Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur † von Cdnard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Jefebedingungen. . — 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uihr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für eochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 W.— W TV. 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſekbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Ein Galopp nach Gretna. Nach dem Engliſchen von Auüſt 3e Züge aus dem Leben des— Von Clementi. Die Gambuſinos. Nach Gabriel Ferry. Snat und Ernte. Von C. Spindler. mann Redenbach auf den eue des Kunſt erlernt, vorzüglichſten nachgeholfen, was dazumal eben ſo ſelten geſchah, als es heut⸗ zutage gewöhnlich geworden iſt. Der junge Arzt, einer geringen, in einem Marktflecken heimiſchen Familie entſproſſen, hatte ſich nur durch die Unterſtützung bemittelter Gönner den Zutritt zur Wiſſenſchaft möglich machen können. Dieſe Unterſtützung hatte jedoch wackere Früchte getragen. Hermann war nicht ein Alltagsdoktor geworden; die Natur ſelbſt hatte ihn zum Arzt berufen, und ihm jenen ſcharfſinnigen Geiſt Lerliehen, der allein den Meiſter macht. Die Menge nennt Der Erzähler. 1846. 1v. 1 2 das insgemein einen glücklichen Blick, eine glückliche Hand. Die Benennung thut aber nichts zur Sache. Der Arzt, der da hilft, iſt ſtets ein glücklicher. Hermann war eine ſchlichte Perſönlichkeit, machte nicht viel Worte mit ſeinen Kranken, nicht viel Weſens von ſich ſelber. Die Marktſchreierei jener Zeit, der prunkende Aufzug, die Schliche und Ränke, deren ſich dazumal junge Aerzte häufig bedienten, waren ihm fremd. Sein Anzug war ſauber, ohne Gold und Brillanten, ſeine Lebensweiſe höchſt einfach und jede Stunde ſeines Tages, ſeiner Nächte den Nothleiden⸗ den, die ſich an ihn wenden mochten, gewidmet. Feinde und Verkleinerer fehlten ihm nicht; er ging ſeinen Weg gerad aus. Seine angenehme Männlichkeit wandte ihm bald die Gunſt des Volkes zu, und dem Vertrauen der geringeren Stände, das gerne dem uneigennützigen, angehenden Arzte geſchenkt wird, folgte geſchwinder, als ſonſt der Fall iſt, das Vertrauen der vornehmeren und reicheren Leute. Redenbach galt vorzüglich als ein Wunderthäter in Bruſt⸗ krankheiten. Er hatte manche an Bruſtübeln Leidende, die ſchon von der Fakultät aufgegeben waren, wieder auf die Beine, Viele wieder zur Geſundheit zurückgebracht.— So fügte ſich's, daß ein ſehr vermöglicher Kaufmann ſich entſchloß, Hermann's Hülfe für ſeine einzige Tochter in Anſpruch zu nehmen, deren Zuſtand ſehr beſorglich erſchien.— Hermann hatte kaum die Kranke geſehen, als er ſchon ſeinen Sieg über ihr Leiden ahnte und im voraus verkündigte. Der Erfolg beſtätigte ſeine Vorherſagung: die Kranke wurde bald beſſer und verwandelte ſich ſchnell aus einer kümmerlich dahinwelkenden Lilie in eine 3 kräftig wieder aufblühende Roſe.— Ihre Familie pries fröh⸗ lich des Doktors Weisheit; er lehnte das Lob beſcheiden ab und ſagte: Es iſt gar nicht ſo arg geweſen. Daſſelbe wiederholte er der geneſenden Klementine auch. Dennoch fuhr ſie fort, ihr dankbares Gefühl dem beſcheidenen Rettungsengel von Tag zu Tag inniger auszuſprechen, bis er endlich mit Ueberraſchung, aber auch mit hoher Freude wahrnahm, daß nicht nur Er dem ſchönen Mädchen mit Liebe zugethan ſei, ſondern auch, daß Klementine dieſe Liebe erwiedere.— Redenbach's Herz war erregbar, allem Guten und Schönen zugänglich, empfindſam und daher weich in hohem Grade. Dieſe Empfindſamkeit ſollte einſt einen herben Einfluß auf ſein ganzes Geſchick gewinnen; damals jedoch träumte ſie nur von dem einſtigen Beſitze der Geliebten und von paradieſiſchen Tagen an ihrer Seite.— Nun ſollte allerdings begreiflicherweiſe die Eroberung des Paradieſes nicht allzulang aufgeſchoben werden. Vor der Hand war indeſſen Redenbach zwar ein geſchickter und geſuchter, aber noch kein begüterter Arzt. Durfte er wagen, bei dem reichen Vater um die reiche Erbin zu werben?— Er wurde ſchüch⸗ tern, ängſtlich, die Sorge furchte ſeine Stirne. Eben in jene Tage voll von Sorgen fiel plötzlich die Stunde gegenſeitigen Geſtändniſſes. Was beide Liebende ſchon längſt von einander wußten, ſagten ſie ſich endlich Aug' in Auge, Mund zu Mund. — Und auch ſeine Befürchtungen und Zweifel ſagte Hermann heraus, und die unbefangene Klementine lächelte über ſeine Bedenklichkeiten.— Mein Vater, bemerkte ſie, iſt ein ſehr geſcheidter Mann, und mein Glück das Ziel ſeines Strebens. 4 Ich werde heute Abend den Muth haben, ihm das erſte Wort zu ſagen. Folgen Sie morgen meinem Beiſpiel und reden Sie offen mit ihm. Glauben Sie mir: Sie werden ſich voll⸗ kommen gut aufgenommen ſehen. lementine— das wußte der Arzt— vermochte viel über den Vater, noch mehr über ihre gute, aber recht ſehr beſchränkte Mutter. Eine beſſere Vorfechterin hätte der junge Mann nicht in aller Welt gefunden. Der Kampfgenoſſin vertrauend, ging er hochvergnügt nach Hauſe, ſchlief wie ein Glücklicher, erwachte wie ein Seliger, ging als ein Verklärter dem Hauſe ſeiner Braut zu.— Ihr Engelgeſicht wird mir aus dem Fenſter zunicken! dachte er.— Mit nichten.— Sie wird im Vorſaale meiner warten und mir ein paar ermun⸗ ternde Worte zuflüſtern! dachte er ferner.— Abermals eine Hoffnung umſonſt. Klementinens Mutter begegnete dem Arzte. Ihr Geſicht war verſtört, verzogen, unfreundlich. Sie ſprach kein Wort, aber ſie deutete auf die Thüre des Geſchäftszimmers ihres Mannes.— Ich werde alſo doch erwartet? tröſtete ſich Her⸗ mann, den der Mutter Benehmen faſt ſtutzig gemacht hätte: Klementine wird als eine beredte Fürſprecherin an des Vaters Seite ſitzen. Vergebliche Erwartung. Klementine fehlte. Doch war ihr Vater nicht allein. Ihm gegenüber ſaß ein Herr von mittleren Jahren, mit einem ausländiſchen, hoffärtigen Geſicht. Seine Kleidung war fein.— Der fatale Beſuch! dachte Re⸗ denbach: wie ſoll ich jetzt meine Worte anbringen? Die freundliche Höflichkeit, womit ihm der Handelsherr 5 entgegenging, machte ihm Muth.— Sie kommen, wie gerufen, ſprach der Mann mit lächelndem Munde: wir beſchäftigten uns eben mit Ihnen. Hier, Herr von Maſchewsky, iſt der wackere Doktor, der meine Klementine aus der größten Gefahr er⸗ rettete. Der polniſche Herr erhob ſich ſchwerfällig grüßend.— Welch' unverſchämte Züge! dachte Hermann, indem er ſich tief verneigte. Der polniſche Herr ſaß wieder zur Stelle nieder und blickte immer prahleriſcher aus. Mittlerweile fuhr der Kaufmann fort: Ihre Bemühungen, beſter Herr Doktor, ſind zum ſchönſten Ziele gelangt. Kle⸗ mentine iſt geſund und bedarf Ihrer nicht mehr. Hingegen iſt mir Bedürfniß geworden, Ihnen auch auf gut kaufmänniſch den Dank auszudrücken, den Ihnen mein Herz bis an's Ende meiner Tage zollen wird. Verſchmähen Sie nicht dieſe ſchwache Erkenntlichkeit, die in keinem Verhältniß zu Ihrer Geſchicklich⸗ keit ſteht. Ein paar ſchwere Goldrollen glitten in Hermanns Hände; aus ihnen in des Arztes Taſche. Er konnte doch nicht wohl das reiche Geſchenk ausſchlagen, das ihm der Vater Klemen⸗ tinens bot, ohne denſelben zu kränken? Ehe hierauf Hermann ein erkenntlich Wort finden konnte, redete der Kaufmann ſehr unbefangen weiter: Zugleich bitte ich Sie in meinem und meines hier gegenwärtigen Freundes Na⸗ men, dieſen Ring anzunehmen, den Ihnen der Letztere, Herr von Maſchewsky, als ein Pfand ſeiner Dankbarkeit für die Wiederherſtellung unſerer Klementine, zu verehren ſich die 6 Freiheit nimmt.— Der Handelsherr reichte dem Arzte einen koſtbaren Diamant. Diesmal jedoch nahm Hermann das dargebotene Geſchenk nicht an, ſondern fragte ſtaunend: Ein Pfand der Dankbarkeit? von Herrn von Maſchewsky? für die Wiederherſtellung unſe⸗ rer Klementine? Nun ja; ſagte der Vater leichthin, als ob ſich das vom erſten Tage der Schöpfung her verſtände: Es iſt billig, daß der Bräutigam ſich freue der Geneſung ſeiner Braut, und dem gelehrten Manne danke, der ihm die zukünftige Gattin, ſchon jetzo ſeines Lebens Freude, erhielt? Todesbläſſe überzog des Doktors Geſicht. Maſchewskh hingegen, ſchadenfroh und zornigen BVlicks den Armen betrach⸗ tend, wurde glutroth. Der Kaufmann räuſperte ſich und machte ſich auf einen harten Stand gefaßt. Die Braut? die zukünftige Gattin? ſtammelte Redenbach wie vernichtet. Die Stube ging mit ihm im Kreiſe. Freilich, freilich; entgegnete der Hausherr rauh und ge⸗ bieteriſch: Was iſt da lang zu fragen, was ſich lange zu ver⸗ wundern, Herr Doktor? Bei uns alten Bürgern iſt noch der alte Brauch, daß die Väter ihrer Töchter Hochzeit ſtiften; verſtanden? daß die Töchter dem Vater gehorſamen; verſtanden? Iſts nicht ſo recht? Ich halte auf alten Brauch und alte Sitte, Herr Doktor. Dieſen Ring alſo...7 Er wollte ihn an des Doktors Finger ſchieben. Hermann ſtieß jedoch die Gabe mit unverholenem Abſcheu zurück und verſetzte ſtolz und gefaßt, da der ſteigende Zorn ihm die nöthige Stärke verlieh: Ich habe dieſen Ring nicht verdient; Herr 1 ℳ 7 von Maſchewsky, den ich nicht kenne, hat mir keine Geſchenke zu machen. Ich wüßte nicht, was ich von mir halten müßte, wenn mir einſiele, dieſen Ring zu nehmen. Im Uebrigen aber nehme ich dieſen Auftritt für das, was er ſein ſoll. Sie geben mir den Abſchied.. und ich.. betrete Ihre Schwelle nicht mehr. Darum eben habe ich Sie bitten wollen! rief dem Fort⸗ eilenden mit grober Stimme der Hausherr nach. Auf dem Flur begegnete dem Arzt das Stubenmädchen Klementinens.— Wo iſt Ihr Fräulein? fragte Hermann mit pebender Lippe.— Das Mädchen erhob als wie in ſtummer Klage beide Hände zum Hiumel und antwortete leiſe: Seit geſtern Abend iſt das Fräulein krank.. ach, wie krank! Sie liegt zu Bette und weiß kaum von ſich.— Krank? allmächtiger Gott! Krank.. ohne Hülfe?— Der alte Herr Doktor Hoffbauer iſt bei ihr. Ich habe den⸗ ſelben auf beſondern Befehl des Herrn zu ihr beſcheiden müſſen. — Ja ſo, ja ſo ich habe ja in dieſem Hauſe nichts mehr zu thun!— Nit dieſen Worten floh Hermann die Treppe hinunter, über die Straßen, ohne zu ſehen, was um ihn her vorging⸗ — Erſt in ſeinem Hauſe, in ſeinem ſtillſten Kabinet kam er wieder zu ſich, um den ganzen Umfang ſeines Elends und der unſchuldigen Klementine Jammer völlig zu begreifen. Die gütige Natur ſchickte ihm Thränen, wie einem Weibe. Sie erleichterten ihn, aber tief in ſeinem Herzen ſaß mit ſcharfen Widerhaken der Pfeil und wankte und wich nicht mehr, ſo lang er lebte, wenn ſchon die Zeit nach und nach den allzu⸗ 8 Prennenden Schmerz milderte. Ein langes Leid iſt, wie man weiß, leichter, als ein ſchnell und heftig verlaufendes. In⸗ deſſen bleibt es doch immerhin ein Leid, ein Brand, der ſtille unter der Aſche wuchert und zögernd, aber ſicher ſeinen Herd verzehrt. Es verſteht ſich, daß am nächſten Tage der Kaufmann ſeine Goldrollen wieder bekam. Den Brief, der dabei lag, hat er Niemand mitgetheilt und ihn nach der erſten Leſung verbrannt.— Ein Narr, der Menſch! ohne Lebensart, der Menſch! hat er geſagt, der ſtolze Kaufmann, da er lachend und zornig zugleich das Gold zu dem übrigen in ſeine Kaſſa warf.— Wie er gelobt, ſo that Hermann. Er kam nicht mehr in's Haus des Kaufmanns. Zu ſtolz, um ſeine Klagen laut werden zu laſſen, zu ehrlich, um mit Verrath und Kundſchaf⸗ terei den Feind zu hintergehen, erwartete er mit Pein und Angſt die Dinge, die da kommen mußten.— Sie wird ſter⸗ ben! ſeufzte er oft: Klementine wird das Unglück nicht über⸗ leben!— So oft das Zügenglöckchen läutete, fuhr er zuſam⸗ men wie ein armer Sünder und dachte: Das bedeutet ihren Tod; jetzt iſt ihr edles Herz gebrochen!— Dem war und wurde aber nicht alſo. Erkläre es, wer kann. Das zarte Mädchen, kaum von einer ernſten Krankheit geneſen, dann hingeworfen auf das Siechbett durch rohe Ge⸗ walt und Verhöhnung, im Aufruhr einer ſchwerverletzten Leidenſchaft, die, befriedigt, das Leben, unbefriedigt den Tod gibt, erlag nicht. Sie erholte ſich, ſie wurde geſund. Vier Wochen nach ihrer erſten Ausfahrt wurde ihre Hochzeit mit 9 Maſchewskh gefeiert. Sie zog mit ihrem Gatten auf ein Land⸗ gut, das, einige Meilen von der Stadt entlegen, dem ſchon vor mehreren Jahren dort angeſiedelten Edelmann gehörte.— Dieſes Alles hatte Redenbach nicht erwartet.— Gott⸗ lob! ſie lebt! hatte er, eine Freudenthräne im Auge, geſagt, da er von Klementinen's Geneſung vernommen.— Iſts mög⸗ lich? fragte er mit Bitterkeit, da ihm die Botſchaft von Klementinen's Vermählung zukam: Sie konnte einwilligen? 3 O, welche Schmach! Wäre dieſer Schande das Grab nicht „ 7 7 7 vorzuziehen?— Dann wurde er wieder von Rührung über⸗ mannt und dachte: Wäre ſie geſtorben, gewiß wäre ich ihr recht bald gefolgt, gewiß!— Aber heutzutage ſtirbt man nicht mehr an der Liebe... ſetzte er menſchenfeindlich hinzu: ſie lebt... auch ich will leben. Sie wird vielleicht glücklich ſein.. warum ſollte ich mich nicht tröſten? Kun folgte eine kurze Spanne Zeit, in welcher der Doktor wirklich ſich bemühte, unter Zerſtreuungen aller Art zu vergeſſen, was ihn betrübte, und ſeiner Schmerzen zu ſpotten, wie der einfältigen Grille eines Verrückten. Doch gelang dem Heilkünſtler die Kur auf dieſem Wege nicht ſon⸗ derlich. Bald warf er die Vermummung ab, worinnen er ſich ſelber ziemlich nichtswürdig vorkam. Wie es oft geſchieht, machte er den Sprung von Gränze zu Gränze. Die Kopf⸗ hängerei folgte dem kurzen und frechen Lebensabſchnitt. In⸗ deſſen hielt auch ſie nicht an. Eines ſchönen Tags gefiel dem brütenden Arzte plötzlich wieder ſeine Kunſt. Er ermannte ſich auf's Neue zu angeſtrengter Thätigkeit. Die Siegespalme des Heilkundigen, die ihm ſchon ſehr in den Händen geſchwankt, 10 weil er dieſelben träge in den Schooß gelegt, blieb ihm nun, grüner als je und kein Nebenbuhler konnte in der großen Stadt neben ihm mehr aufkommen. Er wurde der geſuchteſte, der am rreichſten belohnte Arzt, und der Tod fürchtete ſich mörderiſch vor ihm, während er mit den übrigen Doktoren Bruder im Spiel war und aus ihren Geſchäften wenigſtens fünfzig Prozent Proviſion bezog. Mitten in ſolche Laufbahn voll Glanz und Schimmer fiel ein kleiner ſchlichter Brief. Die Aufſchrift war von Frauenhand. Einen Augenblick ſchmeichelte ſich Hermann's Eitelkeit mit der Vorausſetzung, von Klementine komme der Brief. Nach ſo manchem Jahr von ihr, die ihm nie ein ſchriftlich Zeichen gegeben, ein paar Zeilen— vielleicht der Wehmuth, vielleicht der neuauflodernden Liebe— zu erhalten, hätte ihm ſo wohl gethan! Der ernſte Mann iſt zu Zeiten gefall⸗ und liebeſüchtiger als das Weib.— Die Schrift war freilich unſchön, fehlerhaft. Was thut das aber, wenn ſie von lieber Hand kommt? Ach— dem Verlaſſenen fiel kein Broſam Manna aus dem Briefe zu. Das Schreiben war von ſeiner Schweſter, kam aus dem entlegenen Marktflecken, wo er geboren worden. Wäre der Inhalt des Blattes auch fröhlicher geweſen, er hätte doch das Haupt ſchamroth zur Erde geſenkt. Seine Familie war ganz von ihm vergeſſen. In ſeines Glückes Anfang, in den Tagen ſeiner Liebe, ſeiner Ausgelaſſenheit, ſeiner Kopf⸗ hängerei, auf ſeinem Trinmphzug envlich hatte er der Seinen kaum mehr gedacht. Eine ſchwere Unterlaſſung, die ſich jetzo auf einmdl rächte.— . 11 Die Schweſter ſchrieb:„Werthgeſchätzter Herr Bruder „Ich weiß nicht, wie Sie dieſen Brief aufnehmen werden. Sie „ſind, wie ich mit Freuden vernommen, ein ſehr gelehrter und „reicher Doktor geworden. Unſer guter Vater hat bis heute „täglich mit Andacht für Sie gebetet, und auch ich hab' es, „wie eine Schweſter ſoll, gethan. Wenn dieſes Gebet vom „Himmel erhört worden iſt, ſo werden Sie vielleicht auch „meine Bitte erhören und ſo bald als möglich zu uns kom⸗ „men. Der Vater iſt gefahrlich krank, ſagt der hieſige Dok⸗ „tor, und wünſcht, Sie noch einmal zu ſehen. Ich wünſche „noch obendrein, daß Sie ihn wieder herſtellen; denn, wie ich „mir habe ſagen laſſen, ſo hat es Ihnen noch mit keiner Kur „gefehlt. Kommen Sie alſo um Gottes Barmherzigkeit willen. „Wir ſind zwar gegen Sie geringe Leute, aber doch ſind wir „ein Blut, und der alte Mann jammert viel nach Ihnen⸗ „Sott mache es gut mit meiner Bitte. Ihre unterthänige „Schweſter Dorothea.“ Redenbach ließ ein paar heiße Thränentropfen auf das Blatt fallen, und beſtellte alſogleich die Poſt.— Mit welcher Demuth ſie mir ſchreibt! ſeufzte er, bitterböſe gegen ſich ſel⸗ ber: und nicht ein Vorwurf, nicht ein Wort verdienter Krän⸗ kung, verdienten Tadels! Ach Gott, wie brap iſt ſie, und wie ſchlecht bin ich, der ſeines alten Vaters und all der Seinigen ſo ſchnöde vergeſſen konnte! Fort jedoch, fort, und keinen Au⸗ genblick verloren! Der Doktor eilte freilich, trieb an, was er konnte. Da⸗ zumal jedoch war die Poſt ein gar langſam Ding, fuhr man auch mit Extrapferden. Ein Tag verging, und darn wieder 42 einer; in der folgenden Nacht warf der Poſtknecht den Wagen um, daß er zerbrach. Auf einem elenden Vorſpannfuhrwerk lotterte Hermann ſeiner Heimath zu.— Endlich, endlich am Abend des dritten Tages kam er an. Seit dem Abgang von Dorotheas Brief waren indeſſen ſieben Tage dahin geſchwun⸗ den, und ſchon ſeit dreien lag der alte Redenbach im kühlen Grunde. Das Sterbhaus öde, die Werkſtatt leer und verwaiſt. In der niedrigen Wohnſtube niemand, als Dorothea im ſchwarzen Gewand! Welch ein Wiederſehen! Die Schweſter wollte dem gelehrten und reichen Bruder die Hände küſſen. Er nahm ſie an ſeine Bruſt.— Alles vorbei? fragte er troſtlos.— Lei⸗ der, antwortete ſie: es wurde gar geſchwinde mit ihm aus. Gott wollte es ſo. Gott hat ihm in der letzten Stunde noch eine Freude gemacht.— Welche?— Er ſchickte ihm einen Engel in Ihrer Geſtalt, Herr Bruder.— Ach, Dorothea, laß doch das„Sie“ bei Seite. Was fällt Dir ein? Sind wir nicht Geſchwiſter?— Ja wohl, ja wohl,. aber. die lange Zeit... Sie ſind... Du biſt uns ſo fremd geworden!— Und als wolle ſie die ſeit Jahren zurückgedrängte Liebe an ihm mit Begierde auslaſſen, umarmte die Schweſter den Bruder feſt, und vergaß von dem Augenblick nicht mehr das trauliche„Du.“ Ja! fuhr ſie fort: als der Vater im Todeskampf lag— er wurde ihm leicht— da hatte er, der mich nicht mehr er⸗ kannte, immer nur mit Dir zu thun; Dein Name wurde hundertmal von ihm genannt. Mit Dir redete er, Dich ſegnete er, Dich glaubte er zu umarmen. Ich wäre faſt darüber 1. 13 eiferſüchtig geworden. Aber eine dumme Eiferſucht ſchickt ſich nicht an einem Sterbebett. Wärſt Du nur in Wirklichkeit da geweſen! Glaub' mir, verſetzte Hermann: ich war da mit meiner Seele, mit allen meinen Gedanken. Mein Geiſt war in die⸗ ſem Hauſe, nicht in dieſem meinem Leibe. Eine unbeſchreib⸗ liche Sehnſucht hatte die ſchnöde Vergeßlichkeit abgelöſt, womit ich Euch, meine Lieben, ſo lange beleidigte. Vor Zeiten, ja, vor Zeiten hatt' ich oft die Abſicht, das Vaterhaus wiederzu⸗ ſehen... leider verſchob ich dieſe ſüße Pflicht zu erfüllen von Tag zu Tag. Jetzt bin ich dafür beſtraft! Nachdem die Geſchwiſter des Vaters Grab beſucht und wieder nach Hauſe gekommen, überreichte Redenbach ſeiner Schweſter eine prächtige Silberkette und allerlei ſchön gefaßte Edelſteine, womit in jener Gegend die Weiber der Mittelklaſſen ihre Mieder zu ſchmücken pflegten, und ſprach: Sieh, das hab ich Dir mitgebracht, Dorothea. Wenn einmal die Trauerzeit vorüber, putze Dich alsdann mit dem Geſchmeide mir zu Ehren und zum Andenken. Dorothea machte große Augen, ſetzte ſich mit fröhlicher Neugierde, ſpreitete ihre Schürze über den Tiſch und legte darauf den funkelnden Schatz aus, pries den Geber dieſer Herr⸗ lichke it, und nachdem ſie Alles ſorgſam durchgemuſtert, hob ſie an: Ich kann Dir in meinem Leben nicht genug danken, Bru⸗ der Hermann. Wie ſchön, wie reich, wie gewählt iſt das Alles! Ich wette, Deine Frau hat bei der Auswahl die Hände mit im Spiel gehabt! 14 Meine Frau? ſagte Hermann mit verdüſterter Stirne: Ich habe keine Frau. Nicht? keine Frau? fragte die Schweſter verwundert: ei, lieber Bruder, Du wärſt doch ſchon in den Jahren, daß.. Laß das gut ſein, Dorothea. Ich heirathe in meinem Leben nicht. Das iſt aus und vorbei. O ſchade, ſchade! Was wirſt Du anfangen, wenn Du alt wirſt? Ein Junggeſell ohne Pflege, ohne Liebe hat ein ungeſchicktes Lvos gezogen. Möglich, wahrſcheinlich, gute Schweſter. Aber es iſt nun einmal ſo, iſt nicht mehr zu ändern. Ich habe nicht an's Alter, an die Pflege gedacht. Ja freilich, wenn ich eine Hauſerin hätte, ſo wie Du biſt, meine liebe Schweſter.. dann wäre ich geborgen.... wir wollten ein Leben führen, Dorothea! Die Schweſter machte noch vergnügtere Augen, als vor dem Schmuck. Hermann ließ ſie nicht zu Wort kommen und fuhr fort: Doch— was nicht ſein kann, kann nicht ſein. Ich werde darum weder Deiner noch Deiner Kinder ber⸗ geſſen. Meiner Kinder? Nun ja: Du wirſt doch in Deiner Ehe nicht kinderlos geblieben ſein? Ei, wie redeſt Du denn? Ich bin ja gar nicht ver⸗ heirathet, ſagte Dorothen und wurde roth, wie eine rechte Jungfer. Nicht? nicht? Hörte ich denn nicht einmal,—'s iſt 15 lange her— daß Du mit einem Handwerksmann bverſprochen ſeieſt? Ach, wohl iſt das lange her. Wahr iſt's geweſen; glaubte es ſelbſt nicht anders... aber.. es iſt nichts daraus geworden. Wie ſo? warum nicht? Hat Dich der ſchlechte Geſell hintergangen? Dorothea faltete die Hände, ſchaute mit naſſem Blick empor und erwiederte: O nein, o nein, darauf leg' ich die mein Wilhelm war 5 Hände in's Feuer. Gott ſoll's wiſſen, treu wie Gold, und ich hab' ihm die Treue rechtſchaffen wie⸗ dergegeben, aber... es ſollie nicht ſein. Der Vater ſelig hat es auf einmal nicht gewollt, und ich mußte ihm, als eine ge⸗ horſame Tochter, unterthänig ſein. Nicht gewollt? auf einmal nicht gewollt? So wußte er Schlimmes von Deinem Wilhelm? Wahrlich nicht; Wilhelm war weiß, wie ein Schwan, an dem kein ſchwarzes Fleckchen iſt; aber... den Vater über⸗ kam ſo zu ſagen über Nacht eine große Angſt vor dem Allein⸗ ſein im Alter. Die Mutter ſo lange todt... der Bruder Heinrich an die fünfzig Meilen weit von uns wohnhaft... Du ein vornehmer Herr... und mein Wilhelm, der auch im Sinne hatte, ſich weit von da in Preußen niederzulaſſen...! So fragte mich der Vater beweglich, ob ich ihn denn allein ſterben und verkommen laſſen wolle...? Wenn Du ihn gehört hätteſt, den alten Mann! Die Seele ging mir ſchier aus.. aber ich mußte thun, wie er's haben wollte. Dorothea hielt die Schürze vors Geſicht, und drehte ſich 16 um und ſchluchzte leiſe.— Sobald jedoch Hermann, mit Bit⸗ terkeit des väterlichen Machtſpruches gedenkend, der ihm Kle⸗ mentine entriſſen, in die Worte ausbrach: Ei, das war ja grauſam vom Vater, und ſchwach und grauſam von Dir! dem. Bräutigam, dem armen Schelm, das Wort zu brechen!— fiel ihm Dorothen in die Rede: Du haſt leicht reden; ich hatte aber ſchwer zu thun. Dem vierten Gebot zu liebe that ich's, und der Wilhelm begriff das, wenn's ihn auch ſchmerzte. Darum ging er fort, ſitzt jetzt zu Frankfurt an der Oder und... hat geheirathet, iſt Bürger und Meiſter und Vater von Kin⸗ dern.. und hat niemals erfahren, wie gräulich weh mir der Abſchied von ihm gethan hat.— Ach, fügte die Schweſter hinzu: man weiß gar oft nicht, wie voll mit Kummer ein ½ —— Menſchenherz ſteckt, und nicht ein jedes hat daneben noch die Freude, an den Eltern gehandelt zu haben, wie ſich's gehört. Sieh, lieber Bruder: mir tritt wiederum das Waſſer in die. Augen, aber halb und halb weine ich vor Freude, daß ich bis an's Ende die Prüfung und Schickung Gottes tapfer ausge⸗ halten habe. Du getreue Seele! rief Hermann aus, der Schweſter Hand ſchüttelnd; ein frommes Weib iſt durch ſeine heldenmüthige Ergebung dem Himmel näher verwandt, als der chriſtlichſte Mann! Bei alledem jedoch, gute Dorothea, biſt Du— ein b paar Jahre älter als ich— biſt Du an die Grenze der hei⸗ rathfreudigen Zeit gelangt, und ich rathe Dir, da jetzo Du frei geworden.. Recht geſchwinde noch zu heirathen, willſt Du ſagen? fragte Dorothea mit gelindem Vorwurf und ſpitziger Zunge: — 17 Nein, nein! das iſt— mit Deinen Worten— aus und vor⸗ bei. Wenn der Kaiſer Napoleon ſelber käme, ich ſagte ihm: Wird nichts daraus. Das rechte Liebſtöckel blüht dem Men⸗ ſchen nur einmal. Wer fragt auch viel nach einer alten Jungfer? Ich wüßte einen Liebhaber für Dich? ſcherzte der Doktvr. Worauf die Schweſter ſo recht von Herzen: Wenn Du ſelber der Liebhaber biſt, ſo ſchlage ich auf der Stelle ein. Ich will zuſehen, ob ich mich als Wirthſchafterin in Dein vornehmes Stadtherrenhaus ſchicke. Gib Acht, ich lern's noch. Luſt und Lieb zu einem Ding machen Müh' und Arbeit ring. So werden wir doch beide nicht verlaſſen ſtehen und uralte Leute werden: Du, weil ich Dich pflegen will, wie ein Männchen von Marzipan; ich, weil Du mich aus aller Krankheitsnoth herauskuriren wirſt bis auf's letzte Fädelein. Wer war Lergnügter, als Hermann. Ein Weſen gewon⸗ nen, in deſſen Buſen er Leid und Freud' vertrauensboll nie⸗ derlegen konnte! Schnell wurden alle Erbſchaftsangelegenheiten beendigt: kurze Haare ſind bald gebürſtet. Nachdem Alles nothdürftig in Ordnung, und ein Gärtner beſtellt, die Blumen auf des alten Redenbach Grabhügel zu beſorgen, reiſten die Geſchwiſter ſelbander der neuen Heimath des Arztes zu. Auf der Ausfahrt hatte ſich Hermann fortſchaffen laſſen, wie ein Blinder, wie ein Koffer, wie eine Auſter. Auf der Heimfahrt hatte er die Augen offen, das Herz offen. Daneben das Vergnügen, ſeiner Schweſter; die ihm plötzlich ſo lieb ge⸗ worden, auf dieſer ihrer erſten Reiſe als Führer und Land⸗ beſchreiher zu dienen! Der Erzähler. 1846. W. 18 Am zweiten Abend— die untergehende Sonne warf über die weiße Landſtraße ſo ſchöne rothe Lichter auf die Berge und Wälder und die vielen Ortſchaften einer reichen Ebene— deutete der Poſtknecht mit der Peitſche nach dem anſehnlichen Kirchthurm, dem ſich die Reiſenden näherten. Das iſt Sil⸗ berhofen, ſagte er: das iſt Ihr Nachtquartier, Herr Doktor. So? ein bischen früh am Abend, meinte Hermann.— Das einzige gute Gaſthaus weit und breit, bemerkte dagegen der Poſtillon.— Nun denn; meinetwegen. Wir ſchlafen alſo in Silberhofen, goldene Schweſter. Wie aber, Schwager, heißt das Schloß, das ſich ſo vornehm aus jenen Tannen hebt?— Schellenberg, lautete der Beſcheid: liegt nur einen Büch⸗ ſenſchuß von Silberhofen; gehört einem geweſenen Polacken, einem Edelmann, einem Gerrn von Maſchewsky oder Machewitz. Der Doktor wurde hierauf ganz ſtille, drückte ſich in die Ecke des Wagens und die Reiſemütze tief in die Stirn. Die Schweſter bekam keine Antwort mehr auf ihre Fragen und in der Meinung, er ſchlummere, wurde auch ſie mäuschenſtill. Endlich aber war denn doch das Poſthaus da, und der Schlummernde mußte erwachen und für das Nachtlager Sorge tragen. Das war nun bald geſchehen. Ihm lagen jedoch andere Sorgen im Kopf. Nach ein paar unruhigen Gängen durch's Zimmer ſagte er zu Dorothea: Liebes Herz, ich muß Dich jetzt ein Stündchen allein laſſen. Ich habe einen Kran⸗ ken drüben in Schellenberg, den ich lang aus dem Auge ver⸗ loren. Da die Gelegenheit ſich darbietet, will ich doch nach dem Patienten ſehen. Zum Abendeſſen bin ich wieder dahein — N 19 Du biſt der Meiſter, ſagte entgegen Dorothea mit freund⸗ licher Demuth. Der Doktor erröthete vor der Unbefangenheit der ſchlichten Jungfer. Schon hatte er dem Weſen, in deſſen Buſen er vertrauensvoll Freud' und Leid hatte niederlegen wollen, die erſte Lüge geſagt. Er eilte, aus dem Hauſe zu kommen. Auf dem reizenden, von wilden Roſen eingefaßten Pfade zum Schloß ſagte dem Doktor die redliche Vernunft mehr als einmal: Bleib' doch weg, wo Du nicht hingehörſt, und reiße nicht verharrſchte Wunden wieder auf. Was wirſt du dort finden? Was erwarteſt du dort? Du kannſt und willſt dort nicht mit offner Stirne auftreten; ſchickt es ſich aber für dich, als ein Kundſchafter im Verborgenen ein Haus zu beſchleichen, das von dir nichts wiſſen will? eine Frau, die ſich längſt von dir getrennt? Halte den Frieden in deiner eigenen Bruſt und ſchone die Ruhe Anderer!— Dagegen ſträubte ſich die Eitelkeit, die Neugier, der plötz⸗ lich entſtandene fieberhafte Drang, zu wiſſen, wie ſich Klemen⸗ tinens Schickſal geſtaltet, ob ſie gehörig beſtraft worden wegen ihres vermeintlichen Frevels am erſten Geliebten. Ich will er⸗ fahren, ob es hienieden eine Vergeltung gibt, antwortete Her⸗ mann ſeiner Vernunft, und um ihn zu beſtärken in ſeinem Vorhaben, flüſterte ihm der böſe Trieb in einem fort zu: Du wirſt doch nicht feige ſein, und dich vor einer Begeg⸗ nung mit Maſchewsky fürchten?— Dieſe Einflüſterung ent⸗ ſchied.— Da lag vor dem Doktor das offene Thor des Schloſſes, der leere Hof, umgeben von einem großen wenig beſchatteten 20 Garten. Keck von außen, ängſtlich von innen betrat Hermann den Raum, den Klementine beherrſchte. Er ſpähte, leiſe auf dem Sande dahingehend, nach allen Fenſtern empor. Es waren ihrer viele; alle unbeſetzt. Dieſe ſeltſame Beobachtung dauerte ziemlich lange. Das Schloß war wie ausgeſtorben. Ein paar Tauben auf dem Dache, der träge marſchirende Zeiger an der Thurmuhr... ſonſt nichts lebendiges zu ſehen, noch zu hö⸗ ren.— Dieſe Stille kühlte den Späher ab, und zwar in dem Grade, daß er ganz zurecht kam und zu ſich ſelbſt ſprach: Wer dich jetzt ſähe in deiner lächerlichen Poſitur! Pfui, ſchäme dich und reiß' aus vor dir ſelber!— Auf der Stelle wollte Hermann das letztere Kommando ausführen. Da fiel unfern, im Garten etwa, ein Flinten⸗ ſchuß. Eine Taube, den bleiernen Tod in der Bruſt, ſtäubte vom Dache herunter auf's Pflaſter, ſchlug verkommend mit den Fittigen den Boden. Oben klang indeſſen heftig ein Fenſter und eine weibliche Stimme ſchrie mit dem Ausdruck der Ent⸗ rüſtung: O, der Unmenſch! Meine Taube! Das arme Thier! Sie war's!.. Klementine, die Hermann ſehen, hören wollte. Nun war ja ſein Wunſch erfüllt. Das bleiche, ein⸗ geſunkene Antlitz, die heiſere, von langer Klage gebrochene Stimme,— ſie waren Klementinens.— Und was noch mehr: die arme blaſſe Frau— während Maſchewskh's wieherndes Gelächter hinter der Gartenmauer dem Schrei ſeiner Gattin antwortete— hatte den Doktor geſehen, erkannt, und zum Steinbild war ſie geworden, mit vorquellenden Augen, mit Angſt und Schreck und Vernichtung in allen Zügen. 21 O weh! v weh! ſeufzte der Arzt und flüchtete ſchnell aus dem Schloſſe.— Was hab' ich gethan? ſeufzte er drau⸗ ßen, ſich ſcheu umſehend: mußte ich ſchauen, was mir verbor⸗ gen geblieben wäre? Zwei wunde Herzen, die da in Betäu⸗ bung ſchliefen, bluten wiederum auf's Neue! Der vermaledeite Schuß hat zwei Menſchenherzen getroffen! Der mörderiſche Knall hat mir die ganze Geſchichte der unſeligen Ehe verra⸗ then! Der Unmenſch, das Ungeheuer hat ſeit Jahren gewürgt, zertreten, geſchunden und niedergemetzelt, was ſeinem Weibe theuer und werth geweſen: ihre Freuden, ihren Frühling, ihr ganzes Lieben und Leben! Maſchewsky's Schuß und Teufels⸗ gelächter haben mir fürchterliche, entſetzliche Dinge erzählt, und noch traurigere Dinge ſagte mir das ſtumme, abgezehrte Geſicht am Fenſter! Mußte ich das Alles ſehen und vernehmen, ich elender, neugieriger, ſchadenfroher Menſch, dem ſelbſt die heiße Mordklinge zwiſchen den Rippen ſitzt? Aufgeregt und unſtät kam er zur Schweſter zurück, die nicht viel Mühe hatte, die Veränderung zu bemerken, die mit ihm vorgegangen.— Armer Bruder! ſagte ſie mit kindlicher Theilnahme: Du haſt gewiß Deinen Patienten recht ſchlimm gefunden?— Sehr, ſehr ſchlimm.— Iſt keine Hoffnung mehr?— Ich fürchte: keine.— Die arme Frau! ſeufzte Do⸗ rothea vor ſich hin. Sermann ſtutzte. Welche Frau?— Nun, die Schloß⸗ frau! Der Poſthalter erzählte mir von ihtem herben Unwohl⸗ ſein, während Du auf dem Schloſſe warſt.— So?— Ja, wie man denn von dem und jenem ſchwatzt. Er meint, ſie werde den Herbſt nicht überdauern.— So?— Es ſei aber 22 dies ein Glück für ſie. Ihr Mann ſei ein wahrer Henkers⸗ knecht, der ſie peinige und foltere, Stunde für Stunde, und doch habe ſie ihm Geld und Gut in's Haus gebracht, juſt da es ihm recht übel zu gehen drohte.— Ach, Dorothea! was ſind denn Millionen gegen die Schönheit und das tugend⸗ hafte Herz, die ſie ihm als ein Opfer auf die Schlachtbank! legte? Mit dieſen Worten— das Eis war gebrochen, das Be⸗ dürfniß der Mittheilung da— hob der Doktor die getreue Erzählung ſeiner frühern Liebe an, und den Bericht der Be⸗ gebenheiten im Lauf und zu Ende des zarten und hoffnungs⸗ vollen Verhältniſſes, das zwiſchen ihm und Klementine beſtan⸗ den.— Das war die Einleitung zu der ſchlafloſen Nacht, die dem Arzt beſcheert war und die mit kaltem Mondſchein her⸗ aufkam, an ſeinen Fenſtern Wache zu halten. Das war auch die Unterhaltung des nächſten Tages in der langſamen Poſt⸗ kutſche und Dorothea, von Klementinens Schickſal gerührt, fragte noch immer, und Hermann hatte noch immer vollauf zu thun, ihr zu antworten, als bereits die Extrapoſt in des Dok⸗ tors Wohnſtadt einfuhr und von Gaſſe zu Gaſſe dem Hauſe des Doktors zuholperte.— Nun war die lange und überlange Ferienzeit des Arztes zu Ende. Ein anderer hätte während der langen Abweſenheit ſeine Praris verloren. Auf Hermanns Pulte jedoch hatten ſich Anmeld⸗ und Bittſchriften bergehoch gehäuft, und derje⸗ nige Doktor, den er als Stellvertreter zurückgelaſſen, hatte kaum der Hälfte ſeiner Verpflichtungen nachkommen können. Kaum hieß es auch in der Stadt:„Redenbach iſt wieder da!“ ſo 23 drängte und verlangte die ganze Welt ungeſtüm nach der Hülfe des Wunderthäters. Die angeſtrengte Thätigkeit, der er ſich unterziehen mußte, war ein treffliches Betäubungsmittel für den Schmerz, der in ſeiner Seele wieder lodernd aufgegangen war. Ueber der Maſſe fremder Noth vergaß Hermann die eigene. Seine Kreuz⸗ und Quergänge machten ihm zu Mittag die Eßluſt rege, zu Abend den Schlaf unterthänig. Und wie ſorgte für den abgemüdeten Mann in ſeinem Hauſe die brabe Schweſter! Was ſie kind⸗ lich fromm ihrem Vater gethan, that ſie nun wieder an dem Bruder. Mehr als das: die ganze Fülle von Mutterliebe, die ſie im Buſen trug, als einen todten Schatz, da Eheſtand und Kinderſegen ihr verſagt worden, wandte ſie dem Bruder zu. Er war ihr Herr, ihr Vater, zugleich ihr Sohn. Er dankte ihr die Pflege aus vollem Herzen und nannte ſie ſeine„liebe Frau zum Troſte“.— Der Hinmel lächelte in ſein ſtilles Haus. Dorothea war ſchnell in der Nachbarſchaft bekannt ge⸗ worden. Eines Tages bat ſie ihren Bruder, einen Kranken, den Mann einer ihrer neuen Freundinnen, zu beſuchen. Er wohnt am Ende unſerer Straße, ſagte ſie: der Drechsler Wi⸗ gand auf dem grünen Markte iſt's. Er ſoll, meint die Frau, an der Leber oder Galle leiden. Geh' doch hin und kurire den Mann, damit die arme Haut, ſein Weib, wieder ein bis⸗ chen auflebe. Er ſpielt ihr arg mit; es iſt die Krankheit, die ihn ſo böſe und zänkiſch macht. Das Weib hat ohnehin ſo viel mit dem Hausweſen und den Kindern zu thun. Schaff' ihr doch Ruhe vor den Grillen ihres Mannes. Sie hat ſel⸗ 24 ber nicht das Herz, mit Dir zu reden, darum bin ich ſo keck und bring' es bei Dir an. Das Wort Dorothea's war ausreichend. Hermann ſuchte das Haus des Drechslermeiſters auf und wurde vom Kranken ſowohl, als von der bekümmerten Frau des letztern freundlich aufgenommen.— Das Haus wies Spuren von bürgerlichem Wohlſtand auf. Eine Heerde von Kindern, und dennoch Alles in Stube und Kammer und Hof mäuschenſtill. Die Mutter dieſer Kinder war zwar des Meiſters Weib, aber nicht die Meiſterin im Hauſe. Eines von den tauſend und aber tauſend deutſchen Weibern, die in Sklavenketten liegen und mit ihrer Knechtſchaft Prunk treiben, wenn ſchon des Ehelebens Vittet⸗ keit in vollen Zügen auf ihrem Geſicht geſchrieben ſteht. Der Kranke ſelbſt, der Meiſter Wigand, ein ſonderbarer Geſell mit geheimnißvollen, unſtäten Augen, ſchwarzgallichten Tempe⸗ raments, wunderlich und launenhaft von Geſpräch und Geberde. Er lag zu Bett; aus dem Bett kommandirte er, was da lebte im ganzen Hauſe, von der Werkſtatt bis zum höchſten Spei⸗ cher. Wollte ſich in den Kindern der Jugendmuth ein bischen rühren, ſo rief gleich die Mutter mit gedämpfter Stimme: Kinder! wenn's der Vater hört...? und ſtumm war jeder Mund. Aber auch, wenn die Hausfrau ſelber einmal das Mancherlei vergaß, das ihr auf dem Herzen lag, und für ſich ein Liedchen aus der goldenen freien Vorzeit trillerte, oder in ihrem Kaſten aufräumte und ihre kleinen Herrlichkeiten durch⸗ muſterte— und die Magd oder der Lehrjunge ziſchelten in die Stube herein: der Herr rührt ſich!— wie geſchwind ſtockte das Lied, wie geſchwind wurde der Kaſten geſchleſſen... wie 25 geſchwind flog die Frau auf ihren Poſten am Bett des Kran⸗ ken, der ſeine eheliche Pflegerin nur ſelten mit einem guten Wort, deſto häufiger mit einem finſtern Blick aus ſeinen ge⸗ heimnißvollen Augen empfing. Redenbach fand, daß der Drechslermeiſter an hypochondri⸗ ſchen, ungefährlichen Verſtimmungen leide, und ſagte zu ihm: Steh' auf und wandle! Das gefiel dem Milzſüchtigen weniger, als der Arzt gehofft hatte. Er zweifelte an ſeiner Geſundheit, er mäkelte herum an der Freiheit, die ihm Hermann ſchenkte. Er fügte ſich gerade nur aus Höflichkeit in den wiederholten Befehl des Arztes, der noch ein paarmal einſprach, um die verſtockte, durchaus nach irgend einer Krankheit und irgend einem Siechenlager verlangende Natur des Drechslers zu be⸗ ſchwichtigen. Oefters fand er ihn in Geſellſchaft eines langen magern Mannes, der mit Wigand von gleichem Alter ſchien, jedoch eben ſo fahlblond war, als der Drechsler ſchwarz; eben ſo. matt und ſchlaff von Gemüth und Rede, als der Drechsler kraus und wunderlich lebendig.— Der fahlblonde matte Mann war ein Zinngießer, in einer entfernteren Vorſtadt wohnhaft; Meiſter Kohler hatte mit Wigand auf einer Schulbank ge⸗ ſeſſen und mit ihm auf der Wanderſchaft vielerlei Begegnung gehabt. Sie dutzten ſich. Kohler kam ungefähr alle Tage zu Wigand. Dennoch gläubte Hermann zu bemerken, daß der Beſuch dem Hypochondriſten nicht gar zu wohl gefiel. Eines Tags ſtießen der Doktor und der Zinngießer in Wigand's Hauſe zwiſchen Thür und Angel auf einander. Kohler ſah noch weißer im Geſicht aus, als wohl ſonſt, und 26 ſo recht bis in's Innerſte angegriffen. Ungeſchickt und die Augen abwendend zog er vor dem Arzt den Hut und entfernte ſich, als wäre er gejagt und ganz verzagt.— Der Drechsler, der in ſeiner Stube allein mit zundelrothem Antlitz ſaß, fuhr bei Hermanns Eintritt heftig zuſammen. Sein glühendes Auge, ſeine fiebernden Hände, ſein ungeſtümes Athemholen ver⸗ riethen die Aufregung, in der er ſich befand. Sein Puls klopfte, als wolle das Blut mit Gewalt heraus. Was iſt mit Ihm vorgegangen? fragte Redenbach etwas erſchrocken. Lange konnte Wigand nichts von der Zunge brin⸗ gen. Mit heftiger Geberde deutete er an, daß ſeine Kehle wie zugeſchnürt ſei und daß der Zorn das thue. Auch drohte er mit geballter Fauſt nach der Thüre, durch welche ſich Köh⸗ ler entfernt hatte. Erſt nach fortgeſetzten Bemühungen des Arztes kam er zur Sprache.— Daß mir der Kerl nicht wieder über die Schwelle in's Haus rückt! war ſein erſtes Wort. Das wieder⸗ holte er noch oft, und wenn auch allmälig ſeine Glieder ruhi⸗ ger wurden, ſo brannten ſeine Augen doch fort und fort ge⸗ fährlich.— Redenbach verwunderte ſich über eine über⸗ triebene Reizbarkeit.— Wie mag ſich nur der Meiſter über den ruhigen, ju langweiligen Zinngießer dergeſtalt aus der Haut und in's Fie⸗ er hinein ärgern? fragte der Doktor. * In dem langweiligen Kerl ſteckt der Teufel! entgegnete Wan mit einem Tone, der aus der innerſten Herzkammer hervorbrach und von prahleriſcher Steigerung nichts an ſich hatte. 2 Oho! oho! Meiſter Wigand, was fällt Ihm ein? machte der Arzt: behalte Er doch Seine Sinne beiſammen! In der That zwang ſich der Drechsler zu einiger Faſſung. Dennoch ſagte er, dem forſchenden Auge des Doktors auswei⸗ chend: Ach, Sie wiſſen nicht... es gibt im Leben Dinge. Ach, wer nicht ſelbſt zwiſchen zwei Mühlſteinen ſteckt, weiß nicht, wie Einem das Schinden thut.. Vergeben Sie. Ich bin ungeſchickt und blöd im Kopf. Ich will es nicht mehr thun. Aber, wenn der Kerl noch einmal anſetzt...! es gäb' ein Unglück! Nun, nun, aller Verdruß zwiſchen Freunden findet ein Ende, lieber Mann. Es kömmt nur auf's Wollen an. Denk Er übrigens an Seine Geſundheit, an Weib und Kinder und laſſe Er ſich nicht von der Galle in Harniſch jagen. Adieu; auf ein Wiederſehen! Somit verließ der Arzt den Kranken und dachte: Wun⸗ derſam genug, da vaß immer beim Eintritt in Wigands Haus mich's wie eine ſchlimme Ahnung befällt! Narrheit, ohne Zweifel. Aber wieder ein Beweis, wie ſehr eines Hypochon⸗ driſten unſtäte Zerwürfniß mit ſich ſelbſt auf den beſonnenen Mann Eindruck macht, ſobald dieſer öfter mit dem Kranken in Berührung kommt. Ich werde ſo bald nicht mehr zu Wi⸗ gand gehen. Im Grunde bedarf er auch meiner nicht im Ge⸗ ringſten, wenn er vernünftig ſein will⸗ Hermann that, wie er ſich vorgenommen. Seinerſeits lief Wigand von ſelber Zeit an ein paar Wochen lang von Wir 8 — shaus zu Wirthshaus, ließ ſein Handwerk gehen, wie es wollte.— Ach, da hat er wieder einmal ſeinen Raptus! 28 klagte des Drechslers Frau, ſchon lange an dergleichen plötz⸗ liche Uebergänge von ſtrenger Häuslichkeit zu herumfahrendem Lebenswandel gewöhnt: bald ſitzt er mir Monate lang auf dem Nacken wie ein Alp, und bald bekümmert er ſich wieder weder um's Haus, noch um Weib und Kind. Gott beſſere es und ſchenke mir Geduld, bis es anders kommt!— Zur ſelben Zeit geſchah es, daß Doktor Redenbach plötz⸗ lich auf der Gaſſe dem reichen Kaufmann Vollbrecht, dem Vater Klementinens, begegnete. Seit jenem fatalen Morgen des Abſchieds hatte er den Kaufmann nicht geſehen. Seit jenem Morgen hatte ſich Vollbrecht auffallend verändert. Sein Haar war ſchneeweiß, ſein Angeſicht fahl, ſeine Haltung die eines längſt überlebten alten Mannes geworden. Er ging in tiefer Trauer; am Arm führte er ſeine ebenfalls in Schwarz verhüllte Frau. Redenbach hatte dicht an dem Paare vorbei⸗ zugehen. Kaum war die Frau ſeiner anſichtig geworden, als ſie haſtig das Schnupftuch vor ihre Augen drückte. Der Kauf⸗ mann grüßte verlegen und blieb, wie von einer höhern Gewalt gebannt, vor dem Doktor ſtehen. Auch Redenbach verweilte. Ihm war zu Muthe, als habe er an den Mann im Trauer⸗ kleide eine ſchwere Frage zu ſtellen. Der letztere kam ihm jedoch mit der betrübten Antwort zuvor. Aus bangathmender Bruſt preßte er die Worte: Herr Doktor, dieſes Kleid geht unſere Kleinentine an. Sie ſind gerächt... ich bin beſtraft das Elend, das ich über ihr Haupt gebracht, hat die Arme getödtet! Des Vaters Augen waren roth und voll Verzweiflung; die Mutter brach in Thränen aus. Hermanns Zunge war 29 gelähmt, konnte nichts erwiedern auf die ſchauerliche Kunde. Die Vorübergehenden muſterten die Gruppe mit neugierigen Blicken. Der alte Vollbrecht kümmerte ſich jedoch nicht im geringſten um die Gaffer und hob mit noch erſchütternderm Ausdruck an: Meine Hoffnung... die Freude dieſer armen Mutter.... Ihres Lebens Glück, Redenbach— daß ich's nur gerade herausſage— all' das liegt in der Erde und ich war der Henker, der einſt blutbefleckt vor den ewigen Richter hintreten wird, um auf die Donnerfrage: Was haſt du gethan mit deinem Kinde? keine Silbe Antwort zu finden! Glauben Sie mir: ich bin geſtraft, geſtraft genug bereits hienieden. Beſſer wäre mir der Tod von irgend einer Mörderhand gewe⸗ ſen, bevor ich meines liebſten Kindes Unglück und das Eurige unterzeichnete! Die Rede des Kaufmanns hatte ſich dermaßen geſteigert, daß ſich ſchon ein Kreis von Zuhörern zu bilden begann. Um dieſem mißliebigen Aufſehen ein Ende zu machen, zerrte die Frau am Arme ihres Mannes. Der Doktor ſeinerſeits W den unglücklichen Vater zu beſchwichtigen und weiter zu brin gen. Ein paar Freunde des Kaufmanns geſellten ſich dem guten Werke und führten ihn in ſein Haus Der Doktor, wohl bemerkend, daß ſeine Anweſenheit das Gewiſſen des gequälten Mannes nur um ſo greller aufſtachle, ſich, das Herz voll Wehmuth. Dafür mußte zu dem Kauf⸗ mann ein anderer Arzt geholt werden, deſſen Bemühungen nicht ausreichten, den in Wahnſinn verfallenden Kranken vor dem Irrenhaus zu retten.— Ach, was iſt doch der Menſch? ſeufzte in mancher Stunde 30 der Doctor Redenbach: iſt denn das Leben mit all ſeinen Lei⸗ den ſo viel werth? Und vollends das Leben eines Menſchen, der entweder aus Bösartigkeit oder hingeriſſen von finſterm Schickſal auf den Wegen der Seinigen nur Unglück und Jam⸗ er ſchafft, um dann ſelbſt in Verzweiflung zu vergehen? Iſt der Tod nicht eine Wohlthat, gehalten gegen den Irrſinn, den die Miſſethat erzeugte?— Nicht ſelten nach ſolchen melancho⸗ liſchen Betrachtungen muſterte der Doktor finſter und verdroſſen den kleinen Vorrath von ſchnellwirkenden Giften, die er, ein leidenſchaftlicher Chemiker, in ſeinen Mußeſtunden dargeſtellt hatte und dann und wann in hochwichtigen Fällen mit Erfolg als ſchnellheilende Arznei zu gebrauchen wußte.— Immerdar jedoch verſcheuchte dann das Andenken an die vielen Prozeſſe, die er dem bleichen Tode abgewonnen, des Doktors Trübſinn, und wie zu einem ſüßen Troſte kehrte er immerdar zu ſeiner Kunſt zurück, nicht vergeſſend Klementinens und des Miß⸗ geſchicks ſeiner Liebe, aber männlich tragend das nicht mehr zu ändernde Lvos.— Und er hatte einen Engel, der ihm tragen half. Dorothea wich nicht von ihm.— So verging der Winter und das Frühjahr und der Sommer; und die von Mutterhand auf Klementinens Grab ausgeſtreute Blumenſaat hatte ſchon ein Jahr gehalten, und der Spätherbſt kam, ſie niederzulegen und mit ſeinen Stürmen einzuhüllen bis zum nächſten Lenz. Da wurde einmal mitten in einer wilden Novembernacht, da Wind und Schnee und Regen durcheinander heulten und tanzten und die Welt den Hexen verfallen ſchien, der Doktor Redenbach geurct, 1 31 Dorothea meldete ihm die Ankunft eines Bedienten, der geſchickt worden, ihn zu einem ſchwer erkrankten Herrn zu berufen. Gegen ſeine ſonſtige Gewohnheit erzeigte ſich Hermann ſehr ungeneigt, dem Ruf zu folgen. Ich befinde mich ſelber nicht ganz wohl; ſagte er: ſchicke den Boten zum Kollegen Eſchholz. Einen beſſern Stellvertreter wüßte ich nicht— Sehr freundlich verſetzte Dorothea: Sieh', das iſt recht. Du ſollſt Dich nicht dem abſcheulichen Wetter ausſetzen. Schon oft bat ich Dich darum. Schlaf, ſchlaf, mein liebes Herz, ſchlaf' wohl! Hermann ſchickte ſich gern an, der freundlichen Mahnung zu entſprechen, aber der Vorſatz konnte nicht ausgeführt wer⸗ den. Dieſelbe Dorothea trat ſchnell zum andernmale in die Schlafkammer und meldete verdrießlich, der Diener ſei ſchon bei Eſchholz geweſen, derſelbe jedoch verreist, und weil der alte Doktor Hoffbauer ſelber krank, beruhe die Hoffnung des Pa⸗ tienten und ſeiner beſorgten Familie einzig und allein nur auf Redenbach.— Gern— ſo beſchloß Dorothea ihre Meldung — hätte ich demungeachtet den Bedienten fortgeſchickt, doch fürchtete ich, von Dir geſcholten zu werden, denn ich kenne Dein Pflichtgefühl und weiß, daß Du am Ende dennoch be⸗ reit biſt, überall und zu jeder Zeit nach Kräften zu helfen! Darum Keine Entſchuldigung! unterbrach ſie Hermann, ſchnell dem Bette entſpringend: Du haſt recht gethan; ſchicke mir den Bedienten herein. Auf der Stelle bin ich angekleidet. Wie ein echter Kriegsmann ſeine Rüſtung und„Wehr, ſo hatte auch Hermann den zu nächtlichen Ausgängen beliebten Anzug zur Hand. Im Nu war er gekleidet und hatte indeſſen vom Bedienten vernommen, der Kranke ſei ein Herr von Ha⸗ ſtendorf, im ariſtokratiſchen Stadtviertel wohnhaft, ſeit kurzem erſt in der Stadt anſäßig und vom Geſchick mit Vermögen, mit einer vortrefflichen Gattin und zwei reizenden Töchtern bedacht. Auf der Straße, umſauſt von Sturm und tollem Schnee⸗ geſtöber, betete Redenbach zum Himmel empor: Gib mir Glück, Du, der die Welt lebendig macht, und in deſſen Kraft und Gewalt ſteht, ſie zu vernichten... gib mir Glück, daß der Vater den Seinigen erhalten werde. Es iſt ja nicht der Tod des Geliebten das furchtbarſte, ſondern das Leben der zurückgelaſſenen Liebe eine lange lange peinliche Sterbezeit!! Nach langem Wanderkampf mitten durch das Unwetter wurde endlich die Wohnung des Kranken erreicht; ein ſehr großes und ſehr ödes Patrizierhaus, längſt von dem Geſchlecht dem es gehört, verlaſſen, und von Zeit zu Zeit vermiethet an fremde, vornehmere Familien, die einige Monate oder länger 4 in der Stadt zu verweilen gedachten. In dem unwirthlichen Hauſe wohnte für diesmal ganz allein mit den Seinen der 3 Herr von Haſtendorf. In einer ungeheuern Schlafſtube, g bettet auf ein alterthümliches Lager, erwartete er ſeinen Arzt⸗ Ein heftiges Fieber mit ſeinen Gluten und ſeinen Froſtſchauern trieb mit ihm fürchterlich Kurzweil. An der Treppe, mit dem Licht in der Hand, empfing den Doktor eine der Töchter des Kranken, ein Bild von Schönheit, ein Bild des tiefſten Grams. Im Vorzimmer ſaß die zweite Tochter, den Kopf in die Hände geſtützt, vergeblich getröſtet von einer ältliche 3 33 Frau in dunkeln Gewändern. Am Bette des Fiebernden ſtand deſſen Gattin, die edeln Züge gleichſam zu Stein geworden, mit dem Ausvruck unnennbaren Leidens, wenn auch ohne Thränen, ohne Klage. Dieſen trauernden Frauen gegenüber, ungerechterweiſe ſeiner Schweſter vergeſſend, dachte Redenbach bei ſich, ehe er ſich noch um den Kranken bekümmerte: Gott, ſo viel Liebe! So ſehr geliebt zu ſein! Welch ein Glück, die Ehe! Wer vußlücklicher als ein Hageſtolz? 5 Der Kranke phautaſirte. Er redete verworrenes Zeug vom As de carreau, vom roi de tréfle, von points und enjeu, von rouge et noir, von gagner et perdre. Sein Schmerzenslager war eine Farobank, umſeſſen von ge⸗ ſpenſtigen Bankhaltern und pointeurs. Ei, ei, ſagte Hermann, nachdem er den Puls des Phan⸗ taſirenden erforſcht, zu der Frau deſſelben: Sie haben lange gewartet beinahe zu lange... es war die höchſte Zeit. Die Frau mit dem edeln, im Leid erſtarrten Antlitze entgegnete: Wir hofften, daß die ſtarke Natur meines Mannes helfen würde.. ſchon öfters war er ſolchen Fieberanfällen unterworfen. immer genas er ohne ärztliche Hülfe... aber ſeit heute Abend wurde ſein Zuſtand ſo beunruhigend, daß Nun— fiel Hermann ein— es iſt wohl noch nicht zu ſpät... wenn nicht hinter dieſem Fieber Aergeres verborgen liegt. Wir werden ja ſehen. Er verordnete, was nöthig, blieb über den Reſt der Der Erzähler. 1846. W. 3 34 Nacht am Krankenbette, ſtellte die Fragen, die ihm zuſtanden, an des Barons Angehörige, lernte ſie dabei oberflächlich ken⸗ nen: die Mutter, die Töchter und die ernſte Frau im dunkeln Gewande, eine langjährige Freundin und Geſellſchafterin der Frau vom Hauſe. Seine Fragen wurden nicht erſchöpfend von der Gattin des Barons beantwortet; ſie war zurückhaltend. Die Freundin ſchwieg beſcheiden dazu, obſchon ſie um alle Verhältniſſe der Familie genau zu wiſſen ſchien. Auf dem Heimgang am Morgen— der Kranke ruhte jetzo, in tiefen Schlaf verſunken— begegnete Redenbach einem Bekannten, einem Ueberall und Nirgends, der in allen Häu⸗ ſern der Stadt zu Hauſe war, ſeine Naſe in allen Ecken und alle Familiengeſchichten am kleinen Finger hatte, und erkun⸗ digte ſich nach dem Freiherrn von Haſtendorf. Ma foi, antwortete der Allerweltsmann: beinahe fragen Sie mich zu viel. Obſchon in höhern Zirkeln eingeführt, gilt der Genannte doch allenthalben für einen Abenteurer. Obſchon den reichen Mann ſpielend, wird er von Niemand für reich gehalten. Dennoch ſpielt er, ſpielt hoch und verliert gewöhn⸗ lich viel. Ein großer Schwätzer und Projektenmacher. Hm, hi, ſo ſo? Dennoch ſcheint ſeine Familie zärtlichſt an ihm zu hängen? Seine Familie? Möglich; ich lobe ſie deßhalb. Wer weiß jedoch etwas von der Familie? Sie vegetirt zu Hauſe, hat gar keine Verbindung. Nur er, der ſogenannte Baron, iſt der Schnittlauch auf allen Suppen. Er ſoll ſchöne Töchter haben— eh bien, man ſieht ſie nirgends. Sie ſollen ſchon verſprochen ſein an Leute, die weit, ſehr weit her ſind, 35 meinetwegen. Gott ſchenke dem Alten reiche Schwiegerſöhne; er wird ſie brauchen können, denk' ich.— Gedankenvoll ging Hermann ſeines Weges. Daß er mit einem tollen Spieler, mit einem Trinker, mit einem an Leib und Seel' zerrütteten Bramarbas zu thun bekommen, war ihm ſchon klar geweſen. Die Familie hatte offenbar, vom Kapitel der Leidenſchaften des Kranken handelnd, beſchönigt, hinter dem Berge gehalten. Aber, was der Allerweltsmann dem Doktor geſagt, ſtimmte nur zu genau mit deſſen Ahnungen und Be⸗ fürchtungen zuſammen.— Und dennoch im Beſitz von ſo viel Liebe! murmelte Hermann mehr als einmal vor ſich hin: So ſehr geliebt zu ſein bei ſo wenig Liebeswerth! Unfaßlich, un⸗ begreiflich! Wer begreift aber eigentlich die Liebe?— Der Doktor that ſich viel auf ſeine in praxi erworbene Menſchenkenntniß zu gute. Nach Verlauf von acht Tagen aber, von denen er einen anſehnlichen Theil im Hauſe des kranken Haſtendorf zugebracht, fing er an, nachgerade ſeine Seelenkennerſchaft in einigen Zweifel zu ziehen. War es in der That die Liebe, die dem Kranken die Arznei und den Labebecher reichte? in der That die Liebe, die am Morgen nach ſeinem Befinden fragte und am Abend ihm eine glück⸗ liche Nacht wünſchte? die Liebe, die ihm den Schweiß ab⸗ trocknete und das Kiſſen unter dem müden Haupt zurecht legte? Wahrlich, wenn die eiskalte Pflege der Gattin, der ſtumme Gehorſam der Töchter, nicht unähnlich den gleichgültigen Dienſt⸗ leiſtungen gemietheter Mägde, ſich für Zärtlichkeit und liebe⸗ volle Sorgfalt ausgeben durften, ſo iſt der Gipfel des Mont⸗ 36 blanc ein üppiger Blumengarten, die winterliche Nacht im Norden der helle ſonnendurchfunkelte Tag! Indeſſen beſſerte ſich's von Stunde zu Stunde mit dem Leidenden. Dennoch offenbarte ſich nicht undeutlich in ihm ein ſchwieriges Uebel, das zu heben nur ein großer Meiſter berufen war. Eine große Kriſis, eine gewaltſame, ſtellte ſich in Ausſicht. Sie konnte im Sturm den Kranken dahinraffen; ſie konnte auch vom Arzte gebändigt und von einer wehrhaften Leibesnatur ſiegreich beſtritten werden.— Redenbach hoffte auf einen günſtigen Ausgang. Eines Nachmittags, am Bette des Barons, allein mit ihm, verrieth der Arzt durch ein hin⸗ geworfenes Wörtchen dieſe ſeine Hoffnung. Kranke merken auf jede Miene, auf jede Aeußerung ihres Doktors. Haſtendorf, der ſich bis dahin ganz verſchloſſen und einſilbig gehalten, richtete ſich mit lebendig erglänzenden Augen auf und fragte, ſichtlich erleichtert: Werde ich geneſen?— Ich glaube... ich hoffe es; erwiederte Redenbach.— Gott⸗ lob! hob wiederum Haſtendorf an: Wenn ich nur lebe, bis meine Vorſätze und Pläne verwirklicht ſind.— Denken Sie vorderhand nicht an Ihre Pläne und Projekte; ermahnte der Doktor: Seelenruhe iſt Ihnen nöthig, uöthiger als Arznei.— Der Kranke ſank in ſeine Kiſſeß zurück und murmelte: Leicht geſagt! wer an meiner Stelle ſte— Redenbach fuhr fort: Suchen Sie Zerſtreuung bei Ihrer Familie. Sie ſind in dieſem Punkt vom Schickſal ſo gut berathen...— Haſtendorf winkte heftig und verneinend mit der Hand⸗ Dazu brummte er die Worte: Die Undankbaren! Die Herz⸗ 37 und Serlenloſen! Ah, mir ſteigt das Blut in Bruſt und Kopf, wenn ich daran denke... Beruhigen Sie ſich; befahl der Arzt: Die Ruhe allein kann Sie heilen, ſage ich.— Richt doch... nicht doch, er⸗ wiederte der Baron unwillig und die Augen ſchließend: ein anderes Leben, eine andere Welt..... Ah! Redenbach flößte ihm einige ſtärkende Tropfen ein und ging hinunter in den Garten, der im Sommer wenig Reize bot, im Winter jedoch anzuſchauen war, wie ein von der Zeit und von Dieben durchwühlter Kirchhof. Dych war dort der Doktor einſam und durchmuſterte ſein Gedächtniß, das Zeug⸗ haus, worinnen ſo manche Mittel, die erlahmende Lebenskraft eines Todtkranken wie mit einem Zauberſchlag aufzurichten.— Es muß da ſchnell geholfen werden; predigte der Arzt ſich ſelber vor: Der tückiſche Sturm in den Nerven, im Blute des Patienten iſt nur niedergehalten, nicht beſchworen. Er kann heute, morgen losbrechen und ſein Gefäß vertilgen. Laſſ' ſehen, was iſt zu thun? „ Hermann war noch nicht eine Viertelſtunde a und abgegangen, ſo hatte er auch ſchon gefunden brauchte.— Das iſt's, das iſts! rief er fröhlich und eilte nach dem Hauſe zurück, um das wu 9 zu ſchreiben. Ihm begegnete die Baronin. In der Abſicht große Fr ude zu machen, ſagte er, der bisher zu i Nachfragen nur die Achſel gezuckt: Gnärige Frau hoffe jetzt, Ihren Gemahl zu tetten. Alle Zeichen ſtehen günſtig, mein Vertrauen felſenfeſt. 38 Schon oft, wenn er an Krankenbetten den Trauernden daneben das Wort des Heils verkündet, waren Thränen der Dankbarkeit auf ſeine Hand gefloſſen, hatte ſüßer Jubelruf lebendigen Dankgefühls ihm gelohnt.... hier war es anders. Das Antlitz der Baronin wurde noch weißer als gewöhnlich, ihre Hände falteten ſich erſchlafft, ihr Blick flog himmelwärts, aber nicht um zu preiſen die ewige Güte, ſondern als ſagte er mit unendlicher Reſignation: Wie Gott will!— während der bleiche Mund ſtammelte: Gerettet? Er wird genéſen?— Eeine Bitterkeit, entſetzlich anzuhören, lag in dieſen paar Worten. So fragt der Selav, der ſchon ſeine Ketten ge⸗ wird. Der Doktor verſtummte überraſcht; die Dame gerieth bloß gegeben, und flüchtete ſich auf ihre Stube.