Reiſe nicht zu Fuß machen.“ „Warum nicht, wenn ich es vorziehe?“ „In der That, ein ſonderbarer Junge! Ihr werdet mir wenigſtens erlauben, daß ich Euch einige Goldſtücke anbiete?“ „Ihr werdet mir erlauben, ſie nicht anzunehmen.“ „Das iſt zu viel... Ihr ſeid ein Narr!“ „Ich ſage nicht nein... Doch das iſt immerhin mehr werth, als gemein zu ſein.“ „Meiner Treue, ich verzichte... ich habe keine Zeit zu 6 verlieren: man erwartet mich zehn Meilen von hier... Poſtil⸗ lon, raſch zu Pferde!“ In einem Augenblick war der Reiſende wieder in ſeinen Wagen geſtiegen. Ehe er das Zeichen zur Abfahrt gab, beugte er den Kopf noch einmal zum Schlag hinaus und ſagte zu Francesco: „Sprecht, ſeid Ihr feſt entſchloſſen? Ueberlegt es wohl... in einer Minute iſt es nicht mehr Zeit!. 4 Carlo zog ſeinen Bruder am Rockſchooß und flüſterte ihm ein paar demüthig flehende, zugleich aber dringende Worte zu. Francesco blieb unbeugſam, er ſprach keine Sylbe, drückte aber durch eine bezeichnende Geberde eine nicht minder entſchiedene Weigerung aus. Da rief der Reiſende: „Der Würfel iſt gefallen! Schlimm für Dich, kleiner Spartaner. Wenn Du je anderen Sinnes wirſt und Dir die Laune kommt, mich in Paris zu beſuchen: ich heiße Herr de La Borde und bin Generalpächter... Jedermann wird Dir mein Hotel bezeichnen... Mittlerweile iſt hier ein Louis d'or, nicht für Dich, ſondern für den Wirth, der ſich damit für Deine und meine Zeche bezahlt machen wird. Peitſche, Po⸗ ſtillon!“ Der Louis d'or rollte zu den Füßen von Francesco, der ſich nicht rührte, der Wirth aber beeilte ſich, ihn aufzuheben, und ſagte zu den zwei Brüdern: „Meine edle Herren, nun ſteht es Euch frei, zu gehen, wann Ihr wollt... richtige Rechnung macht gute Freunde.“ Francescv ließ ſich das nicht zweimal ſagen, er zog ſeinen Bruder aus dem Wirthshaus fort und entfernte ſich raſch, „. 7 ohne daß er ſich nur umdrehte, um einen Blick auf das Haus oder auf den Wirth zu werfen. Als ſie die Stadt hinter ſich hatten, ſtieß Carlo einen ttefen Seufzer aus und ſagte zu ſeinem Bruder: „Nun ſind wir in einer ſchönen Lage! Was ſoll aus uns werden? Du willſt alſo, daß wir unter Weges um⸗ kommen?“ „Umkommen! Geh' doch, ich habe nicht die geringſte Luſt dazu.“ 3 „Wie ſollen wir es machen, um zu leben, um uns bis Paris fortzuſchleppen?“ „Als ob das eine Schwierigkeit wäre! Du vergiſſeſt, daß wir Talent haben, daß wir Muſiker ſind, daß Du Deine Geige in Deinim Sack haſt, und daß ich eine Menge venetianiſche Lieder auswendig weiß; daß ich zur Noth Violine, Violoncell, Klavier, Flöte, Horn ſpielen kann.“ Man erinnert ſich, daß Francesco, unabläſſig fortgetrieben von ſeinem Charakter, dem jede Unterwürfigkeit, jeder Zwang widerſtrebte, ſich nie hatte zum anhaltenden Studium eines einzigen Inſtrumentes verurtheilen können, und daß er regel⸗ mäßig einmal im Vierteljahr wechſelte. „Ich verſtehe,“ ſprach Carlo,„es iſt Dein Plan, daß wir unſere Reiſe als Bettler vollenden.“ „Als Bettler!“ rief Francesco entrüſtet.„Bruder, Du kennſt mich nicht. Es iſt, Gott ſei Dank, mein Wille, daß wir ſie als Künſtler machen. Statt zu warten, bis wir in Paris ſind, um unſere Kunſt auszuüben, fangen wir ſogleich an. Wir werden allerdings länger unter Weges ſein, aber 8 wir bleiben Niemand etwas ſchuldig. Und, wer weiß? vielleicht verdienen wir ſo wieder mehr, als wir verloren haben. Wie viel war in unſerer Börſe?“ „Wenigſtens zehn Zechinen,“ antwortete Carlo traurig. „Zehn Zechinen!“ rief Francesco,„und wegen dieſer er⸗ bärmlichen Summe hätten wir unſere Freiheit verkaufen, mit Lackeien in einen Wagen ſteigen ſollen! nein, Carlo, ſo lange ich Arme und Beine habe, werde ich eine ſolche Gemeinheit nicht begehen, und eben ſo wenig werde ich ſie Dich begehen laſſen. Die Reichen, ſtehſt Du, das ſind die Tyrannen dieſer Welt.“ „Gut, nun kommſt Du wieder mit Deinen albernen Ideen! Das haſt Du aus den ſchlechten Büchern gefiſcht, die Du geleſen.“ „Bei Dir iſt es anders, Carlo, Du haſt nie eines auf⸗ gemacht.“ „Diejenigen ausgenommen, welche über Muſik handeln.“ „Du wirſt auch nie etwas Anderes ſein, als ein Muſiker!“ „Und Du, was wirſt denn Du ſein?“ „Du ſollſt es erfahren, mein guter Carlv. Doch für heute ſprechen wir von etwas Anderem. Ziehe Deine Geige aus Deinem Sack und ſtimme ſie. Ich erblicke dort Häuſer, einen Kirchthurm... Das iſt eine Stadt oder ein Dorf, wo wir uns Mittagsbrod verdienen werden, und wenn man uns nicht zu ſchlecht aufnimmt, können wir ſogar die Nacht dort zubringen. Ich weiß nicht, ob Du biſt wie ich, aber ich habe nie mein Herz ſo heiter, meinen Fuß ſo leicht, und die Stimme ſo am Rande der Lippen gefühlt! Es müßte . 9 ein beſonderes Unglück obwalten, wenn unſer Debut nicht glänzend abliefe.“ XIII. Das Dorf, in welchem Carlo und Francesco ankamen, ſchien Anfangs nicht ſehr empfänglich für die Ehre, zwei junge Künſtler aufzunehmen. Vor der Thüre einiger elenden Hütten ſah man nur arme, zerlumpte Kinder, die ihre Augen und Ohren weit aufriſſen, aber durch ihre Haltung mehr Erſtaunen, als Vergnügen ausdrückten. Carlo mochte immer⸗ hin mit aller Kraft die Saiten ſeiner Violine ſtreichen, und Francesco die ſchönſten Lieder ſeines Repertvire ſeiner Kehle entlocken, nicht das kleinſte Geldſtück fiel in ihre Bügeltaſche. Ein alter Bauer, der aus einer Hütte heraustrat, vor welcher ſie länger geſpielt hatten, als vor den anderen, ſagte ihnen ſogar in einem Patvis, das ſie nicht verſtanden, dabei aber mit einer Geberde, die nichts Zweideutiges hatte:„Geht, ich kann Euch nichts geben.“ Carlo fing an lebhafter als je zu bedauern, daß ſie die Louis d'or, die ihnen der Reiſende ſo großmüthig geboten, nicht angenommen hatten, und es iſt nicht gewiß, ob der ſtolze Francesco im Grunde ſeines Herzens nicht bereute, zu getreu die Geſchichte von Hippokrates, wie er die Geſchenke des Artarerres ausſchlug, wiederholt zu haben. Sie waren im Begriff, den ungaftfreundlichen Flecken zu ver⸗ laſſen, als ein Mann zu Pferde vorüberkam und ihnen, nach⸗ dem er einen Augenblick zugehört hatte, ein Geldſtück zuwarf, das vierundzwanzig Sous werth ſein mochte. Sobald dies 10 geſchehen, gab der Mann ſeinem Pferde beide Sporen und verſchwand. Man muß auf dem Punkt geweſen ſein, ſich ohne Abend⸗ brod unter dem freien Himmel niederzulegen, nachdem man ſich durch einen langen Marſch einen ſoliden Fond von Appetit und Müdigkeit verſchafft hat, um das Gefühl zu begreifen, das die plötzliche Erſcheinung eines ſchimmernden Geldſtückes hervorbringt. Fände man ſeine Heimath, ſeine Familie, ſeine Geliebte nach einer Trennung von zehn Jahren wieder, man könnte ſich nicht tiefer bewegt fühlen, als beim Anblick dieſes wohlthätigen Blitzes, dieſes Polarſterns, der die Mittel zu einem Abendbrod und einem Rachtlager in ſich ſchließt. Alsbald erfüllte auch dieſelbe Freude das Herz der beiden Künſtler, und Francesco rief: „Du ſiehſt wohl, daß ich Recht hatte, wenn ich Dir ſagte: Mit Talent leidet man nie Mangel.“ „Ja, ja,“ erwiederte Carlo,„ich ſehe, daß wir nahe daran waren, gar nichts mehr zu ſehen, doch für dieſen Abend habe ich keine Beſorgniß mehr. Morgen mag uns Gott weiter helfen!“ Die zwei jungen Leute kehrten um und hielten in einer Herberge an, die ſie im Vorübergehen beäugelt hatten. Sie ſpeiſten hier ſehr mäßig zu Nacht und ſchliefen einen bewun⸗ derungswürdigen Schlaf, aber es blieb ihnen kaum Münze genug, um ein Stück Schwarzbrod zu kaufen und als wahre Waldbrüder zu frühſtücken. Bis nach Lyon nahm ihre Reiſe ihren Fortgang unter denſelben Alternativen von Wohl⸗ und Uebelergehen. Das Wohlergehen beſtand darin, daß ſie einige 11 Parcellen Silber oder Kupfer oder kleine Naturalleiſtungen an Brod, Milch, Fleiſch oder Obſt erhielten; das Uebeler⸗ gehen(was oft vorkam) darin, daß ſie einen ganzen Tag faſten, in der Nacht auf dem freien Feld oder auf den Zweigen eines Baumes ſchlafen mußten. Nie zeigte ſich Francesco ſtolzer, als bei ſolchen Gelegenheiten, wo ihm die Philoſophie alles Uebrige erſetzen mußte; nicht daſſelbe war bei Carlo der Fall, der ſich nicht erwehren konnte, Seufzer auszuſtoßen, welche um ſo ſtärker klangen, als ſie aus einem völlig hohlen, leeren Inſtrument hervorkamen. In Lhon verbeſſerte ſich ihr Loos: ſie ſpielten in den Kaffeehäuſern, auf den öffentlichen Plätzen, und als ſie hin⸗ reichend Geld verdient hatten, um weiter reiſen zu können, marſchirten ſie in gerader Linie gen Paris, ohne mehr auf dem Wege ihre Talente ausüben zu wollen. Sie kamen eines Abends durch die Barriere von Fontainebleau in die große Stadt, die ſie noch viel größer fanden, als man ſie ihnen geſchildert hatte, da ſie dieſelbe beinahe ganz durchwandern mußten, um den Signor Caldara aufzuſuchen, der damals in der Rue Frangaiſe, einige Schritte vom italieniſchen Opern⸗ haus entfernt, wohnte. Caldara war krank und folglich traurig: ſeit einigen Tagen verließ er ſeine Wohnung nicht, und er hatte eben einen ihm von ſeinem Arzt verſchriebenen Trank verſchluckt, als man ihm meldete, zwei junge Leute, welche aus Italien ankämen, verlangten ihn zu ſprechen. „Der gute Gott ſchenke ihnen ſeine Gnade,“ ſagte er zu ſeiner Haushälterin:„man kommt zu dieſer Stunde nicht 12 aus Italien an. Das ſind Intriganten, Diebe vielleicht. Fauſtina, antworte ihnen in meinem Auftrag, es thue mir ſehr leid, aber ſie mögen wiederkommen, oder vielmehr nicht wiederkommen... das wird mir noch viel angenehmer ſein.“ „Ja, Herr, aber ich zweifle, ob es ihnen eben ſo ſein dürfte. Sie kommen zu Fuß, ſind mit Staub bedeckt, ſehen aber dennoch ſehr artig aus, das kann ich wohl verſichern. Sie kennen Niemand in der Stadt, Niemand außer Euch.“ „Und woher des Teufels kennen ſie mich?“ „Sie ſelbſt kennen Euch nicht, wohl aber kennt Euch ein Freund ihres Vaters, von dem ſie Euch einen Brief bringen. Ein drolliger Name, beiläufig geſagt... Maeſtro... Maeſtro... ich habe es, Maeſtro Daphnis.“ „Corpo di Bacco, Meiſter Daphnis! Ich hielt ihn für todt, bin ihm aber zu viel Dank ſchuldig, um nicht diejenigen, welche er mir ſchickt, zu empfangen! Heiße ſie hereinkommen, Fauſtina!“ Und ſobald er die zwei jungen Leute erblickte, ſtürzte er mit allem Aufwand italieniſcher Demonſtrationen auf ſie zu. Francesco hielt ſich immer gerade und zurückhaltend, während ſich Carlo ganz hingab. Caldara las den Brief von Meiſter Daphnis und rief: „Capisco! ah! pur troppo capisco!“ das heißt: „meine lieben Freunde, meine kleinen Engel, Ihr ſeht mich in der grauſamſten Verlegenheit. Ich weiß durchaus nicht, was ich für Euch thun ſoll. Ihr habt Talent, viel Talent, zu viel Talent, ich traue Euch das zu und zweifle durchaus nicht daran; aber mit dem Talent iſt nicht Alles abgethan, „ 13 man braucht einen Platz. Dieſer vortreffliche Freund, dieſer theure Meiſter Daphnis ſcheint zu glauben, die italieniſche Komödie ſei nur für die Italiener gemacht. Früher, ja, als wir ſie noch allein und ausſchließlich beſaßen, als wir nur Italiener dabei waren, Italieniſch ſpielten und nichts Fremdes zuließen, als das Geld, weil das Geld allen Nationen ange⸗ hört; das Geld iſt Kosmopolit. Doch die Zeiten haben ſich geändert. Seitdem man uns mit der komiſchen Oper ver⸗ bunden und uns gezwungen hat, unſer Theater mit dieſem Kinde des Marktes, mit dieſem Baſtard des Drama und der Muſik zu theilen, das glücklich iſt wie alle Baſtarde, das mehr Geld macht als wir, das wächſt und ſich erhebt, während wir fallen, ſind die Franzoſen Alles und wir find nichts mehr. Ich ſelbſt bin jeden Tag darauf gefaßt, daß ich meinen Ab⸗ ſchied erhalte, einzig und allein, weil ich ein Italiener aus Italien bin und ein Franzoſe aus Chaillot oder Nanterre gern meine Stelle einnehmen möchte.“ Francesco behauptete fortwährend ſeine ſtolze Haltung, doch in die Augen von Carlo traten Thränen. „Seht doch, Signor,“ ſagte Fauſtina zu Caldara,„Ihr macht, daß dieſes arme Kind weint.“ „Ei! bei Gott, Du weißt wohl, daß ich es hundertmal lieber lachen machen würde. Doch ſage Du, was denkſt Du, was ſchlägſt Du mir vor?“ „Vor Allem,“ antwortete Fauſtina,„vor Allem nennt ihnen ein Gaſthaus, wo ſie Abendbrod finden und ſchlafen können. Und dann kommt über Nacht guter Rath. WMorgen 14 frühe ſollen ſie wiedererſcheinen, und wir werden bemüht ſein, etwas für ſie aufzufinden.“ „Ah! daran erkenne ich Dich!“ rief Caldara,„ſobald Du ſie geſehen, hat ſich Dein Herz für ſie intereſſirt, und ich weiß warum. Doch gleichviel, ich trete Deiner Anſicht bei. Guten Abend, meine Kinder, ſchlaft wohl, und habt keine ſchlechte Träume. Fauſtina, ſage dem Portier, er ſoll ſie in das hölzerne Schwert führen.“ Am andern Morgen begaben ſich die beiden Brüder früh⸗ zeitig zu Caldara; ſte waren kaum zwanzig Minuten hier, als man ein Geräuſch von Thüren und eine Frauenſtimme hörte, welche im Vorzimmer rief: „Ich bin es!... Er iſt zu Hauſe! wie geht es mit ſeiner Geſundheit? Ich muß ihn ſprechen!“ Und in demſelben Augenblick ſtürzte eine hübſche junge Perſon in's Zimmer, fiel Caldara um den Hals und ſprach: „Nun, mein Alter, die Gavotte? werde ich ſie denn nie bekommen? Du weißt, daß ich ohne Dich nicht tanzen kann, daß Du mich an den Beinen hältſt!.. Sie ſind ſo dumm, ſo plump, die franzöſiſchen Muſiker!... Bei ihrer Muſik iſt es mir immer, als ſchleppte ich eine Kugel, als hätte ich Eiſen an den Füßen!... Bei der Deinigen fliege ich, ſpringe ich, bin ich entzückt.“ „Weil Ihr toll ſeid,“ erwiederte Caldara mit kaltem Tone. „Toll, ſo lange Du willſt,“ rief die Andere,„Du biſt nicht der Erſte, der mir das geſagt hat; doch meine Gavotte! meine Gavotte! Ich will, ich fordere, ich erwarte meine Gavotte.“ 15 „Ihr ſollt ſie morgen bekommen... Ihr würdet ſie ſogar noch heute Abend bekommen haben, hätte ich nicht geſtern einen Brief aus Italien mit dieſen zwei jungen Leuten erhalten.“ Bei dieſen Worten bezeichnete er Carlo und Francesco der jungen Frau, die ſich umdrehte, um ſie anzuſchauen, einen Schrei von ſich gab und ausrief: „Cieli! das iſt wunderbar! ſie gleichen ihm, daß man bange bekommen könnte!.. Caldara, wo habt Ihr dieſe Kinder zeugen laſſen?“ „In Venedig.“ „Von wem?“ „Ei! Signora, ich denke von ihrem Vater.“ „Wie heißt er?“ „Er heißt. er heißt Angelo.“ „Darauf hätte ich gewettet.. Ich werde ohnmächtig, ich ſterbe! Nein, nein, ich erſticke vor Freude! Meine Freunde, meine Kinder, kommt und umarmet mich. Ich bin Eure Schweſter, Eure Schwägerin, Eure gute Schweſter, das will ich Euch beweiſen.“ 8 Carlo, Francesco und ſelbſt Caldara blieben unbeweglich vor Erſtaunen. Die junge Frau aber fuhr, ſich an die beiden Brüder wendend, fort: „Erinnert Ihr Euch Eures Bruders Raffaello? Nun wohl, ich bin die Colonna, die ihn bei ihrer Rückkehr aus Rußland in Venedig getroffen hat... Ich habe ihn entführt, nach Frankreich gebracht. Ach! wie liebte ich ihn! ich liebe ihn immer wch... hört ihr wohl?... Ich bin ſeine Frau. dezu fehlt nichts als der Prieſter und der Notar... doch was iſt daran gelegen? Ich bin darum nicht minder Eure Schweſter. Umarmt mich, umarmt mich doch!“ Die berühmte Tänzerin war immer noch dieſelbe, was die Lebhaftigkeit ihres Charakters und das Ungeſtüm ihres ganzen Weſens betrifft. Als ſie die beiden Brüder feſt in ihre Arme geſchloſſen hatte, fragte ſie Carlo, ob Raffaello immer noch in Paris ſei. „Nein,“ erwiederte ſie,„ich habe ihn auf einige Zeit in London gelaſſen.. hiefür hatte ich Gründe.. doch in einem der nächſten Tage wird er zurückkommen, oder Ihr be⸗ gebt Euch zu ihm. Nicht wahr, Ihr wollt hier Euer Glück ſuchen? Deshalb adreſſirte Euch Euer Vater an Caldara. Nun wohl! ich, die ich mit Euch ſpreche, übernehme Alles Kommt alle Tage, zu jeder Stunde zu mir.. Ihr findet bei mir, was der Hof und die Stadt Beſtes haben Ihr trefft den Generaleontroleur, den lieben Abbé Terrah, der mich mit ſeiner Protection beehrt. Ich tanze in der Academie rohale de Muſique und wohne ganz oben im Faubourg Saint⸗ Honoré! Ohne Abſchied, meine lieben Schwäger. Speiſt bald bei mir zu Mittag, ich zähle auf Euch; und Du, mein guter Caldara, morgen Deine Gavotte!“ Nach dieſen Worten ging oder entfloh vielmehr die Tän⸗ zerin, ohne daß ſie Jemand Zeit zu einer Erwiederung ließ. XIV. Die Wanderung von der Rue Frangaiſe nach dem Fau⸗ bourg Saint⸗Honoré kam den beiden Brüdern lang vor, und 1 vweene „ — 17 dies um ſo mehr, als ſie kaum genug Franzöſiſch konnten, um nach dem Wege zu fragen, wenn ſie ſich verirrten. Als ſie in das kleine Hotel eintraten, das die Colonna bewohnte, gerieth Carlo in eine Entzückung; er hatte nie etwas ſo Reiches, ſo Elegantes geſehen. „Bruder,“ ſagte er,„dieſes Haus iſt das irdiſche Pa⸗ radies. Es iſt nicht ſehr groß, aber wie ſehr ziehe ich es den Paläſten von Venedig vor, die ſo weit, ſo traurig, ſo verfallen ſind!“ „Jeder nach ſeinem Geſchmack; mir ſind die Paläſte lieber: das gibt Ideen der Stärke, des Muthes, der Unab⸗ hängigkeit.“ „Wohl möglich, doch dieſes Haus gibt mir Ideen des Glückes! Ich bin feſt überzeugt, daß Niemand auf der Welt glücklicher iſt, als unſere Schwägerin!“ „Was weißt Du hievon?.. Warte doch, um zu ur⸗ theilen. Wenn ſie übrigens glücklich iſt, warum befindet ſich Raffaello, unſer Bruder, nicht bei ihr? Warum hat ſie ihn in London gelaſſen? Hierüber will ich mich erkundigen.“ In dieſem Augenblick war die Colonna bei ihrer Toilette, und man hielt nach dem Gebrauche der Zeit Cerele um ſie. Es waren mehrere von den glänzendſten Männern anweſend; ſie beluſtigten ſich auf Koſten des Hofes und der Stadt, ließen die ganze Oper die Revue paſſiren, und rächten ſich an den Grauſamen oder den Treuloſen, die ſie getroffen, dadurch, daß ſie dieſelben mit ihrem Spott niederfeuerten. Die Ankunft der beiden jungen Leute führte einen Waffen⸗ Der Erzähler 1848. Ww. 2 18 ſtillſtand bei dieſem kleinen Krieg herbei. Die Colonna ſtellte ſie als venetianiſche Künſtler vor, welche ihre Kunſt in Paris auszuüben beabſichtigten, und ließ jeden der Anweſenden ver⸗ ſprechen, ſie unter ſeine Aegide zu nehmen. „Aber wozu ſind ſie gut?“ fragte Einer von ihnen. Zum Glück verſtand Francesco den ironiſchen Sinn der Frage nicht, denn ſeine Entrüſtung wäre wie eine Bombe losgeplatzt. Er war ſchon nicht ſehr mit der Art und Weiſe zufrieden, wie alle dieſe Menſchen ihn und ſeinen Bruder anſchauten, und ſuchte nur einen Anlaß, um Frechheit mit Frechheit zu vergelten. Als die Toilette beendigt war, entließ die Colonna ihren ganzen Hof mit den Worten: „Für heute, meine Herren, Gott befohlen! Ich ſpeiſe allein mit meinen zwei Landsleuten, denn ich habe Luſt, einen Abend in Venedig zuzubringen. Morgen iſt Operntag, und wir werden uns in Paris wiederfinden.“ Man trug das Mittagsbrod auf, und die Colonna machte die Honneurs auf das Freundlichſte. Carlo wurde nicht müde, die guten Dinge, von denen er umgeben, zu genießen, und er genoß ſie ohne Hintergedanken, ohne verdrießliche Betrach⸗ tungen darüber anzuſtellen. Francesco dagegen hörte nicht auf, zu träumen, ſeine Stirne verdüſterte ſich, und als er nicht länger an ſich zu halten vermochte, ſagte er zu der Tänzerin: „Sprechen wir nun ein wenig von Raffaello.“ „Raffaello!“ rief ſie,„oh! ein herrlicher Junge! Wie liebe ich ihn!“ „Warum lebt Ihr denn getrennt?“ „Ich will es Dir ſagen... weil Raffaello mich zu ſehr liebt... Ja, obgleich ſorglos über faſt alle Dinge, iſt er dies doch nicht in Beziehung auf mich: er iſt eiferſüchtig, und wenn wir beiſammen ſind, ſtreiten wir uns, wir ſchlagen uns ſogar beinahe jeden Tag. Du begreifſt, mein Freund, daß ich bei meinem Stand genöthigt bin, mit Jedermann zu leben, Leute von allen Stellungen zu empfangen, ſie ſo freundlich als möglich aufzunehmen. Nun, das iſt es gerade, was Raffaello nicht dulden will. In London, wo wir waren, hat er mir abſcheuliche Scenen gemacht. Dann ſagte ich eines Tags zu ihm:„„Raffaello, verlaſſen wir uns, es muß ſein. Nicht für immer, ſondern nur ſo lange, als ich brauche, um mein Glück zu machen. Ich gehe nach Paris, wo man mich bei der Oper engagirt. Du bleibſt in London, führſt ein luſtiges Leben, reiteſt, ſpielſt...(Der gute Raffaello iſt ein ziemlich ſtarker Spieler!) Ich ſchicke Dir Geld... Du ſollſt an nichts Mangel haben, doch nur unter der Bedingung, daß Du mich frei, ruhig läſſeſt.““ „Und Raffaello konnte dieſen Handel annehmen?“ „Warum nicht? Man iſt verliebt und dennoch vernünftig⸗ Ich wette, daß Raffaello, ſobald ich nicht mehr da war, nicht mehr an mich dachte.. das heißt, er denkt wohl an mich, aber nach ſeiner Bequemlichkeit, in ſeinen verlorenen Augenblicken. Es iſt ein ſo origineller Charakter!“ „Ja, ich fange an, das zu glauben,“ ſprach Francesco, „und Euch ſelbſt finde ich auch ziemlich bizarr, denn Ihr behauptet doch, Ihr liebet ihn?“ „Ich bete ihn an.“ „Wenn Ihr die Wahrheit ſprecht, begreife ich Euch nicht.“ „Siehſt Du, Du biſt noch zu jung, und ich kann Dir dies Alles nicht erklären, wie ich ſollte. Aber glaube der Colonna, die ein braves Mädchen iſt und nie einen Menſchen hintergangen hat, was auch ihre Kameraden von der Oper ſagen mögen.“ Die Colonna war ſo weit in ihrer Rede, als eine Kammerjungfer durch eine Geheimthüre eintrat und zu der Tänzerin ſagte: „Er iſt es! er kommt, Madame: ich habe ſeine Carroſſe von fern geſehen.“ „Zu dieſer Stunde!. ich glaubte, er wäre in Ver⸗ ſailles... Doch gleichviel, er mag kommen!... Ich will mich ſogar nicht ſtören laſſen... er ſoll mich mit meinen zwei Verwandten bei Tiſche treffen.. das iſt wohl die un⸗ ſchuldigſte Geſellſchaft... Bleibt, meine Freunde, und ſeid unbeſorgt; Ihr werdet einen meiner guten Freunde ſehen; wenn Ihr ihm gefallt, kann er Euch nützlich ſein.“ Einige Minuten nachher trat ein Mann in das Speiſe⸗ zimmer ein.. Man kann ſich nicht wohl etwas Widerwär⸗ tigeres vorſtellen, als das Geſammtweſen ſeiner Perſon, ſeine hohe Geſtalt, ſeine linkiſche Haltung, ſein gemeines, runzeliges Geſicht, ſeinen harten, ſchielenden Blick. Sein Anzug hatte nichts, was guten Geſchmack oder Reichthum bezeichnete, ſein ſchwarzer Frack war auf allen Nähten abgetragen, ſeine Perrücke ſchlecht gekämmt und mehr roth, als weiß. Bei dieſer Erſcheinung wurde eine Art von Erſtaunen nt 1 5 21 mit Schrecken in den Zügen der beiden jungen Leute ſichtbarz die Colonna aber ſchien durchaus nicht bewegt und ſie ſagte zu dem Eintretenden: „Theurer Freund, Sie ſehen mich in Familie.“ „Ah! ah! dieſe Herren find Ihre Vetter?“ „Meine Schwäger, zwei vortreffliche Muſiker; ſie kommen geraden Weges von Venedig, und ich empfehle ſie Ihnen.“ „Gut, gut... Doch ich habe Eile und muß in Ge⸗ ſchäften mit Ihnen ſprechen.“ „Gehen wir in mein Boudoir. Carlo und Francesco, erwartet mich, ich komme in einem Augenblick zurück.“ Hienach entfernte ſich die Colonna mit dem Unbekannten, der, während er die Thüre zumachte, einen finſteren Blick auf die zwei jungen Leute warf. Die Unterredung dauerte nicht lange, aber ſie war leb⸗ haft. Man hörte vom Speiſezimmer aus die Ausbrüche einer kreiſchenden Stimme, worauf eine ſanftere Stimme antwortete, deren Ton ſich indeſſen ſtufenweiſe ſteigerte. „Man ſtreitet ſich,“ ſagte Carlo. „Und ſogar ſtark,“ verſetzte Francescd.„Sprich, Bruder, glaubſt Du immer noch, dieſes Haus ſei das irdiſche Paradies, und es gebe keine glücklichere Perſon auf der Welt, als unſere Schwägerin?“ „Was willſt Du?“ entgegnete Carlo,„der Anſchein trügt zuweilen... Ich urtheilte nach dem, was ich ſah.“ „Und nun kannſt Du nach dem urtheilen, was Du hörſt.“ Der Lärmen hörte plötzlich auf und die Thüre des Boudoir 22 öffnete ſich wieder; der Mann mit der kreiſchenden Stimme kam gefolgt von der Colonna heraus. „Wenn dem ſo iſt, ſprechen wir nicht mehr davon,“ ſagte er. „Ja, ja, ſprechen wir nicht mehr davon,“ erwiederte die Colonna;„doch wozu nützt das, wenn Sie immer daran denken?“ „Schlaue! Sie mißtrauen?“ „Iſt das bei Ihnen nicht das Sicherſte?“ „Sie möchten gern Pfänder haben?“ „Aber Sie geben keine.“ „Im Gegentheil.. Ich werde morgen Abend zu Ihnen kommen, Sie können das Ihren Freunden ſagen.“ „Es wird Ihnen nicht ärgerlich ſein, wenn Sie Geſell⸗ ſchaft finden?“ „Keines Wegs; es wird mir Vergnügen machen!“ „Und Sie wollen dieſe zwei jungen Leute anhören?„. Sie wollen ihr Mäcen ſein.“ „Ich werde Alles ſein, was Ihnen beliebt. Doch, guten Tag, ich eile nach Verſailles: es drängt mich, zu erfahren, wie ſich der König befindet.“ „Gott befohlen!“ rief ihm die Colonna nach, während ſie ihn die Treppe hinabſteigen ſah; doch kaum hatte ſie ſeinen Wagen wegfahren hören, als ſie ſprang, in die Hände klatſchte und ausrief: „Endlich iſt er fort!... das iſt ein Glück! Begreift man, wie es einem Menſchen einfallen kann, hieher zu kommen, um mir Angſt zu machen!“ 23 „Dieſer Menſch hat ein Ausſehen, das mir durchaus nicht gefällt,“ ſagte Francesco.„Warum empfangt Ihr ſolche Creaturen?“ „Ach! Creatur iſt hübſch! Weißt Du, von wem Du ſprichſt?“ „Ich ſpreche don dem Mann, der ſo eben weggeht.“ „Ja, doch weißt Du, wer dieſer Mann iſt?“ „Sicherlich nichts von Bedeutung.“ „Nichts Beveutendes! Nun ſo erfahre, daß es ganz einfach der Generalcontroleur, der Abbé Terrah, der Kröſus unſerer Zeit iſt, ein Mann, der eben ſo viele Millionen in ſeiner Kaſſe hat, als Du Liards in Deiner Taſche.. nein, ich täuſche mich, er hat mehr Millionen, als Du Liards... Er iſt im Stande, mehr Gunſtbezeigungen zu bewilligen, als Du Haare auf Deinem Kopf haſt, und durch dieſes Mittel hat er mich gewonnen... Bilde Dir aber nicht ein, er ſei mein Liebhaber...“ „Er iſt zu häßlich.“ „Das iſt kein Grund.. Ich kenne Frauen, die ihn wahnfinnig lieben, weil ſie ihn nur durch ſeine Goldſtangen ſehen. Bei mir iſt es etwas Anderes, ich ſehe ihn, wie er iſt, und ich erklärte ihm das ſchon am erſten Tag... Da antwortete er mir, meine Offenherzigkeit entzücke ihn und flöße ihm zugleich den Wunſch ein, meine Freundſchaft zu erwerben, nichts als meine Freundſchaft. Das iſt eines von den Dingen, die man nicht verweigert, beſonders General⸗ controleurs, und wenn ſie ſich ſo benehmen, wie dieſer theure Abbé. Ich glaube, ein Vater hätte es nicht beſſer für ſeine 21 Tochter machen können! Du ſollſt es ſehen. Eines Tags, als wir vertraulich mit einander plauderten, und ich ihm erzählte, wie ich mein Haus einzurichten gedenke, nämlich mit einer gewiſſen Behaglichkeit, aber doch auf eine ſparſame Weiſe, ſagte er zu mir:„„Nein, Kleine, das kann nicht ſo ſein. Du machſt ſchöne Pläne, aber die Ausführung iſt ſchwierig. Du biſt bei der Oper und mußt Deinen Rang behaupten, das iſt unerläßlich. Du willſt von Niemand ab⸗ hängen, als von Dir ſelbſt, Niemand gehören, als Dir... Nun wohl, ich allein kann Dir die Mittel hiezu geben, und Du ſollſt ſie haben. Du weißt, daß ich ein gewiſſes Anſehen genieße, Stellen verſchaffen, die Angelegenheiten rund abmachen kann? Sobald man erfährt, daß Du mit mir in Verbindung ſtehſt, wird man nicht verfehlen, bei Dir zu ſollicitiren, zu ſuppliciren, damit Du mir ein Wort in's Ohr ſagſt! Ver⸗ ſprich, dieſes Wort zu ſagen, und nimm an, was man Dir für die Mühe bietet. Ich ſtehe Dir dafür, daß Du Dir hie⸗ durch auch ein hübſches kleines Einkommen machen kannſt, und wenn im Grunde dabei eine Sünde iſt, ſo nehme ich ſie auf mein Gewiſſen.““ Ich frage Dich, war es möglich, liebens⸗ würdiger zu ſein? Meiner Treue, ich nahm ſeinen Vorſchlag an, hörte die Geſuche, die man an mich richtete, und wieder⸗ holte ſie beim Abbé. Ich ſagte ihm nicht drei Worte, ſo war die Sache abgemacht, die Stelle bewilligt, die Unterſchrift gegeben... Das ging wie in einem Feenmährchen, und dennoch war es eine Wirklichkeit... es war baares Geld. Am Beſten daran gefiel mir, daß ſich der gute Abbé ſtets mit dem begnügte, was ich ihm bewilligt hatte, mit meiner 25 Freundſchaft. Ich behaupte nicht, er habe ſich nicht geſchmei⸗ chelt, in der Länge der Zeit werde ich mich aus Dankbarkeit oder aus einem andern Grund großmüthiger zeigen und etwas Liebe in den Kauf geben. Ich glaube das heute mehr als je, und Du ſollſt es ſelbſt beurtheilen. Du haſt ihn vorhin kom⸗ men ſehen und erinnerſt Dich, daß ſeine Miene eben nicht ſehr freundlich war. Weißt Du, was er zu mir ſagte, als wir allein in meinem Boudvir waren? Er machte mir zum Vorwurf, ich hintergehe ſein Vertrauen und bewege ihn, Dinge zu thun, welche Aergerniß verurſachen.. Ich ahnete entfernt nicht, was er damit meinte. Nachdem ich eine Zeit lang geſucht hatte, fiel mir ein, es könnte eine gewiſſe Bewil⸗ ligung von königlichen Domänen zu Gunſten eines Marquis von Juviſy ſein, wobei ich mehr Schwierigkeiten als gewöhn⸗ lich gefunden hatte. Ich ſagte ihm das, er lachte mir in's Geſicht und rief:„„Ich kümmere mich den Henker um den Marquis von Juviſy; für's Erſte iſt er ein Einfaltspinſel, ſodann iſt er ſechzig Jahre alt und noch häßlicher als ich, wohl aber kümmere ich mich um den Grafen von Langeac, den Du mich haſt zum Kapitän im Regiment Flandern machen laſſen... Das iſt ärgerlich! das iſt empörend! Man ſchreit bei Hofe und ich ſchreie auch! Ich habe mehr als irgend Jemand das Recht dazu. Ich wußte nicht, daß der Graf von Langeac jung und ſchön iſt! Ich wußte nicht, daß er die Couliſſen der Oper nicht verläßt, und ſogar ſehr oft hier Beſuche macht.““„„Nun, was ſchadet das Ihnen?““ erwiederte ich ganz ruhig.„„Was mir das ſchadet!““ rief er mit verdoppeltem Zorn.„„Wiſſen Sie, Mademoiſelle, daß ich mir 26 wohl für Sie, für Ihr Vermögen compromittiren will, doch nicht um Ihnen Liebhaber zu verſchaffen. Meinen Sie, ich ſei nur zu dieſem Handwerk tauglich, ſo halten Sie mich für einen Andern.““ Dann ſchrie ich aus Leibeskräften und pro⸗ teſtirte gegen die Schändlichkeit ſeiner Anſchuldigungen.„„Nun, nun,““ ſagte er, ſich allmälig beruhigend,„„ſprechen wir vernünftig; wenn Du Langeac nicht liebſt, ſo biſt Du nicht gratis gegen ihn gefällig geweſen; biſt Du dagegen gratis gegen ihn gefällig geweſen, ſo liebſt Du ihn! Das iſt klar wie der Tag, und dagegen läßt ſich nichts einwenden. Antworte mir alſo aufrichtig, offenherzig und ohne zu zögern. Was hat Dir Langeae für ſein Kapitänspatent gegeben?““ Ich fühlte die Stärke ſeines Arguments und entſchloß mich ſogleich, zu lügen, denn es iſt wahr, der Graf hat mir nichts gegeben, aus dem einfachen Grund, weil er nichts beſitzt. Ich war ſo glücklich, ihm einen Dienſt leiſten zu können!... Kurz, ich ſchwur dem Abbé, der Graf von Langeae habe mir einen Wechſel von zehntauſend Thalern auf die zukünftige Erbſchaft von einer ſeiner Tanten unterzeichnet, und ich verſprach, ihm dieſen Wechſel zu zeigen, ſobald er mich wieder beſuchen würde. So gelang es mir, ihn zu beſchwichtigen, was nicht leicht war, denn nie habe ich ihn ſo wüthend geſehen. Er ſagte mir, er gehe nach Verſailles und werde den Böswilligen Still⸗ ſchweigen aufzuerlegen ſuchen, wenn noch von der Sache die Rede ſei, denn er ſchwur mir auch ſeinerſeits, die Beför⸗ derung des Grafen habe Geklatſche und Geſchrei erregt. Viel⸗ leicht ſind unſere beiden Schwüre einer ſo wahr als der andete! Vielleicht auch benützt man, wie der Abbé ſ 27 die Krankheit des Königs, um ſich in Beziehung auf Prin⸗ cipien und Moralität aufs hohe Roß zu ſetzen. Uebrigens bekümmere ich mich nicht viel darum, das geht den theuren Abbé an.“ „Das geht aber auch Euch an, da Ihr dem Abbé den Wechſel des Grafen zu zeigen verſprochen habt!“ entgegnete Francescv.„Beabſichtigt Ihr, ihn einen ſolchen unterzeichnen zu laſſen?“ „Gott behüte mich!... Das könnte nur bei ihm den Verdacht erregen, ich beabſichtige eine Speculation! es könnte mich in ſeinen Augen erniedrigen! lieber hundertmal mich mit dem Controleur entzweien!“ „Wenn er ſich aber an Euch rächen würde?“ fragte Carlo. „Er würde das nicht wagen, obgleich die Schüchternheit nicht gerade ein unterſcheidender Zug von ihm iſt. Doch ich ſehe ihn kommen, dieſen liſtigen Geſellen! Dieſer ganze ge⸗ heuchelte Zorn, dieſes ganze Erſchrecken iſt nur ein Kunſtgriff, um mich freiwillig oder mit Gewalt in ſeine Arme zu bringen. Er denkt vielleicht, er habe genug Vorſchüſſe gemacht, und die Stunde, ſeine Auslagen zu vergüten, ſei eingetreten. Doch er macht die Rechnung ohne den Wirth; er weiß nicht, daß die Colonna kein Mädchen iſt, das man durch die Furcht überwältigt.“ „Er wird morgen kommen,“ ſagte Francesco:„wenn er nun den Wechſel zu ſehen verlangt?“ „So ſchicke ich ihn ſpazieren wie vorhin; ich finde ein Motiv, einen Vorwand. Sei ganz ruhig, mein geliebter 28 Schwager, dieſe Kinderei hindere Dich nicht, heute Nacht zu ſchlafen.“ „Gleichviel,“ ſprach Francesco zu Carlo, als ſie nach dem Quartier Montorgueil zurückkehrten;„ich hatte Recht, wenn ich Dir ſagte, das Haus, aus dem wir weggehen, gleiche, ſo koſtbar es iſt, nicht ſehr einem Paradies, und was iſt ein Vermögen um den Preis von Käuflichkeit, Betrug und Lüge erworben? Ich liebe die Colonna, weil ſie ein gutes Mädchen iſt, aber ich erkläre Dir, daß ſie bei mir weniger Verlangen, als Mitleid erregt.“ Es war acht Uhr Abends; das kleine Hotel der Colonna hatte ein feſtliches Ausſehen. Ueberall, von der Hausflur bis zum Boudoir, verbreiteten die Kerzen ihren Glanz, die Blu⸗ men ihre Wohlgerüche. In einem Winkel des Salon thronte die Colonna auf einer Ottomane, umgeben von einem Hofe von Freunden, von Genoſſinnen, unter denen Larrivée, die berühmte Sopraniſtin, Legros, die bekannke Altiſtin, Mlle. Beaumesnil, Mlle. Chateauneuf, Mlle. Laguerre, alle drei angeſehene Sängerinnen, ſich auszeichneten. Man bemerkte hier auch einige Nhmphen des Tanzes: Mlle. Allard, Vlle. De⸗ vrieur; die Guimard hatte ſich mit einer wahren oder geheu⸗ chelten Unpäßlichkeit entſchuldigt, wobei der junge Veſtris, der mit Dauberval und Gardel kam, die Functionen des Boten verſah. Dabei fanden ſich dann noch mebre männliche „ 29 und weibliche Mitglieder der Italieniſchen Komödie, ferner Dichter, Muſiker, vornehme Herren, Finanzmänner, Alles vermengt in der Vertraulichkeit eines philoſophiſchen Durchein⸗ anders, der die Ungleichheiten des Vermögens und des Rangs völlig verſchwinden machte. „In der That, meine Herren, und Sie beſonders, meine Damen,“ ſagte die Colonna,„Sie ſind anbetungswürdig! Wenn ich bedenke, daß ein Wort von mir, das ich dieſen Morgen abſchickte, genügt hat, Sie Alle bei mir zu verſam⸗ meln, ſo fange ich an, an Zauberſtäbe zu glauben.“ „Ihnen kam es nicht zu, an der Macht der Zauberinnen zu zweifeln,“ erwiederte einer der erſten Salzſteuerbeamten. „Sie ſind zu artig, mein lieber Joliveau,“ rief die Tänzerin;„aber Sie werden mir das Ungeſtüm meines Im⸗ promptu verzeihen, wenn Sie erfahren, daß mir geſtern erſt mein Zauberer zu kommen verſprochen hat.“ „Sie erwarten den Generalcontroleur?“ verſetzte der Beamte, deſſen dickes Geſicht in Folge des Vergnügens, das ihm dieſe Nachricht bereitete, noch dicker zu werden ſchien. „Es iſt eine Ueberraſchung, die ich Ihnen vorbehalten habe.. Ich wollte auch um meiner ſelbſt willen geliebt ſein, wie in den Romanen. Sie ſind der Tänzerin zu Liebe gekommen und die Tänzerin gibt Ihnen einen Miniſter.“ „Meiner Treue,“ ſprach Dauberval,„wenn Jemand den Namen eines Zauberers verdient, ſo iſt er es. Wer von Ihnen hat ſein neues Hotel in der Rue Notre⸗Dame⸗des⸗Champs beſucht? Das nenne ich Wunder! Welche Größe! welcher 30 Lurus! Das Bett allein ſoll einmalhunderttauſend Livres koſten.“ „Sagen Sie achtzig,“ entgegnete der Salzſteuerbeamte,„und es wird noch genug ſein. Ich habe die Rechnung geſehen..“ „Bezahlt?“ fragte Legros boshafter Weiſe. „Nein,“ antwortete naiv der Beamte, ohne den ſpötti⸗ ſchen Sinn der Frage zu errathen. „Bei Gott!“ rief der Vicomte d'Antigny,„der liebe Controleur verſteht ſich darauf! er wird von dieſen Dingen ſagen, was er von der Hochzeit des Dauphin geſagt hat: ſie ſeien unbezahlbar.“ Das durch dieſen Scherz hervorgerufene Gelächter wurde bald durch ein Gefühl der Klugheit und durch die Ankunft mehrerer Gäſte unterdrückt, worunter Herr de Laborde, der nach dem Gebrauche jener Zeit Euterpe gar wohl mit dem Rechenbuch zu vermählen wußte; Muſiker, Literat, Gelehrter, Generalpächter, nicht minder verſchwenderiſch als reich, ſagte er von ſich ſelbſt:„Je mehr ich Geſchäfte habe, deſto behag⸗ licher iſt es mir. Oft legte ich mich zu Bette, ohne daß ich etwas hatte, um den ungeheuren Betrag der Wechſel zu be⸗ zahlen, die mir am andern Tag präſentirt werden ſollten⸗ Ehe ich entſchlief, oder ſogar im Schlafe kam mir ein Gedanke, der mich ergriff; ich ging am andern Morgen frühzeitig aus, und meine Wechſel wurden im Verlauf des Tags bezahlt.“ Laborde hatte nicht ſobald einen Blick auf Francesco und Carlo geworfen, welche beſcheiden einige Schritte bon der Ottomane ſtanden, als er in ihnen die zwei jungen Leute er⸗ kannte, die er in Chamberh getroffen hatte. 31 „Ich täuſche mich nicht,“ rief er,„das ſind zwei Ge⸗ ſichter, die ich unter tauſenden herauskennen würde, dieſes beſonders.“ Hiebei bezeichnete er Carlo. Die Colonna fragte ihn eiligſt, durch welches Wunder ihre Verwandten und er mit einander bekannt ſeien. „Mit Erlaubniß dieſer Herren,“ antwortete er,„will ich Ihnen die Anekdote erzählen, die ihnen übrigens zu ſehr zu Vortheil gereicht, als daß ſie ſich über meine Indiscretion beklagen könnten.“ Laborde berichtete nun getreulich alle einzelne Umſtände ſeines Zuſammentreffens mit den jungen Reiſenden, er ſprach von den Dienſtanerbietungen, die er ihnen gemacht, von dem edlen Stolz, mit dem einer von ihnen ſie zurückgewieſen hatte. Dieſe Erzählung, welche die Geſellſchaft ungemein ergötzte und ihr zugleich einen Begriff von dem voriginellen Charakter der zwei jungen Leute gab war die beſte Vorrede zur Kund⸗ gebung ihrer Talente. Spen der Abbé Terray eingetroffen war, und er ließ nicht lange auf ſich warten, begann das Concert. Francesco ſpielte ein Stück von Tartini, ein anderes von Corelli und fand allgemeinen Beifall. Carlo machte noch mehr Effect; er ſpielte Klavier und ſang venetianiſche Lieder bald mit dem ſentimentalſten, bald mit dem komiſchſten Aus⸗ druck. Der Abbé Terray war nicht der Letzte, der ihnen gerechte Lobeserhebungen ſpendete. Er wünſchte der Colonna Glück, daß ſie in ihrer Familie Virtuoſen von ſolchem Ver⸗ dienſt habe. An dieſem Abend hatte er ſich viel ſorgfältiger gekleidet, als am Tage vorher: er war gut gepudert, gut * P —— n chauſſirt; ſeine Wäſche war blendend weiß und ſein ſchwarzer Rock glänzte im Schimmer der Neuheit. „Teufel!“ ſagte ganz leiſe der Vicomte d Antignh zu Laborde, mit dem er in einem Winkel des Salon plauderte, „der Controleur iſt herrlich! Er hat eine Toilette, der man nichts von einer Ungnade anſieht.. man verkündigte ſie doch als nahe bevorſtehend und, unter uns geſagt, er hätte ſie nicht geſtohlen: die Sache wird zum Scandal! Aber dieſer Teufel von einem Menſchen weiß ſich immer wieder herauszu⸗ ziehen, mag es koſten, was es will, er opfert irgend Jemand, ſeine Freunde, ſeine Maitreſſen!... Ich möchte wohl wiſſen, ob er ſich uns zu Liebe mit ſeinem Anzug in Unkoſten geſetzt hat?“ „Sie wiſſen alſo das Neuſte nicht? Er kommt ſo eben von Verſailles, wo er mächtiger iſt als je.“ „Wie!.. trotz der vreimal hunderttauſend Livres, die er für die Erneuerung der Pachtverträge gefordert hat? Man wiederholte ſo oft, in dieſer ungeheuren Weinkanne würde er erſaufen.“ „Ah! hier hat er ſich gerade als Meiſter gezeigt. Was that er, als er ſah, daß der Lärmen immer mehr zunahm? Er trug die dreimal hunderttauſend Livres zur Favoritin und ſchwur, er habe dieſelben nur für ſie und einzig und allein in ihrem Intereſſe verlangt. Madame Dubarrh glaubte dies von Herzen gern und wußte auch den König zu überreden. Die Sache iſt alſo gewonnen, wenigſtens ſo lange der König lebt.“ „Ja, aber wenn der König ſtirbt, wird eine Appellation 1 ſtattfinden.“ 33 „Dieſer Schelm von einem Abbé hat ſo viel Glück, daß der König im Stande iſt, zu entkommen.“ Während ſich Herr de Laborde und der Vicomte d'An⸗ tigny in dieſem Ton unterhielten, nahm der Controleur die Colonna auf die Seite. Unter dem Vorwand, das koſtbare Negligés, das ſie gewählt, bequemer zu bewundern, faßte er ſie zurt bei der Hand und zog ſie bis in den Hintergrund ihres Boudoir. Hier erſchöpfte er ſich ganz in einer ver⸗ liebten Extaſe. „Lieber Abbé,“ ſagte die Colonna,„Sie vergeſſen ſich.. Sie verlieren die Vernunft.“ „Gefiele es dem Himmel! dann wäre ich minder un⸗ glücklich.“ „Und was fehlt Ihnen denn?“ „Sie fragen mich das, Grauſame!... Sie, die Sie mir Alles verweigern!... Wenn ich noch überzeugt ſein könnte, Andere ſeien nicht glücklicher!“ „Lieber Abbé, werden Sie denn immer eiein 2 „Nein, wenn Sie Ihr Wort halten.. Laſſen Sie ſich herbei, zeigen Sie mir den Wechſel, den Ihnen der Graf von Langeac unterzeichnet hat.... „Ja, ich werde Ihnen denſelben zeigen, doch Sie ver⸗ langen nicht, daß ich es zu dieſer Stunde, in ſo zahlreicher Geſellſchaft thue.“ „Im Gegentheil, ich will ihn auf der Stelle ſehen. Man iſt nie mehr allein, als mitten in der Menge. Nie⸗ mand merkt auf uns... Gehen Sie an Ihren Secretaire, Der Erzähler 1848. W. 3 34 nehmen Sie den Wechſel heraus, und ich werde zufrieden ſein.“ „Um keinen Preis der Welt, das iſt eine Laune, die Sie, ich weiß nicht warum, erfaßt.“ „Es iſt ein feſter, unerſchütterlicher Wille,“ ſprach der Abbé, deſſen Stimme ſich plötzlich dergeſtalt in die ſchrille Region erhob, daß ſie ſo durchdringend wurde, als das Ziſchen einer Schlange oder die Pfeife eines Maſchiniſten. Die Colonna konnte ſich eines Schauers der Angſt nicht erwehren, und in ihrem Schrecken ſtammelte ſie ein paar Worte, die einer Capitulation glichen. „Mein Gott!“ ſagte ſie,„welch ein Blick! Wenn Sie einen ſo großen Werth darauf ſetzen, was liegt mir im Ganzen daran!“ Der Abbé hoffte, ſie de nachgeben und ihm das Papier zeigen, das er ſo ungeduldig von ihr forderte; er nahm daher raſch ein anderes Geſicht an, ſänftigte den Ton ſeiner Stimme, indem er ihn ſo viel als möglich in die tiefere Region zurückführte, und ſprach: „Auf, hole mir den Wechſel, und Du ſollſt hernach ſehen..“ „Nein, nein,“ rief ſie,„Sie werden ihn nicht ſehen.. Sie werden mir auf mein Wort glauben, oder gar nicht glauben, das iſt mir gleichgültig. Ich bin ebenſo Herrin meiner Perſon, meines wie Herzens, und ich wäre, bei meiner Treue, eine Thörin, wenn ich mir einen Gebieter Ihrer Art geben würde.“ „Ruhig, ruhig... ärgern wir uns nicht. Wie raſch 35 Sie zu Werke gehen, kleine Boshafte! Sollte man nicht glauben, Sie erklären mir nun den Krieg? Wollen Sie mir den Wechſel des Grafen nicht zeigen?“ „Nein.“ „Eins wei? drei „Nein, nein, tauſendmal nein.“ „Sehr gut... ich kann das entbehren. Kehren wir in den Salon zurück und machen wir es wie die Andern... denken wir nur daran, uns zu beluſtigen.“ Der Abbé kehrte in der That zurück, wie er weggegangen war; er hielt die Colonna an der Hand und präſentirte ſie mit einer Miene, welche wohl bedeuten ſollte: „Kennt Ihr eine hübſchere Frau?“ Es waren Spieltiſche gerichtet, das Geld rollte auf den grünen Teppichen; der Abbé näherte ſich einem Pharo und wagte ein paar Louisd'vr. Die Colonna ging von einer Gruppe zu der andern und machte auf das Anmuthigſte der Welt die Honneurs ihres Hauſes. Ungefähr eine halbe Stunde nach ihrem Beiſammenſein im Bondoir begegnete der Abbé, der das Pharo berlaſſen hatte, der Colonna und fragte ſie: „Haben Sie Ihre Anſicht nicht geändert?“ „Nein,“ antwortete ſie. „Sehr gut, ich auch nicht.“ Dieſe letzten Worte begleitete der Abbé mit einer ſo ab⸗ ſcheulichen Grimaſſe, daß ſich abermals der Schrecken der Tän⸗ zerin bemächtigte, und daß ſie, als ſie Terrah auf die Thüre des Salon zugehen ſah, zu Carlo, der ſich zufällig in ihrer Nähe fand, ſagte: 36. „Höre, ich bitte Dich, folge dieſem Menſchen und ſuche zu errathen, was er im Sinne hat. Ich habe bange vor ihm!“ „Wegen des Wechſels und Eures Verſprechens,“ flüſterte Carlo der Tänzerin zu.„Ich war überzeugt, es würde Euch Schlimmes begegnen.“ „Wenn mir Schlimmes begegnet, ſo habe ich es mit dem ſchändlichſten Menſchen zu thun! Gehe aber, Kleiner, gehe doch!“ Carlo kam zu rechter Zeit, um den Abbé Terray zu einem ſeiner Bedienten ſagen zu hören: „Iſt der Gefreite da?“ „Ja, gnädiger Herr,“ antwortete der Bediente. „Dann gebt ihm dieſen Befehl, und er vollſtrecke ihn auf der Stelle.“ Nachdem er aus ſeiner Taſche ein mit einem großen Siegel von grünem Wachs verſehenes Papier gezogen hatte, das er dem Bedienten gab, kehrte der Abbé in den Salon zurück, ohne daß ſich auf ſeinem Geſicht irgend eine Gemüths⸗ bewegung offenbarte. Carlo folgte ihm auf dem Fuß und berichtete der Colonna, was er gehört hatte. Beinahe in demſelben Augenblick wurden beide Flügel der Thüre geöffnet, und ein Gefreiter trat gefolgt von Soldaten militäriſch ein. Die Colonna eilte ihm entgegen und rief: „Die Wache in meinem Hauſe? was will man von mir?“ „Madame,“ antwortete der Gefreite,„im Namen des Königs verhafte ich Sie.. Wollen Sie mir folgen.“ Das Erſtaunen der Anweſenden war ſo groß, daß nicht Einer von ihnen eine Sylbe zu ſprechen vermochte. Alle ſchauten den Generalcontroleur an, deſſen Züge etwas Ruhigeres und Lächelnderes hatten, als gewöhnlich. Die Colonna wandte ſich gegen ihn um und ſagte: „Iſt es denn möglich?.. man verhaftet mich und zwar in Ihrer Gegenwart!“ „Mein liebes Kind,“ erwiederte er,„meine Gegenwart vermag hier nichts.. Man muß dem König gehorchen!“ „Ich werde gehorchen,“ ſprach ſie, indem ſie ſich eine Haltung voll Adel gab,„ich werde gehorchen, da es hier Niemand wagt, meine Vertheidigung zu übernehmen.“ „Ich übernehme ſie,“ rief Carlo; und ohne zu warten, ſtürzte er ſich auf den Gefreiten und ſtrengte ſich an, ihm ſeinen Degen zu entreißen. Der Gefreite hatte keine Mühe, ſich von ihm loszumachen; zwei Soldaten packten den armen jungen Mann, während ſich Andere der Colonna bemächtigten, die ſie auf der Stelle wegführten. Sobald ſie ſich entfernt hatte, ließen die Soldaten Carlo los, und dieſer wollte ſich, als er ſich frei fühlte, auf den Generalcontroleur werfen. „Elender!“ rief er mit einem Ausdruck voll Wuth, „Du haſt eine ſchändliche Handlung begangen!... Du haſt eine Frau verhaften laſſen, und ich weiß warum!... Ich weiß es!... ich werde es überall ſagen! Ich werde Dich an allen Orten verfolgen, am Morgen, am Abend, ſogar in der Nacht.. bis Du Deine Miſſethat gebüßt haſt!“ „Soldaten, haltet dieſen jungen Menſchen zurück!“ ſprach der Abbé, ohne von ſeiner ſcheinbaren Unempfindlichkeit zu verlieren.„Ich begreife ſeinen Schmerz und finde ihn gerecht. Er kommt mit ſeinem Bruder aus Italien und hoffte, da er 38 Niemand hier kennt, als die Colonna, bei ihr Koſt und Wohnung zu finden. Es geziemt ſich für mich, an ihrer Stelle hiefür zu ſorgen. Schon morgen werde ich darauf bedacht ſein.“ An demſelben Abend hatte die Colonna ihr Lager in Saint⸗Lazare. Am andern Tag wurden Francesco und Carlo nach dem Fort⸗LEveque gebracht. So geſtaltete ſich das Schickſal der Familie. XVI. Seit Giuſeppe, der älteſte von den Söhnen von Angelo, die traurig berühmte Brücke überſchritten, waren viele lange Tage und viele lange Nächte vergangen, deren Zahl der junge Mann bergeſſen hatte. Anfangs war er in eine tiefe Nieder⸗ geſchlagenheit verſunken, die mehr dem Tod, als dem Schlaf glich. Auf dem kahlen Brett ausgeſtreckt, das ihm als Bett diente, bewegte er ſich nicht, ſchien er nichts zu hören und antwortete auf keine Frage. Petruccio, der Kerkermeiſter, fing an, über eine ſo hartnäckige Unbeweglichkeit beſorgt zu werden und zu befürchten, ſein Gefangener habe den Entſchluß gefaßt, ſich Hungers ſterben zu laſſen, als er den Avogador Salembenn kommen ſah, denſelben Mann, der die erſten Ausſagen von 5 Giuſeppe in dem Augenblick erhalten hatte, wo dieſer aus dem Waſſer des großen Kanals durch einen braven Gondolier 39 gezogen worden war. Petruccio theilte ihm ſeine Befürchtungen mit und ſagte zu dem Avogador: „In der That, das wäre ſehr Schade!.. Ein ſo hübſcher Junge und ein ſo großer Muſiker!... Ich habe es wenigſtens von meiner Nichte ſagen hören, die in ſeiner Nachbarſchaft wohnte und ſogar aus Freundſchäft Lectionen von ihm erhielt.“ „Du haſt eine muſikaliſche Nichte?“ fragte Salembeni. „Ja, Signor, Giannina Ricci, die Tochter meiner eigenen Schweſter; ſie hat eine ſo ſanfte Stimme, daß ſie, wenn ſie ſingt, Steine damit erweichen würde.“ „Und Du ſagſt, Giuſeppe habe ihr Lectionen aus Freund⸗ ſchaft gegeben?“ „Bei Gott! da er nichts hiefür verlangte, ſo muß ich natürlich ſchließen...“ „Nun, mein Lieber, da Du alle Mittel erſchöpft haſt, um Deinen Gefangenen in's Leben zurückzurufen, da Dir Deine Einbildungskraft kein in ſolchen Fällen gebräuchliches Verfahren mehr an die Hand gibt, ſo will ich Dir einen Rath ertheilen, ich, der ich auch Mufiker bin, ich, der ich die Macht der Wirkungen kenne, welche die Muſik hervorzu⸗ bringen vermag. Hole Deine Nichte je früher, deſto beſſer hierher; ſtelle ſie in den Gang, der zum Kerker von Giuſeppe führt, und heiße ſie eines von den Liedern ſingen, das ſie Giuſeppe am häufigſten wiederholen ließ!... Wir werden Beide da ſein und ſehen, was daraus entſpringt. Widerſteht Giuſeppe dieſer Probe, dann iſt Alles abgethan, und wir müſſen vetzichten zaber ich hoffe, er wird nicht widerſtehen; ich habe eine Ahnung, daß die Stimme Deiner Tochter uns aus der Verlegenheit heraushelfen wird.“ Der Avogador täuſchte ſich nicht: Giannina wurde ſo⸗ gleich gerufen. Sie ſang eine von Giuſeppe ſelbſt auf folgende Worte von Metaſtaſto componirte Melodie: Caro, son tua cosi Che per virtu d'amor 1 moti del tuo cor Bisento anch' io. Mi dolgo al tuo dolor, Gioisco al tuo gioir, El ogni tuo desir Diventa il mio.*) Schon beim erſten Vers ſetzte ſich Giuſeppe auf; kaum war die erſte Strophe beendigt, als reichliche Thränen ſeinen Augen entſtrömten; nach Beendigung der zweiten aber ſtürzte er nach der Thüre und rief: „Giannina! Giannina! Ihr ſeid es! ich erkenne Euch. Ich will Euch ſehen! kommt! oh! kommt doch!“ Der Avogador, der über den von ihm vorhergeſehenen Erfolg ſeiner Kriegsliſt triumphirte, war bemüht geweſen, dem Mädchen Inſtructionen zu geben. Petruccio wollte mit ſeiner Nichte in den Kerker eintreten, Salembeni widerſetzte ſich, und Giannina ging mit einem Körbchen, worin Weißbrod und einige Früchte, allein hinein. Die Augen von Giuſeppe *) Theurer, ich gehöre ſo ſehr Dir, daß ich durch die Stärke der Liebe ſelbſt alle Bewegungen Deineés Herzens fühle. Ich leide 3 bei Deinen Schmerzen, ich freue mich bei Deiner Freude, und jeder von Deinen Wünſchen wird auch der meinige. 4¹ glänzten von einem mächtigen Feuer; aber durch ein Faſten von mehreren Tagen aufgezehrt, hatten ihn ſeine Kräfte der⸗ geſtalt verlaſſen, daß er zu Boden gefallen war, ohne ſein Lager wieder erreichen zu können. „Signor Giuſeppe,“ ſprach Giannina mit dem zärtlichſten Ausdruck und einem wahrhaft überzeugenden Ton,„iſt es möglich, daß ich Euch ſo wiederfinde? Was man mir ge⸗ ſagt hat, iſt alſo wahr? Ihr wollt weder ſprechen, noch eſſen, noch trinken? Ihr denkt alſo nicht mehr an Eure Familie, an Eure Freunde?“ „Oh! doch, meine Giannina,“ erwiederte Giuſeppe,„ich denke immer, ich denke nur zu viel an ſie! Darum..4 „Darum wollt Ihr nicht leben? Darum beleidigt Ihr Gott? Ihr werdet mir das Vergnügen machen, anderen Sinnes zu werden und Euch anders zu benehmen. Seht, was ich Euch da bringe... koſtet nur davon, um Euch nicht wehe zu thun; Ihr ſeid ſo geſchwächt, ſo entkräftet... Ich frage Euch, ob das nicht ein unverzeihliches Verbrechen iſt?“ Während ſie ſo ſprach, nahm Giannina das Brod und die Früchte aus ihrem Körbchen und hielt ſie an die Lippen von Giuſeppe, der Alles, was man ihm bot, mit einer außer⸗ ordentlichen Gier verſchlang. „Nun, ſprecht,“ ſagte das Mädchen,„war das denn ſo ſchwierig? Seid Ihr nicht zufrieden, daß Ihr fühlt, Ihr werdet diesmal noch nicht ſterben? Warum habt Ihr Euch ſo lange geweigert?“ „Warum ſeid Ihr nicht am erſten Tage gekommen?“ 42 entgegnete Giuſeppe, indem er ihre Hand in ſeinen ſchwachen Händen zu drücken ſuchte. „Ah! warum? warum? Wußte ich, daß Ihr ſo böſe, ſo ſtörrig waret?“ „Ja, aber nicht wahr, nun, da Ihr es wißt, werdet Ihr mich nicht mehr verlaſſen?“ „Wie, ich ſoll hier gefangen bleiben?... Ihr verur⸗ theilt mich zum Kerker?“ „Nein.. das wäre abſcheulich für Euch! ich will nur ſagen, Ihr werdet mich häufig beſuchen.“ „Das hängt von meinem Oheim, dem Kerkermeiſter, ab.“ „Oh! dann 4 „Sagt nichts Schlimmes von ihm. Ihr ſeht wohl, daß er gut iſt, daß er Euch liebt, da er mir hierher zu kommen erlaubt oder vielmehr befohlen hat. Dafür ſeid Ihr ihm Dank ſchuldig, denn es geſchieht trotz des Verbots. Er iſt hier ganz in der Nähe mit einem edlen Herrn, der auch viel Antheil an Euch nimmt... Wollt Ihr, daß Beide eintreten?“ „Nein, heute nicht, morgen!.. 44 „Morgen, wenn Ihr wollt, doch es wäre beſſer, ſie ſogleich zu empfangen.“ Giannina benützte einen Blick von Giuſeppe, der einzu⸗ willigen ſchien, und öffnete eiligſt dem Avogador und ihrem Oheim die Thüre. Bei ihrem Anblick faltete Giuſeppe die Stirne; doch auf ein Zeichen, das ihm Giannina machte, nahm ſein Geſicht wieder einen minder düſteren Ausdruck an. „Junger Mann,“ ſprach Salembeni,„glaubt, daß Ihr hier mit Männern zuſammen ſeid, die Eure Lage kennen, und 3 „ 43 deren inniger Wunſch es iſt, die Härte derſelben zu mildern. Einer der Freunde Eures Vaters hat mich aufgeſucht und mich gebeten, über Euch zu wachen. Ich brauchte nicht Alles das, was mir der vortreffliche Meiſter Daphnis geſagt hat, um von einem Gefühle, nicht des Mitleids, ſondern der Shmpathie ergriffen zu werden. Ihr ſeid ein junger Künſtler, Ihr habt Talent, Ihr werdet vielleicht Genie haben! Ich bin nur ein Liebhaber, aber ein leidenſchaftlicher Liebhaber der Kunſt, die Ihr ſeit Eurer Kindheit treibt. Nie würde ich es mir verzeihen, ließe ich eine der Hoffnungen unſeres Vater⸗ landes erlöſchen. Ich weiß, welcher Gefahr ich mich ausſetze, indem ich hierher komme, doch ich ergebe mich darein, ohne zu zaudern... Petruecio, mein Freund, ſage mir, wäre es nicht möglich, Deinem Gefangenen eine minder ungeſunde, min⸗ der finſtere Wohnung zu verſchaffen?“ „Signor,“ erwiederte der Kerkermeiſter,„Ihr wißt, was man mir befohlen hat. Ich bin nur dem Willen der Inquiſt⸗ toren nachgekommen...“ „Welche ſelbſt dem des Dogen entſprochen... Ja, ich weiß das... Doch gleichviel! ich nehme es auf mich, einige Erleichterung von Dir zu verlangen. Ueber dieſem Kerker iſt ein Zimmer, in welchem ich ſchon einen meiner Verwandten beſucht habe, den ich nach Verlauf von einigen Monaten in Freiheit ſetzen zu laſſen ſo glücklich geweſen bin. Vom Fenſter aus erblickt man ein wenig den Himmel) man athmet eine minder ſchwere, minder drückende Luft ein, als in dieſer unterirdiſchen Zelle! Laß den jungen Mann dorthin bringen.“ — „Wenn aber einer von den Inquiſitoren kommt und ſeine Runde macht?“ „Dann ſagſt Du ihm, der Arzt habe die Sache für unerläßlich erachtet! Ich werde mit ihm ſprechen, ihm ſeine Lection geben, und er wird es mir nicht abſchlagen, in Be⸗ tracht, daß ich im Stande bin, ihm für ſeinen Dienſt einen Gegendienſt zu leiſten.“ „Meinen Dank, edler Herr,“ ſprach Giuſeppe, auf's Neue Thränen vergießend;„wenn ich mir aber eine Gnade zu erbitten habe, ſo iſt es die, Ihr möget mir verſprechen, daß es dieſem Mädchen erlaubt ſein ſoll, mich zu beſuchen, wo ich auch ſein werde. Dieſer Kerker mit Giannina wäre mir lieber, als der ſchönſte Palaſt, in den ſie nicht eingelaſſen würde. Ihre Stimme hat mich tief bewegt und in einigen Secunden alle meine Entſchlüſſe geändert. Ihr werdet mich nicht wollen in ſie zurückfallen laſſen, und wenn ich ihre Stimme nicht mehr hörte, ſtünde ich für nichts; ich wüßte keinen Grund mehr, mein trauriges Leben fortzuſetzen.“ „Ja, ja, junger Mann,“ erwiederte Salembeni,„Gian⸗ nina wird Euch beſuchen...“ „Mit mir,“ ſagte Petruccio.* „Mit ihrem Oheim,“ ſprach Salembeni;„ſie wird Euch die Lieder ſingen, die Ihr liebt. Ich werde es nicht verhin⸗ dern, daß der Zauber der Mufik eines ſeiner ſchönſten Wunder vollendet! Auch ich werde von Zeit zu Zeit kommen, ich plaudere mit Euch, und wer weiß? wir finden vielleicht das Mittel, kleine Concerte zu zwei, zu drei unter uns anzuordnen. Dieſe Mauern ſind ſo dick, daß man, wenn man es vernünftig anſtellt, keine Indiscretionen zu befürchten hat. Für heute dünkt es mir klug, wenn ich nicht länger bleibe. Euer Ge⸗ müth iſt in lebhafte Bewegung gerathen und Ihr bedürft der Ruhe. Auf Wiederſehen, junger Mann, auf Wiederſehen.. denkt mittlerweile an Eure Freunde.“ „Auf, meine Nichte,“ ſagte Petrucciv,„es iſt Zeit, zu gehen und den Gefangenen ruhen zu laſſen.“ Giannina ſchickte ſich an, ihrem Oheim zu gehorchen; ſie nahm mit den Augen und der Geberde von Giuſeppe Ab⸗ ſchied; als dieſer ſie weggehen ſah, rief er: „Morgen, Giannina, oh! habt Mitleid, morgen!“ Gianning kam in der That in Begleitung ihres Oheims, deſſen Gegenwart Giuſeppe ſehr ärgerlich war und ihm nicht geſtattete, dem Mädchen ein paar Worte zuzuflüſtern, die man nicht gehört hätte. Es gewährte ihm indeſſen immerhin ein großes Glück, das hübſche Geſicht zu ſehen, das ſo angenehm mit den traurigen Gegenſtänden, von denen er umgeben, con⸗ traſtirte. Gegen eilf Uhr wechſelte man ſeine Wohnung und quartierte ihn in dem vom Avogador bezeichneten Zimmer ein. Dieſer beſuchte ihn ebenfalls, und da er, wie es ſchien, ein Vergnügen an ihm fand, ſo dauerte ſein Beſuch ſehr lange und wiederholte ſich an jedem der folgenden Tage mit muſter⸗ hafter Pünktlichkeit. Salembeni liebte, wie er es am erſten Tag erklärt hatte, die Muſik leivenſchaftlich; was er aber nur ſtufenweiſe zuge⸗ ſtand, oder was vielmehr Giuſeppe erſt mit der Zeit bemerkte, war der Umſtand, daß er ſie mit Anſprüchen liebte, und, nicht zufrieden, ſie zu ſeinem Vergnügen zu eultiviren, ſich 46 ſchmeichelte, es werde ihm gelingen, ſie zu ſeinem Ruhm zu treiben, mit einem Wort, daß er nach dem Titel eines dra⸗ matiſchen Componiſten trachtete. Er fing damit an, daß er Giuſeppe ein paar Lieder von ſeiner Compoſition zeigte und ihm ſagte, ſie ſeien von einem ſeiner Freunde, der zu wiſſen wünſche, was er von ihrem Werth zu halten habe. „Ich glaube mich ziemlich gut darauf zu verſtehen,“ ſprach er,„doch mein Freund will ein unparteiiſcheres und folglich ſichereres Zeugniß haben.“ Ohne etwas zu vermuthen, ſang Giuſeppe die Lieder, warf eines nach dem andern auf die Seite und rief: „Das iſt ſehr ſchlecht, und mehr noch, es iſt gegen alle Regeln.“ Bei dieſen heftigen Worten zerſetzte ſich gleichſam das Geſicht des Abogador, ſeine Züge wurden länger, ein kalter Schweiß floß von ſeiner Stirne. Erſtaunt über ſein Still⸗ ſchweigen ſchaute ihn Giuſeppe an und erkannte ſogleich den Fehler, den er begangen hatte. „Ihr habt mich getäuſcht, Signor,“ rief er,„dieſe Stücke ſind von Euch.“ „Und wenn ſie von mir wären,“ erwiederte der Avo⸗ gador mit einer vor Aufregung ſchetternden Stimme,„wären ſie darum beſſer?“ 3 „Nein,“ antwortete der Künſtler offenherzig,„ich werde nicht eine zweite Thorheit dadurch begehen, daß ich widerrufe; 3 doch Ihr begreift, wenn man mit dem Autor ſelbſt ſpricht, ſo bedient man ſich anderer Ausdrücke, als wenn man denkt, man habe nur einen unbetheiligten Dritten vor ſich. Hätte ich 47 gewußt, dieſe Lieder ſeien von Euch, ſo würde ich Euch nur geſagt haben:„„Das iſt bei Weitem nicht vollkommen, aber es finden ſich darin da und dort angenehme Ideen, die nur beſſer behandelt, beſſer geſchrieben ſein dürften... Es ſind Züge, welche mehr Erfindung, als Metier bezeichnen.““ „Wahrhaftig, mein Freund, Ihr findet aufrichtig...“ „Meine Aufrichtigkeit bedarf keiner Bürgſchaft. Ich habe ein Muſter davon gegeben.“ „Das thut nichts... glaubt Ihr, wenn man dies arran⸗ giren würde, wäre es möglich...“ „Ob ich es glaube?... Laßt mir Eure Stücke bis morgen hier. Nur ſeid dafür beſorgt, daß ich Papier, Tinte und ein Klavier bekomme.“ „Ihr ſollt Alles haben, was Ihr braucht.“ „Ihr werdet mir einen ungeheuren Dienſt leiſten, denn ſeht, worauf ich angewieſen war! Wenn ich mich in meiner Einſamkeit zu ſehr langweilte und mir irgend ein Gedanke durch den Kopf ging, ſo konnte ich ihn nur an dieſe Wände ſchreiben. Ihr bemerkt auch wohl, daß die Stube mit weißen und ſchwarzen Noten und mit Kreuzen tapezirt iſt.“ „Ich bemerkte das nicht; doch Ihr habt da eine ganze Partitur und mit dem erſten Blick gewahre ich darin Werth⸗ volles!... Seid unbeſorgt, von heute an ſollt Ihr nicht mehr nöthig haben, Eure Zuflucht zu ſolchen Mitteln zu nehmen. Wir werden arbeiten, mein Lieber, wir werden arbeiten, und ich hoffe mit Hülfe Eures Rathes werde ich bald von Eurem Tadel, für den ich Euch übrigens von ganzem HBerzen danke, appelliren können.“ 48 Salembeni gab ſeine Befehle, und trotz des Murrens von Petruccio wurden Klavier, Papier und Tinte in die Stube von Giuſeppe gebracht, der es aus Dankbarkeit alsbald unternahm, die Producte ſeines Beſchützers zu corrigiren. Er entledigte ſich ganz gewiſſenhaft ſeiner Aufgabe, d. h. er machte ungefähr Alles neu, Melodie und Accompagement. Als der Autor am andern Tag ſein Werk hörte, kannte er es nicht mehr; aber weit entfernt, ſich darüber zu ärgern, überſtrömte er von Worten ſeiner Erkenntlichkeit. „Es iſt ſonderbar,“ ſagte er zu Giuſeppe,„Ihr habt meine Gedanken errathen! Ihr habt genau das gemacht, was ich machen wollte... ja, ich ſchwöre Euch, es ſind mir alle dieſe Ideen gekommen, und ich weiß nicht, warum ich mir nicht getraute, ſie niederzuſchreiben.“ „Ich habe Euch ſchon geſagt,“ erwiederte der Künſtler, „es fehlt Euch das Metier.“ „Und ich werde es bei Euch lernen.. Ah! ich ſehe, wir ſind nur geſchaffen, um uns zu verſtändigen und überein⸗ zuſtimmen... das macht mich ſtolz und glücklich! Ich hielt es nicht für möglich, daß die Sympathie der Phantaſien in dieſem Grade beſtehen könne.“ Der Avogador Salembeni war im Grunde ein vortreff⸗ licher Mann, und abgeſehen von ſeiner Manier, ſich für ein muſikaliſches Genie zu halten, ein ſehr liebenswürdiger Menſch; da aber Giuſeppe einen großen Nutzen aus dieſer Einbildung zog und ihm alle Vortheile ſeiner Lage zu danken hatte, ſo ermuthigte er ihn und ging auf das Schonendſte mit ihm um⸗ Der Avogador beſuchte ihn regelmäßig alle Tage, und er kam 49 beinahe jedes Mal beladen mit Papieren, die man für Prozeß⸗ akten halten konnte, während die Rolle allerdings außen aus Papieren dieſer Art beſtand, im Innern aber nur linirtes Papier enthielt, worauf eine Arie, ein Duett, ein Terzett, ein Quartett oder eine Ouverture ſtand. „Höret, mein lieber Künſtler,“ ſagte der Abvogador, ſich die Hände reibend,„heute habe ich den Einfall gehabt, dieſes zu ſchreiben(und er entrollte das friſche Stück, das er erzeugt hatte). Seht, was ſich daraus machen läßt, und prüfet, ob man auf einen Erfolg rechnen darf! Ihr wißt, ich ſtelle es ganz Eurem Urtheil anheim. Ihr habt bei meinen Werken das Recht über Leben und Tod.“ Dann ſetzte ſich Giuſeppe an's Klavier und entzifferte das Stück, das ihm heinahe immer ein anderes eingab, welches er, Satz für Satz, an die Stelle desjenigen ſetzte, das er vor Augen hatte, wobei er indeſſen die Vorſicht gebrauchte, den Avogador um Rath zu fragen und zu ihm zu ſagen: „Was denkt Ihr davon? Wäre Euch das nicht lieber?.. Das würde ich an Eurer Stelle ſetzen.“ Und der Avogador rief unberänderlich: „Sehr gut!... Vortrefflich!... Das war mein Ge⸗ danke! Das hatte ich gerade im Kopf, als ich ſchrieb!„ War es zufällig ein Duett oder ein Terzett für Männer⸗ und Frauenſtimmen, was ihm die Phantaſie des Avogador am WMorgen dictirt hatte, ſo verlangte Giuſeppe, daß Giannina kommen und ihre Partie ſingen möge, und auf ſeine Bitte erſuchte Salembeni beſtändig Petruccio, ſie in Ruhe zu laſſen, Der Erzähler 1849. w. 4 * 50 wobei er ihm verſprach, er werde ſelbſt über ſeiner Nichte wachen. Dann währten die Sitzungen ſehr lange; Giuſeppe fand immer, Giannina könne eine Paſſage nicht gut genug, und es ſei nöthig, daß ſie dieſelbe noch einmal wiederhole. Zuweilen war er ſo geſchickt, den Avogador zu beſchäftigen, indem er ihn bat, das Klabier einzunehmen oder dieſe oder jene Partie in's Reine zu bringen, was dieſer mit Eifer und Stolz that, als hätte ſeine muflkaliſche Vaterſchaft eine ent⸗ ſchiedenere Bewährtheit erhalten! Mittlerweile aber plauderte Giuſeppe ganz leiſe mit Giannina. Beide wechſelten mit halber Stimme einige von jenen Worten, welche um ſo mehr entzücken, als ſie einer Liebe entquellen, die ſich zu erklären noch nicht gewagt hat. Endlich geſchah es, daß der Avogador eines Tags mit einem freudiger ſtrahlenderen Geſichte als gewöhnlich in die Stube von Giuſeppe eintrat; er trug eine ungeheure Maſſe Papier unter dem Arm und rief: „Theurer Giuſeppe, wünſcht mir Glück... Ihr ſeht den ſeligſten Sterblichen in mir!... Ich habe beendigt, ich habe geſchloſſen... Es fehlt nichts mehr daran!“ „Woran denn?“ fragte naiv der Künſtler. „An meiner Oper!... Ihr habt es nicht bemerkt?.. Ihr habt es nicht gemuthmaßt? Und das dauert doch ſchon zwei Monate. Ich habe Euch nach und nach alle meine Stücke gezeigt; Ihr habt ſie alle eines nach dem andern geſehen und durchgeſehen, aber ich hütete mich wohl, Euch zu ſagen, in welcher Beziehung ſie zu einander ſtanden Ich wollte Euch nicht anbertrauen, daß ich eine Iſſipilem chte, eine 51 Oper in drei Akten„ mein Freund, auf ein ſchönes Gedicht von Metaſtaſto, das Ihr nicht erkannt habt.“ „Ich habe es nie in meinem Leben geleſen.“ „Dann wundere ich mich nicht; wunderbar wird es Euch aber vielleicht erſcheinen, daß meine Oper aufgeführt werden ſoll.“ „Eure Oper!“ rief Giuſeppe unwillkührlich. „Ja, meine Oper,“ erwiederte der Avogador;„ich trage ſie noch heute zum Abſchreiber, und in acht Tagen beginnen die Proben.“ „Auf welchem Theater?“ „Auf San Samuele.