veihiẽirthe — deutſcher, engliſcher franzöſiſcher Literatur CEduard Ollmunn in Gieſten, Schloßgaſſe Lit. Lit. A. Nr. 256. cLeih und Jeſ geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei ih eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. den angenommenu. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe veſſelben entſprchende Summe iſterleßen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ie Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 0 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: f Monat: 1 Mk.— f. 1 M. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. 3 § Auswärtige Shonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. deferte Bücher(namentlich bei ſolchen“ mit Kupfern ꝛ⁊c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer i Erſatz des Ganzen verpflichte 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tah feſigeſett und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem ieteni welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben⸗ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, ierißr⸗ verlorene und 3 Der Erzähler aus der Weimath und Fremde. Originalerzählungen und Ueberſetzungen. Herausgegeben von Carl Spindler. Jahrgang 1 8 46. Dritter Band. ———————— Stuttgart, Franckh'ſche Verlagshandlung Inhalt. Grimming⸗Jägerſage. Von C. Spindler Ein Staatsgefängniß. Skizze von Wilhelm von Chézy Das Schloß am Rheine. S dem Däniſchen des C. Hauch. Von E. Zoller.. Das Schloß La Frette. Nach Gozlan. Von Neu⸗ berger Die Nachſchrift eines Nach v. Salfrey. Bon Auguſt Zoller. tichele Orombello von William Harriſon Ains⸗ worth. Nach dem Engliſchen von Auguſt Zoller Ein nächtliches Abenteuer in Rom. Von William Harriſon Ainsworth. Nach dem Engliſchen von Auguſt Zoller. Züge aus dem Leben des Von enii I. Die Khnans AM. Cayetano der Schmuggler. Erinnerungen von den Küſten des ſtillen Meeres 169 196 224 250 285 68 war zur Zeit, da man bald aufhörte,„Anno fünfzeenet ze ſchreiben, als in der Pfarrkirche zum heiligen Georg in der ober⸗ ſteieriſchen Pfarrgemeinde Pürgg, am Fuß des wilden Grimmingſtocks, eine Predigt gehalten wurde: eine Faſtenpredigt in der Abendſtunde. Draußen winterte es derb und traurig brei⸗ teten ſich die Nebel vom Felsgebirge über den Himmel und die Erde aus. Dem einſamen Wanderer durch jene Schlünde und Gründe wäre leicht das Herz entfallen in großer Nieder⸗ . 1 geſchlagenheit. Aber auch in der Kirche, wo 4 doch Kopf an Kopf gedrängt ſtand und ſaß, hatte ſich eine betrübte Beklommenheit der ganzen Zuhörergemeinde bemächtigt, denn der greiſe Pfarrherr, mit ſeinem ſtarren, gleichwie aus Marmel gehauenen Antlitz handelte des nichtigen Menſchen⸗ * lebens dürre Erbärmlichkeit und die Fülle der Strafen ab, Der Erzähler. 1846. M. 1 2 womit im ewigen Leben alle diejenigen heimgeſucht werden ſollen, die hienieden den Bauch über den Glauben, die Hof⸗ fart über die Demuth zu ſetzen ſich vermeſſen dürften.— Ein jeder Zuhörer, Mann oder Weib, ſchaute ſtill in ſeines In⸗ neren geheimſte Tiefe, und fand darinnen des Unraths mehr, als der Tugend, und alle Lippen beteten ſtill und zitternd: „Herr, gehe nicht mit mir in's Gericht!“ und Aller Augen ſuchten voll Scham den Boden. Als jedoch aus dem Munde des Predigers, ſo kalt wie Eis, und doch ſo gewichtig und unerbittlich die Worte gingen: „Was aber würde es dem Menſchen helfen, daß er die ganze Welt und ihren Reichthum gewänne, und er hätte ſeiner Seele geſchadet?“ Da wendeten ſich wie auf einen ſtrengen Befehl alle Blicke einem der Kirchenpfeiler zu, woneben im Dunkel halb verborgen ein Mann ſaß, der mit geſchloſſenen Augen zuhörte oder auch nicht zuhörte, oder ſchlief oder über ſeinen Gedanken brütete.— Es war ein durchgewetterter Menſch, im kräftigſten Alter, mit wild aufgebuſchtem Haupthaar; eben ſo wild und ſchwarz war ſein Schnauzbart, braun und gefurcht ſein Antlitz, das viel vom ſtößigen Bocke an ſich hatte. Sein Gewand das eines Jägers; wohlhäbig indeſſen von Stoff und Schnitt, mit Silberknöpfen: eine ſeltne Pracht in der theuren Zeit von da⸗ zumal. Als wie gerufen, wachte er auf aus Schlaf oder Nach⸗ denken, und ſeine Geieraugen leuchteten plötzlich über die ganze Verſammlung weg, die ſich von ihm abkehrte, als hätte ſie ſich gar nicht mit ihm beſchäftigt. Aber unter einander 3 flüſterten ſich viele in die Ohren:„Das iſt auf den Andredl gegangen; das hatte der Pfarrer auf den Andredl geſpitzt!“ Der genannte Andreas hatte indeſſen die Augen wieder zugemacht, die Predigt ihren Fortgang genommen und das Ende derſelben war bald da. Nachdem die übrigen kirchlichen Ceremonien abgethan, wandelte die Gemeinde ihren Häuſern zu, die weit aus einander lagen am Grimmingbach, bis hoch an die Wände gegenüber dem gewaltigen Gebirgsſtock hinauf. Von lohenden Bucheln wurde hie und da der Wald erhellt, und mancher Felſenſteig, der von den Heimkehrenden betreten. Andreas Mitterſtorfer bedurfte der Fackel nicht. Seine Wohnung lag wenig abſeits von der Kirche. Er eilte auch nicht, heimzugehen, ſondern beobachtete mit ſonderlicher Theil⸗ nahme zwei junge Dirnen, die mit einem jungen Manne vor dem feinen und ſchneidenden Sprühſchnee unter dem Vordach des Meßmerhauſes zuſammen getreten waren. „Du armer Narr!“ hob eine von den Dirnen zu dem jungen Manne an, der, wie es ſchien, eben nicht den günſtig⸗ ſten Bericht von ſeinem Glück und Leben abgeſtattet hatte: „Du wirſt ſchon ſehen. Der gnädige Herr in Wien wird Dich noch ein Jahr lang bergeſſen, wie er Dich bisher vergaß. Herrenwort und Vogelgeſang klingen wohl gut und dauern nicht lang. Armer Hieſel! die Zeit geht hin, und Dein Vater, Hanni, wird immer ſtütziger. Von Deiner Geduld, Hanni, will ich nicht reden.“ Die Hanni, des Meßmers Tochter, antwortete ruhig: „Meine Geduld iſt ſo lang, wie der Faden meines Lebens Was ich dem Hieſel verſprochen, halt' ich ihm. Der Vater 4 wird nicht ſo türkiſch ſein, und mich zu was anderm zwingen wollen 24 „Sm!“ meinte des Attlbauers Mietzl, das ſchlanke, ſchwarze Dirndl, das zu allererſt geredet:„Der Meßmer⸗Josl . hat wohl nichts Türkiſches an ſich, will ich glauben. Aber er iſt ſchwach und laab und närriſch mitunter, und was er heut will, gereut ihn morgen, wenn er nicht jemand bei ſich hat, der ihn meiſtert. Deine Mutter, Hanni, hat es gut verſtanden und die Frau Ahndl noch beſſer. Leider aber fau⸗ len beide in der Erde.“ „Mietzl, verlaß nur Du uns nicht!“ bat der arme Hieſel mit Inbrunſt. „'s iſt ſchwer,“ verſetzte die Mietzl:„doch will ich's thun um der Hanni willen. Will ſehen, ob ich einen langen Spaß machen kann mit dem Alten, der gar zu gern ſchon morgen mit mir Ernſt machen möchte. Er verleidet mir ſchon eh; aber ich will das nicht achten, wenn die Hanni endlich zufrieden und glücklich wird.“ „Liebe MWietzl!“ hob die Hanni an:„wenn Du nur machen könnteſt, daß der Andredl aus unſerem Haus bliebe. denn mit ſeinen Rathſchlägen geht's nicht gut ab, und der Vater ſchwört jeto nux auf den Andredl.“ „Wie ſoll ich denn das machens“ fragte Mietzl entgegen. Indeſſen aber gewahrte ihr ſcharfer Blick den Andreas, der den Sprechenden nahe ſtand. Darum ſtieß ſie ihre Hanni an und ſagte trocken:„Geht's jetzt aus einander. Es iſt nicht geheuer. Komm' herein, Hanni; gute Nacht, Hieſel, ſchlaf' wohl!—“ 6 A 5 Die Verbündeten trennten ſich. Andreas drehte ihnen den Rücken zu, und ſchlenderte weiter. Hieſel kam ihm auf den Ferſen nach.—„Grüß' Gott, Andredl!“ ſagte zu ihm der ehrliche Hieſel ohne Falſch:„geht's ſchon heim?“ „Die Nacht fällt ein, und iſt keines Menſchen Freund,“ antwortete Andreas;„ich will mein Feuer daheim aufzünden und mich auswärmen. Hältſt Du mit, Hieſel? Zu zweit' laßt ſich's gut brodeln und die finſtere Nacht um ihre Lang⸗ weil' betrügen.'s iſt dann nur ein Sprung bis an den Grimmingbach in Deine Keuche, Hieſel.“ „Meinetwegen,“ verſetzte der junge Mann:„Mir iſt heut um's Plaudern wohl zu thun. Mir iſt ſchwer auf dem Her⸗ zen, als läg' der Dachſtein mit ſeinem ganzen Eisfeld darauf, und ein freundliches Geſchwätz erleichtert viel. Ich komme von des Meßmerjosl brauner Hanni; weißt? von meiner Braut; hab' aber nur Trauriges vernommen, hab' aber auch nur Trauriges vorbringen können.“ „Du biſt ein Unglücksvogel, mein Hieſel,“ ſprach An⸗ dreas, indem er ſeine Thüre aufthat und im Vprhaus die Lampe in Brand ſetzte:„ein Trottel hat mehr Glück und Stern, als Du. Sie haben Dir einen faulen Schutzengel mit⸗ gegeben auf die Welt. Was iſt denn aber wiederum ge⸗ ſchehen?“* 5 Andreas blies die Glut ſeines Herdes an, und Hieſel ließ ſich auf einen Schemel daneben nieder.—„Das iſt ja eben das Unglück,“ ſagte er,„daß nichts geſchehen will! Und darum iſt's auch noch nichts mit der Hochzeit.“ „Und wird nichts werden, wird in Ewigkeit nichts 6 werden, mein Hieſel!“ entgegnete Andreas:„das wußt' ich ſchon vor Jahr und Tag. Das iſt etwas Altes. Was gibt's aber Neues?“ „Nun, Du weißt, Andredl, daß mein Vater ſelig ein guter Freund zum Meßmerjosl geweſen, und daß ſie Beide ausgemacht haben, mich mit der Hanni zu verheirathen;. wir waren dazumal noch Kinder, die Hanni und ich, aber der Meßmerjosl iſt mein Herr Göd, und darum haben's die Alten mit einander ſo ausgemacht.“ Vater.“ „Ach nein; nicht ſo gar. Aber die Zeit wurde ſchlecht wer kann dafür? Da hieb ſich mein Vater mit der Art in's Bein und wurde krumm und lahm; darauf brannte das Häusl in der Einöd ab. Drauf hat der Schauer Alles zu⸗ was auf unſern magern Feldungen geſtanden iſt. drauf iſt die arme Mutter blöd im Kopf geworden und an der Verzehrung geſtorben, und der Vater hat's nicht lang ohne ſie aushalten mögen und bald iſt auch über ſeinem Grabe gebetet worden. Das Gütl war verloren. weißt? der rothkopfete Jaggl von Mitterndorf hat noch*s letzte davon durchgebracht, ſtatt redlich für mich, den armen Waiſenbuben, zu vogten— Gott verzeih's ihm in der Ewigkeit! So bin ich aus Gnad' und Barmherzigkeit von dem Herrn Chriſtoph Praun⸗ falkhen drüben im Neuhauſergſchloß unter ſeine Jägerei auf⸗ genommen worden, und hab' das Schießen und Jagen gelernt und bis zu ſeinem Leibſchützen es gebracht„ „Ich weiß; ich weiß, Sieſel. Das ſind Geſchichten, von 5 3 „Das war eine Dummheit vom Josl und von Deinem ——— „ 3 denen alle Staarln pfeifen und ſingen. Was willſt aber da⸗ mit? Willſt mir noch einmal ſagen, daß der alte Praunfalkh Dir ein Stück Geld verſprochen, zur Heirath mit der Hanni? Noch einmal ſagen, daß er ſeit Jahren ſein Wort nicht ge⸗ halten, ja vielmehr auf Wien gezogen und Deiner ganz ver⸗ geſſen, ſo daß Du jetzo als Holzknecht Dein Leben ſauer ge⸗ winnſt, und keine Red' mehr von der Meßmerhanni und der Hochzeit ſein kann?— All das weiß ich ſchon genug und übergenug, und kann Dir kein'n beſſern Rath geben, als: Schlag Dir's aus dem Sinn, Hieſel, rein aus dem Sinn. Du haſt Unglück in der Welt. Das kommt ſchon von Deinen Aeltern. Dein Vater war von Bruck, Deine Mutter von Feld⸗ bach... was ſollte da gut's herauskommen?“*) „O lieber Anderl, ich bitt'!“ ſagte Hieſel tief bewegt: „laß' meine Alten friedlich unter der Erde ruhen, und mach' mir nicht mein Unglück zum Verbrechen. Ich kann ja nichts dafür, aber von der Hanni kann ich auch nicht laſſen, und 4 win Da brannte Andreas in ganz wunderlichem Zorn auf, und ſchrie:„Schweig mir nur von der Dirn und von Deiner närriſchen Lieb'! Nichts iſt's mit euch Beiden, darauf leb' und ſterb ich. Meinſt, die Hanni wird einen Holzknecht neh⸗ men, und ſie braucht doch nur einen Finger auszuſtrecken, und daran hängt gleich der reichſte Mann in der Gemeinde?“ ²) Bruck an der Mur in Oberſteier und Feldbach in Unter⸗ ſteier gelten als die Abdera's der Steiermark. 8 „Der reichſte Mann?“ wiederholte Sieſel verſchüchtert und verdüſtert:„der wärſt Du, Andredl, Du ſelbſt.“ „Pah, pah!“ entgegnete Andreas mürriſch:„Kieſelſtein“ ſind keine Granaten. Ich hab' eben Glück das iſt Alles.“ „Ja, ja,“ fuhr Hieſel immer düſtrer fort:„So viel Glück, daß alle Leute auf zehn Meilen in der Runde bedenk⸗ lich den Kopf dazu beuteln. Sind Deine Felder nicht immer beſtellt, als wie von Herrenleuten, und doch können Deine Dingleute nur mit Müh' ihren Zehnten und Zins abtragen? Auf Deinen Wieſen wird das Vieh ſpiegelblank und fett, auf Dein Dach iſt noch nie der Donnerſtrahl gefallen; von Deiner Jagd kehrſt Du immer mit ſchwerer Beute heim; an Geld fehlt Dir's niemals, und was Du Dir wünſcheſt, haſt Du gleich. Im Gebirg ſagen ſie, der böſe Feind bringe Dir das Alles, und Du hätteſt ihm Deine Seel' verſchrieben, und ſäßeſt immerdar nur darum mit geſchloſſenen Augen in der Kirche, weil Du dem Höllenhund geſchworen, unſern Heiland und Herrgott nicht mehr anzuſchauen....“ „Ei, daß Dir der Gleckwurm die Zunge abbiße!“*) ſchrie Andreas grimmig auf:„Wirſt Du's Maul halten, Du Thorenkopf? Entweder gibſt Du ein'n Fried' mit den Dumm⸗ heiten da, und darfſt mit mir ein Glasl Wein trinken— Er holte wirklich eine Flaſche von Blech aus einem Winkel hervor)— oder Du gibſt kein'n Fried' und hernach will ich *) Schlange. — 9 2 Dir das Abendgebet mit dem Feuerbrand da auf Deinen Schädel ſchreiben! Jetzt thu“, was Du magſt!“ „Nun, nun,“ ſprach Hieſel begütigend:„Sag' ich doch nur, was andere Leute ſagen. Ich für meinen Theil glaube nicht und mag nicht glauben, daß ein getaufter Chriſt ſeine Seligkeit verkaufen werde an den heidniſchen Teufel. Aber was ich glaube und immer glauben werde, iſt, daß, wenn ſelbſt der reiche Anderl Mitterſtorfer den Bittelmann*) an die Hanni ſchickte, derſelbe unverrichter Sache wieder heimkommen würde.“ „Meinſt? glaubſt?“ verſetzte Andreas mit einer gar häß⸗ lichen Fratze:„Kannſt etwa Recht haben. trink dafür ein's! Ich bring' Dir's, Hieſel! auf Glück und Wohlſeim, Du armer Schelm. Wenn's Dir ferner ginge, wie bisher, ſo wär's frei eine Wohlthat, wenn ſie Dich bald derholzt nach Haus tragen würden.**)— Trink' armer Schelm. Sieben⸗ mal und neunmal ſieben bringen Glück, das ſteht geſchrieben!“ Mißtrauiſch blickte nach einem langen Schluck aus der Flaſche der arme Hieſel empor und ſagte:„War das nicht etwa ein hölliſches Sprüchlein? Anderl, verkauf' nicht dem Erzfeind meine Seele ſtatt der Deinigen. Anderl, geh' auch nicht mehr in des Meßmerjosl Haus, bitt' ich. Du ſollſt gar nicht gut dort von mir reden, meint die Hanni, meint die Mietzl.“ 5*) Freiwerber. **) Von einem fallenden Baum erſchlagen; häufig das Loos der Holzknechte. 10 „Was geh'n mich die einfältigen Dirnen an!“ lachte Andreas wild und verächtlich auf:„Ich rede, wie mir der Schnabel gewachſen; ich rede gut von Dir und ſchlecht von Deinem Heiratheigenſinn. Ich aus des Meßmerjosls Haus bleiben? Aha! nichts lieber; meinſt? Weißt nicht mehr, daß ich dem Josl ſein arm's Leben gerettet habe? Zwanzig Jahrln ſind's her; Du ſchrie'ſt noch Mordio in Deinen Windeln. Dort wars, am Grimming oben... ſieh nur hinaus zum Schieber; ſiehſt.... dort, wo der helle Wolkenſtreif am Felſen hängt.... 25 „Der Meßmer hatte ſich verſtiegen, und Du holteſt ihn herunter;“ ergänzte Hieſel. „Ja, das hab' ich gethan,“ ſagte Andreas ſtolz,„und deßwegen darf ich in ſeinem Haus ein Wort mitreden 3, und weil ich älter und geſcheiter bin, als Du, darf ich Dir auf Deine Bitte einen guten Rath geben.“ „Welchen?“ „Bleibe Du aus des Meßmers Haus und laß die Hanni fahren. Wirſt mir' einſt danken. Oder beſſer: willſt Du Geld und Gut, mehr als der Praunfalkh Dir jemals ver⸗ machen wird, ſo geh' nach Mitterndorf zu Deinem alten Vet⸗ ter, dem Gröbming⸗Jörgl, der nicht Kind, nicht Rind hat, aber viel Geld. Geh' hin, vertrage Dich mit ihm, und erb' ihn, wann er ſtirbt.“ „Geh', Anderl, geh', hör auf!“ unterbrach Hieſel faſt erſchrocken den Rathgeber:„Weißt Du nicht mehr, daß der Gröbming⸗Jörgl lutheriſch geworden? daß er den Rädelsführer der Lutheriſchen in Witterndorf macht? War er nicht vor ein „† 11 paar Jahren, da unſer Pfleger und unſer Pfarrherr Chriſtoph Staindl nach Mitterndorf kamen, um den Prädikanten abzu⸗ ſchaffen, war er nicht an der Spitze der aufrühreriſchen Bür⸗ ger, die beide vom Kaiſer geſchickte Herren frei todtſchlagen wollten? Des Himmels Fürſicht hat dieſes Unglück verhindert, aber noch hat ihre Langmuth die berſtockten Herzen der Sek⸗ tirer nicht gerührt.... und ich ſollte zum Gröbming⸗Jörgl ziehen, um ihn zu erben? Pfui Teufel! Müßt ich da nicht ſelber lutheriſch werden?“ „Nun? und wenn?“ fragte Andreas kalt entgegen„be⸗ ten die Sektirer nicht zum Gott aller Chriſten? Schwarz oder weiß das gilt alles gleich, wenn man's nur gut hat auf Erden.“ „Das iſt ein verruchter Spruch;“ ſtammelte Hieſel und wollte aufſtehen. Andreas zog ihn jedoch gewaltig auf ſeinen Sitz nieder, nöthigte ihm noch einmal die Flaſche auf, und ſagte geſchmeidig:„ Gelt, jetzt glaubſt Du auch, daß ich vom leibhaften Schrattl beſeſſen?*) Es iſt aber wohl nicht ſo arg. Weißt? auf der Welt ſind zweierlei Güter dem Menſchen be⸗ ſchieden: die himmliſchen, und zu denen geht man ein durch Kirche und Sakriſtei; ferner noch die Schätze der Erde, und zu denen gibt es andere Schlüſſel, die den Himmel gar nichts angehen. Wer einen dieſer Schlüſſel im Sack hat, kann die ganze Welt auslachen, und doch noch vor der letzten Muſte⸗ rung ſelig werden. Wenn wir's begehren, betet der Prieſter *) Schrattl: der Teufel. an unſerem Todbett Alles von uns herunter, und wir ſcheiden freudig und rein ab, und haben doch das Leben genoſſen und Alles gehabt, was das Herz erfreut. So will auch ich es einſtens machen und den ſchwarzen Erdgeiſt brab hinter's Licht führen zum ſchuldigen Danke für den Schlüſſel, den er mir gegeben.“ „Alſo wäre denn doch wahr, was die Leute ſagen?“ fragte Hieſel mit großen ängſtlichen Augen;— der Wein ſtieg ihm zu Kopfe.— 2„Und nur auf Dich kommt's an, ob Du ein glücklicher Kerl ſein willſt, wie ich es bin;“ ſetzte Andreas vertraulich hinzu. „Glücklich ſein?“ machte Hieſel, als wie verzückt,„glück⸗ lich ſein mit der Hanni, und doch noch am End' ſelig wer⸗ den?“ „Wenn Du noch eine Silbe von der Dirn' ſagſt,“ lo⸗ derte Andreas wieder auf,„ſo iſt's mit allem Handel nichts, und ich laß Dich im Elend ſitzen bis über die Ohren. Da: trink!“ „Sei nicht harb, ſei gut, Andredl!“ bat Hieſel, der wieder gtrunken:„für wen ſoll ich denn glücklich werden, wenn nicht für die 4 „7s Maul halten!“ donnerte Andreas:„ſobald bei einem nächtlichen Verkommniß mit einem Berg⸗ oder Waſſermandl der Name einer Dirn' genannt wird, ſo iſt Alles dahin. Trink' aus, Hieſel!“ Hieſel gehorchte und dergeſtalt brauſte ihm der heimtückiſch 13 gemiſchte Wein im Gehirn, daß er ſtumm zuhorchte, als An⸗ dreas anhob: „Es gibt Geſpenſter im Berg und im Waſſer, und auch in den Wäldern und Auen geht's zur Nachtzeit hin und her, und wer das weiß und auf ſo einen Nachtmann ſtoßt, kann reich und glücklich werden, denn der Grund der Seen und der Felſen iſt voll von Gold und Silber, aber der Menſch kann den Reichthum nicht heben, ſondern nur der dazu beſtellte Geiſt, deſſen Herr und Meiſter unten ſitzt, wie unſer Herr⸗ gott oben. Haſt Du nicht von den Goldlacken gehört, die oben auf der Hochwildſtelle im Gebirg anzutreffen ſind? Wen Du fragen magſt— es hat ſie keiner geſehen, aber doch ſind ſie da, und wer ſie gefunden, braucht nur eine Hand voll Waſſer daraus zu ſchöpfen, ſo liegt gleich ein ganzer Klumpen Gold in ſeinem Hütl. Der Schlaiben⸗Seppel von den Pöt⸗ ſchen hat's erfahren. Weißt? er hat in den letzten Jahrln ſeines Lebens zu Gviſern gehauſt, und ein ſeliges Abſterben gehabt, und war doch, wie die Leute ſagen, dem böſen Feind verſchrieben. Das iſt alſo zugegangen. Er war noch wohl jung, und hat ſich einmal auf dem Grundelſee oder auf einem andern in eine Plätten geſetzt und iſt dort eingeſchlafen Was geſchieht? Derweilen macht ſich das Strickl los, und das Schiffl geht inen See ganz ſtat und langſam und der Schlai⸗ ben⸗Seppel ſpürt nichts;— nichts, als bis es zu ſpät ge⸗ weſen. Ein grauslicher Windſtoß hat ihn aufgeweckt und da ſaß er mitten im See und die Plätten polterte hin und her wie altes Grafflwerk, und wie es Nacht wurde, ging ſie aus einander und der Seppel hatte alle Mühe, um einen Felſen 14 zu gewinnen, wo er ſich niederthat und mehr zum Tod als zum Schlaf ſich vorbereitete, denn das Gewell ſtieg immer höher, und das Wetter wurde immer gröber und der Sturm pfiff und heulte ſo laut, daß der Schlaiben⸗Seppel ſein eigen Geſchrei mit eignen Ohren nicht hörte; vielweniger hätte das Einer am Ufer oder im See gehört. Aber es loſen auf ſolch' Nothgeſchrei auch noch andere Ohren als nur gerade Menſchen⸗ „Horch auf! Ruft mich nicht Einer vor'm Fenſter drau⸗ ßen?“ fuhr Hieſel auf. „Dummheit! Vom Grimming gehen Steine nieder;“ lachte Andreas. Worauf Hieſel:„'s iſt mir doch gerad geweſen, als riefe mich der Vater ſelig beim Namen! Weiter jetzo, Anderl.“ nn ſo geſchah es,“ fuhr Andreas fort,„daß auf einmal die Waſſer aufhörten zu rauſchen, und über den See kroch ein himmellanger Wurm, der grasgrün mit Silber⸗ ſtreifen glänzte. Das war der Seewurm oder das Waſſer⸗ weib, wie ſie's am See heißen, und hat ſich um den Seppel und ſeinen Felſen hergelegt, daß das Gewell noch ärger zum ſieden anfing, und der Schlaiben⸗Seppel hatte nun die Wahl, elendiglich umzukommen, oder ſich mit dem Zauberwurm zu bertragen. Das letzte that er auch wirklich, und hat ſeine Seligkeit dem Rieſenthier verſprochen, und gleich auf dem Rücken des Wurms durch Geſchlüft und Geklüft die Reiſe nach den„Goldlacken⸗ gemacht. Von da an war ihm wohl, wie dem reichen Mann im Evangeli. Und ſelig iſt er doch geworden und nah' an hundert Jahr hat er gelebt. Da er 15 im Sterben lag und der Geſellprieſter ihm ſeine Sünden ver⸗ gab, hat's um ſein Haus herumgeziſcht wie eitel Schlangen, und ſind ihrer viele dort todt gefunden worden, da man den Seppel in's geweihte Grab trug.“ „Horch!“ machte Hieſel wiederum, aufhupfend:„Hat mich da nicht die Mutter gerufen, draußen bei'm Zaun?“ „Laß doch die Narrheit!“ ermahnte Andreas:„ſo heult's manchmal aus dem Todtengebirge herüber. Man ſollte nicht meinen, daß man's da herüber hören könnte, aber's iſt ſchon ſo. Laß Deine Mutter mit Frieden und kümmere Dich um Deine eigene Wohlfahrt. Geh' hinüber an den See und paſſe auf das Waſſerweib. Ich will Dich eine Kunſt lehren, und ob Du Deine müßige Zeit hier oder dort zubringſt, iſt einer⸗ lei.—“ „Nein, nein,“ ſagte Hieſel ängſtlich:„mit m Waſſer laß' ich mich nicht ein. Ich hab' ein Grauſen vor dem See, und von dem Waſſerwurm nehm' ich die Seligkeit ſelber n geſchenkt.“. 5 „Ei, ſo trappl' auffi, wo aufm Dachſtein und um de Scheichenſpitz die Heren tanzen!“ brummte Andreas;„mit Dir, Du Narr, iſt nichts anzufangen. Biſt ein Jäger, ein gelernter, und haſt keinen Muth? Oder willſt Du lieber zur Mitternacht unter'n Galgen hinſtehen und das Blutmannerl heraufbeſchwören? Nun:'s gibt auch noch Einen, der Dich das lehren könnte.“ „Hu, mir ſchauert die Haut!“ entgegnete Hieſel:„Un⸗ tern Galgen? zur Mitternacht 2“ „Nun, wie haben's die von Rottenmann gemacht?“ 16 fragte Andreas:„Biſt Du ſchon in Rottenmann geweſen, Hieſel?“ „Das verſteht ſich. Laß hören.„Wie haben's die ge⸗ macht?“ „Laß Dir ſagen. Das Städtlein iſt einmal gar arm und in Noth geweſen, bald nach der Heidenzeit, weißt? und nach dem großen Krieg mit den uralten Türken. Und nichts hat helfen und klecken wollen; ſie waren am Verhungern, die in der Stadt, die ſelbigsmal anders geheißen hat, als jetzo, wohlgemerkt. Da iſt einmal zum Glück, und nur das einz'ge⸗ Da das Beten nichts hilft, wollen wir's anders verſuchen! und find alle unter ihren Galgen gezogen— die vom Rath, der Syndiker voran— zur Mitternacht mit Kerzen und Wind⸗ lichtern. Und der Herenmeiſter hat ſeine Kunſt gemacht, und auf einmal iſt wohl das rechte Blutmandl vor ihnen geſtan⸗ den. Weißt? das wachſt heraus aus all dem Blut der Miſſe⸗ zter, die dort gerichtet werden, und iſt ein Erdgeiſt, der V acht hat über alle fündlich vergrabnen geſtohlenen Schätze aus Kirchen und Schlöſſern und Klöſtern. Mit demjenigen Blutmafnl haben die B ürger und Rath ein Verkommniß ge⸗ macht, und ſeit der Zeit iſt alles Elend in der Stadt in Wohlſtand und Freude verkehrt worden bis auf den heutigen Tag. Aber den Namen haben ſie von dem Blutmandl an⸗ nehmen müſſen, heißen deßhalb von Rottenmann, und in ih⸗ rem Wappen ſteht der rothe Mann, wie er leibt und lebt, roth von oben bis unten, und hat das Freimannsſchwert in mal, ein Hexenmeiſter im Rath geſeſſen, und der hat geſagt? 17 der Hand, und neben ihm ſcheint der Mond, ſo wie er da⸗ zumal unter'm Galgen geſchienen.“ „So, ſo?“ ſprach Hieſel recht theilnehmend;„Was ha⸗ ben ſie denn für ihr Glück und Herrlichkeit dem Rothen zum Pfand gegeben?“ Andreas hatte noch nicht den Mund zum Antworten ge⸗ öffnet, ſo ſtutzte Hieſel wieder wie zuvor und rief:„Ha! diesmal ruft' mich gewiß und wahrhaftig, und das iſt Hanni's Stimme! Gleich, gleich, Hanni, ich komme ſchon!“ „So wollte ich doch, Du müßteſt der weißen Gemſe mit den ſilbernen Krickeln nachſpringen, Du bockbeiniger Stein⸗ eſel, Du,“ wetterte dem Entlaufenden Andreas nach, und folgte ihm auf die Schwelle.— Da war jedoch nichts zu ſehen, als Nacht und ſchwacher Sternenſchein über Schneetrift und Eiswand.„Hanni, Hanni, wo biſt Du?“ rief Hieſel, im Dunkel verſchwindend, nachdem er lang auf dem Schnee hin und hergeglitten, vergebens ſpähend nach der Geliebten. „Und dieſer Narr, dieſer Trottel ſoll das Madl als Weib heimführen, das Madl, das ich mir gern zu all meinem Gut zulegen möchte?“ fragte Andreas ſich ſelber bitter und böſe, während er die Riegel an ſeiner Hausthüre nachdrücklich ſchloß, „das kann und mag ich nicht leiden. Aber— wer wird mit dem Meßmerjosl fertig, da ich ſchon auf die Hanni ſelber nicht rechnen kann? Die Dirn' kann mich nicht ausſtehen.. wenn jedoch der Alte ſpräche: Du mußt!? Leider iſt er nie zu einem feſten Wort zu verleiten, der laabe warmabgeſottne Heilige, und all mein Zureden iſt frei umſonſt. Wenn der Der Erzähler. 1846. m. 2 18 3 ſchwarze Schelm da oben wollte aber er hat alle Luſt und Dienſtbarkeit aufgegeben, der rußige Spitzbub, und die Zeit drängt mich mörderlich!“ Andreas hatte mit der Hand gegen die Stiege gedrohl die auf den Boden des Hauſes führte. Oben jedoch, in der Bodenkammer, ſaß ein Rabe auf einem Steigbaum; ein alter verhutzelter Kerl von einem Raben, mit ergrautem Kopfge⸗ fieder, aber mit gluthrothen Augen, die durch das dickſte Brett ſahen, da dem Raben gar nichts verborgen blieb von 4 was ſich im Hauſe begab.— Kein Wunder! dieſer ergrau 3 Rabe war ein hölliſcher Knecht und Paßauf, den ſein finſtre Meiſter in das Haus des mit Leib und Seel' dem böſen Feind verſchriebenen und verpfändeten Andreas Mitterſtorfer befehlig hette. Seit einiger Zeit diente er dem Anderl faul, paßte dagegen um ſo fleißiger auf, weil ein wich ſtiger Zeitab⸗ ſchnitt herannahte: der Schluß und das Erlöſchen des dia 3 uen Kontrakts. 3 3 „Noch fünfundvierzig!“ krächzte oftgenannter Rabe 4 eine gellende Antwort auf Anderls Selbſtgeſpräch von Kammer hernieder; und Andreas, nachdenklich in ſeine Stul tretend, ſagte ferner zu ſich ſelber:„Ja wohl, ja wohl, de ſchwarze Dieb hat Recht, und eine Verlängerung des Vertrig iſt nicht zu hoffen, wenn ich nicht entweder eine arme, un ſchuldige Seele an der Statt der meinigen zum Untergan ſtelle, oder aber eine noch unſchuldigere mittelſt der Ehe un auflöslich an mich binde, um ſie zeitlich und ewiglich zu derben und ihre Kinder— wenn deren kommen— Schwarzen zu eigen zu geben gleich nach ihrer Geburt. —ꝛ iſt ht. der ter rett em 3 tret ind lig und ab⸗ ibo ali dir tub der ragi un gan un ber 19 noch fünfundvierzig Tage Friſt, und ſechs Wochen vergehen ſo geſchwinde!“ Der Rabe lachte höhniſch von ſeinem Steigbaum herab; Andreas machte ſich indeſſen daran, ſeine unwirrſche und ängſt⸗ liche Stimmung niederzuhalten, indem er alle in ſeinem Hauſe aufgeſpeicherten Herrlichkeiten und Reichthümer hervorklaubte und beim Schein der Lampe muſterte. Da waren ſchimmernde Goldmünzen, alte und neue Thaler, Perlſchnüre und Gra⸗ natenbänder, geſtickte Hoſentrager und blinkende Waidmeſſer, Büchſen von künſtlicher Arbeit, Stutzgläſer mit Gold und Silber verziert, Knöpfe und Spangen voll Edelſtein— Alles, was das Herz eines reichen und geizigen Landmanns erquickt. — Aber immer wehmüthiger wurde vor ſolcher Pracht der Beſitzer.—„Das Alles iſt mein,“ ſagte er:„Was hilft's mir aber, wenn ich die ſchneemilchperlblühweiße Hanni nicht habe? — Und nur fünfundvierzig Tage noch zu leben!!!“ Der Rabe lachte wieder.—„Willſt du ſtat ſein, du verzweifelter Burſche!“ ſchalt Andreas zu ihm hinauf:„weißt du nicht, daß ich dir zum Trotz mich noch bekehren kann als ein reuiger Chriſtenmenſch, und daß alsdann deine Ge⸗ walt über mich ein Ende hat?“ Noch lauter und beinahe unauslöſchlich wurde des Raben Gelächter. Und an ſeine Bruſt klopfte verdutzt der reiche Mann und dachte:„Wohl darf er lachen. Würde nicht, ſo⸗ bald ich dem Schrattl abſage, all mein Hab und Gut zu Aſche und Kohle werden? zu Staub all dieſer Reichthum, mein Feld und Wald zu ödem Geſtein, zu abſcheulichem Aas meine Herde, zur einſtürzenden Keuche mein bildſauberes Haus? Und führte mich dann nicht mein erſter, leiſeſter Wunſch ſchnurgerade wiederum in die Stricke des Satan? O weh, o weh, lach' dir nur einen Kropf, du ſchwarzes Vieh! ich bin übel daran, wenn ich nicht heute, ſpäteſtens morgen ein Mittel erdenke, mir vom drohenden Tod und Verderben zu helfen!“ Während der hölliſche Paßauf immer mehr und mehr lachte, hob Andreas än, über ſeinem traurigen Reichthum zu weinen, und das Schlafen kam nicht an ihn. Darüber jedoch zog der Morgen herauf, und wie denn gewöhnlich der muntere Tag dem Bedrängteſten neuen Muth verleiht, ſo gab auch jetzo die rothe Morgenſonne dem Andreas ein wenig Tapferkeit in's Herz zurück.—„Ich will noch einmal mit dem Meßmer⸗ josl anbinden,“ ſagte er:„vielleicht thut ſich's heute beſſeh als geſtern und vorgeſtern.“ S warf er ſich in ſein ſchönſtes Gewandl und zing zum Meßmer hinüber, bevor derſelbe zur Pfartmeſſe wn hatte.„ „Nun, Gevatter,*) wie ſteht's heute?“ rief Andreas Alten an, der ihm mit verlegenem Geſichte entgegen kam: „Dauert's noch alleweil ſo fort mit der Hanni und dem Holz⸗ knecht? Erſt geſtern iſt wieder einmal Poſt von Wien gekom⸗ 3 men, daß der Herr von Praunfalkh nichts, aber frei gar nichts für den Hieſel thun will. Was erwarteſt Du noch? *) Die Oberſteirer gebrauchen unter einander die Anrede„Ge⸗ vatter“ oder„Schwager,“ wenn ſie auch nicht E 6 oder ig Bekannte ſind. S 21 Ich denk' frei wohl, die Hanni ſoll ein altes Menſch werden, die am End' gar keiner will?“ „Gm, Anderl,“— verſetzte der unentſchloſſene Meßmer: „was ſoll ich thun? Ich hab's einmal verſprochen, daß „Dummheiten, Josl, nichts als Dummheiten. Der Hieſel hat nichts, kriegt nichts...“ „Wird ſchon ſein, Andreas. Aber was ſoll ich...7“ „Dreinfahren ſollſt Du, das Madl einem Andern geben.“ „Schon recht; aber wem?“ „Mir, Gevatter, mir. Ich nehm' ſie grad' von der Butten weg.“ „Ja, ja, das wär' ſchon eine Speis für mich; aber, Schwager, ſchau. Du biſt eh' ſchon zu alt für das Sirndt „Oha! zu alt? Tanz' ich nicht auf den Kirchtägen, wie ein Junger? Sing'ich nicht meine Baſſeln, wie ein Junger*)2 — Jodl' ich nicht wie die beſte Brentlerin?**) Steigt Einer 2 der Gams feſter nach, als ich?— Und— weißt?— hab' ich Dir nicht am Grimming das Leben gerettet? weißt? oben am Scheckelſprung? he? haſt mir noch nichts dafür gegeben. Gib mir Dein Madl, ſo ſind wir quitt.“ „Ja doch, ja es wär' nicht aus; aber ſchau das Madl will halt nur den Hieſel, und mein Verſpruch.. ich bin doch ſein Göd und... weißt, Gevatter? Die ²) Baſſel= Spott⸗ und Tanzliedchen. ₰ *) Sennerin. 22 Leut' reden ſo viel von Deinem Vermögen.. als ob's nicht ſo ganz chriſtlich in Deinem Kaſten gewachſen wär'...24 „Dummheiten noch einmal. Geh' ich nicht zu Kirchen und Opfer? Laß' mich aus, Gebatter, und ſei geſcheidt. Da meine Hand. Schlag' ein.“ „Muß doch zuvor mit dem Pfarrer reden.“ „Der Pfaff kann mich nicht ausſtehen, Josl. Er könnt' mich frei derwürgen, Gevatter. Frag' nicht lang den Pfaffen. Weißt? mein ſilbernes Beſteck hat Dir ſchon lang gefallen. Es iſt Dein, wenn Du mir das Madl gibſt.—“ „Hm, das wär' freilich ſchön... aber ich muß doch den Pfarrer fragen.“ „Nun, in's.... in Gottes Namen denn. Nach der Kirche komm' ich wieder!“ Andreas fuhr zornig ab; der Meßmer wandelte zur Kirche und wartete ſeines Amts. Als die heilige Handlung vorüber war, und Josl in der Sakriſtei den Pfarrherrn ſeiner Altargewänder entledigte ſagte er dem Prieſter ſeiner Sorgen Fülle heraus, und fragt zum Schluſſe:„Jetzo, Hochwürden kann alſo wiederum aus der Hochzeit nichts werden, und wohl in Ewigkeit nicht Wie hab' ich's denn zu halten mit meinem Verſpruch?“ Der Pfarrer mit dem ſteinernen Geſicht erwiederte ohne langes Beſinnen:„Ein Wort iſt ein Wort, ein Verſprechen iſt ein Verſprechen, dem Eide gleich zu halten. Nur der Tod. des Hieſel kann Dich davon entbinden, denn Du biſt ſein Göd und haſt bei Taufe geſchworen, ihm n zu ſein Vun Lebela ng.— 23 Der Meßmer duckte ſich, und als er, nach Hauſe ge⸗ kommen, den Andreas vor ſich ſtehen ſah, antwortete er auf ſeine Frage:„So lang der Hieſel lebt, muß ich als ſein Goͤd ihm das Wort halten.“ Zwei rothe Streifen des Zorns zogen auf des Andreas Stirne auf. Er faßte ſich aber und verſetzte ruhig:„Ich wußte ſchon, wie der Pfaff entſcheiden würde. Schade darum: ich hätte Deine Schuld an den Kramer von Auſſee bezahlt, mein Vieh mit Dir getheilt— das Silberbeſteck hätte ich Dir gegeben und mein halbes Gütl der Hanni verſchrieben. Schade darum; um das Alles kommſt Du jetzo, Gevatter.“ Des Gevatters Habſucht wachte hell auf.„Komm morgen wieder,“ ſagte er zum Mitterſtorfer:„ich will mich bedenken. Guter Rath kommt über Nacht.“ Schmunzelnd ging Andreas heim.—„Den hab' ich im Zögger;“*) ſagte er.— Der alte Rabe auf dem Boden ſchrie:„Noch vierundvierzig, noch vierundvierzig!!“ Unter Tags begegnete der Meßmerjosl der ſchönen Mietzl, . ſtrich ihr verliebt mit der Hand um Wange und Kinn, und ſprach:„Mietzl, Mietzl, was hab' ich mir ausgedacht? Der Hieſel, der arme Narr, kann die Hanni ſein Lebtag nicht hei⸗ rathen. Das Madl muß aber einen Mann haben, ſonſt wird's alt und ſchiech und Keiner nimmt ſie mehr. Ich will ſie alſo wohl dem Mitterſtorfer⸗Andredl geben, und wenn die Hanni aus'm Haus iſt, ſo nehm' ich Dich zum Weibe Was *) Zögger= Korb. 24 Worauf die Mietzl ſpröd und ſpitzig: B 1 geſagt zu Eurem recht wäre, Euer Madl bekommen hätte. letztenmal geſehen.“ „Sei geſcheit, Mietzl...“ drehte Mietzl dem Meßmer den Rücken zu, ihrer Wege.—— ſind!“ Josl, wie das Wetterfahndl auf unſrer Kirchen, bald ſo, bald ſo. Ich aber bin immer die gleiche Ihr ſeid alt, und grau, und ſchwach auf den Füßen und blöd im Haupt, und ich mag Euch nicht gar wohl leiden. Aber doch hätt' ich nicht Nein Zitten und Betteln, wenn der Hieſel, wie's Von Stund an je⸗ doch, da Ihr ſie dem Andreas gebt, und ihr Herzl brecht in kleine Stücke, iſt's aus mit uns und Ihr habt die Mietzl zum „Ich ſag: zum letztenmal, alter Josl.“— Damlt und ging trotzig Zur ſelben Friſt ſtand am kleinen Fenſter der Hanni der arme Narr, der Hieſel, und ſagte zu der Geliebten hinein „Wie ich ſo davon ſprang durch die Nacht, 1 bethört von dem Glauben, Du habeſt mich gerufen, hat mir Einer— ich weiß gar nicht wer— zugeſchrieen, ich ſoll auf dem Grimming die weiße Gems mit den ſilbernen Krickeln jagen“ ihr Fang bringe Glück. nur das für Träume und war ganz Hanni antwortete ernſthaft:„Das iſt nicht aus, mit der weißen Gems. Schon ſeit langen Jahren— ſo erzählte mir die Mutter ſelig oft— geht das Gerede im Gebirg, daß eine weiße Gems mit Silberhörndln auf dem Grimming gehe, und wer ſie erlege, werde ein glücklicher Mann. Sie ſoll eig eine gute arme Seele ſein, die dort herumirrt, und 25 von Jägershand wird ſie erlöſen vom ſchweren Bann. Dabei iſt nichts vom böſen Feind, weißt Du? Nur ein frommes Mannsbild kann das fromme Stück ausführen, und darum könnteſt Du's verſuchen, Hieſel. Vielleicht hilft uns auf dieſe Art der barmherzige Himmel aus allen Nöthen. Auf andere Weiſe, fürcht' ich, kommen wir gar nimmer zum Ziel.——“ Am folgenden Tage war der arme Hieſel wieder bei'm Andreas und ſagte zu ihm:„Ich will auf die weiße Gems mit den Silberkrickeln jagen gehen. Will's Gott, iſt mir der Himmel gnädig. Ich habe in der Kirche inbrünſtig gebetet, und mir iſt zu Muthe, als hätte mir mein Schutzheiliger eine gute Jagd verſprochen. Aber— lieber Andredl— ich hab' in meiner langen Noth meinen Stutzen verkaufen müſſen, und hab' nicht Pulber, nicht Blei. Leihe mir von Deinen Gewehren eins ſammt Schießbedarf. Nur bitt' ich Dich: gib mir ein ehrlich Rohr, worinnen nichts vom Teufel ſitzt, und ich will Dir dankbar ſein bis an meinen Tod.“ Dem Andreas klang des Hieſel Bitte wohlgefällig in's Ohr, und er entgegnete:„Du ſollſt eine gute Büchſe haben ohne alle Gefährde. Ws ich Dir vorgeſtern von Teufeleien und dergleichen erzählte, war frei nur Thorheit und Gſpaß, mein Hieſel. Da haſt Du mein beſtes Gewehr, da Pulber, da Schrot und Kugel. Noch mehr: ich ſelber will Dir den Weg zeigen, denn ich weiß recht gut, wo dis weiße Gemſe geht, und hätte ſie wohl öfter erlegen können, wär ich noch ein reiner Junggeſell geweſen, ſo wie Du, der niemals in Unehren eine Dirn' geküßt.“ Feierlich ſagte hierauf der arme Hieſel:„Gott weiß um 26 mein Leben zu Tag und Nacht; ich fürchte mich nicht. Dir aber danke ich herzlich und ſehe wohl ein, daß Du mein Freund biſt, und daß Alles frei erlogen, was die geldneidigen Leute in der Gemeinde Dir nachſagen. Ich will den Stutzen da weihen und beſegnen laſſen, die Nacht im Gebet verbringen, und morgen ſteigen wir ſelbander in Gottesnamen zum Grim⸗ ming auf, wenn Du mein Führer ſein willſt.— Der Hieſel trug wirklich das Gewehr zur Kirche, und indeſſen trat Andreas vor ſeinen Raben hin und ſprach:„Jetzo, alter Schrattlhanſl, jetzv laß mich nicht ſtecken. Mit dem Tod des Hieſel hat ſein Reich bei der Hanni ein Ende und das Madl wird ſo mein als dein, mit allen Kindern, die da kommen werden. Biſt du dann zufrieden, und legſt du mir dann zehn Jahrln zu?“ Der Rabe ſchnalzte beifällig mit ſeiner dickgeſchwollenen Zunge. Das hieß: Ja. „Du mußt mir jedoch helfen, ſchwarzer Hanſl;“ fuh der Mitterſtorfer fort:„Stell' dem Hieſel ein Blendwerk vor, und wandle dich zur rechten Zeit aus einem ſchwarzen Raben⸗ vich, in die weiße Gems mit Silberkrickeln. Zeig Dich uns in Geſtalt auf dem wilden Grimming, unter'm ew ſprung. Das Weitere mach' ich ſchon ſelbſt. Wi 2 willſt nicht?“ Der Rabe ſchnalzte noch einmal; alſo noch einmal: z 8 Seelenvergnügt, weil er die Löſung des ſchwierigſten Kuv⸗ ns gefunden, ſtolzirte Andreas aus ſeinem Hauſe.— e ſchrie ihm nach:„Noch dreiundvierzig, noch dreim vietzig!!“ 27 Den Andreas bekümmerte es wenig, daß ihm am Abend der Meßmer, von der Mietzl gänzlich umgeſtimmt, ſagte, es könne doch nichts aus des Gevatters Heirath mit der Hanni werden. Hatte er doch, ſo zu ſagen, Hieſels Todtenſchein ſo gut wie in der Taſche! Am nächſten Tage fanden ſich in aller Frühe und im tiefſten Geheimniſſe Hieſel und Andreas zuſammen, ein jeder jagdgerecht bewaffnet und bewehrt.—„Warum ſo niederge⸗ ſchlagen, Hieſl?“ fragte Andreas:„warſt geſtern ſo friſch und — herzhaft, und heute...? fürchteſt Du Dich jetzv, Hieſl?“ Der Hieſel ſagte hierauf wehmüthig:„Ich ſollte heute die Jagd wohl bleiben laſſen. Ich hab' im kurzen Schlaf dieſer Nacht die Vorſchau gehabt.“*) „Die Vorſchau? was denn?“ „Mir iſt vorgekommen, als ſäh' ich mich ſelber voll von Blut und ſterbend in dem Abgrund am Scheckelſprung liegen. Das war grauslich. Würmer und Wegnarren**) krochen an mir herum... fraßen mir die Augen aus. 4 „Du biſt ſelber ein Narr, Hieſt. Schäm' Dich, und nimm Dich zuſammen. Wer wird auf ſolche Dummheiten merken? Von böſen Träumen iſt juſt das Gegentheil zu 1 glauben; weißt?“ Schwach getröſtet, aber Willens, nicht für einen Feig⸗ ling zu gelten, ſtieg Hieſl mit Andreas in die ſtillen Fels⸗ *) Vorſchau= das zweite Geſicht. 3) Salamander. einöden des Grimming hinein. Die Pfade waren ſteil und mühſam, aber das Wetter ausgeſucht günſtig dem Jägergang. Es war, wie ſich heutzutage das Volk im öſterreichiſchen Ge⸗ birge ausdrückt— ein rechter Kaiſer⸗Karl⸗Tag, mit ſtiller Luft und mildbedecktem Himmel, ohne Sonne, ohne Nebel— Die Jäger, nach langem langem Steigen, waren nicht weit mehr von dem Scheckelſprung, als Gerölle über ihrem Haupte vom Berge losging und von Zacke zu Zacke der Felſen⸗ krone des Reviers eine weiße Gemſe mit ſilberglänzenden Krickeln ihre Sprünge machte.— „Siehſt Du wohl? da iſt ſie!“ flüſterte Andreas, und Hieſel antwortete nur mit einem Blicke der Verklärung, mit einem Seufzer der Sehnſücht.— Mit Gewaltsanſtrengung erklommen die Jäger eine ſolche Zacke, und Andreas erbot ſich eben, die Gemſe allein zu be⸗ ſchleichen und dem Hieſel in den Schuß zu jagen. Kaum aber machte er Miene, das auszuführen, als auch ſchon vs geſpenſtige Thier mit einem Satze tief unter den Füßen 6 Jäger war. „Geſchwinde dort hinab!“ ermahnte Andreas, auf 43 nackten Felsvorſprung zeigend:„Hinunter auf den Anſtand. Sie kommt Dir, die Gems, oder es iſt kein Schützenglück uf en“ 3 oiſe beſann ſich nicht. Er rutſchte, die Büchſe hoch haltend, blitzſchnell bergnieder. Alsbald rollten ihm ſchwere, von Andreas' mit Kunſt bewegte 29 geworfen, ſein Schickſal entſchieden.— So wie einſt an der Zirler Martinswand der ritterliche Max, der fürſtliche Jägers⸗ mann geſtanden, verirrt und ausgeſetzt auf ſchmalem Felſen⸗ rand, zu dem nicht Steg noch Weg ſich mehr gefunden von unten, wie von oben, ſo ſtand jetzo auch der arme Hieſt, ab⸗ geſchnitten vom menſchlichen Leben und Verkehr, einſam in der ſtillen Wildniß, wo kein Adler krächzte und kein Käfer ſchwirrte. Der Rückweg war zerſtört durch die niedergeſchleu⸗ derten Felstrümmer, und in den gähnenden Abgrund führte kein Pfad, nur der verzweifelte Sprung, der letzte, in den ſichern Tod. Als dem Verlaſſenen der böſe Andreas auf ſein Angſt⸗ geſchrei auch gar nicht antwortete, beſchlich die traurigſte Ah⸗ nung des guten Hieſel Seele. Indeſſen was glänzt auf der Wand, die jenſeits der Schlucht, gegenüber dem Scheckelſprung aufgethürmt iſt? Sieh da die weiße Gemſe mit den ſilbernen Hörnern! Vorwitzig ſteht ſie halb in der freien Luft ſchwebend, und ſchaut zum einſamen Jäger hinüber.—„Vielleicht, vielleicht treff' ich dich, und dann wird mir ja der Himmel helfen!“ denkt bet ſich der gute Hieſel, faßt neuen Muth, und macht ſich zum Schuß fertig. Allein— wie im Winde ſtiebt der Silber⸗ glanz aus einander, und an der Gemſe Stelle ſchwingt ein kohlſchwarzer Rabe ſich empor, lacht den armen Jäger höh⸗ niſch aus und ſchießt dann pfeilſchnell in den Abgrund nieder, wo er verſchwindet.— Vor Beſtürzung entgleitet das Gewehr der Hand des Schützen und folgt dem Raben in die Tiefe. Nun wußte Hieſel, und ihm blieb kein Zweifel, daß ſein 30 letztes Stündlein vor der Thüre, daß er ein Opfer teufliſcher Liſt, und daß ihm nichts übrig, als zu beten und ſich fr zum Tode zu bereiten.— Während dieſer Begebniſſe war Andreas riſch auf den kürzeſten Wegen dem Grimmingbach und der Gemeinde Pürgz zugerannt und erzählte athemlos die traurige Kunde Allen, die ihm begegneten. Meßmers Hanni erlag vor ſolchem Bericht einer ſchweren Ohnmacht. Mietzl, ſelbſt zum Tode erſchreckt pflegte die Arme, ſo gut ſie konnte.— Der Meßmerjosl wußte ſich nicht zu rathen und zu helfen. Der Pfarrhert aber, da alle Berggänger und Jagdkundige ſich dahin aus⸗ ſprachen, daß der unglückliche Hieſel nicht mehr durch Men⸗ ſchenhülfe zu retten, ſagte ſchnell entſchloſſen:„So darf ihm wenigſtens der geiſtliche Troſt nicht fehlen; und wie dereinſt dem König Marx das allerheiligſte Sakrament aus weiter Fern geſpendet worden, ſo ſoll es auch dem armen Holzknechte ge⸗ ſchehen; denn im Sterben ſind Alle gleich, Könige u Knechte!—“ 3 Ein frommer Zug ſchloß ſich dem Pfarrherrn an, den das Hochwürdigſte Gut in ſeinen Händen tragend, rüſtig em⸗ porklomm am ſteilen Grimming, bis er an jenen Schlucht rand gelangte, wo die Silbergemſe ſich in den ſchmutzigen Raben verwandelt hatte— Andreas war in des herzhaften Prieſters Gefolge, ſeines Triumphs ſich im Stillen zu freuen Es lachte ſein Herz, während ſeine Augen in Thränen v Falſchbeit ſchwammen. Uund uls der Ln dem Jäger an der da„ um den icht ckt, isl ert us⸗ en⸗ hm inſt rne ge⸗ und der, em⸗ cht⸗ igen ften uen. Sterbenden vorbetete,— als des Jägers bekümmerte Geſtalt ſich auf ihre Kniee kauerte und den letzten Segen andächtig, aber ſtumm empfing, wurden aus dem Volke, von dem nur wenige ſchwindelloſe Männer zur Höhe aufgeſtiegen waren, Stimmen laut, die dem Jäger zuriefen:„Du biſt verſehen, Hieſel, und getröſtet; mach' jetzo ein End' und ſtürz' Dich in Gottesnamen kopfüber in den Abgrund. Beſſer ſo, als den Hungertod ſterben!“— Der knieende Jäger rührte ſich nicht. Der Pfarrer drehte ſich gerade um, den rufenden Männern ihre unchriſtlichen Rathſchläge zu verweiſen;— da rief An⸗ dreas, der das Ende in ſeiner Ungeduld nicht erwarten konnte, mit heller Stimme aus:„Ei was, ſoll denn der arme Kerl lange leiden? Das kann ich nicht mit anſehen.“ Und ehe man daran denken konnte, ihn zu hindern, hatte Andreas ſchon ſeinen Stutzen auf den knieenden Hieſel angelegt, das Rad am Schloß drehte ſich um und um, Funken ſprühten, der Schuß ging los, die Kugel trieb ſicher über die Schlucht, und der Knieende ſtürzte zuſammen, ohne einen Laut zu geben. Aber unmittelbar darnach ging von ihm ein heller Schein aus und zum Himmel empor.— Die Andächtigſten wollten einen Engel geſehen haben, der verklärt zu den Wolken aufgeflogen.— Wie dem auch ſei— Alle verließen voll von heiligem Schrecken den Rand der Schlucht und ſtiegen eilends zu ihren Häuſern nieder. Andreas, deſſen Schuß vom Prieſter ſtrenge getadelt, von den Andern dagegen gelobt wurde, floh, vom ſchweren Be⸗ wußtſein ſeiner gräßlichen Schuld verfolgt, heimwärts. Nicht 32 die gehoffte Siegeswonne, wohl aber bittre Verzweiflung er⸗ füllte ſein Herz. Wie aber wurde ihm zu Sinne, und allen denen, die vom Berge wiederkehrten, als im Dorf rings um die Kirche und das Meßmerhaus Trommeln klangen und der Schwegel⸗ pfeife muntere Lieder? Als mitten unter buntgeputzten Leuten ihnen die Meßmer⸗Hanni im vollen Schmuck, an Hieſl's, des erſchoſſenen Hieſls Hand entgegen kam, und es von allen Seiten Zirbennüſſe regnete, als Hochzeitsſpende und Feſtge⸗ ſchenk? „Was die Menſchen böſe machen wollten, hat der Himmel gut gemacht,“ ſagte Hieſel, ohne den Mitterſtorfer eines Blicks zu würdigen, zum Pfarrherrn und zum Meßmer, der ſtumm vor Erſtaunen herantrat:„Mein Vetter zu Mitterndorf iſt geſtorben, hat aufm Todbett ſich bekehrt und mich zum Erben eingeſetzt. Der Herr von Praunfalkh, der wieder auf ſein Schloß zieht, hat mich zum Wildmeiſter gemacht. Da ſind die Briefe und die Siegel. Da ſtehen die Boten ſolcher Freude. Vom Grimming kommend, ſtieß ich auf Beide, und nun, meinen Reichthum in Händen, bitte ich Euch, Meßmer⸗ josl, Eure Hanni mir zu geben, und Euch, hochwürdiger Herr, uns zu verbinden vor dem Altar!“ „Hieſel, Du lebſt, und biſt doch todt? Wie iſt denn Alles zugegangeu?“ fragte verſtutzt und verdutzt der Meßmer, fragten die Umſtehenden alle. Es war aber nichts aus dem Hieſl zu bringen, als die Rede:„Mein Schutzengel hat mein Gebet am Grimming 33 erhört und mich an ſeiner Hand herabgeführt auf einem andern Weg, als den ihr kamt. Und wenn der Andredl auf mich geſchoſſen, ſo hat er frevelhaft am Himmel ſich vergangen, wie ſchon lange er gethan. Denn ſeine Werke ſind die des böſen Feindes.“ Alle ſchauten ſich nach dem Andreas um. Er war ver⸗ ſchwunden. Die Folgen ſeines Bubenſtücks fürchtend, und er⸗ ſchüttert bis in's Mark von dem Geſchrei des Raben:„Noch zweiundvierzig, noch zweiundvierzig!