—%. 6dnard Ollmann in Gießen, Seih und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von iedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenmmen. 3 aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe egen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet zet Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und für nehentlic 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Büchen: auf1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 W.— f. „ 2„ S„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſ mutzte, ver⸗ der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. Ansleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage ſeſgeſest und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das W. der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Dieſenigen, wekche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Leihbiblivthel deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 1 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 6 pfangnahme und the der Bücher jeden Tag von Morgens; ſlorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt eiterverleihen 3 5 3 Der Erzäyler aus der Weimath und Fremdr. Driginalerzãhlungen und Ueberſetzungen. Herausgegeben von Carl Spindler. Jahrgang 1 8 4 7. Vierter Band. ——————— Stuttgart, Franckh'ſche Verlagshandlung. Inhalt. Fortunati Welt und Glücksfahrt. Von C. Spindler. Bekenntniſſe eines alten Junggeſellen. Nach Lady Bleſſington, von Auguſt Zoller 6 Der Student von Madrid. Nach dem Engliſchen, von Auguſt Zoller. Ein Unbekannter. Nach Amedee Achard, von Adrian Widerhorſt„. Der Kapitän Bravaduria. Nach Pauldu Pleſſis, von Adrian Widerhorſt. .. „ Züge aus dem Leben des Tages. Skizze aus der Walachei. Tunſo der Bandit. Aus dem Kerutza, von Stanislaus Bellanger. Seite 74 133 185 22¹ 307 Fortunati Welt⸗ und Glücksfahrt. Von C. Spindler. —22— S hatten ihm von Kindsbeinen an geſagt, er ſei erpreß zu einem großen Glück auf die Welt ge⸗ kommen. Die Großmutter hatte ihm ſtets wiederholt, daß er ſchon mit einem Glückshäubchen an's irdiſche Licht getreten.* 8 Die Mutter hatte dieſes ſtets bekräftigt, und beigeſetzt, daß juſt deswegen ihm der Name Fortunat in der Taufe beigelegt worden. Die Tante hatte ſtets— Gott hab' ſie ſelig— ihm prophezeit, er müſſe ſein Glück machen, da auf dem Nagel ſeines rechten Dau⸗ mens die Glücksblüthe nicht zu oöktilgen. Die alte Magd des Hauſes hatte ihm ſtets verkündet, er müſſe einmal ſteinreich werden, da er immer in ſeine Stiefel⸗ Der Erzähler 1847. 1v. 2 ſohle ein völlig rundes Löchlein laufe, von der Größe eines Louisd'vr. Er hatte die ſüßen Verheißungen mit gehörigem Reſpekt und Zutrauen aufgenommen, und in ſeinem achtzehnten Jahre war die Summe ſeines Glücks folgende: 1) Sieben— glücklich vernarbte— Löcher im Kopf, und eine gute Schramme im Geſicht, die ihm ſein beſter Spiel⸗ kamerad mit einem Ziegelſtein angeworfen. 2) Eine gute Handvoll Schulatteſte, die keineswegs von hohem Fleiß und ſtarker Befähigung redeten, wohl aber viel von Zerſtreuung, Leichtſinn und eng gezogenen Verſtandesgränzen. 3) Eine bittre Erfahrung aus Fortunat's vierzehntem Lebensjahre.— Da ſeiner Eltern Vermögensumſtände ihnen nicht erlaubten, den Sohn über die ſo⸗ und ſobielte Klaſſe hinaus ſtudiren zu laſſen, hatten ſie ihn zu einem Kaufmann in die Lehre gethan. Anſtellig und ehrlich, war er bald mit ziemlich wichtigen Aufträgen betraut worden. So war er einmal gegangen, um ein paarhundert Gulden einzukaſſiren. Das Geld war in Banknoten bezahlt; die Banknoten in einem Unſchlag verwahrt. Nichtsdeſtoweniger hatte Fortunat bald Mittel gefunden, den Umſchlag ſammt Banknoten aus der Taſche zu verlieren. Wenn das Geld ſeinen Finder hatte, ſo war's doch nicht der ehrlichſte geweſen, denn die Papiere kamen nicht mehr zum Vorſchein. Der Kaufmann war— wie Kaufleute gewöhnlich— allzuedelmüthig, um von den Eltern Fortunats, die ohnehin nur allzuſchwer verſchuldet„den Erſatz zu fordery, aber auch allzuklug, um den jungen Menſchen im Dienſte zu behalten. Mit der Handelſchaft war's alſo zu Ende. ——— 3 4) Eine dito bittre Erfahrung aus Fortunats ſechzehn⸗ tem Lebensjahre.— Die Mutter hätte gern geſehen, wenn er ein Handwerk erlernt hätte.„Ein Handwerk hat doch immer ſeinen güldnen Boden 5“ ſagte ſie ihrem ſeligen Groß⸗ vater nach, der das Sprüchlein, zur Zeit, da es noch etwas galt, täglich im Munde geführt. Ihr lebendiger Mann jedoch, Fortunat's Vater, meinte:„Nichts da; der Junge muß ein Schreiber werden. Den Federfuchſern, Pfefferſäcken und Gaſt⸗ wirthen gehört jetzund die Welt. Zu ihnen fliegt jetzt der armen Leute ganzes Geld. Ein ehrlicher Mann kommt auf ſeiner Profeſſion heutzutage nicht mehr fort. Du ſiehſt's an mir, Hanne.“— Hierauf hatte die Mutter im Stillen geſeufzt und geweint, und nachgegeben. Ihr Mann hatte allerdings Recht. Den Wirthshäuſern trug er ſein meiſtes Geld zu; was übrig blieb, bekam der Winkeladvokat, der mit den Gläu⸗ bigern ſcharmützelte, und der Krämer, der den täglichen Schnaps und Tabak lieferte.— So wurde denn Fortunat zu einem Notar gegeben, und kopirte friſch drauf los, was er nicht verſtand. Er hätte ſich auch gewiß in eine brave Kopirma⸗ ſchine verwandelt, wenn nicht ſein Herz lebendig geworden wäre. Mit ſeinem ſechzehnten Jahre kam die Liebe über ihn. Der Notar hatte einen Nachbar, der Nachbar eine Tochter, und dieſe Tochter Lieschen eine empfängliche Seele, und ein chriſtlich Gemüth, dem das Gebot:„Liebe deinen Nächſten, wie dich ſelbſt⸗ über Alles ging. Ein berſtohlen aber um ſo innigeres Band verknüpfte bald das Lieschen und den For⸗ tunat. Das platoniſche Semeſter war beinahe ſchon abſolvirt, als leider das neidiſche Schickſal mit tückiſcher Klaue den Bun⸗ 4 desbrief edler und ſchöner Seelen entzweiriß. Der Notar, im Begriff, eine kleine Reiſe zu einem todtkranken Teſtamentsbe⸗ dürftigen anzutreten, hatte eine nicht unbedeutende Summe Geldes zur Aufbewahrung erhalten. Von der Zeit gedrängt — der Wagen ſtand ſchon vor der Thüre— hatte er das Geld nur obenhin in eine Schublade ſeines Schreibtiſches gelegt, und ſeinem Kopiſten befohlen, nicht von der Kanzlei zu weichen, bis Er, der Notar wieder zurück ſehn würde. Fortunat verſprach Gehorſam, und leiſtete ihn auch bis die Abendglocke Neun läutete. Um elf Uhr ſollte der Prinzipal wieder da ſeyn. Indeſſen, gleich nach neun Uhr, ließ ſich ein Stimmchen vor dem Fenſter der Schreibſtube vernehmen, dem Fortunat nicht widerſtehen konnte. Lieschen ſang halblaut auf dunkler Straße ihres Geliebten Lieblingsliedchen. Wie konnte er hin⸗ ter'm Dintenfaß verbleiben? Geſchwinde hinaus, und auf der Schwelle des Hauſes die verlockende Luſtwandlerin aufgefangen, und mit ihr gekoſt und geflüſtert, wie eben die ſtille Liebe gegen das Ende des platoniſchen Zeitraumes flüſtert und koſt, und— küßt.— Inſoweit war alles gut. Da fiel dem armen Lieschen plötzlich ein, ſich zu ſchämen. Es gingen ſo viele Leute vorüber! Wie leicht konnte Jemand ſie im Schatten der Hausthüre des Notars erkennen, und dann war's um ihren guten Ruf geſchehen!— Ihre Angſt trieb ſie in's ſtockdunkle Quergäßchen nebenan. Fortunat folgte natürlich, um ſie zu beſchwichtigen. Nahe an dem Quergäßchen war ein Garten mit wohlthätig ſchirmenden Bosketten, und zugäng⸗ lich leiden bei Nacht, wie am Tage. Das ſchüchterne Lieschen floh in den Garten. Um ihr zuzuſprechen, und um ihr ebe — 5 nöthigenfalls Schutz zu verleihen, folgte Fortunat ihr auch dort⸗ hin. Sonderbarerweiſe ſtieg des Lieschens Furcht immer mehr. Obſchon von dem Beſchützerarme ihres Lieblings umrankt, drang ſie immer tiefer in das Dickicht, die ängſtliche Jungfer. Fortunat konnte ſie zwar nicht beruhigen, aber auch nicht verlaſſen. Er verſtand durchaus nicht die abſonderliche Ge⸗ müthsſtimmung ſeiner Freundin, und dieſe verſtand wahrſchein⸗ lich auch die ſeinige nicht. Denn auf einmal— nach den Bangigkeiten einer vollen Dreiviertel⸗Glockenſtunde— wurde ſte unwirrſch, ſpitzig, ſpöttlich.... und die ſich kurz zuvor wie eine blöde Taube an ihres Jünglings Brüſt geflüchtet, ſtieß jetzt mit Hohn und groben, ja groben Worten denſelben Jüngling zurück, und floh nun vor ihm, wie erſt zuvor vor den Leuten auf der Gaſſe. Troſtlos, perpler, ihrer böſen Launen Beweggrund nicht faſſend— wer auch kennt ſich in Weiber⸗ launen aus?— folgte ihr Fortunat aus dem Garten, wie hinein, aus dem Quergäßchen, wie in daſſelbe. Kein Bleiben mehr, kein Händedruck... ſtatt alles deſſen ein ſchnödes kurzes„Gute Nacht“— vor der Naſe Fortunat's flog Lies⸗ chens Hausthür zu— ein boshaftes Lachen hinter der Thüre dann war's aus, ſtill, ſtumm,... und in tiefen be⸗ ſchwerlichen Gedanken, mit keuchender Bruſt und die Seele voll banger Zweifel kehrte Fortunat nach der Schreibſtube um, worinnen er das Licht, an deren Thür er den Schlüſſel gelaſſen hatte, wie ein ächter Verliebter, der auf Himmel und Erde vergißt, wenn er ſeiner Theuern Stimme, oder auch nur das Rauſchen ihrer Gewänder vernimmt.— Das Licht brannte mit dickem Butzen, die Thüre war anſtändig zu, der Schlüſſel 42 6 unverſehrt, die Akten meiſterlich in Ordnung. Nur war die Schublade des Schreibtiſches aufgegangen— unfreiwillig, wie ſich ſpäter zeigte— und das bewußte Geld.. fort!— Wie ſo nachtheilig hätte auf Fortunat der Schrecken wirken können, wenn er ſich ihm hätte ganz überlaſſen dürfen! Zum Glück kam beinahe zu gleicher Zeit der Notar nach Hauſe, und brachte Abwechslung und Diverſion in den Auftritt, indem er mit dem unfleißigen Wächter ſeiner Kanzlei ein lebhaftes Geſpräch anhob, und in Folge deſſen einen kleinen Volksauf⸗ lauf provocirte, und den guten Fortunat ohne weiteres in Polizeigewahrſam ſtecken ließ.— Welch ein Umſchwung der Dinge! Um neun Uhr noch im Beſitz ſeiner bürgerlichen Ehre und ſeiner bürgerlichen Geliebten... und um dreiviertel auf zehn Uhr— juſt da die ſogenannte Lumpenglocke läutete— die Liebſte verloren, die Ehre hin... Alles hin! Fortunat würde ſich in jener Schreckensnacht gewiß aufgehenkt haben, wenn er nur an's Aufhenken gedacht hätte, und nicht immer an Lieschen, das unbegreifliche und aprilmäßigwetterwendiſche Lieschen!—— Zwar laſtete nicht lange ein gemeiner Verdacht auf ſeiner Ehre; ſchon am nächſten Tage wurde der dumme Teufel, der das Depoſitum geſtohlen, zur Haft gebracht und mit ihm— bis auf wenige Gulden— das geſtohlene Geld; aber die Schreiberſtelle hatte er verwirkt, der gute Fortunat, und das Mädchen verloren, an deren Liebe er ſo kindlichdumm ſeinen ehrlichen Namen und ſein Fortkommen geſetzt.— 5) Noch ein ganzes Bündel ſchlimmer Erfahrungen, an⸗ einandergereiht wie ein Kranz von Korallen;— Ees ſind diejenigen gemeint, mit denen der gemüthliche Hund zum edeln Waidwerk aufgemuntert wird). Zu wiſſen, daß, ſchon bevor das Ereigniß im Nachtſchattengarten und in der Notariatsſtube ſich begeben, Fortunats Vater ſein Handwerk völlig an den Nagel gehängt, und ein vorgebliches Kaffeehaus letzten Ranges— eine Tabagie mit einem Billard, deſſen ſchöne Tage keiner, der da lebte, geſehen, ohne viel Geld, aber mit ziemlichen Schulden übernommen hatte, da denn doch kein ſoliderer Käufer von der fraglichen Kaffeekneipe etwas wiſſen wollte. Dieſem Kaffee⸗ hauſe war die Sache lediglich ganz egal; ihm ging es, wie zuvor und von jeher: ſchlecht. Zu entnehmen, wie es den Beſitzern ging. In dieſem räucherigen Lokal mußte Fortunatus jetzv den Marqueur vorſtellen. Sein Alter nannte dieſen ſchauerlichen Müſſiggang eine Vorſchule zur Gaſtwirthswiſſen⸗ ſchaft.—„Denn,“ ſagte er,„da mein Junge weder bei'm Pfefferſack, noch bei'm Federfuchſer Glück hatte, ſo muß er dereinſt als Gaſtwirth ſein Glück machen, oder ich weiß auf Ehre nicht, warum er mit einem Häubchen zur Welt gekom⸗ men, und warum man ihn Fortunatus getauft hat.“— So markirte alſo Fortunat, wenn es zufällig etwas zu markiren gab, trieb ſelber das edle Billardſpiel, und gebahrte ſich gegen die raren Gäſte, die das Kaffeehaus beſuchten, als des Bauſes Herr und Führer. Warum? die Mutter hatte genug mit ihrem Kummer und mit der krank darniederliegenden Groß⸗ mama zu thun, und der Vater kugelte von einem Wirthshaus zum andern, wozu er jetzt der Vorwände viel mehr hatte, als früher. Bald ging er in die Schenke, um ſeines Hauſes Kundſchaft zu erweitern, bald um mit ſeinen Kollegen auf freundſchaftlichem Fuß zu bleiben; bald berleitete ihn ſeiner . 8 Wirthſchaft Troſtloſigkeit, ſeinen Mißmuth im fremden Wein zu erſäufen, bald ſuchte er Zerſtreuung wegen des Herzeleids, das ihm ſein Sohn gemacht.„Ich überlebe es nicht, daß man meinen Jungen als einen Dieb eingeſteckt hat;“ ſagte er das einemal.„Daß mein Junge dem Kaufmann die paar hundert Gulden verloren, iſt ein Nagel zu meinem Sarg;“ behauptete er das anderemal.„Ueber ein Kurzes werdet Ihr mich ſehen, über ein Kurzes nicht mehr;“ pflegte er auch manchmal prophetiſch zu äußern, und machte dabei ein Geſicht, als läge er bereits auf der Bahre— und trank ſehr.— Und was er in derlei Augenblicken prophezeit, ging auch richtig an einem ſchönen Tage in Erfüllung. Man ſah ihn nicht mehr. Weder ſeine Angehörigen, noch ſeine Gläubiger, noch ſeine Trinkbrüder wußten, wo er hingekommen. Die Gerichte citirten ihn; er ſtellte ſich nicht ein. In allen vier Elementen ſuchte man nach ihm: er fand ſich nicht vor.— Da ſtand nun die Mutter des Fortunat auf der Höhe der Dinge, nemlich auf einem Berge, von dem ſie einmal ihr Elend ganz über⸗ ſehen konnte. Das unglückſelige Kaffeehaus wurde verkauft. Der Vormund der Kinder des vorletzten Beſitzers erſtand es, und verpachtete es aus Mitleid um einen Pappenſtiel bis zur Volljährigkeit ſeiner Mündel an Fortunat's Mutter, die ſich aus Verzweiflung an dieſen letzten Strohhalm klammerte, und gut und böſe den tipf eingeſunkenen Karren weiter ſchob. Fortunat ſollte ihr dabei helfen; aber wer hätte wohl dringender der Hülfe bedurft, als er, der rathlos daſtand mit ſeinem Glückshäubchen, der Glücksblüthe auf dem Daumennagel, ſeinem glücklichen Namen und den Reichthum verkündenden Löchern in ſeinen Stiefeln? 44 eeee 6 Dergeſtalt hatte ihn Fortuna in ſeinem achtzehnten Jahre bedacht. 2. Und es kamen drei Männer aus Morgenland. Sie brachten zwar nicht Gold und Myrrhen, auch ſchienen ſie eben nicht weiſe zu ſein— aber dennoch kamen ſie von Son⸗ nenaufgang, aus dem lieben Oeſterreich, über das bierfreudige Bayerland in's weinfreudige Frankenland heraus, wo der Schuſter gar ſo gern bei ſeinem„Leiſten“ bleibt, und wo der „Steinwein“ immerdar beſſer zu trinken, als das von böſen Geiſtern erfundene„Steinbier“ in Kärnthens Geſilden. Und juſt in demſelben Franken wohnte Fortunat, der zufällig mit ſeinem Schreibnamen„Frank“ hieß.— Und frei ſollte er auch recht bald werden. Nicht allein in den Ketten des vorgeblichen Kaffeehauſes lag er gefangen, ſondern leider wiederum in den Feſſeln einer Liebſchaft, die unglücklich war, wie ſeine erſte, obgleich der Gegenſtand diesmal Pinchen hieß und nicht Lieschen. Eine Garküche war Pinchen's Heimath, ihr Vater der Koch, ihr Bruder ebenfalls ein Koch. Fortunat hätte allerdings gern ſeiner Mutter Kaffeehaus mit Pinchen's Küchenheimath ver⸗ einigt, und zwar durch einen geſchickten Ehebund. Es traf ſich jedoch, daß der Bruder Koch juſt dieſelbe Idee, aber zu ſeinem eignen Beſten, hatte, und er war der Mann der Aus⸗ führung, gleich wie Fortunat der Mann der Sehnſucht. Fortunat beſaß nemlich eine Schweſter. Da jetzo erſt 10 von derſelben geredet wird, ſo verſteht ſich's von ſelbſt, daß ſie eine herzensgute Perſon war. Von guten Frauen wird am wenigſten geſprochen. Franz, der Koch, liebte ſie, hatte ſich ihr angenehm gemacht. Dann hatte er ihr geſagt:„Du haſt nichts, ich habe nicht viel. Wenn wir aber beides zu⸗ ſammenlegten, ſo wär's doch etwas, und deine Mutter wäre der Sorgen überhoben. Aber der Foriunat muß in die Fremde; den können wir im Hauſe nicht brauchen, den trägen Un⸗ glücksvogel.“ Schweſter Mali war das wohl zufrieden; die Mutter, ſeufzend zwar, hatte nichts dagegen; wohl aber Fortunat, der ſich nicht davontreiben laſſen mochte, wenn's ihm auch nicht im Haus gefiel. Da legte ihm Franz den Sachbeſtand mit der Fauſt gehörig aus. Fortunat flüchtete ſich zu Pinchen, und klagte ihr ſeine Noth.„Sieh,“ ſagte er:„Wenn Du mich liebteſt, ſo mach⸗ ten wir dem Franz zu leide unſrerſeits ein Pärchen ſammt Kaffeehaus und Reſtauration, und ſchnappten Jenem alle Kunden weg. Ein Kaffeehaus erkauften wir mit Deinem Gelde, die Garküche würde floriren durch Deine Kunſt und Freundlichkeit.... „Ei wohl,“ hieß die Antwort:„und Du würdeſt thun, wie Dein Vater ſilig— oder nicht ſelig: den Herrn ſpielen, mit Nichtsthun und Kartenſpielen die Zeit hinbringen„ aus mir ein elend Weiblein machen, wie Deine Mutter geworden? Nein, nein. Schau, Fortunat: Du biſt ein ſauber Manns⸗ bild, und ich habe Dich ſchon gern, aber Du kannſt ja auf 11 der weiten Welt nichts, und Batzen haſt Du auch nicht. Was ſoll ich mit Dir anfangen? Ja, wenn Du Batzen Jeder gefühlvolle Menſch denkt ſich ſchon, wie Fortunat heimkam.— Und dort ſaß die Mali in ſtiller Liebes⸗ und Verſorgungsqual; und ihr erſtes Wort zum Bruder lautete: „Nun, Fortunat, wie iſtss? Willſt Du fort oder nicht? Wenn Du gingeſt, bekäm' ich meinen Franz und die erſehnte S „Laß mich zufrieden;“ brummte Fortunatus finſteräugig: „ich weiß noch nicht....“ „Soll ich's dem Franz ſagen, damit er Dir noch einmal die ganze Sach' auseinanderſetzt?“ fragte Mali unſchuldig. Dem Fortunat ging eine Gänſehaut über den ganzen Leib, und ihm war, als ob ſein Rücken alle Farben ſpielte. Da kamen die drei Männer aus dem Morgenlande in die Kaffeeſtube, mit Reſpekt zu melden. Drei Völkerſtämme wanderten zugleich mit ihnen ein, im ſelben Staub, in derſelben abgetragen modiſchen Kleidung, unter denſelben grauen Schlapphüten. Die Männer hießen Sachs, Heß und Böhm. Der„Sachs“ war der ältere, mit ſtark durchlinirtem Geſicht; vor Zeiten ein ſchöner Mann geweſen, der gelebt und geliebt, mit Reich und Kronen geſpielt, auch viel gemordet, und viel Edelmuth getrieben. Ein Vater jetzo, ein edler, wenn ſchon ohne irgend Weib und Kind. Der„Heß“ war der mittlere, auch ein Menſch vom Vittelſchlag, mit zerfahrnen blaſſen Zügen, um den Mund 12 bittre Falten tragend. Sie waren die Früchte der vielen Ty⸗ rannei, die er unter'm Hermelin und im ſchwarzen Präſiden⸗ tenfrack getrieben, der vielen Bosheiten, die vor aller Welt rückſichtslos zu begehen, ſein unerbittliches Geſchick ihn ge⸗ zwungen. Der„Böhm“ war der Jüngſte des Kleeblatts, und ge⸗ wiſfermaßen der drei morgenländiſchen Männer ſchwarzer Kaspar, wenn ſchon nichts weniger als ſchwarz. Aber wo die drei Wanderer wanderten, ſah gewißlich klein und groß, Weib und Mann zuerſt auf ihn, und dann immer nur auf ihn. Einen bildſchönern Menſchen hat es nemlich noch zu keiner Zeit ge⸗ geben, mit friſchen Wangen, rothem Mund und glockenhellen Augen und zierlich ebenmäßiger Geſtalt, ſo daß eben nicht zu verwundern war, daß er ſo viele Frauen gewonnen, bezaubert, verlockt, ja nicht ſelten getödtet hat mit Stahl und Gift; alles das mit ſolcher Strafloſigkeit, und zwar meiſtens unterm Aug' der Polizei; daß er unbeſorgt von neuem immer wieder heute anfing, wo er's geſtern und vorgeſtern gelaſſen, wenn er nur irgend einen Schauplatz für ſeine Frebel gefunden. Die ſchäbig⸗ genial aufgemuſterten Gäſte waren nichts⸗ deſtoweniger für das ſogenannte Kaffeehaus Blüthen und Kronen der guten Geſellſchaft. Kunden mit ganzen Röcken kamen da ſo ſelten vor! Hinwieder ſchien den Dreien die Kaffeeſtube die erwünſchteſte, von ihnen geſuchte Oaſis. „Immer herein!“ rief Böhm, der zuerſt den kundſchaf⸗ teriſchen Fuß in das Lokale geſetzt:„immer herein, ihr Herren und Freunde. Hier iſt's ſtill und einſam: hier treffen wir die Wüſte Sahara, die wir brauchen.“ „O pfui!“ dachte Mali, der das empörte Blut in's Geſicht ſchoß:„wie iſt's denn möglich, daß ein ſo ſchöner Menſch ſo impertinent grob ſein mag? Was hab' ich ihm denn gethan, daß er meiner dergeſtalt ſpottet?“— Sie dachte das, räumte erbittert ihre Arbeit zuſammen, und floh aus der Thüre unter der Laſt eines Mißverſtändniſſes, von dem ſich die Eintretenden, wie der Bruder, nichts träumen ließen. Sachs folgte dem Böhm auf dem Fuße, in ſeinen Hän⸗ den tragend ein kleines Billet und den koloſſalen Komödien⸗ zettel, der für den Abend eine Gewaltsvorſtellung mit Pferden und Hunden, indiſchen Gauklern und deutſchen Improviſatoren ankündigte, und zum Beſten des Benefizianten einen wahren Krenzzug predigte. Dem Sachs folgte endlich Heß, der mit Beifall die ſchöne tabaksmüſſige Zufluchtsſtätte begrüßte, und hinzufügte, auf einen Seſſel ſinkend:„Jetzt hervor mit dem Briefe des ſchlech⸗ ten guten Freundes. Womit mag er entſchuldigen, daß er ſeinem alten Kameraden nur die Hälfte wagt zu ſchicken von dem Ganzen, das unſer Sachs verlangte 2“ „Das wollen wir eben ſehen,“ verſetzte Sachs, der neben Heß Platz nahm:„Aber vorerſt lieber Böhm, einen Trunk!—“ „Champagner! Tokaher!“ ſchrie Böhm hell auf, und hinter'm Fenſterchen der Kammerthüre, woſelbſt Mali lauſchte, um aus Böhm's Geſicht herauszuſtudiren, wie denn ſo viel Bos⸗ heit mit ſolcher Schönheit vereinbar, gab's große Angſt, und Fortunats Herz fiel tief unter die Weſte;— denn Champag⸗ ner und Tokaher...! wie um Gotteswillen bringen, was nie in dem armſeligen Hauſe geweſen? * Da glich Böhm mit leutſeliger Miene den Schrecken aus, den er verurſacht:„Drei Gläschen Kirſchengeiſt, wollte ich ſagen, und dazu der Bretzeln und Kipfel Fülle; für mich zweie, für Sachs eine und für Heß auch eine.“ Sehr erleichtert brachte Fortunat das Verlangte, und über'm Kopf war's ausgetrunken. Die zweite Tracht erſchien; ihr geſchah, wie der erſten. Fortunat band ſich eine weiße Schürze vor, da er zum drittenmale den mit Blauſäure mild angeſchwängerten Geiſt auftrug. Er wollte den ſplendiden Gäſten eine Ehre anthun. Einer ſolchen mächtigen„Conſommation“ konnte ſich das Kaffeehaus nicht erinnern. Indeſſen hatten ſich die Herren über das Billet herge⸗ macht, und mit gedämpfter Stimme las Vater Sachs deſſen Inhalt vor, der da lautete:„Mein lieber Herr Sachs! „Ihr mir geſtern Abend ſpät zugekommenes Schreiben beant⸗ „wortend, ſo muß ich geſtehen, daß ich mich vergebens hin und her auf Ihre Perſon beſonnen habe.“— „Unbeſonnener Menſch!“ zürnte Böhm:„da ſpreche man noch von Freundſchaft.“ „Und wie derjenigte unſern lieben Sachs be⸗Sie't, wäh⸗ rend Sachs ihn doch ſo freundlich bedutzte;“ meinte Heß mißbilligend. „Und es iſt doch ſchon dreißig Jahre her, ſeit wir in einer Schule als intime Geſpielen gewirkt haben!“ klagte Sachs. Indeſſen las er mannlich weiter:„Wer kann aber „nach einem Vierteljahrhundert oder noch mehr ſich aller „Schulkameraden erinnern?“ „Schlechte Seele!“ rief wieder Böhm:„Was iſt denn ein Jahrhundert im Strom der Ewigkeit?“ „Sie ſind“— fuhr Sachs leſend fort—„wie ich „bernehme, bei'm Theater, und haben das Trauerſpiel geſchrie⸗ „ben, das Sie mir im Druck als ein Souvenir beigelegt haben. „Mir thut daher leid, Ihnen nicht den Louisd'or, den Sie „von mir dafür verlangten, ſchicken zu können, da meine „Profeſſorenbeſoldung karg, und meine Familie groß iſt„ „Warum hat er nichts ordentliches gelernt?“ fragte Heß mit ſeinem intriganteſten Präſidentenblick. „Warum hat er eine Familie?“ fragte Böhm entrüſtet: „Wird ſolcher Luxus im Schulfach niemals abkommen?“ Sachs las achſelzuckend weiter:„ aber um „der angeregten, wenn auch mir entfallenen Jugendfreund⸗ „ſchaft willen, lege ich dem Autor des Trauerſpiels, das zu „dick, um es in einem Zuge durchzuleſen, beikommendes Ho⸗ „norar bei.“ „Da iſt's;“ unterbrach ſich Sachs ſelber, und ſchüttelte ein paar Kronenthaler auf den Tiſch. „Das nennt der unhonorige Menſch ein Honorar!“ ſchalt Böhm:„Noch einen„Kirſch“ auf dieſen Schrecken!“„Mir auch!“ rief Heß;„Mir auch!“ rief Sachs,„damit ich noch den Schluß des groben Briefs verdauen kann, der— merkt auf— ſich alſo ausſpricht:„Dem Verdienſte, ſagt das „Sprichwort, ſeine Krone! Ihnen mein Herr, anliegend Zwei; „thut fünf Gulden, zwanzigvier Kreuzer, mit welchen ich ver⸗ „harre ein für allmal Ihr ergebenſter Waadler; Profeſſor vin tertia.“—„Da habt Ihr die Beſcheerung. Mit 16 einem Worte: Ich habe nicht reduzirt—(er wollte ſagen „reuſſirt“)— ich kann nichts dafür. Punktum. Jetzo helft Ihr aus. Nach Frankfurt iſt's noch weit. In unſerm Wirthshauſe haben wir flott ſoupirt, und dito gefrühſtückt. Gekommen ſind wir geſtern als omnia mecum...“ „Und deficiente pecu“— fiel Böhm lachend ein. Aber mit der Falte der Bitterkeit ließ ſich Heß verneh⸗ men:„Und geholfen muß uns ſein, eh noch der Tag ſich endet.... und wißt Ihr noch, wie's uns in Bayreuth er⸗ gangen...2 und des Schulmeiſters Kronen— ich dreh' ſie hin und her— aber langen werden ſie nicht. Du lieberGott!“ „Und daher gibts nur ein Mittel, ihr Freunde;“ hob Sachs feierlich an:„die Collekte.“ „Die Collekte;“ antworteten die Köpfe neigend und im Chor die Andern. Worauf der Heß noch einmal:„Der Zettel hier weiſt vierunddreißig Künſtlernamen auf. Wäre auch— nach löblicher Theaterſitte— ein Drittheil derſelben ein Volk von Paſſevolanten, beſtimmt, die blinden Rollen der Komödie zu maskiren, ſo blieben immer noch zweiundzwanzig Künſtler und ein Stück von Einem. Es müßte böſe zugehen, wenn wir nicht mindeſtens ſo viel erndteten, als unſerm Sachs der Schulfuchs zu wenig geſchickt hat.“ „Schreib Er geſchwind den Brandbrief an löbliche Di⸗ rektion und Geſellen dramatiſcher Kunſt;“ ſprach Böhm zu dem ſchweigenden Sachs:„Er hat das Ding im Griff, weil daran gewöhnt.— He, Marqueur, Feder, Dinte und Papier!“ Gleich ſtand das Begehrte da: grau Papier, todblaſſe Dinte, ſtumpfer Federkiel. 17 „Geſchrieben wird's gleich ſein;“ äußerte Sachs:„wer aber trägt den Brief, wer ſammelt die Groſchen ein? Schon viermal auf unſrer Fahrt war ich der gute Kerl, aber....“ „Du wirſt es auch zum fünftenmale ſein,“ fiel ihm Böhm in's Wort,„und der beſte Effekt wird nicht fehlen, ſobald das Armeſündergeſicht, der Heß, Dich begleitet, Freund.“ „Hm, Du könnteſt doch auch einmal...“ meinten die Beiden. Wiederum unterbrach ſie der genannte Böhm:„Nicht um eine Million thu' ich's. In eurem Intereſſe thu' ich's nicht. Wie würde es heißen? Den lieben ſchönen Menſchen wollen wir engagiren, würde der Direktor ſagen— ſo geht mir's überall— und ich mag hier keine Anſtellung. Gaben wir uns nicht zu Laibach, an den Grenzen deutſcher Zunge, das Bruderwort, nicht von einander zu laſſen, bis wir am geſegneten Rheinſtrom angelangt? Was ich gelobt in jenes Augenblickes Höllenqualen, iſt eine heil'ge Schuld: ich will 4 „Du willſt eben immer von unſern Fechtkünſten leben!“ platzte Heß heraus, und Sachs nickte zuſtimmend, während ſeine Feder fliegend die Bettelſupplik entwarf. Nun aber ging Böhm in die Höhe, ausrufend:„Er⸗ bärmliche Maulwürfe! Wer iſt's denn, der eurer lumpigen Erſcheinung in allen Orten Kredit verſchafft? Würde man euern Unglücksgeſichtern nur einen Groſchen, nur ein Stroh⸗ lager borgen, ginge ich nicht als ein ſchützender Engel mit euch? Wo ein Gaſtwirth, deſſen ſaure Miene nicht meinem gentilen Benehmen gegenüber ſich in ein holdes Lächeln ver⸗ wandelt hätte? Wo eine Wirthin oder Kellnerin, die nicht, meiner Liebenswürdigkeit huldigend, ſelbſt euch armen Schluckern Der Erzähler. 1847. Iv. 2 18 gnädig geweſen wäre um meinetwillen? Beſinnt euch doch— geht in euch, nemlich auf die Theaterprobe und laßt die große Nationalſubſeription eirkuliren bringt Geld, und erhaltet mich um Gotteswillen bei guter Laune, denn wenn ich euch verließe..! doch halt! ad vocem„verlaſſen“ erlaubt, daß ich mich indeſſen dieſer beiden Kronen bemächtige. (Schon hatte er ſie im Sack, ehe die Gefährten wehrend zu⸗ fuhren.)— Sie ſeien mir ein Pfand des Glücks und eurer Rückkehr Bürgſchaft!“ Das Ehrgefühl der Kameraden ſellt ſich beleidigt, und es drohte arger Zwiſt. Böhm behielt jedoch ſeine ganze Gleich⸗ gültigkeit und Seelenkälte aufrecht, und begnügte ſich, ihnen ſo lang und oft zu ſagen:„Geht mit Gott! verliert keine Zeit! Ich werde dem Kellner für eure Zeche gut ſein!“ bis ſie wirklich gingen, der unabweislichen geiſtigen Uebermacht des Reiſe⸗ und Bühnenbruders ſich fügend. „Jetzw eine Parthie Billard!“ rief der erleichterte Böhm dem Fortunat zu, deſſen Reſpekt vor dem Gewaltigen immer im Steigen:„Ich habe zwar noch nie ein Nudelbrett geſehen, dieſem zu vergleichen.. armſelige Bälle, den Flintenku⸗ geln ähnlich und Billardſtecken wie die Rattenſchwänze;— aber leicht gepfiffen iſt dem, der gerne tanzt, und Du, Mar⸗ queur, betrübter Schäfer, wirſt ein würd'ger Spieler auf dieſem ölgetigerten, graublauen Ungethüm ſein. Komm her: unge⸗ ſehen geb' ich Dir gleich zwanzig vor!“ Fortunat gehorchte ſchweigend. Eben ſo wortkarg, aber unbefailgen ſchmierte er den ſtolzen Spieler aus.„Was Teufel! Burſche, Du ſpielſt gut!“ machte Böhm verwundert „Noch eine, gleich auf gleich.“ 19 Fortunat lächelte ſchmerzhaft; er gedachte Pinchen's, be⸗ neidete im Stillen die Weltläufigkeit ſeines Spielgegners, und — ſchmierte ihn wiederum aus. „Himmel und Erde! Kerl, Du ſpielſt vortrefflich!“ machte Böhm noch verwunderter:„Menſch, wer blies Dir die⸗ ſes Spiel ein? kenſch, Du mußt unglücklich ohne Ende in der Liebe ſein, da Du im Spiel....“ Er konnte nicht ausreden, denn über Fortunat's Backen lief das helle Waſſer, und ſchluchzend warf der Marqueur den Stecken weg, und während ihn der Bock heftig ſtieß, ſtammelte er:„Ach Herr, Sie haben's getroffen, auf den Butzen, auf den Stingel, auf und nieder getroffen 3. Nun folgte eine feierliche, rührende, herzerhebende Scene. Ein ſo gewiß wehmüthiges und doch erquickendes Beben durch⸗ zitterte die Atmoſphäre der Kaffeeſtube, als regten ſich darin⸗ nen geheimnißvolle Engelfittige. Die Flamme des Oellämp⸗ chens ſchwankte ſo magiſch hin und her. In den ſchmutzigen Kartenfidibuſſen darunter kniſterte es wie der Frühling in den Blüthenknospen thut— wer das ſchon einmal gehört hat. Die Spinnenſchleier an Decke und Wänden blähten ſich behag⸗ lich auf, die matten Fliegen auf dem ſtaubigen Spiegel rieben ſich munter die Hände,— die Todtenköpfchen an der Markir⸗ tafel lächelten freundlich, weiß auf ſchwarz. Auf dem Bänkchen in der Ofenecke wurde ſtille General⸗ beichte abgelegt von Fortunat in den Buſen des mitleidigen, zum Tröſter verklärten Böhm, der ſchon geſehen vieler Men⸗ 20 ſchen Länder und gern theilte der Menſchen Lieb und Leid, weil ihm ſelbſt alle Tage Menſchliches begegnete.— Und er ſprach endlich zum Bekenner, gleichſam wie mit leiſen Glocken⸗ tönen— dazu klang prächtig der ſchwermüthige Schlag der Schwarzwälderuhr, die des Vormittags elfte Stunde verkün⸗ dete, und der damit verbundne heiſre Guckuck, der hie und da mit ſeinem Schrei ausſetzte, um der Natur näher zu kommen und zu ſpotten der Sklaverei des Mechanismus— alſo mit leiſen Glockentönen gleichſam ſprach der verklärte Böhm: „Kerl! mit Dir muß es anders werden. Mit Deinem Collé und Deiner Carambole hier verſauern? Das walte Gott! Mit Deinen Klappſtößen in dieſer Kneipe zu Grunde gehen? Nimmermehr. Kerl, Du haſt eine Million an der Spitze Deines Billardkolbens; biſt grad gewachſen, hübſchen Angeſichts... Du mußt zum Theater gehen mußt gleich mit mir gehen.“ „Herrje!“ murmelte Fortunat, dem ſich ein weites Para⸗ dies öffnete:„Ich zum Theater? Lieber Herr, wer ſoll mir das beibringen?“ „Ich!“ ſagte Vöhm, immer mehr verklärt:„und zwar nur mit dem einzigen Wort: Du mußt Komödie ſpielen. Du mußt, darum kannſt Du's auch; Du willſt, darum darfſt Du auch. Sage nur: ich bin Schauſpieler; von dem Mo⸗ ment biſt Du's. Wollteſt Du ein Schreiber werden? Du brauch⸗ teſt Deine Zeugniſſe; ein Krämer? Du müßteſt Deinen Lehr⸗ 3 brief haben;— der Schauſpieler braucht nichts von alle dem. Der Eñtſchluß allein, dem Stande ſich zu widmen, gibt den Stand, den Adel, die Meiſterſchaft. Alles übrige findet ſich; 21 auch das Geſchick zur Sache. Würdeſt Du ein paarmal aus gepfiffen? Kümmere Dich nicht darum; das iſt den größten Mimen paſſirt. Die Frauen werden Dir hold ſein; laß fahren dahin Dein geiziges Pinchen! Wen die Frauen lieben, laſſen auch die Männer auf der Bühne ungeſchoren. Mit Deiner Figur und rührenden Stimme, mit Deinem Billard⸗ ſpiel gehſt Du großen Triumphen, und endlich dem Glück ent⸗ gegen. Und wenn Du noch obendrein Freimaurer geworden ſein wirſt— ich ſelbſt mache Dich dazu— ſo kann Dir's in dieſem Leben nicht mehr fehlen.“ „Ach— ach— ach!“ ſeufzte Fortunat aufſpringend und kaum ſich laſſen könnend vor Wonne. Mali, die ihn von ihrem Späherort genau beobachtet, und nun ſah, daß er wankte, ſchwebte, tanzte, ſchwindelte, ſprang herein mit den Worten:„Um's Himmelswillen, Bruder, was haſt Du?“ Sehr galant— er eroberte damit auf einmal der Mali Herz und ſtellte ſie wegen der„wüſten Sarah“ zufrieden— eilte Böhm auf ſie zu, und redete zuckerſüß:„Verbinden Sie, o Schönſte, mit meinen Worten Ihrer holden Zunge Zauberklang, und helfen Sie mir, dem Glück dieſe allzube⸗ ſcheidene Jünglingsſeele gewinnen! Wenn mich, den Fremden, ſchon der hohe Reiz Ihrer Erſcheinung unterjocht, wie könnte Fortunat, Ihnen verwandt und verbrüdert, der Beneidens⸗ werthe! wie könnte Er Ihnen widerſtehen?“ Mali, nachdem ſie Kenntniß von allem genommen„was da beſprochen worden, trat willig zur Fahne des bildſchönen Künſtlers,— die Haube, ſomit die Verſorgung, hing ja an 22 Fortunati Wanderſchaft— und redete dem Bruder heftig zu, die Protektion und heitre Zukunft, die ſich ihm plötzlich auf⸗ gethan, ja nicht zu verpaſſen und zu verſcherzen. Die herbeigerufene Mutter brachte freilich der Bedenklich⸗ keiten manche auf's Tapet. Als jedoch Mali dringlichſt von dem Brautkranz ſchwärmte, der da kam, ſobald der Bruder ging, ſo ergab ſich auch die Mutter, und die ſchon halb in den Gefilden der Seligen wandelnde Großmutter prophezeite, ſo wie vor zwanzig Jahren, dem lieben Enkel ein über die Maßen ſtolzes Glück, dem er mit dem eifrigſten Willen nicht entlau⸗ fen würde. Fortunat ſelber, beſeligt von ganz beſonderer Zuverſiht, und begierig, von der falſchen Pine grauſam zu ſcheiden und ſie zu zermalmen durch ſeinen Weggang, war ein, dem Schau⸗ ſpieler unterthäniger Jaherr geworden, und ſein Bündel war bereits geſchnürt, da jener Sachs und jener Heß mit dem kargen Almoſen ihrer Kunſtgenoſſen in's Kaffeehaus zurück⸗ kamen.— Ihre gereizte Gemüthsſtimmung wich plötzlich dem Staunen und der Freude, womit ſie erfuhren, daß das Klee⸗ blatt ein vierblättriges geworden, und daß ein Gratis⸗Mit⸗ tagsſchmaus, den ihnen zum Einſtand der neue Wandergefährte und Kunſtrekrut zu geben Willens, ſie erwarte. Der unſichtige Sachs ſtellte jedoch bald die heimliche Frage an Freund Böhm:„Was in aller Welt ſollen wir mit dem Schafskvpf, dem Fortunat beginnen? Womit wird er ſeinen Beitrag zu den Reiſekoſten ausgleichen?“ Worauf ihm Böhm alſo diente:„Halt' Er das Maul, und laß Er mich ſorgen. Ich halte mit dem Fortunatus 23 Kompagnie, ſo wie Er Sachs mit dem Heß. Ihr macht am Morgen euer Collektchen, oder pumpt alte Schulkameraden an, und wir dagegen rupfen Abends am Billardtiſch die ſpielluſtigen Mutterſöhnchen. Ihr werdet beſſer fahren mit uns,— ſo denk' ich— als wir mit euch. Verſtanden?“ „Wenn das reduzirt, meinetwegen!“— Mit dieſen Wor⸗ ten gab ſich der edle Vater drein, und Heß verſuchte ſeiner⸗ ſeits keinen Widerſpruch.— So wurde ſchon der nächſte Abend der des Abſchieds. Die Schweſter Mali ſteckte noch dem Bruder ein paar erſparte Pfenninge aus ihrer armen Kaſſa zu. Die Mutter, die nichts als Thränen geben konnte, gab deren reichlich. Die Großmutter in ihrem Halbſchlaf murmelte ohne Leid:„Der Fortunatus macht jetzv ſein Glück, und erleben will ich noch, daß Ihr der alten Großmutter dafür die Ehre gebt, die ſie verdient.“ Mit Zentnerſteinen auf der Bruſt ging Fortunat aus dem Vaterhauſe ſeines Wegs, aber jeder Schritt vorwärts machte ihn muntrer, leichter, fröhlicher, und wie ein Fiſch ſchwamm er endlich luſtig und bequem im Strom des land⸗ ſtreicheriſchen Lebens mit ſeinen neuen Brüdern um die Wette. 4. Indeſſen wollte es doch im Anfang nicht und nicht ge⸗ lingen. Die Geſchäfte der Reiſenden waren ſchlecht, und— hätten nicht auf den erſten kurzen Etapen die Schweſterpfen⸗ ninge des Fortunat für die ganze Sippſchaft vorgehalten, mancher Vorwurf wäre ihm von Seiten des Sachs und Heß kaum erſpart worden. Das Glück, welches die drei Laibacher 24 Reiſebrüder bisher leidlich begünſtigt hatte, ſchien mit dem Beitritt des Fortunat plötzlich Abſchied genommen zu haben. Die vielen fahrenden Schauſpielertruppen, womit dazumal die Main⸗ und Taubergegenden geſegnet waren, ſpielten ordentlich Verſteckens mit den dramatiſchen Fechtgeſellen. Wo ſie auch eintrafen, hatte der Tespiskarren ſchon Reißaus genommen;— folglich keine Kollekte.— Die Kaffeehäuſer in all dieſen Städten und Städtchen ſpielten ebenfalls die Spröden. In dem einen wurde das Billard juſt renovirt, im Andern hauſte der Tün⸗ cher und Zimmermann; hie und da war eines geſchloſſen par ordre de justice; ein recht praktikables fanden Böhm und Fortunat ſchon von einem bärbeißigen Spielabenteurer be⸗ ſetzt, der, ein zweideutiges Bändchen im Knopfloch, und einen polniſchen Réfugié-Namen im Paß, nicht geneigt ſchien, den Platz zu räumen, wo er ſich wohl befand.— Derowegen auch kein Spielgewinnſt.— Sachs, ein uralter verdorbener Student, zapfte allerdings die Landpfarrer an; Heß begnügte ſich nicht damit; er focht verzweifelnd Alles an, was auf der Landſtraße ging und ritt und fuhr. Sogar Böhm, ein ehenliger Schreiberei⸗ Verwandter, ließ ſich herab, in Landgerichten und Rentämtern nach einer Wegzehrung umzufragen. Jedoch fleckte das alles nicht. Die Landpfarrer gaben wenig, die Straßenfahrer noch. weniger,— das Landgericht leiſtete beinahe nichts, und drohte den Vaganten noch obendrein mit Büttel und Schub. Hat wohl aber jemals der liebe Gott einen Deutſchen verlaſſen? O nein; dafür bürgt das Sprüchwort. Und ſo geſchah es, daß das Vierblättrige auch ſeinen Hafen fand in hochſter Noth.— Auf dem Wege, den die Künſtler zogen, lag ein Bad; in demſelben beſtand eine Bühnengenoſſenſchaft, die in der Regel allſommerlich, um die Bartholomäusnacht herum, in's Gras beißen mußte, wie weiland Coligny mit den Seinen.— Im Jahre der Hedſchra von Laibach jedoch war's anders. Denn irgend ein diplomatiſcher Verkehr oder irgend Höchſte oder Allerhöchſte Familienberhältniſſe hatten in dem fraglichen Bade einen wahren Fürſtenkongreß verſammelt, Höchſt⸗ welchem nach ſauern Tagsverhandlungen das Bedürfniß abendli⸗ chen Vergnügens ein dringendes wurde. Das Theater mußte natürlich herhalten, und der Direktor wurde angewieſen, große Schauſpiele aufzuführen. Begierig, einmal, der Rarität halber, den Sommer unbergantet zu überleben, ſpaunte der würdige Direktor Alles, was nur Hand und Fuß hatte, vor ſeinen Pflug— aber leider reichten überall die Kräfte nicht aus. Durchfälle und Durchgänge hatten die Reihen ſeiner Streiter bereits allzuſehr gelichtet. Bekam das kleine Mimenheer nicht ſchnell Verſtärkung, ſo beſtand es gar zu ſchlecht vor Aller⸗ höchſten Augen. Um die Kunſt todt zu ſchlagen, waren frei⸗ lich der Künſtler genug; aber es wollte vor Allem die Lange⸗ weile des Kongreſſes umgebracht ſein! Siehe: da wanderte— der Zug des Herzens iſt des Schickſals Stimme— das Kleeblatt in des Bades Alleen ein; der edle Vater fragte nun nach Geſchenk und Zehrung; ſtatt dieſer wurde ihm und den Genoſſen Arbeit geboten.— Was thut nicht die Noth? Zudem war die Arbeit ja nur kurz zugeſchnitten. Es handelte ſich um die Müh' von vier⸗ zehn Tagen. und zu dieſer Müh' bequemten ſich die Wan⸗ derbrüder. Um einen Heldenvater, einen erſten Liebhaber, 26 einen dito Spitzbuben und einen dummen Jungen(Fortunat) reicher, forderte der Direktor ſein Jahrhundert in die Schran⸗ ken, und ſetzte ohne weiteres den Tell, den König Enzio, den weiſen Nathan, und den niederländiſchen Egmont an.— „Mein Gott, wie wird das werden?“ ſeufzte Fortunat, jetzo im Angeſicht der drohenden Batterieen, ſeinem Mentor Böhm in's Ohr. Und dieſer antwortete ruhig:„Nur Faſſung, nur Muth; es werde, wie es will. Ich habe noch nie erlebt, daß ein Stück nicht ſo oder ſo zu Ende gebracht worden wäre. Selbſt am Pranger, junger Mann— sans comparaison ſei's ge⸗ ſagt— hat die Stunde nur ſechzig Minuten.—* Das war nicht der beſte Troſt. Und in der That: wahre Galgenangſt mußte Fortunat durchmachen, bis er ſeine Rollen gelernt, die Proben ausgehalten, und endlich die Entſcheidungs⸗ ſchlacht der Vorſtellung überſtanden hatte. In den genannten Stücken gibt es zwar ſo eigentlich keine Parthie für„dumme Jungen;“ Fortunat ſpielte ſeine Rollen jedoch dergeſtalt, daß das Fach, dem er ſich animproviſirt hatte, blitzſchnell überall durch⸗ leuchtete, und gar nicht zu verkennen war. Wie unbedeutend auch die Aufgaben waren, die ihm zu löſen anheimgeſtellt worden, ſo wußte er gleichwohl in eine jede irgend eine luſtige Bedeutung zu legen, und die unbefangene Ungeſchicklichkeit, mit der er ſie ausführte, gränzte nahezu an Humor. Ein Parterre von Hoheiten und Durchlauchten iſt zudem ein viel billigeres, der Erheiterung und Zwerchfellerſchütterung zugäng⸗ licheres, als ein anderes. In Hamburg oder Leipzig, vor ei⸗ nem Publikum von Kaufleuten oder Studenten wäre Fortunat etwa ausgepfiffen, oder mit Aepfeln beworfen worden; in dem 27 Bade wurde er beinahe mit Beifall belohnt, da er für das komiſche Intermezzo im langweiligen Trauer⸗ oder Schauſpiel anſpruchslos ſorgte.— Wie ſchade, daß der Neid hinter den Kuliſſen ihm den Lorbeer vergällte, den ihm der hohen Zu⸗ ſchauer Lachen und Lächeln freigebig ſpendete!—„Sie richten mir die beſten Stücke zu Grunde!“ ſchnaufte ihn der Direktor an.„Ein Heupferd wie Sie hab' ich noch nie geſehen!“ donnerte ihm bei jeder Gelegenheit der Regiſſeur in's Ohr.— „Liebſter, wie machen Sie's nur, daß Ihnen Alles ſo wohl ge⸗ lingt?“ fragten die Mitglieder boshaftiglich den armen Schelm, der's wirklich nicht beſſer machte, als er's konnte.— Und doch blieb immer die Einnahme gut, und die hohen Herrſchaften freuten ſich am Abend gerade nur auf den For⸗ tunat, und ſagten nicht undeutlich, daß Er eigentlich die Würze des Ganzen, und das übrige Alles recht ſchaal, langweilig und ungenießbar. Fortunatus litt viel.„Das iſt alſo das Glück, das mir beim Theater beſcheert werden ſollte?“ klagte er ſeinem Gön⸗ ner Böhm. Und dieſer verſetzte:„Geben Sie ſich zufrieden; ich habe ſchon ſchlechtere Anfänger geſehen, und nur die Uebung macht den Mann. Jedenfalls geht's vorüber.“ Das that es nun auch. Die vierzehn Tage vergingen, die hohen Gäſie ſchieden. Der Direktor entließ die Neuange⸗ worbnen, und ſagte zu Fortunat, ihm den Ehrenſold auszah⸗ lend:„Wenn ich wie Sie wäre, ging' ich heim, und legte mich auf's Pudelſcheeren.“— Böhm jedoch, der wiederum hart⸗ näckig ein Engagement abgelehnt, ſagte zu ſeinem Schützling: „Geh'n Sie nur getroſt weiter mit uns in die Welt hinaus 28 Sie haben ein gewiſſes Etwas an ſich, das Ihnen— ich zweifle nicht— forthelfen wird. Nur Courage!—“ Als das Kleeblart wieder auszog, ſprach Sachs ſtoptiſch zu dem Bruder Heß:„Du! was haben wir gemein mit einer arabiſchen Karavane?“— Weiß nicht; nun?—„Wir führen ein Kameel mit uns.“ „Pinchen! Pinchen! Du haſt mein Elend auf dem Ge⸗ wiſſen,“ jammerte Fortunat, der den Kameelſpaß oft verkoſten mußte, in ſeine Seele hinein.— Und er rächte ſich edel an den liebloſen Genoſſen, indem er zu Aſchaffenburg ein hüb⸗ ſches Sümmchen auf dem Billard erbeutete, das Geld in die allgemeine Kaſſe warf, und dabei nur mit mildem, etwas ſchwermüthigem Lächeln den artigen Calembvur machte:„Iſt denn mein Spiel wirklich ſo ſchlecht?“ Nun ſchwiegen die Spötter, da ſie ſahen, daß ihr Baum ſolche Früchte trug, und Böhm triumphirte. Bei'm Schmaus, der der Opfergabe Fortunats auf dem Fuße folgte, wurde von Sachs und Heß und Böhm geſtanden und bekräftigt, daß in Fortunat ein bedeutendes komiſches Talent ſchlummere, das nur zu wecken ſei, um alle Luſtigmacher auf der deutſchen Bühne weit zu überflügeln. „Hat unſer Freund nicht,— ohne es zu wollen— im Bade das heiterſte Seelenvergnügen auf die Stirne des gan⸗ zen Publikums gezaubert?“ fragte Böhm in fröhlicher Laune. —„Zugegeben;! lachte Heß: doch weiß ich Einen, der nicht mitlachte.—“ „Ich kenn' ihn;“ rief Sachs ſehr munter:„der Eng⸗ länder war's, der Lord Pimpleton, der Reiſende, der alle 29 Abende in der Eckloge ſaß, und trübe, wie die ſchwarze Nacht, auf Bühne und Parterre niederſah. An ihm war Hopfen und Malz verloren. Mein Pathos ließ ihn kalt. Böhm's Feuer ſchmolz den Eisklotz nicht. Die Schlechtekerlvirtuoſität unſers Heß indignirte ihn nicht. Die Schönheit der Heldin rührte ihn nicht. Fortunats pikante Erſcheinung prallte ab von ſei⸗ ner bocksledernen Seele.“ „Ei, das iſt wahr,“ fiel Böhm ein:„und der Menſch hat, wie ich hörte, alle Erforderniſſe im Sack, um luſtig und lebendig zu ſein. Er ſoll, ſo heißt's, ſeine Sterlings, der Kürze wegen, gar nicht nach Pfunden, ſondern nach Kilogram⸗ men zählen.“ „Was Sie ſagen!“ rief nun Fortunat:„Ich beſinne mich nicht auf den Mann. Freilich ſchwamm mir's elend trüb von den Augen, ſo oft ich hinter der Leinwandſchanze hervor an's Licht der Lampen treten mußte.—“ „Können ihn hier am hellen Tage ſehen!“ ſchrie Sachs auf, durch's Fenſter zeigend, an welchem langſam eine offne ſchwerbepackte Kutſche vorüberzog.— Der fragliche Engländer ſaß wirklich in dem Reiſewagen, ein ſteifes unveränderliches trübſeliges Geſicht, gleichſam aus Erz gegoſſen. Der Mohr auf dem Kutſchbock ſchaute nicht ſchwärzer und barbariſcher in die Welt hinaus. Und im Einklang ſagten und klagten die vier Wanders⸗ leute:„So viel Geld, und doch keine Freude? Ja, wenn wir das ſchwere Geld hätten.... Ach, ach! warum haben wir's nicht?“ 30 5. Geprieſen ſei der Mann, der alte Deutſche, der— in ſeinem Volk zwar unbekannt verblieben, und daher auch un⸗ bedenkmalt— den ſinnigen Spruch erdacht und geſchrieben: „Hab Geduld und lebe lang,“ „So geht Alles ſeinen Gang.“ Was iſt leichter, als Geduld zu haben und lang zu le⸗ ben, um dann mit Freuden zu ſehen, daß— Alles ſeinen Gang geht? Und ſo geſchah es denn auch dem vierblätterigen Kleeblatt. Die Brüder zogen rechts, ſie zogen links, ſie raſte⸗ ten, hungerten, ſchlemmten, wie es juſt kam, und über dieſen Kreuz⸗ und Queerſprüngen ging die Zeit ihren Gang neben den Wanderern, und die Zwetſchgen wurden blau, und der Herbſt trat ein: die Jahreszeit, da der dramatiſche Künſtler wieder in's bürgerliche geregelte Leben zurücktritt, um wo mög⸗ lich über den Winter darinnen zu verbleiben, als ein Mitglied eines Hof⸗ oder National⸗ oder Stadttheaters. Böhm, Fortunat und Compagnie waren mit dem Herbſt, der zufällig ein ſonnheller blauäugiger Burſche, zu Frankfurt am Main einmarſchirt, und hatten Quartier genommen in einem Gaſthauſe zweiten oder dritten Ranges, das noch vom leidigen Vornehmthun nichts wußte, und nur eines Kellners ſich erfreute, der franzöſiſch ſprach; aber wie! Das Kleeblatt hatte von zwei Gemächern im oberſten Stock Beſitz ergriffen; im erſten Stockwerk wohnten, nach Ver⸗ ſicherung des Wirths, vornehme Leute, die allerdings nicht ſelten in dem von der ſchönſten Lage begünſtigten Hotel ein⸗ 31 zukehren pflegten. Die Bedienung in dem Hauſe war treff⸗ lich, wie in einem erſten Gaſthof, und um die Hälfte billiger. Fortunat hatte am Nachmittag eine gute Erndte auf dem Kaffeehauſe zuſammenkarambolirt und mit gewohnter Uneigen⸗ nützigkeit den Ertrag in die Generalkaſſe gegeben; Sachs hatte Nachricht erhalten, daß zu Koblenz ein Engagement ſeiner warte; Heß war von einer kleinen Geldzuſendung aus dem väterlichen Hauſe erfreut worden, und Böhm hgtte, ſo zu ſa⸗ gen, aus ſich ſelber eine Munterkeit und roſenfarbige Laune entwickelt, deren eigentlichen Beweggrund kein Menſch errieth, von der jedoch die Genoſſenſchaft in Corpore ſich äußerſt wohl⸗ thätig angeregt fühlte.— Ein gediegenes Souper ſollte dieſen vier Freudigkeiten die Krone aufſetzen. Das geſchah. Bei'm Deſſert ſprach Böhm verſtändig und heiter einige Worte voll von Humor, ſich beziehend auf die baldige Trennung der ſchon ſo lange vereinten Weltfahrtsbünd⸗ ner. Lag nicht vor ihnen das Ziel, das ſie ſich geſteckt, der Rhein und die Bundesfeſtung Mainz? Sollten ſie nicht von dort ſich zerſtreuen in alle Gegenden der Welt? Und war's daher nicht ganz beſonders angezeigt, daß ſie in der Vorſtation Frankfurt den Becher der Freude kreiſen zu laſſen hätten, um darinnen aufzufangen die Perlen der Scheidewehmuth, damit ſpäter das Scheiden ſelbſt ohne Thränen ablief? Mit allgemeinem Zuruf wurde des ehrenwerthen Redners Vorſchlag aufgenommen und ſogleich zu ſeiner Ausführung geſchritten. Ein nicht zu verachtender Rheinwein ging bald im Feſtpokal von Mund zu Mund in der Runde, und— um mit dem edeln Ritter Hans von Schweinichen zu reden 32 —„ſie ſaßen gut und tranken faſt ſehr, und die reif waren, „fielen abe!“ Der zuerſt— und zwar zum erſten- auch zum letzten⸗ male in ſeinem Leben„abefiel« war Fortunat. Väter, die treffliche Trinker, haben in der Regel Söhne, die nichts ver⸗ tragen können. Fortunat war einer von den letztern. Im Räuſchchen ſelbſt war er nun gar nicht mehr zu haben. Nach⸗ dem er kurze Zeit gelacht, wie ein Affe, fiel er gleich ein paar Grade unter Null; das heißt: in's trunkne Elend, das den Beweinten weinen macht, und ſtatt ihn zum Paradieſe empor⸗ zuheben, ihn ſtürzt in den Jammer, wo nur Heulen iſt und Zähneklappern. Fortunat heulte brav, und verlangte heim zu Mutter und Großmutter, zu der Schweſter Mali und zu dem„ſchlech⸗ ten Kerl, dem Franz,“ mit dem er ſich jetzt gern auf Tod und Leben gerauft hätte; und zu der„noch viel ſchlechtern Pine,“ die ihn gejagt in Bettel, Spiel und Verzweiflung.— Und da ihm die lachenden Zechgenoſſen begreiflich gemacht, daß der Weg nach Hauſe allzuweit, ſo verfiel im Schluchzen und Weh⸗ geſchrei der arme Fortunat auf einen kürzern Ausweg, auf eine wohlfeilere und geſchwindere Heimfarth. Er begehrte ſich nemlich die Adern zu öffnen, kurz und gut, mit dem nächſten beſten Federmeſſer, da die Deſſertklingen allzu ſtumpf und un⸗ brauchbar.— Wer weiß, was geſchehen wäre, wenn der Spitzbubenſpieler Heß mit Fortunat allein geweſen? Denn ſchon zuckte der blutrothe Samiel im angetrunknen Böſewicht⸗ darſteller auf, und ſeine Rechte nach dem Meſſer, das er in der Taſche führte. Zum Glück legte ſich des Sachs edles 33 Vaterherz in's Mittel und holzte den teufliſchen Verſucher aus dem Feld; und ſodann holzte Böhm den edeln Vater aus dem Zimmer, warf den ſtöhnenden Unglücksburſchen Fortunat in's Bett, legte ſich ſelber in das benachbarte, und träumte von den ſieben Himmeln, in denen er den ganzen Tag lang herumge⸗ ſtiegen, während der ganzen übrigen Nacht. Fortunat hingegen träumte ſchwarze Träume, und ſein Erwachen fügte zur Schwermuth ihm noch die Beſchämung. „Was iſt mit mir vorgegangen? was hab' ich gethan?“ ſeufzte er gleich nach dem erſten Augenaufſchlag. Aber nach gewohnter Weiſe ſtand, wie ein Engel, Böhm an ſeiner Seite, und flüſterte ihm troſtſelig zu:„O Lieber, murre nicht und zage nicht; Du warſt nur ein weniges beſoffen,— Deine Schuld iſt abgetragen. Mir aber lächelt ein zauberiſches Glück, und Du ſollſt Dein Theil davon haben. Sachs und Heß ſind heute mit ihrer Collektenangelegenheit bei'm hieſigen Theater beſchäftigt; aber zu Homburg vor der Höhe waltet auch die mimiſche Kunſt in hoher Herrlichkeit, und mir ver⸗ rieth geſtern ſchon ein geſchwätziger Komödienzettel— o, wie lieb' ich dieſes graue Papier! ſieh' her, es iſt noch feucht von meinen Küſſen— alſo, mir verrieth der Zettel, daß meine Holdſchaft, meine Seelenfreundin, die ſchöne Selma mit einem Wort, dort drüben„vor der Höhe“ Gaſtrollen gibt. Heut' will ich hinüber, mich erquicken an der Sonne meines Lebens, tau⸗ ſend Strahlen derſelben auffangen, denn durch alle Adern glüht mir das Feuer der Sehnſucht und der Zärtlichkeit. Willſt Du mich begleiten, lieber Junge?(Fortunat hatte in der letzten Nacht mit Allen Brüderſchaft getrunken.) Ich halte Dich frei, Der Erzähler. 1847. 1wv. 3 34 — Wir ſcherzen und koſen mit der Schönſten bis in den Abend hinein... um Mitternacht ſind wir wiederum zu Hauſe. Willſt Du, mein guter Knabe?“ Der gute Knabe wollte gar gern. War doch der ſchöne klare Herbſtmorgen ſo völlig geeignet, die Nebel der verwiche⸗ nen Nacht ſiegreich aus ſeinem Hirn zu jagen. Zugleich kam über den wackern Fortunatus eine ſanfte Begeiſterung, die zu erklären iſt, wenn man bedenkt, daß er ſeiner Thränen tiefen Born bereits erſchöpft hatte, und nothwendigerweiſe wieder zu ſteigen anfing auf der Skala der Lebensluſt.— Während Böhm ſich anſchickte, noch dieß und jenes in Ordnung zu bringen, bevor er das Zeichen zum Abmarſch gab, wallte in Fortunat's Buſen eine gewiſſe freudige Strebſucht auf und nie⸗ der, die er, ſeinen Anzug ſorgfältig herputzend, in einem leiſen Selbſtgeſpräch ungefähr alſo entwickelte: „Welch' ein glücklicher Menſch iſt mein Freund Böhm! Für ihn gibt's in der Welt kein Pech und keinen Stein des Anſtoßes. Er ſchwebt dahin in der Glorie der Schönheit, der Kunſt und der Freiheit. Warum? Weil er leichtes Blut hat, und weil die Liebe bald da, bald dort ihn mit ihrem Zauber umfängt. Ach, die Liebe, die Liebe! Wie elend iſt man ohne Liebe!—— Mit welchem Eckel ſeh' ich zurück auf die bei ſchnödem Saus und Braus verpraßte Nacht! Hätt' ich mich betrunken, wenn mir Liebe lächelte? O nein, o nein! Aber das muß anders werden.. ich fühle mich gerade jetzo ſo aufgelegt zur Liebe.. ich möchte mich, auf Ehre, juſt heute, etzt, in dieſer Stunde, in dieſer Minute, ſo recht bis über die Ohren verlieben....! Sollte das nicht angehen? 35 Ach, wenn ich, meinen Freund auf ſeinem Siegeswege zum Liebestempel„vor der Höhe“ begleitend, doch auch ein Blüm⸗ chen im Graſe fände, das mir mit himmelblauen Augen ent⸗ gegenhauchte: Vergißmeinnicht. 12 Ich befinde mich in der Stadt der Rothſchilde ober all' dieſe rothſchildiſchen MWillionen, vor denen die Welt ſo großen Reſpekt hat, und die ich namentlich ſo gut brauchen könnte— ich gäbe ſie alle hin um ein beſcheidenes Liebesglück! Armer Fortunat! als ob Dir jemals ein Glück blühte! In meinen Stiefelſohlen ſind freilich wiederum die ſchönſten Löcher, aber auch mein Herz iſt zerriſſen, und in meinem Lebensgarten wuchert nur das Un⸗ glück; Mangel an Engagement, Mangel an Geld, Mangel an Liebe!“ Er trat feierlich vor den Spiegel, er warf einen prüfenden Blick in das Glas, das— weiß Gott! nicht ſchmeichelte. Er fand, daß ſein Geſicht, daß ſeine Geſtalt doch am Ende nicht ſo übel.„Die Natur hat mich wahrlich nicht vernachläſſigt; geſtand er ſich mit einiger Zufriedenheit: meine Seele iſt aber um ein beträchtliches ſchöner als mein Aeußeres. Sollte im Ernſt gar kein Mädchen auf Erden leben, das Sonntagskind genug wäre, um dieſen meinen Herzensſchatz zu errathen, um ihn zu heben? Heißen ſie denn alle„Pinchen“ und ſchauen ſie denn alle mehr auf die Batzen, als auf eines unſchuldigen Jüng⸗ lings ehrlich Antlitz und biederes Gemüth? Ach, wenn da Eine— und zwar die rechte— wüßte, welch' ein Fang an mir zu thun, wie gern ſtellte ſie ihr Netz und wie gern ließe ich mich juſt heute fangen!“ Dieſe empfindſamen Betrachtungen wurden unterbrochen, 36 da Böhm hereintrat, und„Marſch, marſch“ commandirte. Noch einen Blick in den alten goldberahmten Venezianer, noch ein heidniſches Stoßgebetlein in Gedanken zu dem noch ältern Göt⸗ terkinde Amor, und wunderbarer Ahnungen voll ſtieg Fortuna⸗ tus mit ſeinem Freunde aus dem Hauſe, über die Gaſſen— aus der Stadt. 6. Ein artiges„Klipp auf Klapp“ mag es zu nennen ſein, daß gerade an eben demſelben Morgen, und wie beſtellt in der genannten Stadt und Reſidenz Homburg vor der Höhe ein recht nettes und flinkes Schreinertöchterchen aus dem Bette ge⸗ ſprungen war, und während der Toilette, die heute länger dauerte, als gewöhnlich, mit ſich ſelber geheimen Staats⸗ und Kriegsrath gepflogen hatte, der auf folgenden Beſchluß hinaus⸗ lief: „Da Wir heute nach Gottes Fügung achtzehn Jahre, voll und rund gezählt, alt geworden find, ſo wollen Wir uns nicht „verhehlen, daß ein gemäßigter Fortſchritt auf Unſerer Lebens⸗ „bahn Uns zur Pflicht gemacht zu ſein ſcheint. Wir haben „Uns daher feſt vorgenommen, der inneren Stimme, die ſich in „Uns bemerklichſt aufgethan, einiges Gehör zu ſchenken, und n Unſerer Zukunft und der Sorge dafür Uns „zu befaſſen, als bisher geſchehen.“ Die Entſcheidungsgründe zu dieſem Beſchluß, die das ſchone Rikchen ſich noch einmal auseinanderſetzte, als ſie ſelber am Fenſter ſaß, eine leichte Arbeit zur Hand nehmend und 35 — 37 „ſpazieren guckend,“ da ſie in Perſon nicht Zeit hatte, ſpa⸗ zieren zu gehen, waren einfach, aber maßgebend. „Meine Mutter ſelig,“— ſo lautete in Kürze die Aus⸗ einanderſetzung—„hat mir wohl hundertmal erzählt, daß ſie auch nicht älter als achtzehn Jahre geweſen, da ſie ſich mit meinem Vater zur Ehe verſprochen. Dem Beiſpiel der Mut⸗ ter dürfte ich— ja, ſogar müßte ich ihm folgen, da es ein gutes iſt, und einen triftigen Grund hätte ich noch obendrein, weil mein Vater im Begriff ſteht, ſich wieder zu verheirathen, und eine Stiefmutter neben der erwachſenen Tochter erſter Ehe im Hauſe nicht gut thut.— Aber, ſo gern ich thäte, wie meine Mutter gethan, ſo gehören doch zu einer ganz gewöhnlichen Ehe ſchon zwei Perſonen, und eben die zweite fehlt mir. Ich weiß wohl— mit aller Demuth und Be⸗ ſcheidenheit müßte ich ja blind ſein, um das nicht bemerkt zu haben— daß ich nur mein weißes Händchen auszuſtrecken brauchte, und an jedem Fingerlein hinge ein luſttragender An⸗ beter: der blonde Aktuar, zum Exempel, oder der ſchwarze Krauskopf, der Forſtgehülfe, der nächſtens eine Förſterſtelle er⸗ hält; oder auch der braune Schreinermeiſter Eckart, der mir nahe genug gelegt hat, was er wünſcht,... oder endlich im Nothfall der Oberlehrer, dem meine Perſon und meine vier⸗ tauſend Gulden mütterliches Erbe gleich lieb wären;— aber, was hilft's? Mein Herz, ſo vortheilhaft es geſtimmt wäre, einem ſoliden Ehgeſpons entgegenzuſchlagen, pocht eben für keinen von den Herren, wie es pocht für denjenigen annoch Unbekannten, der ſich noch immer nicht gezeigt, als hochſtens in meinen ſtilljungfräulichen Träumen. Ach, bei ihm, dem Mann, wie 38 ich mir ihn wünſchte, ſitze ich ſo fromm und ſo vertrauens⸗ ſelig, wann er mich im Schlummer beſucht! Ich fühle mich ſo ruhig vergnügt, ſo unendlich ſicher in ſeiner Nähe! Wie ganz anders iſt's, wenn mich der Eckart anſpricht, und dum⸗ mes Zeug an mich hinplaudert, das ich gar nicht verſtehen dürfte, wenn ich auch wollte? Wie ganz anders, wenn der Förſter oder der Aktuar zu mir treten und unaufhörlich nach meinen Händen oder gar nach meiner Taille haſchen? Wie ganz anders, wenn der Oberlehrer ſich unterſteht, meine Wange zu ſtreicheln und mein Kinn zu kneifen? Da werd' ich ſcheu, da werd' ich wild, und traue gleich den Zudringlichen ich weiß nicht was Böſes und Gefährliches zu, und lieber ſpringe ich davon, als daß ich nur eine Minute länger bei ihnen bliebe! Wo aber nicht Vertrauen und Behaglichkeit, da iſt kein Glück; den Merker hab ich. Der Mann, der mich vor Scham er⸗ röthen macht, iſt nicht der, den ich liebe,. und vielleicht liebt er ſelber mich nicht einmal, wie ſich's gehört. Um's Leben gern möcht' ich gegen mein Herz ein anderes tauſchen, wie die Romanenſchreiber zu ſagen pflegen, aber Ehre muß ſein und was ſich ſchickt, muß ſein. Ich könnte ja gar nicht mehr mit Freuden in den Spiegel ſehen und Gott dan⸗ ken, daß er mich ſo hübſch gemacht, wenn ich's triebe, wie die Sängerin, der mein Vater unſern Oberſtock vermiethet hat, und zu der ſich immer der Herr Windbeutel von der Komödie ſchleicht. O pfui, das iſt ein Leben! An den Komödianten iſt doch kein gutes Haar. Einmal nur hab' ich oben an der Thüre zufällig ein wenig gehorcht.... ich will aber eine Gans ſein und ein ſchlechtes Mädchen daneben, wenn ich's 39 noch einmal thue. Die Redensarten!„Mein Kleinod! mein Seelchen! mein Aeffchen!“ o, wie eckelhaft! und dann ein Kuß, den man vor der Thüre draußen ganz deutlich hörte! Der Kuß machte mich davonlaufen. Ich dächte wohl— wenn ich jemand hätte, den ich küſſen möchte, und von dem ich mich küſſen laſſen möchte, das müßte ſo leiſe und heimlich geſche⸗ hen, daß nicht einmal mein Finettchen etwas davon merkte; ſo ſchickt ſich's allenfalls noch, ſollt' ich meinen.— Wo iſt aber mein Finettchen? wo ſteckt mein liebes Kätzchen? Gewiß liegt's wieder auf der Bank vor der Hausthüre und läßt ſich von der Sonne braten?“ Rikchen ſchaute aus dem Fenſter, und wirklich lag Fi⸗ nette, wo ſie gewöhnlich zu liegen pflegte, die blühweiße Katze. Rikchen lockte das Thier; dem Thier preſſirte es nicht, zu fol⸗ gen. Dagegen ſchoß die Sängerin mit dem entſchloſſenen Schritte, der ihr eigen, aus dem Hauſe, Federhut auf dem Kopfe, regenbogenfarbigen Sonnenſchirm in der Hand, zur Promenade oder zur Theaterprobe ſtürmend. Rikchen zog em⸗ pört das Haupt zurück. Gleich darauf jedoch, von einer an⸗ dern Seite, als wohin die hoffärtige Künſtlerin gegangen, traten zwei junge Männer in die Gaſſe, und unaufhaltſam zog's das Rikchen wieder an das Fenſter. Mit einem Blicke hatte ſie den Vordermann gemuſtert, und die geheime Stimme, die ſo laut im Menſchen redet, und von keinem andern ver⸗ nommen wird, ſchrie verwundert in ihr auf:„Ach, der ſchöne Menſch!