« Giuſeppe war ſo erſtaunt über das, was er hörte, daß er nicht die Kraft hatte, etwas beizufügen, und ganz ſtumm blieb. Der Avogador dachte, es ſei dies die Wirkung jener Eiferſucht, die ſich ſtets im Grunde des Herzens der Künſtler findet, und ſagte zu ſich ſelbſt: „Er möchte gern an meiner Stelle ſein, der arme Junge möchte auch gern bald eine ſeiner Opern aufführen ſehen! Im Ganzen bin ich aber nicht Schuld daran, daß er nicht frei iſt, und noch weniger, daß er nicht im Stande iſt, die Ideen zu haben, die ich gehabt habe, und in deren Anordnung er mich, um gerecht zu ſein, ſo gut unterſtützt hat.“ Der Avogador täuſchte ſich nicht, wenn er annahm, Giuſeppe ſei eiferſüchtig auf ſein Glück, und hiezu war aller⸗ dings Grund vorhanden, aber er ahnete entfernt nicht die wahre Urſache dieſer Eiferſucht. Durch Ueberlegung nahm Giuſeppe indeſſen ſein Uebel in Geduld hin, und er überredete 52 ſich ſogar, es ſei beſſer, wenn ſeine Muſik die große Prüfung unter dem Namen und der Verantwortlichkeit eines Andern durchmache. „Grfüllt ſie,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„ſo verliere ich allerdings die Ehre, die mir vom günſtigen Erfolg zukäme; doch ich bin jung, ich habe Zeit vor mir, und werde mich früher oder ſpäter entſchädigen. Fällt ſie dagegen durch, ſo wird Niemand mir dieſen Durchfall aufbürden, und ich werde aus der Lection Nutzen ziehen.“ So lange die Proben von Iſſipile dauerten, beſuchte der Avogador den Gefangenen ſeltener, wenn er ihn nicht etwas wegen einer Veränderung, wegen einer Correctur um Rath zu fragen hatte. Am Tage vor der erſten Vorſtellung kam er noch einmal, um mit ihm einen Theil der großen Schlußſcene zwiſchen Iſſipile, Rhodope, Eurinome, Jaſon und den Argonauten zu durchſehen. Giuſeppe bat ihn inſtändig, ihm noch am Abend durch Petruecio ſagen zu laſſen, was das Ergebniß der Vorſtellung geweſen ſei, und Salembeni ſah in dieſer Bitte nichts Anderes, als ein ganz natürliches Zeichen der Theilnahme von Giuſeppe. Iſſipile gefiel vollkommen. Petruccio, der ſeine Nichte Giannina in das San Samuele Theater geführt hatte, überhrachte die Kunde Giuſeppe, und dieſer wurde von einem ſo feurigen Entzücken ergriffen, daß er dem Kerkermeiſter um den Hals fiel und ihn in ſeiner Umarmung beinahe erwürgt hätte. Salembeni lief am andern Tag frühzeitig herbei. Er war um drei Ellen größer geworden und ſchwamm in einem 53 ſolchen Uebermaß von Glückſeligkeit, daß er gern die ganze Welt hätte daran Theil nehmen laſſen. Der glückliche Erfolg machte ihn aber ſo Peſcheiden, daß er zu Giuſeppe ſagte: „Ich habe Euch einen großen Theil meines Ruhmes zu verdanken; wie werde ich mich je meiner Schuld entledigen können?“ ⁰ „Oh! das iſt ganz leicht,“ erwiederte der Andere,„ich bitte Euch nur um Eines. Macht, daß ich heute Abend der zweiten Vorſtellung von Iſſipile beiwohnen kann; bewegt Petruccio, daß er mich begleitet, er und ſein Schließer.. Ich gebe Euch mein Ehrenwort, daß ich nicht zu entweichen verſuche.“ Der Avogador ſträubte ſich Anfangs gegen dieſen Vor⸗ ſchlag, deſſen Ausführung ihm unmöglich ſchien, der aber dennoch ausgeführt wurde, als ihm Giuſeppe verſprach, er werde ſich unter dieſer Bedingung ein Vergnügen daraus machen, ihm bei der Compoſitiön einer neuen Oper beizuſtehen. Giuſeppe wird alſo unter der Escorte von Petruecio und ſeinem Schließer, die ihn beſtändig jeder bei einem Arm halten, in's Theater geführt. Alle drei nehmen im Parterre Platz. Die Oper beginnt. Der erſte Akt wird unter rauſchendem Beifall geſpielt. Giuſeppe ſagt kein Wort, ſo ſehr iſt ſeine Aufmerkſamkeit in Anſpruch genommen. Der Vorhang geht für den zweiten Akt auf, doch gegen die Mitte der Scene von Eurinome mit den Amazonen und den Bacchantinnen macht er ſich plötzlich von den Händen ſeiner zwei Gefährten los, ſteht auf und ruft: 54 „Halt! halt!... So iſt es nicht.. Noch einmal angefangen!“ Sogleich wenden ſich alle Blicke nach dem Unterbrecher, den man für einen Narren hält; doch dieſer fährt fort: „So iſt es nicht, ſage ich Euch... höret, wie ich es geſchrieben habe.“ Und Giuſeppe fängt an zu ſingen, trotz Petruccio und ſeinem Gehülfen, die ihm mit Gewalt den Mund ſchließen wollen. Die Menge verſammelt ſich um ihn und verlangt Aufklärung. Petruccio ſtrengt ſich an, Giuſeppe fortzuziehen, um mit ihm hinaus zu kommen, doch dieſer widerſteht und ruft: „Signori, ich, Giuſeppe. Angelo, bin der Autor dieſer Mufik.“ „Nein, nein,“ entgegnen hundert Stimmen:„der Autor dieſer Muſik iſt Salembeni, der Avogador.“ „Ich ſage Euch, daß ich es bin,“ erwiedert Giuſeppe. „Ich weiß die Muſik auswendig... laßt ſie mich Euch vor⸗ ſingen.“ Mittlerweile erſchien ein Officier, gefolgt von Soldaten. „Ergreift dieſen Menſchen und führt ihn in ſein Ge⸗ fängniß zurück,“ ſagte er zu ſeinen Leuten, Giuſeppe be⸗ zeichnend. Giuſeppe mochte ſich immerhin ſträuben und ſchreien, die Soldaten bemächtigten ſich ſeiner und führten ihn nicht in die Stube zurück, die er ſeit einigen Monaten eingenommen, ſondern in den abſcheulichen Kerker, den er Anfangs bewohnt hatte, und von dieſem unſeligen Abend an ſah er weder den Abogador, noch Petruccio, noch Giannina mehr! 6 55 XVII. An einem Ufer der Brenta gelegen, zeichnete ſich das Kloſter, deſſen wir in Beziehung auf Gabriella erwähnt haben, äußerlich nur durch die Strenge ſeiner hohen„ ſchwarzen Mauern aus. Trat man zum erſten Mal in daſſelbe ein, ſo mußte man nothwendig von jenem Schreckensſchauer, von jenem Eindruck der Traurigkeit und des Widerwillens ergriffen wer⸗ den, den jedes belebte Weſen beim Anblick eines Grabes an ſich erfährt. Um von der Pforte in das Sprachzimmer zu gelangen, hatte man einen langen Gang zu durchſchreiten, der nur ſchwach durch Luken beleuchtet war, die man am Anfang der Gewölbe angebracht hatte, und nie durch einen Sonnenſtrahl von ſeiner Feuchtigkeit befreit wurde. Obgleich etwas minder dunkel, war doch das Sprachzimmer ſelbſt nicht weniger von Traurigkeit erfüllt. Der Leſer erinnert ſich vielleicht, daß Gabriella, von der Superiorin unter dem Vorwand einer wichtigen Mittheilung, die ſie ihr zu machen habe, gerufen, von Chloe bis zu dem Gitter begleitet worden war, das ſich ſogleich vor ihr gesffnet, doch nur um Gabriella einzulaſſen. Aufgefordert, ſich wieder zu entfernen, war Chloe eiligſt zu Angelo zurückgekehrt, den ſie im Conflict mit den Sbirren und unter der Wucht eines Verbannungsſpruches fand. Im höchſten Maße erſtaunt und beängſtigt, war Gabriella in ihrem Geiſte zu ſehr von Beſorgniſſen in Anſpruch genommen, um zu bemerken, was um ſie her vorging; ſie wurde erſt durch die Stimme der Superiorin zu ſich zurückgerufen, die ſie bei der Hand nahm und zu ihr ſprach: „Seid willkommen, meine Schweſter, und wenn Ihr Euch, wie dies leicht zu bemerken, als Ihr dieſes Haus betratet, einer gewiſſen Gemüthsbewegung nicht erwehren konntet, ſo laßt Euch nieder, beruhigt Euch; ſeid überzeugt, daß Ihr nichts zu befürchten habt. Edle und mächtige Perſonen haben es für weſentlich erachtet, Euch auf einige Zeit den Ein⸗ flüſſen der Welt zu entziehen und von Eurer Familie zu entfernen. Wie hart auch dieſe Maßregel erſcheinen mag, zweifelt doch nicht, daß ſie ſich mildern läßt. Ich werde mich zuerſt hiefür bemühen, und es wird uns hier nicht an gutem Willen fehlen.“ Dieſe kleine Anrede fand mit einer Stimme ſtatt, deren Klang etwas ſo Reines, ſo Liebkoſendes, ſo Himmliſches hatte, daß Gabriella alsbald die Augen aufſchlug, um zu ſehen, ob nicht ein Engel mit ihr ſpreche, und ſie erblickte etwas Beſſeres, als einen Engel, nämlich eine reizende, noch junge Frau, mit blauen Augen, mit mattweißen, leicht gefärbten Wangen, deren Rundung ſich unter den Falten eines ſchwarzen Schleiers ver⸗ lor, welcher ihnen als Rahmen diente. Der Blick der Su⸗ periorin war eben ſo verführeriſch als ihre Stimme, und ihr ganzes Antlitz drückte Wohlwollen und Freundlichkeit aus. Gabriella, die nie den Fuß in ein Kloſter geſetzt, hatte ent⸗ fernt nicht erwartet, ſie werde eine Superiorin dieſer Art treffen. Sie hatte ſich eine alte, vertrocknete, gelbe, mürriſche Frau vorgeſtellt. Da ſie aber auch nicht erwartet, ſie werde länger an dem heiligen Ort, in den man ſie gelockt, ver⸗ weilen müſſen, ſo erſchrack ſie unwillkührlich, als man iht 57 ankündigte, ſie habe für eine Zeit, deren Ziel man nicht beſtimmte, Gefangene im Innern der Gemeinde zu bleiben. „Sollte das wahr ſein, Signora!“ rief ſie..„ich bin verurtheilt, hier zu erweilen, ohne meinen Vater, meine Brüder, meine Schweſtern, unſere Freunde zu ſehen?“ „Und das Theater, von dem Ihr nicht ſprecht?.. Ich begreife, meine Schweſter, daß dieſe Entbehrungen ſchmerzlich für Euch ſind... Doch ſo lautet der Befehl, der von oben kommt, und Ihr ſeid nicht die Erſte, die wir auf dieſe Art erhalten. Wir haben Betrübtere geſehen, als Euch, und unter dieſer Zahl ſind Einige geweſen, die uns nicht mehr verlaſſen wollten. Ich werde ſie Euch zeigen.. Ihr werdet mit ihnen ſprechen ihr Beiſpiel ſoll Euch unter⸗ ſtützen. Um einen Anfang zu machen, kommt mit mir, ich führe Euch in Eure Zelle, wo Ihr die Kleidung anlegt, die allein in dieſem Hauſe geſtattet iſt.“ So groß war die Wunderwirkung der Stimme, die das Ohr von Gabriella traf, ſo groß der Zauber der Perſon, die ſie vor ihren Augen hatte, daß ſie, ohne alle Ueberlegung, gehorchte, der Superiorin folgte, in die Zelle eintrat und die neue Kleidung zu nehmen ſich anſchickte. Während ſie ſich an⸗ kleidete, bemerkte ſie, daß die Zelle nicht ſo düſter war, als die Zugänge des Kloſters hätten können befürchten laſſen. MWit Eichenholz getäfelt, das wie Diamant glänzte, hatte es als Ausſtattung ein ſehr reinliches Bett mit Leintüchern von außer⸗ ordentlicher Feinheit, einen Strohſtuhl und ein Betpult. Das Fenſter ging auf einen vortrefflich gepflegten, von Orangen⸗ bäumen durchdufteten Garten, in deſſen Mitte man ein Baſſin —* 58 mit Waſſerſtrahl und Cascade erblickte, welche weder bei Tag, noch bei Nacht ſchwiegen und eine köſtliche Friſche verbreiteten. Nach einer halben Stunde erklang die Glocke, und Gabriella hörte eine Stimme durch die Thüre der Zelle ſagen: „Meine Schweſter, ſeid Ihr bereit? Das iſt die Stunde zum Mittagsbrod!“ Es war die Superiorin, die Gabriella abholen wollte, doch dieſe bat, ſie zu entſchuldigen, da ſie ſich nicht im Stande fühle, etwas zu ſich zu nehmen, und den Reſt des Tages allein zu ſein wünſche. „Wie Ihr wollt, meine Schweſter,“ erwiederte die Su⸗ periorin,„doch ich werde es nicht dulden, daß Ihr ſchlafen geht, ohne etwas zu Euch genommen zu haben. Ich bringe Euch einige Früchte und vortreffliche Confetti, die ich kürz⸗ lich erhalten habe. Seid Ihr vernünftig und wollt Ihr mir ein Vergnügen machen, ſo eßt Ihr ſie, ehe Ihr Euch niederlegt.“ Die Superiorin kam in der That ſelbſt, um ſich nach dem Befinden von Gabriella zu erkundigen, und forderte ſie auf, in ihrer Gegenwart die Früchte und das Zuckerwerk zu koſten. Nachdem dies geſchehen war, wünſchte ſie Gabriella eine gute Nacht und entfernte ſich, doch die Arme war zu ſehr aufgeregt, um zu ſchlafen, und, wenn es geſagt werden muß, ihr tiefer Kummer, ihre Beſorgniſſe waren nicht die einzigen Urſachen, die den Schlaf von ihrem Lager vertrieben. Den ganzen Abend hindurch und ſelbſt einen Theil der Nacht gingen die Nonnen und die Koſtſchülerinnen unabläßig unter dem Fenſter von Gabriella im Garten ſpazieren; ſie plauderten unter einander mit großer Lebhaftigkeit, lachten laut auf, ſangen dann 59 wieder, und was Gabriella am meiſten in Erſtaunen ſetzte, wär der Umſtand, daß ſie nicht geiſtliche Lieder, nicht religiöſe Hhmnen ſangen, ſondern profane Stücke, Opernarien, und ſogar Canzone, die damals auf den öffentlichen Plätzen von Venedig ſehr beliebt waren. Gabriella konnte ſich von ihrem Erſtaunen nicht erholen: fie begriff nicht, wie Töchter des Herrn es wagen durften, in einem Kloſter Dinge zu ſingen, die ihr Vater eben ſo wenig ihr, als ihren Brüdern in ſeinem Hauſe zu fingen erlaubt hätte. Gabriella hatte keine Idee von den Sitten und Ge⸗ bräuchen, welche damals in Venedig herrſchten, und ſie hatte das Innere nur nach dem Aeußeren beurtheilt. Gegen Mitter⸗ nacht folgte die Stille auf das Singen und Lachen, Gabriella unterlag der Müdigkeit und entſchlummerte endlich. Am an⸗ dern Morgen war ſie kaum erwacht, als ſie die Superiorin durch eine Ronne rufen ließ, die ihr Eile empfahl. Dieſe Nonne war noch jünger und hübſcher als die Superiorin; ſie hatte überdies einen lebhaften, leichten Gang, dem man nichts von der Strenge des Kloſters anmerkte, ſo daß ſie eher auf den Ball, als zum Gottesdienſt zu gehen ſchien. Gabriella beeiferte ſich, der Einladung zu folgen, die für ſie ein Befehl war; doch wie ſehr erſtaunte ſie, als ſie in die mit vortrefflichem Geſchmack verzierte und mit allen erdenklichen Annehmlichkeiten ausgeſtattete Zelle eintrat. Es war dies zugleich ein Schlafzimmer, ein Boudoir und ein Salon. Umgeben von drei bis vier Novizinnen, von denen eine ihre ſchönen blonden Haare kämmte, hielt die Superiorin einen in Schild⸗ patt und eiſelirtes Silber gefaßten kleinen Taſchenſpiegel in 60 der Hand, in dem ſie ſich mit einer gewiſſen Coquetterie be⸗ trachtete. „Kommt, meine Schweſter, kommt„“ ſagte ſie zu Ga⸗ briella,„ich fing an unruhig über Euch zu werden. Es ſcheint, die Nacht iſt gut geweſen?“ „Verzeiht, Signora, ich habe im Gegentheil ſehr wenig geſchlafen. Ich hörte ein gewiſſes Geräuſch, gewiſſe Geſänge, welche lange fortwährten und ohne Zweifel von irgend einem benachbarten Palaſt kamen.“ „Keines Wegs. dieſe Geſänge kamen von hier... So oft die Nacht ſchön iſt, benützen wir es, um ein wenig ſpazieren zu gehen, ein wenig Muſik zu machen. Wir haben junge Schweſtern, welche vortreffliche Stimmen beſitzen.. Ihr mußtet dies bemerken, wenn Ihr nicht ſchliefet. Doch wie iſt es mit Euch, meine Schweſter? man hat mir Wunder von Eurem Talent geſagt; ich weiß, daß Ihr im Begriff waret, auf dem Theater zu debutiren. Alle unſere Schweſtern, ob muſikaliſch oder nicht, ſind deshalb ſehr begierig, Euch zu hören. Ich habe verſprochen, Ihr werdet ihnen dieſes Ver⸗ gnügen nicht verweigern.“ „Signora,“ erwiederte Gabriella,„ich glaube, das Kloſter der heiligen Maria darf von keinen andern Liedern wieder⸗ hallen, als von denjenigen, welche von der Kirche dem Dienſte des Herrn geweiht ſind.“ „Und warum nicht, meine Schweſter? Jedes Ding hat ſeine Zeit; es kann den Herrn nicht beleidigen, daß man nicht beſtändig, vom Morgen bis zum Abend, vom Abend bis um Morgen, ſein Lob ſingt. Urtheile ich nach mir, ſo 61 glaube ich ſogar, daß ihn dies ſehr langweilen würde. Um Eich vollends zu belehren und Eure Bedenklichkeiten zu beſei⸗ tigen, bemerke ich Euch überd ies, daß die Klöſter unſeres Landes eine Freiheit genießen, die keinem Kloſter eines andern bewilligt iſt. Die Republik hat Freiheiten, die ſie hier wie anderswo behauptet. Oh! unſere Regierung iſt eine liebenswürdige Regierung... So ſind wir nicht der Aufſicht der kirchlichen Behörde unterworfen; es werden nur unſere Staatsbehörden von uns anerkannt. Wir ſind unter den Schutz von drei Senatoren geſtellt, welche unter dem Beiſtand eines Sbirren⸗ kapitäns und einiger untergeordneten Agenten die Polizei in unſern fromnſen Häuſern handhaben, unſere Sprachzimmer überwachen und häufig ganze Tage bei uns zubringen, um beſſer zu wiſſen, wie wir unſere Vorſchriften und Regeln beobachten. Schweſter Ginevra, Ihr, die Ihr ein ſo gutes Gedächtniß habt, ſagt, ſoll uns nicht heute der edle Graf Domenico Michieli ſeinen gewöhnlichen Beſuch machen?“ „Ja, heute, fromme Mutter,“ antwortete Schweſter Ginevra. „Wie konnte ich das bergeſſen? Meine lieben Schweſtern, benachrichtigt die ganze Gemeinde hievon. Wir haben nicht zu viel Zeit, um dem edlen Grafen den ihm gebührenden Empfang zu bereiten. Ihr wißt, er hält viel darauf, daß der Imbiß ſchmackhaft und reichlich geſpendet wird.“ Dann ſich an Gabriella wendend: „Ich ſtelle Euch dem Grafen vor, meine Sch weſter, er wird entzückt ſein, wenn er erfährt, daß Ihr Euch bei uns Pefindet; doch ich bemerke Euch zum Voraus, der Graf iſt ein 62 leidenſchaftlicher Liebhaber der Muſik, und wenn er nicht einen heftigen Widerwillen gegen Euch faſſen ſoll, ſo müßt Ihr ſingen.“ Der Graf war ein kleiner Mann von ungefähr fünfzig Jahren und hatte, ſowohl was die Lebhaftigkeit, als was die Hüßlichkeit betrifft, viel mit dem Affen gemein; er machte einen umfangreichen Gebrauch von ſeinem Rechte als Oberauf⸗ ſeher des Kloſters der heiligen Marin und aller anderen frommen Häuſer von Venedig, um darin Zerſtreuungen zu ſuchen, die auch der übrige venetianiſche Adel zu jener Zeit ſich in denſelben zu verſchaffen pflegte. Obgleich von reifem Alter, hatte der Graf doch ſeinen Sinn für Vergnügungen bewahrt, und er überließ ſich den Genüſſen ohne Bedenken. Die unter ſeinen Schutz geſtellten Klöſter betrachtete er beinahe als eben ſo viele Harems, und die Nonnen behandelte er wie Odalisken. Dabei zeichnete er ſich jedoch durch ſeine artigen Manieren aus. Nie entſchlüpfte ihm ein unanſtändiges Wort oder eine unanſtändige Geberde. Oft brachte er Freunde mit, unter dem Vorwand, ſie die vollkommene Ordnung, die er zu erhalten beauftragt war, bewundern zu laſſen. Diesmal kam er allein, in ausgezeichneter Toilette, auf das Sorgfältigſte friſirt und gepudert und einen ſtarken Ambrageruch um ſich verbreitend. Die Superiorin ging ihm entgegen, gefolgt von mehreren Schweſtern, die ſie als ſeine Escorte bezeichnet hatte. „Nun,“ ſagte der Graf nach den gewöhnlichen Kompli⸗ menten,„Ihr haht eine neue Koſtſchülerin, die mir ganz 63 beſonders empfohlen iſt. Wie befindet ſie ſich hier?. was ſagt ſie? was denkt ſie?„ „Ihr könnt es von Ihr ſelbſt erfahren,“ antwortete die Superiorin. Und ſie ließ auf der Stelle Gabriella rufen. Dieſe er⸗ ſchien, die Augen niedergeſchlagen und voll ſchwerer Thränen. „Ei! mein Gott!“ rief der Graf,„wie troſtlos ſeht Ihr aus! Das iſt eine wahre büßende Magdalena, abgeſehen von der Sünde, die ſie nicht begangen hat!.. Auf, mein liebes Kind, erholt Euch, faßt guten Muth. Niemand will Euch hier Böſes zufügen.“ „Das habe ich ihr ſchon geſagt,“ bemerkte die Superiorin, „doch es ſcheint, es fehlte mir an der Gabe der Ueberredung.“ „Euch!“ erwiederte der Graf,„Euch, die Ihr ſo gut durch das Beiſpiel predigt, um der Beredtſamkeit nicht zu er⸗ wähnen, mit der Euch der Himmel ſo freigebig ausgerüſtet hat! Doch Geduld, die Gnade wird ſie am Ende berühren, und ſie wird einſehen, daß man in einer Zelle des Kloſters der heiligen Marig eben ſo gut und ſogar noch beſſer ſein kann, als in der kleinen Loge des San Criſoſtomo Theaters.“ Bei dieſem Wort bebte Gabriella und ſchleuderte dem Grafen einen Blick zu, in dem zugleich Erſtaunen und Ent⸗ rüſtung glänzten. Der Graf verweilte für den Augenblick nicht länger bei der jungen Koſtſchülerin; er wandte ſich nach dem Garten, begleitet von der Superiorin, mit der er leiſe ſprach. Die anderen Nonnen folgten in einiger Entfernung und Gabriella kam zuletzt, ohne zu wiſſen, wohin ſie, in die Bitterkeit ihrer Gedanken verſunken, ging. Bei der Biegung 64 einer Allee nahm ſie der Graf, der auf ſie gewartet hatte, beim Arm, zog ſie zurück und ſagte zu ihr: „Bewilligt mir nur ein paar Minuten unter vier Augen und laßt uns wie zwei Freunde mit einander ſprechen. Ihr könnt nicht daran zweifeln, daß ich von Allem, was Euch und Eure Familie betrifft, unterrichtet bin. Fühlt Ihr im Grunde Eures Herzens nicht ein wenig Reue über das, was Ihr gethan habt?“ „Ich, Herr!“ rief Gabriella. „Erlaubt, daß ich mich erkläre,“ fuhr der Graf fort. „Iſt es der Fehler eines jungen Mannes, wie der Sohn meines beſten Freundes, des ſehr ehrenwerthen und mächtigen Dogen Alviſto Morenigo, wenn Ihr ihm eine von den Leidenſchaften eingeflößt habt, die das beſte Gehirn verrücken? Iſt es ſein Fehler, wenn ihn Euer Bruder, den ich indeſſen entfernt nicht tadeln will, gereizt, aufgebracht, ſogar herausgefordert hat? Höret wohl, für einen Mann von Rang und Charakter, wie Salvator, war dies etwas ſehr Auffallendes, ſehr Empörendes!“ „Was den Tod verdiente, nicht wahr? den Tod durch eine gedungene Hand?“ „Es liegt hiefür nicht der geringſte Beweis vor! Ihr und Euer Bruder allein klagt ihn an! Merkt auf... eine Anklage ohne Beweis iſt nichts Anderes, als eine Verleumdung.. Ihr verleumdet den Sohn des Dogen, des erſten Staatsmanns von Venedig!“ „Gott weiß, ob ich die Wahrheit ſpreche!“ „Ihr habt Recht, Gott weiß es, aber wir, wir wiſſen 65 es nicht, wir ſollen es nicht wiſſen, und in dieſer Unwiſſen⸗ heit ſind wir genöthigt, Euch zu verurtheilen.“ „Verurtheilt mich, ſtraft mich! Habt Ihr nicht das Recht, ſo habt Ihr doch die Gewalt.“ „Seht, nun brauſt Ihr wieder auf. Es iſt nicht mög⸗ lich, vernünftig mit Euch zu reden. Haben wir die geringſte Luſt, ein Mädchen, ſo reizend, ſo tugendhaft wie Ihr, zu be⸗ leidigen? Würden wir nicht hundertmal lieber Euch in Frei⸗ heit ſetzen, Euch mit Eurer Familie wiedervereinigen, Euch endlich auf dem Theater auftreten ſehen, dem Ihr zugeſagt oder vielmehr durch Euer bewunderungswürdiges Talent ver⸗ lobt ſeid? Was fordert man von Euch, um zu dieſem Ziele zu gelangen? was ſchlägt man Euch vor? Das Einfachſte und Leichteſte der Welt. Wenn der Sohn meines erhabenen Freundes, wenn der junge Salvator Euch nicht durch einen raſchen Schritt zu erſchrecken befürchtet hätte, ſo wäre er ſchon heute vor Euch erſchienen.. „Eh Salvator! „Er ſelbſt.“ „Er würde es wagen!“ „Darüber könnt nur Ihr Euch wundern.“ „Nun wohl! ſo ſagt ihm, Herr Graf, er ſoll ſich das nie einfallen laſſen, wenn nicht zuvor mein Vater und mein Bru⸗ der hier geweſen find und mich gebeten haben, ihn zu empfangen.“ „Nein, ſo verſteht er es nicht... empfangt ihn zuerſt... hört ihn an, glaubt ihm, und Euer Bruder wird ſeine Be⸗ gnadigung erhalten... Euer Vater kann ſeine Stelle wieder bekommen.“ Der Erzähler 1848. 1v.. 66 „Das iſt eine Schändlichkeit mehr, die der Sohn Eures Freundes begehen will! Und Ihr verlangt, ich ſoll dem Worte eines Mörders trauen?“ „Abermals!.. Unterſcheidet doch, mein liebes Kind! Mörder aus Liebe, das klingt ſchon nicht ſo ſchrecklich! Ueb⸗ rigens will ich Euch keinen Zwang anthun... denkt an das, was ich Euch geſagt habe... In zwei Tagen komme ich wieder, und dann werdet Ihr mir antworten.“ „Ich antworte Euch.. 3 „Nein, nein, nicht heute... Erſt in zwei Tagen.“ Der Graf war ſchon fern von Gabriella; er kehrte eiligſt zur Superiorin zurück, welche ihn in das Kloſtergebäude führte. Der Imbiß war in einem an das Sprachzimmer anſtoßenden Saal aufgetraägen, durch den Gabriella gehen mußte, um ſich in ihre Zelle zu begeben. Die Superiorin hieß ſie, wie die Andern, niederſitzen und am Mahle Theil nehmen, aber der Befehl war erfolglos, Gabriella blieb unbeweglich, den Blick ſtarr, ohne daß ſie zu hören, zu ſehen ſchien, was um ſie her vorging. Im Einverſtändniß mit der Superiorin hatte der Graf beſchloſſen, nichts von ihr zu verlangen und ſie frei handeln zu laſſen, wie es ihr gutdünkte. Darum war in⸗ deſſen die Heiterkeit nicht minder lebhaft, nicht minder allge⸗ mein. Der Graf genügte, um das Geſpräch mit witzigen Ein⸗ fällen, mit Anekdoten vermiſcht mit Artigkeiten zu würzen⸗ die er bald an die Eine, bald an die Andere richtete, und wo⸗ von die Superiorin einen guten Theil bekam. Der Graf ſtand vann auf, um ſich an's Klavier zu ſetzen. „Schweſter Bettina,“ ſagte er,„ich bitte Euch, kommt 67 und fingt mit mir mein Lieblingsduett, das aus der göttlichen Olhmpiade.“ Ohne ſich bitten zu laſſen, öffnete Bettina die Partitur von Pergoleſe. Das dramatiſche Duett wurde von ihr und dem Grafen mit eben ſo viel Feuer geſungen, als wären ſie auf einem Theater geweſen. Schweſter Federiga, Schweſter Loiſa, Schweſter Battiſta ſangen ſodann eine nach der andern Stücke aus berühmten Opern. Die letzte von dieſen Dreien, deren Familie neapolitaniſch war, ſang, ſich ſelbſt begleitend, höchſt komiſche Lieder, die der Graf ſtets von ihr verlangte und nie hören konnte, ohne daß er Gefahr lief, vor Lachen zu erſticken. Gabriella hatte ihre Stellung nicht verändert: ſie hörte oder hörte nicht, gab aber nicht das geringſte Zeichen einer Empfindung von ſich. Es war eine ſchöne Statue des Schmerzes oder des Stillſchweigens mitten in eine Scene geworfen, deren Perſonen es nicht an Belebtheit gebrach. Nachdem alle Schwe⸗ ſtern geſungen hatten, wandte ſich der Graf an Gabriella und ſprach: „Die Reihe wäre nun an Euch, wolltet Ihr ſo liebens⸗ würdig ſein, uns die ſchöne Stimme hören zu laſſen, deren Ruf ſchon ſo groß iſt, und uns eine Lection zu geben, für die wir Euch unendlich Dank wüßten; doch ich befürchte, Ihr dürftet Euch heute weigern...„ „Ihr täuſcht Euch,“ erwiederte Gabriella, die nun plbtz⸗ lich aufſtand und nach dem Klabier ſtürzte,„ich werde auch ſingen ich werde ſingen.“ Die Arme ſang nun mit einer durch die Thränen etwas verſchleierten Stimme, die indeſſen ſtufenweiſe klar wurde, das Agnus Dei einer Meſſe von Galuppi, und der Ausdruck der 68 Begeiſterung, der Inbrunſt, den ſie dieſer wahrhaft inſpirirten Melodie zu geben wußte, war ſo mächtig, daß ſich alle Anweſende tief erſchüttert fühlten, mit dem Grafen Michieli anzufangen, der ihr wüthend Beifall klaſchte und ausrief: „Man muß geſtehen, das iſt eine bewunderungswürdige Melodie! Ich hielt Galuppi nicht für ſo religiös... und mich auch nicht.“ Der Graf nahm Abſchied von der Superiorin, und alle Nonnen kehrten in ihre Zellen zurück. Zwei Tage nachher kam der Graf, wie er es Gabriella angekündigt, abermals und fragte ſie, ob ſie überlegt habe. 5a antwortete ſie. „Nun! Euer Entſchluß zi 44 „Wird ſich nie ändern.“ „Ah! überlegt noch einmal, und wir werden ſehen.“ Es vergingen mehrere Wochen... ſtets dieſelbe Frage on Seiten des Grafen, ſtets dieſelbe Antwort von Gabriella. Die einzige Veränderung, welche vorging, war die, daß Gab⸗ riella weder mehr den Geſprächen, noch den Mahlen beiwohnte, noch ſich in die Concerte miſchte. Während das ganze Kloſter ſich beluſtigte, kehrte ſie in ihre Zelle zurück oder ſchweifte ſie in den dunkelſten Alleen des Gartens umher. Als ſie ſo eines Tags traurig und nachdenkend ſpazieren ging, erſchien plötzlich ein Mann vor ihr, verſperrte ihr den Weg und ſprach: „Ihr weigert Euch, mich zu ſehen, und ich komme deſſen ungeachtet hieher.“ weichend. „Mocenigo!“ rief das Mävchen, ein paar Schritte zurück⸗ 69 „Ja, Mocenigo,“ fuhr er fort,„Mocenigo, der Eurer Launen überdrüſſig iſt und es wahnſinnig findet, daß Ihr ſo lange trotzt.“ „Ich trotze Niemand,“ entgegnete Gabriella,„aber ich haſſe die Mörder und verachte die Feigen.“ „Mörder! feig! Das ſind ſehr energiſche Ausdrücke in dem Munde einer Novizin... doch mir ſcheint, ich würde es vollkommen verdienen, ein Feiger genannt zu werden, wenn ich mich durch Kindereien zurückhalten ließe.“ Und ſo ſprechend trat er noch näher auf Gabriella zu. „Kommt mir nicht zu nahe!“ rief ſie, indem ſie aus ihrer Taſche ein corſiſches Stilett zog, das ſie ihrem Vater entwendet hatte und ſeit der Scene in der kleinen Loge im San Criſoſtomo⸗Theater beſtändig bei ſich trug;„kommt mir nicht zu nahe, oder ich tödte mich auf der Stelle.“ „Gabriella, höret mich.“ „Ich höre nichts... Ich ſchwöre vor Gott, daß ich nie mit Euch ein Wort austauſchen werde, ſo lange mein Vater und mein Bruder nicht frei ſind.“* „Und ich ſchwöre, daß Ihr ſie nicht wiederſehen werdet, ſo lange Ihr meinem Willen nicht nachgegeben habt. Ihr haßt mich, Ihr verachtet mich, ſagt Ihr... Nun wohl! es ſei. Haß für Haß... Verachtung für Verachtung!... wir werden ſehen, wer von uns ſeinen Schwur am Beſten hält.“ Gabriella begnügte ſich„ihn mit einem unerſchrockenen, geringſchätzenden Blick zu meſſen; dann entfernte ſie ſich lang⸗ ſam, ſtets ihren kleinen Dolch, deſſen Spitze ſie ihrem Herzen 70 zugewendet hatte, in der Hand haltend. Morenigo rührte ſich nicht eher von der Stelle, als bis ſie in das Haus eingetreten war. Von dieſem Tag an verließ Gabriella ihre Zelle nicht mehr: die Superiorin vermochte ſie weder durch Bitten noch durch Drohungen zu bewegen, daß ſie in das Sprachzimmer oder in den Garten hinabging. Der Graf Michieli, ſeine Collegen und ſeine Freunde ſetzten nichtsdeſtoweniger ihre Beſuche im Kloſter der heiligen Maria fort, und wenn ſich zuweilen mit den profanen Liedern, von denen die der Mutter Gottes geweihten Mauern wiederhallten, ein frommer Geſang vermiſchte, ſo war es eines für das weltliche Leben beſtimmten, für das Theater und nicht für das Kloſter erzogenen Mäd⸗ chens Stimme, die ſich an den Himmel wandte. XVIII. Ungefähr drei Wochen nach dem im fünfzehnten Kapitel dieſer Geſchichte erzählten Ereigniß hielt ein Fiaere im Fau⸗ bourg Saint⸗Honoré vor dem kleinen Hotel, aus dem man die Colonna auf eine ſo ungeſchlachte Weiſe hat wegbringen ſehen. Ein junger Mann in Reiſekleidern ſprang aus dem Wagen und fragte den Portier in dem ſeltſamſten, aus Italieniſch, Engliſch und ein wenig Franzöſiſch gemiſchten Idiom: „Wohnt hier nicht eine berühmte Tänzerin, die Colonna genannt?“ „Ja, mein Herr,“ antwortete deutſch der Portier, der, aus der Picardie gebürtig, glaubte, der Andere ſpreche Deutſch, „nämlich ſie wohnte hier, aber ſie wohnt nicht mehr hier.“ 71 „Seit wann?“ „Seit jenem berüchtigten Abend... Das iſt ungefähr. 4 „Und wo wohnt ſie jetzt?“ ſagte der junge Mann, ohne daß er dem Portier Zeit ließ, ſeine chronologiſchen Forſchungen zu vollenden. „Ah! ah!“ verſetzte mit einer boshaften Miene und laut lachend der Portier:„wo ſie wohnt? Sie hat ihr neues Haus nicht gewählt.“ „Wer denn?“ „Der König.“ „Der König?. wahrhaftig, mein Freund? welche Ehre!... Und dieſes Haus iſt?“ „Das Gefängniß von Saint⸗Lazare,“ antwortete der Por⸗ tier noch ſtärker lachend. „Meine Frau im Gefängniß!“ rief der Andere. „Wie, Sie wären?“ ſagte der Portier, plötzlich Ton und Phyſiognomie verändernd. „Ja, gewiß ich bin ihr Mann... ſie iſt meine Frau!... Ich vermuthete ein Unglück, da ich ſeit einem Mo⸗ nat kein Geld mehr bekam. Da hielt ich es nicht mehr aus, reiſte vor ſechs Tagen von London ab und bin nun in Paris.“ „Ah! mein Herr, entſchuldigen Sie. hätte ich gewußt, mit wem ich ſpreche, ſo würde ich mich gehütet haben„ „Im Gegentheil, ich will Alles wiſſen, ich muß durch⸗ aus Alles wiſſen. 4 „Dann bitte ich Sie, gefälligſt in meine Loge einzutreten.“ „Nein, ich habe keine Zeit. Erzählen Sie mir Alles ſo raſch als möglich, damit ich weiß, an wen ich mich zu 72 wenden habe, denn Sie begreifen, daß ich hier Niemand kenne, als meine Frau! Ich muß ſie haben... ich will ſie haben ich werde ſie haben... Sprechen Sie, ſprechen Sie, ſetzen Sie mich ins Klare.“ Der Portier gehorchte mit dem Aerger eines Gourmand, den man beim Mahl ſo zur Eile antreibt, daß er doppelte Stücke nehmen muß. Er ward im Großen der Geſchichtſchrei⸗ ber des Abends, an welchem die Verhaftung der Colonna vorgefallen; ſo oft er ſich aber vom Hauptpunkt entfernte und ſeine Erzählung mit einzelnen Nebenumſtänden ſchmücken wollte, unterbrach ihn der junge Mann voll Ungeduld und rief: „Weiter!... weiter!“ In Folge der Wiederholung dieſes Wortes hatte ihm der Portier bald nichts mehr zu ſagen, um ſo mehr, als er durch⸗ aus nicht wußte, was ſeit der Abführung der Tänzerin ſich ereignet hatte, wenn nicht etwa, daß ihr reiches Mobiliar, ihre Equipagen, ihre Diamanten auf Anſuchen mehrerer Gläubiger mit Beſchlag belegt worden waren, und daß man ihn vom Gericht als Aufbewahrer der Beſchlagnahme bis zum Verkauf, der demnächſt ſtattfinden ſollte, aufgeſtellt hatte. „Sie ſagen alſo,“ ſprach der junge Mann, in dem der Leſer ohne Zweifel Raffaello, die zweite Note unſerer Ton⸗ leiter, erkannt hat,„Sie ſagen alſo, dieſer Teufel von einem Abbé Terrah, dieſer wüthende Generalconttoleur habe mittelſt eines Befehls von Seiner Majeſtät dem König Ludwig XV. meine Frau in ein Gefängniß werfen laſſen!... Das genügt. . Ich werde den alten Schurken ſelbſt aufſuchen; ich werde ihn behandeln, wie es ſich gebührt; er ſoll ſehen, ob ich ſcherze. Doch wo wohnt er?... Kutſcher, ſage mir, mein Freund, weißt Du, wo der Abbé Terrah wohnt?“ Und raſch in den Wagen ſteigend: „Führe mich, ohne eine Minute zu verlieren, nach dem Hauſe des Abbé.“ „Gut, Herr, wir fahren dahin,“ erwiederte der Kutſcher, während er den Kutſchenſchlag ſchloß,„wenn Sie aber müde ſind, ſo haben Sie Zeit, ein gutes Stück zu ſchlafen, das ſage ich Ihnen zum Voraus.“ Raffaello ſchlief nicht, obgleich ihm die Fahrt wie eine Ewigkeit vorkam; er war von zu verſchiedenartigen Gedanken bewegt, um einen Augenblick Ruhe zu genießen. Der Fiacre hielt vor einem Hotel von reichem Ausſehen an. Der Kut⸗ ſcher ſtieg von ſeinem Sitz zu langſam für die Begierde von Raffaello, der ihn auf die Seite ſchob und ſich an den Klopfer der Thüre hing; ſobald dieſe geöffnet war, ſtürzte der junge Muſiker nach der Loge des Portier und rief: „Der Herr Abbé Terrah!“ „Wie beliebt?“ fragte der Portier, indem er Raffaello am Arm zurückhielt;„was verlangt der Herr?“ „Ich habe es ſchon geſagt, zum Herrn Abbé Terray.“ „Der Herr Abbé iſt für den Augenblick nicht hier.“ „Wie!... der Generalcontroleur?“. „Der Herr iſt alſo nicht von Paris?... Der Herr kommt von fern her, wie es ſcheint?“ „Ich komme von London in England und bin erſt ſeit dieſem Morgen in Paris.“ 74 Ah! ſo iſt es Ich ſagte mir auch, es ſei zum Er⸗ ſtaunen, daß der Herr nicht wiſſe. „Was weiß ich nicht?“ „Daß unſer Herr, der Herr Abbé Terrah, nicht mehr Generalcontroleur iſt.“ „Der Abbé Terrah iſt nicht mehr Controleur?“ „Mein Gott, nein; das kam wie ein Blitz vom heitern Himmel am Freitag der vorigen Woche.. und dann am andern Tag ein Verbannungsbefehl vom König, weshalb der Herr Abbé nach ſeinen Gütern abgereiſt iſt.“ „Was ſagen Sie mir da?.. Nicht mehr Controleur? und ein Befehl des Königs!... Ah! ich bin entzückt! So iſi es gut! Herr Abbé, das wird Sie lehren.. Und wo ſind ſeine Güter?“ „Vierzig Meilen von hier.“ „Teufel! dahin kann ich nicht im Fiaere fahren... Wie dumm bin ich!... Es fällt mir etwas ein: da der Controleur nicht mehr Controleur iſt, ſo hat ihn der König abgeſetzt, verbannt, mit einem Wort, er hat ihm ſein Recht widerfahren laſſen, und es iſt ſomit viel klüger, zum König zu gehen, mit ihm zu ſprechen, ihm die Angelegenheit ausein⸗ anderzuſetzen. Ich darf mir wohl ſchmeicheln, daß Seine Ma⸗ jeſtät König Ludwig XV. 4 „Seine Majeſtät König Ludwig XV.!“ erwiederte der Portier lächelnd,„man ſieht, daß der Herr von London kommt.“ „Woran ſieht man es?“ „An Allem... König Ludwig XV. iſt todt.“ „Ah bah!... König Ludwig XV., der den Befehl 1 75 unterzeichnet hatte, durch welchen... Ich komme gar nicht zu mir.. Seit dieſim Morgen gehe ich von einem Erſtaunen zum andern über... Meine Frau iſt nicht mehr in ihrem Hauſe und wohnt im Gefängniß... Det Controleur iſt nicht mehr Controleur, ſondern verbannt.. Der König iſt nicht mehr König, inſofern er geſtorben!... Ich muß Ihnen geſtehen, mein Lieber, ich weiß nicht mehr, wo ich bin. Ich befürchte, daß mir noch unangenehmere Dinge begegnen, und dann wüßte ich nicht mehr, zu welchem Heiligen ich beten ſollte. Sie ſagen alſo, König Ludwig XV. ſei todt.. Doch es iſt ein Anderer an ſeiner Stelle?“ „König Ludwig XVI.“ „So mußte es ſein.. Das iſt nur eine veränderte Nummer. Aus Femſelben Grund muß es auch einen andern Generalcontroleur geben. Solche Stellen bleiben nicht erledigt. Kennen Sie den neuen Controleur?... Wie heißt er?“ „Er heißt Turgot.“ „Turgot!... ich danke... Ich will dem Kutſcher ru⸗ fen, daß er es ſich einprägt. Kutſcher, mein Freund, kennſt Du Herrn Turgot, den neuen Generalcontroleur?“ „Nein, den kenne ich nicht,“ antwortete der Kutſcher. „Du weißt alſo nicht, wo er wohnt?⸗ „In der königlichen Schatzkammer, in der Rue Neuve⸗ des⸗Petit⸗Champs,“ ſprach der Portier. „Ah! das iſt poſſierlich, wir kommen aus den Champs gar nicht mehr heraus!... Noch einen tüchtigen Trab, Herr, wenn ich Sie dorthin führen ſoll!“ „Gewiß, ſo ſchnell als möglich.“ 6 1 1. 76 Und ſchon hatte Raffaello die Thüre des Hotel wieder hinter ſich zugemacht; ſchon war er in den Wagen geſprungen, der bald ganz artig fortrollte unter dem Geräuſche der Peit⸗ ſchenhiebe, die auf den Rücken der Pferde fielen, welche zu ſehr daran gewöhnt waren, um ſich merklich dadurch in Bewegung ſetzen zu laſſen. Als ſie vor die Thüre der königlichen Schatzkammer kamen, ſprang Raffaello abermals aus dem Wagen und wandte ſich nach der Loge des dritten Portier: dieſer war von Straßburg und roch von Weitem nach Sauerkraut. Er hatte die ganze impoſante Steifheit ſeiner Heimath und ſeines Stan⸗ des, und antwortete auch von ſeiner ganzen Größe herab, welche nicht weniger als fünf Fuß eilf Zoll betrug, auf die Fragen, welche Rafaello an ihn richtete. „Der Herr Controleur iſt nie ſichtbar! Er iſt zu ſehr beſchäftigt. Sie müſſen einen Brief an ihn ſchreiben, um eine Audienz von ihm zu erbitten, und dann wird er Ihnen antworten, wenn es ihm beliebt.“ „Was ſagen Sie?“ fragte Raffaello, der die Eiſiß eytii nicht gut verſtand. „Ich habe geſagt, was ich ſagen mußte,“ antwortete der Portier,„nun ſage ich nichts mehr.“ Nach dieſen Worten ſchlug er die Thüre dem armen Raffaello vor der Naſe zu, und dieſer kehrte traurig zum Wagen zurück. „Wohin ſoll ich Sie nun führeu, Herr?⸗ fragte der Kutſcher. „Nach dem Gaſthof„ antwortete Raffaello,„ich ſu S. 57 beinahe um vor Müdigkeit und habe ſeit dieſem Morgen nichts zu mir genommen.“ „Nach dem Gaſthof, gut, doch nach welchem? Paris iſt eine große Stadt und an Gaſthöfen fehlt es hier nicht.“ „Nach welchem Du willſt, wenn er nur in der Nähe von hier iſt.“ „Gut, gut, Herr, der beſte Gaſthof, den ich kenne vom Faubourg Saint⸗Antvine bis Chaillot, vom Montmartre bis Montrouge, nur zwei Schritte von hier, in der Rue des Bons⸗ Enfans, das Hotel du Midi. Einer meiner Neffen iſt Vor⸗ ſtand der Küche, nicht weil er von meiner Familie iſt, aber ich darf wohl ſagen, daß er Talent hat.“ „Nun wohl,“ ſagte Raffaello mit einer durch die Ge⸗ müthsbewegungen und den Appetit geſchwächten Stimme,„ich verlaſſe mich auf Dich: führe mich unverzüglich nach dem Hotel du Midi.“ Raffaello vermuthete entfernt nicht, er könnte unter dieſen Umſtänden nichts Vernünftigeres thun, als ſich dem Zufall in Betreff der Wahl ſeines Lagers zu überlaſſen. Die Vorſehung iſt oft ſo unerforſchlich in ihren Plänen und ſo unendlich in ihren Mitteln und Wegen⸗ XIX. Nachdem er ſeinen Kutſcher bezahlt, hatte der Raf⸗ faello nichts Eiligeres zu thun, als in den Gaſthof einzutreten und Abendbrod zu verlangen; aber er war ſo müde, daß er, bis man ihn damit bediente, in einen tiefen Schlaf verſank. 78 Als man ihn aufweckte, um ihn an die Tafel zu führen, bat er inſtändig, man möchte ihn in Ruhe laſſen, da er nichts Anderes brauche, als ein Zimmer und ein Bett. Da er ſah, daß die Anſtrengungen ſeiner Veredtſamkeit nicht fruchteten, ſo rief er eine Dienerin zu Hülfe. Die Dienerin nahm Raf⸗ faello bei einem Arm, der Kellner beim andern, und Beide trugen Raffaello mehr, als daß ſie ihn führten, in das für ihn beſtimmte Zimmer; hier legten ſie ihn ganz angekleidet auf ein Bett, wo der Reiſende angekleidet bis am andern Morgen ſchlief. Am andern Morgen aber fühlte Raffaello, daß ſeine Eingeweide in vollem Aufruhr begriffen waren und daß es höchſt dringlich wurde, das Geſchrei ſeines Magens zu be⸗ ſchwichtigen. Er frühſtückte daher wie ein Menſch, der am Tag vorher weder zu Mittag, noch zu Nacht geſpeiſt hat, und während er frühſtückte, verlangte er Feder, Tinte und Papier, um einen Brief an Herrn Turgot, den Generalcontroleur, zu ſchreiben. Er verſuchte es franzöſiſch zu ſchreiben, bald be⸗ wrerkte er aber, daß er nie zum Ziele kommen würde, und ſo entſchloß er ſich, zu ſeiner Mutterſprache zurückzukehren. „Ein Generalcontroleur muß das Italieniſche verſtehen,“ ſagte er zu ſich ſelbſt. Sobald ſein Brief beendigt war, trug er ihn nach dem Hotel in der Rue des Petits⸗Champs, und dann fing er an, in Paris, das er nicht kannte, umherzuſpazieren. Er beſuchte die Tuilerien, durchlief die Quais, die Boulevards, und bemerkte erſt, daß es Zeit war, nach der Rue des Bons⸗Enfaus zurück⸗ zukehren, als es beinahe Nacht geworden. Nun hatte er alle 79 Mühe; ſeinen Weg zurückzufinden. Verſtand er die Anzeigen ſchlecht, die man ihm gab, hielten es ſchlechte Spaßmacher für geeignet, ſich auf Koſten ſeines Kauderwälſch und ſeiner ſelt⸗ ſamen Tracht zu beluſtigen, er verirrte ſich in einem Labyrinth dunkler Gaſſen und gerieth nach und nach völlig in Verzweif⸗ lung, als er einen Vorübergehenden beim Arm nahm und im pathetiſchſten Ton fragte: „Die Rue des Bons⸗Enfans?“ „Die Rue des Vons⸗Enfans,“ erwiederte der Unbekannte, indem er ihn mit erſtaunter Miene anſchaute,„Sie ſind darin, mein Herr!“ „Wie, ich bin darin, wahrhaftig?“ rief Raffaello.„Ah! mein Herr, wie danke ich Ihnen! Seit zwei Stunden ſuche ich dieſe Straße; dann kann das Hotel du Midi nicht fern ſein?* „Hier, mein Herr, ſchauen Sie dieſe Laterne an, Sie ſehen: Hotel du Midi ſteht darauf geſchrieben.“ Raffaello brauchte in der That nur die Augen aufzu⸗ ſchlagen, um zu erkennen, daß er gerade vor ſeinem Gaſthof ſtand, von dem er ſich noch ſo fern glaubte. Es war indeſ⸗ ſen nicht das erſte Mal, daß ihm dergleichen begegnete: er war ſtets äußerſt zerſtreut geweſen. In London ſah uan ihn oft von Hauſe weggehen, um Jemand zu beſuchen, nach einer Viertelſtunde zurückkehren, an der Thüre ſeiner eigenen Woh⸗ nung läuten, deren Schlüſſel er in der Taſche hatte, und da ihm Niemand öffnete, mit den Worten ſich entfernen: „Er iſt nicht zu Hauſe, ich werde wiederkommen.“ In Paris ſollte ihm dieſe Zerſtreutheit zwei Tage nach⸗ 80 her einen noch ſchlimmeren Streich ſpielen. Als er von ſeinem Morgenſpaziergang zurückkam, meldete man ihm, es ſei ein großer Brief für ihn da, der ganz ausſehe, als käme er vom Miniſterium. Man gibt ihm denſelben, er erbricht eiligſt das Siegel, und da er gerade bor dem Kamin der Küche ſteht, wirft er den Brief ins Feuer und behält nur den Unmſchlag, den er aufmerkſam zu leſen ſich anſchickt. Der Brief war ſchon zu ſieben Achteln verbrannt, als er wahrnahm, was für einen ſchönen Streich er gemacht hatte. Diesmal fehlte nicht viel, daß er den Kopf verloren und ſich in die Flammen ge⸗ ſtürzt hätte, um bis auf das letzte Theilchen das geſchwärzte, nunmehr unlesbare Papier herauszuziehen. In ſeinem Schmerze nahm er Alle, die in ſeiner Nähe waren, zu Zeugen und rief: „Oh! wie unglücklich bin ich! Wißt Ihr, daß der Brief, den ich verbrannt habe, kein Brief war, wie ein anderer? Wißt Ihr, daß es ein Brief vom Generalcontroleur war? Daran läßt ſich durchaus nicht zweifeln.. ſeht den Umſchlag, das Siegel, das Wappen!. und wenn ich bedenke, daß ich ſeit zwei Tagen darauf wartete! daß ich erfahren ſollte, was ich ſo nothwendig wiſſen muß, was mich von London nach Paris getrieben hat! mit einem Wort, daß ich Nachricht von meiner Frau erhalten ſollte, von dieſer theuren, zärtlichen Freundin, der zu Liebe ich Alles verlaſſen habe, meine Familie, mein Vaterland! Denn ſo, wie Ihr mich ſeht, bin ich von Venedig! Mein Vater iſt ein berühmter Muſiker, der eine be⸗ deutende Stelle beim erſten Theater der Stadt, bei San Criſo⸗ ſtomo einnimmt. Wir waren ſieben Kinder, vier Knaben und drei Mädchen, lauter Muſiker, lauter Künſtler, ſo daß Meiſter 81 Daphnis, der Orcheſterdirector des Theaters, auch ein Mann von Talent, uns nie andere Namen geben wollte, als die der ſieben Noten der Tonleiter! Ich, der ich mit Euch ſpreche, bin Re, ſonſt genannt Raffaello Angelo, Euch zu dienen... Aber wie! ich Elender, bin ich denn im Stande, mir ſelbſt zu dienen? Ich ſchreibe an einen Miniſter, dieſer Miniſter läßt ſich herab, mir zu antworten, und ich werfe ſeinen Brief ins Feuer!... Maledetto Raffaello! porco! somaro!“ Während ſich Raffaello ſo mit Schmähungen und Ver⸗ wünſchungen überhäufte, kam ein Mädchen begleitet von ſeiner Gouvernante und einem Mann von ungefähr fünf und dreißig bis vierzig Jahren nach Hauſe. Das Mädchen mochte kaum fünfzehn ſein. Ungefähr vierzehn Tage vorher in Paris ange⸗ kommen und im Hotel du Midi einquartiert, nahmen dieſe drei Perſonen im Erdgeſchoß zwei abgeſonderte Wohnungen ein. Die Gouvernante verließ das Mädchen nie. War der Mann der Vater, der Oheim, der Vormund der jungen Per⸗ ſon? Niemand vermochte es zu ſagen. Die Dienſtboten, die er in Frankreich angenommen hatte, nannten ihn beſtändig Herr Graf. Sein Accent verrieth einen fremden, italieniſchen oder ſpaniſchen Urſprung. Die junge Perſon ſprach das Franzö⸗ iſche auch nur mit jener etwas wilden Grazie, die das fran⸗ zöſiſche Jdiom im Munde der Frauen durch die Anwendung gewiſſer Intonationen, die nicht in den Gewohnheiten der Fran⸗ zoſen liegen, oder gewiſſen Wendungen erlangt, welche die franzöſiſche Grammatik nicht geſtattet. Sie hatte dabei eine ſehr ſchöne Stimme und nahm jeden Tag Lectionen in der Der Erzähler 1848. 1v. 6 82 Muſik, einen Tag im Klavier, den andern im Geſang Schon am Tage nach ſeiner Ankunft hörte ſie Raffaello italieniſche Stücke fingen. Durch den Zauber der Melodien, die er der Mehrzahl nach kannte, angezogen, näherte er ſich einem Fenſter des von dem Mädchen bewohnten Zimmers, welches Fenſter auf den Hof ging und während der Lection offen geblieben war. Am Ende einer Arie von Piecini, für die ſeine Schweſter eine beſondere Vorliebe gezeigt hatte, konnte er ſich nicht ent⸗ halten, Beifall zu klatſchen und zu rufen: „Mein aufrichtiges Kompliment, mein Fräulein! Sie fingen da eine Arie, die ſehr ſchön iſt, und ich weiß Ihr Talent um ſo mehr zu würdigen, als ich eine Schweſter habe, die wo möglich noch beſſer ſingt, als Sie! Aber wie ſprechen Sie das Italieniſche aus! Siete italiana, per caso? (Seid Ihr zufällig eine Italienerin ²)“ „Si signor,“ antwortete das Mädchen. „Anch'io(ich auch),“ ſagte Raffaello;„doch aus wel⸗ cher Stadt Italiens,“ fuhr er in ſeiner Mutterſprache fort, „aus Florenz, aus Neapel, aus Venedig?“ „Aus Venedig.“ „Ah! wie freue ich mich!“ rief Raffaello;„wir ſind Landsleute, und wenn es Euch nicht unangenehm iſt, wird es mir ein großes Vergnügen machen, mit Euch zu muſiciren.“ Der Dazwiſchentritt der Gouvernante geſtattete nicht, das Geſpräch weiter fortzuſetzen. Das Fenſter wurde geſchloſſen, und ſtets leichten Charakteré, entfernte ſich Raffaello, ohne zu bedenken, was ſeine Komplimente und ſein Vorſchlag beſonders Ungeeignetes haben konnten, und ohne ſich um die Manier zu 83 bekümmern, mit der man ſich benommen, um es ihn fühlen zu laſſen.. Er war alſo im Zuge, ſich mit Verwünſchungen zu belaſten, als die junge Fremde in das Hotel zurückkehrte und in ihm denjenigen erkannte, welcher ihr am Tage zuvor Glück gewünſcht und ſeine Dienſte angeboten hatte. Sie wollte wiſſen, was ihn ſo in Aufregung gebracht habe, und die Gou⸗ vernante fragte den Herrn des Hauſes, der mit den Andern zuhörte. „Das iſt ein Original,“ antwortete der Letztere.„Er er⸗ zählt ſeine und ſeiner Familie Geſchichte bei Gelegenheit eines Briefes, den er aus Unachtſamkeit verbrannt hat, während er den Umſchlag zu verbrennen glaubte... Es ſcheint, es ſind lauter Muſiker, lauter Künſtler... der Vater, die Kinder... und das Drolligſte dabei iſt, daß man die Kinder, ſieben an der Zahl, alle nach dem Namen einer der Note der Tonleiter getauft hat. Nicht wahr, das iſt ſpaßhaft? Nur die Fremden können ſolche Gedanken haben! Das fiele uns Franzoſen nicht ein.“ Die Gouvernante berichtete, was ſie erfahren, dem Mäd⸗ chen, und dieſes ſprach beim Mittageſſen davon. Der Graf, (ſo nannte man den Fremden, der mit dem Mädchen und der Gouvernante bei Tiſche ſaß) der Graf machte eine Bewegung des Erſtaunens und rief: „Wie, dieſer junge Menſch wäre eines von den Kindern von Dann hielt er plötzlich inne, ſchaute das Mädchen feſt an und fragte: „Silvia, ſeid Ihr deſſen, was Ihr ſagt, ſicher?“ . 84 „Fraget Madame Fremont,“ antwortete das Mädchen; „ſie hat es mir mitgetheilt.“ Die Gouvernante beſtätigte Punkt für Punkt die Erzäh⸗ lung von Silvia. „Das iſt ſeltſam!“ rief der Graf.„Nun, Madame Fremont,“ fuhr er franzöſiſch fort,„ich beauftrage Sie, ge⸗ nauere Erkundigungen einzuziehen, ſelbſt mit dieſem Rafaello zu ſprechen, in Erfahrung zu bringen, was ihn nach Paris führt, wonach er' trachtet, was er nachſucht. Ich habe meine Gründe zu handeln.“ „Man wird dem Herrn Grafen gehorchen antwortete die Gouvernante. Und am andern Tag, nachdem ſie Raffaello hatte bitten laſſen, er möge ihr eine Unterredung von einigen Minuten ge⸗ währen, war ſie im Stande, dem Grafen jede Auskunft, die er wünſchte, zu geben. Raffaello hatte kein Geheimniß aus irgend einem Theile ſeiner Geſchichte gemacht; er hatte auch Alles geſagt, was er von den Umſtänden der Einkerkerung der Colonna wußte; er hatte dieſe geradezu ſeine Frau ge⸗ nannt und das lebhafteſte Verlangen ausgeſprochen, irgend eine Unterſtützung beim Generalcontroleur zu finden, deſſen Brief ihm ſo unglücklich entkommen war. „Sehr gut,“ ſagte der Graf,„wenn es das iſt, was er wünſcht, ſo ſoll er es haben. Ich werde noch etwas Beſſeres thun: ich ſchreibe auf der Stelle an den Polizeilieutenant, der ihm, wie ich hoffe, Mittel und Wege verſchaffen wird, ſich mit der Gefangenen in Verbindung zu ſetzen. Er wird den Brief 85 ſelbſt überbringen. Doch ich will ihm denſelben nicht zu⸗ ſtellen 4 „Nichts kann leichter ſein,“ erwiederte die Gouvernante, „ich ſchicke ihm den Brief durch einen Ihrer Leute.“ „Nein, nein... das mag ich nicht.“ „Nun, dann gibt es auch etwas ganz Einfaches. Ich ſelbſt übernehme es.... „Ihn bitten zu laſſen, ja ſehr gut,“ ſagte der Graf. „Doch es iſt mir hauptſächlich daran gelegen, daß ihm der Brief von Silvia eingehändigt wird, von Silvia, hören Sie?“ „Wenn er aber auf den Glauben käme, das Fräulein habe ihm geſchrieben?“ entgegnete die Gouvernante. „Nun, darin ſehe ich nichts Schlimmes im Gegentheil.“ „Dann kann der Herr Graf unbeſorgt ſein, ſeine Befehle ſollen pünktlich befolgt werden.“ XX. Silvia entledigte ſich ihres Auftrags mit aller ihr eigen⸗ thümlichen Anmuth. Ein Bedienter benachrichtigte Raffaello, ſeine Gebieterin habe ihm etwas zu ſagen, und er war nicht wenig erſtaunt, als er vernahm, was es betraf. F „Mein Herr,“ ſagte Silvia,„ich habe das Unglück er⸗ fahren, deſſen Opfer Ihr geworden ſeid, und ich fühle mich ſehr glücklich, Euch das Mittel, es wieder gut zu machen, bieten zu können. Ihr habt aus Unvorſichtigkeit einen Brief verbrannt, der von großem Belang für Euch war. Hier iſt ein anderer, der Euch nicht minder unmittelbar zu Eurem Ziele führen wird.“ 86 „An den Generalcontroleur?“ rief Raffaello raſch den Brief ergreifend, den ihm Silvia reichte. „Nein, an den Polizeilieutenant,“ erwiederte Silvia. „Nicht wahr, Ihr wünſcht zu einer Perſon zu gelangen, die im Gefängniß iſt?“ „Zu meiner Frau.. „Gut der Polizeilieutenant wird Euch dieſe Gunſt nicht verſagen... Sucht ihn auf und theilt mir dann mit, was geſchehen iſt. Wir werden ſehen, was man zu thun hat, um die Freiheit einer Perſon zu erwirken, die Euch ſo nahe berührt.“ „Oh! wie danke, wie ſegne ich Euch!“ rief Raffaello Silvia zu Füßen fallend;„Ihr ſeid mein Schutzengel, reizen⸗ des Weſen.“ „Dankt mir noch nicht,“ erwiederte Silvia;„Ihr habt noch Zeit genug, wenn Ihr durchgedrungen ſeid, wie ich hoffe. „Aber,“ fuhr ſie mit einem ſpöttiſchen Lächebn fort,„hütet Euch vor den Zufälligkeiten. Bewahrt dieſen Brief gut und kommt nicht zu nahe ans Feuer.“ „Seid unbeſorgt. Ich ſtecke ihn in meine Taſche und halte meine Hand darauf, bis ich ihn in die des Polizeilieute⸗ nant niedergelegt habe.“ Raffaello eilte aus dem Gaſthaus, ſtieg in den erſten Fiacre, der ſich auf ſeinem Wege fand, und ließ ſich nach dem Hotel des Lieutenant führen, doch nicht ohne ſich wiederholt zu fragen, wie es komme, daß ein Mädchen, fremd wie er, mit der Polizei in Verbindung ſtehe und ein gewiſſes Anſehen bei einer Macht dieſer Art genieße. A * 87 Während er hierüber nachdachte, ſo weit es ihm durch ſeine Natur und in ſeiner Lage nachzudenken gegeben war, be⸗ merkte Raffaello, daß der Kutſcher anhielt, und dieſer meldete ihm, er ſei beim Polizeilieutenant. Der Portier behauptete, ſein Herr ſei nicht zu Hauſe, Raffaello erklärte dies für un⸗ möglich, in Betracht, daß er ihn ſprechen müſſe, und er er⸗ mangelte nicht, auseinanderzuſetzen, warum. Der Portier be⸗ griff die Sache, ſagte Raffaello, er könne ſich an den Secretaire des Lieutenants wenden, der Secretaire las den Brief und fer⸗ tigte ſogleich den Einlaßſchein aus. Raffaello ſtieg abermals in ſeinen Fiacre und fuhr nicht nach Saint⸗Lazare, wie wir irrthümlich geſagt haben, ſondern nach der Salpetridre, wo die Colonna für eine an das glänzende, heitere Leben, von dem wir eine Probe gegeben, gewöhnte Frau ſehr traurige Tage zubrachte. Als ſie ihren Raffaello er⸗ ſchaute, erſtickte ſie beinahe aus einem Uebermaß an Freude. Leicht wie eine Gazelle, warf ſie ſich ihrem Freund mit einem Sprung um den Hals; dann blieb ſie vor ihm wie in einer Entzückung, ohne ein Zeichen des Lebens, ohne Stimme, ohne Bewegung. Endlich kam ihr die Sprache wieder und dann gab es eine Sündfluth von Fragen vermiſcht mit Ausrufungen, bald im Ton des Schmerzes, bald in dem der Drohung. Raffaello und die Colonna waren eine Stunde beiſammen, ohne ſich gegenſeitig etwas mitzutheilen, denn ſie ließen den Fragen nicht die erforderliche Zeit, daß eine Antwort darauf folgen konnte. Raffaello verſuchte es zuerſt, mit mehr Ordnung zu verfahren, aber er kam nur mit Mühe zum Ziele, da ihn die Colonna 88 unabläßig durch ihre heftigen Ausfälle gegen den Abbé Torrah unterbrach, den ſie fortwährend einen verdammten Controleur, einen ſchändlichen Controleur, einen Teufelscontroleur nannte. „Aber er iſt nicht mehr Controleur!“ rief Raffuello mit einer Stentorſtimme und unter einer außerordentlichen An⸗ ſtrengung der Lunge. „Er iſt nicht mehr Controleur?“ ſagte die Colonna plötzlich, die Phyſiognomie verändernd und Raffaello ins Geſicht ſchauend, als wollte ſie ſich verſichern, daß er die Wahrheit ſpreche; „das Ungeheuer iſt nicht mehr Controleur? Warum bin ich dann hier? Warum läßt man mich an dieſem abſcheulichen Ort, aus dem ich nicht mehr lebendig herauskommme, wenn ich nur noch einen Tag bleiben muß?.. Und Deine Brüder, Raffaello, Deine beiden Brüder Carlo und Francesco, warum ſind ſie nicht frei? Warum hält man ſie gefangen?“ „Meine Brüder!“ rief Raffaello,„meine Brüder auch im Gefängniß 2.. das Erſte, was ich hievon erfahre!.. und wo ſind ſie?“ „Im Fort⸗[Eveque. Erſt geſtern hat mir Carlo einen Fetzen Papier durch einen Gefreiten zukommen laſſen, der es ſich einfallen läßt, in mich verliebt zu ſein.“ „Ein Gefreiter! nicht möglich!“ „Doch! doch! ſehr möglich. Auch die Kerkermeiſter, auch die Schließer, die Officiere von der Scharwache ich ſage Dir, alle Welt miſcht ſich darein.“ „Um jeden Preis muß ich Dich dieſem Ort 46 „Ich flehe Dich an, entreiße mich.“ ² „Flehe nicht, ich werde von mir ſelbſt genug angeſpornt. 4 89 „Und Deine Brüder, vergiß ſie nicht!“ „Gewiß nicht, ich denke auch an meine Brüder, obgleich weniger Gefahr für ſie vorhanden iſt. Doch welches Verbrechen haben dieſe zwei Burſchen begangen?“ „Welches Verbrechen? kein anderes, als daß ſie ſich bei mir befanden, daß ſie meine Vertheidigung übernahmen! Dieſer ſchändliche Controleur hätte ſelbſt den König verhaften laſſen. Wäreſt Du da geweſen, mein Geliebter, man hätte Dich ein⸗ geſteckt wie die Anderen! Doch da er nicht mehr Contro⸗ leur iſt 4 „Zuin Glück! Ich kehre, ohne einen Augenblick zu verlieren, in das Hotel du Mibvi zurück.. dort wohne ich, in der Rue des Vons⸗Enfans! Ich ſpreche mit dem Mädchen, das mir ſeine Gunſt angedeihen läßt„ „Wie, Raffaello, ein Mädchen begünſtigt Dich?“ „Ja, ein Engel an Schönheit und Güte. das Mävchen kennt den Polizeilieutenant.“ „Und Du nennſt. das einen Engel?“ „Ja, ſage ich Dir, wenn Du ſie geſehen hätteſt wie ich, ſo würdeſt Du nicht daran zweifeln.“ „Raffaello, Du biſt ſtets leicht gläubig geweſen, das iſt Dein größter Fehler.“ „Leichtgläubig, ſo lange Du willſt, aber wo iſt das Uebel, wenn es für Dein Beſtes, für das meiner Brüder geſchieht? Küſſe mich, theure Freundin, und rechne auf mich. ſei un⸗ beſorgt. Späteſtens morgen wirſt Du erfahren, wie weit ich gekommen bin.“ 90 Raffaello befahl dem Kutſcher, ihn im ſchnellſten Galopp von der Salpetridre nach der Rue des Bons⸗Enfans zu führen. Dieſer Befehl war leichter zu geben als zu befolgen mit zwei Pferden, die nicht für' das Wettrennen und die verſperrten Straßen gebaut waren. Sobald er im Hotel anlangte, fragte Raffaello haſtig, ob die junge Perſon vom Erdgeſchoß zu Hauſe ſei, und als ihm der Wirth hierauf bejahend antwortete, läutete er an der Thüre und bat den Bedienten, der ihm öffnete, in⸗ ſtändig, ihn auf der Stelle einzuführen. „Signora,“ ſagte er zu Silvia mit einem Ton, der alle Bewegungen ſeiner Seele wiedergab,„ich nehme abermals meine Zuflucht zu Euch. Ich komme zu Euch, weil nur Ihr mich und die Meinigen retten könnt! Richt für meine Frau allein flehe ich Euch an, ſondern auch für zwei von meinen Brüdern, welche ebenfalls im Gefängniß ſind, und zwar aus derſelben Urſache, nämlich aus gar keiner Urſache! Ich be⸗ ſchwöre Euch, gebt mir noch einen Brief an den Polizeilieute⸗ nant, damit ich meine Brüder im Fort⸗lEveque beſuchen kann! Außerdem ſchreibt an Herrn Turgot, ſchreibt an alle Miniſter, vamit meine Frau und meine Brüder wo möglich noch heute, ſpäteſtens morgen in Freiheit geſetzt werden, denn wenn es nicht morgen geſchehen würde, ſo hätte ich keine Frau mehr, das hat ſie mir ſelbſt geſchworen!“ Silvia war bis in die Tiefe ihres Herzens von der Be⸗ redtſamkeit von Raffuello gerührt. „Ihr braucht noch einen Brief,“ ſagte ſie,„nun wohl! Ihr ſollt ihn haben... doch wartet ein wenig und laſſet uns allein.“ 3 92 Raffaello entfernte ſich, und Silvia lief, ſobald er weg⸗ gegangen war, zum Grafen und theilte ihm mit, was ſie ver⸗ nommen hatte. Sogleich ſchrieb der Graf an den Polizeilieu⸗ tenant einen zweiten Brief, der Raffaello, wie der erſte, über⸗ geben wurde. Dieſer ſtieg wieder in ſeinen Fiaere, den er behalten hatte, eilte nach dem Hotel des Lieutenant, erſchien abermals vor dem Secretaire und erhielt einen zweiten Ein⸗ laßſchein. Um Wiederholungen zu vermeiden, übergehen wir die Einzelheiten der Wiedererkennungsſcene, deren Schauplatz das Fort⸗[Eveque war. Wir erwähnen nur, daß ſich die Brüder⸗ nachdem ſie ſich lange umfangen gehalten hatten, gegenſeitig den Inbegriff ihrer Exiſtenz ſeit dem Augenblick ihrer Tren⸗ nung erzählten. „Endlich ſind wir wiedervereinigt, und bald, das be⸗ zweifle ich nicht, werdet Ihr frei ſein,“ ſprach Raffaello;„dann haben wir nichts mehr Anderes zu thun, als die Hymne der Dankbarkeit zu Ehren der edlen Sterblichen zu ſingen, die mir beigeſtanden, daß ich Euch aus einer ſo ſchlimmen Lage her⸗ ausziehen konnte.“ „Singen,“ ſprach Carlo mit trautigem Ton und mit düſteren Blitzen in den Augen,„ſingen, während wir, trotz einiger Unfälle, noch die Glücklichſten unſerer ganzen zerſtreu⸗ ten Familie ſind!... Singen, während unſer älteſter Bruder, Giuſeppe, unter den Bleidächern Venedigs ſeufzt, während Gabriella in einem Kloſter eingeſchloſſen iſt, während es unſe⸗ rem Vater und unſeren zwei Schweſtern Agneſe und Bianca in Wien an Brod gebricht!“ 92 „Was ſagſt Du mir da, Carlo?“ rief Raffaello,„welch ein ſchauderhaftes Gemälde entrollſt Du vor mir?“ „Lies, lies,“ fuhr Carlo fort, indem er Raffaello einen Brief gab,„lies dieſen Brief, den wir kürzlich von Meiſter Daphnis, dem Freunde unſeres Vaters, unſerem zweiten Va⸗ ter, erhalten haben! Er hat die genaueſten Erkundigungen eingezogen; er iſt mit den geringſten Dingen, die jedes von uns betreffen, bekannt; er weiß nicht minder, was in Wien, als was in Venedig vorgeht, und er iſt nicht der Mann, der uns unnöthig betrüben würde.“ „Unſere Familie iſt alſo mit dem Fluche Gottes ge⸗ ſchlagen!“ rief Raffaello mit ſchmerzlichem Ton.„Und ich ſchmeichelte mir, Eure Befreiung und die meiner Frau wür⸗ den all unſerem Jammer ein Ziel ſetzen! Ach! ich armer Wahnſinniger! Dieſes Ziel weicht immer mehr zurück, je mehr ich mich anſtrenge, um es zu erreichen. Unſere Mißgeſchicke werden zum Schneeball, oder es iſt vielmehr ein Creſcendo von Unglück und Troſtloſigkeit, das eine menſchliche Hand nicht mehr aufzuhalten vermöchte! Dennoch will ich es verſuchen. Ich will mich zum letzten Mal an meinen Schutzengel wenden er wird ſehen, was er thun kann, und wenn er es kann, wird er uns retten; doch das wird ſchwierig. Morgen, meine Brüder, morgen!“ Raffaello kehrte ſehr traurig und ſehr niedergeſchlagen nach dem Gaſthof in der Rue des Bons⸗Enfans zurück. Er verlangte abermals bei der jungen Perſon eingeführt zu werden, die er als ſeine Providenz auf Erden betrachtete. In dieſem Augenblick war ſie mit ihrer Goubernante und mit dem Grafen 93 bei Tiſche. Raffaello bat ſie um Entſchuldigung, daß er ſie ſo zu beläſtigen ſich erlaube, und gab ihr eine getreue Schilde⸗ rung von dem Zuſtand, in welchem ſich jedes von den Mit⸗ gliedern ſeiner Familie befand. Silbia hörte ihn mit Theil⸗ nahme, aber ruhig an: der Graf dagegen bebte bei mehreren Stellen der Erzählung, und er mußte eine große Selbſtbeherr⸗ ſchung üben, um nicht durch ſtärkere Shmptome die außer⸗ ordentliche Aufregung ſeines Geiſtes zu verrathen. Die Erzählung von Raffaello ſchloß mit der Bitte an Silvia, ſie möge das Protectionswerk, das ſie ſo edel und groß⸗ müthig begonnen, fortſetzen. „Bewirkt, daß meine gefangene Frau und meine gefange⸗ nen Brüder der Freiheit zurückgegeben werden, wie Ihr mir zu hoffen geſtattetet; erſtreckt ſich aber Eure Macht ſo weit, ſo vergeßt nicht, daß ich einen Bruder und eine Schweſter habe, die in Venedig gefangen ſitzen, daß mein Vater und zwei von meinen Schweſtern ihre Verbannung in Armuth und Thränen hinſchleppen! Vewirkt, daß auch ihr Geſchick ſich ändere! Bewirkt, daß ich ſie wiederſehe! Ah! Signora, ich verlange bielleicht das Unmögliche von Euch; aber habt Mitleid mit mir! Ich kenne nur Euch in dieſer Stadt, in dieſer Welt! Oh! ſprecht, antwortet mir, darf ich noch hoffen?“ Silvia ſchaute den Grafen an und ſagte auf ein Zeichen, das ihr dieſer mit dem Kopf machte, zu Raffaello: „Ja, Ihr könnt.“ „Dem Himmel ſei es gedankt!“ rief Raffaello,„ich er⸗ wartete nicht weniger von ihm und von Euch... Bedürft Ihr meiner zu irgend Etwas?“ 94 „Nein,“ antwortete Silvia auf ein neues Zeichen, das ihr der Graf machte. „Wohl! ich vertraue auf Euch, ich glaube an Euch, ohne mich um die Mittel zu bekümmern, durch die Ihr Euer Ziel zu erreichen gedenkt.“ „Mehr braucht es nicht,“ ſagte Silvia, die aus einer Geberde des Grafen entnommen hatte, er wünſche, daß ſich Raffaello entferne;„gönnt Euch nun die Ruhe, die für Euch nach einem ſo bewegten Tag nothwendig iſt.“ „Ich danke, Signora, ich danke von ganzer Seele,“ ſprach Raffaello. Und er ging weg, nachdem er ſich vor dem Grafen verbeugt hatte. Kaum war Raffaello hinaus, als der Graf zu Silvia ſagte: „Dieſen Abend reiſen wir nach Italien ab. Nehmt Tinte und Feder und ſchreibt, was ich Euch dictiren werde.“ XXI. Man denke ſich das Erſtaunen von Raffaello, als er, nachdem er frühzeitig aufgeſtanden war und eiligſt an der Thüre ſeiner jungen Nachbarin geläutet hatte, wahrnahm, daß die Wohnung verlaſſen und in jenem Zuſtande der Unordnung war, der bei den Vorkehrungen zu einer Abreiſe unvermeidlich iſt. Er durchlief alle Zimmer, bildete ſich dann ein, er ſchlafe noch, und ſtrengte ſich an, den Alp, der auf ihm laſtete, ab⸗ zuſchütteln. Endlich aber genöthigt, ſich der Gewißheit zu et⸗ geben, rief er: 95 „Sie wird in einen andern Stock gezogen ſein.“ Und er ſtürzte hinaus, um ſich bei dem Herrn des Gaſt⸗ hauſes zu erkundigen. Er traf ihn gerade auf dem Ruheplatz. „Ich wollte eben zu Ihnen gehen,“ ſagte der Wirth, in⸗ dem er ſich tiefer als gewöhnlich verbeugte. „Ich ſuchte Sie auch,“ erwiederte Raffaello;„ich komme aus dieſem Quartier, das die junge Perſon bewohnte... wo iſt ſie denn nun?“ „Geſtern Abend zwiſchen elf Uhr und Mitternacht ab⸗ gereiſt.“ „Abgereiſt! was ſagen Sie? das kann nicht ſein.“ „Mit ihrer Gouvernante und dem Herrn Grafen.“ „Wie! alle drei abgereiſt, ohne mir etwas zu ſagen?... Sie hätten mich wecken müſſen.“ „Hiezu hatte ich keinen Befehl, doch ich habe Ihnen dieſen Brief zu übergeben, den Mlle. Silvia, glaube ich.. Ihnen, ſobald ich Sie ſehen würde, einzuhändigen mich beauf⸗ tragt hat.“ „Ein Brief! Ah! großer Gott! es iſt um mich ge⸗ ſchehen! wir find Alle verloren! Sie verläßt mich!“ „Nehmen Sie, mein Herr, leſen Sie!“ „Leſen Sie ſelbſt... es iſt mir trübe vor den Augen meine Hände zittern.“ „Mit Vergnügen,“ erwiederte der Wirth, nachdem er das Siegel erbrochen und den Umſchlag weggeworfen hatte,„doch der Brief iſt nicht franzöſiſch geſchrieben.“ „Nun denn, da es ſein muß, ſo will ich ſelbſt mein Ur⸗ theil leſen.“ 96 Und Raffaello las den italieniſchen Brief, der ungefähr wie folgt abgefaßt war: „Mein lieber Herr, „Eine gebieteriſche Nothwendigkeit, der nichts zu wider⸗ ſtehen vermöchte, zwingt mich, Paris auf der Stelle zu ver⸗ laſſen; glaubet aber nicht, daß ich bei meiner Entfernung die Dinge, die Euch intereſſiren, vergeſſe, und daß ich dem nicht entſpreche, was Ihr von mir erwartet. Es ſind alle Maß⸗ regeln getroffen, daß Eure theuren Gefangenen morgen in Frei⸗ heit geſetzt werden. Nicht ein einziger Schritt iſt mehr zu thun. Bemüht Euch nicht einmal, ihnen entgegenzugehen; ſie haben Eure Adreſſe und werden Euch im Hotel du Midi in der Rue des Bons⸗Enfans aufſuchen, wo Ihr gefälligſt mit ihnen bleiben wollt, bis Ihr Nachricht von mir erhaltet. Das wird hoffentlich nicht lange anſtehen. Da Ihr aber mittlerweile wegen Beſtreitung Eurer gemeinſchaftlichen Ausgaben in Ver⸗ legenheit gerathen könntet, ſo ſchreibe ich unten an ein paar Zeilen in franzöſiſcher Sprache, die Ihr Herrn de la Vorde vorweiſen werdet, ſo oft Ihr Geld braucht. Herr de la Borde wohnt auf dem Carrouſel⸗Platz und kennt Eure Frau und Euere zwei Brüder. Ich habe ihn überdies ſchon benachrichtigt und bin überzeugt, daß er Euch ſeine Dienſte nicht verweigern wird. Seid alſo unbeſorgt für Euch und Eure Umgebung und hofft in Betreff der andern Mitglieder Eurer Familie. Um mich mit ihnen zu beſchäftigen, verlaſſe ich Euch. Der Himmel gebe, daß es mir gelingt! Ich verlange keine andere Mitwirkung von Euch, als die Eurer Gebete, und nehme Euch nur. das 97 Verſprechen ab, vollkommen ruhig zu bleiben, bis Ihr einen Brief von mir erhaltet.