“ hatte er an einem Balken ſeines Hauſes ſich erhenkt. Als das Volk kam, ihn zu fangen und ſein Haus zu zerſtören, flog eben der Rabe aus dem Schornſtein und trug gewiß die Seele des Selbſtmörders, wohin ſie gehörte. Und das ſchöne Haus war im Nu geworden zur einſtürzenden Keuche; ſeine Herde lag verendet, ein Haufen von wüſten Knochen, zur Erde; ſein Wald und ſeine Feldung waren ver⸗ wandelt in öde Flächen und Halden voll Geſtein und Dürre; ſein ganzer übriger Reichthum war zergangen in Staub, Kohlen und Aſche!! Ein paar Wochen darauf, nach der ſchönen Oſterzeit, hatte der Wildmeiſter ſeine Hochzeit, und darauf wurde recht pfannhäuſeriſch getanzt*) und bei der Gelegenheit bekam auch *) Ein luſtiger, vordem ſogar kriegeriſcher Tanz der Pfann⸗ hausknechte im Salzkammergute und in Oberſteier. Der Erzähler. 1846. U. 3 34 die Mietzl einen Mann— nicht den alten Mußmerjo ſondern einen bildſaubern, jungen Schreiber, und dieſer hat ſeiner Zeit dieſe wahrhafte Geſchichte ſorgſam äufgezeichnet und der Nachwelt erhalten. Fin Staatsgofüngniß. Skizez e ö von Wilhelm von Chezy. Hie ein Rieſenbau hebt ſich das Schloß Kieſelbach S vom ebenen Boden ab, die niedern Dächer der ländlichen Wohnungen, die Wipfel der dichtbelaub⸗ ten Nußbäume weit überragend. Das Hauptgebäude iſt ein geſchloſſenes Viereck, drei Stockwerke hoch mit einem ſteilanſteigenden Schieferdach, aus deſ⸗ ſen Mitte der runde Thurm ſich emporſtreckt, ein neugieriger Luginsland. Das Schloß mit ſeinen Wirthſchaftsgebäuden, dem Hof und dem Garten iſt einſt das Luſthaus eines geiſtlichen Fürſten geweſen; nach dem Einſturz„des heiligen römiſchen Reiches deutſcher Nation“ iſt es zur Würde einer Veſte erhoben worden, von Ringmauer und Graben um⸗ fangen, wohinüber und hindurch nur über eine Zugbrücke und durch ein wohlverwahrtes Thor zu gelangen iſt. Doch wird Kieſelbach nicht als V pe betrachtet, ſondern iſt blos darum zur Feſtung ernannt worden, weil der Herzog 36 ſonſt keine bequeme Unterkunft für Edelleute, Offiziere und überhaupt für Leute von Ehre wußte, wenn ihnen etwa die Vollſtrecker des Geſetzes eine einfache Freiheitsſtrafe ohne Nach⸗ theil für den guten Namen zuerkennen mußten. Darum auch ſind weder Geſchütze noch Vorräthe von Waffen und Zeug dort zu treffen, und die Beſatzung beſteht einzig aus müden Grei⸗ ſen; ausgedienten Kriegern, die ihr Stückchen Gnadenbrod nicht ganz müßig verzehren ſollen,— nur damit es nicht allzuklein und unzureichend erſcheine, weil der Unbeſchäftigte bekanntlich weit mehr bedarf, als wer ſich etwas zu ſchaffen macht. Das alles aber hätt' ich ſeiner Zeit dem Herrn Major von Hornberg nicht in den Bart ſagen mögen. Der hat das Ding ſehr ernſt genommen, ſo ernſthaft, daß er verdient hätte, der alte Kamaſchenknopf, irgend ein ruſſiſches Fort am Kau⸗ kaſus zu hüten. Seine Untergebenen hätten ihn auch lieber in einer Krepoſt gewußt, als zu Kieſelbach, wo er ſo ſtreng ſchaltete und waltete, als ob die grünen Bäume der nahen Waldhügel freiheitſtolze Tſchetſchenzen wären, jeden Augenblick bereit, die Veſte durch einen Handſtreich zu nehmen. Weßhalb Tag und Nacht das Thor verſchloſſen, die Brücke aufgezogen⸗ alle Poſten beſetzt bleiben mußten. Der alte Herr ſelber war unermüdlich im Dienſt, nicht minder ſtreng gegen ſich ſelber, wie gegen alle andekn. Sobald der Trommler frühmorgens die Schlägel im Schloßhof rühr erhob ſich der Major vom Lager. Wehe dem läſſigen Knecht wenn der Fourierſchütz nicht ſchon das Gewand vha. und geputzt in Bereitſchaft hielt. 5 Es war ein regneriſcher Morgen, verdrießlich und lan weilig wie das Schloß ſelber. Der Trommler hatte ſich ver⸗ ſpätet, und den Weckruf wohl nur geſchlagen, um ſich dann deſto unbeſorgter noch ein paar Stündlein auf's Ohr legen zu können. Seine Saumſeligkeit war indeſſen nicht unbemerkt geblieben, wie er vielleicht wähnte; der Major, genau zur ge⸗ wohnten Zeit erwacht, hatte die Unterkleider bereits angelegt, und beim erſten Wirbel trat er auf die Schwelle ſeiner Kammer⸗ thüre, lang und hager, ein Ritter von der traurigen Geſtalt, wie es je einen gab. Die Augen grimmig rollend, den langen Schnauzbart zwiſchen den Fingern drehend, ſtieß er einen ganzen Roſenkranz von Flüchen aus. Zur Zeit, worin er Fahnenjunker geweſen, hatte Schelten und Fluchen für das Wahrzeichen eines männlichen Gemüthes gegolten, und er war ſicherlich nicht der Mann, der eine gute alte Gewohnheit ab⸗ gethan hätte. Unter dem Rollen und Grollen der verſchiedenen Donner⸗ wetter erſchien der herbeigefluchte Burſch, das Gewand von zweierlei Tuch ſauber gebürſtet über dem Arm, die beſpornten Stiefel in der Hand.— Der Burſche!? Ein eisgrauer Erz⸗ vater, ſchlotternd im altmodiſchen Heerkleid, vorgebeugt von der Jahre Laſt,— ein Burſche, der etwa dem alten Deſſauer noch die Sporen angeſchnallt haben konnte. „Wo hat der Drachenkönig wieder die alte Schlafmütze gehabt?“ fuhr Hornberg den Invaliden an. „Halten zu Gnaden, Hert Major,“ verſetzte der:„der Alfred hat mir ſo lang die Kleider nicht gebracht.“ „Alle Wetter,“ fuhr Hornberg auf;„ich will doch nicht 38 hoffen, Peter, daß Er Seine Geſchäfte durch einen andern ver⸗ richten läßt? Wer iſt der Alfred? Was hat der Kerl mit dem vertrackten Namen in meines Durchlauchtigſten Herrn Burg⸗ veſte zu ſchaffen?“ Der Greis fühlte, daß er ſich ſehr zur Unzeit verſchnph hatte.„Alfred iſt mein Urenkel,“ erklärte er kleinlaut:„Sie kennen ihn ja,— der jüngſte Sohn meiner Enkelin Mar⸗ greth, der Hofſchneidermeiſterin in der Reſidenz, ein wackeres Blut„ „Schon gut,“ unterhrach ihn der Major:„Die vorneh⸗ men Leute werden ihre Buben wieder Hanns, Peter oder Mi⸗ chel taufen laſſen, hoff' ich, wenn Schneiderſeelen ſich Alfred⸗ Arthur und Hugo nennen. Jedenfalls ſoll der junge Hert mir nicht die Uniform putzen.“ „Das thut er auch nicht,“ betheuerte Peter gefaßt und zuverſichtlich:„er hält nur mein Gewand in Ordnung und hilft mir den Garten beſtellen.“ Der geſtrenge Befehlshaber drohte mit dem Finger, und ließ ſich ſchweigend anziehen; dann verlangte er den Feld⸗ webel, der— zur Stelle war, und im Parcheſchrit aufmarſchirte, die linke Hand an der Stbelſcheide Die Rechte hob ſich zum Hut, und mit dem ſteifen Anſtand von Anno ſiebenundſiebenzig fragte der Feldwebel nach den Befehlen des Herrn Oberſtwachtmeiſters. „Den Rapport,“ ſagte Hornberg. Der Feldwebel zog eine gewaltige Brieftaſche hervor, die zwiſchen dem dritten und fünften Knopf im Buſen ſtack, und 39 „vermeldete gehorſamſt,“ daß nichts vorgefallen ſei, ſeitdem er Abends zuvor dem Herrn Commandanten die Schlüſſel über⸗ bracht. Dieſe ſtellte Hornberg ihm zurück, und fügte hinzu: „Setzen Sie ſich an den Tiſch, und ſchreiben Sie, Ser⸗ geant: auf Befehl des hochlöblichen Feſtungscommando's Kieſel⸗ bach iſt der Tambour Schlichtegroll zu dreitägigem Haupt⸗ wachen⸗Arreſt verurtheilt und während dieſer Zeit nur zur Ausübung ſeines Dienſtes herauszulaſſen.“ Der Feldwebel ſetzte ſich und ſchrieb, doch nur mit tro⸗ ckener Feder. Der Befehl war ja ſo leicht auswendig zu be⸗ halten, und noch viel leichter zu vollführen. Der Trommel⸗ ſchläger wohnte ohnehin im Thorthurm, gradüber der Haupt⸗ wache, und ging mit ſeinem lahmen Bein nie freiwillig aus. Die Haft war mithin keine Strafe für ihn, und von einer Beſtrafung durch Gehen oder Laufen ſtand zu allem Glück nichts im Reglement, dem A und Z des Majors. „Wenn der Verurtheilte den Recurs zu ergreifen ver⸗ meint,“ fügte Hornberg hinzu:„ſo iſt ihm die geſetzliche Friſt zu geſtatten. Glaube zwar nicht, daß er uns die unnütze Schreiberei auf den Hals laden wird; muß jedoch der Ord⸗ nung halber geſagt ſein. Daher nicht vergeſſen, Sergeant. Sie ſind entlaſſen.“ Der Feldwebel ging und ſagte draußen zu ſeinen alten Kriegsgeſellen: „Nehmt Euch in Obacht, Kinder; heute ſteht Sturm im Kalender.“ „Daß Gott erbarm,“ brummten die Knaſterbärte:„iſt's 40 nicht genug, daß es regnet, was vom Himmel herunter mag?( Muß der Wuſtel*) auch noch donnern und blitzen?“ Es war in der That, als ob er müßte. Nachdem er ſeinen Kaffee geſchlürft und die Porzellanpfeife mit dem halb⸗ langen Rohr in den Mund genommen hatte, ging er ſporen⸗ u raſſelnden Schrittes durch die gewölbten Gänge nach dem Flü⸗ gel, worin die Gefängniſſe angebracht ſind. Seine Tritte. hallten laut genug wieder, dennoch vernahm ſie weder der Poſten am Gitter, noch der Schließer in ſeinem Stübchen. Der Poſten war nämlich gar nicht aufgezogen, der Schließer aber ſaß auf der Hauptwache, für dießmal freiwillig, bei den e Kameraden, erzählte oder hörte luſtige Geſchichten, und ließ ſich nicht träumen, wie oben ſein geſtrenger Vorgeſetzter alle Zeichen fluchte, und den läſſigen Diener in Ketten und Bande 6 zu ſchlagen befahl. u Meiſter Hannjockel war nicht wenig verwundert, als der i Feldwebel ihn plötzlich anredete: 3 „Gib mir doch eine Kette heraus.“ 2 „Wozu?“ „Ich ſoll Dich ſchließen.“ F „Du wirſt wohl träumen.“ 3 Die Kameraden lachten hellauf. Der Feldwebel ſchüttelte mißbilligend den Kopf. n „Ich hab's Euch ſchon geſagt,“ ſprach er mit gewichtigem ſt *) Wuſtel,(prov.) ein böſer, händelſüchtiger(wüſtthuender) 41 Ernſt:„heut iſt mit dem Alten nicht zu ſpaſſen. Unſer Tam⸗ bvur ſitzt im Arreſt.“ Der Trommler nickte. Jener fuhr fort: „Und unſer Hannjockel wird ihm wohl Geſellſchaft leiſten müſſen, ſammt dem alten Martin. Wo ſteckt der Martin?“ „Er ſchneidet Kraut ein bei der Frau Feldwebelin. Aber was haben wir denn geboſt, er und ich?“ fragte der Schließer. Der Feldwebel gab Auskunft: „Drum will Er die Gefängniſſe weder den Martin auf dem Poſten, noch den Hannjockel, wo viſitiren, und findet er hingehört.“ Die alten Kriegsgurgeln lachten noch lauter als zubor. Im ganzen Schloß war nämlich auch nicht der Schatten eines Gefangenen vorhanden, und daher ſeit Monden der Mann unter'm Gewehr vor dem Gefängnißgang nur aufgezogen, um ſich alsbald wieder zu entfernen. Die Leute meinten, es gebe nichts zu bewachen; der gefürchtete„Er“ jedoch war anderer Meinung. „Da iſt nichts zu lachen, ſag' ich,“ brummte der Feld⸗ webel:„der Herr Oberſtwachtmeiſter ſind heut mit dem linken Fuß zuerſt aufgeſtanden, weil der Bärenhäuter da ſich einmal wieder verſchlafen hat. Zuerſt hat's der arme Peter entgelten müſſen, und wenn ihm der Alte nicht den Alfred wegſpricht, ſo iſt's Alles. Drum mach' voran, Hannjockel, daß ich Dich ſchließen kann.“ „Wenn ich nur das Schließzeug zu finden wüßte,“ ſagte Hannjockel, die Stirn reibend, wie einer, der ernſthaft' nach⸗ 42 denkt. Es iſt wohl die Frage, ob's ihm ernſt war mit dem Nachdenken. „So nehmen wir derweil die Kette vom Hofhund,“ meinte der Feldwebel:„wenn Er nur Eiſen ſieht und raſſeln hört, wird er nicht gar zu genau drauf hinſchauen, ob auch die Handſchellen in der Ordnung ſind. Komm', Freund. Und Ihr, nehmt Euch heut beſonders in Obacht bei der Wacht⸗ parade. Geſtern hat's einige ſchlechtgeputzte Knöpfe gegeben, die heut ſchwerlich durchgehen dürften. Die Ohren ſteif, ſag' ich.“ Arm in Arm ging er mit ſeinem Gefangenen ab, um die Kette zu ſuchen. Den ergrauten Helden aber fielen ver⸗ ſchiedene Roftflecke ihrer Kleidung und Bewaffnung ſchwer auf die Seele, und ſeufzend legten ſie Hand an's Werk, um dieſe Zeugniſſe ihrer friedfertigen Sorgloſigkeit nach Kräften zu be⸗ mänteln, wo ſie ſich nicht vertilgen ließen. Bei der unwill⸗ kommenen Arbeit murrten und brummten ſie über nutzloſe Plackerei, und nannten ihren verehrungswürdigen Befehlshaber einen Thrannen, Barbaren und Leutſchinder. Wenn ſein linkes Ohr dazumal nicht klayg, ſo hat es von übler Nachrede ihMm nie darin geklingelt.. Der Major gehörte indeſſen nicht zu jener Mehrheit von Thrannen, die ſich ſtreng gegen andere zeigen, um deſto nach⸗ ſichtiger gegen ſich ſelber ſein zu dürfen; was er von den Untergebenen ſo unnachſichtlich heiſchte, das that er auch ſelber. Wie aus dem Ei geſchült, erſchien er Punkt zwölf Uhr vor der Schaar, deren Fähnrich, Lieutenant, Hauptmann und Stab er in einer Perſon vorſtellte. Sein Adjutant war 43 der Feldwebel, und der dritte Würdenträger nach den beiden der Unzeroffizier mit dem Stelzfuß, wenn nicht Peter„der Burſch“ und der Trommler ihm vorgingen, zwar nicht als Würdenträger, doch durch die Wichtigkeit ihrer Amtsber⸗ richtungen. Die aufziehende und die abziehende Wachtmannſchaft ſtan⸗ den, wie es in der Kunſtſprache von Kieſelbach hieß:„in Schlachtordnung,“ die Torniſter vollgepackt auf den Schultern, ſcharfe Patronen in den Patrontaſchen, die Bajonette aufge⸗ ſteckt. Der Major muſterte mit der Genauigkeit eines ver⸗ drießlichen Aufſehers, der darauf ausgeht, Fehler und Mängel zu entdecken, und ſeine ingrimmige Böswilligkeit ſtieg, je we⸗ niger er Grund zu erheblichem Tadel fand. Die Musketen waren von außen und innen gehörig blank, die Schlöſſer ſpielten ohne Hemmung, die Steine zeigten keine Scharten. Selbſt Peters Gewehr war im vollkommenſten Stande. „Verdammter Burſch,“ brummte Hornberg:„ſeit einiger Zeit hat er ſich ungemein gebeſſert, was Montur und Ar⸗ matur betrifft.“ Dieſe Rede belächelte einer, der ſich das Lächeln auf eine beſſere Gelegenheit hätte ſparen dürfen. Peters Urenkel mit dem romantiſchen Taufnamen ſtand in der Nähe unter dem Vordach, und zog ein ſchelmiſches Geſicht, als wollte er ſa⸗ gen; angeführt, alter Brummbär! oder ſonſt etwas dergleichen, was der alte Vrummbär nur allzuwohl verſtand, denn er hatte ſcharfe Augen und feine Sinne, beſonders wenn er bös war. 44 Zu dem jungen Mann ſich wendend, fragte Hornberg ſehr barſch: „Wer iſt Er?“ „Zu des Herrn Oberſtwachtmeiſters Befehl,“ hieß die Antwort:„Alfred Müller, Grenadier im Leibregiment, zweite Compagnie, bis zum Abſchied beurlaabt, meines Handwerkes ein Gärtner.“ „Wie lang hat Er noch zu dienen?“ „Bis Michaelis wird meine Zeit um.“ „Will Er dann wieder eintreten?“ Alfred ſchüttelte mit dem Kopf.„Ich diene ohnehin als Erſatzmann,“ ſagte er:„und gedenke mit dem Geld dafür mich anſäßig zu machen.“ „Und etwa zu heirathen?“ fiel Hornberg ein. Der junge Mann erröthete Jener fuhr fort: „Schäm' Er ſich; und jedenfalls hat er mit ſolchen Ge⸗ danken ſich aus Kieſelbach fortzupacken. Verſtanden? Hier werden keine Liebesgeſchichten geduldet.“ „Halten der Herr Oberſtwachtmeiſter zu Gnaden 4 „Nichts wird zu Gnaden gehalten 4 „Ich bin ja nur meines Urgroßvaters willen da.“ Der beſagte Urgroßvater und ſein Freund, der Feldwebel, ſahen bei dieſer Rede einander ſchmunzelnd an. Sie wußten wohl, weßhalb der Alfred ſich zu Kieſelbach aufhielt, und hatten beide nichts dagegen. Der Feldwebel beſaß eine junge Tochter, für den Augenblick das einzige und daher ſicherlich ſchönſte Mädchen in der Veſte, und beſtimmt, Alfreds Weib zu werden, ſobald er vom Soldatendienſt frei geworden. 45 „Feldwebel,“ rief der Major:„der beurlaubte Grenadier Müller iſt aus dem Rahon der Feſtung binnen zwei Stunden fortzuſchaffen, und im Wiederbetretungsfall krumm zu ſchließen. Keine Widerrede. Der vierte Mann links trete vor, ich will einmal die Packung ſeines Torniſters unterſuchen.“ Der vierte Mann war juſt Peter. Wenn er je hätte wagen wollen, im Dienſt ein Wörtlein zu ſprechen, um Gnade für den Verbannten zu erflehen, bei dieſem Donnerſchlag wär' ihm der Gedanke daran wohl vergangen. Die alten Knaben hatten alleſammt ihre Torniſter mit Heu vollgeſtopft; das ſchien ihnen leichter als Wäſche und Tuch, und brauchte zu⸗ dem nicht wieder ausgepackt zu werden. Auch dieſe billige Erleichterung ſollte ihnen nun verkümmert werden. Der Major hatte hierin kein Einſehen, zum Glück jedoch der Himmel. Der Peter nahm mit ſchwerbeklommener Seele den Tor⸗ niſter ab, und überlegte bei ſich, langſam an den Riemen bandelnd, ob es beſſer ſei, den Fehler zu bekennen oder erſt entdecken zu laſſen, als ein unerwarteter Zwiſchenfall ihn ſammt der ganzen Compagnie für diesmal von der Unter⸗ ſuchung befreite. Der Poſten auf dem Thor rief ein überlautes„Wer da?“ Von draußen antwortete es nicht minder laut und ver⸗ nehmlich: „Arreſtant.“ Die Mannſchaft ſah einander freudig an und begann zu flüſtern. Wußte ſie doch kaum mehr, wie ein Gefangener ausſah, und eine neue Erſcheinung war jedenfalls ein Tröpf⸗ chen Abwechslung im eintönigen Daſein. 46 Der Major gebot Stille. Auch er hatte recht wohl ver⸗ ſtanden, was draußen geſagt wurde; auch ſeine Neugierde war erregt, dennoch hätte er ſich's nie vergeben, wenn er in der Sache anders als im Dienſtwege vorgeſchritten wäre. Weßhalb er mit unerſchütterlichem Gleichmuth die Meldung erſt dem Unteroffizier, von dieſem dem Feldwebel machen hörte. Ihm ſelbſt mußte der Feldwebel ſie aus der Brieftaſche vorleſen, wohinein ſie— wie gewöhnlich— gar nicht geſchrieben wor⸗ den. Die Antwort ging auf demſelben langwierigen und lang⸗ weiligen Wege zurück, und dieſelbe Verkettung mußte noch etlichemal durchlaufen werden, ſo ungeduldig ſich auch der Mann geberdete, der in Wind und Regen draußen harrte. Die Zögerung wurde juſt durch den Umſtand, daß er ganz allein war, verlängert, weil der Major behauptete, daß ein Gefangener doch jemanden bei ſich haben müſſe, der ihn führe und bewache. Endlich waren die Umſtändlichkeiten überwunden. Raſſelnd ſiel die Brücke, das Pförtlein im Thorflügel knarrte in den Angeln, und ein wohlgewachſener Jüngling von etwa zweiund⸗ zwanzig Jahren ſtellte ſich dem Major als ſeinen Gefangenen für ſechs Monate vor. „Den Ausweis,“ herrſchte Hornberg ihm zu, den Gruß nur ſo obenhin erwiedernd, und zwar in jener gewiſſen Weiſe, die noch ſchlimmer iſt, als gar keine Erwiederung. „Den Ausweis führ' ich mit mir,“ antwortete der An⸗ kömmling, offenbar erbittert über den unfreundlichen Empfang: „ich möchte um Alles in der Welt mich nicht dem Verdacht unbefugter Zudringlichkeit ausſetzen. Hier, mein Herr.“ M — 47 „Oberſtwachtmeiſter, wenn's beliebt,“ ergänzte Hornberg. Die dargereichten Papiere enthielten das Urtheil des oberſten Gerichtshofes, wodurch der Studioſus Heinrich Weber wegen Theilnahme an einem Zweikampf als Helfer und Zeuge zu einer Feſtungsſtrafe von ſechs Monaten verdammt wurde, und den Befehl an das Feſtungscommando, den Verurtheilten auf⸗ zunehmen. „Alles in Ordnung,“ ſagte Hornberg, nachdem er ge⸗ leſen:„nur haben Sie ſich ſehr viele Muße gegönnt, um hieher zu kommen. Sie haben, wie ſich aus dem Datum er⸗ gibt, auf dem kurzen Weg acht Tage zugebracht.“ „Ich würde noch länger gebraucht haben,“ entgegnete Heinrich mit leichtem Spott:„wenn das ſchlechte Wetter nicht eingetreten wäre. Drüben im Bad zu Grünau gab's luſtige Geſellſchaft, Spiel und Tanz. Seit drei Tagen aber verdirbt das ſchlechte Wetter jeden Spaß. Da hab' ich denn den Ge⸗ danken gefaßt, daß, wenn ich mich langweilen ſoll, ich's doch lieber zu Kieſelbach thun will, wo ich mit der Langeweile ein Stück von einer Strafe abverdienen kann. Ein Fuhrwerk war für heute nicht zu haben. So nahm ich denn nach dem Früh⸗ ſtück meinen Mantel um, ſpazierte das halbe Stündchen hieher, und will gehorſamſt angefragt haben, ob ich morgen mit Sack und Pack einrücken darf?“ „Sie ſind ja ſchon da,“ antwortete der Major. „Nur vorläufig, um mich vorzuſtellen.“ „Sie ſcheinen wunderliche Begriffe mitzubringen, junger Menſch. Halten Sie venn die herzogliche Landesfeſtung für 48 einen Taubenſchlag oder ein Wirthshaus? Sie ſind da, und haben vorläufig ſechs Monate zu verweilen.“ „Aber mein Gepäck? Ich habe Koffer und Nachtſack in Grünau gelaſſen, auch meine Zeche dort nicht berichtigt.“ „Die Zeche wird das Commando berichtigen, inſofern, wohlverſtanden, ſich Geld genug dazu bei Ihnen vorfindet.“ „Sie meinen doch nicht...“ „Ich meine gar nichts. Sie haben dem Gefangenwärter Ihre Börſe, Ihr Meſſer und ſo weiter auszuliefern. Der Inhalt wird zu Protocoll genommen. Ihr Gepäck können Sie nachkommen laſſen; was zuläſſig davon iſt, ſollen Sie er⸗ halten; das Uebrige wird ſorgſam aufbewahrt.“ „Bedenken Sie doch, Herr Major. Ich muß, ich will nach Grünau.“ „Noch ein Wort, und Sie ſpazieren in's Cachot.“ Heinrichs Blicke ſprühten Flammen.„Das wollen wir doch einmal ſehen,“ trotzte er.* „Kann ſchon ſein,“ ſpottete der Thrann entgegen, und alſo geſchah es. Vierundzwanzig endloſe Stunden mußte der Student in der Strafzelle zubringen und mit der gewöhnlichen Gefangniß⸗ koſt vorlieb nehmen. Doch war die Zeit keine verlorene. Er überlegte, daß er mit Trotz nichts gegen die Uebermacht aus⸗ richten würde, und beſchloß, ſeine Gedanken fein für ſich zu behalten, um ſich nicht eine wo möglich ſchlimmere Behand⸗ lung zuzuziehen.. 6 So ließ er denn anſcheinend ruhig Alles über ſich er gehen, was der geſtrenge Befehlshaber verfügte. Und deſſe 49 war mehr, als Heinrich erwartet hatte, weil zu der gewöhn⸗ lichen Strenge des Majors ſich für diesmal auch noch übler Wille geſellte, nicht ohne des jungen Mannes eigene Ver⸗ ſchuldung.— Keine der Erleichterungen wurde ihm zu Theil, womit ſonſt die Nachſicht eines Feſtungskommandanten den Gefangenen die Laſt der Langeweile verſüßt; dem Wortlaut der Vorſchrift gemäß war ihm ſogar das Rauchen verwehrt, und ſein Spaziergang auf einen kleinen Hof beſchränkt, kaum geräumiger, als ſein Zimmer, und noch trauriger, denn durch das vergitterte Fenſter des Gemachs konnte er doch über die Felder nach den Waldhügeln hinſchauen; im Hofe ſah er nur vier Mauern. Noch war die erſte Woche nicht um, und ſchon meinte Heinrich zu verzweifeln. „Ich halte dieſen Zuſtand nicht aus,“ ſchrieb er auf ein Blatt, das der Major unter dem Haufen weißer Blätter über⸗ ſehen und nicht numerirt hatte.„Komm', theurer Freund, rette, befreie mich. Eine engliſche Feile, eine Strickleiter hel⸗ fen mir leicht davon. Mein Fenſter iſt das mittelſte an der Südſeite im zweiten Stock; der Poſten ſteht mindeſtens hundert Schritt davon, und in einer Regennacht kannſt Du unbemerkt die Mauer erſteigen. Das Uebrige gebe ich Deinem Scharf⸗ ſinn anheim. Bei Empfang dieſer Zeilen,— wenn Du ſie je empfängſt,— wirſt Du in Deiner norddeutſchen Sprache ſagen: iſt der Junge toll? Ging er ſelber gleich, ſo brauchte er nicht auszubrechen; folgte er gutem Rath, ſo war er längſt ſchon in Sicherheit. Vorgethan und nachbedacht, u. ſ. w. Laſſen wir aber Deine altkluge Weisheit bei Seite, denn in Der Erzähler. 1846. M. 4 meiner Art war ich auch klug, wie ich wähnte. Der ſelige Fritz erkor mich in jenem unheilvollen Handel zu ſeinem Bei⸗ ſtand. Hätt' ich ihm den Ritterdienſt abſchlagen können, auch wenn ich im Voraus gewußt, daß der Stahl ſein Herz treffen würde? Du wärſt wohl der Letzte, mich von ſolcher Ehren⸗ pflicht abzumahnen. Sein Tod war für uns ein ſchweres Unglück; ſeine Sorgloſigkeit vor dem Ende hat es noch ver⸗ größert. Statt ſeine Papiere zu ordnen und zu treuen Han⸗ den zu geben, ließ er ſie leichtſinnig im Pulte liegen; das Gericht fand darin die Beweiſe ſeiner Theilnahme an der un⸗ ſeligen Geſchichte, an welcher ich, wie ihr Alle wißt, nicht den geringſten Antheil hatte. Dem Todten konnten ſie freilich dafür nichts mehr anhaben, aber auf mich mußte der Ver⸗„ dacht der Mitwiſſenſchaft fallen, und dieſem Argwohn verdanke ich offenbar die Strenge des Spruches, der mich zu einer Haft von ſechs Monden verurtheilt. Du hießeſt mich fliehen, als das Urtheil ergangen war; ich wandte dagegen ein: es ſei doch beſſer für mich, ein halbes Jahr Kieſelbach zu be⸗ wohnen, als für lange Jahre, vielleicht für immerdar die Hei⸗ math zu meiden und was mir darin theuer iſt. Der Verdacht verbrecheriſcher MWitwiſſenſchaft an hochverrätheriſchen Umtrieben, fügte ich hinzu, könne allerdings meiner Laufbahn im heimi⸗ ſchen Staatsdienſte Eintrag thun, doch nicht für längere Zeit, denn meine Denkungsart und Geſinnung werden ſich bald genug bewähren.— Damals ſtellte ich mir eben die Feſtung und das Leben eines Gefangenen nicht ſo ſcheußlich vor, als ich ſie ſeitdem gefunden. Nicht die Entbehrungen ſelber ſind es jedoch, die mir ſo ſchwer fallen; nur der Gedanke iſt mit 51 unerträglich, daß die willkürliche Laund eines Thrannen ſie mir auferlegt. Mein Scherge dürfte, wenn er nur wollte, mir den freundſchaftlichen Umgang mit den“ Bewohnern der Burg, freie Bewegung und Spaziergänge durch den Garten geſtatten. Auf der andern Seite kann er, wie er es wirklich thut, mir alle Erleichterungen und Tröſtungen entziehen, wird mir wohl auch in den langen Abenden des Herbſtes und Win⸗ ters die Lampe verſagen, wie er mir nicht einmal im Freien eine Cigarre geſtattet. Auch ſteht es in ſeiner Macht, wenn er ſich von mir in ſeiner Befehlshaberwürde gekränkt wähnt, mich durch verſchärfte Haft zu ſtrafen, ohne Urtheil und Recht. Der Gedanke, ſolcher Willkür ſchutzlos verfallen zu ſein, wäre allein ſchon hinreichend, mich nächſtens wahnwitzig zu machen und mir das Leben zu rauben. Mein Bischen klarer Sinn und mein junges Leben find mir aber lieber, als Heimath, Verwandte und Freunde, die an einem närriſchen oder gar todten Heinrich ohnehin keine Freude hätten. Darum komm' und erlöſe mich. Ich gehe dann nach Paris, um mir als Flüchtling eine neue Bahn durch's Leben zu brechen. Dei⸗ ner Freundſchaft vertrauend Schloß Kieſelbach, am 16. des Heumonds. Heinrich.“ Der verhängnißbolle Brief war bald geſchrieben, doch wer ſollte ihn beſtellen? Dafür hatte der Major ſelher geſorgt, ohne es zu wiſſen. Weßhalb auch mußte er als böswilliger Störefried das Glück eines jungen Brautpaares ſtören? Zur Zeit der Abenddämme⸗ rung ruderte Alfred über den Waſſergraben auf einer Art von Floß aus zwei Brettern und drei Rahmhölzern, überſtieg die Ringmauer auf einer Sproſſentreppe und ſchlich zu ſeinem Ahn. Der Poſten drückte gern ein Auge zu, und vollends alle zwei, ſobald im Morgengrauen der junge Mann wieder den Rückweg antrat, wobei ihm Käthchen ſtets getreulich das Geleit gab. „Die Zeit der Prüfung wird bald vorüber ſein,“ ſagte eines Morgens Alfred zur Braut, nachdem ſie wieder einmal die Mühſeligkeiten und Gefahren beklagt, die er ertragen und überſtehen müſſe, um dem alten Peter in ſeiner Arbeit zu helfen und ein Wörklein mit ihr zu koſen.„Der Wuſtel kann unſere Hochzeit auch nicht um eine Stunde verzögern,“ fuhr er fort:„und wenn wir die paar Monate lang einander auch nicht den ganzen Tag ſehen dürfen, ſo wird das Bei⸗ ſammenſein uns hernach deſto beſſer gefallen.“ „Wozu Gott ſeinen beſten Segen gebe,“ ſagte eine Stimme von oben, leiſe und doch vernehmlich genug. Voll Schrecken wollte Käthchen entfliehen. Alfred hielt ſie feſt.„Wir haben Fug und Recht, hier bei einander zu ſtehen,“ ſagte er trotzig:„und der dort oben möge ſich um „ ſei.“ oben:„ich mein' es gut und will Ihnen etwas zu verdienen geben, zwei Carolin für leichte Müh'.“ Sie mich nur zufrieden, und ſtören Sie mich nicht weiter.“ ſeine eigenen Hühner und Gänſe kümmern, ſei er wer er „Nicht böſe ſein, guter Freund,“ antwortete es von „Ich brauch Ihr Geld nicht,“ ſagte Alſred:„laſſen 53 „Der Herr iſt ja unſer Gefangener,“ bemerkte Käthchen: „der wird uns nicht verrathen.“ „Wie könnt' ich treuer Liebe abhold ſein,“ hob Heinrich an:„ich rechne ja auf das Mitgefühl eines liebenden Paares, um meiner Angebeteten durch einen Freund Nachricht von mir zu geben. Im einſamen Kämmerlein bangt und weint ſie nach einem Wort von mir, das ihr der Freund bringen ſoll. Wo find' ich die mitleidige Seele, welche meinen Brief für den Freund auf die Poſt legt?“ Alfred fühlte ſich viel zu ſehr Grenadier, als daß er auf den Vorſchlag hätte eingehen mögen. Käthchen dagegen fühlte für die Liebesſehnſucht des ſchönen, jungen und unglücklichen Mannes viel zu viel Mitleid, um ſein Begehren abweisbar zu finden, und natürlich galt am Ende ihr Wort mehr, als alle Ruckſichten auf des Herzogs Rock mit dem rothen Kragen. Nachdem der Brief abgegangen, ertrug Heinrich ſein Geſchick mit einer Art ſchadenfrohen Gleichmuthes, wovor der Gedanke an die bevorſtehende Trennung von Vaterland und Freunden nicht Raum gewann. Acht Tage ſpäter hatte er Feile und Strickleiter in den Händen. In der nächſten Mitternacht ſollte er ausbrechen. Der Freund verhieß an einer genau bezeichneten Stelle mit raſchen Roſſen zu harren.. „Noch vierundzwanzig Stunden, dann bin ich frei,“ ju⸗ belte es in Heinrichs Seele. Er verbarg die Geräthſchaften in das Stroh unter ſeiner Matratze und ſchlief mit goldenen Träumen tief in den Tag hinein. Das Frühſtück brachte ihm gewohnter Weiſe der Schließer⸗ 54 der aber ungewohnter Weiſe die ganze Thüre ſtatt des Schie⸗ bers öffnete, ſehr leutſelig guten Morgen ſagte und überaus pfiffig lächelte. „Ich werde doch nicht verrathen ſein,“ dachte Heinrich, und in ſeiner Befangenheit verſäumte er, irgend eine Frage an Hannjockel zu richten, der offenbar für ſein Leben gern ein Geſpräch mit ihm angeknüpft hätte, und nur den Anfang nicht finden konnte. Zaudernd ging er endlich und ließ im Gehen die Thür offen. „Entweder iſt der Mann betrunken, oder man will mich im Auge und zur Hand behalten,“ ſagte Seinrich, indem er die Thüre ſelber zuklappte. Mit Bangigkeit wartete er auf die Ordonnanz, die ihn zum ſogenannten Spaziergang abzuholen pflegte, welchen dieß⸗ mal abzulehnen er entſchloſſen war, damit nicht ein tückiſcher Zufall das koſtbare Geheimniß ſeines Bettes preisgebe. Die Ordonnanz ließ ſich nicht blicken, zur Mittagsſtunde aber kam der Feldwebel, um ihn zum Commandanten zu beſcheiden und gleich mitzunehmen. „Was ſoll ich dort?“ fragte Heinrich. „Zu Mittag ſpeiſen,“ hieß die Antwort. „Laſſen Sie den unzeitigen Spott unterwegs,“ fuhr der Gefangene ſeinen Führer an, ſprudelte noch einige, nicht eben verbindliche Redensarten heraus, und meinte dann zu träumen, als er in einen kleinen Saal geführt wurde, wo ein gedeckter Tiſch ſtand und ein alter Herr im Uniformrock ihm entgegen⸗ trat, die Bruſt voller Orden, auf dem Antlitz wohlwollendes Lücheln. 55 — „Der Herr Major von Hornberg iſt abberufen worden,“ ſagte der freundliche Greis zu dem überraſchten Jüngling: vich bin ſein Nachfolger, und wünſche mit Ihnen ein Glas Wein auf gutes Einvernehmen zu trinken. Nehmen Sie alſo vorlieb mit mir.“ Heinrich konnte vor Erſtaunen immer noch nicht zu ſich ſelber kommen, doch ließ er ſich Eſſen und Trinken ſchmecken, und faßte mit jedem Augenblicke mehr Vertrauen zu ſeinem Wirth, deſſen freimüthige Liebenswürdigkeit ſein Herz im Sturm einnahm. „Es iſt doch nicht ſchön, dem da durchzugehen,“ ſagte der Student beim Nachtiſch zu ſich ſelber, und eine Wolke verdüſterte ſeine Stirne:„aber ich kann mich vor Eduard nicht lächerlich machen, ich muß fort.“ „Was fehlt Ihnen plötzlich?“ fragte der Greis theilneh⸗ mend:„ſind Sie krank?“ „Nur im Herzen,“ entgegnete Heinrich, bitter lächelnd. „Wir wollen zuſammen den ſchwarzen Mokkatrank ſchlür⸗ fen,“ fuhr der andere fort:„und die Sorgen auf blauen Rauchwölkchen den Winden übergeben.“ Heinrichs Augen blitzten.„Rauchen, ja rauchen!“ rief er begeiſtert aus. Der Offizier ſah ihn verwundert an. Heinrich verſtand den fragenden Blick und ſagte: „Der Herr von Hornberg hat mich keinen Zug rauchen laſſen.“ „Deſto beſſer wird's Ihnen jetzt ſchmecken,“ verſetzte je⸗ ner, und fügte nach einer Pauſe hinzu:„mein Vorgänger, 56 ein ſonſt ſehr achtungswerther Offizier und treuer Kamerad, hat überhaupt einige Anſichten über den Dienſt in dieſem Hauſe gehabt, die nicht ganz mit den väterlichen Geſinnungen unſeres durchlauchtigſten Herrn übereinſtimmen. Deßhalb iſt er ab⸗ berufen worden. Ich hoffe, die Meinung des Herzogs beſſer zu treffen. Für's erſte hab' ich die Beſatzung von allem un⸗ nützen Kamaſchendienſt befreit, und die Beſchränkungen aufge⸗ hoben, welchen die Gefangenen unterworfen waren. Ich denke, eine freundſchaftliche Behandlung wird ſie beſſer bewachen, als Schloß, Riegel und Muskete.“ Heinrichs Gewiſſen regte ſich und ſprach eindringlich: „Du darfſt nicht fort.“ „Ich muß fort!“ verſetzte der Hochmuth. „Uebrigens,“ ſchloß der alte Herr, indem er ſich von ſeinem Sitz erhob:„übrigens denk' ich, wir wollen jetzt ein⸗ mal mit einander nach Grünau fahren, und uns möglichſt gut unterhalten. Wollen Sie?“ Dem Studenten traten die Thränen in die Augen. Sotche Güte und ſo viel Vertrauen überwanden vollends die falſche Scham, und Heinrichs Herz war es, das ihn zu dem höchſt vernünftigen Entſchluß trieb, nicht zu entfliehen. Zu Grünau traf er am Nachmittag ſeinen Freund Eduard, und hatte einen harten Strauß zu beſtehen, aus dem er ſiegreich hervorging. Noch am Abend warf er Feile und Strickleiter in den Feſtungsgraben. Als in vier Wochen darauf ſeine Begnadigung intruß für welche ſich der Befehlshaber wirkſam verwendet hatte, 7 ſagte er: 57 „Ich weiß Ihnen keinen Dank dafür.“ Der alte Herr lachte, und meinte: die Freiheit ſei ein köſtliches Gut, köſtlicher als alle Freundſchaft. Da beichtete ihm Heinrich die Geſchichte von der Strick⸗ leiter, und führte ſpäter ſeinen Beweis noch vollſtändiger und glänzender, denn als die nächſte Ferienzeit herangekommen war, eilte er nach Kieſelbach, bat um ſein ehemaliges Gemach und blieb als freiwilliger Gefangener bei dem guten alten Commandanten. Zum Major von Hornberg wär er freilich nicht von ſelber wiedergekommen. Das Schloß am Rheine. Nach dem Däniſchen des C. Hauch. Von 2 E. Zoller. 1. Clara von Mandesloh an Frau F Sarnen. Den 20 Mai da ich n nun die Gelegenheit verſäumt, ſo tauge Sie in unſerer Gegend lebten, ſo will ich durch ein ſchriftliches Bekenntniß meine Schuld zu ſühnen ſuchen. Dieſe Blätter ſind indeß für „ Sie allein geſchrieben, denn die bittern Qualen, die ich erduldet, ſind zugleich mein tiefſtes Ge⸗ * heimniß, mit weit die Welt nichts zu ſchaf⸗ ſen hat. In meiner früheſten Jugend wurde ich ausſchließlich von meiner Mutter erzogen, welche ich unſaglich liebte und die in der That auch meine volle Liebe verdient 59 Mein Vater dagegen blieb mir beinahe fremd; denn er lebte nicht bei uns, ſondern am baierſchen Hofe, wo er mit Hülfe von Familienverbindungen einen bedeutenden Poſten ſich zu verſchaffen gewußt hatte. Meine Mutter hatte ihn zwar nach Wünchen begleitet, aber die ſcharfe Luft jener Stadt ſchien gefährlich für ihre Geſundheit und ſo kehrte ſie bald wieder zurück nach ihrem väterlichen Schloß am Rhein, wo mein Vater im erſten Jahre ſelten Gelegenheit fand, ſie zu beſuchen. — Meine Mutter liebte die Zerſtreuungen nicht; überdieß war es ihre Ueberzeugung, daß die junge Pflanze, welche treiben ſolle, ſich in der Stille entwickeln müſſe. Deßhalb beſuchten wir nur ſelten Geſellſchaften, und ich Lerlebte die meiſte Zeit zu Hauſe auf unſerem Schloſſe, wo ſie mich täg⸗ lich ſelbſt einige Stunden unterrichtete. Wenn der Unterricht vorüber, ſo konnte ich ſpielen ſoviel ich wollte; dieſe Jahre hhlte ich denn auch für die glücklichſten meines Lebens. Alber obwohl die vornehme Welt damals für mich ein verſchloſſen Buch war, ſo lebte ich doch nicht ganz ohne Um⸗ gang mit Menſchen, denn die Leute, die um das Schloß her wohnten, hatte ich alle zu Freunden. In Geſellſchaft meiner Mutter, welche ſehr fromm und wohlthätig war, beſuchte ich oft die Wohnungen der Armen und lernte ſo frühe die Noth der Menſchen kennen. Ja ſelbſt in die Gefängniſſe folgte ich ihr und ſchauerte da, wenn ich die Unglücklichen ſah, welche vom Himmel und der freien Luft geſchieden, oft ſogar an Händen und Füßen gefeſſelt waren. Das Bild ihrer wilden Züge drängte ſich bisweilen gar in meine Träume aber was mich am meiſten in Erſtaunen ſetzte, war, daß dieſe Menſchen ſelbſt ihre heitern Augenblicke hatten, und noch jubeln konnten vor Freude über die Gaben, die ihnen meine Mutter reichte. Häufig unterhielt mich meine Mutter mit Geſchichten von den alten Ritterſchlöſſern am Rheine. Aus dieſen Erzählungen bildete ich mir eine Traumwelt, welche in großem Widerſpruch ſtand mit der Wirklichkeit, die mich umgab. Den Mittelpunkt, welcher meiner Phantaſie eine be⸗ ſtimmtere Richtung gab, fand ich in der Religion. Dieſe hätte mich auch wohl mit den Menſchen in nähere Verbindung bringen können, hätte meine Mutter nicht ein ſo eingeſchloſſenes Leben geführt, daß ſie ſogar die Kirche ſelten beſuchte, obgleich ſie ihren höchſten Troſt in der Religion fand. Jeden Tag verrichtete ſie dagegen ihre Andacht in unſerer kleinen Kapelle, in welcher ein in der Nähe wohnender Geiſtlicher die Meſſe las. Da wir ſomit Alles, was wir bedurften, vom Höchſten bis zum Gewöhnlichſten, in unſerem beſchränkten Kreiſe fan⸗ den, ſo vermißten wir den Umgang mit der übrigen Welt nur ſelten. So lebte ich bis in mein zwölftes Jahr. Um dieſe Zeit nahm mein⸗Vater, mißvergnügt über eine vermeintliche Zu⸗ rückſetzung, ſeinen Abſchied vom baierſchen Hof und kehrte auf ſein Schloß am Rhein zurück. Durch ſeine Ankunft be⸗ kam unſer ganzes Leben ein verändertes Ausſehen und häufige Beſuche und mannigfaltige Zerſtreuungen traten an die Stelle unſeres früheren ſtillen Lebens.— Ich war in der darauf folgenden Zeit oft Zeuge von Auftritten, bei welchen meine Mutter inſtändig um die Erlaubniß bal, von den Geſellſchaften zurückbleiben zu dürfen; aber ungeachtet mein Vater ſie liebt 61 und ſich ihr gerne fügte, ſo ſetzte ſie doch ſelten dieſen ihren Wunſch durch. Ich ſah ſie da oft im einſamen Zimmer wei⸗ nen und dieſe ſogenannten Vergnügungen, an welchen ſie gegen ihren Willen Theil nehmen mußte, waren für ſie mehr Quel⸗ len des Kummers und der Schmerzen, als der Freude. Was mich betrifft, ſo hatte ich weit mehr von meiner Mutter, als von meinem Vater geerbt. Den Hang zur Ein⸗ ſamkeit und die Unluſt am geſellſchaftlichen Leben, die bei ihr zu einer wirklichen Krankheit ausgeartet, theilte ich im vollſten Maße, und wie ſehr ich ihr auch im Uebrigen dafür danken kann, ſo muß ich doch ihre Scheu, mit welcher ſie mich angeſteckt hatte, und die mich in jeder fremden Geſell⸗ ſchaft befiel, nur als ein großes Unglück anſehen, da ſie ſo oft meinen Frieden und meine Gemüthsruhe geſtört. Einige Zeit nach meines Vaters Zurückkunft wurde meine Schweſter Gabriele geboren. Ein Jahr ſpäter ſtarb meine treue Mutter. Dieſer Todesfall traf mich wie ein Blitz aus hei⸗ terer Luft, doch kam er den Andern nicht ſo unerwartet als mir, denn die Aerzte hatten ſeit längerer Zeit bei ihr eine Anlage zur Bruſtſchwäche entdeckt. Dieſe entwickelte ſich nun in Folge der veränderten Lebensart und der Nachtwachen, welche die häuſigen Geſellſchaften mit ſich führten, zu einer wirklichen Krankheit, der meine arme Mutter zum Opfer ward. Nur einmal ſah ich meine Mutter als Leiche. Es war kurz nach ihrem Tod, in jenem Zeitpunkte, wo die Verwe⸗ ſung noch nicht eingetreten und der Geiſt den Ausdruck der Befreiung auf dem Antlitz der Leiche ausgeprägt zurück⸗ 5 gelaſſen. Mitten in meinem Schmerze fühlte ich dies lebhaſt, 62 und ich gedachte eines kleinen Märchens, das meine Mutter mir ſelbſt mal erzählt hatte. „Wenn des Guten Seele den Leib verläßt,“ ſagte ſie, „ſo eilt ſie zum Paradies, wo ſie die erſte Nacht nach dem Tode ſchlummert. In dieſer Nacht ſcheidet jeder Gram und jede Bitterkeit aus ſeinem Innern und es kehrt bei ihm wieder der Friede und die Unſchuld des erſten Menſchen ein Ini dieſer Nacht öffnen ſich auch die Arme, die ihn in die höheren Wohnungen der Ewigkeit tragen ſollen. Ja während dieſes Schlummers umhüllt ein ſtiller Frieden den verlaſſenen Kör⸗ per und die Ahnung der Seligkeit verdrängt das Grauſen des Todes, wie Jeder fühlt, der einige Stunden nach dem Scheiden der Seele den todten Leib betrachtet.“ Den 22. Mai. Mein Vater war ſehr befangen in den Vorurtheilen ſeines Standes. Da er außerdem während der Verwaltung ſeines Hofamtes ſich daran gewöhnt hatte, äußere Form und Anſtand als eine Sache von der größten Wichtigkeit zu betrachten, ſo konnte er natürlich mit der Erziehung, die mir meine Mutter gab, nicht zufrieden ſein. So lange ſie lebte, forderte er je⸗ doch nur einzelne Opfet in Bezug des geſellſchaftlichen Ver⸗ o wurde ihr ganzer Er⸗ haltens; aber kaum war ſie todt, ſ ziehungsplan geündert und alsbald erſchien eine franzöſiſche Gouvernante, unter deren Anleitung ich einholen ſollte, was verſäumt worden. Den größten Theil meiner Zeit verbrachte ich auf dem Zimmer meiner Gouvernante mit Lectionen und Uebungen verſchiedener Art. Im Tanz, der Muſik und d —— 63 feineren Handarbeiten erhielt ich täglich Unterricht. Da ich große Luſt zum Malen hatte, ſo erhielt ich auch hiezu An⸗ weiſung. Später lernte ich verſchiedene Sprachen, unter welchen beſonders die franzöſiſche mit großem Eifer betrieben wurde; ja ſogar nach einiger Zeit ſprach mein Vater nur ſelten deutſch mit mir und beinahe alle unſere Unterredungen wurden in franzöſiſcher Sprache geführt. Die meiſte Zeit aber brachte ich in Geſellſchaften zu, für welche ich mit mannigfachen Koſtbarkeiten geſchmückt wurde und mich weit reicher kleiden mußte, als ich wünſchte. Wenn ich ſo geſchmückt war, ließ mein Vater mich häufig in ſein Zimmer kommen, wo er mich lange betrachtete, und wenn ich ihm dann gefiel, drückte er einen Kuß auf meine Stirne und ſagte:„Allez mon enfant et soyez aimable!“ Aber dieſe Liebenswürdigkeit, die ihm ſo wichtig war, konnte ich, wie ſehr ich es auch wünſchte, nie recht erwerben. Ich erfüllte zwar alle ſeine Wünſche, ich beſuchte die glänzenden Zirkel, in die er mich führen wollte, aber ich langweilte mich dabei. Ich ſpielte und ſang in Geſellſchaften auf ſeine Aufforderung, aber das Leben und die Luſt, mit welchen ich zu Hauſe meine Talente entwickelte, ſchienen mich auswärts zu verlaſſen. Auch konnte ich nicht ſo fließend und leicht über alle die Bagatelle, um welche ſich die Converſazion drehte, ſprechen, als mein Vater es wünſchte, und ſo zufrieden er oft mit mir war, ehe wir in ſolche Zirkel traten, ſo mißvergnügt war er, wenn wir ſie verließen.„Ich werde hart geſtraft für meine Nach⸗ giebigkeit gegen Deine Mutter,“ ſagte er oftmals,„ihre Scheu vor dem geſellſchaftlichen Leben hat leider Dich angeſteckt und 64 vielleicht wird es die Quelle werden, aus welcher Dir Schmerz genug in Deinem Leben fließen ſoll.“ Mit den ſogenannten untern Ständen durfte ich nach meiner Mutter Tod in keiner Weiſe mehr umgehen und jeder Beſuch in den Hütten der Bauern, ja jede längere Unterre⸗ dung mit den Dienern des Schloſſes war mir durchaus ver⸗ boten. Ich vergeſſe nie meine Verwunderung über des Vaters Worte, da ich kurz nach ſeiner Zurückkunft ein paar vorüber⸗ gehende Taglöhner freundlich grüßte:„Du biſt eine Dame von Stand,“ ſagte er,„das ſchickt ſich durchaus nicht für Dich, ſolch' untergeordnete Leute zu grüßen, und wenigſtens müſſen ſie es ſein, die zuerſt grüßen.“ Ich ſtarrte ihn an, als hätte er in einer fremden Sprache mit mir geſprochen und es währte lang, ehe ich begreifen lernte, was er eigentlich meinte. Aber ungeachtet ſolche Beſchränkung meiner Freiheit mir ſehr zuwider war, ſo fand ich mich doch nach und nach darein, denn von dem Augenblick, da mein Vater ſelbſt ſich mit meiner Erziehung beſchäftigte, verlangte er einen ſo unbe⸗ dingten Gehorſam, daß es mir nimmer in den Sinn kam, mich ſeinem Willen zu widerſetzen. Nur in der Stille ſeufzte ich über den Zwang, unter dem ich lebte, und ich erinnere mich noch eines Gedichtes, welches ich damals lernte, und das ich oft mit Wehmuth ſang, ohne Zweifel, weil es in einfachen Zügen Zuſtände ſchilderte, welche einigermaßen Aehnlichkeit mit den meinen hatten. Es war die Klage einer Prinzeſſin über den Zwang unter welchen ſich ihre natürlichen Gefühle beugen mußten Eines Tages hörte mein Vater mich dieſes Lied 65 Schloßgarten ſingen, ohne daß ich ſeine Nähe ahnete. Da ich geendigt hatte, trat er hervor und erklärte mir ſehr ernſtlich, vaß er nicht wünſche, daß ich ſolche Lieder ſinge.„Aber klagt denn dieſe Prinzeſſin durchaus mit Unrecht?“ wagte ich zu fragen.„Einigen Grund zur Klage hat ſie wohl, aber nur wenn ſie ihre Stellung vom niedrigſten Geſichtspunkte aus be⸗ trachtet. Eine ſo hochſtehende Perſon ſollte indeß ihre Würde fühlen; ſie darf ſich nicht ihren Neigungen hingeben, ſondern muß im Gegentheil ſich ſelbſt und ihre Wünſche dem Wohl des Ganzen zum Opfer bringen. Als Lohn dafür wird ihr zwar nicht das gewöhnliche Glück, ja nicht einmal die ge⸗ wöhnliche Mutterfreude, dagegen nennt man ſie die Mutter eines ganzen Volks und ſelbſt ungeborene Geſchlechter ſollen von ihrer Hand die reichſten Gaben empfangen; und je größere Opfer ſie dafür bringt, je größere Selbſtbeherrſchung ſie an den Tag legt, deſto mehr hebt ſie ſich über ihre Umgebung, deſto deutlicher beweist ſie ihr Anrecht auf die Stellung, die ſie behauptet. Du denkſt vielleicht, dieſe Bemerkungen möchten nur wenig Bezug auf Dich haben und doch ſind ſie wichtiger für Dich, als Du glaubſt. Du biſt zwar keine Prinzeſſin, r aber Du gehörſt einem edlen Stamme an, und haſt deßhalb , unabweisbare Pflichten.“ 5 Eine Aehnlichkeit fand ſich indeſſen doch zwiſchen meinem e und der Prinzeſſin Schickſal; denn auch ich ſollte mich mit n einem Mann vermählen, welchen ich noch nie geſehen hatte. g Er hieß Carl Theodor Mandesloh, war mein Vetter im dritten Glied und ungefähr ſechs Jahre älter als ich. Er beſaß kein Vermögen, aber da er der einzige jüngere Der Erzähler. 1816. U. 5 66 Descendent unſerer Familie männlicher Seits war und mein Vater überdies ſeine Grundſätze billigte, ſo hatte er ihn ſchon frühe zu ſeinem Schwiegerſohn beſtimmt. Ich war etwas über 17 Jahre, als Carl Mandesloh oder Vetter Charles, wie ihn mein Vater nannte, ſeinen erſten Beſuch auf unſerem Schloſſe ablegte. Er erweckte damals gerade keine ſympathetiſchen Ge⸗ fühle in mir; denn ungeachtet ſeine Züge mir ſchön und ſein Aeußeres ziemlich vortheilhaft erſchien, ſo war doch eine ſo ariſtokratiſche Kälte über ſein ganzes Weſen ausgebreitet, daß ich mich beklommen und verlegen in ſeiner Nähe fühlte. Einige Tage nach ſeiner Ankunft ereignete ſich etwas, das, wie unbedeutend es auch war, mir damals ſehr zu Her⸗ zen ging. Ich ging eines Abends mit der kleinen Gabriele in den Wald, der das Schloß Mandesloh umgibt. Gegen die Gewohnheit begleitete uns die Gouvernante nicht. Vetter Charles hatte den ganzen Tag auf der Jagd zugebracht. Kaum waren wir einige hundert Schritte vom Schloſſe, da hörten wir einen Schuß und zugleich ſtürzte eine weiße Taube blutend vor unſern Füßen nieder. Die kleine Gabriele ſtieß einen ſchmerzlichen Schrei aus,— es war ihre Lieblingstaube, welche der Schuß getroffen. Im nämlichen Augenblick trat Vetter Charles mit ſeiner Büchſe' hervor.„Ich bitte um Entſchuldigung,“ ſagte er,„ich wußte nicht, daß dieſe Taube Ihnen ſo theuer war; ich hatte den ganzen Tag nichts ge⸗ ſchoſſen und ſie nahte ſich ſo dreiſt, daß ich der Verſuchung nicht widerſtehen konnte.“ Nach dieſen Worten grüßte er und ging, aber ich fühlte einen tiefen Haß gegen„ihn, denn ich war in jenen Tagen recht kindiſch und die Taube war mir 3 * 67 beinahe ſo lieb, als Gabrielen. Später erzählte mir meine Gouvernante, daß es ihm wirklich zu Herzen gegangen, uns ſo betrübt zu haben. Aber ungeachtet er kurz hernach mich daſſelbe verſicherte, ſo fand ich doch eine ſolche Kälte und Ab⸗ gemeſſenheit in ſeiner Entſchuldigung, daß dies ſogar mein Herz ihm noch mehr entfremden mußte. Nach vier Tagen nahm Vetter Charles Abſchied und begab ſich auf eine Reiſe in's Ausland, welche, wie mein Vater ſagte, zu ſeiner Bildung nothwendig ſei und ungefähr dritthalb Jahre dauern ſollte. Den 23. Mai. Kurz nach Charles Abreiſe machte ich die Bekanntſchaft eines jungen Mannes, deſſen ganzes Weſen mir in hohem Grade zuſagte. Er war ein Maler mit Namen Adolph Rich⸗ ter, der, ungeachtet er von bürgerlichen Elern abſtammte, doch ſehr freundliche Aufnahme bei dem der Umgegend fand.. Ich ſah ihn in mehren Geſellſchaften Und bemerkte mit heim⸗ licher Freude, wie er jede Grlegenheit ergriff, ſich mir zu nähern; ja es ſchien mir, als ob ſeine ſchwarzen Augen, wenn wir zuſammen waren, mit ſchwärmetiſchem Feuer die meinen ſuchten. Eines Abends wurden mehre von ſeinen Bildern aufge⸗ ſtellt. Sie zeugten alle, wie mir ſchien, von ganz bedeuten⸗ dem Talente. Kurz darauf trat er zu mir. Er habe mit Freude gehört, ſagte er, daß auch ich die Kunſt ſchätze. Da ich das Geſpräch auf ſeine eigenen Bilder lenkte, bemerkte er, es fehle ihm noch an Schule und gründlichem Studium. 68 „Doch ich bin noch jung,“ fügte er hinzu,„und beſitze zugleich einiges Vermögen, deßhalb hoffe ich mit der Zeit das Ver⸗ ſäumte einzuholen.“ Bei dieſer Unterredung bat er i mein Porträt malen zu dürfen. Ich ſagte es ihm gerne zu; doch mein Vater ſchlug es rundweg ab.