“— Mit einem zweiten Blick prüfte ſie den Nach⸗ mann, und freudig erregt flüſterte da die Stimme:„O, der liebe Menſch!“ 40 Böhm war der ſchöne, Fortunat der liebe. Böhm ging ſiegesfreudig auf den Mädchenkopf am Fenſter zu, eroberte ihn — wie er meinte— ſo im Vorbeigehen mit einem ganz ein⸗ fachen Augenzwinkern, und fragte wichtig:„Fräulein Selma zu Hauſe?“— Mehr als die Frage brauchte es nicht, um die eroberte Provinz alſobald wieder zu verlieren. Mit gerümpf⸗ tem Näschen entgegnete Rikchen:„Die Mamſell ſind ausge⸗ gangen.“—„Grauſames Schickſal!“ fuhr Böhm theatraliſch empor:„ſo nah dem Ziele, und doch ihm ſo fern?“—„Dort um die Ecke iſt das Wirthshaus, wo ſie Komödie ſpielen;“ verſetzte Rikchen mit ſchnöder Gleichgültigkeit und ſah über Böhms Schulter weg nach dem dahinten ſtehenden Fortunat, und ließ ſich unbefangen von deſſen Blicken verſchlingen. „Ich fliege!“ rief Böhm.—„Ich bleibe indeſſen;“ ſagte Fortunat beſcheiden:„ich bin müde, die Sonne ſcheint hier ſo warm.“—„Ich bin ſeine Sonne!“ triumphirte Rikchen leiſe —„und wenn mir die Jungfer erlauben wollte, auf die⸗ ſer Bank die Rückkehr meines Freundes zu erwarten....20 „Mit Vergnügen!“ antwortete Rikchen ſehr laut, und Böhm eilte mit dem Verſprechen, bald wieder da zu ſein, hin⸗ weg. Fortunat nahm Platz neben der Katze, ſtreichelte deren zartes Fell, ließ ſich geduldig von der verſpielten Beſtie an⸗ häkeln, ankrallen, und litt, daß ſie vertraulich auf ſeinen Nacken ſtieg, und ſchnurrend hin und her ſtrich an ſeinen Lo⸗ cken, an ſeinen Wangen. „O pfui, wie unartig, Finettchen ließ ſich Rikchen vorgeblich ſchmollend vernehmen, während ſie mit ſtiller Freude ihrer Katze Spiel mit anſah. „O laſſen Sie nur das liebe Thierchen;“ antwortete Fortunat mit ſeinem gutmüthigſten Lächeln:„ich hab's ſchon ſo; Katzen, Hunde und Kinder laufen mir immerdar zu.“ „Der herzige Menſch!“ dachte Rikchen, und verſtohlen über die Nähterei zum Fremden hinabſchielend, ſetzte ſie ihren Gedanken die lauten Worte bei:„Sie wiſſen ſchon, die Kin⸗ der und die Thiere, wer ſie gern hat.“ Da auf dieſes nun Fortunat keine Silbe erwiederte, mußte das Mädchen ſchon fortfahren:„Wollen Sie nicht ein bis⸗ chen eintreten, mein Herr? Die Sonne brennt doch gar zu arg in die Straße herein.“ 3 Das war einmal ein Schlagwort für den ſehnſüchtigen Mimen. Im Nu hatte er gehorcht, und ſaß ſeiner plötzlichen und ganz geheimen Liebe gegenüber. Eine Minute lang war die Unterhaltung ſtumm. Man ſchaute ſich gegenſeitig durch und durch. Nachdem dieſes geſchehen, und Rikchen inne ge⸗ worden, daß ſie wirklich ſo behaglich und ruhig neben Fortu⸗ nat aushalten konnte, als wie nur jemals, wann der bewußte Herr ſie im Traume beſuchte, hob ſie an mit dem Munde zu reden, ſtatt mit den Augen. „Kommen Sie heute ſchon weit her, weil Sie ſo müde?“ —„Nur von Frankfurt; auch bin ich gar nicht ſo müde, aber ich blieb gern bei Ihnen, da Sie es erlaubten.“ Rikchen horchte ſchweigend und ſtudirte wiederum in Fortunat's Antlitz, welches aber ſo unbefangen und ehrlich drein ſah, daß, wenn auch vielleicht die Jungfer ein bischen erröthete, dieſes doch nicht von ihr bemerkt wurde. —„Ich bin viel lieber hier, als im Theater unter den 42 fremden Leuten. Sie kommen mir gar nicht fremd vor, beſte Jungfer. Dürfte ich, ſo wiche ich gar nicht mehr von dieſem Plätzchen.“ „Sie machen Spaß. Die Theaterdamen ſind ganz an⸗ dere Geſchöpfe, als wir arme Bürgersmädchen.“ „Das ſind ſie allerdings, wenn ſchon in einem anderen Sinn, als Sie meinen, beſte Jungfer; eben darum ſitz' ich hier ſo gut.“ „Der liebe Menſch!“ ſeufzte da abermals das Herzchen der guten Friedericke. Auch ſie ſaß da ſo gut! ihr war ſo himmliſch⸗ ſo ſelig⸗ ſo— wie die Schwarzwälder ſo maleriſch ſagen— ſo vögeliswohl! Mit flüſternder Vertraulichkeit bog ſich Rikchen zu For⸗ tunat herüber:„Nicht wahr, Ihr Freund iſt ein Komödiant?“ —„Sie haben's getroffen.“ „Nicht wahr.. lieber Herr— Wie heißen Sie?— —„Fortunat. Fortunatus Frank.“ —„Nicht wahr, Herr Fortunat, Sie ſind kein Komd⸗ diant? Nicht wahr, nein?“ —„m. hm, hm ich denke doch ich ſollt's wenigſtens werden.“— „O weh! ach um Gotteswillen, thun Sie das c ich bitte Sie recht ſehr— thun Sie nur das nicht.“ —„J, warum denn nicht?“ ſtammelte Fortunat ver⸗ legen. Und immer eindringlicher flüſterte das Mädchen:„Wenn ich Ihnen ſagte, Sie möchten es mir zu liebe nicht thun, ſo wäre das närriſch und Sie würden mich auslachen,. aber — — 43 Ihnen ſelbſt zu liebe laſſen Sie's bleiben... Sie ſcheinen ſo gut, ſo ehrlich, ſo brav.. laſſen Sie die Komödie fah⸗ ren. Bleiben Sie lieber bei Ihrer Profeſſion. Sie haben doch eine Profeſſion gelernt?“ „— Um wirklich ehrlich zu ſein, muß ich ſagen, daß ich keine recht gelernt habe. Ich bin ein Unglücksvogel von Haus aus, und ſaß auf mehr als einem Zweige, und konnte doch auf keinem mir ein Neſt bauen.“ Nachdem er offen und gerade dem Rikchen einen Abriß ſeines Lebens gegeben, verſetzte das Mädchen mit feuchten Au⸗ gen:„Sie dauern mich doch recht. Ob ich Ihres Vertrauens werth bin, weiß ich nicht. Es kommt mir wie ein Traum, wie ein Wunder vor, daß ich jetzo Alles von Ihnen weiß.. Wir ſind auf einmal ſo bekannt worden....! ſchickt ſich denn das für ein Mädchen? Wildfremd, und kaum zum erſtenmal geſehen, und ſchon....“ Siehe: da ſtand Böhm auf der Bank vor dem Hauſe, und redete in die Stube herein:„Du haſt, wie's ausſieht⸗ hier Quartier bezogen, lieber Freund? Ich gratulire. Aber mir iſt's noch nicht gut ergangen. Erſt jetzt hab' ich erfah⸗ ren, daß Selma mit Bekannten auf die Mühle ſpaziert iſt, um dort zu Mittag zu ſpeiſen. Ich werde ſie draußen über⸗ raſchen.“ Zögernd ſtand Fortunatus auf, den Freund zu begleiten. Rikchen hatte ſich bei Vöhms Erſcheinen, ihre Verlegenheit zu verbergen, an den Kaſten geflüchtet, und kramte darinnen, ohne recht zu wiſſen, was ſie that. „Beim Licht beſehen,“ fuhr Böhm mit gedämpfter Stimme 44 fort,„dürfte beſſer ſein, wenn ich mich dort allein einfinde. Ich habe allerlei Vorahnungen.... Vermuthungen, die meine gute Laune beeinträchtigen.... Wenn Du indeſſen Dir's in jenem Gaſthauſe behagen ließeſt... 2 Bei guter Zeit wäre ich wieder zur Hand und führte Dich der ſchönen St vor 4 Dem Fortunat fiel ein Stein vom Herzen. So war doch die Möglichkeit vorhanden, entweder noch länger bei Rik⸗ chen zu verweilen, oder doch noch einmal ſie zu ſehen und zu ſprechen.—„Wenn ſie mich einlüde, noch zu bleiben?“ fragte er ſich hehlings. Aber Rikchen machte keine Anſtalt hiezu. Unthätig ſtand ſie, gleichſam den Abſchied des jungen Mannes abwartend, vor dem Kaſten, und ſah ſteif vor ſich hin. „Komm!“ befahl Böhm.—„So muß ich denn gehen, liebſte Jungfer;“ ſprach Fortunat mit unſicherer Stimme: „ich danke ſehr für alle Freundlichkeit, die Sie mir erwieſen.. und leben Sie wohl... recht wohl.... will's Gott, auf Wiederſehen!“ Er bot ihr ſeine Hand. Sie gab ihm ungeziert die ihrige. Er drückte zärtlich dieſe kleine weiße Hand, die zwar leiſe zitterte, aber den Druck nicht erwiederte.—„Adje, mein Herr;“ war Alles, was Rikchen ſagte.. Jedoch, nachdem Fortunat zur Thür hinausgeſchwankt, und noch zum Fenſter herein einen Blick geworfen, der da zeugte von ſeiner Lieb' und Wehmuth, holte Rikchen tief Athem und ſagte ſtill für ſich mit gefalteten Händen:„Gott ſei Lob und Dank, daß er hinweggegangen noch zur rechten Zeit. Ich glaube wahrhaftig, daß nicht viel gefehlt, und ich wär' c 45 ihm ohne weiteres zu guterletzt um den Hals gefallen. Der liebe, liebe Menſch!“ 7. Es iſt poſſierlich, wie bisweilen die Liebe Einen zum Schalk ſtempelt, der von Natur durchaus keiner iſt. So den Fortunat, der liſtigerweiſe und mit Fleiß ſein Schnupftuch in Rikchens Kammer liegen gelaſſen, blos um das Vergnügen zu haben, es wieder abholen zu dürfen.— So auch das unſchuldige Rikchen ſelbſt, das gar nicht daran dachte von ferne, dem„lieben Menſchen“ das Sacktuch, welches bald von der Jungfer gefunden worden, in ſein Gaſthaus nachzuſchicken. „Er wird ſchon kommen, es abzulangen;“ meinte ſie lächelnd.—„Und wenn er nicht käme,“ ſetzte ſie ernſthafter hinzu,„ſo iſt's doch wenigſtens ein kleines Andenken,... und wer weiß, was ſich etwa noch an das Tüchlein knüpft? Der arme hübſche Landläufer! wie manche Thräne hat er viel⸗ leicht in dieſes Tuch geweint? wie viele Schweißtropfen hat er nicht etwa auf ſeiner ſauern Wanderſchaft mit dieſem Tuch von ſeiner klaren Stirne gewiſcht 2* Es iſt gewiß und wahr, daß bei dieſen Worten Rikchen das bunte Tüchlein küßte, und es an dem rechten Ort, an ihrem Buſen verbarg. Eben ſo richtig, daß ſie recht oft aus dem Fenſter lugte, ob nicht Nachfrage käme; eben ſo wahr, daß in der That— kaum war eine halbe Stunde verſtrichen, und Böhm nach der bewußten„Mühle⸗ abgefahren, der Ver⸗ lierer des Tuchs ſchüchtern die Straße daherzog, um zu ver⸗ nehmen, ob ſein Eigenthum eine ehrliche Finderin gefunden. 46 Ihn kommen ſehen, und das Fenſter gleichſam bösartig verſchließen, die Stube verlaſſen und gleichfalls verſchließen— das that Rikchen im Nu. Was hatte ſie vor?— Fortunat, der ſie in den langen düſtern Hausgang langſam einwandeln ſah, huſtete und pſt'tete nicht wenig, ohne ſie zum Stehen zu bringen.... er folgte ihr endlich auf den Zehen, flüſterte ein holdſeliges„Mamſell Rikchen! Jungfer Rikchen“ nach dem andern.... ſie drehte nicht den Kopf, hörte nichts, merkte nichts, ging immer weiter. Da.... da bog ſie rechts ein, wo helles Sonnenlicht in den finſtern Gang ſchlug... Fortunat bog ihr nach. da ſtand er im kleinen Gärt⸗ chen des Hauſes, das nur von blinden Feuermauern eingefangen, und Rikchen ſchaute plötzlich um, that einen kleinen Schrei, und dolmetſchte denſelben gleich mit den Worten:„Ach, wie haben Sie mich erſchreckt!“ Erſchrockener als Rikchen war Fortunat jedenfalls, den Hut zerknüllend, mit den Füßen ſcharrend, huſtend, ſeufzend, ſtotternd, bis denn endlich wohl oder übel der angebliche Grund ſeines Wiedererſcheinens vorgebracht war.— Rikchen lächelte nun gnädig.—„Ihr Tuch iſt in den beſten Händen,“ ſagte ſie, und ſetzte ſich in der Laube nieder, die zwar ſchon roth 8 vom Herbſte, aber doch noch blätterreich und traulich.— Diesmal ſaß Fortunatus ihr zur Seite und ſie hatte nichts da⸗ gegen. Immer noch war ihr wohl neben dem jungen Mann, noch etwas wohler ſogar, als in der Stube. „Eigentlich,“ hob ſie an,„iſt's beſſer, daß der Zufall C0 es'alſo gefügt, daß Sie mich hier im Garten überraſch⸗ ten. Wir haben böſe Nachbarn. Ein altes mißgünſtiges 47 Weib, ein ſchwind⸗ und klatſchſüchtiger Weber ſehen uns ge⸗ rade in's Fenſter. Der Himmel mag wiſſen, welche Gloſſen dieſe Leute ſchon über das Viertelſtündchen Ihres erſten Be⸗ ſuchs bei mir gemacht haben. Was würden ſie erſt trätſchen, wenn ſie wüßten, daß Sie mir noch ein zweitesmal die Ehre ſchenken?“ Von den hellen fragenden Augen des Mädchens fühlte ſich Fortunat aufgefordert, zu antworten.—„Ach, lieber Him⸗ mel!“ betete er im Stillen:„nur diesmal laß mich keine Dummheit reden, keine Abgeſchmacktheit!!— Und der Him⸗ mel gab ihm ein, geradezu, wie ihm der Schnabel gewachſen, zu ſprechen. So ſagte er denn: „Ich denke nicht, daß die ſchlimmſten Nachbarn Ihnen Böſes zuzutrauen im Stande ſind. Wer endlich würde ihrer Verleumdung Glauben beimeſſen 2“ Mit dankbarem Blick entgegnete Rikchen:„Sie kennen das Geklatſche in kleinen Städtchen noch nicht.“(NB. damals war Homburg noch lange nicht ein Badort und Haſardſpiel⸗ platz und fremdländiſcher Weltfahrer Stelldichein, wie heute.) „Ihre Vaterſtadt,“ fuhr Rikchen fein lächelnd fort,„iſt, wie ich gehört und geleſen, Klein⸗Paris gegen dieſes Neſichen. Meinen Sie, daß es mir dort gefallen würde?“ „O gewiß;“ verſetzte Fortunat ſchnell und begierig: „Wo man ſelbſt gefällt— und gefallen würden Sie allen meinen Landsleuten— da weilt man gerne.“ „Hm, was Sie ſagen!“ machte Rikchen mit aufgewor⸗ fenem Munde. Dann ſpielte ſie wie nachdenkend mit dem Schlüſſel an ihrem Schürzenbande.... nach einer kleinen 48 Pauſe aber ging's weiter, ſo unbefangen, als möglich:„Ich muß bekennen, daß ich an dieſer meiner Heimath wenig ver⸗ lieren würde, wenn ſie mir abhanden kommen ſollte. Ich lebe gar einſam. Die Mutter ſtarb vor anderthalb Jahren... der Vater iſt gewöhnlich, ſo wie heute, mit den Geſellen aus⸗ wärts auf Arbeit, kommt erſt am ſpäten Abend heim.... nur eine alte, halbblinde und nicht wenig taube Magd hält mit mir Haus.44 Ach, wie ſo leicht wurde dem Zuhörer jetzt um's Herz! „. Das iſt ſchon recht fatal„ ich bin noch obendrein in der Lage, noch eine fatalere Zukunft zu fürchten. Ich ſoll eine Stiefmutter bekommen.... denken Sie ſich das! Und ich bin doch ſelbſt ſchon erwachſen, habe etwas Vermögen, viertauſend Gulden achtzehn Jahre bin ich eben heute alt geworden....“ „Wie, was? Ihr Geburtstag? heute Ihr Geburtstag?“ rief Fortunat, und ſprang wie elektriſirt empor:„Liebſte, beſte, ſchönſte Jungfer, mit wie vieler Freude wünſche ich Ihnen Glück zu dieſem Feſte! Aus vollem Herzen geht der Glück⸗ wunſch, daß Ihnen nur Heil und Segen fortan auf Ihrem Le⸗ benswege entgegenkommen möchten! Ach.. und.. verzeihen Sie mir doch, daß ich ein gar ſo blutarmer Teufel bin das Beſte und das Schönſte in der Welt— wenn ich's nur beſäße— ſollte Ihnen gewidmet ſein als ein Geſchenk von mir! Was habe 3 jedoch anders als eben nur Worte, an deren Aufrichtigkeit Sie vielleicht nicht einmal glauben?“ Wopauf das Mädchen, ſichtbar gerührt, ihm die Hand reichte, und mit weicher Stimme ſagte;„Sie wiſſen nicht, 49 wie gern ich Ihnen glaube, beſter Fortunat. Es wäre für mich ein Unglück, wenn ich Ihnen mißtrauen müßte!“ Diesmal gab's einen Händedruck, einen ſchier zärtlichen, von beiden Seiten. Fortunati Wanderflügel waren ihm völlig abgeſengt.—„Wie ſoll ichs anſtellen, von Ihnen zu ſcheiden?“ fragte er mit Thränen. Und da er dieſe Thränen mit dem Ermel abtrocknete, zog Rikchen das Tuch hervor, und ſprach, ihm es zitternd überreichend:„Ich hatte ja ganz vergeſſen, Ihnen das Gefundene wieder zuzuſtellen?“ Da nun Fortunatus ſah, aus welchem Verſteck das Tuch gezogen worden, überkam ihn ein noch nie empfundnes Ent⸗ zücken, und das Tuch beinahe verſchlingend mit Küſſen, ſtam⸗ melte er:„O, wie heilig wird mir jetzo dieſes Gewebe ſein! Das herrlichſte Andenken an einen Engel, den ich gefunden... leider, um ihn wieder zu verlieren....“ „Wenn jetzo Ihr Freund käme, Sie abzurufen?“ ſagte Rikchen mit ängſtlicher Haſt. „Nicht doch, nicht doch!“ fiel Fortunatus ein:„Ich zweifle nicht: ihm iſt jetzt wohl in ſeines Liebchens Nähe; er wird mir noch einige Friſt gönnen, bevor... o mein Gott! wie kann ich denn von Ihnen mich trennen?“ Ihn zu tröſten, legte ſich wieder Rikchens Hand in die ſeine, und vertraulich ſagte ihm das Mädchen:„Ich fürchte, daß Ihr Freund eiliger wiederkehrt, als Sie wohl denken. Der Herr iſt betrogen; die Sängerin— ich weiß das— hat einen Liebhaber,.... ſie iſt nicht treu, ſondern falſch wie Galgenholz. O, wer da kann, der hüte ſich vor ſolchen Weibern!“ Der Erzähler. 1847. w. 4 50 Rikchen, von einem peinlichen Gedanken überraſcht, ſchluchzte plötzlich hoch auf, und ſeufzte:„Wie ſchade, daß auch Sie in derlei Schlingen fallen werden! Das thut mir weh. Sie ſind ein ſo guter, braver, lieber Menſch.....4 „Rikchen, Sie glauben.... wär's möglich, daß....“ rief Fortunat, ſein Glück erſt jetzt recht ahnend. „Wenn Sie bei der Komödie verdorben würden,“ ſchluchzte das Mädchen weiter,„dann wollte ich, daß ich Sie nie ge⸗ ſehen, nie gekannt hätte..... Ich bin ja gerade wie verhert. und wie bald werden Sie meiner lachen und ſpotten? Denn bei den Komödianten iſt nur Falſchheit zu lernen. Da heucheln ſie auf den Brettern Liebe und Tugend, Haß und Luſtigkeit.... und das Heucheln wird ihnen dann zur andern Natur, und alle Bravheit und Unſchuld geht darüber zu Grunde. 14 Nach dieſen kummervollen Worten ſank Rikchens S an Fortunati Achſel, und er umfaßte die Klagende, und rief ihr, ſie zu ermuthigen, in's Ohr:„Soll ich Ihnen geloben und beſchwören, daß ich das Theater aufgebe, wenn Sie es wünſchen, und wenn...—“ Mit freudig offnen Augen richtete ſich Rikchen auf, und fragte erwartungsvoll:„Und wenn.... 2“ „Und wenn ich hoffen darf, Ihnen werth zu ſein, und zu bleiben, und dereinſt Ihnen näher— ja ganz nahe an⸗ zugehören?“ n Fortunat mit furchtſam geſenkten Wimpern ſeine Rede. Kaung vernehmlich, aber entſchloſſen erwiederte nach kur⸗ zem Beſinnen Rikchen:„Wir haben uns ſo wunderbar 51 gefunden.... der heutige Tag— ich fühl's— iſt ein bedeutender für mich geworden... wenn Sie wirklich der Komödie den Abſchied geben wollen, und einen Beruf an⸗ treten, der den Mann nährt....“ „Und ſeine Frau“— ſchaltete Fortunat ein. „.... So will ich nicht, daß Sie mir umſonſt ge⸗ folgt haben ſollen; und ich werde ein halbes— ja ein ganzes Jahr vertrauenvoll erwarten, was Sie, um mich vor der Stiefmutter und von dem klatſchſüchtigen Städtchen zu retten, im Sinne haben zu thun.“ „Wahr? wahr? gewiß? auf Ehre wahr?“ jubelte Fortunat außer ſich.—„Lieber Fortunat, ich lüge nicht;“ verſetzte Rikchen klaren Angeſichts und gab den Handſchlag. „Ach, dieſe Hand!.... und— Rikchen, ſei mir gnädig — noch irgend ein Pfand zu dieſer Hand!“ „Ein Pfand...20 Das Mädchen, ohne den Geliebten anzuſehen, ſuchte haſtig in der Schürzentaſche, reichte ihm, ſtets noch weggewendeten und berſchämten Antlitzes eine niedliche kleine Scheere, und beugte dann zu ihm den Kopf, voll von ſchönen Locken, nieder. Gewandt und beſcheiden erndtete Fortunatus eine kleine Locke ein. Wie ein Blitz raubte ihm Rikchen eben eine der⸗ gleichen. Hierauf folgte natürlich der erſte Kuß und juſt zur ſelben Friſt rief der alten Magd Paradieſeswächterſtimme aus dem Küchenfenſter:„Jungfer Rike, wo ſteckt Sie denn? das Eſſen iſt fertig!“ Und zu einem Thürchen, durch welches in's Freie zu gelangen war, ohne das Haus wieder betreten zu müſſen, drängte 52 den Verlobten die Braut— und ſo hatten beide die Liebe und das Glück gefunden, wie ſie es am Morgen deſſelben Tags ſo ſehnlichſt gewünſcht. So geht's zuweilen. 8. Schon am frühen Nachmittag waren die beiden Freunde auf dem Rückmarſch nach Frankfurt. Die von Böhm prophe⸗ zeiten Abendfreuden in Homburg waren zu Waſſer geworden. Fortunat ſchwebte, ſtiller Beſeligung voll, wie ein leichter Vogel auf der Chauſſee dahin; voll von Zorn und Gram ſtürmte neben ihm der Schauſpieler von dannen. Fortunat's Herz wäre gern übergegangen, obſchon er ſich dachte, beſſer ſei's vor der Hand zu ſchweigen; zum Glück ließ Böhm ſeiner eignen Zunge dergeſtalt den Lauf, daß Fortunat gar nicht zu Wort kam.— Wie Rikchen ganz richtig vorausgeſagt, war Böhm hinter Dinge gekömmen, von denen ſeine eitle Seele ſich nichts hatte träumen laſſen. Er hatte ſich überzeugt, daß Selma ihn bergeſſen, einem Nebenbuhler aufgeopfert. Das Wiederſehen war nicht ſüß, wohl aber herb geweſen, und in eine Othelloſcene ärgerlicher Natur ausgeartet; es war zwiſchen der Primadonna, dem glücklichen Nebenbuhler und dem hinter⸗ gangenen Böhm nicht einmal bei harten Worten geblieben: Ohrfeigen und dergleichen waren ausgetauſcht worden, und im bittern Gefühle ſeiner Niederlage donnerte und wetterte der Verſchmähte alle Blitze und Sternſchnuppen auf das Haupt des geſammten ſchönen Geſchlechts herab, und ſothaner Sturm und Feuertegen hörte gerade nur vor der Thüre der Frank⸗ furter Herberge auf. 53 Der gewaltſamen Aufregung des gedemüthigten Exlieb⸗ habers folgte natürlich Abſpannung und Ermattung.—„Ich will mich zu Bette legen;“ ſchnaubte Böhm:„ich will allein ſein. Dein gleichgültig Geſicht, Fortunat, gibt mir Aergerniß. Du biſt ſo ruhig und ſo heiter, als ob Du Dich labteſt an meinem Mißgeſchick. Mache Dich alſo davon.„ vor dem nächſten Morgen will ich kein menſchlich Antlitz mehr ſehen. D Menſchen, Menſchen, falſche heuchleriſche Krokodillenbrut! Fortunat gehorchte gern dem rauhen Befehl, und verließ das oberſte Stockwerk, wo das Zimmer der Freunde, um im Speiſeſaal des Hauſes, einem erquickenden Abendeſſen gegenüber, ſeines Tages Glück nach Gefallen wiederzukäuen, und die Ge⸗ ſundheit ſeiner Braut in einem edeln Wein zu trinken. Jedoch — eben weil er durchaus verſunken in ſeiner unverhofften Seligkeit, paſſirte ihm, daß er, ſtatt in das Erdgeſchoß hinab⸗ zuſteigen, im erſten Stockwerk, wo die Gemächer der vornehmen Gäſte belegen, ohne Umſtände einfiel, in der Meinung, den Speiſeſaal ſchon erreicht zu haben. Siehe: ein elegant ausſtaffirtes Zimmer, von hellem Ker⸗ zenſchein erleuchtet— eine von Silber ſtrotzende Tafel, hau⸗ chend würzigen Duft der Speiſen, und an dieſer reichen Mahlzeit, im bequemen Armſtuhl, ein einziger Mann, noch obendrein im Begriff, ſeine Rechnung mit der Zeitlichkeit unwiderruflich ab⸗ zuſchließen: denn er hatte, wie der ſelige Werther, einer Piſtole Mündung zwiſchen die Zähne geſteckt, und in dem Augenblick, da Fortunat ſo raſch und ungemeldet in die Thüre platzte, drückte auch der Mann im Armſtuhl ſeine Waffe los,„. das Pulver brannte aber von der Pfanne, und mit einem 54 altbritiſchen Fluch, den Dampf von ſich puhſtend, ſchrie der am Selbſterſchuß gehinderte Mann dem Fortunat entgegen: „Was will Er? Was macht Er hier?“ Indeſſen war aber auch ſchon Fortunat mit einem Sprung an der Tafel, bemächtigte ſich beſonnen der Piſtole, die verſagt hatte, ſo wie einer zweiten, die als Reſerve auf dem Tiſche lag, und ſprach zu dem wildthuenden Gaſt:„Ich will Ew. Gnaden, oder was Sie ſonſt ſind, an einem thörichten Streich hindern, und Gottlob, ſchon iſt's geglückt. Das erſte Glück, das ich auf dieſer Welt gehabt!“ Es war ſchön von dem Fortunat, daß er in ſeiner men⸗ ſchenfreundlichen Vewegung, ja Erſchütterung, ganz und gar ſeines Liebesglücks bergeſſen hatte, um ſich nur der Rettung ſeines Nächſten zu freuen. Dieſer Nächſte— niemand anders, als der ſchon bekannte Lord Pimpleton— entgegnete barſch, und niedertauchend in den Armſeſſel, von dem er nach dem Verpuffen des Zündkrauts aufgetaumelt:„Das iſt, weiß Gott, auch das erſte Unglück, das mir auf dieſer Welt begegnet!“ Ein kurioſer Menſch! dachte Fortunat: aber darum ein Engländer;... was kann man da ſagen!— Und laut ſprach er zu dieſem, ſeinem erſten Engländer — er hatte noch bis daher keinen in der Nähe geſehen—: „Wenn Sie das ein Unglück nennen, daß Sie jetzo vom Tode errettet wurden... 30 „Setzen Sie ſich;“ unterbrach ihn Pimpleton, und ſchob ihm einen Stuhl zu:„trinken Sie ein Glas Wein mit mir. Ich will Ihnen in Kürze ſagen, was Sie vielleicht nicht ver⸗ 55 ſtehen werden.aber dennoch ſag' ich's Ihnen. Sie ſind, wie mir vorkommt, ein armer Schlucker und haben, wie Sie nicht läugnen, viel Unglück gehabt? Well. Sie ſind aber juſt deswegen ein Glückskind, denn Sie haben Zuſtände durch⸗ gemacht, und Gemüthsſchwingungen erfahren, die ich leider nur aus Romanen kenne, und deshalb war ich bis zu dieſem Tage der unglücklichſte Menſch auf der weiten Erde. Was heißt denn„leben“ überhaupt? Alles erſchöpfen, was das Leben zu leiſten vermag; und dazu gehören ohne Widerrede Leiden und Widerwärtigkeiten, Hinderniſſe und Unfälle. Mit einem Wort: der Teufel muß dann und wann im Menſchenleben los ſein, oder es wird ſchal und ekelhaft, wie eine ſüße Mirtur ohne bittres Korrektiv. Und ich habe bis dato— bis in mein fünfzigſtes Jahr— Syrop geſchluckt, und nichts als Syhrop; ſtellen Sie ſich vor, wie ich mir den Magen verdorben habe! und die Bleipille, die ich, ein Ende zu machen, einneh⸗ men wollte, ging nicht hinunter, und die zweite, ſo ich in Vorrath hatte, haben Sie mir ſo zu ſagen unter den Zähnen weggenommen!— Item: es iſt geſchehen und bielleicht zu meinem Beſten. Das erſte Desappointement in meinem Leben habe ich heute erfahren, und wenn deren, da nun einmal die Bahn gebrochen, mehrere ſich einſtellen ſollten, ſo kann ich vielleicht im Herbſt meiner Tage noch paſſabel glücklich werden. Was zahle ich Ihnen für den Dienſt, den Sie mir geleiſtet?“ „Mein Herr... 7“ rief Fortunat, etwas beleidigt.— Pimpleton trank jedoch ruhig ſeinen Champagnerkelch aus, und fuhr fort:„Nur keine falſche Empfindlichkeit. Das kenne ich nicht. Sie meinen, von mir einen großen Dank verdient 56 zu haben? Well. Ich will's gelten laſſen, allein ich ſchleppe nicht gern eine Laſt von Dankverbindlichkeit mit mir herum. Ich will die Sache abmachen. Ich kann Ihnen nicht mein Herz ſchenken, ich ſchäme mich, mit leeren Floskeln meine Schuld zu bezahlen... ich armer Schelm habe nichts als Geld, und dieſes, armer Junge, können Sie brauchen. Alſo: wieviel?“ „Mein Herr, Sie ſpannen mich boshafter Weiſe auf die Folter;“ verſetzte Fortunat, heftig gekränkt:„Hab'ich das um Sie verdient? Ich dächte....“ „Mein Freund,“ fiel ihm Pimpleton eiskalt in's Wort: „Ich frage ja eben, wie viel Sie an mir verdient haben? Sie ſind ein deutſcher Kreuzkopf, der mir in einem Athem meine Schuldpflichtigkeit vorwirft, und dennoch mit Uneigennützigkeit prahlt. Da; trinken Sie Champagner, kommt Ihnen wohl ſelten vor? Eſſen Sie auch von dieſer Wildpaſtete; Sie ſcheinen hungrig zu ſehn. Machen Sie ſich's bequem an dieſem Tiſch, der ſich in eine Geburtstagtafel verwandelt hat, obſchon ich meinte, er trüge meinen Leichenſchmaus auf ſeinem Rücken.— Was, zum Henker, ich vermuthe gar, Sie wollen ein Thränchen weinen? Puh! Thränen im Auge eines jungen Burſchen, der das Glück hat, unglücklich zu ſeyn? Da iſt Wein... da, ſtoßen Sie an,.... laſſen Sie keck die naſſe Wehmuth in den Sillerh fallen... haben Sie nichts Liebes in der Welt, auf deſſen Geſundheit Sie trinken möchten?“ Eine lichte Röthe überfuhr Fortunats Wangen. Seines Rikchens gedenkend, ſtieß er an, und trank den Kelch mit Pimpleton's“ Wein und ſeinen eignen Zähren gefüllt, bis auf den Grund aus. 57 „Das hat einem Mädchen gegolten; bemerkte der Lord: ich wette noch obenein, einer unglücklichen Liebe, deren Ziel in weiter Ferne?“—„Sie haben das errathen;“ verſetzte Fortunat freudvoll und leidvoll. „O Sie Glücklicher;“ pries Pimpleton begeiſtert:„Zehn Indiafahrer mit Rupien belaſtet hätt' ich einſt gern hingege⸗ ben, um das ſelige Weh einer gepeinigten Liebe zu genießen! Wo ich geworben, iſt immer„Ja“ geſagt worden; wo ich angeklopft habe, wurde mir jederzeit aufgethan. Nicht zu einem Seufzer bin ich gekommen,.... ich brauchte nur zu wünſchen und mein verdammtes Unglück apportirte mir alles, wie ein ſklav'ſcher Hund!— Und ſo in allen Stücken von der Wiege an. Kaum ſpürt' ich Hunger, und ſchon war der Tiſch gedeckt. Nur flüchtig dacht' ich an eine Reiſe— flugs war der Wagen da, das Schiff da, und nicht einmal iſt der Wagen gebrochen, nicht einmal geſcheitert das Schiff. Ich legte mich in ein Neſt von Skorpionen, und ſchlief, wie im kühlſten Bette; aus Wäldern, wo Banditen ſo viele als Bäume, kamen mir nur Lämmer entgegen. Ich warf das Geld aus dem Fenſter, um nur arm zu werden,— da kamen Erbſchaften und Gewinnſte die Menge. Die Karte, die ich beſetzte, ſchlug immer ein; keine Wette hab' ich je verloren... nicht zur mindeſten Krankheit konnt' ich's bringen,... und ſo weiter und ſo weiter...! Herr, iſt das nicht ein Leben zum Da⸗ vonlaufen, zum Aufhenken, zum Todſchießen? ohne Hoffnung, ohne Streben, ohne Wagniß und Furcht, ohne Schwanken, ohne Wandel.. kurz, ohne Salz und Freude? Deßhalb wollte ich mich heute wirklich todt machen, und rechnete dergeſtalt, 58 wie immer, auf das Gelingen dieſes Geſchäfts, daß ich nicht einmal die Thüre verſchloß da kam das Unglück in Ihrer glücklichen Perſon und machte einen Strich durch meinen Plan, und je mehr ich's bedenke, um ſo mehr meine ich, daß mein Leben eine neue Wendung genommen hat, und daß ich noch das Beſte hoffen darf.“ Ein kurioſer Menſch! dachte abermals Fortunat, der, um eine gewiſſe Haltung zu behaupten, ſich wirklich an die Wild⸗ paſtete gemacht hatte, und den Sillerh nicht ſchonte, weil's die Geſundheit der Geliebten galt. Plötzlich wurde ihm aber ſo roſig vor dem Gehirn, daß er ſich ohne Säumen den Zügel anlegte.— Wärſt Du nicht etwa wieder geneigt, ein Räuſch⸗ chen zu trinken, du Schlemmer? fragte ihn ſeine Seele mit bit⸗ term Spott. Und ſtracklich ſtand er auf, zum Engländer ſprechend: „Da ich Sie alſo wohlgemuth reden höre, ſo darf ich wagen, Sie zu verlaſſen. Erlauben Sie jedoch, daß ich dieſe Waffen in den Kaſten da verſchließe und den Schlüſſel zu mir ſtecke. Morgen am hellen Tage liefere ich denſelben Ihnen wieder aus.“ Er that, ſo wie er ſagte, und Pimpleton ſah ihm lächelnd zu, und hob dann ſeinerſeits an:„Sie gefallen mir, Herr, und wir ſollten noch nicht von einander ſcheiden. Wären Sie geneigt, unten ein Glas Punſch zu nehmen, und einige Par⸗ thieen Billard mit mir zu ſpielen?“ „Für's erſtere danke ich; das letztere nehme ich an.“ „Gut. Ich ſuge Ihnen aber zum voraus, daß ich— im Grund ein ſchlechter Spieler— noch nie eine Parthie verloren habe“ „Gleichviel. Es wird uns beide zerſtreuen.. und von dem Auftritt hier kein Wort vor den Leuten.“ 59 „Well. Sie ſind ein ehrlicher Mann, Herr.“—— Und ſie gingen in den Billardſaal, und Fortunat machte es mit dem Engländer, wie mit Böhm und andern— und ſchmierte ihn aus. Nach jeder verlornen Parthie ſtieg des Lords innige Freude.—„O gewiß, gewiß! mein Leben hat eine andere Wendung genommen;“ jubelte er:„O wie glück⸗ lich, daß mir jetzt das Unglück hold wird! Ich lebe auf, ich bekomme Flügel... Marqueur! noch ein Glas Punſch! auf mein Zimmer!“ Und als der Marqueur hinausgegangen— keine Seele außer den beiden Spielern war mehr im Saale— trat Pimpleton vor ſeinen neuen Freund und überreichte ihm ſeine Brieftaſche mit den Worten:„Dieſes Portfolio nehmen Sie als ein Andenken; den Inhalt als einen ſchuldigen Gewinnſt. Wir haben ſechs Parthieen gemacht, ich habe eine jede berloren... unter fünfzig Pfund habe ich noch mie eine Parthie geſpielt.“ Nun noch ein kräft'ges Handſchütteln, und hinaus ſchritt der Lord, und Fortunat blieb verdutzt, verblüfft, vertattert, und — warum es nicht ſagen?— vergnügt wie ein König, der ſeine erſte Schlacht gewonnen, unter den Lampen des Saales zurück.— Mit einemmale machte er jedoch, nachdem er die Banknoten gezählt und wieder gezählt, einen Rundſprung, und mit dem lauten Ruf:„Rikchen, jetzt gilt's! Rikchen, jetzt heiſa und Juhe!“ rannte er hinaus, umarmte den Marqueur, der eben wieder eintrat, den Portier, der ſich nicht verwußte, die Bett⸗ magd, die über die Treppe kam, den Kellner, der dem Lord geleuchtet, und wer ihm nur immer entgegenkam auf zwei menſchlichen Beinen, bis hinauf in ſein ſtilles Kämmerchen. 60 „Il n'est pas tout-à-fait chez lui!“ ſagte koyſſchüt⸗ telnd der Kellner zum Portier. 9. Es war gut, daß der zornige Böhm in ſeiner Menſchen⸗ feindlichkeit den glücklichen Fortunat gezwungen, ſich allein und a parte zu betten; ſo war doch der Letztere frei und ungehindert, ſich in der Nacht zu haben und zu geberden, wie's ihm beliebte. An Schlaf war vor der Hand nicht viel zu denken; denn kaum war Fortunats Kopf in die Kiſſen ver⸗ ſenkt, ſein Licht ausgelöſcht, ſein Arm auf der Decke ausge⸗ ſtreckt, ſo prickelten tauſend Ameiſen in ſeinem Blute herum, und jagten ihn auf. Dann wurde das Licht wieder angezündet, die Brieftaſche wieder hervorgeholt, das Gewimmel von Bank⸗No⸗ tes wieder durchgezählt, der brennende Kopf zum Fenſter hinaus⸗ geſteckt, das Heer der Sterne ungeduldig gemuſtert, noch unge⸗ duldiger das faule Morgenroth heraufbeſchworen. Dergeſtalt legte ſich Fortunat zwanzigmal nieder, ſtand er zwanzigmal auf; alſo bockte er wie ein verzweifelnder Geiſt im Zimmer und an den Fenſtern umher, ſeufzte nach Rikchen und ſang „l'e deum laudamus,“ lachte ſich bucklich über den Engländer, und weinte demſelben Thränen des Dankes, verſchwor die Thea⸗ terlaufbahn und alle Bekanntſchaft mit Komödianten und freute ſich wie ein Kind des ſchönen Geſchenkes, das er ſelber dem trotzigen Freund Böhm zu machen im Sinn hatte.—„Sie ſollen reichlich von meinem Ueberfluß haben, der Böhm, der Sachs,— ja, ſogar der ſpitbübiſche Heß!“ rief Fortunat ſchmunzelnd und tänzelnd:„hab ich nicht genug, mehr als ge⸗ 61 nug? Ha, ſie werden das Kameel anbeten, wie einſt die Ju⸗ den das goldene Kalb angebetet haben!“— Und über dieſen tumultuariſchen Handlungen überraſchte, juſt da der Morgen aufdämmerte, der Schlummer den phanta⸗ ſtrenden Fortunat, und er ſchlief bis in die helle Sonne hin⸗ ein, und hörte folglich nicht, wie Nachbar Böhm ſich— im⸗ mer noch grimmig— aus dem Staube machte, nicht einmal ihm eine Abſchiedszeile hinterlaſſend. Die beiden anderen Ge⸗ ſellen waren aber ſchon am Tage vorher auf ihre eigene Fauſt mit der reichen Collekte durchgegangen.—— „Fahrt hin!“ ſagte gleichſam erleichtert der glückliche Zu⸗ rückbleibende, da er von all' dieſen Durchbrennereien vernom⸗ men:„Das Scheidewort habt Ihr mir erſpart, und manchen Thaler auch, den ich ſo gern in euern Sack geopfert hätte! Nun aber ſchnell zum Engländer, den Dank ihm bringen und das Lebewohl.“ Da Fortunat vor dem Briten erſchien, ſprach ihn der⸗ ſelbe alſogleich eifrig an, indem er ihm wieder die Hände aus dem Gelenk ſchüttelte:„Freund, Sie gefallen mir. Bleiben Sie bei mir. Jo, Herr: ich habe mich entſchloſſen auf meine Güter in Irland zu gehen; ich mache Sie dort zu meinem Verwalter. Oder ich reiſe nach Weſtindien auf meine Pflan⸗ zungen; ich mache Sie dort zum Plantagenaufſeher. Sie ſollen überall meine rechte Hand ſein, und Ihr gutes Auskom⸗ men haben. He? Wie? Ja oder Nein?“ „Wenn mein Rikchen mitgeht, Ja, und zwar von Herzen „Ja“ und noch einmal„Ja!“ antwortete Fortunat, dem ſich ietzt die ganze Welt aufthat nach allen Seiten hin. 62 „Wohin ginge nicht ein Weib, das liebt, wenn der Ge⸗ liebte den Weg zeigt?“ fragte Pimpleton:„Abgemacht alſo. Wollen Sie heute auch meinen Wegweiſer machen, Herr? Der Tag iſt ſo ſchön— ich möchte ausfahren, irgendwo drau⸗ ßen frühſtücken, zu Mittag eſſen....ß ſchlagen Sie vor wohin? Und fahren Sie mit.“ Natürlicherweiſe ſchlug Fortunat in der Freude ſeines Herzens das Städtchen Homburg vor, rühmte den dortigen Park, den er nicht geſehen, den Luſtort„zur Mühle,“ wo er nicht geweſen.„Well;“ lautete die Antwort:„beſtellen Sie einen Wagen. Wir fahren allein. Herkules, der Mohr, ſoll hier zurückbleiben.“ In einer halben Stunde war angeſpannt und abgefahren. „Wiederſehen, Wiederſehen!“ jauchzte in ſtiller Beſcheidenheit Rikchens Verlobter. Pimpleton während deſſen ſprach laut: „Wenn doch nur ein kleines Unglück auf der Fahrt paſſirte! Wenn die Pferde durchgingen.... wenn der Wagen um⸗ ſchmiſſe immer eine Bürgſchaft mehr, daß ſich mein Schickſal umgeſtaltet, und daß der Zauber, der auf mir gela⸗ ſtet, gebrochen!— Ja, brechen, brechen... eine Rippe brechen..... das wäre vollends der Scheitelpunkt der Luſt ich zahlte gern den neuen unbekannten Zuſtand eines Rippengebrochenen mit zwanzig, dreißig, fünfzig Pfund!“ „Aber Mhlord... welche Einfälle!“ bemerkte Fortunat, der ſchaudernd aus ſeinem Himmel fiel.—„Dieſe Einfälle ſind meine eignen Einfälle;“ berſetzte Pimpleton trocken: „dieſe Einfcelle gehen Sie gar nichts an.“ 63 „Doch, doch, Herr; denn auch ich könnte mir eine Rippe brechen, oder einen Fuß, und....“ —„Was geht das Sie an? Sie werden dann kurirt auf meine Koſten, und damit gut. Auf meine Koſten aber leben Sie als ein Kranker beſſer als wie geſund auf Ihre eigenen. Verſtanden?“ Fortunat verſtand zwar nicht; aber er ſchwieg, und dachte: „Ein kurioſer Menſch.“ Die Wünſche des launiſchen Lords waren eitel. Die ehrlichen Fiaker⸗Pferde gingen nicht einmal wie des Feld⸗ predigers Schmelzle Reitroß im Schritt durch: der Wagen fiel nicht um; es brach kein Rad, vielweniger die Rippe des Touriſten. Pimpleton wurde zuſehends mißvergnügter; froh dagegen war Fortunat, als endlich ſie in Homburg anlangten. „Ein ſchlechtgebautes Neſt!“ maulte Pimpleton:„und hier, ſagen Sie, wohnt Ihre Braut? kann nicht viel daran ſein, auf Ehre.“ Fortunat verzog das Geſicht.—„Immer kurioſer, der Menſch!“ dachte er. Und da er ſeinen Patron an den Ein⸗ gang des Schloßgartens gebracht hatte, ſprach er beſcheiden: „Während Herrlichkeit ſich da drinnen ergehen, will ich mei⸗ nem Mädchen einen Beſuch abſtatten.“ „Das hat Zeit;“ gab Pimpleton mit entſetzlicher Trocken⸗ heit darauf:„Kommen Sie mit mir.“ „Ei, ei, ei, was iſt das? Immer kurioſer!“ murrte For⸗ tunat in Gedanken, fügte ſich jedoch. Auf der Promenade war der Lord einſilbig, verdroſſen. Auf einmal ſtand er ſtll, ſchaute den Begleiter ſteif an, und ſagte:„Hören Sie, mit dem Mädchen von Homburg iſt's nichts. Ich ſchaffe Ihnen in Irland eine Frau. Sie iſt in den beſten Jahren, und bringt Ihnen gleich Vaterfreuden in's Haus. Sie beſitzt nemlich zwei Knaben, für die ich mich ganz beſonders intereſſire, und mir kommt's auf ein Stück Geld nicht an, wenn ich dieſen Knaben einen braben recht⸗ mäßigen Vater kaufen kann.“ Sehr erſchreckt ſtammelte Fortunat:„Erlauben Sie, Mhlord... aber das möchte doch nicht....“ „Sie überlegen ſich das noch reiflich;“ fuhr ihm Pimp⸗ leton in die Rede:„ich liebe nicht, daß man meine guten Abſichten deutle und verkenne. Ein andermal.“ Fortunat ſchwieg, aber ihm krabbelte etwas über die Leber. Mittlerweile ſah der Lord auf die Uhr.—„Laſſen Sie uns „zur Mühle“ gehen; ich will frühſtücken,“ ſagte er. Der Weg zur Mühle war bald gefunden und zurückge⸗ legt.— Die Mittagsſtunde war ſehr warm; in einem luftigen Sälchen ordnete Fortunat die Tafel an, mit zwei Couverts. Da er jedoch kam, um ſich neben dem Engländer niederzu⸗ laſſen, ſagte dieſer überraſcht:„Was ſoll das zweite Coubert? Ich pflege nicht mit meinen Bedienſteten am ſelben Tiſche zu eſſen. Laſſen Sie ſich in der Gaſtſtube etwas geben, Herr, und treiben Sie den Koch an. Ich bin ſehr hungrig.“ Nun machte Fortunat ein ſehr, langes Geſicht.„Der WMenſch iſt ein Nart,, dachte er:„allein was hilfts? Die ſchöne Zukunft, die er mir bereiten will,. und der Paro⸗ rysmus wird wohl auch vorübergehen.. und am Ende 65 kann ich Beſſeres thun, als neben dem Sauertopf meine Mahl⸗ zeit einnehmen.“ So trieb er denn wirklich in der Küche, und ſtatt ſelber zu eſſen, lief er zur Stadt, ſein Mädchen heimzuſuchen. Aber o Unglück! Er traf in Rikchens Hauſe nur die alte taube Magd, die nach langem Fragen den Beſcheid gab, der Herr ſei nicht daheim, die Mamſell aber ebenfalls nicht, da ſie gleich nach dem kleinen Mittagsmahl zu einer Freundin gegangen.— Seinen Unſtern verwünſchend, flog Fortunat zur Mühle zurück, um noch vor Beendigung des Frühſtücks Sr. Herrlichkeit auf dem Platze zu ſein. Pimpleton war jedoch ſeit geraumer Zeit fertig, ging umher, wie ein brüllender Löwe, und ſchnauzte ſeinen Günſt⸗ ling derb an:„Wo ſteckt Ihr denn, Herr? Mich ſo lang allein zu laſſen? Mich feſtzuleimen in dieſer vermaledeiten Herberge, die eine der ſchlechteſten Garküchen iſt, in denen je geſudelt worden? Welch' ein Leben bereitet Ihr mir, Herr? Die Hühnerbrühe ungenießbar, das Beefſteak zäh, die Paſtete ein magenmörderiſcher Fettklumpen! Iſt das die Aufſicht, die zu führen ich Euch befahl, Herr? Geht Euer Leben aus mei⸗ nem Beutel, oder nicht?“ „Ich weiß gar nicht, wie Sie mir vorkommen?“ brauste jetzw Fortunat auf. Dagegen der Lord mit rauher Autorität:„Nur keinen Wiverſpruch; ich dulde das nicht. Soll ich mit eitel Wider⸗ wärtigkeiten mir das Leben abquälen? Ei, lieber wollt' ich mich am nächſten Laternpfahl aufknüpfen. Geht hin und macht Euer Unrecht gut, Herr. Da iſt Geld—(abermals eine Der Erzähler. 1847. IV. 5 66 Note von ein paar Kilogrammen Sterling)— zahlt die Rechnung, der Reſt iſt für Euch; aber dafür bort mir gleich den Schuft von Butler nieder, der mir ſchlechten ſauern Rhein⸗ wein gab, ſtatt des edlen Portweins.“ Den Auftrag für Scherz nehmend, lachte Fortunat:„Ich kann nicht boren, Herr.“ „So gebt ihm ein paar gewichtige von Euern deutſchen Ohrfeigen, Herr. In meinem Namen thut's, Herr. Ich zahle Stück für Stück mit fünfzehn Schilling, Herr.“ „Je, was fällt Ihnen ein? Ich bin nicht Ihr Büttel, Herr. Wenn Sie Schläge wollen, gehen Sie ſelbſt.“ „Ihr ſeid anmaßend, Herr. Meine Verwalter und Plan⸗ tagenaufſeher haben die Verpflichtung, meine Irländer oder meine Sklaven nach Vorſchrift zu karbatſchen.“ „Ich ſalvire nur Ihren eigenen Rücken, wenn ich an einem Menſchen, der nicht Ire und nicht Neger, Ihre Be⸗ ſtellung nicht ausrichte;“ trumpfte darauf Fortunat, dem die Sache zwar recht brutal, aber auch ſehr lächerlich vorkam. Der Lord überlegte ein Weilchen. Dann ſprach er: „Well; ſo ſeis. Allein Ihr Ungehorſam, Herr, gibt mir viel zu denken. Widerſpruch ertrag' ich nicht. Ich will ein Leben ohne Aerger, ohne Widerbellerei. Lieber ſpränge ich in's Waſ⸗ ſer, als mit Verdruß meine Tage hinzuſchleppen. Geht und zahlt indeſſen ohne Prügel aus.“ „Herrgott, das iſt der kurioſeſte Menſch, der mir vorge⸗ kommen!“ murmelte Fortunat zwiſchen den Zähnen. Um je⸗ doch den Frieden zu erhalten, ging er, und bezahlte, und wollte den Reſt dem Patron einhändigen. 67 „Das iſt Euer“, ſagte dieſer, das Geld ablehnend;„da iſt auch noch mehr. Dafür mögt Ihr im Theater zwei Billete nehmen, Logenbillete für mich und Euch. Ich will Euch als Dolmetſch in meiner Loge haben. Sie geben heute hier zu Bomburg den„Barbier von Sevilla.“ Ich will das ſchlechte Zeug mit anhören. Die Sängerin Selma wird ſehr gelobt. Wir haben keine Zeit zu verlieren, wenn wir günſtige Plätze haben wollen.——“ Eine halbe Stunde ſpäter waren ſie im Theater, in der affenſtallähnlichen Loge. Pimpletons lange Naſe reichte bis in das Proſcenium der Bühne. Die Menſchenmenge im Saal war ihm unbequem, die qualmenden Lichter waren ihm un⸗ ausſtehlich, nicht auszuhalten, ſagte er, ſei die Muſik. Viel lieber wollte er Gift nehmen, als noch einmal dieſe Marter ausſtehen. Indeſſen wartete er mit Ungeduld der Sängerin, und zu ſeinem Behagen trat ſie mit der erſten Verwandlung zugleich auf.* Sie kam, und Fortunat war zu Ende mit all ſeinem Sinnen und Träumen, das er bisher neben der ſchimpfenden Herrlichkeit getrieben. Auf einmal dachte er nicht mehr an Pimpleton's Narrheiten, an Rikchens lieblich Angeſicht, an die Freuden des leider ſo lang verzögerten Wiederſehens. Die Selma— Rikchens Hausgenoſſin, Böhm's ungetreue Geliebte, der Abgott der Homburger, war ja niemand anders als— als— Lieschen, Fortunat's Erſtlingsliebe und die Erſtlings⸗ furie ſeines harmloſen Gefühllebens! Hier... im Flitter⸗ gewande der Bühne fand er ſie wieder, und kaum ein paar Zoll weit von ihm brannten ihre frechen Augen, die ihn ohne 68 Gnade wiedererkannten, denn eine unnachahmliche Bosheit ver⸗ klärte Selma⸗Lieschens Angeſicht, und die pikanteſten Stellen ihrer Partie ſang ſie ihm gleichſam mit Spottgelächter zu Gehör, und ſo oft ſie dem Baſilio oder Bartholo ein Näschen zu drehen hatte, ſo drehte ſie's eben dem Logenſitzer Fortunat in's Geſicht, ſo daß er vor Beſchämung, Groll und Verwun⸗ derung über ſo viele Dreiſtigkeit faſt außer ſich gerieth, und mußte doch, der Konbenienz halber, daſitzen wie ein Oelgötz, und keine Miene verziehen. Da kam ihm ein Rippenſtoß nach dem andern von der Herrlichkeit.„Warum applaudiren Sie nicht?“ fragte Pimp⸗ leton zornroth:„warum klatſchen Sie nicht, Herr?“ „Ich mag nicht;“ machte Fortunat. Worauf der Lord: „Sie mögen nicht? Ihr mögt nicht? Ha ha, er mag nicht! ſieh doch für mich ſollt Ihr klatſchen, Herr, lediglich für mich. Zahle ich Eure Hände oder zahle ich ſie nicht? Ge⸗ hören ſie daher mein oder wem ſonſt? Friſch dran, Herr, friſch drauf los.“ Um nicht durch längern Dialog des Publikums Auf⸗ merkſamkeit zu reizen, und weil eben wieder ein Sturm des Beifalls losbrach, klatſchte Fortunat wie verzweifelt, und im⸗ mer verzweifelter, je häufiger die Rippenſtöſſe des Gönners fielen.— Dennoch ſagte ſich der Klatſcher während ſeiner Handarbeit in die Seele„Mit dieſem kurioſeſten aller Men⸗ ſchen wird's wohl nicht auszuhalten ſein, fürchte ich.“ So wie alles, ging auch dieſer„Barbier“ vorüber. Es verſteht ſich, daß Selma mit Toben und Geſchrei herausge⸗ rufen wurde. Pimpleton war ganz Enthuſtaſt und ſchrie am 3 69 ärgſten. Nicht entgangen waren ihm die tauſend Blicke, die ſeiner Loge von der Sängerin geſpendet worden waren, und er hatte natürlich ſie alle auf ſeine Rechnung hingenommen. Daher ſagte er auch zu Fortunat, der nun leichter athmete, und nur einen günſtigen Augenblick erwartete, um zu Rikchen zu ſchleichen;„Ich habe mir da im Gaſthauſe ein cabinet particulier beſtellt. Geht alſo, Herr, gleich jetzw in das Ankleidezimmer der Primadonna, und ſagt ihr, ſie ſolle her⸗ unterkommen, und die Ehre haben, mit mir zu Mittag zu ſpeiſen. Ich liebe die Sängerinnen, und Sängerinnen pflegen ebenfalls großmüthige Lords zu lieben. Sie wird mit Freuden acceptiren. Während wir ſpeiſen, mögt Ihr, Herr, nach Euerm Schätzchen Euch umſehen. Ich habe nichts dagegen. Nach dem Eſſen wird abgereiſt. Geht nun, mein Herr.“ „Ich?“ machte Fortunat ganz erſtaunt.—„Wer ſonſt? Geht, geht“—„Ich? zur Sängerin?“—„Beim Teufel, ja „doch.“—„Nein, Herrlichkeit, das thue ich nicht.“—„Wie?“ —„Gewiß nicht, auf keinen Fall. Punktum.“ Pimpleton fuhr jetzt auf, wie ein angeſchoſſener Tiger: „Was? Punktum? Eure Impertinenz ſteigert ſich ja mit jeder Stunde! Punktum? Ihr haltet mir in allen Stücken Widerpart? Herr, alſo kann's nicht gehen; meine Geduld iſt am Ende s iſt grauenvoll, wie Ihr mir das Daſein verbittert. Geſtern habt Ihr mich um den Tod gebracht, heute wollt Ihr mich um's Leben bringen! Goddam. wenn Ihr nicht auf der Stelle geht...“ „Ich werde nie Ihren Kuppler machen,“ unterbrach ihn Fortunat mit Nachdruck;„bei dieſem Mädchen— bei dieſem 70 Geſchöpf, wollt' ich ſagen, am allerwenigſten, und ſollte ich alles einbüßen, was mir Ihre Güte verſprochen.“ „Das habt Ihr ſchon eingebüßt;“ donnerte Pimpleton, in der Stube hin und her ſchnaubend:„Ich ſollte einen Menſchen füttern und hegen, der mir alles zu Gift und Galle macht? Ei, ſo wollt ich mich doch lieber noch einmal er⸗ ſchießen, in die Luft ſprengen, von vier Pferden zerreißen laſſen, als ſolch ein Leben voll Bitterkeit führen! Well, well! wir ſind geſchiedene Leute. Dort iſt die Thüre, Herr! Punktum, Herr!“ „Meinetwegen;“ ſagte Fortunat trotzig:„da Ihre Laune ſo veränderlich, immerhin. So nehmen Sie denn auch zu⸗ rück, was Sie mir geſtern....“ Er zog die Brieftaſche hervor. Das ſteigerte die Wuth des Engländers, ſo daß er aus⸗ rief:„Unterſteht Euch und legt das Ding auf den Tiſch, und Ihr ſeid des Todes! Wie? glaubt Ihr mit einem Narren zu thun zu haben? Ich bin majorenn, Herr, doppelt majo⸗ renn, ich kann thun, was ich will, Herr. Die Banknoten ſind Euer, oder der Satan ſoll Euch auf den Kopf fahren! Oder meint Ihr, ich hätte mich arm gemacht um Eurer Ar⸗ methei willen? Da, da ſeht ſſeht nur her das alles, was ich bei mir trage....—“ er riß aus allen Taſchen Banknoten hervor und hallte ſie in einen Klum⸗ pen, den er mit Gewalt dem widerſtrebenden Fortunat in die Taſchen ſtieß—“... das alles iſt Euer, bleibt Euer und ich werde auf meinen Millionen nicht verhungern, armer Schlucker, und ich will mich freuen, den Bettel Euch gegeben zu haben, wenn Ihr mir nur aus den Augen geht, und nimmer, nimmermehr Euch wieder vor mir ſehen laßt! Punk⸗ tum, Punktum, dreimal Punktum!“ Somit ſchob der Lord den ganz verwirrten Fortunat zur Thüre hinaus, und ſchloß hinter ihm ab. 10. Fortunatus, der Glückspilz, wurzelte nicht feſt vor dem Hauſe, aus welchem ihn ſein ungeſchlachter Wohlthäter gejagt hatte: er ſchwamm vielmehr auf hoher Woge mit der Be⸗ geiſterung und dem Aufſchwung einer kecken Seelentrunkenheit, die nichts mehr für unmöglich hält, weil bereits das Un⸗ mögliche ſich vor ihrem Inhaber verwirklicht hat. Die Woge trug ihn ſchnell durch tiefe Dämmerung und ſparſames Volks⸗ gewühl vor das Haus des Liebchens. O Wonne! durch die Fenſter im Erdgeſchoß ſtrahlte Licht. O Wonne! er hörte die Stimme der Geliebten, die eifrig ſich vernehmen ließ. O dreimal ſel'ge Nacht! ringsum ſchliefen die ſchlimmen Nachbarn. Da ließ ſich aber eine andre Stimme hören, die nicht ſüß klang, wie Rikchens; und der tiefe Baß ſagte deutlich und leidenſchaftlich:„Ei, ſo wollt' ich doch— damit nur Dein Klagen und Geflenn aufhöre— es käme jetzt, gerade jetzt Einer, der Dich möchte, und wär' er mir ſo unbekannt, wie der Lafahette oder der Espartero. Haben ſollt' er Dich, ſammt Deinen 4000 Gulden, daß ich nur Ruhe hätte vor Dir und mit Frieden heirathen könnte!“ 3 Dieſes hören, und mit einem Muth, vor dem er ſich ſelber nicht wenig entſetzte, ausrufen:„Jetzt oder nie!“ war 72 dem Fortunat eines und daſſelbe. Die Hausthüre war offen — man wartete noch auf die Sängerin— Rikchens Stube eben auch nicht verſchloſſen. Wie vom Himmel gefallen, ſtand vor dem Vater Schreiner der junge Mann, und ſeine Roſe wurde ſchier vor Schrecken zur Lilie, wie man in Büchern zu ſagen pflegt. Nicht weniger war der Vater, wie aus den Wolken gefallen. Aber dem Fortunat ging in der Aufregung des begebnißreichen Abends das heiße Wort dergeſtalt vom Munde, daß er, von der Tochter unterſtützt, dem Vater ungeſäumt eine ſolche Niederlage beibrachte, die eine Weigerung gar nicht mehr zuließ. Nicht unbedeutend trug zum Ausſchlag die Menge der Banknoten bei, die Fortunat auf dem Tiſche aufmarſchiren ließ, und deren Werth der Alte zu gut kannte, um ſie nicht für würdig zu erachten, dem Lebensglück des Kindes, das er ſo gerne los geworden wäre, als Unterlage zu dienen. Rikchen, entzückt über allen Begriff, konnte ſich doch nicht enthalten, dem Verlobten ängſtlich in's Ohr zu raunen: „Du haſt doch nicht— um Gotteswillen— einen reichen Engländer ausgeraubt? „Behüte;“ antwortete lächelnd darauf der Geliebte:„der Engländer hat mir das alles mit Gewalt geſchenkt, weil ich ſechsmal gethan, wie er wollte,(auf dem Billard) und weil ich ein halbesdutzendmal nicht gethan, was er begehrte.“— Richtig kam noch am andern Tag ein Briefchen von Pimpleton ſammt Einlage an den überglücklichen Fortunat, des Inhalts:„Ich habe jetzt erſt recht die Delikateſſe Ihres „Benehmens erkannt. Sie wollten nicht ſtörend eingreifen in ————, 73 „meine Liebe zu der Dame, die Sie ſelbſt noch lieben. Ich „weiß letzteres von ihr ſelbſt, die mit mir dem Vaterlande „zureiſt. Sein Sie glücklich, ſo wie ich's zu ſein hoffe, und „geben Sie beikommenden Ring Ihrer Braut als ein Geſchenk „von Ihrem dankbaren Pimpleton.“ Der Ring war ein Diamant vom reinſten Waſſer; reiner noch war Rikchens Herz und Auge. — Das Paar hauſt nun in Fortunat's Vaterſtadt, und hält einen angenehmen Spezereiladen, der wegen Fortunat's ſtrenger Rechtlichkeit und wegen Rikchens Liebreiz ſtark beſucht wird. Fortunat's Mutter und auch ſein Vater, der als ein ſolider Theetotaller aus Amerika zurückgekommen, leben in des Sohn's Pflege, und ihr Segen bringt auch ſein Theil Glück in's Haus. — Ferner hat dem braven Sohn das Glück wohl gewollt: 1) daß er nicht das Pinchen bekam, das bis jetzo ſchon den zweiten Mann unglücklich gemacht hat. 4 2) daß er nicht das s. v. Kaffeehaus übernahm, auf welchem der grobe Franz allmählig abhauſt. 3) daß er nicht dem Pimpleton nach Irland folgte, wo⸗ ſelbſt der Lord von ſeinen aufrühreriſchen Pachtleuten nebſt Mohr und Verwalter— Selma war ſchon längſt wiederum in alle Welt gegangen— ſchmählich erſchlagen worden iſt. Friede ſeiner Aſche. Er war zwar nicht der letzte närriſche aber gewiß der letzte freigebige Engländer auf dem Continent., Bekenntniſſe eines alten Junggeſellen*) Nach Lady Bleſſington Auguſt Zoller. — 41— Fünfte Liebe. er ſich meiner vierten Liebe erinnert, weiß noch, wie ich entſchloſſen war, alle Bewerbungen um Lady Elmscourt aufzugeben, ſie zu fliehen ſogar; wer ſich deſſen nicht mehr erinnert werfe einen Blick auf meine letzten Zeilen, und freue ſich dann in Nachfolgendem über die Feſtigkeit menſchlicher Entſchließungen. Ein luſtiges Abendbrod, nach dem von mir geſchilderten Ball, in Geſellſchaft von ſechs bis ſieben in der faſhionablen Welt be⸗ kannten Roués, und zahlreiche Gläſer Cham⸗ pagner in Begleitung lockergr Komplimente, die meine Gefährten den Reizen von Lady Elmscourt ſpendeten, belebten wieder — *) S. Jahrg. 1847, Bd. III. des Erzählers. meine Bewunderung für ſie. Die Männer ſind ſchwach genug, ſtets den Gefühlen Anderer für eine Frau Einfluß zu geſtatten, und die Eitelkeit iſt beinahe immer der ſtärkſte Magnet in unſeren Liebesangelegenheiten. Wäre meine Leidenſchaft für Lady Elmscourt aufrichtig geweſen, ſo hätte ich nicht ruhig die leichten Komplimente anhören können, die man ihrer Perſon machte; doch wie die Dinge ſtanden, ſchmeichelten ſie meiner Eitelkeit und reizten mich, meine Bewerbung fortzuſetzen. Ich wandte mich am andern Tage nach der Wohnung von Lady Elmscourt, das Herz frei, aber den Kopf voll von den ſchmeichelhaften Lobeserhebungen, welche meine luſtigen Gefährten an ihre Schönheit verſchwendet hatten. Man hielt ſie für eine beneidenswerthe Eroberung; man dachte, ſie habe mich in meinen Abſichten ermuthigt. Ich erinnerte mich alſo jedes ihrer Worte, jedes ihrer Blicke als eines Beweiſes, ſo ſtark wie die Bibel, für ihre Neigung für meine Perſon; und dem zu Folge war ich, um die Zeit zu vertreiben, ganz ent⸗ ſchloſſen, ihr meine müſſigen Stunden zu widmen, die ſo ſchwer auf mir laſten. Dieſer Langweile zu entgehen, den Neid und die Eiferſucht meiner Kameraden zu erregen, war der Gegenſtand meiner Wünſche, und dies ſind im Allgemeinen die Hauptmotive der Verbindungen, welche die Leute der Ge⸗ ſellſchaft bilden. Und ſo begab ich mich denn am andern Tag zur gewöhnlichen Stunde zu Lady Elmscourt. Dieſe Zuſammenkunft mußte, wie mir ſchien, nach den Coquetterien der vorhergehenden Nacht auf ein entſcheidendes Verſtändniß zwiſchen uns auslaufen. Ich war zu weit ge⸗ gangen, um zurückweichen zu können, und ſie hatte mich zu klar in meinen Bewerbungen ermuthigt, um einen Vorwand der Wei⸗ gerung zu haben. Dies berechnete ich, ohne daß mein Puls raſcher ſchlug und ohne daß eine Liebesilluſton mein Herz erhitzte. Als ich über Großvenor⸗Square kam, wurde meine Auf⸗ merkſamkeit durch einen Schrei erregt, wenn man einen ſo wenig muſikaliſchen Namen der harmoniſchſten Klage geben darf, die je mein Ohr berührt. Ich wandte mich um und 1 ſah eine junge Dame, die ſich mit aller Gewalt von einem großen Newfvundland⸗Hund loszumachen ſuchte, der ihr, offen⸗ bar im Zuge, zu ſpielen, mit mehr Lebhaftigkeit als Heftigkeit nachſprang. Eine Dame mit dem Ausſehen einer Matrone bot alle ihre Kräfte auf, um den Hund zu entfernen; doch dieſer ſprang hartnäckig der jungen Dame nach, zum großen Nachtheil für ihr Kleid und ihre Perſon. Zu Hülfe eilen und dieſen läſtigen Bewunderer verjagen, war die Sache eines Augenblicks; doch bei ihren unruhigen Bewegungen löſte ſich ihr Hut, fiel zu ihren Füßen und gab meinen glühenden Blicken eines der reizendſten Geſichter preis, das man ſehen konnte. Sie hätte als Modell für eine Hebe dienen können, denn die Jugend und die Geſundheit liehen Ihren ganzen Zauber einem durch die vollkommene Regelmäßigkeit aller Züge und durch einen unvergleichlichen Teint merkwürdigen Antlitz. Ihre blauen, durch die Angſt von Thränen erfüllten Augen überzeugten mich zum erſten Mal von der Wahrheit der alten abgenutzten Metapher der Dichter, welche ſolche Augen mit Veilchen im „— — 77 Thau gebadet vergleichen; Lippen wie eine geſpaltene Kirſche, Wangen, welche eine Roſe beſchämt hätten, kaſtanienbraune Haare, deren wogende Locken mit den rankenden Gäbelchen der Rebe rivaliſirten und die Seide an Feinheit und Glanz übertrafen, wohlgebogene Brauen und lange Wimpern vom ſchönſten Schwarz, dies waren die Reize des entzückenden Ge⸗ ſchöpfes, das vor mir ſtand. Ich hätte Jahrhunderte in ihrer Beſchauung hingebracht; doch ich wurde an den Wohlanſtand durch den ſtrengen Blick der alten Dame erinnert, welche, nachdem ſie mir kalt gedankt und die Unordnung in der Toilette ihrer Gefährtin wieder gut gemacht hatte, dieſe in einer anderen Richtung wegführte. Ich blieb unbeweglich und folgte ihr mit den Augen, halb verſucht, ihr nachzugehen, halb entmuthigt durch den ſtrengen Blick der Matrone. Wer konnte ſie ſein? Ich hätte Tauſende von Shillings gegeben, um es zu wiſſen! doch da ich meinen Groom mit meinen Pſerden oben in Brookſtreet gelaſſen hatte, ſo beſaß ich kein anderes Mittel, ihre Adreſſe zu erfahren, als das, ihnen ſelbſt zu folgen; ich war ſo nahe bei dem Hauſe von Lady Elmscourt, daß ich einzutreten beſchloß, mit der feſten Abſicht, mich bei ihr zu erkundigen, ob ſie eine von ihren jungen Nachbarinnen kenne, welche der Beſchreibung meiner ſchönen Unbekannten entſpche. Lady Elmscourt empfing mich mit ihrem verführeriſchſten Lächeln, wobei ſie indeſſen gerade jene weibliche Verlegenheit offenbarte, um mich darauf aufmerkſam zu machen, ſie habe meine Avancen in der vergangenen Nacht nicht vergeſſen, und mich, wie ich dachte, aufzufordern, dieſelben zu erneuern. Nichts verbindet einen Mann mehr, vorzurücken, als wenn eine Frau die Erwartung eines ſolchen Benehmens durchblicken läßt. Als ich bei ihr eintrat, war mein Geiſt ganz und gar mit einer Andern beſchäftigt und ich hatte die Liebesworte vergeſſen, die ich kurz zubor an ſie gerichtet. Doch die Oſtentation, mit der ſie mir zeigte, daß ſie dieſelben nicht vergeſſen, brachte mir ſie wieder ins Gedächtniß mit all ihrer Lebhaftigkeit, und ich nahm wie ein Thor wieder denſelben zärtlichen Ton an. Es wäre unnütz, hier meine faden Komplimente, meine Betheurun⸗ gen und ihre ſentimentalen Zurückhaltungen zu wiederholen, die ſie in eben ſo vriginellen als unzuſammenhängenden Sätzen, wie folgt, ausdrückte. Sie hätte Unrecht, ſagte ſie, ſie hätte ſehr großes Un⸗ recht, mich zu hören, eine Meinung, die ich vollkommen theilte; wir könnten Freunde ſein; wir würden es ſtets ſein, hoffte ſie; die Ehre und die Liebe verböten es nicht; doch wir könnten nichts Anderes ſein, als Freunde. Sie hätte Pflichten zu er⸗ füllen, Pflichten als Gattin und als Mutter, und obgleich ſie mich ſchätzte(die Damen ſchätzen ſtets ihre Bewunderer), ſollte ich ihr doch nicht mehr von Liebe ſprechen. Dieſe Vertheidigung, wenn man ihr dieſen Namen geben darf, war ſo freundſchaftlich, daß ſie mich mehr ermuthigen, als zurückdrängen mußte. les, was mir Lady Elmscvurt ſagte, entſprach in der That einfach dem, was eine Dame in ihrer Stellung auszukramen für geziemend erachtet; ich war auch im Begriff meine leidenſchaftlichen Betheurungen zu ver⸗ doppeln, als plötzlich die Thüre ſich öffnete und meine ſchöne Unbekannte mit dem Ausrufe erſchien:„Verzeihen Sie, meine 79 Mutter, verzeihen Sie meine Haſt, aber ich habe einen großen Schrecken gehabt, und ich befürchtete, man dürfte Sie ohne Grund beunruhigen.“ In dieſem Moment fielen ihre Blicke auf mich, und ihre Röthe zeigte, daß ſie mich erkannte...„Doch dieſer Herr hat Ihnen ohne Zweifel ſchon erzählt,“ fügte ſie bei,„denn er iſt es, der mich von dem Hunde befreit hat.“ Gern hätte ich mein Leben für den ſanften Blick, der dieſe paar Worte begleitete, und für die liebenswürdige Röthe gegeben, die ihm voranging, denn ich war ſchon wahnſinnig in dieſes reizende Geſchöpf verliebt, deſſen Mutter ich fünf Minuten vorher meine Gelöbniſſe darzubringen im Begriff ge⸗ weſen. In dieſem Augenblick trat Lord Elmscourt in den Salon; er hatte im Vorzimmer die Geſellſchafterin getroffen, die ihm den Angriff des Hundes erzählte und dabei auf dieſen Vorfall mehr Gewicht legte, als er verdiente; er umarmte ſeine Tochter und dankte mir, als mich dieſe als ihren Befreier genannt hatte, mit dem wärmſten Erguß. Lady Elmscourt ſchien verlegen, ſie verhehlte ſich meine offenbare Bewunderung für ihre Tochter nicht, deren Reize voll Friſche die ihrigen in den Schatten ſtellten und verdun⸗ kelten. Sie liebte ſie, das war gewiß, doch ſie wünſchte ſie im Hintergrunde zu halten. Das war nicht minder ſichtbar, und für einen unbetheiligten Zuſchauer, was ich zu ſein mich nicht rühmen konnte, wäre es ein unterhaltendes Studium ge⸗ weſen, zu beobachten, was der Mutter die Prätentionen der ſchönen eiferſüchtigen Frau und eine Nebenbuhlerin entzogen, ſelbſt wenn dieſe Nebenbuhlerin ihre Tochter war. „Du würdeſt beſſer daran thun, Dich zurückzuziehen, meine liebe Emilie, und auszuruhen, Du biſt noch ganz bewegt vom Schrecken.“ „Sie darf uns nicht verlaſſen, ohne ihrem Retter zu dan⸗ ken,“ ſprach der Vater;„komm, mein Kind, gib Herrn Lyſter die Hand.“ Und er führte die Erröthende zu mir. Sie reichte mir eine Hand; Gott, welche Hand! klein, zart, fleiſchig, ſo wie der Tag nie eine ſchönere geſehen. Es war nicht die matte, lebloſe Weiße, welche der beſtändige Ge⸗ brauch von Mandelteig, von Cold⸗cream und von hundert an⸗ deren kosmetiſchen Mitteln hervorbringt, und eben ſo wenig jenes ſpaniſch Weiß, das die Hände der meiſten ſchönen Frauen unterſcheidet und andeutet, daß das Blut nicht kreiſt, und das eine Folge des Müßiggangs iſt; nein, ihre Hand war von einem blaſſen, ſo zarten Roſa, daß es das Innere einer Roſenknoſpe zu ſein ſchien. Dieſe göttliche kleine Hand zitterte in der meinigen wie ein erſchrockener Vegel unter dem Drucke eines ungeſtümen Schülers. Doch die Hand blieb hier einen Moment, während ſie einen beredten Blick des Dan⸗ kes auf mich warf, der mehr ſagte, als ihre Worte, denn ſie nahm ihre angeborene Würde wieder an und ſprach ihren Dank in Worten voll Anmuth und Gefühl aus. Ihr Vater führte ſie ſodann bis an die Thüre, und ich griff nach meinem Hut, um meinen Rückzug zu nehmen, denn ich hatte bange, mich noch einen Augenblick allein mit der Mutter zu finden, da alle meine Gefühle der Tochter gehörten. „Ich hoffe, Herr Lyſter,“ ſprach Lord Elmscourt zu mir, „ich hoffe, Sie haben ſich auf morgen noch nicht verſagt und 81 werden uns das Vergnügen machen, mit uns zu Mittag zu ſpeiſen.