“ „Silvia.“ Das Leſen dieſes Briefes hatte bei dem armen Raffaello einen ſo ungeſtümen Uebergang von der Troſtloſigkeit zur Freude, von der Verzweiflung zum Vertrauen zur Folge, daß er, nach⸗ dem er das letzte Wort buchſtabirt hatte, wie vernichtet blieb. Mehr als je war er berechtigt, ſich für das Spielzeug eines Traumes zu halten; mehr als je bedurfte er der Beweiſe, um nicht verſucht zu ſein, die Wirklichkeit in das Land der Chi⸗ mären zu verſetzen. Der Herr des Gaſthauſes, der von ihm erfuhr, was der Brief enthielt, mochte ihm immerhin wieder⸗ holen, dies Alles ſcheine ihm ſo ſicher, als das Wort im Epan⸗ gelium, und an ſeiner Stelle würde er nicht eine Minute zwei⸗ feln, Raffaello zweifelte fortwährend. Er lachte, weinte, rang die Hände, drückte die des Wirthes und flehte ihn an, ihm zu ſagen, was er zu thun habe: in beide Gefängniſſe gehen, oder nur in eines, oder ſich nicht rühren, wie es ihm der Brief vorſchrieb? und wenn ihm der Wirth zu Einem rieth, ſo war dies genug, ihn zum Andern zu beſtimmen. Eine Stunde verging ſo in der Strömung und Gegenſtrömung der Ideen, der Gefühle, der Entſchlüſſe. Raffaello war endlich im Begriff, den Poſten zu verlaſſen, auf dem er es nicht länger aushielt, und auf Entdeckung auszugehen, als ein Fiacte vor dem Gaſthauſe anhielt und aus dieſem Fiacre eine Frau her⸗ aushüpfte, in der man an ihrer nhmphenartigen Leichtigkeit noth⸗ wendig die Colonna erkennen mußte. Raffaello ſprang ſeinerſeits Der Erzähler 1848. W. 7 98 wie ein Leopard, und Beide umſchlangen ſich zugleich mit ihren vier Armen. Dieſe Umſchlingung hätte ſich ins Unendliche ausgedehnt, wäre nicht durch die Erſcheinung von Carlo und Francesco, welche nicht im Wagen, ſondern zu Fuß ankamen, eine mächtige Diverſion eingetreten. Dann waren es nicht mehr vier Arme, ſondern acht, unter denen ſich eine Art von Streit entſpann, welchem der Vortheil des kräftigſten und ausdauerndſten Druckes bliebe. Auf die Umarmungen folgten die Ausrufungen: „Der theure Carlo!“ „Der gute Francesco!“ „Die vortreffliche Colonna!“ „Wie haſt Du es denn gemacht, mein lieber Bruder?“ „Wie er es gemacht hat?“ verſetzte die Tänzerin,„ich weiß es! hat er mir nicht geſagt, er werde von einem Schutz⸗ engel begünſtigt, von einem Engel, ſchön wie der Taß von einem Mädchen?“ „So führe er uns geſchwinde zu ihr, daß wir ihr zu Füßen fallen!“ „Ja,“ ſprach die Colonna, ver führe uns zu ihr. Es würde mich ſehr freuen, ſie zu ſehen.“ „Meine Freunde,“ erwiederte Raffaello,„Ihr kommt mei⸗ ner Treue zu ſpät, mein Engel iſt abgereiſt.“ „Zum Himmel aufgeſtiegen?“ rief die Colonna. „Keinen Scherz,“ entgegnete ernſt Raffaello,„es iſt ein Mädchen, das früher oder ſpäter dorthin kommen muß, und ich brauche keinen andern Beweis, als den Brief, den es mir zurückgelaſſen hat; er wird Euch mehr, als ich es zu thun 99 vermöchte von dem wahrhaft engeliſchen Charakter der Perſon, die ihn geſchrieben, überzeugen.“ Der Brief wurde von Raffaello vorgeleſen und von allen Andern mit einer Rührung, die bis zu Thränen ging, ange⸗ hört. Der Paragraph bezüglich auf den bei Herrn de la Vorde eröffneten Credit hatte beſonders die Gabe, das Gemüth der Colonna zu bewegen. „Das liebe Kind denkt an Alles,“ rief ſie;„höre, Raf⸗ faello, ich erkläre Dir, daß ich nicht mehr eiferſüchtig bin, aber ich bin darum nur um ſo mehr begierig, das Geſicht eines ſolchen Geſchöpfes kennen zu lernen!“ Carlo und Francesco drückten dieſelbe Meinung aus, ſie waren aber vor Allem der Anſicht, man müſſe ſich genau nach dein Willen des Mädchens richten und die Inſtructionen er⸗ warten, die es ihnen zukommen ließe. Da dieſe Anſicht auf keinen Widerſpruch ſtieß, ſo wollen wir für einige Zeit die drei Brüder und die Colonna in der Hauptſtadt Frankreichs laſſen und der Poſcchaiſe folgen, welche Silvia auf der Straße nach Italien in Begleitung von zwei uns bekannten Perſonen fortführt. Loredano Tiepolo, der, um zu reiſen, den Namen Graf Firmiani angenommen hatte, war ſeit mehreren Jahren nicht mehr in Venedig geweſen, Silvia war nur einmal in ihrer erſten Kindheit durch dieſe Stadt gekommen, und ihr Herz ſchlug vor Freude bei dem Gedanken, ſie werde dieſen Ort beſuchen, von dem ſie ſo viele wunderbare Beſchreibungen geleſen hatte. Dem ungeduldigen Verlangen des Mädchens nachgebend, verwendete Loredano den ganzen Tag, der auf ihre Ankunft folgte, darauf, 100 daß er Silvia von Quartier zu Quartier, von Platz zu Platz, von San Marcd zum Rialto, von der Rieſentreppe zu den prachtvollſten Kirchen, und am Abend nach dem Lilo in einer ſchweigſam über die Lagunen hingleitenden ſchwarzen Gondel führte. Silvia hörte nicht auf, in Worte der Bewunderung bei dieſem bezaubernden Schauſpiel auszubrechen, bei dem Alles für ſie neu war. Während ſie indeſſen die unvergänglichen Schönheiten ihrer Vaterſtadt bewunderte, fand ſie an derſelben auf allen Seiten Symptome der Traurigkeit, des Hinſchmachtens, des Verfalls. Der lange Todeskampf der Republik Venedig war einer verhängnißvollen Stunde nahe; die alte Macht löſte ſich vollends auf, während ſie ihre politiſche Nichtigkeit unter der Maske einer Neutralität zu verbergen ſuchte, die am Ende ein Gegenſtand des Gelächters für ganz Europa wurde. Der Doge ſelbſt, deſſen Regierung vierzehn Jahre gedauert hatte, zerar⸗ beitete ſich unter der Laſt des Alters und der Demüthigungen. Seitdem ein Günſtling von Katharina II., Alexis Orloff, der nach Venedig abgeſandt worden war, um hier Waffen und Munition zu kaufen und Soldateu anzuwerben, dem Senat, wel⸗ cher ihn ſich zu entfernen aufgefordert, ſtolz geantwortet hatte, er nehme nur Befehle von ſeiner Kaiſerin an und werde abreiſen, wann es ihm beliebe, beugte Alviſio Mocenigo das Haupt unter dieſer Schmach, die ihn in ſeiner Würde als Staatsoberhaupt traf, und er war nach dem Dafürhalten aller edler Venetianer nur noch der Schatten von ſich ſelbſt. Dabei verband ſich mit dieſer in Folge einer Schmach, für die man keine Rache nehmen konnte, beſtändig blutigen Wunde die Reue wegen einigen Jugendfehler, deren Gewicht durch ſein 101 Gewiſſen oder vielleicht durch ſeinen Beichtiger übertrieben wurde. Früher galant, leichtfertig wie alle ſeine Freunde, war Aloiſio Mocenigo bigotter, abergläubiſcher geworden, als irgend Einer. Er, der ſich in ſeinen ſchönen Zeiten etwas auf eine gewiſſe Kühnheit des Geiſtes einbildete, die er zur Philoſophie erhob, fühlte nun nur noch Gewiſſensbiſſe, Schauer und Zittern im Hinblick auf ein ewiges Leben. Er fürchtete den Augen⸗ blick des Eintritts in daſſelbe, wie der Schuldige den fürchtet, wo das Urtheil gegen ihn vollſtreckt werden ſoll, und jeden Worgen verließ er bei Tagesanbruch ſeinen Palaſt, um auf den Platten der St. Marcus⸗Kirche niederzuknieen und hier in Gebet und Betrachtungen verſunken zu bleiben. Loredano erfuhr alle dieſe Dinge, während er Venedig durchlief; er erfuhr auch, daß Salvator Mocenigo, der Sohn des Dogen, nichts an ſeiner Lebensweiſe geändert hatte, daß er immer noch verſchwenderiſch, immer noch halsſtarrig war, und daß ſein Vater es wiederholt vergebens verſucht hatte, an ſeiner Bekehrung zu arbeiten. Aelter als er, hatte ihn Loredano nur gekannt, als er in der Welt debutirte: der Zuſammenhang zwiſchen Beiden war auf einige Pharopartien beſchränkt ge⸗ weſen, die ſie mit einander geſpielt, und dann hatten ſie ſich nicht mehr getroffen. Loredano, deſſen Namen und Stand ein Bürger von Venedig nothwendig kennen mußte, zögerte indeſſen nicht, ſich bei ihm einzufinden, ohne ſich eine Zuſammenkunft erbeten zu haben. Es war dies vor der Stunde des Frühſtücks; Salvator übte ſich eben im Fechten in einem untern Saale ſeines Palaſtes. Bei dem Namen von Tiepolo warf er haſtig ſein Bruſtleder, ſein Viſir weg, wiſchte ſich ſeine von 102 Schweiß triefende Stirne ab, zog einen Schlafrock an und ging zu Loredano in den Salon, in welchem ein Lackei ihn einige Augenblicke zu warten gebeten hatte. Die erſten Worte ſtrenger Artigkeit wurden mit allem Anſtand, aber kalt ausgetauſcht. Salvator hatte nicht den Charakter, irgend Jemand, wer es auch ſein mochte, durch ein freundliches Lächeln zuvorzukommen, und Loredano erſchien mit einem zu ernſten Gedanken, um ſich mit Höflichkeit und Lie⸗ benswürdigkeit in Unkoſten zu ſetzen. „Signor, Ihr wißt, wer ich bin,“ ſagte er zu Salvator. „Ich werde alſo ohne Eingang den Gegenſtand angreifen, den ich mit Euch zu verhandeln mich für verpflichtet erachte. In Folge eines Ereigniſſes, deſſen Umſtände ich nicht wiederholen werde, iſt eine unbekannte, aber ehrliche und achtenswerthe Fa⸗ milie mit Gewalt zerſtreut worden. Die Einen hat man ein⸗ gekerkert, die Andern verbannt. Ihr ſeht, daß es ſich um die Familie von Angelo, dem Regiſſeur eines unter Eure Pro⸗ tection geſtellten Theaters handelt, deſſen Sohn beinahe unter dem Dolch eines Mörders umgekommen wäre. Ich intereſſire mich für dieſe Familie, und bin ſo glücklich geweſen, drei Mit⸗ gliedern derſelben Hülfe zu leiſten. Heute komme ich, um Euch zu fragen, was man möglicher Weiſe zu Gunſten von denjenigen hoffen und thun könne, welche, da ſie Venedig nicht verlaſſen, Grund haben, anzunehmen, ihr Schickſal hänge von Euch ab.“ Salvator ſchien, als er dieſe paar Worte hörte, durchaus nicht beunruhigt, aber ſein durch die Hitze der vorhergehenden Fecht⸗ übung purpurroth gewordenes Geſicht erbleichte plötzlich, und man 103 ſah, daß er eine Antwort auf die Frage von Loredano ſuchte; nach kurzem Stillſchweigen erwiederte er: „Signor, ich wünſchte vor Allem zu wiſſen, n Art der Antheil iſt, den Ihr an der Familie nehmt, von der Ihr ſprecht?“ „Erlaubt mir in dieſer Hinſicht eine Zurückhaltung zu beobachten. „Die 16 vollkommen berechtigt bin, und bei meiner Ehre nachahmen werde,“ ſagte Salvator. „Nein, Ihr werdet das nicht thun,“ entgegnete Loredanv.„Ihr werdet den Beweggrund würdigen, der mich veranlaßt hat, mich eher an Euch, als an einen Andern zu wenden. Wäre es mir genehm geweſen, ſo hätte ich nur ein Wort zu ſagen ge⸗ habt. „Ein Wort! wem denn?“ „Dem Dogen vielleicht.“ „Meinem Vater! Iſt das eine Drohung?“ „Nein, es iſt keine Drohung, denn ich ſchwöre Euch, daß der Doge, was auch geſchehen, was auch das Reſultat unſerer Unterredung ſein mag, weder von meinem Beſuche, noch von dem Grund, der mich hiezu veranlaßt hat, etwas erfahren ſoll.“ „Und ich ſchwöre Euch meinerſeits, daß ich mich nicht von dem Beiſpiel, das Ihr mir gebt, entfernen und mich jeder Erklärung über eine Angelegenheit enthalten werde, die mich im Ganzen nichts angeht.“ Sobald die Unterreduug dieſe Wendung genommen hatte, mußte die Gereiztheit der beiden Sprechenden nothwendig ſich zu einem glühenden Zorn ſteigern, wenn dieſer auch in ſeinem 104 Ausdruck zurückgehalten wurde. Salbator verſchonte Loredano nicht mit boshaften Anſpielungen auf die Gerüchte, die über ſein Verhältniß zu Tereſina, der Frau von Angelo, in Umlauf ge⸗ weſen waren. Loredano erwiederte die Angriffe dadurch, daß er diejenigen, welche dieſe Gerüchte verbreitet oder aufgenommen als Feige und Schändliche behandelte. Salvator erhob ſich ſodann aus ſeinem Lehnſtuhl, ſtieß dieſen mit dem Fuß zu⸗ rück und ſagte mit trockenem Ton: „Es iſt Zeit, daß wir ein Ende machen! Es wäre beſſer geweſen, Ihr hättet mir ſogleich bei Eurem Eintritt geſagt, daß Ihr ein Duell haben wolltet!“ „Ein Duell, Signor, werde ich zwar nicht ausſchlagen, aber auch nur bei der äußerſten Nothwendigkeit annehmen.“ „Nehmt Euch in Acht, es iſt immer ärgerlich, wenn man die anderen Leute als Feige behandelt.“ „Kein Wort mehr! Ich ſtehe zu Dienſten: nur habe ich Gründe, zu wünſchen, daß Alles unter uns in der größten Stille vor ſich gehen möge. Werdet Ihr mir erlauben, dieſe Gründe zu verſchweigen?“ „Gewiß. wir ſchlagen uns ohne Zeugen!.. Ein origi⸗ nelles Duell.. ſchon lange wünſche ich mir ein ſolches! Welche Waffen?. den Degen? das iſt ſehr gewöhnlich... Seid Ihr ein guter Schwimmer?“ „Warum dies?“ „Man erzählte ſich kürzlich von zwei Slavoniern, die ſich in den Lagunen Rendez⸗vous gegeben hatten.. Es kam darauf an, wer den Andern ertränken würde!.. Ah! da fällt mir etwas. Anderes ein das iſt eleganter, mehr eines Mocenigo und —— ———— eines Tiepolv würdig: unſere Ahnen werden nicht zu erröthen haben. Nehmt morgen eine Gondel und lenkt ſie ſelbſt in den großen Kanal; ich nehme auch eine und beſteige ſie allein. Wenn wir uns erblicken, fahren wir auf einander zu, gleich⸗ ſam, ohne es zu wollen, ohne daran zu denken. Wir ſtoßen an einander an, wir erzürnen uns, und kaum ſind wir wieder einen Piſtolenſchuß weit von einander entfernt, ſo feuern wir. Wohl dem, der der behendere und geſchicktere iſt!.. Seid Ihr damit einverſtanden?“ „Ganz nach Eurem Belieben.“ „Abgemacht alſo; doch wir müſſen die Morgendämmerung benützen, beim hellen Tag dürfte man uns ſtören. Morgen früh zwiſchen fünf und ſechs Uhr.“ „Morgen,“ erwiederte Loredano. Hienach führte ihn Salvator bis ins Vorzimmer zurück, wo er einen von ſeinen Lackeien rief, um Tiepolo bis vor die Thüre ſeines Palaſtes geleiten zu laſſen. XXII. Als er Salvator verließ, beabſichtigte Loredano zuerſt, ſich nach dem Kloſter der heiligen Maria und nach den Bleikam⸗ mern zu begeben; nachdem er aber hierüber nachg edacht, kam ihm dieſer doppelte Beſuch unnütz vor, und er kehrte ſchleu⸗ nigſt nach dem Hauſe zurück, in dem er ſich bei ſeiner An⸗ kunft in Venedig einquartiert hatte. Dieſes Haus gehörte einem ſeiner Freunde, der für den Augenblick im Dienſte der Republik nach Smyrna ſchiffte. Es hatte zum Hüter einen 106 alten Diener, der den Abkömmling der Tiepolo von Kindesbei⸗ nen an kannte und ihm nicht minder zugethan war, als ſein Herr. Sobald ihn Silvia erblickte, lief ſie ihm entgegen und rief: „Wie lange ſeid Ihr ausgeblieben! Ihr ſagtet mir nicht, daß Ihr ſo frühzeitig ausgehen werdet. Als ich aufſtand, waret Ihr ſchon weggegangen, doch ich wollte die Chocvlade nicht ohne Euch nehmen; ich war unruhig und wußte doch nicht, warum.“ Loredano ergriff, ohne ihr etwas zu antworten, ihre Hand und drückte ihr einen wärmeren Kuß als gewöhnlich auf die Stirne. Man ſetzte ſich zu Tiſche. Loredano war ruhig, aber ſchweigſam, und ſein Blick ſenkte ſich oft auf das Mädchen mit einem Ausdruck, den Silvia wahrnahm, ohne ihn zu be⸗ greifen. „Wohin werden wir heute gehen?“ fragte ſie.„Werden wir eine Promenade zu Fuß oder in der Gondel machen?“ „Nein,“ erwiderte raſch Loredano, den das Wort Gondel unwillkührlich beben machte;„ich kann Euch nicht begleiten, ich habe zu arbeiten, zu ſchreiben; doch Ihr nehmt Madame Fremont mit, und Uberto ſoll Euch als Führer dienen; er kennt Venedig beſſer als ich.“ Obgleich dieſe Anordnung Silvia nicht ſehr erfreulich war, ſo nahm ſie dieſelbe doch ohne Widerſpruch an; und als das Frühſtück beendigt, küßte ſie Loredano zärtlich und ſagte zu ihm: 107 „So arbeitet alſo, ich laſſe Euch allein, da dies Euer Wille iſt.. auf Wiederſehen.“ Sobald Loredano allein war, ſchloß er ſich in ſein Zim⸗ mer ein und ſchrieb folgenden Brief: „Theure Tereſina, „Nach einer fünfzehnjährigen Verbannung bin ich ſeit zwei Tagen wieder in Venedig; ich athme in Eurer Nähe und habe nicht einmal zu denken gewagt, einige Augenblicke würden genügen, um uns einander noch mehr zu nähern, da Ihr das Verbot, das ſeit ſo langer Zeit auf mir laſtet, nicht aufgehoben habt. Tereſina, wie grauſam ſeid Ihr geweſen, und mit welch furchtbarer Sühnung habt Ihr mich das Glück bezahlen laſſen, daß ich einige Monate an demſelben Ort mit Euch wohnen durfte. Ich brauche Euch nicht zu ſagen, daß ich mit Silvia, meiner theuren Mündel, meiner Adoptibtochter, zurückgekommen bin; aber Ihr ſollt erfahren, warum ich plötzlich meine Heimath wieder beſucht habe. Ich war in Frankreich, in Paris und bin dort durch einen von den Zu⸗ fällen, die ſich öfter, als man glaubt, im Leben ereignen, im Stande geweſen, drei Kindern von Euch, Raffaello, Carlo und Francesco, Hülfe zn leiſten. Dort erfuhr ich auch, was ich nicht wußte, die traurige Lage Eurer übrigen Familie. Ich erfuhr(warum habt Ihr mir nie davon geſagt? Warum habt Ihr mir keinen Brief geſchrieben? nicht einen einzigen in fünfzehn Jahren 2) ich erfuhr, daß Alles, was Euch theuer iſt, bitter leide, und, großer Gott! aus welcher Urſache? Ich zö⸗ gerte nicht, reiſte auf der Stelle ab, eilte über die Berge und berührte den Boden Venedigs. Ich gehe nicht lange in Ein⸗ 108 zelheiten über das ein, was Ihr beſſer wißt als ich. Aus dem Briefe von Meiſter Daphnis an Eure zwei Söhne, Carlo und Francesco, habe ich erſehen, daß Ihr von ihm über die Dinge, die Eure Kinder brtrafen, im Laufenden erhalten worden ſeid. Die Hand eines einzigen Menſchen hat alles Unglück über ſie gebracht. Ich ſuchte dieſen Menſchen, dieſen Salvator Moce⸗ nigo auf, deſſen ich mich kaum mehr nach ſeinen Zügen und Manieren erinnerte. Er war noch ſehr jung, als ich mich von hier entfernte. Ich erſchien vor ihm, wie ich mußte, und ſprach zu ihm in der Sprache der Vernunft, der Mäßigung, der Menſchlichkeit. Er blieb unbeugſam. Was war zu thun? Sollte ich die Geſetze, die Gerichte anrufen? Er hat ſie ſchon nach ſeiner Laune zu biegen gewußt, und dies würde ihm heute nicht minder gelingen, als früher; und dann, in welcher Eigenſchaft könnte ich die Behörden in Anſpruch nehmem, um bei ihnen die Sache Eurer Familie zu vertheidigen? Sollte ich zum Doger gehen und ihm das unwürdige Benehmen ſei⸗ nes Sohnes enthüllen? Ich hatte allerdings den Gedanken, aber ich verwarf ihn eben ſo raſch, als er mir gekommen war.. Dieſer Schritt hätte vielleicht Alles zum Ziele ge⸗ führt; doch es kum mir vor, als wäre dies ein feiger und gemeiner Schritt, eine Art von Angeberei geweſen, die einen Edelmann gebrandmarkt hätte. Wäre ich ein Weib, ſo hätte ich es ohne Zweifel gethan; doch an meinem Platze muß meine Rolle eine andere ſein. Ich bedaure und beklage es. Was wollt Ihr? es iſt eine peinliche Nothwendigkeit, in die ich mich habe fügen müſſen. Tereſina, ich ſchreibe Euch zum letzten Mal. Lange habe ich in meinem Kopfe und in meinem Her⸗ 109 zen ein Mittel geſucht, um Euch auf die Kunde vorzubereiten, die Ihr wohl erfahren müßt. Mein Suchen war vergeblich: ich fand kein anderes Paliativ, als die ganz einfache und wahre Mittheilung der Beweggründe, die mich nöthigten, zu handeln, wie ich gehandelt habe, was auch daraus erfolgen dürfte. Nun, da ich Euch Alles geſagt, Alles bekannt habe, theure Tereſina, bleibt mir nur noch Eines Euch zu erklären übrig... Der Himmel vergebe mir, und Ihr, Tereſina, betet zu Gott für mich Morgen bei Tagesanbruch ſchlage ich mich mit Salvator... Ich werde ihn tödten oder er tödtet mich. Wird dieſer Brief Euch zugeſtellt, ſo hat ſich das Glück für ihn entſchieden, und ich habe aufgehört zu leben. „Noch einmal, Gott befohlen, theure Tereſina. „Loredanv.“ Nachdem er dieſen Brief beendigt hatte, verſiegelte ihn Loredano und verſah ihn mit der Adreſſe:„An Tereſina Angelo, im Palaſte Tiepolo.“ Er ſchloß ſodann den Brief in einen Umſchlag und ſchrieb darauf:„Es darf dies nur nach meinem Tod geöffnet werden.“ Hienach durchging er alle ſeine Papiere, zerſtörte eine große Anzahl und ordnete die andern ſorgfältig. Als dieſes Geſchäft abgethan war, nahm er ein Buch, doch er las nicht, er dachte. Silvia kehrte mit Madame Fremont und Uberto von ihren Gängen zurück: ſie erzählte Loredano heiter, was ſie geſehen, was ſie bewundert hatte. Loredano plauderte lange mit ihr und that Alles, was er ber⸗ mochte, um ſeine Aufregung nicht durchblicken zu laſſen. Er ſchmeichelte ſich, es ſei ihm dies gelungen; doch er täuſchte ſich: Silvia zweifelte nicht, daß in ſeinem Innern etwas 110⁰ Außergewöhnliches vorgehe. Sie berſtellte ſich auch, doch ge⸗ ſchickter als Loredano. Zur Stunde des Abendbrods ſchützte dieſer vor, er bedürfe der Ruhe, und rieth Silvia, wie er früh⸗ zeitig zu Bette zu gehen. Silvia gab ſich den Anſchein, als gehorchte ſie, und zog ſich mit Madame Fremont in ihr Zimmer zurück, ſagte aber zu dieſer: „Nein, liebe Dame, ich werde mich nicht eher niederlegen, als bis ich ſicher bin, daß alle Welt hier ſchläft.“ Loredano ging mit ſich zu Rath, ob er ſchon am Abend das Haus verlaſſen, oder ob er bis am andern Morgen war⸗ ten ſollte; doch er befürchtete, der frühe Ausgang könnte Je⸗ mand aufwecken und ihm Hinderniſſe hervorrufen. Er zog es daher vor, ſich Uberto anzuvertrauen und ihm zu ſagen, eine Angelegenheit, von der er mit Silvia nicht ſprechen könne, nöthige ihn, ſich auf einige Stunden zu entfernen, und werde ihn vielleicht bis nach Mitternacht auswärts zurückhalten; er erſuchte ihn um einen Schlüſſel, damit er, ohne Jemand zu ſtören, heim⸗ kehren könnte, und empfahl ihm beſonders das tiefſte Geheim⸗ niß. Uberto verſprach als entſchiedener Mann, ſein Wort zu halten. Loredano verließ ſein Haus, wandte ſich an den Gondolier, der ihn am Tage vorher ſpazieren geführt hatte, ſagte ihm, er bedürfe ſeiner Gondel bis zum andern Mor⸗ gen, und kam mit ihm über den Preis überein. Nachdem dies geſchehen war, wünſchte er dem Gondolier eine gute Nacht, und dieſer kehrte zu ſeinem Lager zurück. Loredano ruderte eine Zeit lang, legte dann die Gondel am Eingang des großen Kanals an, und ſtreckte ſich auf den Polſtern aus, um, wenn es möglich wäre, bis zum Morgen zu ſchlafen. 111 Wie vorfichtig Loredano ſich benommen, Silvia hatte ihn doch gehen, Uberto rufen hören; ſie wußte die Stunde ſeines Abgangs und wollte die ſeiner Rückkehr abwarten. Als es Mitternacht ſchlug, ließ ſie ihre Unruhe, welche ſtufenweiſe zugenommen hatte, alle Rückſichten hintanſetzen. Sie bat Ma⸗ dame Fremont, Uberto zu wecken, und lief dieſem entgegen, als das Geräuſch ſeiner Tritte auf der Treppe erſcholl. „Uberto,“ ſagte ſie,„der Herr Graf iſt nicht wieder nach Hauſe gekommen?“ „Ich bitte um Verzeihung, Signora, der Herr Graf iſt zu Hauſe,“ erwiederte der gute Mann mit aller Kaltblütigkeit, der er fähig war. „Uberto, Ihr täuſcht mich.. „Signora, ich ſchwöre...4 „Keine Schwüre,.. einen Beweis... „Einen Beweis.. welchen?“ „Geht zum Herrn Grafen und ſagt ihm, ich bitte inſtän⸗ dig, ihn ſehen und ſprechen zu dürfen.“ „Ich ſoll ihm das ſagen!... zu dieſer Stunde?... Die Signora bedenkt nicht... der Herr Graf würde ſich ärgern, und er hätte Recht.... „Ich werde alſo ſelbſt gehen und an ſeine Thüre klopfen, bis er mir antwortet,“ ſprach Silvia. „Ich beſchwöre Euch, Signora, thut das nicht.“ „Warum nicht?“ „Weil weil der Herr Graf, wenn ich Euch die Wahr⸗ heit ſagen ſoll, nicht zu Hauſe iſt.“ „Ihr habt mich einmal getäuſcht... wie ſollte ich Euch 112 trauen?. Uberto, führt mich in die Wohnung des Herrn Grafen.“ „Er iſt aber nicht dort.“ „Gerade deshalb. Welche Schwierigkeiten ſollte es haben, in ſeine Zimmer einzutreten, wenn er nicht dort iſt?“ „Es iſt allerdings nicht unmöglich, doch wozu ſoll es nützen?“ „Ich weiß nicht, aber ich will es nun einmal.“ „So werde ich den Doppelſchlüſſel holen, der unten im Secretaire liegt.“ „Geht und ſpudet Euch.“ Die Zeit verging; in allen Glockenthürmen der Nachbarſchaft hörte man halb ein Uhr ſchlagen. Uberto kam mit dem Schſ zurück, öffnete und ſagte zu Silbia: „Welche Laune habt Ihr, Signora? Um Euch zu beru⸗ higen, muß ich wohl gehorchen.“ Silvia ſtürzte in das Zimmer. Der erſte Gegenſtand, der ihr in die Augen ſiel, war der Brief, den ſie mit ſeiner düſteren Ueberſchrift auf einem Tiſche liegen ſah. Silvia ſtieß einen Schrei aus, zerriß den Umſchlag und fing an, ohne zu ſchauen, an wen der Brief adreſſirt war, den Inhalt zu verſchlingen. „Ich hatte eine Ahnung, ich errieth das Unglück,“ ſagte ſie;„doch dem Himmel ſei es gedankt, er lebt noch.. Er ſchlägt ſich erſt dieſen Morgen.“ 113 XXIII. Silvia überlegte nicht lange, was ſie thun ſollte... Der Brief ſagte nichts vom Ort des Zweikampfs: man konnte alſo unmöglich dahin eilen und ſich zwiſchen die Kämpfenden wer⸗ fen, aber bei der Erklärung des edlen Bedenkens, das ihn abge⸗ halten, ſich unmittelbar an den Dogen zu wenden, war Lore⸗ dano das Geſtändniß entſchlüpft: ich ein Weib, ſo hätte ich es ohne Zweifel gethan.“ „Wohl!“ rief Silvia,„ich, die ich u W idchen, bin noch mehr entſchuldbar!.. Uberto.. Madam Fre⸗ mont... kommt mit mir!“ „Wohin denn?“ „In den Palaſt des Dogen.“ Und ſie entfernte ſich ſchleunigſt, den Brief in der Hand. Es herrſchte noch tiefe Finſterniß; Uberto und Madame Fremont holten Silbia nicht ohne Mühe ein, denn dieſe ging mit heftigen Schritten, ohne ſich darum zu bekümmern, ob man ihr folgte. Die Gouvernante erreichte ſie zuerſt, faßte ſie beim Arm und fragte: „Aber, mein Fräulein, was gibt es denn? wohin denn?« „Ich muß mit dem Dogen ſprechen.“ „Worüber? zu welchem Ende? Ich glaube, daß ich in meiner Stellung zu fragen berechtigt bin.“ „Sogleich werde ich antworten.“ „Man kann nicht nur ſo zum Dogen gelangen.“ „Wie! der Doge iſt alſo unzugänglich? Wäre es, wenn das Wohl der Republik von einem Wort⸗ abhinge, das man Der Erzähler 1848. w. 8 114 ihm zu ſagen hätte, nicht ſeine Pflicht, dieſes Wort zu hören, gleich viel zu welcher Stunde, in welchem Augenblick? Nun wohl, ich habe ihm eine Offenbarung zu machen, die ihn noch näher berührt, eine Offenbarung, durch die ich es zu verhin⸗ dern beabſichtige, daß ein edles Blut, das ſeinige vielleicht, fließe. Auf, auf, ver Doge wird mich hören.“ Uberto, der ſich mehr beeilt hatte, als es ſein Alter ge⸗ ſtattete, ſuchte Silbin ebenfalls zurückzuhalten, indem er die⸗ ſelben Gründ geltend machte, wie Madame Fremont. Silvia ver ihm den Mund durch dieſelbe Erwiederung und eilte unaufhaltſum nach dem Palaſte fort. Als ſie vor die Pforte kam, verſperrte ihr der Thürhüter den Weg. „Laßt mich hinein,“ rief das Mädchen,„laßt mich hinein, ich beſchwöre Euch. Ich muß dem Dogen ein Geheimniß von der höchſten Wichtigkeit mittheilen. Er wird Euch dafür be⸗ lohnen, daß Ihr mir den Eintritt geſtattet habt.“ Der Hüter beharrte nichtsdeſtoweniger auf der Beobach⸗ tung des Verbots. „Ihr ſeht dieſes Papier,“ fuhr Silvia fort.„Ich muß es dem Dogen übergeben.. ich muß es ihm ſelbſt, auf der Stelle, vor Tagesanbruch übergeben... Sobald das Tages⸗ licht glänzt, iſt es zu ſpät.“ Der Hüter antwortete nicht einmal. „Ah! großer Gott!“ rief das Mädchen it tiefſten Verzweiflung,„dieſer Menſch iſt alſo kalt wie Stein? Ich ſage ihm, es ſei vom größten Inte e für den Dogen, es handle ſich um ſeine Exiſtenz, um die meinige, um viel mehr noch, und er läßt ſich nicht bewegen! Sert Tone der 115 des Himmels! was ſoll ich thun? gib mir einen Gedanken ein, ſtehe mir bei“ Nun, da ſie ſah, daß fie nicht durch die Pforte in das Innere des Palaſtes eindringen konnte, irrte ſie an den Mauern hin, als hoffte ſie einen andern Zugang zu finden; ſie erhob ſich auf den Fußſpitzen, als wäre es ihr möglich gewe⸗ ſen, ſich bis zur Höhe der Fenſter zu vergrößern Dann kehrte ſie zu der Pforte zurück und war abermals bemüht, den Hüter zu überreden, zu rühren: doch dieſer ſchaute ſie kalt an und wies ſie mit derſelben Gleichgültigkeit zurück. Da warf ſich die arme Silvia in Thränen gebadet in die Arme von Madame Fremont und ſprach nur noch verworrene, durch Schluchzen unterbrochene Worte. „Sollte ſie wahnſinnig ſein?“ fragte Uberto leiſe die Gouvernante. „Nein,“ antwortete dieſe,„ich habe ſie ſtets als das ver⸗ nünftigſte Mädchen gekannt. Es iſt etwas dahinter, was wir nicht wiſſen. Die Abweſenheit des Grafen in der Nacht.. Dieſer Brief.. wenn ich ihn nur leſen könnte.“ Doch Silvia hielt ihn beſtändig ſo feſt in ihrer Hand, daß man ihn ſelbſt, als ſie durch die Thränen, die ſie vergoß, und durch Nervenkrämpfe einer Ohnmacht nahe ſchien, ihr nicht zu entziehen vermochte. Plötzlich nach einer Kriſe, auf die eine lange Ermattung machte ſich Silbia von den Armen von Madame ihr Antlitz erleuchtete ſich, das Lächeln erſchien ihren Lippen, und ſie ſetzte ſich auf die Stufen des 116 „Ich werde warten.“ Allmälig zerſtreuten die erſten Tinten der Morgendäm⸗ merung die Finſterniß. Als Silvia dies wahrnahm, bebte ſie vor Freude; doch beinahe gleichzeitig trat ein ſchmerzlicher Ge⸗ danke dieſer Gemüthsbewegung entgegen. „Der Tag! der Tag!“ rief ſie.„Ah! wie er zögert! wie raſch er kommt!“ Zwei Gedanken bon entgegengeſetzter Natur theilten ſich in dieſem Augenblick in den Geiſt von Silbia. Während ſie ſie ſich in fruchtloſen Verſuchen, die Schwelle des Palaſtes zu überſchreiten, erſchöpfte, erinnerte ſie ſich, gehört zu haben, jeden Morgen bei Sonnenaufgang verlaſſe der Doge ſeine Gemächer, um ſich zum Gebet in die St. Marcus⸗Kirche zu begeben, und deshalb hatte ſie ſich darein gefügt, ruhig zu warten, deshalb hatte ſie der Anblick der zunehmenden Morgendämmerung mit Entzücken erfüllt; aber ſie bedachte auch, daß bei Tagesanbruch der Zweikampf ſtattfinden ſollte, und verſank ſogleich wieder in Furcht und Bangen. Endlich offenbarten ſich die gewöhnlichen Symptome des Erwachens eines ganzen Hauſes im herzoglichen Palaſt. Sil⸗ via, die mit gierigem Ohr lauſchte, täuſchte ſich nicht. „Er kommt! er iſt es!“ rief ſie,„doch der Tag kommt noch raſcher!“ Die große Pforte öffnete ſich. Der Doge erſchien in der einfachen Majeſtät ſeines hohen Alters und ſeiner weißen Haare. Es folgten ihm nur zwei Diener, von denen der eine ein großes Gebetbuch, der andere ein Kiſſen von hem Sam⸗ met trug, obgleich der Doge ſich desſelben aus uerußer 4 6 5 117 Frömmigkeit nie bedienen wollte. In weniger als einer Se⸗ cunde lag das Mädchen zu den Füßen des Greiſen und rief: „Durchlauchtiger Herr, hört mich an!. glaubt mir!. Ich hab⸗ die ganze Nacht auf Euch n. „Wer iſt dieſes Mädchen?“ fragte der Doge, einen Schrit zurückweichend,„was will es von mir?“ „Ich will nichts, als Euch einen furchtbaren Schlag er⸗ ſparen, Euren Sohn rrtten⸗ erwiederte Silvia.„Ah! wenn es nicht mehr Zeit iſt, ſo bin ich nicht Schuld daran. Gott weiß, daß man mich verhindert hat, zu Euch zu gelangen.“ „Mein Sohn!... Ihr ſprecht von meinem Sohn?. Was kann er mit Euch gemein haben?“ „Nichts, hoher Herr. Ich habe ihn nie geſehen, doch es iſt mir bekannt, daß er eine große Gefahr läuft. nicht er allein!... Oh! habt die Gnade, leſet dieſen Brief, die Stimme verſagt mir.“ „Ich kann hier nicht leſen,“ ſagte der Doge, während er den Brief nahm,„es iſt noch nicht hell genug.“ „Oh! Ihr müßt befürchten, daß es bald zu ſpät iſt!“ „Was ſoll das bedeuten?“ „Bei Tagesanbruch ſchlägt ſich Euer Sohn„ etwiederte Silvia raſch, ſich an's Ohr des Dogen neigend. „Er, großer Gott! Was ſagt Ihr? Ah! kommt, kommt, ich gehe hinein, um Euch zu hören... um dieſen Brief zu leſen. um den Zweikampf zu verhindern... Fabrizio er⸗ kundigt Euch eilends, ob mein Sohn zu Hauſe iſt.“ Der Doge kehrte haſtig in ſein Schlafzimmer zurück, wo noch eine Kerze brannte. Silbia folgte ihm beharrlich; Uberto 118 und Madame Fremont blieben im Vorhauſe. Der Doge las ſogleich den Brief, deſſen Anfang nichts Bezeichnendes hatte. „Aber was geht denn dies Alles mich an?“ ſagte er; „woraus erſeht Ihr, daß mein Sohn?.. „Fahret fort, fahret fort,“ erwiederte Silvia. Und der Doge fuhr fort: der Name von Meiſter Da⸗ phnis brachte ihm die Familie Angelo und ihre tragiſchen Ka⸗ taſtrophen ins Gedächtniß. „Abermals dieſe Familie!“ rief er. 6 ſprang er ungeſtüm zum Ende des Briefes über, um zu ſehen, von wem er unterzeichnet, und fragte: „Loredano. wer iſt denn das?“ „Loredano Tiepolo,“ antwortete Silvia. „cin Tiepolo!“ rief der Doge,„und er ſchlägt ſich mit meinem Sohn, einem Mocenigo? Nein, nein, das ſoll nicht geſchehen!“ Fabrizio kehrte zurück und meldete dem Dogen, Salvator ſei lange vor Tagesanbruch durch eine Geheimthüre aus dem Palaſte weggegangen. „Weggegangen!.. Barmherziger Gott! Und mit wem?“ „Allein.“. „Aber ſein Gegner, dieſer Loredano? 2* fragte der Doge, ſich gegen Silbia umwendend. „Er hat ſeine Wohnung ebenfalls geſtern Abend verlaſſen, und ich habe ihn ſeitdem nicht wieder geſehen,“ antwortete Silvia, den Gedanken des Dogen errathend. Das Geſicht des Dogen zog ſich zuſammen; er wurde leichenbleich, verlor aber ſeine Geiſtesgegenwart nicht und gab 449 auf der Stelle Befehle, die an den Chef der Sbirren und von dieſem an ſeine untergeordneten Agenten übertragen wur⸗ den. In weniger als einer Stunde war die ganze Polizei von Venedig nach allen Orten abgeordnet, wo muthmaßlich ein Duell ſtattfinden konnte, nur an den nicht, welchen Salbator und Loredano zu ihrem Zuſammentreffen gewählt hatten. Die Polizei entdeckte auch nichts von dem Zweikampf. Eine halbe Stunde nachher erblickte ein Sbirre eine Gondel, welche auf dem großen Kanal ſchwamm. Der Mann, der das Ruder hielt, war halb auf die Bank zurückgeworfen, und die Gondel ließ eine rothe Spur hinter ſich. Es war Salvator Mocenigv, der mit ſeinem Blut dieſelben Wellen färbte, in die er den unglücklichen Giuſeppe, ſchwer von einem Dolchſtiche verwundet, verſenkt hatte. Seine rechte Seite war von einer Kugel durch⸗ bohrt, die ihm den Vorderarm zerſchmettert hatte. Die zwei Geguer waren zur verabredeten Stunde zuſammengetroffen und hatten gleichzeitig Feuer gegeben. Salbator war, wie wir er⸗ wähnt, verwundet worden, während er ſeinerſeits Loredano eine Kugel zuſandte, welche tief in den linken Schlaf eindrang. Es wäre ſchwer geweſen, mehr Geſchicklichkeit und Kaltblütigkeit an den Tag zu legen, als es die beiden Kämpfenden bei dieſer Gelegenheit gethan. Als Loredano ſeinen Gegner fallen ſah, hielt er ihn für todt und war nur noch auf ſeine Sicherheit bedacht. Es lag 8 ihm vor Allem daran, in das Haus, in dem er wohnte, zu⸗ rückzukehren, ehe man ſeine Abweſenheit entdeckt hätte; ſodann den in der Vorausſicht ſeines Todes an Tereſina geſchriebenen Brief zu vernichten und ihr einen andern zu ſchreiben, um ſie 120 von der Urſache ſeiner ſchnellen Flucht vom venetianiſchem Ge⸗ biete zu unterrichten. Loredano beeilte ſich daher, das Ufer zu erreichen und ſeine Gondel anzulegen; doch kaum hatte er einige Schritte in der Stadt gemacht, wobei er beſorgt war, ſeinen blutigen Kopf mit ſeinem Schnupftuch zu bedecken, als ihn ein Sbirre im Namen des Dogen verhaftete und in den herzoglichen Palaſt führte. Es waren hochſtens einige Minuten verlaufen, da brachte man auf einer aus gekreuzten Zweigen gemachten Tragbahre ſeinen Gegner. „Ich bin verloren,“ ſagte Loredano zu ſich ſelbſt,»ich habe den Sohn des Dogen getödtet, und er iſt von Allem un⸗ terrichtet. Mein Brief an Tereſina kann abgehen, vor Sonnen⸗ untergang habe ich zu leben aufgehört.“ Als der Doge Befehl gab, ihm den Verhafteten vorzu⸗ führen, dachte Loredano, er erweiſe ihm viel Ehre, daß er ſich herablaſſe, ihn zu befragen, ehe er ihn einem martervollen Tod überantworten würde. Sobald er aber dem Dogen gegenüber⸗ ſtand und die Augen zu ihm aufzuſchlagen wagte, fand er in in denen dieſes Vaters, dieſes Fürſten, von dem er glaubte, er werde von einem furchtbaren Groll ergriffen ſein, den er⸗ ſchreckenden Ausdruck nicht, auf den er ſich gefaßt gemacht hatte. Loredano hielt ſich in einiger Entfernung, der Doge ſprach aber mit einer Stimme, in deren Ton mehr Traurigkeit als Zorn vorherrſchte: „Nähert Euch, Herr Tiepolo. Ich ſage Euch nicht, zittert nicht, denn ich weiß, daß Ihr muthig ſeid, aber ich ſage Euch, wie gewichtig auch die Sache ſein mag, die Euch hierher führt, betrachtet Euch nicht als Angeklagten, ſondern als Zeugen. 121 Erſtattet mir einen umſtändlichen Bericht, nicht nur von der Angelegenheit ſelbſt, ſondern auch von den Ereigniſſen, die ihr vorhergegangen ſind und ſie herbeigeführt haben. Ich will die Erzählung aus Eurem Munde vernehmen; ſpäter werde ich ſehen, ob ſie der Wahrheit entſpricht.“ „Ich gehorche Euch,“ erwiederte Loredano;„nur muß ich bedauern, daß ich keinen Widerſprecher mehr habe, da das Un⸗ glück wollte 4 „Redet, ich höre.“ Loredano begann die genaue und umſtändliche Darſtellung ſeines Verhältniſſes zu der Familie Angelo: er klagte ſich an, die unwillkührliche Urſache ihrer Entzweiung, der von Angelo gegen Tereſina ausgeſprochenen Trennung geweſen zu ſein; dann kam er auf die gänzliche Zerſtreuung der Familie, an der Salvator Mocenigo allein Schuld geweſen. Er erzählte, wie ihm die Kunde hievon in Frankreich zugekommen ſei, wie er Salbator aufzuſuchen, ſeine Großmuth, ſeine Leutſeligkeit anzurufen be⸗ ſchloſſen, aber von ihm nur eine Antwort erhalten, welche eine unſelige Entwickelung habe herbeiführen müſſen. „Iſt dies Alles, was Ihr wißt, Alles, was Ihr mir nitzutheilen habt?“ fragte der Doge, als er ſeine Etzählung ſchloß. „Ja, hoher Herr,“ antwortete Loredano;„ich habe Euch meine Seele geöffnet, wie Gott ſelbſt.“ „Es iſt gut! Ihr könnt Euch nun entfernen, Loredano Tiepolo... Ihr ſeid frei! Ich verlange von Euch nur Euer Ehrenwort, daß Ihr Venedig nicht verlaſſen wollt!“ 122 „Ich!“ rief Loredand, dem Dogen zu Füßen fallend, „was könnte ich einer ſolchen Güte und Milde verweigern?“ „Ihr werdet dieſe Milde vielleicht minder groß finden, wenn Ihr erfahrt, daß mein Sohn noch lebt, und daß der ge⸗ ſchickteſte Wundarzt von Venedig, Giorgio Lanfranchi, ſich für ſeine Erhaltung verbürgt hat.“ Erſtaunen und Freude ergriffen Loredano, und er rief mit einem überzeugenden Ausdruck: „Ah! hoher Herr, welche Wohlthat erweiſt Ihr mir, daß Ihr mich belehrt, ich habe meinen Gegner, Euren Sohn, nicht getödtet!... So kann ich ihn wiederſehen, mich mit ihm verſöhnen!.. Ich werde nicht ein unglückliches Leben unter dem ſchwer laſtenden Bewußtſein, einen Menſchen gemordet zu haben, hinſchleppen.“ „Nein, Loredano,“ ſprach der Doge,„geht und athmet ohne Gewiſſensbiſſe, erinnert Euch jedoch, daß Ihr zu meinen Befehlen ſein müßt, ſo oft ich nach Euch verlangen werde.“ Wir brauchen das Entzücken nicht zu ſchildern, mit dem ſich Loredano und Silvia wiederſahen. „Ich habe einen großen Fehler begangen, daß ich den Brief öffnete, den Ihr zurückgelaſſen habt,“ rief das Mädchen. Ich verzeihe das, liebes Kind, dieſer Fehler hat uns gerettet. Wer weiß, was hütte geſchehen können, wäre der Doge nicht unterrichtet geweſen? Sicherlich wäre ich ſchon fern von Venedig, und Salvator in Ermangelung von Hülfe todt. Es vergingen mehrere Tage, ohne daß der Doge eine ernſte Unterredung mit ſeinem Sohne anknüpfen zu müſſen glaubte. Als ſich der Zuſtand des Verwundeten ſo ſehr ge⸗ 123 beſſert hatte, daß die Gefahr einer Aufregung nicht mehr für ihn zu befürchten war, ſetzte er ſich aber an das Bett von Salbvator und ſprach mit ſanftem Tone: „Salvator, ich will für Dich heute etwas Heiligeres ſein, als ein Vater. Du ſollſt mir beichten. Du ſiehſt, wozu uns die ungeſtümen Neigungen, die ungeordneten Launen führen, die ich mir noch ſelbſt zum Vorwurf mache, während ich Dich davor zu bewahren geſucht habe!... Ach! es ſtand geſchrieben, daß mein Alter meine Unbilden in früheren Tagen durch die härteſte Prüfung ſühnen ſollte! Es ſtand geſchrieben, daß die Fehler des Vaters auf den Sohn zurückfallen ſollten!... O mein Gott, wie ſtreng iſt Deine Gerechtigkeit; doch nun iſt der Augenblick, ſie zu entwaffnen, gekommen! Mein Sohn, mein theurer Sohn, verſprich mir, hieran zu arbeiten, verſprich mir, auf den Weg der Frömmigkeit, der Ehre zurückzukehren, und zum Unterpfand Deines Verſprechens bekenne mir alle Deine Sünden.“ Es wurde dies mit einer ſo väterlichen, ſo überredenden Sal⸗ bung geſprochen, daß ſich Salvator bewegt fühlte und das Be⸗ kenntniß, das ſein Vater von ihm forderte, von ſeinen Lippen laufen ließ. Beſonders von ſeinem Benehmen gegen Giuſeppe und Gabriella wollte der Doge alle Umſtände, alle Beweg⸗ gründe kennen. Salbator verheimlichte nichts: er geſtand, daß ihn die Eitelkeit und der Zorn zur Rache angetrieben, und ſogar, daß er, um ſich nach Wohlgefallen daran zu weiden, ſeitdem ſich Gabriella aus Furcht, ihm zu begegnen, hartnäckig in ihrer Zelle im Kloſter der heiligen Maria abgeſperrt hielt, noch mehrere Male in der Woche dahin ging und ganze 124 Stunden unter ihren Fenſtern oder vor ihrer Thüre blieb, um ſie ſingen oder beten zu hören. „Du haſſeſt alſo die Arme?“ fragte der Doge. „Im Gegentbeil,“ erwiederte Salvator, die Stimme däm⸗ pfend,„es geſchieht, weil ich ſie liebe, mein Vater!“ „Du liebſt ſie?“ „Ich bete ſie an! Was Anfangs nur eine Laune war, iſt eine Leidenſchaft geworden, und dieſe Leidenſchaft hat ſich durch die Verachtung entzündet.“ „Oh! mein Gott, ich danke Dir!“ rief der Sohe der nur chriſtliche Gefühle in ſeinem Herzen hatte;„Du haſt das Werk ſeiner Erlöſung auf Erden begonnen, an mir iſt es nun, daſſelbe zu vollenden.“ XXIV. Der Doge ließ Loredano bitten, er möge ſich ohne Ver⸗ zug in den herzoglichen Palaſt begeben: ſie hatten eine lange Beſprechung mit einander, wonach zwei Befehle ausgefertigt wurden. Der eine verordnete die unmittelbare Freilaſſung von Giuſeppe, der andere die von Gabriella. „Ich bin ganz Eurer Anſicht,“ ſagte der Greis,„die theure Sildia muß die Befehle überbringen und die Gefange⸗ nen befreien. Zuerſt aber ſoll ſie hierher kommen und wei Briefe ſchreiben, den einen nach Frankreich, den anderen nach Oeſterreich.“ 5 „Ihr habt Recht, hoher Herr,“ erwiederte Loredanv⸗„und wenn wir durch Eure fürſtliche Vermittelung unſeren Wünſchen ——————————* 125 gemäß die ganze Familie vereinigt haben, bleibt mir nichts zu thun übrig, als wiederholt um die Gnade zu bitten, um die ich für mich perſönlich bei Euch nachgeſucht habe.“ „Rechnet darauf, Loredano; ich mache mich hiezu ver⸗ bindlich, ſo viel Ueberwindung es mich auch koſtet, wenn“ Ihr nicht etwa ſelbſt von Eurem Entſchluß abgeht.“ Loredano entfernte ſich, um nach Verlauf einer halben Stunde mit Silvia zurückzukehren. „Meine Tochter,“ ſagte der Doge zu dieſer,„ich habe Euch heute zu meinem Secretaire und meinem Boten erwählt. Wollt Ihr dieſe Functionen übernehmen? Ich muß Euch zum Vor⸗ aus ſagen, daß ſie nichts Peinliches haben werden, und daß es mir nie hätte einfallen können, Euch zu einem Dienſt zu verwenden, der nicht eben ſo liebenswürdig und anmuthig geweſen wäre, als Ihr.“ Silvia betheuerte, ſie werde ſtets bꝛtiit ſein, ſich dem Willen des Dogen zu fügen. „Setzt Euch alſo,“ fuhr er fort,„und ſchreibt vor Allem an einen Bekannten von Euch, den Ihr in Paris zurückge⸗ laſſen habt. Ihr ſeht, daß von Signor Raffaello die Rede iſt, der ungeduldig auf die Nachrichten wartet, die Ihr ihm verſprochen habt. Sagt ihm, er ſoll keine Minute verlieren und mit ſeinen beiden Brüdern die Poſt nehmen, ohne die Colonna zu vergeſſen. Ihr habt ihm einen Credit eröffnet, deſſen er ſich für die Reiſekoſten bedienen wird.“ Silvia ſchrieb und unterzeichnete den Brief, der ſogleich an Raffaello abgeſchickt wurde. „Nun aber,“ ſprach der Doge,„nun müßt Ihr einen 426 Brief an Einen ſchreiben, den Ihr nicht kennt, an den Signor Angelo, den Vater von Raffaello, von drei weiteren Söhnen und drei reizenden Töchtern, welche zu umarmen Ihr entzückt ſein werdet. Sagt ihm, der Tag der Gerechtigkeit ſei endlich gekommen, man fordere ihn nach Venedig zurück, wo er Alles, was er verloren, ſeine Kinder, ſeine Stellen wieder⸗ finden werde. Er iſt in dieſem Augenblick in Wien und ſchwimmt, nachdem, was ich ſagen hörte, entfernt nicht im Ueberfluß... es gebricht ihm im Gegentheil am Nothwendigen. Fügt bei, die Perſon, die ihm Gegenwärtiges zuſtelle.. denn nicht wahr, Loredano, wir ſchicken einen eigenen Boten ab?“ Loredano machte ein Zeichen der Beipflichtung. „Fügt bei,“ fuhr der Doge fort,„dieſe Perſon ſei be⸗ auftragt, ihm die für Berichtigung ſeiner Schulden und für Beſtreitung ſeiner Reiſekoſten erforderlichen Summen zu über⸗ geben. Iſt das Alles deutlich erklärt?“ „Ja, hoher Herr!“ „So unterzeichnet, und da Euer Name dem Vater von Raffaello noch fremd iſt, da dieſer Brief überdies den Widver⸗ ruf eines Verbannungsurtheils zum Gegenſtande hat, ſo halte ich es für geeignet, ihn auch ſelbſt zu unterzeichnen. Nicht wahr, Loredano?“ Loredano antwortete mit demſelben Zeichen ſtummer Bil⸗ ligung; der Greis nahm die Feder aus der Hand von Silvia und ſchrieb unter ihren Namen die Worte:„Geſehen und gutgeheißen von uns, Alviſio Mocenigo, Doge von Venedig.“ Nachdem der Brief mit ſeinem Siegel ver⸗ ſehen war, wurde er einem von den verſtändigſten und treu⸗ 127 ſten Diener ſeines Hauſes, einem Mann von reiferem Alter, aber von großer Rührigkeit übergeben, der unmittelbar nach Wien abreiſte. Der Reſt des Tages ging in den zwei Beſuchen hin, welche Silvia im Gefängniß der Bleikammern und im Kloſter der heiligen Maria machen ſollte. Der Doge ließ ſie von einem Senator begleiten, doch nach ſeinem Willen ſollten Giu⸗ ſeppe und Gabriella nur von ihr ſelbſt erfahren, daß ſie der Freiheit wiedergegeben. Silvia erſchien ihnen wie ein Bote des Himmels, wie ein Shmbol der Verſöhnung und der Hoff⸗ nung. Von dem erſten Augenblick an fühlten ſie ſich durch eine von jenen lebhaften, tiefen Sympathieen, welche von der Verwandtſchaft der Seelen zeugen, zu ihr hingezogen. Sie horchten in einer Art von Entzückung auf den ſanften, reinen Ton dieſer jungfräulichen Stimme, die ihnen das Ende ihrer Leiden verkündigte; ſie folgten ihrer Befreierin mit einem Ver⸗ trauen, dem nur ihre Freude gleich kam, und das nicht einmal die mindeſte Färbung von Verdacht oder Zweifel zuließ. Giu⸗ ſeppe und Gabriella wurden in das Haus geführt, das Lore⸗ dano bewohnte, wo er aber von dieſem Tage an zu wohnen aufhörte. Das freudige Gefühl, das den Btuder und die Schweſter ergriff, da ſie eine andere Luft athmeten, als die des Kerkers und der Zelle, wo ſie ſo traurige Tage zugebracht hatten, ließe ſich nur vergleichen mit dem Glück, das ſie empfanden, als ſie ſich wiederſahen, ſie, die ſich immer mit der Gluth ge⸗ liebt hatten, die der Verſchwiſterung des Blutes und des Ta⸗ lentes entquoll. Bald aber nahm dieſes Glück noch zu durch 128 die Ankunft von ihren drei Brüdern, von Raffaello beſonders, der als verlorener Sohn aufgenommen wurde, und von der Colonna, dieſem guten Mädchen, deſſen phantaſtiſchen, aber herzlichen Empfang, als ſie zum erſten Mal mit der Tänzerin in den Couliſſen des San Criſtoſtomo Theaters zuſammenge⸗ troffen war, Gabriella nicht vergeſſen hatte. Angelo kam zuletzt mit ſeinen beiden jüngeren Töchtern Agneſe und Bianca. Der vom Dogen abgefertigte Diener hatte ihn nicht leicht aus dem Baue, den er ſich als Domicil aus⸗ gewählt und wie ein Kerkermeiſter gehütet, ausgegraben. Nur mit Mühe hatte man ihn beſtimmen können, ſich der Auffor⸗ rung zu fügen, welche in dem mit den Unterſchriften von Silbia und vom Dogen verſehenen Brief enthalten war. Wer war dieſe Silvia? Warum, unter welchem Titel, in welcher Eigenſchaft miſchte ſie ſich in ſeine Angelegenheiten? Woher rührte das große Anſehen, in dem ſie beim Dogen zu ſtehen ſchien? Das waren die Fragen, mit denen Angelo unabläßig den Abgeſandten beſtürmte, der gute Gründe hatte, nicht darauf zu antworten: er kannte Silvia weder dem Namen, noch dem Geſichte nach und war nicht im mindeſten vertraut mit dem Urſprung ihres Verhältniſſes zu dem Haupte der Republik. Alles, was er Angelo ſagen und wiederholen konnte, war, daß er ſeinen Auftrag vom Dogen ſelbſt erhalten; daß den Brief, den er überbrachte, der Doge mitunterzeichnet habe, und daß ſich folglich über ſeine Aechtheit kein Zweifel erheben laſſe. Da jedoch ſein Geiſt beſtändig von dem Gedanken, man könnte ihm eine Falle ſtellen, befangen war, ſo hielt Angelo drei Tage gegen die Argumente des Abgeſandten Stand, doch 129 wie die ſtärkſten Citadellen ſiel er endlich, nicht unter den Angriffen von Außen, ſondern unter der Gewalt eines innern Feindes, den er ſeine Verheerungen zu ſeinem Schmerz an Agneſe und Bianca ausüben ſah, wir meinen den Hunger! Er capitulirte alſo und willigte ein, den Platz zu verlaſſen, den er ſo heldenmüthig vertheidigt hatte, und es iſt nicht zu leugnen, ſobald er einmal ſeinen Entſchluß gefaßt, verſchwanden ſeine Beſorgniſſe und Schrecken wie durch einen Zauber. Als rechtſchaffener Mann zögerte er nicht lange, die Rechtſchaffenheit anzuerkennen, die man gegen ihn an den Tag legte. Sobald er ſah, daß ſeine Töchter und er Wien verlaſſen hatten, ohne daß ein mittelbarer oder unmittelbarer Verſuch gegen ihre Perſonen gemacht worden war, ohne daß er nur von Nahem oder in der Ferne ein verdächtiges Geſicht erblickt, erweiterte ſich ſein Herz, heiterte ſich ſeine Stirne auf, und er überließ ſich ganz der Freude, mit verhängten Zügeln nach ſeiner Hei⸗ math zurückzukehren. Je näher er derſelben kam, deſto mehr nahm ſeine Freude in gleichem Verhältniß zu. Wir gehen nach Venedig!“ rief er oft, indem er ſeine Töchter mit ſtrahlenden Augen anſchaute,„wir gehen nach Venedig, meine Kinder!“ Und dann kam ihm die Erinnerung an die unbekannte Perſon, deren Namen unten an dem Brief ſtand, durch den er zurückgerufen wurde, in den Kopf, doch nun nicht mehr mit der Wolke des Mißtrauens, die ihn Anfangs umgeben hatte, und er ſagte: „Wer kann dieſe Silvia ſein? wie glücklich wäre ich, wenn ich das wüßte!“ Der Erzähler 1848. M. 9 130 Loredano hatte nicht verfehlt, den Dogen und ſeinen Sohn jeden Tag zu beſuchen. Die Wunden von Salbator heilten ziemlich raſch, und er konnte ſchon ein wenig im In⸗ nern ſeiner Gemächer umhergehen. Die Bitte von Loredano war dieſem bewilligt worden: der Doge hatte ihn zum bevoll⸗ mächtigten Geſandten der alten Republik Venedig bei der da⸗ mals entſtehenden der Vereinigten Staaten ernannt, und er traf bereits Vorkehrungen zu ſeiner Abreiſe. Zur Ankunft von Angelo wurde die ganze Familie im herzoglichen Palaſt zuſammenberufen. Die Scene, da der Vater und die ſieben Kinder, die ganze Tonleiter nebſt der Colonna, ſich wiederſahen, ſich voll Inbrunſt umarmten, ge⸗ hort zu denjenigen, welche ſich nicht beſchreiben, ſondern nur errathen laſſen. Jeder kann ſich auch die Geſpräche, die zwi⸗ ſchen allen dieſen Perſonen ſtattfanden, die Fragen, die ſich kreuzten, die aufeinander folgenden Erzählungen denken. Alle dieſe Erzählungen liefen auf denſelben Schluß aus, der durch dieſelbe Frageformel herbeigeführt wurde. Angelo fragte nach und nach Giuſeppe, Gabriella, Raffaello, Carlo und Francesco: „Wer hat Eurem Mißgeſchick ein Ende gemacht? wer hat Euch aus dem Unglück herausgezogen?“ Und die Kindet antworteten hinter einander: „Die Signora Silvia!“ „Wie mich!“ ſagte Angelo,„immer dieſe Silvia, immer! Aber wer iſt denn dieſer Engel, wer iſt denn dieſe Fee oder, wenn Ihr durchaus wollt, das gute, edelmüthige Mädchen, von dem Ihr mir ein ſo reizendes Portrait entwerft?“ „Ah! mein Vater,“ antwortete Gabriella,„das Mäd⸗ 131 chen iſt noch reizender als ſein Portrait! Alle Copien bleiben unter der Wirklichkeit! Man muß den Engel ſehen!“ „Das iſt es auch, was ich verlange,“ rief Angelo:„nun da wir wiedervereinigt ſind, iſt es das Einzige, wonach ich trachte.“ In dieſem Augenblick erſchien der Doge: ohne ſich zu zeigen, hatte er dieſer Scene beigewohnt, und er beeilte ſich auf die letzten Worte von Angelo zu erwiedern: „Die junge Perſon, welche von der Vorſehung auf eine ſo wunderbare Weiſe zu Eurer und der Eurigen Rettung verwendet worden iſt, die ich einen Augenblick unter meiner Gewalt gehabt zu haben mir ſchmeicheln kann, hat ſich von dieſer befreit und iſt unter die ihrer Mutter zurückgekehrt, die ſie durch eine Reihenfolge von Ereigniſſen, deren Erzählung zu lange wäre, nie gekannt hatte. Nun kann ſie, nun will ſie ſich nicht mehr von ihr trennen! Es iſt ein ſo großes Glück, eine Mutter wiederzufinden, nach der man ſich ſechzehn Jahre geſehnt, ein Glück, das Euch noch fehlt, wie dieſem Mädchen ein anderes Glück, das, bei ſeinem Vater zugelaſſen zu werden, den es ebenfalls nicht kennt, ſich an ſein Herz preſſen zu füh⸗ len, ihn die zwei ſo einfachen, aber rührenden Worte: „„Meine Tochter!““ ſagen zu hören.“ „Wie, wäre es wahr?“ ſagte Angelo;„ſollte Silvia fern von denen, die ihr das Leben gegeben, verſtoßen, eine Waiſe herangewachſen ſein?“ „Ja, doch ſie iſt nur noch halb Waiſe.“ „Und bald wird ſie es hoffentlich gar nicht mehr ſein! Daß ich ſie endlich einmal ſehen könnte, daß ſie käme!“ 132 „Sie kann aber nicht allein kommen?“ „Gewiß nicht.. Ihre Mutter komme mit ihr.“ „Ihr wollt es, Angelo? Nun wohl!“ ſprach der Doge, indem er die Thüre öffnete,„hier iſt die Tochter... und hier die Mutter!“ „Terefina!... rief Angelo.„Ich wußte es, ich war deſſen ſicher, mein Herz konnte mich nicht täuſchen! Ach! theure Tereſina! in meine Arme, in meine Arme für immer. Ver⸗ geſſen wir Alles, unſere Mißgeſchicke, unſere Leiden, meine Tollheit! Der Himmel hat mich nur zu hart beſtraft. Und Du, Silvia, meine Tochter, Du, mein achtes Kind! Ich hatte einen wahnſinnigen, ruchloſen Schwur gethan.. Gott hat mich von demſelben wider meinen Willen entbunden! Gott hat Dich mir und uns Allen geſchenkt, um uns von unſeren Drangſalen zu erretten. Ja, Du biſt von meinem Blute!.. ja Du biſt meine Tochter! ja, ich danke Dir und ſegne Dich.“ Während dieſer Zeit betrachteten zwei Männer, die ſich geräuſchlos, ohne eine Shlbe zu ſprechen, genähert hatten, durch die offen gebliebene Thüre das rührende Gemälde. Dieſe Männer waren Loredano und Salvator. Plötzlich drückte der Erſte dem Andern die Hand und ſprach: „Gott befohlen... ich habe ſie wiedergeſehen... ich reiſe ab.. Alles iſt für mich vorbei.“ „Und ich,“ erwiederte Salbator,„ich bleibe, denn ich habe mehr Hoffnung als je.“ Es war, wie ſich leicht vermuthen läßt, eine Kunde, die mit einem gewiſſen Lärmen in Venedig erſcholl, die Kunde von der Rückkehr von Angelo und beſonders die von dem Ende 133 ſeiner freiwilligen Trennung von Tereſina. Ihre alten Freunde liefen herbei, um ſie zu beglückwünſchen; obgleich vom Alter ſehr angegriffen, waren Meiſter Daphnis und Chloe die Erſten, welche erſchienen und ihnen ihre treuherzige Freude ausdrück⸗ ten. Der alte Galuppi kam auch und ſprach, als er Gabriella ſah, von der Wiederholung ſeiner Stratonice, welche nur ein einziges Mal aufgeführt worden war. „Alles, was Ihr wollt, Meiſter,“ erwiederte Angelo.„nur darf Gabriella nie wieder auf der Scene erſcheinen, und eben ſo wenig ſoll ſie eine ihrer Schweſtern betreten!.. Was meine Jungen betrifft, ſo iſt dies etwas Anderes. ich werde bemüht ſein, ſie beim Theater vorwärts zu bringen, und ich nehme ſchon morgen meinen Platz wieder bei demſelben ein.“ Nach dem von Silbia in dem Briefe, den ſie unter dem Dictat des Dogen geſchrieben, bezeichneten Verſprechen ſollten Angelo in der That ſeine Functionen beim San Criſoſtomo Theater wieder übertragen werden. Er hätte ſich ſeiner Mühe⸗ waltung durch das Legat von 60,000 Ducaten überheben kön⸗ nen, das die Signora Sofonisbe Tiepolo Terefina zugeſchieden hatte, um ſie für die liebevolle Pflege während der letzten Zeit ihres Lebens zu belohnen, aber durch einen Reſt von Skrupel oder Vorurtheil ließ ſich Angelo nie herbei, von dieſem Geld für ſich ſelbſt Gebrauch zu machen. „Es iſt mir lieber, wenn dies das Eigenthum meiner Kinder, aller unſerer Kinder bleibt,“ ſagte er.„Die Töchter werden darin eine Mitgift finden. Ich weiß mir meinen Unter⸗ halt zu erwerben, ich bin daran gewöhnt, warum ſollte ich es nicht fortſetzen?“ 134 Die Wiederverſöhnung von Giuſeppe und Salvator be⸗ werkſtelligte ſich bald durch die Vermittelung des Dogen. Man erinnert ſich, daß Gabriella im Kloſter der heiligen Maria, von Salvator verfolgt, ſchwur, dieſen nie wieder zu ſehen, wenn ſie nicht ihr Vater und ihre Brüder ſelbſt darum bitten würden, und das thaten ſie eines Tags, als ſie ſich von der Leidenſchaft von Salvator für Gabriella feſt überzeugt hatten. Die erſte Heirath, welche in der Familie ſtattfand, war die von Raffaello und der Colonna. Wittag bis um vier⸗ zehn Uhr. Nach Alphon ſe Karr von Adrian Widerhorſt. onfleur iſt eine hübſche Stadt, dem Havre de Fe Grace gegenüber, im Amphitheater gebaut am Fuße eines Hügels; die Bäume, die vom Himmel ab. Am Fuße, unter den mit rothen Ziegeln bedeckten Häuſern, bemerkt man Sdie Ueberreſte der Statthalterei, eine alten Gebäudes mit grauem Mauerwerk, aus deſſen Spalten einige wilde Levkojen hervor⸗ kommen, deren kräftige Blätter ſich beinahe jedes Jahr mit gelben, wohlriechenden Sternen 6 bedecken. Hat man auf einem ſachte ſich hinaufſchlängelnden Weg den Gipfel des Abhangs von Grace erreicht, ſo erblickt man in ungeheurer Ausdehnung das Meer, und das Auge verliert 136 ſich in der Ferne am Horizont in dem Nebel, den in einzelnen Momenten ein wie ein großer Schwan über die Woge hin⸗ gleitendes Schiff mit weißen Segeln zu zerreißen ſcheint; die Plattform des Abhangs iſt mit einem dichten grünen Raſen überzogen und von Bäumen bedeckt, unter denen die Kapelle liegt. Auf dem höchſten Punkt des Hügels iſt ein großer Ehriſtus am Kreuz, den man von fern auf dem Meer erſchaut. Auf der Hälfte des Abhangs ſtand ein kleines Haus, das allen Häuſern ähnlich war, nur unſchloß dahinter eine ziemlich hohe Mauer einen Raum von ungefähr einem halben Morgen; einige beinahe ganz ihres Laubwerks beraubte Väume ragten über die Mauer empor; obgleich kein Wind ging, fielen doch jeden Augenblick einige Blätter ab. Ein Sperberbaum allein behielt ſeine großen Dolden von Korallenkörnern ähn⸗ lichen Beeren; im Innern des Gartens konnte man die Wein⸗ reben, welche die Wände bedeckten, ihr verſpätetes Laubwerk bewahren und voll Stolz ihre gelb und purpurroth gefärbten Ranken ausbreiten ſehen. Der Himmel war grau, niedrig und beſtand gleichſam aus einer einzigen unbeweglichen Wolke. Die Vögel ſträubten ihre Federn bei den erſten Angriffen der Kälte. Obgleich die See ruhig und glatt war, erſchien ſie doch nicht minder bedrohlich; ihren Tiefen entriſſen und bis über die ge⸗ wöhnlichen Grenzen des Oeeans auf die Küſte geworfen, er⸗ zählten Haufen von Seegras von einem neuen Zorn. Die großen weißen Möven mit ſchwarzen Flügeln ſtrichen kreiſchend über das Waſſer hin. Als der Tag ſich zu neigen anfing, läutete ein als Jiger gekleideter Mann an der Glocke der kleinen Thüre; ein Mäd⸗ chen, angethan nach der Mode des Tags, öffnete ihm; dieſe junge Perſon trug einen roth und ſchwarz geſtreiften Rock mit einem ſchwarzen Leib, deſſen Gürtel beinahe unter den Armen beſeſtigt war; auf dem Kopf hatte ſie eine ſehr weiße baum⸗ wollene Haube; an ihren ziemlich blauen Händen trug ſie ein paar ſilberne Ringe. Der Jäger ſchaute, ob ſeine Flinte abgefeuert war, über⸗ gab ſie dem Mädchen und warf ſeine leere Weidtaſche auf den Tiſch. Dann ging er in ein Zimmer, wo er ſeine Kleiver wechſelte. Dieſes Zimmer bot, wenn man es zuerſt ſah, eine merk⸗ würdige Verwirrung; das Auge war betroffen von einer un⸗ zuſammenhängenden Menge von Paletten, Staffeleien und an⸗ gefangenen Gemälden, die man aufgegeben Jatte, um an anderen zu arbeiten, welche auch wiederum verlaſſen worden waren; eine Guitarre, ein Klavier, ein Horn nahmen den übrigen Platz mit einigen Jagdgeräthſchaften ein, die an den Wänden hingen. Die einzigen Dinge vielleicht, die mgn in dieſem Zimmer, wo Alles vereinigt zu ſein ſchien, nicht hätte finden können, wären ein Tintenfaß und Federn geweſen; ſo daß man, wenn man ſich unwillkürlich beim erſten Anblick des mythologiſchen Arioms der Muſen, ſeiner Schweſtern, erinnerte, alsbald bemer⸗ ken mußte, es gebe eine, die der Herr dieſes Hauſes als Ban⸗ kert und Fremdling ächte. Was nun den Jäger betrifft, ſo war dies ein Mann von ziemlich hohem Wuchs; ſein mageres Geſicht trug das Gepräge des Ueberdruſſes und ſorgloſer Verachtung an ſich; . 138 ſein Teint war durch die Seeluft dunkel gefärbt; ſeine Haare waren braun. Trotz ſeiner einfachen Kleidung hatte er etwas Diſtinguirtes, was beim erſten Anblick auffiel und bei ge⸗ nauerer Prüfung noch klarer wurde. Seine Hände und Finger waren zart; öffnete ſich ſeine dicke, braune, wollene Weſte, ſo ſah man ein pünktlich gefälteltes Hemd von feiner Leinwand. Er ging alsbald in das Zimmer von Madame. Zur Zeit der erſten Erkaltung der Atmoſphäre war dies das ein⸗ zige Zimmer, wo ſich regelmäßig Feuer fand. Dieſes Zimmer war hellblau tapezirt; das Bett, die Vorhänge, ein Divan hatten dieſelbe Farbe; ein weißer Teppich mit blauen und ſchwarzen Einſatzroſen bedeckte den Boden. Ein großes Feuer erleuchtete das Zimmer, als die Roger voran⸗ ſchreitende Dienerin zwei Kerzen brachte. Roger küßte, als er eintrat, ſeiner Frau die Hand. Sie war nachläſſig auf einer Bergore ausgeſtreckt, und lange noch nach der Ankunft ihres Mannes hätte man an dem Schleier, der ihre Stirne bedeckte, an der zerſtreuten Unſicherheit ihres Blickes wahrnehmen kön⸗ nen, daß ſie ſich ganz dem träumeriſchen Einfluß hingab, den das Ende des Tages ausübt, wenn die Formen allmälig ver⸗ ſchwimmen, wenn die Einbildungskraft, da ſic nichts mehr hat, woran ſie ſich auf der Erde anklammern könnte, ihre Feſſeln zerbrechend, ſich zum Himmel aufſchwingt und in phantaſtiſchen Räumen umherirrt. Madame Roger war klein, ſchlank, blond; ihre dunkel⸗ blauen Augen waren außerordentlich ſchön, aber ſie hatten an dieſem Abend einen unbeſtimmten, unerklärbaren Ausdrück von Unruhe und Erſtaunen. ———— 139 „Sie haben wohl daran gethan, daß Sie gekommen ſind, Roger,“ ſagte ſie,„die Langweile und die Traurigkeit bemäch⸗ tigten ſich meiner ſichtbar.“% Man trug das Mittagbrod auf„.. 2 „Ich denke nicht, daß dieſe Hammelsrippchen von Shrer heutigen Jagd herrühren,“ ſagte Madame Roger;„doch ich bemerke nicht, daß man uns etwas aufträgt, was dem Wild⸗ pret näher käme.“ „Ich habe nichts geſchoſſen,“ erwiederte Roger;„der alte Engländer, der mich ſchon ſo lange peinigt, daß ich mit ihm gen laſſen. Er hat zwei von ihm ſelbſt dreſſirte Hunde, deren Verdienſt er beſtändig rühmt. Dieſe zwei verfluchten Beſtien forciren den Stand auf eine ganz wunderbare Weiſe und machen die Rebhühner auf einen halben Kanonenſchuß auf⸗ ſtehen; zwanzig Jagdhüter würden das Wild nicht ſo gut hüten, als dieſe ſchlecht gezogenen Moloſſe; der Herr der Hunde ſchoß unſtörbar auf Wild, das für das bloße Auge gar nicht ſichtbar war. Ich beſchränkte mich den ganzen Tag darauf, daß ich, das Gewehr auf der Schulter, ſpazieren ging und alle Melodien pfiff, die ich kenne.“ Madame Roger ſchien wenig empfänglich für den Aerger des Jägers; vielleicht verſtand ſie auch nicht wohl, was einen Stand forciren heißt; wie dem ſein mag, die beiden Ehe⸗ gatten trennten ſich bald vollkommen von einander, obgleich Jedes an einer der Ecken des Kamins blieb. Nach einer Stunde erhob ſich Roger, er fand ein gutes Feuer in ſeinem Zimmer, zündete eine Pfeife an und rauchte; auf die Jagd gehe, hat mich den langweiligſten Tag zubri⸗ 140 dann ging er auf und ab, dann öffnete er das Fenſter, dann ſchloß er es wieder. Plötzlich ſchien ihn ein Gedanke zu er⸗ leuchten. Er verließ das Zimmer und ſuchte eine Feder, ein Blatt Papier und Tinte zuſammen zu bringen. Be⸗ renice ſagte, Madame ſchreibe ſelbſt, ſie wolle zwar gern dem Herrn Federn und Papier abgeben, da ſie aber nur ein Tin⸗ tenfaß habe, ſo behalte ſie es und ſchicke eine Flaſche Tinte, aus der der Herr nach Belieben ſchöpfen könne; dieſem fügte Berenice aus eigenem Antriebe bei: „Warum hat der Herr nicht ein Tintenzeug in ſeinem Zimmer wie Jedermann?