„Wenn Du Dich malen laſſen willſt,“ ſagte er,„ſo muß es ein Meiſter ſein, der Dich malt, und nicht ſolch' ein unbekannter Menſch. Kurz darauf ließ er ſich verläugnen, als Adolph Richter ihm einen Beſuch abſtatten wollte. Wie ſtreng mein Vater auf die Würde ſeines Standes hielt, mag folgendes Beiſpiel beweiſen. Ich machte einſt eine Reiſe nach Köln mit ihm. Er hatte eigentlich gewünſcht, die Reiſe zu Land zu machen. Aber da ich ihn darum bat, ſo nahm er Plätze für uns auf dem Rheinbvote. Unter den Paſſagieren bemerkte ich auch Adolph Richter. Ob ihn Geſchäfte hieher⸗ führten oder ob er von meiner Reiſe gehört hatte, weiß ich nicht. Das Wetter war ziemlich kalt, doch zog ich es vor, an der freien Luft zu ſitzen; mein Vater aber, der noch nicht wußte, daß Richter zugegen war, ging in die Kajüte, und ließ mir einen Diener zu meiner Aufwartung zurück. Nach einiger Zeit trat der junge Maler, der ſich bis jetzt in ehr⸗ erbietiger Entfernung gehalten hatte, näher und fragte mich, ob ich nicht friere. Da ich es zugeſtand, daß ich in meinen Füßen fröre, brachte er augenblicklich einen ſehr ſchönen und reich verbrämten Mantel und legte ihn unter meine Füße. Ich dankte ihm freunblich für ſeine Güte. Kurz darauf kam mein Vater. Kaum ſah er den Mantel und hörte, was vorge⸗ .5 „ zeigte, daß er mich endlich einmal treffe.„Schon längſt hätte 69 gangen, als er den Diener rief, der eilig herbeikam.„Lege einen Teppich unter des Fräuleins Füße!“ ſagte er ſo laut, daß Adolph Richter es hören konnte,„und gib dieſem Herrn ſeinen Mantel zurück!“ Dieß geſchah augenblicklich und mein Vater wich nun keine Minute von meiner Seite, ſo daß ich nur mit einem freundlichen Blicke, aber nicht mit einem Worte dem jungen Maler beweiſen konnte, wie ſehr ich meines Vaters Handlung mißbillige. Nach einer früheren Beſtimmung ſollte mich meine Gou⸗ vernante auf jedem Gange in den Schloßgarten begleiten. Dieß verſäumte ſie auch nie, wenn ſie geſund war; aber wenn ſie ſich unwohl befand, ſo ging ich gewöhnlich allein. Dieß fand denn auch bei meiner Zurückkunft von Köln Statt. Auf einer meiner einſamen Wanderungen, welche ich damals machte, begegnete ich zu meiner großen Ueberraſchung Adolph Richter, der augenblicklich auf mich zukam und mir ſeine Freude be⸗ ich dieſe Gegend verlaſſen,“ ſagte er,„ich blieb nur, weil ich wünſchte Ihr Porträt zu beſitzen und es ſchien mir unmöglich, fort zu gehen, ehe dieſer Wunſch erfüllt ſei.“ Ich wurde ſehr verlegen bei dieſen Worten, indeſſen ant⸗ wortete ich ihm doch freundlich und ich weiß nicht, wie es zuging, ehe wir von einander ſchieden, hatte ich ihm verſpro⸗ chen, in den nächſten Tagen wieder kommen zu wollen, um ſeinen Wunſch zu erfüllen. Ungeachtet der Gedanke an dieſe Begegnung meine Seele die ganze Nacht mit Fieberſchauer erfüllte, ſo fand ich mich doch wirklich ein. Richter hatte ſeinen Malerapparat mitge⸗ 70 bracht und begann alsbald mein Bild anzulegen. Mehremal trafen wir einander ſo im Walde, ohne daß es Jemand merkte; da wir zum vierten Male zuſammenkamen, war das Porträt beinahe vollendet, und ich fand es wirklich ſelbſt ſehr hübſch. Diesmal wurde unſer Geſpräch etwas wärmer; endlich geſtand er mir ſeine Liebe und obgleich ich nichts Beſtimmtes darauf antwortete, ſo hatte doch mein Händedruck und mein Blick ihm mehr geſagt, als ich wünſchte. Aber ach, wir ſollten einander nicht öfter ſo begegnen. Am folgenden Tage ſuchte er mich vergebens; denn einer von den Dienern des Schloſſes hatte uns geſehen und es alsbald ſeinem Herrn mitgetheilt. Ungeachtet mein Vater augenblicklich dieſem Menſchen den Abſchied gab, mit der Erklärung, daß er keine Angeber in ſeinen Dienſten haben wolle, und daß ich nichts gethan, wozu ich nicht von ihm die Erlaubniß hätte, ſo wurde ich doch von dieſem Augenblicke an unter ſtrenge Aufſicht geſtellt und ein Diener mußte mich begleiten, ſo oft ich mich nur einige Schritte vom Schloſſe entfernte. Ich mußte überdies die genaueſte Re⸗ chenſchaft von Allem ablegen, was zwiſchen mir und Adolph Richter vorgefallen. Bei dieſer Gelegenheit wurde mir auch vedeutet, daß Charles Mandesloh der für mich beſtimmte Bräutigam ſei.„Aber in jedem Falle,“ fuhr mein Vater fort,„wäre der bloße Gedanke an eine Verbindung zwiſchen Dir und dem jungen Maler ſo lächerlich und ungereimt, daß das Ganze nur als die Grille eines Kindes betrachtet werden kann, das keinen Begriff von ſeiner Stellung hat.“ Ich war ſchon ſo an Gehorſam gewöhnt, daß ich dem 6 — ——.— — „ 71 Gefühle meines Herzens zum Trotz, nicht die geringſte Ein⸗ wendung gegen dieſe Worte meines Vaters wagte,— meine Thränen waren die einzige Antwort. Was mich aber am meiſten ſchmerzte,— ich wurde ſo⸗ gar gezwungen, einen Brief an Richter zu ſchreiben, den mir mein Vater diktirte, und worin ich nicht blos dem jungen Maler alle Hoffnung nehmen, ſondern ihn auch ernſtlich auf⸗ fordern mußte, mir mein Porträt zurückzuſenden und augenblicklich die Gegend zu verlaſſen, in welcher ich wohnte. Später hörte ich, daß er Bonn verlaſſen; mein Porträt ſandte er mir indeß nicht mehr. Seine Abreiſe ging mir ſehr nah und ich fühlte mich ſo verlaſſen und unglücklich, daß ich in ein Kloſter zu gehen wünſchte. Mein höchſter Troſt in dieſen Tagen war die kleine Gabriele, die mit ganzer Seele an mir hing. Im Uebrigen legte ich mich damals noch eifriger als zußdr auf die Malerei; denn es ſchien dieſe Kunſt das einzige Band zwiſchen mir und dem zu ſein, welchen das feindliche Schickſal von mir getrennt hatte. Clara Mandesloh an Frau Sarnen. Den 13. Juni 1794. Kaum war Charles Mandesloh von ſeiner Reiſe zurück, als unſere Verlobung in einer großen Geſellſchaft feierlich er⸗ klärt wurde, und kurz darauf, ungeachtet mich mein Gehor⸗ ſam manche bittere Thräne koſtete, ward auch unſere eheliche Verbindung vollzogen.* 72 Hatte Charles, wie meine Gouvernante ſagte, früher an meinem Aeußern Gefallen gefunden, ſo fühlte er doch gewiß nie Liebe zu mir, und es war ſomit nicht dieſe Leidenſchaft, ſondern eine ganz andere Abſicht, welche ihn mit mir ver⸗ band. Kurz nach der Trauung reisten wir nach München, wo Charles, mit Hülfe der Verbindungen meines Vaters, bei Hofe angeſtellt wurde, mit der Ausſicht, einſt zu den höchſten Würden gelangen zu können. Wir machten ein ziemlich be⸗ veutendes Haus, und die große Welt verſammelte ſich ſehr häufig um uns. Ich mußte mich nun noch öfter als früher in Kreiſen zeigen, in welchen ich ſo wenig beſtimmt war, eine Rolle zu ſpielen; dort ſaß ich manchen Abend ſtumm und ſtill auf meinem Seſſel und hörte, wie man an meiner Seite ſich zu⸗ flüſterte:„Das iſt Phgmalions Statue, welcher die Götter noch kein Leben geſchenkt.“ Dieſe meine Unbehülflichkeit erweckte großes Mißvergnügen bei Charles, der in Hinſicht auf die geſellſchaftlichen Forde⸗ rungen nur allzuſehr mit meinem Vater übereinſtimmte.„Sie ſitzen ja in Geſellſchaft, als hätten ſie eine Eiſenſtange im Rücken,“ ſagte er oft,„und Sie verſtehen ihre Talente nur zu zeigen, wenn Niemand zugegen, der ſie würdigen könnte.“ Nach und nach lernte ich mich jedoch beſſer in die ge⸗ ſellſchaftlichen Formen finden, ja zuletzt konnte ich ſogar mit einer gewiſſen Lebendigkeit mit Männern über Gegenſtände, die mich intereſſirten, ſprechen. Möglich indeß, daß ich jetzt auf der andern Seite zu weit ging und daß nun meine Lebendigkeit „ 73 zu groß war. Wenigſtens gewann ich Charles Beifall nicht damit, der nun über mein geſprächſames Weſen eben ſo un⸗ zufrieden war, wie zuvor über meine Stummheit; und bis⸗ weilen geſchah es, daß im nämlichen Saale die bitterſten Auftritte Statt fanden, wo die geſellſchaftliche Freude noch kurz zuvor jeden Schatten von Mißmuth verjagt zu haben ſchien. Eines Auftrittes aus jener Zeit, deſſen ich mich noch leb⸗ haft erinnere, will ich hier erwähnen. Zu unſerer Geſellſchaft gehörte unter andern eine hübſche junge Dame, Frau von L., welche überall großes Glück machte und welche auch Charles eine Zeit lang unter ihre Verehrer zählte; ich dagegen hatte eine Art Antipathie gegen ſie, da ich etwas Unwahres und Unnatürliches in ihrem We⸗ ſen fand. Eines Abends kam ſie zu uns, gekleidet in die tiefſte Trauer und ſprach ein Langes und Breites über ihren Schmerz, da ſie vor vier Tagen eines ihrer Kinder verloren hatte. Alles beklagte ſie und auch Charles ſchenkte ihr wärmere Theilnahme, als ſie es in meinen Gedanken verdiente. Nachdem ſie eine Stunde lang über ihr Kind geweint und geſprochen hatte, nahm ſie wieder Abſchied und ging.„Es iſt doch Schade um die junge Frau,“ ſagte einer der Anweſenden,„daß ſie von einem ſo ſchweren Schlag getroffen wurde“„Ich be⸗ greife nur nicht, wie eine Mutter, die ihr Kind verloren, Luſt haben kann, einige Tage darauf in Geſellſchaft zu gehen,“ bemerkte ich.—„Glauben Sie denn nicht, daß ſie wirklich trauert?“ fragte man.—„Ach ja,“ antwortete ich, 74 „doch hat mich meine geringe Erfahrung gelehrt, daß es Menſchen gibt, die mitten im tiefſten Schmerze zugleich an das Ausſehen denken, das ihnen die Trauer gibt.“—„Die Trauer kann Frau v. L. nicht ſchöner machen, als ſie ſchon zuvor iſt,“ antwortete Charles.—„Daß die Menſchen falſch ſind, iſt nichts ſo Wunderliches,“ erwiederte ich,„aber dieſe Menſchen ſind falſch und ehrlich zu gleicher Zeit, denn jedes⸗ mal, wenn wirklicher Schmerz ihnen eine Thräne entlockt, ſo weinen ſie noch mehr, damit es die Leute ſehen.“—„Wenn die Thränen ſie ſo gut kleiden, als Frau v. L., ſo nehme ich es ihnen nicht übel,“ erwiederte Charles,„im Uebrigen haben Sie vielleicht Recht mit Ihrer Bemerkung, und es zeugt nur von dem zuſammengeſetzten Metall, das im Men⸗ ſchen zu einem Guß verwandelt worden.“ Dieß ſagte er mit der größten Artigkeit und drückte einen Kuß auf meine Hand; aber es war etwas in ſeiner Stimme, das mir ſagte, daß er meine Bemerkungen it wohl aufgenommen. 63 „Alſo Frau v. L. iſt nicht ernſtlich betrübt um ihr Kind?“ ſagte er etwas ſpäter, da wir allein geblieben.„So ſcheint es mir;“ antwortete ich.„Das iſt ein Vorwurf, den man Ihnen nicht machen kann,“ erwiederte er in kaltem und bit⸗ terem Tone;„weil Sie kein Kind haben, um das Sie Kummer leiden könnten.“„Nun, deßhalb dürfen Sie mich nicht verſpotten und mißhandeln,“ antwortete ich unter einem Strom von Thränen.—„Nicht mal die gewöhnliche Eigen⸗ ſchaft, die ein Weib haben ſoll, beſitzen Sie,“ he „des Lebens Quelle iſt verſiegt in Ihrem Innern.“ „ 75 Sie wiſſen, wie ſehr Charles dadurch meine verwund⸗ barſte Seite traf; er ſchien es auch wirklich zu fühlen und behandelte mich dann wieder freundlicher und ſagte auch wohl ein paar Worte zu ſeiner Entſchuldigung, aber die unglückliche Scheu, die ich vor ihm hatte, war Schuld daran, daß ich ſolche Augenblicke nicht benützte, wie ich geſollt, weßhalb auch keine weſentliche Veränderung in unſerem Ver⸗ hältniſſe eintrat. Von dieſen Stürmen, die ſo oft unſere Ehe ſtörten, erfuhr mein Vater nichts und ſeine Zuneigung zu Charles blieb unverändert bis an ſeinen Tod, der ungefähr vier Jahre nach meiner Hochzeit eintrat. Da Charles ſich nicht ganz zufrieden in München fühlte, ſo nahm er nach meines Vaters Tod plötzlich ſeinen Abſchied und beſchloß nun, auf der Burg Mandesloh zu leben, welche mit den dazu gehörenden Gütern nach einer früheren Be⸗ ſtimmung, gegen einen billigen Erſatz an Gabriele, uns gehören ſollte. Anfangs, da ich wieder in die Heimath gekommen, er⸗ ſchien mir alles unendlich ſchön, doch verflog ſich auch dieſer Rauſch ſehr bald. Charles ſuchte wieder größere Kreiſe um ſich zu verſammeln, und es begann von Neuem ein Leben voll Zerſtreuung, das nur ſtörend auf meine damalige Stimmung einwirkte und nicht viel von dem Leben in München verſchied. 6. Meine größte Freude war, wieder bei Gabriele zu ſein, die ein äußerſt liebenswürdiges Mädchen geworden und damals gerade im zwölften Jahre ſtand. Sie wurde aber zu meinem 76 großen Schmerze nach einem Befehle meines Vaters zu einer Couſine in Koblenz gebracht, die ihre Erzichung übernahm. Mein Vater ſtarb im Jahre des Ausbruchs der fran⸗ zöſiſchen Revolution und hinterließ, gleichſam um dieſem Anfall auf die Rechte der privilegirten Stände zu trotzen, ein Document, in welchem er ſeiner jüngeren Tochter die Pflicht auferlegte, unter keiner Bedingung einen Bürger⸗ lichen zu heirathen. Zugleich wurde Charles darin zu ihrem Vormund beſtimmt, ohne deſſen Einwilligung ſie ſich nicht verehelichen durfte. Den 15. Juni. Kurz vor unſerer Ankunft auf Schloß Mandesloh be⸗ ſchloß Charles, das Bad in Aachen zu beſuchen, und da er es wünſchte, ſo begleitete ich ihn dorthin. In Aachen lernte ich eine junge Dame kennen. Ihr bei einer Tante in Brüſſel gelebt hatte, ſo ſtammte ſie doch von einer adeligen franzöſiſchen Familie ab und war in der Umgegend von Lille geboren. Ihre Züge waren nicht ganz regelmäßig, aber ihr lebendiges, ausdrucksvolles Antlitz, ihre wohl gebildeten Formen und ihre ſchöne Figur, ſowie die »Anmuth, die aus jeder ihrer Bewegungen ſprach, erſetzten reichlich den Mangel an eigentlicher Schönheit. Sie bildete gewiſſermaßen einen bedeutenden Gegenſatz gegen mich; denn das geſellſchaftliche Leben war ihre höchſte Freude, und da ſie ſich darin mit ſo vieler Leichtigkeit und Grazie bewegte und ihre Talente darin in ſo hellem Glanze ſtrahlten, ſo mußte ich dies wirklich auch ſehr natürlich finden. 2 Name war Natalie St. Ange, und unerachtet ſie viele Jahre „ 77 Ungeachtet unſere Charaktere ſo ſehr verſchieden waren, faßte ſie doch, wie ſie mich bald verſicherte, eine große Liebe zu mir, und kam mir mit ſo viel Freundlichkeit entgegen, daß es wirklich eine ungereimte Grille von mir geweſen, hätte ich ihr nicht gleichfalls mein Wohlwollen geſchenkt. So lange wir uns in ite aufhielten, beſuchte ſie uns beinahe täglich, und ungeachtet ſie, wie ſie ſagte, ſich in mein ſtilles Weſen verliebt hatte, ſo ließ ſie mir nie Ruhe. Mit dem geſellſchaftlichen Lone der in jenem Bade herrſchte, war ſie nicht zufrieden, denn im Sommer 1790 nahmen die Bewegungen in Frankreich alle Aufmerkſamkeit für ſich in Anſpruch; wo wir deßhalb hinkamen, war von Politik die Rede und die zwei Parteien ſtritten mit großer Heftigkeit gegen einander. Wenn Natalie zugegen war, konnte jedoch kein politiſcher Streit in den Gang kommen; denn ſie ſuchte dem Geſpräche beſtändig eine andere Wendung zu geben. Sie ſagte immer, die Menſchen ſeien jetzt lange nicht mehr ſo liebenswürdig, als früher; ja ſelbſt die jungen Katzen und Hunde,“ meinte ſie,„haben ihre alte Luſtigkeit verloren und machen nicht mehr ſo muntere Sprünge, als vor der Revv⸗ lutivn.“ In Geſellſchaft war ſie äußerſt liebenswürdig, wie ich ſchon bemerkte, ja ſie konnte alles fagen, was ſie wollte, denn was ſie ſagte, kleidete ſie ſo gut, daß Niemand ihr etwas übel deutete. Sie ſang und ſpielte vortrefflich; ſie tanzte ſo hinreißend, daß ſelbſt Charles, der ſie damals noch 78 nicht recht leiden mochte, doch bei ſolchen Gelegenheiten mit Bewunderung und Entzücken betrachtete. Als ich von ihr Abſchied nahm, ſchien ſie ſehr bewegt, warf ſich an meinen Hals, weinte und ſagte, ſie könne nicht ohne mich leben.„Ich werde nächſtes Jahr zu ihnen kom⸗ men,“ fügte ſie hinzu,„und bleibe den ganzen Sommer bei Ihnen, ich kann das gut einrichten; meine Tante ſchlägt mir nichts ab, wenn ich ſie recht bitte.“ Ein Jahr nach unſerer Zurückkunft empfing ich einen Brief von Natalien, worin ſie mir erzählte, daß ſie ſich leider nicht wohl befände und uns deßhalb nicht beſuchen könnte. Dieß war mir natürlich ſehr leid und ſo viel ich ſah, war es auch Charles nicht ganz lieb, wie wenig er ſich im Bad um ſie gekümmert hatte. Im nächſten Sommer erwarteten wir ſie gleichfalls ver⸗ gebens und erſt im November deſſelben Jahres wurden wir, da wir es am wenigſten erwartet hatten, von einem Beſuche Nataliens überraſcht. Sie war von Brüſſel vor ihren eigenen Landsleuten geflüchtet, welche nach der Schlacht bei Jemappe in Belgien einzogen und dort die privilegirten Stände mit großer Grauſamkeit verfolgten. eine Tante iſt über den Rhein und hält ſich in Kaſſel auf,“ ſagte ſie;„abet ich zog es vor, den Winter hier zuzubringen, wenn Sie mich behalten und ſchützen wollen.“ Mit dieſen Worten wandte ſie ſich um und machte Charles ein Compliment.„Je länger Sie bleiben, deſto mehr freut es uns,“ antwortete er mit großer Artigkeit. Auch ich verſicherte ſie, daß ſie äußerſt willkommen ſei.„Das 79 iſt ſchön,“ ſagte ſie;„ich will ſo lange hier bleiben, bis die unruhigen Zeiten vorüber ſind.“ Doch war ſie nicht mehr ſo munter und heiter, wie ſie in Aachen geweſen, auch ſchien es mir, als ob ſie etwas bleich ausſehe. Nach Nataliens Ankunft mehrten ſich die Geſell⸗ ſchaften in der ganzen Gegend. Sie ließ ſich in Bonn bei Hof vorſtellen und machte auch dort großes Glück, denn der Churfürſt ſelbſt ſah ſie gerne und überall, wo ſie hin kam, übte ſie großen Einfluß aus. Auch Charles ließ nun ihren geſellſchaftlichen Talenten Recht widerfahren und fand ſehr viel Vergnügen am Ge⸗ ſpräche mit ihr. Ungeachtet aller Liebe, die ich für Natalie fühlte, war doch mancherlei in ihrem Weſen, was mir bei näherer Be⸗ kanntſchaft an ihr mißfiel. Sie war habſüchtig; ihr Jagen nach Vergnügungen ging nach meiner Anſicht gleichfalls zu weit und mehre ihrer Aeußerungen ſchienen mir ſo leicht⸗ ſinnig, daß mich alle ihre Liebenswürdigkeit nicht damit verſöhnen wollte. Außer ihren geſellſchaftlichen, Talenten beſaß ſie einen ſehr ſichern Blick im praktiſchen Leben, ja ſie war noch ſehr kurz bei uns, als ſie ſich ſchon des Hausweſens annahm, in welchem ſie große Umſicht bewies. Dieſe praktiſche Geſchick⸗ lichkeit kam mir ſehr zu Statten, da in meiner Erziehung wenig darauf geſehen worden. Es war mir deßhalb nicht unlieb, daß die unruhigen Zeiten ſie nach Brüſſel zurück⸗ zukehren hinderten, und ich bat ſie darum mit Charles, 80⁰ bis nach Herſtellung des Friedens unſer Haus für ihre Hei⸗ math anzuſehen. Sie erinnern ſich vielleicht der kleinen Margrethe, welche eine Tochter von Charles Kammerdiener iſt. Einſt kam Na⸗ talie und ſah ſie, als gerade Charles zugegen war.„Halten Sie viel auf Kinder?“ fragte Natalie.—„Ja, natürlich,“ antwortete ich,„und Sie?«—„Nein!“ rief ſie,„Kinder gewähren keine Unterhaltung, ſie verlangen ſo mancherlei Auf⸗ wartung und koſten ſo viel Geld und machen ſo viel Lärm, daß es nicht ſehr erfreulich iſt, Kinder zu haben!“„Daß der Himmel Clara Kinder verſagt hat, hält ſie für ihr größtes Unglück,“ ſagte Charlck.„Nun, das ſteht ja zu ihr, ein fremdes an Kindesſtatt anzunehmen,“ antwortete Natalie, worauf ſie fort ging. Charles ſchlug mir darauf wirklich vor, ihrem Rath zu folgen.„Einer meiner Freunde,“ ſagte er,„der neulich geſtorben, hat ein kleines Mädchen hinterlaſſen, welches jetzt etwas über anderhalb Jahre alt iſt. Die Mutter iſt auch weg und wir thun eine große Wohlthat, wenn wir das Kind in unſer Haus nehmen.“— So wurde ich die Pfleg⸗ mutter für meine kleine Conſtanze. Sie iſt ſogar der Liebling Nataliens geworden. Auch Charles liebt ſie und wünſcht ſogar, ihr durch Adoption ein Vermögen zu ſichern. Aber dazu kann ich mich nicht entſchließen, da ich Gabrielen nicht entzichen will, was ihr nach meinem Tode zukommt; wir werden für ſie auf andere Weiſe ſorgen. — „ 81 Den 18. Juni. Vergangenes Frühjahr kam ein junger Offizier, Leopold Waldſtädten, nach Bonn. Er war in Naſſau geboren im Dorfe Dietz, das, wie bekannt, dem oraniſchen Hauſe gehört, und ungeachtet ſeiner Jugend hatte er ſchon unter Prinz Wilhelm in Belgien gekämpft. Eine Wunde, die noch nicht ganz geheilt, nöthigte ihn, in ſeine Heimath zurückzukehren, und da er an Charles empfohlen war, ſo kam er, obgleich er kein Adelsdiplom aufweiſen konnte, doch mehrmals in unſere Geſellſchaft. Einſt, als ich mich in einem Seitenzimmer mit dem jungen Waldſtädten allein befand, trat er plötzlich zu mir und ſagte, daß er von einem berſtorbenen Freunde Grüße an mich habe.„Von wem?“ fragte ich verwundert.„Von Adolf Richter,“ antwortete er,„der in mehren Treffen neben mir gefochten hatte. Er wurde in einem Gefechte gegen General Dampierre verwundet und ſtarb kurz darauf an ſeiner Wunde.“ Hier wurden wir unterbrochen ſpäter erzählte er mir im Garten, daß Adolf Richter die Liebe ſeiner Jugend nie vergeſſen und endlich nach einem unruhigen Wanderleben Kriegsdienſte in der holländiſchen Armee genommen hatte, und dort erſt den Frieden fand, den ihm ſelbſt die Ausübung ſeiner Kunſt nicht hatte geben können.„Ich ſtand bei ſeiner Leiche,“ fuhr der junge Krieger fort,„und an mich richtete er ſeine letzten Worte.„„Es ging, wie ich es verdient,““ ſagte er;„„denn was hatte ich gegen meine Freunde zu kämpfen! Aber das iſt ein deutſcher Fehler, ſo handeln wir Der Erzähler. 1846. M. 6 82 beinahe immer.““—„„Reiſe nach Bonn!““ ſagte er kurz darauf,„„ſuche Clara Mandesloh auf und ſage, daß ihr Portrait von der Stunde, da ich ſie zuletzt ſah, auf meiner Bruſt ruhte und daß es mir nun in mein Grab folgen ſolle!““ Was ich hierauf antwortete, weiß ich nicht mehr; kann mich auch nicht mehr erinnern, wie ich wieder den Weg zur Geſellſchaft zurückfand. Seitdem ſah ich ihn nie mehr allein und wünſchte nichts ſo ſehr, als daß er je eher, je lieber unſere Gegend verlaſſe, welcher Wunſch mir jedoch nicht erfüllt wurde. Eines Umſtandes habe ich zu erwähnen vergeſſen. Es traf ſich gerade, daß Gabriele bei uns war, als Leopold Waldſtädten ſich in Bonn aufhielt, und es ſchien mir bis⸗ weilen, ſeine Augen ruhten auf ihr mit beſonderem Ausdruck, doch iſt es nur Vermuthung; Gabriele weiß überdieß, wie gebunden ſie in Hinſicht auf ihre Zukunft iſt, auch reiſte ſie bald wieder nach Coblenz zurück. Gabriele iſt nun ſiebenzehn Jahre alt. Sie hat ſich zu einem ſehr ſchönen Mädchen entwickelt, und ihr Inneres ent⸗ ſpricht ihrem Aeußern; nur iſt ſie noch etwas heftig in ihren Aeußerungen. Doch wird dieſe Heftigkeit in ihren religiöſen Grundſätzen ein Gegengewicht finden; denn ſie iſt eine eifrige Katholikin und beſucht die Meſſe weit pünktlicher, als ich. „ Den 25. Juni. Ich wurde das letztemal unterbrochen und war mehre Tage an der Fortſetzung des Briefes verhindert. Leider iſt ————— „ 83 manches indeß geſchehen, was mich in meinen Vermuthungen beſtärkt. Ich habe Ihnen bereits mitgetheilt, daß das Verhältniß zwiſchen Charles und Natalien mit ihrer Hierkunft ſich gänz⸗ lich verändert hat, und aufrichtig geſprochen, ich wäre ſehr glücklich, wenn er mich nur halb ſo freundlich, als ſie behandelte. Charles und Natalie machen häufig große Reit⸗ und Fahrpartieen, an welchen ich nicht Theil nehme. Bisweilen macht er ihr Geſchenke, die ſo koſtbar ſind, daß es mich wirklich verwundert, ſowohl daß er ſie gibt, als daß ſie die⸗ ſelben nehmen mag. Trotz alle dem war ich bis jetzt über⸗ zeugt, daß Natalie nie weſentlich außer Acht ließ, was ſie ſich ſelber ſchuldig. Indeß habe ich gerade in dieſen Tagen ein Geſtändniß gehört, das, wenn es auf Wahrheit gegründet iſt, das Gegentheil beweiſt. Sie erinnern ſich vielleicht des alten Pater Clemens von Engelheim, der mein Beichtvater war und ſchon ſeit langer Zeit in unſerer kleinen Kapelle Meſſe las. Er iſt einer von den wenigen, welche Natalie trotz all' ihrer Liebenswürdigkeit nie mit ſich verſöhnen konnte. Der Grund hiezu iſt wohl der Leichtſinn, mit dem ſie ſtets über religiöſe Dinge ſpricht. „Wenn ich Etwas davon hören will,“ ſagte ſie, als er das letztemal bei uns war,„ſo gehe ich in die Kirche; in Geſellſchaft paßt es aber durchaus nicht.“— eder muß ſein Haus heiligen daß es eine Kirche wird,“ Kwiederte Pater Clemens.—„Ich beſuche die Meſſe, wie die Andern,“ ant⸗ wortete ſie,„ich knixe und kreuze mich, wie ſie; aber wenn 84 das vorbei iſt, ſo iſt es vorbei und ich denke nicht weiter daran, und wenn da noch etwas fehlt, da kümmere ich mich nicht weiter darum; das iſt des Geiſtlichen Sache, dafür er⸗ hält er ja ſeine Bezahlung.“ „Wehe über die leichtſinnigen Weiber, die nur für ihre Freuden leben,“ ſagte Pater Clemens.—„Ach, ſeien Sie ſtill! ich will nichts hören,“ rief Natalie und hielt die Hände vor die Ohren.—„Müßte ich ſolche Weiber finden,“ fuhr der Geiſtliche fort,„ſo würde ich ſie fragen: Was willſt Du thun, wenn Du alt wirſt, wenn Deine Haare grau und Deine Wangen ſchlaff werden; wenn kein Bewunderer mehr hinter Deinem Stuhle ſteht; wenn dieß Haupt nicht mehr ſo leicht über den Schultern ſchwebt.“ Dieſe Worte betrachtete Charles als einen völligen Bruch der Höflichkeit und als eine große Beleidigung, die ihm ſelbſt galt, über welche er denn auch in ſeinem Innern höchlich aufgebracht wurde; doch behielt er ſeine gewöhnliche Ruhe.„Gib dem Pater Clemens ein Glas Waſſer!“ ſagt er zu einem Diener, „denn ſein Eifer iſt ſehr groß und er wird deßhalb Kühlung wünſchen.“ „Nein,“ antwortete Pater Clemens,„ich wünſche nichts und ich ſchüttle den Staub von meinen Füßen in dem Hauſe des Ungerechten.“ Nach dieſen Worten ging er und hat uns ſeitdem nicht mehr beſucht. Es war ungefähr ein halbes Jahr vorüber nach jenem Auftritt, als geſtern Nataliens Kammermädchen Agathe bat, mich allein ſprechen zu dürfen. Kaum waren wir allein, als ſie meine Hand ergriff — „ und weinend küßte. Darauf erzählte ſie, daß ſie ſchon länger gegen Charles und Natalie Mißtrauen gehegt und daß ſie nun einmal auf einem Spaziergang im Walde ihnen nachge⸗ ſchlichen ſei und geſehen habe, wie ſie ſich umarmt und geküßt, ja ſie hörte ſogar, wie Charles wünſchte, ich läge tief in der Erde drunten, um Natalien heirathen zu können. Alles dieß hatte ſie in der Beichte dem Pater Clemens otrtraut, welcher wünſchte, ſie ſolle es mir mittheilen und darauf die Dienſte ihrer gottloſen Herrſchaft verlaſſen. Den 26. Juni. Die arme Agathe iſt fort; geſtern Abend ging ſie; ich ſah ſie nicht mehr, ſeitdem ſie mir das Bekenntniß ablegte. Sie war aber nicht ſehr vorſichtig in ihren Ausdrücken gegen Natalie und es wurde wohl auch bemerkt, daß ſie mit mir auf meinem Zimmer allcin war; denn kurz vor ihrer Abreiſe ſtürzte Charles, gefolgt von Natalie, in mein Zimmer. „Was hat Agathe Ihnen erzählt?“ rief er,„geſtehen Sie es!“—„Was ſie erzählte? Daß Sie meine Freundſchaft ſchlecht vergelten, Natalie, und daß Sie Charles lieben.“— „Nun, und wenn es ſo wäre?“ rief Charles aus,„ſind Sie denn ſelbſt ſo rein? Glauben Sie, ich kenne nicht eben ſo gut Ihre Abenteuer mit dem elenden Landſtreicher, dem Maler, wie er ſich nannte. Und war Natalie nicht Zeuge Ihres Rendezvous mit dem holländiſchen Offizier im Garten und der Bewegung, in welche Sie ſeine Worte verſetzten?“ —„Natalie!“ ſagte ich,„Sie werden wohl fühlen, daß Sie nach einem ſolchen Auftritte nicht länger hier bleiben können.“ 86 —„Weit früher gehen Sie fort, als Natalie,“ rief Charles „denn dem Himmel ſei gedankt, uns Katholiken iſt der Weg zur Scheidung nun nicht mehr ganz verſperrt.“—„Nein, nur nicht ſcheiden!“ ſagte Natalie,„da würden Sie nur Geld ausgeben für ſie, und das würde ja doch nichts helfen.“ Nachdem ſie eine Zeitlang ihrer Erbitterung Luft gemacht, gingen Beide; aber einige Stunden ſpäter kam Natalie wieder zurück und ſchien nun ſo freundlich und demüthig, daß ich ſie kaum wieder erkannte; ſie geſtand ihr Unrecht und bat um Vergebung, ja, wie ſie ſagte, wollte ſie gerne heimreiſen, ſobald die Landwege ſicher ſeien, und verſprach endlich ſogar Friede zwiſchen mir und Charles ſtiften zu wollen. Wirklich hat Charles auch Abbitte gethan für das, was geſchehen iſt. Wir können ſo vielleicht wieder eine Zeitlang in Frieden leben, aber doch mangelt der rechte Boden, auf dem uns Frieden gedeihen könnte; ja, ich fühle doch bis⸗ weilen eine wunderbare Beklemmung und zittere vor der Zukunft, wie vor einem drohenden Geſpenſte. 2 Hiemit ſchließe ich meine Erzählung. Ich habe nicht gerade große Abenteuer erlebt, wie Sie ſehen, aber Entbeh⸗ rungen und Schmerzen habe ich genug erduldet. Der größte Theil des Obigen iſt bei Nacht geſchrieben, um nicht von Charles überraſcht zu werden. * —— ——— „ 2. Der Erſte der mitgetheilten Briefe wurde mit der Poſt an Frau Sarnen nach der Schweiz abgeſendet; da indeß Frau von Mandesloh ſpäter Mißtrauen faßte, Natalie möchte die Briefe leſen, welche ſie ſchrieb, ſo übergab ſie den andern Brief einem Bekannten, welcher in die Schweiz reiſte; aber es währte über zwei Monate, ehe er in Frau Sarnens Hände kam. In der Zwiſchenzeit empfing Frau von Mandesloh einen Beſuch ihrer Schweſter Gabriele, welche, ſobald ſie unter vier Augen waren, ihr um den Hals fiel und unter Thränen um Hülfe und Beiſtand bat, indem ſie ihr ein Schreiben von Leopold Waldſtädten übergab. Dieſes Schreiben enthielt in den glühendſten Ausdrücken das Geſtändniß, daß er Ga⸗ brielen liebe; ja, er geſtand, er habe ſie ſchon vom erſten Augenblicke an geliebt, da er ſie geſehen. Statt in die Hei⸗ math zurückzukehren, war er, ſobald er ihren Aufenthalt erfuhr, ihr nach Coblenz gefolgt. Dort ſah und ſprach er ſie mehrmals und endlich war er ſo glücklich, ihre Liebe zu gewinnen.„Ich kenne übrigens,“ fügte er hinzu,„die be⸗ ſondere Bedingung, welche Ihr Vater feſtgeſetzt für den, der Ihre Hand erwerben will; indeſſen bin ich zu jedem Opfer bereit, nur nicht zu dem, wie Adolph Richter mein Glück um einer hochmüthigen Einbildung willen aufzugeben.“ Frau von Mandesloh entdeckte bald, daß die Neigung Gabrielens nicht weniger groß war, als die des jungen Mannes. „Ich habe es wohl bemerkt,“ ſagte Gabriele,„wie ſchlecht 88 Du belohnt wurdeſt für alle die Opfer, die Du gebracht, und wenn es nur mein Vermögen iſt, um welches es ſich fragt, ſo mögen ſie es lieber behalten, als daß ich das Verſprechen,* das ich meinem Geliebten gegeben, brechen würde.“ Frau von Mandesloh fühlte inniges Mitleiden mit dem jungen Mädchen, welches ſie nun von einer Trennung bedroht ſah, gleich der, welche ihr Leben ſo verbittert hatte. Da war es, als ob plötzlich eine Stimme ſich in ihr rege, die ihr ſage, was ſie thun müſſe. „Biſt Du bereit, um den Beſitz Deines Geliebten einen bedeutenden Theil des Vermögens, das Du zu hoffen haſt, aufzuopfern?“ fragte ſie.—„Ja, das Ganze,“ antwortete Gabriele,„wie ich ſchon ſagte.“—„Aber Du, die Du doch ſo fromm biſt, wirſt Du Dich auch darein finden können, mit einem Ketzer zu leben?“ S „Wenn die Liebe ihn nicht dazu bringt, ſeine ketzeriſchen Meinungen abzuſchwören, ſo hat er mich nie geliebt,“ ant⸗ wortete Gabriele.—„So will ich wenigſtens verſuchen, was ich vermag,“ ſagte Frau von Mandesloh.— Charles hatte gerade in jenen Tagen auf's Neue den Wunſch geäußert, Conſtanzen zu adoptiren, auch Natalie rieth dazu: aber Frau von Mandesloh hatte es beſtändig abge⸗ ſchlagen. Nun erklärte ſie, daß ſie ihr Verlangen erfüllen wolle, wenn man ſich dagegen in die Verbindung Gabrielens mit Lieutenant Waldſtädten finden könnte. Charles ſtutzte etwas über dieſen Vorſchlag, indeſſen er⸗ klärte er, nach einer heimlichen Unterredung mit Natglien, er wolle ſich nicht unbedingt widerſetzen, ſobald Clara ihrerſeits „ 89 die Zuſtimmung zu der Adopzion gäbe, welche er wünſche. Und weiter verlangte er, Gabriele ſolle bis in ihr einund⸗ zwanzigſtes Jahr bei einem Verwandten in München, getrennt von ihrem Geliebten, leben. Wenn Gabriele bis zu dieſer Zeit, nachdem ſie die große Welt kennen gelernt, ihren Entſchluß nicht geändert und Lieutenant Waldſtädten die Forderungen ihres Vaters erfüllt hätte, ſo wollte Charles ihrer Verbindung ſich nicht länger widerſetzen. Sobald ſich die beiden Liebenden in die Bedingungen gefunden hatten, was nur mit ſchwerem Herzen geſchah, ſo wurde die Sache in einem ſchriftlichen Dokumente für's erſte in Claras Hände niedergelegt. Dagegen gab ſte eine ſchriftliche Erklärung, in die Adopzion einzuwilligen. Sobald Charles dieſes Document in Händen hatte, beſorgte er alle weitern, nöthigen Schritte und es währte nicht lange, ſo war Conſtanze mit aller Formalität in die Rechte einer Tochter Charles und Claras eingeſetzt. Kurz darauf reiste Gabriele nach München; Leopold Waldſtädten dagegen kehrte in die Niederlande zurück, und um ſein Gelöbniß zu erfüllen, Gabrielen im erſten Jahre nicht zu ſehen, ſchiffte er ſich mit dem Prinzen von Oranien nach England ein, mit deſſen Hülfe er endlich auch das nöthige Adelsdiplom erlangte. Aber noch ehe dies geſchah, hatten ſich die Zuſtände in der Mandesloh ſchen Familie ſehr verändert. Nach dem gewaltſamen Auftritte, zu welchem Agathe die Veranlaſſung gab, beeiferte ſich Charles einige Zeit, ſeine Gattin mit Schonung zu behandeln; aber dies dauerte nicht W und mehre heftige Auftritte hatten noch vor Cabrilen 90 Statt; ja dieſe erinnerte ſich viele Jahre ſpäter, wie ihre Schweſter nach einer Geſellſchaft, in welcher ſie heitrer, denn ſonſt erſchien, plötzlich, als ſie unter vier Augen waren, ihr um den Hals fiel und ausrief:„O läge ich hundert Klafter tief unter der Erde!“ Kaum hatte Frau Sarnen Clara's letzten Brief em⸗ pfangen, als ſie beſchloß, eine Reiſe nach Bonn zu machen. „Dieſe Fräulein Natalie ſoll gewiß nicht länger den Frieden der herrlichen Frau ſtören,“ ſagte ſie zu ihrem Mann,„und wird kein anderer Menſch Herrn von Mandesloh Wahrheiten ſagen, ſo werde ich es thun.“ Kurz darauf reiste ſie wirklich ab, aber da ſie Claras Brief ſo ſpät empfangen hatte, ſo kam ſie erſt gegen das Ende des Septembers nach Bonn. Sie eilte alsbald zu ihrer Freundin, die ſehr überraſcht und erfreut über ihre Ankunft war. Aber dieſe Freude währte nicht lang; denn kaum hatte Frau Sarnen den Herrn von Mandesloh erblickt, als ſie mit großer Heftigkeit ihm ſeine Aufführung vorzuhalten begann und da ſie bei dieſer Gelegen⸗ heit nicht blos ihn ſelbſt angriff, ſondern auch ſich der här⸗ teſten Ausdrücke gegen Natalien bediente, ſo war die Folge, daß ſie, ſtatt das Unwetter zu zerſtreuen, gerade ſeine Gewalt vergrößerte und auf ihr eigenes Haupt herabzog; ja zuletzt reizte ſie Charles ſo ſehr, daß er ihr zu gehen und nie wie⸗ der ſeine Thürſchwelle zu betreten befahl. Es führt vielleicht nicht vom Ziele ab, wenn wir das —— „ 34 Fragment eines Briefes, welches Frau Sarnen an ihren Mann ſandte, hier einſchalten. „Ich habe mit Herrn von Mandesloh geſprochen, wie Ehre und Gewiſſen es mir geboten; denn ich verſtehe nicht* auf Fuchsklauen zu gehen, ſelbſt wenn es der gerechten Sache etwas nützen würde. Deßhalb half meine Unterredung nur wenig und er hat meinen Eifer ſehr ſchlecht belohnt. Indeß werde ich für meine theure Clara bis auf's Aeußerſte käm⸗ pfen und ich kehre nicht heim, bis ich eine Audienz bei dem Churfürſten gehabt, der ein gerechter Herr iſt und keine Unter⸗ drückung duldet, wenn er ſie verhindern kann.“ Der Plan, den Churfürſten von dem Zuſammenhang des Ganzen zu unterrichten, wäre gewiß ſehr zweckmäßig ge⸗ weſen, wenn er bei Zeiten ausgeführt worden, aber der Chur⸗ fürſt mußte gerade um dieſe Zeit vor dem franzöſiſchen Heere flüchten. Frau Sarnen konnte unter dieſen Umſtänden nichts für ihre Freundin ausrichten und ihr Beſuch diente alſo nur dazu, Herrn von Mandesloh gegen ſeine Gattin zu erbittern. Als Clara erfuhr, daß ihre Freundin fortgereiſt, daß die Feinde das Land überſchwemmen, daß der Churfürſt, aller Unterthanen Troſt, der ſie ſtets mit väterlichem Wohlwollen behandelt, auch flüchten mußte, ſo fühlte ſie ſich mehr ber⸗ laſſen, als je. Auch hatte ihre Stellung ſich ſeit Nataliens Ankunft ſo verändert, daß ſie allen Grund zu großer Be⸗ denklichkeit haben mußte. Schon ſeit langer Zeit hatte Natalie ſie aus der Haus⸗ haltung gänzlich verdrängt; die Diener, welche ihr ergeben waren, wurden unter verſchiedenem Vorwande entfernt; ſelbſt 92 ihr Kammermädchen hatte Herr von Mandesloh verabſchiedet und ſie mußte ſich nun mit einem Mädchen behelfen, welches Natalie nach Agathens Abgang von Brüſſel kommen ließ; ja von aller Dienerſchaft blieb nur Balthaſar, welcher Charles auf ſeinen Reiſen begleitet hatte und in hohem Grade ſein Vertrauen beſaß. Da Clara durch ihr ſtilles Weſen und ihre natürliche Anmuth immer, wenn ſie ſich unter Fremden zeigte, eine Aufmerkſamkeit auf ſich zog, welche Natalie wenig behagte, ſo erlaubte es Charles zuletzt, daß ſie ſich nach und nach den Geſellſchaften unter dem Vorwande von Kränklichkeit entzog, welches Geſtändniß ſie vielleicht zu häufig benützte, und da man ihr auf jedem Schritte, welchen ſie vor das Schloß that, Späher nachſandte, ſo verlor ſie auch die Luſt am Spazieren⸗ gehen. Ja ſie vermuthete ſogar mit Grund, daß Natalie ihre Briefe leſe und ſo gab ſie auch dieſe Verbindung' mit der Außenwelt auf.— Die meiſte Zeit verbrachte ſie auf ihrem Zimmer, entweder allein, oder mit der kleinen Conſtanze und nur hie und da beſuchte ſie den Schloßgarten, um friſche Luft zu ſchöpfen, oder die Schloßkapelle, um ihre Andacht zu verrichten. Einigemal in der Woche wurde ihre Einſamkeit von Balthaſars Tochter Margrethe unterbrochen, welche nun gerade neun Jahr alt war, und von ihr im Leſen und den weiblichen Arbeiten unterrichtet wurde. Margrethe begleitete ſie in die Schloßkapelle, wenn Meſſe geleſen wurde und war über⸗ haupt ihrer Herrin einziger Troſt; ja ſie verſicherte noch in ihren ſpäteren Jahren, daß ſie den Ausdruck nicht vergeſſen könne, womit Frau von Mandesloh ſie einſt an ihr Herz ——— 93 drückte und ſagte„Bleißhe mir treu, Margrethe! Es iſt ſonſt niemand auf dem Schloſſe, der noch etwas auf mich hält.“ Eines Nachmittags, als die Luft ſehr milde war, bat Margrethe ihre Herrin, ihr in den Schloßgarten zu folgen. Sie begaben ſich beide auf den Weg dahin, fanden aber das Thor verſchloſſen, welches vom Schloß in den Garten führte. Sie gingen deßhalb durch den Hof nach einem Seiten⸗ thor, allein auch dieſes war berſchloſſen. Frau von Mandes⸗ loh wollte ſchon wieder zurück und den Schlüſſel verlangen, als ihr das kleine Mädchen eine Oeffnung im Stakete zeigte, durch welches man ohne beſondere Mühe in den Garten kom⸗* men konnte, wo der Flor der Tulipanen gerade die duftenden Hhazinthen verdrängt hatte. Margrethe eilte durch die Büſche nach einem unangebauten Platze, wo die ſchönen Waldane⸗ Sh monien ihren weißen Schimmer verbreiteten. Kurz darauf, als ſie eine Menge Blumen geſammelt hatte, ſetzte ſie ſich nieder, um einen Kranz zu flechten. Indeſſen ging Frau von Mandesloh weiter und kam zuletzt an eine abgelegene Laube, wo die jungen Blätter ſich ſchon ſo ſtark entwickelt hatten, daß ſie keinen Blick in das Innere mehr zuließen. Aber kaum war ſie in die Laube ſelbſt getreten, als ſie wieder zurückfuhr, wie wenn ſie ein Geſpenſt erblickt hätte, denn ſie ſah, was ſie, ungeachtet Agathens Geſtändniß, nie geahnt hatte, Charles und Natalien beiſammen, und überzeugte ſich, daß die ver⸗ brecheriſche Leidenſchaft über jede andere Rückſicht geſiegt hatte. Entſetzt eilte ſie fort; als ſie aber über den Hof ging, kam ihr die kleine Conſtanze entgegen, welche ihre Arme aus⸗ ſtreckte und ſich an ihren Rock klammerte. Sie ſtand einen 94 Augenblick ſtille und ein milderes Gefühl bemächtigte ſich ihrer Seele. Aber ach! es dauerte nicht lange, denn kaum hatte ſie die Kleine näher betrachtet, als das vorige Schreckniß wie⸗ der vor ihre Seele trat; es fiel ihr plötzlich wie eine Binde von den Augen, denn ſie entdeckte nun in dem Antlitz des Kindes eine Verſchmelzung von Charles und Nataliens Zügen, welche ſie nie zuvor darin erblickt hatte. Etwas ſpäter, als ſie wieder in ihr Zimmer gekommen, erhielt ſie einen Beſuch von Charles.„Herr von Mandesloh!“ ſagte ſie,„Sie haben mehremal mit mir von einer Scheidung geſprochen, aber ungeachtet Sie mich nicht glücklich machten, ſo betrachtete ich es doch bis heute für meine Pflicht, daß wir zuſammen aushalten, bis der Tod uns trennt; doch nun muß ich ſelbſt die Scheidung verlangen.“ „Ich bin nicht hieher gekommen, um Ihre Forderungen zu hören,“ ſagte Herr von Mandesloh,„ſondern um Ihnen ſelbſt Pflichten vorzuſchreiben, und ich befehle Ihnen denn ſtrengſtens, daß Sie nie ein Wort über Ihre Lippen kommen laſſen, das Nataliens Ehre nur im mindeſten ungünſtig ſein könnte. Wenn Sie hiegegen handeln, ſo haben Sie ſich ſelbſt die Folgen zuzuſchreiben.“—„Nun weiß ich endlich, weſſen Tochter Conſtanze iſt,“ rief Clara.—„Und nun weiß ich,“ erwiederte Herr von Mandesloh, indem er mit funkelnden Augen näher trat,„wie einem zu Muthe iſt, wenn man um Leben und Ehre mit ſeinen Todfeinden kämpft.“ Clara war ſchon ſo ſehr an Herrn von Mandesloh's Seftigkeit gewöhnt, daß das letzte Wort ſie nicht ſo ſehr er⸗ ſchreckte, als man hätte erwarten ſollen.— Nach einiger ——————— 95 Ueberlegung beſchloß ſie an ihre Freundin, Frau Sarnen, zu ſchreiben und mit Hülfe dieſer ſich an höhere Autoritäten zu wenden. Dieſen Brief nahm ſie ſich vor bei Nacht zu ſchrei⸗ ben und nachdem er fertig wäre, wollte ſie ihn mit Hülfe der kleinen Margrethe, die ein ſehr kluges Kind war, fortſenden. Sie ſaß gerade um Mitternacht am Schreibtiſche und war ganz vertieft in ihre Arbeit, als ſie plötzlich, indem ſie einen Blick in den ihr gegenüberliegenden Spiegel warf, bemerkte, daß Natalie hinter ihrem Stuhle ſtand und las, was ſie ſchrieb. „Wie? Wagen Sie es, um Mitternacht ſich in mein Zimmer zu ſtehlen?“ rief ſie, indem ſie von ihrem Stuhle auffuhr.—„Ich wage weit weniger, als Sie,“ antwortete Natalie.—„Wachen Sie, daß die Welt Ihre geheime Geſchichte nicht erfahre!“—„Dazu wird es nicht kommen. Ich gehe fort, weit fort von dieſer Stätte, wo Sie ſich einge⸗ drängt haben.“—„Wenn Sie können,“ antwortete Natalie.— „Was er bei Ihnen geſucht, das mißgönne ich Ihnen nicht,“ ſagte Frau von Mandesloh;„denn Sie ſind doch nur— was ich ohne Schaam nicht ſagen kann.“—„Wenn Du nicht mehr biſt, dann bin ich, was Du nun biſt,“ erwiederte Natalie wieder.—„Sie wollen mich doch nicht morden?“— „O nein! ich denke, es gibt noch andre Mittel.“— Mit dieſen Worten wandte ſich Natalie um und verließ das Zimmer. Nach dieſem Auftritt ging durch Frau von Mandesloh's Bruſt eine Ahnung von der Gefahr, in welcher ſie ſchwebte, und da es ihr nun ſchien, die Hülfe, welche ſie von Frau 96 Sarnen erwartete, könnte zu ſpät kommen, ſo beſchloß ſie, am nächſten Morgen einen Geiſtlichen aufzuſuchen, dem ſie ihre Noth beichten könnte. Ja in dieſem Augenblick wäre ſie gerne eiligſt geflohen, aber kaum öffnete ſie die Thüre, als ihr Thereſe, Nataliens Kammermädchen, entgegenkam, und da ſie ſich zu entkräftet fühlte, um ſich mit Gewalt einen Weg zu bahnen und ihr Zimmer ſo abgelegen war, daß die übri⸗ gen Bewohner des Schloſſes ihr Rufen nicht vernommen hät⸗ ten, ſo beſchloß ſie, ſich zur Ruhe zu begeben und bis zum andern Morgen zu warten. In dieſer Nacht hatte ſie einen räthſelhaften Traum, deſ⸗ ſen ſie ſich in ſpätern Tagen noch erinnerte und den ſie einſt Margrethen erzählte. Sie träumte nämlich, ſie läge ſchein⸗ todt in einem Sarge, deſſen Deckel offen war. Der Sarg ſtand in einem großen Saale. Bei dem Sarge ſaßen Char⸗ les und Natalie auf einer Erhöhung. Weiter entfernt ſah ſie eine große Menſchenmenge, welche in einem Kreiſe ſtanden und die ſie ſagen hörte, ſie ſeie todt. Auch bemerkte ſie mehre bekannte Geſichter unter ihnen; aber ſobald ſich Jemand nähern wollte, wurde es von Charles hinweggewieſen. Sie fühlte ſich von großer Angſt befallen und wollte mit aller Kraft ihre Stimme erheben, oder wenigſtens ein Glied bewe⸗ gen, doch ſie vermochte es nicht. Aber ich liege ja mit offenen Augen, dachte ſie, da müſſen die Leute doch ſehen, daß ich nicht todt bin.— Kaum hatte ſie dies gedacht, als ſie ihren Gedanken von vielen Stimmen ausſprechen hörte. Da ſprang Charles Mandesloh auf und hielt die Menge zurück, die ſich herzudrängen wollte.„Ihr Thoren!“ rief er,„merkt ——————— Ihr denn nicht, daß ſie todt iſt? Doch wenn noch Jemand zweifelt, ſo ſoll die Leiche genauer unterſucht werden.“—„Ich ſelbſt will es unterſuchen,“ rief Natalie, worauf ſie ſich er⸗ hob und von ihrem Sitze herniederſtieg.— Sie nahte ſich nun und betrachtete Clara mit großer Aufmerkſamkeit; darauf ergriff ſie raſch den Sargdeckel und warf ihn zu, daß es laut im Saale dröhnte.„Glaubt Ihr nun, daß ſie todt iſt, ſtein⸗ todt?“ rief ſie und lachte laut und Clara glaubte zu hören, wie alle Wände davon widerhallten. Kurz darauf hörte ſie die Glocken erklingen und Grabpſalmen ſingen. Es ſchien ihr nun, als läge ſie nicht mehr im Sarge, ſondern ſie könnte das Leichengefolge ſehen, das ſie zum Grabe geleitete. Da erwachte ſie endlich, im Schweiß gebadet und in einer Angſt, die ſie nicht beſchreiben konnte. In der nämlichen Nacht hatte Charles und Natalie eine Zuſammenkunft, um über Claras Schickſal ſich zu berathen. Da Balthaſar, der nach ſeines Herrn Befehl ſich im nächſten Zimmer aufhielt, ſich erlaubte an der Thüre zu horchen, und was er gehört, ſpäter ſeiner Tochter mittheilte, ſo können wir der Hauptſache nach wiedergeben, was hier ausgemacht wurde. „Ich habe nie einen Mord begangen,“ ſagte Herr von Mandesloh;„aber nun begreife ich, wie man dazu kommt.“ —„Nein, ſie darf nicht gemordet werden!“ ſagte Natalie, „das iſt häßlich. Aber ſie muß anf eine andere Weiſe fort.“ —„Ich könnte mich wohl ſcheiden laſſen,“ erwiederte Herr von Mandesloh,„aber was hilft das, da nach unſerer Reli⸗ gion ein Geſchiedner nie eine zweite Ehe eingehen darf.“— Der Erzähler. 1846. M. 7 98 „Das iſt ſehr ſchlimm,“ ſeufzte Natalie.—„Und ſie weiß alles,“ ſagte Herr von Mandesloh;„ſelbſt daß Conſtanze unſer Kind iſt, weiß ſie; es ſteht alſo ganz in ihrer Macht, Sie zu beſchimpfen vor der Welt.“—„Das darf ſie nicht, denn meine Tugend iſt meine Sache; aber meine Ehre zu erhalten, das bin ich meiner Familie ſchuldig.“—„Was ſollen wir da thun?“—„Man kann viel thun, wenn es nur mit Verſtand geſchieht.“—„So ſagen Sie, was iſt Ihre Abſicht?“— „Ich habe oft daran gedacht, ſchon damals, als Sie mich in die Thurmzimmer führten, damit wir allein ſein könnten; ſehen Sie: dort könnte ſie ja leben und es gut haben und alles thun, was ſie möchte und Niemand würde ſie hören und ſie könnte in Einſamkeit leben, wie ſie es immer wünſchte, und hätte es ſo gut dort, als in einem Kloſter.“ Nach vielem Hin⸗ und Hergerede wurde dies wirklich be⸗ ſchloſſen, daß man die erſte beſte Gelegenheit exgreifen wolle, Clara Mandesloh ganz von der Welt zu ſchaffen. Indeſſen wollte man ſie, um allen Widerſtand von ihrer Seite zu ver⸗ meiden, mit verſtellter Freundlichkeit behandeln. Endlich ſollte auch Balthaſar, deſſen Hülfe man brauchte und auf deſſen Treue man feſt vertraute, in das Geheimniß eingeweiht werden. Am nächſten Morgen meldete Thereſe, daß die gnädige Frau ausgehen wolle, um die Meſſe zu hören. Herr von Mandesloh eilte hinab und begegnete ihr im Vorſaale, wo Balthaſar, obgleich mit einiger Verlegenheit, ſie zurückzuhalten ſuchte.„Ihre Gnaden ſind nicht wohl, deßhalb verſteht ſich von ſelbſt, daß Sie nicht ausgehen,“ ſagte Charles.—„Herr ₰ —,— — 3 0 von Mandesloh!“ antwortete ſie,„ich will und werde gehen, und ich hoffe nicht, daß Sie mich mit Gewalt zurückhalten.“ Auf einen Wink von Charles entfernte ſich nun Balthaſar. „Sie wiſſen ja,“ ſagte Herr von Mandesloh,„daß ich oft in meiner Heftigkeit Worte brauche, welche ich nicht ſo meine. Indeſſen verſpreche ich Ihnen die Erfüllung Ihres Wunſches; ich werde eine Scheidung zu Stande bringen, aber nun bitte ich Sie, jeden Schritt zu vermeiden, durch welchen unſre Untergebenen, und alle, die es nichts angeht, ja wären es ſelbſt Ihre beſten Freunde, in unſre häuslichen Zwiſtigkeiten ein Blick geöffnet würde.