“ Ich hatte mich allerdings verſagt, doch ich zögerte nicht, dieſe Einladung anzunehmen, um Lady Emilie wiederzuſehen. Ich verließ das Haus ſo verliebt, als ob ich nie von dieſem Gefühle ergriffen geweſen wäre, und war in meiner lächerlichen Eitelkeit ſo ſehr als je bereit, zu glauben, der Gegenſtand meiner Leidenſchaft ſei ſchon geneigt, ſie zu theilen. Die Liebe iſt meiner Anſicht nach wie das Fieber: eine etwas heftige Leidenſchaft unterwirft den Patienten Rückfällen, von denen ihn jeder mehr ſchwächt und den zukünftigen An⸗ griffen des Uebels ausgeſetzt läßt. Ich dachte an Emilie den ganzen übrigen Tag und träumte von ihr in der Nacht; ich zählte voll Ungeduld die Stunden bis zu dem Augenblick, wo ich mich auf Grosvenor⸗ Sauare einfinden konnte. Endlich ſtieg ich die Treppe ihres Hauſes hinauf, bewegt von der Furcht und von der Hoffnung, ie nachdem ich die Chance, ſie wiederzuſehen, berechnete. Ich fand Lord Elmscourt allein im Salon und wurde von ihm auf das Hetzlichſte empfangen.„Ich habe es verſucht,“ ſagte er zu mir,„Lady Elmscourt dahin zu bringen, daß ſie Emilie erlaube, heute mit uns zu Mittag zu ſpeiſen, da wir nur Sie und zwei von unſeren Nachbarn vom Lande, welche meine Tochter von der Wiege an kennen, bei Tiſche haben. Meine Bemühungen waren vergeblich; ſie wird jedoch beim Deſſert zu uns kommen, was ſie gewöhnlich thut, wenn wir in kleiner Geſellſchaft ſind.“ Und er rieb ſich freudig die Hände, als genöße er zum Voraus das Vergnügen, ſie zu ſehen. Der Erzähler. 1847. W. Er ſchien inſtinktartig zu fühlen, daß ich das lebhafteſte Intereſſe an ihr genommen hatte, und daß ihre Gegenwart mir eben ſo viel Vergnügen als ihm bereitet hätte. Lady Elmscourt trat noch ſorgfältiger gekleidet als gewöhnlich in den Salon, doch trotz der ſtudirten Eleganz ihres Putzes war ich darüber betroffen, daß ſie mir viel verwelkter vorkam, als ſie mir je geſchienen hatte. Ich bemerkte eine große Aehnlich⸗ keit zwiſchen ihr und ihrer Tochter, eine traurige Aehnlichkeit für die Mutter, weil ſie Jeden an das erinnerte, was ſie ſo gern hätte vergeſſen laſſen, an ihr Alter. Die zwei Nachbarn vom Lande waren das, was ſie alle ſind, ſie aßen bedeutend, ſprachen unabläſſig von den Angele⸗ genheiten des Landes, von gemeinſchaftlichen Gütern, die man zu unſchließen, von Koppeln, die man abzutreten hätte, und von anderen gleich intereſſanten Gegenſtänden. Am Ende machte einer von ihnen die Bemerkung, Lady Elmscourt ſehe ſo gut aus, als hätte ſie nicht ſchon eine ſo große Tochter aufzuweiſen. Dieſe Bemerkung rief eine neue Röthe auf den Wangen von Lady Elmscourt hervor. Ich brauche nicht zu ſagen, daß ihre Röthe mehr vom Aerger als vom Vergnügen herrührte. Die zwei Gäſte ſpielten ſtets auf frühere Begebenheiten an und erinnerten Lady Elmscourt an dieſen oder jenen Vor⸗ fall, der ſich vor ſiebenzehn Jahren, gerade nach der Geburt von Lady Emilie, ereignete. 3 Der Eine entſann ſich vollkommen der Beleuchtung des Dorfes Elnscoürt zu jener Zeit, und der Andere erinnerte mit derſelben Lebhaftigkeit an⸗ den Ball des Comité im vorherge⸗ 83 henden Jahre, den er mit Lady Elmscourt zu eröffnen die Ehre gehabt habe. Dieſe war offenbar aus der Faſſung gebracht durch die läſtigen Reminiscenzen, und ſie erlitt die Strafe, welche ihre Eitelkeit und ihre jugendlichen Anmaßungen verdienten. Ihre zwei Henker ſchienen entfernt nicht zu vermuthen, ſie finde nicht dasſelbe Vergnügen an dieſem Heraufbeſchwören der Ver⸗ gangenheit. Sobald das Deſſert aufgetragen war, ſchickte Lord Elms⸗„ court einen Bedienten ab, um Lady Emilie zu benachrichtigen, man erwarte ſie im Speiſeſaal. Bei dieſer Botſchaft fühlte ich mein Herz raſcher ſchlagen, und ich war nicht Meiſter mei⸗ ner Verlegenheit, als ich den von Lady Elmscourt auf mich gehefteten Augen begegnete, was mir ein forſchender Blick zu ſein ſchien.. Der Bediente kam bald zurück und ſagte, Lady Emilie ſei nicht wohl und habe ſich in ihr Zimmer zurückgezogen. Es kam mir vor, als erhaſchte ich ein Lächeln boshaften Triumphes auf den Lippen von Lady Elmscourt, als ſie mich anſchaute und auf meinem Geſichte den Ausdruck tiefen Ver⸗ druſſes wahrnehmen konnte. Schon hatte meine Einbildungs⸗ kraft einen ganzen Roman gebildet. Emilie, die ſchöne Emilie war die Heldin deſſelben, und ich, obgleich unwürdig, der Held; in mich verliebt und ihre Tochter beargwohnend, ver⸗ wickelte die Mutter die Intrigue und machte das Intereſſe derſelben. Meine Vielgeliebte und ich ſollten allen Machina⸗ tionen der Eiferſucht preisgegeben ſein, und die Entfernung von Lady Emilie beim Deſſert war der erſte Act des Dramas. 84 „Wußten Sie, daß Emilie krank iſt, meine Liebe 2“ fragte der Vater ganz unruhig;„das iſt ſeltſam, denn ich habe ſie einige Minuten, ehe ich in den Salon herabging, ge⸗ ſehen, und ſie kam mir vollkommen geſund vor. Ich will ſchauen, wie es iſt.“ Er entſchuldigte ſich, daß er uns verlaſſe, und ging hin⸗ aus. Die zwei Landleute ergriffen dieſe Gelegenheit, um die Wahrſcheinlichkeit einer nahe bevorſtehenden Auflöſung des Parlaments zu verhandeln. Lady Elmscourt fragte mich mit halber Stimme, ob ich nicht Lady Emilie bewundere. Dieſe Frage brachte mich in Verlegenhe denn ich wagte nicht, zu ſagen, wie ſehr ich ſie bewunderte, und eine kalte Beiſtimmung wäre als Heuchelei erſchienen. Ich war ſicher, Lady Elmscourt würde, indem ſie mich fragte, meine Phyſiog⸗ nomie von Nahem ſtudiren, denn obſchon ich nicht ſah, daß ihre Augen auf mich geheftet waren, fühlte ich es, und dieſe Gewißheit vermehrte meine Verwirrung. Ich wurde der Verlegenheit durch die Ankunft von Lord Elmscourt entzogen, der ſeine liebenswürdige Tochter, die Augen funkelnd von Lebhaftigkeit, die Wangen glänzend von den Ro⸗ ſen der Geſundheit, mitbrachte. Was das freudige Lächeln betrifft, das ihre Lippen umſpielte, ſo hielt ich es für ein ſiche⸗ res Symptom des Vergnügens, das ſie bei meinem Anblick empfinde. Ich konnte mich nicht enthalten, verſtohlen ein Auge auf ihre Mutter zu werfen, und dieſer flüchtige Blick zeigte mir auf ihtem Antlitz das Gepräge des Mißbehagens, ———————— — 85⁵ und vielleicht mehr noch; dies war wenigſtens der nicht ſehr mildherzige Schluß, den ich zog. „Diesmal habe ich die Manoeuvres von Miſtreß Vil⸗ liers vereitelt, ſagte unſer Wirth, indem er ſich die Hände mit einer Miene lebhafter Zufriedenheit rieb.„Ich wußte ſicher, Emilie ſei nicht krank, und eben ſo ſicher, ſie ſterbe vor Verlangen, zu uns zu kommen.“ Lady Elmscourt errö⸗ thete unleugbar, ein Beweis, blies mir meine Eitelkeit ein, daß ſie es war, und nicht Miſtreß Villiers, welche Emilie zu ent⸗ fernen complottirt hatte. „Meine Tochter,“ fuhr Lord Elmscourt fort,„hier ſind Deine alten Bekannten, Sir John Bolton und Herr Thorold, und Dein neuer Freund, Herr Lyſter. Sie ſind Alle entzückt, Dich zu ſehen, dafür ſtehe ich: Herr Lyſter beſonders, denn ich glaube ſehr an das, was man ſagt, nämlich, daß man ſtets die Leute liebe, denen man einen Dienſt geleiſtet. Ich bin nicht hinreichend Caſuiſt, um zu wiſſen, ob es dasſelbe bei den Verpflichteten iſt, doch ich denke zu gut von meiner Emilie, um ſie im Verdacht des Undankes zu haben. Alſo ſchließe ich, daß es ihr eben ſo ſehr zum Vergnügen gereicht, Herrn Lyſter zu ſehen, als es unbeſtreitbar ihm Vergnügen macht, ſie zu ſehen.“ Ich war nicht ſo ſehr meiner Herr, um nicht einen Blick auf Lady Emilie zu werfen, und ich war eitel genug, mich entzückt zu fühlen, als ich ihre Wangen mit Röthe bedeckt ſah. Ihre Augen waren auch unter einer köſtlichen Verlegenheit geſenkt, die ihr neue Reize verlieh und dem ſtumpfſinnigen Herrn Thorold die Bemerkung eingab, er würde gern wetten, g— 86 Lady Emilie ſei durchaus nicht zu einer Undankbarkeit gegen Herrn Lyſter geneigt. Nach dieſer ſcharfſinnigen Bemerkung erſtickte er ſich mit jenem eigenthümlichen Gelächter, zu dem die Land⸗ edelleute von einem gewiſſen Alter, welchen nur ſelten ihre Grafſchaft verlaſſen, ſo ſehr geneigt ſind. Der Zuwachs an Verlegenheit, welchen dieſe alberne Be⸗ merkung dem ſchönen Kinde bereitete, erregte mein Mitleid, und die Mutter von Emilie ſchien ihrerſeits unzufrieden über die Wendung, die das Geſpräch genommen, denn ihr Luchsauge hatte die Wirkung entdeckt, die dies Alles auf mich her⸗ vorbrachte. „Wir zählten insgeſammt darauf, Lady Emilie würde in dieſer Saiſon bei Hofe vorgeſtellt werden,“ ſagte einer von den Landedelleuten;„Lady Bolton und meine Töchter laſen jeden Tag das Court⸗Journal in der Hoffnung, ihren Namen und die Beſchreibung ihrer Toilette zu finden.“ „Ich glaubte, die jungen Ladies würden ſtets vorgeſtellt, wenn ſie ihr ſiebenzehntes Jahr bollendet hätten, und Lady Emilie geht ſeit dem April in das achtzehnte,“ ſprach Herr Thorold. „Ach! Lady Elmscourt, wie unſere Kinder uns alt machen. Doch die Einen ſteigen hinauf, die Andern ſteigen hinab, ſagt das Sprüchwort. Sehen Sie meine älteſte Tochter an, ſie iſt zwei Monate jünger als Lady Emilie, ſeit bald ſieben Monaten verheirathet und wird Mutter werden. Kann man ſich pergleichen vorſtellen, Mylady? was man auch ſagen mag, an Jeden kommt die Reihe. Ich werde bald Großvater ſein; und Sie, Mylady, wird es Sie nicht auch 87 freuen, Großmutter zu werden? Und das wird nicht mehr lange anſtehen, denn Lady Emilie iſt nicht geſchaffen, um Ihnen auf dem Nacken zu bleiben. Sind Sie nicht auch mei⸗ ner Anſicht, Herr Lyſter? Ah! ſagen Sie, wird nicht Lord Belmont im Monat Auguſt aus Italien zurückkehren?“ Die liebenswürdige Emilie erröthete aufs Schönſte; ge⸗ ſchah dies wegen der Erwähnung ihrer Heirath oder wegen Lord Belmont, ich konnte das nicht entdecken. Ihre Mutter kam ihr zu Hülfe, indem ſie vom Tiſche aufſtand und in den Salon ging. Lord Elmscourt gab ſich keine Mühe, die Da⸗ men zurückzuhalten, denn er ſelbſt war verlegen über die furchtbaren Bemerkungen ſeines plumpen, aber vortrefflichen Gaſtes. Ich hatte eine Ahnung, Lady Emilie würde einigen harten Aeußerungen von Seiten ihrer Mutter nicht entgehen, und dieſe Furcht, vermiſcht mit einem unbeſtimmten Bangen vor Lord Belmont, über den keine Erklärung erfolgt war, be⸗ lagerten meinen Geiſt während der ſechs Viertelſtunden, welche verliefen, ehe man uns aufforderte, den Kaffee im Salon zu nehmen, wo Emilie nicht war. Lady Elmscourt nahm mir gegenüber eine Miene kalter Würde an, die ich ganz geziemend fand und für die ich ihr Dank gewußt hätte, wäre ich nicht überzeugt geweſen, die Eiferſucht und die Abneigung haben die Stelle des ſüßeſten, aber tadelns⸗ wertheſten Gefühls eingenommen, das ſie am Tage zubor für mich zu hegen geſchienen. Wie ſehr verfluchte ich die Thor⸗ heit, die mich dahin gebracht hatte, daß ich eine Leiden⸗ ſchaft heuchelte, die ich nie fühlte! Die Ungeheuerlichkeit meines Benehmens ſtand klar vor meinen Augen. Das Unmoraliſche mit einer verheiratheten Frau eine Verbindung zu ſchlie⸗ ßen, erſchien mir nun unter ſeinen wahren Farben als eine abſcheuliche, ſchändliche Sache, und ich entrüſtete mich über mein früheres Benehmen. Dieſes Erwachen meiner ent⸗ ſchlummerten Moralität, das ich mir zur Ehre anzurechnen ganz geneigt war, hatte nicht das Bewußtſein, ſchlimm ge⸗ handelt zu haben, zur Urſache. Alles dies war in einigen Stunden geboren, und ſeit meiner Leidenſchaft für Lady Emilie fand ich die Ermuthigung, die ihre Mutter von Anfang mei⸗ nen Aufmerkſamkeiten hatte zu Theil werden laſſen, außer⸗ ordentlich ſtrafbar. Mit welcher Strenge beurtheilte ich nun die Frau, die ich zwei Stunden zuvor zu lieben behauptete, und die ich ſicherlich bewunderte. So iſt der Menſch ſtets ſelbſtſüchtig, ſtets einzig und allein mit ſeinem Wohlergehen beſchäftigt, ſo ſchlüpft er über die Fehler hin, ſo lange ſie ſeinen Vergnügungen fröhnen, und verdammt er ſie mit unerbittlicher Strenge an dem Tag, wo ſie ihm wünſchenswerth zu erſcheinen aufhören. Ich war ſo ſehr überzeugt von den Gefühlen von Lady Elmscourt, daß es mir unmöglich vorkam, meine Beſuche fortzuſetzen, denn ſie hätten in Betreff der Veränderung meiner Gefühle für mich peinliche, für ſie demüthigende Erklärungen herbeigeführt. Würde ich die Manieren eines einfachen Be⸗ kannten nach den leidenſchaftlichen Wünſchen, die ich geoffenbart, angenommen haben, ſo hätte dies ihren Zorn erregt, und fortwährend eine lebhafte Zuneigung für ſie zu heucheln, wäre mir ganz und gar unmöglich geweſen. Es blieb mir alſo nichts Anderes übrig, als, mir ihr Haus zu verbieten, wobei — — 89 ich indeſſen beſorgt war, mich von Zeit zu Zeit, an Tagen, wo ich ſie abweſend wußte, einzufinden, damit die plötzliche Un⸗ terbrechung meiner Beſuche nicht zu Commentaren Anlaß geben könnte. Ich kam ſehr oft auf Grosvenor⸗Square, in der Hoffnung, Lady Emilie zu begegnen, doch vergebens; dieſes Glück wider⸗ fuhr mir nie. Ich verzweifelte am Ende, ſie zu treffen, als an einem ſchönen Morgen das Verlangen, ein Pferd zu probieren, das ich kaufen wollte, mich nach Hyde⸗Park zu einer Stunde führte, wo ich nie hinkam; und als ich gegen Con⸗ ſtitution⸗Hill galoppirte, traf ich Lady Emilie und ihren Vater zu Pferd. Der würdige Lord überhäufte mich mit freundſchaftlichen Vorwürfen über mein Verſchwinden, und Lady Enmilie ſchlug erröthend die Augen nieder, als ſie meine Fragen über ihre Geſundheit erwiederte. Wie anbe⸗ tungswürdig kam ſie mir vor! Ihr Reitkleid hob die voll⸗ kommene Shmmetrie ihrer Formen hervor, und der leichte Luftzug bewegte die ſchönen Locken ihres Haares, welche bald ihre Wangen beſchatteten, bald im Winde flatterten. Obgleich eine ſchüchterne Reiterin, ſah ſie doch äußerſt an⸗ muthig zu Pferde aus, und ich betrachtete ſie mit einem Ent⸗ zücken, deſſen freudigen Ausbruch ich kaum zu bewältigen vermochte.„Emilie hat vorgeſtern ihre Spazierritte wieder an⸗ gefangen,“ ſagte ihr Vater;„ich fand ſie bleich in den ver⸗ gangenen Tagen und glaubte, daß dies vom Mangel an Be⸗ wegung herrühre.“ Mein Herz ſchlug raſcher bei dieſer Bemerkung. Ja, ſo war es; ihre Bläſſe erklärte ſich durch meine Abweſenheit 1 90 und als ein elender Geck ſetzte ich mir in den Kopf, es ſei dies ein ſicherer Beweis, daß ich ſchon einen tiefen Eindruck auf dieſes junge Herz gemacht habe. „Seit dem Tage,“ fuhr Lord Elmscourt fort,„wo Sie meine Tochter der Verlegenheit entriſſen haben, erlaubt ihr meine Frau aus Furcht vor einem Unfall nicht mehr, auf dem Square ſpazieren zu gehen. Es gibt im Ganzen nichts wie das Herz einer Mutter, Herr Lyſter, und die Mutter von Emilie wird ſtets unruhig, ſo oft ihre Jochter aus ihrem Blicke iſt.“ „Würdiger, vortrefflicher Mann!“ dachte ich in meinem Innern,„wie weit iſt er entfernt, den wahren Veweggrund dieſer Uuruhe zu ahnen, die ich mir ſo gut erklären kann.“ Ich ſetzte ſie in meinem gewöhnlichen Scharfſinn auf Rechnung der Eiferſucht. „Lady Elmscvurt,“ fügte er bei,„erlaubt Emilie nur vor dem Frühſtück zu reiten, aus Furcht, es könnten ihr die kecken Reiter begegnen, die den Park zu einer faſhionableren Stunde beſuchen, ſo daß unſer Spazierritt endigt, ehe Ihr Herren Elegants Euren Tag beginnt.“ In dieſem Augenblick redete ein alter Bekannter Lord Elmscvurt an, und ich benützte dieſen Umſtand, um mit ſeiner reizenden Tochter zu plaudern. Mit der Schüchternheit eines Kindes, einer Schüchternheit, die bei ihr die Folge ihres beſtändig klöſterlichen Lebens war, pkrband ſie den geſunden Verſtand und die Diſtinetion einer vortrefflich erzogenen jungen Frau, und dieſe Miſchung kindlicher Unſchuld und jungfräulicher Würde fügte eine neue Anziehungskraft allen ihren Reizen bei. —* —— 91 Wenn ich ſie ſchon liebte, ehe ich die Schärfe ihres Geiſtes kannte, ehe ich die aus jedem ihrer Worte hervorgehende Reinheit und Zartheit ihrer Gefühle zu ſchätzen vermochte, wie vermehrte ſich erſt meine Leidenſchaft, als ich die Erhabenheit ihrer Seele und den unwiderſtehlichen Zauber ihres Charakters erkannte. Doch dieſe Gefühle, ſo lebhaft ſie auch waren, wurden bei mir noch verſtärkt durch den Gedanken, ſie nähre für mich ein Gefühl, das mit der Gleichgültigkeit durchaus nichts ge⸗ mein habe, ein Gedanke, der eine Frau ſelbſt von mittelmäßi⸗ gem Verdienſt in den Augen eines Mannes ungemein anzie⸗ hend macht. Ich ritt mit ihnen bis vor ihre Thüre und nahm mit großer Freude eine Einladung an, um am andern Tage früh⸗ zeitig mit ihnen zu Mittag zu ſpeiſen und ſie ſodann in das Theater zu begleiten.„Können Sie ſich darein fügen, das Schauſpiel, die Schlußpoſſe mit einbegriffen, bis zum Ende zu ſehen?“ fragte mich Lord Elmscourt,„denn Emilie ſieht gern Alles. Nur wir drei werden in der Loge ſein, da Lady Elmscourt ſelten in's Theater kommt; wenn Sie alſo nicht das Bedürfniß, Ihre Partie im Clubb zu machen, zurückhält, werden Sie einen langen Abend mit uns zubringen.“ Der folgende Morgen fand mich im Park galoppirend; doch der Magnet, der mich dahin gezogen hatte, war nicht da, und dieſe Abweſenheit wurde wie gewöhnlich der Eiferſucht der Mutter zugeſchrieben. Pünktlich, wie die Verliebten vor vierzig Jahren ſein zu müſſen glaubten, war ich zur bezeichneten Stunde auf Gros⸗ venor⸗Square; Lady Elmscourt empfing mich mit kalter Höf⸗ 92 lichkeit, ihr Gatte offen und treuherzig, Lady Emilie mit Zu⸗ rückhaltung und Güte. Ich wagte es, ſie zu fragen, ob ſie ihre Promenade zu Pferde jeden Morgen fortſetze und, ich erblickte in dem Spiegel, der uns gegenüber angebracht war, ein Lächeln, das voll Bosheit auf den Lippen von Lady Elms⸗ court erſchien, als ihr Gemahl mir erwiederte: „Oh! nein, um unſere Spazierritte iſt es für den Reſt unſeres Aufenthalts in London geſchehen, denn Lady Elmscourt hat es übernommen, frühzeitig aufzuſtehen und vor der Stadt jeden Morgen in einer offenen Caleche mit ihrer Tochter ſpa⸗ zieren zu fahren.“ „Das iſt gut,“ ſagte ich zu mir ſelbſt,„es iſt ein ſchlagender Beweis für die Richtigkeit meines Verdachtes.“ Und eine Regung des Zorns entbrannte in meinem Herzen, als ich entdeckte, daß die Eiferſucht dieſer gefallſüchtigen Mut⸗ ter mir jede Gelegenheit, ihre reizende Tochter zu ſehen, rauben ſollte. Im Theater würde ich wenigſtens durch das Vergnügen, frei und vor dieſem weiblichen Argus geſchützt mit ihr plau⸗ dern zu können, entſchädigt werden. Beurtheilen Sie alſo, meine ſchönen Leſerinnen, meinen ganzen Aerger, als ich dieſe Vogelſcheuche meiner Träume, dieſe Henkerin meiner Hoffnun⸗ gen und meiner Pläne ihre Abſicht, in das Theater zu gehen, ankündigen hörte. Mein Geſicht, ich bin es feſt überzeugt, verrieth die Gefühle, die mir die unerträglichſte der Mütter einflößte. Ich hätte ſie gern, ich werde nicht ſagen, wo ge⸗ habt; doch ſicherlich überall, nur nicht an unſerer Seite, um die wachſame und boshafte Spionin aller meiner Blicke und aller meiner Worte zu ſein. 93 Im Theater hatte Lady Elmscourt die Geſchicklichkeit, ſich zwiſchen ihre Tochter und mich zu ſetzen, ſo daß ich die⸗ ſer weder einen Blick zuwerfen, noch ein Wort ſagen konnte, ohne unter die mütterliche Beaufſichtigung zu fallen. Das war für mich ein wahres Fegefeuer; ich ſtarb vor Begierde und hatte doch nicht den Muth, ein Wort an das reizende Mädchen zu richten, das offenbar eine Veränderung in meinen Manieren ſeit dem vorhergehenden Tag wahrge⸗ nommen hatte. Ich haßte, und zwar von ganzem Herzen, Lady Elmscourt, das heißt die Frau, der ich noch einige Tage vorher leidenſchaftliche Liebeserklärungen gemacht hatte. Und während ich ſie im Verdacht hatte, ſie hege noch mehr als Zuneigung für mich, war ich ſelbſtſüchtig genug, ihr entfernt nicht Rechnung für die Demüthigung zu tragen, die ihr mein Benehmen bereiten mußte. Es entſchlüpfte Lord Elmscourt eine Anſpielnng über die Portraits ſeiner Frau und ſeiner Tochter, die ein berühmter Künſtler beinahe vollendet hatte. Am andern Morgen war ich bei dem Maler; ich überhäufte die Arbeit und den Künſtler mit Lobeserhebungen und brachte es mit Mühe dahin, daß man mir eine Copie von den beiden Portraits machte. Zehn Tage früher hätte ich den Beſitz des Portraits von Lady Elmscourt als das höchſte Maß des Glücks betrachtet und nun verlangte ich es von dem Maler nur, um keinen Verdacht zu erregen. Lord Elmscourt hatte eine Laune für mich gefaßt; ich traf ihn nie auf der Straße,— denn ich wagte es nur noch meine Karte bei ihm abzugeben,— ohne daß er mir 94 die Seltenheit meiner Beſuche zum Vorwurf machte und mich zum Mittageſſen einlud. Ich hatte nicht den Muth, dieſe Ein⸗ ladungen auszuſchlagen, denn ich war ſicher, beim Deſſert Lady Emilie zu ſehen, welche ſtets mit den Früchten und Blumen kam, die ſie an Friſche übertraf. Die ceremoniöſe Höflichkeit und die ſcharf ausgeprägte Kälte von Lady Elmscourt machten einen Platz an ihrem Tiſche nicht ſehr beneidenswerth, beſon⸗ ders bei dem Vewußtſein, dieſe ſchlechte Behandlung verdient zu haben; doch was hätte ich nicht von der Mutter ertragen, um das Glück zu haben, die Tochter zu erſchauen. Ich war endlich dahin gekommen, daß ich mich überre⸗ dete, Lady Emilie habe eine Neigung für mich, und ich ſah kein anderes Hinderniß gegen unſere Verbindung, als die Oppoſition von Lady Elmscourt. Meine Glückshoffnungen erreichten bei⸗ nahe die Höhe der Gewißheit, als mich Lord Elmscourt in den dringendſten Ausdrücken einlud, einen Theil des Herbſtes auf dem Lande bei ihnen zuzubringen. Dieſe Einladung er⸗ ſchien mir als eine offenbare Ermuthigung, meine Aufmerkſam⸗ keiten gegen ſeine Tochter fortzuſetzen. Mit freudigem Herzen willigte ich ein, und ich ſeufzte ſchon nach dem Tage, wo ich mich unter demſelben Dache mit Lady Emilie einquartiert finden würde. Nach der Abreiſe der Familie nach Northumberland fand ich auch dieſe Trennung unerträglich, und ich fing an die Tage und die Stunden zu zählen. Am Vorabend meiner Abreiſe nach Elmscourt⸗Park glitſchte mein Pferd auf einem Stein aus und ſtürzte mit ſolcher Gewelt, daß mein Knie auf dem Boden aufſtieß und ſich verrenkte. Nie kam ein Unfall ſo ungelegen, nie wurde einer mit weniger Geduld ertragen. * 95 Meine Unruhe und meine üble Laune verzögerten, ich bin es feſt überzeugt, beträchtlich meine Heilung; endlich nach Ver⸗ lauf von ſechs unerträglichen Wochen war ich auf dem Wege nach Northumberland. Meine Freude bei dem Gedanken, Emilie wiederzuſehen, läßt ſich nicht beſchreiben; ich bildete mir ein, nicht nur ein Anbeter, ſondern ein beinahe angenommener Bewerber zu ſein, und der liebenswürdige Brief, den mir Lord Elmscourt geſchrieben hatte, um ſeine Einladung zu er⸗ neuern, beſtärkte mich in meinen eitlen Hoffnungen:„Beſuchen Sie uns,“ ſagte er,„ſobald Sie können, wir haben hier ſehr theure Freunde, mit denen ich Sie gar zu gern bekannt ma⸗ chen möchte.“ Was konnte der Sinn dieſer Worte ſein, wenn nicht, daß ich dieſen Freunden als ein Bewerber um die Hand von Lady Emilie vorgeſtellt werden ſollte? Es konnte nicht anders ſein, und meine Hoffnungen hatten ihren Höhenpunkt erreicht. Als ich ankam, waren die Damen bei ihrer Toilette für die Mittagstafel. Ich begab mich in den Salon, wo ich ein halbes Dutzend Gäſte und Lady Emilie, reizender als je, fand. Blind und thöricht wie ich war, glaubte ich in dem offenbaren Vergnügen, mit dem ſie mir den Willkomm wünſchte, eine Nuance von Verlegenheit zu ſehen, welche die Wirkung ihrer Neigung für mich ſein müßte. Ich wurde dem Marquis von Ambleſide und ſeinem Sohne, dem Grafen von Belmont, vor⸗ geſtellt, dem hübſcheſten Jungen der Welt, einem gefährlichen Rivalen, deſſen Gegenwart mich beunruhigt haben würde, hät⸗ ten mir nicht meine Eitelkeit und der Empfang von Lady Emilie vollkommene Sicherheit gegeben. Lady Elmscourt ſchien 96 beinahe ihre ganze Liebenswürdigkeit wiedergefuuden zu haben; ſie ſah ſo jung und ſo ſchön aus, daß ſie ſelbſt neben ihrer Tochter die Stimmen der Kenner erhalten hätte. Als man meldete, das Mittagsbrod ſei aufgetragen, bot der Marquis von Ambleſide ſeinen Arm der Gebieterin des Hauſes. Ich wartete, überzeugt, Lord Belmont würde ſeinen Arm Lady Emilie bieten, doch zu meinem großen Erſtaunen und zu meiner großen Freude nahm mich Lord Elmscourt bei der Hand und bat mich, ſeine Tochter zu führen. Dies ſchien mir die öffentliche Einweihung meiner Bewerbung zu ſein, und ich warf einen triumphirenden Blick auf Lord Belmont, feſt überzeugt, ihn gedemüthigt zu haben. Doch es verhielt ſich nicht ſo, und ich wunderte mich über eine ſolche Unem⸗ pfindlichkeit, da Lady Emilie der Preis war. Ich ſaß neben ihr und widmete ihr, da ich mich als den angenommenen Prätendenten betrachtete, meine ganze Aufmerk⸗ ſamkeit. Ich war aufgeregt, entzückt; meine Heiterkeit wurde anſteckend und theilte ſich den Gäſten mit. Ich ſah oder glaubte ein boshaftes Lächeln auf dem Geſichte von Ladh Elmscourt zu ſehen, als ſie meine Lebhaftigkeit und meine zufriedene Miene erblickte; und was mich ein wenig ſtachelte, war, daß ich zuweilen einen Blick des Einverſtändniſſes zwiſchen Lady Emilie und Lord Belmont erhaſchte; ich ſah darin das Symptom eines bertraulicheren Verhältniſſes, als ich es gern zwiſchen meiner Frau und irgend einem Menſchen, mich aus⸗ genommen, hätte ſehen mögen. Während ich über den Wohlanſtand, wenn nicht gar über die Pruderie nachdachte, die ich von meiner ſchönen Nach⸗ — S barin verlangen würde, wenn ich ein Recht hätte, Lady Emilie ihr Benehmen vorzuſchreiben, ſah ich den Marquis von Am⸗ bleſide ein Glas füllen. Ich war wie vom Donner gerührt, als ich ihn mit zu klarer, zu deutlicher Stimme, um mißver⸗ ſtanden zu werden, Lady Belmont um die Erlaubniß, ihre Ge⸗ ſundheit trinken zu dürfen, bitten hörte. Ich ſchaute umher, um zu ſehen, ob ich mich nicht täuſchte, um wahrzunehmen, an wen dieſe Artigkeit gerichtet war; zu meinem Schrecken, zu meiner Verzweiflung bemerkte ich, daß der Marquis ſeine großen Augen auf Lady Emilie heftete, die ſich ruhig gegen ihn verneigte, ohne entfernt zu vermuthen, was in meinem Inneren vorging. Ich fühlte, wie das Blut mein Herz verließ, um in meine Schläfe zu ſteigen; ich hatte bange, von meinem Stuhle herabzufallen, ſo furchtbar hatte mich dieſer unvorhergeſehene Schlag getroffen. Ein Glas Waſſer brachte mich wieder zum Bewußtſein und geſtattete mir, meine Erſchütterung zurückzu⸗ drängen. „Herr Lhſter, erlauben Sie mir, auf Ihre Geſundheit zu trinken,“ ſagte Lord Belmont zu mir;„ich weiß, was ich Ihnen für den Dienſt ſchuldig bin, den Sie Ladh Belmont geleiſtet haben. Emilie hat mir geſchrieben, was vorgefallen iſt, und dabei, ich kann Sie verſichern, dem Heldenmuthe ihres galanten Ritters volle Gerechtigkeit widerfahren laſſen.“ Ich mußte in dieſem Augenblick das Ausſehen eines Dummkopfs haben, und die durchdringenden Blicke, die mir die glänzenden Augen von Lady Elmscourt zuſchleuderten, waren Der Erzähler 1847. 1v. 98 nicht geeignet, mir die Faſſung und das Behagen wiederzu⸗ geben. Als die Damen ſich zurückgezogen hatten, ſchloſſen wir uns bei Tiſche näher an einander an, und Lord Elmscourt fragte mich, ob ich nicht überraſcht geweſen ſei beim Empfang des Briefes, durch den er mir die eine Woche zuvor vollzogene Heirath ſeiner Tochter mitgetheilt habe. Ich hatte mich mit dem Briefe gekreuzt. „Vor zwei Jahren,“ ſagte er,„iſt die Verbindung, als die zwei jungen Leute ſich in einander verliebten, beſchloſſen worden. Wir Alten, wir fanden ſie noch zu jung zum Hei⸗ rathen, eine Anſicht, welche Belmont entfernt nicht theilte. Da wir auf unſerem Willen beharrten, ſo faßte er ſeinen Entſchluß und wandte dieſen Verzug zu einer Reiſe auf dem Continent an, wobei er verlangte, daß Emilie vor ſeiner Rück⸗ kehr bei Hofe nicht vorgeſtellt werden und nicht in Geſellſchaft gehen ſollte, ein Verſprechen, das die Mutter von dieſer, wie Sie ſich erinnern werden, ſtrenge gehalten hat. Belmont iſt vor drei Wochen zurückgekommen, um die Hand ſeiner Frau zu verlangen, und es wäre nicht wohl möglich, ein glücklicheres Paar zu finden.“ Nie war ein Menſch unglücklicher und nie hatte einer mehr das Ausſehen eines Einfaltspinſels, als ich an dieſem Abend, der gar kein Ende nehmen wollte. Die zwei jungen Ehegatten tauſchten tauſende von jenen kleinen Zeichen der Zärtlichkeit aus, welche keinen Namen haben, und jedes Mal warf mir Lady Eſmscourt einen Blick zu, welcher ſagen wollte: „Siehſt du, elender Dummkopf, den Beweis der Lügen, die dir deine Eitelkeit vorgemacht hat.“ — 99 Am andern Tage kam Sir John Bolton an; er erneuerte mit mir die Vekanntſchaft mit jener gewöhnlichen Herzlichkeit, die der nun beinahe erloſchenen Race von Landedelleuten eigenthüm⸗ lich war. Indem er von unſern Wirthen ſprach, ſagte er zu mir: „Es ſind vortreffliche Leute; ich kenne Wenige ihres Gleichen, und nun, da Mhlady von dem einzigen Unrecht zurückgekommen iſt, das ſie je gehabt hat.. „Was wollen Sie damit ſagen?“ rief ich. „Wie, iſt es denn möglich, daß Sie es nicht bemerkt haben? Ich glaubte Sie wären ſcharfſichtiger in London. Um die Wahrheit zu ſagen, Mhladh hatte ein Unrecht, das, jung und bewundert zu ſein bleiben oder ſcheinen zu wollen. Das machte ſie zu artig gegen alle die Gecken, die ſie umſchweiften, und brachte in den Ruf einer Coquette eine Frau, die nie an etwas Schlimmes dachte. In der That, trotz ihres Hanges zur Sentimentalität und ihres Bedürfniſſes nach Compli⸗ menten, kann man keine treuere Gattin, keine zärtlichere Mut⸗ ter finden.“ Ich fühlte, daß mir die Röthe in das Geſicht ſtieg, als ich ſah, wie ſehr ich durch meine Eitelkeit dupirt worden war. Dieſer ganze, von meiner Einbildungskraft geſchaffene Roman einer eiferſüchtigen Mutter, die ihre in mich verliebte Jochter verfolgte, ging in Stücke. Weder die Eine, noch die Andere hatte je einen Schatten von Neigung zu mir gehabt; die Erſtere ermuthigte mich in meinen Aufmerkſamkeiten aus Liebe für die Complimente; die Zweite erröthete und lächelte, weil das Erröthen und das Lächeln bei ihr eben ſo natürlich waren, als der Wohlgeruch bei der Roſe. 100 So endigte meine fünfte Leidenſchaft, und ich verließ Elmscourt ſehr mißvergnügt, ſehr enttäuſcht, ſehr gedemüthigt. War ich gebeſſert? Das wird die Zukunft lehren. Sechste Liebe. Die Lection, die meine Eitelkeit in Elmscourt⸗Park bekommen hatte, machte mich behutſam, aus Furcht, ich könnte mich einem ähnlichen Abenteuer ausſetzen. Mit Recht hat man geſagt, die Liebe ſterbe ſchnell, wenn ſie nicht mehr von der Hoffnung genährt werde; doch man hat nicht genugſam bemerkt, mit welcher Schnelligkeit die Liebe ſich ſchwächt, wenn die Eitelkeit verwundet worden iſt, und wie raſch eine Flamme erliſcht, welche Erinnerungen enthält, die für die Eigenliebe verletzend ſind. Nichts war mir unerträglicher, als der Ge⸗ danke, Lady Elmscourt ſei nur eine Coquette, die mich in meinen Aufmerkſamkeiten aus Eitelkeit ermuthigt und ſie ſodann mit mehr Weichheit, als ſie verdient, zurückgewieſen habe, als ſie einen ernſteren Charakter angenommen, ſie hätte aber nie ein Strohhälmchen um meine Perſon gegeben. Ja, es war für mich unerträglich, ſie für eine einfache Coquette zu halten, ſtatt in ihr eine unglückliche Frau zu ſehen, die eine ſtrafbare Leidenſchaft für mich gefaßt und, auf ihre Tochter eiferſüchtig, ſo manveuvrire, daß ich die Hand dieſer Tochter nicht bekomme. Die Erinnerung an— ſie war demüthigend für mich und ich verbannte ſie auch aus meinem Gedächtniß. Ladh Emilie erlitt alsbald dieſelbe Verbannung; wie ſollte ich in der That denken, dieſe ſtets niedergeſchlagenen —— 101 Augen, dieſe beſtändigen Roſen auf ihren Wangen, die ſchüch⸗ terne, zarte Verlegenheit, die ich oft mit einer eitlen Befriedi⸗ gung wahrgenommen hatte, bilden einen integrirenden Theil ihrer Schönheit, ohne daß meine Gegenwart dabei betheiligt ſei, und ſelbſt da, wo ich Eindruck auf ſie zu machen glaubte, denke ſie nur an einen Andern und dieſer Andere ſei ihr Bräutigam? Ich verſenkte mich in alle Vergnügungen, um dieſes Ge⸗ fühl der Demüthigung, das mir unerträglich war, zu mildern. Von dieſem Tage an wurde ich mißtrauiſcher als je im Punkte weiblicher Aufmerkſamkeiten; ich entfernte mich mit Verachtung von allen Frauen, deren Geſpräch an der Senti⸗ mentalität hinſtreifte; ich ärgerte mich beinahe, wenn ein junges Mädchen die Augen niederſchlug oder leicht erröthete; doch zum Glück für meinen Gleichmuth war das Erröthen damals in der guten Geſellſchaft ſo ſelten, als heut zu Tage. Der Zufall führte mich nach Cheltenham, was damals entfernt nicht die üppige Stadt von heute war. Ich traf dort auf einem Spaziergang einen alten Gentleman, den ich zuweilen bei gemeinſchaftlichen Freunden bemerkt hatte. Wir erneuerten unſere Bekanntſchaft mit ein wenig von jener Herz⸗ lichkeit, welche die Engländer ſelten fühlen, oder wenigſtens ſelten an den Tag legen, ausgenommen, wenn ſie ſich an Orten finden, wo ſie nicht genau bekannt ſind. Er bat mich, am andern Tag mit ihm zu Mittag zu ſpeiſen, und ich erfuhr, daß wir in demſelben Karavanſerail wohnten. Als ich in das Gaſthaus zurückkehrte, nachdem ich Sir Thomas Villiers im Leſecabinet gelaſſen hatte, begegnete 102 ich auf der Treppe zwei Damen, welche eben herabkamen. Ich trat auf die Seite, um ihnen Platz zu machen, und nahm meinen Hut ab; ſie erwiederten meine Höflichkeit durch eine kleine Verneigung und verſchwanden alsbald. Die Eine war außerordentlich hübſch und die Andere ſah ſehr gut aus. Ich kam am Abend ſpät nach Hauſe und hörte, als ich mich auskleidete, zwei Frauenſtimmen im nächſten Zimmer, das von dem meinigen nur durch eine ſehr dünne Scheidewand getrennt war, ſo daß ich nicht ein Wort verlor. „Nein, ſagen Sie, was Sie wollen, Eliſa, Sie werden mich nicht glauben machen, es ſei angenehm, einen Mann zu heirathen, der ſo alt iſt, daß er mein Vater ſein könnte, der unabläßig krachende Stiefel und eine abſcheuliche Perücke trägt. Schon der Gedanke macht mich krank.“ „In der That Miß Villiers!“ 36 bitte Sie, keine Miß Villiers; liebe Eliſa, nennen Sie mich Carolina oder Carh, wie es mein Vater thut; doch keine Miß, das iſt zu ceremoniös.“ „Nun wohl! liebe Caroline, Sir Henry Moreton iſt im Ganzen nicht ſo alt, und er iſt wahrhaftig noch ein ſchöner Mann.“ „Gerade die Worte, die Sie gebrauchen, Eliſa, beweiſen mir, daß es nicht der Mann für mich iſt. Er iſt nicht ſo alt, er iſt noch ein ſchoner Mann. Sagen Sie mir doch, warum ich, ein ziemlich leitliches junges Mädchen, mit ich weiß nicht wie viel guhen Renten, warum ich nicht einen andern Mann finden ſollte? einen Mann, der ein halbes Dutzend Jahre älter wäre als ich, eine Verſchiedenheit, die ihm das reife 103 Alter von vierundzwanzig Jahren geben würde, der auch nicht zu jung wäre, um über ſeiner Frau zu wachen, und nicht zu be⸗ tagt, um ihren Geſchmack und ihre Vergnügungen zu theilen.“ „Ja, aber vielleicht hätte er nicht das große Vermögen von Sir Henrh, ſein ſchönes Schloß, ſeine herrliche Wohnung in der Stadt.“ „Bah! bah! ich bekümmere mich nichts um dies Alles. Warum wollen Sie hartnäckig nicht einſehen, daß ich, da ich alle dieſe Vortheile ſchon ſelbſt beſitze, durch eine Verheirathung mit Sir Henry nur Duplicate erhalten würde, und was iſt ein Duplicat werth? Wenn ich meinen Mann nicht liebe, werde ich minder unglücklich ſein in einem großen Hotel, als in einem armſeligen Hauſe? Nein, nein, dieſe krachenden Stiefel und die abſcheuliche Perücke werden mir eben ſo ſehr und vielleicht noch mehr unerträglich werden inmitten der Herrlichkeiten des Lurus, als wenn ich ſie in einem Kramladen ertragen müßte, wo die Armuth die Verachtung erſticken könnte.“ „Ja, doch da ſich Ihr Vater in den Kopf geſetzt hat, daß dies ſo ſein ſoll....“ „Und da die Tochter meines Vaters ſich in den Kopf geſetzt hat, daß dies nicht ſein ſoll, was wird geſchehen2 Ich weiß wohl, daß mich mein Vater ganz einfach mit Sir Henth verheirathet, um einen zu haben, der jeden Abend mit ihm Schach ſpielt. Oh! Sie mögen immerhin lachen, das iſt die reine Wahrheit.“ „Liebe Caroline, wie können Sie von einem ſo guten Vater, wie der Ihrige iſt, vermuthen, er ſei ſo ſelbſtſüchtig, ſein einziges Kind ſeinem Vergnügen zu vpfern?“ 104 „Er ſieht hierin kein Opfer. Mein Vater hat ſehr fern aus ſeinem Gedächtniß ſeine Jugendgedanken verbannt und be⸗ greift ſie gar nicht mehr. Er glaubt, der Reichthum und das Schachſpiel bilden das Glück des Lebens, weil ſie das ſeinige bilden, und er ſchließt daraus, er mache mein Glück, indem er mich mit Sir Henry berheirathe. Bei jeder Einwendung von mir ſchüttelt er nur den Kopf und ſagt: „„Cary, Du biſt eine kleine Thörin, Du weißt nicht, was man thun muß; wenn Du ſo alt biſt, wie ich, wirſt Du auch denken, wie ich.““„„Aber,““ entgegne ich,„„ehe dieſe Zeit eintritt, werden viele Jahre vergehen, und ehe man zur Liebe für den Reichthum und das Schachſpiel kommt, hat man Zeit, eine andere zu empfinden.““„„Die Liebe,““ er⸗ wiedert er, nach einer Pauſe,„„nein, nein, Carh! die Liebe iſt reiner Mondſchein; haben dieſe Albernheiten je ein Jahr gedauert? Doch das Geld und das Schachſpiel, das ſind die zwei großen Güter des Lebens und Niemand wird derſelben müde.““ Und ſo endigen alle unſere Geſpräche. Streiten Sie doch mit einem Mann, der Ihnen beſtändig daſſelbe Argu⸗ ment wiederholt! So oft ich übrigens mit einem unwider⸗ legbaren Grunde vorrücke, ärgert er ſich, fordert er mich auf, an meine Pflichten zu denken, und erklärt mir mit einer außerordentlichen Höflichkeit, ich ſei eine kleine Thörin.“ „Ich bin ſicher, liebe Caroline, er liebt Sie zu ſehr, um Ihnen hartnäckig eine ſolche Heirath aufzunöthigen, wenn er ovn Ihrem Widerwillen gegen dieſe Verbindung überzeugt ſein wird.“ 8 „Und ich bin ſicher, Eliſa, daß er zu ſehr auf ſeine 105 Partie hält, um nicht halsſtarrig zu ſein, da er durch meine Verheirathung einen Partner zu bekommen gewiß iſt. Er liebt mich gerade hinreichend, um das Verlangen zu haben, mich bei ſich zu behalten, und er liebt zu ſehr das Schachſpiel, um nicht ewig Sir Henry Moreton, der ſich jeden Abend von ihm ſchlagen läßt, bei ſich behalten zu wollen. Er erreicht dieſen doppelten Zweck durch meine Verheirathung und wird nie einwilligen, ſeinen Plan aufzugeben. Mein Gott, welch eine traurige Perſpective für ein armes Mädchen! Wenn Sir Henrh nur wenigſtens dem ſchönen Cavalier gliche, den wir heute auf der Treppe begegnet haben! Ich weiß nicht, wer es iſt; aber haben Sie ſeine herrlichen Haare geſehen, als er uns grüßte? Ich bin ſicher, er trägt keine Perücke und ſeine Stiefel krachen nicht.“ Bis dahin hatte mich der Dialog, deſſen Zuhörer ich unwillkührlich war, mehr beluſtigt, als intereſſirt, doch bei der Erwähnung des ſchönen Cavaliers nahm meine Auf⸗ merkſamkeit zu, und ich faßte ſogleich ein lebhaftes Intereſſe für die Perſon, die mich ſo bezeichnete; denn ich mußte der⸗ jenige ſein, von dem die Rede war. Alsbald ſchloß ich, Caroline wäre das hübſche junge Mädchen, das ich auf der Treppe getroffen, und Eliſa ihre Gefährtin. Diesmal täuſchte ich mich nicht in meinen Vermuthungen.„Was für ein ſchöner Name iſt doch Caroline,“ ſagte ich zu mir ſelbſt,„und wie gern möchte ich das Recht haben, ihn in Cary abzukürzen! Diejenige, welche ihn führt, iſt ſehr lebhaft und ſehr hübſch. Welche Naivetät, welche Richtigkeit in ihren Bemerkungen! ſie iſt offenbar reizend.“ ————— — — 106 Und hier, mein lieber Leſer, ließ ich mein Herz zum ſechsten Male gefangen nehmen und zwar völlig gefangen nehmen, und Amor, dieſer liſtige Gott, ſchlüpfte zu den Ohren hinein. Man ſage mir noch einmal, die Menſchen ſeien keine Narren. Zwei Minuten, ehe ich die zwei Worte: der ſchöne Cabalier, hörte, dachte ich:„Das iſt eine Schwätzerin von ſehr heftigem und ſehr wenig⸗ urückhaltendem Charakter;“ und nun kam ſie mir als ein Wunder an Geiſt und Lebhaf⸗ tigkeit vor, und ich brannte wahrhaft vor Begierde, ihre Be⸗ kanntſchaft zu machen. Die Stimmen wurden allmälig ſchwächer und erloſchen, nachdem ſie ſich gegenſeitig eine gute Nacht gewünſcht hatten, und ich legte mich nach befriedigter Eitelkeit zu Bett, um von der reizenden Caroline zu träumen, die mir ein ſo köſtliches Opium gegeben hatte. Ich ſtieg am andern Tag die Treppe zwanzigmal auf und ab, ohne dem Mädchen zu begegnen, das meine Gedanken ganz und gar in Anſpruch nahm. Der Tag kam mir uner⸗ träglich lang vor, und ich ſchauerte bei der Idee eines albernen Mittagsmahles unter vier Augen mit Sir Thomas Villiers. Denken Sie ſich mein Erſtaunen, meine Freude, als ich bei meinem Eintritte die zwei Damen vom vorhergehenden Tag erblickte, die man mir unter dem Namen von Miß Villiers und ihrer Freundin Miß Perch vorſtellte. Keine Röthe, kein Symptom von Verlegenheit bezeichnete bei Miß Villiers, daß ſie mich erkannte, als ſie meinen ehrfurchtsvollen Gruß mit einer anmuthigen Verbeugung erwiederte.„Es iſt ſeltſam,“ ſagte ich zu mir,„daß die Vorſtellung des ſchönen Cavaliers 107 ſo wenig Wirkung auf ſie hervorbringt. Sie hat zu viel Geiſt, denke ich, um beſtändig zu erröthen, wie Lady Emilie;“ dennoch hätte ich gern in ihren Manieren jene leichte Nuance von Verlegenheit geſehen. Man vermöchte ſich nichts Heiterers vorzuſtellen, als dieſes Mittagsbrod durch die Einfälle und Naivetäten von Miß Villiers war, denn ihre Freundin war eine ſehr wohl erzogene, aber eine ſehr ſchweigſame Perſon, und Sir Thomas hatte kein anderes Verdienſt, als daß er ſeinem geiſtreichen Kinde Antwort gab. Miß Villiers war von einer ſeltſamen Schönheit, die mehr von dem Ausdruck ihrer Phyſiognomie, als von ihren Zügen herrührte, obgleich ſich bei dieſen eine beinahe vollkommene Regelmäßigkeit nicht verkennen ließ. Ihre Augen waren dunkelblau; vielleicht wären ſie zu blendend durch ihr beſtändiges Funkeln erſchienen(kein anderes Wort vermöchte ihre unglaubliche Lebendigkeit wiederzugeben), hätten ſie nicht, ihren Glanz mildernd, lange pechſchwarze Wimpern beſchattet. Ihre Naſe war weder griechiſch, noch römiſch, aber ſie war meinem Geſchack nach hübſcher, als der eine oder der andere von dieſen klaſſiſchen Typen; es war eine niedliche, etwas aufgeſtülpte Naſe. Ihr kleiner Mund und ihre lebhaft rothen Lippen hoben unvergleichliche Zähne hervor. Der einzige Fehler, den ein überſcharfer Kritiker an ihrem reizenden Geſichte hätte entdecken konnen, waren ihre zu ſtark hervorſpringenden Backenknochen, ein Zeichen des ſchottiſchen oder iriſchen Blutes, das in ihren Adern floß. Selbſt dieſe Eigenthümlichkeit verlieh ihrer Phyſiognomie einen neuen Reiz. Ihr Haar war braun, und die glänzende Färbung ihrer 108 Wangen kündigte Kraft und Geſundheit an. Nie hatte ich ein verführeriſcheres Antlitz und Züge geſehen, in denen ſich die Eindrücke wechſelreicher ausprägten. Es war Grazie in allen ihren Vewegungen, und ihre Füße und ihre Hände, ein untrügliches Zeugniß hoher Geburt, waren von ſo ausgeſuch⸗ ter Feinheit, daß ihre Schönheit genügt hätte, um andere per⸗ ſönliche Unvollkommenheiten aufzuwiegen, hätte dieſes reizende Mädchen ſolche gezeigt. Ich weiß nicht, ob meine liebenswürdigen Leſerinnen den ganzen Werth kennen, den wir Männer auf die Zartheit der Füße und Hände legen. Es ſind unerläßliche Zuſätze der Schönheit, und es gibt wenige Männer, wenn es überhaupt gibt, welche nicht anerkennen, daß kein anderer Reiz den Man⸗ gel an dieſem erſetzen kann. Um auf die ſchöne Caroline zurückzukommen, deren Füße und Hände dieſe Abſchweifung veranlaßten, ſage ich, daß ſie ſich ſetzte und einer Zauberin ähnlich ſogleich ihre Macht über uns Alle zu üben anfing. Vergebens verſuchte es ihr Vater, wie einen Schild die gewöhnlichen Gemeinplätze der Converſation den ſcharfen Pfeilen ihres Witzes entgegenzuſetzen; kaum bedarf es, beizufügen, daß ſeine Bemühungen völlig überflüſſig waren. „Spielen Sie Schach, Herr Lyſter?“ fragte Sir Thomas. Ich antwortete verneinend, und der Aerger meines Wir⸗ thes offenbarte ſich durch einen Blick der Verachtung und durch einen Ausruf, der ſeine Ungeduld, Sir Henry Möreton kom⸗ men zu ſehen, kundgab. Miß Villiers verzog auf eine reizende Weiſe den Mund und wechſelte bezeichnende Blicke mit Miß Percy. 109 „Ich bin zu Ihrer Verfügung, mein Herr,“ ſprach Miß Percy und ging auf den Tiſch zu, auf welchem das Schach⸗ brett ſtand, während zugleich die Phyſiognomie des jungen Mädchens den Ausdruck einer Reſignation, würdig eines Mär⸗ tyrers annahm. „Sehr gut, Eliſa,“ brummelte der Baronet,„es iſt im⸗ mer noch beſſer mit Ihnen, als mit gar Niemand zu ſpielen, aber wahrhaftig, Sie ſpielen ſo ſchlecht, daß es einem nicht das geringſte Vergnügen bereiten kann, Sie zu ſchlagen, wäh⸗ rend im Gegentheil Sir Henry Moreton ein vortrefflicher Spieler iſt, ja, ein Spieler erſten Ranges, und ich muß meine ganze Geſchicklichkeit, mein ganzes Wiſſen entwickeln, um jeden Abend über ihn zu ſiegen, wie ich es thue.“ „Dann iſt es ſehr ſchlimm von Lord Montagu,“ rief Caroline mit einer ironiſchen Miene,„daß er ſagte, ſeiner An⸗ ſicht nach ſei Sir Henry nur ein mittelmäßiger Spieler.“ „Ich hätte wohl hören mögen, wie ſeine Herrlichkeit eine ſolche Behauptung wagen konnte,“ erwiederte der Vater ſehr unzufrieden;„ich würde ihr ſogleich bewieſen haben, daß ſie ſich täuſchte. Ein ſehr mittelmäßiger Spieler! wie könnte das ſein, da ich, der ich ſeit vierzig Jahren Schach ſpiele und eine vollendete Erfahrung in dieſem Spiele habe, genöthigt bin, mein Möglichſtes zu thun, um bei ihm zu gewinnen? Wie⸗ derhole mir nie eine ſolche Albernheit, Cary. Ich hielt Lord Montagu für einen Mann von Verſtand, doch nun habe ich eine ſehr geringe Meinung von ihm. Setze Dich an Dein Clavier und ſinge mir eines von meinen Lieblingsliedern, um meinen Geiſt zu beruhigen, denn wahrhaftig, man hat wohl 11⁰ Grund, ſich zu ärgern, wenn man das oberflächliche, alberne Urtheil von Lord Montagu hört.“ Die Stimme von Caroline ſtand vollkommen im Einklang mit dem Ausdruck ihrer Phyſiognomie; ſie ſang bewunderungs⸗ würdig und, geſchickter oder glücklicher, als viele andere Frauen, verlor ſie nichts von ihrer Schönheit, während ſie ſang. Als ſie geendigt hatte, fragte mich Sir Thomas, ob Cary nicht wirklich gut ſinge, und indem ich dieſe Frage bejahend beant⸗ wortete, ſagte ich nur die gewiſſenhafteſte Wahrheit. „Ja, ja,“ ſprach Sir Thomas,„das hat ſie mir, ganz und gar mir zu verdanken; mir, der ich ſie abgehalten habe, zu ſchreien wie ein Pfau, den Mund von einem Ohr zum andern zu öffnen, wie es die Ladies Mellicent thun, oder die Augen zum Himmel aufgeſchlagen wie eine Ente, die den Donner hört.„„Cary,““ ſagte ich zu ihr,„„meine Augen ſollen nicht verletzt werden, während meine Ohren entzückt ſind, nicht wahr, Carh?““ Sie ſehen alſo, wenn ſie gut ſingt, hat ſie es mir zu verdanken. Aber Gott vergebe mir, Miß Perch, woran denken Sie denn, meine Liebe? Sie wür⸗ den einen Geiſtlichen zum Fluchen bringen. Oh! wenn nur Sir Henry hier wäre, es iſt nicht möglich, in ſeiner Abweſen⸗ heit ernſt zu ſpielen.“ Der Abend ging raſch und auf eine koſtliche Weiſe vor⸗ über, trotz des Klagens und Murrens von Seiten des Baro⸗ nets. Ich verließ ihn um eilf Uhr, zu einer Zeit, wo man jetzt ſeine Veſuche macht; damals war es aber der beſtimmte Augenblick, um ſich gute Nacht zu ſagen. Die Liebe, die ich aus den Augen von Cary geſchöpft hatte, war ſo, daß ich nicht geglaubt hätte, es wäre mir möglich, noch einmal von einem ſo lebhaften Gefühl ergriffen zu werden, und ich hatte mich vielleicht ſo ſehr verliebt, als ich es je zuvor geweſen, obgleich meine gegenwärtige Leidenſchaft nicht den erhabenen Charakter an ſich trug, der meine Zuneigung zu Lady Marie Vernon bezeichnete. Ich war ungeduldig, die liebenswürdige Caroline aber⸗ mals von mir ſprechen zu hören, wenn ſie in ihr Zimmer zurückgekehrt wäre. Was würde ſie ſagen? Hatte„der hübſche Cavalier mit dem ſchönen Haar,“ ſeitdem ſie mit ihm bekannt geworden, Fortſchritte in ihrem Geiſte gemacht? Lebhaft wünſchte ich, dies zu erfahren, und in meinem glühenden Ver⸗ langen, den Ausdruck ihrer Gefühle zu hören, vergaß ich aber⸗ mals, wie unſchicklich es war, ein nicht für meine Ohren be⸗ ſtimmtes Geſpräch zu behorchen. Als ich mich der Thüre des Zimmers näherte, traf ich einen von den Dienern, der mir mittheilte, nach dem Abgang von einigen Perſonen habe er mir ein beſſeres Zimmer am andern Ende des Hauſes einräu⸗ men können.. „Und warum habt Ihr ſo gehandelt, ohne meine Befehle zu erwarten?“ ſagte ich mit mehr Zorn, als zu offenbaren billig war. „Ich bitte um Verzeihung, Sire, es thut mir leid; aber Madame hat geſagt, Sie ſeien mit dieſem Zimmer am Tage Ihrer Ankunft nicht zufrieden geweſen, und ſie habe Ihnen ein anderes verſprochen, ſobald es die Miethsleute verlaſſen hätten. Nun ſind alle Ihre Effecten dahin gebracht worden.“ 142 „Wohl! ſo tragt ſie ſogleich zurück,“ erwiederte ich voll Ungeduld. „Ich bin troſilos, Sire; doch die Kammerfrau von Miß Villiers hat nun Ihr früheres Zimmer inne, um den jungen Fräulein näher zu ſein. Alle Cartons und alle Koffer, die den Damen gehören, ſind dahin gebracht worden, und es iſt jetzt unmöglich, Ihre Effecten zurückzutragen.“ Ich erkannte die Wahrheit dieſer Bemerkung, nahm ſie aber auf das Unfreundlichſte auf; doch ich mußte wohl von meiner neuen und comfortablen Wohnung Beſitz ergreifen, wenn mich auch eine Veränderung tief kränkte, die mich des Vergnügens beraubte, zu hören, was die ſchöne Caroline dachte, nun da wir Bekanntſchaft gemacht hatten. Ich ſah ſie jeden Tag und wurde jeden Tag mehr ver⸗ liebt. Bemerkte ihr Vater, daß ich verliebt war, oder befürch⸗ tete er, ich würde es werden? Das habe ich nie erfahren, nur ſo viel iſt gewiß, daß er die erſte Gelegenheit ergriff. um mir mitzutheilen, er erwarte die Ankunft von Sir Henry Mo⸗ reton, um ihn mit ſeiner Tochter zu verheirathen. Obgleich ich auf dieſe Mittheilung vorbereitet war, em⸗ pfing ich ſie doch nicht ohne Bedauren aus dem Munde von Sir Thomas, denn ich hatte die Hoffnung genährt, dieſe Hei⸗ rath ſei nicht unwiderruflich beſtimmt. Sollte ich Caroline wie ein Opfer einem Mann hingeben laſſen, den ſie nicht liebte, einem Mann, der alt genug war, um ihr Vater zu ſein, der eine Perücke und krachende Stiefel trug?„Nein,“ rief ich, „die Galanterie verbietet es, die Liebe widerſetzt ſich,“ und zu gleicher Zeit beſchloß ich, ihr mein Herz und meine Hand 113 anzubieten, um ihr zu beweiſen, der„ſchöne Cavalier“ ſei kein Undankbarer.“ Aber ach! der Weg der wahren Liebe iſt immer mit Dornen beſtreut. Während ich mir in meinen Gedanken die Art und Weiſe componirte, wie ich ihr mein Geſuch vortragen ſollte, traf Sir Henry Moreton eine Woche wenigſtens vor der Zeit ein, wo man ihn erwartete. Es wurde nun unmöglich, Cary allein zu ſehen. Sir Thomas Villiers kam dem gewöhn⸗ lichen Beſuch, den ich ihm jeden Abend machte, dadurch zuvor, daß er mir am Tage der Ankunft ſeines zukünftigen Schwie⸗ gerſohnes ſagte, er habe einige Geſchäfte in Ordnung zu brin⸗ gen, einige letzte Anordnungen zu treffen, doch er hoffe, mich am andern Tag beim Mittagsbrod zu ſehen. Ich brachte den Abend einſam zu, quälte meinen Geiſt und ſuchte zu errathen, was die reizende Caroline machte; denn abgeſehen von dem Widerwillen des jungen Mäd⸗ chens gegen krachende Stiefel und Perücken, glaubte ich mich moraliſch gewiß, ſie habe nun gegen das Gefühl zu kämpfen, das ihr„der ſchöne Cavalier“ eingeflößt, deſſen Aufmerkſam⸗ keiten die Eroberung vollendet haben müßten, die ſein Anblick allein angefangen. Da ſie gewünſcht, und ich muß wieder⸗ holen, daß dieſer liebenswürdige Wunſch von ihren Roſenlip⸗ pen ausgedrückt worden war, da ſie gewünſcht hätte, ſage ich, Sir Henry Moreton möchte mir gleichen, ſo konnte es keinem Zweifel unterliegen, daß meine Bewerbungen um ihre Gunſt⸗ die nicht einen Augenblick ſeit dem Tage, wo ich ihr vorge⸗ ſtellt wurde, unterbrochen worden waren, mir ihre Zuneigung gewonnen haben mußten. Ich war unglücklich, und ich fühlte, Der Erzähler. 1847. W. 8 114 daß ſie auch unglücklich ſein mußte, denn wie hätte ihr junges empfindſames Herz den Eindruck, den ich auf ſie gemacht, ver⸗ geſſen können? Was die Dauer meiner eigenen Zuneigung be⸗ trifft, ſo war ich hierüber noch nicht ganz ſicher, denn ich hatte die Erfahrung der Liebe; doch kein Mann zweifelt an der Tiefe und Dauer der Leidenſchaft, die er perſönlich einflößt, während er ſonſt ſehr ungläubig in Betreff des Um⸗ fangs und der Aufrichtigkeit der Zuneigung iſt, welche die an⸗ deren Perſonen ſeines Geſchlechts fühlen machen. Ich fand mich am andern Tage zur Stunde des Mit⸗ tagsbrodes ein und wurde ofſiciell mit Sir Henry Moreton bekannt gemacht. Es war dies ein Mann von gutem Aus⸗ ſehen, von hoher Geſtalt und ungefähr fünfzig Jahre alt; ich war nicht fünf Minuten in ſeiner Geſellſchaft, ohne mich ſelbſt von der Richtigkeit der Beſchreibung von Caroline, was die krachenden Stiefel und die Perücke ihres Zukünftigen be⸗ trifft, zu überzeugen, und dennoch muß ich geſtehen, daß die Perücke eine der geſchickteſten Nachahmungen deſſen war, was die öffentlichen Ankündigungen in den Zeitungen den ſchön⸗ ſten Schmuck, ein herrliches Haupthaar, nennen. Ich habe bemerkt, daß die Leute, welche krachende Schuhe oder Stiefel tragen, einen entſchiedenen Hang für die Locomotion haben. Sir Henry ging beſtändig im Zimmer auf und ab; bald ſchloß er ein Fenſter, bald öffnete er eine Thüre, bald machte er eine andere zu, bald rückte er einen Stuhl vor, kurz, er war in einem Zuſtand unabläſſiger Bewegung, wenn er nicht bei Tiſche oder vor dem Schachbrett ſaß. Die ſchönen Augen von Caroline waren roth und von Thränen aufge⸗ 115 ſchwollen, und meine Leidenſchaft vermehrte ſich für ſie durch dieſen Beweis ihrer Empfindſamkeit. Als ſich die Damen zu⸗ rückgezogen hatten, kündigte mir Sir Thomas an, die Verhei⸗ rathung ſeiner Tochter ſollte am Anfang der folgenden Woche ſtatthaben. „Wir gedenken uns nach Moreton⸗Hall zu begeben und einige Zeit dort zu verweilen.“ „Ich werde mich ſtets glücklich ſchätzen, das Vergnügen zu haben, Herrn Lyſter dort zu ſehen, wenn es ihm genehm iſt, uns einen Beſuch zu machen,“ fügte Sir Henry ceremo⸗ niös bei. Sie fingen nun an ihre Figuren aufzuſtellen, ohne ſich auf irgend eine Art um die zukünftige Lady Moreton zu be⸗ kümmern, welche bei dem Worte wir(ein abſcheuliches Wort) mit aller Kaltblütigkeit mit inbegriffen war. Sir Henry Moreton war ein kalter Formenmenſch; für Leute ſeiner Art muß das Wort impertinent erſonnen worden ſein. Er ſchien in allen Beziehungen vollkommen mit ſich ſelbſt zufrieden, und die Perſon, welche er nach ſich am meiſten ſchätzte, war Sir Thomas Villiers: er behandelte ihn mit der tiefen Ach⸗ tung, welche die Männer von mittlerem Alter häufig gern gegen Männer, welche älter ſind als ſie, an den Tag legen, ohne Zweifel, um ſich dadurch ein jugendliches Ausſehen zu geben. Seine Converſativun war ein Gewebe von Truismen und alltäglichen Bemerkungen, die er mit einer Miene und mit einer Emphaſe zum Beſten gab, welche klar andeuteten, daß er ſie als vollkommen der Aufmerkſamkeit würdig betrachtete. „Und das iſt der Geſelle,“ dachte ich,„mit welchem die 116 reizende Caroline ihr Leben hinzubringen beſtimmt iſt. Schon die Blicke dieſes Menſchen ſind fähig, den lebhafteſten Geiſt auszulöſchen, und ſein Geſpräch iſt ſo einſchläfernd, daß die Aufgeweckteſten nothwendig dem Schlaf unterliegen müſſen, wenn ſie ihn hören.“ Als wir wieder zu den Damen kamen, ſaßen die zwei Baronets unmittelbar vor dem Schachbrett, eine Beſchäftigung, welche Caroline ungemein zu erleichtern ſchien. „Wenn Sie nun eine auf verſtändige Weiſe ſtreitig ge⸗ machte Partie ſehen wollen, Herr Lyſter, ſo brauchen Sie nur dem Spiel zu folgen,“ ſagte Sir Thomas;„denn obgleich es einer gewiſſen Perſon, die ich nicht nennen werde, zu behaup⸗ ten beliebt hat, Sir Henry Moreton ſei ein mittelmäßiger Spieler, bin ich doch gewiß, Sie werden im Gegentheil alsbald anerkennen, daß er von erſter Stärke iſt.“ „Es würde mir ſehr ſchmeicheln,“ ſprach Sir Henry, deſſen Wangen ſich mit Röthe bedeckten,„wenn ich erfahren könnte, wer der Menſch iſt, der ſeine eigene Unwiſſenheit im Schachſpiel dadurch kundgegeben hat, daß er eine ſo irrige Meinung über mich ausſprach.“ „Das iſt mein Geheimniß,“ verſetzte Sir Thomas,„doch wie Sie ſehr gut bemerken, die fragliche Perſon hat nur ihre eigene Unwiſſenheit verrathen.“ „Wer eine Partie ganze Stunden lang mit Sir Thomas Villiers ſtreitig zu machen im Stande iſt,“ fügte Sir Henry bei,„kann kein mittelmäßiger Spieler ſein; das werde ich mir dieſer Perſon, wer ſie auch ſein mag, zu ſagen erlauben.“ „Das iſt es, was ich auch geſagt habe, Sir Henry, er⸗ 117 innern Sie ſich, Sir Lyſter? Das ſind meine eigenen Worte, und Sir Henry, der ſeit dreißig Jahren Schach ſpielt, muß das Spiel nothwendig kennen.“ „Verzeihen Sie, Sir Thomas,“ verſetzte der beleidigte Baronet,„Sie täuſchen ſich, was die Jahre betrifft; zu der Zeit, von der Sie ſprechen, war ich noch ein Kind, und folg⸗ lich konnte ich damals noch nicht Schach ſpielen.“ Caroline vermochte ſich eines Lächelns nicht zu erwehren, mit dem ich mich aſſpeirte, als ich Sir Henry ſo ſeine Ju⸗ gend vertheidigen ſah. Doch Sir Thomas lag ſehr wenig dar⸗ an, die jugendlichen Anmaßungen ſeines zukünftigen Schwie⸗ gerſohnes zu ſchonen; er war nur bemüht, ſeine Behauptung zu rechtfertigen, und er erwiederte mit höflichem Tone: „Ein Kind! Sicherlich, Sir Henry, iſt ein Mann mit zwanzig Jahren kein Kind mehr, und da Sie nun fünfzig alt ſind, ſo iſt es kein ſo großer Irrthum von meiner Seite, wenn ich ſage, Sie ſpielen ſeit dreißig Jahren Schach. Ich habe zehn Jahre vor Ihnen voraus„ und das macht meine Ueber⸗ legenheit, doch ich wette, Sie würden jeden andern Spieler von Ihrem Alter in England ſchlagen, obgleich Sie mich nicht beſiegen können.“ Nie war wohl ein Menſch ärgerlicher als Sir Henry, als er auf eine ſo genaue Weiſe ſein Alter in Gegenwart ſei⸗ ner Zukänftigen, welche kaum achtzehn Frühlinge zählte, her⸗ ausſtellen hörte. Er wurde earmeſinroth und machte Schlag auf Schlag mehrere Schnitzer. „Singe uns etwas, Cary, mein Kind,“ ſagte Sir Tho⸗ mas,„ich kann nie gut ſpielen, wenn ich Deine Stimme nicht 118 höre; und Sie, Miß Percy, könnten, während Cary ſingt, nichts Beſſeres thun, als näher zu uns zu treten und unſerem Spiel zuzuſchauen. Das wird eine gute Lection ſein und Sie können den Platz von Sir Henry im Falle einer Abweſenheit oder Krankheit mit mehr Erfolg einnehmen, als Sie dies kürzlich gethan haben. Cary, ſinge mir den alten Robin Grey, das iſt mein Lieblingslied. Lieben Sie Robin Grey, Sir Henry?“ „Ich liebe ſtets das, was Miß Villiers ſingt,“ erwiederte dieſer,„doch ich geſtehe, daß ich keinen beſondern Geſchmack für Robin Grey habe.“ „Und warum denn, wenn's beliebt?“ fragte Sir Tho⸗ mas ſtumpfſinnig wie ein alter Egoiſt.„Ich möchte wohl wiſſen, was Sie gegen die Mufik oder gegen die Worte zu ſagen haben. Die Muſik iſt die Melodie ſelbſt und die Worte ſind ein wahrer Coder der Moral, ja, Sir Henry, und zwar vortrefflicher Moral. In der That, was kann es Moraliſche⸗ res geben, als eine junge Perſon, welche einen reichen Greis heirathet, um ihren Eltern zu gefallen, und der es gelingt, ihre Liebe für einen jungen Mann zu beſiegen, weil ſie wahr⸗ nimmt, daß ihr alter Gatte voll Güte gegen ſie iſt? Ich meines Theils liebe die Moral im Liede wie in einer Geſchichte, und ich behaupte, daß das Lied vom alten„Robin Grey“ moraliſch iſt.