“ Roger fing an zu ſchreiben und legte ſich erſt ſehr ſpät in der Nacht nieder; ehe er ſich zu Beite legte, ſchloß er ſachte ſeine Thüre, um ſeine Frau nicht aufzuwecken. In demſelben Augen⸗ blick ſchloß Madame Roger die ihrige nicht minder ſachte, um ihren Mann nicht aufzuwecken, denn ſchreibend und leſend hatte ſie auch gewacht. Am andern Tag war die Abrechnung mit den Lieferanten und Arbeitern. U. Roger an Leon Moreau, Arzt in Paris. Honfleur, den 31. October 18.. „Du biſt nun wieder in Paris, und ich danke dafür dem Himmel, mein lieber Leon; obgleich uns fünfzig Meilen trennen, biſt Du doch meine einzige Geſellſchaft in der Einſamkeit, die ich gewählt habe. Nicht als ob mich die Langweile befallen hätte; nicht als ob ich mich je im Geringſten nach dem zu⸗ ———— 141 zurückſehnte, was ich freiwillig verlaſſen, habe ich aber einen Tag damit zugebracht, daß ich meinen Garten cultivirte, daß ich am ufer des Meeres umherſpazierte, das Paſſagierbot in Habre ankommen oder abgehen ſah, von dieſen oder jenen Dingen mit den Matroſen oder Fiſchern ſprach, ſo ſchließe ich mich gern am Abend mit Dir, das heißt mit Deinen Briefen und meinen Erinnerungen ein, die Du allein mit mir theilſt, weil Du allein heute die erſte Hälfte meines Lebens und den Namen kennſt, aus dem ich einen glorreichen machen wollte, den ich aber aufgegeben habe, indem ich meinen Ruhmesträu⸗ men entſagte und meine erſten Blumenkränze verließ, deren Dorne meine Stirne ſo grauſam verwundeten. „Ich erinnere mich noch jenes Abends der Wuth und der Demüthigung, wo mein Name, von einem Hiſtrionen einem Publicum zugeworfen, dem ich ſo viele Nachtwachen gewidmet hatte, mit Pfeifen und Ziſchen aufgenommen wurde, was um ſo grauſamer war, als man dieſen Name unter anderen Um⸗ ſtinden ganz anders behandelt hatte. „Fünfzehnhundert Menſchen beleidigten mich, wel ſie mein Drama, das ſie nicht anhörten, an dieſem Tag nicht be⸗ luſtigte, ſie ſchmähten mich, wie mich keiner von ihnen zu ſchmähen gewagt hätte, wäre ich ein Dieb, ein Fälſcher oder ein Feiger geweſen. „Oh! ja, mein lieber Leon, ich habe wohl daran gethan, mich für immer vor einer ſolchen Aufregung zu ſchützen; zwanzigmal wollte ich in den Saal eintreten, ſie herausfordern, ſie ebenfalls ſchmühen, um Einen zu finden, der die Verant⸗ wortlichkeit für die Beleidigung Aller übernähme. Was ſage 142 ich, Einen! ich hätte mich, ein Meſſer in der Hand, auf ſie Alle geſtürzt! und alle die Frauen, welche lachten, und die Schauſpieler am Tage zuvor ſo demüthig, und nun ſo frech! „Oh! jetzt bin ich nicht mehr ihr Sklave, ich gebe ihnen nicht mehr das Recht, indem ich um ihren Beifall bettle, meinen Namen auszuziſchen. „Es finden ſich genug andere Narren, welche ihr Leben für dieſes Publicum ſchwitzen, für dieſe Verſammlung von fünfzehnhundert Dummköpfen, die ſich mit einander zu unfehl⸗ baren Richtern des Geiſtes, des Talents, des Genies aufwerfen, wovon Keiner ein Theilchen hat, und als ſolche von Blinden anerkannt werden, die ſich mit ihrer Unabhängigkeit groß machen und über die Unwürdigkeit des Literaten herfallen. „Ich habe meinen Namen wieder angenommen, den meines Vaters, einen Namen, der nie beklaſcht oder ausgepfiffen worden iſt, einen Namen, den man nicht den Launen der Menge preis⸗ gegeben, einen Namen, unter dem ich wahre Freuden, die ein⸗ zige Glückſeligkeit genoſſen habe, auf die nicht langes Unglück folgte. „In meinem Verhältniß zu meiner Frau hat ſich dieſes geändert; nie gibt ſie mir die geringſte Veränlaſſung zu einer Klage; ſie iſt ſanft, ruhig und beſchäftigt ſich mit ihrem Haus⸗ weſen mit der Sorgfalt einer vortrefflichen Wirthſchafterin. Ich bin gleichfalls für ſie ſo aufmerkſam, als nur immer möglich, und verweigere ihr nichts von dem, was ihr gefällt. Unſere Ver⸗ bindung iſt friedlich, und wenn ich andere uneinige, feindſelige, zänkiſche Ehen ſehe, freue ich mich über alle Uebel, die wir nicht haben. Schaue ich aber in mein Inneres, laſſe ich mich 143 verführen, auf die ſüße, harmoniſche Stimme jener ſtets in mir lebendigen Poeſte zu horchen, welche vielleicht noch mächtiger iſt, ſeitdem ſie nicht mehr unter meiner Feder verdunſtet, ſo begreife ich, wie viel es Glück gibt, das mir fehlt. Ich liebe Marthe nicht, und ſie liebt mich nicht. Ihre Gegenwart ge⸗ fällt mir, aber ich habe nicht bange vor ihrer Abweſenheit; ich kann auf der Jagd mehrere Stunden über die Zeit bleiben, die ich für meine Rückkehr beſtimmt habe, ohne daß ſie ſich dadurch beunruhigen läßt. Unſere Exiſtenzen ſind nicht innig verbunden, ſie erſcheinen wie zwei Flüſſe, die zwiſchen denſelben ufern eingeſchloſſen ſind, ohne daß ſich ihre Waſſer vermengen; es gibt in meinem Leben einen träumeriſchen Theil, in welchem Marthe ohne alle Bedeutung iſt, und ohne Zweifel iſt es mit mir eben ſo bei ihr. Eine Art von Inſtinct belehrt mich, es beſtehe zwiſchen uns in gewiſſer Hinſicht ein ſolcher Raum, daß ich nie daran denke, ihn zu überſpringen. Oſt langweilen wir uns Beire, wir verfallen in eine düſtere, ſchweigſame Nieder⸗ geſchlagenheit, und Keines ſucht bei dem Andern ein Mittel für ſein Uebel. Beide haben wir in der Seele eine Liebe ohne Gegenſtand, mehr ein Bedürfniß, als ein Gefühl. Bei Marthe ſind dieſe Anfälle ſeltener und von kürzerer Dauer; ſie kennt die Urſache davon nicht und ſchüttelt durch alle mögliche WMittel die Träume ab, die ſie beunruhigen und ermüden. Ich laſſe mich hinziehen, ohne einen Widerſtand entgegenzuſtellen; oft gefalle ich mir ſogar in dieſer Schwermuth, die mich in eine Atmoſphäre hüllt, welche mich vom übrigen Leben trennt. „Nichts von dem, was mich umgibt, vermag mich zu zer⸗ ſtreuen. Ich ſehe von Weibern nur Bäuerinnen und Fiſche⸗ 144 rinnen, was mich auf den Gedanken bringt, die Natur habe für den Menſchen wie für die anderen Thiere nur Weiblein geſchaffen, und der Menſch habe die Frau geſchaffen. Ich jage, ich gehe, ich ermüde mich, denn das iſt das einzige Mittel, mich der Träumerei zu entziehen und der großen Zerrüttung des Herzens zu entgehen. „Gott befohlen. „Roger.“ Warum Roger keine Tinte hatte und warum Berenice Berenice hieß. Der Brief, den Sie geleſen, mußte Ihnen ſchon einiges Licht über die wahre Lage von Roger geben; nichts deſtowe⸗ niger gelüſtet es mich, in wenigen Worten ſeine Geſchichte ungefähr ſo zu erzählen, wie man die Feenmährchen in den glücklichen Zeiten erzählte, wo es Leute gab, welche geiſtreich genug waren, um nicht immer auf das Erhabene Anſpruch zu machen und zuweilen Feenmährchen zu ſchreiben. Es war einmal ein Mann, der ſich der Literatur mit einigem Erfolg gewidmet hatte, und es war ihm auch gelungen, dem Pſeudonymen, unter dem er Anfangs ſeine Dunkelheit verborgen hatte, einen gewiſſen Ruhm zu erwerben. Im Ver⸗ lauf von ein paar Jahren hatte er zwei bis drei Romane und fünf bis ſechs Theaterſtücke gemacht. Er beſaß Gemüth und Geiſt; ſeinen Werken war eine ſehr ehrenvolle Aufnahme zu Theil geworden. Eines Tags aber wollte das Publicum ſein verzogenes Kind geißeln; vielleicht täuſchte ſich auch der Schriftſteller,— kurz, ſo viel iſt gewiß, das Stück wurde „ 145 3 ausgepfiffen und konnte nicht bis zur Entwickelung, welche vielleicht herrlich war, geſpielt werden. Der Dichter, der, ſo lange das Volk brabo ſagte, des Volkes Stimme Gottes Stimme genannt hatte, änderte plötzlich ſeine Anſicht und rief mit Horaz:„Gemeinen Pöpel haſſe ich, fern halt ich ihn von mir.“ Es war vielleicht für unſern Dichter nicht unmöglich, d Publicum, den Pöbel des Thea⸗ ters, für den er arbeitete, fern von ſich zu halten; er zog es vor, zu entfliehen, und ſtrebte fortan, unbekannt zu bleiben, mit demſelben beharrlichen Eifer, mit dem er bis dahin gear⸗ beitet und ſich bekannt zu machen getrachtet hatte. Es gibt etwas, was den Stolz angenehm kitzelt: zu ſcheinen, indem man einen leuchtenden Schweif hinter ſich läßt, wie die wan⸗ delnden Sterne; man hofft noch durch ſeine Abweſenheit zu glänzen. Roger war aufrichtigen Sinnes; er hatte Stolz genug im Herzen, um ſich zu erinnern, daß Dyoniſius Schulmeiſter geweſen war, er hatte zugleich aber auch Geiſt genug, um ſich den Kopf mit dieſem ſchönen Beiſpiel zu erwärmen, ohne es jedoch bis zum Ende nachzuahmen. Er nahm den Namen ſeines Vaters wieder an, uteließ der Kritik, dem Neid, dem Pfeifen ſeinen entlehnten Namen i reiſte nach Amerika ab. Ich glaube nicht, daß es einen Menſchen gibt, der nicht wenigſtens einmal in ſeinem Leben nach Amerika abgereiſt iſt. Er hatte das Glück, im Havre, wo er ſich einſchiffen wollte, einen Fuß zu verſtauchen. Dieſer Unfall verlängerte ſeinen Aufenthalt im Habre, und durch die Verlängerung ſeines Aufenthalts wurde er mit Der Erzähler 1848. 1V. 10 146 einem Mädchen bekannt, das er heirathete. Dieſes Mädchen hatte ein wenig Vermögen. Roger kaufte ein Häuschen in Honfleur, entſchloſſen, den Reſt ſeines Lebens darin einzuſchließen. Er wurde Jäger, Fiſcher, Muſiker, Maler, las nicht mehr, ſchrieb nicht mehr, theilte Niemand ſein vergangenes Leben mit; nur konnte nichts den Theil des Mannes nähren, dem ein materielles Glück nicht genügte. Die Muſik intereſſirte und beſchäftigte ihn ſechs Monate, die Jagd vierzehn Tage, die Malerei und der Fiſchfang ſechs weitere Monate, dann bekam er Langeweile. Seinem Gelübde getreu, hatte er in ſeinem Zimmer weder Tinte, noch Papier, noch Bücher, und er hatte vielleicht ſechs Tage keinen Brief geſchrieben, als er ſich an ſeinen Freund Moreau zu ſchreiben entſchloß Gehen wir zu unſerer zweiten Erklärung über. Berenice iſt ein Name, der etwas hochtrabend erſcheinen dürfte, beſon⸗ ders für ein Mädchen mit plumpen, blauen Händen.. Wir werden uns nicht wegen einer Sache verurtheilen laſſen, die, in ihrem wahren Lichte betrachtet, dem Leſer im Gegentheil eine tiefe Verehrung für unſere Strenge als Geſchichtſchreiber und für die Wahrheit unſerer localen Färbung als Roman⸗ dichter einflößen muß. Die Bauern von der Küſte der Nor⸗ mandie ſchmücken ſich gern mit den ſeltſamſten Namen, die ſie im Kalender finden, worin ſte den wilden Völkern ähnlich ſind, welche in ihre Haare rothe Federn, meſſingene Knöpfe, zerbrochenes Glas und Alles ſtecken, was ſie nur immer Glänzendes bekommen können, und müßten ſie dafür ihre Kinder⸗ ihre Frauen und ſogar ihren Tomahawk geben. 147 Ich kenne in dem Flecken Etretal zwei bis drei One⸗ ſime, einen Ceſaire, zwei Berenice, eine Cleopatre. II. Plötzlich wurde das Wetter wieder ſchön, der Himmel nahm wieder ſeine dunkelblauen Tinten an, die dem Ende des Herbſtes eigenthümlich ſind; große Wolkengruppen umgaben den Horizont wie ein ſilberner Gürtel. Man hätte ſich im Sommer geglaubt, ohne den Safrangeruch, den die Wälder ausſtrömten, ohne den traurigen Anblick der beinahe ganz entblätterten Bäume, ohne die Ruhe der Luft, die aus jedem Herbſttag einen Sommerabend von zwölf Stunden macht. Es gab in den Zweigen nur noch Buchfinken und Meiſen mit blauen Köpfen; die paar Blumen, die gegen den erſten Froſt Widerſtand ge⸗ leiſtet hatten, waren klein, farblos, und kein Inſect ſummte um ſie her, keines ſchlüpfte in ihren Kelch. Die Hoffnung und die Erinnerung haben daſſelbe Prisma: die Entfernung. Vor uns und hinter uns nennen wir das Glück, was außer unſerem Bereiche iſt, was wir noch nicht haben oder was wir nicht mehr haben. Was den Dingen ſo viel Werth verleiht, iſt, daß man ſie zu berlieren befürchtet. Der Sonnenuntergang, die letzten Tage des Herbſtes flößen eine zugleich glückliche und beängſtigende Harmonie ein, der ähnlich, welche man bei einem Freunde empfindet, der auf eine lange Reiſe abgeht. Marthe und Roger fühlten Beide dieſen unwiderſtehlichen Einfluß; da aber Beide nichts bei einander fanden, wodurch ſie dieſe Aufregung des Gemüths hätten 148 beſchwichtigen können, ſo thaten ſie ſich gegenſeitig Zwang an und vermieden ſich ſo viel als möglich. Mur die Albernen haben Geiſt für ihren Bedienten oder für ihren Friſeur. Nur die Dummen, die Leute, die nicht fühlen, können getroſt die geheimen Bewegungen ihres Herzens Gleichgültige oder Leute, welche unfähig ſind, ſie zu begreifen, ſehen laſſen. Die beiden Eheleute waren jedes für ſeinen Theil feſt da⸗ von überzeugt, das Andere würde nicht begreifen, was in ihm vorging, und nie war ihr Geſpräch ſo unzuſammenhängend gewe⸗ ſen, nie hatte es ſo ausſchließlich Kleinlichkeiten betroffen. Roger ſchaute nun umher und fand ſich elend vereinzelt. Marthe, die den Platz von ſo viel Glück einnahm, und keines ſpendete; Leon Moreau, der unter den Vergnügungen und Ge⸗ wohnheiten von Paris den Verbannten vergaß und ſich nicht die Zeit nahm, ihm zu antworten; alle die Fremden, mit denen er nichts gemein hatte. Er fand ſich bald in der Lage des Geiſtes, wo man nichts wünſcht; wo weder die Erde, noch der Himmel mehr eiwas für uns vermögen; das Gehirn wird bleiern, man kann weder mehr verlangen, noch ſich erinnern; die Ideen ſind träge, unbeſtimmt, halb verwiſcht. W In dieſen Augenblicken wird der geringſte Vorfall, der uns dieſer lethargiſchen Erſtarrung entzieht, dankbar aufgenom⸗ men. Roger hielt ſich für gerettet, als man ihm einen un⸗ geheuren Brief aus Paris brachte. Er wog ihn in ſeiner Hand 149 ab, und freute ſich bei dem Gedanken, er habe auf mehr als eine Viertelſtunde zu leſen; er ſchickte ſich an, dieſe Zerſtreuung als Lüſtling zu genießen, legte Holz zum Feuer und öffnete das Paquet. Leon Moreau an Roger. „Mein lieber Roger, ich ſchicke Dir einen Brief, den ich unter der Adreſſe Deines Kriegsnamens, Deines Dichternamens, erhalten habe; ſeit Deiner Abreiſe habe ich beſtändig die an⸗ dern geöffnet, die mir Geſchäftsbriefe zu ſein ſchienen; doch dieſer hat, nach der feinen Schrift und den eng an einander ſtehenden Zeilen zu urtheilen, etwas Vertrauliches, was mich beſtimmt, ihn Dir zukommen zu laſſen. Ueberdies müſſen die Wunden Deines Herzens nun vernarbt ſein, und Du machſt viel⸗ leicht nicht ungern eine Probe an Dir ſelbſt und ſiehſt, wel⸗ chen Eindruck auf Dich ein Rückblick hervorbringt. Ihr müßt Becaſſinen haben. Ich hoffe dieſen Winter einen Monat bei Dir zuzubringen. Du gibſt mir Deine Aufträge für Paris ulſ. w.“ M. M. M. an Vilhem. „Mein Herr, ich ſchreibe Ihnen, und vielleicht würde ich Ihnen lieber nicht ſchreiben; vielleicht zerreiße ich dieſen Brief, ſo bald er beendigt iſt. Ich habe Ihre Werke geleſen, mein Herr, und es kam mir vor, als wäre es mir gegeben, viele Dinge darin zu ſehen, die nicht Jedermann darin ſieht; es kam 150⁰ mir vor, als wären gewiſſe Seiten, die ſo gut verworrene Ideen und Schmerzen ausdrücken, wie ſie ſo oft mein Herz durchzogen, ausdrücklich für mich geſchrieben. Es kam mir vor als wären dieſe für Alle beſtimmten Bücher nur in meinen Händen wirklich an Ihre Adreſſe gelangt. Ich weiß ſie bei⸗ nahe auswendig; ich leſe ſie jeden Augenblick wieder; wenn ich traurig bin, weiß ich die Stellen zu finden, wo eine der meinigen ähnliche Traurigkeit vorkommt, ich leſe ſie abermals, ich weine mit Ihnen und fühle mich getröſtet; ſelbſt meine Traurigkeit wird mir theuer, ich liebe ſogar beinahe die Ur⸗ ſachen davon. „Bin ich glücklich, ſo leſe ich dieſe Beſchreibungen mit Liebe, und ich ſetze mein Glück an die Orte, wo Ihre Helden leben. Es findet ſich beſonders in einem von Ihren Büchern eine kleine Romanze von einer Einfachheit, von einer Lieblich⸗ keit, die mich über allen Ausdruck entzückt; ich habe auf dieſe Worte, um ſie zu fingen, alle Melodien meines Repertoire verſucht, keine genügt mir ganz. Ohne Zweifel haben Sie dieſe Worte auf eine Melodie gemacht. Könnten Sie mir wohl die Muſik geben? Ich verbinde damit etwas beinahe Heiliges. Ich ſinge ſie nur, wenn ich allein bin. „Aber was denken Sie von mir, mein Herr, von mir, die ich Ihnen ſo ſchreibe, ohne Ihnen bekannt zu ſein, ohne Sie anders zu kennen, als durch Ihre Bücher. Ich weiß nicht, wie ich in Ihren Augen dieſen unüberlegten Schritt ent⸗ ſchuldigen ſoll; ich weiß ihn in meinen eigenen Augen nicht zu entſchuldigen.. „Ich hielt eine Viertelſtunde lang meinen Brief in mei⸗ 15¹ nen Händen und war bereit, ihn zu zerreißen, doch ich habe es nicht gethan. Mir ſcheint, mein Herr, man kann bei Euch Dichtern anders handeln, als bei dem großen Haufen. Ueber⸗ dies finde ich für mich ſelbſt die Gründe, die meinen Schritt rechtfertigen. 6 „Ich habe Sie nie geſehen und werde Sie wahrſcheinlich nie ſehen; Alles trennt uns, die Lagen, die Entfernung. Sicherlich würde ich Ihnen nicht ſchreiben, wenn die geringſte Möglichkeit vorhanden wäre, daß ich Sie eines Tags ſehen könnte. Hören Sie, mein Herr, dieſer Gedanke gibt mir Muth, ich will offenherzig ſein. Ich wünſche ungemein, die Melodie zu erfahren; was mich aber hauptſächlich veranlaßt Ihnen zu ſchreiben, iſt das Verlangen, Sie davon zu unter⸗ richten, daß ich vorhanden bin, Ihnen mitzutheilen, daß es in einem Winkel der Welt, den Sie nicht kennen, eine Seele gibt, die die Ihrige verſteht, eine unbekannte Freundin, die Sie mit der uneigennützigſten Zuneigung liebt. Wenn Sie von jenen durch Ihre Wahrheit ſo ſcharf einſchneidenden Zeilen ſchreiben, wenn Sie jene Schätze der Seele enthüllen, welche die Menge erſchaut, ohne ſie zu ſehen, ſo werden Sie wiſſen, daß es ein Herz gibt, um ſie zu empfangen und zu verſtehen. „Dies Alles iſt nicht ein Briefwechſel, den ich mit Ihnen haben will: ich kann das und darf das nicht. Sie werden mir einmal antworten, ein einziges Mal, um mir zu ſagen, daß Sie meinen Brief empfangen haben; oft, wenn ich Ihre Bücher las, habe ich bedauert, daß ſie nicht von Ihrer Hand geſchrieben waren; die Charaktere der Druckerei ſagten mir zu ſehr, daß ſie nicht für mich allein beſtimmt, und ich 152 war darüber ein wenig eiferſüchtig. Ich werde einige Zeilen haben, die Niemand ſieht, die ich verberge, wie man jedes Glück verbergen muß. „Nun muß ich meinen Brief ſchließen und ich habe aber⸗ mals Luſt, ihn zu verbrennen... Doch der Würfel liegt. Langweilt Sie das, ſo werden Sie ihn ſelbſt verbrennen. Aber es ſagt mir etwas, Sie werden mir antworten. „Mein Gott! wenn Sie mich für leichtſinnig, für unvor⸗ ſichtig halten könnten! oh! mein Herr, beurtheilen Sie mich nicht ſchlecht. Ich bin eine vernünftige, beſcheidene Frau und führe ein zurückgezogenes Leben. Ich liebe Sie, wie ich die Sonne liebe, wie ich das Grün der Wälder liebe, wie ich die düſteren Hurmonien des Windes liebe. Fände ich in meinem Herzen den geringſten verdammenswerthen Gedanken, ſo würde ich Ihnen nicht ſchreiben; ich hege Dankbarkeit und eine fromme Freundſchaft für Sie; ich würde es nicht wagen, Sie zu lieben, wenn meine Zuneigung nicht eine ſchweſterliche, und dann kenne ich Sie ſchon ſeit langer Zeit; ich habe ſo viel Ihre Werke geleſen, worin ſo viel von Ihrer Seele iſt. „Ich überleſe meinen Brief nicht, ich werde ihn nicht ab⸗ ſchicken. Wenn Sie mir antworten, adreſſtren Sie Ihren Brief an M. M. M. poste restante, im Hapre.“ V. Nachdem Roger dieſen Brief geleſen, ſtand er auf, ſein Kopf glühte. Er ging in ſeinem Zimmer auf und ab. Dann ½ S 153 ſagte er:„Im Havre, das iſt ganz nahe bei mir, es iſt dort, man geht dahin in drei Viertelſtunden.“ Er ſetzte ſich abermals und dachte über dieſes ſeltſame Sendſchreiben nach.„Iſt ſie wirklich das, was ſie ſo ſehr zu ſein befürchtet? iſt es eine halb gewandte Coquette? iſt es ein Alltagsabenteuer? „Doch es findet ſich in dieſem Brief etwas wie ein Duft der Unſchuld und Schamhaftigkeit.“ Alle dieſe Gedanken erfüllten ſein Herz mit einer unbe⸗ ſchreiblichen Bewegung, er fühlte ſich gepreßt, und überdies war er, um zu denken, durch die Nähe der Leute, die ihn um⸗ gaben, beengt. Um keinen Preis der Welt wollte er ſie den Gegenſtand, der ihn in Anſpruch nahm, errathen laſſen, ſo ſehr intereſſirte er ſich unwillkührlich für das, was ihm begegnete. Er ergriff ſeine Flinte und ſeine Weidtaſche, nahm ſo viel als möglich die Miene eines entſchiedenen Jägers an und entfernte ſich von Hauſe; er wandte ſich nach dem Geſtade des Meeres und ging ohne anzuhalten bis zu dem Augenblick, wo er weder Menſchen, noch Häuſer mehr ſah. Dann ſetzte er ſich auf einen Felſen und las den Brief noch einmal. Der Wind erfriſchte ihm köſtlich den Kopf; dieſer Mann, der ſeit langer Zeit ſo viel Poeſie in ſeinem Herzen verſchloß, ließ ſeine Ge⸗ danken der Liebe und Hoffnung entſtrömen. Die Gleichgültigkeit ſeiner Seele hörte plötzlich auf; er fühlte das Verlangen und die Energie wieder in ſich entſte⸗ hen. Gerne hätte er ſich vor dieſer Frau, die ſo ſein Leben wiedererweckte, auf die Kniee geworfen und zu ihr geſagt: „Ich liebe Dich!“ Er hatte Luſt, aufzubrechen, ſie zu ſuchen. 154 Dann erinnerte er ſich ſeiner Bücher, er ſuchte ſich der Stellen zu entſinnen, die ſie beſonders ſtark hatten berühren können. „Sie ſpricht nicht bon meinen Dramen. Vielleicht kennt ſie dieſe nicht; es gibt jedoch eines, in dem ich mit Feuer und Adel von der Liebe geſprochen, in das ich meine ganze Seele geworfen habe. „Und wenn ich, ſtatt an das Publicum zu ſchreiben, an ſie, für ſie geſchrieben hätte, wenn ich gewußt hätte, es gäbe in einem Winkel der Erde eine Seele, die auf mich hörte!“ Die Nacht überraſchte ihn in dieſem poetiſchen Fieber. Er kehrte mit langſamen Schritten nach ſeiner Wohnung zu⸗ rück; als er die erſten Häuſer ſah, ſank ſein ganzer Enthu⸗ ſiasmus; er lächelte bitter und ſagte zu ſich ſelbſt:„Ich bin ein Narr!“ Berenice fragte ihn mit ſpöttiſcher Miene, ob er eine gute Jagd gemacht habe. Er antwortete, nein, er ſei ſehr unge⸗ ſchickt geweſen. „Ueberdies,“ ſagte Berenice,„überdies hatte der Herr weder Pulver, noch Blei.“ Und ſie zeigte ihm das Pulverhorn und den Schrotbeutel, was er auf dem Tiſch hatte liegen laſſen. Beim Mittagsbrod fand er Marthe verdrießlich und lang⸗ weilig. Die arme Marthe war ganz einfach wie gewöhnlich. Aber es war ihm nicht unangenehm, einen Vorwand zu haben, um kein Wort zu ſprechen. Bald ſchloß er ſich in ſein Zim⸗ mer ein. Er nahm eine Feder, Papier, verharrte aber ſo lange, ohne zu ſchreiben. Er ſtand auf und ordnete.. un⸗ willkürlich... vor dem Spiegel ſeine Haare; er fühlte das 155 Bedürſniß, ſelbſt fern von ihr ſchön zu ſein. Dann ſetzte er ſich wieder an ſeinen Platz.„Was ſoll ich ihr ſagen? gebe ich mich dem Einfluß hin, unter dem ich in dieſem Augenblick ſtehe, ſo wird ſie mich für einen Narren halten, oder über dieſe plötzliche und leivenſchaftliche Freundſchaft erſchrecken. Die Zuneigung, die ſie für mich kundgibt, iſt begründet, ſie kennt mich. Aber kann ſie nicht mit Recht glauben, ich wäre für jede Andere, was ich für ſie bin? „Und weiß ich überdies, wer ſie iſt? Ich muß doch ant⸗ worten. Es wäre mir lieber, wenn ich den Brief nicht em⸗ pfangen hätte, ich habe in meinem Kopf nichts mehr, als Ver⸗ wirrung und Unentſchloſſenheit.“ Nachdem er indeſſen eine Zeit lang in friſcher Luft am Fenſter geſtanden hatte, kehrte er an ſeinen Platz zurück und ſchrieb. Zuerſt kam er auf den Gedanken, ihr ſein ganzes Leben zu erzählen, dann zerriß er das Blatt.„Ich muß die poetiſche Glorie, die mich in ihren Augen umgibt, bewahren. Sie würde nicht begreifen, wie ich mich in alle Proſa des Lebens, das ich führe, gefügt habe.“ Vilhem an M. M. M. „Ihren Brief, Madame, habe ich in einem Augenblick der Entmuthigung und tiefer Niedergeſchlagenheit erhalten. Müde der Freundſchaften, die mich umgeben, und die beſonders den Fehler haben, daß ſie nicht Freundſchaften ſind, ergreife ich mit Eifer die Gelegenheit, mein Herz einem andern Punkte 156 zuzuwenden. Ich werde Sie aus der Ferne lieben, das glückt mir vielleicht. „Ich weiß nicht, wie ich Ihnen ſchreiben ſoll. In einem gewöhnlichen Briefwechſel würden Sie nur von mir ſprechen und ich ſpräche Ihnen von Ihnen. Aber Sie kennen mich und ich kenne Sie nicht. Sie ſprechen nur von mir und ich muß Ihnen antworten, indem ich Ihnen auch von mir ſpreche. Ich möchte Ihnen aber doch ſo gern von Ihnen ſprechen. „Oft, wenn ich ſchrieb, trennte ich mich von der Menge, vom Publicum, und bildete mir ein, ich erzähle meine Bücher einer Frau, für welche allein ich Ruhm träumte, für welche allein ich hinausgeben wollte, was Schönes und Edles in mir war. „Dieſe Frau, ich habe ſie nicht gefunden; wollen Sie es ſein? Ich ſchreibe wenigſtens nicht mehr für das Publicum. Ich werde für Sie ſchreiben. „Vielleicht ſcheine ich Ihnen mich ſehr dem Zufall hinzu⸗ geben; vielleicht verdienen Sie nicht, was von Zuneigung für Sie in meinem Herzen iſt. Aber ein geheimer Inſtinct treibt mich zu Ihnen hin. Ich ſetze meine letzten Glückschancen mit um ſo mehr Vertrauen auf's Spiel, als ich ſie verloren glaubte, und ich, wenn ich mich täuſche, ſein werde wie geſtern. Lieben wir uns alſo aus der Ferne. Ich werde Ihnen von meinem Leben Alles geben, was ich den Widerwärtigkeiten, die mich umgeben, entziehen kann. Ich werde als eine koſt⸗ bare Eroberung Alles betrachten, was ich für Sie aufbewah⸗ ren kann. „Antworten Sie mir, ſprechen Sie mir von Ihnen. 157 „Immer unter derſelben Adreſſe.“ „Ja,“ ſagte Roger zu ſich ſelbſt,„immer unter derſelben Adreſſe. Ich würde ſie nicht mehr lieben, wenn man auch nur entfernt unſeren Briefwechſel ahnete. Ich liebe überdies das Geheimniß, von dem ich ſelbſt in meinen eigenen Augen umgeben bin. „Warum ſollte ich mich früher übergeben, als ſie? Und dann bin ich ſo nahe bei ihr, wenn ſie ſo iſt, wie ſie ſagt, würde ſie das beunruhigen. Dann müßte ich ihr von meinem gegenwärtigen Leben ſprechen und vielleicht auch von meiner Frau, was ich ſo wenig und ſo ſpät als möglich thun werde.“ Hienach ging er aus und trug ſeinen Brief auf die Poſt, obgleich er erſt am andern Tag abgehen ſollte und dieſe Eile ſeinen Abgang nicht um eine Minute beſchleunigte. Aber es kam ihm vor, als brächte ihn das näher zu ihr. Wir haben keines Wegs Luſt, über die Launen und Phantaſien der Verliebten abzuhandeln, beſonders derjenigen, welche ihre Geliebte nicht kennen, aber gerade die Verlieb⸗ teſten von Allen ſind. M. M. M. an Vilhem. „Mein Freund, wie gut ſind Sie. Wie ehrt mich Ihr Vertrauen, wie glücklich macht es mich. Ich zögerte An⸗ fangs, meinen Brief holen zu laſſen; je näher der Augenblick kam, wo Ihr Brief ankommen konnte, deſto weniger hoffte 158 ich. Ich wohne nicht im Havre, laſſen Sie mir dieſes Geheim⸗ niß, das mich beſchützt und mir den Muth gibt, Sie zu lie⸗ ben. Fragen Sie mich nicht, wo ich bin, ſeien Sie nur über⸗ zeugt, daß ich an Sie denke. Als man zurückkam, wagte ich es nicht, zu fragen, ob man einen Brief habe; man übergab mir denſelben, ich nahm ihn und ſchloß mich ein. Nun habe ich ihn geleſen und millionenmal wieder geleſen. Ich täuſchte mich nicht in Ihnen, und dennoch war ich ſo ärgerlich, daß ich Ihnen geſchrieben hatte; ich würde Alles in der Welt ge⸗ geben haben, wäre Ihnen mein Brief nicht zugekommen. „Ja, mit einem unausſprechlichen Glück empfange ich Ihre Freundſchaft. Sie werden ſehen, wie eine Frau liebt und tröſtet. Ich bin alſo Ihre Schweſter, Ihre Freundin, ich werde alle Zärtlichkeiten einer Schweſter, einer Mutter bei Ihnen vereinigen. Laſſen Sie mich Sie lieben, nehmen Sie an, was Alles an Ergebenheit in meinem Herzen iſt; nach dieſem, wenn Sie mich beſſer kennen werden, lieben Sie mich ein we⸗ nig, wenn Sie können. „Suchen Sie aber vor Allem, ich wiederhole es Ihnen, nicht zu erfahren, wo ich bin und wer ich bin; ich hätte bange vor Ihnen und würde Sie nicht mehr lieben. Mein Leben war ſo traurig, ſo langweilig, ſo träge. Nichts geſiel mir, nichts intereſſirte mich; ich hatte Sie errathen; mein Freund, ich erwartete Sie, und Alles, was nicht Sie waren, konnte mich nicht befriedigen. Ich nenne Sie heute mein Freund, ſchon lange nenne ich Sie ſo in meinem Herzen, dieſer Name hat weder etwas Neues, noch etwas Fremdes für mich; finden Sie mich aber nicht unklug, und handle ich nicht 159 ſchlimm, daß ich handle, wie ich es thue? Die Angſt, die mich ſchon zu Eis erſtarren macht, wenn ich nur denke, man könnte erfahren, ich ſchreibe Ihnen, rührt ſie von einem In⸗ ſtinet der Zurückhaltuug und der Pflicht her, oder von der Furcht, man nehme mir von meinem Glück? Mein Freund⸗ wenn ich Unrecht habe, ſagen Sie es mir. Leiten Sie mich, rathen Sie mir, ſeien Sie gut; ſtrafen Sie mich nie dafür, daß ich nur eine arme, unwiſſende Frau bin, die vielleicht, ehe ſie Ihnen ſchrieb, nicht genug überlegt hat. „Sie wollen, daß ich Ihnen von mir ſpreche; was kann ich Ihnen ſagen? Ich wage es noch nicht; mir kommt es vor, als hieße das ein wenig von meinem Entſchluß, Ihnen unbekannt zu bleiben, abgehen. Doch wenn Sie ſich von mir ein Portrait machen würden, das mir nicht gliche, und Sie dieſes Portrait zu lieben anfingen... Ich bin jung, ich habe blonde Haare, ich gelte für ziemlich hübſch. Das iſt Alles, was Sie erfahren werden. „Aber Sie, mein Freund, machen Sie mir doch ein we⸗ nig Ihr Portrait. Ich bin übrigens feſt überzeugt, daß ich Sie errathen habe: Sie ſind groß, ſchlank, acht und zwanzig Jahre alt, Ihr Haar iſt ſchwarz. Ich wette, daß ich mich nicht täuſche. „Das Meer iſt ſehr ſchon in dem Augenblick, wo ich Ihnen ſchreibe. Sie, ein Pariſer, wiſſen nicht, daß uns die Natur Feſte gibt, welche glänzender ſind, als die Ihrigen. Ich ſchicke Ihnen einige Veilchen, die ich unter beinahe ver⸗ dorrten Blättern in meinem Garten gefunden habe. Es ſind wahrſcheinlich die letzten dieſes Jahrs. „Leben Sie wohl.“ 160 Roger wurde am Abend übler Laune, als er bemerkte, daß ſeine Frau blonde Haare hatte; es kam ihm vor, als wäre ſie nicht berechtigt dazu; nichts iſt ärgerlicher, als Aehnlichkei⸗ ten, die Leute, die man nicht liebt, mit Leuten, die man liebt, zu haben ſich erlauben. In der Lage von Roger beſonders war dieſe Aehnlichkeit ganz unbequem und unangenehm; er kannte das Geſicht ſeiner Correſpondentin nicht, und wenn er es ſich im Geiſte vorſtellen wollte, ſo führte die Idee der blonden Haare natürlich eine Aehnlichkeit zwiſchen dem Geſicht, das ſich ſeine Phantaſie zu ſchaffen ſuchte, und dem ſeiner Frau herbei. Das war unſtreitig der ſchlimmſte Streich, den ihm der Zufall ſpielen konnte. Was Marthe betrifft, ſo kündigte ſie Berenice an, ß am anderen Tag frühzeitig aufſtehen müſſe, weil ſie Quitten⸗ confect zu machen habe. Damit wird nicht beſagt, ſie ſelbſt habe das Quittenconftet verachtet, was unzweifelhaft das geiſt⸗ reichſte Confect iſt. VII. M. M. M. an Vilhem. „Ich habe es Ihnen geſagt, mein lieber Herr Vilhem, ich werde nie etwas Anderes für Sie ſein, als eine Zuneigung, und ich bedaure es, daß ich mich durch eiferſüchtige Coquetterie habe bewegen laſſen, Ihnen die Farbe meiner Haare zu ſchildern. Ich will für Sie ſein wie die Engel des Himmels, deren Ge⸗ ſchlecht man nicht kennt, die man für ſchön hält, ohne zu wiſſen, worin ihre Schönheit beſteht. 161 „Aber Sie, ich will Sie kennen lernen, ich will Sie ſehen, und Ihnen im Geiſte folgen; ſagen Sie mir, ob ich mich in der Idee, die ich mir von Ihrem Anblick und Ihrem Geſicht gemacht, getäuſcht habe. Sagen Sie mir Alles, was Sie meinen Sinnen mehr vergegenwärtigen kann. Erzählen Sie mir Ihre Gewohnheiten, die Stunden, in denen Sie ar⸗ beiten. Geben Sie mir eine Beſchreibung von Ihrem Arbeits⸗ kabinet. Ich will wiſſen, welche Farben und Blumen Sie lie⸗ ben; arbeiten Sie bei Tag oder bei Nacht? ſind einige von den Perſonen, die Sie in Ihren Werken in Scene bringen, Portraits oder Phantaſien Ihrer Einbildungskraft? Beantwor⸗ ten Sie mir nicht ganz klar alle dieſe Fragen, ſo ärgere ich mich über Sie und liebe Sie nicht mehr. Es gibt beſonders eine Frage, die ich zur letzten in Form einer Nachſchrift aus zwei Gründen aufbewahrt habe: einmal, weil ich ſie kaum zu thun wage ſodann, weil es vielleicht diejenige iſt, deren Lö⸗ ſung meine Neugierde am meiſten reizt. Sprechen Sie mir von der Frau, die Sie lieben. Ich begreife einen Dichter ohne Liebe nicht, und Sie, der Sie in einem ſo hohen Grade alle Fähigkeiten des Dichters beſitzen, Sie werden gerade dieſen Punkt nicht vernachläſſigt haben. „Sie müſſen ſich noch einer Laune unterwerfen. Sie empfangen mit dieſem Brief Federn, die ich für Sie geſchnit⸗ ten habe. Sie müſſen ſich derſelben bedienen; es wird mir ein doppeltes Vergnügen machen, Ihr nächſtes Werk zu leſen. Aber, Träger, Ihr letztes hat ein ſchon drei Jahre altes Datum. Was machen Sie denn? Haben Sie ſich vom Wirbel der Der Erzähler 1848. W. 11 162 Welt erfaſſen laſſen? Haben Sie vergeſſen, was Sie in einem von Ihren Werken ſagen?„Der Dichter iſt wie der Adler, der ſich nur in das Thal herabſenkt, um ſeine Beute zu packen, und mit ihr entflieht näher zur Sonne und zum Himmel, auf die unzugänglichen Piecs, wo er ſeinen Horſt gebaut hat.“ Als Roger dieſen Brief empfing, war ſein ganzes Haus der Fabrication von Quittenconfect preisgegeben, jeder Kamin hatte einen Keſſel, jeder Tiſch war mit Töpfen bedeckt, und Marthe bat ihn, die zum Bedecken der Töpfe beſtimmten Pa⸗ piere rund zu ſchneiden. Roger hatte zuerſt den Gedanken, dieſes Geſchäft, das nur ſehr wenig mit der gegenwärtigen Eraltation ſeines Geiſtes im Einklang ſtand, fern von ſich zu werfen; aber er bedachte, daß er, wenn er ſich, in einem Lehn⸗ ſtuhl ausgeſtreckt, den ſüßeſten Träumen im Hinblick auf ſei⸗ nen Briefwechſel überließe, in den Augen von Marthe als der müßigſte Menſch erſcheinen müßte, und daß ſeine Weigerung ganz das Ausſehen einer ſchlechten Laune hätte, welche zu er⸗ klären er ſehr verlegen geweſen wäre. Er fügte ſich alſo, nahm die Scheere und das Papier und ließ ſeine Hände nach den erhaltenen Vorſchriften arbeiten, während ſein Geiſt den Raum überſprang, der Honfleur vom Havre de Grace trennt. Als er eine Anzahl Runde geſchnitten hatte, dachte er, er habe Zeit, zu ſchreiben, ehe alle verbraucht wären, und antwortete VIII. Vilhem an M. M. M. „Ach! ach! ach! theurer Engel, da Sie gütigſt die Mei⸗ 163 nige ſein wollen. Ach! ach! ach! Es gibt im menſchlichen Leben eine gewiſſe Quantität Proſa, Legirung im Gold, der man ſich nothwendig unterwerfen muß, da uns nichts derſelben entgehen machen kann. Der Dichter findet zuweilen Mittel, ſein reines Gold auszugeben, früher oder ſpäter muß er ſich aber auch der Legirung bedienen; ich bin lange darüber ver⸗ zweifelt, heute iſt meine Verzweiflung ein ſpöttiſches Gelächter geworden. Womit glauben Sie, daß mich Ihr Brief beſchäf⸗ tigt findet?... Mit Haushaltungsarbeiten! „Ja, Sie ſind mein Engel, mein tröſtender Engel, mein Schutzengel. Seitdem ich Sie gefunden, hat mein Leben einen Zweck. Ich weiß, warum ich am Morgen erwache: um an Sie zu denken, um Ihnen zu ſchreiben, um Ihren Brief zu erwarten. Wenn ich am Abend die ſchönen Sonnenuntergänge ſehe, wenn ich die glänzenden Reflere ſehe, womit ſich der Himmel ſchmückt, ſo habe ich nun einen Engel, einen Gott in dieſen Himmel, auf dieſen Thron von Purpur und Feuer zu ſetzen, der für mich bis jetzt ſo traurig leer war. Nun freue ich mich über das, was mir der Himmel an Geiſt, Stärke und Muth geſchenkt hat; ähnlich den Heiligen der hebräiſchen Mythologie:„Freue ich mich über die Ernte, die ich meinem Gott bieten kann.“ „Nein, ich arbeite nicht; und darum habe ich meine ſüße Einſamkeit nicht verlaſſen, in der ich, ohne Sie zu ken⸗ nen, ſtets für Sie einen Platz an meiner Seite aufbewahrte. Ich arbeite nicht mehr für die Menge, deren Lob mich durch eine unerklärliche Bizarrerie kalt läßt, deren Tadel mich tief verletzt. Ich werde ſchreiben, ich werde für Sie allein Alles 164 ſchreiben, was Sie wollen. Zuweilen fällt es mir indeſſen ein, einem bitteren Bedauern in meinem Herzen nachzuhängen. Ich erinnere mich jener paar Abende des Triumphes, wo nach der Vorſtellung meines Werkes mein Name der Menge zugewor⸗ fen von dieſer mit einem beinahe wüthend enthuſiaſtiſchen Geſchrei wiederholt worden iſt. Oh! warum waren Sie nicht da! wäre es mir vergönnt geweſen, Ihre Stirne mit dieſen Kränzen zu ſchmücken, dann hätten ſie Werth für mich gehabt. Oft ſuchte ich unter allen dieſen Frauen vergebens, ob nicht eine mein Triumph glücklich machte, nach einem Augenblick befriedigten Stolzes kehrte ich ſchmerzlich in mein Inneres zurück und fiel auf mein Herz. „Sie wollen mich kennen. Ich erwarte einen Freund, der ein wenig malt; ich werde eine Art von Portrait machen laſſen und es Ihnen ſchicken. Ich hoffe, Sie werden ſpäter hinſichtlich des Geheimniſſes, das Sie mir entzieht, anderen Sinnes werden. Die Engel verbargen ſich nur für den ge⸗ meinen Haufen und offenbarten ſich den tugendhaften Menſchen, die ſie liebten. Um dieſen Preis bin ich im Stande, mir alle Tugenden zu erwerben. * „Hören Sie, ich ſagte es Ihnen wohl: man muß jedes Glück ſühnen; man verweiſt mich aus Ihrer Nähe; aber, mein lieber Engel, ich gelobe mir, fortan völlig albern und nichtig für alle Welt zu ſein; ich werde mich ſo glücklich fühlen, nur für Sie Geiſt und Herz zu beſitzen und Alles, was ich habe, für Sie aufzubewahren.“ XI. M. M. M. an Vilhem. „Mein theurer Freund, warum ſagten Sie mir nicht, daß Sie verheirathet ſind? Glauben Sie, das betrübe mich? das entzückt mich im Gegentheil. Sie haben über denjenigen Theil von Ihnen verfügt, von dem ich nichts will, und mit dem ich nichts zu ſchaffen habe. Was ich von Ihnen verlange, was ich will, thut Niemand Eintrag und ich behalte es ohne Bedenken. Sie werden ſehen, mein lieber Vilhem, wie ſehr meine Zu⸗ neigung künftighin mehr zärtlich und minder furchtſam ſein wird. Ich hatte noch bange vor Ihnen, obſchon ich die Mu⸗ thige und Entſchloſſene ſpielte. Ich hatte bange, Sie könnten ſich für verbunden halten, mich mit Liebe zu lieben. Sagen wir Alles,— ich befürchtete, am Ende von dem Himmel herabzuſteigen, aus dem ich Sie frommer Weiſe liebe, um Sie wie eine einfache Sterbliche zu lieben. Ich ſagte: vergeſſen Sie, daß ich Weib bin; und ich, ich konnte es nicht vergeſ⸗ ſen; ich fühlte es durch meine Angſt und durch meine unwill⸗ kührliche Zurückhaltung. Heute aber erfahre ich, in welchem Grade wir getrennt ſind, welche unbeſtegbare und ewige Hin⸗ derniſſe ſich zwiſchen uns erheben, und ich kann Sie nach meinem Wohlgefallen lieben, ohne Bangen, ohne Gewiſſensbiſſe. Ich befürchte nicht mehr, auf einem jähen, ſchlüpftigen Abhang zu ſtehen. Ihre Lage bezeichnet mir Grenzen, die ich, wie ich mich kenne, gewiß nicht überſchreiten werde. Ich werde nicht mehr halbe Stunden damit zubringen, daß ich meine Briefe überleſe; 166 die zu wahren Ausdrücke meiner Zärtlichkeit für Sie werden nun ſchwächer, da ich ſicher bin, daß ſie mich nicht fortreißen kann. Wir werden nie von Ihrer Frau ſprechen. Sie werden mich nicht fragen, ob ich verheirathet bin. Hier abermals ein Veilchen, diesmal wird es das letzte ſein; ich habe es dieſen Morgen allein ſtehend unter mit Reif bedeckten und von der Kälte gerunzelten Blättern gefunden; es enthält den letzten Strahl der Sonne, welche kaum die Kraft hat, es zu erſchlieſ⸗ ſen und zu färben. „Es iſt mir ein Gedanke gekommen, ein Gedanke, auf den ich großen Werth lege; vor Allem aber hören Sie mich wohl an, mein Freund; die Offenbarung, daß Sie verheirathet ſind, würde mich, während ſie mich über die zwiſchen uns ge⸗ ſtellten Schranken beruhigt, unerſchütterlich in Beziehung auf Alles machen, was im Geringſten darauf abzielte, mich zu Ueberſchreitung derſelben zu bewegen. Sie werden gehorſam ſein, lieber Vilhem; ich werde nur von Ihnen verlangen, was dazu dienen ſoll, uns das Glück zu erhalten, das wir uns ge⸗ ſchaffen haben. „Meine Idee hat indeſſen weder etwas Tyranniſches, noch etwas Hemmendes: ich ſchicke Ihnen Samen von Blumen, die meinen Garten den ganzen Sommer mit Balſamdüften erfüllten. Sie werden ſie in Ihren Garten ſäen, wenn Sie einen haben, oder auf Ihrer Terraſſe: gemeinſchaftlich athmen wir dann an ſchönen Abenden in demſelben Augenblick dieſelben Wohlgerüche ein. Ich bin feſt überzeugt, Ihre Frau wäre darob nicht eiferſüchtig. Doch es iſt unter uns verabredet, daß wir nie von ihr ſprechen. N 167 „Ich will Ihr Portrait nicht, das gehört ihr. Ich will eben ſo wenig, daß Sie ſich je mir nähern.“ Wir haben hier das Vergnügen, unſern Leſern mitzu⸗ theilen, daß zwei Briefe von unſerer Sammlung glücklicher Weiſe verloren gegangen ſind. Wir ſagen glücklicher Weiſe, weil ſie nur ſehr wenig auf einer Anzahl von Seiten ent⸗ hielten. Roger erſtaunte über die Entdeckung ſeines En⸗ gels, er dankte ihr für ihren Gedanken, ihm Samen zu ſchicken, und belehrte ſie, daß er einen Garten beſitze. Er ſagte ziemlich viel Schlimmes von ſeiner Frau. Der Engel erinnerte ihn an die Ordnung über dieſen Gegenſtand. Sie hatte die Verheirathung von Vilhem nur vermuthet nach einem Satz in ſeinem letzten Brief; er ſelbſt hatte ſich die Mühe gegeben, dieſe Vermuthung in Gewißheit zu verwandeln. Sie forderte von ihm Samenkörner für die, welche ſie ihm geſchickt hatte. Xl. Roger ging eines Morgens mit ſeinem Gewehr auf der Schulter von Hauſe weg, erkletterte den Gipfel des Berges, ſtieg, nachdem er ſich umgeſchaut hatte, ob ihn Niemand ſehe, auf einem andern Weg wieder hinab, und da man die Paſſa⸗ gierglocke läuten hörte, was das letzte Zeichen für die Abfahrt des Schiffes iſt, das von Honfleur nach dem Havre geht, ſo 168 verdoppelte er ſeine Schritte und kam in dem Augenblick an, wo der Patron Befehl gab, die Leiter zurückzuziehen. Im Haore angelangt, frühſtückte er, dann ging er nach der Poſt, um ſelbſt hier einen neuen Brief aufzugeben. Er fühlte ein unüberwindliches Bedürfniß, ſich ihr zu nähern; jede Frau, die er auf ſeinem Weg in der Richtung nach der Briefpoſt gehen ſah, machte, daß ſich ſein Herz unbeſchreiblich zuſammenſchnürte. M. M. M. ſchien im Ernſt zu ſprechen bei den Bedin⸗ gungen, die ſie für den Briefwechſel ſtellte; er hätte ihr Miß⸗ trauen einzuflößen befürchtet, würde er ihr geſtanden haben, er ſei viel weniger fern von ihr, als ſie vermuthete. Er war auch bemüht, hr zu erklären, ſie werde oft auf ſeinen Briefen den Stempel om Habre ſehen, weil er ſie einem Bekannten zuſchicke, der ſie auf die Poſt gebe. Als er aus dem Bureau weggehen wollte, trat eine Dienerin ein, die den Secretaire fragte:„Haben Sie einen Brief?“ und ſie verband mit dieſer Frage einen Ton und eine Miene des Verſtändniſſes, welche bewieſen, daß ſie bekannt waren, und daß man wußte, was fie verlangte. „Einen Brief an die drei M. M. M.?“ erwiederte der Secretaire miteinem einfältigen Lächeln,„hier iſt er.“ Die Dienerin entfernte ſich mit dem Brief. Roger blieb einen Augenblick ganz verwundert, dann ſtürzte er ihr nach; bald hatte er ſie eingeholt, und er folgte ihr bis zu dem Augenblick, wo ſie auf der Höhe von Ingou⸗ ville in ein kleines Haus eintrat, von dem aus man eine be⸗ nunderungswürdige Ausſicht auf das Meer haben mufßte. 169 Er blieb ein paar Schritte von der Thüre ſtehen: ſein Herz ſchlug gewaltig. Dieſe Frau, der Gegenſtand aller ſei⸗ ner Träume, aller ſeiner Gedanken, ſie war hier, er konnte ſie ſehen; die Dicke einer Thüre trennte ſie von ihm. Einen Augenblick hatte er Luſt, raſch einzutreten und ſich ihr zu Füßen zu werfen u. ſ. w. Zwiſchen einem ſolchen Plan und der Ausführung iſt ein wenig Raum.„Und wenn ſie nicht allein iſt, und wenn ſie im erſten Schrecken ſchreit, ruft, und wenn ſie mich nicht mehr ſehen will, weil ich unſere Uebereinkunft gebrochen habe!“ Er näherte ſich ſchüchtern und tauchte durch ein grün angeſtriche⸗ nes hölzernes Gitter ſeine gierigen Blicke in den Garten, der das Haus umgab; einige Rabatten waren mit Veilchen einge⸗ faßt, er erinnerte ſich derjenigen, welche er empfangen hatte; er ſtellte ſich die Unbekannte vor, wie ſie mit ihren zarten, kleinen, durch die Kälte roſenroth gewordenen Fingern die er⸗ ſtarrten, gelbgrünen Blätter auf die Seite ſchob. Die geringſte Einzelheit am Aeußeren dieſes Hauſes intereſfirte ihn derge⸗ ſtalt, daß wir es nicht zu ſagen vermöchten. Er ſuchte aus der Anzahl von Fenſtern zu errathen, wo ihr Zimmer ſein müſſe, und als er einen der Vorhänge bewegen zu ſehen glaubte, konnte er nicht mehr athmen „Dieſe blauen Vorhänge gehören offenbar ihrem Zimmer; dort iſt aber ein anderes Zimmer mit gelben Vorhängen, es iſt nicht wahrſcheinlich, daß dies ihr Salon; wer bewohnt die⸗ ſes Zimmer?“ Bei dieſem Gedanken wurde es ihm ganz kalt ums Herz. 170 XII. Von dieſem Tag an ging Roger jeden Morgen von Hon⸗ ſteur weg, brachte einige Augenblicke vor dem Hauſe in Ingou⸗ ville zu, und kehrte am Abend ſtets mit dem Vorwand einer entfernten Jagd zurück. Marthe hatte ſich daran gewöhnt und merkte nicht im Geringſten darauf; Berenice aber konnte es nicht natürlich finden, daß der Herr wöchentlich hundert Stunden auf der Jagd umherlief, und nie etwas mitbrachte; eines Abends machte Marthe ſelbſt dieſe Bemerkung. Der Briefwechſel dauerte nichtsdeſtoweniger fort und die Unbekannte gab ſich von Tag zu Tag einer ergußreicheren Zärtlichkeit hin. Die Ausflüge von Roger währten ſeit einigen Wochen, als ihm zweierlei einfiel, einmal, daß er ſich nach dem Namen der Hauseigenthümerin von Ingouville erkundigen, ſich einen Empfehlungsbrief für ſie geben laſſen und ſich in das Haus einführen müſſe, ohne ſich M. M. M. zu erkennen zu geben; und dann, daß er von Zeit zu Zeit etwas Wildbret nach Hauſe bringen müſſe. Er ſchrieb daher an Leon, er habe ihm in möglichſt kurzer Friſt einen Brief, gleichviel von wem, an Herrn Aimé Deslandes in Ingoubille zu ſchicken. In Erwartung dieſes Briefs ſchweifte er um das Haus her, ohne je irgend eine andere Perſon zu ſehen, als ein paar Dienſtboten, denen ſein beſtändiges Erſcheinen zu mißfallen an⸗ fing. Er ſah zu ſeinem Kummer, daß der Garten nicht cul⸗ tivirt war, daß das Gras in den Alleen wuchs, und daß man leicht auf ihn die Naivetät einer Frau hätte anwenden können, 171 welche glaubte, die Horticultur ſei nicht Anderes, als die Cultur der Ortien*). Daraus folgerte er, der Engel ſchmücke ſich mit etwas mehr Liebe für die Natur und die Blumen, als er wirklich hege. Er war gegen ſie aufgebracht; das Heucheln guter Eigenſchaften und ſchöner Gefühle iſt ſo häßlich, daß man ſich zuweilen in Ermangelung eines andern Mittels, es zu zerſtören bewogen fühlt, die Vernichtung des Originals zu wünſchen, um zugleich die unerträglichen Copien, die man davon macht, zu vernichten. An dieſem Tag flößte ihm natürlich die böſe Laune, die ihn gegen ſeinen Engel erfaßte, den Gedanken ein, er müſſe ſich ſeine Frau nicht ganz entfremden, und er dürfe keine Vor⸗ ſichtsmaßregeln vernachläßigen, um ſie nicht die alle Tage we⸗ niger platoniſche Untreue ahnen zu laſſen, der er ſich gegen ſie ſchuldig machte. Bei ſeiner Rückkehr nach Honfleur wandte er ſich auch an einen Wildſchützen, den er ein wenig kannte, und bat dieſen, ihm irgend ein Stück Wildbret zu verkaufen. Anfangs etwas verlegen, brachte ihm der Wildſchütze doch bald eine herrliche Wildente, welche Roger ohne zu feilſchen bezahlte und mit einer Miene ſtudirter Gleichgültigkeit auf den Tiſch warf, als Berenice ihm die Thüre öffnete. Am andern Morgen erhielt er von Leon den Brief an Herrn Aimé Deslandes in Ingoubille; man kündigte ihn unter dem Namen Roger an. Er hüpfte vor Freude beim Empfang dieſes Briefes, er konnte den Engel ſtudiren, ohne daß ſie vor *) Neſſeln. ihm auf ſich Obacht geben würde, er würde ſie ſehen, mit ihr ſprechen, ihre Stimme hören, ihre Stimme, welche ſo ſehr den ſüßen Worten fehlte, die ſie ihm ſchrieb. Es war zu ſpät, um ſich noch an dieſem Tag nach dem Havre zu begeben; er entſchloß ſich, den Tag vorübergehen zu laſſen, und beſchleu⸗ nigte jeden von den Akten, die ihn ausfüllten, während er ſich ſonſt durchaus nichts hierum bekümmert hatte. Er ver⸗ langte frühzeitig zu Mittag zu ſpeiſen, weil ihm nach dem Mittagsbrode nichts mehr zu thun blieb, als ſich niederzulegen und bis am andern Tag zu ſchlafen. Gott weiß, was für eine ſpottiſche Miene Berenice hatte, als ſie den Ertrag der Jagd ihres Herrn auftrug, nur ſo viel iſt gewiß, daß ſie länger, als es ihr Dienſt erforderte, im Speiſezimmer verweilte, um ſich an der Wirkung zu ergötzen, welche nothwendig die Schüſſel, die ſie ſervirt hatte, hervor⸗ bringen mußte. Die Wildente war mit Steckrüben zugerichtet, nicht mehr, nicht weniger als die letzte unter den Enten des Ge⸗ flügelhofs. Marthe, eine gute Hauswirthin, verfehlte nicht, dies wahrzunehmen und eine Bemerkung darüber zu machen. „Madame,“ erwiederte Berenice,„der Herr muß in einem Pachthof auf der Jagd geweſen ſein und eine Ente dadurch, daß er ihr den Hals umgedreht, getödtet haben; denn abge⸗ ſehen davon, daß ſie keinen Schrot im Leibe hat, iſt es die am wenigſten wilde Ente, die man ſehen kann, und ich wollte meinen Lohn von einem Jahr wetten, daß ſie noch vorgeſtern in den Pfützen irgend eines Pachthofes plätſcherte.“ 173 Marthe lächelte und ſagte, als ſie die Verlegenheit von Roger bemerkte: „Berenice, Ihr wißt nicht, was Ihr ſprecht.“ „Doch wohl,“ entgegnete Berenice, welche nicht ſah oder ſich ſtellte, als ſähe ſie nicht die Zeichen, die ihr ihre Gebie⸗ terin machte, um fſie ſchweigen zu heißen;„ich habe hunderte von wilden und zahmen zubereitet; dieſe iſt ein wenig zu groß für eine wilde; eine wilde, die ſich auf ihr Handwerk verſteht, hat einen magereren Hals, kleinere Pfoten, ſchwärzere Klauen und beſonders ein dünneres und weicheres Häutchen an den Füßen, als es dieſer Bauer hat. Bei einer ächten Wildente iſt der innere Theil der Pfoten wie Atlaß.“ Roger faßte ſeinen Entſchluß und geſtand treuherzig, er habe die Ente gekauft, und der Wildſchütze habe ihn betrogen. Marthe lächelte Anfangs, dann miſchte ſich etwas Gezwunge⸗ nes in ihr Lächeln; dann ſchien eine unmerkliche Bewegung ihres Geſichts zu ſagen: ich bin im Ganzen mit mir im Rei⸗ nen. Eine Viertelſtunde nachher dachte ſie weder mehr an die erfolgloſen Jagden ihres Mannes, noch an Alles das, was ſie daraus zu ſchließen berechtigt geweſen wäre. Roger hatte ſeinen Groll gegen M. M. M. aus dem Geſicht verloren; er fühlte jeden Augenblick einen Schauer ſeinen ganzen Leib durchlaufen. Dann war er beſorgt über die Wirkung, die er auf ſie hervorbringen würde. Er ſtand mitten in der Nacht auf, um zu ſehen, ob er eine paſſende Weſte habe; er befürchtete, linkiſch, verlegen zu ſein, uud be⸗ reitete ſich auf das vor, was er ſagen wollte.„Im Ganzen wird ſie nicht wiſſen, daß ich es bin,“ dachte er. 174 Bei Tagesanbruch war er auf dem Hafendamim von Hon⸗ fleur und wartete, bis es dem Meer gefiele, genug zu ſteigen, daß man das Paſſagierboot flott machen könnte. Als er im Havre ankam, ließ er ſich friſiren, raſiren; er kaufte funkelneue Handſchuhe; da es aber am Morgen ein wenig geregnet hatte und die Wege kothig waren, ſo bemühte er ſich, einen Wagen zu finden, der ihn nach Ingoubille führen ſollte. Vor der Thüre angelangt, fühlte er, daß er kaum ath⸗ men konnte und daß das erſte Wort, das er ausſprechen wollte, in ſeinem Halſe ſtecken bleiben und ihn unvermeidlich erſticken würde; er fuhr mit der Hand durch ſeine Haare, zog ſeine Halsbinde in die Höhe, verſicherte ſich, ob der Brief in ſeiner Taſche, und läutete. Es verging einige Zeit, ohne daß man antwortete, dann näherten ſich ſchwere, ſchleppende Schritte und ein alter Diener öffnete. „Herr Aimé Deslandes?“ „Er iſt nach Rouen abgereiſt.“ Roger holte Athem und fragte: „Und Madame?“ „Madame iſt mit ihm; ſie werden vierzehn Tage ab⸗ weſend ſein; will der Herr ſeinen Namen hinterlaſſen?“ „Ich werde wieder kommen.“ Und er ſtieg in ſeinen Wagen. Es wäre ihm vielleicht ſchwer geweſen, zu ſagen, ob ihn dieſes Mißgeſchick ſehr ärgere. Am Abend ſprach Marthe zu ihm: „Mein lieber Roger, Sie kommen ſeit einigen Wochen ſehr ſpät nach Hauſe; um weder Sie, noch mich zu geniren⸗ denn häufig kann ich meinen unterbrochenen Schlaf nicht mehr 175 finden, habe ich eine Matratze mehr in das Bett legen laſſen, das in Ihrem Zimmer iſt, und ſie können gewöhnlich dort ſchlafen.“ Roger ſchaute ſeine Frau ſtarr an. Die Phhſiognomie von dieſer war ruhig und natürlich und drückte weder Zorn, noch üble Laune aus; im erſten Augenblick hätte er die Ver⸗ änderung mit dem Bette vielleicht verlangt, da ſie aber von ſeiner Frau kam, ſo erregte dieſe Idee Beſorgniſſe bei ihm und dünkte ihm verdächtig. Um ſich zu beruhigen, las er noch einmal alle Briefe der Unbekannten, welche ſo nahe daran war, dies nicht mehr zu ſein, und als er entſchlief, hatte er völlig Alles vergeſſen, was nicht ſie war. XIII. In dem kleinen Hauſe auf der Küſte von Honfleur waren die Gemüther ſehr erregt; Marthe hatte halb begriffen, daß etwas, was nicht ſie war, ihren Mann gewaltig beſchäftigte. Anfangs betrübte ſie ſich darüber, dann zeigte ſie ein wenig üble Laune, dann wurde ſie traurig, und endlich faßte ſie den Entſchluß, ſich in ihre Haushaltungsſorgen zu verſenken; nur entfernte ſie ſich von ihrem Gatten eben ſo weit, als ſich dieſer von ihr zu entfernen ſchien; ſie fügte ſich in die Vernachläßigung, voraus⸗ geſetzt, daß ſie nicht einer Theilung preisgegeben würde Roger entging es nicht, daß ſich ſeine Frau von ihm entfernte, aber er hatte keine Ahnung, daß dies nur eine Repreſſalie war. Es läßt ſich nicht ſagen, was man an Werth in einem Gut entdeckt, das man verloren hat oder verlieren ſoll. Nur für die Verbannten gibt es ein Vaterland. 176 Roger ſah, daß ihn ſeine Frau nicht aufſuchte, und daß ſie es ſogar zuweilen vermied, mit ihm zuſammen zu ſein; jetzt erſt bemerkte er, was immer beſtanden hatte: daß ſie ſogar in ſeiner Nähe an etwas ganz Anderes dachte. Er glaubte, dieſes ganz Andere könnte wohl ein Jemand ſein; er fühlte, daß etwas Brennendes ſein Herz berührte; er war eiferſüchtig und ging weniger aus; er beſpähte ſeine Frau, er ſprach in ihrer Gegen⸗ wart, wenn von Dingen die Rede war, die gar keine Beziehung hierauf hatten,„von der Verachtung, die der Ehebrecherin zu Theil wird;“ er ſagte wiederholt, wenn er je betrogen würde, ſo wäre ſeine Rache furchtbar. 4 Marthe ſchaute ihn erſtaunt an, und ueß ihn ſprechen. Vilhem an M. M. M. „Seit mehreren Tagen, mein lieber Engel, komme ich nicht dazu, daß ich Ihnen ſchreibe, weil ich unwillkürlich von einem Gedanken in Anſpruch genommen werde, der nicht Sie ſind; da es jedoch ein Kummer iſt, ſo haben Sie das Recht, ihn zu kennen, und ich würde ein Unrecht gegen Sie zu begehen glauben, ſuchte ich nicht bei Ihnen Hülfe und Troſt. Sollten Sie es glauben? ich bin eiferſüchtig und zwar eiferſüchtig ohne Liebe, eiferſüchtig über meine Frau. Schon ſeit ziemlich langer geit iſt ſie nicht mehr dieſelbe, ſie vermeidet mich, ich bin ihr zur Laſt, ſie hat mir nie etwas zu ſagen, und wenn ich mit ihr ſpreche, hört ſie mich an, ohne mich zu begreifen, meine Worte ſind nur ein leerer Schall, der ihre Ohren be⸗ rührt, ohne in ihren Geiſt einzuvringen. Ich habe in ihrem Leben nie eine große Bedeutung gehabt, und heute bin ich gar nichts mehr darin. „Allerdings müßte ich mir zu dieſer Gleichgültigkeit, die mir ſo gut ganz Ihnen zu gehören geſtattet, Glück wünſchen; aber ich bin unruhig, gepeinigt. Für Euch Frauen iſt der Verrath eines Mannes nichts, wenn Ihr ihn nicht liebt; er kann Euren Stolz verwunden, Euch befürchten laſſen, ſeine Untreue rühre von einer Verachtung Eurer Reize her; doch dies dauert nur bis zu dem Augenblick, wo eine andere Huldigung über dieſen Punkt beruhigt. „Aber die Meinung verbindet für uns Schande mit den Fehlern unſerer Frau: wir ſind wie jenes Kind, das man einem jungen Prinzen zum Kameraden gegeben hatte, und das man züchtigte, wenn der Prinz ſeine Lertion nicht wußte. Dabei iſt die Untreue des Mannes ganz äußerlich die der Frau er⸗ füllt das Haus mit Unruhe und Unordnung. „Ich möchte aber doch mit Ihnen über Sie ſprechen; ſeid den paar Augenblicken, in denen ich hier an Sie ſchreibe, finde ich den Gegenſtand, der mich beſchäftigte, ſchon von ge⸗ ringerer Bedeutung. Ah! warum wollen Sie nicht, daß ich Sie ſehe, nichts könnte mich erreichen. Mein Gott! wie viel denke ich an Sie! ſo oft mein Gemüth, ſei es beim Anblick eines ſchönen Schauſpiels der Natur, ſei es durch irgend einen meine Seele erhebenden Gedanken in Bewegung gerräth, ſuche ich Sie an meiner Seite.“ Der Erzähler 1848. W. 12 178 M. M. M. an Vilhem. „Wie viel Mühe geben Sie ſich, lieber Freund, um mir zu ſagen, und zugleich nicht zu ſagen, Sie ſeien eiferſüchtig über ihre Frau; dieſer Umſtand habe ein Feuer wieder ent⸗ zündet, das nur gedämpft war, mit einem Wort, Sie ſeien verliebt, und zwar beklagenswerth verliebt. Glauben Sie, das mache mir Kummer? Wahrhaftig, mein Herr, Sie haben ſehr wenig Verſtand, daß Sie nicht begreifen, was ich Ihnen doch deutlich genug geſagt zu haben glaube. „Ich will von Ihnen nicht das, wovon ſie keinen Ge⸗ brauch machen würde, ſeien Sie ihr Gatte, ſeien Sie ihr Geliebter, ich werde das nicht ſchlimm finden; erzählen Sie mir von Ihrer unglücklichen Liebe für Ihre Frau, und ich werde Sie tröſten, ich werde Ihnen ihren Widerſtand beſiegen helfen; ich werde im Intereſſe Ihres Sieges die Geheimniſſe des Herzens der Frauen verrathen. „Sie lieben ſie: nun, warum ſagen ſie es nicht offen? warum verbergen Sie Ihre Tugenden? die eheliche Liebe iſt eines der ehrwürdigſten Dinge der Welt. Es iſt eine gro⸗ teske Feigheit, die Tugenden zu verleugnen, die man hat, und ſich mit Laſtern zu ſchmücken, die man nicht hat. „Sie treten als Don Juan auf, und können das Muſter der Ehemänner und Familienväter ſein; laſſen Sie ſich doch tugendhaft. Ich werde Ihnen einige Tage nicht ſchreiben, um Sie nicht in Ihren vortrefflichen Gefühlen zu zerſtreuen. „Leben Sie wohl.“ 179 XIV. Roger las dieſen Brief mehrere Male, um ſich die Be⸗ wegung der Ungeduld zu erklären, die er Anfangs bei ihm veranlaßt hatte. Die Unbekannte verbarg ihre üble Laune nur ſchlecht; Roger ſah, daß ſie ihn auf eine viel weniger aus⸗ nahmsweiſe Art liebte, als ſie ihn glauben machen wollte. Er erzürnte ſich gegen die Frauen im Allgemeinen, und fing an die Freundſchaft zu leugnen, worin er uns nicht ganz Un⸗ recht zu haben ſcheint. Die Freundſchaft zwiſchen zwei Perſonen von verſchiedenem Geſchlecht iſt nichts, oder ſie iſt Liebe. Bei einer gewöhnlichen Freundſchaft verſchafft ein Freund ſeinem Freund jedes Glück, das er ihm zu verſchaffen im Stande iſt: er tritt ihm ſeinen Sperrſitz im Theater ab, er leiht ihm ſein Pferd, er ſpielt mit ihm Schach u. ſ. w. Habt Ihr aber eine Frau zur Freundin, die Euch weder einen Sperrſitz abtreten, noch ein Pferd leihen kann, und Ihr ſeid nicht geneigt, Schach zu ſpielen, ſo kann es Euch begegnen, daß Ihr an einem Abend, an beiden Ecken des Kamins, an einem Abend, wie ihn Freunde ſo köſtliche hinbringen, keine Ge⸗ ſchichten mehr zu erzählen habt, und daß von ihrer Seite über alle diejenigen, welche eine Frau erzählt, verfügt worden iſt. Könntet Ihr dann nicht ein Verlangen fühlen, Eure Finger durch die Wellen ihrer langen Haare gleiten zu laſſen, werdet Ihr nicht einer geheimen Anziehungskraft folgen, die ihre Haare an Eure Lippen oder Eure Lippen an ihre Haare führt? Wird 180 es Euch nicht zuweilen Freude machen, dieſe zart ſpitzigen Finger zu betrachten, dieſe kleine weiche Hand in Eurer Hand zu halten? denn die Freundſchaft verhärtet die Hände der Frauen nicht und löſcht das Feuer nicht aus, das ſich ſo raſch mit⸗ theilt, wenn ſich die flachen Hände berühren, ſo raſch, daß die Bruſt eine plötzliche Erſchütterung davon fühlt, daß es iſt, als öffneten ſich die Adern, und daß das Blut des Einen die Adern des Andern anſchwillt und zum Herzen ſteigt. Erzählt Ihr einer Frau, Eurer Freundin, von den Träu⸗ men Eurer Seele, von jener unbeſtimmten Liebe, ähnlich einem furchtſamen Vogel, der zur Stunde, wo der erſte Stern funkelt, über den alten Linden hinflattert, zögert und ſucht, auf welchen Zweig er ſich niederlaſſen ſoll; Sagt Ihr zu ihr:„Die Frau, die ich lieben würde, hätte Augen von jenem wechſelnden Blau, das bald grau, bald grün erſcheint und dem Blick ſo viel Ausdruck verleiht;“ und wenn Ihr ſie anſchaut, findet Ihr in ihrem Blick den mächtigen Ausdruck, von dem Ihr ſprachet.. Was wird dann geſchehen? Ein Freund wird Alles in der Welt thun, um Euch die Frau zu geben, die Ihr liebt. Wird Eure Freundin weniger für Euch thun, wenn ſie es iſt, die Ihr liebt? Wäre Euer Freund eine Frau, ſo wäre er Eure Geliebte. XV. M. M. M. an Vilhem. Ich wollte, Sie hätten meinen Brief nicht erhalten, 3 mein Freund; er hat keinen Sinn oder hat vielmehr einen zu 181 gemeinen Sinn. Wenn ich mich deſſelben erinnere, ſo bin ich überzeugt, Sie haben geglaubt, ich ſei durch Ihr Geſtändniß gereizt; nein, mein Freund, ich bin dankbar dafür; berauben Sie mich nie des Rechts, Sie zu tröſten; Ihr Kummer gehört mir, und bei ihm allein will ich keine Theilung. „Ich werde Sie alſo in Beziehung auf Ihre Frau be⸗ ruhigen, mein Freund. Sie haben mir wenig von ihr ge⸗ ſprochen und hätten vielleicht beſſer daran gethan, gar nicht von ihr zu ſprechen. „Eine vernünftige Frau bleibt vernünftig und zwar einzig und allein, weil ſie es lange geweſen iſt, ich will mich hierüber erklären: „Viel mehr als das Eurige, iſt unſer Leben einer Menge von Convenienzen und Gebräuchen unterworfen, denen wir nicht entgehen können. Unſere Gewohnheiten ſind thranniſch, und wir können ſie weder ändern, noch modifieiren, ohne daß man es wahrnimmt, weil ſie mit allen Einzelnheiten des inneren Hausweſens verbunden ſind. „Eine Frau kann weder früher, noch ſpäter aufſtehen, als gewöhnlich, ohne Alles um ſie her zu verändern; eine ge⸗ wöhnlich offene Thüre kann ſie nicht geſchloſſen halten, ſie kann nicht zu Stunden ausgehen, wo ſie gewöhnlich nicht ausgeht, ohne daß man es bemerkt und etwas daraus folgert. Nehmen Sie an, eine Frau habe über ihre Gewohnheiten in Beziehung auf Tugend und Zurückhaltung geſiegt; ſie habe die Furcht vor der Gefahr und der Verachtung überwunden; ſie wird noch durch eine Menge von kleinen Inconbenienzen, die ihr jeden Augen⸗ blick Hemmniſſe entgegenſtellen, zurückgehalten werden; bei einer 15 andern Frau, die ihr ganzes Leben der Liebesintrigue gewidmet hat, bemerkt man weder eine Stunde, die ſie eingeſchloſſen iſt, noch zwei Stunden, die ſie auswärts zubringt, weil ſie es immer ſo gemacht hat; aber bei der, welche ein ruhiges, ſitzen⸗ des Leben geführt, wird man ſogleich nach der Urſache fragen, die eine Störung in das bringt, was ſie zu ſein und zu thun gewohnt war. Das Uebel kann dann nur außerordentlich langſame Fort⸗ ſchritte machen und oft hat das Drama keine Entwickelung; es gibt auch viel mehr Frauen, als man allgemein annimmt, welche, ich ſage nicht tugendhaft, denn ich lege die Tugend ein wenig in die Intention, nicht untreu ſind. Gott befohlen, mein Freund, es iſt für einen Mann leichter, als man glaubt, eine Frau zu bewahren, und es gibt nicht einen, der nicht, wenig⸗ ſtens zur Hälfte, an dem Uebel, das geſchehen kann, mit⸗ ſchuldig iſt.“ XVI. M. M. M. an Vilhem. „Sie haben mir auf meinen letzten Brief nicht geant⸗ wortet, es hat Sie vielleicht die einfachſte und natürlichſte Ur⸗ ſache daran verhindert, und ich kann nicht umhin, dieſe Un⸗ pünktlichkeit den traurigſten Ereigniſſen zuzuſchreiben. „Hören Sie mich: die Entfernung, in der wir von ein⸗ ander leben, die Hinderniſſe, die uns für immer trennen, geben mir den Muth, Ihnen ein Geſtändniß zu thun. 183 „Ich liebe Sie. Ich liebe Sie mit der ganzen Liebe, die eine Seele faſſen kann. Sie begreifen, daß ich Sie nach dieſem Geſtändniß nie ſehen werde; aber ich dachte, ich bringe ein grauſames, unnöthiges Opfer, wenn ich Ihnen Alles, was in meinem Herzen vorgeht, verberge. Ich dachte ſicher, wie ich bin, meine Liebe nie ſtrafbar zu ſchen, könne ich mich ohne Angſt der Süßigkeit hingeben, mit Ihnen darüber zu ſprechen; ich habe nicht das Recht, ihnen denjenigen von meinen Ge⸗ danken zu verbergen, der auf mein Leben am meiſten Einfluß und Gewalt ausübt. „Ich liebe Sie mit meinem ganzen Schatz von Liebe, den ich, ſeitdem ich exiſtire, aufgehäuft und in meinem Herzen ver⸗ ſchloſſen habe; ich lebe nur durch Sie und für Sie. „Nun werden Sie mich nicht mehr zu ſehen verlangen; ich will meiner Liebe ihre ganze Reinheit und Unſchuld be⸗ wahren, und zu dieſem Ende darf ich Sie nie ſehen. „In des Himmels Namen, Vilhem, ſprechen Sie mir nicht mehr von Ihrer Frau. Ihr unſeliges Geſtändniß hat mich ſo über mich ſelbſt aufgeklärt und nöthigt mich, Ihnen zu bekennen, was ich mir ſelbſt noch nicht bekannt habe; Sie konnen nicht glauben, was für ſchlimme Gedanken mein Herz ſeit einigen Tagen durchzogen haben; ich fühlte eine grauſame Freude über das Unrecht, das Ihre Frau vielleicht an Ihnen beging; ich war glücklich bei dem Gedanken, ſie liebe Sie nicht, ich allein liebe Sie; und zugleich beklagte ich ſie, daß ſie ein Glück mißkenne, das mein Leben ſo gut ausgefüllt hätte; aber wenn ich ſah, wie Sie bedauerten, daß Sie ſich 184 ſo von Ihnen entfernt, wenn ich Ihre Liebe durch die Eifer⸗ ſucht ſah, wie haßte ich ſie dann! „Wiſſen Sie, Vilhem, warum ich Ihnen dies Alles ſage? weil dieſe Gedanken nur mit Hülfe des Dunkels, in das ſie ſich hüllen, in mein Herz gleiten; ich werde ganz laut mit Ihnen denken, und meine ſchlimmen Gedanken werden bei der Geburt verſchwinden, wie gewiſſe Sumpfpflanzen in der Sonnd vertrocknen.“ XVII. Vilhem an M. M. M. „Du liebſt mich alſo endlich, theurer Engel, Du liebſt mich, und meine Seele iſt voll von einer Freude, die ich nie gefühlt, die ich nie geahnet habe. Wie ſüß muß dieſes Wort ſein, wenn Deine Stimme es ausſpricht! Du liebſt mich, und ich liebe Dich auch, ich lebe auch nur für Dich und durch Dich. Doch was für eine Liebe iſt denn dies, die Dir ſo die Herrſchaft über Deinen Willen läßt, und die Grenzen nicht überſchreitet, die Du ihr vorgeſchrieben? „Wie gleichgültig iſt mir nun Alles! wie geringſchäend und unverwundbar würde mich die ganze Welt finden, wenn ſie gegen mich verſchworen wäre! Ah! wie lange haſt Du Deinem Herzen das Wort bewahrt, das mich ſo glücklich machen mußte! „Ich bin nun vor Allem geſchützt. Was iſt mir an dieſer Frau und ihren Handlungen gelegen? Ich gehöre ganz Dir; ſie wird nicht einmal mehr die Macht haben, mich zu 185 ärgern, ich gehöre Dir; ich lebe in der Atmoſphäre, mit der mich Deine Liebe umgibt. Oh! wie gern möchte ich von meinem Leben alle die unnützen Jahre, alle die verlorenen Tage trennen, die ich, ohne Dich zu lieben, ohne von Dir ge⸗ liebt zu werden, zugebracht habe; mein Gott! wie ſcheint mir das Leben ſo kurz, um ſo viel Glückſeligkeit zu entfalten! „Theurer Engel, Ihr Wille allein kann mich abhalten, Alles zu verlaſſen, um zu Ihnen, um dahin zu fliegen, wo meine Seele iſt. Weder Vorurtheile, noch Convenienzen, noch Gefühle, noch Pflichten, nichts würde mich zurückhalten. Ihre Liebe iſt mein einziges Gut, mein einziger Ehrgeiz. Oh! warum verbieten Sie mir, Sie zu ſehen, ein einziges Mal den Ton Ihrer Stimme zu hören? und ich ginge und würde Sie lieben, in der Tiefe der wildeſten Wüſte, ich würde Glück für mein ganzes Leben mit mir nehmen; Sie wiſſen nicht, welche Qual es iſt, mir nie Ihre Züge vorſtellen zu können. „Lieben Sie mich, verlaſſen Sie mich nie: ich konnte leben ohne Sie, ich langweilte mich allein, weil mein Herz leer um den ganzen Platz blieb, der Ihnen gehörte; aber nun fühle ich, daß ich ohne Ihre Liebe nicht leben könnte, W Ihre Liebe iſt mein ganzes Leben geworden.“ XVII. Roger übertrieb die Gemüthsbewegung nicht, der er preis⸗ gegeben war; er dachte immer an ſeine Unbekannte, er konnte Niemand mehr ohne eine ſichtbare üble Laune ſehen; er blieb weniger als je zu Hauſe und fand keinen Theil des Strands 186 um hier ſein Glück, ſeine Wünſche und die Leiden zu verbergen, die ihm in Augenblicken der Entſchluß derjenigen verurſachte, von der fortan ſein Daſein abhing. Die vierzehn Tage, welche die Abweſenheit der Bewohner waren abgelaufen; er wild, öde genug, des Hauſes von Ingouville dauern ſollte, ging nach dem Havre ſo aufgeregt, daß es das am wenigſten ſcharfſichtige Auge bemerkt haben würde.„Ich werde ſie ſehen, ich werde ſie hören,“ ſagte er,„doch ich werde meine Ent⸗ zückungen beherrſchen und ſie wird mich nicht kennen.“ Im Havre angelangt, hatte er den Empfehlungsbrief ver⸗ geſſen: er war wie vernichtet; was ſollte er mit dem langen Tag machen? man konnte erſt am Abend wieder abreiſen. Leander wäre hinübergeſchwommen. Es gab zur Zeit von Leander unternehmendere Liebhaber, als heut zu Tage; vielleicht gab es aber auch an der Stelle, wo Leander hinüberſchwamm, keine Strömungen wie die, welche man vom Habre nach Honfleure trifft. Er kaufte Blumen und ließ ſie nach dem Hauſe in In⸗ gouville bringen. Sicherlich ſchickte er mit dieſen Blumen den beſten Theil ſeiner Seele weg. Am andern Tag kam er mit ſeinem Briefe an. In dem Augenblick, wo er läutete, war es ihm, als müßte das Geräuſch der Klingel das Signal zu irgend einer großen Um⸗ wälzung der Natur ſein; dieſes Geräuſch hatte indeſſen keine andere Wirkung, als daß es denſelben Bedienten, den er ſchon geſehen, herbeizog. „Herr Aimé Deslandes?