“ Durch dieſe und noch andre Worte glückte es wirklich Herrn von Mandesloh, ſeine Gattin einigermaßen zu beruhigen und ſie gelobte ihm, Niemand etwas von ihrem Plane mitzu⸗ theilen. Um ſie vollſtändig zu täuſchen, ſetzte er verſchiedene Beſtimmungen in Hinſicht ihres künftigen Lebens feſt, mit welchen ſie vollkommen zufrieden ſein mußte, und da er ſie darauf aufmerkſam machte, wie wenig ſolch unruhige Zeiten zu rechtlichen Beſtimmungen taugen, um ihre Zukunft zu ſichern, ſo verſprach ſie, wenn Natalie das Schloß unverzüg⸗ lich verlaſſe, den rechten Augenblick mit Geduld abwarten zu wollen. Wirklich begab ſich nun auch Natalie zu einer Freundin der Umgegend, wo ſie ihre Wohnung nahm. Ihre Ab⸗ reiſe beruhigte Clara Mandesloh in hohem Grade und trug vielleicht mehr als alles andere dazu bei, daß ſie die letzten koſtbaren Augenblicke, in welchen noch eine Rettung möglich F unbenützt vorübergehen ließ. 100 In aller Stille befahl indeß Herr von Mandesloh, die zwei Thurmzimmer wieder herzurichten; ein großes Kamin, das ſich in demſelben vorfand, wurde gleichfalls ausgebeſſert, bei welcher Gelegenheit Balthaſar den Handwerksleuten vertraute, daß ſein Herr die Zimmer dazu benützen wolle, um Ver⸗ ſuche zu machen, von denen er nicht ſprechen dürfe. Auch ſchlug Balthaſar mehre Eiſenſtangen vor die hochgelegenen Fenſter, worauf er ganz in der Stille ein Bett, einen Tiſch, einen Schrank, ein Crucifir, verſchiedene Stühle und andere Meubel durch einen unterirdiſchen Gang in den Thurm hin⸗ auftrug. Einige Tage darauf hieß es, Frau von Mandesloh ſei krank, und es ſchien wirklich der Zufall den Plan ihrer Verfolger zu begünſtigen oder hatte Charles und Natalie, was wohl eher der Fall war, mit künſtlichen Mitteln die Krankheit der Frau von Mandesloh hervorgerufen. Hierüber konnte nicht einmal Balthaſar, wie er ſpäter ſeiner Tochter erklärte, ſichre Auskunft geben. Während dieſer Krankheit fand man es doch nothwen⸗ dig, einen Arzt zu rufen; indeſſen ſorgte man dafür, daß der, welchen man wählte, ſich weder durch Einſicht, noch Feſtigkeit auszeichnete. Er wurde zweimal in Charles Wagen abgeholt, aber das letzte Mal konnte er ſeinen Patienten nicht ſprechen, da Clara in einem unruhigen Schlummer lag. Die Mittel, welche er vorſchrieb, wurden nicht angewandt, ſondern mit andern vertauſcht, die beſſer in Nataliens Plan paßten. Unter den Truppen in der Umgegend herrſchten zu jener Zeit anſteckende und bösartige Fieber. Dieß benützte Herr 101 von Mandesloh als Vorwand, jeden Beſuch bei der Kranken zu verbieten. Außer Charles hatten nur Balthaſar und Natalie, die wieder zurück war, freien Zugang zu dem Theile des Schloſſes, welchen Clara bewohnte. 6 So vergingen drei Tage, in welchen, wie man ſagte, die Krankheit ſich im Zunehmen befand und einen immer gefährlicheren Character annahm. Als einer von den Dienern Balthaſar fragte, ob man einen Geiſtlichen holen ſollte, ſo antwortete dieſer, es würde ja doch nichts nützen, da die gnädige Frau ganz ohne Bewußtſein ſei. Zu Bekräftigung führte er am ſelben Abend, ohne daß Herr von Mandesloh, wie man glaubte, etwas davon wiſſe, Einige von der Diener⸗ ſchaft in Clara's Zimmer, wo ſie wirklich auch dieſelbe in bewußtloſem Zuſtand fanden, welcher durch den Gebrauch be⸗ täubender Mittel herbeigeführt worden.* Am nächſten Morgen verkündete man plötzlich, ſie ſeie todt. Kurz darauf zeigten ſich Natalie und Herr von Mandesloh, welche Beide blaß ausſahen. Um Anſteckung zu verhindern, wie es hieß, befahl nun Herr von Mandesloh, daß Niemand die Leiche ſehen ſollte, und da er ein ſehr ſtrenger Herr war, ſo wagte man es auch nicht, ſeinem Befehle entgegen zu han⸗ deln. Ja, ſelbſt auf den Arzt wurde das Verbot ausgedehnt, der in Betracht des hohen Honorars, das er empfangen, und um die Gunſt eines ſo großen und mächtigen Herrn zu behalten, auch gerne ſich ſeinem Wunſche fügte. Alles dieß wird man erſt recht begreifen, wenn man ſich erinnert, welche Zerrüttung damals in den bürgerlichen Zu⸗ ſtünden herrſchte. Die alten Autoritäten hatten ihre Kraft 102 verloren, und die neuen bekümmerten ſich in jenen Tagen nur wenig um Privatangelegenheiten. Gerade um dieſe Zeit be⸗ reiteten ſich die franzöſiſchen Truppen zum Uebermarſch über den Rhein, und die allgemeine Aufmerkſamkeit war aus⸗ ſchließlich auf den bevorſtehenden Kampf gerichtet. Da endlich die meiſten Geiſtlichen, die ſonſt über das Innere der Familien wachten, ſich geflüchtet hatten, ſo konnte manches unbemerkt geſchehen, was zu andern Zeiten die allgemeine Aufmerkſam⸗ keit auf ſich gezogen hätte. In größter Eile wurde nun ein Sarg bverfertigt. Kaum war er da, ſo bezahlte Balthaſar den Schreiner und ſchickte ihn wieder fort, worauf er ſelbſt den Sarg mit Gras und Steinen füllte und zunagelte. 3 Aber ſchon zuvor hatte man die unglückliche Clara ge⸗ flüchtet, nachdem ſie durch Gebrauch von Opium in einen tiefen Schlaf geſunken war. Balthaſar und Herr von Mandesloh trugen ſie, während Natalie mit einer Fackel voran leuchtete. So wurde ſie mitten in der Nacht unbe⸗ merkt durch den geheimen Gang in den Thurm getragen und in die Zimmer gebracht, die ſie nie mehr bis zu ihrem Tode verlaſſen ſollte, und wo ſie auf immer vor den Augen 3 der Welt verſchwand Mehre Tage darnach ging die Begräbnißzeremonie in aller Stille vor ſich. Natalie verließ das Schloß. Sie begab ſich nach Kaſſel zu einer Tante, von welcher ſie, nachdem ein Jahr vorüber, als Herrn von Mandesloh's Braut zurückkam, und nun, nachdem die kirchliche Trauung Statt gefunden, als Charles ———— 103 rechtmäßige Gattin den Platz einnahm, der ſo lange Gegen⸗ ſtand ihrer Sehnſucht geweſen und zu dem ſie ſich durch ein ſo ſchreckliches Verbrechen den Weg gebahnt hatte. Nach Balthaſars Geſtändniß wurde Charles mit Natalie auf ſeiner Reiſe ins Ausland bekannt, und ſchon damals hatten ſie geheime Zuſammenkünfte. Da indeſſen Charles Zukunft in jenen Tagen gänzlich von Clara's Vater abhing, ſo beſchloſſen ſie, obwohl höchſt ungerne, ihre Verbindung zunächſt abzubrechen und einige Jahre getrennt zu leben. Indeſſen ſtanden ſie doch in geheimem Briefwechſel, und es geſchah nur nach vorausgegangener Verabredung, daß Na⸗ talie die Reiſe nach Aachen unternahm, wo ſie zum Pn Bekanntſchaft mit Clara Mandesloh machte.. Die Kälte, mit welcher Charles und Natalie einander damals behandelten, war natürlich eine Maske, unter welcher Natalie Clara's Freundſchaft zu gewinnen hoffte, um ſich da⸗ mit den Zugang zu Charles Schloß zu öffnen. Ungeachtet dieſer ſcheinbaren Gleichgültigkeit hatten Charles und Natalie doch wieder heimliche Zuſammenkünfte. Aber daraus entſtanden Folgen, an welche Natalie nicht gedacht hatte und kurz nach ihrer Heimkunft fühlte ſie ſich zu ihrem großen Schrecken ſchwanger. Es wurden bergeblich Mittel 104 angewendet. Ihrer Tante wagte ſie das Geheimniß nicht an⸗ zuvertrauen, aber mitten im Winter machte ſie eine Reiſe zu einer Freundin, in deren Hauſe ſie ihre Niederkunft erwartete. Das Kind wurde unter fremdem Namen getauft; übrigens blieb es in Folge der angewandten Mittel ſehr ſchwach. Natalie fühlte ſich gleichfalls ſehr angegriffen, und es währte lange, bis ſie wieder zu Kräften kam. Nach Nataliens Plan mußte oder ſollte Charles das Kind adoptiren, und um dieſe Adoption zu bewirken, reiſte ſie nach ſeinem Schloß. Doch widerſetzte ſie ſich in Zukunft jeder näheren Vertraulichkeit, deren Gefahren ſie nun hatte kennen lernen. Aber ſie konnte zuletzt, da ſie wirklich nach ihrer Weiſe Charles liebte, der Verſuchung nicht widerſtehen, und nach einiger Zeit begann die alte Verbindung aufs Neue. Ja, wenn Balthaſars Vermuthung richtig war, ſo drohten die Folgen der neuen Verbindung bald ſichtbar zu werden. Dieſem wurde aber durch zeitige Anwendung künſtlicher Mittel vorgebeugt. Dieſe verbotenen Künſte, womit Natalie ihre äußerliche Ehre zu retten ſuchte, mußte ſie theuer bezahlen; denn ſie legte damit den Grund zu ihrem eigenen frühen Verblühen, und ungeachtet ſie nach Conſtanzen noch ſteben Kinder gebar, trugen ſie doch alle das Zeichen des Todes in ihren Zügen, und keines von ihnen überlebte das dritte Jahr. Dieß machte einen tiefen Eindruck auf Herrn von Man⸗ desloh, der jedesmal, wenn ihm ein Kind ſtarb, ſich in der düſterſten und bitterſten Stimmung befand.„Alles, was aus dieſer Verbindung entſpringt, ſoll fort, ſoll ſterben, das iſt 105 offenbar,“ pflegte er bei ſolchen Gelegenheiten zu ſagen, wäh⸗ rend er unruhig in ſeinem Zimmer auf⸗ und abging;„aber ſie lebt noch. Auch Du mußt fort,“ ſetzte er dann hinzu, wenn ſein Blick auf Conſtanzen fiel,„Du kannſt nicht leben, Du wirſt nicht alt.“ Und wirklich zeugten ihre blaſſen Wangen und der Bruſtbau davon, daß dieſe Ahnung leicht in Erfüllung gehen könnte. Ueberhaupt war ihre Ehe nicht ſo glücklich, als ſie ge⸗ hofft, denn die geheimen Künſte, welche Natalie angewendet hatte, und die raſch auf einander folgenden Geburten zernich⸗ teten nicht blos ihre körperlichen Kräfte, ſondern auch ihre geiſtige Lebendigkeit; weshalb ſie nicht mehr die glänzende Rolle in der Geſellſchaft ſpielen konnte, wie früher. Dieß Alles machte Charles manchen Verdruß. Seine wilde Na⸗ tur wußte auch ſie, ungeachtet ſie eine große Herrſchaft über ihn ausübte, doch nicht immer zu zähmen, und ſo fanden häufig Auftritte Statt, die ihren häuslichen Frieden ſtörten. Aber je weniger ihre Eitelkeit im geſellſchaftlichen Leben zufriedengeſtellt wurde, deſto mehr nahm ihre Gierde nach zeitlichen Gütern zu. Und auch dieß gab Veranlaſſung zu heftigen Auftritten mit Herrn von Mandesloh; ja ſelbſt der alte Balthaſar ſchüttelte oft den Kopf über ſie, und obwohl er ſich perſönlich nicht über ihren Geiz beklagen konnte, ſo pflegte er doch zu ſagen:„Sie wird nicht ſatt, bis ſie den Mund voll Erde hat.“— Dieſe ihre Leidenſchaft hatte übri⸗ gens großen Einfluß auf Gabrielens Schickſal; denn unge⸗ achtet Herr von Mandesloh nun, nachdem Clara entfernt war, 106 nicht ſehr geneigt ſchien, die Heirath Gabrielens mit Leopold Waldſtädten zu begünſtigen, ſo wußte doch Natalie, welche Gabriele mit bedeutenden Geſchenken und großen pekuniären Opfern gewonnen hatte, Herrn von Mandesloh zu bewegen, ſein früher gegebenes Verſprechen zu erfüllen, und ſo kam die Verbindung der beiden Liebenden wirklich zu Stande. Im Uebrigen machte die Ungerechtigkeit, mit der ihre Schweſter behandelt worden war, eine eigene Wirkung auf Gabrielen. Liebe zur Freiheit, Trotz gegen jeden Widerſtand, und die Luſt, ihrem eigenen Willen zu folgen, faßten in ihrem Herzen Wurzel, und ſie war zum größten Opfer bereit, wenn ſie damit den einen oder andern Wunſch erfüllt ſehen konnte. Dieß legte auch den Grund dazu, daß ſie und ihr Gatte ſpäter verarmten, was nicht blos, wie Frau Sarnen meinte, die Folge des verheerenden Krieges war. Clara Mandesloh war mehre Jahre vor den Augen der Welt verſchwunden und bereits von den Meiſten vergeſſen; nur ein Bewohner des Schloſſes bewahrte treulich ihre Liebe. Margrethe war zwar noch ein Kind, da ſie Clara das letztemal geſehen hatte, aber ſie hatte dennoch in ihrer Geſell⸗ ſchaft die Ahnung eines höheren, bedeutungsvolleren Lebens empfangen, als das, an welches ſie gewöhnt war. Deßhalb weinte ſie nicht nur heiße Thränen an ihrem ſogenannten * 107 Grabe, ſondern es ſchmerzte ſie auch der Verluſt länger, als dieß ſonſt beim kindlichen Alter gewöhnlich. Ja, ſie ſprach ſo oft von ihrer ſchönen blaſſen Frau, deren Augen, ſelbſt wenn der Mund lächelte, nie ihren ſchmerzlichen Ausdruck verloren. Nach und nach milderte ſich wohl ihr Kummer; aber nie ging ein Sommer vorüber, wo ſie nicht das Grab ihrer Herrin mit Kränzen geſchmückt hätte, und obwohl ſie ſich gerne vor jedem Heiligenbild verbeugte, ſo war doch kein Ort, wo ſie freudiger ihre Andacht verrichtete, als in der kleinen Kapelle, in welcher ſie ſo oft an Clara's Seite gekniet hatte. Eine ſchlimmere Eigenſchaft hatte Margrethe ohne Zweifel von ihrem Vater geerbt— welche ſie erſt nach manchem Schaden ablegte— es war eine zu große Neugierde. Oder war es vielleicht mehr als Neugierde, war es eine innere Ahnung, die ſie dazu trieb! So viel iſt ſicher, daß ſie, ungeachtet all' ihrer Frömmigkeit und Andacht, ſelten ſich in der Kapelle befand, ohne einen peobachtenden Blick auf die Thüre zu werfen, welche in den alten Schloßthurm führte. Dorthin hatte, ſoviel ſie wußte, Niemand Zugang, als Herr von Mandesloh ſelbſt und Balthaſar, und wenn Mar⸗ grethe bisweilen ihren Vater fragte, warum jener Thurm ſo verſchloſſen bleibe, ſo bekam ſie gewöhnlich zur Antwort, daß ſie ſich nicht mit ſolchen Fragen befaſſen ſolle, da ſie ſich durchaus nicht für ſie ſchicken. Bisweilen glaubte Margrethe, wenn ſie in der Schloß⸗ kapelle war, Menſchentritte im Thurme zu hören, ohne 108 begreifen zu können, wie Jemand dorthin käme; denn der ein⸗ zige Eingang, welchen ſie kannte, ging durch die Capelle ſelbſt. Zwar hatte ſie auch von einem unterirdiſchen Gang gehört, der den Thurm mit dem Schloſſe verbände, aber dieß leugnete ihr Vater durchaus ab.— Was jedoch ihre Neugierde noch mehr ſpannte, war der Umſtand, welchen ſie oft wiederholen hörte, daß Herr von Mandesloh in dieſem Thurme eine Menge Inſtrumente auf⸗ geſtellt habe, mit welchen er Geiſter hervorbannen wolle;und wirklich bemerkte ſie auch bisweilen einen ſtärkeren oder ſchwä⸗ cheren Rauch, der vom Thurme aufſtieg und der ihr wenig⸗ ſtens bewies, daß man hier Verſuche mache, welche man vor der Welt nicht ſehen laſſen wolle. Es traf ſich eines Abends, daß ihr Vater im Auftrag ſeines Herrn eine Reiſe unternehmen mußte, von welcher er vor dem folgenden Morgen nicht zurückkommen konnte. Kurz nach ſeiner Abreiſe fand Margrethe, während ſie ſeine Kleider ordnete, einen Schlüſſel darin, den er offenbar in der Eile, mit welcher er ſeine Kleider gewechſelt hatte, vergeſſen und von welchem ſie ſich durch einen Verſuch überzeugte, daß er zu dem Schranke paſſe, in welchem die Schlüſſel des Schloſſes aufbe⸗ wahrt wurden. k Sie öffnete den Schrank, ergriff den Schlüſſelbund und kämpfte eine Zeit lang mit ſich, ob ſie dieſe Gelegenheit er⸗ greifen ſollte, die vielleicht nie wieder kam. Indeſſen war die Luſt zu groß und da ihr der Muth nicht fehlte, ſo beſchloß ſie zu verſuchen, ob es nicht möglich wäre, mit einem von dieſen Schlüſſeln den Thurm zu öffnen. Doch verſuchte ſie das nicht ſogleich, ſondern wartete, bis Alles im Schloſſe ſtill und die Herrſchaft zur Ruhe ge⸗ gangen. Sobald der günſtige Augenblick gekommen, ergriff ſie den Schlüſſelbund, zündete eine Blendlaterne ihres Vaters an und eilte in die Kapelle. Als ſie in den großen Ritterſaal kam, konnte ſie, ſo muthig ſie auch war, doch ihr Herz pochen hören; ſie eilte mit jedem Schritte mehr, und es währte nicht lange, ſo ſtand ſie in der ihr wohlbekannten Kapelle. Doch kniete ſie dießmal nicht wie ſonſt vor dem Marien⸗ bild, ſondern grüßte nur, während ſie vorüberging. Dann nahte ſie der Thüre, welche in den Thurm führte, und in welcher ſie mehre Schlüſſel vergebens probirte, bis ſie endlich den rechten fand. Sie trat in den Thurm, wo ein gewundener Schneckengang ſich um die Spindel drehte. Langſam ging ſie fort und öffnete die Laterne, welche ihre Helle überall hin warf. Dieß konnte ſie wagen, da alle Fenſter des Thurmes geſchloſſen waren und man ſo ihr Licht nicht bemerken konnte. Sie war am Ende des Schneckenganges, und näherte ſich dem Steinlöwen, der vor der Eiſenpforte ſtand; aber weiter konnte ſie nicht kommen; denn ungeachtet ſie alle Schlüſſel des Bundes verſuchte, die nach ihrer Form in die Thüre zu paſſen ſchien ſo fand ſich doch keiner, der öffnete. Obwohl ſie ſehr mißmuthig über dieſes Hinderniß war, und nicht daran zweifelte, daß ſie hier am Eingang zu dem geheimen Schatze ſtand, welchen der Thurm nach ihrer Mei⸗ nung in ſich ſchloß, ſo mußte ſie doch zuletzt ihren Verſuch aufgeben. Sie war ſchon im Begriff, zurück zu gehen, als ſie tief unter ſich die Tritte eines Menſchen hörte, der immer 11⁰ näher kam. Kurz darauf bemerkte ſie auch den Schein eines Lichtes, der an den Wölbungen des Thurmes ſich fortbewegte. Sie hatte kaum Zeit ihre Blendlaterne zu ſchließen und ſich in einer tiefen Niſche des Thurmes zu verſtecken, worin wahr⸗ ſcheinlich früher ein Heiligenbild geſtanden, als ſich eine dunkle Geſtalt näherte, in welcher ſie Herrn von Mandesloh erkannte. Auch er hatte eine Laterne bei ſich, welche er in der linken Hand hielt; in der rechten hatte er eine Blechkapſel mit ge⸗ ſchloſſenem Deckel, und unter dem Arme hielt er ein großes Brod. Er ging die Niſche vorbei, in welcher Margrethe ſtand, ohne ſie zu bemerken, und hielt erſt vor der Eiſenpforte ſtill. Hier ſetzte er ſeine Laterne nieder und zog einen Schlüſſel hervor, mit welchem er die Thüre öffnete, worauf er wieder die Laterne ergriff und verſchwand, nachdem er hinter ſich ge⸗ ſchloſſen. Ungeachtet ein kalter Schauer Margrethen bei dieſem Anblick durchrieſelte, ſo konnte ſie es ſich doch nicht verſagen, nachdem ſie ihre Laterne wieder geöffnet und die Thüre ver⸗ ſchloſſen ſah, ſich dieſer zu nähern. Sie vernahm deutlich, wie eine nahe Thüre geöffnet wurde:„Clara! Wachen Sie?“ fragte Herr von Mandesloh, worauf ein langer Seufzer ant⸗ wortete, der bis zu Margrethens Ohr drang. Dann ſchloß ſich vhne Zweifel das innere Thor, denn ungeachtet all' ihrer Anſtrengung konnte ſie nichts mehr hören. Nun durfte Mar⸗ grethe nicht länger bleiben und ſie eilte denn auch mit großer Haſt die Treppe hinunter, um nicht auf dem Wege von Herrn von Mandesloh überraſcht zu werden. Während ſie ſo mit hurtigen Schritten hinabging, ſtürzte ſie plötzlich über einen Stein, den ſie im Halbdunkel nicht bemerkt hatte; und ſei es nun, daß es eine Folge der Anſtrengung oder der Angſt und Verwirrung oder des heftigen Stoßes war; ſo viel iſt gewiß, daß ſie nach dem Falle ohnmächtig liegen blieb und ſie lange nicht wußte, was um ſie vorging. Als ſie endlich erwachte, befand ſie ſich in der Kapelle; neben ihr ſtand Herr von Mandesloh.„Wahnwitziges Kind! was hatteſt Du im Thurme zu ſchaffen?“ fragte er.„O ſeien Sie barmherzig, um der heiligen Jungfrau willen, bei deren Bild Sie ſtehen, morden Sie mich nicht!“—„Ha, es iſt wahr! Du gehörſt zu den Gläubigen, wie mir Dein Vater ſagte.“ Nach dieſen Worten ergriff er ſie und führte ſie zum Altar, und nun mußte ſie, die Hand auf das Cruzifir ge⸗ legt, unter den heiligſten Eiden ihm geloben, nie der Gefangenen zur Flucht behülflich ſein zu wollen, nie vor irgend Jemand ein Wort verlauten zu laſſen, welches Geheimniß der Thurm in ſich verſchloß. „Hüte Dich wohl, Deinen Eid zu brechen!“ ſagte er zuletzt;„denn was den Himmel betrifft, ſo kannſt Du glauben, was Du willſt, aber nun haben die Tiefen Dich gehört und mit ihnen läßt ſich nicht ſcherzen.“ „Heilige Maria, erlöſe mich!“ rief Margrethe. „Denn ſolche Gelöbniſſe,⸗ fuhr er fort,„ausgeſprochen in der Stunde der Mitternacht, werden, wenn die Flügel fehlen, um ſich zum Throne des Lichtes zu ſchwingen, deſto ſicherer den Weg zu den Abgründen finden, wo gewiß ein Ohr iſt, das ſie hört.“ Alle dieſe Räthſel machten einen ſo tiefen Eindruck auf 8 112 Margrethen, daß ſie die übrige Nacht ſchlaflos auf ihrem Bette zubrachte. Am nächſten Morgen kam Balthaſar und hatte alsbald eine geheime Unterredung mit ſeinem Herrn. Darauf begab er ſich zu ſeiner Jochter, welche nun genaue Rechenſchaft von Allem, was ſie geſehen hatte, ablegen mußte. „Da Du ſo viel weißt,“ ſagte Balthaſar zuletzt,„ſo nützt es wenig, Dir das Uebrige zu verſchweigen und da Du einen Eid geſchworen, ſo glaube ich nicht, daß wir eine Ver⸗ rätherei von Dir zu fürchten haben.“ „Ach, davor könnt Ihr ſicher ſein!“ antwortete Mar⸗ grethe. „Es wäre beſſer für Dich, Kind, wenn Du vom Thurme fern geblieben, aber da Du Dich nun ſelbſt in das Geheimniß gedrängt, ſo mußt Du auch die Laſten der Verantwortung tragen; und Herr von Mandesloh hat Dich deshalb auserleſen, bei Deiner früheren Herrin Dienſte zu thun.“ Nun erzählte er, wie Frau von Mandesloh in den Thurm eingeſchloſſen wurde. Darauf ergriff er ihre Hand, führte ſie durch den unterirdiſchen Gang und öffnete die Thüre, welche die unglückliche Gefangene von der Welt abſchloß. Die Gefühle, welche Clara Mandesloh und Margrethe beſtürmten, als ſie nach ſieben Jahren einander ſo wieder⸗ ſahen, zu ſchildern, wäre eine vergebliche Arbeit. Auch die Notizen, welche wir von Frau von Mandesloh's Leben im 113 Gefängniſſe geben können, ſind nur ſehr dürftig, da wir uns auf einige fragmentariſche Bemerkungen von Frau von Man⸗ desloh beſchränken müſſen, ſoweit ſich Margrethe auf ihrem Todtenbette derſelben noch erinnern konnte. Der erſte Augenblick des Erwachens im Gefängniß war äußerſt räthſelhaft. Als ſie die Augen aufſchlug, ſtund Char⸗ les an ihrer Seite. Er ſchien auf dieſen Augenblick gewartet zu haben und verkündigte ihr nun, daß ſie inskünftige inner⸗ halb dieſer Mauern zu leben habe„Sie ſollen keinen Mangel leiden,“ ſagte er,„alle Ihre Forderungen werden, ſoweit es ohne Gefahr für mich geſchehen kann, erfüllt werden; aber Sie kommen nie mehr aus dieſem Thurm.“ Es half nichts, daß ſie weinte und ſich ihrer Verzweiflung überließ, daß ſie ſeine Kniee umſchloß und gelobte, weit fort zu fliehen und nie ſeinen Na⸗ men zu nennen,— ihr Urtheil war unwiderruflich gefällt und ſie las in Herrn von Mandesloh's Augen, daß all' ihre Bitten umſonſt waren. Den ſtarke Gebrauch von Opium und andern betäubenden Mitteln in Verbindung mit ihrer düſteren Stimmung machten ſie im Anfang ihrer Gefangenſchaft krank; ja es währte mehr als ein Jahr, ehe ſie ihre frühere Geſundheit wieder fand. Balthaſar brachte ihr gewöhnlich das Eſſen; einige Male war auch Herr von Mandesloh damit gekommen; Natalie da⸗ gegen ſah ſie nie. Was ſie zu ihrem Lebensunterhalt brauchte, ward ihr reichlich zu Theil; aber deſto mehr vermißte ſie Be⸗ wegung und freie Luft, denn die Fenſter ihres Gefängniſſes wurden nie geöffnet. Doch hatte Balthaſar ſpäter eine Vor⸗ Der Erzähler. 1846. ur. 8 114 richtung gemacht, daß ſich die Luft durch einen Ventilator immer wieder erneuerte. Es wurde ihr geſtattet, ſich die Zeit mit weiblichen Arbeiten zu vertreiben, was ihr großen Troſt gewährte. Sie nähte nun ſelbſt ihre Linnen und verfertigte alle Kleider, die ſie brauchte. Im Anfang duldete man auch, daß ein kleiner Hund ihre Gefangenſchaft theilte; aber nachdem er einmal, als ſich die Eiſenpforte plötzlich öffnete, in den Thurm hinabſprang und an einem Fenſter zů bellen begann, ſo wurde er fort genommen und ſie ſah ihn nie wieder. Was ſie doch noch etwas munter erhielt, war, daß die Fenſter in dem einen Zimmer gegen Süden lagen und die Sonne ihre Strahlen in ihre Mauern fallen ließ. Anfangs fürchtete ſie ſich ſehr vor dem kalten Winter, indeſſen ging er leichter vorüber, als ſie geglaubt hatte; denn die Mauern waren ſehr dick und Balthaſar ſorgte in den kalten Tagen für Feuer in ihrem Ofen. Auch Sommers mußte ſie ſich bisweilen darein finden, daß Balthaſar Feuer in den Kamin legte; denn der auf⸗ ſteigende Rauch beſtärkte die Leute in der Meinung, daß Herr von Mandesloh den Thurm nur deßhalb ſo verſchloſſen halte, um nicht in ſeinen Verſuchen geſtört zu werden. Der einzige Laut, den ſie von außen vernahm, war der Klang der großen Glocke, welche im kleineren Thurme hing, und bei Sonnenuntergang und feſtlichen Gelegenheiten geläutet wurde. Etwas mehr Abwechslung kam in ihr Leben, als Mar⸗ 1 ————— 115 grethe ſich den Weg in ihr Gefängniß gebahnt hatte, und es glückte ihr wirklich einigermaßen, die Lage ihrer Herrin zu erleichtern. So verſchaffte ſie ihr nicht allein einen großen Theil der Bücher, welche ſie wünſchte, ſondern ſie brachte auch Blei und Papier, und da Frau von Mandesloh außerordentlich gut zeichnete, ſo ward ihr dieß ein angenehmer Zeitvertreib in den langen Abenden. Doch mußte es ganz im Geheimen geſchehen, denn Charles und Natalie hatten aufs ſtrengſte verboten, ihr etwas in die Hände zu geben, womit ſie ihre Geſchichte niederſchreiben konnte. In der erſten Zeit, nachdem Margrethe ihre Herrin wiedergefunden hatte, ließ ſie es derſelben nie an Blumen mangeln, ſo lange es die Jahreszeit vergönnte, und wie ſie früher das vermeintliche Grab mit Kränzen geſchmückt hatte, ſo ſchmückte ſie jetzt ihr Gefängniß damit. Indeſſen bemerkte Frau von Mandesloh bald, daß der ſtarke Blumengeruch ihrer Geſundheit ſchade, und Margrethe mußte deßhalb mit ihren Gaben innehalten. Dagegen brachte ſie ihr eines Tages ein kleines Eichhörnchen, welches in einem Eiſenkäfig ſaß und im Thurme ſich ſehr wohl zu befinden ſchien. Margrethe, die auf ihren Vater ſehr großen Einfluß ausübte, erhielt endlich auch die Erlaubniß, eine Guitarre in das Gefängniß bringen zu dürfen, da man die Töne der⸗ ſelben wegen der hohen Lage des Thurmes und der dicken Mauern nicht hören konnte. Mit dieſer Guitarre vertrieb ſich Clara manche Stunde der Einſamkeit. Sie lernte immer beſſer ſpielen darauf, und wenn ſie dazu ſang, verſicherte 116 ſpäter Margrethe, kein Menſch hätte es hören können, ohne in Thränen auszubrechen, und ſelbſt das härteſte Herz hätte davon gerührt werden müſſen. Clara begann nun auch wieder den Unterricht, den ſie früher Margrethen in weiblichen Arbeiten gegeben hatte und ſuchte zugleich durch Geſpräch und Lektüre den Geiſt der⸗ ſelben zu entwickeln, veredeln, was in hohem Grade glückte. „In früheren Zeiten lebte ich wie Robinſon, ehe er ſeinen Freitag gefunden hatte,“ ſagte Clara, als die beiden Freundinnen eines Abends beiſammenſaßen,„aber nun biſt Du mein Freitag, Margrethe.“—„Freitag lernte Alles, was er wußte, von Robinſon, und ſo habe auch ich Alles, was ich weiß, von Ihnen gelernt,“ antwortete Margrethe. „Und doch iſt ein großer Unterſchied,“ erwiederte Elara mit einem ſchmerzlichen Ausdruck in ihrer Stimme,„denn Robinſon war ein reicher Mann gegen mich, Margrethe. Er ſah den unendlichen Himmel und das Meer in ſeiner weiten Ausdehnung; er hatte doch ſeine Inſel mit den grünen Bäumen; aber ich habe nichts von alle dem, und ich wollte gerne den Reſt meines Lebens darum geben, wenn ich noch mal einen freien Blick über die Erde werfen könnte.“ Da ſah Margrethe mit forſchendem Blick um ſich. „Wohlan,“ ſagte ſie endlich,„nun ſind wir ſicher, komm' und folge mir!“—„Was willſt Du, Margrethe, woran denkſt Du?“ fragte Frau von Mandesloh.—„Ich will Sie in den Thurm hinauf führen,“ antwortete Margrethe,„ich breche dadurch ja meinen Eid nicht.“ Clara's Herz pochte laut, und ſie mußte ſich auf ihre —— 117 Freundin ſtützen, während ſie die Treppen hinaufging; denn ihre Füße, die an einen ſolchen Gang nicht gewöhnt waren, wollten ſie kaum tragen. Und da ſie endlich auf dem flachen Dache des Thurmes ſtand und die freie Luft ſich entgegen⸗ ſtrömen fühlte, war ſie einer Ohnmacht nahe; aber nach einigen Minuten faßte ſie ſich wieder, athmete tief auf und blickte weit hinaus über die große Landſchaft, über die der Vollmond ſchien.„O, wie ſchön iſt da Alles!“ rief ſie aus, „und ſiehſt Du, wie der Rhein im Mondesglanz dahin zieht, ich hatte beinahe vergeſſen, wie ſchön das iſt.“ Clara ſtand lange in die Betrachtung der Landſchaft verſunken, deren Umriſſe im Mondenlicht nur unſicher zu unterſcheiden waren. Darauf wandte ſie ſich plötzlich zu Margrethen, und ehe dieſe es verhindern konnte, ſank ſie vor ihr auf die Kniee und rief:„O, rette mich, Margrethe, rette mich! Laß uns fliehen, weit fort in ein Land, wo Niemand mich kennt, oder übers Meer auf eine ferne, einſame Inſel! Ich will ſtumm ſein, wie das Grab, und wenn ich betteln ſoll um mein Brod, ſo will ich doch nicht murren, wenn ich nur das freie Feld ſehe mit ſeinen Blumen und das Waſſer und den großen Himmel mit ſeinen hellen Lichtern.“ Unter Thränen hörte Margrethe dieſe Bitte; denn ſie konnte ſich nicht mal die Möglichkeit denken, ihren Eid zu brechen; dieß ſah Frau von Mandesloh auch wohl ein, als ſie wieder ihre Faſſung erhalten hatte; aber es zerriß dennoch das Herz des armen Mädchens, daß ſie, die ſo gerne ihr Leben für die Befreiung ihrer Herrin geopfert hätte, nun 3 gerade es ſein müßte, die ihre Befreiung verhinderte. ———— 118 Manche Mitternachtsſtunde, wenn ſie ſich vor Ueber⸗ raſchung ſicher glaubte, führte Margrethe ihre Freundin auf das Dach des Thurmes, und die Welt, welche Clara nicht bei Tage und in der Nähe ſehen durfte, ſah ſie ſo manch⸗ mal wie einen Traum in der Ferne, wenn der Mond ſein Licht drüber warf. Im Umgang mit ihrer Herrin hatte Margrethe ſich eine Bildung erworben, die für ihren Stand ſehr ungewöhn⸗ lich war. Da ſie nun zugleich ein ſehr anziehendes Aeußere beſaß, ſo war es natürlich, daß viele ſich um die Hand des ſchönen Mädchens bewarben; doch ſchlug ſie lange Zeit jeden Antrag aus, denn es war ihr feſter Vorſatz, ſich nie von ihrer Herrin zu trennen. Dieſe Handlungsweiſe wurde ihr indeß als Stolz ausgelegt.„Sie will hoch hinaus,“ hieß es,„ſie will ſich nicht mit uns abgeben, dazu iſt ſie zu vor⸗ nehm; ſie denkt gar noch Herrn von Mandesloh's dritte Frau zu werden.“ Margrethe beſuchte jeden Tag den Theil des Schloſſes, welchen die Herrſchaft bewohnte, und berſchwand in einem der inneren Zimmer; denn dort begann der unterirbiſche Gang, der zum Thurme führte. Dieſer Weg erregte die Neugierde der Dienerſchaft in hohem Grade, und mehre äußerten ſogar die Vermuthung, ſie lebe mit Herrn von Mandesloh in einem unerlaubten Verhältniß, woran jedoch keiner, der ſie näher kannte, glaubte. Herr von Mandesloh war auch weit entfernt, ihr irgend eine beſondere Aufmerkſamkeit zu ſchenken; dagegen entging weder ſie, noch Jemand von der Umgebung den Ausbrüchen 119 ſeiner Launen, die mit dem Alter beſtändig zunahmen. Am heftigſten äußerte ſich dieſe Bitterkeit gegen Natalie ſelbſt. Als ein Beweis davon kann folgendes Geſpräch dienen, das Valthaſar nach ſeiner Gewohnheit an der Thüre erlauſchte. „Wenn Sie das wiſſen wollen,“ hörte Balthaſar Herrn von Mandesloh ſagen,„ſo glaube ich, daß Sie mit vollkommenem Unrecht meinen Namen tragen; denn Sie wiſſen, daß meine wirkliche Gattin lebt, und Sie haben ihr doch den Platz geraubt; Sie wiſſen, daß ſie nur einige Schritte von uns im einſamen Gefängniß hinſchmachtet, während Sie in ihren Reichthümern ſchwelgen.“—„Sind Sie denn dabei ſo viel reiner, als ich, daß Sie das Recht haben, mir ſolche Vorwürfe zu machen?“ fraßte Natalie mit einem tiefen Seufzer.—„Leider nein, wir haben Beide eine Unſchuldige verrathen, und wir haben Beide— wenn wir glauben, was die Kirche lehrt— ein heilig Sacrament mißbraucht.“— „Ach, laſſen Sie uns nicht mehr davon ſprechen!“ ſagte Natalie,„es iſt durchaus gegen die Achtung, gegen den égard, den wir einander ſchuldig ſind; laſſen Sie uns alle Unannehmlichkeiten vergeſſen.“—„Ich möchte wünſchen, ſo gut vergeſſen zu können, als Sie,“ antwortete Herr von Mandesloh.—„Wir wollen nicht länger ſo einſam auf dieſem großen, dunkeln Schloſſe leben,“ fuhr Natalie fort; „wir wollen wieder Geſellſchaft haben, denn es iſt häßlich, allein zu ſein, das Blut wird ſo ſchwarz und düſter dadurch, daß man endlich vor ſich ſelbſt Angſt bekömmt.“ Kurz darauf begann wieder das geſellſchaftliche Leben 3 3 N auf Schloß Mandesloh, das nun beſonders von den fran⸗ 120 zöſiſchen Offizieren beſucht wurde, welche in der Umgegend lagen und von denen mehre erſt kurz zurück waren von dem ſiegreichen Zuge gegen Preußen. Unter dieſen befand ſich auch ein Offizier, welcher eine Compagnie im franzöſiſchen Heere commandirte und deſſen Mutter eine Couſine Nataliens war. Wie beinahe jede Pflanze einen Augenblick hat, wo ſie in ihrer Blüthe eine Art Schönheit entfaltet, ſo gibt es auch für jedes Mädchen, wenn es nicht ganz ſtiefmütterlich von der Natur behandelt wird, eine Zeit, in welcher ſie einen vortheilhaften Eindruck macht. In dieſem Alter war nun Conſtanze, und ungeachtet ihres bleichen Ausſehens und ſchwachen Körperbaues hatte ſie doch etwas von der Anmuth ihrer Mutter geerbt, womit ſie auf Maurice, Nataliens Neffen, einen vortheilhaften Eindruck machte. Einen noch ſtärkeren Eindruck machte der liebenswürdige junge Krieger auf Conſtanzen: und da Natalie ihn begünſtigte und er von einem altadeligen Geſchlechte abſtammte, ſo verweigerte ihm auch Herr von Mandesloh ſeine Zuſtimmung nicht, als Mau⸗ rice ſich um Conſtanzens Hand bewarb. Uebrigens iſt es wohl möglich, daß die Ausſicht auf das reiche Erbe, das Conſtanze zu erwarten hatte, Maurice nicht unwillkommen war. Ungefähr um die nämliche Zeit fand auch der liſtige Amor einen Weg zu Margrethens Herz, und es gelang endlich dem Rheinſchiffer Marlin, ihre Liebe zu gewinnen. Indeſſen faßte ſie den Vorſatz, ihrem höheren Berufe treu zu bleiben und ihre unglückliche Frau nie zu verlaſſen. Dieſen Vorſatz hätte ſie auch gewiß ausgeführt, und ſie hatte deßhalb ihrem Anbeter ſchon 12¹ mehrmals einen Korb gegeben, als Balthaſar, der den thäti⸗ gen Martin zu ſeinem Schwiegerſohn zu haben wünſchte, die ganze Sache der Frau von Mandesloh mittheilte. Und dieſe beſchloß nun, obgleich ohne Zweifel mit blutendem Herzen, daß Margrethe ſich mit ihrem Geliebten verbinden und ihm in ſeine Heimath auf die andere Seite des Rheines folgen ſolle. Einer von den Gründen, weshalb Balthaſar dieſe Ehe wünſchte, war vielleicht eine Art Mißtrauen, das er in dieſer Zeit gegen Margrethe hegte. Er hatte ſie nämlich einige Mal mit Clara Mandesloh auf der Platte des Thurmes überraſcht; denn er beſaß zwei Schlüſſel zu dem Eiſenthor. Er wagte es indeß nicht, ſeinem Herrn etwas davon mitzutheilen; legte aber doch ein Hängeſchloß vor die Thüre, ſo daß Margrethe ihre Frau nicht mehr dorthin führen konnte. Da Margrethe nun auch von ihrer Herrin die Mahnung erhielt, ihres Herzens Rath zu folgen, ſo konnte ſie nicht länger widerſtehen, und gab endlich den Vorſtellungen ihres Vaters und den Bitten ihres Geliebten nach. Zur nämlichen Zeit, da Maurice ſich mit Conſtanzen vereinte, heirathete Margrethe ihren Martin. Kurz darauf nahm ſie unter einem Strom von Thränen Abſchied von Clarn Mandesloh. Indeſ⸗ ſen verſprach ſie, wenigſtens zweimal des Jahres ſie beſuchen zu wollen. Beim Abſchied von Clara Mandesloh, welcher ſie nun ſelbſt Farben und Pinſel gebracht hatte, empfing ſie ihr Bildniß. Kurz nach WMargrethens Abreiſe ſtarb Natalie plötzlich. Sie hatte nämlich an mehren Vergnügungen und Geſell⸗ 122 ſchaften Theil genommen, welche aus Veranlaſſung von Con⸗ ſtanzens Hochzeit ſtattfanden. Dies mußte ſie indeſſen theuer bezahlen; denn am Tage nach einem Ball, auf welchem ſie ſich wieder der alten Heiterkeit überlaſſen und mehre Stunden getanzt hatte, wurde ſie plötzlich von einem todten Knaben entbunden, deſſen Geburt ſie ſelbſt ins Grab ſtürzte. 5. Als Elara todt war, fand man im geheimſten Behälter ihres Gemaches einige Bemerkungen, welche mit Blei auf ein Stück Papier zu verſchiedenen Zeiten geſchrieben zu ſein ſchienen. „Nun iſt ſie todt,“ ſtund da,„nun habe ich nichts mehr, als das Vertrauen auf ein Weſen, das barmherziger iſt, als alle Menſchen.“ „Es gibt ſo manche, die in Gefängniſſen dahinſchmach⸗ ten; aber ſie ſind doch nicht ſo vergeſſen und abgeſchloſſen von der Welt, als ich. Mein Name iſt ausgeſtrichen aus dem Buche der Lebenden; mein Gedächtniß iſt verweht; meine Gebeine aufgelöſt, meine Glieder im Winde verweht; und doch lebe ich noch in dieſer Mauer, wo jeder meiner Seufzer hinſtirbt, ohne daß ihn Jemand hört.“ „ 123 „Jetzt iſt auch mein Eichhörnchen todt. Ich habe viel darüber geweint. Da liegt es in der kleinen Ecke meines Zimmers.“ „Meine Guitarre iſt meine Tröſterin; ſie iſt eine Freun⸗ din, die ſich nicht von mir trennen will, es ſcheint mir oft, als verſtünde ſie meine Klage.“ „Sind wir ſo von der Natur getrennt, daß wir ſie nicht bei Tageslicht ſehen können, ſo naht ſie uns doch oft in den Träumen der Nacht. Es iſt, als ob wir die Stimme unſerer Mutter in der Ferne hörten, und wir ahneten ihre Liebe, un⸗ geachtet wir nur undeutlich ihre Worte hören.“ „Wenn wir an des Lebens Gränzen ſtehen, da find gute und ſchlimme Tage, Hoheit und Niedrigkeit, Großthaten und bittre Leiden alle verſchwunden, wie Schatten, verflogen wie ein Traum, der ausgeträumt; nur die Wirkungen, die Früchte, die in Sonnenſchein und Regen, in Stürmen und am ſtillen Abend reiften, nur ſie bleiben.“ „Geſtern hörte ich wieder die große Glocke zu einem Vegräbniß. Es iſt das ſiebente Mal, ſeit ich ſie für mich ſelbſt läuten hörte— Natalie iſt todt, ſagt Balthaſar, ſie, um deren willen ich ſchon ſo lange hier ſitze.— Und doch iſt meines Gefängniſſes Thor noch geſchloſſen, wie früher. Ach wann wird doch die Stimme der Befreiung für mich ſchlagen!“ „„Heute brachte er nach langer Zeit mir wieder ſelbſt meine Nahrung. Ich bat ihn um meine Erlöſung, aber ver⸗ 124 gebens.„Wenn ich Sie auch nach Amerikas Urwäldern ſen⸗ den würde, oder auf die fernſte Inſel des Ozeans,“ ſagte er, „ſo müßte ich doch fürchten, daß Ihre Klage über das Meer herüberklänge und ich hätte keinen ruhigen Augenblick mehr!“ „Er kommt in dieſer Zeit oft ſelbſt und ſorgt mit gro⸗ ßem Eifer für meine Bequemlichkeit, ſoweit es in meinem Gefängniß möglich iſt. Da er hörte, daß mein Eichhornchen todt ſei, ließ er mir einen wilden Falken bringen, der nun in meinem Zimmer aufgehängt iſt.“ „Vor einigen Tagen wagte ich die Bitte, er möchte mich auf das Dach des Thurmes führen. Anfangs wurde er ſehr ungehalten und ſchlug es mir mit großer Heftigkeit ab;— doch kam er indeſſen mehre Male und führte mich hinauf.“ „Er iſt noch ſchwermüthiger, als früher und er wird ſo heftig, wenn ich ihn um Erlöſung bitte, daß ich kaum mehr wage, davon zu ſprechen. Ich glaubte ſein Herz bewegen zu können, wenn ich ihm den Traum, den ich vor meiner Ein⸗ ſchließung hatte, erzählte; aber er unterbrach mich und ſagte: „Hätten Sie mehr gehandelt in Ihrem Leben, ſtatt zu träumen, ſo wären Sie jetzt nicht, wo Sie nun ſind.“ Ich will ihn nicht mehr um meine Freiheit bitten; denn es nützt doch nichts.“ Einige Zeit nach Margrethens Verheirathung hatte Bal⸗ thaſar das Unglück, die Treppe hinabzuſtürzen, welche von dem Thurm in den unterirdiſchen Gang führte, wodurch er einen ſo gewaltſamen Stoß erhielt, daß der Arzt behauptete, 125 der untere Theil der Rückenwirbelſäule habe Schaden genom⸗ men, und da Margrethe nach einigen Tagen geholt wurde, war er auch ſchon dem Tode nahe. Doch hatte er noch ſo viel Bewußtſein, um ihr Auf⸗ ſchluß über Frau von Mandeslohs Schickſal geben zu können. Zugleich bat er ſie, ein wachſames Ohr auf Alles, was im Schloſſe vorging, zu haben;„denn wer weiß, was da ge⸗ ſchehen kann,“ ſagte er,„ich glaube, daß keines von Allen, die an jener Sünde ſchuldig ſind, lange mehr am Leben bleiben ſoll.“ Margrethe verlangte nun, daß ein Geiſtlicher geholt werde; aber dies ſchlug Herr von Mandesloh ab. Kurz darauf ſtarb Balthaſar und hinterließ ſeiner Tochter eine Summe von ungefähr zweitauſend Thalern in baarem Gelde, welche ſie, ungeachtet ſie befürchtete, daß es theils Geſchenke ſeien, für Dienſte, von denen er gerade keine große Ehre hatte, doch nicht ausſchlagen durfte, da ſie damals ein Kind zu hoffen hatte, dem ſie damit eine Zukunft ſichern konnte. Sie wollte nun, um ihrer Herrin wieder zu Dienſten ſein zu können, Martin keine Ruhe laſſen, bis er auf Schloß Mandesloh ſich anſiedle. Dieſer Gedanke war ihr ſo lebendig geworden, daß ſie ihn vor Clara ſelbſt nicht verbergen konnte, welche ſie damals wieder täglich beſuchte. Ihre Boffnung ſtützte ſich übrigens auch auf Herrn von Mandeslohs eignes Wort.„Ich bin nun ein Sclave, gebunden an dieſes Schloß,“ ſagte er zu ihr, kurz vor ihrer Abreiſe;„ich darf nicht einen Tag fort. Auch bin ich gezwungen, Dienſte zu verrichten, welche man ſonſt dem geringſten Diener überläßt; wenn Du 126 deshalb hieherkommen wollteſt, ſo könnteſt Du wenigſtens mir die Laſt tragen helfen.“ Das Erbgut, welches in Margrethens Hände gefallen und für ihren Stand ziemlich anſehnlich war, erregte manche Mißgunſt und weckte ein Gerücht, das längſt eingeſchlummert zu ſein ſchien.„Das iſt keine Kunſt,“ ſagte man,„auf dieſe Weiſe reich zu werden; wir wiſſen ja, wie Margrethe mit Herrn von Mandesloh gelebt hat.“ Dieſe ungerechte Be⸗ ſchuldigung wurde von einem ohrenbläſeriſchen Weibe nach Margrethens Zurückkunft dieſer alsbald hinterbracht, welche davon zum erſten Male hörte und manche bittre Thränen darüber weinte. Sie glaubte nun, da ein ſolches Gerücht im Umlauf war, ſich ſehr bedenken zu müſſen, ehe ſie Herrn von Man⸗ deslohs Schloß bezöge. Ja ſie wünſchte deshalb, Martin in das Geheimniß einweihen zu dürfen; aber darein wollte Herr von Mandesloh nicht willigen. Ebenſowenig Luſt hatte Mar⸗ tin, ſeine Wohnung, die für ſein Geſchäft ſo bequem am Rheine lag, zu verlaſſen. So beſchloß ſie denn, da ein ſolcher Umzug bei ihren Umſtänden auch nicht rathſam geweſen wäre, es we⸗ nigſtens bis zu ihrer Niederkunft ausgeſetzt ſein zu laſſen. Indeſſen erfüllte ſich Balthaſars Prophezeiung früher, als Margrethe, geglaubt hatte und eines Morgens, ungefähr vier Monate nach ihres Vaters Tod, fand man Herrn von Mandesloh vom Schlag getroffen auf dem Boden in ſeinem Zimmer liegen. Sein Antlitz war dunkelroth, der Schaum ſtand ihm vor dem Munde, ſeine Augen waren ſtark hervor⸗ getreten und unbeweglich; und ungeachtet aller angewandten Mittel ſtarb er doch nach Verlauf von zwei Tagen. Obwohl er nach des Arztes Verſicherung, ſo lange die Krankheit dauerte, ſein Bewußtſein gänzlich verloren hatte, ſo meinte doch der Diener, welcher ihn zuerſt in dieſem Zuſtand angetroffen hatte, er habe damals, obwohl undeutlich, Mar⸗ grethens Namen genannt, weshalb auch alsbald ein Bote nach ihr abgeſandt wurde. Dieſen Boten bekam ſie jedoch nicht ſelbſt zu ſprechen; denn ſie war damals gerade mit einem Knaben niedergekommen und befand ſich in Folge deſſen ſo übel, daß Martin es nicht wagen konnte, ihr eine Nachricht mitzutheilen, die ſie auf⸗ regen konnte. Erſt acht Tage ſpäter erfuhr ſie ſowohl Herrn von Mandeslohs Krankheit, als ſeinen Tod. „Gott verzeihe Dir, daß Du das vor mir verſchwiegen,“ ſagte ſte;„Du haſt vielleicht damit eine Sünde auf meine Seele gewälzt, welche ich nie ſühnen kann; aber ich hoffe zu Gott, daß er ſich Maurice anbertraut hat und daß ſie noch lebt.“ Damit ſprang ſie vom Bette auf und erklärte, ſie müſſe eiligſt nach Schloß Mandesloh, es gelte ihr Leben, wenn ſie nicht dorthin komme. Ja ungeachtet ſie ſich zu⸗ vor nicht hatte bewegen können, ſo kleidete ſie ſich nun raſch an und obgleich ihre Wangen todtenbleich waren, ſo ſchien ihr doch in jenem Augenblick nicht die Kraft zu dem zu mangeln, was ſie ausführen wollte. Als Martin ſah, daß kein Widerſtand half, ſpannte er endlich die Hengſte vor den Wagen, und wollte ſie ſelbſt auf's Schloß führen.„Nein,“ ſagte Margrethe,„du mußt hier vleiben und für das unglückliche Kind ſorgen. Was ich thun werde, muß ohne Deine Hülfe geſchehen.“ Martin ſelbſt fand, daß das Kind zu ſchwach ſei, um mitgenommen werden zu können; ſo fügte er ſich in ihren Wunſch und dingte einen ſichern Mann, der ſie nach dem Schloß bringen ſollte. Erſt bei ihrer Ankunft erfuhr ſie, daß Herr von Man⸗ desloh ſchon ſeit ſechs Tagen todt ſei. Ihr Herz bebte, da ſie dieſe Nachricht vernahm. Sie verlangte nun ein geheimes Geſpräch mit Maurice, der auch alsbald ihren Wunſch er⸗ füllte. „Hat Herr von Mandesloh Ihnen nichts auf ſeinem Todtenbette anvertraut?“ fragte ſie.„Nein,“ antwortete Maurice,„er verlor das Bewußtſein am erſten Morgen, da er krank ward.“—„Gott erbarme ſich!“ rief Margrethe, „ſo lebt ſie denn nicht mehr!“—„Wer?“ fragte Maurice. „Fragen ſie nicht, ſondern folgen ſie mir! Schaffen Sie eiligſt etwas Speiſe herbei; holen Sie die Schlüſſel zum Thurme und ſorgen Sie, daß Niemand unſern Weg beobachte.“ Maurice, der ein gefährliches Geheimniß ahnte, ſchaffte augenblicklich herbei, was ſie verlangte, und befahl ſeinem Diener Henri, auf deſſen Treue er rechnen konnte, jeden Ueber⸗ flüſſigen fortzuſchicken Nun nahm Margrethe Brod und Wein, welche Maurice gebracht hatte, während dieſer die Schlüſſel ergriff. Darauf zündete ſie eine Fackel an und zeigte ihm den geheimen Gang, in welchen ſie hinabſtiegen. „Wie lange kann ein Menſch den Hunger ertragen?“ fragte ſie auf dem Weg.„Großer Gott! iſt hier Jemand ein⸗ 129 geſchloſſen?“—„Das werden ſie nun bald ſelbſt ſehen, denn vor Ihnen darf ich nichts mehr verbergen, und würde ich auch meine Strafe in der Hölle um Jahrhunderte verlängern. Doch laſſen Sie uns eilen, um des barmherzigen Himmels willen!“ Aber wie ſehr ſie auch eilten, ſie kamen zu ſpät; Clara Mandesloh war ſchon frei und ſie fanden nur ihren entſeelten Leichnam. Es war deutlich, daß das Leben ſie ſchon ſeit mehren Stunden verlaſſen hatte, denn ſie war be⸗ reits ganz kalt. Der wilde Falke dagegen lebte noch und be⸗ trachtete die Eintretenden mit funkelnden Augen. In der höch⸗ ſten Verzweiflung warf ſich nun Margrethe mit einem lauten Jammerſchrei auf die Leiche.„Wehe über mich!“ rief ſie; „denn deßhalb war ich auf die Erde gekommen; es war mein wichtigſter Beruf, ſie zu pflegen und zu wachen über ihre Tage; aber ich bin eine untreue Dienerin; ich war be⸗ ſtimmt, den koſtlichſten Schatz zu bewachen, aber ich achtete nicht darauf.“ „Um's Himmels willen, löſe mir doch dies Räthſel!“ rief Maurice. „O hätte ich blos die paar Jahre zu Ende gewartet, ſo hätte ich ſie retten können; ja vielleicht wäre ſie, ohne daß ich meinen Eid gebrochen, erlöst worden aus dem Gefängniß und ich hätte ihre Freude theilen können. Aber ich harrte nicht aus! Ich ließ mich von blinder Leidenſchaft hinreißen, einer thörichten Luſt, die ſie mit dem Leben büßte!“ Maurice mußte lange warten, ehe er eine Antwort auf ſeine Frage bekam; denn Margrethe war ſo in ihren Kum⸗ mer verſunken, daß ſie durchaus nicht hörte, was er ſagte. Der Erzähler. 1846. U. 9 130 „Seht,“ fuhr ſie fort,„wie ſchön ſie da liegt, obgleich bleich und abgezehrt! Ich ſah ſie in früheren Tagen ihre Haare flechten; ſah ſie in all' ihrer Pracht, wie eine Fürſtin; ſah ſie einſam und verlaſſen in ihrem Gefängniß; ſah ſie ſich beugen vor ihrem Verſöhner; hörte ihren Geſang, der eines Tigers Herz zerſchmolzen hätte; ſie war immer ſchön, aber ſo wie ſie nun daliegt, iſt ſie noch ſchöner, als früher. Sehen Sie nicht den Heiligenſchein um ihre Stirne! Sehen Sie nicht des Sieges Lächeln um ihre Lippen! Ja hoch über dem Staub wandelt ſie nun, in jenen Gegenden, wohin ſie ſich immer ſehnte und wohin ſie mehr gehörte, als hier auf die Erde.“ Indeſſen bemerkte Maurice an der Todten Seite ein kleines Stück Papier, worauf mit Bleiſtift folgende Linien geſchrieben ſtanden: „Großer Gott, was bedeutet das! Es ſind anderthalb Tage vorüber, ohne daß mir Jemand Speiſe bringt.“ „O ich fürchte, daß er krank iſt und ich Hungers ſterben muß.“ „Wieder ein Tag vorüber. Ach Margrethe, wo biſt Du, wie kannſt Du mich ſo verlaſſen!“ „Es iſt Abend, die Sonne ſcheint zum Abſchied; ich habe mein letztes Stück Brod verzehrt.“ ———— ———— ,— 131 „Die Nacht iſt vorüber; i und fand dort ein Glas Waſſer.“ ch war bei meinem Cruzifir „Noch eine Nacht; und doch lebe ich! Der Raubvogel lebt auch; er heftet ſeine Augen auf mich. Ich habe dir nichts zu geben, Unglücklicher!— O! Ich war mehrmals im Be⸗ griff, ihn aus ſeinem Käfig zu nehmen und mit meinen Zäh⸗ nen zu zerreißen. Ach, iſt das die Erlöſung, auf die ich gehofft!“ „Lebt wohl, ihr alten Mauern! Ich ſah euch mit Schauer, ich verlaſſe euch mit Schmerzen.— O mein Retter, nimm mich in Deinen Schutz!“ „Noch iſt es nicht vorbei, aber bald.“ „Noch lebe ich. Es ſchwebt wie Spinnengewebe vor meinen Augen.— Der Raubvogel ſchreit.— Der Schmerz ſchwindet, ich fühle Frieden.“ „Noch!