— eihbiſivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduurd Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. „ 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat:— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mi.— Pf. „„ Z„* 5 Auswäntige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr felbſt zu ſorgen. 3 Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmützte„ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſaß des Ganzen verpflichtet. Ausleihereit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam hen das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —,— ———S S . rurratararatarat at *——— 1 2 * * Der Erzähler aus der Peimath nund Fremde. Originalerzählungen und Ueberſetzungen. Herausgegeben von Carl Spindler. Fahrgan 18 Dritter Band. Stuttgart, Franckh'ſche Verlagshandlung. Eiſerne Liebe. Von C. Spindler„ Das Lotterieloos. Eine flämiſche Dorfgeſchichte, von J. A. De Laet. Deutſch von J. W. Wolf. Eine Partie Billard. Nach Auguſte Luchet, von Adrian Widerhorſt 3 3.. Croi ſilles. Von Alfred de Muſſet. Nach dem Franzöſiſchen von Auguſt Zoller.. Das verlorene Paradies. Nach Arſéne Houſ⸗ ſaye, von Adrian Widerhorſt Der Engel der Seele. Nach dem Schwepiſchen des C. J. L. Almqviſt, von Edm. Zoller. Bekenntniſſe eines alten Junggeſellen. Nach Lady Bleſſington, von Auguſt Zoller 42 106 140 182 201 3 Fa, wenn ich der römiſche Kaiſer wäre! oder nur der römiſche König, oder meinethalben nur ein I Erzherzog im Lande Oeſterreich! ich wollte es bald anders richten!“ Wenn dieſen überſehnſüchtigen Wunſch der arme Gärtner Gabriel nicht wenigſtens tauſendmal an einem Tage— am ſieben⸗ oder achtundzwanzigſten September des Jahres 1658 in die blauen Lüfte ober ſeinem Garten an der Gänsweide vor dem Stubenthor der guten und edeln Stadt Wien ausgerufen hat, ſo will der Erzähler dieſer merkwürdigen Geſchichte in alle Ewigkeit Unrecht haben.— So viel Spatenſtiche Gabriel in ſeinen grundeigenen Boden gegeben, ſo viel Büſchlein Unkraut und Stoppeln er daſelbſt ausgerauft, ſo vielmal kam obiger Angſt⸗ und Peinſeufzer aus ſeinem Munde Damit wurde jedoch * Der Erzähler. 1847. IM. 2 ſein Gebreſte nicht gelindert, vielmehr noch ſchwerer und bren⸗ nender.— Nun iſt aber ein Leiden, gegen das man den rich⸗ tigen Balſam weiß, das allerunerträglichſte, inſofern Einem verboten iſt, ſelbigen Balſam zu gebrauchen. Die Hülfe zur Hand haben, und an der Hand gebunden ſein dergeſtalt, daß man ſie nicht nach der Hülfe ausſtrecken mag— das iſt Kummer und Noth.— So ging's dem armen Gabriel, und zwar ſeit drei oder vier Jahren war's ihm ſchon alſo ergangen.— Drei oder vier Jahre aber klecken nicht einmal; denn ſchon ſeit ſeiner frühen Knabenjugend ſaß ihm der Dorn im tiefſten Herzen, und er mochte davon nicht geneſen. Des Menſchen Gedächtniß iſt Manchem eine Schatz⸗, An⸗ dern eine Folterkammer; zuweilen iſt es Beides zumal: ein Quell von heller Freud', von bitterm Leid. So dem armen Gabriel. Wenn er ausblickte über den Hag ſeines Gartens— nicht nach der Seite, wo die Richtſtätte ſich in alten Zeiten befunden, und wo zu Nacht die Armenſünderſeelen als Irr⸗ lichter ſchweiften— ſondern nach jener, wo ſich ſchon Haus an Haus erhob, Garten an Garten grenzte, um der Stadt Wien immer näher zu wachſen— ſah er nicht ſchnurgerade in ein paar Fenſter, von Weinlaub bekränzt, und von einem zierlichen, faſt herriſchen Dache überſchattet? Was kümmerte es ihn, daß eine alte häßliche Mutter herausſchaute, oder de⸗ ren einäugiger Ehegeſpann, oder der träge räudige Hund, der den Alten diente zur Kurzweil und zum Spielwerk, weil Ke nicht hatten weder Kind noch Kegel? Für den Gabriel guckte immerdar aus ſehem Fenſter ein Engelantlitz, friſch wie ſeine ſchön und roth wie ſie, mit einem Heiligenſchein von blonden Locken um das Haupt, und mit Augen, blauer als des Himmels Blau, funkelnder als der Sterne Gefunkel. O die liebe Zeit! ſeufzte er dann, lächelnd und doch wehmüthig die Stirne reibend: O du mein armes Hirnkammerl! Gelt, die Wabi geht nicht aus dir heraus? Gelt, da wird ſie ſitzen, bis das Kammerl über'n Haufen fallt ins Grab hinein? So oft er alſo redete und ſeufzte, der Gärtner, ſo fing die alte Komödie, die er durchgelebt, wieder an, vor ihm zu agiren; vom erſten Buchſtab bis zum letzten getreu ihren Spruch herzuſagen. Da war alles plötzlich, wie vor dreizehn oder vierzehn Jahren: er, der Gabriel, ein kleiner Bub von acht Lenzen, die Wabi um einen Lenz zurück— und in dem weinlaubbekränzten Hauſe wohnte noch der Palier Joſt von Lundenburg und deſſen rundliche und freundliche Frau, und die Wabi, ihre Tochter, und der Lukas, ihr Söhnlein; eine herzgute Nachbarſchaft, die der Mutter des Gabriel, einer Wittib, die nichts beſaß, als ihr Häuſl und ihr Gartl, alles Liebes und Gutes anthat. Da ſtand auf einmal wieder das Thürl, das ſie hüben und drüben in die Scheid⸗Hecken ihrer Gärten gemacht hatten, um je geſchwinder wie lieber zu einan⸗ der zu kommen, und berſtändige Rede zu brauchen, oder ſich mit Spielen zu vergnügen.— Da war unberhofft wieder des Gabriel Schweſterlein da, ein muntres ſpringfertiges Ding, der Wabi innige Freundin, und die Brautwerberin für ihren Buder Ja: die Werberin und die Kränzeljungfer, denn die Hochzeit kam gleich hinterdrein; ein Poſſenſtreich, wie ihn Kinder oft angeben, aber ein bedeutſames Vonſpiel zu Wabi's und Gabriels ganzem fernern Leben. Lukas hatte den Vater der Goldhaarigen vorgeſtellt und mit tiefem Ernſt ſein Ja⸗ 5 — 4 wort ertheilt; dann hatte er ſich nach vollendetem Brautzug in den grünen Winkel, wo der Brunnen plätſcherte und die in der Salzberger⸗Wittib Garten einheimiſch gewordene Droſ⸗ ſel ſang, in den Pfarrherrn verwandelt und ſeinen Segen über die kindiſchen Brautleute geſprochen, worauf ein Rund⸗ kuß und ein luſtiger Rundtanz gefolgt war, zum Beſchluß der Ceremonie und zum Vergnügen der zuſchauenden Alten.— O du liebe Zeit! der grüne Winkel ſtand nach vierzehn Jahren an demſelben Flecke; noch plätſcherte der Brunnen, und eine Amſel hatte die Droſſel von dazumal abgelöſt;— aber wo waren Werberin und Braut, Brautvater und Pfarrer, Hochzeitgäſte und Zuſchauer hingekommen? Gabriels Mutter war von der Erde hinweggegangen, und Gabriels Schweſter zu einer reichen Bürgersfrau in Dienſt; die Frau des Paliers Joſt war dieſelbe Straße wie die Nach⸗ barin aus der Welt gezogen, und ihr Sohn Lukas auf der Wanderung in's ketzeriſche England verſchollen. Wabi ſelber war nur mehr auf dem St. Stephans Freithof zu finden, obſchon— Gott ſei Dank— nicht als eine niedergelegte Lilie, ſondern lebendig, prangend— ein Kleinod. Ihr Vater war nämlich Kirchen⸗Werkmeiſter am hohen Dom der Stadt Wien geworden, wohnte in dem ſeinem Amt nächſt der Kirche beſtellten Gebäude, und verlaſſen war daher neben dem Salzberger⸗ Garten das einſt ſo fröhliche Haus des Paliers geſtanden, bis der einäugige Mann es gekauft, und mit ſeinem alten Weibe und garſtigen Hunde beſetzt hatte. Trauriger beinahe war das Häuslein des ledigen und vereinſamten Gabriel anzu⸗ ſchauen. Nicht einmal die Hoffnung, die allzeitdienſtfertige Magd der Mühſeligen und Beladenen, wohnte mehr darinnen. 5 Zu den Lebzeiten der beiden Mütter war für Gabriel und Wabi das goldene Zeitalter geweſen. Die Frauen, ge⸗ borene Heirathsſtifterinnen, ſahen gern der Liebe zarte Blüthe ſchon in den unmündigen Kindern gedeihen, und bauten darauf einen Sommer voll von Früchten. Wabi und Gabriel liebten ſich ſo herzlich! In ihren Augen, wenn ſie einander ſo recht innig anſchauten, ſchien geſchrieben: Unſere Ehe iſt im Himmel ſchon längſt geſchloſſen.— Und die Mütter ſagten zu dem Spruch von oben„Amen“ und auch der Vater Joſt hatte nichts dagegen, ſo lang... er nicht reich und der ge⸗ ſtrenge Herr Kirchenmeiſter im St. Stephansdom geworden war. Geld und Ehre kehren allzuoft den Menſchen um. Zwar — nach dem Tode der Mütter— geſtattete Vater Joſt dem liebefreudigen Gabriel noch eine geraume Zeit hindurch den Zutritt zu ſeinem Hauſe, den ziemlichen Umgang mit ſeiner ſchönen Barbara.— Das war das ſilberne Zeitalter. Auf einmal jedoch fiel dem alten Herrn ein, mit ſeiner Tochter höher hinaus zu wollen; z. B. ſie dem reichen Ju⸗ welier„Marquart am ſchiefen Eck“ zu geben. Marquart ſagte dazu„Ja“ und nach damaligem Brauch durfte die Tochter nicht geradezu„Nein“ ſagen. Dem beſtürzten Ga⸗ briel, dem Vater Joſt einſt ſo beiläufig, als ob ſich das von ſelbſt verſtände, die in Ausſicht ſtehende Hochzeit anzeigte, raunte indeſſen bald darauf die ſchöne Wabi zu: Sei nicht böſe, und halt' aus in Liebe. Ich bleib' Dir treu; Du wirſt ſchon ſehen.— Der gute Burſche, kopfſchüttelnd zwar und voll von Herzeleid und Seelenangſt, that, wie ſie geboten. Und ſiehe: nachdem Herr Marquart ſchon ein paar Wochen mit der Wabi 6 gegangen, ſo fand er unverſehens, daß die Jungfer nicht auf gleich mit ihm ſei, und zog ſich ganz ſäuberlich zurück. Weiß Gott, wie die Wabi es angefangen— genug: ſie hatte ihren Zweck erreicht, den Verlobten maßleidig gemacht, und dem Ga⸗ briel ihr Herzl und ihr Handl erhalten. Deß freute ſich der Gärtner ſehr, und weil Vater Joſt ſchier untröſtlich wegen Marquarts Rücktritt war, und Worte fallen ließ, als wenn jetzt Niemand mehr kommen würde, die Wabi zu heirathen, ſo faßte Gabriel Muth, und ſagte zum Alten: Sind wir nicht längſt miteinander verſprochen, und iſts nicht der Wille der ſeligen Mütter geweſen? Gebt mir jetzv Euer Kind, und von ihm wird alle Schmach, von Euch aller Kummer gewen⸗ det ſein.— Wie ſtaunte er jedoch, da Joſt zu antworten ſich unterſtand: Ich will jetzo die Wabi Dir nicht geben; Du biſt zu arm und zu gering für ſie. Später vielleicht, wenn Du Dir etwas aufgeſpart... vielleicht... ich will nichts verſchwören; aber für jetzo, Gabriel, iſts nichts mit Dir nnd ihr!— Das eherne Zeitalter. So klemmte Gabriel lange hoffend und harrend zwiſchen Thür und Angel, bis er merkte, daß dem Alten immermehr Ernſt um die Sache war. Nicht undeutlich gab Joſt zu ver⸗ ſtehen, der Salzberger beſuche ſein Mädel zu oft, und es ſei übergenug, wenn er nur am Sonntag Nachmittag bei ihr einkehre. Da mußte gehorcht werden. Gabriels Schweſter Agathe machte indeſſen die Vermittlerin, und von ihr erfuhr er zu ſeinem Schrecken, daß der Kirchenmeiſter einen jungen Maurermeiſter Ottokar, einen wohlhabenden Menſchen aus dem Lande Mähren in Allem begünſtige, und ſchon hie und „ 7 da davon geredet habe, er wünſche nichts lieber, als ſeine Wabi dem Ottokar zur Frau zu geben.— Gabriel zürnte hoch auf; aber Wabi, obſchon betrübt zum Tode, ſprach ihm zu:„Halt' aus in Liebe,— ich bleib' Dir treu.“ Nun kam eine Geſchichte vor, die dem Kirchenmeiſter einen billigen Vorwand gab, dem Gabriel ſein Haus ganz zu verbieten, wobei Joſt auch der Hoffnung lebte, daß die Liebes⸗ ketten, die ſein Kind mit dem Salzberger zuſammengebandelt, zerreißen würden ohne Gnade. Es war nämlich vor wenig Monden in der Judenſtadt eine alte Jüdin, Lenore geheißen, in ihrem Häuslein umge⸗ bracht, und ihrer Reichthümer, Juwelen und Kleinodien be⸗ raubt worden. Der Magiſtrat von Wien, auf Andringen der Verwandten jener Ermordeten, hatte einen Ruf ergehen laſ⸗ ſen, kraft deſſen, wer den Thäter verzeigen möchte, fünfhundert Ducaten Belohnung empfangen ſollte.— Anfänglich rührte ſich Niemand. Endlich aber gab ein, wegen gemeinen Dieb⸗ ſtahls im Amthauſe an der Himmelpfortgaſſe inliegender Ver⸗ brecher dem Richter an: er wiſſe den Mörder der Lenore, und begehre den Preis und ſeine Freiheit obendrein, da er im Stande ſei, ein ſehr werthvolles Kleinod, das der Jüdin ge⸗ hört habe, wieder zu Handen zu bringen. Somit verzeigte er den Gärtner Gabriel Salzberger, als den Thäter, und verrieth in deſſen Garten einen wohlverborgenen Fleck, woſelbſt der Räuber den koſtbaren Perlengeſchmuck der Jüdin eingegraben. In der That war hierauf der Richter ſammt Schergengeſindel in Salzbergers Garten gebrochen, und hatte richtig den Ge⸗ ſchmuck am bezeichneten Ort gefunden. Augenblicklich wurde 8 Salzberger trotz ſeiner Unſchuldsbetheuerungen dem Hutſiock (Kerkermeiſter) überantwortet, und die Unterſuchung ſtrengſtens begonnen. Mit Entrüſtung, aber mit einer gewiſſen Befriedigung daneben hatte Joſt ſeiner Tochter Gabriels Anſchuldigung und Haft mitgetheilt, und hinzugefügt, was die leichtſinnigen und böſen Mäuler in der Stadt dazu geredet und gelogen. Aber der ganzen Stadt entgegen ſagte Wabi dem Vater unter die Augen:„Ich glaube das nicht vom Gabriel, und werd's nie glauben. Geſetzt aber— was Gott verhüte— daß ſeine Unſchuld vor den Menſchen nicht an den Tag käme, ſo will ich nicht weniger an ihm halten bis zu Ende, und ſollte ich ihm auf dem Blutgerüſt das letzte Lebewohl ſagen! Gott ſieht in des armen Knaben Herz, und ich kenne es auch inſoweit, daß ich ſeiner Reinheit mich getröſten darf.“— Salzberger zagte in ſeinem Kerker. Die Zuverſicht der an ihn feſt glaubenden Barbara belebte ihn ſelber nicht.— „Und wenn ich auch freigeſprochen werde“— ſagte er troſtlos ſich in's Herz hinein—„wird die reine Wabi jemals mich nehmen wollen, deſſen Ehr' befleckt iſt? Dem Richterſpruch zum Trotze glauben halt die Menſchen vom Menſchen immerdar das Schlechteſte!“— Zum Glück für den Gabriel war aber ſein Richter nicht nur ein guter, ſondern auch ein weiſer Mann, dem Satan ſelbſt und ſeinen Ränken gewachſen. Daher dauerte es nicht gar lange, und es kam zum Vorſchein, daß von Seiten des Angebers ein unerhörter Frevel an der Gerechtigkeit verſucht worden ſei. Der Verzeiger ſelber war nämlich der Mörder „. 9 der Jüdin, und hatte ſelbſthändig die feinen Perlen auf der Flucht von Wien gen Ungarn in des Salzbergers Garten, zur Nachtzeit, da der Gärtner ſorgenlos und ſorgenvoll vom Lieb⸗ chen träumte, vergraben, als einen Apfel für zukünft'gen Durſt. Nachdem der Dieb und Todtſchläger eine gute Weile in der Fremde verbracht, war er— wie's zu kommen pflegt— am unſichtbaren Faden der ſtrengen unbarmherzigen Vergeltung nach der Wienſtadt zurückgegängelt worden, und alſobald in die Wolfsgrube eines ganz plumpen und alltäglichen Schnipfer⸗ ſtreichs, ſomit in die Bande des Gerichts gefallen. Um nun ſo bald als thunlich, dem Kerker zu entkommen, und noch ein gut Stück Geld davonzutragen, hatte er in ſeiner Einſamkeit den Plan ausgeheckt, des Unſchuldigen Blut und Ehre auf den Block zu liefern.— Wie geſagt jedoch, zog ihm der Richter durch ſeine Schelmenrechnung einen dicken rothen Strich, denn er riß ihm die Maschera vom Sünderantlitz, und ſchickte ihn, ſeine Verbrechen alle auf einmal zu ſühnen, zur Rabenſtätte, wo er auf dem Rade die Seele in die feurigen Krallen des⸗ jenigen, dem er längſt gedient, befahl.— Salzberger war alſo frei, und ſuchte wiederum ſein ſtilles Haus, das ſeine Schweſter bisher bewirthſchaftet hatte. Aber neben Gabriels Freude zog auch das Siechthum mit ihm unter daſſelbe Dach. Die Peſtilenz, ſo dazumal in der Stadt re⸗ gierte, packte den an Körper und Geiſt Ermatteten ſo mör⸗ deriſch an, daß für ſein Leben ſchier weniger bezahlt worden wäre, als für des Armenſünders auf der Rabenſtätte. Siehe jedoch: wie eine Lichterſcheinung, die vom Himmel ſteigt, ließ ſich an ſeinem Lager die treue Wabi nieder, ohne 10 Erlaubniß dem Vaterhauſe entronnen, und pflegte den Gelieb⸗ ten mit weicher Hand und tröſtete ihn mit ſüßer Rede. Und da ſie endlich bei dieſem frommen Geſchäft ertappt, und in des Kirchenmeiſters Wohnung zurückgebracht, auch von dem Vater ſtrengſtens herbe angelaſſen wurde, ſo ſprach ſie milde aber ſtandhaft, wie eine zur Marter beſeeligte auserwählte Jungfrau:„Macht mit mir, was Ihr wollt. Ich habe ge⸗ than, was mir oblag, und mein Gabriel wird geneſen„da er mich geſehen, mich gehört hat und von meiner Treue über⸗ zeugt iſt, wie ich's von ſeiner Unſchuld war. Und da er jetzt eben wird, mag's geh'n mit mir, wie's will.“ Der Kirchenmeiſter, ſolche Rede vernehmend, und den ver⸗ klärten Blicken ſeiner Tochter gegenüber, ſchämte ſich faſt ſeiner Härte, und ſeiner Treuloſigkeit. Nur hielt die Beſchä⸗ mung nicht lange an, und wenn er auch den Gabriel nicht mehr ſchmähte, ſo wußte er ihm doch von Tag zu Tag ſeine Thüre ſtrenger zu verbieten, hinwieder dem Ottokar alle Thore zu öffnen, um der Wabi Herz und Neigung zu gewinnen. So ſprach er einſt zu ſeinem Kinde:„Es dürfte heute oder morgen geſchehen, daß Meiſter Ottokar um Dich würbe, und Du wirſt ihm wohl Dein Jawort geben, will ich hoffen?“— Worauf die Barbara mit ſtolzem blaſſem Angeſichte:„Ihr ſeid mein Vater und mein Herr. Was Ihr befehlt, hab' ich nicht zu meiſtern. Aber dem Gabriel bleibt in Ewigkeit meine Lieb' und mein Wort, und für alles Unglück, das aus meiner Ehe mit Ottokar entſtände, will ich nicht verantwortlich ſein vor Gott!— Jedoch denke ich“— ſetzte ſie mit traurigem Lächeln hinzu—„daß es nicht ſo weit kommen werde. Ich „- 11 habe, ſo viel ich ſpüre, den Keim des Todes in mir, und meines Bleibens auf Erden iſt nicht mehr lange.“ Der Vater, wenn ihm ſchon ungeheuerlich zu Sinne ge⸗ worden war, ſtellte ſich an, als ſpotte er der betrübten Weiſ⸗ ſagung ſeiner Tochter. Während er jedoch lachte und ſein Kind vexirte, legte ſich dieſes plötzlich hin, und fiel in ſchwere Krankheit. Die Peſt war's nicht, ſondern ein wildes Fieber, aus dem ſich die böſen Blattern entwickelten, vor denen Arzt und Bader und Wärterinnen furchtſam flohen, ſo daß der Vater ſich nicht auskannte vor Plage, Todesangſt und Ueberdruß. Auf der Welt waren nur zwei Menſchen, die ihr eigen Leben daran ſetzten, um der Kranken das ihrige zu erhalten, um ſie zu warten, zu heben und zu legen.— In der Ver⸗ zweiflung rief Vater Joſt dieſe beiden Einzigen an's Bett der Tochter Als dieſe— nach glücklichem Verlauf der grauſamen Krankheit— ſich umſah mit wieder hellgewordenen Augen, welche Freude! Da war Agatha, die Getreue, da war Gabriel, der ſo zärtlich Geliebte! Als jedoch nach dem Sturm der Freude ein Blick der Wabi in den Spiegel ſiel— o welch ein Schreck! Die tückiſche Vlatternpeſt hatte ihre häßlichen Spuren auf dem ſo reinen, ſo ſchönen Antlitz des Mädchens hinterlaſſen. Da gab es Thränen und Seufzer... zuletzt aber Fü⸗ gung in das ſtrenge Schickſal, und zwar eine dergeſtalte Er⸗ gebung, daß Wabi ſtark genug war, zu ſagen:„Gabriel— mit meiner glatten Haut iſt's jetzt zu Ende. Meine Jugend . 12 iſt verwelkt.... ich gebe Dir, Du Guter, Dein Wort und Verſprechen zurück. Du blüheſt wieder, wie vordem, und kannſt die ſchönſte Dirne freien gehen. So ſei denn frei in Gottes⸗ namen!“ Aber ihr antwortete Gabriel, ohne lang zu ſtudiren, was zu ſagen wäre:„So? das Dein Ernſt, lieb Waberl? Jetzt willſt Du mich fortſchicken, da ich ſo lange bei Dir gewacht und ausgehalten? Doch rechne ich mir das nicht als ein Verdienſt an. Was haſt Du Alles für mich gethan! Aber mich jetzt fortſchicken, da ich nun ſo tief aus dem Grunde weiß, wie ſehr Du mich liebſt, Du goldnes Herzensjüngferlein? Du haſt nie hinter'm Berg gehalten mit Deiner Liebe zu mir,.... aber was der Fiebergeiſt aus Dir ſo ſchön und zuckerſüß mir offen⸗ herzig herausgeplaudert... das hätteſt Du mir vielleicht im ganzen Leben nicht freiwillig geſagt. Und jetzt, nachdem ich Dein lieb Herzl auswendig weiß, vom Giebel bis zum Keller — jetzt ſoll ich wandern und mich umſchauen nach andern, und Du willſt nicht aushalten in treuer Liebe?“ Was war da zu entgegnen?—„Ach, wenn der Vater wollte!“ hieß es nach neugeſchloſſenem Bunde aus dem Munde der Wabi, des Gabriel, der Agathe. Aber der Vater? Kaum war die Tochter dem Leben erhalten, und ſchon lohnte er mit vielen Worten der Dank⸗ barkeit die Pfleger ab... und es blieb bei den Worten. Warum? Ottokar ließ ſich nicht durch die böſen Spuren, ſo die Blattern auf des Mädchens Zügen hinterlaſſen, von ſeinem Vorſatz, es zu ehelichen, abſchrecken.—„Etwas weniger hübſch im Geſicht,“ wachte der Schlaukopf:„dafür aber immer noch „ 13 dieſelbe wohlhäbige Erbin, wenn der Alte einmal dahingeht, wo unſer Aller Ziel iſt.“— Und Joſt war wie vom Satan geblendet, wie geſchoſſen und berzaubert in den Ottokar, und ſtatt, daß er das vielge⸗ prüfte Paar, welches ſich gegenſeitig ſo innig zugethan war, am Geneſungsfeſte zuſammengegeben hätte, ſagte er zum ver⸗ zugten Gabriel:„Glaub mir, die Wabi iſt nichts für Dich, und ich müßte, wenn Du hartnäckig darauf beſtändeſt, um ſie zu werben, gerade nur glauben, Du thueſt es um des Geldes willen, da ihr Jugendreiz dahin iſt. Du biſt ein wackrer Burſch, meinetwegen— aber da zieh ich Dir doch den Ot⸗ tokar vor, der ein Handwerksmeiſter und ein ſtattlich reicher Mann iſt, dem an jedem Finger ein paar reiche Dirnen hän⸗ gen würden, wenn er nur die Finger ausſtrecken wollte, und der gewiß mein Kind nur aus wahrer Liebe nimmt, und nicht aus Eigennutz.“ Das war dem ſanften Salzberger doch zu hainbüchen, und er ging trotzig, aber ſehr muthlos ſeiner Wege, und er wandelte, wie wir zu Anfang dieſer Geſchichte geſehen, mürriſch und vertattert in ſeinem Garten hin und her, Unkraut und Stop⸗ peln raufend, mit dem Spaten grimmig die Erde aufwühlend. Und deshalb wünſchte er auch in einem Athem, bald römiſcher Kaiſer, bald römiſcher König, bald nur einfachſt ein Erzherzog in Oeſterreich zu ſein, um all' die Dinge, die ihn peinigten, anders zu machen. „Aber Gabriel, Du Narr,“ hob er dann auf einmal an „was machſt Du Dir für Sorgen, Traum und Phantaſie? Heutzutage geſchehen keine Wunder mehr, ſonſt müßte ſich 14 in Deiner ſtrengen Noth etwas ereignen, ſie zu lindern und in Freude zu verkehren! Kein Gebet iſt ja erfunden worden, das ich nicht gebetet hätte, und— wär's nur an der rechten Jahreszeit— an einer Wallfahrt ließ' ich's auch nicht fehlen, um die Königin des Himmels zu bewegen, des ſchlimmen Va⸗ ters harten Sinn zu rühren und zu erweichen. Ja, wenn noch mir zu lieb ein Wunder geſchähe...... Die Fortſetzung ſeiner desperaten Rede blieb ihm im Munde ſtecken, denn von der Hollerſtauden-Baſtei knallten plötzlich die Karthaunen gewaltig ihr„Gebt Acht“ und „Juhe!“ in das Land hinaus, und das Schießen pflanzte ſich fort um alle Bollwerke der Stadt, und trug ſtürmiſche Grüße in die Vorſtädte, dem ſich das feierliche Geläute aller Glocken anſchloß. „Was gibt's denn da?“ fragte Gabriel aufhorchend, und lächelnd mitten durch ſeinen Schmerz und Verdruß: „Sollte ich am End' irgend etwas geworden ſein, und ſie ſchießen mir aus der Stadt die Nachricht davon heraus?— Was gibts?“ wiederholte er laut rufend, da er an ſeiner Gartenhecke einen Nachbar jauchzend vorbeijagen ſah.— „He, eine wackre Neuigkeit! eine glückliche Poſt!“ entgeg⸗ nete der Nachbar:„Sie haben in Frankfurt unſern Leopold zum römiſchen Kaiſer erwählt! Vivat Haus Oeſterreich hoch! Gehſt mit, Gartner, und trinkſt eins auf unſers Poldl Ge⸗ ſundheit?“ Gabriel, trotz ſeines Mißgeſchicks, hätte kein Wiener ſein müſſen, um den jubelnden Nachbar abſchlägig zu beſcheiden. —„In Gotlesnamen!“ rief er, luſtig die Mütze ſchwenkend: „ 15 „Der Kaiſer ſoll leben! Ich komme mit, und wohl bekomm' uns der Gang, lieber Nachbar!“ „Wird ſchon werden, wird ſchon ſein, Gabriel. Wo's um den guten lieben jungen Herrn, den Kaiſer, hergeht, kann uns nur Freud' und Glück erwachſen!“ Sie nahmen ſich alſo beide am Arm, und wanderten getroſt durch die mancherlei„Gäſſen und Gaſſln“ zwiſchen Gärten und Bleichen und Ackerfeld und Häuſern der Stadt entgegen. Von Kuh nnd Kalb, von Ruben und Radi plau⸗ dernd, zogen ſie ein durch's Stubenthor. In allen Straßen brauſte es, wie in einem vollen Bienenkorbe. Jauchzen und Schalmeien und Händeklatſchen von allen Seiten. „Du,“ ſagte der Nachbar:„auf der Gaſſe iſt's nicht ge⸗ heuer. Wenn Du willſt, ſo kehren wir gleich in der Singer⸗ ſtraße bei„Adam und Eva“ ein? Der Simſenhuber hat einen Heurigen, wie ein Oel; er kommt ihm aus dem Keller von Kloſterneuburg.“ Sie ſtanden eben vor der Thüre, wo der Tannenbuſch luſtig wehte. Salzberger zögerte ein wenig einzutreten. Die Schenke war oft vom Kirchenmeiſter beſucht, und dem Gärtner grauſte ſchier vor der Möglichkeit, mit dem unfriedlichen Manne zuſammenzutreffen. Jedoch— nach kurzer Ueberlegung ſagte er ſich ermuthigend zu Gehör:„Ei was, bin ich's denn, der Urſach' hat, ihm auszuweichen? Hab' ich nicht das beſſere Gewiſſen auf meiner und Er das Unrecht auf ſeiner Seite? Friſch hinein!“ Bei'm Eintritt ſchob ſich an dem Gärtner und ſeinem Freund— mit zornigen Blicken und zornrothem Kopf der 16 Maurermeiſter Ottokar, der aus dem Hauſe kam, vorüber. Im Anſtreifen an den Gabriel ſchoß der Ottokar auf denſelben einen wilden, aber höhniſchen Augenblit. Mit einem dumpfen Spottlachen machte er ſich alsdann durch, und hatte auch Zeit, denn ſchon ſtieg dem Gärtner die Galle, dem begünſtigten Nebenbuhler und deſſen Spottgrinſen gegenüber. In der Trinkſtube ſtand aber, umgeben von mehreren begütigenden und beſchwichtigenden Biederleuten, der Kirchen⸗ meiſter Joſt in hoher Perſon, und eiferte mit Worten und Geberden, daß ihm der Schweiß auf die Stirne trat, ein Lan⸗ ges uud Breites, voll Heftigkeit und Verdruß. „Und der Menſch, jener ſelbige Menſch will meine Toch⸗ ter zur Ehe nehmen! Stellt Euch vor: jener ſelbige Menſch!“ — Dieſe Rede ſtieß der Kirchenmeiſter eben aus, da Gabriel in der Stube erſchien, und leichtlich durfte der arme Schelm die Zornrede auf ſich beziehen, wie er auch that. Doch ſah er bald ſeinen Irrthum ein, denn kaum hatte ihn der Kirchen⸗ meiſter bemerkt, als derſelbe die breiten Hände nach ihm aus⸗ ſtreckte, und mit Freundlichkeit ausrief:„Sieh da; ein bekann⸗ tes und redliches Geſicht; ein Geſicht, das mich troöſtet über das Maurergfries, das ſo eben abgefahren iſt.“ Und, als hätte er niemals mit dem guten Jungen einen Span gehabt, führte der Meiſter den Gärtner, der ſeinen Nachbar dahinten laſſen mußte, an ſeinen Tiſch, hinter ſeine Kandel, ſetzte ihm einen Becher vor, und erzählte ihm auf die vertraulichſte Weiſe, was ihm das Herz drückte, und was er nicht genug erzählen konnte. . 7 Der Magiſtrat hatte nämlich beſtimmt, den jungen Kai⸗ ſer, der am erſten Oktober ſeinen Triumpheinzug in Wien halten wollte, auf's Feierlichſte zu empfangen, auf's Prächtigſte zu ehren. Jubelpforten, rinnende Brunnen von Wein, Be⸗ leuchtung und Feuerwerk ſollten den Einzug verherrlichen. Um jedoch die Freudenbezeigungen vollkommen zu machen, mußte auf der Spitze des Stephanthurms das Panner Oeſter⸗ reichs von einem unerſchrockenen Geſellen geſchwungen werden. So wollte es der Brauch, die Sitte der Zeit. Und dieſes Fahnenſchwenken war eigentlich die Pflicht des Kirchen⸗ meiſters. Nun aber war Meiſter Joſt ein alter Mann, deſſen Aug' und Fuß nicht mehr ſo ſicher, wie in ſeinen grünen Jahren, und der Lukas, der das Wagſtück ohne Weiteres auf ſich ge⸗ nommen haben würde, war fern in England und verſchollen. Daher war Joſt an ſeine Untergebenen gegangen, um Einen derſelben für den kurzen Fahnendienſt von einer halben Stunde etwa zu werben. Alle hatten ſcheu und ängſtlich verneint.— Dem Kirchenmeiſter war's eine Ehrenſache, einen Stellvertreter ſeiner ſelbſt aufzuführen. Da hatte ihn ein glücklicher Zufall, wie er meinte, den Maurer Ottokar, den gewünſchten Tochtermann, in der Zechſtube von„Adam und Eva“ begegnen laſſen, und etwas voreilig war dem Kirchenmeiſter die Laſt von dem Her⸗ zen gefallen, da er Ottokars anſichtig geworden. Nicht zwei⸗ felnd, daß Jener der Mann, deſſen er bedurfte, ſein würde, hatte Joſt ihn zu dem Liebesdienſt aufgeboten, und eine abſchlägige Antwort erhalten. Von Ausflucht zu Aus⸗ flucht, von Weigerung zu Weigerung flüchtete ſich Ottokar, Der Erzähler. 1847. M. 2 18 . bis endlich der ſtaunende Kirchenmeiſter klar begriff, daß jeden⸗ falls der Muth des Mannes nicht bis an den Knopf des Ste⸗ phanthurms reichen mochte;— und hierauf war Meiſter Joſt in Anzüglichkeiten ausgebrochen, und Meiſter Ottokar bitter geworden, und von der Bitterkeit bis zur Grobheit, ſo wie von der Anzüglichkeit zur Beleidigung iſt nur ein kleiner Schritt.— Sehr erzürnt hatten ſie ſich getrennt, und nach ſeinem Bericht an Gabriel wiederholte der Kirchenmeiſter mehreremal die zornigen Worte:„Und ſelbiger Menſch will meine Tochter zur Ehe nehmen! Selbiger Menſch will mein Eidam werden! Sag' an, Du ſelber, lieber Gabriel: iſt das eine Thorheit, iſt das zum Lachen? Getraut ſich nicht, eine halbe Stunde auf dem Thurme die Fahne zu ſchwenken! Laßt mich ſitzen— er, ein Maurer, dem der Schwindel und die Feigheit ſo unbekannt ſein ſollten, mehr als das Türkiſche— laßt mich ſitzen in meiner Noth! Sag' ſelber, Gabriel, ſag' ſelber!“ „Ei!“ rief der Gärtner mit munterm Maulwerk;„Wenn denn in Gottesnamen Eure Wabi auf dem Knopf von St. Stephans Thurme ſitzt, ſo will ich, dem ſie doch von Rechts⸗ wegen gebührt,— ich will ſie herunterholen, und meinetwegen eine Stunde droben das Panner des Durchlauchtigſten Erzhau⸗ ſes ſchwenken.— Schlagt ein, Meiſter Joſt, ſchlagt redlich ein, und haltet aber endlich Euer Wort: krieg' ich die Wabi, wenn ich die Fahne ſchwenke?“ „Du? Du, Gahriel?“ machte der Kirchenmeiſter außer ſich vor Verpunderung:„Du wollteſt.. 2 ach nein, laß' mich aus! Du, ein Gartner, deſſen Handwerk gar nicht iſt, in 6 „„ v— 19 den Lüften umherzukraxeln, wie der verflirte Maurer es kön⸗ nen ſollte ach nein.. Du trauſt Dir mehr zu, als Du halten kannſt.“ Jetzt lief die Eitelkeit des Salzberger über, wie ein ie⸗ dendes Gebräu, und er entgegnete heftig und ſchnell:„So, ſo? Ihr wollt ſchon wieder zurück, böſer Chriſt, unzuverläſſi⸗ ger Mann, heidniſcher Vater? Warum ſollt ich nicht beſſer ſein, als der Kerl aus Mähren? ha, ha, ich auch hab' einen freien leichten Kopf, denn das ſchwere Herz, das Ihr mir ge⸗ macht, kommt bei dem Kletterſpiel nicht in Betracht. Und warum etwa ſollte ein Gartner ſchlechter ſein, als ein Andrer zu dem Fahnendienſt? Was war denn an dem Badergeſellen, an dem Mihl, der vor ſo und ſo viel Jahren hat hinaufſtei⸗ gen und ſchwenken ſollen? Der Seifenbruder war auch nicht Maurer, nicht Zimmermann, nicht Dachdecker, beim Blitz, und wenn der Kaiſer von dazumal nicht geſtorben wäre, der Mihl hätte geſchwenkt, wie ein andrer ehrlicher Burſche. Nein, nein, Meiſter Joſt; ich thu's, ich thu's, und Ehr' und Freu⸗ den ſollt Ihr an mir haben;— aber die Wabi gilt's, und da müßt Ihr nicht abermals einen Drudenfuß in die Sache machen, und... und.. doch genug und mehr als genug. Wollt Ihr, wollt Ihr nicht?“ „Du Herzensbub', ich will ja, will ja gern!“ ſagte Joſt, dem vor Rührung das Auge ordentlich feucht wurde: „Wenn Du Dich's getrauſt...'s wäre Gottes Finger. u die Wabi ſollſt Du haben.. ich verſpreche Dir's hie vor dem Kreuz des Herrn, vor dem Bilde der heiligſten Mut⸗ ter ich ſag Dir's zu vor all dieſen B Biederleuten!“ 20 „Nun gut, ſo recht; ſagt's nur zu vor Zeugen, dann wird Euch die Ehre ſchon lehren, Euer Wort zu halten. Und ich halt das Meinige, und wenn Gott ſeinen Segen dazu gibt— ich thu's ja nicht um den Lohn, ich thu's ja aus purer Lieb und Herzenskümmerniß und Sehnſuchtsbegier, darum wird auch der Himmel das Seine thun— werd' ich Euer braber wackrer Sohn! Und—— wenn Gott ſeinen Segen nicht dazu gäbe,.. ei nun,— ſo ſtürzt' ich in die Seligkeit mitten hinein, und käme fort von der Erdenhei⸗ math, woſelbſt ich ohnehin ein armer Bettelpilger bin und bleibe, wenn mir das Waberl verſagt ſein ſoll in alle Ewig⸗ „Was ich Euch bitte,“ ſetzte Gabriel, von einem Gedan⸗ ken, der ihn ängſtigte, überlaufen, hinzu— oſeid ſo gut, und ſagt der ſelbigen Wabi noch nichts von meinem Wett⸗ und Wagſtück. Verbietet auch den Zeugen fein, der Wabi davon zu plaudern. Ach— ſie würd's ja nimmer zugeben! Ach, ſie würde mir's verwehren, und mich mit dem Vorwurf ſchrecken, als wollt' ich Gott freventlich verſuchen!— Dann wiche von mir der Muth, und.. wer weiß? von ihr die Liebe! Nicht wahr, Vater Joſt: Ihr ſchweigt davon, und ſorgt, daß auch dieſe Biederleute da ſchweigen?“ „Es hat ſich gut reden vom Schweigen;“ hob der Kir⸗ chenmeiſter lächelnd, weil getröſtet, an:„die neuen Poſten pflan⸗ zen ſich bei uns zu Wien mit dem Zugwind fort und dringen mit dem Staub in die verſchloſſenſten. Säuſer! Aber— im * Ernſt, Gabriel— die Barbara ſoll und wird nichts von 6 2 Deinem Anſchlag und kecken Wagniß erfahren; bis Alles vorüber — denn.. ich habe ſie heut Mittag aus der Stadt geſchickt.“ „Wie? die Waberl? aus der Stadt? Warum?“ „Weil ihr blaſſes Angeſicht und ihre trüben Augen mir nicht geſielen... weil ich unzufrieden war mit ihr... und — damit ich's nur geſtehe— unzufrieden auch mit mir. Du guter Narr! warum hab' ich Dich nur ſo unabläſſig ge⸗ plagt, und den Ottokar dafür auf's Altarl geſetzt? Ich bin jetzt ordentlich froh, daß der feige Kerl ſich mit mir, oder ich mich mit ihm überworfen. Wer weiß, wie lang noch Unfried' zwiſchen mir und dem Kind und Dir geweſen wäre! Ich war ein Thor, ein bösartiger Thor, und mir geſchieht recht, daß Du bald um die ganze Länge des Stephanthurms über mich zu ſtehen kommſt, weil ich Dich, die gute Seele, die mir aus großer Verlegenheit hilft, ſträflich demüthigen wollte! Meine Tochter iſt aber in der Neuſtadt bei meiner Stiefſchwe⸗ ſter, und Sorge will ich tragen, daß ſie am Tag nach dem Feſte hereinkommt, und daß Eure Hochzeit gleich am nächſten Feiertage darauf gefeiert werde. Dabei bleibt's.“— Der Kirchenmeiſter war jetzt äußerſt zufrieden mit ſich ſelber, und dachte nicht von fern dran, um wie viel es edler geweſen ſein würde, wenn er dem wackern Gabriel zur Ver⸗ geltung ſeiner Liebe den ſauern Gang auf den Thurm, und zugleich die Hand der Tochter geſchenkt hätte.— Von Stund an betrachtete ſich der Gärtner als den glücklichſten Menſchen in den Erblanden, in Ungarn und Böhmen, zugleich aber als einen, möglichem Tode Geweihten. Er beichtete und nahm das heilige Abendmahl. Das ſchickte ſich für den Gewinnenden, wie für den Verlierenden. Er ließ in der Kirche beten für einen in große Gefahr ſich begebenden Mann. Zugleich beſtellte er das beſchleunigte Aufgebot zu ſeiner Hochzeit. Er ließ ſich bei'm Schreiner einen ſchönen Sarg, bei'm Schneider einen ſchönen Hochzeitsrock machen. Er ließ vom Meiſter Notarius ſeinen letzten Willen auf⸗ ſetzen, und zugleich machte er mit dem Kirchenmeiſter eine ſchriftliche Eheberedung. Von der Schweſter, die auch nichts von ſeiner bevorſte⸗ henden Thurmwanderung erfahren durfte, nahm er Abſchied, als träte er eine lange Reiſe an. Zugleich lud er ſie zu einem Freudenſchmaus am nächſten Feiertag ein.— Agathe wußte nicht, wofür ſie das Alles halten ſollte? Ihr Bruder kam ihr vor, als wie nicht recht geſcheidt. Am Tage dachte Gabriel nur an ſeine bevorſtehende glück⸗ liche Ehe. In der Nacht träumte er ſtets vom Hinabſtürzen aus hoher Luft. Der Kirchenmeiſter war immerdar mehr zufrieden mit ſich ſelbſt. Ottokar verſchluckte ſeine Galle und hielt ſich von Joſt entfernt; dagegen ſah man ihn an verborgnen oder ent⸗ legenen Plätzen häufig ſchleichen mit dem Palier Lorenz, der nicht eben zu den aufrichtigſten, aber wohl zu den verſchlagen⸗ ſten Chriſten gezählt wurde, und in Joſt's Dienſten ſtand. Die Beiden, die ſich früher ſchier nicht gekannt, waren jetzt, wie in aller Heimlichkeit zuſammengewachſen. 1 23 So brach endlich der Tag des großen Einzugs herein. Ganz Wien lief im Feſtkleide umher. Innerhalb der Thore ein allgemein Gedränge, bunt und dicht. Außerhalb der Fe⸗ ſtungswerke ein unermeßlich Volk, in allen Zungen redend, ſchreiend, jubelnd, ungeduldig dem hohen kaiſerlichen Herrn ent⸗ gegenwogend. Schon war Mittag vorüber, und der Herr noch nicht im Geſichte ſeines Volkes. Auf der Straße, die er der Hauptſtadt entgegen zog, erdrückten ihn faſt der Bürger und Landleute fröhliche Ehrenbezeigungen. Nur Schritt für Schritt kam der junge heißgeliebte Herrſcher vorwärts. Der Abend zog auf; noch war der Himmel feſtlich blau, doch thürmten ſich des Herbſtes Nebel über'm Marchfeld, und ſcharf wehte ruckweiſe der Wind vom Schneeberge her. Aber was von der Kloſterneuburger Seite her aufwirbelte und die Luft verfinſterte, war nicht Nebel, ſondern Staub der kaiſer⸗ lichen Pferde, und aus Aller Munde ſcholl ein begeiſtertes: „Er kommt! Unſer Leopold, unſer Kaiſer kommt!“ Und zum Salzberger ſprach der Kirchenmeiſter, ihn um⸗ armend:„Jetzt hinauf, in Gottes Namen unverzagt hinauf zum Thurm! Die Stunde iſt da, den Preis kennſt Du, den Muth haſt Du! Wir werden uns gar bald und fröhlich wie⸗ derſehen. Da, die Fahne! folge dem Lorenz, dem Palier und ſeinen Geſellen. Sie werden Dich wohlbehalten auf die Spitze bringen, und Deiner Rückkehr mit aller Hülfe gewär⸗ tig ſein!“— Gabriel gab die Hand zum Lebewohl und ſtieg ſeinen Weg hinan, ungeduldig, ſein Lieb, daneben auch wohl ein bis⸗ chen Ehre zu verdienen. Fünf Helfer und Anbahner zogen mit ihm zur ſteilen Höhe. Ein ſchmucker Geſell, wie Gabriel, hatte vor ihm noch nie die Thurmfahrt gemacht; auch nach ihm iſt keiner dahin⸗ gekommen, ſo ſchön und jung und freudig wie er. Sein Antlitz war gefärbt, wie ein geſunder Apfel, den die Sonne mit Vorliebe gemalt hat. Ein Wald von dunkelbraunen Krauslocken ſchmückte ſein Haupt. Seiner dunkeln Augen Glanz blitzte ſo kühn und ſo luſtig in die Welt hinein! Seiner Glieder Ebenmaß war herrlich verziert mit dem grün⸗ und weißen gärtneriſchen Prunkgewand, das er angelegt, und ſein ſchlankes Wachsthum recht herausgeſtellt durch die weiß⸗ und rothe Schärpe, womit er ſeinen Leib gegürtet. Stolz um⸗ flatterten ihn des erlauchten Erzhauſes Pannerfarben.—„Doch wärs ſchön, wenn die holde Wabi mich in dieſem Ritterſchmuck ſähe!“ ſeufzte er lächelnd vor ſich hin:„ich meine, daß ich noch niemals ein ſo feines Mandl geweſen bin!“ Fünfhundert und fünfzig Stufen bis zum Kern des Thurms! Welch ein Kinderſpiel! Tanzend flog das heiße Herz an den kalten Steinen emvor.— Zweihundert Stufen über knarrende Holztreppen hoch hinauf über das Uhrgewölbe und das Trompetergänglein in die Pyramide hinein! Immer noch ein Spiel, ein Scherz, ein muntrer Zeitvertreib. Immer leichter athmete Gabriel's Bruſt, weil immer leichter ſchlug ſein Herz. — Drei, vier, fünf ſteile Leitern! immer enger die Schlucht, die da zum Himmel führt!— Muth, Muth— noch ein paar za Schritte, dann ein halb Stündchen Wagniß— 25 dann der Triumph, dann der Liebe Lohn, des Prieſters Se⸗ gen, das fröhliche„Ja“ vor dem Altar Ach— wie ſchwer iſt das Panner nachzuziehen... wie finſter wird der ſteinerne Schacht! Halt... da iſt die Lucke. Palier Lorenz hebt ſie auf...„Jetzt gilt's!“ ſagt er mit furchtſamen Augen zum Wagehals:„Da geht's hinaus... da ſchau' die Steigſtangen, und die Klammern zum Anhalten. Nur nicht ſchwindlich werden! Behüt' Dich Gott, Gartner. Wenn's aus iſt, werfen wir Dir ein Seil mit Haken zu, und ziehen Dich herein. Vergiß das Zeichen nicht; fahr' wohl!“ Während dieſer wenig tröſtlichen Anrede hatte ſich Ga⸗ briel aus der Lucke gelüpft, und hing vom rauhen Abendwind ganz frei umſpielt, auf den Eiſenſteigen, an den Eiſenklam⸗ mern.— Das war nicht mehr Kinderſpiel. Die Mannes⸗ arbeit ging an. Mit Anſtrengung und blinzelnden Augen ſchwang Gabriel, die Fahne mühſam ſchleppend, zur Roſe ſich empor. Da war Raum zum Stehen, zum Beſinnen— da mußte ein möglichſt ruhiger Blick in den Abgrund gethan werden, in den großen ſteinernen Irrgarten Wien, deſſen Ge⸗ wimmel nur wie ein winziges ſchwarzes Durcheinander zu des Fahnenſchwenkers Augen— deſſen Gelärm und Gejauchz nur gar ſchwach nnd gedämpft zu ſeinen Ohren drang. Auf dieſer Thurmroſe ohne Duft und Dornen zu ver⸗ weilen, war ſchon ſtarke Mannesarbeit, aber Gabriels Streben war noch nicht zu Ende. Der Knopf des Thurms mußte er⸗ obert und beſchritten ſein. Keine weite Strecke mehr— aber auf jedem Tritt ſo viel Gefahr, als in der längſten Schlacht dem wildeſten Kämpfer droht! „Daß Gott erbarm'!“ ſeufzte— diesmal nicht mehr lä⸗ chelnd— der arme Salzberger, da er mit einem Blick nach oben und in die Runde, den ganzen Umfang ſeiner Vermeſ⸗ ſenheit inne wurde. Und ſo ganz verlaſſen, ſo einſam in der Wüſte der hohen Luft! Eine ſaure Frohnarbeit, mit ſich ſelber zurecht zu kommen, und ſein ſchweres Panner nicht preiszuge⸗ ben, mit dem der Wind, begierig es zu entführen, gar nicht ſäuberlich umging. Der Kleinmuth machte ihm ſchier das Herz ſinken.„Lo⸗ renz! Geſellen, zu Hülfe! ich kann nicht weiter.“ rief er.— Ihm wurde keine Antwort, kein Zeichen. Da betete er, hängend, der Lüfte Spiel, ein kräftiges Geſetzl, und ſiehe: ihm wurde Kraft.— Beſonnen und mit kalter Todesverachtung ſchwang er ſich mühſelig von Eiſenſproſſe zu Eiſenſproſſe.„Wabi! Wabi, Dich!“— Mit dieſem Siegesruf erklomm er den Knopf des Thurms. Er konnte den linken Arm um die Stange nn die den goldenen Stern trug, und mit der Rechten ſchwenkte er trotzigen Muths zum erſtenmale ſein Panier, das wie eines Greifvogels mächtiger Fittig klappte und rauſchte. Schwarz der Himmel über ihm, die Windsbraut frech in ſeinen Haaren wühlend, die Füße, wie krampfhaft einge⸗ ſpurt in dem ſchmalen Stehraum... Gabriel war außer ſich und mit einer Art von Wuth trieb er ſein gefährlich Fahnenſpiel. Drunten brummten die Geſchütze, Raketenbün⸗ del gingen an verſchiedenen Orten und Enden auf; drei ſtätige Licht⸗ und Feuermaſſen brannten empor in die plötzlich ge⸗ waltſam herabſinkende Nacht: die Ehrenpforten am Sn am Graben, am Stockimeiſenplatze. 27 „Dort unten ſind ſie luſtig!“ keuchte Gabriel kurzathmig, während einer Pauſe, die er ſich erlaubte:„dort unten laufen ſie auf feſtem Voden, und tränken ſich am goldenen Wein der Feſtbrunnen! O, hätte ich davon nur einen Tropfen, meinen Mund zu netzen, mein Herz zu ftärken! Dränge nur eine Handvoll Duft davon herauf in meine Naſe, mir die Sinne wacker zu machen!“ Das Geſchrei im Abgrund wurde lauter, ein Zug von Flammen wandelte um den Freithof des Doms, Klänge wie von Schalmeien und Poſaunen blitzten nach oben.—„Das iſt der Kaiſer!“ ſchrie Salzberger:„Vivat! Hoch! noch einmal hoch! Lange noch!“— Und ſtrenger arbeitete er mit ſeinem ſtolzen Panner, und that ſeines Amts zur Genüge. Nur war's ſchon finſter und im ſo lang verſpäteten Einzug des Kaiſers wurde der tollkühne Fähndrich vielleicht kaum mehr geſehen von dem Volke und dem Herrſcher. Da donnerte unten im Thurme die Stunde.—„Jetzt iſt's genug, ich habe meine Pflicht gethan!“ ſtammelte Ga⸗ briel, vom Wind durchkältet, wenn ſchon von Schweiß trie⸗ fend:„jetzt hinab und das Zeichen gegeben!“ Mit größerer Behutſamkeit, als bei'm Aufſtieg kletterte der Gärtney über die Sproſſen hernieder. Noch einmal auf⸗ blickend ſchaute er den falbleuchtenden Stern an.„Wabi's Angen leuchten heller!“ ſchmunzelte er. Aber ſchaurig raſſelte im Winde der mit Ketten am Stern befeſtigte Halbmond. „Schau, ſchau!“ fuhr Gabriel fröſtelnd fort: iſts nicht, als ob der türkiſche Heid, der Mondſchein, mir eine böſe„Gut⸗ nacht“ wünſchen wollte? Halt's Maul, Mahomet!“ Nach einigen kühnen Tritten ſtand der Fähndrich wieder 28 auf der Roſe. Sein Panner eng umſchlungen haltend, rief er:„He, Palier Lorenz, he Geſellen! thut auf die Falle! Werft vas Seil und reicht die Hacken!“— Keine Antwort. Greller und dringender wiederholte Salzberger zweimal den Ausruf.— Keine Sylbe, kein Geräuſch von unten.— „Mordio! haben ſie mich vergeſſen, oder find ſie eingeſchlafen?“ fragte der arme Burſche in den ſauſenden Wind.— Der Wind lachte ihn aus, wie ein boshafter Spottvogel. „Jeſus! Was wird mit mir geſchehen? was aus mir werden?“ In Finſterniß gehüllt, wagte er nicht mehr, einen Zoll⸗ breit aus ſeiner Stellung zu weichen. Eine Angſt, wie er ſie nie gefühlt, drückte ihm die Bruſt zuſammen, und eine Bitter⸗ keit ohne Gleichen durchſchauerte ſeine Seele.„Sie haben mich mit Fleiß und Vorbedacht verlaſſen!“ knirſchte er zähne⸗ klappernd;„die Fackeln auf dem Freithof leuchteten zu meiner Leiche!“—— Dann gewann das jugendliche Vertrauen wieder auf Augenblicke die Oberhand.—„O nein, o nein!“ wimmerte er wehmüthig:„wie könnte denn das der Kirchenmeiſter übers Herz bringen? O mein Heiland! wie könnte das einem Men⸗ ſchen, der vom Weibe geboren, in den Sinn kommen? O nein... Gabriel, gib' Acht: jetzt kommen ſie, dich zu holen.. jetzt... o ſie müſſen ja kommen...“ Und als nichts kam, als der Nebel immer dichter, daß kaum znehr die Hand vor den Augen geſehen werden konnte, — da ſtieg bie Todesangſt und Ungeduld noch mächtiger 3— 29 des Verlaſſenen Kehle, und weinerlich wie ein ſchwaches Kind, das gern trotzen möchte, ſchrie er auf:„Jeſus, Maria und Jo⸗ ſeph! das darf ja nicht geſchehen, daß ich hier oben hinſterbe. das darf ja der Kaiſer nicht leiden! das wäre ja wieder alles Chriſtenthum. Kaiſerliche Majeſtät! zu Hülfe, zu Hülfe! laßt Euern Fahnenſchwenker nicht umkommen, der Hals und Kragen daran geſetzt, Euern Einzug zu verherrlichen. Durchlauchtig⸗ ſter Herr, zu Hülfe! Es koſtet Euch ja nur einen Befehl, den Wink des kleinen Fingers!“ Und da hierauf der Kaiſer im Abgrund Wien ſich nicht regte, und der wogende Wind, um die ſchmale Spitze des Thurms ſeinen Ringeltanz haltend, übermüthig ſchnaubte: „Hier oben bin ich der Herr und die Majeſtät!“— da ſanken kraftlos des Gabriels Hände, die er bittend aufgehoben, an ſeinem Leibe nieder, und er hob zu ſchluchzen an, und Thrä⸗ nenſtröme, die nicht enden wollten, ſtürzten aus ſeinen Augen nieder.—— — Während deſſen redeten tief unten in einem finſtern Gaſſenwinkel, fern vom fröhlichen Getümmel, zwei Männer ſchadenfroh einander an.„Nun, iſt's abgethan?“ fragte der Eine.—„Hab' ichs recht gemacht?“ fragte der Andere.— „Alſo geſchehen und vollbracht?“—„Der kommt nicht mehr lebendig zu Boden.“—„Recht ſo. Wenn nur nicht der Kir⸗ chenmeiſter 2—„Nir da: Der Alte iſt beſchäftigt, und denkt nicht an den grünen Bruder, als bis. 4—„Bis es zu ſpät iſt. Braver Lorenz!“—„'s hat Mühe gekoſtet, die Geſellen in alle Welt zu ſchicken. Erſt nachdem ich⸗Ihnen geſagt, der Meiſter Joſt begehre ſelber, den Gartner vom Thurm 30 zu holen, ging ein Jeder ſeinem Vergnügen nach.“—„Herr⸗ lich,.. und des Thurmes Pforte...?“—„Iſt zu, ſo wie die Lucke unter der Roſe. Kommt aber jetzo hinweg, Meiſter Ottokar! Wie bald, und der Kerl ſtürzt wie ein rei⸗ fer Apfel in die Stadt herein, und der Lärm wird losgehen? Wir ſollten hier nicht zu finden ſein; he?“— Auf dieſes hin entfernten ſich auch die Schelme, und ſuchten ihre Freude wo anders.—— Zu den Füßen indeſſen des ſchier zur ſtarren Bildſäule gewordenen Salzbergers ſaß ein ſchwarzes Männchen auf einem Zierblatt der Thurmroſe, ſchwenkte unbeſorgt die Beine in der Luft, ſchaukelte ſich hin und her vollkommen ſchwindellos, und ſagte bald, wie eine Katze murrt, bald wie ein Hauptflüſſiger ſchnofelt, zu dem Gabriel:„Willſt Du Deiner Seligkeit ab⸗ ſagen, ſo führ' ich Dich herunter eben ſo gut, als ich dem Schloſſergeſellen das Schloß am Stock im Eiſen gemacht habe?“— „Davor ſoll mich der liebe Gott bewahren!“ antwortete ihm Gabriel mit Abſcheu. „Oder ſchenke mir Deine Wabi mit Haut und Haar, und ich rette Dich;“ ſchnofelte der Schwarze ferner:„Kriegſt allweil noch ein ſchöner Dirndl!“ „Willſt Du wohl die Goſch'n halten, unſauberer Spi⸗ ritus?“ fuhr ihn Gabriel bitterböſe an. 4 „Oder verlobe mir Dein erſtes Kindlein zu Eigenthum!“ machte der Schnofler weiter:„ich trage Dich ſodann herunter. wie ich den ſel'gen Kaiſer Mar von der Martinswand ghel habe als ein Engel. 3 31 „Wär' mir nichts lieber!“ verſetzte Gabriel ganz außer ſich:„Du ein Engel? Da dank' ich. Ja, von ſelbigen, die Hörndln und Schwaferln tragen. Hebe Dich weg, Du Sa⸗ tanas. Mit uns zwei beiden iſt's nichts.“ — Da hob die Bier⸗ und Feierabendglocke an zu läuten, und der Schnofelteufel machte, daß er heimkam. Er hatte ohne Zweifel keine Freinacht, wie ſie den Wienern zu kaiſer⸗ licher Ehr' und Freud' erlaubt worden war; ſo daß heute die Bierglocke eigentlich nur pro forma angezogen wurde. Ueber dem Geläute jedoch riß Gabriel die Augen weit auf, und wurde zu ſeinem Schrecken gewahr, daß er geſchlummert hatte; geſchlummert auf der Roſe des Stephanthurms, ſiebzig Klafter über'm Treiben der Welt, auf einem Boden, der nicht die Breite eines Grabes hatte! „Ich muß einen Schutzengel bei mir haben;“ dachte der Arme, als er ſeine Beſinnung vollkommen geſammelt hatte: „Das ſoll mir Einer nachthun. Hier oben ſchlafen, und nicht unten auf dem FPflaſter erwachen mit zerbrochnem Genick? Oder erwachen, geſpießt an den Hirſchhörnern, die St. Ste⸗ phans⸗Thurm vor dem Blitz bewahren? Es iſt am Ende gar nicht wahr, daß ich auf'm Thurm ſtehe? Ich liege vielleicht in meinem Bett, und träume nur von der ängſtlichen Ge⸗ ſchichte?“ Ein unſäglicher Froſt, der durch ſein Rückenmark zitterte, belehrte ihn, daß ſich's hier nicht um einen Traum handelte.— „Das iſt ein Fieber;“ ſtotterte Gabriel, ſich feſter noch an die Thurmſpitze ſchmiegend, und dennoch iſt mir, als ob's nicht 8 32 an's Leben ginge, ſondern als ob ſich mit mir etwas beſonderes begäbe, wie ich noch nie empfunden und verſpürt?“ Da ſagte gleichſam eine Stimme, die da klang wie eine Schnarrpfeife aus der Orgel:„Narr, das iſt ja eben der Tod, das unbekannte Weh, das kein Menſch verſpürt, als wenn's mit ihm zu Rüſte geht. Bete fein: In deine Hände, Herr.“ „O Graus, o Schmerz, o weh, o weh!“ fiel Salzberger, zum Tod betrübt, der Stimme in's Wort.„Soll ich ſchon ſterben, noch ſo jung an Jahren, ſterben, ohne Liebesfreud verſchmeckt zu haben? Wabi, Wabi, kannſt Du das leiden? Bitt' für mich, Wabi, bitt' friſch drauf los: das Leben iſt ja ſo ſchön! O Wabi, verlaß Du mich nicht in dieſem Kampf! Heilige Mutter, ſei der Wabi gnädig.. erhöre ſie, o Him⸗ melskönigin! Sterben thut weh, ach, wie weh!“ Nun trieb der Wahnſinn in des Unglücklichen Haupt ſein tolles Mühlrad um und um, und wilde Geiſter hielten in ſeinem Hirn ein Parlament.—„Geh, mach' ein End, und ſtürz' Dir den Hals ab!“ redete Einer dem Gepeinigten zu:„Dort unten ruht ſich's ſanft.“—„Fürchte die Verdamm⸗ niß!“ bellte ein Anderer:„ewig Feuer zehrt gräßlich am Mörder ſeiner ſelbſt.“—„Da ſchau her!“ grinſte ein Dritter, und zeigte ihm ein Bildniß hell und grell und ſcheußlich an⸗ zuſehen, auf dem die arme Wabi ſich mit blut'gen Meſſern zu Tode metzelte, an Gabriel's Todtenhügel.—„Hörſt Du,“ brüllte ein Vierter,„wie Deine Eltern nach Dir ſchreien? 2 * Fahr' zu, fahr' hin zu ihnen in die Hölle!“— Ein Chor von ſpottenden Dämonen ſang hierauf ein herzbrechendes Re⸗ uiem, während deſſen Gabriels Herz ſich in eine Uhr ver⸗ 6 33 wandelte und Sekunde auf Sekunde ſchlug, und eine jede brachte höhere Angſt.—„Laß die Fahne fallen;“ mahnte wieder ein Geiſt des Abgrunds:„Schmach den Farben, deren Herr und Meiſter Dich hier oben verkümmern läßt!“ „Nein, nein...“ murmelte Gabriel als wie trunken: „ſterben— ſterben,— neben der Fahne ſterben, wie ein Mann.“—„So laß Deine Kniee nur einknicken, und fall' und ſtirb!“ höhnten die Teufelsſtimmen. Da ſchlugen in der ſchwarzen Höhe weiße Schwanenflü⸗ gel und das Gefindel des Pfuhls entfloh entſetzt, ſtäubend und ſträubend.—„Wach' auf, wach' auf: die Nacht geht aus, die Noth geht aus! ein Gnadenſtrahl aus dem Auge des Herrn macht Tag hier oben; drunten aber iſts noch finſter. Wach' auf getroſt!“ Alſo ſangen glockenreine und feine Stimmen aus der Höhe nieder, und noch einmal aus Schlaf und Wahnſinn ſchlug Gabriel die Augen auf, und ſchwebend auf demäußerſten Rand der Roſe fand er ſich wieder, gleichſam eingewickelt in ſein Panner, deſſen Schwere ihm das Gleichgewicht erhalten. Der frühe frühe Worgenſchein— ein einziger Strahl des Lichts— erhellte des Thur⸗ mes Spitze Mond und Stern ſahen roth wie Feuer. Schwarz gähnte noch immer der Schlund der Stadt, aber in einer Art von geſpenſtiger Verklärung ſtanden ringsum im Kreiſe die fer⸗ neren Umgebungen Wien's; das weite Marchfeld, der Schau⸗ platz blutiger Völkerſchlachten; der Biſamberg, von Rebgelän⸗ den voll; das alte Medling, der ältere Kahlenberg, des Schnee⸗ bergs und des Oetſchers Silberhaupt.—„Noch einmal ſeh ich euch, geliebte Felder und Dörfer und Gebirge!“ rief Gabriel Der Erzähler 1847. M. 3 6 ——— — 34 mit ſchwacher Kraft:„Iſt das die Wiederkehr zum Leben, oder des ſterbenden Lämpchens letztes Flammen?“—— Und tief drunten in der Stadt, bei„Adam und Eva“ in der Singerſtraße ſaßen unter Andern zwei Männer mit verſchlungenen Armen und innigſt die Köpfe aneinanvergebeugt, horchend und erzählend. Und der jüngere ſagte eben:„Amen, Herr Vater. Jetzo wißt Ihr Alles, was ſich mit mir im engelländiſchen Reich begeben, und wie ich mühſelig, aber auch heimathſelig über Land und Meer in dieſe liebe Geburtsſtadt zurückgepilgert bin, die mir zur Freude, wenn ſchon einem für⸗ nehmern Herrn zu Ehren, juſt ein Feſt gegeben, das ſeines⸗ gleichen auf Erden nicht hat. Zum guten Zeichen werde das dem ſtaubigen Wanderer und einer glücklichen Zukunft Bürg⸗ ſchaft!— Aber, wie ich merke, ſteigt ſchon das graue Ta⸗ geslicht heran, und wohl mögen es fünf Stunden ſein oder mehr, daß ich Euch, lieber Vater, hier getrofſen, und an einem Trumm von mir und nur von mir erzählt habe.“—„Beim Blut, Du herzlieber Lukas, mein Sohn: die Nacht iſt mir an Deiner Seite vergangen, wie ein Schnalzer, wie ein Hauch, wie ein Vaterunſerlang!“ verſetzte der Kirchenmeiſter zu St Stephan fröhlich:„Du biſt gekommen wie ein Blitz, ganz un⸗ verſehens, und noch immer— darum halt' ich dich ſo feſt 4 fürchte ich, Du werdeſt gleich wieder gehen?“ „Nicht doch; jetzo bleib' ich daheim, und laß' die engliſchen Ketzer, wo ſie ſind;“ lachte Lukas:„nun aber erzählt auch Ihr, was ſich bei Euch zugetragen,... was meine Schweſte macht. Wird eine ſtolze Frau geworden ſein, die Wabi?“— „Noch nicht, noch nicht;“ kopfſchüttelte Meiſter Joſt, 4 n⸗ nd 35 über ſeinem Antlitz zog, neben der Freude, einer jähen Sorge bedenklicher Ausdruck auf. „Noch nicht?“ fragte Lukas verwundert entgegen:„Was iſt denn aus meinem Bruderherz, dem Salzberger geworden, da Wabi noch immer ledig?“ Der Kirchenmeiſter ſprang unruhig auf.—„Der Salz⸗ berger? der Gabriel? Bei'm Blut, beim Kreuz und Dorn! den hatt' ich ganz vergeſſen!“ „Vergeſſen?“ Immer unruhiger lief Joſt auf und ab.„Wo blieb der Junge? warum nicht kam er, mich aufzuſuchen und ſeinen Dank zu holen? Gewiß iſt der Leichtſinn mit Zechbrüdern zuſammengetroffen. Wart, wart! Doch will ich ſehen. hören... geh mit, Lukas, geh' mit!“ Lukas, nichts von ſeines Vaters Ungeduld und Beſchwer⸗ niß begreifend, folgte ihm aus dem Hauſe. So eben ging übernächtig ſchlendernd ein Steinmetzgeſelle aus der Domhütte vorbei. „Albrecht, he, halt' ein biſſel!“ rief ihn der Kirchen⸗ meiſter an.—„Was gut's?“ fragte damiſch der Geſell.— „Weißt nicht, wo der Gartner Gabriel zu finden?“— „Hm, nein. Hab' ihn nicht geſehen, ſeit er auf'n Thurm gelupft iſt worden.“ „Nicht? Wer lupfte ihn denn wieder herab, wenn nicht Du und Deine Geſellen?“ „He? wie? habt Ihr ihn denn nicht ſelber herabgehoben? Der Lorenz ſagte doch, aſs er uns fortſchickte, und den Thurm verſchloß„ 36 „Was, um Gotteswillen, ſag an: was ſagte der Lo⸗ renz?“— Nach ein paar Worten des Albrecht wurde Meiſter Joſt leichenblaß und taumelig:„Heiland der Welt! da iſt eine Teufelei vorgegangen;“ rief er ſchaudernd:„ Lukas, Albrecht, geſchwinde, folgt mir beide. Was gilt's, der Gabriel iſt ver⸗ loren o die Schurken..! jetzt ahn' ich, wer hintet der Miſſethat ſteckt... Geſchwinde, kommt!“ Sie rannten zu Dritt nach dem Freithof.—„Dor oben flattert etwas im Winde!“ keuchte Lukas, auf den Thurm zeigend.. „Das wird er ſein, das muß er ſein!“ entgegnete Joft außer Athem:„Will's Gott, noch lebendig, noch lebendig! Wo iſt der Schlüſſel... wo meine Taſche 2 Gott laß es nicht zu ſpät ſein!“ Enblich war der Schlüſſel, den Joſt ſits bei ſich uih gefunden, noch ein vierter Mann aus der Hütte aufgeboten Mit Seilen und Haken kletterten die Viere den Thurm hinn Ein Sonnenſtrahl geleitete ſie bis unter die finſtre Lucke. W rieſiger Kraft hoben ſie die verſchloſſene aus den Angeln.— „Schrei' zu, ſchrei zu, Albrecht!“ befahl der Kirchenmeiſt „Hol' ein, hol ein, fang' auf, ſteig' ab!“ johlte Albrech die ſchwanke Strickleiter emporwerfend.— Nach einer Wel Horchens ſagte er zu ſeinen Gefährten:„Es rührt ſich nicht Ich denke, ich will einmal mich zur Roſe wagen?“ ₰ „Tauch' an, tauch' an, und helf' Dir Gott, Geſell! entgegneten alſogleich die Andern, und hoben den Burſch 2 37 nach Kräften hoch, und Albrecht gelangte muthig, wohin er ſtrebte. Nach einer tödtlich langen Pauſe fuhr der Geſell an dem Seil, das er oben befeſtigt herab, und ſprach verſtörten Angeſichts:„Das iſt nicht der Salzberger, der halbtodt oben auf der Roſe ſitzt.. „Nicht der Salzberger? Ei Du Narr! wer ſonſt?“ „Ein Geſpenſt, ein Geſpenſt, ſo wahr ich ſelig werden will!“ „Du ſelbſt ein Geſpenſt, Du Schlemmer und Trunken⸗ bold!“ fuhr ihn Lukas an, und machte ſich ohne weiteres, wie eine Katze empor. Bald auch von oben ſchrie er:„Kommt an, kommt an! reicht auf, ſo weit Ihr könnt! Ich hab' ihn, daß Gott er⸗ barm Aber geſchwinde, und faßt Muth. Die Zeit iſt koſtbar und die Noth iſt groß!“ Mit übermenſchlicher Anſtrengung thaten Meiſter und Geſellen, wie ihnen geheißen, und nach kurzer Friſt gleitete wirklich eine Menſchengeſtalt in buntem Flitterſtaat, halb zu⸗ gedeckt vom wohlbekannten Panner hernieder in die Arme der Befreier, kraftlos, mit ſchlotternden Gliedern... eine Schre⸗ ckensgeſtalt, vor welcher der Kirchenmeiſter, da ſie ganz hinun⸗ tergebracht worden, wo es hell war, die Augen mit Schmerz und Entſetzen verhüllte.— „Hier gilt's nicht, zu klagen und zu jammern!“ gebot Lukas;„packt auf, und helft den armen Kerl zur Sakriſtei ſchleppen. Dort iſt Wärme, dort iſt Wein und Brod... geſchwinde, eh' er den letzten Athem zieht!“— In Folge der raſchen Pflege, die ihm geſpendet wurde, ſammelte Gabriel ſeine Kräfte, ſeine Sinne, und winkte dank⸗ bar ſeinen Rettern zu. Dabei fiel ſein Blick von ungefähr auf ein Spiegelglas an der Wand, und zuſammenfahrend ſagte er:„O pfui, o pfui! wiſcht mir doch den Reif aus den Haaren, und von den Wangen den gelben Staub!“ Da war jedoch nichts abzuwiſchen. Seine krauſen Locken waren über Nacht weiß, ſeine rothen Wangen gelb und faltig geworden, ſeine Augen tief eingeſunken. Die einzige Schre⸗ ckensnacht hatte ihm vierzig Jahre zugelegt!!— In des Kirchenmeiſters Hauſe eingelagert, verjammerte der Arme ein paar ſchlimme Tage. Die Poſt von ſeinem Abenteuer war wie auf ſchnellen Rennern durch die Stadt ge⸗ tragen worden. Die Neugier der Hauptſtädter, ſo der vor⸗ nehmen als der niedern, belagerte Gabriels Thüre. Sie wollten ihn ſehen, wie ſie vor ſo und ſo vielen Jahren den Elephanten, das Kameel geſehen hatten.— Aber die Thüre blieb zu, und an Gabriels Bette ſaßen nur ſeine weinende Schweſter, der nach⸗ denkliche Lukas, ein treuer Bruder, und der Kirchenmeiſter, deſſen Gewiſſen Sprünge machte, wie ein verwundeter Löwe, und nicht aufhörte, zu ſchnauben:„Du, du allein biſt an all dem Unglück Schuld!“ „Wenn ich nur den Lorenz beim Schopf hätte!“ lamentirte Meiſter Joſt an einem fort. Aber Lorenz ſiellte ſich nicht mehr a am Freithof ein.—„Wenn ich nur den Ottokar, der ohne Zweifel den Lorenz verführte, bei der guen hätte!“ ſagte der Meiſter ebenfalls nicht ſelten.— Aber keine Spur von dem Ottokar. 3 „ 39 Der Stadtrath von Wien ſchickte dem Salzberger ein Belobungsſchreiben, und in einem ſchönen Beutel zwölf Reichs⸗ thaler als Steigerlohn„zu ſeiner Ergötzlichkeit.“ Die Ergötzlichkeit machte den Gärtner lachen— ſo wie man zuweilen im tiefſten Leid lacht. „Die guten Herren!“ ſagte er dabei:„ich armer Schelm! Wohlfeiler hat gewiß noch Keiner ſeine Jugend und ſeine Braut, und all' ſein Lieb' und Leben an ſie verkauft!— Ja, ja, Lieb und Leben! denn jetzt iſt's freilich aus und Amen mit mir und der Wabi. Es muß aus ſein; was wollte ſie mit mir, dem alten Krüppel und Schneekopf?“ Hierauf antwortete ihm Niemand. Die Schweſter ver⸗ barg ihren geſteigerten Schmerz; der Kirchenmeiſter raufte wiederum mit ſeinem Gewiſſen, und Lukas dachte finſter vor ſich hin:„Recht hat er. Was iſt veränderlicher als Jung⸗ fernlieb', und was den Dirnen verhaßter als ein greiſer Buhle?“ „Hört, warum ich Euch bitte alleſammt;“ hob Gabriel wieder mit kümmerlicher Faſſung an:„ſchreibt nicht der Wabi, was mir begegnet iſt. Schreibt ihr, ich ſei geſtorben. Sie verwindet's leichter, und daß ſie in dieſem Leben mich nicht wieder zu ſehen kriegen ſoll, dafür ſteh' ich. Denn aus die⸗ ſem Hauſe geh' ich als ein Waldbruder in die fernſte Wild⸗ niß, und laß' mich von den Wölfen freſſen.“ „So? das wär' mir nicht bitter!