“ Selbſt die ruhige und ſchweigſame Miß Perey ſchien die Ungtſchicklichkeit der Vergleichung zu fühlen, welche Sir Tho⸗ mas zwiſchen dem alten Ehemann des Liedes und dem Be⸗ werber um die Hand von Caroline in Anregung brachte. Dieſe 119 ſeufzte, und ich antwortete auf ihren Seufzer, während Sir Henry, röther als je, ganz in ſein Spiel vertieft zu ſein ſchien. Doch Sir Thomas, der nicht weich geben wollte, kehrte zu ſeinem Angriff zurück und hieß Cary ihr Lied ſingen. Sie gehorchte und entledigte ſich auf eine bewunderungswürdige Weiſe ihrer Aufgabe, obgleich ihre Stimme in Augenblicken zitterte. Vergebens ſuchte ich am Abend eine Gelegenheit, meine Leidenſchaft derjenigen zu offenbaren, welche der Gegenſtand derſelben war. Sie blieb vor dem Clavier ſitzen, das ſo nahe bei dem Schachſpiel ſtand, daß ich nicht den Muth hatte, ein einziges Wort zu ſprechen. Ich verließ das Haus verliebter als je und verlor jede Hoffnung, meiner Neigung einen gün⸗ ſtigen Erfolg zu geben. Am andern und am zweiten Tag ging Sir Henry Moreton Caroline nicht von der Seite, ſo daß jedes Einzelngeſpräch unmöglich war. Ich entſchloß mich⸗ ihr meine ganze Seele in einem Brief zu eröffnen, den ich mit der vollen Beredtſamkeit eines Verliebten ſchrieb, wie ich damals dachte, der mir aber nunmehr, ich muß es geſtehen, eine große Doſis Uebertreibung enthalten zu haben ſcheint. Die Schwierigkeit war, ihr denſelben zukommen zu laſſen. Wem mich anvertrauen? Sir Thomas war einer von den Familienvätern der alten Zeit, deren Race heut zu Tage beinahe verſchwunden iſt, und die in der entfernten Epoche, von der ich ſpreche, ſchon zu erlöſchen anfing, ein Mann, der ſein Haus, ſeine Kinder, ſeine Bedienten und Alles, was ihm gehörte, mit dem unumſchränkteſten Deſpotismus führte, ihnen wenig Freiheit des Gedankens, noch weniger Freiheit des Ausdrucks, 120 und gar keine Freiheit der Handlung ließ, und ſogar ſeiner Tochter die Erlaubniß verweigerte, einen Brief zu leſen, ehe er unter ſeinen Augen vorübergegangen. Ich hatte mich während meiner kurzen Verbindung mit der Familie ſchon von dieſer ſtrengen Disciplin überzeugt. Wie dieſen moraliſchen Sanitätscordon brechen, den der alte Baronet um die Seinigen gezogen hatte? Nahm ich meine Zuflucht zu Miß Perch, ſo ließen mich ihre Sanftmuth und Gefälligkeit hoffen, ſie würde Mitleid mit einem unglücklich Liebenden haben, und ich theilte ihr in einem vertraulichen Billet, das ich ihr ſchrieb, meine Leidenſchaft für ihre Freun⸗ din mit und erſuchte ſie, Carolinen einen Brief zu übergeben, der ein Geſtändniß enthalte, von dem das Glück meines Le⸗ bens abhänge. Miß Perch ließ mich nicht lange in der Angſt der Erwartung ſchweben; eine halbe Stunde, nachdem ich mein Billet abgeſandt hatte, wurde mir der an ihre Freundin adreſſirte Brief unter Umſchlag mit einem Billet zurückgeſchickt, worin geſagt war, Miß Perch bedaure, daß ich eine ſo irrige Meinung von ihrem Charakter und von ihren Grundſätzen ge⸗ faßt habe, um anzunehmen, ſie würde einwilligen, als Mittels⸗ perſon bei einer heimlichen Correſpondenz mit der Tochter ihres Wohlthäters und der Verlobten ihres Freundes zu dienen. Kaum hatte ich dieſes Billet zu Ende geleſen, als Sir Thomas Villiers in mein Zimmer trat. Ich ſchloß hieraus, Miß Perch habe mich verrathen, und er komme, um mir Vorwürfe zu machen. Seine erſten Worte beſtätigten meinen Verdacht. „Nun! nun!“ ſagte er,„Sie machen ſchöne Dinge.“ „Alles iſt bekannt,“ dachte ich,„doch man muß der 121 Grfahr trotzen,“ und dem zu Folge that ich mein Möglichſtes, um eine würdige Miene anzunehmen. „Sie machen ſchöne Sachen!“ wiederholte Sir Thomas, indem er auf einen großen Umſchlag deutete, der unter mei⸗ nem Tiſche lag;„Sie haben nicht einmal das Paquet ge⸗ öffnet, das die Journale von London enthält, die mir dieſen Morgen zugekommen ſind, und die ich kaum zu durchlaufen mir die Zeit ließ, ehe ich ſie Ihnen mit ein paar Zeilen ſchickte, in denen ich Ihnen zu wiſſen that, ich habe ſie noch nicht einmal geleſen, und worin ich Sie bat, mir dieſelben ſo bald als möglich wieder zu ſchicken, und nun ſind weder Billet noch Paquet geöffnet worden! Haben Sie den Teufel im Leib? Woran denken Sie denn?“ Ich ſtammelte eine Entſchuldigung, äußerſt zufrieden, daß mein Geheimniß noch nicht in ſeinem Beſitze war. Er ſagte mir ſodann, er habe mich um einen Dienſt zu bitten. „Ich habe hier das Portrait meiner Tochter, von einem talentvollen Künſtler gemalt,“ ſagte er;„es iſt meine Abſicht, meinem zukünftigen Schwiegerſohn ein Geſchenk damit zu machen; es wird eine angenehme Ueberraſchung für ſeinen Geburtstag ſein, der im nächſten Monat ſtattfindet; ich möchte es gern auf einer Tabaksdoſe anbringen, die etwas geſchmack⸗ voller wäre, als es gewöhnlich dieſe abſcheulichen Büchſen ſind. Wollen Sie mir ein Muſter auswählen und die Aus⸗ führung überwachen? Hüten Sie ſich beſonders, Niemand ein Wort davon zu ſagen.“ Indem er ſo ſprach, übergab er mir das Portrait, wel⸗ ches ſo genau die Züge des Originals darſtellte, daß ſein 122 Anblick eine Gemüthsbewegung bei mir zur Folge hatte, die ich kaum zu verbergen vermochte. „Ich kann alſo auf Sie rechnen, nicht wahr?“ fuhr er fort.„Sie ſind ein reizender Junge, großen Dank und guten Abend, ich verlaſſe Sie, denn ich habe tauſend Dinge zu thun. Ah! bald hätte ich vergeſſen, wir haben es mit Sir Henrh ſo angeordnet, daß die Heirath von Caroline übermorgen voll⸗ zogen wird, drei Tage früher, als wir es Anfangs beſchloſſen hatten, denn Sir Henrh hat einen Brief erhalten, in welchem man ihm meldet, es finde demnächſt eine Grafſchaftsverſamm⸗ lung ſtatt, und da er dabei gegenwärtig zu ſein wünſcht, ſo haben wir die Feierlichkeit beſchleunigt, um uns Alle mit ein⸗ ander nach Moreton⸗Hall begeben zu können.“ Ich weiß nicht, was mein Geſicht ausdrückte, doch ich weiß, was ich bei dieſer Nachricht fühlte, und ich wundere mich, daß er meine Erſchütterung nicht wahrnahm; er ſcheint jedoch nicht darauf Achtung gegeben zu haben, denn er ver⸗ ließ das Zimmer, indem er beſtändig wiederholte:„Guten Abend, mein lieber Freund, ich habe tauſend Dinge zu thun; guten Abend, guten Abend.“ Gierig griff ich nach dem Portrait und drückte es meh⸗ rere Male an die Lippe, wobei ich mir daſſelbe nie heraus⸗ zugeben gelobte.„Welchem elenden Tölpel iſt es beſtimmt,“ dachte ich,„einem Menſchen, der ſeine Heirath mit der liebens⸗ würdigſten und verführeriſchſten Frau einzig und allein be⸗ ſchleunigt, weil er einer Grafſchaftsverſammlung anwohnen will? Nein, dieſes Portrait ſoll nie ihm gehören; ich laſſe eine Copie machen und die wenig hellſichtigen Augen des 123 Vaters und die noch viel weniger hellſichtigen des Gatten werden die Unterſchiebung nicht bemerken. Dieſes Portrait behalte ich, um mich darüber zu tröſten, daß ich das Original für immer verloren habe.“ Ich verließ Cheltenham am andern Tag, denn ich traute mir nicht genug, um es zu verſuchen, Caroline wiederzuſehen oder in einer Stadt zu bleiben, wo ſie an den Altar zu treten im Begriffe war, um einem Andern die Liebe zu weihen, von der ich glaubte, ſie gehöre ganz mir. Ich kam durch London, wo ich nur ſo lange blieb, als ich brauchte, um eine Copie des Portraits von Caroline zu bekommen und einen Juwelier zu beauftragen, es auf einer Tabatidre anbringen zu laſſen; doch ehe ich von der Hauptſtadt abreiſte, las ich in den Zei⸗ tungen eine pomphafte Erzählung von der Heirath bon Miß Villiers,„der einzigen Tochter und Erbin von Sir Thomas Villiers, Baronet von Connwai⸗Caſtle, in der Grafſchaft Wales, mit Sir Henrh Moreton, Baronet von Moreton⸗Hall, in Glou⸗ ceſterſhire, und von Wellisden⸗Park, in der Grafſchaft Berks.“ Die Zeitungen fügten die gewöhnliche Phraſe bei:„Dieſes glück⸗ liche Paar iſt ſogleich nach der Hochzeit nach Moreton⸗Hall abgereiſt, wo es den Honigmond zubringen wird.“ Der Schluß dieſes Paragraphen brachte mich in Ver⸗ zweiflung.„Das glückliche Paar,“ wiederholte ich voll Wuth; in der That, ich ſtellte mir die Frau in Thränen vor, indem ſie ſich insgeheim„des ſchönen Cavaliers“ erinnerte, den ſie gern an der Stelle von Sir Henrh mit ſeinen krachenden Stie⸗ feln und ſeiner Perücke gehabt hätte........ ......... 124 Es vergingen zehn Jahre, während welcher ich in Italien, in Deutſchland, in Rußland und in Schweden reiſte. Die Zeit, die beſte Freundin der Unglücklichen, die Zeit, die man oft ſo ungerecht anklagt, that für mich, was ſie für ſo viele Andere thut, ſie heilte die Wunden meiner getäuſchten Liebe. Doch es lebte ein Andenken an die ſchöne Caroline immer noch im Grunde meines Herzens, wo ſie regiert hatte. Ich dachte oft an ſie und ſchaute mit Vergnügen ihr Portrait an, das mir ſie ſo ſchön, ſo friſch und mit der zarten Taille darſtellte, die ſie zehn Jahre früher gehabt hatte. Nie erſchien ſie mir unter den Zügen einer Frau oder einer Mutter; dieſer Ge⸗ danke wäre mir zu peinlich geweſen, und wir haben alle eine erſtaunliche Leichtigkeit, unangenehme Gedanken zu berbannen. Nein, Caroline, die geiſtreiche und heitere Caroline konnte nicht Mutter von Knaben und Mädchen ſein, deren Vaterſchaft dem Mann mit den krachenden Stiefeln und der Perücke gehört hätte. Es lag etwas Ungeheuerliches in dieſem Gedanken, und er konnte auch nie in meinem Geiſte Eingang finden. Ich war in Rußland, als mir eines Tags ein altes engliſches Journal in die Hände kam; ich warf meine Augen auf die Liſte der Geburten, der Heirathen und Todesfälle. Der Name von Sir Henry Moreton fiel mir auf, und ich las mit einem leicht begreiflichen Herzklopfen und Zittern die Todesanzeige des Schachliebenden Baronets. Gierig ſchaute ich nach dem Datum; die Zeitung war ſchon ein Jahr alt. Ca⸗ roline, die liebenswürdige Caroline, meine Caroline, denn wer konnte ſie nun hindern, mein zu ſein? war alſo frei. Einige Stunden nachher befand ich mich auf dem Wege nach England. —— 125 Ich hielt nicht einen Augenblick an, ich gönnte mir nicht einen Tag Ruhe, bis ich in London angekommen war. Konnte mir nicht einer mein Glück rauben? Die Schönheit und die Talente von Caroline mußten unfehlbar eine Menge von Be⸗ wunderern anlocken, und ich zitterte, zu ſpät zu kommen, daß ſie meinen Antrag noch gutheißen könnte. Ich verſicherte mich, daß ſie in London war, und begab mich ſogleich nach ihrer Wohnung, einem herrlichen Hauſe, das auf Hanover⸗Square lag. Als ich in die Bibliothek eintrat, wohin mich der Diener führte, fand ich meine alte Bekanntin, Miß Perch, mit demſelben zurückhaltenden Weſen, aber nicht mehr mit denſelben Zügen, die ich in Cheltenham geſehen zu haben mich erinnerte. Die Zeit hatte ſie bedeutend mißhandelt und allen Liebreiz ihrem Geſichte benommen, das nun eine Serie ſehr unharmoniſcher Ecken bot. An dem Winkel ihrer Augen waren gewiſſe Runzeln bemerkbar, die gewöhnlich unter dem Namen Gänſefüße bekannt ſind. Ich bebte, als ich dieſe Veränderung wahrnahm. „Wäre es möglich,“ dachte ich,„ſollte Caroline eben ſo entſtellt ſein, wie ihre Freundin? Ich erinnerte mich, daß ſie Anlage zur Magerkeit zu haben ſchien: ſollte ſie durch den Kummer einer ſchlecht gewählten Verbindung zur Durchſichtig⸗ keit des Geſchöpfes, das jetzt vor mir iſt, herabgeſunken ſein? Doch nein, ich werde nie an eine ſo grauſame Methamorphoſe glauben; ſie hat nichts von ihrer Schönheit verloren und iſt noch die liebenswürdige verführeriſche Caroline, die ich kannter“ Dieſe Gedanken durchzogen meinen Geiſt, während Miß Perch mir erzählte, nicht nur Sir Henry Moreton ſei geſtor⸗ ben, ſondern auch Sir Thomas habe die Grenzen überſchritten, aus denen man nie mehr zurückkehrt. Er war ſeinem Freund und Schwiegerſohn ein Jahr vorangegangen. Während mir Miß Percy dieſe Ereigniſſe erzählte, nahm ſie das an, was die Franzoſen une figure de circonstance nennen, und ſagte mit dem traurigſten Tone zu mir: „Lady Moreton hat viel Kummer gehabt, denn nie iſt eine Frau glücklicher geweſen.“ Ich hätte ihr gerne, ich weiß nicht was gethan, daß ſie ſich ſo ausdrückte, obgleich mir die Sache ſehr zweifelhaft vorkam. Wie hätte eine Frau wie Caroline glücklich mit einem alten Gentleman ſein können, deſſen Stiefel krachten und der eine Perücke trug? „Ihre Ladyſhip fängt jetzt erſt an ihre Freunde zu empfangen,“ fügte Miß Perey bei;„in dieſem Augenblick hat ſie eine Beſprechung mit ihrem Geſchäftsführer, doch ſie wird bald kommen.“ In der Sekunde, wo ſie dieſe Worte ſprach, trat eine dicke Frau von gutem Ausſehen in das Zimmer, eine Frau mit friſchem, hochgefärbtem Teint und Wangen, deren Rundung, bedeutend in die Rechte der Augenlider eingreifend, ihre Augen viel kleiner erſcheinen ließen, als ſie nach den gewöhnlichen Regeln der Schönheit ſein mußten. Ihre ganze Perſon ſtand übrigens in vollkommenem Einklang mit ihrem Geſicht, und wenn man je auf irgend ein weibliches Weſen das gewöhn⸗ liche Epitheton ſtarke Frau anwenden konnte, ſo verdiente ſie es ſicherlich mehr als jede Andere. Sie näherte ſich mir, während ich unbeweglich in ſtillſchweigendem Erſtaunen ver⸗ 127 harrte, und ſie rief mit einem Ton, in dem ich mich un⸗ möglich täuſchen konnte:„Ah, das iſt Herr Lyſter; erkennen Sie mich nicht mehr?“ Gerechter Gott! es ſtand alſo wirklich Caroline vor mir; ich war wie verſteinert und vermochte kaum genug Geiſtesge⸗ genwart zu gewinnen, um die gewöhnlichen Formeln der Höf⸗ lichkeit zu ſtammeln. „Kommen Sie, Herr Lyſter,“ ſagte Ladh Moreton, denn es wäre ein Spott, dieſe ſtarke Frau noch Caroline zu nennen, „kommen Sie mit mir, und ich werde Ihnen etwas zeigen, was Ihnen, ich bin es feſt überzeugt, Vergnügen machen wird, Ihnen, der Sie ein alter Freund ſind.“ „Was will ſie damit ſagen,“ dachte ich, während ich ihr durch das Vorzimmer folgte;„was könnte ſie mir noch, nach⸗ dem ich ſie ſelbſt geſehen, zeigen, was mich ärgern oder in Erſtaunen ſetzen dürfte?“ Sie öffnete die Thüre eines großen Salon, und ich erblickte in deſſen Mitte auf zwei hölzernen Pferden einen Knaben und ein Mädchen mit dicken von Geſundheit ſtrotzenden Backen, welche eine auffallende Aehnlichkeit mit ihrer Ladyſhip boten, nicht wie ich ſie einſt geſehen, ſondern wie ſie mir heute erſchien. Zwei andere, jüngere Kinder ſpielten im Zimmer, begleitet von ihrer Amme, mit einem Höllenlärmen, und vor einem Tiſch, der in einer Ecke am Fenſter ſtand, ſaßen die zwei erſten Sprößlinge der Familie in eine Schachpartie vertieft. „Sehen Sie hier, Herr Lhſter, meine zwei älteſten Söhne,“ ſprach Lady Moreton;„dieſer hier iſt Sir Hench Moreton, und der Andere iſt Sir Thomas Villiers, dem mein 128 armer Vater ſeinen Baronetstitel vermacht hat. Iſt ihre Aehnlichkeit mit ihrem Vater und Großvater nicht auffallend?“ Man hätte in der That glauben ſollen, es wären zwei lebendige Portraits von Sir Thomas und Sir Henry. Der Ernſt ihrer Haltung und die ſcharfe Aufmerkſamkeit, die ſie auf ihr Spiel verwandten, drückten dieſer erſtaunlichen Aehn⸗ lichkeit den letzten Stempel auf. „Sie ſpielen ſo ganze Stunden lang“ fuhr Lady Moreton mit nachdenklicher Miene fort,„und ſie ſind nie glücklicher, als in ſolchen Augenblicken. Nichts gewährt mir mehr Ver⸗ gnügen, als ſie zu beobachten, Herr Lyſter, denn ſie erinnern mich an die theuren Weſen, die ich für immer verloren habe.“ Während ſie dieſe Worte ſprach, fiel eine Thräne.... eine wahre Thräne aus ihren Augen. „Stehe auf, Henrh, mein Sohn, und ſprich mit dieſem Herrn,“ ſagte die Mutter mit zitternder Stimme. Der Knabe näherte ſich mir mit abgemeſſenen Schritten und mit derſelben ceremoniöſen Miene, die ſein Vater hatte; ſeine Schuhe krachten gerade wie die von Sir Henry, und das Miniaturbild des verſtorbenen Baronet ſtellte alle ſeine Züge ſo genau dar, daß ich ſeine Haare anſchaute, in Erwartung, ihn ebenfalls eine Perücke tragen zu ſehen. „In der That,“ ſprach Lady Moreton,„es iſt ſeltſam, in welchem Grade dieſes Kind die Copie ſeines theuren armen Vaters bis in die kleinſten Einzelnheiten ſeiner Perſon iſt. Ich weiß nicht, ob Sie je bemerkt haben, Sir Lyſter, daß die Schuhe meines lieben Sir Henry beſtändig krachten; Anfangs hatte ich einen Abſcheu vor dieſem Lärmen, denn ich war eine =——————— 129 junge Unbeſonnene, und nur zu ſehr geneigt, mich um Baga⸗ tellen zu bekümmern. Doch man lernt bald alle Eigenthüm⸗ lichkeiten des Vaters ſeiner Kinder billigen, und nun macht es mir ein Vergnügen, ein gewiſſes trauriges Vergnügen, die Schuhe meines Sohnes wie die ſeines Vaters krachen zu hören.“ Die vortreffliche Mutter war in dieſem Augenblick ſo vollkommen wahr, daß ich, Gott verzeihe mir, keine Luſt hatte, zu lachen, als ich dieſen Beweis von einer ſo ſeltſam ange⸗ brachten Sentimentalität erhielt, und dennoch muß ich geſtehen, ich beklagte es ganz im Stillen, daß der junge Sir Henry nicht eine Perücke trug, was die beluſtigendſte Aehnlichkeit, die ich je geſehen, vollkommen gemacht hätte. Acht Tage nach meinem erſten Beſuche kehrte ich nach Hannober⸗Square zurück, einzig und allein, um nicht die Höf⸗ lichkeit gegen Lady Moreton zu verletzen, denn ich bekenne, daß ich jedes Verlangen, ſie zu ſehen, verloren hatte; mehr noch, ihr Anblick hatte etwas Unangenehmes für mich. Auch diesmal fand ich Miß Perch allein; eben dieſe Miß Perch mit der trockenen Phyſtognomie, welche noch viel trockener geworden, und mit den ceremoniöſen Manieren, die noch viel ceremoniöſer geworden, ſagte zu mir: „Ich hoffe, Herr Lhſter, Sie haben mich entſchuldigt, daß ich Ihnen Ihren Brief in Cheltenham zurückſchickte, doch meine Grundſätze erlaubten mir nicht, als Mittelsperſon bei einer heimlichen Correſpondenz zu dienen.“ „Gewiß habe ich Sie entſchuldigt, Miß Perch, obgleich Sie mir zu jener Zeit viel Kummer bereiteten. Sie werden mir verzeihen, daß ich Ihnen dies ſage, denn nach einem ſolchen Der Erzähler. 1847. w. 6 9 130 Zeitraum kann ich ſo ſprechen, ohne eine Unſchicklichkeit zu be⸗ gehen. Ich denke, ich war damals Miß Villiers nicht unan⸗ genehm.“ „Sie waren ihr nicht unangenehm,“ erwiederte Miß Perch, „denn oft hörte ich ſie ſagen, Sie ſcheinen ein gutes Gemüth zu haben.“ „Aber hat ſie nie etwas mehr geſagt, Miß Percy?“ fragte ich raſch;„hat ſie Ihnen nie geſtanden, ja, Ihnen ſelbſt geſtanden, Miß Percy, als Sie ſie aufforderten, Ihrem Vater dafür zu danken, daß er ſie an Sir Henry verheirathe, und ſie das Alter, die krachenden Schuhe und die Perücke des Ba⸗ ronets einwandte, hat ſie Ihnen nicht geſtanden, ſage ich, ſie hätte gerne gewollt, ich wäre an der Stelle von Sir Henry geweſen?“ „Nie, ich verſichere Sie bei meiner Ehre,“ antwortete Miß Percy. „Vielleicht hat ſie mich nicht genau genannt; doch ſicher⸗ lich hat ſie mich auf's Klarſte und Beſtimmteſte bezeichnet.“ „Ich erinnere mich wohl, Herr Lyſter, daß ſie das Alter, die krachenden Schuhe und die Perücke einwandte, aber nie und bei keiner Gelegenheit hat ſie eine Anſpielung auf Sie gemacht. Doch wie iſt es möglich, daß Sie auf dieſen Irrthum verfal⸗ len find, und, was mir noch ſeltſamer vorkommt, wie konnten Sie unſer Geſpräch erfahren?“ „Wen bezeichnete ſie denn damals mit den Worten(ich ſchäme mich, es zu ſagen)„ein ſchöner Cavalier,“ den Sie auf der Treppe getroffen hatten, der ſeinen Hut abnahm und ſich durch ſein Haar die Aufmerkſamkeit und eine ſchmeichel⸗ ——,— 131 hafte Bemerkung von Seiten Ihrer Freundin zuzog? An demſelben Tag, an welchem fie dies ſagte, begegnete ich Miß Villiers und Ihnen auf der Treppe. Ich nahm meinen Hut ab, und es iſt folglich keine zu große Anmaßung von mir, wenn ich glaube, daß ich die Perſon war, von der ſie ſprach.“ „Sie erinnern mich nun in der That an dieſen Umſtand, doch ich begreife wirklich nicht, wie Sie damit bekannt wer⸗ den konnten. Miß Villiers ſpielte auf einen Gentleman an, den wir auf der Treppe an demſelben Tage getroffen hatten, an dem wir Sie ſahen. Er war merkwürdig ſchön und Miß Villiers erinnerte mich oft an dieſes Begegnen. Wir trafen denſelben Gentleman in London in der Geſellſchaft während der nachfolgenden Saiſon. Lady Moreton erkannte ihn, und ich entſinne mich, daß ſie zu mir ſagte:„„Eliſa, die Ehe bringt eine ſeltſame Revolution in unſerer Art und Weiſe, die Dinge anzuſehen, hervor; erinnern Sie ſich, daß ich ge⸗ wünſcht hätte, dieſer Gentleman wäre an der Stelle von Sir Henry zu meinem Gatten gewählt worden; erinnern Sie ſich, daß ich ſeine Haare bewunderte, indem ich ſie mit der Perücke von Sir Henry verglich? Nun, Eliſa, würde ich meinen Gatten nicht gegen den ſchönſten Mann der Erde vertauſchen, und die Perücke des Vaters meines Kindes hat mehr Reiz für mich als die herrlichſten Haare der Welt.““ Dieſer Gent⸗ leman war Lord Tyrconnell, Herr Lyſter„ich kann ihn nun nennen, da er todt iſt.“ So verſchwand eine andere Illuſion; ich fühlte mich viel⸗ leicht mehr gedemüthigt, ſie zerſtören zu ſehen, als da ich die Metamorphoſe der Reize von Lady Moreton wahrnahm, eine 132 Metamorphoſe, welche meiner Neigung für ſie den Todesſtoß gegeben hatte. Und nun, liebenswürdiger und hoflicher Leſer, wenn es mir durch die Erzählung meiner Liebesabenteuer gelungen iſt, die Langweile einiger Stunden zu vereiteln, und obgleich ich vielleicht nur auf Sie die Langweile, die ich von mir ver⸗ bannte, übertragen habe, kann ich nicht von Ihnen Abſchied nehmen, ohne Ihnen für die Geduld zu danken, mit der Sie bis zu der letzten Zeile der getreuen Auseinanderſetzung meiner letzten Liebe ausgehalten haben. Gott befohlen alſo, und indem wir uns verlaſſen, empfangen Sie alle Complimente und alle Wünſche eines alten Jungeſellen. Der Student von Madrid. Mach dem Engliſchen. Von Auguſt Zoller. ie Touriſten, vielleicht ſelbſt die letzten Vertreter des fahrenden Ritterthums, verlangen von dem romantiſchen Spanien nicht mehr das, was es bei Don Quixote, dieſem heroiſchen Narren, ge⸗ than hat, der manchmal in ſeinen moraliſchen Reden ſo weiſe war; die Touriſten haben auf den epiſchen Roman im Lande von Cervantes Verzicht geleiſtet; doch ſie hoffen, daß ihm we⸗ nigſtens die letzten Revolutionen die Elemente des bürgerlichen Romans, die durch den Ver⸗ 4 faſſer des Gil Blas unſterblich gemachten Typen, gelaſſen haben: den Intriganten des Hofes, den Bedienten von gutem Hauſe, den Raufer auf der Gaſſe, den ſchwatzhaften Barbier, die widerwärtige oder gefällige Duena, die empfindſame oder gezierte Senora und jenen Lieb⸗ ling von Asmodäus, den Studenten, der ſich mehr mit ſeinen Lieb⸗ ſchaften als mit ſeinen Büchern beſchäftigt. Dieſe Typen beſtehen in 134 der That immer noch, ſie haben kaum ihre Tracht verändert und ſind ſtets bereit, ſich in Scene zu bringen, ſo oft die menſchlichen Leidenſchaften ſie auffordern, ihre charakteriſtiſche Rolle zu ſpie⸗ len. Die Komödie mit dem Ritter, deſſen ganze Habe ſein Schwert iſt, deren Specialität man dem eaſtilianiſchen Genie zuſchreibt, kann alſo, wie der Roman, einige neue Scenen un⸗ ter der conſtitutionellen Regierung auffaſſen, deren proſaiſche Aera für Spanien im Ernſte geöffnet ſein ſoll. Ich glaube indeſſen nicht, daß ſich bis jetzt irgend ein eingeborener oder fremder Autor der Abenteuer des lange Zeit in Madrid unter dem Beinamen El Rojo bekannten Studenten bemächtigt hat. Seine Geſchichte iſt allerdings von geſtern, iſt ſie beendigt? ohne Zweifel, nein, da er noch lebt; doch der erſte Theil iſt beinahe vollſtändig, da er eine Entwicklung hat. Wenn man unſern Studenten El Rojo oder den Ro⸗ then nannte, ſo geſchah dies nicht, weil er die röthlich kupfer⸗ farbige Haut eines Oſagen oder eines Siour hatte, noch weil ſeine Haare flammroth waren. Sein Haar war im Gegentheil von einem ſeidenen, goldenen Blond; dicke, ſelten nur von der Scheere verletzte Locken fielen anmuthig auf ſeine Schultern herab, eine zierliche Mähne, um einen Löwen des Atlas oder einen deutſchen Raphaels⸗Schüler neidiſch zu machen. El Rojo hatte andere Anſprüche auf die Gunſt der braunen und entzündbaren Madrilenen: eine zarte, wohlgebogene Taille, eine friſche, weiße Geſichtshaut, blaue Augen und, was in Spanien noch ſeltener iſt, einen Ruf der Kutſhe der unfehl⸗ bar die Neugierde un den Stolz mehr als einer hochmüthi⸗ gen Senbra reizen mußte. Wie viele ermuthigende Blicke „ —,— 135 wurden unter dem Schutze des Fächers, des Schleiers oder der Mantille abgeſchoſſen! Trotz des ariſtokratiſchen Vorurtheils kann in Spanien ein armer Hidalgo, ein einfacher Caballero ſogar, ein Titel, den ein Bettler, indem er ſich in ſeinen durch⸗ löcherten Mantel hüllt, ohne Zögern annimmt, nach Allem mit Erfolg trachten. Die Grandeſſa, das Königthum ſogar haben in neueſter Zeit ihre Mesalliancen gehabt. Mit Hülfe Unſerer Lieben Frau von Atocha hatte El Rojo bis jetzt noch keine Liebesſünde auf ſeinem Gewiſſen, und er ſtrafte ſeines Theils auf eine glänzende Weiſe das ſpaniſche Sprüchwort Lügen: Der Mann iſt vom Feuer, die Frau von Werg, der Teufel kommt und bläſt dar Der Phyſiognomie des Studenten fehlte es weder an Lebha noch an Ausdruck; er hatte Geiſt und Herz; wie die Mehrz iner Landsleute, erhitzte er ſich ſchnell und beſanftigte er ſich ebenſo. Geſchickt in allen Leibesübun⸗ gen, ein guter Reiter, mit derſelben Gewandtheit die Klinge von Toledo und das Meſſer des Majo handhabend, hatte er bei mehr als einem Zuſammentreffen Beweiſe von ſeinem Muth und ſeiner Kaltblütigkeit gegeben; doch er trieb bis zum Uebermaß dieſe letzte Tugend in Beziehung auf die Damen, warf in's Feuer ihre ſüßen, parfumirten Billets, wenn ihm das Papier nicht zuſagte, um Cigaretten damit zu machen, und ſchloß den Duenen die Thüre vor der Naſe, den Duenen, die⸗ ſen Merkuren in Weiberröcken, welche ſich, wie die Froſine von Molière, nicht fürchten würden, noch ſchwierigere Heira⸗ then, als die des Großtürken oder der Republik Venedig zu Wege zu bringen. Dieſer Joſeph der Mancha, denn er war in der Provinz des Helden von Cervantes geboren, ſetzte ſich * 136 alſo dem Haſſe und der Rache von mehr als einer Dame Potiphar aus. Eine unter anderen beauftragte vier Raufer, es zu verſuchen, ob die Spitze ihres Stilets eben ſo ohnmächtig als die Augen der Damen bei dieſem unempfindlichen Herzen wäre. Durch ein Wunder dem Hinterhalte der beleidigten Liebe entkommend, wurde El Rojo nur um ſo unzugänglicher. Sein Leben war fortan beinahe das eines Mönches. Selten traf man ihn in den Straßen oder auf den öffentlichen Plä⸗ tzen, in der Calle dAlcala und bei der Puerta del Sol. In ſeinem Studirzimmer vergraben, bereitete er ſich auf die Rechts⸗ prüfungen vor, die er in Ciudad⸗Real erſtehen ſollte. Allmä⸗ lig vergaßen ihn die Welt und ſeine Kamgraden. Es war ein ihrer Anſicht nach verlorener Jungez das beſtändige Ar⸗* beiten verdumpfte ihn wie ſo viele Andere.„O meine Freunde,“ ſagte ein Weiſer,„es gibt keine Freunde!“ und dennoch ſchmeichelte ſich El Rojo einen zu beſitzen. Jedenfalls war er ihm eine tiefe Dankbarkeit ſchuldig, denn ohne ſeinen Dazwiſchentritt fand die ſo eben von uns erwähnte beleidigte Dame die Stelle, wo der Panzer eine Blöße ließ, und alle verachtete Schön⸗ heiten von Madrid waren gerächt. Der Freund von El Rojo, Don Regato genannt, ein kleiner, magerer, dürrer, einäugiger Greis hatte ſelbſt das abenteuerlichſte Leben geführts Dieſes Jahrhundert politiſcher Verwandlungen und Palinodien hatte keinen originelleren und getreueren Typus, wenn es eplaubt iſt, dieſes Wort für einen ſolchen Menſchen zu gebrauchen. Nach und nach Maulthier⸗ treiber, Schmuggler Mönch, Soldat, hatte er alle Arten von —— 137 Gewerben getrieben und war am Ende bei dem letzten ſtehen geblieben, das ſeiner Unbeſtändigkeit eine weite Sphäre bot. Im Jahre 1806 bekämpfte er in den Straßen von Madrid, als dieſes im Aufruhr begriffen war, die Soldaten von Murat. Dann wurde er einen Augenblick Parteigänger von König Joſeph; doch dieſer Augenblick war kurz. Im Jahr 1810 befehligte er eine Guerilla in den Schlünden der Sierra Morena. Zwei Jahre ſpäter, nachdem er die Conſti⸗ tution von Cadir beſchworen hatte, ſah man ihn im Haupt⸗ quartier von Wellington, in der Eigenſchaft eines Obriſten der ſpaniſchen Linientruppen und eines Abgeſandten der Cortes figuriren. Die rohaliſtiſche Reaction zählte ihn im Jahre 1814 unter ihren Apoſteln, was ihn nicht abhielt, für die Rebvolution von 1820 Partei zu ergreifen und in den Reihen der Libe⸗ ralen zu ſtreiten, ſo lange er nicht an ihrer Sache verzweifelte. Doch ſobald er ſie verloren ſah, beeilte er ſich, die Thore einer kleinen Feſtung, deren Vertheidigung man ihm anver⸗ traut hatte, der Glaubensarmee zu öffnen. Trotz dieſes Aktes etwas ſpäter Bekehrung warf man ihn in die Kerker von Madrid, und ohne die Vemittlung eines Jugendfreundes, des damals allmächtigen Pater Cyhrillo, wäre er der unſeligen Cravate, welche Ferdinand der Vielgeliebte in Spanien in Mode brachte, dem Erdroſſeln, um es geradeheraus zu ſagen, nicht entgangen. Dies war, oder ſchien wenigſtens die letzte Verwandlung dieſes politiſchen Protheus zu ſein, der ſich ſtellte, als verzichtete er auf jede Intrigue und als lebte er als Philoſoph, wobei er jedoch bemüht war, ſich bei ſeiner bizar⸗ ren Vergangenheit durch ſeine Paradoxen, welche Niemand mit mehr Geiſt auskramte, in Einklang zu ſſetzen. Vielleicht war dies einer von den Gründen, die ihn in der großen Ge⸗ ſellſchaft beliebt machten, denn ſeine epicuräiſche Philoſophie hatte nicht auf die materiellen Vergnügungen und Genüſſe verzichtet. Eines Abends, als er von einer Tertulia bei dem erſten Miniſter von Ferdinand zurückkehrte, hörte er den Lärmen eines heftigen Streites und das Klirren von Eiſen; ein Mann vertheidigte ſich gegen vier Raufer: dies war El Rojo. Regato, deſſen vereinzelte Hülfe fruchtlos geweſen wäre, kam auf den Einfall, mit lauter Stimme zu commandiren, als ob er eine ganze Compagnie von der Garde hinter ſich hätte:„Fällt das Bajonnet, vorwärts u. ſ. w.“ Die Raufer verlangten nicht mehr. Ein ſolches Abenteuer konnte die Bande der Freund⸗ ſchaft, welche El Rojo und Don Regato, trotz des Contraſtes ihrer Charaktere, einigte, nur auf das Engſte ſchließen. Re⸗ gato metamorphoſirte ſich noch einmal, doch nur zum Vortheil des Studenten.„Wird dies wenigſtens Ihre letzte Verwand⸗ lung ſein?“ fragte El Rojo ſcherzend. „Ja,“ antwortete der Greis,„und wenn ich noch genöthigt bin, zwei Geſichter zu haben, wie Janus, eines für Sie, eines für die Welt, ſo werden Sie allein das gute und wahre ſehen. Die Einfachheit Ihres Herzens und Ihres Geiſtes enzückt mich in einem Jahrhundert, wo die Menſchen mehr Katzen oder Affen, als nach dem Bilde Gottes geſchaffenen Weſen gleichen. Für Sie werde ich meine Larve abnehmen und nur der Freund von Riego und Torrijos ſein.“ Dies war das Mittel, dem Studenten zu gefallen und ihn ſich anzuſchließen. El Rojo 139 hatte bis dahin keine andere Geliebte als Spanien; er liebte ſie mit der ganzen Begeiſterung einer erſten und keuſchen Liebe. Seine Augen befeuchteten ſich mit Thränen, wenn Regato von dem Contraſte der verſchwundenen Größe der ſpaniſchen Nation mit ihrer gegenwärtigen Entartung und Geſunkenheit ſprach, die er dem monarchiſchen und mönchiſchen Deſpotismus zu⸗ ſchrieb. Die Crzählung von den barbariſchen Hinrichtungen von Riego und Torrijos und von ſo vielen anderen Märthrern der Freiheit entriß dem Studenten Schreie der Entrüſtung und der Rache; ſeine Wangen entflammten ſich, ſeine Augen fun⸗ kelten, ſein Herz ſprang. Auch er fühlte ſich bereit, den Hen⸗ kern zu trotzen.„Ruhe, junger Mann, Ruhe!“ ſagte dann Don Regato;„unzeitige Aufopferung ſchadet einer Sache mehr, als ſie ihr nützt. Geduld! Geduld! Sind Ihre Thüren und Fenſter gut geſchloſſen? Sind Sie ſicher, daß Sie kein lebendiges Weſen behorcht? Ich meines Theils würde einer Maus miß⸗ trauen, denn wer ſagt Ihnen, der Sie an die Seelenwanderung glauben, ein Angeber, ein Polizeiſpion könne nicht dieſe Form annehmen? Gleichviel,“ fügte er lachend bei,„ſollten uns auch die Mäuſe beſpähen, fingen Sie mir immerhin die Hhmne der Conſtitution, oder die Tragala, dieſe wilde ſpaniſche Mar⸗ ſeillaiſe, welche noch viel Blut fließen machen wird.... eine unheilvolle, aber unvermeivliche Taufe der Freiheit!“ Und der alte Regato ſchlug den Takt auf ſeinem Knie, und ſein einziges Auge glänzte wie der Augenſtern einer Katze in der Finſterniß, während ſein tiefer Baß die ſchöne von El Rojo begleitete. Ihr Geſpräch nahm häufig eine heitere We Don Regato war ein alter Don Juan; die Unempfindlichkeit ſeines ———— jungen Freundes kam ihm wie ein Räthſel vor.„Iſt es mög⸗ lich,“ ſagte er eines Tags zu ihm,„iſt es möglich, daß Sie Ihr Alter erreicht haben, ohne zu lieben? Bei Ihrer Orga⸗ niſation überſteigt dies alle meine Begriffe. Die Rolle des Narciß ſteht unter Ihnen. Ach! in Ihrem Alter hatte ich ſchon den Geſchmack an der Liebe erſchöpft; die Politik kam nachher, doch ſie hielt mich nie ab, empfänglich für die Strahlen von zwei ſchönen Augen, für das Lächeln eines Roſenmundes zu ſein, und ſo hinfällig ich auch bin...“ „Glauben Sie, ich ſei von Holz oder von Stein?“ ent⸗ gegnete El Rojo.„Es finden ſich Engel auf der Erde, reizende Geſchöpfe, die eine himmliſche Glorie umgibt; doch ſoll ich es Ihnen geſtehen? Ich gleiche dem mauriſchen Prinzen von Granada, der, die gewöhnlichen Speiſen verachtend, ſich mit Gold nähren wollte, was ein für ſeinen königlichen Magen etwas zu hart zu verdauendes Metall war.“ „Ich begreife. Sie verachten die leichten Liebſchaften und können das nicht erreichen, wonach Sie zielen.“ „Was wollen Sie, ich bin nun einmal ſo: ich ziele immer zu hoch.“ „Wenn Sie die Manie der vornehmen Damen haben, ſo müſſen Sie viel wagen. Das Glück liebt die Kühnen, wie Sie wiſſen, und die vornehmen Damen ſind wie das Glück. Sprechen Sie, ſeien Sie hicht halb diseret.“ „Ach! ich habe Ihnen keine Geſtändniſſe zu machen, wenn ich Ihnen nicht etwa ſagen ſoll, daß ich heute das Wun⸗ der beider Caſtilien getroffen habe.“ —7 —7 141 „Und ſie heißt?“ „Ich weiß ihren Namen nicht; ich weiß nur, daß ſie ſchon und majeſtätiſch iſt; ſie trug ein Kleid von roſa Atlaß, eine reiche Mantille verſchleierte halb ihre Schultern, deren blendende Weiße noch durch die ſchwärzeſten Haare der Welt hervorgehoben wurde. Ihre Augen ſchleuderten ſanfte Blitze.“ „Welche Sie nicht niederſchmetterten, nicht wahr?“ „Es fehlte nicht viel! Ihre Caleche wäre beinahe über meinen Leib gegangen, während ich unbeweglich und wie ver⸗ ſteinert dieſes ſtrahlende Geſtirn betrachtete. Doch Sie kennen ſie vielleicht? Sie müſſen ſie nothwendig getroffen haben; herr⸗ liche Roſſe mit goldenem Geſchirr zogen ihre Caleche.“ „Warten Sie doch, dieſe Caleche iſt mit carmeſinrothem Atlaß ausgeſchlagen; die braunen Felder ſind mit reichen Wappen geſchmückt; gekrönte Greife tragen das Schild. Die Roſſe ſind nicht minder ſchwarz als die Haare der Dame?“ „Sie kennen ſie alſo?“ „Nein; dach ich erinnere mich, dieſe Equipage oft auf dem Prado geſehen zu haben, und wahrſcheinlich iſt es diejenige, welche Sie auch trafen.“ „In dem Augenblick, wo das Riad meinen Körper ſtreifte,“ fuhr El Rojo fort,„hörte ich, wie ich glaube, die Dame einen ſchwachen Schrei ausſtoßen, doch ich bin deſſen nicht gewiß. Es ſcheint mir auch, als hätte eine leiche Röthe ihr Antlitz bedeckt; daran war meine Ungeſchicklichkeit Schuld. Ich habe ſie wohl die gefährliche Wirkung ihrer Reize ſehen laſſen.“ „Gefährlich in der That! Iſt das Alles?“ „Iſt das nicht genug? Iſt es nicht zu viel für ein 142 erſtes Zuſammentreffen? Mir ſcheint auch, die Unbekannte hat ſich in dem Augenblick, wo die Equipage ſich um die Straßenecke drehte, um nach dem Prado zu fahren, nach mir umgewendet; ſelbſt in dieſer Entfernung glänzten ihre Augen noch wie Sterne.“ „Wie Fallſterne,“ ſagte Don Regato, und blinzelte dabei mit dem Auge, als wollte er das Funkeln der genannten Sterne nachahmen;„und was gedenken Sie zu thun?“ „Ich werde nach Ciudad⸗Real abreiſen und in den pein⸗ lichen Arbeiten der Prüfungen eine feenartige Erſcheinung zu vergeſſen ſuchen.“ „Hm! hi!“ machte Regato mit einer zugleich ſpöttiſchen und nachdenkenden Miene,„glauben Sie denn, die Feen haben nicht kleine bunte, durchſichtige Flügel, um Sie einzuholen? Uebrigens ſage ich Ihnen, Sie werden nicht nach Ciudad⸗Real abreiſen.“ „Und wer wird mich abhalten?“ „Niemand, doch Sie werden bleiben.“ „Das wäre ſpaßhaft.“ „Spaßhaft und ernſt zugleich. Wenn ich mich nicht täuſche, blüht die Roſe, deren Schönheit Sie verführt hat, auf einem mit ſpitzigen Dornen beſetzten Strauch. Sie iſt ein wenig außer Ihrem Bereiche; doch ein verliebter Spanier würde den Mond erklettern. Ich nehme an, Sie empfangen dieſen Abend ein von der Hand der Grazien geſchriebenes und alſo abgefaßtes Billet:„„Wenn Sie mich lieben und wenn Sie ein Mann ſind...0“ Ihr Blut kocht ſchon, an Ihrem Muth zweifeln! eine Legion Teufel würde Ihnen vergebens den Weg verſperren. Würden Sie nicht zu dem Rendez⸗vous gehen?“ 143* „Bei meiner Seele, ja!“ „Geduld alſo; der Tag iſt noch nicht abgelaufen; das Billet kann erſt morgen kommen. Guten Abend, ich beſuche Sie morgen, um mich nach Ihnen und der ſchönen Unbekannten zu erkundigen, denn Sie werden ſie in dieſer Nacht ſehen, wenigſtens im Traume.“ Don Regato war ſchon verſchwunden. Als El Rojo allein war, zündete er eine neue Cigarre an und öffnete auf den Zufall einen ungeheuren Folianten der Rechtsgelehrſamkeit, doch ſein Geiſt reiſte in einer idealen Welt. Die Buchſtaben des Alphabets kamen ihm wie eben ſo viele Hieroglyphen vor; die ſchwarzen mit Arabesken verzierten Capitalen beleuchteten ſich plötzlich mit roſigen und ſchillernden Tinten, wie das Kleid der ſchönen Unbekannten. Er mußte das beſte Theil ergreifen, das, zugleich das Buch und die Augen zu ſchließen, und ſo ſtreckte er ſich in ſeinem Lehnſtuhle aus und verſuchte es, zu ſchlafen. Der Schlaf gehorchte ſeinem Rufe erſt in einer ſehr vorgerückten Stunde der Nacht; das roſa Kleid verfehlte nicht, ihm im Traume zu erſcheinen: er fühlte an ſeinem Arm den ſanften Druck einer Frauenhand, auf ſeiner Wange den Hauch eines balſamiſchen Athems; ein Kuß, der den Brand in ſeine Adern brächte, erweckte ihn zum Unglück plötzlich. Der Schatten verſchwand, denn es war nur ein Schatten, obgleich er Tritte ſo leicht wie ein Vogelflug und das Rauſchen eines ſeidenen Kleides zu hören glaubte. Als der helle Tag erſchien, ſchämte er ſich ſeiner Toll⸗ heit. Um der Verſuchung, eine Chimäre zu verfolgen, beſſer zu widerſtehen, gelobte er ſich, bis zum Tage ſeiner Abreiſe 8 144 nach Ciudad⸗Real ſein Zimmer nicht mehr zu verlaſſen. Es wäre ſchwierig, anzugeben, durch welche Fatalität er ſich, trotz dieſes guten Entſchluſſes, zur ſelben Stunde, wie am vorher⸗ gehenden Tag, in der Calle d'Alcala fand. Dieſe Fatalität war vielleicht Inſtinct; in demſelben Augenblick kam die Dame im roſa Kleide in derſelben Caleche vorüber, welche von den⸗ ſelben ſchwarzen Roſſen gezogen wurde, die vor Ungeduld ſich bäumten, ſo ſehr war der Kutſcher bemüht, ihre Schritte zu hemmen. Der Blick der ſchönen Dame hatte etwas Träumeri⸗ ſches, Schwermüthiges; der Glanz ihrer Augen ſchien zum Theil verſchleiert und ihre langen Lider ſenkten ſich völlig in dem Augenblick, wo ſie ſich beinahe von Angeſicht zu Angeſicht El Rojo gegenüber fand; ſie ſtützte ihre Hand auf den Rand ihres Wagens und ließ, wie aus Ermattung, eine Mandelblüthe fallen. Der Student ſtürzte ſich auf dieſes Symbol der Liebe und der Hoffnung; er ergriff die Blume gleichſam im Flug und nachdem er ſie an ſeinem Buſen verborgen, entfloh er mit dieſem hinfälligen Schatz, als er in der Verwirrung ſeiner Freude auf einen Spaziergänger ſtieß, den er beinahe aus dem Gleichgewicht brachte, und der kein anderer war, als Don Geronimo Regatv. „Sie haben ſie geſehen; ſie iſt es,“ rief El Rojo, ſobald er ſeinen Freund erkannt hatte. „Wer, ſie? „Die Dame, welche ſo eben vorübergefahren iſt.“ „Ich habe nichts geſehen,“ erwiederte Don Regato;„was ſoll ich aus dieſem einzigen Fenſter ſehen? Doch nach Ihren ——,— * 145 geſtrigen Andeutungen habe ich zu errathen geſucht. Sind Sie wirklich verliebt?“ „Ich befürchte es.“ „Wozu ſollen dann meine Rathſchläge nützen? Wären Sie es noch nicht, ſo würde ich Ihnen ſagen: Die Phgmäen ſollen die Rieſen nicht angreifen. Ein furchtbarer Drache be⸗ wacht den goldnen Apfel, den Sie pflücken wollen. Nach Ciudad⸗Real abreiſen iſt das Geſcheiteſte. Das würde ich Ihnen ſagen; doch es iſt zu ſpät. Erwarten Sie mich in Ihrem Hauſe, ich werde Ihnen weitere Aufklärung geben können.“ Trotz dieſes Verſprechens vergingen der Nachmittag und der Abend, ohne daß El Rojo den Beſuch ſeines Freundes Don Regato empfing. Der arme Student ſah ſich auf einem Meere von Ungewißheiten umhergeſchleudert. Wurde er wirklich von einer vornehmen Dame geliebt, oder war er nicht vielmehr der Gegenſtand einer bitteren Myſtification?„Wenn die Dame,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„wenn die Dame, eine gewandte Coquette, durch den Ruf der Unempfindlichkeit, den ich mir in Madrid gemacht habe, nur einen kleinen Triumph der Eitelkeit davon tragen und mich unter die zahlreichen nach ihr Seufzen⸗ den rechnen wollte! Regato hat ſeit zwei Tagen eine ſpöttiſche Miene angenommen; er ſagt mir nicht Alles, was er weiß. Ich bin feſt überzeugt, es iſt eine Wette. Doch wenn es wahr wäre, wenn ſie mich wirklich liebte! Und warum nicht? Ihre Züge trugen das Gepräge der Unſchuld an ſich und ſie ſchien eben ſo bewegt als ich, als ſie die Mandelblüthe fallen ließ.⸗ Der Erzähler. 1847. 1v. 10 146 El Rojo hatte ſich beeilt, die Blume in ein Glas Waſſer zu ſetzen, wo ſie ſich vollends erſchloß, und wo er ſie mit Entzücken betrachtete.„Reizende Blume!“ fuhr er fort,„du biſt vielleicht von ihren Händen, bielleicht von ihrem Munde berührt worden, ich will mich in deinem Wohlgeruch berau⸗ ſchen!! Er nahm ſie aus dem Glas, roch daran und drückte ſie mit einer ſo leidenſchaftlichen Bewegung an ſeine Lippen, daß alle Blumenblätter abfielen. Dieſer kleine Unfall ver⸗ änderte abermals die Richtung ſeiner Gedanken und er rief: „Zerbrechliches Shmbol der noch zerbrechlicheren Liebe des Weibes, konnte ich dir vertrauen? Es iſt alſo Alles nur Täuſchung! Staub, kehre zum Staub zurück, wie wir Alle dahin zurückkehren!“ Der Mondſchein und die Mitter⸗ nachtsſtunde übten in dieſem Augenblick ihren Einfluß auf ſeine Einbildungskraft aus. Er näherte ſich dem Fenſter, um die Blume auf die öde, ſchweigſame Straße zu werfen, als ein leichter Gegenſtand an ſeinen Haarlocken hinſtreifte und, nachdem er an der Decke angeſtoßen hatte, auf den Boden fiel. Es war ein Blatt Papier um einen kleinen Stein gewickelt. El Rojo lief zuerſt auf das Fenſter zu; doch er ſah Niemand. Dann öffnete er das Billet, das ein Faden von roſenfarbiger Seide feſthielt, und das ungefähr in den von Regato vorhergeſehenen Ausdrücken abgefaßt war:„Erſcheine ich Ihnen würdig genug, daß Sie meinetwegen einer Gefahrt trotzen wollen, ſo finden Sie ſich morgen Abend auf den Schlag zehn Uhr unter der bſtlichen Pforte der San Jägo⸗Kirche ein. Es wird Sie dort Jemand erwar⸗ ten, vertrauen Sie ihm, und wenn er Sie fragt, welche Blume 147 Sie am meiſten lieben, ſo antworten Sie die Mandelblüthe.“ „Die Mandelblüthe!“ rief El Rojo in ſeinem Freudenrauſche, „ja, das iſt die Blume, die ich am meiſten liebe, und dennoch war ich im Begriff, ſie aus dem Fenſter zu werfen. Ah! warum iſt es nicht noch in dieſer Nacht! doch Geduld, wie Regato ſagt: Geduld! das iſt noch ſchwieriger in der Liebe, als in der Politik, ſelbſt unter der Regierung Sr. Majeſtät des Königs Ferdinand VII. Der andere Tag verging für El Rojo mit einer troſtloſen Langſamkeit. Hundert Mal las er das Billet wieder und einen Augenblick ſchien ihm die Handſchrift die geſchickt ver⸗ ſtellte von Don Regato zu ſein. „Bei Gott!“ ſagte er,„wenn er ſpottete, und mich eine ganze Nacht hindurch unter einer Kirchenpforte warten ließe! Doch es handelt ſich um eine Gefahr, zurückweichen wäre feige. Darin liegt meine Rechtfertigung, wenn ich in eine meiner Einfalt geſtellte Falle gerathe.“ Die Sonne war längſt hinter den Gärten von Buen⸗ Retiro untergegangen, als der Stubent ſich in ſeinen Mantel hüllte, ſeinen breiten Sombrero auf ſeine Augen drückte und eines von jenen Meſſern zu ſich ſteckte, deren kurze drei⸗ eckige Klinge eine ſo furchtbare Waffe in der Hand eines Spaniers iſt. Er wartete noch einen Augenblick, in der Hoff⸗ nung, Regato erſcheinen zu ſehen, der ihm ſeinen Beſuch verſprochen hatte und gewöhnlich ſehr ſpät kam; doch die Stunde des Rendez⸗bous nahte heran; er beeilte ſich, die Plaza Major zu erreichen, ging haſtigen Schrittes durch die engen gekrümmten Gaſſen und gelangte bald zu der San Jago⸗Kirche. 148 Alles war ruhig um ihn her, Alles war in Stillſchweigen und Finſterniß verfunken, doch der lange Refler einer im obern Stocke eines benachbarten großen Kloſters angezündeten Lampe beleuchtete das Antlitz der Jungfrau, welche aufrecht in ihrer vergitterten Niſche an der Mauer der Kirche ſtand. Den Rücken an das ſteinerne Geländer in der dunkel⸗ ſten Ecke der öſtlichen Vorhalle angelehnt, hörte El Rojo zehn Uhr ſchlagen, und beinahe in demſelben Augenblick erſchollen Tritte. Sie rührten von einem Mann her, der in einen Man⸗ tel gewickelt war und auf dem Kopf einen hohen, ſpitzigen Hut hatte, wie ſie die Leute niedrigen Standes, die Maulthier⸗ treiber, die Gallegos, die Diebe tragen. Dieſer Mann trat unter die Vorhalle, machte, da er den im Schatten verborgenen Studenten nicht ſah, eine Geberde der Ungeduld und ſtampfte mit dem Fuß. El Rojo kam nun aus ſeinem Winkel hervor. „Was wollen Sie?“ fragte derjenige, welcher zuletzt erſchienen war,„was machen Sie hier zu dieſer Stunde?“ „Ich wollte gerade dieſelbe Frage an Sie thun,“ ent⸗ gegnete der Student. „Oh! ich, das iſt etwas Anderes. Ich bin eine alte Eule, ich ſehe in der Finſterniß und hätte nicht einmal die ſchwache Helle nöthig, welche von den Sternen herab⸗ fällt, um in Ihnen einen jungen Cavalier zu erkennen, der die Nacht minder fromm, aber angenehmer, als unter der Halle einer Kirche, unter vier Augen mit der Madonna zu⸗ bringen könnte. Es iſt die Stunde, wo ſich die ſeidenen Lei⸗ tern an die Balkons anhängen; es iſt die Stunde, wo die ſchönſten Blumen ihren Kelch für den Thau der Nacht öffnen. 149 Lieben Sie die Blumen, ſchöner Cavalier? Was halten Sie von der Narziſſe?“ „Eine alberne Blume!“ erwiederte El Rojo, der in die⸗ ſem mittelbaren Hohn ſeine Befürchtungen beſtätigt ſah. Of⸗ fenbar war es kein Menſch aus dem Volk, der mit ihm ſprach. „Ich denke,“ fuhr er fort,„ich denke, Sie haben nicht die Abſicht, mich einen Curſus in der Botanik machen zu laſſen?“ „Nein, aber ich möchte wohl gern wiſſen, welche Blume Sie am meiſten lieben.“ „Die Mandelblüthe.“ „Wir ſtimmen hierin überein. Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen die Augen verbinde.“ „Wozu?“ „Ich kann Sie nur unter dieſer Bedingung unter den Fahnen des blinden kleinen Gottes einreihen.“ „Sie haben zu viel Geiſt für einen Bedienten, doch da man Ihnen Befehl hiezu gegeben hat, ſo thun Sie es. Ich folge Ihnen.“ Nach dieſem Austauſch von Scherzen drangen El Rojo und ſein Führer in ein Labhrinth von Straßen, bei deren Ausgang ſie ein Wagen erwartete. Sobald Sie ſaßen, peitſchte der Kutſcher die Pferde. Sie jagten mit ſolchem Ungeſtüm fort, daß El Rojo zu glauben ſich verſucht fühlte, es wären die Roſſe der unbekannten Dame. Bald hielt der Wagen an, ein ſchweres Gitter ächzte auf ſeinen Angeln; der Wohlgeruch von Blumen und das Rauſchen von Blättern verkündigten El Rojo, daß er einen Garten durchſchritt. Man ließ ihn ſodann eine breite Treppe hinaufſteigen und einem langen Gange folgen; — 150 eine Thüre öffnete ſich; in demſelben Augenblick ließ der Füh⸗ rer die Hand des Studenten los und ſagte leiſe zu ihm: „Wir ſind an Ort und Stelle. Sie können nun Ihre Binde abnehmen.“ El Rojo ließ ſich das nicht zweimal ſagen. Zu ſeinem großen Erſtaunen fand er ſich in einem reizenden, mit blauer und weißer Seide ausgeſchlagenen Salon, den eine am Plafond hängende ſilberne Lampe mit einem ſanften Lichte er⸗ hellte. Der Reichthum der Ausſtattung, venetianiſche Spiegel von vergoldetem Schnitzwerk umgeben, koſtbare perſiſche Tep⸗ piche offenbarten Ueberfluß und vornehmen Stand. Nicht ohne eine gewiſſe Unruhe hörte El Rojo die Thüre hinter ſich ſchlie⸗ ßen, durch die er eingetreten war. Wollte man ihm den Rück⸗ zug abſchneiden, oder ihm nur andeuten, er habe einen andern Weg bei ſeiner Rückkehr zu nehmen? Im Hintergrunde des Salon waren zwei Ausgänge, mit reichen Vorhängen ge⸗ ſchmückt. Seine Wahl fiel auf den rechts, und ſein Inſtinet bediente ihn gut, denn er führte ihn in ein kleines Betzim⸗ mer, wo er die Dame mit dem roſenfarbigen Kleide auf den Knieen vor einer elfenbeinernen Madonna erblickte. Sie ſtand ſogleich auf, ging mit niedergeſchlagenen Augen, Röthe auf der Stirne, auf ihn zu und ſprach zu ihm: „Ich betete, die Mutter der Schmerzen und der Barm⸗ herzigkeit moge mir ein der Beſcheidenheit ſo ſehr entgegenlau⸗ fendes Benehmen verzeihen; doch die Gefahr, in der ich ſchwebe, ſei meine Entſchuldigung. Ich habe auf Ihren Muth, auf Ihre Redlichkeit, auf Ihren Charakter gezählt, den man einen ritterlichen nennt“ „Verfügen Sie über mein Leben und vergeben Sie mir, — * 151 daß ich meine Augen zu Ihnen aufgeſchlagen habe,“ erwiederte El Rojo, indem er ein Knie auf den Boden ſetzte und die Hand der Dame ergriff, die ihn dieſe an ſeine Lippen drücken ließ. „Oh! mein Gott!“ ſprach ſie,„ich bin nur eine arme Waiſe, nach deren Reichthümer ein Mann, den ich haſſe, be⸗ gehrt. Er behalte ſie, doch ich ſei wenigſtens frei, frei durch Sie! Setzen Sie ſich zu mir, und da ich keinen Bruder habe, ſeien Sie der meinige.“ „Ich danke, edle Dame, ich danke,“ erwiederte El Rojo, halb zufrieden mit dieſer Rolle;„doch ſagen Sie mir, daß meine Liebe Sie nicht beleidigt.“ „Wären Sie hier, wenn ſie mich beleidigte? Oh! mein Gott, ich höre Tritte. Wer kann zu dieſer Stunde in dieſen Theil des Hauſes kommen, den ich allein mit meinen Frauen bewohne? Fliehen Sie, mein Herr.. doch es iſt zu ſpät; Sie werden hinter den großen Vorhängen am Balcon des anſto⸗ ßenden Saales beſſer verborgen ſein, als in dieſem Betzimmer. Sie haben keine Minute zu verlieren. Ich wache von hier aus über Ihnen; ſobald die Gefahr entfernt iſt, komme ich und benachrichtige Sie.“ Man hörte in der That Tritte und den Lärmen mehrerer Stimmen. Hinter den dicken Vorhängen des Balcon verbor⸗ gen, zog El Rojo ſein Meſſer für jedes Ereigniß„ um ſich, wenn er angegriffen würde, einen Weg zu bahnen. „Bringt Lichter,“ ſprach eine mürriſche, hochfahrende Stimme.„Dieſe Lampe mit ihrer zweifelhaften Helle iſt nur gut, um ein Grab oder ein Hochzeitbett zu beleuchten.“ „Welch eine düſtere Zuſammenſtellung!“ erwiederte eine ſanftere Stimme;„Gott ſei Dank, in Ihrem Hauſe kann nur von einer Heirath und nicht von einer Beerdigung die Rede ſein. Iſt Ihre Hochzeitfeier mit der Perle Spaniens beſtimmt? Es drängt mich, Eurer Excellenz Glück zu wünſchen.“ Die Excellenz antwortete nichts, und ging nur fortwäh⸗ rend mit großen Schritten auf und ab. „Es iſt wahr,“ fügte die angenehmere der beiden Stim⸗ men bei,„Jeder hat ſeine menſchenfeindlichen Stunden, ſelbſt die Glücklichen, ſelbſt diejenigen, welche man um ihr Schickſal beneidet.“ „Offenherzig geſprochen,“ verſetzte der Andere,„es wäre ſehr ſchwierig, viel mit den Männern umzugehen, ohne ſie im Allgemeinen ein wenig zu haſſen. Die ſpaniſche Galanterie verbietet mir, daſſelbe von den Frauen zu ſagen, obſchon ſie es ſind, die mir in dieſem Augenblick am meiſten Sorgen machen.“ „Wie! Ihre reizende Mündel?“ „Oh! nein; Roſaura iſt nur ein in gewiſſen Augenbli⸗ cken ziemlich launenhaftes Mädchen, das ſich aber noch mit Puppen beluſtigen würde. Ich meine die politiſchen Frauen, die neapolitaniſchen Schweſtern, die Staatsmänner in Weiber⸗ röcken. Meine Heirath kommt erſt nach den großen Intereſſen Spaniens. Wir ſtehen auf einem Vulkan, Oberſter!“ El Rojo konnte, indem er die Vorhänge ein wenig auf die Seite ſchob, die Sprechenden ſehen. Beide hatten das Alter der Reife erreicht. Der Oberſte war ein ſehr ſchöner Mann, der die Uniform der Garde und einen furchtbaren —,— 153 Schnurrbart trug. Der Graf oder die Ercellenz war von Kopf bis zu den Füßen ſchwarz gekleidet; mehrere Orden ſchmück⸗ ten ſeine Bruſt. Sobald ſein Bedienter Lichter gebracht hatte, welche El Rojo die Vorhänge hermetiſch zu verſchließen zwangen, ſagte der Graf zu dem Oberſten: „Sie haben mir alſo eine wichtige Mittheilung zu machen?“ „Ja; doch was geht denn dort vor?“ Und indem er dieſe Frage machte, ſtreckte der Oberſte ſeine Hand nach der Seite aus, wo der Student verborgen war. „Ich komme vor dort zurück,“ ſprach der Graf:„die Hand des Todes ſchwebt beſtändig über ihm, zögert aber, den Streich zu thun. Die Aerzte geben ihm wenige Tage zu le⸗ ben; doch je mehr er das Leben entfliehen ſieht, deſto mehr hält er daran, deſto mehr klammert er ſich an den Thron an, auf welchem er ſich gern ſelbſt überleben möchte, indem er, den legitimen Erben entfernend, ſeine Frau und ſeine Tochter dar⸗ auf ſetzen würde. Doch wir haben ihn zur Vernunft gebracht, meine Collegen und ich. Leſen Sie.“ Während der Graf ſo ſprach, zog er aus einem Portefeuille ein zuſammengefaltetes Papier. Er gab es dem Officier, der es öffnete und mit den Augen verſchlang.. „Von ſeiner Hand unterzeichnet und mit dem königlichen Siegel verſehen, iſt das möglich? Dieſer Widerrufungsakt macht die während der erſten Schwangerſchaft der Königin veröffentlichte pragmatiſche Sanction zu nichte. Das ſaliſche Geſetz iſt abermals das Geſetz des Landes; unſer Vaterland, — 154 unſere heilige Religion, die Ehre Spaniens ſind gerettet. Mein edler Freund, welchen Dank wird Ihnen Carl V. ſchuldig ſein? In der That, Sie ſind der größte der Staatsmänner. Nehmen Sie dieſes koſtbare Doeument,“ erwiederte der Graf; „überbringen Sie es demjenigen, vor welchem wir uns bald niederwerfen werden; nur in ſeinen Händen kann es völlig in Sicherheit ſein. Ohne einen ſichtbaren Dazwiſchentritt der Vorſehung hätten wir nichts erlangt, während Chriſtine und die Infantin Carlotta, ihre ſtörriſche Schweſter, gut um das Sterbebett Wache halten. Für den Augenblick ſind ihre In⸗ tereſſen vermiſcht: Carlotta hofft ihren Sohn mit der Tochter von Chriſtine zu verheirathen und ſo ein uſurpirte Krone zu theilen. Seit zwei Jahren iſt der König heftigen Nerven⸗ anfällen, plötzlichen Ohnmachten, Geiſtes⸗ und Willensabweſen⸗ heiten unterworfen. Er gehört dann demjenigen, welcher ihn zu packen weiß. Ich habe ſolche Augenblicke benützt, um ihn an alle die Mühe zu erinnern, welche die Wiederherſtellung der abſoluten Gewalt gekoſtet hat; ich ſchürte ſeinen entſchlum⸗ merten Haß gegen die liberale Partei wieder an; ich erſchreckte ihn, indem ich ihm die Stücke der Schlange als bereit, ſich trotz der furchbaren Schläge, die man ihr verſetzt, wieder zu vereinigen, zeigte; ich ſagte ihm, die Gemäßigten dieſer Partei würden bald geſtürzt werden, um den Exaltirten, den Wüthen⸗ den Platz zu machen. Ich beſchwor vor ihm das Geſpenſt der Republik herauf und ſah ihn an ſeinem ganzen Leibe ſchauern. Aleudia kam mir zu Hülfe; meine Collegen machten andere Beweiſe heltend; die Akte war bereit. Unter der Herr⸗ ſchaft ſeiner Angſt für die Zukunft ſeiner Familie hat er un⸗ —— — 155 terzeichnet; doch dieſes Geheimniß darf Niemand geoffenbart werden; er befürchtet die Thränen, die Lamentationen, den Zorn vielleicht der beiden Frauen.“ „Solche Dienſte vermöchte man nicht zu bezahlen,“ ſprach der Oberſte;„wir ſind fortan des Sieges gewiß, derjenige, welcher mich ſchickt, hat mich beauftragt, Sie ſeiner hohen Gnade und ſeiner ewigen Dankbarkeit zu verſichern.“ „Ich ſtrebe nur nach Erhaltung der Macht,“ ſagte der Graf,„um den Sieg unſerer Grundſätze zu ſichern; doch trotz des Gewichtes, das dieſes Document in die Wagſchaale werfen wird, ſchmeicheln wir uns nicht, ihn ohne Kampf davonzu⸗ tragen. Gott iſt, wie ein atheiſtiſcher Fürſt geſagt hat, ſtets auf der Seite der ſtarken Bataillons. Halten Sie ſich bereit, rekrutiren Sie zum Voraus für die zukünftige katholiſche Armee. Wer weiß, ob ſich nicht das Leben des Königs lange genug hinauszieht, daß man noch ſeine Schwäche gegen uns ausbeutet.“ „Das katholiſche Spanien wird ſich ganz für Carl V. erheben,“ erwiederte der Oberſte;„die Schwerter der alten Stützen des Altars und des Thrones ſind nicht eingeroſtet; die Garde iſt für uns. Wir koönnen auf die bürgerlichen Behörden und die Generalkapitäne von eilf Provinzen zählen. Dieſe Liſte neuer Anhänger für unſere Sache muß Sie in Erſtaunen ſetzen und beruhigen.“ Der Graf durchlief raſch die Liſte und erwiederte: „In der That, das wundert mich; ich ſehe hier die Namen von Männern, welche, um ſich auszuſprechen, gewöhn⸗ lich warten, bis der Kampf beendigt iſt. Unſere Sache muß 156 zu drei Viertheilen gewonnen ſein, da ſich dieſe Temporiſirer an uns anſchließen. Laſſen Sie mir dieſe Liſte, die mir von großem Nutzen ſein kann. Sagen Sie Ihrem allergnädigſten Herrn, ich lege mich ihm zu Füßen, und er habe keinen er⸗ gebeneren Diener. Noch ein Wort: ich glaube, Sie ſtehen in Verbindung mit Regato; wir bedienen uns ſeiner, doch er iſt eine zweiſchneidige Klinge, die uns die Finger ſchwer verletzen kann, wenn wir ſie ohne die gehörige Behutſamkeit handhaben. Er ſteht nicht bei der letzten ſeiner politiſchen Abtrünnigkeiten. Ich halte ihn für äußerſt ſkeptiſch und irreligiss. Er gehört zur Camarilla; er ſchwimmt zwiſchen zwei Waſſern, um, wie er uns ſagt, der apoſtoliſchen Partei beſſer zu dienen; doch wer weiß, ob er nicht daſſelbe der liberalen Partei ſagt? Ich ver⸗ achte ihn, und wehe ihm, wenn er mit uns ſein Spiel zu treiben verſucht: erdroſſelt oder an den Galgen...“ Der Graf vollendete nicht; doch der Sinn ſeiner letzten Worte war klar genug. Kaum hatte der Oberſte ſich ent⸗ fernt, als das Rauſchen eines ſeidenen Kleides El Rojo ver⸗ kündete, Roſaura verſuche eine Diverſion zu ſeinen Gunſten. Die Schläge ſeines Herzens verdoppelten ſich bei ihrem Anblick; nie war ſie ihm ſchöner vorgekommen, und weit entfernt, vor dem Grafen eingeſchüchtert zu erſcheinen, trug ſie den Kopf hoch; der Ausdruck ihres Geſichtes war voll Entſchloſſenheit und Stolz. „Meine ſchöne Braut,“ ſprach der Graf mit artigem Tone,„Sie ſind vielleicht erſtaunt, mich zu dieſer Stunde in Ihrem Salon zu ſſehen; doch ein bertrauter Freund hatte mich um einen Augenblick geheimer Unterredung gebeten, und ich — — 157 konnte Ihnen kein höheres Zeichen des Vertrauens geben, als indem ich ihn hier empfing.“ „Dieſes Haus iſt das Ihrige,“ erwiederte Roſaura,„Eure Ercellenz hat in ihrem Eigenthum zu gebieten.“ „Warum dieſe ſchneidende Kälte, Roſaura? Sie ſtrahlen von Schönheit heute Abend, und es macht mich glücklich, dieſe Gelegenheit zu ergreifen, um Ihnen meine Huldigungen dar⸗ zubringen Die Angelegenheiten Spaniens nehmen alle meine Auhenblicke in Anſpruch: die Sorge für ſein Wohl erlaubt mir kaum, mich mit dem unſrigen zu beſchäftigen.“ „Spanien vor Allem,“ erwiederte Roſaura mit einem ironiſchen Lächeln:„Spanien iſt Ihnen ſchon ſo viel ſchuldig! der Lärmen, den ich in dieſem gewöhnlich ſo ſchweigſamen Salon hörte, beunruhigte mich, und ich entferne mich nun wieder.“ „Nein, ich entferne mich, Roſaura, um dieſe Nacht aber⸗ mals wachend zuzubringen. Man beneidet uns, uns Mächtige der Erde. Ach! wie glücklich wäre ich, wenn ich der Macht entſagen könnte, um unſer Glück im Innern einer Provinz, inmitten von Wäldern, von Heerden, in einem einſamen Thale zu verbergen.“ „Sie,“ erwiederte das Mädchen,„Sie den Hirtenſtab in der Hand! Sie, ein Schäfer in den Alpurarras! Alle Heilige des Himmels, welch eine rührende Paſtorale! Doch ſelbſt die Lämmer würden ſich nicht durch Ihre Verkleidung bethören laſſen, gnädigſter Herr, obgleich ſie dem Fleiſcher, der ſie tödtet, die Hand lecken. Sie vermöchten ſich nimmermehr an die Einſamkeit, an das Landleben zu gewöhnen.“ „Ich bitte, warum nicht, meine reizende Münsel?“ 3 158 „Warum?“ verſetzte ſie. „Ja, ich wäre begierig, es zu erfahren. Könnte mich ein Bedauern über den Verluſt der Macht verfolgen, wenn ich bei Ihnen wäre?“ „Und die Gewiſſensbiſſe, Excellenz, die Gewiſſensbiſſe!“ Die Stirne des Grafen verdüſterte ſich, obgleich er ein Lächeln heuchelte. „Ja, die Geſpenſter der Märthrer der Freiheit!“ ſprach Roſaura.„Heilige Mutter Gottes! ich Ihre Frau! während das Blut meines Bruders noch an Ihnen klebt. Vergebens haben Sie ihn zu retten geſucht, werden Sie mir ſagen; un⸗ barmherzige Befehle haben Ihnen die Hände gebunden; eine Lüge! Sie konnten es thun, und haben es nicht gethan; das Vermögen der Schweſter ſollte um ſo glänzender werden. Behalten Sie es, hoher Herr, da mein armer, getäuſchter, von den Mönchen fanatiſirter Vater mich an Sie verloben konnte; doch nie werde ich die Frau des Miniſters der Grauſamkeiten von Ferdinand VII. werden.“ „Stille, Senora, ſtille!“ rief der Graf:„das ſind un⸗ würdige Verleumdungen, und leicht errathe ich den Urheber derſelben. Ich unterſage fortan Don Regato den Eintritt in mein Haus.“ „Eher ſterben,“ fügte Roſaura bei.„Ich wäre nicht die erſte Frau, die Eure Execellenz getödtet hätte, dafür zeugt diejenige, welche in Granada erdroſſelt wurde, weil ſie ihren Gatten nicht auslieferte.“ „In der That, Roſaura, Sie find toll,“ verſetzte der Graf, ſichtbar niedergeſchlagen durch dieſen plötzlichen Aus⸗ —— rr— —— 159 bruch; und die Stirne geſenkt, die Hand in ſeine Bruſt gepreßt, ließ er die junge Dame weggehen, ohne daß er es nur verſuchte, ſie zu beſchwichtigen; doch El Rojo hörte ihn noch murmeln: „Dieſe liberale Partei iſt die hundertköpfige Hydra, wenn ſie alle Frauen für ſich hat, iſt die Sache von Don Carlos ent⸗ ſchieden gefährdet! Ich erſticke!“ Nach dieſen Worten lief er auf den Balcon zu, um ihn zu öffnen, und fand ſich von Angeſicht zu Angeſicht El Rojo gegenüber, der, als er ihn unbewaffnet ſah, den Dolch von ſich warf, den er ſeit dem Anfang dieſer ſeltſamen Scene in der Hand hielt. Der Graf ſah nur dieſen Dolch, packte, die Bewegung der Großmuth ſchlecht verdolmetſchend, den Studenten beim Kragen und rief um Hülfe. El Rojo hatte keine Mühe, ſich von ſeinen Händen los zu machen, und als er während des Kampfes die Liſte des Oberſten auf dem Boden ſah, ergriff er ſie für ieden Fall. Die Thüre, die man hinter ihm geſchloſſen hatte, öffnete ſich ihm von ſelbſt, um ihm einen Ausgang zu laſſen. Eine unſichtbare Hand beſchützte ſeine Flucht, denn er fand auch das Gitter vom Garten offen; aber es war Lärm in dem großen Hotel gemacht; Bediente liefen mit Fackeln herbei; ihr Geſchrei ſollte bald alle Nachbarn in Bewegung ſetzen. Durch dieſe Meute verfolgt, konnte ſich El Rojo nur auf ſeine Beine ver⸗ laſſen, und er eilte durch eine Reihe dunkler, gekrümmter Gaſſen, die ihn erſchöpft, keuchend, beinahe zu ſeinem Ausgangspunkte zurückführten. Er hatte einen Augenblick, um Athem zu ſchöpfen und ſich beſſer zu vrientiren, bei einem großen Gebäude angehalten, das kein anderes war, als der Palaſt des Königs, 160 als ein in einen Mantel gehüllter Mann, der an dieſem Palaſte hinſchlich, auf ihn ſtieß:„Don Regato!