“ 1832 Die letzten Linien waren mit unſicherer und beinahe un⸗ leſerlicher Hand geſchrieben. Indeſſen konnte Maurice, obwohl an mehren Stellen Striche gemacht waren, die einen längeren oder kürzeren Zwiſchenraum bezeichneten, daraus nicht berechnen, wie viele Tage ſie gelebt hatte, und wie lange vor ihrem Tode die letzten Linien geſchrieben waren. Endlich kam Margrethe ſo weit wieder zu ſich, daß ſie die Geſchichte der unglücklichen Clara Mandesloh erzählen konnte, doch mußte ſie mehre mal einhalten, da ihre Thränen ſie weiter zu ſprechen hinderten. Maurice entſetzte ſich über das, was er hörte. Indeſſen beſchloß er, daß der Schleier, der bisher auf Clara Mandes⸗ lohs Geſchichte geruht, nie aufgehoben werden ſollte. Daß Margrethe, die ſich durch ſo theure Eide verſchworen hatte, ſelbſt zuletzt das ganze Geheimniß offenbaren würde, ahnte er nicht. Um den Leichnam fortzuſchaffen, eröffnete ſich Maurice ſeinem Diener Henri, welcher heimlich im Garten ein Grab grub. Darauf wurde der Leichnam in eine Kiſte gelegt, durch den unterirdiſchen Gang getragen, und als Alles im tiefſten Schlafe lag, in die Erde geſenkt. Das Grab bekam das Ausſehen eines Beetes, welches mit Blumen bepflanzt und von Margrethen mit einer Hand voll geweihter Erde aus dem Kirchhof überſtreut wurde, ſo oft ſie das Schloß beſuchte. Um ſie einigermaßen zu beruhigen, ließ Maurice in meh⸗ ren Kirchen Seelenmeſſen für Clara Mandesloh leſen; auch wurde eine Lampe in der kleinen Kapelle angezündet, welche zu Ehren der Verſtorbenen beſtändig brennen ſollte. Als die arme Margrethe heim kam, wartete ein neues Unglück auf ſie; ſie ffand ihr Kind in den letzten Zügen. Wahrſcheinlich hatte ſie ſelbſt, ohne es zu wiſſen, die meiſte Schuld daran, indem ſie, kurz ehe ſie nach dem Schloſſe ging, in der Aufregung und Seelenangſt, in! der ſie ſich befand, den kleinen Knaben an die Bruſt gelegt hatte. Einige Stunden nach ihrer Heimkunft ſtarb er. So viel Leiden zernichtete endlich die Kraft der unglück⸗ lichen Margrethe. Nach des Arztes Vermuthung war ihr die Wilch in den Kopf geſtiegen und von der Zeit an litt ſie an einer Geiſtesverwirrung, die ſie nie mehr ganz verließ. Maurice folgte kurz darauf Napoleon nach Rußland. Schon im Anfang des Zuges erhielt er eine Wunde, die ihn auf lange Zeit zum Kriegsdienſte untauglich machte. Ehe er geheilt war, hatte Napoleons Herrſchaft ein Ende und Mau⸗ rice nahm deßhalb ſeinen Abſchied und kehrte nach Schloß Mandesloh zurück. Da er jedoch fühlte, daß Gabriele und ihre Kinder mehr Recht auf ſein Eigenthum hatten, als er, und da er nur ſchwer daſſelbe aufgeben konnte, ohne die Schande ſeiner Fa⸗ milie aufzudecken, ſo beſchloß er, wenigſtens ſo gut als mög⸗ lich für ihre Kinder zu ſorgen. Deßhalb ſchenkte er Martin und Margrethen ein bedeutend Capital und machte die Be⸗ dingung, daß, da ſie ſelbſt keine Kinder hatten, Alfred und Franziska, Gabrielens Kinder, zu ihren Erben eingeſetzt wer⸗ den ſollten. Die wenigen hellen Augenblicke, welche Margrethen noch vor ihrem Tode bergönnt waren, benützte ſie, dem Geiſtlichen, 134 der an ihr Sterbelager geholt worden war, die Geſchichte der unglücklichen Clara Mandesloh zu erzählen, und ſo über ein Geheimniß Licht zu verbreiten, das als unheimliche Sage in der Umgegend ſchon ſeit der Zeit verbreitet geweſen, da der Todtengräber von Rheindorf bei Umgrabung von Frau von Mandeslohs Scheinbegräbniß einen Sarg aufgefunden hatte, der ſtatt eines Todtengebeins, nur Steine in ſich barg. —— 3 * Das Schloß Ln Frette. Nach Gozlau. Von Meuberger. — cht Meilen von Grenoble, bei dem Dorfe La Fretts und dem Schloſſe dieſes Namens, lebte und ſtarb Franz von Beaumont, Baron von Adrets, einer der tapferſten Anführer und der 6 grauſamſte Menſch ſeines Jahrhunderts. Keine Zeit vermochte den Schrecken ſeines Namens in den mittäglichen Provinzen zu tilgen. Der kühne S 5 Freiherr ſteht mit einem Fuße in der Wirklich⸗ 6 mit dem andern im Lan ₰ Feen. Sein Geſchlecht war ſo edel un rühmt, daß die alten Schriftſteller in i hrer Prachtſprache es „den Scharlach des Adels in der Dauphiné“ hießen. Franz I. und Karl V., dieſe ewigen Ringer, hatten den Krieg i in Welſchland wieder begonnen, und zwar, wie herkömmlich, nach Verträgen, welche die innigſte Freundſchaft eingegeben. Lautrec befehligte das franzöſiſche Heer oder was man damals das 136 Heer nannte, ein wildes, wirres, unbotmäßiges Ding, aus Allem zuſammengeſtellt, was es Berühmtes und Gemeines gab, ohne Geheiß vorwärts rückend, und fliehend am Tage nach einer Schlacht. Jeder Anführer hatte zu Zeiten zwanzig Diener im Gefolge. Zweihundert wackere Edelleute des Delphinats waren zu Lautrec geſtoßen, der junge Freiherr von Adrets bat um Ver⸗ gunſt, ſie begleiten zu dürfen, obſchon er erſt fünfzehn Jahre zählte. In Piemont ſah ſich das Corps bald einem Bataillon von Lanzknechten gegenüber. Der Jüngling, ohne der Gefahr zu achten, ſpringt mit geſchwungener Waffe auf den Führer zu und fordert, daß er ſich ergebe. „Euch?“ „Mir.“ Und mit ſeiner breiten Klinge trifft er den von der Kraft und Geſchwindigkeit ſeines Gegners betäubten Anführer, nimmt darauf deſſen Roß am Zügel und reißt es im Galopp mitten unter die Franzoſen. Mit Beſchämung gewahrt der Gefangene das Angeſicht eines Kindes. Lautrec umarmt den und will ihn an ſeiner Seite haben beim Siegeseinzug in das bezwungene Genua. Von hier folgt Adrets nach Neapel, in das franzöſiſche Hauptquartier, wo der Prinz von Hranien Lautrec mit 11500 Mann bedroht. Es waren 11500 deutſche, welſche und franzöſiſche Freibeuter, heute tapfer bis zur Raſerei, morgen feig bis zur Tollheit, aber ſtets Mörder und Diebe. Als der Freiherr 26 Jahre zählte, zog er ſich zu den Seinen auf Schloß La Frette zurück, — führer haben, die nach unſerem Geſchmack ſind.“ über eine Ungerechtigkeit aufgebracht, welche ihm von einem Vorgeſetzten widerfuhr. Adrets hatte rieſige Geſtalt und Kraft. Seine Knochen waren eiſern, wie die Rüſtung, welche den hagern Leib um⸗ ſchloß; ſeine ſchöne, goldbraune Stirne umſchatteten weiche, ſchwarze Seidenhaare; ſeine Adlernaſe war deſpotiſch; ſein Auge, ſchwarz und tiefliegend, ſtrahlte von grauſamer Kaltblü⸗ tigkeit und einer Ruhe, vor der man zitterte. Sein Bart be⸗ deckte nicht ganz die Oberlippe, welche bedeutend gegen die untere vorſprang, und dieſe Bildung gab ihm das Ausſehen eines Raubthieres. Der höchſte Verſtand trat überall an die⸗ ſem Haupte vor, deſſen feinen, geometriſchen, aber fürchterlichen Schnitt ein Triangel am beſten wiedergäbe, bei dem die Spitze umgekehrt wäre und folglich die Baſis des Schädels darſtellte. In einem ſeiner letzten Feldzüge machte der tapfere Adrets die Bekanntſchaft eines Abenteurers aus ſeiner Heimath, Ca⸗ pitän La Coche, des kleinſten, nicht nur unter den Hauptkeuten, ſondern ſogar unter den Soldaten. Er wurde ausgelacht mit dem ſchweren Panzer auf ſeiner kugelrunden Geſtalt und dem Helme auf ſeinem kleinen, lebhaften, fleiſchigen Haupte, aus welchem etwas rothe Eichhörnchenaugen ſchauten. Seine Arme waren kurz, aber wie ſeine Beine lauter Muskeln. Er aß, trank und ſchlief ungeheuer. „Baron,“ fragte ihn der Capitän La g als ſie die erſte Ringmauer von Schloß La Frette erreichten,„werden wir lange in dieſen viereckigen Thürmen wie alter Speck räuchern?“ „So lange als wir keinen tüchtigen Krieg und keine An⸗ 138 „Und wann wird der Krieg kommen?“ Der Freiherr entgegnete ſeufzend:„Ich weiß es nicht, die guten Tage ſind vorbei, La Coche.—“ „Ach ja,“ ſagte der Capitän, vich, der ich in Rom war, ich habe die guten Tage gekannt! Wir zündeten die Stadt an allen vier Ecken an, ſie fackelte wie hundert Reisbündel. Es war ſchwül; wir brauten Kardinalstränke aus merkwürdigen Weinen.. ich ſpüre noch den Geſchmack davon am Gau⸗ men. Ich füllte meine Taſchen mit Gold, Diamanten, Kel⸗ chen, Monſtranzen; ich ſtrotzte davon. Vom MWorgen bis in die Nacht plünderte ich Klöſter und Kirchen; ich hätte die Glocken mitgenommen, wenn ich ſie hätte ſchleppen können. Das heiß ich Krieg führen, Baron.— „Du haſt Recht, La Coche.“ „Das iſt ein geſegnetes Land, aber was kann man hier nehmen?“ „Nichts,“ berſetzte der Baron trübſelig. „Nichts, um ſich die Hörner abzuſtoßen, nichts zu ſchee⸗ ren, als Vaſallen, die bis auf die Knochen abgeſchält ſind. In Italien, ich kann es nicht genug ſagen, zogen wir nie die Klinge aus der Scheide, ohne ſie blutig bis an's Heft wieder hineinzuſtoßen.— „Du haſt viel getödtet, Capitän La Coche?“ fragte Adrets mit gierigen Augen und Lippen. Der Capitän erwiederte halb lächelnd und voll feiner Be⸗ ſcheidenheit:„Zum Zeitvertreib es mußte wohl ſein. aber, verſtehen wir uns recht, nie ohne Urſache. Bald weil man mir Wein abſchlug, den wir nicht bezahlen wollten.„ ——·ůů—— — ——— — —— „Trunkenbold!“ „Bald weil man mir nicht ſagen wollte, wo das Geld verſteckt lag...“ „Habſüchtiger!—“ „Bald aus Liebe. man machte Umſtände „Sittenloſer!—“ Bäld „Capitän La Coche?“ unterbrach ihn der Andere. „Baron?“ „Du haſt alſo niemals getödtet, um zu tödten, einzig weil es Dir gefiel, wie Du trinkſt, wenn Dich dürſtet? Sieh, Capitän La Coche, mir däucht, Du haſt in's Grobe geſpielt. Ich hätte Dir mehr Schwung zugetraut. Siehſt Du jenen gähnenden Abgrund auf einer Seite meiner Burg, in welchen dieſe einſt ſtürzen wird?—“ „Ob ich ihn ſehe,“ entgegnete Capitän La Coche und befreuzte ſich,„er iſt ja nur hundert Schritte vor uns, und mir ſchaudert vom bloßen Anſchauen. Die vom Thale auf⸗ fliegenden Adler und Raben halten unterwegs an, ſo tief iſt er.“ „Was däucht Dir, Capitän La Coche, von einem Men⸗ ſchen, den man ſachte an den Rand dieſes Abgrundes ſtieße den man noch ein wenig ſtieße, und dann noch ein wenig, bis ſeine Füße, ſeine Kniee, ſein Kopf und der Ab⸗ grund nur noch eine gerade Linie machten?“ „Alle Teufel!“ rief der Capitän und zappelte, als wenn er der an den Rand des Abgrunds gepflanzte Menſch wäre. „Und dann,“ fuhr der Freiherr ruhig fort,„wenn 140 dieſer Menſch am ganzen Leibe zitterte, wenn auf dem ſchlüpf⸗ rigen Felsabhange Alles ſich mit ihm drehte, der Schwindel ſein Hirn verwirrte, die Füße unter ihm wichen, ſeine Zähne klapperten, die Haare ſich ſträubten, die Finger ſich krümmten vor Entſetzen; wenn er mit weit aufgeriſſenen Augen die Fels⸗ zacken ſähe, die ihn zerreißen, zertrümmern, zerſchellen ſollen, — was meinſt Du, Capitän La Coche, wenn man ihm einen derben Rippenſtoß gäbe?“ „Ich würde ſagen: wohlgethan!“ lachte der Capitän, „wenn man es dem Gold zu lieb thäte, um den Mann zu berauben, nachdem man ihn hinabgeſtürzt.“ „Du wirſt nie etwas Anderes, als ein Plünderer ſein,“ ſprach der Freiherr achſelzuckend, indem er mit dem Haupt⸗ mann in das alte Schloß trat, zu deſſen Füßen ſich die Iſere ſchlängelte. Es lehnte ſich gegen eine ſpitze, ſteile Felswand, während ſich rings eine üppig grünende ſüdliche Pflanzenwelt entfaltete. Von der Zinne der Warte gewahrte man jenſeits des Fluſſes die Waldabhänge des linken Ufers; über dieſe hin⸗ aus ſammetne Matten und Tannenwälder; über den wallenden Tannenwäldern die bleichen Gletſcher, die Felſen der Sieben⸗ Seen. Der Capitän La Coche und der Freiherr, die nicht wußten, wie ſie ihre Zeit auf La Frette hinbringen ſollten, drangen oft bis nach Savohen vor zur Bärenjagd in den Alpen und hausten Monate lang im Schnee. Bei einem dieſer heftigen und ſtets gefahrvollen Kämpfe mit den Bewohnern der Wildniß be⸗ gegnete ihnen einſt ein Unfall, welcher den eigenthümlich grauſamen Sinn des Barons verrieth. Seit einer Woche „—— — 141 verfolgten ſie von Höhle zu Höhle, von Baum zu Baum einen Bären von ungeheurer Größe, den Löchern nach zu ur⸗ theilen, welche ſeine Tatzen im Schnee machten. Endlich nach ſtundenlangem Harren ſahen ſie vom Horizont die ſchwere Maſſe ſich ihnen entgegen wälzen. Jeder der Jäger hatte ſeine drohende Armbruſt zur Hand, Pfeile an der Seite und ein breites, halb aus der Scheide gezogenes Waidmeſſer am Gürtel hängen. Beide ſtanden auf einem ſchmalen Plateau, das nur eine Verbindung mit dem Berge hatte, von welchem unſer Bär herabkam, ruhig und glücklich, wie ein Fürſt, der ſeine Beſitzungen durchwandelt. Ringsum war Abgrund. Wenn man hier dem Bären entgegen trat, mußte er entweder getödtet oder in die Tiefe geſtürzt werden, falls er nicht ſeine zwei Feinde ſelbſt zerriß. Dieſe waren übereingekommen, daß der Freiherr ſich zwiſchen dem Plateau und dem Berge auf⸗ ſtellen ſollte, um dem Bären den Rückzug abzuſchneiden, wäh⸗ rend der Hauptmann ihn mit Pfeilen angreifen würde. In allen Fällen mußte, das verſteht ſich von ſelbſt, der Freiherr auch mit ſeiner Armbruſt dem Gefährten ſo viel als thunlich zu Hülfe kommen. Wenn zwei ſolche Männer über einen Bären herfielen, konnte der Ausgang nicht zweifelhaft ſcheinen. Sobald das Thier auf zwanzig Schritte nahe gekommen iſt, zielt der Capitän; der Freiherr, nicht minder flink, hat ſich bereits des Durch⸗ gangs zwiſchen dem Plateau und dem Verge bemächtigt. Der erſte Pfeil des Hauptmanns durchbohrt das Ohr des Bären, der einen leichten Schrei ausſtößt und auf ſeinen Gegner los⸗ ſpringt. Ein zweiter Pfeil verwundet ihn auf der Seite, was 142 ihn nicht abhält, immer weiter auf den Capitän einzudringen, der ſich, nicht über ſein Ungeſchick, denn er hat das Thier ſtets getroffen, wohl aber über ſeinen Unſtern wundert. Etwas aufgeregt, ſchießt er zum dritten Male ab, auf fünf Schritte vom Bären; aber das Mißtrauen des Schützen läßt dießmal den Schuß abprallen und der Pfeil verwickelt ſich in die langen Bauchhaare, ohne das Fell zu verletzen. Der Bär fällt heu⸗ lend, mit flammenden Augen, geifernd, mit ſcharlachrother, geſpaltener Zunge über ihn her und droht mit mörderiſcher Umhalſung. La Coche, der ſich verloren und ohne Mittel zur Flucht ſieht, hat nur noch Zeit, ſeinen Bogen wegzuwerfen, das Waidmeſſer zu ziehen und dem Freiherrn zuzurufen:„Zu Hülfe!—“ Der Baron geht nicht vom Fleck; er bleibt re⸗ gungslos, er ſchaut, er berührt die Bogenſchnur nicht. Der Bär drückt den Capitän an ſich, indem er ſich dem Abgrunde zu rollt, ſo raſch, ſo ſchwer, daß der unglückliche Jäger nicht ſo viel freie Hand hat, um ihm die Schneide in's Herz zu ſtoßen. Entſetzt, verzweifelnd, vom Drucke, vom heißen Athem des Thieres erſtickt, kann er kaum noch ſchreien:„Zu Hülfe! zu Hülfe.“ Allein Mann, Bär, Schrei, Brüllen, Alles ſinkt, am Rand des Plateau angelangt, in den leeren Raum, in den fürchterlichen Raum, welchen der Freiherr, herbeigeeilt, um Zeuge dieſes Falls zu ſein, mit einem Blicke wilder Freude mißt. 1 6 Das iſt einer der wolluſtreichſten Augenblicke ſeines Le⸗ bens; kehrt je ein ſo ſchöner wieder? Ein Menſch, in den Abgrund geſtürzt und von einem Bären erdrückt! Einige Mi⸗ nuten lang ergötzte er ſich im Anſchauen des Capitän La Coche, der unter den Krallen des Bären und des Todes in der Tiefe des Gletſchers rang. Aber welcher der beiden Feinde iſt es, der ſich erhebt, ſchüttelt, einen Pfad durch den Schnee findet und das Plateau erſteigt?„Alle Wetter! es iſt der kleine Capitän La Coche,“ ſprach der Freiherr zu ſich ſelbſt;„er hat den Bären umgebracht.“— In der That, die Stunde des Hauptmanns mußte noch nicht geſchlagen haben, er kam zurück und wuſch ſein blutiges Waidmeſſer mit Schnee rein. „Du biſt es, La Coche?—“. „Ich bin es, Baron. weil es der Bär nicht iſt.“ „Du haſt alſo den Bären getödtet? Nun, das iſt mir ließ Der Hauptmann La Coche hielt den Zorn an ſich:„Es ſcheint, daß Ihr nichts thun wolltet, mir dieſe Annehmlichkeit zu verſchaffen.“ „La Coche, wie ſchön iſt doch ein Menſch, der von einer Bergſpitze ſtürzt!“ „Schön, ſagt Ihr, Baron.... Ihr ſcherzt.. „Es iſt prächtig... „Das hätte ich nicht erwartet,“ murrte La Coche und betaſtete ſich, um ſich zu überzeugen, daß er es wirklich ſelbſt ſei. „Das iſt ein Schauſpiel, das ich Dir auch einmal be⸗ reiten will, La Coche.—“ „Aber nur als Zuſchauer, bitte ich,“ verſetzte La Coche. Der Baron Adrets hatte den General der piemonteſiſchen Armee, einen alten Waffengefährten Bahards, Boutières, zum Oheim. Der Värenjagd im Gebirge müde, ſuchte er Boutisres 144 auf, der ſich damals in Turin befand, und erhielt von ihm das Commando über den Theil der Beſatzung, welcher die Legivn vom Delphinat bildete La Coche zog ſich in den Weiler gleichen Namens zurück, dem er ſeinen Adelsbrief ver⸗ dankte. Die Trennung von ſeinem Freunde und Schirmherrn währte nicht lang. Als BVuutières in Folge von Hofkabalen 1544 die Gunſt Franz 1. berloren hatte, legte er ſeine Stelle als General nieder und kehrte mit ſeinem Neffen in die Dau⸗ phiné zurück. Eine Krankheit, welche beinahe tödtlich ward, bannte den Baron Adrets drei Jahre lang auf ſein Schloß La Frette. An ſeinem Vette waren Landkarten auf einem Tiſche ausge⸗ breitet und auf Armſtühlen lagen zahlreiche Briefe zerſtreut, welche man ihm aus Paris ſchrieb. Bang und abgezehrt hob ſich das Haupt des Kranken und wendete ſich, von Kiſſen geſtützt, nach der Seite, wo der kleine Capitän ſtand. Der Baron ſtrengte ſich an zu reden. Mit athemloſer Stimme, welche aber nichts von ihrer Macht verloren hatte, ſagte er: „La Coche, wir roſten hier ein.“ „Ich weiß es nur zu gut, Baron.“ „Es iſt Zeit, daß ich geneſe.“ „Gott gebe es und unſere liebe Frau von Embrun! Wir müſſen uns noch eine Weile gedulden.. 4 „Wenn es nur auf's Gedulden ankäme! Zum Unglück ſeh' ich keinen ernſthaften Krieg voraus.. Italien, immer Italien! es wäre gut in einem andern Weinberg zu arbeiten, der, ich glaube..„ Nachdem er ſchweigend das kupferne und freundlich 5 1 ——— — 145 ſchurkenhafte Antlitz des Capitäns betrachtet hatte, der nicht wußte, was dieſe fortgeſetzte Prüfung ſigt⸗ der Freiherr mit gedämpfter Stimme: „Capitän La Coche, haſt Du eine feſtgeſtellte Meinung über die Frage, die ſeit einiger Zeit Katharina von Medicis, den Prinzen Condé und den Herzog von Guiſe veruneinigt?“ Ein Sonnenſtich hätte keine ſolche Röthe des Erſtaunens auf dem Geſichte des Hauptmanns hervorgerufen. „Eine Meinung.... wozu?“ „Ich frage Dich, ob Du Dich in Deinem Herzen zu den Katholiſchen oder zu den Hugenotten neigeſt?“ „Und Ihr, Baron?“ „Wenn ich nach Deiner Meinung frage,“ ſprach der düſtere Baron mit einer Stimme, welche die Ungeduld des Kranken und ſeinen Verdruß über die Störung andeutete,„ſo brauch ich die meine nicht zu ſagen, däucht mir...„ „Ihr habt Recht, aber wenn ſie zuſammenträfen, wär' ich entzückt.“ „Geſchwind, Deine Meinung.... Du machſt mir Fieber.—“ Wohlan! meine Meinung iſt, daß ich ein guter Ka⸗ tholik bin.—“ „Du! der Du Rom geplündert, geſchleift, angezündet hai⸗ „Das iſt ſchon ſo lange her!—“ „Alſo biſt Du für das Haus Lothringen„24 „Führt es Krieg, das Haus Lothringen?“ „Es hätte Luſt dazu.“ Der Erzähler. 1846. M. 10 146 „Ja,“ nahm der Baron wieder das Wort,„aber das Haus Condé wird ihn auch führen, und gut führen.“ „Ah, auch führen... dann, Baron, iſt meine Anſicht, daß... Aber wer von den zwei Häuſern wird ihn am beſten führen?“ „Ein drittes Haus zählt noch, das ihn hoffentlich gut führen wird.—“ „Was! wollen ſich denn alle Häuſer in Frankreich ſchlagen? das iſt Bürgerkrieg.“ Der Freiherr wies das Safrangelb ſeiner kranken Augen, das blendende Weiß ſeiner Zähne und die dicken Adern ſeines langen, dürren Halſes bei dem Lächeln, welches ihm bei dieſen Worten des Capitäns:„Das iſt alſo Bürgerkrieg?—“ entſchlüpfte. „Und was iſt das für ein drittes Haus, welches die Degen kreuzen will?—“ „Sprich nicht ſo laut.“ „Horcht man?“ „Nein,“ entgegnete der Freiherr ſchlau,„nur weil mirs den Kopf angreift.— Dieſes dritte Haus iſt das von Katha⸗ „rina von Medicis.“ „Ein gutes Haus!“ rief La Coche.* „Das will ich glauben, Capitän. Alſo jetzt biſt Du der Meinung von 4 „Zum Henker! von der des Königs und der Königin, welche beſſer Krieg führen müſſen, als die zwei andern Häuſer. Es lebe der König!“ „Du möchteſt Dich irren, La Coche.“ 5 —— 147 La Coche war verlegen. „Ihr glaubt. Seid Ihr für die Guiſen 2... Es leben die Guiſen!...“ De Baron ſchwieg. „Für das Haus Condé?. Es leben die Condé! Aber dann, zum Kukuk, wäret Ihr ja Proteſtant 4 Der Baron beharrte in ſeinem Schweigen. „Aber wer ſoll alſo leben?“ fragte der Hauptmann, der nicht wußte, an welchen Nagel er ſeine Treue hangen ſollte. Der Freiherr ſetzte hinzu: „Es kommt mir vor, als müßten ſich die Sachen im Lande ändern dies Land iſt krank, wie ich. es hat das Fieber wird aber nicht immer zu Bette bleiben.. es kehrt ſich um.. hin und her Unſere großen Herrn nehmen Partei, die Einen für den Hof, die Andern für Condé, die Dritten für Guiſe. Es iſt keine Einigkeit unter ihnen...* „Es war deren nie viel,“ unterbrach ihn La Coche. „In der That, aber jetzt weniger als jemals ich habe da drohende Briefe, Pläne Verſchwörungen es könnte ſchlimm ausgehen.—“ „Nämlich recht gut, Baron, weil man ſich ſchlagen würde.“ „Das habe ich ſagen wollen, Capitän La Coche.“ „Und was werden wir thun?“ begann der kleine Hauptmann beſcheiden, mit engelhaftem Tone;„wenn man ſich etwas raufte in unſerem Gebirge?“ „Wir werden ſagen,“ berſetzte der Freiherr,„daß die 148 Vornehmen des Delphinats, die Einen die Fahne des Luther⸗ thums, die Andern die der römiſchen Kirche, von den höchſten Zinnen ihrer Burgen wehen laſſen, daher Eiferſucht, Haß, Herausforderung, Drohungen, Schläge, Krieg! Krieg!“ wie⸗ derholte der Freiherr mit ſo donnernder Stimme, daß die kleinen runden Scheiben ſeines Gemachs dröhnten. „Aber welches Banner werdet Ihr von Eurer Warte flattern laſſen, Ihr, Baron?“ Mit weniger offener Betonung als bei ſeinem Kriegsruf, entgegnete der Freiherr: „Die legitime!“ „Gut,“ ſagte La Coche in aller Einfalt;„und die le⸗ gitime iſt.. 2“ „Iſt die beſte,“ erwiederte Adrets. „Gut! alſo wären wir für...„ „Für uns.“ „Sehr wohl,“ wiederholte der Hauptmann;„wir werden für uns ſein gegen die Andern.“ „Sieh, Du fängſt an zu begreifen, La Coche. Du wirſt auch verſtehen, daß, um mit Vortheil, mit Sicherheit, kurz als Waffenleute Krieg zu führen, es vor Allem darauf an⸗ kommt, den Kriegsſchauplatz, die Hülfsmittel des Landes, die Flüſſe, welche es bewäſſern, die Wälder, in denen man ſich bergen kann, die Gebirgspäſſe, die Veſten zu kennen. Ich meinerſeits kenne Italien beſſer, als die Dauphiné, wo, wie ich vermuthe, die drei Standarten, von denen ich Dir eben ſprach, ſich bald wie Blitze kreuzen werden; aber Du, der Du Dein Delphinat kennſt...“ 149 „Ich, Baron, ich kenne die Dauphiné, als ob ich ſie hundertmal geplündert hätte.“ Einige Monde ſpäter, als der Freiherr völlig g und im Stande war, Helm und Panzer zu tragen, erhielt er durch Karl von Coſſé⸗Briſſac, Marſchall des Königreichs unter Heinrich ll. den Befehl über eine Compagnie Gen⸗ darmen. Seine Wiederkehr ins Feld war keine glückliche; er ließ ſich von Gonzaga unter den Mauern von Mirandola, deſſen Beſatzung er verſtärken wollte, ſchlagen oder vielmehr aufreiben. Seine Schaaren wurden in einem Walde nieder⸗ gehauen. Statt den Baron zu tadeln, vertraut ihm Briſſac 400 Mann und ernennt ihn zum Oberſten⸗General, mit einem Patent von Heinrich Il. Gonzaga wird alsbald aus Parma verjagt. Volpiano, wo Adrets drei Wunden erhält, Mon⸗ calvo und andere kleine Veſten bewähren die unglaubliche Tapferkeit des Freiherrn, welchen der König zum Oberſten der Provengalen, Lhoner und Auvergner erhebt. Darauf er⸗ hält er Befehl, in das Delphinat zurückzukehren und daſelbſt 15 Compagnien zu 400 Mann zu bilden. Schon bedrohen der Herzog von Guiſe, Statthalter der Provinz Dauphiné, und ſein Bruder, der Großprior von Frankreich, die Calvini⸗ ſten. Mit Hülfe von Adrets und Anderen heben ſie Truppen aus, dem neuen Gottesdienſte zu ſteuern. Catharina von Medicis, welche die Menſchen ihres Zeit⸗ alters kannte, die erſte Bedingung, um gut zu herrſchen, er⸗ innerte ſich, daß der Herzog von Guiſe, ihr lieber Verbünde⸗ ter, einen unverſöhnlichen, grauſamen Feind in der Perſon des Freiherrn von Adrets beſaß. Sie ſchrieb ihm in aller Heim⸗ 15⁰ . lichkeit, und hier ſind ihre eigenen Worte:„Daß es ihr lieb wäre, wenn er darauf dächte, das Anſehen vom Hauſe Guiſe in der Dauphiné zu vernichten, auf welchem Weg es geſchähe, wenn nur die Sache gelänge; daß wenn er bei den Katholi⸗ ſchen keine Kräfte zum Widerſtand fände, er ſie bei den Huge⸗ notten ſuchen könne; daß es eigentlich keine Religionsſache, ſon⸗ dern eine politiſche ſei.“ Der Baron Adrets verſteht ſich dazu, auf welchem Weg es geſchähe, den Herzog von Guiſe, d. h. die katho⸗ liſche Partei, weil der Herzog ihr Haupt iſt, zu zerſtören, und wird zum Lohne für dieſen Entſchluß Obergeneral der zum Dienſte Gottes, zur Befreiung des Königs und der Königin, und zur Erhaltung des Staates herbeigezognen Compagnien. Es verſteht ſich, daß der Freiherr des Capitäns La Coche gedachte, als die Vollmacht der Königin eintraf. „Krieg!“ ſchrie ihm der Baron zu. „Da bin ich, General,“ erwiederte La Coche, wo mög⸗ lich ſeit dem Bürgerkriege noch etwas fetter geworden, als vor⸗ dem.„Und wo ſoll man ihn führen dieſen Krieg vom lieben Gott?“ „Du haſt ihn richtig genannt; es iſt der Krieg vom lieben Gotte. Wir führen ihn hier.“ „Das iſt mir bequem; wir ſparen die Märſche.“ „Nun, La Coche, Du weißt die Plätze, weil Du ſie auf mein Geheiß niedergeſchrieben haſt....“ „So gut, daß ich Euch mit verbundnen Augen über⸗ allhin führen könnte, Baron. Und wann?“ 15¹ „Auf der Stelle. Schnalle den Panzer um und vor⸗ wärts!“ „Vorwärts!“ wiederholte der kleine Capitän La Coche. „Wie werden wir die Ketzer niederſchlagen!.... Aufrichtig geſagt, ich habe ſie nie gemocht.“ „Was! die Ketzer? Was ſagſt Du, La Coche? Man muß ſich verſtehen.“ „Iſt ſchon verſtanden. Wollen wir nicht dieſe Schurken von Hugenotten viertheilen?“ „La Coche, ich hielt Euch für erleuchtet und begeiſtert von unſern heiligen Wahrheiten. Wie, Ihr hängt noch der alten Partei des Aberglaubens an?“ La Coche gewahrte ſeinen Irrthum und brach in ein Gelächter aus, als er dieſe proteſtantiſche Moral mit einer puritaniſchen Salbung den Baron vortragen hörte, der ſelbſt das Lachen ſeines hölliſchen Mundes nicht zurückhalten konnte. La Coche hatte wie ein Teufelein gelacht, Adrets lachte wie Satan. Der Baron hub wieder ant „Auf die Katholiſchen, auf die verdammten Papiſten wer⸗ den wir losgehen.“ La Coche ließ auf ſeinem rubinrothen Kantorsgeſicht die nämliche Zufriedenheit blicken, als da er vorausgeſetzt, daß es ſich vom Metzeln der Lutheriſchen handle. „Gut,“ verſetzte er,„ich hatte die Papiſten nie recht gern, aufrichtig geſtanden; ich weiß nicht, ob es davon her⸗ kommt, daß ich deren ſo viele umbrachte, als wir Rom — 152 nahmen. Mich berlangte, ſie unter dem Flügel zu ſpicken. Wie viel Gold haben ſie in ihren Kellern und Gewölben!“ „Ins Feld alſo, La Coche!“ rief der Freiherr, indem er an ſein rieſigs Schwert ſchlug. „Ins Feld alſo!“ wiederholte La Coche, indem er an ſeinen Gurt und an ſeine Taſchen ſchlug. Beim erſten Aufruf des Baron Adrets ſtand der ganze junge Adel der Dauphiné mit Begeiſterung auf und griff zu den Waffen. Vienne war bereits in die Hände der Hugenotten gefallen, welche daſelbſt Zügelloſigkeiten begangen hatten. Der Freiherr rückte geradezu auf Valence zu, wo La Mothe Gon⸗ drin, dem Könige und der katholiſchen Kirche treu geblieben, befehligte. Dem Angriff ging ein 24ſtündiges allgemeines Faſten voraus, nach welchem die Soldaten des Freiherrn gelobten, mit all ihren Körper- und Seelenkräften zur Vervollkommnung des Chriſtenthums zu wirken. Dieſer Tag, ſo rein und ſchön für das Heer, drohte dem Hauptmann La Coche mit Unheil. Er vergaß ſich oder vergaß vielmehr das feierliche Faſten. Man fand ihn in einer dem Gebete wenig ähnlichen Stellung und führte ihn mit gebundenen Fäuſten und Füßen vor den Baron in einem Zuſtande, der keinen Zweifel über ſeine Unmäßigkeit ließ. Die Fanatiker, welche ihn beim Frei⸗ herrn anklagten, verlangten, daß er ohne weitern Prozeß ge⸗ hängt würde. „Was wird Dein Loos ſein, mein armer La Coche!“ ſagte der Baron zu ihm, die Zweige eines Baumes betrach⸗ tend, welcher nicht weit von dem Schauplatze ſtand. 153 La Coche erwiederte nichts; er kannte das Schickſal, das ihn bei einem Richter, wie der Freiherr, erwartete. „Wie, an einem allgemeinen Faſttag biſt Du trunken wie bei der Weinleſe? Du haſt alſo meinen Erlaß nicht ver⸗ nommen?“ „Um Vergebung, mein General; aber Euer geſtern ge⸗ gebener Erlaß gebot das Faſten für heute....“ „Nun! es ſind vier Tage, daß ich berauſcht bin.“ Vor ſolcher Rechtfertigung blieben die Ankläger beſchämt. Wie konnte man Jemand für ein Vergehen hängen, das vor dem Geſetze begonnen hatte, welches daſſelbe als ſtrafbar erklärte, wiewohl dieſes Vergehen noch beſtand! Man loͤſte La Coche's Feſſeln. Nach ſeiner Befreiung wandte ſich La Coche zum Baron und ſagte:„Wenn Ihr ein andermal ſolchen Befehl ertheilt, ſo laßt es mich acht Tage zuvor wiſſen.“ Die Einnahme von Voalence bezeichnete einen der erſten Siege des Freiherrn auf der Bahn der Bürgerkriege. Die 8000 Proteſtanten, welche der Baron anführte, ſteckten die Stadt in Brand, plünderten und mordeten mitten unter Rauch und Flammen. Ihrer guten Sache, und beſonders ihren Kräften vertrauend, trieben die in Valence vom Freiherrn be⸗ lagerten Katholiken die Verachtung für ihre Gegner ſo weit, daß ſie Bälle in der Nacht des Angriffs gaben, ein Verfahren, welches einige Jahrhunderte ſpäter Brüſſel nachahmte am Vorabende der Schlacht von Waterlov. Dieſe Art von Wind⸗ 154 beuteleien hören nicht ſtets ſo fröhlich auf, als ſie beginnen. Man weiß am Ende nicht genau, wer die Muſikanten bezahlt. Adrets nimmt alſo Valence: man erſtickt die Tänze in Blut; aber am Ausgange eines Stadttheils, welchen die Rhone beſpült und wohin die Kunde von der Niederlage der Katholiken noch nicht drang, währt ein Ball, aus jungen Cavalieren und reizenden Edelfräulein zuſammengeſetzt, beim Fackelſcheine fort. Adrets erfährt es; er begibt ſich unter die Altane des Palaſtes, wo der verwegene Ball ertönt.„Man ändere nichts,“ ſagt er zu ſeiner rechten Hand, dem Capitän La Coche, der ihn begleitet:„Jedermann ſoll ſich unterhalten, hörſt Du? Verfüge Dich zu dem Feſte, trete in die Säle und laſſe die wackern Leute tanzen.“ „Aber, mein General?. 4 „Nicht nur tanzen, ſondern mit Gewalt tanzen.“ „Das iſt etwas Anderes.... wenn es Euch be⸗ luſtigt „Siehſt Du den breiten Balcon, der auf die Rhone geht?“ „Ja, General.... es iſt der Balcon an den Tanz⸗ ſälen.“ „Du wirſt die Brüſtung dieſes Balcon niederreißen laſſen, dann öffneſt Du alle Fenſter 4 „Und dann?“ fragte La Coche. Und dann ich meine Dir ſchon geſagt zu haben, daß Du die Katholiſchen zum Tanzen bis ſie 36 „Bis ſe ie a3 Müdigkeit umfallen. 8 155 „Dummkopf! bis ſie in die Rhone fallen. Verſtehſt Du?“ „Iſt das Alles?“ „Füge jede Annehmlichkeit hinzu, welche Dir Deine Einbildungskraft bietet.“ Der Freiherr verfügte ſich an das jenſeitige Ufer des Fluſſes, um ſtillſchweigend das Vergnügen zu genießen, wel⸗ ches er ſich ausgedacht. Allein, im Schatten am Strande ſtehend, ſah er zuerſt die Verwirrung, welche La Coche's und ſeiner Genoſſen Erſcheinen unter den Tänzern verurſachte; er ſah die Tänze einen Augenblick aufhören, dann wieder beginnen; er ſah die Brüſtung des Balcon losmachen, die, ihrer eignen Schwere überlaſſen, in die Rhone ſtürzte und verſank; er ſah die verſtörten Tänzer und die halbtodten Tänzerinnen um⸗ ſchlungen, von Ort zu Ort getrieben durch die Lanzen der Soldaten von La Coche, tanzend am Rande des Balcon an⸗ langen, der ſeiner Stütze baar, er ſah ſie kreiſen und kreiſen und in den Strom ſtürzen; er hörte ihr Schreckensgeſchrei mitten unter den Tönen der Tanzmuſik, die nicht aufhörte, die, ſtatt aufzuhören, mit verdoppelter Luſt und Heiterkeit rauſchte; ſah ſogar mehr als er hoffte. Der koſtbare La Coche fand wirk⸗ lich in ſeiner Einbildungskraft noch etwas den Befehlen ſeines Gebieters hinzuzufügen. Man vernehme, was er hinzufügte. Nur etwas ganz Einfaches. Während die Tänzer und die Tän⸗ zerinnen an ihm vorbeikamen, um raſtlos den verhängnißvollen Balcon zu erreichen, zündete er ihre Gewänder an, ſo daß dieſe Unglücklichen, die ſich ſtets unter den drohenden Lanzen drehten, die Flamme anfachten, welche ihre Seidenſtoffe, 156 Spitzen und Bänder erfaßt hatte, und wie brennende Fackeln in die reißende Flut ſtürzten, die mit ihnen dahin brauſte. Dieſes Gemälde voll grauenhafter Originalität hebt ſich von einem flammenden Hintergrunde ab, denn Valence brennt, und der Freiherr, der es mit unſäglicher Wolluſt betrachtet, weilt am jenſeitigen nächtlichen Stromufer. Von da wirft er ſich auf Tournon. Hier fühlt der Freiherr, daß ſein Beruf zwei Charaktere annimmt, daß er nicht nur Krieger, ſondern MWiſſionär iſt. Ihm iſt übertragen, wie ſpäter Cromwell, die alte Religion zu vernichten und die neue zu lehren. Dem Volk liegt wenigſtens daran zu lernen, was man es zu üben zwingt. Nun iſt er alſo Theologe. La Coche gilt von ſelbſt als zweiter Prediger. In Tournon ſieht ſich der Freiherr ge⸗ nöthigt, auf Wunſch der Einwohner ſeine Lehre zu verkün⸗ den. Während eines reichlichen Frühſtücks ſammeln ſich zwei⸗ bis dreitauſend Menſchen unter ſeinen Fenſtern und ver⸗ langen von ihm zu erfahren, ob er an die wirkliche Gegenwart im Sakramente zu glauben befehle oder nicht.. „Sag' ihnen nein,“ antwortet er La Coche, ärgerlich über die Störung. „Nein,“ entgegnet La Coche den Einwohnern;„nein es iſt nicht nöthig an die wirkliche Gegenwart zu glauben.“ „Muß man an die Heiligen glauben?“ fragten ſie abermals. „Was ſoll ich ihnen erwiedern, General?“ „Sag ihnen nein, und daß ſie mich ungeſchoren laſſen.“ 157 „Meine Freunde, es iſt durchaus unnöthig an die Hei⸗ ligen zu glauben. Es liegt dem General nichts daran.“ „Aber nun, mein General,“ nimmt der Capitän wieder das Wort,„nun wollen ſie wiſſen, ob ſie an die Unfehl⸗ barkeit des Pabſtes glauben ſollen.“ „Antworte ihnen nein, zum Henker!“ „Wackere Leute,“ ſpricht La Coche,„der General will nicht, daß man weiter an den Pabſt glaube.... man hat genug daran geglaubt..... ſeine Zeit iſt um.“ „Und an die Engel?“ „Mein General, befehlt Ihr, an die Engel zu glauben?“ „Mein Sſ ſie werden ungeduldig....“ „Nun! alle Wetter! laß mich frühſtücken und ſag' ihnen, daß ich die Engel abſetze. Es gibt keine Engel, das iſt einfacher.... Aber mache geſchwind das Fenſter zu, La Coche, denn ich fürchte, ſie fragen mich zuletzt, ob ſie an Gott glauben ſollen, und in dieſem Betreffe habe keine Befehle erhalten.“ „Meine Freunde, von heute an gibt es keine Engel mehr,“ ſpricht La Coche zu den Einwohnern von und ſchließt das Fenſter. Noch im nämlichen Jahre wird der Dom von Grenoble geplündert, die Meßgewänder, die Biſchofsmützen, die goldnen Reliquienſchreine, die ſilbernen Leuchter, die diamantenbeſetzten Meßbücher werden verkauft. Adrets, welcher den Raub geſtattet⸗ ohne ihn im geringſten zu theilen, erlaubt auch, daß die 158 alten Dauphins, ſeit Jahrhunderten in der St. Andreas Kirche beerdigt, von den Soldaten ausgegraben und geſchmäht wer⸗ den. Alle dieſe Dauphins, die erſten Beherrſcher des Delphi⸗ nats, die im Grabe mit ihren goldnen Kronen, Sceptern und Ringen verſchloſſen find, betrachtet man als köſtliche Beute. Man verſteigert ſie auf dem Kräutermarkte zu Grenoble, wo man den ſeltſamen Ruf vernehmen konnte:„Ein Dauphin und ſeine Gebeine— zu 10 Mark Gold!“ Welche Ver⸗ wandtſchaft zwiſchen dieſem Frevel und dem der Gräber zu Saint⸗Denis! Von Grenoble drangen die Proteſtanten zur großen Kar⸗ thauſe, um ſie ihrer Schätze, der Frucht langjähriger Spenden, zu berauben, die ſie daſelbſt verborgen wußten. Die Wuth, nichts zu finden, denn die Mönche hatten ihre Vorſichtsmaßregeln getroffen, trieb ſie an, dieſe Zufluchtsſtätte des Friedens und der Unſchuld in Brand zu ſtecken. Adrets, deſſen düſterer Ruhm immer ſtieg, bemächtigt ſich darauf einer Stadt erſten Rangs, der Stadt Lyon; er ſchleift ſie; er köpft die Heiligen an allen Kirchenthüren, er zerſägt die Säulen, zertrümmert die Bleidächer, um Kugeln zu gießen. 93 hat nichts Energiſcheres dem Verfahren des wilden Frei⸗ herrn entgegen zu ſtellen, der im Süden ganze Städte mäht und ſie gleich Garben unter dem Arme davon trägt. Seine grauenvolle Phantaſie ergeht ſich überall ohne Hinderniß. Sein Kriegesrauſch erreicht den Gipfel. Wem gehört er jetzt? Guiſe, Condé, Medicis? Man weiß es nicht mehr. Er iſt Niemand mehr unterthan, als ſich ſelbſt. Jedes Parteihaupt fürchtet ihn. Frankreich ſchaudert wie ein Kind vor den Siebenmeilenſtiefeln dieſes Wehrwolfes vom Delphinat. Pierrelatte, eine kleine feſte Stadt, wagt ihm zu trotzen; er eilt herbei mit ſeinem furchtbaren Zwerge, dem ehrlichen La Coche. Zuerſt nimmt er die Stadt. Die Beſatzung der Burg, dreihundert Mann von Vaureas befehligt, verlangt zu unterhandeln.—„Man wird ihnen Genüge thun,“ ſagt der Freiherr, und wirft ſeinen Geierblick auf die Veſte, welche an einer zerklüfteten Klippe hängt, die gleich einer Säge ausgezackt iſt. Während er die Bedingungen der Capitulation entwirft, und Gott weiß, welche Bedingungen, ſturmen ſeine Krieger die erſten Eingänge in das Gemäuer, kriechen ſie wie Katzen längs dieſen Granitzacken, auf welchen das Schloß ruht, dringen in die Citadelle ein und laſſen die ganze Beſatzung über die Klinge ſpringen. Als Adrets dies vr⸗ fuhr, gerieth er in Zorn, wie ein Löwe, dem man das Schaf aus dem Rachen reißt.„La Coche!“ ſchrie er, „La Coche!“ La Coche rennt herbei. „General...“ „Ihr habt alſo hier umgebracht, Meiſter La Coche?“ „Wir haben Euch zehn Gefangene nfteaei das iſt Alles, was ich zu retten vermochte...“ „Ein andermal verbitte ich mir Eingriffe... hütet Euch!“ „Ja, General. Und was beginnt man mit dieſen zehn Gefangenen?“ „Man gibt ihnen die Freiheit... 160 „Die Freiheit!“ „Ja, aber höre und antworte mir. Wie hoch iſt die Warte und der Felſen, welcher ſie trägt?“ „Fünfhundert Fuß bis in die Schlucht hinab.“ „Dieſe Nacht wird ein Mann, auf den Du zählen kannſt, ſich unter die zehn Gefangenen ſchleichen und ihnen den Gedanken einflößen, zu entfliehen... „Aber wo hinaus, General?“ „Aus dem Thurme... und mit einem Stricke, welchen der Mann ihnen zuſtellt.“ „Ihr wollt alſo ernſtlich, daß ſie entfliehen?“ „Der Strick wird nur fünfzig Fuß lang ſein, ſo daß ſie, wenn ſie ſich am Ende befinden, loslaſſen 4 „Ich verſtehe,“ ſagte La Coche;„ſie werden hundert Fuß hinabſtürzen.“ Die folgende Nacht ſah den finnreichen Plan des Frei⸗ herrn vollführt. Die zehn Gefangenen, von einem Verräther hintergangen, ließen ſich an der Warte hinab und zer⸗ ſchellten Alle, indem ſie von einer Höhe von hundert Fuß auf die ſpitzigen Felſen fielen. Den halbzerſtörten Thurm ſieht man noch in unſern Tagen. Wißt Ihr, was der Freiherr erwiederte, als man ihn der Grauſamkeit beſchuldigte? Hier ſeine eigenen Worte: „Ein Soldat kann nicht Säbel und Hut zugleich in der Hand haben. Beſcheidenheit taugt nicht, um Feinde zu ſchlagen, die keine haben.“ Adrets eilt nach Grenoble, ſobald ihm Kunde wird, daß man es den Proteſtanten wieder genommen; er hält unterwegs 161 nur an, um die Stadt Saint⸗Marcellin zu züchtigen und dreihundert Soldaten der Beſatzung Lvon den Zinnen eines Thurms zu werfen. Diesmal legte Niemand Hand an ſeine Lieblingsunterhaltung; er trieb ſie ſogar verfeinert. Er hatte Stadt und Veſte Saint⸗Marcellin am 24. Juni genommen. am Tage Johannis des Täufers. An einer Schießſcharte des Thurmes ſtehend, ſagte er, ſo oft der Körper eines Katho⸗ liken vorbei flog, den ſeine Krieger in den Abgrund ſtürzten: „Meine Empfehlung dem Herrn Johannes dem Täufer! Ver⸗ geßt mich nicht beim großen Heiligen Johannes dem Täufer! Der heilige Johannes der Täufer ſei Euch gnädig!“ Der Schrecken, welchen dieſe barbariſche That verbreitet, öffnet dem Freiherrn Grenoble's Thore. Nur der wackere Montilar leiſtet in ſeinem Schloſſe Monthriſon Widerſtand und ergibt ſich zuletzt blos auf eine Capitulativn, welche ihm, ſo wie fünfzig von ſeinen Kriegern, das Leben verbürgt. Der Baron hält folgender Geſtalt ſein Wort als General: bei ſeinem Mahle auf der Plattform des Thurmes gebietet er, ihm einzeln alle Gefangene nach einander zu bringen; er führt ſie ſelbſt anzden Rand und erſucht ſie dann, ſich ge⸗ fälligſt zweihundert Fuß tief hinunter fallen zu laſſen. Neun⸗ undvierzig leiſten dieſer unwiderſtehlichen Höflichkeit Folge; ein einziger kehrt zweimal mit einem ſehr begreiflichen Zögern um. „Wie, Du thuſt es auf zweimal?“ rief der Freiherr mit einem mitleidigen. Lächeln.“ „Ich ſchenk es Euch auf zehnmal,“ erwiederte der Der Erzähler. 1846. M. 11 162 Soldat. Dieſe Entgegnung rettete ihm das Leben. Der Frei⸗ herr endete ruhig ſein Mahl. So viele Verbrechen verletzten zuletzt ſelbſt die Religions⸗ ſtreiter; ihre Partei verlor durch dieſen zum Wahnſinn der Grauſamkeit geſteigerten Eifer das Anſehen. Das Eis war gebrochen; der Baron fiel in Ungnade. Vergebens ließ er, ſeine Macht zu zeigen, noch zweihundert Katholiſche vom Thurme zu Mornas herabſtürzen: ſein Reich ging zu Ende. Die erſte verrätheriſche Handlung, welche der Freiherr gegen ſeine Partei verübte, war der ſchwache Widerſtand, welchen er den katholiſchen Truppen leiſtete, die Siſteron be⸗ lagerten. Condé und Colignh zweifelten nicht mehr am Ver⸗ luſte dieſes Anführers, der ihnen nur zu ſehr gedient hatte. Coſſé⸗Briſſac bot ihm darauf 100,000 Thaler, in Straßburg zahlbar, als Preis für ſeine Mithülfe, ja nur für ſeine Neutralität. In einer bald nachher zwiſchen dem Freiherrn und dem Herzoge von Nemours veranſtalteten Zuſammenkunft ſagte dieſer deutlich:„Baron, Ihr könnt ohne Furcht, für treulos zu gelten, Undankbare verlaſſen.“ Worauf Adrets erwiederte:„Nur das öffentliche Wohl leitet mich in den gegenwärtigen Verhältniſſen und in der Stellung, die ich behaupte. Ich werde bald die Provinzſtände und die Anführer meiner Partei berufen, denen ich begreiflich machen will, daß ein ſelbſt ungünſtiger Frieden einem Kriege, dem Schande folgt, vorzuziehen iſt. Ich werde Euch von den getroffenen Beſchlüſſen in Kenntniß ſetzen. Was mich betrifft, ſo bin ich entſchloſſen, mein Blut im Dienſte des Fig⸗ und für die Ruhe von Frankreich zu vergießen.“ „ , 163 Man könnte ſich heutigen Tags nicht beſſer ausdrücken, um ſachte vom Throne der Popularität in das Bett des Abfalls einzumünden. Der Freiherr hielt dem Herzoge Wort; er verſammelte die Stände, aber dieſe weigerten ſich, den Frieden unter ſo zweifelhaften Bedingungen anzunehmen, wie er ſie in dem Vertrage mit dem Herzoge von Nemvurs feſt⸗ ſtellen wollte. Tag für Tag von dem zweideutigen Betragen des vatonz unterrichtet, befiehlt Condé dem Paze⸗Saint⸗Auban, ihm den Verräther zuzuführen. Saint⸗Auban wird feſtgenommen, ſeine Sendung entdeckt, der Freiherr erfährt Alles: er erzürnt ſich, er faͤhrt auf, will nicht des Verraths beſchuldigt ſein. Adel und Stände ernennen als Antwort Cruſſol zum Statt⸗ halter des Delphinats; Cruſſol war ſein tödtlichſter Feind. Valence, die Stadt, welche der Freiherr einſt eroberte, Va⸗ lence, ſein Liebling, verwirft ſeine Macht; die Proteſtanten jagen ihn ſchmählich aus den Mauern. Er flieht, Montbrun nimmt ihn zu Romans gefangen und bringt ihn nach Nimes, eine Strenge, die zu ſpät kommt, denn der Verräther Adrets hat bereits den katholiſchen Gewalten alle Städte und Feſtungen ausgeliefert, welche er mit Hülfe der Proteſtanten genommen; dieſe, dergeſtalt entwaffnet, ſehen ſich gezwungen, den Frieden, welchen man ihnen vorſchlägt, zu unterzeichnen. Einer der Artikel dieſes Vertrags ſtipulirte die Freiheit des Barons. Er erhält ſie wieder und ſchlägt den Weg nach ſeiner Burg La Frette ein, die er ſeit ſo vielen Jahren nicht Lehr erblickt. 3 164 Hier verſchwindet der Capitän La Coche in den rothen Rauchſäulen des Bürgerkriegs, welcher durch den Uebertritt des Freiherrn bei weitem noch nicht erloſch. La Coche ſollte als Hauptmann ſterben, wie er als Hauptmann gelebt. Der Freiherr barg ſich ein Jahr lang hinter den vier Thürmen ſeines Schloſſes, vom Fluche der Hugenotten und dem Arg⸗ wohne der Katholiſchen umkreiſt. Die Grauſamkeit hatte ihn groß, der Verrath niedrig gemacht. Durch das Verbrechen wäre ihm der Ruf eines großen Heerführers geblieben; weil er bon ſeinen Prinzipien ließ, hat er nur den Namen eines böſen Genius auf die Nachwelt gebracht. Sein häusliches Leben iſt ſo erdrückt unter der Schwere ſeines Lebens als Parteigänger, daß man keine ſanfte Neigung darin zu verzeichnen findet. Man erfährt nur durch ihren tragiſchen Tod, daß er zwei Söhne hatte: der Eine kam in der Bartholomäusnacht um, der Andere bei der Belagerung von La Rochelle. Wie traurig, dieſen berühmten Verbrecher Oberſt des Königs werden und die Städte, welche er ſo energiſch als Hugenott erobert hatte, eine um die andere als Katholik wieder nehmen zu ſehen! Er ſelbſt begriff ſeine tiefe Erniedrigung ſo wohl, daß er ſich weigerte, aus den Händen Karls IX. das große Band ſeines Ordens zu em⸗ pfangen. Nichts konnte ſeinen wilden Gram mehr beſänftigen, nicht das Glück, einem Morde entſchlüpft zu ſein, nicht der Ruhm, mit welchem er ſich in der Schlacht von Moncontvur bedeckte. Zur letzten Strafe beſchuldigt ihn ſeine Partei, die katholiſche Partei, einer Verſchwörung gegen Frankreich mit dem Grafen Ludwig von Naſſau. Man verhaftet ihn, ſchleppt ihn 165 ſchmachvoll auf das Schloß Pierre en Ciſe bei Lhon. Er begehrt ſich zu rechtfertigen. Vor König Karl IX. geſtellt, welcher ſich damals zu St. Germain befand, erbittet er ſich von der Huld des Königs die Erlaubniß, ſeine Ankläger zum Zweikampfe zu fordern. Er zählte dreiundſechzig Jahre. Der König enthebt ihn der Anklage und nimmt ihn wieder in ſeine Dienſte. Er genoß die Vortheile der königlichen Wieder⸗ einſetzung nicht ruhig. Der Haß der Partei, welche er ver⸗ ließ, wie derjenigen, welcher er ſich geweiht, trieben ihn auf's Neue nach La Frette heim, wo er mit der Ruhe eines Cin⸗ einnatus pflanzte und grub. Pardaillan, der Sohn des zu Valence erdolchten La Mothe⸗Gondrin, hatte zu Grenoble beleidigend von dem entſetzlichen Freiherrn, dem grauſamen Feinde ſeines Vaters, geſprochen„Wenn ich ihn jemals treffe,“ hatte er geſagt,„werde ich ihn behandeln, wie er es verdient.“ Adrets verfügt ſich nach Grenoble und ſpricht, Angeſichts von Pardaillan mit lauter Stimme:„Ich habe die Einſamkeit verlaſſen und die Welt wieder geſchaut, um Jedem zu genügen, der mir etwas nachträgt. Mein Schwert iſt noch nicht ſo verroſtet, noch mein Arm ſo ſchwach und meine Kraft ſo geſchwunden vom Alter, daß ich nicht Allen, welche über mich zu klagen haben, wohl die Spitze zu bieten ver⸗ mag.“ Pardaillan ſchwieg und Adrets begab ſich wieder langſamen Schrittes nach La Frette. Er war gewohnt, auf der Heerſtraße mit einem Stocke in der Hand an der Sonne zu luſtwandeln. Einſt gewahrte ihn der Geſandte von Savohen, der ſich nach Grenoble be⸗ —— 166 gibt; er hält an, ſteigt aus, grüßt ihn ehrerbietig und fragt nach ſeinen Aufträgen.—„Ich habe Euch nichts zu ſagen, wenn nicht, daß Ihr Eurem Herrn hinterbringt, Ihr habet Adrets, ſeinem unterthänigen Diener, auf der Straße begegnet mit einem Stocke in der Hand und ohne Schwert.“ Er lebte noch ein Jahr in den Uebungen der ſtrengſten Frömmigkeit und zwar katholiſcher Frömmigkeit. Er hatte zwei Söhne und zwei Töchter gehabt; die zwei Söhne ſtarben ohne Nachkommen, die zwei Töchter hinterließen Sproſſen, von denen noch einige Zweige in Ehren blühen. Seine Gattin war aus dem kriegeriſchen Hauſe Gumin-Romaneche. Sein Name hat die Welt faſt ein Jahrhundert hindurch mit Schrecken erfüllt. Die wenigen Zeilen, die er im Laufe der Schlachten ſchrieb, zeigen eine Hand, welche die Feder ſo feſt gehalten, wie den Degen. Er hatte dies mit dem großen Feldherrn gemein.„Warum,“ fragte man ihn eines Tages,„waret Ihr nicht ſo glücklich an der Spitze der Katholiken, als da Ihr die Hugenotten befehligtet?“ Er antwortet.„Bei den Hugenotten hatte ich Soldaten und ſeither nur Krämer. Ich habe den Erſteren keine Zügel anlegen können, und die Andern haben meine Sporn abgenützt.