“ „Er iſt ausgegangen.“ 187 Roger fühlte einen tödtlichen Schauer. Sie ſind alſo zurückgekommen, dachte er. „Und Madame?“ „Madame iſt zu Hauſe.“ „Melden Sie mich.“ „Wollen Sie gefälligſt eintreten.“ Und man führte Roger in das Zimmer, von dem er nur außen die blauen Vorhänge geſehen hatte. Er glaubte in den Himmel einzutreten; ein Wohlgeruch war im Zimmer verbrei⸗ tet, ein unbeſtimmter Wohlgeruch, den man durch kein Wort zu bezeichnen vermöchte, ein Duft, der aus einem ſchönen Mund ausgehaucht zu werden ſcheint. Es war, wie er geah⸗ net hatte, ein Schlafzimmer. „Der Herr wolle einen Augenblick warten.“ Und man ließ ihn allein. Er näherte ſich einem Spie⸗ gel und ſteuerte einer Unordnung, in die ſeine Halsbinde und ſeine Haare gerathen waren. Dann unterſuchte er voll Gierde alle Einzelheiten dieſes für ihn ſo heiligen Zimmers. Die Bettvorhänge waren blau wie die Vorhänge der Fenſter. Eine Echarpe war auf einem Tiſch liegen geblieben, er nahm ſie und drückte ſie an ſeine Lippen. Aber es läßt ſich nicht beſchreiben, mit welchem Entzücken er in einer japaneſiſchen Vaſe den Strauß erkannte, den er am Tage vorher geſchickt hatte. Man hatte ihn vollkommen gepflegt, er ſtand in einem reinen Waſſer, das offenbar am Morgen erneuert wor⸗ den war. Alles um ihn her war von großer Eleganz, obgleich viele Gegenſtände einer früheren Epoche, als das Alter, das eine 188 Frau zugeſtehen kann, anzugehören ſchienen. Beim Kamin ſtand eine Cauſeuſe, auf der eine angefangene Stickerei lag; ſie hatte dieſen Platz erſt vor einigen Augenblicken verlaſſen, er ſetzte ſich darauf. Er glaubte zu träumen; er ſuchte ſie ſich vorzuſtellen: wie wird ſie gekleidet ſein, und ihr Blick und ihre Stimme? Aber wie ſollte er, Roger, ſeine Bewegtheit verber⸗ gen? wie ſollte er ihr nicht ſagen: ich bin es, Vilhem! Es kam ihm vor, als müßte ſie ihn erkennen, wie er ſie unter der Menge erkennen würde. Eine Thüre öffnete ſich, der Vorhang von blauem Tuch, der ſie bedeckte, wurde auf die Seite geſcho⸗ ben, und eine Frau trat ein. Ihr Kleid war von einer jener Farben, die man, indem man ſie dunkle Farben nannte, genug bezeichnet hat: es war lang und beinahe ſchleppend... XIX. „Ah! mein Herr,“ iſt der Leſer hier zu ſagen berechtigt, „Sie übertreiben es mit der Beſchreibung und erlauben ſich, eine zu geben, die ſo lächerlich und ſo ſehr nicht am Platze iſt, wie ich es noch nie gefunden habe.“ Ach! mein Herr, die Frau in dem erwähnten Kleid war eine Greiſin von fünf und fünfzig Jahren mit einem Haar⸗ tour von Seide und mit Schminke auf den Wangen. Roger blieb einige Augenblicke ganz betäubt. So lange die Thüre nicht hinter der eintretenden Perſon geſchloſſen war, erwartete er, eine andere folgen zu ſehen. Dann ſuchte er auf dieſem alten Geſicht die Spuren der Schönheit, die er ſich ein⸗ 189 gebildet hatte. Doch er mußte ſprechen, und ſo fragte er nach Herrn Deslandes.„Er iſt abweſend.“„Dann thut es mir unendlich leid, daß ich Sie geſtört habe.“ Er verbeugte ſich und ging ab, nachdem er noch einen Blick auf Madame Des⸗ landes geworfen. Er verließ das Haus, ohne zu wiſſen, wohin er gehen ſollte; er hatte keine Intereſſe mehr für irgend Etwas; er hatte keinen Grund, eher an einem Ort zu ſein, als an dem andern; da ſeine Illuſion verſchwunden, ſo kam es ihm vor, als wäre ſein Lehen ein kreisförmiger Weg geworden, der zu nichts führt. Am Abend kehrte er, von der tiefſten Entmuthigung be⸗ fallen, nach Hauſe zurück; er hörte nicht, was man ihm ſagte, oder antwortete kaum; es war nicht mehr Zerſtreutheit, ſon⸗ dern Nievergeſchlagenheit; er ſah ſo unglücklich aus, daß ſeine Frau Mitleid mit ihm hatte und ihn fragte, ob er krank ſei; auf ſeine verneinende Antwort fragte ſie ihn, ob er betrübt ſei. Dieſe Theilnahme, welche von den Leiden des Körpers zu denen des Herzens überging, war einmal eine Pflicht und dann ein liebevolles Gefühl. Roger warf ſich Alles vor, was er von ſeinem Leben dieſem armen Geſchöpf der alten Frau zu Liebe entzogen hatte, deren MWhſtification ihn ſo elend machte. Er blieb länger als gewöhnlich im Zimmer ſeiner Frau, und als ſie ihm eine angezündete Kerze gah und„Gute Nacht“ zu ihm ſagte, zögerte er einen Augenblick; doch eine Weigerung hätte ihn ſo ſehr verletzt, daß er ſich derſelben nicht ausſetzen wollte. Am andern Tag ging er nicht aus; er beſchäftigte ſich mit einigen Arbeiten im Garten, ſtellte die Meubles im Zim⸗ 190 mer anders und unterſuchte den Zuſtand ſeines Schlafrocks; mit einem Wort, es war leicht zu bemerken, daß ihn ſeine Gedanken nicht mehr nach Außen fortzogen. In Augenblicken hielt er jedoch das, was er in Ingou⸗ ville geſehen, für einen Traum; das Gedächtniß zeichnete ihm wohl wieder das alte Geſicht vor, aber es war ihm, als er⸗ blickte er hinter demſelben zugleich ein anderes Geſicht, das Geſicht ſeiner Unbekannten friſch und lächelnd. XX. M. M. M. an Vilhem. „Was iſt denn mit Ihnen vorgegangen, mein Freund, daß ich keine Briefe mehr von Ihnen erhalte, keine Briefe, während ſie mir doch ſo koſtbar und theuer find? haben Sie mich vergeſſen oder ſind Sie krank? Ich kann nicht glauben, daß Sie traurig oder unglücklich ſind, Sie hätten mir geſchrie⸗ ben, Sie hätten Ihren Kummer meinem Herzen anvertraut; das iſt die einzige Untreue, die ich Ihnen nie vergeben würde. Ich hoffe übrigens, duß eine entfernte Jagd, irgend ein Ver⸗ gnügen Sie mir entzieht. Geſtern habe ich etwas von Ihnen wieder geleſen; ein Satz fiel mir auf:„„Ein Leben ohne Liebe iſt eine Wieſe ohne Blume, es iſt eine Blume ohne Glanz und Wohlgeruch.““ „Das iſt ſehr wahr, mein Freund; wenn ich mich erin⸗ nere, wie mein Daſein beſchaffen war, ehe ich Sie kannte, ſo 191 begreife ich nicht, wie ich ein ſo drückendes Leben, dem es an jedem Intereſſe gebrach, ertragen konnte. Ich bin glücklich, lieber Vilhem, ſehr glücklich. Ihre Liebe gewährt mir einen ſo ſchönen Theil im Leben, daß mich ein Mitleid für Alles, was mich umgibt, erfaßt; das macht mich gut und nachſichtig gegen Jedermann: ich habe ſo viel Glück für mich allein, daß ich einen Theil davon entwendet zu haben glaube, und daß ich es ſogar Gott verbergen möchte, um nicht Neid zu er⸗ regen. „Warum kann ich Ihr Daſein nicht erfüllen, wie Sie das meinige erfüllen! wie müßten Sie mich lieben, wenn Sie ſo glücklich wären, wie ich! ſicherlich hätten Sie es nicht ſo lange unterlaſſen, mir zu ſchreiben. Ihr Stillſchweigen beun⸗ ruhigt mich und ſtört das ſtille Glück, das Sie mir geſchenkt haben. Ich wage es weder mich ſelbſt, noch Sie von dieſem Glück zu unkerhalten: meine Eitelkeit könnte das Schickſal är⸗ gern und es veranlaſſen, mir traurige Sühnungen aufzuerlegen.“ XXI. M. M. M. an Vilhem. „Abermals ſind vier Tage ohne einen Brief von Ihnen abgelaufen. In des Himmels Namen, Vilhem, ſpielen Sie nicht ſo mit dem wahrſten Gefühl. Seit vier Tagen bezahle ich mein ſo flüchtiges Glück mit der ſchrecklichſten Unruhe und der unerträglichſten Angſt. Seit vier Tagen ſierbe ich vor Kummer und Schmerz. Ach! ich halte inne mit meinen Vor⸗ würfen; wer weiß, was für traurige Umſtände vielleicht uns trennen! Ein Gedanke kommt mir alle Augenblicke wieder und macht mir einen eiſigen Schauer, ein Gedanke, den ich nicht zulaſſen mag, den ich jeden Tag verwerfe, ein Gedanke, der mir im Traum während meines Schlafes wiederkehrt.. Oh! nein, nein, man ſtirbt nicht, wenn man ſo geliebt wird. „Und dann, welcher unvorhergeſehene Unfall hätte Sie treffen können? Sie ſind jung, geſund, nein, das iſt unmög⸗ lich!... Aber dann haben Sie mich alſo vergeſſen?.. Oh! ich, ehe ich Sie vergäße, ehe ich Sie ohne Kunde ließe, wäre todt. Dann aber wäre meine Seele bei Ihnen.“ XXII. Vilhem an M. M. M. „Es gibt alſo keine Shmpathie, und das, was man dar⸗ über ſagt, iſt nur eine elende Erfindung von Romanſchreibern! Sie haben mich alſo nicht erkannt? Madame, ich bin zehn Minuten in demſelben Zimmer mit Ihnen geweſen, und weil ich Ihnen meinen Nnmen nicht ſagte, wußten Sie nicht, daß ich es war.“ XXIII. M. M. M. an Vilhem. „Sie ſind alſo nicht todt! jetzt erſt wage ich es, dieſen furchtbaren Gedanken ins Auge zu faſſen, und er erſchreckt mich weniger, als ich geglaubt hätte, ſo ſehr fühlte ich, daß ich an 193 Ihrem Tod geſtorben wäre. Meine Schrecken, meine ſchlaf⸗ loſen Nächte dienten mir alſo dazu, daß Sie mich tiefer fühlen ließen, in welchem Grade ich Sie liebe; aber was ſagen Sie mir denn in dieſem Brief, deſſen Kälte ich erſt wahrnahm, nachdem ich mich über ſeinen Empfang und bei Erkennung Ihrer Handſchrift gefreut hatte? Was ſagen Sie mir?„„Ich habe Sie nicht erkannt, ich habe zehn Minuten mit Ihnen zu⸗ gebracht u. ſ. w.““ „Was bedeutet dieſe Tollheit? Seit ſehr langer Zeit habe ich kein fremdes Geſicht mehr geſehen, und hätte ich Sie mitten unter einer Menge von Menſchen geſehen, ſo würde ich geſagt haben: Er iſt es. Doch ich bitte, erklären Sie mir geſchwinde dieſes unbegreifliche Geheimniß. „Setzen Sie mich nicht mehr ſolchen Qualen aus, ich habe über alle Begriffe gelitten. Verſprechen Sie mir, mein lieber Freund, mich nie mehr ſo zu verlaſſen. Sagen Sie mir die Urſachen Ihres Vergeſſens. Wie viel Dinge müſſen Sie mir zu erzählen haben. Während dieſer ganzen Zeit habe ich nichts Anderes gethan, als in Verzweiflung gewartet, Ihre Briefe wieder geleſen und geweint.“ XXIV. Vilhem an M. M. M. „Sprechen wir im Ernſte, Madame, ich weiß Alles, es iſt nicht mehr Zeit, den Scherz weiter auszuſpinnen. Ich weiß Alles, damit ſage ich Ihnen, glaube ich, genug.“ Der Erzähler 1848. 1v. 13 XXV. M. M. M. an Vilhem. „Sie wiſſen Alles. Dann wiſſen Sie, daß ich Sie liebe, Sie wiſſen, daß ich mir den Kopf zerbreche, um zu erfahren, was vorgefallen iſt, ohne etwas errathen zu können; Sie wiſſen, daß mein armes Herz ſehr angegriffen und ſehr traurig iſt, wenn ich Sie ſo ungerecht und ſo undankbar ſehe. „Ich ſuche; hören Sie, was in mir vorgeht, ich verberge Ihnen nichts, ich habe keinen Gedanken, der nicht für Sie iſt, oder der nicht vielmehr Sie find; könnte Jemand ein Unrecht an mir finden, ſo ſind Sie es nicht, Sie, dem ich mein ganzes Leben gegeben habe, es wären eher diejenigen, für welche ich, um Ihnen Alles zu geben, nichts von meiner Zuneigung und Theilnahme behielt. „Sie wiſſen Alles. Dann wiſſen Sie auch, daß Sie mich vor Kummer und Ungeduld ſterben machen; Sie wiſſen auch, daß meine Augen von den Thränen verſengt ſind, die ich Ihretwegen vergießen muß.“ XXVI. Vilhem an M. M. M. „Ich, Madame, war es, der ſich bei Ihnen vor vierzehn Tagen nach Herrn Deslandes erkundigte; ich, der nur ſtummelnd mit Ihnen ſprechen konnte und fich beeilte, von Ihrer Gegen⸗ 195 wart wegzukommen(nachdem Sie mir geſagt hatten, Ihr Gatte ſei abweſend). Ich konnte dem Bedürfniß, Sie zu ſehen, nicht länger widerſtehen und fand mich unter einem nichtigen Vorwand bei Ihnen ein, ohne mich zu erkennen zu geben. „Wollten Sie wohl die Güte haben, mir zu ſagen, was der Zweck des Scherzes war, zu deſſen Opfer Sie mich ge⸗ macht, und aus welchem Grunde Sie mir bei Ausführung dieſes Scherzes den Vorzug gegeben haben?“ XXVII. M. M. M. an Vilhem. „Welch ein Glück, lieber Vilhem, und wie lachte ich über die Veranlaſſung Ihres ernſten Grolls! Das iſt wohlge⸗ than, mein Herr, und ich bin entzückt über das, was ge⸗ ſchehen: das wird Sie meine Befehle verachten lehren! „Mein Gott! wie gehöre ich Ihnen, wie laſſen Sie mich in wenigen Augenblicken von der bitterſten Traurigkeit zu der tollſten Freude übergehen; aber ich muß Sie im Ernſte aus⸗ ſchelten. Ich will Sie nicht ſehen; nur der Umſtand, daß es für uns unmöglich iſt, uns zu begegnen, gibt mir den Muth, Sie zu lieben und Ihnen zu ſagen, daß ich Sie liebe; ver⸗ derben Sie mein Glück nicht durch ähnliche Beängſligungen. Ich hatte Sie doch nicht getäuſcht, ich hatte Ihnen geſagt: Ich wohne nicht im Havre; wahrſcheinlich, indem Sie täuſchten, haben Sie mißtrauiſch ſein gelernt. Sie glaubten, ich hinter⸗ gehe Sie, Sie glaubten mich in Ingouville gefunden zu haben. 196 Sie fanden dort eine alte Frau, wähnten, dieſe alte Frau ſei ich, und meinten, Sie werden von einer alten Frau geliebt. „Nein, mein Herr, nein, ich hatte Sie nicht hintergangen; ich bin jung und ziemlich hübſch; die Frau, die Sie geſehen, iſt eine Freundin meiner Mutter, welche Ihre Briefe auf der Poſt abholen und dann mir zukommen läßt, ohne nur entfernt zu vermuthen, was ſie enthalten. Nein, nein, ich hätte Sie nicht geſehen, ohne Sie zu erkennen, davon bin ich feſt über⸗ zeugt. „Aber Sie, Sie glaubten, ich ſei es! in Ihren Augen war ich vierzehn Tage lang, bin ich noch in dem Augenblick, wo ich dieſes ſchreibe, die liebe arme Madame Deslandes, die lange, vürre Frau mit ihren geſchminkten Backen und falſchen Haaren. Wie werden Sie das wieder gut machen? „Ernſtlich geſprochen, lieber Vilhem, ſuchen Sie mich nicht mehr zu ſehen; Sie würden mich betrüben und mir meine ganze Sicherheit rauben. Aber an welchem Tag waren Sie denn ſo nahe bei mir?“ „N. S. Ich ſchicke Ihnen von meinen Haaren, um meine Jugend und ihre Aechtheit nachzuweiſen.“ XXVIII. Roger ſchämte ſich ein wenig wegen ſeines Quiproquo, aber er war ſehr glücklich, daß er dieſe Liebe, wie er ſich ein⸗ gebildet, nicht verloren hatte, dieſe Liebe, ohne die er nicht wußte, was er mit jedem von ſeinen Tagen machen ſollte; er ſchützte eine Geſchäftsreiſe nach dem Habre vor, und fügte dieſer Lüge 197 die wahrhafte Erzählung von ſeinem Zuſammentreffen im Poſt⸗ bureau mit dem Bedienten bei, der ſeinen Brief gebracht hatte. Der Freund Moreau kam in Honfleur in dem Augenblick an, wo man es am wenigſten erwartete; er wollte einige Tage mit Roger zubringen und zu ſeiner Zerſtreuung das wilde Geſtade des Oceans betrachten. Die auf ſeine Ankunft folgende Nacht wurde von Roger und Moreau zu gegenſeitigen Geſtändniſſen verwendet. Wie es unter zwei Freunden, die ſich nichts verbergen, gebräuchlich iſt, ſagte Roger nicht ein Wort von ſeinem Brief⸗ wechſel mit ſeiner ſchönen Unbekannten und Moreau erzählte von ſeinen Liebſchaften mit Frauen, die er nie geſehen. Mo⸗ reau war ein Lovelace, der eine lange Liſte von Opfern hatte: im Uebrigen wurde er nicht müde in ſeiner Begeiſterung für die Natur; er wollte athmen und Paris, dieſe Stadt des Geräuſches, des Koths und des Rauchs, auf einige Zeit vergeſſen. Am andern Tag erwachte er erſt um eilf Uhr; er früh⸗ ſtückte und machte dann eine Partie Billard mit Roger. „Ah!“ ſagte er,„hier iſt das Collier, das Du von mir verlangt haſt.“ Und er zog aus ſeiner Taſche ein kleines Etui. Roger hieß ihn durch ein Zeichen ſchweigen, nahm das Etui und ſagte: „Beſonders vor meiner Frau ſprich nicht davon.“ „Wie? ich glaubte, es wäre für ſie?“ „Gleichviel, ſprich nicht davon.“ 198 „Ah! ich begreife, Du willſt ihr eine Ueberraſchung be⸗ reiten.“ „Das Collier iſt nicht für ſie.“ „Ah! Roger, die Perlen würden ihr zum Entzücken ſtehen.“ Am zweiten Tag regnete es vom Morgen an. Roger, der um Studien zu machen, wie es es ſich für einen reiſen⸗ den Maler aus Liebhaberei geziemt, ſeine Farbenſchachtel mit⸗ genommen hatte, zeichnete von vorn, vom Profil und zu drei Vierteln die im Hofe ſtehende Berline, in der er ge⸗ kommen war. Am dritten Tage hatte der Regen, der am Tage vorher gefallen war, die Wege unbrauchbar gemacht; er ſpielte mit Roger Piquet, Roger, der nie Karten ſpielte, verſank in einen tiefen Schlaf. Am vierten Tag war Marthe unpäßlich; Moreau, der Roger nicht hatte auf die Jagd begleiten wollen, ſpeiſte allein zu Mittag, und brachte den Abend damit hin, daß er mit Be⸗ renice Karten ſpielte. Am fünften Tag erinnerte er ſich, daß er Briefe im Habre abzugeben hatte, und am ſechsten machte Roger mit ihm die Fahrt von Honfleur und kam allein zurück. XXIX. Vilhem an M. M. M. „Theurer Engel, ich ſchicke Ihnen ein Collier von Perlen, das Sie aus Liebe für mich tragen müſſen. Ich danke Ihnen 199 für den koſtbaren Schatz, mit dem Sie mich bereichert haben. Fühlten Sie nichts von den Küſſen, mit denen ich Ihre Haare bedeckte? In dem Papier, deſſen Sie ſich bedienen, um mir zu ſchreiben, iſt ein ſo ſüßer Geruch, daß er Ihnen zu ent⸗ ſtrömen ſcheint. Dieſer Geruch erlaubt mir, beſtändig bei Ihnen zu ſein. Mitten unter dem Aerger, den mir die Leute verurſachen, die ich zu ſehen genöthigt bin, drücke ich Ihren letzten in meinen Händen verborgenen Brief an meine Lippen und berauſche mich in ſeinem himmliſchen Wohlgeruch. Für mich verknüpft ſich mit den Farben, mit den Gerüchen eine Menge von geheimnißvollen Gedanken, die ich durchaus nicht zu definiren vermöchte, oder deren Definition mir in den Augen vieler Leute ganz das Anſehen eines Träumers mit hohlem Gehirn oder voll phantaſtiſcher Bilder geben würde. Ich habe Ihnen geſagt: ich ſchreibe nicht mehr für die Oeffentlichkeit; in einer Schublade habe ich ein paar ziemlich ſchlecht gereimte Verſe und einige Zeilen Proſa gefunden, die nur diejenigen verſtehen werden, welche die Natur mit einem tiefen Farbenge⸗ fühl begabt hat, diejenigen, welche nicht allein mit den Ohren, ſondern auch durch das Herz und die Einbildungskraft be⸗ greifen, diejenigen, mit welchen die Farben und die Wohlge⸗ rüche in einer geheimnißbollen und poetiſchen Sprache ſprechen. „Ich erlaſſe Ihnen die Verſe, Sie werden die Proſa aus⸗ halten. „Die Farben haben einen ſo großen Einfluß auf den Geiſt, daß man eine Farbe nur eine Zeit lang anzuſchauen braucht, um ſich zu einer Ideenordnung hinreißen zu laſſen, 200 die ganz von der verſchieden iſt, in welcher man ſich zuvor befand. „Die Farben find die Mufik der Augen: ſie combiniren ſich wie Noten, es gibt ſieben Farben, wie es in der Mufik ſieben Noten gibt, es gibt Nuancen, wie es halbe Noten gibt. „Die Muſik fängt da an, wo die Poeſie endigt. Es finden ſich Gedanken, deren Anfang geſprochen wird, während ſie nur in der Muſik endigen können, wenn ſie nicht ins Pa⸗ thos verfallen ſollen; gewiſſe Farbenharmonien bringen Wir⸗ kungen hervor, welche die Muſik nicht erreichen kann. Die Glasſcheiben der gothiſchen Kirchen und die ſeraphiſchen Töne der Orgel machen einen völlig analogen Eindruck; der Weih⸗ rauch vervollſtändigt die Harmonie. „Die Natur hat Harmonien, welche die ſchönſte Muſik kalt machen, weil ihre Harmonien aus dem beſtehen, was alle Sinne berührt. „Während unſer Ohr wonniglich geliebkoſt wird durch das Rauſchen jdes Windes in den Blättern und durch das Gemurmel des Baches unter den blühenden Veilchen, durch den Geſang des Vogels zwiſchen den Zweigen und das Ge⸗ ſumme der Biene um die Lilien, wird unſer Auge gefeſſelt von der Smaragdfarbe des Laubwerks, von den amethyſt⸗ blauen Veilchen, von der topasgeflügelten Biene. Und wir ath⸗ men auch den Duft der Blätter und den der Blüthen ein. Alle unſere Sinne werden zugleich ergriffen, genom⸗ men, berauſcht.“ 2 Von dem Allem begriff unſere unieunn nicht ein Wort. Sie erwiederte, das ſei ſehr hübſch. 201 XXX. M. M. M. an Vilhem. „Das ſchöne Collier, das Sie mir geſchickt haben, mein Freund, macht mich ſehr glücklich; da ich gewohnt bin, oben geſchloſſene Kleider zu tragen, ſo iſt es mir vergönnt, es ſtets bei mir zu haben, ohne daß man es bemerkt. Nun, da ich Ihnen gedankt habe, muß ich Sie ſchmälen. „Der Himmel hatte mir eine herrliche Gelegenheit ge⸗ geben, Sie nach meinem Wohlgefallen, ohne Gefahr, ohne Skrupel zu lieben; ich hätte dieſe Gelegenheit benützen, mich für alt gelten laſſen, Sie meinen Sohn nennen, und nur eine be⸗ ſchützende, mütterliche Zuneigung zeigen müſſen. Ich hätte die ſeltſame Unruhe vermieden, die mir das verurſachte, was Sie boshafter Weiſe von den Küſſen ſagten, die Sie, ich weiß nicht warum, meinen Haaren gegeben. Ach! ja, ich habe ſie gefühlt und bin noch ganz traurig und beſchämt. Mein Gott! warum lieben Sie mich auf dieſe Art? das dient nur dazu, mein Herz zu be⸗ drücken und mich mit tauſend beunruhigenden Sorgen zu er⸗ füllen. Sehen Sie, wie toll ich bin und wie Unrecht Sie haben, daß Sie mir ſolche ausſchweifende Dinge ſagen! Geſtern um Mitternacht dachte ich an Sie; nun wohl! ich bin feſt überzeugt, daß Sie meine Haare geküßt haben, ich fühlte davon einen zugleich entzückenden und ſchmerzlichen Ausdruck, und dies Alles endigte mit Thränen; denn ich ſehe meine Liebe heute weniger unſchuldig, als ich ſie Anfangs geſehen habe. 202 „Ich habe es Ihnen nie geſagt, doch Sie wiſſen wohl, Sie haben gut errathen, daß ich verheirathet bin. Vilhem! Vilhem! ich war ohne Gewiſſensbiſſe bis zu dem Augenblick, wo ich das unſelige Geſchenk erhielt. Ich will nicht gegen meinen Gatten ſchuldig ſein; er iſt gut, es iſt ſein Wille, mich glücklich zu machen. „Sie ſind alſo nach dem Habre gekommen. Sie haben das Meer geſehen, das ich beinahe jeden Tag betrachte; Ihr Gemüth mußte auf dieſelbe Weiſe bewegt ſein, wie das meinige; an dieſem Tag, Vilhem, waren wir nicht getrennt. Ach! Sie ſind nur zu nahe bei mir, daß Sie mich ſo gänz⸗ lich umkehren. Ich bitte Sie, ſchreiben Sie mir nicht ſolche Dinge; ſtören Sie nicht ein Glück, das ich ſo vollſtändig genieße. „Warum bin ich denn heute ſo traurig, indem ich Ihnen ſchreibe? und warum hat dieſe Traurigkeit ſo viel Reiz für mich? Oft, wenn ich das Meer und den Himmel betrachte, folge ich mit den Augen einer Wolke, die nach der Seine und nach Paris geht, und denke, dieſe Wolke werde über Ihrem Haupte hinziehen. Bin ich ganz allein, ſo übergebe ich Worte dem Wind, um ſie Ihnen zu bringen, wenn er zu Ihnen hinweht, und kommt er von Ihrer Seite, ſo iſt es mir, als hätte er in ſeinem Hauche etwas von Ihrer Stimme.“ 203 XXXI. M. M. M. an Vilhem. „ „Wir ſind zwei Wahnfinnige, ich beſonders, die ich glaubte, dieſe Liebe wäre eine Zerſtreuung in meinem Leben, ſie iſt mein ganzes Leben geworden: aber, mein Freund, haben Sie Mitleid mit mir, Ihre Briefe thun mir zu wehe. „Ein periodiſches Blatt, das ein Zufall in meine Hände fallen ließ, denn ich leſe nie ſolche, belehrt mich, daß man im Havre ein Stück von Ihnen geben wird, das vor einigen Jahren in Paris aufgeführt worden iſt; ich werde der Vor⸗ ſtellung beiwohnen; wie wonniglich wird mein Herz bei Ihrem Triumphe ſchlagen, wie ſtolz und glücklich werde ich mich fühlen! Vilhem, Sie werden im Theater ſein, wir werden uns nicht ſehen, aber wir werden wi en, daß wir in dem⸗ ſelben geſchloſſenen Raume ſind, und das Beifallklatſchen muß Ihr Herz bei dem Gedanken erwärmen, daß ich es höre, und an dieſem Tag werden Sie den Ruhm lieben.“ XXXII. Roger fühlte ſich bei dieſer Kunde tief bewegt. Alles, was ſeit langer Zeit in ihm todt war, erwachte wieder; die ganze Nacht marterte es ihn, daß er nicht wußte, welches das von den Schauſpielern gewählte Stück war:„Wenn es nur mein beſtes iſt, wenn das launenhafte Publicum nur 204 nicht anderer Anſicht über das wird, was es ſchon beklatſcht hat!“ Am andern Morgen lief er nach dem Havre, das Stück, das man geben ſollte, war das, welches am meiſten Beifall gefunden hatte. Als er ſich aber erinnerte, daß einige Verſe ſchwach, andere abſcheulich waren, da ſagte er:„Ah! wenn ich damals von ihr geliebt worden wäre!“ In Augenblicken ſchien es Roger, als würde der Tag der Vorſtellung nie kommen; dann hätte er ihn wieder gern auf unbeſtimmte Zeit verſchoben; an einem Tag wollte er eine Rolle ändern, an einem andern einen Act auslaſſen. Er gelobte ſich übrigens, ſich den Tod zu geben, würde das Stück nicht mit ſtürmiſchem Beifall überſchüttet, und wenn er, um ſich zu beruhigen, der Triumphe gedachte, die ihm bei ſeiner Aufführung in Paris zu Theil geworden waren, ſo ſondirte er die tiefſten Schlupfwinkel ſeines Gedächtniſſes und ſeines Gewiſſens, um Alles aufzuzählen, was zum günſtigen Erfolg des Drama, abgeſehen von ſeinem inneren Verdienſt, beigetragen: die Freunde, die er im Saale hatte, die ge⸗ ſchenkten Billets, das Spiel dieſes oder jenes Künſtlers, das Geſicht von dieſer oder jener Schauſpielerin, das Bein von einer andern, deren Rock ſehr kurz war. Einmal ſtand er mitten in der Nacht auf und wartete, im Zimmer auf⸗ und abgehend, bis der Tag erſchien; dann begab er ſich in aller Haſt nach dem Havre; er hatte einen Halbvers, der nur ein Flickwort im Stück bildete, in ein Hemiſtichium voll Kraft und Geiſt verwandelt; der Schau⸗ ſpieler aber bemerkte ihm, dieſer unſcheinbare Halbvers diene 205 ihm dazu, ein Tempo zu nehmen, und er werde ſich deſſelben nur bei der äußerſten Nothwendigkeit berauben. Er ſprach nicht mehr, er aß nicht mehr. Drei Tage vor der Vorſtellung hielt er es endlich für klug, ſeiner Un⸗ bekannten folgenden Brief zu ſchreiben. XXXIII. Vilhem an M. M. M. „Was bedeutet der Beifall der Menge, theurer Engel, und welchen Reiz kann er für Sie haben? Was beweiſt er? wie iſt ein Publicum zuſammengeſetzt, und wenn es ver⸗ ſammelt iſt, wie bildet es ſein Urtheil? Horaz, ein großer Dichter, hat geſagt:„„Gemeinen Pöbel haſſe ich, fern ſei er mir!““ Wie kann in der That ein Dichter zu Beurtheilung ſeiner göttlichen Sprache die irdiſchſten und proſaiſchſten Men⸗ ſchen aufrufen? „In einem Theater ſind wenigſtens dreißig Schuſter und eben ſo viele Schneider, einige Bedienten und dreihundert Handelsleute. Nie würde es unſerem Schuſter oder unſerem Handelsmann, gleichviel in welcher Waare, einfallen, einen einzigen von unſeren Verſen zu leſen, noch weniger ſeine Meinung zu befragen, noch weniger, dieſe in der geringfügigſten Sache zu befolgen! „Wenn nun alle dieſe Leute verſammelt find, fallen wir vor ihnen auf die Knie, wir erwarten mit einer Todesangſt, was ſie über unſer Werk entſcheiden werden. 206 „Wie viele Succeſſe rühren ſo von Mängeln, von der Gemeinheit der Situationen und der Sprache her! wie viele Durchfälle haben Schönheiten erſten Rangs, edle Kühnheiten, Gedanken, denen der Geiſt der Zuhörer nicht zu folgen ver⸗ mochte, zur Urſache! Und wie viele Leute gehen auch ins Theater, um Alles ſchlecht zu finden; wie Viele zählen nicht für ihren Scharfſinn am Abend nur auf die Fehler des Autors! „Warum, mein Engel, haben Sie ſich nicht mit dem Leſen meiner Bücher begnügt? Die Bücher ſind ein Bekenntniß, das Theater iſt eine ſcandalöſe, unzüchtige Enthüllung. Als ich meine Bücher ſchrieb, hatte ich Sie errathen, Ihnen er⸗ zählte ich meine Freuden und meine Schmerzen und die ge⸗ heimſten Bewegungen meiner Seele; arbeitet man aber für das Theater, ſo darf man das Publicum nicht aus dem Auge verlieren; man iſt befangen in Hinſicht auf ſein Lachen oder ſeinen Beifall; man würde ſich wohl hüten, ſein Herz vor einer Menge zu entblößen; es gibt ſo zarte, ſo züchtige Gefühle, daß ſie vor Kälte oder Scham ſterben, ſobald ſie nicht aus dem Herzen nur herauskommen, um unmittelbar in ein anderes Herz einzugehen; das iſt eine Illuſion, zu der man ſich leicht verleiten läßt, wenn man ein Buch macht. Und Sie ſelbſt, wenn in dieſem Drama ein aus meinem Herzen hervorgegangener Gedanke in das Ihrige übergeht, wird es Ihnen nicht ſchmerzlich ſein, wenn Sie dieſe Menge mit Ihnen von dem bewegt ſehen, was Sie bewegt hat? wären wir vernünftig, ſo gingen wir, weder das Eine, noch das Andere zu der Vorſtellung.“ 207 XXXIV. M. M. M. an Vilhem. „Laſſen Sie mich doch ſtolz auf Sie und Ihren Triumph ſein, lieber Vilhem; laſſen Sie mich doch dieſe Menge Ihnen als ihrem König durch den Verſtand und das Genie huldigen ſehen; laſſen Sie mich den berauſchenden Lärmen des Beifalls hören, der etwas Wahres haben muß, da er auf eine zugleich ſo ſüße und ſo ſchmerzliche Weiſe das Herz zuſammenſchnürt; geſtatten Sie doch, daß ich mich mit Ihnen auf Ihren Thron ſetze und einen Augenblick meinen blonden Kopf unter Ihren Lorbeerkranz ſtecke. Ich werde zu der Aufführung gehen, und Sie ſollen auch dort ſein. Das iſt der einzige Wille, der Ihnen von mir auferlegt worden iſt, von mir, die ich be⸗ rechtigt wäre, einige Launen zu haben.“ XXXV. Roger ſpielte den des Beifalls, den er zu erhalten nicht ſicher war, Ueberdrüſſigen; er konnte ſich kein größeres Glück vorſtellen, als ſeinen Namen vor der Geliebten beklatſchen zu hören, aber er wagte es nicht, den Gedanken an eine Niederlage ins Auge zu faſſen, und er wich mit ſeiner ganzen Macht vor einer ſolchen Prüfung zurück. Der für die Vorſtellung bezeichnete Tag kam. Selbſt der Anſchlagzettel beunruhigte Roger einigermaßen; ſein in ſehr 208 dicken Vuchſtaben gedruckter Name konnte als ein Merkmal übermäßiger Eitelkeit erſcheinen und das Publicum mißſtim⸗ men; der Preis der Plätze war erhöht; das mufßte natürlich die Zuſchauer minder nachſichtig machen; er wußte, daß ſich die erſte jugendliche Liebhaberin zwei Tage vorher mit dem Liebhaber entzweit hatte, und es war ſomit Grund vorhanden, zu glauben, dieſes Zerwürfniß werde eine beklagenswerthe Kälte in ihr Spiel bringen. Vom Morgen an litt es ihn nicht mehr auf einer Stelle; die Ungeduld und das Fieber verliehen ſeinen Bewegungen etwas Kurzes, Abgeſtoßenes. Er gab ſich Mühe mit ſeiner Toilette: die Unbekannte konnte ihn errathen, Jemand von ihrer Geſellſchaft konnte den Autor des Stückes erkennen und ihr bezeichnen. Er brauchte lange, um ſich zu entſchließen, ob er eine weiße oder eine ſchwarze Halsbinde anziehen ſollte; dann, als er ſich für die ſchwarze Halsbinde entſchieden hatte, fand er, die ſchönſte ſei nicht geſäumt; er rief Berenice, um dieſe Unterlaſſung gut zu machen; eben mit dem Bügeln der Manchetten von Madame beſchäftigt, empfing dieſe den Auf⸗ trag ohne das geringſte Wohlwollen. Er kam alſo auf den Gedanken der weißen Halsbinde zurück. Marthe ließ beim Frühſtück auf ſich warten; Roger war darüber ſehr böſer Laune; es kam ihm vor, als ginge an dieſem Tag Alles ſchlecht; er aß wenig und zerarbeitete noch in ſeinem Geiſt die Parallele zwiſchen der weißen und der ſchwarzen Halsbinde, wobei er der ſchwarzen Halsbinde ganz entſchieden den Vorzug gab, einen Vorzug, der ſeinen 209 Urſprung in den Hinderniſſen, die ſich der Wahl dieſer Binde entgegenſtellten, und in der Ueberzeugung hatte, die ſich in ihm gebildet, es gehe an dieſem Tag Alles ſchlecht. Er dachte, viele Leute haben die Manie, unſern Charakter, unſere Tugenden, unſere Fehler„unſere Eigenſchaften nach der Art, wie wir uns kleiden, oder nach irgend einem an und für ſich unbedeutenden Umſtand zu beurtheilen, ohne daß dieſe gelehrten Philoſophen bedenken, was ſie für eine Wahl, für einen Geſchmack oder einen Vorzug halten, ſei häufig nur von Dürftigkeit; wir haben den farbenſinnigſten Mann der Welt, einen Mann, der die Farben, die man ohne Harmonie zu⸗ ſammenbrachte, ächzen und ſtöhnen zu hören behauptete, ſich in ganz Paris in haſelnußfarbigen Beinkleidern, einem blauen Frack mit meſſingenen Knöpfen und einer grünen Weſte zeigen ſehen. Ach! es war uns gegönnt, mit Allem vertraut zu werden, was dieſer bizarre Anzug an Elend verbarg; wir wurden unterrichtet von dem Wunſche, eine Partie haſelnuß⸗ farbiges Tuch abzuſetzen, der ſich eines Schneiders bemächtigte, welcher Credit gab; wir erfuhren, wie ein blauer Frack, gemacht für einen Kunden, der ihn nicht nach ſeinem Geſchmack fand, von dem Schneider als gut und elegant genug für den Künſtler erachtet wurde, der, wenn er durch die Straßen wandelte und in ein Haus mit einem vielleicht übertriebenen Bewußt⸗ ſein von der Lächerlichkeit ſeines Anzugs eintrat, leiſer als irgend Jemand wegging und keine Meinung für ſich zu haben wagte. Marthe ſprach zuerſt und ſagte:„Es iſt heute ſchones Wetter.“ Der Erzähler 1848. 1v. 14 210 Roger erſchrak über dieſen Eingang: es war dabei vielleicht eine Abſicht, welche bald zum Vorſchein kommen ſollte, die Abſicht, einen Spaziergang zu verlangen. Er glaubte antworten zu müſſen:„Hm! hm!“ „Herr,“ erwiederte Berenice auf dieſe über die Sicher⸗ heit des Wetters klar ausgedrückte Meinung,„wir haben vollen Oſtwind, das Wetter iſt für den ganzen Tag ſicher.“ „Berenice,“ entgegnete Roger,„ehe Sie ſich ſo zum Kalender erheben, würden Sie beſſer daran thun, mein Brod röſten zu laſſen.“ Berenice ging hinaus. Roger kannte ganz genau die verſchiedenen Fehler, die ſie hatte. Marthe brachte das Geſpräch wieder auf das Wetter und ſagte: „Die See iſt ruhig und glatt wie ein Spiegel.“ „Man kann ſich nicht darauf verlaſſen,“ ſprach Roger; „was auch Berenice ſagen mag, der Wind wechſelt von Oſt auf Süd und ſogar auf Süd⸗Weſt.“ Und während er dieſe Worte ſprach, befiel ihn eine furchtbare Angſt; es kam ihm vor, als ſähe er einen Sturm, tauſendmal ſchrecklicher, als ihn der beharrlichſte und heftigſte Südweſtwind herbeiführen kann, auf ſich einbrechen. Marthe hatte ſeit langer Zeit ihre Familie nicht mehr beſucht; er ſah, daß nichts einzuwenden war, wenn ſie den Wunſch, das zu thun, ausſprach, und in der Luft war nicht einmal ein Wind, um die Blätter zu bewegen, welche in den Alleen im Garten zerſtreut umherlagen. Er kam dem gefährlichen Vor⸗ ſchlag zuvor. N 211 „Deſto beſſer,“ ſagte er,„Ihre Schweſter wird Sie wahrſcheinlich heute beſuchen, und ſie wird ſchönes Wetter bei der Fahrt vom Habre haben.“ „Aber, Roger,“ entgegnete Marthe,„woher nehmen Sie denn den Gedanken, meine Schweſter werde heute zu mir kommen? ſie iſt im Gegentheil unpäßlich und bittet mich, ſie zu beſuchen.“ „Ich glaubte es, liebe Marthe, und glaubte es ſo gewiß, daß ich den Nachbar und ſeine Frau eingeladen habe, den Abend bei Ihnen zuzubringen.“ „Welche ſeltſame Sorgſamkeit für die Verwendung mei⸗ ner Abende hat Sie plötzlich ergriffen, und hätten Sie mich nicht ein wenig über die Vergnügungen, die Sie mir bereiten wollen, um Rath fragen müſſen?“ „Ich bin vielleicht ein wenig unvorſichtig geweſen; aber man kann nicht eine Unhöflichkeit gegen ſie begehen, ohne Ge⸗ fahr zu laufen, ſie zu unverſöhnlichen Feinden zu machen. Man wird ſie empfangen müſſen.“ Marthe antwortete nichts auf dieſe Einſchärfung, nicht als hätte ſie ſich derſelben unterwerfen wollen, ſondern ſie be⸗ durfte der tiefſten Sammlung des Geiſtes, um auf Wittel zu ſinnen, wie ſie ſich derſelben entziehen könnte. Roger ging auch nicht weiter, weil er ebenfalls auf ein Mittel ſann, die nur in ſeinem Kopfe beſtehende Einladung wahr zu machen. Beide trennten ſich in einem Zuſtand offen⸗ barer Feindſeligkeit und bereit, den Kampf zu beginnen. Roger lief zum Nachbar. Er fand ihn mit ſeiner Frau; dieſe Frau war jung ge⸗ 212 nug, um die Eiferſucht ihres alten Mannes zu erregen; ſie hatte übrigens vier Jahre früher einen ziemlich ſcandalöſen Liebeshandel mit einem Douane⸗Lieutenant gehabt. „Mein Nachbar,“ ſagte er zu ihm,„ich komme, um Sie ganz ohne alle Umſtände einzuladen, wie man es bei einem nachſichtigen und geiſtreichen Mann Ihrer Art thun kann. Meine Frau erwartete ihre Schweſter, welche unpäßlich iſt; ſie hat mich ſchon vor einigen Tagen beauftragt, Sie zu bitten, heute den Thee bei ihr zu nehmen, und ich komme erſt heute. Sie würde mir nicht vergeben, daß ich ihren Auf⸗ trag ſo ſchlecht beſorgt habe. Sie müſſen alſo heute Abend erſcheinen und ſie glauben laſſen, ich habe Sie ihrem⸗ Willen ſchon vor einigen Tagen eingeladen.“ Als Roger wegging, begegnete er Berenice, im Auftrage ihrer Gebieterin kam; er wünſchte ſich Glück zu der raſchen Ausführung und kehrte nach Hauſe zurück, um Marthe zu bewegen, ihm ſeine ſchwarze Halsbinde zu ſäumen. Folgendes war der Brief, den Marthe hinterliſtiger Weiſe an die Nachbarin geſchrieben hatte: „Meine Nachbarin, ich hoffe, Sie haben nicht vergeſſen, daß ich Sie dieſen Abend erwarte; ich bin um ſo mehr ent⸗ zückt, Sie zu ſehen, als dies ein Vergnügen iſt, das Sie mir nicht oft verſchaffen; wir werden einige Perſonen haben, und ich rechne auf Ihre Erſcheinung und Ihren Geiſt, um ihnen den Abend angenehm zu machen; der Lieutenant von der Douane muß uns neue Romanzen ſingen, die er von Paris erhalten hat.“ Hierauf antwortete die Nachbarin, wie Marthe erwartete: 213 „Ich verſprach mir das größte Vergnügen von Ihrer liebenswürdigen Einladung, aber eine von den Migränen, die Sie bei mir kennen, hat mich befallen und quält mich derge⸗ ſtalt, daß ich mich bezwingen muß, um nicht zu ſchreien. So⸗ bald es meine ſchlechte Geſundheit geſtattet, werde ich zu Ihnen kommen, un mich zu entſchuldigen und Ihnen zu danken.“ Wuche zeigte dieſen Brief Roger, als er, ſeine binde in der Hand, vor ſie trat. „Nun,“ ſagte ſie,„die ſchlechte Laune der Muchburin wird mich nicht untröſtlich machen, denn ich glaube nicht an dir Migräne. Ich werde meine Schweſter beſuchen, denn ich bin überzeugt, daß ſie mehr krank iſt, als ſie ſagt.“ „Ich nehme mir die Freiheit, einer der Ihrigen ganz entgegengeſetzten Meinung zu ſein, liebe Marthe; ich kenne Ihre Schweſter hinreichend, um zu glauben, daß ſie eher ge⸗ neigt iſt, ihr Leiden zu übertreiben, als es zu verkleinern. Sie werden wohl ſo gut ſein,“ fuhr er fort, indem er ihr ſeine Halsbinde reichte. „Sie täuſchen ſich über meine Schweſter,“ ſagte ſie,„oder Sie haben vielmehr große Luſt, mich zu ärgern; bin ich in tödtlicher Unruhe über eine Perſon, die ich liebe, ſo fällt es Ihnen ein, Schlimmes von ihr zu ſagen.“ „Meine liebe Marthe, es iſt nicht wahrſcheinlich, daß ſich die Gefahr ſeit zehn Minuten vermehrt hat, und Ihre Unruhe ſcheint keine andere Urſache zu haben, als den Widerſpruch; vielleicht könnte ich denſelben Grund für die ungewöhnliche Eraltation Ihrer Liebe für Ihre Schweſter finden.“ „Es iſt leichter,“ erwiederte Marthe mit verdrießlichem 214 Tone,„es iſt leichter, die guten Gefühle zu leugnen, als ſie zu haben.“ „Nichts veranlaßt ſo ſehr, ſie zu leugnen, als wenn man damit unnöthig Parade machen ſieht,“ entgegnete Roger nicht minder ärgerlich;„ich möchte, daß man alle Tugenden unter⸗ drücken könnte, wenn dies das einzige Mittel iſt, die Affectativn derſelben zu unterdrücken.“ „Arme Schweſter,“ ſeufzte Marthe. „Armer Roger,“ ſagte Roger in ſeinem Innern. 36 werde meine Schweſter beſuchen“, ſprach Marthe. „Das iſt unmöglich, ich kann Sie nicht begleiten, ich habe in Honfleur eine Zuſammenkunft in Geſchäften.“ „Berenice wird mit mir gehen.“ „Nein, ich wäre unruhig, wenn Sie die Fahrt ohne mich machten; und es iſt mir heute unmöglich, nach dem Havre zu gehen.“ In dieſem Augenblick trat Berenice ein und ſprach: „Herr, der Kapitän läßt Ihnen melden, die Abfahrt finde um fünf Uhr ſtatt.“ „Und warum läßt Ihnen der Kapitän die Stunde der Abfahrt melden?“ fragte Marthe. „Der Herr hat ihm vor zwei Stunden geſagt, er werde dieſen Abend nach dem Havre gehen,“ antwortete Berenice. „Was ſagten Sie mir denn?“ ſprach Marthe,„es wäre Ihnen unmöglich, nach dem Habre zu gehen, während es nur Ihr Gedanke iſt, ohne mich zu gehen... Roger, Roger!“ „Ich habe Ihnen geſagt, ich gehe nicht nach dem Havre, weil ich anderen Sinnes geworden bin; ich bleibe in Honfleur.“ 215 „Bleiben Sie zu Hauſe?“ „Nein, ich habe, wie geſagt, ein Geſchäſt in Honfleur.“ „Nun! ich werde hier bleiben.“ „Es macht mir Freude, Sie vernünftig zu ſehen, liebe Marthe“ „Sagen Sie gehorſam.“ „Sie müſſen mir wohl meine Halsbinde ſäumen.“ „Gern.“ Und die zwei Ehegatten hatten auf dem Geſicht eine Miene unbeſchreiblichen Triumphes: ſie hintergingen ſich Beide. Roger kleidete ſich langſam an, Marthe ſäumte die Hals⸗ binde, trennte dann den Saum wieder und machte ihn auf's Neue. Man hörte das Läuten der Schiffsglocke; das iſt das letzte Signal, dasjenige, welches der Abfahrt nur einige Mi⸗ nuten vorangeht. Roger fühlte ſein Leben in ſeiner Bruſt ſtocken. Marthe ſchaute ihn an er heuchelte völlige Gleichgültigkeit. Er mußte nach dem Havre, und ſollte er dahin ſchwim⸗ men. Für ſtark organiſirte Menſchen gibt es eine gewiſſe Sicherheit bei den Dingen, welche ſein müſſen; die Hin⸗ deruiſſe machen, daß ſie dieſelben für ſchwieriger, aber nicht für unmöglich halten. Die Glocke hatte zu tönen aufgehort. Das Schiff war abgefahren. Roger verlangte nach Berenice, Berenice war aus⸗ gegangen, um einen Befehl ihrer Gebieterin zu vollziehen. Roger küßte ſeine Frau auf die Stirne, während er ſie gern erſtickt hätte, und ging ruhigen, langſamen Schrittes 216 weg; er wußte wohl, daß er nach dem Havre gehen wollte, wußte aber durchaus nicht, wie er dahin gebracht werden ſollte. Er wandte ſich, ohne ſich Rechenſchaft zu geben, warum, nach dem Platz, wo das Schiff nicht mehr war. Doch wer weiß, vielleicht hatte den Kapitän der Schlag getroffen? ein Leck hatte ſich gebildet und die Abfahrt verhindert? Alle dieſe Hoffnungen verſchwanden alsbald: der Platz des Schiffes war leer. Roger blieb wie vernichtet; er konnte ſich aus ſeiner Erſtarrung nur emporraffen, indem er ſich ſagte:„Es muß ſein; ich muß nach dem Havre kommen; es muß ſein.“ Er war wüthend über Berenice. Einen Augenblick hatte er Luſt, ſie ins Waſſer zu werfen. Plötzlich erkannte er einen Schiffer, einen Schwärzer, wie es nur einen geben konnte.„Gerettet,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„gerettet; ich gehe nach dem Havre.“ „He! Meiſter Guillaume!“ „Was gibt es?“ „Willſt Du einen Louisd'or verdienen?“ „Nichts kann mir lieber ſein, wenn nicht etwa, zwei zu verdienen.“ „Nun wohl! ſo führe mich nach dem Havre.“ „Ganz unmöglich, mein Schiff iſt gemiethet.“ „Wohin fährſt Du?“ „Nach dem Havre.“ „Nun!“ 2 „Aber das Schiff iſt gemiethet, und die Perſon will allein ſein.“ „Wie viel gibt ſie Dir?“ „Einen Louisd'or.“ „Ich gebe Dir zwei.“ „Sie gibt mir drei.“ „Woher weißt Du das?“ „Sie iſt bei mir.“ Roger ſah in der That eine andere Perſon im Schatten. „Wohl, vier.“ „Nicht für zehn, ich habe es verſprochen.“ „Meiſter Guillaume, Du thuſt mir einen großen Dienſt.“ „Unmöglich.“ Die zweite Perſon entfernte ſich. Roger blieb vernichtet; ſeine letzte Hoffnung war ver⸗ ſchwunden, er ſagte nur noch leiſe zu ſich ſelbſt:„Es muß ſein.“ Meiſter Guillaume kam auf ihn zu: „Wir ſind allein Ich nehme Sie mit.“ „Ah! Meiſter Guillaume, Du ſollſt die vier Louisd'or bekommen.“ „Ich bekomme ſieben.“ „Teufel!“ „Die vier, die Sie mir bieten, und die drei, um die ich zugeſagt habe. Man will allein ſein, ſehr gut, das heißt, man will nicht geſehen ſein; ich bringe Sie in den untern Raum, Sie ſteigen zuerſt ein und zuletzt aus. Sie werden Niemand 218 „Das iſt geiſtreich.“ „Beeilen Sie ſich, man kommt.“ Man vernahm wirklich einige Tritte. Roger hatte nur noch Zeit, ſich in einen Winkel des Schiffes zu kauern. Zwei Perſonen ſtiegen beinahe zu gleicher Zeit mit ihm ein. Meiſter Guillaume rief ſeinen Gehülfen, man ſpannte die Segel aus und fuhr ab. Roger war um eine ungeheure Laſt erleichtert; er dachte an ſeine Unbekannte. Am andern Ende des Schiffes ſprachen die zwei Per⸗ ſonen, welche nach ihm eingeſtiegen waren, leiſe mit einander. Die eine ſagte zur andern, als eine Welle dem Schiff einen Stoß gab: „Ah! Berenice, ich habe ſehr bange.“ Sobald man in das Baſſin eingefahren war, bot Roger ſeiner Frau die Hand zum Ausſteigen; Marthe war Anfangs beſtürzt, als ſie ihn erkannte; aber der Gedanke, die Dunkel⸗ heit erlaube nicht, ihren Schrecken wahrzunehmen, beruhigte ſie wieder. „Mein Herr,“ ſagte ſie,„Sie erwarteten nicht, mich hier zu ſehen?“ „Madame,“ erwiederte Roger,„Sie wußten nicht, daß Sie mich zum Reiſegefährten hatten.“ „Ich bitte um Entſchuldigung, gerade, um Ihnen zu folgen, habe ich mich auf den Weg begeben.“ „Ich muß Ihnen daſſelbe Geſtändniß machen, Madame; 219 es war mir nicht unangenehm, das Ziel und die Gründe Ihrer nächtlichen Expedition kennen zu lernen; ich laſſe mich durch dieſen Vorwand nicht bethören.“ „Ich auch nicht; Sie machen mir einen Streit, um den zu vermeiden, den ich Ihnen zu machen berechtigt wäre. Was argwohnten Sie, daß ich beabſichtige?“ Roger antwortete hierauf nicht, er bot ſeiner Frau den Arm und fragte: „Wohin ſoll ich Sie führen?“ „Wohin Sie wollen, ich habe nun kein Ziel mehr. Zu meiner Schweſter, wenn es Ihnen genehm iſt.“ „Sehr gern.“ Man begab ſich auf den Weg, Berenice folgte einige Schritte hinter dem Ehepaar. Niemand ſprach. Marthe war nicht ganz feſt überzeugt, daß ſich ihr Mann eingeſchifft hatte, um ihr zu folgen; ſie dachte eher an eine Untreue, was ihr ſchon wiederholt in den Sinn gekommen war, ohne daß ſie ſich deshalb beunruhigt hatte. Roger war ärgerlich darüber, daß er in ſeinen Plänen durch das unvermuthete Begegnen ſeiner Frau gehemmt wurde; was ihn aber am meiſten beſchäftigte, war der Keim ſchlecht unterdrückter Eiferſucht, der, befruchtet durch den ſehr natür⸗ lichen Verdacht, den ihm das ſeltſame Benehmen ſeiner Frau einflößte, wieder in ihm rege wurde; vergebens ſagte er ſich, ſeine Hauptaufgabe ſei, für dieſen Tag ins Theater zu gehen und dort ſeine Unbekannte zu treffen; das Unrecht ſeiner Frau müſſe ihn ganz und gar der ſo ſanften, ſo liebevollen, ſo er⸗ gebenen M. M. M. überliefern; doch er konnte del Eindruck 220 von Zorn und bitterer Freude, daß er das Verbrechen beinahe entdeckt, nicht von ſich abſchütteln. Man kam zu der Schweſter von Marthe. Roger erwie⸗ derte auf eine unfreundliche Weiſe den vortrefflichen Empfang, der ihm wie gewöhnlich zu Theil wurde; Alles, was Marthe umgab, Alles, was ihr Zuneigung bezeigte, kam ihm wie ihr Schuldgenoſſe vor; er glaubte zwiſchen beiden Schweſtern Blicke des Einverſtändniſſes zu ſehen, Blicke, welche von Seiten der Schweſter nur nach der Urſache oder dem Vorwand der ſchlech⸗ ten Laune von Roger fragten. Marthe machte ein Zeichen, daß ſie es nicht wiſſe. Man ſetzte ſich; die Schweſter hatte Mühe, das Geſpräch zu unterhalten; Roger antwortete nur halb; die Unruhe der beiden Ehegatten fand ein neues Motiv, als ſie ſich bei Licht ſahen, denn Beide waren geputzt; ihr Anzug ſtrafte die Fabel Lügen, die ſie erſonnen hatten. Roger behielt ſeinen Hut in der Hand, und ſuchte eine Gelegenheit, um wegzugehen; aber die Schweſter von Marthe, die ſich darein fügte, daß ſie allein ſprach, hatte eine Geſchichte angefangen, und es war nicht möglich, vor dem Ende wegzu⸗ gehen, ohne ſich einer unberzeihlichen Grobheit ſchuldig zu ma⸗ chen. Es gibt Leute, die nur Komma in ihren Reden haben. Marthe entriß ihren Mann der Verlegenheit. „Verzeih, liebe Schweſter, wenn ich Dich unterbreche, aber ſiehſt Du nicht, daß Roger vor Verlangen, uns zu verlaſſen, brennt, und daß ſein Geiſt ſchon fern von hier iſt? wenn Dir viel an Deiner Geſchichte gelegen iſt, ſo kannſt Du ſie ganz an einem andern Tag erzählen; ich erkläre Dir, daß er nicht 221 ein Wort dabon gehört hat... Gehen Sie, Roger,“ fügte ſie bei;„Ihre Aufregung iſt ermüdend anzuſchauen; gehen Sie dahin, wo Sie erwartet werden.“ „Keines Wegs,“ erwiederte Roger;„Niemand erwartet mich irgendwo.“ „Dann wären Sie ein ſehr liebenswürdiger Mann, wenn Sie uns ins Theater führen würden.“ Roger faltete die Stirne. „Welche Laune! man gibt nur altes Zeug.“ „Nein, man gibt ein neues Stück, und die ganze Stadt wird dabei ſein.“ „Sind Sie verrückt, Marthe, daß Sie in dieſer Jahres⸗ zeit Ihre kranke Schweſter ins Theater führen wollen?“ „Sie wird ſich warm einhüllen.“ Die Worte: die ganze Stadt wird dabei i hatten Roger beben gemacht. Die ganze Stadt, und ſie auch! Alle Bewegungen der Furcht und der Hoffnung erwachten; ſein eiferſüchtiger Verdacht verſchwand, oder erſchien nur, um zu dem Gedanken: ſie wird mich tröſten, Anlaß zu geben. „Ich weiß wohl,“ ſagte er,„daß es Ihnen nicht an guten Gründen fehlen wird, um das zu thun, was Ihnen be⸗ liebt, was auch daraus entſtehen mag; ich aber habe einen Grund, nicht ins Theater zu gehen, bei dem ich keine Ein⸗ wendung für möglich halte. Da ich meine Reiſe nach dem Hayre nicht vorherſah, ſo ſchrieb ich an Moreau, eine Un⸗ päßlichkeit halte mich in Honfleur zurück; Sie ſehen, daß ich mich nicht der Unannehmlichkeit, ihn im Theater zu treffen, ausſetzen kann.“ 222 Als Roger die Worte ſprach:„da ich meine Reiſe nach dem Havre nicht vorherſah,“ ſchaute ihn ſeine Frau an, und er wurde ein wenig unruhig, aber ſie bemerkte es nicht, oder ſtellte ſich wenigſtens, als bemerkte ſie es nicht. „Wie es Ihnen beliebt,“ ſagte ſie;„machen Sie uns aber dann den Abend nicht durch Ihr verdrießliches Geſicht traurig; Herr Moreau könnte auch eben ſo wohl meine Schweſter beſuchen.“ „Ich ſage ebenfalls, wie es Ihnen beliebt.“ Er küßte ſeiner Schwägerin die Hand und ſtellte ſich, als habe er durchaus keine Eile wegzukommen; er ordnete ſeine Halsbinde vor einem Spiegel, zog langſam ſeine Handſchuhe an, bürſtete ſeinen Hut mit ſeinem Aermel und öffnete die Thüre mit der gleichgültigſten Miene; ſobald er aber die Thüre zugemacht hatte, konnte Marthe kaum das Fenſter aufmachen und er war ſchon auf der Straße. „Ah!“ ſagte Marthe,„er bringt die Zeit wieder ein, die er durch uns verloren hat.“ An der Biegung der Straße ſtieß Roger an einen Mann, und dieſer Mann war Leon Moreau. „Ich glaubte, Du würdeſt nicht kommen, und weiſe Be⸗ trachtungen haben Dich für Deine antipoetiſchen Entſchlüſſe die Aufregung und den Beifall dieſes Abends befürchten laſſen.“ „Ich mußte meine Frau zu ihrer Schweſter führen.“ „Und warum nicht in's Theater?“ „Sie ſoll nicht wiſſen, was ich gemacht habe, ehe ich ſie geheirathet.“ 223 „Die Verſchiedenheit der Namen würde genügen, um ſie in ihrer Unwiſſenheit zu laſſen.“ „Nein, ich will allein ſein, ich kann nicht dafür ſet daß ich nicht ein wenig aufgeregt werde.“ Roger ſchaute Moreau an; der Eifer von dieſem traf ſeltſam mit dem zuſammen, was Unerklärliches in der Hand⸗ lungsweiſe von Marthe war; doch er verwarf dieſen Verdacht bald wieder. Moreau war nur einige Augenblicke in Honfleur geblieben und Beide hatten die völligſte Gleichgültigkeit für einander gezeigt. „Laß uns in ein Kaffeehaus gehen,“ ſagte Moreau. „Das Stück wird ſogleich anfangen.“ „Nein, das erſte iſt kaum zu Ende. Wir bleiben nur einen Augenblick, ich habe eine Revanche im Domino auf fünf⸗ zig Points zu geben.“ „Deshalb biſt Du an das Ufer des Meeres gekommen?“ Sie traten in das Kaffeehaus ein: das Kaffeehausleben entſprach durchaus nicht den Sitten von Roger; um ſich Haltung zu geben, nahm er eine Zeitung, die er mit den Augen durch⸗ lief, ohne daß die Worte ſeinem Geiſt den geringſten Sinn boten. Aber er erblickte die Ankündigung des Schauſpiels den Titel ſeines Stückes. Die Partie war beendigt, Moreau hatte jedoch Punſch verloren, den man trank. Man bot ihm ein Glas, er dankte und ſtellte es auf den Tiſch. „Wie! Du trinkſt nicht?“ „Nein.“ „Warum nicht?“ 224 „Ich habe keine Luſt; doch ich will lieber trinken, als ſtreiten.“ „Laß uns gehen.“ Und man wandte ſich nach dem Theater. Der ganze Saal war gefüllt; die zwei Freunde irrten in den Gängen umher, ohne irgend wo hineinſchlüpfen zu können endlich, als die Oubertüre begann, ſchob man ſie in eine Loge, wo ein Platz für alle Beide übrig war. Roger athmete nicht mehr. Die Ouvertüre wurde ſchlecht ausgeführt, der Charakter entſprach nicht dem Charakter ſeines Werkes. Der Vorhang ging auf. Es entſtand ein gewal⸗ tiger Lärm von Leuten, welche Stille! riefen. Zwei Schauſpieler traten auf die Scene, doch es war unmöglich, ihre erſten Worte zu hören. Als ſich der Tumult gelegt hatte, fingen ſie wieder an. Man hörte ſtillſchweigend. Die Schau⸗ ſpielerin war nicht hübſch. Roger behauptete in ſeinem Innern, eine Schauſpielerin ſei nicht berechtigt, nicht hübſch zu ſein. Ueberdies war ſie nicht gut gekleidet, ihre Toilette gab ihr Aehnlichkeit mit einer Krämersfrau im Sonntagsſtaat; ſie hatte die Färbung zierlicher Diſtinetion, die der Dichter der Perſon verliehen, nicht aufzufaſſen gewußt, und der Schau⸗ ſpieler, wie traurig verſtand er die Kunſt, ein geiſtreiches Wort hervorzuheben, wie ſteif, wie anmaßend, wie manierirt war er, wie viel weniger intereſſirte er ſich für das Stück, als für den Succeß, den ſeine Halsbinde haben würde, eine Halsbinde, mit der er doch nicht geſpielt hatte! Wie wandte er ſeine Augen nach der Vorbühne(mit jener Eingenommenheit, die jedem Schauſpieler bis in das 225 Spital folgt) plötzlich in ſein ſchönes Ausſehen verliebt, ladet ihn eine vornehme Dame zu einem Abendbrod ein, bei dem ſie ihm geſteht, ſie habe ihn eine unwiderſtehliche Herrſchaft über ſich gewinnen laſſen. Und das Gold, die Juwelen, die reichſten Coſtumes regnen dann auf den beglückten Künſtler; er kommt nur noch in einer Caleche ins Theater; denn bei den Fortſchritten der Eiviliſation heirathet ihn die vornehme Dame vielleicht. Wie oft hat dieſe Hoffnung auf einer neuen Weſte be⸗ ruht, wie oft auf einer neuen Perrücke! Der erſte Akt endigte unter dem Geräuſch von einigem Bei⸗ fallklatſchen. Moreau ſagte leiſe zu Roger: „Das geht gut.“ Zwei Frauen, welche vorne in der Loge ſaßen, wen⸗ deten ſich um: Marthe und ihre Schweſter. Marthe wechſelte die Farbe. Roger neigte ſich zu ihr und ſagte leiſe, aber mit ſchar⸗ fem Tone: „Sie hätten bei Ihrer Schweſter bleiben müſſen.“ „Und Sie hätten müſſen das Theater vermeiden.“ Roger verließ ungeſtüm die Loge: er durchlief das ganze Theater, ohne daß es ihm gelang, den kleinſten Platz zu fin⸗ den, und ſo war er genöthigt, zurückzukehren. Man begann den zweiten Akt, er flüchtete ſich in den Geiſt der Unbekannten, er ſchaute die blonden Frauen, die in der Normandie nicht ſelten ſind, aufmerkſam prüfend an; einmal ſchien ihm ein Geſicht vollkommen auf diejenige zu paſſen, die er liebte; Der Erzähler 1848. 1v. 15 226 dieſe Frau ſchien ein lebhaftes Intereſſe an dem Stück zu neh⸗ men, und in einem Augenblick, wo applaudirt wurde, ſah ſie bewegt aus und drückte ihr Sacktuch an ihre Augen. Bald nachher aber wandte ſie ſich um und ſprach mit einem Mann, der hinter ihr ſaß, indem ſie ihre Hand auf ſein Knie ſtützte. „Das iſt ſie nicht,“ ſagte Roger,„ſie hat zu viel Zart⸗ gefühl, um mit ihrem Mann hierhergekommen zu ſein. Und doch bin ich mit meiner Frau hier. Vielleicht iſt ſie auch unter mir, oder auf derſelben Seite, ſo daß wir uns nicht ſehen können. Gleichviel, ſie iſt hier, wir ſind an demſelben Ort, in demſelben Gedanken vereinigt; dieſer Beifall mußte in ihrem Herzen wiederhallen. Verfluchter Schauſpieler, der es ſich einfallen läßt, ein Wort, auf das ich rechnete, zu ſtottern!“ Und als er ſich vorbeugte, um die Frau beſſer zu ſehen, deren Geſicht ihm aufgefallen war, wandte ſich Marthe um und ſagte: „Nehmen Sie ſich in Acht, Sie erdrücken meinen Hut.“ Während des Zwiſchenakts ſchlüpfte Roger in die Galle⸗ rie gegenüber, welche einige Zuſchauer verlaſſen hatten, und be⸗ ſchaute den von ihm noch nicht geſehenen Theil des Saals. Moreau folgte ihm und ſagte, da er ihn ſo mit dem Blick alle Logen durchlaufen ſah: „Du zählſt Deine Bewunderer?“ Als man nahe daran war, den dritten Akt zu beginnen, nahmen die Zuſchauer der Gallerie wieder ihren Platz ein, 227 und Roger ſah ſich abermals genöthigt, in die Loge ſeiner Frau zurückzukehren. Kaum hatte man die Hälfte des dritten Akts erreicht, als beinahe Jedermann weinte; iſt einmal der Impuls gege⸗ ben, ſo hält er nicht leicht inne; iſt ein Schauſpielſaal im Zug, zu lachen oder zu weinen, ſo lacht er oder weint er über Alles mit gleicher Hingebung und gleichem Enthuſias⸗ mus. Guten Morgen oder guten Abend können das Gelächter oder die Thränen bis zur Wuth ſteigern. Marthe weinte mehr oder weniger, wie Jedermann. „Ah!“ dachte Roger,„daß ich nicht die koſtbaren Thrä⸗ nen meiner ſchönen Unbekannten ſehen kann!“ Dann ſich zu Marthe neigend, ſagte er: „In des Himmels Namen, ſeien Sie nicht ſo troſtlos, Sie machen ſich bemerkbar.“ Marthe ſchaute ihn mit tiefer Verachtung an und ant⸗ wortete nicht. Nach Beendigung des Aktes, es war der letzte, ſtampfte man mit den Füßen; mit der Bewunderung für den Verfaſſer verband ſich die Liebe zum Lärmen, die einzige literariſche und politiſche Partei vieler Leute, eine Liebe, die ſie ungefähr gleich⸗ mäßig für die Bravos und das Pfeifen offenbaren. Man verlangte den Namen des Dichters. Die Stimme, die den Namen Vilhem ausſprach, klang mächtig im Herzen bon Roger. Dieſe Freunde des Lärmens, welche in der Politik ſtets für die Trommel ſind, wie ſich der Gott der Heere am häu⸗ figſten für die ſchweren Schwadronen erklärt„ fanden nichts 228 Beſſeres, als die Schauſpielerin herauszurufen, welche ſehr mittelmäßig die erſte Rolle geſpielt hatte, und den Schau⸗ ſpieler, von dem ſte ebenſo mittelmäßig ſecondirt worden war. Dann ſiel es ihnen ein, daß auf dem Zettel ſtand: NB. Der Autor hat die Proben ſelbſt geleitet. Daraus ſchloßen ſie, der Autor müſſe anweſend ſein, und gaben durch ein Gebrülle, das nur ſeiner Abſicht wegen ange⸗ nehm ſein kann, ihren Willen, ihn zu ſehen, kund. Da der Vorhang nicht wieder aufging, ſo verdoppelte ſich der Lärmen; nach fünf Minuten verdoppelte er ſich abermals. Moreau, der ungeduldig wurde, legte ſich über die Brü⸗ ſtung der Loge hinaus, deutete auf Roger und rief mit ſtar⸗ ker Stimme: „Hier iſt er!“ Der Beifallsſturm drohte nun den Saal einſtürzen zu machen, und Marthe rief weinend: „Ach! Vilhem, Sie ſind es!“ Und Roger erkannte an dem mehr als gewöhnlich ent⸗ blößten Halſe von Marthe das Perlencollier, das er der Un⸗ bekannten geſchickt hatte. Ein Abentener auf einer Hochzeitreiſe. Nach dem Engliſchen des Dudley Caſtello von Anguſt Zoller. — 64— für einen Fluß gilt, in einer Höhle unter den öden Bergmooren oberhalb Trecharon entſpringt und in ſeinem Laufe zur See auf viele Meilen die Grenzen zwiſchen Cardiganſhire einerſeits und Carmarthenſhire und Pembroke anderer⸗ ſeits bildet. Dieſer Bach oder Fluß wird der Teifi ge⸗ nannt. Er wurde in Liedern gefeiert von den 4 Tagen von Cadwallon bis zu unſerer Zeit wegen der ro mantiſchen Schönheit ſeiner Ufer, und er erfreut ſich auch einer Berühmtheit von einer mehr ſubſtantiellen Natur 230 wegen ſeiner vortrefflichen Forellen und Salmen, der ſchönſten im Fürſtenthum*), die in ſeinem Waſſer gefangen werden. Der Angler, der ſeine Fliege in die bevorzugten Stellen über Lam⸗ peter wirft, der privilegirte Fiſcher vom Wehr in Cilgerran, oder diejenigen, welche in leichten Nachen unter dem Schatten der dunklen Bäume hingleiten, die an ſo vielen Orten über den Bach hereinhängen, kennen ganz genau den Werth des Erzeugniſſes des Teifi und ſchlagen ihre Beute demgemäß an. Selbſt das Königthum hat die V Vortrefflichkeit des Teift⸗Salmen bezeugt, denn als der„kranke Epikuräer“ Georg IV. durch Süd⸗Wales kam, verſicherte er, dieſer Fiſch habe ein neues Gefühl, mit dem ſich kein anderes vergleichen laſſe, bei ihm erregt. Es geſchah vielleicht in der Abſicht, nur um Salmen zu eſſen,— denn Gaſtronomen wie Verliebte kümmern ſich wenig um den Raum, der ſie vom Gegenſland ihrer Wünſche trennt, — oder einfach, um eine der ſchönſten Scenerien von Süd⸗ Wales zu genießen, oder möglicher Weiſe aus dieſen beiden Gründen zugleich, daß zwei Reiſende, ein Herr und eine Dame, ihre Schritte am Anfang des vorigen Sommers nach dem Laufe dieſes maleriſchen, lieblichen Fluſſes lenkten. Wir wollen den Fiſch nicht von dem Waſſer trennen, in dem er ſchwamn, und nicht ſagen, der Herr habe nur den einen bewundert und die Dame das andere, denn der erſtere hatte eben ſo wohl Geſchmack, als guten Appetit, und ſeine hübſche Gefährtin war nicht ſo aus⸗ ſchließlich Bewundererin der Schönheiten der Natur, daß ſie *) Wales wird bekanntlich principality oder Fürſtenthum genannt. 231 die Comforts der Schöpfung, welche gewöhnlich durch die An⸗ ſtrengung der Reiſe doppelt willkommen werden, verachtet hätte. Auf die Gefahr einer Wiederholung bemerken wir alſo, daß ſie der Ruf des Teifi in ſeinem ausgedehnteſten Sinn verlockt hatte, auf dieſer ihrer Hochzeitreiſe über die Carmarthen⸗Berge zu ſteigen und das reizende Thal von Towh mit ſeinen Schön⸗ heiten und ſeinen poetiſchen Zierden hinter ſich zu laſſen. Der maleriſche Charakter der Scenerie von Wales iſt eine allgemein anerkannte Thatſache; doch es findet ſich nichts Pit⸗ toreskes in den Städten. Meiſtens beſitzen ſie Ruinen eines Schloſſes, aber nichts über dieſem, um den Reiſenden zu einem längeren Aufenthalt zu bewegen; ein paar Wirthshäuſer, eine Bank, ein Kaufhaus, ein Rathhaus, die Häuſer von einem halben Dutzend Aerzte und Advokaten, deren Gewerbe auf den meſſingenen Platten, die ihre Thüren ſchmücken, zu leſen iſt, bilden die Hauptgebäude, die dem Auge begegnen— das Ueb⸗ rige iſt nur ein Haufe weiß angeſtrichener Gebäude von rein⸗ lichem Ausſehen, aber nicht zu lieblich bei näherer Betrachtung. An ſolchen Anſichten hat man bald genug, und das neu vermählte Paar, von dem wir geſprochen,— wir können ihnen geben ſo wohl ihre Namen geben, Kapitän und Miſtreß Ho⸗ ward,— waren mehr begierig, ihre Reiſe fortzuſetzen, als in Carmarthen zu verweilen, obgleich dies, wie der ehrwürdige Emilius Nicholſon ſagt:„eine der artigſten Städte in Wales iſt.“ Sie reiſten gemächlich mit ihrer eigenen leichten Equi⸗ page, und das iſt die angenehmſte Art zu reiſen, beſonders in Wales, wo die öffentlichen Fortſchaffungsmittel noch nicht erſten Rangs ſind, wenigſtens die, welche das Land bedienen. Allem 232 Anſchein nach war die vierſpännige Poſtkutſche, die dem Epheu⸗ ſtrauß in Carmarthen gegenüber ſich aufftellte, als ſich Kapitän und Mrs. Howard zur Abreiſe anſchickten, eine äußerſt legitime und orthodore Maſchine, aber wer immer ſich der Sorge von John Watkins, dem Kutſcher, einen ſehr milden Mann für ſeine Thiere im eigentlichen Sinn des Wortes, denn ſelten trieb er ſie zu mehr als vier Meilen in der Stunde an, wer immer, ſagen wir, ſich Watkins anbertraute, konnte am Ende eines langen Sommertags wahrnehmen, daß er von Carmarthen nach Cardigan reiſend nicht mehr als eine Strecke von dreißig Meilen zurückgelegt hatte, und das iſt ſehr demüthigend für einen Reiſenden von einigem Geiſt. Er gab verſchiedene Gründe für dieſe langſame Fort⸗ bewegung, die bedeutendſten davon waren die Schwierigkeit der Straße über die Berge, das ungeheure Gewicht, das die Pferde zu ziehen hatten, da ſowohl das Verdeck als der innere Theil der Kutſche beſtändig mit ſprudelnden, rothgeſichtigen Einge⸗ borenen in leichten, blauen, kurz geſchnitt enen Röcken, worauf ſilberplattirte Knöpfe, überladen war; die Haupturſache aber war, daß vorgenannter John Watkins durchaus keine Luſt hatte, ſich von den Bierhäuſern zu trennen, welche allerdings in geringer Anzahl und weit aus einander an der Landſtraße lagen. Zugleich müſſen wir zugeſtehen, daß im Allgemeinen die Paſſagiere vvm„Stolz des Gebirges,“ wie die Kutſche genannt wurde, eben ſo große Liebhaber vom Crw dda waren, als dem Cambrier Jehu, und eben ſo geneigt, das Vergnügen dem Geſchäft vorzuziehen. Während ſeine eigenen Pferde angeſpannt wurden, unter⸗ hielt ſich Kapitän Soward eine Zeitlang damit, daß er die 233 Bewegungen der unzuſammenhängenden Ladung bom Stolz des Gebirges beobachtete, doch ohne entfernt den Wunſch zu hegen, zu der Partie zu gehören. Glühend vor Hitze und(wie es ihm in ſeiner Unkenntniß der ungeſchlachten Sprache des Für⸗ ſtenthums vorkam) überſprudelnd von Leidenſchaft, riſſen und zogen und kletterten und geberdeten ſich die choleriſchen Ge⸗ birger wie Beſeſſene, bis ſie ſich ihren Weg zu ihren Sitzen auf dem Dach erkämpft hatten, wo ihre Wuth plötzlich ſich zu legen ſchien und Alle durch einander mit ſolcher Heftigkeit ſprachen, daß er, wäre er auch vollkommen der Walliſer Sprache Meiſter geweſen, bekannt haben müßte, er ſei in ſeinem Verſuch, den Gegenſtand ihrer Conberſation zu entdecken, geſcheitert. Der Stolz des Gebirges war endlich zur Abfahrt bereit, der letzte Walliſer hatte ſeinen Platz erklettert, John Watkins hatte ſeinen Sitz eingenommen, die Zügel waren in ſeiner rechten Hand zuſammengefaßt, und die Peitſche in ſeiner linken kreiſte mit einem ominöſen Schnörkel, gls noch ein Menſch er⸗ ſchien, der die Wechſelfälle der Reiſe zu theilen verlangte. Er ſprach, ſo zu ſagen, Engliſch und forderte mit lauter Stimme, während er keuchend und ſchnaubend die Straße herauf⸗ kam, daß die Kutſche anhalte. „Herr Watkins, Herr Watkins! Meine Herzensgüte! Herr Watkins! Ich komme, ich komme.“ Und ſo raſch als ein Menſch gehen konnte, der, abgeſehen davon, daß er ſehr ſtark und fett war, ſich mit einem Mantel⸗ ſack, einem ſchweren Schiffermantel und einem großen Regen⸗ ſchirm beladen hatte, arbeitete ſich das fragliche Individuum 234 die Steige herauf, wobei es in ſeinen Fortſchritten nicht ſehr durch die Art, wie die Straße gepflaſtert war, unterſtützt wurde. Es entſtand ein allgemeines Gelächter, als ihn die Paſ⸗ ſagiere erblickten, die ihn insgeſammt mit dem Namen Thomas Evans(die Mehrzahl derſelben führte denſelben Geſchlechts⸗ namen) begrüßten, und ſelbſt Herr Watkins, der Anfangs über den Aufenthalt ärgerlich war, vermehrte die Breite ſeines Ge⸗ ſichts durch ein freundliches Grinſen. Einen Platz für den Ankömmling und ſein Gepäcke zu finden, war eine Schwierig⸗ keit. Doch das Hülfsmittel einer Hausleiter, die der geräuſch⸗ volle Wirth vom Epheuſtrauß, der mit großem Intereſſe von ſeiner Thüre aus zuſchaute, zuvorkommend lieferte, ſetzte den gewichtigen Reiſenden in den Stand, den Ort ſeiner Veſtim⸗ mung zu erreichen, aber nicht ohne Anlaß zu Aeußerungen der Beſorgniß darüber zu geben, ob er unberſehrt aus ſeinem Erkletterungsverſuch hervorgehen würde. „Meine Herzensgüte,“ rief Herr Evans,„dieſe Leiter wird mich nie tragen. Ich wäge zwanzig Stein, ja... in der That!... oh! hören Sie, wie mein Herz ſchlägt! Gebt mir Eure Hand, David Thomas! Oh! Gott ſei Dank, endlich bin ich hier!