— Kopf⸗ ſchüttelnd und finſter folgte nach einer langen Pauſe der Arzt, um ſein Rezept zu verfaſſen. die ſchöne Thereſe, die jüngſte Tochter des Barons, für die wußte empfand. be indernden Augen ſie anſtarrenden Hermann in das ach, zeigte auf die Freundin des Hauſes, die ihm mit ielſagendem Geſichte entgegenkam, und verſchwand. Die ältliche Dame aber ſagte zu Hermann tiefbewegt: Sie haben in die Tiefe einer Menſchenſeele geſchaut. Sie mögen vor dem, was Sie geſehen, erſchrocken ſein. Bedenken Sie jedoch; daß es eben ein ſchwaches, i Weib war, 6 brochen glaubte, und plötzlich in neue engere Feſſeln geſchlagen außer ſich, daß ſie ihres Herzens Innerſtes einen Augenblick Da trat aus einer Seitenthüre der Doktor ſchon des Mitgefühls mehr, als er ſelbſt nur Von der Mutter abgeſendet, winkte ſie den 1 39 das ſich Ihnen verrathen, und verzeihen Sie ihm die menſch⸗ liche Schwäche. Sie wünſcht nicht, von Ihnen hart beurtheilt zu werden. Sie ſelber kann nicht über ſich gewinnen, Ihnen eine Erklärung zu geben. Ich will die Dolmetſcherin meiner Freundin ſein. So gräßlich es auch klingen mag: die Voraus⸗ ſetzung, daß Haſtendorf ſeine Krankheit nicht überwinden werde, war unſere einzige Hoffnung. Sein Leben iſt meiner Freundin Tod, das Elend ihrer Kinder. Hermann ließ ſich erſchöpft und erſchüttert auf einen Stuhl nieder. Die Frau fuhr fort: Seit einundzwanzig Jahren ſchleift meine Freundin die ſchweren Bande der Schmach, der Knechtſchaft, der zügel⸗ loſeſten Vergewaltigung. Ihr Mann hatte gewußt, durch falſche Vorſpiegelungen, ihre Hand, ihren Reichthum zu ge⸗ winnen. Entehrt und zu Grunde gerichtet durch den frechen Abenteurer, der nie einen Rang und Namen, der nicht erlogen, nie einen Heller, der nicht auf unredliche Weiſe erworben, beſeſſen, hat es ihr immer an Muth, an Freunden, an Gelegenheit gefehlt, von Haſtendorf getrennt zu werden. Sie war zu ſpät hinter ſeine Ränke und Lügen gekommen. Zwei Töchter theilten mit ihr das ſchmähliche Loos. Sollte ſie mit denſelben ohne Schutz dem Zufall ſich überlaſſen? War nicht noch Hoffnung, daß Haſtendorf ſich beſſern werde? Sie zau⸗ derte, bis es zu ſpät war. Sie blieb gebunden an den Landſtreicher, eine Landſtreicherin mit ihm, bemüht, ſeine Schlechtigkeiten zu verhehlen, ja, ſie möglichſt wieder gut zu machen, ſo lange ihr noch ein Hülfsmittel ſich bot. Jetzt iſt ſie bettelarm, und der elende Menſch, ihr Gatte, will ſie mit 40 den Kindern nach Amerika ſchleppen, die letztern dort einigen Sündenbrüdern in die Arme werfen, oder mit ihrer Unſchuld und Schönheit Handel treiben. Unredliches Spiel, verbreche⸗ riſche Spekulationen, Kuppelei ſollen ihm jenſeits des Meeres das Leben gewinnen. Mit eiſerner Hartnäckigkeit iſt er ge⸗ wohnt, ſeine Vorſätze zu verlebendigen; mit eiſerner Fauſt hat er ſeiner armen Töchter Herz zerfleiſcht, und ſie losge⸗ riſſen von jungen wackern Männern, die, arm, aber redlich, das Glück beider Mädchen auf ehrliche Weiſe zu machen ſich bereit erklärten. Der Abſcheuliche iſt unumſchränkter Gebieter über die Seinigen; ſie dürfen nicht mit den Wimpern zucken, wenn er befiehlt, müſſen ſich beugen unter jedes Joch, das er ihnen auferlegt! Ich ſelbſt bin eine Frau von wenig Mitteln, und wüßte nicht, die Aermſten auf die Dauer der Gewalt⸗ thätigkeit ihres Zwingherrn zu entziehen. Bis an's Ende der Welt würde er ſie verfolgen, von ſeiner Beute nicht ablaſſen. Mir würde, ſo dachte ich längſt, nichts anderes übrig bleiben, als ſie zu begleiten an's Ufer, mit blutendem Herzen vyn ihnen Abſchied zu nehmen.... ihnen Lebewohl zu ſagen auf ewig. auf ewig...1 Die Dame hielt inne, um die Thränen zu trocknen, die unwillkürlich ihren Augen entfloſſen waren. Hermann, von innerer Folter gepeinigt, regte ſich nicht. Da ſprach die Freundin weiter: Auf einmal wird der Quäler unſers Lebens— in Folge einer bei Karten und Punſch durchwachten und durchſchwelgten Nacht unpäßlich, krank.... ſchon einigemal hatte ihn ſein zügelloſes, pflichtwidriges Leben an den Rand des Grabes 41 gebracht.... man durfte glauben, ſein durchaus zerrütteter Körper werde nicht mehr widerſtehen,... dem Schrecken, der Angſt und Beſorgniß folgte auf dem Fuße der Blick in die trübe Zukunft, und die Frage: Was dann, wenn das immerhin Mögliche eintritt? Mir wird heiß und kalt zumal! rief Hermann, und ſprang, nach ſeinem Hute greifend, auf.— Noch zwei Worte! bat die Frau, und fügte ſchnell hinzu: Wiſſen Sie? ich habe noch am Mainſtrom irgendwo ein Gütchen, ein paar hundert Gulden Renten.... für meine Freundin und mich wäre das beſcheidene Loos vollkommen hinreichend... was die Mädchen betrifft, ſo würden ſie, von des Vaters Machtgebot unbeirrt, ihrem Herzen folgen können und glücklich leben im alten Europa, ſtatt in der neuen Welt zu verſinken in Un⸗ ehre, in Verworfenheit...; da kommen Sie und ſprechen ein Wort... und von Neuem liegt das ſchwere Kreuz auf unſern Schultern, und..... Was etwa die Rednerin noch hinzufügte, hörte der Arzt ſchon nicht mehr. Mit Sturmesgewalt riß ihn wer weiß welche Macht von dannen. Wer weiß auch, wie viele hundertmal er bis in den ſpäten Abend hinein die Wort ausſtieß: Schon wieder eine zu Grunde gerichtete Familie“ abermals die Unſchuld, die Schönheit in Gefahr, von der vermaledeiten Fauſt eines thranniſchen Vaters in den Abgrund der Schande und des Elends geſtürzt zu werden! O Kle⸗ mentine, ſind Deiner Leidensſchweſtern ſo viele? Unſeliger Vollbrecht, iſt Dein Wahnſinn ſo weit verbreitet in der Welt? dieſer beſten Welt, woraus in beſter Blüthe der Jahre S 42 der Viedermann ſcheiden mnuß während der Verbrecher darinnen ſteinalt wird? Wer weiß auch, wie viel tauſend Irrgänge durch den beſchneiten Wald, über die bereiften Fluren rund um die Stadt der Doktor machte; an jenem Abend und in der darauffolgenden Nacht? Genug: er kam, bevor der Morgen graute, nicht nach Hauſe. Sein Engel wartete vergebens auf ihn. Und als er endlich kam, überwacht und müde, erhitzt und triefend von Schweiß, und ihm Dorothea meldete, um Mitternacht ſei Haſtendorfs Diener da geweſen und habe dringend nach ihm verlangt, ſo antwortete er wie ein Trun⸗ kener: Ja ſo! das Recept, das ich nicht geſchrieben 2 nur ein paar Stunden noch Geduld! Ich bin ermattet bis in's Mark hinein, verbraucht, zerſchmettert... laß mich ſchlafen, Schweſter, laß mich einen langen Schlaf thun wecke mich ja nicht auf, wenn Du mich liebſt! Dorothea, betreten und erſchrocken, ſtotterte: Wenn in⸗ deſſen abermals der Diener käme, und.....— Worauf Hermann herriſch: Nichts da! wenn Du mich liebſt, ſage ich Dir, laß mich ſchlafen. Ein Gottesgericht, ein Gottes⸗ gericht, liebe Schweſter.... der Höchſte wird wachen, wenn ich ſchlafe! Dabei blieb's, und der Arzt ſchloß ſich feſt in ſeine Kammer ein. Als er wiederum daraus hervorging am⸗ ſpäten Vor⸗ mittag— ſeine erhitzten Augen zeugten nicht von vielem Schlaf— und ihm Dorothea berichtete, daß der Bedieue noch einmal und noch einmal da geweſen und zuletzt einen MW — — 8 43 Brief gebracht, einen Brief mit ſchwarzem Siegel— da ſank Hermanns Haupt auf ſeine Bruſt nieder, und er ſprach langſam: So iſt's denn vorbei, und Gott hat gerichtet...2 Gott? Gott? o, was ſage ich da? Ich bin gerichtet!! Haſtendorf hatte vollendet. Die erwartete gefürchtete Kriſis war eingetreten.. der Arzt, der hätte vorbauen, retten können, hatte den Kranken pflichtwidrig verlaſſen.. Der Lohn der Uebelthat folgte ihr auf der Ferſe. Des Dok⸗ tors Gewiſſen erwachte und hielt ihm den Spiegel vor. Bisher hatte er nur Leiden getragen,... jetzo ſchleppte er die Bürde eines Verbrechens!— Der Brief, worinnen ihm die Baronin ganz einfach den Tod ihres Mannes meldete, beifügend die Bitte, Hermann möchte doch, ein Engel des Troſtes, ſie und ihre bekümmerten Töchter beſuchen, kam ihm vor, wie ein Dankſchreiben für glücklich verübten Mord, wie eine Ein⸗ ladung, den wohlverdienten Sündenſold dafür in Empfang zu nehmen. Ich ſoll hingehen? fragte er ſich, voll von Abſcheu gegen ſich ſelber: mich weiden an dem Glücke, das ich gleich⸗ ſam meuchelmörderiſch begründet? Den Preis fordern für die Freiheit, die ich Thereſen wiedergegeben? Was könnte ich da verlangen? Thereſe ſelbſt, deren Vater ich mit Fleiß und Vorbedacht verkümmern ließ? Thereſe⸗ die o, ich elender, eitler Thor!— die einen Andern liebt, und jetzo roſenbekränzt von der Bahre ihres Vaters in die offenen Arme des Andern eilen wird?— Nimmermehr will ich dieſe Familie wiederſehen, nimmermehr. Ich habe ihr die Ruhe meines Lebens zum Opfer gebracht. ſie ſei glücklich, ferne 44 von mir, und ahne niemals, wie theuer ich ihr Glück bezahlte! Und wiederum in ſeine vier Mauern eingeſchloſſen ging Hermann händeringend hin und her, und klagte zum Himmel empor: Ach, wie ſo ganz anders bin ich geworden, als der ich geſtern war? Warum fällt mir, ſeitdem das Schickſal entſchieden, kein Sophism mehr ein, um meine Unthat zu beſchönigen? Ein Gottesgericht? Ich Läſterer! ich liege dar⸗ nieder im Sand, aus allen Adern blutend, und wenn ich mich je aufraffe, ſo geht mein Leben hindurch die Reue mit mir Arm in Arm! Manchen Tag noch entzog ſich Redenbach ſeinen Beſchäf⸗ tigungen; noch manchen Tag hindurch klopfte Dorothea ver⸗ gebens an ſeine Thüre, an ſein Herz. Er war wie taub, wie todt. Dorothea, die in das Wirrſal ſeiner Seele nicht zu ſchauen vermochte, fürchtete für ſeinen Verſtand. Indeſſen wurde die Zeit über Hermanns ärgſten Schmerz Meiſter Nachdem er gehört, daß Haſtendorfs Familie— gleich näch dem Begräbniß des Vaters— die Stadt verlaſſen, verließ auch er ſeine Einſamkeit. Von neuem mit jugendlichem verfolgte er die Laufbahn ſeines Berufs, und ſchien ſich im Dienſte der Armen und Leidenden zu verhundertfältigen. Stumm und theilnahmlos gegen alles Uebrige, trieb er ſeine Kunſt von der früheſten Tagsſtunde bis in die ſpäteſte Nacht, ein⸗ bringend bei unzähligen Kranken, was er an dem Einen einmal und zwar nicht ohne Vorbedacht verſäumt hatte. Seine Erfolge gingen in's Unglaubliche. Dennoch fragte er ſich nicht ſelten: Großet Gott! wie Viele habe ich noch zum Leben z — en 45 erwecken, bis der Todtſchlag ausgeglichen ſein wird, den ich begangen? Dorothea ahnte nichts von der Urſache ſeiner Verſtimmung. Er ſagte ihr nichts davon. Warum der reinen Seele ſolchen Ausſatz einimpfen? dachte er.— Aber, wenn auch verſchloſſen gegen ſie, ließ er ſich von der Schweſter leiten wie ein Kind; nur durfte ſie ihm nicht Ruhe und Erholung predigen.— Das weiß ich beſſer, ſagte er dann: ich werde nicht krank werden, wie Du befürchteſt. Eben dieſe Unruhe, dieſe An⸗ ſtrengung iſt mir Geſundheit, iſt mir Leben!—— Mild und duldſam, wie mit ſeiner Schweſter, war Her⸗ mann auch mit allen Frauen, die ihm auf ſeinem Berufs⸗ wege begegneten. Er hielt ſie alle für unterdrückte, herabge⸗ würdigte Geſchöpfe, für Spielwerke väterlicher Willkür die einen, die andern für mißhandelte Schlachtopfer ihrer grauſa⸗ men Ehegatten. Für ſie hatte er, Klementinens und Thereſens nie vergeſſend, immer ein freundliches Wort in Bereitſchaft. Die Frau des Drechslers Wigand wußte davon zu ſagen. So oft er ihr begegnete, hieß es: Ei guten Morgen, liebe Frau. Wie geht's daheim? was machen die Kinder, was macht der milzſüchtige Mann? Nur Geduld, Geduld und Liebe, es wird ſchon beſſern. Sie verdient ſich an dem Mann eine Himmels⸗ krone. Solche Treue muß vergolten werden!— Das richtete die Frau auf, ſo lange ſie über ihren Mann als Wirths⸗ hausläufer zu klagen hatte. Als jedoch im Laufe des Win⸗ ters wiederum Beſſerung eingetreten und aus dem Liederlich abermals ein ungeheuer fleißiger Mann geworden war, der Tag aus Tag ein hinter ſeiner Drehbank handthierte und nicht 46 von Hauſe ging,— wie beglückwünſchte Hermann die arme Frau, wie verhieß er ihr eine beneidenswerthe goldne Zukunft! Darum: ſo oft zufällig auf der Gaſſe oder irgendwo der Dok⸗ tor Redenbach ihr entgegenkam, ſo mußte ſie, weil ihr das Herz lachte, immer ihr angenehmſtes Lächeln herauskehren, ſie mochte nun eben Grund zum Lächeln haben, oder nicht. Um ſo auffallender war's dem Doktor, als er eines Abends auf dem grünen Markte, wo der Drechsler wohnte,— es war ein Faſching und ein großer Narrenzug erfüllte den Platz mit Fackelſchein, Lärm und Gedränge— unter den tau⸗ ſend lachenden und grinſenden Menſchenlarven um ihn her, plötzlich dicht an ſeiner Seite das Geſicht der Drechslerin wahrnahm, ſo entſtellt, ſo von Angſt verzerrt, wie er es noch nie geſehen. Das Weib zupfte an des Doktors Kleide, und raunte ihm zu: Um Gotteswillen, Herr Doktor, kommen Sie geſchwind mit mir. Der Allmächtige ſelber hat Sie daher geſtellt, als ich Sie zu ſuchen ging.— Was gibt's, was iſt's, liebe Frau?— In unſerm Hauſe, ach du lieber Gott, iſt ein Unglück geſchehen!— Ein Unglück? Sollte Ihr Mann...2 — Pſt, pſt! um des Herrn willen, kommen Sie. nur die paar Schritte...!— Geheimnißvoll und ſchnell zog das Weib den Arzt aus dem Getümmel des Volks, das natürlich auf andere Din ge zu merken hatte, als auf den Doktor und das alte Weib. Der Verkaufsladen des Drechslers war ſchon berſchloſſen. Die Werkſtatt, die ſich nach dem Hausgang öffnete, ebenfalls. Alles dunkel; kein Menſch ſchien um die Wege zu ſein. Aber das Weib pochte halblaut an die Thüre der Werkſtätte.— Wer „ M. d 47 da? fragte nach langer Stille und wiederholtem Klopfen Wi⸗ gands Stimme hinter der Pforte— Ich bin's, Chriſtian. Mach' auf.— Viſt Du allein?— Der Herr Doktor iſt mit mir. Wiederum eine Pauſe, als ob der Mann hinter der Thüre ſich noch bedächte. Endlich ſtahl ſich ein Lichtſchimmerchen durch das Schlüſſelloch, ein Riegel klirrte, die Thüre ging auf. Die Drechslerin ſchob den Arzt in die Werkſtatt, ſelber außen bleibend. Und hinter dem Arzte verriegelte Wigand, der in ſehr nachläſſiger Haustracht mit einer Lampe in der Hand ſich darſtellte, das Gemach. Redenbach, der plötzlich von demſelben gar unheimlichen Gefühl beſchlichen wurde, das ſchon ein- und das andremal in Wigands Hauſe ſich ſeiner bemeiſtert hatte, fragte etwas barſch: Nun, nun, gibts wieder neue Narrheiten, Meiſter? Macht Ihm wiederum die ſchwarze Galle das Hirn wunderlich? Sag' Er an, was ſoll dieſes Heimlichthun, dieſes Verſtecken⸗ ſpielen? Da bemerkte er, daß Wigand ungefähr ausſah, wie ein armer Sünder unterm Galgen. Seine ſchwarzen Haare waren aufgeſträubt ober ſeiner von Schweiß überronnenen Stirne. In ſeiner Hand wackelte die Lampe und ſeine Zähne klapper⸗ ten, obſchon ein warmer banger Dunſt durch die Werkſtätte zog und von Kälte nicht zu reden war. Narrheiten? fragte der Drechsler ſtotternd entgegen: Narr⸗ heiten, wo's einen Todten gibt?— Ein paar Schritte vor dem Doktor hertaumelnd, hob er mit ſehr unſichern Fingern, und ohne beſonders näher hinzuſchauen, den Zipfel eines Leintuchs vom Boden auf, riß das Tuch von einem darunter ausgeſtreck⸗ 48 ten Körper ganz weg, und leuchtete hin, aber mit abgewende⸗ tem Kopf in das Dunkel ſtarrend. Der Körper lag vor einer ſchmalen hölzernen Treppe, die ſteil und hoch emporging als Verbindungsſtiege zwiſchen der Werkſtatt und der Wohnung des Drechslers im obern Stock des Hauſes. Da des Drechslers Glieder ſchlotterten, gleichſam im Fieber, und die Lampe in ſeiner Hand höchſt unſichres Licht warf, nahm Redenbach dieſelbe an ſich und kniete bei dem auf dem Geſicht liegenden Manne nieder, wendete den Kör⸗ per um, und erkannte zu ſeinem Befremden— ja zu ſeinem Schrecken— in dem Todten den Zinngießer Kohler. Noch mehr Licht! befahl nach kurzer Betrachtung des Leichnams der Doktor. Nach einiger Einrede und Ausflucht brachte Wigand noch ein Stümpchen Licht hervor und ſtellte es angezündet neben dem Doktor zur Erde, ohne den Todten anzuſehen. Sein Antlitz war zum Erſchrecken blaß.— Dort iſt ein Tiſch, worauf wir den Körper legen wol⸗ len; hob Redenbach wieder an: Helfe Er mir, Meiſter Wigand. Wigand ſchauderte.— Ich kann nicht helfen. ſagte er mit ſchwerer Zunge: ich bin wie krumm und lahm. So? wie geſchah das Unglück? Hm. war wie ein Blitz... der Kohler hatte mich aufgeſucht... oben in der Stube aufgeſucht, weil die Geſellen ſchon fort waren... und die Werkſtatt zugeſchloſſen und ich komme gerade ja, ich kam ſo ebhn ſehen Sie.. durch dieſe Thüre herein, und der Kohler... (hier drohte ein ſchwerer Seufzer dem Drechsler das Herz 49 abzudrücken)... und der Kohler kommt von oben.. und ſtürzt die Stiege herunter... und iſt, glaub' ich, maustodt .. mein liebſter, beſter Freund...! ach, das thut weh 1 Wigand verfiel in ein dumpfes Schluchzen, das für Wei⸗ nen gehalten werden wollte. Der Doktor indeſſen, der den Kopf des Leichnams einer ernſten Forſchung unterworfen, ſagte mit gar ernſter, aber halb unterdrückter Stimme: Sein beſter Freund...! Weiß Er wohl, daß ſein Freund ſchmählich getödtet worden iſt? Dieſe große blutrünſtige Geſchwulſt im Nacken... dieſe Verletzung an der Schläfe. dieſe Zerfetzung der lin⸗ ken Wange... all das rührt nicht von dem Sturze über die Treppe her... der Mann iſt mit Fleiß getödtet, vermit⸗ telſt eines Schlägels oder ſtumpfen Hammers getödtet worden er hat noch im Todeskampf mit ſeinem Mörder gerauft Ihr habt da eine verbundene Hand, Meiſter? laßt doch ſehen! Der Drechsler, der während Hermann's Anrede immer mehr und mehr in ſich ſelber zuſammengeſunken war, lag plötzlich auf ſeinen beiden Knieen vor dem Arzte, zerraufte ſich das Haar, zerſchlug ſich die Bruſt, und keuchte die gleichſam aus einem tiefen Keſſel aufquellenden Worte herbor: Sie wiſſen Alles o du mein Jeſus...! Ihnen bleibt nichts ver⸗ borgen... Sie können mich unglücklich machen, um den Kopf bringen..! Wenn Sie aber nur ein bischen Barmherzig⸗ keit in ſich haben, ſo ſtürzen Sie nicht mein unſchuldig Weib und meine unſchuldigen Kinder in's Elend.. ſo bringen Sie Der Erzähler. 1846. w. 4 50 mich nicht unter's Schwert oder auf Lebzeit in den ſchweren Kerker.... ja, ja, ich habe dem Kohler den Garaus ge⸗ macht!! Obſchon Redenbach, was Wigand geſtand, geahnt hatte, ſo erſchütterte ihn doch eben dieſes Geſtändniß ſo gewaltig, daß er dem Verbrecher nichts zu entgegnen vermochte. Daher blieb dem Letztern Muße genug, an das Bekenntniß noch einige Ent⸗ ſchuldigungsgründe zu hängen. Er verſicherte— immerfort zitternd und bebend und zähneklappernd, daß ihn Kohler ſchon lange und heute auf's Neue beleidigt, ſchwer beleidigt, und daß hierauf— ohne Vorbedacht, im Zorn, zugleich im Rauſch eines Faſchingstrunkes er den Kohler mit einem unglücklichen Schlage zu Boden geſtreckt habe Was alsdann etwa noch ge⸗ ſchehen, wiſſe er nicht, und ſein Weib, das er dann herbeige⸗ rufen, wiſſe auch nur von dem angeblichen Sturz über die Treppe, nicht von der Rauferei. Sie habe zuerſt die Idee gehabt, den Doktor zu rufen, ohne vorzeitig Lärm zu machen. Der Kohler habe dazumal noch einige Lebenszeichen von ſich gegeben, und ſie hätten gehofft, der Doktor werde ihn vielleicht noch zurecht bringen. Dem ſei nun freilich nicht ſo, aber er, Wigand, bitte den Herrn Stadtphyſikus mit aufgehobenen Hän⸗ den, ihn nicht in's Unglück zu bringen und mit ihm ſeine Familie. Kohler ſei unverheirathet geweſen... es werde kein Hahn nach der Geſchichte krähen, wenn ein Zeugniß des Herrn Doktors die Sache gut mache, ſtatt ſchlecht, und der Verſchonten Dankbarkeit werde ohne Gränzen ſein...— Dieſes und noch viel Aehnliches trug Wigand mit einer wil⸗ den, holprigen, aber maleriſchen und hinreißenden Veredſamkeit 5¹ vor. Auch redete er nicht umſonſt für ſein armes Haupt und Haar, denn als er zum Schluſſe die Worte ſprach: Wir Men⸗ ſchen ſind ja alle zumal arme Sünder, und um dieſer unſrer Aller Sünden willen, Herr Doktor, auch um Gottes und mei⸗ ner Kinder willen, üben Sie Barmherzigkeit!— da nahm für den Todtſchläger des Doktors Gewiſſen Parthei, und flü⸗ ſterte ihm zu: Wirſt du, ſelbſt ein Mörder des armen Haſten⸗ dorf, hingehen und auf den Henkerblock liefern Einen, der in Leidenſchaft und trunkenem Muth einen mörderiſchen Streich geführt? Nach mancher Hin⸗ und Herſprache ſagte übrigens Reden⸗ bach:„Bevor ich mich auf irgend etwas einlaſſe, muß ich den Beweggrund der That wiſſen. Heraus damit und zwar ohne Falſch und Winkelzüge. Das„Warum“ kann mildern, aber auch erſchweren.“ Nach einigem Zögern bequemte ſich Wigand, in Kürze eine alte Geſchichte zu erzählen, die ſich, wenn man anders Wigands von Niemand mehr zu kontrolirenden Worten trauen durfte, alſo verhielt: Als s zwei nicht mehr gar junge, aber tief in Noth ver⸗ ſunkene Handwerksburſchen reiſend, waren Wigand und Koh⸗ ler einſt mit einem andern wandernden Geſellen zuſammenge⸗ troffen, der aus der Fremde nach Hauſe zurückging, und in ſeinem Ränzel eine ſehr an ſehnliche Summe Geldes, theils Erſparniſſe mehrerer Jahre, theils eine Erbſchaft, die ihm ein Onkel hinterlaſſen, heimwärts trug. Unbedachtſam, weil ganz arglos, hatte er dem Drechsler und dem Zinngießer ſeinen Schatz gezeigt und ſeine Anſiedlungsplane vertraut. Die bei⸗ 52 den Kameraden, von Noth und Neid verführt, folgten dem geſchwätzigen Burſchen, ohne daß er's wußte, auf Schritt und Tritt, und fanden Gelegenheit, ihm ſein Ränzel, da er müde unter einem Baume eingeſchlummert war, zu entwenden. Sie theilten das Geld, warfen das Ränzel ſammt allem übrigen Inhalt weit hinaus in's Feld und machten ſich glücklich aus dem Staube, ohne je wegen des Raubes behelligt zu werden. Mit dem geſtohlenen Gelde gründeten beide ihr Gewerbe, wäh⸗ rend unfern in einem armen Marktflecken der Beſtohlene in Kummer und Sorge verging, an der Abzehrung ſtarb, und — zum Glück war das Weib, das er genommen, früher ſchon geſtorben— ein paar verwaiſte kleine Kinder ſeiner am Hungertuch nagenden Mutter zurückließ.— Unter der Zeit indeſſen, als Wigand nach und nach zu Vermögen gelangte, ging es dem Kohler bei weitem nicht ſo gut. Alles, was Jenem zum Vortheil ausſchlug, gereichte Dieſem zum Schaden. Darüber wurde Kohler ſchwermüthig und verfiel, unverheirathet und einſam, wie er war, in allerhand frömmelnde Grillen⸗ füngerei. Er ſuchte, was ſehr natürlich, den Grund ſeiner Armuth und Nahrungsloſigkeit in dem Unſegen, den ihm das geraubte Geld gebracht. Nur vermochte er nicht mit der ihn betreffenden Strafe des Himmels den Wohlſtand ſeines Mit⸗ ſchuldigen zu reimen. Je lauter bei ihm das Gewiſſen an⸗ klopfte, je feſter wurde ſein Vorſatz, den glücklichern Wigand in Mitleidenſchaft zu ziehen. Er ſprach ihm hie und da von den Gerichten Gottes, und muthete ihm zu, an die Hinter⸗ laſſenen des beſtohlenen Handwerkers Erſatz zu leiſten— ein Erſatz, den Wigand einzig aus ſeiner Taſche zu beſtreiten ge⸗ „ 53 habt hätte, da Kohler nichts beſaß, als ſeinen ſpärlichen Tagsverdienſt. Wigand lachte den Mahner aus. Immer und immer aufs neue kam Letzterer auf den ungefälligen Tert zurück. Wigand wurde endlich böſe, und wies dem ungeſtümen Prediger die Thüre.— Kohler ließ jedoch nicht ab, und ging endlich ſo weit, dem Wigand zu drohen, die ganze üble Ge⸗ ſchichte dem Kriminalrichter anzuzeigen.—„Ich weiß wohl,“ ſagte er,„daß auch ich zur Strafe gezogen werde, aber lieber will ich mein Lebenlang Kette und Kugel ſchleifen, als länger in meiner verſchuldeten Armſeligkeit ſtecken bleiben, und mit⸗ anſehen, wie Du den reichen Mann ſpielſt, und biſt doch ein Dieb, wie ich.“— Dieſe Drohung hatte nun dem Faß den Boden ausgeſtoßen, und nach manchen Begütigungsvorſchlägen, die Wigand gemacht und Kohler hartnäckig verworfen, hatte der Drechsler, ſeinem Zorn nicht mehr gebietend, den Zinn⸗ gießer erſchlagen. „Und dennoch iſt die Reſtitution des geraubten Geldes diejenige Bedingung, die ich ſetzen muß, wenn ich ſchweigen ſoll!“ ſagte nach langem Bedenken der Doktor, als Wigand ſeine Erzählung zu Ende gebracht hatte. Worauf Wigand voll Geiz und voll Furcht:„Dreitau⸗ ſend Thaler! Wie wäre mir das möglich?“ „Er hat ein eigen Haus, ein gut Gewerbe„ eine ver⸗ mögliche Frau;“ verſetzte der Doktor:„Er kann dasjenige thun, was er vor Gott zu thun ſchuldig iſt. Nur unter dieſer Bedingung..... 4 Noch ängſtlicher ſeufzte Wigand:„Wie aber ſoll ich 54 Erſatz leiſten, ohne daß die ganze Hiſtorie an den Tag kommt?“ „Das ſei meine Sorge. Gebe Er mir das Geld; ich werd' es in die Hände der armen Hinterlaſſenen befördern, ohne daß ſie je erfahren ſollen, woher es gekommen. Wo t Mit wahrer Todesfurcht umklammerte Wigand des Dok⸗ tors Hände mit den ſeinigen und flehte:„Auf Ehr' und Seligkeit.... jetzv kann ich nicht. Geben Sie mir aber Fiſ, und „Wohlan denn. Sechs, ſieben Monate.... zum Gal⸗ lustag, wenn Er will?“ „In Gottesnamen.... wenn's nicht anders ſein kann, auf Galli.“—— Nachdem dieſer Bund gemacht, entfernte ſich der Doktor, ſchrieb ſelber den Bericht von dem plötzlichen, durch einen Sturz von der Treppe herbeigeführten Tode des Kohler, traf die geeigneten Vorkehrungen, daß nicht von einer andern Seite die Entdeckung des Verbrechens herbeigeführt werden konnte, theilte bis nach Kohlers Begräbniß die innere Seelen⸗ angſt des Wigand, und athmete erſt freier, als das Kreuz auf dem friſchen Hügel ſtand.— Alsdann ſagte er ſtolz und eitel und prahleriſch ſogar zu ſich ſelber:„Du haſt Gutes gethan, durch Mitleid mit einem Sünder Deine eigene Sünde wieder gut gemacht!!— Doch ſchrie ihm in finſtern ſchlaf⸗ loſen Nachtſtunden die gewiſſe unbeſtechliche Richterſtimme, die nur ſelten, nur zu Zeilen ſchweigt, in's troſtlos lauſchende 55 Ohr:„Du haſt ſchlecht gethan. Selbſt ein Verbrecher, biſt Du geworden der Hehler eines Verbrechens!!“ Und wiederum verging das Frühjahr und der Sommer, und zum zweitenmal begannen die Blumen auf Klementinens Grabe zu verwelken; dagegen kam ein lachender Herbſt mit plauen Trauben, mit feurigem Wein, mit Luſt und Freude. Früher als ſonſt war der Segen des Rebſtocks überreif; nur die gediegenſten Kenner des Weinbau's ließen noch um die Mitte des Oktobers ihre Trauben leſen. Die Mehrzahl der Weinbergbeſitzer war ſchon acht Tage früher fertig geworden. Zu Wigand, der auch einen Rebberg eigen hatte, trat ſeine Frau, und fragte:„Wie ſteht's denn, Chriſtian? Triffſt Du heuer keine Anſtalt, leſen zu laſſen? Die Trauben ver⸗ dorren ja am Stock, und Du brüteſt ſchon ein paar Wochen als wie ein Klausner in den finſterſten Winkeln herum, und kümmerſt Dich um Nichts?“ Der Meiſter ſchlug die düſtern Augen nieder und die Arme übereinander, ſchwieg und ließ die Frau ihre Frage wiederholen. Endlich ſagte er langſam:„Beſorge Du, daß Morgen die Arbeit gethan werde. Gehe hinaus mit den Kin⸗ dern und mache Dich luſtig. Nimm ein paar Freundinnen mit. Weißt Du was? Lade Redenbachs Dorothea ein. Es wird ihr Freude machen, und wir ſind dem Doktor Dank ſchuldig, daß er in dem verdrießlichen Handel— als Kohler plötzlich bei uns das Genick brach, alles ſo ſäuberlich abge⸗ macht hat, ohne daß die Polizei und Tod und Teufel uns mit ihren überläſtigen Fragen Langeweile verurſachen konnten. Sörſt Du, vergiß die Dorothee nicht.“ 56 „Gewiß nicht, Chriſtian. Ich habe die alte Jungfer ſo gern! Gleich will ich für Morgen Alles beſtellen.“ Die Frau war noch nicht eine Viertelſtunde weg, ſo rief eine wohlbe⸗ kannte Stimme— des Doktors Redenbach— zum offenen Werkſtattfenſter hinein, hinter welchem Wigand noch immer mit niedergeſchlagenen Augen und gekreuzten Armen ſaß: „Guten Tag, Meiſter Wigand! Morgen iſt Galli; verſtan⸗ den?“—„Weiß wohl; habe nicht vergeſſen, werde mich ein⸗ ſtellen;“ antwortete der Drechsler, ſeine Mütze ziehend, ohne ſich weiters aus der Ruhe bringen zu laſſen:„Morgen nach Tiſch, wenn Sie erlauben?“—„Wird mir lieb ſehn,“ verſetzte der Doktor freundlich:„werde zu Hauſe bleiben.“ Am folgenden Tage bei Tiſche ſagte Dorothea, als der Bruder ſie ermahnte, ſich recht zu der Herbſtfreude herauszu⸗ putzen:„Ach, ich meine, es wäre beſſer, ich bliebe daheim.“ —„Warum nicht gar?“ entgegnete der Doktor:„Du lebſt nun ſchon ſeit Jahren wie eine Spinne, eingeſponnen in ihrem Gewebe, wie eine Schnecke, eingerollt in ihrem Häuschen. Darfſt ſchon einmal luſtig ſein. Die Wigand hat Dir zu Ehren eine große Geſellſchaft gebeten. Geh immerhin.“ Dorothea hob wieder an:„Ich weiß nicht... ich bliebe lieber daheim. Laß mich bleiben, liebes Herz.“— viſ Du unpaß?“ fragte der Doktor beſorgt. „Nicht doch; kerngeſund im Gegentheil. Aber mir iſt zu Sinn, als ſollt' ich nicht von Hauſe gehen.“—„Narrheit!“ ſcherzte der Doktor:„Geh', ich befehl' es Dir. Ich kann Dich zudem heute nicht zu Hauſe brauchen. Es kommt Ge⸗ „ 57 ſellſchaft zu mip, die Du nicht ſehen ſollſt, mein Schwe⸗ ſterlein.“ „So?“ ſcherzte auch Dorothea:„Haſt Du Geheimniſſe vor mir? Jetzt gerade hätt' ich doppelt Luſt, zu bleiben!“ „Bah, bah; im Ernſt: ich will's; Du ſollſt gehen, den Leuten ihre Freude nicht verderben, und mir ein wackres Körb⸗ chen voll ſüßer Trauben nach Hauſe bringen. Geh, geh; die Uhr zeigt ſchon auf zwei, und wie bald dunkelt ſchon der Abend herauf? In dieſer Jahreszeit kommt er huſch huſch⸗ wie der Tod und mit dem hellen Tage hört die Freude auf.“ Dorothea, da ſie merkte, daß ihr Bruder auf ſeinem Willen beſtand, fügte ſich gehorſam darein, küßte ihn zum Abſchied und ging auf Wigands Weinberg. Wie Hermann vorausgeſagt, war große Frauengeſellſchaft vort; lauter ſchlichte, fröhliche, ſchnatternde Bürgersweiber und Töchter derſelben; unter allen die vornehmſte war Dorothea und ein Gegenſtand der liebevollſten Aufmerkſamkeit. Für ſie und ihren Bruder wurden die ſchönſten Trauben geſchnitten, ſie hatte den Ehrenplatz am Kaffeetiſche, der ſüßeſte Moſt floß in ihren Becher. Dennoch war ihr unerklärlich weh und bang zu Muthe. Es ſchlug Drei und Vier auf den Thürmen der Stadt. Sie konnte kaum den Aufbruch erwarten, der erſt in der Dämmerung, nach dem Abbrennen von ſo und ſo viel Raketen ſtatt finden ſollte. Ei, wo iſt denn Ihr Mann, liebe Frau? fragte Doro⸗ thea, die auf einmal des Drechslers Abweſenheit bemerkte, ihre Freundin. Hm, verſetzte dieſe achſelzuckend: 8 iſt wieder einmal nichts mit ihm anzufangen. Hat wieder ſeinen Raptus wie allemal im Herbſt; Sie wiſſen das. Da muß man ihn gehen laſſen. Er muckt dann ein paar Wochen, und dann tumul⸗ tuirt er wieder vierzehn Tage. Ich kenne das nachgerade. Auch brauchen wir ihn nicht. Sind nicht Manns⸗ und Weibsleute genug da, um luſtig zu ſeyn? Hören Sie? da geht der erſte Böller los! Ach, wär's doch ſchon der letzte dachte Dorothea, deren inneres Unbehagen immer mehr im Steigen. Es war auch der letzte Böllerſchuß in dieſem Weinberge!— Denn kaum war der Widerhall in Berg und Wald ſtill geworden, ſo ließ ſich kreiſchend die Stimme eines alten Nachbarn dieſes Rebguts vernehmen, der ſo ſchnell als es ging, gegen die Verſammlung heranlief. „Was macht Sie da, Frau Wigand? Sie laßt ſchießen und erluſtirt ſich, und drunten in der Stadt ſetzen ſie juſt Ihren Mann in's Gefängniß?“ „Wie? was?“ rief die Frau, erſchreckt aufſpringend mit der ganzen Geſellſchaft:„In's Gefüngniß? Iſt Er ein Narr? Mein Mann im Kerker? Wie ſollte das zugehen?“ „Ha;“ antwortete der Alte grob und überlaut:„Drum hat er vor einer halben Stunde den Doktor Redenbach in ſeinem Hauſe erſtochen und iſt auf der That ertappt wor⸗ den!!“—— Der Alte hatte leider keine Lüge geſagt. Aus war die Luſt, vom Schmerz plötzlich abgelöſt.— Und als Dorothea heim⸗ kam, ſelbſt mehr todt als lebendig, und ihr Haus von Gens⸗ darmen und Gerichtsperſonen und Aerzten angefüllt fand, und „ 59 ihren Bruder in den letzten Zügen dahin liegend... welch' ein Schauſpiel!— Sie küßte ihrem Bruder Hermann bei⸗ nahe das Leben von den Lippen, und ſeine letzten Worte zu ihr lauteten:„Der Wigand hat mit ſeinem Meſſer mir den Lohn gegeben! Ich habe geerntet, was ich geſäet.“ Nach Hermanns Tode fand man ſeine Schuld unbeſchö⸗ nigt in ſeinem geheimen Tagbuch aufgezeichnet, mit der vor⸗ ausgegriffenen Bemerkung: Wigand hat am Gallitag richtig bezahlt. Wigand, der mit dem Mordmeſſer in der Hand von ein paar Gerichtsdienern, die eben zum Stadtphhſikus in ir⸗ gend einem Auftrage zur Meldung kamen, erwiſcht worden war, bemühte ſich nicht lange mit Leugnen. Er geſtand den Mord, und den an Kohler verübten Todtſchlag und den Raub an jenem Handwerksgeſellen.—„Obſchon dem Doktor zu „Dank verpflichtet,“ ſo ſagte er vor offenem Gericht aus— „wurde mir dieſe Verpflichtung von Stunde zu Stunde ſchwe⸗ „rer zu tragen. Das Erſatzgeld wollte ich auch nicht zahlen, „obſchon ich's verſprochen. Und als Galli immer näher und „näher kam, wurde ich immer geiziger und ſchreckhafter, und „fürchtete, vom Doktor verrathen zu werden, und endlich „dachte ich mir: die Todten allein können nicht mehr plau⸗ „dern; ging hin, und erſtach den Mitwiſſer meiner Verbrechen „unverſehens, und hoffte, unbekannt von dannen zu kommen. „Aber Gott ließ das nicht zu, und jetzt geſchehe ſein Wille „weil's nicht anders ſehn kann!“ Nach einigen Monden ſtarb Wigand auf dem Blutgerüſt. Er hat geerntet, was er geſäet. 60 Noch ungeführ zehn Jahre lang beſuchte eine ſtets in Trauer gehüllte Frau Tag für Tag den Kirchhof, auf wel⸗ chem neben Klementine der Doktor gebettet liegt. Dorothea hatte für den Bruder dieſen Ruheplatz erworben und Blu⸗ men darauf gepflanzt, von denen, die auf Klementinens Hügel blühten. Dorothea pflegte dieſe ihr heiligen Stellen und betete auf denſelben, bis eines Tags ein Engel ſie von der Erde nahm. Sie hatte ſtets Liebe geübt, ſo lange ſie hienieden wandelte; in's Jenſeits forderte ſie mit leiſer, heitrer Mah⸗ nung die ewige Liebe! Sie 6 geerntet, was ſie geſäet! Umbra lethifern.*) Zwiſchen ſtück aus einem Roman⸗ Nach G. de Molenes. Von Meuberger. —2— er Vicomte von Mafré ließ die blaue Rauch⸗ wolke aus ſeinem Munde wirbeln, und begann: Da wir ſo weit weg ſind von unſerm lieben Paris, brauche ich wohl noch weniger mich einer Zurückhaltung zu befleißigen, die überhaupt nicht ſonderlich in meiner Art liegt. Ich will es daher kein Hehl haben, daß Lady Mac⸗Morth, die bleiche Schottländerin mit dem unheimlichen Blick, mich auszeichnet; und da ich nun ein ziemlich kaltblütiger und beob⸗ achtender Liebhaber bin, ſo laß ich mir gern etwas erzählen und verlege mich ein wenig auf's Horchen. Ihr ſollt meine Ausbeute diesmal mit mir theilen. † *) Die Schwarzkunſt unterſcheidet zweierlei Arten von Erſchei⸗ nungen, umbra horrifica, und umbra lethifera geheißen, zu deutſch: Der erſchreckende und der todtbringende Schatten. 62 Da war ein junger Spanier, Don Joſe de Temera, zwanzig Jahr alt, der mit ſeinem Hofmeiſter nach London kam. Vom Hofmeiſter ſollte er das Reiſen lernen. Der junge Menſch war reich, ſo recht, was man reich nennen kann, dabei muſterhaft ſchön, und wünſchte das Glück kennen zu lernen. Nun, ihr wißt ja, was die Jugend unter Glück verſteht die Leidenſchaft, die Leib und Seele in Flammen taucht. Zu ſelbiger Zeit kam auch die Lady Argine Mac⸗Morth nach London, unter der Obhut ihres alten Herrn Gemahles, des Admirals, der ſie aus irgend einem hochſchottiſchen Berg⸗ ſchloß ohepenſer. Kobolde und Hexenſpuk weggeheirathet hatte. Die erſte Frau des alten Herrn, welcher den Krieg in Spanien mitgemacht hatte, war zufällig eine Tante Don Joſe's geweſen. So wurde er denn ganz natürlich in's Haus eingeführt. Ein junger Menſch mit einem Hofmeiſter, eine — junge Frau mit einem alten Mann ſind beide wie eigens für einander geſchaffen, das iſt eine alte Geſchichte. Es iſt juſt als ob Stroh und Feuer zuſammenkämen. Das Stroh fing Feuer, das Feuer Stroh; und wenn es auch nicht ſchön und brab von der Lady war, daß ſie eine verbrecheriſche Neigung zum Neffen ihrer Vorgängerin faßte, ſo iſt es leider doch nnicht weniger wahr. Zu allem Ueberfluß konnte der alte Admiral trotz Gicht und Flüſſen das Seefahren nicht laſſen. Dem falſchen Meer ſvertraute er ſein gebrechliches Daſein an, und der noch gebrech⸗ licheren Treue eines Weibes ſeine Ehre. Was Wunder, wenn er mindeſtens auf iner Seite Schiffbruch litt? 63 Der Admiral war zu Anbeginn des Winters unter Segel gegangen, und das glückliche Paar hätte wahrlich jetzo die kalten Nebel Londons nicht für Neapels Sonnenlicht her⸗ gegeben, denn alles war für die Beiden Leben, Lenz und Liebe. Im Frühling war's grad umgekehrt, da kam der Alte wieder heim und brachte den Winter mit. Er gehörte zwar nicht zu den unbequemen Ehemännern; aber mit den nach⸗ ſichtigen Herrn geht's juſt wie mit den ſchwachen Fürſten: ſie erregen die meiſte Ungeduld. Man hatte ſich während ſeiner Abweſenheit ſo wohl befunden. Wer hieß ihn au di See verlaſſen, die wahre, die einzige Liebe eines ergraut Seemannes? Die Winterabende waren ſo kurz geweſen, u jetzt ſchlichen die Stunden lahm an Krücken dahin, wie der Admiral ſelber. Joſe und Argine hielten ſich für die un⸗ glücklichſten aller Liebenden; ſie hätten allenfalls mit Romeo und Julie, mit Pyramus und Thisbe getauſcht. Eines Abends war der Admiral beim Miniſter. Die Liebenden ſeufzten, bis endlich Temera auf den klugen Einfall gerieth, die Zeit nicht mit eitlen Klagen zu verderben. Er nahm ſich zuſammen und machte der Angebeteten eine Eröff⸗ nung eigenthümlicher Art. Ein ſeiniger Großoheim war vor beinahe hundert Jahren mit einem ſchönen Judenkind vor dem Zorn des geiſtlichen Gerichtes weit über's Meer geflohen, nach Peru, von da nach Braſilien, dann auf den atlantiſchen Ocean, wo er unfern des Vorgebirges St. Auguſtin eine Inſel entdeckt hatte, die ihm in allen Beziehungen dermaßen behagte, daß er ſich darauf anſiedelte, und einen Palaſt 64 erbaute, der allen Feenſchlöſſern aus Tauſend und einer Nacht den Rang ſtreitig machen durfte. Don Joſe war immerdar vom Verlangen beſeelt geweſen, das mährchenhafte Schloß einmal zu beſuchen, das unter andern Beſitzungen der Familie ihm zugefallen. Jetzt, meinte er, könne ſich ſein Traum nicht herrlicher erfüllen, als wenn es ihm vergönnt wäre, mit der Liebe ſeiner jungen Tage dort in ſtiller Behaglichkeit para⸗ dieſiſche Tage zu verleben. Die Gedanken eines Muſelmans, der in nachdenklicher Beſchaulichkeit Abends mit den Wolken aus ſeiner Pfeife ſie dem Himmel zuſendet, können nicht raſcher die Sterne erreichen, als Argines Dichten und Trachten der fernen Zauberinſel zueilten. Sie forderte dem Geliebten einen Eid ab, daß er ſie nach dem Schloſſe bringen würde, wo einſt die kleine Jüdin und ihr Ritter gelebt und geliebt. Als ſie bald darauf eines Abends ſich wiederum mit ihm allein fand, ſagte ſie, ſie könne länger nicht dem brün⸗ ſtigen Verlangen nach der Inſel widerſtehen, und ſie müſſe ſchleunigſt dahin aufbrechen. Joſe machte eine geheimnißvolle Miene. Der ſchöne junge Mann erklärte: er könne ihr aller⸗ dings Mittel und Wege berſchaffen, nach dem Ziel ihrer heißen Sehnſucht zu ſegeln, er ſelber würde aber dann erſt in einem Monat folgen, denn ſein Vater beriefe ihn nach Holland, wo unaufſchiebbare Angelegenheiten ſeine Gegenwart dringend erheiſchten. Doch würde er ſich bald genug der väterlichen Obhut wieder zu entziehen wiſſen, und vom Baag aus in See gehen, um dem Leben ſeiner Träume und der Erkorenen ſeines Herzens zu folgen. 65 Lady Mac⸗Morth gehört zu jenen weiblichen Weſen, die ihren Wünſchen unbedenklich durch Nacht und Nebel folgen, die keine Gefahr abſchreckt, kein Geſpenſt, kein Tod und kein Teufel aufhalten kann. Sie entfloh, begleitet von einem Freund deſſelben Hofmeiſters, welcher dem Leichtfuß beigegeben worden, damit er von ihm reiſen lerne. Argine erreichte ohne Unfall dieſe Inſel, dieſelbe, wo wir gegenwärtig ſo gaſtlich bewirthet werden. Nicht gering war ihr Erſtaunen, als ſie das Schloß mit zahlreicher Die⸗ nerſchaft angefüllt und auf's Prachtvollſte eingerichtet fand, alles darin ſo friſch und neu wie von geſtern her. Sie dachte, ihr Anbeter habe ſie überraſchen wollen, und kenne. den Platz ganz wohl, den er eigens mit allen Bequemlich⸗ keiten des vornehmen Lebens ausgerüſtet, um ihr und ſich einen anmuthigen Aufenthalt zu bereiten. Minder angenehm aber fand ſie eine andere Ueberraſchung; auf Joſe's ausdrück⸗ lichen Befehl ward ihr ein gewiſſer Theil des Schloſſes ange⸗ wieſen, worauf ſie unerbittlich beſchränkt blieb. Das Gefängniß war prächtig und geräumig, aber dennoch ein Gefängniß. Freiwillig hätte ſie ſich ſicherlich gern auf die Gartenterraſſe beſchränkt, welche ihr zur Verfügung geſtellt worden; ſobald ſie jedoch vernahm, daß ſie bis zu Temera's Ankunft die Grenze nicht überſchreiten dürfe, fing ſie an zu weinen, und wollte nimmer damit aufhören. Voll Grimm und Traurigkeit, wollte ſie anfangs keinen Tritt vor die Zimmerthüre ſetzen Aber der Garten, welchen ſie verſchmähte, war herrlicher als die hängenden Gärten der Semiramis mit ſeinen Pomeranzen⸗ bäumen und Rieſenblumen, ſeinen gewaltigen Waſſerbecken Der Erzähler. 1846. W. 5 von Porphhr, ſeinen Bildſäulen von Peri's, Rittern und Sararenen, von griechiſchen Göttern und Göttinnen; er erregte nach und nach ihre Neugier. Gefangene ſind überhaupt neu⸗ gierig. Eines Morgens alſo vergaß Argine, was ſie ſich ſelber zugeſchworen, und beſuchte die Terraſſe. Den luftigen Raum umſchloß eine durchbrochene Einfaſſung von weißem Marmor. Sie lehnte ſich auf dieſes Geländer und ſah hinab auf einen weiten Park mit ſchattigen grünen Baumgängen und blanken Bildſäulen. Plötzlich wollte es ihr vorkommen, als gewahrte ſie am Ende eines Baumganges eine weibliche Geſtalt. Ihre Auf⸗ merkſamkeit verdoppelte ſich, und bald gewann ſie die Ueber⸗ zeugung, daß ſie mit dem erſten Blicke recht geſehen. Das Weib, welches dort unten umherwandelte, war unverkennbar ein Weſen höherer Art, als die dienſtbaren Geiſter, des Hauſes Zofen und Mägde. Während Argine die wohlge⸗ formte und vornehm gekleidete Dame muſterte, war ſie ſelber ein Gegenſtand peinlicher Aufmerkſamkeit von Seiten der überraſchten Andern. Die beiden Weiber betrachteten ſich noch mit argwöhni⸗ ſchen Blicken, als der Mann herbeikam, welcher die Schottin von England begleitet hatte und hier die Rolle eines Haus⸗ hofmeiſters ſpielte. Jetzt ſah er ungefähr aus wie der Auf⸗ ſeher einer Thierbude, wenn ihm ein Pantherweibchen aus dem Käfich entſprungen. Seine Verwirrung ſtieg, als er nun auch die Ladh auf der Kerraſſe wahrnahm, wie ſie mit der Dame unten Blicke wechſelte. Er lief auf dieſe letztere zu, und nach einet kurzen Unterredung, die übrigens ſehr —„ 67 lebhaft zu ſein ſchien, gelang es ihm, ſie zu bewegen, ihm zu folgen; ſie verſchwanden in einem Nebenflügel des Schloſſes. Das Abenteuer beſchäftigte Arginens Gedanken unauf⸗ hörlich, und die Vermuthungen, immer eine toller als die andere, verdrängten einander, als eines ſchönen Morgens die Zofe ihr ein Brieflein gab, worin zu leſen ſtand: „Die Präſidentin von Gazah würde ſich glücklich ſchätzen, Lady Mac⸗Morth zu ſehen und mit ihr von Don Joſe zu ſprechen.“ Die beſagte Präſidentin mochte wohl die Dame aus dem Park ſein, und Argine verlangte es gar nicht beſſer, als mit ihr alle nur denkbaren Unterredungen anzufangen; nur wußte ſie nicht, wie ſie es anſtellen ſollte, um die Zu⸗ ſammenkunft zu bewerkſtelligen. Das machte ſich aber ſo zu ſagen ohne ſie. Zufällig war die Zofe, welche ihr das Brieflein zugeſteckt, eine Feindin des Haushofmeiſters; zweitens empfand ſie Theilnahme für die eingeſperrten Damen; drittens war ſie ein Frauenzimmer, was ſoviel heißt als: ſie fühlte den entſchiedenſten Geſchmack für geheime Ränke, Durchſteckereien und gefährliche Geheim⸗ niſſe. Nach dieſer Erklärung können wir füglich den Umſtand, daß ſie ein Kammerkätzchen vom beſten Vollblut war, ganz unerwähnt laſſen. Kurz: die Zuſammenkunft hatte bald ſtatt, nächtlicher Weile in einem düſtern Winkel des Parkes. Saubere Ge⸗ ſchichten waren es, welche hier in der Dunkelheit zu Tag kamen. Dieſer Don Joſe mit ſeinem Flaumbart und ſeinem unſchuldigen Geſicht, er war ſtatt des ägyptiſchen Joſeph, wofür man ihn zu nehmen geneigt geweſen, ein wahrer Don Juan, der, wie Elbira(oder vielleicht auch Donna Anna) ſingt, eine„verrätheriſch ſchwarze Seele« im Buſen trug. Er hatte der Frau des Präſidenten dieſelben Verheißungen gemacht, womit er auch die Frau des Admirals bethört. Noch mehr: die Zofe wollte erfahren haben, daß kürzlich noch eine dritte Schönheit gelandet ſei, welche wie die andern Beiden abgeſperrt gehalten würde. Was mochte Temera wohl vorhaben? Man verlor ſich in Vermuthungen.— Wird er kommen, um ſeine Opfer zu ſehen? Wird er ſie ganz im Stich laſſen? Doch, was er auch thun oder laſſen mochte, jedenfalls hatte er ſich des ſchwärzeſten Verrathes ſchuldig gemacht. So wenigſtens ur⸗ theilten die zwei Frauen, und in ihrer Entrüſtung achteten ſie die prachtvolle Herrlichkeit ihres Aufenthaltes für nichts. Dem erſten geheimen Stelldichein folgte ein zweites, wobei es Grund zu neuen Klagen gab. Die Zofe war durch kein leeres Gerücht getäuſcht worden, eine dritte Schönheit bewohnte das Schloß. Die ſchlaue und gefjrlich⸗ Kammer⸗ katze verſprach, die Damen mit ihrer neuen Nebenbuhlerin zuſammenzubringen. Dieſe Nebenbuhlerin war Ottilie, ein deutſches Fräulein, ſanft und zärtlich von Gemüth. Ottilie erzürnte ſich nicht wie ihre Leidensgefährtinnen, aber ſie weinte helle Thränen, und wollte damit nicht aufhören. Die drei beſchloſſen im hohen Rath, den Verräther mit ſtolzer Kälte zu empfangen, wenn er je es wagen ſollte, ihnen unter die Auchen zu treten. Ueberdies ſchwuren Argine 69 und die Gazay dem Verräther empfindliche Rache; doch daran wollte das ſanfte Fräulein durchaus nicht Theil nehmen. Während ſo geheime Zuſammenkünfte abgehalten, Ver⸗ ſchwörungen angezettelt wurden, nahten Temera's wunderliche Plane ihre Reife.* Eines Morgens ſah Argine den Mann bei ſich ein⸗ treten, welchem die Hut der gefangenen Damen anbertraut war, und der ſich, wie er in ſtolzer Zuverſicht wähnte, ſeines Auftrages muſterhaft entledigt hatte. Er verbeugte ſich über⸗ aus tief und lud die Lady ein, ihm in einen Saal zu folgen, wo ſie einen Brief von Don Jpoſe erhalten würde. Schweigend that ſie der Aufforderung Genüge. So gelangte ſie unter ſeiner Führung in eine ihr bisher unbekannt gebliebene Ab⸗ theilung des Schloſſes und zu einem Saal, der wo möglich noch prächtiger ausgeſtattet war als alle übrigen Räume des Zauberpalaſtes. Im Saal traf ſie bereits Ottilie, die Frau von Gazah, und die Zunge ſträubt ſich, es zu ſagen!... noch eine andere Schöne, blond wie die kleine Deutſche, aber mit nicht ſo ſchwärmeriſchen, ſondern ruhigen blauen Augen, eine wohl⸗ genährte Tochter der Tulpenſtadt Haarlem. Ihr könnt euch vorſtellen, daß die überraſchende Er⸗ ſcheinung dieſer holden Tulipane nicht ſonderlich dazu beitrug, Argine günſtiger für ihren Verräther zu ſtimmen. Mit zor⸗ niger Geberde nahm ſie den Brief, welcher ihr auf einer mit Schmelzwerk eingelegten Goldſchale zwiſchen Blumen überreicht 70 wurde. Auf dem Unſchlag ſtand von Temera's Hand ge⸗ ſchrieben: „Ich bitte meine theure Lady Mac⸗Morth, gegenwärtiges Sendſchreiben der Frau Präſidentin von Gazay, dem Frei⸗ fräulein Ottilie von Brücken und der Frau van Gendam vorzuleſen.“ ½ Lady Mac⸗Morth hob die Blicke vom Blatt zu ihren Leidensgenoſſinnen. Jetzt wußte ſie, was das Ungeheuer in Holland für dringende Geſchäfte gehabt hatte! Nach kurzer Zögerung las ſie: „Vierfache Liebe trag' ich im Herzen. Warum auch „nicht? Können doch vier Blumen und mehr noch auf Einem „Stengel wachſen. Ich bin kein Wüſtling und haſſe den Be⸗ „trug; vier Frauen lieb' ich zugleich mit aller Gluth und In⸗ „brunſt einer erſten Leidenſchaft. Ich begreife nicht, weshalb „die Liebe, die ächte und gerechte Liebe, dieſe Quelle alles „Lebens, der Ruhm der Jugend, das Glück und der Zauber „der Welt, es ſchlechter haben ſollte, als die väterliche, die „mütterliche, die brüderliche und jede andere Art von Liebe. „Ein Vater mag zehn Kinder lieben, ein Pruder ſein Herz „zwiſchen zwanzig Geſchwiſter theilen, und dennoch ſoll der „Mann nur Ein Weib lieben? Wie abgeſchmackt ſinnlos! „Ich, Joſe von Temera, ich trage vier Frauen zumal im Her⸗ „zen. Die Geſellſchaft, ich weiß es wohl, gründet ihr ſoge⸗ „nanntes Sittengeſetz auf die beliebte Abtheilung in Pärlein. „Darum entfloh ich der Geſellſchaft und nehme meine Zuflucht „zum Buſen der Natur. Hier hoff ich den Herrinnen mei⸗ „ner Seele begreiflich zu machen, daß die Liebe eine Grup 71 . „menſchlicher Weſen eben ſo gut vereinen kann, als eine „Traube viele Beeren, ein Zweig viele Blüthen und der große „Bär ſeine ſieben Sterne. „Jetzt bleibt nichts übrig, meine theure Göttinnen, meine „leuchtenden Huri's, als mir zu vergeben, daß ich Euch in „einer Art von Gefangenſchaft hielt. Ich glaubte nur ſo „unſer aller Glück ſichern zu können. Meine Gegenwart, mei⸗ „nen ganzen Hort von Zärtlichkeit hielt ich für nothwendig, „um den Sturm zu beſchwichtigen, welchen tauſende mit der „Muttermilch eingeſogene Vorurtheile in Eurer ziemlich bei⸗ „ſpielloſen Lage erregen müſſen. Wann Ihr dieſen Brief „leſen werdet, bin ich ſchon ganz in Eurer Nähe. Ach, wenn „Ihr zu mir kommen könntet, beſeelt von Einem Gedanken „allesvergebender Liebe, welche ſüße Ueberraſchung würdet Ihr „mir bereiten! Welch eine Seligkeit ohne Ende würde ſich „an den beglückten Anfang knüpfen! Wenn jedoch dieſe er⸗ „ſehute Wonne nicht in den erſten Stunden, Tagen oder Wochen „mir beſtimmt iſt; wenn ich die Stirn meiner Angebeteten „umwölkt, den Blick umflort, den Mund ohne Lächeln finde, „gewiß, das wird mich tief betrüben, doch nicht der Hoffnung „berauben. Die Liebe und die Vernunft werden ſiegen, meine „vier holdſeligen Weſen ihrem Sklaven Vergebung angedeihen „laſſen.“ Das Sendſchreiben hatte trotz ſeiner ſalbungsreichen Hal⸗ tung nicht den erwarteten oder doch gewünſchten Erfolg. Sogar dem deutſchen Fräulein wollten die empfindſamen Lehrſätze des Spaniers nicht einleuchten. Sylvanire, die Präſidentin, nannte ſie geradezu unberſchämt. Lucie, die prächtige Tulpe von Haar⸗ lem, verſtand ſie nicht. Die Hochſchottin Argine dachte mehr, als ſie F. den Augenblick ſagen mochte. Die vier„Göttinnen und Huri's“ waren noch in voller Arbeit, den Verräther in der Hölle tiefſten Abgrund zu wün⸗ ſchen, als er ſelber anlangte, angethan wie ein rechter Herzen⸗ beſieger. Im Knopfloch ſeines amaranthfarbigen Frackes trug er einen Strauß von vier Blumen: Tulpe, Vergißmeinnicht, Roſe und Erica(Heidekraut). Er ſah überaus berführeriſch aus, und jede von den vieren wußte das auch zu würdigen; dennoch ward ihm nur ein eiskalter Empfang. Die ſchwar⸗„ zen, braunen und blauen Augen hatten verlernt, ihm als Lie⸗ besſterne zu leuchten. Er kam doch ein wenig aus der Faſ⸗ ſung. Indeſſen beſtand die Geſellſchaft aus lauter Leuten von Erziehung, und die Exziehung machte ſich noch inmitten der wunderſamen Umſtände mit entſchiedenem Uebergewicht geltend. In dieſem meerumſpülten Zauberpalaſt, tauſend Meilen und mehr von aller Geſittung entfernt, behauptete der feinſte An⸗ ſtand ſeine Rolle. Die Damen waren ihrem Betragen nach mitten in Paris, der Herr ſeinerſeits nicht minder. Die Ge⸗ ſellſchaft ging ſpazieren, frühſtückte, ſpeiſte und verkehrte ſchlan⸗ genglatt, und die Königin dieſes Zuſammenlebens war die aus⸗ geſuchteſte Höflichkeit, doch mehr auch nicht; die Liebe ſtand möglichſt tief unter dem Gefrierpunkt. Als es Schlafenszeit geworden, und Temera, von den Damen verlaſſen, allein auf ſeinem Divan lag, da ging ihm ein Licht auf, und er ſah vollkommen ein, wie thöricht ſeine Vorausſetzung geweſen, vier gebildete Europäerinnen voll Geiſt und Anſprüche wie Sklabinnen behandeln zu können, die er 73 etwa auf dem Markt zu Kairo oder zu Fonſ ge⸗ kauft. Seine vier Erkorenen ließen ſich nicht willkürlich miſchen und legen, wie die Damen in Herz, Schippen, Kreuz und Eckſtein. Die am meiſten erboſte war Argine; wie ſie denn überhaupt unter den vieren die tiefſte Leidenſchaft fühlte. Erzogen in einem geſpenſtigen Bergſchloſſe ihrer Heimath, hatte ſie von ihrer Amme ſchon die Geheimniſſe des Verkehres mit der Unterwelt kennen lernen, und beſchloß die unheimlichen Künſte anzuwenden, um ihrem Ungetreuen den todbringenden Schatten(umbra lethifera) zu ſenden. Das war ein ſchwieriges Stück Arbeit. Die Umbra horrifica, die kann freilich jede Hexe und jeder Hexenmeiſter einem ſchicken, um ihn ein wenig zu erſchrecken, bis er ein herzhaftes„alle guten Geiſter loben ihren Herrn und Meiſter!“ gebetet hat, und der Spuk von dannen weichen muß; aber wenn der andere, der gefährliche Schatten wirken ſoll, da muß der Gewiſſe ſchon etwas Arges auf dem Gewiſſen haben, und keine aufrichtige Reue im Herzen. Doch eben das war in den Gedanken der Lady gar keine Frage mehr, denn nach ihr war Don Joſe der verruchteſte Menſch, welchen die Sonne je beſchienen; und Reue und Leid hatte er gewiß auch nicht gemacht. Die Geſellſchaft ſtand eines Abends am offenen Fenſter; die Nacht war eben angebrochen, der aufgehende Vollmond ſah mit neugierigen Silberblicken in den Saal und auf die Blumengeſchirre, hinter welchen die Lampen verborgen eine zweifelhafte Helle verbreiteten. Argine wandte ſich zu Syl⸗ vanire: 74 „Ihr ſagtet ja neulich, Frau von Gazah, die Zauberei ſei zu Paris ſehr in der Mode, und diene zur geſelligen Un⸗ terhaltung. Nun hab' ich die ſchwarze Kunſt ziemlich gründ⸗ lich erlernt, und da wir uns hier des vornehmen Lebens be⸗ fleißigen, wär's vielleicht nicht übel, auch dieſe höchſt faſhio⸗ nable Unterhaltung zu treiben. Das kann uns einige Augen⸗ blicke angenehm verkürzen,“ ſetzte ſie mit einem ſpöttiſchen Seitenblick auf Temera hinzu, und fuhr dann fort:„Der Mond iſt voll; deutlich zeigt ſich auf ſeiner glänzenden Scheibe jener runde Fleck, welcher der Geiſterbrunnen heißt. Die Lam⸗ pen löſchen wir aus, denn jedes Licht, außer dem der nächtli⸗ chen Geſtirne, iſt den Geſpenſtern feindſelig. Ihr ſollt ein Schauſpiel genießen, ein Schauſpiel... nun, ich will vor der Hand weiter nichts ſagen.“ Die zwei mit den blauen Augen fanden den Vorſchlag durchaus nicht nach ihrem Geſchmack. Shlvanire ſchwankte. Der Mond war ſo bleich, die Nacht ſo ſchwarz, die Su Arginens funkelten gar ſo bedenklich. „Es gilt unſere Schmach zu rächen,“ flüſterte endlich Lady Mac⸗Morth ihr in's Ohr; da beſiegte der Rachedurſt jeglichen Zweifel, und obſchon Shlvanire ſich durchaus nicht zuſammenreimen konnte, was das Spiel mit ihrer Rache zu ſchaffen habe, ſo ſagte ſie dennoch ſehr freundlich: „Ach ja, liebſte Lady, bitte, macht Euer Hokus Pokus. Ich möchte mich gar zu gern ein Bischen fürchten.“ Der artige Don Joſe ermangelte nicht, auch ſeinerſeits in Argine zu dringen, ihrem eben geleiſteten Verſprechen nach⸗ zukommen. Sie fügte ſich; die Lichter wurden gelöſcht, und ——————— —— 75 zum Fenſter tretend, ſtarrte ſie den bleichen Mond an. Ihre Lippen murmelten unberſtändliche Worte. Nachdem ſie ihre Sprüche hergeſagt, trat ſie zurück, nahm aus einem Strauß eine volle Roſe, auf welcher des Mondes voller Glanz ruhte, reichte dieſelbe dem jungen Mann und ſprach: „Dieſe rothe Roſe, die Blume der heißen verderblichen Liebe, iſt der Zauberſtab; ſchwingt ſie dreimal und ſagt dazu: Herauf, was durch mich ſtarb! Der Raum, welchem die⸗ ſes Fenſter als Rahmen dient, iſt der Tempel. Sprecht und ſchaut.“ Joſe that wie ihm geboten; lieber hätt' er's bleiben laſ⸗ ſen, aber er ſchämte ſich vor den Weibern ſeiner Furcht. Und kaum war die Beſchwörung vollendet, als in der That eine Erſcheinung auftauchte, eine Erſcheinung der furchtbarſten Art: ein Weib mit triefenden Haaren und Gewändern, mit weit offenen ſtarren Augen, ein todtes Kind im Arm. „Pilar,“ kreiſchte Temera in furchtbarer Angſt:„Pilar und ihr Kind... mein Kind!“ Pilar, müßt ihr wiſſen, war ein armes Mädchen aus dem Volk. Joſe hatte ſie gefunden und gepflückt, wie wir ein Veilchen im Lenz pflücken, und es wegwerfen, ſobald es Roſen gibt. Die Dirne hatte ſich mit ihrem neugeborenen Kind er⸗ tränkt, und dieſe doch ſo alltägliche Geſchichte dem jungen Men⸗ ſchen ſchon manche fröhliche Stunde bergällt, da er ſich gar oft einredete, daß um ſeinetwillen und durch ſeine Schuld die zwei Weſen zu Grunde gegangen, wovon eines ſein Fleiſch und Blut war, das andere ſein Herz beſeſſen hatte. Ein triumphirendes Lächeln überflog Arginens bleiche 76 Züge.„Dacht' ich's doch,“ murmelte ſie:„dacht' ich's doch, daß eine Unthat auf ihm laſte.“ Sie rief nach Licht, und beim erſten Schimmer der Kerzen ſahen die vier Damen nichts mehr vom ganzen Spuk; doch für Temera ſchienen die feuchten Leichname nicht ver⸗ ſchwunden. „Don Joſe,“ redete ihn die Lady an:„für uns iſt die Erſcheinung vorüber, nicht für Euch. Offen oder geſchloſſen, im Hellen oder im Finſtern, in der Einſamkeit oder im Men⸗ ſchengewühl, Eure Augen werden immerdar das todte Mägd⸗ lein mit dem Kinde ſchauen. Ein Uebel iſt es, ein furchtba⸗ res Uebel, was Euch der Himmel ſendet, Don Joſe, das aber ſchon manchen Sterblichen heimgeſucht hat. Ihrer viele ſind von Aerzten, Verwandten und Freunden für wahnſinnig erklärt worden, weil ſie immer ſagten:„„Da, da iſt ſie, die Erſchei⸗ nung!““ Sie waren dennoch nicht wahnſinnig, Don Jvſe.“ Noch war kein Monat nach dem verhängnißvollen Abend vergangen, als der todbringende Schatten dem armen jungen Menſchen richtig den Tod gebracht hatte. Freilich gibt es auch Leute, die zum Glauben geneigt ſind, daß Lady Maec⸗ Morth ſich weniger auf die Zauberei als auf's Giftmiſchen verſtehe; das wird aber bloße Verleumdung ſein. 6 Feliſe. Eine Pariſer Rloſtergeſchichte nach Charles Keybaud. Von J. Smith. —— 1* m letzten D Dezembertag des zur S Stunde, da die Sn von zu das St.— in die Stadt, 2 und 3 holpernd über das Glatteis und durch den Koth n Gaſſe. Die verrenkten Federn knirrſchten und ächzten, der Poſtknecht in ſeinen ungeheuren Ueberſtiefeln knallte mit der Peitſche, fluchte, und ſchalt die Begegnenden, deren keiner ihm A ſchnell genug den ſchmalen Fußſteig an der „ Häuſerreihe vor den Kaufläden gewann. Die altfränkiſche Carroſſe war ſo beſpritzt„mit jeden Bodens Unterſchied,“ daß weder die Farben, noch weniger das Wappen zu erkennen waren; doch auf den Vorhängen, welche die Stelle der Scheiben vertraten, ließen neue ſilberne Nagel⸗ köpfe anf eine Grafenkrone ſchließen. Einer dieſer Vorhänge 78 zeigte, klaffend, die Reiſenden. Auf dem Hinterſitze ſchlum⸗ merte eine Dame in ſchwarzem Rauhwerk, das Geſicht ver⸗ hüllt, den Kopf an ein Sammetkiſſen gelehnt. Den Vorderſitz nahmen zwei dienſtbare Geiſter ein, ein alter Mann, der ſehr nach einem Kammerdiener ausſah, und eine Frau, welche ganz gut die Zofe eines vornehmen Hauſes vorſtellen konnte. Beide ſchauten nicht gar zu freundlich drein und ließen kaum einen ſchläfrigen Blick auf die belebte Straße gleiten. Zwiſchen der Gebieterin und der Zofe ſtand aufrecht ein kleines Mädchen von etwa fünf Jahren, die Händchen auf den Wagenſchlag geſtemmt, mit entzücktem Auge die neue bunte Welt betrachtend; die Häuſer mit den Schildereien, wie ſie damals noch die Inſchriften unſerer Tage erſetzten, die Aus⸗ lagen, die wandernden Handelsleute mit ihrem Kram, die geſchäftige Menge, welche die Gunſt eines zweifelhaften Sonnen⸗ ſtrahles benützte, um ihre Einkäufe zum Neujahrstag zu machen. um ihr unter Ausrufungen der Freude und Bewunderung irgend ein herrliches Spielzeug zu zeigen, das am Schaufenſter eines Spielzeugladens prangte; die aber kehrte ſich nicht an das kindliche Geplauder und antwortete nicht einmal mit einem Kopfnicken. Die Lebhaftigkeit des Kindes ſteigerte ſich nichts deſto⸗ weniger mit jedem Schritt, ſo daß die Dame, plötzlich aus dem Halbſchlaf auffahrend, es beim Kleid ergriff und ungeſtüm auf den Schoß der Dienerin zurückwarf. Dieſe fuhr ihrerſeits auch aus der bisherigen Theilnahmloſigkeit auf und rief: Ohn' Unterlaß wandte ſich die Kleine zur Kammerftau, „* 79 „Was gibts? Was iſt denn? Mein Gott!