“ „El Rojo!“ „Der Himmel ſchickt Sie. Ganz Madrid verfolgt mich. Sie kannten ſie alſo?“ „Sie wollen ins Freie, mein Freund?“ „Gefiele es dem Himmel, daß ich ſchon außen und hundert Meilen von Madrid wäre; doch mit ihr, Regato, mit ihr!“ „Ihretwegen iſt alſo die ganze Polizei auf den Beinen? Sie ſind von allen Seiten umſchloſſen.“ „Was iſt zu thun?“ „Nehmen Sie meinen Mantel und meinen Hut. Ich wohne drei Schritte von hier und habe, Gott ſei Dank, einen Mantel und einen Hut zum Wechſeln. Ich glaubte, Sie wären in Ciudad⸗Real. Krümmen Sie ſich ein wenig, gehen Sie langſamen, ernſten Schrittes, nehmen Sie den Gang eines Greiſes an, der dem Grabe zuwandert, und nicht den eines Unbeſonnenen, welcher ſich bei einem Liebesrendez⸗bous hat ertappen laſſen.“ „Und welche Richtung ſoll ich einſchlagen? Soll ich rechts oder links gehen?“ „Sehen Sie jenes Thor?“ „Es iſt das des Palaſtes!“ „Sie haben keine aͤndere Zufluchtsſtätte.“ „Den Palaſt von Ferdinand VII.!“ „Treten Sie in dieſen Palaſt ein, ſage ich Ihnen, doch nur durch dieſe Pforte, und mit gezählten Schritten, als ob 6 f — 161 Sie zu Hauſe wären. Haben Sie den erſten Hof hinter ſich, ſo bleiben Sie unter dem Säulengang ſtehen und erwarten Sie mich dort. Sehen Sie eine große Anzahl ſchwarzer, mehr oder minder ſchlecht ausgeſchnittener Silhouetten vorüberkommen, ſo kümmern Sie ſich nicht darum, und wenn ſie Ihnen zu⸗ fällig ein:„Gute Nacht, Senor!“ zuſchicken, ſo erwiedern Sie es ohne Commentar.“ El Rojo that, was man ihm empfohlen hatte, und ge⸗ langte ohne Hinderniß unter den bezeichneten Säulengang, wo ſich Don Regato bald bei ihm einfand. „Kann ich mich nun hinauswagen?“ fragte er ihn. „Hüten Sie ſich wohl. Alle Spürhunde der Polizei ſind auf Ihren Ferſen. Erzählen Sie mir mit wenigen Worten, was Ihnen dieſen Abend begegnet iſt. Ich kann Ihnen fünf Minuten lang zuhören.“ Don Regato gab während der Dauer der Erzählung Zeichen der lebhafteſten Theilnahme von ſich. Die Zornaus⸗ brüche des Grafen machten ihn viel lachen:„Die mit dem Tod bedrohten Leute werden alt. Eine Zauberin hat mir geweiſſagt, ich würde an Altersſchwäche ſterben. Heilige Mutter Gottes! mache, daß ich dieſe Liſte der Verſchwörer in meine Hände bekomme!“ „Hier iſt ſie,“ ſprach El Rojo,„hier iſt ſte. Ich ſah ein, ſie wäre die beſte Waffe gegen den Grafen, und warf meinen Dolch weg, um ſie aufzuheben.“ „Bravo! mein Sohn, bravo! Ich hätte nichts Beſſeres zu thun gewußt. Ah! Euere Ereellenz will mir ein Geſchenk mit einer Halsbinde von Hanf oder Eiſen machen! Krieg Der Erzähler. 1847. w. 11 162 um Krieg, gnädigſter Herr, und diesmal offenen Krieg! Lange gen ug habe ich am Laufgraben gearbeitet: eröffnen wir die Batterie, um Breſche zu ſchießen. El Rojo, Sie ſollen die Ehre haben, das Feuer zu beginnen.“ „Aber ich begreife nicht...“ „Ich werde Ihnen das ſpäter erklären,“ ſprach Regato, und ſein Katzenauge glänzte wie ein Karfunkel. Sie kamen vor mehreren Schildwachen vorüber, durch⸗ ſchritten einen langen Corridor und wurden von zwei Lackeien in der Livree des Königs in einen Saal eingeführt, wo ſich eine ziemlich zahlreiche Verſammlung von Männern mit allen möglichen Geſichtern und Haltungen, doch im Allgemeinen mit düſterer, unruhiger Miene, fand. Die Meiſten waren in große Mäntel gehüllt und ſtanden ſtillſchweigend umher. El Rojo zweifelte nicht, daß er mitten in die Camarilla von Ferdinand VII. gerathen war, in dieſes geheimnißvolle Conclave, deſſen verborgener Einfluß in Madrid nicht minder gefürchtet war, als die Inquiſition der zehn in Venedig, und deſſen Mitglieder insgeſammt nur das Ohr des Souverain hatten, um ihm Verleumdung und Angeberei zuzuflüſtern. Ihre leb⸗ hafte Beſorgniß verrieth ſich durch eine mehr als ſpaniſche Schweigſamkeit; doch ſobald Don Regato erſchien, wurde er ſo ſehr mit Fragen beſtürmt, daß er nicht wußte, wem er antworten ſollte, und er antwortete auch nichts.„Unſer allergnädigſter Herr war dieſen Morgen ſehr ſchlimm,“ ſprach nun eine Art von Scheinheiligem;„doch Dank ſei es den Kerzen, die wir Unſerer Lieben Frau von Atocha haben an⸗ zünden laſſen, es geht nun beſſer. Man läßt uns ſogar 163 auf ſeine erhabene Gegenwart unter uns hoffen. Ah! der große Fürſt!“ „Sein Anblick wird genügen, um unſere Unruhe zu zerſtreuen, wie die Sonne die Wolken verjagt,“ ſagte ein anderer Plattfuß. „Nec pluribus impar,“ fügte ein Dritter bei. Kaum hatte er dieſe Worte geſprochen, als das Oeffnen einer kleinen Thüre das Signal zum ehrfurchtsvollſten Still⸗ ſchweigen gab. Die ganze Verſammlung ſtand, das Knie gebogen, den Rücken gewölbt, den Kopf geneigt, obgleich der Gegenſtand dieſer Kundgebungen der Unterthänigkeit noch nicht erſchienen war. Er zögerte ſogar, zu erſcheinen, doch endlich ſah man ihn wankend, von zwei Bedienten unterſtützt, eintre⸗ ten. Sein entſtelltes, leichenbleiches, von einem ſtudirten, veinlich anzuſehenden Lächeln zuſammengezogenes Geſicht konnte einſt ſchön geweſen ſein, doch nie ſehr geiſtig und eindrucks⸗ voll, obgleich ſeine Züge an die des älteſten und berühmteſten Königsgeſchlechtes erinnerten. Es war abermals der ſo oft vom Meißel des Bildhauers over vom Pinſel des Malers wiederholte bourbon'ſche Typus doch verwiſcht, unleſerlich, wie eine durch die Circulation abgenutzte Münze. Die Krank⸗ heit hatte grauſame Verheerungen an Seiner katholiſchen Ma⸗ jeſtit angerichtet; des Königs Augen waren in ihre Höhlen eingefallen, ſpärliche ſchwarze Haare beſchatteten ſeine bläulichen Schläfe; ſeine Geſtalt und ſeine ſonſt ſo wohl geformten Glieder waren zuſammengeſunken und entſtellt. Der Anzug des Königs wäre für den niedrigſten Bürger von Madrid, der auf dem Lande umherſpaziert, paſſend geweſen; er beſtand 164 aus einer Nankinjacke, einer weißen, nachläßig um den Hals geknüpften Cravate, einer Leinwandhoſe und weißen Pantoffeln. Er hatte große Mühe, ſich auf den Beinen zu halten, und jeder ſeiner Schritte verurſachte ihm einen ſo lebhaften Schmerz, daß ſich alle ſeine Nerven zuſammenzogen, ſo ſehr er ſich auch anſtrengte, um ſich eine gute Haltung zu geben. Er näherte ſich einem Tiſch und einem Fauteuil, der ſo weit war wie ein Thron und ihn aufnehmen ſollte; doch um ſich einen Anſchein von Stärke zu geben, der Niemand täuſchen konnte, blieb er einen Augenblick, auf die Lehne geſtützt, ſtehen und grüßte mehrere von ſeinen Vertrauten freundlich mit der Hand. „Guten Abend, meine Herren; wir haben uns dieſen WMorgen ein wenig unpäßlich gefühlt. Unſer geſchickter Arzt Ca⸗ ſtillo, unſer treuer Grijalva ſogar ſchienen über unſere könig⸗ liche Geſundheit unruhig zu ſein; doch es war nichts. Wir vollten uns eines ſo geringen Anlaſſes willen nicht des Ver⸗ gnügens berauben, uns mit Euch zu beſprechen. Unſer gutes Volk hält uns in der That für viel kranker, als wir find; es iſt Ihre Sache, die von Böswilligen ausgeſtreuten Gerüchte zu widerlegen. Was denken Sie davon, Meras, und Sie, Salcedo? Sieht unſere Majeſtät ſo ſchlecht aus? Diejenigen, welche auf unſern Tod ſpeculiren würden, dürften Luftſchlöſſer bauen. Ah! ah! was ſagen Sie dazu, meine Herren?“ „Es lebe der König!“ rief man von mehreren Seiten. Der König ſchüttelte den Kopf, dankte der Verſamm⸗ lung mit einer wahrhaft anmuthigen Geberde, und ſprach: „Wir werden, wenn es Gott gefällt, lange genug leben, um unſer Werk zu befeſtiger und die Zukunft unſeres 165 Hauſes und die aller Spanier, welche auch unſere Kinder ſind, zu ſichern.“ „Warum nicht ein Beiſpiel an den Lärmmachern ſta⸗ tuiren?“ ſagte der Scheinheilige, der an Ludwig XIV. hauptſächlich den Widerrufer des Edicts von Nantes bewun⸗ derte:„an der Geſundheit des Königs zweifeln heißt con⸗ ſpiriren.“ Der König hatte ſich ein wenig zu raſch in ſein Fau⸗ teuil fallen laſſen und ſchien von körperlichen Schmerzen angegriffen. Alle Anweſenden ſchauten ihn ſtillſchweigend an, was ihn noch mehr leiden machte, denn er befürchtete keine gute Haltung zu beobachten. Um eine Diberſion hervorzubrin⸗ gen, rauchte er eine Cigarette und ſagte mit ſcherzhaftem Tone, man möge ihm die Chronik des Tages erzählen. „Sprechen Sie, was geht in unſerer guten Stadt Ma⸗ drid vor?“ „Jedermann iſt mehr oder minder krank durch die Krank⸗ heit Eurer Majeſtät; Jeder iſt in Trauer,“ erwiederte ein klei⸗ ner, feiſter, bausbäckiger Greis. „Ah! wenn Sie meine Lebensweiſe beobachten würden, Don Martin, ſo hätten Sie nicht dieſes dreifache Kinn und dieſen blühenden Teint,“ ſprach der königliche Kranke. „Es gibt jedoch,“ ſagte ein hagerer, gallichter, langer Mann, „es gibt unwürdige Spanier, die ſich der Freude überlaſſen, wäh⸗ rend die Unterthanen Eurer Majeſtät in Thränen zerfließen. Mein Nachbar zum Beiſpiel, der Banquier Alvaro, der von einer jüdiſchen Familie abſtammt und Millionär iſt, hat geſtern ſeine Tochter an einen jungen Adeligen ohne Heller und Pfen⸗ 166 nig, Don Francisco Balavar, verheirathet, der ſich einen Vet⸗ ter des Marquis von Santa Cruz nennt. Die Hochzeit war ſehr glänzend, ſehr luſtig. Man hat keinen Takt gehalten.“ „Das wundert mich,“ erwiederte der Konig;„unſere getreuen Unterthanen und unſere reizende Unterthaninnen ſind gewöhnlich gute Tänzer.“ „Sire, ich ſpreche nicht vom Tanz, ſondern von der Schicklichkeit, von der Sympathie, die man ſeinem kranken Kö⸗ nig ſchuldig iſt.„„Senor Alvaro,““ ſagte ich zu meinem Nachbar,„„ſchämen Sie ſich nicht, daß Sie ſich der Freude in einer ſolchen Zeit hingeben, und wäre das Geld, das dieſe Verſchwendung an Lichtern koſtet, nicht beſſer angewendet, wenn Sie in den Kirchen Kerzen anzünden und für die Wiederher⸗ ſtellung des Königs beten ließen?““„„Mein Freund,““ er⸗ wiederte er,„„derjenige, welcher die Sonne, den Mond und die Sterne geſchaffen hat, bedarf unſerer Kerzen nicht, um ſeine Vorſehung zu erleuchten. Die Zeiten ſind ſchlecht, ich gebe es zu; doch es wird bald eine Veränderung vorgehen. In Hoffnung auf eine beſſere Zukunft freuen wir uns.““ „Der Ruchloſe!“ rief ein anderes Mitglied der Cama⸗ rilla.„Ich erkenne ihn an dieſer Sprache. Er iſt ein Frei⸗ geiſt, ein Revolutionär!“ „Seien wir diesmal nachſichtig,“ ſagte der König;„er verheirathete ſeine Tochter, und das iſt eine große Freude für einen Vater; doch in Zukunft wird man ein Auge auf ihn haben. Und Sie, Salcedo, was werden Sie uns ſagen?“ „Sire, maſt bemerkt ein ſeltſames Zuſtrömen von Men⸗ ſchen bei einer vornehmen Perſon. Der Hof ihres Palaſtes 167 iſt voll von Equipagen; und unter dieſen politiſchen Beſuchen zählt man Generale, hohe Beamte, Miniſter ſogar, Würden⸗ träger der Kirche, und eine große Anzahl von Ihren Garden.“ Als der König dieſe Worte hörte, war er ſichtbar be⸗ wegt. Eine fieberhafte Röthe färbte ſein bleiches Geſicht; ſeine trockenen Augen ſchienen ſich zu entzünden. „Haben Sie gehört, Taddeo?“ ſagte er, nachdem er einen Augenblick geſchwiegen,„welche Ungeduld!“ Das Erſtaunen und die Unruhe, um nicht zu ſagen der Schrecken, von El Rojo erreichten den höchſten Grad, als er in der Perſon, an die ſich der König wandte, den Grafen, den Vormund und Bräutigam von Roſaura erkannte„ gegen den er gekämpft hatte, und der ihm in dieſem Augenblick in der ganzen Stadt nachſpüren ließ. Der Graf hatte ihn bis jetzt noch nicht bemerkt; doch ihre Augen begegneten ſich und Tad⸗ deo verbarg ſeine Wuth nur ſchlecht. Er glaubte jedoch an ſich halten zu müſſen, und beeilte ſich„ dem König zu ant⸗ worten: „Dürfen wir Eure Majeſtät mit ſo knabenhaften An⸗ ſchuldigungen beläſtigen? Die fragliche Perſon, die zweite des Königreiches, empfängt natürlich eine große Anzahl von Beſu⸗ chen, meiſtens Beſuche einfacher Etiquette. Soll ſie ihre Thüre allen dieſen Beſuchen verſchließen?“ „Sie verſchließe ſie nur Eguia, San Juan, Moreno, Caraval und ſo vielen Andern, die ich nennen könnte; ſie um⸗ gebe ſich nicht mit Ehrgeizigen und Unzufriedenen. So hoch ſie geſtellt iſt, iſt ſie doch nur der erſte Unterthan Seiner Majeſtät, wird ſie nur der erſte Unterthan von Iſabella ſein.“ 168 Hier wechſelten der König und der Graf einen raſchen Blick, deſſen Sinn nur El Rojo und Don Regato verſtehen konnten. Von Seiten des Königs wollte er beſagen:„Be⸗ wahren Sie das Geheimniß;“ von Seiten von Taddeo:„Zäh⸗ len Sie auf mich.“ Don Regato hatte ſeinen jungen Freund gehörig unter⸗ richtet. Seit einigen Minuten flüſterte er ihm in's Ohr, was er zu ſagen hätte:„Das iſt der Augenblick, den großen Schlag zu thun,“ fügte er bei.„Sie müſſen den Grafen zu Grunde richten, oder Sie ſind verloren.“ „Man verräth Eure Majeſtät,“ ſprach der Student mit feſtem Tone.„In dieſer Nacht erſt hat man dem Infanten Don Carlos eine Urkunde eingehändigt, welche geheim bleiben ſollte, und mit der man ihn ſogar gegen den Willen Eurer Majeſtät zu bewaffnen beabſichtigt, wenn ſie von ihrer Ent⸗ ſchließung wieder abgehen ſollte.“ Dieſe unerwarteten und ſo ernſten Worte wurden mit einem düſteren Stillſchweigen aufgenommen. „Sie hören, Taddeo,“ ſagte der König,„die Rechtferti⸗ gung iſt leicht: wo iſt die Urkunde? Ich will ſie auf der Stelle haben.“ „Sie ſollen Sie haben, Sire; das iſt eine unwürdige Verleumdung. Das Geheimniß des Königs iſt bewahrt wor⸗ den; doch wer iſt derjenige, welcher mich anzuklagen wagt? Ein Spion, ein Emiſſär geheimer Geſellſchaften.. Wer von Ihnen kennt ihn, meine Herren? Mit welchem Rechte befindet er ſich hier?“ Jedermann ſchwieg, ſelbſt Regatvo. ———— 169 „Elender!“ fuhr Taddeo, durch dieſes Stillſchweigen kühn gemacht, fort,„vor einer Stunde fand ich Dich in meinem Hauſe, einen Dolch in der Hand, ohne Zweifel, um mich zu ermorden!“ „Herbei, meine Wachen!“ rief der König;„man verhafte ihn, man durchſuche ihn, man nehme ihn ins Verhör, man führe ihn ins Gefängniß; doch ich erwarte auf der Stelle die Urkunde. Wenn es mir beliebt, zerteiße ich ſie! Ich bin der König! Er hatte einen Dolch, und er war in Ihrem Hauſe verborgen! Wie hat er es gewagt, ſich hier einzuſchleichen? Oh! mein Gott! welchen Schmerz empfinde ich plötzlich. Es iſt 8 als eine Nervenkriſe. Morgen, meine Herren, morgen. Barm⸗ herziger Gott ſtehe mir bei!“ ſprach er, die Augen ſchließend, als er glaubte, Jedermann habe ſich entfernt, und nach hefti⸗ gem Krämpfen fiel er wie eine Leiche in die Arme ſeiner Diener. Während dieſe letztere Scene ſtattfand, führten einige Soldaten von der Garde El Rojo in's Gefängniß. Da der König ohnmächtig war, ſo ſprach Taddeo als Gebieter, und Jedermann gehorchte ihm. Er befahl, dem Studenten an den Füßen und Händen Ketten anzulegen. Man kann ſich denken, wie niedergeſchlagen El Rojo nach ſo vielen Theatercoups und Decorationsveränderungen war„die unter ſeinen Augen vor⸗ gingen. So eben noch im Palaſte des Königs und nun in einem Kerker! Was ihm am Unbegreiflichſten vorkam„ war vielleicht das Benehmen von Regatv. Er wollte, er konnte es nicht in ſeinem ganzen Umfange beurtheilen; doch daß er ihn im entſcheidenden Augenblick verleugnete, war ſeiner Anſicht nach eine eines Mannes von Herz unwürdige Handlung; denn 170 er hatte ihn zu dem Grafen ſagen hören, dieſer junge Mann heiße El Rojo und müſſe in der That ein Mitglied geheimer Geſellſchaften ſein, doch er kenne ihn nur vom Sehen und davon, daß er im Rufe eines hitzigen Kopfes ſtehe... Arme Roſaura! was machte ſie in dieſem Augenblick? Ohne Zwei⸗ fel kniete ſie vor der Madonna und betete für ihn; doch lei⸗ der war die Zeit der Wunder vorüber. Es würde kein Engel kommen, um die Mauern ſeines Kerkers fallen zu machen, wie einſt die vom Gefängniß des heiligen Peter. Welches Schick⸗ ſal war ihm vorbehalten? Der Graf ſchien allmächtig bei Fer⸗ dinand VII., er würde es noch mehr ſein bei ſeinem Nachfol⸗ ger, dem Vertreter des Abſolutismus und der Inquiſition. Schon bei dem Namen Inquifition ſträubten ſich die Haare auf dem Haupte von El Rojo; bangte ihm nicht vor dem Tod, ſo fürchtete er doch die Folter. Vielleicht würde man ſie anwen⸗ den, um ihm Geſtändniſſe über ſeine Verbindung mit den ge⸗ heimen Geſellſchaften zu entreißen, welche nur eine jugendliche Unvorſichtigkeit war, denn es gab keinen harmloſeren Verſchwö⸗ rer. Während ſein Geiſt bei dieſen wenig erquicklichen Ge⸗ danken verweilte, erſchollen Tritte im Souterrain: man zog die Riegel ſeines Kerkers, ein lebhaftes Licht blendete ſeine ſchon an die Finſterniß gewöhnten Augen: der Graf ſtand vor ihm. In Gegenwart desjenigen, von welchem er wußte, er ſei fortan ſein erbittertſter Feind, fand El Rojo wieder den Muth des Stolzes und der Verzweiflung. „Ich wollte Sie ſubſt befragen,“ ſagte der Guuf,„ge⸗ ſtehen Sie die ganze Wahrheit. Wer hat Sie in dieſe In⸗ trigue verwickelt? Wer hat Sie zu mir auf Kundſchaft 171 geſtellt, und in welcher Abſicht iſt dies geſchehen? Der Dolch, den ich Ihren Händen entriſſen 4 „Ich habe ihn weggeworfen, als ich Sie wehrlos ſah⸗ Halten Sie mich für einen Mörder?“ „Eine Liebesintrigue würde Ihrem Alter beſſer anſtehen,“ fuhr der Graf fort;„ſprechen Sie, junger Mann„ warum verſchließen Sie ſich in ein hartnäckiges Stillſchweigen? Nur Ihre Offenherzigkeit kann Ihnen Verzeihung verſchaffen. Nen⸗ nen Sie mir diejenige von den Frauen meiner Mündel, welche Sie empfänglich gefunden haben.“ „Senor,“ erwiederte El Rojo, der ſich vielleicht in ſeiner Eitelkeit verletzt fühlte, weil man ihn in ein Kammermädchen verliebt glaubte,„wenn ich mich durch die Gunſt einer Dame in Ihr Haus geſchlichen hätte, ſo wäre ich nicht feig genug, um ihren Namen zu nennen. Machen Sie mit mir, was Sie wollen; ſehen Sie in mir nur einen politiſchen Feind.“ „Kennen Sie mich wohl, daß Sie ſo mit mir anbinden?“ „Ich weiß Ihren Namen noch nicht, doch ich kenne Sie.“ „Ein Verſchwörer, der meinen Namen nicht kennt!“ rief der Graf mit einem höhniſchen Lächeln;„ich glaubte, er wäre berühmt in Spanien und ſelbſt anderswo. Es genüge Ihnen, zu wiſſen, daß es in meiner Macht liegt, Sie morgen, heute noch hinrichten zu laſſen, oder Ihren Haaren Zeit zu gönnen, ſich in einem Kerker zu bleichen. In der That, ich habe Mit⸗ leid mit Ihnen, und wenn Sie mir geſtehen, in welche Hände die Liſte, die Sie mir entwendet, gekommen iſt „Sie ſollen es nicht erfahren. Ich wünſche, ſie möge Sie zu Grunde richten, denn Sie müſſen einer der gefährlich⸗ 172 „ ſten Feinde der Wiedergeburt Spaniens ſein. Ich beklage es, daß ich vor Ihrer Stunde ſterbe; doch ich habe Vertrauen auf die Zukunft und auf die Gerechtigkeit Gottes.“ Der Graf entfernte ſich die Achſeln zuckend. „Ja,“ fuhr El Rojo fort,„wenn ich nicht für die Frei⸗ heit ſterbe, ſo war ich doch würdig, für ſie zu ſterben! Iſt übrigens Roſaura nicht ihre lebendige Incarnation? Iſt es nicht eine Römerin, eine Spartanerin?“ Die Begeiſterung des armen Studenten hatte das Gute, daß ſie ihn über ſeine beklagenswerthe Lage betäubte. All⸗ mälig ſtieg er von den hohen Regionen des politiſchen und Liebesenthuſiasmus herunter; er erinnerte ſich, daß er von Fleiſch und Knochen war, und fing an, bange vor der Folter zu be⸗ kommen. Er hatte den entſtellten und verrenkten Leichnam von Arguelles aus den Händen des Henkers hervorgehen ſehen; dieſes Bild verfolgte ihn und bot einen häßlichem Contraſt mit dem der Dame ſeiner Gedanken. Es vergingen viele Stunden; man brachte ihm Brod und einen Krug Waſſer in dem Augenblick, wo ſein Magen Hunger ſchrie, und wenige Minuten nachher, als er dieſes antik mäßige Mahl beendigt hatte, hörte man ziemlich zahlreiche Tritte und die Thüre ſeines Kerkers öffnete ſich abermals. Drei Männer traten zu⸗ gleich ein: der eine von ihnen war der Kerkermeiſter; kurz und unterſetzt, mit einem Halſe ſo dick als der eines Stieres von Valladolid, glich der zweite den abſcheulichſten Thpen von Henkern und Folterknechten, welche je Ribeira und ſeine Schule gemalt haben; der dritte blieb, in ſeinen Mantel gehüllt und den Hut auf die Augen niedergeſchlagen, bei der Thüre ſtehen. 173 „Ich bin bereit,“ rief El Rojo, der ſich ſogleich auf das Niveau der Umſtände ſtellte.„Thut Eure Pflicht, ich über⸗ laſſe Euch meinen Körper.“ Auf ein Zeichen des Mannes im Mantel, nahmen der Kerkermeiſter und der unterſetzte Mann dem Studenten in einem Augenblick die Feſſeln ab.„Nun, Senor, werden Sie mir folgen, ſobald Sie Ihren Anzug wieder ein wenig in Ordnung gebracht haben.“ El Rojo erkannte den Ton dieſer Stimme; es war die des witzigen Callego, der ihn in der Vorhalle von San Jago abgeholt hatte, um ihn dieſe Unbeſonnenheit begehen zu laſſen. „Was will man von mir?“ fragte er endlich. „Stillſchweigen!“ Der unterſetzte Mann verſchwand einen Augenblick und kam bald mit den Kleidern zurück, die El Rojo gegen den groben Gefängnißanzug hatte vertauſchen müſſen. Nicht ohne ein lebhaftes Widerſtreben ließ er ſich von dieſem Kammer⸗ diener helfen. „Nun den Mantel und den Sombrero, und dann folgen Sie mir, wenn es Ihnen beliebt.“ Sie marſchirten lange in unterirdiſchen Corridors, erſtie⸗ gen eine Schneckentreppe, deren Stufen ganz abgenutzt waren, und die in irgend einen Thurm führen mußte; verließen aber ſodann dieſe Treppe, um ſich einer kleinen Thüre zuzuwenden, welche auf den Gefängnißhof führte. Der Kerkermeiſter be⸗ gleitete ſie immer. Eine zweite mit Eiſen beſchlagene Thüre ächzte auf ihren Angeln, und ſie befanden ſich auf der Straße.. 174 „Wohin gehen wir?“ fragte nun El Rojo ſeinen ſchweig⸗ ſamen Führer. „Sie ſollen es erfahren: doch zuvor laſſen Sie ſich die Augen verbinden.“ Nachdem ſie einige Minuten gegangen waren, blieben ſie abermals ſtehen und traten dann in ein geräumiges Haus, wie ſich leicht an der Friſche der Säle, die ſie durchſchritten, erkennen ließ. „Nun können Sie hell ſehen; ich verlaſſe Sie. Bitten Sie nur den Lackei, den Sie hinten im Corridor erblicken, El Rojo zu melden: Sie werden erwartet.“ „Das iſt ja die Livree des Königs?2“ „Gleichviel!“ Es war keine Möglichkeit, zurückzukehren. El Rojo wurde in einen reichen Salon eingeführt. Fünf bis ſechs Perſonen von ernſtem und vornehmem Aeußeren ſaßen in ehrfurchtsvoller Entfernung von einem hohen vergoldeten Fauteuil, auf dem eine junge Frau von großer Schönheit und edler, majeſtätiſcher Phyſiognomie zu thronen ſchien. Hinter ihr ſtand eine andere Frau von hohem, ſchlankem Wuchſe; dieſe wandte den Kopf ab, als El Rojo eintrat, ihr Profil blieb halb für ihn durch ihre langen Haare verſchleiert. „Senor,“ ſagte die Pame zu ihm,„es ſcheint, Sie haben ſeit geſtern viele Abenteuer erlebt. Sie ſind ein galanter Ritter, deſſen bin ich ſicher, denn Sie ſind in unſerer berühmten Provinz Mancha geboren.“ Dieſer Scherz brachte El Rojo ein wenig aus der Faſſung, beruhigte ihn indeſſen über ſein Schickſal. . 175 „Ihr Roman wird bald enden, ſeien Sie unbeſorgt,“ fuhr die Dame fort;„ich übernehme die Löſung. Schon ſind Sie in Freiheit, und ich habe Sie in Freiheit ſetzen laſſen und verlange kein anderes Zeichen der Dankbarkeit als die Erzählung alles deſſen, was vorgefallen iſt; doch ich muß die volle Wahrheit erfahren.“ „Senora,“ erwiederte El Rojo mit achtungsvollem Tone, „das Geheimniß, das Sie von mir fordern, iſt nicht das meinige. Schon wollte man mir Offenbarungen dadurch entreißen, daß man mir mit der Folter drohte; Ihre Vitte iſt mächtiger bei mir; doch die Pflicht, die Lohalität nöthigen mich, zu ſchweigen. Ich kann Ihnen ein Geheimniß nicht anbertrauen, das nicht das meinige iſt.“ „Ich verſtehe Sie,“ ſprach die Dame,„dieſes ritterliche Gefühl erhöht Sie in meiner Achtung. Doch nicht wahr, Ro⸗ ſaura, er kann ſprechen?“ Ein ſüßer Blick von Roſaura, deren Stirne mit ſcham⸗ hafter Röthe bedeckt war, beruhigte El Rojo völlig in dieſer Hinſicht. Er zögerte nicht mehr, zu erzählen, was er geſehen und gehört hatte. Die Dame und die Perſonen, die ſie um⸗ gaben, horchten mit der größten Aufmerkſamkeit, gaben ihr Erſtaunen kund und wechſelten Blicke des Einberſtändniſſes. Eine von ihnen ſchrieb die Angabe des Studenten auf. Als El Rojo geendigt hatte, erhob ſich die Dame, legte ihre Hand auf ſeine Schulter, ſchaute ihn mit glänzenden, forſchenden Augen feſt an und ſprach: „Iſt dies die volle Wahrheit? Täuſchen Sie ſich nicht? Haben Sie Alles wohl gehört, Alles, was Sie ſagen, ganz 176 beſtimmt gehört?.... Und die Widerrufsakte, welche der Graf dem Oberſten übergeben, haben Sie dieſelbe mit Ihren eigenen Augen geſehen? Santa Madre! wer hätte das er⸗ wartet? Ich kann es noch nicht glauben, ſo den königlichen Willen überrumpeln! Alles iſt in Frage geſtellt, meine Herren! Unterſtützen Sie mich mit Ihrem Rath. Was iſt die Anſicht des Marquis von Santa Cruz? was denken San Lorenzo und unſer disereter Freund Martinez de la Roſa? Nein, ich be⸗ fürchte nichts. Ich habe für mich, für meine Tochter alle diejenigen, welche Spanien dem Abſolutismus, der Inquiſition, Don Carlos entreißen wollen; doch die Schlauheit unſerer Gegner ſetzt mich in Erſtaunen. Alles iſt von Neuem anzufangen. Erleuchten Sie uns doch mit Ihrer Einſicht, Cambronero.“ Die Perſon, welche die Angabe niedergeſchrieben hatte und ſie ganz leiſe durchlas, ſchaute bei dieſem Aufruf empor. Der Student erkannte die Züge des ausgezeichnetſten Rechtsgelehrten Spaniens. „Das Uebel iſt nicht ohne Gegenmittel,“ ſprach er„doch es gibt nur eines, abgeſehen vom Bürgerkrieg, der unſer letztes und traurigſtes Mittel wäre, und aus dem wir nun nicht mit Sicherheit ſiegreich hervorzugehen hoffen dürfen. Aber der König iſt nicht todt; Sie find allmächtig über ſeinen Geiſt; die Königin Chriſtine kann das Werk der Prinzeſſin von Beira oder einer Partei der Miniſter zerſtören. Man muß vom König, ſo lange er noch einigermaßen beim Bewußtſein iſt, den Widerruf ſeines Widerrufs erlangen; man muß ihm den Mißbrauch fühlbar machen, den man mit ſeiner Schwäche getrieben hat, und die Schurken entlarven, welche bei dieſer * 177 Intrigue ohne Zweifel Gott interveniren ließen. Ruft das goöttliche Recht Don Carlos auf den Thron...4 „Ah!“ rief die Dame mit einer Geberde der Ungeduld und des Aergers,„Sie haben Recht, Cambronero, man muß handeln. Alles, was Menſchen möglich iſt, wird Chriſtine thun; Ferdinand kann widerrufen; doch es iſt kein Augenblick zu verlieren. Geben Sie mir dieſe Ausſage, Cambronero Viel⸗ leicht wird es nöthig ſein, die Zeugen vorzubringen. Erwarten Sie mich, meine Herren.“ „Mir ſcheint,“ ſagte Cambronero, ſobald ſich die Königin entfernt hatte,„mir ſcheint, meine Herren, wir haben den Ausgang dieſer Intrigue nicht ſehr zu befürchten, wenn der König den Gebrauch ſeiner Fähigkeiten noch nicht verloren hat: er liebt ſeine Kinder, wie wir Spanien lieben. Doch Sie ſehen, daß ſich die apoſtoliſche Partei nicht für geſchlagen hält; ſie hat ergebene Creaturen im Rathe und in der Camarilla; ſie hat den Aberglauben und den Fanatismus für ſich. Was auch geſchehen mag, mag dieſe Widerrufsurkunde vernichtes oder nicht vernichtet werden: die Erbfolge auf dem ſpaniſchen Throne iſt ein gordiſcher Knoten, den nur das Schwert wird durchhauen koönnen. Nie wird Don Carlos die Gültigkeit der Aufhebung des ſaliſchen Geſetzes, des Grundgeſetzes, anerkennen, und es iſt unbeſtreitbar, daß die Krone nach dem abſoluten Rechte ihm gehören würde.“ „Wenn er nicht der Vertreter des Abſolutismus wäre!“ bemerkte Martinez de la Roſa. „Allerdings,“ ſprach Cambronero.„Summum jus, summa injuria.“ Der Erzähler. 1847. W. 1 178 „Und da wir nun einmal gerade Lateiniſch ſprechen: „Salus populi lex suprema,“ fügte Martinez bei. „Sie haben es geſagt,“ fuhr Cambronero fort,„das Heil des Volks iſt das oberſte Geſetz. Spanien kann nicht länger hinter der europäiſchen Civiliſation zurückbleiben; wir haben den Unabhängigkeitskrieg geführt, wir werden den Freiheits⸗ krieg führen; Spanien iſt ſichtbar müde des deſpotiſchen und mönchiſchen Joches; es bedurfte eines Vereinigungspunktes; das Decret, welches die Kinder von Chriſtine auf den Thron beruft und Don Carlos entfernt, gibt uns denſelben, doch wir ſtehen nichtsdeſtoweniger am Vorabend einer furchtbaren Revo⸗ lution.“ „Warum dieſe Worte finſterer Vorbedeutung?“ unter⸗ brach ihn der Herzog von San Lorenzo, deſſen Augen das ruhige und ſanfte Antlitz von Martinez de la Roſa zu befra⸗ gen ſchienen. „Sprechen wir von weiſen Reformen, Cambronero, von Reformen, welche durch die Fortſchritte der Zeit nothwendig geworden ſind.“ „Reformen, es ſei, doch es müſſen radicale ſein,“ er⸗ wiederte Cambronero.„Die halben Maßregeln werden nicht genügen. Mit Leidenſchaften bekämpft man die Leidenſchaften. Einige Schritte von uns, meine Herren, ſtirbt ein mächtiger König und mit ihm die abſolute Monarchie. Er glaubt, die Revolution oder, wenn Ihnen dieſes Wort bange macht, die Reform gefeſſelt zu haben; aber er hat ſie nur genöthigt, ihren Gang zu maskiten. Erlauben ſie mir die Vergleichung: der * 179 Maulwurf hat den Boden untergraben, und ſeine ſtets zum Spielen bereite Minen ſind in's Unendliche verzweigt. Ferdi⸗ nand ſtirbt zu geeigneter Zeit, um ſein Werk nicht einſtürzen zu ſehen. Dem Himmel ſei es gedankt, die Stimme des menſchlichen Gewiſſens läßt ſich nicht durch das Erdroſſelungs⸗ band erſticken; Grundſätze erſchießt man nicht!“ „Bringen wir dieſe Fragen noch nicht zur Anregung,“ unterbrach ihn der Dichter und ehemalige Miniſter der Cor⸗ tes, indem er einen Blick auf El Rojo warf, deſſen Enthu⸗ ſiasmus ſich bei den hochherzigen Worten von Cambronero entflammte; und er nahm den letzteren am Arm und führte ihn in einen Winkel des Saales, wohin ihm bald die anderen Freunde der Königin folgten. Roſaura bedeutete nun dem Studenten durch ein Zeichen, er möge ſich dem Fauteuil nä⸗ hern, deſſen hohe Lehne ihr als Schirm diente. „Welche ſüße Ueberraſchung, Sie hier zu finden, Roſaura! welch eine magiſche Verwandlung! So eben noch im Kerker und nun in dieſem Polaſte, bei Ihnen, der ich ohne Zweifel das Leben zu verdanken habe!“ „Sie verdanken es Ihrem Freunde Geronimo Regato.“ „Er hat mich im Gegentheil verleugnet und im entſchei⸗ denden Augenblick verlaſſen.“ „Scheinbar und um Ihnen beſſer zu dienen. Er hat Alles der Königin enthüllt, deren Einfluß allein den meines Vormundes beſiegen konnte. Sie wiſſen nicht Alles, was er für uns gethan hat; durch ihn habe ich Ihren Nainen, Ihre patriotiſchen Gefühle erfahren, denn ich konnte nur einen Libe⸗ ralen lieben. Ohne vom hohen Adel zu ſein, war mein Vater 180 einer alten und reichen Familie entſproſſen. Er widmete ſein Vermögen dem Dienſte der Revolution von 1820. Er war der Freund von Regato und Riego, damit ſage ich Ihnen, daß ſein Kopf in Gefahr ſchwebte. Derjenige, welcher mich heute verfolgt, rettete ihn, um ſeine Dankbarkeit eines Tages auszubeuten, und durch einen ſchändlichen Macchiavelismus ließ er meinen Bruder ſterben, um ſich ſpäter zu bereichern, indem er die Schweſter heirathen würde. Verführt von ſeinen Kunſt⸗ griffen und von den Prieſtern belagert, verſprach ihm mein Vater meine Hand und ernannte ihn bei ſeinem Tode zu meinem Vormund. Mit der Hilfe des Himmels bin ich frei und un⸗ ter dem Schutze der Königin; dies Alles habe ich Don Regato zu verdanken. Er hat Sie als Gallego verkleidet in das Hotel des Grafen geführt, er hat Ihre Flucht erleichtert; er h ſ n Die letzten Worte von Roſaura wurden durch die Er⸗ ſcheinung der Königin unterbrochen.„Der König,“ ſprach ſie mit einer vor Freude und Auftegung zitternden Stimme, „der König iſt wieder zum Bewußtſein gekommen. Ich habe geſprochen und zwar nicht vergebens; ich habe ihm die Aus⸗ ſage vorgeleſen; er will den Zeugen und Geronimo Regato hören, den ich ſchon habe benachrichtigen laſſen.“ Don Regato erſchien beinahe in demſelben Augenblick und durchſchritt nur den Salon, um der Königin mit El Rojo und Roſaura zu folgen.„Das iſt der feinſte Spürhund Spaniens,“ ſagte Cambronero zu Martinez de la Roſa. lächelnd. „Wem gehött er an, wiſſen Sie es?“ fragte Martinez 18¹ „Dem Vaterland, der Freiheit, deren Märtyrer er zu rä⸗ chen geſchworen hat,“ antwortete Cambronero. „Aber er hat einen Fuß auf allen Feldern“ „Die Liſt muß oft die Kraft erſetzen. Ich kenne ihn und ſtehe für ihn. Es komme die Stunde, die er erwartet, und Sie werden ihn den Fuchsbalg abwerfen ſehen. Es bedarf eines großen Muthes, Senor Martinez, um ſogar ſeine Ehre dem endlichen Siege ſeiner Sache zu vpfern.„„Doch Ge⸗ duld,““ wie er oft zu mir ſagt,„„nachdem ich ſo viele Rol⸗ len geſpielt habe, bleibt mir noch eine zu ſpielen.““„„Und welche?““„„Die des Arztes meiner Ehre.“* Indeſſen erſchienen El Rojo, Don Regato und Roſaura vor dem König in einem Zimmer, das ſchwach beleuchtet war, um dem Geſichte des Sterbenden keine Schmerzen zu machen; mehrere Perſonen ſtanden um ſein Bett her, Ferdinand ſaß an Kiſſen angelehnt. Es war nur noch ein Geſpenſt; die ſchneeige Weiße ſeiner Kiſſen hob noch mehr die leichenartige Bläſſe ſeines Geſichtes hervor; ein knieender Prieſter las Sterbegebete, wäh⸗ rend der Arzt Caſtillo die Schläge des erlöſchenden Pulſes fühlte. Neben dem Bette, die Hände gefaltet und auf der Sammetdecke aufgelegt, ſiellte ſich eine Dame von kleinem Wuchſe, als betete ſie ebenfalls; doch ihre großen, ſchwarzen, unruhigen Augen liefen im Saale umher„ und in ihrer Hal⸗ tung war nichts weniger als Schmerz oder Reſignation er⸗ kennbar. Der Graf ſtand in einiger Entfernung in der Stel⸗ lung eines Angeklagten. „Der Widerruf,“ ſprach der König mit dumpfer Stimme, „wo iſt er? Ihnen habe ich ihn anvertraut, Taddeo, und mir 182 dabei Zeit zum Ueberlegen vorbehalten„wenn ich ihn vernich⸗ ten wollte. Sie haben meine Religion überrumpelt. Den Widerruf, ich will ihn ſogleich haben.“ „Mein huldreichſter Souverain,“ erwiederte der Graf, der gegen den Sturm Stand zu Ftiun und Zeit zu gewinnen ſuchte. es blieb dem König ſo wenig Zeit zu leben übrig, „dieſe in Ihrem Gewiſſen berathene Akte, dieſe von einem tief religiöſen Gedanken eingegebene Akte, dieſe Akte, welche das Heil Spaniens und der Monarchie iſt, Eure Majeſtät wird ſie nicht unbedachtſam und auf unſelige Eingebungen hin zerſtören wollen.“ Die Königin ſchleuderte Taddeo einen Blick der Verach⸗ tung zu; die Augen der Infantin Carlotta flammten. „Aber wo iſt dieſe Akte? ich will ſie haben!“ wieder⸗ derholte der König.„Wer iſt in Spanien König? Don Carlos oder ich?“ „Don Carlos erwartete nur dieſe Akte, um ſeine Partei⸗ gänger zur Emporung aufzurufen,“ ſprach die Königin.„Die Fahne des Bürgerkrieges wird fortan erhoben ſein. Hier iſt der Student, der das Geheimniß des Complottes entdeckt hat. Will ihn Eure Majeſtät anhbren?“ „Sie haben mir ſeine Angabe vorgeleſen, das genügt.“ „Und Sie, Regato?“* „Sire, man hat ſogar von Ihren Garden ins Einver⸗ ſtändniß zu ziehen gewußt.“ Verräther,“ rief der König, ſich abermals gegen den Gra⸗ fen umwendend.„Das ſaliſche Geſetz bleibt in Spanien auf⸗ gehoben. Die Widerrufsakte der pragamtiſchen Sanction 183 iſt nichtig. Doch wo iſt ſie? ich will ſie mit meinen eigenen Händen zerreißen.“ „Ja, Verräther, gib uns dieſe Akte zurück,“ rief die In⸗ fantin Carlotta, indem ſie mit einem Löwenſprung auf den Grafen losſtürzte, der bei dem Bette niedergekniet war, um den Zorn des Königs zu beſänftigen. „Eure Majeſtät,“ ſprach er,„richtet Spanien zu Grunde, und. Doch er hatte nicht Zeit, dieſes abgenutzte Thema der Abſolutiſten zu entwickeln. Eine kräftige Ohrfeige der In⸗ fantin warf ihn beinahe zu Boden. „Carlotta,“ rief die Königin, ihre zornmüthige Schweſter zu ſpät am Arm faſſend,„ich bitte Dich, Mäßigung.“ Ferdinand ſchien eine Beute der heftigſten körperlichen und geiſtigen Qualen zu ſein. Seine Entrüſtung gegen ſeinen Miniſter hatte den höchſten Grad erreicht; Carlotta war das materielle Werkzeug ſeines Gedankens geweſen.„Zurück,“ rief er,„zurück, Verräther! Taddeo Calomarde, ich entſetze Dich aller Deiner Aemter und Würden; Du biſt nicht mehr mein Miniſter. Mein Gott! welche bittere Täuſchung! Er verräth mich! Oh! das iſt mein Todesſtoß.“ Der König fiel auf ſein Bett zurück, doch es gelang noch einmal, dieſen Leichnam zu galraniſtren. Er vernichtete die Widerrufsakte und ernannte die Königin zur Regentin. El Rojo war nicht wenig ſtolz darauf, daß er zum Sturze von Calomarde, dem Henker von Torrijos und ſo vielen An⸗ deren, beigetragen und ſo dem Baum des Deſpotismus einen kräftigen Artſtreich verſetzt hätte; doch er war ſo weiſe, bei dieſem erſten Debut auf der politiſchen Stene ſtehen zu blei⸗ 184 ben, die Gunſt und Dankbarkeit von Chriſtine nicht auf die Probe zu ſtellen und ſich mit ſeinem Glücke an Roſauras Seite in einer von der Hauptſtadt entfernten Provinz zu be⸗ gnügen. Don Geronimo Regato fuhr fort, auf ſeine Weiſe und auf mehr oder minder abgelegenen Wegen der ein⸗ zigen Sache, die er im Grunde ſeines Herzens liebte, zu dienen. Voll Vertrauen auf den entſcheidenden Sieg der Freiheit und der populären Vernunft, trotz ihrer häufigen Verfinſterungen, ſpielte er unter ſeinen wahren Namen, den wir verſchweigen mußten, eine ziemlich große Rolle, in dem endloſen Bür⸗ gerkrieg, der auf den Tod von Ferdinand VII., genannt der Vielgeliebte, folgte. Die Liſt iſt zu etwas nütze, denn ihr dankt er es ohne Zweifel, daß er den Martyrolog der Frei⸗ heit Spaniens, ein ſchon auf allen Seiten volles, blutiges Buch, nicht vergrößert hat. . „ Ein Unbekannter. Nach Amedse Achard. Von Adrian Widerhorſt. —e3— 1. m Jahr 1663 lag einige hundert Schritte von Saint⸗Omer ein ziemlich hübſch gebautes Häuschen, deſſen Thüre auf die Landſtraße nach Paris ging. Eine lebendige Hecke von Weißdorn und Holunder umgab einen Gar⸗ ten, worin man durcheinander Blumen, Kin⸗ der und Ziegen ſah. Ein halbes Dutzend Hennen mit ihren Küchlein gackelte in einem Winkel zwiſchen den Kohlköpfen und den Erd⸗ 7 beerpflanzen; ein paar Vienenkörbe, welche unter Pfirſichbäumen angebracht w aren, wand⸗ ten ſummend von Bienen ihre duftenden Pyramiden der Sonne zu, und da und dort ruckſte auf großen, mit Früchten beladenen Birnbäumen eine ſchöne Holztaube, die ihre Gefährtin umflatterte. 186 Das Häuschen bot einen friſchen, lachenden Anblick, der das Herz ergötzte; die Jungfernrebe und der Hopfen zierten ſeine Wände; ſechs bis ſieben unregelmäßig ausgebrochene Fenſter, welche gegen Süden offen ſtanden, ſchienen freundlich die Landſchaft zu betrachten; ein dünner Rauchfaden zitterte am Ende des Kamins, woran die biegſamen Stängel von Mauerkraut hingen, und wenn man zu gewiſſen Stunden des Tages vorüberging, hörte man das freudige Geſchrei von Kin⸗ dern, vermiſcht mit dem Krähen des Hahns. Unter den Kindern, die aus allen Winkeln der Vorſtadt hier zuſammenkamen, waren drei, welche Armand Grinedal, dem Herrn des Hauſes, gehörten: Jacques, Claudine und Pierre. Armand Grinedal, oder der Vater Armand, wie man ihn vertraulicher Weiſe nannte, war wohl der beſte Falkner, den es im ganzen Artois gab; doch ſchon ſeit geraumer Zeit hatte er nicht mehr Gelegenheit gehabt, ſeine Kenntniſſe zu üben. Während der Regentſchaft von Königin Anna von Oeſterreich war ſein Gebieter, der edle Herr von Aſſonville, durch die Kriege zu Grunde gerichtet, genöthigt geweſen, ſeine Güter zu verkaufen, doch ehe er die Gegend verließ, hatte er ſeinem alten Diener, um ſeine treuen Dienſte zu belohnen, das Häuschen und den Garten geſchenkt. Der alte Grinedal, der durchaus keinem andern Herrn dienen wollte, zog ſich in die⸗ ſes Gebäude zurück, wo er von dem Ertrag einiger Arbeiten und von ſeinen Erſparniſſen lebte. Witwer geworden, dachte der Vater Armand nur an ſeine Kinder, die er ſo gut, als es ihm ſeine Mittel erlaubten, und auf's Ehrlichſte der Welt erzog. — 187 Jacques, der älteſte der Familie, war mit ſiebzehn bis acht⸗ zehn Jahren ein großer Burſche, der mehr als zwanzig alt zu ſein ſchien. Er war kein Schönredner, doch er handelte mit einer außerordentlichen Entſchloſſenheit und Kühnheit ſo bald er in ſeinem Rechte zu ſein glaubte. Seine Stärke machte ihn bei allen Schülern der Vorſtadt und des Weichbildes ge⸗ fürchtet, wie ihn ſeine Rechtſchaffenheit beliebt machte. Man nahm ihn gern zum Richter bei allen Kinderſtreitigkeiten; Jacques ſprach ſein Urtheil, unterſtützte es zur Noth mit eini⸗ gen guten Faufiſchlägen, und Jedermann kehrte zufrieden zu⸗ rück. Wenn es einen Streit und Schlachten über Kirſchen oder einem deutſchen Kreiſel gab, ſchwiegen, ſobald man Jar⸗ ques kommen ſah, die größten Lärmer, und die Schwächſten richteten ſich auf und warfen ſich in die Bruſt; Jacques trennte die Kämpfenden, ließ ſich über die Urſache des Strei⸗ tes Bericht erſtatten, ertheilte den Einen einen Rath, den An⸗ dern einen Klapps, erkannte über den ſtreitigen Gegenſtand und brachte durch eine Kegelpartie Alles zur Eintracht. Zuweilen geſchah es ihm, daß er es mit einem Größeren oder mit einem Stärkeren, als er war, zu thun hatte, doch die Furcht, geſchlagen zu werden, hielt ihn nicht auf. Zehn⸗ mal niedergeworfen, erhob er ſich zehnmal; am Abend über⸗ wunden, fing er am andern Morgen wieder an, und ſo groß war die Herrſchaft ſeines, auf ein ihm angeborenes Gerechtig⸗ keitsgefühl geſtützten, Muthes, daß er am Ende immer den Sieg davon trug. * ⸗ ⸗.*. 188 Eines Tags, im Monat Mai 1658, fünf Jahre vor der Epoche, wo dieſe Geſchichte beginnt, und kurze Zeit vor der glorreichen Schlacht in den Dünen, ſah Jacques, der damals dreizehn oder vierzehn Jahre alt ſein mochte, während er auf einer Wieſe in geringer Entfernung von Saint⸗Omer ſpazieren ging, einen Unbekannten in ziemlich ſchlechter Kleidung auf ſich zukommen. Nach ſeinem Anzug, der eben ſo ſehr dem bürgerlichen Stande, als dem Militär angehörte, hätte man ihn für einen Deſerteur halten können, wäre der Fremde nicht verwachſen geweſen. Man konnte aber nicht wohl mit einem Höcker an der Schulter Soldat ſein, und Jacques dachte, es wäre ein Hauſirer. Der Fremde folgte einem Fußpfade, den die Gärtner zwiſchen ihren Gemüſefeldern gezogen hatten, und ſtreckte ſich zuweilen auf einer Erderhöhung empor, um über die Hecken ins Land hinauszuſchauen. Als er nahe bei Jacques war, blieb er ſtehen und betrachtete ihn einen Augenblick. Die Hände in den Taſchen einer Leinwandblouſe, lehnte Jacques an einem großen Apfelbaum und pfiff durch die Zähne. Nachdem er einige Minuten nachgedacht hatte, ging der Unbekannte auf ihn zu und ſagte zu ihm: „Biſt Du aus dieſer Gegend, Junge?“ „Ja, Herr,“ antwortete Jacques. Hätte man Jacques gefragt, warum er denjenigen, welchen er nur für einen Hauſirer hielt, mit dem Titel Herr be⸗ grüßt habe, ſo würde es ihm ſchwer geworden ſein, dies zu erklären. Der Fremde hatte ein Ausſehen, das Jacques Reſpect ——— — —— — 189 einflößte, obgleich ſich der Sohn von Armand Grinedal nicht leicht einſchüchtern ließ. Er ſprach, beſchaute und geberdete ſich mit außerordentlicher Einfachheit, doch in dieſer Einfachheit lag mehr Adel und Stolz„als in der ganzen Gewichtigkeit von Herrn von Malzonbilliers. „Wenn dem ſo iſt,“ verſetzte der Unbekannte,„ſo wirſt Du mir wohl Einen angeben können, der einen langen Ritt zu machen vermag.“ „Ihr habt dieſen Einen vor Euch, Herr.“ „Du?“ „Ich ſelbſt.“ „Aber, mein kleiner Freund, Du ſcheinſt mir ſehr jung weißt Du, daß es ſich darum handelt, ſieben bis acht Meilen ununterbrochen im Galopp zu machen?“ „Kümmert Euch nicht um das Alter; liefert mir nur das Pferd, und Ihr werdet ſehen.“ Der Fremde lächelte, und erwiederte ſodann: „Es iſt ſtätig und voll Feuer... „Ich habe einen guten Arm und ein gutes Auge: es mag laufen... „Komm alſo; das Pferd iſt nicht fern.“ Der Unbekannte und Jacques verließen den Wiesgrund und traten in ein kleines Gehölze. In der Mitte deſſelben, hinter einem Geſtrüppe, erblickte Jacques ein Pferd, das um eine Ulme tanzte, an die es gebunden war. Ein um die Nüſtern befeſtigter Zaum verhinderte es, zu wiehern. Jacques hatte nie ein ſo ſchönes Thier geſehen. Er näherte ſich dem Pferd, ſtreichelte ihm das Kreuz, machte ihm 190 den Zaum los und ſchickte ſich an, in den Sattel zu ſpringen, als der Fremde ſachte die Hand auf ſeine Schulter legte und zu ihm ſprach: „Ehe Du wegreiteſt, mußt Du wenigſtens wiſſen, wohin Du gehen ſollſt.“ „Das iſt richtig,“ erwiederte Jacques, der ſchon den Fuß im Steigbügel hatte. Die Ungeduld, auf einem ſo herrlichen Pferd zu galop⸗ piren, hatte ihn den Zweck ſeines Rittes vergeſſen laſſen. „Du weißt ohne Zweifel, wo das kleine Dorf Witterneſſe liegt?“ „Sehr gut; ungefähr eine Meile rechts ſeitwärts von Aire.“ „Dorthin haſt Du Dich zu begeben; behalte nun Fol⸗ gendes: Ehe Du nach Witterneſſe kommſt, wirſt Du auf der linken Seite ein Pächterhaus am Ende eines Roggenfeldes ſehen. Es hat vier Fenſter und eine Wetterfahne in Form eines Schwalbenſchwanzes auf dem Dach. Du thuſt drei Schläge an die Thüre; bei dem dritten Schlage ſprichſt Du mit lauter Stimme den Namen Bergame aus; ein Mann wird herauskommen und Du übergibſt ihm dieſes Papier.“ Nach dieſen Worten zog der Unbekannte aus ſeiner Taſche ein kleines Portefeuille, nahm einen Bleiſtift, und ſchickte ſich an, zu ſchreiben. „Kannſt Du leſen?“ fragte er plötzlich Jacques. „Ja, Herr, ſehr gut.“ Der Unbekannte faltete die Stirne; doch virſe Bewegung war ſo ſchnell, baß Jacques nicht Zeit hatte, ſie zu bemerken. Einen Augenblick drehte der Fremde den Bleiſtift zwiſchen den 191 Fingern, dann faßte er einen raſchen Entſchluß, ſchrieb hurtig einige Worte, zerriß das Blatt und reichte es Jacques, während er einen tiefen Blick auf das Kind heftete. Jacques betrachtete das Papier und ſagte: „Ich leſe, aber ich verſtehe nicht.“ Lächelnd erwiederte der Fremde: „Es iſt nicht nöthig, daß Du verſtehſt; ſtecke das Papier in die Taſche und ſchwinge Dich auf das Pferd... Gut! Bei Gott, mein Junge, Du hältſt Dich keck! wenn Du Dich ſo benimmſt, wirſt Du nicht irgend einem Graben als Faſchine dienen. Richte jedoch immerhin Deine Augen auf die Ohren des Thieres es iſt wunderlich, doch wenn es die Laune bekommt, einen Seitenſprung zu machen, iſt es ehrlich genug, ſeinen Reiter durch eine Bewegung des Ohrs davon in Kenntniß zu ſetzen... Viele Menſchen haben ein Andenken an einen ſolchen Sprung behalten... Ah! Du lachſt! Du wirſt ſchon ſehen, mein Junge.“ Als Jacques dem Pferde den Zügel ſchießen ließ, hielt ihn der Fremde zurück und ſprach: „Noch ein Wort. Kennſt Du in der Umgegend ein Haus von braven Leuten, wo ich Deine Rückkehr erwarten kann, ohne eine Zudringlichkeit befürchten zu müſſen?“ „Ich kenne zehn, doch es iſt vor Allem eines, mit dem Euch gedient ſein wird. Verlaßt das Gehölze, folgt dem Fuß⸗ pfad, wo ich Euch begegnet bin, ſchlagt die Landſtraße ein, und haltet vor dem erſten Hauſe an, das Ihr rechts finden werdet. Ihr erkennt es leicht: Alles iſt offen, Thüren und 192 Fenſter. Ihr werdet bei meinem Vater Armand Grinedal wie zu Hauſe ſein.“ „Teufel! da werde ich ſehr gut ſein,“ ſagte der Fremde mit einem Lächeln.„Gehe nun.“ Er zog ſeine Hand, welche die Kinnkette feſthielt, zurück und das Pferd ſprengte fort. Eine Viertelſtunde nachher trat der Unbekannte in den Garten von Armand Grinedal ein. Bei dem Anblick eines Fremden legte der Falkner eine Sattelpiſtole nieder, die er eben putzte, und ſtand auf. „Was verlangt Ihr?“ ſagte er. „Gaſtfreundſchaft.“ „Tretet ein. Was ich habe, gehört Euch. Seid Ihr hungerig, ſo werdet Ihr ſpeiſen; ſeid Ihr durſtig, ſo werdet Ihr trinken, und ſo arm ich auch bin, beſitze ich doch immer⸗ hin ein Bett für den Reiſenden, den Gott zu mir führt.“ Während der Vater Armand ſo ſprach, entblößte er ſeine Stirne; ſein ehrliches, durch die Arbeit gerunzeltes Geſicht be⸗ wahrte einen Ausdruck von Würde, der ihn über ſeinem Stande erſcheinen ließ. „Ich danke Euch,“ erwiederte der Fremde;„mein Beſuch wird von kurzer Dauer ſein. Wenn Euer Sohn zurückgekehrt iſt, breche ich wieder auf.“ Armand befragte ihn mit dem Blick. „Oh!“ verſetzte ſein Gaſt,„er läuft keine Gefahr. Ehe der Mond aufgeht, iſt er wieder zu Hauſe. Ich bin ein Kaufmann von Aras und begebe mich in Handelsgeſchäften nach Lille; die Gegend iſt ſchlecht, und ich dachte, Euer Sohn 193 könnte ſicherer als ich ein Felleiſen beſorgen, das ich in den Händen meines Dieners in Witterneſſe gelaſſen habe. Man vermochte nicht vorſichtig genug in dieſen Zeitläuften zu ſein.“ Während der Fremde ſprach, hatten ſich Pierre, Claudine und einige andere Kinder, welche Anfangs im Garten zerſtreut waren, ſachte um ihn her geſtellt, mit jener ſcheuen Neugierde, welche tauſend Umwege ſucht, um ſich zu befriedigen, und über Alles ſtaunt, was ſie ſieht. Armand trieb ſie mit einer Ge⸗ berde auf die Seite und bat den Fremden, ihm zu folgen, was dieſer ohne zu überlegen that. „Ihr habt Recht,“ ſagte der Falkner,„wir leben in Zeiten, wo man ſich mit Vorſichtsmaßregeln umgeben muß, doch in dem Hauſe eines ehrlichen Mannes iſt das nicht nöthig; thut Euch alſo keinen Zwang an, mein edler Herr, um Eure Sprache und Eure Manieren zu verkleiden.“ Bei dieſen Worten bebte der Fremde. „Ich frage Euch nicht nach Eurem Stande und Eurem Namen. Der Gaſt iſt heilig, ſein Geheimniß iſt wie ſeine Perſon; doch man muß nicht vor den Kindern reden; die Kinder haben einen natürlichen Verſtand, ſie vergleichen und errathen. Sobald man den Mund öffnet, horchen ſie. Schwei⸗ gen iſt alſo klug. Ich, ich habe graue Haare, ich habe nichts geſehen, nichts gehört, nichts begriffen.“ „Ihr ſeid ein braber Mann!“ rief ungeſtüm der Fremde, „Gottes Tod! ich brauche vor Euch nichts zu verheimlichen. Ihr habt Euch nicht getäuſcht, Meiſter Armand, ich bin...„ „Vielleicht mehr, als ich vermuthe,“ verſetzte der Falkner eiligſt,„und deshalb nehme ich mir die Freihrit, Euch zu Der Erzähler. 1847. 1v.. 1 3 194 unterbrechen, um nicht mehr zu erfahren. Möget Ihr Spanier oder Franzoſe ſein, Ihr ſeid darum nicht minder ein meiner Obhut anvertrauter Reiſender. Dieſes Dach beſchützt Euch. Gehört Ihr zu denjenigen, welche das Schwert gegen ihren König und gegen das Vaterland gezogen haben, ſo gebührt es Gott, Euch zu richten. Ich thue meine Pflicht; möchtet Ihr ſagen können: Ich thue die meinige.“ Der falſche Handelsmann ſchlug die Augen unter dem klaren Blicke des Falkners nieder und die Röthe zog wie ein Blitz über ſeine Stirne. Bald aber gewann er wieder ſeine Heiterkeit, und er ſprach, indem er den Falkner mit der Hand grüßte: „Es ſei, mein Braver, ich will Euer Gedächtniß nicht mit einer Erinnerung belaſten, doch bei dem Namen meines Vaters, ich werde weder den Eurigen, noch was Ihr thut vergeſſen.“ Es vergingen zwei Stunden, und der Fremde theilte das Mahl des Falkners ganz behaglich wie unter dem Zelte eines Soldaten oder in dem Herrenhauſe eines Edelmanns. Daun vergingen noch zwei Stunden; am Ende der vierten zog die Unruhe die Spitzen ſeiner Augbrauen zuſammen. Er trat an das Fenſter, öffnete es und horchte; es war Nacht geworden, und die Straße war geräuſchlos. Bald verließ er das Häuschen und ſchritt nach der Gar⸗ tenthüre. Der Vater Armand folgte ihm. Wie die Dunkel⸗ heit, ſo war auch das Stillſchweigen tief. „Iſt Euer⸗Sohn brav?“ fragte der Fremde ungeſtüm den Falkner. 195 „Ehrlich und brav wie Stahl.“ „Er würde alſo ein ihm anbertrautes Gut vertheidigen?“ „Er iſt nur ein Kind, aber er würde ſich tödten laſſen wie ein Mann.“ „Dann habe ich bange für Euren Sohn, Meiſter Armand.“ Der Vater antwortete nicht, doch in den Strahlen des Mondes ſah der Fremde, wie ſich die Bläſſe über ſeiner Stirne ausbreitete. Beide beobachteten ein tiefes Stillſchweigen und hielten die Augen auf die weiße Linie des Weges geheftet, der in einen unbeſtimmten, unbegrenzten Horizont tauchte. Die Mhſterien der Nacht erfüllten den Raum mit ver⸗ worrenen, jähen, ungewiſſen Geräuſchen. Armand Grinedal ſtützte ſich auf die Pfähle einer Hecke, an der ein Gatter an⸗ gebracht war; man hörte das Holz unter dem Drucke ſeiner Hände krachen. Der Edelmann zerknitterte den Umſchlag ſeines Rockes.„Nichts, noch nichts!“ murmelte er.„Oh! ich gäbe tauſend Louis d'or, wenn ich den Galopp eines Pferdes hörte!“ Während er ſprach, erſcholl ein Schuß in einer größeren Entfernung als das Gehölze, deſſen dichte Schatten den Hori⸗ zont durchſchnitten. Die Hecke zerbrach unter der Hand des Falkners, der auf die Straße ſprang. „Ein Flintenſchuß! habt Ihr es gehört?“ rief der Edelmann. „Ich habe es gehört,“ erwiederte Armand Grinedal und warf ſich mit dem platten Leib auf den Weg. Zwei andere Schüſſe erſchollen, doch der Ton kam ſo fern her, daß man das Ohr eines Vaters oder eines Geächteten 196 brauchte, um ſie von den tauſend Geräuſchen zu unterſcheiden, welche unter dem tiefen Himmel ſchwebten. Armand Grinedal horchte, das Ohr auf die Erde ge⸗ drückt. „Nun?“ fragte der Fremde. „Nichts!. noch nichts! mein Herz klopft und die Ohren klingeln mir,“ ſagte der arme Vater.„Ah! ja, jetzt höre ich ein dumpfes, abgeſtoßenes, fortwährendes Geräuſch! Es nähert ſich„es iſt der Galopp eines Pferdes.“ „Oh! das brave Kind!“ rief der Fremde, in freudigem Ausbruch. Armand Grinedal ſagte nichts, aber er entblößte ſeine durch die Jahre gebleichte Stirne, ſchlug die Augen zum Him⸗ mel auf und betete. Der Edelmann ſchaute, den Kopf vorwärts gebeugt, in den Raum: es war, als wollten ſeine Augen die finſtere Nacht durchdringen. „Ich ſehe ihn, Gottes Tod, ich ſehe ihn! das Pferd hat Flügel und das Kind iſt darauf. Erkennt Ihr es nicht?“ ſagte der Edelmann, indem er den Falkner beim Arm faßte. Doch der Falkner dankte Gott, zwei große Thränen zit⸗ terten am Rande ſeiner Augenlider und ſeine bewegten Lip⸗ pen murmelten ein Gebet. Der Fremde zog ſeine Hand zurück und lüpfte in einer religöſen Erſchütterung ſeinen Hut.. Mit einigen Sätzen kam das Pferd zu ihnen. Der Knabe ſprang zur Erde ünd fiel dem Falkner in die Arme. „Mein Vater!“ xief er. —— 197 Stillſchweigend drückte ihn der Vater an ſein Herz. „Aber es iſt Blut an Deinen Kleidern,“ ſagte plötzlich Armand Grinedal.„Biſt Du verwundet?“ „Es iſt nichts,“ erwiederte Jacques,„eine Kugel hat hier an der Schulter meine Blouſe zerriſſen und mich, glaube ich, geritzt.“ „Du biſt bei meiner Treue ein wackerer Knabe,“ ſprach der Edelmann.„Wenn Du je unter die Fahnen von Seiner Majeſtät dem König Ludwig trittſt, wirſt Du, beim wahrhaftigen Gott! Deinen Weg machen. Doch ſprich, haſt Du das Felleiſen?“ „Es iſt hier auf dem Kreuz des Pferdes.“ „Armer Phöbus, Du haſt ihn tüchtig getragen, nicht wahr?“ ſagte heiter der Fremde, indem er dem Pferd mit der Hand über den Hals fuhr. Phöbus rieb ſeine ſchäumenden Nüſtern auf dem Rocke des Edelmanns, ſpitzte das Ohr bei der Stimme ſeines Herrn, wieherte und ſtampfte mit dem Fuß auf den Boden. „Du biſt alſo verfolgt worden 2“ fragte der Fremde, während er das Felleiſen losſchnallte. „Eine kleine Meile von Witterneſſe war ich genöthigt, die Landſtraße zu verlaſſen, um eine Horde ſpaniſcher Nachzüg⸗ ler zu vermeiden,“ antwortete Jacques.„Zwei Meilen weiter vor Roquetoire, bei Blandecques, gerieth ich unter eine Bande kaiſerlicher Huſaren, welche auf der Heerſtraße umherſtreiften. Eine Viertelſtunde lang verfolgten Sie mich lebhaft; doch Phöbus hat gute Beine. Beim Eingang des Gehölzes ver⸗ loren ſie meine Spur. Ah! ich vergaß! Bergame hat mich mit einem Briefe für Euch beauftragt: hier iſt er. 198 Der Edelmann erbrach das Siegel, näherte ſich dem Fen⸗ ſter und las den Brief beim Scheine einer Lampe. „Es iſt gut, mein Kind; wenn wir uns einſt wieder begegnen, ich als Greis, Du als Mann, in welcher Lage wir uns auch Beide befinden mögen, kannſt Du Dich auf den Gaſt von Armand Grinedal berufen; er wird ſich erinnern.“ Bei Tagesanbruch ſchwang ſich der Fremde in den Sat⸗ tel von Phöbus, der zwiſchen einer friſchen Streu und zwei Metzen Hafer die Strapatzen des Abends vergeſſen hatte. Der Fremde trug das Gewand eines Bauern aus dem Artvis. „Gott befohlen, Armand,“ ſagte er zum Falkner, indem er ihm die Hand reichte;„ich biete Euch nichts: Eure Gaſt⸗ freundſchaft gehört zu denjenigen, welche ſich nicht bezahlen laſſen, und ich müßte befürchten, Euch zu beleidigen, wenn ich Euch Geld bieten wollte. Nehmt meine Hand und drückt ſie ohne Furcht. Unter welchem Kleide ich mich auch verberge, iſt es doch, das ſchwöre ich Euch, die Hand eines redlichen Edelmannes. Was Dich betrifft, mein Freund Jacques, be⸗ wahre dieſes ehrliche Herz und dieſen entſchloſſenen Muth, und das Glück wird Dich unterſtützen: ſchenkt mir Gott das Le⸗ ben, ſo werde ich ihn bitten, mir eine Gelegenheit zu gönnen, Dir beizuſtehen, wie Du mir beigeſtanden biſt.“ Die großen ſchwarzen Augen von Jacques ſchauten den Fremden ganz glänzend vor ſtolzer Freude an. Trotz ſeiner mißſtalteten Schulter und ſeiner ausgewachſenen Bruſt, kam ihm der Fremde edler und eindrucksvoller vor, als alle Offi⸗ eiere des Königs, die er noch geſehen. Als er ſeine Hand faßte, ſchlug das Herz von Jacques in raſcheren Schlägen, und ——— 6 als der Unbekannte, Phobus in die Seiten drückend, ſich im Galopp entfernte, folgten ihm der Vater und der Sohn lange bewegt und ſchweigſam mit dem Blick. In dem Augenblick, wo ſie in den Garten zurückkehrten, ſtieß der Fuß von Jacques an einen in den Sand gefallenen glänzenden Gegenſtand. Es war ein Medaillon von guillo⸗ chirtem Gold. „Seht, mein Vater,“ ſagte der Knabe,„ohne Zweifel hat es der Fremde verloren!“ „Behalte es, mein Sohn; die Vorſehung ſchickt es Dir vielleicht“ 2. Einige Jahre nach dem von uns ſo eben erzählten Aben⸗ teuer trat Jacques Grinedal in den Dienſt des Königs in einem Artillerie⸗Regiment, wo er ſeinen Familiennamen mit dem militäriſchen Beinamen Belle⸗Roſe vertauſchte. Durch ſeine eigenen Anlagen und Fähigkeiten, ſowie durch die warme Protection von Herrn von Nancrais, dem Kapitän ſeiner Com⸗ pagnie, der eine lebhafte Zuneigung zu ihm faßte, ſtieg Belle⸗ Roſe raſch von dem Range eines gemeinen Soldaten bis zum Grade eines Sergenten. Er hatte es ſogar in dem Augen⸗ blick, wo der zweite Akt unſerer Geſchichte beginnt, bis zum Ofſicier gebracht. Die Armee in Flandern wurde von dem Prinzen von Condé commandirt, der unter ſeinen Befehlen den Herrn Her⸗ zog von Luremburg, den Herrn Herzog von Aumont und an⸗ 200 dere Generale hatte. Das Artillerie⸗Bataillon, zu dem die Compagnie von Herrn von Nancrais gehörte, bildete einen Theil des Corps von Herrn von Luremburg, das unter den erſten an den Ufern der Sambre in Charleroy verſammelt war. Als Belle⸗Roſe in das Lager kam, war es bereits Nacht geworden. Er gab ſich den vor dem Artilleriehuartier aufge⸗ ſtellten Schildwachen zu erkennen, vertheilte ſeine Leute und trat auf die Nachricht, Herr von Nancrais ſei in Dien ſige⸗ ſchäften abweſend, unter das Zelt, das man für ihn bereit hielt. Belle⸗Roſe hatte ſeine Degenkuppel losgeſchnallt und ſeinen Rock abgelegt, als La Déroute die Leinwand ſeines Zeltes aufhob und vor ſeinen Augen erſchien. Der Sergent trat mit niedergeſchlagenem Geſicht und düſterem Blicke ein, doch in dem Halbdunkel des Zeltes be⸗ merkte es ſein Lieutnant Anfangs nicht. „Ah! Du biſt es, mein armer La Déroute? Du biſt das erſte befreundete Geſicht, das ich hier treffe: ſei willkom⸗ men. Du befindeſt Dich wohl?“ „Ziemlich, ich danke. Es wäre ſogar zu wünſchen, daß ſich Jedermann befände wie ich.“ „Meiner Treue, mein Freund, es möchte wohl nicht Jedermann gern die Miene haben, die Du dieſen Abend haſt. Wenn Du wohl biſt, ſo ſiehſt Du wenigſlens nicht ſo aus.“ „Die Geſundheit iſt gut, doch man hat nicht immer Grund, ſich mit den Dingen zu befriedigen, die man ſieht.“ „Dieſe Philoſophie iſt allerdings weiſe, aber ſie ſteht Dir nicht gut zu Geſicht, Dir, deſſen neue Würde ich erfahren 201 habe. Du biſt mein Nachfolger geworden und haſt Das gewiß nicht erwartet.“ „Wahrlich, nein, und dieſe Ernennung iſt ſogar der Gegenſtand einer Menge von Betrachtungen geweſen, die mich ſehr beſchäftigen, wenn ich nichts zu thun habe. Die Ser⸗ gentenhellebarde iſt mein Marſchallsſtab.“ „Bah!“ „Ihr kennt meine Meinung hierüber, mein Lieutenant. Aber obgleich dies ſehr wenig iſt, ſo gäbe ich doch gern meine Haut, wenn ein Anderer als ich in dieſem Kleide ſtecken würde.“ „Mit t. welcher Miene ſagſt Du das, mein armer Sollte Dir ein Unglück begegnet ſein 2“ „Mir! alle Teufel, nein, ich habe kein ſolches Glück! Das fällt ehrlichen Leuten zu, die mir Fortuna vorzieht.“ Belle⸗Roſe näherte ſich La Déroute und ſchaute ihn an. Jetzt erſt fiel ihm die Traurigkeit in ſeinem Geſicht auf, die ihm die magere Helle eines abſcheulichen Lichtes noch nicht zu unterſcheiden erlaubt hatte. „Sprich! was iſt vorgefallen?“ ſagte er.. „Ein großes Unglück... ich weiß nicht, wie ich es Euch mittheilen ſoll...« „Wen betrifft es?“ „Unſern Kapitän.“ „Herrn von Nanerais! ich komme doch ſo eben erſt aus dem Ouartier, wo man mir geſagt hat, er ſei in Dienſtge⸗ ſchäften abweſend.“ „Wahrſcheinlich wußte man noch nichts“ „Und was weißt Du?“ 202 „Serr von Nantrais iſt im Gefängniß.“ „Er! und warum?“ 3 „Er hat die Befehle des Generals übertreten.“ „Eine Verletzung der Disciplin, er, unſer Kapitän? das iſt unmöglich!