“ So ſprechend plumpte er inmitten einer Gruppe nieder, die den Stolz des Gebirges bekränzte, und durch die Gewalt ſeiner ſpecifiſchen Schwere war er bald zwiſchen dieſer Menſchen⸗ maſſe feſt eingekeilt; ſein Mantelſack wurde ihm nachgeſchleu⸗ dert und fand irgendwo ein Unterkommen; ſein Regenſchirm und ſein Schiffermantel folgten, wobei ſich der letztere im — —— 235 Niederfallen öffnete und die Paſſagiere wie ein mächtiges Segel bedeckte, und nachdem dies Alles vollbracht, war es John Watkins geſtattet, abzufahren. Ungefähr eine Viertelſtunde nachher nahmen Kapitän und Mrs. Howard, welche an der Beluſtigung ihres Mannes Theil genommen hatte, Abſchied vom Wirth zum Epheuſtrauß und fuhren in derſelben Richtung ab. Im erſten Dorf, das kaum eine Meile entfernt war, trafen ſie den Stolz des Gebirges; wie ein ſinkendes Schiff war er von ſeiner ganzen Mannſchaft verlaſſen worden, und alle Paſſagiere,— den ſtarken Thomas Evans nicht ausgenommen— hatten ſich in ein kleines Wirths⸗ haus geflüchtet, das den Namen: die„Kreuz⸗Füchſe“ führte; die ſo bezeichneten Thiere waren auf dem dunklen Schild mit ſehr feurigen Farben abgemalt. Kapitän Howard fuhr an dieſem anziehenden Etabliſſe⸗ ment raſch vorbei, doch nicht ohne von den Zechern innen bemerkt zu werden, die ihm, als er vorübereilte, ein:„Gott ge⸗ leite Sie!“ nachriefen; hiebei wurden Alle von Thomas Evans übertönt, als dieſer mit gällender Stimme:„Ich wünſche Ihnen eine ſehr angenehme Reiſe!“ ſchrie. Eine halbe Stunde nachher, als der Kapitän den Gipfel des Berges über New⸗ Church erreichte, ſchaute er ſich um und ſah, daß der Stolz des Gebirges immer noch vor den Kreuz⸗Füchſen feſt ſtand. Die Fahrt über das Carmarthen⸗Gebirge bietet wenig zur Ergötzung des Touriſten; die Ungleichheiten der Straße ſind ſehr häufig, bis man Cwingwith erreicht, wo eine lange und ſteile Steigung beginnt, die zu einem unfruchtbaren Moor führt, das ſich auf beiden Seiten ins Unabſehbare ausvehnt. 236 Aber obgleich der Weg beſchwerlich war, fühlten unſere Rei⸗ ſenden doch keine Langeweile. Es genügte ihnen, daß die Sonne glänzend über ihren Häuptern ſchien, daß der Wind, friſch und beladen mit dem Duft von Stechginſter und Heide⸗ kraut, über die Berge wehte: ſie waren noch verliebt und ſahen die Welt gegenſeitig in ihren Augen zurückgeſtrahlt. Sie reiſten nicht gerade auf eine ſehr raſche Weiſe und der Tag war weit vorgerückt, als ſie das hübſche Dorf Neweaſtle Emlyn im Thale des Teifi erblickten. Hier hielten ſie einige Stunden an, nicht nur, um ihre Pferde ausruhen zu laſſen, ſondern auch, um die Nachbarſchaft zu Fuß zu durchwandern; ſie beſuchten die Ruinen des Schloſſes mit ſeinem ſchön ge⸗ formten Thorweg und beobachteten angenehm überraſcht den gekrümmten Lauf des eigenſinnigen Fluſſes, der hier plötzlich ſeine urſprüngliche Richtung verläßt, ſich auf ſich ſelbſt zurück⸗ wendet, eine weite Biegung um die Baſis des Schloſſes macht, das er ſo mit einem natürlichen Waſſergraben umgibt, und dann, als wäre er entrüſtet über den durch den Kreislauf ver⸗ anlaßten Aufenthalt, über ſein felſiges Bett hinwüthet und ſchäumt und endlich unter den mit Epheu bedeckten Bogen der alten grauen Brücke verſchwindet. In dem kleinen Gaſthauſe, genannt„der Gruß,“ ein ſchöner Näme, an die Gaſftfreundſchaft und den Willkomm in der Schrift erinnernd, überzeugten ſie ſich von den Vorzügen des Fiſches, zu deſſen Ruhm wir ſchon geſprochen haben. Von den Fenſtern ihres Zimmers aus, das beinahe über den Fluß hinein hing, ſahen ſie den Salmen fangen, der zwanzig Minuten nachher auf dem Tiſch vor ihnen dampfte; ſie waren 237 auch Zeugen von der Ankunft und Abfahrt von ihrem alten Freunde, dem Stolz des Gebirges, von dem Kapitän Howard ſchon dachte, er ſei auf der Landſtraße untergeſunken; doch nein, hier erſchien er wieder mit ſeinem immer noch von Menſchen bedeckten Dach, nur mit dem Unterſchied, daß die Paſſagiere etwas beſtaubter, ein wenig röther im Geſicht und, wo möglich, auch durſtiger waren, als da er ſie zum letzten Mal geſehen. Wie früher, ſo fuhr auch diesmal dieſe Karavane von Zechern vor Kapitän Howard weg, aber hatte man es der beſſeren Straße zuzuſchreiben oder hielt es John Watkins für geeignet, etwas mehr Peitſchenſchnur zu verbrauchen, um die verlorene Zeit wieder einzubringen, er holte den Stolz des Gebirges nicht wieder ein. Hätte er gewußt, daß gerade die Aſſiſen in Cardigan gehalten wurden, und daß die rothgeſichtigen Paſſagiere der Mehrzahl nach Zeugen bei einem wichtigen Prozeß waren, der am nächſten Tage zur Verhandlung kommen ſollte, wodurch wahrſcheinlich, was noch von Zimmern in den Gaſthäuſern der Stadt leer war, monopoliſirt werden würde, ſo würde er entweder in Neweaſtle Emlhn übernachtet oder ſich nicht ſo lange beim Salmenſprung unter der alten Brücke von Ceaneth aufgehalten haben. So genoßen Kapitän und Mrs. Howard ihren Abend längs dem Ufer des Teifi, ohne durch eine peinliche Furcht vor dem Mangel an Unterkunft in der Grafſchafts⸗Stadt ge⸗ ſtört zu werden, und ſie beſchleunigten auch ihre Schritte nicht, als der Mond aufging, ehe ſie Llech⸗rhydd erreichten, eine Fluth ſilbernen Lichtes auf die Wälder von Coed⸗mawr und die Ruinen der Thürme von Cilgerran ergoß. Es war daher 238 Nacht, als ſie die Hauptſtraße von gutdigan hinauffuhren, und vor dem Gaſthaus anhielten, an das man ſie empfohlen hatte. Doch die Empfehlung war nicht von großem Nutzen, möchte der gute Wille des Wirthes geweſen ſein, was er wollte, es lag nicht in ſeiner Macht, ihnen irgend ein Unter⸗ kommen zu bieten, da jedes Zimmer vom Erdgeſchoß bis zu den Dachſtuben, zum Theil ſogar doppelt, beſetzt war. Die Rechtsgelehrten hatten von ſämmtlichen beſten Zimmern Beſitz ergriffen, und die unteren waren von denjenigen gemiethet wor⸗ den, welche die Angelegenheit der Aſſiſen in die Stadt gebracht hatte. Der Wirth erklärte dieſen Zuſtand der Dinge, indem er vielfach ſein Bedauern ausdrückte; er befürchtete dabei, es dürfte den Reiſenden kaum anderswo beſſer ergehen,„und in der That,“ fügte er bei,„es gibt nur noch ein Haus in Car⸗ digan, an das ich eine Dame und Herren adreſſiren kann.“ Dann ſich an ſeine Ehegenoffin wendend, die, ohne Zwei⸗ fel in Berückſichtigung des Pittoresken, einen Männerhut über ihrer Nachthaube trug, ſprach er einige Worte in der Sprache ſeiner Heimath, worauf er eine Antwort mit ſehr geläufiger Zunge und ſchrillem Ton erhielt, was kein Licht über den Stand der Dinge verbreitete, bis der Wirth eine Ueberſetzung anbot. „Ah! ja,“ ſagte er,„meine Frau, Miſtreß Griffith Jan⸗ kins, iſt feſt überzeugt, Sie werden heute Nacht keine Unter⸗ kunft finden; doch Sie mögen es immerhin verſuchen... He! holla! he! Ihr, Owen Williams,“ rief er einem dickköpfigen Burſchen zu, der gerade aus dem Stall herauskam,„geht mit dem Herrn und zeigt ihm den Weg zu Herrn Evans zur 239 goldenen Harfe, in Water Street, das iſt die einzige Mög⸗ lichteit.“ Geſteuert von dieſem Burſchen, der an allen Kenntniſſen im Engliſchen völlig unſchuldig war, ein Umſtand, von dem Kapitän Howard durch ſeine erſte Frage, die er an ihn rich⸗ tete, belehrt wurde, drangen die Reiſenden durch die engen Straßen von Cardigan, bis ſie vor die goldene Harfe kamen, wo, nach dem Geräuſch im Zimmer zu urtheilen, Gäſte in Menge waren. Eine laute Aufforderung mit dem Namen Evans brachte einen zweiten Wirth heraus, in welchem Kapitän Howard zu ſeinem Erſtaunen den dicken Paſſagier erkannte, der am Mor⸗ gen beinahe den Stolz des Gebirges verfehlt hätte. Er ſah nicht minder heiter aus, nun da ſein Fuß auf ſeiner heimath⸗ lichen Schwelle ſtand, und begrüßte die Reiſenden mit einem ernſt⸗komiſchen Ausdruck, in dem das Bedauern mit dem Wunſch, willkommen zu heißen, zu kämpfen ſchien. „Ah! meine Herzensgüte! Sie ſind es, Sie, und die Lady? Wohl, wohl, und wenn ich bedenke, nicht ein Bett mehr im Hauſe übrig, ſo wahr ich ein chriſtlicher Mann bin!“ „Das iſt ein Unglück,“ erwiederte Kapitän Howard,„ſind Sie ſicher, daß Ihr Haus voll iſt? Vielleicht, da Sie ſelbſt noch nicht lange angekommen, ſind Sie falſch unterrichtet worden. Dieſe Dame iſt, wie Sie ſehen, nach einer langen Tage⸗ reiſe ſehr müde, und es wäre ſehr hart für ſie, wenn ſie nach — wie heißt der Ort?— Neweaſtle zu dieſer Stunde der Nacht zurückkehren müßte; und das ſcheint doch die einzige 240 Wahl für uns zu ſein, wenn Sie uns nicht aufnehmen kön⸗ nen, denn das andere Haus iſt zum Ueberlaufen voll.“ „Meine Herzensgüte!“ rief der Wirth abermals,„Miſtreß Evans würde ihr gern ihr eigenes Zimmer abtreten, wenn ſie es hätte, aber es iſt ſchon voll, und wir müſſen ſelbſt, wie wir eben können, in der Schenkſtube ſchlafen; ah! Sir, ich denke, Sie ſind Officier? apitän Howard nickte bejahend.) Ich liebe das Militär ungemein.. vor Kurzem kam ein ſchmucker Kapitän hierher und wohnte in dieſem Haus, armer Mann, er hatte das beſte Schlafzimmer, aber 4 Bei dieſem Punkte des Geſprächs wurde er durch einen kräftigen Rippenſtoß vom Ellenbogen eines ſtämmigen Weibes unterbrochen, das während der Verhandlung ſtillſchweigend an die Thüre gekommen war. Wie ihre Landsmännin Miſtreß Jankins, hatte dieſe Dame ihre Toilette mit einem Männerhut vervollſtändigt, und diejenigen, welche für eine ſolche Tracht eingenommen ſind und viereckige Geſichter und unterſetzte Ge⸗ ſtalten lieben, mochten ſie hübſch nennen. Der Umfang von Herrn Ebans machte ihn nicht un⸗ empfindlich für die Natur des Winkes, den ihm ſeine Ehehälfte gab, und was er noch zu ſagen im Begriff war, blieb aus⸗ geſetzt. „Ich bitte um Verzeihung, meine Herrſchaften,“ ſagte Miſtreß Evans,„aber es iſt heute Abend bei meinem Mann im Gehirn nicht ganz richtig; ſtatt die arme Dame auf der Straße warten zu laſſen,“ fuhr ſie, ſich an ihren Mann wen⸗ dend, fort,„und von ſchmucken Kapitänen zu ſprechen— nicht halb ſo ſchmuck, als der Herr, der an ihrer Seite ſitzt— hät⸗ 241 hätteſt Du beſſer daran gethan, Dich zu erinnern, daß der Of⸗ ficier dieſen Morgen abgereiſt iſt;„ja,“ wiederholte ſie, das Anſtieren ihres Mannes mit einem unwilligen Blick erwiedernd, „er iſt dieſen Morgen abgereiſt, und ich bin beinahe über⸗ zeugt,“ murmelte ſie halblaut,„er wird nie mehr zurückkehren; doch das Zimmer iſt leer und ſteht ganz zu Ihren Dien⸗ ſten, meine Herrſchaften, wenn Sie nur warten wollen, bis Peggy und ich es ein wenig in Ordnung gebracht haben; der Herr und die Dame werden vielleicht einſtweilen in die Schenk⸗ ſtube eintreten.“ Froh, unter irgend einer Bedingung aufgenommen zu werden, verließ Miſtreß Howard den Wagen, Miſtreß Evans belaſtete ſich mit dem Reiſeſack und dem Toilettekiſtchen, und Kapitän Howard ſah im Stall nach, ob ſeine Pferde gut un⸗ tergebracht würden. In ſeiner Abweſenheit ſchien der Wirth geneigt, ſich der Dame in der Schenkſtube ſo angenehm als möglich zu machen, und er ſuchte ſie mit einigen vortrefflichen Bemerkungen über die Schönheiten ſeiner Heimath— ein Thema, bei dem ein Walliſer nie verſiegt,— zu S als man die Stimme ſeiner Ehehälfte vernahm, die ihm i nicht ſehr gemäßigtem Ton rief. Er verſchwand mit einer„. hendigkeit, welche bei einem ſo ſtarken Mann Erſtaunen er⸗ regen mußte und ſich leichter durch ein moraliſches, als durch ein phyſiſches Phänomen erklären läßt. Der Lärmen, der als⸗ bald oben erfolgte, brachte Miſtreß Howard auf den Gedanken, er ſei gerufen worden, um zwei Streitende zu trennen, denn die Streitluſt der Walliſer entwickelt ſich ſtets mehr als ge⸗ wöhnlich, wenn ſie unter dem Einfluß von Crw dda ſtehen. Der Erzähler 1848. 1v. 16 242 Es fand allerdings ein bedeutendes Streiten und Balgen und Puffen in der Hausflur ſtatt, und ein ſchwerer Fall ſchien entweder eine Niederlage anzudeuten, oder daß der Streit ſich auf der Treppe weiter entwickelt hatte. Miſtreß Howard fühlte ſich ſehr unbehaglich bei dem Gedanken, daß ſie die Nacht an einem ſo geräuſchvollen Orte zubringen ſollte, doch das Wieder⸗ erſcheinen ihres Mannes zerſtreute bald alle Angſt; dabei konnte ſie aber nicht umhin, ihm zu erzählen, was ſie gehört hatte, und ſie fügte bei: „Charles, ich befürchte, wir find in ein ſtürmiſches Wirthé⸗ haus gerathen.“ „Dieſe Walliſer ſind ſtets eine lärmende Klaſſe von Men⸗ ſchen,“ erwiederte Kapitän Howard,„davon hatten wir heute einen Beweis unter Weges; haben ſie aber ein wenig Ale im Kopf, ſo ſchlagen und prügeln ſie vollends Alles. Ich hoffe, daß ſie bald müde und ſatt ſein werden, und dann werden ſie nach ihren Leibesübungen nur um ſo feſter ſchlafen.“ „Es machte mir ſo bange, mein Lieber, daß Sie ſelbſt in den Stall gehen mußten,“ ſagte die Frau. „Gut, daß ich es gethan habe,“ erwiederte der Kapitin, „denn ich befürchte, Iſabel, Ihr Liebling, dürfte übel daran geweſen ſein, hätte ich nicht nachgeſehen. Ich fand bald den Platz und die Thüre war zum Glück offen, aber der Haus⸗ knecht, den ich mit einer Wagenlaterne entdeckte, lag völlig be⸗ rauſcht in einem von den Ställen, ſo daß ich ihn heraus⸗ ſchleppen und in eine minder angenehme Ecke werfen mußte; dem Grauſchimmel machte ich dann eine Streu an ſeinem Platz, und den Braunen ſtellte ich in den Stall neben ihn. — 243 Der Haferboden war offen und die Raufe voll Heu, und ſo ſind ſie in jeder Hinſicht verſorgt Was den Wagen betrifft, ſo haben ſie hier nichts, was wie eine Remiſe, er wird alſo die ganze Nacht in freier Luft ſtehen müſſen; Troſt iſt die Nacht ſchön.“ Am Ende dieſes Geſpräches kamen Herr und Miſtreß Evans in das Schenkzimmer zurück; der Wirth keuchte und ſchnaubte wie gewöhnlich, und die blauen Augen der Wirthin funkelten und ihre Wangen glühten, als hätte ſie auch an den Leibesübungen auf der Treppe Theil genommen, doch kei⸗ nes von Beiden ſprach ein Wort über dieſen Gegenſtand. „Sie ſind wohl müde, meine Ladh,“ ſagte Miſtreß Evans, „ohne Zweifel nehmen Sie aber gerne ein Abendbrod, bevor Sie zu Bette gehen. Was wünſchen Sie zu haben?“ Oh!“ erwiederte Miſtreß Howard,„ſehr wenig... irgend Etwas ein wenig Thee, mehr brauche ich nicht.“ „Ich geſtehe,“ ſprach Kapitän Howard,„mir wäre etwas Kräftigeres lieber. Was können Sie mir geben?“ „Ah! die Herren oben haben faſt Alles, was ſich bei uns fand, aufgeſpeiſt; doch die Lady kann Thee haben, und Ihnen, Sir, ſteht zum Abendeſſen ein vortreffliches Stück ge⸗ bratenes Ochſenfleiſch zu Dienſt. Morgen früh iſt in unſerem Hauſe wieder Alles in Hülle und Fülle vorhanden. Doch heute gibt es, ſo wahr mir der Himdnel gnädig ſein möge, nichts Anderes.“ „Meine Herzensgüte!“ ſagte Herr Evans,„daß es gerade nichts Anderes, als gebratenes Ochſenfleiſch gibt!“ „Ich darf nicht behaupten, daß das ſehr gut iſt,“ be⸗ 244 merkte Howard, der, ein ausgezeichneter Reiſender, die Dinge immer ſo hinnahm, wie er ſie fand,„bringen Sie uns in⸗ deſſen das Abendbrod, ſo bald als möglich, denn ich bin halb ausgehungert.“ Der Wirth und die Wirthin ſtrengten ſich ungemein an, und obgleich ihre Aufmerkſamkeit vielfach in Anſpruch genom⸗ men wurde, denn die Nachfrage nach Bier und Pfeifen war in einer anſtoßenden Stube ungeheuer, ſtellten ſie doch bald die verſprochenen Artikel auf den Tiſch, und zwar das ge⸗ bratene Ochſenfleiſch in Begleitung eines reichlichen Gerichtes von geſottenem Kohl. Der Appetit verlieh Kapitän Howard Muth, und er aß, was ihm vorgeſetzt wurde, mit ſo viel Geſchmack, als ſpeiſte er eines von Soyer's ausgeſuchteſten Gerichten. Während dieſer Unterhaltung fingen die Töne des Gelages in der anſtoßenden Stube an ſchwächer zu werden, die Rufe nach Crw dda waren weniger oft hörbar, die Pfeifen erloſchen nach und nach, und als am Ende Kapitän Howard 3...„ und ſeine junge Frau in ihr Zimmer geführt wurden und von der Wirthin den Segen in einem nur für Walliſer ausſprech⸗ baren Wort erhielten, das„gute Nacht“ bedeutet, war das Haus vergleichweiſe ſtille. Es war ein großes, düſteres Zimmer und hatte den üblen Geruch der verſchloſſenen Luft, was bei Miſtreß Howard eine Sehnſucht nach der friſchen Luft der Berge, über die ſie gereiſt waren, und ſogar den Wunſch, wieder unter ihnen zurück zu ſein, erregte; doch da dies nicht ausführbar war, ſo begnügte ſie ſich damit, daß ſie die Fenſter öffnete, was 245 auf dem Lande gar oft vernachläſſigt wird, und in der Gol⸗ denen Harfe offenbar nur ſelten ausgeübt wurde. Nach einem Abſchiedsblick an den glänzenden Mond, der ihnen auf dem letzten Theil ihrer Fahrt geleuchtet hatte, be⸗ gaben ſich Howard und ſeine junge Frau zur Ruhe und ent⸗ ſchliefen bald in Foͤlge der Anſtrengung einer langen Tage⸗ reiſe. Der Schlaf von Miſtreß Howard ſollte indeſſen nicht ſo feſt ſein, als der ihres Gatten. Sie mochte kaum zwei Stun⸗ den geſchlummert haben, als ſie unter dem Einfluß eines ſehr unbehaglichen Gefühls erwachte. Es war nicht das Reſultat eines Traumes, ſo weit ſie nach ihren Eindrücken beurtheilen konnte, ſondern es rührte von einem Schrecken her, der ſich plötz⸗ lich ihrer bemächtigt hatte und ſie um ſo mehr in Angſt ver⸗ ſetzte, als er völlig unerklärlich war. Sie richtete ſich im Bett auf und ſchaute umher; das Nachtlicht brannte noch und warf einen breiten, phantaſtiſchen Schatten auf die entgegengeſetzte Wand; ihres Mannes tiefes Athmen gab ihr die Verſicherung, daß er feſt ſchlafe, und obgleich ſie ſich im höchſten Grade ge⸗ neigt fühlte, ihn aufzuwecken und ſich durch den Ton ſeiner Stimme tröſten und erheitern zu laſſen, ſtrengte ſie ſich doch gegen ſich ſelbſt an und beſiegte das ſelbſtſüchtige Verlangen. Sie legte ihren Kopf abermals auf das Kiſſen und wurde dadurch, daß ſie mit aller Gewalt ihre Gedanken auf eine glückliche Erinnerung aus früheren Tagen heftete, allmälig ruhiger, und das geheimnißvolle Gefühl des Unbehagens fing an zu verſchwinden. Noch ein paar Augenblicke, und ſie wäre abermals ent⸗ 246 ſchlummert, als ein Geſchwirre durch das Zimmer, das ſie ſchauern machte, hörbar wurde. Sie horchte, doch Alles war einige Minuten lang ruhig; endlich hörte ſie das Geräuſch ſich wiederholen, es ſchien hinter dem Bett hervor zu kommen und war wie das Vibriren eines Glockendrahtes ohne irgend einen Klingelton. So lange der Gegenſtand ihrer Furcht das un⸗ greifbare Phantasma war, das ſo häufig den Geiſt verdunkelt, fühlte ſich Miſtreß Howard nicht muthiger, als es ihr Ge⸗ ſchlecht im Allgemeinen iſt, da aber nothwendig eine ſichtbare Thätigkeit vorhanden ſein mußte, um die eigenthümliche Wir⸗ kung hervorzubringen, ſo verjagte ſie jede Angſt und ſagte zu ſich ſelbſt: „Ich muß ſehen, was es iſt.. es iſt einfältig, ſich durch eine ſolche Kleinigkeit, wie einen ſchwirrenden Glockendraht, ängſtigen zu laſſen. Es hat mich wohl ein Alp gedrückt, als ich das erſte Mal erwachte. Dem Himmel ſei Dank geſagt, der liebe Charles iſt nicht erwacht,— er ſcheint ſo müde zu ſein.“ Sie erhob ſich geräuſchlos im Bett, zog den Vorhang zurück, beugte ſich vor und ſchaute in's Zimmer hinaus. Nichts regte ſich, aber ſie wartete und horchte dennoch; endlich müde, eine blanke Wand anzuſchauen, war ſie im Begriff, ſich wieder niederzulegen, als ſie abermals daſſelbe Vibriren hörte. Im Glauben, es möchte eine Katze unter ihr Bett gekrochen ſein, ſchüttelte ſie den Vorhang, und der Erfolg entſprach ihren Er⸗ wartungen, obgleich der Gegenſtand, der ſie beunruhigt hatte, nichts ſo Furchtbares war, als eine Katze. Der nächtliche Gaſt war eine Maus, welche, geängſtigt durch das Schütteln des 247 Vorhangs, unter dem Bett hervorſchoß, durch die Stube lief und mit der Schnelligkeit des Lichts unter dem Spalte einer Cabinetthüre verſchwand. „Eine Maus!“ ſagte Miſtreß Howard lächelnd,„das alte Sprüchwort bewahrheitet. Aengſten wie dieſe find in der Regel nicht mehr begründet, als die meinigen.“ Wit dieſen Worten ſuchte ſie ſich, und zwar, wie ſie hoffte, zum letzten Mal zum Schlaf beauem zu legen. Doch es war ein vergeblicher Verſuch, denn die Maus, als wollte ſie ſich an der Perſon rächen, die ſie in ihrer Beluſtigung geſtört hatte, fing an mit ihren ſcharfen Zähnchen innen im Cabinet zu ſchaben und zu nagen. Miſtreß Howard ertrug dieſes Geräuſch eine Zeit lang mit Geduld, am Ende hielt ſie es aber nicht mehr aus, ſie verließ ihr Bett, ging muthig durch die Stube und rüt⸗ telte an der Thürſchnalle des Cabinets. Während ſie dies that, kam es ihr vor, als drückte etwas gegen die Thüre, was ihre freie Bewegung verhinderte, und angetrieben von etwas, was noch ſtärker als die Neugierde, beſchloß ſie, zu ſehen, was innen wäre. Doch ehe ſie dies ausführte, hielt ſie inne. „Wenn Jemand innen verborgen wäre!“ dachte ſie.„Ich könnte ermordet werden und Charles auch, ehe irgend eine Rettung käme. Es wäre beſſer, wenn ich Charles wecken würde.“ Sie ging zum Bette zurück, legte ihre Hand auf die Schulter ihres Mannes und flüſterte ſeinen Namen. Er drehte ſich um und ſtammelte, feſt ſchlafend, ein paar beinahe unver⸗ ſtändliche Worte. 248 „Charles,“ flüſterte ſeine Frau abermals. 3„Meine Herzensgüte!“ erwiederte er, ohne Zweifel vom Wirth zur Goldenen Harfe träumend, mit einem ſtarken Wal⸗ liſer Accent. „Theuerſter, es iſt etwas im Cabinet,“ ſagte ſie mit einem nachdrücklichen Ton. „Gebratenes Ochſenfleiſch,“ ſtammelte ihr Mann. Die Antwort war ſo ſonderbar, daß ſie die junge Frau lachen machte und für einen Augenblick ihre Angſt beſchwich⸗ tigte. Sie überlegte, daß, wenn Jemand innen wäre, ſchon der Verſuch von ihrer Seite, ihren Mann aufzuwecken, wahr⸗ ſcheinlich dieſe Perſon von dem Platz, wo ſie ſich verborgen, vertrieben hätte. Indeſſen konnte ſie ein Gefühl der Furcht nicht überwältigen, zu dem ſich bald Ungeduld geſellte, denn die Maus fing abermals an, das Holz zu zernagen. Nun ſtand ſie noch einmal auf, ging durch das Zimmer, ergriff die Schnalle und drehte ſie raſch. Sie hatte nicht, nöthig, die Thüre aufzuſtoßen, denn da die Stütze entfernt war, ſo öffnete ſie ſich von ſelbſt, und ſie hatte kaum Zeit, auf die Seite zu ₰ treten, als ein ſchwerer, ſchwarzer Sarg mit einem furchtbaren Krachen auf den Boden rumpelte. Der Lärmen und das Angſtgeſchrei von Miſtreß Howard weckten den Kapitän wirklich, er fuhr in ſeinem Bette auf, rieb ſich die Augen aus, und ſtierte voll Erſtaunen ſeine Frau an, die er, in ihrem Nachtgewand und bleich wie ein Geſpenſt, ſtarr nach dem Boden ſchauen ſah. In einem Augenblick war er an ihrer Seite; er ſchloß ſie in ſeine Arme und fragte — 249 nach der Urſache ihrer Angſt. Sie antwortete damit, daß ſie auf den Boden deutete. „Wie in aller Welt kam dieſes Ding daher?“ „Es ſiel heraus, als ich die Thüre öffnete. Es iſt furcht⸗ bar ſchwer,“ ſtammelte ſie, während ihre Zähne klapperten, „ſicherlich iſt etwas darin.“ „Oh! Wahnſinn, Iſabel,“ erwiederte der Kapitän,„das iſt unmöglich. Wem würde es einfallen, ſo etwas zu thun! Ich werde den Sarg hineinſchaffen, und dann wollen wir in das Bett zurückkehren.“ Er bückte ſich und ſuchte den Sarg zu drehen, denn er war auf den Deckel gefallen, doch er war ſchwerer, als er dachte, und er ſtrengte ſich gewaltig an, um ihn auf ſeinen Platz zurückzubringen; indem er dies that, machte er den Deckel los, der nicht feſtgenagelt war, und zum unbeſchreiblichen Schrecken von ihm und ſeiner Frau rollte der Leichnam eines Mannes heraus! Er lag auf dem Boden, ein Leichentuch bedeckte die Glie⸗ der und den größern Theil des Leibes, aber, den geiſterartigen Kopf entblößt, den Mund offen, die Zähne an einander ge⸗ preßt und die Augen aufgeſperrt, erſchien die Leiche eines Menſchen, der ungepflegt geſtorben, und zur Bequemlichkeit der Reiſenden in Eile auf die Seite geſchafft worden war. „Packen Sie Ihre Sachen zuſammen, Theuerſte,“ rief Kapitän Howard,„das iſt kein Ort, wo wir länger verweilen können. Ich werde aber das ganze Haus aufwecken, ehe wir uns entfernen.“ 250 Dann zog er haſtig ein Tuch vom Bett, warf es über den Leichnam und kleidete ſich ſo raſch als er konnte an, wobei er ſich nur von Zeit zu Zeit unterbrach, um mit aller Macht an den Glocken zu zerren. Es wurde Lärmen genug gemacht, um die ſieben Schläfer aufzuwecken. Doch Herr und Miſtreß. Thomas Evans ſchliefen tiefer, als dieſe verfolgten Chriſten, und zwar aus guten Gründen. Sie hatten darauf gerechnet, die Nacht werde ohne eine Entdeckung des Gaſtes im Cabinet vorübergehen; er war plötz⸗ lich am Morgen vorher geſtorben, und ſie glaubten ſich ſicher, er würde ſich nicht von ſelbſt regen; der Gedanke an eine ſtörende Maus kam nicht in ihre Berechnung. Doch ſie hat⸗ ten das Fallen des Sarges und Alles, was darauf folgte, ge⸗ hört, waren vollkommen überzeugt, Kapitän Howard würde die Glocke heftig genug ziehen, um ſie herabzureißen, und beſchloſſen in aller Ruhe, zu ſchlafen und den Dingen ihren Lauf zu laſſen. „Meine Herzensgüte!“ ſagte Herr Evans zu ſeiner Ehe⸗ genoſſin,„der todte Officier wird nicht mit dem lebendigen zu⸗ recht kommen.. er hätte beſſer daran gethan, ſich ruhig zu verhalten.“ „Ja, es iſt wahr,“ erwiederte Miſtreß Evans, und ſie legte ſich wieder auf's Ohr. Der Kapitän fand, es wäre vergeblich, zu warten, bis irgend Jemand erſcheinen würde, und beſchloß, ſowohl dem todten Miethsmann den Beſitz der Stube zu überlaſſen, als auch ſchleunigſt aus der Goldenen Harfe und obendrein aus 25¹ Cardigan zu entfliehen. Hätte er die Oertlichkeiten des Hauſes gekannt, ſo würde er ſicherlich Herrn und Miſtreß Ebans (welche, beiläufig geſagt, zu ihrem Schlafzimmer einen entfern⸗ tern Ort, als die Schenkſtube, gewählt hatten), aufgeweckt haben; da aber ſeine Kenntniſſe in Betreff des Gebäudes ſich auf den Weg zur Hausthüre beſchränkten, ſo ſtieg er, mit dem Nachtſack und dem Toilettekiſtchen beladen, gefolgt von ſeiner bleichen, zitternden Frau, die Treppe hinab. Der Morgen brach eben an, als ſie auf die Straße kamen, und Kapitän Howard ging auf den Wagen zu, der auf der Stelle ſtand, wo er ihn Abends zuvor gelaſſen hatte. Er ſetzte ſeine Frau hinein, brachte ihr leichtes Gepäck unter und ſchritt auf den Stall zu. Der Hausknecht lag noch in der⸗ ſelben Lethargie des Rauſches in der Ecke, in die ihn Kapi⸗ tän Howard geworfen hatte. Ihn aufzuwecken, war eine ver⸗ gebliche Mühe, und wie Howard bei ſeiner Ankunft ſein eige⸗ ner Groom geweſen war, ſo verſah er dieſen Dienſt auch bei ſeinem Abgang. Eine Viertelſtunde genügte zu dieſem Ende, und dann, ohne eine Shlbe des Abſchieds, welche in der That weggewor⸗ fen geweſen wäre, da kein menſchliches Weſen ſichtbar war, ſprach er nur ein paar ermuthigende Worte zu ſeiner Frau und ließ ſeine Roſſe in ſcharfem Trab in der Richtung von Aberys⸗ with abziehen. Dieſer vollkommen wahren Geſchichte iſt nur Eines beizufügen: Am folgenden Morgen, als Kapitän und Miſtreß Howard beim Frühſtück im Marine⸗Hotel in Aberhswith ſaßen, wurde ein Fremder gemeldet. Man wies ihn in das Zimmer, und es erſchien ein ſtieräugiger Walliſer. „Sie ſind die Herrſchaft, die bei Miſtreß Evans in der Goldenen Harfe in Cardigan übernachtete?“ ſagte er. „So iſt es,“ erwieterte Kapitän Howard,„und wer ſeid Ihr?“ „Ich bin ein Expreſſer und mein Name iſt David Jones.“ „Wirklich! und was wollt Ihr zufüllig von mir?“ „Ich komme von Miſtreß Evans, ſie ſchickt Ihnen Ihre kleine Rechnung für Abendbrod und Nachtquartier, nebſt Hafer und Heu für Ihre Pferde. Ich habe den ganzen Weg zu Fuß zurückgelegt, Sir, vierzig Meilen, das verſichere Sie, um ihr das Geld zu bringen. Ja, Sir, in der That.“ „Wohl, David Jones,“ erwiederte Kapitän Howard,„iſt Miſtreß Evans ſo beſorgt um den Betrag ihrer Rechnung, ſo ſagt Ihr, wenn Ihr ſie ſeht, ſie möge zu Eurem Na⸗ mensvetter gehen und das Geld von ihm ver⸗ langen. Damit iſt es genug, und Ihr braucht nicht länger zu bleiben. Kellner, zeigt dieſem Menſchen den Weg hinaus; und hört wohl, hier ſind ein paar Soubereigns, heißt ſie den Wirth unter die bedürftigſten Armen des Orts vertheilen. Auf dieſe Art, Herr David Jones, bezahle ich ein Nachtquar⸗ tier, wenn zufällig ein Leichnam im Zimmer iſt.“ 253 Wir haben nicht gehört, daß Miſtreß Evans zum zwei⸗ ten Mal auf die Bezahlung ihrer Rechnung Anſpruch machte; auch begnügte ſich Kapitän Howard nie mehr mit einem Schlaf⸗ zimmer in Wales, ohne zuvor in das Cabinet geſchaut zu haben. Die Goldſucher. Reiſeerinnerungen aus Californien von Dupleſſis. Deutſch von Edmund Joller. Vch landete, von Vera⸗Cruz kommend, am 22. Mai — N in der Frühe im Hafen von Neu⸗Orleans, wohin mich Handelsgeſchäfte riefen. Ich fragte ſogleich nach dem nächſtgelegenen Boarding⸗Houſe und ließ mich dorthin führen, während man meine 8, Bagage nachtrug. Das Boarding⸗Houſe iſt, wie ( man weiß, ein Etabliſſement, welches die Mitte 3hält zwiſchen einem Hötel garni und einem Wbürgerlichen Hauſe: man findet dort häuſig, bei⸗ nahe immer, wenn auch nicht gerade den Com⸗ fort der ausgezeichneten amerikaniſchen Gaſthöfe, ſo doch einen Familienkreis, in welchem man ſich behaglich fühlt. Nachdem ich mein Gepäck ſchlecht und recht in meinem Zimmer an Ort und Stelle gebracht, ging ich ins Sprechzimmer 255 hinab: das Frühſtück war ſervirt und man ſetzte ſich zu Tiſche. Drei Perſonen— unter den Tiſchgenoſſen, die ich alle nicht kannte,— zogen beſonders meine Aufmerkſamkeit auf ſich. Die Erſte, ein junges Mädchen von achtzehn bis zwanzig Jahren, gehörte unſtreitig zu jener ſchönen und ſtarken ameri⸗ kaniſchen Rage, welche ſelbſt das Uebermaß von Civiliſation, das ſich dort eindrang, noch nicht entarten machen konnte. Die regelmäßigen Züge ihres friſchen Geſichtes, ihre großen, blauen Augen, ihr herrliches, kaſtanienbraunes Haar, ihr wun⸗ dervoller Teint,— wenn auch ein wenig von der glühenden Sonne verbrannt, bildeten vielleicht kein poetiſches Enſemble, machten aber doch ihre Erſcheinung ungemein anziehend. Ich erfuhr ſpäter, daß ſie die Tochter der Beſitzerin des Boarding⸗ Houſe ſei und ſich Miß Annette B... nenne. Die zweite Perſon war ein coloſſaler Amerikaner, ſicher ein Kentuckier. Ich ſaß neben ihm. Sein Rock und Beinkleid von ſchwarzer Farbe, die beide gleich reinlich und abgetragen waren, ſeine weiße Cravatte, ſein bis zum untern Ende des Ohres reichender Bart, ſein friſch raſirtes Geſicht, ſeine kalte Stirne, der er etwas Imponirendes zu verleihen ſuchte, gaben ihm das Ausſehen eines Dorfarztes, den man zu einer Conſultation ins benachbarte Schloß gerufen. Sein Anz er für den Morgen etwas zu Feierliches hatte, con⸗ traſtirte wunderbar mit ſeinen athletiſchen Formen und den ungeheuren Gliedermaſſen. Kaum hatte ſich mein Nachbar ge⸗ ſetzt— was er vor allen Uebrigen that— ſo machte er ſich mit gieriger Hand und einer beinahe fabelhaften Eile über die ſelben Teller. ſetzen, wie bei meinem Nachbar, dem Kentuckier; indeſſen großen Smaragden in reicher mit kleinen Rubinen und To⸗ Kette hielt eine ziemlich dicke und unmodiſche Uhr, deren 256 vor ihm aufgeſtellten Platten her. Stücke kalten Fleiſches und Roſtbeef, geſottene Fiſche, Eier mit Schinken, Gemüſe, Früchte und Confituren erhoben ſich bald in Phramidenform auf dem⸗ Die dritte Perſon endlich, die außer dem großen Ken⸗ tuckier und der hübſchen Miß Annette das Privilegium hatten, meine Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen, ſaß am andern Ende der Tafel, beinahe mir gegenüber. Es war ein Mann, deſſen ſonnenverbranntes, mageres, knochiges und bartloſes Geſicht kaum geſtattete, ſein Alter genauer anzugeben, als daß er zwiſchen den Zwanzigen und Fünfunddreißigen war. Seine mageren Arme, ſeine ſchmalen und gewölbten Schultern, ſeine hohe Bruſt ließen bei ihm nicht dieſelbe phyſiſche Kraft voraus⸗ glaubte ich in ihm eine jener trockenen und nervigen Na⸗ turen zu ahnen, die wir Spanier mit Aguante bezeichnen, und die, dem Roſenſtocke gleich, Wetter und Sturm leicht er⸗ tragen, während die Eiche von ihnen zu Boden geſchmettert wird. Dieſer Mann konnte nach ſeiner glänzenden, aber ge⸗ ſchmackloſen Toilette zu urtheilen, erſt ſeit Kurzem den ſoeialen Kreiſen angehören, die wir„Welt“ nennen. Seine Cravatte von Taubenhalsfarbe wurde von zwei paſen beſäeten Goldfaſſung auf einem Hemde von geſticktem Battiſte feſtgehalten. Eine ungeheure Kette, gleichfalls von maſ⸗ ſivem Gold, umſchlang ſeinen Hals und verlor ſich nach vielen 3 Verſchlingungen in der Taſche ſeiner Weſte von Brocat: dieſe 257 Gehäuſe mit kleinen Diamanten und koſtbaren Steinen email⸗ lirt war. Die Finger ſeiner mageren und wunderbar ge⸗ formten Hand verſchwanden zur Hälfte unter Ringen aller Arten. Ebenſo gleichgültig gegen das vor ihm ſervirte Frühſtück, als der Kentuckier nach ihm gierte, wandte ſich dieſer ſeltſame Menſch von Zeit zu Zeit nach ſeinem Bedienten um, der hinter ihm ſtand, nannte mit ſeinem fremdartigen Accente den mehr oder minder verſtümmelten Namen eines koſtbaren europäiſchen Weines, berührte geringſchätzend mit ſeinen ipr das Glas, das ihm dargeboten wurde, und ließ dann den Reſt der Flaſche den übrigen Tiſchgenoſſen ſerviren. Während des ganzen Früh⸗ ſtücks nahm er nur ein Ei und eine Orange. Auch ohne ſeine ſeltſame Toilette und das bizarre Aus⸗ ſehen, hätte dieſer Mann das Intereſſe des Beobachters durch den wunderbaren Ausdruck ſeines Blickes erregt. Seine Augen, obwohl an ſich glänzend, waren unbeweglich und ſchienen auf den erſten Anblick einen kaum gewöhnlichen Verſtand zu ver⸗ rathen; einige ſchwache Blitze, die ſie auf die ſchöne Miß An⸗ nette warfen, Blitze, die für Jeden unbemerkbar, der nicht, wie ich, die wilden Rothhäute der Prairie genau kannte, ſagten mir, daß die gleichgültige, man könnte ſagen, einfältige Miene meines Tiſchvis⸗a⸗vis nichts anders als eine täuſchende Maske war, die die Willenskraft ſeinem Geſichte vorſteckte. Ich glaubte ihn, von dieſem Augenblicke an, einer Nation zuzählen zu dürfen. Während man uns den Thee brachte, hatte der Keutuckier„ deſſen Teller„nachdem es zur Baſis der beſchrie⸗ Der Erzähler 1848. w. 17 258 benen Phramide gedient, ſchon ſeit langer Zeit eine außer⸗ ordentlich glänzende Ebene bildete, ſich ſorgfältig die Nägel ge⸗ reinigt und beſchäftigte ſich nun mit der Lectüre des amerika⸗ niſchen Journales the Paily-News. Zwei ſtark accentuirte und ein tiefes Erſtaunen verrathende oh! oh! die aus ſeiner breiten Bruſt kamen, machten alle Tiſchgenoſſen auf ihn aufmerkſam. „Eine wichtige Neuigkeit, Sir?“ fragte ihn ein anderer Amerikaner. „Ja, ſehr wichtig!“ „Könnten Sie uns dieſelbe mittheilen?“ „No,“ antwortete der Kentuckier, nachdem er einen Augen⸗ blick ſich beſonnen hatte.—„Dieſe Neuigkeit betrifft ein gutes Geſchäft, und je weniger ein gutes Geſchäft bekannt iſt, deſto beſſer.“ „Dann haben Sie Unrecht, Ihr Erſtaunen bemerklich zu machen... Ich werde nun die Paily-News ſehr ſorg⸗ fältig leſen.“ Der Kentuckier beſann ſich wiederum einen Augenblick, ehe er antwortete. „Ja, ich hatte Unrecht, oh, oh! zu rufen,“ ſagte er endlich.„Vielleicht finden Sie aber die Entdeckung in dem Jour⸗ nale trotz meines Ausrufes nicht?“ „Alſo handelt es ſich um eine Entdeckung.“ Der amerikaniſche Rieſe bemerkte wahrſcheinlich, daß einer ſeiner Nägel, trotz einer erſten Toilette, nicht ganz rein n denn er begann denſelben abermals mit dem xiſchn putzen, ſtatt zu antworten. i 3 a 259 Nachdem das Frühſtück vorüber war, verließen die Gäſte des Boardinghouſe das Sprechzimmer, mit Ausnahme des Kentuckiers, des Amerikaners, der ihn mit ſo geringem Er⸗ folge gefragt hatte, und des Mannes mit dem gebräunten Geſichte und den mit Ringen beladenen Händen. Der Letztere zündete— gegen den Gebrauch, der in de Vereinigten Staaten vor Frauen zu rauchen verbietet— eine kleine Zigarette in weißem Papier an. Der fragende Ameri⸗ kaner nahm die Daily-News, um, wie er angekündigt hatte, die Entdeckung des Kentuckiers zu ſuchen, während dieſer, eine alte ſilberne Uhr aus ſeiner Hoſentaſche ziehend, zu der Tochter des Hauſes, Miß Annette B..„ſagte: „Ich habe fünf Minuten Zeit übrig, mit welchen ich nichts anzufangen weiß... Laſſen Sie mich dieſelben damit ausfüllen, Miß, daß ich Ihnen meine ehrbare Liebe und die Achtung ſchildre, die Sie mir einflößen.“ Bei dieſem ſo zart vorgebrachten Complimente erröthete WMiß Annette vor Vergnügen, während ihre Mutter mit ſicht⸗ barer Befriedigung lächelte. Der Kentuckier blieb die fünf Minuten vor dem jungen Mädchen aufgepflanzt, indem er ſie mit ebenſoviel Aufmerkſamkeit als Kaltblütigkeit betrachtete; nachdem aber die der Liebe geweihte Zeit verſtrichen war, nahm er ſeinen Hut, ſetzte ihn auf den Kopf, und ſagte beim Abſchied zu ſeiner Braut: „Miß Annette, zählen Sie immer auf mich. ich liebe ſie noch A propos, die Baumwollenwaaren ſind um zehn ein halb Prorent geſunken... Auf Wiederſehen.“ 260 Kaum hatte der galante Kentuckier die Thüre des Sprech⸗ zimmers hinter ſich geſchloſſen, als der Amerikaner, der immer noch die Daily-News las, einen Schrei des Erſtaunens aus⸗ ſtieß und rief: „Ah! bei Gott! wenn die Neuigkeit wahr iſt. ſo iſt das vortrefflich!“ Da Miſtreß B. mich nach meiner Ankunft ihren Penſionären vorgeſtellt hatte, ſo konnte ich, ohne befürchten zu müſſen, für taktlos zu gelten, das Wort an den Ameri⸗ kaner richten: „Es ſcheint, Sie haben gefunden?“— ſagte ich zu ihm, indem ich mit dem Finger auf das Journal zeigte. „O das iſt ausgezeichnet,“ antwortete er mir,„ausge⸗ zeichnet! Ja ſo außerordentlich, daß ich in Verſuchung komme, es für einen Puff zu halten... „Laſſen Sie den Puff hören..4 „Man ſchreibt aus Californien an den Redakteur der Daily-Mews, daß man ſo eben an den Ufern des Sacra⸗ mento eine ſolche Maſſe Golvſtaub entdeckt, daß ein einziger Mann in einem Tage mit Leichtigkeit ein Pfund ſammeln könne.. Unglaublich... nicht wahr? Indeß der Artikel bietet ſo viele Details, und trägt ein Gepräge der Wahrheit, das mich überzeugen könnte... Leſen Sie.. Dieſer ge⸗ ſegnete Sacramento würde allein, wenn die Daily-News die Wahrheit ſprechen, die Vereinigten Staaten mehr bereichern, als der Beſitz aller Silberminen der neuen Welt!.4 Ich nahm das Journal, das mir der Amerikaner darbot, als der Mann mit dem braunen Geſichte wie ein Tiger von 261 dem Kamine, wo er geſeſſen hatte, herbeiſprang und ſich mit einem Satze mir gegenüber ſtellte. „Was ſagt man vom Sacramento?“ fragte er mich mit dumpfer Stimme und in ſpaniſcher Sprache. Sein Sprung hatte mich ſo außer Faſſung gebracht, daß ich ihm einen Augenblick die Antwort ſchuldig blieb. „Aber antworten Sie mir doch!.. antworten Sie mir doch!“— rief er wieder im aufgeregteſten Tone,..„was ſagt man vom Sacramento?“ „Daß man ſo eben reiche Goldgruben entdeckt hat!“ „Einen Plarer oder Goldgruben?“*) „Einen Placer nach dem Spaniſchen, Goldgruben vach dem Engliſchen.“ Meine Antwort machte einen ſchrecklichen Eindruck auf den Unterredner; ſeine Bläſſe wurde trotz ſeiner Bronzefarbe bleiartig, ſeine Zähne klapperten, ſeine Augen funkelten un⸗ heimlich; ich glaubte, er werde plötzlich krank. „Welches Intereſſe haben Sie an dieſer Entdeckung, Caballero?“ fragte ich ihn. „Welches Intereſſe?“ wiederholte er mit einem Erſtaunen, in das ſich der Ausdruck der Wuth miſchte;„das Intereſſe *) Die Orte, wo man das Gold ohne Arbeit im Zuſtande des Metalles und nicht als Mineral am Boden findet, werden in Merico Placeres oder Bonanzas genannt, und gleichen den Gruben in keiner Weiſe. Man hat bereits in dieſem reichen Lande ebenſo ergiebige Placeres als der des Sa⸗ cramento. 262 des Beſitzers an ſeinem Beſitz.. Dieſer Placer gehörte i Ich betrachtete ihn theilnehmend, im Gefühle eine Dumm⸗ heit geſagt zu haben. „O, ich begreife die Sprache Ihrer Augen,“ antwortete er traurig;„Sie glauben mit einem Wahnſinnigen zu ſprechen. Mein Name wird, wie ich hoffe, Sie vom Gegentheil über⸗ zeugen und Ihnen meine Verzweiflung erklärlich machen: ich heiße Rafael Quirino.“ „Ah! Sie ſind Rafael Quirino?“ wiederholte ich mechaniſch. In der That aber war mir der Name Rafael Quirino durchaus unbekannt. „Sie ſind ohne Zweifel Mericaner!“ begann ich nach Kurzem wieder, um das Geſpräch nicht fallen zu laſſen, das mich zu intereſſtren begann. Der Eigenthümer der Goldbergwerke des Sacramento ſchien höchlich erſtaunt über meine Frage. „Was ſoll ich denn anderes ſein, als Merxicaner?“ fagte er zu mir;„Jedermann weiß, daß Rafael Quirino, der König der Goldſucher in Californien, nahe beim Hafen von San Francisco geboren iſt.“ Dieſe Antwort, die mir erklärte, warum Quirino mir ſeinen Namen genannt, erinnerte mich auch, daß ſich durch zahlloſe Reiſeerinnerungen dieſer Name ziehe. Ich hatte ihn in der That auch im Jahre 1845 während meines letzten Aufenthaltes zu Monterey oft nennen hören. 263 Der Mann, den ich vor mir hatte, war ſomit nicht allein kein Narr, ſondern im Gegentheil ein ſeltenes Eremplar jener kühnen Gambuſinos, die ſorglos die weiten Einöden von Neumerico durchwandern, dem Meſſer des Indiers, den Beſchwerden des Durſtes und den Zähnen der Tiger und Jaguars trotzend. Die Verzweiflung, die er ſo eben bei der Nachricht der Entdeckung eines Placer am Saecramento gezeigt, überzeugte mich, daß das Vorhandenſein dieſes Placer eine wirkliche Thatſache ſei, und erweckte in mir den lebhaften Wunſch, die Sache näher zu unterſuchen. Ich ſchlug ihm vor, eine Cigarre auf meinem Zimmer zu rauchen, was er, ohne ſich bitten zu laſſen, annahm. Das Zuſammentreffen mit einem Manne, der dieſelbe Sprache, wie er, ſprach, ſchien ihm ein großes Vergnügen zu bereiten. „Entſchuldigen Sie, Seſior Quirino, die Frage, die ich an Sie richten möchte,“ ſagte ich, als wir es uns im Zimmer bequem gemacht und rauchten;„ſeien Sie überzeugt, daß nur das Intereſſe und die Neugierde mir dieſelbe dietirt: Wie kommt es, daß Sie hier in Neu⸗Orleans ſind?“ „Meine Anweſenheit an dieſem Orte iſt eine ganze Ge⸗ ſchichte,“ antwortete mir der Gambuſino, der Dank ſeiner ungemeinen Willenskraft, ſeine Kaltblütigkeit wieder gefunden, hatte.„Wünſchen Sie, daß ich erzähle?“ „Sie bereiten mir ein großes Vergnügen.“ „Die Geſchichte iſt ſehr einfach, es reichen wenige Worte: Heute vor ſechs Monaten begegnete ich in Californien bei einer Caravane von Amerikanern der Seſorita Annette und 264 ihrer Muiter. Ich verliebte mich ſterblich in die Tochter unſerer gegenwärtigen Wirthin. Ich war damals ſo berauſcht vor Freude über den Fund des Placer am Sacramento, daß ich der ſchönen Amerikanerin ohne Zögern 500 Unzen Gold (40000 Franken), das heißt, Alles, was ich beſaß, für ein Rendezvous bot.. Sie ſchlug es aus. Die Verzweiflung über dieſe Weigerung, die ich nicht entfernt erwartet hatte, mehrte meine Liebe und ſteigerte ſie zu einem ſolchen Grade von Heftigkeit, wie ſie nur der Gambuſino kennt, wenn er für einen Augenblick in das bekannte Leben zurückkehrt. Ich warf mich ihr zu Füßen; ich bat ſie, in Californien zu bleiben und ſchwur ihr, ſie, ehe ſechs Monate vergehen, zu heirathen und ihr ein Hochzeitsgeſchenk von einer halben Million Gold⸗ ſtaub zu bringen... Diesmal hielt ſie es nicht mal mehr der Mühe werth, mir es abzuſchlagen... ſie glaubte, ich ſei ein Narr. Was ſoll ich Ihnen weiter ſagen? Am andern Tage nach dieſer Scene zog die Caravane weiter, ich folgte ihr. Zwei Monate ſpäter befand ich mich in Neu⸗Orleans.“ „Und was haben Sie ſeit dieſer Zeit gethan?“ „Ich habe geliebt und gelitten, denn ich habe eingeſehen, daß, da Seſorita Annette keine Gefühle für mich hege, ihre Gleichgültigkeit von einer Neigung herrühren müſſe, die ihr Herz erfülle. Ich ſchäme mich, es Ihnen zu geſtehen... ſie liebt dieſen abſcheulichen Amerikaner, neben welchem Sie bei Tiſche geſeſſen... Dieſer Kentuckier, mit Namen John Bell, wird in Kurzem heirathen.. und was habe ich nicht Alles gethan, um ihr zu gefallen, dieſer Annette? Ich habe, ohne irgend einen Genuß davon, meine 500 Unzen Gold in 265 der Tollheit beinahe aufgebraucht... ich wollte ihr zeigen, daß ſie es mit einem Caballero zu thun habe! Ich habe mich meines Gambufinocoſtüms entledigt, um mich in die ſchönſte Toilette der Welt zu werfen, und die Kleidung der Pflaſtertreter der Städte anzuziehen.. ſie hat mir Alles für nichts angerechnet... und dabei denken zu müſſen, daß ſie dieſen dummen John Bell vorzieht, der an meinem Verluſte des Placer vom Saeramento ſchuldig iſt! Doch wer weiß? vielleicht wird das Schickſal dieſes John Bell ſo traurig, daß ich, ſtatt mich über ihn zu beklagen, genöthigt ſein werde, ihn zu beklagen...“ Die bittere Ironie, mit welcher der Gambuſino dieſe letzten Worte ſprach, machten mich nachdenklich. Ich kannte zu gut den Charakter und die Sitten dieſer unbezwingbaren Gäſte der Wildniß, um nicht zu wiſſen, daß bei ihnen Ge⸗ danke und That ſich nah berühren. Die Vermuthungen, die in mir aufſtiegen, waren jedoch nicht der Art, um ſie Seßor Quirino mitzutheilen. Ich nahm das Geſpräch wieder auf: „Aber es ſcheint mir, Don Rafael,“ ſagte ich zu dem Gambuſino,„daß Sie ein ausgezeichnetes Mittel beſitzen, um die Hand der Miß Annette zu gewinnen... Sie dürfen ihr nur die Entdeckung des Placer am Sacramento mit⸗ theilen. Zahlreiche und glänzende Beiſpiele von Entdeckungen, unter anderen die der Bonanza von Nabogama, hätten Ihren Worten das größte Gewicht verliehen, wenn es nicht ſchon Ihr Anſehbn vermocht. Ich ſtaune, daß Ihnen dieſer Gedanke noch nicht gekommen.“ 266 „Die Entdeckung eines Placer mittheilen?“ wiederholte Quirino mit großem Erſtaunen.„Aber Sie wiſſen wohl nicht, was ein Gambuſino iſt? Der ächte Gambuſino iſt kein ge⸗ wöhnlicher Menſch. Für ihn exiſtirt das Intereſſe gar nicht, die Begierde iſt ihm unbekannt. Das Gold, das er auf ſo gefahrvolle Weiſe gewinnt, daß die Erzählung die Grenzen der Glaubwürdigkeit überſchreiten müßte, er verſchwendet es ohne Hintergedanken und ohne Reue, wenn er damit ſeine unbedeutendſten Capricen befriedigen konnte. Bieten Sie einem Gambuſino in der Noth eine Million Einkünfte mit der Bedingung, daß er auf ſein Geſchäft verzichte— und er wird das Anerbieten ohne Zögern ausſchlagen.“ „Sie arbeiten alſo für den Ruhm?“ „Den Ruhm! Was ſoll uns dieſes Wort, das jedes Sinnes baar iſt? Warum bekämpft der Vogel Uaco die Schlange? Warum äußert der größte Theil der Thiere gewiſſe unmotivirte Sympathien und Antipathien? Niemand weiß es; ſo iſt es auch mit dem Gambuſino. Was iſt jener unüberwindliche Trieb, der ihn immer wieder in die Wildniß zieht? Woher ſtammt jene glühende Goldliebe, die ihn verzehrt und die ſelbſt der Beſitz unermeßlicher Reichthümer nicht befriedigen kann? Niemand weiß es zu ſagen! Wir gehorchen einem unerbittlichen Schickſal, einem Inſtinete, der ſtärker iſt, als unſer Wille! Sie haben ſo eben von dem Placer von Na⸗ bogama geſprochen,“ fuhr Quirind fort, immer lebhafter während des Geſpräches werdend.„Gut! ich habe dieſe Ent⸗ deckung gemacht.. Sie können, obgleich zwölf Jahre da⸗ zwiſchenliegen, unmöglich das unglaubliche Aufſehen vergeſſen ſchaft. Die Einen, in einem einzigen Tage und durch einen 267 haben, das die Nachricht erregte, der Sand des Departements bon Sonora⸗y⸗Cinaloa ſei ein wahres Goldmeer! Durch welchen Zufall mein Geheimniß bekannt wurde, weiß ich nicht... Das geht immer ſo... Kurz, dieſes Placer von Nabogama umſchloß größere Reichthümer, als das Gebiet des Sacramento je der Habgier der Amerikaner geboten hatte! In weniger als drei Monaten machten mehr als 20000 Men⸗ ſchen, die ihre Gewinnſucht dorthin geführt, die Wildniß zum Zeugniß ihrer thörichten Freude, ihrer wilden Leiden⸗ Fund bereichert, fielen unter dem Meſſer eines geheimnißvollen, unbekannten Mörders; andere, aller Hülfsquellen baar, hatten nicht ſoviel Waſſer, um ihren brennenden Durſt zu löſchen, nicht ſoviel Mais, um ihrer Schwäche aufzuhelfen und ſtarben wenige Schritte von einem Stücke Goldes entfernt, deſſen Fund ſie auf immer reich gemacht. „Ich, ein ſcheinbar gleichgültiger Beobachter bei all' dieſer Freude, dieſem Jammer, habe mehr als je ein Menſch ge⸗ litten. Ein leidenſchaftlich Liebender, der ſeine angebetete Geliebte brutalen und gemeinen Händen ausgeliefert ſieht, während er, mit Ketten beladen, ihr nicht zu Hülfe kommen kann, nur ein ſolcher vermöchte den namenloſen Schmerz zu begreifen, den ich ertrug!“ Rafael Quirino, den die Rede heftig ergriffen hatte, hielt einen Augenblick inne „O, Nabogama, Nabogama!“ fuhr er ſpäter fort, in⸗ dem er ſich ſelbſt Gewalt anthat,„welchem ſchrecklichen Schau⸗ ſpiele haſt du zur Bühne gedient! Wie oft iſt dein mit 268 Gebeinen von verdurſteten Maulthieren bedeckter Sand von habgierigen Händen durchwühlt, wie oft vom Blute des Neides und der Rachſucht gefärbt worden..4 „Ich begreife, daß die Habgier zu Nabogama die Hände einiger Elenden bewaffnen konnte, Seſior Quirino, aber nicht die Rachſucht...“ Ein ſeltſames Lächeln überflog die Züge des Gambuſino. „Ich erkläre nicht,“ antwortete er,„ich erzähle. Es iſt Thatſache, daß die glücklichſten Goldſucher von Nabogama bei⸗ nahe alle einem geheimnißvollen Meſſer erlagen.“ „Wirklich?“ Ich betrachtete Quirino mit aufmerkſamem Blicke; ſein Geſicht war wieder theilnahmlos geworden und ſeine Augen hatten den gewöhnlichen Ausdruck der Gleichgültigkeit, beinahe Beſchränktheit. „Haben die Gambuſinos denn die Gewohnheit, ſich gegen⸗ ſeitig abzuſchlachten?“ fragte ich ihn, einem Gedanken Worte gebend, der in mir aufgeſtiegen war. „Die Gambuſinos,“ antwortete er mir,„ſind unglück⸗ liche Weſen, die Gott in ſeinem Zorne mit der Fortpflanzung blutiger Sagen beladen zu haben ſcheint. Aber Sie morden nicht aus Intereſſe, aus Habgier... Dieſe Abenteurer, die, wie die Zopiloten ſich zu Tauſenden auf die neu entdeckten Pla⸗ ceres ſtürzen, ſind Rascadores(Aufkrazer), keine Gambuſinos“ „Sagen Sie mir, Don Rafael, glauben Sie, daß es wahr iſt, was man behauptet, Californien, Neu⸗Mexico und das Preſidio von Sonvra⸗y⸗Cinaloa hegen noch fabelhafte und unbekannte Reichthümer, Haufen ausgezeichneten Goldes?“ —— —— 269 „Es iſt wahr!“ antwortete mir Quirino mit einer zu⸗ rückhaltenden und verſchloſſenen Miene. „Haben Sie doch mehr Zutrauen zu mir ich bin kein Rivale, ich... Sie können freimüthig ſprechen.“ „Was wollen Sie?“ „Sie ſollen mir eine Epiſode Ihres Lebens in der Wild⸗ niß erzählen... Es iſt unmöglich, daß Sie, Quirino, Sie, der König der Gambuſinos, nicht der Held eines ſeltſamen Abenteuers geweſen wären.“ „Sie täuſchen ſich nicht.. Ich habe Reichthümer ge⸗ ſehen und berührt, die kein chriſtliches Auge und keine menſch⸗ liche Hand vor mir geſehen und berührt... Meine Genoſſen wiſſen das wohl, und wenn ich noch am Leben bin, ſo iſt dies nur dadurch möglich, daß die Hoffnung bei ihnen die Eifer⸗ ſucht niedergehalten... Sie haben noch nicht darauf ver⸗ zichtet, mir mein Geheimniß zu entlocken.“ „Aber ich... ich bin kein Rival... „Nein, aber Sie könnten ein Echo werden... und ich geſtehe, es würde mich ſchmerzen, wenn ich deßhalb eines Tages gezwungen ſein ſollte, mein Meſſer zu tauchen in das Herz.. Doch laſſen Sie uns abbrechen.“ Es wäre mir unangenehm geweſen, die Bekenntniſſe meines neuen Freundes, des Gambuſino, ſo raſch abgebrochen“ zu ſehen; ich verſuchte deßhalb die Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen. „Laſſen wir,“ ſagte ich,„den Theil der Unterhaltung bei Seite, der auf Meſſerſtöße Anziehungskraft ausübt. und 270 ſprechen wir lieber vom Saecramento... Das wird Ihnen nicht zuwider ſein?“ „Keines Wegs: ich bin reſignirt. Fragen Sie, ich werde antworten.“ „Wie hoch ſchätzen Sie das Gold, das dort ſich findet?“ „Sie beginnen mit einer ſchwierigen Frage.. das Gold vom Sacramento,— ich ſpreche nur von dem Theil des Sac⸗ ramento, welcher bekannt iſt— dieſes Gold muß ſich nach der Farbe und den zu urtheilen, S ein fünfzig Mil⸗ lionen belaufen. „Fünfzig wicionen! Glücklich, wer zuerſt an Ort und Stelle kommt.“ Sie haben Recht... zuerſt.. aber auch nur die Erſten.. — fünfzig Millionen können doch das Glück vieler Einzelnen begründen.“ „Glauben Sie: ich habe geſagt, der Placer des Sacra⸗ mento könne ein fünfzig Millionen enthalten... aber nicht, daß er dieſelbe Summe auch wirklich abwerfen werde. Iſt der Goloſtaub, der ſich auf der Erde findet, geſammelt, ſo würde die Gewinnung des in der Erde befindlichen Goldes Koſten verurſachen, die ſeinem Werthe wenigſtens gleichkommen.. Es iſt alſo ergiebiger, ein Maisfeld zu bearbeiten, als einen Placer auszugraben.“ „Es iſt dennoch ihre Anſicht, die Entdeckung dieſer Bonnnz werde keinen Einfluß auf die Vereinigten Staaten haben?“ „Nein, durchaus keinen.“ — 271 „Und glauben Sie, daß es wirklich Goldmeere gibt,— um mich eines Ausdrucks zu bedienen, den Sie von Nabogama gebraucht haben— Goldmeere, deren Entdeckung auf das Schickſal einer ganzen Nation Einfluß haben müßte?“ „Gewiß, es gibt welche,“ antwortete mir Quirino;„aber wozu dieſe Frage?..4 „Richtig... wieder eine Frage mit Meſſerſtichen. nicht wahr? Gut! kehren wir zum Sacramento zurück. Sie ahnen wohl, wodurch das Daſein dieſes Placers andern Leuten, als Ihnen bekannt geworden?“ „Leider, ich ahne nur zu gut. Ich hatte ein Vorgefühl dieſes Unglücks und war bereit, Hand ans Werk zu legen, als meine thörichte Leidenſchaft für die Seſorita Annette mich die koſtbarſte Zeit vergenden ließ. Das verfluchte Rad einer neuen Brettermühle, die ein Amerikaner meiner Bekanntſchaft errichtet hat, iſt ſicherlich die unſchuldige Urſache dieſer Wen⸗ dung der Dinge. Mehrmals ſchon mußte ich mit friſcher Erde einen Haufen gewaſchenen Sandes bedecken, den dieſes Rad durch ſeine Drehung auswarf und aus welchem zahlreiche Gold⸗ körner hervorglänzten...“ „Und was gedenken Sie nun zu thun?“ „Können Sie im Ernſte dieſe Frage an mich richten?“ rief Quirino.„Ich vergleiche gegenwärtig mein Schickſal mit dem eines Liebenden, der ſeine Geliebte ungeſtraft beleidigen ſieht ich bin überzeugt, wenn je etwas Derartiges vorgekommen, ſo wird der Liebende ein grauſames und herzzerreißendes Ver⸗ gnügen daran gefunden haben, an dieſer Beſchimpfung Theil zu nehmen.. er wird lieber Zeuge derſelben geweſen ſein, ſtatt ſie 272 von einem andern erzählen zu hören; denn, wenn der Menſch auf dem äußerſten Punkte des Schmerzes angekommen iſt, ſo endet er mit der wilden und gierigen Wolluſt, ſeinen Unglücks⸗ becher bis auf die Hefe zu leeren, indem er allen Leuten damit unter das Geſicht tritt. So iſt es denn auch mein feſter Ent⸗ ſchluß, ſo bald als möglich nach Californien zurückzukehren.“ Dieſe Worte des Gambuſino ſetzten mich keineswegs in Erſtaunen. Seit langer Zeit war ich gewöhnt, bei den weißen Merikanern, ſelbſt bei denen der unteren Klaſſen der Geſell⸗ ſchaft, einer großen poetiſchen Kraft und einer ſeltenen Eleganz der Sprache zu begegnen. „Wohl. Ich begreife bis auf einen gewiſſen Grad Ihre Gründe,“ ſagte ich ihm,„aber wenn Sie Zeuge der Plünde⸗ rung ihres Placer geweſen, was werden Sie dann thun?“ Bei dieſer Frage bekamen die ſonſt ſo nichtsſagenden und verwiſchten Geſichtszüge des Gambuſino einen tief melan⸗ choliſchen, ernſten, ja beinahe feierlichen Ausdruck. „Ich werde mein Leben in die Hände Gottes zurückgeben!“ antwortete er mit bewegter Stimme. „Ein Selbſtmord! gehen Sie!“ „Oh! nicht das.. Sie haben mich nicht recht ver⸗ ſtunden... Ich wollte ſagen, ich werde verſuchen, das auszu⸗ führen, wonach ich ſchon ſeit Jahren ſtrebe. Ich werde wieder⸗ um nach der Wildniß ziehen, das Gold wieder ſehen, das kein menſchlich Auge, ich wiederhole es, vor mir geſehen, jenes Gold, zu dem ich beinahe verdurſtend mich noch ſchleppte und ſo matt, daß ich mich kaum gegen die Angriffe der Raubvögel wehren konnte, die mich für einen Leichnam hielten und ſich 273 auf mich ſtürzten.. Aber, ich fühle es, es wird mir nicht glücken!.4 „Nun! und dann?“ „Mein Name wird dann jene lange Todtenliſte von Gam⸗ buſinos vermehren, welche auf geheimnißvolle Weiſe in der Wüſte verſchwunden ſind... in zwanzig Jahren werde ich nur noch eine von Dunkel umhüllte Tradition ſein. 4 „Wenn Sie dieſe unheimliche Ahnung haben, warum laſſen Sie nicht von Ihrem Vorſatz?“ „Ich möchte wohl, aber ich kann nicht... Dieſer unüber⸗ windliche Trieb, dieſer unerklärliche Inſtinet, von welchem ich Ihnen ſprach, treiben mich wider meinen Willen ins Un⸗ glück. ich weiß, daß. ich dem Tode entgegengehe, und ich gehe doch. was wollen Sie? man iſt ſeinem Schickſale verfallen, man gehorcht der Natur.“ Dieſer Quirino, den ich zum erſten Mal in meinem Leben ſah, zeigte eine ſo eigenthümliche Miſchung tiefer Trauer und muthiger Reſignation, daß ich mich wider Willen zu ihm hingezogen fühlte. Ohne an die blutigen Thaten zu denken, die vielleicht ſeine Vergangenheit befleckten, ergriff ich mit Wärme ſeine Hand. „Don Rafael,“ ſagte ich,„erlauben Sie mir, einem Spa⸗ nier, Sie als meinen Landsmann zu betrachten und Ihnen meine Freundſchaft anzubieten... vielleicht iſt Ihnen dieſe Freund⸗ ſchaft nicht ohne Nutzen.. denn ich verzweifle nicht daran, Sie noch von Ihren Projekten für die Zukunft abzubringen.“ Der Gambuſino drückte herzlich meine Hände in den ſeinen, Der Erzähler 1848. m. 18 274 und antwortete mir nur durch ein ungläubiges Lächeln, be⸗ gleitet von einem leichten, verneinenden Schütteln des Kopfes. Ich nahm darauf Abſchied von ihm, um meine Geſchäfte zu beſorgen. Wir kamen überein, uns bei Tiſche wieder zu treffen. Der Reſt des Jages verging mir in lauter Unluſt. Die unglücklichen Ereigniſſe in Frankreich, der traurige Zuſtand des Handels in Mexiko, und das geringe Vertrauen, welches jenes der Anarchie preisgegebene Land einflößte, machten, daß ich in allen Häuſern freundlich abgewieſen wurde, wo ich mich präſentirte, um auf Credit Waaren zu erhalten, die ich mit mir nach Vera⸗Cruz nehmen wollte. Ich war natürlich ſchlechten Humors, als ich in das Boarding⸗Houſe zurückkehrte. Alles ſaß bereits bei Tiſche: das Mittageſſen begann. Nachdem ich die Hand meines neuen Bekannten, des Gambufino, gedrückt hatte, nahm ich meinen Platz vom Morgen neben dem großen Kentuckier wieder ein. Der amerikaniſche Goliath hatte, getreu ſeiner Gewohnheit, bereits auf ſeinem Teller eine beträchtliche Pyramide aus den verſchiedenen Speiſen, welche die Tafel bedeckten, errichtet; aber, unerhörter Weiſe, die Spitze ſeines gaſtronomiſchen Baues war noch unberührt. öohn Bell, in tiefes Nachdenken verſunken, vergaß zu eittich hatte er ſogar keinen Hunger. Ich konnte, ob⸗ gleich mit meinen eigenen Gedanken ſehr beſchäftigt, nicht um⸗ hin, dies zu bemerken. „Sind Sie unwohl?“ fragte ich ihn. „Nein,“ antwortete er, nachdem er einen Augenblick nach⸗ gedacht,„mein Geiſt iſt krank.“ 275 „Ihr Geiſt? Nicht möglich.“ „Oh! hes! mein Geiſt. Ich denke ſeit dieſen Morgen an den Artikel, den ich in den Daily-News geleſen.“ „An die Entdeckung der Goldgruben vom Sacramento?“ „Sacramento! Sacramento! Oh! oh! Sie haben er⸗ rathen.. das iſt merkwürdig, daß Sie errathen haben.. wirklich merkwürdig!...“ „Nun, was kümmert Sie dieſe Entdeckung?“ „Wie? was iſt gefällig?“ rief der Kentuckier.„Aber wenn dieſe Nachricht wahr iſt, reiſe ich auf der Stelle. ich. In drei Monaten habe ich 40,000 Dollars gewonnen.“ „So reiſen Sie... Die Nachricht iſt richtig.“ Ich glaubte, der coloſſale John Bell werde vom Schlag⸗ fluß gerührt, ſo roth wurde ſein Geſicht. Es dauerte einige Minuten, bis er ſeine Faſſung wieder gefunden. „Ich hoffe, daß Sie im Ernſte ſprechen?“ fragte er mich endlich. „Sie haben Recht. Ich ſpreche um ſo mehr im Ernſte, als ich den Mann kenne, der die Goldminen vom Sacramento entdeckt..4 8 „Wirklich? wirklich?“ rief der Kentuckier, mit ſtolzer Bewegung ſeinen Teller, auf welchem noch immer die Phra⸗ mide ſtand, weit von ſich ſtoßend.„Und darf ich Sie fragen, wer iſt dieſer Mann? Darf ich?“ „Dieſer Mann iſt niemand anders als Señor Quirino, der hier zugegen iſt.“ „Seüor Rafael!“ rief Miß Annette B... während ihr Geſicht allerliebſt erröthete. 276 „Er ſelbſt, Miß,— und er hat mir darüber Details mitgetheilt, die mir keinen Zweifel an ſeinen Worten übrig laſſen 4 „Que dicen(was ſagen Sie)?“ fragte mich der Gam⸗ bufino, der das Engliſche nur ſchlecht verſtand,„Sie W von mir, nicht wahr?“ „Dieſer Herr,“ beeilte ſich Miß Annette auf ſpaniſch zu antworten, indem ſie auf mich zeigte,„dieſer Herr behauptet aufs Beſtimmteſte, daß Sie die Goldminen des Sacramento entdeckt.“ „Der Señor ſpricht wahr,“ antwortete kalt Quirino. „Dann,“ verſetzte Miß Annette mit einer gewiſſen Un⸗ ruhe in der Stimme und zögernd,„dann war die halbe Mil⸗ lion, die Sie mit mir theilen wollten, nicht blos zum Scherze erfunden, um mich zu täuſchen?“ „Ich habe Ihnen nur von einer halben Million ge⸗ ſprochen, um nicht in Ihren Augen für einen Narren zu gelten ich hätte vielmehr von zwei Millionen ſprechen müſſen...“ „Daß Sie es nicht gethan haben?“ rief John Bell mit dem Tone der Verzweiflung:„Sie hätten Miß Annette gehei⸗ rathet und wir würden uns zur Ausbeutung der Minen des Sacramento aſſocirt haben... So wären wir alle glücklich.“ „Ja, alle glücklich!“ wiederholte leiſe die junge und ſchöne Amerikanerin. Rafael Quirino pfiff ſtatt aller Antwort durch die Zähne 6 mexikaniſche Fandangomelodie. — Als wir vom Tiſche aufſtanden, nahm mich der Gambu⸗ ſino am Arme und ſchlug mir vor, wir wollten eine Prome⸗ nade machen: ich nahm es an. „Was denken Sie von den Amerikanerinnen?“ fragte er mich, als wir auf der Straße waren. „Ich halte Sie für Töchter und Schweſtern von Kauf⸗ leuten.“ „Ihre Antwort gefällt mir, ſie iſt die richtige. Sprechen Sie nur nicht mehr von meiner Schwäche.. ich ſchäme mich ihrer.“ „Bah! Sie haben einem Inſtinete gehorcht, das iſt Alles.“ „Und Sie?“ fragte mich Rafael lächelnd,„ſind Sie zu⸗ frieden mit dem Gang Ihrer Geſchäfte?“ „Keineswegs. Ich fürchte ſehr, meine Zeit und mein Geld mit dieſer Reiſe in die Vereinigten Staaten berloren zu haben; die Geſchäfte, welche ich zu machen beabſichtigte, werden ſich wahrſcheinlich nicht realiſiren.“ „Um ſo beſſer.“ „Wie, um ſo beſſer? Ich danke für Ihre Theilnahme.“ „Hören Sie,“ ſagte Quirino mit ernſter Miene,„ſprechen wir vernünftig, ich werde mich in zwei bis drei Tagen einer Caravane anſchließen, die ſich nach Monterey begibt. Wollen Sie mit mir kommen?“ „Eine ſeltſame Idee, mich zu einer Wanderung durch die Prairie nach Californien zu bewegen!“ „Ich biete Ihnen Ausſicht auf großes Glück, überlegen Sie reiflich, ehe Sie es mir abſchlagen“ „Ich danke Ihnen von ganzem Herzen aber Sie begreifen, daß es mir ſchwer werden muß, mich ſo augenblick⸗ lich zu entſchließen.“ „Ich habe deßhalb geſagt, Sie möchten ſich die Sache überlegen.“ „Das werde ich thun. Darf ich Sie jedoch fragen, Seſor Quirino, woher dieſes große Intereſſe komme, das Sie mir, den Sie kaum kennen, zu beweiſen die Güte haben. Ich bin Ihnen ja beinahe fremd.“ Ein düſteres Lächeln überflog die Züge des Gambuſino. „Ich habe Intereſſe für Sie,“ antwortete er,„gerade weil Sie, ohne mich zu kennen, mir Ihre Freundſchaft ange⸗ boten und die Hand gereicht... weil ich in Ihren Augen jene wahre Theilnahme leuchten ſah... die einzige Freund⸗ ſchaft, die erſte Theilnahme, die mir ein menſchliches Weſen gezeigt..“ „Sie übertreiben, Seßor Quirino...4 „Leider, nein, ich übertreibe nicht.. Wir Gambuſinos, die wir dem Neide Aller ausgeſetzt leben, wiſſen in dem Blicke der Menſchen ſo ſicher zu leſen, als im Sande der Wüſte... Von unauslöſchlichem Mißtrauen gepeinigt, ahnen wir leicht unter der Maske des Wohlwollens die Schlinge und den Ver⸗ rath... Sie ſind der Erſte, ich wiederhole es, deſſen theil⸗ nahmvoller Blick mir bis zum Herzen gedrungen... Sie dürfen deßhalb nicht erſtaunen, wenn ich Ihnen mit Glücks⸗ gütern lohnen will— die mich überdies nichts koſten— um Ihnen zu danken für die größte Freude, die mir je in meinem * — —.————— — ————————————— . 279 Lehen geworden.. Glauben Sie mir.. ſchlagen Sie mir die Bitte nicht ab.../ „Ich danke, ich nehme das Anerbieten an,“ rief ich, beinahe gegen meinen Willen, angezogen durch den treuherzi⸗ gen, überredenden Ton der Antwort des Gambuſinv. „So iſt die Sache abgemacht,“— ſagte er,„wir wiſn in drei Tagen.“ „Drei Tagen: etwas wenig Zeit für meine Einkäufe!“ „Welche Einkäufe?“ „Nun das Päckchen, das ich mitnehmen will, um es an die Goldſucher zu verkaufen.“ „Das iſt unnöthig, kaufen Sie ein Fläſchchen Chinin, eine Haue und einen Dolch... mehr brauchen Sie nicht.“ „Ein hübſches und Bündel, das Sie mir auf⸗ nbthigen „Und meine Liebe, die Ihnen folgen wird... zählen Sie ſie für nichts?“ fragte mich Quirino mit einem leichten Vorwurfe. „Ich hatte Unrecht!“ ſagte ich,„wir wollen ſogleich den Chinin, die Haue und den Dolch kaufen... Ich werde keine Fragen mehr an Sie richten.“ Drei Tage ſpäter verließen wir Neu⸗Orleans, um uns nach Montereh zu begeben. Die erſte Perſon, die wir trafen, als wir an dem für die Zuſammenkunft der Caravane be⸗ ſtimmten Orte ankamen, war der Kentuckier John Bell. Sein Wagen war gefüllt mit ſorgfältig verſchloſſenen Kiſten. Der Wagen, den ich für meinen Freund und mich gemiethet hatte, enthielt nichts, als unſern Speiſevorrath, ein kleines 280 Reiſezelt, den Chinin, und die von dem Gambuſino empfoh⸗ lene Haue. Den Dolch trug ich in meinem ledernen Gürtel. II. Ich werde nicht in die Einzelheiten der Reiſe eingehen. Wir kamen nach fieben und vierzig Tagen in Monterey an. Die Entfernung der beiden Städte beträgt mehr als vierhun⸗ dert Stunden. Der Hafen von Monterey, zwiſchen dem ſtillen Meere und den Seeen von Tola, zwiſchen dem 290 nördlicher Breite und dem 1250 weſtlicher Länge gelegen, war damals in Folge der Auswanderung ſeiner Bewohner nach dem Sacramento ſo entvölkert, daß wir, Rafael Quirino und ich, uns keine Maul⸗ thiere und Diener verſchaffen konnten. John Bell, dem die Habſucht einige Phantaſie verliehen hatte, fand indeſſen Mittel, ein kleines Handelsfahrzeug aufzu⸗ treiben, das uns nach San Francisco brachte. Wenn wir mal dort ſeien, machte ſich Rafael Quirino anheiſchig, für die Leute und Reitthiere zu ſorgen, deren wir bedürften. Durch die Thätigkeit des Amerikaners wurden wir in den Stand geſetzt, noch am Abende Monterey zu verlaſſen, um uns nach dem Hafen von San Francisco zu begeben, wo wir am dritten Tage bei Sonnenaufgang Anker warfen. Die Entfernung zwiſchen beiden Häfen beträgt in gerader Linie fünf und zwanzig Stunden. —— 281 Nie werde ich, und lebte ich auch hundert Jahre, das erhabene Schauſpiel vergeſſen, das ſich meinem Blicke darbot, als die Sonne, plötzlich aus dem Meere aufſteigend, ihr glän⸗ zendes und ſtrahlendes Licht auf die Scene warf. Ich ſtieß einen Schrei des Entzückens und des Erſtaunens aus. Nie hatte ich mir von einem ſo herrlichen Panorama träumen laſſen. „Ja, ich verſtehe Sie!. Sie finden mein Vaterland ſchön!“ ſagte Rafael, der neben mir am Hafen ſtand,„nicht wahr, man könnte hier glücklich leben?