“ „Nichts,“ verſetzte die Dame mit befremdender Kälte: „ich meinte nur, ſie könnte herausfallen.“ Dieſe Worte waren kaum geſprochen, als die Kleine, die ſich mit ſichtlichem Trotz wieder vorwärts geworfen hatte und weit aus dem Wagen lehnte, wirklich kopfüber auf's Pflaſter ſtürzte, geſchleudert vom Stoß durch den Anprall des Wagens an einen andern. Von hinten her kam in vollem Trab ein ſchwerbeladener Karren. Das Kind verſchwand für einige Augenblicke unter Hufen und Rädern. Die Leute waren ſtehen geblieben; ein Schrei des Entſetzens ertönte wie aus Einem Munde, Ein Blick des Grauſens richtete ſich aus allen Augen auf die breiten unaufhaltſamen Radfelgen. Als das Kind wieder zum Vorſchein kam, ſaß es halb emporgerichtet auf eine Hand geſtützt, mit der andern die Kopfbedeckung von ſchwarzem Taffet zurechtrückend. Sobald die Pferde zum Halten gebracht worden, was nicht zur Stelle hatte geſchehen können, ſtieg die Dame aus, gefolgt von ihren Leuten, und ging ſchwankenden Schrittes durch die ehrfurchtvoll weichende Menge dem Laden zu, wohin die Kleine, wie man ihr ſagte, gebracht worden. Als ſie ein⸗ trat, kam ihr eine Frau, die Herrin des Ladens, mit dem Ausruf entgegen: „Dankt dem Himmel, gnädige Frau,— dem lieben Kind iſt nichts geſchehen,— nicht die Haut geritzt,— ein Wunder, eine Fügung.“ In der That, das Mädchen ſtand aufrecht auf ſeinen Füßchen und muſterte in begehrlicher Bewunderung den Reich⸗ 80 thum von Zuckerwerk und Spielſachen im Laden. Die Dame betrachtete die Kleine einen Augenblick, ohne dieſelbe jedoch nur anzurühren; dann ſank ſie erbleichend auf einen Seſſel und flüſterte mit erloſchener Stimme: „Gott, mein Gott, ich hatte ſie ſchon verloren ge⸗ geben.“ Mit der Hand über die von kaltem Schweiß bedeckte Stirne fahrend, ſchien ſie gegen die ſchreckliche Gemüthsbewe⸗ gung mit Gewalt anzukämpfen; doch bald erlag ſie, die Sinne ſchwanden ihr und bewußtlos ſank ſie in die Arme der Zofe. Die Weiber drängten ſich um ſie her, ein Strom von Meliſſengeiſt regnete auf ſie nieder. Voll Mitleid rief die Verkäuferin: „Erholt Euch, gnädige Frau; dem Kinde fehlt nichts, ich ſchwör' es Euch... Seht ſie nur an, die herzige Puppe, wohlbehalten iſt ſie wieder zum Vorſchein gekommen. Nicht einmal erſchrocken iſt ſie. Kommt her, liebes Herzchen, kommt und umarmt Euere Mutter.“ Trockenen Tones bemerkte die Zofe: „Meine Gebieterin iſt nicht des Mädchens Mutter; meine Gebieterin iſt nicht verheirathet.“ Höflich entgegnete die Verkäuferin: „Vergebung, es iſt nichts Uebles dabei. Alſo das Fräu⸗ lein iſt aus Schrecken in Ohnmacht gefallen.“ „Sie iſt ſo ſchwach, ſo krank; ſie hätte den Schlag da wohl entbehren mögen,“ brummte die Dienerin mit einem vorwurfsvollen Blicke auf die unſchuldige Urſache des Schreckens.. s1 Indeſſen kam die Ohnmächtige wieder zu ſich und mur⸗ melte: „Ich fühle mich beſſer, mir iſt wieder wohl. Laßt vor⸗ fahren, Suſanna. Wo iſt Balin?“ „Hier, Fräulein,“ antwortete der alte Diener: vich bin da.“ „Gut. Führt die Kleine an der Hand bis zum Wagen.“ Die Dame ertheilte die Vorſchrift mit ängſtlicher Sorg⸗ falt, doch ohne das Kind dabei anzuſchauen. Die Anweſenden bemerkten es mit neugierigem Erſtaunen. Sie war ein hüb⸗ ſches Welb von etwa fünfundzwanzig bis ſechsundzwanzig Jah⸗ ren, blond, hochgewachſen und gebieteriſchen Ausſehens. Die etwas ſchmalen Züge trugen den Ausdruck trübſeligen Ernſtes. Der Blick war kalt und zerſtreut, jede Bewegung gemeſſen, die Haltung gebeugt, wie von überſtandenem ſchwerem Kummer zeugend; dennoch brannte die Gluth thatkräftiger, heftiger Ge⸗ danken in den großen braunen Augen. Sie erhob ſich, zog die Haube nieder, und auf den Arm der Kammerfrau gelehnt bedankte ſie ſich bei der Verkäuferin mit dem freundlichen Anſtand einer vornehmen Dame, die Höflichkeit übt, ohne ihrem Rang auch nur das Geringſte zu vergeben. Beim Herausgehen gebot ſie durch einen Wink dem Diener, ein geringfügiges Spielwerk mitzunehmen, wofür ſie einen Louis auf den Ladentiſch legte. Die Verkäuferin begleitete ihre großmüthige Kunſchaft mit tiefen Knixen zur Thüre, und mit beſcheidener Zuthulich⸗ keit die Kleine zurückhaltend, küßte ſie ihr das Händchen und fragte: Der Erzähler. 1846, mw. 6 „Wie heißt Ihr, mein Fräulein?“ „Feliſe.“ „Ein prächtiger Name. Feliſe bedeutet eine Glückliche, deren Geburt die beſten Sterne leuchteten. Nicht wahr?“ Bei dieſen Worten der guten Frau drehten ſich Fräulein und Zofe in gemeinſamer Regung unwillkürlich um und war⸗ fen einen ſonderbaren Blick auf das Kind. „Euer Name hat ſich heute bewährt,“ plapperte die Verkäuferin weiter:„möge Gott Euch zeitlebens ſo ſichtlich ſchützen und bewahren.“ Mit ungeduldiger Geberde befahl die Dame dem alten Diener, das Kind in den Wagen zu heben, eilte dann ſelbſt einzuſteigen, und die Zofe rief, alsbald den Vorhang ſchließend: „Fort, Kutſcher.“ Der Wagen rollte noch eine Strecke durch die St. Antons⸗ ſtraße, bog dann beim Birague⸗Platz ein und hielt vor dem Nonnenkloſter Mariä⸗Verkündigung in der Straße Culture⸗ Sainte⸗Catherine, etwa hundert Schritte von dem Hauſe, wo einſt Frau von Sevigné gewohnt hat. Der alte Diener verrichtete das Amt eines Stallmeiſters, indem er ehrfurchtsvoll den Vorderarm ſeiner Gebieterin zur Stütze darbot; und während ſie, kaum fühlbar an ſeinen Aermel gelehnt, ausſtieg, ſagte er mit dem Ausdruck ängſt⸗ lichen Eifers und ſichtlicher Befangenheit: „Wenn das Fräulein mir ihre Befehle zukommen ließe, ſo könnte ich einſtweilen eine Wohnung ſuchen. Ich kenne die Stadt nicht und muß geſtehen 4 Die Dame unterbrach ihn: 83 „Das erſte beſte Haus iſt gut genug, inſofern ich es allein, ganz allein haben kann.“ „Ich ſehe hier verſchiedene Zettel,“ fuhr der Diener fort, indem er mit dem Blick die Häuſerreihe gegenüber mu⸗ ſterte:„ich werde hier nachfragen, wenn das Fräulein nicht ein anderes Viertel vorzieht.“ „Mein Gott, was ſoll ich wieder damit?“ murmelte die Reiſende mit trüber Gleichgültigkeit:„ob ich in dieſer Straße oder am andern Ende der Stadt wohne, das kommt auf Eins 3 „Sb muß gleich geſorgt werden,“ hob Balin wieder an, etwas unſchlüſſig ſich hin und her wendend.„Da das Fräulein auch nicht für eine Nacht im Gaſthof abſteigen will, ſo muß ich gleich zum Tapezier gehen, um für Hausrath zu ſorgen... Fräulein wird eben heute ſchlecht verſorgt ſein, und Gott weiß wie dieſe Nacht ſchlafen.“ Offenbar des Geſchwätzes müde, verſetzte die Dame: „Was kümmert's mich? Geht, Balin, und thut, was Ihr wollt. Ihr habt eine Stunde Zeit.“ „Barmherziger Gott,“ murmelte der alte Diener in ſich hinein,„weit geh' ich nicht.“. Er wandte ſich zu einem Hauſe, wo an einer Tafel zu leſen ſtand: „Ein Herrſchaftshaus zwiſchen Hof und Garten gleich zu vermiethen.“ Beim erſten Glockenzug öffnete ſich die Kloſterpforte und ſchloß ſich eben ſo geräuſchlos hinter den Eintretenden, die ſich in einer weiten, düſtern und kellerfeuchten Vorhalle befanden. 84 Bänke von Eichenholz zogen ſich rings an den Wänden hin; im Hintergrund zeigten ſich die erſten Staffeln einer breiten Wendeltreppe. Keine Seele war zu ſehen und die Fremde ſah ſich zögernd um. Während ſie ſo umher ſpähte, wandte ſich die Kleine ungeſtüm wieder dem Ausgang zu und ſchrie: „Ich will weg aus dem wüſten Haus. Laßt uns gehen.“ „So bald nicht,“ entgegnete die Zofe und ſuchte die Widverſpänſtige zu haſchen:„kommt, Fräulein.“ „Ich will auf die Straße zurück,“ kreiſchte das Kind, mit Händen und Füßen ſich ſträubend:„ich will nicht folgen, Bitterböſe...“ „Ich kann das Schreien nicht hören,“ ſprach die Dame, zuſammenſchauernd und der Treppe zueilend:„laßt ſie nur gehen, Suſanne.“ „Fräulein Feliſe, ſchreit und tobt hier allein ſo lang Ihr wollt,“ ſagte die Zofe ärgerlich:„man wird Euch nicht ſtören. Ihr ſeid gar nicht würdig, das Haus des lieben Gottes zu betreten.“ Die gewundene Stiege führte von der Vorhalle zu einer Flügelthüre im erſten Stock, wo über zierlichem Schnitzwerk ein ſtolzer Wappenſchild prangte. Das Wappen ſelbſt war übertüncht und unkenntlich. Oberhalb des Schildes mit den ausgelöſchten Figuren war an die Wand ein blaues Kreuz zwiſchen zwei Lilienſtengeln gemalt. Die Fremde hatte kaum den kupfernen Drücker berührt, deſſen Form eine volle Roſé vorſtellte, als die Thüre wie von ſelber aufſprang, und eine Laienſchweſter ſichtbar wurde, 85 die mit einer demüthigen, ſchier andächtigen Verbeugung mit halber Stimme und klöſterlicher Höflichkeit ſagte: „Jeſus Maria mit Euch, gnädige Frau; bemüht Euch einzutreten und Platz zu nehmen.“ Der Sprechſaal der Annunziaten war ein geräumiges Gemach, von einem doppelten Gitter mit einem ſchwarzen Vorhang in zwei gleichen Theile geſchieden, deren einer mit dem Innern des Stiftes, der ſogenannten Clauſur, in Verbindung ſtand, der andere aber zur Aufnahme derjenigen Leute„aus der Welt“ beſtimmt war, welchen der Zutritt erlaubt worden. Die Ausſchmückung des Saales bewies, daß er urſprünglich nicht für fromme Zwecke erbaut und eingerichtet geweſen, und die Umwandlung hatte nicht alle Spuren der alten Pracht verwiſcht. Die Mauerſteine bedeckte eine Ledertapete, deren ehemals vergoldete Verzierungen ſchwarz geworden waren. Der Kamin mit dem hervorſpringenden Herdmantel war mit reicher Bildhauerarbeit geſchmückt, unter andern mit pausbackigen Amoretten, welche bei den guten Nonnen eben als Engel gel⸗ ten mußten. Die venezianiſchen Spiegel, welche ſonſt die Wände zierten, waren durch Bilder erſetzt; aber ſtatt der ſtrengen Figuren von Heiligen und Blutzeugen, wie ſie an den weißgetünchten Wänden anderer Klöſter hingen, waren hier zwei Bildniſſe vornehmer Frauen im vollſten Glanze der Schönheit und des Schmuckes zu ſehen; Wohlthäterinnen des Stifts, welchen die Nonnen ſo ein Denkmal errichtet hatten. Die Fremde würdigte die Umgebung kaum eines Blicks, beachtete auch nicht die Einladung der Laienſchweſter, ſich beim flackernden Feuer niederzulaſſen; die vom Froſt gerötheten Hände in den weiten Pelzärmeln bergend, ſagte ſie halblaut: „Die gnädige Frau Priorin wird von meiner Ankunft bereits wiſſen; ich habe Empfehlungen von Seiner Gnaden dem Herrn Biſchof von Alais.“ „Der Himmel ſei Seiner Gnaden immerdar hold,“ ant⸗ wortete die Laienſchweſter:„unſere hochwürdige Mutter war von Euerer Ankunft ſchon unterrichtet, und hat mir die nö⸗ thigen Befehle ertheilt. In der Regel öffnet ſich der Sprech⸗ ſaal nur zweimal im Jahre für die allernächſten Anver⸗ wandten; aber auf die Verwendung des Herrn Biſchofs hin wird Euch die beſondere Vergünſtigung zu Theil, unſere Schweſter Genovefa heute zu ſprechen. Hier iſt ſie.“ Die Laienſchweſter neigte und verbeugte ſich wie beim Empfang, und entfernte ſich durch eine kleine Seitenpforte⸗ Der ſchwarze Vorhang rauſchte von einander, und hinter dem Gitter erſchien eine verhüllte Geſtalt. Sie trug das Gewänd, wobon die Annunziaten den Namen der Himmliſchen (Cöleſtinen) erhalten haben; ein himmelblaues Skapulier fiel vorn über die weißwollene Kutte bis zu den ebenfalls blauen Schuhen nieder, eine Kopfbedeckung von der Art und Farbe des Skapuliers umhüllte die Schultern; der weiße Schleier hing in dichten Falten vom Antlitz bis zu den Knieen nieder. Weder Wuchs noch Züge waren zu unter⸗ ſcheiden, und dennoch lag unverkennbar auf dieſer unförmlich verhüllten Geſtalt der Zauber friſcher Jugend. Hinter ihr zeigte ſich noch eine Kloſterfrau, gekleidet wie ſie, doch mit einem ſchwarzen Schleier. Dieſe war der Novize als ſoge⸗ 87 nannte Horchſchweſter zum Sprachgitter mitgegeben worden; doch ſchien es ihr nicht eben um's Zuhören zu thun, denn ſie ſetzte ihre Brille auf, um in einem Buch zu leſen. 62„Seid Ihr es, Fräulein, ſeid Ihr's in der That?“ fragte die Fremde mit bewegter Stimme:„ich kann Euere Züge unter dem Schleier nicht erkennen.“ Die Novize nickte, und ſtreckte ihre kleine weiße Hand aus, die indeſſen nicht klein genug war für die engen Oeff⸗ nungen des Gitters, das ja auf zarte Händchen berechnet war. Die Fremde richtete einen Blick ſchmerzlichen Mitleides him⸗ melwärts, und eine Thräne befeuchtete ihr trockenes Auge. Die Novize weinte ebenfalls hinter ihrem Schleier, und einige Augenblicke lang unterbrachen nur leiſe Seufzer und kaum vernehmbares Schluchzen die Stille des Saales. Die junge Gottesbraut ward zuerſt ihrer Bewegung in⸗ ſofern Meiſterin, daß ſie, ſich zunächſt beim Gitter niederlaſ⸗ ſend, ſagen konnte: „Wie gut und mitleidig ſeid Ihr doch, mein Fräulein, daß Ihr die weite Reiſe unternahmt, um mir unſer armes Kind zu bringen.“ „Meßt mir nicht das Verdienſt bei,“ entgegnete die Fremde bittern Tones:„Suſanne und der alte Balin ſchoben mich in den Wagen, wohinein ich von ſelber nie geſtiegen wäre. Sie haben in ihrer Weisheit beſchloſſen, ich müſſe den Winter in Paris zubringen, um durch die Luftveränderung meine Ge⸗ ſundheit herzuſtellen; als ob irgend etwas hienieden mir noch heilſam ſein könnte!“ „Die Tröſtungen der Religion und die Zeit können Euch 88 heilſam werden,“ ſagte mit einem Seufzer die Novize:„vor allem die Religion....“ „Alſo Euch hat ſie getröſtet?“ „Getröſtet bin ich nicht, aber ergeben,“ ſagte die Novize mit ſchmerzlicher Heiterkeit, und fügte nach kurzem Schweigen hinzu:„wo bleibt Feliſe? Unſere Mutter ertheilt mir die Erlaubniß, ſie aufzunehmen. Soll ſie heute noch nicht ein⸗ treten?“ „Heute, jetzt im Augenblick,“ rief die Fremde lebhaft: „und da iſt ſie ſchon.“ Des Schreiens und Harrens müde, war die Kleine von ſelber nachgekommen und ſchaute durch die halboffene Thüre. Suſanne nahm ſie bei der Hand und zerrte die Wiverſtrebende zum Gitter. „Tante,“ rief Feliſe, das Kleid der Fremden faſſend: „Tante, ſollen wir hinter das ſchwarze Gitter geſperrt wer⸗ den? Ich will nicht. Kommt, kommt. Niemand iſt unten, wir öffnen die Thüre und entſchlüpfen.“ Jetzt fiel ihr Blick auf die Nonnen, die ſie mit Verwunderung betrachtete, wonach ſie mit leiſerem Tone ſagte: „Seht doch, Tante, die Damen. Sie tragen blaue Kleider und weiße Schleier wie die heilige Jungfrau. Wohnen ſie hier?“ „Ja, mein Kind,“ ſagte die Novize bewegt:„dies iſt unſer Haus; es hat eine ſchöne Kapelle und einen ſchönen Gar⸗ ten. Willſt Du bei mir wohnen?“ „Nein, ich kenn' Euch nicht,“ rief die Kleine; und nach⸗ dem ſie die Nonne vön oben bis unten nochmals betrachtet, 89 fügte ſie mit einer Art naiver Ergebung hinzu:„ich will doch lieber bei meiner Tante Philippine und ihrer bitterböſen Suſanne bleiben.“ „Doch wenn Du mich kenntſt, würdeſt Du wohl gern bei mir wohnen?“ fragte die Novize, einen Zipfel ihres Schleiers erhebend. „Meine Tante Genovefa!“ xief Feliſe freudig überraſcht. „Du erkennſt mich, liebes Kind, Du!“ ſagte Genovefa mit ſanfter Freude, und drückte wie die Kleine ihr Geſicht an's Gitter, um ſie wo möglich zu küſſen. Die Tante Philippine wandte ſich erbebend ab, als ob der Anblick der zwei Engelsköpfchen ſie mit Schauder erfülle. Ein Fremder würde ſich über dieſes Zurückbeben höchlich ver⸗ wundert haben. Die regelmäßig geformten Züge der Novize ſahen überaus edel und ſtolz aus. Sie ſchien kaum der Kind⸗ heit entwachſen, ſo weich, ſo zart war ihr Angeſicht, wie es mit verhüllter Stirn und die Wangen mehr als zur Hälfte verdeckt aus dem Bruſtſchleier herborſchaute, gehoben durch das matte Weiß der Umhüllung. Das braune Krausköpfchen des Kindes mit den runden prallen Wangen und dem kirſch⸗ rothen Mündlein ſah gar friſch und liebreizend aus. Die Züge zeigten eine entfernte Aehnlichkeit init denen der Novize; doch am meiſten bekundete ſich ihre nahe Verwandtſchaft durch die Farbe der Augen von dermaßen mattem Blau, daß die Iris ſich kaum von der perlmutterartigen Hornhaut abhob. Lange ſchwarze Wimpern beſchatteten dieſe ſeltſamen Augen. Dieſe Eigenthümlichkeit verlieh dem Blick der jungen Nonne einen reizenden Ausdruck von ſchmachtender Trübſeligkeit. Die 90 Augen des Kindes dagegen waren noch todt; die Seele ſprach noch nicht aus ihnen, und wenn der friſche Mund auch zu⸗ weilen lächelte, ſo ſenkten ſich die dichten Wimpern beſchattend über die gleichſam von Schlummer befangenen Lichter. Philippine hatte bald ihre Bewegung bemeiſtert, und wandte ſich wie um Abſchied zu nehmen der lieblichen Gruppe zu. Den Schleier ſenkend, ſagte die Novize mit einem Seufzer: „Gönnt mir noch einige Augenblicke, Fräulein. In Euch nehme ich vollends Abſchied von der Welt, denn Ihr ſeid das letzte Weſen, mit welchem ich je an dieſem Gitter ſpre⸗ chen werde.“ „Wie, iſt die Regel Eueres Ordens ſo ſtreng,“ rief die Fremde:„müßt Ihr auch dieſes Opfer bringen?“ „Ich muß nicht, aber ich darf. Außer den drei Ge⸗ lübden dürfen wir noch ein viertes ablegen, um jedem Ver⸗ kehr mit dem Leben gänzlich zu entſagen. Ich will es leiſten.“ „Wird Euch ſolches Uebermaß frommen Eifers nie ge⸗ reuen? Euer Beruf iſt ohnehin ſchwer genug.“ Mit Kopfſchütteln verſetzte die Novize: „Wer würde auch kommen, um mit mir zu reden. Seit einem Jahr bin ich hier, und erſcheine zum erſtenmal am Gitter. Ich werde ruhiger und gefaßter ſein, wenn ich gar nichts mehr von dieſer Welt vernehme, die ich verlaſſen mußte, da ich ſie kaum betreten, und an die ich vielleicht nur allzu⸗ oft zurückdenken werde.“ Ihre Stimme brach; ſie konnte nicht weiter reden, und — — ſtützte den Kopf in beide Hände, wie um ſich zu ſammeln und zu faſſen. „Wenn ich alſo wiederkehre,“ fragte die Fremde, bis zu Thränen gerührt:„ſo werd' ich vergebens nach Euch ver⸗ langen?“ 6 „Wenn Ihr wiederkommt,“ verſetzte jene mit trauriger Ergebung:„ſo kann ich Euch nur ſagen laſſen, daß ich noch lebe und mich Euerm Gebet empfehle.“ Die Fremde warf einen Blick voll bitterer Vorwürfe zum Himmel, und verſank für ein Weilchen in tiefes Nachſinnen, bis die Zähren an ihren ſonſt ſo trockenen Wimpern getrock⸗ enet waren und ihr Geſicht den frühern finſtern Ausdruck wie⸗ der angenommen hatte. Sie wandte ſich gegen Suſanne, und winkte ſchweigend das Kiſtchen zum Gitter zu ſetzen, das die Zofe unter dem Arm trug. Die Dienerin gehorchte, zog aus ihrer Taſche einen Schlüſſel von Schmelzwerk und ſteckte ihn in's Schloß der Kiſte, die im Kleinen einen Geldkaſten mit Metallbeſchlägen vorſtellte. „Die Juwelen der Gräfin,“ ſagte die Fremde:„was drin iſt, weiß ich nicht, habe keinen Blick noch darauf gewor⸗ fen, aber daß nichts fehlt, weiß ich. Die Geſchmeide gehören dieſem Kind; nehmt ſie an Euch...4 „Ach, wozu?“ unterbrach ſie die Novize:„Feliſens Lvos iſt geworfen. In dieſem Haus erzogen, wird ſie den Schleier nehmen. Was ſoll ihr der Prunk?“ „Sie kann ihn Euerer Kirche ſchenken, wenn ſie ihre Gelübde ablegt,“ entgegnete die Reiſende:„bis dahin bleiben ſie in Verwahrung Euerer Abtiſſin. Dann werden auch die 92 Leute des Geſetzes Feliſen über ihr Vermögen Rechenſchaft ablegen, und ſie mag gleichmäßig darüber verfügen.“ Die Novize lächelte:„Feliſe wird nach meinem Beiſpiel ihre Ausſtattung den Armen geben, um ſelber arm zu ſein.“ Während dieſer Beſprechung hatte Feliſe ſich über das Kiſtchen wie über ein willkommenes Spielzeug hergemacht; ſie ſuchte es am zierlichen Beſchläg in die Höhe zu heben und zerrte am Schlüſſel. Plötzlich hob ſie das Köpfchen mit einem Freudenſchrei; die Feder hatte den Deckel aufgeſchnellt. Bevor Suſanne es nur gewahr ward, hatte das Kind ſchon einen tiefen Griff in die Schätze gethan, die es vor dem Gitter ver⸗ zettelte. Da waren zu ſehen: ein Halsband von Perlen wie die Haſelnüſſe, Ringe, ſtrahlende Demanten, und inmitten dieſer Pracht ein von Edelſteinen eingefaßtes Bildniß. Die Kleine betrachtete aufmerkſam die junge freundliche Blondine auf dem Gemälde; die holden Züge regten eine wirre Erinne⸗ rung in ihrem ſchwachen Gedächtniß an, und ſie wandte ſich zur Nobize mit der Frage: „Tante Genovefa, wo iſt denn meine Mutter?“ „Die Nonne ſchüttelte mit einem reiſen Seufzer das Haupt; die Fremde verhüllte mit verzweifelnder Geberde ihr 8 Antlitz, und rief aus: „Es geſchieht zum erſtenmal, daß ſie von meiner armen Schweſter ſpricht. Sie erinnert ſich...“ „Mutter,“ wiederholte das Kind, rings umherblickend: „wo iſt meine Mutter? Iſt ſié bei Euch, Tante Genobefa?“ „Sie iſt im Himmel“ ſchluchzte die Novize. ————— 93 „So iſt ſie beim Vater,“ fuhr Feliſe fort:„der Vater iſt todt, alſo im Himmel.“ Dieſe Worte voir unſchuldigen Lippen brachten eine furcht⸗ bare Wirkung hervor; die Novize brach in lautes Schluchzen aus, krampfhaft ſtöhnend barg die Fremde ihr Angeſicht mit dem Tuch. Suſanne flüſterte ihr zu: „Faßt Euch, Fräulein, um des Himmels willen, faßt Euch. Verlangt, daß die Clauſur ſich öffne, und entledigt Euch endlich eines Anblickes, der Euer Tod ſein wird.“ „Ja, ich will ſie nimmer ſehen,.. nichts von ihr ver⸗ nehmen,... fort, fort mit rief in heftig⸗ ſter Stenh „Komm, Feliſe, komm,“ ſagte Genovefa weinend:„arme Unſchuld, die Welt verſtößt Dich, Deine Angehörigen haſſen Dich, wähle die Zuflucht, die ich mir erkoren habe.“ Die Horchſchweſter hatte ſchon ſeit einem Weilchen auf⸗ gehört zu leſen, und hob nun an ſehr ruhig zu ſprechen: „Jeſus Maria, es iſt eine große Sünde, ſich dermaßen hinreißen zu laſſen; dieſe Dame iſt ja ganz außer ſich. Laßt uns gehen, liebe Schweſter. Ich will ſagen, daß man für unſere neue Koſtgängerin aufſchließe.“ „Sie wäre wohl nicht zu groß für die Drehſcheibe,“ bemerkte Genovefa:„und wenn Ihr erlaubt, hochwürdige Mut⸗ ter „Ich will ſelber den Haken aushängen,“ verſetzte die Nonne bereitwillig, und eilte zu einem kleinen Gelaß neben dem Saal, welches das Drehſcheibenzimmer hieß. Die Dreh⸗ ſcheibe war ein beweglicher Schrank zwiſchen einer Doppel⸗ 94 mauer, der, in Fächer abgetheilt, ſich wagrecht auf ſeiner Achſe drehte, ſo daß, was hineingelegt wurde, auf der andern Seite zum Vorſchein kam, ohne daß die Leute innen und außen einander ſahen. Die Geſchenke für die Kloſterfrauen wurden auf dieſe Weiſe in die Clauſur befördert. Während die Kloſterfrau die Drehſcheibe in Stand ſetzte, warf Suſanne die Geſchmeide in's Kiſtchen, das ſie mitſammt dem Kind in ein Fach ſchob; und im Nu war Feliſe in der Clauſur. Die Schweſter Genobefa wandte ſich noch einmal zum Gitter. „Hienieden ſehen wir uns nicht wieder.. Gott tröſte Euch.. Seine Barmherzigkeit ſei mit uns allen beiden.“ Der ſchwarze Vorhang ſchloß ſich wieder; das Kind an der Hand entfernte ſich die Novize, und ihre Tritte verhallten im Hintergrunde des Saales. Die Fremde blieb ein Weilchen noch in tiefen Gedanken ſtehen, den Blick aufs Gitter geheftet. Suſanne zog ſie end⸗ lich fort. Der alte Diener harrte bereits am Wagenſchlag„Wohin nun?“ fragte die Zofe . 8. „Nicht weit,“ verſetzte er, auf eine Hofmauer mit einem Einfahrtsthor deutend:„ich habe dirſes Haus zwiſchen Softund Garten gemiethet.“ Die Eßglocke rief⸗ zum Refectorium, wo unter den her⸗ beieilenden Mitgliedern der Kloſtergemeinde Genppefa mit der 95 Kleinen erſchien. Ein allgemeiner Freudenruf empfing die niedliche Feliſe, wie ſie, etwas verdutzt, den Zipfel der mit Spitzen beſetzten Schütze aufhob und ihren Knir machte. Die Ankunft einer neuen Koſtgängerin war überhaupt ein Ereigniß, das wenigſtens auf acht Tage Stoff zu reden gab. Eine Koſtgängerin, gleichviel wie alt oder wie jung, war mit ſel⸗ tenen Ausnahmen immerdar ein neues Mitglied der geiſtlichen Familie der Verkündigung; ſchon die Erziehung war darauf eingerichtet. Das Haus war wie eigens geſchaffen für Fräu⸗ lein von edlem Blut und dürftigen Glücksgütern; vorſorgliche Verwandte brachten ſie bei guter Zeit hier unter, oder ſie traten ein, bevor ſie mehr als einen Schimmer von den ge⸗ fährlichen Herrlichkeiten der Welt geſehen, um innerhalb dieſer Mauern unbeachtet ein beſchauliches und gemächliches Leben zu führen. Die Priorin nahm Feliſe auf ihre Kniee und ſagte ihre Stirn küſſend: „Ein Lämmlein mehr in unſerer Heerde; wiederum ein Geſchenk Seiner Gnaden von Alais, liebe Schweſtern; wir danken ihm ſchon den Beſitz der Schweſter Genovefa, und kön⸗ nen ihm nicht genug erkenntlich ſein.“ „O theuerſte Mutter,“ ſtammelte Genovefa:„ich muß dankbar ſein für den Schutz und die wirkſame Empfehlung des frommen Herrn.. 4 Die Priorin unterbrach ſie munteren Tones: „An Euere Plätze, werthe Schweſtern; zum Willkommen unſerer neuen Tochter bitte ich die Schweſter Schaffnerin um eine Schüſſel von dem vortrefflichen Mandelkuchen, den wir am 96 Weihnachtsfeſt koſteten; und die Erholung ſei um eine halbe Stunde heut verlängert.“ „Dank, gute Mutter, Dank!“ jauchzten die Nonnen, und nahmen Platz auf ihren langen Bänken mit Rücklehnen. „Liebe Mutter,“ fragte Genobefa:„wo befehlt Ihr, daß unſere neue Tochter ſitze?“ Freundlich antwortete die Priorin: „Sie möge unverzüglich mit Euern Lieblingen ſich befreun⸗ den; ſetzt ſte zwiſchen die zwei Chameroh's.“ Bei den Annunziaten⸗Cöleſtinen war es nicht üblich, aus irdenen Näpfen Gerichte ohne Salz und Schmalz zu eſſen, wie des heiligen Auguſtinus und die Einkünfte des Stiftes geſtat⸗ teten eine beſſere Lebensweiſe. Gegen das ſonſtige Herkommen aß hier die ganze Gemeinſchaft an einer Tafel, die hochwür⸗ digen Frauen neben der Priorin, neben den Müttern die jun⸗ gen Nonnen, neben dieſen die Novizen, und dann die Koſtgän⸗ gerinnen. Die Speiſen waren einfach, reichlich und wohlberei⸗ tet, und die Laienſchweſtern warteten bei Tafel beſſer auf, als manche galonnirte Lackeien in vornehmen Häuſern. Im Refectorium ſo gut wie ſonſt im ganzen Haus fan⸗ den ſich Spuren einer vorklöſterlichen Zeit. Spuren von Ma⸗ lerei ſchimmerten ſtellenweiſe unter der weißen Kalkfarbe her⸗ vor, womit ſte übertüncht worden, und es war nicht allzu⸗ ſchwer, den Zuſammenhang unter der halb durchſichtigen Hülle zu verfolgen: eine Hetzjagd; der Hirſch eilte über das Acker⸗ feld dem Waſſer zu, dicht hinter ſich die Meute, gefolgt von reitender Jägerei. Ueber den Thieren prangten ländliche und * Carmeliterinnen oder Capuzinerinnen ſie erhielten. Die Regel 97 dem Gott des Weines geweihte Trophäen, welche auf Befra⸗ gen die guten Schweſtern wohl ſchwerlich erklärt hätten. Auf dem Kamin bedeckte das blaue Kreuz der Annunziaten das ältere Wappen im Schild, aber der Wahlſpruch war geblieben, deutlich ſtand zu leſen: Dieu ayde au premier baron chrestien. Das Schweigen war bei Tiſch nicht geboten, und ſo wurden denn auch noch andere Laute vernommen, als das Klir⸗ ren der Meſſer und Gabeln. „Die liebe Kleine ißt ja nicht,“ ſagte eine pog Frau:„und ſieht ganz wild drein. Fräuleins von Chameroh, muntert ſie doch auf; Angela, gib ihr die Hand.“ Angela von Chameroh war ein Kind von Feliſens Alter, zart, niedlich und ſchön wie ein Engel. Scheu neigte ſie die roſige Wange, um ihre neue Geſpielin zu umarmen, und ſagte mit kindiſchem Freimuth: „Wollen wir Freundinnen ſein? Ich liebe Dich von ganzem Herzen.“ Statt ihr den Kuß zurückzugeben, ſtarrte Feliſe ſie ver⸗ wundert an, und ſagte dann, ſich abwendend: „Ich kenn' Euch nicht.“ Die Tafelrunde lachte. „Die kleine Wilde,“ rief eine Nonne;„ſie iſt wohl im Wald unter Bären und Wölfen aufgewachſen.“ „O nein, nein, Madame, ich wohnte zu Toulouſe in einem ſchönen Haus bei meiner Mutter, die eine vornehme Frau war.“ „Ich meinte,“ ſagte die Priorin mit einem Blick auf Der Erzähler. 1846. w. 7 98 Genovefa:„die Kleine habe ihre Mutter unmittelbar nach der Geburt eingebüßt?“ Die Novize war verlegen, doch Mädchen genug, um ſchnell gefaßt zu ſein. „Wohl nicht ganz unmittelbar, aber doch bald. Die Erinnerungen des Kindes reichen vielleicht ſo weit zurück, viel⸗ leicht auch meint es ſeiner Mutter Schweſter.“ „Wie hieß Eure Mutter?“ fragte eine andere Nonne, um nur etwas zu ſagen. Dieſe Frage müßiger Neugier trieb alles Blut aus Genovefa's Wangen. Feliſe zögerte, ſann nach und gab dann ziemlich beſchämt den Beſcheid: ſie habe den Namen bergeſſen. Die Novize athmete freier und wandte ſich zur Priorin: „Ich bitte Euch, theure Mutter, vergebt all die Tollhei⸗ ten; das Mädchen iſt ſehr verzogen.“ „Gut, gut, wir werden das Krausköpfchen ſchon zurecht⸗ ſetzen,“ antwortete die Vorſteherin mit Milde:„wir berſtehen es, in Liebe und Güte wilde Vöglein zahm zu machen.“ Das Gratias war geſprochen, die Mahlzeit beendet und die„Erholung“ begann. Die Nonnen eilten zum Garten. Am Hauſe dehnten ſich die Beete hin, mit Buchs eingefaßt; weiterhin bildeten, von geſchlängelten Fußwegen durchſchritten, Gruppen von Gebüſchen ein Irrgewinde. Alte Bäume über⸗ ragten die hohe Umfangsmauer, ſo daß ſie zur ſchönen Jahres⸗ zeit, wenn ſie im Schmuck deß Grüns prangten, alle Dächer der Nachbarſchaft verhüllten, und den Kloſtergarten weit weg aus dem Sündenpfuhl Paris in eine reizende Einſamkeit zauberten. 99 In dieſem Augenblick ſchien die bleiche Decemberſonne grad noch warm genug, um den Reif an den Zweigen auf⸗ zuthauen; der Wind, etwas weniger rauh, hatte den Sand der Wege getrocknet, und der harte Winter ließ ſich für Augen⸗ blicke von einem Hauch aus Süden erweichen. Die Nonnen zerſtreuten ſich auf allen Wegen. Die Schweſter Genobefa ließ ſich auf der Rampe nieder, umgeben von den Koſtgängerinnen wie von einem hüpfenden, zwitſchern⸗ den Vögelſchwarm. Während die kleine Angela immer noch um Feliſens ſpröde Gunſt buhlte, nahm das ältere Fräulein von Chameroh Platz neben der Novize und flüſterte ihr in's Ohr:. „O beſte Schweſter, welch entſchiedenes Weſen. Unſere gute Mutter mag ſagen, was ſie will, die wird nicht leicht den Beruf finden.“ „Den Beruf!“ wiederholte Genovefa:„iſt der nicht im⸗ mer da, wenn wir die Welt nicht einmal von Anſehen kennen? wenn wir, wie Ihr, liebe Cäcilie, und wie meine kleine Feliſe mit ſechs Jahren ſchon hier einkehren?“ Die Schülerin ſchüttelte das Haupt und gab keine Ant⸗ wort. Cäcilie von Chameroh zählte ungefähr zwölf Jahre, war blond, friſch und hübſch. Wie die übrigen Koſtgängerinnen trug ſie ein blaues Kleid von Etamine, das ihren ſchon ſehr entwickelten Wuchs vortheilhaft hob. Ihre leichtgekrausten* Haare von vielleicht etwas zu lebhafter Färbung hielt das Häubchen von ſchwarzem Flor mit Mühe nur feſt. Das Ge⸗ ſichtchen mit den blauen Augen, dem aufgeworfenen Mund und 100 der Stniaſe ſah ungemein lebhaft und geiſtreich aus, aber verrieth nicht eben die gerühmte„Vocation.“ Die kleine An⸗ gela dagegen ſah ruhig und ſanft aus, dabei gefühlvoller und inniger, als Kinder ſonſt pflegen. Die zwei Schweſtern waren Waiſen, für's Kloſter beſtimmt. Die Aeltere erinnerte ſich noch dunkel an's elterliche Haus, die Jüngere war von der Ammenmilch weg zu den Annunziaten gekommen, und wußte gar nichts von der Welt. An Genobefa's Kniee gelehnt, verſchmähte Feliſe hart⸗ näckig jede Theilnahme an den Spielen der Kinder, die ſich mit der„Blinde⸗Kuh“ tapfer auf der Terraſſe tummelten, und im Vorübereilen die ſpröde Kleine freundſchaftlich neckten. So oft aber eines der Mägdlein ihre Hand ergriff oder ſie an der Schürze zupfte, drehte ſich Feliſe zürnend um und verbarg ihr Geſichtchen im Schoß der Novize. „Ich muß ſie doch noch heimlich machen,“ ſagte Cäcilie von Chameroh:„mit Eurer Erlaubniß, Schweſter Genovefa, will ich ſie nach Bethlehem zum Chriſtkindchen führen.“ „Gehen wir, ja gehen wir,“ rief Feliſe munter, rückte ihr Häubchen zurecht und nahm zum erſtenmal von ſelber die Hand der kleinen Angela. Genobefa ſchlang ihren Arm in den Cäciliens, und flüſterte: „Das arme Ding meint Wunders, wie weit wir ſie von dannen führen werden.“ Sie ſchlugen einen der Schlangenwege zwiſchen den Ge⸗ büſchen ein. Hieſer⸗Theil des Gartens mahnte an Wald und Freiheit. Ueber Brombeerſtauden und wilden Roſen rankten E — 101 ſich an hundertjährigen Ulmen die Gewinde des Epheus empor. Im Sommer ſchlug hier in dichtem Laubwerk die Nachtigall, blühte im Schatten das Wintergrün wie in einem ſtillen Ur⸗ wald. Und der Weg durch dieſe grüne Einſamkeit war ſo geſchickt geführt, daß der Luſtwandler ziemlich lange umher⸗ gehen konnte, ohne wieder auf denſelben Fleck zu treffen. Ungeduldig und neugierig eilte Feliſe voran. Der welke Raſen, das entlaubte Holz weckten keine Erinnerung in ihr; ſie wußte nur noch vom Grün und den Blumen des letzten Sommers. Noch einmal blitzte ein Gedanke in ihr auf, als ſie unter einer Gruppe von hohen Bäumen Halt machte. „Tante Genovefa,“ rief ſie:„juſt ſolche Baumgänge hat's bei unſerm Schloß; ſie führen zum Park. Wißt Ihr noch, wie wir im Parke ſpielten?“ Statt zu antworten, ſagte die Nobize: „Schau, hier iſt Bethlehem.“ „Das Häuschen?“ „Geh geſchwind hinein und ſieh zu,“ rief Cäcilie, die Kleine fortziehend. Ein ganz einfaches Luſthäuschen war es, worin die Non⸗ nen alljährlich zu Weihnachten die Geburt des Herrn durch eine jener Schauſtellungen feierten, die in Brutſchland mit dem Namen„Krippe“ bezeichnet werden. 6 Die„Krippe“ der guten Annünziaten war rührend kind⸗ lich und von beſonderer Eigenthümli eit. Grüne Zweigen Moos und Grottenwerk bildeten die Landſchaft, worüber ein Himmel von blauem Papier mit ſilbernen Sternen ſich ſpannte. Ein gläſerner Becher im Moos bildete den See, worin rothe * —— —— „ 102 Fiſche ſchwammen. Die Geburtsſtätte des Erlöſers, der Stall, ſtützte ſein Strohdach auf vergoldete Säulen, und hinter der Krippe, worin das Chriſtkindlein lag, war als Zierrath ein Spiegel angebracht. Nur die geduldige Kunſtfertigkeit in einer Clauſur war im Stande geweſen, alle die Puppen anzuziehen und aufzuputzen, welche ſich anbetend um die Krippe ſchaar⸗ ten. Da gab es Leute jeden Standes, vom Milchweib bis zur Hofdame, vom Waſſerträger bis zum gnädigen Herrn in der Lockenperrücke. Inmitten dieſer bunten Menge ertheilte ein geiſtlicher Herr mit breitkrempigem Hut, ein hochwürdiger Vater aus der Geſellſchaft Jeſu mit ausgeſtreckter Hand einer Annun⸗ ziate den Segen, welche dem Chriſtkind ein Körbchen mit Oſtereiern brachte. Feliſe trat auf einen Schemel, um die Herrlichkeit zu betrachten, und gab ihre Bewunderung in abgebrochenen Lau⸗ ten kund. Der Anblick verſöhnte ſie urplötzlich mit dem neuen Aufenthalt. Nichts Schöneres konnte es hienieden geben, als dieſe zahlreiche Verſammlung von herrlich geputzten Puppen, gegen welche alle Wunder der St. Antonsſtraße nur armſeliger Plunder ſchienen. Nachdem ſie ein wenig ſich vom erſten Eindruck erholt, begann ſie in's Einzelne eingehend nach den Namen aller der Leute zu fragen, die für ſie lebende wirkliche Perſonen ſein mochten. Cäcilie gab ihr mit unermüdlicher Gefälligkeit Aus⸗ unft, und ſagte, als die Reihe an den ſchwarzen Herrn 3 kam: „Das iſt unſer Wichtvater, der hochwürdige Vater Boinet. Voriges Jahr hatten wir an ſeiner Stelle hier unſern Almo⸗ — * 103 ſenier, den hochwürdigen Vater Pacaud, auch einen ſehr frommen Herrn! Es iſt keine geringe Ehre, ſo mit dem Chriſtkind in einer und derſelben Niſche zu ſtehen. Er iſt gut getroffen, der Vater Boinet.“ „Da muß er ſehr häßlich ſein,“ bemerkte Feliſe. Während dieſer Zwieſprach folgte Genobefa von der Thür aus mit den Augen der kleinen Angela, die, längſt ſchon der oft geſehenen Krippe überdrüſſig, es viel unterhaltender fand, mit den Füßen durch das welke Laub am Boden zu rauſchen. Bei dieſer Gelegenheit ſcharrte das Kind auch die ſchirmende Hülle von einem grünen Kräutlein, woraus ein ſüßer Duft alsbald emporſtieg. „Ein Veilchen,“ rief Angela, pflückte ſorgfältig die Blume und brachte ſie jubelnd der Novize. Genovefa heftete das Veilchen an ihre Bruſt und lehnte mit geſchloſſenen Augen den Kopf in ihre Hand. Der Duft betäubte, berauſchte ſie mit Erinnerungen an den blauen Teppich des Lenzes unter den alten Bäumen des väterlichen Gartens. So fand ſie Cäcilie die mit großer Mühe Feliſe vom Anblick der Krippe ge⸗ trennt hatte. „Schweſter, theuerſte Schweſter, was fehlt Euch? Ihr weint?“ fragte theilnehmend das Fräulein von Chameroh. Mit der Hand über die Stirn fahrend, verſetzte Ge⸗ novefa: „Mir fehlt nichts, mein ſüßes Kind. Ich weinte Zähren milder Herzensfreude.“ „O liebe Schweſter, Eure Gedanken ſchweiften über die Umhegung dieſer Mauern weit hinaus,“ ſagte das junge Mäd⸗ 104 chen und drückte die Hand der Novize mit theilnahmvollem Einberſtändniß. Die Glocke verkündete das Ende der Erholung, und rief zur Nähſtunde. Im Arbeitsſaale ſagte die Priorin zu ihren Untergebenen: „Liebe Schweſtern, heut gilt es das Lämmlein zu klei⸗ den, welches der Herr uns heute ſandte. Laßt uns friſch an's Werk gehen.“ Sie theilte die Arbeit aus, und nach zwei Stunden war die Ausſtattung der neuen Koſtgängerin ſo ziemlich fertig. Jetzt gings an's Umkleiden. Der Tauſch ſchien Feliſen juſt nicht zu erbauen; ſie ließ nur geſchehen, was ſie nicht ändern konnte, und ſah mit ſcheelem Auge die gute Priorin an, ſo oft dieſe bei jedem einzelnen Stücke ausrief: „Allerliebſt. Seht nur, wie gut ihr's anſteht. Ich meine, daß ihr im neuen Gewande auch ein anderes Köpfchen wachſen wird,“ Nachdem die Einkleidung vollendet, küßten die Schweſtern der Reihe nach ihr Püppchen, dem ſie wünſchten, es möge nach einigen Jahren ſo glücklich ſein, die andere ernſtere Ein⸗ kleidung vorzunehmen. Nach dem Gottesdienſt ließ die Priorin Genobefa mit Feliſe in das kleine Sprechzimmer beſcheiden. Eine ſolche Berufung war für Novizen eine ſeltene Gunſt. Das kleine Sprechzimmer war ein Saal mit etlichen Sitzen, einem Tiſch und einem Bücherſchrank. Der Saal hatte kein Gitter und ſtand mit dem Drehſcheibenzimmer in Verbindung. Sier 105 pflegte die Priorin die wenigen Perſonen zu empfangen, welche die Schranken der Clauſur überſchreiten durften. Die beiden fanden den Pater Boinet bei der Priorin. Er erhob ſich, grüßte mit der Höflichkeit eines Weltmannes, und ſagte, das Kind zwiſchen ſeine Kniee ſtellend: „Guten Tag, Fräulein, ſeid willkommen Schon längſt hatte uns der gnädige Herr von Alais*) eine kleine Annunziate verheißen, und wir harrten ungeduldig der Er⸗ füllung dieſes Verſprechens.“ Feliſe blieb geſenkten Blickes und ſtumm. „Entſchuldigt ſie, hochwürdiger Vater,“ ſagte die No⸗ vize:„ſie iſt noch ganz erſchrocken. Ein Vöglein, das aus dem Neſte fiel, und in der Hand erbebt, welche es ſchirmt und äzt.“ „Dennoch mein' ich, daß der kleine Vogel nicht davon⸗ flattern will,“ entgegnete ſcherzenden Tones der Beichtiger: „was fing' er draußen an? Es friert Stein und Bein, und ſchon wird es Nacht.“ Unwillkürlich hob die Kleine ihre Augen zum Fenſter. Es dämmerte draußen in der That, eiſiger Nebel umflorte die Scheiben, und die Nacht breitete ihren traurigen Mantel aus. Feliſe drängte ſich ſchauernd an die Novize und wandte ihr Geſicht gegen die trauliche Flamme des Kamins. *) Monseigneur d'Alais, der Biſchof von Alais. Monsieur d'Alais würde den Scharfrichter des genannten Ortes be⸗ deuten. 106 „Das Vöglein wird ſchon heimlich,“ lächelte der Pater: „es zieht den ſichern, den warmen Kiſicht der gefährlichen wilden Freiheit vor; und weil es denn gar zu brav iſt, ſoll es auch etwas zu ſchnabeliren haben.“ Er zog eine Düte aus der Taſche, ſchüttete den Inhalt in Feliſens Schürze, und hieß ſie die Zuckermandeln neben dem Feuer knuspern. „Sie wird noch Euer Herzblatt werden, hochwürdiger . Vater,“ ſagte die Priorin, des Kindes Wange mit den Finger⸗ ſpitzen ſtreichelnd:„auch wir werden ſie von Herzen liebge⸗ winnen, wenn ſie ſich artig und gehorſäm zeigt. Sie wird es gut haben bei uns.“ „Ich möchte doch lieber fort, ſobald es wieder Tag wird,“ ſeufzte Feliſe und richtete ihr großes helles Auge auf den Geiſtlichen. „Ich fürchte, mein Vater,“ ſagte Genobefa beklemmt: „daß ſie nie den Veruf ſpüren wird.“ „Dann laſſen wir ſie gehen,“ fiel ihr die Priorin raſch in's Wort:„es iſt immer beſſer, ſein Heil in der Welt ſuchen, als es im Kloſter verwirken.“ „Gott wird alles nach ſeinem Rathſchluß fügen,“ ſagte der Jeſuit. 3. Die gewöhnlichen kleinen Künſte, womit im Stift die Berzen der neueingetretenen Schülerinnen meiſtens im Sturm „ genommen wurden, reichten bei Feliſe nicht ganz aus. Störriſch 107 und launenhaft von Natur, war ſie weder durch Milde noch durch Strenge zu zähmen; Furcht hegte ſie vor keiner Seele, und ſie fühlte nur zu Genovefa einige Neigung. Dennoch lernte ſie ſich ihren ſo leichten Obliegenheiten unterwerfen; ſtatt in jedem Augenblicke ſich der Schulmeiſterin zu widerſetzen, in rückſichtsloſer Weiſe ihre Willensmeinung auszudrücken, die Klaſſe und den Schlafſaal durch ihren Ungeſtüm in Aufruhr zu bringen, bequemte ſie ſich nach und nach in Gang, Ge⸗ berde und Ausdrucksweiſe nicht gegen die Ordnung des ſtillen Hauſes zu verſtoßen. Das war aber auch alles, was in den erſten Monden von ihr zu gewinnen ſtand. Inzwiſchen legte Genovofa ihre Gelübde ab. Dieſe un⸗ widerrufliche Handlung war nicht von den düſtern Feierlich⸗ keiten der Einkleidung begleitet. Ohne beſondere Zurüſtungen, ſchier ohne alle Förmlichkeiten verhieß die Novize Armuth, Keuſchheit und Gehorſam, empfing aus den Händen der Priorin den ſchwarzen Schleier und unterzeichnete das aufge⸗ nommene Protokoll. Mit ſeltener Faſſung überſtand Genobefa dieſe letzte Prüfung auf der Schwelle des nun unwiderruflichen Ent⸗ ſchluſſes. Große Freude und Erbauung. brachte der ganzen Kloſtergemeinde, namentlich aber der Priorin die feſte ruhige Haltung der jungen Nonne. Genobefa hatte bisher mehr ein Vedürfniß nach ruhiger Verborgenheit gezeigt, als die in⸗ brünſtige Frömmigkeit einer Berufenen; jetzt zeigte ſie ſich nicht nur berufen, ſondern auch erkoren. Nachdem die entſcheidende Handlung vorüber, erhielt Genovefa die Erlaubniß, ſich in ihre Zelle zurückzuziehen, 108 um ein wenig zu raſten. Sie ging allein. Ihr Schritt war raſch und feſt, doch ſchien es, als thue ſie ſich Gewalt an. In der Zelle angelangt, hob ſie, auf beide Kniee nieder⸗ fallend, die Hände zum Himmel, und rief mit überſtrömenden Augen: „Herr, Herr! Stoße nicht von Dir, die in ihrem Leid zu Dir ihre Zuflucht nimmt. Nimm mich auf, ich bin Dein.“ Sie wollte weiter beten, doch ihre Kraft war gebrochen; ſie fühlte, wie ihr die Gedanken vergingen. Todesbleich, die Stirne von kaltem Schweiß gebadet, blieb ſie auf den Knieen in ſich zuſammengeſunken, an Seel' und Leib vernichtet. So fand ſie Cäcilie von Chameroy. Von dunkelm Drang geleitet, war die Schülerin ihr nachgegangen, warf ſich nun neben der Jammergeſtalt auf die Kniee, und rief ängſtlich und er⸗ ſchrocken: „Ihr weint, Schweſter? Ihr weint am Tag, da Ihr den Schleier genommen? Mein Gott, wer zwang Euch denn?“ Die Nonne kam nach und nach wieder zu ſich. Mit der Hand die naſſen Augen überfahrend, ſagte ſie unbeſchreib⸗ lich ſanft und ergeben: „Weshalb wein' ich denn? Ich laſſe nichts in der Welt, wornach ich mich zurückſehnen könnte, und muß mich nur allzuglücklich ſchätzen, dieſe Zuflucht gefunden zu haben. Gelobt ſei der Herr, der mir die Pforten ſeines Hauſes aufthat.“ „Ihr ſeid eine Waiſe?“ fragte Cäcilie 109 Die andere nickte bejahend. „Und ohne Stütze in dieſer Welt habt Ihr Euch zum himmliſchen Vater gewendet?“ fuhr das Mädchen fort:„aus eigenem Antrieb kommt Ihr hieher? O, meine Liebe, wär' ich groß genug geweſen, um zu wählen, als meine Eltern ſtarben, ich wäre nicht in's Kloſter gegangen.“ „Ihr ſeid nicht unwiderruflich gebunden, Cãcilie.⸗ „Wohin ſollt' ich mich wenden?“ fragte das Fräulein. „Ach, mein Kind,“ ſagte die Nonne mit verändertem Ton: derlei Gedanken ſind Sünde. Unterwerfen wir uns der göttlichen Fügung, küſſen wir die Ruthe, die uns ſchlägt. Was fehlt uns auch hier zum Heil der Seele und zu des Leibes Wohlbehagen? Gibt es auf Erden einen friedlicheren, gemüthlicheren Aufenthalt?“ Sie erhob ſich bei dieſer Rede, warf einen Blick durch das halbgeöffnete Fenſter in den Garten, und fuhr nach einer Weile fort: „Seht dieſes reinliche weiche Bett. Die Kapuzinernonnen ſchlafen auf einem harten Brett neben einem Todtenkopf. Dieſe Zelle iſt wohnlich und nett. Ich ſehe auf den Garten hinaus und bin im Sommer wie auf dem Lande.“ „Wahr, Schweſter, ganz wahr. Alles iſt hier heiter. Im Winter frieren wir nicht, im Sommer fehlen uns nicht kühle Schatten und reine Luft, und dennoch denk' ich mit Sehnſucht an einen andern Aufenthalt zurück.“ „An's elterliche Haus?“ „Wir wohnten in einem berfallenden alten Haus, mit der Ausſicht auf din enges Gäßchen. Zur Mittagszeit ward 11⁰ es darin kaum Tag. Mein Vater war hier abgeſtiegen, als er in Paris ankam, wo er etwas zu erhalten ſuchte; mein Vater, ein guter Edelmann und tapferer Offizier, zu Grunde gerichtet durch den Dienſt des Königs. Meine Mukter hatte ihn begleitet; ſie dachten bald mit einem Gnadengehalt wieder heimzukehren. Nach vier Jahren war noch nichts erfolgt. Das Elend brach mit Macht herein. Mein armer Vater, ich ſeh' ihn noch, wie er im großen kalten Zimmer am Fenſter ſeine Bittſchriften ſchrieb und dann der Mutter vorlas. Sie lag mit mir faſt den ganzen Tag im Bett; wir hatten kein Spänchen Holz in den Kamin zu legen. Wir gingen nie aus, als Sonntags zur Meſſe. Welch ein Feſt war das für mich; ich träumte die ganze Woche davon. Unſer Weg zur Kirche führte uns über einen freien Platz, Place Rohale genannt; wann die Sonne ſchien, wie luſtig war's dort unter den Bäumen. Zuweilen war die Mutter ſo gefällig, ſich auf eine Vank zu ſetzen und mich eine halbe Stunde ſpielen zu laſſen; dann krochen wir für eine ganze Woche in den Bau zurück. Ich würde das Haus ſchwerlich wiederfinden, ſogar der Name der Straße iſt mir entfallen; doch vor Augen ſchweben mir unvergeßlich das Haus, die dunkle feuchte Treppe, die ſtets reingehaltene aufgeräumte Stube, worin es immer ſo kalt war, das große Bett ohne Vorhänge, der Schenktiſch mit einigen Stücken Silbergeſchirr, die eins um's andere ver⸗ ſchwanden. In dieſem Gemach ſchenkte uns der Himmel Angela an demſelben Tag, an welchem er die Mutter zu ſich nahm.“ 7 111 Cäciliens Stimme ſchwankte bei dieſen letzten Worten, und Thränen berdunkelten ihre freundlichen hellen Augen. „Nun, mein Kind,“ fragte Genovefa gerührt:„was ge⸗ ſchah nach dieſem Unglück? „Ein anderes Unglück folgte ihm auf dem Fuße nach. Mein Vater erkrankte, und es war keine Hoffnung, ihn am Leben zu erhalten. Doch ſandte die Vorſehung ihm noch einen Troſt in den letzten Tagen ſeines Lebens. Ein ſeiniger weitſchichtiger Verwandter hörte von ſeiner traurigen Lage, und bat für ihn in Verſailles um Beiſtand. Sein Einfluß war ſtark genug, die königliche Hand zu öffnen, nur etwas zu ſpät. Im Sterben bat mein Vater den alten Vetter, ſich unſerer anzunehmen; dann gab er mir gute Lehren, die ich nicht begriff. Ich hörte weinend zu. Nachdem mein Vater geſtorben, brachte mich unſer Beſchützer und Vormund, der Freiherr von Fabras, hicher. Unſere gute Mutter, gerührt von ſo viel Unglück, willigte auch ein, Angela aufzunehmen, die noch in Windeln lag.“ „Und dieſer Vetter,“ fragte Genobefa:„bekümmert er ſich ferner um Euch? beſucht er Euch zuweilen?“ „Niemals,“ beſchied Cäcilie:„nie, obſchon er grad gegen⸗ über wohnt. Er kennt uns kaum, und wir können ſeinem Herzen nichts ſein. Angela und ich haben nur einen Vater und Schirmvogt— den im Himmel.“ „Arme Kinder,“ murmelte Genovefa, überzeugt von der Nothwendigkeit ihres Berufes. 4. Eine gottſelige Italienerin, Vittoria Fornari, aus einem edeln Hauſe von Genua, war die Gründerin des Ordens der Cöleſtinen von Mariä Verkündigung; die Ordensregel hatte ſie dem Pater Zannoni von der Geſellſchaft Jeſu in die Feder geſagt.*) Der Zweck der Stiftung war: eine Zufluchtsſtätte für Jungfrauen zu öffnen, welche, von den Lockungen der Welt nicht angezogen, verborgen und unbekannt zu leben wünſchten, einſam wie Maria, die der Engel in ihrem ſtillen Käm⸗ merlein fand. Unzugänglich der Außenwelt, ſollte ihr Daſein im Innern behaglich dahinfließen. Das Ordenshaus von Paris übte die Regel in ihrer urſprünglichſten Form. Unter der Leitung der hochwürdigen Väter Jeſuiten aus der St. Antons⸗ ſtraße hatte es ſich dermaßen von jedem ſtörenden Einfluß und von allen Abweichungen nach links oder rechts frei erhalten, daß es wohl ſchwerlich in ganz Frankreich ein Kloſter gab, worin bei ſo muſterhafter Ordnung die Pflichten des Berufes ſo leicht waren. Mit weiſer Fürſorge wurde jeder Anlaß zu *) Nach andern Schriftſtellern gründeten den Orden zwei hoch⸗ geſtellte Edelfrauen aus den erſten Familien des Freiſtaates Genua: Maria Vittoria von Strata und Maddalena Cen⸗ turione. Die Zahl der Chorſchweſtern war in jedem Kloſter auf 33 beſtimmt, zur EFrinnerung an die irdiſchen Lebensjahre des Heilands; dieſen waren ſieben Dienerinnen beigegeben zum Andenken an die ſieben Schmerzen Maria's. A. d. Ueberſetzers. 113 Aufregungen vermieden oder beſeitigt. Die Nonnen betraten meiſtentheils ſchon als zarte Kinder das Haus, und ihre Ge⸗ danken ſchweiften ſelten über den engen Geſichtskreis des Klo⸗ ſters hinaus, das für ſie die ganze Welt war. Lauter ein⸗ fache, unwiſſende Geſchöpfe, welche in ewiger Dämmerung den Strom des Lebens bequem hinabſchwammen. Wenn einige, höher begabt, die Schwingen des Geiſtes regten, ſo wandte ſich ihr Flug naturgemäß dem Himmel zu, und in den Geheim⸗ niſſen tiefinniger Andacht verzehrte ſich die Inbrunſt ihres Strebens; mit Eifer ſuchten ſie den Weg des Heiles, und in der Ausübung gottſeliger Pflichten fand ihr Drang nach Thã⸗ tigkeit vollſtändig ſeine Befriedigung. Die Vorſteherin, Mutter Magdalena, war alt geworden in Ausübung der ſchwierigſten Obliegenheiten des klöſterlichen Lebens. Fähig und vorſichtig, von aufrichtiger Frömmigkeit, rechtſchaffen und freimüthig, von ſtets ungetrübter Heiterkeit, 8. hütete ſie mit unbeſchränkter Gewalt ihre Heerde, ohne je füh⸗ len zu laſſen, daß ſie Selbſtherrſcherin ſei. Mit fünfund⸗ zwanzig Jahren zum erſtenmal zur Priorin erwählt, war ſie nach Ablauf der geſetzten Friſt einſtimmig wiedererkoren wor⸗ den; gewiß ein ſeltener Fall in einem Nonnenkloſter. Der Veichtbater und der Almoſenier der blauen Töchter waren ſtets Jeſuiten aus der St. Antonsſtraße, und Vater Boinet, der gegenwärtige Beichtiger, vereinte mit wahrer Fröm⸗ migkeit und Sittenreinheit die weltliche Gewandtheit, durch welche ſein Orden in den Zeiten der Bedrängniß der Kirche ſo weſentliche Dienſte geleiſtet hat. Boinets Obere hatten mit ihrem ſichern Tact ihn auserwählt, als Gewiſſensrath etlichen Der Erzähler. 1846. W. dreißig Jungfrauen zur Seite zu ſtehen, von denen wahrlich nicht eine jede Taback ſchnupfte und Runzeln im Geſicht trug. Gin gelehrter, gebildeter und feiner Mann, wie er war, ber⸗ ſtand er es dennoch wie keiner, ſich dem beſchränkten Geſichts⸗ kreis ſeiner Pflegbefohlenen zu fügen. Sein gutmüthig derbes Antlitz flößte ſelbſt den Schüchternſten Zutrauen ein, und ſeine Häßlichkeit drohte auch nicht der erregbarſten Einbildungskraft die leiſeſte Gefahr. Er trieb dabei ſeine Heerde nicht durch Dornhecken und über rauhe Pfade, ſondern führte ſie den ge⸗ mächlichſten Weg zum Himmel. Wo es keine Verſuchungen gibt, iſt es ja ſo leicht, zum Heile zu gelangen! Von der Stunde ihres Eintrittes an war Genovefa für Boinet ein Gegenſtand beſonderer Sorgfalt geweſen. Er hatte ſie aufgemuntert, auf dem betretenen Wege fortzuwandeln; die BGründe, welche ſie beſtimmten, kannte nur er, und ſie lagen unter dem Siegel jenes geweihten Geheimniſſes, deſſen Martyr damals noch nicht zu den anerkannten Heiligen*) züählte. Als die Priorin ihre Zweifel geäußert, ob das junge hüb⸗ ſche Mädchen nicht etwa in einer Aufwallung der Verzweif⸗ lung ſich dem Kloſter geweiht, hatte Boinet einfach zur Ant⸗ wort gegeben: „Seid ohne Sorge; ſie iſt eine unſchuldige Seele, welche die Welt in ihrem Taufzeug verließ und ſich nach keinem Ge⸗ genſtand zurückſehnen wird, der ihrer Gedanken Reinheit ge⸗ fährden könnte.“ *) Johann v. Neßomuck iſt erſt im Jahr 1716 heilig geſprochen worden. ————— ———— — 115 Sobald Genofeva den ſchwarzen Schleier genommen, wurde ſie der Schulmeiſterin beigegeben. Das Amt war nicht beſon⸗ ders ſchwierig, was die Gelehrſamkeit anbelangte; Leſen und Schreiben ſtanden nicht in hohem Anſehen bei den Annunzia⸗ ten, dafür aber wurde in keinem Nonnenkloſter ſo meiſterhaft geſtickt, und nirgends wurden ſo kunſtreiche Vlumen zum Schmuck der Altäre verfertigt. Genovefa lehrte die kleinen Mädchen leſen und half den größern bei den künſtlichen Ar⸗ beiten, an denen die ganze Gemeinſchaft mehr oder minder theilnahm. So konnte die junge Kloſterfrau ſich mit Feliſens Erzie⸗ hung beſchäftigen. Zuerſt ſuchte ſie den wilden ungezähmten Geiſt zu beſchwören, was ihr nur unvollkommen gelang. Das eigenſinnige kleine Ding blieb für Vorſtellungen und Ermah⸗ nungen taub; nur freundlicher Bitte gab es nach, weil es Genobefa liebte, ſo innig als das ichſüchtige und leichtfertige Herz eines Kindes nur zu lieben vermag. Ihrerſeits fühlte Genovefa für Feliſen eine unruhige, ſo zu ſagen ſchmerzliche Zuneigung. Oft weilten ihre Blicke mit bitterer Traurigkeit auf dem hübſchen Geſichtchen; die Hand auf den Locken An⸗ gela's, die gewöhnlich ſich ruhig an ihre Kniee lehnte, ſah ſie hinüber nach der hüpfenden und umhergaukelnden Tochter ihres Bruders, und betete leiſe zum Himmel: „O Vater, wann wird es Dir gefallen, ſie dieſem Engel ähnlich zu machen?“ Cäcilie von Chameroh wuchs ſich in die Freundſchaft Genobefa's hinein; bald begriff das Kind, was ſelbſt dem Scharfblick Magdalenens entgangen war: daß ein geheimniß⸗ voller unheilbarer Kummer an der Seele Genovefa's nage. Liebe traurige Erinnerungen ſchienen ſie insgeheim zu beſchäf⸗ tigen; ſie ſprach zwar nie von ihren Angehörigen, dennoch meinte Cäcilie wahrzunehmen! daß ihre Gedanken in der Hei⸗ math ihrer Kindheit wohnten. Oft ſtarrte Genobefa Abends am Fenſter ihrer Zelle in tiefer Betrachtung den geſtirnten Himmel an, ſtill vor ſich hin weinend; wenn dann ihre junge Freundin ſich neben ſie auf die ſchmale Brüſtung lehnte, pflegte ſie wohl zu ſagen: „Wie ſchön iſt die Nacht, liebe Cäcilie. Wendet Euern Blick dort in des Gartens Hintergrund, wo nur das dunkle Laub und das Sternenzelt zu ſehen ſind. Ich wähne mich weit draußen auf dem Land, ich athme friſche Waldeslüfte und Wieſendüfte. Oh, wenn Ihr wüßtet, wie ſchön ein Sommerabend iſt unter Platanen am Geſtade.“ Zuweilen ließ ſie auch den Erinnerungen der Kindheit freien Lauf; in einer Ecke ſitzend, Angela auf ihren Knieen ſchaukelnd, ſang ſie dann mit halber Stimme Weihnachtslieder aus Languedoc, welchen das Kind voll Theilnahme lauſchte, ohne ſie zu verſtehen. Da geſchah es wohl, daß auch Feliſe nähertretend dieſe munteren Weiſen wiederholte, mit denen ſie wahrſcheinlich ihre eigene Anme einſt eingelullt hatte.— Zu andern Zeiten vertauſchte Genovefa während der Erholungs⸗ ſtunde den Garten mit einer Gallerie im unbenutzten Theil des Hauſes. Dieſer lange Saal, mit Marmor gepflaſtert wie eine Kirche, war noch mit einigen Gemälden geſchmückt, deren auseinanderfallende, von Spinnweben überzogene Rahmen einſt 117 vergoldet geweſen ſein mochten; der Staub ſchier eines Jahr⸗ hunderts lag auf den nachgedunkelten, kaum in Umriſſen mehr kenntlichen Bildern. Die Einrichtung war verſchwunden bis auf einige zerbrochene Seſſel in verſchiedenen Ecken. Noch hieß der Raum, laut der erhaltenen Ueberlieferung,„der Fürſtenſaal,“ und hier mochten vor Zeiten glänzende Feſte gefeiert worden ſein. Der leichte Fuß anmuthiger Tänzerinnen hatte die kühlen Platten des Eſtrichs betreten beim Schalle rauſchender Muſik. Die Tänzerinnen jener Zeit ruhten nun längſt im Grabe, erlahmt und verſtummt für immer waren die Geiger, Stoßpfeifer und Pauker der hohen Bühne, und von der alten Pracht kaum eine Erinnerung geblieben, als einige ſchwarze Streifen, welche der von den Fackelſtühlen aufqualmende Rauch am Getäfel zurückgelaſſen. Eines Tages hatte Cäcilie den Einfall, Genovefa's ein⸗ ſame Erholung im Fürſtenſaal zu ſtören. Die Nonne ſaß juſt beim Eingang, das Geſicht in die Hand geſtemmt, vor ſich hinſtarrend in den halbdunkeln Raum, wo ein Sonnen⸗ ſtrahl, durch eine zerbrochene Scheibe eindringend, ſich ſchräg über die düſtern Bilder an der Wand hinlagerte. „Ei, liebe Schweſter,“ rief lächelnd das Mägdlein:„was thut Ihr hier unter den alten Bildniſſen, die ſo trübſelig auf Euch herabſchauen?“ „Kommt und macht ihre Bekanntſchaft, Närrchen,“ antwortete Genovefa, und rückte ſich, Platz machend, auf der wurmſtichigen Bank zurecht, worauf ſie ſaß; ernſter fügte ſie hinzu:„ich denke an die Zeit zurück, da hier Bälle gegeben wurden.“ 118 „Bälle?“ wiederholte Cäcilie mit tiefem Erſtaunen: „Ihr vermögt Euch ein klares Bild von einem Balle zu machen?“ „Warum nicht? Ich war ſchon ſelber dabei.“ „Ihr habt getanzt!“ machte Cäcilie mit leiſer Stimme und gefalteten Händen, und hob erſt nach einem Weilchen wieder an:„Das muß recht heiter ſein.“ „Gewiß,“ fuhr die Nonne heraus; ihre aufmerkſame Hörerin fragte nur durch Blicke weiter, und ſie gab Beſcheid: „einmal nur war ich auf dem Ball, an jenem ſchönen Tag, da ich ſechszehn Jahre zählte.“ e ſchien ſich in die Erinnerung an jene weltliche Luſtbarkeit zu verſenken; doch plötzlich ſich losreißend ſprang ſie auf, ergriff der Schülerin Arm und führte ſie zu den Bildern. „Ich ſehe dieſe Leute gern,“ ſagte ſie:„es ſind lauter gute Bekannte.“ „Um des Himmels willen, woher?“ rief das Mädchen mit ungläubigem Erſtaunen. „Aus Büchern,“ erklärte lächelnd Genobefa:„wir ſind hier in vornehmer Geſellſchaft. Lest die Namen, und wo kein Name ſteht, die Wappen.