“ ſchrie hier eine wohl⸗ bekannte Stimme auf, und die Wabi in Leibes⸗ und Lebens⸗ größe drang mit denſelben Worten in's Gemach, zu Aller Verwunderung und Staunen:„Sieh doch! von Wölfen ſich 40 freſſen laſſen, und mir einen Geier an's Herz legen, der mich langſam zu Tode nagt? Gabriel, wo denkſt Du hin? Muß ich nicht jetzo auch reden, wie vor Zeiten ein Gewiſſer: Das Dein Ernſt, lieber Gabriel? Jetzo willſt Du mich fortſchicken, da ich ſo lang Dir treu geblieben und bei Dir ausgehalten? Ich rechne mir das freilich nicht als ein Verdienſt an. Was haſt Du jetzt Alles für mich gethan, und gewagt? Aber mich fortſchicken, jetzo, da ich eben erſt ſo tief aus dem Grunde weiß, wie ſehr Du mich liebſt, Du goldner Herzensknab'? Warum mich ſchicken? Weil Du weiße Haare bekommen? Ach, Lieber, ſchön weiß iſt auch ſchön. Und faltige Wangen? Um ſo beſſer paſſen dazu die meinigen, die von den Blattern um⸗ gepflügt und zerriſſen. Schau, ſchau! ſich für todt ausgeben wollen.. Als ob nicht tauſend Zungen durchs Land gin⸗ gen, und ſchon geſtern in der Neuſtadt erzählt hätten, was ſich mit meinem armen Buberl zugetragen? Schau, ſchau: mich betrügen und fortſchicken, da ich jetzw Dein lieb Herzl auswen⸗ dig weiß vom Giebel bis zum Keller? jetzo ſoll ich wandern und mich umſchau'n nach Andern, und Du willſt nicht aus⸗ halten in treuer Liebe?“ „Wabi, Wabi!“ rief nun aus voller Bruſt der zum ſiebenten Himmel entzückte Gabriel, und ſpreitete die Arme aus, und in dieſe Arme ſank ohne Scheu und Ziererei des Kirchenmeiſters liebliche Jochter, und mit Freuden umarmten ſich auch die Zeugen dieſes Auftritts, und hätten darauf die Wabi ſchier vor Lieb' und Zärtlichkeit und Dankharkeit zer⸗ riſſen. Es war ein Sturm, ein Brand, ein Gewitter mit Regen von Jubelthränen, mit einem Hagel von Küſſen.— 41 Von Stund' an war Gabriel geſund, und ſeine Wangen blühten wieder, wenn auch ſein Haar weiß blieb bis zu ſeinem ſpäten Ende. „Gott ſei Dank!“ jauchzte der Kirchenmeiſter, in deſſen Bruſt nun Friede wurde:„Liebe iſt halt doch das Höchſte, und Eure Liebe bringt des böſen Ottokars Schadenfreude um, in alle Ewigkeit!—— Für die Schadenfreude war übrigens dem hanakiſchen Maurermeiſter ſchon im vorhinein gethan. In ſelbigen Tagen zog man ſeinen Leib aus der Donau. In ſeiner Bruſt, bis an's Heft eingerammt, ſteckte des Lorenz Meſſer. Der Mörder wurde nie mehr geſehen; aber gewiß ſcheint, daß Ottokar dem Spießgeſellen vom Lohn des Bubenſtücks abbrechen wollte, und ſodann ſelber unverhofft ſeinen Lohn erhalten hat. So ſchlägt die Falſchheit ihren eignen Herrn. Eiſerne Lieb' und Treue bringt dagegen unverwelkliche Kränze, friſch und duftend bis zum Grabe. Und auch am Grabe hört die rechte Lieb' nicht auf.— Das Lotterieloos. Eine flämiſche Dorfgeſchichte. Von J. A. De Laet. Deutſch von J. W. Wolf. ie alte Pächterin ſprach: „Es iſt doch nicht Recht von Euch, daß Ihr ſtets lacht, wenn ich Euch erzähle, wie manchen die ſchmutzige, alte Here ſchon geplagt hat. Ihr wollt mich doch nicht glauben ma⸗ chen, daß es keine Heren gebe? Ich bin 5 auch fünfzehn Jahr alt, ¹) und was ich weiß das weiß ich gut. Nun ſeht, ich hab Euch von dem Kinde von Johanna Bordinck erzähl das ſechs Wochen lang gewimmert und geweint hat, wie ein arm Seelchen im Fegfeuer; ohne daß Fläſchchen oder Fliegen ²) ihm hätten helfen können, und das iſt erſt beſſer geworden, nachdem ſein Mutter mit ihm nach Scherzernheuvel wallfahrtete. Ihr zutt die Schultern, wenn ich Euch ſage, daß das Kind am ſelben ¹) Ich bin kein Kind mehr. *) Arzencien oder ſpaniſche Fliegen. 43 Abend ſein Uebel bekam, wo Johanna bei der Hexe Heuſamen geholt hat, und es iſt doch nicht abzuleugnen.. Was würdet Ihr aber erſt ſagen, wenn ich Euch erzählte, wie es dem Peer ¹) Jacobs gegangen hat?“ „Wer iſt denn das?“ frug ich.„Ich kenne keinen Peer Jacobs im ganzen Dorfe.“ „Ja, das glaube ich,“ fuhr ſie fort.„Peer Jacobs und ſeine Frau haben ſchon ſeit lange ihr letztes Bettchen ge⸗ deckt.*à) Und Gott ſei ihren armen Seelen gnädig, ſie haben genug in ihren alten Tagen gelitten. Es war übrigens mein eigner Schwager und ſeine Frau Marianna war die eigene Schweſter unſeres Bauern. ³)“ „Er war alſo wohl recht unglücklich?“ „Ob er Unglück gehabt hat! Guter Gott! Darum hab' ich, lieber Himmel, mehr als ein Thränchen geweint, und mehr als einen ſchönen Stüber dabei eingeſchoſſen. Aber was konnte das helfen, auf iſt auf und weg iſt weg, und wenn ich mich für Peer Jacobs bis auf's Hemd ausgezogen hätte, das würde noch um kein Härchen breit geholfen haben. Und er ſaß ſo warm! ⁴) Es waren wenig Pächter in der Gemeinde, die nicht laſſen mußten, was Jacobs wagen konnte, und oft hatte er noch Mittel, durchzukommen, während andere davor mußten ſtehn bleiben und ſich mit Zuſehen zufrieden geben. Er bauerte auf ſeinem eignen Hofe, den er von ſeinem Vater ¹) Peter. ²) Sind ſeit lang ſchon geſtorben. ³) Meines Mannes. *) Er hatte ſein Auskommen ſo gut. 44 ſeliger geerbt hatte, denn er war ein einzig Kind geblieben, und die Schweſter von unſerm Tiſt, ¹) unſere Marianna ſeliger, hatte ihm eine gute Ausſteuer mitgebracht, als ſie heiratheten. Mit ihrem Gelde hatte er hier und da noch ein lecker Bröck⸗ chen dazu gekauft. Aber der Peer Jacobs, wie gut katholiſch er auch war, nahm es dabei doch nicht zu genau, und kaufte mitunter ſchwarz Gut?) an. Unſer Tiſt ſagte ihm dann ſtets:„„Peer, ſchwarz Gut bringt nie Glück,““— und wir haben ſpäter wohl geſehen, daß unſer Liſt Recht hatte Ja, lächelt Ihr nurz Ihr macht es, wie all die Herrchen aus der Stadt, die lachen, wenn ein Bauersmann etwas ſagt, wovon ſie nichts kennen. Nun, das kümmert mich nicht; ich weiß doch, daß Keinem ſein Lohn ausbleibt, und das werdet Ihr gleich ſchon ſelbſt bekennen müſſen.“ „Das iſt wahr, Mutter Sanne, aber Ihr wißt doch, daß der Pabſt von Rom ſelbſt das Verkaufen von ſchwarzem Gut zugegeben hat.“ „Ja, ja, Geſchwätz für den Schlaf. Wann hat der Pabſt von Rom dazu eingewilligt? Nachdem Napoleon ihm einen Schlag auf's Backen gegeben, nicht wahr? Solch eine Einwilligung oder gar keine, das iſt im Grunde genommen eins und dasſelbe. Schwarz Gut bringt nie Glück, darauf könnt Ihr Acht geben, und was ich weiß, das weiß ich gut. „Das iſt möglich.“ ¹) Baptiſt(Johann) der Pächterin Mann. ²) Ehemalige K 45 „Ja, gewiß iſt das möglich, aber wenn wir ſo anfangen, dann kann ich Euch nicht erzählen, wie es mit unſerm Peer ſeliger gegangen hat. Es iſt ſchon lange her, daß wir ſeine Ausfahrt gehalten haben, ¹) denn es war in der Zeit der Volontairs. ²) Und unſere Marianna hatte ihr arm Seelchen noch früher in die Hände unſeres lieben Herrn gege⸗ ben. Das thut jetzt nichts zur Sache, es läßt Euch aber ſehen, daß ihr Unglück ſchon ſrüh begonnen hat. Und das iſt wahr, in der Zeit der Holländer ſind ſie in das Zehrſträß⸗ chen ³) gerathen, und das war allein die Schuld der giftigen Hexe. Nun, die Wälſchen hatten damals ihre Klicken und Klacken ²) noch nicht zuſammen geſcharrt, um damit chez nous zu ziehen und es war bei weitem keine ſo gute Bauern⸗ zei wie jet Ihr ſeht mich verwundert an..... Ich will das nicht unter den Korb ſtecken, ja, es iſt jetzt eine gute Bauernzeit, wenigſtens für die, welche auf ihrem eignen Gütchen wohnen, denn die, welche Pacht bezahlen müſſen, werden genug von ihren Herren geſtraft, und ich kenne mehr als einen, der jetzt mehr Pacht bezahlt, als zur Zeit der Hol⸗ länder.“ „Aber wo bleibt denn Peer Jacobs?“ „Ja und die Marianna ſeliger und die verteufelte Zau⸗ berhere, ja, das war eines der ſchönſten Mädchen, die auf ſechs Stunden in der Runde zu finden waren; dabei hätte Niemand ²) Daß wir ihn zu Grabe geleitet haben ²) Zur Zeit der Revolution. ²) Ging es mit ihnen zur Neige. *) Sack und Pack. 46 denken ſollen, daß ſolch eine Schlangenſeele in ihr ſteckte, denn ſte ſah grad aus wie ein Liebfrauenbildchen, und war ein recht Kräutchen Rühr⸗mich⸗nicht⸗an. „Um aber wieder auf den Peer Jacobs zurückzukommen, der hatte früh unſeres Bauern Schweſter geheirathet, damit er nicht unters Volk gehen müßte, ¹) wenn die franzöſiſchen Rat⸗ ten uns mit ihrer Conſeription kämen. Ich war damals ſchon mit unſerm Bauern getraut, denn der ſpielte ebenſo ungern Soldätchen, wie ſein Schwager, wir hatten aber noch keinen Pachthof bekommen können; ſein Vater lebte noch und meine Eltern lebten auch noch beide, und jedes von uns zehrte auf der Mutter Schränkchen in Abwartung, daß einmal eine gün⸗ ſtige Gelegenheit komme, um uns in eine eigene Haushaltung zu ſtecken. Ich und Tiſt, wir gingen gewöhnlich Abends zu unſerer Marianna, und dann brachte Tiſt mich nach Hauſe, ganz ſo wie in der Zeit, wo wir noch freiten. Beſonders Freitags war ich ſchon früh bei unſerer Marianna zu finden, denn dann kam unſer Bauer mit ſeinem Schwager zuſammen vom Markte und ſie brachten immer Neues und ſchöne, neue Liedchen aus der Stadt mit. Es waren zwei flinke, fröhliche Burſche, davon mögt Ihr überzeugt ſein, und das ſieht man unſerm Bauern jetzt noch an, wenn er ſchon ſeine ſechs Kreuz⸗ chen auf dem Rücken trägt. ²2) Eines Freitags ſaß ich auch bei unſerer Marianna; die Männer waren ſpäter als gewöhn⸗ lich ausgeblieben, und wir fingen ſchon an, unruhig zu werden, S. um n werden zu müſſen. ²) Sechzig Jahre alt iſt. 47 um ſo mehr, da Peer zum erſtenmal ein junges Pferd ange⸗ ſpannt hatte, um damit nach der Stadt zu fahren. Während wir nun einander beſahen, ohne zu wiſſen, ob wir lachen oder weinen ſollten, brachte Threes, die Kuhmagd, die Milch aus dem Stalle und Marianna ſchickte ſich an, in den Keller zu gehn, um die Sahne zu ſetzen, als wir den Karren im Hofe ankommen hörten. Ich ſprang auf und Marianna ſetzte den Milcheimer hin, um unſern Männern entgegen zu laufen. Threes blieb im Hauſe, um den Tiſch zu decken und die But⸗ termilch aufzutragen. Wir kamen aber kaum auf den Hof, als wir ſchon ſahen, wie viel die Uhr geſchlagen hatte, und daß die Vögel auf einer guten Weide geſeſſen und tiefer in's Glas geguckt hatten, wie gewöhnlich. Marianna wallte ſchon auf, ſie war nur allzukurz angebunden, ²) und man konnte ihr leicht auf die Zehen treten; aber ich ſagte ihr, ſie ſolle ſich ſtill und ruhig halten, ſie könne wohl bellen, aber der Peer könne beißen; doch ſie frug nicht einmal, wie es mit dem Markte ſtände, und ſagte nur kurzweg: „„Mich dünkt, es ſieht heut gut aus. Ihr bringt gewiß gut Neues aus der Stadt mit, denn es iſt ein Pintchen dabei abgefallen, wie es ſcheint.““ „„Ja,““ rief Peer,„„gut Neues und groß Neues, Mariän⸗ nelchen, und Neues, wobei wohl ein Pintchen abfallen kann.““ „„Dann ſag's doch endlich, ſchnell,““ fiel Marianna ein, *) Sie war heftig. 48 die vor neugieriger Ungeduld all ihr bischen Gift verlor. „„Sprich doch, worüber haben wir uns denn zu freuen?““ „„Wir,“ ſprach der Peer,„„das heißt wir, hm.. es geht uns ſo ganz nicht an; und wenn wir ein lecker Pint⸗ chen drauf geſetzt haben, dann iſt der Bäckelmans aus Dorderen das ſchuld, Du weißt wohl, he? ei den fuchſige Bäckelmans, der unſere letzte Kuh verkauft hat.““ „„Nun, was ſoll der denn?““ frug ich unſern Tiſt.„„Ihr ſeht Beide nicht übel aus, und wenn Peer es ein wenig vor der Stirne hat,¹) dann kann man nie einen rechten Faden mit ihm ſpinnen.““ „„Bah,““ erwiederte Tiſt,„„wir haben es nicht ſo arg ſitzen, wie Ihr wohl glaubt, und der Peer iſt, nicht ſo be⸗ ttrunken, ich denke eher, er iſt eben auf dem Wege, närriſch zu werden. Iſt er trunken, dann iſt er das durch ſein Tol⸗ len und ſein Plaudern von vudelnärriſchen Planen ge⸗ worden. „„Was habt Ihr da unter Euch Zweien zu fiſperen!““ rief Peer.„„Sanne muß, Bedot„²) die Wahrheit nicht erſt aus dem Tiſt herausholen wollen, die will ich ſchon laut ge⸗ nug herausſagen, wenn Ihr nur warten wollt, bis unſer Bleß ausgeſpannt iſt.““ „„Dann eile Dich,““ ſprach Marianna, und wir gingen mit Tiſt herein, der in der That viel feſter auf ſeiner Ruthe ſaß⸗ als ich früher gedacht hatte, wenn er auch ſo etwas zwi⸗ ſchen den Zähnen herbrummte, von dem ich nicht viel mehr 0 Wenn er ein wenig benebelt, betrunken iſt. *) Statt: bei Gott. 8 2 49 verſtand, als daß er nicht allzugut aufgelegt war. Threes hatte das Ammelaken) auf den Tiſch gedeckt und den Brei ausgeſchöpft, und war beim Volk, ²) wo ihr Platz war, .. Gott gäbe, daß ſie in ihrem ganzen Leben nie auf dem Platz geſeſſen hätte!... Nun das Warum ſollt Ihr ſpäter hören. Peer blieb lang im Stalle, aber endlich kam er und ſetzte ſich an den Tiſch, und nachdem er ſeine erſte Schüſſel leer hatte, ſprach er: „„Nun, Marianne, und Du, Sanne, ſperrt jetzt Eure Ohren einmal auf und ich will Euch ſagen, warum wir ſo ein klein wenig wohlgethan nach Haus gekommen ſind.““ „„So, wirſt Du endlich doch davon anfangen?““ frug meine Schwägerin.„„Ich meinte ſchon, wir würden nichts davon erfahren.““ „„Schweig, Mariännelchen, und mach' mich nicht bös, denn wenn Du nicht ſchweigſt, dann ſchweige ich, und dann kannſt Du nachdatum ſo viel plaudern und plappern, wie Du willſt, ohne daß ich, Bedot, meinen Mund noch öffne.“. „Schweigen wäre auch das Beſte, was Du thun könn⸗ teſt,“ ſprach Tiſt.„„Du haſt Dich ſelbſt ſchon toll geplaudert, und wer weiß, ob Du das Weibsbolk nicht auch noch toll plauderſt.““ „Das war bei dem Peer Oel ins Feuer gegoſen& „„Nun, ſiehe da, ſollte man nicht glauben, daß Baas Tiſt mit einem Taufkindchen zu thun hab? An Saukt Jacobs ¹) Tiſchtuch. 5) Bei den Dienſtboten. Der Erzähler. 1847. 1l. 4 —— Mn 50 Kirche in der Stadt hat er das dumme Geſchwätz aufgefangen, und er weiß noch nicht von Aufhören. Der Tiſt denkt wohl, daß ein franzöffiſcher Kronenthaler minder oder mehr den Peer Jacobs ärmer oder reicher mache, daß er, wenn er einen fran⸗ zöſiſchen Kronenthaler wagt, Haus und Habe aufs Spiel ſetze? Der Tiſt mag denken, was er will, aber der Peer Jacobs mag thun, was er will, und das thut er und wird er weiter thun, und wer das nicht zuſehen will, der ſchließe die Augen.““ „Tiſt wollte antworten, und ich ſah wohl, daß er im Begriff ſtand, dem Peer ſein Bellen mit einem Biß zu loh⸗ nen, darum gab ich unſerm Bauern ein Aeugelchen, ¹) daß er's nicht thun ſolle, und Tiſt bewies, daß er der Klügſte war; da er nicht antwortete, hörte der Streit auf. Als der Peer ſah, daß man ihm nicht widerſprach, lachte er ſo halb und wurde wieder ganz freundlich gegen Marianne und mich. „„Hört nun,““ ſprach er,„„ich will es einmal kurz und gut machen. Ihr kennt immerhin Beide den fuchſigen Bäckel⸗ mans von Oorderen und wißt auch, daß er es unlängſt noch nicht zu fett hatte. Dem alſo ſind wir begegnet und er ſaß in ſpeckſplinten neuen Kleidern, in einem Tuchrock, einer ſammt⸗ nen Hoſe, einer ſeidenen Weſte und einem feinen Filzhut. Er hielt ſich darum doch nicht ſtolz und ſah uns kaum, als er, 1 Bedot, auf uns zukam. Als er bemerkte, daß wir Beive paff?) ¹) Ich winkte ihm. *) Wie feſtgebannt vor Verwunderung. „ 51 ſtanden, ihn ſo wie einen Mhnheer gekleidet zu ſehen, ſagte er, er wäre ſeit vorgeſtern ſchatzreich geworden, und lud uns ein, auf ſein Glück und ſeine Geſundheit einmal einen guten Stopfen mit ihm zu ziehen. ¹à) Aber wie war er plötzlich und auf einmal ſchatzreich geworden? Darin liegt das Feine von der Sache. Auch konnten wir Anfangs nicht hinter das Geheimniß kommen, denn er iſt doch platt ²), verſteht Ihr? und ließ uns lange glauben, er habe eine Erbſchaft von ir⸗ gend einem Oehmchen oder Mühmchen gethan. Das war aber eine Finte; als wir in den drei Königen gemächlich vor einer leckern Flaſche Rothen ſaßen und ſchon manch Gläschen hereingelappt*) hatten, da fing er an zu beichten. Nun ſo wie er das Geld gewonnen hat, kann ich es auch gewinnen; dafür braucht man nicht lang in die Schule zu gehen.““ „Marianne ſah mich an und ich ſah Marianne an, und Tiſt ſah auf den Tiſch und brach ein Schwefelholz in hundert⸗ tauſend Stückchen. Man ſah wohl, daß er es dieſen Abend nicht gut auf Peer ſtehen hatte. Endlich frug meine Schwä⸗ gerin ihren Mann: „„Er muß doch ſonderbar an das Geldchen gekommen ſein, der Bäckelmans? Itch ſehe wohl, daß Du zögerſt, es uns zu ſagen, und dahinter ſteckt etwas, wovon nichts im Le⸗ ben aller Heiligen geſchrieben ſteht. ²) 4 ¹) Eine Flaſche guten Weins mit ihm zu leeren. *) Geſchliffen, klug. ³) Hinunter gegoſſen. *) Was nicht ganz mit richtigen Dingen zugeht. 52 „„Dahinter ſteckt, Vedot, nichts!““ rief Peer.„„Was er hat, das hat er ehrlich. Er hat es zu Antwerpen in der Lotterie gewonnen, wenn Ihr es wiſſen wollt.““ „Ich und Marianne ſchlugen die Hände über'm Kopf zuſammen. Wir hatten ſtets von unſern Eltern erzählen horen, daß viele Leute, die noch etwas beſaßen, durch die Lot⸗ terie zu Grunde gegangen wären, und als lebendiges Beiſpiel davon lief uns die Frau von Pietchen Pot noch alle Tage vor den Augen herum. Die hatte nicht allein all ihre liegende und andere Habe darin verſpielt, ſondern trug alle Wochen noch mehr hin, wie ihr Mann winnen konnte, und mehr als einmal hatten ihre armen ſechs Schäfchen von Kindern Hunger gelitten, weil die Katzenmutter lieber ihr Geld zur Lotterie trug, als zum Bäcker. Marianne wußte alles dies ſo gut wie ich und ſagte darum zu ihrem Peer, daß ſie dem Bäckelmans ſein Glück von Herzen gönne, aber darum nicht die mindeſte Luſt habe, es zu machen wie er und gut Geld zu böſem Geld zu tragen. Wäre unſere Marianne klug ge⸗ nug geweſen, es dabei bewenden zu laſſen,— denn ſi doch ſehen, wie es mit ihrem Peer ſtand,— dann wä dem Abend Alles auf's Beſte abgelaufen und Peer hätte viel⸗ leicht am folgenden Tage nicht mehr an's Einſetzen gedacht, aber ich hab' es Euch ſchon geſagt, unſer Mariannchen hatte es hintern Ohren und zog von Zeit zu Zeit einmal gern die Hoſe an, wenn ſie glaubte, daß die Glocke dazu geſchlagen habe. Uebrigens war es ein herzensgutes Weib und nicht im Stande, einer Fliege etwas zu Leide zu thun. „Unſere Marianne fing alſo an, mit ihrem F zu zun⸗ „ 53 ken, weil er einen franzöſiſchen Kronenthaler in die Lotterie getragen, und Peer antwortete ihr eine Zeitlang nur, daß dieß ſein Geld geweſen, und daß ſie ſich nur um den Stall und die Küche bekümmern ſolle. Endlich aber wurde er deß müde, ließ Marianne ſchreien und kam geradeswegs auf unſern Tiſt zu. Dann ſagte er zu unſerm Bauern: „„Nun kannſt Du, Bedot, lachen, he? nun Du mit Deinen Waſchweibern meinen ganzen Hof in Aufruhr ge⸗ bracht haſt. Pfui, ich würde mich ſchämen! das hätte ich, Pardeek! ¹) nie gedacht, daß ich, Peer Jacobs, einen Spion zum Schwager habe.““ „Tiſt wurde todtenbleich und ſeine Fäuſte ballten ſich krampfhaft. Er ſtand auf, doch ich lief auf ihn zu, um ihn zurück zu halten, denn ich dachte, er wolle auf unſern Peer los; er ſtieß mich aber ſtill zurück und ſprach: „„Laß mich in Ruhe, Du haſt nichts zu fürchten, wenig⸗ ſtens heute Abend nicht.““ „Dann ſagte er zu Peer: „„Was Du da geſagt haſt, habe ich mir noch von keinem Menſchen auf der Welt ſagen laſſen, und Du magſt mein Schwager ſein oder nicht, das hätteſt Du mir nicht ſagen dür⸗ fen, wenn ich nicht wüßte, daß Du betrunken biſt. Laß aber hören, was habe ich gewaſchweibert?““ „„Na, nun ſoll ich ihm noch ſagen, was er ausgeplau⸗ dert hat! Von wem weiß unſere Marianne denn, daß ich einen franzöſiſchen Kronenthaler zu Vater Allebé getragen habe?““ ¹) Verdrehung von Pardieu, unſer Potztauſend. 54 „„Von wem?““ rief Marianne, die ſich von neuem da⸗ zwiſchen warf.„„Haſt Du eben nicht ſelbſt geſagt, daß eine franzöſiſche Krone mehr oder weniger Dich nicht reicher noch ärmer machen könne?“ „Vielleicht wollte Peer ſein Unglück nicht bekennen, vielleicht hatte er auch ſchon vergeſſen, daß er ſich verplaudert, kurz, er wurde noch aufgebrachter als vorher und rief, auf unſern Tiſt zeigend: „„Da ſeht doch, wie das arme Blut da ſteht! Iſt's nicht eine Sünde, daß Deine Schweſter ſich dazwiſchen werfen muß, um Dich mit Lügen vom Galgen zu retten? Laß Dich nur lieber hängen, Junge, laß Dich nur hängen, es iſt kein Fußbreit aus Deinem Wege.““ „Da fing ich aber an, um unſern Tiſt beſorgt zu werden. war wohl nicht wie der Peer, er brauste nicht ſo leicht uf und that auch nicht leicht etwas mit tollem Kopf; wenn er aber etwas gepackt hatte, dann blieb er dabei. Tiſt ſprach kein benedeites Wort, ſo lange Peer am Poltern war; als er aber aufhörte zu ſprechen, da begann unſer Tiſt: „„Höre, Peer, daß Du heut Abend betrunken oder när⸗ riſch biſt, iſt für mich eine ausgemachte Sache. Wir wollen einander morgen darüber ſprechen und ſehen, ob wir gut= Freund bleiben oder nicht.““ „Dann faßte er mich an der Hand und ging mit mirs aus dem Hauſe, um mich zum Hofe meiner Eltern zu bringen Bei'm Weggehen hörten wir Jemand lachen und das war weder unſer Peer, noch unſre Marianne. Unterwegs ſprachen wir wenig; alsich aber zu Hauſe war, frug Tiſt mich: 55 „„Wie findeſt Du Threes, die Kuhmagd? Sie hat den ganzen Abend ihre Augen keine Secunde von Peer abge⸗ ſchlagen und ſie hat auch ſo gelacht, als wir weggingen.““ „Wo ſteckt in dem Allem aber die Zauberei?“ frug ich ungeduldig. Mutter Sanne lächelte, wie Jemand, der ſeiner Sache recht gewiß iſt; dann fuhr ſie fort: „Am folgenden Morgen ging es— nun wie man's 5 nehmen will. Unſer Mann ging nach Peer Jacobſens, es war ſo gegen Mittag; ich war ſchon früh bei Marianne ge⸗ weſen, um zu hören, wie Alles am Abend abgelaufen ſei. Der Peer war gleich, nachdem wir fortgegangen, in's Bett geſteuert, und als unſere Schwägerin nach Gewohnheit jedem der Leute ſeine Arbeit für den folgenden Morgen zugewieſen hatte, ging ſie auch zu Bett und fand ihn ſchnarchend, als müßte er liegen und ſchlafen bis zum jüngſten Gericht. Trotz⸗ dem war der Peer Morgens wieder früh auf den Beinen und, da wir grad in der Heuzeit waren, nach den Wieſen gegan⸗ gen, wo er Mäher ſtehen hatte, denen die Leute ein Händchen helfen. Marianne ſagte, der Peer ſei pfeifend weggegangen, und wenn er pfiff, dann hatte er ſeine gute Mütze auf ¹) „ Als Tiſt nach Jacobſens kam, hatte er auch ſeinen kleinen Drus ²) ausgeſchlafen und ich war kontent, zu ſehen, daß der nach Gewohnheit friſch und fröhlich war.“ „So daß alſo Alles wieder beigelegt wurde?“ 6 ¹) Dann war er gut gelaunt. ²) Rauſch. 56 „Das heißt, beigelegt und beigelegt iſt zweierlei. Man fing wohl an, Alles beizulegen, und es wurden auch keine Rüſien ¹) mehr gemacht, aber es taugte doch nicht. Das werdet Ihr ſchon nachher hören. Wenn einmal Zauberei im Spiel iſt, lieber Menſch, dann kann Gott wohl helfen, aber nicht die Menſchen. Unſer Tiſt war noch nicht ſo lang im Hauſe, als man bis zehn zählen kann, da läutete die Bet⸗ glocke zwölf Uhr und wir ſahen den Peer von weitem kom⸗ men und mit der Kuhmagd plaudern. Ich werde den Augen⸗ blick nie vergeſſen, wo ſie herein traten, und mich dünkt, ich ſehe ſie noch vor mir ſtehen. Der Peer hatte ſeinen Kittel ausgeſchoſſen 2) und die Kuhmagd war in ihrem rothwollenen Mieder und einem weiß und blau geſtreiften Unterrock; dazu war ſie barhaupts und hatte ihr Halstuch⸗ abgelegt, weil es voch ſo ſchrecklich heiß war. Noch nie hatte ich die Threes ſo vortheilhaft ausſehend gefunden, das Mädchen hatte mir nie etwas zu Leide gethan, man konnte nichts darüber ſagen, daß ſie mit ihrem Bauern von der Wieſe kam, und doch ſah ich ſie kaum den Fuß in's Haus ſetzen, als ich ſie wohl hun⸗ dert Stunden weit weg wünſchte, ſo ſonderbar wurde es mir plötzlich um's Herz und der kalte Schweiß brach mir an allen Ecken aus. Nun ſagt mir einmal, war das keine Zauberei?“„ ch zuckte die Schultern. 4 „Der Peer,“ fuhr Mutter Sanne fort,„ging geradezu auf unſern Tiſt los und ſprach:„„Da iſt meine Hand, Junge, gib mir die Deine und laß uns wieder gut Freund ſein, wie 4 ³) Zänkereien. ²) Schnell abgeworfen. „ 57 früher. Geſtern Abend hab ich in's Blaue hinein geplappert und matt Geſchwätz verkguft, das weiß ich; was ich aber ge⸗ plaudert hab', das will mir nicht klar mehr werden und doch.. es iſt am Beſten, daß wir mit dem Schwamm hin⸗ durch fahren.““ „„Brab,““ ſprach Tiſt, da iſt ſie;„„ich bin auch nicht ge⸗ kommen, um Rüſie, ſondern um Freundſchaft zu machen; — da iſt ſie, und was geſtern vorfiel, iſt vergeſſen, darüber jetzt kein Wort mehr, ſo meinſt Du es ja auch, he? „„So mein' ich's,““ antwortete der Peer und ſie gaben ſich die Hände, wie zwei gute Freunde.“ zwei g „Somit war ja Alles wieder beigelegt, Mutter Sanne.“ „Ja, wohl und es wäre auch beigelegt geblieben, wäre Threes, die Kuhmagd, nicht mit ihrem Maul dazwiſchen ge⸗ kommen. Ja, ja, die hat mit ihrer giftigen Zunge das böſe Feuer wieder angeblaſen, als es kaum gedämpft war. Das werdet Ihr bald einſehen. Als unſre Männer ſich die Hand gegeben hatten, nahmen ſie jeder einen Stuhl und ſetzten ſich neben mich und Marianne. Ich wollte gerade vom Heumachen ſprechen, damit Alles um ſo ſchneller vergeſſen würde und vergeſſen bliebe, als Threes ſich zu uns ſtellte. Sie lachte heimlich, dann ſprach ſie zu Marianne: .„„Die Männer haben Ehre davon, daß ſie ſich ſo in die Hand geſchlagen haben und wieder gut Freund geworden ſind, aber ſie haben das ſo ſchnell gethan, daß wir nicht einmal wiſſen, ob unſer Bauer noch in die Lotterie ſetzen wird oder nicht.““ 58 „Marianne that, als hätte ſie das nicht gehört, und der Peer ſagte: „„Was geht das Dich an? Mach nur, daß Du das Tiſch⸗ tuch breiteſt und den Brei aufſchöpfſt; das iſt beſſer, als Dich um Sachen zu bekümmern, die Dich nichts angehen.““ „Threes lachte einmal halb dem Peer zu, denn waren auch die Worte ein wenig barſch, ſo wußte ſie doch, daß er es nicht ſo arg meinte und daß ſie im Hauſe frei Sprechen hatte. Ihr müßt wiſſen, daß die Threes ein hübſches Mäd⸗ chen war, die ſo zu ſagen Gott und Aleman ¹) ſeine Selig⸗ keit leid zu machen wußte, ohne daß man's ihr übel nehmen konnte, denn ſie wußte Allem, was ſie ſagte, einen gewiſſen Ton und eine Wendung zu geben und es ſo zu drehen.. Ihr verſteht mich wohl, nicht wahr?“ „„Das Ammelaken iſt gebreitet, aber der Brei iſt noch nicht fertig,““ ſprach Threes.„„Ich habe ihn aber nicht auf's Feuer geſetzt, und es iſt meine Schuld nicht, wenn Ihr darauf warten müßt. Nu, nu, ich glaube doch, daß etwas hinterm Aermel unſeres Bauern ſteckt; der hat einmal in die Lotterie gelegt und wird noch mehr einſetzen. Ich habe mir immer ſagen laſſen, daß, wer einmal ſpielt, immer ſpielt, und ich ſehe auch kein Arg darin. Ich glaube, ich wäre ſelbſt im Stande, ein Stüberchen daran zu wagen, wenn ich ein Töpf⸗ chen hätte, Notabene; aber wenn ein Bauernmädchen ſich ordentlich kleiden und halten will, dann bleibt ihm von ſieben Pfund nicht viel übrig.“ ² Jedermann. „ 59 „Unſer Bauer ſah die Threes mit einem Paar Augen an, als hätte er ſie freſſen wollen; ich merkte wohl, daß ſie dem Tiſt ſtark auf die Zehen getreten, aber da er ziem⸗ lich ruhig von Gemüth war und die Gewohnheit hatte, wo Streit ausbrechen konnte, kein Wort zu ſagen, was er nicht vreimal zerkaut, ſo dachte ich, er würde die Threes plaudern laſſen, ohne ihr das Geſchwätz zu verweiſen. So hätte er es auch gemacht, wenn die Magd bei Zeit geſchwie⸗ gen hätte. Als ſie aber nicht aufhörte, unſern Peer zu pla⸗ gen und ihm läſtig zu werden, ſprang Tiſt endlich auf ſein Pferd: ¹) „„Ich meine, wir hätten Dich lang genug plaudern und plappern laſſen,““ ſprach er zu Threes,„„und es wird Zeit, daß Du aufhörſt, oder wir Beide ſprechen uns. Bauer Jacobs hat in die Lotterie geſetzt, aber ich ſtehe dafür, daß er nicht noch einmal hinein ſetzt. Um ruinirt zu werden, hat er noch immer Zeit genug.““ „Das war eine große Undorſichtigkeit von unſerm Tiſt, daß er ſo ſprach. Daß unſer Peer ſtolz auf ſeine Stüberchen war und gern den Namen hatte, daß er reich ſei, das wußte Jan und Alleman. Aber die Magd war eine Platte, verſteht Ihr, und nachdatum hat man wohl geſehen, woher ſie ihre Pfiffigkeit hatte; von damals an war ſchon mehr ſchwarz als weiß dabei, wenn gleich Niemand ſich das gedacht hätte. Ich will Euch damit nur ſagen, daß ſie gut wußte, auf wel⸗ cher Seite ſie unſern packen mußte.“ ¹) Er war deſſen müde. 60 „„Ja, daß Ihr ein Stüberchentodt und ein Kleienſieber ſeid, das wiſſen alle Leute auf ſechs Meilen in der Runde,““ rief ſie dem Tiſt zu.„„Es iſt möglich, daß Ihr es nöthig habt, darein will ich meine Naſe nicht ſtecken. Was ich nur ſagen will, das iſt, daß für unſern Bauern Gottlob eine fran⸗ zöſiſche Krone kein Reichthum iſt.““ „„Hier, wie anderswo, thut man gut daran, eine franzö⸗ ſiſche Krone dreimal herumzudrehen, ehe man ſie nutzlos in's Waſſer wirft,““ erwiederte Tiſt ſcharf, und das war wiederum verkehrt, und daß die Worte dem Peer nicht gut in den Oh⸗ ren klangen, das merkte die Magd eben ſo ſchnell, wie ich; darum ſagte ſie: „„Und wenn Bauer Jacobs einmal Lzſt hätte, eine fran⸗ zöſiſche Krone, ja und ſelbſt zehn ins Waſſer zu werfen, dann könnte er das, ohne daß Jemand dabei zu kurz käme, weder er ſelbſt, noch ein Anderer; und in die Lotterie legen, iſt auch nicht in's Waſſer werfen.““ „Jetzt war der aufgeſtanden: „„Schwager,““ ſprach er zu unſerm Bauern,„„ich weiß wahrhaftig nicht, warum Ihr ſo ſehr dagegen ſeid, daß ich nun und dann etwas auf eine Nummer wage. Ich kann das doch gemächlich thun.““ „Wäre Tiſt jetzt ſo klug geweſen, ja zu ſagen und von etwas Anderm anzufangen! Aber ich habe auch ſchon zu ver⸗ ſtehen gegeben, daß etwas Uebernatürliches im Spiele war; unſer Tiſt alſo, der ſich ſtets ſo vorſichtig betrug und ſo gut wußte, was er zu ſagen und zu ſchweigen hatte, fiel heftig ein: 6⸗ 3 r 61 „„Ihr könnt das ſo gemächlich, wie ein Anderer. Wie lang wird es aber dauern? Da liegt der Knoten, lieber Peer! Eine Krone hier weg, das thut nichts, eine Krone da weg, thut auch noch nichts, aber eine hier weg und eine da weg und eine drüben weg, das ſind drei und von drei kommen mehr, und ſo iſt das Töpfchen eher leer, als man gedacht hat. Was mich betrifft, ich ſpiele den Gecken nicht zu ſehr mit meinem Gelde, wie mancher aus meiner Bekanntſchaft, und wenn es nicht durchaus nöthig iſt, dann gebe ich keinen Schilling, kein Plackett, ¹) ja kein Stößerchen ²) aus.““ „„Darin handelt jeder nach ſeinem Wohlgefallen,““ ſprach Peer. „„Wenn ich noch ein Wörtchen ſprechen könnte, dann wüßte ich wohl, was ich ſagte.““ „„Sprich nur zu, was haſt Du zu ſagen?““ frug Tiſt. „„Zuerſt und vor Allem würde ich mit unſerm Bauern ſagen, der darin viel Verſtand beweist, daß jeder thun ſoll, wie es ihm gefällt, und dann würde ich den Tiſt einmal fragen, ob er meint, er habe allein das rechte Briefchen gefunden, und wäre ſo klug wie zwei, weil er ſeinem Schwager immer eine Lektion geben will. Ich bin aber nur ein armer Dienſt⸗ bote und habe mich nicht darein zu miſchen.“ „„Du thäteſt beſſer, das zu denken und zu ſchwei⸗ gen,““ ſprach Tiſt;„„das wäre klüger und damit hetzteſt Du hier Niemand auf.““ ) Sechzehn Centimes— 1 ½ Ngr.— 4 ½ Kreuzer. ²) Heller. 62 „Ihr ſeht, der Tiſt verplauderte ſich immer mehr. Es war, als thäte er es mit Willen; er konnte kein Wort ſpre⸗ chen, was nicht ein Prischen geweſen wäre, welches dem Peer in die Naſe kroch. Ich wagte nicht, ein Wort dazwiſchen zu werfen, denn ich fürchtete, das werde die Sache noch ärger „machen. Unſere Marianne wußte nicht, was ſie thun ſollte; ſie mihßte wohl denken, daß ihr Bruder Recht habe, aber ſie hatte ſchon mehr als einmal die Erfahrung gemacht, daß es das Beſte iſt, wenn man die Männer ihren Streit unter ſich ausmachen läßt. „Peer ſprach: „„Ich bin kein Kind und auch kein Narr, und uſe mich weder von Euch aufhetzen, lieber Tiſt, noch von einem Andern.““ „„Und ich,““ rief Threes,„„ich will hier Niemand aufhe⸗ tzen, ich ſage meine Gedanken grad heraus und kurz ab; wer ſie gut will finden, der finde ſie gut, und wer ſie ſchlecht fin⸗ den will, der finde ſie ſchlecht; jeder iſt für ſeine eigene Rech⸗ nung auf der Welt. Aber ich kenne Leute, die nie zufrieden ſind, ſo lange nicht ein Jeder nach ihrer Pfeife tanzt.““ „Und bei dieſen Worten beſah ſie Tiſt mit durchdringen⸗ den Augen, ſo daß er wohl merken mußte, daß die Worte für ihn waren. Das fiel unſerm Bauern doch allzu ſchwer in den Magen. „„Du magſt hier noch ſprechen, Du,““ ſagte er mit finſterm Geſicht,„„Du haſt hier ja doch Niemand, für den Du Herz hätteſt; um St. Peter und Paul ſetzeſt Du Deine Kiſte auf den Wagen, und dunn kann Deinem Bauern Haus und . 63 Hof abbrennen, ohne daß es Dich kümmerte. Mit mir iſt das ganz anders. Ich ſehe nicht gern, daß mein Schwager etwas thut, was langſam ſo manch einen, der Anfangs Heu genug in der Raufe hatte, zum Bauern hat laufen laſſen.“*4) „„Und was manch einen ſchatzreich gemacht hat, der nicht mehr wußte, von welchem Holz er Pfeile ſchnitzen ſolle,““ rief Threes.„„Seht nur den fuchſigen Bäckelmans; der hatte vorher weder Heller noch Deut im Sack, und kann jetzt Kutſche und Pferd halten, reiten und rollen, zehren und ſchmieren, wie der beſte Herr aus der Stadt.““ „Und wie lang wird das Lebenchen dauern?““ rief Tiſt. „„Darauf muß ein Menſch ſehen, wenn er mit geſundem Ver⸗ ſtand zu Werk gehen will. Schönleben iſt ein lecker Ding, aber Langleben ſchmeckt noch beſſer und Du wirſt oft genug ſehen: wie gewonnen, ſo zerronnen. Wer ſo ſchnell reich wird, der ißt gern ſein Weißbrod zuerſt, und es dauert nicht lang, bis er ſehr zufrieden iſt, wenn ihm noch ein guter Biſ⸗ ſen Roggenbrod übrig bleibt.““ „„Daß Ihr plötzlich reich werdet, das pö keine Noth,““ ſprach Threes, die es wahrſcheinlich vermeiden wollte, mit un⸗ ſerm Bauern darüber zu ſtreiten.„„Wenn Ihr einmal ein Börschen bekommt, das ein wenig ſchwer wiegt, dann habt Ihr mit Mühen und Plagen gewonnen, ein Stüberchen hier, ein Stüberchen da und nicht anders.““ „„Ja, ſo mein ich's auch,““ ſprach Tiſt.„„Unſer lieber 0) Einen Dienſt als Knecht hat ſuchen laſſen. 64 Herrgott hat uns die Hände zur Arbeit gegeben, und wenn er mir nur Geſundheit ſchenkt und fruchtbar Wetter dazu, dann bete ich nicht ein einzig Vaterunſer, um mehr zu bekommen. Und ſo ſollte Jeder handeln.““ „„Weil Ihr es ſo macht,““ ſagte die Magd heimlich la⸗ chend.„„Soll ich Euch jetzt einen guten Rath gehen? Bindet unſerm Bauern ein Kördelchen an's Bein und führt ihn dar⸗ an mit Euch, dann thut er gewiß nie etwas, was Euch nicht behagt.““ „So wußte die Magd den Peer Jacobs aufzuhetzen. Er hatte es ziemlich ſtark im Oberſtübchen, und wenn er ſich gleich immer ſtellte, als ob er Niemandes Rath folgen wolle, dann konnte man doch Alles mit ihm machen, wenn man ihn nur in ſeinen Falten zu packen wußte. Nun muß ich noch hinzu⸗ fügen, daß die Threes dabei dem Peer ſtets flach in die Augen ſah, und ſie hatte ein paar Augen wie flammende Kerzen. „Darauf ſagte der Peer: „„Ich laſſe mich von Niemand an ein Kördelchen binden, verſteht Ihrs, Tiſt? Und wenn ich die Krone verliere, die ich zu Vater Allebé getragen habe, dann will ich doch einmal ſehen, ob ein ander Sätchen nicht beſſer anſchlägt.““ „„Wer ſpricht davon, Euch an ein Kördelchen zu bin⸗ den?““ rief Tiſt.„„Hört Ihr denn nicht, daß es die platte Here iſt, die Euch in's Netz locken will?““ „„Es kann mich Niemand nicht in's Netz locken, verſteht Ihr? Niemand nicht! Aber Ihr wollt immer den Advokaten ſpielen, und Gott und Meman Rath geben, ſelbſt wenn Euch Niemand darnach fragt. So ging es auch vor anderthalb „ 65 Jahren mit dem Kaufen von ſchwarzem Gut. Das ſollte ich nicht kaufen, und durft ich nicht kaufen und mocht ich nicht kaufen, aber nun, wo ich's gekauft habe, geht es mir jetzt ſchlechter?““ „„Ich ſuche Niemanden Rath zu geben,““ entgegnete Tiſt, der die Pille jetzt nicht länger ſchlucken konnte;„„und ich werde mich fortan hüten, Euch noch hott oder har ¹) zu wei⸗ ſen. Aber jetzt muß ich Euch etwas ſagen, was ich nicht über's Herz bringen kann, zu ſchweigen, und das iſt, daß Ihr meine Worte von ſo eben nicht vergeßt. Das Geld iſt rund und Ihr wißt, was das heißt. Ich habe mehr als einen ge⸗ kannt, der das vergeſſen hatte, und ſpäter ſich glücklich ſchätzte, als Bauknecht auf den Hof zurück zu kehren, den er vorher ſein eigen nannte.““ „„Dank Euch von Herzen für die Drohung,““ ſprach Peer, „„ſie iſt mir ebenſoviel werth, als Euer Rath. Wenn ich aber ijemals von dem Hofe weggewieſen werde, dann iſt das eine gute Occaſie für Euch, die Eurem Vater ſchon lange genug auf dem Nacken ſitzt, und wer weiß, ob ich nicht noch einmal als Bauknecht bei Euch wohnen komme?““ „„Wer weiß!““ ſprach unſer Tiſt mit einem tiefen Seufzer, und dann gingen wir Beide nach Haus, denn der Brei wurde eben aufgeſchöpft. Der Peer hatte bei dem Wer weiß ge⸗ lacht, und Threes hatte noch mehr gelacht und lachte noch, als wir ſchon das Haus verlaſſen hatten, ſo daß wir es noch hören konnten, als wir über den Hof gingen.“ ⁵) Rechts oder links. Der Erzähler. 1847. m. 7 * 66 „Und von jetzt an waren die zwei Schwäger gewiß Tod⸗ feinde?“ frug ich. „Ach nein, doch nicht, lieber Menſch. Wir Bauersleute fliegen um eine Kleinigkeit nicht ſo ſehr in den Harniſch. Einige Tage nachdatum ſprach der Tiſt wieder mit dem Peer, und der Peer ſprach wieder mit dem Tiſt, als ob nichts vor⸗ gefallen wäre. Sie blieben gut Freund, wenigſtens ſcheinbar, denn daß nicht ein heimlicher Aerger zwiſchen ihnen beſtehen blieb, dafür möchte ich meine Hand nicht ins Feuer ſtecken. Unſer Tiſt ſah nicht gern mehr, daß ich zu Mariannen ging, und wenn ich ihm vom Peer ſprach, dann ſchüttelte er den Kopf und ſagte zwar nicht viel, doch genug, um mir zu verſtehen zu geben, daß ſein Schwager mit dem Lotterielegen noch einmal ſchlecht ausmeſſen werde.“ „Peer Jacobs trug alſo ſein Stüberchen nach wie vor zum Vater Allebé?“ „Das that er. Anfangs war Marianne dagegen gewe⸗ ſen, um ſo mehr, da ich ſie von Zeit zu Zeit aufſtocherte; aber die giftige Here von Kuhmagd kam immer mit ihrem Schnabel dazwiſchen, wenn ſie merkte, daß der Peer in Be⸗ griff ſtand, ſeiner Frau zu folgen, und am Ende wußte ſie es ſo zu drehen und zu wenden, daß unſere Marianne eben ſo verſeſſen auf das Lotterieſetzen wurde, wie unſer Peer. Ihr ſolltet das Haushältchen einmal geſehen haben!— Es war inzwiſchen Winter geworden, und wenn ſie Abends um den Heerd ſaßen, und ein lecker Reiſigfeuer brannte, ach, dann ließen ſie die Vögel jliegen! ¹)„„Wenn ich einmal in meinem ¹) Dann machten ſie Pläne! „. 67 Leben ein gutes Lämmchen gewinne,““ ſagte der Peer,„„dann weiß ich, was ich mit dem Geldchen anfange. Zuerſt wird der Stall viel größer gemacht, dann werden noch ein paar Pferde gekauft und noch Kühe.““ „„Und ich möchte wünſchen, daß wir die Heuwieſe von Jef Deckers kauften, und die vier Morgen von Koben Stvol⸗ mans,““ fügte Marianne hinzu. „„Das wäre ein Lebenchen!““ fiel Threes ein;„„und ſpeckſplinterneu Geräthe für den Stall und für das Haus, und das würde ſo ſchön gehalten, daß man ſich ſtets darin ſpiegeln könnte.““ „Das waren ſchöne Träume, meint Ihr, und Träume ſeien Schäume, und das iſt eine große Wahrheit, aber es iſt nicht immer wahr; das war offenbar bei dem Peer der Fall. Er hatte ſchon fünf bis ſechs Monate lang geſpielt; mancher hatte ihm gerathen, die oder jene Nummer zu nehmen, aber Threes, die Kuhmagd, ſagte, er ſolle immer auf denſelben Fleck ſchlagen, wie die Fläminge, wenn ſie ſich prügeln, und er hatte ſich langſam daran gewöhnt, dem Rath von Threes zu folgen. Nu, dießmal brachte es ihm auch Glück, das heißt, wenn es ein Glück iſt, ſo viel Geld auf einmal zu bekommen.. Ich ſtutzte. „Ja, das hat er,“ ſagte Mutter Sanne mit wehmüthi⸗ gem Ernſt,„und es war in der That keine kleine Summe Im Dorfe glaubte man eine Zeitlang, er wiſſe ſeines Reichthums kein Ende und könne es ſo breit anlegen, wie der Baron ſelbſt; er war wirklich ſo reich, wie das Waſſer tief iſt. Nun muß ich Euch das weiter auslegen, damit Ihr ſeht, daß es 68 nicht genug iſt, viel Geld zu haben, ſondern daß auch eine gute Hand im Hauſe ſein muß, um es zu verwalten. Unſer Ma⸗ riannchen hielt viel vom Sparen, aber in einem Hauſe, wo die Frau... doch das erzähl ich ein andermal, laßt mich jetzt ſtillchens fortfahren. „Eines Abends alſo, wo ich im Hofe von Tiſts Vater ſaß, war ich gerade am Spinnen, denn ich hatte dort auch ein Rad ſtehen, und plauderte mit unſerm Mann, ob wir uns nicht in einem andern Dorf nach einer Occaſſie umſehen ſollten, denn es fing an, uns gewaltig langweilig zu werden, ſo lang warten zu müſſen. Da hörten wir plötzlich einen Lärm und ein Geſchrei auf dem Vorhof, als wenn das ganze Dorf losgebrochen wäre, und noch hatte unſer Tiſt keine Zeit gehabt, vom Stuhl aufzuſtehen, da kam Seppen Hermans, der Bauknecht von Jacobſens, in's Haus gefallen und ſprang und machte Flicker, daß es zum Erſtaunen war, und dazu ſchwenkte er mit ſeiner Mütze noch ärger, als wenn er einem neuen Bürgermeiſter entgegen zöge. Die ihm folgten, ſangen und ſprangen ebenſo; wir wußten lange nicht, was wir aus dieſem Alarm machen ſollten. Endlich hörten wir von Seppen, daß der Peer das große Lvos in der Lotterie gewonnen habe, und daß ein Mann vierfüßig zu Pferde wäre angeritten gekommen, bloß um ihm die Nachricht zu bringen. Darauf ſagte der Seppen, wir würden Alle auf Peers Hof erwartet, wo an dem Abend ein Feſtchen gegeben werde, welches nicht von Stroh wäre. „Als die Männer wieder aus dem Hauſe waren, wandte ich mich zu unſerm Bauern und ſprach:. — 69 „„Nun Tiſt, was ſagſt Du jetzt? Du mußt doch beken⸗ nen, daß der Peer gut gethan hat, Deinem Rathe nicht zu folgen?““ „Unſer Tiſt aber ſchüttelte den Kopf, wie Jemand, der etwas Unerwartetes geſchehen ſieht und doch bei ſeinen frühern Gedanken verbleibt. Ich frug ihn, was ſein Kopfſchütteln bedeute? „„Höre,““ ſagte er.„„Als der Peer anfing, in die Lotterie zu legen, fürchtete ich viel weniger, daß er ſein Geld verſpie⸗ len werde, als daß er auf einmal viel Geld bekomme. Wenn mir das geſchähe, dann würde ich nicht das ganze Dorf in Alarm ſetzen; ich nähme mir das Meine davon und ließe die Freunde mitleben, das verſteht ſich, aber ſo nicht. Jeder nimmt das Leben nach ſeiner Manier, wirſt Du ſagen, aber meiner Schweſter Mann kann nicht mit Geld umgehen, und je mehr Geld er hat, um ſo ſchneller iſt er damit fertig.““ „Tiſt hatte ſich das ſo ſehr in den Kopf geſetzt, daß er ſich lang beſann, ob er zu dem Feſtchen gehen ſolle, doch ich machte ihm begreiflich, daß Jeder dann denken würde, er be⸗ neide Peer um ſein Glück und er müſſe alſo gehen, möge es ihm gefallen, oder nicht. Unſer Bauer ſah das ein; ich machte mich ſchnell ein wenig zurecht, ſtutzte die Haube von Neuem auf und wir zogen nach Jacobſens. Als wir anka⸗ men, hatten ſie im ganzen Hofe das Oberſte zu unterſt gekehrt, und es war ein ärgeres Leben, als wenn das ganze Dorf Polterabend hielte. Da unſer Bauer das hoörte, ſchüt⸗ telte er noch mehr den Kopf als vorher und flüſterte mir leiſe ins Ohr: 70 „„Liebſte Sanne, ich bin heut ſo traurig, daß ich es Dir nicht ſagen kann. Und doch ſingt unſer Peer heut Abend ein ſchön Liedchen; ich kann mich aber nicht zurückhalten, an das Sprichwort zu denken, daß ſchöne Liedchen nicht lange dauern.““ „„Laß Dir davon um Gotteswillen nichts merken!““ bat ich. „„Dafür ſorge nicht,““ antwortete er.„„Der Peer müßte mich denn um meinen Rath fragen, und daß er daran nicht denkt, dafür ſorgen ſchon Andere.““ Indem er das ſagte, ſeufzte er tief auf und wir traten in's Haus. Sobald Peer uns in die Augen bekam, ſtürzte er auf uns zu; er war überfröhlich und luſtig geſtimmt; der Schinken ſtand auf'm Tiſch, das Meſſer ſtak drin, und es gingen ſo viel Kannen Bier und Wein bei den Männern umher, daß man ſollte gemeint ha⸗ ben, der Brunnen würde nie leer. So dachte der Peer ge⸗ wiß auch, denn er ſagte zu Tiſt: „„Holla, Tiſt, mein Junge, komm nur einmal her und ſage mir, ob die Lotterie ſo unbarmherzig ſchlecht iſt, wie Du ſtets gemeint haſt. Ich bin jetzt ſo reich, wie unſer Baron, und ich könnte das halbe Dorf kaufen, wenn es zu kaufen wäre. Juchhe! Jetzt laß uns mal ſingen und ſpringen.““ „Mit den Worten hatte er den Tiſt bei der Hand ge⸗ faßt und der mußte ein paar Mal mit ihm in dem Zimmer umher ſpringen. Ihr wißt, daß der Tiſt nie ein Streitſucher war, und ſo nahm er Alles in Gottes Namen an und auf, auch das große Pintglas, welches Peer ihm bot, nachdem er mehr als eine halbe Flaſche Wein hineingegoſſen. Ich hatte mich unterdeß ſtillchens neben unſre Marianne geſetzt, aber „ 71 ich fand ſie nicht ſo luſtig, wie ich gedacht hatte. Jo, ja, ſie ſaß auf ihrem Stuhl und war mißvergnügt. Ihr fragt, wa⸗ rum?— Sie war eiferſüchtig auf Threes, die Kuhmagd, ge⸗ worden, und wären ihre Augen zwei Meſſer geweſen, dann hätte Threes an dem Abend ihr Bett nicht lebendig betreten. Das war übrigens ganz unſchuldig zugegangen: Als der Peer Nachricht von ſeinem Gewinne bekam, da war er in ſeiner Freude ſo ausgelaſſen geweſen, daß er hin und wieder im Hauſe lief und jeden küßte, der ihm entgegen kam. Threes war juſt im Stalle, wo ſie noch etwas zu thun hatte; bei dem Lärm war ſie neugierig hinzugelaufen, und als der Peer ſie ſah, da ſtürzte er auf ſie los und rief:„„Da iſt meine Threes, meine liebe Threes, die iſt die Urſache meines ganzen Glückes! Komm her, Mädchen, und laß Dich einmal küſſen, aber küſſen, daß es ſchallt!““ Und ſo hatte er die Kuh⸗ magd in die Arme genommen und ſo zerküßt und zerdrückt, daß unſere Marianne es nicht mehr anſehen konnte, und ſich auf einen Stuhl ſetzte und protzte. Als Marianne mir das erzählte, ließ ſie gewiß nichts davon weg, und doch konnte ich ihr nicht Recht geben. „Threes ſah Alles mit einem halben Auge und verſtand Alles mit einem halben Wort— und daß dahinter nicht et⸗ was Verkehrtes lag, das macht mir Niemand weiß. Kurz, ſie wußte bald, was die Glocke bei unſerer Schwägerin ge⸗ ſchlagen hatte. Ihr meint vielleicht, die Here hätte ſich ſtill⸗ chens weggeſtohlen und aus aller Augen gemacht, nein, das nicht! Die Marianne hatte mir kaum erzählt, was ihr im Kropfe ſtecke, da kam Threes auf uns zu und ſprach: „ 2 72 „„Unſere Bäuerin iſt bös über mich, nicht wahr? Aber darin hat ſie Unrecht. Was kann ich dafür? Ich habe ja den Jacobs nicht geküßt.““ „„Das iſt wahr, Marianne,““ ſprach ich.„„Ich glaube ſelbſt, daß Du das zu arg aufgenommen haſt. An Deiner Stelle lachte ich darüber und dächte nicht mehr daran.““ „Bei dem Wörtchen lachen ſchoß aber Marianne plötzlich ſo ſehr in's Weinen, daß ihr die Thränen die Wangen herab liefen. „„Die Threes muß mir aus den Augen!““ ſchluchzte ſie.„„Sie ſucht meinen Peer zu verführen, ich weiß es nur zu gut.““ „„Ich Euren Peer verführen?““ rief die Kuhmagd. „„Wer hat daran in ſeinem ganzen Leben gedacht. Ich ſehe wohl, wie viel Uhr es iſt, Ihr hättet mich gern vom Hofe aber „Hier hielt ſie ſich zurück, als ob ſie es für beſſer ge⸗ funden hätte, zu ſchweigen; aber was ihre Zunge nicht ſagte, das ſagten ihre Augen, die vor Aerger flickerten und flackerten. Ich hatte die Threes noch nie ſo geſehen. Wenn ſie früher ſelbſt einmal böſe war, dann lag doch ſtets etwas Gutes in ihr; ſo zu ſagen etwas Städtiſches. Nun aber war ſie bleich geworden, ihre Lippen waren geſchwollen, ihre Augenbrauen tief über die Augen hinabgeſunken. Es fuhr mir ein Schauer übern Leib und der kalte Schweiß brach mir aus, ganz wie an dem Tage, wo ſie mit Peer von der Wieſe kam. Die Marianne war, glaube ich, nicht weniger erſchrocken; ſie öff⸗ „ 73 nete ihren Mund, um zu antworten, aber ihr Mund blieb offen, ohne daß eine Sylbe zu hören war. „Es war nun ſo viel Lärm in dem Zimmer und der Peer war ſo ſehr mit den Männern am Wühlen und Toben, daß er nichts von der Sache gewahr geworden wäre, wenn nicht Jemand es ihm geſagt hätte, aber Ihr wißt, daß es für ſchlimme Neuigkeiten ſtets Briefträger zu Haufen gibt. Da hättet Ihr die Threes ſehen ſollen! Sobald der Jacobs nahte, war von ihrem ganzen wüthenden Geſicht kein einzig Fältchen mehr übrig; ſie war im Gegentheil ſo freundlich, o ſo freund⸗ lich, daß man meinte, ſie wäre die Freundſchaft ſelbſt. Das war auch nicht natürlich, ſeht Ihr, und Jemand, der nicht mehr weiß, als ein guter Chriſtenmenſch wiſſen mag, der kann ſein Geſicht nicht ſo eins, zwei, Kei verändern. „„Was iſt das für ein Narrenſpiel?““ frug der Peer, zu ſeiner Frau gekehrt, die noch immer mit großen Augen da ſaß; aber Marianne gab ihm keine Antwort und fing von neuem an zu ſchluchzen und zu weinen. „„Wenn ich von Dir keine Antwort bekomme,““ ſprach der Peer,„„dann muß ich die Threes fragen.““. „Meine Schwägerin aber ſchluchzte nur noch mehr. „„Ja, jetzt weiß ich noch ebenſoviel. Sag mal, Threes, was ſoll das hier bedeuten?““. „„Ja, frage nur Deine Threes,““ ſtotterte Marianne. „„Was, Bedot, meine Threes? Was ſagſt Du da? Meine Threes? Was iſt das nun wieder geplaudert!““ „„Ihr hört es, Bauer,““ fiel Threes ein,„„unſre Bäuerin will mich vom Hofe jagen und unglücklich machen.““ 74 „„Hahaha! Und warum das?““ „„Ach Gott, das darf ich Euch kaum ſagen... Weil Ihr mich eben geküßt habt.““ Das ſagte Threes ſo ſüß, als ob ſie Honig im Munde hätte, und ſah dabei den Peer mit einem Paar wäſſerigen Augen an, als hätte ſie in der That ein Viertelchen für ihn im Salze liegen. ¹) „Der Jacobs fing an, laut auf zu lachen, umfing die Magd mit ſeinen Armen und gab ihr auf jeden Backen einen Kuß, daß man's am andern Ende des Zimmers hören konnte. „„Da,““ ſprach er,„„das wird Dich lehren, eiferſüchtig ſein.““ „Dann ging er zu den Männern zurück. Threes ſah Marianne heimlich lächelnd an, dann ſchlug ſie, wie beſchämt, die Hände vor's Geſicht und wir ſahen ſie den ganzen Abend nicht wieder. Meine Schwägerin ſaß noch eine Zeitlang wei⸗ nend da; die Männer tobten fort, ſie hielten es lieber mit der Flaſche.“ „Das war nicht ſchön von ihnen, Mutter Sanne.“ „Ach Gott, was kann man dazu ſagen? Sie thaten nach alter Gewohnheit. Unſere Marianne hätte übrigens wiſſen ſollen, daß dieß keine Zeit und kein Ort zum Weinen war. Sie hat es auch nachdatum theuer genug bezahlt. „Ich that mein Möglichſtes, um ſie zu beruhigen und ſie zu überreden, daß der Peer es nicht ſo arg gemeint habe, aber alle Mühe war verloren, ſie blieb bei Ihrem Wort:„„Threes muß vom Hofe oder ich gehe davon.““ Das hatte Peer end⸗ lich gehört und er ſagte zu ²) Als habe ſie ihn in der That lieb. „ 250 „„Nun, Marianne, ſei ruhig, ſie kommt weg.““ „Dann wandte er ſich zu unſerm Bauern und ſprach: „„Tiſt, Ihr wißt nun, daß ich heute gut Neues ge⸗ hört habe? 4— „„Ja, ja, Peer, und ich hab ſchon geſagt, wohl be⸗ komms Euch!““ „„Wollt Ihr jetzt auch einmal etwas gutes Neues hören?““ „„Und das wäre? 4“ „„Ihr ſucht noch ſtets nach einer Oceaſie, nicht wahr?“ „„Ja, ja, wie Ihr wißt.““ „„Nun, ich weiß eine Oeccaſte und zwar eine leckere. Erwartet mich morgen früh gegen neun bis zehn Uhr, dann ſprechen wir weiter darüber.““ „„Was wollt Ihr damit ſagen?““ „„Gute Nacht, ſchlaf wohl, bis morgen.““— Und ſo konnten wir unſeres Weges gehn, ohne daß der Peer uns an⸗ ders etwas hätte ſagen wollen.“ „Und war die Oeccaſie in der That vortheilhaft?“ frug ich. „Ach,“ antwortete Mutter Sanne mit einem tiefen Seuf⸗ zer,„feht Euch einmal um und antwortet ſelbſt.“ „Wie? dieſer Hof? 4 „Iſt der Hof, auf welchem Peer Jacobs damals wohnte.“ Eine lange Pauſe folgte dieſen Worten und eine Wolke tiefer Wehmuth legte ſich über die Züge der guten Bäuerin. Nur langſam kehrte bei Mutter Sanne die ſtillfriedliche Hei⸗ terkeit wieder zurück, welche gewöhnlich ihr ganzes Weſen 76 belebte. Sie fuhr einigemal mit der Hand über die Stirn, lächelte mir freundlich zu und ſprach: „Ein Menſch iſt doch ein ſonderbar Geſchopf, nicht wahr, Freundchen? Ich erzähle Euch hier etwas, woran ich alle Tage denke, ich mag wollen oder nicht, und grad, weil ich's erzähle, kommt's mir vor, als wäre es geſtern erſt ge⸗ ſchehen, und es trug wenig, dann wäre mir das Waſſer in die Augen gekommen.“ Und Mutter Sanne lächelte wieder, aber es war nicht mehr das frühere Lächeln; es lag etwas Kaltes und Gezwun⸗ genes darin, und man ſah, daß ſie ſich Gewalt anthat, um ſich ſtärker zu zeigen, wie ſie war. „So geht es, Mutter Sanne. Die Wunden der Seele ſind ganz wie die des Körpers. Sie heilen wohl, aber ſie laſſen eine Narbe zurück, die ſtets ſchmerzt, wenn man ſie rauh oder unvorſichtig berührt.“ „Ich glaube, Ihr ſagt die Wahrheit. Wir einfachen Bauersleute fühlen das Alles ſo gut, wie Ihr ſtudirten Leute, aber wir koͤnnen das einander nicht ſo weis machen, darin liegt der Unterſchied. Wo war ich aber ſtehen geblieben? Schweigt nur, es fällt mir ſchon ein: der Peer hatte unſerm Tiſt geſagt, er ſolle ihn des andern Morgens erwarten. Schon vor zehn war Peer bei uns. Da war nicht die kleinſte Ver⸗ änderung an ihm zu ſehen, und wer ihm begegnet wäre, der hätte nie geglaubt, daß dies der Mann ſei, der Tags zuvor ſo viel Geld in der Lotterie gewonnen habe. Als er herein⸗ trat, frug er gleich nach unſerm Tiſt und der ſtand bereit. Wenn ein Menſch auf eine Occaſie wartet, dann iſt er unge⸗ „ ⸗ 77 duldig, zu erfahren, was ihm der oder jener zu ſagen hat, das fühlt Ihr wohl ſelbſt.“ „„Nun, Peer,““ ſprach der Tiſt,„„nach welchem Dorfe wollt Ihr mich verſchicken?““ „„Was würdet Ihr ſagen, wenn ich Euch ſagte, daß Ihr nicht weiter zu ziehen habt, als ein guter Schütz mit dem Bogen ſchießen kann?““ „„Ihr ſeid früh aufgeſtanden, aber doch zu ſpät, um den Tiſte Joris zum Narren zu halten.““ „„Nu, Junge, ich ſag es Euch aber und wenn ich Euch zum Narren halte, dann will ich gern ein Wischenwaschen heißen.““ „„Dann werdet Ihr wohl ſo gut ſein, mir zu ſagen, wie Ihr hinter die Occaſie gerathen ſeid; denn ich, der ich eine ſuche und mir alle Mühe gebe, eine zu finden, ich habe kein Wort davon gehört. Auch wüßte ich nicht, daß Jemand zu Ranſt geſtorben wäre, oder daß Jemand Luſt hätte, nach einem andern Dorf zu ſtechen.““ „„Das iſt wahr,““ ſprach der Peer. „„Nun? 44 „„Es iſt aber Jemand im Begriff, dem Dorf Adje zu ſagen und nach der Stadt zu ziehen; verſteht Ihr mich noch nicht?““ „„Nein, Ihr müßtet denn ſelbſt Willens ſein, ſonſt geb ich's Rathen auf.““ „„Ihr braucht's nicht aufzugeben, Ihr habt flach in die Mitte der Roſe geſchoſſen. Nun, was ſagt Ihr dazu? Mich dünkt, das Lotterielegen ſchadet Euch ſo wenig, wie mir.““ 78 „Der Tiſt beſah ſeinen Schwager, als ob er aus der Luft gefallen wäre, und der Peer lachte herzlich, als er ſah, wie unſer Bauer ſo verwundert ſtand. Endlich ſagte unſer Mann: „„Ihr müßt ſchrecklich viel gewonnen haben.““ „„Hört,“„erwiederte Jacobs,„„ich will Euch das wohl unter vier Augen ſagen, aber es bleibt unter uns, verſtanden? So etwas mehr oder weniger als zweimalhunderttauſend Gulden. Aber vergeßt nicht, daß es nicht nöthig iſt, daß Lieschen und Alleman ſeine Naſe darüberſteckt, und daß ich viel lieber habe, daß ſie darnach rathen, als daß ſie es wiſſen.““ „„Zweimalhunderttauſend Gulden!““ ſprach Tiſt langſam. „„Nun begreife ich, warum Ihr das Bauern aufgebt. Es iſt in jedem Fall doch nur Sklavenwerk, wie gut und wie ſchlecht es damit gehe... Peer, das iſt ein ſchönes Vermögen, ein Herrenvermögen. Ich hoffe, Ihr ſeht nie ein Endchen davon.““ „„Was? Ihr glaubt, daß man dabon das Ende ſehen kann?44 „„Es iſt nichts ohne Ende, als die Ewigkeit,““ ſprach Tiſt. „„Tiſt, lieber Junge, Euer Vater hatte Unrecht darin, daß er Euch Bauer werden ließ, er hätte Euch in ein Seminar ſchicken müſſen. Wißt Ihr wohl, daß man aus Euch einen guten Paſtor gemacht hätte? Bedot! Wie gern wäre ich in Eure Predigt gekommen! Jetzt bin ich aber nicht gekommen, um eine Predigt von Euch zu hören, ſondern um zu wiſſen, ob Euch die Occaſie anſteht und ob Ihr nichts dagegen habt, Eures Schwagers Pächter zu werden.““ „„Nein, Peer, dagegen habe ich nichts, weit entfernt, 79 aber bedenkt Euch um Gotteswillen noch einmal wohl. Wißt Ihr auch, was das Stadtleben iſt 2% „„Schon wieder da!““ rief der Peer lachend. „„Nun gut,““ ſprach unſer Bauer mit einem halben Seufzer, denn er ſah wohl, daß Jacobſens Vorſatz feſtſtand, und daß im Augenblick keine Salbe an ihn zu ſtreichen ſei. „„Es ſei ſo, was ſind die Bedingungen des Pachtes?““ „„Jetzt werdet Ihr zum Menſchen und das heißt ſprechen. Nun, die Bedingungen ſind die gewöhnlichen. Ihr gebt mir hundertfünfzig Gulden für den Hof und dreißig Gulden per Morgen Landes. Was ſatzt Ihr dazu?““ „„Daß Ihr redlich handelt und daß ich auch ſo thun werde. Wenn Sanne ja ſagt, dann gebe ich den Handſchlag drauf.““ „Ich nickte ſchnell ja und der Tiſt bot die offene Hand.“ „„Nein, noch nicht,““ ſprach der Schwager;„„ehe wir einander den Handſchlag geben, muß ich Euch ſagen, daß ich ſchon ſeit lange Willens war, falls ich je in der Lotterie ge⸗ winnen würde, meinen Stall zu vergrößern und eine ſplinter⸗ nagelneue Scheune zu bauen. Ihr werdet alſo eine Zeitlang ohne Scheune wohnen müſſen, da ich ſie nirgend anderswo hinbauen kann, als wo ſie jetzt ſteht. Aber wir ſind ja doch im Winter und die letzte Ernte macht Euch nicht viel Sorgen.““ „Das war Lachmacklerei,*) verſtanden? weil wir noch keine eigene Ernte gehabt hatten. Ich wollte jetzt auch meinen Senf dazu geben. *) Neckerei. 80 „„Peer, Junge,““ ſprach ich,„„wenn das die einzigen Bedingungen ſind, wovon Ihr uns zu ſprechen habt, dann haben wir einen ſchönen Dank Euch ſehr zu ſagen.““ „„Doch nicht, Sanne. Ich möchte noch gern die vier Morgen von Koben Slootmans und Jef Deckerſens Heuwieſe dazu kaufen, aber da muß ich zuvor wiſſen, ob Ihr die Bröckelchen ſpäter auch gebrauchen könnt.““ „„Ihr ſeid alſo Willens, uns auf die ſchönſte Bäuerei im ganzen Dorf zu ſetzen!““ rief Tiſt. „„Steht's Euch an, dann ſchlagt ein!... Ich glaube, Bedot! Ihr zögert?““ ſprach Peer, aber die letzten Worte gingen mich an. „„Ja, Peer, ich zögere,““ ſprach unſer Mann;„„für all die Veränderungen und Verbeſſerungen, welche Ihr vor⸗ nehmen wollt, iſt der Pacht viel zu gering. Ihr ſeid jetzt ſchatzreich, ja wohl, das iſt aber kein Grund, und wenn jeder das Seine hat, ſeht Ihr, dann bleiben wir am längſten Freund.““ „„Ganz wohl geſprochen, Tiſt; aber nun laßt mich auch einmal ſprechen. Ihr nehmt Alles ſo, wie ich es Euch an⸗ biete, oder ich gehe auf der Stelle zu Süs Adriauzens und biet es dem an.““— „Jetzt war unſer Tiſt natürlich gefangen. Der Akkord wurde gemacht und noch am ſelben Morgen gingen ſie Beide zum Notar von Wommelghem, um den Pachtbrief aufſetzen zu laſſen. Als unſer Tiſt nach Haus kam, war er halb luſtig und halb betrübt. Fröhlich, weil wir jetzt ſicher waren, in eine gute Bäuerei zu kommen, betrübt, weil er es nicht aus dem Kopfe kriegen konnte, daß dem Peer Jacobs noch viel „ „— 81 unglück bevorſtehe. Vierzehn Tage nachher ſaß ich als Päch⸗ terin und Frau bom Hauſe auf derſelben Stelle, wo Ihr mich jetzt ſeht, denn da wir von unſerem Schwager auch alles Geräth übernommen hatten, waren wir bald mit der Einrichtung fertig.“ „So, daß alſo Peer Jacobs ſeinen Vorſatz, in die Stadt zu ziehen, nicht kalt werden ließ?“ „Ich muß Euch ſagen, daß gerade ein paar Tage, nachdem der Peer unſern Pachtbrief unterzeichnet hatte, ein ſchönes Herrenhaus leer wurde das wurde zu einem ziemlich billigen Preiſe verkauft und Tiſt ſprach ſelbſt: „„Der Peer hat da einen guten Griff gethan; geht's ſo fort, dann macht er's beſſer, als ich geglaubt hätte.““ „Aber es ſtand geſchrieben, daß unſets Bauern erſter Gedanke wahr werden ſolle und ich habe Euch noch ſehr be⸗ trübte Dinge zu erzählen. Daraus werdet Ihr ſehen, wie des Menſchen Augen verblendet ſind, wenn eine böſe Hand auf ihm ruht, wie er dann Nartethei auf Narrethei häuft und endlich vom Straucheln zu Falle kommt.“ „Ich möchte wetten, Mutter Sanne, daß Ihr mir Threes, die Kuhmägd, als eine häßliche Zauberhexe hinmalt.“ „Häßlich? das heißt, je nachdem man's verſteht. Von Geſicht war ſie, das wißt Ihr, durchaus nicht häßlich, und was ihren Körper angeht, ſo war in der ganzen Stadt keine, die es mit ihr hätte aufnehmen können, ſeht Ihr? Aber wie ſchön ſie von Außen war, ſo häßlich war ſie von Innen. Das war auch nicht anders möglich. Wo man mit verkehrt, damit wird man geehrt, ſagt das Sprichwort, und daß das Der Erzähler 1847. u. 6 5 5 82 Mädchen ſchon von da an, Gott ſegne uns, ihre Seele an den von hier unten verkauft hatte, das weiß das kleinſte Kind im Dorfe Euch zu ſagen.“ „Aber Ihr habt mir doch erzählt, Mutter Sanne, daß Jacobs ſeiner Frau verſprochen habe, die Kuhmagd bon dem Hofe wegzuſchicken; nun, wo er nach der Stadt zog, mußte ſie doch zurückbleiben. Wie konnte ſie alſo den Peer noch bezaubern?“ „Das wollte ich Euch eben auslegen. Der Peer hatte geſagt, Threes müſſe den Sof verlaſſen. Wißt Ihr nun, was das heißen ſollte? Nichts anders, lieber Menſch, als daß er ſie mit in die Stadt nehmen wollte. Drei oder vier Abende nach dem Feſtchen hatte Marianne ihm Vorwürfe gemacht, daß er Threes noch nicht weggeſchickt habe, und bei der Gele⸗ genheit hatte er ihr den rechten Sinn erklärt. Und je mehr ſeine Frau ſpäter weinte und lamentirte, um ſo eigenſinniger blieb er bei ſeinem Willen. Marianne trachtete wohl Anfangs, der Magd den Aufenthalt im Hauſe leid zu machen, aber je mehr ſie das that, um ſo mehr nahm der Bauer ſich der Threes an.“ „Und wie benahm Threes ſich? Sie mußte doch ein⸗ ſehen, daß ſie die Urſache des ganzen Zwiſtes war?“ „Threes ſagte dem Peer nie ein böſes Wort über ſeine Frau; ſie beklagte ſich nur darüber, daß die Bäuerin eifer⸗ ſüchtig auf ſie ſei und ihr Unrecht thue. Auch war ſie ſehr artig gegen die Bäuerin, wenn Jacobs dabei war; wenn er ihnen aber den Rücken drehte, dann ſah ſie Mariannen flach in die Augen, ohne ein Wort zu ſprechen, aber mit einer Art von Lächeln, daß die Matianne meinke, aus der Haut zu . 