“ Der Gambuſino ſeufzte, fuhr aber alsbald mit ruhiger Stimme, die nicht die geringſte Bewegung verrirth, fort: „Der Hafen von San Francisco iſt, ſagt man, der ſchönſte und größte der Welt... Schon oft habe ich Leute, die am Meere wohnen und an herrliche Ausſichten gewöhnt ſind, wie Sie bei dieſem prachtbollen Anblick in Entzücken ge⸗ rathen ſehen... Wollen Sie mir erlauben, Ihnen als Con⸗ dottiere in meinem Vaterlande zu dienen?... Der Hafen iſt, wie Sie bemerken können, von zwei Bais eingeſchloſſen: Dieſe zu Ihrer Rechten, die nördlich gelegene, heißt San Rafael... die andre, ſüdliche, iſt bekannt unter dem Namen Yerba⸗Buena Gutes Kraut) wegen der daran belegenen reichen Waiden, welche uns, von hier aus geſehen, alle verſchiedenen Nüancen der Vegetation zeigen... Die drei ſpiegelartigen Linien, welche Sie ſehen, auf deren Oberfläche ſich große Waſſerpflan⸗ zen wiegen, ſind drei Flüſſe... Alle drei ergießen ſich nach launiſchen Abwegen in die Bai von San Rafael. Der erſte 282 und nächſte dieſer Flüſſe heißt San Joaquin; der zweite Jeſus Maria; der dritte endlich iſt der Sacramento..4 „Wie? dieſer kleine Waſſerfaden iſt der Sacramento!“ rief John Bell, vor Staunen die Augen weit öffnend,„aber ich ſehe ja kein Gold!..5 Wir bekamen die als wir uſiegen daß Quirino ſich ſehr überſchätzt hatte, als er uns verſprach, für Diener und Thiere zu ſorgen. Die Stadt Francisco, ſonſt ſo heiter und belebt, ſah jetzt traurig und verlaſſen aus; kaum gewahrte man hie und da eine alte Frau, ein kleines Kind oder einen vom Alter gebeugten Greis, die durch ihr Erſcheinen die Einſamkeit der Straßen belebten. Uebrigens bemerkte ich, daß Frau, Kind und Greis ehrfurchtsvoll grüßten, wenn ſie den Gambuſino begegneten. Don Rafael nahm dieſe Huldi⸗ gungen mit der Gleichgültigkeit eines Mannes auf, der daran gewöhnt iſt. Wir waren gerade in voller Berathung, was zu thun ſei, als uns eine Hülfe, an die wir gar nicht gedacht hatten, ſehr gelegen kam, um uns aus der Verlegenheit zu ziehen. Es war die Bemannung der Goelette— im Ganzen fünf Männer,— welche ausgeriſſen waren und uns nun ihre Dienſte anboten. Dieſe tapfern Matroſen, welche ſich wenig um ihren Capitän bekümmerten, der allein an Bord geblieben, wollten ihr Glück am Sacramento verſuchen. Wir beeilten uns, ſie anzuwerben. Rafael Quirino verſchaffte ſich in kurzer Zeit um ziem⸗ lich billigen Preis ausgezeichnete Maulthiere, alte Sättel und Mantelſäcke, worauf wir ſogleich unſere Reiſe antraten — ———— —-— ———— ——————— 283 Hochcalifornien, ſeit kurzer Zeit das größte Preſidio Mericos, auch unbedingt das reichſte und fruchtbarſte. Es lieferte Korn, Leder, Mehl und Taſajo oder an der Sonne getrocknetes Fleiſch, ſowohl in einer großen am ſtillen Ocean gelegenen Strecke, als auch im Innern der Länder des Preſidio von Sonora⸗h⸗Cinaloa. In dem Zeitpunkte jedoch, als wir die Haciendas de la S6es durchzogen, glich es durch die zer⸗ ſtreuten Heerden und die überall herrſchende Todtenſtille einem verfluchten Lande, deſſen Bewohner von einer furchtbaren Plage, oder einer jener ungeheuren Kataſtrophen, wie ſie die Annalen der Natur aufzeigen, vertrieben, flohen. Die Dörfer Bodeha und Sonoma erwieſen uns Gaftfreundſchaft ohne Wirthe. Am ſechsten Tage nach unſerer Abreiſe von Monterey erreichten wir bei einbrechender Nacht ein kleines, von ameri⸗ caniſchen Truppen beſetztes Fort. Einige geringe Häuſer, welche an das Fort angebaut waren, ſchienen mir paſſend, uns ein Obdach zu gewähren: ich beeilte mich deßhalb, in eine kleine ſchlechte Bude einzutre⸗ ten, und die Gaſtfreundſchaft für die Nacht anzuſprechen. „Wenn Sie bezahlen, gerne,“ antwortete mir der Kauf⸗ mann. „Gut! ich bezahle der Handel iſt abge⸗ macht„ „Noch nicht, nur angeknüpft... Wie viel bezahlen Sie?“ „Nun! den gewöhnlichen Preis.“ „Dann mögen Sie kommen. Sie wiſſen ohne Zweifel, daß der gewöhnliche Preis für eine Nacht zwölf Piaſter für die Perſon(60 Franken) beträgt.“ 5 284 „Sehr verbunden. der Handel iſt nun nicht abge⸗ ſchloſſen. Ich gehe ohne den Gruß: auf Wiederſehen.“ Der Kentuckier John Bell, dem ich meinen Handel erzählte, zeigte eine außerordentliche Freude. Die Einſamkeit und Oede des Landes, das wir ſo eben durchwandert, hatten ihn in Ent⸗ zücken verſetzt: die theuren Preiſe waren in ſeinen Augen ein ſicherer Beweis, daß der Placer vom Sacramento noch mehr Gold umſchließe, als der Correſpondent der Paily-Mews be⸗ richtet hatte. i John Bell zeigte, beiläufig geſagt, ſeitdem ihn die Ehr⸗ furchtsbezeugungen der Bewohner von Monterey und San Francisco von der Achtung überzeugten, in der Quirino als Gambuſtno ſtand, gegenüber von dieſem eine um ſo überra⸗ ſchendere Liebenswürdigkeit, als dieſelbe gar nicht in ſeiner Natur und Gewohnheit lag. Der Goldſucher nahm dieſe Liebenswürdigkeit mit einer ächt mexicaniſchen Höflichkeit auf, die einen Fremden leicht ins Netz zieht. Ein eigenthümliches Lächeln, das ich mehr ahnte, als um ſeine Lippen ſpielen ſah, erweckte in mir bis⸗ weilen unheimliche Vermuthungen und beunruhigte mich in Bezug auf den Kentuckier. War nicht der Vorzug, den Miß Annette dem letzteren gegeben, daran Schuld, daß Quirino den Verluſt ſeines Placer zu bedauern hatte? Und die Gambuſino's vergeſſen ſo ſchwer! Der geringe Beweis von Gaſtfreundſchaft, welchen uns die Bewohner des Fort gaben, veranlaßte uns ſchon vor Son⸗ nenaufgang am andern Morgen unſte Reiſe fortzuſetzen. Rafael Quirino verſicherte uns, daß wir noch am ſelben Tage —— — ——,— 285 an dem Placer vom Sacramento ankommen würden. Es war Zeit. Der Kenuckier Bell kam, trotz ſeines athletiſchen Kör⸗ perbaues nur noch mit großer Mühe fort und ich hatte Zahn⸗ ſchmerzen. Die unglaublichen Anſtrengungen, die gefährlichen und raſchen Luftveränderungen, die heißen und trockenen Tage, die eiskalten Nächte, die einen Thau mit ſich führten, der wie ein Winterregen erſtarrend herabrieſelte— all dies machte, daß wir immer auf der Schwelle einer ſchweren Krankheit ſtanden.— Für Rafael Quirino war die Reiſe von ſieben und vierzig Tagen eine Vergnügenstour. Ich ſah nicht ein⸗ mal ſeine Beine ſich bewegen, ſeine Stirne von Schweiß feucht werden. Es dauerte beinahe zwei Stunden bis wir zum Placer vom Sacramento kamen. 3 Nie wurde wohl ein Reiſender ſo enttäuſcht, als er eine Gegend ſah, von der er ſich in ſeinen Träumen ſeit lange ein Bild ausgemalt,— ſo enttäuſcht, wie ich, bei dem Anblick des berühmten Goldplacer. Es gibt nichts ſo trauriges, als das Thal des Sacramento: eine, wenn auch ziemlich reiche, doch von ungeheuren Strecken ſchwarzgrauen Sandes durch⸗ ſchnittene Vegetation, die man in allen ihren Einzelheiten auf den erſten Blick unterſcheiden kann, bedeckte, ſoweit das Auge reicht, mit einem Tuche von ſchmutzig grüner Farbe ein ab⸗ wechslungsarmes, großes Land. Einige Baumgruppen, welche man da und dort erblickte, unterbrachen außer dem zu unfrer Linken gelegenen Hügel die Monotonie dieſer traurigen Ausſicht. Der Sacramento endlich, dieſer neue Pactolus, rauſchte ruhig 286 und klar zwiſchen zwei ſo engen Ufern dahin, daß er das An⸗ ſehen eines einfachen Baches hatte. „Iſt es möglich, daß man hier Gold findet?“ rief John Bell, beinahe ungläubig. „Sehen Sie dort jene Puncte von allen Farben, die ſich von dem Hügel und den Ufern des Fluſſes abheben?— Nun gut, das ſind die Goldſucher,“ ſagte Quirino.„Es ſind ge⸗ wiß 3— 400 ſolcher Puncte.“ Der Kentuckier gab ſeinem Maulthiere die Sporen, um es umzuwenden: das arme Thier ſetzte ſich aber in Galopp und wir folgten. Ungefähr tauſend Schritte entfernter fanden wir ein Dreißig Indianer und Meſtizen, welche Gold ſuchten: ausge⸗ rüſtet mit Chiquiniten, oder ſehr ſchön geflochtenen Körben⸗ alten Filzhüten, wollenen Decken, die an ihren vier Enden von einem in die Erde geſteckten Pfahl gehalten wurden, und eine umgekehrte Kuppel bildeten,— füllten ſie die Körbe, Hüte und Decken mit Sand, ſchütteten Waſſer darüber und rührten den Inhalt mit Hülfe von einem Spatel oder einem Stock. Der auf dieſe Weiſe durch die wiederholten Waſchungen abgeſchwemmte Sand ließ endlich einen Reſt von kleinen Steinen, Staub und Goldkörnern zurück. Einige dieſer Letzteren, die zum Trocknen an die Sonne gelegt waren, hatten die Größe von welſchen Nüſſen, verſchiedenartige und unregelmäßige Geſtalten und enthielten noch einige Adern und Stücke Quarzes an der Seite. Ihr Anblick machte einen ſolchen Eindruck auf unſern guten Kentuckier, daß er ſich am Sattelknopfe halten mufßte, um nicht von ſeinem Thier zu fallen; er hatte den Schwindel. 287 „Nun, meine Freunde,“ fragte Quirino„indem er ſich an die Indier wandte, die, beläufig geſagt, Hemden von ge⸗ ſticktem Battiſt und herrliche Calzoneras von den auffallendſten Farben trugen,„nun! Amigos, ſeid Ihr glücklich bei Eurem Geſchäfte?“ Die Indier, welche über unſre Ankunft wenig erfreut ſchienen, antworteten nicht. „Wißt Ihr, wer Euch die Ehre anthut, zu fragen, Sunde?“ begann Quirino wieder, ſeine Brauen zuſammen⸗ ziehend. „Ihr habt geſagt, Hunde!“ rief ein Meſtize, indem er die Laſt Sand, welche er auf dem Rücken trug, zu Boden warf, und das Meſſer in der Hand auf uns zuſchritt. „Ja, ich wiederhole es, Hunde!.. Aber nehmt Euch in Acht!. ich heiße Rafael Quirino!“ „Der berühmte Gambuſino!... das ſchreckliche Meſſer?“ fragte der Meſtize nunmehr zitternd. „Er ſelbſt... Jetzt antwortet mir. Wie lange bearbeitet Ihr dieſe Sandzunge?“ „Seit vierzehn Tagen, Herr!“ „Auf Eure Rechnung?“ „Nein auf Rechnung eines amerikaniſchen Kaufmanns, Herr.“ „Wie viel habt Ihr ſchon gewonnen?“ „Ungefähr 1500 Unzen Gold(120,000 Franken); da⸗ für hat er uns 500 gegeben, ungezählt die ſchönen Hemden und die herrlichen Calzoneras, die Sie an uns ſehen 288 außerdem ernährt er uns... Im Ganzen aber können wir nicht ſehr zufrieden ſein.“ „Nicht zufrieden ſein!“ rief John Bell.„Wie! ernährt, bekleidet und fünfhundert Unzen Goldes in vierzehn Tagen . und Ihr ſeid nicht zufrieden!... Das Gold ſpringt ja hier auf die Schaufel?... guter Gott!... Der enthuſiaſtiſche Amerikaner umarmte in ſeinem Ent⸗ zücken das Maulthier. Er war ein Halbnarr. „Allerdings ſind wir nicht zufrieden mit unſerer Lage,“ begann der Meſtize wieder, einen ſehr unwohlwollenden Blick auf den Amerikaner werfend.„Wiſſen Sie, Seßor, der Sie Ihr Maulthier umarmen, daß viele von unſern Landsleuten, die auf ihre eigene Rechnung arbeiten, ohne große Mühe täg⸗ lich bis zu 50 Piaſter gewinnen. Und dieſe 500 Unzen Gold⸗ bedenken Sie wohl, hätten unter 40 Perſonen getheilt werden müſſen, wenn nicht das Fieber in den letzten Tagen glücklicher Weiſe zehn von uns weggerafft hätte?.. Uebrigens iſt der Vertrag mit Ihrem Landsmann in fünf Tagen zu Ende.. und wird unſrerſeits nicht erneuert... „O Gott! man ſtirbt alſo häufig hier?“ fragte John Bell minder erfreut.. „Ob man hier ſtirbt? Hundertweiſe!“ „Bah, ich werde nicht ſterben, ich!“ rief der Kentuckier, „ich will reich werden und bleiben.“ „Wer weiß, mein lieber Seſor,“ ſagte Quirino, ſeine Worte mit jenem flüchtigen Lächeln begleitend, von welchem ich ſchon geſprochen, und das ſo unheimliche Gedanken in mir erweckte,„und was thuts?.. wenn Sie ſterben, werden Sie in Gold begraben. „Wenn es Ihnen angenehm iſt, Señores,“ ſagte Qui⸗ rino, nachdem wir die Indier verlaſſen hatten,„ſo machen wir es uns am Fuße des Hügels bequem und halten dort ruhig unſre Sieſta: die Hitze iſt unerträglich. Einige Stunden Schla⸗ fes werden uns ſo weit ſtärken, daß wir noch dieſe Nacht weiterziehen können..“ „Wie? weiter ziehen?“ fragte John Bell unruhig.„Und wohin denn?“ „Nach dem wahren Placer vom Sacramento, von wel⸗ chem wir noch beinahe acht Stunden entfernt ſind.. „Was ſagen Sie mir da?.. Iſt· es möglich, daß ein Placer, wo elende Indier fünfzig Piſter täglich verdienen, nicht ein wahrhaftiges Placer ſei?... Was werden wir denn acht Stunden entfernter ſehen 2... Colb ſtatt Sand? 4 „Nicht gerade; aber einen noch reicheren Boden, als dieſer da.. ſtatt an Staub, an Körnern reicher... Ich habe Körner geſehen von der Schwere von zwei Pfunden.“ „So wollen wir uns augenblicklich auf den Weg ma⸗ chen,“ rief John Bell, nicht mehr an die Ermüdung denkend. Trotz des Enthuſtasmus und der Bitten unſeres hab⸗ gierigen Reiſebegleiters, ließen wir uns nichts deſtoweniger an dem Fuße des Hügels nieder. Dieſer Hügel, der nicht ſehr ſchroff abfiel, war mit einer unzählbaren Menge kleiner Hütten aus Laubwerk oder Zwillich bedeckt. „Wollen Sie mir Ihr Gewehr leihen?“ fragte mich Der Erzähler 1848. 1v. 19 290 Quirino durch den Vorhang, der die Thüre zu meinem Zelte bildete.. „Gerne. Aber was wollen Sie damit?“ „Ein Reh tödten zu unſerer Mahlzeit...4 „Sie ſind alſo nicht müde?“ „Wovon?... vielleicht von der Unthätigkeit... Auf Wiederſehen... ich danke.. Als Quirino wiederkehrte, war es zehn Uhr; ich hatte vier Stunden ohne Unterbrechung geſchlafen. „Da! ſehen Sie ein ſchönes Thier,“ ſagte er, mir ein herrliches Reh vor die Füße werfend.„Man hat mir auf dem Wege bereits zwei Unzen. Gold dafür angeboten 4 „Da hätten Sie es geben ſollen,“ rief John Bell.„Wir hätten dann die zwei Unzen unter uns drei getheilt. Das Frühſtück hätte uns morgen nur um ſo beſſer gemundet... Eine Stunde ſpäter lieferte das gebratene Reh, mit deſ⸗ ſen Zubereitung ſich Quirino bemüht hatte, eine glänzende Mahlzeit. John Bell verzehrte allein ſo viel, als Rafael Qui⸗ rino, die Matroſen und ich zuſammen. Und doch warf er nach jedem Schlucke dem Gambuſino vor, daß er die zwei Unzen nicht dafür genommen⸗ Wer weiß, vielleicht aß der vortreffliche Amerikaner aus Verzweiflung ſo viel. Um ein Uhr in der Frühe machte ſich unſer Zug wieder auf den Weg. Um zehn Uhr waren wir an Ort und Stelle. Diesmal glich die Landſchaft, die uns umgab, in keiner Weiſe der, die wir verlaſſen hatten. Die Atmoſphäre war gleichfalls eine durchaus andere, was mich glauben machte, daß wir die ganze Nacht Anhöhen erklommen hatten. Der Anblick des ächten Placer war durchaus nicht heiter und lachend. Felſige und zerklüftete Berge, die durch große Erderſchütterungen in früheren Zeiten zerriſſen zu ſein ſchienen, boten auf allen Seiten den Anblick von Schluchten und Ab⸗ hängen. Schwarze und dunkle Schatten werfende Fichten, die jene Felſen bedeckten, gaben dem Bilde etwas Düſteres und ver⸗ mehrten die tiefe Trauer, die über dieſer Gegend lag. Hütten, die aus Fichtenzweigen gebaut waren, an denen noch die ſpitzen Nadeln hingen, Hütten, die unter dem Namen Enramadas be⸗ kannt ſind, erhoben ſich auf allen Seiten einige Fuß über der Erde und dienten den Goldſuchern als Wohnungen. Die Zahl der Letztern, obgleich ſie das unebene Terrain zum großen Theil meinem Blicke entzog, ſchien mir weit be⸗ trächtlicher, als die, welche wir am Abend zuvor geſehen hat⸗ ten. Zwei Bretterhütten, die vorne offen und mit Kaufwaaren gefüllt waren, und neben denen man fünf bis ſechs kleiner Hütten aufgeſchlagen ſah, die ſich für Cafés ausgaben und von den Käufern, die vorübergingen, profitirten, jene Bretter⸗ hütten bewieſen allein, daß die Civiliſation, das heißt der Geiſt des Handels und Gewinnes, bereits in dieſes ferne, ver⸗ lorene Land vorgedrungen war. Die Matroſen, welche uns von San Francisco aus be⸗ gleitet, ſchlugen, nachdem ſie die ſorgfältig aufbewahrten Reſte des Rehes vom Tage vorher gefrühſtückt hatten, in 292 der Eile mein Reiſezelt am Fuße eines Felſen auf und mach⸗ ten ſich alsbald auf den Weg, um Gold zu ſuchen. „Wollen Sie mit mir einen Gang machen?“ fragte Ouirino, während der Kentuckier John Bell mit einem Beile die Kiſtchen öffnete, deren Inhalt uns noch unbekannt war. „Ich bin etwas ermüdet. Wenn es Ihnen gleich gilt, ſo wollten wir die Promenade etwas ſpäter machen.“ „Auf, Muth gefaßt. verzeihen Sie mir, wenn ich darauf beſtehe... aber es iſt in Ihrem Intereſſe.. In ei⸗ nem Placer, glauben“ Sie meiner Erfahrung, ſind die plötz⸗ lichen und unerwarteten Todesfälle nichts Seltenes. Ich wäre nicht ruhig, wenn ich Ihnen das Vertrauen, das Sie mir ge⸗ zeigt, nicht lohnen könnte..4 „Aber, Don Rafael, Sie ſcheinen mir die Krankheiten ſehr zu fürchten... Und doch trotzen Sie mit der größten Sorgloſigkeit dem Uebermaß der Hitze, wie der Kälte. Ihr eiſerner Körper, der an die Entbehrungen und Gefahren der Wüſte gewöhnt iſt, ſcheint mir für jede Krankheit un⸗ empfänglich.“ „Für Krankheiten... ja aber nicht für die Kugel, das Meſſer und das Gift... „Teufel! es geſchehen alſo viele Morde in den Placeres?“ „Wie ſollte das auch anders der Fall ſein? Der Schwin⸗ del, den der Anblick des Goldes verurſacht, die beinahe ſichere Ungeſtraftheit, welche die Einöden, die uns umgeben, ver⸗ ſprechen... die Leichtigkeit, mit der das Verbrechen unter ei⸗ nem Leinwandzelt oder einer offenen Hütte begangen wird, ſind mehr als hinreichende Gründe, der Habgier freies 293 Spiel zu laſſen„ Auf, caramba, überwinden Sie Ihre Trägheit und folgen Sie mir.. „Sie verlangen es.. hier bin ich. Aber ſagen Sie mir, Don Rafael,“ fragte ich den Gambuſino, zu ihm tretend, „wie kommt es, daß, wenn ſo viele blutige Meuchelmorde vor⸗ fallen, die Zeitungen nicht davon ſprechen? Die Paily-News zum Beiſpiel, deren Lectüre mich Ihre Bekanntſchaft machen ließ, ſprechen nirgends in dem Artikel über die Minen des Saeramento von Mordanfällen, die, wie Sie ſagen, jeden Tag vorkommen.“ „Ihre Frage iſt naiv,“ antwortete der Gambuſinv. „Glauben Sie, die Placeres ſeien organiſirt, wie Städte, die mit Faullenzern, Poliziſten und Neugierigen angefüllt ſind? Im Placer lebt jeder für ſich, außer allen Bezügniſſen, ohne Freund— denn jede Freundſchaft kann eine Schlinge ver⸗ bergen und Gefahr bringen. Auf einem Placer ſind die Gold⸗ ſucher, nach dem Lager, das ſie ausbeuten, auf tauſend ver⸗ ſchiedenen Punkten zerſtreut. Findet man zufällig einen un⸗ kenntlichen oder verſtümmelten Körper, wer kümmert ſich um den Grund des Mordes? Der vereinzelte Goldſucher iſt ſo vielen Zufällen ausgeſetzt, ungerechnet die Fieber, das Herab⸗ ſtürzen von Höhen und den Hunger. Man geht an ihm vor⸗ über, nachdem man geſucht, ob ſich nicht in ſeiner Nähe einige Goldſäcke befinden... aber man findet nie Gold bei Leich⸗ namen! Schon oft ſah ich mit eignen Augen auf den Pla⸗ ceres, welche bereits bekannt und ausgebeutet waren, Schwärme von Raubvögeln ſich in der Tiefe einer Schlucht oder an ei⸗ nem Abhange bekämpfen!.. Ah! da iſt ein Verbrechen be⸗ 294 gangen worden, dachte ich, und ſetzte ruhig meinen Weg fort! Aber niemals kam mir der Gedanke, darüber an ein Jour⸗ nal zu berichten oder Jemanden zu erzählen, die Zopiloten halten ihre Mahlzeit.“ „Wenn die Fragen, die ich an Sie richtete, naiv ſind, Don Rafael, ſo ſind Ihre Antworten nicht weniger ſchrecklich Warum haben Sie mir in Neu⸗Orleans nicht alle dieſe Schändlichkeiten erzählt, die hier begangen werden. Ich tit dann wohl nicht die Reiſe gemacht.“ „Ich wollte Sie des Glückes nicht berauben, das Ihnen durch meine Freundſchaft zu Theil werden ſollte... ſagte der Gambufino lächelnd.„Uebrigens ſeien Sie ohne Furcht,.. ſo lange ich lebe und ich hoffe nicht, daß ich ſterben werde, ſo lange iſt auch Ihr Leben und Ihr Reichthum außer Gefahr. Außerdem bietet dieſer Placer vom Saeramento, da er kaum erſt durch die Habgier der Menſchen ſeiner Schätze beraubt iſt, weit weniger Gefahr, als wenn er ſchon lange ausgebeutet wäre; man kann es in gewiſſem Grade mit jenen Meeren ver⸗ gleichen, welche Fiſche auswerfen oder den Haien, welche ge⸗ ſättigt von der eingeſchluckten Beute, nicht daran denken, die Badenden anzugreifen. Laſſen Sie den Boden des Sacramento ärmer, das Gold ſeltener, die Schwierigkeiten, es zu gewinnen, größer werden, und der Meuchelmord tritt eheſtens an die Stelle der Arbeit.... Ein Unglück für die habgierigen Euro⸗ päer, die ich ſehe! Ihre vom Schnabel der Raub⸗ thiere benagten Gebeine werden auf dieſer Erde bleichen, die ſie in ihren Träumen von Gold durchzogen ſahen und die ih⸗ 295 nen als Grab dienen wird. Bei Gott! ſie haben ihr Schick⸗ ſal verdient.“ Es lag eine ſolche Bitterkeit, vermiſcht mit zurückgehal⸗ tener Wuth, in den Worten des Gambuſino, daß ich alsbald das Geſpräch abzubrechen ſuchte. „Sie ſind ſehr liebenswürdig, mir alle Sicherheit für meine Reichthümer zu verſprechen,“ ſagte ich ſcherzend.„Nur möchte ich wiſſen, wo ſich dieſe Reichthümer befinden.“ „Kommen Sie,“ ſagte er ernſt,„Sie ſollen ſie ſehen.“ Quirino ging raſch voran, während ich ſchweigend folgte. Mehr als eine Stunde lang erkletterten wir Felſen und er⸗ ſtiegen Abhänge. Wir mochten ungefähr vier bis fünf Meilen gemacht haben, als er an einem Orte hielt, wo ein fünfzehn Indianer mit Goldwaſchen beſchäftigt waren. „Ihr treibt da ein trauriges Geſchäft, Kinder,“ ſagte er zu ihnen,„der Platz iſt ſchlecht gewählt.“ „Herrlichkeit,“ antwortete ihm einer von ihnen, der ihn ſicher kannte, denn er grüßte ihn höflich,„Herrlichkeit, Sie ſind ſehr gut, daß Sie ſich um das Schickſal armer Indianer kümmern, aber dieſer Platz iſt immer noch der beſte von denen, welche die Amerikaner verlaſſen haben. Wir verlangen jetzt nur Eines, daß ſie uns ruhig laſſen.“ „Gehört denn auf einem Placer der Boden nicht dem, der ihn zuerſt nimmt?“ ſagte Quirino. „Ja, Herrlichkeit, das war früher ſo und ſollte noch ſo ſein... aber die Amerikaner handeln und ſprechen wie die Herren, ſeitdem Verräther ihnen Californien ausgeliefert haben 296 und ſehen in uns nichts als Knechte und Laſtthiere, ſtatt unabhängiger Menſchen... Sehen Sie dort einen von ihnen herbeikommen mit der Chiquinite in der Hand... Ich wette zehn Unzen Gold gegen eine, daß er ohne alles Weitere, als ob er in ſeinem Rechte wäre, ſich anſchicken wird, unſeren Boden auszubeuten.“ Wirklich ſahen wir auch einen Amerikaner in der Ent⸗ fernung von tauſend Schritten bald erſcheinen, bald verſchwin⸗ den, wie es die Unebenheit des Bodens mit ſich brachte, wäh⸗ rend er auf uns zukam. „Ich wäre doch neugierig zu erfahren, ob ſich der In⸗ dianer nicht getäuſcht hat,“ ſagte ich zu Quirino,„bleiben wir hier. Während wir den Mankee*) erwarten, will ich mei⸗ nen Durſt an dem klaren Waſſer jener Quelle ſtillen, die zwanzig Schritte von uns einem Lager von ähn⸗ lich herausſtrömt.“ Quirino hielt mich lebhaft am Arme. „Rathen Sie dem Herrn von dieſem Waſſer zu trinken?“ fragte er den Indianer, ſeine Worte mit einem unerklärlichen Lächeln begleitend. „Dam! Herrlichkeit!“ antwortete der Indianer:„das friſche Waſſer iſt, ehrlich geſagt, eine ſchlimme Sache für die Geſund⸗ heit„ es verurſacht oft Frios**).. Wenn ich Seine Herrlichkeit wäre, würde ich die Quelle nicht berühren...“ *) Spottname für die Amerikaner. **) Frios— Fieber. Man bezeichnet damit die ſehe gefährlichen, häufig tödtlichen Wechſelfie eber. 297 „Sie hören doch den Rath, den Ihnen dieſer edle Mann gibt?“ fragte Quirino, indem er mich immer noch am Arme zurückhielt. „Ja, ich höre ihn und danke ihm dafür; aber da ich nicht transpirire, ſo glaube ich ihm nicht folgen zu müſſen.“ „Dann geben Sie meiner Bitte nach. trinken Sie nicht „Sie ſind mein Führer und ich muß Ihnen gehorchen,“ antwortete ich Quirino, ziemlich erſtaunt über ſein Drängen. „Sehr gut,“ ſagle er, und ſich zu den Indianern wendend, die während dieſes nichtsſagenden Streites ihre Arbeit einge⸗ ſtellt hatten, fuhr er fort: Peſ „Kinder, der Amerikaner kommt,.. machen wir's kurz und gut. Wieviel gewinnt Ihr hier täglich? achtzehn bis zwanzig Piaſter jeder, nicht wahr?“ „Ja, Herrlichkeit, zwanzig Piaſter.“ „Wollt Ihr für Rechnung dieſes Herrn arbeiten?. Er wird Euch vierzig Piaſter täglich bezahlen.“ „Gewiß, Herrlichkeit!“ „Der Handel iſt abgeſchloſſen! Gut, ſammelt Eure Schau⸗ feln und Chiquiniten und folgt uns auf der Stelle.“ „Wie das! Seßor Don Rafael„ ſagte ich halblaut zu dem Gambuſino, während die Indianer ſeinem Befehle gehorch⸗ ten.„Sie ſetzen mich da in eine eigene Verlegenheit durch dieſen Vertrag...4 „Weßhalb denn?“ „Nun, weil er mich jeden Tag 600 Piaſter auszugeben nöthigt.“ X 298 „Wie das?“ „Gewiß.. fünfzehn Arbeiter zu 40 Piaſter den Kopf machen, wenn die Multiplication nicht falſch iſt, 600 Piaſter.. „Nun! was macht es Ihnen, 600 Piaſter zu bezahlen, wenn Ihnen 500 Piaſter Gewinn bleiben?“ „O, wenn dem ſo iſt. ſo bin ich's zufrieden.. und ſchweige.“ Ich hatte kaum dieſe Worte ausgeſprochen, als der Amerikaner, den wir ſchon lange bemerkt hatten, herbeikam. Seine von Schweiß triefende Stirne, ſeine mit Staub bedeckten Kleider, ſein tiefes Athemholen zeugten davon, daß er einen langen und raſchen Gang gemacht. Sein erſter Blick fiel auf die Quelle, von der ich bereits geſprochen, und das nächſte, was er that, war, daß er ſeine Chiquinite hineinwarf, ſie voll herauszog und gierig trank. „Dieſer Menſch iſt klüger und glücklicher, als ich,“ ſagte ich zu Quirino. „Quien sabe? Wer weiß?*)“ antwortete er, den Kopf ſchüttelnd. Die Indianer hatten indeſſen ihre Schaufeln und Chi⸗ quiniten geſammelt und machten ſich mit uns auf den Weg, Quirino ging uns als Führer voran. Ich bemerkte jedoch, ehe wir gingen, wie der Amerikaner mit ebenſoviel Eifer als Nonchalance den kaum noch von den Indianern innegehabten Boden zu bearbeiten anfing. ʒ——————— ²) Lieblingsausdruck der Mexicaner. Sie gebrauchen ihn ſo häuſig. als der Engländer ſein indeed. —————— 299 Quirino ging ungefähr eine Stunde lang voran, immer in nördlicher Richtung, ohne auch nur einmal den Kopf nach uns umzuwenden oder ein Wort an uns zu richten. Die Indianer folgten ihm in ehrfurchtsvoller Entfernung. Wahr⸗ ſcheinlich hatte der, welcher ihn erkannt, den Andern den berühmten Namen des Gambuſino mitgetheilt. „Kinder,“ ſagte endlich Quirino, indem er ſich nach uns umwandte,„wir ſind an Ort und Stelle. Eure Zeit iſt koſtbar, ich werde kurz ſein. Ich entdecke euch einen noch unbekannten und leicht auszubeutenden Platz, auf welchem ein Menſch ohne Schwierigkeit für achtzig bis hundert Piaſter Gold ſammeln kann. Ihr werdet für Rechnung dieſes Herrn (Quirino deutete auf mich) arbeiten. Und zwar unter fol⸗ genden Bedingungen: jeder von euch wird von dem Erwerb des Tages 40 Piaſter zum Voraus abziehen und das Uebrige ihm treulich abliefern... Ueberſchreitet aber dieſes die Summe von 40 Piaſtern, was immer der Fall ſein wird, wenn ihr auch noch ſo wenig arbeitet, ſo muß dieſer Ueberſchuß zur Hälfte zwiſchen ihm und euch getheilt werden. Der Seöor vertraut auf eure Ehrlichkeit... Indeſſen hat er mich bevoll⸗ mächtigt, der Bruſt desjenigen mich als Scheide für mein Meſſer zu bedienen, der ſein Vertrauen mißbrauchen ſollte.. Man nennt mich Rafael Quirino.. Es iſt ſchwierig, mich zu hintergehen, und ich halte ſtets ein gegebenes Wort. Nun antwortet.. gefallen euch meine oder vielmehr die Bedingungen des Señor, ja oder nein?“ „Que viva el señor Quirino!“ riefen die Indianer, ihre Hüte ſchwenkend.„Ja.. ja.. die Bedingungen gefallen uns!“ 300 „Nun, ſo folgt mir,“ ſagte der Gambuſino. Don Rafael glitt alsbald zwiſchen zwei Felſen hinab, die ſo nah an einander gerückt waren, daß ein Mann von einiger Beleibtheit nicht hätte durchkommen können. „Seht da!“ rief er fünf Minuten ſpäter, mit dem Finger auf ein ausgetrocknetes Strombett zeigend, das zwiſchen eine Felſenkette eingegränzt war. Ein kleines Flüßchen, das zur Goldwäſche genügte, ſchlängelte ſich mitten durch. Kaum hatten die Indianer einige Hände voll Sand unterſucht, als ein wildes Jauchzen— das erſte ohne Zweifel, das heute vom Echo der Wildniß wiederholt wurde— ſich zum Himmel erhob. Der Sand enthielt, wie man auf den erſten Blick ſah, ein Zehntheil Gold. „Ich glaubte nicht, daß dieſer Ort ſo reich ſei,“ ſagte Quirino, indem er eine Handvoll Sand aufmerkſam betrach⸗ tete,„empfangen Sie meinen beſten Glückwunſch. Jeder Mann kann hier ohne Mühe wenigſtens für 200 Piaſter Goldſtaub täglich ſammeln.“ „Aber, Quirino, Sie überhäufen mich mit Güte... meine Dankbarkeit.4 „Bah, bah! machen Sie nicht viele Worte,.. die Entdeckung lohnt nicht der Mühe... in drei Wochen iſt unſer Flußbett ausgebeutet. Aber es wird ſpät, kommen Sie.“ „Doch mir fällt ein,“ fragte mich der Gambuſino, nachdem er den Indianern zu verſchiedenen Malen den Ort genau angedeutet hatte, wo ſich mein Zelt befand,„Sie müſſen noch Durſt haben?“ ———— 301 „Allerdings...4 „Nun gut! löſchen Sie Ihren Durſt in jenem Bache, ehe Sie ſich auf den Weg machen.“ „Sie fürchten alſo nicht mehr für mich, ich werde das Fieber bekommen?“ „Trinken Sie, trinken Sie ohne Furcht, ich bürge Ihnen dafür.“ Als wir an den Ort kamen, wo wir die Indianer ge⸗ funden, die nun für meine Rechnung arbeiteten, glaubten wir einige Seufzer zu hören. Kurz darauf ſahen wir den Ameri⸗ kaner, der in den heftigſten Convulſionen am Boden lag; ich eilte hinzu, um ihm zu helfen. Quirino hielt mich zurück. „Jede Mühe iſt umſonſt,“ ſagte er kaltblütig,„dieſer Menſch iſt in fünf Minuten todt... Sehen Sie, wie er ſich ſtreckt, er iſt todt... Es war ſo; ich ſtand erſchrocken da. „Sie ſehen, lieber Freund,“ fuhr der Gambufino mit derſelben Kaltblütigkeit fort,„man ſtirbt bisweilen auf ſelt⸗ ſame Weiſe in den Placeres.. Dieſer junge und kräftige Mann ging dieſen Morgen noch auf Raub aus.. und iſt jetzt eine Leiche!“ „Und was mag die Urſache einer ſo ſchrecklichen und raſchen Kataſtrophe geweſen ſein, Don Rafael?“ „Wer weiß? wahrſcheinlich eine Unklugheit.. Ah! ich erinnere mich, der Amerikaner, minder gut als Sie be⸗ rathen, trank an der nahen Quelle? Ah, ja. das kalte Fieber wird ihn gepackt haben.“ „Aber, Don Rafael, ein Glas kalten Waſſers tödtet doch nicht, wie eine Kugel.“ „Dam! es kommt darauf an. Wenn das Waſſer zum Beiſpiel durch eine Pflanze vergiftet war.“ „Was ſagen Sie da?“ rief ich erſchrocken,„Sie glauben, die Indianer hätten die Quelle vergiftet?“ „Wer weiß? Die Indianer find rachſüchtig, wenn man ihren Intereſſen in den Weg tritt, und wiſſen vortrefflich mit dem Gifte umzugehen. Ich habe niemals in einem Placer aus einer Quelle getrunken, in deren Nähe ſich Spuren von Menſchen zeigten. Jeder hat ſeine Gewohnheiten und ſeinen Aberglauben. Machen wir uns wieder auf den Weg.“ Von dieſem Augenblicke war mir klar, daß der Gam⸗ buſino, indem er mich mit jenem ungemeinen Scharfblicke gewarnt, als ich das erſtemal die Luſt zu trinken äußerte, mir das Leben gerettet hatte. Ich muß geſtehen, daß meine Dankbarkeit gegen ihn durch den Gedanken, daß er den Amerikaner hatte ſo elend umkommen laſſen, etwas verringert wurde. Sei es nun, daß dieſes tragiſche Ereigniß einen zu lebhaften Eindruck auf mich gemacht, oder die Strapazen des Tages über meine Kräfte gegangen waren, genug, ich freute mich ungemein, als ich die Spitze meines Zeltes endlich himmelanſtreben ſah; ich fühlte, wie ich immer ſchwächer wurde und nur noch mit Mühe vorwärts kam. Kaum war ich in meinem Zelte, als ich mich auf die Büffelhaut warf, welche die Stelle des Teppichs und Bettes in meinem Zelte vertrat. Der Gambufino betrachtete mich einige Secunden lang mit großer Aufmerkſamkeit, nahm ſeine 303 Zarape oder wollene Decke von den Schultern und wickelte mich ſorgfältig darein. „Lieber Freund,“ ſagte er,„Sie haben einen Anfall von kaltem Fieber, erſchrecken Sie nicht und ſuchen Sie bis zu meiner Rückkehr zu ſchlafen.“ Eine Stunde ſpäter kam der Gambuſino mit einer Hand⸗ voll Pflanzen zurück, die mir unbekannt waren, zündete das Feuer an und kochte ſie; dann ſetzte er ſich neben mich und reichte mir, indem er meinen Kopf hielt, den Trank in kurzen Zwiſchenräumen mit einer Beſorgtheit und Umſicht, die einer barmherzigen Schweſter Ehre gemacht hätte; kurz darauf ſiel ich in einen ſanften Schlummer. Es war finſtere Nacht, als ich erwachte; die Dunkelheit, die durch eine Art Lampe, welche in einer Ecke des Zeltes ſtand, etwas aufgehellt wurde, ließ mich Quirino ſehen, der zwei Schritte von mir entfernt ſaß und meinen Schlummer bewachte. „Auf, mein Freund,“ ſagte er in ſanftem Tone,„Muth gefaßt;ein Fieber zur rechten Zeit iſt mehr eine Warnung, als eine Krankheit... leeren Sie den Inhalt dieſes Löffels und morgen iſt Alles vorüber.“ „O wie ſchrecklich bitter!“ rief ich, nachdem ich hatte,„was haben Sie mir gegeben, Rafael?“ „Einige Grane von jenem Chinin, den ich Sie aus Neu⸗ Orleans mitbringen hieß... Sie ſehen, daß meine Vorſicht nicht überflüſſig war... Schlafen Sie jetzt ruhig 4 Der Gambufino legte ſich nach dieſen Worten vor das Zelt quer an der Thüre nieder und ſchlief bis zum andern 304 Morgen, ohne ſich um den eiſigen Thau der Nacht zu kümmern. II. Rafael Quirino hatte Recht gehabt, als er mir ſagte: „ein Fieber zur rechten Zeit ſei mehr eine Warnung, als eine Krankheit,“ denn ich war den andern Tag vollkommen hergeſtellt. Ich machte ihm Vorwürfe über ſeine Unklugheit, die Nacht unter freiem Himmel zugebracht zu haben. „Wenn Sie die Gambuſinos beſſer kennten, würden Sie nicht ſo ſprechen,“ antwortete er mir.„Der Gambuſino muß während ſeines Schlafes ſehen und hören, was um ihn her vorgeht: er ſchläft mit offenen Augen. Der Gedanke, mich in einem Zelte eingeſchloſſen zu wiſſen, das die Gefahr meinem Auge verhüllt und mich doch nicht vor derſelben ſchützt, hat für mich mehr Schreckliches, als die Möglichkeit eines Zuſam⸗ menſtoßes mit Pakis oder Apachen*)... Aber kommen Sie, wir wollen einen Spaziergang machen.... Ich bereite Ihnen eine Ueberraſchung...4 „Welche Ueberraſchung?“ „Seltſame Frage. Haben Sie noch das Fieber?“ „Sehen Sie,“ rief Quirino, ſobald ich den Fuß aus dem Zelte geſetzt hatte,„ſehen Sie ein Wirthshaus und ein *) Wilde und grauſame Indianer von Californien. Der Stamm der Apachen iſt der zahlreichſte. 305 Magazin, die dieſe Nacht im Sande des Placer errichtet wurden.“ Zwei große Leinwandzelte von feſter Conſtruction und mit Tüchern der amerikaniſchen Farben dekorirt, erhoben ſich nicht weit von uns. Eine große Tafel über dem Hauptein⸗ gang zeigte in coloſſalen Lettern drei Worte: das eine ſpaniſch, die beiden andern engliſch. Das ſpaniſche Wort war: Fonda, die engliſchen Worte: Washingtons arms. „Das iſt die Civiliſation, die ſelbſt in die Wüfte dringt,“ ſagte Quirino lachend.„Ahnen Sie, wer der Eroberer iſt?“ „Nein, durchaus nicht.“ „Es iſt mein Rival, der verführeriſche John Bell... Wir wollen ihm unſern Beſuch machen.“ Wir fanden den erfinderiſchen Kentuckier rittlings auf einem langen Brette— ſeinem Comptoir— ſitzend. Auf dem Brette lagen durchſichtige Becher von feinem Horn, aus⸗ gezeichnete Haarſiebe und Waagen. Ein vierzig Goldſucher wandten ſich zu gleicher Zeit an ihn. „Was koſtet das Haarſteb? Wie theuer die Waage?“ riefen ſie auf Spaniſch und Engliſch. Der Kentuckier hatte die Arme gekreuzt und ſchien, nach ſeiner würdigen und kalten Miene zu urtheilen, in tiefes Nachdenken verſunken; er ant⸗ wortete nicht. Als er uns eintreten ſah, machte er zum Zeichen des Grußes eine freundliche Bewegung mit dem Fuße. OQuirino neigte ſich bis auf den Boden. „Wie theuer die Waage?“ fragte auf's Neue ein unge⸗ duldiger Goldſucher, den Rieſen an dem Kragen ſeines ſchwarzen Rockes etwas rauh ſchüttelnd. Der Erzähler 1848. 1v. 20 306 „Dieſe Waagen ſind nicht zu kaufen.“ Der Käufer ſchien etwas außer Faſſung gebracht. „Und dieſes Sieb?“ fragte er wieder,„wie theuer?“ „Dieſes Sieb iſt nicht zu kaufen,“ wiederholte der Kentuckier. „Bah! da ſieht man den habſüchtigen Kaufmann! ich biete zwei Unzen für das Sieb!“ „Und ich vier!— und ich ſechs!— und ich zehn!— und ich fünfzehn!“ riefen nach einander mehre Goldſucher, die der Anblick dieſes ſo bequemen und für die Vereinfachung ihrer Arbeit und die Vermehrung ihres Gewinnes ſo nütz⸗ lichen Werkzeugs außerordentlich reizte. Das Geſicht des Kentuckiers wurde ſcharlachroth. John Bell beſaß, wie man weiß, ungemein viel Leivenſchaft, wenn es ſich um pecuniäre Intereſſen handelte. „Meine Herren,“ ſagte er endlich,„ich verkaufe dieſe Siebe nicht, ich leihe ſie..4 „Wis. „Zwei Piaſter die Stunde.. und gegen Hinterlegung von hundert Unzen Gold für das Sieb. Jede angefangene Stunde, und wäre auch nur eine Minute berfloſſen, zählt für eine ganze Stunde ich liebe die Pünktlichkeit.“. Wüthendes Geſchrei begleitete die Erklärung des Ken⸗ tuckiers; eine Viertelſtunde ſpäter waren alle ſeine Siebe ausgeliehen. 5 „Das iſt der rechte Mann,“ ſagte Quirino,„der den Placer auszubeuten wiſſen wird, um den er mich gebracht hat. Dieſer theure John Bell wird die Seßorita Annette bei 307 ſeiner Heimkunft heirathen, wenn ihn nicht ein Unglück daran hindert, ſein Vaterland wiederzuſehen. was übrigens Schade wäre. Ein ſo intelligenter Menſch! hoffen wir, daß es nicht der Fall iſt.⸗ Beim Austritte aus der Bude des Kentuckiers begaben wir uns nach einem der beiden Magazine, von denen ich be⸗ reits geſprochen, um unſer Frühſtück zu kaufen. Ein Pfund Taſajo, einige Hände voll Maismehl und eine halbe Flaſche Eau⸗de⸗bie, die wir nahmen, koſteten uns die mäßige Summe von ſieben Piaſtern. Quirino ſagte mir, daß das beinahe umſonſt ſei, denn dieſelben Gegenſtände würden in Nabogama wenigſtens vierzig Piaſter koſten. Als unſer Frühſtück beendigt war, ſchlug mir der Gam⸗ buſino vor, auf die Rehjagd zu gehen, was ich annahm. Die Zahl der Goldſucher, die mir den Tag über begeg⸗ neten, mochte etwa 2— 3000 betragen. Ich bemerkte, daß die Felſenriffe und die Schluchten die ergiebigſten Orte waren. Durch einige Worte, welche der Gambuſino mit den Rascadores wechſelte, erfuhren wir, daß jeden Augenblick die herrlichſten Funde gemacht werden. Der Mittelgewinn der Goldſucher be⸗ lief ſich auf ungefähr zwanzig Piaſter(hundert und einige Franken per Mann); übrigens zeigten uns die kurzen, abge⸗ brochenen, ziemlich unhöflichen Antworten, die wir erhielten, bis zu welchem Grade ihr Geiſt ganz von Habgier abſorbirt war. Mehrere dieſer Rascadores, die vom Fieber ſo ſehr er⸗ ſchöpft waren, daß ſie ſich nur zitternd noch auf den Füßen aufrecht erhalten konnten, arbeiteten nichts deſto weniger auf das Angeſtrengteſte an der Goldwäſche. Einer derſelben zeigte 308 uns ein Goldkorn— das iſt der allgemeine Name— von der Größe einer Orange. Er hatte es gefunden, als er ſeine Schaufel auf den Boden warf, um ſich zur Ruhe niederzu⸗ legen, und doch ſchien er nur halb zufrieden. Quarzſtücke, die ſich in dieſem Korn befanden und das Gewicht verringerten, ſtörten ſeine Freude, und doch konnte es wenigſtens 12 bis 14,000 Franken werth ſein. Die Habgier iſt gewiß von allen menſchlichen Gefühlen das unerſättlichſte, am wenigſten zu⸗ frieden zu ſtellende. Rafael Quirino, den ich ſcharf im Auge behielt, ohne daß er es ahnte, oder um es vielleicht richtiger zu ſagen, ohne daß er es zu merken ſchien, zeigte eine vollkommene Gleich⸗ gültigkeit bei allen dieſen Funden. War er reſignirt über ſein Unglück? Ich wagte es nicht zu hoffen. Meine Uhr, die ich befragte, als ich von der Anſtrengung mich ermüdet fühlte, ſagte mir, daß es zwei Uhr ſei. „Geben Sie mir Ihr Gewehr,“ ſagte Quirino,„und legen Sie ſich am Fuße dieſes Felſen nieder. Wenn Sie Luſt haben zu ſchlafen, ſo ſchlafen Sie. Dieſer Platz ſcheint mir vollkommen ſicher: ich ſehe um mich weder Fußtritte von Menſchen, noch Spuren von Schlangen. Ich bringe Ihnen in zwei Stunden ein junges und fettes Reh.“ „Gut, ich nehme gerne Ihr Anerbieten an.. ich will meine Sieſta halten.“ Zwei Stunden ſpäter kam der Gambuſino, getreu ſeinem Verſprechen, zurück: ein ſehr ſchönes Reh, deſſen vier Füße er in ſeinen zwei Händen hielt, hing über ſeinem Rücken. 309 „Wollen Sie mir helfen, dieſe Beute nach Ihrem Zelte tragen?“ fragte er mich, ohne in igen ein Detail der Jagd einzugehen. „Mit dem größten Vergnügen.“ „Ah! ah!“ ſagte der Gambuſino, als wir angekommen waren,„die Sonne zeigt auf ſechs Uhr.“ „Nun?“ „Nun! ich erwarte!“ antwortete er, die Scheide von Leder auf den Boden ſchleudernd, die ſeinen Dolch umgab und das Meſſer bloß in den Gürtel ſteckend. Was iſt, Don Rafael? Sie machen mir bange, was erwarten Sie?“ „Den Indier, der ſeinen Weg hieher eingeſchlagen, 1 mein theurer Freund.“ „Und wer iſt dieſer Indier?“ „Es iſt der, welchen ich geſtern den Oberaufſeher der Arbeiten nannte, die Sie ausführen laſſen.“ Kaum hatte der Gambuſino dieſe Worte geſprochen, als mein Oberaufſeher eintrat: er grüßte uns demüthig. Ich be⸗ merkte, daß er in der Hand einen kleinen Leinwandſack trug. „Mein Junge,“ ſagte Quirino, zuerſt das Wort ergrei⸗ fend,„ich habe ſoeben die Scheide meines Dolches verloren.. muß ich ſie wieder zu erſetzen ſuchen? Ah! ſieh da! Du bringſt dem Seüor den Gewinn des Tages, nicht wahr? Nun, gib.“ Der Indianer, ſtatt zu kehrte augenblicklich wieder um. 310 „Wirklich ein ehrlicher Dieb, der Gewiſſensbiſſe fühlt und meinen Dolch eintoſten laſſen will,“ ſagte Rafael. „In der Erwartung trägt er kluger Weiſe den Erwerb des Tages bei ſich.“ „Oh, ſeien Sie unbeſorgt. er weiß nur zu wohl, daß für mich keine Entfernung exiſtirt, um an die Flucht denken zu können. Sehen Sie, er kömmt bereits wieder.“ Wirklich erſchien auch alsbald der Indianer vor uns; er trug noch immer ſeinen kleinen Leinwandſack: nur ſchien es mir, als ob der Sack an Umfang gewonnen hätte. Quirino nahm ihn in die Hand und ließ ihn zwei bis dreimal in die Luft fliegen⸗ „Das wiegt 96 bis 98 Unzen,“ ſagte er.„Da kämen alſo für 16 Indianer, 6 Unzen und einige Gran auf den Kopf.. Das heißt ziemlich gut gearbeitet... Und doch könnt Ihr, mein Junge, immer noch beſſer arbeiten.“ „Aber Seſor, wir ſind nur zu 16 Mann!... Es ſind ſeit geſtern Abend zwei von uns geſtorben. 4 „An Meſeerſtichen?“ „Ja, Seßor.“ „Ich begreife wohl, mein Junge, daß wenn die Arbeit mal gethan iſt, man ſich gerne unterhält. denn Niemand iſt nachſichtiger, als ich... Da Ihr jedoch diesmal in den Dienſten eines Andern ſteht und Euch augenblicklich nicht mehr angehört, ſo verbiete ich den Gebrauch des Meſſers; Du hörſt wohl, Jeder, der einen Andern tödtet, hat am andern Tage ſeinen Dolch mit dem meinen zu meſſen... Wieder⸗ 311 hole das Deinen Mitarbeitern... Ich will Euch ſogar ge⸗ ſtatten, bis auf einen Zoll zu ſpielen..“ „Nur einen Zoll, Señor,“ ſagte der Indianermeſtize mit traurigem Geſichte. „Es iſt unmöglich, Euch mehr zu geſtatten.“ „Man wird Ihnen gehorchen, Seor, ich küſſe Ihnen die Hände.“ „Auf Wiederſehen, mein Junge; komm morgen zur gleichen Stunde und ſpiele nicht wieder dieſe Komödie mit mir; ich bin ſelten zweimal ſo nachſichtig.“ Als der Indianer uns verlaſſen unterſuchte ich das Gold, das er mir ſo eben gebracht; es war von der ſchönſten Art. Mein erſter Aufenthalt in Californien hatte es mich hinlänglich kennen lernen laſſen, um beurtheilen zu können, daß es ungefähr 100%60 bis 100% 60 Gehalt habe. Man nennt dies gewöhn⸗ lich Jungferngold; Gold von 100 6 000 exiſtirt nicht. „Ich hatte mir ſo ſehr das Protectorat gefallen laſſen, das Quirino gegen mich geltend machte, daß ich keinen Augenblick daran dachte, ihn an dem Gewinne Theil nehmen zu laſſen, oder ihm dafür zu danken. Er ſchien da⸗ gegen mir für meinen Egoismns Dank zu wiſſen. Während der nächſten zwanzig Tage brachten mir die Indianer, die auf meine Koſten arbeiteten, jeden Abend ſechs Pfund und einige Unzen Gold. Nach Verfluß dieſer zwanzig Tage erklärten Sie mir, wie mir Quirino ſchon früher geſagt, daß das Beet des Fluſſes erſchöpft ſei und ſie ſich zurückziehen. Der Gewinn dieſer zwanzig Tage betrug für mich mehr als hundertzwanzig Pfund Gold, das iſt in europäiſcher Münze 312 hundert fünfzig und einige tauſend Franken. Ich muß mir die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, daß dieſer raſche Glücks⸗ wechſel mich nicht blendete und keine ehrgeizige Idee in mir erweckte. Ich hatte nur einen Gedanken, den, nach Europa zurückzukehren. Obgleich mir mein Freund Quirino ſtets dieſelbe Zu⸗ neigung bewies, fand ich doch bei ihm nicht mehr jene Augen⸗ blicke der Herzensergießung und der Freude, an die ich mich während der Reiſe von Neu⸗Orleans nach dem Placer des Sacramento gewöhnt hatte. Kalt, mürriſch, ſchweigſam richtete Quirino oft in mehren Tagen nicht einmal das Wort an mich; auch war er immer häufiger und länger abweſend. Am zwanzigſten Tage nach meiner Ankunft trat Quirino in mein Zelt, ſein Ausſehen war noch düſtrer, denn gewöhnlich. „Theurer Freund,“ ſagte er, ves kann jeden Augenblick der Fall eintreten, daß ich den Placer verlaſſe und ich möchte vor meiner Abreiſe Ihr Glück vollkommen machen. Fühlen Sie ſich ſtark und entſchloſſen genug, um mit mir eine Reiſe von langer Dauer zu unternehmen?“ „Ja, Don Rafael; aber erlauben Sie mir, ehe ich von dieſer Erpedition ſpreche, einige Worte des Vorwurfs und der Freundſchaft an Sie zu richten. Es drängt ſich mir unwill⸗ kürlich der Gedanke auf, daß Sie jenen unglückſeligen Plan ins Werk ſetzen wollen, von welchem Sie mir in Neu⸗Orleans geſprochen haben... daß Sie im Begriffe find, nach Ihrem Goldthale zu ziehen. Warum, frage ich Sie, wollen Sie Ihr Leben gegen ſo unſichere Chanten, Reichthümer zu gewinnen, aufs Spiel ſetzen. Wenn die Liebe zum Gold, eine Leiden⸗ 313 ſchaft, an die ich im Angeſicht Ihrer Uneigennützigkeit gegen⸗ über von mir nicht glauben kann— wenn die Liebe zum Golde Sie beherrſcht, mein Gott! ſo betreten Sie in dieſem Momente nicht den Boden des Sacramento!... In zwanzig Tagen haben Sie mich beinahe reich gemacht und haben ſich nur einen Tag um mich bekümmert. Wenn Sie ernſtlich wollen, müſſen Sie in einem Monate im Beſitz von einer Million ſein... was brauchen Sie mehr? Sie kennen Eu⸗ ropa nicht, gehen wir zuſammen dorthin... mit einer Million führen Sie zwei Jahre lang ein Leben voll Freude und Luſt.“ Rafael hörte mich ernſt an, ohne mich zu unterbrechen. „Freund,“ ſagte er,„wenn ich nicht ſprach, ſo zeigte ich dadurch, daß ich die edeln Gefühle, die Sie beſeelen, wohl zu würdigen weiß, aber ich kann von Ihrem Vorſchlag keinen Gebrauch machen... Ja, wenn ich wollte, wäre es mir leicht, nicht eine, ſondern drei bis vier Millionen am Sacramento zu gewinnen.4 .„Und Sie wollen nicht?“ „Nein, ich will es nicht! Das Herz des Gambuſino beſitzt einen Stolz, der der übrigen Menſchheit unbekannt iſt, und der ihn hinderte, ſich durch Ausbeutung eines Placer zu bereichern, der bereits der Habgier der Goldſucher ver⸗ fallen iſt... Ich könnte aus Noth oder Caprice auf dem Boden des Sacramento einige Hände voll Gold ſammeln, aber das iſt Alles. Sie würden gewiß nicht ein ſchönes Mädchen heirathen, wenn es ſich durch die Käuflichkeit ſeiner Liebe be⸗ ſchmutzt hat? Nun gut, ſo werde ich mich nie durch die Ausbeutung eines Placer bereichern, der durch die Rascadores 314 * veſchmutzt iſt.. Noch ein Wort und dann genug: die wohl⸗ wollenden Vorwürfe, die Sie mir machen, nicht berückſichtigen zu können, thut mir leid... ſchweigen wir dabon, ich bitte Sie 4ℳ „Gut, Don Rafael,.. ich ſchweige.“ „Ich danke.— Nun aber ſagen Sie mir, werde ich Sie in einer Stunde bereit finden, mir zu folgen?“ „Ja, Rafael.“ „Sehr gut. Ziehen Sie Ihre großen Lederſtiefeln an, füllen Sie Ihren Schlauch mit Eau⸗de⸗vie, Ihr Büffelhorn mit Pulber und putzen Sie ſorgfältig Ihren guten Carabiner. Auf Wiederſehen!— Ah! ich vergaß... machen Sie ein Loch in Ihrem Zelt und verbergen Sie Ihr Gold...“ Rafael Quirino war die Genauigfeit ſelbſt. Die Stunde ging gerade zu Ende, als er kam. Ich hatte pünktlich all' ſeine Befehle befolgt und er fand mich bereit, ihm zu folgen⸗ Die Kleidung des Gambuſino unterſchied ſich durchaus nicht von der meinen, höchſtens darin, daß er ein kleines ledernes Felleiſen und eine Donnerbüchſe auf ſeiner Schulter trug. „Gehen wir?“ fragte ich. Er prüfte mit einem raſchen Blicke meine Ausrüſtung. „Und Ihre Hacke?“ fragte er mich. „Sie haben nichts davon geſagt!— Bedarf ich derſelben?“ „Gewiß... Sie müſſen ſie haben!“ Der Gambuſino unterhielt ſich einige Secunden lang mit drei Indianern, die mit Machetes(geraden Säbeln) bewaffnet waren und ihn am Eingang meines Zeltes zu erwarten ſchie⸗ nen; dann wandte er ſich nach mir um, der ich abſeits ſtand: 315 „Gott ſchütze uns,“ ſagte er,„wir können jetzt unſere Reiſe beginnen.“ Wir ſchlugen dieſelbe Richtung ein, in der wir vor zwanzig Tagen gekommen, als Don Rafael mir meinen kleinen Placer gezeigt hatte. Der Anblick eines Skelettes, das die Raubvögel ſauber ausgefreſſen hatten und das die Sonne bereits gebleicht, ein Skelett, das wir nahe an der ver⸗ gifteten Quelle fanden, machte einen unheimlichen Eindruck auf mich. Sei es nun, daß der Leichnam des armen Amerikaners von niemand bemerkt wurde, oder daß keiner der Goldſucher die koſibare Zeit mit Bemühungen um ihn vergeuden wollte, genug, ihm ward kein Grab und ſein Leichnam eine Beute der Thiere. „Der Menſch klagt immer über den Tod,“ ſagte Quirino, „doch iſt es ſo ſelten der Fall, daß er dem natürlichen Tode unterliegt, den er fürchtet. Die Leidenſchaften find es beinahe immer, die uns tödten... Wer weiß, ob in einem Monate mein Körper, der heute noch ſo lebensfriſch, wie dieſes Skelett ein häßlicher Beinhaufen iſt, den der Sturm in die Wildniſſe der Wüſte treibt!“ Nachdem der Gambuſino dieſe düſtern Worte mit ruhiger und kalter Miene ausgeſprochen, verdoppelte er die Schnellig⸗ keit ſeines Ganges, ohne Zweifel, um den Einwürfen zu ent⸗ gehen, die er von meiner Seite fürchtete. Der übrige Theil des Tages verging ohne irgend etwas Bemerkenswerthes. Einige Goldſucher, die wir in den Schluch⸗ ten gebückt ſtehen ſahen, waren die einzige Zerſtreuung, die ſich uns bot. Um ſechs Uhr hielt Quirino an. 316 „Hier iſt der erſte Ruheplatz“ ſagte er;„wir werden uns erſt bei Sonnenaufgang wieder auf den Weg machen.“ Wir zündeten ein großes Feuer an und Quirino richtete unſer Nachteſſen zu, das in ungefähr einem Pfunde Taſajo beſtand. Seit einem Monate hatte ich nicht ein Stück Brod geſehen. Kaum war unſer beſcheidenes Mahl vorüber, als die Dunkelheit hereinbrach; die Nacht folgt dem Tage, wie man weiß, in dieſen Gegenden ohne Uebergang. Die Dämmerung iſt etwas Knbekanntes. „Fachen wir das Feuer an,“ ſagte Quirino, wir einſchlafen. Die Helle wird uns gegen die Angriffe der Schlan⸗ gen und Jaguars ſchützen... obwohl man zugeſtehen muß, daß dieſe Thiere ungerecht verleumdet worden ſind und durch⸗ aus nicht dieſen Character der Wildheit haben, den man ihnen zuſchreibt... So es iſt geſchehen gute Nacht aber legen Sie ſich auf die Seite, damit der Thau der Nacht Ihnen nicht auf die Augen fällt... Sie könnten davon blind wer⸗ den.. Schlafen Sie wohl.“ Ich ſtreckte mich auf den Boten, nachdem ich mich ſo gut als möglich in meine Wollendecke eingehüllt hatte. Ich war nicht ohne Unruhe; aßer die Müdigkeit trug bald den Sieg über ſie davon und ich fiel in tiefen Schlaf. Am andern Tage weckte mich der Gambuſino, wie er mir verſprochen, ſobald die Sonne ſich am Horizonte zeigte. Einige Kohlen unſres Feuers vom verfloſſenen Abend, die noch glühten, ließen uns einen neuen Streifen Taſajo röſten, ehe wir uns wieder auf den Weg machten. Dieſer zweite Tag ſchien mir weit ermüdender, als es 317 der erſte geweſen. Das immer holperigere und unebnere Terrain hinderte uns am raſchen Gang und machte den Weg außer⸗ ordentlich beſchwerlich. Während dieſer zweiten Route begegneten wir kaum drei bis vier Rascadores. Punkt ſechs Uhr, wie am Tage zuvor, hielt Don Rafael an; es war Zeit; meine Beine weigerten ſich, den Körper zu tragen. Ich ſank auf die Erde, ohne daran zu denken, meinem Begleiter das Feuer anzünden zu helfen. „Muth, mein Freund,“ ſagte er, mir ein Stück des un⸗ vermeidlichen Taſajo bringend,„wir haben bereits zwei Drittel des Weges hinter uns.“ Wirklich ſagte mir auch Rafael am Abend des andern Tages, daß wir an Ort und Stelle ſeien. Noch eine Stunde und ich wäre vor Müdigkeit geſtorben: ich ſchlief ein, ohne eſſen zu können. Am folgenden Tage war mein Erſtes, die Umgebung in Augenſchein zu nehmen, die mir die Mattigkeit am vorher⸗ gehenden Abend zu betrachten nicht erlaubt hatte. Die Gegend bot einen ſehr heitern Anblick dar. Vor mir dehnten ſich Ebenen mit hohen Gewächſen und einigen Baumgruppen aus; die Ebenen waren durch ziemlich hohe Hügel von einander ge⸗ trennt; hinter mir ſah man in der Ferne einen Gürtel von graulichen Felſen. „Sie können ſich nicht beklagen, daß Sie ſchlecht geſchlafen haben, mein Freund,“ ſagte der Gambuſino, den ich etwa zehn Schritte von mir mit Abhäutung eines Rehes beſchäftigt ſah;„denn ich nahm Ihr Gewehr von Ihrer Seite weg und 318 ſchoß einige Varen*) von Ihnen auf dieſes Wild, ohne daß Sie es hörten.4 Diesmal entſchädigte ich mich für meine Enthaltſamkeit vom vorhergehenden Abend und that dem improvifirten Mahle des Gambuſino große Ehre an. Der Gedanke, auf den ich endlich gekommen war, trug nicht wenig dazu bei, mir Muth zu machen. „Der feierliche Augenblick iſt da,“ ſagte Don nftel zum erſten Mue ſeit zwanzig Tagen lachend,„nehmen Sie Ihre Hacke und folgen Sie mir.“ „Sie ſehen dieſen Felſen, durch deſſen Riſſe dieſer kaum ſichtbare Waſſerfaden ſickert,“ fuhr er fort,„nun denn, dieſer Felſen trennt uns allein noch von dem Orte, den wir ſuchen; ihn müſſen wir deßhalb überſteigen.“ Ich war ſo ſehr in den Geiſt meiner paſſiven Rolle ein⸗ gegangen, und der Gambuſino flößte mir ein ſo großes Zu⸗ trauen ein, daß ich nicht mehr daran dachte, ihn um eine Er⸗ klärung zu bitten. „Ich bin bereit,“ war Alles, was ich ſagte,„befehlen Sie, was ich thun ſoll? „Vergrößern Sie dieſe Riſſe durch Arthiebe, bis ſie un⸗ gefähr eine Oeffnung von einem Quadratfuß bilden,“ ant⸗ wortete er mir. Ich machte mich augenblicklich an die Arbeit: der Felſen ſchien mir weniger hart als ich anfangs geglaubt hatte. Ein ziem⸗ lich großer Steinhaufen bewies nach Verfluß von einer Stunde, * Die Vara, ein mexikaniſches Maß von 2 ½ Fuß. 319 mit welchem Eifer ich dem Befehle des Gambuſino gehorcht hatte; aber ich war auch erſchöpft. „Ruhen Sie aus,“ ſagte der Gambuſino, indem er die Art aus meinen Händen nahm. Mein Freund, obgleich er viel ſchwächer ausſah als ich, bearbeitete den Felſen unausgeſetzt drei Stunden lang. Der Waſſerfall, der immer mehr zunahm, machte die Arbeit indeſſen bedeutend ſchwerer. Nach einem letzten, gewaltigen Schlage ſtürzte das Waſſer mit einer ſolchen Gewalt hervor, daß er ſich zurückziehen mußte, um nicht niedergeworfen zu werden. „Nun find wir fertig,“ ſagte er.„Jetzt iſt das Schwerſte gethan; wir haben nur noch die volle Ausſtrömung des Waſſers abzuwarten.“ Das Ausſtrömen des Waſſers dauerte beinahe fünf Stunden und hemmte unſere Thätigkeit bis über die Mitte des Tages. Gegen drei Uhr erhob ſich Quirino vom Boden, wo er die ganze Zeit über gelegen hatte. „Jetzt, mein theurer Freund,“ ſagte er,„wollen wir dieſe Felſen erklettern; nur muß ich Ihnen ſagen, daß ſie durch Klapperſchlangen unſicher gemacht ſind..4 „O Teufel!“ rief ich erblaſſend. „Sie fürchten dieſe ſchrecklichen Reptilien wohl ſoht wie ich ſehes“ „Außerordentlich. ich habe ſogar eine ſo große phy⸗ ſiſche Antipathie gegen ſie, daß die Berührung einer Schlange, und wäre ſie auch todt, mich krank machen könnte.“ „Ich begreife.. ein geheimnißvoller Inſtinet. Dagegen 320 läßt ſich nichts einwenden und es iſt deßhalb an mir zu handeln.“ Der Gambuſino ſammelte ſogleich nach einem leichten Ueberblick gewiſſe ausgetrocknete Pflanzen, die mir unbekannt waren, und die ſich in der Nähe des Orts fanden, wo wir uns gelagert hatten; dann, nachdem dieſe Pflanzen eine ziem⸗ lich große Garbe bildeten, band er ſie mit einem ſtarken Strick auf ſeinen Rücken und begann die Felſenmauer zu erſteigen, die ſich hinter uns befand. Ich verlor ihn bald aus dem Geſichte. Es waren keine fünf bis ſechs Minuten verfloſſen, als ein dichter Rauch und ein ſcharfer, aber aromatiſcher Geruch, die von der Seite herkamen, wo der Gambuſino verſchwunden war, meine Aufmerkſamkeit auf ſich zogen. Einige grauliche Schatten gleiteten raſch über den Felſen, und ſtürzten herab, ohne ein anderes Geräuſch hervorzubringen, als jenes ſeltſame Streifen, wenn eine Schaar Rebhühner auffliegt. Ich hatte nicht mehr die Kraft, einen Schrei auszu⸗ ſtoßen, ſo groß war mein Schrecken, als ich mich wörtlich von Schlangen umgeben ſah, die nach allen Seiten flohen. Mehrere dieſer Reptilien kamen kaum einen halben Schritt von dem Orte vorbei, wo ich wie angenagelt ſtand. Die Stimme des Gambuſino brachte mich endlich wieder zu mir.. „Sie können jetzt kommen, lieber Freund,“ rief er,„die Cascabeles(Klapperſchlangen) ſind fort.“ 321 Ich ließ ihn dieſe Einladung nicht wiederholen und be⸗ eilte mich, die Felſen zu beſteigen, deren Höhe etwa zwanzig bis fünfundzwanzig Fuß betragen konnte. „Ich hoffe, daß ſie zahlreich waren,“ ſagte der Gambu⸗ ſino, nachdem ich zu ihm geſtoßen war.„Wenigſtens achtzig; wahrhaftig, man könnte glauben, ein wohlthätiger Geiſt habe ſie als Schutzwache dieſes Goldes aufgeſtellt, das wir der Ein⸗ öde rauben wollen und deſſen Circulation in der Geſellſchaft ohne Zweifel mancher Niedrigkeit, vielleicht manchem Ver⸗ brechen den Weg bahnt.“ „Und wo findet man dies Gold, Don Rafael?“ „Hier!“ antwortete der Gambufino, indem er mit dem Finger auf eine Aushöhlung in Form eines Trichters zeigte, die an der Mündung etwa hundert Schritte maß und zwanzig bis fünfundzwanzig Fuß tief war. „Wenige Worte werden hinreichen,“ fuhr er fort,„um das Erſtaunen aufzuheben, das ich auf Ihrem Geſichte ge⸗ wahre. Die heftigen Regengüſſe, welche jedes Jahr von den Bergen herabſtürzen und die Goldſtücke mit ſich führen, deren Quelle ich allein kenne,— mußten natürlich in dieſer Höh⸗ lung, vielleicht ſeit hunderten von Jahren, große Vorräthe von Goldſtaub und Goldkörnern aufhäufen.“ „Aber Don Rafael, der Boden dieſer Höhlung— er iſt mit wenigſtens einem Fuß tiefen Waſſer bedeckt und wir haben kein Werkzeug...4 „Bah, wir haben die Klugheit... Sie werden ſehen. Der Gambuſino ſtieg in die Höhlung und rief, als er unten war: Der Erzähler 1848. 1v. 21 322 „Werfen Sie mir Steine herab, aber nehmen Sie ſich in Acht, daß Sie mich nicht verwunden.“ Ich gehorchte augenblicklich. Der Gambufino begann mit dem Material, das ich ihm lieferte, einen Damm im Halbzirkel zu bauen, indem er die Füße gegen die Wände des Felſen ſtemmte. Dieſer Damm, der nach und nach zu einer Höhe von fünfzehn Zoll anſtieg, mochte ungefähr zwanzig Fuß im Umfang haben. In zwei Stunden war das Ganze beendigt und Quirino ſtieg wieder herauf. „Es muß nah an fünf Uhr ſein,“ ſagte er,„wollen wir zu Mittag eſſen. Es wäre mir nicht unangenehm, mich an einem guten Feuer etwas wärmen zu können.“ Ich richtete nach der Art und Weiſe, wie ich mein Be⸗ nehmen gegen den Gambuſino geregelt hatte, keine Frage während der ganzen Mahlzeit an ihn. Er ſeinerſeits machte mir ebenſo wenig eine Eröffnung über die Art, wie wir den andern Tag zum Ziele gelangen ſollen, das wir uns geſteckt. „Guten Abend,“ ſagte er mir, indem er ſich auf der Erde ausſtreckte,„morgen werden wir bereits Gold ernten.“ Ich ſchlief ruhig bis vier Uhr Morgens, zu welcher Zeit mich der Gambuſino aufweckte. Es war kaum Tag geworden. Auf! Träger, zur Arbeit!“ rief er, indem er mich freund⸗ ſchaftlich an dem Aermel meines Rockes ſchüttelte,„es iſt ſchon ſpät, und wir haben noch viel zu thun... Nehmen Sie Ihre Hacke.“ Der Gambuſino zog aus ſeinem kleinen Felleiſen einen platten⸗ 323 kupfernen Eimer und einen feinen aus Alvefaden gemachten Strick, gab dem Eimer ſeine frühere Form wieder, befeſtigte den Strick an einem Henkel und begab ſich nach der Aus⸗ höhlung. „Steigen Sie hinab,“ ſagte er zu mir.„Sie füllen den Eimer mit Waſſer und ich werde ihn in die Höhe ziehen, bis wir den kleinen Raum ausgetrocknet haben, der ſich zwiſchen meinem Damm und dem Felſen befindet. Drei Stunden angeſtrengter und unausgeſetzter Arbeit brachten uns zu dem Reſultate, das der Gambuſfino wünſchte. „Jetzt,“ ſagte er,„handelt es ſich darum, den Raum, den wir ſo eben ausgetrocknet, ſo tief als möglich auszugraben, hacken Sie die Erde auf, lieber Freund.“ Bei dem erſten Hieb, den ich that, ſtieß ich einen Schrei des Erſtaunens aus. Die aufgeworfene Erde war beinahe zu gleichen Theilen Goldſtaub.— Ich bin nicht habgierig, aber dieſer Anblick machte mein Herz heftig pochen; mir ſchwindelte und ich mußte mich auf den Damm ſetzen. Sehen Sie,“ tief der Gambufino von oben,„hier iſt ein platter und breiter Stein, den ich an den Seiten etwas kleiner machen will und der jetzt wie eine Schaufel ausſieht; Sie können damit die aufgeworfene Erde in meinen Eimer ſchaffen. Auf, muthig an die Arbeit...“ Die Aufforderung war überflüſſig; ich fühlte in dieſem Augenblick einen unglaublichen Drang zur Arbeit und die Kraft von zehn musculöſen Männern in mir; nichts ſchien mir unmöglich. Als ich zwei Stunden ſpäter zu dem Gambufino hinaufſtieg, war der Boden beinahe drei Fuß tief aufgegraben. 324 „Was werden wir jetzt thun, Rafael?“ war meine erſte Frage, ſeit wir das Placer vom Sacramento verlaſſen hatten. „Ah! ah!“ antwortete er mir lächelnd,„ſehen Sie, jetzt verſchwindet Ihre ſchöne Gleichgültigkeit! Nun! mein lieber Freund, wenn wir den Raum von zwanzig Fuß, der zwiſchen dem Felſen und meinem Damm liegt, aufgegraben haben, wer⸗ den wir den Damm umwerfen, damit das Waſſer ſich in das Loch zurückzieht, und das übrige Terrain im Trockenen läßt... dann werden wir ganz einfach die Rascadores machen... Bil⸗ ligen Sie meinen Plan.“ „Gewiß, Don Rafael!“ Ich werde, da es dem Leſer keine Unterhaltung bieten könnte, die Arbeiten und die Lebensweiſe während der folgen⸗ den acht Tage nicht beſchreiben; es iſt genug, wenn ich ſage, vaß ich nach Verfluß von acht Tagen im Beſitze einer Maſſe Goldes war, die Quirino auf ungefähr 50 bis 60 Pfund ſchätzte. „Mein ausgezeichneter Freund,“ ſagte der Gambuſino am Morgen des neunten Tages,„mein Entſchluß wird Sie viel⸗ leicht überraſchen und betrüben... wir kehren heute nach dem Placer vom Sacramento zurück. „Schon, Don Rafael!“ rief ich mit ſchmerzlichem Tone. „Ja, mein lieber Freund,.. in einer Stunde.“ „Und warum das?“ „Aus tauſend Gründen.. der erſte iſt, daß Sie, wenn wir länger fortfahren, unſer Placer auszubeuten, bald habgierig und geizig würden. O! ſchreien Sie nicht laut auf, die Habgier iſt eine Krankheit, die durch die bloſe Br⸗ — 325 rührung des Goldes entſteht... Der zweite Grund iſt der⸗ daß der Zeitpunkt naht, wo die indiſchen Makis über die Ge⸗ genden herfallen, wo wir uns befinden. Der dritte Grund end⸗ lich, um Ihnen nicht alle aufzuzählen, iſt der, daß ich nicht länger über meine Zeit— für Sie verfügen kann.“ „Entſchuldigen Sie mich, Don Rafael— ich hatte Un⸗ recht, Sie zu fragen... Ja, ich glaube, daß Sie richtig ur⸗ theilen; die Berührung mit dem Golde macht den Menſchen krank, und bringt ihn in ein Fieber, das dem Wahnſinn nahe liegt... Denn, ſehen Sie, ich habe Ihnen nicht einmal wäh⸗ rend zwanzig Tagen gedankt.... Laſſen Sie uns gehen.“ „O, was die Dankbarkeit betrifft, lieber Freund, ſo entbinde ich Sie davon... Sie ſind mir ſolche nicht ſchuldig. Mein Inſtinct trieb mich, Ihnen etwas Angenehmes zu er⸗ weiſen, ich habe meinem Inſtinet gehorcht. das iſt Alles. Ich verlange nur Eines von Ihnen und ich hoffe, Sie werden es mir nicht abſchlagen....“ „Sprechen Sie Rafael.. es iſt zum Voraus zugeſtan⸗ den... Wollen Sie die Hälfte meines Goldes?“ „Nein, aber ich verlange, daß Sie mir mit einem Eide beſchwören, Niemanden die Lage dieſes Placer, das wir ſo eben ausgebeutet, entdecken wollen und auch niemals ſelbſt hierher zurückkehren 4 „Ich ſchwöre Ihnen, Don Rafael,“ rief ich mit Wärme. „Dank, lieber Freund,“ ſagte der Gambuſino mit ſeiner ruhigſten Stimme;„Ihr edler Character nimmt mir einen Stein vom Herzen... Wenn Sie mir den Schwur verweigert 326 hätten, ſo war ich feſt entſchloſſen, Sie auf der Stelle zu er⸗ dolchen.. Kein Wort mehr darüber.. Gehen wir. 4 Der Gambufino füllte ſeinen kupfernen Eimer mit Steinen und warf ihn in die Goldgrube; dann verſtopfte er beim Hinabſteigen von den Felſen ſorgfältig mit Granitſtücken und fetter, mit Blut verdünnter Erde die Oeffnung, die wir acht Tage zuvor gemacht hatten, um das Ausſtrömen des Waſſers zu erleichtern, das jenes Placer überſchwemmte, welches wir ſo eben ausgebeutet hatten. Nach dieſer Arbeit verſchloß der Gambufino ſorgfältig in ſeinem Felleiſen, das durch den Verluſt des Kupfereimers leer geworden war, das Gold, das wir geſammelt hatten, worauf wir uns auf den Weg nach dem Sacramento begaben, wo wir acht Tage ſpäter, eine Stunde vor Einbruch der Nacht ankamen. Ich fand vor meinem Zelte zwei Indianer, die, wie es ſchien, Wache hielten, und die ich als dieſelben wieder erkannte, mit denen ſich Quirino vor unſerer Abreiſe nach dem Placer unterhalten hatte. Sie grüßten uns ehrerbietigſt. „Wo iſt Euer dritter Genoſſe?“ fragte ſie der Gam⸗ buſinv. „Fünfzig Schritte von hier... Señor.. er ruht von der Wache aus. „Treten Sie in Ihr Zelt,“ ſagte Quirino zu mir,„und verſichern Sie ſich, daß das Gold, das Sie dort verborgen haben, noch vorhanden iſt.“ Ich gehorchte augenblicklich und fand mein Gold un⸗ berührt. 327 „Dann ſind Sie dieſen Indianern 2100 Piaſter ſchuldig, ſagte der Gambuſino.„Ich hatte ſie, den Mann täglich zu 50 Piaſter, gemiethet, um Ihr Zelt während der Zeit unſrer Abweſenheit zu hüten. Habe ich meine Sache ſchlecht gemacht?“ „Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken ſoll, Don Rafael.“ Als die Indianer weggegangen waren, machte mir der Gambuſino den Vorſchlag, unſer Gold bei John Bell wägen zu laſſen.* „Ah, ſieh da, ſind Sie hier?“ rief mit verächtlicher Miene der rieſenhafte Kentuckier, als er uns ſah,„Sie kom⸗ men wohl vom Bodenſcharren?“ „Sie haben Recht“ „Ein Geſchäft für Thörichte!.. Aber es hat jeder ſeinen beſonderen Verſtand... Ich bin jetzt reich ich „Ah! bah, wirklich, Sie ſind reich, Sie?“ ſagte der Gambuſtno.„Und wie ſind Sie es geworden?