“. Geſchichte und Poeſie haben ein Recht, den Schriftſteller über den Nutzen zu befragen, mit welchem er dieſe Behau⸗ ſungen aus dem Schutte der Zeit gräbt, in deren ſteinigem Vierecke ſo außergewöhnliche Leidenſchaften gährten; und ſie haben doppelt dieſes Recht, weil Beide mit ihrer goldenen Sichel niemals in der Vergangenheit mähen, ohne einen Reiz 167 oder eine Lehre heimzubringen. Hier iſt die Lehre groß. Zweimal hat dieſes ſtürmiſche Delphinat durch die geweihte Hand ſeiner Edelleute eine unabſehbare Umwälzung begonnen. Die Eine war eine religiöſe, die Andere eine geſellſchaftliche Revolution; die Erſtere mordete im Namen des Herrn, die Zweite im Namen der Freiheit; die Erſte zwang bei Todes⸗ ſtrafe die Leute, in die Meſſe zu gehen, die Andere ſtrafte den, der hinein ging, mit dem Tode. Im Grunde war es dieſelbe Revolution, weil daſſelbe Ziel: ein neues Gewiſſen an die Stelle des alten zu ſetzen. Beide täuſchten ſich, und Beide hatten Erfolg. Sie täuſchten ſich darin, daß ſie Alles thun wollten, was unmöglich iſt, ſelbſt der Gottheit, welche die Zeit zum Helfer nimmt; ſie hatten Erfolg darin, daß die Eine die geiſtliche Gewalt weiſer, die Andere die zeitliche menſchlicher machte. Die Erſte wollte aus entarteten Katho⸗ liken ſtrenge Proteſtanten machen; ſie bezweckte Chriſten; die Andere wollte nur Jakobiner erzeugen; ſie rief ehrliche Men⸗ ſchen hervor. Die lichte Schweſter der Geſchichte, die Poeſie, findet erhabene Gemälde, auf denen ihr Blick ruhen darf, wenn ſie mit duftigem Gewande über die Pfade dieſes ernſten, male⸗ riſchen Delphinates ſtreift, das halb grünend iſt, halb weiß von Schnee. Alle die Bergzacken, die ſich vom Mont⸗ Blanc bis zum Meere erſtrecken, ſind mit alten epheuum⸗ ſponnenen Burgen gekrönt, welche ſie wie zartes Spitzengewebe zieren. Beim Sonnenuntergang geſtalten ſie ſich zu ſchwer⸗ muthsvollen oder grauſigen Bildern. Hier gleich geſprengten Gräben, dort gleich feuerigen Glutöfen oder den Mauern von 168 Dante's Höllenſtadt; oder Stühlen von Granit, auf denen die Vaſallen und Beherrſcher thronen. La Frette iſt der Leichnam eines Ungeheuers, deſſen Seele der Freiherr von Adrets war. Man ſchließe auf die Seele von den Trüm⸗ mern des Leibes, auf den Menſchen nach ſeinem Gerippe. — Die Nachſchrift eines Teſtamentes. Nach Adolph v. Salfrey. Von Auguſt Zoller. —2—— Der Commandant Davenay an Doctor Miller in Paris. Oran, den.. Juni 184.. Mein lieber Miller, den Akt zu motiviren, welchen Sie unter den Augen ₰ haben. Die Zufälle des Krieges, denen ich täg⸗ lich preisgegeben bin, und der Tod meiner Mutter, die mich als ihren unmittelbaren Erben hinter⸗ läßt, würde hinreichen, die vielleicht etwas ſpäte Vorſichtsmaßregel zu erklären. Aber Ihnen, dem Verwahrer meines letzten Willens, Ihnen meinem guten, meinem vortrefflichen Freunde, bin ich mehr als bloßen Anſchein ſchuldig. Nein, es ſind nicht gewöhnliche, häufig vorkommende Ge⸗ fahren, die mich den Blick auf die Zukunft richten laſſen. Um meine eingeſchlummertt Vorſicht wieder zu wecken, bedurfte 170 es eines neuen, dringenden Umſtandes: ich habe morgen einen Zweikampf auf Leben und Tod. Tadeln Sie mich nicht voreilig, Miller. Obgleich Sol⸗ dat, verachte ich, wie Sie, die barbariſchen Kämpfe, deren Urſache beinahe immer geringfügig, nichtig, deren Ausgang in der Regel ohne Moralität iſt; voch es gibt ſchlüpfrige Abhänge, auf denen man vergebens ſtehen zu bleiben ver⸗ ſuchen würde. Und ich befinde mich auf einem ſolchen un⸗ widerſtehlichen Abhang. Dies glaube ich wenigſtens, mag mich nun die Leidenſchaft oder das Verhängniß fortreißen. Die Urſachen dieſer Epiſode meines Lebens gehen zu einer bereits ziemlich entfernten Zeit zurück. Die Geſchichte davon iſt ganz einfach und dürfte einem Gleichgültigen monoton erſcheinen. Wiederholt wollte ich ſie Ihnen mittheilen, aber ſtets entfiel die Feder meinen Händen.. ich fürchtete entweder Ihre weiſen Rathſchläge oder die Unzulänglichkeit einer ge⸗ ſchriebenen Erzählung. Doch ich darf nicht länger zögern: die Zeit drängt, mein Gedächtniß iſt getreu; es iſt Ihnen nie etwas von mir unbekannt geblieben, und überdies fühle ich eine Art von ſchmerzlichem Vergnügen darin, daß ich Ihnen heute enthülle, was mich ſo lange und ſo peinlich bedrückt hat. Vor einem Jahr, Sie erinnern ſich deſſen, Miller, hielt Sie eine wichtige Angelegenheit fern von Paris, ich brachte den größeren Theil eines Urlaubs, den ich mir in der Hoff⸗ nung, mich Ihnen nähern zu können, erbeten hatte, allein zu. Seit meiner Abreiſe von Saint⸗Chr war es das erſte Mal, daß ich nach Frankreich zurückkehrte, und um die ſanfte 471 Gemüthsbewegung, die dieſe Rückkehr bei mir veranlaßte, vollkommen zu begreifen, muß man zehn Jahre lang auf der Erde Afrika's gelebt haben, die vielleicht mein Grab ſein wird. Freund, Gott behüte Sie vor der furchtbaren Razzia bei dem Schimmer von angezündeten Zelten, unter dem Ge⸗ ſchrei der Frauen und Kinder! Lernen Sie niemals die blutigen Ueberfälle kennen, wo der Henker von geſtern das Opfer von heute wird. Ich wage es zu ſagen, denn ich habe meine Aufgabe erfüllt, ich war müde des endloſen, grauſamen Krieges. Ich rief den Namen des Vaterlandes voll Liebe aus und gilte, endlich die Ruhe wieder zu finden, nach der ich mich ſtets geſehnt hatte. Sie wiſſen, Miller, wenn man es nicht für einen Ehrenpunkt gehalten hätte, in meine Hände das Schwert des Oberſten Davenah, meines Vaters, niederzulegen, ſo würde ich, in Folge meines Geſchmackes und mehr noch meiner Freundſchaft, die Wiſſenſchaft und ein friedliches Gewerbe an Ihrer Seite geſucht haben. Oh, daß ich nicht auf dieſe Stimme meines Herzens hörte! Aber meine Mutter drängte mich, meine Freunde ermuthigten mich, ein Schimmer von Ehrgeiz und klaſſiſcher Begeiſterung that das Uebrige; ich gehorchte und verlor auf dem Boden von Marius und Jugurtha die wenigen Illuſionen, die mir meine zwanzig Jahre und meine Epauletten hatten einflößen körgen. Mit einer wahren Freude ſah ich alſo mein Vaterland wieder, doch dieſe Freude ſollte kurz ſein. Ihre Abweſenheit war meine erſte Täuſchung. Meine Verbannung hatte eine Lücke in meinem Leben erzeugt, ich zählte auf Sie, um ſie 172 auszufüllen, und Sie fehlten mir plötzlich. Die Freunde, die ich wiederfand, waren ſeltſam verändert; Geſichter, Stellungen, Charaktere, Alles war für mich neu und unbekannt. Es hatte ſich zwiſchen uns eine unüberſteigbare Schranke erhoben, und dem Funken, der aus unſeren Erinnerungen hervorſprang, gelang es nicht, das Feuer unſerer Jugend wieder zu entzünden. Die Geſellſchaft, in die ich eingeführt wurde, ſchien mich nur zu empfangen, um den afrikaniſchen Geruch zu wittern, mit dem ich wirklich oder ihrer Voraus⸗ ſetzung nach geſchwängert war; ich ſagte Frankreich, man antwortete mir Afrika. Die Schreckniſſe des Krieges, die ich trotz der Berauſchung der Schlacht nie ohne eine gewiſſe Erſchütterung hatte ſehen können, mußte ich unabläſſig wie⸗ derholen, und junge, hübſche Frauen fanden einen beſondern Geſchmack an abſcheulichen Einzelnheiten, die ich bei ihnen vergeſſen wollte. Ich hatte meine Mutter ſtark und kräftig zurückgelaſſen, ich fand ſie gealtert an Geiſt und Körper; von den Dingen, die ſie mir mitzutheilen hatte, von denen, nach welchen ich ſie fragen wollte, entſann ſie ſich der einen nicht mehr, konnte ſie die andern nicht mehr begreifen. Meine Tage vergingen traurig und farblos, meine Erinnerungen verloren jeden Reiz für mich. Zwei Monate dieſes Lebens genügten, mich das bedauern zu machen, was ich mit ſo ſüßen Hoffnungen verlaſſen, und meine Liebe für meine Mutter hinderte mich allein, in Afrika ein monotones Leben, an das ich jedoch wenigſtens gewöhnt war, wieder aufzunehmen. Ich zog mich am Ende beinahe gänzlich zurück. Meine einzige Geſellſchaft beſchränkte ſich auf einige Waffengefährten, Fremdlinge, wie ich, auf der heimathlichen Erde; und der größte Theil meiner Zeit verlief in einſamen, zweckloſen Spaziergängen. Eines Tags wandelte ich ſo auf den Zufall, zugleich zerſtreut und unbeſchäftigt, umher, als ich mich plötzlich unter eine zahlreiche, elegante Schaar von Menſchen gemiſcht ſah, welche glänzende Equipagen bis auf zwei Schritte zu mir brachten. Es handelte ſich um eine Hochzeit und ich ſtand auf der Schwelle einer Kirche. Ich blieb einige Augenblicke unbeweglicher Zuſchauer der weltlichen Prozeſſion, die ſich mir in den Weg ſtellte; doch, war es Ungeduld oder Neugierde* ich folgte am Ende dem Strome und drang in die Kirche, deren Schatten und Stillſchweigen man von der Straße ahnete. Von der Schwelle des Altars aus hielt eine doppelte Reihe Neugieriger den Weg beſetzt, den der Zug zu durch⸗ wandern hatte; nicht gewöhnt an dieſes obligate Publikum jeder öffentlichen oder Privatfeierlichkeit, ſtand ich vor einer Kapelle ſtille, welche ſich in Folge der Ceremonie, zu der nan ſich anſchickte, entleert hatte. Es war ein ſchöner Som⸗ mertag und es herrſchte eine drückende Hitze; ich ſetzte mich und horchte auf die Stimme der Orgel, die den Verlobten lärmende Fanfaren und Gezwitſcher von Vögeln zuſandte. Ich war ſeit einigen Augenblicken hier, mein Geiſt ſchwebte in dem Mittelzuſtande zwiſchen Schlafen und Wachen, als ein — unterdrüͤckter Seufzer an meinem Ohr erſtarb. Raſch auf⸗ ſchauend, erblickte ich eine Frau, welche in geringer Ent⸗ fernung von mir betete. Sie war jung und ſchien hübſch zu ſein; aber das gänzliche Zuſammenſinken in ihrer Haltung 174 offenbarte einen ſo ſchweren Kummer, an dem Beben ihres ganzen Körpers ließ ſich ſo leicht ein unterdrücktes Schluchzen errathen, daß mein Herz ſich zuſammenſchnürte, und da ich das Schauſpiel eines Leidens, welches zu erleichtern ich außer Stands war, nicht ertragen konnte, ſo verließ ich ſchleunigſt dieſe Kirche, in welche mich eine Freude gelockt hatte und aus der mich ein Schmerz vertrieb. Ich habe zu viel leiden ſehen, Miller, um unnöthig die Münze auszugeben, die man Mitleid nennt. Ein ſo leichter Eindruck ſollte bald aus meinem Geiſte verſchwinden; das Verhängniß wollte, daß er ſich darin feſtſtellte. Ich hatte vielleicht zweihundert Schritte gemacht und ſchaute irgend eine Curioſität an, als ein gewaltiges Geſchrei meine Aufmerkſam⸗ keit rege machte. Eine Frau war vor einen ſchweren Omni⸗ bus geſtürzt, deſſen Lauf der Kutſcher nur mit der größten Mühe bemeiſterte. Die Gefahr war mehr ſcheinbar als wirk⸗ lich; ich ſprang den Pferden an die Köpfe und ſie blieben ſtehen. Doch groß war mein Erſtaunen, als ich an den Kleidern derjenigen, welcher ich beigeſtanden, die junge Frau erkannte, deren Thränen mich einen Augenblick ſo ſehr bewegt hatten. Die Menge nahm immer mehr zu, wurde immer unruhiger; ich hob die Unbekannte in meine Arme und legte ſie in den erſten Fiacre, den ich traf. Ich hatte nicht die Abſicht, meine Vermittlung weiter zu treiben, aber obgleich die arme Frau nicht ohnmächtig war, ſo ſchien ſie doch der⸗ geſtalt beſtürzt, daß ſie nicht einmal die Richtung anzugeben vermochte, welche ſie verfolgen wollte. Gerührt über dieſen 4 Zufall, der ſie zweimah in wenigen Secunden unter meine 175 Augen brachte, als wollte er mir befehlen, ſie zu beſchützen, mochte ich ſie nicht ſo verlaſſen, und ich ſetzte mich ihr gegen⸗ über und hieß den Kutſcher durch ein Zeichen weiter fahren. Sobald ſich der Wagen bewegte, zitterte ſie und der Blick, den ſie mir zuwarf, war ein Blick des Schreckens. Ich er⸗ klärte ihr mit wenigen Worten, warum ich ſie begleiten zu müſſen geglaubt habe, und gab ihr die Verſicherung, ich werde mich zurückziehen, ſobald ſie den Wunſch äußere. Ich weiß nicht, ob meine Betheurungen ſie beruhigten oder ob ihre Unruhe ſie verhinderte, mir zu antworten, ſie ſchwieg und ſchlug nur zuweilen verſtohlen und ängſtlich die Au⸗ gen auf. Ich empfand ſelbſt ein gewiſſes Mißbehagen. Der erſte Augenblick der Exaltation war vorüber. Dieſe Frau, der es in Beziehung auf Anzug und Manieren nicht an einer gewiſſen Eleganz gebrach, war mir vollkommen fremd und ich wagte es nicht, ſie mit der unter ſolchen Umſtänden ſtets ſich wiederholenden Alltagshöflichkeit zu behandeln, denn das Schluchzen in der Kapelle kam mir wieder in das Gedächtniß. Von Zeit zu Zeit machte ich über ihren körperlichen Zuſtand Fragen an ſie, welche ſie höchſt einſylbig beantwortete, und die Beklommenheit nahm immer mehr unter uns zu, als die Un⸗ bekannte bei dem Anblicke der Champs⸗Elyſées plötzlich aus ihrer Erſtarrung erwachte. Sie richtete ſich ungeſtüm auf und erklärte mir ſo entſchieden ihren Willen, nicht weiter zu fahren, daß ich ſogleich anhalten ließ. Sie ſtieg nicht aus dem Wagen, ſondern ſie ſtürzte gleichſam hinaus, warf mir, ſobald ſie die Erde berührt hatte, haſtig ein paar Worte des Dankes zu und entfloh in raſchem Laufe. Ich ſchaute ihr nach mit einem Lächeln, aber dabei doch ein wenig ver⸗ drießlich, wie ein Kind, das den Vogel entfliehen ſieht, den es gern gezähmt hätte. Sie ſchämte ſich wohl dieſer erſten Bewegung, kehrte um, reichte mir die Hand mit einer be⸗ zaubernden Anmuth und entfernte ſich dann wieder, doch dieß⸗ mal langſam und ohne Angſt. In demſelben Augenblick glaubte ich meinen Namen aus einem von den Wagen, welche raſch an uns vorüberfuhren, hervordringen zu hören, aber ich war gerade zu ſehr beſchäftigt, um mich dieſes Umſtandes zu verſichern, und der unbeſtimmte Eindruck verwiſchte ſich bald wieder in meinem Geiſte. Mit Unrecht, Miller, hat man uns einen guf hinſicht⸗ lich der Kühnheit und Gewandtheit in der Liebe gemacht. Darauf angewieſen, wie er ſpeiſt, auch an häufig von ſeinem Vorgänger beſuchten Orten zu lieben, fühlt der Soldat eine gewiſſe Verlegenheit, wenn er ſich einer Frau nähert, die die⸗ ſes Namens würdig iſt. Ich blieb unbeweglich, das Auge ſtarr auf die junge Frau gerichtet, die ſich entfernte, und ſagte mir, Niemand würde ſo ein ſolches Abenteuer endigen laſſen, als mich die Reue erfaßte. Nahe daran, den ſchwachen Fa⸗ den, den meine Hand noch hielt, fallen zu laſſen, beſann ich mich eines Andern. Ein raſcher Gang brachte mich bald meinem Schützling nahe und mit etwas Vorſicht konnte ich einige Augenblicke nachher, ohne entdeckt zu werden, die unbekannte hinter dem Gitter eines Hotel, vas ich mir ſorg⸗ fültig merkte, verſchwinden ſehen. Ich brachte zuweilen meine Abende in einem Kaffeehauſe zu„wo ſich die wenigen Perſonen verſammelten, mit denen ich 177 in Paris umging. Ich verfehlte nicht, mich an dieſem Abend dahin zu begeben, feſt entſchloſſen jedoch, mein Zuſammen⸗ treffen am Morgen zu verſchweigen; denn mein unthätiges Le⸗ ben hatte mich darin einen Reiz finden laſſen, den das kleine Abenteuer nicht durch die Reibungen eines allgemeinen Ge⸗ ſpräches verlieren ſollte. Aber ich durfte mich nicht im Frie⸗ den der Zerſtreuung erfreuen, die ich geſucht. Ich hatte kaum Zeit, einige Freunde zu grüßen, als ich mich durch eine mir bekannte ſchallende Stimme, welche ſtets einen unangenehmen Eindruck auf mich hervorbrachte, rufen hörte. Es war die eines Officiers von meinem Regiment, Namens Amblard, der ein paar Monate vor mir in Paris angekommen war. Obgleich Beide Kapitäne bei derſelben Schwadron, beſuchten wir uns doch nur ſelten, ſelbſt in Frank⸗ reich, wo wir bereinzelt waren. Es waltete zwiſchen uns, wenigſtens von mir gegen ihn, eine von jenen Antipathien ob, welche leichter zu begreifen, als zu erklären ſind. Sein plumpes, prahleriſches Weſen, ſein freches, hochmüthiges Auftreten, ſeine eines Mannes von Ehre unwürdigen Sitten und ich weiß nicht was für raffinirte Geſchichten, deren Held er war, flößten mir gegen dieſen Menſchen den lebhafteſten Widerwillen ein, und dieß war ihm vielleicht nicht unbekannt geblieben. Obgleich Jeder von ihm dachte, was ich Ihnen hier ſage, gab ihm doch alle Welt die Hand, und dieſe allgemeine Meinung ſcha⸗ dete durchaus nicht ſeinem Abancement, deſſen Schnelligkeit diejenigen in Erſtaunen ſetzte, welche ſeinen ſeltenen Cynismus kannten. Unter einigen Umſtänden hatte er einen Muth ohne Der Erzähler. 1846. M. 12 178 Genie und ohne Mäßigung entwickelt; war darin die Quelle ſeines militäriſchen Glückes zu ſuchen? Ich weiß es nicht. Ich meinerſeits ſchrieb es der Gewandtheit zu, mit der er den Chefs eine Schmeichelei ſo roh, daß ſie naib zu ſein ſchien, in das Ohr zu werfen wußte. Ich hatte ihn auch wiederholt auf der That ertappt und meine Verachtung gegen ihn war dadurch ungemein geſteigert worden. Amblard näherte ſich mir mit einer rohen Ungezwungen⸗ heit, die ihm natürlich war, der er ſich aber ſelten gegen mich bediente; die Libationen, die er gemacht zu haben ſchien, er⸗ klärten mir indeſſen das Uebermaß dieſer Vertraulichkeit. „Nun, mein Braber,“ ſagte er zu mir, indem er ſeine Hand auf meine Schulter legte,„morgen kehre ich in die Wüſte zurück. Man hat mich zum Schwadronschef gemacht, ich erwarte meine Ernennung in Oran. Dann bleibe ich nur noch die Zeit, die ich brauche, um von den Freunden Abſchied zu nehmen, und reiſe nach Conſtantine... Doch ſprechen Sie, haben Sie keine Aufträge an Letilly?“ Dies war einer unſerer Kameraden, für den ich eine lebhafte Freundſchaft hegte, und der, minder oder mehr glücklich als wir, in Afrika geblieben war. Da ich ihm ein paar Tage vorher geſchrieben hatte, ſo lehnte ich die Gefälligkeit von Am⸗ blard ab. Er nahm meine Antwort mit einem Lächeln und mit einem fragenden Blicke auf, deſſen Sinn mir entging. „Geheimniſſe gegen mich?“ verſetzte er mit einer ſpötti⸗ ſchen Emphaſe,„das iſt vergebliche Mühe, weiſer und tugend⸗ hafter Davenayh! Das Verbrechen bleibt nie verborgen, icher Schelm! Wenn ich es wäre, welche Vri würde 179 man dem armen Namen von Amblard anhängen, und dennoch, möchte es koſten, was es immer wollte, ich nähme Ihre Stelle ein; doch alles Glück dem edlen Herrn und ich ver⸗ beuge mich vor Ihren Vorrechten... Meine Herren, ich ſtelle Ihnen hiemit meinen Freund Macchiavel⸗Talleyrand⸗ Davenahy vor.“ Dieſe letzten Worte waren an gemeinſchaftliche Freunde gerichtet, deren Ankunft mir die Verlegenheit, in die mich dieſe lächerlichen Scherze verſetzten, zu verbergen geſtattete. Ich erinnerte mich nämlich des Rufes, den ich, als mich am Morgen meine Unbekannte verließ, zu hören geglaubt hatte, und zweifelte nicht mehr daran, Amblard habe ihrem ſeltſamen Abſchied beigewohnt. Sehr ärgerlich über dieſen Vorfall und beſonders von dem Wunſche beſeelt, die Aufmerkſamkeit von Amblard davon abzulenken, ſuchte ich, ohne mich bei dem ironiſchen Sinne ſeiner Glückwünſche aufzuhalten, das Ge⸗ ſpräch auf einen andern Gegenſtand zu bringen. Unter allen andern Umſtänden wäre ich ohne Zweifel in meinem Unternehmen geſcheitert, aber am Vorabend ſeiner Abreiſe vervielfältigte ſich Amblard. Eine mächtige Dibverſion kam mir überdies zu Hülfe. Die Herrin des Hauſes trat ſtrahlend in ihrer Glorie ein, und da er ſich zu ihrem furcht⸗ baren Anbeter erklärt hatte, ſo lief er ihr entgegen, um ihr unter den Augen eines Mannes, der zwiſchen dem Intereſſe und der Eiferſucht bebte, ſeine Huldigung darzubringen. Ich ſah ihn nicht mehr und kehrte ziemlich traurig dar⸗ über, daß ich einen Theil des Geheimniſſes, mit dem ich mein 180 unſchuldiges Abenteuer umhüllen wollte, hatte verſchwinden ſehen, in meine Wohnung zurück. Sollte er ſie kennen? Dieſer Gedanke war der erſte, der ſich am andern Morgen meinem Geiſte bot, als ich mich der Worte von Amblard erinnerte. Meine Neugierde er⸗ wachte; ich beſchloß ſie zu befriedigen. Ich hatte keine Mühe, das Haus wieder zu finden, vor welchem ſich am Tage zuvor mein Lauf endigte. Es war ein hübſches Gebäude, und ich bewunderte es in ſeinen Einzelnheiten, da ich nicht wußte, wie ich mich in demſelben einführen ſollte, als ich auf der andern Seite des Gitters einen Menſchen erblickte, der meine Aufmerkſamkeit erregen zu wollen ſchien. Ich näherte mich und erkannte nicht ohne Vergnügen einen ehe⸗ maligen Soldaten, der nach und nach faſt bei allen Officieren des Regiments im Dienſte geſtanden hatte. Er gab mir bald den Schlüſſel zur Löſung des Räthſels. Amblard hatte ihn als Bedienten bei ſeiner Tante untergebracht, der dieſes Haus gehörte, in welchem Niemand außer Mademviſelle Letilly zur Miethe wohnte. „Mademviſelle Letillh?“ rief ich. „Die Schweſter von Herrn Letilly,“ antwortete er, „wußten Sie das nicht? Der Kapitän Amblard begegnete Ihnen geſtern mit ihr, und er glaubte ſogar.. Sie errathen, Miller, was Amblard glaubte, und als mir der ehemalige Soldat mittheilte, Mademoiſelle Letilly habe dieſe elegante Wohnung der Liebe eines ſeit dem vorhergehen⸗ „den Tage verheiratheten Mannes zu verdanken, da blieb mir 3 2 18¹ nichts mehr dunkel in der Traurigkeit der Einen und den Spöttereien des Andern. Um den Schmerz zu begreifen, den mir dieſe Entdeckung verurſachte, muß man Letilly genau gekannt haben. Er war wohl der Sohn ſeiner Werke. Soldat mit achtzehn Jahren, hatte er, trotz lebhafter, heftiger Leidenſchaften, die er nicht immer bemeiſterte, langſam und geduldig alle Grade gewon⸗ nen. Zuweilen zurückweichend, ſtieg er bald wieder, unter⸗ ſtützt durch einen düſteren, beharrlichen Eifer, deſſen Geheim⸗ niß er allein kannte. Eine unvollſtändige Erziehung und mehrere in der Stille verzehrte, aber in ſeinem Serzen ver⸗ grabene Ungerechtigkeiten hatten ihn mißtrauiſch uns argwöh⸗ niſch gemacht. Von allen Officieren des Regiments war ich der einzige, den er mit ſeiner Freundſchaft beehrte. Er blieb. den allgemeinen Geſprächen ſtets fremd und ſeine Rede wurde, ſobald er einmal den Mund aufthat, herb und beißend; er warf ſeinen Spott nach oben und nach unten, nach rechts und nach links, ohne etwas zu ſchonen, und gewöhnlich, ohne daß er einen Widerſpruch fand, denn die Bitterkeiten ſchienen„ bei ihm einen Grund zu haben. Einige Jugendausſchweifun⸗ gen, welche ſeiner Geſundheit geſchadet hatten, Fermehrten noch von Tag zu Tag ſeine natürliche Reizbarkeit; u und durch die Vorurtheile zu kommen, die ſeine bizarre Laune erzeugte, ohne an dieſelben zu ſtoßen, war nicht immer etwas Leichtes. Ich liebte ihn jedoch unbegränzt, ſowohl wegen ſeiner ſeltenen Rechtſchaffenheit, als auch wegen des ausſchließlichen Ver⸗ trauens, das er mir ſchenkte. Nie ſprach er von ſeiner Fami⸗ lie, und auf die wenigen Fragen, die man in dieſer Hinſicht an 182 ihv richtete, gab er kurze und ausweichende Antworten. Ich errieth nun theilweiſe die Urſache dieſer Zurückhaltung und einige Worte von ihm, die mir wieder in das Gedächt⸗ niß kamen, bewieſen mir, daß von allen den blutenden Wunden in dem Herzen des Mannes dieſe nicht die am min⸗ deſten ſchmerzhafte war. Es ergriff mich eine wahre Angſt. Amblard nahm ein Geheimniß mit ſich, welches das bereits ſo traurige Leben des unglücklichen Letillh vergiften konnte; es konnte eine Wolke auf unſere Freundſchaft werfen und ich kannte nur zu gut meinen Mann, um auf ſein Zartgefühl zu hoffen. Anderer⸗ ſeits nahm die junge Frau, für die ich mich am Tage zuvor intereſſirt hatte, meine Shympathie durch einen neuen Titel in Anſpruch. Sie war die Schweſter eines Mannes, den ich liebte, und das Uebel war vielleicht nicht ohne Gegenmittel. Ich habe immer den Fehler gehabt“ mich um Alles zu be⸗ kümmern, was ich auf meinem Wege traf. Obgleich unwill⸗ kührlich, ſah ich mich auch hier wieder betheiligt, mein Ent⸗ ſchluß war bald gefaßt, ich beſuchte Mademoiſelle Letillh. Ich werde raſch über einige unnöthige Einzelnheiten weg⸗ gehen, Miller. Mehrere auf einander folgende Zuſammen⸗ künfte beſtätigten die günſtige Meinung, die mir dieſe junge Frau eingeflößt hatte, und ich verwirklichte einen von Anfang⸗ an von mir gefaßten Plan. Meine Mutter hatte öfters gegen mich den Wunſch geäußert, irgend eine junge Perſon zu ſich zu nehmen, welche ihr, wie Sie wiſſen, ſehr einſames Alter erheitern könnte; mit ihrer Genehmigung bot ich Mademoiſelle Letillo dieſe Zufluchtsſtätte an. Dieſe willigte mit Freuden 183 ein und wenige Tage nachher hatte ſie ihr zerſtreutes Leben mit einer friedlicheren, wenn auch nicht glücklicheren Exiſtenz vertauſcht. Ich hatte mir gelobt, dieſe Ereigniſſe Letilly zu* ſchreiben, aber ich verſchob die Mittheilung, welche auch ſeine Schweſter ungemein befürchtete, von einem Tag auf den andern, als mich ein Brief von ihm von dieſer Sorge be⸗ freite. Er benachrichtigte mich von ſeinem Abmarſche mit einer Colonne, von der man glaubte, ſie ſei beſtimmt, Tlemcen mit Lebensmitteln zu verſehen. Amblard hatte alſo Oran und ich Frankreich bei ſeiner Rückkehr verlaſſen. Dieſe Nach⸗ richt beruhigte mich., Liebte ich Mademviſelle Letilly)? Auf dieſe Frage, die Sie vielleicht im Geiſte an mich richten, kann ich autworten; nein. Die Rolle, die ich bei ihr ſpielte, die Zufluchtsſtätte, die ich ihr verſchafft, meine Freundſchaft für ihren Bruder waren lauter Hinderniſſe, die ſich zwiſchen uns erhoben. Ueberdies ſah ich ſie nur kurze Zeit und ihre Gegenwart trug nur dazu bei, die geringe Anzahl von Tagen, die mir zu verwenden blieben, noch kürzer zu machen. Wie dem ſein mag, ich kam ohne zu großes Bedauern zu der für meine Rückkehr beſtimmten Zeit in Afrika an. Die erſte Perſon, die ich erblickte, war Letillyo. Wir umarmten uns herzlich.„Ich glaubte, Sie wären in Tlemcen,“ ſagte ich, ihm die Hand drückend.* „Die Colonne iſt ſeit geſtern zurückgekehrt,“ antwortete er mir.„Sie und ich, Davenah, kommen zu gelegener Zeit, denn Morgen gi es einen Schmaus Amblard nimmt 184 „Er iſt hier,“ rief ich,„und Sie haben ihn geſehen?“ „Allerdings!“ antwortete Letilly erſtaunt über meinen Ausruf. Ich beeilte mich, das Geſpräch zu verändern. Die Gegen⸗ wart von Amblard in Oran machte die Erzählung, die ich Letilly ſchuldig war, unerläßlich, aber ich wollte hiezu einen günſtigen Augenblick wählen. Dieſen Augenblick glaubte ich ein paar Stunden ſpäter gefunden zu haben. Wir ſpeiſten unter vier Augen zu Mittag, und nachdem wir alle Gegenſtände erſchöpft hatten, die ſich nur immer unter Leuten beſprechen laſſen, welche nach einer 8 langen Trennung wiedervereinigt werden, ſuchte ich endlich dieſe zarte Frage herbeizuführen; doch das Wort erſtarb auf meinen Lippen, und im Begriff, zu ſprechen, verfiel ich in ein langes Stillſchweigen. Er gewahrte meine Zerſtreuung und machte mich darauf aufmerkſam. „Trotz Ihrer Betheurungen, mein lieber Davenahy,“ ſagte er zu mir,„haben Sie, wie ich glaube, einen guten Theil von Ihrem Ich in Frankreich zurückgelaſſen.“ „In der That, mein Letilly,“ erwiederte ich, mich einer ſolchen Träumerei entreißend,„der Beſitz iſt nicht das Ver⸗ langen werth, und um Sie dies ſagen zu hören, erwarte ich nur Ihre erſte Reiſe.“ „Sie werden lange warten, Davenah.“ „Letilly, vielleicht ergreift Sie eines Tags das Heimweh und Sie werfen ſich in die Arme irgend eines guten Ver⸗ wandten, der ſich ſeit geraumer Zeit nach Ihnen ſehnt.“ „Davenah,“ erwiederte Letillh mit einem Tone, den ich 185 nie vorher bei ihm gekannt hatte,„Sie dürfen von Familie und Vaterland ſprechen. Für mich ermangeln dieſe zwei Worte jedes Sinnes. Meine Geburt iſt arm und dunkel, es liegt mir nichts daran, daß man dies erfährt, und ich bin nicht albern genug, um darüber zu erröthen; aber ich beſitze hinreichend Stolz, um unter meinen Erinnerungen zu leiden, und glauben Sie mir, ich brauche ſie nicht an der Quelle aufzufriſchen, wo ich ſie geſchöpft habe. Es gibt ein das Sie nie kannten, das Sie nie kennen le w Davenay, das Elend der Städte, das Elen Kindheit, zu einer Zeit, wo man es durchmuche ſu etwas gethan zu haben, um es zu verdienen, ohns etwas un zu können, um ihm zu entgehen! Welche Freude kann mich auf dem Boden erwarten, den meine traurige Mutter mit ihren Thränen befeuchtete?— Warum ſoll ich das Stroh von dem Bette wieder aufſchütteln, wo ich ſo oft vor Wuth und Verzweiflung bebte?... Oh Davenah, für den Armen gibt es keine Familie! Ich habe einen Vater... und meine Epauletten vermögen ihn nicht zu ernähren.. Brü⸗ der.. vereinzelt wie ich ſchleppen da und dort ihr ſchmer⸗ zenvolles Daſein hin... eine Schweſter... der Gott hel⸗ fen möge! von ihr weiß ich nichts und will ich nichts wiſſen.“ Während er dieſe letzten Worte ſprach, war er einer Auftegung preisgegeben, die mich erſchreckte, aber ich kam den⸗ noch auf meinen Angriff zurück. „Kein Wort mehr, wenn Sie mich lieben,“ pruc er 186 nit einem kräftigen Händedruck,„kein Wort mehr, Dabenah, und möchten Sie vergeſſen, was ich Ihnen geſagt habe.“ War es Zartgefühl oder Schüchternheit, ich wich zurück, Miller. Ich fand in meinem Innern die tauſend Urſachen, die ſich ſtets bieten, um einen Mangel an Muth zu entſchul⸗ digen. Ich dachte an die nahe bevorſtehende Abreiſe von Amblard, an die Veweggründe, die ihn veranlaſſen könnten, zu ſchweigen, und endlich an den Vortheil, den er dadurch haben würde, daß er Mademoiſelle Letilly ſelber die Sorge, ihren Bruder aufzuklären, überließe. Ich glaubte mich um eine große Laſt erleichtert und wartete. Wir waren ungefähr zwanzig Gäſte bei dem Mahle ver⸗ ſammelt, das Amblard gab. Obgleich ich ihm keinen Beſuch gemacht, ſchickte er mir doch eine Einladung und ich konnte mich der Annahme nicht überheben. Ich kannte ſeinen ſchlim⸗ men Charakter, und wenn ich bis jetzt nur wenig Gewicht darauf gelegt hatte, ſo gelobte ich mir doch an dieſem Tage im Intereſſe von Letilly Alles zu vermeiden, was die Bosheit unſeres Wirthes erregen könnte. Der leicht ſpöttiſche Ton, mit dem er mich empfing, bewies mir, 6 dieſe Vorſicht nicht unnütz ſein würde. Obgleich mir die Zeit mit ungewöhnlicher Langſamkeit zu vergehen ſchien, kam doch das Mahl ſeinem Ende nahe, ohne daß etwas Merkwürdiges ſich ereignete, als es Amblard einfiel, uns mitzutheilen, ein Einwohner der Stadt werde ihm ſeine Frau und ſeine Tochter, die eine noch ſchön, die andere ſchon hübſch, anvertrauen, um ſie nach Algier zu bringen, wo er ſich einige Tage aufzuhalten gedenke. Die wohlbekannten ————— 189 Letilly lachte nicht. Ich ſchaute ihn an, er war ſehr bleich. Amblard hatte mit ihm geſprochen. Daran zweifelte ich nicht mehr. Ich ging gerade auf Letilly zu. „Ich habe ein paar Worte mit Ihnen zu ſprechen,“ flüſterte ich ihm zu und nahm ihn beim Arme. Er antwortete mir nicht, aber er folgte mir ohne Wider⸗ ſtand. Als wir außer dem Bereiche der Zuhörer waren, ſagte ich: „Ich habe von Ihrer Schweſter mit Ihnen zu ſprechen.“ „Eine Schändlichkeit!“ rief er, mich unterbrechend, und ſein Auge flammte in düſterem Feuer. Er hob ſeine geballte Fauſt gegen mich auf. Zitternd vor Scham faßte ich ihn raſch beim Arme und er ließ dieſen alsbald fallen. Ich ſchaute rückwärts: wir befanden uns in einem gekrümmten Gäßchen, eine ellenbogenförmige Biegung trennte uns von der Gruppe, die uns folgte. Niemand hatte die Geberde von Le⸗ tilly geſehen und ich athmete wieder.„Letilly,“ ſprach ich zu ihm mit mehr Traurigkeit, als Zorn,„Sie werden bald über Ihre unnütze Heftigkeit erröthen! Sie hatten zwiſchen der Treue meines Wortes und des von Amblard zu wählen, und ſchenkten ihm Glauben!“ Eine Stunde nachher vergoß Letilly Thränen, während er mir zuhörte. Amblard war weniger genau geweſen, als ich vermuthet hatte. Mit einer geheuchelten Gutmüthigkeit beſchränkte er ſich darauf, das zu erzählen, was mich betraf und überließ Letilly ſelbſt die Sorge, ſeine Wunde zu ver⸗ giften. Der Schlag war für dieſen um ſo heftiger geweſen, als er mich mehr liebte und in meinen Benehmen während 190 der vorhergehenden Tage einen Beweis zu Unterſtützung der Einflüſterungen von Amblard zu finden glaubte. „Ich bin verflucht!“ rief er voll Verzweiflung.„Ver⸗ gebens bin ich geflohen, habe ich gelitten... Dieſe Schande muß bis zu mir zurückſpringen. Warum habe ich das in der Bruſt dieſes Menſchen verſchloſſene Geheimniß nicht errathen! Doch Andere werden es erfahren... und dann.. o Da⸗ venah, Sie glaubten Letilly nützlich zu ſein, und dennoch werde ich nicht ſagen: Dank ſei Ihnen dafür gebracht! Der Fehler dieſer Frau, Ihre gute Handlung und unſere Freund⸗ ſchaft werden ſtets auf mir laſten wie ein glühendes Eiſen.“ Ich war nicht minder aufgeregt. Der Durſt nach Rache verzehrte mich. Tauſend Pläne kreuzten ſich in meinem Geiſte. Einen Augenblick wollte ich, und ſollte meine Laufbahn auch dadurch zerſtört werden, Amblard folgen und auf ihn die Schmach überwerfen, die mir zugedacht geweſen war. Auf dieſen Ausbruch folgte in meinem Herzen ein Zopn, der nie mehr erlöſchen ſollte. Für Letilly war das Uebel unwiederbringlich. Er wurde düſterer und reizbarer als je. Gebieteriſch gegen ſeine Unter⸗ geordneten, unſchmiegſam gegen ſeine Oberen, machte er ſich bald bei den eknen und den andern unerträglich. Er floh mich gefliſſentlich und richtete Monate lang kein einziges Wort an mich, und wenn zuweilen ſein trauriger Blick dem meinigen begegnete, ſo glaubte ich wahrzunehmen, er ſchließe mich in den Vorwurf ein, den er über die ganze Menſchheit zu ver⸗ hängen ſchien. Ich konnte dieſem Schmerz nicht fremd bleiben, und ſeine Exiſtenz färbte ſich gleichſam an der meinigen ab. 6 191 Mam hatte einen Poſten drei Stunden von Oran ge⸗ bildet; das Commando wurde mir übertragen und ich nahm es mit Freuden an. So vergingen einige Monate. Obgleich in geringer Entfernung von der Stadt, begab ich mich doch ſo ſelten als möglich dahin und unterhielt nur die von dem Dienſt geforderten Verbindungen. Ich fühlte eine Art von Erleichterung darin, daß ich fern von Letilly lebte und fragte mich auch wohl, ob ich ihn nicht habe einen zu großen Platz in meinem Daſein einnehmen laſſen. Ein unerwartetes Er⸗ eigniß zeigte mir bald, daß ich von einer Gewalt fortgeriſſen wurde, gegen die ich vergebens zu kämpfen ſuchte. Eines Tags brachte man mir einen Soldaten, der mit verhängten Zügeln von Oran kam. Der Kapitän Letilly, ſagte er mir, habe ſich dieſen MWorgen geſchlagen und wolle mich, ehe er ſterbe, ſehen. Dieſe Nachricht traf mich wie ein Donnerſchlag. Starr und unbeweglich, ließ ich den Mann, der ſie mir gebracht, weggehen, ohne ihn zu befragen. Endlich kam ich zu mir und erinnerte mich der Bitte, die man an mich gerichtet hatte. Als ich an einer in Eile aufgebauten Mauer hinging, um mich in den Stall zu begeben, hörte ich den Namen Letilly ausſprechen; es war ſein Todesbote, der einigen Soldaten die Umſtände mittheilte, nach denen ich zu fragen nicht den Muth gehabt hatte. „Warum hat er ſich geſchlagen?“ fragte einer von den Sprechenden. „Es ſcheint, ſeine Schweſter iſt die Geliebte des Kapitän Davenah,“ antwortete der Soldat. 192 Ich näherte mich wankend; es war wirklich dieſe Ver⸗ leumdung, was Letilly tödtete. Ich flog nach Oran. Auf den Stufen des Hoſpitals begegnete ich einem Officier, an den ich das Wort richten konnte. „Armer Letilly!“ ſagte er, die Achſeln zuckend,„er hat ſich geſchlagen wie ein Mann, der mit dem Leben ein Ende machen wollte.“ Ich kam bald zu dem Bette, wo mein unglücklicher Freund ſtarb. Er hatte eine tiefe Wunde in der Bruſt, und das Blut, das ſich ſchnell ergoß, bedrohte ihn jeden Augen⸗ blick mit dem Erſticken. Er erkannte mich ſogleich. „Sie kommen— ich danke Ihnen,“ ſprach er mit ge⸗ preßter Stimme.„Sie bemerken, ich ernte die Früchte, welche Amblard geſät hat... Was denken Sie von meinen Familien⸗ freuden?“ Er verſuchte ein Lächeln, das grauſam anzuſchauen war. „Nehmen Sie dieſe Briefe,“ fuhr er fort,„es ſind die dieſes unglücklichen Mädchens... Ich hatte nicht den Muth⸗ einen einzigen zu öffnen... Sie werden ihr dieſelben zurück⸗ geben.“ Ich ſtammelte ein paar Worte, um ihn zu verſichern, er könne auf mich zählen. „Ja,“ ſagte er mit dem ihm natürlichen bitteren, kurzen Tone,„Amblard wird wenigſtens nicht gänzlich gelogen haben.“ Sein unverſöhnlicher Stolz begleitete ihn bis zum letzten Augenblick. 193 „Amblard dürfte wohl nicht immer ſprechen!“ entgegnete ich mit einer energiſchen Geberde, die ihm meinen ganzen Haß gegen dieſen Menſchen enthüllte. „Sie ſollten dieß thun?“ ſagte er. Ein Blitz der Freude zuckte über ſein Geſicht. Nach einer kurzen Pauſe fügte er bei: „Thun Sie es nicht, er würde Sie tödten! Davenah dieſen Menſchen gehört das Königreich der Erde. Leben Sie, Sie ſind gut und können einer beſſeren Sache hienieden diene Seine Stimme wurde immer ſchwächer. „Ich fühle, daß ich ſterbe!“ fuhr er mit einer An⸗ ſtrengung fort,„beklagen Sie mich nicht, denn dieß iſt das erſte Glück, deſſen ich theilhaftig bin... ich habe zu viel gelitten... Geben Sie mir Ihre Hand... Gut Sie ſind der einzige Menſch, den ich geliebt... und.. noch ein Wort... damit ich ruhig ſchlafe, ſchreiben Sie meinen Namen nicht auf mein Grab!“ Er ſank zuſammen. Ein Gehülfe lief herbei, ich be⸗ fragte ihn mit den Augen; er ſchüttelte traurig den Kopf. Wenige Augenblicke nachher war Letilly verſchieden. Ich er⸗ griff zum letzten Male ſeine noch laue Hand, erneuerte auf ſeinem Leichnam den Schwur, den ich mir ſelbſt geleiſtet, mein Leben unſerer gemeinſchaftlichen Rache zu weihen, und entfloh, um meinen Schmerz zu verbergen. Es bleiben mir noch wenige Dinge beizufügen, Miller. Zu jener Zeit theilten Sie mir den Tod meiner Mutter mit. Der Erzähler. 1846. Il. 13 194 Zwei Hinderniſſe trennten mich allein von dem Ziele, das ich erreichen wollte: eine Entfernung des Grades und eine Ent⸗ fernung des Ortes. Dieſe Hinderniſſe beſtehen nicht mehr, meine Ernennung iſt unterzeichnet und die Ereigniſſe im We⸗ ſten haben Amblard zurückgeführt. Seit geſtern iſt er in Ich habe die Nacht damit hingebracht, mein lieber Viller, daß ich an Sie ſchrieb, und dieſe Augenblicke ſind die füßeſten, die ich ſeit langer Zeit gekannt. Ich durchlebte wie⸗ der ein Jahr in dem Zeitraum von einigen Stunden und er⸗ langte abermals die tröſtliche Ueberzeugung, daß ich nicht über mich zu erröthen habe. Dieſe Zeilen werden vor dem Zweikampfe abgehen; bleibe ich Sieger oder werde ich be⸗ ſiegt... Sie vermögen mich zu beurtheilen. Ich hinterlaſſe der Schweſter von Letilly hinreichende Mittel gegen die Ar⸗ muth, fügen Sie ihnen Ihre weiſen Rathſchläge und Ihren erſprießlichen Schutz bei, mein Freund. Leben Sie wohl, Miller, vielleicht zum letzten Male Gott befohlen! Sterbe ich, ſo wird mich außer Ihnen Niemand beweinen, aber Ihre Thränen können meiner Aſche genügen! Einige Tage nach Empfang dieſes Briefes las der Doetor Miller, wie folgt, in einer Correſpondenz aus Afrika: Man ſchreibt uns von Oran:„Geſtern hat ein Zwei⸗ kampf zwiſchen zwei Escadronchefs unſerer Garniſon ſtattge⸗ * ℳ 195 funden. Beide Gegner wurden ſchwer verwundet. Herr der Angreifende, überlebte ſeine Wunden nicht. Herrn A hofft man zu retten. Einen Tag ſpäter wäre dieſes,Duell unmöglich geweſen; Herr A ſo eben zum Grad eines Oberſtlieutenant befördert worden. Michele Orombellv von William Harriſon Ainsworth. Nach dem Engliſchen — von A uguſt ZBoller. —— I. Filippo Visconti. S n einer Nacht im Sommer 1418 wurde ein *Maskenfeſt von Filippo Maria Visconti, Her⸗ zog von Mailand, zu Ehren der Prinzeſſin von Carrara gegeben, für welche er in leidenſchaft⸗ licher Liebe entflammt war. Dieſe ſelbſt für Visconti, deſſen Feſte ſich ſtets durch den größ⸗ ten Glanz auszeichneten, prachtvolle Luſtbarkeit, % wurde von den vornehmſten Edeln ſeines Hofes S beſucht; von dem Legaten des regierenden Pap⸗ ſtes, Martin V., von Antonio Caraffa, dem Bot⸗ ſchafter von Gianna, Königin von Neapel, wegen ſeines heuchleriſchen, bösartigen Charakters Malizia genannt; oon Don Garcias Cavaniglia, Abgeordneten von Alfonſo V., ———— ————— 197 König von Arragonien und Sicilien; von den genueſiſchen, venetianiſchen und florentiniſchen Geſandten und den Vertretern der verſchiedenen italieniſchen Staaten. Auch fehlte es nicht an dem, ohne was kein Feſt, ſo herrlich es auch ſein mag, vollkommen genannt werden kann, an Schönheit. Nie wurde eine lieblichere Reihe von Damen geſehen, als die, welche ſich bei dieſer Gelegenheit verſammelt hatte. Vor Allen ſtrahlte die Königin dieſer Luſtbarkeit, die ſchöne Prinzeſſin von Car⸗ rara. Es bedarf kaum einer Beſchreibung derſelben, denn ihre Reize überboten in der That jede Schilderung. Es genügt, wenn wir erwähnen, daß ſie eine von den ſtolzen Blonden war, wie man ſie nur im Norden Italiens trifft, mit zarten, ſeidenen Flechten, mit himmelblauen, zugleich glänzenden und ſchmachtenden Augen, wunderbar geformten Geſichtszügen, einer vollen, üppigen Geſtalt und einer Haut, ſo zart und durch⸗ ſichtig, daß ſich die ſchönſte Blüthe nicht damit vergleichen ließ. Die reizende Prinzeſſin lebte in dem erſten Jahre ihres Wittwenſtandes, denn ihr Gemahl, Brunoro, Prinz von Car⸗ rara und Padua, war plötzlich und kurz nach ihrer Verhei⸗ rathung, nicht ohne einen ſcharfen Verdacht der Vergiftung, geſtorben. Der Zauber ihrer Manieren und ihrer Perſon feſ⸗ ſelte ganz und gar den zügelloſen Visconti, der kein Mittel unverſucht ließ, um in ihren Beſitz zu gelangen, und als er in ſeinen Beſtrebungen ſcheiterte, den Beſchluß faßte, ſich von ſeiner Gemahlin zu ſcheiden, oder dieſe auf eine andere Weiſe zu beſeitigen, um dem neuen Gegenſtand ſeiner Leidenſchaft Raum zu geben. 198 Beatrice di Tenda, Herzogin von Mailand, war beträcht⸗ lich älter als ihr Gemahl. Nachdem ihr erſter Gatte, Fveino Cane, der berühmte Condottiere, zugleich mit Giovanni Maria Visconti, des gegenwärtigen Herzogs älterem Bruder, auf der Reiſe nach der Kirche vom St. Gotthardt erſchlagen worden war, wurde ſogleich ein Bündniß zwiſchen ihr und Filippo ge⸗ ſchloſſen, der durch dieſes Mittel die Souveränetät von Tor⸗ tona, Novara, Vercelli und Alexandria erhielt und die An⸗ ſprüche von Ettore Visconti, einem anderen Bewerber um das Herzogthum Mailand, zu nichte machte. Ohne die Vor⸗ theile zu berückſichtigen, die er durch die Herzogin erlangt hatte, fing Filippo an, ſobald ſeine Regierung befeſtigt war, ſie zu vernachläßigen und ſchlecht zu behandeln und machte es dadurch klar, daß er ſie nur aus Convenienz geheirathet hatte. Auf die Gleichgültigkeit folgte Abneigung und ſein Widerwi offenbarte ſich durch wiederholte Akte der Grau⸗ ſamkeit Unterdrückung. Er zwang ſie, ſich der unwür⸗ digſten B eh dlung zu unterwerfen, ihm bei Tiſche aufzu⸗ warten und Dinſt zu verrichten, gegen die ſich der niedrigſte von ſeinen Dienern empörte. Beatrice ertrug ſeine thranniſche Behandlung mit der muſterhafteſten Geduld. Sie zeigte ſich weder unzufrieden, noch ließ ſie ſich in Vorwürfen und Ein⸗ wendungen vernehmen, im Glauben, dieſer unbedingte Gehor⸗ ſam gegen den Willen ihres Gemahls würde am Ende ſein Herz zum Guten wenden. Doch weit entfernt, zum Mitleid bewogen zu werden, wurde Filippo durch ihr Benehmen nur noch mehr aufgebracht. Er häufte neue Beleidigungen auf ſie 3 199 und ſuchte einen ſcheinbaren Vorwand, um ſich von einer Laſt zu befreien, die er unerträglich zu finden anfing. Um dieſe Zeit verliebte er ſich in die Prinzeſſin von Carrara, und ſein Haß gegen die Eine wuchs in gleichem Ver⸗ hältniß mit der Liebe für die Andere! Ein Wink, den ihm die Prinzeſſin zuwarf, ging bei ihm nicht verloren. Als er ſeine Bewerbung auf das Wärmſte betrieb, wies ſie ihn zurück und bemerkte mit einem bezeichnenden Tone:„Ich bitte Eure Boheit, von fernerer Beläſtigung abzuſtehen. So lange die gegenwärtige Schranke beſteht, kann ich nie die Eure ſein.“ „Ich verſtehe,“ erwiederte der Herzog,„ſie ſoll ſchleunigſt be⸗ ſeitigt werden.“ Und von dieſem Augenblick an waren alle ſeine Gedanken auf den Untergang der Herzogin gerichtet. Es zeigten ſich ihm verſchiedene Mittel, ſein Vorhaben in Ausführung zu bringen. Doch er verwarf ſie alle, aus Furcht, daß, wenn der Verdacht auf ihn fallen würde, die vier Städte, die er als Mitgabe der verletzten Herzogin empfangen, ſich empören und ihn in einen Krieg verwickeln könnten, welchen er gerade unter dieſen Umſtänden zu vermeiden ängſtlich be⸗ müht war. Er beſchloß daher vorſichtig und ſicher zu Werke zu gehen. Etwas weniger wild in ſeinem Weſen, obwohl nicht minder blutgierig ſeiner Natur nach, als ſein Bruder Giovanni, deſſen Blutdurſt ſo unerſättlich war, daß er Verbrecher von ſeinen Hunden hetzen und in Stücke zerreißen ließ, beſaß Filippo Visconti nicht eine gewinnende Eigenſchaft, mit Aus⸗ nahme des Muthes, und dieſe wurde noch durch Grauſamkeit getrübt. Jedes Edelmuths baar, belohnte er nie eine Gunſt 200 anders als durch eine Verletzung, und rückſichtslos gegen das verpfändete Wort erhielt er ſeine Verbündeten in beſtändigem Mißtrauen gegen ſich. Aber er war verſchmitzt und berech⸗ nend, und ſeine Schlauheit verlieh ihm das erforderliche Ge⸗ wicht, um ſeine meiſten Gegner in Schach zu halten. Seiner Perſon nach war er hoch gewachſen und gut gebaut, man hätte ſeine Geſichtszüge hübſch nennen können, wären ſie nicht durch einen finſteren Ausdruck entſtellt worden. Sein äußeres Weſen war ungemein majeſtätiſch. Beim Beginnen des Feſtes widmete ſich Filippo aus⸗ ſchließlich der Prinzeſſin. In ihren Farben, weiß und blau, gekleidet und gefolgt von einer Bande auf eine ähnliche Weiſe geſchmückter Höflinge, empfing er ſie bei ihrer Ankunft am Palaſt, führte ſie zu der Tanzhalle, dem Muſikzimmer, den glänzend erleuchteten Gärten, dem Bankett und endlich zu einem kleinen, mit den ausgewählteſten Blumen gefüllten Gewächshauſe, das außer ihnen Niemand betreten durfte. Während er hier unter vier Augen mit ſeiner Geliebten war, welche, geſchmeichelt durch ſeine Huldigung und aufgeregt durch die bezaubernde Scene um ſie her, geneigt ſchien, ſeiner Be⸗ werbung ein günſtigeres Ohr zu leihen, war der Herzog höch⸗ lich erſtaunt und aufgebracht über den plötzlichen Eintritt eines Dieners. Der Name des Eintretenden, der ſich beſonders durch perſönliche Stärke und einen zurückſtoßenden Anblick be⸗ merkbar machte, war Squarcia Giramo. Er hatte den Dienſt eines Hundemeiſters bei dem verſtorbenen Herzog Giovanni ver⸗ ſehen und ſein wilder Character diente ihm zu beſonderer Em⸗ pfehlung bei Filippo, der ihn zunächſt bei ſeiner Perſon 4 ———— 201 anſtellte. Die Prinzeſſin, welche ihre Hand dem Herzog überlaſſen hatte, ſtieß bei Squarcia's Erſcheinung einen leichten Schrei aus und entzog ihm dieſelbe haſtig, während ihr Liebhaber ſeinen Dolch aus der Scheide riß und ganz geneigt ſchien, den unwillkommenen Eindringling ſeinem Zorne zu opfern. Es hielt indeſſen etwas in dem Blicke des letzteren ſeinen Arm zurück. „Wenn Eure Hoheit erfährt, welche Kunde ich bringe, wird ſie mir danken und mich nicht bedrohen,“ ſagte er. „So ſprecht,“ rief der Herzog mit der größten Heftig⸗ keit. „Ich kann hier nicht ſprechen,“ erwiederte Squarcia. „Möchte es Eurer Hoheit gefallen, mir eine Privataudienz von einem Augenblick zu bewilligen.“ „Nein,“ entgegnete Visconti ungeduldig.„Wenn Ihr mir irgend etwas Geheimes mitzutheilen habt, ſo wartet eine günſtigere Gelegenheit ab. Hinweg!“ „Was ich zu ſagen habe, bezieht ſich auf die Herzogin,“ entgegnete Squarcia geheimnißvoll. „Auf ſie!“ rief Visconti ſehr erſtaunt.„Nun, dann muß ich es hören.“ 8 Und er entſchuldigte ſich haſtig bei der Prinzeſſin, ver⸗ ſprach ſogleich zurückzukehren, und verließ das Gewächshaus. Als er in das anſtoßende Gemach gelangte, erfuhr er von Squarcia, den er als Spion bei Beatrice gebrauchte, daß ſo eben etwas vorgefallen, was den Verdacht errege, daß eine geheime Zuneigung bei ihr obwalte. Der Hauptinhalt der Meldung des Dieners war Folgendes:„Vor ungefähr einer 202 Stunde hatte ſich ein Verlarbter in der Kleidung eines Minne⸗ ſüngers der Herzogin genähert und ſie durch ſeine Stimme und ſeine muſikaliſche Fertigkeit höchlich ergötzt. Nachdem ſie, außerordentliche Aufregung kundgebend, eine Zeit lang zugehört, befahl ſie ihm, ſeine Maske abzulegen. Der Minneſänger gehorchte, und als ſie ſeine Züge, welche die eines Jünglings von merkwürdigen perſönlichen Reizen waren, erblickte, fiel ſie in Ohnmacht.“ „Iſt das Alles?“ fragte der Herzog, als Squarcia ſchloß. „Es iſt Alles, Eure Hoheit.“ „Darin ſehe ich nichts. Die Herzogin war betroffen über irgend eine Aehnlichkeit mit Jemand, den ſie früher kannte, Du aber biſt ein übertrieben dienſtfertiger Schurke, daß Du mich wegen einer ſo geringfügigen Sache ſtörſt.“ „Die Sache iſt nicht ſo unbedeutend, als Eure Hoheit ſich einbildet,“ erwiederte Squarcia.„Ich habe die Herzogin nie zuvor ſo aufgeregt geſehen.“ „Wo iſt ſie jetzt?“ fragte Visconti. „Man hat ſie nach ihren Gemächern gebracht,“ ant⸗ wortete Squarcia. „Und der Minneſänger?“ „Er iſt in der Muſikhalle. Er war wie verſteinert nach dem Vorfall; als man aber die Herzogin wegbracht hatte, wanderte er mit langſamen Schritten und niederge⸗ ſchlagener Miene in der von mir angegebenen Richtung fort.“ „Bring' ihn hieher,“ ſagte der Herzog nach kurzem Nachdenken,„ich werde ihn befragen.“ 203 Squarcia entfernte ſich und kehrte bald mit einem Jüng⸗ ling zurück, deſſen Aeußeres, wie Visconti anerkennen mußte, nicht überſchätzt worden war. Er ſchien ungefähr achtzehn Jahre alt zu ſein und ſeine ſtolze Haltung deutete einen ausgezeichneten Urſprung an. Der Contraſt zwiſchen ſeinem edlen und einnehmenden Weſen und den lauernden, gemeinen Blicken von Squarcia war zu auffallend, um unbemerkt zu bleiben. „Beim heiligen Ambroſio, ein hübſcher Junge!“ rief der Herzog, als er vor ihn trat.„Wie heißt Ihr?“ „Michele Orombello,“ antwortete der Jüngling. „Ich erinnere mich weder Eures Namens, noch Eurer Perſon, Meſſer Michele,“ fuhr der Herzog fort, und heftete dabei einen forſchenden Blick auf ihn.„Wie lange ſeid Ihr in Mailand?