83 ſpringen. Das wunderte damals Jedermann, und natürlich, weil Threes immer ſolch' ein Trudchen⸗rühr⸗mich⸗nicht⸗an geweſen war und nicht leiden konnte, daß ein Burſch ſie nur mit der Fingerſpitze anrührte. Was mich angeht, ich konnte es Anfangs nicht wohl glauben und nahm mir vor, einmal mit ihr darüber zu ſprechen. Wißt Ihr, was ſie mir zur Antwort gab? „„Hört,““ ſagte ſie,„„an der ganzen Sache iſt nichts. Wenn ich hätte freien und trauen wollen, dann hätte ich das ſeit lange gekonnt; Ihr wißt wohl, daß mehr als einer ſich nach mir umgeſehen hat, und ſelbſt Bauernſöhne und keine von den Aermſten; aber ſie haben ſich alle die Schienbeine blau ge⸗ laufen. Ich wäre ſchon lange von hier weggezogen, wenn die Bäuerin mir nicht meine Ehre geraubt hätte, indem ſie ſagte, daß ich darauf ausgehe, ihren Mann zu verführen. Wenn ich nun wegginge, dann würde das ganze Dorf denken, ich ſei nicht rein mehr und ſo etwas ſuche ich nicht. Bin ich auch nur eine Kuhmagd, dann gilt mir mein guter Name doch ſo viel, als der von jedem Andern.““ „Darin hatte ſie nicht ganz Unrecht, Mutter Sanne.“ „Warum nicht? Wenn ſie gleich weggegangen wäre, dann hätte ihr Niemand etwas nachreden können und ſie hätte damit bewieſen, daß kein Haar in ihrer Butter war. Das ſagte ich ihr damals auch, aber was antwortete ſie mir? Sie habe von Niemand Affronten zu bekommen, ſo lang ſie ihre Arbeit verrichte, wie ſich das gehörte. Und dann fügte ſie noch hinzu:„„Ich ſage Euch noch einmal, es iſt nichts an der ganzen Sache, aber wenn die Bäuerin noch ſo fortfährt, 84⁴ dann gehe ich nicht hinterrücks, und dann wollen wir doch ſehen, wer am Ende Recht behält. Wer weiß, ob ſie nicht ſo lang Muſcheln ausruft, bis die Muſcheln in der That an Land ſchwimmen?““*) „Und Marianne fuhr fort? Und Threes zog mit in die Stadt?“ „Mit der Marianne war auch kein rechter Faden zu ſpinnen. Ich ſagte ihr oft, daß ſie an ihrem eigenen Unglück arbeite, aber das war Butter an den Galgen geſchmiert. Wenn ich ihr lange genug zu ihrem eigenen Beſten vorgeplaudert, ſie gebeten und gefleht hatte, dann verſprach ſie mir wohl, meinem Rath zu folgen, aber am andern Tage fand ich Alles noch mehr in der Wirre, wie ich's verlaſſen hatte. Das kam da⸗ her, weil Mariannens Verſtand immer wie ein wildes Pferd mit ihr durchrannte, wenn die Magd ihr mit dem gewöhn⸗ lichen Lächeln ſo flach in die Augen ſah. Daraus könnt Ihr abnehmen, lieber Menſch, daß mehr als menſchliche Macht im Spiele war. Threes zog alſo mit nach der Stadt, noch immer unter dem Namen der Magd, verſteht Ihr? Und dennoch waren ſie nicht volle ſechs Wochen da, als ſie ſchon mehr zu befehlen hatte wie die Frau vom Hauſe. Der Peer Jacobs fühlte wohl, daß dies nicht recht war, und er bekannte das auch, wenn Jemand von ſeinen Freunden ihm davon ſprach, aber bei alle dem blieb er doch unter der böſen Hand, die Threes auf ihn gelegt hatte, und war nicht fähig, ſich von dem nichts⸗ nutzigen Geſchöpf loszumachen.“ wahr wird. *) Ob ſie nicht ſo lange von der Sache ſpricht, bis ſie edlch i 85 „Das wurde langſam ärger und ärger. Der Peer war nie ein Taugenichts geweſen; das kann keiner ſo auf einen Tag werden, ohne daß ſein Gemüth einmal aufſpringt und es ihm verweist. Darin ging es meinem Schwager gerade wie jedem Andern. Statt aber nach der Stimme ſeines Gewiſſens zu horchen, wollte er ſie ſchweigen machen, und je unruhiger er von Innen wurde, je mehr er ſah, daß er ſeine Marianne unglücklich machte, ein ſo viel luſtigeres Leben fing er an. Noch waren keine ſechs Monate vorüber, als er ſchon alle Bekanntſchaften mit ſeinen alten Freunden aufgegeben hatte. Er war ganz und gar ein Mhnheer geworden und trieb es wie ein Prinz. Er hatte mit einer Menge junger Vögel Be⸗ kanntſchaft gemacht, ritt und rollte von Morgens bis Abends, gab Nachts Tanzpartien und hielt alle Tage offene Tafel, ſo daß des Zehrens und Schmierens kein Ende war. Die Threes war inzwiſchen ganz Herr und Meiſter im Hauſe geworden, ſie hatte alle Manieren einer großen Dame bekommen und Alles mußte ſo eher nach ihrer Pfeife tanzen, da Marianne eine gute, runde Bäuerin geblieben war und mit den ſtädtiſchen Flauſen nicht zurecht kommen konnte. Die Threes lenkte und leitete Alles und hielt als Gouvernante den ganzen Haus⸗ halt unter'm Daumen.““ „Und Euer Tiſt ließ das Alles geſchehen, ohne ein Wörtchen dazwiſchen zu werfen?“— „Nein, nein, das könnt Ihr wohl denken, aber es ging dem Tiſt bald wie jedem Andern. Der Peer hatte ſich lang⸗ ſam in den Kopf geſetzt, er habe ſo viel Verſtand als Geld, es war ihm immer höher und höher in's Oberſtübchen geſtiegen, 86 und als ihm unſer Tiſt eines Tags wieder zuſprechen wollte, ſagte er zu ihm, er ſolle ſein Bauerngeſchwätz zu Hauſe laſſen. Seitdem hatten wir mit dem Jacobs nicht viel mehr zu ſchaffen. Wir bezahlten ihm ſeinen Pacht, er gab uns die Quittung und damit war es am Ende. So dauerte es vier bis fünf Jahre. Wenn ich alle die Narretheien erzählen ſollte, die der Peer während der Zeit anfing, dann ſäßet Ihr morgen früh noch auf dieſem Stuhl; wenn Ihr eine kennt, dann könnt Ihr über die andern ſchon urtheilen. Er ließ in der Stadt ein großes und prächtiges Haus bauen, ganz von blauem Hauſtein, in dem ein König hätte wohnen können. Ich habe mir nach⸗ datum ſagen laſſen, daß gewiß die Hälfte ſeines Vermögens da hineingekrochen iſt. Nun, das iſt einerlei, er kann es immerhin nur auf eine Art los geworden ſein.“ „Und das Alles geſchah, ſo zu ſagen, unter Euren Augen? Das war hart, Mutter Sanne.“ „Was mir beſonders hart fiel, war das unglückliche Leben meiner Schwägerin, denn, um es auch gerade heraus⸗ zuſagen, ich glaubte unſerm Tiſt nur halb und halb, wenn er mir ſagte, daß zweimalhunderttauſend Gulden ebenſogut auszugeben wären wie das Spaargeld eines gemeinen Bauern⸗ knechts, und daß es eine größere Kunſt ſei, Geld zu winnen, als Geld zu halten. Nun muß ich Euch ſagen, wie wir das erſte Lüftchen von Jacobs ſchlechter Lage bekamen. Eines Abends kam der Briefträger zu uns auf den Hof und brachte uns ein Briefchen aus der Stadt. Es war auf ſo fein Papier ge⸗ ſchrieben und ſo ſchön verfiegelt, daß unſer Tiſt kaum wagte, es aufzubrechen. Das war gut, aber der Tiſt hatte es noch „. 87 nicht halb geleſen, da ließ er es aus den Händen fallen und wurde ſo bleich wie der Tod. Ich wollte ihn fragen, was doch in dem Briefchen ſtände und ihn ſo erſchreckte, doch er machte mir ein Zeichen, daß ich ſchweigen und ihm folgen ſolle. Als wir allein waren, ſprach er: „„Sanne, weißt Du, von wem das Briefchen iſt und was darin ſteht?““ „„Wie ſollte ich das wiſſen, lieber Tiſt?““ „„Das iſt wahr. Nun, das Briefchen iſt von Jacobs und es muß ſehr, ſehr ſchlecht mit ihm ſtehen.““ „„Was ſagſt Du, lieber Tiſt? Was ſagſt Du? Guter Gott!““ rief ich;„„ſchreibt er, daß er ruinirt iſt?““ „„Nein, das nicht, er ſchreibt mir nur vier Zeilen und die will ich Dir vorleſen: „„Lieber Schwager, „„Wenn Ihr Luſt habt, Euren Hof zu kaufen, und Mittel und 2eg⸗ dazu wißt, dann kommt übermorgen früh in die Stadt. Gegen elf Uhr Morgens werde ich bei meinem Notar ſein und Euch erwarten. Ich will all' meine Habe außerhalb der Stadt vom Halſe haben, denn ſie macht mir zu viel Laſt. Ihr könnt zwei Drittel der Kaufſumme zu 5% auf dem Hofe ſtehen laſſen. Für's Uebrige werden wir uns verſtehn. „„Euer Schwager bis in den Tod. „„P. Jgcobs.“. „„Nun, Tiſt,““ ſprach ich,„„darin ſehe ich kein ſo großes Unglück, wie Du meinſt. Das iſt wieder ein neuer Streich von dem Peer, Du weißt, er iſt veränderlich und der Eine 88 oder Andere von ſeinen Pächtern hat wahrſcheinlich nicht zu rechter Zeit bezahlt.““ „„Du Dummohr,““ antwortete mir unſer Mann,„„es bleiben noch vier volle Monate bis zur Zahlzeit. Nein, dahinter ſteckt etwas Anderes; der Peer hat ſein Kapital angebrochen, ſonſt würde er nicht verkaufen, und iſt das der Fall, dann ſtehe Gott ihm bei, denn dann dauert es nicht lange mehr mit ihm. Nun, übermorgen wiſſen wir mehr dabon. Meinſt Du nicht auch, Sanne, daß es gut ſei, wenn ich in die Stadt gehe? Damit ſind wir keinesfalls verdorben und wenn der Peer gnädig handelt, dann müſſen wir wohl unſerm Börschen ein wenig wehe thun, aber es geht doch.““ „„Und wir können ja den größten Theil der Kaufſumme auf dem Hofe ſtehen laſſen,““ ſprach ich; aber unſer Tiſt ſchüttelte den Kopf, wie er meiſt zu thun pflegt, wenn ihm dies oder jenes nicht gefällt; dann antwortete er mir: „„Nein, Sannelieb, das nicht. Fünf vom Hundert, das nenne ich keine chriſtlichen Intereſſen von Geld, welches auf gutem und fruchtbarem Ackerland ſteht. Mir fünf vom Hundert fragen.. Das hat der Peer nicht erfunden; wenn er auch nicht viel mehr taugt, dann iſt er doch kein Geldteufel, ſiehſt Du. Es ſitzt Jemand hinter der Hand oder der Peer ſteckt in gewaltig ſchlechten Laken;*) und das letzte glaube ich noch am erſten. Weißt Du wohl, daß mit einem Leben, wie er es führt, ein ſchön Stüberchen aufgeht?““ „Dabei blieb es an dem Abend und am beſtimmten 5 Betttücher. Es geht ihmtſchlecht. „ 89 Tage zog unſer Tiſt der Stadt zu. Als er zurückkam, 4 ſehr mißſtimmt, und als ich ihn frug, was er mir von Jacobs Neues bringe, da ſchoſſen ihm die Thränen in die Augen. Es war ſo wie unſer Mann gedacht hatte, alles Hab und Gut von Peer war verſetzt und verpfändet, wohl weit unter'm Werth, das iſt wahr, aber zu ſo hohen Sinſen, daß Niemand die Rente übernehmen wollte. 4 „Ihr kauftet alſo den Hof Mutter Sanne?“ „Wir kauften ihn, aber es gab uns unglaublich viel Lauf⸗ markt*) bei den Geldſchießern, die uns die Rente nicht wollten ablegen laſſen, bis wir uns endlich genöthigt ſahen ſie viel höher von ihnen zu kaufen, als die vorgeſchoſſene Summe belief. Der Peer bekam alſo bitterwenig von der Kaufſumme.“ „Und war ein verlorner Mann?“ „Nein, ſein großes Vermögen war wohl verpraßt und verſpielt, aber Ihr wißt, daß von einer fetten Tafel immer noch gute Bröckchen überbleiben. Hätte er dem Rathe unſeres Bauern gefolgt, dann hätte er in der Stadt noch immer wie ein tüchtiger Bürger und auf dem Lande wie ein kleiner Herr leben können. Aber er war zu ſehr an den vollen Schöpfauf gewohnt, ſeht Ihr's, und ſagte zu ſeinem Schwager, daß er wohl wiſſe, wie er mit dem ihm übrigbleibenden Gelde noch mehr bekommen könne.“ „Und das Mittel war?“ „Ja, davon kann ich Euch keine rechte Auslegung geben. Ich habe nicht viel Verſtand von den ſtädtiſchen Dingen; aber *) Lauferei, Umſtände. —— 90 man hat mir geſagt, er ſei in die Börſe gegangen und habe da in den Papieren geſpielt.“ „Das war noch ſchlimmer als die Lotterie.“ „Grad daſſelbe ſagte Tiſt auch und das muß wahr ſein, denn es war noch kein Jahr berlaufen, nachdem wir den Hof gekauft hatten, als unſere Marianne eines Morgens in unſer Haus ſtürzte und jammerte und weinte, daß es ein Jammer war, es anzuſehen. Ach, lieber Menſch, es hatten ſich auch ſchreckliche Dinge zugetragen. Der Jacobs hatte auf einmal 5 9 Alles verloren und man hatte die Marianne durch Gerichts vollzieher vor die Thür ſetzen laſſen und Alles war verſiegelt worden. Ach, Menſch, in einen ſaurern Apfel hatte ſie noch nicht gebiſſen. Aber bei alledem härmte ſie ſich weniger um ihr verloren Geld und Gut, als um ihren Mann, der am Tage vorher verſchwunden war; wo er ſaß, das wußte Nie⸗ mand.“ „Sie hatte doch wenig mehr von ihm zu hoffen, Mutter Sanne.“ Die Frau ſah mich ſtarr an, wie verwundert und zu⸗ gleich zweifelnd, ob das auch mein Ernſt ſei. Dann ſprach ſie: „Man ſieht wohl, daß Ihr nie verheirathet waret, aber laßt uns davon nur ſchweigen; wenn ſelbſt ein Menſch ſich quer durch den Himmel geleſen hätte,*) dann könnte er dennoch von ſolchen Dingen nicht mitſprechen, wenn er ſie nicht ſelbſt erlebt und erfahren hätte.“ „Was that aber Tiſt?“ *) Wenn er, Gott weiß wie wiel geleſen, Alles ausſtudirt hätte. — —————— 94 „Was konnte er thun?“ ſprach die Bäuerin;„er that wie ich und Allemann, der ein Herz im Leibe hat, in ſolch' einer Lage thun würde. Er ſprach nicht viel, aber er zog ſeine Schuhe an, nahm ſeinen Stock zur Hand und ſtellte ſich vor ſeine Schweſter. „„Marianne,““ ſagte er,„„dieſer Hof iſt Euer geweſen und iſt es noch, und ſo lange ich ein Dach und ein Stück Brod habe, ſollt Ihr es auch haben. Tröſte Dich jetzt, ſo viel Du kannſt; all Dein Weinen kann zu nichts helfen. Ich gehe jetzt weg, um den Jacobs zu ſuchen, und Du kannſt ſicher ſein, daß ich ihn zurückbringe.““ „„Wenn er noch lebt,““ ſchluchzte Marianne. „„Das iſt natürlich,““ ſprach Tiſt;„„in der andern Welt kann ich ihn nicht holen.““ „Mit den Worten ging er und kam erſt drei Tage nach⸗ datum wieder zurück...“ „Und Jacobs mit ihm?“ „Jacobs mit ihm, aber der Mann hatte ſo gealtert, lieber Menſch, und war ſo eingefallen, daß ſeine eigene Schweſter ihn nur mit Mühe wieder erkannt hätte. Er ſah zehn Jahre älter aus wie unſer Tiſt und war doch volle zwei Jahre und einige Monate jünger. Unſere Marianne flog ihm um den Hals, als er den Fuß noch nicht über die Schwelle geſetzt hatte, und weinte jetzt mehr Thränen der Freude als am vorigen Tage Thränen der Betrübniß. „„Ach, lieber Peer, wie bin ich ſo froh, Dich wieder zu haben!““ rief ſie.„„Wir ſind nun arm, blutarm, aber was 92 liegt daran. Wir werden doch jetzt unter uns Beiden leben und es ſoll ſich kein Fremder mehr an unſern Herd ſetzen.“ „„Schweig, Frau,““ ſprach der Peer mit dumpfer Stimme, „„ſchweig, es hat Jemand eine' böſe Hand auf mich gelegt, aber jetzt ſind mir, Gott Dank, die Augen gesffnet und ich bin davon erlöst. Sprich nie mehr davon.““ „Jetzt blieb der Jacobs mit der Marianne auf dem Hofe. Anfangs ſaßen ſie vom Morgen bis zum Abend in dem Keller⸗ kämmerchen, welches ſie bewohnten, und ließen ſich vor keinem Menſchen ſehen. Meine Schwägerin hatte die Augen immer voll Thränen, ihr Mann hingegen weinte nie, aber ſein Kopf hing tief nieder auf die Bruſt und hätte er nicht von Zeit zu Zeit tief aufgeſeufzt, dann hätte man meinen ſollen, er ſei auf ſeinem Stuhl plötzlich geſtorben. Wenn er aber auch brodarm war, bei all' ſeinem Unglück blieb ihm das Glück wenigſtens, daß er keinem etwas ſchuldig war. Er hatte aus Scham die Stadt verlaſſen, darum dachte man, er ſei entflohen und hatte die Siegel anlegen laſſen.“ „Sein Trübſinn verſchliß mit der Zeit, wie das mit Allem in der Welt geht. Nach acht bis vierzehn Tagen fing der Peer an, um den Hof herumzuſpazieren, und als er bemerkte, daß ſeine alten Freunde nicht unfreundlich gegen ihn waren, wurde er von Tag zu Tag heiterer. So verſtrich ungefähr ein Monat. Inzwiſchen hatte ich mit dem Tiſt überlegt, wie wir dem Jacobs etwas an die Hand thun ſollten, womit er ſein Brödchen ordentlich verdienen könnte. So waren wir denn zuletzt übereingekommen, ihn auf's Neue in eine Haushaltung zu ſtecken und in einen guten Hof zu ſetzen; den Pacht wollten . 93 wir verbürgt haben. Unſer Bauer faßte grad einen Augen⸗ blick, um ihm das zu ſagen, wo wir mutterſeelenallein zu Hauſe waren; das Volk war auf dem Felde. „„Schwager,““ fing er an;„„Ihr habt in kurzer Zeit viel verloren, aber doch noch gute Freunde behalten, und das iſt immerhin etwas werth.““ „„Das habt Ihr mir genug bewieſen,““ antwortete Peer;„„ich hätte nur früher wiſſen ſollen, welches meine Freunde und welches meine Feinde waren, dann wäre es nie ſo weit gekommen. Ich bin dumm geweſen, lieber Tiſt, ſo dumm, daß ich mich mit Fäuſten vor den Kopf ſchlagen möchte, wenn ich daran denke.““ „„Denkt nicht mehr daran, Peer, und jagt lieber alle die Mäuſeneſter aus Eurem Kopf. Reukauf kann doch nichts hel⸗ fen. Laßt uns lieber an morgen denken, als an geſtern, da⸗ mit iſt mehr gewonnen, glaube ich.““ „„Ihr habt Recht, Tiſt,““ ſprach der Jacobs,„„ich wollte auch ſchon ſeit lange darüber geſprochen haben. Ich bin jetzt kein Mhnheer mehr, das iſt wahr, aber unſer lieber Herrgott hat mir beigeſtanden, ſeht Ihr? und der hat noch immer den alten Peer, den Bauern, in mir erhalten und, Gott Dank, ich habe, bedot, noch Hände am Leibe, um arbeiten zu können.““ „„So höre ich Euch gern ſprechen. So rrecht, lieber Schwager, helft uns ein wenig, denkt„ ihr ſeiet erſt ſeit ge⸗ ſtern verheirathet, und laßt uns einen Hof ſuchen.“ 2 „„Für wen?““ „„Für Euch. Wofür anders?““ 94 „Der Jacobs fing an zu lachen, wie Jemand, der nicht alle fünf mehr feſt hat; dann ſprach er: „„Nein, nein, Tiſt, ſo meine ich es nicht. Ich bin jetzt einmal ruinirt und das iſt mehr als genug. Denkt doch nicht, daß ich auch Euch vom Rande in den Graben ziehen wolle. Nein, nein, Junge, ich bin mein Geld wohl los, aber meinen Verſtand, ſeht Ihr, den habe ich noch voll⸗ kommen.““ „„Um ſo beſſer, Peer, Ihr werdet in Zukunft um ſo vorſichtiger ſein. Da ſteht mein Schrank und hier iſt mein Schlüſſel, nehmt Euch ſo viel heraus, als Ihr nöthig zu haben glaubt, um Euch auf's Neue einrichten zu können.““. „Der Jacobs ging an den Schrank und nahm hundert und zwölf Gulden heraus. Der Tiſt frug ihn, was er mit dem Kindergelde anfangen wollte, aber der Peer machte zwei Häufchen davon, eins von dreiundſechzig Gulden und eins von neunundvierzig, und antwortete: „„Ich habe mehr als einen gekannt, der vergaß, daß das Geld rund iſt und ſpäter ſich glücklich ſchätzte, als Bau⸗ knecht auf den Hof zurückkehren zu dürfen, den er einſt ſein eigen nannte.. Hahaha! Ihr ſeht, daß mein Gedächtniß noch gut iſt. Verſteht Ihr mich nun, Junge? Ihr habt mir das vorhergeſagt; damals habe ich Euch zwar ausgelacht, aber Eure Worte find doch auf's Härchen eingetroffen. Ihr habt ſchon zu viel Recht gehabt, als daß Ihr nicht ganz Recht haben ſolltet, und darum bleibe ich hier als Bauknecht und 95 Marianne bleibt hier als Eure Kuhmagd. Wir haben hier Lohn auf ein Jahr voraus.““ „„Nein, das geſchieht nie,““ riefen ich und Tiſt einſtimmig. „„Auf Eurem Hofe hat der Herr unſere Arbeit geſegnet und uns Glück geſchenkt. Als Ihr zu viel hattet, ſeid Ihr mild gegen uns geweſen und es ſchickt ſich, daß wir es auch jetzt gegen Euch ſeien.““ Der Jacobs faßte aber den Tiſt bei der Hand und ſprach in vollem Ernſt zu ihm: „„Hört, als ich reich war, habt Ihr nie etwas von mir annehmen wollen und ich könnte jetzt ſagen Wurſt wider Wurſt, Ihr habt nichts von mir gewollt und ich will nichts von Euch. Aber das iſt' nicht, Schwager, nein, das iſt's nicht. Ich weiß wohl, daß Ihr mir's nie vorwerfen würdet; ich bin jetzt länger als einen Monat hier und habe noch kein ſaures Wort von Euch gehört, obgleich Ihr mir vor Jahr und Tag ſchon geſagt habt, wie Alles kommen würde. Wollt Ihr jetzt wiſſen, warum ich's nicht annehme?““ „„Das könnt und ſollt Ihr mir nicht verweigern,““ rief Tiſt;„„es ſoll mir Niemand mit dem Finger nachweiſen und ſagen: Da geht der Joris, der ſeinen Schwager als Bauknecht hält und ſeine eigene Schweſter als Kuhmagd. Das wollt Ihr doch nicht, Peer?““ „„Ihr wißt wohl, daß Niemand Euch das nachſagen wird,““ ſiel der Jacobs ein;„„das iſt Geſchwätz für den Schlaf, aber mich ſollt Ihr nicht damit einlullen. Ihr nehmt mich als Bauknecht an, oder ich gehe, ſo weit meine Füße mich tragen können. Will Marianne hier bleiben, das ſteht ihr frei.““ 96 „„Nein, Peer,““ rief meine Schwägerin,„„wohin Du gehſt, dahin folge ich Dir!““ „„Brav, Frau, das Wort gefällt mir; ich habe es noch nicht verdient, aber wart, es wird ſchon kommen. Jetzt laßt mich einmal ausſprechen, Tiſt. Meint Ihr, ich hätte ſeit einem Monat meine Zeit nur mit Weinen und Jammern ge⸗ tödtet? Dann ſeid Ihr ſehr irre. Ich bin in den Tagen einmal recht in mein Gemüth zurückgegangen und habe Be⸗ kanntſchaft mit mir ſelbſt gemacht. Darum will ich Bauknecht bei Euch bleiben.““ „Tiſt zuckte die Schultern und wurde ungeduldig. „„Hört weiter,““ fuhr der Jacobs fort;„„ich habe ge⸗ funden, daß das Unglück mir wohl die Augen geöffnet, aber ob es mich auch klüger gemacht hat, darüber bin ich nicht im Klaren. Ich fühle ſo etwas in mir, was mir ſagt, daß ich noch nicht der Mann dazu bin, mit Geld umzugehn, und daß ich um ſo weniger dazu tauge, ein Stüberchen vor ein Stüberchen noch zu ſparen, da ich ſeit einigen Jahren ge⸗ wohnt war, es mit Tauſenden aus dem Fenſter zu werfen. Böſe Gewohnheiten verlernt man ſo ſchnell nicht.““ „„Das iſt wahr, Peer, wer aber ſeine Gebrechen ſo gut einſteht, der hat ſich ſchnell davon gebeſſert.““ „„Glaubt Ihr das? Ich glaub's nicht. Zwiſchen Recht⸗ denken und Rechthandeln ſteht ein eiſern Gitter, ſeht Ihr; wer dahinter ſteht, der thut, und wer davor ſteht, denkt; und ob ich noch ſtark genug ſein würde, darüber hinweg zu ſpringen, das Haltet alſo Euer Geld; Ihr wißt, was es werth 1 97 iſt, jedes Hellerchen aus Eurem Schrank hat einen Tropfen Schweiß gekoſtet; mir warf das Schickſal Reichthum an den Kopf und ich hab' ihn verzehrt, wie ich ihn bekommen, ohne zu wiſſen, was ich that. Wollt Ihr mich als Bau⸗ knecht?““ „Unſer Tiſt wußte nicht, was er antworten ſollte; der Peer aber fuhr fort mit einer Stimme, die einem das Herz im Leibe hätte zerſchmelzen können: 2 „„Laßt mich um Gottes willen bei Euch bleiben, Tiſt! Und wollt Ihr mich nicht im Hauſe haben, baut mir dann eine kleine Wohnung auf den Hof; ich und Marianne werden darum nicht weniger fleißig hinter der Arbeit ſein; nicht wahr, Frau?““ „Marianne ſchluchzte laut auf; ſie flog mir um den Hals und flehte, ich ſolle doch beim Tiſt ein gut Wort für ſie einlegen, damit er Jacobs Wunſch bewillige; ich konnte aber bitten und flehen, wie ich wollte, der Tiſt blieb bei ſei⸗ nem Wort und ließ ſich nicht eher erweichen, als bis er ſah, daß Jacobs ſich bereit machte, ihm für ewig Lebewohl zu ſagen. „Gegen St. Peter und Paul ließen wir Bauknecht und Kuhmagd wegziehen, das Häuschen im Hofe wurde gebaut. Ihr könnt es noch ſehen, es wird jetzt als Karrenhaus ge⸗ braucht. Nun, in den erſten Monaten nach ſeinem Un⸗ glück war hier und da noch einer, der ihn mied, aber es war noch kein Jahr herum, da hätte ſchon Niemand im Dorfe mehr ein bös Wort über ihn hören, viel weniger ſprechen Der Erzähler. 1847. m. 2 7 mögen. Jacobs wurde ſparſam und noch mehr, er wurde geizig. Wenn er ſeine Arbeit als Bauknecht verrichtet hatte— und das that er, wie der beſte Andere— dann ging er in ſein Häuschen und blieb bis ſpät in die Nacht beſchäftigt mit Holzſchuhſchnitzen, was ihm ſo nebenbei noch ein ſchön Stü⸗ berchen einbrachte. Dabei hat er nie einen Fuß in ein Wirths⸗ haus geſetzt und außer ſeinem Tabak verzehrte er für keinen kupfernen Deut...“ „Und ſparte ſich ſo langſam ein Töpfchen zuſammen; warum ſagtet Ihr denn, daß er in ſeinen alten Tagen ſo viel Unglück gehabt habe? Das erſte Unglück, ja das begreife ich, aber ſpäter...“ „Und lag denn keine böſe Hand auf ihm? Ich glaube, man braucht doch nur Augen zu haben, um zu ſehen, daß Threes, die Kuhmagd, den Peer mit Zaubereien an ſich ge⸗ zogen hatte und ihn dann von einem Uebel in's andre ſtürzte. Sind das natürliche Dinge?.. Nun, wir werden es gleich ſchon ſehen,“ fuhr Mutter Sanne mit dem Lächeln des Selbſt⸗ vertrauens fort. „Dieß Betragen von Jacobs dauerte etwas länger als drei Jahre und unſer Tiſt hatte ihn beinahe beſchwätzt, das Bauern wieder für ſeine eigene Rechnung zu treiben, als der Peer plötzlich ſein ganzes Leben änderte, aber auch ſo änderte, daß Jedermann ſtumm und ſtarr ſtand, der es ſah. Er lief mit einemmal und ohne zu ſagen warum, ſtumm einher, that ſeine Arbeit nur mit langen Armen ¹) und mied allen Umgang, ) Nachläßig 99 ſelbſt mit ſeinen beſten Freunden. Da ſah man bald klar, daß eine Schraube in ſeinem Kopf losgeſprungen war. 4) Bis dahin war er wohl etwas ſchwermüthig geweſen und hatte wenig geſprochen, aber nun war er ein ſonderbarer Patron geworden, heute finſter und in ſich gekehrt, wie Jemand, der etwas Verkehrtes im Schilde führt, den andern Tag kindiſch freundlich gegen ſeine Marianne; mehr als einmal ſah man ihn, wenn er glaubte, allein und unter Niemandes Augen zu ſein, Stunden lang daſitzen, den Kopf in der Hand, und dann plötzlich aufſpringen wie ein Raſender und ſich mit Fäuſten vor die Stirn ſchlagen. „Nun ſagt, ob das Alles auch natürlich war? Aber damit war es noch nicht zu Ende. Einen Monat oder zwei ſpäter ergab er ſich dem Trunk, und wenn er etwas mehr, als übergenug hatte, dann war er entweder ausgelaſſen wüſt, oder ganz wehmüthig; in jedem Fall konnte man am folgenden Tage keine Sylbe aus ſeinem Munde locken und dann wollte er Niemanden weder Wort noch Zeichen geben. Ihr begreift, daß uns das ſehr leid that und daß wir viel drum ge⸗ geben hätten, zu erfahren, was dem Peer eigentlich fehlte. Darum gab ſich unſer Tiſt große Mühe, hinter das Geheim⸗ niß zu kommen und zu erfahren, wo ein Knoten in dem Seil ſtecken möge.“ „Und er überzeugte ſich, daß Hererei dahinter ſaß?“ „Ihr trefft den Nagel auf den Kopf! Eines Abends ging der Jacobs wieder aus— denn die Gewohnheit, Abends ) Daß er nicht ganz bei Sinnen war. 100 auszulaufen, hatte er auch angenommen, das hatte ich ver⸗ geſſen, zu ſagen— da alſo folgte Tiſt ihm unbemerkt nach, ohne daß der Peer es gewahr wurde, und ſah ihn in das Gebüſch gehen, welches hinter den Kalaerden ²) liegt. Unſer Bauer ſchlüpfte ſtillchens hinter einen Haufen von Korngarben„ und blieb da auf der Lauer liegen. Es dauerte nicht lange, da hörte er unſern Schwager faſt laut mit Jemand ſprechen und jetzt wußte er auch, wie viel die Glocke geſchlagen hatte. Peer war wieder unter die Macht der böſen Hand gefallen. Ja, ſeht mich nur an, Threes, die Kuhmagd war da; wie 2 ſie dahin kam, das weiß Gott allein, aber ſie war dochda und mit ihr ſprach der Peer. Was ſie aber zuſammen ſprachen, das konnte der Tiſt nicht gut verſtehen; er meinte übrigens, zu hören, daß die Hexe etwas von ihm verlangte und daß dieſer, trotzdem daß er zu bitten und zu flehen ſchien, ihrem Verlangen doch nicht nachkommen wollte. End⸗ lich hörte Tiſt ihn deutlich ſagen: „„Ach, Threes, begehre das doch nicht von mir; Du biſt ſchon Schuld, daß meine Seele auf ewig verdammt ſein wird... iſt das nicht mehr, als genug?““ „„Nein,““ rief die Hexe darauf;„„das iſt nicht genug. Du haſt Leib und Seele von mir gehabt und ſo viel muß ich auch von Dir haben. Du kannſt anfangen, was Du willſt, Du wirſt mich nicht los, und wenn Du nicht zu mir. kommen willſt, dann komme ich zu Dir, denn der Meine biſt Du und bleibſt Du, es mag gehen, wie es will.““ ¹) Name eines großen Feldes.! „ 101 „Damit ging ſie ihres Wegs und einige Tage nachher wohnte ſie in dem Dorfe, im ſelben Hauſe, worin ſie noch wohnt. Ja, ja, die alte, ſchmierige Zauberhexe, dieſelbe, die das Kind Johanna Vorduck vor einiger Zeit ſo geplagt hat, das iſt Niemand, als Threes, die Kuhmagd.“ „Was that aber Tiſt, um Peer von dieſem böſen Um⸗ gang abzuwenden?“ „Der Tiſt that, was er konnte, das heißt, er ſprach dem Peer zu mit allen Arten guter Rathſchläge und ſüßer Worte, aber wozu konnte das helfen? Das waren Alles Roſen für die Schweine, lieber Menſch; der Peer war unter der Macht der böſen Hand und was unſer Bauer am Tage gut machte, das machte die Hexe Nachts wieder ſchlecht. Jetzt verfiel unſer Schwager aus einer Untugend in die andere und aus einem Unglück in's andre. Man ſah wohl, wie er eine Zeitlang gegen die Gewalt der ſchwarzen Kunſt kämpfte und ſich aus den Klauen der verfluchten Hexe los zu machen ſuchte; das bekannte er ſelbſt, wenn Tiſt ihm oft ſein Betragen vor Augen hielt. Einmal ſagte er gar zu unſerm Bauern „„Seht, Tiſt, ich bin nicht werth, daß ein ordentlicher Menſch noch mit mir ſpricht, viel weniger, daß Ihr Euch meiner annehmt. Das fühle ich, aber ich kann nicht von ihr ab; ſie hält mich gefeſſelt... Ach. ich bin ſo unglück⸗ ſich „Und bei dieſen Worten ſchoßen ihm die Thränen in die Augen und er lief ſchnell weg. Das war aber noch im An⸗ fang; nachdatum, berſteht Ihr, wurde es von Tag zu Tag ärger; er that gar nichts mehr, trank von Morgens bis Abends 102 und fürchtete ſelbſt nicht mehr ein paar ſchamrothe Backen zu bekommen, denn er lief mit der Threes Gott und Allemann in's Geſicht.“ „Und blieb dabei doch Bauknecht auf dem Hofe?“ „Er blieb zum Wenigſten in ſeinem Häuschen, aber er mußte von da an von dem leben, was Marianne verdiente und was wir ihr zuſtopften. Aber das arme Geſchöpf ſchmolz vor Kummer weg, wie Schnee vor der Sonne, und nach einem Jahr oder drei mußten wir Stroh auf den Karren legen und ſie auf den Kirchhof fahren. Nachdatum ging es noch ſchlim⸗ mer mit dem Peer. Wenn ihn Jemand außer Trank ¹) ſah, das war eine Neuigkeit, welche durch das ganze Dorf lief. Dazu wurde er von Gott mit einer ſo ſchrecklichen Plage geſtraft, daß er keinen Augenblick mehr Ruhe fand; ſeine Arme und Beine gingen von ſelbſt, ohne daß er ſie ſtill halten konnte, und gar im Schlafe zuckte er ſtets, wie Jemand, der im Todeskampf liegt. War das auch eine natürliche Krank⸗ heit?“ „Ja, Mutter Sanne.“ „Ja?.. Nun, Ihr habt geſchworen, heut Alles na⸗ türlich zu finden, das weiß ich wohl; aber die Leute dachten nicht ſo leichtſinnig darüber, wie Ihr, und es war Niemand im Dorf, der weder von fern, noch von nahebei etwas mit ihm zu thun haben wollte.“ „Ihr auch nicht, Mutter Sanne?“. „Nun hört. Wir thaten, was wir konnten. Alle Tage ¹) Rüchtern. 103 ſetzten wir dem Peer Eſſen und Trank vor ſeine Thür; hätten wir mehr gethan, dann hätte die böſe Hand auf uns fallen können. Wir haben lang genug in Furcht und Angſt gelebt, daß unſer Stall verhert werde!“ „Eure Erzählung wird ſchrecklich, Mutter.“ „Aha, nun fangt Ihr auch an, ängſtlich zu werden und zu bekennen, daß Ihr Euch vor Hexen fürchtet. Ich wußte wohl, daß Euer Unglaube nur ſo etwas heißen ſollte.“ „Nein, Mutter Sanne, Ihr verſteht mich nicht. Ich ſehe in Allem, was Ihr mir erzählt habt, keine Spur von Zauberei; Alles läßt ſich gemächlich aus den Schwachheiten und Gebrechen der menſchlichen Natur erklären, und darum hat es mich tief ergriffen. Der Peer Jacobs war ſchwach und leicht, und Euer Mann hat ſich nie in ſeinem Charakter getäuſcht. Sein Schickſal hat auch bewieſen, daß es nicht ſtets gut iſt, viel Geld auf einmal zu bekommen, und. 4 „Hahaha, und die Hexe?“ „War ſehr klug und hatte ein ſtark Gemüth, aber das Alles hat ſie mißbraucht, ſo daß es zu ihrer Schande ge⸗ reicht. Männer, wie der Peer, werden ſtets von Frauen, wie die Threis, bezaubert und überwunden werden, aber Schwarz⸗ kunſt ſehe ich nicht dahinter.“ „Hört, ich will Euch noch etwas ſagen. Als der Peer am Sterben lag, da merkten wir das daraus, daß er in zwei Tagen ſeine Thür nicht geöffnet hatte. Wir riefen alſo den Pfarrer und der blieb bei ihm von Mittags bis gegen Abend. Was zwiſchen den Beiden vorgefallen und geſprochen worden iſt, hat Niemand je erzählen können, denn Niemand hat es 104 je erfahren; aber gegen Abend empfing der Peer die Sterbe⸗ ſakramente, und kaum hatte er unſeren lieben Herrn empfangen, als er ſtill liegen blieb, wie Jemand, der ruhig einſchläft; ſeine Arme und Beine bewegten ſich nicht mehr und am andern Tage Morgens war er weg. Nun erklärt das einmal, wenn Ihr könnt.“ „Nun, das würde auch nicht ſchwer fallen.“ „Ja, mit Euren natürlichen Urſachen?“ „Gewiß.“ „Soll ich auch einmal ſagen, was ich denke?“ „Thut das, Mutter Sanne.“ „Daß Ihr mehr wißt, als Ihr mich lehren wollt, und daß Ihr mir etwas aufzubinden ſucht mit Euren natürlichen Urſachen. Aber was ich weiß, das weiß ich gut, ſeht Ihr, und um mich zum Narren halten zu laſſen, dazu bin ich doch zu alt geworden.“ „Aber welches Intereſſe ſollte ich dabei haben, Mutter, Euch zum Narren zu halten und etwas aufzubinden, was nicht wahr wäre? Fragt nur den Pfarrer, dem werdet Ihr vielleicht eher glauben, als mir.“ „Und warum? Der ſpricht ganz ſo, wie Ihr. Nun, wir wiſſen doch auch, daß Ihr alle Beide Latein gelernt habt.“ „Was ſoll das heißen?“ „Ja, ſpielt nur den Hanswurſt in der Poſſe, ich rath's Euch, gerade als ob das kleinſte Kind nicht wüßte, daß wer Latein verſteht, die Heren bannen und ihre Macht brechen kann. Wißt Ihr, was ich dem Paſtor geantwortet habe, als er mir ſagte, ich ſolle an keine Zauberei glauben?“ „Und was denn?“ 105 „Ich habe ihn gefragt, warum denn im Katechismus ſtehe, man ſolle ſich nicht bei Zauberern und Wahrſagern Raths erholen? Und der Paſtor ſchwieg mäuschenſtill.⸗ Und das that ich auch. Eine Partie Billard ꝙ nach , Auguſte Luchet. Von Adrian Widerhorſt. —— ohn einer Dume von Marignan Bonneval, welche nach Jerſeh emigrirt war, kommt der junge „Hippolhte nach Paris mit einem geheimnißvollen Päckchen, das ihm ſeine ſterbende Mutter einem hochgeſtellten Mann, Herrn von Rocheblanche, Pair von Frankreich, zu übergeben empfohlen hat. Dieſes Päckchen enthält die Titel, welche beweiſen, daß Hippolhte ein Kind von Herrn von Roche⸗ blanche iſt, der ſich während der Emigration mit Frau von Marignan durch eine geheime Ehe ver⸗ bunden hatte. Obgleich er den Verwaiſten mit einer ziemlich kalten Würde empfängt, erkennt er ihn doch als ſeinen Sohn an, übernimmt ſeine Ausgaben, ſtellt ihn bei Hofe vor und verſchafft ihm Aufnahme unter den Gardes⸗du⸗ corps. Bei einem Banquet, wo ſich dieſe Militäre gegen⸗ 2 ſeitig ihre Jugendſtreiche erzählen, gibt ein höherer Officier, 6 * — ——— 107 Herr von Ramidres, angetrieben durch die Bitten der Genoſſen des Gelages und ein wenig vom Wein betäubt, der allgemeinen Neugierde ein Abenteuer preis, deſſen Held er iſt und in wel⸗ chem, obgleich der Erzähler die Namen verſchweigt, der junge Bonneval leicht erkennt, daß ſeine Mutter die Rolle des Opfers ſpielt. Es handelt ſich um ein nächtliches Rendezvous, wobei Herr von Ramidres mit Hülfe der Finſterniß und einer dem General von Rocheblanche entwendeten Uniform zur Schande einer tugendhaften, aber durch den Anſchein getäuſchten Gattin das feigſte und ehrloſeſte Verbrechen begeht. Mit dieſen Worten theilen wir dem Leſer die vorangehenden Umſtände mit und verſetzen ihn nun in die Stunde, mit der unſere Erzählung beginnt. Der Sohn von Frau von Marignan kehrte in dieſer Nacht nicht in das Quartier der Gardes⸗du⸗corps zurück. Er irrte gleichſam bewußtlos umher und verlangte vergebens vom feuchten Wind ein wenig Erfriſchung für ſeinen brennenden Kopf; und als der Tag kam, fanden ihn Bauern, welche auf den Markt gingen, ohnmächtig am Fuße eines Baumes der Champs⸗Elhſées. Sie glaubten, er wäre betrunken, und trugen ihn in das Hotel des Quai d'Orſah. Er blieb lange in einem Grade krank, daß ſeine Kameraden, die ihn ungemein liebten, für ſein Leben zitterten. In ſeinem Delirium rief der arme junge Mann nur immer nach ſeiner Mutter und nach dem Prieſter; als ihn aber das Fieber verließ, hätten vielleicht ſelbſt der fromme 108 Pfarrherr und ſeine Mutter kein Wort von ihm erlangt, ſo düſter, ſo ſehr von der äußeren Welt abweſend war er. Sobald er aufſtehen konnte, erbat er ſich einen Urlaub; er ſchickte ſodann nach einem Paß, nach Poſtpferden, und ließ ſich in das Hotel des Herzogs führen. Zum erſten Male, ſeit⸗ dem ſie ſich kannten, ſchien endlich der Pair von Frankreich Hippolhte gegenüber ſeine gewöhnliche Kälte abſtreifen zu wollen. Er empfing ihn an der Thüre ſeines Cabinets und führte ihn zu einem Lehnſtuhl. Er machte ihm liebevolle Vorwürfe, daß er gekommen, ſtatt ihn rufen zu laſſen; er erkundigte ſich wie ein Freund, beinahe wie ein Vater, ob er noch leide und wie er geſchlafen. Er faßte ſeine Hände und zog ihn ganz nahe zu ſich, um, wie er ſagte, die Verheerungen genauer zu ſehen, die das Fieber und die Thränen auf dieſem jungen, edlen Antlitz zurückgelaſſen... Er ſprach ihm Muth ein; er nannte ihn ſein Kind, dies hieß beinahe ihn mein Sohn nennen. Hippolhte zitterte vor Erſtaunen und Freude. Der Herzog wollte alle Einzelnheiten von der Scene bei dem Feſtgelage wiſſen; es waren Zweifel in ihm über die ſo dunkle und be⸗ klagenswerthe Vergangenheit entſtanden. Während ſie ſprachen, kamen die Poſtpferde in den Hof. Bei dem Geräuſch ihrer Schellen erhob ſich Herr von Rocheblanche, um hinauszuſchauen, und mit einer Miene, die der junge Mann nie an ihm wahr⸗ genommen hatte, fragte er dieſen: „Sie reiſen, Chevalier?... Dieſe Pferde ſind für Sie?“ „Ja, Herr Herzog,“ antwortete Hippolhte. „Wohin gehen Sie, während Sie noch ſo ſchwach ſur „Nach Jerſeh, mein Herr.“ „ meineidig ich verſprach meiner frommen Mutter, nie das 109 „Nach Jerſey, armes Kind!.. Das iſt eine Unvor⸗ ſichtigkeit, die ich nicht geſtatten werde... Ihre Mutter hat mir Rechte über Sie gegeben. Sie ſollen in einem ſolchen Zuſtand nicht reiſen... Was wollen Sie in Jerſeh machen?“ „Meine Muttter iſt todt, ſeit mehr als einem Jahre todt, Herr Herzog, und ich weiß noch nicht, wo ihre theuren Ueberreſte ruhen.. Ach! vielleicht hat ſie das Meer von dem Lande fortgetragen, das die Fremden ächtet.*) Laſſen Sie den Sohn das Grab von derjenigen ſuchen, welche für ihn lebte und ſtarb. Armes, troſtloſes Grab, ohne die Thräne irgend eines Men⸗ ſchen!... Und Du, o Gott! gib in Deiner unſterblichen Gerechtigkeit, daß mein Schluchzen und meine Gebete endlich die mit dem Leibe, deſſen Seele Du an Deiner Seite hältſt, in der Nacht des Todes ſchlummernde Wahrheit erwecken mögen!... Denn man hat ſie ſchwer verletzt, meine Mutter, Herr Herzog... Und ich, ein Soldat, habe ſie nicht gerächt... Nein, ich bin vom Blitze getroffen niedergeſtürzt.. Und nun ſtehe ich hier, betrübt, verwirrt, blind, unmächtig, und weiß nicht, was ich thun und was ich ſagen ſoll. Und vielleicht fluchſt Du mir, meine Mutter! Dein entwürdigter Schatten weint über Deinen feigen Sohn, der den Schändlichen nicht geſchlugen hat!... Konnte ich es?.. Doch... wenn dieſer Schändliche mein Vater wäre, Herr Herzog? Oh! haben Sie Mitleid, ich falle Ihnen zu Füßen, ich werde *) Auf der engliſch⸗normanniſchen Inſel Jerſey werden die Frem⸗ den nicht bei den Einheimiſchen begraben; es iſt für ſie daſelbſt ein beſonderer, ziemlich allgemein verachteter Friedhof.* 110 . Geheimniß meiner Geburt zu erforſchen... Aber im Namen des Himmels, im Namen meiner Ehrfurcht und Liebe für Sie, wenn Sie wiſſen, daß dieſer Mann mein Vater iſt ſo ſagen Sie es mir.“ Herr von Rocheblanche hob Hippolhte auf und hielt ihn eine Zeit lang an ſeine Bruſt gepreßt. Dann, als ob eine innere Stimme zu ihm geſprochen hätte, küßte er ihn in einer tiefen Erſchütterung auf die Stirne und ſagte: „Ich halte Sie nicht mehr zurück, mein Kind, gehen Sie, wohin Sie Ihr Herz ruft. Der Himmel geſtatte es, daß Sie die Wahrheit hierher zurückbringen!“ In Jerſeh angelangt, ſuchte Hippolhte den alten Prieſter, den letzten Vertrauten ſeiner Mutter, auf, und dieſer führte ihn zur Grabſtätte von Frau von Marignan. Sie weinten mit einander auf den Knieen einen ganzen Abend, und dann kam dem Sohn der Gedanke, er würde es vielleicht dahin bringen, daß er die Ueberreſte ſeiner Mutter nach Frankreich mitnehmen könnte. Dies war in der That für Geld möglich. Als der Sohn zu dem Prieſter zurückkehrte, fand er in einem Zimmer, in das Niemand kam, alle Gegenſtände, welche ſeine Mutter geliebt hatte, ſorgfältig aufbewahrt. Der gute Einſiedler umgab das Andenken von Frau von Marignan mit einem wahren Cultus. Mitten unter dieſem rührenden Nach⸗ laß, der die Erinnerung an ſeine Kindheit und die angebetete Hüterin ſeiner erſten Schritte wieder erweckte, wiederholte Hippolhte dem frommen Mann das gräßliche Geſtan von Herrn von Ramidres. Nachdem er geendigt hatte, ſah er, daß der Prieſter . 11 weinte, und er zitterte... Doch er warf ſich ihm zu Füßen und rief: „Oh! ich flehe Sie an, Sie, dem ſie nichts verborgen, ſagen Sie mir, ob dieſer Mann mein Vater iſt, und obgleich er ſie ſchwer verletzt hat, ſchwöre ich doch bei ihren Schmerzen, daß ich das Ungeheuer zu ehren und zu lieben ſuchen werde!“ Es entſtand ein heftiger Kampf in dem Gemüthe des würdigen Prieſters, als er ſah, wie derjenige, welchen er er⸗ zogen hatte, ihn mit ſo viel Angſt anflehte.. Wohl wußte er die Wahrheit, doch er konnte ſie ihm nicht ſagen. Er führte Hippolhte aus dem Zimmer, weil er fühlte, daß er, hier bleibend, ſich verrathen würde. Dann ſchloß er den jungen Mann in ſeine Arme und ſprach mit einer Stimme, ſo ernſt, als wäre es die Stimme Gottes geweſen, die feierlichen Worte: „Ich habe Deiner Mutter geſchworen, vor Dir zu ſchwei⸗ gen, mein Kind... Doch Du wirſt nach Frankreich mit der ſterblichen Hülle von derjenigen zurückkehren, welche nun zu ihrem Heile für immer mit dem Herrn vermählt iſt... Ich gelobte mir, jeden Tag an ihrer Grabſtätte zu beten... ich werde Dich nach Frankreich begleiten, um meine letzte Sen⸗ dung zu bollbringen und dem Herzog die Wahrheit zu ſagen.“ Sie reiſten ab. Die Rückkehr ging langſam von Statten. Von Saint⸗Malo bis Paris hielt der Sohn in jeder Kirche an und ließ für ſeine Mutter beten: er ſchien ſich in dieſen ſchwermüthigen Stationen zu gefallen. Hippolhte hatte bange, anzukommen!... Der Prieſter war ſo undurchdringlich. Kaum aus dem Wagen geſtiegen, ließ ſich der Beichtiger ———— ——————— 112 von Frau von Marignan zu dem Herzog führen. Der junge Mann aber folgte dem Sarge in das Betzimmer des Hauſes und blieb hier allein, um ihn, die Stirne auf den ſteinernen Voden niedergeworfen, zu bewachen. Seit einer Stunde wagte er es nicht mehr, zu hoffen, eine tödtliche Angſt hatte ſich ſeiner bemächtigt, als ſich die Thüre vor dem Herzog öffnete, der den Prieſter bei der Hand hielt. Hippolyte erhob ſich und wollte ihnen entgegengehen, aber er konnte nicht... Er ſank wieder auf die Kniee nieder und ſtützte ſich mit der einen Hand auf den Sarg, während er mit der andern die furchtbaren Schläge ſeines Herzens zurückhalten ſuchte. eine Minute länger und er ſtarb Doch der Herzog trat, das Antlitz in Thränen gebadet, auf ihn zu; er hob ihn auf, umarmte ihn und aus ſeinem Munde klangen unter Schluchzen die göttlichen Worte: „Ich komme, um meinen Sohn zu ſuchen.“ „O, meine Mutter!“ rief Hippolyte. Er war nicht im Stande, etwas beizufügen. Das Uebermaß der Freude erſtickte ſeine Stimme. Welch eine ſeltſame Fügung des Schickſals, ſo viel Glück neben einem Sarg! Man hielt der ein prächtiges Leichenbegängniß und einige Tage nachher erhielten die bürgerlichen Behörden von dem durchlauchtigen Herrn Raoul⸗ Alerandre⸗Armand von Cam⸗ panos, Herzog von Rocheblanche, Generallieutenant der Armeen des Königs und Commandeur ſeiner Orden, Grand von Spanien erſter Klaſſe u.ſ.w. eine Klirung der zu Folge der Chevalier 113 von Bonnebal fortan die Namen und geſetzlichen Titel des Marquis Hippolhte von Rocheblanche tragen ſollte. Als alle dieſe Dinge gethan waren, verließ Hippolhte eines Morgens das Haus ſeines Vaters, ohne irgend einem Menſchen etwas von ſeiner Abſicht zu ſagen, um Herrn von Ramidres aufzuſuchen. Doch es ſollte ihm lange nicht gelingen, ihn zu finden. 2. Ein Huſarenregiment war in Fontainebleau eingerückt. Man betrachtete dies als die ſchönſte Waffe und die Stadt hatte eine unausſprechliche Freude über die Ankunft der Huſaren. Die Garniſonsſtädte vergöttern die leichte Cavalerie, einmal, weil es Cavalerie iſt und ſie durch die Einfuhr des Futters,. das ihre Pferde freſſen, den Octroi bereichert; ſodann weil ſie leicht, das heißt zierlich, flink, jung, hübſch und beinahe immer reich iſt. Bei der leichten Cavalerie laſſen ſich beinahe alle jene liebenswürdigen ſchlimmen Subjeete einreihen, deren Väter, Oheime oder Brüder müde ſind, ihre Schulden zu be zahlen. Man ſetzt ihnen eine Penſion aus; man verbietet ihnen nicht gänzlich das Anlehen und den Wechſel, und ſie nehmen den Pelz In die leichte Cavalerie werfen ſich die jungen Adeligen durch die Titel und das Geld, welche bei keiner Ge⸗ ſandtſchaft attachirt werden konnten, oder die ſich noch nicht verheirathen wollen, oder die pfui über ein paar Lehrjahre im Finanzweſen machen, oder die einen Freund im Duell getödtet Der Erzähler. 1847. m. 114 haben, oder von einer angebeteten Geliebten verrathen worden ſind. Zur leichten Cavalerie nehmen endlich die meiſten Söhne von Oberſten und Generalen ihre Zuflucht, die im College nichts gethan haben und aus der polhtechniſchen Schule im Zuſtand trockener Früchte hervorgegangen ſind. Aus allen dieſen ſo koſtbaren Elementen entſteht natürlich eine glänzende, muthige, für die Geſellſchaft gut erzogene, das heißt ſtürmiſche, lärmende, freudige, lachende, verliebte, trinkende und groß⸗ müthige Maſſe; die Providenz der Kaffehäuſer, Licht, Luſt, Bewegung der Salons, wo die Frauen nicht zu ehrwürdig und die Mädchen nicht zu unſchuldig ſind. Der Ehegatte, der eigentliche Bürgersmann liebt allerdings die leichte Cavalerie nicht, und er hat Recht, ich werde den Unglücklichen nicht tadeln. Die leichte Cavalerie iſt ein ausnahmsweiſes Corps. Sie kennt den Appel am Abend nicht; ſie ſpielt, ſie tanzt und bleibt bis zur ungebührlichſten Stunde. Der Tag bricht an; ſchaut durch die Spalten der Läden dieſes Hauſes: die Billard⸗ kugeln rollen, die Dominos klappern, der Punſch brennt; Alles iſt lebendig, wach wie am hellen Mittag das iſt leichte Ghvalerie. Die Chefs wiſſen dies und dulden es; man hält die Huſaren nicht, wie man die Dragoner halten würde. Und dann beten ſie ihre Chefs an, die liebenswürdigen Tauge⸗ nichtſe! ſie ſind alle empfohlen, ſei es durch ihre Mutter, ſei es durch eine Schweſter, oder durch einen Miniſter, durch eine Herzogin, durch einen Prinzen, durch den Notar des Oberſten, durch einen Banquier, durch einen Präfecten, durch den Teufel Man beſtrafe ſie alſo! Und warum? worüber? wofür? Wird „. — 115 zum Manveuvre geblaſen, ſo ſind Alle da; Alle beim Beſchlagen, Alle beim Füttern; Heu, Stroh, Fleiſch, Brod, Alles geht gut, Alles kommt gut, Alles iſt gut. Man kündige auf morgen eine Inſpection an, und das ganze Regiment wird morgen, was die Haltung der Mannſchaft und der Pferde betrifft, ſo aus⸗ rücken, daß auch der Anſpruchsoollſte verſtummen müßte, und wäre es der Kaiſer Nikolaus oder der ſelige Friedrich der Große. Laßt ſie aufbleiben, da ſie nicht zu ſchlafen nöthig haben. Die Stadt war alſo mitten im Lärmen der Feſte begriffen, die dem neuangekommenen Regiment gegeben wurden. Im Schloß fand eine große Abendgeſellſchaft ſtatt; umgeben von ſeinem glänzenden Stabe empfing der Oberſte, Herr von Ramidres, die Complimente des Gouverneurs, der damals, wie ich glaube, Herr Melchior von Polignac war, als man den Chevalier von Bonneval meldete. Der Oberſte erbleichte bei dieſem Namen und wandte ſich unwillkührlich um. Hippolhte, er war es, verbeugte ſich vor dem Gouverneur, den er wiederholt in den Tuilerien geſehen hatte, und bat ihn, wunderbar ſich bewältigend, das⸗Geſpräch, das ſeine Ankunft ſo ungeſchickt unterbrochen, wieder aufzu⸗ nehmen. Er ſchaute ſodann den Oberſten an, doch ſo, wie man einen Fremden anſchaut. Herr von Ramidres wußte nicht, was er denken ſollte. Sie hatten ſich übrigens ſeit vier Jahren nicht mehr geſehen und da ſie ſich überhaupt nur einmal geſehen, ſo hätte man wetten können, der ehemalige Garde⸗du⸗corps erinnere ſich ſeiner nicht mehr. 116 „Ich wünſchte dem Oberſten Glück zu der Auszeichnung, deren ſo wohl verdienter Gegenſtand er iſt,“ ſagte der Gou⸗ verneur zu Hippolhte. „Ah! Herrn von Ramidres iſt eine Gnade zu Theil ge⸗ worden?“ verſetzte Hippolyte.„Welche denn?... Ich wußte durchaus nichts davon.“ Der Oberſte biß ſich auf die Lippen; der Chevalier. ihn erkannt; er hatte ihn alſo abſichtlich nicht gegrüßt. „Seine Majeſtät,“ antwortete Herr von Polignac,„hat den Oberſten zur Belohnung für ſein ſchönes Benehmen bei der Erpedition nach Griechenland geſtern zum Grafen und Ritter ſeiner Orden ernannt.“ „Wahrhaftig!“ rief der junge Mann, auf eine ſeltſame Weiſe lachend.„Geſtatten Sie, Herr Gouverneur, daß ich Seiner Majeſtät nicht Glück wünſche.“ „Mein Herr!...“ rief der Oberſte, das Geſicht in Flammen. Die Sprache verging ihm und er ſchwieg. „Was ſoll das bedeuten?“ fragten gleichzeitig alle Officiere. „Das ſoll bedeuten,“ erwiederte Hippolhte, ohne in Be⸗ wegung zu gerathen,„daß dieſer Menſch, wenn er noch ein wenig Herz hat, ſelbſt geſtehen wird, die Gnade des Königs hätte nicht ſchlechter angebracht ſein können.“ „Ah! er iſt trunken, dieſer Herr!“ riefen die Officiere vom Stab. Der Oberſte hieß ſie ſchweigen. Die unmittelbare Be⸗ leidigung, die man ihm Wehan verlieh ihm wieder ſeine Kaltblütigkeit. 117 „Keine Beleidigungen, meine Herren, keinen Scandal in dieſem königlichen Hauſe,“ ſprach er mit dumpfem, aber ruhigem Tone.„Herr Gouverneur, ich bitte Sie für dieſen jungen Mann um Verzeihung; er hatte nicht bedacht, daß er, wenn er mich bei Ihnen beleidigte, zugleich die Rückſichten gegen Ihre Perſon und die Achtung vor dem König verletzte.. Nun ein Wort mit Ihnen allein, Herr von Bonneval.“ Und er führte Hippolhte in eine Fenſtervertiefung. „Sie ſind ſehr unklug, mein Herr,“ fuhr er hier fort. „Ich frage Sie nicht, warum Sie mich ſo eben beleidigt haben, das iſt die Sache derjenigen, welche ein Urtheil über unſern Streit fällen werden. Aber haben Sie auch bedacht, daß ſolche Worte nothwendig ein Leben koſten? Die Welt will es ſo!“ „Ich weiß es,“ erwiederte der Sohn von Frau von Marignan mit kaltem Tone. Herr von Ramidres ſchaute ihn mit Augen an, in denen mehr Schmerz als Zorn zu leſen war. Er hätte geweint, wären nicht alle dieſe Menſchen ver⸗ ſammelt geweſen. „Aber was habe ich Ihnen denn zu Leide gethan?“ fragte er unwillkührlich.„Nun, morgen früh um acht Uhr werden Sie meine Zeugen abholen. Wo wohnen Sie hier?“ In dieſem Augenblick wurden beide Flügel der Thüre, in deren Nähe ſie ſtanden, geöffnet und der Kammerdiener meldete: „Seine Excellenz, Monſeigneur der Herzog von Roche⸗ blanche, Botſchafter in Spanien.“ 118 Bei dem Eintritt des Herzogs von Rocheblanche bebten Hippolhte und der Oberſte gleichzeitig. „Der Herzog in Fontainebleau!“ ſagte der junge Mann. „Kein Wort mehr... Er darf es nicht wiſſen... Er darf mich nicht einmal ſehen...“ „Allerdings... Ja...“ erwiederte der Oberſte, in der größten Unruhe.„Aber wie? Er kennt Sie alſo auch?“ Der Marquis ſchrieb haſtig mit Bleiſtift ſeine Adreſſe auf eine Karte. „Der Herzog iſt mein Vater,“ ſprach er zum Oberſten, indem er ihm dieſelbe übergab. Hienach entfernte er ſich und ließ Herrn von Ramidres ganz niedergeſchmettert zurück... Doch der Herzog hatte ſie ſchon geſehen. Am andern Morgen holten zwei Schwadronschefs Hip⸗ polhte ab, den ſie allein trafen, und als ſie ſich hierüber wunderten, ſagte er zu ihnen: „Die Zeugen von Herrn Ramidres werden auch die meinigen ſein.“ „Sie führten ihn im Walde von Fontainebleau zu den Trümmern eines ſehr alten Brunnens, deſſen Waſſer der Legende nach einſt den Liebenden Beſtändigkeit, den Frauen Fruchtbarkeit verlieh. Sie fanden Herrn von Ramieres nicht, obgleich er am Abend zuvor der Erſte auf dem Platz zu ſein verſprochen hatte. Nach einigen Minuten glaubten ſie ſich verbunden, gegen Hippolhte Entſchuldigungen zu äußern, die dieſer mit einer Verbeugung und ohne zu antworten hinnahm. Es verging eine halbe Stunde, die Zeugen geriethen in „ 0 große Verlegenheit; Röthe auf der Stirne, fragten ſie ſich, ob ſie wegen dieſer unbegreiflichen Zögerung Ramidre, dieſen Braven unter den Braben, fortan des Rechtes, ſeine Ehre zu rächen, verluſtig erklären müßten! Der junge Mann aber ging ſchweigend und mit gekreuzten Armen auf und ab, ohne daß er nur daran zu denken ſchien, ob die Zeit vergehe oder nicht. Endlich vernahm man den Galopp eines Pferdes. Es war der Oberſte, der mit verhängten Zügeln herbeiſprengte. Der jüngere von den Officieren bemerkte gegen den älteren, man warte drei Viertelſtunden. Herr von Ramidres fiel mehr vom Pferde als er abſtieg. Seine Freunde erſchracken bei ſeinem Anblick; Hippolhte erfaßte gleichſam eine Regung des Mitleids. Der Oberſte ſchien ſeit dem vorhergehenden Tag um zehn Jahre älter geworden zu ſein. „Meine Herren,“ ſprach er mit einer Stimme, der er vergebens Feſtigkeit zu verleihen ſuchte,„ich bitte Sie um Vergebung, daß ich ſo ſpat komme... Ich glaubte wahr⸗ haftig, ich würde Niemand mehr finden... Und die Ehre des Corps... Ich bitte noch einmal um Vergebung!...“ Dieſe Worte ſtammelte er auf eine Weiſe, die ihm un⸗ endlich ſchmerzlich ſein mußte... Die zwei Schwadronschefs ſchauten ſich ſtillſchweigend in einem traurigen Erſtaunen an. Er erholte ſich indeſſen allmälig, näherte ſich Hippolhte, grüßte ihn und ſprach: „Herr von Bonneval, wir find hier, um eine Beleidigung zu ſühnen. Dabei iſt indeſſen immerhin erſprießlich, wenn dieſe Herren ſich nicht über die Natur unſeres Streites täu⸗ 120 ſchen... Sagen Sie, war es geſtern Ihre Abſicht, in meiner Perſon den Oberſten des Regiments zu beleidigen, zu dem dieſe Herren gehören?“ „Nein, mein Herr,“ antwortete der junge Mann, ſich ebenfalls verbeugend. „Wollten Sie, als Sie die Gunſtbezeugungen des Königs gegen mich tadelten, meine militäriſchen Dienſte leugnen?“ „Nein, mein Herr, gewiß nicht.“ „Sie ſehen es, meine Herren,“ ſagte der Oberſte,„das Corps iſt nicht bei der Frage betheiligt; dies geht nur mich an... Ich habe alſo das Recht, in voller Freiheit zu han⸗ deln. Deshalb erkläre ich, daß ich mich nicht mit Herrn Hippolhte von... Vonneval ſchlagen werde, denn. denn mir ſcheint, er hat mich geſtern nicht wirklich beleidigt.. Ich bin befugt, eine Meinung in dieſer Hinſicht zu haben.“ Er ſprach dies im Tone eines Menſchen, der eine aus⸗ wendig gelernte Lection wiederholt. Hippolhte ſchlug die Augen einen Moment gegen ihn auf und ſenkte ſie alsbald wieder. Er fing an, ihn unglücklich zu finden. „Herr Oberſter,“ entgegnete der jüngere von den beiden Schwadronschefs,„die Officiere werden vielleicht den Unter⸗ ſchied, den Sie machen, nicht begreifen!... Die Freimüthig⸗ keit des Soldaten...4 6 „Ich verſtehe,“ unterbrach ihn Herr Lvon Ramidres, deſſen Stirne, obgleich man im Monat November war, ſich mit Schweiß bedeckt hatte.„Nun wohl! werden die Officiere be⸗ greifen, wenn ich heute, in einer Stunde beim Miniſter meine Entlaſſung eingebe?“ — 121 * Derjenige, welcher zuvor geſprochen hatte, verbeugte ſich. Herr von Ramidres wurde todesbleich. Er blieb einen Augen⸗ blick wie betäubt und fuhr dann fort: „Da es ſo iſt, meine Herren, gehen Sie und ſagen Sie dem Oberſtlieutenant, daß ich nicht mehr commandire!“ Die zwei Officiere ſchwiegen; doch ehe ſie gehorchten, traten ſie, Thränen in den Augen, auf ihn zu.. Er weinte auch und wandte ſich ab, um ſie nicht zu umarmen. Hippolhte fühlte wohl die Größe von dem Allem und ſeine Aufgabe wurde immer ſchrecklicher. „Nun, Chevalier von Bonneval,“ ſprach der Graf, „bin ich ſattſam entehrt? Marquis von Rocheblanche, denn nun ſind wir allein und ich kann Ihnen dieſen furchtbaren Namen geben... Marquis von Rocheblanche, find Sie be⸗ friedigt?“ „Noch nicht, mein Herr,“ erwiederte der junge Mann, indem er ihn mit einer erhabenen Traurigkeit anſchaute. „Oh!“ rief der Unglückliche,„Sie haſſen mich alſo auf's Tiefſte!“ „Ich haſſe Sie nicht, mein Herr.“ „Nein, nicht einmal Haß, nicht wahr? Das wäre noch zu ſchön für mich!... Verachtung, das genügt!“ „Ich verachte Sie nicht... Hören Sie mich, Herr Graf. Ich haßte Sie lange Zeit nach jener Scene bei den Fröres⸗ Provengaur, wo es Ihnen beliebte, zweihundert trunkenen Köpfen die furchtbare Geſchichte Ihres Verbrechens gegen meine Mutter zuzuſchleudern... Sie ließen mich damals eine höl⸗ 122 liſche Marter ausſtehen. In meinem Haſſe wollte ich Sie tödten, doch der Zweifel hielt meine Rache zurück. Er ver⸗ folgte mich beſtändig und zeigte mir unabläſſig das mit ſeinem blutigen Finger geſchriebene Wort: Vatermörder. Und da mir die Rache verboten war, verzehrte mich der Haß.. er mußte irgend Jemand verzehren!... Und als die Offenbarung kam, als die Seele meiner Mutter den Schvoß Gottes verließ und dem Herzog durch den Mund des Prieſters die Wahrheit ſagte, da kam es mir vor, als haßte ich Sie minder, weil ich fühlte, daß ich Sie verachtete... Denn Sie hatten nicht Alles erzählt, mein Herr!... Ich erfuhr, was Sie nicht in Gegenwart Ihrer und meiner Kameraden geſagt hatten. Solche Schmählichkeiten wagt man nicht zu geſtehen! Ich wußte, daß Ihr Verbrechen Ihnen bange gemacht hatte, und daß Sie es von Ihren Schultern geſchüttelt, um Ihr Opfer zu entehren. Ich wußte, daß Sie eine elende Magd beſtochen und bezahlt hatten, damit ſie nach Ihrer Flucht verbreite, Sie beſitzen die Gunſt meiner Mutter und meine Mutter betrüge ihren Gatten... Das war ſehr gemein und ſehr feig, nicht wahr, mein Herr?... Und dies war der Grund, warum ich Sie weniger haßte 1... Verſtehen Sie? Dennoch ſuchte ich Sie auf, denn ich hatte geſchworen, einer von uns müſſe ſterben! Vier Jahre lang hielt man uns von einander entfernt; war ich in Wien, ſo waren Sie in Smhrna, war ich in Mailand, ſo waren Sie in Athen.. Und als ich bei meiner Rückkehr zu meinem Vater nicht mehr von meinem Haß ſprach, glaubte man am Ende, ich hätte Sie vergeſſen. Sie kamen an, mein Herr!... Sie begreifen nun meine geſtrige Beleidigung, vier Jahre lang lag es nicht „ * 123 in meiner Macht, ſie Ihnen anzuthun, nicht einen Tag früher hätte ich ſie ausſprechen können!.. Heute bedaure ich, daß ich Sie beleidigt habe, weil Ihre Reue Sie bis zum Heldenmuth erhoben hat... Ich verzeihe Ihnen nicht, aber ich beklage Sie. Und dennoch fühlen Sie wie ich, Herr Graf, noch iſt nichts zwiſchen uns beendigt.“ „Als ich dieſen Morgen mich von Hauſe entfernte, um mich hieher zu begeben, fand ich den Wagen des Herzogs vor meiner Thüre,“ ſprach der Oberſte mit ſchmerzlichem Tone; „und er, mein General, Armand, dieſer unwürdig verletzte Bruder, kam nach ſiebenundzwanzig Jahren zu mir und bat mich um das Leben ſeines Sohnes!... Ich ſchwor, mich nicht mit Ihnen zu ſchlagen. Sie wiſſen nun, ob ich meinen Schwur halten werde! 4 „Dieſen Morgen,“ erwiederte Hippolhte mit feſter Stimme, „kam mein Vater in mein Zimmer; er weinte wie am Tag, wo man ihm ſagte, meine Mutter wäre ſchuldig, und ließ mich bei den Haaren der Heiligen, welche in Jerſey ſtarb, weil ſie mich zu ſehr liebte, ſchwören, mich nicht mit dem Oberſten von Ramières zu ſchlagen... Was ich ſo eben vor dieſen Herren geſagt habe, beweiſt, denke ich, hinreichend, daß ich nicht meineidig ſein werde.“ „Was werden wir aber nun thun, mein Herr?“ fragte der Graf, indem er einen Blick der Hoffnung auf ſeinen Feind warf. „Wir laſſen durch das Loos entſcheiden, wer den Andern tödtet,“ erwiederte der unbeugſame junge Mann. „Gräßlich!“ rief der Oberſte. 124 „Wer ſich ſelbſt tödtet, wenn Sie lieber wollen,“ ſagte Hippolhte.„Wiſſen Sie ein anderes Mittel, Herr Graf?“ Herr von Ramidres ſetzte ſich an den Rand des ber⸗ fallenen Brunnens und blieb einen Augenblick unbeweglich, ſtumm, wie ein Verdammter, welcher berechnet, wie lange er noch zu leben hat. Dann ſtand er auf, reichte dem Marquis die Hand und ſprach: „Geben Sie mir Ihre Hand, es iſt abgemacht, wer ſich ſelbſt tödtet.“ Hippolhte reichte ihm die Hand. 3. Am andern Tag ſah man zum großen Erſtaunen Aller den Oberſten von Ramidres und den jungen Marquis von Rocheblanche freundſchaftlich miteinander in den Straßen von Fontainebleau ſpazieren gehen. Es begegnete ihnen der Gou⸗ verneur, der dem Vater von Hippolhte die Honneurs des könig⸗ lichen Beſitzthums machte; und der ehemalige General der Armee der Prinzen konnte, als er ſie ſah, nicht umhin, die Stirne zu falten und ganz leiſe ſeinen Sohn anzuklagen, daß er ſich zu ſehr und zu raſch mit dem Schuldigen verſöhnt habe. Das Erſtaunen war noch viel größer bei denjenigen, welche zwei Tage vorher dem Streit der beiden Männer bei⸗ gewohnt hatten, als ſie ſich gegen Mittag einander erzählten, der Oberſte und der Marquis frühſtücken zuſammen im Hotel Britannique!... Viele glaubten an dieſe mehr als außer⸗ „ 125 ordentliche Erſcheinung nicht und wollten ſich mit ihren eigenen Augen überzeugen. Der nun abgeſtorbene, damals aber be⸗ rühmte Speiſeſaal war voll von Leuten, die bis dahin viel⸗ leicht nie einen Fuß in denſelben geſetzt hatten. Der Herr und der Diener ſegneten nicht minder den unerwarteten Zu⸗ ſtrom, den ſie durchaus nicht begreifen konnten. Es war die reine Wahrheit. Die zwei Perſonen der ärgerlichen Scene ſaßen einander bei Tiſche gegenüber, reichten einander die beſten Gerichte und ſchenkten fich die beſten Weine ein. Sie blieben ziemlich lange, als machte es ihnen Ver⸗ gnügen, die Koſten der etwas unbeſcheidenen Neugierde zu tragen. Laut überboten ſie ſich in Witz und Heiterkeit!... Als ſie indeſſen die zwei Schwadronschefs eintreten ſahen, welche Hippolhte am Tage zuvor zu dem verfallenen Brunnen geführt hatten, ſtanden ſie auf. Der Oberſte verlangte vier Gläſer und eine Flaſche Champagner, grüßte den Marquis und die Officiere und ſprach: „Auf das Wohl der Standarte des braven Regiments, das ich zu commandiren die Ehre habe!“ Alle vier tranken. Als Herr von Ramidres ſein Glas wieder auf den Tiſch ſtellte, zerbrach er es. „Wenn dies ein Vorzeichen iſt, iſt es ein gutes?“ fragte er lächelnd.„Wir werden es übrigens finden... Machen wir eine Partie Billard, meine Herren.