“ „Verſteht Ihr Euch auf Wappen, Genovefa?“ „War ich draußen in der Welt nicht ein Edelfräulein im Schßt meiner Ahnen? Dieſes Haus muß einſt den Montmorench zugehört haben; überall iſt auf dem Schild das rothe Kreuz zu ſehen, überall der Moloſſenkopf über dem gekrönten Helm, überall der ſtolze Wahlſpruch: Dieu ayde 119 au premier baron chrestien. Dieſe Bilder ſtellen lauter Mitglieder des erlauchten Hauſes dar.“ Cäciliens Blick überflog die Reihe der Gemälde, ſuchte die Züge der einzelnen unter der Staubhülle zu unterſcheiden⸗ und dann auf den Gedanken zurückkommend, der ſie vorzüglich beſchäftigte, ſagte ſie, auf ein Bildniß deutend, woran nur die ſchwarzen Augen und die weißen Hände noch einigermaßen deutlich zu erkennen waren: „Ihr glaubt mithin, liebe Schweſter, daß dieſe Dame hier Bälle gegeben hat?“ „Ei freilich,“ entgegnete Genovefa ganz ernſthaft:„ſie hat vor hundert Jahren und mehr nach dem Brauch der Zeit den Reigen getanzt.“ „Wenn unſere hochwürdigen Mütter das wüßten,“ lachte Cäcilie:„ſie würden hier Weihwaſſer ſprengen.“ Die Glocke verkündete das Ende der Erholung. Die Schülerin hätte ſchier mit dem Fuß geſtampft. „Jeſus Maria,“ rief ſie aus:„Mutter Perpetua hat die Uhr vorgerichtet. Wie Schade, daß wir die ſchöne Geſellſchaft ſchon verlaſſen müſſen.“ Der kleine Schelm machte den Bildern eine feier⸗ liche Verbeugung und tänzelte davon, von Genovefa ge⸗ folgt.——— Die Zeit verſtrich beim einförmigen Leben des Kloſters kaum minder ſchnell, als im bewegten Kreislauf der Welt. Vier langweilige Jahre waren bedeutungslos verſunken, in Genobefa's Erinnerung nichts als ein einziger Tag, einer von den Tagen, die kein Ende nehmen wollen. 120 Angela und Feliſe waren noch Kinder, aber Cäcilie zur Jungfrau gereift, eine friſche Roſenknospe im Schmelz des Thaues, worauf die Morgenſonne ſcheint. Die Sammethaut erglänzte weiß und roth in unvergleichlicher Pracht, die gold⸗ blonden Haare ſuchten vergeblich ihres Gleichen. Bei jeder nur etwas lebhaften Bewegung löſten ſich die Flechten und wallten bis zu den Ferſen nieder. Wenn dann die Aufſeherin mit ſanftem Vorwurf die widerſpänſtige Pracht wieder auf⸗ rollte, zuſammenband und im Häubchen barg, ſagte Cäcilie begütigend: „Geduld, gute Mutter; wie bald, und die Frau Perpetua macht mit ihrer großen Scheere dem Unfug ein Ende.“ In der That nahte mit raſchen Schritten der Augenblick für Cäcilie, den weißen Schleier zu nehmen, und ſie ſah ihm ſonder Furcht und Unruhe entgegen. Ihre Laune zeigte ſich immerdar muthwillig, ihrer Augen ungetrübter Glanz ſagte nichts von geheimen Thränen und ſchlummerloſen Näch⸗ ten, und ihr anmuthiges Geſicht lächelte wie der ſonnenhelle Pfingſttag. Doch war auch nicht die eifrige Ungeduld einer gottberufenen Seele an ihr zu ſpüren. Sie hatte, nach Magdalena's Anſicht, den leidenden Beruf, den beſten von allen, wie die gute Priorin meinte; und man brauche nicht zu zögern, fügte die wackere Frau hinzu, die Pforte der Hürde für immerdar hinter dem holdſeligen Lämmlein zu ſchließen. Der Tag der erſten Einkleidung wurde anbe⸗ raumt. Nach dem Herkommen mußte die Einzukleidende ſich durch einige Tage einſamer Andacht auf die feierliche Handlung 121 vorbereiten. Ein Gelaß von klöſterlichſter Einfachheit war eigens dazu hergerichtet. Zwiſchen einem Strohſeſſel und einem Betſchemel ſtand das harte ſchmuckloſe Lager. Das ſchmale Fenſter mit der Ausſicht auf einen kleinen Hof erleuchtete ſpärlich die kahlen Wände. Dieſer trübſelige Aufenthalt hieß „die Einſamkeit,“ wohinein zuweilen ſich eine oder die andere Nonne freiwillig zurückzog, um ſich zu kaſteien. Das Fräulein von Chameroh war immer dieſelbe an heitrer, ruhiger, ſorgloſer Stimmung. Nur am Vorabend vor ihrem Eintritt in die Einſamkeit, als ſie nach dem Abendgebet ſich zufällig mit Genobefa allein befand, flüſterte ſie dieſer haſtig zu: 3„Ich kenne mich ſelber nicht mehr... die Traurigkeit vrückt mich ſchwer... ich verzweifle beim Gedanken, in acht Tagen den Schleier zu nehmen... Wenn ich ein Vöglein wär' und auch zwei Flüglein hätt'...0 „Was ſagt Ihr, Kind?“ rief Genobefa aus:„Ihr möchtet das Stift verlaſſen?“ „Für einige Tage Freiheit gäb' ich willig den Reſt mei⸗ nes Lebens dahin.“ „Was ſollte in der Welt aus Euch werden, arme ver⸗ „ laſſene Cäcilie?“ „Gleichviel!“ rief Cäcilie ungeſtüm:„von hier aus er⸗ ſcheint die weite Welt mir ſo lockend.“ Weinend fügte ſie hinzu:„Dennoch werd' ich nicht einmal im Tode dies Haus verlaſſen.“ Die andern traten in den Schlafſaal und unterbrachen 122 die peinliche Beichte; Genovefa konnte nur noch mit einem Händedruck flüſtern: „Sprecht ohne Rückhalt mit unſerm Beichtvater; ihm etwas verſchweigen wäre ohnehin Todſünde, und er, der heilige Mann, wird Euch mit gewohnter Milde auf den Weg der Gnade weiſen.“ Am nächſten Morgen trat Cäcilie in die Einſamkeit, und Genovefa ſah ſie nur noch im Chor zwiſchen der Priorin und der Novizenmeiſterin. Die Einkleidung einer Nobize war ein großes Ereigniß im Kloſterleben. Die Feierlichkeit zog immer Maſſen von Zu⸗ ſchauern an und die Nonnen machten Staat mit ihren Kirchen⸗ zierrathen. Je näher der große Tag rückte, je größer ward die Unruhe; die Kloſterfrauen kamen ſchier nicht mehr aus der Sacriſtei, und jede Hand war beſchäftigt, bis hinab zu zu den kleinſten Koſtgängerinnen, die friſche Krauſen aus Papier für die Kerzen ſchnitten. Der Eifer war ſo groß, daß Abends Niemand ſchlafen gehen wollte. Die Mahlzeiten wur⸗ den im Arbeitsſaal haſtig, ſo zu ſagen nur mit einer Hand eingenommen. Inmitten dieſer fröhlichen Regſamkeit dachte Genovefa ſchwermüthig an Cäciliens letzte Rede; ſie fürchtete, daß Boinets Ermahnungen fruchtlos bleiben könnten, und ſah dem Tag der Einkleidung mit der bitterſten Veklemmung entgegen. Zwei Tage vor dieſer gefürchteten Friſt bemerkte ſie, daß Cäcilie allein nach ihrer Zelle ging, blieb ein wenig hinter den andern zurück und redete ſie an: —˙——————— — 123 „Seid Ihr jetzt beruhigt, liebes Kind? Sat Pater Boinet Euere Zweifel beſiegt?“ Die Chameroh wandte der Fragenden ein zährenfeuchtes Auge zu. „In mir iſt nichts beſſer geworden,“ verſetzte ſie:„der Herr entzieht mir ſeine Gnade.“ „Habt Ihr dem Beichtiger auch alles bekannt?“ „Alles, Schweſter Genovefa, Alles. Er ward durchaus nicht böſe. Er nennt meine Zweifel unbegründete Wallungen und meint, ich ſei dennoch berufen.“ „Vermeint er nicht, wenigſtens die Einkleidung aufzu⸗ ſchieben?“ „Nein, Schweſter Genovefa; er ermahnte mich nur, dem Herrn zu vertrauen, der beſſer als wir die Wege des Heiles kenne. Da hab' ich mich denn unſerer hochwürdigen Mutter zu Füßen geworfen, um ihr zu erklären, daß ich mich zum Leben der Vollkommenheit nicht berufen fühle und den Schleier nehmend mein Heil gefährde. Sie hörte mir mit unendlicher Güte zu, ſchalt nicht, ſchien nicht einmal erſtaunt, und nannte mich ihre gute Tochter, ihr liebes Lamm. Dann half ſie mir nochmals in gründlicher Erforſchung meines Ge⸗ wiſſens, und wiewohl ich ihr auch gar nichts vorenthielt von meinen innerſten Gedanken, ſo weigerte ſie ſich doch zu glau⸗ ben, daß die Gnade mich dermaßen verlaſſen habe. Ich aber bin ſo verſtockt und undankbar, daß alle dieſe Güte und Nachſicht mich nicht rührt, nein, ſogar erbittert. Ich werde den Schleier nehmen, aber meine Gelübde werden mich dem ewigen Tode überantworten...4 124 „Sprecht nicht ſo frebelhafte Worte,“ unterbrach ſie Genovefa:„hier im Hauſe des Herrn, wenige Schritte von ſeinem Tabernakel.“ „Himmliſcher Vater, vergib mir; Dein Wille geſchehe, nicht der meine,“ murmelte Cäcilie, weniger ergeben als niedergeſchlagen. Magdalena's Dazwiſchenkunft unterbrach das Geſpräch. Bei Genobefa's Anblick runzelte die Priorin leicht die Stirne und ſagte mit ſanftem Vorwurf: „Habt Ihr die Glocke überhört, meine liebe Tochter? Die Schweſtern ſind ſchon bei der Arbeit. Geht, und zu einer heilſamen Buße mögt Ihr beim Werk in Gedanken zehn Vaterunſer und ebenſoviel Ave Maria beten.“ Zu Cäcilien gewendet fuhr die Vorſteherin fort: „Ihr, mein theures Kind, bereitet Euch, an's Gitter zu kommen. Ihr habt Euch einer letzten weltlichen Pflicht zu entledigen: Ihr müßt Euern Vormund um Erlaubniß bitten, den Schleier zu nehmen.“ Cäcilie verhieß Gehorſam. Sie hatte den Freiherrn von Favras ſeit langen Jahren nicht geſehen, und hielt ſich ſammt ihrer Schweſter, vielleicht nicht mit Unrecht, für vergeſſen von ihm. Die Priorin hieß das Fräulein einſtweilen zur Zelle gehen; ſie ſelbſt verfügte ſich in's kleine Sprechzimmer, in welches Boinet juſt eintrat. „Was hat Eure Varmherzigkeit ausgerichtet, hochwür⸗ diger Vater?“ fragte⸗Magdalenn haſtig. „Alles geht nach Wunſch,“ verſetzte Boinet ſelbſtzu⸗ —— 125 zufrieden:„der Herr Baron von Favras wird alſogleich er⸗ ſcheinen; ſeine Mündel darf keine Nonne werden, er gibt's nicht zu.“ i „Iſt das auch ganz gewiß?“ fragte Magoalena mit unverholener Freude. „Er iſt feſt entſchloſſen.“ „Und Euer Hochwürden hat das Wunder bewirkt? Wir vanken Eurer Veredtſamkeit, daß Favras ſich der Waiſen annimmt?“ „Gott verhüte, daß ich meiner Ueberredungskunſt ein Verdienſt zuſchreibe, das ihr nicht gebührt. Ich hatte anfangs, wie Ihr wißt, allerdings im Sinn, dem Freiherrn vorzu⸗ ſtellen, in welche Verlegenheit uns das Fräulein durch ihren plötzlichen Widerwillen gegen den geiſtlichen Stand verſetze, welches Aergerniß durch Anwendung von Zwang entſtehen könnte, und wie gefährlich das Beiſpiel für den Frieden des Hauſes ſein müßte. Favras aber iſt ein alter Haudegen, angeſteckt vom Janſenismus, grad ſo fromm, daß er in die Meſſe geht, ſo oft er eben muß; und vor allen Dingen iſt ihm unſer ſchwarzes Gewand zuwider. Hiernach richtete ich meinen Plan ein, ſo daß gerade ſein Haß unſere Zwecke fördern muß. Ein kluger, verläßlicher Freund gab ihm ge⸗ legentlich zu verſtehen, welchen Einfluß wir hier ausübten. Fabras fing Feuer. Entrüſtet vernahm er, daß die Väter der Geſellſchaft Jeſu die geiſtlichen Räthe der Annunziaten ſeien, wunderte ſich, früher nichts davon gehört zu haben, und ſpie Gift und Galle. Nun, wir ſind dergleichen gewohnt; jeder beſchränkte Kopf, der über nichts anderes zu ſchimpfen 126 weiß, ſchmählt auf die Jeſuiten; diesmal kommt uns der Haß ſogar ganz gelegen. Er hilft die Spreu vom Waizen ſondern, und wenn irgend ein Aergerniß entſteht, ſo treffen die Vorwürfe nicht uns, nicht Euch, ſondern den Herrn Vormund.“ „Ich theile Eure Freude, hochwürdiger Vater,“ ſagte Magdalena mit einem Geſicht, das ihre Worte Lügen ſtrafte: „dennoch kann ich nicht ohne bange Zweifel dieſe Kinder ſcheiden ſehen. Der Herr hatte ſie mir für immerdar gegeben, wie ich meinte, und nun verlier ich ſie mit einemmal. Wenn ich mindeſtens ihres Glückes hienieden und ihres ewigen Hei⸗ les ſicher wäre.“ „Ihr müßt die Herzensneigung dem Beſten Eurer geiſt⸗ lichen Töchter opfern,“ ſprach Boinet im Tone des Gebieters: „bedenkt den plötzlichen Umſchlag des Fräuleins von Chameroh in ihren Geſinnungen, und welche traurige Folgen ein ſolches Beiſpiel nach ſich führen könnte. Ihr habt deutlicher als ſie ſelber auf dem Grund ihrer Seele geleſen; es iſt kein augen⸗ blicklicher Widerwille in ihr, keine vorübergehende Mißſtim⸗ mung,— der Beruf fehlt ihr, und den Beruf bermögen wir nicht zu impfen. Laßt ſie fahren,... wir können nur noch für ſie beten.“ „Doch die Schweſter, das unſchuldige Weſen, das uns in der Wiege zugetragen wurde?“ ſagte die gute Privrin, die Thräne trocknend, welche ihr wider Willen unter der Wimper herborquoll. „Der Vormund„wird nicht die eine fortnehmen, um die andre dazulaſſen, und wir haben keine Wahl.“ 427 „Ich bin auch nicht wähleriſch, hochwürdigſter Vater; unſer Leben iſt ein Daſein der Entſagung.“ Die Glocke meldete das Erſcheinen eines Fremden vor dem Gitter. Magdalena ſandte nach Cäcilien, und ſagte ihr mit ſichtlicher Bewegung: „Geht zum Sprechſaal, mein Kind. Ihr wißt, was Ihr von Euerm Vormund begehren ſollt; vernehmt mit kind⸗ lichem Gehorſam ſeine Gebote und kommt dann wiederum zu mir.“ Nach kaum einer Viertelſtunde kam Cäcilie wieder zur Stelle, bleich, angegriffen, aber ſtrahlenden Blickes und freu⸗ diger Geberde. „Mutter,“ ſagte ſie genumpften Tones:„der Vormund will nicht zugeben, daß ich den Schleier nehme.“ „Dann müßt Ihr Euch fügen,“ entgegnete überaus ge⸗ laſſen die Priorin:„preist den Willen Gottes und gehorcht.“ „Wie gern,“ rief das Fräulein; dann fügte ſie mit minder vergnügtem Ausdruck hinzu:„und, liebe Mutter, wer hätte es je gedacht? der Freiherr will uns auch aus dem Stift nehmen.“ „Ich widerſpreche durchaus nicht,“ antwortete Magdalena, ohne die Faſſung zu verlieren, ſo ſchmerzlich die Stunde ihr auch war:„Euer Vater hat dem Herrn von Fabras ſeine ganze väterliche Machtvollkommenheit ertheilt.“ „Ich ſoll das Kloſter verlaſſen,“ rief das Fräulein, verwundert und halb noch ungläubig:„iſt es möglich, großer Gott? Ich werde die Schwelle überſchreiten...“ 128 „Um ſie nie mehr zu betreten,“ fiel ihr Magdalena in's Wort. Im Tone der Priorin lag kein Vorwurf, dennoch klagte er Cäcilien ſchwarzen Undankes an. Sie warf ſich zu Mag⸗ dalena's Füßen, badete die geweihten Hände in Zähren, und ſchluchzte: in „Vergebt mir, gute theure Mutter... ich habe Euere Güte ſchlecht vergolten... ich war des Namens Euerer Toch⸗ ter unwürdig...4 Die Priorin konnte ihre Thränen nicht zurückhalten; in ihre Arme ſchloß ſie das Kind, welches ſo bereit war, ſie zu verlaſſen, und ſagte ſchmerzlich, zärtlich und gefaßt zugleich: „Meine Tochter, meine liebe Tochter, vergeßt nicht auf der neuen Lebensbahn die guten Beiſpiele, welche Ihr hier geſehen? Ihr ſeid nicht berufen, eine Heilige zu werden; da⸗ mit iſt aber noch lange nicht geſagt, daß Ihr ein Kind der Sünde ſein müßt.“——— Am ſelbigen Tage traten die zwei Fräuleins von Chameroh aus der Clauſur; für ſie öffnete ſich die ſtrenge Pforte, die faſt nie der Welt zurückgab, was einmal zu den Annunziaten eingetreten. Das große Ereigniß ging in aller Stille vor ſich. Die Nonnen waren nach der Entfernung der beiden noch mit vollem Eifer beſchäftigt, die Vorbereitungen zur Feſtlichkeit zu vollenden, als Abends die Priorin, in ihre Mitte tretend, kurz und bündig erklärte: der Freiherr von Fabras habe als Vormund die beiden Kinder zutückgenommen, und die Schwe⸗ ſtern möchten für ſie Peten. 129 Die Nachricht fiel wie ein Donnerſchlag aus heiterer Luft. „Jeſus mein Heiland,“ rief Perpetua:„und das im Augenblick der Einkleidung; der Menſch muß ein Gottesleugner, ein Philoſoph oder gar, Gott verzeih mir die Sünde! ein Lutheraner ſein.“ „Er wird ſeine verdammlichen Zwecke nicht erreichen, ver⸗ laßt Euch drauf,“ ſprach eine andere:„die zwei unſchuldigen Kindlein werden die Prüfung beſtehen, und durch ihre Stand⸗ haftigkeit den Wüthrich zwingen, ſie wiederzubringen.“ „Der Himmel verleihe ihnen dieſe Gnade,“ fügte eine, dritte hinzu:„wie werden wir die theuern Lämmer mit offenen Armen empfangen.“ Eine der älteren Schweſtern, die hinausgegangen, kam in dieſem Augenblick wieder. „Laßt uns für die armen Täubchen beten, welche der Geier in ſeinen Fängen hält,“ ſagte die:„ich habe eben mit der Schweſter Urſula geſprochen; ſie war es, welche dem Wuſtel*) den Sprechſaal öffnete, ſie war zugegen, als er die Opfer entführte.“ Wie ſicht er aus. ſprecht wie hat er ſich,“ riefen die neugierigen Jungfrauen durcheinander. Er iſt ein alter Herr, von Gicht und Flüſſen ſchwer heimgeſucht. Sein Diener mußte ihn die Stiege gleichſam hinäufſchleppen. Schweſter Urſula hat nicht gleich verſtanden, *) Wuſtel: böſer Mann, Wüthrich. Der Erzähler. 1846. W. 9 130 was er zum Fräulein von Chameroh ſagte, doch ſprach er ſehr unwirrſch, das begriff ſie. Wahrſcheinlich hat er mit Feuer und Schwert gedroht, ſonſt hätte unſere hochwürdige Mutter wohl nicht ſo ſchnell nachgegeben. Die Kinder wurden Fgebracht, die Thür geöffnet, und weinend entfernten ſich die unglücklichen Weſen. Vor dem Lärm auf der Gaſſe fürchtete ſich Angela dermaßen, daß ſie umkehren wollte, und ihre Schweſter ſie auf den Armen forttragen mußte.“ „Unſchuldige Opfer! der Himmel befreie euch aus den grauſamen Händen,“ rief Perpetua aus:„wollen wir nicht zu ihrem Beſten eine neuntägige Andacht vom Vater Boinet verlangen?“ Während dieſer Rede ſaß Genovefa ſtillweinend abſeits mit herabgelaſſenem Schleier, und drückte Feliſens kleine Hände in den ihrigen. Vernehmt Ihr's,“ ſagte das Kind leiſe und überraſcht: „die Chamerohs ſind fort, ohne Euch nur Gott befohlen zu ſagen, und Ihr hattet ſie doch ſo lieb.“ Genovefa wußte dem Himmel Dank für die Befreiung der Freundin; doch von Stund' an laſtete der geheime Kum⸗ mer noch ſchwerer auf ihrer Seele. Die Trennung voh Cä⸗ cilie beraubte ſie eines großen Troſtes; die heitre Sinnesart des Mädchens hatte ſie oft ermuthigt und ſogar zerſtreut. Nicht minder die Beſchäftigung mit Angela, die, ihr ſelber unbewußt, ihr werther geworden als Feliſe, und zu der ſie eine wahrhaft mütterliche Neigung hegte. Anfangs wagte ſie zu hoffen, die Kleine wiederzuerhalten, und Vater Boinet er⸗ klärte ihr erſt ſpäter nach und nach, wie unmöglich das ſei. W W 131 Die Kinder, welche ſie mit ſolcher Sorgfalt erzogen, blieben beide verloren für ſie. Die Welt war für die Annunziaten gänzlich abgeſchnitten; kein Laut von ihrem Treiben drang durch die taube Kloſtermauer, und wiewohl das Haus des Freiherrn von Favras dem Stift gegenüber lag, ſo daß man von der Pforte hineinſehen konnte, ſo hörten die Nonnen doch nie mehr von den Fräuleins von Chameroh reden. Genobefa verſank ſtufenweiſe in eine Art geiſtiger und körperlicher Abzehrung, ohne daß ſie eigentlich zu leiden ſchien. Sie glich hierin einer lebenskräftigen Pflanze, die, gewaltſam berſetzt, ohne Luft und Licht langſam dahin⸗ ſchmachtet. So verdämmerte ſie noch einige Jahre, ohne je zu klagen, ohne nur zu wiſſen, daß ſie ſich auflöſe. Faſt bis zum letzten Hauche erfüllte ſie ihre Obliegenheiten in der Kirche, bei der Arbeit und inmitten der Koſtgängerinnen. Nur während der Erholung blieb ſie in der letzten Zeit beim Eingange des Gartens ſitzen, das Haupt gebeugt, den Blick unſtät bald dem Himmel, bald dem welken Laube zugewendet, das eben zu fallen begann. Eines Abends fühlte ſie ſich zu ſchwach, um allein nach ihrer Zelle zu gehen; unterwegs ſank ſie ohnmächtig ihren mitleidigen Führerinnen in die Arn Die Mutter Magda⸗ lena kam herbei, und erkennend, daß die Krankheit am ent⸗ ſchiedenen Endpunkt angelangt, ſandte ſie nach dem Beichtvater. Genovefa ſprach nichts mehr, ihr Athem war ungleich und ſchwer, und die halbgeſchloſſenen Augen waren ſchon gebrochen. Das Leben war aus dem gebrechlichen Körper gewichen, wie⸗ wohl die Stele noch im Scheiden zu zögern ſchien. Boinet 132 „ verſuchte mit ihr zu reden; ſie vernahm nicht mehr ſeine Worte und berſchied inmitten der Bemühung, ſie mit den letzten Trö⸗ ſtungen der Kirche zu verſehen. Sie ſtarb überaus ſanft, wie ein Kind, das entſchlummert. Feliſe war zeitig vom Sterbelager entfernt worden, und hatte die Nacht in einer abgelegenen Zelle zubringen müſſen, wo ſie ruhig und unbeſorgt geſchlafen. In ihrem kindlich leichten Sinn dachte ſie nicht an's Sterben, und Genobefa war auch ihrer Meinung nach dazu noch viel zu jung. Als früh Morgens die Glocke das erſte Angelus läutete, ſtand ſie auf und ging nach dem Schlafſaal zu, erſtaunt über die dort herr⸗ ſchende Stille. Magdalena trat ihr entgegen, führte ſie zur Zelle zurück und ſagte: „Kniet nieder, liebe Tochter, opfert dem Herrn Eure Seele und Euer Herz, daß er ſie tröſte; Ihr erfahrt in jungen Jah⸗ ren eine ſchwere Heimſuchung.“ Feliſe gehorchte, und in ihren fragenden Blicken malte ſich eher Erſtaunen als Schrecken. Da erklangen die Töne der Scheideglocke. Feliſe erbebte bei dem Schall und ſchrie auf, eine ſchreckliche Ahnung durchzuckte ſie. „Betet, mein Kind, betet,“ mahnte die Priorin, ſelber ſchwer bekümmert:„poß bedurfte eines Engels und hat Ge⸗ novefa zu ſich giſe „Sie iſt todt? Nein, nein, ich glaub's nicht,“ rief Feliſe, der Thüre zueilend. Magdalena vermochte ſie nicht aufzuhalten, die in fliegender Haſt Genovlfa's Zelle zuſtrebte. Auf der Schwelle blieb ſie vernichtet ſtehen. Die Todte lag auf ihrem Bett, im Ordensgewand, in den Händen den Gekreuzigten. Ihr —.,—— — —,—— 133 Angeſicht war weiß und ruhig, wie das Alabaſterbild einer Heiligen. Feliſe betrachtete ſtarren und ſchier nichtsſagenden Blickes die Leiche, bis ſie nach einer Weile in einem Winkel der Zelle niederkniete, wo ſie, das Geſicht gegen die Mauer gelehnt, un⸗ beweglich in ſich verſunken blieb. Boinets Ermahnungen, Magdalenens Zuſpruch entlockten ihr kein Lebenszeichen. Ihr Schmerz that ſich nur in ganz wenigen Zeichen kund. Sie weinte nicht, aber die Lider der halbgeſchloſſenen Augen waren geſchwollen vom Salz der Zähren, die nicht floſſen. In den nächſten Stunden kamen die Schweſtern im feier⸗ lichen Zuge, um die entſeelte Hülle zum Chor zu tragen, wo ſie dem Brauche nach bis zum nächſten Tag ausgeſtellt blei⸗ ben ſollte. Als der Zug die Leiche von dannen trug, erhob ſich Feliſe und folgte ungeheißen zum Chor, wo ſie, während die Schweſtern abwechſelnd beteten, in einer Ecke den Tag über und die Nacht auf den Knieen blieb, das Haupt zur Bruſt geſenkt. Keine Bitte, kein Befehl rührte ſie. Als endlich aber der Sarg in der Gruft ruhte, da loderte ihre Verzweif⸗ lung in hellen Flammen auf. Heftig ſtieß ſie die Schweſtern von ſich, die ſie theilnehmend umdrängten; raſchen Schrittes eilte ſie aus dem Chor bis zur grhi Treppe, wo ihre Kräfte ſchwanden und die Füße plötzlich den Dienſt verſagten. „Meine liebe Tochter,“ ſagte hier die Priorin ſanft und dennoch feſt:„Ihr ſündigt gegen Gott und gegen Euch ſelber, indem Ihr Euerm Schmerz ſo nachgebt. Das iſt nicht die Art, in welcher die Trauer einer Chriſtenſeele ſich kund⸗ geben ſoll.“ 134 „Meine gute Mutter,“ verſetzte Feliſe kurz:„ich habe eine Gunſt zu erbitten. Nach dem ſchweren Mißgeſchick, das mich betroffen, könnt Ihr mir ſie nicht verſagen.“ „Laßt hören, Kind. Was Euch zu tröſten vermag, werd' ich gerne thun.“ „Ich will zur Stunde dieſes Haus meiden,“ rief Feliſe mit wirren Blicken:„weit weg von hier will ich gehen.“ Dieſe höchſt unerwartete Aeußerung erregte im Kreiſe der Hörerinnen Erſtaunen und Entrüſtung. Solche Reden waren aus dem Munde einer Schülerin des Gotteshauſes noch nie vernommen worden, ein ſo vermeſſener Frevel hatte bisher für unmöglich gegolten. Selbſt die Vorſteherin kam etwas aus dem Gleichgewicht und rief mit himmelwärts erhobenen Händen: 3 „Betet für ſie! Der Verſucher will dieſe arme Seele in's Verderben ſtürzen; betet, daß wir ſie dem Himmel wieder⸗ gewinnen.“ Bei dieſen Worten winkte ſie den Schweſtern, ſich zurück⸗ zuziehen; dann trat ſie zu Feliſen und redete ſie mit ihrer gewohnten Sanftmuth an; „Kommt, meine liebe Tochter, Ihr ſeid krank an Leib und Seele, und könnt kaum auf den Füßen ſtehen. Kommt, ich führe Euch.“ „Wohin wollt Ihr mich bringen,“ kreiſchte Feliſe in hel⸗ ler Verzweiflung:„in Genovefa's Zelle, in den Chor, in den Garten, überall hin, wo ſie nicht mehr zu treffen iſt? Ich will die Stellen auch nicht mehr betreten.“ Von Mitleid durchdrungen antwortete Magdalena: — 135 „Ich will Euch zu meiner eigenen Zelle führen, Euch ſelber hegen und pflegen... Ihr werdet Euch faſſen, gute Feliſe; Gott prüft die Seinen, doch läßt er ſie nicht zu Grunde gehen, ſei die Heimſuchung auch noch ſo ſchwer. Euer Kummer wird ſich mildern, denn nur die Verdammten dulden unauslöſchliche Pein. Bald werdet Ihr zur Beſinnung kom⸗ men und einſehen lernen, daß der Himmel Euch nicht alles genommen hat. Er hat Euch allerdings ein geliebtes Weſen entzogen, aber er ließ Euch eine zahlreiche Familie, welche mit Euch durch die Bande der Liebe und Barmherzigkeit verbunden iſt. Ich bin Eure Mutter, Feliſe, und alle Annunziaten ſind Eure Schweſtern.“ Nachdem ſie einige Augenblicke die Wirtung ihrer Worte abgewartet hatte, ſetzte ſie dringend hinzu; „Kommt, mein Kind, folgt mir.“ Einen Schritt zurücktretend, wandte Feliſe den Kopf weg. „Gehorcht, meine Tochter,“ gebot Magdalena ernſt und innigſt betrübt:„nöthigt mich nicht, Gewalt zu gebrauchen.“ Feliſe rührte ſich nicht und gab keine Antwort. Da befahl die Priorin ein paar Laienſchweſtern, das widerſpänſtige Kind in eine Zelle neben der ihrigen zu bringen, und es nicht aus den Augen zu laſſen. 3 Sobald Pater Boinet das Vorgefallene vernommen, ſagte er nach ernſtlichem Nachdenken zur Priorin: „Der Fall iſt ſchwierig; das Mädchen kann nicht aus⸗ treten wie die Chameroh; es muß eine Nonne werden.“ „Was ſagt Ihr da, hochwürdiger Herr?“ unterbrach ihn 136 Magdalena:„Ihr wart doch ſtets der erſte, jeden Zwang hierin zu verdammen.“ „Allerdings,“ verſetzte er raſch:„aber diesmal, glaubt mir's auf mein Wort, iſt der Fall ſo beſonders, daß Euch die chriſtliche Barmherzigkeit gebietet, alle möglichen und denk⸗ baren Mittel anzuwenden, um Feliſe zum geiſtlichen Stand zu beſtimmen, zu nöthigen. Sie kann nicht in der Welt leben.“ Die Zelle, wohin Feliſe gebracht worden, war vom großen Schlafſaal durch die zwei Zimmer getrennt, welche „die Gemächer der Priorin“ hießen. Das reinliche, helle Zimmerchen hatte die Ausſicht auf den Garten, und die Herbſtſonne ſchien freundlich hinein.— Eine dienende Schwe⸗ ſter leiſtete der jungen Schülerin Geſellſchaft. Jeden Vor⸗ mittag brachte Magdalena eine Stunde bei ihr zu, und kam regelmäßig des Abends wieder; doch ihre Geduld, ihre engel⸗ gleiche Sanftmuth, ihre oftbewährte Ueberredungskunſt ſchei⸗ terten an der tiefen Traurigkeit und dem harten Sinn Feli⸗ ſens. Keinem Troſte war ſie zugänglich. Zuweilen kauerte ſie ſtundenlang unbeweglich in einem Winkel; dann überließ ſie ſich wieder den wildeſten Ausbrüchen der Verzweiflung, bis ſie erſchöpft in fühlloſen Stumpfſinn verſank. Die Priorin führte ihr eines Tages eine ihrer Ge⸗ ſpielinnen zu, und ließ die zwei jungen Mädchen allein. Die Schülerin ſetzte ſich neben die ſchweigſame Feliſe, umarmte, küßte ſie mit thränenden Augen und rief aus: „O liebe Freundin, wie bekümmert ſind wir alle Dei⸗ netwillen! Unſere hochwürdige Mutter heißt uns für Dich beten, und alle Tage nach der Meſſe flehen wir eigens für — 137 Dich um des Himmels Beiſtand; wir ſtellen die neuntägige Andacht an, und hoffen feſt, daß ſie Dich tröſten und heilen ſollſi Feliſe ſchwieg hartnäckig. „Wir wollen auch bei der hochwürdigen Mutter vor⸗ bitten,“ hob die andere wieder an:„und ſobald ſie Dir ver⸗ geben, werden wir alleſammt Dich abholen, um Dich, wie Mutter Perpetua ſagt, im Triumph zur Hürde zurückzu⸗ führen.“ Dieſe Aeußerungen reiner Zuneigung ließen Feliſe grade ſo kalt, als die Ermahnungen der Priorin; ſie entzog der freundlichen Mitſchülerin ihre Hände, und entgegnete ab⸗ ſtoßend: „Laßt mich in Ruhe und allein.“ „Sind wir Dir denn gar nichts?“ „Ich weiß nicht... Ich habe nur Einen Gedanken, nur Ein Gefühl: daß meine Tante Genobefa todt iſt. Ich werde ſie nimmer wiederſehen. niemals.. Ich möchte todt ſein, gleich ihr; ich hatte ſie gar ſo lieb.“ Heftiges Schluchzen ließ ſie nicht weiter reden; mit der Schürze ihr Antlitz verhüllend, winkte ſie dem Mädchen zu gehen. Betreten ſchlich dieſe hinaus: vielleicht hatte ſie vor, den Geſpielinnen zu erzählen, wie ſie Feliſe gefunden, doch daran berhinderte ſie das Gebot der Priorin. g „Die chriſtliche Liebe legt Euch Schweigen auf,“ ſagte Magdalena:„die Reden, welche der böſe Geiſt Feliſen auf die Zunge legt, würden Aergerniß geben. Sagt: ſie hätte Euere Vorſtellungen mit trotzigem Schweigen aufgenommen. 138 Mein ernſtlicher Befehl decke Euere Gewiſſenszweifel wegen dieſer kleinen Umgehung der Wahrheit.“ Des andern Tages ſprach Magdalena zum Gewiſſens⸗ rath: „Ich habe allen Euern Befehlen nachgelebt, Hochwürden, aber nichts ausgerichtet. Auch Euer Scharfſinn ſcheint nicht für dieſes bodenloſe Gemüth auszureichen; bei aller Leichtfer⸗ tigkeit der Sinnesart iſt Feliſe hart wie Demantſtein, weit über ihr Alter. Bei aller Anhänglichkeit für die ſelige Ge⸗ novefa iſt ihr Herz dennoch nicht ernſtlicher Zuneigung zugäng⸗ lich; ſie liebt hier keine Seele und gehorcht nur dem Zwang. Beſchämt und trübſelig bekenne ich meine Ohnmacht.“ „Ihr habt alſo keine Veränderung, keinen, auch noch ſo geringen Fortſchritt zur Beſſerung wahrgenommen?“ „Nicht den allergeringſten; ihre Verfaſſung bleibt ſtets dieſelbe, meine Ermahnungen bringen ſie auf, Urſula's Sorg⸗ falt erbittert ſie; ſie verzehrt ſich innerlich und wird zu Grunde gehen.“ Mit einem Anflug vorwurfsvoller Strenge entgegnete Pater Boinet: „Ihr verzweifelt an dieſer Seele, hochwürdige Mutter, und ſeid im Vegriff ſie aufzugeben?.. Der gute Hirt gibt nicht alſo ein verirrtes Lamm auf. Noch gibt es Mittel und Wege, und wir wollen mit ruhiger Beſonnenheit unſere Auswahl treffen.“ Nachdenklich ging er im Zichmer auf und ab; nach einer Weile blieb er ſtehen und ſagte entſchiedenen Tones: „Feliſe muß für einige Zeit das Stift verlaſſen.“ ————— ——— 139 „Sie iſt eine Waiſe und hat niemand auf der weiten Welt,“ wandte Magdalena ein. „Doch, doch,“ hob Boinet wieder an.„Ihr erinnert Euch, wer ſie brachte? Zu Shloeſters wird's grade neun Jahre, als ihre Tante mütterlicher Seits ſie von weither den Annunziaten zuführte. Dieſelbe Dame hat von Zeit zu Zeit jemanden zum Gitter geſandt, um nach dem Befinden der Schweſter Genopefa zu fragen. Sie wohnt hier in der Nach⸗ barſchaft, und kann ſich nicht weigern, ihre Nichte aufzu⸗ nehmen.“ 3 „Aber, Hochwürdiger,“ bemerkte Magdalena:„Ihr ſeid im Widerſpruch mit Euch ſelber; ſagtet Ihr nicht, Feliſe könne und dürfe nicht in der Welt leben?“ Ohne den Einwurf zu beachten, ſprach er: „Wenn meine Nachrichten ſicher ſind, wie ich kaum zweifle, ſo wird ſie's bei der Tante dergeſtalt treffen, daß ſie gern und von ſelber wiederkommt. Laßt mich nur machen, und haltet indeſſen reinen Mund.“ Zwei Tage ſpäter ließ nach der Vesper Pater Boinet die Priorin zum kleinen Sprechzimmer beſcheiden. „Mit Gottes Hülfe habe ich unſere Angelegenheit geord⸗ net,“ ſagte er:„die Dame war ſehr ergriffen von der Trauerkunde; Genovefa's Tod geht ihr ungemein nahe, aber von ihrer Nichte wollte ſie zuerſt gar nichts hören. Es gab einen harten Strauß. Jetzt, hochwürdige Mutter, laßt Euere widerſpänſtige Tochter rufen.“ Feliſe kam, gleichgültig und finſter wie immer; ſie er⸗ wartete eine Ermahnung, und war bereit, dieſelbe an ſich 140 herablaufen zu laſſen wie einen Regenguß. Doch ſtatt ſie mit Strenge zu empfangen, ſagte Boinet gütig: „Mein Fräulein, Ihr äußertet den Wunſch, dieſes Haus zu verlaſſen? Iſt das noch immer Euer Wille?“ „Ja, hochwürdiger Vater,“ ſtammelte Feliſe, ein wenig außer Faſſung gebracht durch die unverhoffte Frage. „In dieſem Fall,“ fuhr Boinet fort,„werdet Ihr heute noch Abſchied nehmen und zu Eucker Tante, Fräulein Phi⸗ lippine von Saulieu, gehen.“ „Zur Tante Philippine?“ rief Feliſe von Schauern überrieſelt; beim Klange dieſes Namens waren alle böſe Er⸗ innerungen ihrer Kindheit wach geworden. „Man wird Euch zu ihr führen,“ ſagte Magdalena: „füge der Himmel, daß Ihr in ihrem Haus den Frie⸗ den findet, den Ihr bei uns nicht erlangen könnt. Liebt, ehrt ſie, lebt in der Furcht des Herrn, und bergeßt nicht den Weg zur Pforte des Kloſters der Annunziaten, wenn Ihr etwa der Welt müde werden ſolltet. Wer anklopft, dem wird aufgethan.“ Feliſe ſchwankte noch ein Weilchen. Auf einer Seite ſah ſie die finſtre ſtrenge Miene der Tante und die„bitter⸗ böſe“ Suſanne, auf der andern die Stellen, wo einſt Geno⸗ vefa geſchaltet und gewaltet, und die nun zur unheimlichſten Einöde geworden. Die Furcht vor der Einöde war die größere. Feliſe trat unwillkürlich gegen die Thüre hin, verhüllte mit dem Tuch in beiden Händen ihr Angeſicht, und ſchluchzte kaum vernehmbar: 7 „Ich bin bereit.“ 6 ——————— —— —— 5. Etwa fünfzig Schritte vom Annunziatenſtift entfernt ſtand ein ziemlich großes Haus, deſſen Vorderſeite eine fenſterloſe Hofmauer mit einem Einfahrtsthor verdeckte. Der Hof war mit Linden bepflanzt, die, ſeit Jahren nicht mehr geſtutzt, ein breites Schattendach formten. Die verwilderten Bäume bver⸗ minderten noch das ſpärliche Licht, welches durch die dichten Fenſtergitter in die Eingangshalle dringen wollte. Hier führte auf einer Seite eine breite Treppe mit ſteinerner Rampe empor; aber die dicke, vom Veſen nie behelligte Staubdecke auf den Staffeln zeigte deutlich, daß die obern Stockwerke unbewohnt waren. Hinter der Eingangshalle befand ſich ein Vorzimmer, geräumig genug, um allenfalls den ganzen Dienertroß eines ſpaniſchen Großen zu faſſen, und düſter dabei wie ein Keller. Von Suſannen aus dem Stift abgeholl betrat Feliſe ſtill und finſter das finſtere ſtille Haus. Die verdrießliche Zofe zeigte immer noch das anmaßende Weſen von ehemals, ließ immer noch die grelle Stimme vernehmen, und war die⸗ ſelbe verzweifelt alte Jungfer; jünger war ſie natürlicher Weiſe nicht geworden. Im Augenblick ſchien ſie überaus verdrießlich, und grommelte unberſtändliches Zeug vor ſich hin. Feliſe wagte kaum zu athmen. Im Vorzimmer fand das Fräulein den alten Balin, ſchwarz gekleidet, wie ſonſt, ſtumm und ſo ſteif, als hätte er einen Ladſtock eingenommen. Er 142 muſterte die Eintretende mit einem ſcheelen Blick, öffnete eine Thüre und trat bei Seite, um ſie durchzulaſſen. Sie war von Natur weder ſchüchtern, noch furchtſam; dennoch ſchlug ihr das Herz gewaltig, als ſie in das große, vom letzen Abglanz des ſinkenden Tages nur noch dämmernde Ge⸗ mach trat, in deſſen Hintergrund, kaum mehr kenntlich, eine Geſtalt aufrecht ſtand. Sie zögerte, ſenkte den Blick und ſtotterte: W „Ihr kennt mich wohl nicht mehr, Tante?“ „Doch, ich erkenne Euch,“ entgegnete Philippine von Saulieu, nachdem ſie einen flüchtigen Blick auf die Einge⸗ tretene geworfen und ſich dann mit unverkennbarem Schauder abgewandt hatte; aber ſie faßte ſich ſchnell genug, um nach kurzem Zaudern noch die Frage hinzuzufügen: „Ihr hattet es wohl ſehr ſchlecht im Kloſter, da Ihr durchaus nicht bleiben mochtet?“ „Ich konnte es nach dem Verluſt meiner guten Tante Genobefa nicht mehr aushalten,“ verſetzte Feliſe unter aus⸗ brechenden Zähren:„ſo lange ſie lebte, dachte ich an kein Fortgehen. Von ihr hätt' ich mich nie getrennt, ſo lieb hatte ich ſie. Ich war ganz klein zu ihr gekommen, hatte ſonſt keine Seele, denn Euch ſah ich ja nie, und hatte nach und nach Euer ganz vergeſſen.“ Sie hob die geſenkten Blicke, um wieder einmal das edle und ſchöne Angeſicht zu ſehen, deſſen ſie ſich nur noch dunkel zu entſinnen wußte; abei Philippine war inzwiſchen eine andere geworden, dje blonden Locken hatten ſich in Sil⸗ berfäden verwandelt, und umgaben eine tiefgefurchte Stirne Pr . 143 und bleiche verfallene Züge, die ſtattliche Geſtalt, frühgealtert, war gebeugt wie die eines Mütterchens von ſiebenzig Jahren. Philippine trug tiefe Trauer, wie am Tage ihrer Ankunft zu Paris, und Feliſe fragte, ob ſie die Trauer für Genovefa trage? „Seit zehn Jahren kleid' ich mich ſo,“ berſetzte die Tante:„und werde nie eine andere Tracht anlegen.“ Suſanne, mit Feliſe zugleich in den Salon eingetreten, bewachte mit ängſtlicher Aufmerkſamkeit den Eindruck dieſes erſten Wiederſehens auf ihre Gebieterin. Zweifelsohne bemerkte ſie, daß ihr Fräulein die ungünſtige Aufwallung bald über⸗ wunden, denn viel freundlicher in Ton und Blick, als noch kurz zuvor, ſagte ſie: „Mit Erlaubniß des Fräuleins werde ich Euch Euer Zimmer zeigen.“ Die Wohnung des Fräuleins Lvon Saulieu beſtand aus drei Zimmern, welche im Erdgeſchoß die ganze Hauptreihe gegen den Garten zu einnahmen; zwei Flügel lehnten ſich einwärts gezogen an den Garten, und enthielten in jedem Stockwerk je ein Zimmer, wobvon eins neben den Gemächern der Tante in aller Eile für die Nichte in Bereitſchaft geſetzt worden. Dieſe Wohnung war weit entfernt von der Trau⸗ lichkeit der Kloſterzellen. Die vertäfelten Wände hatten keine Tapeten; auf jedem Feld waren Grau in Grau gemalt ſinn⸗ bildliche Figuren zu ſehen, wie die Jahreszeiten, die Elemente, höchſt langweilig und nüchtern. Der Kamin, mannshoch bis zum Geſimſe, und das rieſige Bett zwiſchen Säulen auf einer Erhöhung ſahen ſo unheimlich drein. Wo war das ſchmale 144 Beitchen der Kloſterſchülerin mit dem weißen vta worin es ſich ſo ſanft ſchlummerte? Durch die hohen Fenſter drang nur noch eine ziſct hafte Dämmerung in's Gemach, die mit jedem Augenblick tiefer wurde. Der Herbſtwind drang durch Ritzen und Spal⸗ ten, mit den Vorhängen zu ſpielen. Starr vor Unbehagen ließ Feliſe ſich auf einen Schemel nieder, und muſterte miß⸗ muthig ihre Umgebungen. Suſanne zündete zwei Kerzen an, und öffnete eines der ſchönen, mit Perlmutter und Schildpatt ausgelegten Zimmergeräthe, die man damals„Cabinet“ nannte, eine Art Schreibtiſch mit Schublade, auch für Weißzeug und Kleider. Die Zofe räumte Feliſens Kleider und Wäſche in die Fächer. Bei dieſer Gelegenheit ſiel ihr auch jenes Schmuckkäſtchen in die Hände, welches mit dem Kind zugleich einſt der Priorin übergeben worden. Ohne den Schatz eines Blickes weiter zu würdigen, ſchob die alte Magd das Kiſichen in ein geheimes Fach, das ſie unmittelbar darauf wieder ſchloß. Nachdem ſie mit dem Einräumen fertig, öffnete ſie den Bettvorhang, ſchüttelte die Decke zurecht, und wandte ſich zu Feliſe, welche, die Hände im Schooß, ihr theilnahmlos zugeſehen: „Jetzt werde ich Euch zum Nachteſſen führen, Fräulein, und dann mögt Ihr ſchlafen gehen.“ „Schon?“ wandte Feliſe dagegen ein:„im Kloſter gingen wir nicht vor neun Uhr zu Bett. Ich habe noch keinen Schlaf, und will lieber meiher Tante Geſellſchaft leiſten⸗ wenn's ihr recht iſt.“, * 145 „Das Fréulein geht mit den Hühnern zu Bett,“ be⸗ ſchied Suſanne:„und dann rührt ſich im Hauſe keine Katze mehr.“ „Was Ihr nicht ſagt! Unſere hochwürdige Mutter Priorin behauptete immer, um nicht böſe Träume zu haben, müßten wir vor dem Niederlegen uns durch eine kleine Er⸗ holung erheitern und durch einen Abendſegen heiligen. Macht ſich meine Tante nach der Abendmahlzeit nie eine kleine Unter⸗ haltung?“ „Sie ißt nicht zu Nacht. Ich bringe ihr einen Zwieback und ein Glas Waſſer Bett, das iſt alles, was ſie nimmt.“ „Das iſt Alles?“ „Alles, Jahr ein, Jahr aus. Doch ſeid Ihr durchaus nicht genöthigt, ihr Beiſpiel nachzuahmen, ſondern könnt zu Abend eſſen, was Euch irgend beliebt.“ „Ich ſpüre keinen Hunger,“ ſagte Feliſe trübſelig. Da ſie jedoch ſah, wie Suſanne ſich zum Gehen anſchickte, hielt ſie es für beſſer, mitzugehen, als bis zum nächſten n in dem unheimlichen Raum auszuharren. Der Speiſeſaal, wohin Suſanne ſie führte, war groß und düſter, wie alle Gemächer des öden Hauſes, und der Kerzenſchimmer erhellte nicht mehr die rundgewölbte Decke mit dem Wandgemälde im italieniſchen Geſchmack. Inmitten des Saales ſtand eine große Tafel, gedeckt und mit Schüſſeln beſetzt, aber nur mit einem einzigen Gedeck; der gegenüber⸗ ſtehende Credenztiſch war mit ungeheuern Silbergeſchirren Der Erzähler. 1846. 1v. 10 146 beſetzt, die im Halbdunkel ſich wie Ritterſchilder aus⸗ nahmen. Feliſe betrachtete erſtaunten Blickes die glänzende Pracht, aber Eſſen und Trinken wollte ihr trotz allen Silberſcheines nicht ſchmecken, und ſie genoß nichts als ein paar Früchte mit einem Tröpfchen Wein. Balin ſtand indeſſen, das Teller⸗ tuch unter dem Arm, aufmerkſam hinter ihrem Seſſel, um nach Erforderniß die Teller zu wechſeln oder einzuſchenken. Das Geſicht des alten Dieners rief in ihr alte Erinnerungen wach, und ihre Gedanken hafteten namentlich an dem Tage, da ſie nach einer langen Reiſe vor der Kloſterpforte angelangt war, und Balin ſie aus dem Wagen hob. „Seit manchem Jahr hab' ich Euch nicht mehr geſehen,“ ſagte ſie, ſich plötzlich zu ihm wendend:„dennoch hab' ich Euch auf der Stelle wiedererkannt. Ihr jedoch hättet mich gewiß nicht von freien Stücken wieder gekannt.“ „Um Vergebung,“ entgegnete Balin kurz ab. „Warum nicht gar?“ machte ſie mit ungläubiger Miene, und die Hand wagerecht zur Höhe des Tiſchrandes bringend: „ich war nicht höher als ſo, und mein Geſicht wird das eines Kindes von fünf Jahren geweſen ſein.“ „Ich rede auch nicht davon,“ meinte Balin:„ſondern das Fräulein ſieht in die Familie.“ „Gleich ich meiner armen Mutter?“ fragte Feliſe raſch. Balin holte tief Athem und machte eine verneinende Geberde.. „So mahnt Euch alſo mein Geſicht un meinen Vater,“ ——— —. 147 hob Feliſe wieder an:„mein Vater, ach! ich ſeh' ihn wie im Traum, und kann mich ſeiner Züge nur verwirrt entſinnen.“ „Auch das iſt unmöglich,“ murmelte Balin. Feliſe ſtemmte den Ellenbogen auf die Tafel, das Haupt in die Hand, ſtarrte vor ſich hin, und ſagte langſam, wie jemand, der verworrene Erinnerungen zuſammenſucht: „Wir bewohnten ein Schloß. Da war ein blaues Zimmer mit vielen Roſenſtöcken vor den Fenſtern. Es war meiner Mutter Gemach, glaub' ich.. ich kann mich gar nicht mehr ihrer entſinnen, der armen Mutter... doch des Vaters Bild taucht deutlich jetzt in mir auf. Ein ſchöner Mann mit hoher Stirn, aber bleich. Einmal, weiß ich noch, es war wohl das letztemal, da war er ganz ſchwarz gekleidet, ſo daß ich mich vor ihm fürchtete; er wollte mich küſſen und ich ſchrie. Das war aber nicht im Schloß,. doch wo? Ich weiß nicht, aber ich meine„ Sie ſtockte und konnte, trotz aller Mühe, das ver⸗ worrene Bild ſich nicht klar machen; dann rief ſie plötzlich aus:„ „Aber mein Gott, Ihr waret ja zugegen, Balin. Ihr truget mich auf Euern Armen zum Vater und dann wieder hinaus... Ihr brachtet mich zur Tante Philippine; ich weinte, daß eine Thräne die andere ſchlug. Mein Gott, Ihr müßt's ja wiſſen.“ „Ich weiß es,“ verſetzte Balin dumpf, bleich wie eine getünchte Wand, erbebend und mit blauen Lippen. Von ihren eigenen Gedanken allzuſehr befangen, überſah Feliſe ſeine 148 wahrhaft furchtbare Aufregung. Erſt nach einer langen Pauſe gelang es ihm, ſich einigermaßen zu ſammeln, und inſoweit der Rede mächtig zu werden, um ſagen zu können: „Verzeiht, wenn ich mich erkühne, Euch einen Rath zu ertheilen. Laßt ja Suſannen nichts von allem hören, was Ihr eben erwähntet; mehr noch hütet Euch, vor dem Fräulein davon zu reden, oder überhaupt Familienangelegenheiten zu berühren.“ 5 Bei dieſen Worten ergriff er den Leuchter, und Flliſe folgte betreten nach ihrem Zimmer. Dort eilte Suſanne, ſie zu Vett zu bringen, ſah dann nochmals nach, ob Alles in Ordnung und wohlverwahrt ſei, und ging mit dem Licht hinaus. Mit ſich allein im Finſtern fing Feliſe an ihre Ge⸗ danken zu ſammeln. Seit ſie die Schwelle des Kloſters hinter ſich gelaſſen, hatten fremdartige Eindrücke, freilich traurigſter Art, ſie zerſtreut; ſobald ſie jedoch nun das Innere des traurigen Hauſes, die trübſeligen Geſichter der Inwohner aus den Augen verloren, ſobald Suſannens gellende Stimme und Balins heiſere Rede nicht mehr in ihren, Ohre klangen, da gedachte ſie wieder der frühverblichenen Genobefa, und ihre Thränen floſſen auf's Neue. Leinwand ihres Kopfpolſters, bis ſie endlich gegen Morgen in eine dumpfe Betäubung ſank. Der Morgen war lautlos wie der Abend in Philippinens Behauſung. Von außen konnte der Lärm nicht bis zu den abgelegenen Gemächern dringen, welche Hof und Vorhalle von der Straße trennten. Als Feliſe erwachte, merkte ſie des Lange netzte ſie die holländiſche ——— —,— 149 Tages Gegenwart gerade nur aus dem Schimmer, welcher durch die Luftlöcher der Fenſterladen drang. Sie ſtand haſtig auf. Eine Glocke, vielleicht die des Kloſters, ſchlug eben neun Uhr. „Heilige Jungfrau, die Tante wird ſchelten und die bitterböſe Suſanne mich eine Langſchläferin heißen,“ i Feliſe zu ſich ſelber, und eilte, ſich anzukleiden. Furchtſam öffnete ſie die Thüre, welche zu einem Saal von den Gemächern der Tante führte. Die Läden waren noch geſchloſſen, kein Laut im ganzen Hauſe zu vernehmen. Dieſes Schweigen, dieſes Halbdunkel erregten ihr Grauen; zögernd ſchritt ſie vorwärts; durch eine nur angelehnte Thüre drang heller Tagesſchein, ſie wagte dieſelbe vollends zu öffnen, und trat in den Saal, wo Abends zuvor Philippine ſie empfangen. Sie hatte damals nicht bemerkt, daß der Saal ſich gegen den Garten öffnete, und hatte überhaupt die ganze Einrichtung nicht beachtet. Niemand zeigte ſich, nichts war zu hören. Neugierig muſterte Feliſe den gewöhnlichen Aufenthaltsort des Fräuleins von Saulieu. Zuerſt hafteten ihre Blicke auf zwei Bildniſſen rechts und links vom Kamin. Das eine ſtellte offenbar Philippine vor, aber wie Feliſe ſie noch nie erblickt: reich geſchmückt, Perlen im blonden Haar, Blumen am Buſen, Lächeln auf den roſigen Lippen, ſtrahlend von Schönheit und innerer Zufriedenheit. Das andere Bild war das eines jungen Mannes in der Blüthe der Jahre und der Geſundheit; das knappe Heerkleid hob ſeinen ſtaatlichen Wuchs aufs vortheil⸗ hafteſte heraus; in einer Hand hielt er den Federhut, die 150 andere ruhte liebkoſend auf einem Windhund. Die Darſtellung war von ſeltener Wahrheit; vor allem war der helle, ſanfte und tiefe Blick der eines lebendigen Auges. Dieſe zwei ſo ſchönen, ſo glänzenden Erſcheinungen voll Leben, Luſt und Liebe, was thaten ſie hier in dem ſchwarzausgeſchlagenen Gemach neben den verhängten Spiegeln? Den Bildniſſen gegenüber ſtand Philippinens Lehnſtuhl, halbverſteckt von einer ſpaniſchen Wand, auf der Grau in Grau Sinnbilder der Trauer zu ſehen waren. Auf dem Leuchterſtuhl daneben lagen ein Gebetbuch und eine angefangene Stickerei. Ein großer grauer Kater lag zuſammengerollt auf dem Seſſel und ver⸗ folgte mit dem Blick ſeiner halbgeöffneten gelben Augen die Bewegungen der Jungfrau, die langſam von Stelle zu Stelle ging, bis ſie wieder bei den Bildniſſen anlangte, vor denen ſie ſtillſtnnend ſtehen blieb. Sie wußte nicht, wie ihr geſchah beim Anblick dieſer ſchönen und ſtolzen Geſichter. So fand ſie die eintretende Suſanne. „Ihr ſeid ſchon zur Hand, Fräulein,“ ſagte die ver⸗ drießliche Zofe:„ich wollte Euch eben beim Aufſtehen behülf⸗ lich ſein.“ „Danke, Sannchen,“ verſetzte ſie, ſich raſch umwendend: „ich fürchtete ſchon, zu ſpät daran zu ſein, nahm mir kaum Zeit, mich anzuziehen, und ſprach den Morgen⸗ ſegen möglichſt ſchnell, weil ich die Tante hier zu finden meinte.“ „Das Fräulein ſteht nie vor Mittag auf.“ „Jeſus! ſie ſchläft noch?“ „Sie ruht; ihre Kräfte ſind erſchöpft.“ —— —— ——— —,— 15¹ „Sie iſt ſchnell alt geworden,“ ſagte Feliſe, zum Bild⸗ niß emporblickend;„ihr Geſicht iſt hager und runzlig. Welch ein Abſtand von dieſem Antlitz.“ „Damals zählte ſie zwanzig Jahre,“ ſeufzte Suſanne „wer würde ſie heute wiedererkennen?“ „Und dieſer Herr?“ forſchte Feliſe:„iſt er aus unſerer Verwandtſchaft?“ Suſanna gab nur durch Kopfſchütteln Beſcheid. „Das Abbild eines Todten?“ fragte jene weiter. Die Zofe ſchauderte zuſammen; die unſchuldige Frage zerriß ihr das Herz. Sobald ſie ſich gefaßt, ſagte ſie kurz und trocken: „Laßt Euch nie anſehen, daß Ihr die Bilder auch nur bemerkt habt; am wenigſten aber richtet Fragen an das Fräu⸗ lein. Ihr könnt jetzt in den Garten gehen, wenn's Euch Ver⸗ gnügen macht.“ Sie öffnete eine Glasthüre und ſchob Feliſe mit ſanfter Gewalt auf den Treppenvorſprung hinaus. Der ſogenannte Garten zwiſchen dem Haus und einer baufälligen Mauer glich einem waſſerloſen Graben, worin aus Scherz Anlagen abgeſteckt worden. Hohe Gebäude gegen die Mittagsſeite zu ließen kaum im Sommer einen Sonnenſtrahl hereindringen; ein paar dürftige Geſträuche ſiechten ihr dürfti⸗ ges Leben im ewigen Schatten dahin, und zwiſchen den arm⸗ ſeligen Buchseinfaſſungen der Beete hatte gewiß nie eine Blume geblüht; nur Moos wucherte auf dem feuchten Boden, an den Steinen und am Fuß der Pflanzungen. In der Ecke, unfern von Feliſens Fenſtern, ſtand eine Laube von Lattenwerk, wo 152 Balins unermüdliche Geduld ſeit Jahren Schlingpflanzen an⸗ baute, die noch die erſte Ranke zu treiben hatten. Feliſe blieb auf der oberſten Staffel ſitzen; gegen dieſen graugrünen Fleck däuchte ihr der Kloſtergarten ein Paradies, ſo wie auch das ſchwarzbehangene Wohngemach der Tante noch viel trübſeliger ausſah als die Säle bei den Annun⸗ ziaten. Vielleicht war ſchon ganz nahe daran ſich zu erfül⸗ len, was Boinet vorausgeſagt, wenn nicht ein einziges Wort aus Suſannens Mund der Sache eine ganz neue Wendung gegeben hätte. Die alte Zofe ſagte grämlich durch die halbgeöffnete Glasthüre: „Wenn Ihr denn doch nicht im Garten umhergehen wollt, ſo kann ich Euch gleich anziehen. Wir haben heute Sonntag und müſſen eine heilige Meſſe hören.“ „Ausgehen, auf die Straße gehen!“ rief Feliſe mit hoch⸗ klopfendem Herzen:„Herr Jeſus, ich hatte ganz bvergeſſen, daß keine Clauſur uns von der Außenwelt trennt.“ Das Ankleiden dauerte nicht lange. Suſanne zog über das Röckchen der Kloſterſchülerin ein faltenreiches Kleid von ſchwarzem Floret, warf ihr eine Mantille von gleichem Zeug über die Schultern und ſetzte ihr ein Häubchen auf, das Stirn und Wangen verhüllte. Kaum war die letzte Nadel feſigeſteckt, als Feliſe ſchon gegen die Thüre hineilte, ohne nur dem Spiegel einen Blick zu gönnen, vor welchem ſie angezogen worden; mit freudiger Ungeduld ſagte ſie:. „Ich bin fertig, wir können gehen.“ 153 Dann ſich beſinnend, fügte ſie hinzu: „Ja ſo, die Tante.“ „Das Fräulein geht nie aus,“ beſchied Suſanne:„ſie hat eine biſchöfliche Vergünſtigung, der Meſſe zu Hauſe in ihrem Gebetbuch zu folgen; ich bin es, die Euch begleiten wird.“ An ſelbigem Sonntag ſchien die helle Herbſtſonne, die nicht leicht ein Pariſer Kind zu Hauſe duldet; ſchon trugen Krämer und Handwerker ihre Feſtkleider durch die Straßen zur Schau, die Carroſſen begannen zu rollen, und von allen Sei⸗ ten rauſchte und brauſte es wie brandende Fluth mit dem ſo eigenthümlichen Lärm großer Städte. Lebhaft und leicht wie ein Vogel ging Feliſe um einen Schritt vor ihrer Duenna her. Die freie Luft berauſchte ſie gleichſam; der Freiheitsdrang entwickelte ſich ſtärker und gebie⸗ teriſcher in ihrer Bruſt; an ihren Füßen hatte ſie kaum genug, um den Raum zu durchmeſſen, und für ihr Leben gern hätte ſie ſich ein paar Flügel wachſen laſſen. Suſanne nahm gewaltiges Aergerniß an dieſer ungeſtümen Lebhaftigkeit, brummte unaufhörlich zwiſchen den Zähnen und zupfte zuweilen das Fräulein am Rock, um verdrießlich zu ſagen: „Schön, vortrefflich, Fräulein, Ihr rennt ja wie beſeſſen. Ei, ſo geht doch anſtändig Eures Weges, ſchaut nicht allen Leuten in's Geſicht, dreht Euch nicht hin und her wie eine Windfahne.“ Suſanne hatte gut reden; längſt ſchon betrachtete ihr erloſchener Blick mit vollkommenſter Gleichgültigkeit die bunt⸗ ſcheckige Menge, welche ſich an den Häuſern in endloſer Reihe 154 hindrängte, während Roß und Wagen ſtolz die Mitte der Straße einnahmen. Feliſe beneidete insgeheim die ſonntäglich aufgeputzten Mägdlein, die allein und unbewacht umhergehen durften. Suſanne führte das Fräulein zur Jeſuitenkirche in der St. Antonsſtraße. Feliſe erſchrak ungemein vor dem Anblick der Bettelleute, die in Lumpen ihr Elend und ihre Gebrechen zur Schau trugen und in Jammertönen eine Gabe des Mit⸗ leids erflehten; ſie hatte noch nie die weltliche Armuth zu Ge⸗ ſicht bekommen, und wie nun beim Anblick der elenden Rotte auf den Staffeln vor der Kirche ihre angeſtammte Gutherzig⸗ keit zum Bewußtſein kam, ſagte ſie: „Ich möchte den Leuten Geld geben.“ Suſanne reichte ihr eine Hand voll Münze und be⸗ merkte dazu: „Ei, gebt nur zu, Ihr ſeid ein reiches Fräulein, das ſich nicht einzuſchränken braucht.“ Feliſe hörte diesmal die Meſſe nicht mit geziemender An⸗ dacht; die Kirche war voll ſchöner Welt, was Wunder, wenn der überraſchend neue Anblick mit ſüßer Gewalt die Augen von den ſchwarzen Lettern des Gebetbuches zog? Beim Herausgehen aus der Kirche bemerkte ſie durch die halboffene Thür eines Kaufladens verſchiedene Seidenſtoffe und Spitzen. „Ich möchte das wohl kaufen,“ ſagte ſie ſtehen bleibend. „Das Atlaskleid mit den khellen Ranken auf dunkelm Grunde und dieſe Seidenſpitzen 2. fragte Suſanne höchſt gleichgültig. ₰ ——————— 155 „Richtig.“ „Gut; ich werd' es morgen holen; am Sonntag iſt Han⸗ del und Wandel verboten.“ Bei der Heimkunft fand das junge Mädchen die Tante im Wohnzimmer auf ihrem gewöhnlichen Platz, welchen die ſpaniſche Wand etwa wie ein halbes Schilderhaus umgab und vom übrigen Raum abſchied. Philippine betete die Meßgebete aus dem Buch, das vor ihr auf dem Unterſatz aufgeſchlagen neben der zuſammengerollten Stickerei lag; auf dem breiten Polſter zu ihren Füßen ſchlummerte der graue Kater. Mit einem leichten Kopfnicken beantwortete ſie des Mädchens Knir; ein Wink der Hand hieß es Platz nehmen, während ſie im Leſen fortfuhr. Beim erſten Glockenſchlag der Mittagsſtunde klappte ſie das Buch zu. Balin öffnete beide Flügel der Thüre und ſagte laut und feierlich: „Es iſt angerichtet!“ Nun ging's zu Tiſch. Das grauſige Gelag, welchem der ſteinerne Gaſt beiwohnte, konnte kaum unheimlicher ſein, als dieſe Familienmahlzeit, deren Aufwand wunderlich genug gegen die kleine Zahl und die trübe Stimmung der Theilnehmenden abſtach. Der armen Feliſe quoll der Biſſen im Hals, und ſie wagte kaum die Augen zu erheben; das ſtrenge, kalte, regungsloſe Angeſicht der Tante ſchien einer wandelnden Leiche anzugehören und flößte ihr Furcht ein. Das Fräulein von Saulieu lebte in der That eigentlich nicht mehr; ſie hatte ihr Daſein zu einer Art von Schlafwandel herabgeſtimmt. Sie ſprach ſelten ein Wort; ſie ging keinen Schritt mehr, als noth⸗ wendig war, die Strecke zwiſchen ihrem Bett, dem Lehnſeſſel 156 und dem Eßtiſch hin und her zu meſſen in regelmäßig wieder⸗ kehrenden Zeiträumen. Weder die Vorhalle noch der Garten ſchienen für ſie da zu ſein. Der hochwürdige Vater Boinet war der erſte und einzige Veſuch, welcher jemals in das Innere der Vehauſung einge⸗ drungen; nachdem er den Zweck ſeiner Sendung erreicht, kehrte er nicht wieder, wahrſcheinlich weil er merkte, daß er kein willkommener Gaſt ſein würde. Suſanne, Balin und Cateau, eine derbe Magd, bildeten die geſammte Dienerſchaft. Cateau's Reich war auf die Küche beſchränkt, und ſie hatte während der vollen neun Jahre ihrer Dienſtzeit noch nicht einmal die Gebieterin er⸗ blickt. Balin bewachte den Eingang; ernſt und ſchweigſam dämmerte der alte Mann ſein Leben auf den Bänken des Vorgemachs hin; ſeine einzige Zerſtreuung beſtand in der Pflege des todten Gartens, gewiß die undankbarſte aller Be⸗ ſtrebungen. Suſanne war faſt immer um ihre Herrin, die ihr nichts mehr zu ſagen brauchte, ſo genau wußte ſie in jedem Augenblick, was ſie zu thun hatte, ſo daß beide vft Wochenlang nicht den Klang ihrer Stimme vernahmen. Ein luſtiger Aufenthalt, das, für die arme Feliſe. Was mit Geld zu ſchaffen war, fehlte ihr nicht. Für Kleider und Putz, für Taſchengeld zu Almoſen ſorgte Suſanne als Phi⸗ lippinens Schatzmeiſterin mit unbegrenzter Vollmacht, ohne je die Launen des Fräuleins der mindeſten Beſchränkung zu unterwerfen. Des Geldes achteté ſie nicht, aber mit Worten geizte ſie, und hatte pie für das junge Mädchen auch nur das geringfügigſte Zeichen der Theilnahme. Der Tante ur⸗ 157 ſprüngliche Abneigung war bald in der Gleichgültigkeit unter⸗ gegangen, womit Philippine von Saulieu alle Dinge ohne Ausnahme zu betrachten gewohnt war; ihre erſtorbenen Au⸗ gen duldeten der Nichte Gegenwart wie die des erſten beſten Zimmergeräthes, das unbeachtet in ſeiner Ecke ſtand. Feliſe begriff nur allzuraſch, daß der Aufenthalt bei den Annunziaten im Vergleich zu ihrem jetzigen Leben ein ewiger Feſttag war; dennoch machte ſie hierin Boinets Be⸗ rechnung zu Schanden, daß ſie an keine Rückkehr dachte. Ein minder ſchnellkräftiges Gemüth hätte ein. ſolches Daſein nicht ertragen; aber Feliſe in ihrer wunderlichen Miſchung von Hartnäckigkeit und Sorgloſigkeit, von beweglicher Einbildungs⸗ . kraft und Willensſtärke hielt tapfer Stand, und ertrug mit bewundernswerther Ausdauer die Langeweile einer ganzen Woche um der einen willkommenen Stunde willen, in wel⸗ cher ſie Sonntags zur Kirche gehen durfte; auch tröſtete ſie für die Abgeſchiedenheit der Lebensart die große Freiheit, welche man ihr ließ, ſich innerhalb des ihr angewieſenen 6 Raumes nach Willkür zu beſchäftigen. Morgens ſtand ſie ziemlich zeitig auf, wirthſchaftete nach Luſt und Laune in ihrem Zimmer, ging in den Garten und vertrieb ſich ſo die Zeit, bis der Zofe lange hagre vergilbte Hand die Glasthüren des Wohnzimmers öffnete. Dann rührte ſie ſich nicht mehr aus ihrem Gemach, bis die Mittagsglocke und Valins heiſeres:„Es iſt angerichtet!“ ſich gleichzeitig vernehmen ließen. Die Mahlzeit dauerte gewöhnlich eine Viertelſtunde. Nach iſch nahm die Tante wieder ihre Ar⸗ beit zur Hand. Feliſe ſetzte ſich in ihre Nähe, ſpielte be⸗ — — 158 ſcheidentlich mit dem Kater und flüſterte ihm auch wohl ein Wörtlein zu. Da geſchah es denn zuweilen, wenn ſchon höchſt ſelten, daß Philippine etwas zum Kater ſagte und Fe⸗ liſe für ihn antwortete. Das waren die einzigen Geſpräche, welche Tante und Nichte miteinander führten. Eines Tages war Feliſe noch früher als ſonſt aufge⸗ ſtanden. Der Garten war feucht vom Nachtthau, und da Balin nicht auf ſeinem Poſten ſtand oder ſaß, wagte ſie ſich in's Vorhaus, von wo ſie den Hof mit den Linden überſah. Sie dachte daran bis zur Straße vorzudringen; doch, wie leicht konnte ſie im Hofe auf Balin treffen! Aber auf dem Staub der Treppenſtaffeln war keine Spur ſeiner breiten Soh⸗ len zu ſehen; oben alſo war er nicht, und ſie wagte ſich hin⸗ auf. Die Gemächer des erſten Stockwerkes waren alle unver⸗ ſchloſſen, lauter weitläufige Gelaſſe mit der Ausſicht auf den Garten, mit Wandmalereien auf den Pfeilern und an den Decken, doch ohne die Spur mehr von einer Einrichtung. Nur in einem Schlafzimmer hing noch ein vergeſſenes Stück Tapete, und lagen auf der Feuerſtelle halbverſchimmelte Pa⸗ piere ſammt einigen zerriſſenen Büchern. Auf dem Geſims fanden ſich zwei kleine Bücher, kaum mehr kenntlich unter ihrer Staubhülle; Feliſe nahm ſie unwillkürlich mit den Fingerſpitzen auf, ſie enthielten Perraults Geſchichten und einen verzettelten Band der Prirzeſſin von Cleve.