“ „„Drei Tage,“ antwortete Michele.„Ich kam im Ge⸗ folge des Botſchafters der Königin von Neapel.“ „Malizia ſei geehrt in ſeinem Diener,“ verſetzte der Herzog ſarkaſtiſch.„Und nun, Meſſer Michele, da ich nicht bezweifle, daß Ihr ein ſchnelles Auge für die Schönheit habt, ſagt mir, wen Ihr für die ſchönſte Dame an meinem Hofe haltet?“ „Würde mich Eure Hoheit fragen, wen ich für die gekränkteſte halte, ſo könnte ich leichter antworten,“ entgegnete Michele. „Wen würdet Ihr dann nennen?“ fragte Visconti mit ernſtem Tone. 204 „Die Herzogin, Eure Gemahlin,“ antwortete der Jüngling. Squarcia legte ſeine Hand an den Dolch und ſchaute ſeinen Herrn an, doch der letztere merkte nicht auf dieſe Bewegung. „Ihr ſprecht offenherzig, Michele,“ ſagte Visconti; „doch ich liebe Euch nichtsdeſtoweniger Eurer Kühnheit wegen. Die Herzogin iſt eine tief beleidigte Dame, zugegeben. Ihr brennt ohne Zweifel vor Begierde, das Unrecht, das ihr widerfahren, gut zu machen?“ „Ich würde den letzten Tropfen meines Blutes zu ihrer Vertheidigung vergießen,“ rief Michele. „Das dachte ich mir,“ verſetzte Visconti.„Die Herzogin ſoll mit Eurer Ergebenheit bekannt gemacht werden. Werdet Ihr zu dem Tauſche einwilligen, gelingt es mir, Malizia zu bewegen, Euch dem Dienſte Ihrer Hoheit zu überlaſſeng“ „Einwilligen!“ rief Michele, das Geſicht ſtrahlend Entzücken,„ich bin außer mir vor Freude ſchon bei dem Gedanken, doch Eure Hoheit ſpottet meiner.“ „Nein, nein,“ erwiederte Visconti,„ich fühle mich ebenſo ſehr erfreut, als Ihr nur immer ſein möget, daß die Herzogin einen ihren Intereſſen ſo ergebenen Diener haben wird. Und nun kehrt zu Euren Gefährten zurück, Signor, morgen werde ich mit Seiner Ercellenz ſprechen.“ „Empfangt meinen tiefgefühlten Dank, gnädiger Herr,“ ſprach Michele, das Knie beugend,„ich habe dieſe Güte aus Euren Händen kaum verdient.“ 1 205 Visconti ſtampfte ungeduldig auf den Boden und der Jüngling ſtand auf. „Bewacht ihn auf das Strengſte,“ ſagte der Herzog zu Saquarcia, ſobald ſie allein waren;„und wenn irgend etwas vorfüllt, benachrichtigt mich auf der Stelle. Du hatteſt Recht mit Deinem Verdacht. Es waltet ein Geheimniß bei dieſem Jüngling ob, das ich nicht ergründen kann.“ „Ich will es für Eure Hoheit enthüllen,“ erwiederte Sauarcia grimmig lächelnd.„Ich habe die Spur entdeckt und werde das Wild auftreiben, ſo gewiß als es mein beſter Wolfhund in den Tagen von Giobanni gethan.“ „Geh' denn, mein braber Bund,“ entgegnete Visconti, ihn mit einem Winke entlaſſend,„und wenn Du mir das edelſte Wild im Walde zum ſichern Schuſſe bringſt, ſoll Dein Lohn Deinem Dienſte angemeſſen ſein.“ „Mein Lohn mag der eines Hundes ſein, ein Schlag, wenn die That geſchehen iſt,“ entgegnete Squarcia trocken. „Gleichviel. Es ſoll den Befehlen Eurer Hoheit gehorcht werden.“ Hienach ging er zu Vollziehung ſeines Auftrags ab, während Visconti zu der Prinzeſſin zurückkehrte. Aufgeregt durch ſeine Unterredung mit dem Herzog und unfähig, zu begreifen, warum ihm ein ſolches Glück ſo plötz⸗ lich zu Theil geworden, konnte Michele Orombello weder mehr auf die Muſik hören, noch an dem Tanze Theil nehmen. Er trennte ſich von der Schaar der ſchwärmenden Gäſte und ſann über die Begegniſſe des Abends nach. Der Gedanke an die Herzogin war ihm beſtändig gegenwärtig. Er dachte an 206 ihre marmorne Wange, welche, zuvor bleich wie der Tod, bei dem Klange ſeiner Stimme plötzlich hoch erröthet war; an ihre großen, glanzloſen ſchwarzen Augen, die ſich, als er in der Melodie fortfuhr, von einem neuen Feuer entzündet hatten. Er hörte abermals ihren Befehl, ſich zu entlarven, ihren Schrei, als dem Befehle gehorcht wurde— und ſein Buſen bebte von ſeltſamer Erſchütterung. War das Intereſſe, das er in ſeinem Innern fühlte, Liebe? er wagte es kaum, ſich dieſe Frage vorzulegen. Und doch weigerte ſich ſein Herz, verneinend zu antworten. Während er in dieſe Betrachtungen verſunken war, fühlte er einen leichten Druck auf ſeinem Arme und hörte eine leiſe Stimme in ſein Ohr flüſtern: „Folget mir.“ Michele ſchaute umher, erblickte eine verlarvte Frau, ging ihr durch das Gedränge nach und trat in die große Halle, in der die Tänzer noch rüſtig und luſtig ihre Beine bewegten. Von da folgte er ihr die marmornen Stufen einer Treppe hinab, die in den Garten führte, ſchritt längs einer, durch Lampen beleuchteten Terraſſe hin und gelangte in einen vunkeln Gang, der auf beiden Seiten mit beſchnittenen Eiben⸗ bäumen beſetzt war. Hier bließ ſeine Führerin ſtille ſtehen und flüſterte ihm zu:„Folgt dieſem Pfade, Signor, er wird Euch zu einem Tempel führen, wo Ihr die Dame findet, die Eurer harrt.“ Mit klopfendem Herzen und raſchem Schritt eilte Michele den ihm bezeichneten Pfad entlang. Als er eben im Begriff war, in den Tempel einzutreten, warf er einen Blick zurück, und es kam ihm vor, als vermöchte er durch die Dunkelheit möchte er Euch in meine Nähe bringen, um uns Beide in 207 einen Mann zu unterſcheiden, der ihm nachſchlich. Er ſuchte den Gegenſtand genauer zu erkennen, doch er verſchwand⸗ Michele dachte, er könnte ſich getäuſcht haben, ſtieß die Thüre des Gebäudes auf und gewahrte die Herzogin. Sie war allein. Bei dem Lichte einer auf einem Tiſche neben ihr ſtehenden Lampe ſah Michele auf ihrem Antlitz die Spuren ſchweren Leidens, und obgleich ſie kämpfte, um ihre Haltung zu behaupten, erſchien ſie doch furchtbar aufgeregt. Des Jünglings erſter Gedanke war, ſich zu ihren Füßen zu werfen. Sie hob ihn ſogleich wieder auf. „Ich habe nach Euch geſchickt,“ ſprach ſie haſtig,„um Euch zu ſagen, daß Ihr in Gefahr ſchwebt. Es iſt mir Eure Zuſammenkunft mit dem Herzog und ſein Verſprechen zu Ohren gekommen; nie wird dieſes erfüllt werden.“ „Warum nicht, edle Frau?“ fragte Michele voll Er⸗ ſtaunen. „Ihr müßt ſogleich und insgeheim abreiſen, wenn Ihr Euer Leben erhalten wollt,“ fuhr ſie fort, ohne ſeine Frage zu erwiedern.„Der Herzog ſinnt auf Eure Vernichtung.“ „Wodurch habe ich ſeinen Zorn erregt?“ entgegnete Michele. „Durch Eure kühne Sprache,“ antwortete ſie.„Doch ich bin die Haupturſache ſeiner Feindſchaft gegen Euch.“ „Ihr, gnädigſte Frau!“ „Um offenherzig zu ſein,“ erwiederte die Herzogin nach kurzem Zögern:„er denkt, ich liebe Euch, und deshalb 208 das Verderben zu ſtürzen. Doch ich werde ſeinen Plan ver⸗ eiteln. Ihr wenigſtens ſollt den Fallſtrick vermeiden.“ „Denkt keinen Augenblick an mich, Madame,“ entgeg⸗ nete der Jüngling voll Leidenſcheft.„Ich beſchwöre Euch duldet, daß ich bei Euch bleibe, welcher Gefahr ich auch preisgegeben ſein mag.“ „Ich habe Euch bereits geſagt, daß es nicht ſein kann. Wollt Ihr mir Eure Ergebenheit beweiſen, Jſo werdet Ihr gehen. Ich bin Euch eine Erklärung über mern ſeltſames Benehmen ſchuldig und werde ſie Euch geben. Ich bin tief. tief bei Eurer Wohlfahrt betheiligt. Mißverſteht mich nicht es iſt nicht Liebe, was ich für Euch hege, wenigſtens nicht die Liebe, die der Herzog vorausſetzt. Ihr gleicht Eimem⸗ deſſen Andenken mir unendlich theuer iſt, ſo auffallend, Naß ich mir beinahe einbilden könnte, Ihr wäret es.“ „Eure Hoheit habe die Gnade, mir ſeinen Namen zut nennen!“ rief Michele ungeſtüm. „Laßt mich zuerſt den Eurigen und Eure Geſchichte wiſſen,“ entgegnete die Herzogin.„Beides iſt mir uube⸗ kannt.“ „Ich heiße Michele Orombello,“ antwortete der Jüng⸗ ling,„und weiß von meiner Geſchichte nur Folgendes: Ich wurde an den Ufern des Lago di Gardä von einem Bauern gefunden, deſſen Namen ich führe und dem ich dafür, daß er mich in meinen Kinderjahren ernährte, Dank ſchuldig bin. Als ich älter und mit meiner Lage unzufrieden wurde, verließ ich meine Heimath und meinen Beſchützer und wanderte unter verſchiedenen Wechſelfällen und Abenteuern von Stadt zu 209 Stadt, bis ich nach Neapel kam, wo ich das Glück hatte, die Aufmerkſamkeit von Antonio Caraffa zu erregen, der mich als Page zu ſich nahm. Ich durfte ihn bei ſeiner Botſchaft an den Hof des Herzogs, Eures Gemahls, begleiten.“ „Habt Ihr keinen Leitfaden zu Eurer Geburt?“ fragte die Herzogin, welche mit athemloſer Theilnahme auf dieſe Erzählung gehorcht hatte. „Nur dieſes,“ antwortete er, das Bruchſtück eines Briefes aus der Taſche ziehend.„Es wurde von meinem Erhalter, Orombello, bei mir gefunden. Die wenigen Worte, welche ſich entziffern laſſen, beziehen ſich auf die Vernichtung eines Kindes, wobei ohne Zweifel auf mich angeſpielt iſt. Es ſcheint der Befehl irgend eines mächtigen Adeligen an ſeinen Vafallen zu ſein. Doch ich habe vergebens den Schrei⸗ ber zu entdecken geſucht.“* „Gebt es mir!“ rief die Herzogin und nahm ihm haſtig das Papier aus der Hand. Während ſie es betrachtete, wurde ſie von einem hef⸗ tigen Zittern ergriffen. Sie ſchauerte vom Kopf bis zu den Füßen und wäre gefallen, hätte ſie Michele nicht zu unter⸗ ſtützen geſucht. „Eure Hoheit weiß, wer dieſen Brief geſchrieben?“ fragte er, ſobald ſich ihre Aufregung etwas gemäßigt hatte. „Ich weiß es,“ antwortete ſie,„doch fragt mich nicht, denn ich kann es Euch nicht ſagen. Die Enthüllung wäre unſelig. Es bangt mir jetzt mehr als je für Euer Heil. Ihr müßt den Palaſt ohne den geringſten Verzug verlaſſen. Der Erzähler. 1845. U. 210 Begebt Euch an das nördliche Thor der Stadt und in einer Stunde ſollt Ihr mit einem flüchtigen Roſſe verſehen werden. Zieht die Zügel nicht an, ehe Ihr Novara erreicht habt. Dort ſeid Ihr gerettet, meine getreuen Unterthanen werden Euch beſchützen. Morgen ſende ich Boten an Vincenzo Mar⸗ liano, den Gouberneur der Citadelle, ab. Er iſt ein ſicherer Freund von mir, und Ihr werdet von ihm die Bedeutung dieſes Geheimniſſes erfahren. Nehmt dieſes Gold und dieſes Geſchmeide,“ fügte ſie bei, indem ſie ein Käſtchen öffnete und den glänzenden Inhalt vor ſeinen Augen ausbreitete, wäh⸗ rend ſie zugleich eine Perlenſchnur von ihrem Halſe und einen goldenen Reif von ihrem Haupte löſte;„nehmt dies, Ihr werdet deſſen bedürfen,“ rief ſie, und drückte ihm die Juwelen in die Hände. Nachdem ſie ſo geſprochen, öffnete ſie ihre Arme und ſchloß den Jüngling, den das Erſtaunen ganz vernirrte, laut weinend an ihren Buſen. Aus dieſer traurigen Umarmung wurde ſie durch das plötzliche Oeffnen der Thüre erweckt, die ſich ſogleich wieder mit einem Geräuſche ſchloß, welches das ganze Gebäude er⸗ ſchütterte. Die Herzogin trennte ſich von dem Jüngling und erblickte Visconti. Er war begleitet von verſchiedenen Edlen ſeines Hofes und einem zuhlreichen Gefolge von Dienern, worunter Squarcia Giramo, auf deſſen Lippen ein Lächeln bitterer Befriedigung hervortrat. „Verloren! verloren!“ ſchrie die Herzogin. „Ihr ſollt nicht ungerächt ſterben,“ rief Michele, zog ſeinen Dolch und ſprang gegen den Herzog. Aber der Stoß ⁰ kehrte zu der Feſtlichkeit im Palaſte zurück wurde von Squarcia aufgefangen. Er packte den Jüngling beim Arm, entriß die Wafſe ſeiner Fauſt und würde ſie in ſein eigenes Herz getaucht haben, hätte ihn Visconti nicht abgehalten. „Verletze ihn nicht,“ rief dieſer,„ich habe ihm ein anderes Schickſal vorbehalten. Meine Herren,“ fuhr er fort, „Ihr ſeid insgeſammt Zeugen meiner Schande geweſen und werdet zur Steuer der Wahrheit ſagen, was Ihr ge⸗ ſehen.“ „Sicherlich, Eure Hoheit,“ antworteten ſie. „Nun, was ſprecht Ihr, iſt die Herzogin oder unſchuldig?“ „Schuldig,“ antwortete die Verſammlung enhinnig „Ein Wort, eh Ihr Euer Urtheil fällt, mein Herr,“ rief die Herzogin auf ihn zuſchreitend. „Nicht eines,“ verſetzte Visconti, indem er ſie ungeſtüm zurückſtieß.„Squarcia Giramo, laßt die Chebrecherin und ihren Buhlen ſogleich nach meinem Schloſſe Vinasco führen; dort mag die Folter mit ihnen unterhandeln.“ „Sie werden kein Geſtändniß einer Schuld von mir erzwingen,“ rief die Herzogin. „Von mir eben ſo wenig,“ fügte Michele bei. „Laßt ſie auf der Recke ſterben,“ rief der Herzog. Und gefolgt von ſeinem Hofe verließ er den Tempel und II. Beatrice di Tenda. Das alte Schloß Binasco, wohin die Gefangenen auf das Gebot des Herzogs geführt wurden, liegt ungefähr drei Meilen von Mailand, auf der Straße nach Pabia. Es iſt ein großes, finſteres Gebäude und war in der Zeit, von der die Rede, ſtark befeſtigt. Die Herzogin und ihr Geführte wurden in düſtere, unterirdiſche Kerker gebracht und hatten die grauſamſten Martern auszuſtehen. Mehr als zwanzigmal folterte man Beatrice auf der Recke, aber ihre Feſtigkeit erprobte ſich gegen die härteſten Qualen. Sie leugnete entſchloſſen das Verbrechen, das ihr zur Laſt gelegt wurde, und ließ ſich nicht herbei, ſich durch irgend eine Erläu⸗ terung wegen ihres geheimnißvollen Venehmens gegen Michele Orombello zu rechtfertigen. Da man das unglückliche Paar auf abgeſonderten Roßbahren nach dem Orte ihres Gefäng⸗ niſſes gebracht hatte, ſo war es ihnen unmöglich geweſen, ſeit ihrem unſeligen Zuſammentreffen im Tempel ein Wort auszutauſchen. Alle Fragen der Herzogin, ihren Mitgefangenen betreffend, wurden mit einem mürriſchen Stillſchweigen von Seiten der Kerkermeiſter beantwortet, und ſie vermochte nicht das Geringſte von ihm zu erfahren, bis eines Tags Squarcia Giramo, der ihre Verhöre überwachte und die Grade der Folter, denen ſie unterworfen wurde, vorſchrieb, in ihre Zelle trat und ihr mit einem Vlicke wilder Freude eröffnete, Michele habe geſtanden.. 6 213 „Das iſt falſch, Elender,“ entgegnete Beatrice ungläubig. „Er kann ein Verbrechen nicht geſtanden haben, das er nie begangen.“ „Der Jüngling iſt nicht von ſo unbiegſamem Stoffe gemacht, wie Eure Hoheit,“ entgegnete Squarcia grinſend. „Als wir dieſen Morgen im Begriffe waren, ihn auf das Rad zu binden, verlangte er losgelaſſen zu werden, bekannte ſeine Schuld in ihrem ganzen Umfang und unterzeichnete ſein Geſtändniß, das ſeitdem dem Herzog überbracht wurde, deſſen Ankunft im Schloſſe jeden Augenblick erwartet wird; er bat nur um einen ſchleunigen Tod, damit ſeine Leiden endlich ihr Ziel erreichen möchten, eine Bitte, welche, wie ich nicht be⸗ zweifle, gern bewilligt werden wird.“ „Abſcheulich!“ rief Beatrice wie vom Wahnfinn erfaßt. „Kann das wahr ſein?“ „Ich ſchwöre es beim Heile meiner Seele,“ erwiederte Saquarcia,„und ich rathe Eurer Hoheit, das Beiſpiel Eures Liebhabers zu befolgen. Fernere Hartnäckigkeit wird Euch nichts nützen.“ „Verruchter!“ rief Beatrice ſtolz. Doch ſogleich be⸗ meiſterte ſie ſich wieder und fügte bei:„Ihr ſagt, der Herzog werde im Schloſſe erwartet. Bei ſeiner Ankunft meldet ihm, ich müſſe ihn ohne den geringſten Verzug ſehen; ich habe ihm ein Geheimniß zu offenbaren, welches zu wiſſen höchſt wichtig für ihn ſei, das aber, wenn er nicht ſogleich komme, nie über meine Lippen gehen werde. Sagt ihm das und nehmt Euch in Acht, daß dem Jüngling keine Ver⸗ letzung zugefügt wird, oder ich finde Mittel, ſeinen Tod an „ ere eteie— 214 allen denjenigen, welche dabei betheiligt ſind, zu rächen. Hört Ihr mich?“ „Ich höre und werde Eurer Hoheit gehorchen,“ erwiederte Squartia. Und er verließ die Zelle. Worte vermögen die Angſt der Herzogin nicht zu ſchil⸗ dern. So furchtbar ihr körperliches Leiden in der letzten Zeit geweſen, ſo war es doch nichts gegen die geiſtige Marter, die ſie nun auszuſtehen hatte. Es bergingen mehrere Stun⸗ den. Visconti kam nicht. Zuletzt des Wartens müde, war⸗ ſie im Begriff, ſich ganz und gar ihrer Verzweiflung zu überlaſſen, als ſich die ſchwere Kerkerthüre auf ihren Angeln drehte und ihr Gemahl eintrat. Er erſchien in vollſtändiger Rüſtung, den Helm ausge⸗ nommen, den er, im Schloſſe angelangt, abgelegt hatte, und ſeine Blicke waren ſo ſchrecklich, als ſein ſtählernes Ge⸗ wand. „Was wollt Ihr von mir, Madame?“ fragte er nach einer Pauſe, während der er ſie ſcharf anſchaute. „Ich wünſchte mit Euch einen Handel um das Leben von Michele Orombello zu machen,“ antwortete ſie. „In der That!“ rief Visconti.„Und was könnt Ihr mir im Austauſch bieten?“ „Mein eigenes Leben,“ erwiederte ſie. „Es gehört bereits mir,“ entgegnete der Herzog. „Nicht ſo, mein Herr,“ ſprach Beatrice;„Ihr könnt mich geſetzlich nicht eher hinrichten, als bis ich das Verbre⸗ chen, deſſen man mich beſchuldigt, geſtanden habe. Ich mag auf der Recke verſcheiden, aber ich werde meine Unſchuld bis 215 zum letzten Augenblick behaupten, wenn Ihr nicht den Jüng⸗ ling zu verſchonen einwilligt. Sein Leben iſt im Vergleiche mit dem meinigen von keiner Bedeutung für Euch. Laßt mich tödten ohne Zeugſchaft, und die vier Städte, die ich Euch als Mitgift brachte,— Tortona, Novara, Vercelli und Alexan⸗ dria— werden in Empörung von Euch abfallen. Das wißt Ihr ganz wohl. Entſprecht Ihr jedoch meiner Vitte, ſo will ich vorbringen, was Ihr immer mir dictiren möget, und mich ſelbſt als gerecht verurtheilt erklären.“ „Eure Liebe für dieſen Jüngling iſt ſtärker, als ich dachte, ſtärker, als eine zufällige Neigung ſein kann,“ ent⸗ gegnete Visconti.„Wer iſt er?“ „Mein Sohn,“ antwortete Beatrice. „Euer Sohn!“ rief der Herzog zurückweichend. „Hört mich, Visconti,“ fuhr die Herzogin fort:„Bevor ich meinen erſten Gemahl, Vaeino Cane, heirathete, entbrannte ich in ſchuldbefleckter Leidenſchaft für einen von den Pagen meines Vaters. Die Frucht meiner Unborſichtigkeit war ein Sohn. Das Kind wurde Antonio Marliani, dem jetzigen Großſeneſchall von Nobara, damals aber meinem ehrfurchts⸗ vollſten Diener, anvertraut. Er ſagte mir, er habe es dem Tode überantwortet. Ich will nicht bei den Gewiſſensbiſſ en verweilen, die mir das ſchwere Vergehen, das ich begangen, oder das noch viel ſchwerere, durch welches ich daſſelbe zu ver⸗ bergen geſucht, verurſachten. Der Friede war für immer von mir gewichen und ich betrachtete meine ſpäteren Leiden als die gerechte Vergeltung des Himmels für mein verbrecheriſches Be⸗ nehmen.“ und zweifelt nicht, daß ich den meinigen erfüllen werde.“ 216 „Laßt das,“ entgegnete Visconti verächtlich.„Woran habt Ihr den Jüngling erkannt?“ „Seine Stimme erregte zuerſt meine Aufmerkſamkeit,“ antwortete die Herzogin,„und als ich ſeine Züge erblickte, fand ich die Aehnlichkeit mit dem, welchen ich geliebt, zu ſchlagend, als daß eine Täuſchung hätte obwalten können. Mein Herz verſicherte mich, daß er der Sohn war, den ich für todt ge⸗ halten, und als ich ſeine Geſchichte hörte, fand ich, daß ich mich nicht geirrt.“ „Der Jüngling weiß nichts von dem Geheimniß ſeiner Geburt?“ fragte der Herzog. „Nein, und er wird es auch nie erfahren,“ antwortete Beatrice. Visconti blieb eine Zeit lang in ein Nachdenken verſunken. Die Herzogin beobachtete ſeine Züge mit der tiefſten Angſt. Doch es war unmöglich, darin zu leſen, was in ſeiner Bruſt vorging. Endlich ſprach er: „Ich will den Jüngling unter den von Euch vorgeſchla⸗ genen Bedingungen verſchonen.“ „Schwöret es mir bei allen Euren Hoffnungen auf ein ewiges Heil,“ rief die Herzogin. „Mein Wort muß genügen, es iſt ſo bindend, als der ſtärkſte Eid,“ entgegnete er kalt. Die unglückliche Beatrice wagte es nicht, ihm zu wider⸗ ſprechen. „In wenigen Minuten wird Alles in Ordnung ſein,“ fuhr der Herzog fort.„Erfüllet Euren Theil des Vertrags, — 217 r ſo geſprochen, entfernte er ſich. war ſeine erſte Sorge, Squarcia Giramo aufzufu⸗ chen. Nachdem er dem Diener verſchiedene Befehle gegeben hatte, endigte er folgendermaßen: „Triff alle Vorkehrungen zur Hinrichtung. Laß einen Block in den Hof bringen und den Scharfrichter mit dem Todeswerkzeug auf der Schulter ſich neben denſelben ſtellen. Iſt Michele aus meiner Gegenwart entlaſſen und ich mache kein Zeichen, ſo dulde, daß er unberletzt aus dem Schloſſe weggeht. Siehſt Du aber meine Schärpe in meiner Hand flattern, ſo packe ihn und laß ihm auf der Stelle den Kopf abſchlagen.“ „Ich verſtehe,“ antwortete Squarcia. Bald hernach begab ſich Visconti auf eine Plattform, von wo er den Hof überſchaute und wahrnahm, daß ſeine Befehle pünktlich vollzogen wurden. Es erſcholl eine Trom⸗ pete, und ſogleich wurde der Aufforderung durch eine große Schaar von Edelleuten, die ihn von Mailand aus begleitet hatten, entſprochen. Der Herzog erklärte den Verſammelten, er habe ſie zuſammenberufen, damit ſie das Geſtändniß der Serzogin hören, welche, ihre Schuld bereuend, dieſe durch ihr Blut zu ſühnen wünſche. Nachdem er geſprochen, öffnete ſich eine Thüre an einem Ende der Plattform und Beatrice wurde hereingeführt, während von dem Portale an dem entgegenge⸗ ſetzten Ende Michele Orombello kam. So ſich gegenüberge⸗ ſtellt, ſchauten die unglückliche Mutter und ihr Sohn einander ſtillſchweigend an. Entkräftet durch die Folter, die er er⸗ ————- 218 duldet, ſah Michele wie ein Schatten ſeiner früheren Perſon aus. Die Herzogin ſchien ebenfalls ſchwer gelitten zu haben und nicht minder niedergeſchlagen zu ſein. Doch ſie hatte ſich offenbar zu einer mächtigen Anſtrengung aufgerafft und ihre Haltung zeigte die gewöhnliche Majeſtät. Ihr Anzug war in Unordnung und ihr dunkles Haar floß ungebunden über ihre Schultern herab. Ihr Anblick erregte das tiefſte Mitleid unter den Zuſchauern. „Meine edlen Herren,“ ſprach ſie mit feſtem Tone,„Ihr wißt ohne Zweifel, aus welchem Grunde man mich hierher⸗ gebracht hat. Ich bekenne mich ſchuldig gegen den Herzog. Ich erwarte und wünſche keine Gnade, ich bitte nur, daß die Strafe für mein Vergehen mein eigenes Haupt treffen möge. Ich allein bin ſchuldig. Laßt denjenigen, welchen ich in Ver⸗ ſuchung geführt, nicht wegen meines Fehltritts leiden!“ Michele, deſſen Sinne völlig betäubt zu ſein ſchienen, machte keinen Verſuch, ſie zu unterbrechen. Er ſchaute ſie an, als verſtünde er nicht klar, was ſie ſagte, und als ſie zu ſprechen aufgehört, ließ er ſein Haupt auf die Bruſt ſinken. „Dieſes Gold und dieſe Juwelen— die letzteren, wie man weiß, der Herzogin gehörig— wurden bei dem jungen Gefangenen gefunden,“ ſagte der Kerkermeiſter vortretend. „Ich habe ſie ihm gegeben,“ ſprach Beatrice,„und ich bekräftige, was ich ſo eben zugeſtanden, daß ich die Verſu⸗ cherin geweſen bin.“ „Zum Henker!“ rief Visconti, ſchleuderte die Juwelen 2¹9 auf den Voden und ſtampfte ſie mit geheuchelter Wuth unter ſeinen Füßen. „Ihr habt das Geſtändniß der Hetzogin gehört, meine Herren, und ſollt nun meine Entſcheidung vernehmen. In Rückſicht auf die Jugend Michele's und die zu ſeinen Gunſten vorgebrachten Umſtände willige ich ein, ſein Leben zu ſchonen. Doch was ſie betrifft, die mein Ehebett geſchändet und meinen Namen befleckt hat, ſie ſoll kein Mitleid erfahren. Sie ſterbe noch zu dieſer Stunde!“ Es trat ein tiefes, furchtbares Stillſchweigen ein, das nur durch die Seufzer von Orombello unterbrochen wurde, der, obgleich kaum deſſen bewußt, was um ihn her vorging, die gefährliche Lage der Herzogin zu begreifen ſchien. Er machte wiederholt Verſuche, ſich Visconti zu Füßen zu werfen, doch die Leute, die ihn umgaben, hielten ihn davon ab. „Nehmt den Gefangenen fort und ſetzt ihn in Frit 4 ſprach der Herzog zu den Wachen. „Laßt mich ihn umarmen, ehe er geht. Laßt mich ihm ein ewiges Lebewohl ſagen!“ rief Beatrice. „Ihr verlangt mehr als bewilligt werden kann, verirrtes Weib,“ entgegnete Visconti.„Bringt ihn weg.“ Es wurde dem Befehl Folge geleiſtet, und als man Mi⸗ chele wegführte, warf er noch einen Blick unausſprechlicher Angſt auf ſeine Mutter. „Verlaßt mich, meine Berren,“ ſagte Visconti zu den Edelleuten,„ich habe noch ein paar Worte mit der Her⸗ zogin zu ſprechen.“ Sie waren allein und ſchauten einander in das Antlitz. Und wer ſie geſehen und nichts von dem Verhältniß gewußt hätte, in welchem ſie gegen einander ſtanden, würde Visconti für den Verbrecher und Beatrice für den Richter gehalten haben, ſo niedergeſchmettert war der erſtere durch den auf ihn gehefteten Blick. Keines ſprach, doch jedes muthmaßte die Gedanken des andern. Plötzlich rief Beatrice:„Ich höre ihn im Hofe.... ich werde ihn noch einmal ſehen!“ Und ehe man ſie abhalten konnte, lief ſie nach der nie⸗ drigen Mauer, welche die Plattform einfaßte, beugte ſich über dieſelbe und ſchaute in den Hof hinab.„Ich ſehe ihn,“ ſprach ſie,„die Wachen nehmen ihm ſeine Bande ab! Er iſt frei! Er ſchlägt den Weg nach dem Thore ein! Ihr habt Euer Wort gehalten, Visconti, und mein ſterbender Athem ſoll Euch ſegnen. Mein armer Sohn! ſeine Schritte wanken. Er iſt ſo ſchwach, daß er ſich kaum aufrecht halten kann. Er wird fallen! Nein, er belebt ſich wieder. Oh! die furchtbare Recke. Ihr hättet ſeine zarten Glieder ſchonen ſollen, Visconti. Doch er wird leben und ich bin zufrieden. Ha! was ſehe ich? dort hinter jenem Pfeiler iſt ein Block, und daneben ſteht ein Mann und ſchwingt ein zweihändiges Schwert.“ „Der Block und das Schwert für Euch,“ ſagte der Herzog,„kommt, kommt!“ „Squarcia Giramo iſt unter dem Haufen. Ich würde ſein häßliches Geſicht unter tauſenden erkennen. Er ſchaut hierher, er erwartet ein Signal.“ 221 „Er iſt begierig nach Eurer Hinrichtung und Ihr habt auch lange genug geſchaut,“ verſetzte Visconti und riß ſie mit 5 Gewalt von der Brüſtung. „Visconti!“ rief die Herzogin, auf ihre Kniee fallend, „Ihr wollt ihn tödten, Ihr habt mich hintergangen!“ „Was bringt Euch auf dieſen Gedanken,“ entgegnete der Herzog, indem er die Schärpe von ſeinem Bruſtharniſch mit der linken Hand losmachte, während er mit der rechten die Hetzogin feſthielt.„Was bringt Euch auf dieſen Ge⸗ danken 2“ „Euer Ausſehen— dieſe unſeligen Vorkehrungen— Alles,“ antwortete Beatrice. „Er wird bald aus meinem Bereiche ſein,“ entgegnete Visconti und ließ, ohne daß es die Herzogin bemerkte, ſeine Schärpe flattern. Das Signal wurde auf der Stelle durch das Blitzen des Schwertes beantwortet. Visconti, der einen Blick über ſeine Schulter warf, konnte den Schlag nicht führen. ſehen, aber er hörte den dumpfen Klang des auf den Block fallenden Schwertes. „Oh! was iſt das?“ rief Beatrice, erſchrocken über das Geräuſch.„Antwortet mir, wie Ihr Eurem Schöpfer antwor⸗ ten werdet: habt Ihr ihn erſchlagen?“ „Geht und ſeht,“ erwiederte der Herzog und ließ Bea⸗ trice los. Beatrice ſtürzte nach der Brüſtung.— Sie erblickte eine Gruppe rund um den Block, die ſich im nächſten 22² Augenblick theilte und den kopfloſen Rumpf ihres Sohnes enthüllte. Die unglückliche Mutter ſtrauchelte rückwärts und rief in wahnſinnigem Schmerz: „Falſcher Herzog! falſcher, ehrloſer Edelmann! Ihr habt Euer Wort gegen mich gebrochen und es wird Euch fortan keiner mehr trauen. Euer Name ſoll getrübt ſein und Euer Gedächtniß verabſcheut. Schmach und Schande ſoll Euer An⸗ theil ſein und die Martern, die Ihr über mich verhängt, ſollen Euch mit zehnfacher Schärfe vergolten werden!“ Und von der Heftigkeit der Gemüthöserſchütterung überwältigt, ſank ſie be⸗ wußtlos auf das Pflaſter. Sie erholte ſich nur von ihrer Ohnmacht, um ſich auf einen ſchleunigen Tod vorzubereiten. Ehe ſie zu dem Blocke geführt wurde, hatte ſie eine kurze Unterredung mit einem Prieſter, der die letzten Gebräuche der Religion bei ihr ver⸗ ſehen ſollte und ſie gab ihm einen Ring. Dann fügte ſie ſich ruhig in ihr Schickſal und der Scharfrichter vollzog ſein Amt. Sobald Alles vorüber war, verließ der Mönch das Schloß und ſagte, er habe in dieſer Nacht in dem Kloſter von San Simpliciano in Mailand Meſſe für die Seele der hingeſchiedenen Herzogin zu leſen. Visconti kehrte am nächſten Tage nach dem Palaſte zu⸗ rück. Als er daſelbſt ankam, erfaßte ihn der tiefſte Schrecken bei der Nachricht, die Prinzeſſin von Carrara ſei ſchwer er⸗ krankt. Es wurde von Stunde zu Stunde ſchlimmer bei ihr, und ſie ſtarb in der nächſten Nacht nach furchtbarem Todes⸗ 1 223 kampfe An dem Ausſehen ihres Körpers ließ ſich klar erken⸗ nen, daß ihr Tod durch Gift verurſacht worden war. Der Ver⸗ dacht fiel auf den Mönch, der, wie man verſicherte, die Prin⸗ zeſſin bei ſeiner Rückkehr von Binasco beſucht hatte. Man ſchickte ſogleich Leute ab, um ihn zu fahen, aber er hatte bereits für ſeine Sicherheit geſorgt und war nach Venedig entflohen. Ein nchtliches Abentener in Rom. Von William Harriſon Ainsworth. Nach dem Engliſchen von A uguſt Poller. —— I. Santa Maria Maggiore. ch befand mich im Auguſt 1830 in Rom und beſuchte die prachtvolle Kirche Santa Maria Maggiore während der Feier des Himmelfahrts⸗ feſtes. Es war ein herrlicher Anblick für einen, der an die eindrucksvollen religiöſen Gebräuche der römiſchen Kirche nicht gewöhnt, Zeuge zu ſein von all dem Glanze und Prunke, wie er bei dieſer hohen Feierlichkeit entwickelt wird, durch das ſtrahlende Gebäude hinabzuſchauen und die verſchiedenen kirchlichen Würdenträger zu be⸗ dung, beſchäftigt mit der Spenzung ihrer heiligen Funttionen michten, alle in ihrer eigenthümlichen characteriſtiſchen Klei⸗ 225 und umgeben von einem weiten Halbkreiſe päpſtlicher Gar⸗ den, welche ſo aufgeſtellt ſind, daß ſie die Menge zurück⸗ halten und mit ihren ſchimmernden, ſchärlachrothen Uniformen und langen Helebarden ausſehen, wie die martialiſchen Figuren, die wir in den Skizzen von Callot erblicken. Die großartige Wirkung dieſes Gemäldes wurde keines Wegs vermindert durch den koſtbaren Rahmen, in den es gefaßt war Ueber dem Haupte funkelte eine Decke, glänzend von brunirtem Gold, vor mir erhob ſich ein Prachthimmel, getragen von porphhrnen Pfeilern und ſchimmernd von vielfarbigen Steinen, während ſich auf jeder Seite Kapellen, irgend einem edlen Hauſe ge⸗ . weiht, und jede das marmorne Andenken an einen Papſt zur d Schau tragend, fanden. Melodiſche, dem Gottesdienſte ent⸗ ſprechende Meſſen wurden fortwährend von dem päpſtlichen Chore geſungen und hunderte von Rauchfäſſern ſtrömten über⸗ wältigende Wohlgerüche aus. Betäubt durch die Gerüche, die Muſtk und das Schau⸗ ſpiel verſank ich in einen Zuſtand träumeri ſcher Begeiſterung, während deſſen ich mir beinahe wie ein zum römiſchen Glau⸗ ben Bekehrter vorkam und mich unbedingt der Bewunderung ſeiner Irrthümer hingab*). Als ich unter der mich umgeben⸗ 5 den Menge umherſchaute und ſo viele niedergeworfene Geſtal⸗ ten, insgeſammt mit den Zeichen der tiefſten Andacht, erblickte, überzeugte ich mich von dem tiefen religisſen Eindruck, den dieſe Ceremonien herborbrachten. Wie anderswo war dieſe Em⸗ pfindung nicht allgemein, wie anderswo offenbarte ſich mehr *) Worte eines Hochkirchlichen. Der Erzähler. 1846. u. 226 Eifer in den unteren, als in den höheren Claſſen der Geſell⸗ ſchaft, und ich bemerkte gelegentlich das Funkeln eines Auges oder das Wogen eines Buſens, das, wie ich vermuthete, nicht. von heiligen Aſpirationen herrühren mochte. Doch es kam mir im Ganzen vor, als hätte ich nie ein ſolches völliges Hingeben der Seele, eine ſolche Demüthigung des Geiſtes in meinem eigenen kälteren Clima und während der Uebung meines eigenen geläuterten Glaubens geſehen, wie ich dies jetzt auf verſchiedenen Seiten gewahrte; und ich beineidete bei⸗ nahe das arme Mädchen in meiner Nähe, das auf die Erde geworfen, ſeine Sorgen und vielleicht ſeine Sünden in Thrä⸗ nen der Zerknirſchung weggewaſchen hatte. Während ſolche Gedanken meinen Geiſt durchſchwebten, gewährte es mir ein Vergnügen, einzelne Figuren und Grup⸗ pen, die mich wegen der Eigenthümlichkeit ihrer Tracht oder wegen ihrer frommen Inbrunſt intereſfirten, auszuſondern und näher zu betrachten. Unter Andern bemerkte ich etwas links von mir eine Truppe von Bergbewohnern Calabriens; für ſolche hielt ich ſie ihrer wilden maleriſchen Tracht nach. Jede einzelne Perſon dieſer kleinen Gruppe von Landvolk ſchien mächtig ergriffen von den Eindrücken der Ceremonie. Jedes Auge war demüthig zu Boden geſchlagen; jedes Knie gebeugt; jede Hand war entweder beſchäftigt, das kleine von des Eigen⸗ thümers Hals herabhängende Crucifir zu umfaſſen, die Kügel⸗ chen des Roſenkranzes zu zählen, oder andächtig auf der bloßen ſchwarzbraunen Bruſt gekreuzt. Während ich auf dieſe Gruppe ſchaute, fiel mein Auge auf einen Mann, den ich bis jetzt noch nicht bemerkt hatte, —,— ——— 4 1—— —— 227 der aber nun meine Aufmerkſamkeit unwiderſtehlich feſſelte. Obgleich von den calabreſiſchen Bergbewohnern etwas entfernt und an die marmorne Wand der Kirche angelehnt, gehörte er doch offenbar zu derſelben Geſellſchaft; wenigſtens ſchien dies ſeine Kleidung anzudeuten, wenn auch der Adel ſeiner Geſichts⸗ bildung ihn als hoch über ſeinen Kameraden ſtehend bezeich⸗ nete. Er war ein alter Mann mit einem Antlitz von dem ſchönen, antiken römiſchen Gepräge— einer kühnen Zeichnung der hervorſtehenden Naſe, einer ſtarken, gebieteriſchen Aug⸗ braue und einem ſtolz geſchnittenen Kinn. Sein Hinterhaupt und ſein Kinn, ſo wie ſeine nackte Bruſt, waren mit den ſchneeigen Ehrenbezeigungen vieler Win⸗ ter übergoſſen und ihr weißes Ausſehen bildete einen auffal⸗ lenden Contraſt mit der lohigen Farbe einer Haut, welche bei⸗ nahe ſo dunkel und glänzend war, wie polirtes Eichenholz. Obgleich ein Bauer, lag doch etwas Vornehmes, Majeſtätiſches in des alten Mannes Haltung und Phhſiognomie. Sein Kopf neigte ſich rückwärts, ſo daß ſein langer muskeliger Hals völ⸗ lig ſichtbar war. Seine Arme hingen nachläßig an ſeiner Seite herab; ſeine Augen waren geſchloſſen. Des alten Man⸗ nes Anzug war von der rauhſten Beſchaffenheit; er trug nur ein Hemd, eine offene Weſte, eine Art von Mantel von Schaf⸗ fell und an den Knieen mittelſt lederner Riemen gebundene Soſen von grober Leinwand. Seine Erſcheinung war indeſſen über ſeinem Stande; er trug ſeine Lumpen ſo ſtolz, als nur ein Fürſt ſein mit Hermelin verbrämtes Gewand hätte tragen können. Je ſchärfer ich die ſtrengen Linien im Antlitz dieſes alten 228 Mannes betrachtete, deſto mehr wurde ich überzeugt, daß viele ſeltſame und vielleicht nicht ganz ſchuldloſe Ereigniſſe mit ſei⸗ ner Geſchichte verflochten waren. Der Roſenkranz lag in ſei⸗ ner Hand— das Kreuz auf ſeiner Bruſt— die Kügelchen blieben ungezählt— das Crucifir unberührt— nicht ein Athem eines Gebets kam über ſeine Lippen. Sein Geſicht war himmelwärts gewendet, aber er hatte die Augen geſchloſ⸗ ſen— er durfte ſie nicht öffnen. Warum kam er hieher, wehn er nicht zu beten wagte? Warum nahm er die Stel⸗ lung eines Büßenden an, wenn er keine Reue in ſich fühlte? Ich war ſo ſehr verſunken in die Betrachtung des wech⸗ ſelnden Ausdrucks in den Geſichtszügen des alten Mannes, daß ich es kaum wahrnahm, als das Hochamt endigte und ſich die Menge nach und nach in dem heiligen Gebäude zerſtreute. Die Muſik war erloſchen, die Prälaten in ihren Feſtgewändern waren mit ihrem Gefolge verſchwunden, muntere Frauen eilten durch die marmornen Flügel der Kirche, um ihre Equipagen zu erreichen; Alle, mit Ausnahme einiger knieenden Figuren in der Nähe der Kapellen, brachen nach und nach auf; auch der alte Mann, durch das um ihn her entſtehende Geräuſche und Geſumme darauf aufmerkſam gemacht, daß die Ceremonie beendigt war, ſtreckte ſeinen Arm nach einem von ſeinen Ka⸗ meraden, einem Jüngling, der ſich ihm genähert hatte, aus und ſchickte ſich an, dem allgemeinen Zuge zu folgen. War er wirklich blind? Sicherlich nicht. Er ging nicht wie einer, der an das bitterſte Ungemach gewöhnt iſt, das un⸗ ſere Natur treffen kann. Er ſtrauchelte im Gehen auf ſeinem Wege und taumelte hin und her. Warum wagte er es jedoch 229 nicht, ſeine Augen in dem Tempel des Allerhöchſten zu öffnen? Was hätte ich nicht dafür gegeben, wenn mich Jemand mit ſeiner Geſchichte bekannt gemacht haben würde, denn ich fühlte, daß es eine ſeltſame Geſchichte ſein mußte! Ich wollte meine Neugierde mit einem Schlage befriedi⸗ gen. Er ging von ſeinem Kameraden geleitet ſachte vorwärts. In wenigen Minuten wäre es zu ſpät geweſen, ich hätte ihn aus dem Geſichte verloren. Mit haſtigen Schritten folgte ich ihm durch die Kirche und legte ihm, als ich ihn erreichte, meine Hand mit einer gewiſſen Heftigkeit auf die Schulter. Der alte Mann erſchrak bei meiner Berührung und wandte ſich um. Nun waren ſeine Augen weit geöffnet und blitzten mich in ihrer ganzen Fülle an— und was für Au⸗ gen! Bis jetzt hatte ich nur von ſolchen geträumt. Das Alter hatte ihre Flamme nicht gedämpft und der Muth ſank mir etwas unter den mächtigen Funken, die ſie auf mich war⸗ fen. War ich Anfangs erſtaunt über die Offenbarung eines Zornes, den ich in ihm hervorgerufen, ſo ſtaunte ich noch viel ₰ mehr, als ich wahrnahm, wie ſich der ganze Ausdruck ſeines Geſichtes plötzlich veränderte. Seine Augen blieben ſtarr auf die meinigen geheftet, als wäre ich ein Baſilisk geweſen. Er konnte ſie ſichtbar nicht abwenden, während ſeine ganze Ge⸗ ſtalt vor Aufregung zitterte. Ich näherte mich ihm, er führ zurück und wäre ohne die ſchleunige Unterſtützung ſeines Ka⸗ meraden auf das Pflaſter gefallen. Da ich nicht wußte, wie ich mir die große Unruhe er⸗ klären ſollte, die ich bei ihm veranlaßt, trat ich raſch vor, um den alten Mann ebenfalls zu unterſtützen; aber ſein Sohn, 230 als ſolchen erkannte ich ihn ſpäter, ſtieß mich ungeſtüm zurück und fuhr mit der Hand in ſeinen Gürtel, als ſuchte er etwas⸗ um fernere Zudringlichkeit abzuwenden. Mittlerweile hatte die Gruppe Zuwachs durch die An⸗ kunft einer dritten Perſon bekommen, welche durch den Schrei, den der alté Mann bei ſeinem Falle ausgeſtoßen, herbeigezogen worden war. Der Ankömmling war ein vornehmer Italiener von etwas vorgerückten Jahren, ernſter, ſtolzer Haltung und einigermaßen finſterem, zurückſtoßendem Weſen. Er eilte auf den alten Mann zu, blieb aber plötzlich ſtehen und war im Begriff, umzukehren, da er meiner anſichtig wurde. Als un⸗ ſere Augen ſich begegneten, bebte er zurück, und ein Schrecken, ſo plötzlich und heftig, als der, den der alte Mann kundge⸗ geben, war in ſeinen Geſichtszügen ausgeprägt. Mein Erſtaunen überſtieg nun jede Grenze und ich blieb einige Augenblicke in ſprachloſer Verwunderung auf meinem Platze ſtehen. Der unerklärliche Schrecken, den der alte Mann und der Fremde in ihren Geberden enthüllten, theilte ſich mir in hohem Maße mit. Wir bildeten ein geheimnißvolles, furcht⸗ bares Dreieck, von dem jede Seite eine ſeltſame, unbegreifliche Beziehung zu der andern hatte. Der Fremde gewann zuerſt wieder ſeine Faſſung, jedoch nicht ohne eine gewiſſe Anſtrengung. Er wandte ſich kalt vor mir auf den Ferſen um, ging auf den alten Mann zu und ſchüttelte ihn kräftig. Der letztere ſchrak vor ſeinem Griffe zurück und ſuchte ihn zu vermeiden; es war jedoch unmöglich. Der Fremde flüſterte ihm ein paar Worte in das Ohr, deren Gewicht ich, da ſeine Geberden mir zugewendet waren, errathen ——= — 231 konnte. Der alte Mann erwiederte etwas, wobei ſeine Miene die des Flehens um Verzeihung war. Der Fremde ant⸗ wortete auf eine wilde, heftige Weiſe und ſtampfte ſogar mit dem Fuße, aber der alte Mann umklammerte fortwährend die Kniee des Unbekannten. „Schwacher, abergläubiſcher Narr!“ rief endlich der Fremde,„ich will keine Worte mehr an Dich verſchwenden. Thue oder ſage was Du willſt, aber nimm Dich in Acht!“ Und er ſtieß ihn hochmüthig mit dem Fuße zurück und ſchritt hinweg. Des alten Mannes ehrwürdiges Haupt ſchlug auf den Marmorboden. Sein Schlaf wurde durch den Fall aufgeriſſen und das Blut ſchoß in Strömen aus der Wunde. Sich wie⸗ der erholend ſchaute er zu ſeinen Füßen— ſogleich war ein Meſſer in ſeiner Hand, und er würde ſeinen Angreifer verfolgt und ohne Zweifel niedergeſtoßen haben, wäre er nicht mit Ge⸗ walt von ſeinem Sohne und von einem Prieſter, der herbei⸗ lief, zurückgehalten worden. „Maledizione!“ rief der alte Mann,„ein Schlag von ihm. von dieſer Hand! ich ſteche ihn nieder, und wäre es am Fuße des Altars; hätte er tauſend Leben, jedes müßte mir dafür bezahlen. Laß mich los, Paolo! laß mich los! denn beim Himmel er muß ſterben!“ „Friede, Vater,“ rief der Sohn mit ihm ringend. „Du biſt nicht mein Sohn, daß Du meiner Rache in den Weg trittſt!“ ſchrie der wüthende Vater.„Siehſt Du nicht dieſes Blut... mein Blut... Deines Vaters Blut? Und Du hiältſt mich zurück! Du hätteſt ihn für dieſe That 132 niederſchlagen ſollen; doch es war ein Adeliger und Du wagteſt es nicht, die Hand gegen ihn zu erheben.“ „Hätte ich ihn an dieſer heiligen Stelle erſchlagen ſollen?“ rief Paolo, vor Schrecken und unterdrückter Auf⸗ regung erröthend. „Nein, nein,“ entgegnete der alte Mann mit bebender Stimme,„nicht hier, nicht hier, wenn es auch nur gerechte Wiedervergeltung wäre. Ich werde andere Mittel zur Rache finden. Ich werde ihn angeben, ich werde Alle verrathen, obgleich es mich mein eigenes Leben koſtet! Er ſoll durch die Hände des Nachrichters ſterben; hier iſt einer, der für mich zeugen wird!“ und er deutete auf mich. Ich ging abermals näher auf ihn zu. „Bedarfſt Du zu Deiner Eröffnung eines Mannes der heiligen Kirche, ſo bin ich bereit, Dich zu hören, mein Sohn,“ ſprach der Prieſter;„doch überlege es wohl, ehe Du eine Anklage vorbringſt, die Du nicht gegen Einen, welcher ſo hoch in Ehren ſteht, wie der, welchen Du beſchuldigen willſt, auf⸗ recht zu erhalten vermagſt.“ Der Sohn warf ſeinem Vater einen warnenden Blick zu und flüſterte ihm etwas in das Ohr. Der alte Mann wurde plötzlich ſtill. „Ganz richtig,“ ſagte er nach einigen Augenblicken; vich habe es mir überlegt. Es war nur ein Schlag. Er iſt reich, ich bin arm; es gibt keine Gerechtigkeit für den Armen in Rom.“ „Meine Börſe ſteht zu Euren Dienſten,“ ſagte ich, in das Mittel tretend,„Ihr ſollt'meine Unterſtützung haben.“ —— — ———— 233 „Ihre Unterſtützung!“ entgegnete der alte Mann, mich anſtarrend,„Sie wollen mich unterſtützen, Signor?“ „Ja, mein Freund.“ „Gut. Ich werde Sie an die Erfüllung Ihres Ver⸗ ſprechens erinnern.“ „Halt, alter Mann,“ ſagte ich,„beantwortet mir eine Frage, ehe Ihr geht. Woraus entſprang vorhin Euer Schrecken 2“ „Sie ſollen es ſpäter erfahren, Signor,“ antwortete er; „ich muß nun fort. Wir werden uns wiederſehen. Folgen Sie mir nicht,“ fügte er bei, als er ſah, daß ich auf weitere Erläuterung des Geheimniſſes dringen wollte,„Sie erfahren jetzt nichts und gefährden nur meine Sicherheit. Addio, Signor,“ rief er und verließ, begleitet von ſeinem Sohne, mit haſtigen Schritten die Kirche. „Wer iſt dieſer alte Mann?“ fragte ich den Prieſter. „Ich weiß es ebenſo wenig, als Sie,“ antwortete er, „aber man muß nach ihm ſchauen, denn er ſpricht bedrohlich.“ Und er winkte einem Diener. „Wer war der Mann, der ihn ſchlug?“ fragte ich ſodann. „Einer unſerer wohlhabendſten Adeligen,“ ſagte der Prieſter,„und ein ſicherer Freund der Kirche. Verliert den Alten nicht aus dem Geſicht,“ ſprach er zu dem Diener, „und laßt die Sbirri ſeine Spur verfolgen und ihre Höhlen umſtellen, man darf ſie dieſe Nacht nicht weggehen laſſen. Ein paar Stunden Gefängniß werden ihr heißes calabreſiſches Blut abkühlen.“ 234 „Aber der Name des Edelmanns, Vater?“ ſagte ich, meine Frage wiederholend. „Ich muß jede weitere Frage von mir weiſen,“ ent⸗ gegnete der Prieſter mit kaltem Tone;„ich habe andere Geſchäfte und mittlerweile wird es gut ſein, wenn dieſe Flecken getilgt werden, denn ſie könnten in unſern heiligen Mauern Aergerniß erregen. Sie werden mich entſchuldigen, mein Sohn.“ Nach dieſen Worten verbeugte er ſich und ging ſeines Weges. Ich forſchte fruchtlos an der Thüre der Kirche nach dem alten Mann. Er war weggegangen und keiner von den Umſtehenden wußte, wohin er ſeine Schritte gelenkt. Von der Neugierde angetrieben, wanderte ich den Tag hindurch in den unbeſuchteſten Quartieren Roms umher, in der Hoffnung, dem alten Calabreſen zu begegnen, doch um⸗ ſonſt. Als ich jedoch in den Hof meines Gaſthauſes trat, glaubte ich unter den um die Thüre her lungernden Leuten die ſchwarzen Augen des jungen Bergbewohners zu entdecken. Ich mochte mich getäuſcht haben, denn Niemand hatte einen Menſchen, wie ich ihn beſchrieb, in der Nähe des Hauſes geſehen. . Die Marcheſa. Une chose ténébreuse faite par des hommes ténebreux. Lucrece Borgia. In derſelben Nacht wandte ich meine Schritte nach dem Coliſſeum und ſah mich in Folge meines Abenteuers am Morgen ————— —— 235 nicht ohne eine gewiſſe Angſt in ſeine labhrinthiſchen Gänge verwickelt. Begleitet von einem Mönche, der mir mit einer kleinen Hornlaterne in der Hand als Führer diente, bildete ich mir ein, ich erblicke bei dem unſichern Lichte Geſtalten, welche in den Schatten der Ruinen umherſchlichen. Doch welcher Verdacht ſich auch bei mir regte, ich ſetzte meine Wanderung ſtillſchweigend fort. Aus dem Vomitorio hervortauchend, ſtanden wir auf den Stufen des koloſſalen Amphitheaters. Das mächtige Gebäude war von roſigem Mondſcheine übergoſſen und erhob ſich in ernſter Majeſtät vor meinen Blicken. Während ich in tauſend, durch die Stunde und den Ort veranlaßte Betrachtungen verſunken war, erblickte ich plötzlich eine Geſtalt auf einem Punkte der Ruine unmittelbar über mir. Es war nur der Kopf ſichtbar; doch dieſer hob ſich in kühnem Relief von dem glänzenden Nachthimmel ab und ich erkannte ihn ſogleich. Kein edlerer Römer hatte je den Cireus geſchmückt, als Rom noch in ſeinem Zenith war. Ich rief dem alten Calabreſen zu, denn er war es, den ich erblickte. Beinahe ehe der Ton meine Lippen ver⸗ laſſen, war er verſchwunden, und ich theilte dem Mönche mit, was ich geſehen. Er war beſtürzt, drang auf ſchleu⸗ nigen Aufbruch und gab mir den Rath, den Beiſtand der Schildwache zu ſuchen, welche am Eingang des Gebäudes aufgeſtellt war. Dieſem Vorſchlag pflichtete ich bei; ich ſtieg die breiten Stufen hinab, durchſchritt die offene Arena, und wir gelangten, ohne beläſtigt zu werden, zum Thorweg. Der Soldat von der Wache hatte Niemand an ſich vorbeigehen * ————— 236 laſſen. Er kehrte mit mir zu dem Cireus zurück und bot mir, nach einer erfolgloſen Nachforſchung unter den Ruinen, ſeinen Dienſt an, um mich über das Forum nach Hauſe zu geleiten. Ich ſchlug ſein Anerbieten aus und wanderte nach einem einſamen Vicolo zur Rechten. Ich war dadurch der Gefahr preisgegeben; aber ich kümmerte mich nicht darum und wanderte langſam über den verlaſſenen Platz vorwärts. Kaum war ich eine kleine Strecke gegangen, als ich raſch nahende Fußtritte vernahm, und ehe ich mich umwenden konnte, waren meine Arme von hinten gepackt und eine Binde um meine Augen befeſtigt. Alle meine Anſtrengungen, um mich zu befreien, waren fruchtlos, und nach einem kurzen Kampfe blieb ich leidend. „Machen Sie keinen Lärmen,“ ſagte eine Stimme, in der ich die des alten Mannes erkannte,„es ſoll Ihnen kein Leid zugefügt werden. Sie müſſen mit uns kommen, fragen Sie nicht, folgen Sie nur.“ Ich ließ mich ohne weiteren Widerſtand führen, wohin es ihnen beliebte. Wir wanderten ungefähr eine halbe Stunde weit außerhalb der Mauern von Rom. Ich hatte durch viele Ruinen zu klettern und ſtrauchelte häufig auf dem unebenen Boden. Ich fühlte nun den friſchen Nachtwind, der über die weite Campagna wehte, und meine Führer ſchritten raſch vorwärts, als wir den elaſtiſchen Torfboden erreichten. Endlich kamen wir zu einem Halte. Meine Binde wurde abgenommen und ich ſah mich unter dem Bogen eines Aquäducts, der ſich auf einer vom Monde beſchienenen Ebene erhob. Es wurde ein Feuer unter dem Bogen angezündet und 237 die röthliche Flamme beleuchtete ſeine Mauern. Um das Feuer war die kleine Bande der Landleute, die ich in der Kirche geſehen, in verſchiedenen maleriſchen Stellungen gruppirt. Sie grüßten meine Führer bei ihrer Ankunft, ſchauten mich for⸗ ſchend an, ſprachen aber nicht mit mir. Der ältere Calabreſe, den ſie mit dem Namen Criſtofano anredeten, verlangte ein Glas Acquavite, das er mir ehrfurchtsvoll darbot. Ich lehnte ſein Anerbieten ab, doch er nöthigte es mir auf. „Sie werden deſſen bedürfen,“ ſagte er;„Sie haben viel zu thun in dieſer Nacht. Sie fürchten vielleicht, es könnte vergiftet ſein. Schauen Sie⸗ Und er leerte das Glas. Hienach konnte ich ſein Anerbieten nicht mehr aus⸗ ſchlagen. „Und nun, Signor,“ ſagte der alte Mann, während ſich ein wenig von der Gruppe entfernte,„nun habe ich ein Wort mit Ihnen zu ſprechen: Ihr Name?“ Da ich keinen Grund hatte, meinen Namen zu ver⸗ ſchweigen, ſo nannte ich ihm denſelben. „Hm! hatten Sie keinen Verwandten Namens 24 „Gar keinen.“ Und ich ſeufzte, denn ich erinnerte mich meiner verlaſſenen Lage. „Seltſam!“ murmelte er, und fügte dann mit einem ſchmerzlichen Lächeln bei:„Aehnlichkeiten ſtellen ſich doch ſo leicht heraus.“. „Welche Aehnlichkeit?“ fragte ich,„wem bin ich ähn⸗ lich, und was iſt der Beweggrund Eures unerklärlichen Be⸗ nehmens?“ 238 „Sie ſollen es erfahren,“ antwortete er, düſter die Stirne faltend.