“ Sie gingen hinaus und diejenigen, welche gekommen waren, um ſie ſpeiſen zu ſehen, wollten ſie bald auch ſpielen ſehen; aber ſie mochten immerhin von Kaffeehaus zu Kaffeehaus ſuchen, ſie trafen Niemand; und das war Schade! Man bverlor ein 126 ſeltſames Schauſpiel, bei deſſen Erzählung in den Abendſtunden die Zuhörer eine ganze Generation hindurch hätten beben können! Sir Bloodſtone, ein in Frankreich und auf den Inſeln durch ſeine traurigen Phantaſien berühmter Engländer, derjenige, welcher bei der Trauung ſeiner Tochter, Lady Blackmoore, zu ſeiner Beluſtigung die Hochzeitgäſte durch die Leichenbegängniß⸗ unternehmer hatte führen laſſen, war von Fontainebleau weg⸗ gezogen und hatte ein großes meublirtes Haus zwiſchen dem Wald und den herrlichen Gärten der Rue Saint⸗Honoré zur Miethe ausgeſetzt. Die Bedingungen der Miethe waren ziemlich mäßig, doch in ſeinem Eigenthümer⸗Despotismus verlangte Sir Bloodſtone, der Miethsmann müſſe die Einrichtung und An⸗ ordnung ganz ſo annehmen, wie es ihm ſie zu machen gefallen habe, ohne auch nur das Geringſte daran zu ändern, wofern nicht der Vertrag ſich unmittelbar aufheben ſolle. Obgleich ſchön und gut gelegen, drohte das Haus aus dieſem Grund dem launenhaften Inſelbewohner nie einen Schilling einzu⸗ bringen. Sir Bloodſtone hatte zwei herrſchende Leidenſchaften: die ſchwarze Farbe und das Billardſpiel. An ihm und bei ihm war Alles ſchwarz; die Kleider, die Pferde, die Hunde, die Katzen, die Meubles. Er hatte Neger zu ſeiner Bedienung; Amſeln ſangen bei ſeinem Portier und Raben liefen mit ſchwarzen Hühnern in ſeinem Hofe umher, deſſen König ein wälſcher Hahn war. Seine Wagen waren ſchwarz. Alle Ge⸗ mächer ſeines Hauſes, mit Ausnahme von drei Zimmern, welche Lady Blackmoore bewohnt hatte, waren mit ſchwarzen — 127 Stoffen ausgeſchlagen und mit Ebenholz getäfelt. Ueberall hingen breite ſchwarze Rahmen mit unzähligen Silhouetten. Der Salon war ein wahres Muſeum von Kupferſtichen in ſchwarzer Manier. Lampen„Platten, Herde, Alles, was von Blech oder Eiſen war, glänzte von einem prächtigen ſchwarzen Firniß. Die Pendeluhren waren von ſchwarzem Marmor. Ich erinnere mich nicht, ob das Tafelgeſchirr auch ſchwarz war, doch es iſt möglich. Die Theekannen und Taſſen waren we⸗ nigſtens ſo. Man trat durch ſchwarze Thüren ein, indem man Vor⸗ hänge von ſchwarzem Damaſt aufhob; außen grau, waren die Fenſterrahmen innen ſchwarz; ſchwarz war endlich Alles, was in einem Hauſe vernünftiger Weiſe eine Färbung oder eine Ta⸗ pezierung bekommen kann. Dies erklärt, denke ich, hinreichend, warum die Cottage von Sir Bloodſtone ſchwer zu vermie⸗ then war. Doch beſonders in der Ausſchmückung ſeines Billard⸗ zimmers hatte der luſtige Engländer den Phantafien ſeines Humors freien Lauf gelaſſen. Dieſes Zimmer war aus⸗ drücklich als eine Zugabe zum eigentlichen Hauſe gebaut worden. Den Eingang bildete eine Gallerie, welche im Winter als Treibhaus diente, ein reizender, mit Glasſcheiben verſehener Garten, voll ſeltener Geſträuche und Blumen, der einzige Winkel des Gebäudes, wo ſich nichts Schwarzes fand. Der Billardſaal ſelbſt hatte keine Fenſter. Das Licht drang durch ein großes, im Dach angebrachtes, grau angeſtrichenes Glas ein, woran aus Young, Hervey, Shakeſpeare und der be⸗ rühmten Geſchichte des Todtengräbers Jack entlehnte Scenen 128 gemalt waren. Die Mauern waren mit ſchwarzem Stuck be⸗ kleidet und in zwölf je durch einen Grabſtein figurirte Felder abgetheilt; in's Unendliche vervielfältigte Grabſchriften bedeckten das Uebrige. Es verſteht ſich, daß der Boden ein ſchwarz und weißes Damenbrett war. Längs den Wänden hin lief über den Leichenſteinen ein weicher Divan von ſchwarzem Sammt mit ſilbernen Franſen. Mitten im Saal ſah man ein herrliches Billard von Ebenholz, mit Elfenbein verziert, ein Meiſterwerk des großen Künſtlers Chéreau. Der Schwängel an jedem Beutel war ein Todtenkopf. Die von Elfenbein und Ebenholz geſtreiften Billardſtöcke ſtanden in zwei herrlich geſchnitzten Geſtellen, welche Eingänge von Gräbern bildeten, die ſie wie ein Gittet zu ver⸗ ſchließen ſchienen. Die Bälle trugen auch Leicheninſignien an ſich, und begegnete es einem Spieler, daß er zwei Bälle zugleich machte, ſo führte ein unter dem Tiſch verborgenes Cam⸗ ponium ein Bruchſtück des Requiems von Mozart aus. Am Abend verband ſich ein ſehr heiteres Gemälde auf Lack, der Todtentanz, mit dem Glaſe im Plafond, und zwölf Thränenurnen beleuchteten, den Dienſt der Lampen verſehend, die Spieler von oben. So war das Billard des luſtigen Sir Bloodſtone be⸗ ſchaffen. In dieſes Haus führte der Oberſte Hippolhte und die zwei Schwadronschefs. Der Oberſtlieutenant war ſchon mit dem übrigen Stab des Regiments da; und ebenſo hatten ſich einige Freunde von Rang, durch die Berühmtheit dieſer Woh⸗ nung ohne Gleichen angezogen, eingefunden. —— † 129 Herr von Ramidres hatte den Hausmeiſter unterrichtet und mit einem Goldſtücke gewonnen, denn nicht Jeder konnte hier ſpielen. Die zwei Gegner ließen die Uebrigen gehen und erreichten allein eine dichte Gruppe grüner Bäume. Als ſie hier waren, blieben ſie ſtehen; der Oberſte nahm das Wort und ſprach: „Ehe die Wechſelfälle des Spiels über das Schickſal von einem von uns entſcheiden, laſſen Sie mich Ihnen für das Gute danken, das Sie mir gethan haben. Dadurch, daß Sie vor dieſer ganzen Stadt, welche in unſeren Seelen forſchte, für meinen Freund zu gelten einwilligten, brachten Sie wieder ein wenig Glück und Frieden in meine Bruſt. Sie wollten, wenigſtens glaube ich es, und wenn ich mich täuſche, haben Sie Mitleid und ſagen Sie es mir nicht! Sie wollten mir beweiſen daß wir, abgeſehen von der ſchändlichen Handlung, für welche Sie oder ich ſterben werden, in dem ſüßen Stolze gegenſeitiger Achtung hätten leben können. So handelnd waren Sie groß und heilig, mein Herr, wie Ihre Mutter, und die letzten Worte, welche mein ſterbender Mund ausſpricht, werden eine Segnung für Sie ſein, den ich ſo ſehr geliebt, den ich dieſe vier Jahre hindurch für meinen Sohn zu halten wagte! Oh! glauben Sie nicht, daß ich Sie zu rühren ſuche. Hip⸗ polhte! beleidigen Sie mich nicht durch den Gedanken, hier, zu dieſer Stunde, wolle der ſchuldige Ramidres Ihr Mitleid anrufen! Sie haben einen unerſchütterlichen Entſchluß gefaßt und ich lobe Sie deshalb: das Andenken Ihrer Mutter, die Ehre Ihrer Mutter ſind es wohl werth, daß wir mit einander Der Erzähler. 1847. M. 9 130 die furchtbare Partie ſpielen, die Ihnen den Tod für diejenige bringen ſoll, welche in der Liebe für Sie geſtorben iſt, oder die mich tödten wird... und das iſt es, was ich wünſche, denn mein Leben wurde nur von einem Verbrechen zernagt, und wenn Sie ſterben würden, müßten zwei mit allen Qualen darauf laſten. Nun, mein edler Feind, wollen wir, Seite an Seite und ohne zu erbleichen, das Schickſal zwingen, uns ſein Geheimniß zu ſagen! Auf, ſchwören wir, uns gegenſeitig vierundzwanzig Stunden zu gönnen, um den Spruch zu voll⸗ ziehen, den das Ungeheuer thun wird!... Ich habe dem höchſten Militärbeamten Rechenſchaft abzulegen, und Sie haben einen Vater zu umarmen! Iſt dies abgemacht?“ „Es iſt abgemacht!“ erwiederte der Marquis, die Augen abwendend. Ein Blitz unſäglicher Freude zuckte über das Antlitz des Grafen. Als Hippolhte ſeine Blicke wieder zu ihm zurück⸗ wandte, ſah er ihn auf den Knieen. „Sohn Helenens,“ ſprach der Unglückliche,„verzeihen Sie mir.“ Der Marquis bebte.. er wollte ſeine Thränen aber⸗ mals zurückhalten, diesmal aber vermochte er es nicht. „Stehen Sie auf, Graf!“ rief er.„Oh! warum mußte ich Sie kennen lernen!“ Sie gingen eine Zeit lang ſtillſchweigend neben einander und kehrten dann zu denjenigen zurück, welche ihrer harrten. Den jungen Mann überlief ein kalter Schweiß, als er in den düſteren Saal trat. Dieſes Spiel unter den Gräbern kam ihm wie ein hölliſchet Hohn vor. Der Hausmeiſter war „ — 13¹ da und reichte ihnen die Bälle. Er hatte auch ein leichen⸗ artiges Geſicht. Alle Anweſende, ungefähr dreißig Perſonen, nahmen Platz. Hippolhte und der Graf ſpielten zuerſt eine weiße Partie und ſahen, daß ſie von gleicher Stärke waren. Nach Beendigung dieſer Probe looſten ſie, wer beginnen ſollte. Der Graf war im Vortheil... „Auf vierundzwanzig, unter drei Partien zwei,“ ſagte er. „Um was ſpielen Sie?“ fragte einer von der Gallerie. „Um einen von dieſen hübſchen Bällen mit einem Todten⸗ kopf,“ ſagte lachend der Oberſte.„Der Gewinnende nimmt den ſeinigen als Andenken mit! nicht wahr, Herr Haus⸗ meiſter?“ Der Hausmeiſter machte ein Zeichen der Einwilligung, um das ihn der alte Caron beneidet hätte. Der Oberſte gewann die erſte Partie. Der Marquis gewann die zweite, mit zehn Points vor ſeinem Gegner voraus. Die Gallerie erklärte die Herren für vortreffliche Spieler. Noch ſtand die Waage gleich! Die zwei Spieler ſchauten ſich an und hatten bange vor einander, als ſie ſich ſo bleich ſahen! Sie begannen wieder mit einer tiefen Stille, welche von Niemand geſtört wurde. Eine unbeſchreibliche Angſt er⸗ faßte alle Zuſchauer. Man hätte glauben ſollen, das furcht⸗ bare Geheimniß wäre da, lebendig, und es berühre Jeden mit ſeinen unſichtbaren Flügeln. Man hörte nur die trübſelig ein⸗ tönige Stimme des Hausmeiſters„der die Points ausrief und dieſelben mit ſeinem ebenholzenen Stäbchen markirte. Das Spiel ging immer langſamer. RKeiner machte mehr einen gewagten Stoß: ſie vertheidigten ſich Zoll um Zoll. 132 Jeder Ball, der einen andern traf, fand zu dieſer Stunde in ihrem Herzen ein Echo, das den Ton wiederholte. Die Stunde war feierlich. Die entſcheidende Partie dauerte ſeit vierzig Minuten und Niemand hatte geſprochen, Alle beherrſchte ein namenloſes Unbehagen. „Die Herren ſpielen ein hartnäckiges Spiel; das Stück Elfenbein wird wohl gewonnen ſein,“ ſagte endlich Einer. Dieſe Worte machten den Oberſten beben, der ſich in dieſem Spiel der Vorſicht peinlich fortgeſchleppt hatte. Er hielt inne; der Stoß war an ihm. „Wie ſteht die Partie?“ fragte er mit trockener, zittern⸗ der Stimme. „Neunzehn auf einundzwanzig. Sie haben neunzehn,“ antwortete der finſtere Hausmeiſter. Herr von Ramières ſchaute feſt umher, während er das Leder ſeiner Queue mit Kreide rieb. „Es iſt ſeltſam, wie heiter wir ſind,“ ſagte er lächelnd. „Dieſer ſchwarze Grund iſt nicht vortheilhaft für den Teint! ter uns ſo bleich ſehen würde, könnte wahrhaftig glauben, die Todten machen uns bange! Auf! ſchütteln wir uns, alle Wetter, ich habe verloren...4 Und er ſtieß auf den Zufall. Das Glück ließ ihn eine Carambolage machen. „Einundzwanzig auf einundzwanzig,“ brummte langſam der Hausmeiſter. „Ich mache den*ſagte er. 6 ſpielte nun ſachte, um nichts zu machen, und ſetzte „ „ 133 durch ein Manveuvre, deſſen Abſicht ſicherlich Niemand errathen hätte, den Ball des Marquis auf den rothen: ein herrliches Doublet! „Oberſter! Sie ſind verloren!“ rief die Gallerie. „Wer weiß?“ verſetzte Herr von Ramidres mit ſeltfamer Miene:„der Stoß iſt noch nicht gemacht!“ „Wollen Sie von vorn anfangen, Herr Graf?“ fragte der junge Mann. „Warum?“ erwiederte ruhig der Oberſte,„Sie haben in der Hand gewonnen.“ Hippolyte viſirte und machte den Rothen in das Mittel⸗ loch; doch er hatte ſeinen Ball zu ſtark getroffen und durch einen Stoß von Kraft zog er ſich nach dem oberen Bande hin. Die zwei Bälle fielen mit einander, und man hörte das Billard: Tuba mirum ſpielen. Es war, um das Blut in den Adern in Eis zu verwandeln. Der Oberſte hatte gewonnen. Er nahm ſeinen Ball und betrachtete ihn lange; dann ſchlug er die Augen zu Hippolyte auf. „Ihre Revanche, mein Herr?“ ſagte er voll tiefen Mitleids. „Nein, mein Herr,“ erwiederte der junge Mann mit feſtem Tone.„Das Schickſal hat geſprochen; Sie ſind ſtär⸗ ker als ich. Gehen wir!“ Sie entfernten ſich mit einander. Der Oberſte zog ſeine Uhr und ſprach: „Es iſt drei Uhr. Bis morgen zu derſelben Stunde nichts! Das haben wir geſchworen!“ 134 „Wir haben es geſchworen!“ wiederholte Hippolyte. „Wir müſſen als Leute von guter Geſellſchaft endigen, wie wir angefangen.“ „Alſo nach Paris! die Pferde müſſen uns wenigſtens ſeit einer Stunde erwarten.“ Sie fanden wirklich eine Reiſecaleche vor der Thüre der Wohnung von Herrn von Ramidres; vier Pferde, zwei Po⸗ ſtillons, die Bedienten, Alles war bereit, ohne daß ſich Hippolyte in irgend etwas gemiſcht hatte. Ehe er einſtieg, ſchrieb der Graf haſtig ein paar Zeilen und übergab ſie einem Mann, der in größter Eile damit weg⸗ lief. Dann nahm er von ſeinen bis zu Thränen gerührten Officieren Abſchied, und warf ſich in den Wagen, in welchem Hippolyte ſchon ſaß. Die Pferde jagten im Galopp fort. Die Poſtillons ahneten, daß ſie dreifache Trinkgelder bekommen würden. Die Reiſe war traurig und ſchweigſam. Jeder hatte in ſich Stoff zu düſteren Betrachtungen. Man kann ſich denken, was der Oberſte bei der Zuneigung, die ihm Hippolyte ein⸗ geflößt, leiden mußte. Der Sohn von Frau von Marignan hätte nicht den Muth gehabt, alle Gedanken, die ſich in ihm regten, zu äußern. Seine Mutter war ſchmählich verletzt worden, ihr Sohn hatte ſie rächen wollen... und nun ſollte er ſterben er, der junge Mann, der noch am Tage zuvor zu einer ſo hohen Beſtimmung berufen war! Er ſollte dun⸗ kel, elend, auf die Gefahr, für einen Narren gehalten zu wer⸗ den, freiwillig ſein ſchönes, ganz goldenes Leben niederlegen, und das Glück aller Tage 4 und die ungeheuren Freuden der „. * * 135* Jugend und die Liebe ſeines Vaters, der nun ſtolz war, daß er ihn anerkannt, daß er in der Welt lebte, um den tauſend⸗ jährigen Ruhm ſeiner Ahnen zu bewahren und fortzupflanzen. Und dann eine andere, ach! kaum geborene und ſchon ſo glühende Liebe, eine Liebe voll Hoffnung, jung, ſchön, edel, glänzend... Und er mußte Alles verlieren, während der Schuldige unter dieſem Mißgeſchick aufrecht bleiben und leben würde und es ihm frei ſtünde, daſſelbe zu beweinen oder darüber zu lachen, nach ſeinem Wohlgefallen, nach ſeiner Laune! War das eine Rache? War es nicht vielmehr nur ein Hohn der Hölle? war es nicht ein neuer und kläglicher Be⸗ weis, daß das Duell, unter allen Formen und Allem zum Trotz, nichts heißen will, als Barbarei und Albernheit? War es nicht eine göttliche Strafe, die auf ſein Haupt, auf ihn fiel, den die Thränen und die fünfundzwanzig Jahre der Reue dieſes Mannes ungerührt gelaſſen hatten, auf ihn, den Sohn, der unbarmherzig in ſeinem Zorn einem Fehler gegenüber ver⸗ harrt war, den ſeine Mutter ſterbend zehnmal verziehen hatte? Mit welchem Auge würde die Heilige in ihrer himmliſchen Wohnung das aufnehmen, was er als eine Genugthuung be⸗ trachtet hatte? Sollte er nicht verflucht ſein wegen dieſer unnöthigen, ſtrafbaren Aufopferung? Iſt der Selbſtmord nicht ein Verbrechen? Und dann verließ er alle Gedanken an eine andere Welt; er gelangte dazu, daß er nichts mehr von der frommen Er⸗ ziehung ſeiner erſten Jahre glaubte; Gott, der Himmel, ſeine Mutter verſchwanden, und er ſah das Nichts, einen Grauen erregenden, gähnenden Schlund, bereit, ihn zu verſchlingen. 6 —————— 136 Da empörte ſich ſeine Natur; er wollte nicht mehr ſterben; er fand ſich zu jung; er träumte von entehrenden Mitteln, von wahnſinnigen Ausflüchten; er berieth in ſeinem Innern den Werth des Wortes Feigheit; er hätte vom Oberſten die Revanche angenommen, die er zuvor ausgeſchlagen; er gedachte zu entfliehen.. Er war wahnſinnig. Während dieſer Kampf ſeine Bruſt am heftigſten zerriß, ſchaute er ſeinem Nachbar voll Zagen in die Seele, um viel⸗ leicht Mitleid daraus hervorzurufen. Er war erzogen worden, wie man Männer nicht er⸗ ziehen muß. Der Graf war in tiefen Schlaf verſunken. „Er iſt glücklich,“ ſagte er neidiſch zu ſich ſelbſt. Dann traten ihm die Thränen in die Augen und ſein Geiſt beſänftigte ſich. Als ſie nach Paris kamen, war er wieder ſeiner würdig geworden. Er neigte ſich gegen den Grafen und weckte ihn mit einem Lächeln. Der furchtbare Kampf hatte aufgehört. Herr von Ramières führte Hippolyte bis zum Hotel Rocheblanche, und ehe ſie ſich trennten, erinnerte er ihn noch einmal an ſeinen Schwur. „Nichts vor morgen um drei Uhr!“ ſagte er leiſe zu ihm. Sie drückten ſich die Hand. Fünf Minuten nachher fuhr ein anderer Wagen in den Hof. Der Botſchafter ſtieg aus. Das von dem Grafen, als er Fontainebleau verließ, geſchriebene und abgeſandte Billet war für ihn. Es enthielt nur zwei Zeilen. „ — 137 „Verlieren Sie Ihren Sohn nicht aus dem Auge. Mor⸗ gen Abend erhalten Sie in Paris Nachricht von mir, „Ramidères.“ Der Herzog war herbeigeeilt. Er befragte ſeinen Sohn nicht; er ſprach nicht mit ihm vom Oberſten; aber er hielt ihn, ohne daß er es wußte, gefangen. Am Abend fand Empfang bei Hofe ſtatt; der Herzog führte Hippolyte dahin. Der König plauderte lange mit ſei⸗ nem Botſchafter, wandte ſich dann an den jungen Mann und ſagte zu ihm: „Ah! mein Herr, was ſoll das bedeuten? Sie ſuchen Streit mit unſerem Oberſten? Sie möchten gern unſere Grafen vernichten? Was iſt das?“ Die Scene von Fontainebleau hatte ſich raſch in Paris verbreitet. Hippolyte neigte das Haupt und erröthete. „Ich will morgen wiſſen, daß Sie mit Herrn von Ra⸗ midres ausgeſöhnt ſind,“ fügte Karl K. bei. „Sire,“ erwiederte der Herzog,„ſie ſind heute mit ein⸗ ander in demſelben Wagen zurückgekehrt.“ „Das iſt gut,“ ſagte Karl X.„Doch laſſen Sie hö⸗ ren, wann werden Sie dieſen ſchlimmen Kopf verheirathen? Das iſt das einzige Mittel, ihn vernünftig zu machen.“ „In einem Monat, Sire.“ „In einem Monat,“ dachte traurig der junge Mann. Sie kehrten um Mitternacht zurück. Ein Kammerdiener wartete unten an der Freitreppe und übergab dem Herzog einen Brief. Der Herzog öffnete ihn, erblaßte, ſtieg raſch wie⸗ der in den Wagen und ſogte zu Hippolhte nur die Worte: —— 138 „Komm geſchwinde, mein Sohn!“ Der Kutſcher hatte Befehl, die Pferde zur größten Eile anzutreiben. Nach einigen Minuten ließ der Jäger den Fuß⸗ tritt herab. Man befand ſich in der Rue Richelieu bei dem Hotel des Colonies. Der Herzog fragte nach der Wohnung von Herrn von Ramières, nahm ſeinen Sohn bei der Hand und ſtieg mit der Haſt eines Jünglings die Treppe hinauf. Sie traten ein. Alles war offen und viele Leute liefen in größter Beſtürzung hin und her: Aerzte, Nachbarn, Be⸗ dienten: kein Freund! Der Oberſte hatte ſich den Dolch in die Bruſt geſtoßen; er war dem Tode nahe und ſprach ſchon nicht mehr. Als er die beiden Männer im Hofkleide erkannte, vor denen ſich die Menge ehrfurchtsvoll öffnete, ſchien er ſich wie⸗ der zu beleben, und ſeine Willenskraft gab ihm für einen Augenblick das Wort. „Ich war Ihnen eine Revanche ſchuldig, ich habe ſie Ihnen gegeben, das war billig. Ihr Tod wäre von meiner Seite zu ſchmählich, von Ihrer Seite zu grauſam geweſen... Ehe ich mit Ihnen ſpielte, hatte ich ſchon verloren. Leben Sie alſo, theurer Hippolyte, und ſeien Sie glücklich. Und wenn Sie zuweilen an Ihre fromme Mutter denken, erinnern Sie ſich des 19. November 1827... Das wird Sie viel⸗ leicht abhalten, mich zu ſehr zu verfluchen... Gott befohlen, Hippolyte! Herr Herzog, verzeihen Sie mir!“ Der Vater und der Sohn bedeckten die Hände, die er ihnen reichte, mit Thränen.“ „ ———— 139 „Ich verzeihe Dir, Armand,“ ſprach der Herzog mit er⸗ ſtickter Stimme. „Im Namen meiner Mutter ſegne ich Sie in der Stunde Ihres Todes!“ ſagte der Sohn von Frau von Marignan, in⸗ dem er bei dem Sterbenden niederkniete. „Mein Gott! ich danke Dir,“ ſeufzte der Graf.„Das Uebrige ſei Deiner Gerechtigkeit anheimgeſtellt! Ich ſterbe glück⸗ lich!“ Und er verſchied. Croiſilles von Alfred de Muſſet. Nach dem Franzöſiſchen von Auguſt Zoller. m Anfang der Regierung von Ludwig XV. kam ein junger Mann Namens Croiſilles, der Sohn eines Goldſchmieds, von Paris nach dem Havre, ſeinem Geburtsorte, zurück. Er war von ſeinem Vater mit einer Handelsangelegenheit beauftragt worden, die er zu ſeiner Zufriedenheit beendigt hatte. Die Freude, eine gute Nachricht nach Hauſe zu bringen, machte, daß er heiterer und leichter marſchirte als gewöhnlich; denn obgleich er eine ziemlich beträchtliche Summe Geldes in der Taſche hatte, reiſte er doch für ſein Ver⸗ gnügen zu Fuß. Er war ein Jüngling Lon guter Laune, dem es nicht an Geiſt gebrach, aber ſo zerſtreut und unbeſonnen, „. 141 daß man ihn ein wenig für verrückt hielt. Seine Weſte quer zugeknöpft, ſeinen But unter dem Arme, die Perrücke im Winde flatternd, folgte er dem Ufer der Seine, bald träumend, bald ſingend, ſtand frühe auf, ſpeiſte in der Schenke zu Nacht und war entzückt, ſo eine der ſchönſten Gegenden Frankreichs zu durchwandern. Während er im Vorübergehen die Aepfel⸗ bäume der Normandie plünderte, ſuchte er Reime in ſeinem Kopf(denn jeder Unbeſonnene iſt ein wenig Dichter), und bemühte ſich, ein Madrigal für ein ſchönes Mädchen ſeiner Heimath zu machen; dieſes Mädchen war nicht weniger als die Tochter eines Generalpächters, Mademoiſelle Godeau, die Perle des Havre, eine reiche Erbin, der man von allen Seiten huldigte. Croiſilles war bei Herrn Godeau nur zufällig em⸗ pfangen worden, wenn er nämlich zuweilen bei ſeinem Vater gekaufte Juwelen zu ihm gebracht hatte. Herr Godeau, deſſen etwas gewöhnlicher Name ein ungeheures Vermögen ſchlecht unterſtützte, rächte ſich durch ſeinen Hochmuth für den Nach⸗ theil ſeiner Geburt und zeigte ſich bei jeder Gelegenheit unge⸗ heuer und unbarmherzig reich. Er war alſo nicht der Mann, der in ſeinen Salon den Sohn eines Goldſchmieds eintreten ließ; doch da Mademviſelle Godeau die ſchönſten Augen der Welt beſaß, da Croiſilles nicht ſchlecht gebaut war und nichts einen hübſchen Jungen abhält, ein ſchönes Mädchen zu lieben, ſo betete Croiſilles Mademoiſelle Godeau an, welche hierüber durchaus nicht ärgerlich zu ſein ſchien. Er dachte alſo an ſie, während er dem Havre zuwanderte, und da er nie etwas über⸗ legte, ſo beſchäftigte er ſich, ſtatt an die unüberwindlichen Hinderniſſe zu denken, die ihn von der Vielgeliebten trennten, 142 nur damit, einen Reim auf ihren Taufnamen zu finden. Mademviſelle Godeau hieß Julie und der Reim war leicht zu finden. In Honfleur angelangt, ſchiffte ſich Croiſilles mit zu⸗ friedenem Herzen, ſein Geld und ſein Madrigal in der Taſche, ein und lief, ſobald er das Ufer berührt hatte, nach dem väterlichen Hauſe. Er fand den Laden geſchloſſen; wiederholt klopfte er an, nicht ohne Erſtaunen und Furcht, denn es war kein Feſttag; Niemand kam; er rief ſeinem Vater, doch vergebens; er trat bei einem Nachbar ein, um zu fragen, was vorgefallen ſei; ſtatt ihm zu antworten, wandte der Nachbar den Kopf ab, als wollte er ihn nicht erkennen. Croiſilles wiederholte ſeine Fragen; er erfuhr, daß ſein Vater, ſeit langer Zeit in ſeinen Geſchäften beengt und bedrängt, Bankerott gemacht und ſich, ſeine ganze Habe ſeinen Gläubigern hinterlaſſend, nach Ame⸗ rika geflüchtet habe. Ehe er die ganze Größe ſeines Unglücks fühlte, wurde er vor Allem von dem Gedanken berührt, er ſollte ſeinen Vater vielleicht nie wiederſehen. Es ſchien ihm unmöglich, ſich mit einem Schlage ſo verlaſſen zu finden. Er wollte mit aller Gewalt in den Laden eindringen, doch man gab ihm zu verſtehen, es wären Siegel angelegt; er ſetzte ſich auf einen Weichſtein, überließ ſich ſeinem Schmerz, fing an, taub für die Tröſtungen derjenigen, welche ihn umgaben, heiße Thränen zu vergießen und rief unabläſſig ſeinem Vater, obgleich er ihn ſchon ferne wußte; endlich ſtand er auf, denn er ſchämte ſich, als er die Menge um ſich zuſammenſchaaren ſah, und wandte ſich in der tiefſten Verzweiflung nach dein Hafen. „. 143 Als er den Hafendamm erreichte, ging er vor ſich hin wie ein Irrſinniger, der nicht weiß, wohin er will, noch was aus ihm werden ſoll. Er ſah ſich hülflos verloren, denn er hatte keine Zufluchtsſtätte, kein Mittel der Rettung und, wohl⸗ verſtanden, keine Freunde mehr. Allein am Geſtade des Meeres umherirrend, war er verſucht, ſich den Tod in den Wellen zu geben. Im Augenblick, wo er dieſem Gedanken nachhängend gegen einen erhöhten Wall vorrückte, erſchien der alte Jean, der ſeit vielen Jahren bei ſeiner Familie diente, und näherte ſich ihm. „Ah! mein armer Jean,“ rief er,„Du weißt, was ſeit meiner Abreiſe vorgefallen iſt. Iſt es möglich, daß mein Vater uns ohne Kunde, ohne ein Lebewohl verlaſſen hat?“ „Er iſt abgereiſt,“ erwiederte Jean,„doch nicht ohne Ihnen Lebewohl zu ſagen.“ Zu gleicher Zeit zog er aus ſeiner Taſche einen Brief, den er ſeinem jungen Herrn übergab. Croiſilles erkannte die Handſchrift ſeines Vaters und küßte den Brief, ehe er ihn öffnete, mit Entzücken; doch er enthielt nur wenige Worte. Statt ſein Leiden gemildert zu fühlen, fand es der junge Mann nur beſtärkt. Bis dahin ein ehrlicher Mann und als ein ſolcher bekannt, zu Grunde gerichtet durch ein unvorherge⸗ ſehenes Unglück, den Bankerott eines Aſſocis, hatte der alte Goldſchmied ſeinem Sohne nur einige alltägliche Troſtes und keine Hoffnung, wenn nicht jene Hoffnung ohne irgend ein Ziel, ohne irgend einen Gr hinterlaſſen. 3 „Jean, mein Freund, Du haſt mich geliebt, 144 Croiſilles, nachdem er den Brief geleſen,„und Du biſt gewiß heute das einzige Weſen, das mich ein wenig lieben kann; wohl iſt dies für mich ſüß, für Dich aber iſt es ärgerlich, denn ſo wahr mein Vater ſich dort eingeſchifft hat, ſtürze ich mich in dieſes Meer, das ihn trägt, nicht in Deiner Gegen⸗ wart und nicht ſogleich, doch früher oder ſpäter, denn ich bin verloren.“ „Was wollen Sie machen?“ entgegnete Jean, der ſich ſtellte, als hätte er nicht gehört, dabei aber Croiſilles am Flügel ſeines Rockes zurückhielt;„was wollen Sie machen, mein lieber Herr, Ihr Vater iſt getäuſcht worden; er erwar⸗ tete Geld, das nicht angekommen iſt, und das war nicht wenig. Konnte er hier bleiben? Ich habe ihn ſein Vermögen ſeit den dreißig Jahren, die ich ihm diene, gewinnen ſehen, ich habe ihn arbeiten, ſein Handelsgeſchäft betreiben und die Thaler einen nach dem andern in Ihr Haus kommen ſehen. Er war ein ehrlicher und geſchickter Mann; man hat ihn grauſam miß⸗ braucht. In den letzten Tagen war ich noch da und ich ſah die Thaler, wie ſie gekommen, aus dem Hauſe gehen. Ihr Vater* bezahlte einen ganzen Tag lang Alles, was er konnte, und als ſein Secretaire geleert war, konnte er nicht umhin, auf eine Schublade deutend, worin nur noch ſechs Franken lagen, zu mir ſagen:„„Dieſen Morgen waren hier hunderttauſend Fran Doas iſt kein Bankerott, das iſt Gine entehrende zweifle eben ſo wenig an der Rechtſchaffenheit meines als an ſeinem Unglück,“ ſprach Croiſilles.„Ich uch nicht an ſeiner Liebe; aber ich hätte ihn gern Leben Vater und Mutter erblickt haben. Ich weiß wo Der Erzähler. 1847. m. 145 umarmt, denn was ſoll nun aus mir werden? 39 bin nicht für die Armuth geſchaffen, ich habe nicht den nothwendigen Geiſt, um den Aufbau meines Glückes wiederzubeginnen. Und wenn ich ihn hätte,— mein Vater iſt fern. Hat er dreißig Jahre gebraucht, um ſich zu bereichern, wie viel würde ich brauchen, um dieſen Schlag wieder gut zu machen? Viel mehr. Und wird er dann noch leben? Ohne Zweifel nicht mehr, er wird dort ſterben und ich kann ihn nicht einmal aufſuchen; ich kann mich mit ihm nur wiederbereinigen, wenn ich auch ſterbe“ So troſtlos Croiſilles auch war, ſo hatte er doch viel Religion; obgleich ſeine Verzweiflung ihn den Tod wünſchen ließ, zögerte er doch, ſich denſelben zu geben. Schon bei den erſten Worten dieſer Unterredung hatte er ſich auf den Arm von Jean geſtützt und Beide kehrten nach der Stadt zurück. Als ſie in die Straßen kamen und das Meer nicht mehr ſo nahe war, ſagte Jean: „Mir ſcheint, ein redlicher Mann hat das Recht, zu leben, und ein Unglück beweiſt nichts. Da Ihr Vater ſich, Gott ſei Dank, nicht getödtet hat, wie können Sie an das Sterben denken? Da hier keine Schande obwaltet und die ganze Stadt weiß, daß nur ein Unglück den Ruin Ihres Hauſes herbei⸗ geführt hat, was müßte man von Ihnen glauben, zum Selbſtmötzer würden? Sie ſeien zu feig die Armuth zu ertragen, denn was erſchreckt Sier Es gibt Leute, welche arm geboren werden und nik 146 ſich nicht die ganze Welt gleicht, doch bei Gott iſt kein Ding unmöglich. Ihr Vater war nicht reich geboren, weit entfernt, ohne Sie zu beleidigen, und das tröſtet ihn vielleicht. Wenn Sie ſeit einem Monat hier geweſen wären, ſo hätte Ihnen das Muth gegeben. Ja, mein Herr, man kann ſich zu Grunde richten. Niemand iſt vor einem Bankerott geſichert; doch Ihr Vater, ich wage es zu behaupten, war ein Mann, obgleich er etwas ſchnell abgereiſt iſt; aber was wollen Sie, man findet nicht jeden Tag ein Schiff nach Amerika Ich begleitete ihn bis zum Safen, und wenn Sie ſeine Traurigkeit geſehen hätten, wenn Sie gehört hätten, wie er mir für Sie Sorge zu tragen, ihm von Ihnen Nachricht zu geben empfahl!... Es war ein ſchlechter Gedanke von Ihnen, die Arxt dem Stiele nachwerfen zu wollen. Jeder hat ſeine Prüfungszeit hienieden und ich bin Soldat geweſen, ehe ich Bedienter wurde. Ich hatte gehörig auszuſtehen; doch ich war jung, ich hatte damals Ihr Alter, mein Herr, und es kam mir vor, als könnte die Vorſehung nicht ihr letztes Wort zu einem Menſchen von fünfundzwanzig Jahren ſagen. Warum wollen Sie den guten Gott hindern, das Uebel, das Ihnen widerfahren iſt, wieder gut zu machen? Laſſen Sie ihm Zeit, und Alles wird wieder in Ordnung kommen. Wäre es mir erlaubt, Ihnen zu rathen, ſo würden Sie nur zwei bis drei Jahre warten, und ich wollte wetten, daß Sie ſich gut dabei befänden. Es gibt immer Mittel nd Wege, um aus dieſer Welt zu gehen. Warum wollen Sie einen ſo ſchlimmen Augenblick benützen?“ ieſer ſtillſchweigend weiter und ſchaute, wie es häufig hrend ſich Jean anſtrengte, ſeinen Herrn zu überreden 147 Leidende thun, dahin und dorthin, als ſuchte er etwas, was ihn an das Leben feſſeln könnte. Der Zufall wollte, daß Mademoiſelle Godeau„ die Tochter des Generalpächters, mit ihrer Goubernante vorüberkam. Das Hotel, welches ſie be⸗ wohnte, war nicht weit von da entfernt und Croiſilles ſah, wie ſie in das Haus des reichen Mannes eintrat. Dieſes Zu⸗ ſammentreffen brachte eine größere Wirkung hervor, als alle Betrachtungen der Welt. Er war, wie geſagt, ein wenig verrückt und gab beinahe immer einer erſten Bewegung nach. Ohne länger zu zögern und ohne ſich Rechenſchaft über ſeine Abſicht zu geben, verließ er den Arm ſeines alten Dieners und klopfte an die Thüre von Herrn Godeau. 2. Denkt man ſich heute das, was man einſt einen Financier nannte, ſo ſtellt man ſich einen ungeheuren Bauch, kurze Beine, eine unermeßliche Perrücke und ein breites Geſicht mit einem dreifachen Kinn vor, und man hat ſich nicht mit Unrecht daran gewöhnt, ſich eine ſolche Vorſtellung von dieſer Perſon zu machen. Jedermann weiß, zu welchem Mißbrauch die königlichen Pach⸗ tungen Anlaß gegeben haben, und es ſcheint, es beſteht ein Naturgeſetz, in Folge deſſen viel dicker als die andern Menſchen diejenigen werden, welche ſich nicht nur durch ihren eigenen Müßiggang, ſondern auch durch die Arbeit der Andern fett machen. Herr Godeau war unter den Financiers einer der Claſſiſchſten, die man ſehen konnte, nämlich einer der Dickſten. k Für den Augenblick hatte er die Gicht, was in jener Zeit 148 eben ſo ſehr Mode war, als es heutzutage die Migräne iſt. Mit halbgeſchloſſenen Augen auf einem Ruhebett liegend, pflegte er in einem Boudoir ſeiner Gemächlichkeit. Große Spiegel, die ihn umgaben, wiederholten von allen Seiten majeſtätiſch ſeine ungeheure Perſon; Säcke voll Gold bedeckten ſeinen Tiſch; die Meubles, das Täfelwerk, die Thüren, die Schlöſſer, der Kamin, der Plafond waren vergoldet, ſein Kleid ebenfalls, ich weiß nicht, ob nicht auch ſein Gehirn mit Gold überzogen war. Er berechnete den Erfolg eines kleinen Geſchäftes, das ihm unfehlbar einige tauſend Louis d'or eintragen mußte. Er lächelte, als man ihm Croiſilles meldete, der mit einer demüthigen, aber entſchloſſenen Miene und in der ganzen Unordnung ein⸗ trat, welche man bei einem Menſchen vorausſetzen darf, der ſich zu ertränken große Luſt hat. Herr Godeau war über dieſen unerwarteten Beſuch ein wenig erſtaunt; er glaubte, ſeine Tochter habe einen Einkauf gemacht, und wurde in dieſer Anſicht beſtätigt, als er ſie zu gleicher Zeit mit dem jungen Mann erſcheinen ſah. Er bedeutete Croiſilles durch ein Zeichen, nicht er möge ſich ſetzen, ſondern er möge ſprechen. Die Tochter nahm Platz und Croiſilles, welcher ſtehen blieb, drückte ſich ungefähr in folgenden Worten aus: „Mein Herr, mein Vater hat fallirt. Der Bankerott eines Aſſocié hat ihn genöthigt, ſeine Zahlungen einzuſtellen, und da er ſeine eigene Schande nicht mit anſehen konnte, ſo enifloh er nach Amerika, nachdem er zuvor ſeinen Gläubigern Alles, was er beſaß, bis auf ſeinen letzten Son gegeben hatte. Ich war abweſend als dies vorfiel; vor zwei Stunden komme ich hier an und erfahre das Ereigniß. Ich bin durchaus ohne „ — * 149 MWittel und entſchloſſen, zu ſterben. Es iſt wahrſcheinlich, daß ich mich, wenn ich von Ihnen weggehe, in das Waſſer ſtürze. Ich hätte es ohne allen Zweifel ſchon gethan, wäre ich nicht ſo eben dem Fräulein, Ihrer Tochter, begegnet. Ich liebe ſie aus dem tiefſten Grunde meines Herzens; ſeit zwei Jahren bin ich verliebt in ſie, und ich habe bis jetzt geſchwiegen, wegen der Achtung, die ich ihr ſchuldig hin; doch wenn ich heute gegen Sie dieſe Erklärung thue, ſo erfülle ich eine unerläß⸗ liche Pflicht, und ich würde Gott zu beleidigen glauben, wenn ich, ehe ich mir den Tod gebe, Sie nicht um Erlaubniß bäte, Fräulein Julie heirathen zu dürfen. Ich habe nicht die ge⸗ ringſte Hoffnung, daß Sie mir dieſe Bitte bewilligen werden, doch nichtsdeſtoweniger ſpreche ich ſie aus, denn ich bin ein guter Chriſt, mein Herr, und wenn ein Chriſt einen ſolchen Grad von Unglück erreicht hat, daß es ihm unmöglich iſt, das Leben zu ertragen, ſo muß er wenigſtens, um ſein Ver⸗ brechen zu mildern, keine der Chancen, die ihm bleiben, un⸗ verſucht laſſen, ehe er einen äußerſten Entſchluß faßt.“ Am Anfang dieſer Rede dachte Herr Godeau, man wolle Geld von ihm entlehnen; vorſichtiger Weiſe warf er ſein Taſchentuch auf die in ſeiner Nähe ſtehenden Säcke und machte ſich in Gedanken zu einer artigen, aber abſchlägigen Antwort bereit... er wollte unendlich bedauern, denn er habe ſtets das größte Wohlwollen für den Vater von Croiſilles gehegt. Als er aber bis zum Ende gehört und begriffen hatte, um was es ſich handelte, bezweifelte er nicht mehr, der junge Mann wäre ein vollkommener Narr geworden. Er hatte Anfangs einige Luſt, zu läuten und ihn vor die Thüre ſetzen zu laſſen, 150 doch er fand ſein Ausſehen ſo feſt, ſein Geſicht ſo entſchloſſen, daß er mit einem ſo ruhigen Wahnſinn Mitleid bekam. Er begnügte ſich, ſeiner Tochter zu ſagen, ſie möge ſich entfernen, um nicht länger der Unannehmlichkeit ausgeſetzt zu ſein, ſo unziemliche Dinge hören zu müſſen. Während Croiſilles ſprach, war Julie roth geworden wie eine Pfirſich im Monat Auguſt. Auf den Befehl ihres Vaters zog ſie ſich zurück. Der junge Mann machte ihr eine tiefe Verbeugung, die ſie nicht einmal zu bemerken ſchien. Sobald Herr Godeau mit Croiſilles allein war, huſtete er, erhob er ſich, ſank wieder auf ſeine Kiſſen zurück, bemühte ſich, eine väterliche Miene anzunehmen, und ſprach: „Mein Junge, ich will wohl glauben, daß Du meiner nicht ſpotteſt und wirklich den Kopf verloren haſt; ich ent⸗ ſchuldige Deinen Schritt nicht nur, ſondern will Dich auch nicht dafür beſtrafen. Es thut mir leid, daß Dein armer Teufel von einem Vater Bankerott gemacht hat und durch die Lappen gegangen iſt; das iſt ſehr traurig und ich begreife wohl, daß es Dir das Hirn verdreht hat. Ich will etwas für Dich thun; nimm einen Stuhl und ſetze Dich.“ „Unnöthig, mein Herr,“ erwiederte Croiſilles;„ſobald Sie mich mit meiner Bitte zurückweiſen, habe ich nur noch von Ihnen Abſchied zu nehmen. Ich wünſche Ihnen jedes Glück und jede Wohlfahrt.“ „Und wohin gehſt Du?“ „Ich ſchreibe meinem Vater und ſage ihm Lebewohl.“ „Ei! beim Donner, man ſollte ſchwören, Du ſprächeſt die Wahrheit; Du willſt Dich ertränken, oder der Teufel ſoll mich holen.“ — ——— ——— ——————— welen für Fräulein Julie brachte.““ 151 „Ja, mein Herr, wenigſtens glaube ich es, wenn mich der Muth nicht verläßt.“ „Ein ſchönes Geſtändniß! pfui doch, welche Aernhei ſetze Dich hierher, ſage ich Dir.“ Herr Godeau hatte eine ſehr richtige Betrachtung ange⸗ ſtellt, die nämlich, daß es nie angenehm iſt, wenn man ſagt, ein Menſch, wer er auch ſein mag, habe ſich, uns verlaſſend, in das Waſſer geſtürzt. Er huſtete alſo abermals, nahm ſeine Tabaksdoſe, warf einen zerſtreuten Blick auf ſein Jabot und fuhr fort: „Du biſt nur ein Alberner, ein Narr, ein Kind, das iſt klar, Du weißt nicht, was Du ſagſt. Du biſt zu Grunde gerichtet, das iſt Deine Sache. Doch, mein lieber Freund, dies Alles genügt nicht, man muß über die Dinge dieſer Welt nachdenken. Wenn Du Dir etwas von mir erbitten wollteſt... ich weiß nicht was, einen guten Rath... nun, das ginge; aber was willſt Du? Du biſt verliebt in meine Tochter?“ „Ja, mein Herr, und ich wiederhole Ihnen, ich bin weit entfernt, anzunehmen, Sie dürften ſie mir zur Frau geben; doch da es nur dies auf der Welt gibt, was mich zu ſterben abhalten könnte, ſo werden Sie, wenn Sie an Gott glauben, wie ich nicht bezweifle, den Grund nesteſn der mich hierher führt.“ „Ob ich an Gott glaube oder nicht, das geht Dich nichts anz ich will nicht befragt ſein, antworte zuerſt: wo haſt Du meine Tochter geſehen?“ „In der Bude meines Vaters und hier, wenn ich Ju⸗ 152 „Wer hat Dir geſagt, daß ſie Julie heißt? Gott ver⸗ zeihe mir, man wird ganz verwirrt. Doch ob ſie Julie oder Jabotte heißt... weißt Du, was man vor Allem braucht, um auf die Hand der Tochter eines Generalpächters Anſpruch machen zu dürfen?“ „Nein, ich weiß es durchaus nicht, wenn nicht etwa, daß man eben ſo reich ſein muß als ſie.“ „Man braucht etwas Anderes, mein Lieber, man braucht einen Namen.“ „Wohl, ich heiße Croiſilles.“ „Du heißt Croiſilles, Unglücklicher, iſt Croiſilles ein Name?“ „Meiner Treue, nach meinem Wiſſen und Gewiſſen iſt es ein eben ſo ſchöner Name als Godeau.“ „Du biſt ein Unverſchämter und wirſt mir das bezahlen.“ „Ei! mein Gott, ärgern Sie ſich nicht; ich habe nicht die geringſte Luft, Sie zu beleidigen. Sehen Sie hierin etwas, was Sie verletzt, und Sie wollen mich dafür beſtrafen, ſo brauchen Sie nicht in Zorn zu gerathen: wenn ich von hier weggehe, ertränke ich mich.“ Obgleich Herr Godeau Croiſilles ſo ſanft als möglich wegzuſchicken ſich gelobt hatte, vermochte doch ſeine Klugheit der Ungeduld des beleidigten Stolzes nicht zu wiverſtehen; die Unterredung, in die er ſich zu fügen ſuchte, kam ihm unge⸗ heuerlich vor; man kann denken, was er fühlte, während er ſo mit ſich ſprechen hörte. „Höre,“ ſagte er beinahe außer ſich und entſchloſſen, um jeden Preis ein Ende zu machen,„Du biſt nicht ſo ſehr toll, „ — — 153 daß Du ein verſtändiges Wort nicht begreifen könnteſt: Biſt Du reich? nein. Biſt Du adelig? noch viel weniger. Welcher Wahnſinn führt Dich hierher? Du willſt eine Stänkerei hier anrichten; Du weißt ſehr gut, daß Dein Schritt unnütz iſt, und willſt mich nur für Deinen Tod verantwortlich machen. Haſt Du Dich über mich zu beklagen, bin ich Deinem Vater einen Sou ſchuldig? Iſt es mein Fehler, wenn es ſo weit mit Dir gekommen iſt? Ei, bei Gott! man ertränkt ſich un ſchweigt.“ „Das werde ich auf der Stelle thun; ich bin Ihr er⸗ gebenſter Diener.“ „Warte einen Augenblick! man ſoll nicht ſagen, Du habeſt vergebens Deine Zuflucht zu mir genommen. Hier, mein Junge, nimm dieſe vier Louisd'or, ſpeiſe in der Küche und mache, daß ich nicht mehr von Dir ſprechen höre.“ „Sehr verbunden; ich habe keinen Hunger und weiß nicht, was ich mit Ihrem Geld machen ſoll.“ Croiſilles verließ das Zimmer, und der Financier, der ſein Gewiſſen durch das Anerbieten der vier Louisd'or be⸗ ſchwichtigt hatte, verſenkte ſich wieder in ſeinen Lehnſtuhl und in ſeine Betrachtung. Mademoiſelle Godeau war während dieſer Zeit nicht ſo weit entfernt, als man glauben könnte: wohl hatte ſie ſich aus Gehorſam gegen ihren Vater zurückgezogen, doch ſtatt in ihr Zimmer zu gehen, war ſie an der Thüre geblieben, um zu horchen. Wenn ihr die Ungereimtheit der Worte von Croi⸗ ſilles auch unbegreiflich vorkam, ſo ſah ſie wenigſtens darin nichts Beleidigendes, denn ſeit die Welt beſteht, hat die Liebe 154 nie für eine Beleidigung gegolten; andererſeits, da ſich un⸗ möglich an der Hoffnungsloſigkeit des jungen Mannes zweifeln ließ, fand ſich Mademoiſelle Godeau zugleich von den zwei für die Frauen gefährlichſten Gefühlen, vom Mitleid und von der Neugierde, erfaßt. Als ſie ſah, daß die Unterredung beendigt war und Croiſilles wegzugehen ſich anſchickte, durchſchritt ſie, da ſie nicht beim Lauſchen ertappt werden wollte, raſch den Salon, wo ſie ſich befand, und wandte ſich nach ihrem Zim⸗ mer, doch ſogleich kehrte ſie wieder zurück. Der Gedanke, daß ſich Croiſilles vielleicht wirklich den Tod geben würde, beun⸗ ruhigte unwillkührlich ihr Herz. Um ſich Rechenſchaft von dem zu geben, was ſie that, ging ſie ihm entgegen; der Salon war groß und die jungen Leute kamen langſam auf einander zu. Croiſilles war bleich wie der Tod und Mademoiſelle Godeau ſuchte vergebens ein Wort, um ihm auszudrücken, was ſie fühlte. Während ſie an ihm vorüberging, ließ ſie einen Veilchenſtrauß fallen, den ſie in der Hand hielt. Er bückte ſich raſch, hob ihn auf und reichte ihn Julie; doch ſtatt den Strauß wieder zu nehmen, ging ſie weiter, ohne ein Wort zu ſagen, und trat in das Cabinet ihres Vaters. Als Croi⸗ ſilles allein war, ſchob er den Strauß in ſeinen Buſen und verließ das Haus, ſein Herz tief erſchüttert und ohne daß er wußte, was er von dieſem Abenteuer denken ſollte. 3. Kaum hatte er einige Schritte auf der Straße gemacht, als er ſeinen getreuen Jean, deſſen Geſicht Freude ausdrückte, herbeilaufen ſah. —ꝛ— ——— —ꝛ— ——3— 155 „Was iſt geſchehen?“ fragte er,„haſt Du mir etwas Neues mitzutheilen?“ „Mein Herr,“ antwortete Jean,„ich habe Ihnen mit⸗ zutheilen, daß man die Siegel abgenommen hat, und daß Sie nach Hauſe zurückkehren können. Nachdem alle Schulden Ihres Vaters bezahlt ſind, bleiben Sie Eigenthümer des Hauſes. Es iſt wahr, man hat Alles mitgenommen, was an Silber und Juwelen vorhanden war, man hat ſogar alles Geräthe weggebracht, doch das Haus gehört Ihnen und Sie haben nicht Alles verloren. Ich laufe ſeit einer Stunde überall umher, da ich nicht wußte, was aus Ihnen geworden, und ich hoffe, mein lieber Herr, Sie werden nun einen vernünftigen Entſchluß faſſen.“ „Welchen Entſchluß ſoll ich faſſen?“ „Verkaufen Sie dieſes Haus, es iſt Ihr ganzes Ver⸗ mögen; es mag ungefähr dreißigtauſend Franken werth ſein. Damit ſtirbt man wenigſtens nicht Hunger. Und wer hindert Sie, ein kleines Handelsgeſchäft zu kaufen, das unfehlbar ge⸗ deihen würde?“ „Wir werden ſehen,“ antwortete Croiſilles, während er eiligſt den Weg nach ſeiner Straße einſchlug. Es drängte ihn, das väterliche Dach wiederzuſehen; doch als er hier an⸗ kam, bot ſich ihm ein ſo trauriges Schauſpiel, daß er kaum einzutreten wagte. In der Bude herrſchte die größte Unordnung, die Zimmer waren verödet, der Alkoven ſeines Vaters leer, Alles zeigte ſeinen Blicken die Nacktheit der Armuth. Es blieb nicht ein Stuhl; man hatte alle Schubladen durchwühlt, das Comptoir erbrochen und die Kaſſe fortgenommen; nichts war den gierigen Nachſuchungen der Juſtiz und der Gläubiger ent⸗ gangen, welche, nachdem ſie das Haus geplündert, als ſie ſich entfernten, die Thüren offen ließen, gleichſam um den Vorüber⸗ gehenden zu beweiſen, ihr Geſchäft ſei abgethan. „Dies alſo,“ rief Croiſilles,„dies bleibt von dreißig Jahren der Arbeit und der rechtſchaffenſten Exiſtenz übrig, weil mein Vater am beſtimmten Tage nicht die Mittel gehabt hat, einer unvorſichtig eingegangenen Unterſchrift Genüge zu leiſten!“ Während der junge Mann, traurigen Gedanken preisge⸗ geben, auf und abging, ſchien Jean ſehr verlegen: er dachte, ſein Herr wäre ohne Geld und könnte noch nicht zu Mittag geſpeiſt haben. Er ſuchte daher ein Mittel, ihn hierüber zu befragen, um ihm im Falle der Noth einen Theil ſeiner Er⸗ ſparniſſe anzubieten. Nachdem er ſich eine Stunde lang den Kopf zerbrochen hatte, um eine geeignete Liſt zu erſinnen, fand er nichts Beſſeres, als ſich Croiſilles zu nähern und ihn mit zitternder Stimme zu fragen? „Liebt der Herr immer noch die Feldhühner mit Kohl?“ Der arme Mann hatte dieſe Worte mit einem zugleich ſo burlesken und ſo rührenden Tone geſprochen, daß ſich Croi⸗ ſilles trotz ſeiner Traurigkeit des Lachens nicht erwehren konnte. „Und wozu dieſe Frage?“ ſagte er. „Lieber Herr,“ erwiederte Jean,„meine Frau hat mir — eines zum Mittageſſen braten laſſen, und wenn Sie die Feld⸗ hühner zufällig immer noch lieben würden... Croiſilles hatte bis zu dieſem Augenblick die Summe, die . —— —— er ſeinem Vater zurückbrachte, völlig vergeſſen; der Vorſchlag von Jean erinnerte ihn daran, daß ſeine Taſchen voll Gold waren. „Ich danke Dir von ganzem Herzen und nehme Dein Mittagsbrod mit Vergnügen an,“ ſagte er zu dem Greis; „wenn Du wegen meines Vermögens beſorgt biſt, beruhige Dich, ich habe mehr Geld, als ich brauche, um heute ein gutes Abendbrod bereiten zu laſſen, das Du mit mir theilſt.“ So ſprechend leerte er auf den Kamin vier wohlgeſpickte Börſen, von denen jede fünfzig Louis d'or enthielt. „Obgleich dieſe Summe nicht mir gehört,“ fügte er bei, „ſo kann ich doch für ein paar Tage davon Gebrauch machen. An wen muß ich mich wenden, um ſie meinem Vater zukom⸗ men zu laſſen?“ „Lieber Herr,“ erwiederte Jean voll Eifer,„Ihr Vater hat mir befohlen, Ihnen zu ſagen, dieſes Geld gehöre Ihnen, und wenn ich nicht davon ſprach, ſo geſchah dies, weil ich nicht wußte, wie Sie Ihre Angelegenheiten in Paris zu Ende ge⸗ bracht hatten. Ihr Vater wird dort an nichts Mangel leiden; er wird bei einem Ihrer Correſpondenten wohnen; überdies hat er mitgenommen, was er braucht, denn er war ſicher, daß er noch zu viel zurückließ, und was er zurückgelaſſen hat, lie⸗ ber Herr, gehört Ihnen; er bemerkt. dies ſelbſt in ſeinem Vriefe, und ich bin ausdrücklich beauftragt, es Ihnen zu wie⸗ derholen. Dieſes Geld gehört alſo eben ſo rechtmäßig Ihnen, als das Haus, in dem wir uns befinden. Ich kann Ihnen die Worte ſagen, die Ihr Vater bei ſeiner Abreiſe zu mir ge⸗ ſprochen hat:„„Mein Sohn verzeihe mir, daß ich ihn ver⸗ 158 laſſe, er erinnere ſich nur, um mich zu lieben, daß ich noch auf der Welt bin, und mache von dem, was übrig bleibt, nachdem meine Schulden bezahlt ſind, Gebrauch, als wäre es ſein Erbe.““ Das ſind ſeine eigenen Ausdrücke; ſtecken Sie alſo dieſes Geld in die Taſche, und da Sie die Güte haben wollen, mein Mittagbrod anzunehmen, ſo gehen wir nach meiner Wohnung.“ Die Aufrichtigkeit, die Freude, wie ſie in den Augen von Jean glänzten, ließen Croiſilles keinen Zweifel. Die Worte ſeines Vaters hatten ihn ſo ſehr erſchüttert, daß er die Thrä⸗ nen nicht zurückzuhalten vermochte. Andererſeits waren in einem ſolchen Augenblick viertauſend Franken keine Bagatelle. Was ſein Haus betrifft, ſo bildete dies keine ſichere Quelle, denn man konnte nur Nutzen daraus ziehen, wenn man es verkaufte, was eine langwierige und ſchwierige Sache war. Dies Alles brachte indeſſen eine bedeutende Veränderung in die Lage, in der ſich der junge Mann befand; er fühlte ſich plötzlich er⸗ ſchüttert in ſeinem unſeligen Entſchluß und wurde, wenn man ſo ſagen darf, trauriger, aber minder troſtlos. Nachdem er die Läden ſeiner Bude geſchloſſen hatte, verließ er mit Jean das Haus und dachte, abermals die Stadt durchwandernd, unwillkührlich daran, wie gering doch unſer Kummer iſt, da er zuweilen dazu dient, uns eine unvorhergeſehene Freude im ſchwächſten Hoffnungsſchimmer finden zu laſſen. Mit dieſem Gedanken ſetzte er ſich zu Tiſche mit ſeinem alten Diener, der es ſich während des Mahles angelegen ſein ließ, ſeinen jungen Herrn zu erheitern. Unbeſonnene haben einen glücklichen Fehler: ſie gerathen ————,— ——— 159 leicht in Troſtloſigkeit, haben aber nicht einmal Zeit, ſich zu tröſten, ſo wenig ſchwer iſt es ihnen, ſich zu zerſtreuen. Man würde ſich täuſchen, wenn man ſie für unempfindlich oder für ſelbſtſüchtig hielte, ſie fühlen vielleicht lebhafter, als andere Menſchen, und ſind ſehr fähig, ſich in einem Augenblick der Verzweiflung die Hirnſchale zu zerſchmettern; iſt aber dieſer Augenblick vorüber, leben ſie noch, ſo müſſen ſie zu einem Mittagbrode gehen, eſſen und trinken wie gewöhnlich, um hernach, wenn ſie ſich zu Bette legen, in Thränen zu zerflie⸗ ßen. Die Freude und der Schmerz gleiten nicht an ihnen hin; ſie durchbohren dieſelben wie Pfeile: eine gute und heftige Natur, welche zu leiden weiß, aber nicht zu lügen vermag, in der man Alles offen lieſt, iſt nicht zerbrechlich und leer wie das Glas, ſondern voll und durchſichtig wie Bergkriſtall. Nachdem Croiſilles mit Jean Feldhuhn und Kohl geſpeiſt und einige Gläſer Wein darauf gegoſſen hatte, ging er in die Komödie. Im Hintergrund des Parterre ſtehend, zog er den Strauß von Mademoiſelle Godeau aus dem Buſen, und während er in tiefer Sammlung des Geiſtes den Wohlgeruch einathmete, fing er an, ruhiger über ſein Abenteuer am Mor⸗ gen nachzudenken. Nachdem er einige Zeit nachgedacht hatte, durchſchaute er die Wahrheit, nämlich, daß Julie, indem ſie den Strauß in ſeinen Händen ließ und ihn zurückzunehmen ſich weigerte, ihm ein Zeichen der Theilnahme hatte geben wollen; denn ſonſt wäre dieſe Weigerung und dieſes Still⸗ ſchweigen ein Beweis der Verachtung geweſen, und dieſe An⸗ nahme war ihm unmöglich. Croiſilles dachte alſo, Mademoi⸗ ſelle Godeau habe ein minder hartes Herz, als ihr Herr * 160 Vater, und es machte ihm keine Mühe, ſich zu erinnern, daß das Antlitz der Tochter, da ſie den Salon durchſchritten, eine um ſo wahrere Erſchütterung ausgedrückt habe, als dieſe un⸗ willkührlich geſchienen. Doch war dieſe Erſchütterung Liebe oder nur Mitleid, oder vielleicht noch weniger, Menſchenfreund⸗ lichkeit? Hatte Mademoiſelle Godeau ihn, Croiſilles, ſterben zu ſehen befürchtet, oder nur die Urſache des Todes von einem Menſchen, wer er auch ſein mochte, zu ſein bange gehabt? Obgleich verwelkt und halb entblättert, hatte der Strauß einen ſo vortrefflichen Geruch und ein ſo zierliches Ausſehen, daß Croiſilles, während er ſeinen Geruch einathmete und ihn an⸗ ſchaute, ſich der Hoffnung nicht erwehren konnte. Es war eine Guirlande von Roſen um ein Büſchel Veilchen. Welche Gefühle und Geheimniſſe hätte nicht ein Türke in dieſen Blu⸗ men ihre Sprache verdolmetſchend geleſen! Doch man braucht unter ſolchen Umſtänden ſich nur zum Türken zu machen. Die Blumen, welche vom Buſen einer hübſchen Frau fallen, ſind in Europa wie im Orient nie ſtumm; wenn ſie nur erzählen würden, was ſie geſehen, als ſie an einem ſchönen Halſe ruh⸗ ten, ſo wäre dies genug für einen Verliebten, und ſie erzählen es in der That. Die Wohlgerüche haben mehr als eine Aehn⸗ lichkeit mit der Liebe und es gibt ſogar Leute, welche denken, die Liebe ſei nur eine Art von Wohlgeruch; es iſt war, die Blume, welche ſie ausduftet, iſt die ſchönſte der Schöpfung. Während Croiſilles ſo ſchwärmte und wenig aufmerkſam auf die Tragödie war, die man gab, erſchien Mademoiſelle Godeau in einer Loge ihm gegenüber. Es kam ihm der Ge⸗ danke nicht, daß ſie es, wenn ſie ihn erblickte, etwas ſeltſam „ — — 161 finden könnte, ihn, nach dem, was vorgefallen, hier zu ſehen. Er ſtrengte ſich im Gegentheil gewaltig an„um ſich ihr zu nähern; doch es gelang ihm nicht. Eine Figurantin von Paris war mit Poſt angekommen, um die Merope zu ſpielen, und die Menge war ſo gepreßt, daß man ſich nicht rühren konnte. In Ermangelung von Beſſerem begnügte er ſich, ſeine Blicke auf ſeine Schöne zu heften und nicht eine Sekunde von ihr abzulaſſen. Er bemerkte, daß ſie in Gedanken verſunken, ver⸗ drießlich zu ſein ſchien und nur mit einem gewiſſen Wider⸗ willen antwortete, wenn ſie Jemand anſprach. Ihre Loge war, wie ſich denken läßt, umgeben von Allem, was ſich an normanniſchen Zierlingen in der Stadt fand; Jeder ging vor ihr an der Gallerie vorüber, denn in die Loge ſelbſt, die ſie inne hatte, einzutreten, war nicht möglich, in Betracht, daß ihr Herr Vater allein mit ſeiner Perſon mehr als drei Viertel derſelben einnahm. Croiſilles bemerkte auch, daß ſie nicht lorgnirte und nicht auf das Stück hörte. Den Ellenbogen auf das Geländer geſtützt, das Kinn in der Hand, den Blick zerſtreut, hatte ſie in ihrem Putze das Ausſehen einer als Mar⸗ quiſe verkleideten Venus; der Glanz ihres Kleides, die Ueppig⸗ keit ihrer Coiffure, ihre Schminke, unter der man ihre Bläſſe errieth, der ganze Pomp ihrer Toilette hob ihre Unbeweglich⸗ keit nur mehr hervor. Nie hatte ſie Croiſilles ſo ſchön ge⸗ ſehen. Im Zwiſchenakt fand er ein Mittel, dem um ihn gedräng⸗ ten Schwarme zu entgehen; er lief nach dem Fenſter der Loge und ſchaute hinein; kaum aber hatte er ſeinen Kopf an die Scheibe gedrückt, als ſich ſeltſamer Weiſe Mademoiſelle Godeau, Der Erzähler. 1847. W. 11 162 die ſich ſeit einer Stunde nicht gerührt, umwandte. Sie bebte leicht, als ſie ihn erſchaute, und warf nur einen Blick auf ihn; dann nahm ſie ihre frühere Haltung wieder an. Ob dieſer Blick Erſtaunen, Unruhe, Freude oder Liebe ausdrückte, ob er ſagen wollte:„Wie! Sie ſind nicht todt?“ oder:„Gott ſei gelobt! Sie leben!“ wir übernehmen es nicht, ihn zu deuten; nur ſo viel iſt gewiß, daß Croiſilles auf dieſen Blick zu ſterben oder ſich Liebe zu erringen ſchwur. 4. Von allen Hinderniſſen, welche der Liebe ſchaden, iſt eines der größten ohne Widerſpruch das, was man falſche Scham nennt, was aber wohl eine ſehr wahre iſt. Croiſilles hatte dieſen traurigen Fehler nicht, den der Stolz und die Schüch⸗ ternheit geben; er war keiner von denjenigen, welche ſich Monate lang um die Frau drehen, die ſie lieben, wie die Katze um einen Vogel im Bauer. Sobald er darauf Verzicht gelei⸗ ſtet hatte, ſich zu ertränken, war er nur darauf bedacht, ſeiner theuren Julie kundzugeben, er lebe nur um ihretwillen; doch wie ihr dies ſagen? erſchien er zum zweiten Mal im Hauſe des Generalpächters, ſo unterlag es keinem Zweifel, daß dieſer ihr vor die Thüre werfen laſſen würde. Julie ging immer nur mit einer Kammerfrau aus, wenn ſie zufällig einmal zu Fuß ging; es war alſo vergeblich, ihr zu folgen. Ganze Nächte unter den Fenſtern der Gebieterin des Herzens zubrin⸗ gen, iſt eine den Liebenden theure Tollheit, welche jedoch in gegenwärtigem Fall noch viel vergeblicher geweſen wäre. Ich „ —— 163 habe geſagt, Croiſilles ſei ſehr religibs geweſen: es fiel ihm daher entfernt nicht ein, ſeine Schöne in der Kirche aufzuſu⸗ chen. Da es das Beſte, wenn auch das Gefährlichſte iſt, den Leuten zu ſchreiben, wenn man nicht ſelbſt mit ihnen ſprechen kann, ſo ſchrieb er ſchon am andern Tag. Sein Brief hatte allerdings weder Ordnung, noch Verſtand. Er war ungefähr in folgenden Worten abgefaßt: „Mein Fräulein, „Ich bitte Sie, ſagen Sie mir ganz genau, wie viel Ver⸗ mögen man beſitzen müßte„um ſich um Ihre Hand bewerben zu können. Ich mache da eine ſeltſame Frage, doch ich liebe Sie ſo wahnſinnig, daß es mir unmöglich iſt, ſie nicht zu thun, und Sie ſind die einzige Perſon in der Welt, an die ich ſie richten kann. Es kam mir geſtern Abend im Theater vor, als ſchauten Sie mich an; gefiele es dem Himmel, daß ich in der That geſtorben wäre„wenn ich mich täuſche, und wenn dieſer Blick nicht für mich war. Sagen Sie mir, ob der Zufall ſo grauſam ſein kann, daß ſich ein Menſch auf eine ſo traurige und ſo ſüße Weiſe täuſchte? Ich glaubte, Sie befehlen mir, zu leben. Sie ſind reich, ſchön, ich weiß es; Ihr Vater iſt hochmüthig und geizig, und Sie haben das Recht, ſtolz zu ſein; doch ich liebe Sie, und das Uebrige iſt ein Traum. Heften Sie auf mich dieſe reizenden Augen, den⸗ ken Sie an das, was die Liebe vermag; ich leide, ich habe allen Grund, zu fürchten, und fühle einen unausſprechlichen Genuß darin, daß ich Ihnen dieſen tollen Brief ſchreibe, der mir vielleicht Ihren Zorn zuziehen wird; denken Sie aber auch, 164 daß Sie ein wenig Schuld an dieſer Tollheit tragen. Warum haben Sie mir den Strauß gelaſſen? Setzen Sie ſich einen Augenblick, wenn Sie können, an meine Stelle; ich wage zu glauben, daß Sie mich lieben, und ich wage Sie zu bitten, es mir zu ſagen. Verzeihen Sie mir, ich beſchwöre Sie. Ich gäbe mein Blut, wenn ich ſicher wäre, daß ich Sie nicht be⸗ leidige, und wenn ich Sie mein Liebesgeſtändniß mit dem En⸗ gelslächeln, das nur Ihnen angehört, aufnehmen ſehen würde. Was Sie auch thun mögen, Ihr Bild iſt mir geblieben; Sie werden es nur vertilgen, wenn Sie mir das Herz ausreißen. So lange Ihr Blick in meiner Erinnerung lebt, ſo lange der Strauß einen Ueberreſt von Wohlgeruch bewahren wird, ſo lange ein Wort wird ſagen wollen, man liebe, werde ich einige Hoffnung hegen.“ Nachdem er ſeinen Brief geſiegelt hatte, ging Croiſilles vor das Hotel Godeau und ſpazierte in der Straße auf und ab, bis er einen Dienſtboten herauskommen ſah. Der Zufall, der ſtets die Verliebten im Verborgenen unterſtützt, wenn er es thun kann, ohne ſich zu gefährden, wollte es, daß die Kammerjungfer von Fräulein Julie an dieſem Tag eine Haube zu kaufen beſchloſſen hatte. Sie begab ſich zur Modehändlerin, als Croiſilles ſie anſprach, ihr einen Louis d'or in die Hand vrückte und ſie bat, den Brief zu beſtellen. Der Handel war bald abgeſchloſſen, die Dienerin nahm das Geld, um ihre Haube zu bezahlen, und verſprach, den Auftrag aus Dankkar⸗ keit zu beſorgen. Croiſilles kehrte voll Freude nach ſeinem Hauſe zurück und ſetzte ſich vor die Thüre, um die Antwort zu erwarten. r 165 Ehe wir von dieſer Antwort ſprechen, müſſen wir ein Wort von Mademviſelle Godeau ſagen. Sie war nicht ganz frei von der Eitelkeit ihres Vaters; doch ihre Natur wirkte bei ihr vermittelnd. Julie war im engſten Sinne des Worts das, was man ein verzogenes Kind nennt. Gewöhnlich ſprach ſie ſehr wenig und nie ſah man ſie eine Nadel halten. Sie brachte ganze Tage bei ihrer Toilette und die Abende auf einem Sopha zu, wobei ſie nicht ausſah, als hörte ſie das Geſpräch. Hinſichtlich ihres Putzes war ſie wunderbar gefallſüchtig, und ihr eigenes Antlitz war ſicherlich nicht das, was ſie am we⸗ nigſten in dieſer Welt betrachtet hatte. Eine Falte an ihrem Halskragen, ein Tintenfleck an ihrem Finger würde ſie in Verzweiflung gebracht haben: wenn ihr Kleid ihr gefiel, ſo hätte nichts den letzten Blick wiederzugeben vermocht, den ſie auf ihren Spiegel warf, ehe ſie ihr Zimmer verließ. Sie zeigte weder Geſchmack für die Vergnügungen, die die Mädchen gewöhnlich lieben, noch Abneigung gegen dieſelben; ſie ging gern auf den Ball und leiſtete ohne üble Laune, zuweilen ohne Grund, darauf Verzicht; das Schauſpiel langweilte ſie und ſie ſchlief beſtändig darin. Machte ihr Vater, der ſie anbetete, ihr das Anerbieten eines Geſchenkes nach ihrer Wahl, ſo brauchte ſie eine Stunde, um ſich zu entſchließen, da ſie keinen Wunſch finden konnte. Gab Herr Godeau ein Mittageſſen, ſo geſchah es, daß Julie nicht im Salon erſchien; ſie brachte den Abend während dieſer Zeit allein in ihrem Zimmer zu, wo ſie, ihren Fächer in der Hand, in großer Toilette auf und ab ſpazierte. Richtete man ein Compliment an ſie, ſo wandte ſie den Kopf ab, und wenn man ihr den Hof zu machen ver⸗ 166 ſuchte, ſo antwortete ſie nur mit einem zugleich ſo glänzenden und ſo ernſten Blick, daß ſie den Kühnſten aus der Faſſung brachte. Nie machte ſie ein Witz lachen, nie gerieth ſie über eine Arie in der Oper oder über eine tief poetiſche Stelle in der Tragödie in Bewegung; nie endlich hatte ihr Herz ein Lebenszeichen von ſich gegeben, und wenn man ſie im ganzen Glanze ihrer gleichgültigen Schönheit vorübergehen ſah, hätte man ſie für eine ſchöne Somnambule halten können, welche die Welt träumend durchziehe. So viel Gleichgültigkeit und ſo viel Coquetterie ſchienen nicht leicht begreiflich. Die Einen ſagten, ſie liebe nichts, die Andern, ſie liebe nur ſich ſelbſt. Ein einziges Wort ge⸗ nügt jedoch, um ihren Charakter zu erklären: ſie wartete. Seit ihrem vierzehnten Jahre hörte ſie unabläßig wiederholen, nichts ſei ſo reizend als ſie; ſie war hievon überzeugt und deshalb ſo ſorgfältig auf ihren Putz bedacht; hätte ſie es an Achtung vor ihrer Perſon fehlen laſſen, ſo würde ſie eine Ruchloſigkeit zu begehen geglaubt haben. Sie ſchritt ſo zu ſagen in ihrer Schönheit einher wie ein Kind in ſeinem Feſttagskleide, doch ſie war weit entfernt, zu glauben, dieſe Schönheit müßte unnütz bleiben; unter ihrer ſcheinbaren Sorg⸗ loſigkeit verbarg ſie einen geheimen, unbeugſamen, um ſo ſtärkeren Willen, je mehr er verborgen war. Die Coquetterie Bewöhnlicher Frauen, welche ſich in zärtlichen Blicken, in § erereien und in Lächlereien ausgibt, kam ihr wie ein kin⸗ ſches, leeres, beinahe verächtliches Scharmützel vor. Sie ühlte ſich im Beſitze eines Schatzes und ſie verachtete es, ihn ₰ Stück für Stück im Spiel zu wagen; ſie bedurfte eines ihrer — 167 würdigen Gegners; doch zu ſehr gewohnt, ihren Wünſchen zuvorkommen zu ſehen, ſuchte ſie dieſen Gegner nicht; man kann ſogar noch mehr ſagen: ſie wunderte ſich darüber, daß er auf ſich warten ließ. Seit den vier oder fünf Jahren, da ſie in Geſellſchaft ging, kam es ihr unbegreiflich vor, daß ſie noch nicht eine große Leidenſchaft eingeflößt hatte. Hätte ſie den Grund ihres Gedankens geſagt, ſo würde ſie gern den⸗ jenigen, welche ihr Complimente machten„ erwiedert haben: „Wenn es wahr iſt, daß ich ſo ſchön bin, warum erſchießen Sie ſich nicht meinetwegen?