“ „Ich ſage Euch, daß ich es geſehen habe; würde ich ſonſt davon ſprechen?“ „Aber wie iſt denn das zugegangen? „Ich begreife es ſelbſt noch nicht! Doch was wollt Ihr? Seit dem Tode ſeines Bruders iſt Herr von Nancrais nicht mehr zu erkennen. Er, der einſt ſo ruhig war, iſt gegenwärtig wie ein Wüthender. Der Pulbergeruch macht ihn wahnſinnig; er hat nicht mehr Geduld vor dem Feind, als eine Lunte vor dem Feuer.“ „Doch die Geſchichte, die Geſchichte!“ „Hört alſo. Ihr müßt vor Allem wiſſen, daß der Herr Berzog von Luremburg durch einen Tagsbefehl den Soldaten verboten hat, ſich über einen gewiſſen Rahon um das Lager hinauszuwagen; er hat beſonders bei Todesſtrafe befohlen, jedes Zuſammentreffen mit dem Feind zu vermeiden. Die Procla⸗ mation iſt überall angeſchlagen und in den Zelten verleſen worden. Man ſagt ganz leiſe, Herr von Luremburg wolle, ehe er handelt, die Ankunft des Königs abwarten, der, wie Ihr wißt, in Perſon an den Operationen Theil nehmen ſoll.“ „Laß den König und fomm auf Herrn von Nancrais.“ „Heute gegen Mittag befand ſich Herr bon Nanerais zu Pferde in der Gegend von Goſſelies. Er war in Geſellſchaft von einigen Officieren von den Dragonern der Königin und 203 vom Regiment Nivernais. Eine Abtheilung vom Vortrab dMt Spanier hatte über den Piélon geſetzt und plünderte einen Flecken. Einige von den Unſrigen erhitzten ſich bei dieſem Anblick.„Wäre nicht der Tagsbefehl,““ ſagte der Eine, ſi würde ich dieſe Canaille ſehr gern angreifen.““„„Mord und Tod!““ ſprach ein Anderer,„„es iſt beſſer, ich gehe, denn meine Hand hat zu große Luſt, den Griff meines Degens zu ſtreicheln““„„Meiner Treue, ich gehe auch,““ fügte ein Dritter bei. Und vier bis fünf Officiere wandten ihre Pferde, um nicht die Hand an die Piſtolen zu legen. Herr von Nanerais ſagte nichts, doch er drehte ſeinen Schnurrbart, das Auge ſtarr auf die Spanier geheftet, die ſich damit beluſtigten, daß ſie den Kirchthurm in Brand ſteckten. Plötzlich zieht ein Cornett von den Dragonern, der gerade erſt vom Hof in das Lager gekommen war, ſeinen Degen und ruft:„„Zum Teufel mit dem Befehle! man ſoll nicht ſagen, ein Officier des Königs habe die königliche Fahne brennen ſehen, ohne das Schwert in der Luft zu ſchwingen.““ Er gibt ſeinem Pferde beide Sporen und jagt fort. Man hiält an.„„Sollen wir ihn ohne Vertheidigung laſſen, meine Herren!““ ruft Herr von Nancrais, und ſprengt ebenfalls gegen den Flecken. Man folgt ihm ganz ſachte. Die Disciplin verlangte, daß man zurückwich, der Zorn und die Hitze verleiteten die Truppe, dem Officier zu folgen.„„Mord und Tod! man tödtet ihn,““ rief der Officier;„„vorwärts und es lebe der König!““ Und er ſtieß ſeinem Pferde die Sporen in den Bauch und ſchoß im Galopp fort. Jeder folgte. Der arme Cornett war halb todt; ſieben bis acht Reiter umgaben ihn, und als man ihm 204 zu Hülfe eilte, fiel er, den Schädel von einem Säbelhieb geſpalten, unter die Füße der Pferde. Wüthend greifen die Officiere die Spanier an, tödten ein Dutzend und zerſtreuen den Reſt. Durch ihren Muth fortgeriſſen, jagen ihnen Herr von Nanecrais und ſeine Kameraden nach, verfolgen ſie, das Schwert in der Fauſt, ſchlagen und verwunden die Kreuz und die Quer alle dieſe Flüchtlinge, welche ſie für Teufel halten. Eine Compagnie vom Regiment Nivernais, die vom Manveuvre zurückkam, erkennt die Uniform des Corps; ſie begreift, welcher Gefahr ihre Officiere jenſeits des Piélon ausgeſetzt ſein werden, zieht mit ihnen hinüber, und man gelangt unter dem Raſſeln der Trommeln nach Goſſelies, von wo die Maraudeurs her⸗ ausgekommen waren. Dies iſt eine gute militäriſche Stellung, der Feind hatte hier Kanonen und fünf bis ſechshundert Mann, doch nichts widerſteht uns.“ „Du warſt alſo auch dabei?“ „Meiner Treue, ja; da ich gerade dort war, ſo hatte ich Alles geſehen, und ich folgte meinem Kapitän. Herr von Nancrais ſchien ein Löwe zu ſein. Ohne Hut, den Rock an zwanzig Stellen zerriſſen, ſein Pferd immer dahin treibend, wo das Gemenge am dickſten war, hatte er ſeinen Degen in dem Bauche eines Soldaten zerbrochen, und mit einem Säbel bewaffnet, ſchlug er immerfort und rief zwiſchen jedem Schlag: „„Es lebe der König!““ So oſft ſich ſein Säbel ſenkte, ſah man einen Mann verſchwinden. Erſchrocken brachen die Spanier ihre Reihen. Die Kanonen gehörten uns, und als nur noch die Todten auf dem Platze waren, pflanzte man die weiße Fahne oben auf der Schreckſchanze auf Wir hatten im Ganzen 205 dreißig Mann verloren, die Verwundeten nicht zu zählen; doch das Dorf und die Schreckſchanze gehörten uns.“ „Das war eine ſchöne Waffenthat!“ rief Belle⸗Roſe ganz begeiſtert. „Sehr ſchön, allerdings, doch ſie brachte uns zugleich in ſchwere Verlegenheit, wie Ihr ſehen werdet. Wir hatten die Disciplin vergeſſen, und man mußte ſich hernach derſelben erinnern. Als wir Herren des Ortes und von der Hitze des Gefechtes noch ganz belebt waren, verſammelte Herr von Nancrais die Officiere um ſich und ſprach: „„Meine Herren, wir haben einen Fehler begangen und zwar einen ſehr ernſten. Für mich als den Schuldigſten ge⸗ ziemt es ſich 4 „„Wir ſind es Alle,““ riefen die braven Edelleute. Dann fuhr der Kapitän fort.„„So geziemt es ſich für mich als den Aelteſten unter Euch, dem Herrn Herzog von Luremburg Rechenſchaft von dem abzulegen, was vorgefallen iſt.“ Man wollte Einwendungen machen, doch er gebot durch eine Geberde Stillſchweigen.„„Der erſte Schuldige muß ſterben. Mir, meine Herren, ſeid Ihr gefolgt,““ ſagte er. Herr von Nancrais vertheilte die Soldaten vom Regiment Nivernais auf den verſchiedenen Poſten, warf ſeinen ſchartigen Säbel von ſich und ſchlug ruhig den Weg nach dem Haupt⸗ quartier ein. Vor einer Stunde iſt er hier eingetroffen, und er hat die Wohnung des Generals nur verlaſſen, um in das Gefängniß zu gehen.“ „Biſt Du deſſen ſicher?“„ 206 „Ich habe ihn begegnet, und als er mich ſah, winkte er mir zu ſich. „„Meine Rechnung iſt klar, La Dérvute,““ ſprach er zu mir.„„Kommt Belle⸗Roſe in dieſer Nacht, ſo ſage ihm, er möge mich zu ſehen ſuchen. Eine Stunde nach Sonnen⸗ aufgang wird es zu ſpät ſein.““ Belle⸗Roſe ſprang nach ſeinem Rock, ſchnallte ſeine De⸗ genkuppel um und nahm ſeinen Hut. „Wollt Ihr zu ihm gehen, Lieutenant 2“ fragte La Déroute. „Wahrhaftig, nein!“ „Wohin lauft Ihr denn?“ „Zum Herrn Herzog.“ „Er wird Euch nicht annehmen, es wird in dieſer Nacht Kriegsrath gehalten.“ „Ich werde den Eintritt erzwingen.“ „Mein Lieutenant, nehmt Euch in Acht!„ „Wovor?“ „Ihr wagt Euer Leben.“ „Wohl! ich laſſe mein Leben, doch ich rette das ſeinige.“ Ohne mehr auf La Déroute zu hören, eilte Belle⸗Roſe hinaus und wandte ſich kühn nach dem Hauptquartier. La Déroute folgte ihm von ferne. Die erſten Schildwachen ließen ihn vorüber, ſeine Epauletten und die Unordnung in ſeiner Kleidung machten, daß man ihn für einen mit einem Befehl des Prin⸗ zen von Condé beauftragten Adjutanten hielt. Doch beim Eingange des Hauſes, das der General bewohnte, ſtellte ſich ihm ein Grenadier eentgegen und rief: „Man paſſirt nicht.“ 207 „Herr von Luxemburg erwartet mich,“ erwiederte Belle⸗ Roſe. „Das Loſungswort?“ „Ich habe es nicht.“ „Dann dürft Ihr nicht hinein.“ „Alle Teufel! das will ich doch ſehen.“ Und Belle⸗Roſe warf den Grenadier mit unwiderſteh⸗ licher Gewalt zu Boden und ſtürzte mit einem Sprung in den Gang. Ein Licht glänzte oben auf der Treppe; er eilte hinauf, ſtieß zwei Ordonnanzen zurück, die ſich auf dem Ruhe⸗ platz aufhielten, öffnete eine Thüre gegenüber und verſchwand, ehe die Schildwache nur Zeit gehabt hatte, ihre Muskete anzuſchlagen. Der Herr Herzog von Luremburg ſaß in einem großen Lehnſtuhl; er hielt Depechen in ſeiner Hand, und man ſah auf einem Tiſch in ſeinem Bereiche Karten und verſchiedene Papiere zerſtreut umherliegen. Bei dem Geräuſch, das Belle⸗Roſe in das Zimmer ein⸗ dringend machte, rief der General, ohne den Kopf umzuwenden: „Was gibt es wieder, was will man von mir? Habe ich nicht Befehl gegeben, Niemand herein zu laſſen?“ „Herr Herzog, ich habe mit Gewalt gegen den Befehl gehandelt.“ Bei dieſen Worten und bei dem Tone dieſer unbekannten Stimme ſtand der Herzog von Luremburg auf. „Es iſt eine Frechheit, die Euch theuer zu ſtehen kommen ſoll, mein Herr,“ ſagte er, und ſeine Hand griff nach einer Glocke und ſchüttelte ſie heftig. 208 Die Soldaten von der Ordonnanz und einige Officiere vom Dienſt traten ein. „Ein Wort der Gnade! Ihr möget hernach über mein Leben verfügen,“ ſprach Belle⸗Roſe in dem Augenblick, wo Herr von Luremburg ohne Zweifel den Befehl, ihn zu ver⸗ haften, geben wollte. Der General ſchwieg und ließ einige Sekunden ſeine vom Zorn entflammten Augen über Belle⸗Roſe hinlaufen; die Beſtürzung, in der der junge Officier zu ſein ſchien, die Red⸗ lichkeit und Treuherzigkeit ſeiner Phyſiognomie, die Entſchloſſen⸗ heit ſeines Blickes, die Angſt, welche in ſeinem ganzen Geſichte zu leſen war, rührten den erhabenen Feldherrn. Er machte ein Zeichen mit der Hand. Jedermann entfernte ſich, und der Herzog von Luxemburg und Belle⸗Roſe blieben allein einan⸗ der gegenüber. Der General und der Lieutenant ſchauten ſich eine Minute an, ehe ſie ſprachen. Hätte man in dem Herzen von Herrn von Luremburg leſen können, ſo würde man vielleicht gefunden haben, wie es der unſichere, flüchtige Schimmer einer in die Schatten eines ſtürmiſchen Lebens getauchten Erinnerung durchzog. Was Belle⸗Roſe betrifft, ſo hatte er ſich vor dieſer Stunde, er glaubte es wenigſtens, nie in Gegenwart des großen Feld⸗ herrn befunden, deſſen Ruf ſelbſt unter den furchtbaren Namen von Turenne und Condé in hellen Strahlen glänzte. Eine achtungsvolle Furcht ergriff ſeine Scele und ſein ſtolzer Blick ſenkte ſich vor Herrn von Luxemburg, den er doch um einen ganzen Kopf überragte. . E 209 Die unbeſtimmte Erinnerung des Generals verſchwand wie ein Blitz: er ſah nur noch einen vermeſſenen Soldaten vor ſich, den er zuerſt anhören und dann beſtrafen ſollte. „Was wollt Ihr? ſprecht,“ ſagte er. „Ich komme, um Euch um die Begnadigung eines Schul⸗ digen anzuflehen.“ „Sein Name?“ „Herrn von Nancrais.“ „Der Kapitän, der heute die Spanier geſchlagen und Goſſelies genommen hat?“ „Eine ſchöne Waffenthat, gnädigſter Herr!“ „Es gibt keine ſchöne Waffenthat gegen die Disciplin.“ „Man verbrannte die königliche Fahne auf dem Gebiete des Königs „Es war ein Tagsbefehl vorhanden, mein Herr; hätte man zwanzig Fahnen verbrannt und fünfzig Dörfer geplündert, ſo wäre es doch Pflicht des Soldaten geweſen, ſich nicht zu rühren.“ „Das iſt ein Fehler, den der Sieg geſühnt hat.“ „Es handelt ſich nicht darum, zu ſiegen, ſondern zu ge⸗ horchen. Wenn auf die Stimme der Generale nicht gehört wird, was ſoll aus der Disciplin werden? Und ohne Dis⸗ eiplin gibt es keine Armee!“ „Es iſt das erſte Mal, daß Herr von Nancrais ohne Befehl geſtegt hat.“ „Es wird auch das letzte Mal ſein.“ „Gnädigſter Herr!“ „Es muß ein Beiſpiel gegeben werden. In einer Zeit, Der Erzähler. 1847. w. 14 210 wo uns von Hofe hundert junge Officiere zukommen, welche nicht an den Krieg gewöhnt ſind, hieße eine ſo große Ueber⸗ tretung der militäriſchen Geſetze zu dulden dreißig bevoll⸗ mächtigen. Herr von Nanerais wird ſterben.“ „Ich bitte, Herr Herzog, hört mich.“ „Ei! mein Herr, wer ſeid Ihr denn, daß Ihr Euch ſo beharrlich zeigt?“ „Belle⸗Roſe, Lieutenant bei der Artillerie.“ „Belle⸗Roſe! das iſt ein ſonderbarer Name! Belle⸗Roſe!“ „Der Name thut nichts zur Sache.“ „Allerdings,“ erwiederte der General, der ſich eines Lächelns nicht erwehren konnte;„doch ſprecht, ſeid Ihr ſein Bruder, ſein Freund, ſein Verwandter?“ „Herr von Nanerais iſt mein Kapitän.“ „Es iſt ein Paar Epauletten zu gewinnen!“ „Oh! gnädigſter Herr!“ berſetzte Belle⸗Roſe im Tone des Vorwurfs. „Nun, was! Im Krieg iſt das Gebrauch, Jeder für ſich und die Kugeln für Alle.“ „Genug! ich wollte Euch anhören, mein Herr, und für einen Augenblick vergeſſcs, welche ſchwere Uebertretung Ihr Euch dadurch, daß Ihr wider den Befehl in meine Thüre eingedrungen ſeid, habt zu Schulden kommen laſſen; doch dieſe Nachſicht, die Ihr mich hoffentlich nicht werdet bereuen machen, iſt kein Grund, die Fehler von Herrn von Nancrais zu ver⸗ zeihen. Ich habe Euch ſchon geſagt, Herr von Nancrais wird morgen bei Tagesanbruch erſchoſſen.“ 2 „Nein, Monſeigneur,“ rief Belle⸗Roſe kühner Weiſe,„nein, das wird nicht geſchehen.“ „Und wer könnte mich hindern?“ „Ihr ſelbſt!“ „Ich. „Ja! Ihr.“ „Herr Belle⸗Roſe, nehmt Euch in Acht!“ ſprach der Herzog erbleichend. „Oh! ich fürchte nichts für mich! das gute Recht be⸗ ſchützt mich, wie Eure Gerechtigkeit Herrn von Nancrais be⸗ ſchützen wird! Man tödtet einen braven Officier nicht, weil er Blut in den Adern hat.“ „Alle Teufel!“ „Ei! gnädigſter Herr, wenn Ihr an ſeinem Platze gewe⸗ ſen wäret, ſo würdet Ihr vielleicht eben ſo viel gethan haben!“ Bei dieſem raſchen Einwurf konnte ſich der Herzog von Lureinburg eines Lächelns nicht enthalten. „Es mag ſein,“ ſagte er,„doch wenn er an meinem Platze wäre, ſo würde er es machen wie ich.“ Belle⸗Roſe fuhr fort: „Eine Bande von Räubern beſchinpft die inöſiſc⸗ Fahne, ein Kapitän iſt da, und er ſollte nicht den Degen zie⸗ hen, um die Frechen zu beſtrafen? das iſt ganz und gar un⸗ möglich! Man trägt die Epaulette, was Teufels! der Brand verzehrt ein Dorf, der Pulverdampf ſteigt zu Kopf, ein Pferd ſtampft vor Ungeduld, ein Spornſtreich iſt ſo ſchnell gegeben, und man ſprengt fort, nicht ſowohl, weil man gewollt hat, als weil man Menſch iſt. Was geſchieht ſodann? der Feind 212 dreht ſich um, man verfolgt ihn, das Schwert im Rücken, man tödtet rechts und links, man fällt durcheinander über eine Schanze her, die man im Sturm nimmt, man pflanzt die weiße Fahne auf dem Wall auf, man ruft: Es lebe der König! man umarmt ſich, und bei der Rückkehr iſt es eine Flintenkugel, ſtatt einer Belohnung, was uns erwartet! Ihr ſelbſt, gnädigſter Herr, der Ihr die Leute ſo raſch und ſo gut verurtheilt,... man kennt Eure verwegenen Thaten! Ihr wäret über zwanzig Flüſſe geſetzt, Ihr hättet zehntauſend Spa⸗ nier niedergehauen, dreißig Schanzen genommen! das hättet Ihr gethan, obgleich Ihr Herzog und Pair von Frankreich ſeid, und das hätte ich gethan, ich, der ich nur ein armer Lieutenant bin.“ „Dann hätte man uns Beide erſchoſſen,“ ſagte der Ge⸗ neral. Belle⸗Roſe bebte. In ſeinem edlen Eifer hatte er einen Augenblick die Eigenſchaft des Mannes vergeſſen, mit dem er ſprach. Bei dieſen paar Worten legte ſich ſeine jugendliche Hitze, wie ſich das ſiedende Waſſer in einem Gefäße legt, in das eine kalte Welle fällt. „Ihr habt die Sache von Nanerais ſehr gut vertheidigt,“ ſprach Herr von Luremburg voll Würde;„die Kühnheit ſteht der Jugend nicht übel an, und die, welche Ihr ſo eben an den Tag gelegt, ehrt Euch und gibt mir zugleich einen hohen Be⸗ griff von dem Charakter von Herrn von Nancrais. Man iſt kein gewöhnlicher Menſch, wenn man eine ſolche Ergebenheit einzuflößen weiß. Doch vor Allem muß die Disciplin ihren Lauf haben. Trotz Euer Bitten bedaure ich, Euch wieder⸗ ———— 213 holen zu müſſen, daß Herr von Nancrais morgen bei Tages⸗ anbruch erſchoſſen wird.“ Herr von Luremburg grüßte Belle⸗Roſe mit einer edlen Geberde, doch der Lieutenant rührte ſich nicht. Die Stirne faltend ſagte der Herzog: „Ich glaube mich deutlich ausgedrückt zu haben.“ „Verzeiht meine Beharrlichkeit, Monſeigneur, doch...4 „Ah! Herr Belle⸗Roſe, ich wollte Eure Keckheit nicht übel vermerken, doch ein längeres Drängen würde mich nöthi⸗ gen, mich zu erinnern, wer Ihr ſeid, und wer ich bin.“ Belle⸗Roſe lächelte traurig. „Möchtet Ihr es thun, wenn die Entfernung, welche zwiſchen uns ſtattfindet, Euch zugleich daran erinnern würde, daß Ihr eine gute Handlung vollbringen könnt, und daß ich Euch nur darum zu bitten vermag.“ Herr von Luxemburg unterdrückte eine Geberde der Un⸗ geduld. „Da Ihr mich nicht verſtehen wollt, elaubt mir, mein Herr, zu rufen, damit man Euch in das Quartier 5 Ar⸗ tillerie zurückführt.“ Nachdem er ſo geſprochen, niherte ſich der Sht dem Tiſch, um die kleine Glocke zu nehmen; doch Belle⸗Roſe kam ſeiner Bewegung zuvor, ſtürzte auf den Tiſch zu, faßte den General bei der Hand und rief: „Habt Mitleid, gnädigſter Herr!“ Ein Blitz des Zorns zuckte in den Augen des Herzogs von Luremburg; er machte ſich raſch los, faßte mit einer Hand 214 Belle⸗Roſe am Unmſchlag ſeines Rocks, ergriff mit der andern eine Piſtole und ſetzte ſie ihm auf die Bruſt. Er drückte, der Hahn ſchlug, doch nur das Zündkraut brannte auf und der Herzog warf wüthend das Gewehr zu ſeinen Füßen. Nicht eine Muskel im Geſichte von Belle⸗ Roſe bebte. Doch Herr von Luremburg hatte ſich vorwärts geneigt. Die Heftigkeit ſeiner Bewegung hatte das Kleid von Belle⸗ Roſe ein wenig geöffnet, und auf der halbentblößten Bruſt des Lieutenants glänzte ein goldenes Medaillon, das an einer ſeidenen Schnur hing. Die Hand des Generals bemächtigte ſich deſſelben. „Woher habt Ihr dieſes Medaillon?“ ref er mit kurzem Tone. „Dieſes Medaillon?„ich habe es gefunden.“ „Wo?“ „In Saint⸗Omer.“ „Wann?“ „Im Jahr 1658. Doch was bedeutet für Euch dieſes Madaillon? Es handelt ſich um Herrn von Nancrais.“ „Ihr habt es in Saint⸗Omer im Jahr 1658 gefun⸗ den?“ fragte der Herzog,„Ihr? Ihr ſelbſt?“ „Ja, ich,“ erwiederte Belle⸗Roſe, der die Erſchütterung des Herzogs von Luremburg durchaus nicht begreifen konnte. „Ich war damals zwölf oder dreizehn Jahre alt.“ Herr von Luremburg trat ein paar Schritte zurück und betrachtete den jungen Lieutenant. 215 Ein Schleier ſchien von ſeinem Antlitz zu verſchwinden, je mehr er in ſeiner Prüfung vorrückte. „Ah ja rief er,„ich habe die ſchwankende Aehnlichkeit wieder gefunden, die mir bei Deinem Anblick aufgefallen iſt. Belle⸗Roſe, haſt Du geſagt? Du heißt nicht Belle⸗Roſe! Du heißt Jacques, Jacques Grinedal.“ Belle⸗Roſe ſchaute Herrn von Luremburg ganz verblüfft an. „Ei bei Gott! Du biſt der Sohn von Armand Grinedal dem Falkner! Habe ich nicht das kleine Haus außerhalb der Vorſtadt geſehen?“ „Ihr!“ rief Belle⸗Roſe, der nun ſeinerſeits die Züge des Generals mit der gierigſten Aufmerkſamkeit zu ſtudieren anfing. „Haſt Du denn nicht die geringſte Erinnerung an einen Tag bewahrt, von dem nicht eine Stunde aus meinem Ge⸗ vächtniß verſchwunden iſt? Ah! Du haſt meine Weisſagung nicht Lügen geſtraft: Der brave Knabe iſt ein braver Offſt⸗ cier geworden. „Der Hauſirer!“ rief endlich Belle⸗Roſe ausbrechend. „Ja wohl, der Hauſirer durch die Gnade Gottes General im Dienſte des Königs geworden. Die Zeiten ſind nicht mehr dieſelben, nur das Herz hat ſich nicht verändert. Als Knabe haſt Du mir einen Dienſt geleiſtet, als Mann iſt es an mir, Dir zu dienen.“ „Nun wohl! Herr Herzog, wenn Ihr Euch wirklich der Nacht erinnert, die Ihr unter dem Dach von Armand Gri⸗ nedal zugebracht habt, ſo erlaubt mir, Euch um keinen andern Beweis Eures Wohlwollens, als um das Leben von Herrn von Nancrais zu bitten.“ 216 „Abermals!“ „Immer! ich will nichts und erwarte nichts für mich; doch macht, daß dieſes unverhoffte Zuſammentreffen meinen Kapitän rette, wie unſer erſtes Zuſammentreffen Euch von einigem Nutzen geweſen iſt. Unter allen Tagen meines Lebens werden dies die geſegnetſten ſein.“ Herr von Luremburg drehte das Medaillon zwiſchen ſei⸗ nen Fingern hin und her und blickte freundlich ein Bild an, das der aufgeſprungene Deckel entblößt hatte. „Du haſt Dich auch nicht verändert, mein Freund Jac⸗ ques,“ ſagte er;„Du biſt immer noch der kühne, entſchloſ⸗ ſene Junge. Gehe, ich werde für Herrn von Nancrais Alles thun, was die militäriſchen Geſetze erlauben.“ Belle⸗Roſe begriff diesmal, daß er nicht länger bleiben durfte; er verbeugte ſich vor dem General und ging hinaus. Le Déroute erwartete ihn außen. Sobald er ſeinen Lieutenant in der Nacht erkannte, lief er auf ihn zu und rief: „Seid Ihr es endlich! Seit einer Stunde befürchtete ich, Ihr wäret zu Herrn von Nancrais gekommen, um ihn nicht mehr zu verlaſſen.“ „Ei! es fehlte nur ein Funke und ich wäre vor ihm abmarſchirt!“ „Vor ihm?“ „Ja, doch der Funke verſagte.“ „Gott ſegne ihn! Aber Herr von Nancrais?“ „Er iſt nicht, ſo todt, als Du dachteſt.“ „Ihr habt alſo den Herrn Herzog geſehen?“ 217 „Ich habe mit ihm geſprochen: es iſt ein vortrefflicher Militär, raſch in der Erwiederung, feſt, entſchieden, fähig, einen Menſchen zu tödten, wie ein Jäger eine Lerche tödtet; im Ganzen aber ſanft wie ein Mädchen.“ „Das heißt, man iſt ſicher, am Ende Alles von ihm zu erlangen, wenn er einem nicht am Anfang die Hirnſchaale zerſchmettert.“ „Ganz richtig; hier nimm dieſen Louisd'or und trinke auf ſeine Geſundheit.“ „Ich werde mich betrinken, Lieutenant.“ Am andern Morgen bei Tagesanbruch meldete man Belle⸗Roſe im Auftrag des Generals, er werde im großen Rathsſaale erwartet. Belle⸗Roſe zog ſeine Uniform an und verließ ſein Zelt. Als er in den Saal eintrat, verdoppelten ſich die Schläge ſeines Herzens in ſeiner Bruſt. Der Herr Herzog von Luxem⸗ burg ſaß, umgeben von einem glänzenden Generalſtab, in einem großen Lehnſtuhl; unter den hohen Officieren ſeines Gefolges trugen mehrere über ihrem Rocke das Band der Orden Seiner Majeſtät. Herr von Luxemburg grüßte Belle⸗Roſe mit der Hand und deutete ihm einen Platz an, von wo aus er Alles, was vorging, ſehen konnte. Auf ein Zeichen des Generals ſetzte ſich Jedermann in tiefem Stillſchweigen; ein Officier ging hinaus, und einen Augenblick nachher öffneten ſich die beiden Thürflügel und Herr von Nancrais trat gefolgt von zwei Grenadieren ein. Herr von Nancrais erblickte Bell⸗Roſe, Beide 218 ein Lächeln, der Eine des Abſchieds, der Andere der Hoffnung; dann verbeugte ſich der Kapitän vor dem Kriegsrath und wartete. Herr von Luxemburg nahm ſeinen mit weißen Federn beſetzten Hut ab, ſtand auf und ſprach: „Herr von Nanerais, Ihr habt Euch geſtern ſchwer gegen die Disciplin verfehlt; Ihr, der Ihr als Officier ein Beiſpiel der Botmäßigkeit geben ſolltet, ſeid gegen die Befehle Eurer Oberen ungehorſam geweſen und habt dadurch eine ſchwere Strafe verdient: Ihr ſeid caſſirt und Eures Grades verluſtig. Geſtern habt Ihr mir Euren Degen übergeben, Ihr müßt nun auch Eure Epauletten verlieren. Meine Herren, thut Eure Pflicht.“ Bei dieſen Worten näherten ſich zwei Officiere Herrn von Nancrais und nahmen ihm die Inſignien ſeines Commandv. Herr von Nancrais erbleichte leicht. Vor Schrecken in Eis verwandelt, vermochte Belle⸗Roſe nicht eine einzige Be⸗ wegung zu machen. Der Herzog von Luremburg fuhr fort: „Die militäriſchen Geſetze verurtheilen Euch zum Tod, wie Ihr wißt, mein Herr; habt Ihr nichts zu Eurer Ver⸗ theidigung zu ſagen?“ „Nichts; Euer Spruch iſt gerecht, und ich habe ihn verdient. Wenn man die Geſetze der Disciplin ſo berletzt, wie ich es gethan, fügt man ſeinem Fehler nicht noch die Ungeſchicklichkeit, am Leben zu bleiben, bei.“ „Geht alſo, mein Herr.“ Bei dieſen unſeligen Worten verbarg Belle⸗„Roſe ſeinen Kopf in ſeinen Händen; ½ perlten auf ſeiner Stirne. 2¹9 Herr von Nancrais machte einige Schritte nach der Thüre; er war im Begriff, die Schwelle zu überſchreiten, als ihn die Stimme des Generals zurückhielt. „Nähert Euch, mein Herr,“ ſagte dieſer. Ganz erſtaunt nahm Herr von Nancrais wieder ſeinen Platz mitten im Saal. Belle⸗Roſe erhob das Haupt. Herr von Luxemburg aber ſprach: „Im Namen des Königs und kraft der mir übertragenen Machtbollkommenheit erlaſſe ich Euch die Todesſtrafe.“ „Ihr begnadigt mich!“ rief der Kapitän, indem er zwei Schritte vorwärts that.„Degradirt und lebend! Was ſoll denn aus mir werden?“ „Hört mich bis zum Ende, mein Herr, und wenn Ihr eine Einrede zu thun habt, ſo thut es hernach.“ Herr von Nancrais kreuzte die Arme auf ſeiner Bruſt und ſchwieg. Belle⸗Roſe neigte ſeinen ganzen Leib vor, um beſſer zu hören, was der Herzog ſagen würde. Dieſer fuhr fort: „Ihr ſeid für Euren Fehler beſtraft worden, und das forderte die Gerechtigkeit; es iſt nun billig, daß Ihr. den Sieg belohnt werdet.“ Herr von Nancrais bebte und Belle⸗Roſe wie ein Menſch, der, nachdem er eine Zeit lang unter dem Waſſer geblieben iſt, wieder an's Licht kommt. „Ihr habt Euren Fehler im Blut des Feindes abgewaſchen, es muß die Spur davon vertilgt werden. Im Namen des Königs habe ich Euch Euren Kapitänsdegen genommen; im Namen des Königs gebe ich Euch den Degen eines Oberſten. Nehmt ihn alſo, mein Herr, und wenn Ihr Eurem Vaterland 220 ſtets würdig dient, wie Ihr ihm bis jetzt gedient habt, ſo werden neue Belohnungen nicht auf ſich warten laſſen.“ Der Herzog von Luxemburg reichte Herrn von Nancrais die Hand. Dieſer ſtarke Mann, den die Annäherung des Todes nicht hatte erſchüttern können, bebte wie ein Kind bei den Worten des Generals; er nahm den Degen mit zitternder Hand, und ohne Stimme, um für eine ſo edel bewilligte Gunſt zu danken, vermochte er nur durch die ſichtbaren Zeichen der Erſchütterung die Größe ſeiner Erkenntlichkeit auszudrücken. Die Officiere umgaben ihn, Herr von Luxemburg aber näherte ſich Belle⸗Roſe und ſprach: „Du haſt vom General an den Hauſtrer appellirt; der. Hauſtrer hat ſich erinnert.“ Belle⸗Roſe wollte antworten, doch Herr von Luxemburg hielt ihn zurück und ſagte voll Wohlwollen: „Ich hatte eine Verbindlichkeit gegen Dich und wollte nur meine Schuld abtragen; Du wirſt nun ſtatt eines Protectors zwei haben.“ ——————— — Der Kapitän Bravaduria. Nach Paul du Pleſ ſis. Von Adrian Widerhorſt. ——9 83— 1 war acht Uhr Abends: ich ſollte von Merico am andern Morgen um vier Uhr mit der Diligence bon Vera Cruz abreiſen, und da ich mich in Vera Cruz einſchiffte, um nach Europa zurückzukehren, ſo hatte ich eine Menge Gänge am Abend zu machen. Verſprochene Com⸗ miſſionen, rückſtändige Beſuche, vergeſſene Ab⸗ ſchiede, doppelte Abſchiede u. ſ. w. Kutz ich wurde von jenem Cortege langweiliger, ärger⸗ licher Dinge verfolgt, die für jeden Reiſenden i unbermeidlich ſind, der ein Land zu berlaſſen im Begriffe iſt, wo er lange Zeit gewohnt hat. Unentſchloſſen und ſehr übler Laune, durchlief ich mit großen Schritten das breite mit Ketten eingefaßte Trottvir, 222 das die Kathedrale von Merico umgibt, als man mir ſachte auf die Schulter klopfte. „Wie befinden Sie ſich, Don Pablo? Man hat Sie ſeit einem Jahrhundert nicht mehr geſehen.“ Ich wandte mich um in der Hoffnung, es wäre ein Ab⸗ ſchied, der mir zukäme und dem ich nicht nachzulaufen hätte; doch ich erkannte nicht ohne ein wenig Verdruß und mit großer Schwierigkeit einen kleinen mericaniſchen Officier Namens Salazar, mit dem mich der Zufall ſchon zwei oder dreimal zuſammen⸗ geführt hatte. „Sie ſcheinen ſehr geſchäftig,“ ſagte er zu mir. „So geſchäftig, daß ich mich genöthigt ſehe, auf den Ge⸗ nuß unſeres Zuſammentreffens zu verzichten und Sie ſogleich zu verlaſſen. Wenn ich die ganze Nacht umherlaufe, iſt es mir unmöglich, den vierten Theil von dem zu beendigen, was ich noch zu thun habe.“ „Dann erlauben Sie mir, Ihnen einen Rath zu geben, Don Pablo: machen Sie es bei Ihren Geſchäften, wie ich es bei meinen Gläubigern mache.“ „Ich habe große Eile, ich wiederhole es Ihnt und muß Sie verlaſſen; aber ich möchte wohl wiſſen, wie Sie es mit Ihren Gläubigern machen.“ „Ah! Sie wiſſen es nicht, und es iſt doch ſo bekannt. Nun 51 mein lieber Don Pablo, ich habe zwanzig Gläu⸗ biger, welche die Hoffnung, bezahlt zu werden, noch nicht auf⸗ geben— ganze Optimiſten!— und mich beſuchen, ſo oft ſie erfahren, das Monte habe mich begünſtigt. Seit fünf Jahren gebe ich ihnen dieſelbe Antwort:„„Meine Herren, ich bin —„— — 223 zu ſehr Caballero und zu ſehr Mann von Ehre, um Einigen von Ihnen zum Nachtheil der Andern einen Vorzug zu gönnen, da Sie ſich Alle gleich gut gegen mich benommen haben; an⸗ dererſeits achte ich Sie zu ſehr, um Ihnen Abſchlagszahlungen anzubieten: Sie verdienen etwas Beſſeres, meine Herren; auf Wiederſehen!““ Dies, Don Pablo,“ fügte der kleine Officier bei,„dies iſt das Benehmen, das ich gegen meine Gläubiger beobachte; wenden Sie es Ihrerſeits auf die Beſuche an, die Sie noch zu machen haben, und gehen Sie mit mir ſpazieren.“ Dieſer Rath, der meiner Trägheit ſchmeichelte und meiner Unentſchloſſenheit ein Ziel ſetzte, kam mir, ich muß es geſtehen, ziemlich vernünftig vor, und ich dachte eben darüber nach, ob ich ihn im Ernſte nehmen ſollte, als Salazar zu mir ſagte: „Wenn Sie mir dieſen Abend widmen wollen, ſo führe ich Sie zu einer Partie Loteria mit den liebenswürdigſten und artigſten Caballeros der Welt.“ „Wie, zu einer Partie Loteria?“ „Ja wohl. Was iſt darüber zu ſtaunen! Jeden Abend verſammelt ſich die goldene Jugend von Merxico in einem ge⸗ meinſchaftlichen Hauſe und beluſtigt ſich, nur um die Zeit zu tödten und während ſie dabei den Reiz einer geiſtreichen und geſchmackvollen Converſation genießt, damit, daß ſie einige Partieen Loteria ſpielt.“ „Das iſt ſonderbar, ich habe nie von dieſem Hauſe ſpre⸗ chen hören! Ich wäre übrigens begierig, zu erfahren, was Sie unter der goldenen Jugend von Merico verſtehen?“ „Lieber Don Pablo, ich wundere mich durchaus nicht, daß Ihnen das Vorhandenſein dieſes Hauſes unbekannt iſt, 224 denn die Fremden werden nicht aufgenommen; und bei dieſer Gelegenheit bitte ich Sie, wenn Sie, wie ich nicht bezweifle, meine Einladung annehmen, mich dort nie in franzöſiſcher Sprache anzureden. Der Wind iſt, wie Sie wiſſen, auf Krieg und ich möchte um Nichts in der Welt haben, daß man in Ihnen einen Franzoſen erkennen würde. Sie ſprechen Spaniſch viel beſſer als ein Mexicaner und eben ſo ſchlecht als ein Andaluſter, und Ihre Rolle wird Ihnen ſomit leicht werden. Was die goldene Jugend betrifft, die Sie zu ſehen bekommen, ſo beſteht ſie aus nicht activen Officieren, aus ehrlichen Schmugg⸗ lern, welche ſtatt jedes Gewerbes nur einen hartnäckigen Glau⸗ ben auf die Zukunft, ein gutes Pferd und ſtets wohl unter⸗ haltene Waffen haben: die Kaufleute kommen nie dahin. Mit einem Wort, die Geſammtheit dieſer Geſellſchaft iſt im höchſten Maße befriedigend.“ Die Beſchreibung des kleinen Officiers machte meiner Un⸗ entſchloſſenheit ein Ende. Da es in Mexico etwas gibt, was ich noch nicht kenne, dachte ich, ſo iſt es beſſer, ich widme dem meinen Abend, als daß ich mich ungeheuer anſtrenge, um am Ende nur Unzufriedene zu machen; und iſt es übri⸗ gens nicht eine Pflicht für einen Reiſenden, jede Rückſicht bei Seite zu ſetzen, ſobald es ſich für ihn um ein Sittenſtudium handelt? „Sie ſind entſchloſſen, nicht wahr?“ fragte mich Salazar. „Ich ſtehe zu Ihren Befehlen.“ 2 „Sehr gut. Das heiße ich ſprechen! Kommen Sie, es iſt nur einige Schritte von hier.“ Am Ende der Calle oder Straße de los Plateros, welche ———————— 225 einen von den rechten Winkeln des Platzes der Kathedrale bildet, blieb mein Freund Joſe Salazar ſtehen und ſagte: „Wir ſind an Ort und Stelle; vergeſſen Sie nicht meine Ermahnung, nicht Franzöſiſch zu ſprechen.“ „Seien Sie unbeſorgt.“ „Ah! bald hätte ich vergeſſen„. fragte Salazar, als wir mitten auf der Treppe waren,„ich hoffe, Sie haben doch Geld bei ſich?“ „Ein Dutzend Piaſter. Treten wir ein.“ Joſe Salazar gab einer großen, grünen, gepolſterten Thüre einen Fußtritt, ſie drehte ſich geräuſchlos auf ihren Angeln und wir e uns in dem ſo berühmten Club, wo ſich die goldene Jugend von Mexico verſammelte. Der erſte Anblick, den mir die Geſellſchaft bot, ließ mich nicht bereuen, daß ich meinem kleinen Officier gefolgt war. Die Leute, aus denen ſie beſtand, trugen ein Zigeunerſiegel an ſich und ſtellten in ihren Trachten und Tournuren ein male⸗ riſches Bild dar, das einem gelehrten Naturforſcher den Ge⸗ danken, einen Genreartikel zu ſchreiben, eingeben konnte. Die Armuth und die Lumpen lebten hier im beſten Einvernehmen mit dem Lurus, den Goldſtickereien und den Sammetmänteln; eine frühreife Jugend trieb ſich auf dem Fuße der Gleichheit mit dem im Verbrechen grau gewordenen Alter umher; und das Spiel, dieſer unumſchränkte phantaſtiſche König, beugte unter eines und daſſelbe Geſetz alle dieſe unzähmbaren Men⸗ ſchen, welche ſo oft die Geſetze der Geſellſchaft übertreten mußten. Der Verſammlungsort beſtand aus drei großen mehr lan⸗ gen als preiten Biuern in welchen kaum ſieben bis acht Fuß Der Erzöhler. 1847. W. 15 226 vom Boden entfernte Plafonds in einer ſchweren Wolke den von zwei bis dreihundert Cigarren oder Cigaretten hervorge⸗ brachten Rauch verdichteten; das Ameublement bildeten dreißig kleine, aneinander gereihte Tiſche, die den Spielern zum Auflegen ihrer Lotocartons dienten. Als wir eintraten, grüßten mehrere Freunde und Bekannte meines Cicerone dieſen vertraulich und boten ihm einen Platz für die nächſte Partie an einem ungefähr einen Fuß breiten und zwei Fuß langen Tiſch an, an dem ſich bis jetzt nur vier Spieler aufgepflanzt hatten. Mein Freund Salazar war offenbar ein treuer Stammgaſt dieſes reizenden Ortes. „Ich hoffe, Don Pablo, ich habe Sie nicht getäuſcht, als ich Ihnen unſere Geſellſchaft rühmte,“ ſagte er mit einem gewiſſen Stolz zu mir. „Entfernt nicht; was ich ſehe, überſteigt meine Er⸗ wartung.“ „Ich danke Ihnen. Wollen wir in die Lotopartie, welche eben anfängt, eintreten? Es iſt die letzte und intereſſanteſte des Abends; der Einſatz beträgt einen Piaſter.“ „Gern.“ „Aufwärter! zwei Cartons,“ rief Salazar ſogleich, und als der Aufwärter ſie uns gebracht hatte, wandte er ſich mit einer freundlichen Verbeugung gegen mich und ſprach:„Sie haben zwei Piaſter zu halten.“ In dieſem Augenblick gab ſich eine gewiſſe Bewegung unter den Gruppen der Spieler kund; die Einen nahmen die Toquillen von Perlen oder Goldtreſſe ab, die ihre Hüte um⸗ gaben, Andere zogen aus ihren Taſchen ſorgfältig in Seiden⸗ 3 papier gewickelte Foulards; Einige machten die Banda oder den Gürtel von Crepe de Chine los, der ihre Hüften um⸗ ſchloß ich bemerkte ſogar einen großen Burſchen mit rauhem, durch die Sonne der Landſtraßen bronzirtem und von einem furchtbaren herabfallenden Schnurrbart beſchattetem Geſicht, der von ſeinen Füßen ein Paar ganz neue Stiefelchen von Cor⸗ duanleder abſtreifte und dieſe durch ein Paar alte Schlappen erſetzte, die er unter einem ganz abgenutzten baumwollenen Sacktuch im Grunde ſeines Hutes hervorholte. „Kleidet man ſich für einen Ball?“ fragte ich meinen Freund Salazar, der ganz in die Betrachtung ſeines Carton verſunken zu ſein ſchien. „Nein, Don Pablo,“ erwiederte er,„dieſe braven Leute ha⸗ ben nicht genug zum Einſatz bei der letzten Partie, und ſie treiben unter ſich redliche Handelsgeſchäfte, um hernach ihr Glück verſuchen zu können. Wenn Sie einen Hut oder eine Toquilla zu kaufen wünſchen, ſo rathe ich Ihnen, dieſe Gele⸗ genheit zu benützen, denn Sie machen ſicherlich einen guten Handel.“ „Ich danke, ich brauche nichts: ich reiſe morgen nach Vera Cruz ab.“ „Ah! Sie reiſen morgen nach Vera Eruz ab,“ wieder⸗ holte Salazar erſtaunt;„deshalb hatten Sie ſo viele Beſuche zu machen!“ Dann, nachdem er einen Augenblick nachgedacht hatte, fuhr er fort:„Aber wenn Sie morgen abreiſen, müſ⸗ ſen Sie Ihr Reiſegeld bei ſich haben. Das iſt unvorſichtig!“ „Seien Sie unbeſorgt, ich habe, wie geſagt, nur ein Dutzend Piaſter in meinen Taſchen; das für meine Reiſekoſten 228 2 beſtimmte Geld habe ich im Gaſthaus in meinem Nachtſack gelaſſen.“ „Ah! Sie beruhigen mich. Doch ſtille, man ruft die Nummern aus.“ Der Lärmen hörte in der That ſogleich auf. Jeder ſetzte ſich und eine näſelnde Stimme, welche aus dem letzten Zimmer kam, fing an die Nummern auszurufen. Jede Num⸗ mer wurde zur Vermeidung eines Irrthums dreimal wieder⸗ holt. Das Ausrufen dauerte ſeit ungefähr zwanzig Minuten, als eine ſonore Stimme unter dem allgemeinen Stillſchweigen das furchtbare Wort der Loteria: Quine! ausſprach. „Wer iſt der Gewinnende?“ fragte man von allen Seiten. „Ich, meine Herren,“ antwortete der große Burſche, den ich ſeine Reiterſtiefelchen mit alten Schlappen hatte vertauſchen ſehen.„Ich! und. das konnte nicht fehlen; denn ſo oft For⸗ tuna mich genöthigt hat, um meine Stiefelchen zu ſpielen, er⸗ barmt ſie ſich meiner und wendet mir ihre Gunſt zu; es iſt das dritte Mal, daß ich unter ſolchen Umſtänden gewinne.“ Man brachte ſogleich dem glücklichen Spieler den Ertrag ſeines Quine, nämlich nach Abzug der Koſten des Hauſes ſieben bis achthundert Franken; doch er weigerte ſich, ſie an⸗ zunehmen. „Geben Sie mir einen einfachen Empfangſchein,“ ſagte er zu dem Herrn des Hauſes,„und behalten Sie Ihr Geld. Morgen werde ich kommen, um es mit Muße zu unterſuchen. Das letzte Mal, als ich im Vertrauen einen Sack von hundert Piaſtern mitnahm, fanden ſich darin nur vier von gutem Ge⸗ 3 — ——— — 229 halt, welche offenbar durch einen Irrthum hineingeſchlüpft wa⸗ ren, und ich ſah mich genöthigt, meinen Gewinnſt an einen Beamten der Münze mit 50 Procent Verluſt zu verkaufen. Ah! wollen Sie mir indeſſen zwei Realen für mein heutiges Abendbrod, für Cigarren und für mein Frühſtück vorſtrecken.“ Während ich mich damit beluſtigte, daß ich dieſen ſelt⸗ ſamen Spieler beobachtete, hatte ſich ein Neuangekommener an unſeren Tiſch geſtellt. Es war ein hübſcher, großer junger Mann, mit zugleich zierlicher und martigliſcher Tournure. Seine mit Leder beſetzte Calzonera ſtand durch ihre Abgetra⸗ genheit und ihre langen Dienſte in großem Widerſpruch mit den darauf genähten glänzenden Streifen von falſchen Gold⸗ borten. Sein mittelalterlicher Hut, der ſich keck auf die rechte Seite neigte, war mit Wachsleinwand überzogen und hatte viele Riſſe und Sprünge, die von der Sonne und den Dornen herkommen mochten; dagegen umgab ihn an ſeiner Baſe zur Ausgleichung eine elegante Toquilla von Perlen mit Tauben *. 8. und entflammten Herzen durchſtreut, offenbar eine allegoriſche und weibliche Arbeit. An ſeinem mehr von Reinlichkeit, als von Jugend glänzenden Dollman trug er Kapitäns⸗Auszeich⸗ nung. Unter dieſem Dollman erblickte man ein„zum Glück farbiges, Hemd, an deſſen Knopfloch ein großes, ſchlecht ge⸗ ſchnittenes Stück Glas glänzte, das nicht einmal darauf An⸗ ſpruch machte, eine Nachahmung von einem Diamant nachzu⸗ ahmen. Die Einzelnheiten dieſer Toilette verriethen, wie man ſieht, nicht gerade ein großes Vermöͤgen. Doch durch das geſcheite und muthige Ausſehen desjenigen, welcher ſie trug, erſchien ſie entfernt nicht ſo lächerlich und abgeriſſen, als man 230 aus der Analyſe ſchließen ſollte. Es iſt gewiß, daß alle Spie⸗ ler den Ankömmling ſehr höflich begrüßten, und daß diejenigen, welche ihn genau genug kannten, um ihm die Hand zu drü⸗ cken, auf eine ſolche Ehre ſtolz zu ſein ſchienen. Als der junge Mann ſeine Cigarette fallen ließ, ſtürzte ſich ein alter Ober⸗ ſter ſogleich darauf, um ſie aufzuheben, und gab ſie ihm mit einer ehrfurchtsvollen Verbeugung zurück. „Ich danke, Oberſter,“ ſagte der junge Mann,„wenn ich Ihrer Dienſte bedarf, werde ich an Sie denken. Uebrigens dürfte dies bald der Fall ſein.“ „Sehr verbunden, Kapitän rief der Oberſte, deſſen Ge⸗ ſicht vor Freude ſtrahlte.„Je eher, deſto beſſer; ich bin, wie Sie wiſſen, ganz zu Ihren Befehlen.“ Ich muß geſtehen, ich war ſehr erſtaunt, als ich ſo viel Zuvorkommenheit und Achtung gegen einen ſolchen Mann an den Tag legen ſah, und ich war im Begriff, meinen Freund Salazar zu bitten, mir Aufklärung über dieſes Räthſel zu ge⸗ ben; doch der kleine Officier, als hätte er meinen Wunſch er⸗ rathen, kam mir zuvor, nahm das Wort und ſprach zu dem Ankoͤmmling: „Erlauben Sie mir, Kapitän Bravaduria, Ihnen meinen Freund Don Pablo, einen jungen Mann aus dem Departe⸗ ment Jalisco, vorzuſtellen.“ Der Kapitän und ich grüßten einander. „Aufwärter, einen Doppelpunſch!“ rief Salazar. Der Aufwärter beeilte ſich, zu gehorchen; mein Freund Salazar wiederholte ſein Manoeuvre, verbeugte ſich abermals ſehr anſtändig vor mir und ſagte: ——— — 231 „Don Puo, hier iſt Ihr Punſch!“„ Der Kapitän Bravaduria ſetzte ſich nun an unſern Tiſch vor das gewiſſenhaft gefüllte Glas, das ihm Salazar bot. Die Freude des letzteren, als er ſah, daß er Bravaduria ge⸗ angelt hatte, gab ſich bei ihm ſogleich durch ein ſtolzes Lä⸗ cheln des Triumphes kund. Kaum hatte ſich der geachtete Kapitän geſetzt, als ſich auch in der That eine zahlreiche Gruppe von Stammgäſten um uns bildete. „Seit langer Zeit, Kapitän, ſind wir nicht nur Ihrer Gegenwart, ſondern auch aller Nachrichten von Ihnen beraubt geweſen,“ ſagte einer der Spieler;„dürfte man Sie fragen, wem Sie Ihre zahlreichen Freunde geopfert haben?“ „Dem Spiel und der Liebe,“ antwortete Bravaduria. „Das heißt, Sie ſind doppelt glücklich geweſen?“ „Ganz im Gegentheil; das Sprüchwort iſt durch mich Lügen geſtraft worden. Seit zehn Tagen habe ich, außer meiner Garderobe, 6,000 Piaſter verloren, und die Frau, die ich verfolgte, ſchien nicht einmal meine beharrlichen Bewerbun⸗ gen zu bemerken, während ich mich doch zu ihrem Schatten gemacht hatte. Dieſes Geſtändniß des Kapitäns rief ein Gemutmel des Erſtaunens hervor. „Und dürfte man den Namen dieſer hochmüthigen Schön⸗ heit erfahren?“ fragte Salazar. „Gewiß,“ antwortete der Kapitän,„ich verberge derglei⸗ chen Dinge nie; dieſer Name iſt der von Jeſuſita Moratin, der Frau des Senators von Tabasco.“ „Dona Jeſuſita Woratin,“ wiederholte mein Freund Sa⸗ 232 lazar;„ich wußte, daß Sie verwegen und nach Schwierig⸗ keiten lüſtern ſind, doch ich hätte dieſen Namen nicht errathen.“ „Warum denn, Salazar?“ „Weil die Senora Moratin nicht nur als die Königin der Schönheit unter den Schönſten von Merico, ſondern auch als die Tugendhafteſte unter den Vernünftigen anerkannt iſt. Wiſſen Sie wohl, daß man bewunderungswürdige Widerſtände von ihr erzählt, und daß ihr die Chronik nie eine Niederlage zugeſchrieben hat?“ „Bah! Salazar,“ entgegnete Bravaduria,„es iſt daſſelbe bei den Frauen wie bei den Pferden: wenn man zu viel Gu⸗ tes oder zu viel Schlimmes von ihnen ſagt, ſo muß man es nicht glauben. Ich bin überzeugt, ohne den Verluſt meiner Garderobe hätte dieſe unbeugſame Dame mich am Ende erhört.“ „Und dennoch geſtanden Sie zu, Kapitän, die Dame habe Ihre Bewerbungen nicht einmal zu bemerken geſchienen.“ „Was Ihnen beweiſt, daß ſie keine derſelben verloren hat,“ erwiederte der Kapitän. Salazar ſchüttelte zweifelnd den Kopf, und es trat ein kurzes Stillſchweigen ein: offenbar theilten die Zuhörer die Ueberzeugung des kleinen Officiers. Das ſchöne, gewöhnlich ſo bleiche Geſicht des Kapitän Bravaduria färbte ſich mit einer leichten Röthe und ſein Blick belebte ſich mit neuem Glanz. „Caramba, meine lieben Kinder,“ ſagte er mit einet ru⸗ higen, obgleich vibrirenden Stimme,„ich wußte nicht, daß Ihr ſo naiv und treuhepzig ſeid; wahrhaftig, dieſes Geſpräch erwirbt Euch meine Achtung im höchſten Grade.“ 233 Bravaduria ſchwieg ein paar Secunden, heftete dann einen hochmüthigen Blick auf ſeine Umgebung und rief: „Wer von Euch will hundert Piaſter mit mir wetten, daß, ehe zwei Tage von jetzt an vergehen, Senora Jeſuſita meine Geliebte iſt? Sprecht, wer wettet?“ „Ich!“ antwortete eine Stimme, die aus der Gruppe der Zuhörer hervorkam. Aller Augen wandten ſich gegen denjenigen, welcher ſo leicht und mit ſo wenig Zögern die Ausforderung des Kapi⸗ täns aufgenommeu hatte: ich erkannte den Mann mit den Stiefelchen, den Gewinner der letzten Lotopartie. „Sie halten meine Wette?“ fragte ihn Bravaduria et⸗ was erſtaunt. „Ich glaube wohl, daß ich ſie halte!“ erwiederte der Spieler;„nur bitte ich, mich zu belehren, um was es ſich handelt.“ „Haben Sie nicht gehört?“ „Nichts, wenn nicht, daß Sie eine Wette vorge⸗ ſchlagen haben. Ich habe es mir aber zu einer Gewiſſens⸗ ſache gemacht, ſo oft ich im Gewinn bin, jede Wette anzu⸗ nehmen, die man mir vorſchlägt. Könnte ich nun erfahren, welchen Gegenſtand die Wette betrifft?“ „Die Tugend einer Frau.“ „Ah! Teufel! es ſcheint, ich habe keine glückliche Hand gehabt. Im Ganzen, wer weiß... ſie ſind zuweilen ſo ſonderbar! Uebrigens was geſagt iſt, iſt geſagt und wir ha⸗ ben nur noch die Gelder in dritte Hände niederzulegen.“ Während er ſo ſprach, ſchaute der Mann mit den Stie⸗ 234 felchen rings umher; doch es ſcheint, dieſe Prüfung veränderte ſeinen erſten Entſchluß, denn er fügte bei: „Ich denke, es wäre beſſer, wir würden dieſe Gelder in einem reſpeetablen Handlungshaus hinterlegen.“ „Es ſei,“ ſprach der Kapitän,„um ſechs Uhr laſſe ich meine hundert Piaſter zu Don Antonio Z.... tragen.“ „Sehr gut; die meinigen werden zur ſelben Stunde dahinkommen.“ „Vei Gott! Sie gefallen mir ungemein,“ rief Bravadu⸗ ria, indem er ſeinem Gegner zum Zeichen des abgeſchloſſenen Vertrags die Hand drückte.„Wollen Sie mir eine Unterre⸗ dung von ein paar Minuten bewilligen? Vielleicht hätte ich Ihnen ein Geſchäft vorzuſchlagen, wodurch wir genauere Be⸗ kanntſchaft ſchließen würden. Können Sie über Ihre Zeit verfügen?“ „Ueber meine Zeit und über ein vortreffliches Pferd, das ich, als ich gerade im Glück war, gekauft habe und an einem Unglückstag nie verkaufen werde.“ „Sehr gut.“ Der Kapitän Bravaduria ſchlang ſeinen Arm um den ſeines neuen Bekannten, grüßte uns höflich und entfernte ſich. Er war noch nicht an das Ende des Saals gekommen, als ich ſchon zum zweiten Mal meinen Freund Salazar, der mich nicht zu hören ſchien, fragte: „Wer iſt denn dieſer Kapitän Bravaduria?“ „Bei Gott!“ erwiederte er endlich,„es iſt Bravaduria.“ „Ich weiß es. Aber wer iſt er? was thut er?“ „Er iſt Kapitän und thut nichts.“ * ——— — —,— —— 235 „Aber warum dann dieſe Rückſichten, dieſe Achtung, die man ihm bezeugt?“ „Weil es Bravaduria iſt. Doch ſagen Sie,“ fügte Sa⸗ lazar, meine Fragen kurz abſchneidend, bei,„es müſſen Ihnen noch ſieben Piaſter bleiben?“ „Das iſt wahr. Nun?“ „Wir wollen darum auf halbe Rechnung im kleinen Monte ſpielen, das jeden Abend hier nach der Lotopartie im anſtoßenden Zimmer ſtattfindet.“ „Wie Sie wollen.“ „Theilen wir alſo.“ Ich reichte Joſe Salazar meine ſieben Piaſter; er be⸗ gnügte ſich, fünf davon zu nehmen. „Gehen wir nun in den Nebenſaal,“ ſagte er. Eine dreifache Reihe von Spielern umgab ſtehend die Montetafel. Alle dieſe braven Caballeros ſchauten mit Augen, die vor Gierde glänzten, die hundert Piaſter an, welche den elenden Einſatz der Vank bildeten. Ich muß geſtehen, die goldene Jugend von Mexico rechtfertigte nur ſehr ſchlecht dieſe ſtolze Bezeichnung. Es waren hier für einen Beobachter ſeltſame Studien zu machen. Zuweilen ſah man einen von den Gewinnenden, in welchem zwei mächtige Gefühle, das der Pflicht und das der Nothwendigkeit, kämpften, zögern, zum zweiten Mal ſeinen geringen Gewinnſt den Chancen eines neuen Zufalls auszuſetzen. Sein Spielergewiſſen zeigte ihm den Rückzug als eine feige, ſchmähliche Handlung,(denn, dem energiſchen Ferdinand Cortez ähnlich, der ſeine Schiffe ver⸗ brannte, zieht der Mericaner ſeinen Satz nie zurück, ehe er 236 ihn mindeſtens ſechsmal ganz der Laune der Taille unterworfen hat,) während andererſeits eine harte Enthaltſamkeit von meh⸗ reren Tagen ihn zur Schwäche geneigt machte. Der Ausgang dieſer inneren Kämpfe war verſchieden, doch der Spieler trug beinahe immer den Sieg über den Men⸗ ſchen davon. Die Noth wich der Leidenſchaft. Es erfaßte mich beinahe unwillkührlich ein peinliches Gefühl, wenn ich zuweilen einen armen Teufel mit bleichem, abgemagerten Geſicht, mit tief umfurchten Augen ſich heftig gegen ſich ſelbſt anſtren⸗ gen ſah, um einer Karte, die ihm ſeine letzte Hoffnung ver⸗ loren, ſanft zuzulächeln. Nur Luute, denen es gelungen iſt, ſich in ihren eigenen Augen aus einem Laſter eine Tugend zu machen, find wirklich einer ſo großen Strenge in Erfüllung deſſen fähig, was ſie als eine Pflicht betrachten. Um übri⸗ gens begreiflich zu machen, bis zu welchen heroiſchen Verhält⸗ niſſen der Mexicaner die Noth anwachſen läßt, bemerke ich, daß er mit Hülfe eines Sonnenſtrahls und von hundert Ci⸗ garetten völlig drei Tage lang alle Forderungen des animali⸗ ſchen Lebens vergißt: er bringt auch dieſen dritten Tag oft noch damit zu, daß er darüber nachdenkt, ob es wirklich ſo dringend für ihn ſei, ſich am andern Morgen zur Arbeit zu begeben. Die Aufmerkſamkeit, mit der ich die Spieler betrachtete, ließ mich meinen Freund Salazar gänzlich vergeſſen: der kleine Officier rief ſich ſelbſt in mein Gedächtniß zurück, indem er mir auf die Schulter klopfte. „Nun, Don Pablo,“ ſagte er zu mir,„ſind Sie glück⸗ . — lich geweſen? Ich, was mich betrifft, habe meine fünf Piaſter verloren.“ „Meiner Treue, mein lieber Salazar, ich muß Ihnen ge⸗ ſtehen, ich habe das Spielen vergeſſen.“ „Ich kann mir eine ſolche Zerſtreuung nur dadurch er⸗ klären, daß Sie ganz und gar mit dem Gedanken an Ihre nahe bevorſtehende Abreiſe beſchäftigt ſind. Das läßt ſich im Ganzen gut machen. Erlauben Sie mir jedoch, Don Pablo, Ihnen den Abrazo zum Abſchied zu geben und Ihnen eine glückliche Reiſe zu wünſchen, denn ich habe ein wichtiges Ren⸗ dez⸗vous, das mich länger zu bleiben verhindert.“ „Ich gehe mit Ihnen hinab.“ „Nein! nein!“ rief Salazar voll Feuer,„Sie können nicht ſo für immer Mexico verlaſſen, ohne dem Monte eine letzte Höflichkeit zu erzeigen; es liegt mir daran, daß Sie Ihre Zerſtreuung von vorhin dadurch, daß Sie in die Partie ein⸗ treten, wieder gut machen.“ Da ich im Grunde nicht außerordentlich begierig war, meine Unterhaltung mit dem edlen Herrn Salazar fortzu⸗ ſetzen, ſo ſtürzte ich mich, nach dem unerbittlichen mericaniſchen Gebrauch, unter Verſicherungen einer heißen, unerſchütterlichen Freundſchaft in ſeine Arme. „Wenn es mir möglich iſt, morgen der Abfahrt der Diligence beizuwohnen, ſo werde ich gewiß nicht dabei fehlen,“ ſagte er zu mir. Ich mochte immerhin den kleinen Officier auffordern, ſich keine ſolche Beſchwerde zu bereiten, er wollle nichts hören. 238 „Oh! ich werde es ſo einrichten, daß ich Sie noch ſehe,“ ſprach er;„doch ſagen Sie, wo ſchlafen Sie dieſe Nacht?“ „Im Hotel der Diligencen.“ „Callejon de Dolores?“ „So iſt es.“ Salazar entfernte ſich ſodann, nicht ohne mir zubor in herrlichen Hyperbeln alle Wünſche ausgedrückt zu haben, die er für meine Rückkehr nach Frankreich hegte, falls er meiner Abreiſe am andern Morgen nicht beiwohnen könnte. War es Geſchäftsloſigkeit oder geſchah es, um der Empfeh⸗ lung des kleinen Officiers zu entſprechen, ich warf ſodann meine zwei letzten Piaſter auf den grünen Teppich des Monte. „Auf welche Karte hält Eure Herrlichkeit?“ fragte mich der Croupier mit einer gewiſſen Ehrfurcht, denn die Einſätze von Medios*) waren viel häufiger bei dieſer Partie von dürftigen Leuten, als die der Piaſter. „Das iſt mir vollkommen gleichgültig.“ Der Croupier ſetzte ſogleich meine zwei Piaſter nahe zu der Zota de Copa. Ich folgte, wie man ſich denken kann, dem Gange der Partie mit ziemlich geringer Theilnahme, als ich einige Schritte von mir Bravaduria bemerkte, der zurückgekehrt war und mit dem alten Oberſten plauderte, dem ich ihn ſeine Dienſte hatte anbieten hören. Ich wollte mich zu dem ge⸗ heimnißvollen Kapitän wenden, als der Croupier mich am Aermel meines Dollman zog und zu mir ſagte: . — *) Medio, eine kleine Münze etwa im Werth von 30— 35 Centimes. — ———— 239 „Die Zota de Copa iſt herausgekommen und Sie haben gewonnen, Senor.“ „Nun, deſto beſſer, doch halten Sie mich nicht zurück,“ erwiederte ich, als ich ſah, daß Bravaduria abermals auf die Thüre zuging. „Sie laſſen alſo Ihr Geld auf die Doppelte laufen?“ „Alles, was Sie wollen,“ ſagte ich zu dem Croupier, deſſen techniſche Frage ich nicht einmal verſtanden hatte. Ich verließ den Spieltiſch und holte Bravaduria gerade in dem Augenblick ein, wo er die Hand auf die Thürſchnalle legte. „Ah! Sie hier, Caballero,“ ſagte er.„Sollte Salazar nicht weggegangen ſein? Ich habe ihn doch ſo eben in allen Sälen geſucht.“ „Ich bitte um Verzeihung, Kapitän, Salazar hatte ein wichtiges Rendez⸗vous, das ihn das Spiel zu verlaſſen bewog.“ Lächelnd erwiederte Bravaduria: „Salazar hat keine Rendez⸗vous, ſo lange er beim Spiel iſt und über einige Piaſter verfügen kann. Es iſt ein Junge von ſehr guten Grundſätzen und von einer reizenden Natur.“ „Ich theile Ihre Anſicht, Kapitän,“ ſagte ich,„doch er hatte keine Piaſter mehr.“ „Das iſt etwas Anderes. Es ärgert mich übrigens, daß ich ihn nicht mehr hier finde, denn ich hatte mit ihm über ein wichtiges Geſchäft zu ſprechen, welches mich wahr⸗ ſcheinlich die ganze Nacht auf den Beinen halten wird.“ Die Zeit drängte; ich hatte keine Hoffnung, meine Neu⸗ gierde zu befriedigen, wenn ich nicht eine Unſchicklichkeit beging. „Sind Sie in Geſchäften?“ ſagte ich kecker Weiſe zu Bravaduria. * 240 Als dieſer meine Frage hörte, ſchien er erſtaunt und ſchaute mich ſehr aufmerkſam an. Es trat ein Augenblick des Stillſchweigens ein, der mich ſehr verlegen machte, und für den Kapitän voll von Zweifel und Ungewißheit war, wie man aus dem Spiel ſeiner geſcheiten und beweglichen Phyſiognomie ſchließen durfte. Zwei oder drei Mal ſchien er mir im Begriff, eine intereſſante Frage an mich zu richten, doch er ſchwieg immer wieder. „Ich bin vielleicht ſehr indiscret, daß ich Sie ſo frage, Kapitän?“ ſagte ich endlich. Bravaduria ſchaute mich abermals ein paar Augenblicke an und ſprach ſodann: „Erlauben Sie, Senor, daß ich Ihre Frage nur durch eine andere Frage beantworte?“ „Gewiß.“ „Haben Sie zuweilen von mir ſprechen hören?“ „Nie.“ „Woher kommt dann Ihre Neugierde in Beziehung auf meine Perſon?“ „Sie kommt davon her,„ daß ich mir den ungeheuren Einfluß nicht erklären kann, welchen Sie auf alle die Stammgäſte dieſes Hauſes zu üben ſcheinen, auf Leute von einer weniger gelehrigen und geduldigen Natur, wie ich glaube, die jedoch dem Ausſehen nach nur Ihre unterthänigen Diener ſind.“ Sobald ich Bnotnnte dieſe Erklärung gegeben hatte, veränderte ſein Geſicht völlig ſeinen Ausdruck. Die Miene der Unentſchloſſenheit, der Unruhe ſogar, welche kurz zuvor 241 an ihm ſichtbar war, machte einem zweideutigen Lächeln Platz, an dem zu gleichen Doſen der Spott und das Wohlwollen Theil hatten. „Ich geſtehe nun, Caballero,“ ſagte er,„daß ich Ihnen eine Erklärung ſchuldig bin. Leider werden Sie dadurch nichts ſehr Intereſſantes erfahren. Es iſt Ihnen nicht unbekannt, daß unſere Regierung die Gewohnheit hat, nur diejenigen von ihren Angeſtellten zu bezahlen, welche ſich ſelbſt bezahlen, nämlich die Douanebeamten. Was uns betrifft, uns Officiere, die wir jeden Tag unſer Blut für das Heil des Vaterlands vergießen, ſo gibt ſie uns wehrlos aller Noth des Lebens, die Gläubiger mit eingerechnet, preis. Zuweilen jedoch, denn man muß Jedermann Gerechtigkeit widerfahren laſſen, die Regierung kauft uns zuweilen unſere rückſtändigen Solde um zehn bis fünfzehn Procent ab; im Ganzen aber kann ein Officier von dem Wenigen, was er empfängt, nicht leben. Alle diejenigen, welche die Epaulette tragen, ſind daher genöthigt, um nicht Hungers zu ſterben, irgend eine Privatinduſtrie zu betreiben: die Einen ſind Croupiers oder Tailleurs in den Spielhäuſern; die Andern ſind Trödler; Dieſe Pferdehändler; Jene Heiraths⸗ mäkler; Alle leben auf das Ehrenvollſte der Welt durch irgend eine Nebeninduſtrie; ich, was mich betrifft, bin Schmuggler. Sie müſſen nun leicht begreifen, wie ſehr mir meine Stellung durch die Zahl der augenblicklichen Dienſte, über die ich verfüge, nützlich zu ſein geſtattet. Dies iſt in der That das ganze Geheimniß der Popularität, der ich mich erfreue.“ Dieſe Erklärung erſchien mir äußerſt befriedigend, und Der Erzähler. 1847. w. 16 242 ich war eben im Begriff, Brabaduria für den guten Willen zu danken, mit dem er meine Frage beantwortet hatte, als ich zu meinem großen Erſtaunen alle Spieler der Montepartie ſich gegen mich umwenden ſah, während der Crou⸗ pier unabläſſig, mit dem Finger auf mich deutend, ausrief: „Es iſt dieſer Caballero! es iſt dieſer Caballero!“ Ich dachte zuerſt, man habe mich als Franzoſen erkannt, und wollte die Ausgangsthüre zu erreichen ſuchen; doch ich mußte ſogleich auf dieſe Hoffnung verzichten, denn trotz einer energiſchen und verſtändigen Austheilung von Ellenbogenſtößen und Fauſtſchlägen ſah ich mich bald von einer gedrängten WMenge von Spielern umzingelt. Ein ehrenvoller und vernünftiger Rückzug war mir nicht mehr geſtattet, und es ſchien mir ſogar eine ſchmähliche Flucht unausführbar; es blieb mir nur noch Eines, um aus der falſchen Stellung herauszukommen, in der ich mich befand: dies war, mich heldenmüthig zu zeigen. Ich ließ geſchickt meinen Zarape oder wollenen Mantel von meinen Schultern auf meinen linken Arm fallen, ergriff mit meiner rechten Hand einen Dolch, den ich im Gürtel trug, nahm eine des Cid würdige Stellung an, erhob ſtolz das Haupt und betrachtete mit verächtlicher Miene meine Feinde. Gott weiß jedoch, welche bewunderungswürdige Strophe ich in meinem Geiſte zu Ehren der Polizei componirte, und welche Freude mir die Erſcheinung des armſeligſten und beſcheidenſten Sereno oder Nachtwächters von ganz Mexico bereitet hätte. Doch da man ſich an Alles gewöhnt, ſelbſt daran, heldenmüthig zu ſein, ſo fühlte⸗ich mich nach einer halben Minute— ein Jahrhundert— viel ruhiger, um mir von meiner Lage 243 Rechenſchaft geben zu können. Jetzt erſt bemerkte ich, daß unter allen Spielern des mir ſo ſehr von meinem Freunde Salazar gerühmten Clubs ich der einzige war, deſſen heraus⸗ fordernde Haltung kriegeriſche Neigungen verkündigte. Was meine ſcheinbaren Feinde betrifft, ſo ſchauten ſie mich insge⸗ ſammt mit einer demüthigen und flehenden Miene an, und ſie ſahen aus, als wären ſie meine unterthänigſten Sklaven. Die Freude, die mir dieſe Entdeckung verurſachte, ließ mich meine theatraliſche Stellung ſo ſehr übertreiben, daß alle Spieler erſchracken und freiwillig einen Schritt zurückwichen; der Cid Campeador mußte vor Entrüſtung in ſeinem Grabe beben, als er ſich ſo übertroffen ſah. „Ueber wen des Teufels ſind Sie denn ſo aufgebracht, Senor Don Pablo?“ rief hinter mir eine Perſon, deren Stimme mir nicht unbekannt vorkam. Ich wandte mich um und erkannte den Kapitän Bravaduria. „Ah! Sie ſind es, Kapitän,“ ſagte ich,„ich bin über Niemand aufgebracht.... Ich wünſche nur zu gehen und geſtehe Ihnen, daß ich nicht errathe, warum ſich alle dieſe Caballeros dem zu widerſetzen ſcheinen, und daß ich die Pan⸗ tomimen und das Geſchrei jenes Croupier nicht begreife, der ſich anſtrengt, mich der öffentlichen Aufmerkſamkeit zu bezeich⸗ nen, und unabläſſig mit dem Finger auf mich deutend aus⸗ ruft:„„Es iſt dieſer Caballero! es iſt dieſer Caballero!““ „Bei Gott, Senor Don Pablo!“ erwiederte Brabaduria lachend,„die Neugierde, deren Gegenſtand Sie ſind, und worüber Sie ſich beklagen, iſt nur ſehr ehrenvoll für Sie.“ 244 „Ich bitte, in welcher Hinſicht, Kapitän? Und was habe ich denn ſo Wunderbares gethan?“ „Sie haben die Bank geſprengt.“ „Ich habe die Bank geſprengt!“ „Gewiß, Senor,“ ſagte der Croupier,„und zwar mit den zwei Piaſtern, die Sie mit dem BVefehl, für Sie auf die Doppelte zu ſpielen, zurückgelaſſen haben. Das macht hundert und fünfunddreißig Piaſter*), die Ihnen zukommen, mit einem Wort alles Geld, das ſich auf dem Tiſche findet.“ „Was dieſe Caballeros betrifft, die ſich voll Unterthänig⸗ keit um Sie her drängen,“ fügte Bravaduria bei, indem er aus der Gruppe, in der er ſich befand, vortrat und mir in's Ohr ſprach,„ſo flehen ſie Ihre Großmuth an und denken, ſie konnten wohl dieſen Abend ein Mahl bekommen. Uebrigens iſt dies ein Gebrauch, der hier ſehr in Kraft ſteht: wenn ein Spieler die Bank ſprengt, muß er ſein Glück bezahlen.“ „Mein lieber Kapitän, mit dem größten Vergnügen füge ich mich in dieſen Gebrauch. Nur wird mich, ſollte ich allen dieſen Forderungen entſprechen, mein Glück mehr als fünf⸗ hundert Franken außer meinem Gewinnſt koſten.“ „Wollen Sie mich in Ihrem Namen handeln laſſen?“ fragte Bravaduria. „Ohl ſehr gern.“ Der Kapitän Bravaduria nahm ſogleich ein Dutzend Pia⸗ ſter, welche in Münze auf dem Teppich des Spieltiſches lagen, und beendigte mit einer Schnelligkeit, welche bewies, wie ſehr *) Ungefähr 675 Franken. —,—— 245 er diejenigen kannte, mit denen er es zu thun hatte, in einem Augenblick die Austheilung. „Obriſt, ich bitte Sie um Verzeihung, daß ich Ihnen nur einen Real vorſtrecke,“ ſagte er und legte die von ihm genannte kleine Münze in die letzte Hand, die man ihm dar⸗ reichte;„doch dies iſt Alles, was mir übrig bleibt.“ „Sehr verbunden, Herr Kapitän,“ erwiederte beſcheiden der Oberſte,„das läßt ſich nicht ausſchlagen; ein Real iſt immer ein Real, wofern er uns nicht Abends um eilf Uhr zukommt, während man ihn nicht mehr erwartet und Frau und Kinder zu Hauſe hat, die auf uns warten!.... denn dann iſt er eine Unze Gold werth.“ Nachdem er dieſe Antwort gegeben, welche eine große praktiſche Philoſophie enthüllte, entfloh der Obriſte mit allen übrigen Spielern und ließ mich unter bier Augen mit Bra⸗ vaduria. „Wenn es nicht eilf Uhr geſchlagen hätte, Senor Don Pablo,“ ſagte er zu mir,„ſo würde ich mit Ihnen vom letzten Stiergefecht, vom letzten Poſtwagenraub oder von irgend einem intereſſanten Gegenſtand ſprechen„ aber es iſt ſpät und die vorgerückte Stunde beraubt mich der Hülfe der Uebergänge. Ich muß mit Ihnen ohne Umſchweife reden.“ „Ich höre Sie, Kapitän.“ „Mit zwei Worten: ich brauche noch für dieſe Nacht Geld, und Sie, Sie haben Geld gewonnen, auf das Sie nicht rechneten.“ „Wohl, Kapitän, das macht ſich, wie Sie ſehen, vor⸗ nrefflich.“ 246 „Wie, mein lieber Don Pablo! Sie würden einwilligen, mir die hundert und fünfundzwanzig Piaſter zu leihen, die man Ihnen im Monte ſchuldig iſt?“ fragte mich Bravadurig ſehr erſtaunt. „Oh! von ganzem Herzen!