— Zum zweiten Stockwerk, das aus Manſarden beſtand, führte eine ſchmale Treppe. Die Lakeien hatten dort angenehmer gewohnt als unter ihnen die Herrſchaft; die kleinen behaglichen Ge⸗ mächer erfreuten ſich einer reizenden Ausſicht über die Ein⸗ faſſungsmauer weg in ein Gehege von wohlunterhaltenen An⸗ lagen mit Blumen, Gebüſchen und Waſſerkünſten. „Ach, wie anmuthig!“ jubelte Feliſe und fuhr mit dem Köpfchen durch die runde Fenſteröffnung; doch ſchnell zog ſie ſich zurück, denn unten trieb Balin ſeine vergebliche Gärt⸗ nerei. Hinter dem Laden hervor widmete ſie der anziehenden Ausſicht noch einen flüchtigen Ueberblick, dann trat ſie vor⸗ ſichtig den Rückzug an und erreichte ungeſehen ihr Zimmer, zu welchem ſie hinter Balins Rücken wie ein Schatten hin⸗ huſchte. Die beiden Bücher vom Kamin hatte ſie grade nur in Gedanken mitgenommen; vom Leſen zur Unterhaltung hatte ſie keinen Begriff, und ſo geſchah es auch halb unbewußt, daß ſie die Bände in eine Schublade verbarg. Eines Tages aber kramte ſie dieſelben aus Langweile wieder hervor, fing an zu leſen und fühlte ſich wie berzaubert. Für ein zartes Mägdlein, welches bisher nur Erbauungsſchriften geleſen, waren Perraults Feenmährchen gewiß eine neue reizende Welt. Die junge Leſerin war nahe dran, an die Wahrheit dieſer Dichtungen ſteif und feſt zu glauben, und mehrere Tage lang träumte ſie von nichts als von verzauberten Prinzeſſinnen und von Riquet mit der Troddel; war ſie doch ſelber eine Art verzauberter Prinzeſſin in einſamer Haft, umgeben von bos⸗ haften Kobolden. P Die Prinzeſſin von Elebe ſprach ſie anfangs bei weilem nicht ſo an; als ſie jedoch Perraults Geſchichten auswendig wußte, konnte ſie doch wohl nicht anders, zls ſich an den Roman der Frau von Lafahette wagen. Da gab es eine —— —— 160 neue Sprache zu erlernen, die glatte verfeinerte Sprache der feinen Welt und der Schöngeiſter jener Zeit. Die großen Worte von ritterlicher Ehre, Tugend und zarter Minne waren ihr unverſtändliche Begriffe, doch nach und nach klangen ſie Saiten in ihrem eigenen Gemüth an, und da ſie die Ge⸗ ſchichte ſelber nicht verfolgen konnte, ſo hielt ſie ſich an die Empfindungen des ihr zu Gebot ſtehenden Bruchſtückes, und las immer wieder die langen Unterredungen, worin der Her⸗ zog von Nemours ſo fein und ſcharfſinnig ſeine Leidenſchaft für die ſchöne Prinzeſſin von Cleve auseinanderſetzt. Bei dieſer Gelegenheit ſtiegen Ahnungen überraſchender Art in Feliſen auf; die Sonne des erwachten Lenzes ſandte die erſten Strahlen in's jungfräuliche Herz. Von Stund an bevölkerten angenehme Geſpenſter des Mädchens Einſamkeit, das im Feen⸗ reich lebte und webte, und die Zaubergefilde nur verließ, um ſich am Hof der Königin⸗Dauphine unter Edelfrauen und Rittern zu bewegen. Einmal fiel ihr auch das Schmuckkäſtchen in die Hände, welches die Zofe in das geheime Fach geſchoben hatte. Sie erinnerte ſich auf der Stelle, daß die bisher ganz vergeſſenen Kleinode ihr angehörten; ſie waren ihr mitgegeben worden, als Genobefa ſie von der Drehſcheibe in Empfang nahm. Das kleine Bildniß fiel ihr vor allem in die Augen; es hatte eine große Aehnlichkeit mit dem größeren im Saal, die⸗ ſelben aſchblonden Haare, den gleichen lieblichen und ſtolzen Ausdruck. Feliſe hob unwillkürlich die Augen zum Spiegel, um eine Aehnlichkeit zwiſchen ſich und dem Bild zu erforſchen; — — 161 vergebens; ſie war ſchöner als jenes ſüße Geſichtchen, doch nicht ſo holdſelig. Nachdem Feliſe das Bildniß neben das Kreuz zu Häup⸗ ten ihres Bettes befeſtigt, ſchmückte ſie ſich in kindiſcher Luſt mit Perlen und Demanten, mit Ketten und Ringen. So überraſchte ſie Suſanne. „Was ſoll denn das wieder heißen?“ fragte die Diene⸗ rin im heftigſten Unwillen:„laßt doch die Geſchmeide ruhen, die fürderhin niemand mehr aufputzen ſollen.“ „Ei, warum?“ fragte das junge Mädchen entgegen, und fügte dann lachend hinzu:„ſie werden recht gut zu einem ſchönen Brautkleid ſtehen. Sagt, Sannchen, wann wird meine Hochzeit ſein?“ Die Zofe trat einen Schritt zurück, ſchlug ein großes Kreuz und antwortete rauh: „Die Euere? Niemals!“ 6. Als Feliſe das Kloſter verließ, zählte ſie ungefähr fünf⸗ zehn Jahre, und war, obſchon ziemlich groß, noch ganz ein Kind, hager, ungeſchlacht und reizlos. Die Entwickelung aber machte ſich dann im Verlauf eines Jahres nur um deſto ſchneller, juſt in der Art wie der bunte Schmetterling über Nacht der Puppe entſchlüpft. Im Hauſe beachtete niemand dieſe Entwicklung des Kindes zur blühenden Jungfrau; Suſanne behandelte ſie nach wie bor, und Philippine ſagte nur einmal, ihr nachſchauend, da ſie ſich aus dem Saal entfernte: Der Erzähler. 1846. v. 11 162 „Leider wird ſie auch ſchön.“ Eines Sonntags war Feliſe in der Meſſe wieder einmal gewohnter Weiſe im Schatten eines Pfeilers und durch ihre unerbittliche Hüterin von den Umgebungen getrennt. Von Zeit zu Zeit hob ſie verſtohlen den Blick, um die hübſchen Leute zu betrachten, welche die Jeſuitenkirche beſuchten. Als die heilige Handlung eben beginnen ſollte, eilten zwei junge Damen, die ſich verſpätet hatten, raſchen Schrittes durch's Schiff, gefolgt von einem Lakeien, welcher ihnen die Gebetbücher in einem Sammetbeutel nachtrug. Alle Blicke wandten ſich ihnen zu, und namentlich hörten ſie im Vor⸗ 3 übereilen manche ſchmeichelhafte Bemerkung. Die eine, im. Damaſtkleid mit ſchwarzer Schärpe, trug die Halbtrauer einer* Wittwe, die ſeit einem Jahr ihren Gatten verloren; die andere ein Taffetkleid mit weißer Mantille von Mouſſeline und ein Florhäubchen mit roſenfarbenen Bändern. Ohne ſich darum zu kümmern, daß ſie bemerkt wurden, gingen ſie in ſtolzer und doch beſcheidener Haltung gegen den Hochaltar zu, dem gegenüber ſie in der Vorderreihe Platz nahmen. Beim Anblick der beiden, in welchen Feliſe ihre Geſpielinnen Cäcilie und Angela von Chameroh wiedererkannte, konnte ſie ſich eines Lautes der Ueberraſchung nicht erwehren. „Was gibt's? was iſt Euch?“ fragte Suſanne erſtaunt: „Ihr ſeid ja ganz verſtört?“ „Vor lauter Vergnügen,“ flüſterte Feliſe:„wißt Ihr, daß dieſe zwei ſo ſchönen und geputzten Damen meine beſten Freundinnen aus demStift ſind? Welche Freude! Ich werde ſie nach der Meſſe anſprechen 4 — 163 „Das werdet Ihr fein bleiben laſſen, Fräulein,“ unter⸗ brach ſie Suſanne mit mehr als ſonſt entſchiedenem Tone, ſo daß, wie Feliſe augenblicklich begriff, keine Berufung weiter ſtatthaben konnte. Gekränkt wandte ſie ſich ab, insgeheim hoffend, beim Hinausgehn im Gedränge vielleicht doch noch auf die beiden zu ſtoßen. Suſanne ſchien zu fürchten, was das Fräulein hoffte, und ließ das Gedränge erſt borüber, bevor ſie ſich zum Gehen anſchickte. Hierüber hatte Feliſe die beiden aus den Augen verloren, und das Herz voll Zorn gegen den unerbittlichen Drachen an ihrer Seite trat ſie den Heimweg an. Wen aber erblickte ſie plötzlich auf dem Birague⸗Platz? die ſchönen Freundinnen, wie ſie zu Fuß in die Straße Culture⸗Sainte⸗Catherine ein⸗ bogen, leichten Schrittes vor ihr hergingen, und, welche Freude, in das große Haus neben dem ihrigen eintraten. Feliſe dachte nach, und ſchon verrieth ihr der dunkle Drang in freilich noch ſehr unbeſtimmten Umriſſen Mittel und Wege, die ein junges Mädchen in ſtrengem Verwahrſam anwenden könnte, um ihre Wächter zu täuſchen. Sie begriff im Augenblick, daß der Garten, welchen ſie von den Man⸗ ſarden aus geſehen, zum Nachbarhaus gehören müſſe. Nichts trennte ſie alſo von ihren Freundinnen, als die abſcheuliche Zwiſchenmauer. Den Reſt des Tages brachte ſie damit zu, das unerſteigliche Bollwerk vom Garten aus zu muſtern, und zu überlegen, wie es etwa zu durchdringen wäre? Einmal fiel ihr's auch ein, ganz einfach durch die Thüre zu ihren Freundinnen zu gehen; doch ſah ſie trotz ihrer Unerfahrenheit ein, daß ſie ſich nicht wohl in den Zuſtand offener Empörung 164 gegen ihre Tante ſetzen dürfe, und ſo beſchied ſie ſich, die Gelegenheit abzuwarten. Woran ſie weiſe that, und wofür der Zufall ſich erkenntlich erwies, ohne ſeine Gunſt ungebühr⸗ lich lange zu verzögern. Es war im Mai, zur Zeit der langen Dämmerung und der lauen Abende. Balin war fleißiger denn je im Garten und bei ſeiner ſo ſchlecht vergoltenen Liebhaberei. Er nährte die ſtolze Hoffnung, eine Paſſionsblume wachſen zu ſehen, die er gepflanzt, weshalb er das Holzwerk ſeiner ſogenannten Laube verſtärkte und mit einem Lattendach überbaute, das ſich an die Gartenmauer lehnte. Dieſen Umſtand faßte Feliſe wohl in's Auge, gleichwie ſie keinesweges überſehen hatte, daß Abends an einer Stelle der Mauer von jenſeits ein Lichtſchimmer zu dämmern pflegte und manchmal ſich auch Töne wie von Menſchenſtimmen ver⸗ nehmen ließen. Als eines Abends das ganze Haus in tiefſter Ruhe lag, gewann Feliſe leiſen Schrittes den Garten und ſtand lauſchend im Finſtern. Leiſe rauſchte der Wind in den Wipfeln der Baume jenſeits der Mauer, und trug vereinzelte Töne einer fröhlihen Unterhaltung zum Ohr der einſamen Lauſcherin, die endlich ſich ermuthigend leicht und keck das Lattenwerk der Laube erkletterte, und auf die Zinne der Mauer geſtützt in den nachbarlichen Garten hinüberſah. Angela und Cäcilie ſaßen an einem Gartentiſch und verzehrten ihre Abendmahlzeit. Von Glas geſchirmte Kerzen beleuchteten die zwei anmuthſtrahlenden Geſichter, welche ſich vom dunkeln Hintergrund abhoben. Die Erſcheinung auf der ¹ —,———————————— 165 Mauer wahrnehmend, ſprangen die Schweſtern ſchreiend auf. Feliſe rief ihre Namen. Sie erkannten die Stimme. „Feliſe,“ jubelte die Aeltere:„ſie iſt es, Feliſe. O der liebe Spitzbube.“ „Bſt!“ machte die oben mit unterdrückter Stimme: vich wünſchte zu Euch zu kommen. Wie ſtell' ichs an?“ „Ohne beſondern Aufwand von Scharfſinn und Erfin⸗ dung,“ lächelte Angela, rührte die ſilberne Klingel und befahl eine Gartenleiter zu bringen. Ein Lakei ſtellte die Doppel⸗ leiter zur Mauer hin, zog ſich beſcheidentlich zurück, und An⸗ gela fuhr fort: „Das heiß ich aus den Wolken gefallen. Kommt in meine Arme!“ Feliſe war im Nu unten; als ihr Fuß den Boden be⸗ rührte, ſtieß ſie einen Freudenſchrei aus. Sie an's Herz ſchließend rief Cäcilie: „Woher, armes Kind? Wer hätte je ſich träumen laſ⸗ ſen, daß wir heut Abend Euch hier ſehen ſollten, und gar, daß Ihr wie ein Dieb bei uns einſteigen würdet?“ „Wie groß und ſchön Ihr geworden ſeid!“ fügte Angela hinzu, ſie ebenfalls umfangend. „Ihr nicht minder,“ verſetzte Feliſe, ſie bei den Händen faſſend und vergnügt betrachtend. Cäcilie ſetzte die Geſpielin zwiſchen ſich und die Schweſter. „Jetzt laßt uns hören,“ hob ſie an:„warum Ihr nicht mehr im Kloſter ſeid, kleine Königin, und wie es kommt, daß Ihr Eure Beſuche bei dunkler Nacht auf dem ſeltſamſten Wege abſtattet?“ 3 166 „Ihr ſollt alles wiſſen,“ antwortete Feliſe mit einem ſchweren Seufzer:„ich habe viel ausgeſtanden, doch die Ge⸗ ſchichte iſt nicht lang.“ Sie erzählte, wie ſie nach Genobefa's Tod aus dem Kloſter geſchieden, wie ſie bei ihrer Tante aufgenommen wor⸗ den, und welches trübſelige Leben ſie ſeitdem geführt. Die Schweſtern horchten hoch auf, drückten der Freundin Hände, und ſagten oft: „Arme Seele! Welch' ein Daſein! Das muß anders werden, es wird anders werden, Gott Lob! Ihr ſollt nicht für immerdar unter dem Joch der grauſamen Tante ſeufzen, ſon⸗ dern Eurem Kerker entrinnen. Muth géfaßt! Alles kann ein Ende nehmen, ſelbſt das Kloſterleben...“ „Gewiß,“ ſprach Feliſe dazwiſchen:„da ſitzen wir ja alle drei.“ Sie warf dabei das Haupt zurück wie ein junges Füllen, welches dem„Herradero“ entronnen, und fuhr dann fort:„Nun aber laßt mich wiſſen, was mit Euch geſchehen, ſeit Euer Vormund Euch dem Stift entführte? Wißt Ihr wohl, daß Mutter Perpetua ſtündlich Eurer Rückkehr gewärtig iſt, und daß ſie prophezeit: Angela werde noch den Schleier nehmen?“ „Sie könnte ſich dennoch irren,“ verſetzte Cäcilie mit einem ſchelmiſchen Seitenblick auf die Schweſter:„was mich betrifft, ſo war ich nie zum klöſterlichen Leben beſtimmt; die arme liebe Genovefa wußte es wohl... Oh, wie hab' ich dort geweint in jener Zelle, die nicht Einſamkeit, ſondern Folter⸗ kammer heißen ſollte Doch, verbittern wir uns nicht die gute Stunde mit trüben Erinnerungen. Ihr wißt, mein herziger —,— 167 Schatz, wie unſer Vormund, der Freiherr von Fabras, uns mit Gewalt dem Kloſter entriß. Er bannte uns in eine ent⸗ legene Kammer ſeines Hauſes, wo wir ein langweiliges Leben führten. Später erfuhr ich aus ſeinem Munde, daß er nicht wußte, was mit uns beginnen, und nahe daran war, uns in ein anderes Kloſter zu ſchicken. Inzwiſchen erzählte ihm jemand, dem er ſehr vertraute, die Geſchichte des Dichters Scarron, der, gebrechlich und lahm, ein junges Mädchen von ſechzehn Jahren freite, ſchön wie ein Engel, geiſtreich wie ein Teufel, und das heutigen Tages noch die erſte Frau des Königreiches iſt. Das Beiſpiel leuchtete dem alten Herrn ein, und einige Tage ſpäter kam derſelbe Freund, um mir des Freiherrn Namen und Ver⸗ mögen anzutragen. Die ſchöne d Aubigné hatte den armen Dichter nicht verſchmäht, wie ſollte das Fräulein von Chame⸗ roh den reichen Freiherrn von Fabras ausſchlagen? So ward ich die Frau meines Vormundes.“ „Des gichtbrüchigen Mannes, deſſen Bildniß uns Perpe⸗ tua in ſo reizenden Farben ſchilderte!“ rief Feliſe. „Er war ein edler Mann von trefflichem Gemüth,“ fuhr Cäcilie fort:„er brachte uns gleich nach der Hochzeit auf's Land und behandelte uns wie geliebte Kinder. Ich war glück⸗ lich, ſo glücklich, daß ich nach ſeinem aufrichtig beweinten Tode mir vorgenommen habe, nicht mehr zu heirathen.“ „Vielleicht gar in's Kloſter zurückzukehren?“ fragte Feliſe unbefangen. „Der Himmel bewahre mich davor,“ entgegnete Cäcilie lebhaft:„ich will in der Welt leben mit der anſtändigen Freiheit, welche der Wittwenſtand geſtattet. Ich liebe den 168 geſelligen Verkehr unter gebildeten Geiſtern. Deshalb bin ich zu Ende meiner Trauerzeit nach Paris zurückgekommen und ſinne darauf, ein Haus zu machen. Weil aber eine Wittwe von meinem Alter mit einer jungen Schweſter nicht wohl Hof und Stadt empfangen kann, ohne ſich Mißdeutungen auszu⸗ ſetzen, ſo habe ich beſchloſſen, Angela durch eine Heirath zu verſorgen.„ „Ah, Ihr verfügt alſo über mich ſo mir nichts dir nichts?“ rief das hübſche junge Mädchen, unter Lachen ſeine Befangenheit ſchlecht genug verbergend. „Ja, mein Fräulein, ich verheirathe Euch,“ verſetzte Cä⸗ cilie in gleichem Ton und mit zärtlichem Blick:„und ich werde Mittel finden, Euch zu zwingen, wenn Ihr Euch nicht gutwil⸗ lig fügen ſolltet.“ „Muß ſie auch einen gichtbrüchigen Greis nehmen?“ fragte Feliſe faſt zornig. „Nein, nein,“ lachte die junge Wittwe:„derjenige, wel⸗ chen ich ihr beſtimme, iſt jung, ſchön, tapfer und ritterlich, ein vollkommener Cahalier.“ „Wie der Herzog von Nemours?“ fragte Feliſe ganz ernſthaft. „Nemours?“ fragte Cäcilie entgegen:„kennt Ihr einen Herrn dieſes Namens?“ „Nein, ich habe nur etwas von ſeiner Geſchichte geleſen. Er iſt ein ſehr liebenswürdiger Cavalier, verliebt in eine vor⸗ nehme Dame, welche leider ſchon mit dem Prinzen von Clebe berheirathet iſt. Vielleicht iſt ſie auch indeſſen Wittwe gewor⸗ den und hat ihn genommnen. Wißt Ihr nichts davon?“ 169 „Lieber Himmel, Ihr erzählt uns den Roman der Frau von Lafahette,“ rief Cäcilie, ſie auf die Stirn küſſend:„daran iſt ja kein wahres Wort, Närrchen.“ „Alſo ein Mährchen wie die Geſchichte von der ſchönen Prinzeſſin Finette,“ murmelte Feliſe etwas betreten:„und doch kam mir alles ſo wahr vor.“— Den Ton verändernd und rings umherblickend fügte ſie hinzu:„Wie freut mich's, hier zu ſein. Als ich zuerſt dieſen Garten erblickte, wie hätt' ich da gedacht, ihn nur jemals zu betreten, geſchweige denn meine lieben Freundinnen darin zu treffen.“ „Kommt nur recht oft wieder, Herzchen,“ ſagte Angela mit freundlicher Dringlichkeit:„vielleicht ließe ſich auch die Tante erbitten, wenn Ihr mit ihr ſprächet, oder wenn wir ihr einen Beſuch abſtatteten.“ „O nein, nein,“ unterbrach ſie Feliſe haſtig:„wenn ſie nur ahnte... gewiß, alles wäre verloren.“ „Dann darf ſie freilich nichts erfahren,“ ſagte Cäcilie wohlgemuth:„die Thür, welche Ihr gefunden, iſt freilich nicht ſehr bequem, hat aber dafür auch weder Schloß noch Riegel.“ „Ihr werdet ſie hoffentlich oft benützen,“ fügte Angela hinzu:„wir bringen die Abende gerne hier im Freien zu; es iſt grün und friſch wie auf dem Lande.“ „Und Ihr ſeid ſtets allein?“ fragte Feliſe. „Bis jetzt noch immer,“ verſetzte Angela mit einem Seitenblick auf ihre Schweſter:„eine junge Wittwe kann, wie Cäcilie ſagt, nicht alle Welt bei ſich ſehen. Niemand wird etwas Uebles daran finden, wenn eines Tages ſie die Laune anwandelt, die Geigen zu beſtellen, aber einen kleinen Kreis 170 darf ſie beileibe nicht um ſich verſammeln. Wir würden wie die Einſiedler leben, wenn nicht einige alte Bekannte des ſeligen Freiherrn uns ihre Aufmerkſamkeit ſchenkten, ſo daß wir bei ihnen gute Geſellſchaft finden.“ „Wie glücklich ſeid ihr doch, nach Gefallen ausgehen zu dürfen,“ ſeufzte Feliſe:„ich habe keine andere Erholung als die Kirche, und dahin darf ich auch nur Sonntags.“ „Nur ruhig, Kind. Trotz Eurer ſchlimmen Tante ſollt Ihr die Welt ſehen, Euch unterhalten und endlich heirathen.“ „Ach, ja!“ rief Feliſe unbefangen aus; in dieſem Augenblick hörte ſie die Glocke ſchlagen.„Schon Mitternacht?“ ſagte ſie überraſcht:„wenn das Unglück die ſchlafloſe Tante zum Fenſter führte und ſie mich hörte. Doch nein, ſie ſoll mich nicht hören, ich will ſchon leiſe genug auſtreten, wie ihr Kater Mitoufle.“ Nachdem ſie gebeten, die Leiter an der Mauer zu laſſen, nahm ſie unter Umarmungen und Küſſen Abſchied. Einige Minuten ſpäter hatte ſie ſich in ihr Zimmer geſchlichen, drinnen ohne Licht zurecht getappt, und lag bald darauf mit klopfendem Herzen in ihrem gewaltigen Himmelbett. Die geheimen Zuſammenkünfte wiederholten ſich mit gleichmäßigem Erfolg noch öfters. Die Freundſchaft aus den Kinderjahren wurde lebhafter und inniger, als ſie geweſen, und vorzüglich war die ſanfte Angela der Geſpielin aufs herzlichſte zugethan. Sie gehörte zur Zahl jener wohlwollenden Stelen, deren höchſtes Glück darin beſteht, andere zu beglücken; vor allem aber beſchäftigte Feliſens Zukunft ihr Dichten und 171 Trachten. Auch die junge Wittwe nahm den lebhafteſten Antheil an dem Mädchen, das durch ſeine Unbefangen⸗ heit, ſeine erregbare Einbildungskraft und ſeine Hinneigung zum Außergewöhnlichen ſie bezauberte. Die langen Unter⸗ haltungen der drei drehten ſich faſt ohne Ausnahme um die Welt, von welcher Feliſe ſich die reizendſten Vorſtellungen machte. Bald genug kam es ihr vor, als kenne ſie alle die Leute, von denen ſie ſo viel ſprechen hörte, und ſie erkundigte ſich von freien Stücken nach dem Befinden der verwittweten Frau Gräfin von Manicamp oder des Herrn Marquis von Gandale. Die genannte Wittwe war eine vornehme Dame, ſehr geiſtreich und ſehr fromm; in ihrem Hauſe verſammelte ſich die beſte Geſellſchaft des Marais; ihr Neffe, der Marquis von Gandale, galt für einen vollkommenen jungen Edelmann, und wenn Frau von Favras einmal angefangen hatte, ihn zu loben, ſo hörte ſie nicht ſo bald wieder auf. „Wir haben mit ihm von Euch geſprochen,“ ſagte ſie einſt zu Feliſe:„und Ihr glaubt kaum, mein Engel, wie ſehr die Schilderung Eurer Gefangenſchaft ihn rührte. Er vergleicht Euch, wie auch Ihr ſelber und wir ſchon gethan, mit irgend einer verzauberten Königstochter, und nennt Eure Tante die böſe Fee. Auch Frau von Manicamp fragt unauf⸗ hörlich nach Euch; ſie ſtirbt vor Ungeduld, Euch von Angeſicht zu Angeſicht zu ſehen, und ich habe mich förmlich anheiſchig gemacht, ihrem heißen Verlangen Genüge zu leiſten.“ „Bis dahin laß ich mich ihr gehorſamſt empfehlen,“ ant⸗ wortete Feliſe mit halbernſthaftem Ton. So oft der Name Gandale ausgeſprochen wurde, über⸗ 172 flog eine leichte Roſenwolke Angela's klare Stirne, und ihre Blicke ſuchten ſchnell den Boden; doch Feliſe merkte nichts, ahnte nicht, daß der Marquis der Mann war, welchen Cücilie ihrer Schweſter beſtimmte, und den dieſe nicht auszu⸗ ſchlagen geſonnen war. Eines Abends endlich ſagte die junge Wittwe zu Feliſe: „Trauer und Halbtrauer ſind vorüber, und ich habe ſo ſtreng die Faſten gehalten, daß ich mein Oſterlamm mit gutem Gewiſſen verzehren kann. Nächſtens wollen wir's uns ganz wohl ſein laſſen. Ich gebe Ball, Concert und Media⸗ noche. Darf ich wagen, kleine Königin, Euch zu meinem Feſte zu laden?“ „Ich werde einen Ball ſehen!“ rief Feliſe, die Hände über'm Kopf zuſammenſchlagend.„Himmel, iſt es möglich?“ „Freilich iſt es möglich, und ſogar ganz leicht,“ lachte Angela:„wir zwei haben ſchon alles überlegt und den Plan zu Faden geſchlagen, wir geben Euch von unſern Juwelen, wir laſſen Euch ein ſchönes Kleid machen...“ Feliſe unterbrach ſie: „Kleider hab ich ja dem Dutzend nach, eines immer ſchöner als das andere; die böſe Suſanne muß ſie mir kaufen, und ich beſtelle aus purer Langweile immer wieder andere, ſo gut und theuer ſie nur zu haben ſind. Mein Zimmer iſt ein wahrer Putzladen von allem möglichen Flitterſtnat, von Spitzen und Bändern. Auch hat die Prinzeſſin von Cleve gewiß keine ſchönere Perlen, Demanten, Ringe und Ketten, wie ich.“ 173 Cäcilie lächelte.„Gut,“ ſagte ſie:„putzt Euch nur ſtattlich heraus.“ „Wie werd' ich mich glücklich ſchätzen, meine Feliſe,“ fügte Angela hinzu:„Euch an der Hand in den Saal zu führen und mit Eurem Glanze Staat zu machen.“ „Ich werde wie Aſchenbrödel auf den Ball kommen,“ bemerkte Feliſe:„es fehlt nichts als der gläſerne Pan⸗ töffe „Und der Königsſohn;“ unterbrach ſie hellauf lachend Frau von Fabras:„den kann ich nicht herbeiſchaffen, und Ihr müßt Euch ſchon mit minder glänzenden Eroberungen begnügen.“ Acht Tage träumte Feliſe in fieberiſcher Ungeduld bvom Ballfeſt. Eines Abends endlich, es war ein herrlicher Som⸗ merabend, und die Dämmerung war eben in Dunkel überge⸗ gangen, da entſchlüpfte ſie auf gewohnte Weiſe ihrem Kerker, und gewann den nachbarlichen Garten. Die Seite, von der ſie kommen mußte, war mit Vorbedacht nicht erleuchtet worden und von der Terraſſe ohnehin durch eine hohe Hecke von Hagebuchen geſchieden; ſo trat Feliſe unbemerkt in das Thurmzimmer zu ebener Erde, wo Angela bereits ihrer harrte. „Welch auserleſener Schmuck! Ihr ſeid blendend, mein Schatz,“ rief Angela voll Entzücken:„keine Königin trägt ſchönere Geſchmeide.“ „Ich mußte mich ohne Licht anziehen, faſt ganz im Dunkeln,“ entgegnete Feliſe, indem ſie zu einem großen, etwas überhängenden Spiegel trat, worin ſie ſich vom Kopf — 174 bis zu den Füßen betrachten konnte. Ihr Kleid beſtund aus ſilbergrauem Taffet ohne Stickerei und Borten; Suſanne hatte es ſo einfach für den ſonntäglichen Gang zur Kirche machen laſſen, aber um ſo glänzender nur fielen die reichen Geſchmeide jetzt in's Auge: im ſchwarzen Haar die Perlenſchnüre mit den Demanthaften, am Kleid, an Armen und Händen die unſchätzbarſten Juwelen. Die feierlich⸗ernſte Pracht dieſes Aufzuges paßte wie eigens ausgeſucht zu Feliſens wahrhaft königlichem Wuchs; ſie ſchien das auch zu fühlen; denn ſtolz hob ſie das Haupt und ſagte zur eben eintretenden Frau von Fabras: „Ich bin bereit.“ „Nur einen winzigen Augenblick,“ bat Angela:„wir müſſen den Ernſt ein wenig mildern, ſonſt fürchten ſich ja die Leute;“ und mit eigenen Händen befeſtigte ſie auf Feliſens Bruſt einen Strauß von Roſen und ſpaniſchem Jasmin, wie ſie ſelber einen zu ihrem weißen Damaſtkleide trug. Als die neue Aſchenbrödel an Cäciliens Hand in den Saal trat, erhob ſich von allen Seiten ein Gemurmel des Beifalls; die Tänzer ſtockten, ſelbſt die Spieler vergaßen ihr Lanzknecht für einige Augenblicke, und die Wirkung dieſer Erſcheinung war eine ſchlagende. Feliſe war auch keine ge⸗ wöhnliche Schönheit, ſondern trat wie ein Dichtergebilde ver⸗ ſunkener Zeiten unter die Geſellſchaft ihrer Tage. Arioſt hatte ſie geſungen, Bocaz geſchildert. Das ſchwarze Haar, die gradgezogenen Brauen, unter den langen Wimpern die hellblauen Augen mit dem bald ſchneidenden, bald glühenden, meiſtens aber träumeriſchen Ausdruck verliehen dem ſchönen — —,.—— —.——— Mädchen einen auffallend eigenthümlichen Anſtrich, der anzog und feſſelte. Ihr Triumph entging nicht ihrer Wahrnehmung, und die Wahrnehmung berauſchte ſie; es kam ihr vor, als ſei ſie jetzt zum erſtenmal an ihrem Platze, eine geborene Königin, umgeben von den Huldigungen ihrer Unterthanen. Inzwiſchen hatten Tänzer und Spieler Menuet und Lanz⸗ knecht wieder aufgenommen, und die alten Frauen an der Baſ⸗ ſettetafel ſetzten ihre Unterhaltung fort. Feliſe durchwandelte am Arm ihrer Führerin den Saal. Als ſie der Frau von Manicamp vorgeſtellt wurde, ſagte die alte Dame: „Jetzt wundere ich mich nicht mehr, mein Fräulein, daß Eure Verwandten Euch in ſtrenger Verborgenheit halten, denn Eure wundervolle Schönheit iſt nur allzu geeignet, Treuloſe und Eiferſüchtige zu machen und namenloſes Unheil anzu⸗ richten.“ Nach dieſer geſpreizten Schmeichelei küßte ſie Feliſen's Stirn, und flüſterte dann ihrer Nachbarin zu: „Sie erinnert mich an Fräulein von Fontanges; derſelbe Wuchs, daſſelbe Weſen, nur nicht derſelbe Ausdruck. Die arme Fontanges ſah dumm und verliebt aus, während in dieſen großen lichtblauen Augen etwas unheimlich Wildes lauert. WMir gefällt die ſanfte zarte Angela doch um Vieles beſſer.“ Feliſe kehrte zu ihrem Platz zurück, als ſie zum zweiten Mal den Blicken eines Mannes begegnete, der ſeit ihrem Ein⸗ tritt ſich abſeits gehalten, ohne an irgend einer der verſchiedenen Unterhaltungen theilzunehmen. Er war jung und von ausge⸗ zeichnetem Weſen; ſein Geſicht war nicht eben auffallend ſchön, aber der Ausdruck ſeiner edelgeformten Züge, ſein Lächeln und 176 der lebhafte geiſtreiche Blick hatten etwas ſehr Anſprechendes; Feliſe verglich ihn mit dem Bild ihrer erſten Frühlingsträume, mit dem Herzog von Nemours, und fühlte einen geheimen Freu⸗ denſchauer, als Cäcilie ihm einen Wink gab, näher zu treten. „Meine Schöne,“ ſagte lächelnd Frau von Fabras:„der Marquis von Gandale konnte es kaum erwarten, Euch zu ſehen, und iſt nun vor lauter Bewunderung ſo ſtarr, daß er darüber vergeſſen hat, ſich uns zu nähern.“ Wenn zwei Perſonen biel und mit Vorliebe von einander haben ſprechen hören, ſo knüpft ſich zwiſchen ihnen ein ge⸗ heimnißvolles Band, wodurch die erſte Begegnung um ſo an⸗ ziehender und oft gefährlich wird. So war es hier. Feliſen's Blick war für Gandale nicht der blos neugierige kalte Blick, womit ſie bisher die übrige Geſellſchaft betrachtet hatte, und der Blitz ihres Auges traf auf Zündſtoff Die Tänzer kamen in Maſſe, um Feliſe aufzufordern; ſie konnte ihnen nicht an⸗ ders entgehen als durch das Bekenntniß: ſie verſtehe nichts vom Tanzen. Die Art, in welcher ſie dieſes Bekenntniß ab⸗ legte, bewies dem Marquis, wie willkommen ihr die Ausflucht war; und dennoch drehte ſich, den Worten nach, ihre Unter⸗ haltung um höchſt gleichgültige Gegenſtände. Der Stoff ſchien dem Paare nicht ausgehen zu wollen. Der Mond war aufgegangen und badete in Silberlicht den Garten mit den dämmernden Umgebungen. Feliſe deutete durch's Fenſter auf eine düſtere Steinmaſſe und ſeufzte: „Mein Kerker, wohin ich im wenigen Augenblicken zurück⸗ kehren muß.“ — —˙———— — ———— — 177 „Denkt lieber daran, ihn für immer zu verlaſſen,“ ver⸗ ſetzte er feurig und dringend. „Ich denke daran,“ murmelte ſie mit eigenthümlichem Ausdruck. Ein junges Mädchen von Welterziehung hätte ſich wohl gehütet, den Mann, welchen es auszeichnete, ſo einen ganzen Abend hindurch an ſeine Seite zu feſſeln; die unbefangene Natur Feliſen's wußte nichts von den Vorſchriften der Geſell⸗ ſchaft. Sie ließ zuletzt noch ſich von Gandale in den Speiſe⸗ ſaal führen, und ihr Blick gebot ihm, neben ihr an der Tafel Platz zu nehmen. Frau von Favras ſchien unruhig, ihre Schweſter ver⸗ mochte kaum die nöthigſte Faſſung zu behaupten, und die alte Gräfin beobachtete mit ſorgenvollem Staunen ihren Neffen. „Die neue Erſcheinung bringt gewaltige Wirkungen her⸗ vor,“ ſagte die Manicamp, zum Ohr einer Nachbarin geneigt: „ſeht nur den Marquis;... im Fall einer erklärten Leiden⸗ ſchaft könnte er nicht mehr thun. Das kommt mir unge⸗ legen, wahrhaftig; ich hatte ganz andere Pläne.“ Im Morgengrauen trennte ſich die Verſammlung. Feliſe war früher ſchon verſchwunden, der Marguis bald nach ihr. Die zwei Schweſtern fanden ſich endlich allein. „Oh meine Cäcilie,“ rief Angela, ſich an die Bruſt der andern werfend:„welch ein Feſt, welch eine verhängnißvolle Nacht, was haben wir angeſtellt!“ „Sei ruhig, Kind,“ tröſtete die junge Wittwe:„er liebt ſie nicht, er iſt nur verblendet, betäubt, bethört. Schwach, wie alle Männer, konnte er für den Augenblick ſeiner Eitelkeit Der Erzähler. 1846. 1v. 178 den dargebotenen Triumph nicht verſagen. Die neueſte, mithin bewundertſte Schönheit hatte nur Augen für ihn. Wahrlich, dieſe Unſchuldigen, dieſe Agneſen*) genießen ſonderbare Vor⸗ rechte.“ Angela ſchüttelte ſtumm das Haupt, trocknete die Thrä⸗ nen, welche immer auf's Neue wieder hervorquollen, und hob nach einer Weile mit dem Ausdruck ſchmerzlicher Ueberzeugung wieder an: *„Er liebt ſie!... Sie iſt auch ſo ſchön. Und... hab ich denn ein Recht zu klagen? Ihr und die Gräfin habt die Verbindung beſchloſſen und die Einwilligung des Herrn von Gandale ſtillſchweigend vorausgeſetzt. Was hat er mir je verheißen? Nichts! Mein armes, mein thörichtes Herz allein hat ſich ihm auf Gnade und Ungnade anheimgegeben.“ „Er hätte Dich lieben lernen wie Du's verdienſt,“ rief Cäcilie, nun ebenfalls in Thränen ausbrechend:„er, der in unfaßlicher Verblendung Deinen Werth mißkennt. Zum Glück iſt er nicht der einzige Mann auf Erden, welcher...“ Angela unterbrach ſie ſanft, aber entſchieden: „Für mich gibt es keinen zweiten, mein Herz verſchenkt ſich nur einmal. Ich leide ſchwer, ſchwerer als ich's ſagen kann, aber werde Troſt finden im Herrn. Die Mutter ₰ Magdalena. uns ſtets, daß er uns hält und tröſtet.“— Noch an demſelben Tage verfügten ſich die zwei Schwe⸗ ſtern auf ein Landhaus unfern der Stadt, woſelbſt ſie einige —.,——————— *) Wir Deutſche nennen, eine„Agnes“ bis heute noch„Gurli,“ ob⸗ ſchon„Bettina“ beſſer klänge. 179 Zeit in vollkommener Abgeſchiedenheit zubrachten, ohne von allen ihren Bekannten ſammt und ſonders auch nur die ge⸗ ringfügigſte Kunde zu erhalten. Angela ließ das Köpfchen hängen, Frau von Favras wünſchte und fürchtete zugleich etwas Neues zu erfahren. Nach vierzehn Tagen kehrten ſie zurück. Zu Hauſe lag ein Brief der alten Gräfin, worin es hieß: „Meine liebe Baronin! „Mein Neffe iſt ein Geck, den ich enterben werde. Er viſt ernſtlich in das Mädchen verliebt, das im verzauberten „Thurm gefangen liegt. Sie mag immerhin, wie Ihr behaup⸗ „tet, Rang und Vermögen beſitzen; ich will von der verwünſch⸗ „ten Prinzeſſin nichts wiſſen. Ich hatte andere Pläne. Ich „habe dem Springinsfeld rundweg erklärt, daß ich auf ſeine „Wünſche nicht eingehe; er wird ſich demnach ſelber zur„böſen „Fee“ verfügen, um ſeine Werbung anzubringen. „Ich theile Euch dieſe Neuigkeit mit, um Euch die Ueber⸗ „raſchung zu erſparen; und bitte Euch, mich trotz der ſaubern „Heirath meines Neffen für Eure beſte Freundin und Eure vergebenſte Dienerin zu halten. Gräfin M... „Was ſagte ich?“ rief Angela. „Laßt uns wieder umkehren,“ rief Frau Favras un⸗ geſtüm:„wir wollen nicht Zeugen dieſer Ho ſein.“ „Ja, laßt uns gehen,“ verſetzte Angela:„doch will ich zum Abſchied zwei Zeilen an Feliſe ſchreiben.“ Sie nahm die Feder; mit bebender Hand und ſchweren Herzens ſchrieb ſie: 180 „Meine theure Feliſe! „Der Himmel hat Euere Kindheit mit ſchwerer Heim⸗ „ſuchung geprüft, um Euch über dornige Pfade zum reinſten „Glücke zu führen: der edelſte Mann liebt Euch und will „nächſtens Eure Hand begehren. Seid glücklich mit ihm und „macht ihn glücklich, liebe Feliſe; das iſt meiner Schweſter „und mein innigſter Wunſch, den wir Euch zum Abſchied „vor langer Trennung ſenden. Möget Ihr in Euerm Glücke „nicht die vergeſſen, welche leiden; betet für ſie, für Euch, „und hebt zuweilen den Blick aus dem Glanze dieſer Welt „zu höherm Glanze. „Ich glaube, daß Mutter Perpetua ſich doch nicht „täuſchte, und daß ich eines Tages das himmelblaue Gewand „tragen werde. Dann gedenkt mit Liebe an Schweſter Angela.“ Ein gewandter Diener erhielt den Auftrag, das Briefchen in Feliſens Hände zu ſpielen, und keine Stunde war ber⸗ gangen, als ſie es in der That von einem Stein loswickelte. Seit zwei Wochen hatte die armé Feliſe in der tödtlichſten Ungewißheit gelebt. Die Abreiſe der Schweſtern hatte ſie verwundert und erſchreckt; beider Abweſenheit raubte ihr auch jede Ausſichh den Erkorenen ihrer Seele wiederzutreffen. Tag und Nalt in Thränen, recht wie ein liebendes und erzweifelndes Mägdlein, war ſie mehr als einmal auf dem Sprung geſtanden, zu fliehen und aufs Gerathewohl in die weite Welt zu laufen. Nun. übergoß Angelas Brief ſie mit Schauern ſüßer * K in ihrem eigenſüchtigen Triumph verhallte unverſtan⸗ ——.— —————— 181 den für ſie der ſchmerzliche Grundton des Schreibens, und ſie vermochte nicht länger an ſich zu halten. Bleich, glühenden Blickes, das Haupt zurückgeworfen, ſtürmte ſie in den Saal, wo Philippine von Saulieu am gewohnten Platz bei der ge⸗ wohnten Beſchäftigung ſaß. Die Jungfrau ſetzte ſich, denn ihre Kniee brachen; kurz und haſtig ſagte ſie: „Tante.. ich muß mit Euch ſprechen... vernehmt der Zeitpunkt naht für mich dieſes Haus zu berlaſſen. Bald, etwa heute noch wird ein reicher Cabalier um mich anhalten.“ „Was ſagt Ihr? Ich habe Euch nicht verſtanden,“ ber⸗ ſetzte die Tante wie jemand, der halb im Traum irgend ein Geräuſch vernommen hat. „Ich ſage,“ hob Feliſe wieder an:„daß der Herr Mar⸗ quis von Gandale mich heirathen will, und bei Euch werben wird.“ Die Tante machte eine verdrießliche abweiſende Geberde. Bei dieſer lautloſen und doch ſo bezeichnenden Autwort brachen Feliſens langverhaltene Gefühle in hellen Flammen aus. „Glaubt ja nicht, daß ich mich füge,“ rief ſie:„ſchon zu lange ertrug ich das harte, das ſchmähliche Joch Euerer Thrannei. Ja, Ihr habt mich gepeinigt undich haſſe Euch dafür. Was ſeid Ihr mir auch zeitlebens geweſen? Eine böſe Muhme. Als Kind habt Ihr mich auf die Schwelle des Kloſters geworfen, als Jungfrau eingekerkert wie eine Vers brecherin. Dennoch iſt der rechte Platz für mich in der, Rang und Vermögen berechtigen mich zu den höchſten ſprüchen... Ihr antwortet nicht?... Dem Sern do 182 Gandale werdet Ihr ſchon Antwort geben müſſen, wenn er die Gründe Euerer Weigerung zu vernehmen begehrt.“ „Armes unglückſeliges Geſchöpf!“ jammerte Philippine, die Hände zum Himmel erhebend; dann wies ſie mit unwider⸗ Sſtehlichem Ausdruck gegen die Thüre hin und ſagte:„Geht in Euer Zimmer. Ich werde den Herrn von Gandale vor⸗ laſſen, und wenn er dann noch auf ſeinem Vorhaben beſteht, ſo ſollt Ihr ihn haben. Geht.“ Eingeſchüchtert durch den gebieteriſchen Ton, betroffen von der letzten Aeußerung, die einen geheimen Sinn zu ber⸗ gen ſchien, ſchloß Feliſe ſich in ihr Zimmer, und brachte den Reſt des Tages damit zu, erwartungsvoll auf jedes nahende Geräuſch zu lauſchen. Das Fräulein hatte alle nöthigen Befehle ertheilt, Balin und Suſanne ſtanden auf dem Poſten, und richtig: am näch⸗ ſten Nachmittag knarrte das Hofthor, zum erſtenmal ſeit lan⸗ gen Jahren für Roß und Wagen wieder ſich öffnend, und eine Kutſche rollte in den Hof. Der junge Marquis betrat in wunderbarer Aufregung die geheimnißvolle ſtrengverſchloſſene Wohnung, und ſeine Be⸗ klemmung wuchs, als der alte Diener in tiefer Trauer ihm die Thüren öffnete und ſeinen Namen mit lautſchallender Stimme durch ie öden Räume rief. Das Fräulein hatte ſich erhoben, um den Eintretenden zu begrüßen. Der Anblick der geſpenſtigen Trauergeſtalt ver⸗ † dieſen noch mehr, als alle bisher empfangenen Ein⸗ 2 drücke, und er mußte ſich erſt ſammeln, bevor er ſein Sprüch⸗ „— . * —b 183 lein anheben konnte. Philippine von Saulieu gönnte ihm alle Muße dazu und wartete ſtumm bis er anhob: „Mein Fräulein, ich heiße Hector Marquis von Gan⸗ dale, dieſer Name dürfte wohl der Ehre einer Verbindung. mit Euerm Hauſe nicht unwerth ſein. Ich beſitze hinreichen⸗ des Vermögen, um meinen angeſtammten Rang zu behaupten. Ich habe Eure Nichte geſehen, hingeriſſen von ihrer ſeltenen Schönheit und ihren liebenswerthen Eigenſchaften, wünſche ich ſie zur Lebensgefährtin zu erkieſen, und da ſie, wie ich höre, als elternloſe Waiſe unter Euerm Schutze ſteht, ſo b bei Euch um ihre Hand an.“ „Die ich Euch verſage, Herr Marquis,“ entgegnete Fräu⸗ lein von Saulieu mit bewegter Stimme. „Und Euere Gründe, mein Fräulein, darf ich ſie wohl vernehmen?“ „Wenn Ihr darauf beſteht, Shn Beſſer wär' es freilich, ihr ſtündet von Euerm Begehren ab, ohne mir die ſchwere Pflicht einer höchſt betrübten Auseinanderſetzung zuerlegen. Glaubt mir auf's Wort, ſteht ab.“ Der Marquis antwortete nur durch eine Geberde, worin Stolz und Liebe der verſagenden Tante den Fehdehandſchuh hinwarfen. Philippine ſammelte ſich, um Kraft zum Reden zu ge⸗ winnen; dann begann ſie, Anfungs langſam, hernach mit ſtei⸗ gender Haſt zu ſprechen: „Eine herzerſchütternde Begebenheit muß ich Euch erzäh⸗ len, mein Herr... die Geſchichte vom Mißgeſchicke zweier edler Häuſer. Frühverwaist ward ich mit meiner jüngern 184 Schweſter von einem Oheim aufgenommen und erzogen. Mit ſechszehn Jahren heirathete meine Schweſter einen Edelmann. Ich blieb beim Oheim, der alt und gebrechlich geworden, und um ihn zu pflegen, verſchob ich meine eigene Verſorgung. Er ſtarb da ich fünfundzwanzig Jahre zählte. Wir hatten darauf gerechnet, er würde meine Schweſter mit mir zur Erbin einſetzen; zu allem Unglück jedoch fand ſich in ſeinem bis da⸗ hin geheim gehaltenem letzten Willen, daß ich die alleinige Erbin ſein ſollte. Unheilbolle Gabe! Der Gatte meiner Schweſter hatte ſeit längerer Zeit ſchon eine verwerfliche Nei⸗ gung zu mir gefaßt, und ſeine Habſucht entflammte nun die ſchlimme Leidenſchaft zu verderblicher Gluth. Der Elende faßte den Gedanken, durch die unerhörteſten Verbrechen jede Scheidewand zwiſchen uns niederzuwerfen; dann ſollte eine Vergünſtigung des heiligen Stuhles ihn ermächtigen, die Schweſter ſeiner ehemaligen Gattin heimzuführen. In Einer Nacht wurde ſein Weib in ſeinem eigenen Schloſſe ermordet, fiel, ſchier unter meinen Augen vom tödtlichen Blei getroffen mein Verlobter, dem ich ſchon ſeit Jahren in treuer Liebe zu⸗ gethan, nun bald zum Altar folgen ſollte. Der Verbrecher hatte ſeine Pläne mit hölliſchem Scharfſinn berechnet, aber die Vorſehung wachte und machte alle ſeine Berechnungen zu Schanden. Seine Opfer wurden gerächt. Er ſtarb von Hen⸗ kershand. Habt Ihr nie vom Grafen von Chardavon vernommen, der zu Toulouſe von unten auf gerädert wurde? Feliſe iſt die Tochter des Geräderten. Chardavon hatte eine zjunge Schweſter; man nannte ſie allgemein die ſchöne Genv⸗ vefa. Ehrlos vor der Welt durch ihres Bruders ſchmählichen 185 Tod iſt ſie im Kloſter geſtorben. Ich, welche der Wüthrich aller ihrer Lieben beraubt, verzehre mich hier in langſamer Pein, umgeben von alten Dienern, die mir treu geblieben, und dieſem Kind, das mich anklagt, und dennoch ſein ganzes Unglück nie erfahren ſoll.“ Der Marquis hatte mit ſtummem Grauſen zugehört. Philippine hatte noch nicht vollendet, als er ſchon ſich erhob, und tief verbeugte, ſo daß ſein Knie ſchier den Eſtrich be⸗ rührte. Es ſchien, als flehe er um Vergebung, die Geiſter böſer Erinnerungen mit Gewalt heraufbeſchworen zu haben. Der alte Balin öffnete die Thüren, langſam und feierlich entfernte ſich der Marquis. Als er von dannen gegangen, erblickte Philippine im Hintergrund des Saales ein bleiches Geſicht. Feliſe hatte hinter dem Thürvorhang gelauſcht, und war in ihrer ver⸗ zweifelten Ruhe furchtbar anzuſchauen. „Tunte,“ ſprach ſie, indem ſie Angela's Brief auf den Leuchterſtuhl legte:„laßt mich zu den Annunziaten bringen dort iſt mein Platz, nur dort... Ich habe begrei⸗ fen und verſtehen lernen, daß Angela ihn liebt; und weil ich denn die Tochter des Geräderten bin, ſo wird er ſie zum Altar führen. Bei dieſem Gedanken fühl' ich, daß ich meines Vaters Fleiſch und Blut bin, darum bringt mich ohne Ver⸗ zug in's Kloſter zurück.“ Deſſelbigen Tages kehrte Feliſe zu den Annunziaten zurück. Als ſie zum zweitenmal die furchtbare Schwelle über⸗ ſchritt, welche Clauſur heißt, empfingen ſie die Priorin und der Beichtbater. 186 „Wir erwarteten Euch immer,“ ſagte Boinet freundlich. „Kommt, mein Kind,“ rief Magdalena mit der Freude einer zärtlichen Mutter:„armes müdes Lämmlein, geprieſen ſei der gute Hirt, welcher Dich zur Hürde trägt, geſegnet der Tag Deiner Wiederkehr!“ Rirre⸗ Tikfe⸗Tok. NMach dem Plämiſchen des Hendrik Conſcience. Von E. Zoller. —— 1. * F or nicht gar langer Zeit beſuchte ich den Pacht⸗ hof, auf welchem unſre Geſchichte ihren Anfang „nimmt: er ſteht noch zwiſchen Deſſchel und Milgem, ungefähr zwölf Stunden öſtlich von Antwerpen, und wird von Bauern bewohnt, die ſich des Namens Jan Daelmans kaum mehr erinnern. Wie maleriſch das Haus auch liegt, ſo bietet es doch nichts Beſonderes für die Be⸗ ſchreibung; Donnerblatt und Moos grünten auf dem morſchen Dache; um die bröckelnden Mauern — läuft ein friſch glänzendes Rebengeländer; ein vaar Schweine tummeln ſich im Hofe zwiſchen Tauben und Hühnern und drei glänzend ſau⸗ bere Kühe zermalmen den zarten Klee.... Aber das Schönſte bei dem Hofe iſt die unermeßliche Beide, die ſich vom Hauſe bis zum fernſten Horizonte aus⸗ 188 dehnt; der Bach, der hinter dem Blumengärtchen nach den Moorweiden hineilt,— und die grünen Erlen⸗ und Weiden⸗ gruppen, die den Lauf der ſilbernen Heideader begleiten. Dar⸗ über der unbegränzte blaue Himmel, das geheimnißvolle Zirpen der Grillen und der berliebte Geſang der Vögel, die dieſen abgelegenen Hof ſich zum Vaterland erwählt. Es war ein ſchöner Morgen des Jahres 1807; die Sonne hatte ſich noch nicht über die Fläche der Heide erhoben, und kaum hörte man hie und da einen Vogel das Vorſpiel zu dem prächtigen Morgenſang der Natur beginnen. Im Innern des Pachthofes herrſchte noch die Stille der Nacht: nur ein kleines Feuer brannte in dem weiten Kamine; die Uhr tickte ruhig fort, und etwas weiter in einer halbdunkeln Ecke ſchnarrte eintönig das Spinnrad. Vor dieſem ſaß ein Mädchen ſonderbaren Ausſehens; nach ihrem Geſichte zu urtheilen mußte ſie ungefähr fünfzehn Jahre alt ſein; ihre Kleidung war mehr nachläſſig als hübſch; aber die intereſſanten Züge hatten in ihrem Ausdruck etwas Fremdes, etwas Edeles, das die Aufmerkſamkeit des Beobach⸗ ters reizte und ihn durch eine Art Theilnahme anziehen mußte. Man konnte ſie nicht gerade ſchön nennen; denn ſie war weiß wie glänzender Marmor, und ihre dunkelſchwarzen Augen— wenn ſie unter den langen Wimpern einen Blick, wie Feuer⸗ funken ſtrahlend, hervorblitzen ließ— ſchienen unfreundlich und hart. Doch gab es auch Augenblicke, wo ſie wie eine Irrſinnige die düſteren Augen langſam umherwarf und — 1 189 ein ftohes Lächeln ihre Züge durchleuchtete, als ob eine erhe⸗ bende Stimme in ihrem Herzen rede:— ja dann, dann war ſie ſchön, wie ein alabaſtern Bild der welkenden Blume, die ihren Kelch der Sonne öffnet, obſchon der Wurm bereits an ihrer Wurzel nagt. Seit einer Stunde ſaß ſie ſchon vor dem Spinnrad, als ob ſie zu demſelben gehöre, ſo achtlos ließ ſie den Flachs durch ihre Finger gleiten: ein tiefer Traum hatte ſie wie eine Wolke umhüllt; die irdiſche Welt war für ſie verſchloſſen, und nun leuchtete eine himmliſche Freude aus ihrem Antlitz. Welch' heiterer Gedanke entwand ſich ihrem Buſen und erhellte ihre Züge? Wir wiſſen es ſelber nicht.— Sieh, ſie öffnet ihren ſchönen Mund: ſie ſingt! Reizend muß der Geſang ſein, wenn er ihre Gefühle ausſpricht: ihre Stimme iſt ſanft und beinahe unverſtändlich, kaum hörbar, doch rein, wie der Klang eines ſilbernen Gefäßes; fremd und wunder⸗ bar iſt das trippelnde Lied, das ſie ſingt: Rikke⸗tikke⸗tak, Rikke⸗tikke⸗tu. Eiſen warm, Hoch den Arm! Schlagt nur zu, Rikke, tikke, tn. Dann verfällt ſie wieder in ihr träumeriſches Sinnen. Während das Mädchen, gebeugten Hauptes, ſo vor dem Spinnrad ſaß und in Selbſtvergeſſen verſunken zu ſein ſchien, kam eine bejahrte Frau die Treppe herab in das Zimmer. Nach dem gebieteriſchen Blicke zu urtheilen, den ſie auf das Feuer, das erloſchen, und das Mädchen warf, konnte ſis niemand 190 anders als die Pächterin ſein. Ihre Augen glühten vor Zorn, und dem ſinnenden Mädchen nahend, gab ſie ihr einen ſo hef⸗ tigen Schlag, daß die überraſchte Träumerin beinahe vom Stuhle ſank. „Was?“ rief die Pächterin;„Du faules Stück! Da ſitzſt Du wie ein Thier. Das Feuer an! raſch, ſonſt nehm' ich einen Stock, Dich wach zu machen, faules Strick, das Du biſt!“ Das Mädchen ſtand auf und ging zum Feuer, um das barſche Gebot ihrer Herrin zu vollziehen; ſie mußte ſolche Vehandlung längſt gewöhnt ſein, denn ihr marmornes Geſicht verrieth weder Schmerz noch Betrübniß: nur auf ihren Wan⸗ gen glühte ein rother Flecken, der deutlich die Hand der Päch⸗ terin zeigte. Sobald dieſe das Feuer unter dem Keſſel flammen ſah, ſtellte ſie ſich unten an die Treppe und rief aus aller Macht: „Auf, auf! faules Pack! oder ich werde Euch holen, Trine, Bärbel, Jan; auf, 8 iſt vier Uhr!“ Wenige Augenblicke ſpäter kamen die Gerufenen. Die beiden Mädchen waren die Töchter der Pächterin und konnten etwas weniger als zwanzig Jahre alt ſein; waren übrigens wie die meiſten Bäuerinnen ſchwerfällig und ſtark gebaut, ohne daß ſie ſonſt etwas Bemerkenswerthes unterſchieden hätte. Der Junge, welcher von ſeiner Mutter Jan genannt wor⸗ den, zählte nicht mehr als ſiebenzehn Jahre; ſeine Züge waren groß, doch regelmäßig und männlich; ſeine blitzenden Augen 191 und ſein bewegliches Geſicht zeugten, daß, wenn die Natur ihn auch nicht mit großen Geiſtesgaben beſchenkt hatte, er doch wenigſtens ein hübſcher, wackrer Burſche wat. Seine blauen Augen und langen blonden Haare gaben ſeinem Weſen etwas Gutmüthiges und Sanftes, wie denn auch ſein Herz wirk⸗ lich war. 4 Er allein ging zu dem Mädchen, das bei dem Feuer ſtand und ſagte leiſe zu ihr: „Guten Morgen, Lina!“ Worauf eine noch leiſere Nv vyfolgte: „Guten Morgen, Jan! Ich danke.“ S Ehe man im Pachthofe zur Arbeit ging, wurde der Kaffee auf die Tafel geſetzt und die Pächterin ſchnitt jedem ſein Stück Butterbrod. Die junge Lina bekam ein Brod, das kaum den Hunger eines Kindes hätte ſtillen können. Doch ſie ſchien es nicht zu bemerken und ſelbſt aus ihren Augen ſprach keine Klage über die Härte der Pächterin. Jan betrachtete Lina mit großem Mitleiden und als er ſah, daß ſie ihr Brod faſt verzehrt hatte, gab er ihr ein Stück von dem ſeinen, während ſeine Mutter wegſah. Nach dem Frühſtück verließ Jan mit ſeinen Schweſtern das Haus, um die tägliche Arbeit zu beginnen. Lina blieb auf dem Hofe mit der Pächterin, um bei dem Butterfaß zu ſtehen, während der Hund die Mühle drehte.— Sobald die MWilch in dem Faſſe war, ging die Pächterin hinaus, um den Hund zu holen, aber ſie fand ihn todt in ſeinem Hauſe lie⸗ gen. Da kannte ihre Wuth keine Grenzen mehr: ſie kam wie 192 wüthend wieder zurück, ſchlug die arme Lina ins Geſicht, ſtieß ſie in die Kammer und rief: „Der Hund iſt todt, Du faules Ding! Du haſt ihm geſtern kein Freſſen gegeben; aber ich will Dich lehren. S Und dann begann ſie das ſchweigende Mädchen wieder zu ſchlagen, während ſie rief: „Schweig, bis Du berſteſt, eigenſinniges Weib. es iſt nicht wahr, daß Du dem Hund kein Freſſen gegeben? Willſt Du ſprechen?“ „Pächterin,“ ſagte ſie beinahe gleichgültig,„ich habe dem Bund Freſſen gegeben. Die Schüſſel ſteht noch voll vor ſeinem Häuschen.“ „Was, Schüſſel voll?“ ſchrie die Pächterin.„Betrü⸗ gerin, die Du biſt! Dieſen Morgen haſt Du das Eſſen in die Schüſſel gethan. Glaubſt Du, daß wir Deine Wege nicht wüßten? Aber nun mußt Du in der Buttermühle laufen. Marſch!“ Wahrſcheinlich ſchmerzte dieſe neue Art von Mißhandlung Lina ſchwer, denn ſie zitterte an allen Gliedern und ſtand in der Mitte des Zimmers mit gebeugtem Haupt und hängenden Armen, wie eine Verurtheilte, die auf das Schaffot geführt wird. Doch ſprach ſie kein Wort. Dieſe geduldige Kälte gefiel der Pächterin nicht: in ihrer Wuth zog ſie darum einen Aſt aus dem Büſchel beim Ofen hob ihn, als ob ſie damit Kina auf den Kopf ſchlagen wollte, und erneute ihren Befehl: „In die Mühle dder... 5 Lina ſank auf die Knie, ſtreckte die Hände bittend aus, ſchlug das ſchwarze Auge zu ihrer Verfolgerin auf und ſprach: „O, habt Mitleid mit mir! Ich will in der Butter⸗ mühle laufen, aber ſchlagt mich nicht, um Gotteswillen!“ In dieſem Augenblick flog die Thüre mit Gewalt auf und Jan trat in das Zimmer; er lief zu Lina, hob ſie vom Boden auf und ſprach mit unterdrücktem Zorne: „Aber Mutter, wie kannſt Du ſo ſein? Immer daſſelbe: ich kann nie auf's Feld gehen oder ich höre, wie Du gegen die unglückliche Lina tobſt, wie gegen ein Thier. Wenn ſie ſterben ſoll, ſo ſchlage ſie lieber auf einmal todt! Siehſt Bei dieſen letzten Worten ſtiegen Thränen aus den Augen Jan's und er fügte bittend hinzu: „O Mutter, laß ſie doch ruhig! oder ſieh', ich ſage es Dir, mit den erſten Soldaten, die hier vorüberziehen, gehe ich fort und ſeh' Dich niemals wieder.“ „Ich ſage, ſie ſoll in der Buttermühle laufen!“ ſchrie die Pächterin. „Was ſagſt Du da, Mutter?“ rief Jan erſchrocken und entrüſtet.„Sie?— Lina? In der Buttermühle laufen. Das geht zu weit. Willſt Du davon abſtehen?“ „Seht ihn da, den Narren,“ ſagte die Mutter ſpöttiſch lachend.„Und was wollteſt Du dann thun?“ „Höre, Mutter,“ antwortete Jan mit einem Ernſte, der Eindruck machte,„wenn Lina in der Buttermühle lauft, ſo Der Erzähler. 1846. W. 4 13 32 194 gehe ich fort und bände man mich mit Ketten. Glaube mir oder ich ſchwöre einen ſchrecklichen Eid darauf.“ Nun zitterte die Pächterin gleichfalls vor Wuth, aber ſie mußte ſich beugen, denn Jan war der einzige Mann auf dem Hofe und konnte durch Kraft und Erfahrung im Landbau ſeinen Vater ſchon ziemlich erſetzen. Während die Pächterin die Augen vor dem Mädchen zu Boden ſchlug, rief ſie: „Nun, aus meinen Augen. Auf, mit der weißen Kuh auf die Weide, daß ich Dich nicht vor vier Uhr wieder ſehe. Und Du, Jan, ſag' Trine ſoll zum Buttern kommen.“ Lina ging langſamen Schrittes aus dem Zimmer in den Stall. Als ſie an der Thüre ſtand, wandte ſie das Haupt um, und warf mit ihren glänzenden ſchwarzen Augen einen ſchmerzvollen, aber dankbaren Blick auf Jan, als ob ſie ſagen wollte:„Dank, danke— Du beſchirmſt eine Schwache! Will für Dich beten„ wenn ich in den Himmel komme.“ 2. . Da geht ſie hin mit der Kuh, am Bache das verlorene Gras zu ſuchen. Wo die Hecke an die tiefer liegenden Moor⸗ gründe ſtößt, und mit Erlen und Wachholderholzbäumen umgränzt iſt, verließ Lina den Fußpfad. Bier ſteht eine Buche, die gewiß ein Vogel geſäet, denn ſo weit man ſehen kann, gewahrt man kein Laub mehr, das dem ihren gleicht. An dem Fuße des rieſigen Baumes ſetzt ſich Lina, läßt den Strick los und verfälltin ihre gewöhnliche Träumerei. Lange. ———— 195 ſaß ſie ſo da, ihre Thränen laſſen langſam nach und endlich erhebt ſie ihr Haupt. Sie ſchaut zum Himmel und fingt, als wäre es ein Gebet zu Gott: „Rikke⸗tikke⸗tak, Rikke⸗tikke⸗tu, Eiſen warm, Hoch den Arm! Schlagt nur zu, Rikke⸗tikke⸗tu. Was mochte dieß geheimnißvolle, ſonderbare Lied in Lina's Munde bedeuten? Sie wußte es ſelbſt nicht und doch kamen unwillkürlich die trippelnden Worte über ihre Lippen. Sie erinnerte ſich auch nicht, daß Jemand ihr das Lied vor⸗ geſungen und glaubte ſelbſt, daß es ohne Vorbild ſich mit Reim und Maaß in ihrem Innern gebildet habe. Es war reicher Troſt und Labſal für ihre Leiden, und in Schmerz und Freude entfloß es ihren Lippen. So mächtig wirkte dieß Lied auf ihr Gemüth, daß ſie alles um ſich her vergaß, ſelbſt die Zukunft, die ihr doch ſo wenig freundlich entgegenſchien.. Schon beleuchtete die Sonne den weſtlichen Abhang des Sandhügels, auf welchen ſie ſich ſpäter niedergelaſſen hatte; es war ſchon lange Nachmittag, und noch ſaß Lina da, die Blicke in die blaue Ferne gerichtet. Sie hatte Hunger... und doch blieb ſie ſitzen. In dieſem Augenblick drang ein junger Bauer vorſichtig durch die Erlen am Bache hin; er ſah oft nach dem Hofe zurück, als fürchtete er, bemerkt zu werden und kam endlich zu der Buche, wo das junge Mädchen geweint hatte. g 196 Dann wandte er ſich nach dem Sandhügel, hielt ſeine Hände an den Mund, um ſeiner Stimme eine beſtimmte Richtung zu geben und rief: „Lina! Lina!“ Das Mädchen ſtand auf und näherte ſich mit langſamen Schritten dem Bauern, der ihr mit dem Finger einen Platz neben ſich anwies. Dann holte er unter ſeinem Wamms eine große Brodſchnitte und ein Stück Speck hervor, ſchnitt dieß letztere mit ſeinem Meſſer auf das Brod in kleine Theile und ſagte, während er es dem Mädchen anbot, mit dumpfer Stimme:„Line, hier iſt Eſſen und Trinken!“ und ſtellte zugleich ein Krügchen Bier an einen Wachholderſtrauch. Das Mädchen ſchaute ihn mit tiefer Dankbarkeit an und begann dabon zu eſſen, mit leiſer Stimme ſagend: „Jan, Gott wird Dir lohnen, daß Du mich in meinem Elend ſchützeſt. Dank für Deine zarte Aufmerk⸗ ſamkeit.“ Aus dem Auge des jungen Bauern fiel eine Thräne. Lina legte die Hand auf ſeine Schulter und begann folgendes Geſpräch: „Jan, mein guter Freund, betrübe Dich nicht um meinetwillen. Deine Thränen ſchmerzen mich mehr, als die Schläge Deiner Mutter. „Vergib ihr, Lina, vergib ihr um meinetwillen. Sie iſt doch meine Mutter, vergib ihr darum.“ „Ich habe ihr nichts zu hergeben, Jan, in mir iſt kein Baß; ich denke nicht mehr daran, was ſie mir gethan.“ „ „ ———— * 197 „Täuſche mich nicht, Lina. Wer kann ſolche Mißhand⸗ lungen vergeſſen?“ „Während man mich ſchlägt und ſtößt, fühlt mein Leib wohl Schmerz und Pein; aber mein Geiſt bleibt frei und er träumt fort von unklaren und unbekannten Dingen, die vor meinen Augen hin⸗ und herirren. Dieſe Träume ſind die Nahrung meiner Seele— durch ſie vergeſſe ich Alles denn ſie machen mich glauben, daß ich nicht immer eine Waiſe bleiben ſoll.“ „Deine Eltern ſind todt, Lina. Meine Mutter hat es mir oft geſagt. Aber ſei deßhalb nicht betrübt: ſieh' meine Arme, wie ſtark ſie ſchon ſind! Noch einige Jahre und ich bin ein Mann. O, lebe ſo lang, Lina. Ich will für Dich arbeiten vom Morgen bis zum Abend und ſollt' ich ewig Dein Knecht ſein.“ „Mein Knecht, Du?... Jan, nein, ſo weit wird es nicht kommen. Betrachte mein Antlitz, was ſiehſt Du auf meinen blaſſen Wangen?“ „Den Tod, den Tod!“ ruft der Bauer, die Hände vor die Stirne ſchlagend und mit einem tiefen Seufzer. Es dauerte lange, bis ſie ihr Geſpräch wieder auf⸗ nahmen. „Lina,“ ſagte der Bauer,„wenn man Dich von nun an ruhig ließe und gut behandelte, Du dann nicht leben wollen?“ „Leben? wer kennt die Stunde ſeines Todes? Ich weiß, was Du thun willſt.— Warum um meinetwillen Deine Mutter reizen und ihren Haß auf mich ziehen?“ 198 „Ich muß Dir das Böſe verguten, das meine Mutter Dir gethan hat. O, Lina, ich ſpreche nicht ſo ſchön und kräftig, als Du; aber zweifle nicht daran, vom Tage Deines Todes an arbeitet Jan nicht mehr und wird bald auch auf dem Kirchhof neben Dir in der Erde liegen. Wenn Du mich fragſt warum, ich weiß es nicht. Unter meinem Wamms klopft ein Herz, das fühlt. Du biſt ein Waiſenkind, das iſt mir genug.“ „Nach Hauſe mit der Kuh!“ rief plötzlich in der Ferne eine drohende Stimme. Jan ſtund auf, blickte flehend in die Augen Lina's und verſchwand zwiſchen den Erlen, während er leiſe ſagte: „Ich komme ſogleich auf den Sof. Geh' nur, ſie wird Dich nicht ſchlagen.“ 3. In dem Dorfe Weſtmael ſtand eine kleine Schmiede, in welcher vier Männer, der Meiſter und drei Geſellen mit verſchiedener Schmiedearbeit beſchäftigt waren. So weit das Geräuſch der Feilen und Hämmer es zuließ, ſprach man über Kaiſer Napoleon und ſeine Thaten. Einer der Geſellen, dem an der linken Hand zwei Finger fehlten, begann gerade eine längere Erzählung aus dem Krieg in Italien, als plötz⸗ lich zwei Männer zu Pferde byr der Schmiede hielten und einer ihnen zurief: „He da! meine Pferde ſollen beſchlagen werden.“ — 19 Die Geſellen betrachteten neugierig die Fremden, die von ihren Pferden ſtiegen. Man konnte leicht ſehen, daß beide Soldaten waren; denn einer von ihnen hatte eine tiefe Narbe über ſein Geſicht und trug ein rothes Band in ſeinem Rockez der Andre, obwohl ebenfalls in feiner Bürgerkleidung, ſchien ihm untergeben und nahm den Zaum ſeines Pferdes. „An welchem Fuße, Oberſt?“ „Vorne; links, Lieutenant,“ war die Antwort. Während einer der Geſellen das Pferd nahm und unter das Vordach führte, trat der Oberſt in die Schmiede, ſah neu⸗ gierig umher und nahm einige der Geräthſchaften nach und nach in die Hand, als ob er ſie zu erkennen ſuche. Und in der That, er hatte bald gefunden, was er ſuchte, in der einen Hand hielt er nun eine ſchwere Kneipzange und in der andern einen Hammer und betrachtete dieſe Geräthſchaften mit einem ſonderbaren Lächeln, das die Geſellen ſo in Erſtaunen ſetzte, daß ſie gaffend um ihn herſtanden und ihn anſtarrten. Inzwiſchen war das Eiſen in das Feuer gelegt; der Blasbalg ächzte und die ſprühenden Funken umtanzten die glühenden Kohlen. Die Geſellen ſtanden die Hand an den Vorhämmern, bereit: der Meiſter nahm das Eiſen aus dem Feuer und nun begann das luſtige Gehämmer der Schmiede. Dieſe Muſik ſchien den Oberſt ſehr zu ergötzen; er horchte zu, als ob ein reizender Tanz in ſeine Ohren klänge. Doch als man das Hufeiſen an den Fuß ſeines Pferdes ſchlagen wollte, lief ſtolze Verachtung über ſein Geſicht;— er nahm die Zange mit dem Eiſen aus der Hand des Meiſters, legte es wieder in das Feuer und rief: 200 „So nicht! Welch' grobes Hufeiſen macht Ihr da? So, luſtig, Jungen! Blaſet zu!