“ Eine Antwort, welche übrigens viele Mädchen geben könnten, und die mehr als eines, das nichts ſagt, im Grunde ſeines Herzens, zuweilen ſogar am Rande ſeiner Lippen hat. Was gibt es denn in der That in der Welt, was eine Frau ungeduldiger machen müßte, als jung, ſchön, reich zu ſein, ſich in ſeinem Spiegel zu beſchauen, ſich geſchmückt und in jedem Punkte des Gefallens würdig zu ſehen, ſich ganz geneigt zu fühlen, ſich lieben zu laſſen, und ſich ſagen zu müſſen:„Man bewundert mich, man rühmt mich, man findet mich reizend, und Niemand liebt mich. Mein Kleid iſt von der beſten Arbeiterin, meine Spitzen ſind herrlich, mein Kopf⸗ putz iſt tadellos, mein Geſicht iſt das ſchönſte der Erde, mein Wuchs iſt zart, mein Fuß gut chauſſirt, und dies Alles nützt mir zu nichts, als daß ich im Winkel eines Salon gähne! Spricht ein junger Mann mit mir, ſo behandelt et mich wie ein Kind; verlangt man mich zur Ehe, ſo geſchieht es meiner Mitgift wegen; drückt mir einer beim Tanzen die Hand, ſo it es ein abgeſchmackter Burſche aus der Provinz; ſobald ich 168 irgendwo erſcheine, errege ich ein Gemurmel der Bewunderung, doch Niemand ſagt zu mir allein ein Wort, das mein Herz ſchlagen macht. Ich höre Freche, die mich ganz laut zwei Schritte von mir loben und nicht ein beſcheidener, aufrichtiger Blick ſucht den meinigen. Ich trage eine glühende Seele voll Liebe in meinem Innern, und bin im Ganzen nur eine hübſche Puppe, die man ſpazieren führt, auf dem Ball ſpringen läßt, die eine Gouvernante am Morgen ankleidet und am Abend entkleidet, um am andern Tag wieder anzufangen!“ Das war es, was ſich Mademoiſelle Godeau oft in ſich geſagt hatte, und es gab gewiſſe Tage, wo ihr dieſer Gedanke einen ſo düſteren Aerger einflößte, daß ſie vom Morgen bis zum Abend ſtumm und unbeweglich blieb. Als Croiſilles ihr ſchrieb, war ſie gerade in einer ſolchen üblen Laune. Sie hatte ihre Chocolade genommen und träumte tief, auf einer Bergdre ausgeſtreckt, als ihre Kammerjungfer eintrat und ihr den Brief mit einem geheimnißvollen Weſen übergab. Sie ſchaute die Adreſſe an und verſank wieder in ihre Zerſtreutheit, da ſie die Handſchrift nicht erkannte. Die Kammerjungfer ſah ſich nun genöthigt, zu erklären, um was es ſich handelte, was ſie mit einer ſehr verlegenen Miene that, weil ſie nicht wußte, wie ihre junge Gebieterin dieſen Schritt aufnehmen würde. Mademoiſelle Godeau hörte, ohne ſich zu rühren, öffnete ſo⸗ dann den Brief und warf nur einen Blick darauf; ſogleich verlangte ſie ein Blatt Papier und ſchrieb nachläßig folgende Worte: „Ei! mein Gott, nein, mein Herr, ich bin nicht ſtolz. Wenn Sie nur hunderttauſend Thaler hätten, ſo würde ich Sie ſehr gern heirathen.“ „ . 169 Dies war die Antwort, welche die Kammerjungfer auf der Stelle Croiſilles zurückbrachte, der ihr noch einen Louis d'or für ihre Mühe ſchenkte. 5. Hunderttauſend Thaler finden ſich, wie das Sprüchwort ſagt, nicht in dem Tritte eines Eſels, und wenn Croiſilles mißtrauiſch geweſen wäre, hätte er, als er dieſen Brief von Mademviſelle Godeau las, glauben können, ſie ſei verrückt, oder ſie ſpotte ſeiner. Er dachte indeſſen weder das Eine, noch das Andere; er ſah nichts darin, als daß ſeine theure Julie ihn liebe, daß er hunderttauſend Thaler brauche, und dachte von dieſem Augenblick nur daran, ſich dieſelben zu verſchaffen. Er beſaß zweihundert Louis d'or baares Geld und ein Haus, das, wie geſagt, ungefähr dreißigtauſend Franken werth ſein mochte. Was war zu thuu? Wie ſollte er es angreifen, daß aus dieſen vierunddreißigtauſend Franken plötzlich dreimal⸗ hunderttauſend würden? Der erſte Gedanke, der dem jungen Manne kam, war, auf irgend eine Manier Kopf oder Wappen um ſein ganzes Vermögen zu ſpielen; doch zu dieſem Behuf mußte er ſein Haus verkaufen. Crviſilles fing damit an, daß er an ſeine Thüre einen Zettel klebte, worauf er ankündigte, ſein Haus ſei zu ver⸗ kaufen; dann träumte er in Erwartung eines Käufers, was er mit dem Gelde machen ſollte, das er dafür bekommen dürfte. Es verging eine Woche und dann noch eine Woche nicht ein Käufer zeigte ſich. Croiſilles brachte ſeine Tage troſtlos 170 mit Jean hin, und es bemächtigte ſich ſeiner die Verzweiflung, als ein Trödeljude an ſeiner Thüre ſchellte. „Dieſes Haus iſt zu verkaufen, mein Herr? Sind Sie der Eigenthümer?“ „Ja, mein Herr.“ „Und was iſt der Werth deſſelben?“ „Dreißigtauſend Franken, wie ich glaube, wenigſtens habe ich meinen Vater dies ſagen hören.“ Der Jude beſichtigte alle Zimmer, ſtieg in den erſten Stock hinauf, in den Keller hinab, zählte die Stufen der Treppe, ließ die Thüren ſich auf ihren Angeln und die Schlüſſel in ihren Schlöſſern drehen, öffnete und ſchloß die Fenſter, und nachdem er Alles wohl unterſucht hatte, verbeugte er ſich, ohne ein Wort zu ſagen und ohne das geringſte Gebot zu thun, vor Croiſilles und ging weg. Croiſilles, der ihm über eine Stunde mit bebendem Berzen folgte, war, wie man ſich leicht denken kann, nicht wenig mißmuthig über dieſen ſchweigſamen Rückzug. Er nahm an, der Jude habe ſich Zeit zum Ueberlegen laſſen wollen und würde bald wieder kommen. Er wartete acht Tage lang, ohne daß er auszugehen wagte, aus Furcht, ſeinen Beſuch zu ver⸗ fehlen, und ſchaute vom Morgen bis zum Abend aus dem Fenſter; aber es war vergebens: der Jude erſchien nicht wieder. Seiner traurigen Rolle getreu, machte Jean ſeinem Herrn, wie man zu ſagen pflegt, Moral, im ihm abzurathen, ſein Haus auf eine ſo haſtige Weiſe und in einer ſo überſpannten Abſicht zu verkaufen. Vor Ungeduld, Langweile und Liebe ſterbend, nahm Croiſilles eines Morgens ſeine zweihundert „ 171 Louis d'or und ging aus, entſchloſſen, ſein Glück mit dieſer Summe zu verſuchen, da er nicht mehr bekommen konnte. Die Spielhäuſer waren in jener Zeit noch nicht öffentlich und die Civiliſativn hatte noch nicht die Erfindung gemacht, die dem Erſten dem Beſten ſich zu Grunde zu richten geſtattet, ſobald ſich die Luſt dazu in ſeinem Kopfe regt. Kaum war Croiſilles auf der Straße, als er ſtehen blieb, da er nicht wußte, wo er ſein Geld wagen ſollte. Er ſchaute die benach⸗ barten Häuſer an und maß ſie eines nach dem andern, um einen verdächtigen Anſchein zu finden und zu errathen, was er ſuchte. Ein junger Mann von gutem Ausſehen und prächtig gekleidet ging an ihm vorüber. Nach ſeinem Aeußeren zu ſchließen, konnte er nur der Sohn einer reichen Familie ſein. Croiſilles ging höflich auf ihn zu und ſprach: „Mein Herr, ich bitte Sie um Verzeihung für die Frei⸗ heit, die ich mir nehme. Ich habe zweihundert Louis d'or in meiner Taſche und ſterbe vor Begierde, ſie entweder zu ver⸗ lieren, oder mehr zu bekommen. Könnten Sie mir einen an⸗ ſtändigen Ort ſagen, wo dergleichen Dinge betrieben werden?“ Bei dieſer ſeltſamen Anrede brach der junge Mann in ein Gelächter aus. „Meiner Treue, mein Herr,“ erwiederte er,„wenn Sie ein Spielhaus ſuchen, ſo brauchen Sie nur mir zu folgen, denn ich gehe dahin.“ Croiſilles folgte ihm, und nach ein paar Schritten traten Beide in ein Haus vom ſchönſten Ausſehen, wo ſie auf das Allerhöflichſte von einem alten Edelmann von ſehr guter Ge⸗ ſellſchaft empfangen wurden. Mehrere junge Leute ſaßen um 172 einen grünen Teppich; Croiſilles nahm beſcheiden dabei einen Platz, und in weniger als einer Stunde waren ſeine zwei⸗ hundert Louis d'or verloren. Er entfernte ſich ſo traurig, als es ein Verliebter ſein kann, der ſich geliebt glaubt. Es blieb ihm nicht ſo viel, um damit zu Mittag zu eſſen, doch dies war es nicht, was ihn beunruhigte.“ „Wie werde ich es nun machen, um mir Geld zu ver⸗ ſchaffen?“ fragte er ſich.„An wen ſoll ich mich in dieſer Stadt wenden? Wer wird mir nur hundert Louis d'or auf dieſes Haus leihen wollen, das ich nicht verkaufen kann?“ Während er in dieſer Verlegenheit war, begegnete er ſeinem Trödeljuden. Er zögerte nicht, ihn anzureden, und in ſeiner Eigenſchaft als Unbeſonnener verfehlte er auch nicht, ihm zu ſagen, in welcher Verlegenheit er ſich befand. Der Jude zeigte keine große Luſt, das Haus zu kaufen, er hatte es nur aus Neugierde oder, beſſer geſagt, zu Be⸗ freiung ſeines Gewiſſens angeſchaut, wie ein Hund im Vorübergehen in eine Küche eintritt, deren Thüre offen iſt, um zu ſchauen, ob es nichts zu ſtehlen gebe; doch er ſah Croiſilles ſo verzweiflungsvoll, ſo traurig, ſo von allen Mitteln entblößt, daß er der Verſuchung, aus ſeinem Elend Nutzen zu ziehen, nicht widerſtehen konnte, auf die Gefahr durch die Bezahlung ein wenig in die Klemme zu gerathen. Er bot ihm ungefähr den vierten Theil von dem, was es werth war. Croiſilles fiel ihm um den Hals, nannte ihn ſeinen Freund und ſeinen Retter und unterzeichnete blindlings einen Handel, bei dem ſich einem die Haare auf dem Kopf „ — 173 hätten ſträuben müſſen, und ſchon am andern Morgen wandte er ſich, nunmehr Beſitzer von vierhundert neuen Louis d'or, abermals nach dem Spielhaus, wo man ihn Tags zuvor ſo artig und ſo raſch ruinirt hatte. Als er ſich dahin begab, kam er am Hafen vorüber. Ein Schiff ſollte eben auslaufen; der Wind war ſanft, das Meer ruhig. Auf allen Seiten rannten Kaufleute, Matroſen, Marineofficiere in Uniform hin und her. Laſtträger brachten ungeheure Ballen von Waaren; die Paſſagiere nahmen Ab⸗ ſchied; leichte Barken ſchwammen in der Nähe des Ufers; auf allen Geſichtern las man die Furcht, die Ungeduld oder die Hoffnung, und inmitten der allgemeinen Aufregung, die es umgab, ſchaukelte ſich majeſtätiſch das Schiff, ſeine ſtolzen Segel aufſchwellend. „Wie bewunderungswürdig iſt es,“ dachte Croiſilles,„ſo das, was man beſitzt, zu wagen, und jenſeits des Meeres ein gefahrvolles Glück zu ſuchen! Wie fühlt man ſich bewegt, wenn man dieſes mit ſo vielen Reichthümern, mit dem Wohl⸗ ſtande ſo vieler Familien beladene Schiff auslaufen ſieht! Welche Freude, es mit dem Doppelten von dem, was man ihm anbertraut, reicher und ſtolzer zurückkehren zu ſehen! Warum bin ich nicht einer von dieſen Kaufleuten! Warum kann ich nicht ſo meine vierhundert Louis d'or auf das Spiel ſetzen! Welch ein grüner Teppich iſt dieſes unermeßliche Meer, um darauf kühn das Glück zu verſuchen! Warum ſollte ich nicht einige Ballen Leinwand oder Seidenzeug kaufen? Wer hindert mich daran, da ich Geld habe? Warum ſollte ſich dieſer Kapitän weigern, meine Waaren zu übernehmen? Und wer 174 weiß! ſtatt dieſe armſelige, einzige Summe in einem Spiel⸗ haus zu verlieren, würde ich ſie durch eine ehrliche Induſtrie verdoppeln, verdreifachen. Liebt mich Julie wirklich, ſo wird ſie einige Jahre warten und mir treu bleiben, bis ich ſie hei⸗ rathen kann. Der Handel bringt oft größere Vortheile, als man denkt; es iſt nicht ohne Beiſpiel in dieſer Welt, daß in überraſchender Geſchwindigkeit großes Vermögen auf dieſen ver⸗ änderlichen Wellen gewonnen worden iſt; warum ſollte die Vorſehung einen Verſuch in ſo lobenswerther, ihres Schutzes ſo würdiger Abſicht nicht ſegnen? Unter dieſen Kaufleuten, welche ſo viel aufgehäuft haben und Schiffe nach den beiden Enden der Welt ſchicken, hat mehr als einer mit einer gerin⸗ geren Summe, als ich ſie beſitze, angefangen. Mit Gottes Hülfe iſt es ihnen gelungen, warum ſollte es mir nicht auch gelingen? Mir ſcheint, ein guter Wind weht in die Segel und dieſes Schiff flößt Vertrauen ein. Vorwärts, der Würfel iſt geworfen, ich wende mich an dieſen Kapitän, deſſen Miene mir behagt, ſchreibe ſodann an Julie und will ein wenig Kaufmann werden.“ Die größte Gefahr, welche die Leute laufen, die gewöhn⸗ lich ein wenig närriſch ſind, iſt, es plötzlich ganz zu werden. Ohne weiter zu überlegen, brachte der arme Junge ſeine Laune in Ausführung. Waaren zum Ankauf zu finden, wenn man Geld hat und ſich nicht darauf verſteht, iſt die am mindeſten ſchwierige Sache der Welt. Um ſich Croiſilles verbindlich zu machen, führte ihn der Kapitän zu einem ſeiner Freunde, einem Fabrikanten, der ſo viel Leinwand und Seidenſtoffe an ihn verkaufte, als er bezahlen konnte; Alles wurde auf einen „ 175 Karren und raſch an Bord gebracht. Entzückt und voll Hoffnung ſchrieb Croiſtlles ſeinen Namen in dicken Buchſtaben auf die Ballen. Er ſchaute mit unausſprechlicher Freude zu, wie ſie eingeſchifft wurden; die Stunde der Abfahrt kam bald und das Schiff entfernte ſich von der Küſte. 6. Ich brauche nicht zu erwähnen, daß Croiſilles bei dieſem Geſchäft nichts behalten hatte. Andererſeits war ſein Haus verkauft und es blieben ihm als ganze Habe nur noch die Kleider, die er auf dem Leibe trug; keine Lagerſtätte, kein Pfennig. Mit dem beſten Willen konnte Jean nicht ver⸗ muthen, ſein Herr ſei in dieſem Grade entblößt; Croiſilles war nicht zu ſtolz, wohl aber zu ſorglos, um es zu ſagen; er faßte den Entſchluß, unter dem geſtirnten Himmel ſein Nachtlager zu halten; was das Eſſen betrifft, ſo machte er folgende Berechnung: er nahm an, das Schiff, das ſein Ver⸗ mögen trug, würde ſechs Monate brauchen, um nach dem Habre zurückzukehren; er verkaufte nicht ohne Bedauern eine goldene Uhr, die ihm ſein Vater geſchenkt und die er glückiich bewahrt hatte; dafür bekam er ſechsunddreißig Libres. Dies war hinreichend, um ungefähr ſechs Monate mit vier Sous täglich zu leben. Er zweifelte nicht daran, dies wäre genug, und ſchrieb, über die Gegenwart beruhigt, an Modemoiſelle Godeau, um ſie von dem, was er gethan, zu unterrichten; er hütete ſich wohl, in ſeinem Briefe von ſeiner Dürftigkeit zu ſprechen; er kündigte ihr im Gegentheil an, er habe eine 176 herrliche Handelsoperation unternommen, deren Reſultate dem⸗ nächſt und unfehlbar zu erwarten ſeien; er erklärte ihr, wie die Fleurette, ein Frachtſchiff von hundert und fünfzig Tonnen, ſeine Leinwand und ſeine Seidenſtoffe auf dem baltiſchen Meere führe: er flehte ſie an, ihm ein Jahr lang treu zu bleiben, wobei er ſodann ſich mehr von ihr zu erbitten vorbehielt, und ſchwur ihr ſeinerſeits eine ewige Liebe. Als Mademviſelle Godeau dieſen Brief empfing, ſaß ſie an der Ecke ihres Kamins und hielt in der Hand in Form eines Feuerſchürers eines von jenen Bulletins, die man in den Häfen druckt und die das Einlaufen und das Auslaufen der Schiffe und zugleich die Unglücksfälle anzeigen. Es war ihr, wie man ſich denken kann, nie eingefallen, ein Intereſſe an ſolchen Dingen zu nehmen, und ſie hatte nie ihre Blicke auf ein einziges von dieſen Blättern geworfen. Der Brief von Croi⸗ ſilles war Urſache, daß ſie das Bulletin, welches ſie in den Händen hielt, las; das erſte Wort, das ihr in die Augen fiel, war der Name der Fleurette; das Schiff war auf der Küſte von Frankreich in der Nacht nach ſeiner Abfahrt geſcheitert. Die Mannſchaft hatte ſich nur mit großer Mühe gerettet, doch alle Waaren waren zu Grund gegangen. Bei dieſer Nachricht erinnerte ſich Mademviſelle Godeau nicht mehr, daß Croiſilles in ihrer Gegenwart das Geſtändniß ſeiner Armuth abgelegt hatte; ſie war ſo troſtlos, als hätte es ſich um eine Million gehandelt; die Schreckniſſe eines Sturmes, das Toſen der wüthenden Winde, das Geſchrei der Ertrinkenden, der Ruin ines Mannes, der ſie liebte, kurz eine ganze Romanſcene bot ſich ihrem Geiſte; das Bulletin „. —— —— — 477 und der Brief entſielen ihren Händen; ſie ſtand in unſäglicher Unruhe auf, ging, den Buſen zitternd, die Augen dem Weinen nahe, mit großen Schritten auf und ab und fragte ſich, ent⸗ ſchloſſen, bei dieſer Gelegenheit zu handeln, was ſie thun ſolle. Man muß der Liebe in einer Hinſicht Gerechtigkeit wider⸗ fahren laſſen: je ſtärker, klarer, einfacher, unverwerflicher die Motive ſind, die ſie bekämpfen, je weniger geſunder Verſtand darin iſt, deſto mehr entflammt ſich die Leidenſchaft, deſto heißer liebt man; es iſt etwas Schönes unter dem Himmel um dieſe Unbernunft des Herzens; wir vermöchten nicht viel ohne ſie. Nachdem ſie im Zimmer auf⸗ und abgegangen war, ohne ihren lieben Fächer oder zuweilen einen Blick in den Spiegel zu vergeſſen, ſank Julie wieder auf ihre Vergore. Wer ſie in dieſem Augenblick geſehen hütte, würde ein ſchönes Schauſpiel genoſſen haben; ihre Wangen waren entbrannt, ſie ſtieß einen langen Seufzer aus und murmelte mit einer Freude und mit einem köſtlichen Schmerz: „Armer Junge! er hat ſich um meinetwillen zu Grunde gerichtet.“ Abgeſehen von dem Vermögen, das ſie von ihrem Vater zu erwarten hatte, beſaß Mademviſelle Godeau als freies Ei⸗ genthum das, was ihre Mutter ihr hinterlaſſen. Sie hatte nie hieran gedacht; zum erſten Male in ihrem Leben erinnerte ſie ſich in dieſem Augenblicke, daß ſie über fünfmal hundert tau⸗ ſend Franken verfügen konnte. Dieſer Gedanke machte ſie lächeln; ein Plan, bizarr, kühn, ganz weiblich und beinahe ſo verrückt, als Croiſilles ſelbſt, durchzuckte ihren Geiſt; ſie Der Erzäyler 1847. m. 12 178 wiegte einige Zeit ihren Gedanken in ihrem Kopf, und be⸗ ſchloß dann, ihn auszuführen. Sie fing damit an, daß ſie ſich erkundigte, ob Croiſilles nicht einen Verwandten oder einen Freund habe; die Kammer⸗ jungfer wurde ins Feld geſchickt. Nach reiflicher Unterſuchung entdeckte man im vierten Stocke eines alten Hauſes eine halb gliederlahme Tante, die ſich nie aus ihrem Lehnſtuhle rührte und ſeit vier oder fünf Jahren nicht mehr ausgegangen war. Dieſe arme, ſehr betagte Frau ſchien in der Welt als ein Mu⸗ ſter menſchlichen Elends zurückgelaſſen worden zu ſein. Halb blind, gichtiſch, beinahe taub, lebte ſie allein auf einem Spei⸗ cher, doch eine muntere Laune, welche ſtärker war, als das Unglück und die Krankheit, unterſtützte ſie in ihrem achtzigſten Jahre und ließ ſie das Leben noch lieben. Ihre Nachbarn gingen nie an ihrer Thüre vorüber, ohne bei ihr einzutreten, und die veralteten Lieder, die ſie trällerte, erheiterten die Mäd⸗ chen des Quartiers. Sie beſaß eine kleine Leibrente, die zu ihrem Unterhalt hinreichte; ſo lange der Tag währte, ſtrickte ſie; im Uebrigen wußte ſie nicht, was ſeit dem Tode von Lud⸗ wig XIV. vorgefallen war. Zu dizſer ehrwürdigen Perſon ließ ſich Julie insgeheim führen. Sie legte zu dieſem Ende ihren ganzen Putz an; Blu⸗ men, Spitzen, Bänder, Diamanten, nichts wurde geſpart: ſie wollte verführen; doch ihre wahre Schönheit war in dieſem Falle die Laune, die ſie fortriß. Sie ſtieg die ſteile, dunkle Treppe hinauf, welche zu der guten Frau führte, und ſprach nach der anmuthigſten Begrüßung ungefähr folgende Worte: „Madame, Sie haben einen Neffen, Namens Crviſilles, „ 179 der mich liebt und um meine Hand gebeten hat; ich liebe ihn auch und möchte ihn gern heirathen, doch mein Vater, Herr Godeau, Generalpächter in dieſer Stadt, widerſetzt ſich unſe⸗ rer Heirath, weil Ihr Neffe nicht reich iſt. Um nichts in der Welt möchte ich die Veranlaſſung eines Aergerniſſes ſein, oder irgend Jemand Kummer verurſachen; ich wäre alſo nicht im Stande, den Gedanken zu faſſen, ohne die Einwilligung mei⸗ ner Familie über mich zu verfügen. Ich bitte Sie nun um eine Gefälligkeit, die Sie mir gütigſt bewilligen werden; Sie müßten ſelbſt meinem Vater dieſe Heirath vorſchlagen. Ich be⸗ ſitze Gott ſei Dank ein kleines Vermögen, das ganz zu Ihren Dienſten ſteht; Sie nehmen, wann es Ihnen beliebt, fünfmal hundert tauſend Franken bei meinem Notar in Empfang; Sie ſagen, dieſe Summe gehöre Ihrem Neffen, und ſie gehört ihm auch in der That; es iſt kein Geſchenk, das ich ihm machen will, ſondern eine Schuld, die ich an ihn abtrage, denn ich bin die Veranlaſſung des Ruins von Croiſilles, und es iſt billig, daß ich dies wieder gut mache. Mein Vater wird nicht leicht nachgeben, Sie müſſen beharrlich ſein und etwas Muth haben; mir meinerſeits wird es nicht daran fehlen. Da, mich ausgenommen, Niemand in der Welt ein Recht auf die Summe hat, von der ich ſpreche, ſo wird auch nie ein Menſch erfah⸗ ren, auf welche Weiſe ſie in Ihre Hände gekommen iſt. Sie find auch nicht reich, ich weiß es, und Sie können befürchten, man dürfte ſtaunen, daß Sie Ihren Neffen auf dieſe Art aus⸗ ſtatten; aber bedenken Sie, daß mein Vater Sie nicht kennt, daß Sie ſich ſelten in der Stadt zeigen und daß es Ihnen folglich leicht ſein wird, ſich den Anſchein zu geben, als kämen Sie von einer Reiſe. Dieſer Schritt wird Ihnen ohne Zwei⸗ fel ſauer werden. Sie müſſen Ihren Lehnſtuhl verlaſſen und ſich ein wenig Mühe geben; doch Sie werden zwei Glückliche machen, Madame, und wenn Sie je die Liebe gekannt haben, werden Sie mir hoffentlich meine Bitte nicht abſchlagen.“ Während dieſer Rede war die gute Frau abwechſelnd er⸗ ſtaunt, unruhig, gerührt und entzückt geweſen. Das letzte Wort beſtimmte ſie vollends. „Ja, mein Kind,“ wiederholte ſie mehrere Male,„ich weiß, was das iſt, ich weiß, was das iſt.“ Während ſie ſo ſprach, ſtrengte ſie ſich an, um aufzu⸗ ſtehen; ihre ſchwachen Beine vermochten ſie kaum zu tragen; Julie ging raſch auf ſie zu und reichte ihr die Hand, um ſie zu unterſtützen; durch eine beinahe unwillkührliche Bewegung lagen ſie ſich einen Augenblick in den Armen. Der Vertrag wurde ſogleich geſchloſſen, ein herzlicher Kuß verſiegelte ihn zum Voraus und alle nothwendigen Erörterungen erfolgten ohne Mühe. Als Alles gehörig verabredet war, zog die gute Frau aus einem Schranke ein ehrwürdiges Taffetkleid, das ihr Hoch⸗ zeitsrock geweſen war. Dieſes antike Meuble war nicht weni⸗ ger als fünfzig Jahre alt, doch kein Flecken, kein Staubkörn⸗ chen hatte ihm ſeine jungfräuliche Blüthe geraubt; Julie war voll Bewunderung. Man ließ eine Miethkutſche holen, die ſchönſte, die man in der Stadt finden konnte. Die gute Frau bereitete die Rede vor, die ſie Herrn Godeau halten ſollte; Julie belehrte ſie, auf welche Weiſe ſie das Herz ihres Vaters rühren müßte, und zögerte nicht, zu geſtehen, die Eitelkeit ſei ſeine verwundbare Seite. — 181 „Wenn Sie ein Mittel erſinnen können, um dieſer Schwäche zu ſchmeicheln, ſo haben wir gewonnenes Spiel.“ Die gute Frau dachte hierüber nach, vollendete ihre Toi⸗ lette, vhne ein Wort zu ſagen, drückte ihrer zukünftigen Nichte die Hand und ſtieg in den Wagen. Sie gelangte bald in das Hotel Godeau; hier richtete ſie ſich bei ihrem Eintritt ſo gut auf, daß ſie um zehn Jahre verjüngt zu ſein ſchien, und als die Thüre des Boudvir ſich öffnete, ſagte ſie mit feſter Stimme zu dem Lackei, der ihr voranging: „Melden Sie die verwitwete Caroline von Croiſilles.“ Dieſes Wort entſchied über das Glück der zwei Lieben⸗ den; Herr Godeau war geblendet. Obgleich ihm die fünfmal hundert tauſend Franken gering vorkamen, willigte er doch ein, Alles zu thun, damit ſeine Tochter eine Baronin würde, und ſte wurde es; wer hätte es gewagt, ihr den Titel ſtreitig zu machen? Meiner Anſicht nach hatte ſie ihn wohl erworben. Das verlorene Paradies. Nach Arſene Houſſaye von Adrian Widerhorſt. —— % ſach ſeinen Reiſen in Deutſchland und Italien 0 C hielt Breughel, noch jung, ſchon berühmt, ſchon W reich, ſeinen Einzug in Antwerpen in einem Wagen, gezogen von vier Pferden, im Gefolge des Herz, de ihm einen edelmüthigen Empfang in Brüſſel bereitet hatte. Groß war 3 das Erſtaunen der Antwerpner, welche Rubens, Teniers und Van Dyck noch nicht daran ge⸗ wöhnt hatten, einen Maler in der Equipage eines Fürſten zu ſehen. Rubens bot ihm 5 ſeine Freundſchaft an, obgleich er ihn etwas ausſchweifend fand. Breughel ärgerte den Maler von Ant⸗ werpen durch die ganz weibliche Coquetterie ſeiner Kleidung. Sie wurden nichtsdeſtoweniger innige Freunde Alle große *) Novelle aus dem Leben von Johann Breughel, Sammet⸗ Breughel genannt, weil er ſeine Figuren meiſtens in Sammet kleidete; geb. 1568, geſt. 1625. „ — 183 Häuſer der Stadt thaten ſich vor dem Ankömmling auf, alle die vornehmen jungen Herren ſuchten ſeine Geſellſchaft. Er eröffnete ein geräumiges Atelier, das beinahe eine Akademie und ein Muſeum war. Die großen Maler der Zeit ſtritten und zeichneten darin, unter Anderen Rubens, Van Beelen, Cornelius Schut, Rottenhammer. Nach einigen Abenteuern, wie ſie allen Künſtlern be⸗ gegnen, welche Aufſehen machen, verheirathete ſich Breughel. Er hatte eine heftige Neigung für Magdalene von Alſtoot ge⸗ faßt, die er auf einem Ball des Herzogs getroffen. Mag⸗ dalene war Waiſe oder Witwe; ſie hatte, nach Cornelius Schut, der ſie in begeiſterten Verſen beſungen, eine gewiſſe verwandtſchaftliche Aehnlichkeit mit der Magdalena der heiligen Schrift. Hier ihr Portrait in wenigen Linien, wie es Rubens gemalt hat. Ihre braunen, in langen Locken zerſtreuten Haare nahmen in der Sonne die Farbe der Flamme an; ihre Augen, S der Blüthe des Wintergrüns ähnlich, waren von ſchönen, ſchwarzen Wimpern beſchattet; die Linien ihres Geſichtes waren ſo rein und harmoniſch, als man ſie auf der Welt finden konnte. Friſch, groß und ſtark, war ſie ganz die Tochter ihres Vaterlands, aber durch ihre Wimpern heatte ſie den ſanft leidenſchaftlichen Blick einer Italienerin. Mit einem Wort, ſie ſchien für den Pinſel von Rubens gemacht. Was Vreughel beſonders verführt hatte, war der Wohlgeruch dunſtiger Wolluft, den Magdalene von Alſtoot um ſich her verbreitete. Der Maler betete ſie an wie eine Geliebte und wie eine Madonna, mit den Augen des Geiſtes und den Augen pes Herzens. Sie ließ ſich mit Freuden heirathen, denn ſie fühlte ſich ſtolz, einen 184 Gatten zu haben, der ein großer Maler war und ein vor⸗ nehmer Herr; ſie hoffte, er würde ſie in der Welt umherführen, und ſchuf ſich ein Daſein ganz von Seide und Gold, von Feſten und Liedern. Doch kaum war die Hochzeitfeier vor⸗ über, als Breughel plötzlich ſeine Lebensart änderte; durch den ſanften, ruhigen Horizont der Liebe zur Ehe hingezogen, wollte er unter dem Schutze und Schatten des Herdes ruhen. Frau Breughel hatte die Welt nicht kennen lernen und ſah dieſes Leben nicht mit denſelben Augen an. Ihrer Anſicht nach hatte man immer noch zu viel Zeit, zu Hauſe zu bleiben. Sie ſagte, die ſchönen Blumen erblühen nur in der Sonne; Gott habe ſie nicht geſchaffen, um ſie in der Zelle des Ehe⸗ ſtandes verwelken zu ſehen; die wahre Sonne der Frauen ſei der Schimmer eines Ballſaales. Was ſie vor Allem liebte, war der Tanz. Man mußte ſie ſehen, wie ſie, die nichts Aetheriſches hatte, mit der Leichtigkeit eines jungen Rehs durch die Reihen hüpfte und ſchwebte. Breughel, der nicht mehr tanzte, ſchaute dem Tanzen mit zu viel Philoſophie zu; er meinte, der Tanz führe bei Ehegatten zu keinem guten Ziele. Breughel war eiferſüchtig. Weit entfernt, von ſeiner Eifer⸗ ſucht gerührt zu ſein, war Magdalene darüber aufgebracht; die Lebhaftigkeit ihrer Gefallſucht, welche Anfangs nur eine Laune geweſen war, wurde bald zu einer wahren Leidenſchaft. Sie bat, ſie flehte ihren Gatten an, ſie zu den Feſten von Antwerpen zu führen. Breughel aber führte ſie nur in's freie Feld und ſprach ihr unabläſſig vom irdiſchen Paradies, das nur von Adam und Eva bewohnt wäre. Gelangweilt durch dieſe Apotheoſe der Einſamkeit, antwortete Magdalene mit einer „ 185 reizenden Mundberziehung: Eva habe ſich im Paradies nicht ſo gut unterhalten, und ſie habe ſich beeilt, herauszukommen, nachdem ſie die Neugierde ſo weit getrieben, daß ſie auf die Rede der Schlange gehorcht. Es war um dieſe Zeit, als Breughel das herrliche Ge⸗ dicht in einem Gemälde begann, das irdiſche Paradies, dieſes große Blatt mit ſo viel Geduld auf einen ſo kleinen Raum geſchrieben, dieſe bibliſche Erinnerung von einem göttlichen Strahl erleuchtet. Breughel, der dieſes Bild unter den Augen ſeiner Frau malte, hütete ſich wohl, die Schlange im Paradies zu zeichnen. Die ganze Schöpfung iſt da, ſie zittert, ſie fliegt in der Luft, ſie ſingt auf den Zweigen, ſie ſchlummert im Graſe, ſie badet ſich im Waſſer. Sie ſind Alle da, die ſum⸗ mende Biene, der Schwan mit den ausgebreiteten Flügeln, der ſtolz ruhende Löwe; ſie ſind Alle da, außer der Schlange. Zuerſt unter allen Malern ſtellte Breughel das Paradies ohne die verbotene Frucht dar. Ihr habt dieſes reizende Paradies geſehen, in dem Euch jedes Blatt zulächelt, deſſen geringſtes Geräuſch Euch entzückt, deſſen Licht Euch bezaubert. Wie ſüß iſt der Schatten zu den Füßen dieſer Binme, wie balſamiſch iſt dieſes Waſſer durch die tauſend Pflanzen, die ihre duften⸗ den Kelche auf ihm wiegen, wie erheitern dieſe Horizonte die Seele durch ihre luftigen Dünſte! Man athmet auf jedem Schritte den Frieden und die Liebe; die Heiterkeit und das Glück, die Ruhe und die Freude ein; auf jedem Schritt hält uns ein reizender Traum auf. Die Blumen ſchütteln einen wohlriechenden Schnee ab, die ſchönſten Früchte ſcheinen da zu ſein, um den Durſt des Leibes und der Seele zu 186 ſtillen; es ſind alle Früchte zu finden außer dem bitteren Apfel. Breughel zeigte alſo die Schlange im irdiſchen Paradies nicht. Er zeigte Gott darin; dies war minder poetiſch, aber orthodorer, um ehemänniſch zu ſprechen. Er mochte immerhin ein Meiſterwerk machen; er mochte immerhin auf dieſer unſterblichen Leinwand eine unſichtbare Perſon, die Liebe, ſchaffen, die ihn auf ſeinen ländlichen Spaziergängen mit Magdalene inſpirirte, er konnte ſie nicht von den Reizen der Einſamkeit überzeugen, und ſie behauptete hartnäckig, man lang⸗ weile ſich in allen Paradieſen der Welt, ſogar in dem von Breughel. „Unſinnige!“ rief der Maler,„Du ſiehſt alſo nicht die Freude auf der keuſchen Stirne von Eva ſtrahlen, die ſich in allen dichten Gebüſchen in Geſellſchaft von Gott und Adam verirrt? Wenn wir mit einander durch dieſe ſchöne, blühende Landſchaft ſpazieren gehen, die Amſel pfeifen hören und den Wohlgeruch der Veilchen unter dieſem Sommerhimmel ein⸗ athmen, der uns zulächelt, biſt Du dann nicht wie Eva mit Gott und Adam?“ „Ach!“ ſagte Frau Breughel,„dies Alles war wunder⸗ bar, als es nur Gott und Adam gab.“ Man begreift, daß, weit entfernt, ſich durch die Schlüſſe ſeiner Frau zu beſchwichtigen, die Eiferſucht von Breughel nur um ſo heftiger wurde. Er hatte mit der Welt gebrochen, ob⸗ gleich er darin für ſich das baare Geld des Ruhmes, nämlich die Lobeserhebungen ohne Zahl fand. Man wunderte ſich mit Fug und Recht über dieſe Zurück⸗ „ —— 187 gezogenheit, man konnte nicht begreifen, warum dieſer ſo zier⸗ liche und ſo weltliche Maler plötzlich wie durch eine Ovidiſche Metamorphoſe ein ſcheuer Menſchenfeind geworden war. Es lohnte ſich wohl der Mühe, die ſchöne Magdalene von Alſtoot zu heirathen. Man fand es lächerlich, daß er eine Frau für ſich allein haben wollte.„Er zeige uns ſeine Frau und ver⸗ berge ſeine Gemälde, das wollen wir uns gefallen laſſen.“ Ohne ſich viel um das leere Geſchwätze der Welt zu be⸗ kümmern, ſetzte Breughel ſein Werk fort; legte er ſeinen„ Pinſel nieder, ſo geſchah es, um eine naturgeſchichtliche Studie am Saume eines Waldes oder am Rande eines Teiches zu machen. Ein würdiger Zuſchauer des großen Dramas der Schöpfung, fand er Vergnügen an der geringſten Scene: kein Schauſpieler, der ihn nicht rührte oder erfreute. Er folgte bei ſeinem poetiſchen Umherſchweifen dem Schmetterling oder der Waſſerjungfer; doch meiſtens, da Mag⸗ dalene bei ihm war, bvergaß er die ganze übrige Schöpfung um Magdalenens willen. Die leichtfertige junge Frau wußte ihm keinen Dank für dieſen verliebten Cultus; er hatte ihr die Thüren der Welt in dem Augenblick verſchloſſen, wo dieſe Welt zwanzigjährige Phantaſien durch das Geräuſch und den Glanz verführt, berauſcht, blendet; in der trügeriſchen Stunde, wo alle leidende Herzen ſich im Wirbel zu vergeſſen ſuchen, wo alle Geſichter ein Lächeln als Larve annehmen, öffnete ſte durch den Geiſt die goldenen Thore, die die Welt verbargen und, was noch ſchlimmer iſt, die ſie in der Welt verbargen. Breughel langweilte ſich am Ende ſelbſt in dieſer allzu ehelichen Zurückgezogenheit. Bei ſeiner Rückkehr nach Antwerpen 188 hatte er venetianiſche Bälle angeordnet, die alle Köpfe in der ſtrengen flämiſchen Stadt verdrehten. Eines Abends, da er wußte, daß ein Faſchingsfeſt bei einem ihm befreundeten, vor⸗ nehmen, jungen Herrn ſtattfand, konnte er nicht umhin, einen Augenblick dabei zu erſcheinen; er hatte die Tracht eines fran⸗ zöſiſchen Ritters aus der Zeit der Kreuzzüge angelegt. Frau Breughel wurde durch eine Zofe davon unterrichtet; tauſend ausſchweifende Pläne durchkreuzten ihren Geiſt; ſie wollte ſich verkleiden, auf den Ball gehen, tanzen, den armen Breughel raſend machen und ſich ſo für ſeine Eiferſucht und ſeine Ge⸗ heimniſſe rächen. Wie ſollte ſie ſich verkleiden? Sie hatte ein herrliches neapolitaniſches Coſtume; doch ſeitdem ſie nicht mehr auf den Ball ging, gehörte dieſes Coſtume mehr ihren Freundinnen, als ihr ſelbſt. Eine junge Witwe aus ihrer Nachbarſchaft ſollte ſich für dieſes Feſt damit ſchmücken. Da ſie keine Zeit zu verlieren hatte, ſo ſchickte ſie drei Diener in's Feld, um eine ihrer würdige Verkleidung zu ſuchen. Ein Handelsjude, der kurz zuvor erſt in Antwerpen gelandet war, brachte ihr auf das Verlangen von einem ihrer Diener einen hübſchen Oralisken⸗Anzug. Als ſie auf den Ball kam, ſuchte ſie vergebens Breughel mit einem geblendeten Blick; der Glanz der Lichter und der Trachten, das Geräuſch der Worte und der Muſik verdrehten ihr den Kopf vollends dergeſtalt, daß ſie bald vergaß, warum ſie gekommen war. Bei ihrem Eintritt wurde ſie geſucht von den ſchönſten Tänzern; trotz ihrer Larve errieth man doch ihre Schönheit beim erſten Blick. Als ſie tanzte, fand ſie die ganze betäubende Trunkenheit ihrer jungen Jahre wieder; die — 189 Erinnerung an Breughel durchdrang wohl zuweilen mit Eiſes⸗ kälte ihr Herz und lähmte ihre Füße; bald aber ſtürmte ſie wieder toller als je fort, wie jene wahnſinnigen Sünder, die die Trompete des jüngſten Gerichtes vergeſſen. Im Gegenſatz zu ſeiner Frau hatte Breughel bei dieſem Feſte nur den Lärmen und Glanz der Thorheit gefunden. Zum erſten Male dachte er, dieſes Rauſchgold verberge viele kranke Herzen. Er freute ſich, daß er ſeit ſeiner Verheirathung den guten Weg, den Weg der Wiſſenſchaft, den Weg des Glückes verfolgte. Er bemitleidete alle dieſe armen Narren, welche lach⸗ ten ohne Heiterkeit, welche liebten ohne Liebe; er entfloh in aller Haſt zu Magdalene, welche den Schlaf der Engel ſchla⸗ fen mußte. Breughel kommt in ſeinem Hauſe an; er kümmert ſich nichts um das Erſtaunen ſeiner Diener und geht geraden We⸗ ges nach dem Zimmer ſeiner Frau. Dieſes Zimmer iſt aber⸗ mals ein ſeiner Gemälde würdiges Gedicht. Nie hat eine italieniſche Großherzogin ſo viele Schätze um ſich her geſehen; alle Reichthümer des Orients ſind durch eind verſchwenderiſche Hand ausgeſtreut. Porzellane von Japan, Stoffe bon Indien, Teppiche von Perſien, Edelſteine von Golconda bilden das irdi⸗ ſche Paradies dieſer andern neugierigen Eva. Er wollte bei ſeinem Eintritt mit ihr ſprechen, ihr anvertrauen, daß er auf dem Ball geweſen und daß er, mehr als je enttäuſcht über die Vergnügungen, die man dort ſucht, zurückkehre; daß er tauſendmal glücklich ſei, zur Lebensgefährtin eine Frau wie Magdalene zu haben, welche alle Freuden des Weltalls in ſich ſchließe. Als er ſah, daß ſich ſeine Frau nicht niedergelegt 190 hatte, rief er der Zofe, die es ganz einfach fand, ihm zu ſagen, Frau Breughel ſei weggegangen, um ſich zu ihm auf den Ball zu begeben. Dieſe Entdeckung war ein furchtbarer Schlag, der ſein Herz traf. Er verlor auch den Kopf. Nachdem er einige Minuten im Zimmer auf- und abgegangen war, verließ er plötzlich ſein Haus, um Magdalene aufzuſuchen. Seine Eifer⸗ ſucht ſchlug in lodernden Flammen auf; er kehrte zum Feſte zurück, ohne daß er ſeine Unruhe zu verbergen vermochte. Er verſchlang mit dem Blick alle weibliche Gruppen; er durch⸗ lief alle Säle; die Eiferſucht ſchüttelte ihn in einem ſolchen Maße, daß er weder ſah, noch hörte; wäre er nicht zurückge⸗ halten worden, er hätte auf jedem Schritt eine Larve abge⸗ riſſen; endlich nach vergeblichen Nachſuchungen traf ſein Blick das italieniſche Coſtume, das ſeine Frau oftmals getragen hatte. „Die Grauſame!“ dachte er.„Hier tanzt ſie mit dem ganzen Sichgehenlaſſen und der ganzen Gluth einer Frau, welche weder an Gott, noch an ihren Gatten glaubt!“ Ein junger Herr, der der Frau in italieniſcher Tracht gegenüber tanzte, ergriff ihre Hand und küßte ſie geheimniß⸗ voll; weit entfernt, ſich darüber zu ärgern, ſchien ſie ihm zu⸗ zulächeln; ſie ſetzte ihren Pas mit der größten Anmuth und Hingebung fort, und es war, als hätte ihr der geraubte Kuß den vollen Zauber der Wolluſt verliehen. Ganz berwirrt ſtürzte Breughel auf ſie zu, ergriff den Dolch, den er im Gürtel hatte, und ſtieß ihn ihr in voller Wuth in den Buſen. Sie gab einen durchdringenden Schrei von ſich, der durch den „ iehiehSe 191 „— ganzen Saal ſcholl; die Heiterkeit verſchwand plötzlich, die Muſik ſchwieg, die Tänzer waren gelähmt, Jedermann lief auf dieſes Opfer der Eiferſucht zu. 5 Sie war halb todt in die Arme ihres Cabaliers geſun⸗ ken. Bleich und vor Schrecken in Eis verwandelt, ſchaute Breughel bald den Dolch und bald diejenige an, welche er damit getroffen. Alle Dämonen der Hölle waren in ſeinem Herzen, es fehlte nicht viel, und er hätte ſich ſelbſt einen Dolch⸗ ſtich gegeben. Vielleicht würde er dieſe zweite Rache vollbracht haben, hätte man nicht ſeinem Opfer die Maske abgenommen. „Großer Gott!“ rief er, als er entdeckte, daß es nicht ſeine Frau war. Er ſah ſich plötzlich von einem Kreiſe adeliger junger Herren umgeben, welche die Larven abnahmen, um Rechenſchaft von ihm über dieſes wahnſinnige Verbrechen zu fordern. Der Maler nahm auch ſeine Larve ab. „Sammet⸗Breughel!“ rief man von allen Seiten. „Ja, Sammet⸗Breughel!“ ſagte er und ſchleuderte ſeine blutige Waffe weit von ſich. „Ihr ſeid alſo verrückt geworden?“ fragte ihn ein Freund. „Ja, verrückt, wenn Ihr wollt.“ Er durchlief den Saal voll Verzweiflung. Es verbreitete ſich das Gerücht, die Wunde ſei nicht gefährlich: die Klinge des Dolches war an dem Atlaß abgeglitſcht. „Was habt Ihr denn Frau Van Artwelt gethan?“ „Ihr errathet nicht, daß ich glaubte, es wäre meine Frau?“ Er warf ſich Frau Van Artwelt zu Füßen; er wollte 192 ſprechen, doch das Wort erſtarb auf ſeinen Lippen. Was hatte er übrigens zu ſagen? Man trug die Dame fort und meldete, es wäre ein Arzt da. Von ſeinen Freunden wieder aufgeho⸗ ben, wollte Breughel ſterben. „Wo iſt meine Frau?“ fragte er mit wilder Miene. „Sie war ſo eben da,“ antwortete man ihm. „Gott ſei gelobt!“ rief er;„wenn ich noch einmal ſchlage, ſo weiß ich, wen ich ſchlage und wo ich ſchlage.“ Als er dieſe Worte geſprochen, entſchlüpfte er ſeinen Freun⸗ den und lief nach Hauſe, im Glauben, ſeine Frau hier zu finden. Magdalene war nicht zurückgekehrt. Der Maler brachte den Reſt der Nacht in düſterer Verzweiflung zu. „Ach!“ murmelte er, die Hände ringend,„wenn ich meine Frau gefunden hätte, wären wir jetzt Beide todt; ich wäre der Lächerlichkeit entgangen und hätte meinen Namen fleckenlos hinterlaſſen! Was ſoll ich nun thun? Sterben! es iſt zu ſpät. Die Welt würde einen Anfall von Eiferſucht nicht verzeihen, der ſo lange dauert. Leben! mein Leben iſt vergiftet. Allein leben oder ohne Liebe leben!“ Er ging in ſein Atelier, als wollte er ſein Unglück allen ſeinen anmuthreichen Meiſterwerken anvertrauen. Am Morgen kam ein Bruder ſeiner Frau zu ihm und benachrichtigte ihn, ſie würde nicht nur nicht mehr unter das eheliche Dach zurückkehren, ſondern auch einen Scheidungs⸗ prozeß für den Dolchſtich, deſſen Opfer ſie beinahe geworden, gegen ihn anhängig machen. Breughel erwiederte kein Wort, er ſeufzte ſchmerzlich und lächelte voll Bitterkeit. Dieſe Kunde 193 war zu etwas gut: der Kampf, der ſich entſpinnen ſollte, benahm dem Maler jeden Gedanken an Selbſtmord. An demſelben Tag begab er ſich in die Wohnung von Frau Van Artwelt. Er hatte ſie zwanzigmal in der Geſell⸗ ſchaft getroffen; es war eine junge Witwe von einiger Aehn⸗ lichkeit mit Magdalene Alſtvot, weniger friſch vielleicht, aber zarter, weniger ſchön, aber hübſcher. Ihr Gatte, ein alter, unter dem Aktenſtaub ergrauter Anwalt, hatte den guten Ge⸗ danken gehabt, im zweiten Jahre ihrer Ehe zu ſterben und ihr Vermögen zu hinterlaſſen. Obgleich etwas ſchwermüthiger Natur, brachte ſie doch ihre Witwenſchaft, wie man ſieht, heiter hin. Sie bewohnte eines der hübſcheſten Häuſer von Antwerpen mit der Ausſicht auf die Schelde. „Sie wird mich nicht ſehen wollen,“ dachte Breughel, „doch ſie wird wenigſtens erfahren, daß ich hier geweſen bin.“ Zu ſeinem großen Erſtaunen ließ ihm die Dame ſagen, er möge in ihr Zimmer kommen. Er erſchien ein wenig un⸗ ruhig, denn er wußte nicht, welche Figur er ſpielen würde. Frau Van Artwelt lag in einem Bett mit einem Sammetbaldachin. Unter dieſen düſterfarbigen Vorhängen trat ihre Bläſſe noch mehr in's Licht. Zwei junge Frauen ſaßen vor ihr; ein junger Mann, der einen Filzhut mit großem Federſchmuck in der Hand hielt, lehnte ſich an die Ecke eines Kamins mit kunſtreichem Bildnerwerk. Sammet⸗Breughel verbeugte ſich tief und ſprach: „Madame, ich komme, um Euch mein Bedauern auszu⸗ drücken; ich weiß in der That nicht, wie ich mir Vergebung Der Erzähler. 1847. M. 13 194 für dieſen Akt des Wahnſinns erflehen ſoll. Wenn ich ihn mit all meinem Blute bezahlen müßte...“ „Fern ſei es von mir, daß ich Euren Tod verlange, Herr Breughel,“ entgegnete Frau Van Artwelt;„doch man räth mir, einen Prozeß gegen Euch anhängig zu machen, da⸗ mit es ſich klar herausſtelle, der Dolchſtoß ſei nicht für mich beſtimmt geweſen, denn es gibt ſchlimme Zungen, welche im Stande wären, einen Roman zwiſchen Euch und mir zu er⸗ finden.“ „So werde ich denn von zwei reizenden Frauen verfolgt,“ ſprach traurig der Maler;„von der einen der That wegen, von der andern der Abſicht wegen. Solltet Ihr es glauben, Madame, Magdalene hat ſich zu ihrer Familie geflüchtet, mit dem beſtimmten Vorſatz gegen mich auf Scheidung zu klagen.“ „Ihr hattet da einen ſchönen Gedanken, es iſt nur zu einfach, daß dieſer Gedanke ſeine Früchte trägt. In der That, Frau Breughel hatte Recht, daß ſie von Euch floh; es gibt keine Frau, die Euch verziehen hätte.“ „Vielleicht,“ ſprach eine von den jungen Damen⸗ die bei dem Bette ſaßen. „Vielleicht, wie Ihr ſagt,“ verſetzte Frau Van Artwelt mit einem ſchwermüthigen Lächeln,„nicht Jeder, der will,„ empfängt einen Dolchſtoß von geliebter Hand.“ „Mein Gott!“ ſagte der Maler,„das ereignet ſich auf's Schönſte in Spanien und in Italien.“ Das Geſpräch nahm eine liebenswürdige, beinahe heitere Wendung. Ich kann es nicht Wort für Wort wiederholen, doch ich bemerke: Frau Van Artwelt war eine ſo gute Dame, — 195 daß Breughel die Erlaubniß erhielt, am andern Tag wieder⸗ zukommen. Diesmal fand er ſie allein. „Ich weiß Eure ganze Geſchichte,“ ſagte die junge Witwe, „doch erzählt mir ſelbſt, warum Ihr ſo weit gegangen ſeid.“ „Ihr werdet mich ſogleich begreifen, Madame, ich leſe es in Euren ſchönen Augen. Ich habe die Welt kennen gelernt; ich habe ſie unter allen ihren Geſtalten geſehen; Anfangs beluſtigte ſie mich, als ich noch neugierig war, doch bald war ich ihrer müde, da ich Magdalene liebte. Ich fand, mein wahrer Schauplatz ſei die Natur, die durch die Stimme der Vögel, der Quellen und Blumen mit mir ſpricht. Ich wollte mir, wie ſo viele Andere, hienieden ein Paradies durch die Kunſt und die Liebe ſchaffen. Ach! was geſchah? meine Eva wollte nichts von meinem Paradies ich liebte die Freuden der Einſomkeit, ſie liebte die Feſte der Welt; ich liebte die Stille, ſie liebte das Geräuſch. Ihr begreift, daß ich mein Werk verfehlte. Das Paradies war nur noch eine Hölle: ſtatt der reinen und ſüßen Wohlgerüche der Liebe hatte ich im Herzen die entzündeten Schlangen der Eiferſucht. Die Undankbare! Ich liebte ſie mit ſo biel göttlichem Entzücken! Ich ſchüttete zu ihren Füßen alle Roſen des Weges, alle Blumen⸗ gewinde meiner Palette, alle Reichthümer meiner Seele. Ach! ſie wandte ſich ab, um einen Blick des Bedauerns auf jene Welt zu werfen, von der ich ſie frei zu machen ſuchte. Die Wahnſinnige! ſie hat viele Stunden der Trunkenheit, viele be⸗ zauberte Spaziergänge, viele von Gott geſandte Träume verloren! Ich hatte das Glück für zwei geſucht und bin darauf zurückge⸗ wieſen, es allein zu ſuchen; doch iſt das Glück für mich gemacht?“ 196 „Iſt das Glück für irgend Jemand hienieden gemacht?“ entgegnete Frau Van Artwelt lächelnd.„Ich, die ich mit Euch ſpreche, träumte auch von Glück; doch Ihr wißt, daß ich mein Leben in einem Müßiggang hinbringe, der mich ermüdet. Be⸗ ſteht das Glück darin, daß man langweilige Menſchen ſieht, daß man ſpricht, um ſeine Gedanken zu verbergen, daß man lacht, wenn man zu weinen Luſt hat? Meine Geſchichte iſt ſehr einfach, eine traurige Geſchichte, die mein eigenes Mit⸗ leid erregt. Ihr habt den Herrn Anwalt Van Artwelt ge⸗ kannt? Ich will nichts Schlimmes von Abweſenden ſagen. Der arme Mann! er gehörte ſicherlich zu denjenigen, welche das Sprüchwort Lügen ſtrafen! Gott behüte ihn und gebe ihm Frieden. Er heirathete mich, als ich kaum ſiebenzehn Jahre zählte; er war reich, meine Familie hatte ſich zu Grunde gerichtet, das Uebrige begreift ſich. Ihr glaubt vielleicht, er habe mich ge⸗ liebt? Liebt man mit fünfzig Jahren? Er heirathete mich aus Eitelkeit: er wollte ſeine weißen Haare mit Roſen bekränzen. Hatte er eine Carroſſe, ſo war es nicht für mich, ſondern für diejenigen, welche mich vorüberfahren ſahen; führte er mich in Geſellſchaft, ſo geſchah es, um auf jedem Schritte ſagen zu hören:„„Frau Van Artwelt iſt ſehr hübſch!““ So gefällt ſich das Geſchick immer darin, daß es uns von unſerem wahren Wege ablenkt. Solltet Ihr es wohl glauben... doch darf ich es Euch ſagen? ich hatte ein wohlbeſchaffenes Herz; was ich von Gott auf dieſer Erde verlangte, war ein wenig Liebe, ein wenig Schatten, ein wenig Stille. Mitten unter den eitlen Vergnügungen, die mich umgaben, träumte ich von einem Spaziergang auf den Wieſen, wo ich mich hätte ganz — 497 nach meinem Gefallen wie eine Blume des Feldes erſchließen können.“ Breughel warf ſich vor dem Bett auf die Kniee und er⸗ griff eine weiße Hand, welche Frau Van Artwelt über den Atlaßvorhang herabhängen ließ. „Ach!“ ſprach er mit leiſer Stimme, indem er einen leidenſchaftlichen Blick auf die junge Witwe warf,„warum haben wir uns zu ſpät getroffen!“ „Warum! warum! dieſes Wort iſt oft über meine Lippen gegangen,“ erwiederte die junge Witwe, die Augen nieder⸗ ſchlagend. Ein anderer Horizont hatte ſich dem Maler geoffnet. Trunken vor Hoffnung, Freude und Liebe, küßte er zärtlich Frau Van Artwelt die Hand. „Ich danke dem Himmel für das ſeltſame Abenteuer, das mich zu Euren Füßen geführt hat,“ ſagte er. Die junge Witwe machte lächelnd ihre Hand los und ſprach: „In der That, der Dolchſtoß hat Euch nicht viel Ein⸗ trag gethan. Ich weiß wahrhaftig nicht, warum ich die Sache ſo liebfreundlich hinnehme.“ Man erräth wohl, während Frau Magdalene Breughel einen Scheidungsprozeß anhängig machte, wurde Frau Van Artwelt die Geliebte des Malers. Sie war verführt worden durch jene glühende Eiferſucht, welche ſo viel Poeſie über die Liebe verbreitet; ſie hatte ſich beſonders hinreißen laſſen durch den Gedanken, in dem ſanften, ruhigen, lächelnden Horizont zu leben, den Breughel vergebens für ſeine Frau geſchaffen 198 hatte. Dies bereitete ein großes Aergerniß in der guten, durch ihre patriarchaliſchen Sitten berühmten Stadt Ant⸗ werpen. Doch gerührt von dem ſtillen Glück, das ſich im Schatten der Wälder verbarg, verziehen ihnen viele nachſich⸗ tige Richter von ganzem Herzen. Warum gegen das Glück Krieg führen? Es kam der Prozeß. Breughel fiel es nicht ein, zu er⸗ ſſcheinen, um ſich zu vertheidigen; man würde ihn verurtheilt haben, hätte nicht Magdalene Alſtoot im äußerſten Augenblick eine Friſt verlangt. Die Lection auf dem Ball hatte ihr nichts gefrommt, doch die Untreue des Malers öffnete ihr die Augen. Nicht zuletzt hatte ſie erfahren, was in ihrem alten Hauſe vorging. Jeden Tag berichteten ihr dienſtfertige Frgnde, um ſie noch mehr aufzuſtacheln, wie der Maler und Frau Van Artwelt auf dem Felde wie zwei Verliebte von fünfzehn Jahren ſpazieren gingen. Der Eine hatte ſie auf einem Nachen fah⸗ rend Blüthen von Waſſerpflanzen pflücken ſehen; der Andere hatte ſie auf einem Fußpfade in Betrachtung vor einer Wolke begegnet; Dieſer hatte mit ihnen in der Kirche geſprochen, wohin ſie ſo ruhig und friedlich gingen, als ob ſie nicht ſchuldig wären; Jener hatte ſie, in das Atelier eintretend, bei einem geheimnißvollen Kuß ertappt. Die Eiferſucht, welche bis dahin Magdalene Alſtvot vor Mitleid hatte lachen machen, ſchlug plötzlich feſte Wurzeln in ihrem Herzen: mit der Eiferſucht war die Liebe zurückgekehrt. Sie be⸗ griff am Ende den ganzen Zauber des Stilllebens; ſie beklagte die ſo ſüßen Stunden, deren Wonne ſie nicht ge⸗ noſſen hatte.. 199 Sie zählte auf die Gegenwart von Breughel bei der Ver⸗ handlung des Prozeſſes. „Er wird kommen,“ ſagte ſie voll Hoffnung; ver wird ſich ſchuldig bekennen und ich werfe mich im Augenblick der Verurtheilung in ſeine Arme.“ Doch der Maler ging, wie man geſehen, nicht in's Tri⸗ bunal. In Verzweiflung, zu Allem entſchloſſen, lief Magda⸗ 3 lene geraden Wegs in ſein Haus: ſie fand nur ſeine Diener; Breughel und Frau Van Artwelt gingen, ohne ſich um das Gericht zu bekümmern, ſeit dem Morgen auf dem Felde ſpa⸗ zieren. Sie wollte warten, warf ſich in einen Lehnſtuhl und blieb hier zwei Stunden lang, in Thränen zerfließend. Breughel, den man nicht benachrichtigte, kehrte am Abend mit ſeiner Geliebten nach Hauſe zurück. Als er im Schatten eine Frau ſah, näherte er ſich ihr mit unruhigem Erſtaunen. „Ich bin es,“ ſprach Magdalene, ſich erhebend. Bei dieſer ſo lange geliebten Stimme, welche ihm in's Herz traf, fühlte der Maler, wie er wankte. „Ja, ich bin es!“ ſprach Magdalene, indem ſie ſich ihrem Gätten in die Arme warf. Breughel wandte den Kopf gegen Frau Van Artwelt um, die, ein Weſen voll Geiſt, mit einem Male begriff, was ihr zu thun übrig blieb. „Gott befohlen!“ ſprach ſie:„es war nur ein der Traum iſt vorüber; Gott befohlen 1. An demſelben Abend reiſte ſie nach London ab, woh ahnend, ſie würde nicht die Kraft haben, ſo ht bei . 200 demjenigen zu weilen, der nicht mehr ihr Geliebter ſein ſollte. Die Ehe blühte bei Sammet⸗Breughel wieder auf. Magdalene gebar im folgenden Jahre die ſchöne Anna Breughel, welche David Teniers heirathete. Der Engel der Seele. Nach dem Schwediſchen des C. J. C. Almquiſt von Edm. Zoller. —— Tochter? meine arme, unglückliche Tochter!“ ſagte die Gräfin und betrachtete zärtlich Fräu⸗ lein Emilie, die an ihrer Seite auf dem rothen Damaſtſofa ſaß. „Engel der Seele!“ rief ſie mit ſchwa⸗ cher, beinahe ſchmachtender, aber einnehmender und heller Stimme.„Dieſer Engel, meine Mutter, iſt die Liebe. Ich habe davon ge⸗ leſen; aber noch mehr ſelbſt erfahren. O meine geliebte Mutter— ſchmähe mich nicht darum— ich bitte, ich flehe Dich an.“ Fräulein Emilie erhob ſich. Ihre ſchöne bleiche Stirne ſenkte ſich auf die Bruſt herab, und in dem klaren Auge, das ſo bittend auf der Gräfin ruhte, glänzte eine Thräne. Sie faltete ihre Hände und ſchien bereit zu einem Kniefall. Aber die Gräfin unterbrach ſie, nahm ſie in ihre Arme, * 202 küßte ſie und flüſterte ihr zu:„So laß uns dorthin gehen, da es dort geſchehen. Um Deinetwillen will ich heute ſchwach ſein und all' deinen Gründen Gehör ſchenken.“ Als die Beiden zuſammen in das kleine Kabinet einge⸗ treten waren, deſſen ſchöne Bilder ſymmetriſch an den mit grüner Seide tapezierten Wänden vertheilt waren, ſchloß die Gräfin ihre Tochter wieder an ihre Bruſt, bat ſie, ſich zu ſetzen und ohne Rückhalt Alles zu ſagen. Fräulein Emilie küßte die weiße, weiche Hand ihrer Mut⸗ ter und ſagte:„Die Liebe, die treue Liebe— o meine Mut⸗ ter— ich kann ſie nicht aus meiner Seele verbannen. Ich kann die reine und beſte Seele nicht aus meiner geiſtigen Nähe vertreiben laſſen. Was wäre ich, wenn ich vergäße— wenn ich den Gedanken an ihn aufgäbe, an ihn, den ich— nein, bei Gott! Gerade hier in dieſem Zimmer, bei dem Anblicke dieſer Bilder ſah ich ihn zum letzten Male, ehe er fortreiſtte. Hier— gerade an dieſem Fenſter— nahm er Abſchied von mir. Wir wollen ſehen, ſagte er, weſſen Gedächtniß länger lebt, das deine bei mir oder das meine bei Dir. O, ich ſehe es noch ſo deutlich, als ob es heute geweſen wäre, wie ſeine glühen⸗ den Augen auf mir ruhten. Durch dieſe Thüre verſchwand er! welches Heiligthum iſt mir darum dieſes Zimmer. Das iſt Alles, was ich meiner Mutter hier ſagen wollte.“ „Beruhige Dich, mein Kind!“ „Ach ihn, ihn ſoll ich für einen Andern aufopfern? Gehen keine Sterne über dem Meere auf, wo er ſegelt? Kann ich jene Sterne nicht ſehen und ihn in ihnen grüßen, wenn ſie über den Rand des Horizonts heraufſteigen? Ja, meine „ 203 Mutter. Und ihn ſoll ich vergeſſen? Die Sonne würde ihre Strahlen nicht mehr auf meinen Pfad ſenken: und ich könnte mich dann erſt recht unglücklich nennen. Vor den Blicken aller Menſchen ſtünd' ich wie ein Verbrecher da und ſelbſt die ſchwarzen Schwingen der Nacht, wenn ſie die Schlafloſe ein⸗ hüllten, würden mir lichter und reiner dünken, als ich, die Treuloſe! Meine Mutter ſollte mir vergeben können— die Menſchen mir verzeihen— ja, ſie würden mich vielleicht loben?— aber ich ſelbſt, ich müßte mich verdammen.“ „Guter Gott, welches Wort!“ „Keine Bitten mehr— ich flehe darum, meine Mutter!“ „Aber Wilhelm*) iſt nun fünf Jahre fort. In den bei⸗ den erſten ſchrieb er Dir; in den letzten drei haſt Du kein Wort von ihm erhalten. Sei ruhig, meine gute Emilie. Major Fabian iſt ein Mann, der in jeder Hinſicht, durch Geburt, Anſehen, Charakter und Reichthum ſich mit Jedem meſſen darf. Du biſt dreiundzwanzig Jahre alt— und wirſt Deiner Mutter zu ſagen geſtatten, was ich Dich nicht mißzu⸗ verſtehen bitte— Du mußt die Standespflichten jetzt über Alles ſetzen. Und die Liebe? Warum ſollteſt Du nicht eben ſo gut einen Mann, wie Major Fabian lieben können? Ich kann nicht begreifen, was der Verbindung zwiſchen zwei ſo reinen Weſen, wie das ſeine und das Deine, hindernd in den Weg treten ſollte. Dein Vater iſt todt, mein Kind; ich mußte Dich ſomit allein berathen. Vor Allem, Emilie, ſei klug. Ich bitte Dich: nur ein einzig Mal, nur diesmal ſei ber⸗ Den Namen des Grafen wagen wir nicht auszuſetzen. 204 nünftig. Ich beſtreite die Verdienſte Wilhelms keineswegs; er war ein vortrefflicher junger Mann. Er reiſte nach Braſi⸗ lien. Es iſt möglich, daß er dort ſein Glück gemacht; einmal wird er wohl auch wiederkommen. In Braſilien findet man Diamantengruben, ſagt man. Ich will es nicht läugnen. Es iſt möglich, daß er in Columbien, in einem der Staaten Bo⸗ livars, am Rio de la Plata durch ſeine Tapferkeit ſich zu einer Stellung emporſchwingt, die ſeinem Namen und ſeiner Geburt Ehre macht. Aber— ich ſage— all' dies gehört doch nur zu den Möglichkeiten. Major Fabian iſt dagegen eine Wirklichkeit, und ich frage Dich aufrichtig: war es recht ge⸗ than von Wilhelm, daß er Dich in drei Jahren nicht einen Buchſtaben über ſein Wohl oder Uebel wiſſen ließ?“ Fräulein Emilie ſaß einen Augenblick in ſtummem, me⸗ lancholiſchem Schweigen da. Sie hatte der Gräfin Hand los⸗ gelaſſen. Haſtig faßte ſie ſie wieder und rief, wie durch eine Einflüſterung wieder zum Leben erwacht:„Und meine Mutter glaubt voll und feſt, daß Major Fabian ein p⸗ edler, ſo voll⸗ kommen achtungswürdiger Mann ſei?“ „Ohne Zweifel, mein Kind. Wie kannſt Du das in Frage ſtellen? Du haſt ihn ohne Mühe in dieſer Zeit unſe⸗ res Umgangs kennen lernen können, und— Du weißt— er kommt dieſen Nachmittag zu uns, um eine entſcheidende Ant⸗ wort auf ſeine erneute Vitte zu erhalten, da er ſchon einmal eine abſchlägige Antwort von Dir hören mußte.“ „Ich werde unterſuchen, ich werde prüfen; ja ich werde!“ flüſterte Fräulein Emilie, während ſich noch tiefere Bläſſe über ihr Geſicht ergoß.„Zeigt er ſich, wie er ſoll, ſo—“ 205 „Gut; Du verſprichſt mir alſo, ihn freundlicher, auf⸗ merkſamer zu empfangen, als früher?“ „Ich verſpreche nichts. Aber iſt er ein ſo achtungswer⸗ ther Mann, als meine Mutter ſagt, ſo wollen wir ſehen.“ „O, ohne alle Frage.“ „Laßt uns deshalb nicht weiter davon ſprechen, wenn meine Mutter ihre arme Emilie liebt.“ Die Gräfin lächelte und ſchwieg. Das Geſpräch ging auf andere Gegenſtände über und man trennte ſich. Nachmittags, zwei Stunden vor der gewöhnlichen Beſuchs⸗ zeit, trat der Kammerdiener der Gräfin ein und meldete den Herrn Major. Die Gräfin dachte zwar, er komme etwas gar zu früh, ſtellte ſich aber durchaus nicht überraſcht. Major Fabian trat ein: eine kräftige Geſtalt, in den beſten Jahren, oder wenig darüber; auch konnte er wohl ſchön genannt werden, wenn die inneren Falten des Herzens ſich nicht bereits um einen Andern drapirten. Ein kaum bemerkbarer Schauer überfiel Fräulein Emilie. Aber der Herr Major wandte ſich, mit einer leichten Ver⸗ beugung vor ihr, an die Gräfin. Nach einer Begrüßung, die zugleich eine Entſchuldigung wegen ſeines zu frühen Kommens in ſich ſchloß, ging er zum Vortrag eines Wunſches über. Er lud die Frau BFräfin und ihre Tochter zu einer Fahrt auf ſein neulich gekauftes Landgut vor der Stadt ein, das jetzt geordnet und eingerichtet ſei. Dann ging er auf eine kurze Beſchreibung ſeines Eigenthums über, das von Aecckern, Wie⸗ ſen und Wald umgeben war. Zuletzt bemerkte er, das Wetter *. 206 ſei ſo ausnehmend ſchön, daß er ſich die Freiheit genommen, mit ſeinem Wagen vorzufahren und ihn vor dem Thore der Gräfin warten zu laſſen, und er ſtelle deshalb die Frage, ob die Damen ihm die Ehre dieſer Promenade geben wollten. „Ich habe,“ ſchloß er,„eine kleine Geſellſchaft für die⸗ ſen Abend auf mein Landgut eingeladen, welche die Frau Gräfin kennt.“ 2 Die Gräfin fand keinen Grund, die Bitte abzuſchlagen, und Fräulein Emilie dachte, wenn der Major ſo weit gehe und ihr eine Erklärung auf dem Lande außen mache, ſo wäre auch dort der Platz, das zu antworten, was ſie beabſichtigte. Nach einer kleinen Stunde fuhr man fort. Major Fabian war äußerſt zuvorkommend. In einem ſchönen, mit lebhaf⸗ ten Pferden beſpannten Phaöton durch die herrlichſten Stra⸗ ßen einer großen Stadt zu fahren, iſt zwar ein Vergnügen; aber außer der Stadt hat man doch eine beſſere, friſchere Luft. Das Feld ſtand um dieſe Jahreszeit in ſeinem reichſten Schmuck. Der Weg zog ſich durch Haine und Wälder; manch' zartes Lüftchen wehte durch die ſchwankenden Zweige. Sonſt herrſchte vollkommene Stille. Die älteren und größeren Bäume mit ihren ſchweren Aeſten vermochten von den ſchwachen Luftwellen nicht bewegt zu werden. Ein aromatiſcher Duft ſtieg aus den Blumen und dem Gras in einer unſichtbaren Wolke auf. Bald lag der letzte Wald hinter dem flüchtigen Wagen; es öffnete ſich eine Ausſicht, ein Feld lag vor ihnen ausgebreitet, und am Ende einer langen Allee blickte ihnen ein prachtvolles Schloß entgegen, das von dem Reichthum und feinen Geſchmack des Eigenthümers zeugte. „ 207 Fräulein Emilie betrachtete Alles mit einem unwillkühr⸗ lichen Seufzer. Man ſtieg aus dem Wagen. Nicht ohne freudige Ueberraſchung betrat die Gräfin die reizende Wohnung. Sie hatte während der Zeit ihrer Bekanntſchaft mit dem Major die vortheilhafteſten Begriffe von ſeinen perſönlichen Vorzügen bekommen; aber daß er ſo viel Güter dieſer Welt beſaß, um dieſes ſchöne Sans⸗ſouci zu kau⸗ ſen, deſſen Salons in ihrem eleganten und zugleich einfachen Sthl ſich vor ihren Augen öffneten, das war mehr, als ſie erwartet hatte. Eine lichte Flamme durchzuckte ihre Sinne bei dem Gedanken an einen ſolchen Schwiegerſohn. Aber ein Tro⸗ pfen des Schmerzes ſiel in den Kelch ihrer Freude, wenn ſie ſich die Möglichkeit vorſtellte, Emilie könnte ihre Weigerung fortſetzen. Man ſah ſich bald von einer kleinen Geſellſchaft umge⸗ ben, meiſt vertraute Freunde aus der Stadt, alle dem gewöhn⸗ lichen Cirkel der Gräfin angehörend. Gegen Abend ſpazierte man in kleinen Abtheilungen durch den Baumgarten. Man nahte dem Parke. Major Fabian hatte Fräulein Emiliens Arm erhalten und wandte ſich nach einigen weniger beſuchten Gängen. Die Gräfin bemerkte es ohne Mißvergnügen. Nach einer Stunde ſah Fräulein Emilie um ſich und ge⸗ wahrte ſich allein mit dem Major Noch eine Wendung um einige hohe Hagdornhecken und ſie ſah vor ſich einen Pabillon, der, wie man ſah, ganz neu, obwohl im bhzantiniſchen Sthle erbaut war. Der Major, welcher Fräulein Emilie ſeine 208 Anordnungen und die kleine Bibliothek zeigen wollte, die er darin aufgeſtellt, und ſie über das Eine und Andere um Rath zu fragen beabſichtigte, bat ſie, einzutreten. Sie that es ohne Zögern. In dem Pavillon ſtand ein Sopha. Vom Fenſter her grüßten freundlich blühende Camelien und am bedeutungsvollſten von Allem eine hohe Paſſionsblume in vollem Flor, die in einer ſchwarzen Vaſe ſtand. „Mein Fräulein! ich brauche Ihnen nicht die Abſicht zu ſagen, weßhalb ich dieſe Promenade veranſtaltet und gewünſcht habe—“ begann der Major, und ſuchte mit dem feſten Vertrauen eines hochgeſinnten Mannes auf die gute Sache, für die er ſpricht, ihr die Gründe zu ſeiner erneuten Bitte um ihre Hand auseinanderzuſetzen:„Das Nein— jene, wie ich hoffe, nicht durchaus abſchlägige Antwort,— die ich ſchon einmal ver⸗ nehmen mußte, hat mich nicht dabon abgeſchreckt, Ihnen we⸗ nigſtens die Wohnung zu zeigen, die ich Ihnen anzubieten habe, im Falle Sie mir das höchſte Glück ſchenken wollten.