“ „Auf die einfachſte und müheloſeſte Weiſe Sehen Sie hier meine Rechnung, leſen Sie: die Vermiethung von zehn Waagen, zu 20 Piaſter den Tag, bringt mir 200 Piaſter; mein Hotel, das zwölf Lagerſtätten bietet, jede zu zwei Piaſter, bringt mir 24 Piaſter; fügen Sie dazu noch einen Piaſter Abzug von jeder Goldquantität, die man mich wägen läßt, ein Abzug, der jeden Tag etwa 20 Piaſter einträgt, ſo wer⸗ den Sie finden, daß ich in fünf und dreißig Tagen 5540 Piaſter gewinnen mußte, ohne den Verkauf von hundert klei⸗ nen Waagen zu zählen— Waagen von meiner Erfindung, aus durchſichtigem und mit genauem Maaß verſehenem Horn, die ich zu zehn Piaſtern abgebe, was mein Vermögen jetzt auf 328 10,500 Piaſter geſteigert hat... Was meine Unterhaltung betrifft, ſo verurſacht ſie mir durchaus keine Koſten.. ich beſorge die Küche meiner Kunden... Wenn ich Ihnen all dieſe Details mittheile, ſo geſchieht dies in der Hoffnung, daß Sie nicht mit mir concurriren wollen... Was halten Sie von meinem Geiſt?“ „Hier haben Sie einen Piaſter,“ ſagte der Gambuſino, ohne auf die Frage des Kentuckier zu antworten.„Wägen Sie uns dies bischen Gold, das wir durch Erdeſcharren mit unſrer Klugheit gewonnen.“ Mit dieſen Worten legte Rafael Quirino auf das Com⸗ toir ſein Felleiſen, das er unter dem Arme trug und den Za⸗ rape*) verbarg, der auf ſeiner Schulter lag. „By God! God bleß me!“ rief John Bell,„64 Pfund! nehmen Sie die Unze Goldſtaub nur zu 14 Piaſter, ſo macht es 13,454 Piaſter, die Sie gewonnen haben.“ „Bah! das iſt nur für den Anfang,“ ſagte ruhig Quirino. Der Kentuckier nahm die beiden kleinen Hände des Gam⸗ buſino in eine von der ſeinen und drückte ſie lebhaft. „Edler Caballero,“ ſagte er, indem er ſeiner Stimme einen weichen Ton zu verleihen ſuchte,„Sie wiſſen, daß ich immer Ihr Freund war, nicht wahr? Laſſen Sie mich auch 60 Pfund Gold ſinden!“ „Was wollen Sie mir geben?“ *) Zarape. Eine wollene Decke von bunter Arbeit, welche der Mexicaner immer bei ſich hat. In der Stadt dient ſie ihm als Mantel; auf der Reiſe als Vett und Zelt. 329 „Was ich Ihnen geben werde? nun Alles, was Sie wünſchen... Alles! den zwanzigſten Theil der Summe, zum Beiſpiel...“ „Das iſt nicht genug.“ „Nicht genug! mehr als drei Pfund Gold. 760 und einige Piaſter!... Nun!... hören Sie doch. ja. das man iſt es ſeinen Freunden ſchuldig.. ich opfre mich Laſſen Sie mich 60 Pfund e und ich trete Miß — B.. an Sie ab.“ „Der Hande iſt abgeſchloſſen,“ ſagte der Gambuſino. Dieſe beiden Worte wirkten ſo mächtig auf den Ameri⸗ kaner, daß es ihm die größte Mühe koſtete, die Worte„und wann“ deutlich hervorzuſtottern. „Morgen, um fünf Uhr in der Frühe,“ antwortete Quirino. „Sie täuſchen mich doch nicht... Sie werden worgen beſtimmt kommen?“ „O fürchten Sie nichts. ich werde pünktlich bei unſ⸗ rem Rendezbous erſcheinen,“ ſagte der Gambufino, ſeine Ant⸗ wort mit jenem zweifelhaften Lächeln begleitend, das mir immer ſo unheimlich an ihm erſchien. Ich war ſo erſchöpft von all den Anſtrengungen der letzten Tage, daß ich eilte, mich in dem Zelte auf meine felhaut zu werfen. Die drei Indianer, welche am andern Morgen kamen, um die 2,100 Piaſter von mir abzuholen, die ich ihnen ſchu⸗ dete, weckten mich für einen Augenölick aus meinem Schlafe; 330 ich bat ſie, mir etwas Waſſer und Speiſe zu bringen und ſchlief wieder ein, nachdem ich getrunken und gegeſſen. Um acht Uhr Abends trat der Gambuſino in mein Zelt, als ich gerade im Begriffe war aufzuſtehen. „Lieber Freund, ich komme, Ihnen Lebewohl zu ſagen.. Ich gehe jetzt auf meine große Reiſe,“ ſagte er nach der Be⸗ grüßung, gemäß ſeiner Gewohnheit, immer mit der Sprache offen herauszugehen. „Sie gehen, Quirino?“ „Ja, lieber Freund, ich wiederhole Ihnen... ich gehe.. Ich würde Ihnen ſehr verbunden ſein, wenn Sie nichts dage⸗ gen einwenden... Sehen Sie, der Mond beleuchtet herrlich die Gegend... Wollen Sie mich nur zwei Stunden weit begleiten?“ „O ſehr gerne, Rafael,“ rief ich. „Ich muß ernſthaft mit Ihnen ſprechen, lieber Freund,“ ſagte er, nachdem wir anderthalb Stunden geritten waren, „hören Sie mich aufmerkſam an. Sie ſind nun reich, denn ich glaube, daß Sie einen glücklichen und leicht zufriedenzu⸗ ſtellenden Charakter haben. vernichten Sie deßhalb nicht durch eine unkluge Habgier die ruhige Zukunft, die Sie erwartet uebermorgen kehrt eine Caravane, die Lebensmittel ge⸗ bracht hat, nach Montereh zurück. Schließen Sie ſich an dieſe Carabane an... Ihre Chiquinite und Ihre Hacke ſind Ihnen nützlich geweſen, ſuchen Sie nach Europa zurück zu kommen, ohne Ihr Meſſer gebraucht zu haben.. Dieſer Placer vom Sacramento, das heute ſchon ſo gefährlich iſt, wird bald, von der europäiſchen Habgier überſchwemmt, ein Schauplatz von 331 Gräuelthaten werden, die dem Teufel ſeine Hölle zum Paradies machen... Das Eiſen, der Hunger, das Gift, drei ſchreckliche Gottheiten, die ſich oft um mein armes Leben geſtritten, wer⸗ den die Reihen, die wahnſinnige Maſſe unbarmherzig dezimiren und mit den Gebeinen dieſer Armen den Sand der Wüſte decken Glauben Sie meiner Erfahrung: Sie können ſich nicht vorſtellen, was das heißt, wenn ein Placer der Habgier und Plünderung preisgegeben iſt... Es iſt ſchrecklich! verſprechen Sie mir zu gehen?“ „Ja, Rafael, ich verſpreche es Ihnen auf meine Ehre!“ „Das iſt ein guter Vorſatz. So leben Sie wohl! Ge⸗ denken Sie zuweilen meiner... in Ihren Gebeten!“ Der Gambuſino drückte mir herzlich die Hand und ritt raſch von mir. Lange Zeit folgte ich ihm mit feuchtem Auge.— Die Nacht war hell. Wohin ging dieſer Mann, der ſo ge⸗ waltig in mein Schickſal eingegriffen?„ zum Tode oder Ruhme?... Ich ritt nach meinem Zelte traurig finnend zurück. Ich brachte meine Nacht mit melancholiſchen Gedanken zu und konnte nicht wieder einſchlummern. Am andern Tage fand man den Leichnam John Bells in der Mitte eines Hohlwegs an einer Felſenſpitze hängend. Ein Dolchſtich hatte ſein Herz durchbohrt. Man ſchrieb ſeinen Tod einem Fall, einem Zufall zu und die Rascadores raubten ſein Gold. Am folgenden Abend zog ich, getreu meinem Verſprechen, mit der Caravane nach Montereh. Ich verkaufte in letzter Woche den Goldſtaub, den ich vom „—% 332 „ Sacramento gebracht hatte, für die Summe von 232,000 Franken. Oft denke ich an Quirino; täglich erwarte ich die Nach⸗ richt, daß ein armer Goldſucher ſo eben einen weit reicheren Placer entdeckt, als den am Saeramento; einen Placer, deſſen Ausbeutung auf das Schickſal von Europa großen Einfluß haben müſſe... Doch zweifle ich wieder daran, wenn ich mich erinnere, daß Don Rafael bei ſeinem Abſchiede ein unüber⸗ windliches Vorgefühl ſeines Todes empfand! X Dieſe Erzählung, welche der Leſer aus den Händen zu legen im Begriffe iſt, theilte mir im verfloſſenen Juni ein Spanier Señor Carlos Urriaga mit, der vom Sacramento kam. Urriaga, den ich vor einigen Jahren in Californien ken⸗ nen lernte, iſt ein junger Mann von der größten Offenheit und Wahrheitsliebe. Mit viel Klugheit, aber wenig Phanta⸗ ſie begabt, ſcheint er mir die Sache nicht erfunden, ja nicht einmal ausgeſchmückt haben zu können und ich ſchrieb ſo zu ſagen unter ſeinem Dictate. Was die kurzen, in dieſer Erzählung enthaltenen Schil⸗ derungen der Gegend betrifft, ſo find ſie um ſo genauer, als ich ſelbſt die Häfen von Montereh und San Francisco beſucht und an den Ufern des Sacramento geweſen. Nur dachte ich damals entfernt nicht daran, wenn ich bisweilen bei der Heim⸗ kehr von der Jagd in den Ufern dieſes Pactolus badete, daß ich auf Gold ſchwimme. 5 Stunden vor'm Pinſel, von C. Spindler. Sie und Er waren nicht nur in einander verliebt; ſie hatten ſich ſogar verlobt. Ihr Ehebündniß ſollte am erſten Mai ge⸗ ſchloſſen werden. Vor der Hand befand man ſich aber erſt im Monat Oktober. Während des Verliebtſeyns hatten Er und Sie ſtets dieſelben Gedanken, und ſie theilten ſich dieſelben mit der ungeduldigen Offenher⸗ zigkeit der Liebe mit. Seit ihrer Verlobung jedoch hatten Sie und Er zwar noch oft einen und denſelben Gedanken, aber nicht immer theilten ſie den Gedanken einander mit. * 334 Auf die Zeit der unbedingteſten offenherzigſten Hingebung folgte die Zeit der Ueberraſchungen. In einer und derſelben Nacht, in einer und derſelben ſchlafloſen Stunde, war über Sie und Ihn ein Gedanke gekommen. Sie wollten ſich über⸗ raſchen mit einem Geſchenk; das Geſchenk ſollte Sein Bildniß, Ihr Bildniß ſeyn. Nicht eine Malerſchöpfung en miniature, zum Aufbewahren auf dem zärtlichen verſchwiegenen Herzen; ſondern ein rechtes zeigbares zu aller Welt ſprechendes Bild in Oel, vierthalb Fuß hoch, dritthalb Fuß breit, in ſchöner Goldrahim, im Salon aufzuhängen. Sie waren ja Verlobte, Er und Sie, hatten vor der Stadt kein Geheimniß mehr zu hüten. Aber eben dieſe koſtbare Idee war ein Geheimniß zwiſchen ihnen. Eines und das Andre wollte ſeinen„Gegenſtand“ über⸗ raſchen, und dadurch eine Zauberſtunde der Liebe herbeiführen, vie da leuchten ſollte bis an's Ende ihrer ſeligen Lebens⸗Liebe⸗ und Ehezeit.— Ein ſchöner Gedanke, ein treffliches Streben! voch„mit des Geſchickes dunkeln Mächten“ und ſo weiter. Er hieß Alfred, war ein nicht unberühmter Dichter, ein bischen wunderlich, ein bischen ercentriſch, gern zur raſchen Ausführung ſchreitend, wenn er einen Entſchluß gefaßt. So bürſtete er denn gleich am Morgen nach jener ſchlafloſen Nachtſtunde ſeinen Hut aus, und ging zu dem gleichfalls nicht unberühmten Maler Lindemann, der im Fach des menſchlichen Konterfey's dem alten Van Dyk wenig nachgab, und ſprach alſo zu ihm: „Lieber Freund und Meiſter! Hättet Ihr Zeit und Luſt, dieſes, mein Angeſicht abzuſchildern mit der Euch inwohnenden 335 Kunſtfertigkeit? Doch müßte es noch ein Geheimniß bleiben. Das Porträt will ein Geſchenk, eine Ueberraſchung ſeyn für ein mir zugethanes Herz.“ Worauf der Meiſter mit Würde und Lieblichkeit:„Schon längſt mein Wunſch, Eure Züge zu verewigen, mein lieber Poet und Freund, ſo wie Ihr längſt durch Eure Verſe Euer Genie verewigt habt! Verſchwiegenheit, Geſchwindigkeit und hochſte Aehnlichkeit ſind Euch von meiner Seite verbürgt. Die Hand darauf. Und wann ſollen, wollen wir das Werk beginnen?“ „Morgen, lieber Meiſter, wenn's Euch recht iſt, und nur geſchwinde, recht geſchwind vollenden!“ Der Maler überlegte und zählte an den Fingern ab: „Zwei Tage ſitzen für's Geſicht; einen halben für's Gewand dann zwei Tage Schicht, damit die Farben trocknen mö⸗ gen.. endlich noch ein Tag zum Uebermalen. hm, hm,. ja, ja.. binnen ſechs Tagen kann die Sache zu Ende ge⸗ bracht weten. „Sechs lange Tage. wirklich, Lindemann, eine lange Zeit. Und vierthalb Tage ſitzen..2 ob ich's aushalte.. Säß' ich am Schreibtiſch und dichtete irgend ein hohes ic es wär etwas Andres. aber, aber.. „Ei, unſere Sitzungen werden kurzweilig ausfallen, Vor⸗ trefflichſter! Ihr ſollt nicht ſtehen, als ein Modell, als ein Mannequin.. Kurz.. Ihr werdet ſchon ſehen und zu⸗ frieden ſeyn. Auf Morgen neun Uhr alſo, wenn's Euch be⸗ liebt?“ Schlag neun Uhr; ſo ſey's. Auf Wiederſehen!“ 336 Alfred eilte befriedigt, erregt von dannen. Auf der Straße nicht weit entfernt vom Hauſe der Verlobten—:„Warum ſollte ich nicht jetzo ihr meinen Beſuch machen?“ ſagte er zu ſich ſelber:„eine halbe Stunde früher, als gewöhnlich was ſchadet's aber?“— Und ſo ging er zu der Freundin ſeiner Seele. Sie hieß Malvina, war eine nicht unberühmte Sängerin —(Dilettantin)— ein bischen launiſch, ein bischen über⸗ ſpannt— ſonſt ein herzgutes Weibchen, eine Künſtlernatur im rechten Sinn des Worts. Der göttlichen Kunſt Begeiſterung hatte ſie ja in des Dichters, den Dichter in ihre Arme ge⸗ führt. Zu heucheln, zu zögern verſtand ſie ſchlecht, ſchritt gerne raſch zur Ausführung, wenn ſie zu irgend etwas ſich ent⸗ ſchloſſen. Und alſo machte ſie eben am Morgen nach jener ge⸗ wiſſen ſchlafloſen Nachtſtunde ihre Toilette, um dem berühmten Maler, der ihr Bildniß fertigen ſollte, ihren Beſuch zu ma⸗ chen,— als in ihrem Vorzimmer der Verlobte erſchien. Ach! diesmal kam er zur unrechten Zeit! Auf die Meldung der Kammerzofe, drückte Malvina das Auge an's Schlüſſelloch ihres wohlverwahrten Putzzimmers, und ſüß flötete ihre melodiſche Stimme durch die leichte Scheide⸗ wand der Thüre:„Lieber Alfred, heute Morgen bin ich nicht ſichtbar!“ „Veſte Malvina,“ hieß es drüben:„übereilen Sie ſich. nicht; ich kann warten, und warte gern.“ O weh! Mit dieſen Worten war der holden Frau nicht gedient. Darum fuhr ſie fort:„Lieber Alfred. gewiß... ich habe heute lange zu thun. auch erwarte ich Beſuch.... 337 „Beſuch? Welchen Beſuch?“ entgegnete Alfred, die Ohren eiferſüchtig ſpitzend. Eiferſüchtig war er. wie ein Poet zu ſein pflegt. „Den Beſuch meiner Näherin meiner Putzmacherin.. ein neues Kleid.. ein neues Häubchen.. ich bin wirklich heute Morgen nicht ſichtbar.. auf dieſen Abend alſo, lieber Alfred. 14 „Ich gehorche; will mich nicht aufdringen.. auf Wie⸗ 1 derſehen, beſte Malvina!“— Mit dieſen kühlen Worten trat Alfred, den die ſpöttiſchen Blicke der Kammerjungfer in die. Flucht ſchlugen, vom Schauplatz ab.—— 4 „Guter Alfred! er wird ſich gekränkt fühlen..“ lispelte Malbina ihm nach paber, Gott weiß, ich konnte nicht anders. Hätt' ich ihn warten laſſen, und dann empfangen, nicht von der Stelle hätt' ich ihn gebracht, und doch muß ich ſchnell, ja ſchnell zu Lindemann, um meine glückliche Idee prestissimo zu verwirklichen... Heut' Abend mach' ich den guten Alfred leicht wieder fromm und zuahm. Er iſt ſo lieb, ſo brav, ſo gemüthlich.!“— Und in demſelben Augenblick ſtand drüben im Handſchuh⸗ laden der liebe gemüthliche Alfred, und paßte wie ein lauern⸗ der Spitzbube auf die Näherin, auf die Putzmacherin, die da mmen ſollten, Malvina zu beſuchen. Sie kamen nicht, die leichtfüßigen Dienerinnen der Mode und des Lurus...; ſtatt i deſſen ging Malvina nach wenigen kurzen Minuten elegant ge⸗ . putzt aus ihrem Hauſe. „„„Sieh da! Schau' da! ſtieß den Dichter der Teufel an: „Getäuſcht. betrogen.. belogen! Wohin geht ſie wohl, Der Erzähler 1848. 1v. 22 3 338 wenn nicht an einen Ort, von dem du nichts wiſſen darfſt... zu irgend Jemand, den du nicht kennen ſollſt. 2 Ein Schwung, ein Sprung, und Alfred ſetzte der ſorglos dahinſchreitenden Freundin böslich nach. Aber im Nu auch wurde er aufgehalten. Ein Rudel von Freunden aus der Nach⸗ barſtadt ſiel über ihn her wie ein Bienenſchwarm; und nach⸗ dem er den Einen die Hände geſchüttelt, den Andern eine Umarmung erlaubt, und einen Jeden mit ſeinem Namen ange⸗ rredet, und endlich ſeinen Spähblick in die Ferne entſendet... wohin war Malbina gekommen? Keine Spur von ihr am weiten Horizont. Dagegen nahmen ihn, Alfred, die Freunde in Beſchlag, und Geſellſchaft mußte er ihnen halten über den gan⸗ zen Tag. Indeſſen war Malvina bei Lindemann eingetreten, und fragte mit dem unwiderſtehlichſten Zauber in der Stimme: „Hätten Sie wohl Zeit und Luſt, beſter Herr, mit der Ihnen eigenen Kunftfertigkeit das Porträt Ihrer ergebenſten Verehrerin zu fertigen? Doch müßte das in baldigſter Bälde geſchehen; länger als fünf oder ſechs Tage vürften nicht darüber hin⸗ gehen, und Ihrer beſonderſten Verſchwiegenheit möchte ich mich empfehlen, denn das Bild will ein Geſchenk, eine Ueber⸗ raſchung ſein für ein mir treu verwandtes Herz?“— Hier ſchwieg Malbina, ſich verlegen räuſpernd. Das„treuverwandte Herz“ war zu vorſchnell ausgeſprochen worden. Der Maler, ein Menſchenkenner wie Einer, hielt ſein Lächeln zurück, und auch den muthwilligen Forſcherblick, der alſogleich dem Geheimniß des verlobten Paars auf den Grund“ gegangen. Lindemann wollte die reizende Verlegenheit der Dame 339 nicht ſteigern, auch nicht zum Verräther werden an Alffred. Daher legte er ſeiner luſtigen Laune den Zaum an, überlegte eine Weile, und antwortete dann: „Aufrichtig geſagt, mein werthes kunſtbegabtes Fräulein, meine ſeligſte Stunde wäre es, in der mir bergönnt ſein möchte, Ihr wundervolles Antlitz in Farben auf der Leinwand wiederzugeben. Aber— eben ſo aufrichtig: wenn dieſem Werke die allernächſten Tage in aller Eil' gewidmet werden ſollen, ſo dürfte mir die ſeligſte meiner Stunden nicht ſchlagen. Juſt auf die nächſten Tage bin ich verſagt, total gekapert, gebunden und gebannt. Frühere Verpflichtungen... eine Aufgabe von hoher Hand... Sie wiſſen wohl, daß wir Künſtler noch auf hohe Hände Rückſicht zu nehmen haben's iſt rein unmög⸗ lich. In acht Tagen jedoch.“ „Auch das iſt rein unmöglich;“ fiel Malvina ihm raſch in's Wort. Und hinzugeſetzt würde ſie haben, vorſchnell wie oben:„Iſt denn alsdann nicht Alfred's Geburtstag, zu deſſen Angebinde mein Bild beſtimmt, vorüber?“ wenn nicht der Schmerz, den ihr die abſchlägige Antwort verurſachte, ſie ſtumm gemacht hätte. Stumm, doch nur für einen Augenblick. Denn alsbald fügte ſie ſchüchtern und betrübt hinzu:„Meine ganze Freude wird zu Waſſer— zu Thränen. Wenn Sie mir Ihre hohe Kunſtleiſtung verweigern. was ſoll ich beginnen? an wen mich wenden in dieſer an wahren Künſtlern ſo armen Reſidenz?“— Geſchmeichelt und pfiffig lächelnd beſah der Maler ſeine Schuhſpitzen. Dann ſchlug er das blaue Auge zufrieden auf und ſprach:„Gefunden, gefunden, mein beſtes Fräulein. Ken⸗ 340 nen Sie meine Schülerin, die talentreiche Blanda? Haben Sie auf der letzten Ausſtellung des Kunſtvereins die beiden Porträts von ihrer Hand geſehen? das des Hofraths Enderlich? das der genialen Schauſpielerin Birnbaum? Beide— die Bildniſſe— hätte ich ſelber nicht beſſer gemacht; auf Künſtlerwort. Die begabte Blanda hat von Apoll und Apell(es) eine überaus reiche Mitgift in ihr Erdenwallen geſchenkt erhal⸗ ten. Dieſer Reichthum und mein Unterricht... na, die Welt wird noch ſtaunen über mein Blandchen, und Blanda— joa, Blanda, ſoll Sie, o Trefflichſte! malen. Nun— was ſagen Sie dazu?“ Malbina hatte wohl eifrig zugehört, aber ſie ſagte zu⸗ vörderſt nichts: ſie überlegte... ſann nach. zögerte. ſie hatte(trivial zu reden) wenig Fiduz auf die von ihr nicht gekannte Künſtlerin.— Da ließ ſich Lindemann zu einem Pracht⸗ und Knalleffekt herab, riß mit gewandter Hand einen grünſeidnen Vorhang von einem Gemälde, das in der beſten Beleuchtung ſichtbar wurde, und rief mit bewegter Stimme: „Urtheilen Sie ſelbſt! das hat meine Schülerin Blanda ge⸗ tacht, ohne daß ich nur mit einem Haare meines Pinſels daran gerührt hätte. Das hat ſie in drei Tagen gemacht.. ipsissima fecit... O glücklicher Lehrer! o ſtupende Schülerin!“ Malvina wich erſtaunt zurück vor dem blendenden Glanze und den Wunderfarben des Bildniſſes, das die oben genannte Tragikerin Birnbaum in der Rolle der Jungfrau von Orleans vorſtellte. s war in der That ein überraſchend gelungnes, freilich auf theatraliſche Wirkung hingearbeitetes Werk, und 341 mächtig ſtieg im Buſen der leichtbegeiſterten Sängerin die Sehnſucht auf, juſt in dieſem Sthle gemalt auf ihren Verlob⸗ ten und die Nachwelt zu kommen. „Ja, ja...“ rief ſie mit naſſen Augen..„das iſt's, das iſts wahrhaftig! Wenn nicht von Ihnen, doch nur von Blanda will ich gemalt ſeyn!“— „Bravo! ſo wären wir ja alle zumal zufrieden, denn auch Blanda kann ſich keinen beſſern Vorwurf wünſchen, als eben Ihren Kopf, den Kopf einer Grazie, einer Muſe!“ Dankbar für die ſtark aufgetragene Schmeichelei neigte Malbina ihr Haupt; aber ſchon mit dem nächſten Athemzuge ſetzte ſie leiſe zweifelnd hinzu:„Wie wird es aber mit der unerläßlichen Verſchwiegenheit ſtehen, herrlicher Meiſter? Was der ernſtere Mann ſtill in ſeinem Buſen verſchließt, wird das auch bewahren als ein Geheimniß die leichtblütige zungenſchnelle Jungfrau?“ „O, dafür ſtehe ich Ihnen mit Leib und Seele;“ beeilte ſich Lindemann zu entgegnen:„Blanda iſt kein heurig Häslein mehr, und hat, glaub' ich, ſchon mehr und Wichtigeres ver⸗ ſchwiegen, als eben nur das. Zudem werd' ich mit ihr reden, und lade Sie ein, Morgen um halb zehn uhr— nicht früher, nicht ſpäter— in meinem Gartenatelier— ſehen Sie: dort drüben— einzuſprechen, wo Blanda ihre Kunſtwerkſtätte hat. Es iſt nicht nöthig, daß Sie hier durch den Hof gehen. Da haben Sie den Schlüſſel zum Garten: Nummer 12 in der Hyazinthengaſſe. So kommen und gehen Sie ganz unbemerkt, und werden auch nicht von einer lebendigen Seele geſehen „ 342 werden, als gerade nur von Blanda. Gefällt das Ihnen, vor⸗ trefflichſte Philomele?“ „Sie machen mich zu Ihrer ewigen Schuldnerin;“ ver⸗ ſicherte Malbina gerührt, und entfernte ſich, entzückt von der glücklichen Art und Weiſe, wie ſie ihr geheimnißvolles Geſchaft angebahnt hatte.—— Und als der Nachmittag kam, und der Abend, wartete ſie mit Inbrunſt auf ihren Verlobten, um denſelben wieder fromm und zahm zu machen.— Siehe jedoch: der Verlobte kam nicht; zum erſtenmal nicht ſeit hundert und fünf und ſiebenzig Tagen ungefähr.— Das koſtete manchen Seufzer. endlich ſogar ein Dutzend Thränchen..endlich, des Wartens müde, zog ſich die Getäuſchte in ihr Schlafzimmer zurück. Und um die neunte Abendſtunde erſt wurde Alfred von ſeinen überläſtigen Freunden verlaſſen, und ein paar Minuten ſpäter ſtand er, vom Laufen athemlos, vor den Spottaugen der Kammerjungfer ſeiner Verlobten, und bat um die Erlaub⸗ niß, ein kurzes und zärtliches„Gut Nacht“ anbringen zu dürfen. Umſonſt.—„Das Fräulein ſind ſchon ſeit geraumer Zeit zu Bett gegangen, und wollen durchaus nicht geweckt ſein!“ hieß der ſpöttlich trotzige Beſcheid der Zofe. Schweren Herzens glitt Alfred die Treppe hinunter, tappte er durch den finſtern Hausgang, ſchlich er über die Gaſſe, in irgend ein Gaſthaus, in den Schmollwinkel betrübter Jungge⸗ ſellen.— Aber nach dem erſten Glaſe Wein ſprach er mun⸗ terer zu ſich ſelber:„Gute Malbina! ſie wird ſich durch mein Ausbleiben gekränkt fühlen... aber ich konnte ja doch nicht anders. Und morgen iſt ja auch wieder ein Abend, und dann 343 mache ich die gute Malbina leicht wieder fromm und zahm. Sie iſt ja ſo lieb, ſo brav und gemüthlich!“ Aber die Nacht wird lang und ſtürmiſch der Schlummer dem Liebenden, auf deſſen Seele ſchwer wie ein Fels das Be⸗ wußtſein liegt, die Geliebte ſchnöde gekränkt zu haben. Schwere Schuld läßt nicht ſanft ruhen, und ſeufzt nach dem hellen er⸗ muthigenden Morgen.— So ging es dem armen Alfred. Zum Glück für ihn kam der Morgen heran, wie er eben alle Morgen zu kommen pflegt, der gute Kerl! „Ich muß ſie ſehen, ſie ſprechen!“ rief Alfred, in ſeinen Schlafrock ſchlüpfend, und undillkührlich— wie er alltäglich nach dem Sprung aus dem Bette zu thun gewohnt war— vor den Spiegel tretend, ſah er plötzlich und natürlich ſeinem Geſicht gegenüber wieder daſſelbe ſeinige Geſicht, alſo ſein Ebenbild, alſo ſein Porträt auf Glas und Queckſilber— und ebenſo natürlich und plötzlich fiel ihm Lindemann ein, der ihn malen ſollte, und dem er das Wort gegeben, Schlag neun Uhr zur Stelle und zu Dienſten zu ſein.. „O weh!“ ſeufzte er:„die unſelige Sitzung vorm Pin⸗ ſel! Sie geht allen übrigen Tagsbeſchäftigungen vor; mein Wort muß ich halten... und daher kann ich Malvina wenig⸗ ſtens heute Vokmittag nicht ſehen, nicht ſprechen!— Was thu' ich nur, lch armer Schelm?“ Das ſorgenvolle Antlitz des Dichters, das nach dem Schreibtiſch ſich wendete, verklärte ſich mild, da es des wohl⸗ 344 bekannten Dintenfaſſes anſichtig wurde.—„Ich kann ihr ja auch ſchreiben!“ ſagte ſich Alfred zum Troſte.— Und das that er alſobald, obſchon darüber ſein Frühſtück kalt wurde. Das Brieflein wurde um deſto feuriger: ein Blatt, dem man die innerliche Glut von außen gar nicht anmerkte, denn es war roſenroth von zarteſter Färbung. Um dem roſenrothen Briefchen die gehörige Folie zu ge⸗ ben, ſchickte es Alfred durch einen ſchwarzen Boten ab. Er hatte nemlich zu ſeiner Bedienung einen Mohren. Ppeten und andere Künſtler haben, oder hätten gern einen Mohren zur Bedienung. Ein ſchwarzer Burſche ſieht ſo vornehm, ſo ver⸗ wegen, ſo maleriſch und romantiſch aus! Obſchon dieſer— Alfreds Mohr— durchaus keine Hauptrolle in dieſer Geſchichte zu ſpielen hat, ſo ſoll doch nicht unterlaſſen ſehn, hier gehörigen Orts zu melden, daß er ein Mandingoneger, ſeines Amts ein Diener von einem Dutzend Herrn, aus früherer herrſchaftlicher Lioree zum Kommiſfions⸗ läufer herabgeſunken, und, wie alle Neger, ſeines Alters un⸗ kundig war. Nicht zu läugnen aber, daß er ſchon alt, indem die Natur bereits anfing, dem ſchwarzen Knaben etwas weiß zu machen, nemlich das Kraushaar; auch nicht zu berſchweigen, daß er paſſabel dumm, paſſabel faul und nachläſſig, paſſabel häßlich obendrein. Chriſtian, oder Chrétien hieß er. Einen Familiennamen beſaß er nicht. So halten's die Neger, die durch die Auktion und Sklaverei in die Civiliſation gerathen ſind. „Dieſes Brieſchen Chrétien, ſo ſchnell als möglich an die Adreſſe befördern;“ gebot Alfred dem Neger. Und der Neger hierauf:„Monsour. mo, mo, mo; (neapolitaniſche Abkürzung des allzeit bereiten„Subitiſſemo“) à l'instant... im Haugenblick.„ geleik, geleik... Chrétien keſchwind!.. 4 Und ſo ging er, ſeinen übrigen elf Meiſtern und Gönnern die Stiefel zu putzen, die Betten zu machen, die Pfeifen zu ſtopfen und ſo weiter. Schlag neun Uhr ſaß Alfred— ein Wort ein Mann— vor Lindemann's Staffelei, und der Maler lobte ſeine Pünktlich⸗ keit.— Mit der Kohle wurde das Werk begonnen. „Sitzt nur ganz ungenirt, lieber Herr und Freund!“ ſagte Lindemann,„nur keine affektirte, gezwungene, theatraliſche Stellung! Ich huldige der Natur, und für Euch iſts bequemer, daſſelbe zu thun. So, den Kopf etwas mehr dem Lichte zu⸗ gekehrt. eine heitere Miene, wenn's beliebt... die Augen hell geöffnet, die Stirne frei, als hinget Ihr einem glücklichen Gedanken nach.. So, ein bischen Lächeln um den Mund die linke Schulter zurück... den Arm auf der Lehne laſſen, denn ich brauch ihn, ſammt der Hand.. Augen recht auf, ſag' ich! So, ſo, den Kopf nicht verrückt! Bravo.... nur kein Zwang!“ Alfred ergab ſich anfänglich mit Geduld in die vorge⸗ ſchriebene, angeblich zwangloſe Stellung und lächelte, wie man eben auf Kommando zu lächeln pflegt.—„Die Sache iſt nicht ſo ſchwer,“ ſagte er ſich zur Ermunterung. Nach ein paar Minuten, während Lindemann wacker drauf loskohlte oder kreidete, gewann Alfreds natürliche Beweglichkeit 6 346 die Oberhand. Er rückte und rückte, bis ihn der Maler an⸗ rief:„He, he, wir gerathen ja völlig aus der Poſition?“ „Ja ſo; Verzeihung, Meiſter... ich wußte nicht! 4— Mit dieſen Worten kehrte Alfred zur Ordnung zurück.— Er hielt eine Viertelſtunde kühn und willig aus. „Das Ding iſt doch nicht ſo leicht,“ dachte er indeſſen. „Und ein paar Tage lang ſoll ichs aushalten? Wie wird das werden?— Jedoch: gilt es nicht, meiner Malvina eine Freude zu machen? Darf ich da ein paar Tage meines Lebens hoch anſchlagen? Allons! Muth und Ausdauer, ſei ein Mann, Alfred.“ „Ihr ſeid verzweifelt ſtumm, lieber Poet!“ ermahnte Lindemann.„Redet, plaudert, ſchwatzt etwas. Wenn Ihr Eure Sprechwerkzeuge in Bewegung ſetzt, wird Euer Geſicht vortrefflich lebendig.“ 2 „Hm,“ machte Alfred, dem juſt auf Kommando nichts einfiel, worüber er hätte ſchwatzen mögen;„wenn Ihr wollt, daß ich rede, ſo fragt mich. Zum Antworten bin ich vielleicht aufgelegt, aber ungefragt.... 4 „Rezitirt mir Euer neueſtes Gedicht, ſagte Lindemann. „Um Gotteswillen, nur das nicht, nur nichts vom Hand⸗ werk, Beſter. Das kann ich nicht, das thu ich nicht.“ „Nun, ſo erzählt mir eine Hiſtorie, eine Anekdote.“ „Wer kann von mir Hiſtorien, Anekdoten verlangen? Ich merke mir keine.“ „So redet wenigſtens vom Wetter. bon der letzten Oper... vom kleinen Däumling, oder ſonſt etwas.⸗ Und ſo ſprachen ſie denn in der That eine ziemliche 347 Weile von dergleichen Dingen, und wenn ſchon überall und allezeit dieſe Dinge ſehr unerquicklich beſprochen werden, ſo ge⸗ ſchah das doch nie und nirgends ſo ſchaal und ledern und langweilig, als in dem Atelier des Malers Lindemann von Seiten des Malers und ſeines Patienten.— Da klappte nichts, da ſtimmte nichts. Der Maler, weil beſchäftigt, fragte zerſtreut, ſchläfrig antwortete Alfred. Immer einſilbiger wurden Beide. Das Geſpräch ging aus, wie ein ſchlechtes Geplänkel ron Re⸗ kruten. Endlich wurde es ganz ſtille.— Alfred dachte an ſeiue Liebe.—„Was wird Malbina jetzo machen?“ dachte er.„Gewiß ruht ſie auf ihrer Cau⸗ ſeuſe und lieſt jetzt zum tauſendſten Mal mein Brieſchen? Es iſt mir aber auch herrlich gelungen, das Brieſchen;„ich habe noch nie geſchrieben ein ſolches Briefchen!“ „Vivat! Jetz macht Ihr das rechte Geſicht!“ jubelte der Maler auf, ſo daß Alfred ſchier zuſammenſchreckte. Bald jedoch ſpann er das Garn ſeiner Gedanken weiter aus.„Vielleicht“— dachte er—„hätte ich in meinem Briefchen nicht ſo zärtlich ſein ſollen? Vielleicht wäre ein gewiſſer kühler, ſpitziger Ton mehr am Platze geweſen?— Denn—'s iſt nicht anders— Malvina hat meinen Ver⸗ dacht erregt. Jener heimlichthueriſche Ausgang... o, wenn es möglich wäre, daß ſie, ſie, ſie mich betrügen könnte!.. Himmel, welch ein finſtres Loos wäre da das meine? Hinter⸗ gangen von ihr?... welch ein Abgrund! Ein glücklicher Nebenbuhler... Huh, welch ein unſelig Geſpenſt!!“ „Mordio! Freund, Dichter, Meiſterſänger!“ brach Linde⸗ mann los.„Iſt das ein Geſicht? Ich erſchrecke vor Euch, 348 ich fürchte mich vor Euch. Wie ein Feld voll Teufel! Alfred, warum thut Ihr mir das? Kopf rechts, Augen links. Donnerwetter! wollt Ihr gleich lächeln?“ Alfred fuhr zuſammen und lächelte par ordre, wie ſo mancher in den letzten Zügen lächelt, und iſt ihm doch gar nicht ſpaßhaft zu Muthe.——— Unterdeſſen— ein paar Klafterlängen von Alfred ent⸗ fernt, drüben in der Sommerwerkſtätte— ſaß Malbina, nicht auf ihrer Cauſeuſe, und nicht einmal zum erſten Male das Briefchen Alfreds leſend, weil ſie daſſelbe noch gar nicht be⸗ kommen. Aber vor dem Pinſel Blandchens ſaß ſie, und dieſe Blanda, eine reife Jungfrau zwiſchen ein⸗ bis ſiebenunddreißig Jahren, arbeitete hurtig darauf los mit Hand und Zunge, als müſſe ſie noch heute das Werk vollenden, als müſſe ſie noch heute ſich radikal ausſchwatzen.— Maldina ſaß dabei auf Nadeln, denn ſo eben wurde ein Gegenſtand abgehandelt, der unter die mehr oder weniger kitzlichen gehörte. „Wie ich Ihnen ſage, beſtes Fräulein,“ plauderte Blanda, juſt im beſten Zuge:„Sie können mir's glauben, Ihr Geheim⸗ niß iſt bei mir ſo ſicher, wie in einer Schatzkammer, wie in einem Sarge— sans comparaison. Ich weiß ein Ge⸗ heimniß mit mir herumzutragen hinter Schloß und Riegeln, wenn ich auch viel rede, wenn der Tag lang iſt. Denn— wiſſen Sie?— bei'm Malen iſt ein Hauptgewürze eine leb⸗ hafte Unterhaltung, und— Gott ſei Dank— mein Mäulchen und mein Pinſel vertragen ſich zuſammen, wie bei'm Klavier⸗ ſpiel die rechte und die linke Hand, die da beide nichts von ein⸗ ander wiſſen, und dennoch treibt eine jede ihr Geſchäft auf 349 eigene Fauſt. Aber natürlich plaudre ich da nur harmloſes Zeug, was mir juſt vor den Schnabel kommt;— das Wich⸗ tige, das Geheime ruht tief in meiner Bruſt und kommt nicht auf die Oberfläche.— Bitte ſchön, das liebe Köpfchen ein bischen zu heben, und dero Vergißmeinnichtaugen etwas weniger zu begeiſtern! Ein klein wenig Schwärmerei auf die Stirn. ... Ho, eine wundervolle Stirn! Die Naſe ganz antik, und der Mund ach, öffnen Sie denſelben ein wenig, damit ſeine Perlen ſichtbar werden... ſie verkörpern ſo auf eine zarte, ſinnige und verſtändliche Weiſe die Zauberklänge, die ſo oft Ihren Lippen entſtrahlen, und die leider der Pinſel nicht wiedergeben kann. So, ſo... das klaſſiſche Haupt nur mehr in die Höhe!. ach, warum iſt mir nicht vergönnt, Sie als Gutrope oder Polyhhmnia vorzuſtellen, den Lorbeerkranz im ſeidnen Haar, die goldene Leier in der zarten Hand. ach, was freu' ich mich auf Ihre Hand! Morgen kommt es an dieſe Ihre Hand! Haben Sie meine Birnbaum als Jungfrau ge⸗ ſehen? In ſolcher Manier möchte ich Sie darſtellen! Ich habe von der Birnbaum ein paar Copieen machen müſſen— ich ſage nicht für wen— aber, meine Liebe, geſetzt, ich wäre eine Schwätzerin, und gebe Ihr Geheimniß preis, und man erführe, daß ich die Ehre, das Glück habe, Sie zu porträ⸗ tiren.... noch heute wollte ich einen brillanten Auftrag zu einer Copie Ihres Bildniſſes erhalten.. „Ach, liebes Fräulein Blandchen... Sie beſchämen mich ₰ Sie ſetzen mich in Verlegenheit!“ bat Malvina, der hohen Fluth von Blanda's Redſeligkeit faſt erliegend. „Warum nicht gar? hat nichts zu ſagen...“ fuhr die 350 Unerbittliche fort.—„Wenn Sie nicht an Huldigungen ge⸗ wöhnt ſind, ſo weiß ich wahrhaftig nicht, wer es denn ſein ſollte? Ich will mich nicht erdreiſten, zu errathen, für wen dieſes, Ihr Bild wohl beſtimmt ſein dürfte; aber Sie mögen immerhin feſt glauben und überzeugt ſein, daß nicht nur Herr Alfred Sie tief verehrt, bewundert, zärtlich liebt. Da ſind ihrer Viele von den Herren unſrer Reſidenz. da iſt, zum Beiſpiel,— ich darf Ihnen das ſchon der Oberſt⸗ lieutenant von Ghlders... ha ha, wenn ich eine Schwätzerin wäre... gleich heute nelle ich von dem Herrn von Ghlders eine Beſtellung Ihr Bild haben, denn Sie glauben nicht, wie „O, ich ti verſchonen Sie mich,“ flehte Malvina in wahrer Seelenangſt;„wenn mein Verlobter von dergleichen hörte... ich könnt' ihm nie mehr in's Auge ſchauen laſſen wir das!“ „J, von was ſollte er denn hören, Liebe, Beſte? Und von wem dieſes„Was?“ von mir nicht, von Gylders auch nicht.. Ich weiß ja gar nicht, ob dieſes Bildniß ihn etwas angehen nird? Ich ehre Ihr Geheimniß, und was ich davon weiß, kommt gewiß nicht unter die Leute. Verlaſſen Sie ſich darauf, und legen Sie etwas Verzückung in Ihr Auge... etwas Melodie auf Ihre Lippen... ſo, ja, ſo! Den Hals etwas kühner gewendet, die Bruſt freier heraus!... So! jetzt noch ein Stündchen nicht vom Fleck gerührt, dann haben wir die Hauptſache, meine Muſe, meine Olhmpierin!“ Der Drang der Arbeit, die nun auf's rüſtigſte betrieben wurde, ließ auf ein Weilchen Blanda's Seele, ihre Zunge x 351 verſtummen. Dagegen hob Malvina's innere Stimme an, das Wort zu nehmen, und ſagte ihr vor, wie allerdings wahr ſei, was Blandchen da geredet; wie allerdings viele viele Herren der Stadt mit Zärtlichkeit ihrer gedächten, unter welchen Herren viele recht liebenswürdige, namentlich der genannte Ghlders, ein Heros in den Waffen, wie ſie, Malbina ſelber eine Heroine des Geſangs... Ferner noch bemerkte obige innere Stimme gleichſam verloren, aber nicht ohne Abſicht, Ghlders ſei im Grunde doch eine ganz andere Mannsgeſtalt als Alfred, und was dem Oberſtlieutenant, dem Dichter gegenüber, etwa an Geiſt und Verſtand abgehe, erſetze die ſoldatiſche Biederherzig⸗ keit ſeines Gemüths, die ritterliche Anmuth ſeiner Erſcheinung mehr als hinlänglich. Dieſer Gylders würde ihr, Malbina, wie ein gebannter Schatten folgen, wie ein frommer Page aufwarten und den Hof machen, während Alfred— traurig aber wahr— am verwichenen Abend ſeiner Liebesdienſtpflicht durchaus nicht nachgekommen.... ſeine Braut nicht beſucht nicht einmal ein Wort, eine„Gute Nacht“ ihr zum Troſte und zur Erquickung gebracht!... O, o, ach, ach!“ NB.: Zu wiſſen, daß Malvina's Kammerjungfer zwar weiß wie Schnee, viel bleichſüchtig, von Geſicht und Körper aber ſchlimm und ſchwarz von Herzen geweſen. Das Seelen⸗ glück ihrer Gebieterin ärgerte dieſe Colombine ſehr, und wo ſie nur konnte, that ſie ihr und ihm— der Herrin und ihrem Glück— einen kleinen Tick an. So hatte ſie auch nicht mit einer Shlbe gemeldet, daß Alfred am ſpäten Abend ge⸗ kommen, ſich zu entſchuldigen, und daher war Malbina ſo ſehr verwundet im tiefſten Buſen, und deßhalb verglich ſie auch 352 ſtillprüfend den tapfern Gylders mit dem unhöflichen Alfred, und nicht zum Vortheil des letztern fiel die Vergleichung aus.— Innig geliebt ſein von einem Helden, der ihr ferne... und dagegen vernachläßigt ſein von einem Poeten, mit dem ſie ver⸗ lobt.... o welche Pein für eine fühlende Bruſt! „Um Gotteswillen!“ ſchrie Blandchen plötzlich auf.„Was geht mit Ihnen vor, Liebſte, Theuerſte, Trefflichſte? Welche Blicke, welcher Schmerz um den Mund, welche Entrüſtung um die Naſenflügel.... eine Falte auf Ihrer Stirne... ein paar Fältchen zwiſchen Ihren Brauen?.. was haben Sie denn, o zürnende Sappho? Wenn ich Sie auf Leinwand brächte, ſo wie Sie jetzt ausſehen, ein Meduſenkopf— ein ſchöner, aber drohender würde unter meinen Händen hervorgehen. In aller Engel Namen, ſeyen Sie heiter, ſchwärmeriſch, begeiſtert, mild und heiß, ſtolz und lieb, wie eine frohe Braut! Was Sie ſind, ſcheinen Sie es auch, glückliche promessa sposa!“ Malvina bezwang ſich— welches Weib könnte das nicht?— aber dieſer Zwang laſtete wie ein Alp auf ihr, und wenn wir hier bemerken, daß ſie am Ende durch Thränen lachte, ſo iſt das nicht nur eine Redensart. Denn Perl auf Perl ſtieg auf in ihren Augen, ſo daß ſie endlich, fürchtend, ihrer Wehmuth Ausbruch nicht mehr zurückhalten zu können, flehentlich um Aufhebung der Sitzung bat. „Meinetwegen,“ ſprach nach einiger Zögerung die Malerin; „aber ich bitte mir aus, daß Sie heute Nachmittag mit heiterm Glanz auf den Wangen ſich einſtellen... um zwei Uhr. hören Sie? Vielleicht werd' ich bis Abend mit Ihrem Kopfe 353 ſo weit fertig, daß ich eine Sitzung von den nächſten Ihnen er⸗ ſparen kann.—“ „Wie Sie befehlen,“ entgegnete Malvina dankbar,„heute Nachmittag alſo ergeb' ich mich Ihnen auf Gnad' und Un⸗ gnade.“ II. Eine halbe Stunde bevor Malbina Lindemann's Sommer⸗ Atelier verließ, war ſchon Alfred ſeiner Sitzungshaft ent⸗ ſprungen, und lief, was er konnte, um ſeine Geliebte zu ſehen. Natürlich fand er ſtatt ihres lieben Geſichtchens das fatale „Visage de bois.“—„Nicht zu Hauſe?“ fragte er be⸗ fremdet.—„Nicht,“ antwortete die blaſſe Zofe kalt.—„Mein Gott, wo denn? Wiſſen Sie nicht?.— Nicht.— Sie hat doch heute... heut' früh war doch mein Chrétien da? Sie wiſſen nicht?...— Nicht.—“ „Hol' Dich doch der Satan mit Deinem ewigen, teufli⸗ ſchen, vernichtenden„Nicht!“ brummte im Davonſtürmen Al⸗ fred, und hinter ihm drein lachte ſtill, aber um ſd te ufliſcher eben die ſchneeweiße Kammerdame. NB.: Es iſt immer unerklärt geblieben, warum denn Colombine den armen Alfred, ihrer Herrin Verlobten, ſogar ſehr„auf dem Strich“ hatte, wie man ſagt.— Hatte die Zofe, wie Einige behaupten, vielleicht einmal in eigner Perſon und zwar vergebens den Verſuch gewagt, ſein Herz und ſeine Sinne zu kapern? Oder— wie Andere meinen— war Der Erzähler 1848. W. 23 354 Alfred weniger freigebig mit ſeinem Gelde, gegenüber der Zofe geweſen, als mit ſeinen Verſen, gegenüber ſeiner Braut?— Die Geſchichte ſagt uns darüber nichts Genaues. Eine Thatſache jedoch iſt, daß Alfred noch bei einem Dutzend von Verwandtinnen und Bekanntinnen, wo er Mal⸗ vina zum Beſuch vermuthen konnte, umherſtürmte, und natür⸗ lich dieſe Malvina nirgends vorfand. Zweite Thatſache: Er begegnete dem bewußten Mohren, und ſprang ihm an's Kollet.„Was iſt aus meinem roſen⸗ farbigen Brieſchen geworden, ſchwarzes Ungethüm?“— Wor⸗ auf Chrétien, dem man nicht anſah, foi, Monsour ho fatto la commissione... Very well!— Wobei ſich Alfred beruhigte und wieder davon⸗ ſtürmte, ſich ſagend:„So hat ſie den Zettel doch bekommen, und Colombine weiß nichts davon. Geduld, Geduld, mein Herz und zage nicht.“ NB. Er ahnte nicht von fern, daß Chrétien das Billet an irgend einer Straßenecke aus der Taſche verloren, und daß es in einen ſauber geputzten Stiefel gefallen, und zu einem der eilf Herren getragen worden war, die Chrétien außer ihm noch bediente.— Dagegen wußte der Mohr ganz genau um den Verluſt, und hielt ſich feſt, nach Negerart, an die Lüge, um ſeine Fahrläſſigkeit möglichſt zu bemänteln.„Lieber Gott wird mir helfen daraus(aus der Patſche);“ tröſtete er ſich. Dritte Thatſache: Nachdem Alfred eine frugale Mahlzeit eingenommen, ſich aber vabei mit einer halben Flaſche Cham⸗ pagner aufgemuntert, ging er, auf dem Wege zu Lindemann, noch einmal ins Haus ſeiner Gebieterin, und fand noch ein⸗ daß er erblaßte: Ma mal und zwar troſtloſer als je das„Visage de bois.“ Malvina war ſchon nach der Hyazinthenſtraße, Nummer zwölf geeilt, und nicht einmal die weiße Colombine war zu Hauſe. „O Weiber, Weiber, geſchaffen, um die Männer in Tod und Verzweiflung zu jagen!“ knirſchte Alfred zwiſchen den Zähnen,„ein Glück, daß ich ein wenig Champagner im Leibe habe.... ich wäre ſonſt verſucht, mich ins Waſſer zu werfen. Aber Waſſer und Champagner vertragen ſich nicht gut mit einander. Pacienza denn!“ Sehr aufgeregt kam er beim Maler an, der ſeine Farben miſchelnd gemächlich vor dem angefangenen Bilde ſaß.— „Bravo!“ rief der Künſtler den Dichter an,„das iſt die rechte Färbung, die Euch zuſteht, Minneſänger. So, ſo, ſchnell in die Poſition. Unvergleichlich iſt der Ausdruck Eures Antlitzes. Ich will Gurken malen mein Lebtag, wenn ich je ein präch⸗ tigeres Mannsbild vor'm Pinſel gehabt habe, Halleluja!“ Das ſchmeichelte, und mit ſtolzer Hingebung verdrehte Alfred nach Vorſchrift ſeinen Hals, ſeine Augen, ſeinen Torſo, und lächelte ſo gewiß frivol und dabei ingrimmig, daß Linde⸗ mann davon bezaubert wurde.—„Wahrhaftig!“ rief er,„Ihr ſitzt jetzt da zur glücklichen Stunde, juſt als ob der Gott über Euch gekommen wäre, ſo ſtürmiſch, begeiſtert und milde dabei. Ein ſechzig Minuten ſo, oder ſiebenzig, und ich habe Euch weg, wie Euch noch Nimand weg gehabt!“ „Bin ich dann frei?“ fragte Alfred, der ſchon wieder daran dachte, die Jagd auf Malvina ſchnellſtens zu erneuern, „Nicht doch, amice; dann geht's aber an die Haare, an die Hand, an den Rock, mein Beſter. Ich arbeite wie ein 356 Kurierpferd, da Wind und Wetter ſo günſtig. Dieſe Stunde fördert uns um einen ganzen Tag vorwärts. Glück auf!“ Nun, das war gut, das gefiel dem Dichter. Aber, ſo wie— nach dem römiſchen Poeten— die ſchwarze Sorge auch hinter dem ſchnellſten Reiter ſich aufſetzt und mit ihm trabt, ſo auch ſetzte ſie ſich bald dem Patienten vor der Staf⸗ felei ins Genick. Argwohn und Eiferſucht, dieſes unſterbliche Paar von finſtern Geiſtern, peinigte ihn.—„Warum denn auch Malvina ſo beharrlich unſichtbar, ſo unaufhörlich nicht zu Hauſe? Den züärtlichſten Brief erhalten, und dennoch nicht ſichtbar, nicht einmal ein Buchſtab Antwort und Entſchul⸗ digung von ihrer Hand? Wenn da nicht eine unerlaubte Neigung, ein ſträflich Geheimniß im Spiele— was denn ſonſt um aller Götter willen?“ „Haltet Euch gerade, Freund, Ihr fallt ſchon wieder aus Stellung und Phhſiognomie!“ mahnte Lindemann auf. Und indem er ſich leidlich wieder richtete und drehte, vertheilte Alfred ſeinen Ingrimm zwiſchen Malvina und den Maler ſelbſt, der nach und nach ſich vor ſeinen Augen zu einem unerbittlichen Thrannen geſtaltete. Des Dichters wilde Gedanken hätten ſich mit Worten vielleicht alſo wiedergeben laſſen. Wie? eine ſolche Sklaverei in dieſen Zeiten der Frei⸗ heit und männlichen Selbſtändigkeit? Wie, eine Doppelthrannei ſogar, unter welcher meine Geſammt⸗Individualität, die geiſtige und die körperliche, zu erliegen droht? Malbina, die meine Seele auf die Folter ſpannt? dieſer gewaltthätige Maler, der meinen Leib, als wäre derſelbe ſein eigen, mit Haut und Haar knechtet, und in den Bock ſpannt? Das ſoll ich mir 357 noch lange gefallen laſſen? Da ſitzen wie eine verzwickte Sta⸗ tue, wie eine willenloſe Gliederpuppe? O Schmach! Und zu welchem Ende dieſe Schmach? Um die gepinſelte Abſchrift meines Selbſt einer Grauſamen und Wortbrüchigen zuzuwen⸗ den, die mit meinen heiligſten Gefühlen ihren Spott und Hohn treibt? Was hält mich ab, dieſem deſpotiſchen Maler den Ge⸗ horſam aufzukündigen, ihm davonzulaufen, oder beſſer ihn beim Kragen zu nehmen, ihn, der mit mir verfährt, wie mit einem lebloſen Ding? Kette auf Kette hab' ich Thor mir angelegt, und dennoch lechzt nach Freiheit von allen Banden mein zer⸗ tretenes, mißhandeltes, entwürdigtes Ich! „Oho! oho! ſchon wieder das unwirſche Geſicht von heute Morgen!“ machte Lindemann auffahrend:„Wo find, zum Blitz, doch Eure Gedanken? Geſchwind zur Ordnung zurück, zum Lächeln, zur Begeiſterung! Ihr verderbt mein Meiſterſtück. Allons, mein Freund, ſeid klug und brav und weiſe. Laßt die Sonne wieder leuchten auf Eurer Stirne!— So; paſſabel, aber macht's noch beſſer. Donnerwetter! beſſer⸗ beſſer ſag' ich Euch!“ „O die verkaufte Freiheit!“ murrte Alfred inwendig, in⸗ dem er that, wie ihm geheißen:„Und ich gehorche noch ſchwach und blind und elend dieſem barbariſchen Zwingherrn!“ „So, ſo, jetzt iſts wieder gut,“ fuhr Lindemann fort: „noch ein halb Stündchen ſo, und ich ſchaffe ein capo d'opera, das unter Brüdern ſeine tauſend Louisd'or werth ſein ſoll!“ Die Geldfrage machte den Dichter etwas ſtutzig, erregte aber juſt das Lächeln um ſeinen Mund, das ſich der Maler 358 nicht beſſer wünſchen konnte.—„Ich hoffe,“ ſprach Alfred, „daß Ihr mir das Bild um etwas billiger laſſen werdet.“ „O behaltet jetzt nur dieſes Geſicht,“ entgegnete der Maler, „und zort, was ich Euch ſagen will.“— Heftig darauf los⸗ pinſelnd, fuhr er fort:„Dieſes Bild iſt eigentlich gar nicht zu bezahlen, wenn's vollſtändig gelingt, was Euer Werk mehr als das meine. Darum will ich es Euch ganz umſonſt geben... aber nur unter einer Bedingung.“ „Ganz umſonſt? Sehr ſchon geſprochen und edel ge⸗ dacht. Aber die Bedingung?“ „Sie koſtet Euch ebenfalls keinen Heller, und beſteht nur in der Erlaubniß, die Ihr mir gebt, von Eurem Porträt eine Copie machen zu dürfen.“ „Für Euch ſelbſt, lieber Meiſter?“ „Ich könnte„Ja“ ſagen, und Ihr müßtet das glauben, und Alles wäre abgethan. Doch bin ich der Lüge unfähig, und will Euch vertrauen, daß ich die Copie für eine Eurer zahlreichen Verehrerinnen— vielleicht für die liebenswürdigſte derſelben, fertigen möchte.“ „Ah bah, Ihr treibt Schwänke, Meiſter.“ „Herrliche Verklärung jetzt auf Eurer Stirn! Haltet Euch nur ferner ſo wacker. Doch find's keine Schwänke, die ich treibe. Für die liebenswürdigſte Eurer Verehrerinnen, wiederhole ich.“ „O boöſer wortbrüchiger Mann! So habt Ihr mein Geheimniß ausgeklatſcht?“ „Pfui Teufel, nein ſag' ich. Aber ſchon vor langer Zeit hat eine hohe, reiche, ſchöne und feenhafte Dame mich ge⸗ —————— 359 beten, wenn etwa je Euer Geſicht unter meinen Pinſel fallen ſollte, es unter der Hand für ſie zu ſtehlen. In dem Herzen jener Dame iſt ſchon der Altar für Euch aufgerichtet, lange ſchon. Das Altarbild fehlt allein noch, und darum und alſo und daher... Wahrlich, jetzt iſt Euer Antlitz wunderſchön, der Anbetung würdig! Noch ein Vierte lſtündchen alſo und ich hab's und die Welt hat es für alle Zeiten!“. Die geſchmeichelte, die vergötterte Eitelkeit hatte wirklich alle Lichter, alle Flammen und Glorien der Befriedigung auf Alfreds Geſicht entzündet. Des Dichters Natur iſt einmal ſo. Alfred, der ſo eben der Doppelſelaverei ſich hatte ent⸗ reißen wollen, lag bereits in den Feſſeln einer dritten, im Joch einer geheimnißvoll verſchleierten Gebieterin, nach deren Namen oder näherer Bezeichnung er den Maler vergebens fragte. Denn ihm erwiederte auf die leidenſchaftlichſten Fragen der kühle Lindemann:„Nichts da; auch ich habe meine Geheim⸗ niſſe. Zudem bedenkt, daß Ihr verlobt, daß Ihr ein Bräu⸗ tigam. Ihr ſollt der herrlichen Malvina nicht treulos werden, flatterſüchtiger Poet. Noch weniger ſollt Ihr in Folge einer unziemlichen Offenbarung von meiner Seite etwa die Ruhe eines Frauenherzens ſtören dürfen, das Euch noch heute be⸗ wundert, wie einen Engel auf der Höhe der Wolken, dem aber unterſagt iſt, irdiſcher für Euch zu ſchlagen. Von der Be⸗ wunderung bis zur Liebe— Schelm, Ihr wißt das— iſt der Weg nicht weit. Darum iſts beſſer, daß Ihr ſie nicht kennt, die Euch wie einen Heiligen verehrt.—“ Alfred lachte dem Sittenrichter in's Geſicht, ihm zuru⸗ 360 fend:„Dieſe tuckmäuſeriſche Verſchwiegenheit vergeb' ich Euch in meinem ganzen Leben nicht!“— Aber im Innern trium⸗ phirte er immer hochfahrender, und vermaß ſich ſtolz, auch ohne des Malers Zuthun zu erfahren, wer die Dame ſei, die Dame der Verehrung, der Anbetung... der Liebe!—„O Nalvina!“ zürnte er dazwiſchen,„Du, die Du nicht einſiehſt, welch einen Diamant Du an mir gefunden..— möchteſt Du doch wiſſen, daß noch andere Herzen, als das deine,(und welche Herzen!) im Verborgnen für mich glühen! Möchte doch dein Gewiſſen ein Neſt voll von jungen, nagenden, bei⸗ ßenden Schlangen werden! O, wie peinlich wird Dir mein Verluſt ſein, wenn Dir die Augen aufgehen, wenn für Dich das Glück der Erde dahin,.. wenn die unbekannte ſchüchterne Huldin für ſich den Schatz erobert hat, den Du mit Füßen getreten.. Malvina! Wie ſtehe ich eigentlich mit Dir? Du biſt unſichtbar für mich geworden, alſo mir untreu! Du ant⸗ worteſt nicht meinen glühenden Zeilen alſo treulos, ver⸗ loren, verdorben!— Wer hält mich jedoch ab, auf der Stelle mich zu überzeugen, wie ich mit Dir daran bin?“ So eben machte Lindemann einen kühnen Pinſelſtrich, und brach in die Worte aus:„Vivat hoch jetzt ſteht es da, das Dichtergeſicht! da, comme il faut! da, als wär's in Erz gegoſſen, aber farbig, lieblich, ähnlich.. ha, zum Ver⸗ zweifeln ähnlich! Das iſt ein gut Stück Arbeit! Mir iſt ſo wohl, ſo wohl, gleich... nun, nun, kein Gleichniß in dieſer feierlichen Stunde! Aber ich bin froh, zufrieden.. ich ſchenke Euch eine Viertelſtunde Freiheit. Rührt Euch.. 361 kommt her bewundert Euch ſelbſt... und mich uns alle Beide!“ „Erlaubt, daß ich geſchwinde eine Zeile ſchreibe,“ verſetzte Alfred, von ſeiner Freiheit Gebrauch machend. „Nur zu; dort ſteht Alles, was ein Schreiber braucht. Geht hin, dichtet geſchwind einen unſterblichen Vers auf Linde⸗ manns Meiſterwerk!“ „Warum nicht gar, eitler, verſtockter Geheimnißkrämer? Die Zeile wird ein Ultimatum, wie nur je eines aus der Feder eines brutalen Selbſtherrſchers gefloſſen iſt. So oder ſo: es muß ſich entſcheiden!“ Alſogleich fing Alfred mit ſeinem Gänſekiele über das Papier zu wüthen an, daß dem Zuſchauer die Haare hätten zu Berge ſtehen können, wenn ſie nur gewollt hätten. Im Nu war die Miſſion fertig, im Nu mit der Adreſſe verſehen:„An Malvina!“ „Wäret Ihr ſo gefällig, Meiſter, dieſes Blatt durch Euren dienſtbaren Geiſt beſtellen zu laſſen? Aber gleich, urplötzlich, ohne Aufſchub! Es ſollte ſchon jetzt an Ort und Stelle ſein.“ „Meine Hanne,“ meinte Lindemann,„iſt nicht zu Hauſe, „aber gleich nebenan iſt ja die Brieflade für dieſes Stadtvier⸗ tel, die Stunde der Briefabgabe vor der Thüre.. Wenn Ihr wollt, ſo beſorge ich auf dieſe Weiſe den Zettel gleich.“ „Fort, fort; geſchwinde denn!“ bat Alfred ſtürwiſch, und Lindemann eilte mit dem Haſt⸗ und Jaſtbrief hinunter.— Im Hofe angekommen, zögerte und zweifelte gr.„Ich könnte ja den Brief unmittelbar in die rechteſten Hände bringen? 362 Ein paar Schritte in jenes Sommerhaus, und Malbina ſelbſt empfängt, was ihr gehört und zugedacht iſt?“ Allein— überlegend, daß durch dieſen Schritt das bei⸗ derſeitige Geheimniß der Verlobten bloßgeſtellt ſein würde, ließ der Maler von dem Gedanken ab, und warf den Zettel in die Lade.— Sodann malte er noch wohlgemuth an Alfreds Locken und an deſſen Hand, worüber der Dichter von der Erſchöpfung des langen Sitzens überwältigt, ſo wie abgeſpannt durch Leid und Freud', ſanft entſchlief.—— Wunderbare Sympathie! Ungefähr um dieſelbe Stund entſchlief auch drüben in der Sommerwerkſtätte die holde Mal⸗ vina, von der Langweile und dem eintönigen Zungengeklapper der kunftfertigen Blanda eingelullt. „Heda! wacht auf und geht nach Hauſe! Schon wird's finſter!“ herrſchte der Maler dem Dichter zu.— Dieſer er⸗ wachte, dehnte ſich, ſprach:„O, ich hatte ſo ſchön geträumt!“ und ſchlich, noch ziemlich ſchlafbefangen, auf die Gaſſe, froh, der läſtigen Sitzerei enthoben zu ſein.—— Blanda dagegen hatte ihre Patientin ſanft geweckt, und dabei geſprochen:„Es wird bereits dunkel, meine Beſte, und unſer Tagwerk iſt zu Ende.“ Worauf Malovina ſchwermüthig:„Sie ſind ein Engel⸗ der mich aus den böſeſten Ahnungen, die mir der Traum auf⸗ drang, erweckte. Gott ſegne Sie dafür; Gott ſchütze mich! Auf Morgen denn.“ Die Sängerin ſchlüpfte dann in die Hyazinthengaſſe.— Die Verlobten gingen in einer Entfernung von kaum fünfzig — — —— —————— 363 Schritten an einander vorüber und ſahen ſich nicht. In der That war's finſter geworden, und ein Jedes von ihnen hatte mit ſich ſelber und ſeinen Gedanken zu thun.— IV. „Mein„letztes Wort“ wird eine um ſo trefflichere Wir⸗ kung machen, als es durch die kalte und fremdthueriſche Stadt⸗ poſt in die Hände der Grauſamen kommt;“ bemerkte ſich Al⸗ fred auf dem Wege nach ſeiner Wohnung: ves iſt indeſſen zu verwundern, daß ich noch immer ſo klettenhaft an der Unge⸗ treuen hänge, die mich ſeit vierundzwanzig Stunden ſchindet, ſpießt, und gewiſſermaßen auf einem Scheiterhaufen langſam zu Tode ſchmäucht? O mein Herz, mein wunderlich Herz! Aber geſchworen ſei's bei dieſen Abendnebeln, geſchworen bei dieſen elendbrennenden Laternen: wenn nicht heute, heute noch eine de⸗ und wehmüthige Eutgegnung auf mein„letztes Wort“ bei mir eintrifft... heute noch— ſo iſt's mit Ihr und mir vorbei, ſo reiße ich das theure Band, den ſchönen Wahn entzwei— mache mich frei, und unterthänig der ge⸗ heimnißvollen Oberin, die nach meinem Bilde ſchmachtet, da ſie vorausſetzt, daß ich ſelber, ich in Fleiſch und Blut, nicht mehr zu haben ſei. Täuſchung, Täuſchung in allen Ecken! Freilich, freilich bin ich zu haben, ſchöne Unbekannte— mit Leib und Seel' zu haben, ſobald die neunte Stunde dieſes verhängnißvollen Abends vorüber, ohne daß Malvina mir ge⸗ ſchrieben, mich gerufen, mich um Verzeihuns gebeten. O, ich kann auch ganz ein Teufel ſein!“ 2 364 Dieſe letztern Worte hatte Alfred in der Zerſtreuung ganz laut geſprochen, und rannte dabei heftig an einen Herrn an, der ihm antwortete:„Haſt recht, Alfred, ganz recht haſt Du. Es iſt nicht ſchön von dem Julius, gar nicht ſchön, aber doch brauchteſt Du nicht mir ſo zentnerſchwer auf den Leib zu rennen!“ „Sieh da, mein lieber werther herzlicher Herzlinger!“ begrüßte Alfred den Anſprecher:„vergib mir den Zuſammen⸗ ſtoß, und ſage mir lieber, was nicht ſchön iſt von dem Julius?“ Herzlinger darauf:„Sag' mir lieber, warum Du ein ganzer Teufel ſein willſt, wenn Du doch nicht weißt, was unſer ſauberer Freund Julius gethan, was er noch thut zu dieſer Stunde?“ „— Nein doch, ich weiß es nicht. Geht's mich an? Heraus damit!“ „So ſtell' Dir vor, daß er jetzv auf dem Kaſino eine Vorleſung hält mit der boshafteſten Laune, mit ſataniſchem Salz gewürzt.. eine Vorleſung von Deinem und über Deinen Brief, den Du jüngſt an Deine Braut geſchrieben, und den Ju⸗ lius in einem ſeiner Stiefel— wie's zuging, weiß ich nicht— gefunden, geöffnet, geleſen, den Spöttern preisgegeben hat, um Deine Leidenſchaft zu höhnen, um Deine Eiferſucht an den Pranger zu ſtellen!“ „Mein Gott! mein Brief an Malvina? in einem Stie⸗ fel? Vermaledeiter Stiefel! Berwünſchter Stiefelfuchs! Niederträchtiger Freund! Wo find' ich den Schurken?!“ Alfred zitterte und ſchäumte und ſchnaubte vor Zorn. —,ꝛ. — „Wo anders,“ verſetzte Herzlinger,„als im Kaſino, wo⸗ ſelbſt er noch mit dem armen roſenfarbigen Papier ſeine Schwänke treibt 4 „Beſſer ſage: mit dem Heiligthum meines Herzens, mei⸗ ner Liebe!“ donnerte Alfred dazwiſchen:„das Heiligſte in einem Stiefel!!!“ Und Herzlinger ſchloß:„Ich komme eben aus dem Ka⸗ ſino, konnte den brudermörderiſchen Witz und Hohn nicht ohne tiefſte Entrüſtung mehr mit anhören; darum ging ich.4 „Um mit mir unmzukehren, meine Schritte zu leiten, meinen Grimm an's Ziel zu führen! Marſch, Kamerad, voraus, voran! An's Leben geh' ich dem, der mich und meine Braut ſo ſchwer beleidigte!— O Stiefel des Schickſals! Komm, mein Freund!“ „In Gottesnamen; wenn auch nur um Dich von unbe⸗ ſonnenen Handlungen zurückzuhalten, begleite ich Dich!“ machte Herzlinger, und in vollem Lauf— kaum vermochte der Freund dem Dichter auf der Ferſe zu bleiben, ging's auf und dabon in das Kaſino hinein. Alfred brach wie ein Koſakenpulk in's Geſellſchaftshaus. „Wo, wo iſt er? wo, daß ich ihn morde!“ zeterte er durch die Gänge, während Herzlinger ihn mühſelig am Rock⸗ zipfel feſthielt. Siehe! da trat dem Dichter entgegen eine hohe Helden⸗ geſtalt: der Oberſtlieutenant Gylders. Und vieſer Oberſtlieu⸗ tenant ſprach ernſt und milde zu ihm:„Ich weiß, mein Herr, wen und was Sie hier ſuchen. Beruhigen Sie ſich gefälligſt: die Hauptſache iſt ſchon geſchehen. Hier iſt das durch hölli⸗ ſche Spiegelfechterei oder andere Treuloſigkeit in die unrechte⸗ ſten Hände gefallene Dokument. Ich hab's dem frechen Witz⸗ bold abgenommen; ich ſtelle es jetzt Ihnen zurück.“ „Ha, das iſt wacker von Ihnen, und ich danke aus ge⸗ rührter Seele... aber jener ſchlimme Freund, jener Ju⸗ is „Er wird mir morgen Rede ſtehen... und wenn er den Tag überlebt, mag er ferner Ihnen gehören.“ „Verſteh' ich recht? Sie, von Ghlders, hätten ſchon ge⸗ than, was mir zukäme, mir allein?“ „Die Buberei, Herr Alfred, war offenkundig; ſie abzu⸗ ſtellen die Pflicht eines jeden Ehrenmannes. Ich achte Sie hoch, Herr Alfred, Ihre Braut bewundre ich ſchon lange in ſtiller Verehrung. Ihre Rechte auf Malvina ſind mir heilig; aber nicht minder iſt mir's die Ehre Ihrer trefflichen Braut!“ Mit dieſen Worten des alten Bahard, die des noch äl⸗ tern Secipio würdig, entfernte ſich der Heros Ghlders, und auch Alfred, gleichſam verdutzt, vor den Kopf geſchlagen, ließ ſich durch Herzlinger vom Schauplatz führen. „Geh nach Hauſe, trink' ein Glas Limonade, und geh' zu Bett,“ mahnte der Freund. „Geh' zum Henker,“ antwortete der Dichter.— Herz⸗ linger ließ ſich's nicht zweimal ſagen. Auf ſeinem Zimmer ſagte jedoch Alfred in ſeinen Spiegel hinein:„Das iſt eine ſaubere Beſcheerung. Ich und Mal⸗ vina— beide heimlich geliebt, beide verehrt und vergöttert im Stillen! Himmel— welche Verwicklung! Das Benehmen dieſes Gylders wirft einen düſtern Schein auf Malvina's letzte 397 Tage und auf ihre geheimnißvollen Ausgänge. mich ſchaudert. Ich muß ſpäter den ganzen Abgrund meines Arg⸗ wohns genau ausmeſſen... Was muß ich aber jetzo thun? Mit aller Kraft eines Rieſenmagnets zieht mich's zu Malbina. und dennoch. werd' ich ihr unter die Augen treten können nach dem Gewaltsbrief, den ich ihr aus Lindemann's Atelier geſchrieben?“ Da, da fiel ſein Blick auf den Schreibtiſch: da lag ein Billet, von Malvina's Hand überſchrieben.. Die Antwort auf jenen dickbeſagten Drohbrief. Zitternd riß Alfred es auf; zitternd überlas er das Blättchen.—„Gott, ſie begreift nicht!(Ich glaub's, da mein roſenfarbiger Brief nicht ange⸗ kommen!) Sie iſt aufgelöſt in Schreck und Wehmuth! (Bravo;)— Sie ruft mich, um der Liebe willen,— die noch vor Kurzem uns vereinte!(ch komme, komme, komme 0 Und richtig kam er—„auf Amor's Flügeln,“ wie unſere Väter zu ſagen beliebten. W „Böſer, böſer Mann! Mich ſo zu quälen!“ „Ach Theure, mußt ich nicht ſelber wandeln auf Dornen?“ „Vergib mir, wenn ich, ohne zu wiſſen, etwas gethan, vas „Vergib Du ſelbſt, o Liebe, daß ich ſo ſchwer Dich be⸗ leidigt!“ 368 „Aber auch ſeit zwei Tagen nicht zu kommen in mein Haus!“ „Ach Beſte, Colombine wies mich ſtets hinaus!“ „Du kannſt, was ich gelitten, nicht empfinden!“ „Was ich an Dir verbrach, kann ich kaum überwinden!“ (Zärtliche Umarmung.) „Zweimal ſchickt ich zu Dir! Die Thüre ftets verſchloſſen. „Ich lief umher wie toll, den Julius zu durchſtoßen!“ „Ein Mord um meinetwillen! Ach, laß es gut doch ſein!“ „Der Gylders ſchießt ſchon morgen dem Kerl den Schädel ein!“ (Malvina iſt ſtill bewegt von der Hingebung des Helden. Alfred bedauert, ſich verſchnappt zu haben. Darum fügt er gleich argwöhniſch hinzu: „Ich ſah einſam Dich ausgeh'n, Theure? Wohin biſt Du gegangen?“ „Zu meiner Tante Mimili, grad nur auf ihr Verlangen.“ (O Schlange! denkt ſich Alfred, der bei der Mimili ge⸗ weſen und Malvina nicht angetroffen.) „Wo warſt Du heute nur, mein Herz, daß ich Dich nicht gefunden?“ fragte er weiter. „Hm, bei der Baſe Reich, mit ihr zu ſchneidern ein paar Stunden.4. (D Krokodil und ſo weiter, die ganze Naturgeſchichte hindurch! denkt ſich wieder Alfred, der auch bei der „Reichin“ geweſen, und Malvina nicht angetroffen.— Dann verſinkt er in andere Gedanken,— an die ſchöne Un⸗ 369 bekannte, zum Beiſpiel denkt er.— Ihrerſeits denkt Malvina, in die Kerzenflamme ſtarrend, an den großmüthigen, ritter⸗ lichen Gylders,— en tout honneur jedoch.— Mittler⸗ weile kommt vor Sitzungs⸗ und Leidenſchaftlichkeits⸗Erſchöpfung abermals und ſataniſch hinterliſtig der Schlaf über Alfred. In der Ecke des Sopha's, neben der Geliebten entſchlummert er;—! endlich hört Malvina ſeinen Schlummer, ſpringt entſetzt auf, und ſtammelt die Worte:„Wie? Mir, mir das? mir, der Braut? Vor der Hochzeit das mir?1!! So fahre denn hin, o Nachſicht und ſrlavſche Liebe! Der Faden iſt zerriſſen! Wenn ich noch eingeſchlafen wäre! Der Porträtzwang würde mich entſchuldigen. Aber er?!! Uner⸗ hörter Verrath!“— Dieſes geſtammelt, entweicht Malvina auf flüchtigen Sohlen, und nach einer Minute wird Alfred gerüttelt, geſchüttelt. Er öffnet die Augen. Colombine ſteht vor ihm, kreideweiß und äugelnd wie die Klapperſchlange, und ſie ſagt ihm:„Fräulein bittet Herrn Alfred, ſein Schläfchen zu Hauſe zu beendigen.“—„Wie, was?“ ſtottert der Dichter, aber willenlos, weil ſchlaftrunken, läßt er ſich leiten, gängeln von der Zofe, bis er auf der Straße ſteht und weiß nicht wie.—„Und ich habe ſie doch ſo ſehr geliebt!“ ſeufzte er, das matte Haupt auf's Kiſſen legend.—„Und ich habe ihn doch ſo zärtlich geliebt!“ ſchluchzte auch Malvina, da ſie vor Schmerz und Kränkung müde aufs Lager ſank.—— Der Erzähler 1848. W. 370 VI. „Der Morgen, der neue, „Bringt öfters ſpäte Reue.“ Bei den Verlobten, deren Geſchichte in dieſen Blättern, war das der Fall, wie bei Vielen. Aber der falſche Ehren⸗ punkt wollte die Oberhand auch bei ihnen, wie bei ſo Vielen behaupten. Erſtens ſchrieben Alfred und Malbina, ein Jedes von ihnen mit blutendem Herzen, dem Andern den Scheidebrief. Zweitens ſchickten ſie genannte Trennungsakte durch ver⸗ trauteſte Boten einander ins Haus, und dieſe Boten hatten den bon sens, die verhängnißvolle Schrift eine Stunde ſpäter abzuliefern, als ſie ſollten, ſo daß Malbina und Alfred ſchon ausgegangen waren, als die Depechen eintrafen. Drittens gingen beide— zu Lindemann, um ihre ange⸗ fangenen Bildniſſe zu reklamiren. Sie ſollten— ewige Denk⸗ mäler der ſchmerzlichſten Trennung— unbollendet in den Händen der Beſteller und Geſchilderten verbleiben.„Um des maledeiten Porträts willen hab' ich Malbvina vernachläßigt!“ warf ſich Alfred vor.„Um des unſeligen Porträts willen hab' ich meinen Alfred belogen, betrogen, eiferſüchtig gemacht!“ klagte ſich Malvina an.„Aber,“— ſetzte ſie hinzu—„das gab ihm nicht das Recht, an meiner Seite, an meiner Herzens⸗ ſeite einzuſchlafen! Der kalte Böſewicht!“—„Aber,“— ſetzte auch Alfred hinzu,—„das berechtigte ſie nicht, ſich von Gyl⸗ ders heimlich lieben zu laſſen, und mit ihm— ich fürchte— 371 allerlei Rendez⸗ vous zu feiern.“—„Jedenfalls à bas le portrait!“ machten ſie beide im Duett, und liefen ungefähr zu gleicher Zeit, aber auf verſchiedenen Wegen, wie man weiß, dem Haus des Malers zu. Alfred kam zuerſt an. Ein alter Gartenknecht, der von den Mhſterien des Hauſes nichts wußte, fegte vor der Thüre.— „Berr Lindemann?“ fragt der Dichter, da die Treppe zu des Malers Werkſtätte verſchloſſen.—„Im Garten, ſieht nach den Spatzen, die an die Trauben gehen!“— Alfred eilt nach dem Garten.— Gleich darauf kommt Malvina, die in der Eil' den Schlüſſel zu Nummer zwölf ver⸗ geſſen, am Thorweg an, und fragt:„Herr Lindemann?“ Im ſelben Augenblick öffnet zufällig des Malers Gattin die Treppenpforte, und ſpricht verbindlich:„Mein Fräu⸗ lein, ſpazieren Sie nur herauf, mein Mann iſt nicht weit.“ Malbina folgt, wird oben in das Atelier eingelaſſen und des Malers Gattin fragt:„Was ſteht zu Ihren Dienſten, mein Fräulein?“— Und Malvina antwortet:„Ich möchte nur Ihren Gemahl bitten, daß er dem Fräulein Blandchen bedeute, daß mein Bild..——“ Nicht endet ſie die Rede, denn ſie ſtutzt, ſie iſt auf's heftigſte erſchüttert, ſie hat Alfreds Bild geſehen!! Zur ſelben Friſt hat Alfred, der vergebens nach Linde⸗ mann im Garten ausgeſpäht, und zur weitern Spähung in's Gartenhaus ſeinen Weg genommen, Malbvin a's Bild geſehen, und ſich, übermannt von der Ueberraſchung, davor auf ſeine Knie geworfen. „Alfred, Alfred!“ ſchrie Malbina, alles um ſich her ver⸗ 372 geſſend.„Ach, ſo warſt Du, da zum erſtenmale Deine Liebe Du mir geſtandeſt!“ „Malvina! érief Alfred außer ſich.„Ja, ja, Du biſt's, ſo wie ich Dich zum erſten Mal geſehen, und von Dir ge⸗ feſſelt worden!“ „Und Dich ſollt' ich laſſen, Alfred?“—„Und von Dir ſollt' ich ſcheiden, Malvina?“ (A due):„Nie, nie, nimmermehr!“ Die erſchrockene Blanda, die den Poeten für verrückt gehalten, hatte indeſſen den Maler herbeigerufen. Auch Linde⸗ manns Frau, von Seiten der Sängerin eine Ueberſchnappung fürchtend, rief nach dem Herrn des Hauſes.— Mit wenigen Worten— da periculum in mora— erklärte Lindemann den Parteien das große Räthſel, und pflanzte wieder das Ver⸗ trauen in die Seelen der Verlobten. Die Liebe ſelbſt war natürlich noch nicht daraus gewichen geweſen. Die Liebe hört nicht ſo ſchnell auf. Im Angeſicht der beiden Bilder umarmten ſich zum neuen Bunde, nach dem Austauſch aller ihrer eitlen Beſchwerden, der Dichter und die Sängerin. „Jetzt ſollen beide Bilder vollendet werden, und wir wollen dabei ſitzen; Aug' in Auge, ſo zu ſagen Arm in Arm, und uns nicht fürchten vor Langweile und vor'm Schlummer!“ beſchloßen einſtimmig beide. „Nicht wahr jedoch,“ flüſterte Malbina in Alfreds Ohr, „Du ſchickſt den ſchwarzen Mohren aus'm Dienſt, und läſſeſt den Julius am Leben?“ „Will mich nicht nach ihm umſehen,“ gab er zur Ant⸗ wort,„wenn Du der weißen Colombine den Abſchied gibſt, und wenn.... „Das erſte ſei, mein Geliebter; was heißt jedoch das zweite wenn?“ „Wenn Du einwilligſt, ſchon in dieſem Mond mein Weib⸗ chen zu werden, ſtatt noch ſo viele Monde zuzuwarten.“ Stumm, aber beredt im Schweigen ſank Malbina an des Dichters Herz.„Allons, Blandchen,“ jubelte der Maler auf. „Jetz malen wir ſelbander, ſo wie das Fräulein und der Herr ſelbander ſitze, und unſer Ruhm und Meiſterbild, voll⸗ endet ſei's, noch eh' der Tag ſich endet!“ Und alſo geſchah's, und ferner auch, was das Paar beſchloſſen. Julius ließ ſich nicht todtſchießen, da er für ſeinen Frevel um Vergebung zu bitten vorzog. Die Unbe⸗ kannte und der von Gylders lieben ohne Zweifel und beten an, ſo wie früher, laſſen ſich's aber weiter nicht merken.— Chrétien und Colombine haben einander geheirathet und find zufrieden, wie Tag und Nacht es mit einander zu ſein gewohnt ſind. Daß aber Alfred und Malvina glücklich geworden, ver⸗ ſteht ſich von ſelbſt. 5 2 . „