“ Während man ihm ehrerbietig gehorchte, jeder ihn ber⸗ wundert anſah, zog er ſeinen Rock aus und ſtreifte ſeine Hemdärmel hinauf. Als das Eiſen in voller Gluth ſtand, legte er es auf den Ambos. Dann ergriff er den Sammer wie der beſte„Feuerwerker,“ und rief luſtig den Geſellen zu: „Aufgepaßt, Ihr Männer! Ich gebe den Takt an; wir wollen mal ein Hufen ſchmieden, daß des Kaiſers Pferde kein beſſeres haben. So geht das! Rikke⸗tikte⸗tak, Rikke ⸗tikke⸗tu Eiſen warm Hoch den Arm! Schlagt nur zu, Rikke⸗tikke⸗tu! Rikke⸗tikke⸗tak, Rikke⸗ tikke⸗ tu Eiſen hart Muth bewahrt, Schlagt nur zu, Rikke⸗tikke⸗tu. gun betrachtet mal das Hufen!“ Die Geſellen beſahen das ſchöne und leichte Hufeiſen, ganz erſtaunt über die Geſchicklichkeit des Oberſten. Der Meiſter allein ſchien an etwas anderes zu denken, und ſchüttelte den Kopf. Er trat näher zu dem Fremden, der bereits ſeinen Rock wieder angezogen; aber wie aufmerkſum er ihn auch betrachtete, er ſchien ihn doch nicht zu erkennen. Alsbald war nun das Pferd beſchlagen und es ſtund ſchon bereit, ſeinen Reiter ußunh Der Oberſt drückte ——— 201 dem Meiſter und den Geſellen freundlich die Hand und legte zwei Napoleond or auf den Ambos, ſagend: „Eins für den Meiſter— eins für die Geſellen. Trinkt alle auf meine Geſundheit!“ Darauf ſpornte er das Pferd und ritt mit ſeinem Be⸗ gleiter in das Dorf⸗ Die beiden Fremden waren kaum hinter einer Ecke ver⸗ ſchwunden, als die Geſellen ſich zugleich umkehrten und mit fragendem Blicke den Meiſter anſahen. „Oberſt, Oberſt!“ murmelte einer unter ihnen,„ich ſag, der Kerl iſt ein Schmied oder iſt es wenigſtens geweſen. Ihr kennt ihn gewiß, Meiſter?“ „Das heißt,“ entgegnete der Meiſter,„ich hab' in mei⸗ nem Leben nur einen Menſchen gekannt, der mit ſo viel Gewandtheit ein ſo leichtes, feines Eiſen ſchmiedete. Und wenn ich mich nicht täuſche, ſo iſt der Oberſt niemand als⸗ Karl vun Milgem, den man gewöhnlich nur Rikke⸗tikke⸗tak nannte.“ „Er ſollte der luſtige Schmied von Weſtmal ſein?“ ſagte einer der Geſellen.„Ich habe viel von Karl Rikke⸗tikke⸗tak ſprechen hören; aber das war ein Säufer und Taugenichts. Der Oberſt ſcheint ein vortrefflicher Mann zu ſein. Das iſt 2 Der Meiſter ſetzte ſich auf den Ambos, wie einer, der ill und begann alſo zu ſprechen: „Run unſer Taglohn iſt doppelt und dreifach verdient; wir arbeiten jetzt nichts mehr vor Feierabend. Hört uns ur⸗ i Der Oberſt iſt gewiß Karl van Milgem. Unge⸗ 202 fähr vor ſechszehn Jahren wohnte hier in derſelben Schmiede ein junger Mann, der mit dem ſchönſten Mädchen aus der Gegend von Moll getraut war. Sie hatten einander ſo gerne, daß das ganze Dorf über die glückliche Heirath erfreut war. Karl van Milgem arbeitete bon Morgens bis Abends, daß der Schweiß ihm von der Stirne lief und weil er den ganzen Tag jenes ſchöne Liedchen ſang, das der Oberſt ſo gut kennt, ſo nannte man ihn unter Freunden Karl Rikketikketak. Immer war er luſtig, ſpaßhaft in allen ſeinen Antworten, und Jeder mußte lachen, wenn er etwas ſagte. Auch war in Weſtmal Niemand ſo ſehr geliebt, als Karl der luſtige Schmied. Schon war er einige Jahre verheirathet, ohne Kinder zu beſitzen, als er plötzlich bemerkte, daß er Vater werde. Nun kannte ſeine Freude keine Grenzen mehr; das luſtige Lied hörte man den ganzen Tag und hie und da begann man zu fürchten, Karl werde noch von Sinnen kommen. Endlich brach der Tag an: Karl wurde Vater eines allerliebſten Mädchens, aber ſeine Frau ſtarb daran. Sie liegt begraben auf dem Kirchhof unter dem eiſernen Kreuze. Von dieſem ſchrecklichen Augenblicke an war Karl ein Anderer; er ließ den Hammer bei dem Ambos liegen, zündete kaum zweimal in der Woche ſein Feuer an und begann zu trinken, als ob er ſich um's Leben bringen wollte. Alle ſeine Lieder waren vergeſſen und er führte ein ſo liederlich Leben, daß es eine Schande für das ganze Dorf war. Wenn er dann betrunken nach Hauſe kam, ſo betrug er ſich wie ein Raſender; aber das Mädchen, welches bei ihm wohnte, um ſein Kind zu verſorgen, wußte ein ſicheres Mit⸗ tel, ihn zur Ruhe zu bringen. Sie legte ihm ſein Töchter⸗ —————— 203 chen auf den Schooß— und wie betrunken er auch war, ſo übte dies doch einen eigenthümlichen Zauber auf ihn aus. Dann lachte er luſtig, wie früher und ſpielte lange mit ſei⸗ nem Kinde, das alte Rikke⸗tikte⸗tak ſingend. Karl war wohl nie ein ganz ſchlechter Mann; jedermann wußte die Schuld ſeiner Trunkliebe; und wenn Karl über den Kirchhof ging, liefen die Thränen aus ſeinen Augen. Deshalb hatte man großes Mitleiden mit dem Manne und die Nachbarn verſorgten ſein Kind mit allem Nöthigen. Dies Leben dauerte ungefähr drei Jahre, als Karl krank wurde und lange das Bett hüten mußte. Seine Freunde und der Geiſtliche hatten ihm durch vieles Zureden das Trinken verleidet; aber ein anderer Gedanke ſtieg in ihm auf: er wollte das Dorf ver⸗ laſſen und verkaufte deshalb ſeine Schmiede an meinen Vater, nahm ſein vierjährig Kind an einem frühen Morgen mit über die Heide und Niemand hat ſeitdem etwas von ihm gehört.“ „Der Oberſt iſt Rikke⸗tikke⸗tak. Daran iſt nicht zu zweifeln,“ riefen die Geſellen. „Gewiß iſt es van Milgem ſelbſt,“ fuhr der Meiſter fort.„Er hat viele Geräthſchaften in die Hand genommen: alle die, welche mein Vater oder ich gemacht, legte er gleich⸗ gültig bei Seite, aber alle die, welche bon Rikketikketak noch da waren, betrachtete er aufmerkſam, und dann ſeine Kemp⸗ ner Sprache und die Geſchicklichkeit, mit der er ſchmiedete und vor allem ſein Lied.. er iſt von unſerem Dorfe, und wer ſollte es glauben, ein Oberſt!“ Während man in der Schmiede von Karl Rikketikketak ſprach, waren die beiden Fremden in das Wirthshaus zur 4 34 204 Krone gegangen, hatten ihre Pferde eingeſtellt und etwas zu ſich genommen, worauf der Oberſt das Wirthshaus allein verließ und ſich zu dem Vorſtand der Gemeinde begab. Er wurde in ein beſonderes Zimmet geführt und wartete ziemlich lang bis der Sekretär vom Felde zurückkam. „Herr Oberſt, Ihr ergebenſter Diener,“ ſagte er eintre⸗ tend.„Entſchuldigen Sie, daß ich Aber der Oberſt ließ ihn nicht zum Worte kommen und ſeine Hand freundlich ergreifend, fragte er:„Nun, mein Freund, was haben Sie bernommen? Iſt mein Kind ge⸗ funden?“ „Nein, Herr Oberſt, noch nicht,“ antwortete der Sekre⸗ tär niedergeſchlagen. „Weh' mir!“ ſeufzte der Soldat, während er die Hand vor die Stirne ſchlug,„ſoll ich denn alle Hoffnung aufgeben müſſen?“ „Herr Oberſt,“ fuhr der Sekretär fort,„wir ſind nahe daran, die Wahrheit zu entdecken. Sie haben mir Geld genug übermacht, um keine Koſten ſcheuen zu dürfen. Hören Sie, was ich vernommen. Als Karl van Milgem mit ſeinem vierjährigen Kinde aus Weſtmal fortzog, ſagte er Niemand, wohin er gehen wollte. Nun habe ich von Ihnen und durch meine Nachforſchungen erfahren, daß er zu Weelde oberhalb Turnhout ſein Kind einem gewiſſen Schulmeiſter Peter Drieſſens anbertraute. Karl hatte den Erziehern ſeines Kin⸗ des ein eiſernes Kiſtchen anbertraut, in welchem der Erlös aus ſeiner Schmiede lag und das die Leute in den Zeiten der Noth öffnen ſollten; um ſich und dem Kinde nichts . ———————— —— 205 mangeln zu laſſen. Dann iſt Karl nach Holland gegangen und nahm Dienſte unter dem franzöſiſchen General Piechegru⸗ Seit dieſer Zeit ſah er ſich nicht mehr nach ſeinem Kinde um, ſo erzählen wenigſtens die Leute von Weelde, die Peter Drieſſens gekannt haben.“ „Die Menſchen wiſſen nicht, was ſie ſagen, Freund,“ fiel der Kolonel ihm in die Rede,„ich ſchrieb ſelbſt zweimal aus Egypten, um etwas von meinem Kinde zu hören— allein ich erhielt keine Antwort und als ich nach Klebers Tod nach Frankreich zurückkehrte, und mein Kind nun ſelbſt aufſuchen konnte, als ich mit klopfendem Herzen über die Heiden eilte und dem Platze nahte, wo ich meine Tochter zurückgelaſſen— fand ich nichts, als einen Haufen Aſche! Es iſt unmöglich, Ihnen zu ſagen, was ich fühlte.— Glück⸗ licherweiſe hörte ich von den Bauern, daß Peter Drieſſens mit der kleinen Monika ſich aus dem Brande gerettet hatte, und nun herumzöge, Almoſen zu ſuchen.“ „So iſt es, Herr Oberſt; die Frau Drieſſens verbrannte zu Pulver. Er allein mit der armen Monika und einem eiſernen Kiſtchen kam wohlbehalten aus dem Brande. Drauf erhielt er einen ſchönen Bettelbrief und begab ſich mit ſeinem Kinde auf die Reiſe, um in den Dörfern Hülfe zu ſuchen. Man hat ihn an vielen Orten geſehen, zuletzt zu MWoll, da wurde er ſtarb. Seit geſtern erſt weiß ich das, der Gemeindevorſtund von Moll ſandte mir den Todtenbrief und fügte bei, man habe in den Taſchen des Verſtorbenen nichts gefunden, das auf eine Spur hätte führen können. Auch 206 ſpricht er nichts von dem Kiſtchen. Der Schulmeiſter wird dem Kinde doch nichts gethan haben?“ „O nie, nie!“ rief der Kolonel,„er war mein Lehrer und treuer Freund. Er bat mich ſelbſt, Monika hei ihm zu laſſen, und hat gewiß das Kind zu andern guten Leuten ge⸗ than, als er's nicht mehr ernähren konnte.“ „Das glaube ich auch, Herr Oberſt; und da Monika zwiſchen Rethh und Meerhout ſich befinden muß, ſo wollte ich morgen ſelbſt nach Moll und in die umliegenden Dörfer.“ „Nun denn, thun Sie, wie Sie vorhaben. Ich habe noch einige Zeit übrig. Heute ſchlafen wir zu Lichtaert und morgen um Mittag wollen wir gleichfalls beim Gemeindevor⸗ ſteher zu Moll ſein.— Sparen Sie kein Geld, mein Freund, morgen werden wir uns wieder ſehen!“ Mit dieſen Worten drückte der Oberſt die Hand des Sekretärs und kehrte in die Krone zurück. Eine Stunde ſpä⸗ ter trabten zwei Reiter auf der Straße nach Lichtaert. * Früh Morgens am andern Tage ritt der Oberſt van Wilgem mit ſeinem Reiſebegleiter über den ſchlangenförmigen Heideweg, der von Lichtaert nach Moll führte. Die Sonne ſtand in vollem Glanz am blauen Himmel „ und von der ſandigen Fläche ſtieg ein dichter Nebel auf, der die Heide einem unendlichen Herde mit aufſteigenden Rauch⸗ wolken ohne Flamme ähnlich machte. Der eigenthümliche 6 Duft der Heide und der Rauch der Schaddenfeuer*) erfüllten die Luft; die Heuſchrecken ſangen ihr eintönig Lied und tau⸗ ſend andere kleine Thierchen tanzten zwiſchen den Seideblumen. All' dieß wirkte gewaltig auf das Gemüth des Oberſten: in ſolcher Luft hatte er ſeine ſchönſten Jahre verlebt; alles, bis auf das magere Gras, rief wehmüthige Erinnerungen in ihm hervor. Mehr als eine Stunde ehrte der junge Lieutenant das Stillſchweigen ſeines Oberſten. Aber dann ritt er neben ſei⸗ nen Reiſegenoſſen und ſprach mit tröſtender Stimme: „Oberſt, verſcheuchen Sie Ihre Trauer. Ich verſtehe wohl, wie ſehr Sie wünſchen müſſen, Ihr Kind wieder zu fin⸗ den; aber ein Soldat, der dem Tode hundertmal ins Auge geblickt, ſollte der ſich von einem gewohnten Schmerze nieder⸗ drücken laſſen? „Ein gewohnter Schmerz?“ antwortete der Oberſt.„Aber welch' ein Schmerz; in meinem ganzen Leben habe ich nur einmal geliebt. Obſchon es eine Bäurin war, ſo verfolgtet mich doch der Gedanke an ſie bis auf das Schlachtfeld. Sie iſt todt, die arme Barbara. Aber ſie hat mir ein Kind hin⸗ terlaſſen, das Pfand unſerer Liebe, das ſie mir um den Preis ihres Lebens ſchenkte. Mein Kind geht vielleicht betteln... N *) Schadden ſind Raſen von kurzem Heidekraut, welche mit einem Spaten abgeſtochen werden. Sie werden als Torf gebrannt te Weiter die Heide in weiter Entfernung ankündigt. Wer einmal im Kempenland gewohnt hat, mag zwanzig Jahre nicht dahin gekommen ſein, er wird dieſen Geruch nie vergeſſen. und verbreiten in der Luft einen beſondern Geruch, der bei gu⸗ 208 „Adolph, ſehen Sie,“ fuhr der Oberſt raſcher fort,„dort die Vuche mit ihrer herrlichen Krone alle Bäume überragend; ſie hörte mein erſtes Liebeswort. Alles kennt mich hier, Gras, Heide, Waſſer, Bäume. Steigen wir ab und ſehen, ob die Buche noch die Zeichen der Liebe, die ich eingeſchnitten, aufbe⸗ wahrt hat!“ Vor die Buche gekommen, ließ der Kolonel die Hände ſinken, den Blick auf die eingeſchnittenen Zeichen heftend, die ihm einen Gruß von ſeiner Barbara zu bringen ſchienen. Plötzlich, als ob ein geheimer Schlag ihn getroffen hätte, ſprang er auf und horchte auf die fernher dringenden Töne. Der Lieutenant erſchrak über die Bewegung ſeines Oberſten und legte die Hand unwillkürlich an ſeinen Degen; aber ein Zeichen des Oberſten gebot ihm Stille.— Hinter der Erlen⸗ gruppe, die ſich am Bache hinzog, erklangen jene ſilberhellen Töne und bald hörte man deutlicher eine kindliche Stimme ſingen: F „Rikke⸗tikke⸗tak, Rikke⸗tikke⸗tu. Eiſen warm, Hoch den Arm, Schlagt nur zu Rikke⸗tikke⸗tu.“ S Der Oberſt bewegte ſich nicht. Er wartete wahrſchein⸗ lich auf den Refrain des Liedes. Endlich aber ſagte er leiſe vor ſich hin: „ 209 „Rikke⸗tikke⸗tak, Rikke⸗tikke⸗tu, Eiſen hart, Muth bewahrt, Schlagt nur zu Rikke⸗tikke⸗tu.“ Kein Echo wiederholte ſeine Worte. Die Erlengruppe blieb ſtumm. Er ging eilends zu dem Lieutenant und ihn fortziehend, ſprach er mit dumpfer Stimme: „Komm, komm, mein Freund, all' meine Sinne ſind be⸗ täubt; es iſt mir, als müßt ich ſterben. Sie haben meine Barbara gehört, ihre Stimme, ihr Lied!.. Was bereiteſt Du mir, o Gott!“ Plötzlich hielt der Oberſt ſeinen Freund an' und zeigte ihm, ohne zu ſprechen, ein junges Mädchen, das an dem Fuße einiger Wachholderbäumchen ſaß; ſie ſchien nicht zu wiſſen, daß man ſie beobachtete, denn ihre weitgeöffneten ſchwarzen Augen waren feſt und unbeweglich nach der Buche gerichtet und die gebogenen Finger ihrer rechten Hand hingen an ihrem geöffneten Munde, als ob ſie alles Geräuſch der Heide von ſich verdrängen wolle, um nur einem Ton zu lauſchen. Der Oberſt machte eine Bewegung, um ſich ihr zu nä⸗ hern; da erſt bemerkte ſie mit Schrecken, daß einige Unbekannte ſie mit ſcharfem Blick beobachteten. Doch verflog ihre Furcht augenblicklich wieder und ein unbeſchreiblich freunbliches Lächeln durchleuchtete ihre Züge. Der Oberſt, von Ungeduld übermannt, trat' zu dem Mädchen, kniete neben ihr nieder, nahm eine ihrer Hände und fragte bebend: Der Erzähler. 1846. w. 14 210 „Kind, wie iſt Dein Name?“ „Lina,“ war die Antwort. Ein Angftſchrei entflog der Bruſt des Kriegers; er rief wie verzweifelnd: „Lina? O Himmel, ſie iſt es nicht!“ Bei dieſer Klage entſtürzten helle Thränen ſeinen Augen und er verbarg das Antlitz in ſeinen Händen. Der junge Lieutenant wollte ſeinen Oberſt vom Boden aufheben, doch dieſer ſtieß ihn ſanft von ſich und bedeutete ihm, daß er un⸗ gehindert ſeinen Gefühlen überlaſſen bleiben wolle. Lina betrachtete abwechſelnd die beiden Fremden mit fra⸗ gendem Blicke und bemerkte mit Schmerz, daß der Knieende bitter weinte. Dann nahm ſie ſelbſt ſeine Hand und ſprach in theilnehmendem Tone: „Was iſt die Urſache Eurer Schmerzen, mein Herr; be⸗ trübt Euch das Lied von Rikke⸗tikke⸗tak? Ich werde es nim⸗ mer ſingen.“ Der Oberſt trocknete die Thränen in ſeinen Augen und fragte ſie ängſtlich und raſch: „Sag' mir doch, Mädchen, wer Dich dieſes Lied gelehrt.“ „Ich weiß es nicht“ war die leiſe Antwort,„ich kann es ſchon lange, doch von wem, weiß ich nicht.“ „Erinnerſt Du Dich nicht, mein Kind, daß Du in früher Jugend oft ein uſch hörteſt von Hämmern, die auf den Ambos fallen?“ Lina antwortete nichts, aber ihre Augen öffneten ſich weit —— und ſie legte die Hand an die ſchöne Stirne, als ob ſie ſich auf etwas beſinnen pollte. 211 „Höre,“ ſagte der Oberſt noch raſcher und damit ſchlug er den Griff ſeiner Reitpeitſche auf die flache Hand, den Takt der Hämmer auf dem Ambos nachahmend und ſang ſein Rikke⸗ tikke⸗tak. Aengſtlich bebte das Mädchen bis zum Ende des Lieds, dann rief ſie mit freudigem Enthuſiasmus: „Ja ja, Rikke⸗tikke⸗tak,“ und ſchlug luſtig mit den Hän⸗ den des Liedes Takt. „Erinnerſt Du Dich nicht, mein Kind, daß ein Mann Dich nach dem Takte dieſes Liedes reiten ließ?“ Lina legte den Finger an den Mund und ſchloß die Augen. Nach einigen Augenblicken ſagte ſie leiſe, als ob ſie zweifelte: „Der Mann der Mann... war mein Vater!“ Bei dieſem Worte zitterte er an allen Gliedern; er öff⸗ nete ſchon die Arme, um Lina zu umhalſen, doch hielt er noch zurück und fragte: „O Kind, heißt Du denn wirklich Lina? Weißt Du nicht, welchen Namen Dir der Mann gab, als Du auf ſeinen Knieen ritteſt?“ Lina ſah zu Boden und bedachte ſich einen Augenblick. Dann ſagte ſie langſam: „Er nannte mich: liebe liebe liebe.. Mo⸗ „Mein Kind, mein Kind!“ rief der Oberſt ſo laut, daß es über die weite Fläche hinſcholl— und ſchloß Monika in ſeine Arme. Das Mädchen hob ſeine ſchwarzen Augen langſam zu ————— 212 ihm auf, lächelte ſüß und ſank, von Gefühlen überwältigt, an die Bruſt ihres Vaters. Eine Stunde ſpäter kam der Oberſt, ſeine Tochter am Arme, aus dem Erlengehölze auf den Weg nach Moll. Der Lieutenant ſaß auf einem der Pferde und führte das andere am Zügel. Auf Monika's bleichem Antlitz glühte eine leichte Röthe, wie oft auf den Blättern der weißen Roſe. Sie konnte ihr Auge nicht von ihres Vaters Antlitz abwenden und lachte ihm freundlich entgegen. Plötzlich riß ſie ſich von ſeinem Arme los, um Jemand entgegen zu eilen. Der Oberſt, dem ſeine Tochter bereits eine lange Schilderung ihrer Vergangenheit gemacht hatte, begriff augenblicklich, wer ſeine Freude ſtörte, beſonders als er ſeine Tochter mit lauter Stimme rufen hörte: „Jan, Jan!“ Sie eilte zu dem jungen Bauer und ſagte in der äußer⸗ ſten Freude: „Sieh, ſieh, da kommt mein Vater, das war die Stimme, die in mir ſprach.“ „Dein Vatz feufzte Jan mit Verwunderung,„der reiche Herr Dein Vuter?“ „Und ich heiße nicht mehr Lina, ſondern ſchöner Monika!“ Jan war ſo ſehr über dieſe Neuigkeit erſtaunt, daß er ſprachlos den Oberſt und das Mibchen und erſt nach einigen Augenblicken ſagte: 213 „Dann bleibſt Du nicht mehr bei uns, Lina; muß ich denn allein ſterben?...“ Der Oberſt war inzwiſchen genaht und unterbrach das Geſpräch; die Hand des jungen Bauern ergreifend, ſagte er freundlich: „Jan Daelm ans, ich danke Euch für die Beweiſe Eurer Liebe zu meinem Kinde; habt Ihr je einen Beſchützer nöthig, ſo werdet Ihr ihn ſtets in mir finden. Wir gehen nach Moll und von da nach Frankreich. Seit deßhalb nicht betrübt, mein Sohn, über Monika's Glück, kommt bald nach Woll in den„Arend,“ da könnteſt Du noch einige Stunden mit Monika zuſammen ſein. Ich darf Euch doch noch eine kleine Belohnung ſchenken.“ Bei dieſen Worten drückte er einige Napoleons in die Hand des jungen Bauern, der bewegungslos daſtand und ſelbſt den Kuß, den Monika zum erſten Mal auf ſeine Wange vrückte, gefühllos kaum zu bemerken ſchien. Der Oberſt entfernte ſich mit ſeiner Tochter: „Auf Wiederſehen, Jan, im Arend!“ Solang der Oberſt und Monika ſeinen Augen noch ſicht⸗ bar blieben, ſtand der junge Bauer bewegungslos da, aber kaum waren ſie hinter dem Hügel verſchwunden, als er mit wildem Lachen die Goldſtücke über die Heide warf. Dann ſetzte er ſich nieder und weinte, bis die Sonne hinter dem Tannen⸗ wald niederſank. 214 Jan ging nicht nach Moll; aber ſeine Mutter wurde vom Feldwächter gezwungen, mit einem eiſernen Kiſtchen dort⸗ hin zu gehen; welche Rechnung ſie dem Oberſt ablegte, wußte man nicht, aber das eiſerne Kiſtchen war leer und ſie war von nun an mit Schande bedeckt und die ſchrecklichſten Ge⸗ rüchte kamen über ſie in Umlauf. Einige Tage ſpäter verließ eine ſchöne Poſtkutſche das Dorf MWoll. Drei Perſonen befanden ſich in derſelben, ein alter Krieger, ein hübſches Mädchen und ein junger Herr, ihr Reiſebegleiter. 5. Noch eine Stunde und die Sonne übergießt die Heide wieder mit ihren Strahlen; ſchon ſteigt das Licht im Oſten auf: die Dunkelheit finkt im Weſten: ein geheimnißvolles Ge⸗ räuſch kündigt das Erwachen der Natur an. In der Kammer des einſamen Hofes tickt die Uhr ruhig fort; es iſt noch Alles ſtill; der Herd iſt kalt. In der halbdüſtern Ecke der Kammer ſteht eine Spindel. Der Rocken noch von feinem Flachſe voll, als ob die Spin⸗ nerin ihn kaum verlaſſen hätte. Zwei oder drei Schritte davon ſitzt in der Dunkelheit ein junger Mann, der das Werkzeug mit eigenem Ausdrucke ₰ betrachtet. Die Arme über der Bruſt gefaltet und gebeugten Hauptes ſchaut er Spinnrad und Stuhl. Wer ihn ſo —————————— 2¹5 ſitzen ſieht, ſollte glauben, bei dem Spinnrade ſäße eine un⸗ ſichtbare Spinnerin, mit der der junge Mann ein rührendes Geſpräch führe. Töne, ſo ſanft, daß ſie die Stille der Nacht nicht ſthren, ziehen leiſe durch die Kammer. Der Jüngling ſcheint ihnen zu lauſchen, obwohl er ſelbſt es iſt, der ſingt: Rikke⸗tikte⸗tak, Rikke⸗tikke⸗tu. Eiſen warm Hoch den Arm! Schlagt nur zu Rikke⸗tikke⸗tu. Er ſteht auf, nimmt einen Hirtenſtab in die Hand und geht langſamen Schrittes aus der Kammer. Da wandelt er träumend längs der Erlengruppe und entblättert die Blumen, die er geſammelt. Am Ende der Straße ſchaut er über die Heide nach den kleinen Hügeln. Thränen erglänzen in ſeinen Augen; er ſetzt ſich nieder und weint. Endlich erſteigt er einen hohen Sandhügel; oben ſteckt er ſeinen Hirtenſtab vor ſich in die Erde, lehnt die Schulter drauf und ſchlingt ſeinen Arm darum und ſteht ſo, auf den Stab geſtützt, wie ein ſteinernes Bild. Sein Auge ruht auf einem blauen Punkte in der Ferne, wo der Weg der Heide ſich langſam verliert. Was will der düſtere Jüngling? was ſoll ihm der Heideweg bringen? zu wem führt der Wind die Seufzer? Er ruft: „Lina! WMonika!“ Die Heide bringt ihm keine Antwort. Da hörte er hinter ſich Tritte eines Menſchen, und ſich 216 umkehrend, ſah er den alten Paſtor von Deſſchel. Er wollte freundlich ſein, aber ſein Lächeln war das Grinſen bitteren Schmerzes. Der Paſtor drückte ihm die Hand und fragte in theil⸗ nehmendem Tone: „Jan, Jan, iſt das Dein Verſprechen erfüllt? Immer noch dieſe Wege. Kannſt Du ſie denn nicht vergeſſen? Wenn Du arbeiteteſt, wie es Deine Pflicht iſt, dann würde Dein Schmerz bald geheilt ſein. Geſundheit und Muth zum Leben würden Dir wieder gegeben und Du könnteſt Deiner armen Mutter etwas verdienen. Aber nein, Du verbringſt Deine Tage ohne Arbeit auf dem Sandberge, bei der Buche. Das iſt Sünde, und thöricht dazu, ſein Leben einem eiteln Traume zu opfern.“ „Vater, ich habe lange gearbeitet, und kam hierher nur nach den Arbeitsſtunden. Ich hoffte ſie vergeſſen zu können, aber ihr Bild verfolgt mich überall hin. Vei dem Pflug hörte ich ihren Namen, auf der Tenne ſangen die Flegel nur das liebe Rikke⸗tikke⸗tak und überall hörte ich nur Monika rufen. Was ſollte mir die Arbeit? ich bin ſchwach und krank.“ Der Paſtor ſchüttelte den Kopf und ſchwieg eine Zeit lang; dann ergriff er aufs Neue des Jünglings Hand und fragte: „Nun, Jan, ſolt das ſo fortgehen oder nicht? Es iſt gewiß und Du weißt es, daß Monika nicht mehr zurückkommt und käme ſie, ſo wäxe es noch ſchlimmer, denn ſie iſt ein reiches Mädchen und Du ein armer einfacher Bauer Deine 217 Krankheit iſt alſo Thorheit. Folge meinem Rathe, dem Wunſche Deiner Mutter, geh' nach Mecheln!“ „Ich würde ſterben.“ „Warum?“ „Vater, ich bin vor einigen Monden in Brüſſel geweſen und mußte acht Tage bleiben. Was habe ich geweint, wie habe ich gelitten? als mir aber der Wind zum erſten Mal den Rauch der Schaddenfeuer wieder zuwehte, da lebte ich wieder auf und als ich meine Buche wieder ſah, da war ich wieder geſund— es war meine Heimath.“ „Mein Sohn, ich kenne die Gründe, aber gerade dieſe müſſen zernichtet werden. Die Studien werden weit eher als körperliche Arbeit das Bild, das Dich verfolgt, verdrängen und die Ueberzeugung, daß Du ganz dem Dienſte Gottes ge⸗ weiht biſt, werden die weltlichen Träume überwinden; zweifle nicht daran. Ja, Du tödteſt Dich ſelbſt, wenn Du Deinen düſteren Gedanken nachhängſt. Das Grab öffnet ſich vor Dir und Du denkſt nicht an den Himmel, an Gott, und verfällſt dem ewigen Feuer— um Deiner eiteln Gottesvergeſſenheit willen!“ Die Worte des Prieſters ſchienen einen tiefen Eindruck auf den Jüngling zu machen und nach langem Bedenken rief er endlich, doch mit der Stimme der Verzweiflung: „Wohlan, Vater, es ſei. Ich gehe nach Mecheln!“ „Morgen?“ fragte der Prieſter freudig. „Morgen ſchon?“ wiederholte der Jüngling,„morgen meine Heide verlaſſen? vielleicht für immer.“ „Nein, Jan, Du darfſt Deine Mutter oft— 218 Dazu kannſt Du bielleicht Pfarrer im Kempenlande werden und dann erſt ruhig und friedlich die Heideluft athmen.— Morgen, nicht wahr?“ „Wohlan, es ſei!“ rief der Jüngling mit ſchneidender Stimme über die Heide hin, und bedeckte ſeine Augen mit den Händen. 4 Eine halbe Stunde ſpäter ging er an des Paſtors Hand dem Hofe zu. 6. Als Monika die Heide verließ, war ihr Herz voll ſeliger Freude; ihre Träume waren erfüllt, ſie hatte ihn gefunden, den ſie ſo lange erwartet. Ganz hingegeben dem Genuſſe des Augenblicks, dachte ſie nicht, daß auf dem einſamen Hofe Jemand um ſie weine und vergaß ihr früheres Lvos und ihren Beſchützer und Freund im Unglück. In Paris angekommen, erhielt ſie die beſten Lehrer und hatte vermöge ihrer leichten Auffaſſungsgabe und aufge muntert durch die Freude ihres Vaters an ihren Fortſchritten in we⸗ nigen Jahren ſich eine Bildung erworben, die ſie für den Umgang mit erſten Kreiſen befähigte. Bald zeigte ſich eine Röthe auf Monikas Wangen und ſie wurde auch körperlich kräftiger. Der Menſch gewöhnt ſich an Alles, vielleicht am raſcheſten an das Glück. So ging es auch mit Monika; während eines ganzen Jahres freute ſie ſich an Allem, ſie beſuchte Abendfeſte und Bälle, liebte die Welt und verlangte nach ihrem Beifall. 219 Doch dieſer Genuß dauerte nicht lange: die alten Er⸗ innerungen tauchten in ihr auf. Bei den luſtigen Tönen der Muſik, unter dem Glanz der Luſtres, inmitten des Feſt⸗ geräuſches blieb ſie zerſtreut, als ob ein geheimer Gedanke ſie verfolgte. Es war die Sehnſucht nach der Heide, der ſtolzen Vuche und den Wachholderbäumchen. Sah ſie dabei wohl auch ein Menſchenbild, wer weiß es. Sie hat es ſich ſelbſt und andern nie geſtanden. Nach und nach empfand ſie einen Widerwillen gegen die Geſellſchaften: ſie ging nur dahin, wenn es der Vater wünſchte. Die Farbe auf ihren Wangen verlor ſich und ſie wurde ſo kränklich, daß der Vater ſein Kind zu überleben glaubte. Ein gelehrter Azt hielt die Heirath für das beſte Mittel und der Oberſt von Milgem dachte dabei an Niemand anders, als den jungen Offizier Adolf, ſeinen getreuen Be⸗ gleiter Inzwiſchen hatte der Oberſt alles verſucht, um die Auf⸗ merkſamkeit ſeiner Tochter auf Adolf zu richten; ſie war auch ſeinen Liebesbezeugungen nicht abgeneigt, aber wahre Gegenliebe konnte ſie nicht für ihn fühlen. Dieß ſchmerzte den Vater tief, da er ſich des einzigen Mittels, ſeine Tochter zu retten, beraubt ſah. Was ihr Schmerz war, erfuhr er nicht, nur daß ſie nach Brabant zurückzukehren verlange, mit einem Wort, daß ſie das Heimweh habe. Mehr als einmal hatte er ſeiner Tochter verſprochen, nach Kempenland zu reiſen, aber immer kam ein Hinderniß dazwiſchen. 220 Gegen Ende des Jahres 1813 erhielt der Oberſt einen Urlaub auf drei Monate. Monika ward heiter und auf⸗ geweckt bei dem Gedanken an die Reiſe, aber die ſchreck⸗ lichen Nachrichten aus dem Norden drohten, auch dieſe Freude wieder zu zernichten und die Rückkehr Napoleons aus Ruß⸗ land rief auch den Oberſten an die Spitze ſeines Regimentes. Er übergab ſeine Tochter einer bedeutenden Familie in Paris und folgte, mit ſchwerem Herzen ſich von dem kränklichen Kinde trennend, dem Kaiſer über den Rhein. Sechs Monate ſpäter auf dem Schlachtfelde von Dresden traf ihn eine Kugel in's Knie. Er genas zwar von ſeiner Wunde, aber der Fuß blieb ſteif und er mußte ſich künftig eines Stockes bedienen. Dieß Gebrechen wirkte ihm die Erlaub⸗ niß aus, nach Paris zurückzukehren. Er fand ſeine Monika noch kränklicher und blaſſern Ausſehens. Nur zwei Saiten ihres Herzens hatten noch die alte Spannkraft. Die Liebe zu ihm und die Sehnſucht nach dem Kempenland. Eiligſt wurden die Zubereitungen zur Reiſe nach Bra⸗ bant getroffen, eine Wohnung in Antwerpen gemiethet, um von dort aus ſpäter ein Landhaus in der Nähe von Moll zu kaufen. Einige Tage darauf reiſten ſie in einem Poſtwagen ab. NRichts unterbrach ihre Reiſe. Nur in Antwerpen ſelbſt, als der Wagen der neuen Wohnung des Oberſten ſich näherte, blickte Monika auf die Straße dhrch ein Fenſter des Wagens und im ſelben Augenblicke entflog ihr ein Angſtſchrei, der den Oberſt vor Schrecken aufſpringen machte. 221 Als der Oberſt fragte, was es geweſen, ſo antwor⸗ tete ſie: „Ach nichts, Vater. Ich ſah auf der Straße einen armen jungen Mann, der mich anſtarrte, als wollte er mein Herz durchbohren. Und er glich Jan van Dael ſo ſehr, daß ich laut aufſchreien mußte. Doch es war nichts. Ich bin wieder ruhig.“ 7. Auf dem Söller eines kleinen Häuschens auf dem Güld⸗ berg zu Antwerpen ſaß eine ſtockalte Frau bei einem Lämpchen an der Spitzenarbeit. Ihr Stübchen ſah armſelig aus, denn es lag gerade unter den Dachſparren und der ganze Hausrath beſtand aus einem Tiſch, zwei ſchlechten Stühlen und einem Bette, deſſen Decke aus allerlei alten Flecken zuſammengenäht war. Die Frau ſchien gleichgültig ihre Klöppel durcheinander zu drehen, doch beugte ſie von Zeit zu Zeit das Ohr einem Alkoven zu, wo das Bett ſtund und horchte auf ein kaum merkbares Geräuſch. Eben hatte ſie ihre beiden Hände ruhig auf das Spitzen⸗ kiſſen gelegt, als die Thür der Söllerkammer ſich öffnete und eine andere Frau eintrat. Die Alte legte die Finger auf den Mund und nöthigte die Eintretende durch ein leiſes Pſt! zu ſchweigen. Dann führte ſie die Frau zu einem Stuhle und ſagte: „Trine, ſetze Dich leiſe; denn er ſchläft ſo ruhig.“ 222 Trine zog eine Arbeit aus der Taſche und ſagte leiſe: „Ach, das iſt der Menſch, den Ihr in's Haus ge⸗ nommen: glaubt Ihr, Großmutter, daß Ihr ein gutes Werk dabei gethan?“ „Ja, Trine, Du kannſt verſichert ſein: ohne mich wäre der arme Menſch todt und begraben.“ „Aber, Großmutter, wo ſchlaft Ihr denn?“ „Da, Trine, in der Ecke auf einem Stuhl, meinen Kopf auf dem Tiſche.“ „Wie könnt Ihr das aushalten. Sechs Wochen ohne Bett! es iſt zum Sterben!“ „Ja, Trine, jeder hat ſeinen Nächſten; reiche Menſchen geben Geld, und ich, ich gebe, was ich habe: mein Bett und meine Ruh!“ „Aber erzählt mir doch, Großmutter, die Geſchichte mit dem Menſchen: ſie ſchwatzen ſo dummes Zeug.“ „Fünf oder ſechs Wochen her— an einem Samſtag und wohl ſchon elf Uhr Abends hatte ich meiner Katze was Wilch gekocht und weil ſie noch nicht daheim war, ſuchte ich ſie mit meinem Peerken(kleine Blechlampe) und ging der blinden Mauer zu, zwiſchen den Karren und Wagen meine Sere zu ſuchen. Während ich Puskne rufe, höre ich einen Seufzer in meiner Nähe und ſehe einen Menſchen daliegen, das ganze Geſicht voll Blut. Ich lief zu den Nachbarn, die mit Licht kamen und dann ſahen wir, daß es ein junger Menſch war, der wahrſcheinlich auf einem Kohlenwagen ge⸗ legen und im Schlaf herabgefallen war. Er mußte lange gelegen haben, denn 2us Blut war ſchon geronnen. Die 223 Nachbarn hatten viel Rath und wenig That. Mein Herz brach bei dem Anblicke und ich ließ ihn in mein Bett tragen, ohne auf den Doktor zu warten.“ „Kennt Ihr ihn oder wißt Ihr, von wannen er iſt?“ „Nein, ich fragte ihn nicht, aber ſeine Eltern ſind todt, das ſagt er im Traume; da ſpricht er auch von einem Buchen⸗ baum und ruft oft Monika. Sie müſſen ihn gegen ſeinen Willen zum Geiſtlichen gemacht haben, aber er hat noch keine Glatze.— Seit acht Tagen geht es beſſer mit ihm. Sein Gedächtniß kehrt zurück und er iſt wieder ganz bei ſich. Er heißt Jan, das ſagt er mir geſtern. Heute wollte er ausgehen, um etwas Luft zu ſchöpfen, darum hat er mich gebeten.“ Kaum hatte ſie dieß geſagt, ſo rief eine weiche Stimme: „Mutter, gute Mutter!“ Eilig trat ſie an das Bett und brachte dem Kranken ein Glas mit Milch. Jan ſah dankbar zu ihr auf, wäh⸗ rend er eine ihrer Hände ergriff, um einen Kuß darauf zu drücken. „Gute Mutter!“ wiederholte er. Trine reckte den Hals ſoweit aus als möglich, um da Geſicht des Kranken zu ſehen; ſie erſchrak aber, als ſie ſeine ausgehöhlten Augen auf ſich gerichtet ſah, und ſchob ihren Stuhl zurück, als wollte ſie ſich von einer ſchrecklichen Er⸗ ſcheinung befreien. Der Kranke ſagte etwas zu der Großmutter, worauf ſie ſeine Kleider herbeiholte und die Gardine zuſchob. 224 Nach wenigen Augenblicken öffnete ſich dieſe wieder. Dann lief die Großmutter zum Bette und unterſtützte ihn im Gehen. „Gute Mutter,“ ſagte er,„ich will ausgehen. Werde ich Euch nicht dadurch betrüben?“ „Nun, Jan, mein Sohn,“ antwortete die Alte.„Du biſt noch ſo ſchwach und Du laufſt Gefahr zu fallen— denk' Dir, was mir das wäre.“ „O Mutter!“ ſeufzte er,„warum liebt Ihr mich ſo? Ja, Ihr ſeid mein Schutzengel. Was Niemand thun konnte, chut vielleicht die Liebe einer armen Frau. Am Rande des Grabes habt Ihr noch ſo viel Liebe für einen Unglücklichen. O, ich habe zu Gott gebetet, daß er Euch ſegne. Nun urtheilt über meine Dankbarkeit gegen Euch; es iſt das erſte geſammelte Gebet, das ich ſeit ſieben Jahren zum Himmel ſandte.“ „Nun, Jan, wenn Du ausgehen willſt, ſo mußt Du mich Dich begleiten laſſen.“ „Gute Mutter,“ ſeufzte Jan bittend,„ich will aus⸗ gehen, aber allein. Mein Kopf brennt; in der Einſamkeit werde ich Kühlung finden. Laßt mich gehen, morgen ſage ich Euch, wer ich bin.“ Die Großmutter gab ihm ihren Krückenſtock und be⸗ gleitete ihn die Treppe hinab, um die Thüre hinter ihm zu ſchließen. Da geht er nun hin, hart an den Häuſern durch die Dunkelheit und athmet ſchwer auf vor Ermüdung. Gewiß hat er ein Ziel, denn er zögert nicht in der Wahl der 225 Straßen. Endlich bleibt er unter den Fenſtern eines ſchönen Hauſes ſtehen und lehnt ſich an die ſteinerne Bank, weh⸗ müthig von dem Lichte beleuchtet, das durch die Fenſter ſtrahlte. S. In dem reichen Saale, an deſſen Fenſter der ermattete Jüngling ruht, befanden ſich zwei Perſonen. Der Oberſt van Milgem ſaß in einem ſammtenen Lehnſtuhl bei dem marmornen Kamine. Er ſchien in Gedanken verloren, denn er ſtarrte vor ſich hin auf den Teppich, der den Boden pedeckte. Bei einem Tiſch, auf welchem mancherlei Näh⸗ geräthe lag, ſaß ein junges Mädchen, welches Perlen an eine Schnur reihte. Ihr Geſicht war ausnehmend blaß und trug die Zeichen einer langen zehrenden Krankheit. Das blendende Weiß ihrer Wangen hob ſich noch mehr durch die Rabenſchwärze ihrer langen Locken, die ihr Antlitz um⸗ ſpielten. Nach langem Stillſchweigen ſang das Mädchen den Refrain des Liedchens Rikke⸗tikke⸗tak. Der Oberſt ſchien nicht ſehr erfreut darüber, denn er ſchüttelte den Kopf und ſagte zu dem Mädchen: „Monika, ſinge doch nicht immer das Liedchen; es iſt nur neue Nahrung für Deinen Trübſinn, und Du weißt, daß es mich ſchmerzt.“ Der Erzähler. 1846. W. 15 „Gott, hab' ich wieder geſungen?“ rief Monika verwun⸗ dert.„Ich wußt' es nicht, Vater, vergib doch meine Zer⸗ ſtreutheit.“ „Nun?“ fragte der Kolonel,„iſt die Börſe bald fertig? Wie wird er ſich freuen, der arme Adolf, wenn er von Dir, die er ſo innig liebt, das Geſchenk bekommt.“ „Wo mag er nur ſein?“ „O das wäre ſchwer zu wiſſen. Wer kann ſagen, ob er nicht irgendwo in einem Hoſpital liegt oder eine feindliche Ku⸗ gel ihn im Kampfe getroffen?“ „O Himmel, Vater, Du machſt mich zittern.“ „Nimmſt Du denn Theil an ſeinem Looſe?“ „Ich liebe ihn, wie einen Bruder.“ „Er verdient aber mehr, denn er iſt ein hübſcher junger Mann, begabt mit Allem, was ihn in den Augen der Frauen erheben kann. Dazu der Retter Deines Vaters auf dem blu⸗ tigen Schlachtfeld bei Dresden. Fühlſt Du auch keine Liebe, ſo ſollte die Dankbarkeit Dich meinem Rathe folgen heißen.“ „Was könnt' ich Adolf geben? Eine gefühlloſe Braut, könnte die ihn glücklich machen?“ „Monika, mein Kind, hat die Bitte Deines Vaters kein Gewicht mehr für Dich? Jahre lang hab' ich für Adolf bei Dir gebeten. Du haſt Dich geweigert und weigerſt Dich noch. Warum? Um Deinen Träumen; nachzuhängen, die Dich töd⸗ ten?— Weil Du ihn nicht liebſt? Aber er verlangt keine Liebe.“ Monika ſah ihren Vater verwundert an und wieder⸗ holte: 227 „Er verlangt keine Liebe?— Was verlangt er denn von mir?“ Der Oberſt antwortete mit bedeutſamem Tone: „Endlich zwingſt Du mich doch, Dir Dinge zu ſagen, die nie über meine Lippen kommen ſollten. Monika, ſeit Jah⸗ ren eilſt Du ſchnellen Schrittes dem Grabe zu; nie ſchlage ich meine Augen auf, mein theures und einziges Kind, ohne daß ich den Tod an Deiner Seite ſtehen ſehe. Die Gewißheit, Dich zu verlieren, zerreißt mir das Herz ſeit Jahren; das Schwert über Deinem Haupte verkürzt auch mein Leben und ich leide unſägliche Pein. Ich habe Adolf in mein ban⸗ ges Herz einen Blick geöffnet und ihm geſagt, daß nur ein Mittel übrig bleibe, Dich von Deinen unſeligen Träumereien zu heilen und vom unausbleiblichen Tode zu retten. Ich ſelbſt, ich, Dein Vater, habe ihn um Liebe für Dich gebeten und ihm Deine Hand angeboten. Er, der den Vater gerettet, wollte auch das Kind retten. Schon hatte er andre Liebes⸗ bande geknüpft: Glück, Ehre, Schönheit, Alles beſaß ſeine Verlobte, und doch, um mir eine unnennbare Wohlthat zu beweiſen, zerriß er die Bande, die ihn knüpften. Er, der ſchöne junge Mann, dem die Welt entgegenlachte, er wollte uns in die Oede der Heide folgen und alles dieß um Deinet⸗ willen, um als Schutzengel den Tod von Deiner Seite zu verbannen. O Monika, verdient ein ſolcher Edelmuth nicht mehr, als ein dankbares Gefühl? Sind alle Saiten Deines Herzens zeriſſen, daß Du mir nichts antworteſt, als Niin?“ Monika war tief ergriffen, davon zeugte ihr Anklit. Sie antwortete: 5 228 „Vater, ich war undankbar gegen Adolf, ich fühle es wohl; aber was verlangſt Du von mir? Wenn ich Adolf die Pand reichte, müßte ich abſtehen von Allem, was mir mein voriges Leben gelaſſen.“ Ein Ausdruck der Freude lief über das Geſicht des Ober⸗ ſten. Er ergriff die Hand ſeiner Tochter und ſagte: „Liebe Monika, laß Deine Träume, dadurch verlängerſt Du Dein Leben. Sage mir, daß Adolf Dein Bräutigam wer⸗ den ſoll, mache mich glücklich, Mädchen!“ Langſam erhob Monika das Haupt und antwortete: „Wohlan, Vater, wenn ich Dich glücklich machen kann Plötzlich überlief ſie ein Schauer; ſie erhob den Finger und horchte zitternd auf ein leiſes Summen. „Was hörſt Du?“ rief der Oberſt erſtaunt. „Höre, höre!“ antwortete Monika mit einem ſeligen Lächeln. Nun drangen vom Fenſter her einige Töne in den Saal und der Oberſt hörte deutlich das Lied: Rikke⸗tikke⸗tak, Rikke⸗tikke ⸗tu. Eiſen warm, Hoch den Arm! Schlagt nur zu, Rikke⸗tikke⸗ tu. Der Oberſt kannte die Gewalt des Liedes über das Ge⸗. müth ſeiner Tochter; er hielt es aber in dieſem Augenblicke für ein Schimpflied, das ihm um ſeiner niedrigen Abkunft willen geſungen würde; er riß darum zornig an der Glocken⸗ ſchnur und ſtampfte auf⸗den Boden. — 6— 8 —— ——————— — —— 229 „Ich will wiſſen,“ rief er,„wer es wagt, mich zu ver⸗ höhnen!“ Ein Diener erſchien, um den Befehl ſeines Herrn zu empfangen, der ihm zurief: „Ein Unberſchämter ſteht draußen vor der Thüre und ſingt. Nimm Deine Kameraden mit Dir und bring' ihn her⸗ ein, ſelbſt wenn es mit Gewalt geſchehen müßte.“ Man hörte die Hausthüre öffnen und wieder ſchließen. Dann kam der Diener in den Saal zurück und meldete: „Oberſt, es iſt ein Bettler, ſo ſchwach und krank, daß er beinahe nicht fort kann. Der Unglückliche konnte uns kei⸗ nen großen Widerſtand bieten. Er ſteht in dem Gang. Sol⸗ len wir ihn gehen laſſen?“ „Nein, nein,“ rief der Oberſt,„ich will das Räthſel gelöſt wiſſen. Da ſteckt etwas dahinter.— Monika, was zit⸗ terſt Du ſo? Kennſt Du den Bettler?— Bringt ihn herein!“ Kaum erſchien der arme Mann gebeugten Hauptes und mit niedergeſchlagenen Augen an der Thüre des Saales, als Monika laut aufſchrie, ihm entgegen eilte und ſeine Hand er⸗ greifend ausrief: „Jan, Jan! biſt Du es?“ „Ich bin es, gnädiges Fräulein,“ antwortete der Jüng⸗ ling, ohne ſeine Augen aufzuſchlagen. Der Oberſt ſtund eine Weile verwundert da und rieb ſich die Augen, als ob ihm plötzlich eine Ahnung aufſtiege. Er verjagte aber alsbald den Gedanken, und den Arm des Jünglings ergreifend, zog er ihn ſanft zu einem ſammtnen * 230 Stuhle und zwang ihn, darauf niederzuſitzen. Monika hatte Jans Hand nicht losgelaſſen; ſie blickte ſprachlos zu Boden. Der Oberſt ſetzte ſich wieder und ſprach: „Jan Daelmans, warum haſt Du Dich meiner in Dei⸗ nem Unglück nicht erinnert? Sagte ich es Dir nicht bei dem einſamen Hofe, daß ich Dein Beſchützer ſein wolle, wenn Du es nöthig habeſt? Ich ſehe, zu welchem Elend Du herabge⸗ ſunken; aber von heute an ſollſt Du keinen Mangel mehr lei⸗ den. Faſſe Muth; ich bin nicht undankbar und will meine Rechnung mit Dir beginnen.“ Dieß ſagend ging der Oberſt an ſeine Schatulle, nahm eine Hand voll Napoleonen heraus und ſie auf ein Spieltiſch⸗ chen in die Nähe des Jünglings legend, ſprach er: „Sieh', mein Freund, es iſt kein Almoſen, was ich Dir anbiete, nur die Vergeltung deſſen, was Du an meiner Toch⸗ ter gethan. Ich bitte Dich, nimm das von mir, von Deinem Freunde.“ Jan wandte ſich von dem Spieltiſchchen ab und ſagte lächelnd: „Gold, immer Gold!“ Und ſeine zerriſſenen Kleider betrachtend, fuhr er fort: „Ja, Gold würde mir dienen; ich könnte mir Kleider anſchaffen und die belohnen, die für mich geſorgt hat. Aber mein Herr, erſparen Sie mir dieſe Erniedrigung; aus Ihren Pänden möcht' ich kein Geld, und könnt' ich den Tod damit abkaufen!“ Bei dieſen Worten machte Jan eine Bewegung, die Monika's Hand aus des ſeinen rückte. Das Mädchen ging —— 231 zu ihrem Stuhle und ſetzte ſich, ſprachlos den Jüngling an⸗ ſtarrend. „Aber Jan, mein Freund,“ nahm der Oberſt das Wort, „Du biſt ungerecht gegen mich und gegen dieſe ſelbſt. Willſt Du kein Geld, ſo ſage mir, was ich für Dich thun kann. Du magſt auf jeden Dienſt rechnen.“ „Wenn Sie mir einen Dienſt thun wollen, ſo bitte ich um eine Gnade.“ „Sprich Jan, ich werde Deiner Bitte willfahren.“ Der Jüngling erhob ſich in ſeinem Stuhle und begann: „Oberſt van Milgem, morgen beginnt für mich ein neues Leben: ich werfe eine Scheidewand zwiſchen Vergangenheit und Zukunft auf. Man reißt ſich aber nicht ſo leicht von ſeinen Crinnerungen los, die mit unſeren Gefühlen und Gedanken ſo eng verwachſen ſind. Laſſen Sie mich darum nur ſprechen, lange und ungtſtört; ſie, die mich allein begreifen kann, möge mich hören, dann will ich, zwar nicht freudig, aber mit Unter⸗ werfung unter mein Schickſal dem Traume Lebewohl ſagen, der mich tödtet. Sehen Sie, Herr Oberſt, das iſt die Gnade, die ich mir erbitte; zürnen Sie nicht über das, was ich ſage: Sie geben mir dadurch mehr als mein Leben!“ Es lag etwas ſo Mildes und Leidendes in des Jünglings Stimme, daß der Oberſt ſich tief ergriffen fühlte. Ueberdieß war er äußerſt begierig, eine Erklärung zu hören, die ihm gewiſſe Vermuthungen vielleicht beſtätigte. Er ſagte deßhalb freundlich:„Sprich, mein Freund, und fürchte nichts, ich werde aufmerkſam zuhören.“ Der Jüngling begann dann mit tief bewegter Stimme: 232 „Ich war jung, mit meinem Looſe zufrieden und freute mich meines Lebens. Mein theilnehmend Serz trieb mich dazu in einer Magd meine Schweſter zu erblicken; je mehr ſie litt, deſto größer war meine Zuneigung. Ein unſchuldiges und reines Ge⸗ fühl, das unmerklich in meiner Bruſt Wurzel faßte, war zu einem zehrenden Feuer geworden, das mich aufreiben mußte. Hert Oberſt, ich fühle noch in meiner Hand die Stelle glühen, wo Sie auf der Heide das Geld mir in dieſelbe drückten. Was! Sie dachten durch irdiſch Gut mich über die Entfernung meiner Schweſter zu tröſten? Sie gaben mir dadurch den Todesſtoß. Ja, damals fühlte ich die ganze Unermeßlichkeit meines Unglücks; Verzweiflung ergriff mein Herz, in das Ihr Fortgang den Dolch geſtoßen. Alles in der Welt vergaß ich, um nur einer düſteren Erinnerung zu leben: nichts konnte mich tröſten, nichts mich beruhigen: unmächtig zum Arbeiten, gleichgültig gegen Alles, lebte ich in einer ſchmerzlichen Traum⸗ welt— ich ſah meine Mutter auf dem Krankenbette, ohne in meinem Herzen Raum für neue Schmerzen zu finden. Alle, die mich kannten, hatten Mitleid mit mir armen Wahnwitzigen Weinen war mein Leben, Seufzen meine Sprache. Mein kräftiger Körper zerſchmolz wie Schnee unter der Gluth mei⸗ nes Herzens;— ein wandelnder Schatten ging ich unter den Menſchen umher. „Ein alter Freund meines Vaters wollte mich mit Ge⸗ walt von der Stätte meiner Geburt wegreißen: er hoffte ich werde geneſen. Aber ich widerſtand der Bitten aller, die mich liebten. Warum?— weil der Himmel der Heide blauer iſt? Weil die Luft balſamiſcher und die Unendlichkeit der weiten 233 Fläche den Geiſt erhebt und ſtärkt? O nein, nein. Da hatte ſie gelebt, da war der Weg, den ſie betreten. Ich kannte jedes Gras, das ſich unter ihren Fuß geſchmiegt; ich kannte jedes Kraut, das einſt von den Perlen ihrer Thränen bethaut worden.— Die Bäume, die Heide, das Bächlein, alles ſprach mir nur von ihr. Da war ich nie allein; ſie ſtand immer an meiner Seite, umſchloſſen von der Wolke des Ver⸗ geſſens. Zwiſchen den Erlenbäumen hörte ich ihre Stimme; aus dem Gezirpe der Grillen ertönte mir das verführeriſche Rikketikketak!— „Der alte Paſtor von Deſſchel und die Thränen meiner Mutter ſagten mir endlich, was meine Pflicht gebiete und einen Augenblick drängte ich wirklich auch die Erinnerung in die Vergeſſenheit zurück. Ich ging nach Mecheln, um nach einigen Studienjahren im geiſtlichen Stande eine Waffe gegen die Vergangenheit zu ſuchen.— Aber was litt ich in der Einſamkeit des Seminars! Wer vermöchte zu ſagen, wie mein Herz blutete in dem verzweifelten Kampfe. Was ich that, was ich beſchloß, und wo ich ging, immer war ſie zu⸗ gegen, um alle andern Gedanken und Abſichten als Thrannin aus meiner Seele zu bannen! Sie und immer ſie! „Mit der Wiſſenſchaft entwickelte ſich die Kraft meiner Einbildung und nun herrſchte ſie ganz über meine träumeriſche Seele. Immer lebte ich entfernt von meinen Altersgenoſſen, in der Einſamkeit mein Liedchen ſummend; ich war der Vor⸗ wurf des allgemeinen Spottes. Endlich nahte ſich die Zeit, wo ich mich erklären ſollte, ob ich bei dem geiſtlichen Stande bleiben wollte. Ich war unwürdig vor den Altar zu treten, 234 denn nie erhob ich meine Stimme und meine Gedanken zum Himmel, ohne daß ſie zwiſchen mich und Gott getreten wäre. Ich verließ darum das Seminar. Meine Mutter war geſtor⸗ ben; ich hatte noch ein kleines Theil meiner Erbſchaft. Mein Leben wurde ein ſorgenloſer Traumwandel; ich ſchlief unter dem blauen Himmel, unter Karren, auf den Stadtwällen; ich litt Hunger und empfing mit einem Lächeln auf den Lippen das Brod der Gnade.— Ihr Bild immer vor meinen Augen ſehen, ihre Sprache in meiner Seele, das Lied in die Lüfte geſungen— das war mein Leben: alles übrige war todt und kalt.“ Hier ſchwieg der Jüngling einen Augenblick; er athmete tiefer vor Ermüdung. Monika ſaß ſtumm, das Haupt in die ſchönen Hände geſtützt und weinte bitter. Gebückt und zu Boden ſehend, ſaß der Oberſt bewegungslos in ſeinem Seſſel. Der Jüngling fuhr fort: „Noch eines verſucht ich, auf Anrathen meiner Freunde, ein kräftig Heilmittel— die ſtarken Getränke. Aber auch ſie konnten mir nicht helfen; vor meinen verwilderten Augen ſtand noch ihr Bild! Eines Tages, ich werde es nimmer vergeſſen, da ich über den Meirplatz ging, ſah ich ſie plötzlich in einem Wagen an mir vorüberfahren. Ihr flüchtiger Blick ging mir wie ein Pfeil durch die Seele; ich ſtürzte gefühllos zur Erde.— Abends legte ich mich auf einem Wagen ſchla⸗ fen, in der Nacht fiel ich aber herunter und ſtürzte mit dem Kopf auf die Steine, daß das Blut in Strömen floß. „Eine arme Frau⸗ hat mich in ihrem Söllerſtübchen auf⸗ 235 ch wie eine Mutter behandelt und ihr genommen; ſie hat mi Ihre reine und zarte Liebe hat gehört fortan mein Leben. den Weg zu meinem Herzen gefunden und einen Platz neben ihrem Bilde ſich bereitet. Das wird meine Freiheit ſein; ich muß leben, um ſie zu lieben und ihr zu lohnen.— Morgen kenne ich Sie nicht mehr— gnädiges Fräulein, und Sie, Herr Oberſt van Milgem. Vergeben Sie mir Armen die kühnen Worte, die ich vor Ihren Ohren ſprach. Und Sie, gnädiges Fräulein, gedenken Sie meiner in Ihren Gebeten, daß ich Kraft finde, den letzten harten Kampf zu beſtehen.— Laſſen Sie mich gehen, Sie ſollen nie mehr von mir hören. Leben Sie wohl. Gott überhäufe Sie mit ſeinem Segen!“ Jan war bei den letzten Worten aufgeſtanden und wollte zur Thüre gehen, als Monika plötzlich aufſprang und ſich an ihn hängte, ausrufend: „Bleib! Bleib!“ Und ſich auf beiden Knieen vor ihrem Vater niederwer⸗ fend, bat ſie: „O Vater, vergib mir, vergib mir! oder ich ſterbe! In meinen Träumen lebte auch ſein Bild; Beſchützer! mein Geliebter! O Gott, Halte ihn zurück er iſt mein Bruder, meir er geht. Er allein kann mich retten, gib mir ihn. Du weißt und fühlſt, was ich litt. Er allein ſoll mich beſitzen! Vater, guter Vater, opfre mich nicht dem Tode! Ich werde leben, geſund werden, Dich ſegnen! Im Namen meiner ſeli⸗ gen Mutter, bitte ich—!“ Der Oberſt hob ſeine Tochter vom Boden auf und ſprach mit bewegter Stimme: 236 „Das war alſo das Räthſel! Solch ein Serz!— Wohlan, Monika, Du ſollſt gerettet werden. Er ſei Dein!“ Ein ſchneidender Schrei entfloh Jans Bruſt; er ſtützte ſich auf einen Stuhl, ſank aber vom Gefühle überwältigt zu Boden, während Monika ihre offenen Arme unter ihm ausbreitete. 10. Im Jahre 1831, kurz nach der Rebolution, marſchirte ein Soldat, die Flinte auf der Schulter, den Ranzen auf dem Rücken über die Heide zwiſchen Moll und Deſſchel. Er nahte bald einem großen Hofe, der das Ausſehen eines Land⸗ gutes hatte, und zeigte ſein Logierbriefchen einem Manne, der an der Thüre ſtand. Dieſer rief eine Dienſtmagd und beide begannen freundlich den Soldaten von ſeiner Laſt zu befreien. Der junge Krieger verwunderte ſich über den guten Empfang und dem Bauer auf die Schulter klopfend, ſagte er: „Ihr habt gedient, Pachter?“ „Doch nicht,“ antwortete der Bauer,„aber Ihr werdet hier Leute finden, die von Krieg und Schlachten zu erzählen wiſſen.— Tretet ein, mein Freund, Schinken und BVier ſtehen ſchon bereit.“ Eintretend ſah der Soldat in der Ecke bei dem Herde einen Mann ſitzen, deſſen Geſicht und greiſe Haare ihm Ehr⸗ furcht einflößten. Eine lange Narbe und das Kreuz der Ehrenlegion ſagten ihm, was der Bauer ihm ſchon mitge⸗ theilt,„daß der wohl von Krieg und Schlachten zu erzählen wiſſe.“ 6 ————— —————— —— 237 Der alte Krieger grüßte den jungen Soldaten mit freund⸗ lichem Lächeln, und wies ihn an den Tiſch, als wollte er ſagen: erſt trink, dann werden wir ſprechen. Während der Soldat dem guten Rathe folgte und die ihm angebotne Speiſe verzehrte, beobachtete er neugierig die Leute, welche im Zim⸗ mer ſich befanden. Im Hintergrunde ſaß eine Frau vor einem Spinnrocken; neben ihr ſtand der Mann, den er an der Thüre geſehen. Geſundheit und ſtille Freude ſtrahlte aus beider Antlitz und ihre Blicke leuchteten hell auf, wenn ſie ſich begegneten. Auf der andern Seite ſaß ein ſtockaltes Großmütterchen, die mit ihren ſteifen Fingern immer noch gewandt die Spitzenklöppel durch einander laufen ließ. Als der Soldat eine Zeitlang ſeine Augen nach dieſer Seite des Zimmers gerichtet hatte, hörte er hinter ſich ein artig Liedchen, das ihn nach dem Sänger neugierig machte. An dem Herde, auf jedem Kniee ein Kind, ſaß der alte Mann mit der Narbe und ſang, während er die Kinder ſchaukelte.. Bald hatte der junge Soldat mit allen Bewohnern des Hauſes Bekanntſchaft gemacht. Er fand ſo viel reine Freude unter dieſen herrlichen Menſchen, die das Band der Liebe ſo innig verknüpfte, daß er nach zweimvnatlichem Aufenthalt ſich der Thränen nicht erwehren konnte, als ſeine Pflicht ihn Ab⸗ ſchied zu nehmen zwang. Als er, mit dem Ranzen auf dem Rücken, bereit ſtand 238 zum Abmarſche, kamen alle Hausgenoſſen unter die Thüre, um ihm freundlich die Hand zu drücken. Mit Thränen in den Augen ſchritt er über die Heide, und als er ſich um⸗ wandte, rief er mit bewegter Stimme: „Lebt wohl, Kolonel van Milgem! lebt wohl Pächter Daelmans und die ſchöne Pächterin! lebt wohl, Großmütter⸗ chen Teerlinck! lebt wohl!“ Auf der Heide ſprach der Soldat zu ſich ſelbſt: „Wär' ich ein Dichter, ich erzählte die Geſchichte— Vielleicht werd' ich's nochmal. Ta, ta, Thorheit!“ Und dann raſcher fortſchreitend, nach dem Tact des Lie⸗ des, das er gewiß auf dem Hofe gelernt, ſang er: Rikke⸗tikke⸗tak, Rikke⸗tikke⸗tu Eiſen warm Hoch den Arm Schlagt nur zu Rikke⸗tikke⸗tu. 6 Rikke⸗tikke⸗tak, Rikke⸗tikke⸗tu. Eiſen hart,* Muth bewahrt Schlagt nur zu Rikke⸗tikke⸗tu. Der freundliche Leſer ſieht, v der junge Soldat ſein Wort gehalten. — —— Ein Galopp nach Gretna. Mach dem Engliſchen von Auguſt Zoller. —— ker hat nicht von dem dunkeln, unſcheinbaren Dorfe gehört, wo der Amboß ſteht oder ſtand, auf wel⸗ W chem Hhymen ſeine Feſſeln ſchmiedete? Seine gien ſind vernichtet; ſeine Schmiede hat aufge⸗ hört, ein Tempel zu ſein, und ſein Vulcan iſt kein Gott mehr. Die Scenerie beſteht aus einer bleichen Weide K und einem übelriechenden Teiche und bietet, wenn nicht für Gänſe und Liebhaber, wenig Intereſſe: im Vordergrund erblickt man das öde ausſehende Wirthshaus und etwas entfernter einige Hütten, unter denen die Schmiede noch beſteht und der Schmied einſt beſtand. Der Eigenthümer des Wirthöhauſes hat ſich vor Kurzem ſeiner Heirathsdienſte begeben. Wie manches leidenſchaftliche Gebet wurde in dieſem Wirthshauſe geſprochen; wie manches wilde Herz fand hier ſeine Freiheit; wie manches Mädchen zitterte zwiſchen erfüllter 11 240 Hoffnung und zukünftiger Furcht! Unter dieſem niedrigen Dache legte hohe Geburt ihren Vorrang bei Seite; Reichthum gab ſeinen Einfluß auf und einſt reine und ſtolze Geiſter ſuchten eine zweifelhafte Heiligung für ihre Geſetzloſigkeit. Es wäre ein trauriges Geſchäft, von dieſen nachzurechnen, welche Frieden oder Segen in ihrer Verbindung gefunden haben, in einer Verbindung, der zu Liebe ſie ihre Heimath verlaſſen hatten, zärtliche Herzen gebrochen, vertrauende Herzen getäuſcht und zahlloſe graue Haare in Kummer und Sorgen in das Grab gebracht wurden. Folgende Geſchichte iſt eine von den tauſend Geſchichten, welche gleichſam im Hinterhalt in jenen Alltagsankündigungen von Entführungen in der hohen Geſellſchaft liegen, und ſo gewöhnlich klingen als Eiſenbahnunfälle oder Tipperarh⸗Morde. Was wir erzählen, beruht auf einer Thatſache. In der Mitte des Monats März im vergangenen Jahre ſpeiſten zwei junge Männer in dem Imperial⸗Hotel in Leaming⸗ ton zu Mittag; die Aufwärter waren mit all dem Gepränge und der Umſtändlichkeit eines bedeutenden Mahles abgegangen, und das Feuer im Kamin ſchoß Funken und kniſterte und rauſchte, als wäre es ein Dämbn, der nicht aus ſeinem Ge⸗ fängniß zu entkommen vermöchte. Es war indeſſen ein wohl⸗ thätiger Dämon, denn er verlieh dem ganzen Zimmer durch ſein Spiel einen freundlichen Anblick und theilte etwas von ſei⸗ nem eigenen Glanze den Geſichtern der Perſonen unſeres Drama mit. Der jüngere der beiden Männer ſah ängſtlich und aufgeregt aus, wie Einer, der etwas Schlimmes zu thun und viel zu ſagen hat; ſein ſcharlachrother Rock und ſeine beſpritzten Stiefeln 5 241 ſtanden im Einklang mit ſeiner haſtigen Sprache und er hielt ſeine Augen gierig auf ſeinen Gefährten geheftet. Der Letztere ſah aus wie Einer, der ſein Werk, was es auch im⸗ mer ſein mochte, vollbracht hat, und ſchaute mit der Ruhe und dem Ernſte eines türkiſchen Propheten ſeine Kaſtanien an. Wenn das Licht des Feuers auf ſeiner hohen Stirne ſpielte, hätte ein beobachtendes Auge wahrnehmen können, daß er mehr gefühlt, erlebt, erfahren, als ſeine Jahre verkündigten. Seine Geſichtszüge bezeichneten zugleich den Charakter der Ruhe und der Energie, und zuweilen durchzuckte ein Blitz der Laune den etwas traurigen Ausdruck ſeiner Phyſiognomie. „Sie ſind alſo entſchloſſen, mit ihr wegzulaufen, und haben ſich auf alle Folgen dieſes Schrittes gefaßt gemacht?“ bemerkte er nach einer Pauſe.„Wohl, man behauptete, ein Schlachtfeld ſei der einzige Ort, wo ein Irländer im Frieden ſterben könne; und wie der blutige Raſen Ihr natürliches Todtenbett iſt, ſo, denke ich, iſt Gretna⸗Green Ihre nationale Pfarrkirche.“ „Ah! mein lieber Freund, ſcherzen Sie nicht mit mir⸗ Ich brauche Ihren ernſten, Ihren nüchternen Rath, ob ich es thun ſoll, und wie ich es thun ſoll. Daß Sie wiſſen, wie es zu thun iſt, haben Sie bereits gezeigt, und ob ich Ihr Beiſpiel befolgen ſoll, müſſen Sie mir ſagen, wenn ich Sie von meiner Lage unterrichtet habe. Dieſen Morgen kamen die Jäger in Fox⸗Hall, in ihres Vaters Wohnung, zuſammen. Ich ging dahin, um zu frühſtücken, nahm aber außer einem Tro⸗ pfen Curacao nicht das Geringſte zu mir. Gut, Sir, wäh⸗ rend die Pferde vorgeführt wurden, ſtahl ich ein paar Worte Der Erzähler. 1846. W. 16 242 von Annie's Lippen und einige Thränen von ihren ſchönen Augen, welche mehr werth ſind als alle Reden, die man in der Korn⸗ börſe gehalten. Waren es ihre Thränen oder ihres Vaters Curacao, was mir Muth verlieh, ich weiß es nicht; doch ge⸗ rade als wir aufſtiegen, legte ich dem alten Lord ein ruhiges Bekenntniß von meinen Hoffnungen, von meinen Ausſichten, von meinem Vermögen und von meinen Verlegenheiten ab, und in dem Augenblick, wo er im Sattel ſaß, war er im Beſitze von Allem, was ſich auf meine Verhältniſſe bezieht. Er nahm ſeine Zügel auf, richtete ſich ſeine Steigbügel zurecht und ſagte mir ſehr ruhig, aber mit aufgereimtem Weſen: „„Mein lieber Junge, ſprechen Sie keinen Unſinn. Sie ſind ein guter Jäger und ein vortrefflicher Burſche. Ich liebe 3 Sie ungemein als Gaſt; doch als Schwiegerſohn! ſchlagen Sie ſich das ganz und gar aus dem Sinne— ſonſt Gott verdo⸗ — und überdies habe ich meine Tochter Lord Muffin, meinem Nachbar, zugeſagt. Horch, Beauth! er iſt es, beim Jupiter!