“ Fräulein Emilie betrachtete Major Fabian mit Rührung. Sie ſtand einen Augenblick ungewiß; aber bald ſagte ſie mit einer Entſchloſſenheit, die Alles überwand:„Gönnen Sie mir eine offene Erklärung!“ Der Major führte ſie zum Sopha und ſie ſetzten ſich. „Ich erwarte mein Urtheil von ſchönen Lippen,“ antwor⸗ tete er. Noch einmal ſchien ſie ſich Gewalt anthun zu müſſen, und ſagte darauf, die Hand ſanft auf dem Arm des Majors ruhen laſſend und die Blicke mit Wärme auf ſeine Augen 0 gerichtet:„Ich, ich würde nie einen Mann zum Gatten neh⸗ men, vor dem ich nicht die unbeſchränkteſte, vollkommenſte Achtung hegte.“ Der Major ſchwieg, etwas erſtaunt über dieſen Anfang. Emilie fuhr fort:„Ich— ich könnte dem Herrn Major die Achtung nicht mehr weihen, die ich bisher für ihn gehegt, wenn—“ „Um Gotteswillen, ſprechen Sie aus!“ „Wenn der Herr Major darauf beſteht, mich zu ſeiner Gattin haben zu wollen. Denn, verſtehen Sie mich wohl! ich würde unrecht handeln, wenn ich meine Zuſtimmung dazu gäbe, die Ihrige zu werden. Somit— wenn der Herr Major mich deſſenungeachtet nehmen würde, mich, eine Perſon, die ſich unrecht aufgeführt, müßte er ja gegen das handeln, was die Ehre fordert! Und wie ſollte ich da ferner noch Achtung vor dem Herrn Major hegen 2“ Fabian ſchüttelte, leicht lächelnd, den Kopf über dieſe Worte, die mehr Spitzfindigkeiten, als der Ausdruck der Offen⸗ heit ſchienen.„Alles ſcheint darauf hinauszukommen,“ fiel er ein,„daß es eigentlich Fräulein Emilie iſt, die etwas Unrechtes zu thun meint, wenn ſie meine Hand annimmt; und da muß es ich nun ſein, der ſich tadelnswerth aufführt, wenn ich mich mit einer Dame vereinigte, die in der genannten Hinſicht un⸗ verantwortlich handelte? Haha! iſt es nicht ſo? Dieſer Zirkel⸗ beweis iſt wirklich ſehr bewunderungswürdig und ſinnreich, aber nicht ſehr ſchmeichelnd für mich.“ „Ich wußte, daß ich die Güte des Herrn Majors in Der Erzähler. 1847. M. 14 *. 210 Verſuchung ſetzte, da ich Gedanken äußerte, welche ſolche Zwei⸗ deutigkeiten zuließen. Aber ich hoffe auf Vergebung.“ Er küßte ihre weiche Hand, die ſie ſanft zurückzog. „Gewiß,“ fuhr ſie fort,„hat meine Mutter den Herrn Major von der frühern Verbindung in Kenntniß geſetzt, die ich geknüpft?“ „Mit Wilhelm?“— „Der Herr Major weiß ſomit Alles?“ „Mein Fräulein, laſſen Sie mich ohne Umſchweif reden. Wilhelm iſt einer meiner älteſten, wärmſten Freunde. Seine Reiſe nach Braſilien vor fünf Jahren ſchmerzte mich ſehr. Aber die Abweſenheit glättet manche Falte des Herzens.“ „Nicht immer!“ Fabian ſah ſie mit einem Blicke an, deſſen bverborgene Gedanken ſchwer zu erforſchen waren.„Fräulein Emilie!“ fuhr er fort,„ich habe von der Frau Gräfin Näheres über dieſe Bekanntſchaft zwiſchen meinem glücklichen Freund und Fräulein Emilie gehört. Aber daß es eine geknüpfte Ver⸗ bindung war, wußte ich in Wahrheit nicht.“ „Was meint der Herr Major?“ „Ich weiß nicht.“ „Mißverſtehen Sie mich nicht. Zwiſchen Wilhelm** und mir kam es nicht mal zur Verlobung. Nur Worte wurden zwiſchen uns gewechſelt; aber Worte, die unter der reinſten Wahrheit unſerer Gedanken erblühten. O Herr Major, ich wäre das verachtungswertheſte Weſen, wenn ich ihn vergäße, und was er zu mir ſagte. Niemand hörte uns, nur meine Mutter nahm an unſern Gedanken Theil. Aber,„„die Liebe . 211 iſt der Engel der Seele“ Dies waren die letzten Worte, die er zu mir fagte, ehe er ging:„„Ich will ſehen, Emilie, ob Du ſie mir erhältſt.““ Ich ſah ihn gehen. In meiner Einſamkeit, in dem Kabinette meiner Mutter, wo wir zuletzt mit einander ſprachen, ſchwor ich— niemand als Gott hörte mich— aber ich ſchwor meiner eigenen Seele die Treue, ihre ſchönſten Blumen nicht verwelken zu laſſen.“ Fabian erhob ſich. Eine Thräne glänzte unter ſeiner Augenwimper; er bat Fräulein Emilie, ihm in ein inneres Gemach zu folgen. Sie that es. Nicht ohne ſich ſichtbar Gewalt anzuthun, begann er wieder.„Mein Fräulein, ich habe einen ſchweren, ſchmerzlichen Auftrag. Aber ſeien Sie überzeugt—“ Emilie ſah ihn ſcheinbar verwundert an. Sie nahte der Thüre, um im ſchlimmſten Fall die Möglichkeit der Flucht ſich zu ſichern. „Ich verſtehe Alles,“ fuhr er raſch fort, und hielt ſie zurück.„Die Frau Gräfin, Ihre Mutter, hat mich von der unauslöſchlichen Liebe unterrichtet, die Sie meinem ehemaligen Freunde widmen. Ich müßte mich ſelbſt verachten, wenn ich es wagte, eine kalte Hand zwiſchen ſo warme Gefühle zu legen. Aber hören Sie, was ich weiß!“ Emilie ſtutzte. „Die Nothwendigkeit erfordert, daß ich däs Schreckliche ausſpreche. Wilhelm iſt nicht mehr. Schon vor zwei und einem halben Jahre durchbohrte ihn eine Kugel im Treffen bei Montevideo gegen den berüchtigten Dictator Francia. Mein Fräulein! ich wollte Sie nicht von dieſem Unglück unterrichten, 212 um Sie nicht zu vernichten, und nie würde ich geſucht haben, der Nachfolger meines Freundes an Ihrer Seite zu werden, wenn ich nicht von der Unmöglichkeit überzeugt wäre, daß ihm das Glück einer Verbindung mit Ihnen zu Theil werden könnte.“ Emilie erholte ſich nach und nach, obwohl mit großer Mühe, von der Ohnmacht, in die ſie beinahe gefallen wäre. „Todt, todt,“ flüſterte ſie. Fabian drückte ihr mit einem Gefühle die Hand, das der reinſte Ausfluß der bloßen Freundſchaft war. Aber ohne auch nur mit der geringſten Rührung ſeine Hand wieder zu drücken, fuhr Emilie fort:„Todt! ſo bin ich um ſo mehr ſeine Frau. Ihr Geiſter in der höheren Welt, in den Wohnungen der Treue! höret mich: keinem, keinem auf der Erde werde ich je angehören!“ Fabian betrachtete ſie. Es war ein wunderbarer Anblick. Er hatte manchmal ſchon von einer ſolchen Liebe reden hören, aber nie daran ge⸗ glaubt. Er ging einmal im Zimmer auf und nieder, kam zurück, drückte ihre Hand an ſeine Stirne und ſagte:„Fräu⸗ lein Emilie! mit einem Gefühle, deſſen Namen ich nicht ausſprechen kann, muß ich noch etwas hinzufügen. Aber es ſei, mein Fräulein!“ Er führte ſte zu einem Fauteuil in der Nähe einer Thüre, die in ein kleines Zimmer führte. „Ich bin unentſchloſſen, ob ich nicht lieber ſchweigen ſollte. Es iſt gefährlich, ein ſo ſchönes Netz entzweizuſchneiden, das die Illuſton um uns gewoben. Aber— die Welt hat For⸗ „. 213 derungen an uns; wir haben ſogar Pflichten gegen ſte zu er⸗ füllen. Fräulein Emilie kann nicht verblühen, ſterben, wie eine vor der Zeit abgepflückte Roſe. O mein Fräulein, leſen Sie dieſen Brief von Rio Janeiro.“ Er zeigte ihr ein Papier„ das er raſch aus einer Lade hinter den Fächern der Bibliothek hervorgezogen. Sie blickte hinein und ſank bewußtlos in den Fauteuil nieder, während ſich ein Dämmer über ihre Augen legte. Fabian wagte es, ihre Hand zu ergreifen, um ſie wieder zum Leben zurückzurufen. Als ſie, mit gebrochenem Blicke dankend, ihr Haupt wieder erhob, ſagte er:„Mein Fräulein, Sie ſehen daraus, daß es nur geſchah, um Sie zu ſchonen, als ich ſagte, Wilhelm ſei todt. Ich hielt es für milder, ſüßer und beſſer für ein Herz, das ſo himmliſch zart.“ „Zart! zart? Nein, von dieſer Stunde an nicht mehr! Es iſt abgehärtet— kalt— todt!“ „O Wilhelm,“ fuhr ſie mit ſchwächerer Stimme fort: „Du biſt alſo nicht todt?— Du biſt— vereint— mit einer Andern?“ Fabian zog ſich etwas zurück. Er trat in die Biblio⸗ thek. Aber ſie fuhr fort: „So ſei es nun, Wilhelm! Du haſt der Liebe Heilig⸗ thum aus Deiner Seele berloren. Ich bin nichts mehr— nichts mehr für Dich? Aber ich will nicht handeln, wie Du: ach, ich kann es nicht. Du ſollſt ewig in meinem Her⸗ zen leben; und das, was Du warſt, das iſt und ſoll ewig bei mir bleiben, ſoll mir niemals verloren gehen.“ Sie faltete ihre Hände, führte ſie an ihre Stirne und 214 ſank, wie in ein Gebet verzückt, nieder und flüſterte:„Dich vergeſſe ich nie. Und Keinem, Keinem will ich angehören, weder auf Erden, noch bei Gott, da Du nicht mein wardſt.“ In dieſem Augenblick lag eine Geſtalt zu ihren Füßen. Das geſenkte, lockige, ſchöne Haupt ſtützte ſich auf ihre Kniee und mit ſeinen Armen umſchloß er ſie. Major Fabian trat nun gleichfalls aus der Bibliothek und folgte ſeinem gefundenen Freunde; triumphirend ſah er auf Fräulein Emilie, die ſo glücklich die gefährliche Probe be⸗ ſtanden hatte, aus der ſie ſiegend hervorgegangen.„Du haſt geſiegt, Wilhelm!“ rief er,„wir wollen ſehen, ob Du nun auch Vergebung für Deine Grauſamkeit erhältſt.“ Nach einer kleinen Stunde, nachdem die Ueberraſchung ſich mit der Freude des Herzens verſöhnt, rief Emilie:„Wil⸗ helm, wenn ich an alle Gefahren denke, an all' die unzähli⸗ gen Abenteuer, denen Du indeſſen ausgeſetzt warſt, und Dich nun wieder ſehe und zärtlich in meine Arme ſchließe! Iſt es wirklich Wahrheit?“ „Gefahren?“ antwortete er.„Gott ſei Dank, das iſt vorbei.“ Er ſah ſie mit unſagbarer Seligkeit an. In dieſem Au⸗ genblick geſtattete ſie ihm einen Kuß. Wilhelm fuhr fort:„Ein ſchwarzer Gedanke ſtieg einſt in Amerika in mir auf. Ich war Deiner Treue ſo gewiß, Emilie. In fünf Jahren fiel mir nicht der geringſte Zweifel auf's Herz. Im Anfang dieſes ſechsten ſaß ich an einem ſchö⸗ nen Maiabend in einer Geſellſchaft. Ich ſprach mit einem „ 215 kürzlich aus meinem Vaterlande angekommenen Landsmanne. Ich hatte ihm mein Schickſal mitgetheilt: wir wurden nach und nach ſo vertraulich, wie Brüder. Ich theilte ihm mit, welche Fortſchritte ich gemacht, die glücklichen Umſtände, in denen ich mich nach fünfjährigem Kampfe befand; ich vertraute ihm endlich das Geheimniß meiner glücklichen Liebe. Er un⸗ brach mich mit ſpöttiſchem Tone:„Treue?“ rief er,„Treue von einem Mädchen? Nun ja, wir müſſen's ihnen vergeben, denn zeigen wir Männer ihnen mehr? Vier Jahre mag die Treue dauern; aber fünf? Ich gehe eine Wette mit Dir ein,“ rief er und ſprang auf,„daß Du keine Braut mehr in der Heimath triffſt, die Du Dein nennen könnteſt. Sollte ſie auch noch an Dich denken, ſo geſchieht es nur deshalb, weil ſich kein Anderer eingefunden, der die Himmliſche in Verſuchung geführt. Merke wohl, was ich ſage: die Himmliſche ver⸗ ſucht; denn daran hängt Alles,“ ſchloß er mit einem geheimniß⸗ vollen und zugleich ſchrecklichen Blicke. Ein eiſiger Gedanke durch⸗ rieſelte mich bei dieſen Worten. Er kommt von meinem Va⸗ terlande, dachte ich, und weiß vielleicht mehr, als ſeine bloßen Worte ſagen wollen. Es iſt nicht blos eine allgemeine, düſtere Erfahrung, die er ausſprechen wollte. Ein Zweifel, Emilie, zeigte ſich vor meinen Augen. Siehſt Du, das war das grau⸗ ſame Krokodil, von dem ich Dir ſprach; das war es, was mich mit wild drohender Wuth und ſchrecklicher Stimme anfiel.“ „Himmel, was höre ich?“ „Gejagt von den giftig grünen Blicken des Unthiers, hatte ich keine Ruhe mehr in Braſilien. Ich löſte mich von allen Banden in meiner neuen Heimath. Ich eilte heim übers 216 Meer. Das Uebrige weißt Du! Todt liegt das erſchlagene Thier zu unſern Füßen, Emilie; verſchwunden iſt das Kroko⸗ dil. In dieſer Stunde gibt es keine Gefahr mehr für mich: keine für Dich.“ Major Fabian hatte unterdeſſen die laubbedeckten Baum⸗ gänge durcheilt, um die Gräfin bei der übrigen Geſellſchaft zu finden. Er fand ſie endlich und bat ſie um eine kurze Unterredung. Die Gräfin ſah den Major fragend an. Als ſie auf einen der Fußwege kamen, wo Niemand ſie ſehen konnte, zog er einen Ring hervor, der mit blitzenden bra⸗ ſilianiſchen Diamanten vom klarſten Waſſer beſetzt war, und bat ſie, ihn an ihrer Hand zu ſtecken. Die Gräfin ſah den Major fragend an. Sie ſchien eine Erklärung zu verlangen. „Ich hatte eine ſchwere Aufgabe,“ antwortete er.„Es iſt mir geglückt; oder beſſer geſagt, ich bin es nicht, dem es geglückt iſt. Die Liebe, die wahre, unſterbliche und wirkliche Treue hat ihren Triumph gefeiert. Nehmen Sie dieſen Ring, meine Gräfin. Er kam jüngſt über's Meet aus Braſilien. Ihr künftiger Schwiegerſohn bittet Sie durch mich, ihn als Unter⸗ pfand der tiefſten Verehrung zu empfangen. Im Uebrigen darf ich nun nicht länger vor Ihnen geheim halten, daß nicht ich, ſon⸗ dern er der Eigenthümer dieſes ſchönen Gutes iſt; obwohl er ſich nicht als ſolcher zeigen wollte, ehe er zum Vollen ſich ver⸗ gewiſſert hatte, wie weit er noch einen Raum in Ihrer Toch⸗ ter Herzen einnehme, da ert hörte, daß die Briefe, die er in ⸗ beſaß ſein Vertrauen in Allem. Mit ſeinem Gelde, aber unter 217 den letzten Jahren geſchrieben, nicht an ihre Adreſſe gekommen ſind.“ Die Gräfin konnte ihr Erſtaunen nicht verbergen. Sie betrachtete den koſtbaren Ring, der mit der Hand, die er zierte, an Schönheit wetteiferte.„Und Wilhelm alſo— 2“ „Laſſen Sie uns eilen, meine Gräfin. Ich ſage Ihnen aufrichtig, daß ich mich beinahe dieſes Auftrages ſchäme, zu dem mich nur die Freundſchaft vermochte; aber ich war ge⸗ wiß, daß Fräulein Emilie ſiegreich daraus hervorgehen und mir wiederum eine abſchlägige Antwort geben werde. Mein Freund Wilhelm verzweifelte ſelbſt an ſeiner Würdigkeit ſie zur Frau zu bekommen. Er wollte erfahren, bis zu welchem Grad er geliebt werden könnte. Ich habe einen ſchönen An⸗ blick erlebt. Kommen Sie, o meine Gräfin, und ſeien Sie ſelbſt Zeuge davon. Vergeben Sie mir, wenn es möglich, daß ich es gewagt, um Fräulein Emiliens Hand anzuhalten, ohne die geringſte Abſicht zu haben, ſie zu ehelichen.“ „Wo war Wilhelm während der ganzen Zeit?“ „Er hat ein Glück gemacht, das ſeinen Verdienſten ent⸗ ſprach. Er iſt nicht allein zum Oberſten in Bolivia's Dienſt emporgeſtiegen, ſondern ſogar, ſeitdem er aus dem Militärleben getreten und die Fahnen der Republik verlaſſen, Eigenthü⸗ mer einer Plantage in Braſilien, in dem Landſtrich von Bahia, geworden. Er iſt reich. Er iſt geehrt. Aber was wäre er ohne Emilie? Vor einiger Zeit in ſein Vaterland zurückge⸗ kommen, wollte er ein tiefes Incognito annehmen, um ſeine alten Freunde auszuforſchen; und nur ich, als ſein Allteſter, 218 meinem Namen, wurde dieſes Gut gekauft, um ſein Arkadien zu werden, während er ſich in ſeinem Vaterland aufhalte. Vor Allem wollte er ſein Glück oder Unglück bei Ihrer Toch⸗ ter erforſchen, und er wohnte, während ich ein ſo unglückli⸗ cher Freier war, hier außen in einem Pavillon, ganz mit ſeiner Bibliothek beſchäftigt. Wir werden zu dieſer kleinen Wohnung gehen, wo er während mehrerer Wochen zwiſchen Hoffnung und Furcht ſchwebte, und täglich von meinem Munde Bericht über Fräulein Emiliens und ihrer Mutter Schönheit vernahm. Er lebte davon.“ „Welcher Einfall! welche Lebensart!“ rief die Gräfin. „So etwas hätte ſchlimm ausfallen können.“ „Nicht für mich,“ antwortete der Baron mit einer an⸗ ſpruchloſen Wendung.„Ein Freier, wie ich, konnte auf nichts Anderes, als eine abſchlägige Antwort rechnen.“ „Das begreife ich nicht!“ rief die Gräfin haſtig und etwas unüberlegt.„Aufrichtig geſagt,“ fuhr ſie mit etwas zurückhaltendem Tone fort:„ich kann wirklich keinen Grund einſehen, warum eine abſchlägige Antwort hätte ſo ſicher ge⸗ weſen ſein ſollen.“ „Ach— meine Gräfin. Sehen Sie mich nur einen Augenblick an.— Könnte ich der Liebe einer Dame werth ſein?“ „Aber— wahrhaftig—“ „Im Uebrigen bin ich um ein Bedeutendes älter, als Fräulein Emilie, wenn auch bei dem Abſchluß der Ehe dieſer Unterſchied gegenwärtig nicht mehr ſo ſehr in Betracht gezogen wird. Und was iſt mein Vermögen?“ — 219 „Ganz bedeutend, wenn ich recht berichtet bin.“ „Nun vielleicht, meine gnädige Gräfin, verſteht man darunter, da ich nicht Beſitzer dieſes Gutes bin, auf dem wir uns befinden, die beiden Güter, die in der Nähe der ver⸗ pachteten Güter der Gräfin ſelbſt liegen. Aber aufrichtig ge⸗ ſagt: trotz alledem möcht' ich nicht freien. Aus Scherz oder um eines Andern willen könnte ich es einige Wochen lang thun.“ „Und das ſollte in der Vergangenheit dem Herrn Major nie geſchehen ſein, daß er für ſich ſelbſt eine ſo uner⸗ hörte Narrheit begangen hätte, wie——“ die Gräſin brach mit einem leichten Lächeln ab. „Allerdings,“ fiel er ein,„denn ich hatte eine zu große Furcht vor der Schmach, nicht erhört zu werden. Es mag wohl Hochmuth von meiner Seite ſein, mich nicht verſchmäht ſehen zu wollen.“ B „Aber muß es denn immer mißglücken? Man darf nicht ſo hochmüthig ſein, das iſt nicht recht.“ „Sagen Sie mir— ſagen Sie ſelbſt, was meine Gräfin glaubt. Sollte es mir wirklich erlaubt ſein, mich kecklich an eine Dame zu wenden?“ Eine leichte Röthe überflog die Wangen der edlen Gräfin⸗ Witwe. Sie antwortete zwar nicht, aber geſtattete es, daß der Major ihre ſchöne Hand drückte, an welcher der braſilia⸗ niſche Demantring ſchon ſo vertraulich ſaß. Nach einem Augenblick ſagte der Major:„Hören Sie, meine Gräfin, ich habe nicht die reine Wahrheit geſprochen, als ich Ihnen berichtete, dieſen Ring ſchicke Ihnen mein Freund; 220 obwohl ich überzeugt bin, daß er ihn gleichfalls an der Gräfin Hand geſteckt hätte, wenn— aber er hatte Fräulein Emilie noch ſo viel zu ſagen. Der Ring war mein, von Braßilien iſt er gleichfalls. Mein Freund ſchenkte ihn mir. Aber da ich nun offen bekannte, daß er in dieſem Augenblick von keinem Andern als mir kommt, kann ich dennoch auf Vergebung für meine Kühnheit hoffen? Darf der Ring an der ſchönen Hand bleiben?“ „Laſſen Sie uns zum Pavillon eilen! Zu unſeren Kin⸗ dern!“ flüſterte ſie und gab den Ring nicht zurück. Sie gingen. Am Pabillon ſprang Emilie ihrer Mutter entgegen und führte an ihrer Seite den Wiedergefundenen. Fünf Jahre Reiſen in den Ländern, welche die Sonne liebt, hatten ſeine Wangen gebräunt. Die ausgeſtandenen Gefahren hatten ihn männlicher gemacht; die vielen Siege, wenn irgend möglich, noch offener. Die Gräfin ſtand einen Augenblick erſtaunt vor dieſem ein⸗ nehmenden Bilde. Graf Wilhelm küßte ihre Hand mit der ganzen Freude des Wiederſehens. Unter tiefer Rührung wandte ſich die Gräfin an ihre Tochter und ſagte:„Du hatteſt Recht, meine Emilie! Mit Muth und Standhaftigkeit bewahrteſt Du das ſchönſte Heilig⸗ thum unſerer Seele: Treue und Erinnerung. Du wurdeſt belohnt. Es iſt ſelten, daß eine Mutter ihre Tochter bitten muß: vergib mir. Aber ich thu' es dennoch. O Enmilie, Dank! Wie viel Glück an einem Tage!“ Emilie ſchwieg, aber ihr Antlitz ſtrahlte in dankbarem Ausdruck gegen ihre Mutter! 221 „Nun, meine Kinder,“ ſagte die Gräfin,„geſtatten Euch die überſtrömenden Gefühle keine Worte? Laßt uns heiter Fragen und Antworten über ſo unerwartete Ereigniſſe aus⸗ wechſeln.“ Graf Wilhelm umarmte ſeine künftige Schwiegermutter und nachdem er über ſeine Reiſe Rechenſchaft gegeben, erklärte er ſeine Freude über das Glück und Wohlbefinden, deſſen ſie ſich in den verfloſſenen fünf Jahren erfreut haben müſſe, da er in ihrem Ausſehen nicht die geringſte Veränderung finden könne, es ſei denn die, daß ſie ihm jünger erſchiene, ſie ſehe aus, als ob ſie die ältere Schweſter ihrer Tochter wäre. Sie antwortete nicht auf dieſe Artigkeit, ſondern warf einen Blick auf Major Fabian. Dieſer nahm den Faden wieder auf. Er wandte ſich an ſeinen jüngeren Freund und ſagte:„Haſt Du heute noch Sinn für das Glück eines Andern, ſo drücke mir die Hand und wünſche mir Glück. Da, ſieh her, mach' große Augen! Wenn Du aus Aerger, mich nicht von der Theilung ausſchließen zu können, mich nicht mehr Bruder nennen willſt— ſo nenne mich fortan— Vater;“ „Fräulein Emilie,“ fuhr er fort,„wenn Sie mir ver⸗ geben können, was ich gethan, ſo vernichten Sie jeglichen Ge⸗ danken an den,— der ich nie war.. Ich verlange nicht ein⸗ mal Ihre Freundſchaft, ich bitte nur um das Vergnügen, Ihr—“ „Laſſen Sie das meine Sorge ſein,“ brach die Gräfin ächelnd ab,„Emilien wird es leicht werden, den für ihren geliebten Vater zu halten, der ihr zum zweiten Male 222 das Leben gegeben, indem er ihr den erſten Freund wieder⸗ ſchenkte.“ „Ich verlange nur Eines!“ rief der Major. Fräulein Emilie betrachtete ihn mit einem warmen Blicke, worin jedoch mehr Hochachtung als Freundlichkeit lag. „Ich wünſche,“ fuhr er fort,„daß das Fräulein nie wie es der Brauch iſt, ihrem Vater die Hand küſſe; ſondern es ihm überlaſſe, dies ſeiner Tochter zu thun, die väterliche Würde verlangt es ſp.“ „Wir werden ein andermal mehr davon ſprechen,“ ſagte die Gräfin mit verſchämtem Nicken; es lag wohl etwas Eiferſucht darin.„Aber nun,“ fuhr ſie fort,„müſſen wir unberweilt zurück zur Geſellſchaft, um die Gäſte ihrem eigent⸗ lichen Wirth vorzuſtellen.“ „Und,“ ſchloß der Major,„ſie bitten, an der Feier einer doppelten Verlobung Theil zu nehmen, von welchen ſie wohl keine erwarteten. Aber ſo geht es, wenn die Leute zu⸗ ſammenkommen, einen vergnügten Abend miteinander zuzu⸗ bringen: man weiß nie, was geſchehen kann und wie das endigen wird. Vieles wird durch die Liebe aus früheren Zeiten zuſammengeknüpft, an die keiner mehr denkt. Wer iſt es, der Alles ſo heimlich und doch ſo gut zuſammenfügt? Es iſt der Engel der Seele.“ Drei Jahre ſpäter ſehen wir uns wieder in demſelben 3 Gemache, demſelben Pavillon. Die Camellien breiten ihre —8 5 — 223 Blumen am Fenſter noch ſchöner aus; eine noch größere Paſſionsblume thront in der ſchwarzen, großen Vaſe. Es war Emiliens liebſte Heimath. Sie hatte den Ver⸗ lorenen hier wiedergefunden. Und Graf Wilhelm weilte nir⸗ gends mit größerer Freude: denn hier ſah er ſtets ſeine kleine zweijährige Tochter zu Emiliens Füßen. Angelica ſpielte mit den Franſen, die die Gräfin ſtrickte; ſie lachte und hauchte auf die Eternellen, die die Mama auf den weißen Sammt malte. Wilhelm und Emilie dachten des Vergangenen ſelten mehr. Hatte die Liebe aufgehört? war das Gefühl einſt nur eine Wolke ohne Namen geweſen? Nein! Die Liebe hatte ſich verwandelt. Sie war nicht bloß ein Gefühl mehr. Sie hatte Geſtalt angenommen, war niedergeſtiegen auf die Erde und Menſch geworden. Angelica war dieſes Weſen, das früher nur in der Welt der Gedanken gelebt hatte. Wenn die kleine Tochter auf Emiliens Knieen ſaß und die junge Gräfin mit ihren Locken ſpielte, dachte ſie an Wil⸗ helm. Und wenn ſie Angelica auf ihre Arme nahm, ſie küßte und auf ihren Gatten blickte, ſe„Das iſt nun unſer Seelenengel!“ „ Bekenntniſſe eines alten Junggeſellen. Nach Lady Bleſſington von Auguſt Poller. —— er kümmert ſich um einen alten Junggeſellen?“ höre g ich eine junge Frau ſagen, welche verächtlich dieſe Blätter wegwirft und den Buchhändler fragt, ob er nicht etwas Neues habe? Gegentheil viele Leute, deren Geiſt ein alter Junggeſelle häufig in Anſpruch nimmt. Doch leider ſind es Erben, welche ungeduldig in Beſitz eines Nachlaſſes zu gelangen wünſchen; Freunde, welche auf ein Legat hoffen; treue Diener, die es ungemein drängt, die letzten Pflichten gegen uneigennützigen Dienſte zu empfangen. Das Alter iſt die Epbche des Lebens, wo man gern ſeine Sie täuſchen ſich, ſchöne Dame, es gibt im ihre theuren Herren zu vollziehen und die Belohnung für ihre — ———————— — 225 Biographie macht. Warum ſollte ich nicht, wenn auch nicht meine Leſer zu beluſtigen, doch mich ſelbſt durch die Mitthei⸗ lung der Erfahrung, die ich erlangt, zu zerſtreuen ſuchen? Ich würde meine Zeit nicht verlieren, ſelbſt wenn mein Un⸗ ternehmen kein anderes Reſultat hätte, als daß es zwei Wahr⸗ heiten nachweiſen würde, an denen die meiſten jungen Leute zu zweifeln ſcheinen. Einmal, daß die Eitelkeit kein Laſter iſt, das ausſchließlich dem weiblichen Geſchlechte angehört, und dann daß, ſo außerordentlich und unwahrſcheinlich es auch ausſehen mag, die alten Junggeſellen wirklich einmal jung geweſen ſind. Ich kann noch ein anderes, mehr perſönliches Motiv bei⸗ fügen: es iſt dies das Bedürfniß, gegen die Zeit, einen un⸗ barmherzigen Feind, zu kämpfen, der mich ſeit Kurzem ſeine grauſamſten Unfälle erdulden zu laſſen anfing. Ich ſuchte ihn in meiner Jugend zu tödten, doch er hat mich endlich an den Ferſen gepackt. Mit anderen Ausdrücken, ich bin ein Opfer der Gicht, an meinen Lehnſtuhl genagelt, und folglich mehr als je der Gewalt meines Gegners unterworfen. „ ⸗ ⸗. ⸗... Ich war mehrere Jahre außerhalb England, um einen unfindbaren Schatz aufzuſuchen, nämlich ein ſchönes Klima. Wie das Glück, entſchlüpft es immer demjenigen, der es ber⸗ folgt, während es beſtändig in der Ferne den Augenblick er⸗ ſchauen läßt, wo man es erreichen werde. Ueberdrüſſig der Genüſſe der ermüdendſten von allen Exiſtenzen, der Exiſtenz der Vergnügungen; an den Uebeln leidend, welche ſtets ein ſolches Leben erzeugt; das Gemüth von der Krankheit der Langweile angegriffen und die körperliche Conſtitution durch Der Erzähler. 1847. U. 15 226 Ausſchweifungen geſchwächt, beſchloß ich, den Continent zu beſuchen. Ich durchreiſte Frankreich, Italien, Portugal und Spanien, in der leeren Hoffnung, mein kranker Geiſt und mein zu Grunde gerichtetes Temperament würden durch das Klima ſüdlicher Länder neu geboren werden. Ich muß erſt noch lernen, was die Wirkungen dieſes wunderbaren Mittels gewe⸗ ſen ſind. Die Wahrheit iſt, daß ich durch den Nordoſtwind im Süden Frankreichs beinahe erfror; daß ich in den Zuſtand völliger Entkräftung durch den Sirocco in Italien verſetzt wurde; daß ich unter der Sonne Siciliens zerſchmolz und daß ich bis ins Herz wie eine gelöſchte Kohle in Spanien und in Portugal ausbrannte,— dies Alles, ohne das ſchöne Klima, den Gegenſtand meiner Nachforſchungen, zu finden. Ich kehrte nach England mit einer Geſundheit zurück, welche noch mehr zerrüttet war, als da ich es verließ. Eine unerträgliche Hitze, unerwartete Winde, eine ungeſunde Lebens⸗ ordnung hatten die Fortſchritte der Eroberungen meiner grau⸗ ſamſten Feindin, der Zeit, beſchleunigt, ſtatt ſie aufzuhalten. Gott ſei Dank! wieder in meinem Vaterland, überließ ich mich wehrlos und als ein ergebenes Opfer allen Genüſſen, die mein Temperament mir zu ertragen erlaubte. Ich bot meinem Leibe Hekatomben von Schildkröten und Wildpret, um die Wuth eines durch zu lange Entbehrungen beleidigten Magens zu beſchwichtigen. Ich war nun voll von jenem pa⸗ triotiſchen Gefühl, dem Gegenſtande der Lobſprüche der Dich⸗ ter und Redner, genannt Vaterlandsliebe, was gewöhn⸗ lich Liebe für die Tafel und den häuslichen Herd bedeutet. Mit welchem Guſto, wie die Italiener ſagen, ſchlürfte ich „ in letzter Zeit in dieſem Landhauſe nieder, das zu meinem den alten Sherrh, den Madeira, der zweimal die Linie paſſirt, den Claret, wie man ihn nirgends außer Großbritannien findet! Denn das verdünnte, herbe Getränke, das man auf dem Feſtland Bordeaur nennt, hat eben ſo wenig Aehnlichkeit mit dieſem vortrefflichen Wein, als Champagner mit Laerhmãä⸗ Chriſti. Wie ergötzte der Anblick eines Obſtgartens von Sere⸗ fordſhire oder eines Hopfenfeldes der Provinz Kent meine Augen viel mehr, als der Anblick der Orangenwälder und der ſchön⸗ ſten Weinberge in ſüdlichen Klimaten! Ich begrüßte mein Steinkohlenfeuer wie einen alten Freund, den man nach langer Abweſenheit wiederfindet. Meine Vaterlandsliebe nahm ſo ſehr dadurch zu, daß ich wieder in den Beſitz des Comforts meiner Heimath gelangte, daß ich durchaus nicht von einem Ekel oder einer Unruhe ergriffen wurde beim Anblick des dem Dampfe einer Kohlſuppe ähnlichen dichten Nebels, der mir nach meiner Rückkehr eines Morgens im Monat November in die erſtaunten Augen fiel. In kurzer Zeit ging eine große Veränderung in meinem Aeußern vor. Meine Bläſſe machte einer reichen röthlichen Färbung Platz; meine mageren For⸗ men, die mir bei meiner Rückkehr vom Continent das Aus⸗ ſehen eines Pantalon gegeben hatten, erlangten eine majeſtäti⸗ ſche Rundung, und meine Füße, dieſe Barometer der Geſundheit, kündigten mir bald an, meine Lebensordnung habe eine un⸗ fehlbare Wirkung hervorgebracht. Ich bekam einen furchtba⸗ ren Gichtanfall, der mich auf einen Sopha confinirte, wo ich jetzt eine gute Hälfte des Jahres zu bleiben verurtheilt bin. Man verordnete mir Luſtveränderung, und ich ließ mich 228 Erbtheile gehört und das ich ſeit fünfundzwanzig Jahren nicht mehr beſucht hatte. Pour passer le temps, wie man in Frankreich ſagt, unterſuchte ich den Inhalt der Schubladen meines alten Secretaire. Wie viele Briefe, mit zarten Bän⸗ dern umwickelt, boten ſich meinen nachdenkenden Blicken... ſüße Erinnerungen verlorener Freuden und vergangenen Kum⸗ mers! Wie viele Portraits von Blonden mit ſchmachtenden Augen! von piquanten Braunen mit funkelndem Blick! Wie viele lange Haarlocken von allen Farben, vom Hochblonden, boshafter Weiſe Roth genannt, bis zum Schwarzblauen des Rabenflügels! Wie viele Ringe, wie viele Nadeln, Embleme einer ewigen Liebe, einer unerſchütterlichen Standhaftigkeit, welche nicht ſechs Monaten eines vertraulichen Umgangs wider⸗ ſtähle, ſo ſchwach verweigert und ſo ſchmachtend zurückgefordert! Wie viele Bandſchleifen, wie viele Gürtel, nach einer ehren⸗ vollen Vertheidigung erröthend überlaſſen! Wie biele Sträuße mit hinreichend verwelkten Blumen, um den Hortus siccus der Hälfte der Botaniker von ganz England zu füllen! Welche Verſchwendung an Siegeln mit Deviſen, von denen die einen immer zärtlicher als die andern! Die Vergangenheit mit ihren Alternativen von Freuden und Leiden bot ſich plötzlich meinem Geiſte, wiedererregt durch dieſe Liebespfänder, welche die Leidenſchaften die ſie zu nähren beſtimmt waren, überlebt hatten; diejenigen, welche ſtand! Welche Unzahl kleiner getrennter, weißer Handſchuhe! Welcher Haufen von Börſen, geſtickt von zarten Händen! Wie viele Fächer, auf Bällen halbgeſtattete Diebſtähle, Liebesdieb⸗ ich liebte, diejenigen, welche wechſelten, diejenigen, welche 229 geſtorben find, erſchienen vor mir in allen ihren Reizen, un ich fand im Grunde meines Herzens wieder für jede der ſelben einige Liebesfunken, die ſie darin nach und nach ent⸗ zündeten. Anbetungswürdiges Geſchlecht, das uns in unſern Tagen des Kummers tröſtet und unſere Stunden des Glücks belebt, Alles, was ich von Freuden auf Erden empfunden, habe ich Euch zu danken. Erſte Liebe. Dieſe Miniature ſtellt die Züge meiner erſten Liebe dar. Louiſa Shdneh war eine der ſchönſten Perſonen ihres Geſchlechts. Seht ihre Augen, blau wie das Azur des Himmels; ihre Wangen, deren zarte Färbung dem Blatte einer ſo eben erſt geöffneten Roſe gleicht; die langen, ſeidenen Flechten ihrer braunen Haare, welche auf ihren weißen, runden Schultern ſpielten und bis auf ihre Taille voll unausſprechlicher Eleganz und Vollkommenheit herabfielen! Ich erinnere mich des Augen⸗ blicks, wo dieſe langen Locken von ihrem ſo reizenden Kopfe getrennt wurden, um das Bracelet zu bilden, das ich hier in meinen Händen habe. Arme, theure Louiſa! wie liebte ſie mich! Es liegt etwas Tröſtliches in der Erinnerung an die Zuneigung einer ſchönen und reinen Frau. Es iſt eine Oaſe in der Wüſte des Lebens eines Weltmannes; es iſt ein An⸗ denken voll Friſche, worauf der Geiſt gern ruht, wenn er profaner Leidenſchaften müde iſt. Ich würde nicht freiwillig die Crinnerung an die Liebe von Louiſa opfern für... was 230 ſage ich? ach! meine Genüſſe ſind nun ſo beſchränkt, daß ich nur auf ſehr wenig zu verzichten habe. Doch ich würde eher noch viel mehr hingeben und opfern, als auf die Ueberzeugung verzichten, daß ich von ihr geliebt geweſen. Louiſa Sydneh war nicht nur ſchön, ſondern auch über alle Beſchreibung gut und anmuthig. Ihre außerordentliche Sanftheit rührte nicht von einem unbedeutenden Charakter, ſondern von einer vollkommenen Selbſtbeherrſchung her, welche ſie alle ihre Wünſche freiwillig denen der Perſonen, die ſie liebte, nachzuſtellen bewog. Man kann ſagen, daß ſie nur für die⸗ jenigen lebte, welche ihr theuer waren, und daß ſie mehr Vergnügen empfand, wenn ſie ihren Willen that, als wenn ſie ihrer eigenen Neigung folgte. Sie hatte in ihrem Charakter eine ſanfte Schwermuth, welche vollkommen mit dem Charakter ihrer Schönheit im Ein⸗ klang ſtand. Dieſe Schwermuth war nicht düſter und glich in keiner Hinſicht übler Laune, ſondern gab ihrem Geiſte und ihrer Perſon eine gewiſſe geheimnißvolle Färbung, deren Ein⸗ fluß jeder in ihrer Umgebung empfand. Man durfte nicht im Geringſten Erfolg erwarten, wenn man ihr burleske Geſchichten, witzige Einfälle, oder irgend einen von den ſchlechten Späſſen erzählte, welche nur zu häufig in den Geſprächen auch der Leute der beſten Geſellſchaft eine Stelle einnehmen. Man fühlte, daß die einzigen Geſchenke, die ihr zuſagen konnten, die ſchönſten Blumen, die rührendſten Gedichte waren, oder wohl auch Werke beſtimmt, die erhabenſten Beiſpiele der Frömmigkeit zu ſchildern. Louiſa liebte das Gerzuſch der Welt nicht; ſie war wie 231 erſtaunt und erſchrocken darüber. Sie öffnete ihr unſchuldiges Herz der Betrachtung der Reize der Natur und der Anbetung Gottes, der ſie geſchaffen. Wie viele Pläne machten wir zuſammen für die Zukunft unſerer Liebe! Louiſa wußte, daß mir ein herrliches Wohn⸗ gebäude in der Erbtheilung nach dem Tode meiner Eltern zu⸗ gefallen war. Doch ſie hätte eine einfachere Wohnung vorge⸗ zogen. „Ein Landhaus,“ ſagte ſie,„umgeben von Geisblatt, Jasmin und Roſen, beſchützt und beſchattet von großen Bäu⸗ men, mit einem Bache, der vor einem Garten voll Blumen hinfließen würde.. dies, mein lieber Harrh, wäre meine Wahl.“ „Und unſere Nahrung, meine theure Freundin,“ ſagte ich, ſanft ſpottend,„würde aus Milch, Honig, Käſe mit friſchen Eiern und Obſt beſtehen.“ „Gewiß, eine ſolche Nahrung würde mir vollkommen genügen,“ erwiederte Louiſa.„Der Geiſt von Euch Männern iſt ſtets mit dem Gedanken an ein gutes Mittagsmahl be⸗ ſchäftigt. Ihr wäret beſſer und glücklicher, weil Ihr Euch beſſer befinden würdet, wenn Eure Lebensordnung einfacher wäre..“ Arme, theure Louiſa! zu ihrer Zeit dachten wir noch nicht an die Gicht. Wenn ich mich mit meinen Füßen beſchäftigte, ſo geſchah es hauptſächlich, um zu tanzen. Heute, Gott ver⸗ zeihe mir! wenn ich mein mit Bandagen umgebenes und wie ein Eskimokind geſchnürtes Bein betrachte, kann ich kaum glauben, daß ich je mit einem leichten und launenhaften Fuß getanzt, oder den Thau auf dem Graſe bei Morgen⸗ 232 ausflügen gefegt habe. Zur Zeit von Louiſa ſah ich nicht vorher, ich werde ſpäter zu dem Fegefeuer, das ich jetzt aus⸗ zuſtehen habe, verurtheilt ſein; ich überließ mich aber auch nicht den Genüſſen, die mir dieſe Leiden zugezogen haben. Die Genüſſe des Herzens beſchäftigten mich mehr, als die des Magens. Gefiele es Gott, daß ich mich ſtets mit den erſteren begnügt hätte! Doch kommen wir auf meinen Gegenſtand zurück. Oeffnen wir dieſes Päckchen mit Briefen von einer ſo zarten Handſchrift. Löſen wir dieſes Band, roſenfarbig, wie die Wangen derjenigen waren, die dieſe Briefe geſchrieben. Dieſe Wangen, dieſer reizende Kopf, in welchem Zuſtand ſind ſie heute! Arme, theure Louiſa! Hier iſt der erſte Brief, den ſie an mich gerichtet, denn ich bemerke, daß ich ſie numerirt habe: „Ich befürchte, Sie faſſen eine ſchlimme Meinung von mir und Sie tadeln mich, daß ich die Unklugheit begehe, das Billet zu beantworten, das Sie geſtern in meine Hand ſchlüpfen ließen, als ich den Ball verließ. Dieſes Billet offenbarte mir das, was ich zu wiſſen wünſchte, was ich hoffte, obgleich ich noch daran zweifelte. Und dennoch vergiftete ein Gefühl der Reue die Freude, die ich empfand, als ich es las; denn mein Gewiſſen ſagt mir, daß ich es nicht hätte annehmen ſollen, und daß ich, indem ich daſſelbe las, mich gegen das verfehlt habe, was ich meiner theuren Mama ſchuldig bin. Jedes gütige Wort, das ſie an mich richtet(und ſie ſpricht immer nur mit Güte zu mir), ſcheint mir meine Doppelheit gegen ſie vorzuwerfen. Erlauben Sie mir, ihr Alles zu ſagen; oder bekennen Sie ihr vielmehr ſelbſt, daß Sie mich lieben. Denn das Geheimniß hat ein gewiſſes Anſehen der Schuld, das mir daſſelbe verhaßt macht.“ Arme, theure Louiſa! 233 Hier folgt der zweite Brief: „Welch ein köſtliches Gemälde entwerfen Sie von unſerem zukünftigen Leben! Theurer Harrh, werden Sie auf die glän⸗ zende Welt verzichten können, in der Sie ſo gut aufgenommen worden ſind, um ſich mit mir in einem abgelegenen Hauſe einzuſchließen? Ich freue mich, daß Sie die Wieſen, die Wälder, die Blumen, die Vögel beinahe eben ſo ſehr lieben, als ich ſelbſt(arme, theure Seele, ich hatte ſie und mich ſelbſt über⸗ redet, ich ſei ein wahrer Corydon). Seit meiner zarteſten Jugend fühlte ich die innigſte Neigung für das Landleben, und die Geſchmacksſympathie, die Ihr Brief offenbart, iſt ein neuer Ring der Kette, welche unſere Herzen verbindet. Es kam mir vor, doch dies iſt vielleicht nur eine Einbildung, als wären Sie in der vergangenen Nacht bleich geweſen, und dieſer Gedanke marterte mich(arme Louiſa, wenn ſie jetzt mein röth⸗ liches Geſicht ſehen würde); ich hoffe, Sie ſind nicht krank, mein lieber Harry. Sind Sie es, ſo dürfen Sie Ihr Un⸗ wohlſein nicht leichtſinnig behandeln. Nun, da Sie wiſſen, daß das Glück einer Andern von Ihnen abhängt, müſſen Sie für Ihre Geſundheit Sorge tragen. Mit einer ähnlichen Be⸗ weisführung gelingt es meiner Mutter, mich zu bewegen, daß ich alle mögliche unangenehme Arzneimittel nehme, bald um meine Schnupfen zu heilen, bald um ihnen zuvorzukommen. „Iſt es nicht noch viel ſchlimmer von mir, daß ich Ihnen heimlich ſchreibe, als daß ich Ihre Briefe empfange?(Ich hatte den Augenblick, ihrer Mutter meine förmliche Erklärung zu geben, verſchoben, um mir das Vergnügen zu machen, das Widerſtreben zu beſiegen, mit dem Louiſa unſern geheimen Briefwechſel fortſetzte.. Harrh, ich werde Ihnen ſicherlich nicht einen einzigen Brief mehr ſchreiben, ohne daß Mama von Allem unterrichtet iſt. Sie iſt zu vertrauensvoll und nach⸗ ſichtig, um von ihrer Tochter getäuſcht zu werden, an die ſie unabläßig jede Sorge und jede Liebe verſchwendet. Es iſt etwas ſo Unzartes, ſo wenig Anſtändiges für mein Geſchlecht, ſo zu handeln, beſonders einer Mutter gegenüber, die ich täuſche, daß ich darüber erröthe. Ich bitte Sie, denken Sie nicht „ 234 ſchlimm von mir, wenn Sie den Beweis erhalten, daß meine Zuneigung für Sie die Zurückhaltung beſiegt hat bei ihrer . Louiſa.“ Theures Kind! es iſt mir, als ſähe ich ſie noch mit ihrem tiefen Blick, den ich oft überraſchte, wenn er voll inniger Zärtlichkeit auf mich geheftet war. Nicht ohne zu weinen wie ein Weib kann ich mich des armen Mädchens erinnern, das nun ſeit vierzig Jahren in ſeinem Grabe ruht. Ich glaubte icht, mein verhärtetes Herz wäre einer ſolchen Schwäche fähig; doch wenn je ein Mädchen geliebt und beweint zu werden verdient hat, ſo war es ſicherlich Louiſa Sydneh. Ich fügte mich ihren Wünſchen und erklärte ihrer Mutter unſere gegenſeitige Zuneigung eine Woche früher, als ich beab⸗ darüber, daß ihre Tochter den Vorzug, den ſie irgend Jemand gönnte, dieſem geſtanden hatte, ohne ſie zuvor um Rath zu fragen. Doch eine Thräne und eine Umarmung Louiſa und einige paſſende Worte von meiner Seite ſchloßen bald den Frieden unter uns, und Alles wurde roſenfarbig. meine Tochter anbertraue, gebe ich Ihnen, was ich Theuerſtes leider ihre Conſtitution auch iſt. Weder das eine noch die andere ſind gemacht, um dem geringſten Anſchein von Härte oder Gleichgültigkeit zu widerſtehen. Wachen Sie über ihrem Glück, ſorgen Sie dafür, daß ihre ſchwächliche Geſundheit nie den Folgen einer plötzlichen Temperaturveränderung ausgeſetzt iſt; vergeſſen Sie nicht, daß Sie eine koſtbare, aber ſchwache ſichtigte. Die gute Dame war eben ſo erſtaunt als ärgerlich „Herr Lhſter,“ ſagte Lady Sydneh,„indem ich Ihnen im Leben habe. Das Gemüth von Louiſa iſt ſo zart, als es 235 Pflanze haben, welche die Pflege jedes Augenblicks verlangt, wofür Sie reichlich von ihr belohnt werden ſollen, wenn es Gott gefällt, ſie Ihnen zu erhalten.“ In dieſer Anrede lag eine Feierlichkeit, die Anfangs meine Freude vereiſte; wenn ich aber die Roſen, die auf den Wan⸗ gen derjenigen blühten, welche mir verlobt war, und die Leb⸗ haftigkeit betrachtete, die in ihren ſchönen Augen glänzte, ſo ſchrieb ich die Warnungen von Lady Sydney der Aengſtlichkeit mütterlicher Zärtlichkeit zu und lächelte beinahe bei dem Ge⸗ danken, man könnte Louiſa mit einer krankhaften Pflanze ver⸗ gleichen. Die natürliche Gelehrigkeit meiner reizenden Braut verlieh mir, noch vermehrt durch die Macht der Zuneigung, die ſie für mich hegte, eine deſpotiſche Gewalt über ſie. Ich hatte die Schwäche, meine Eitelkeit darein zu ſetzen, Beweiſe von meiner Herrſchaft über ſie in Gegenwart ihrer Mutter zu geben. Oft ſah ich die Röthe Lady Sydney ins Geſicht ſtei⸗ gen und eine Thräne ihr Auge befeuchten, wenn, um meiner Laune zu gehorchen, ihre zu zarte Tochter irgend eine für ihre Geſundheit erſprießliche Vorſichtsmaßregel vernachläßigte, eine Vorſichtsmaßregel, die ich für überflüſſig hielt, während ſie mit liebevoller Fürſorge von einer mit Recht beunruhigten Mutter gefordert wurde. Louiſa machte mir mein Benehmen zum Vorwurf und ſagte: „Harrh, wie mögen Sie mich, ſelbſt unter gleichgültigen Umſtänden, ſo gegen die Anſicht meiner Mutter handeln laſ⸗ ſen? Ich kann nicht ohne Pein ihre unruhigen Blicke ſehen, obſchon ich denke, daß ihre Beſorgniß ungegründet iſt, denn ich fühle mich wohl, ſehr wohl und ſo glücklich!“ 236 Und indem ſie ſo ſprach, ſah ſie mich mit Augen an, worin die lebhafteſte Zärtlichkeit glänzte, als wollte ſie ſagen, ich ſei die Quelle ihres Glückes... Lady Syodneh ertrug meine eigenſinnigen Widerſprüche mit muſterhafter Geduld. Da ſie den ganzen Umfang der An⸗ hänglichkeit ihrer Tochter für mich wahrnahm, ſo wollte ſie lieber ihren eigenen Wünſchen Stillſchweigen auferlegen, als ſich der Gefahr ausſetzen, eine Zwiſtigkeit zwiſchen uns herbei⸗ zuführen. Trotz dieſer kleinen Uneinigkeiten war die Periode, nach⸗ dem das Anerbieten meiner Hand angenommen worden, eine der glücklichſten meines Lebens. Wir ſahen uns jeden Tag und brachten beinahe ganze Tage mit einander zu; doch ich beſtand darauf, daß Louiſa mir ſchrieb, und nun, da unſere Verbindung von ihrer Mutter gebilligt war, drückte ſie mir mit der ganzen Gluth ihrer Jugend und Unſchuld die Gefühle ihres Innern aus. Ja, es waren gluͤckliche Tage. Ich hielt ſie damals nicht für ſo, weil ich eine noch ſüßere Zukunft, wenn das engeliſche Geſchöpf ganz mein wäre, im Auge hatte. Wie oft habe ich es mir zum Vorwurf gemacht, daß ich dieſe ſeligen Tage nicht genug ſchätzte! Wie oft habe ich mich jedes Wortes und jedes Blickes von derjenigen erinnert, deren Worte und Blicke mich alle in ein Entzücken verſetzten. Ich hatte keine Eltern um Erlaubniß zu fragen. Mein beträchtliches Vermögen ſtand ganz zu meiner Verfügung. Sparſamkeit iſt nie mein Fehler geweſen. Ich gab Lady Syd⸗ neh Carte⸗blanche für alle Vorbereitungen zur Hochzeit. Es wurden die Juwelen und die Wagen beſtellt. Wir wechſelten „ 237 die Portraits aus und ſo bin ich Beſitzer von der Miniature geworden, die ich gegenwärtig unter den Augen habe. Nebſt einer langen Flechte von ihren ſchönen Haaren und ihren Brie⸗ fen iſt dies Alles, was mir übrig bleibt, um mich an das reinſte und liebenswürdigſte der Geſchöpfe zu erinnern, das je zum Himmel zurückgekehrt iſt, aus dem es eine Zeit lang ver⸗ bannt zu ſein ſchien. Wir verabredeten eines Abends, am folgenden Tag eine Spazierfahrt auf dem Waſſer zu machen und in Rich⸗ mond zu Mittag zu ſpeiſen. Louiſa ergötzte ſich zum Voraus an dieſem Ausflug mit einem kindiſchen Vergnügen, ſo ſehr liebte ſie es, auf dem Lande zu ſein, und war es auch nur für Augenblicke. Ich ſchickte meinen Groom mit einem Briefe ab, um das Mittageſſen zu beſtellen, und wir unterhielten uns den ganzen Abend von unſerer Partie, indem wir uns alle Arten von Vergnügungen bverſprachen. Am Morgen des andern Ta⸗ ges war die Temperatur glühend heiß, ſchwer, drückend; dichte Wolken weiſſagten einen Sturmregen. Ich bildete mir ein, ich ſähe in den ſanften Zügen von Louiſa einen Ausdruck des Aergers, und dies— doch warum ſoll ich mir die Wahr⸗ heit zu verhehlen ſuchen? Mit der Hartnäckigkeit, die mich ſchon ſo oft angetrieben, mich der klugen Vorſicht von Lady Sydneh zu widerſetzen, war ich bemüht, über ihre Einwen⸗ dungen zu triumphiren, und beharrte auf der Abfahrt. Als Louiſa ſah, wie ſehr ich auf die Ausführung unſe⸗ res Entſchluſſes drang, trat ſie auf meine Seite. Wir ſchifften uns voll Freude und Vertrauen ein, trotz der Unruhe, mit 238 der Lady Sydneh von Zeit zu Zeit nach dem Himmel ſchaute, welcher ſich mit Wolken bedeckte. Wir brachten einen köſtlichen Tag in der ſo pittoresken Umgegend von Richmond zu. Louiſa ſlützte ſich auf meinen Arm und ſuchte in meinen Augen den Wiederſchein der Be⸗ wunderung, welche ſie bei jedem neuen Anblick erfaßte, den ihr die reiche Landſchaft bot. „Mein lieber Harry,“ ſagte ſie, indem ſie ihre zarte weiße Hand auf meinen Arm legte,„wenn ich an die außer⸗ ordentliche Güte der Vorſehung denke, welche alle meine Wün⸗ ſche erfüllt hat, ſo ergreift mich eine abergläubiſche Furcht, eine Art von Ahnung, die mir ſagt, mein Glück ſei zu groß für dieſe Welt und könne nicht fortdauern. Ganz erfüllt von Gefühlen der Dankbarkeit, welche mir die verſchwenderiſch um uns her verbreiteten Schönheiten der Natur einflüſtern, iſt meine Seele dennoch betrübt bei dem Gedanken an die Unge⸗ wißheit des Lebens, bei dem Gedanken, daß wir genöthigt ſein können, in wenigen Augenblicken dieſe lachende Landſchaft voll von Naturſchönheiten, dieſe freudige, glänzende Sonne, und vor Allem diejenigen zu verlaſſen, welche uns theuer find, oh! viel theurer, als die ſchönſten Landſchaften und der glänzendſte Sonnenſtrahl. Ehe ich Sie kannte, mein lieber Harrh, faßte ich oft den Tod in das Auge, ohne daß er mir die geringſte Furcht einflößte; doch heute kann ich nicht ohne Angſt an ihn denken, denn Sie berlaſſen wäre ſchlimmer, als ſterben.“ Ich ſchalt ſie, daß ſie ſich ſo trüben Ahnungen Muge doch ſie kehrte hartnäckig bauf zurück. „Oft dachte ich, man ſpreche nicht genug vom Lode,“ „ 239* ſagte ſie.„Was würden wir von einem Freunde denken, wel⸗ cher wüßte, eine lange, unvermeidliche Reiſe werde ihn von einem theuren Gegenſtand trennen, und es verſäumte, von die⸗ ſer gezwungenen Trennung zu ſprechen. Ich, was mich be⸗ trifft, mein Freund, lenke gern unſere Gedanken auf dieſe lange Reiſe, auf dieſe traurige, furchtbare Trennung, die durch den Tod von einem von uns veranlaßt würde, damit dem Ueberlebenden der Troſt zu Theil werde, und es iſt dies ein großer Troſt, zu wiſſen, der Andere habe vor ſeinem Abgang oft dieſe unglückliche Reiſe beklagt. Obſchon ich den Tod fürchte, ſeitdem ich Sie kenne, glaube ich doch, daß man glücklich iſt, jung zu ſterben, ehe das Leben ſeine Reize ver⸗ loren hat, ehe die Blicke auf die Natur ohne Freude und ohne Vergnügen fallen, ehe das verhärtete Herz un⸗ empfindlich und undankbar vor den Schönheiten der Schöpfung bleibt.“ Es lag etwas ſo Sanftes und zugleich ſo Trauriges in dem Tone ihrer Stimme, daß es mir, obgleich ich ihr einen Vorwurf darüber machte, daß ſie ſich ſo düſteren Ge⸗ danken hingab, unmöglich war, ihrer zu ſpotten, wie ich dies zu thun pflegte, ſo oft ich ſie nachdenkender als gewöhnlich fand. Lady Sydneh unterbrach unſer Geſpräch, indem. ſie auf unſere Rückkehr nach Hauſe drang. Sie ſah einen Sturm und Ströme von Regen in jeder Wolke, die über unſeren Häuptern hinzog. Der Spaziergang hatte meine theure Louiſa ermüdet. Sobald wir uns in das Boot geſetzt hatten, bemerkte ihre Mutter, ſie habe eine fieberhafte Farbe, und ich war auf dem Punkte, dieſem Ausdruck zu widerſprechen, denn nie war mir —————— * 240 meine Braut, der die Belebtheit ihrer Wangen in meinen Augen einen neuen Glanz verlieh, ſchöner vorgekommen. Wir befanden uns auf halbem Wege nach London, als die Wolken eine Regenfluth auf uns ergoſſen; in einigen Minuten war Louiſa überſchwemmt von den Strömen, die vom Himmel fielen. Wie ſehr machte ich mir nun die Hart⸗ näckigkeit zum Vorwurf, mit der ich verlangt hatte, daß Lady Sydneh zu dieſer Partie einwillige! Die unruhigen, beſorgten Blicke, die ſie auf ihre Tochter warf, ſchienen ein Unglück zu prophezeihen. Ich theilte alle ihre Befürchtungen, die das Lächeln meiner Vielgeliebten nicht zu zerſtreuen bermochte. Niedergeſchmettert durch das Gefühl meines Fehlers ſchwur ich mir, nie mehr dieſen geliebten Gegenſtand einer ſolchen Gefahr durch meine Halsſtarrigkeit auszuſetzen. Alle gewöhnliche Mittel, mit deren Hülfe Lady Sydney zu verhindern ſuchte, daß dieſer unglückliche Tag nicht früher oder ſpäter traurige Folgen hätte, wurden fruchtlos angewendet. Am andern Morgen fühlte Louiſa die erſten Anfälle der Krankheit, welche ſie wegraffte. Ich hatte bange, mit Ladh Sydneh zuſammenzutreffen, und dennoch war es mir unmög⸗ lich, das Haus zu verlaſſen. Ich fühlte, daß alle Uebel, von denen dieſes kurz zuvor noch ſo glückliche Haus bedroht war, von meiner Verkehrtheit herrührten. Jeden Tag vermehrte ſich die Gefahr. Ich betete mit einer Demuth des Herzens und mit einer Traurigkeit des Geiſtes, wie ich ſie nie empfunden, daß Louiſa verſchont werden möchte. Sie war bis zum letzten Augenblick im Beſitz ihrer ganzen Vernunft, und ſobald ſie ſich überzeugt hatte, daß ihre Tage gezählt waren, ſprach ſie „ 241 das Verlangen, mich zu ſehen, aus. Ich wurde in ihr Zimmer gerufen. Sie lag auf einem Sopha. Die Farben des Fiebers gaben ihrem Antlitz eine außerordentliche Belebtheit und ihre Augen glänzten in einem ungewöhnlichen Feuer. Eine Thräne verdunkelte ihre Strahlen, als ſie mich erblickte, und ihre Lippen zitterten, da ſie mir ihre abgemagerte Hand reichte. Als ſie ſah, daß ich unfähig war, das Uebermaß meiner Erſchütterung zu bewältigen, ſtrengte ſie ſich an, die ihrige zu beherrſchen. „Erinnern Sie ſich, mein Freund, daß unſere Trennung nicht ewig währen wird. Obgleich es mir nicht geſtattet iſt, bei Ihnen auf der Erde zu weilen, werden Sie doch eines Tags zu mir kommen, wenn Gott es erlaubt, und wir wer⸗ den uns dann nicht mehr trennen. Ich ſterbe jung, ohne je die Pein des Kummers oder der Reue gefühlt zu haben; ich ſterbe geliebt, heißt das nicht glücklich ſterben? Harrh, Sie werden ſich meiner erinnern, die ich in meiner Jugend in das Grab ſteige und Niemand zurücklaſſe, der mein Leben tadeln könnte, während ich gewiß bin, daß ich theure, o ſehr theure Freunde habe, die es beklagen, daß meine Tage ſo bald abge⸗ ſchnitten worden ſind. Tröſten Sie meine arme Mutter, wenn ich nicht mehr bin, und beweiſen Sie, mein theurer Harrh, daß Sie mich wahrhaft geliebt haben, indem Sie Ihr Leben auf Erden ſo einrichten, daß wir im Himmel wieder vereinigt werden können.“ Durch dieſe Worte erſchöpft, ſank ſie in Ohnmacht. Der Arzt hieß mich aus dem Zimmer gehen und ich ſah Louiſu Der Erzähler. 1847. M. 16 4 242 nicht wieder bis zu dem Augenblick, wo der Tod ſie mit ſeinen kalten Armen umſchlang. Sie gab den Geiſt an demſelben Tage auf, an welchem unſere Hände vor dem Altar vereinigt werden ſollten, an die⸗ ſem Tag, deſſen Ankunft ich ſo ungeduldig entgegengeſehen hatte, war meine Braut eine Leiche. O! Louiſa, heilige Liebe meiner Jugend, die Thränen, welche meine durch das Alter vertrockneten Augen füllen, beweiſen, daß die langen ſeit Dei⸗ nem Tode abgelaufenen Jahre Dein theures Bild nicht aus meinem Herzen verbannt haben. Ehe ſie in ihre letzte, enge Wohnſtätte eingeſchloſſen wurde, wollte ich noch einmal ihre engeliſchen Züge ſehen. Ich benützte den Augenblick, wo ſich ihre Mutter in einem Zuſtand völliger Vernichtung entfernt hatte, um in das Zim⸗ mer der Todten zu dringen, denn ich wagte es nicht mehr, mich vor den Blicken von Lady Sydney zu zeigen. Ich trat ein, das Herz voll von Gewiſſensbiſſen, und konnte mich kaum auf meinen zitternden Beinen halten. Es war an einem Morgen, an einem Sommermorgen voll ſüßer Wohlgerüche. Die Natur ſchien mit neuen Reizen zu erwachen, während Louiſa, eines ihrer ſchönſten Werke, für immer verwelkt war. Obgleich der kleine Garten, auf den ſich die Fenſter des Zimmers öffneten, in der Stadt lag, war er doch ſo grün und ſo einſam, als ob man ihn auf dem Lande angebaut hätte. Dieſer Garten war der Lieblingsauf⸗ † enthalt von Louiſa während ihres Lebens. Er war voll von Blumen und ſeltenen Pflanzen, die ſie meiſtens mit ihren eigenen Händen wachſen gemacht hatte. Dieſe erſchloſſenen —. 243 Blumen dufteten ihre Wohlgerüche auf die Thautropfen aus, die in ihrem Kelche funkelten. Und ſie, großer Gott, ſie; welchen furchtbaren Contraſt bot ſie in ihrer Bläſſe und ihrer Unbeweglichkeit! Ich näherte mich dem Sarge und betrachtete ihre theuren Züge. Sie war kalt und glich in ihrer Ruhe einer Marmorſtatue, doch ihre Schönheit war immer noch voll⸗ kommen. Man hätte glauben ſollen, ſie ſchlafe. Während ich dieſes ſanfte Antlitz betrachtete, das die düſtere, kalte Gruft fortan vor mir verbergen ſollte, zwitſcherten die Vögel, die ſie zu füttern pflegte, heiter vor ihrem Fenſter; ſie rückten ſogar bis in das Zimmer und verdoppelten ihr Gezwitſcher, als wollten ſie ihr gewöhnliches Mahl fordern. Die Heiterkeit ihres Geſanges machte mich beinahe wahnſinnig; ich ſtand auf, um ſie zu verjagen, und ſchloß das Fenſter, das, ſeit Lady Sydney weggegangen, offen war. Abermals heftete ich meine Blicke auf das kalte, bleiche Antlitz, das eine magiſche Gewalt über meine Sinne auszuüben ſchien. „Nein, ſie kann mir nicht für immer entriſſen worden ſein!“ rief ich.„Wie vermöchte ich ohne Dich zu leben? Wie? Stunden, Tage, Wochen, Monate, Jahre ſollten ver⸗ gehen, ohne daß ich Dich ſehen würde, Dich, die Du das Licht meiner Augen und die Freude meines Herzens biſt? Oh! ſprich, Engel meines Lebens! gib mir ein Zeichen, daß ich nicht ganz bergeſſen bin.“ In dem Augenblick, wo ich dieſe Worte zu der ſchönen Bildſäule ſprach, die unter meinen Augen lag und die füt immer von dem Prometheushauch belebt zu ſein aufgehört hatte, ſpielte eine Uhr, welche auf dem Kamine ſtand, ihre Lieblings⸗ 244 — melodie, eine Melodie, die wir in unſern glücklichen Tagen oft mit einander gehört hatten. Ich bildete mir beinahe ein, dieſe Töne würden ſie erwecken, ſo ſehr wiederbelebten ſie für mich die Erinnerung an die Vergangenheit. Sie entfernten auf einen Augenblick das Gefühl der gräßlichen Wirklichkeit. Als ich aber die Augen wieder auf ihre Züge warf, ſah ich eine Mücke, eine große Mücke mit ſchwarzen Flügeln ſich auf ihre bleichen Lippen ſetzen, und dieſer Anblick führte mich zu der furchtba⸗ ren Wirklichkeit zurück. „Wie!“ rief ich,„muß ſie ſogar in meiner Gegenwart die Beute eines abſcheulichen Inſectes werden!“ Ich näherte mich, um die Mücke zu vertreiben, doch ſie behauptete ihre Stellung, bis meine Hand ſie beinahe berührt hatte. Sie ent⸗ floh erſt, als ich an den Lippen hinſtreifte, die ich vor einer Entheiligung beſchützen wollte. Die Berührung dieſer ſtarren, kalten Lippen verwandelte das Blut in meinen Adern in Eis, und diejenige, welche ich bis zur Anbetung liebte, wurde für mich, großer Gott, iſt dies möglich! wurde für mich ein Ge⸗ genſtand des Schreckens. Ich ſtürzte aus dem Zimmer und ein heftiger Fieber⸗ anfall, der mich mehrere Wochen an das Bett feſſelte, raubte mir das Bewußtſein der Leiden meines Geiſtes und Herzens. Ich habe Lady Sydneh nie wieder geſehen. Sie verließ England kurze Zeit nach dem Tode von Louiſa und ſtarb in Nizza ſechs Monate nach der Beerdigung ihrer Tochter... Kann etwas Lächerlicheres geſehen werden, als ein Sech⸗ ziger mit hochgefärbtem Geſicht, herborragendem Bauch und bemerkenswerther Corpulenz, in Thränen gebadet! Pfui! ich „ 245 ſchäme mich meiner! Noch einen Blick auf dieſe ſo reinen, ſo zarten Züge, und zurück mit dieſem Portrait, mit dieſen Briefen und dieſen Haarflechten! Verſchließen wir Alles wie⸗ der in meinen alten Secretaire. Hier mögen ſie bleiben, bis der Burſche, der mein Erbe iſt, ſie ins Feuer wirft, indem er von ganzem Herzen über ſeinen alten Oheim lacht. Denn nie wird er ſich einbilden können, ich ſei ganz anders geweſen, als wie er mich geſehen, und es wird ihm eben ſo wenig der Gedanke kommen, ſeine Züge werden auch einſt die eines alten Mannes ſein. Zweite Liebe. Ich glaube, ich kann es wagen, meine zweite Liebe zu erzählen, ohne Furcht, in eine ſchwermüthige Stimmung zu gerathen. Nein, nein! Arabella Wilton ließ nie einen ernſten Gedanken in meinem Kopfe entſtehen, wenn nicht etwa, wie wahnſtnnig es von den Männern im Allgemeinen und von mir beſonders ſei, ſich ſo leicht von den Weibern jeder Art bethö⸗ ren zu laſſen. Um meiner Treue und meiner Empfindſamkeit Gerechtig⸗ keit widerfahren zu laſſen, muß ich anführen, daß der Ver⸗ luſt meiner armen Louiſa für mich die Urſache eines aufrichtigen Kummers während zweier langer, tödtlicher Jahre blieb, und ich war romanhaft genug, zu glauben, ich könnte in Zukunft nie mehr lieben, eine Meinung, welche gern die meiſten Per⸗ ſonen theilen, die ſich in derſelben Lage befinden, wie ich, bis zu dem Tage, wo ihnen die Erfahrung das Gegentheil beweiſt. Hier iſt das Portrait von Arabellä; der Künſtler hat 1² 246 den halb herriſchen und dennoch verführeriſchen Ausdruck ihrer glänzenden ſchwarzen Augen, welche mit aller möglichen Klar⸗ heit zu ſagen ſchienen:„Widerſteht, wenn Ihr könnt,“ gut aufgefaßt. Welche Verſchwendung an braunen Flechten um dieſes ſo vollkommene Oval! Welcher Reichthum an blen⸗ denden Tinten auf dieſen Wangen! Seht dieſe Lippen vom lebhafteſten Roſa, dieſe Lippen, die ſich nur öffneten, um zu lächeln, oder um einen beißenden Scherz entſchlüpfen zu„laſſen, deſſen Bosheit man des reizenden Mundes wegen verzieh, der ihn vorbrachte. Arabella war der Gegenſatz der ſchönen Louiſa; ſie imponirte mehr, als ſie Liebe einflößte. Sie ſchien ſo ſicher der erworbenen Herzen, ſo weit entfernt, das ihrige im Aus⸗ tauſch dafür geben zu wollen, daß ſie das Bataillon ihrer Bewunderer ſtets auf ſeinen Beinen erhielt. Das Gefühl, das Arabella einflößte, iſt bei weitem we⸗ niger ſelten, als die wirkliche Zuneigung. Ihre Bewunderer fingen damit an, daß ſie Arabella liebten, und endigten bamit, daß ſie ſich ſelbſt liebten; denn ſie war ungemein geſchickt, das allmächtige Inſtrument zu handhaben, das man Eitelkeit nennt, und durch den geiſtreichen Gebrauch, den ſie davon machte, mißglückte es ihr höchſt ſelten, Macht über die Leute zu erlangen, die ſie zu beherrſchen wünſchte. Die Ermuthi⸗ gungen, die ſie gleichmäßig unter alle diejenigen austheilte, welche ſie feſſeln wollte, machten die Verfolgung ihres Herzens eben ſo hinreißend, als.... wie ſoll ich ſagen, als die Fuchsjagd, wenn man mir bei einem ſo erhabenen Gegenſtand eine ſolche Vergleichung erlauben will. Hier, wie bei der ſo belebten Fuchsjagd, bildete die Eitelkeit, indem ſie „ 247 das Verlangen, über alle ſeine Mitbewerber zu ſiegen, einflößte, den Hauptreiz der Verfolgung. Kaum verging ein Tag, was ſage ich? eine Stunde, ohne daß einer von den Concurrenten ſich für den Bevorzugten hielt und innerlich über die Eitelkeit ſeiner verachteten Nebenbuhler lächelte; während ſie ſelbſt ins⸗ geheim über Alle lachte und entſchloſſen war, den Reichſten zu heirathen, wer es auch ſein mochte. Wenn ich ſie bei einem Beſuch allein mit ihrer Tante fand, verfehlte ſie nie, mich mit piquanten Anekdoten, welche die Albernheit von Lord Henrh ins Licht ſetzen ſollten, oder durch eine beißende Sa⸗ thre gegen Sir John zu beluſtigen, obgleich ihre Aufmerkſam⸗ keiten für jeden dieſer Bewerber am Tage vorher meine ganze Eiferſucht erregt hatten. Sie hob jedoch mit einer ſo grauſa⸗ men Richtigkeit die Fehler und Lächerlichkeiten ihres Charak⸗ ters, ihrer Tournure, ihrer Manieren hervor, daß ſie nicht nur die Befürchtungen meiner Eiferſucht beſchwichtigte, ſondern auch in mir ein gewiſſes Mitleid für dieſe unglücklichen Opfer erregte, obſchon ich, redlich geſtanden, nie in beſſerer Laune und nie mehr geneigt war, Arabella zu bewundern, als wenn ſie alle Mittel ihres Geiſtes anwandte, um meine Nebenbuh⸗ ler anzugreifen. Es kam mir nicht einmal der Gedanke, dieſe Heuchelei, die ſie ſo die Leute, welche ſie öffentlich ermuthigte, lächerlich machen ließ, ſei tadelnswerth, und ſie könnte wohl eben ſo ſtreng in ihren Bemerkungen über mich in meiner Abweſen⸗ heit ſein. Nein, die Eitelkeit, die befriedigte Eitelkeit hin⸗ derte mich, etwas zu entdecken, wenn nicht, daß Arabella rei⸗ zend war und daß ich der Bevorzugte ſein müßte, weil ſie mich 248 zum Vertrauten ihrer wahren Gefühle über ihre Bewunderer machte. Ich bin überzeugt, wenn mir meine beſten Freunde mitgetheilt hätten, Arabella habe mich lächerlich gemacht, ich hätte es nicht geglaubt und würde dieſe Warnung dem Neide oder der Eiferſucht zugeſchrieben haben. Lord Henrh und Sir John waren die einzigen Nebenbuhler, die ich unter dieſem zahlreichen Hof zu befürchten hatte, nicht als Swären ſie ausgezeichneter oder verführeriſcher geweſen, als die An⸗ dern, ſondern einfach, weil ſie reicher waren. Lord Henryh hatte ein großes Vermögen von einem unberheiratheten Oheim geerbt, und Sir John genoß eine Rente von 20,000 Pfund, welche damals wie heute den Beſitzer eines ſolchen Vermögens ſehr populär unter den Damen machte, die irgend Jemand zu berheirathen hatten oder ſelbſt heirathen wollten. Weder der Eine noch der Andere hatte ſich bis dahin um die Hand von Arabella anders als zu einem Contretanz beworben, und ſie hielt geſchickt Beide wie mich in Athem, um eine ernſtere Bitte hervorzurufen. Doch ich muß geſtehen, daß ich in meiner unendlichen Weis⸗ heit von dieſem Manveubre nie eine Ahnung hatte: die Eitlen ſind ſtets vollkommen blind geweſen und werden es ſtets ſein. Um dieſe Zeit wurde Lord Henrh durch die Krankheit ſeines Vaters weit von London weggerufen und Sir John reiſte zu den Wettrennen von Newmarket ab. Das Feld war mir überlaſſen und ich beſchloß, die Zeit gut anzuwenden, um Arabella dahin zu bringen, daß ſie ſich zu meinen Gunſten vor der Rückkehr meiner Nebenbuhler entſchied. Bei dem erſten Beſuche, den ich Arabella nach der Ab⸗ reiſe von Lord Henrh und Sir John machte, empfing ſie mich „. 