“ „Senor Don Pablo!“ ſprach Bravaduria, indem er mich bei der Hand nahm,„Sie ſind ein ganzer Cavalier. Welche Garantie verlangen Sie nun von mir für das Anlehen, das Sie mir zu machen die Güte haben wollen?“ Die von dem Mann mit den alten Schlappen erzählte Geſchichte in Beziehung auf die falſchen Piaſter fiel mir wie⸗ der ein, und überzeugt, ich würde vom Monte in mehr als verdächtiger Münze bezahlt werden, antwortete ich großmüthig und ohne zu zögern: „Die Sicherheit, einem galanten Mann angenehm zu ſein, genügt mir, Kapitän.“ Dieſe Antwort ſchien Bravaduria ſehr zu überraſchen; er entblößte ſich ehrfurchtsvoll, behielt ſeinen Hut in der Hand und ſprach in ſehr ernſtem Tone: „Senor Don Pablo, ich habe mich bei Ihnen zu ent⸗ ſchuldigen.“ „Bei mir? Und warum?“ „Weil ich Sie ſo eben noch für einen einfältigen und nih Provinzmenſchen hielt, und es, als ich das Geld bei Ihnen entlehnte, meine Abſicht war, Ihnen daſſelbe nicht mehr zurückzugeben. Nun e⸗ ich, daß ich für Einfalt hielt, was nichts Anderes ats Edelmuth und Größe iſt, und das traurige und unumwundene Geſtändniß, das ich Ihnen über meine ——— 247 ſchlimmen Abſichten ablege, mag Ihnen zum Beweis für die beſondere Achtung dienen, die Sie mir einflößen. Nichtsdeſto⸗ weniger nehme ich Ihr Anlehen an, nur verpfände ich Ihnen mein Ehrenwort, daß, ehe vier Tage von jetzt an vergehen, die vorgeſtreckte Summe zurückbezahlt ſein wird. Ich bitte Sie, mir gefälligſt Ihre Adreſſe und Ihren Namen zu geben.“ „Mein Name und meine Adreſſe ſind unnöthig, Kapitän,“ erwiederte ich,„denn ich reiſe morgen früh nach Vera Cruz ab. Da Ihnen jedoch daran zu liegen ſcheint, und ich in Verzweiflung wäre, wenn ich Ihre Empfindlichkeit verletzen würde, ſo mögen Sie ſich an den Correſpondenten, den ich in Mexico behalte, an den Banquier Antonio B*** wenden.“ „Wie! Sie reiſen morgen nach Vera Cruz?“ rief Brabaduria mit einem Erſtaunen dem ähnlich, welches Salazar kundgegeben, als ich ihm ebenfalls meine Abreiſe ankündigte. „Ja, Kapitän, morgen früh.“ „Zu Wagen oder zu Pferd?“ „Zu Wagen; mit der Diligence des Callejon de Dolores.“ „Sehr gut; geben Sie mir alſo die Adreſſe Ihres Cor⸗ reſpondenten,“ fuhr Bravaduria in einem natürlichen Tone fort;„ich werde, zweifeln Sie nicht daran, in Ihrer Abwe⸗ ſenheit ſo pünktlich ſein, als ob Sie gegenwärtig wären. Nur verdoppelt Ihre nahe bevorſtehende Abreiſe, während ſie die ſchlimme Meinung offenbart, die Sie von mir hatten, den Werth Ihrer Großmuth. Ich werde das nicht vergeſſen. Doch es fällt mir ein,“ fügte Bravaduria bei, als er zu mir zu⸗ rückkam, nachdem er vom Monte meine hundert und fünfund⸗ zwanzig Piaſter empfangen hatte,„die Diligence fährt um 248 vier Uhr Morgens ab, und Sie haben keine Zeit zu berlie⸗ ren Kaum bleiben Ihnen noch ein paar Stunden, um auszuruhen... Wollen Sie mir alſo erlauben, daß ich Sie nach dem Hotel begleite?“ „Ich danke, Kapitän; das Hotel iſt nur zehn Minuten von hier entfernt, der Mond glänzt, um die Sonne zu beſchämen und Sie müſſen, wie Sie mir geſagt haben, die Nacht auf den Beinen zubringen... ich werde allein gehen.“ „Nein! nein!“ rief Bravaduria,„es iſt mir daran gelegen, bis zum letzten Augenblick die Ehre Ihrer Geſellſchaft zu genießen.“ „Aber, Kapitän... „Ich höre nichts, kommen Sie.“ Bravaduria ſchien mir feſt entſchloſſen zu ſein, und ich widerſetzte mich nicht länger; wir verließen mit einander als die Letzten den Club der goldenen Jugend von Mexico. „Wiſſen Sie wohl, Senor Don Pablo,“ ſagte Bravaduria zu mir, als wir auf halbem Wege waren,„ich habe in der That kein Glück!“ „Warum, Kapitän?“ „Weil Sie der einzige ehrliche und gewandte Caballero ſind, den ich bis auf dieſen Tag gefunden habe, und ich mache Ihre Bekanntſchaft gerade erſt am Vorabend Ihrer Abreiſe.. Doch was die Abreiſe betrifft, iſt die Ihrige nach Vera Cruz wirklich ſo dringend 24 „Sehr dringend.“ „Durchaus nothwendig?“ „Ja; durchaus.“ 249 „So, daß Sie dieſelbe nicht um vierzehn Tage verſchie⸗ ben könnten?“ „Nein, Kapitän, das wäre mir unmöglich,“ erwiederte ich erſtaunt, daß er mich ſo beharrlich in Mexico zurückhalten wollte. „Wenn ich mir alle dieſe Fragen an Sie zu richten erlaube, ſo geſchieht es, weil ich habe ſagen hören, die Straße von Mexico nach Vera Cruz ſei in dieſem Augenblick ſehr gefährlich.“ „Aus welchem Grunde?“ „Sie wird von einer Cuadrilla oder Räuberbande aus⸗ gebeutet, welche alle Diligencen plündert und auch die Reiſen⸗ den in Contribution ſetzt.“ „Nun! was iſt mir daran gelegen: man wird mich berauben.“ „Oh! wenn Sie ſo voll Reſignation ſind, ſo wird mein Rath für Sie unnütz,“ ſagte er lachend zu mir. In dieſem Augenblick kamen wir an die Ecke der Calle del Coliſeo, welche nur zwei bis drei Minuten von dem Cal⸗ lejon de Dolores entfernt liegt. „Kapitän Brabaduria,“ ſprach ich zu meinem neuen Bekannten, indem ich ihm die Hand reichte,„tauſend Dank für Ihr artiges Geleite; ich bin beim Hotel und möchte Sie nicht gern länger in Ihren Geſchäften ſtören.“ „Erlauben Sie mir, daß ich Sie bis vor Ihre Thüre begleite,“ antwortete Bravaduria, indem er ebenſo aufmerkſam als verwundert umherſchaute. „Ich wiederhole Ihnen, es iſt unnöthig, daß Sie meinet⸗ 250 wegen ſo Ihre Zeit verlieren... Doch nach was ſchauen Sie, Kapitän?“ „Ich?... nach nichts. Auf Wiederſehen alſo, Don Pablo; empfangen Sie noch einmal die Verſicherung meiner ganzen Dankbarkeit und meiner innigen Freundſchaft.“ Bravaduria drückte mir wiederholt die Hand und entfernte ſich ſodann, eine Fandangomelodie pfeifend, mit kleinen Schritten. Ich hatte mich kaum um die Ecke der Calle del Coliſeo ge⸗ wendet und erblickte ſchon das Hotel der Diligencen, als etwa zehn Burſche aus einem Zagal*) hervorkamen und mich plötzlich umzingelten. „Ein Wort, und Sie ſind todt,“ ſagte einer derſelben, indem er mir die Spitze ſeines Meſſers auf die Bruſt ſetzte. Ich wax ſo weit entfernt, einen ſolchen Angriff zu erwarten, obgleich viele ähnliche Ereigniſſe jeden Tag in den Straßen von Mexico ſtattfanden, daß ich ohne Wort und Bewegung blieb: der Cid war gerächt.„Ihr Geld!“ fragte derſelbe Menſch, der mir ſchon zu ſchweigen befohlen hatte. Dieſe Aufforderung geſchah in einem ſo gebieteriſchen Ton, daß ich es für unnütz hielt, ſie durch Worte zu erwie⸗ dern: ich konnte nur gehorchen. Da verfluchte ich Bravaduria, indem ich bedachte, daß ich mich in Folge des liebenswürdigen Zuſammentreffens mit ihm in die Unmöglichkeit verſetzt ſah, dem Genüge zu leiſten, was man von mir forderte: ich hätte in dieſem Augenblick Geld zu 200 Procent und auf eine *) Ein Corridor? der ſich zwiſchen den zwei Eingangsthüren beinahe bei allen Häuſern von ſpaniſcher Bauart eingeſchloſſen findet. 251 Viertelſtunde Verfallzeit entlehnt. Ich wußte nicht recht, wie ich es machen ſollte, um aus dieſer kritiſchen Lage herauszu⸗ kommen, und ich ſah mit einer ſehr natürlichen Angſt den Augenblick der Erklärungen herannahen, als mich eine Vermittlung, welche ich entfernt nicht erwartete, glücklich der Verlegenheit entzog. „Atras, canallas(Zurück, Canaillen!)!“ rief mit einer vibrirenden Stimme ein junger Mann, der den Säbel in der Fauſt mitten unter meine Angreifer ſtürzte. Bei dem Anblick des Fremden zeigten dieſe mehr Unterwürfigkeit, als Furcht. Sie entfernten ſich allerdings von mir, aber ohne Eile und gleichſam mit Widerwillen. „Nun geht nach Hauſe, Ihr Schurken, und laßt dieſen Caballero im Frieden ziehen,“ fuhr der Fremde mit derſelben vibrirenden, gebieteriſchen Stimme fort, die mir die eines Helden zu ſein ſchien;„bei meiner. Seele! ich tödte wie einen Hund den erſten von Euch, der es wagt, ihm in's Geſicht zu ſchauen.“ Ich befürchtete einen Augenblick, dieſe mehr herriſche als kluge Anrede würde den Zorn meiner Räuber entflammen, doch ſie zogen ſich ſogleich zurück, und 3 befand mich allein mit meinem Befreier. „Nun, Don Pablo,“ ſagte er lachend zu mir,„hatte ich Unrecht, daß ich Sie bis vor die Thüre Ihres Hotel be⸗ gleiten wollte?“ „Ah! Sie ſind es, Kapitän!“ rief ich ganz verblüfft, als ich Bravaduria erkannte. „Ja, theurer Freund, ich ſelbſt, der ich, nachdem ich in Beziehung auf Senora Moratin das Sprüchwort: Unglück im * 252 Spiel, Glück in der Liebe, Lügen geſtraft, ſo eben ein anderes Sprüchwort: eine Wohlthat geht nie berloren, durch Ihre Vermittlung beſtätigt habe; doch nun, da mich nichts mehr zurückhält, glückliche Reiſe, und noch einmal tauſend Dank.“ „Kapitän, ein einziges Wort: wer waren die Räuber, von denen Sie mich zu ſo geeigneter Zeit befreit haben?“ „Es waren keine Räuber.“ „Sie ſcherzen.“ „Keines Wegs, dieſe Leute waren artige Caballeros, welche die Stammgäſte des Clubs, den wir ſo eben verlaſſen, ohne Zweifel als Deputation zu Ihnen abgeſchickt hatten, um Sie über Ihr Glück im Spiel dieſen Abend zu becomplimen⸗ tiren,“ erwiederte er mit einer ſpöttiſchen Miene lächelnd. Nachdem er mir dieſe Antwort gegeben, entfernte ſich Bra⸗ vaduria ruhig, als ob nichts Außerordentliches vorgefallen wäre, und fuhr fort, den unterbrochenen Fandango zu pfeifen. Ich meinerſeits war mit zwei Sprüngen bei der Thüre meines Hotel, deſſen Schwelle ich mit einem Vergnügen überſchritt, das der Cid nicht begriffen hätte. Der letzte Abend, den ich in Mexico zubrachte, ein Abend, ſchon ſo gut oder, beſſer geſagt, ſchon zu gut von Ereigniſſen erfüllt, ſollte mir noch einen neuen, unborhergeſehenen Vorfall bieten. Als ich in den gemeinſchaftlichen Saal des Hotel eintrat, begrüßte ein allgemeiner Ausruf meine Ankunft.„Hier iſt er!“ rief man von allen Seiten. Der Eigenthümer des Hotel, ein Franzoſe, einer meiner Bekannten, lief mir ſogleich entgegen und fragte mich: „Ei! Sie kommen alſo, Senor?“ 253 „Was gibt es denn?“ „Iſt es wahr, daß Sie dieſe Nacht nicht hier ſchlafen ſollten?“ „Durchaus nicht: ich habe mich nur verſpätet.“ „Und Sie gedenken immer noch morgen früh abzureiſen?“ „Gewiß: doch ich bitte, wozu alle dieſe Fragen?“ „Ah! hören Sie: vor einer halben Stunde kam ein junger Mann, ein Bekannter von Ihnen, wenigſtens wie er behauptete, und wollte mit aller Gewalt Ihren Nachtſack mitnehmen, deſſen Sie, verſicherte er uns, noch dieſen Abend bedürften. Es iſt unnöthig, beizufügen, daß wir uns ſeinem Willen widerſetzten. Ihre Gegenwart wird unfehlbar dem Streite ein Ende machen; deshalb erwartete ich Ihre Rückkehr mit ſo großer Ungeduld.“ „Wo iſt denn der junge Mann?“ fragte ich ſehr erſtaunt. „Dort in jener Ecke hinter dem Comptoir, wo er, wie es ſcheint, Einſamkeit und Vergeſſenheit ſucht,“ antwortete mir mit lauter Stimme und ſtets in franzoſiſcher Sprache der Gaſtwirth. Ich wandte mich ſogleich nach der mir bezeichneten Seite und erkannte Salazar. Als der kleine Ofſicier ſich entdeckt ſah, bezahlte er muthig mit ſeiner Perſon und berlor die Faſſung durchaus nicht. Er ging freudig und ein Lächeln auf den Lippen auf mich zu und ſprach: „Bei Gott! es iſt Ihr theurer Salazar ſelbſt, vortrefflicher Freund.“ Dann fügte er, den Herrn des Hauſes mit einer Miene tiefer Verachtung meſſend, bei:„Sollten Sie wohl glauben, Pablo, daß es dieſer Menſch gewagt hat, an meinein 254 Wort zu zweifeln! Noch ein wenig mehr und, Gott verdamm mich! er hätte mich beſchuldigt, ich wolle Ihren Nachtſack ſtehlen!“ Dieſe Unverſchämtheit, ich muß es geſtehen, erregte der⸗ geſtalt meine Bewunderung, daß ich nichts antwortete. „Nun?“ fragte mich mein Wirth, den mein Stillſchweigen beunruhigte, denn er fing an zu befürchten, er habe einen ärgerlichen Mißgriff begangen. „Nun!“ erwiederte ich,„ich hatte keines Wegs den hier gegenwärtigen edlen Herrn Salazar beauftragt, meinen Nachtſack zu holen, und ich begreife ſeine übermäßige Gefälligkeit durch⸗ aus nicht.“ Meine Erklärung, ob gleich ſie von allen denjenigen, welche dieſer Scene beiwohnten, vorhergeſehen war, brachte nichtsdeſto⸗ weniger ihre Wirkung hervor: zwanzig Stimmen erhoben ſich gegen Salazar, aber der muthige Officier verzog keine Miene. „Senor Don Pablo,“ ſprach er mit Würde und mit einem ſchwermüthigen Ton,„bis auf dieſen Tag betrachtete ich die Freundſchaft nicht als ein leeres Wort, ſondern als eine Thatſache: Ihr ſeltſames Benehmen gegen mich raubt mir dieſe ſchöne Illuſion. Gott verzeihe Ihnen, daß Sie zu⸗ erſt die Unſchuld meiner Seele angegriffen haben; ich, was mich betrifft, wenn ich Ihnen auch die Freundſchaft aufkündige, verzeihe Ihnen darum doch nicht minder als Chriſt.“ Lebhaft ergriffen, drückte Salazar ſein Sacktuch auf ſeine Augen und wandte ſich nach der Ausgangsthüre; doch ich hielt ihn zurück, nahm ihm das Foulard, mit dem er ſich das Ge⸗ ſicht bedeckte, und ſprach:„Verzeihen Sie, theurer Freund, dieſes 255 indiſche Fpulard habe ich geſtern zum Andenken geſchenkt be⸗ kommen, und ich glaubte es im Club der goldenen Jugend von Merico verloren zu haben. Empfangen Sie meinen Dank, daß Sie es mir in das Hotel zurückgebracht haben.“ Und indem ich ſo ſprach, ſteckte ich das Foulard in die Sei⸗ tentaſche meines Dollman. Salazar, der bis auf dieſen Augenblick ſo ſtoiſch den un⸗ glücklichen Ausgang ſeiner Angelegenheit mit dem Nachtſack er⸗ tragen hatte, konnte den Zorn nicht verbergen, den ihm der Vorfall mit dem Foulard verurſachte:„Don Pablo! Don Pablo!“ rief er, die Augen glänzend vor Wuth,„Ihr Frem⸗ denherz, Ihr Franzoſenherz iſt alſo unempfindlich für jedes ſchöne Gefühl!... Die Delicateſſe erklärt ſich nicht, ſie läßt ſich nur ſchätzen; ſchlimm für Sie, wenn mich Ihre Rohheit zu Erklärungen zwingt meine Rechtfertigung wird Ihre Schmach ſein. Nein, undankbarer Freund, Sie hatten mich nicht beauftragt, Ihren Nachtſack zu holen, doch Sie hatten mir geſtanden, er enthalte Ihr Reiſegeld, und in meiner Sorge für Sie befürchtete ich, er könnte ſich im Gaſt⸗ hauſe verlieren. Nein, Sie hatten mir dieſes indiſche Foulard nicht geſchenkt; doch ich wußte, daß Sie morgen eine lange Reiſe antreten ſollten, und obgleich mein Herz über die Kälte Ihres Abſchieds betrübt war, lag wir doch daran, ein An⸗ denken an Sie zu behalten. Deshalb nahm ich Ihr Foulard „Nun, für immer Gott befohlen!“ Nachdem er dieſe ſiegreiche Ecklärung von ſich gegeben hatte, wandte ſich Salazar abermals, doch diesmal mit trium⸗ phirendem Schritte nach der Ausgangsthüre; auf der Schwelle 256 angelangt, ſchien er zu zogern, er drehte ſich, das Geſicht von Thränen übergoſſen, gegen mich, ſtürzte mit offenen Armen auf mich zu und rief: „Theurer Don Pablo, Freund meines Herzens, mein Muth bricht, wenn ich bedenke, daß ich Sie vielleicht nie mehr ſehen werde... Nein, wir können uns nicht ſo mit Haß im Herzen trennen... Sie haben mich mißkannt, grauſam mißkannt... doch ich vergeſſe Alles in dieſem feier⸗ lichen Augenblick. Leben Sie wohl, Don Pablo, Gott befoh⸗ len, theurer Freund!“ Obgleich dieſe ganz und gar mericaniſche Komödie mich zu langweilen anfing, erwiederte ich nichtsdeſtoweniger den glühenden Abrazo von Salazar: es war dies das beſte Mittel, mich ſeiner zu entledigen. Mein kleiner Officier ent⸗ fernte ſich in der That ſogleich hernach, ohne ein einziges Wort beizufügen und als wäre er ganz in ſeinen Schmerz verſunken. Es ſchlug Mitternacht im benachbarten Kloſter, ich hatte alſo bis zur Abfahrt der Diligence nur noch vier Stunden vor mir; ich äeß mir auch, ohne Zeit zu verlieren, das für mich beſtimmte Zimmer zeigen, denn die verſchiedenen Ge⸗ müthsbewegungen des Abends machten die Ruhe für mich ſehr nothwendig. So eilig ich mich aber auch entkleidete, ſo be⸗ merkte ich doch, als ich meinen Dollman ablegte, daß die Ta⸗ ſchen völlig platt waren.. Mein ſchönes indiſches Foulard fand ſich nicht mehr darin: dieſes Verſchwinden erklärte mir die ſentimentale Rückkehr meines theuren Salazar, ſowie ſeinen glühenden Abrazo; ich entſchlummerte und träumte, dieſes 257 Muſter von einem Freunde ließe mich hängen, um meine Habe zu erben. 2. Um vier Uhr Morgens weckte man mich und meldete mir, die Diligence ſei zum Aufbruch bereit. Ich kleidete mich haſtig an und ging, meinen Nachtſack unter dem Arm, in den Hof hinab. Es war Zeit, man rief eben die Reiſen⸗ den auf. „Don Eſteban Camote,“ rief der Functionär der Dili⸗ gencen. „Das bin ich, Freund,“ antwortete ein Ranchero oder Einwohner und Pächter im Innern des Landes, der hinkend und vorſichtig, als ob er an einer friſchen Wunde litte, her⸗ beikam. „Beeilen Sie ſich! Dona Lueinda Flores!“ „Ah, Jeſus! und Amador iſt noch nicht da. und Amador hat noch nicht von mir Abſchied genommen.. Conduecteur, könnte man nicht die Abfahrt der Diligence ver⸗ zögern nur um eine Stunde?“. „Bleiben Sie, wenn es Ihnen gutdünkt,“ erwiederte der Functionär mit ziemlich barſchem Tone;„was iſt mir an Ihrem Senor Amador gelegen!“ „Wie kann man ſo roh mit einer Frau ſprechen!“ rief Dona Lueinda Flores.„Werden Sie doch nicht ungeduldig „ich ſteige ein. Ah! wenn Amador hier wäre, ſo wür⸗ den Sie ſich ſicherlich höflicher gegen mich benehmen!“ Der Erzähler. 1847. Wv. 17 258 Dona Lucinda Flores, welche abſcheulich häßlich und von einem ſehr ehrwürdigen Alter war, machte, ſo viel ich bei der ſchwachen Helle beurtheilen konnte, welche ein dünnes Licht von ſich gab, das der Functionär in der Hand hielt, und das nur unvoll⸗ kommen dieſe Abreiſeſcene beleuchtete, Dona Lueinda, ſage ich, machte unter ihrem Gewichte die Bank der Diligence ächzen, als ſie ſich endlich zum Niederſitzen entſchloß. „Der Senator Don Andres Moratin und ſeine Frau!“ rief der Functionär, doch diesmal mit einer minder gebieteri⸗ ſchen Stimme. Ich bebte, mein Abenteuer in der vergangenen Nacht, die Wette des Kapitän Bravaduria und das Geſpräch, das im Club der goldenen Jugend von Merico in Beziehung auf Senora Jeſuſita Moratin ſtattgefunden hatte, fielen mir natür⸗ lich wieder ein, und ich war noch ganz von Erſtaunen erfüllt, als der Mann, der die Reiſenden aufzufordern beauftragt war, mit ſchallender Stimme ausrief:„Don Pablo Douplaicicé Don Pablo Douplaicicé!“ Dieſer Namen konnte im Ganzen für den meinigen gelten, ich eilte an meinen Platz, und die Diligenee entfernte ſich ſogleich, fortgeriſſen durch den ra⸗ ſchen Galopp von ſechs unbezähmbaren und unbezähmten Roſſen. Die Diligencen, welche auf der Straße von Vera Cruz nach Mexico dienen, kommen aus den Werkſlätten der Ver⸗ einigten Staaten und enthalten neun Reiſende. Von einem leichten und zugleich ſol iden Bau, werden ſie je nach den Schwie⸗ rigkeiten, die das gertin bietet, mit vier bis ſechs Pferden beſpannt und von Nordamerikanern geführt. Die rohe Un⸗ vorſichtigkeit dieſer Kutſcher überſteigt alle Grenzen des Glaub⸗ ———— 259 lichen: nie weichen ſie einem Hinderniß aus, ſtets ſetzen ſie ſich über daſſelbe weg, bringen die geſchehenen Unfälle gar nicht in Anſchlag und treiben ein Spiel mit der Siccherheit der Reiſenden. Die Pferde gehen, wie auch der Zuſtand des Weges ſein mag, immer im Galopp. Doch ſind die Nordamerikaner unvorſichtig, ſo finden die Mexicaner durch eine traurige Aus⸗ gleichung immer noch Mittel, ſie durch eine Verwegenheit zu übertreffen, welche die Grenzen des Wahnſinns erreicht. Da der gewönhlich mit dem Führen der Diligence beauftragte Yan⸗ kee⸗Kutſcher kurz vor unſerer Abreiſe krank geworden war, ſo erſetzte ihn ein Poblano oder Einwohner der Stadt Puebla, der es, wie ich erwartete, von unſerer Abfahrt aus dem Cal⸗ lejon de Dolores nicht unterließ, dieſe Bemerkung durch die wüthende Geſchwindigkeit, die er ſeinem Geſpann verlieh, zu beſtätigen. Eine Stunde nach unſerer Abreiſe von Merico waren wir auch ſchon vier franzöſiſche Meilen von dieſer Haupt⸗ ſtadt entfernt. Meine erſte Sorge, als der Tag durch die Vorhänge der Diligence drang, war es, wir man ſich leicht denken kann, die Senora Jeſuſita Moratin verſtohlen zu betrachten. Ein einziger Blick genügte für mich, um vollig der Meinung meines treuen Freundes Salazar und ſeiner würdigen Anhänger im Club der goldenen Jugend von Merxico beizutreten, nämlich der Meinung, Senora Moratin ſei die ſchönſte und reizendſte Frau von Merico und, wie es ſcheine, auch die vernünftigſte. Der Kapitän Bravaduria mit ſeiner Wette, welche in achtundvierzig Stunden endigen ſollte, kam mir nach dieſer prüfenden Be⸗ ſchauung der anbetungswürdigen Senora wie ein abſcheulich anmaßender Burſche vor. Don Andres Moratin, der Sena⸗ tor von Tabasco, mochte ungefähr fünfunddreißig bis vierzig Jahre alt ſein; mager, gelb, ſchwächlich, die Schultern ſchmal und den Rücken leicht gekrümmt, ſtellte er ziemlich gut den Typus der reichen Mericaner von ſitzender Lebensart vor. Der ehrwürdige Geſetzgeber hatte übrigens eine ſehr impoſante, ernſte Miene, und ſchien von ſeinem eigenen Verdienſt vollkommen überzeugt zu ſein. Der Anblick des Gatten ließ die Tugend der verführeriſchen Jeſuſita in einem noch viel lebhafteren Glanze leuchten. Was die zarte Lucinda Flores betrifft, der die Abweſenheit des undankbaren Amador bei der Abfahrt der Diligence die ganze Empfindſamkeit ihres Herzens zu vffenbaren geſtattet hatte, ſo kam ſie mir, bei Tage geſehen, noch viel ab⸗ ſcheulicher vor, als beim Kerzenlicht, denn die Sonne diente als unangenehmes Relief für die ganze Häßlichkeit ihrer Züge. Nichtsdeſtoweniger war Dona Lucinda Flores mit aller mög⸗ lichen Anmaßung gekleidet, und ihr ungeheurer Leib glich in Folge eines unglücklichen und unverſtändigen Anlehens, das ſie bei den europäiſchen Moden gemacht hatte, einem umge⸗ worfenen Ballot Bänder, und während Dona Lucinda ganz üppig coſtumirt war, trug Dona Jeſuſita Moratin ein Negligé von der größten Einfachheit. Der vierte Reiſende, der verwundete Ranchero, den man unter dem Namen Eſteban Camote auf⸗ genommen hatte, erregte meine Aufmerkſamkeit durchaus nicht. Der würdige Pächtet aus dem Inneren des Landes war ſeit unſerer Abreiſe von Merico ſchon bei ſeiner zehnten Cigarette; er ſchien ſich an der Seite des Senators vollkommen behaglich zu fühlen und kümmerte ſich ganz und gar nichts um die * 261 Reiſenden: der Typus des mericaniſchen Ranchero hat viel mit dem des Mohicaners gemein. Stets würdig und unempfind⸗ lich, ſetzt ihn nichts in Erſtaunen, regt ihn nichts auf; nur hat der Ranchero vor dem Mohicaner darin einen Vorzug, daß ſein Ernſt beim Vergnügen nicht unſtörbar iſt, und daß er mit dem andaluſiſchen Blut, welches ihm ſeine Vorfahren hinterlaſſen haben, zu den Feſten, zu denen man ihn ladet, ſeinen Antheil an Witz und Heiterkeit mitbringt. Mit einem Worte: ein von Gascogner und Indianer gekreuztes Blut würde einen Ranchero geben. Die Sonne, welche die ganze Natur belebt, ruft gewöhn⸗ lich in den Diligencen die Geſpräche hervor: diesmal war es Senora Lucinda Flores, welche die Initiative nahm. „Der Herr iſt Senator?“ fragte ſie Don Andres Moratin. „Ja, Madame,“ antwortete dieſer voll Stolz,„mexicani⸗ ſcher Senator, das heißt Repräſentant des freiſten und hoch⸗ herzigſten Volkes der ganzen Welt.“ „Ah! mein Herr, Niemand beſtreitet Ihr Verdienſt und die Dienſte, welche die Kammer leiſtet.. Doch es gibt ein Geſetz, mit dem ſich zu beſchäftigen Sie ſtets vergeſſen haben.“ „Welches, Madame?“ „Ein Geſetz, um die Räuber zu vertilgen, welche die Landſtraßen verheeren. Wiſſen Sie wohl, Herr Senator, daß die zwei letzten Diligencen geplündert worden ſind?“ „Senora, ich entſchuldige Ihre Unwiſſenheit,“ erwiederte mäjeſtätiſch der Senator;„doch erfahren Sie, daß wir den Raub ſchon verboten haben.“ „Das iſt möglich, Senor, Sie haben aber vergeſſen, die⸗ 262 jenigen zu beſchützen, welche man beraubt... und man raubt alle Tage.“ „Madame,“ entgegnete Don Andres, indem er mich an⸗ ſchaute,„Sie müſſen ſolche Dinge nicht vor dieſem Herrn ſa⸗ gen, der ein Fremder iſt: das heißt ihm einen traurigen Be⸗ griff von unſerem Vaterland, dem Vaterland der großen Dinge und der Freiheit, geben.“ „Keines Wegs Senor Moratin,“ fagte ich zu dem Senator, „es gibt überall Räuber, bei den eciviliſirteſten Völkern und das fällt nicht auf die Ehre einer Nation zurück.“ „Was Sie da ſagen, Caballero, iſt ſehr vernünftig,“ ſprach Moratin, indem er ſich vor mir verbeugte;„übrigens müſſen Sie wiſſen, daß Europa ſelbſt entfernt nicht ſo weit in der Civiliſation vorgerückt iſt, als Mexicv. Darf ich Sie fragen, welcher Nation Sie angehören?“ „Ich bin Franzoſe.“ „Ah! Sie ſind Franzoſe. Nun, ſo geſtehen Sie, Ca⸗ ballero, daß Ihr Vaterland eben ſo ſehr, als es Merico gegen⸗ wärtig ſein mag, von Räubern zur Zeit der Thronbeſteigung Ihres Königs, des großen Friedrich, bevölkert geweſen iſt.“ „Des großen Friedrich?“ wiederholte ich ganz erſtaunt. „Ja, des großen Friedrich,“ verſetzte unſtörbar der Se⸗ nator, und er fügte dann freundlich und fein lächelnd bei:„Sie ſcheinen ſich zu wundern, Senor, daß ein Mericaner Ihre Geſchichte kennt?“ Ich verbeugte mich vbll Ehrfurcht und ſo tief als ich konnte.. „Und was denken Sie von Ihrem König Heinrich VIII., —— 263 dieſem abſcheulichen Ketzer, dieſem ſchamloſen Bigamen, den unſer heiliger Vater ercommunieirte und ſodann in's Gefäng⸗ niß werfen ließ? Suchen Sie in unſerer ganzen Geſchichte, und ich ſchwöre Ihnen, Sie werden keine ſolche Ungeheuerlichkeiten finden.“ Der große Friedrich hatte meinen Ernſt ſchon aus dem Gleichgewicht gebracht, bei Heinrich VIII. verlor ich ihn vol⸗ lends ganz, und ich war genöthigt, mich aus dem Kutſchen⸗ ſchlag zu legen. „Nach was ſchauen Sie denn, Senor?“ fragte mich Dona Lueinda Flores mit bewegter Stimme. „Nach nichts, Dona, ich ſchöpfe Luft.“ „Ah! Sie haben mir Angſt gemacht! ich glaubte, wir würden angegriffen.“ „Und wenn dem ſo wäre, Senora,“ erwiederte ich, in⸗ dem ich in meiner Taſche etliche und dreißig Piaſter klingen ließ, die man mir bei mir zu behalten gerathen hatte, damit ich im Falle eines Angriffs den Räubern mein demüthiges Contingent anbieten könnte, und nicht ihrem Zorn preisge⸗ geben wäre;„im Ganzen wäre das nichts Schreckliches; man hätte einen Halt zu machen, einigé wilde Schreie zu hören und ein paar Piaſter zu opfern.“ „Ja, für Sie, der Sie ein Mann ſind, doch für mich... Donn Lueinda Flores ſchien zu zögern. „Nun wohl, was für eine andere Gefahr kann für Sie vorhanden ſein, Madame?“ fragte ich mit großer Naivetät. „Ich bin Weib, Senor,“ erwiederte die ſchüchterne Lu⸗ 264 cinda, indem ſie beſcheiden die Augen niederſchlug und ſich aufſchwellte, um roth zu werden. „Es iſt alſo wirklich eine Gefahr vorhanden?“ fragte mit weicher und friſcher Stimme Dona Jeſuſita Moratin, die ſich noch nicht in das Geſpräch gemiſcht hatte. „Ah! Madame, dieſe Räuber ſind ſo unternehmend!“ rief Lueinda; dann nachdem ſie einen Augenblick geſchwiegen, fügte die dicke Frau mit einem Seufzer bei:„Ich habe jedoch ſchon zwanzig Mal dieſen Weg gemacht, ohne angegriffen wor⸗ den zu ſein.“ „Meiner Treue! wenn ich früher daran gedächt hätte,“ ſprach der Senator,„ſo würde ich eine Escorte von Drago⸗ nern verlangt haben. Sie können ſich nicht vorſtellen, mein Herr,“ fügte der Senator Moratin bei, indem er das Wort unmit⸗ telbar an mich richtete,„Sie können ſich nicht vorſtellen, was für vortreffliche Truppen wir in Merico haben: was unſere Officiere betrifft, ſo iſt es unnöthig, von ihnen zu ſprechen, denn ihr wunderbarer Ruf überſteigt alle Lobeserhebungen; es gibt Kapitäne in unſerer Armee, die für ſich allein an Werth dem berühmten römiſchen Kaiſer, dem großen Alexander, und ſeinem ausgezeichneten Lieutenant Don Julio Ceſar gleich⸗ kommen.“ „Sie führen mir da ſehr berühmte Eroberer an, Senor Moratin.“ „Ich weiß es, Senpr, berühmte Eroberer und unerſchro⸗ ckene Soldaten, welche weder Stückkugeln, noch Kartätſchen fürchteten. Nun wohl, in unſerer Armee gibt es zweitauſend Subalternofficiere, die ihnen in keiner Hinſicht nachſtehen. Ich * 265 will Ihnen eine Thatſache als Beweis deſſen, was ich behaupte, erzählen... Vor ungefähr einem Jahr brach ein Grito*) in Tabasco aus: die verbündeten Inſurgenten bemächtigten ſich eines Theils der Stadt und beſetzten mehrere Klöſter. Die Regierung ſchickte ſogleich, um ſie zu Paaren zu treiben, ein Detachement von achtzig Dragonern unter dem Befehl eines Kapitäns ab. Am Tag ſeiner Ankunft nahm dieſer Officier den Inſurgenten die Klöſter wieder, deren ſie ſich bemächtigt hatten, und als die Nacht einbrach, bivouakirte er ruhig mitten in der Stadt. Am andern Morgen bei Sonnenaufgang ſtellte der unerſchrockene Kapitän ſeine Truppen in Schlachtordnung auf und wandte ſich nach der Plaza. Die Plaza aber war ganz einfach von 200 Inſurgenten beſetzt, die, in den Häu⸗ ſern zerſtreut, deren Mauern ſie durchbrochen hatten, von vier Seiten zugleich Feuer gaben. Dabei war an jeder von den vier Ecken der Plaza eine furchtbare Barricade aufgeworfen. Ich kann Ihnen um ſo mehr alle dieſe Einzelnheiten erzählen, als ich ſelbſt auf dem Kampfplatz wohnte und bei dieſer ganzen Affaire anweſend war. Auf zwanzig Schritte bei der erſten Barricade angelangt, blieb der Kapitän, der ſeiner Truppe, die Cigarre im Mund und den Säbel in der Scheide, voranmarſchirte, ſtehen, wandte ſich an die Inſurgenten und rief ihnen zu: „„Holla, Canallas, zieht Euch zurück, oder ich laſſe Euch erſchießen.““ Statt jeder Antwort gaben die Inſurgenten Feuer auf ihn. *) Auſßſtand. 266 „„Ungeſchickte!““ ſprach ruhig der Officier, indem er die Aſche von ſeiner Cigarre ſchüttelte; und mit einem ſtets gleich ruhigen Weſen ſprang er, ohne ſeinen Säbel aus der Scheide zu ziehen, über die Barricade und vertrieb mit gewaltigen Strockſtreichen diejenigen, welche ſie beſetzt hielten. Die achtzig Dragoner erhoben ein ungeheures Beifallsgeſchrei über die That ihres Führers, und als ſie ſahen, daß er ihrer Mitwir⸗ kung entbehren konnte, blieben ſie unbeweglich, um die Sache nicht noch mehr zu verſchlimmern. Ohne ſich darum zu be⸗ kümmern, ob man ihm folgte, wandte ſich der Kapitän ſo⸗ dann nach der zweiten Barricade und wiederholte ſeine Auf⸗ forderung. Eine neue Ladung antwortete ihm. Fünf Minuten nachher ſah man die Belagerten in allen Richtungen entfliehen, während der Kapitän auf der Höhe der Barrieade erſchien; er rauchte beſtändig ſeine Cigarre und ſein Säbel ruhte in der Scheide, nur war ſein Stock zerbrochen.„„Teufel,““ ſagte er, indem er ärgerlich die Trümmer betrachtete,„„das iſt eine Empörung, die mich theuer zu ſtehen kommt, und ein Ver⸗ luſt, der Rache heiſcht.““ Dann zog er vom Leder und ſtürzte ſich wüthend auf die dritte Barricade; ihre Vertheidiger hatten ſie ſchon verlaſſen, und der Kapitän hatte, um ſich zum Herrn derſelben zu machen, nur die Mühe, einem Nachzügler den Schädel zu ſpalten. Von dieſem Augenblick an war die Em⸗ porung bezwungen, um ſo mehr, als die Dragoner, durch das Beiſpiel ihres Führers elektriſirt, über Hals und Kopf den Flüchtlingen nachſtürzten und etwa dreißig derſelben tödteten. Dies, mein Herr⸗Fremder, iſt eine That, deren Zeuge ich ge⸗ 267 weſen bin, und die zum Beweiſe dient, wie ſehr unſere Trup⸗ pen denen von Europa und der ganzen Welt überlegen ſind.“ Ich war zu ſehr vertraut mit der mericaniſchen Ueber⸗ treibung, als daß mich die Erzählung von Don Andreas Moratin im Geringſten in Erſtaunen geſetzt haben könnte; ich beſchränkte mich auch darauf, ihm ganz einfach zu erwiedern: „Wahrlich, Senor, das iſt eine bewunderungswürdige That! Und dieſer Officier lebt noch?“ „Gewiß, Senor,“ antwortete Don Andres.„Es iſt ein ſehr eleganter Caballero, ein ſchöner Spieler, ein bewunde⸗ rungswürdiger Reiter und ein vortrefflicher Muſiker: er heißt Bravaduria.“ „Bravaduria!“ wiederholte ich ganz verwundert. „Kennen Sie ihn?“ fragte mich der Senator. „Hm! wir haben uns gegenſeitig einige Dienſte geleiſtet.“ Die Senora Moratin, welche eingeſchlafen zu ſein ſchien, öffnete ihre großen, ſchönen Augen und ſchaute mich aufmerk⸗ ſam an. „Alle Frauen ſind närriſch in ihn verliebt,“ fuhr der Senator von Tabasco fort;„doch die Senora Moratin aus⸗ genommen, die ich ſtets unglaublich parteiiſch gegen ihn ge⸗ funden habe, ohne Zweifel, weil er ihr den Hof zu machen vergeſſen.“ Bei dieſen Worten, welche auf eine Meile nach dem Ehemann rochen, zuckte Dona Jeſuſita unmerklich die Achſeln und entſchlummerte wieder. Hiebei blieb das Geſpräch ſtehen; die Frau des Senators 268 ſchien, wie geſagt, zu ſchlafen, ihr Gatte folgte bald gewiſſen⸗ haft ihrem Beiſpiel; der Rancherv Camote zündete immer wieder eine neue Cigarette an und Dona Lucinda Flores ſchien, die Augen zum Himmel aufgeſchlagen, von ernſten Gedanken in Anſpruch genommen und lächelte den Wol⸗ ken zu; ich dachte über die Ereigniſſe, die mir unvermuthet ſeit dem vorhergehenden Abend zugeſtoßen waren, um den letzten Augenblicken, die ich in Mexico zubrachte, ein Intereſſe zu geben, und beſonders über den ſeltſamen Zufall nach, welcher mich mit Dona Jeſufita zuſammenbrachte, deren Gatte gerade ein Bewunderer von Bravaduria war. Indem ich allmälig der Einbildungskraft die Herrſchaft über die Erinnerung und der Fiction über die Wirklichkeit überkieß, gelangte ich, ohne es zu vermuthen, dazu, daß ich in meinem Geiſte mit allen dieſen Ereigniſſen und allen dieſen zuſammentreffenden Umſtän⸗ den einen kleinen, ſehr intriguenreichen Roman componirte. In dem Augenblick, wo ich, dieſe Arbeit verfolgend, einen glaub⸗ würdigen Vorwand ſuchte, um die Tugend der liebenswürdi⸗ gen Jeſuſita zu motiviren, deren Gebieter und Herr, beiläufig geſagt, zwei Schritte von mir auf eine abſcheuliche Weiſe ſchnarchte, erinnerte mich ein Ausruf an meiner Seite an meine gegenwärtige Lage. „Mein Gott! wie gern möchte ich dieſen Bravaduria kennen lernen!“ rief Dona Flores, die ich, wäre ſie nicht ſo furchtbar häßlich geweſen, in dieſem Augenblick mit der heiligen Thereſe in Ertaſe verglichen hätte. egen ein Uhr hielt die Diligence in Rio Frio an. Rio Frio mit ſeinen Fichtenwäldern, ſeiner reichen, aber kaltgefärb⸗ . 269 ten Vegetation, und beſonders mit ſeiner Temperatur, welche zwei Grad unter Null ſteht, gleicht einer Schweizer Landſchaft, umrahmt von Tropenländern. Der Pachthof oder Rancho, in den wir eintraten, um zu frühſtücken, glich ebenfalls durch ſeine Bauart einer von den pittoresken Hütten Helvetiens Zu unſerem großen Erſtaunen ſahen wir um einen ziemlich wohlbeſetzten Tiſch etwa ein Dutzend Reiſende ſtehen, welche die vor ihnen aufgeſtellten Platten mit Neid und Verzweiflung zu betrachten ſchienen. Die Mehrzahl dieſer Reiſenden war ſehr bleich von Geſicht und ſehr abgeriſſen in ihrer Kleidung. Der Senator Moratin zog ohne Zweifel die That der Beob⸗ achtung vor; er ließ ſeine Frau neben ſich ſitzen, rief den Aufwärter und fing an, ohne ein Wort zu ſagen, mit dem beſten Appetit zu frühſtücken. Bezaubert durch das anmuthige Bild, das ihr ein an der Wand aufgehängtes Stück Spiegel darbot, lächelte Dona Lueinda Flores mit großem Wohlgefallen ſich ſelbſt zu und ſuchte ein wenig Ordnung in ihre Bänder zu bringen. Was den ſchätzbaren und ſchweigſamen Camote betrifft, ſo verachtete er ein regelmäßig ſervirtes Frühſtück; er ſetzte ſich in einen Winkel des Saales und ſpeiſte eine Platte Frijolen oder rothe Bohnen, die vor ihm auf einer hölzernen Bank ſtand: nach jedem Mundvoll ſchlürfte der würdige Ranchero eine Wolke von ſeiner Cigarette. Die ſchon gegen⸗ wärtigen Reiſenden, die uns bei unſerem Eintritt in den Rancho anzuflehen geſchienen hatten, blieben ſtets unbeweglich um den Tiſch. „Warum frühſtücken Sie denn nicht, Senor?“ fragte 270 ich denjenigen, welcher zunächſt bei mir ſtand;„es ſind noch zehn Plätze leer und zehn Gedecke für Sie bereit.“ „Wir frühſtücken nicht, Senor, weil wir kein Geld ha⸗ ben,“ antwortete der Reiſende. „Wie, Sie haben kein Geld!“ rief ich ganz erſtaunt. „Nein, Senor, wir Alle könnten keinen Real zuſammen⸗ bringen. Wir ſind von einer Räuber⸗Cuadrilla ungefähr zwei Meilen von hier vor einer Stunde geplündert worden.“ Bei dieſer Antwort, welche mit lauter und verſtändlicher Stimme in Form einer Anrufung an unſere Großmuth ge⸗ geben wurde, erhob der Senator das Haupt und ſprach: „Was Sie da erzählen, Senores, wundert mich ſehr, denn ich habe vor höchſtens fünfzehn Jahren in meiner Eigenſchaft als Senator für die Unterdrückung des Straßenraubs votirt.“ Nachdem er ſo geſprochen, ſetzte der Senor Moratin ſein unterbrochenes Frühſtück voll Eifer wieder fort. Ich hatte erwähntermaßen etwa dreißig Piaſter für meine Reiſeausgaben zu mir geſteckt, und ich zögerte daher, ob ich die zehn Reiſenden zum Frühſtück einladen ſollte, was mit einem Mal den dritten Theil meines Kapitals weggenommen hätte, als der ruhige und ſchweigſame Camote ſeine Platte mit Fri⸗ jolen weit von ſich ſtieß, aufſtand und zum erſten Mal das Wort nahm. „Holla! Hueſped,“ rief er, indem er ſich an den Wirth wandte,„kommt hierher und laßt uns miteinander dieſe Sache ordnen. Mögen die Räuber die Diligeneen plündern, das iſt ganz gut, denn Jeder muß ſein kleines Gewerbe treiben, um davon zu leben, doch daraus folgt nicht, daß man die Reiſen⸗ 271 den muß Hunger leiden laſſen. Was koſtet ein Frühſtück bei der Tafel?“ „Einen Piaſter für den Kopf,“ antwortete der Wirth. „Hier ſind zwei Unzen Gold,“ ſagte der großmüthige Camote,„Ihr ſeht, daß ich bezahlen kann, nicht wahr?“ „Ja, Senor,“ ſagte der Wirth. „Nun wohl, lieber Freund, holt mir ein Kartenſpiel und laßt uns um dieſe zehn Frühſtücke auf den erſten Caballero, der herauskommt, ſpielen.“ „Meiner Treue, warum nicht!“ antwortete der Hueſped, der vor Allem Mericaner und dann erſt Wirth war. Die Reiſenden ſetzten ſich, nachdem ſie auf das Wärmſte Camote für ſeine großmüthige Vermittlung gedankt hatten, an den Tiſch und beeilten ſich, die verlorene Zeit wieder ein⸗ zuholen. Eine Minute ſpäter warf Camote einen Real auf die Bank und ſagte zu dem Wirth: „Theurer Freund und Caballero, ich habe die Frühſtücke dieſer Herren gewonnen; hier für meine Platte Frijolen. Seid ſo gut und gebt mir eine Cigarette.“ In dieſem Augenblick vernahm man den Lärmen galop⸗ pirender Pferde und klirrender Säbel auf der Landſtraße. Die Blicke wandten ſich nach der Seite, von der das Geräuſch kam, und wir gewahrten einen Alferez oder Dragonerlieute⸗ nant, gefolgt von ſechs Soldaten, die auf den Rancho zurit⸗ ten, wo wir uns befanden. „Gott ſei gelobt!“ rief der Senator Moratin, indem er vom Tiſche aufſtand und dem Officier entgegenging, der ſo⸗ 272 gleich von ſeinem Pferde abſtieg;„Gott ſei gelobt! wir ha⸗ ben nichts von den Räubern mehr zu befürchten, ein Lieute⸗ nant und ſechs merieaniſche Soldaten konnen hundert Räubern Trotz bieten.“ Der Dragonerlieutenant ging, nachdem er die Höflich⸗ keiten des Senators ziemlich gleichgültig erwiedert hatte, auf die Reiſenden zu und ſagte zu ihnen: „Nun, Senores, wir ſind geſund und wohlbehalten in Rio Frio. Der Reſt Ihrer Reiſe, nämlich der Weg von hier nach Merico, bietet keine Gefahr mehr. Sie müſſen zuftieden ſein?“ „Zufrieden!“ rief einer von den Reiſenden mit wüthen⸗ der Stimme.„Und worüber denn? daß wir vor einer Stunde geplündert worden ſind?“ „Wie! Sie ſind beraubt worden?“ ſagte der Officier. „Bei Gott! Sie müſſen es beſſer wiſſen, als irgend Je⸗ mand,“ entgegnete der Reiſende,„da Sie in dem Augenblick, wo uns die Räuber überfielen, die Flucht ergriffen.“ „Zch habe die Flucht ergriſen, Senor!“ rif der Ofſ⸗„ cier außer ſich, und indem er mit der Hand nach dem Griff ſeines Säbels fuhr, vich habe die Flucht ergriffen, ich, ein mericaniſcher Ofſicier!... Alle Teufel! wiederholen Sie mir das ins Geſicht, und ich nagle Sie mit meinem Säbel auf Ihren Platz.“ „Bah!“ verſetzte der Reiſende, ein Nordamerikaner von athletiſchen Formen,„Sie nageln gar nichts, und ich werde, bis ich ſatt bin, wenn es mir gut dünkt, wiederholen, daß Sie ſich wie ein Feigling benommen haben.“ 273 „Du haſt nur noch zu beten und dann mußt Du ſter⸗ ben!“ rief der Officier, während er vom Leder zog und auf den Amerikaner losſtürzte. Der große Mankee ſprang, keineswegs durch dieſen un⸗ geſtümen Angriff eingeſchüchtert, raſch auf und nahm vom Tiſch mit ſeiner linken Hand eine ſchwere Flaſche und mit der rechten ein langes Tranchirmeſſer, und rief, während er kalt⸗ blütig einen Schritt vorwärts machte, um ſich ſeinem Gegner zu nähern: „Ah! nun werdet Ihr muthig! Wahrhaftig ich hätte das nicht von Euch erwartet! Laßt einmal ſehen, was nagelt Ihr?“ „Dieſer Menſch iſt verrückt und verdient nicht, daß man ſich um ihn bekümmert,“ murmelte der Officier und ſteckte ſeinen Säbel wieder in die Scheide. „Gut, ſehr gut, Senor Alferez!“ rief der Senator Mo⸗ ratin, der während dieſer heftigen Scene auf ſeinem Stuhle ſitzen geblieben war.„Ihr Benehmen iſt würdig eines mexi⸗ caniſchen Officiers. Brav und geduldig, das iſt ſehr gut.“ Der Lieutenant ſchaute einen Augenblick den Senator an: als er aber bemerkte, daß dieſer im Ernſte und ohne zu ſpot⸗ ten ſprach, erwiederte er mit einer edlen Einfachheit:„Dieſer Menſch iſt ein Fremder, er betritt den Boden unſeres glor⸗ reichen Vaterlands, und ich darf in ihm nur einen meiner Gaſtfreundſchaft anvertrauten Reiſenden ſehen.“ „Das heiße ich als wahrer Mexicaner ſprechen,“ ſagte der Senator Moratin;„doch ich bitte Sie, Senor Alferez, erzählen Sie mir, wie ſich dies Alles zugetragen hat.“ Der Erzähler. 1847. W. 18 274 „Ich will es Ihnen erzählen, ich!“ rief der Mankee, der immer noch ſeine Flaſche und ſein Meſſer in ſeinen Händen hielt.„Ungefähr eine Meile von hier überfielen zehn Räuber unſere Diligence mit einem Teufelsgeſchrei; dieſer Lieutenant machte ſich ſchmählich mit ſeinen Leuten aus dem Staub; wir hatten keine Waffen, um uns zu vertheidigen, die Räuber zwan⸗ gen uns, auszuſteigen, durchſuchten uns auf das Genauſte und plünderten uns dann mit einer Ruhe, welche bewies, wie we⸗ nig ſie in Ausübung ihrer Induſtrie geſtört zu werden be⸗ fürchteten.“ „Hören Sie, wie ſich die Sache zugetragen hat,“ ſprach der Officier.„Eine Meile von hier brachen in der That zehn Räuber auf vortrefflichen Pferden plötzlich aus dem Walde hervor. Da ich mir nicht einbilden konnte, was ganz un⸗ glaublich iſt, zehn Räuber werden es wagen, ſechs von einem Officier befehligte Dragoner anzugreifen, ſo dachte ich, dieſe Leute zeigten ſich nur ſo kühn, um eine Diverſton zu bewerk⸗ ſtelligen, und befahl als wahrer Taktiker meiner Truppe, in den Wald zu eilen und dem Feind in den Rücken zu fallen. Meine Soldaten gehorchten mir mit einer Schnelligkeit und einem Muth ohne Gleichen... und ſtatt jedes Dankes er⸗ halten wir nun nichts als Beleidigungen.“ „Senor Ingles,“ ſprach der Senator, ſich gegen den Amerikaner umwendend,„Ihre Anſchuldigungen ſind völlig ungerecht. Das Benehmen des würdigen Alferez beweiſt nur Eines: daß der Mericaner mit dem Muthe des Löwen die Klugheit des Füchſes verbindet. Die ſtrategiſche Frage, welche 275 dieſer brave Officier ſo klar entwickelt hat, muß Männiglich darthun, daß er große Kenntniſſe in der Kriegskunſt beſitz.“ „Sie gefallen mir mit Ihrer Klugheit des Fuchſes,“ entgegnete der Yankee, weniger als je von dem Muthe ſeines Gegners überzeugt.„Sprechen Sie lieber von einem Haſen oder von einem Schaf.“ Dann fügte er, aus ſeiner gewöhnli⸗ chen Ruhe heraustretend, bei:„Darüber, daß Sie uns im Augenblick der Gefahr verlaſſen haben, wundere ich mich nicht, aber ich kann nicht begreifen, daß Sie noch vor uns zu er⸗ ſcheinen wagen. Sprechen Sie, was wollen Sie hier? was verlangen Sie 2“ „Was ich verlange?“ erwiederte Alferez,„ganz einfach das, was man mir ſchuldig iſt. Die ſechs Piaſter, die Sie mir und meinen Soldaten verſprochen haben, wenn wir als Geleite dienen würden.“ „Ah! das heißt die bis zum Wahnfinn treiben,“ rief der Mankee. 6 „Nein, nein: das iſt nur gerecht und billig! Wenn Sie übrigens kein Geld haben, ſo kann man Ihnen Credit geben.“ „Uns Credit geben!“.. wiederholte der Amerikaner ganz erſtaunt. „Warum nicht... wenn Sie uns ein gutes Pfand anzubieten haben.“ Nachdem er dies erwiedert, bemächtigte ſich der Alferez eines ſchönen Mantels von Kautſchuk, der dem Yankee ge⸗ hörte, und verließ ſchleunig den Speiſtſaal; ſein Pferd er⸗ wartete ihn geſattelt und gezäumt vor der Thüre, er ſchwang 276 ſich hinauf und ſprengte, gefolgt von ſeinen Soldaten, in ge⸗ ſtrecktem Galopp fort. Außer ſich, von einer Wuth befallen, die ſich gar nicht beſchreiben läßt, fluchte der Nordamerikaner mit einer ſolchen Energie, daß Dona Jeſufita erſchrocken hinauseilte. Wir An⸗ deren ſtiegen auch ſogleich in den Wagen. 3. An demſelben Tag, um fünf Uhr Abends, kamen wir ohne Unfall in der Puebla de los Angelos an, wo die Dili⸗ gence anhielt. Wir ſollten am andern Morgen um vier Uhr wieder abreiſen. Nachdem ich die Nacht ſehr unruhig geſchla⸗ fen hatte, weckte man mich. Ich ſtieg maſchinenmäßig in die Diligence; um mich vor der ſchneidenden Kälte zu ſchützen, hüllte ich wich, ſo bequem als möglich und ohne mich um meine Reiſegefährten zu bekümmern, in meinen Mantel und ſetzte meinen unterbrochenen Schlaf fort. Als ich erwachte, war es heller Tag. Ich ſchaute auf meine Uhr, ſie bezeich⸗ nete die zehnte Stunde. „Wo ſind wir denn?“ fragte ich Camote, der an meiner Seite rauchte. „Wir ſind im Pinal, ungefähr eine Stunde von Hua⸗ mantla,“ antwortete er mir. Sogleich beugte ich den Kopf aus dem Schlag, um einen Blick auf dieſe Landſchaft zu werfen, welche, als ich ſie fünf Jahre vorher? zum erſten Mal geſehen, einen lebhaften Ein⸗ druck auf mich hervorgebracht hatte. In der That, der —*— M 277 Pinal*) iſt der furchtbarſt ſchone Ort, den ſich eine nach Art von Salvator Roſa eraltirte Einbildungskraft träumen kann. Zur Rechten des Reiſenden, der von Mexico kommt, erhebt ſich ein hoher, gerader, felſiger Berg, bedeckt mit einem Wald von hundertjährigen Tannen: man ſollte glauben, es ſei ein hundertjähriger Rieſenkopf mit dichtem Haupthaar. Dieſe Tan⸗ nen, welche das Alter und beſonders die Stürme eben ſo wenig als die Art der Menſchen verſchont haben, ſtellen eine unentwirrbare Unordnung dar. Die Könige derſelben, die in ihrem Stolz vom Blitz getroffen worden ſind, bleiben von Sturz zu Sturz an den Gipfeln der Bäume einer niedrigern Fläche hängen, bilden luftige Brücken im Raume und erneuern ſo für den Reiſenden die Angſt des Schwertes von Damokles. Die Straße wird auf der entgegengeſetzten Seite durch einen Ab⸗ ſturz begrenzt, in deſſen Tiefe man, als ob es eine glatte, grüne Wieſe wäre, die Gipfel anderer Bäume erblickt, deren Häup⸗ ter ſich doch hundert Fuß über dem Erdboden erheben. Die Farbe des Terrain, ein hartes Rothgelb, hebt bewunderungs⸗ würdig die düſteren, mit Ultramarin beladenen Tinten des Ge⸗ birgs hervor. Dabei iſt der Pinal in ganz Mexico berühmt durch ſeine Räuber, welche ſich hier zahlreich und von erſter Qualität finden; und da es einmal abgemacht iſt, daß man auf der Fahrt von Mexico nach Vera Cruz oder von Vera Cruz nach Merico geplündert werden muß, ſo iſt es beſſer, wenn es hier als irgend ſonſtwo geſchieht, denn die Land⸗ *) Pinal bedeutet eine große Pflanzung von Pinos oder Tannen. 278 ſchaft iſt der Scene würdig. Dieſe gefährliche Ergänzung iſt auch inſofern erſprießlich, als ſie das Blut durch eine be⸗ ſtändige Furcht in einem gereizten Zuſtand erhält und die wilden Schönheiten der Gegend beſſer begreiflich und fühlbar macht. Die Straße, welche zu jähe und ſchlüpfrig für den Wagen wäre, wird von zehn zu zehn Schritten von ungeheuren Fichtenſtämmen durchzogen, die eine rieſige Treppe von drei franzöſiſchen Meilen bilden. Mehr als fünftauſend Fuß über der Meeresfläche, findet ſich der Pinal, deſſen Temperatur beinahe ſo kalt iſt, als die von Rio Frio, beſtändig in Wolken gehüllt; ein dichter Nebel, mit dem ſich der Athem unſerer ſchwitzenden Pferde vermengte, verbarg uns einen Theil des Berges und gab den gebrochenen Linien ganz bizarre, phantaſtiſche Formen. Jeden Augenblick glaubten wir aus den weißen Dünſten die glänzenden und mörderiſchen Mündungen von Trabucos oder Mousquetons hervorkommen zu ſehen, und das Knarren der Räder der Dili⸗ gence, die den Sand zermalmte, überſetzte ſich in unſeren Ohren in ein gräßliches Feldgeſchrei. Felsbruchſtücke von Granit und Baſalt, mit rothen Adern, fanden ſich auf der Straße zerſtreut und machten den Wagen mit furchtbaren Stoßen und Schlägen aufſpringen, doch Niemand von uns, mit Ausnahme unſeres Nachbars Camote, dachte daran, ſich zu beklagen. Der würdige Ranchero, dem ſeine Wunde am Bein viele Schmerzen zu verurſachen ſchien, ſtrömte ſein Leiden in Verwünſchungen aus, während er ſeine Cigarette zu rauchen fortfuhr.* „Gott hat den Menſchen das Pferd gegeben, und die ————— 279 Menſchen ſind es, die die Wagen erfunden ſagte er;„dieſe Erfindung iſt eine Ruchloſigkeit. Der Teufel hole meine Seele am Tage des jüngſten Gerichts, wenn ich je einwillige, mich zum zweiten Mal in die Fächer einer Diligence einſchließen zu laſſen!... Gott, wie leide ich! Caramba... dieſe verfluchte Kugel hatte auch nöthig, ſich in meinem Bein einzuquartieren!“ „Sie leiden alſo durch eine Kugel, die Sie bekommen haben, Senor?“ fragte ich ihn. „Wer ſpricht von einer Kugel?“ entgegnete Camote ſehr übler Laune. „Sie, bei Gott!“ „Ich, gehen Sie doch! ich habe einen Fußtritt von einem Pferd bekommen, und nichts Anderes.“ „Dann haben Sie Unrecht, die Diligence anzuklagen und zu ſchmähen, und das Pferd ſo ſehr zu loben.“ „Sie ſehen wohl, daß ich bei den berfluchten Stichen, die mir meine Wunde verurſacht, nicht weiß, was ich ſpreche, und mich ganz ohne Ueberlegung beklage. Ich wollte von dem Hornſtoße eines Stieres ſprechen.“ „Wie Sie wollen. Nur befürchte ich, Sie werden die Diligence nicht mehr drei Tage lang ertragen können.“ „Wie, drei Tage? ich komme hoffentlich, ehe eine halbe Stunde vergeht, an Ort und Stelle. Mein Dorf liegt am Eingang des Pinal, höchſtens ein paar Büchſenſchüſſe von dem erſten Fußpfad links, den wir finden werden.“ „Dann iſt das Dorf, von dem Sie ſprechen, Huamantla.“ „So iſt es. Ich bin von Huamantla.“ „Sie 24 280 „Allerdings, ich!“ erwiederte Camote mit einer gewiſſen Emphaſe. Bei dieſer Antwort von Camote riß der Senator Don Andres Moratin die Augen weit auf. Und die Senora Lucinda Flores rief mit einem ſchwer zu beſchreibenden Er⸗ ſtaunen:„Wie, Senor, Sie, der Sie ſo gleichgültig gegen Alles, was Sie umgibt, zu ſein ſcheinen, Sie ſind von Huamantla?“ Camote, der bis dahin die umfangreiche Lucinda Flores nicht bemerkt zu haben ſchien, beſchränkte ſich darauf, daß er ihr mit dem Kopf ein bejahendes Zeichen machte und ſich eine neue Cigarette holte. Das Dorf Huamantla, das jeder von uns ſo genau zu kennen ſchien, genoß auf der Straße von Mexico nach Vera Cruz eine große Berühmtheit, und dieſe Berühmtheit, wir müſſen es ſogleich bemerken, war durchaus nicht uſurpirt. Huamantla erzeugt für ſich allein wenigſtens neun Zehntel der Räuber, welche die Diligencen plündern. Der Pfarrer, der Alcade, die Männer, und ſogar die Kinder über vierzehn Jahre von Huamantla ſind insgeſammt Räuber. Ob nun bei ihnen dieſe Induſtrie von der Art und Weiſe, wie ſie die Dinge anſehen oder, was mir glaublicher erſcheint, von der vortrefflichen Lage herrührt, welche ihr Dorf am Eingange des Pinal inne hat, weiß ich nicht; nur ſoviel iſt gewiß, daß der Raub das einzige Gewerbe iſt, wie ſie ſelbſt ſagen, das ſie treiben; es iſt das einzige Produrt ihres Bodens. Nach dem Geſtändniß, das uns Camote abgelegt, und in der Lage, in ver wir uns befanden, nämlich da wir jeden Augenblick angegriffen werden konnten, war die Freundſchaft 281 des ſchätzenswerthen Ranchero durchaus nicht zu verachten. Ich beeilte mich auch, das Geſpräch wieder anzuknüpfen, um mir ſeine Gunſt zu erwerben. „Sie haben alſo die Ehre, Huamantla anzugehören, Senor?“ ſagte ich, indem ich mich vor ihm verbeugte;„ſeine Einwohner ſtehen im Ruf einer großen Tapferkeit.“ „Meiner Treue, ſie ſind dieſes Rufes würdig. Ich, was mich betrifft, ich wohne zwar in Huamantla, doch es iſt nicht mein Geburtsort. Ich bin von Leon.“ „Dann ſind Sie in einem Fortſchritt begriffen.“ „Wie ſo?“ „Kennen Sie nicht das berühmte Volksſprüchwort?“ „Gewiß,“ erwiederte Camote: „En la villa de Leon En cada casa un ladron, V el que no lo es Tiene amistad con ladrones*).“ Aber wo Teufels ſehen Sie hierin einen Fortſchritt?“ „Darin, daß bei Huamantla die zwei erſten Zeilen des Sprüchworts genügen: bei Ihnen gibt es keine Müſſige.“ „Ah! es iſt wahr!“ erwiederte Camote lächelnd.„In Leon iſt man muthig, während in Huamantla, wie es ſcheint, Jedermann arbeitet.“ Dieſes naibe: wie es ſcheint, gab mir die beſte Meinung von der Discretion von Camote. *) In der Stadt Leon iſt in jedem Haus ein Räuber, und derjenige, welcher es nicht iſt, ſteht in freundſchaftlicher Verbindung mit Räubern. 282 „Und denken Sie, man werde uns heute angreifen?“ fragte ich. „Meiner Treue, das würde mich in Erſtaunen ſetzen, denn es iſt heute das Feſt des heiligen Patrons unſeres Dorfes, und man thut an dieſem Tage nichts in Huamantla.“ „Dann ſei Ihr heiliger Patron gebenedeit.“ Da mir nach dieſem Geſtändniß von Camote aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach ſeine Freundſchaft weniger nothwendig war, ſo ſchnitt ich das Geſpräch kurz ab und zündete mir eine Cigarre an. Zehn Minuten nachher machte ſich das Geſchrei eines ohne Zweifel über die Annäherung unſerer Diligence erſchrockenen Cohote*) hörbar. Camote hob raſch den Kopf mit einer Bewegung in die Höhe, der eines Racepferdes ähnlich, das die Trompete ſchmettern hört, und horchte aufmerkſam. „Das iſt ein Cohote, den wir beinahe überfahren hätten,“ ſagte ich zu ihm. Der Ranchero machte mir ein verneinendes Zeichen mit dem Kopf und ſchien ſeine Aufmerkſamkeit zu verdoppeln. Eine Minute nachher warf Camote, etwas Unerhörtes! ſeine halb gerauchte Cigarre weg, dann kreuzte er die Arme und kauerte ſich nieder, um ſich ſo klein als möglich zn machen. „Aufgepaßt, meine Herren und Damen!“ ſagte er,„wir werden angegriffen.“ 1 *) Eine Art von Fuchs-Wolf, ein feiges Thier, das ſehr häuſig in Mexico zu finden iſt. 283 Kaum hatte Camote dieſe Worte geſprochen, als fünfzehn Reiter, das Geſicht mit Ruß beſchmiert und aus übermäßiger Vorſicht mit einer leichten ſchwarzen Halsbinde bedeckt, aus dem waldigen Gebirge zu unſerer Rechten hervorbrachen und unſere Diligence umzingelten. Insgeſammt mit Säbeln, Piſtolen und Carabinern bewaff⸗ net, ſchlugen die Reiter auf uns an und ſtießen ein Geſchrei aus, das eine Bande Huronen beſchämt hätte. Die Diligence fuhr indeſſen immer weiter. „Alto Cochero!“ halt Kutſcher! rief einer von den Reitern, der einen herrlichen Rappen ritt und der Anführer der Cuadrilla zu ſein ſchien. Der Kutſcher gehorchte ohne Zweifel nicht raſch genug dieſer Aufforderung, denn derſelbe Reiter rief einem von ſeinen Leuten, der ſich in ſeiner Nähe befand, zu:„Feuer auf den Kutſcher!“ Ein Carabiner knallte, und beinahe unmittelbar darauf erfolgte der Sturz eines ſchweren Körpers. Die Diligence hielt ſogleich an. Dieſe Scene war ſo raſch vor ſich gegangen und ich war ſo wenig darauf gefaßt, daß ich noch nicht ein⸗ mal Zeit gehabt hatte, darüber nachzudenken, welches Beneh⸗ men ich beobachten ſollte, als ich fühlte, wie mehrere Cara⸗ binerläufe mir durch den Kutſchenſchlag auf die Bruſt geſetzt wurden. Meine Reiſegefährten befanden ſich in einer der meinigen ganz ähnlichen Lage und dachten wie ich, glaube ich, nicht daran, ihr durch einen unmöglichen Widerſtand zu ent⸗ gehen. 284 Die Salteadores*) öffneten, als ſie an unſerer außer⸗ ordentlich beſcheidenen Haltung erkannten, daß ihre Operation beinahe gelungen war, die zwei Kutſchenſchläge und luden uns ſtets unter gräßlichen Flüchen ein, auszuſteigen. Wir beeilten uns, dieſem Befehl mit dem liebenswürdigſten Eifer zu ent⸗ ſprechen. Der Gehorſam war fortan für uns der einzige Weg des Heils. Erſt nachdem ich ausgeſtiegen war, konnte ich das En⸗ ſemble dieſer Scene erfaſſen, bei der ich leider ſelbſt Schau⸗ ſpieler war. Wie durch einen Zauber ausgeſpannt, wurden die Pferde der Diligence an die Bäume gebunden, welche den Fuß des Berges begrenzten. Bei den Rädern der Diligence krümmte ſich vor Schmerz ein Menſch mitten in einer Blut⸗ lache. Den Mund zuſammengezogen, das Geſicht bleich, die Au⸗ gen glaſig, glich der Senator Moratin einer Bildſäule der Angſt; die reizende Senora Jeſuſita ſchlug, wie Atale in dem Gemälde von Girodet, ihre ſchönen Augen voll Thränen zum Himmel auf. Der Ausdruck begründeter Furcht und tugend⸗ hafter Verzweiflung, der darauf zu leſen war, that mir wehe. Völlig von der Sorge für ihre Toilette in Anſpruch ge⸗ nommen, brachte Dona Lueinda Flores ſo viel als möglich Ordnung in ihre Bänder und ſchien nicht im Geringſten er⸗ ſchrocken. Was den tugendhaften Camote betrifft, ſo war dieſer in ſeinem Element und er betrachtete Alles, was vorging, mit dem Auge eines Profeſſors und Kritikers. „ *) Name der Straßenräuber. 285 Die Salteadores begannen, nachdem ſie uns in eine Reihe geſtellt hatten, ſogleich ihre Operationen. Zwei von ihnen trennten ſich von der Gruppe der Cuadrilla, die uns umgab, und gingen auf uns zu, der erſte ſeinen Hut in der Hand, der zweite den geſpannten Carabiner angeſchlagen und bereit, Feuer zu geben. Die Operation war indeſſen ganz einfach. Wir hatten nur aus unſeren Taſchen das Gold, das Silber und die Juwelen, die ſich darin finden mochten, zu ziehen und dies Alles in den Hut zu werfen, den uns der erſte Salteador darreichte, unter der Gefahr, im Fall eines böſen Willens oder einer Nachläßigkeit von unſerer Seite in die volle Bruſt die Kugel zu bekommen, die ſich im Cara⸗ biner des zweiten fand. Der Hut des Räubers hielt zuerſt mit einer gewiſſen Höflichkeit vor dem Senator Moratin an, der eine Uhr, eine Kette, einige Unzen Gold und eine Hand voll kleiner Silbermünzen hineinlegte; er ging ſodann, ohne zu warten, an der armen Jeſuſita vorüber und machte eine neue Station vor Dona Lucinda Flores, die ein ziemlich rei⸗ ches Halsband und einige Pioaſter hinein warf. Ich ſtand neben Dona Lucinda und beeilte mich, meine ſilberne Uhr und meine dreißig Piaſter Münze abzugeben; dann ſchlug ich keck an meine Taſchen, welche einen armen, matten Ton von ſich gaben, und wandte mich gegen Camote, an den nun die Reihe kam. Camote würdigte den geſpannten Carabiner, der ihn bedrohte, keines Blicks, dagegen ſchien der dargereichte Hut großes Erſtaunen bei ihm zu gerurſachen.— „Gib, oder ich ſchieße,“ rief ihm ungeſtüm der Saltea⸗ dor zu. „ 286 „Geht doch,“ erwiederte Camote ganz wüthend;„beraubt man mich je, Compadre*)? ich bin Camote.“ „Was liegt mir daran, daß Du Camote biſt,“ erwie⸗ derte der Salteador;„beeile Dich, oder ich gebe Feuer.“ „Ah! Ihr ſeid alſo ein Menſch aus dem Innern, daß Ihr ſo ganz und gar nichts verſteht! muß ich Euch wieder⸗ holen, daß ich Camote, Camote von Huamantla bin! Was Teufels! das müßte Euch genügen!“ „Du willſt mir nicht gehorchen?“ fragte der Räuber. „Caramba! das würde mir noch fehlen! Sicherlich nicht!“ „Nun wohl, das iſt für Dich,“ rief der Räuber und rührte raſch mit dem Finger an den Drücker ſeines Cara⸗ biners. Ein furchtbarer Knall machte ſich hörbar, und ich fand mich in Flammen und Rauch gehüllt. Betäubt durch den Lärmen und das Feuer, blieb ich einen Moment, die Augen geſchloſſen und ohne zu wiſſen, ob ich nicht die Kugel in die volle Bruſt bekommen. Als ich einige Secunden hernach um⸗ herſchaute, ſah ich zu meinem großen Erſtaunen Camote im⸗ mer noch an meiner Seite ſtehen, während der Salteador, der Feuer gegeben hatte, den Schädel zerſchmettert und das Hirn blutig zu meinen Füßen lag. Uebermäßig geladen und vielleicht auch von ſchlechter Quilität, hatte das Gewehr zerſpringend ſeinen Henker ge⸗ tödtet und das Opfer verſchont. Dies erfuhr ich wenigſtens, .— *) Ein Wort, das häufig in Mexico im Sinn von Kamerad oder Gefährte gebraucht wird. 287 als ich Camote gegen die Leute ſchimpfen hörte, welche ein Gewerbe treiben wollen und es nicht verſtehen. „Schweige doch,“ ſagte der Räuber mit dem Rappen, den ich ſchon bemerkt hatte und der in der That der Anführer der Cuadrilla war:„man hat allerdings Unrecht gehabt, auf einen Mann von Huamantla zu ſchießen, doch im Ganzen haſt Du Dich nicht darüber zu beklagen.“ „Caramba! Ihr habt Recht,“ erwiederte Camote,„ich bin ganz hübſch entgangen.“ Beherrſcht durch die Erſchütterung, die dieſe Scene bei mir veranlaßt hatte, war ich, wie geſagt, einen Augenblick dem, was um mich her vorging, fremd geblieben. Mein erſter Gedanke gehörte Dona Jeſuſita Moratin. Ich wollte mich gegen ſie umwenden, als auf ein Zeichen des Anführers der Cuadrilla zwei Banditen mich bei den Armen packten und heftig zu Boden warfen. „Bleibt ruhig, boca a baso,(den Mund nach un ten), oder ich ſtoße Euch mein Meſſer in das Herz.