““ „Und er ſchoß fort wie ein Blitz, als ob von ſeinem ed⸗ len Schwiegerſohne und nicht von ſeinem Fuchs die Rede wäre. Ich fühlte mich, wie Sie ſich denken können, nicht wenig nie⸗ dergeſchlagen durch dieſen Empfang; doch er war es, und wir brachen mit allem Gepränge auf, jagten über die Ebene, und ſetzten über den eingeſunkenen Zaun, an welchen mein halsſtarriges Pferd Lord Muffin, ſeinen Groom und Alle ſchleuderte, als ſie es verſuchten, ſeine Herrlichkeit auf die rechte Seite des Zaunes zu bringen. Ich war gerade in der Laune zur Arbeit, und als ich vor einem Haufen von Jägern vor⸗ überjagte, hörte ich meinen Schwiegervater— dies ſoll er E — 243 werden wider ſeinen Willen, wenn es Gott gefällt— hörte ich meinen Schwiegervater ausrufen:„Wohl gethan, beim Jupiter!“ Ich hörte⸗ dies trotz alles Krachens der Zweige, trotz alles Lärmens, den Jäger und Hunde, dem Fuchſe nach⸗ jagend, erhoben. Wir machten bei Coventry Halali, und ohne mehr abzuwarten, verließ ich die Geſellſchaft und eilte querfeldein, um hieher zu kommen und mich mit Ihnen zu be⸗ reden.“ „Hm!“ ſagte Sommerbille, der ältere von den beiden Männern, während er bewundernd das ſchöne Geſicht und die belebten Züge ſeines iriſchen Freundes betrachtete,„Sie ſcheinen mir Ihre Sache dem Herrn Vater mit Ihrer gewöhnlichen ruhigen Beurtheilung, mit Ihrem geſunden Verſtande und Ihrer Discretion vorgetragen zu haben. Im Ernſte geſprochen, mein lieber Freund, nehme ich den größten Antheil an Ihrer Angelegenheit, denn ich weiß, Sie ſind dem Mädchen herzlich zugethan, und ſetze voraus, daß ſie Ihrer Zuneigung würdig iſt. Schüren Sie das Feuer, und rufen Sie nach einer zwei⸗ ten Flaſche Claret, und dann werden Sie die Dinge ruhiger betrachten. Ich will Ihnen mein Abenteuer, wis Sie es nen⸗ nen, etzühlen, und Sie werden dann entſcheiden, ob Gretna⸗ Green ein angenehmes Thor zu häuslichem Glücke iſt.“ Das Feuer brannte, die friſche Flaſche glänzte purpurroth auf dem Tiſch, O Neil nahm eine minder unruhige Haltung an, und ſein Freund fuhr fort: „Sie wiſſen, und unglücklicher Weiſe weiß es auch die ganze Welt, daß ich meine Frau in Gretna⸗Green gewonnen habe, doch Sie kennen die Umſtände nicht, welche hiezu führten. 244 Ich ſuche nicht zu bemänteln, was ich ohne Zögern meinen Fehler nenne. Ich will Ihnen aufrichtig die ganze Geſchichte erzählen, und ſollten Ihre ehrenhaften und ritterlichen Gefühle mich verdammen, ſo hoffe ich wenigſtens, daß Ihnen meine Erfahrung zur Warnung dienen wird. Ich bin, wie Sie wiſſen, der Erbe beträchtlicher, ſchwer belaſteter Güter. Der größere Theil meines Eigenthums liegt in Irland, und dieſen, ich ſchäme mich es zu ſagen, habe ich nie geſehen. Doch Sie werden ſich unſeres erſten Zuſammentreffens erinnern— Sie waren damals nur ein Knabe, und freuten ſich über Ihre Buſarenjacke und die Befreiung von Irland, wie Sie es nannten— ich tadelte Sie wegen dieſes Ausdruckes und er⸗ klärte Ihnen, meine ſchönſte Hoffnung und mein Ehrgeiz ſei es, unter meinen iriſchen Pächtern zu leben und zu ſterben, ihr hartes Lvos zu mildern und ihre Lage zu verbeſſern. Ich ſagte Ihnen, wir haben eine ſchwere Verantwortlichkeit gegen dieſes arme Volk, nicht nur für unſere eigene Rechnung, ſon⸗ dern auch für die unſerer Vorfahren, durch deren Nachläſſig⸗ keit und Verſchwendung ſie in dem Zuſtande der Unwiſſenheit und Armuth geblieben ſeien, den wir ihnen jetzt zum Vor⸗ wurf machen; das rege, gefühlvolle Intereſſe, mit dem Sie meine Bemerkung auffaßten, war der Anfang unſerer Freund⸗ ſchaft. So lange mein Vater lebte, fand ich es unmöglich, meinen Plan in Ausführung zu bringen. Mittlerweile war ich nicht arm genug für ein Gewerbe, nicht reich genug, um Beſchäftigung im Vermögen zu finden. Unſer eigener Militär⸗ dienſt kam mir zu zahm und bedeutungslos vor, und mein Vater wollte nichts von einer Theilnahme an den ſpaniſchen —— 5 —— ————— ,— 245 oder anderen„Liebhaber⸗Kriegen“ wiſſen, welche ich ſeitdem mitgemacht habe, und deren ich nunmehr überdrüſſig gewor⸗ den bin. Ich war, kaum weiß ich warum, ein Liebling in der Geſellſchaft und erlangte einen gewiſſen Antheil an ihrem verächtlichen Ruhme. Ich koſtete alle ihre Vergnügungen; ich erprobte ihre Herrlichkeit in London. Ich habe die Ehre mei⸗ ner Grafſchaft in Melton aufrecht erhalten. Ich habe die blaue Jacke in Cowes und den Kilt in den Hochlanden ge⸗ tragen— Sie werden ſagen, was hat dies Alles mit Gretna⸗ Green zu thun? Ich führe dies nur an, um zu zeigen, daß ich nicht die armſelige Urſache der Unerfahrenheit dafür hatte, daß ich nach einem Impulſe handelte. Vor ungefähr vier Jahren ſtarb mein Vater. Er war das einzige Band, das mich an das engliſche Leben und ſein conventionelles Weſen, deſſen ich längſt überdrüſſig, feſſelte. Und nun gedachte ich meinen Plan, mich für immer in Irland niederzulaſſen, in Ausführung zu bringen und es zu verſuchen, ob ich nicht dadurch, daß ich mich der Wohlfahrt Anderer widmete, das Glück finden könnte, das ich nie in ſelbſtſüchtigem Genuß ge⸗ funden hatte. 5 Eines Morgens ſtand ich auf dem Hafendamm von Brighton und verarbeitete in meinem Innern meinen zuküufti⸗ gen Lebensplan. Das Packetboot war im Begriff nach Dieppe auszulaufen, als meine Aufmerkſamkeit durch zwei Damen angezogen wurde, welche ſich den Stufen näherten. Eine war von den vollendetſten Formen, die ich je geſehen, und dieſe Formen offenbarten ſich ſogar durch die ganze Umhüllung ihres Reiſekleides. Ich war ſtets ein Enthufiaſt für weibliche —— 246 Schönheit geweſen, und hatte Alles, was die Höfe Europas an Liebenswürdigkeit und Anmuth aufzuweiſen vermochten, be⸗ wundernd, aber unbewegt geſehen. Nun hatte meine Stunde geſchlagen. Sagen Sie, was Sie wollen, von der Liebe mit dem erſten Blicke— Jedermann wird ſeine Erfahrung als das allgemeine Geſetz anführen— meine Ueberzeugung ſtimmt Plato bei. Es iſt uns einmal und nur einmal gegeben, das Ideal zu erſchauen, deſſen Urthpus in unſerem Innern liegt. Dieſes Bild, wenn wir es zuerſt ſehen, ſcheint unſerem Ge⸗ dächtniß anzugehören. Vor unſere Sinne geſtellt, wieder⸗ erkennen wir, was längſt unſere Seele bewohnt hat. Wir fühlen es, als ob unſer Sein nun erfüllt wäre, und das Herz iſt nicht mehr allein. Mögen auch Veränderung und Krank⸗ heit und Tod, und ſogar Häßlichkeit die Einzige heimſuchen, ſie wird doch das Leben hindurch in unſeren ruhigen, reinen, gedankenvollen Augenblicken vor uns erſcheinen, in der glän⸗ zenden Form, in der wir ſie zuerſt erblickt haben. Es iſt ein göttliches Wort, keine Ehe werde im Himmel aner⸗ kannt:— die Ehe iſt ein irdiſches Band, heilig und geheiligt, ſo lange wir auf Erden bleiben— ſind aber unſere Geiſter zur Vollkommenheit eingegangen, dann wird ſicherlich jeder Unſterbliche ſeinen eigenen ſympathiſirenden Engel finden, und dieſe Verbindung wird für immer beſtehen! Verzeihen Sie mir dieſe Abſchweifung, und geben Sie mir die Flaſche. „Nun, mit der Liebe bin ich fertig, wenigſtens mit ihrer Schilderung. Die erwähnten zwei Damen ſtanden in meiner Nähe; man war im Begriff, das Brett wegzuziehen und die Halſen loszubinden; ſie eilten herbei und mein Arm 247 half ihnen an Bord; die ältere drehte ſich, um mir zu dan⸗ ken und mir ihre Befürchtung, ich könnte mitgenommen wer⸗ den, auszudrücken. In der Eile des Augenblicks erwiederte ich:„Oh! ich gehe!“ und bei dieſem kleinen Worte wandte ſich das Glück meines Lebens. Ich bat den Kapitän um einen Aufſchub von einem Augenblick, ſchrieb auf meine Karte: „Folge mir mit dem nächſten Packetbvot nach Dieppe,“ adreſ⸗ ſirte dies an meinen Bedienten und gab es dem Portier des Gaſthauſes. Im nächſten Augenblick ſchwenkte ſich das Schiff und wir durchfurchten die Wellen. Als ich zu meinen neuen Freunden auf das Quarterdeck kam, ſchien die ältere Dame die tiefſte Zurückhaltung beſchloſſen zu haben und antwortete kaum, als ich ſie fragte, ob ſie im Gedränge verletzt worden ſei. Ich fühlte mich mehr verlegen, als Sie für möglich erachten dürften, ging weiter und verſah mich mit einer Cigarre, um über mein neues Geſchick nachzudenken. England war nun hinter uns; ein Augenblick hatte mein Leben verändert. Ich beſchloß Italien zu beſuchen— nämlich wenn ich irgend etwas beſchloß— denn ein neuer Geiſt war in mir erwacht, und ich ſah alles Leben durch ein neues Medium an. Nach einiger Zeit kehrte ich nach dem Quarterdeck zurück: die ältere Dame hatte ſich in die Kajüte geflüchtet, die jün⸗ gere blieb auf dem Verdeck, und als ſie auf das blaue, tan⸗ zende Waſſer mit einem begeiſterten Blicke ſchaute, ſah ich zum erſten Male deutlich ihr Antlitz. Es iſt mir, als ſähe ich ſie noch, wie ſie vertieft in ihre eigenen, klaren Gedanken hinausſchaute auf die See, und zu dem Himmel, der in die Farbe ihrer Augen getaucht zu ſein ſchien. Ihr Haar, mit 248 dem die Luft ſpielte, wogte über ihren Nacken herab, und ſie ſchien ſich eher mit den prächtigen Elementen, welche uns umgaben, zu vermiſchen, als ihnen zu widerſtehen. Jede Welle ſchien in ihrem Buſen eine Antwort zu finden, der Wind drängte ſich zärtlich an ihr Herz und offenbarte das tadelloſe Ebenmaß ihrer Geſtalt. Doch nicht die Geſtalt iſt es, und nicht ein Geſichtszug, ſondern ihr Blick, der ſo lebhaft in meinem Gedächtniß eingeprägt geblieben iſt, wie er ſich damals meinen entzückten Sinnen zeigte. Eine Wendung des Schiffes entrückte ſie ihrem Sitze und ſie begegnete meinen Augen, ich möchte ſagen meinem Anſtarren. Tief erröthend, ſuchte ſie zu ihrem Platze zurückzukehren; aber ein zweiter Stoß warf ſie inſtinktartig an meinen Arm als an eine Stütze. Ich ſage Ihnen nicht, wie ſchüchtern ich ſie anredete, wie ich allmälig ihr Ohr gewann, und ihre Verwirrung be⸗ ſchwichtigte. Der friſche Wind begünſtigte mich, und hielt ihre ältere Freundin unten. Ihre Stimme war ſo wohlklin⸗ gend wie Geſang, ihre Worte waren wenige, aber beredt, äußerſt beredt für mich. Wir ſprachen von vielen Dingen, doch nie von uns ſelbſt. Zuletzt ſchickte man nach ihr, und ſie ſtieg in die Kajüte hinab. Der Kapitän des Dampf⸗ bootes, ein luſtig ausſehender, aufgedunſener alter Burſche, blinzelte mir eine Zeit lang mit einem Blicke des Einber⸗ ſtändniſſes zu und griff mich ſodann, trotz meiner Zerſtreut⸗ heit, mit ſeinem Geſpräche an. „„Ein reizendes Mädchen, das,“. ſagte er. „„Verdammt ſei dieſe Unberſchämtheit,“ murmelte ich. . 249 „„Das laß ich mir gefallen, das muß ich geſtehen,““ fuhr er fort. „Halb neugierig und halb zornig, fragte ich ihn, was er damit meine. „„O ja! Sie denken, ich wiſſe nicht Alles von ihr.““ „„Dann wiſſen Sie mehr als ich weiß, denn ich ſah ſie nie zuvor.““ „„Für einen Anfänger haben Sie gut geſpielt,““ fuhr er fort; als er aber bemerkte, daß ich etwas grimmig ausſah⸗ fügte er bei:„„nun, ich will Ihnen ſagen, wer ſie iſt: ich glaube Jedermann außer Ihnen und ihr ſelbſt vielleicht weiß, daß ſie die Erbin von 40,000 Pfd. Sterling jährlich iſt: kurz es iſt Miß Melville. Die Alte iſt ihre Tante, welche ſie zur Luftveränderung nach dem Süden bringt.““ „Dieſe Mittheilung klang für mich wie ein Unglück. Sie lagerte ſich wie Eis über den Roman, von welchem mein erhitzter Geiſt glühte, und ich ſchämte mich meines Cupido, wegen der geldſüchtigen Form, die er an ſich zu tragen anfing. Endlich erreichten wir den Hafen von Dieppe. In dem Gedränge von Gepäckträgern, unter der Balgerei der Com⸗ miſſionäre, erblickte ich nur einen Augenblick meine neuen Bekannten, wie ſie im Triumph von dem ſiegreichen Com⸗ miſſtonär weggeführt wurden, und ich ſah ſie in dieſer Nacht nicht mehr. Bei meiner Rückkehr vom Paßbureau, wo meine gepäckloſe Ankunft Aufmerkſamkeit erregt hatte, fand ich, daß ſie nach Rouen abgereiſt waren, und ſo traf ich nicht mehr mit ihnen zuſammen. „Ich begab mich nach Paris, jede Spur von ihnen war — ———— — ———— 250 verloren, und Sie werden wohl erſtaunen, wenn Sie verneh⸗ men, daß ich meine getäuſchte Hoffnung in Geduld ertrug. Nicht als hätte meine Bewunderung einen Augenblick aufge⸗ hört, ſie war mir überall gegenwärtig, doch mit dieſem neuen Gefühle in meinem Innern, fühlte ich auch neue Verantwort⸗ lichkeiten. Zum erſten Male beklagte ich es bitterlich, daß ich keinen Namen unter den Menſchen hatte, daß ich meine Gaben verſchwendet und die Gelegenheiten, die ſich mir gebo⸗ ten, unbenützt hatte vorübergehen laſſen. Der Ehrgeiz wurde jetzt zuerſt zur Leidenſchaft in mir, denn durch den Ruf hätte ſie vielleicht von meinem Namen gehört. Ich ſchaute umher auf die alten Pfade des Ruhmes, ach! ſie beſtanden nicht mehr, oder man hatte ſie ſo ſehr mit Schutt überhäuft, daß nach der Arbeit eines Lebens der erfolgreiche Ringer zu müde, zu abgeſtumpft war, um ſeine Krone empfahen zu können. Da ſegnete ich mit aller Gluth und mit aller Träumerei des Knabenalters die ſchönen alten Zeiten, wo edles Blut und fleckenloſe Ehre, und eines Soldaten Schwert ihren Beſitzer auf eine Stufe mit den Fürſten ſtellten, wo es nie an einem Felde gebrach, auf dem man das Leben für die Ehre einſetzen fonnte, ohne welche das Leben keinen Werth hat. „Inmitten dieſer Träumereien, welche ich außer Ihnen nur Wenigen zuzugeſtehen wagen würde, fand ich mich an der ſpaniſchen Grenze. Ich begab mich in das Lager von Don Carlos, und ſah den ritterlichen Zumalacarregui vor Bilbav fallen. Die Verrätherei, welche ſeinen Tod berur⸗ ſachte, brachte Zwieſpalt in die earliſtiſche Armee und was ein Krieg für Freiheit geweſen war, wurde ein Parteikampf. . 251 Ich ſegelte von Barcelona nach Neapel, welches damals wie immer voll von Leben und voll von einer Heiterkeit war, die wie das Chamäleon von der eigenen Luft zehrte. Alsbald fragte ich nach, ob die Melville's hier wären, und als ich eine verneinende Antwort erhielt, nahm ich ein kleines Boot und fuhr müßig von Tag zu Tag längs der ſüdlichen Küſte hin. „Ihnen ſage ich nichts von der Schönheit von Sorrento, von den Wundern der Grotta Azurra, den herrlichen Klippen von Scarriatoia und dem köſtlichen Amalfi. Meine Boots⸗ leute waren eben ſo ſehr an das Wetter gewöhnt, als die Moskitos, die einzige Plage, die uns heimſuchte, und ich brachte Nacht für Nacht, in meine Capote gehüllt, unter dem heiteren Himmel zu, und erwartete den prachtvollen Tages⸗ anbruch des Süden. Wie plötzlich kam er über der dunkel⸗ blauen See!— in einem Augenblick ſchoſſen die Feuerfliegen durch den Rauch meines Meerſchaums und die Sterne wink⸗ ten liebevoll und vertraulich; in dem zunächſt darauf folgen⸗ den war die Welt von einer Fluth herrlichen Lichtes über⸗ goſſen, während dunkle Klippen, blätterreiche Thäler und ent⸗ fernte Berge um mich her zu erſtehen ſchienen. Bei dieſer einſamen Lebensweiſe wurde die Leidenſchaft, die mein Juneres bewohnte, ſturk dadurch, daß ich ihr ſo viele Stunden nachhing. Meine Bootsleute fingen an meine ſtille, unfreundliche Gegenwart zu fürchten. Sie ſprachen ſelten und leiſe, ſo daß meine Träumereien ununterbrochen blieben. Eines Tags ver⸗ ließ ich mein Boot und beſuchte Paeſtum, für mich der in⸗ tereſſanteſte Ort, abgeſehen von Rom. Hier baute der weiche 252 Shbarite ſeinen Palaſt auf den chklopiſchen Grundlagen ſeiner rauhen Voreltern; hier war das zerknitterte Roſenblatt ein Unglück; hier machten Pracht und Wolluſt das Leben zu einem ſinnlichen Traum; hier waren die Felder Gärten, und bei den Erndten pflückte man nur Roſen. Nun iſt es eine weite, traurige Wildniß von Brombeerſtauden und hohem Gras, das auf den Gräbern der üppigen Millionen wächſt, welche unten ſchlummern. Vergebens ſchaute ich durch die ſchmarotzeriſche Vegetation nach einer von den alten Roſen. Nichts begegnete meinem Auge als Brombeerſtauden und Bärenklauen. Wie einſam kam mir dieſer Ort vor; ſo weit das Auge reicht, gewahrt es keine Spur noch wirkender und lebender Menſchheit, und kein Klang verräth Einwohner in der weiten Umgebung, denn die wenigen geſpenſterhaften Ge⸗ ſchöpfe, welche winſelnd um uns her betteln, ſcheinen aus ihren Gräbern hervorzukommen. Lange, öde Strecken von Wildniß umgeben die alte Stadt, jenſeits der ſich Haufen von Bergen erheben. Hinter uns iſt der tiefe, geheimnißbolle, ſchweigſame See, und mitten in der Wüſte ragen die feier⸗ lichen, verlaſſenen Tempel empor, deren Gründer vergeſſen ſind und deren Widmung allein ſich noch an die Tradition an⸗ klammert. Das iſt Paeſtum. „Ich warf mich auf eine von den umgeſtürzten Säulen, welche im Unkraut um die Tempel der Ceres her liegen, und war, nachdem ich einen bleichen Führer dafür bezahlt, daß er mich verlaſſe, im Begriff, mich der Träumerei hinzugeben, als ein kurzer, fetter Mann, offenbar Ingleſe, aus dem Tempel hervorkam, ſeinen, Hut und einen geologiſchen Hammer — 2 N 253 in einer Hand, während er mit der andern den Schweiß von ſeinem gutmüthigen Geſichte abwiſchte. „„Guten Morgen, Sir,““ rief er mit einem abgeſtoße⸗ nen, aber herzlichen Tone,„„aus Ihrer Seemannstracht und noch mehr daraus, daß Sie dieſen Geiſt von einem Cicerone bezahlen, um von ihm verlaſſen zu werden, ſchließe ich, daß Sie ein Engländer ſind: das iſt ein herrlicher Platz für die Einſamkeit, Sir.““ „Mein Vaterland und meine Vereinzelung anerkennend, vrückte ich meine Verwunderung darüber aus, daß ich in ihm einen Bruder Zimmermannianer finde. „„Oh! ich bin nicht allein, ich bin nie ſo; meine Frauen zeichnen Skizzen von Tempeln und anderen Dingen, meine Diener eſſen Fett und Eier in einer Schmiede, unßern von hier.““ „So ſehr ich auch die Einſamkeit ſuchte, ſo that es mir doch nicht leid, daß ſie auf eine ſolche Weiſe unterbrochen wurde, und ich bot meinem wunderlichen Gefährten eine Ci⸗ garre, dieſen erſten und oft einzigen Vorſchlag, den wir freund⸗ lich ausſehenden Fremden machen. Er nahm es freudig an, hockte ſich nieder und machte ſich ein Neſt unter den Brom⸗ beerſtauden, während er die Eidechſen wegjagte, deren Berüh⸗ rung er indeſſen ſorgfültig vermied. „„Hier,““ ſagte er, als er Rauchwolken auszuſtoßen anfing,„ſehen Sie dieſes hübſche Blatt da; ich denke, es ſollte die Erbauer dieſer Kapitäler, wer immer ſie auch waren, eine anmuthigere Form gelehrt haben; ich meines Theils ziehe dieſe antedoriſchen, dieſe jeder Ordnung vorhergehenden Struc⸗ turen allen den geſchniegelten Schönheiten künſtlicherer Zei⸗ ten vor.““ „Ich lächelte über ſeine Bemerkung. Er fuhr fort: „„Ich glaube, ich habe Sie früher irgendwo geſehen,— gewiß, ſo iſt es. Warum tragen Sie einen Schnurrbart? Oh! ich habe es; es war in Dieppe— Sie ſahen damals mehr wie ein Gentleman aus.““ „Ich lachte und erzählte ihm meine Abenteuer ſeit jener Zeit. Wir wurden bald vortreffliche Freunde und er fuhr in ſeinem eigenthümlichen Sthle fort: „„Ein ſeltſamer Platz dies,““ rief er, indem er die herrlichen Tempel umher betrachtete,„„Alles von Waſſer ge⸗ baut, jedes Bischen davon, Neptuns Tempel beſonders— auch die Stadt, ihre Mauern und einhundert Thürme— lau⸗ ter Travertino— ja, ſie alle— Tempel und Mauern und Paläſte und Straßen und Pflaſter, jedes Bischen davon— tröpfelte herab von jener Bergſeite: eines Tages fällt eine Straße von einer Cascade herab; in der nächſten Woche ein paar Tempel— ein ſeltſames Ding, das; leſen Sie Sir Humphreh Dabyh.““ „So fuhr er eine Zeit lang fort, dann rief er plötzlich: „„Bei Gott! es iſt zwei Uhr, der Imbiß wird bereit ſein. Unſer Tiſch iſt in dem alten Tegpel der Ceres gedeckt und die Vorhalle dient, wie ich glaube, als Speiſekammer. Kommen Sie mit mir, meine Frauen werden entzückt ſein, durch Sie einen Mann zu haben, der ihre Zeichnungen be⸗ wundert.““ „Willig begleitete“ ich ihn, denn ich hoffte, Frauen ſeiner 255 Art und ſo beluſtigend wie er zu finden. Ich fand zwei Da⸗ men, welche die Geſichter abgewendet hatten und noch mit Zeichnen beſchäftigt waren. Als wir uns ihnen näherten, ſchauten ſie ſich um und ich erblickte Helen Melville! Ob⸗ gleich ich ſie nur ein einziges Mal geſehen hatte, ſo können Sie doch nicht denken, daß meine Bekanntſchaft dort ſich endigte. Von jener Stunde an hatte mich ihre Gegenwart nie verlaſſen. Ich fühlte es, als wären wir ſeither beſtändig die innigſten Bekannten geweſen, und im Ganzen war dieſes ſeltſame Zu⸗ ſammentreffen kaum unerwartet, denn es verwirklichte nur die Viſion, welche ich beſtändig vor meinen Augen hatte. Dies ſetzte mich in Stand, ſie ohne eine ſichtbare Aufregung anzu⸗ reden und ihr zu ſagen, ich habe früher das Vergnügen ge⸗ habt, mit ihnen zuſammenzutreffen. „Miß Melbille erröthete, als ſie mir antwortete; dann aber wechſelte ſie die Farbe unaufhörlich mit dem Wechſel ihrer eigenen ſtillen Gedanken. Die ältere Dame empfing mich mit einer ziemlich hochmüthigen Wiene und nahm ihren Schwa⸗ ger(dies war er) bei Seite. Nach wenigen Worten kehrten ſie zu uns zurück, und ich bemerkte, daß eine bedeutende Ver⸗ änderung in des alten Herrn freundlichem Weſen vorgegangen war. Nichtsdeſtoweniger drang er in mich, zu eſſen, und bald waren wir in ein allgemeines Geſpräch vertieft. Ich habe oft gefunden, daß unſere Geſprächsfähigkeiten, wie ſte auch beſchaf⸗ fen ſein mögen, ſtärker ſind, wenn ſie plötzlich hervorgerufen und in Anſpruch genommen werden— dies um ſo mehr, wenn unſere Gefährten denen gleichen, mit welchen ich hier zuſamnen war, und wenn ich in dieſer Hinſicht je eine Fä⸗ 256 higkeit beſaß, ſo brachte ich ſie in dieſer Stunde zur An⸗ wendung. „Mein alter Freund vergaß bald, was Mrs. Marſh ſei⸗ nem Ohr anbertraut haben mochte, fragte mich im Verlaufe der Zeit nach meinem Namen und drang in mich, mit ihm nach Neapel zurückzukehren, wo er mir Zimmer in ſeinem Palazzo anbot. Ich würde dies angenommen haben, aber auf einen Blick von Mrs. Marſh ſtockte er, und als ich ſeine Verlegenheit bemerkte, erlöſte ich ihn dadurch, daß ich ihm er⸗ wiederte, ich habe eine Wohnung auf der Chiaja, und ich hoffe meine Bedienten und Pferde in Salerno zu finden, wohin ich mit meinem Bvot gehen werde. „„Meine Güte!““ rief die alte Dame,„„man erzählte mir an Vord des Dampfbvotes, Sie hätten weder Bedienten, noch Gepäcke, noch irgend etwas.““ „Ich brauche Ihnen nicht zu ſagen, ONeil, daß dieſe Dame von Ihrer Smaragd⸗Inſel war; Miß Melville ſchien ziemlich ärgerlich über dieſe naive Weiſe, über die Eigen⸗ ſchaften eines Mannes zu entſcheiden, und um das Geſpräch zu ändern, bemerkte ſie: „„Sogar die Gräber ſcheinen hier zu Grunde gegangen zu ſein, doch mit einem inſtinktartigen Trachten nach Unſterb⸗ lichkeit haben wohl die armen Alten große Sorgfalt auf dieſe einzige Erinnerung verwendet, welche nach ihnen übrig bleiben ſolltr Können Sie uns ſagen, wie viele berſchiedene Natio⸗ nen ihre Todten mit all' ihren; verſchiedenen Gebräuchen und Hoffnungen auf Unſterblichkeit hier begraben haben?““ 257 * „Sie wurde von ihrer Tante unterbrochen; dieſe be⸗ merkte, der Abend rücke heran, und ſo brachen wir auf, in der gegenſeitigen Hoffnung, wie ich glaube, uns wiederzu⸗ ſehen.“ „Es vergingen Jahre, ehe dieſes Wiederſehen ſtattfand. Ich machte eine ſehr ausgedehnte Reiſe, und als wir uns das nächſte Mal begegneten, umgaben uns Englands fruchtbare Gefilde. Statt dieſer verlaſſenen Tempel erhoben ſich Facto⸗ reien mit all' ihrer geſchäftigen Bevölkerung. Ein Park von beträchtlichem Umfang mit neuen Backſteinmauern und ſehr grünem Gras und darüber ausgeſtreuten ſehr braunen, kleinen Bäumen enthielt ein äußerſt geräumiges, neues, mit dem größten Lurus eingerichtetes Herrenhaus. Hier wohnte mein Freund von Päſtum und hier war ich ſein Gaſt. Er war einer der Wohlhabendſten ſeiner Claſſe und allgemein geſchätzt. Jedermann ehrte ſeine Anſichten, während Jedermann über die Art und Weiſe, in der ſie ausgedrückt wurden, lachte. Und hier, an dieſem Orte der Pracht, wuchs ein Weſen zu voll⸗ kommener Weiblichkeit auf, deſſen Geſchmack ſo einfach und zart war, als hätte es immer da gelebt, wohin ſein edles Herz es gezogen. Wie ſchön und doch wie demüthig, wie ſchüchtern und doch wie würdevoll war Helen Melville! Jahre waren verfloſſen, ſeitdem wir uns zum letzten Male geſehen. Es ver⸗ ſteht ſich, daß ſie demnächſt verheirathet werden ſollte; ihr beſtimmter Bräutigam war der verſchwenderiſche Sohn eines armen Peer; dieſer Sohn beſaß die Kunſt, den alten Mann glauben zu machen, er wäre ehrenhaft und hochherzig, und ſich hei der vertrauensvollen Tochter als den uneigennützigſten Men⸗ Der Erzähler. 1846. W. 17 258 ſchen darzuſtellen, der je ſeine eigene Unwürdigkeit gefühlt, ſich einem ſo liebenswürdigen Geſchöpf, wie ſie es war, zu nähern. „Nie enttäuſchte ich Vater oder Tochter, obgleich ich die⸗ ſen Menſchen wohl kannte und wußte, daß nur ihr Vermögen, welches ihr geringſter Reiz war, ihn anlockte. Ich war mit dem alten Mann in London zuſammengetroffen und hatte ſeine Einladung, ihm auf einige Tage nach Lancaſhire zu folgen angenommen. Ich bildete mir ein, ich hätte einige Theilnahme in Helen's Weſen entdeckt, als ich erſchien, doch erſt nachdem Tage zu Wochen geworden, durfte ich auf eine Erwiederung meiner lange gehegten Leidenſchaft hoffen. Es kam endlich der Augenblick der zitternden Frage, des ſanften Geſtändniſſes. Sie war mein durch ihr Verſprechen, und ich ſchwur im Angeſicht des Himmels, ſie ſollte für immer mein ſein. Wohl war ſie von Reichthum umgeben, wohl hatte ſie ihr Vater einem An⸗ dern zugeſagt und glaubte, ſie wäre dieſer Zuſage treu, wohl betrog ich ſein Vertrauen, wohl mißbrauchte ich ſeine Gaſt⸗ freundſchaft, doch da dieſes Herz mir gehörte, welches Gewicht hatte die ganze Welt in der Wagſchaale? Dennoch muß ich Ihnen ſagen, ONeil, daß ſelbſt in dieſem entzückten Augen⸗ blick, wo die Hoffnung langer, langer Jahre ſich verwirklichte, wo ich die Geſtalt an mein Herz drückte, welche für mich Alles war, was die Welt je einem Sterblichen gegeben, wäh⸗ rend mein feuriges Blut in Strömen durch meine Adern rollte und meine Augen vor Entzücken funkelten— ſelbſt in dieſem Augenblick war der rächende Gedanke vor mir— ich wäre, o wie gern! in dieſem lang erſehnten Augenblick geſtorben.— — — 259 Und da ich, als des alten Mannes Tritte durch die Gallerie erſchollen und ſeine liebevolle Stimme meinen Namen aus⸗ rief, aus der entzückenden Umarmung mit einer Selbſtanklage aufſchrak, fühlte ich, daß ich meine Freude zu theuer erkauft hatte. Für einen Augenblick ſiegte meine beſſere Natur. Ich eilte hinaus, nahm den alten Mann beim Arm und führte ihn auf die Terraſſe, und während wir hier mit zitternden Schritten auf⸗ und abgingen, theilte ich ihm meine ganze Hoffnung, meine Furcht, meine Leiden mit. „O wie ſchmerzlich veränderte ſich das liebevolle Antlitz! es war vielleicht nicht der Einſturz aller ſeiner ſtolzen Hoff⸗ nungen, ſondern das Gefühl, betrogen worden zu ſein, was ſeine Brauen zuſammenzog und ſeine Lippen erbleichen machte. Er war ſtill, während ich mich gegen ihn ausſprach. Ich erwähnte meiner Umſtände, und nun erſt forderte er mich ungeduldig auf, hierüber zu ſchweigen. Ich flehte ihn an, mir ſeine Tochter ohne Mitgift, ohne Erbe zu geben. Plötz⸗ lich unterbrach er ſeinen bewegten Gang und ſprach mit einer Bitterkeit, der ich ihn nicht fähig hielt: „„Junger Mann, ich habe ein langes und mühevolles Leben damit hingebracht, daß ich, Gott vergebe mir, Reich⸗ thümer für mein Kind aufhäufte, und Sie kommen und verlangen von mir, ich ſoll Ihnen meine Tochter ohne Mit⸗ gift geben? Ich habe Sie bis zum Ende angehört— es iſt vielleicht meine Schuld— ich liebte Sie, Junge, ich ſchloß meine Augen gegen die Gefahr, mit der mein Haus und meine Ehre bedroht waren— ich hätte die menſchliche Natur in meinem ſiebenzigſten Jahre beſſer kennen ſollen— Sie 260 haben mich betrogen— ich hätte dies erwarten müſſen. Gehen Sie nun und bereuen ſie das ſchwere Unrecht, das Sie einem alten, zärtlichen, vertrauensvollen Herzen angethan haben, und ich werde Sie nicht verfluchen.““ „O' Neil! ich habe ſeitdem Alles genoſſen, was Liebe und Reichthum bieten können; doch nicht einen Augenblick, ſelbſt in dieſer kurzen Laufbahn ſcheinbaren Glückes, hörte ich auf, zu wünſchen, ich wäre damals gegangen; aber der Stolz warf meine beſſeren Gefühle zu Boden und ich ant⸗ wortete ungeſtüm: „„Verfluchen Sie mich, weil ich Ihre Tochter liebe und ihren Namen ſegnen werde, ſo lange ich lebe, verfluchen Sie mich, weil ich, von einem Fürſtengeſchlechte abſtammend, Ihr Kind zu heirathen trachtete; weil ich, der Beſitzer eines Schloſſes, das ſeit achthundert Jahren die Edelſten und Beſten von Englands ſtolzem Blute als freudige Bräute empfangen hat, mein Wappen und mein Beſitzthum Ihrer Tochter zu Füßen lege! Ich achte Ihren Fluch nicht und ſage Ihnen in's Geſicht, daß Ihre Tochter mein ſein wird.““ „Ich wartete keine Antwort ab, ſondern eilte von einem Hauſe weg, das meine Heimath geweſen war, um es in's Elend zu ſtürzen. „Ach! das ſchwache, vereinzelte Alter iſt nur wenig im Stande, mit der jugendlichen Thatkraft und der Kühnheit der Liebe in den Kampf zu treten. Der alte Mann ſchlief wenig, doch während er träumte, ſeine Tochter habe ihn verlaſſen, wurde ſein Traum zur Wahrheit. „Von Breſton“ nach Gretna ſtanden vier Pferde Tag 4 261 und Nacht auf jeder Station eingeſchirrt. Vier Vollblut⸗ roſſe ſtanden im Geſchirr drei Meilen vom Park. Alles war bereit. Zehn Meilen vom Hauſe fand ſich eine Eiſen⸗ bahnſtation— ein Zug kam um drei Uhr Nachmittags vorüber. Helen fuhr jeden Tag mit ihrer Tante um zwei Uhr ſpazieren. Am Sonntag Morgen gab ihr ein Wildhüter, den ich durch ein reiches Geſchenk beſtochen hatte, einen Brief von mir, als er ſie zu ihrem Vogelhauſe begleitete. Er brachte mir eine feſte, beredte, aber viel zu gütige Weigerung zurück. In der darauf folgenden Nacht war ich, mit Piſtolen in meinem Gürtel, welche anderswo ihre Pflicht wohl gelernt hatten, unterſtützt von dem Wildhüter, an ihrem Fenſter. Es war Sommer, und der Mond ſchien klar und hell; die im Hofe angeketteten Hunde ſchwiegen auf die Stimme ihres Wärters. Der alte Mann war unwohl und hatte einen Schlaftrank genommen, doch wäre er auch an ſeinem Fenſter geweſen, ich würde in dieſer Nacht ſeiner geſpottet haben. Um meiner armen Helen Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, muß ich ſagen, daß, als ich meine Leiter hinaufkletterte, das halb geöffnete Fenſter vollends zurückſchob und in ihr Zimmer ſtieg, ihre erſte Regung, trotz ihrer tief erprobten Liebe für mich, Entrüſtung war. Wie ſchön ſah ſie aus, als ſie vom Schlaf auffuhr, als ihr langes Haar über ihre erröthenden Wangen herabfiel, und ſie das Tuch, welches im erſten Augenblick der Ueberraſchung von ihren ſchneeigen Schultern gewichen war, zitternd wieder zuſammenzufaſſen ſuchte! Dieſer Anblick war keines Wegs geeignet, mich meinen Vorſatz vergeſſen zu machen. Ich wiederhole Ihnen alle meine 6 262 ungeſtümen und doch ſo ſchwachen Worte nicht, und ebenſo wenig ihre Vorſtellungen, ihre Bitten, ihr ſo kräftiges Sträuben. Eine ſchnelle Umarmung beſiegelte unſer Schickſal und im nächſten Augenblick war ich fern. Am folgenden Tag fuhr ſie wie gewöhnlich aus; es war eine Stunde peinlicher Ungewißheit: mein Wagen und meine feurigen Roſſe ſtanden an einer Viegung der Straße und dabei ich ſelbſt und zwei Bedienten, alle wohl bewaffnet; aber die Station lag zehn Meilen entfernt; es war bereits ein Viertel nach zwei Uhr, wurden wir eingeholt, ſo mußte Einer das Leben einbüßen.— Da kamen ſie auß der friedlichen Straße nahte der Wagen unter dem vollen Lichte des Tages: in einem Augenblick war der Poſtillon von ſeinem Pferde herabgeſchlagen, der Bediente durch eine Piſtole, die man ihm vor die Stirne hielt, zum Schweigen gebracht, und Helen von der Seite ihrer kreiſchenden Tante geriſſen; im zweiten Augenblick ſaß ſie in meinem Wagen, unſere Reit⸗ pferde wurden in ein Feld freigelaſſen, die Bedienten ſchwangen ſich hinten auf und unſere Roſſe flogen in wahnſinniger Eile die Straße entlang. Dort, auf der Ebene hin, wirbelte der Rauch des Bahnzuges; wir brauſten wie der Sturmwind fort und wären faſt am Stationshauſe mit Mann und Roß und Wagen in Stücke zerſchellt... Der Zug hält, der zögernde Schreiber gibt uns unſere Billets und wir ſind abermals auf und davon, ſchneller, als der Falke fliegen kann. Und nun verſuchte ich es zum erſten Male, meine des Bewußtſeins beraubte, ſo theuer errungene Braut wieder in das Leben zurückzurufen: ſie wak bei dem erſten Schlage ohnmächtig 263 geworden, und ich berſchob es, ſie wiederzubeleben, bis wir vergleichungsweiſe in Sicherheit wären. Endlich kam ſie zu ſich: der Ausdruck der Seelenangſt, der auf ihrem lieblichen Geſichte ſich nicht verkennen ließ, war Strafe genug für Alles, was ich gethan. „Wir fanden in Preſton einen Wagen bereit. Die Bedienten ſagten, ehe ſie das Stationshaus aus dem Geſichte verloren, haben ſie einen Reiter erblickt. Es fiel mir ein, es könnten andere Maſchinen dort ſein; dieſer Gedanke war mir nicht gekommen. „ „Die Gegenwirkung der heftigen Aufregung und ein dunkles Vorgefühl machten es mir zu einer ſchwierigen Auf⸗ gabe, meine Braut zu beruhigen.„„Bald wird Alles gut ſein,““ ſagte ich.„„Ihres Vaters Verſprechen hebt ſich durch Ihre Flucht auf und eine glückliche Zukunft harrt unſerer.““ Eitle Worte! ich wußte gar wohl, daß ſie eitel waren. „Mittlerweile flogen wir mit der vollen Swtiſ der gepeitſchten Pferde auf dem Wege fort. In jeder Stadt ſammelten ſich Menſchen in Schaaren um uns her, doch in wenigen Augenblicken waren wir immer wieder entrückt. Der große Haufe fühlt ſtets Sympathie für Flüchtlinge, und hätten die Leute auch einen Grund gewußt, unſern Lauf zu hemmen, ſo würde man doch wohl nicht leicht drei ent⸗ ſchloſſene, wohl bewaffnete Männer angegriffen haben, und hf ſo ſtürmten wir fort und fort durch Penrith und Carlisle; doch als wir die letztere Stadt verließen, brachen die Achſen, welche durch die Reibung glühend eworden waren, und wir 7 264 fielen zu Boden, aber ohne verletzt zu werden. langen Berg hinabzog, riefen meine Leute: fahr zu ſchen fortriſſen. „Einmal wagte ich es, hinauszuſchauen. einem offenen Gefährt der biedere alte Mann. Kopf war unbedeckt und ſeine grauen Haare Abkömmling normanniſcher Eroßerer, ſank der * Es dauerte eine halbe Stunde, ehe wir einen Wagen bekommen konnten, und dann ging es wieder weiter. Als ſich der Weg einen „„Fahr' zu, Die Poſtillons hatten bereits ihre blutigen Sporen ge⸗ bogen und peitſchten ihre ſchäumenden Pferde aus Leibeskräften, und ich wußte zu wohl, was das Geſchrei zu bedeuten hatte... Eines von unſern Pferden war den übrigen ungleich, und ſo gelang es unſern Verfolgern, uns immer näher zu kommen. Wie wichtig wurde jeder Zoll dieſer Straße, wie bedeutungs⸗ voll jeder Pulsſchlag! Bald hörte ich das Trappeln von Hufen, nicht unſerer Pferde. Zum Glück war mein armes Opfer abermals ohnmächtig geworden, denn es kam ein Augen⸗ blick ſchwerer Prüfung. Als ich meine Piſtole aus der Bruſt zog, fühlte ich meine Wange kalt werden wie der Tod. Ich ſuchte meine Hand ſtät zu machen— ſie verſagte mir beinahe den Dienſt. Der Wagen ſchwankte von einer Seite zur an⸗ dern, während ihn die geplagten Pferde unter wüthendem Peit⸗ Da ſaß in Sein Antlitz trug das Gepräge ruhiger, aber feſter Entſchloſſenheit; ſein flatterten im Wind. Das Unglück hatte ihn geadelt, und mir, dem ſtolzen Muth unter dem Auge des verletzten Plebejers— doch es war zu ſpät. Ich warf mich einen Moment zurück, murmelte ein paar unzu⸗ 265 ſammenhängende Worte, welche wohl kein Gebet waren, und ergriff dann meine Piſtole abermals. „Noch einmal wurde unſer Geſpann zu größerer Eile angettieben... vergebens! Des Verfolgers Roſſe keuchten dicht hinter mir... dann ſah ich die glühenden Nüſtern des vorderſten am Fenſter vorbeikommen... Meine ganze ver⸗ lorene Feſtigkeit kehrte zurück; ich nahm gelaſſen das Korn, zielte mit ſicherem Auge und ſchoß. Ein Schrei, das Geräuſch eines ſchweren Falles und ein wildes Jauchzen meiner Leute ſagten mir, daß das Werk gethan war. „Wir fuhren weiter, legten abermals eine Meile zurück und ſetzten über den Fluß. Noch einen Sprung, und wir flogen den kleinen Hügel hinan, vor die Thüre des Wirths⸗ hauſes. Im nächſten Augenblick hielt der Wagen und eines von unſern Pferden ſtürzte nieder, um nie mehr aufzuſtehen. Es war keine Minute zu verlieren. Ich hatte friſche Roſſe hier, in einem Nu hatte ich die arme Helen in die große, traurige Gaſtſtube getragen, welche ſo viele ähnliche Scenen geſehen. Die gottloſe Ceremonie war bald vorüber und in wenigen Minuten jagten wir gen Portpatrick. „Ich ſage Ihnen nur kurz, daß wir von der Verfolgung nichts mehr hörten— wollte Gott, wir hätten davon gehört! In derſelben Nacht ſchifften wir uns in einer Fiſcher⸗Schmacke ein.. Der Wind war günſtig und das Dampfbvot bereits abgegangen. Wenige Tage in der ſchönen Einſamkeit von Glenarm berliehen meiner armen Helen ihre Kräfte wie⸗ der; doch ihr ſtolzer, glücklicher Blick war für immer ent⸗ wichen. 266 „Eines Abends wandelten wir mit einander an der Küſte hin, als ich einen entfernten Galopp auf der felſigen Straße hörte. Ich hatte einen von meinen Bedienten mit einem Briefe an den Vater von Helen— an unſern Vater, abge⸗ ſchickt. Ich dachte, der Ankommende müßte mein Diener ſein, und da meine Frau nichts von meiner Botſchaft wußte, ſo verließ ich ſie mit der Bitte, meine Rückkehr zu erwarten. Ich ging langſam, bis ich aus ihren Augen war, und flog dann meinem Boten entgegen. „Der alte Mann war nicht mehr. Der Abendwind, der mit ſeiner Tochter Haaren ſpielte, beſtreute mit den herbſtlichen Blättern ſein verlaſſenes Grab. Sie war Alles in Allem für ſein altes Herz geweſen, und das ihrige war nun der Verluſt, der ſich nie wieder gut machen läßt. ONeil, wir mögen un⸗ ſere Seelen in Leidenſchaft ausſtrömen, aber wann wurde je die verlorene Liebe eines Vaters durch die tiefſte Ergebenheit des Geliebten erſetzt? „Der alte Mann hatte ſeinen Unfall nur wenige Stun⸗ den überlebt; während ſein grauer, gequetſchter Kopf von Miethlingshänden verbunden wurde, ſchrieb er einige Zeilen mit zitternder Hand. Sie lauteten wie folgt: „„Somerville, meine letzten Worte ſollen Worte der Vergebung ſein, der Vergebung, der ich in wenigen Augen⸗ blicken wohl ſelbſt bedarf. Sagen Sie meinem Kind, mein letzter Athemzug habe ſie geſegnet... habe Euch Beide ge⸗ ſegnet. Um gerecht gegen mich ſelbſt zu ſein, ſage ich Ihnen Coffenbaren Sie ihr das nicht, denn ſie hat im Ganzen ein 8 267 edles Herz), daß ich nach unſerer letzten Zuſammenkunft glaubte, Sie würden meinem grauſamen Befehl, ſie nicht mehr zu ſehen, gehorchen: er war grauſam; doch ich war alt gewor⸗ den in einer Hoffnung, die ich nun plötzlich zerſtört ſah, in der Hoffnung, ich werde unbegrenzt von meinem armen Kinde geliebt und genieße ſein volles Vertrauen. Ich hatte keine andere Hoffnung! Ich fühlte zu ſpät, daß ich zu raſch für meiner Tochter Glück geſprochen, und ſchrieb den beigeſchloſſenen Brief der Verzeihung an Sie. Ich wäre heute der Ihrige geweſen, aber die Nachricht von Ihrer Flucht erreichte mich, ehe ich ihn abſandte. Dann, Gott vergebe mir, brauſte ich auf. Ich ſagte: er ſoll mein Kind nicht haben, mein Fluch und ewige Schmach mögen ihn treffen.. ich kann nicht mehr ſchreiben. O wären Sie hier, daß ich „Hier verſagte die zitternde Hand. Ich kann Ihnen nicht mehr erzählen. Sie verlangten einen Rath von mir: Sie haben nun die Antwort.“. Nachdem er ſo geſprochen, ſtand er auf und verließ das Zimmer. ONeil ging einige Augenblicke heftig auf und ab, ſchaute ſeinem Freunde mit feuchten Augen nach und warf ſich wieder in einen Lehnſtuhl. „Armer Somerville! Ich wundere mich nicht, daß er zuweilen ſo mürriſch iſt. Ich möchte wohl wiſſen, was aus 268 ſeiner Frau geworden; denn das iſt die Pointe der Geſchichte, wenn ſie eine hat; Annie Morton könnte werden wie ſie. So viel iſt indeſſen klar, er gibt mir den Ruth, nicht mit ihr wegzulaufen, und der Teufel mag mit mir weglaufen, wenn ich es nicht thue!— ich denke, das iſt deutlich genug.... Kellner, noch eine Flaſche Claret!“ Büge aus dem Leben des Cages. von Clementi. Die Gambuſinos. Nach Gabriel Ferry. Nenn ihr von den Küſten des ſtillen Meeres euch nach dem nördlichen Mexico begebt, wo uner⸗ meßliche Einöden die Grenze gegen die vereinig⸗ ten Staaten von Nordamerica ziehen, da werdet ihr gar bald inne, daß eine neue Welt euch empfängt, ganz verſchieden von der, welche ihr ſo eben verließet, doch in gleichem Grade eigen⸗ ſoh thümlich. Die Wüſte prägt, gleich dem Meer, K K ihre beſondern Erſcheinungen aus, ganz ſo herb, friſch und großartig, wie ſie das Meer in ſeiner rauhen Schule formt. Dieſe undurchdringlichen Wälder, dieſe unabſehbaren Heiden, dieſe Berge, von deren Höhen die Ouellen das Gold zu Thal führen,— ſie ſind das Vaterland einer umherziehenden Bevölkerung, worin drei 270 verſchiedene Gruppen deutlich zu erkennen ſind. Die Jäger, die Hirten(vaqueros), die Goldſucher(gambusinos) ſtellen drei wichtige Schichten des mexicaniſchen Gewerbfleißes dar: den Handel mit Rauhwerk, Viehzucht und Ledererzeugung, Bergbau auf edle Metalle. Vor allen Mitgliedern dieſer abenteuernden Bevölkerung ziehen die Gambuſinos unſere Aufmerkſamkeit auf ſich. Dieſer Name bezeichnet eine Art von wandernden Bergleuten, die gleichſam ein dunkler Drang den Goldminen zuführt, welche in Sonora ſich häufiger vorfinden, als in jedem andern Theile des Freiſtaates. Ohne die Mittel, den Bergbau regelrecht zu betreiben, beutet der Gambuſino die entdeckte Goldader aus, ſoweit er vermag. Einige allgemeine Anzeichen ſind ihm zur Entdeckung behülflich geweſen. Das edle Metall birgt ſich gern in Quarz. Der Quarz ſtreicht oft in großen Strecken zu Tage und bildet Vorſprünge und Kämme(erestones). Ein ſolches Quarzlager zeichnet ſich durch die vollkommenſte Kahlheit aus; kein Hälmchen keimt auf ſeiner ſonnverbrannten Oberfläche. Sobald der Gambuſino auf eine ſolche Stelle getroffen, nimmt er den Pickel(barreta) mit der wohlgeſtähl⸗ ten Spitze zur Hand, und glüht die losgebrochenen Steine in ſcharfem Feuer. Erſcheint die Ausbeute lohnend, ſo fährt er in der Arbeit fort. Manchmal geſchieht es auch, daß plötzlich unter dem Pickel das weiße Geſtein von gediegenem Gold er⸗ glänzt. In der unbewachten Einöde fällt es dem Goldſucher natürlich gar nicht ein, die geſetzliche Anzeige von ſeiner Ent⸗ deckung zu machen; er haut friſch drauf los, ſo lange die Ader für ihn erreichbar noch zu Tage liegt. Sobald er nicht mehr * 4 71 dazu kann, verkauft er ſeine Entdeckung an einen, der ſie be⸗ zahlen kann, und geht weiter, um neues Glück zu ſuchen. Der Goldſtaub iſt für den Gambuſino ebenfalls ein Ge⸗ genſtand eifriger, oft gefährlicher Nachforſchungen. Wie ein Spürhund auf der Fährte des Wildes, ſtreicht er hin an den Bächen und Waldſtrömen des Hochgebirges. Oft verirrt er ſich dabei in die Gebiete, wo wilde Indianer gleich ihm nach Schätzen ſuchen, und dann bezahlt der kecke Eindringling faſt immerdar den Verſuch mit ſeinem Leben. Zuweilen geſchieht es wohl auch, daß er unter Hunger und Kummer, verſchmach⸗ tend ſchier vor Durſt, bedroht von wildem Gethier, einen Creſton oder einen Placer in aller Eile ausbeutete, ſo gut es eben ging. Dann eniflammen ſeine Berichte von fabelhaf⸗ ten Schätzen die Einbildungskraft eines Zuhörerkreiſes, und von Golddurſt geſtachelt, brechen ganze Familien auf. Einen Eſel beladen ſie mit Hacken und Hauen, hölzernen Kübeln (bateas) und einigem Mundvorrath. So ſuchen ſie um des Gewinnes willen die Gefahr, worin ſie nur allzu oft unter⸗ gehen. Nach zuberläſſigen Berechnungen kommen von den zehn Millionen Franken, welche Mexiko alljährlich an Gold in den Verkehr Europa's bringt, ungefähr zwei und eine halbe aus den Händen der Gambuſinos. Jetz kennt ihr das Geſchäft des wandernden Goldſuchers. Der Schauplatz ſeiner Thätigkeit iſt theils der ſteile Berghang, theils der Abgrund, wohinein der Wildbach ſich ſtürzt. Das Waſſer durchfurcht in allen Richtungen die Berge, birgt häu⸗ fig in ſeinem Bett die Creſtones, wovon es erzhaltige Stücke 272 losreißt, im Fortwälzen reibt, ſchleift und zerbröckelt, daß das Gold in ganzen Stücken oder Körnern ſich ablöst. Die goldhaltigen Steine(pepitas) werden unter der Arbeit des Waſſers abgerundet wie gewöhnliche Bachkieſel, denen ſie auch ſo lange ähnlich ſehen, bis beim Waſchen im Kübel die Schmutzrinde weicht und das Geäder ſichtbar wird. Das gediegene Gold findet ſich nicht nur in den Bächen ſelbſt, ſondern auch in ausgetrockneten Flußbetten. Wie groß muß der Reichthum mancher Ader ſein, nach den Bruchſtücken zu urtheilen, die oft der blinde Zufull denen zuwirft, die nicht einmal darnach ſuchten. Manch einer iſt ſchon ſo auf wahr⸗ haft mährchenhafte Weiſe reich geworden. Hier hat der Jäger, der gedankenlos die Aſche ſeines nächtlichen Feuers ₰ durchſtöberte, das in der Glut von der Erdhülle befreite Metall entdeckt, dort ſtolperte ein anderer über den goldhal⸗ tigen Stein, und kehrte dadurch die leuchtende Ader deſſelben der Oberfläche zu, während wiederum der fleißige Gambuſino oft mit aller Arbeit kaum das nackte Leben gewinnt. Faſt die ganze Strecke von Herwofillo nordwärts bis zum letzten Grenzpreſidio, dem Preſidio de Tubac, iſt an⸗ ₰ geſchwemmtes Land und reich an Gold. Die merkwürdigen Beſchreibungen der Placeres, von denen ich zu Hermoſillo täglich reden hörte, erregten meine Neugierde im höchſten Grade. Ich beſchloß, den Ausflug zu machen, wandte mich † jedoch zuvor an einen Spanier meiner Vekanntſchaft, der, ſeit langem im Lande anſäßig, mir genaue Auskunft zu er⸗ theilen vermochte. Was er bereitwillig und ausführlich that. Seine Andeutungen ſtien hier in Kürze wiederholt. 273 Einige Wegſtunden weit von Hermoſillo zieht eine Berg⸗ rette von Süden nach Norden. Am Fuße des Gebirges, öſtlich von der Stadt, theilt ſich der St. Michaels⸗Fluß in zwei Arme, deren einer den Namen des Fluſſes beibehält, der andere Rio de los Uris heißt. Die zwei Arme bewäſſern jeder ſein eigenes Thal, nach Oſten und nach Weſten zu. Auf ſeinem Lauf gen Oſten vergrößern den Uris zahlreiche Gebirgswäſſer. Hinter Arispe, der letzten mexicaniſchen Stadt nach jener Seite, theilt auch er ſich in zwei Arme, die in gleicher Richtung fortlaufen⸗ Zwiſchen ihnen erhebt ſich der letzte Ausläufer des Gebirges, das fünfundzwanzig Wegſtunden weiterhin bei den Dörfern Nacome und Bacuache ganz auf⸗ hört. Dieſe Dö liegen etwas über zwanzig Stunden von einander entfernt, und führen ihre Namen von den beiden Armen des Uris. Vom Gebirg zwiſchen ihnen ſtrömen viele Bäche an den Abhängen hinab, und führen Gold dem Nacome wie dem Bacuache zu. Zwiſchen Arispe und dem Dorf Bacuache findet ſich eine armſelige Hüttengruppe, Fronteras genannt; ſonſt iſt die ganze Strecke öde. Jenſeits der zwei bfer iſt das Preſidio de Tubac, dann kommt die Wüſte, welche ſich bis zum Oregon ausdehnt und die Weſtſeite von Obercalifornien begrenzt. Nachdem mein Spanier mir Weg und Steg beſchrieben, fuhr er fort: Von hier nach Arispe iſt die Straße ſicher. Weder Waſſer noch Feuer werden Euch fehlen. Doch von da nach Bacuache, dem einträglichſten Placer unſerer Tage, wie ich glaube,— dort haltet die Waffen ſtets zur Hand. Vor Der Erzähler. 1846. MW. 18 274 einigen Monden machte ich denſelben Weg, und erblickte zum erſtenmal ein Denkmal trübſeliger Art, ein Kreuz auf der Stelle einer Mordthat. Der Ort iſt ungemein bequem für Raub und Mord, wie Ihr Euch überzeugen werdet. Jeden⸗ falls, wenn ich nichts mehr von Euch vernehmen ſollte, laß ich Euch dort ein Kreuz zum andern Kreuz ſetzen. Ich dankte dem Don für ſeinen guten Willen und ging, meine Vorbereitungen zu treffen. Ich konnte dabei nicht unterlaſſen, an den Unterſchied zwiſchen ſolchen gefährlichen Ausflügen und den Reiſen in Europa zu denken, wo wir auf oft beſchriebenen Wegen in ſo bequemer Weiſe uns fort⸗ bewegen, und eigentlich gar nichts erleben. In Mexico da⸗ gegen erlebt man vielleicht nur zuviel. Was koſtet es oft für Ränke, um in denjenigen Gegenden, wo es ſchon Her⸗ bergen gibt, ſich eine gute Aufnahme zu verſchaffen und eine armſelige Mahlzeit zu erhalten in Geſellſchaft von Maulthier⸗ treibern und Strauchdieben. Welche Mühe erfordert es vol⸗ lends, da ein Nachtlager zu finden, wo die Poſada, der Meſon, die Venta unbekannte Größen ſind. Weiterhin kommt die Wüſtenei(el despoblado), wo nicht einmal der Schäfer⸗ karren des franzöſiſchen Heidenlandes ſich mehr zeigt. Dennoch wohnt juſt dieſen Reiſen ein ganz beſonderer Reiz inne. Die großartige Natur; das Nachtlager im Wald beim Feuer, dem ein hundertjähriger Stamm in fürſtlicher Verſchwendung zur Nahrung dient; die Begegnung mit menſchlichen Weſen ungewohnter Art, groß und wild wie die Umgebungen ſelbſt, — alle dieſe wechſelreichen unerwarteten Einzelnheiten ſind eben ſo viele Belohnungen für alle Müh' und Noth. Die ———— N 275 Fremdartigkeit des Schauplatzes möge auch die Ausführlichkeit der Erzählung entſchuldigen; wir müſſen vieles beibringen, um dem Leſer das Verſtändniß nach Kräften klar zu machen, und dürfen nicht als bekannt vorausſetzen, was nur der Ein⸗ heimiſche wiſſen kann. Den Weg bis Arispe ſollte ich mit Don Urbano, dem Senator, zurücklegen. Wichtige Angelegenheiten riefen ihn nach jener Stadt, ſeine Frau und ſeine Schweſter ſollten ihn begleiten, und ſo hieß es denn: wir würden nur kleine Tagereiſen machen. Am beſtimmten Tage ritt ich zum Hauſe des Senators hin. Es war kaum drei Uhr Morgens, da ich die ſtillen Gaſſen von Hermoſillo durchzog. Die Nacht war erſtickend heiß geworden, und nach dem Gebrauch dieſes noch ſo urſprüng⸗ lichen Landes hatten die Bewohner jener Häuſer, denen ein Hofraum fehlte, ſich ohne Umſtände auf die Straße gebettet. Ohne die tiefe Dunkelheit hätt' es ein eigenthümliches Schau⸗ ſpiel geben müſſen, dieſe Gruppe von Schläfern jeden Alters und Geſchlechtes zu überblicken, die einen einzeln, die andern beiſammen, doch alle ohne Unterſchied in einem Aufzug, wie er der Hitze angemeſſen erſchien. Ich bedurfte vieler Vor⸗ ſicht, um keinen der ſorgloſen Schläfer zu ſtören oder gar zu beſchädigen. Vor der Thüre des Senators ſtampften und wieherten etwa dreißig Pferde, geſchaart um eine Stute mit einer Glocke auf der Bruſt. Scheltend und fluchend kanden fünf oder ſechs Bedienten die Bepackung eines halben Dutzends von Maulthieren feſt; ein anderer hielt an den Zügeln drei ſchöne Roſſe, von denen zwei mit Damenſätteln aufgeſchirrt waren. Grad im Augenblick meines Eintreffens öffnete ſich das Ein⸗ fahrtsthor, zwei Reiter ſprengten daraus hervor, in den Hän⸗ den brennente Kienſpäne ſtatt der Fackeln. Beim Schein dieſer gualmenden Flammen ſah ich Don Urbano auf mich zukommen. „Wir werden alſo mit einer Caravane einherziehen?“ fragte ich, auf die Schaar von Roſſen deutend, deren Menge die Gaſſe füllte. „Ganz und gar nicht,“ verſetzte er:„das ſind nur die Pferde, die ich zum Wechſeln vorausſchicke, denn wir haben täglich fünfundzwanzig Stunden zu machen.“ „Ah, und das nennt Ihr kleine Tagereiſen?“ „Freilich, und wären die Frauen nicht, ſo würden wir viel weiter gehen.“ Unmittelbar darauf gab Don Urbano den Befehl zum Auf⸗ bruch. Mit Roſſen und Maulthieren brauſten die Diener im Ga⸗ lopp von dannen, zu nicht geringem Schrecken der ſchlummern⸗ den Vevölkerung. Nachdem ſich der Tumult entfernt, brachen auch wir auf. Vor uns her ritten die Fackelträger, die Feuerbrände ſchwingend und mit tauſend Funken die Finſterniß überſäend. Nach ſechs Stunden Weges trafen wir die Caponera, (die zum Wechſeln vorangeſandten Roſſe); die ſchweißtriefenden Sättel wurden umgeſchnallt, und fort ging's. Beiläufig ſei hier bemerkt: daß die Pferde des Landes, in ſtolzer Freiheit aufgewachſen, die unerhörteſte Ausdauer beſitzen; wenn ſie un⸗ geritten nur fünfzehn bis zwanzig Stunden zurückgelegt haben, ſind ſie ſo friſch als kämen ſie aus dem Stall. 277 Nach ſechs weitern Stunden zwang uns die ſteigende Sitze zur Raſt. Im Schatten der Väume ſchlummerten wir zwei Stunden, dann ging es wieder im geſtreckten Laufe fort. Gegen fünf Uhr erreichten wir den Ort des Nachtlagers, La Puerta del Cajon, und hatten richtig unſere fünfund⸗ zwanzig Leguas zurückgemeſſen. La Puerta del Cajon heißt die Stelle, weil hier der oben erwähnte Arm des San⸗Miguel⸗Stromes, der Uris an⸗ fängt, ſich zwiſchen das Gebirg und ein Amphitheater hinein⸗ zuzwängen. Das ſandige Bett des Stromes wird während der trockenen Jahreszeit zur angenehmſten Straße. Von acht⸗ monatlicher Hitze erſchöpft, zieht ſich der Fluß unſcheinbar a ſchmale Schlange durch das breite Bett, das ihm während der Regenzeit ſchier zu eng wird. In mäandriſchen Windun⸗ gen küßt er ſchmeichelnd die Füße der Weiden und Espen, die ſäuſelnd ſich in ſeiner klaren Fluth ſpiegeln. Von Strecke zu Strecke begleitet das Rauſchen eines Waſſerfalls das Säuſeln des Laubes und das gleichmäßige Murmeln des Uris. Die blauen Spitzen des Gebirges auf einer Seite erheben ſich kühn über die hohen Bäume der üppig grünenden Terraſſen des Vorgrundes. Die Felſen des entgegengeſetzten ufers bedeckt ein beweglicher Teppich von Kräutern und Schlingpflanzen; in wunderlichen Gehängen von einem Ufer zum andern geſpannt, badet ſich die Liane in den Wogen. Während der Regenzeit verwandelt ſich dieſes lachende Bild in Graus und Schreck. Das Bett füllt ſich mit ſchmutzi⸗ gem Gewäſſer, das die Kronen derſelben Bäume ſchüttelt, beugt an deren Fuß die Woge kaum noch ſo beſcheiden und zaust, hinrollte. Entwurzelte Bäume, ertränkte Thiere wirbeln in der gelben Waſſermaſſe. Das donnernde Brauſen der Wogen weckt den Widerhall, und die Felſen rufen einander das Ge⸗ ſchrei der Vögel zu, welche in Schwärmen rings umher flattern, oder auf einem ſchwimmenden Leichnam ſitzend ſich fortſchau⸗ keln laſſen. Von den wolkenverhüllten— ſchallt ein wahrhaft hölliſcher Lärm. Losgeriſſene Felsblöt ke poltern von Abgrund zu Abgrund, unter ihrem zerſchmetternden Sturz er⸗ krachen die Baumſtämme, und es iſt, als bärge der dichte Nebelſchleier einen Kampf auf Leben und Tod zwiſchen den Geiſtern der Berge und der Gewäſſer. Mit der erſten Rück⸗ kehr der Trockenheit läutert ſich das Waſſer im Abnehmen, befreien die Höhen ſich von den verhüllenden Dünſten, ſchüt⸗ teln die Bäume den lehmigen Schmutz und die Gräſer von Laub und Zweig. Die Landſchaft am Uris hat wieder ihren friedlichen Reiz gewonnen, aber der Sand, welchen das Ge⸗ wäſſer von unzugänglichen Höhen zu Thal führte, enthält in erneuter Menge den Köder für alle böſen Triebe: das Gold. Die Diener des Senators hatten die Zeit unſerer Sieſta benutzt, unſer Nachtlager zu bereiten. Die Wahl des Plates machte ihrem Geſchmack alle Ehre. Die erſten Höhen erhoben ſich an dieſer Stelle, mit Bäumen beſetzt, die, vorgebeugt, ein Laubdach über dem Bach bildeten. Am jenſeitigen Ufer führte ſanftanſteigend der Abhang zu einer breiten Felſenplatte, deren Spitzen reichliches Grün verkleidete. Auf dieſer Terraſſe ſoll⸗ ten wir Nachtruhe halten. Ueber dem Kohlenfeuer briet ein halber Hammel am Spieß. Andere Vorräche ſtanden in Flaſchenkellern bereit. In 279 „ einer Quelle, die friſch wie Eis im Schatten der Bäume dem Felſen entſprudelte, kühlte der Wein aus;— wahrlich nicht zum Ueberfluß nach einem ſcharfen Ritt in ſolcher Hitze! beim erſten Pferdewechſel hatte ich zufällig einen Thermometer be⸗ trachtet; er zeigte im Schatten 95 Grad Fahrenheit. Nach dem erquickenden Mahl fiel die Nacht faſt eiſig in ihrer Kühle auf uns nieder. Vei einem neuen Feuer im Hintergrund der Lichtung wurden Matratzen für den Senator und die Seinen ausge⸗ breitet, nachdem zuvor die Diener das Geſtrüpp tüchtig durch⸗ geklopft, um die Schlangen zu berſcheuchen. Ich für meinen Theil war lange genug in kein Bett gekommen, um eine Ma⸗ tratze für den kindiſchſten Ueberfluß zu erklären, und ſtreckte mich mit Behagen in's dichteſte Gras, das ich nur zu finden vermochte. Beim einförmigen Gemurmel des Uris in ſeinem Felſenbett, beim Rauſchen des Windes im Laub, beim Geheul der Schakals aus der Ferne und wohl auch aus der Nähe, beim ſchwachen Ton der manchmal anſchlagenden Heerdenglocke auf der Bruſt der Leitſtute, bei den tauſend geheimnißvollen Lauten einer wilden Natur, ſchloſſen ſich meine ſchweren Augen⸗ lider bald genug unter der Laſt des Schlummers, der im Wald ſich ohnehin nicht lange erſt rufen und locken läßt. Die Cabrillas(Pleiaden), für den Wandersmann der Wüſte die himmliſche Uhr, zeigten kaum die dritte Stunde, als die Vorbereitungen zur Weiterreiſe ſchon mich weckten. Die Geſträuche raſchelten auf allen Seiten von den Tritten der Roſſe, die ſich gewiß mit Mißvergnügen ſchon ſo früh ihrer vom Nachtthau gekühlten Weide entriſſen ſahen. Die Diener riefen einander hin und her Red' und Antwort zu⸗ Das Feuer flackerte wieder auf, in die Tiefe des Forſtes hin⸗ einblitzend und das dunkle Gewäſſer mit rothem Schimmer beleuchtend. Bald vernahm ich die Stimme des Senators, der mich zur Chocolade einlud. Ich berließ mein Graslager. Unſere Gefährtinnen hatten ſich noch nicht erhoben, und ihrer Einladung gemäß nahmen wir Platz auf ihrem Lager, um das leichte Frühſtück zu genießen. Die jungen Frauen mitten im Wald zurückgelehnt auf ſpitzenumränderte Kopfkiſſen, in einem Alkoven von grünem Laub,— der Anblick war wahrlich neu und reizend. Schade, daß wir gar ſo bald aufbrechen mußten. Wir folgten der Richtung des Strombettes, die Pferde wie Tags zuvor wechſelnd. So erreichten wir das kleine Dorf Banamiche. Die wenig zahlreichen Einwohner betrachteten neugierig von ihren Thüren aus unſern Einzug. Beſondere Aufmerkſamkeit ſchien uns ein Mann in hochaufgeſchürzter Franciscanerkutte zu ſchenken; er trug höchſt paſſend zu ſeiner Kutte hohe Reitſtiefel mit ungeheuern Sporen. Die Stiefel waren die landesüblichen botas vaqueras von Ziegenfellen. Die ſeltene Schönheit der Donna Ines(des Senators Frau). mochte ihn wohl beſtimmen, uns ſeine Hütte anzubieten. Die gaſtfreundliche Einladung wurde angenommen. Wir ſtiegen ab, und eine Haushälterin, begleitet von einem halben Dutzend Kinder, hieß uns freundlich willkommen. Aquien Dios no dié hijos le dié ahijados(wem Gott keine Kinder gibt, dem gibt er Pathen), ſagte der Padre Nieto, und wenn die kleine Brut nicht„Herr Göd“ zu ihm ſagte, ſondern ihn mit zärtlicherem Namen nannte, ſo mag 2. 