249 mit viel größerer Freundlichkeit und wünſchte mir Glück, daß ich leben könne, ohne nach Newmarket zu gehen, wobei ſie be⸗ theuerte, ſie haſſe die Stammgäſte des Turf“), welche ſelten ſo viel Verſtand beſitzen, als die Vierfüßigen, auf die ſie ganze Vermögen wetten, und unendlich weniger Scharfſinn, als die Zweifüßigen, genannt Grooms, die über ſie ſpot⸗ ten. Dieſe ſtrengen Bemerkungen über meine abweſenden Ne⸗ benbuhler, worin zugleich Complimente für mich enthalten waren, ermuthigten mich, ſie um ihre Hand zu bitten. 5h ſagte ihr Alles, was man bei einer ſolchen Veranlaſſung zu ſagen pflegt, wenn man berliebt zu ſein ſich einbildet. Doch während ich dieſe Gemeinplätze ausſprach, konnte ich mich des Gedankens nicht erwehren, wie verſchieden meine Eindrücke ge⸗ weſen, als ich eine ähnliche Erklärung meiner erſten Liebe der reizenden unglücklichen Louiſa machte, und wie mein An⸗ trag auf eine ganz andere Weiſe aufgenommen worden ſei. Hier kein Zittern, keine Rührung, keine Schüchternheit, keine unwillkührlich den Augen entſtürzende und wie Thauperlen über das Incarnat der Wangen rieſelnde Thränen! Nein, die Groß⸗ mutter von Arabella, wenn ſie noch am Leben geweſen wäre, hätte nicht freier von jeder Verlegenheit ſein können; doch nach einer Pauſe von einigen Secunden ſtellte ſie ſich, als ſchlüge ſie die Augen nieder, und murmelte einige Worte über das Unvorhergeſehene meines Antrags. „Muß ich glauben, daß er Ihnen unangenehm iſt?“ rief ich gereizt durch ihre Unempfindlichkeit. *) Wettrennen. „Unangenehm?“ wiederholte die Sirene;„welch ein Wort iſt das?“ Und ſie legte ihre kleine weiße Hand in die mei⸗ nige, während ſie den Kopf abwandte, nicht um ihre Röthe, ſondern um den Mangel aller Röthe zu verbergen. Ich war wahnfinnig genug, mich ihr zu Füßen zu werfen. Beim Jupiter! nur der Gedanke an dieſe Plattheit macht mir den Krampf im Bein! Ah! ah! welch ein furchtbarer Schmerz! Und dieſer Tölpel John läßt die Stunde vorübergehen, ohne mir mein Colchicum zu bringen. Endlich kommt er, es iſt die hie Beit Kehren wir zu unſeren Erinnerungen zurück. Wo war ich, als mich dieſer Krampf packte? Ah! ich glaube auf den Knieen und bedeckte die kleine Hand, die ſie mir überließ, mit Küſſen; und ſie wandte den Kopf ab, vielleicht um ein Lä⸗ cheln des Triumphes oder des Spottes zu verbergen, als eine Stimme im Vorzimmer erſcholl(es iſt häufig ſehr geeignet, in den Vorzimmern die Stimme zu erheben), und mir ver⸗ kündigte, daß wir unterbrochen werden würden. Ich hatte kaum Zeit, aufzuſtehen und die Ruhe wieder zu gewinnen, die nie von meiner Geliebten gewichen war, als ihre Tante mit der Bemerkung eintrat, ſie habe ſo eben einen Brief erhalten, der ihre unmittelbare Gegenwart bei einem gefährlich kranken nahen Verwandten fordere. Sie hatte Pferde beſtellen laſſen und hieß ihre Nichte ſogleich Vorkehrungen zur Reiſe treffen. Wäh⸗ rend die Frau Tante ins Vorzimmer ging, um ihrer Kammer⸗ frau Befehle zu geben, ſagte Arabella ganz leiſe zu mir, ich möge ihrer Tante ſchreiben und förmlich um ihre Hand bitten. „Warum?“ erwiederte ich,„warum ſoll ich meine Bitte „ „ 251 nicht ſogleich in Perſon thun und ihr unſere gegenſeitige Zu⸗ neigung erklären?“ „O nein, um keinen Preis!“ rief die Betrügerin.„Sie wiſſen nicht, wie ſehr meine Tante an den Formen, an der Etiquette hängt(ein Fehler, den ich nicht an ihr wahrgenommen hatte); ſie würde es uns nie verzeihen, wenn ſie wüßte, Sie haben mit mir vom Heirathen geſprochen, ehe Sie bei ihr hiezu die Erlaubniß eingeholt. Ich bitte Sie, compromittiren Sie mich nicht ihr gegenüber. Richten Sie eine förmliche Bitte an ſie und ſetzen Sie ihr ihre pecuniären Verfügungen aus⸗ einander; denn wenn ich auch wenig Gewicht auf dies Alles lege, lieber Harrh, ſo hat meine Tante ganz andere Anſichten und man muß ſie zu gewinnen ſuchen.“ Es lag wohl etwas in dieſer ganzen ſo kalt berechneten Politik, was mir widerſtrebte; und dennoch ſchrieb ich, blind wie ich war, der Liebe das Geſtändniß zu, das mir die Nichte über die krämeriſchen Neigungen ihrer Tante machte. Unwider⸗ ſtehliche Gewalt der Eitelkeit! Ich riß mich aus dieſem Hauſe los, gehorchte, kaum zu mir zurückgekehrt, dem Willen von Arabella und ſchrieb eine förmliche Bitte. Indem ich mit der bei ſolchen Fällen gewöhnlichen Uebertreibung die Gewalt meiner Gefühle für ihre Nichte ſchilderte, machte ich ſo frei⸗ gebige Anerbietungen, daß die geizigſte Tante nichts einzu⸗ wenden haben konnte. Ungeduldig erwartete ich die Antwort, denn trotz der geſicherten Einwilligung von Arabella war ich begierig, ihr Verſprechen durch die Perſon ratificirt zu ſehen, welche Mutterſtelle bei ihr vertrat. Doch ich erhielt keine Antwort, und als ich meinen Bedienten abſchickte, um 252 eine holen zu laſſen, erklärte man ihm, die Damen ſeien ab⸗ gereift. Die Tage vergingen, ohne mir die ſo ſehr erſehnte Ant⸗ wort der Tante zu bringen, deren Stillſchweigen mir ganz un⸗ erklärlich vorkam. Ich bedauerte beinahe die Anerbietungen, die ich gemacht hatte, als nach vielen Tagen der Angſt ein Brief ankam. Miſtreß Spencer entſchuldigte ſich, daß ſie mir nicht früher geantwortet, damit, es ſei ihr Verwandter eine Gefahr gelaufen, welche jeden andern Gedanken aus ihrem Geiſte verbannt habe. Dieſer Verwandte ſei in der Wieder⸗ geneſung begriffen und Miſtreß Spencer komme gern auf meine Vorſchläge zurück, deren ganze Großmuth ſie anerkenne; ſie würde in ein paar Tagen wieder in London ſein und alle Präliminarien zur Heirath könnten dann geordnet werden. Als ich dieſen charakteriſtiſchen Brief las, fühlte ich ent⸗ fernt kein Vergnügen; es fand ſich darin nicht ein Wort von Arabella geſchrieben oder dictirt, ihr Name war nicht einmal darin genannt, und ich konnte mich eines Aergers nicht er⸗ wehren. Doch alle meine Zweifel und alle meine Befürchtungen verſchwanden, als ich Arabella ſchöner, friſcher als je wieder⸗ ſah, als ſie meine Bemühungen um ihre Perſon mit offen⸗ barer Befriedigung aufnahm. Die Vorkehrungen zu unſerer Hochzeit wurden getroffen; doch es waren bei mir nicht mehr die Gefühle, die mich bei einem andern Verhältniß belebt hatten. Ich bewunderte die Schönheit von Arabella und war unter dem Joche: aber die Leidenſchaft, die ſie mir einflößte, war der Art, daß ſie weder dem, der ſie empfand, noch der, welche der Gegenſtand derfelben war, große Ehre machte. Sie . 253 war nicht geadelt durch die Zärtlichkeit des Herzens, welche jede wahre Liebe begleitet, nicht erhöht durch die Achtung, welche das Gefühl läutert und von jeder Klugheit freimacht. Alle Gedanken, welche ſich äuf meine reizende Louiſa bezogen, hatten einen ſolchen Charakter von Reinheit gehabt, daß ich in ihr einen Engel zu finden glaubte, der ſich auf die Erde verirrt habe und beſtimmt ſei, mich zu führen und des Him⸗ mels würdig zu machen. Arabella ſchien mir im Gegentheil eine Frau, geſchaffen, einen Mann durch ihre Liebkoſungen und durch ihre Reize an die Erde zu feſſeln. In jenem Augenblick wurde mir die Miniature gegeben, die ich behalten habe. Ich hatte den Wunſch ausgedrückt, das Portrait meiner Zukünftigen zu beſitzen; da ich aber bei der Tante die unerklärliche Velleität, die Vollendung des Bildes bis nach der Hochzeit zu verſchieben, wahrnahm, ſo beſchloß ich mit der gewöhnlichen Hartnäckigkeit meines Charakters, es ſogleich zu haben. Ich führte meine Braut zu einem unſerer berühmteſten Künſtler, dem ich nach den Begriffen jener Zeit übermäßiges Honorar gab. Meine Eitelkeit war nicht wenig dadurch verletzt, daß ich meine zukünftige Gemahlin viel mehr mit den Vorbereitungen zum Brautgeräth, als mit dem Geber ſelbſt beſchäftigt ſah. Sie zeigte einen Geſchmack, oder vielmehr eine Leidenſchaft für die Juwelen und Kaſchemirs, welche klar zeigte, daß das Erwerbungsorgan, wie die Phrenologen ſagen, bei ihr ſehr entwickelt war. Miſtreß Spencer ſprach mir unab⸗ läßig von der Pracht der Diamanten, von der ſeltenen Schön⸗ heit der Smaragde, welche von einigen Seufzenden ihren Vräuten angeboten worden. Arabella erklärte, ſie beneide weder die 254 Einen um ihre Diamanten, noch die Andern um ihre Sma⸗ ragde, doch ſie bekannte eine unglückliche Leidenſchaft für die Rubinen und die Saphire und ein wenig Neid über diejenigen, welche ihre Freundin, Miß Meadows, von Sir Frederie Van⸗ deleur bekommen habe. Kurz ich erhielt tauſend Anſpielungen auf das, was man von mir erwartete, nebſt einigen Bemerkungen über meine früheren Geſchenke, und ich war ſchwach genug, ungeheure Ausgaben zu machen, um die Phantaſien zu befriedigen, welche meine Zukünftige durchblicken ließ. Miſtreß Spencer hatte ſich in einer Villa in Richmond niedergelaſſen, wohin ich jeden Tag ging. Ich kam gewöhnlich gegen drei Uhr an und begegnete beſtändig unter Wegs einem jungen Mann von reizendem Antlitz, deſſen faſhionable Ma⸗ nieren und Kleider einen auffallenden Contraſt mit dem elenden Pferde bildeten, das er ritt. Ich begegnete ihm ſo oft, daß mir ſeine Züge ganz bekannt waren, und ich ſetzte mir in den 3₰ Kopf, es ſei ein minderjähriger Sohn, der jeden Tag ſeiner anſpruchsvollen Mutter einen Beſuch machen müſſe, oder ein Verliebter, der von einer verſtohlenen Zuſammenkunft mit der Sultanin irgend eines Cröſus der Cith zurückkehre, welcher zu dieſer Stunde in ſeinem Bureau aufgehalten werde. Er ſchien mich mit einer gewiſſen Miene des Stolzes und einer üblen Laune anzuſchauen, die ich mir bei einem Fremden nur durch den Gedanken, ich ahne den Grund ſeiner Beſuche, und durch die Furcht, ich könnte ſo indiscret ſein, ihn zu verrathen, zu erklären vermochte.“ Eines Tags hatte ich bei Bundle und Bridge Juwelen „ 255 ausgewählt und hiebei die Summe, die ich auszugeben gedachte, weit überſchritten; zu dieſer Verſchwendung, ich muß es ge⸗ ſtehen, trieben mich weniger meine natürliche Freigebigkeit, als die Einflüſterungen und Anſpielungen der Tante und die Wünſche an, welche die Nichte mehr durchblicken ließ, als ausſprach. Verführt durch die Schönheit der Faſſung und ihr wundervolles Enſemble, worauf mich der dienſtfertige Kauf⸗ mann aufmerkſam machte, beging ich die Thorheit, ein Collier von Rubinen berziert mit Diamanten und dem zu Folge die dazu gehörigen Armſpangen, Ohrenringe, die Broche und die Haarnadeln zu kaufen. Statt etwa fünf hundert Pfund auszu⸗ geben, gab ich beinahe fünf tauſend aus, und ich entfernte mich mit jener Unzufriedenheit mit mir ſelbſt, mit jener üblen Laune, welche ein Mann, der nicht völlig verrückt iſt, unfehlbar empfindet, wenn er eine Thorheit begangen zu haben ſich be⸗ wußt iſt. In dieſer Stimmung des Geiſtes ging ich in den Club, um zu Mittag zu ſpeiſen, und nicht ſehr begierig, einen meiner Bekannten zu treffen, ſetzte ich mich in eine Ecke des Saales, die ein großer Windſchirm von den übrigen Theilen des Gemaches trennte, und wo ich von den Ankommenden nicht geſehen werden konnte. Ich war eben im Zuge, mein einſames Mahl zu ver⸗ zehren, als zwei wohlbekannte Stimmen ſich ein Mittagsbrod auf einen Tiſch in der Nähe des meinen jenſeits des Wind⸗ ſchirmes bringen ließen. Als ich die Stimme von Lord Henrh und Sir John erkannte, denen ich zu begegnen durchaus nicht Luſt hatte, wünſchte ich mir Glück, daß ich mich in meinen Winkel geflüchtet hatte. Wilton, auf dem Punkte iſt, ſich zu verheirathen, und zwar mit Lhſter?“ tauſendmal lächerlich machen hören.“ Wahrheit des alten Sprüchworts, daß die Horcher ſelten Gutes von ſich ſelbſt hören. Haus, und es gab eine Zeit, wo ich zu glauben anfing, Sie haben ernſtliche Abſichten.“ „Warum denn? weil Arabella ſich das mit ihrem ge⸗ wöhnlichen Verſtand in den Kopf ſetzen konnte? Ich war nicht dumm genug, um eine ſolche Thorheit zu begehen. Nein, nein, Arabella iſt eine reizende Perſon, um mit ihr zu coquettiren, doch ſie iſt die Letzte, durchaus die Letzte, die ich heirathen möchte.“ der verheiratheten Frau.“ Wenn ſie ſich verheirathet, werde ich einer ihrer beharrlichſten Bewunderer.“ 256 „Seit wann ſind Sie zurück?“ fragte Lord Henth. „Seit kaum einer Stunde,“ antwortete Sir John. „Ich bin geſtern Abend angekommen und reiſe bis Abonmore.“ „Wiſſen Sie, daß unſere reizende Freundin, Arabella „Iſt es möglich?“ „Ja, mit Lhſter, den wir ſie haben tauſend und aber Meine Ohren fingen an zu klingeln und ich fühlte die „Aber ſagen Sie, Sir John, Sie waren beſtändig im „Ich bin nicht Ihrer Anſicht, es iſt für mich das Real „Sie ſprechen nicht im Ernſte.“ „Verſtehen wir uns recht, verheirathet mit einem Andern Ich fühlte mein Blilt vor Entrüſtung ſieden und war im „ 257 Begriff, vorzuſtürzen und mich in das Geſpräch zu miſchen, als Sir John fortfuhr: „Welch ein Narr muß dieſer chſer ſein, daß er ſich auf eine ſolche Art ködern läßt! Ich hätte nie geglaubt, es würde ihr gelingen, ihn in dieſem Grade zu täuſchen, obgleich ich wohl wußte, daß man ſich unſerer bediente, um ihn in die Angel beißen zu laſſen. „Beim Jupiter! das habe ich auch geſehen, und wenn unſere vorgeblichen Heirathspläne Anlaß zu dieſem wirklichen Plan waren, ſo thut es mir nicht leid für die arme Arabella, denn ſie ſehnte ſich ſehr nach einer Veränderung ihrer Lage.“ „Was denken Sie von der Tante, die mir die förmliche Bitte von Lhſter mitgetheilt hat?“ „Köſtlich! köſtlich! nun erklärt ſich Alles; ſie hat ſie mir auch mitgetheilt.“ „Nicht möglich!“ „Ich ſchwöre es Ihnen, mehr noch, ich will ſie von einem Ende zum andern wiederholen, denn Lhſter war ſo genau und ſo ausführlich in Auseinanderſetzung ſeiner freigebigen Abſichten hinſichtlich des Witthums, daß ich den Brief an die Tante beinahe Wort für Wort auswendig behalten habe.“ „Und welchen Vorwand hat dieſer alte Fuchs genommen, um ſie hierüber um Rath zu fragen?“ „Den ewigen Vorwand, daß ſie mich als einen Freund der Familie betrachte.“ „Dieſen Vorwand hat ſie auch bei mir genommen.“ „Sie ſagte mir, Arabella habe einen ausgeſprochenen Der Erzähler 1847. M. 17 258 Widerwillen gegen Herrn Lyſter und ſie befürchte, dieſem Widerwillen gegen eine ſo vortheilhafte Partie liege ein Vor⸗ zug für einen Andern zu Grund; ſie habe ſich daher ent⸗ ſchloſſen, mich um Rath zu fragen, um zu wiſſen, ob ſie darauf beſtehen ſollte, daß Arabella der Bitte von Lyſter nachgebe“ „Mit zwei Worten, ein Umweg, um uns dahin zu bringen, daß wir um die Hand von Arabella für uns ſelbſt bitten. Das iſt Punkt für Punkt das, was ſie mir geſchrie⸗ ben hat.“ „Ich wollte wetten, ſie hat uns Faeſimile geſchickt! haben Sie wie ich geantwortet, es wäre vernünftig und er⸗ ſprießlich, die Hand von Lyſter anzunehmen?“ „Das habe ich gethan, und ich fügte bei, es wäre dies der klügſte Rath, den ein Freund der Familie geben könnte... Ha! ha! ha! bei meiner Seele, ich kann mich des Lachens nicht erwehren.“ „Ha! ha! ha! ich auch nicht! uns Beide um Rath fragen, und zwar in derſelben Abſicht!“. „Der Streich iſt vortrefflich und ganz würdig der alten Dame, welche ſo viel Schlauheit und ſo wenig Herz beſitzt, als irgend eine alte Witwe von Saint⸗James.“ „Ich wollte wetten, wir ſind nicht die Einzigen, die man um Rath gefragt hat.“ „Wer weiß, ob es nicht ein Circulaire war, was wir erhalten haben?“ „Und dieſer würdige Lyſter, während die Tante ſeine Heirathsanerbietungen in der Runde colportiren ließ, war er ohne Zweifel ſo gutmüthig„ihre Antwort mit der größten „ 259 Ungeduld zu erwarten. Der arme Junge, ich bemitleide ihn! Er iſt furchtbar bethört worden. Doch es freut mich ſehr, daß Arabella endlich eine gute Partie gefunden hat, denn ich geſtehe, ich hatte eine Schwäche für ſie und ich wäre, um offenherzig zu reden, undankbar, wenn ich anders ſein wollte; ich habe im Ganzen Grund, zu glauben, der Vorzug, von dem die alte Tante ſprach, war reeller, als dieſe ſich einbildete.“ „Ich glaube es auch, denn ich kann ohne Eitelkeit ſagen, daß ich die arme Arabella im Verdacht einer Neigung für Ihren gehorſamen Diener habe.“ „Für Sie?“ „Ja, für mich. Was iſt darin ſo Außerordentliches, daß Sie in dieſem Maße erſtaunt und ungläubig ſcheinen?“ „Es liegt darin etwas teufelmäßig Außerordentliches, denn wenn ich Arabella ſelbſt glauben darf, ſo hatte ſie eine Neigung für einen Andern.“ „Sie wollen doch nicht ſagen, für Sie2“ „Warum denn nicht? Wäre es ſeltſamer, wenn ſie mir einen Vorzug gegeben hätte, als wenn Sie begünſtigt worden wären?“ „Ich nehme nur an, daß ſie keine Neigung für alle Beide zugleich fühlte, und habe einen Grund, einen ſehr guten Grund, zu glauben, daß ſie mich liebte.“ „Und ich, ich kann ſchwören, daß ich hörte, wie ſie Sie dergeſtalt lächerlich machte, daß ich mich genöthigt ſah, Ihre Partie zu nehmen, obgleich ſie mich ſehr oft lachen machte, ſo gut wußte das theure Geſchöpf damit umʒugehen. Ha! ha! ha! ich muß noch in der Erinnerung lachen.“ 260 „Und ich, ich hörte, wie Sie von ihr mit ſo viel Schärfe angegriffen wurden, daß ſelbſt ein Feind erkannt hätte, es ſei dies eine Caricatur und nicht ein Portrait, und dennoch war ſo viel Ausgelaſſenheit in der Art und Weiſe, wie Arabella Sie durch die Hechel zog, daß man ſich des Lachens nicht er⸗ wehren konnte.“ „Lord Henry, ich bitte Sie, zu glauben, daß ich Nie⸗ mand ſich auf meine Koſten luſtig zu machen erlaube.“ „Genehmigen Sie die Bemerkung, Sir John, daß ich Niemand um die Erlaubniß bitte, lachen zu dürfen, wenn ich Luſt dazu habe.“ „Soll ich das als eine Perſönlichkeit nehmen?“ „Es ſteht Ihnen frei, es zu nehmen, wie es Ihnen beliebt.“ „Ich werde die Ehre haben, Ihnen morgen einen von meinen Freunden zu ſchicken.“ „Ich bin ganz bereit, ihn zu empfangen.“ Lord Henrh ging hinaus, und bald folgte ihm Sir John. „Da ſind zwei unglückliche Narren im Begriff, ſich wegen einer herzloſen Coquette gegenſeitig zu ermorden,“ dachte ich; „und ein dritter, vielleicht der größte Narr von allen dreien, iſt im Begriff, ſie zu ſeiner Frau zu machen!... Nein⸗ nein, ich heirathe ſie nicht! Mich auf eine ſo ſchmähliche Weiſe lächerlich machen, oh! die Heuchlerin! nach allen den treuherzigen Worten, nach allen den zärtlichen Geſtändniſſen, die ſie an mich verſchwendet hat, nach ſo vielen Schmeiche⸗ leien, nach einer ſo großen Ehrfurcht vor meinen Anſichten!... Oh! Weiber! Weiber! Alles, was man je zu eurem Nach⸗ „ 261 theil geſchrieben oder gedacht hat, iſt um die Hälfte zu ſchwach. Ihr ſeid euch Alle gleich, verächtliche, trügeriſche Weſen!“ Als ich, unter den meiner Eitelkeit geſchlagenen Wunden röchelnd, dieſen Monolog voll Weisheit und Mäßigung endigte, erſchien vor mir das Bild meiner armen Louiſa, als wollte es mir dieſen ungerechten Zorn gegen ihr Geſchlecht vorwerfen. Tauſend Erinnerungen an ihre engeliſche Reinheit, an ihre edle Redlichkeit machten, daß ich über dieſe bittere Diatribe erröthete, die ich gegen ein ganzes Geſchlecht gerichtet, weil ich zu wenig Unterſcheidungskraft gehabt hatte, um mich an eine Coquette zu wenden. Ich brachte die nächſte Nacht ſchlaflos zu, fühlte mich jedoch durch den Gedanken erleichtert, daß ich Arabella nicht heirathen würde. Ich war voll Entrüſtung, wenn ich mich erinnerte, wie oft die liſtige Sirene mein Lächeln durch ihre Scherze und ihre ſpöttiſchen Pfeile gegen meine Feinde her⸗ vorgerufen hatte. Wir hatten uns abwechſelnd über einander luſtig gemacht, während die Zauberin über uns Alle ſpottete, und als wahre Blinde vermutheten wir nie, daß wir hinter⸗ einander durch das Feuer ihrer Sarkasmen zu gehen hatten. Ich begab mich frühzeitiger als gewöhnlich nach Rich⸗ mond, entſchloſſen, eine Erklärung mit der Tante und der Nichte herbeizuführen, und, ſoll ich es geſtehen? ich weidete mich zum Voraus mit einer kindiſchen Freude an der Wuth und der Enttäuſchung, welche bei ihnen ein ſolcher Bruch zur Folge haben würde. Als ich in die Villa kam, ſagte man mir, Miſtreß Spencer habe ihr Zimmer noch nicht verlaſſen und Miß Wilton ſei im Garten. Ich ging in den Garten 262 brennend, ſie mit den Vorwürfen und Sarkasmen zu über⸗ ſchütten, die ich bereit hielt. Während ich durch eine Allee ſchritt, welche durch eine Hecke von dem Garten getrennt war, hörte ich das Gewieher und das Stampfen eines Pferdes, und als ich über die Hecke ſchaute, erblickte ich das ſchlechte Roß, auf dem ich ſo oft den ſchönen Unbekannten auf ſeiner Rückkehr von Richmond geſehen hatte. Das arme Thier fraß gierig die Blätter der Hecke und war an einen Baumſtamm angebunden. Ein unbeſtimm⸗ ter Verdacht, der Eigenthümer des Pferdes, der nicht weit entfernt wäre, hätte in dieſem Augenblick ein Rendezvous mit meiner treuloſen Geliebten, regte ſich alsbald in meinem Geiſte und erklärte mir ſeine häufigen Beſuche in Richmond. Ich wandte mich mit leiſen Schritten nach einem kleinen Pabillon, wo ich mit Recht Arabella finden zu müſſen glaubte und worin ich mehrere Stimmen hörte. Ich verbarg mich unter dem Blätterwerk eines Olianders ganz nahe am Fenſter. Es kann mir nicht einfallen, mein Venehmen zu vertheidigen, denn ſch geſtehe, daß eine ſolche Handlungsweiſe nie zu rechtferti⸗ gen iſt. „Iſt es nicht genug,“ ſagte Arabella,„daß ich genöthigt bin, einen Menſchen zu heirathen, den ich haſſe, während meine ganze Seele Ihnen gehört? Müſſen Sie mich auch noch durch Ihre ungerechte Eiferſucht peinigen?“ „Wie ſollte ich nicht eiferſüchtig ſein, da Sie die Frau eines Anderen werden ſollen?“ erwiederte man.„Oh, Ara⸗ bella! wenn ich wirklich überzeugt ſein könnte, daß Sie ihn haſſen, wäre ich minder unglücklich 1. „ 263 „Können Sie an meiner Abneigung gegen ihn zweifeln?“ fragte ihn meine Sirene mit dem ſüßeſten Tone.„Können Sie ihn ſehen und ſich nachher im Spiegel beſchauen, ohne überzeugt zu ſein, daß man, wenn man Augen zum Sehen und ein Herz zum Fühlen hat, den Einen nicht ohne Ekel und den Andern nicht ohne Bewunderung zu betrachten vermöchte?“ „Oh! das Krokodil!“ dachte ich in meinem Innern.„Und dies nach allen Schmeicheleien, die ſie meine Leichtgläubigkeit verſchlucken ließ!“. Horcher, nehmt Euch in Acht! denn Ihr ſeid verdammt, nie etwas Gutes von Euch zu hören. Das Verbrechen, an den Thüren zu horchen, zieht ſo ſicherlich eine Strafe nach ſich, daß es kein beſtimmtes Vertheidigungsmittel dagegen gibt: es iſt ein Fehler, der die Ahndung in ſich ſelbſt trägt. Wehe dem⸗ jenigen, welcher ſich deſſelben ſchuldig macht! Die Worte von Arabella, die mein Herz in Wuth ver⸗ ſetzten, waren ein lindernder Balſam für meinen Nebenbuhler, denn ich hörte glühende Küſſe, welche, ich will es im Inter⸗ eſſe des Wohlanſtandes glauben, auf die Hand der ſchönen Lügnerin gedrückt wurden. „Ja,“ ſagte Arabella,„Lhſter iſt ein wahres Ungeheuer; er iſt ſo linkiſch, daß er weder ſitzen, noch ſtehen, noch gehen kann, wie ein Anderer.“ Oh, die Verrätherin! wie oft hat ſie mein ungezwun⸗ genes Weſen und das gelobt, was ſie die männliche Anmuth meiner Bewegungen nannte. „Sie ſind ungerecht, Arabella,“ rief mein Nebenbuhler, für den ich ſogleich eine gewiſſe Neigung in mir fühlte,„Lhſter *— 264 iſt ein Mann von gutem Ausſehen, ein Mann, den eine Frau, deren Herz frei wäre, zu heirathen wünſchen könnte.“ „Ich bitte, ſprechen wir nicht von ihm, denken wir nicht an ihn. Bin ich nicht genug geſtraft, daß ich ihn die Hälfte des Tages ſehen und anhören muß, ſoll er auch noch die kur⸗ zen Augenblicke einnehmen, die wir mit einander zubringen? Habe ich nicht Lord Henryh und Sir John Ihnen zu Liebe ausgeſchlagen? Warum ſind Sie noch nicht zufrieden?“ „Arabella, muß ich nicht unglücklich, muß ich nicht elend ſein, wenn ich bedenke, daß ein Anderer der Herr Ihres Ge⸗ ſchickes werden ſoll! Er kann hart, er kann ohne allen Edel⸗ muth ſein, und ich, der ich Sie liebe, der ich Sie anbete, kann Ihnen tauſend Vorwürfe nicht erſparen, wenn er entdeckt, und das wird bald geſchehen, daß Sie ihm nicht Ihr Herz mit Ihrer Hand gegeben haben.“ „Oh! laſſen Sie mich meine Barke ſteuern; er iſt ſo eitel und ſo albern, daß ich keines andern Kunſtgriffes bedarf, um ihn glauben zu machen, ich heirathe ihn aus reiner Nei⸗ gung. Er iſt davon überzeugt, denn was würde nicht eine ſo mächtige Eitelkeit wie die ſeinige glauben!“ „Ja, durch die Schmeichelei, durch die Lüge haben Sie dieſe Herrſchaft über Lyſter erlangt. Wenn Sie mich geliebt hätten, würden Sie ſich nicht dieſes Betrugs ſchuldig gemacht haben, und indem Sie ihn täuſchten, haben Sie mich bis in die Tiefe meiner Seele verwundet!“ Die Stimme des jungen Mannes zitterte vor Erſchütterung. „Sie ſind der ſchlimmſte Kopf, den ich kenne,“ ſprach Arabella.„Bin ich nicht auf dem Punkte, mich einer reichen Hei⸗ —.. 265 rath zu opfern, um Ihnen eine ſchlechte zu erſparen, Eduard? denn ein Mädchen ohne Mitgift wie mich zu heirathen, wäre Ihr Ruin, und ich liebe Sie zu ſehr, Undankbarer, um Ihnen ein ſolches Unglück zuzuziehen. Wenn Sie mich beſuchen und von allem Wohlſtand, von allem Lurus umgeben ſehen werden „Sie halten meine Liebe für ſehr ſchwach,“ rief er un⸗ geſtüm,„wenn Sie glauben, ich werde Sie in ſeinem Hauſe beſuchen, um ihn im Beſitz der einzigen Frau, die ich geliebt, zu ſehen. Nein, ich bin weder ohne Herz, noch ſo ſehr Phi⸗ loſoph, daß ich dieſen Schmerz zu ertragen vermöchte. Ein ſolches Schauſpiel würde mich wahnfinnig machen.“ „Was ſagen S. da? Was wollen Sie denn thun?“ „Ich werde wenigſtens kein Feiger, kein Elender, kein Schändlicher ſein, der die Gaſtfreundſchaft verräth und dazu einwilligt, daß die Frau, die er liebt, ein ganzes Leben der Lüge führt und ſich eines gemeinen, entehrenden Benehmens ſchuldig macht.“ Er zerfloß in Thränen. Dieſer leidenſchaftliche Schmerz ſchien das Marmorherz von Arabella zu rühren, denn ſie fragte ihn mit ſanftem Tone, warum er dazu eingewilligt, daß ſie einen Andern heirathe.. „Können Sie mich fragen? Ich wußte, daß Sie gierig nach Lurus und Reichthum trachten, und ich bin ohne Ver⸗ mögen. Ich zitterte, ich war troſtlos bei dem Gedanken, Sie in meinem Hauſe ſeufzend nach Genüſſen zu ſehen, die ich Ihnen nicht hätte verſchaffen können; es kam mir minder „ 266 ſchmerzlich vor, Sie im Beſitze von Vermögen mit einem Andern, als ſich mit mir darnach ſehnend zu wiſſen. An Ihnen, Arabella, an Ihnen, die Sie meine glühende, wahn⸗ ſinnige Liebe für Sie kannten, war es, das Verlangen, meine Armuth zu theilen, auszuſprechen. Das würden Sie gethan haben, wenn Sie mich wahrhaft geliebt hätten. Oh! wenn Sie mich liebten, würde Ihnen ein beſcheidenes Vermögen mit mir genügen. Sie hätten dieſe verhaßte Heirath abgebrochen, um mir zu folgen, ſelbſt in einer Hütte. Meine Großmutter hätte uns bald verziehen, denn ſie liebt mich und würde in kurzer Zeit diejenige lieben gelernt haben, welche mein Glück gemacht hätte. Und dennoch, wie oft hat meine Großmutter, ſo gut und nachſichtig ſie iſt, mir geſagt, Sie ſeien eben ſo wenig geneigt, einen Mann ohne Vermögen zu nehmen, als Ihre Tante, eine ſolche Heirath zuzugeben!“ „Ihre Großmutter iſt ungerecht, und Sie ſind es noch viel mehr. Großer Gott!“ rief ſte, indem ſie eine Repetiruhr öffnete, die ich ihr einige Tage zuvor geſchenkt hatte,„wie ſpät iſt es ſchon! Lhſter wird im Augenblick kommen, und wenn er Sie fände...“ „So wäre Ihre Heirath mit ihm abgebrochen, nicht wahr? Seien Sie unbeſorgt, Arabella, ich verlaſſe Sie; gehen Sie zu dieſem glücklichen Sterblichen, deſſen Vermögen Sie mir entteißt. Oh! wie oft habe ich ſeine zuftiedene Miene verflucht, wenn ich bedachte, daß er das Recht, das ausſchließ⸗ liche Recht hat, mit Ihnen zu ſprechen, während ich eine Zuſammenkunft mit Ihnen ſtehlen und Sie verlaſſen muß, um ihm Platz zu machen! Oh! das ſoll nicht ſo fortdauern, „ 267 Arabella, kann ich nicht Ihr Gatte ſein, ſo ſehe ich Sie heute zum letzten Mal.“ Bei dieſen Worten ſtürzte er aus dem Pabillon, ſchwang ſich auf ſein Pferd und verſchwand mit einer Haſt, die die Aufregung ſeines Geiſtes bezeichnete. „Armer Eduard!“ rief Arabella.„Warum iſt er nicht reich, denn es kommt mir vor, als liebte ich ihn mehr, als irgend einen Andern. Er iſt überdies der Einzige, der mich um meinetwillen liebt, denn die Anderen lieben mich aus Eitelkeit und er liebt mich meiner Schönheit wegen. Armer Eduard! Doch die Liebe in einer Hütte2 Ich habe einen Ab⸗ ſcheu vor Hütten, wenn ſie auch nicht nach Verlauf von einigen Jahren mit einer Vande von Murmelthieren, die nach Brod ſchreien, gefüllt wären! Nein, nein, dieſe Hände ſind nicht gemacht, um Brod zu ſchneiden, wie die von Werthers Lotte, und auch nicht, um Kittel zu nähen, wie die gute Miſtreß Herbert, die Frau des Kapitäns auf halbem Sold, die unten an der Allee wohnt.“ „Ihre Hände dürften noch zu etwas Schlimmerem ge⸗ braucht werden, ſchöne Dame!“ rief ich, indem ich in den Pabillon ſprang. Arabella ſtieß einen leichten Schrei aus, wurde zuerſt leichenblaß und ſogleich darauf purpurroth. „Ich bin Zeuge Ihrer Zuſammenkunft mit meinem be⸗ vorzugten Nebenbuhler geweſen, der nicht mehr mein Neben⸗ buhler ſein wird, denn ich mache fortan keinen Anſpruch mehr auf Ihre Hand.“ Arabella wollte einige Worte ſtammeln, doch ich unter⸗ 268 brach ſie ohne Umſtände und überließ ſie ihren Betrachtungen. Ich wandte mich in aller Haſt nach der Villa, um ihre Tante aufzuſuchen. Die würdige Frau empfing mich wie gewöhnlich mit einem Lächeln auf den Lippen. „Sehen Sie, lieber Lyſter,“ ſagte ſie, indem ſie mir ein Etui reichte,„kann man etwas Schöneres finden, als dieſe Rubinen mit Diamanten umgeben? Wie ſie in den ſchwarzen Haaren unſerer Arabella glänzen würden, wie ſie zu den reichen Tinten ihrer Wangen und ihrer Lippen ſtünden!“ Ich bemeiſterte mich, um mich mit ihr in Einklang zu ſetzen, denn ich fand ein boshaftes Vergnügen daran, ſie in ihren Hoffnungen zu beſtärken, damit ihre Enttäuſchung deſto größer wäre. „Ich habe,“ ſagte ich,„gerade geſtern einen Schmuck von Diamanten und Rubinen gekauft, der das Doppelte von dieſem werth, und deſſen Faſſung bewunderungswürdig iſt.“ „Wie liebevoll iſt das von Ihnen, wie gut, wie groß⸗ müthig ſind Sie, wie glücklich wird unſere theure Arabella ſein! Haben Sie ihn mitgebracht? Ich ſterbe vor Verlangen, ihn zu ſehen.“ „Ich befürchte, Madame,“ erwiederte ich mit einem ſteifen Weſen,„Ihre Neugierde wird nie befriedigt werden.“ „Wie ſeltſam ſind Sie heute, mein lieber Lhſter! ich wollte Sie meinen Neffen nennen, doch ich kann Ihnen dieſen Namen nicht geben, ſo lange Sie ſich ſo bizarr benehmen. Und warum werde ich ihn nicht ſehen? Sie beabſichtigen ohne Zweifel nicht, mich von dem lieben Kinde zu trennen, wenn „ 269 es Ihre Frau wird? Nein, nein, Sie könnten nicht ſo grau⸗ ſam ſein.“ Und die alte Heuchlerin legte ihre Hand mit ihrer rüh⸗ rendſten Miene auf meine Schulter. „Nein, Madame, ich habe nicht die Abſicht, zwei Weſen zu trennen, welche ſo ganz für einander geſchaffen zu ſein ſcheinen.“ „Wie gut iſt das von Ihnen, theurer Lhſter! welche Freude machen Sie mir! Ich war ſo unglücklich bei dem Gedanken, von meiner theuren Arabella getrennt zu werden, die ich ſtets wie ein Kind geliebt habe! Welches Glück wird es mir ge⸗ währen, Ihr Anerbieten zu benützen und meine Tage zwiſchen Ihnen und meiner theuren Nichte hinzubringen.“ Die alte Dame war ſo entzückt, daß ſie mehr als einen Verſuch machte, ihren theuren Neffen zu umarmen, und daß ich mehrere Minuten nicht im Stande war, ihrer Dankbarkeit und ihrer Redſeligkeit ein Ziel zu ſetzen. Als ſie endlich ihre Ausrufungen erſchöpft hatte, ſagte ich trocken: „Indem ich Ihnen zu erkennen gab, Madame, daß es nicht meine Abſicht ſei, Sie von Ihrer Nichte zu trennen, war es nicht mein Gedanke, daß Sie ein Mitglied meiner Familie werden ſollten. Ich wollte nur ganz einfach ſagen, ich werde Sie nicht ihrer Geſellſchaft berauben, da ich ent⸗ ſchloſſen ſei, ſie nicht zu heirathen.“ „Großer Gott! was höre ich? was wollen Sie damit ſagen, Lyſter? Es iſt grauſam von Ihnen, mich ſo auf die Probe zu ſtellen; ich bin ganz beſtürzt und fühle mich einer Ohnmacht nahe.“ 270 „Es genüge Ihnen, zu wiſſen, Madame, daß ich geſtern die außerordentlich vertrauliche Mittheilung erfahren habe, die Sie Lord Henry und Sir John gemacht; Sie haben ihnen nicht nur meinen Heirathsantrag überſchickt, ſondern ſie auch mit dem Widerwillen von Arabella gegen mich und ſogar mit den Ausdrücken bekannt gemacht, in denen Ihre Nichte meine Bitte aufgenommen.“ „Wie ſchlimm, wie gehäſſig iſt das von Lord Henry und Sir John! hat man je ein ſo unwürdiges Benehmen geſehen!“ „Sie haben Recht, das iſt ein unwürdiges Benehmen; zum Glück habe ich Alles noch zu guter Zeit entdeckt.“„ „Wenn Sie ſo wenig Ehre haben, daß Sie Ihre Zuſage brechen,“ rief die alte Dame, die Wangen von Zorn entbrannt und die Augen vor Wuth funkelnd,„ſo ſeien Sie feſt über⸗ zeugt, daß ich meinem Advokaten den Auftrag geben werde, eine Klage gegen Sie anhängig zu machen, denn eine ſolche Schande laſſe ich meiner Nichte nicht anthun.“ „Madame, ſchlagen Sie einen Weg ein, wie es Ihnen beliebt, um die Kränkung Ihrer Nichte zu rächen und vor den Augen der Welt die äußerſt zarte Rolle zu ordnen, die Sie in dieſer Komödie ſpielen, deren Entwicklung Ihren Wünſchen nicht entſpricht; da jedoch alle Komödien mit einer Heirath endigen müſſen, ſo fordere ich Sie auf, einen Stellvertreter für Ihren unterthänigen Diener zu ſuchen.“ Am Tage nach ihrem Streite ſchlugen ſich Lord Henryh und Sir John: ver erſte wurde auf den Tod verwundet und der zweite ſah ſich genöthigt, nach dem Feſtland zu entfliehen. In weniger als einkr Woche nach meinem letzten Beſuche „ 27¹ in Richmond waren die Zeitungen voll von dem Entlaufen der ſchönen und faſhionablen Miß Wilton mit dem Lieutenant Rodneh von der Garde. Man erzählte, die junge Dame ſei im Begriff geweſen, den reichen M. L. von L. Park zu hei⸗ rathen, doch Cupido habe den Sieg über Plutus davonge⸗ tragen und die uneigennützige Schönheit habe die Liebe in einer Hütte mit dem Lieutenant Rodney dem ungeheuren Vermögen des Bewerbers vorgezogen, der der Sage nach mit einem leicht begreiflichen Kummer Trauer um ſeine Hoffnungen trage. Die Großmutter des neuen Benedictus zeigte einem halb Dutzend ihrer vertrauteſten Freunde einen Brief von ihrem Enkel, worin er ihr geſchrieben, ſeine angebetete Arabella habe ihre Verbindung mit dem reichen Herrn Lyſter abgebrochen, um die Seinige zu werden. Die fünf oder ſechs vertrauten Freunde machten es ſich zur Pflicht, die Sache einem halben Hundert ihrer vertrauten Freunde mitzutheilen, die es mit allen Verſchönerungen, welche die Einbildungskraft jedes Ein⸗ zelnen zu liefern vermochte, wiederholten. Arabella wurde abwechſelnd beklagt, gelobt oder getadelt, und mich ſtellte man als einen herzloſen Tölpel dar, der, bekannt mit ihrer Liebe für einen Andern, dieſes Muſter einer uneigennützigen Zunei⸗ gung und Beſtändigkeit zu einer Heirath habe zwingen wollen. Zwei Jahre nachher verſchwand. Arabella mit einem jungen Herrn von vornehmer Abkunft, der ſich durch ſeinen geringen Verſtand und durch ſein großes Vermögen auszeich⸗ nete, mit Hinterlaſſung ihres verrathenen Gatten und einer kleinen Tochter, auf der die Schande ihrer Mutter laſten ſollte. Bald vertauſchte die grundſatzloſe Frau ihren Liebhaber mit 272 einem hübſcheren Geſicht, und nachdem ſie eine Zeit lang ein elendes Leben geführt, ſtarb ſie, ohne Bedauern zu erregen, im Schvoß der Schande und der Armuth. Dritte Liebe. Die Behandlung, welche ich von der unredlichen Arabella zu erfahren gehabt hatte, übte lange Zeit, nachdem ich ſie vergeſſen, einen Einfluß auf mein Benehmen aus. Von einem Widerwillen gegen das Heirathen erfüllt, ſuchte ich fortan vermählten Frauen den Hof zu machen; ich überließ mich der allerabſcheulichſten der Manien der faſhiynablen Geſellſchaft, und brachte zwei volle Jahre mitten unter den Wirbeln der Welt hin, abwechſelnd Bethörter oder Opfer der Leidenſchaften, welche die Menſchen in dieſem Kreiſe der Thorheiten irre führen. Die traurigen Folgen dieſer Lebensart waren ſo groß, daß ich das Laſter ohne Ekel und die Tugend wie einen Traum betrachten lernte. Zu dieſer Zeit traf ich zum erſten Mal die ſchöne Marie Vernon. Ich habe hier ihr Portrait: wie groß auch die Schönheit dieſes Bildes ſein mag, ſo ſteht es doch noch unter der Vollendung, die das Original bot. Es ſind hier dieſe ſchwermüthigen Augen, welche gemacht ſchienen, um ſich nur nach dem Himmel zu richten, ſo keuſch und erhaben zugleich war ihr Ausdruck. Ich erkenne dieſe ſtolze, freie Stirne, den anbetungswürdigen Thron des Verſtandes; es ſind dies die herrlich gezeichneten, ſchwarzen Angbrauen, die ihrer Phh⸗ ſiognomie einen Charaktet des Nachſinnens verleihen; wie ſehr „ 273 bewunderte ich die beinahe durchſichtige Bläſſe ihrer Wangen, eine Bläſſe, welche die Tiefe des Geiſtes und nicht eine Krank⸗ heit bezeichnete. Die Züge von Lady Marie gehörten zu den⸗ jenigen, welche man nie mehr bergißt, wenn man ſie einmal geſehen hat; ſo ſtellen wir uns eher die Züge einer Heiligen, als eines Engels vor, denn ihre Phyſiognomie bewies, daß ſie das Leiden und den Kummer kennen gelernt hatte. Ich traf ſie zum erſten Mal bei der Herzogin von D.. Obgleich gewohnt, die Schönheit unter allen Formen zu ſehen, machte doch ihr Anblick einen ſo gewaltigen Eindruck auf mich, daß es mir einige Zeit unmöglich war, meine auf ihr Antlitz gehefteten Augen abzuwenden. Lady C... verlangte und erhielt die Erlaubniß, mich vorzuſtellen, und ich näherte mich ihr mit der durch meine gewöhnliche Eitelkeit erregten geheimen Hoffnung, ich würde bald die Kunſt finden, das Eis ihrer Blicke ſchmelzen zu machen. Ihr Organ war tief, aber deutlich und harmoniſcher, als irgend eine Frauen⸗ ſtimme, die ich gehört hatte. Eine harmoniſche Stimme iſt meiner Anſicht nach das größte Verführungsmittel einer Frau, es iſt ein Verführungsmittel, das oft alle andere erſetzen kann. Lady Marie ſchaute den Perſonen, an die ſie das Wort rich⸗ tete, mit einem ſolchen Ausdruck von Ruhe und Reinheit in das Geſicht, daß der entſchiedenſte Wüſtling nie in ihrer Ge⸗ genwart eine leichtfinnige Redensart auszuſprechen gewagt hätte. Die Männer näherten ſich ihr nur mit einer ehrfurchtsvollen Miene, und die Frauen, ſelbſt diejenigen, welche ſich am mei⸗ ſten durch ihre frivolen Sitten bemerkbar machten, nahmen Der Erzähler. 1847. M. 18 274 bei ihr ein anſtändiges, zurückhaltendes Weſen an, das durch die Würde und Beſcheidenheit ihres Benehmens geboten wurde. Begierig, etwas von der Geſchichte meines Idols zu er⸗ fahren, denn ſchon hatte ich ihr in meinem Innern einen Altar errichtet, befragte ich eine mir bekannte Witwe, welche nicht weniger ihrer Offenherzigkeit wegen geſchätzt, als durch ihre Herzensgüte beliebt war. Ich fragte ſie, wer Lady Marie ſei, und fügte bei, es komme mir ſonderbar vor, daß ich nie zuvor von ihr habe ſprechen hören. „Es wäre noch viel ſonderbarer, wenn Sie von ihr hätten ſprechen hören,“ erwiederte ſie,„denn Lady Marie Vernon iſt keine Frau, von der man ſpricht. Man kann nichts von ihr ſagen, als ihr Geiſt und ihr Benehmen ſeien eben ſo voll⸗ kommen als ihre Schönheit. Sie iſt die Tochter des Herzogs von A... und die Frau von Herrn Vernon, einem der reichſten Mitglieder des Unterhauſes.“ „Im Beſitze einer ſolchen Frau muß er der Gegenſtand des Neides von Jedermann ſein,“ ſagte ich. „Wenn wir nach ſeinem Benehmen urtheilen dürfen, iſt dies nicht ſeine Anſicht,“ entgegnete die Witwe;„er verwendet ſeine ganze Zeit und, wenn man der Chronik der Scandale glauben darf, all ſein Geld auf eine gewiſſe Frau, deren ſchlechtes Betragen kein Geheimniß iſt, obgleich ſie in der Ge⸗ ſellſchaft aufgenommen zu werden nicht aufgehört hat. Herr Vernon,“ fuhr die alte Ladh fort,„gleicht den meiſten Män⸗ nern, welche viel mehr eine leichtſinnige Frau bewundern, bei der ſie ſich ganz und gar behaglich fühlen, als eine Frau, deren Manieren voll Zartheit und Würde ſind. Die Perſonen 5 „ 275 Ihres Geſchlechts drängen ſich bis zur Hälfte um eine Frau, nicht weil ſie wirklich Bewunderung für ſie fühlen, ſondern weil ſie ihrer Eitelkeit ſchmeichelt, die ſich durch den Gedanken exaltirt, der Gegenſtand der Bevorzugung einer Dame zu ſein, welche eine Menge von Anbetern hat. Sehen Sie Miſtreß Mortimer, die Herr Vernon ſeiner Frau vorzieht, denn die Sache iſt nun ſo bekannt und dieſe Dame ſucht es ſo wenig zu verbergen, daß man ihren Namen ausſprechen darf, ohne der üblen Nachrede beſchuldigt zu werden; ſehen Sie, ſage ich, dieſe Frau in einen Ballſaal eintreten, und Sie können ſicher ſein, daß ſie das machen wird, was man Senſation nennt. Die Männer werden ihr einen Hof bilden, das Schafsvolk wird dieſe offentliche Huldigung als einen Beweis ihrer Reize betrachten, und die Frauen ſelbſt werden, an und für ſich ſchwach und ſeicht, dieſe Meinung theilen. Lady Vernon im Gegen⸗ theil, deren Schönheit ſich nicht ſtreitig machen läßt, wird weder umgeben, noch auf eine auffallende Weiſe von Ihrem Geſchlechte verfolgt ſein, aus dem einfachen und vortrefflichen Grunde, weil Niemand es wagen wird, ſich ein bertrauliches Benehmen gegen ſie zu erlauben.“ „Kennt Lady Marie Vernon das Verhältniß ihres Gatten mit Miſtreß Mortimer?“ fragte ich. „Wie ſollte ſie es nicht wiſſen,“ erwiederte die Witwe mit ihrer ungeſtümen Offenherzigkeit,„da Hunderte von ſoge⸗ nannten Freunden die Wunde ihres Herzens durch ihr belei⸗ digendes Mitleid reizen, oder ihren gerechten Stolz durch alberne Bemühungen, ſie zu tröſten, verletzen? Glauben Sie ſicherlich, bei allen Prüfungen des Lebens und beſonders bei den Leiden * 276 des Herzens gibt es nichts, was ſo ſcharf die Wunde, die man einem Menſchen geſchlagen, zu vergiften vermag, als einen Freund. Ich bin alt, Herr Lyſter, ich habe die Welt viel geſehen und bin überzeugt geblieben, daß nichts ſo ſehr einem Feinde gleicht als ein Freund. Der einzige Unterſchied zwiſchen Beiden beſteht darin, daß der erſte uns Schlimmes zufügt, ohne daß er uns glauben machen will, er ſei gut für uns geſinnt, und daß der zweite uns noch viel mehr Schlimmes zufügt, während er, wie der Chirurg, der die Wunde eines Patienten unterſucht, behauptet, er handle nur für unſer Beſtes. Die arme Lady Marie hat zu viel Freunde, um in Unwiſſen⸗ heit über die Schuld ihres Gatten geblieben zu ſein. Sie hat zwanzig anonyme Briefe erhalten; von einigen Freunden iſt ſie aufgefordert worden, auf eine Trennung zu dringen, von andern, eine Scheidung zu verlangen; von Allen, ein Be⸗ nehmen zu beobachten, das ihren Gatten erröthen machen würde. Dieſen letzten Rath hat ſie meiner Anſicht nach mit viel Verſtand befolgt.“ „Was für ein Benehmen iſt dies?“ fuhr ich fort. „Das einzige, das eine gefühlvolle, liebende Frau, eine Frau, welche darnach trachtet, die Zärtlichkeit ihres Gatten wiederzugewinnen, wählen kann,“ antwortete die Witwe,„ſie behandelt ihren Gatten mit einer unveränderlichen Sanftmuth; ſie macht ihm durchaus keine Vorwürfe; ſie verbirgt ihre Thränen und empfängt ihn ſtets voll Zärtlichkeit.“ Dieſe Erzählung entſprach ganz dem ſo ſanften Ausdruck der anmuthigen Phhſiognomie von Lady Marie Ich war voll Sympathie für die Witwe, als ich ſah, daß ſie ſo gut die „ 277 Gefühle der ſchönen Verlaſſenen zu ſchätzen wußte, und ich ſammelte mit dem größten Intereſſe jedes Wort, das von ihren Lippen fiel. „Hier tritt gerade Herr Vernon ein,“ ſagte ſie.„Sprecht vom Teufel, und er wird ſogleich erſcheinen.“ Meine Augen folgten der Richtung von denen von Ladh C und trafen einen außerordentlich ſchönen Mann. Ich drehte mich, um Lady Marie zu beobachten; ſie erröthete, als ſie ihren Gatten erblickte, und zeigte eine ſo große Aufregung, als ſie empfunden haben mochte, da ſie ſeine erſte Liebeser⸗ klärung hörte. Er, ſei es nun Zerſtreuung, ſei es abſichtliches Ver⸗ geſſen, ſchenkte ihr keine Aufmerkſamkeit und ſchien ganz mit dem Aufſuchen eines für ihn anziehenderen Gegenſtandes be⸗ ſchäftigt. Bald glänzten ſeine Augen, er näherte ſich der berüchtigten Miſtreß Mortimer. Ich ſchaute abermals Ladh Marie an: nie werde ich den Ausdruck ihres Geſichtes ver⸗ geſſen. Sie wurde bleich wie der Tod: ihre Augbrauen zogen ſich zuſammen, als ob ſie von dem heftigſten Schmerze heim⸗ geſucht wäre; ihre Lippen waren geſchloſſen; ſie ſah aus, als ſtrengte ſie ſich an, die Kundgebung ihrer Marter zurückzu⸗ halten. Ich war darauf gefaßt, ſie in Ohnmacht fallen zu ſehen, doch ich wußte noch nicht, was Alles eine Frau an Kummer und Pein eher zu ertragen vermag, als daß ſie der Menge das Geheimniß ihrer Leiden preisgibt. Lady Marie perſonificirte in dieſem Augenblick eine von den Märthrinnen, welche für die Verherrlichung ihres Glaubens dulden. Sie verließ langſam den Salon, um es zu vermeiden, ihren Gatten 278 an eine Andere die Sorge verſchwenden zu ſehen, die er ihr zu widmen aufgehört hatte. In dieſem Augenblick fühlte ich mich von einem unwillkührlichen Haß gegen dieſen Mann und von einer tiefen Verachtung gegen dieſe unwürdige Frau erfaßt, welche alle ſeine Gedanken zu verſchlingen ſchien. Ich folgte Lady Marie Vernon bis in das Vorzimmer, wo ſie auf ihren Wagen wartete; ich bot ihr den Arm zum Einſteigen. Wenn es ſich um mein Leben gehandelt hätte, wäre es mir unmöglich geweſen, in dieſem Augenblick eine von den herkömmlichen Phraſen auszuſprechen, wie ſie die Männer unter ſolchen Umſtänden an die Frauen richten. Als ich aber ihren Arm auf dem meinigen zittern fühlte, ſagte ich ihr, ich befürchte, ſie ſei unwohl. „Es iſt nichts,“ erwiederte ſie;„der ſchnelle Uebergang von einem Zimmer, deſſen Temperatur ſehr heiß iſt, zur äußern Luft verurſacht oft bei mir ein Nerbenzittern, das nur einige Augenblicke dauert.“ Ich führte ſie an ihren Wagen und ſah ſie wegfahren; ich bemerkte kaum, daß ich entblößt vor der Thüre des Hotels ſtehen blieb, das ſie verlaſſen hatte, denn ich war ganz und gar von dem Gedanken in Anſpruch genommen, ihr Arm habe auf dem meinigen geruht und meine Hand habe die ihrige be⸗ rührt. Nie hat die Berührung eines einfachen Sterblichen einen Eindruck, dem ähnlich, welchen ich empfand„ hervorge⸗ bracht. Nein, nur eine keuſche, reine Frau kann ein ſolches Gefühl erregen. In dieſem Augenblick gelobte ich mir, nie ſollte ein Mann auf ſeinem Arm den Arm meiner Frau fühlen, wenn je eine Frau meinen Namen trüge. Lady Marie machte 279 auf mich die Wirkung einer glänzenden Viſion und die Töne ihrer rührenden Stimme klangen immer noch in meinem Ohr. Ich fühlte etwas unter meinem Fuß und fand, als ich mich bückte, ihren Strauß, den ſie beim Einſteigen hatte fallen laſſen; ich hob ihn gierig auf und gab ihm einen Platz an meinem Herzen mit einem eben ſo großen Entzücken, als ob ich einen Schatz gefunden hätte. Bei meiner Rückkehr war ich ein ganz anderer Menſch. Alle meine Gedanken hatten Lady Marie zum Gegenſtand. Wenn meine Augen auf die ver⸗ ſchiedenen im Zimmer verbreiteten Geſchenke fielen, auf dieſe Embleme der Tugend der Frauen, die ſie mir geſchenkt, ſo wandte ich mich mit Ekel ab, um den verwelkten Blumenſtrauß, den ſie berührt, mit Küſſen zu bedecken. Er hatte um ſo mehr Werth in meinen Augen, als ich die feſte Ueberzeugung hegte, ſie hätte ihn keinem Mann in der Welt, wenn nicht ihrem unwürdigen Gatten gegeben. Meine Leſer werden vielleicht lächeln, wenn ſie mich ſagen hören, ich habe ſeit jener Nacht nie mehr den Geruch von Roſen, Jasmin und Eiſenkraut einathmen können, ohne mir dieſe reizende Frau zu vergegenwärtigen, als hätte ich ſie einige Augenblicke vorher geſehen. Als ich ein paar Tage nach dieſem merkwürdigen Zu⸗ ſammentreffen mit Lady Marie bei einem ſehr beſuchten Bijou⸗ tier eintrat, um einen Einkauf zu machen, erblickte ich pracht⸗ volle Diamanten, die ein Commis in ein Etui legte. Da er bemerkte, daß dieſer Schmuck mir auffiel, zog ihn der Kauf⸗ mann voll Höflichkeit aus dem Etui, um mir die Steine zu zeigen; er lenkte meine Aufmerkſamkeit auf einen ſehr ſchönen 280 Saphir, der den Mittelpunkt eines Bracelet bildete, und den er als den ſchönſten Juwel dieſer Art betrachtete, welcher durch ſeine Hände gegangen. Er fügte bei, er ſei für eine ſehr be⸗ deutende Summe verkauft worden, und um mir die Durch⸗ ſichtigkeit dieſes Edelſteines beſſer zu zeigen, berührte er eine geheime Feder, welche eine Art von goldenem Gehäuſe aufhob, das unter dem Saphir angebracht war. Dieſes Gehäuſe ent⸗ hüllte, da es ſich öffnete, eine Miniature, die Herrn Vernon vorſtellte. Die Aehnlichkeit war auffallend. Der Kaufmann hatte das Etui kaum wieder geſchloſſen, als das Original des Portraits in ſeinen Laden trat. Herr Vernon ließ die Juwelen in ſeinen Wagen bringen und fuhr wieder weg. Es war mir unmöglich, der Neugierde zu widerſtehen, die mich antrieb, ihm zu folgen, und mein Verdacht beſtätigte ſich, als ich ihn vor der Thüre von Miſtreß Mortimer halten ſah. Drei Tage nachher erblickte ich auf einem Ball Miſtreß Mortimer ganz funkelnd von den Edelſteinen, die ich geſehen, und an ihrem Arm den herrlichen Saphir. Herr Vernon war auch auf dem Ball und die Dame ſchien ihn mit einem noch mehr ſichtbaren Vorzug zu behandeln, ohne Zweifel, um für das Geſchenk, das er ihr gemacht, erkenntlich zu ſein. Lady Marie Vernon war ebenfalls erſchienen und glänzte von einer noch viel höheren Schönheit als gewöhnlich. An ihrer Seite ſaß eine alte Dame, die ſich durch ihre würdevolle Haltung auszeichnete und in ein ſehr eifriges Geſpräch mit ihrer Nachbarin bertieft zu ſein ſchien. Es war, als flehte die alte Dame ſie an, etwas zu thun, was Ladh Marie verweigerte; ich ſah dieſe ein verneinendes Zeichen machen, durch das ſich ein gewiſſer Wider⸗ 281 wille, dem ſich zu fügen, was man von ihr haben wollte, kundgab. Ich näherte mich mit einer Verbeugung und wurde mit einer minder zurückhaltenden Höflichkeit aufgenommen, als ich erwartet hatte, obgleich dieſer Empfang immer noch das Ge⸗ präge eines Ernſtes an ſich trug, welcher genügte, um einen viel anmaßenderen Menſchen, als ich es je geweſen, in der Entfernung zu halten. Das Ehrfurchtsvolle meiner Manieren hatte augenſcheinlich die alte Dame zu meinen Gunſten ge⸗ ſtimmt, denn ſie bat Lady Marie, mich ihr vorzuſtellen. Mein Name war nicht ſobald ausgeſprochen, als ſie mich voll Eifer fragte, ob ich nicht der Sohn von Lady Olivia Lyſter ſei. Auf meine bejahende Antwort erklärte ſie mir, meine Mutter ſei eine ihrer älteſten und theuerſten Freundin⸗ nen geweſen, und ſie fühle ſich glücklich, meine Bekanntſchaft zu machen. Ich war entzückt über dieſen Umſtand, der mir Hoffnung gab, Lady Marie öfter zu treffen, denn ich entdeckte bald, daß Lady Delafield, die Freundin meiner Mutter, die Tante von Lady Vernon war, und daß dieſe zwei Damen ſich ſehr häufig ſahen. Lady Delafield nahm ſogleich mir gegenüber eine herz⸗ liche Haltung an; ſie machte tauſend Fragen über Lhſter⸗Park, wohin ſie während meiner Kindheit oft gekommen war, und behandelte mich weniger als einen neuen Bekannten, denn als den Sohn einer alten innigen Freundin. Während ich ihre Fragen beantwortete, beſchäftigte ich mich nur mit ihrer rei⸗ zenden Nichte, welche dem, was um ſie her vorging, völlig fremd zu ſein ſchien und ihre ſchönen Augen beſtändig auf die —————— 282 Thüre des Zimmers geheftet hielt, wo ihr Gatte war. Herr Mortimer erſchien und trat auf Lady Marie mit einer Miene und mit Manieren zu, welche einen ſolchen Mangel an jedem Verdacht, ſeine Gegenwart könnte unangenehm ſein, bezeichne⸗ ten, daß ich unwillkührlich das Mißbehagen theilte, welches er die ſtolze Kälte, mit der Lady Delafield ſeinen Gruß er⸗ wiederte, bemerkend empfinden mußte. „Wo iſt Miſtreß Mortimer?“ fragte der Gatte ganz ein⸗ fach;„ich hoffte ſie bei Ihnen zu finden.“ Dieſe Frage machte Lady Marie erröthen und ihre Hal⸗ tung verrieth eine unwillkührliche Verlegenheit, als ſie ihm antwortete, ſie habe Miſtreß Mortimer nicht geſehen. „Sie haben ſie nicht geſehen?“ verſetzte Herr Mortimer; „das iſt ſonderbar: ſie ſagte mir, ſie gehe nur hierher, weil ſie mit Ihnen zuſammenzukommen verſprochen habe.“ „Das iſt in der That ſonderbar,“ bemerkte trocken Ladhy Delafield,„denn ich wage zu behaupten, daß meine Nichte durchaus nichts von der Abſicht von Miſtreß Mortimer, hier⸗ herzukommen, wußte.“ Lady Marie drückte ihre Tante am Arm und richtete einen flehenden Blick an ſie, während Herr Mortimer die deut⸗ lichſten Zeichen des Erſtaunens und des Mißvergnügens von ſich gab. Er ſchaute abwechſelnd die Tante und die Nichte an; die Röthe ſtieg ihm ins Geſicht, da er die Aufregung und die Herzensangſt zu klar in den Zügen von Lady Marie geſchrieben ſah, als daß man hätte möglicher Weiſe daran zwei⸗ feln können, ein peinliches Gefühl verbinde ſich in ihrem Geiſte mit dem Gedanken an Miſtreß Mortimer. Er ſprach ein paar „. 283 unberſtändliche Worte über ſeine Abſicht, ſeine Frau zu ſuchen, und ſtürzte in den anſtoßenden Salon. Ich gewahrte das Ge⸗ präge des Schreckens in den verſtörten Zügen von Lady Marie; ſie flüſterte ihrer Tante etwas ins Ohr, und dieſe wandte ſich gegen mich um und bat mich, auf der Stelle Herrn Vernon zu ſuchen und zu bringen. Ich war im Begriff, zu erwiedern, ich kenne Herrn Ver⸗ non nicht, als mich Lady Marie mit den Worten unterbrach: „Ich flehe Sie an, gehen Sie geſchwind und holen Sie ihn.“ In dieſem Augenblick der Unruhe und der Aufregung vergaß ſie die Würde und Zurückhaltung, welche ſie ſonſt ſo ſehr aus⸗ zeichneten. Als ich in den anſtoßenden Salon eintrat, ſah ich Miſtreß Mortimer mit Herrn Vernon tanzen; es hatte ſich ein Kreis um ſie gebildet, um ſie zu beobachten. Der Tanz von Lady Mortimer erregte ein allgemeines Beifallklatſchen, und dennoch war es eine Art, zu tanzen, die ich von meiner Frau nicht geduldet hätte. Als ich ſie ſah, erinnerte ich mich der Worte des Salluſt, der von Sempronia, der Geliebten des Catilina, ſagte:„Sie tanzt mit mehr Geſchicklichkeit, als es ſich für eine tugendhafte Frau geziemt.“ Nach der Quadrille führte Herr Vernon ſeine Tänzerin zu einem Sopha, der in einer Ecke des Salon ſo ſehr erhöht ſtand, daß die Perſon, welche darauf ſaß, von allen Theilen geſehen werden konnte. Er umgab Miſtreß Mortimer un⸗ abläßig mit allen Aufmerkſamkeiten und Bemühungen. Er half ihr die Schultern in ihren Shawl hüllen, um ſie vor Erkältung zu beſchützen, und perſchwendete an ſie alle die klei⸗ 284 nen Sorgen, die ein Verliebter ſo gern dem Gegenſtand ſeiner Zuneigung widmet. Während ich mir durch die Menge eine Bahn bis zu dem Ort, wo ſie ſaßen, zu brechen bemüht war, trafen meine Augen die von Herrn Mortimer. Nie habe ich ein furchtba⸗ reres Geſicht geſehen. Die Wuth und die Eiferſucht brachen in den glühenden Blicken hervor, die er auf die zwei Schuldi⸗ gen warf; der Ausdruck der Leidenſchaft auf ſeiner Phyſiogno⸗ mie bewies mir, daß er bis auf dieſen Tag nie die Untreue ſeiner Frau und die Treuloſigkeit ſeines Freundes vermuthet hatte. Kaum aus dem Zuſtand völliger Sicherheit geriſſen, bekam er plötzlich die Ueberzeugung von ihrer Schuld, und die Qualen dieſer Ueberzeugung mußten nach der Revolution, die in ſeinen Zügen bemerkbar, ſchrecklich ſein. Indeß er mit den Augen die zwei Schuldigen verſchlang, die keine Ahnung von ſeiner Gegenwart hatten, wechſelten ſie Liebesblicke, flüſterten ſie ſich zärtliche Worte zu, und ſchürten ſo das Feuer, das im Buſen des beleidigten Gatten brannte. Ein öffentliches Aergerniß befürchtend, das unfehlbar dem ſchon gebrochenen Herzen von Lady Marie neue Qualen be⸗ reiten mußte, überwand ich den Widerwillen, den ich dagegen fühlte, daß ich Herrn Vernon anreden ſollte; ich näherte mich ihm und ſagte ihm, Lady Delafield wünſche ihn ſogleich zu ſehen. Dieſe Botſchaft ſchien ihm wie ſeiner Gefährtin ſehr unangenehm zu ſein; ſie ſprachen leiſe mit einander, ſie wech⸗ ſelten verlegene Blicke, und nachdem ſie ſich einige Minuten berathen hatten, ſtand Herr Vernon auf und verſprach N Mortimer, auſ der Stelle wiederzukommen. — 285 Ich miſchte mich in die Menge, während ich nahe genug blieb, um Miſtreß Mortimer zu beobachten. Sogleich ging ihr Gatte auf ſte zu. Sie bemerkte ihn nicht eher, als bis er an ihrer Seite war. Sobald ſie ihn erkannte, bebte ſie, als ob ſie ein Geſpenſt geſehen hätte. Sie wechſelte die Farbe und ſuchte ſich in ihren Shawl zu hüllen, doch es gelang ihr nicht, ihn über ihre geſtärkten Aermel zu bringen, und alle ihre Bemühungen ſetzten nur noch mehr die herrlichen Dia⸗ manten ins Licht, welche ihren Arm umgaben. Sie kämpfte offenbar, um ihre Kaltblütigkeit wieder zu erringen. Einen Augenblick nachher wandte ſie ſich gegen ihren Gatten und ſagte zu ihm:„Wer hätte je geglaubt, man würde Sie hier ſehen?“ „Sie ſicherlich nicht,“ erwiederte er mit einer vor Auf⸗ regung zitternden Stimme.„Es iſt jedoch ein Glück, daß ich gekommen bin, denn meine unerwartete Ankunft gibt mir Gelegenheit, die ſeltenen und koſtbaren Juwelen zu bewundern, die Sie tragen und die ich zum erſten Male erblicke.“ Sie wurde bleich wie der Tod und erwiederte: „Es iſt wahr, ich habe ſie für dieſe Nacht gemiethet, weil ich mich ſchämte, ſtets mit demſelben Schmuck zu erſcheinen.“ Dieſe Behauptung ſchien ihren Gatten zu befriedigen, denn ſein Geſicht verlor einen Theil ſeiner Strenge. Als Miſtreß Mortimer bemerkte, daß er ſich durch ihre Lüge be⸗ thoren ließ, faßte ſie wieder Muth und fügte bei: „Ich bin glücklich, daß Sie gekommen ſind, ich fühle mich ermüdet und ganz ſtarr vor Kälte.“ In dem Augenblick, wo ſie dieſe Worte ſagte, ſuchte ſie — 286 ſich unglücklicher Weiſe abermals in ihren Shawl zu hüllen, doch bei der Anſtrengung, die ſie machte, um hiezu zu gelangen, häkelte ſich eines von ihren Bracelets los und fiel zu Boden. Es öffnete ſich zu gleicher Zeit und zeigte den wüthenden Blicken des Mannes, der ſtehen blieb, um das unſelige Juwel aufzu⸗ heben, das Portrait von Herrn Vernon. „Dieſes Portrait,“ rief er,„iſt ohne Zweifel auch für heute Nacht gemiethet worden; kommen Sie, Madame,“ fügte er bei, indem er einen furchtbaren Blick auf ſie warf,„endi⸗ gen wir dieſe Scene. Sie haben mir eine furchtbare Rechen⸗ ſchaft abzulegen, und hier iſt nicht der Ort zu Erklärungen.“ Sie ſchien ganz niedergeſchmettert unter dem Gewichte ihres Schreckens und ihrer Verwirrung und zögerte, dieſem Befehl zu gehorchen. Doch er nahm mit Gewalt ihren Arm, vrückte ihn unter den ſeinigen und führte nicht, ſondern riß vielmehr Miſtreß Mortimer durch die lange Reihe der Zimmer. Ich folgte ihnen, ihre Bewegungen beobachtend. Als ich den Salon erreichte, wo ich Lady Marie und ihre Tante ge⸗ laſſen hatte, hinderte mich eine Verwirrung unter den Perſo⸗ nen, die hier verſammelt waren, weiter zu gehen; es war Lady Marie unwohl geworden, und die Menge, wie es bei ſolchen Veranlaſſungen ſiets geſchieht, drängte ſich um ſie her und vermehrte nur noch die Wärme und folglich die Unpäßlichkeit, für die ſie ſo viel Sympathie zur Schau trug. Lady Dela⸗ field bat die Perſonen, welche Lady Marie umgaben, inſtändig, ſich entfernen zu wollen, und die Bewegung, die hierdurch er⸗ folgte, erlaubte mir, mich der Kranken zu nähern, die auf der Ottomane ausgeſtreckt lag, wobei die Herzogin von D... „ 287 ihren Kopf unterſtützte, während ſie Lady Delafield an einem von den zahlreichen Flacons riechen ließ, die ihr von den Da⸗ men angeboten worden waren. Lady Marie bot den Anblick des Todes: ihre Augen waren geſchloſſen und ihre langen ſchwarzen Wimpern warfen einen dichteren Schatten auf ihre bleichen, unbeweglichen Wangen. Doch obgleich ein Bild des Todes, verlor ſie nichts von ihrer unvergleichlichen Schönheit; nur hatte dieſe Schönheit einen neuen Charakter: man hätte es die Heiligkeit der Schönheit nennen können, ſo ruhig und himmliſch war das Antlitz von Lady Marie. Mein Herz bebte in meiner Bruſt, während ich ihre marmorkalten Züge betrach⸗ tete; ihre auffallende Aehnlichkeit mit Louiſa Sydney, als ich dieſe zum letzten Male ſah, machte mich beben. In dieſem Augenblick gewahrte Lady Delafield Miſtreß Mortimer und warf ihr einen ſtechenden Blick zu, der offenbar ſagen wollte: „Siehſt Du, was Du gethan haſt?