“ Nach dem, was vorgefallen, war ich überzeugt, der Räu⸗ ber würde thun, was er ſagte, und da ich überdies ein Meſſer viel mehr als eine Flinte in den Händen eines Mericaners fürchtete, gehorchte ich, ohne zu murren. Das Angreifen einer Diligence iſt etwas ſo Gewöhn⸗ liches in Merico, daß es zum Voraus geordnet wird und, ab⸗ geſehen von einigen Epiſoden, beinahe immer auf dieſelbe Weiſe ſtattfindet. Ein Angriff theilt ſich in der Regel in drei Acte: Der erſte beſteht aus dem eigentlichen Anhalten des Wagens, der zweite aus dem Plündern der Reiſenden und 288 der dritte envlich aus dem Durchwühlen der Koſſer und des Gepäckes. Wir waren ſchon glücklich bei dem dritten und letzten Act. Die körperliche Lage, in der ich mich befand, der Umſtand nämlich, daß ich auf dem platten Bauch ausgeſtreckt war, be⸗ günſtigte um ſo weniger die Beobachtung, als ein Salteador, der in meiner Nähe ſaß und ſich einzig und allein mit mei⸗ ner Ueberwachung beſchäftigte, beſtändig mit den ziemlich ſchlecht unterhaltenen Federn ſeines Carabiners ſpielte. Nichtsdeſto⸗ weniger hob ich am Ende allmälig den Kopf in die Höhe, wobei ich indeſſen, ich muß es geſtehen, mit außerordentlicher Vorſicht in meinen Bewegungen zu Werke ging. Der Hori⸗ zont, den ich ſo erhielt, war einestheils ſehr beſchränkt, und anderntheils durchaus nicht angenehm. Er beſtand vor mir aus zwei dicken Beinen von Dona Lueinda, welche, in der⸗ ſelben Lage wie ich, ſich von Zeit zu Zeit Drohungen von ihrem Wächter zuzog, wenn ſie rührende Seufzer ausſtieß. „Wenn Ihr immer ſo geräuſchvoll athmet, jage ich Euch eine Kugel in den Kopf,“ ſagte ziemlich ungalant der Salteador, der mit ihrer Bewachung beauftragt war und nur zwei Schritte von ihr entfernt ſtand. Zu meiner Linken ſah ich den Senator Don Andres Moratin; nach ſeiner Steife und Unbeweglichkeit hätte man ihn für einen Leichnam halten ſollen. Rechts lag nicht, ſondern ſaß Camote und plauderte in guter Freundſchaft mit einem von den Räubern. Was die arme Senora Jeſuſika betrifft, ſo war es mir unmöglich, ſie zu er⸗ ſchauen. 289 Nach einigen Minuten, die mir übrigens ſehr lang vor⸗ kamen, fand ich, daß der dritte Act durch ſeine Länge gegen die Regeln der Tradition ſündigte. „Caballero,“ ſprach ich mit leiſer Stimme zu dem Sal⸗ teador, der neben mir ſaß,„ich habe einige vortreffliche Havan⸗ naheigarren in der Taſche meines Dollman; ſollten Sie mir wohl gütigſt erlauben, Ihnen eine anzubieten und ſelbſt eine mit ihnen plaudernd zu rauchen?“ „Es ſei,“ ſagte der Räuber;„ſtehen Sie auf und laſſen Sie uns rauchen.“ Ich wandte mich ſogleich haſtig un mich bitten zu laſſen. Wählen Sie, Senor,“ ſagte ich zu dem Räuber, indem ich ihm ſehr höflich mein Cigarrenetui reichte. Der Salteador zog als wahrer Kenner den beſten Puro aus meinem Etui, zündete ihn an, reichte mir Feuer und ſpracht „Wenn ich Sie ſo dem zuſchauen laſſe, was hier vorgeht, ſo geſchieht es nur, weil Sie ein Fremder ſind, und weil ich weiß, daß Sie ſich in Vera Cruz einſchiffen werden, um nach Europa zurückzukehren.“ „Meiner Treue, dies Alles iſt ſehr wahr, cuicici erwiederte ich ganz erſtaunt. Mein Salteador hatte, wie ſeine Gefährten, das Geſicht mit Ruß beſchmiert und mit einer ſchwarzen Binde bedeckt. Doch, o Wunder! ich erkannte an ſeinem Hals das indiſche Foulard, das Salazar bei meiner Abreiſe von Merico ſo ge⸗ ſchickt von mir entlehnt hatte. Dieſe Entdeckung war für mich Der Erzähler. 1847. 1v. 19 ſitz mich, ohne 290 ein Lichtſtrahl. Ich rauchte ohne allen Zweifel meine Cigarre in Geſellſchaft meines innigen und vertrauten Freundes, des Senor Salazar ſelbſt. Als ich ſo meinen kleinen Officier in ſeiner Größe und mit einer gewiſſen Macht bekleidet wieder⸗ fand, bereute ich es, daß ich mir nicht hatte von ihm am Vorabend meiner Abreiſe meinen Nachtſack ſtehlen laſſen. Uebrigens muß ich zu ſeinem Lob verkünden: Salazar hatte ein zu gutes Herz, um einen Groll gegen mich zu bewahren; da ihm das indiſche Foulard geblieben war und ihm die Feſt⸗ nahme unſerer Diligence die Ausſicht auf einen Theil der Beute bot, ſo zeigte er ſich von einer reizenden Laune. Nur vergaß der Undankbare, daß das ſchöne Foulard, welches nun ſeinen Hals ſchmückte, mein Eigenthum geweſen war, und vermuthete folglich nicht, daß Oreſtes ſeinen Pylades erkannt hatte. Als ich Salazar, deſſen Identität ich noch nicht herausgefunden hatte, bat, er möchte mir erlauben, mich zu ſetzen, war es nicht allein Abſicht, die unangenehme, lächerliche Lage, in der ich mich befand, verlaſſen zu können, ſondern ich wollte vielmehr er⸗ fahren, was aus der armen Senora Jeſuſita geworden. Ver⸗ gebens warf ich einen raſchen, forſchenden Blick umher, die liebenswürdige junge Frau des Senators fand ich nicht mehr auf der Landſtraße. Uebrigens bot ſich meinen Augen folgen⸗ des Gemälde: die Diligence war quer über den Weg geſtellt, ohne Zweifel, um im Fall einer Ueberraſchung als Barricade zu dienen; zehn bis zwölf Banditen waren darüber hergefallen, ſchlitzten, das Meſſer in der Hand, die Kiſſen auf und er⸗ brachen Kiſten und Koffer, um ſich zu verſichern, daß man kein Geld darin verborgen. Hinter der Diligence, nämlich am 291 Fuß des erwähnten Berges gingen zwei Salteadores, den Ca⸗ rabiner im Arm, als Schildwachen auf und ab. In welcher Abſicht? das konnte ich mir nicht erklären. Neben der Dili⸗ gence lag auf der Erde in einer Blutlache, welche von Minute zu Minute größer wurde, unſer unglücklicher Kutſcher. Er ſtieß von Zeit zu Zeit einen ſchwachen Seufzer aus und bat, den Himmel anrufend, man möchte ihm Waſſer geben. Was den Salteador betrifft, der ſich, auf den halsſtarrigen Camote ſchießend, ſo ungeſchickt die Hirnſchale zerſchmetterte, ſo hatte man ſeinen Leichnam ſchon nackt in die Tiefe des parallel dem Berg entgegengeſetzten Abgrundes geſtürzt, an deſſen Rand wir uns befanden. „Könnte man nicht dieſem Unglücklichen, der hier ſtirbt, ein Glas Waſſer geben?“ fragte ich demüthig Salazar, indem ich mit dem Finger auf unſern Kutſcher deutete, als ein neuer und ſchmerzlicher Seufzer des letzteren an mein Ohr drang. „Bah!“ ſagte mein Freund Salazar mit gleichgültigem Tone,„er hat nur noch ſo kurze Zeit zu leben, daß man ſich vergebens Mühe machen würde.“ „Es würde ihm wenigſtens ein letztes Leiden erſparen.“ „Gut, man gebe ihm zu trinken. Wenn ich nicht früher daran dachte, ſo war dies der Fall, weil ich keinen Durſt 3 hatte. Ei! ei! Freund,“ fuhr Salazar fort, der ſich nun an den Salteador wandte, welcher mit der Vewachung von Don Andres Moratin beauftragt war, eine Bewachung, die der außerordentliche Gehorſam und die völlige Unbeweglichkeit des Senators beinahe unnöthig machten,„ei! Freund, gib doch dem Menſchen, den Du getödtet haſt, ein paar Tropfen Waſſer.“ 202 Der Salteador wandte ſich, ohne etwas zu erwiedern, gegen den Kutſcher um und ſagte, als er ihn näher betrachtet hatte: „Ah! es iſt mein Freund Shrilo!“ Der Verwundete hob mühſam den Kopf in die Höhe und fragte mit ſchwacher Stimme: „Wer ſpricht mit mir? Zu trinken, um der Liebe Gottes willen!“ „Caramba, es iſt ein Freund, und zwar ein vertrauter Freund,“ ſagte der Salteador.„In Merico duzten wir uns. Und Deine Frau, Concepeion! wie geht es ihr?“ „Gut. Doch zu trinken „Eine brave Frau dieſe Concepeion! Sage doch, Shrilo, ich habe Dich in dieſen traurigen Zuſtand verſetzt!“ fügte der Salteador bei und reichte eine Kürbisflaſche voll Branntwein dem Verwundeten, der mit einer zitternden Hand nach dieſer Flaſche griff und ſie gierig an ſeine Lippen drückte.„Meiner Treue, ich habe nach Dir geſchoſſen, ohne Dich zu kennen,.. ich wußte nicht, daß Du Kutſcher biſt... Warum des Teu⸗ fels haſt Du auch Deine Pferde nicht angehalten, als man Dir den Befehl hiezu gab?“ „Ich ſchlikf,“ ſagte mit feſterer Stimme der Kutſcher und ſtellte die Branntweinflaſche neben ſich. „Ah! Du ſchliefſt! dann fällt hier Niemand ein Fehler zur Laſt; es iſt ein einfaſhes Quiproquo, eine Unachtſamkeit,“ ſagte der Räuber. „Ja, doch' ich habe darum nicht minder eine Kugel in der Bruft.“ — „Wie! in der Bruſt?“ rief der Salteador entrüſtet. „ich kann doch bei Unſerer lieben Frau von Guadelvupe ſchwö⸗ ren, daß ich Dich nicht in die Bruſt treffen wollte.“ „Schau,“ erwiederte der Verwundete, indem er mit großer Mühe ſeine Jacke öffnete. „Meiner Treue, es iſt doch wahr,“ ſprach der Saltea⸗ dor, nachdem er als Kenner die Wunde von Syrilo betrachtet hatte,„mitten in die Bruſt! Bei meinem Ehrenwort, ich zielte nach Deinem Kopf; doch ich ſehe, ich feuerte zu haſtig und mein Schuß ging zu tief.“ „Glaubſt Du, daß ich noch lange zu leben habe?“ fragte der Verwundete mit jener ſtoiſchen Gleichgültigkeit, die der Mexicaner ſtets beim Herannahen eines unbermeidlichen Todes an den Tag legt. „Oh! ſei ruhig! höchſtens noch eine Viertelſtunde. Das Herz ſcheint mir getroffen.“ „Da ich noch eine Viertelſtunde vor mir habe, ſo gib mir eine Cigarette.“ „Ah! das iſt ein guter Gedanke. Ich habe gerade vor⸗ trefflichen geſchmuggelten Tabak.“ Der Salteador rollte ſogleich zwei Cigaretten und der Kutſcher ſetzte abermals die Kürbisflaſche an ſeine Lippen. Zwanzigmal iſt es mir vorgekommen, daß ich Mexicaner ſo tragiſch habe ſterben ſehen: bei Allen fand ich dieſelbe Gleich⸗ gültigkeit dem Tod gegenüber. Als der Salteador die von Syrilo verlangte Cigarre an⸗ gezündet hatte, beugte er ſich zu ſeinem Freunde hinab, um ſie ihm zu geben. 294 „Ah! Teufel!“ ſagte er zu ihm,„Du ſollteſt es wohl verſuchen, Dich auf Deine rechte Seite umzuwenden.“ „Warum denn? Ich befinde mich ſo beſſer.“ „Das iſt möglich; doch Du wirſt Deinen Gürtel mit Blut beflecken, und ich kann mich dann deſſelben nach Deinem Tod nicht bedienen. Auf, Shrilo, ſei ein guter Junge und drehe Dich aus Freundſchaft für mich auf Deine rechte Seite.“ „So hilf mir,“ erwiederte der Verwundete mit einer erhabenen Reſignation. Der Salteador nahm ſogleich den halbtodten Shrilo in ſeine Arme und legte ihn ungeſtüm auf ſeine rechte Seite. Der Unglückliche heulte vor Schmerz. „Sei nur ruhig, es iſt ſchon geſchehen,“ ſagte der Salteador. „Aber.. ich. ſterbe.“ „Caramba! was wunderſt Du Dich darüber? Das iſt ganz natürlich. Wünſcheſt Du nichts mehr?“ „Doch. 4 erwiederte Syrilo mit erſtickter Stimme „Ich möchte. ich möchte gern beichten.“ „Das wäre mir ſchon lieb, aber wo einen Prieſter fin⸗ den?... Ah! ein Gedanke. Beichte mir, Shrilo, und ich wiederhole Deine Beichte dem Pfarrer von Pueblo, bei dem ich in ein paar Stunden ſein werde.“ „Dann.. dann. ich will... höre.“ „Beeile Dich doch!“ rief der Saltedor.„Du biſt eine gute Natur, ich weiß es, doch Dein Temperament iſt lebhaft und Deine Beichte muß lange dauern.... Sprich, ich bin bereit und höre.“ 25 „Ich habe ich habe... mit einem Meſſerſtich... vor vor vierzehn Tagen... meinen... meinen...4 „Vorwärts!“ „Meinen.... Bruder.... getödtet,“ vollendete der Verwundete mit dumpfer Stimme. „Ah! Du warſt es! ja, ja, ich hatte es vermuthet.. Du biſt ſo raſch... Fahre fort.“ „Er hatte mir... meinen Schimmel... geſtohlen.“ „Ah! dann iſt es etwas Anderes. Uebrigens war Dei Bruder ein Menſch von einem mürriſchen Charakter. Hernach?“ „Gernach hbe ich DOh mein Gött Jeſus Maria... ich ſterbe!“ rief Syrilo ſich auf der Straße wälzend. „Meiner Treue, er iſt todt,“ ſprach der Salteador, indem er ihm die Hand auf das Herz legte,„das Blut hat ihn erſtickt. Ein braver, redlicher Junge, dieſer Syrilo, er machte mich immer lachen.“ Nach dieſer kurzen Leichenrede zog der Salteador Syrilo den Gürtel vom Leib und fing an die Taſchen des Verſtorbenen zu durchſuchen. „Halt! fünf Piaſter,“ ſagte er.„Meiner Treue, dieſes Geld darf nicht zur Maſſe kommen; ich werde es morgen der Witwe Concepeion geben, und das wird ihr Vergnügen machen.“ Während dieſer Sterbeſcene ſetzten ſich die Salteadores, die ihr Geſchäft beendigt hatten, auf die Straße und rauchten ihre Cigarren. „Warum hält man uns ſo lange auf?“ fragte ich Salazar. „Meiner Treue, ich weiß es nicht. Ohne Zweifel iſt der Kapitän beſchäftigt.“ „Hollah, Caballeros!“ rief in dieſem Augenblick eine von den Schildwachen, welche am Fuße des Berges aufgeſtellt waren.„Der Kapitän befiehlt, ſich zum Auffitzen bereit zu halten.“ Die Salteadores ſtanden ſogleich auf und beeilten ſich, die Gurte ihrer Pferde feſtzuziehen. „Raſch, boca abajo,“ ſagte mit Wſe Stimme Salazar zu mir,„der Kapitän kommt.“ Trotz der Schnelligkeit, mit der ich meine erſte Stellung wieder nahm, hatte ich doch Zeit, den Kapitän zu ſehen. Er kam hinter einem Felſen des Berges hervor und gab ſeinen Arm der reizenden Jeſuſita Moratin. Aus Furcht, im Hafen Schiffbruch zu leiden, das heißt, mir einige Unannehmlichkeiten von Seiten der Caballeros (wie ſie die Schildwache genannt hatte), in dem Augenblick zuzuziehen, wo ich für immer von ihrer Geſellſchaft befreit werden ſollte, beobachtete ich eine völlige Unbeweglichkeit und verſuchte es nicht mehr, zu ſehen, was um mich her vorging. Ich hörte nur ein Geklirre von Säbelſcheiden und Sporen, das ich den Vorbereitungen zum Aufbruch zuſchrieb. „Senores!“ rief nun eine ſchallende Stimme, die mich beben machte,„Niemand von Euch rühre ſich, Niemand verlaſſe ſeine Lage vor einer halben Stunde. Es bleibt ein Caballero hier, der von mir beauftragt iſt, dieſen Befehl zu vollziehen; wehe demjenigen“ der ihn übertreten würde.“ 297 Nach einer Pauſe von einigen Secunden rief dieſelbe Stimme, doch diesmal mit einem ganz andern Ton: „Vorwärts, im Galopp!“ Trotz des ſchlechten Zuſtandes des Terrain und der Gefahr, die es bot, gehorchten die Salteadores, ohne zu zögern, und ließen die Steine der Straße unter den Hufen ihrer Roſſe ſchallen. „Stehen Sie auf, Don Pablo,“ rief mir Camote zu, der nur einige Schritte von mir entfernt war.„Der Cabal⸗ lero, den man hier läßt, um uns zu überwachen, beſteht nur in der Liſt und in der Lüge. Wenn man drei bis vier Mal beraubt worden iſt, ſo nimmt man keine Rückſicht mehr auf dieſe Ermahnung.“ Mit Recht überzeugt, Camote müßte in ſolchen Dingen erfahren ſein, zögerte ich nicht, ſeinem Rath zu folgen, und ich befand mich mit einem Sprung auf den Beinen. Es waren in der That alle Räuber verſchwunden. Als ich mich umwandte, um den Senator Moratin und Dona Lucinda Flores von dieſem Abgang zu benachrichtigen, ſah ich mich plötzlich Dona Jeſuſita von Angeſicht zu An⸗ geſicht gegenüber. Die junge Frau war furchtbar bleich, mein Blick machte ſie beben und ſie drückte raſch ihr Sacktuch vor die Augen. „Nun, Senora,“ ſagte ich, eine heitere Miene heuchelnd, die meinem Herzen ſehr fern war,„wir ſind nun für die übrige Reiſe befreit. Selbſt die Leute von Huamantla ver⸗ mögen nichts mehr über uns.“ Dona Jeſuſita wollte mir antworten, doch ihre zuſam⸗ 298 mengepreßte Stimme wurde zur Verräherin an ihrem Willen. Sie machte mir nur ein bejahendes Zeichen mit dem Kopf und ſuchte zu lächeln. Nachdem ich ſie gegrüßt hatte, ging ich auf den Senator zu. Er bot immer noch dieſelbe lebloſe Steife. „Holla! Senor Moratin,“ rief ich, indem ich ihn heftig am Arm ſchüttelte,„ſtehen Sie auf, es iſt keine Gefahr mehr vorhanden.“ Der Senator drehte nur den Kopf, doch mit einer ſolchen Behutſamkeit, daß ich mich eines Lächelns nicht erwehren konnte. Man hätte glauben ſollen, es wäre eine erſchrockene Schildkröte. Endlich, nachdem er zwanzigmal mit einer außer⸗ ordentlichen Vorſicht umhergeſchaut hatte, entſchloß er ſich, aufzuſtehen. Dona Lucinda Flores ſtieß einen furchtbaren Schrei der Verzweiflung aus, als ich mit meinem Finger leicht ihre fette Schulter berührte. „Gnade, Gnade, Senores!“ rief ſie ſchluchzend.„Gebt mir den Tod, aber nur keine Beleidigungen mehr.“ „Beruhigen Sie ſich, Senora,“ ſagte ich,„und glauben Sie mir, daß mir nichts ſo fern ſein kann, als der Gevanke, Sie zu beleidigen...4 „Schändliche Räuber.. ſo eine Frau mißbrauchen...“ „Aber, Senora, ich bin kein Räuber und Gott iſt mein Zeuge, daß ich nicht daran denke, irgend etwas zu mißbrauchen. Ich komme. „Laſſen Sie mich, oder ich ſtürze mich in den Abgrund.“ „Ei! der Teufel ſoll Sie holen,“ rief ich wüthend; und 269 half dann dem ruhigen Camote die Pferde wieder an die Diligence ſpannen. Da die Stränge nicht, wie ich Anfangs geglaubt, aus⸗ geſpannt ſondern abgeſchnitten waren, ſo hatten wir viel Mühe zum Ziele zu kommen; es gelang uns jedoch am Ende, und ich kündigte ſogleich unſeren Reiſegefährten an, daß wir wieder aufbrächen. Camote erbot ſich großmüthig, als Kutſcher bis Huamantla zu dienen. Dieſe Ankündigung ging, wie es ſchien, für Dona Lucinda Flores nicht verloren, denn die dicke Frau ſtand haſtig auf. „Wo bin ich? Wo ſind ſie? Iſt es ein Traum?“ rief ſie voll Verzweiflung, indem ſie mit beſtürzter Miene umherſchaute. „Senora, wir brechen auf,“ ſagte ich. Dona Lucinda ſtieg, ohne mir zu antworten, in die Dili⸗ gence, gefolgt von der Frau des Senators. Der letztere nahm wieder ſeinen alten Platz im Wagen ein, ohne ein Wort zu ſprechen. Die Angſt ſchien ihn gelähmt zu haben. Auf meine bejahende Antwort, daß wir bereit ſeien, peitſchte Camote die Pferde, und wir reiſten weiter. Ein eiſige Stille, kaum unterbrochen durch ein paar Seufzer von Dona Luecinda, herrſchte Anfangs in unſerem Wagen. Endlich, nachdem er noch zwanzigmal durch den Kutſchenſchlag hinausgeſchaut hatte, öffnete der Senator Moratin ſeinen breiten Mund, zog zwei Unzen Gold, die darin verborgen waren, hervor, und rief mit Emphaſe: „Sehen Sie, das heißt man Kaltblütigkeit haben, und 300 den Kopf nicht verlieren!... Meine Frau und ich ſind bis zum Ende der Reiſe vor jeder Noth geſchützt.“ Ich beeilte mich, dem Senator mein Compliment über ſeine glückliche Gewandtheit zu machen, un ſih dann bei: „Nur ſpielten Sie ein großes Spiel, denn man würde Sie, wenn man Ihre Liſt entdeckt hätte, auf der Stelle er⸗ ſchoſſen haben.“ „Bah!“ erwiederte der Senator, der von blaß, wie er war, leichenfarbig wurde,„man muß etwas zu wagen wiſſen. Uebri⸗ gens haben wir uns nur wenig über die Räuber zu beklagen, denn ſie ſind ſehr artig geweſen. Nicht wahr, Jeſuſita?“ So von ihrem Manne aufgefordert, erhob die junge Frau das Haupt, betrachtete ihn mit glänzenden Augen und er⸗ wiederte mit trockenem, verächtlichem Tone: „Sie ſind ein Feiger, Senor.“ „Stille doch, Sie ſprechen im Fieberwahn!“ rief der Senator über alle Maßen erſtaunt. Dann, gachdem er einen Augenblick geſchwiegen, fügte er, indem er ſeine Frau voll Wuth anſchaute, bei: ſollten Sie ſich etwa über die Räuber erhabener „Caramba, Seno agte ich haſtig,„Madame hat wohl das Recht, entrüftet denn man hat ſie gezwungen, ſich boca abajo zu legen. Uebrigens habe ich die Ehre gehabt, giel ſpecieller als Sie ihr Reiſegefährte zu ſein, denn ich bin die ganze Zeit an ihrer Seite geblieben.“ „ 301 „Dann ſteht ſie noch unter der Herrſchaft der Angſt,“ erwiederte Don Andres;„gewöhnlich iſt ihr Charakter von einer engeliſchen Sanftheit. Auf, Jeſuſita, beruhigen Sie ſich, fürchten Sie nichts. Bin ich nicht da, um ſie zu verthei⸗ digen? Und iſt nicht jede Gefahr vorüber?“ In dieſem Augenblick vernahm man in geringer Ent⸗ fernung von uns den Galopp eines Pferdes und kurz hernach rief eine rauhe, gebieteriſche Stimme: „Alto hay, cochero, o te mato;“ Halt, Kutſcher, oder ich tödte Dich. Die Diligence wurde unbeweglich. Camote ſchlief nicht. „Senora,“ ſagte der Reiter, einer von unſeren früheren Räuberi, ſich unmittelbgg an Jeſuſita wendend,„ich komme im Auftrag meines Kapitäns, um Sie um einen Diatntring zu bitten, den Sie am Finger tragen, und den man Ihnen abzunehmen vergeſſen hat.“ 8 „Antworten Sie, Senor,“ ſagte Senora Jeſuſita zu ihrem Gatten.„ Doch veß Senator zitterte dergeſtalt, daß er, trotz alle Anſtrengung, kein einziges Wort vorbringen konnte. Seine Zähne klapperten und ein kalter Schweiß gerlte auf ſeiner 3„Nun, Senora?“ fragte der Salteador, indem er ſo nahe an unſern Wagen ritt, daß die Nüſtern ſeines Pferdes den Schlag berührten.— „Senor,“ erwiederte Jeſuſita mit feſter Stimme,„Ihr ſeid nur ein armer Schelm und ein trauriger Lügner, Euer S 302 Kapitän ſchickt Euch nicht zu mir, und Ihr bekommt den Ring nicht, den Ihr von mir fordert.“ Dieſe Antwort, welche mir mehr ſtolz als Aus vorkam, bezühmte jedoch den Salteador. „Aber, Senora,“ verſetzte er mit demüthigem, unterwür⸗ figem Tone,„was ſoll ich meinem Kapitän ſagen?“ Dona Jeſuſita ſchien zu zögern. Doch plötzlich bemäch⸗ tigte ſie ſich mit einer ungeſtümen Bewegung eines einfachen Haarringes, der den Finger ihres Gatten umgab, reichte ihn dem Salteador durch den Kutſchenſchlag und ſprach: „Sagt Eurem Kapitän, dieſer Ring ſei aus meinen eigenen Haaren geflochten, und ich wünſche, daß er ihn als An⸗ denken an ſeine Großmuth gegen mich bewahren mö Was den Diamantring betrifft, den Ihr fälſchlicher Weiſe in ſeinem Namen von mir fordert, ſo behalte ich ihn, um den⸗ ſelben als Opfer der Patronin des Kloſters von Tabasco zu geben, in das ich in einem Monat als Novizin eintreten werde Geht.“ Der Salteador verbeugte ſich demüthig, als er den Ring aus den Händen von Jeſuſita empfing. „Gleichviel, meine Wette von hundert Piaſtern iſt ver⸗ loren,“ murmelte er mit halber Stimme und als ſpräche er mit ſich ſelbſt; dann zog er ſeinen Zügel an, ſtachelte ſein Pferd mit ungeheuren mericaniſchen Sporen, die er an einem Paar Stiefelchen von Corduanleder trug, und kehrte zu ſeiner Cuadrilla zurück. „Meine theure Jeſuſita,“ rief der Senator, als der Lärm des galoppirenden Pferdes, das der Salteador ritt, in der —— 303 Ferne erloſch,„Sie waren erhaben an Kühnheit und Beſon⸗ nenheit.. Ihre Geſchichte mit dem Kloſter beſonders kam mir vortrefflich erfunden vor.“ „Es iſt keine Geſchichte, Senor, oder wenn es eine iſt, ſo wird ſie ſich wenigſtens verwirklichen.“ „Ah! die Angſt erfaßt Sie wieder, und macht, daß Sie unvernünftiges Zeug ſprechen!“ entgegnete der Senator. Dann fügte Senor Moratin das Wort an mich richtend bei:„Senor, was denken Sie von dem Benehmen dieſes merxicaniſchen Räu⸗ bers, der einen herrlichen Diamant von großem Werth für einen völlig werthloſen Haarring aufgibt? Iſt das galant? Iſt das caballero? Iſt das mericaniſch?“ Während der Senator über die Großmuth dieſer elenden Salteadores in Begeiſterung gerieth, hielt die Diligence an: wir hatten Huamantla erreicht. Nachdem er nicht ohne Mühe, denn ſeine Wunde hatte ſich wieder geöffnet, von ſeinem Sitze abgeſtiegen war, nahm Camote von uns Abſchied. „Ich bedaure ſehr, daß Sie nicht von den Leuten von Huamantla geplündert worden ſind,“ ſagte er,„das hätte Ihnen viel Zeit und Aerger erſpart. Sehen Sie, es gibt keine ab⸗ Am Abend deſſelben Tages erreichten wir ohne Hinder⸗ niß Perote, wo uns der Kutſcher, den uns Camote verſchafft hatte, verließ. In Perote lieh mir der Wirth, der zufälliger Weiſe ein mir bekannter Franzoſe war, fünfzehn Piaſter zur Vollendung meiner Reiſe. ſcheulichere Race in den Künſten, als die der Liebhaber 4 304 „Sagen Sie mir, Herr Paul,“ fragte er, als er mich am Abend in mein Zimmer begleitete,„was iſt denn das für eine Geſchichte, daß man einer von Ihren Reiſenden Ge⸗ walt angethan haben ſoll?“ „Das iſt eine Albernheit; es iſt nichts dergleichen vor⸗ gefallen.“ „Die dicke Frau weint doch wie eine Magdalene und ver⸗ langt nach einem Beichtvater.“ „Wie, die dicke Frau?“ „Nun wohl, ja, die dicke, häßliche Lueinda; ſie behauptet von Ihren Räubern... entführt worden zu ſein.“ „Oh! was das betrifft, ſo iſt es leider wahr,“ erwiederte ich mit ernſtem Tone. „Ah! bah! nicht möglich!... Was für verworfene Burſche ſind doch dieſe Salteadores!“ „Das iſt das richtige Wort. Gute Nacht.“ Während der zwei Tage, die unſere Reiſe noch dauerte, ereignete ſich kein neuer Unfall. Beinahe ſtets düſter und niedergeſchlagen, überließ ſich Dona Jeſuſita in Augenblicken einer ſeltſamen Heiterkeit, die mich erſchreckte. Nichts, wenn nicht ihre Schönheit, erinnerte mich bei ihr an die junge Frau, mit dem ſo zarten und ſo ruhigen Blick, mit dem ſo freund⸗ lichen und jungfräulichen Weſen, die mit mir in Merico in die Diligence geſtiegen war. Wir waren durch Manantial, ein Dorf, das ungefähr zwei Meilen von Vera Cruz liegt, gefahren; es herrſchte eine erſtickende Hitze⸗und die Pferde unſerer Diligence arbeiteten ſich nur mühſam auf einem brennenden, ſandigen Weg fort. 305 Alles ſchwieg in der Natur. Der Senator Moratin und Dona Lucinda Flores ſchliefen, von dieſer Ofentemperatur nie⸗ dergedrückt, einen tiefen Schlaf. Dona Jeſuſita, deren ſtarrer Blick tiefe Gedanken offenbarte, ſchien aus einem Traum zu erwachen; ſie richtete plötzlich das Wort an mich und ſprach: „Senor, ich weiß nicht, wer Sie ſind,. doch Sie ſcheinen mir ein redlicher Mann zu ſein,„. und dann ken⸗ nen Sie ihn. Hören Sie mich, ich beſchwöre Sie, ohne mich zu unterbrechen, und anworten Sie mir nicht, nachdem Sie mich gehört haben... Wenn Sie ihn je wiederſehen, ſagen Sie ihm, ich ziehe mich in ein Kloſter zurück. weil ich ihn liebe,. hören Sie?— weil ich ihn liebe, und weil er nöthig habe, daß man für ſein Heil bete.“ Ich verbeugte mich ſtillſchweigend vor der jungen Frau: tauſend Gedanken regten ſich in meinem Geiſt, doch ich wollte nicht dabei verweilen und drängte ſie voll Energie zurück. Es gibt im menſchlichen Herzen Geheimniſſe, die man zu ergrün⸗ den vermeiden muß, will man ſich nicht der Gefahr ausſetzen, von einem unſeligen Licht geblendet zu werden. Eine Stunde ſpäter kamen wir in Vera Cruz an, und ich nahm Abſchied von Dona Jeſuſita, von der ich ſeither nicht mehr habe ſprechen hören. Von einem Cargador oder Laſtträger gefolgt, begab ich mich ſogleich in den Gaſthof. „Nun! Senor,“ ſagte der Eigenthümer deſſelben zu mir, „Sie ſind auf der Straße beraubt worden?“ „Bei Gott! das verſteht ſich von ſelbſt.“ „Sie haben vielleicht einen großen Verluſt erlitten?“ Der Erzöhler. 1847. W. 20 306 „Oh! keineswegs! im Gegentheil ſehr unbedeutend; ich hatte mein Gepäcke vorher ſchon durch Arrieros weggeſchickt und die Räuber bekamen von mir hoöchſtens dreißig Piaſter.“ „Wahrſcheinlich ohne die Effecten zu rechnen, die ſich in Ihrem Nachtſack fanden?“ „Meiner Treue, ich weiß es nicht; dieſe Effecten waren von ſo geringem Werth, daß ich noch nicht nachgeſehen habe.“ „Man muß nachſehen,“ ſprach der Wirth und nahm meinen Nachtſack von dem Bett, auf das ihn der Cargador gelegt hatte.„Ah!“ fügte er bei,„das Schloß iſt erbrochen, und dennoch ſcheint er voll zu ſein.“ Zu unſerem großen Erſtaunen ſiel ein Regen von Piaſtern heraus und überſtrömte den Stubenboden. Ich hob einen nach dem andern auf, ſetzte ſie in Stöße und zählte ſie. Es waren hundert und fünfund⸗ zwanzig. Gerade alſo die Summe, die ich dem Kapitän Bra⸗ vaduria am Vorabend meiner Abreiſe von Merico geliehen, und die er mir vor Ablauf von zwei Tagen zurückzugeben verſprochen hatte. Züge aus dem Leben des Tages. Skizze aus der Walachei. Tunſo der Bandit. Aus dem Kerutza von Stanislaus Bellanger. Vater Lank*) verließen, um nach Hauſe zu⸗ ₰ rückzukehren, ſtreckte eine alte Frau— weniger alt jedoch, als vor der Zeit hinfällig und mit Lumpen bedeckt— mit niedergeſchlagenen Augen die Hand gegen uns aus. Der Vater Lank gab ihr ein Geldſtück, aber mit ſo ſichtbarem Widerſtreben, daß wir uns nicht enthalten konnten, ihm unſer Erſtaunen hierüber kund⸗ zugeben. „Dieſe Unglückliche wird von aller Welt *) Vater Lank iſt der Name des Führers, den die Reiſenden in dem Buche von Bellanger in Bukareſt genommen hatten. 308 verflucht,“ ſagte er.„Sie würde Hungers ſterben, wenn wir nicht mit ihrem Elend Mitleid hätten.“ „Was hat ſie denn gethan, daß man ſie auf dieſe Art zurückſtößt?“ „Sie hat die Rolle der Dalila geſpielt und ihren Ge⸗ liebten verkauft.“ „Das ſcheint ihr nicht viel genützt zu haben. Doch wel⸗ ches Gewerbe trieb ihr Geliebter?“ „Er war Bandit... Bandit und ehrlicher Mann, Ban⸗ dit in der Weiſe von Karl Moor und Bruno Pascal.“ „Hieß er nicht Tunſo?“ „Ganz richtig, Tunſo, der Geſchorene. Sie müſſen oft von ihm haben ſprechen hören. Sein Ruf war groß in der Walachei. Er war eben ſo bekannt in Bukareſt, als es Heroſtrates bei den Seinigen geweſen ſein mag, nachdem er den Tempel von Delphi verbrannt hatte.*) „Tunſo wurde hier am 18. Juni 1792 geboren; er war der Sohn armer und unbekannter Eltern. Er hieß Ju⸗ wanitza; den Namen Tunſo hatte man ihm gegeben, weil er ſich den Kopf wie die Türken raſiren zu laſſen pflegte. In Nachahmung der letzteren trug er nur auf dem Hinterhaupte ein Büſchel Haare, nicht damit ſich der Prophet derſelben be⸗ dienen könnte, um ihn aufzuheben und ins Paradies zu tra⸗ gen, ſondern einzig und allein, um die dicke wollene Mütze zu 1 2 *) Dies iſt ein kleiner Irrthum von Bellanger. Heroſtrates zündete, um ſich berühmt zu machen, den Tempel der Arte⸗ mis zu Epheſus an. Der Bearb. 309 befeſtigen, die ſeinen Kopfputz bildete. In der Mitte durch⸗ löchert, gewährte dieſe Mütze dem Büſchel Durchgang, das wie der Zopf einer Fran geflochten auf den Hals von Tunſo herabfiel. „Tunſo erhielt nur eine ſehr gewöhnliche Erziehung, die er in äußerſt geringem Maße benützte. Seine unbedeutenden Anlagen zur Arbeit, ſeine Sorgloſigkeit, ſeine Trägheit mach⸗ ten, daß ſich Niemand mit ihm beſchäftigen wollte, und daß er ſeinerſeits keinen Menſchen um Beiſtand anrief. „Lange Zeit ſchrieb man der Unabhängigkeit ſeines Cha⸗ rakters zu, was nichts Anderes als Folge der Apathie ſeines Geiſtes war. Aus Zuneigung zu ſeinem Vater boten ihm einige Bojaren oft Gelegenheit, etwas zu thun, der Armuth zu entgehen und ſich eine Zukunft zu ſchaffen, aber er wei⸗ gerte ſich beſtändig. Dieſes Kind war zum Nichtsthun gebo⸗ ren, um nur Eines nöthig zu haben: das Eſſen, um nur ein Geſchäft zu treiben: das Schlafen. Und dabei aß er gleich⸗ gültig Alles, was unter ſeine Hand fiel... dabei ſchlief er, wo er ſich gerade fand, was auch die Stunde und der Ort ſein mochten. In Neapel hätten ihn die Condottieri zu ihrem König ernannt; er vervollkommte das Far niente. „Und dennoch ſchlummerte ein Vulkan unter dieſer dicken Hülle. In dieſem für die Augen der Menge undurchdring⸗ lichen Herzen lebten, auf ſich ſelbſt zuſammengedrängt, mächtige Leidenſchaften! „Die Stimme von Tunſo entſchied über ſein Schickſal. Sie machte aus ihm zuerſt einen ehrlichen Menſchen und ſo⸗ dann einen Banditen. Sie kehrte ſein ganzes Leben, alle ſeine Ideen, alle ſeine Wünſche, alle ſeine Bedürfniſſe um. Sie 310 machte ihn geiſtreich und ſtark, kühn und thatkräftig, heftig und furchtbar. Sie verlieh ihm endlich einige Tage des Glücks und führte ihn frühzeitig zum Tode. Aber ſie ver⸗ mochte nie ſein gutes Herz zu verkehren. „Nein; denn Tunſo konnte unter dem mörderiſchen Eiſen der Sbirren ſterben; Tunſo konnte auf der Stirne das häß⸗ liche Brandmahl der Schande tragen; Tunſo konnte nach dem Geſetze ein Räuber, ein Bandit(nie ein Mörder) ſein; aber für die Armen war er ſtets ein menſchenfreundliches, groß⸗ müthiges Weſen, eine Vorſehung, beinahe ein Gott. „Die Nothwendigkeit treibt den Menſchen zum Handeln an, ſtachelt ihn auf und entreißt ihn ſeiner Indolenz. Tunſo machte ſich zum Hirten. Er machte ſich zum Hirten, um zu leben; er ſpielte den Galubet,*) um die Zeit zu tödten. Da ſein Galubet, den er ſehr ſchlecht ſpielte, alle andere Hirten vertrieb, ſo warf er ihn bei Seite, fing an zu ſingen und brachte ſo ſeine erſtaunten Gefährten zurück. Seine reine, wohl⸗ klingende Stimme fiel einem Ciocvi auf, der den Hirten dem Popa ſchickte, welcher, entzückt über dieſe Entdeckung, denſelben zum Metropolitan von Bukareſt führen ließ. „In Bukareſt harrte ſeiner eine neue Laufbahn. Er wurde, gleichſam wider ſeinen Willen, zum Chorpult der Biſ⸗ ſericka geſtellt, fand Geſchmack daran, diente der Stadt zur Luſt, dem Kapitel zur Freude, und wußte ſich ſo gut auf ſei⸗ nem Poſten zu behaupten, daß er in einem Alter von zwölf *) Eine Art von Flöle. 311 Jahren eintrat und im Alter von achtunddreißig Jahren noch da war, doch ſechs Monate nachher war er es nicht mehr. „Tunſo verließ den Chorpult ſeiner Kindheit, weil trotz ſeines reifen Alters, ſeiner ſchwarzen Geſichtshaut und ſeines raſirten Kopfes ſeine Stimme anderswo vibrirte, als unter den Gewölben des heiligen Tempels; weil ſie im Herzen eines ſchonen, zärtlichen Mädchens ein Echo finden ſollte. Dieſes Mädchen ſtreifte an das zwanzigſte Jahr, war liebend, leiden⸗ ſchaftlich, ſeelenvoll; es liebte von ganzem Herzen den Chor⸗ ſünger. Und von nun an lebte Tunſo nur für Zinnka, wie Zinnka ganz für ihn lebte. „Doch Tunſo hatte kein Vermögen, keine Stellung, keine Zukunft, und Zinnka war kaum reicher als er. Als ihre Erſparniſſe erſchöpft waren, beriethen ſie ſich. Es ging eine völlige Revolution in weniger als Lierundzwanzig Stunden in Tunſo vor. Er fühlte alle Bedürfniſſe des Lebens mit dem Ungeſtüm eines Alters, das er durchſchritten hatte, gleichſam ohne es zu bermuthen. Sorgloſer und jünger, litt Zinnka, ohne ſich zu beklagen. Tunſo, im Gegentheil, litt und klagte. Er beklagte ſich nicht bei dem ſanften jungen Mädchen, das ſich ihm geopfert hatte, er beklagte ſich bei ſich ſelbſt, der unkluge Urheber ſeiner Träume. Der Nothwendigkeit weichend, fortgeriſſen durch den Strom der Dinge, empörte ſich Tunſo. Er überließ dem Hauche des Windes acht und dreißig Jahre der Ehrlich⸗ keit, bildete ſich ein, da die Welt ihm nicht mehr das Noth⸗ wendige bot, da die Welt ihm, entfernt vom Chorpult, weder Brod noch Obdach gab, die Welt, welche die große Familie 312 der Menſchen ernähren müſſe, wäre ſein natürlicher Schuld⸗ ner, der Schuldner von allen denjenigen, welche die Armuth verfolgte, und er könnte ſie durch alle Mittel, gewaltſame und ſanfte, zwingen, die Schuld durch ihn gegen diejenigen abzu⸗ tragen, welche bei der Theilung zu kurz gekommen. „Sobald er dieſes ſeltſame Shſtem angenommen hatte, verließ er zum zweiten Male Bukareſt, zog eine bizarre Uni⸗ form an, ſammelte um ſich etwa dreißig Landſtreicher, Flibu⸗ ſtier des Feſtlandes, die man überall trifft, wo ſich ein Schmaus gewinnen läßt, und warf ſich an der Spitze dieſer Hel⸗ den auf die Ebene. „Von dieſem Tage an bewerkſtelligte ſich eine ſeltſame Veränderung in ſeiner ganzen Perſon. Tunſo wurde ein ganz anderer Menſch, als er je, ohne ſeine Stimme, geweſen wäre. Von unentſchloſſen, ſorglos und ſchwach, wurde er feſty unter⸗ nehmend, muthig und ſtark. Den Marſch und die Wachen, die Ausſchweifungen, die Entbehrungen und die Strapazen, Alles ertrug er, ohne zu wanken. Häufig nackt oder nur mit der Haut eines wilden Thieres bedeckt, wurde die Erde ſeine gewöhnliche Lagerſtätte. Seine Kräfte nahmen zu und verdoppelten ſich. Seine Stärke gewann eine neue Entwicke⸗ lung. „Tunſo war groß, muskelig, herkuliſch gebaut. Mit einem Blicke verſengte er einen Menſchen, mit einem einzigen ſchmetterte er ihn nieder. Man zitterte unwillkührlich vor ihm, man horchte auf ſeine Befehle, man richtete ſich darnach, ohne ein Wort zu ſagen. Ein Hinderniß zerbrach er wie ein Stück Glas. Seine Regierung war Anfangs die des Schreckens; ſie 313 blieb ſtets die der Billigkeit, der Disciplin, ſogar der Ehre, in dem Sinne, in welchem man das Wort unter Banditen nehmen muß. „„Krieg den Bojaren, den ariſtokratiſchen Vorrechten, den Ducaten, aber vor den Hütten und Hülfe den Unglücklichen.““ „Dies waren ſeine Grundſätze und nie entfernte er ſich davon. „Tunſo war in allen Dingen ein origineller Menſch. Anfangs faßte er den Entſchluß, die Manieren der Welt nach⸗ zuahmen, und in der Folge bemühte ſich ſeltſamer Weiſe die erſtaunte Welt, die ſeinigen zu copiren, ohne zu vermuthen, daß ſie dieſelben von Tunſo entlehnte. Dadurch, daß er die Geſellſchaft beſuchte und von ihr beſucht wurde, daß er bei den Großen und Reichen fleißig einſprach, daß er zu allen Zeiten, zu jeder Stunde an alle Orte ging, bald unter dem einen, bald unter dem andern Namen, das Auge kühn, den Gang ſtolz, die Sprache erhaben, gebieteriſch oder artig, je nachdem es die Stellung erforderte, in die ihn ſeine wunder⸗ bare Kühnheit verſetzte, ſchliff er ſich ab, unterrichtete er ſich, ſchmückte er ſich mit einem Firniß, an deſſen Reflexen ſich Jeder ſtieß, wie der Vogel in der Freiheit an dem funkelnden Glaſe.— „Ein vollkommenet Mime, geberdete ſich Tunſo vortreff⸗ lich, und er ahmte die Anderen mit einer ſeltenen Geſchicklich⸗ keit nach. In kurzer Zeit verſchwanden ſeine rohen, plumpen⸗ Formen, ſein ungeſchlachter Geiſt manierte ſich, mit der aus⸗ gezeichnetſten Höflichkeit erhob er ſeinen Zehnten bei den Frauen, 314 mit der größten Leutſeligkeit bei den Männern. Lachend legte er ſich den pomphaften Titel: Generaleinnehmer der indirecten Steuern der Walachei, bei, und wenn ein Bojare in ſeine Hände fiel, ſo ſagte er, demüthig ſich ver⸗ beugend: „„Gnädiger Herr, ich bin der Ausſpender der Armen. Ein gutes Werk iſt nie verloren.““ „Hiebei hielt er ihm eine große Börſe vor, und man mußte ſich fügen. Es war ſo leicht, auf dieſe Art unwill⸗ kührlich großmüthig zu ſein. „Tunſo nahm eine Gabe nur, wenn er ſie dem Ver⸗ mögen ſeines Steuerpflichtigen angemeſſen glaubte. Wiederholte er ſein Begehren, ſo wäre es unklug geweſen, ſich zu wei⸗ gern. Er faltete die Stirne, zog die Lippen zuſammen und biß auf ſeinen braunen, langen Schnurrbart, was nichts Gutes für den Widerſpänſtigen weisſagte. „Traf er dagegen einen Unglücklichen, ſo näherte er ſich ihm, öffnete ſeine Almoſenbörſe und ließ ihn nach Belieben daraus ſchöpfen. Erfuhr er, daß in Folge eines Unheils, eines Sturmes, eines Brandes, eines plötzlichen Anſchwellens der Bergwaſſer eine Moſchee, ein Haus, ein Getreidefeld ver⸗ brannt, zerſtört, verwüſtet worden waren, ſo begab er ſich auf den Schauplatz des Unfalls und ließ durch ſeine Freigebigkeit alle Spuren davon verſchwinden. „Die Witwen und die Waiſen, die Greiſe, die Breſthaf⸗ ten, die mit Familie belaſteten fleißigen Arbeiter, die durch Steuern niedergedrückten, oder durch den Verluſt ihrer Heer⸗ den, ihrer Ernte mit dem Ruin bedrohten Tſcharans fanden . 315 in ihm eine Stütze und einen Bruder. Den Einen gab er ſein Gold, den Andern lieh er eine bewaffnete Hand, und Allen brachte er, ſobald ſie es wünſchten, Troſt, Rath, Worte der Hoffnung und des Glücks. Sein ſüßeſter Genuß war es, wenn er ſeine Schützlinge ſeinen Namen weinend ſegnen und für ſein Heil zu Gott flehen hörte. „Tunſo ſpottete auch ungeſtraft der Polizei; trotz der Macht, die man gegen ihn entwickelte, trotz der Nachforſchun⸗ gen, deren Gegenſtand er war, trotz der eifrigen Schritte des Aga und der Jsbrawniks, gelang es ihm, zwei Jahre lang ſeine Gewalt zu üben, und er wurde am Ende nur in Folge des abſcheulichſten Verraths feſtgenommen. Die Bauern ber⸗ bargen ihn ſorgfältig, warnten ihn am Tage der Gefahr, brachten die mit ſeiner Verfolgung beauftragten Soldaten von ihrem Marſche ab und wachten über ihm mit einer Behut⸗ ſamkeit, mit einer Ehrfurcht, mit einer Liebe, die ſich nicht einen Augenblick verleugneten. „Tunſo, ich wiederhole es, wußte ſich vortrefflich zu ge⸗ berden. Er wechſelte ſeine Tracht mit einer unglaublichen Behendigkeit und verlieh ſich mit einer bewunderungswürdigen Kunſt entlehnte Manieren. Oft ſah man ihn in den Dör⸗ fern, in den Städten, in Bukareſt ſogar ſehr elegant gekleidet ſpazieren gehen oder ſpazieren reiten. Verwegen wie kein An⸗ derer, grüßte er die Damen voll Anmuth, entblößte er das Haupt vor den Bojaren, die er oft am Tage zuvor geplündert hatte. „Das Gelingen vermehrte immer mehr ſeine Verwegen⸗ heit. Er fürchtete ſich nicht, eines Tags im Theater, ein an⸗ 316 dermal auf einem Ball, und einſt ſogar im Divan*) zu erſcheinen. Er ging unter der Menge umher, geſellte ſich den Gruppen bei, redete die Leute an, die er kannte oder die er zum erſten Male ſah, nahm ohne zu zittern das Wort, ſprach über Alles, drückte ſich offen über ſeine Weiſe, die Dinge anzuſchauen, aus, und zog die Aufmerkſamkeit auf ſich, ohne Verdacht zu er⸗ wecken. Man hielt ihn für einen Fremden, für einen Unbe⸗ kannten, für einen vornehmen Herrn. Man bewunderte ſeine Haltung, die Pracht ſeiner Kleider, die Heiterkeit ſeiner Rede, ſeine Zartheit gegen ſeine Tänzerinnen, ſeine Zuhörer, ſeine Partner, denn kühner, als es je ſeines Gleichen geweſen, be⸗ gnügte ſich Tunſo nicht damit, daß er ſprach, ſondern er nahm abwechſelnd Theil am Spiel. Nur war er bemüht, nie zu gewinnen. „Er bot zuweilen den Damen Geſchenke, und dies auf eine ſo natürliche, ſo liebreiche Weiſe, daß ſie nicht auszu⸗ ſchlagen wagten, was von den Gewohnheiten des prunkhaften Nabobs herzurühren ſchien. Oft waren ſeine Geſchenke das Reſultat von Räubereien, die er zum Nachtheil der Perſonen begangen hatte, denen er ſie auf dieſe Art theilweiſe erſetzte: doch wer hätte je in ihm den Sänger vom Chorpulte der Biſſericka zu erkennen geglaubt! „Am Tage, wo der neue griechiſche Conſul S... an⸗ *) Es iſt hiemit der Divan der Walachei gemeint. Dieſer ſteht dem Hoſpodar zur Seite, iſt aus den vornehmſten Bojaren zuſammengeſeßt und bildet ügleich das oberſte r gericht des Landes. 317 kam, gab der Fürſt Paul einen Ball. Der ganze Adel, alle Conſuln der fremden Mächte wohnten demſelben bei. Um Mitternacht näherte ſich ein Cavalier von edler Ungezwungen⸗ heit und in einer von Stickereien und Eoelſteinen funkelnden ungariſchen Tracht einer jungen Griechin von reizender Schön⸗ heit und führte ſie zu der Quadrille, die ſich eben bildete. Als der Contretanz beendigt war, geleitete der Fremde ſeine Tänzerin zu ihrem Sitze zurück, nahm an ihrer Seite Platz und ſagte mit ſanfter, einſchmeichelnder Stimme zu ihr: „„Mein Fräulein, mir ſcheint, ich habe Sie den Namen Tunſo mit einer Art von Schrecken ausſprechen hören. Sollte Ihnen dieſer Menſch bange machen?““ „„Er iſt ſo häßlich von Geſicht und ſo hart!““ ant⸗ wortete zitternd das Mädchen. „„Sie ſind vielleicht gegen ihn eingenommen?““ „„Gegen ihn eingenommen?... Sie wiſſen alſo nicht, wie viel Schlimmes man von dieſem Banditen ſagt? Sie wiſſen nicht, was er mir ſelbſt gethan hat?““ „„Ich glaube ihn ein wenig beſſer zu kennen, als irgend Jemand, und...44 „„Ich wette, er hat Sie auch beraubt?““ „„Er hat mir das Leben gerettet.““ „„Tunſo?““ „„Tunſo. Was iſt darüber zu ſtaunen? Thut er nicht mehr Gutes, als Böſes?““ „„Ich geſtehe, ich glaubte nicht, daß dieſer Menſch einer guten Handlung fähig wäre, und noch viel weniger, daß er 318 einen ſo warmen Vertheidiger finden könnte, wie Sie einer für ihn zu ſein ſcheinen.““ „Der Fremde neigte das Haupt und ſagte mit leiſer Stimme: „„Zum Glück zeigt nicht Jedermann ſo biel Strenge wie Sie.““ „Die junge Griechin erwiederte: „„Der Dienſt, den er Ihnen geleiſtet hat, muß wirklich ſo groß ſein, als Sie verſichern, daß ich an die Aufrichtigkeit der Bemühung glauben ſoll, mit der Sie ihn zu vertheidigen und zu unterſtützen ſuchen.““ „„Mein Fräulein, ich vertheidige ihn nicht, ich erkläre ihn für das, was er iſt.““ „„Sie erklären Juwanitza Tunſo für einen ehrlichen Mann?““ „„Allerdings,““ erwiederte der Unbekannte mit bewegter Stimme. „„Das iſt etwas Anderes, mein Herr. Vor einigen Tagen fuhr ungefähr um zehn Uhr Abends eine Dorozska im Trab durch den Wald von Panthelemon. Eine Dame und ihre Tochter nahmen das Innere des Wagens ein, den ein einzi⸗ ger Kutſcher geleitete. Plötzlich traten drei Männer aus dem Gehölze hervor, befahlen dem Kutſcher, zu halten, und Einer der⸗ ſelben, der Größte und Häßlichſte von ihnen, öffnete den Schlag und raubte den Frauen Alleß, was ſie beſaßen. Die Aeltere trug an ihrem Halſe an einer goldenen Kette ein Portrait, das ihrer Tochter. Dieſe Miniature hatte keinen reellen Werth für ſie, aber dennoch war ihr unendlich viel daran gelegen, und ſie 319 bat deshalb den Räuber, ihr dieſelbe zu laſſen. Er ſchlägt es ihr ab. Sie fleht ihn abermals mit gefalteten Händen an. Vergebliche Bitten! Statt nachzugeben, reißt er mit einer rohen Geberde die Kette ab, zerbricht, zermalmt er ſie mit den Hän⸗ den und nimmt ſie mit dem kleinen Medaillon fort. Mein Herr, das iſt eine wahre Geſchichte, ich kann es bezeugen. Was denken Sie von einem Menſchen, der ſich ſo gegen zwei einzelne Frauen benimmt?““ „Ich denke, daß dieſer Menſch ein Elender iſt,““ ant⸗ wortete der Unbekannte mit feſtem Tone. „„Mein Herr, Sie haben mit einem einzigen Worte Ihren Clienten verurtheilt.““ „„Aber wer ſagt Ihnen, daß dieſer Menſch beſtimmt Tunſo war?““ „„Mein Herr, von den zwei beraubten Frauen war die eine meine Mutter, die andere war ich.““ „„Sie konnten ſich täuſchen.““ „„Mich täuſchen! oh nein! Ich habe den Banditen ge⸗ ſehen, ich würde ihn unter Tauſenden erkennen, denn obgleich es dunkel war, fiel ihm das Licht der Laterne der Dorozska auf das Geſicht, und dieſes Geſicht iſt eines von denjenigen, deren man ſich ſein ganzes Leben lang erinnert.““ „„Mein Fräulein, Sie werden mir erlauben, Ihnen zu ſagen, daß dies keine feſte Beweiſe ſind. Der Anſchein...“ „In dieſem Augenblick nahm der Commandant N... R die Hand der jungen Griechin für eine Mazurka, und der Fremde zog ſich zurück. Sobald aber die Mazurka beendigt war, erſchien dieſer, welcher haſtig ein paar Zeilen auf ſeine 320 Balltabletten geſchrieben hatte, wieder unter den Tänzern. Die junge Griechin ſaß diesmal an der Seite ihrer Mutter und unterhielt ſich lebhaft mit ihr. „„Nun, mein Fräulein,““ ſagte er, ſich ehrfurchtsvoll verbeugend,„„ſind Sie immer noch überzeugt, daß Tunſo in Perſon Sie und Ihre Frau Mutter im Walde von Panthe⸗ lemon angehalten hat, und glauben Sie noch, daß es Ihnen möglich wäre, ihn unter Tauſenden zu erkennen 244 „„Gewiß,““ antworteten gleichzeitig die Mutter und die Tochter. „„Fürchten Sie nicht, ſich zu weit anheiſchig zu machen?““ „„Gewiß nicht.““ „„Dann, meine Damen, werde ich Sie um Erlaubniß bitten, einen Irrthum aufzuklären und Sie zu enttäuſchen. Werden Sie es mir nicht bewilligen?““ „Gern, mein Herr. Wir werden entzückt ſein, zu ſehen, wie Sie ſich zu dieſem Ende benehmen.““ „Sogleich zog der Fremde aus ſeiner Bruſt ein reich mit Edelſteinen geſchmücktes Kiſichen, und als er das Erſtaunen der beiden Damen bei dem Anblick des herrlichen Juwels wahrnahm, ſagte er, indem er es ihnen übergab: „„Erlauben Sie mir, eine Wiedererſtattung zu bewerk⸗ ſtelligen.““ „„Dieſes Etui?““ „„Gehört Ihnen, und ich bin glücklich, es Ihnen zu übergeben.““ „„Uns 245 „„Ihnen. Werden Sie diesmal nicht glauben?““ 321 „Er drückte an einer unſichtbaren Feder. Der Deckel ſprang ſogleich auf, und es zeigte ſich zum höchſten Erſtaunen das Medaillon, das Portrait der jungen Griechin, das, entfernt in keinem ſchlimmen Zuſtand, von einem Kreiſe von Diamanten umgeben war. „„Aber, mein Herr,““ riefen die beiden Damen, von der Furcht zur Freude übergehend,„„wer ſind Sie denn, Sie, der Sie ſolche Wunder verrichten?““ „„Dieſes wird es Ihnen ſagen,““ antwortete der Unbe⸗ kannte, indem er ihnen zierliche, ſeltſame Tabletten reichte. „„Ich hoffe, Sie werden den Irrthum, in dem Sie ſich bis jetzt befunden haben, bald erkennen.““ „Dieſe ganze Scene ereignete ſich, ohne daß es e der Mutter und der Tochter Jemand gewahr wurde. Als ſie die Augen aufſchlugen, um den Fremden noch einmal zu befragen, war er wie durch einen Zauber verſchwunden. Ungeduldig, dieſem Räthſel auf den Grund zu kommen, öffneten ſie raſch die Tabletten. Sie enthielten folgende mit Bleiſtift geſchrie⸗ bene Worte: „„Der Bandit, welcher Sie im Wald⸗ von Panthelemon beraubt hat, war nicht Tunſo, wohl aber einer ſeiner Leute. Der überzeugendſte Beweis, den ich Ihnen geben kann, beruht gerade auf der Sicherheit Ihres Gedächtniſſes. Hätte Sie Tunſo angehalten, ſo würden Sie ihn dieſen Abend erkannt haben, denn derjenige, welcher die Ehre hatte, ſich einen Augenblick mit Ihnen zu unterhalten, iſt kein Anderer, als Tunſo ſelbſt.““ Der Erzähler. 1847. 1v. 21 322 „Auf den Schrei des Erſtaunens und des Schreckens, den die beiden Damen gleichzeitig ausſtießen, drängte man ſich um ſie her; man nahm die Tabletten, man lief nach den Fenſtern und Thüren, und wüthend, ſo myſtificirt worden zu ſein, ſchwur der Fürſt Paul, ſich zu rächen. Aber es gelang dem verwegenen Banditen abermals, ſich allen Maßregeln zu entziehen, die man gegen ihn nahm. Mehr noch, da der Tag eben anbrach, ſo konnten alle Tänzer mit Bequemlichkeit Tunſo im Augenblick ſeiner Flucht ſehen. Er ließ ein paar Minuten lang im Hofe das ungeſtüme Roß caracoliren, das ihm zwei Banditen am Zaume hielten, grüßte ſodann die edle Ver⸗ ſammlung und ſprengte fort.“ „Die Tabletten und das Etui ſollen tauſend Ducaten werth geweſen ſein. „Man erzählt ſich von Tunſo noch andere nicht minder ercentriſche Züge. Als er zum Beiſpiel erfuhr, der General Graf Kiſelef, der proviſoriſche Gouxerneur der Walachei, be⸗ finde ſich in der Gegend von Piteſcht, um die Bäder zu ge⸗ brauchen, beſchloß er, ihn auf die Probe zu ſtellen. Der General ging gewöhnlich Morgens in einem Parke ſpazieren. Tunſo, der dies wußte, ließ ſeine Bande an der äußeren Mauer des Geheges ſich verborgen halten, erſchien allein vor dem Grafen und ſagte, hoflich ſich verbeugend, zu ihm: „„Mein General, ich bin Tunſo. Ich verlange von Ihnen weder Geld, noch Juwelen, und noch viel weniger werde ich mich an Ihrem Leben vergreifen; Sie haben alſo nichts von mir zu befürchten.““ „„Was wollt Ihr dann?““ 323 „„Mein General, meine Braven liegen dort in der Sonne hinter der Mauer des Parkes. Ich brauche nur zu pfeifen, und ſie folgen mir auf den Ferſen. Damit iſt hinreichend bemerkt, daß Eure Erxcellenz mir gehört.““ „„Ich frage noch einmal, was wollt Ihr*4. „„Nichts, wenn nicht Euere Ercellenz meiner Ehrfurcht verſichern und Ihnen ſagen, daß ich auf Ihre Artigkeit rechne, falls ich in Ihre Hände fallen würde, wie Sie in die meini⸗ gen gefallen find.““ „Herr von Kiſelef wandte ihm den Rücken zu, ohne zu antworten, kehrte raſch in ſeine Wohnung zurück und gab Befehl, ſtrenge Nachforſchungen anzuſtellen. Er ſchärfte ſeinen Leuten beſonders ein, ihm Tunſo lebendig zu bringen und ihm kein Leid zuzufügen. Doch der Bandit vereitelte ſeine Combi⸗ nationen wie immer. „Tunſo hatte zwei Zufluchtsorte in Bukareſt ſelbſt; einen für ſich bei ſeinem Schwager, der in den Mahalas wohnte, den andern für ſeine Leute in dem großen Garten eines ruſ⸗ ſiſchen Kaufmanns, Namens Petroff, der ihn gar nicht kannte. Dieſer lag hinter einem Erdhügel, deſſen felſiger Hintergrund gegen die Dumbowitza ging. Den Banditen war es, man weiß nicht wie, gelungen, eine Anzahl von Steinen herauszu⸗ arbeiten und eine Art von Höhle zu bilden, in die ſie ſich, über den Fluß ſetzend, zurückzogen, ohne daß es je irgend ein Menſch bemerkte.“ „Da es der Polizei nicht gelang, ſeiner habhaft zu wer⸗ den, ſo nahm ſie ihre Zuflucht zur Verführung. Sie ſuchte zuerſt ſeinen Schwager zu beſtechen, als aber alle ihre Schritte 324 bei dieſem vergeblich waren, wandte ſie ſich an ſeine Geliebte, an Zinnka. Von glühender Liebe für Tunſo erfüllt, wies Zinnka alle Anerbietungen zurück, die man ihr in dieſer Hin⸗ ſicht machte. Nachdem man ſie aber drei oder vier Monate hinter einander unabläßig beſtürmt hatte, gab ſie nach und verkaufte Tunſo, ihren Wohlthäter, um zehntauſend Ducaten!“ „Zum Aga geführt, erklärte ſie, an einem gewiſſen Tage und zu einer gewiſſen Stunde müſſe ein Theil von den Leuten von Tunſo in einem mit Grauſchimmeln beſpannten Kerutza nach Bukareſt kommen; ſie fügte bei, er ſelbſt würde dem Wagen auf einem weißen Schimmel voranreiten. „Sogleich legten ſich zwanzig Slugitori*) auf jeder Seite des Thores, durch das er einreiten mußte, in Hinterhalt. Sie hatten Befehl, auf ihn und auf den Wagen zu ſchießen. Man hätte es vorgezogen, ihn lebendig zu fangen, doch man befürchtete, ihn, wie das wiederholt geſchehen war, abermals entfliehen zu laſſen und eine Gelegenheit zu verfehlen, lange Zeit ſich nicht wieder bieten könnte. „Die Slugitori warteten zehn Stunden hinter einander, ohne ſich zu rühren. Kein Kerutzu zeigte ſich. Gegen Abend ſchickten ſie ſich an, zurückzukehren; der Officier, der ſie be⸗ fehligte, gab das Zeichen zum Aufbruch; man wollte die Barrieren der Stadt ſchließen, denn es war nicht anzunehmen, der Bandit würde ſich noch zeigen. Er müßte ſich unter . *) Gendarmen. —B 325 Weges aufgehalten haben oder von der Falle in Kenntniß geſetzt worden ſein, meinte man. „Plötzlich kommt ein Wagen, ganz dem von Zinnka be⸗ zeichneten ähnlich, in ſtarkem Trab herbei. Die Slugitori ſtellen ſich wieder unter die Waffen, der Schlagbaum hebt ſich, der Officier reitet vor und ruft:„„Wer da?““ Keine Antwort. „„Wer da?““ wiederholt er, indem er ſeinen auf beiden Seiten der Straße aufgeſtellten Leuten ein Zeichen macht. Das Feuer folgt unmittelbar auf den Befehl, der Kutſcher fällt und man vernimmt einen Schmerzensſchrei aus dem In⸗ neren des Wagens. „Man denke ſich das Erſtaunen und den Schrecken der Slugitori, als ſie ſich mit ihren Laternen dem Kerutza näher⸗ ten: derjenige, welchen ſie auf dieſe Art angehalten hatten, war kein Anderer, als der ruſſiſche Oberſte Goweroff. Er hatte um die Hand von Fräulein Babinno geworben, dieſelbe erhalten und ſollte ſte in wenigen Tagen heirathen. „Obgleich ſeine rechte Schulter zerſchmettert und ſeine Unterlippe geſchlitzt war, boten ſeine Wunden doch keinen ſo ernſten Charakter, daß man hätte für ſein Leben befürchten müſſen. Man brachte ihn auf einer Tragbahre nach Hauſe, und zwei Aerzte, die man auf der Stelle rief, behandelten ihn mit der größten Sorgfalt. Bei dem Kutſcher ging es nicht ſo gut: der Unglückliche verlor bei dieſem Zuſammen⸗ treffen ein Auge und einen Arm. „Dieſer Vorfall flößte dem Aga Befürchtungen ein. Er dachte, Zinnka habe ſeiner geſpottet, und ließ ſie ins Gefäng⸗ niß werfen. Als er indeſſen den Beweis vom Gegentheil er⸗ 326 hielt, gab er Befehl, ſie in Freiheit zu ſetzen, und gebot den Polizeiagenten, ſie nicht aus dem Geſicht zu laſſen. „Dieſe Vorſicht war unnöthig; Zinnka hatte ihre neuen Verbündeten nicht getäuſcht; ſie hatte nur ſich ſelbſt getäuſcht. Sie bewies dies, indem ſie dem Aga erklärte, die Banditen befänden ſich in dieſem Augenblick auf dem Wege nach Giur⸗ gewo, und indem ſie die Polizei aufforderte, Mannſchaft unter die Brücke von Argis zu ſtellen, wo Tunſo vorüberkommen müßte, was man auch that. „Ungefähr um acht Uhr Abends erſchien der bezeichnete Wagen; er fuhr langſam auf die Brücke; die Slugitori um⸗ zingelten ihn und gaben von allen Seiten Feuer. Von zwölf Menſchen, die der Wagen enthielt, wurden zehn todt ins Waſſer geworfen, den zwei anderen gelang es, unberſehrt oder wenig⸗ ſtens leicht verwundet zu entkommen. Dieſe zwei Männer waren gerade Tunſo und einer ſeiner Lieutenants. „Ein Slugitor, ein gewandter Läufer, ſetzte ihnen nach⸗ und er hätte Tunſo vielleicht erreicht, aber ſein Gewehr kam ihm zwiſchen ſeine Beine, er fiel und der Bandit verſchwand. Zwanzig Minuten nachher gelang es ihm jedoch, ihn einzu⸗ holen, und Tunſo, der ihn für ſeinen Kameraden hielt, von dem er ſich getrennt hatte, fragte ihn, ob er nicht ſchwer verwundet ſei. „„Nein!““ antwortete der Slugitor noch näher auf ihn zutretend. „Und er drückte zwei Piſtolen auf den Flüchtigen ab und traf ihn in die Bruſt und in den Bauch. „Trotz ſeiner Wunden, welche beide tödtlich waren, ver⸗ 2 — 327 ſuchte es Tunſo noch, zu entfliehen. Er hielt mit der Hand ſeine Eingeweide zurück, welche herauszukommen drohten, und reichte ſeine Schnelligkeit verdoppelnd, einen Makis. Sicher, ihn ſo getroffen zu haben, daß er in dieſem Zuſtande nicht weit gehen könnte, kehrte der Slugitor zurück, machte ſeinen Kameraden ein Zeichen, und forderte ſie auf, den Makis zu umſchließen. Deſſen ungeachtet konnte der Bandit begünſtigt durch die Nacht und die Kenntniß der Oertlichkeit noch ent⸗ kommen. Aber aus den Schmerzen, die er auszuſtehen hatte, ſchloß er, es ſei um ihn geſchehen, und er leitete die Soldaten ſelbſt zu der Stelle, wo er ſich befand, indem er ihnen mit lauter Stimme rief. „Mit Fackeln verſehen, fanden ihn die Slugitori mitten im Gebüſche ausgeſtreckt. In einer Hand hielt er krampfhaft ein entladenes Gewehr, die andere preßte er auf ſeine Bruſt, um das Geſchrei zu erſticken, das ihm der Schmerz entriſſen hätte. Die Soldaten fühlten bei ſeinem Anblick eine gewiſſe Angſt; eine rückgängige Vewegung offenbarte die Furcht, die dieſer Mann Allen einflößte; aber ſein Geſicht war nur vom Fieber geröthet und zuſammengezogen. „„Nähert Euch, meine Braven,““ ſprach er ſtolz zu ihnen; „„Beim heiligen Georg, Ihr ſeid ſehr glücklich, daß Ihr mir den Bauch mit einem Schuß durchbohrt habt, ſonſt hättet Ihr Tunſo noch nicht in Eurer Gewalt!““ „Man brachte ihn in einer Sänfte nach Bukareſt, doch man war nicht im Stande, ihn zu retten, obgleich man ſchleu⸗ nigſt ärztliche Hülfe anwandte. Einige Tage vor ſeinem JTode beſuchte ihn Herr Petroff; Tunſo unterhielt ſich lange mit 328 ihm über den Schlupfwinkel, den er ſich in ſeinem Garten gewählt hatte. „„Ja, mein Herr,““ ſagte er zu ihm,„„durch eine Schießſcharte, die ich in meiner Höhle angebracht hatte, konnte ich ſehen, was bei Ihnen vorging. Ich wohnte Ihrem Spazier⸗ gange bei. Wie oft ſetzten Sie ſich kaum zehn Schritte von mir nieder!““ „Und als Herr Petroff hierüber zu erſchrecken ſchien, fügte er bei: „„Oh! Sie hatten nichts zu befürchten. Nie hat Tunſo einem wehrloſen Menſchen ein Haar geſtohlen; um ſo viel mehr hätte er ſich gehütet, Hand an denjenigen zu legen, welcher ihm Gaſtfreundſchaft gab!““ „Der Aga beſuchte ihn ebenfalls und ſprach zu ihm: „„Wie, Tunſo, Du, der Du mit Deinem Charakter, mit Deinem Verſtand und Deiner Thatkraft Deinem Vaterland ſo edel hätteſt dienen können, wie mochteſt Du Dich ſo der Räu⸗ berei ergeben?““ „„Wie? Herr, ich werde Eure Frage durch eine Frage derſelben Art beantworten. Wie kommt es, daß unſere Staats⸗ männer, obgleich überhäuft mit den Gaben des Glücks, noch das Volk ſeiner Pfennige berauben, ſie, welche, beauftragt, für die Bedürfniſſe des Landes zu ſorgen, ſo leicht die Wohlfahrt ihrer Mitbürger ſein könnten? Herr, der Unterſchied zwiſchen ihnen und mir beſteht darin, daß ſie unter der Aegide des Geſetzes rauben, während ich auswärts raubte; daß ich aus der Börſe des Reichen nahm, um in die Hände des Armen zu geben, während ſie aus der Taſche der Armen nehmen, umes in ihre 329 eigenen Hände fließen zu laſſen, daß endlich dieſe legalen Räu⸗ ber Thränen entreißen, die ich an ihrer Quelle zu trocknen befliſſen war.““ „„Ich hielt Dich nicht für einen ſo ſtarken Logiker. Wo haſt Du dieſe Marimen geſchöpft?““ „„In der reinen Luft der Freiheit, im Umgang mit den Menſchen, in der Stille des Nachdenkens.““ „„Du ſiehſt, wohin Dich das geführt hat!““ „„Ich beklage den Verluſt des Lebens nicht.““ „„Und wenn es Dir Jemand wiedergäbe?““ „„So würde ich meine Laufbahn fortſetzen.““ „„Sie hat alſo viele Reize für Dich?““ „„Mehr, als ich zu ſagen vermöchte.““ „„Armer Mann! 4 „Ah! Herr!““ Lerwiederte Tunſo,„„Ihr habt nie die Segnungen des Unglücklichen gekoſtet, Ihr habt nie gefühlt, wie Eure Hände von den Thränen des Mißgeſchickes benetzt worden ſind, nein! nie habt Ihr Euch dieſe Befriedigung, dieſes Glück verſchaffen können, nein! ſonſt würdet Ihr mich nicht ſo ſtreng behandeln!““ „Am Vorabend ſeines Todes ſchickte man ihn einen Prieſter. Als Tunſo ihn eintreten ſah, ſagte er mit ſchwa⸗ cher Stimme zu ihm: „„Was wollt Ihr von mir, mein Vater? das Bekennt⸗ niß meiner Irrthümer?.. Ich habe viel Böſes gethan, wie man behauptet, und ein wenig Gutes. Die Dürftigen werden im Himmel für ihren Vater eine Fürbitte einlegen.““ „Er verlangte ſeine Geliebte zu ſehen. Im Glauben er 330 wäre von nichts unterrichtet, und immer noch, trotz ihres nie⸗ drigen Benehmens, von einer tiefen Zuneigung für ihn erfüllt, lief ſie herbei. „„Zinnka,““ ſagte Tunſo, ihre Hand drückend,„„Du haſt mich verrathen. Ich verzeihe Dir. Sei glücklich.““ „Ganz in Thränen zerfließend, warf ſich Zinnka vor ihm auf die Kniee und bat ihn mit gefalteten Händen für ihr Verbrechen um Verzeihung. „„Ich grolle Dir nicht,““ ſprach der Sterbende.„„In⸗ dem Du mich dahin gebracht haſt, wo ich bin, thatſt Du nur Deinen Brüdern Unrecht. Möchten ſie Dir vergeben, wie ich Dir vergebe.““ „Ex erhob ſich, während er dieſe Worte ſprach, drückte ſie fanft an ſein Herz, machte das Zeichen des Kreuzes und verſchied. „Sein Körper wurde auf einer Schleife ausgeſtellt, und das Volk drängte ſich hinzu, um ihn zu ſehen. Ein Bauer, kühner als die Andern, entblößte ehrfurchtsvoll ſein Haupt vor ihm, legte eine Münze zu ſeinen Füßen nieder, und ant⸗ wortete denjenigen, welche ihn fragten, was dies zu bedeuten habe: „„Das geſchieht, um eine Meſſe für ihn leſen zu laſſen.““ „„Ihr liebtet ihn alſo ſehr?““ ſagte eine Perſon. „„Konnte es anders ſein?““ erwiederte der Landmann. „„Nachdem ich einen Ochſen und bald darauf ein Pferd, meine einzigen Einkommensquellen, verloren hatte, blieb mir nichts mehr, um meine Frau und meine Kinder zu ernähren; ich beſaß keinen Para. Tunſo erfuhr es, kam zu mir, ſchenkte 331 mir ſechs Ducaten, einen Ochſen und ein Pferd. Ja, Ihr Herren, er ſchenkte mir ſie. Durch dieſe Hülfe fing ich wie⸗ der an mit neuem Eifer zu arbeiten; ich bezahlte den Rück⸗ ſtand meiner Schulden, ich gab meiner Frau und meinen Kin⸗ dern Kleider, was ſie ſehr nöthig hatten, und wenn heute einiger Wohlſtand bei mir herrſcht, ſo habe ich es ihm zu verdanken. Armer Tunſo!... Dein Andenken wird den Tſcharans des Fürſtenthums ſtets theuer ſein, und die Er⸗ innerung an Dich wird lange in ihren Herzen eingegraben bleiben.““ „Tunſo wurde in den Weinbergen am Wege von Pan⸗ thelemon nahe bei der Stadt begraben, und ſein Lieutenant, wel⸗ cher am Ende, wie er am Tage ihrer Kataſtrophe auf der Brücke von Argis getödtet worden war, theilte ſein Grab. Von Gewiſſensbiſſen gefoltert, wurde Zinnka, welche den Preis ihres Verraths nie erhalten konnte, krank vor Kummer, kam in ein Hoſpital, das ſie, vor der Zeit gealtert und hin⸗ fällig, nur verließ, um die Hand gegen die Vorübergehenden auszuſtrecken. „Sie iſt es, meine Herren, welche ſo eben Almoſen von uns gefordert hat,“ fügte der Vater Lank bei.