281 vas aus bloßer Dankbarkeit für ſeine väterliche Güte geſche⸗ hen ſein. Nachdem wir dem würdigen Mann für die freundliche Aufnahme nach Gebühr gedankt, ſetzten wir unſern Weg nach Arispe fort, das wir Abends erreichten. Es war die letzte Stadt, die ich vor meinem Eintritt in die Wüſte ſehen ſollte, und ich blieb nur darin, um auszuruhen. Bevor der geſetzgebende Körper des Staates Arispe zum Sitz erkohren, war es nur ein Flecken ohne Bedeutung; auch jetzt iſt es weniger volkreich als Hermoſillo, und dankt ſeine Ausdehnung gerade nur den weitläufigen Gartenanlagen, wo⸗ mit ſich jedes Haus umgibt. In dieſen Gärten gewähren Gruppen von Granaten, Birnen und Pfirſichen kühlenden Schatten zu jeder Zeit, und in den Tagen der Blüthe ein anmuthiges Durcheinander von Purpur, Roſenroth und Weiß. Die Granaten, Quitten und Pfirſicht von Arispe ſind durch ganz Sonora berühmt. Wie alle Städte des Freiſtaates, und wie überhaupt alle ſpaniſch⸗americaniſche Städte, iſt auch Arispe nach der Schnur und mit dem Winkelmaß gebaut. Die Häuſer, von Lehm aufgeführt, gleichförmig mit einer Gipsrinde überzogen, beſtehen nur aus einem Erdgeſchoß. Die Fenſter fußen auf der Straße, und laſſen, obſchon mit Holzgittern verwahrt, dem Blick ungehinderten Zugang in's Innere, ſowie Abends der Lichtſchimmer auf die Straße füllt. So ſieht die Stadt belebt aus, trotz dem, daß wenig Leute hin und her gehen; ſo iſt ſie Abends erleuchtet, obſchon ſie keine Laternen hat. Von öffentlichen Gebäuden bemerkt man nur das Ge⸗ fängniß, aus gehauenen Steinen aufgeführt, mit ſtattlichen Gewölben, die immerdar leer ſtehen. Die Stadt verdient allerdings die Benennung einer Stadt, iſt jedoch nur merkwürdig als der äußerſte Vorpoſten der Geſittung gegen die nördliche Wüſte. Bei Arispe hört die ſüdamericaniſche Geſittung auf, und wird ſtehen bleiben bis etwa Nordamerica, ſüdwärts dringend, dort anlangt. Die Gaſtfreundſchaft des Senators machte mir den Aufenthalt zu Arispe überaus angenehm; doch ich gehöre zur Klaſſe jener undankbaren Reiſenden, in welchen der dunkle Drang des Umherſchweifens überwiegend vorherrſcht, und die eine freundliche Aufnahme nur in der Erinnerung erſt recht zu ſchätzen wiſſen. Ich beurlaubte mich daher von Don Urbano und den Seinen, um den Placer von Bacuache aufzuſuchen. Gott verhüte, ſagte mein Gönner: daß ich Euch von Eurem Vorhaben abzuſchrecken je berſuchte; doch möchte ich Euch auch nicht von Träumen der Zuverſicht befangen ſehen. Seit einiger Zeit ſpricht man von Einfällen ſtreichender Indianer bis in die Gegend von Arispe, und böſes Geſindel ſoll die Wege unſicher machen, die Ihr zu ziehen gedenkt. Zieht alſo immer hin, aber, wie das Sprüchwort ſagt: den Bart auf der Schulter. Ich gebe Euch einen von meinen Leuten mit, Anaſtaſio, einen entſchloſſenen und klugen Bur⸗ ſchen, der Euch vom größten Nutzen ſein wird. Jetzt Gott befohlen und glückliche Reiſe. 3. 283 Der Senator umarmte mich herzlich, ich dankte nicht minder von ganzer Seele, und ſtieg dann zu Roß. Es war drei Uhr Nachmittags, als ich Arispe verließ. Nach erhaltenem Rath ſollte ich ſechs Stunden von da im Wald übernachten, den nächſten Tag zu Fronteras beſchließen⸗ und von da Bacuache in einer Tagreiſe erreichen. Ich bekenne, daß ich den Weg ziemlich trübſelig antrat. Die Erinnerung an den windſchnellen Ritt von Hermoſillo nach Arispe, und an das gute Leben unterwegs war nicht geeignet, mich aufzumuntern. Und dennoch hatte ich ſchon viele hundert Meilen ganz allein oder nur in Geſellſchaft eines Führers ſo zurückgelegt; aber die kurze Gemächlichkeit hatte mich ſchnell verweichlicht. Zum Glück hatte ich nur eine Aufwallung zu überwinden, und bevor eine Stunde vergangen, hatte der Wind der Wiüſte die trüben Gedanken verweht. Ich fühlte mich frei und friſch. Wir folgten immer noch dem Bett des Uris. Kleine Waſſerfälle rauſchten auf allen Seiten wie raſchelndes Laub, harmoniſch begleitet vom Säuſeln in den Blättern der hohen überhängenden Bäume am Geſtade und der ſchwankenden Lianen. Die Abhänge wiederhallten tönend in ungezählten Abſtufungen von den Eſtribillos, welche mein Begleiter ohn' Unterlaß ſang. Er zog leichten Sinnes ſeiner Straße vor mir her; für ihn hatte die Wüſtenei keine Geheimniſſe, und ſomit keine Schrecken mehr. Zuweilen verlor ich ihn aus den Augen, um ihn bei der nächſten Biegung wiederzufinden. Kaum unterbrach er ſeinen Geſang, als um etwa zwiſchen zwei 284 Abſätzen eine Liane durch einen Hieb mit der Reitpeitſche zu köpfen. Etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang verſtummte ſein Geſang, als er eben hinter gewaltigen Felsblöcken meinen Blicken entſchwunden war. Da ich ihn wiederſah, war er abgeſtiegen und band ſein Pferd an einen nahen Baum; ich begriff alsbald, daß wir hier lagern würden. Einige dichte Gruppen von Weiden trennten das Ufer von einem grünen Raſenplatz, welchen naheſtehende Baumwollenſtauden mit ſchneeigen Flocken überſäten. Auf der andern Seite umſchloſſen hohe Bäume das ſtille Plätzchen. Was läßt ſich Beſſeres wünſchen, ſagte der Führer, den Zaum meines Pferdes ergreifend: Waſſer für uns, Gras für die Thiere, Holz im Ueberfluß, und— ſetzte er hinzu, indem er auf die zahlreichen blauen Blüthen der Lianen deutete:— hier Huaco, das untrügliche Heilmittel gegen Schlangenbiß. Die Roſſe abſattelnd, fuhr er dann fort: iſt es nicht wunderbar, wie Gott zum Uebel gleich das Heilmittel legt? Wo dieſe Lianen ſich in Menge finden, gibt es richtig auch viele Klapperſchlangen. Bemerkt Ihr den Vogel dort oben, der wie ein Faſan ausſieht und uns im Kreis um⸗ flattert, und den andern von der Größe einer Taube mit dem ſchwarzen Gefieder und dem gelbgefütterten Schweif? Sie ſind die Erzfeinde dieſes Gewürms, und ihre Gegenwart bedeutet, daß es hier viele Klapperſchlangen hat. Der erſte dieſer Vögel, Lon denen Anaſtaſio ſprach, war der Chohero, ſo genannt von der Choha, einer Pflanze, deren Samen aus igelförmigen Stachelkugeln beſteht. Dieſe Samenkugeln fallen in großer Menge ab, und der Chohero nimmt davon, um die im Schlaf zuſammengeringelte Klapper⸗ ſchlange in doppelter und dreifacher Reihe damit zu umgeben, worauf er ſie mit einem Flügelſchlage weckt; raſch auseinan⸗ derfahrend, rennt ſich die Schlange die ſcharfen Stacheln in den Bauch, und wird ſo verwundet des liſtigen Feindes Beute. Der andere Vogel heißt von ſeinem eigenthümlichen Geſchrei Huaco, und von ihm führt die blaue Liane ihren Namen; wenn im Kampf die Klapperſchlange ihn verwundete, frißt er ein paar Blätter der beſagten Pflanze als Gegengift, deſſen Heilkraft die Eingebornen durch ihn kennen lernten. „Warum aber bleiben wir juſt hier?“ fragte ich. Worauf Anaſtaſio:„weil wir überall dieſelben Uebel, nicht aber gleiche Bequemlichkeit antreffen würden.“ Ich beſchied mich. Inzwiſchen hatte jener die ſchweren Sättel unſerer Pferde und die Zaleas(Widderfelle) zurecht⸗ gelegt. „Macht's Euch da bequem,“ ſagte er:„während ich die Roſſe zur Tränke führe und an ein wohlbewachſenes Plätzchen zur Weide bringe. Hernach wollen wir an unſere Mahlzeit denken. Ich ſtreckte mich aus, das Haupt auf den Sattel gelehnt, und vom Gemurmel des nahen Waſſers in eine Art Halb⸗ ſchlummer eingewiegt, lauſchte ich den fernen Tönen der eben⸗ falls entſchlummernden Einöde. Nach etwa einer Stunde weckte mich eine Stimme; die Nacht war hereingebrochen, am flackern⸗ den Feuer ſtand Anaſtaſio, in der einen Hand ein läng⸗ „ 286 lichtes Säckchen, in der andern einen Flaſchenkürbis mit Waſſer. „Mögt Ihr den Pinole dünn oder dick?“ fragte er. „Dick,“ verſetzte ich:„denn mein Hunger iſt groß.“ Anaſtaſio ſchüttete das gewürzte Mehl aus dem Säckchen in den Kürbis und rührte die Maſſe fleißig um mit einem Stückchen Holz. Dann reichte er mir die Mahlzeit mit einem ſo ehrerbietigen Ernſte hin, als gäb' er mir die herrlichſten Leckerbiſſen in goldener Schüſſel. Während ich ſchmauste, ſtand er entblößten Hauptes neben mir und beantwortete meine ragen. „Ich habe kaum nöthig erſt zu fragen,“ hob ich an:„ob Ihr ſchon zu Bacuache geweſen?“ „Wer iſt nicht wenigſtens einmal ſchon in ſeinem Leben zu Bacuache geweſen?“ verſetzte Anaſtaſio im Ton eines Wieners, den ihr etwa gefragt, ob er Scholz und Neſtroh ſchon geſehen. „Und Ihr habt Euch nie verſucht gefühlt, nach Gold zu ſuchen?“ „Nein,“ verſetzte er traurig:„es iſt ein gar ſchreck⸗ liches Gewerb, und der erſte Verſuch hat mich für immer abgeſchreckt.“ Es war mir nicht unlieb, etwas Näheres über das Leben der Goldſucher zu vernehmen, und ich bat Anaſtaſio, nicht zurückzuhalten mit dem, was er davon wiſſe. Er zeigte ſich bereitwillig.! „Mein Vater,“ hob er an:„war ein kecker Gambuſino. Einſt verrieth ihm ein Freund einen reichhaltigen Placer, und W— v0 er brach mit mir und meinen beiden Brüdern auf, um der lockenden Beute nachzuziehen. Es ſind jetzt zwanzig Jahre her und ich zählte dazumal deren fünfzehn. Bacuache beſtand noch gar nicht. Unterwegs hielten wir uns nicht auf; dazu war unſere Ungeduld nach den verheißenen goldenen Bergen viel zu groß. Nach ſechs Tagreiſen langten wir im Grenz⸗ preſidio an, ließen eine heilige Meſſe leſen und drangen vor⸗ wärts in die Apacheria,(das Gebiet der Apachen). Der Platz, den wir ſuchen gingen, war an einem kleinen Fluß, der bis heute noch keinen Namen führt. Der Weg dahin führte durch eine waſſerloſe Ebene. Als wir eines Abends in einem Arenal,(Sandwüſte) lagerten, waren wir ganz verlechzt und verſchmachtet, und hatten für uns alle fünf nichts zu trinken als eine Kürbisflaſche voll Waſſer. Der hölliſche Durſt verblendete uns dermaßen, daß wir uns um das Waſſer ſtritten und balgten. In der Lebhaftigkeit des Streites ſetzte es einen Meſſerſtich; mein Vater erhielt, ſein Freund hatte ihn gegeben. Beim Anblick des hervorquillen⸗ den Blutes warf ſich mein älterer Bruder auf den Mörder und erdolchte ihn. Wir ſchaarten uns um den Vater, der in der Todesangſt um Waſſer wimmerte. Ich eilte, ihm die Flaſche, den Gegenſtand des unſeligen Zwiſtes, zu reichen; leider war beim Hin⸗ und Herreißen das Waſſer bis zum letzten Tröpflein berſchüttet worden. So überraſchte uns die Nacht; ſo lange ſie dauerte, hörte das Wimmern des ver⸗ ſchmachtenden Mannes nicht auf. Wir rannten rathlos umher. Am Morgen war er todt; ſein Mörder lag erſchlagen ihm zur Seite. Neben der Leiche unſeres Vaters erglänzten im 288 Schein der aufgehenden Sonne Goldkörner aus der Blut⸗ lache. Ich habe wohl nicht nöthig zu ſagen, daß wir ſie unberührt ließen. Wir hielten Rath. Der Zweck unſerer Fahrt war verfehlt, nachdem wir den Mann erſchlagen, der allein den Weg zum Schatz wußte. So kehrten wir denn um. Den Mörder unſeres Vaters ließen wir unbeſtattet liegen. Seitdem will ich vom Goldſuchen nichts mehr wiſſen.“ „Aber Euere Brüder?“ „Der ältere hat ſich, gleich mir, vom Gambuſeo abge⸗ wendet; aber Pedro, der zweite Bruder, ſoll als Goldſucher zu Bacuache hauſen, wo wir ihn vielleicht antreffen.“ Der Mond beleuchtete noch ſilbern die Geſtade des Uris, als wir am nächſten Morgen aufbrachen. Die Wipfel der Bäume umgab es wie dichter Reif, der ſich in reichlichen Thau auflöſte. Nach mehreren Stunden betraten wir das Bett des Bacuache. Wir hatten ſo oft den Schlangenlauf des Waſ⸗ ſers durchſchneiden müſſen, daß die Kieſel den erweichten Hufen unſerer Thiere nachtheilig wurden. Von Hufeiſen weiß man dort zu Lande nichts. Wir kamen daher nur langſam vor⸗ wärts, und obſchon wir uns zur Mittagszeit nur eine Stunde aufgehalten, waren wir beim Sinken des Tages noch ſehr weit von Fronteras entfernt4 Die Landſchaft gewann ein überaus düſteres Ausſehen. Das Gebirg, an deſſen Seite wir von Hermoſillo aus hingezogen waren, zeigte ſich nur noch in ver⸗ einzelten kahlen Spitzen. Auf dieſen Spitzen wiegten ſich Wolkenſchleier, im Windeshauch wogend. Der Pflanzenwuchs wurde immer dürftiger am ſandigen Geſtade. Von Strecke ————— zu Strecke raſſelte vom Ufer losgeriſſen der feine Sand in den Bach. Bald erreichten wir einen Engpaß zwiſchen Bergen und einer Felſenwand, gekrönt mit ausgedörrten Kräutern, mit Cactus und Alve. Einige grüne Eichen und Tannen erhoben ſich aus Unterholz in Zwiſchenräumen; in ihren Gabeln, an ihrer Rinde flatterten im Wind der Schlangen abgeſtreifte Häute, ein abenteuerlicher Schmuck. Das Waſſer murmelte nicht mehr, es begann zu brauſen. Ich habe nie eine un⸗ heimlichere Landſchaft durchzogen. Seit einer Weile ſchon hatte ich zu meiner Rechten auf der Böſchung ein Rauſchen und Kniſtern vernommen, als ob irgend ein Thier durch's Geſtrüpp bräche; an einer lichten Stelle entdeckte ich nun eine menſchliche Geſtalt oben, die ihre Schritte nach der größern oder geringern Geſchwindigkeit mei⸗ nes Vorwärtskommens zu regeln ſchien. Ein breiter Hut, deſſen Ränder ſich auszuzacken begannen, beſchattete das bleiche hagre Antlitz des Mannes. Eine Kürbisflaſche, wie ſonſt die Pilgrime ſie am Stabe trugen, hing an einer Schnux von ſeinem Halſe. Seine Schultern deckte eine Frazada,(Decke von grobem Zeug), deren Farben Wind, Wetter und Sonnen⸗ ſchein längſt verwiſcht hatten. Veim Anblick dieſer Erſchei⸗ nung ſtritten Argwohn und Mitleid um den Vorrang. Anfangs gab ich nicht ſonderlich Achtung darauf, bis mir die Zudringlichkeit langweilig erſchien. Um mich zu ver⸗ gewiſſern, trieb ich mein Pferd zu eiligerm Lauf; der oben eilte offenbar nach. Ich zögerte, er machte es eben ſo, um wiederum zu eilen, ſobald ich das Beiſpiel gab⸗ Das war wunderlich genug. Als wir nun eine Stelle erreichten, wo Der Erzähler. 1846. W. die Böſchung abfallend ſich zu meinem Weg niederſenkte, zog ich die Zügel an, um den Unbekannten wegen ſeines auffal⸗ lenden Benehmens zur Rede zu ſtellen. Er zauderte ein Weilchen, näher zu treten; endlich entſchloß er ſich dazu. Anaſtaſio ritt immer zu voran. „Heda, Freund,“ rief ich ihn an:„wenn Ihr im Schilde führt, was ich vorausſetzen muß, ſo wißt, daß bei mir nichts zu holen iſt.“ Unterdeſſen war der Unbekannte mir ganz nah gekommen und ich konnte ihn genau in's Auge faſſen. Beſchwerlichkeiten und Kummer ſchienen ihn früh gealtert zu haben, doch mochte er nicht viel über vierzig Jahre zählen. Einzelne Silberfäden durchzogen das Haar, das ſchwarz auf ſeine Schultern nieder⸗ fiel. Bei der Geberde, womit ich auf meine Piſtolen wies, flog ein ſchmerzenreiches Lächeln über ſeine zerſtörten Züge; ohne mir zu antworten, hob er die eine Hand zum Hut, und ſchob die andere aus den Falten der Fazada; dieſer Hand fehlten die Finger. Beim Anblick dieſes Stummels verwan⸗ delte ſich meine kriegeriſche Aufwallung in Mitleid, und ich wollte dem Unglücklichen eine Gabe reichen. Zweifelsohne errieth er meine Gedanken, denn eine leichte Röthe ſtieg 6 ſeinen bleichen Wangen auf. „Ich bedarf nichts, edler Herr,“ ſagte er:„und verlange keine Gunſt als die Erlaubniß, Euch in einiger Entfernung zu folgen. Ich dachte dies ungeſehen vollführen zu können; doch iſt es beſſer, daß ich Euch bitten kann, die Schritte Eu⸗ res Roſſes ein Bischen zu mäßigen, denn Müdigkeit und Grauſen laſten ſchwer auf mir.“ — 291 Bei dieſen Worten wiſchte ſich der arme Tropf den Schweiß von der Stirn, und ich bemerkte zugleich, daß ſeine nackten Füße eine Blutſpur zurückließen. Von Mitleiden bewegt verſetzte ich: „Ich werde anhalten; mit Euern blutenden Füßen könnt Ihr ja nicht von der Stelle.“ „Um der Liebe Gottes und der heiligen Jungfrau wil⸗ len,“ flehte er:„thut das ja nicht, edler Herr; laßt uns eilen aus der Schlucht hervorzukommen.“ „Dieſer Weg iſt Euch alſo nicht bekannt?“ fragte ich. Er ſchauerte ſichtlich zuſammen. „Ich kenn ihn nur zu wohl, edler Herr. Kein Kieſel hier, den nicht mein Blut röthete... Und ein noch koſt⸗ bareres Blut,“ ſetzte er mit einem ſchweren Seufzer hinzu. „Wohlan denn,“ rief ich aus:„ſchon will es Nacht werden und wir find noch weit vom Ziel.“ Somit ſetzte ich mich wieder in Bewegung, langſam zwar, doch offenbar immer noch zu ſchnell für den neuen Begleiter, der ſich mühſelig von der Stelle ſchleppte. Die Felswände der Schlucht ſchoben ſich wieder ganz nah zuſammen. Noch leuchtete der Sonnenſchein auf den Wipfeln der hochſtehenden Fichten, aber unten lag ſchon dichter ſchwarzer Schatten. Die Nacht drohte die Schlucht mit un⸗ durchdringlicher Finſterniß zu erfüllen, und es ſchien gerathen, möglichſt bald in's Freie zu kommen. Ich entſchloß mich deß⸗ halb, Anaſtaſio zu rufen und den Unbekannten zu mir aufs Pferd zu nehmen. Bei allem geheimen Mißtrauen gab es die Menſchlichkeit nicht zu, den Elenden ſeinem böſen Geſchick zu überlaſſen. Er nahm mein Anerbieten mit freudigem Dank an, und kletterte zu mir empor, während Anaſtaſio her⸗ beikam. Stillſchweigend ſetzten wir eine Weile unſern Weg fort. Beim Anblick der alten Bäume, die ſich rieſig in phantaſtiſchen Formen am Himmel zeichneten,— beim Rauſchen des Laubes im Abendwind ſchien ſich ein unnennbares Grauſen meines Begleiters zu bemächtigen. Mit unterdrückter Stimme raunte er mir zuweilen zu: „Jeſus Maria! Seht Ihr nichts, hört Ihr nichts?“ Unwillkürlich gab ich mir Mühe, etwas zu entdecken; doch vernahm ich nichts als den Schrei der Nachteule, wenn ſte von Baum zu Baum flog, und ſah nichts als ſchwarze Umriſſe am nachtenden Himmel. Ich richtete an Anaſtaſto die Frage, ob wir noch weit von dem Kreuz entfernt ſeien, wovon mein Freund, der Spanier, mir erzählt hatte. Mein Begleiter erbebte.. „Da, vor uns,“ antwortete er flüſternd an Anaſtaſio's Statt, und murmelte ein Stoßgebet. Auf der Böſchung zeichnete ſich in der That ein Kreuz, und wir hatten es bald erreicht.„ „Edler Herr,“ ſagte der Unbekannte:„Ihr würdet Eurer Güte die Krone aufſetzen, wenn Ihr hier nur einen Augenblick anhalten wolltet.“ „Weshalb?“ fragte ich) unzufriedener noch, als ich es merken laſſen wollte mit der Zögerung an ſo unheimlicher Stelle. 293 „Einen Augenblick, nur einen kurzen Augenblick,“ flehte der Krüppel:„nur um dem Schläfer dort zu ſagen, daß ſein Tod gerächt iſt.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, ließ er ſich zu Boden gleiten, und erklimmte mit einer Behendigkeit, die ich ihm nicht zugetraut hätte, den ſteilen Abhang, indem er ſich an Wurzeln und Vorſprünge klammerte. „Kennt Ihr den, welcher hier ruht?“ fragte ich zu ihm hinauf. „Mein ermordeter Sohn liegt hier begraben, edler Herr,“ verſetzte er, niederkniend, mit gepreßter Stimme. Ich entblößte das Haupt und wartete, bis der Krüppel ſein Gebet geſprochen. Er pflückte am Fuß des Kreuzes ein paar Blumen, die er ſorgfältig im Buſen barg, und ſtieg wieder zu mir auf's Pferd. „Der arme Knabe,“ ſprach er: v„er war viel ſchwächer als ich und ſchon beim zehnten Meſſerſtich todt. Ich habe ſie gezählt, die Stiche; doch nur die ſeinen. Ihn vertheidigend, wurden dieſe Hände verſtümmelt und unfähig gemacht, ihn zu rächen. Dennoch, edler Herr, dennoch fand ich Mittel zur Rache.“ „Ihr ſeid alſo der Gambuſino Rivas?“ fragte Anaſtaſiv. „Ja,“ verſetzte mit einem Ausdruck von Stolz Rivas, der Entdecker des Placer von Bacuache.„Das Gold, wel⸗ ches ich dort gewonnen, war vor einem Jahre Schuld am Tode meines Kindes. Ich kam mit ihm an einem Abend wie der heutige zu dieſer Stelle, als drei Mörder, die Geſichter mit ſchwarzen Halstüchern umwickelt, uns heimtückiſch überfielen. Gnade für meinen Sohn, rief ich ihnen zu. Sie ließen mich ſchreien, und berſtümmelten meine Hände. Aber ſchweigen hätten ſie müſſen, die Unvorſichtigen; an der Stimme hab' ich ſie wiedererkannt, durch die Stimme hat der Himmel ſie meiner Rache überantwortet.“ Mit zweifelnder Geberde fragte Anaſtaſio, ob jener auch die Rechten getroffen? „Hört mich an, edler Herr. Vor drei Monden traf ich ſie, die ich an der Stimme erkannte, in den Minen von Su⸗ biate, wie ſie eben die Höhlung luden, um einen Block zu ſprengen. Da ſprach's in mir: ein Funke, welchen der Pickel ſchlägt, kann uns alle in die Luft ſprengen.*) Wenn dieſe nun wahrhaftig die Mörder meines Sohnes ſind, ſo will ich's an dem Zeichen erkennen, daß ſie allein zu Grunde gehen; wenn ich aber mit ihnen ſterbe, ſo möge Gott uns allen ver⸗ geben! Ich zauderte nicht. Ihr habt ſelber geſehen, wie ich dem Grauſen ſchier erlag an dieſem unſeligen Orte, wo mein Kind vor meinen Augen unter Mörderhänden ſtarb; ohne Euern Beiſtand hätte ich ſchwerlich mehr lebend dieſes Kreuz erreicht, um meinem Knaben zu ſagen, daß er gerächt iſt. Aber meine Hand zitterte nicht, da ich den Funken aus dem Felſen ſchlug zum Gottesgericht. Ihre Glieder zerriß der Aus⸗ bruch, ich kam unbeſchädigt davon... War das kein Gottes⸗ gericht?“ *) Die merxicaniſchen Bergleute pflegen unvorſichtiger Weiſe das Pulver mit ihren eiſernet Werkzeugen in die Sprenglöcher zu keilen, und es iſt zum Verwundern, daß ſich ſo ſelten Unglücksfälle daßei ereignen. 295 Anaſtaſio ſchüttelte das Haupt, entgegnete aber weiter nichts. Eine Stunde ſpäter vernahmen wir Hundegebell. „Bald müſſen wir die Feuer von Fronteras erblicken,“ ſagte der Diener:„dort, edler Herr, werdet Ihr etwas Gutes zu eſſen bekommen, und wenigſtens unter einem Dach ruhen.“ Das Gebell wurde immer vernehmbarer, aber von einem Licht war immer noch nichts zu ſehen. Wir verließen das Flußbett, um einem Pfad zu folgen, der uns zu einer kleinen Ebene führte, auf deren Mitte wir eine Häuſergruppe unter⸗ ſchieden, aber kein Lichtſchimmer und kein ſonſtiges Zeichen ließ auf Menſchennähe ſchließen. Abſteigend rief Anaſtaſio: v Von der Streu mit den Bärenhäutern. Unſere Pferde werden ein Mäßlein Mais nicht verſchmähen, und wir ein paar Hühner wahrlich nicht verachten.“ Er donnerte dabei mit dem Säbelknopf gewaltig gegen die Pforte, aber von innen kam keine Antwort. „Der Satan berſtehe das,“ brummte Anaſtaſio, und klopfte noch ungeſtümer denn w Unſer Erſtaunen wuchs, als wit nach und nach entdeck⸗ ten, daß auch die andern Hütten verlaſſen ſtanden. Einige darunter waren nicht einmal verſchloſſen. Anaſtaſio wurde nachdenklich; dann hob er an: „Da ſteckt etwas dahinter, und ich muß wiſſen was? In jedem Fall heißt's jetzt behutſam ſein. Kehrt mit dem Gambuſino zum Flußbett zurück; dort verbirgt ſich unſer Feuer hinter dem Felſen und kann von weitem nicht entdeckt werden. Ich folge Euch bald nach. Werft mir nur kein Holz 296 vom Palo Hediondo in's Feuer; der Herr Rivas wird Euch die Art kennen lehren.“ Die Warnung vor dem„Stinkholz“, das durch ſeinen durchdringenden Geruch auf weite Strecken das Daſein eines faſt nicht ſichtbaren Feuers verräth, ſo wie die übrigen Rath⸗ ſchläge bezeugten eine gewiſſe Aengſtlichkeit, zu der triftige Ur⸗ ſachen vorhanden ſein mußten. Anaſtaſio zündete eine Maiseigarre an, und ich ſah, wie er ſich bückend den Boden vermittelſt des bei jedem Zuge auf⸗ flammenden Scheines unterſuchte. Bald berlor ich ihn aus den Augen. Der Gambuſino half mir dürre Aeſte aufleſen, und bald flackerte das Feuer, deſſen wir während der Nachtkühle nicht wohl entrathen konnten. So verſtrich eine Stunde bis zu Anaſtaſio's Ankunft. Der Krüppel hatte kein Wort geredet und ich geſchwiegen. Die Miene des Dieners war nichts we⸗ niger als ſorglos. Er warf zwei Hühner auf den Boden, die er ſchlafend überraſcht und erwürgt hatte. „Nun?“ fragte ich⸗ Den Kopf krauend verſetzte Anaſtaſio zögernd: „Ihr müßt nicht erſchrecken, aber ich habe ein voreiliges Verſprechen geleiſtet.“ „Wie ſo? Weshalb 24 „Ich habe mich bei meinem Herrn, dem Senator, für Eure Sicherheit verbürgt. Nicht wahr?“ „Allerdings.“ „Jetzt fürcht' ich mehr verheißen zu haben, als ich hal⸗ ten kann. Unfern des Dorfes hab ich Indianerfährten beſtä⸗ 297 tigt, und leicht iſt nun zu errathen, daß die Einwohner ſich geflüchtet haben. Nun iſt die bedenkliche Frage: ſind die Apachen ganz fort oder werden ſie wiederkehren? So oder ſo, fliehen können wir auf keinen Fall; unſere Pferde ſind ent⸗ ſetzlich zugerichtet. Wir müſſen mithin wohl zur Stelle blei⸗ ben; und wenn wir auch heut Abend noch bis Bacuache kom⸗ men könnten, ſo wäre vielleicht damit mehr verſpielt als ge⸗ wonnen. Ich habe mich voreilig für Eure Sicherheit verbürgt, und wenn ich mein Wort nicht löſen kann, ſo werd' ich min⸗ deſtens ſtandhaft bei Euch ausharren Ein Schelm thut mehr als er kann, nicht wahr, Herr Rivas?“ In tiefes Sinnen verloren, gab der Gambuſino keine Antwort. „Wie Gott will,“ fuhr Anaſtaſio fort:„Jjedenfalls wol⸗ len wir uns wehren.“ Ruhig, als ſäß' er daheim in vollſter Sicherheit, machte er ſich nun an's Geſchäft, die Hühner zu rupfen. Ein Zweig von Eiſenholz, das häufig in der Rähe wuchs, gab den Bratſpieß. Mir war der Hunger ſo ziemlich vergangen, wie ſich leicht denken läßt; doch iſt der Muth anſteckend wie die Furcht, und die Ruhe des Dieners gab mir endlich meine Faſſung wieder. Aber ich lauſchte mit geſpannter Aufmerkſamkeit auf jeden der Laute, woran der abendliche Wald ſo reich iſt. Das Rauſchen der Gewäſſer, das Knacken der Zweige unter den Halfterriemen unſrer Pferde, das Geſurr der Schnacken, das Krachen des dürren Holzes im Winde, alle dieſe und hundert 298 andre Töne, die mich ſonſt in Träume gewiegt hätten, waren jetzo eben ſo viele Drohrufe für mich. 2 Im Augenblicke, da unſer ſorgfältig beſtellter Braten ſchon lockende Düfte ſpendete, ließ ſich ein anderer fremdartiger Ton vernehmen, der ſogar Anaſtaſio auffiel. Er bückte ſich, um zu horchen; bald aber ſagte er mit gewohnter Ruhe: „Sie gehen nur halb und halb wie Indianer, und müſ⸗ ſen Weiße ſein.“ Bald ließen ſich Stimmen unterſcheiden, und auf der Felſenböſchung erſchienen zwei Geſtalten, wie ſie ganz zu den übrigen Vorkommniſſen des abenteuerlichen Abends paßten. Der eine dieſer neuen Ankömmlinge war ein hochgewachſener Mann, das Geſicht verhüllt in einem röthlichblonden Bart. Eine kegelförmige Kappe von unkenntlich gewordenem Fell ſaß auf wirrem Haar von der Farbe des Bartes. Ein Tſchopen von grobem grauen Tuch, ſchon ſchrecklich geflickt, mit vier⸗ eckigen Schößen und weiten Taſchen, und eine Art von dam⸗ hirſchlederner Beinbekleidung, durch Riemen auf den Beinen befeſtigt, vollendeten den Anzug. Auf der Bruſt kreuzten ſich die ledernen Tragbänder, woran die Waidtaſche auf dem Bauch und das Pulberhorn hingen. Auf der Schulter trug er eine lange Kugelbüchſe mit meſſingenem Lauf. Der andere trug das Lederwamms von ziegelrother Farbe, die Gamuza, welche wie ein Hemd angezogen wird, reichlich mit weißen Metall⸗ knöpfen beſetzt, und eine Lederhoſe, woran einſt allerlei Silber geweſen ſein mochte. Er war ebfnfalls mit einer Kugelbüchſe bewehrt, aber mit eiſernem Lauf aus einer Lütticher Fabrik. „ ₰ 299 Statt des Reiſeſackes trug er auf dem Rücken einen ſchweren mexicaniſchen Sattel. Die beiden ſahen ein kurzes Weilchen ſchweigend auf uns herab, bevor der Mann im Lederwamms ſich zu ſeinem Ge⸗ fährten wandte: „Wir ſind weit von denen, die wir ſuchen, ſonſt ſäßen die Herrn dort nicht ſo gemüthlich am Feuer.“ „Das werden wir ſehen, ſobald der Tag anbricht,“ ver⸗ ſetzte der andere mit fremdartiger Betonung:„aber ich meine immer noch, daß wir nicht weit von ihnen weg ſind.“ „Von wem redet Ihr?“ fragte ich hierauf. „Von einem Trupp indianiſcher Diebe, die wir ſeit einigen Tagen ſchon verfolgen,“ entgegnete der Mann im Le⸗ derwamms, ſich dem Feuer nähernd:„in der Dunkelheit ver⸗ loren wir heut Abend die Spur. Der Schein Eueres Feuers lockte uns hieher, und mit Euerer Vergünſtigung wollen wir ein wenig raſten.“ Bei dieſen Worten legte er hochaufathmend den ſchweren Sattel nieder, der ſeine Schultern belaſtete. Die Verſtärkung an Mannſchaft ſchien mir höchlich will⸗ kommen, und auf Anaſtaſto zeigend ſagte ich: „Hier iſt Jemand, der Euch wird Aufſchluß geben können.“ Die zwei Fremden ließen ſich nieder nach der Art der Wüſtenei, nämlich ohne Umſtände. „Ah! les chiens m'ont fait boucaner!“*) rief *) Boucane heißt im canadiſchen Franzöſiſch die Pfeife; bou- caner: rauchen, dampfen,(auch im figürlichen Sinn, wie hier.) 300 der Rothbart auf Franzöſiſch aus, und zwar mit der ſchlep⸗ penden Betonung eines Normanns, zu meiner großen Freude, denn ich errieth alsbald, daß ich einen ächten canadiſchen Jäger vor mir hatte, einen Abkömmling der berühmten Wald⸗ leute aus Normannenblut, von deren Wunderthaten ich ſchon ſo vieles vernommen, ohne je einen von ihnen geſehen zu haben. „Willkommen, Freund,“ ſagte ich ebenfalls auf Fran⸗ zöſiſch „Wie?“ rief der Canadier:„Ihr ſeid ein Franzoſe?“ In freudiger Wallung reichte er mir ſeine breite Hand.— „Es iſt lange her,“ fuhr er fort:„ſeit ich meine Mutter⸗ ſprache nicht mehr vernahm. Wer zum Teufel hätte mir auch geſagt, daß ich heut Abend noch einen Landsmann treffen würde, mit dem ich nicht Spaniſch zu rothwelſchen brauche.“ Während wir noch einige Reden wechſelten, erſtattete Anaſtaſio dem mericaniſchen Jäger Bericht über die India⸗ nerſpur. „Hatte ich Recht?“ rief der Canadier mit triumphiren⸗ dem Blick. „Wie gern laſſ' ich mich belehren,“ entgegnete der Mexi⸗ caner, und fuhr dann gegen Anaſtaſio fort; „Habt Ihr unter den Fährten beim Dorf nicht vielleicht die eines Pferdes bemerkt, deſſen rechter Vorderhuf durch ein Naturſpiel ein wenig ſtärker iſt qls der linke?“ Der Befragte verneinte.„Doch eines iſt ſicher, fügte — er hinzu:„die Bande iſt ſchon ſeit längerer Zeit unter⸗ wegs.“ „Seit vierzehn Tagen gradaus, nicht mehr nicht minder,“ erläuterte der Mexicaner;„ſo lange iſt es her, ſeit ſie in einer unbewachten Stunde dieſem canadiſchen Herrn und mir den Ertrag einer ganzen Jahresarbeit und ein Pferd ſtahlen, das ich wie ein Kind liebte.“ Der Gambuſino erbebte bei dieſem Wort und barg ſein Geſicht im Schatten; er wußte wohl beſſer, wie ein Vater ſein Kind liebt. Der canadiſche Waidmann fügte hinzu: „Ich bedaure nichts, als eine prächtige Sammlung von Fiſchotterfellen, wovon das geringſte ſeine dreißig Piaſter 2) unter Brüdern werth war. Doch Geduld! Wer zuletzt lacht, lacht am Beſten.“ „Zum Theil bin ich ſelber Schuld,„ſagte der Mexi⸗ caner:„denn ſeitdem ich die armen Seelen im Fegfeuer an⸗ geführt, iſt kein Heil und Segen mehr in meinem Leben.“ Dieſe Worte waren mit einer Salbung vorgetragen wor⸗ den, die mir ein Lächeln abnöthigte. „Ihr meint alſo,“ hob ich an:„daß die armen Seelen Euerm Mißgeſchick nicht fremd geblieben? Ich möchte wohl wiſſen, wodurch Ihr ſie ſo beleidigt habt. Nehmt vorlieb hier, und erzählt uns bei der Mahlzeit die Begebenheit.“ „Gern,“ ſagte der Mexicaner mit einem begehrlichen *) Ein Piaſter iſt im Werth dem franzöſiſchen Fünffranken⸗ thaler ziemlich gleich. 302 Blick auf die Hühner, die Anaſtaſio eben vom Spieß zog. Mit Ausnahme des Gambuſino Rivas ſpürten wir alle ziem⸗ lichen Hunger und ein Augenblick feierlichen Schweigens trat ein. Die Flamme beleuchtete damals eines der ſeltſamſten Bilder, die ich je erblickt; der grelle Schein hob die ſtarken Formen des Canadiers, ließ das tiefbraune Antlitz des Mexi⸗ caners wie Erz erglühen, und warf noch trübſeligere Schatten auf des Goldſuchers verſtörte Züge. Der Mann im Lederwamms bekreuzte ſich, bevor er anhob: „Ihr Americaner*) glaubt an nichts; dennoch bin ich feſt überzeugt, wie ich ſchon die Ehre hatte Euch zu ſagen, daß die Seelen im Fegfeuer mir das Unglück zuzogen. Bevor ich noch dieſes Herrn Gefährte wurde, war die Jagd bereits mein Gewerbe. Wie manche Nacht ſtand ich auf Hirſche an, deren Decke ich ſtets gut verkaufen konnte. Wie manche Nacht paßte ich an der Tränke auf Tiger und Löwen, deren Häupter Stück für Stück mir zehn Piaſter von den Hacenderos ein⸗ trugen, ohne die Haut, die ich auch behalten durfte. Für einen kleinen Theil des Gewinnſtes ließ ich immerdar Seelen⸗ meſſen leſen, und ich darf wohl ſagen, daß meine Geſchäfte ſich wohl dabei befanden. Später verband ich mich mit die⸗ ſem Herrn, und verlegte mich ausſchließlich auf Fiſchottern und Biber. Als ich nun eines Tages dieſen unſchuldigen Thierchen auflauerte, ſah ich im Dickicht am Bach die ſtatt⸗ *) In Sonora heißt jeder Fremde Americaner, wie im Süden von Mexico: Engländer. 303 lichen Geweihe zweier ſtarken Hirſche. Die Erinnerung an meine erſten Jagden ſtieg mir zu Kopf, und ich beſchloß, die beiden Haupthirſche zu erlegen. Die Aufgabe war nicht leicht, wie Ihr denken könnt, doch hoffte ich durch Gottes Hülfe da⸗ mit zu Stande zu kommen. Ich gelobte, wenn es mir gelänge, alle zwei mit einem Schuß zu erlegen, ſo ſollte die Decke des einen den armen Seelen gehören. Zugleich ſetzte ich noch eine zweite Kugel auf, und feuerte dann getroſt ab.“ „Und fehltet alle beide,“ ergänzte ich. „Behüte! doch als der Pulverdampf ſich verzogen, hatte ich den Kummer, zu ſehen, daß nur mein Hirſch am Boden lag; der Armeſeelenhirſch floh wie vom Teufel gehetzt.“ „Für einen ſo frommen Gönner der Seelen im Fegefeuer war doch die Gewiſſensfrage nicht ſchwer zu löſen,“ ſagte ich mit dem Ernſt eines Catv. „Wäre meine Andacht geringer, ſo hätte mir's wahrlich nicht ſo weh gethan, die heiligen Meſſen in wilder Flucht auf 3 Läufen von dannen fliehen zu ſehen; erſt nach dem Ver⸗ b meines Gauls iſt mir beigefallen, daß ich eigentlich wohl meinen Hirſch mit den armen Seelen hätte theilen müſſen... gethan, und das werd' ich halten. Vierzehn Tage und vier⸗ zehn Nächte folgen wir ſchon dieſen Höllenbränden von Apa⸗ chen. Hier nun will ich mein Gelübd erneuen.“ Der Waidmann erhob ſich, ſtreckte die Hand gen Himmel und mit blitzenden Augen und weitgeöffneten Nüſtern rief er mit ſchallender Stimme die Worte, welche der Wiederhall gleichſam als Zeuge nachſprach: Doch,“ fügte der Jäger hinzu,„ich hab ein anderes Gelübde —— . err Se „Ich gelobe und ſchwöre, dieſe Hunde anzupacken, allein oder ſelbander, wo und wie ich ſie treffe, und müßt' ich ſie bis in ihr Dorf verfolgen. Ich gelobe, dieſen Sattel, den Sattel meines geraubten Pferdes, ſo lange zu tragen, bis ich ihn auf die Schultern eines jener Teufelskinder abladen kann. Ich gelobe, ihre Brut als Sklaven zu verkaufen und den gan⸗ zen Erlös den armen Seelen zu widmen. Mögen ſie mir be⸗ hülflich ſein.“ „Und Ihr,“ fragte ich den Canadier:„habt Ihr auch ein ſolches Gelübde gethan?“ „Ich? Nein!“ entgegnete er gleichmüthig:„ich laufe nur ſo mit.“ Der Mexicaner nahm ſeinen Sattel, lud ihn auf die Schultern und ſprach: „Wir haben ausgeruht. Seid bedankt für Eure Gaſt⸗ freundſchaft. Wir müſſen weiter, denn mein Gelübde duldet nur die nöthigſte Raſt. Wenn der Zufall Euch jemals zur Hacienda de la Roria führt und ich lebe noch, ſo wer⸗ Gott befohlen, edler Herr.“ . Ihr mich hoffentlich mit den Seelen im Fegfeuer ausge⸗ Zlichen finden. Der Canadier drückte mir herzhaft die Hand und folgte ſeinem Gefährten, das Gewehr auf der Schulter. Voll Erſtaunen blickte ich den zwei kühnen Abenteurern nach, die, ſelbander eine ganze Horde von Indianern verfolgend, nur auf ſich ſelber rechneten, um das Wagſtück zu vollführen. Bald verloren ſich die irrenden Ritter in der Finſterniß, das letzte Geräuſch unter, ihren Schritten war verhallt, und ich ſagte zu Anaſtaſto: —— 305 „Zwei verlorene Menſchenkinder.“ „Wer weiß?“ antwortete der Diener ruhig, und dehnte ſich neben dem Feuer aus. Den letzten Reſt von Sorge ſcheuchte die Müdigkeit von mir, und mitten im Nachdenken über die Begegnung mit den ſonderbaren Geſellen ſchlief ich ein. Als wir Morgens unſern Weg fortſetzten, verſchwand der Mond eben hinter den Bergen. Unſere Pferde konnten mit ihren abgetretenen Hufen kaum von der Stelle, und wir rück⸗ ten entſetzlich langſam vorwärts. Rivas hielt ohne Mühe gleichen Schritt, und wir bildeten ſomit ein klägliches Klee⸗ blatt. Nach Tagesanbruch blieb unſer Reiſegefährte zuweilen ſtehen, und bei einer Wendung des Weges war er plötzlich hinter uns verſchwunden. Ich rief ihm zu wiederholten Ma⸗ len, erhielt jedoch keine Antwort. „Kümmert Euch nicht weiter um ihn, edler Herr,“ ſagte Anaſtaſio:„wahrſcheinlich ſpürt er irgend einem Creſton nach, denn Ihr müßt wiſſen, Herr, daß wir hier ſchon goldenen Boden betreten. Rivas iſt Gambuſino mit Leib und Seele, und das Gold zieht ihn zu ſich wie der Magnet das Eiſen. Mein Bruder iſt gerade ſo. Uebrigens glaub' ich, daß der Krüppel nicht recht bei Troſt iſt. Seit dem Tode ſeines Soh⸗ nes hat er ſchon mehrmals die Stimmen der Mörder wieder⸗ erkannt. Wahrſcheinlich hat ſeine Rache ein paar Unſchuldige getroffen, und zwar ſchwerlich die letzten Opfer ſeiner Ver⸗ blendung. Der Erzähler. 1846. W. 20 306 Der arme Krüppel! Er that mir von Herzen leid, aber bald dachte ich an andre Dinge. Auf der Reiſe haftet kein Gedanke allzulange. Nach acht mühſeligen Meilen erreichten wir endlich eine Stelle, wo verſchiedene Gruppen zerlumpten Volkes, mit Gold⸗ waſchen beſchäftigt, uns unfreundliche Blicke zuwarfen. Eine kurze Strecke weiterhin, wo bei einer ſcharfen Wendung der Weg von Bäumen frei wurde, ſah ich vor mir eine lange ſchmale Schlucht, mit Hütten von Bambus und Laubwerk, kaum zu unterſcheiden von Bäumen und Geſträuch; was ich erblickte war Baeuache. Bevor ich nun zum letztenmal den oft durchrittenen Bach überſchritt, verweilte ich auf der Platte über dem weſtlichen Uferhang, um mit einem Blick den ganzen Placer zu über⸗ ſchauen. Vor mir öffnete ſich die Thalſchlucht, auf drei Seiten von ſteilen Abhängen umſchloſſen, dicht mit Pinien beſtanden. Graue Felſenkanten ſchauten hie und da aus dem zerriſſenen Erdreich und dem ernſtdunkeln Grün der Bäume. Von der Höhe im Hintergrund der Thalſchlucht brauste ein Bach über ſteile Felſenhänge. Dieſer Bach ent⸗ ſpringt der Waſſerſcheide zwiſchen Bacuache und Nacome. Auf der Höhe des Gebirges lagen Nebel. Mit dem Haupt⸗ bach der Schlucht vereinigten ſich, von beiden Seiten zuſtrö⸗ mend, andere geringere, die, wie deutlich zu ſehen war, während der Regenzeit arge Verwüſtungen anzurichten pflegen. Am Bachesrand, mitten im Waſſer und auf dem Sande arbeiteten in gebückter Stellung viele Leute mit Pickel, Schau⸗ fel oder Wanne. Von Zeit zu Zeit blitzte und donnerte eine 307 geſprengte Mine. Dem Ausbruch folgte wirrer Lärm, Fluch oder Freudenruf; dann ward es wieder ein Weilchen ſtill, und nichts wurde vernommen als das Brauſen der Waſſer⸗ fälle. Wenn man bedenkt, daß hier keine geſetzliche Gewalt das Recht der Benutzung der„Pertenencias“ ordnet, und daß die Erde hier nicht dem erſten Beſitzergreifer, ſondern dem Stärkern angehört,— ſo begreift ſich's leicht, daß jeder neue Ankömmling mit ſcheelen Blicken empfangen wird. Darum geſchah es mit geheimem Widerſtreben, daß ich mein Pferd in den Fluß ſpornte. Anaſtaſio folgte mir und wir näherten uns einer Gruppe, die Sand in ihre Bateas füllte. Ana⸗ ſtaſio fragte hier nach dem Herrn Pedro Salazar, den wir aufſuchen wollten. Anaſtaſio hatte die Anfrage mit ſeiner gewohnten Leut⸗ ſeligkeit vorgebracht und erhielt zur Antwort: „Ich weiß nicht, ob der, welchen Ihr nanntet, noch von dieſer Welt iſt. Iſt er's, ſo trefft Ihr ihn dort an jenem Bach.“ Er deutete dabei auf das Hauptgewäſſer der Thalſchlucht. Wir folgten der angedeuteten Richtung. Im tiefen Bette des Arroyo fanden wir einen hochgewachſenen Mann. Bei ihm ſtand, an einen Baumſtamm gebunden, ein aufgeſchirrtes Pferd. Vom Sattelbogen hing ein bloßer Degen. Der Mann ſtand bis zum Gürtel im Waſſer und ſtülpte eben Steine übereinander. „Er iſt's,“ ſagte Anaſtaſiv. 308 Die Brüder hatten ſich ſeit langen Jahren nicht geſehen und der herzliche Empfang hatte etwas Feierliches. Nachdem der Sturm der Begrüßung, der erſten Fragen und Antworten ſich gelegt, ſagte Pedro zu ſeinem Bruder: „Du findeſt mich eben beſchäftigt, den Bach abzu⸗ leiten.“ „Du wirſt wohl wiſſen wozu,“ verſetzte Anaſtaſio:„doch ſcheint die Vergangenheit Dir nichts zu ſein, da Du immer noch nicht Dein gefährliches Gewerbe aufgegeben.“ „Was willſt Du?“ ſagte Pedro:„jeder hat ſeinen Be⸗ ruf; der meine iſt, ein gefährliches Gewerbe zu treiben, das ich jedem andern vorziehe, vielleicht juſt um der Gefahr willen. Auch hier ſogar ſind wir in Feindesland, und wie Du ſiehſt führ' ich neben der Barreta den Degen.“ Er deutete auf das angebundene Plerd. „Aber wie?“ ſagte Anaſtaſio:„Alles iſt ja ruhig.“ „Dem Scheine nach,“ antwortete Pedro:„doch der Beſitz des Waſſers wird mir vielfach beneidet. Mit dem Meſſer in der Hand vertheidigte ich mehr als einmal ſchon mein gutes Recht gegen meine Nachbarn, ſowie gegen die Goldwäſcher von Nacome, welche den Bach anſprechen, weil er ihrer Behaup⸗ tung nach in ihrem Gebiet entſpringe. Mit den Nachbarn bin ich ſo ziemlich im Reinen, nicht ſo mit den Nacomern. In einem Handgemeng mit ihnen iſt mein Genoſſe verwundet worden, und wir ſind ſtets eines neuen Angriffs gewärtig, darum auf unſerer Hut.“ Trotz der bedenklichen Ausſichten mußten wir uns zum Bleiben bequemen, um den Pferden Erholung zu gönnen, 309 und Anaſtaſio fragte ſeinen Bruder, ob er uns aufnehmen könne? „Dort unten ſteht meine Hütte,“ ſagte der:„zu Euern Dienſten, wenn den edlen Herrn das Wimmern des Verwun⸗ deten nicht etwa ſtört.“ Anaſtaſio richtete einen fragenden Blick auf mich. Ich nickte. So nahmen wir das Obrach bei Pedro an, und wäh⸗ rend Anaſtaſio die Pferde hinabführte, ließ ich mich beim Gambuſino nieder, der in ſeiner Beſchäftigung fortfuhr. Um ein Geſpräch in Gang zu bringen, hob ich an: „Wie ich meine, gebt Ihr Euch da eine ſehr unnütze Mühe, denn wenn der Bach ſo beneidenswerthe Reichthümer mit ſich führt, ſo iſt es ja genug, wenn Ihr ſein Bett aus⸗ fiſcht.“ „Was ich auch gethan habe,“ ſagte er.„Vom Waſſer⸗ fall, den Ihr dort unten erblickt, iſt jeder Kieſel durch meine Hände gegangen, ja jedes Körnlein Sand. Der Erfolg hat meine Erwartungen übertroffen, und gerade dieſes Ergebniß zwingt mich, die Arbeit zu unternehmen, womit Ihr mich be⸗ ſchäftigt ſeht.“ „Dieſer Zwang geht über meine Begriffe.“ Pedro lächelte, dann zog er aus einem Lederſäckchen, das er unter dem Hemd verborgen trug, ein eckiges Stückchen Gold von der Größe einer Haſelnuß hervor und ſagte dazu: „Was würdet Ihr von einem Lager halten, worin ſolche Pepitas ſich finden?“ „Daß die Ader nicht ferne ſein kunn, da ſich das Gold noch gar nicht hat abſchleifen können.“ 310 „Und wenn dann oberhalb eines gewiſſen Punktes all' Euer Suchen vergeblich bliebe?“ „So würd' ich's bleiben laſſen.“ „Weiter nichts? Ihr ſolltet Euch doch einbilden, daß die Ader, von wannen die Stücke kommen, unter der Stelle ſein muß, wo Ihr nichts mehr entdeckt. Kurz und gut, fügte er mit gedämpfter Stimme hinzu: hier an dieſem Ab⸗ hang muß die Ader ſitzen, und darum will ich den Fleck mal trocken legen.“ „Und fürchtet Ihr nicht,“ ſagte ich:„daß Euere Nach⸗ barn Euch den glücklichen Fund wegnehmen?“ „Ich bin darauf gefaßt, doch fürcht' ich ſie nicht. Von Kindesbeinen an bin ich mit den Gefahren meines Berufes vertraut. Doch hab' ich auch Vorſicht gelernt. Ein guter Theil meiner bisherigen Ausbeute liegt wohlverwahrt, und für den Fall eines Unglückes ſoll Anaſtaſio das Plätzchen wiſſen.“ Den Blick auf den ſteilen Bachesrand gerichtet, der gleichſam aus der Fluth in die Höhe wuchs, fuhr der Gam⸗ buſtno fort: „Ihr meint vielleicht, daß mich der Eigennutz treibe? dem iſt nicht alſo. Da ſeh' aber einer den Widerſpruch! In dieſer höllenheißen Einöde, wo mancher alles Gold der Welt für ein Glas Waſſer gäbe, iſt mir's oft geſchehen, daß ich den letzten Tropfen meines Vorrathes einem vergeblichen Verſuch opferte; und dennoch verkaufte ich auch ſchon die reichſte Ader für eine Cigarre. Es iſt eben der dunkle Drang in aller ſeiner Unwiderſtehlichkeit, der mich zum Suchen ———— 311 treibt. Ich bin wie der Bergſtrom, welchen der Herr das Gold zum Thale führen heißt. Iſt es nicht auch Gottes unmittelbare Fügung, wodurch wir an gewiſſen Zeichen das Daſein verborgenen Goldes erkennen?“ Während des Redens feierte der Gambuſino keinesweges; er ſetzte Stein auf Stein und ſtopfte die Ritzen fleißig mit Gräſern und Kräutern zu, bis endlich der abgeleitete Bach eine Strecke weit die Ufer zu beiden Seiten trocken ließ. Ich nahm ſolch lebhaften Antheil, daß ich darüber meine Müdig⸗ keit vergaß „Wenn ich mich nicht verrechnete,“ ſagte der Goldſucher: „ſo muß ſich die Ader ſo ein zwanzig Schritt weiter abwärts finden. Bis dorthin alſo wird alles Nachſuchen eitel ſein.“ Wie um die Probe zu machen, nahm er ſeine Batea zu ſich, fuhr mit beiden Händen wie mit einer Schöpfkelle in das kaum mehr zolltiefe Waſſer, um Erde und Sand herauszuholen, die er dann im Kübel ſorgſam abwuſch. Kein Goldkörnlein kam zum Vorſchein. Eben ſo ging's bei einigen Wieverholungen des Verſuches. Endlich fanden ſich einige kaum ſichtbare Goldtheilchen, die aber offenbar von weiter her kamen, denn ſie waren ganz rund und glatt. Ueberzeugt nun von der Richtigkeit ſeiner Berechnung zog Pedro aus der Taſche ein Stückchen Schilfrohr von etwa vier Zoll Länge und zweimal ſo dick wie ein Federkiel. Nach einer Viertel⸗ ſtunde hatte er es ungefähr halb gefüllt, und verklebte die beiden Oeffnungen mit Wachs. Worauf er mich ihm folgen ſchweigen anzuempfehlen, und ſpielte dann mit meiſterhafter h'eß, und zwanzig Schritte weiter abwärts die Arbeit von neuem begann. Nachdem der Gambuſino hier den Kübel gefüllt und gewaſchen, zeigte er mir mit der ſelbſtzufriedenen Miene eines Profeſſors, dem ſein Experiment gelungen, einige platte, ſpitze und eckige Goldkörner. „Die kommen von näher her,“ ſagte er, indem er mit dem Fuß das Ufer anſtieß:„und rechts oder links iſt hier der rechte Fleck.“ Seinen Scharfſinn bewundernd, gab ich ihm vollkommen Recht. Auf der rechten Seite war eine Höhlung zu ſchen, welche der Bach unter überhängendem Wurzelwerk ausgeſpühlt hatte. Sorgfältig unterſuchte der Gambuſino dieſe Höhlung, doch ohne nur eine Miene dabei zu verzichen. Er unterbrach die Nachforſchung, um an's Ufer hinauf zu ſteigen, wo er ſeinen Pickel gelaſſen hatte, deſſen er nun bedurfte. Die erſten Hiebe drangen ohne Widerſtand in lehmiges Erdreich. Bald aber traf das Eiſen auf harten Widerſtand. Im Nu war der Stein von Erde entblößt, und ein zackiger Fels fam zu Tage, ſo hart, daß erſt nach dem dritten, mit voller Gewalt geführten Streich ein Stückchen losſprang. Der Arkeiter heftete forſchende Blicke auf den Bruch, währenn ich mit höchſt erklärlicher Theilnahme alle ſeine Bewegungen ver⸗ folgte. Er legte den Finger auf den Mund, um mir Still⸗ 313 Vollendung den Enttäuſchten, während er das losgeſchlagene Quarzſtück in die Taſche ſchob, und laut ausrief: „Vergebene Mühe! und müde dazu wie ein Hund.“ Trotz der Müdigkeit aber unterließ er nicht, mit Händen und Füßen die kaum erbaute Schleuße zu zerſtören, und in wenigen Augenblicken bedeckte der Bach wiederum in ſeinem gewohnten Bett das geheimnißvolle Quarzlager. „Gehen wir heim, wenn's Euch genehm iſt,“ ſagte Pedro. Ich folgte ihm. Während des Weges ſah er ſo gleich⸗ müthig aus, als hätte er nicht das Mindeſte auf dem Herzen. Doch als wir in die Hütte getreten waren, und er die Thüre ſorgſam verriegelt hatte, warf er ſeinem Bruder das Quarz⸗ ſtück zu und rief aus: „Du hatteſt vorhin wohl recht; die Vergangenheit iſt nichts für mich. Was aber verheißt die Zukunft demjenigen, welcher eine ſolche Ader beſitzt?“ Anaſtaſio prüfte mit Kennermiene den Stein mit dem reichhaltigen Geäder. Der Verwundete, von welchem der Gambuſino berichtet hatte, ächzte ſchwer, verſuchte ſich auf ſeinem Schilflager zu wenden, konnte aber nur die Hand aus⸗ ſtrecken und mit erloſchener Stimme ſagen: „Geb het und laſf mich auch ſehen. Wir iſt dunkel vor den Augen.“ Anaſtaſio reichte ihm den koſtbaren Kieſelſtein. „Im Bache haſt Du das gefunden?“ fragte jener. „Ja,“ verſetzte Pedro:„freu' Dich, daß Du bei der Vertheidigung Dein Blut nicht umſonſt verſpritzteſt.“ 314 Der Verwundete gab keine Antwort, doch blitzte auf ſei⸗ nen bleichen Zügen eine freudige Regung auf, dann ſchloß er die Augen, wie um ſeine Gedanken nicht von dem angenehmen Gegenſtand zerſtreuen zu laſſen. Pedro näherte ſich ihm wie⸗ der und ſprach: „Nach Deiner Geneſung wollen wir die Mine öffnen; nur darauf wart' ich. Auch hab' ich durch kein Zucken auf meinem Geſicht meine große Freude verrathen. Sei nur ruhig, das Waſſer birgt unſere Fundgrube, und niemand ahnt ihr Daſein.“ Der ſchwere Athemzug des Leidenden wurde hörbarer; er wollte wieder etwas ſagen, konnte aber nichts hervorbringen, als kaum vernehmbar:— „Himmel, welch ein Durſt!“ Er erhielt alsbald zu trinken, und die Brüder erſuchten mich, die Wunde zu unterſuchen, welche der Gambuſino nach der landesüblichen Art verbunden hatte. In Sonora gilt jeder Fremde für einen Arzt oder für einen Uhrmacher, und ich war ſchon viel zu oft in den Fall gekommen, um Rath ge⸗ fragt zu werden, als daß ich meine Zeit mit unnützen Ein⸗ wendungen vergeudet hätte. Ich willigte ohne Umſtände ein, und der Goldſucher hob den Verband, den ich natürlich für höchſt zweckmäßig er⸗ klärte. Dieſe Art von Verband nach indianiſcher Weiſe iſt jedenfalls ſehr merkwürdig. Das ganze Land wimmelt von einer ungewöhnlich großen Ameiſenart, deren Biß durchaus nicht giftig iſt. Von, dieſen Ameiſen thut man in ein tiefes Glas, welches man an die Wunde bringt, nachdem das Blut — 315 geſtillt und die Wundränder ſorgfältig einander genähert wor⸗ den. Wenn nun die Ameiſen ſich ſo verbeißen, daß ihre Zangen die Wundränder zur Linken und zur Rechten packen, ſo zwickt man mit den Nägeln das Inſekt in der Mitte ab, wodurch die Zangen nur um ſo feſter packen und eine Nath bilden. Die Entzündung wird durch gewiſſe Kräuter gemil⸗ dert, worunter der Oregano, eine Art wilder Majoran, der nur auf Bergeshöhen gedeiht. Ich verordnete dem Verwundeten öftere Wiederholungen, und Pedro pries ſich glücklich, den Rath eines ſo erfahrenen Arztes zur Seite zu haben. Der arbeitvolle Tag war zu Ende, die Nacht ange⸗ brochen, und die Goldwäſcher hatten ihr mühſeliges Geſchäft einſtweilen verlaſſen. In der Hütte herrſchte Schweigen wie draußen; aber das Aechzen und Stöhnen des Verwundeten ließ mich nicht ſchlafen, wie Salazar richtig vorausgeſagt hatte. Querüber an der offenen Thüre gelagert, lauſchte ich dem Krachen der Fichten, das ſo gut zu den Schmerzenslauten des Kranken paßte, und betrachtete den tiefblauen Himmel über dem goldreichen Thal, dieſem Schauplatz ſo vieler blu⸗ tiger Greuel. Auf der Höhe des Gebirges lagen Nebel, die hie und da im Mondſchein ſchillerten. Eine Rieſenfichte zeichnete ſich dort oben ſchwarz auf dem lichteren Grunde, und ſilbern ſchimmerte unter ihr ein ſchäumender Waſſer⸗ fall. Nach und nach begannen die Gegenſtände vor meinen Blicken zu verſchwimmen, und ſchon drückte die Ermattung meine Augenlider feſt hinab; dennoch war mir's, als ob ich 316 durch den Halbſchlaf hindurch dumpfes Geſchrei vernähme und Feuerblitze, Irrlichtern gleich, aufgehen ſähe. Ich ließ mich indeſſen nicht ſtören und ſchlummerte immer tiefer ein, bis mich eine grelle Helle weckte. Die Rieſenfichte auf der Höhe über dem Bach ſtand in Flammen und beleuchtete das ganze Thal. Die aufwirbelnden Rauchwolken verdüſterten den Himmel. Die Wipfel der Bäume rings umher röthete der Widerſchein. Brennende Aeſte ſtürzten am Stamm herab und zeichneten eine Funkenſpur. Beim Scheine dieſer Rieſenfackel ſah ich dunkle Geſtalten hin⸗ und herlaufen, blanke Waffen hochgeſchwungen blitzen. „Nacome, Nacome! ſchrie es von allen Seiten.“ Ich wandte mich, um die Brüder zu rufen. Beim Flammenſchein, der bis in die düſtere Ecke der Hütte däm⸗ merte, ſah ich ſie leiſe mit einander ſprechen; ſie mochten wohl Rath halten. Der Verwundete wand ſich auf ſeinem Schmerzenslager in bittern Nöthen. „Nun,“ ſagte ich zum Gambuſino:„wollen die von Nacyme uns wirklich angreifen?“ Er ſchüttelte das Haupt. Sein Geſicht war ſorgenvoll und bleich; ein Schrecken, den er ſich kaum zu erklären ver⸗ mochte, bemeiſterte ihn trotz allen Wibderſtrebens. „Nein, nein,“ verſetzte Pedro:„die Goldwäſcher von drüben hätten nicht die Nachtlampe dort angezündet, um uns zu warnen. Ein Wanderer kann den Baum auch nicht wohl angebrannt haben; denn wein einer Gründe gehabt, dort oben zu lagern, ſo würde er auch ſchwerlich ſein Lager ſo verrathen haben. Wenn es mithin nicht. 317 Er ſprach's nicht aus, was er dachte, ſondern zeichnete ſich mit dem heiligen Zeichen des Kreuzes. Dann hob er wiederum an: „Glaubt Ihr nicht auch, fremder Herr, daß, wenn der Satan durch die Macht des Goldes herrſcht, er in einem Land, das ſoviel des Goldes trägt, am mächtigſten ſein müſſe?“ Das Schauſpiel vor unſern Augen mahnte nur allzuſehr an das Walten des Fürſten der Finſterniß, und, ſoll ich es bekennen? ich wußte keinen haltbaren Grund gegen Pedro's Anſicht aufzubringen. „Heilige Mutter Gottes,“ rief Anaſtaſio:„ſeufzt dort nicht einer wie der Vater ſelig in ſeiner letzten Nacht? O, die Goldſucherei iſt ein entſetzliches Handwerk. Horch!“ Wir lauſchten, doch vernahmen wir nichts als das Ziſchen der lodernden Gluth, das Krachen des grünen Holzes im Feuer, das Stöhnen des Kranken. „Thu mir's nach,“ fuhr Anaſtaſio fort:„berlaß einen Beruf, der früher oder ſpäter Dir das Leben koſten muß.“ „Nie, nie, nie verlaß ich ihn,“ rief Pedro, und hieß ſeinen Bruder ihm folgen, um zu ſehen, was es gebe. „Wollt Ihr mich ſo verlaſſen?“ wimmerte der Ver⸗ wundete: veiner bleibe bei mir, um der heiligſten Junfrau willen.“ „Ihr müßt bei ihm bleiben, fremder Herr,“ ſagte 318 Pedro:„doch laßt Euch zuvor etwas dringend an's Herz legen.“. „Redet,“ verſetzte ich:„und ſeid überzeugt, daß ich für Euch zu thun bereit bin, was irgend in meiner Macht ſteht.“ Er fuhr fort: „Ich weiß nicht, was mir dort oben beſtimmt iſt; gebe der Himmel, daß ich nur Feinde von Fleiſch und Bein treffe. Sollte ich nicht wiederkommen, ſo verheißt mir, ſechs Tage hier zu weilen. Bis dahin muß dieſer arme Cirilo todt oder geneſen ſein. Ihn jetzt verlaſſen, hieße ihn morden. Sollte er ſterben und weder ich noch mein Bruder zurück⸗ kommen, ſo ſollt Ihr ein Geheimniß wiſſen, das Euch von Nutzen ſein kann. Wenn Ihr die Leichengebete geſprochen und den Todten chriſtlich zur Erde beſtattet habt, inſofern dies möglich iſt, ſo grabt unter ſeiner jetzigen Lagerſtätte nach. Ihr werdet Gold finden, Gold genug. Nehmt es, ich habe keinen Erben und gönne es Euch von Herzen.“ Nachdem er mir ſein Geheimniß bertraut, rüſtete er ſich zum Gehen; doch wandte er ſich noch einmal um, um mir zu ſagen: „Solltet Ihr es etwa zu gefährlich finden, meine Erb⸗ ſchaft anzutreten, ſo laßt mindeſtens den Schatz nicht vergraben liegen, denn alles Gold, das einmal den Tag geſehen, gehört der Menſchheit. So will es Gott.“ War dieſe Aeußerung uicht höchſt eigenthümlich und den Gambuſino bezeichnend? Das Brüderpaar eilte mit gezückten Degen hinaus. Ich 319 blieb auf der Schwelle und ſah ihnen nach, wie ſie in der Dunkelheit verſchwanden. Noch lange leuchtete der brennende Baum, bis die Flammen nicht mehr wirbelten und züngelten. Immer enger ward der helle Kreis. Zuletzt ſank der ausge⸗ glühte Stamm zuſammen, erloſch ſtürzend im Waſſer,— ein Ziſchen, und die alte Finſterniß herrſchte wieder. Nur manchmal züngelte noch in immer längern Zwiſchenräumen ein heller Schein auf. Ich glaubte immer noch an einen Ueberfall, aber nichts rechtfertigte dieſe meine Vorausſetzung. Ich verlor mich daher in eitle Vermuthungen, um nur eine Art von Grund und Zuſammenhang herauszugrübeln, als ich bei einem Aufflackern des Feuerſcheines eine Geſtalt ſah, die mehr kriechend als gehend ſich näherte. „Wer da?“ rief ich die Erſcheinung an, die eben ſo raſch verſchwunden als aufgetaucht war. „Bſt! Ich bin's, Rivas,“ hieß die flüſternde Antwort, und ich erkannte in der That die Stimme des Krüppels. Ich ſtellte einige Fragen an ihn über die nächt⸗ liche Störung. Er lachte hell auf, wie nur ein Narr lachen kann, und mir fielen Anaſtaſio's Bemerkungen wieder bei. Neben mir am Boden kauernd, lispelte Rivas, nur mir vernehmbar: „Euer Diener hatte Recht, ich hatte mich getäuſcht. Sie waren nicht die Mörder, die ich in die Luft ſprengte. Dieſesmal aber bin ich meiner Sache gewiß; ich habe ſie an der Stimme erkannt; doch waren's nur ihrer zwei. Einer — fehlt mir noch... Ich zündete das große Feuer an, um zu ſehen, ob ſie zer⸗ 320 Werd' ihn wohl auch noch finden..— ſchmettert im Abgrund lägen.. oh, wie ſie im Sterben zappelten!...— Mit denen von Subiate war's viel zu ſchnell vorbei. Iſt das nicht auch ein Gottesurtheil? Auf Wieder⸗ ſehen, edler Herr, ich geh' den Dritten ſuchen.“ Fort war er. Ich fühlte mich noch ganz betäubt, als die Brüder zurückkamen. 1 „Was habt Ihr entdeckt?“ rief ich ihnen zu. „Nichts,“ entgegnete Anaſtaſio:„als ein paar Leichname unter der Felswand. Wenn ſie der Teufel dort hinabge⸗ worfen, ſo hat er nur Gerechtigkeit geübt; ſie waren wohl die ſchlimmſten unter den vielen böſen Buben des Landes. Ich geſtehe es, daß mir ein Stein vom Herzen genommen; dennoch kann ich mir den Brand des Baumes nicht zuſam⸗ menreimen.“ Ich gab ihm das Wort des Räthſels. „Vielleicht hat er's heute getroffen,“ meinte Anaſtaſio: „äber ich will ihm morgen doch nachſpüren; er wird allzu gefährlich in ſeiner Narrheit.“ Während der ſechs Tage, die ich noch zu Bacuache blieb, waren alle Nachforſchungen vergebens. Vermuthlich hatte ſich der Wahnwitzige nach der großen Wüſte hin ver⸗ loren. Niemand hat mehr von ihm vernommen. Inzwiſchen hatte Anaſtaſto mein Pferd mit einer Dran⸗ gabe gegen ein beſſergs verhandelt, und wir nahmen Abſchied von Bacuache. 324 Später erfuhr ich, daß Pedro's aufgefundene Bonanza ſich als eine der ergiebigſten gezeigt, er jedoch ſie verkauft habe. Er hatte erſtens kein Geld zum regelmäßigen Betrieb, zweitens und hauptſächlich behauptete er: er müſſe andre Adern ſuchen, die ohne ihn ſonſt unentdeckt bleiben würden. Der Gambuſino blieb hierin ſeiner Beſtimmung treu. Er iſt berufen, das Gold zu Tage zu fördern, wie der wilde Bach des Gebirges, und auch dieſem gleich nach ſtürmiſchem Lauf eines Tages in ferner Einöde unbeachtet zu verſiegen. — 1 „* 5 Der Erzähler. 1846. W. H8