“ Dieſer Blick ging für Herrn Mortimer nicht verloren und ſchien ſeine Wuth zu vermehren, denn er packte ſeine Frau abermals und ſchleppte die Unglückliche, welche ihre Beine unter ſich weichen fühlte, die Treppe hinab. Sie hatte kaum den Salon verlaſſen, als Herr Vernon, nachdem er ſeinen Bedien⸗ ten gerufen, zurückkehrte. Ich prüfte ſorgfältig ſeine Phyſiogno⸗ mie; als er ſich Lady Marie näherte, welche noch in einem Zuſtand völliger Bewußtloſigkeit auf der Ottomane lag, machte ſich ein Ausdruck tiefen Bedauerns in den Augen bemerkbar, die er auf die ſo ſchönen Züge ſeiner Frau heftete.„Dieſer Mann iſt im Verbrechen noch nicht verhärtet,“ dachte ich, da ich ihn ſtehen bleiben ſah, um ſeine Frau vom Sopha aufzuheben. 288 Die Bewegung brachte ſie wieder zum Bewußtſein; ihre Lippen zitterten, ſie ſchlug ihre ſchmachtenden Augen auf und heftete ſie mit einem ſolchen Gepräge tiefer, unveränderlicher Zärtlichkeit auf ihn, daß ich, was auch bei ihm die Wirkung ihres Blickes geweſen ſein mag, bis in die Tiefe meiner Seele bewegt war, und ich fühlte mich bereit, Alles zu opfern, was ich beſaß, um einen ähnlichen Blick von dieſen ſo ſanften Augen zu erhalten. Die Bemühungen ihres Gatten ſchienen ihr alle ihre Kräfte wiederzugeben. „Sind Sie auch ſicher, meine liebe Tante, daß nichts Aergerliches vorgefallen iſt?“ fragte ſie, als Herr Vernon ſie abermals verlaſſen hatte, um ſeinen Wagen zu verlangen. „Ganz ſicher, meine Liebe,“ antwortete Lady Delafield. „Ich athme. Der furchtbare Ausdruck im Geſichte von Herrn Mortimer hat mir einen ſolchen Schrecken eingejagt, daß ich von den traurigſten Ahnungen befallen wurde, und daß ich mich ſterben fühlte.“ Herr Vernon erſchien in dieſem Augenblick abermals, und als ich ihn ſich mit ſeiner Frau entfernen ſah, fühlte ich, daß mein Geiſt nicht im Einklang ſtand mit dem Feſte, das man um mich her genoß. Ich war überdies mehr als je in Lady Marie verliebt. ⸗ Am folgenden Morgen ut mich in Geſchäften in die City zu begeben, kam ich durch Fleetſtreet, als ich meinen Namen durch die Stimme einer Frau ausſprechen hörte, welche mich in den Kaufladen, in dem ſie ſich befand, einzutreten bat. Ich zögerte, dieſer Einladung zu folgen, doch der Kaufmann erſchien ſelbſt unter der Thüre und erſuchte mich ebenfalls, . ——— einzutreten. Ich erblickte nun eine Frau von ſehr ehrwürdigem Ausſehen, welche in großer Aufregung zu ſein ſchien und mich anflehte, bei dem Kaufmann ihre Ehrlichkeit zu bezeugen. Dieſe Peiſon war eine gewiſſe Miſtreß Tisdeal, welche meh⸗ rere Jahre in der beſcheidenen Stellung einer Geſellſchafterin gelebt und zugleich das Geſchäft einer Kammerfrau bei meiner armen Mutter verſehen hatte, deren Liebling ſie geweſen war. „Mein Herr,“ ſagte ſie ſchluchzend,„Sie ſehen mich des Diebſtahls beſchuldigt; ich war beauftragt, einige Juwelen voß ziemlich großem Werth zu verkaufen; der Eigenthümer will ſeinen Namen nicht bekannt werden laſſen, und wenn ich ihn nicht nenne und er nicht erklärt, es ſei ſeine Abſicht geweſen, ſich dieſer Diamanten zu entäußern;, ſo droht mir der Kauf⸗ mann, mich als verdächtig, ſie durch unredliche Mittel erlangt zu haben, in's Gefängniß zu ſchicken. Ich bin feſt überzeugt, Sie, Herr Lyſter, der Sie mich ſo viele Jahre lang ge⸗ kannt haben, werden für meine Rechtſchaffenheit Zeugſchaft leiſten, doch richten Sie es ſo ein, daß ich nicht genöthigt bin, den Namen zu offenbaren, den ich ſo ſehr zu verbergen wünſche.“ „Sehen Sie, mein Herr,“ ſagte der Juwelier, indem er das Etui öffnete,„denken Sie nicht, dieſe Juwelen ſeien zu werthvoll, als daß man ſie einem Dienſtboten anvertrauen ſollte?“ Ich bebte, als ich den herrlichen Schmuck erkannte, den Lady Marie Vernon in der vorhergehenden Nacht getragen hatte. Es waren in der That die erſten Diamanten, die ich Der Erzähler. 1847. MI. 19 290 in ſchwarzen Schmelz gefaßt geſehen und ſie hatten aus dieſem Grund Eindruck auf mein Gedächtniß gemacht. Ich erklärte dem ſkrupulöſen Juwelier, ich kenne dieſe Frau vollkommen und verbürge mich für ihre Ehrlichkeit. „Das iſt Alles ſehr gut, mein Herr,“ erwiederte er, „doch erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken, daß ich Sie eben ſo wenig kenne, als die hier gegenwärtige Frau. Die ganze Sache ſcheint mir verdächtig; es kommt ſehr gelegen, daß Sie vor meiner Thüre gerade in dem Augenblick vorüber⸗ gehen, wo ich Leute von der Polizei holen laſſen wollte, um dieſe Frau feſtzunehmen und als des Diebſtahls verdächtig in's Gefängniß zu bringen. Sie erblickt Sie; ſie ruft Ihnen ſo⸗ gleich; Sie treten ein und machen ſich, ohne an ſie eine Frage über den Urſprung der Diamanten zu ſtellen, zum Bürgen für ihre Rechtſchaffenheit. Entſchuldigen Sie, mein Herr, dies Alles kommt mir ſehr verdächtig vor. Gehen Sie, Jones,“ ſagte er, ſich an ſeinen Commis wendend,„holen Sie zwei Polizeimänner, denn meiner Anſicht nach werden wir zwei Perſonen in's Gefängniß zu bringen haben ſtatt einer.“ „Was Teufels gedenken Sie zu thun?“ verſetzte ich mit einiger Unruhe,„Sie haben ohne Zweifel nicht die Abſicht, mich in's Gefängniß zu ſchicken.“ „Sie werden mich entſchuldigen, mein Herr,“ erwiederte der unſtörbare Juwelier;„ich bin genöthigt, dies zu thun, wenn Sie nicht einen genügenden Beweis für Ihre eigene Ehrbarkeit geben.“ „Wie! Herrn Lyſter verdächtigen, Herrn Lyſter von Lyſter⸗Park, einen der reichſten Gentlemen von Nottinghamſhire!“ „ u⸗ 291 rief Miſtreß Tisdeal mit einem Ausdruck des Erſtaunens und der Entrüſtung. „Und Sie, Madame,“ erwiederte der Juwelier mit ſpöt⸗ tiſchem Tone,„Sie ſind wahrſcheinlich eine der reichſten Ladies irgend einer anderen Grafſchaft. Nein, nein, ich bin ein alter Fuchs, den man nicht zweimal in derſelben Falle fängt, und ich lege eben ſo wenig Gewicht auf Ihr Zeugniß zu Gunſten dieſes Gentleman, als auf das Ehrlichkeitscertificat, das er Ihnen gegeben hat.“ „Erlauben Sie mir, einige Minuten mit Ihnen zu ſprechen,“ ſagte Miſtreß Tisdeal zu mir. „Geht, geht,“ erwiederte der Juwelier,„ſtreckt Eure zwei Köpfe in dieſelbe Mütze und ſucht eine Geſchichte unter Euch zuſammenzumachen. Thomas, bewache die Thüre.“ „Sie werden Ihr Benehmen bereuen!“ rief ich, gereizt durch dieſen beleidigenden Verdacht und durch die Plumpheit, mit der er ausgeſprochen wurde. Ich führte Miſtreß Tisdeal in eine Ecke des Ladens und ſagte mit leiſer Stimme zu ihr, ich erkenne die Juwelen, denn ich habe ſie in der vorhergehenden Nacht geſehen, doch ihr Geheimniß ſei bei mir in Sicherheit. „Ach! mein Herr,“ ſprach ſie,„meine Gebieterin braucht eine beträchtliche Summe, nicht für ſich ſelbſt, ſondern für ihren Gatten. Er darf nichts von dem Verkauf dieſer Dia⸗ manten wiſſen, denn er hätte nie dazu eingewilligt, und meine Gebieterin muß ihn glauben laſſen, das Geld komme von ihrer Tante. Wenn der Juwelier entdeckt, wer die Perſon iſt, die mich ſchickt, wird er Herrn Vernon Alles erzählen, und Ma⸗ 292 dame wird ſich dadurch ſo gekränkt fühlen, daß ich eher, als ſie dieſem auszuſetzen, mich der unwürdigen Behandlung unter⸗ ziehe, mit der man mich bedroht.“ „Habt Ihr endlich Eure Geſchichte zuſammengemacht?“ fragte mit einem unverſchämten Hohngelächter der Juwelier, bei dem ſich der Verdacht in Gewißheit verwandelt hatte. „Was iſt der Werth dieſer Diamanten?“ fragte ich. „Der Werth iſt viel höher, als daß Sie ihn je ehrlicher Weiſe bezahlen konnten, denke ich.“ „Ich frage Sie, was der Werth ſei,“ fuhr ich fort, in⸗ dem ich mich gegen mich ſelbſt anſtrengte, um meinen Zorn zu überwinden, den ich kaum mehr zu beherrſchen vermochte. „Der Werth iſt fünftauſend Pfund,“ erwiederte der Kaufmann;„doch in dieſer Zeit und bei dem gegenwärtigen Geldmangel ſcheint es mir ſchwierig, mehr als viertauſend fünfhundert Pfd. dafür zu erhalten.“ Ich verlangte eine Feder, Tinte und Papier, was mir der Juwelier mit ſehr unfreundlicher Miene gab. In diefem Augenblick kehrte Jones mit zwei Polizeimännern zurück, und ich hörte dieſen verſtändigen Menſchen erklären, ich ſei ſicher⸗ lich ein ausgelernter Schelm, denn das Verbrechen ſtehe auf meinem Geſichte geſchrieben. Sogleich ſchrieb ich an meine Banguiers Child und Comp., erſuchte ſie, mir einen von ihren Commis mit fünftauſend Pfund in Banknoten zu ſchicken, und ſandte mit dem Ver⸗ ſprechen einer Belohnung Thomas ab, der für den Argwohn minder zugänglich zu ſein ſchien als ſein Kamerad. Bald kehrte er athemlos zurück und verkündigte, Herr Smith, der „ ————˖— 293 erſte Commis des Bankhauſes, werde auf der Stelle bei mir erſcheinen. Dieſe Antwort verminderte beträchtlich die innere Zufrie⸗ denheit des Juweliers und nöthigte ihn, ſich mit etwas mehr Rückſicht gegen mich zu benehmen. Er ſchien ſehr ärgerlich, denken zu müſſen, ich ſei wahrſcheinlich weder ein Dieb noch ein Diebsgenoſſe, und trotz des Verdruſſes, der mich in dieſem Augenblick erfüllte, konnte ich nicht umhin, Eines zu bemerken, was mir oft aufgefallen iſt: daß argwöhniſche Perſonen eher aufgebracht als erfreut ſind, wenn ſie die Unſchuld von den⸗ jenigen entdecken, welche Sie für ſchuldig erachtet hatten. Die Haltung des Juweliers wurde völlig lächerlich, als ſtatt ſeines erſten Commis Herr Child in Perſon in den Laden trat und, nachdem er mir herzlich die Hand gedrückt, erklärte, er habe ſelbſt die fünftauſend Pfd. bringen wollen, in Betracht, daß ſowohl der Inhalt des Billets, als die Manieren des Ueber⸗ bringers ihm zu dem Gedanken Anlaß gegeben, es ſei mir etwas Außerordentliches begegnet. Herr Child bot mir ſeinen Wagen an, doch ich ſchlug es aus, ließ einen Fiaere vor⸗ fahren, ſtieg mit Miſtreß Tisdeal ein und befahl dem Kutſcher, an die Ecke von Grosvenor⸗Square zu fahren, wo Lady Vernon wohnte. Ich übergab Miſtreß Tisdeal die fünftauſend Pfd., indem ich ſie glauben ließ, ich ſei entzückt, eine ſolche Gele⸗ genheit gefunden zu haben, einen ſo ſchönen Diamantſchmuck zu kaufen, und betrachte dieſen Handel als ein gutes Geſchäft. Unter Weges ſagte ſie mir, ſie ſei nun drei Jahre bei Lady Marie Vernon. Während der erſten zwei Jahre ſei ihre Lage eine äußerſt glückliche geweſen; doch nun habe ſich Alles verändert: 204 die Traurigkeit wohne im Hauſe und Lady Vernon bringe ihre Tage in Kummer und Thränen hin. „In der letzten Nacht,“ erzählte ſie,„iſt Madame von einem Ball zurückgekommen, auf den ſie ſich, von Lady Dela⸗ field genöthigt, begeben hatte. Sie kam nach Hauſe beglei⸗ tet von ihrer Tante und von Herrn Vernon, der ſehr unruhig zu ſein ſchien und ihre Hand hielt, wie er es früher zu thun pflegte. Oh! mein Herr, dieſer Anblick machte mich ſehr glücklich; doch die Tante ermangelte nicht, Herrn Vernon zu wiederholen, die Krankheit ſeiner Frau ſei ſein Werk, und ihre BVemerkungen ärgerten ſichtbar meinen Gebieter und meine Gebieterin. Lady Delafield iſt eine vortreffliche Dame; doch ſie ſieht aus, als wüßte ſie gar nicht, wie wehe man einer Frau thun kann, wenn man ihrem Manne beſtändig die Fol⸗ gen eines Benehmens vorwirft, für das er ſich Verzeihung erwerben zu wollen ſcheint. Ein liebenswürdiges Lächeln, ein ſanftes Wort der Frau, die er beleidigt hat, bringen eine beſ⸗ ſere Wirkung hervor, als alle Predigten der Welt. Ich wünſchte auch von ganzem Herzen, daß Lady Delafield ginge, und bin feſt überzeugt, daß meine Gebieterin und Herr Vernon denſel⸗ ben Wunſch hegten. Endlich entfernte ſie ſich und Herr Ver⸗ non wartete nicht, bis ſich die Thüre hinter ihr geſchloſſen hatte, um auf ſeine Frau zuzuſtürzen und ſie an ſein Herz zu drücken, und obgleich ich mich ſo ſchnell als möglich entfernte, ſah ich doch Thränen Beider Augen entſtrömen. „Eine Stunde nachher kam der Bediente von Miſtreß Mortimer und brachte einen Brief mit dem beſtimmten Auf⸗ trag, ihn ſogleich zu übergeben. Ich wurde von Angſt ergrif⸗ „ fen, als der Bediente von Herrn Vernon mich bat, ſeinem Herrn zu ſagen, er müſſe ihn auf der Stelle ſprechen. Ich weigerte mich. Doch der Bediente erklärte mir, es handle ſich um ſeinen Dienſt, wenn er ein Billet behalte, auf das Miſtreß Mortimer eine Antwort erwarte, und er würde dieſe Botſchaft ſeinem Herrn überbringen, und müßte er auch bis zur Thüre meiner Gebieterin ſelbſt dringen. Ich übernahm alſo das Billet. Als ich es Herrn Vernon übergab, erröthete er bis über die Stirne, während Madame Vernon todesbleich wurde. Er nahm das Billet und legte es, ohne es zu entſiegeln, in die Hände ſeiner Frau. Dieſe ſchaute ihn mit dem Ausvruck der Liebe und des vollſten Vertrauens an und ſprach zu ihm: „„Nein, mein Freund, leſen Sie es, ich kann, ich darf es nicht kennen.““ „Ich verließ das Zimmer, doch ehe die Thüre ſich ge⸗ ſchloſſen hatte, hörte ich Herrn Vernon ausrufen:„„Wie liebe ich Sie, meine theure Marie, und wie ſehr verabſcheue ich...4“ Mehr hörte ich nicht. Heute ſuchte mich ſehr frühe am Morgen meine Gebieterin auf, übergab mir die Juwelen, die Sie ge⸗ kauft haben, und beauftragte mich, ſie an denjenigen zu ver⸗ kaufen, der den hoͤchſten Preis dafür biete, weil ſie ſogleich Geld brauche. Ich weiß, daß meine Gebieterin nicht für ſich ſelbſt Geld braucht, denn ſie iſt vernünftiger, als irgend eine Dame, die ich gekannt habe, und macht nie Schulden. Dieſe Summe muß für Herrn Vernon beſtimmt ſein.“ Man kann ſich denken, wie gewaltig mein Gemüth in Bewegung gerieth, während ich die weitſchweifige Erzählung von Miſtreß Tisdeal hörte. Die Eiferſucht war ſicherlich der 296 vorherrſchende Eindruck bei mir. Soll ich es zu meiner Schande geſtehen, ſo muß ich ſagen, daß ich mehr als einmal verſucht war, die Juwelen zurückzugeben und mein Geld eher wie⸗ der zu nehmen, als es dazu dienen zu ſehen, daß es die Bande feſter ſchloß, welche Lady Vernon mit ihrem ſchwachen Gatten einigten. Doch zum Glück ſiegten die guten Gefühle. Es gab Minuten, wo ich ganz darüber aufgebracht war, daß ſie ihm ſo ſchnell Verzeihung bewilligt hatte. Ich beſchuldigte ſie der Schwäche; doch ein Augenblick der Ueberlegung ließ mich fühlen, wie ſehr es ihrer würdiger war, ſich zu benehmen, wie die Engel, die ſich über die Bekehrung eines Sünders freuen, als wie eine Frau, die dem Manne ſeine Verirrungen verzeiht, indem ſie ihr Recht in Anſpruch nimmt. Der Adel ihres Benehmens machte mich verliebter, als ich es je geweſen, wäh⸗ rend er mir zugleich alle Hoffnung raubte, je bei ihr eine Erwiederung meiner Leidenſchaft zu erreichen. Ich war ſo ſehr von der Erzählung von Miſtreß Tisdeal in Anſpruch genom⸗ men geweſen, daß ich nicht an die Unſchicklichkeit dachte, mich mit ihr in einem Fiaere in der Nähe der Wohnung von Lady Marie zu zeigen, der wir uns nun raſch näherten. Ich war entſchloſſen, mich im Hintergrunde des Wagens zu verbergen, während Miſtreß Tisdeal ausſtiege, als ein anderer Fiacre, der uns vorausfuhr, gerade vor der Thüre des Hauſes, nach dem wir uns wandten, anhielt. Die Vorhänge waren heruntergelaſſen, und der Fufßtritt war nicht ſobald abgemacht, als Lord Percy, einer meiner Freunde, in einem Zuſtande offenbarer Aufregung aus dem Wagen ſprang und haſtig in das Haus lief, während der „ Kutſcher vor der Thüre wartete. Miſtreß Tisdeal rief unſerem Führer, um ſich von ihm heraushelfen zu laſſen: da kehrte Lord Percy zurück, begleitet von einem halben Dutzend Be⸗ dienten, öffnete den Schlag des Fiacre, und nach ein paar Minuten ſah ich ihn in ſeinen Armen Herrn Vernon tragen, der todt oder ſterbend zu ſein ſchien. Bei dieſem Anblick von einem Schauer ergriffen, ſprang ich ebenfalls aus dem Wagen und folgte der Gruppe in das Haus. Perey ſagte mir, als er mich erkannte, ins Ohr:„Das iſt eine traurige Geſchichte; Mortimer hat eine Ausforderung an den armen Vernon geſchickt, und dieſer iſt, wie ich befürchte, tödtlich verwundet. Wer wird den Muth haben, dieſe Nach⸗ richt Lady Marie zu überbringen?“ Man brachte den Verwundeten in die Bibliothek; es wurden Vedienten nach allen Richtungen ausgeſchickt, um Wund⸗ ärzte zu ſuchen; Miſtreß Tisdeal verſprach, Lady Marie in ihrem Schlafzimmer zurückzuhalten und ſie in Unwiſſenheit über das unſelige Ereigniß zu laſſen, während ich Lady Delafield davon in Kennkniß ſetzen würde. Ich begegnete dem Wagen dieſer Dame gerade am Eingange des Square, ließ halten, und theilte ihr mit aller möglichen Behutſamkeit den Vorfall mit. Sie hieß mich zu ſich einſteigen und forderte mich auf, ſie zu Lady Marie zu begleiten, indem ſie mir ſagte, ich könnte ſie in dieſer Betrübniß unterſtützen. Ich war zu glücklich, mich bald bei dem Gegenſtand meiner Leidenſchaft zu befinden, um nicht voll Eifer den Vorſchlag der alten Dame anzunehmen. Lady Delafield ſtieg die Stufen der Treppe ſo raſch hin⸗ auf, als es ihr Alter erlaubte, nachdem ſie mich vorher gebe⸗ 298 ten hatte, das Haus nicht eher zu verlaſſen, als bis ſie mich wiedergeſehen. Die Bedienten führten mich in ein Cabinet, das mit der Bibliothek in Verbindung ſtand, und hier konnte ich die dumpfen Klagen des Verwundeten hören, während der Wundarzt die Kugel auszuziehen bemüht war.„Ich weiß, daß ich ſterbe,“ ſagte Herr Vernon,„laßt mich meine Frau ſehen.“ Und als der Wundarzt zu zögern ſchien, fügte er mit matter Stimme bei:„Es iſt unnöthig, mich zu quälen; ich fühle, daß mein Leben entſchwindet und daß bald Alles vorbei ſein wird.“ Nach einigen Minuten hörte ich, wie Lady Marie von einer inneren Treppe in das Zimmer ſtürzte.„Ach, meine arme Marie!“ ſagte Herr Vernon mit einem Tone, der be⸗ wies, daß das Gefühl des Mitleids, welches ſie ihm einflößte, für einen Augenblick das Bewußtſein ſeiner eigenen Leiden er⸗ ſtickt hatte. „Ich bitte Madame, ſich zu faſſen,“ ſagte einer von den Wundärzten. „Kümmern Sie ſich nicht um mich,“ erwiederte ſie mit einer Stimme, die mich zittern machte, ſo tief war die Ver⸗ zweiflung, die ſie offenbarte. „Verlaſſen Sie uns,“ ſprach Herr Vernon,„ich habe Vieles zu ſagen, ehe meine Kräfte völlig entſchwinden.“ Die Wundärzte verließen das Zimmer, und ich hörte abermals Seufzer des Gatten, vermiſcht mit der ſanften, mu⸗ ſikaliſchen Stimme der Frau.„Ihr Leben wird verſchont bleiben, mein Freund, die Vorſehung iſt barmherzig,“ ſagte Lady Vernon. „. 299 „Nein, Marie, meine Vielgeliebte, ich fühle, daß meine Wunde tödtlich iſt. Ich habe dieſe Strafe verdient, ja, ich habe ſie dafür verdient, daß ich einen Augenblick ihrer Ver⸗ führung unterliegen und vergeſſen konnte, ich beſitze einen Engel an meiner Seite.“ „Denken Sie nicht an dieſen traurigen Gegenſtand, mein Freund; denken Sie nur an unſere aufrichtige und herzliche Verſöhnung, nachdem Sie mir die einzige Verirrung geſtanden, die Sie ſich vorzuwerfen hatten.“ „Ja, Marie, ich habe, Gott ſei Dank, den Augenblick des To⸗ des nicht abgewartet, um zu bereuen, denn ich war feſt entſchloſ⸗ ſen, dieſe Frau nie mehr zu ſehen, und wenn ich gelebt hätte, wäre mein Entſchluß ausgeführt worden. Meine Thorheit, meine Fehler haben dieſes traurige Reſultat herbeigeführt; ich werde Ihnen gerade in dem Augenblick entriſſen, wo ich zu dem Gefühle deſſen, was ich Ihnen ſchuldig bin, zurückgekehrt war, und es bleibt mir nicht einmal mehr die Macht, die Uebel zu heilen, die ich veranlaßt habe. Oh! wie koſtbar er⸗ ſcheinen mir nun die Tage, die ich vergeudet habe. Was würde ich nun für einige Monate, nur für einige Wochen geben, die ich mit Ihnen hinbringen könnte! Ihr Gatte hat mich her⸗ ausgefordert! Es war mir nicht möglich, das Duell auszu⸗ ſchlagen. Und ſo ſehr ich jetzt am Leben hänge, iſt es mir doch lieber, daß ich von ſeiner Hand ſterbe, als wenn er durch mich getödtet worden wäre. Ich war entſchloſſen, ſein Feuer nicht zu erwiedern, denn um keinen Preis der Welt möchte ich ſein Blut auf meinem Haupte haben. Verzeihen Sie mir, meine liebe Marie, daß ich auch von ihr ſpreche. Doch ich „ 300 kenne Ihr Herz als zu edel und mitleidig, um zu bezweifeln, daß Sie mir verzeihen. In dieſem Augenblick iſt die un⸗ glückliche Frau aus dem Hauſe ihres Gatten weggejagt; ſie iſt entehrt; alle Thüren ſind ihr verſchloſſen. Ich bin die Urſache des Unglücks, das über ſie hereingebrochen iſt, und dieſer Gedanke laſtet ſchmerzlich auf meinem Gewiſſen. Verſprechen Sie mir, dafür zu ſorgen, daß ſie, wenn ich nicht mehr ſein werde, Mittel zum Lebensunterhalte hat.“ „Zweifeln Sie nicht, daß ich das thun werde. Alles, was Sie wünſchen, wird geſchehen; doch meine Gebete werden erhört, Sie werden mir wiedergegeben werden. Ich flehe Sie an, ſprechen Sie, denken Sie nicht anders.“ „Ach! meine liebe Marie, warum ſoll ich Sie täuſchen? Ich fühle, daß meine Stunden gezählt ſind. Doch laſſen Sie mich einen peinlichen Gegenſtand beendigen. Schon jetzt muß die Unglückliche in Noth ſein. Ich bitte Sie, ſchicken Sie ihr, was ſie braucht, um ihr wenigſtens Geldverlegenheiten zu er⸗ ſparen. Mein Freund Spencer hat mir einige hundert Pfund geliehen, doch ich habe, wie ich in der vergangenen Nacht ſagte, in letzter Zeit ſo ungeheure Ausgaben gemacht, daß mein Ban⸗ quier kaum noch Geld für mich haben dürfte.“ „Lieber Freund, meine Tante hat eine beträchtliche Summe zu meiner Verfügung geſtellt, und ich werde ſie ſogleich der unglücklichen Frau ſchicken.“ „Ich danke Ihnen, meine liebe Marie, ich danke Ihnen aus dem Grunde meines Herzens; ich rechnete auf die Groß⸗ muth, die Sie an den Tag legen.“ Die Wundärzte kehrten ſodann in die Bibliothek zurück „ und ließen den Leidenden nach einer kurzen Berathung in ſein Zimmer bringen. Man reichte ihm einen mit Opium vermiſch⸗ ten Trank, wonach er bald entſchlummerte. Nun erſt gab ſeine Frau das erſte Symptom der furchtbaren Verheerung kund, die der Schlag, den ſie erhalten, in ihrer Conſtitutivn ange⸗ richtet hatte: ſie fiel von dem Stuhl, worauf ſie ſaß, nach⸗ dem ſie das Bewußtſein verloren hatte. Ich hörte Ausrufun⸗ gen von ſchlimmer Vorbedeutung von den Wundärzten, welche ſie in ihr Zimmer tragen halfen. Das Herz brach mir bei⸗ nahe, als ich die Bedeutung ihrer Bemerkungen wahrnahm. Wie ſehr litt ich, da ich mich nur wenige Schritte von ihr entfernt wußte, ohne daß ich mich ihr nähern konnte. Während der ganzen Zeit, die ihre Ohnmacht dauerte, kamen mir die Minuten wie Stunden vor. Nie wachte eine Mutter über ihrem einzigen Sohn mit lebhafterer Angſt und mit ſchmerzlicheren Beklemmungen, als ich ſie empfand, wäh⸗ rend ich horchte, um die geringſten Töne aufzufangen, die eine Rückkehr zum Leben andeuten würden. Endlich ſuchte mich Lady Delafield auf. Obgleich ſich dieſe Dame ſelten von ihren Gefühlen beherrſchen ließ, war ſie doch ſo betrofſen durch den Ausdruck des Kummers und der Unruhe, der auf meinem Antlitz hervortrat, daß ſie mir liebevoll die Hand drückte und mir für die mitfühlende Theilnahme dankte, die ich für ihre Familie offenbare. Die Complimente, die ſie mir über meine Herzensgüte und über meine uneigennützige Freundſchaft machte, waren ſo wenig berdient, daß ſie mich ganz verwirrten. Ich hatte nicht den Muth, mich nach Ladh Marie zu er⸗ kundigen, doch Lady Delafield entriß mich der Verlegenheit, 302 indem ſie mir mittheilte, es gehe beſſer bei ihrer Nichte und ſie liege in dieſem Augenblick auf den Knieen und bete zu dem⸗ jenigen, welcher die Quelle aller Kraft iſt, ihr die Stärke zu geben, eine ſo furchtbare Prüfung auszuhalten. „Armer Engel,“ fuhr Lady Delafield fort,„ſie hat die Ankündigung des nahen Todes ihres Gatten mit einer außer⸗ ordentlichen Feſtigkeit ertragen. Nach einer Unterredung von einigen Minuten mit ihrer Kammerfrau, Miſtreß Tisdeal, ſchien ſie eine neue Energie zu gewinnen, und ſie hat mir einen Auftrag gegeben, den ich nicht vollziehen kann und nicht vollziehen darf. Und ſie ſagte mir doch, ſie habe keine Ruhe, bis ihr Wunſch erfüllt ſei. Sie, mein lieber Herr Lhſter, könnten vielleicht meine Stelle bei dieſer unangenehmen Sen⸗ dung vertreten.“. Ich bot ihr ſogleich meine Dienſte an, und ſie gab mir ein verſiegeltes Paquet und bat mich, es Miſtreß Mortimer einzuhändigen, die ſich in ein Landhaus bei Fulham geflüchtet habe. Ich erbat mir und erhielt ſodann die Erlaubniß, mich auf Grosvenor⸗Square einfinden zu dürfen, ſobald ich mich des Auftrags entledigt hätte, und abermals ſagte mir die gute Dame Artigkeiten über mein edles Herz. Ich begab mich nach Fulham und wurde, nachdem man mir einige Schwierigkeiten gemacht hatte, von Miſtreß Mortimer angenommen. Sie empfing mich mit einer Miſchung von Stolz und Scham.„Madame,“ ſagte ich,„ich komme im Auftrage von Lady Delafield, um Ihnen dieſes Päckchen einzuhändigen.“ Ihre Wangen bedeckten ſſich mit Röthe; ſie erbrach den „ umſchlag in großer Aufregung und zog die fünftauſend Pfd. heraus, die ich Miſtreß Tisdeal einige Stunden früher gegeben habe. „Was ſoll das bedeuten, mein Herr?“ fragte ſie mit ſtolzem Ton.„Ich finde keine Zeile beigeſchrieben, um mir zu erklären, woher und von wem dieſes Geld kommt““ „Dieſes Päckchen iſt von Lady Vernon ihrer Tante über⸗ geben worden, um Ihnen zugeſtellt zu werden,“ erwiederte ich; „doch da ſich dieſe Dame unfähig fühlte, einen ſolchen Auftrag zu vollziehen, ſo ſchickte ſie mich zu Ihnen.“ „Soll ich daraus ſchließen,“ entgegnete ſie ungeſtüm, „dieſes Geld ſei mir von der Frau zugeſchickt worden, um mich zu bewegen, auf die Rechte zu verzichten, die ich auf den Mann erlangt habe. Sie kennt mich ſchlecht, wenn ſie glaubt, ich werde nun, da ich in Folge meiner thörichten Neigung für Herrn Vernon ſchmachvoll aus meinem Hauſe gejagt worden bin, auf denjenigen Verzicht leiſten, welchem ich Alles geopfert habe. Nein, mein Herr, tragen Sie dieſes Geld zu Lady Marie zurück. Herr Vernon iſt ein zu ehrenhafter Mann, als daß er die Frau verlaſſen ſollte, die er zu Grunde gerichtet hat; und ich,“ fügte ſie in Thränen zerfließend bei,„ich habe ſeine Liebe zu theuer erkauft, um heute das Einzige, was mir bleibt, aufzugeben.“ „Sie müſſen Ihren Geiſt auf dieſes Opfer vorbereiten, Madame.“ „Nie! nie!“ rief ſie. „Ach! Madame, das iſt eine Sache, die nicht mehr von Ihrem Willen abhängt: die Scheidung iſt unvermeidlich.“ „Darunter ſoll ich ohne Zweifel nicht verſtehen, er ſei 304 ſchwach, unbeſtändig genug, um hiezu einzuwilligen?“ fragte ſie, während die lebhafteſte Angſt in ihren Augen zu leſen war;„wenn es ſich ſo verhält, ſo iſt ſein Benehmen abſcheu⸗ lich und verdient die größte Verachtung.“ „Herr Vernon iſt in dieſem Augenblick würdig des Mitleids der ganzen Welt. Er liegt auf ſeinem Sterbebett, ein Opfer ſeines Unrechtes und der Verirrungen, zu denen er ſich hat hinreißen laſſen.“ „Auf ſeinem Sterbebett?“ rief Miſtreß Mortimer,„er, der geſtern noch vollkommen geſund war! Täuſchen Sie mich nicht. Das iſt nicht ſo, das kann nicht ſein.“ „Er iſt dieſen Morgen tödtlich verwundet worden.“ „Durch die Hand meines Gatten ohne Zweifel?“ rief ſie. „Ich flehe Sie an, ſagen Sie mir Alles; laſſen Sie mich den kleinſten Umſtand von dieſem Ereigniß wiſſen.“ Und während ſie dieſe Worte ſprach, ſank ſie, eine Beute der hef⸗ tigſten Nervenanfälle, in ihren Lehnſtuhl. Ich rief ihre Kammerfrau; ein Gefühl der Menſchlichkeit hielt mich bei Miſtreß Mortimer zurück, bis der erſte Sturm der Kriſe vorüber war. Als ſie wieder zu ſich kam, ſchickte ſie ihre Dienerin weg und ſagte zu mir: „Sind Sie ſicher, daß Herr Vernon nicht wieder geneſen kann?“ „Die Aerzte erklären ſeine Wunde für unheilbar.“ „Kannte Lady Marie ihren Ausſpruch, als ſie mir dieſes Geld ſchickte?“ „Ja; ſie war davon unterrichtet, daß nichts mehr zu hoffen ſei.“ —— 305 „Oh! mein Gott und Herr, verzeihe mir,“ ſprach die Unglückliche, in ein Schluchzen ausbrechend,„wie grau⸗ ſam wird die Frau gemartert, die ich ſo ſchwer beleidigt habe!“ Ich fühlte mich voll Mitleid für Miſtreß Mortimer, als ich ſah, welchen heilſamen Einfluß die Güte von Lady Marie auf ihren Geiſt hervorbrachte. Ich ſprach rückſichtsvoller und ſanfter mit ihr, und es gelang mir, ſie zu bewegen, die Bank⸗ noten anzunehmen. In der Hoffnung, ſie in ihrem Kummer ein wenig zu erleichtern, ſagte ich ihr, ich würde ſie jeden Tag von dem Geſundheitszuſtande von Herrn Vernon in Kenntniß ſetzen. Als ich ſie verließ, kehrte ich nach Grosvenor⸗Square zurück. Herr Vernon fühlte ſich ſo geſtärkt durch einige Stunden der Ruhe, die er genoſſen, daß die Aerzte dachten, ſein Leben könnte noch auf einige Zeit verlängert werden. Lady Marie verließ ihn nicht einen Angenblick, und ihre Tante ſagte mir mit Thränen in den Augen, ſie habe nie etwas ſo Angreifendes geſehen, als die gegenſeitigen Anſtrengungen von Mann und Frau, ſich einander ihre tiefen Qualen zu verbergen. Die Leidenſchaft, welche Herrn Vernon während der erſten Monate ihrer Verbindung erfüllt hatte, ſchien ſich mit der ganzen urſprünglichen Energie wiederzubeleben, nun, da der Augenblick gekommen war, wo ſie durch den Tod getrennt werden ſollten. Selten wandten ſich die Augen von Lady Vernon von ihrem Gatten ab; ſie blieben auf ihn geheftet mit dem Ausdruck einer unerſchütterlichſten Liebe. Ihre Ge⸗ danken verweilten voll Angſt bei der furchtbaren Trennung, Der Erzähler. 1847. M. 20 — 306 welche wenige Tage, wenige Stunden vielleicht für ſie herbeiführen ſollten; Beide ſahen das Bild des Grabes vor ſich, das ſie ſcheiden ſollte, doch weder das Eine noch das Andere wagte es, von dem zu ſprechen, was beſtändig ihren Geiſt beſchäf⸗ tigte. Der wahrſte, der tiefſte Kummer erfüllte in dieſem Augenblick den Geiſt der Frau mit Ausſchluß jedes anderen Gefühls, denn ſie hatte nie das geringſte Vergehen gegen die eheliche Liebe, weder durch Unterlaſſen, noch durch Handeln, begangen. Er aber war den ſchmerzlichſten Gewiſſensbiſſen preisgegeben, und der Kampf ſeines Geiſtes bei dem Gedanken an eine gräßliche Trennung wurde noch grauſamer durch die Ueberzeugung, daß ſeine ſtrafbaren Leidenſchaften die Sache ſo weit gebracht haben. Es war ein rührendes, erhabenes Schauſpiel, Lady Marie mit unermüblicher Liebe lange Stunden hindurch an dem Lager ihres Gatten wachen zu ſehen. Sie las mit einer Stimme, die noch ausdrucksvoller und überzeugender durch das Uebermaß der Erſchütterung klang, die ſie zu bewältigen ſich anſtrengte, das heilige Buch, zu dem wir ſtets in den Zeiten unſerer Trübſal unſere Zuflucht nehmen, und das unſere Hoffnung nie täuſcht. Sie unterſtützte durch die Hoffnung auf ein anderes Leben ihr in den Abgrund der Verzweiflung ver⸗ ſenktes Herz. Und er, er horchte auf ihre Worte wie auf die Sprüche eines engeliſchen Weſens und wandte ſeine Blicke dem zukünftigen Leben zu, das ſeinen Geiſt bis dahin nur. wenig beſchäftigt hatte. Der Kummer fing nun an, ſeine betrüblichen Verhee⸗ rungen an der geſchwächten Conſtitution von Lady Marie zu offenbaren. Jeden Tag nahm ihre Bläſſe zu. Ihre ſchönen S 307 Formen verloren allmälig ihre Rundung und der Glanz ihrer Wangen bewies, daß das Fieber ihr Blut entflammte. Ihre Tante, die ich täglich ſah, theilte mir ihre Befürchtungen mit, ſie waren im höchſten Maße düſterer Natur. „Ich ſehe wohl, mein lieber Herr Lyſter,“ ſagte ſie, „meine arme Marie wird von Tag zu Tag ſchwächer, und er, ſollten Sie es glauben, betrachtet mit Wohlgefallen die ver⸗ änderten Züge ſeiner Frau. Iſt es möglich, die Selbſtſucht — weiter zu treiben? Als er noch vollkommen geſund war, ber⸗ nachläßigte er ſie; was ſage ich, er verließ ſie gleichſam; und nun freut er ſich beinahe, ſie mit ſich ſterben zu ſehen. Die Männer ſind überall dieſelben; dieſer iſt ſo ſchlimm als einer 7 von den wilden Deſpoten, welche verſcheidend den Tod aller E ihrer Frauen, ihrer Lieblingsthiere und ihrer Lieblingsſklaven befehlen, in der Hoffnung, ſich daraus ein Gefolge in einer anderen eingebildeten Welt zu machen. In der That, das iſt eeeeine Schändlichkeit... und was ſoll aus mir werden, Herr Lyſter, wenn ich ſie verliere? Wer wird an meinem Schmerzens⸗ bette wachen und mir die Augen ſchließen? Er iſt doch die Urſache von dem Allem: nur mit Mühe gehorche ich den Geſetzen chriſtlicher Mildherzigkeit, die mir ihm zu verzeihen ge⸗ bieten, obgleich er auf ſeinem Sterbebette liegt.“ Arme alte Dame! Während ſie mir dieſes energiſche Bekenntniß ihrer Uneigennützigkeit ablegte, verbreitete ſie ſich in Lamentationen über alle Entbehrungen, die ihr der Verluſt ihrer Nichte verurſachen würde, und wenn ſie dieſe unglückliche Kataſtrophe fürchtete, ſo geſchah es hauptſächlich wegen der traurigen Folgen, vie dieſelbe für ſie haben mußte. Meine Wünſche und Hoffnungen wechſelten von einem Tag zum andern während der langen Krankheit von Herrn Vernon. Es gab Tage, wo ich lebhaft ſeinen Tod wünſchte, denn es kam mir vor, als ob jede ſeinem ſchmerzlichen Daſein beigefügte Stunde um eben ſo viel das Leben von Lady Marie abkürzte. Ich bildete mir ein, wenn die erſte Heftigkeit ihres Kummers nach dem Tode ihres Gatten vorüber wäre, würde ſie ſich ergeben und am Ende ihre erſchütterte Geſund⸗ heit wiedererlangen. Die Zeit, dieſer große Arzt der Wunden der Seele, ſelbſt der tiefſten, ſchien mir die ihrigen, wenn auch nicht völlig tilgen, doch wenigſtens vernarben zu müſſen. Ich Wahnſinniger! ich wußte noch nicht, wie groß die Macht der Liebe und des Kummers bei gewiſſen Frauen iſt, und dieſem reinen, engeliſchen Geſchöpf war es vorbehalten, mich darüber zu belehren. Ein anderes Mal, wenn mir Lady Delafield von der Angſt und der Verzweiflung ihrer Nichte erzählte, die ſich immer mehr ſteigerten, je ſichtbarer die Zeichen der nahe bevorſtehenden Auflöſung ihres Gatten wurden, betete ich voll Inbrunſt, daß ſein Leben verlängert werden möge, obgleich dieſes Daſein eine unüberſteigbare Schranke zwiſchen Lady Marie und meinen Hoffnungen befeſtigte. Ich war ein Stammgaſt von Grosvenor⸗Square geworden, wo nun auch Lady Delafield wohnte. Sie ſah indeſſen ihre Nichte nur ſehr wenig, denn dieſe verließ das Zimmer ihres Gatten nur von Zeit zu Zeit, um einige Augenblicke auf ihrem Bette auszu⸗ ruhen. s gewährte mir ein ſchwermüthiges und dennoch tiefes Vergnügen, ſo der gewohnliche Gaſt des Hauſes von derjenigen zu ſein, welche ich liebte... Lady Delafield wurde mir nach und nach mit der ganzen Schwäche ihres Alters zugethan; ſie fragte mich bei jeder Gelegenheit um Rath, und ich war ge⸗ „ —,½— nährte ſich mit köſtlichen Träumen, welche nie in Erfüllung Atmoſphäre des Zimmers ſchien mit dem Wohlgeruch der Luft 309 nöthigt, den beſtändigen Erzählungen über ihren Kummer ein geduldiges Ohr zu leihen. Oft drückte ſie mir ihren Dank für alle Verbindlichkeiten aus, die ſie mir ſchuldig war: ſie ſagte mir, ich wäre ihr durchaus nothwendig für ihre Exiſtenz und ſie wüßte nicht, was aus ihr ohne mich unter den gegen⸗ wärtigen Bekümmerniſſen und unter den Trübſalen, die ſie in der Zukunft bedrohten, geworden wäre, und ſie betrachte mich als einen Theil ihrer Familie. Gierig ergriff mein Herz die unbeſtimmten Soffnungen, welche dieſe Worte zu enthalten ſchienen; ſie erregten in mir die trügeriſche Ausſicht, in einer mehr oder minder entfernten Zeit, wenn Ladh Marie durch ihre Tante von meinen Aufmerkſamkeiten und beſtändigen Be⸗ mühungen unterrichtet wäre, würde ſie mich als einen Freund aufnehmen, und es würde mir geſtattet ſein, ſie zu tröſten. Die Entfernung von der Freundſchaft zur Liebe kam mir nicht unüberſteigbar vor. So entſprangen meine Beſtrebungen für ihre alte Ver⸗ wandtin, eine Freundin meiner Mutter, nur aus der Selbſt⸗ ſucht; es iſt wahr, ich wagte durchaus nichts Anderes zu hoffen, als, ich würde eines Tags der Freund von Ladhy Marie ſein, doch dieſe Stellung bei ihr erſchien mir als ein größeres Glück als jedes, das ich bis dahin erlebt hatte. Mein Geiſt gehen ſollten. Ich liebte es, mich auf den Stuhl zu ſetzen, worauf ſie geruht hatte, die Meubles zu berühren, an denen ſie hingeſtreift war. Alle Gegenſtände, auf denen ihre Augen verweilt hatten, beſaßen einen Reiz für mich. Sogar die geſchwängert, welche ſie athmete, und ich war nur glücklich, 310 wenn ich mich unter dem Dache des Hauſes befand, das ſie bewohnte. Ich fühlte mich übrigens verwirrt und gedemüthigt, ſo oft Lady Delafield über meine häuslichen Gewohnheiten und meine ſitzende Lebensweiſe in Extaſe gerieth, und beſonders in Lobſprüchen über das uneigennützige Opfer, das ich ihr mit meiner Zeit und mit meiner Bequemlichkeit brachte, ausbrach. Die gute alte Dame bildete ſich nicht ein, ich ſei der Sklave einer Leidenſchaft, welche ſtärker war, als mein Wille, und mein Benehmen werde mir einzig und allein durch die Selbſtſucht dictirt. Sie ſprach mir unabläßig über ihre Nichte und dies war ein Gegenſtand, über den ich hätte Tag und Nacht, ohne müde zu werden, reden können. Sie erzählte mir tauſend Fälle aus der Kindheit und der erſten Jugend von Lady Marie. Eines Tags, ich werde es nie vergeſſen, ſagte ſie mir, ſie habe oft gedacht, ich ſei für ihre Nichte geſchaffen. „Sie beſitzen,“ ſprach ſie,„dieſelbe Liebe für das ſtille, häus⸗ liche Leben, und dennoch hätten Sie vielleicht nicht für ein⸗ ander getaugt,“ fuhr ſie fort,„denn die Aehnlichkeit des Ge⸗ ſchmacks erzeugt nicht immer die Liebe. Ich erinnere mich, daß ich Marie am Tage, nachdem ſie mir vorgeſtellt worden, fragte, ob ſie nicht denke, Sie beſitzen ein einnehmendes Geſicht; Marie antwortete mir, ſie habe Sie nicht genug angeſchaut, um darüber urtheilen zu können.“ Man kann ſich vorſtellen, wie wehe mir dieſe Worte thaten, denn nie hatte meine Eitelkeit einen ſo empfindlichen Schlag erlitten. Meine Demüthigung entging ohne Zweifel Lady Delafield nicht, denn ſie fügte bei:„Als wir das zweite —. — 31— Mal zuſammentrafen, pflichtete Marie meiner erſten Bemerkung bei und ſagte, Ihre Phhſiognomie ſei einnehmend.“ Sie hatte mich alſo bemerkt, und meine Züge hatten ihr nicht mißfallen. Dieſe Betrachtung war für mich ein Gegen⸗ ſtand der Freude und die Hoffnung drang immer tiefer in meinen Geiſt ein. Herr Vernon zehrte ſeit ſechs Wochen hin, ſechs Wochen des Segens, wie ſeine bewunderungswürdige Frau ſie nannte, denn während dieſer ganzen Zeit hatte er nie aufgehört, mit ihr von einem anderen Leben und von dem Glück zu ſprechen, das dort den reuigen Sünder erwarte. Doch das Ende war gekommen, dem Tod konnte nicht länger ſeine Beute entzogen bleiben, Herr Vernon verſchied in den Armen ſeiner Frau, ſie mit ſeinem letzten Seufzer ſegnend. Lady Marie, welche ſich auf dieſes Ungemach vorbereitet glaubte, unterlag ebenfalls dem Gewichte ihres Schmerzes, und einige Wochen nachher geleiteten wir ſie zu dem Grabe, das die ſterblichen Ueberreſte des Mannes, den ſie ſo ſehr geliebt, aufgenommen hatte. Jahre, lange Jahre ſind ſeit dem Tage verfloſſen, da ich ſie in das Grab niederlegen ſah, und dennoch iſt die Erinne⸗ rung an dieſes ſchauervolle Schauſpiel meinem Geiſte ſo gegen⸗ wärtig, als ob es geſtern erſt geſchehen wäre. Was ich ge⸗ litten habe, vermögen nur diejenigen zu beurtheilen, welche, nachdem ſie alle ihre Fähigkeiten, alle ihre Hoffnungen auf ein zärtlich geliebtes Weſen zuſammengedrängt, den ſo theuren Gegenſtand auf immer ihren Augen entſchwinden ſehen. Ich habe ſie lange beweint, und eine tiefe Trauer erfüllte mein ganzes Sein. Doch warum länger bei einem ſo peinlichen Gegenſtand verweilen? Sie ſtarb, ohne zu wiſſen, daß ſie auf der Erde ein Herz zurückließ, das lange Zeit ihren Verluſt beweinen ſo, und ich hatte nicht einmal den Troſt, zu den⸗ ken, die Liebe, die ſie mir eingeflößt, habe bei ihr einiges Mitleid erregt.* Ich ſetzte noch einige Zeit die Aufmerkſamkeiten gegen Lady Delafield fort, die ich ihr Anfangs nur aus einem ganz perſönlichen Grunde gewidmet hatte und ihr ſodann aus Mitleid mit ihrem Unglück auch noch ferner bewilligte. Sie überlebte ihre Nichte nur um ein Jahr. Sterbend gab ſie mir das Portrait, das hier unter meinen Augen liegt, und das ich mit einer religiöſen Sorgfalt aufbewahrt habe. Wenn ich ſeitdem einen herzloſen Roué erklären hörte, die Frauen ſeien unfähig einer grenzenloſen Anhänglichkeit und Ergebenheit, ſo wandte ich ihm verächtlich den Rücken zu und dachte an Lady Marie Vernon, deren Liebe weder durch die Gleichgül⸗ tigkeit, noch durch ein ſchlimmes, verletzendes Betragen, noch durch den Tod vermindert werden konnte, an dieſes edle Weſen, das dem Gegenſtande ſeiner Zuneigung in das Grab folgte, in welches ihn die unerbittliche Hand des Todes trotz ihrer glühenden Gebete hinabgezogen hatte. Vierte Liebe. Ich höre hier eine ſchöne Dame voll Entrüſtung aus⸗ rufen:„Wie kommt es, daß er noch einmal lieben konnte? Die ſo reine durch die ſchöne, göttliche Marie entzündete Flamme iſt alſo in ſeinem Herzen durch eine unwürdige Liebe entheiligt worden?“ 313 Ach! es geht immer ſo, der Schmerz, von dem ich glaubte, er würde ewig währen, ging vorüber, wie alle Dinge in dieſer Welt vorübergehen, er wurde von Tag zu Tag ſchwächer und endlich blieb davon in mir nur eine zarte Melancholie und etwas wie ein ſanfter, trauriger Eindruck, den ein Sommer⸗ abend in uns hervorbringt, oder wie die Erinnerung an unſere Jugend, wenn dieſe reizende Zeit des Lebens längſt für uns vergangen iſt. Ladh Marie war nicht vergeſſen. Oh! nein! ſie wurde für mich gleichſam eine Viſion einer idealen Schön⸗ heit, ein gewiſſes Etwas, an das ſich die Einſamkeit und das Gebet wenden; doch zu rein für dieſe Welt der Arbeit und der Langweile. Nach einigen Monaten miſchte ich mich aber⸗ mals in die geräuſchvolle Menge. Die Zeittödter, die der Gedanke des Todes zittern macht, finden deſſen ungeachtet, der zerreißbare Faden, an den unſer Daſein geknüpft iſt, entrolle ſich nicht raſch genug, und ſtrengen alle ihre Kräfte an, um ſeine Geſchwindigkeit zu beſchleunigen. Ich nahm meine alten Gewohnheiten wieder auf, kehrte in den Club zurück, erſchien regelmäßig zu Pferde in Hhde⸗Park und zeigte mich bei den faſhionablen Bällen und Raouts. Die Mütter, die Tanten, die verheiratheten Schweſtern beehrten mich mit ihrer ganzen Aufmerkſamkeit. Man ſchlug mein Vermögen zu ſeinem dop⸗ pelten Betrag an, man deutete auf mich als auf das erſte, heirathsfähigen Mann, als auf eine gute Partie, als auf ein großes Loos in der Eheſtandslotterie, das alle zu verſorgende Frauen zu gewinnen ſuchen müſſen. Die Lection, die ich von Arabella Wilton erhalten, hatte einen tiefen Eindruck auf mich hervorgebracht. Ich war zum Verdacht geneigt, mein Ver⸗ 314 mögen und nicht meine Perſon ziehe mir die Aufmerkſamkeit zu, die man für mich hatte; voll Ekel wandte ich mich von jeder nicht verheiratheten Frau ab, die mir ein artiges Wort ſagte oder mich mit einem freundlichen Lächeln empfing, denn ich betrachtete ſie als eine ſchlaue Speculantin, welche einzig und allein an den Putz, an die Juwelen, an alle die et caetera dächte, die ihr mein Vermögen verſchaffen könnte. Ich weiß in der That nicht, wer mehr zu tadeln iſt, der Mann, den die Eitelkeit ſo ſehr verblendet, daß er glaubt, jede Frau, die ihm ein liebenswürdiges Wort oder ein Lächeln zuwende, ſei in ihn verliebt, oder derjenige, welcher ſich ein⸗ bildet, ſein Vermögen gebe ihm unwiderſtehliche Rechte auf die Aufmerkſamkeit dieſes Geſchlechtes. Die Eitelkeit iſt eine Schwäche unſerer Natur; der argwöhniſche Charakter iſt ein Mangel, den man dieſer weltlichen Weisheit zu verdanken hat, welchen man ſelten auf eine andere Art erlangt, als wenn man dieſem Laſter opfert. Unter der Herrſchaft der Angſt, die mir die eigennützigen Beweggründe der heirathsfähigen Frauen einflößten, ſuchte ich die Geſellſchaft von denjenigen, welche, wenn auch weniger intereſſirt, darum doch nicht weniger intereſſant waren. Ich meine die verheiratheten Frauen. Und hier habe ich, wie das Lied ſagt, mehr als eine Geſchichte im Kopf; doch Sie wer⸗ den mir erlauben, darüber wegzugehen und das Glück, das ich da und dort machte, der Einbildungskraft meiner Leſer zu überlaſſen. Zu jener Zeit wurde ich Lady Elmsecourt vorgeſtellt, die, obgleich un pen passée, wie die Franzoſen ſagen würden, zu den herrſchenden Schönheiten des Tages gehörte. Die Zeit, „ ₰. ₰. 315 welche abgelaufen war, ſeitdem man ihr das Schönheitsdiplom ertheilt hatte, ſchien dieſem Diplom das Siegel allgemeiner Beiſtimmung aufgedrückt zu haben. Niemand konnte die Voll⸗ gültigkeit zwanzig Jahre hindurch anerkannter Reize in Frage ſtellen, und ihr Ruf als Eroberin ging von Mund zu Mund, obgleich die Reize, die ihr denſelben erworben hatten, ihren urſprünglichen Schimmer zu verlieren anfingen. Meine Aufmerkſamkeit wurde auf ſie zur Zeit, von der ich ſpreche, nicht allein durch ihre Schönheit gelenkt, welche indeſſen die Störung weiſerer Köpfe als der meinige entſchuldigt hätte, ſondern auch durch eine gewiſſe romanhafte Empfindſam⸗ keit, die auf ihrem Geſichte ausgeprägt war und, ohne bis zur Melancholie zu gehen, allen Zauber beſaß, den eine nachden⸗ kende Phhſiognomie unfehlbar einer ſchönen Frau in den Augen eines Mannes verleiht, der eine Täuſchung des Herzens erlitten hat. Lady Elmscourt hatte indeſſen ſchon das Alter erreicht, wo es ſchwierig wird, genau die Zahl der Luſtra zu beſtimmen, welche eine Frau zählt; ihre Bewunderer hatten die unwandel⸗ bare Gewohnheit, dieſelbe um eines oder zwei zu vermindern, und die übrige Welt, beſonders ihre Freunde pflegten ſie um eben ſo viel zu vermehren. Sie ſagte oder gab zu verſtehen, denn welche gut erzogene Frau geht je in dieſer Materie weiter? ſie zähle dreiunddteißig Jahre. Dies ging aus den Vergleichungen der Daten, an denen ſte ihrer Behauptung nach noch ein Kind geweſen, mit den⸗ jenigen hervor, worauf ſich ihre erſten Schritte in der Welt bezogen. Das Blut hatte ihre Wangen noch nicht verlaſſen; es hatte vielleicht den Glanz ihres Teint eher vermehrt als vermindert, denn obgleich ſchön roth, hatte dieſer eine gewiſſe 316 Beſtimmtheit erlangt, welche ſich ſtets erſt zeigt, wenn die Reife ſeit einigen Jahren an die Stelle der zarten, beweglichen Tinten getreten iſt, die nur der Jugend angehören. Ihre Augen waren eben ſo glänzend, doch minder durch⸗ ſichtig als früher; ihr Haar hatte nichts von ſeinem Schimmer verloren, doch ihre Flechten waren minder dick und ihre ge⸗ rundeten Reize näherten ſich jenem furchtbaren Grade von Beleibtheit, welcher die Mütterlichkeit andeutet, aber auch die Matrone verräth. Einige leichte Linien, ſo leicht, daß ſie bei⸗ nahe unbemerkbar waren, um ihre Augen, eine Erhöhung der Haut etwas darunter, erſchienen den Neidiſchen als der Beweis, daß ſie, wie dieſe Leute plumper Weiſe ſagten, wenn ſie auch Hühnerfleiſch hatte, doch kein Hühnchen mehr war; aber wie ſtark auch dieſer Beweis ſein mochte, er konnte mich nicht überzeugen, Lady Elmscourt ſei etwas Anderes als eine ſchöne, verführeriſche Frau, beſonders in einem glänzend erleuchteten Ballſaal, oder in der Halbdunkelheit ihres Boudoir. Man muß nur ihrem guten Geſchmack die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, daß ſie der Mittagsſonne nie auf ihren Reizen zu glän⸗ zen erlaubte, und daß ſie ſich ſelten ohne Schleier der gefähr⸗ lichen Probe des hellen Tages unterwarf. Was konnte bei einem nachſichtigen Gemahl, bei einer unſtörbaren Geſundheit und einem großen Vermögen die Ur⸗ ſache der ſcheinbaren Schwermuth von Lady Elmscourt ſein? Dieſe Frage, die ich mehr als einmal an mich richtete, reizte in der Folge meine Neugierde und ſtachelte mein Intereſſe. Etwas mehr Unterſcheidungskraft von meiner Seite hätte mich leicht zur Entdeckung der Quellé ihres Kummers geführt, doch ich habe mich nie durch meine Hellſichtigkeit in Beziehung auf „ —————— — „ 317 die Fehler einer ſchönen Frau ausgezeichnet, und ich war hier geneigt, mit der edlen Glorie des Gefühls das zu umgeben, was nur eine Schwäche des Geiſtes zur Urſache hatte. Lady Elmscourt betrübte ſich über das Entfliehen ihrer Jugend; wenige Frauen ſind philoſophiſch genug, um mit Reſignation und Gleichmuth das ſtufenweiſe Verſchwinden ihrer Reize zu ertragen. Haben wir ein Recht, dieſen Kummer zu tadeln, wir, die wir ihre Eitelkeit übermäßig aufreizen und ſie zu dem ſtrafbaren Gedanken ermuthigen, die Figur und die Reize des Körpers ſeien ihre ſicherſten, wenn auch nicht beſten Titel auf unſere Zuneigung und Anhänglichkeit? Mein Verhältniß zu Lady Elmscourt war ein ſehr ver⸗ trautes, inniges geworden, und jede Zuſammenkunft mit ihr machte mich etwas mehr zum Sklaven ihrer reifen Reize. Ich betrachtete ſie mit dem Gefühle, das uns bei dem Anblick der untergehenden Sonne ergreift; wir ſchauen mit tiefer Bewun⸗ derung dieſe glänzende Schönheit, welche dem Verſchwinden nahe iſt, zu gleicher Zeit aber auch mit einer gewiſſen Schwer⸗ muth bei dem Gedanken an, daß ſo viel Herrlichkeit bald ohne Rückkehr entwichen ſein werde. Wir ſprachen von Empfindung, dies iſt der gerade Weg zum Herzen. Wir ſtimmten darin überein, daß die Vergnü⸗ gungen eines faſhionablen, das heißt eines frivolen Lebens völlig ungenügend ſeien, um die tiefe Leere des Herzens auszufüllen. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß wir bei allen dieſen Geſprä⸗ chen eben ſo unbegreiflich und eben ſo verworren waren, als alle ſentimentalen Leute, und es blieb uns die Ueberzeugung, wir ſeien erhaben über die Horde der Weltmenſchen, und dieſe 318 Erhabenheit bilde unſer Unglück, indem ſie uns zu jeder Be⸗ rührung mit ihnen unfähig mache. Lady Elmscourt ſprach meiner Anſicht nach ſehr beredt von dem Elend ſchlecht ausgerüſteter Seelen, von unbegriffenen Gefühlen, von mißkannten Shmpathieen. Sie führte nie eine beſtimmte Klage gegen ihren Herrn und Meiſter, ausgenommen vielleicht das Geſtändniß, das ihr in der Bitterkeit ihres Kum⸗ mers entſchlüpfte, er habe keinen Geſchmack an der Liebespoeſie, er lache und zwar aus Leibeskräften über die reizenden Hirtengedichte von Sheuſtone, und ziehe Dryden und Pope den ausgezeichneten Pro⸗ ducten des Perſers Hafiz vor. Ueberdies habe er einen Abſcheu vor den franzöſiſchen Romanen. Ich geſtehe, daß ich in der Literatur mehr mit dem Manne als mit der Frau ſympathiſirte, doch ich verbarg ihr ſorgfältig dieſe Meinungsverſchiedenheit, ließ ſie mit der gewöhnlichen Hruchelei meines Geſchlechts glauben, ich be⸗ trachte alle diejenigen, welche nicht dieſelbe Anſicht haben, als der Sinne beraubte Kothhaufen und ſie ſelbſt als ein Stück von feinem Porzellan, nur für zarte Hände geſchaffen. Sie ſprach von dem Unglück, ſich noch als Kind zu ber⸗ heirathen; dies ſei ihr Geſchick geweſen, machte ſie ganz klar bemerkbar, und nun(hier nahmen ihre Blicke eine unaus⸗ ſprechliche Beredtſamkeit an), während ihr Herz ſeine ganze Friſche erhalten, habe ſich der Geliebte ihrer Jugend in einen Ehemann verwandelt, das Leben habe alle ſeine Illuſtonen verloren und ſie ſei nicht glücklich. Geſteht eine Frau einem Bewunderer, ſie ſei nicht glücklich, ſo hat dieſer nur ein Be⸗ nehmen zu beobachten: er muß ſchwören, er ſei elend, er liebe bis zum Wahnſinn, ohne Hoffunng, und dabei muß er mit aller möglichen Kunſt ſo zu Werke gehen, daß die Dame aus „ 319 den Blicken und dem Tone ſowohl, als aus den Worten ſchließt, ſie ſei der Gegenſtand dieſer hoffnungsloſen Leidenſchaft. Die Frauen lieben es, hoffnungsloſe Leidenſchaften ein⸗ zuflößen, denn ſelbſt die Weltlichſten des ſchönen Geſchlechtes behalten immer noch ein wenig von dem Romanhaften ihrer Jugendzeit, wie die Blumen, obgleich verwelkt, immer noch einen leichten Ueberreſt von ihrem urſprünglichen Wohlgeruch bewahren. Ich hatte eine Erklärung dieſer Art angefangen, wobei ich durch meine großartigen Worte die Bewunderung, die ich für ſie fühlte, in eine des Helden eines franzöſiſchen Melo⸗ drams würdige Leidenſchaft verwandelte. Während dieſer Rhapſo⸗ die ſchien ſie halb erfreut, halb verwirrt, wie eine Frau, welche ſchwach, aber nicht laſterhaft iſt und ſich durch ihre eigene Thorheit die Beleidigung zugezogen hat, die ich ihr zu machen im Zuge war, eine Beleidigung, zu der eine Frau bevollmäch⸗ tigt, ſobald ſie unklug genug, indiscret genug iſt, in den Bu⸗ ſen eines Fremden ein Geſtändniß niederzulegen, das nicht an den rechten Ort kommt, und meine Leſerinnen erlauben mir, ihnen zu ſagen, daß Geſtändniſſe dieſer Art unabänderlich als ein unmittelbares Entgegenkommen von ihrer Seite betrachtet werden. Ich war mitten in meiner leidenſchaftlichen Erklärung, als ſich die Thüre öffnete und ein Mann von mittlerem Alter, von ſehr gutem Ausſehen, von ausgezeichneten Manieren und der verführeriſchſten Miene eintrat. Beiläufig muß ich bemer⸗ ken, daß mir oft die ſeltſame Ungleichheit aufgefallen iſt, welche die Männer von einem gewiſſen Alter und ihre ſchöneren Hälf⸗ ten bieten, die häufig die älteſten Töchter oder die jüngeren 320 Schweſtern ihrer Herren zu ſein ſcheinen, während ſie beinahe von demſelben Alter ſind. Der Mann zeigt ſeine kahle Stirne, von der die Haare ſeit langer Zeit ausgehen, ſtufenweiſe immer ſchwächer werdend, bis am Ende nur noch einige zerſtreute Büſchel von zweifelhafter Farbe übrig bleiben, während die Frau ihren Kopf beſchattet von glänzenden Locken oder ſeide⸗ nen Flechten in eben ſo großem Ueberfluß darbietet, wie zur Zeit, wo ſie dieſe Zierrath der Natur zu verdanken hatte, ſtatt ihren Friſeur dafür belohnen zu müſſen. Doch laſſen wir dieſe Abſchweifungen und kehren wir zu meiner Erzählung zurück. Lady Elmscourt ſchien einen Augenblick verlegen; das iſt natürlich, denn nichts iſt unerträglicher für eine gut erzogene Frau, als mitten in einer Liebesſcene unterbrochen zu werden. Doch raſch gewann ſie wieder ihre Geiſtesgegenwart und ſtellte mich dem ungeſchickten Unterbrecher vor, der kein Anderer war, als ihr Gatte. Nach den gewöhnlichen Höflichkeiten wandte er ſich an ſeine Frau und ſagte zu ihr:„Meine Liebe, ich bin gekommen, um mir eine Gunſt von Ihnen zu erbitten. Der Herzog von Ancaſter hat mir für dieſen Abend ſeine Loge in Covent⸗Garden abgetreten, und ich wünſche Emilie in das Schauſpiel zu führen; ich weiß, daß Sie nicht gern dahin gehen, doch ſoll ich ſie geleiten?“ „Es iſt wahr, ich liebe es nicht, daß ſie die Theater be⸗ ſucht; ich betrachte es als tadelnswerth, wenn man den jungen Perſonen geſtattet, ſich an ſolchen Orten zu zeigen.“ „Aber meine Theure,“ ſagte der Mann mit flehendem Tone,„Emilie iſt im Ganzfn nicht zu jung. Wir wollen ſehen, ſie wird „. 321 „Oh! ich bitte Sie, ſprechen Sie nicht weiter davon,“ unterbrach ihn Lady Elmscourt;„wenn Sie Luſt haben, ſie mitzunehmen, und ſie wünſcht es, ſo werde ich meine Einwil⸗ ligung nicht verſagen, denn ich mag jungen Leuten keinen Kummer machen.“ „Aber, meine Liebe, hört man Sie ſprechen, ſo ſollte man Emilie für ein Kind halten; Sie vergeſſen, wie alt ſie iſt, und ſie wird doch... „Stille, ſtille,“ unterbrach ihn abermals Lady Elms⸗ court,„wenn Sie Emilie wirklich mitnehmen wollen, ſo wer⸗ den Sie beſſer daran thun, zu läuten und ihr ſagen zu laſſen, ſie möge ſich ſogleich ankleiden.“ Ich entfernte mich, und als ich Lady Elmscourt einen Abſchiedsblick zuwarf und die Wolke der Unzufriedenheit ſah, welche ihre Stirne bedeckte, kam ſie mir wenigſtens zehn Jahre älter vor, als ſie mir bei meinem Eintritt in ihr Boudoir ge⸗ ſchienen hatte. Die Eitelkeit blies mir ins Ohr, die Urſache dieſer Unzufriedenheit ſei, daß ich zu ihrer Demüthigung habe ſagen hören, ſie beſitze eine Tochter, die kein Kind mehr ſei, wie dies Lord Elmscourt ſo hartnäckig geäußert hatte; wie ſchmeichelhaft indeſſen auch dieſe Demüthigung für mich war, ſo entzauberten mich doch die Wirkungen, die ſie auf dem Ge⸗ ſichte von Lady Elmscourt hervorbrachte, nicht wenig. Wir Männer ſind ſo vollkommene Egoiſten, daß wir eher geneigt ſind, die Uebel, die wir verurſachen, bon der ſchlimmen Seite, als mitleidig aufzunehmen. Ich habe einen meiner Freunde ſich bitter beklagen hören, ſeine Frau ſehe ſehr häßlich aus, wenn ſie eiferſüchtig ſei, ohne zu bedenken, daß ſein Benehmen die urſache dieſer Eiferſucht und dieſer bedauerlichen Umwandlung war. Der Erzähler 1847. M. 21 322 Als ich Lady Elmscvurt an demſelben Abend in einer Geſellſchaft wiederſah— ſo friſch als je, ihre ſchwarzen Augen funkelnd von Lebhaftigkeit und ihre roſenfarbig 3 Lippen be⸗ ſeelt von einem beſtändigen Lächeln, vergaß ich, daß ſie mir am Morgen ein wenig paſſirt vorgekommen war, und machte ihr beharrlicher als zuvor den Hof. Die allgemeine Bewun⸗ derung, die ſie unter den Männern erregte, erhöhte die Macht ihrer Reize in meinen Augen und vermehrte dieſelben auch wirklich, denn eine cvquette Frau, und dieſe war es wirklich, erſcheint ſtets verführeriſcher, wenn ſie bemerkt, daß ſie bewun⸗ dert wird. Ladh Elmscourt hatte nie bezaubernder und ermu⸗ thigender ausgeſehen.(Dieſe zwei Wörter können vielleicht für ſynonhm gelten, wenigſtens in dem Wörterbuch eines eitlen Menſchen.) Sie lächelte mir, wie ich mir einbildete, mit einer ganz beſondern Liebenswürdigkeit zu; doch ich wollte wetten, ein halbes Dutzend anderer Gecken dachte daſſelbe von dem Lächeln, das ſie ihnen bewilligte. Sie fragte mich, wo ich den Herbſt zuzubringen beabſich⸗ tigte, was mir bei meiner eingefleiſchten Geckenhaftigkeit ein mehr als gewöhnliches Intereſſe zu bezeichnen ſchien; dem zu Folge war meine Antwort der Ausdruck des Wunſches, irgend⸗ wo, wo es auch ſein möchte, das Glück, ſie zuweilen zu treffen, genießen zu können. Sie ſchien ein wenig verlegen durch meine Worte, aber keines Wegs ärgerlich darüber, und ich fing an, mir zu meinem leichten Siege Glück zu wünſchen. „Wo bringen Sie den Herbſt zu?“ fragte ich, entſchloſ⸗ ſen, dem Geſpräch den Lauf zu laſſen, den es genommen hatte. „Wir gehen im Juli nach Elmscourt⸗Park und werden dort einige Zeit bleiben.“ „ 23 „Iſt Elmscvurt nicht in der Nähe von Alnwick?“ „Es iſt nur einige Meilen dabon entfernt.“ „Dann nehme ich gewiß eine oft dringend erneuerte Ein⸗ ladung in Ihre Nachbarſchaft an und rechne darauf, Sie zu ſehen.“ Ich gab meinem Blick und meiner ganzen Miene ſo viel Bedeutung, als ich nur immer konnte, und Lady Elmscourt ſchien, wenn nicht darüber erfreut, doch wenigſtens nachſichtig gegen dieſe Freiheit. Sie trug einen Blumenſtrauß, der mir Gelegenheit lieferte, eine von den unzähligen Albernheiten an ſie zu richten, für welche die Blumen als Thema dienen. Ich erklärte, ich beneide die Stelle, die ſie einnehmen, und drückte den Wunſch aus, ſie zu beſitzen. „Sie werden in der That unerträglich, mein Herr Lyſter,“ ſagte ſie,„und ich darf Sie nicht mehr anhören.“ Wenn eine Dame einem Cavalier erklärt, er ſei ihr un⸗ erträglich, ſo hat er das Recht, dieſe Erklärung als ein Ge⸗ ſtändniß zu nehmen, er ſei nicht hinreichend unerträglich; ich ſchickte mich alſo an, eine von den zahlloſen Plattheiten zu wiederholen, welche die Faſhionables gegen frivole Frauen zu Markte bringen, als ſie mich plötzlich nach einer gut geſpielten Entrüſtung verließ und ſich in eine Gruppe miſchte, welche in einiger Entfeznung plauderte. Ich folgte ihr und ſuchte ihre Augen, die ſich auf die meinigen mit einem ſo ſanften Ausdruck hefteten, daß ich als Ehemann in Verzweiflung ge⸗ rathen würde, wenn meine Frau ſolche Blicke einem andern Manne zuſchleuderte. Als ich ſie am Ende der Abendunterhaltung an den Wa⸗ gen führte, entzog ſie ihre kleine Hand dem Drucke der mei⸗ 324 nigen nicht; ich bildete mir ſogar ein, doch dies konnte eine Illuſion ſein, daß dieſer Druck mir erwiedert werde, da ſie mir den ſo erſehnten Strauß überließ. Doch wie ſehr kann ein gleichgültiger Umſtand den Lauf unſerer Gedanken und Gefühle verändern! Sobald der Wagen ſich entfernte, drückte ich die Blumen an meine Lippen, und ihr Wohlgeruch erin⸗ nerte mich an den Strauß, den Lady Marie hatte fallen laſ⸗ ſen, die liebenswürdige, die unglückliche Lady Marie, und an alle die Gefühle, die jener Abend in mir hervorgerufen hat. Lady Marie, dachte ich, hätte mir ihren Strauß nicht gegeben. Ich hätte es nie gewagt, ihr einen profanen Wunſch in die keuſchen Ohren zu flüſtern; wäre ihr Auge dem Feuer meiner Augen begegnet, ſo würde ſie nie zärtlich darauf geantwortet haben. Nein, nein, Marie war eine eben ſo reine und flecken⸗ loſe, als reizende Frau. Dieſe Gedanken gewannen die Herrſchaft über meinen Geiſt; ich warf den Strauß mit Verachtung fern von mir, denn diejenige, welche ihn mir gegeben, hatte durch dieſe Ver— gleichung mit Lady Marie ſo viel verloren, daß ihre Macht über meine Einbildungskraft zu Ende war, und daß ich mich ſelbſt verachtete, weil ich ihrem Zauber nachgegeben. Wenn die Frauen wüßten, wie viel ſie von ihrer Herrſchaft durch ihre Schwäche oder durch ihre ſtrafbaren Einräugungen berlieren, ſo würde die Politik die Beſcheidenheit ergänzen, und die Män⸗ ner fänden nicht ſo oft eine leichte Nahrung für ihre unred⸗ lichen und ihre außerordentliche Eitelkeit*). verſprechen den Leſern noch einige Mittheilungen aus dieſem Novellen⸗Cyklus. 4 Anm. der Redaction. —— „ — * 2 ₰. 8 g14 Seqae