„Gehen wir bei Seite, in den Schatten dieſer Bögen, aus dem Bereiche jener Horcher. Was ich Ihnen zu erzählen habe, iſt nur für Ihre Ohren allein.“ Ich gehorchte ihm und wir ſtanden bald unter dem Schatten des Aquäducts. „Vor Jahren,“ begann der alte Mann,„kam ein Eng⸗ länder, in jeder Beziehung Ihnen gleichend, eben ſo ſehr in ſeiner Perſon begünſtigt, eben ſo jung, nach Rom, und nahm ſeinen Aufenthalt in der ewigen Stadt. Er war von hohem Rang in ſeinem Vaterlande und wurde hier mit der ſeiner erhabenen Stellung entſprechenden Auszeichnung behandelt. Um dieſe Zeit befand ich mich bei dem Marcheſe di—— Ich war ſein vertrauter Diener, ſein Rathgeber, ſein Freund. Ich bei ſeinem Vater gelebt, ihn als Kind auf meinen Ar⸗ men getragen, mit dem Knaben geſpielt und ihn als Mann geliebt und treu bedient. Geliebt, ſage ich, denn obgleich er mich zuweilen ſchlecht behandelte, liebte ich ihn damals eben ſo ſehr, als ich ihn jetzt haſſe und verabſcheue. Nun, Signor, zu meiner Geſchichte War ſeine Jugend laſterhaft, ſo ſtei⸗ gerte ſich ſeine Sittenloſigkeit, als er das Mannesalter er⸗ reichte, denn er ging nur zu den kalten, berechneten Aus⸗ ſchweifungen des Wüſtlings über. Vald, nachdem er in den Beſitz der Güter und des Titels ſeines Vaters gelangt war, heirathete er. Daß er ſeine Braut liebte, kann ich kaum glauben, denn obgleich im höchſten Maße eiferſüchtig, war er doch ſelbſt treulos, was ihr nicht unbekannt blieb. In Italien liegt die Rache in ſolchen Fällen leicht in der Macht der ——— ————— — ——— 239 Frauen, und ſo viel ich weiß, ſann die Marcheſa auf Wieder⸗ vergeltung. Mein Herr gerieth aber in Angſt, hielt es für geeignet, ſich in ſeine Villa außerhalb der Stadt zurückzu⸗ ziehen, und blieb eine Zeit lang in ihren Mauern eingeſchloſſen. Bei dieſer Kriſe kam der erwähnte Engländer nach Rom. Meine Gebieterin, die ſich wenig in die Vergnügungen der Stadt miſchte, ſah ihn Anfangs nicht; doch er konnte ihr durch das Gerücht nicht unbekannt bleiben, da jeder Mund ſich in Lobpreiſungen ſeiner Perſon ergoß. Die Sage von ſeinen Triumphen bei andern Damen erreichte meinen Herrn; ich habe ſogar Urſache, anzunehmen, daß er den ſchönen Eng⸗ länder in einem andern Quartiere traf und ihr Zuſammen⸗ kommen gefliſſentlich verhinderte. Es fand indeſſen dennoch ein Begegnen unter ihnen ſtatt, und zwar auf eine ſehr un⸗ erwartete Weiſe. Es war damals Sitte, wie dies jetzt noch bei beſondern Gelegenheiten der Fall iſt, auf der Piazza Na⸗ vona, der das Waſſer Kühlung verleiht, während der großen Sommerhitze ſpazieren zu fahren. Eines Abends fuhr die Marcheſa auch dahin, ohne außer mir irgend eine Begleitung bei ſich zu haben. Unſer Wagen kam zufällig in die Nähe von dem des jungen Engländers. „Die Marcheſa war ohne Zweifel hübſch?“ fragte ich, den Alten unterbrechend. „Sehr hübſch!“ antwortete er,„und ſo mußte es auch Ihrem Landsmanne dünken, denn er war ganz in Bewunde⸗ rung Ihrer Perſon verloren. Ich bin nicht ſehr bewandert in der Sprache der Augen, doch die ſeinigen waren zu beredt und ausdrucksvoll, als daß ich ſie nicht hätte verſtehen ſollen. 240 Ich beobachtete meine Gebieterin auf das Schärfſte. An ihrer glühenden Wange, obgleich ſie die Augen niederſchlug, war leicht zu erkennen, daß ſie nicht unempfindlich gegen ſeine Blicke geblieben. Sie wandte ſich ab, um en Hund, ein liebliches Windſpiel, das im Wagen neben ihr war, zu lieb⸗ koſen, und tätſchelte es zärtlich mit einem Handſchuh, den ſie ausgezogen hatte. Das Thier ſchnappte den Handſchuh aus ihren Fingern und fiel, als es rückwärts ſprang, über den Wagen. Meine Gebieterin ſtieß bei dieſem Anblick einen Schrei aus und ich wollte eben den kämpfenden Hund heraus⸗ ziehen, als der Engländer in das Waſſer tauchte. In einem Augenblick hatte er der Marcheſa ihren Liebling zurückgegeben und empfing dafür ihren wärmſten Dank. Von dieſer Stunde an begann eine Vertraulichkeit, welche für beide Theile von den unſeligſten Folgen ſein ſollte.“ „Ihr verriethet ſie?“ fragte ich etwas ungeduldig. „Ich war damals das blinde Werkzeug des Marcheſe und that dies. Ich erzählte ihm alle Umſtände der Zuſammen⸗ kunft. Er hörte mich ſtillſchweigend an, wurde aber leichen⸗ bleich vor unterdrückter Wuth. Er forderte mich auf, meine Wachſamkeit zu verdoppeln, und verließ mich. Meine Herrin kam nun beinahe nie mehr aus meinem Blick. Eines Abends, wenige Tage, nachdem das Erzählte vorgefallen, ging ſie auf der Gartenterraſſe der Villa ſpazieren. Ihre Guitarre war in ihren Händen und ihr Lieblingshund an ihrer Seite. Ich hielt mich, völlig unbemerkt, in geringer Entfernung von ihr auf. Sie ſchlug ein paar klagende Accorde auf ihrem In⸗ ſtrumente an und blitb dann, ihr Kinn auf ihren weißen 244 runden Arm geſtützt, wie es ſchien, in eine zärtliche Träumerei verſunken. Hätten Sie die Dame geſehen, Signor, wie ich ſie damals ſah, oder wie ſie irgend ein Anderer ſah, Sie würden anerkannt haben, daß Sie nie eine Schönheit erſchaut, welche der ihrigen gleichgekommen. Ihr rabenſchwarzes Haar fiel in dicken Flechten über Schultern von blendender Weiße und den vollkommenſten Verhältniſſen herab. Ihre dunkeln Augen waren ſchmachtend auf den Boden geheftet und auf ihren ſtrahlenden Geſichtszügen lag der Ausdruck tiefer Leiden⸗ ſchaft. „In dieſer nachſinnenden Stellung verharrte ſie einige Mi⸗ nuten, als ſie daraus durch die Sprünge ihres Hundes er⸗ weckt wurde, der in ſeinem Munde einen Handſchuh trug, den er gefunden hatte. Sie nahm ihm denſelben ab, und ein Brief fiel auf den Boden. Wäre eine Schlange aus ſeinen Falten hervorgeſchlüpft, die Dame könnte nicht mehr darüber erſchrocken ſein. Sie ſchaute das Papier an. halb ver⸗ letzt, aber unentſchloſſen. Ja, ſie war unentſchloſſen, und das Uebrige können Sie muthmaßen. Sie zögerte, und durch dieſes Zögern war ſie verloren. Sie bückte ſich mit krampf⸗ hafter Hand, um den Brief aufzuheben. Ihre Wangen, welche todesbleich geworden waren, färbten ſich wieder roth, während ſie las. Sie zitterte, warf einen furchtſamen Blick nach dem Herrenhauſe, ſteckte das Billet in ihren Buſen und verſchwand in der Orangenlaube. „Ihr Geliebter erwartete ſie dort?“ „So iſt es. Ich ſah ſie zuſammenkommen, ich hörte ſeine glühenden Worte, ſeine leidenſchaftlichen Betheurungen⸗ Der Erzähler. 1846. M. 16 242 Er drang in ſie, zu fliehen; ſie widerſtand. Er wurde immer dringender, immer leidenſchaftlicher. Sie ſtieß einen matten Schrei aus, und ich ſtand vor ihnen. Des Engländers Hand war an meiner Gurgel und ſein Degen an meiner Bruſt, Alles mit der Schnelligkeit des Gedankens, und ohne das Ge⸗ ſchrei meiner Gebieterin wäre dieß mein letzter Augenblick ge⸗ weſen. Auf ihr Verlangen ließ er mich los; doch ihr Ge⸗ ſchrei hatte andere Ohren erreicht und der Marcheſe erſchien, um ſeine beleidigte Ehre zu rächen. Er zögerte nicht, er fragte nicht nach der Art der Verletzung, ſondern griff den Engländer, nachdem er mich ſeine Gemahlin hatte wegbringen heißen, mit dem Schwerte in der Hand an. Das Klirren ihrer Waffen wurde von dem Gekreiſche meiner Dame über⸗ täubt, als ich ſie wegtrug, doch ich wußte, daß der Kampf ein verzweifelter werden würde. Ehe ich das Haus erreichte, war meine Dame ohnmächtig. Ich übergab ſie andern Die⸗ nern und kehrte nach der Terraſſe zurück. Ich begegnete mei⸗ nem Herrn, der langſam heimwärts ging. Sein Schwert war fort, ſeine Stirne war gefaltet, er ſcheute meinen Blick. Ich wußte was vorgefallen und näherte mich ihm nicht. Er ſuchte ſeine Gemahlin auf. Was bei dieſer Zuſammenkunft vorging, wurde nie offenbar, doch es läßt ſich leicht aus dem Erfolge errathen. In dieſer Nacht verließ die Marcheſa die Hallen ihres Gemahls, um nie mehr dahin zurückzukehren. Am nächſten Morgen begab ich mich auf die Terraſſe, wo ſie das Liebeszeichen empfangen hatte. Der Handſchuh lag noch auf dem Boden; ich hob ihn auf, brachte ihn dem Marcheſe und etzählte ihm den ganzen Vorfall. Er nahm ihn und 243 ſchwur, ſeine Rache ſollte nicht eher befriedigt ſein, als bis er dieſen Handſchuh in ihr Blut getaucht.“ „Und er hielt ſeinen Schwur?“ fragte ich ſchauernd. „Es vergingen viele Monate, ehe er erfüllt wurde. Italieniſche Rache iſt langſam, aber ſicher. Allem äußeren Anſcheine nach hatte er ſein treuloſes Weib vergeſſen. Er ſchloß ſogar Freundſchaft mit ihrem Geliebten, um dadurch ſeine Pläne deſto eher zu verbergen. Mittlerweile verging die Zeit, und die Marcheſa gebar einen Knaben— den Spröß⸗ ling ihres Verführers.“ „Großer Gott! war das Kind ein Knabe!“ rief ich. „Ja, doch hören Sie mich an, meine Erzählung iſt ihrem Ende nahe. In einer Nacht, während der Abweſenheit des Engländers, drangen wir durch geheime Mittel in den Palaſt, wo die Marcheſa wohnte. Wir wanderten von Zim⸗ mer zu Zimmer, bis wir in ihr Gemach gelangten. Sie ſchlief, mit ihrem Kinde an ihrer Seite. Dieſer Anblick machte den Marcheſe toll. Er würde das Kind erſchlagen haben, aber ich hielt ſeine Hand zurück. Er hieß mich ſo⸗ dann die Thüre ſchließen. Er näherte ſich dem Bette. Ich hörte ein Geraſchel, ein Geſchrei. Eine weiße Geſtalt ſprang aus dem Bette. In einem Augenblick war das Licht ausge⸗ löſcht, ich vernahm einen Stoß, dann einen zweiten, und Alles war vorbei. Ich öffnete die Thüre, der Marcheſe kam heraus. Der Fang, in dem wir ſtanden, wurde vom Mond⸗ ſchein übergoſſen. Ein Handſchuh war in ſeiner Fauſt: er troff von Blut. Sein Eid war erfüllt, ſeine Rache voll⸗ 244 ſtändig— nein, nicht vollſtändig, denn der Engländer lebte noch.“ „Was wurde aus ihm?“ fragte ich. „Fragen Sie mich nicht,“ entgegnete der alte Mann; „Sie waren dieſen Morgen in der Chieſa Santa Maria⸗ Maggiore. Könnten dieſe Steine ſprechen, ſo dürften ſie eine furchtbare Geſchichte erzählen.“ „Und das war die Urſache, warum Ihr in den heiligen Mauern die Augen nicht zu öffnen wagtet? Es ſchwebte wohl eine Blutwolke zwiſchen Euch und dem Himmel.“ Der alte Mann ſchauerte, antwortete aber nicht. „Und das Kind?“ fragte ich nach einer Pauſe;„was geſchah mit dem unglücklichen Sprößling?“ „Er wurde von einem Freunde ſeines todten Vaters nach England gebracht. Lebte der Knabe noch, ſo hätte er ungefähr Ihr Alter, Signor.“ „In der That!“ rief ich, und ein furchtbarer Verdacht durchzuckte meinen Geiſt. „Nach des Engländers Tod,“ fuhr Criſtofano fort, „fing mein Herr an, mich mit wachſender Kälte und täglich zunehmendem Argwohn zu behandeln. Ich war eine Bürde für ihn und er ſchien entſchloſſen, ſich meiner zu entledigen. Ich erſparte ihm die Mühe, verließ Rom, wanderte den Abruzzen zu, ging von da nach den Sümpfen Calabriens und wurde— gleichviel was. Hier aber bin ich als ein Diener der himmliſchen Rache: der Marcheſe ſtirbt in dieſer Nacht!“ 245 „In dieſer Nacht, alter Mann!“ rief ich vom höchſten Schrecken ergriffen,„fügt den Verbrechen nicht ein neues Ver⸗ brechen bei. Iſt er wirklich des ſchändlichen Vergehens ſchuldig geweſen, das Ihr genannt, ſo laßt ihn mit den verletzten Geſetzen des Landes rechten. Greift nicht der Sache der Gerechtigkeit vor.“ „Gerechtigkeit!“ wiederholte Criſtofano mit verächtlichem Ausdruck. „Ja, Gerechtigkeit. Ihr ſeid arm und ohnmächtig, doch es werden ſich Mittel finden, Euch zu unterſtützen, ich will Euch in dem geſetzlichen Gange Eurer Rache beiſtehen.“ „Sie werden mir beiſtehen. Ich habe geſchworen, daß er vor Tagesanbruch ſterben ſoll, und die Hand, die den Streich zu führen hat, wird die Ihrige ſein.“ Die meinige! niemals!“ „Ihr eigenes Leben ſoll für Ihre Hartnäckigkeit büßen, wenn Sie ſich weigern; Ihre Weigerung aber wird ihn nicht retten. Bei der Mutter des Himmels, er ſtirbt, und zwar durch Ihre Hand. Sie ſahen, wie er am Morgen in der Kirche durch Ihre Aehnlichkeit mit dem jungen Engländer betroffen war. Es iſt wunderbar! ich weiß nicht, wer oder was Sie ſind; doch für mich ſind Sie ein Werkzeug der Rache, und als ſolches werde ich Sie benützen. Der Streich von Ihrer Hand wird als Wiedervergeltung erſcheinen, und ich kümmere mich nicht darum, ob Sie zweimal ſtoßen und mein Herz zu Ihrem zweiten Ziele machen.“ Ehe ich antworten konnte, hatte er ſeine Kameraden 246 gerufen, und in wenigen Augenblicken eilten wir durch die Campagna. Wir gelangten zu einer hohen Mauer: der alte Mann führte uns zu der Hinterthüre, die er öffnete. Wir traten in einen Garten voll ſchöner Orangenbäumen, deren Wohl⸗ geruch die mitternächtliche Luft ſchwängerte. Wir hörten das Plätſchern eines Springbrunnens in einiger Entfernung und den gellenden Geſang einer Nachtigall unter höheren Bäumen. Der Mond hing wie eine Laterne über dem Belbvedere der ſtolzen Villa. Wir ſchritten an einer langen Terraſſe hin, die mit einem marmornen Geländer eingefaßt war; der alte Mann deutete auf ein offenes Sommerhaus am Ende der Allee und warf mir einen bezeichnenden Blick zu, ſprach aber nicht. Ein offenes Fenſter gewährte uns Eingang in das Haus. Wir waren in einer mit Statuen bevölkerten Halle, gingen geräuſchlos über den marmornen Boden hin, durch⸗ wanderten verſchiedene Zimmer, ſtiegen zu einem Corridor hinauf und traten in ein Gemach, das ein Vorzimmer zu einem andern bildete. Criſtofano legte ſeinen Finger auf ſeine Lippen, machte ſeinen Kameraden ein Zeichen, öffnete die Thüre und verſchwand. Es trat auf einige Minuten eine athemloſe Pauſe ein, während der ich aufmerkſam horchte. Der alte Mann kam zurück. „Er ſchläft,“ ſagte er zu mir mit leiſem Tone,„er ſchläft, wie ſein Opfer ſchlief, er ſchläft, ohne auch nur im Traume von einem Gewiſſensbiß geplagt zu werden; und er ſoll erwachen, wie ſie erwachte.. zur Verzweiflung! Kommt in ſein Zimmer.“ 247 Wir gehorchten. Die Thüre wurde von innen ge⸗ ſchloſſen. Die Vorhänge waren von ſeinem Bette zurückgezogen und das Mondlicht ſtrömte in ganzer Fülle auf das Antlitz des Schläfers. Er lag in tiefer Ruhe und keine Viſionen ſtörten ſeinen friedlichen Schlummer. Konnte die Schuld ſo feſt ſchlafen? Ich bezweifelte halb die Geſchichte des alten Mannes. Criſtofano ſtellte uns in den Schatten des Betthimmels und näherte ſich dem Lager. Ein Stilet glänzte in ſeiner Hand.„Erwache!“ rief er mit einer donnerähnlichen Stimme. „Der Schläfer fuhr auf. Ich beobachtete ſein Geſicht. Er las Criſtofano's Entſchluß in ſeinem Auge, aber er bebte nicht. „Feiger Mörder!“ rief er,„Du warſt wohl auf Dein eigenes Heil bedacht, daß Du mich im Schlafe überfällſt!“ „Und wer lehrte mich dies?“ unterbrach ihn heftig der alte Mann.„Bin ich der Erſte, der mitternächtlichen Schlaf beſchlichen? Schaut dies an! wann und wie bekam es ſeine Färbung? Und er hielt ihm einen Handſchuh vor, der beim Mondſcheine geſchwärzt und befleckt ausſah. Der Marcheſe ſtöhnte laut. „Mein Cabinet erbrochen!“ rief er endlich,„Schurke! wie durfteſt Du dies wagen! Doch warum wüthe ich? Ich weiß, mit wem ich zu thun habe.“ Und als er dies geſagt, ſprang er von ſeinem Lager herab, in der Abſicht, mit dem alten Manne zu ringen; doch Criſtofano wich zurück und in demſelben Augenblick 248 ſtießen mich die Räuber, die ihm zu Hülfe kamen, vor. Ich ſtand dem Marcheſe von Angeſicht zu Angeſicht gegen⸗ über. Die Erſcheinung des Gemordeten könnte ihm keinen größeren Schrecken eingejagt haben. Seine Lippen wurden ſtarr und er blieb einen Augenblick unbeweglich wie eine Bildſäule. „Iſt er gekommen, um ſich zu rächen?“ rief er endlich. „So iſt es!“ erwiederte Criſtofano.„Gebt ihm die Waffe!“ Und man drückte mir ein Stilet in die Hand. Doch ich achtete nicht auf den Stahl... Ich öffnete meine Bruſt, ein kleines Diamantkreuz war unter den Falten meines Hemdes verborgen. „Erinnern Sie ſich dieſes Kreuzes?“ fragte ich den Marcheſe. „Es gehörte meiner Gattin!“ rief er beſtürzt. „Es war auf des Kindes Buſen, als es in der un⸗ ſeligen Nacht an ihrer Seite ſchlief, ſprach Criſtofano „Ich ſah es dort funkeln.“ „Das Kind war ich, die Frau war meine Mutter!“ rief ich. „Der Mörder ſteht vor Ihnen! ſtoßen Sie zu,“ ſprach Criſtofano. Ich erhob den Dolch. Der Marcheſe rührte ſich nicht: ich konnte nicht ſtoßen. n Sie?“ ſchrie Criſtofano grimmig. „Er hat nicht den Muth,“ verſetzte der junge Calabreſe. „Ihr warfet mir dieſen Morgen Mangel an kindlichem Pflicht⸗ 249 gefühl vor. Seht, wie ein Sohn ſeinen Vater rächt!“ Und er tauchte ſein Stilet in den Buſen des Marcheſe. „Ihr Vater iſt noch nicht gerächt!“ rief Criſtofano mit furchtbarem Tone.„Sie allein können ihn rächen!“ Ehe ich die Spitze zu entziehen vermochte, war der alte Mann auf den Dolch geſtürzt, den ich in meiner Fauſt ausgeſtreckt hielt. Er fiel, ohne einen Seufzer von ſich zu geben. Büge aus dem Leben des Tages. Von Clementi. ²) 1. Die Khnans. Kor einem Jahre noch, nach fünfzehnjähriger Beſitznahme von Algier, hätte Niemand in Frankreich einen Sinn knüpfen können an die Bezeichnung:„die Khuans.“ Kürzlich erhiel⸗ ten wir die Erläuterung durch einen der aus⸗ gezeichnetſten Offiziere der Armee in Afrika, Kapitän Neveu, Mitglied der wiſſenſchaftlichen Commiſſivn. Das Wort Khuans, buchſtäblich Brüder, iſt der Titel, welchen die Glieder der verſchiedenen religiöſen Verbrüderungen des Islamismus unter einander austauſchen. Dieſe Orden unterſcheiden ſich wechſelſeitig durch den Ritus und die frommen Uebungen, welche ſie vorſchreiben, gründen ſich aber alle auf die reinſte Orthodorie. Jeder Orden trägt den Namen ſeines Stifters: dieſer iſt ſtets eine heilige Perſon, *) Siehe Band I. S. 295. — 251 ein Marabout, der im Traume oder unmittelbar Mahomets Befehle zur Einſetzung einer frommen Geſellſchaft empfing; der Prophet würdigte ihn der Offenbarung vom„Trik,“ näm⸗ lich den Gebetsformeln, welche zu beobachten ſind, um ſich Gott beſonders geneigt zu machen. Nach der ſymboliſchen Sprache der Orientalen ſagt man, um auszudrücken, daß man Khuan werde, daß man in einen kirchlichen Orden trete: „die Roſe nehmen von irgend einem Marabout.“ Zwei Al⸗ gierer, welche ſich auf der Straße begegnen, würden z. B. zu einander ſprechen:„Welche Roſe trägſt Du?“—„Die Roſe dieſes oder jenes Ordens“(den heiligen Gründer nennend). Oder, wenn einer der Redenden keiner Verbindung angehört: „Ich trage keine Roſe; ich bin nur Diener Gottes und bete andächtig zu ihm.“ Das geiſtliche Oberhaupt jedes Ordens führt den Titel Kalifa oder Stellvertreter. Der Gebrauch will, daß der amttragende Obere ſeinen Nachfolger ernenne, zweifelsohne um Kabalen vorzubeugen und die Fortdauer der Herrſchaft zu ſichern. Den Kalifa vertreten in jeder Stadt, wo der Orden Niederlaſſungen hat, Mokadems oder Sheiks, mit welchen er ſteten Verkehr unterhält. Um in einen Orden zu treten, genügt es, ſich durch einen Bruder dem Mokadem der Stadt vorſtellen zu laſſen. Die Aufnahmsfeierlichkeiten erinnern an unſern Freimaurerorden. Wenn der Neophyte von den Pflich⸗ ten, welche er eingeht, und den Gebeten, die er vollziehen ſoll, unterrichtet iſt, ruft ihn einer der Khuans der gewählten Corporation aus. Neveu ſagt nicht, ob ſich die Khuans, gleich chriſtlichen Wönchen, durch immerwährende und unver⸗ 1 252 brüchliche Gelübde binden. An keinen Sitz gefeſſelt und nicht der Gemeinſchaft unterworfen, erinnern ſie durch ihre Ein⸗ richtung an die freien Brüderſchaften, welche ſich vordem an die großen kirchlichen Orden knüpften, und deren Tradition ſich noch in den ſüdlichen Städten von Europa erhält. Abgeſehen von den Moſcheen, womit jeder muſelmanniſche Orden die Städte überfüllt, beſitzt er auch Zauias, eine Art von kirchlichen Dörfern. Den Mittelpunkt der Zauia bildet eine Kapelle, welche zum Begräbniß der Stifterfamilie dient, und wohin alle Diener, Verwandte und Freunde derſelben wallfahren. Auch befindet ſich daſelbſt noch eine Moſchee für die Nachbarſtämme, eine Schule, welche den Kindern das ganze Jahr durch offen ſteht, den Thalebs oder Studenten, während gewiſſer Curſe, den Ulemas oder Gelehrten, wenn ſie ſich zur Akademie oder zum Concilium vereinen wollen. Ueberdies bietet die Zauia eine Zufluchtſtätte für die von Feinden Verfolgten oder von der Rechtspflege Bedrohten, ein Spital für Kranke, eine Herberge für Pilger, eine Art von CElub zum Austauſch der Tagesneuigkeiten, endlich eine Biblio⸗ thek, welche täglich durch die dort aufgehauften Akten wächſt. Zuweilen breitet ſich eine Zauia, ſo viele Anſtalten zur öffentlichen Wohlfahrt umfaſſend, beträchtlich aus; es gibt deren, wo man Hunderte von Häuſern, Hütten, Zelten zählt.“ Das Haupt dieſer religiöſen Colonien nennt ſich Sheik, wenn es der Herrſchaftsfamilie angehört, Mokaddem(Wächter) oder Oukil(Bevollmächtigter), wenn es ihr fremd iſt. Eine ſehr zahlreiche Dienerſchaft hängt mit jeder Zauia, beſtimmt für den Ackerbau oder die Beſorgung der Kapellen, Krankenhäuſer, 253 Schulen, zuſammen. Die Quelle ſolcher Freigebigkeit, wie in den ſchönen Tagen chriſtlichen Mönchthums, die fromme Großmuth der Gläubigen. Jede Zauia erhält allmälig, durch Schenkungen bereichert, welche zu Kapitalien werden, reichliche Almoſen, und befitzt ſogenannte Habus, Güter, von welchen ſie ſehr beträchtliche Einkünfte zieht. Die Khuans vervielfältigen ihre Moſcheen und Zauias, ſo ſehr es ihre Mittel geſtatten. Alle etwas bedeutende Städte von Algier enthalten mindeſtens eine Anſtalt von jedem Orden. Die äußern Bezirke ſind mit ex— voto über⸗ ſäet, welche hauptſächlich den Ordensſtiftern geweiht ſind, die das meiſte Lokalanſehen beſitzen. Dahin gehören kleine viereckige Denkmale, welche überwölbt und Marabouts ge⸗ widmet ſind, nämlich Perſonen, die im Rufe der Heiligkeit unter den Muſelmännern ſtehen. Die franzöſiſchen Soldaten haben, den Heiligen mit ſeiner Kapelle verwechſelnd, ſich daran gewöhnt, dieſe Gebäude, deren wahrer Name„Gubba“ heißt, wörtlich Marabouts zu nennen. Neveu beſtätigt in Algier das Daſein von ſechs kirch⸗ lichen Orden und einer Congregation, in welcher die Religion von der Politik beherrſcht zu ſein ſcheint. Ein Name klingt unaufhörlich im Ohre des Europäers wieder durch die wink⸗ lichen Gaſſen der Städte. Ein Armer, der mit näſelnder Stimme die Vorübergehenden verfolgt, ruft den Beiſtand im Namen Gottes und Abd⸗el⸗Kaders an. Wenn ein Unfall ſich auf der Straße ereignet, ſich Haufen bilden:„Ah ia ſidi Abd⸗el⸗Kader!“ Das iſt der Ruf, welcher die Volksempfindung ausdrückt. Derſelbe Name miſcht ſich unwillkürlich, wie der 254 von Jeſus und Maria bei den Chriſten, in das Stöhnen des Kranken, in das Weinen des beſtraften Kindes, in alle Ausbrüche von Kummer oder Leid. Es handelt ſich jedoch nicht um den berühmten Emir, ſondern um eine ehrwürdige Perſon, die man in allen muſelmänniſchen Landen als den größten und vollkommenſten der Menſchen nach dem Propheten betrachtet. Die Tiefe des religiöſen Gefühls bei den Arabern ent⸗ hüllt ſich in der Form der Eigennamen. Die neunundneunzig Attribute der Gottheit, nach der Anſicht der Muſelmänner, machen eine Litanei aus, deren Ausdrücke ſich häufig in die Vildung dieſer Namen miſchen. So geſtalten ſich die Wörter „kader,“ was„ſtark“ bedeutet,„rhaman,“ barmherzig, wenn ſie auf„abd“ folgen, was„Diener“ heißt: zu mhſtiſchen Anrufungen, deren Sinn dem„Diener des Starken, Diener des Barmherzigen“ gleichkommt. Der Marabout, welchen die Muſelmänner aller Länder, und hauptſächlich die von Algier, beſtändig anrufen, hieß alſo Sidi⸗Abd⸗el⸗Kader⸗el⸗Djelali. Er lebte vor mehreren Jahrhunderten zu Bagdad, wo ſieben Kapellen mit vergoldeten Gewölben ihm zu Ehren errichtet wurden. Die Einbildungskraft der Hläubigen hat ſich ſo geſteigert in Betreff dieſes Heiligen, daß ſie ihn in die erſte Reihe unter die im mahometaniſchen Aberglauben mit dem Namen„Ghuth“ bezeichneten Erlöſer ſtellte. Nach dem ge⸗ meinen Glauben gibt es im Jahre einen Monat, wo Gott dreimal hundert achtzig tauſend Uebel aller Art auf die Erde ſchickt, Tod, Wunden, Krankheiten, Seuchen, Kummer, Elend. Dieſe Sündflut würde ſich über die arme Menſchheit ergießen, 255 wenn ſich nicht im Islamismus heilige Perſonen befänden, um den größten Theil davon abzuleiten. Der Ghuth, ein vollkommen reiner Menſch, nimmt drei Viertel der Schmerzen und Leiden auf ſich. Es verſteht ſich, daß ein Mann, welcher das ſeltene Vorrecht genießt, 285,000 Krankheiten zu beſitzen, ſeine irdiſche Laufbahn nicht weit bringen kann. Das Maxi⸗ mum ſind vierzig Tage. Dieſes Marthrerthum endet nicht mit gewöhnlichem Tode. Sidi⸗Abd⸗el⸗Kader z. B. wurde durch die Engel abgeholt und im dritten und vierten Himmel niedergeſetzt, in Räumen, wo er die Gebete der Gläubigen empfängt. Dieſe wunderſame Erſcheinung wurde der Patron einer mächtigen Brüderſchaft, deren Verzweigungen ſich über die meiſten dem Koran unterworfenen Länder erſtrecken. Die Provinz Oran iſt beſonders mit religiöſen Denkm alen zu Ehren desjenigen bedeckt, welchen man den Sultan der voll⸗ kommenen Menſchen benannt hat. Ohne der Moſcheen zu gedenken, die ſich in allen Städten erheben, der im offenen Feld auf Hügeln verſtreuten Gubba's, deren weiße Silhouette ſich ſcharf vom Blau des Himmels abhebt, ſtößt man häufig auf kreisförmige Einmauerungen, in deren Mittelpunkt Fähn⸗ lein flattern, lauter Stellen, welche irgend einem Wunder des Sidi⸗Abd⸗el⸗Kader geweiht ſind. Oft geſchieht es, daß der Ghuth ſeinen Sitz zwiſchen dem dritten und vierten Himmel verläßt und zu dem frommen Muſelmann herabſteigt, der ſeine Wanderung unterbrach, um niederzuknien zur Stunde des Gebets. Das Fähnlein deutet den Platz an, wo der Heilige ſich zeigte, das ſteinerne Gemäuer den 256 Unkreis, in welchem ſich das Strahlen der Erſcheinung ergoß. Im Jahre 1828 kniete ein Greis, den eine fromme Pflicht nach Bagdad führte, mit ſeinem zur Zeit noch ſehr jungen Sohn in einer der goldgewölbten, dem Sidi⸗Djelali geweihten Kapellen. Ein plötzlich hinzukommender Neger un⸗ terbricht den Pilger in ſeiner Andacht mit der Frage, wer Sultan von Algier ſei.—„Ach,“ erwiedert der Fremde, „es gibt keinen Sultan für uns Araber“ Darauf verkün⸗ digt der Neger dem Greiſe, daß das Reich der türkiſchen Eroberer in Algier bald zu Ende ſein, und ſein Sohn als Sultan alle Araber des Oſtens vereinen werde. Dieſer Neger war kein Anderer, als der Schutzheilige der Kapelle; der Greis war der weiſe Mahi⸗ed⸗Din, und der junge Mann derjenige, welcher ſeitdem den Namen Abd⸗el⸗Kader ſo be⸗ rühmt gemacht hat. Vier Jahre ſpäter, 1832, war ein Theil der Weiſſagung erfüllt. Die Türken, die Unterdrücker von Algier, hatte das franzöſiſche Schwert verjagt, und die Araber erkannten in dieſer Kataſtrophe nur das Vorzeichen ihrer eigenen Befreiung. Da ſie ſich jedoch nicht über die Wahl eines Oberhaupts vereinen konnten, machte die Anarchie alle Anſtrengungen fruchtlos. Eines Tags, als die Häupter der Stämme und der Marabouts ſich in der Ebene von Eghräes, im Süden Mascara's, auf dem Gebiete des Stam⸗ mes der Hachems verſammelt hatten, erſcheint der Heilige von Bagdad einem hundertjährigen Marabout, Namens Sidi⸗el⸗Arach, und bezeichnet ihm als Haupt des Auf⸗ ſtandes und künftigen Sultan von Algier den jungen Krieger, 257 welchem er bereits das Reich verkündet hatte. Mit jener Ergebung, welche den wahren Gläubigen charakteriſirt, ſam⸗ melt Sidi⸗el⸗Arach alsbald dreihundert Reiter, ſchwingt ſich an ihrer Spitze auf's Pferd und begehrt von Mahi⸗ed⸗Din deſſen zweiten Sohn. Noch am nämlichen Tage wurde der Namensverwandte des Heiligen von Bagdad, der berühmte Emir Abd⸗el⸗Kader, von allen Arabern als der Auser⸗ wählte des Himmels anerkannt und zum Anführer des heiligen Kriegs ausgerufen. Die Araber ſind des feſten Glaubens, es vergehe ſeitdem kein Tag, ohne daß der Emir den Beſuch ſeines himmliſchen Beſchützers empfange. Es iſt wohl erlaubt, anzunehmen, daß religiöſer Fana⸗ tismus den Planen des politiſchen Oberhauptes nur zur Decke dient. Der große Gedanke, welcher in Abd⸗el⸗Kader ſeit deſſen Jugend reift, iſt die Gründung einer Art von Nationalität Algiers. Das Mittel, ſie zu verwirklichen, läge in der Verſchmelzung der zwei Hauptſtämme, welche das Land beſitzen, der Kabhlen, urſprünglicher Bewohner Mauritaniens, und der erobernden Araber aus der muſelmänniſchen Zeit. Nun beſteht ein in Algier entſproſſener und in dieſer Gegend wirklich volksthümlicher Orden, welcher unter einem kirch⸗ lichen Banner Araber und Kabhlen vereint. Dieſem Orden hat ſich der kluge Sohn Mahi⸗ed⸗Din's vorzugsweiſe ange⸗ ſchloſſen. Jener erkennt als Stifter einen aus Algier gebürtigen und von den Gläubigen unter dem Namen Sidi⸗Mhammet⸗ ben⸗Abd⸗er⸗Rhaman verehrten Marabout. Das Deaſein dieſes heiligen Mannes iſt nicht entfernt genug von unſerer Epoche, als daß die Volksphantaſie Zeit gehabt hätte, die Der Erzähler. 1846. m. 17 258 Legende von ihm ſehr zu bereichern. Man erzählt blos, daß er ſich, nachdem er in ſeiner Geburtsſtadt viele Proſelhten gemacht, mit ſeinen Angehörigen zu dem Gebirksvolke Kaby⸗ liens zurückgezogen. Nachdem er ſich dort ſechs Monden aufgehalten, erhielt er vom Himmel einen Wink über ſein nahendes Ende. Um ſein Sterbebett alle die Khuans ver⸗ ſammelnd, welche er unter dieſen wilden Bergſöhnen geworben hatte, bezeichnete er aus ihrer Mitte denjenigen als ſeinen Nachfolger, welcher ihm die ehrfurchtvollſte Ergebenheit be⸗ wieſen. Trotz Abd⸗er⸗Rhamans Abreiſe waren die Khuans von Algier ſeinem Gedächtniſſe und ſeinen Vorſchriften treu geblieben; ſie konnten ſich nicht entſchließen, die verehrten Reliquien ihres Schutzpatrons in der Macht der Kabhylen zu laſſen. Sie legen der treuherzigen Einfalt der Bergbewohner eine Schlinge. Die Brüder der Stadt beſcheiden die vom Gebirge zu einer frommen Feier, ein Vorwand, um die Kabhlen aus ihren Dorfſchaften zu locken. In der Zwiſchen⸗ zeit ſchleicht eine andächtige Schaar heimlich in die Kapelle des Marabout, erbricht ſein Grab, ladet den heiligen Leib auf einen Mauleſel und entführt ihn ſo nach Algier. Die Kunde des Frevels verbreitet ſich noch vor dem Ende der Ceremonie. Man kann ſich die fromme Wuth der Kabylen denken. Man ſtreitet, man droht, mehr als daß man ſich erklärt, und ſchon blitzen die Yatagans an der Sonne; allein Abd⸗er⸗Rhaman wird nicht geſtatten, daß die Gläubigen ſich aus Uebermaß von Andacht morden. In der Hoffnung, Zeit zu gewinnen, ſpfechen die Algierer ſich dahin aus, daß 259 die Sünde, deren man ſie beſchuldigt, ſo abſcheulich ſei, daß ſie ſelbſt nicht daran glauben können; ſie begehren, daß man ſie zur Grabſtätte des Heiligen führe, um ſich von dem Ver⸗ gehen zu überzeugen. Dadurch beſchwichtigt, begeben ſich alle Brüder, Gebirgskinder und Städter, in Prozeſſion zur Ka⸗ velle.. O Wunder! keine Unordnung iſt ſichtbar und das Grab beſitzt noch den koſtbaren Leib. Allah iſt barmherzig! Um das Blut der Muſelmänner zu ſparen, hatte er die ſterb⸗ lichen Reſte des Marabvuts vervielfältigt. Seit dieſem Tage befindet ſich der wahrhafte Körper Abd⸗er⸗Rhamans an zwei verſchiedenen Stellen: er wird zugleich in der Gubba verehrt, welche die Kabhlen auf dem Gipfel des Djerdjera errichteten, und in einer an den Thoren von Algier durch den Paſcha, der damals die Stadt beherrſchte, erbauten Moſchee. Eine andere Moſchee, welche zu den zierlichſten gehört, in gleicher Stadt aufgeführt, iſt ebenfalls dem Namen und den Tugenden des Marabouts gewidmet, welchen das Volk Bu⸗Kobarin, nmlich Vater der zwei Gräber nennt. Das ſympathetiſche Band, welches die Brüder des Ben⸗ Abd⸗er⸗Rhaman vereint, iſt nicht genau bekannt. Man weiß nur, daß ſie gehalten find, täglich dreitauſendmal und öfter, wenn ſie können, die Sakramentformel des Islamismus her⸗ zuſagen:„Nur Gott iſt Gott; Mahomet iſt Gottes Prophet.“ — Wenn Abd⸗el⸗Kader ſich dieſer Vorſchrift pünktlich unter⸗ wirft, läßt ſich berechnen, daß er wenigſtens drei Stunden im Tage dem Gebete weiht. Dieſe Inbrunſt nährt unter den Khuans der zwei Gräber die kriegeriſche Thatkraft und den Volksfanatismus. Sehr zahlreich in Algier, durch alle Pro⸗ 260 vinzen zerſtreut, aus allen Stämmen verſtärkt, zählen ſie unter den glühendſten Gegnern Frankreichs. Ihr gegenwärtiges Haupt, dem Gebrauche gemäß durch ſeinen Vorgänger ernannt, iſt ein Marokaner, Namens Hadj⸗Bechir. Seine fremde Ab⸗ kunft hatte ihn anfangs den Kabhlen verdächtigt; Abd⸗el⸗Ka⸗ der, deſſen Buſenfreund er iſt, verdankt er ſeine feſte Ein⸗ ſetzung in die dem heiligen Marabvut geweihte Hauptmoſchee. Die letzten Aufſtände, welche Algier mit Blut befleckten, haben gezeigt, wie wichtig es iſt, die muſelmanniſchen Orden zu überwachen. Das letzte Jahr, im Augenblicke, wo die franzöſiſchen Anführer ſich in trügeriſcher Ruhe vergaßen, flammt der afrikaniſche Boden plötzlich und zittert unter ihren Füßen. Die Verbündeten werden zermalmt, die Soldaten in Hinterhalte gelockt, wo der Muth nutzlos. Der Held dieſer Kriſis iſt nicht das gewohnte Haupt des heiligen Krieges, ſondern ein neuer Ankömmling, Mohammed⸗Ben⸗Abd⸗Allah, Bu⸗Maza benannt, d. h. der Vater der Gezelle, weil man oft eine Gazelle vor ihm ſchreiten ſah, die Gott ihm ſandte, um ihn bei ſeinen Ausflügen zu leiten. Dieſer neue Sultan, — das iſt der Titel, welchen er annimmt und den Niemand ihm ſtreitig macht— denkt nicht daran, wie Abd⸗el⸗Kader, Feſtungen zu bauen, um ſein Geld und ſein Material darin zu vergraben; er beſitzt nur ein Zelt und drei gute Pferde; heute iſt er hier, morgen zwanzig Meilen weiter. Sein Gezelt iſt voll Beute, einen Augenblick nachher aber wieder leer. Er gibt Alles, aber Alles, und bleibt leicht, um da hin zu gehen, wo der gefährdete Glaube ihn ruft. Fünf und dreißig Stämme gehorchen ihm; der Sultan von Konſtantinopel, der 261 Kaiſer von Maroko, der Beh von Tunis, und Abd⸗el⸗Kader ſelbſt, obwohl widerſtrebend zweifelsohne, ſchreiben ihm und erkennen in ihm den„Herrn der Stunde,“ der verkündet iſt, die Chriſten zu vernichten. Wer iſt nun aber dieſer Bu⸗ Maza? Ein Khuan von Mulei⸗Taieb, einem Orden, deſſen Sitz in Maroko iſt, deſſen Verzweigungen vielfach in Algier grünen. Der Großmeiſter des Ordens hat auf jener Stirne den Fateah geleſen, d. i. die Koranſtelle, welche Kraft beſitzt, den Sieg auf die herabzurufen, welche die Ungläubigen be⸗ kämpfen. Gemäß dieſer Weihe iſt der Mann mit der Gazelle mehr als ein Feldherr, iſt ein Apoſtel. Allein und unbe⸗ kannt naht er dem großen Haufen. Ohne Widerrede, ohne Zögern erhebt man ſich, greift zu den Waffen, zieht hin, läßt ſich tödten. Nicht daß die fünf und dreißig Stämme, die ihn anerkennen, ihm in Maſſe folgen; es genügt, daß die Brüder ſeines Ordens ſich um ihn reihen, um den Kern eines kleinen Heeres zu bilden. Der Urſprung dieſer mächtigen Brüderſchaft iſt ſchon alt genug, um im Gewölke der Sage zu verſchwinden. Ihr Stifter war nicht dieſer Mulei⸗Taieb, der ſie taufte, ſondern einer ſeiner Vorfahren, Mulei⸗ed⸗Dris genannt. Dieſe zwei heiligen Perſonen waren Schurfa's, d. h. von der Zahl jener Sheriffs von Maroko, die man mit Recht oder Unrecht für Abkömmlinge des Propheten hält. Der Gebrauch ſcheint ſich feſtgeſtellt zu haben, die Großmeiſter des Ordens aus den Schurfa's zu wählen. Dieſe Auszeichnung vereint ſie durch Verwandtſchaftsbande mit der kaiſerlichen Familie, welche, wie 262 man verſichert, den ziemlich begründeten Anſpruch macht, Ma⸗ homets Blut zu bewahren. Alles, was man von Mulei⸗Taieb weiß, iſt, daß er vor mehr als dreihundert Jahren lebte und ein ehrwürdiger Ma⸗ rabout war, der ſich, was Wunder betrifft, mit den begün⸗ ſtigſten Heiligen chriſtlicher Legenden meſſen durfte. Sein Haus, welches noch zu Fez ſteht, dient den Andächtigen als Wall⸗ fahrtsort. Der gegenwärtig dienſtthuende Khalifa heißt Sidi⸗ Hadj⸗el⸗Arbi. Er hat ſeinen Sitz in Maroko, in einer Stadt Namens Uad⸗Zan, allgemeiner Mittelpunkt der Verbrüderung, iſt mit dem Kaiſer verwandt und ſogar ſein geiſtliches Ober⸗ haupt. Abd⸗er⸗Rhaman, wie beinahe alle Hauptperſonen ſei⸗ nes Reichs, trägt die Roſe des Mulei⸗Taieb. Eines der gewaltigſten Mittel zur Herrſchaft für die großen Marabouts iſt der Volksglaube, der ihnen die Fähig⸗ keit beimißt, ſich in vierfüßige Thiere, in Vögel, in Fiſche zu verwandeln, ſich an jeden Ort zu verſetzen, wo es Noth thut, Alles, was ſie wünſchen, zu ſehen, zu hören, ja ſelbſt ſich unſichtbar zu machen. Sidi⸗Hadj⸗el⸗Arbi hat einen zu feſt begründeten Ruf der Heiligkeit, als daß die Frommen ihm dieſes Vorrecht verſagen ſollten. Hier eine kürzlich vorgefallene Anekdote in dieſer Hinſicht: Ein Diener des Marabout bekam nach zwölfjährigen Dienſten bei ihm die ſeltſame Phantaſie, nach Algier zu gehen und ſich bei den Zuaos unter franzöſi⸗ ſcher Fahne anzuwerben. Lange nachher, der Flüchtling war bereits vergeſſen, richtet ſich Sidi⸗Hadj⸗el⸗Arbi, welcher ganz ernſt mit den Ulemas in gelehrten Büchern las, plötzlich em⸗ por und ſetzt die ganze Verſammlung durch eine heftige Auf⸗ — 263 regung in Staunen.„Leſt weiter,“ ſagt er zu denen, welche ihn befragen,„ich verlaſſe Euch, um bald wiederzukehren.“ Er kommt in der That eine Stunde nachher zurück, die Ge⸗ wänder in Unordnung und blutbeſpritzt. Man umringt ihn, man erkundigt ſich mit ehrfurchtsvollem Drängen.„Ich komme von Vugi,“ entgegnet er(40 Meilen über Algier l).„Ihr er⸗ innert Euch des Unglücklichen, der von mir ging, um die Reihen der Ungläubigen zu vermehren; das Blut, das mich bedeckt, iſt das ſeinige. Vor einer Stunde ward er tödtlich verwundet. Dieſer Anblick rührte mein Herz. Ich ſuchte die⸗ ſen Mann auf, ich erbat ſeine Reue, und er ſtarb in meinen Armen, den wahren Gott um Vergebung flehend. Seine Sünden werden ihm vergeben.—“„Amen,“ ſprachen die Ulema's, indem ſie ſich neigten. Wirklich erfuhr man nach⸗ mals, daß dieſen Diener unter den Mauern von Bugi eine Kugel bei einem Ausfall traf, welchen die franzöſiſche Be⸗ ſatzung machte, um die Kabylen zurückzuſchlageu. Ein Mann, über welchen ſolche Thatſachen beim Volke im Umlaufe ſind, mag ausnehmend zu fürchten ſein. Im Jahre 1843 verſuchte der franzöſiſche Generalkonſul zu Tanger, ſich in Verbindung mit ihm zu ſetzen und ihn durch Geſchenke zu gewinnen. Dieſe wurden zurückgeſandt und der große Marabvut blieb für die Franzoſen unſichtbar. Unter den Marokanern iſt ſeine Auto⸗ rität faſt eine ſouveräne, und man verſichert, daß der Kaiſer ſelbſt ſich verpflichtet glaube, ihm wenigſtens einmal jeden Monat Gaben zu ſchicken. Im franzöſiſchen Afrika iſt ſein geheimnißvoller Einfluß unzweifelhaft. 264 Manch grober Aberglaube herrſcht in dieſem Orden, u. a. die Ueberzeugung, daß die Brüder Mulei⸗Taieb, indem ſie ſich des Ochſenfleiſches enthalten, von den meiſten Krankheiten befreit bleiben. Der bezeichnende Zug iſt finſtere Vaterlands⸗ liebe, welche auf einer dem Mulei⸗Taieb ſelbſt zugeſchriebenen Weiſſagung beruht.„Ein Tag wird kommen,“ hat der Ma⸗ rabout ſeinen Brüdern geſagt,„wo unſer Orden über alle weſtlichen Gegenden herrſcht; vorher muß Algier im Beſitz der Benu⸗el⸗Asfor, d. h. der Kinder des Gelben geweſen ſein. (So nennen die Afrikaner öfters die Europäer.) Die Erobe⸗ rung Algiers durch die Franzoſen, indem ſie den erſten Punkt der Vorherſagung erfüllte, bot nur eine Aufmunterung für die Frommen von Mulei⸗Taieb, und ſie zweifeln eben ſo we⸗ nig, daß des Herrn Wort völlig verwirklicht werde. Dieſer blinde Glaube verbindet ſie allen Aufſtänden. Man zählt etwa zwölfhundert Brüder dieſes Ordens in der Stadt Con⸗ ſtantine und den ſie umgebenden Gärten. Die Zahl wächst, je mehr man ſich von Weſten Maroko nähert. In dem Theile der Provinz Oran, wo der letzte Aufruhr ausbrach, bilden ſie die Hauptbevölkerung. Ein weniger bedeutender Orden, als die vorhergehenden, weil ſein Einfluß ſich nicht über das Gebiet von Conſtantine hinaus erſtreckt, zählt in dieſer Stadt ungefähr zweitauſend Brüder. Sein Stifter nannte ſich Sidi⸗Juſſef⸗Hanſali. Aus Oſten kommend, ließ er ſich in den Bergen nieder, welche die Stadt umgürten. Da der Himmel ſeine Tugend mit der Gabe der Wunder gekrönt hatte, ſchaarten ſich bald Schüler um ihn. Der vierte ſeiner Nachfolger, welcher gegenwärtig in 265 Thätigkeit iſt, heißt Sidi⸗Hamo⸗ez⸗Zuaui. Vor der Eroberung war ſeine Behauſung eine Zufluchtsſtätte für die Geächteten, und die Statthalter hätten nicht gewagt, ſie zu entweihen. Heutigen Tages iſt die Wohnung des Marabvuts ganz einfach eine Schule, wo eine Menge Kinder den Elementarunterricht empfangen, wo viele Jünglinge, mit großmüthiger Gaſtlichkeit, die Ergänzung ihrer Erziehung finden, welche Gelehrte vom Fache aus ihnen machen ſoll. Um würdig zu ſein, die Roſe von Sidi⸗Juſſef⸗Hanſali zu tragen, muß man zweimal jeden Tag, zwanzigmal Nachmittags, und einundzwanzigmal nach Sonnenuntergang, einen Koranſpruch herſagen. Jedes dieſer zwei Gebete ſoll durch folgende zweihundert mal wiederholte Anrufung beſchloſſen werden:„O Gott, das Heil über unſern Herrn und Meiſter Mohammed, und Heil!“— Man be⸗ merke, wie dieſe blos ascetiſchen Formeln, an die ſich keine moraliſche Idee knüpfen läßt, in die Länge den Geiſt ver⸗ dumpfen müſſen. Die neueſte aller kirchlichen Brüderſchaſten Algiers iſt diejenige, welche Sidi⸗Hamet Tſidjani als Gründer erkennt. Gebürtig aus Ain⸗Madhi, der Stadt der algieriſchen Sahara, ungefähr achtzig Meilen ſüdöſtlich von Algier, ſtarb er zu Fez vor weniger als einem halben Jahrhundert. Unermeflich reich, muſterhaft fromm, unerſchöpflich großmüthig, ſäumte Hamet⸗Tſidjani nicht, in der Sahara einen Einfluß zu ge⸗ winnen, welcher die Türken beſorgt machte. Der Dey von Algier beſchloß den Zauber zu zerſtören, indem er den Herd der neuen Sekte über den Haufen warf. Ain⸗Mabhi iſt eine ſehr feſte durch eins Kreismauer von 18— 26 Fuß Höhe und 20— 24 Fuß Dicke beſchützte Stadt. Dennoch ſandte man eine furchtgebietende Macht nach dieſem Platze. Allein der Marabvut, welcher da herrſchte, hatte ſeinen Adepten ver⸗ heißen, daß das Pulber der Türken nicht ſprechen würde, und in der That, es feuerten die gegen das Gemäuer aufgeführten Kanonen nicht, während die Artillerie der Belagerten mit ſichern Schüſſen den Tod ſchleuderte. Ohne die Legende buch⸗ ſtäblich zu nehmen, bleibt es gewiß, daß die Türken eine völlige Niederlage erlitten. Im erſten Ausbruche der Wuth verkündete der Deh von Algier fürchterliche Rachepläne, als ein Wink vom Himmel ſeine Entſchlüſſe mäßigte. Ihm träumte, er ſey in ein Weib verwandelt und, mit denen vermiſcht, die ſeine demüthigen Sklavinnen, für alle Welt Gegenſtand der Ver⸗ achtung geworden. Das Erwachen hätte dieſen ſchlimmen Ein⸗ druck verſcheuchen ſollen, allein der Aberglaube hört nicht auf die Vernunft. Von dieſem Augenblicke wird der blutige Verfolger der Brüder Tſidjani ihr großmüthiger Beſchützer. Er beeilt ſich, dem Marabout ſchreiben zu laſſen, um ihn zu bitten, ſeine Entſchuldigungen zu genehmigen und ihn unter ſeine treueſten Diener zu zählen. Zur Bürgſchaft ſeiner Aufrichtig⸗ keit machte er ihm große Geſchenke an Vieh, koſtbaren Stoffen, feinen Wohlgerüchen, Teppichen und Wachskerzen zum Schmucke der Moſchee des Ordens. Man weiß nicht, warum Sidi⸗ Hamet⸗Tſidjani das Land verließ, wo ſeine Autorität ſo an⸗ erkannt war, um in Maroko neue Prüfungen zu beſtehen. Seine Tugend beſiegte auch die Feindlichkeit der marokaniſchen Ulemas, und keine Verfolgung umwölkte ſeine letzten Jahre. Der Nachfolger, den er beſtimmte, verließ Fez, um nach 267 Ain⸗Madhi, der Wiege der Sekte, zurückzukehren. Dieſer zweite Kalifa, noch reicher, als der erſte, weil er achthundert ſchwarze Sklaven in ſeinem Dienſte hatte, weihte gleichfalls ſein Vermögen guten Werken. Er ſtarb 1844 und hinterließ einen allgemein geehrten Namen. Das gegenwärtige Ordens⸗ haupt iſt der Sohn des erſten Stifters. Er ſetzt eine Ehre darein, die großmüthigen Traditionen ſeines Vaters zu er⸗ halten und mehrere Franzoſen, welche ihn 1844 beſuchten, empfing er mit edler Gaſifreiheit. Faſt alle Einwohner von Ain⸗Madhi und Temaſſin, wie auch die meiſten Nomaden der Sahara, haben die Roſe des Sidi⸗Hamet⸗Tſidjani ſich beige⸗ legt. Dieſer Orden hat Verbindungen in dem ganzen muſel⸗ maniſchen Afrika und ſogar in Arabien. Er beſitzt vier Moſcheen zu Tunis, zwei in Conſtantine, zwei in Algier u. ſ. w. Die Khuans haben drei Gebete täglich zu verrichten. Dieſer Orden, den man als einen großen Wohlthätigkeits⸗ verein betrachten könnte, gab bis jetzt den Franzoſen keinen Grund zur Unruhe. Der Emir Abd⸗el⸗Kader, der Alle als perſönliche Feinde betrachtet, welche nicht das Schwert gegen Frankreich ziehen, unterließ nichts, um bei den wilden Muſel⸗ manen die Khuans von Tſidjani zu verdächtigen. Neun Monde des Jahres 1838 hindurch hielt er die Stadt Ain⸗Madhi in Belagerungsſtand und brachte ungeheure Opfer an Menſchen und Geld, ohne den Hauptherd der verabſcheuten Sekte zer⸗ ſtören zu können. Andernſeits hat dieſer frevelhafte Angriff auf den Sohn eines allgemein verehrten Marabvuts Abd⸗el⸗ Kaders Sache in der Sahara beeinträchtigt. Als 1844 eine franzöſiſche Colonne, unter den Befehlen des Herzogs von 268 Aumale, gegen Biscara und die Ziban, im Süden von Con⸗ ſtantine, vorrückte, vereinten ſich die Nomaden der Wüſte zu Temaſſin, um über das Benehmen, das ſie beobachten ſollten, ihr gewohntes Orakel zu berathen; das Haupt der Khuans Tſidjani, der Marabout, welcher noch nicht Zeit gehabt hatte, den ungerechten Einbruch Abd⸗el⸗Kaders zu vergeſſen, erwie⸗ derte, wie folgt:„Gott hat Algier den Franzoſen gegeben, er beſchützt ihre Herrſchaft. Bleibt alſo ruhig und laßt das Pulver nicht gegen ſie ſprechen.“ Dieſes einfache Wort des verehrten Hadj⸗Ali hat viel Blutvergießen erſpart. Die Muſelmänner haben auch ihre Jeſuiten! Dieſer Name iſt die genaue Ueberſetzung von Aiſſaua, die Benennung, welche man den Sektirern von Sidi⸗Mhammet Ben⸗Atſſa gibt. Jeſus Chri⸗ ſtus wird im Coran und in den arabiſchen Büchern mit dieſem Namen Alſſa bezeichnet, ſo daß nach der grammatikaliſchen Analo⸗ gie, ein Mann von der Geſellſchaft Jeſu buchſtäblich ein Mſſaui iſt, ein Jeſuite; aber die Aehnlichkeit geht nicht weiter. Welche Meinung man ſich auch von den Jeſuiten des Katholicismus bilden mag, ſo wäre es lächerlich, zu verkennen, daß ihre Brüderſchaft ein mächtiger Herd der Aufklärung, ein Werk⸗ zeug der Civiliſation voll wunderſamer Gewandtheit und Ein⸗ ſicht war. Die Khuans von Sidi⸗Miſſa waren im Gegentheile nie mehr als niedrige Ränkeſchmiede, Taſchenſpieler, welche auf die alberne Leichtgläubigkeit des Volks ſpekulirten; ihre politiſche Rolle beſchränkt ſich heut zu Tage auf das Spio⸗ niren und Herumtragen von Neuigkeiten. Um bei ihnen einige Punkte der Aehnlichkeit mit dem chriſtlichen Mönchthum zu finden, müßte man weit eher die nt Franziskus ————— 269 von Aſſiſt entſprungenen Bettelorden, als die Schüler Loyplas citiren. Der Orden der Aſſaui wurzelt in Maroko. Er wurde vor mehr als dreihundert Jahren zu Meknes, einer in jener Zeit bedeutenden Stadt, geſtiftet, wo ſich der Hauptort einer der vier großen Verwaltungstheile des Reichs befand. Die Legende des Gründers iſt mit den Abgeſchmacktheiten verwebt, welche ſtets die Volksphantaſie feſſelt. Sidi⸗Mhammet⸗ben⸗ Aiſſa war ein Mann von ſprichwörtlicher Armuth in den Augen der Menge, aber reich durch ſein Vertrauen auf Gott. Als Haupt einer zahlreichen Familie, die mit herzzerreißendem Jammer nach Brod ſchrie, hätte ein gewöhnlicher Menſch Arbeit geſucht. Der Mann Gottes kniete ruhig in einer Moſchee. Cinſt. wo die Familie bis zum tiefſten Elende herabgeſunken war, erſcheint ein Engel in ſterblicher Geſtalt und ſtellt den Troſtloſen Vorräthe zu für ein wohlſchmeckendes Mahl. Die folgenden Tage kehrt der nämliche Bote wieder und verdoppelt jedesmal die vorhergehende Ration, ſo daß in kurzer Zeit Fülle an die Stelle des ſchrecklichſten Mangels tritt. Nachdem Gott ſeinen Schützling im Elende geprüft hat, ſtellt er ihn nun auf eine noch gefährlichere Probe, auf die des Ueberfluſſes. Das Weib des Marabouts, die einen Eimer in die Ciſterne hinab läßt, zieht ihn voll von Gold⸗ ſtücken herauf. Der Seilige vertheilt das Gold unter die Armen und erfleht vom Himmel nur Waſſer für ſeine Waſchungen. Der Ruf des Marabvuts verbreitet ſich bald. Von allen Seiten ſtrömen Schüler herbei. Sidi⸗Aiſſa be⸗ gnügt ſich, hundert zu wählen. Indem er ſie mit ſeiner 270 wunderbaren Tugend verbündet, verlangt er dagegen von ihnen ein völliges Vertrauen, blinde Hingebung. Sidi⸗Alſſa bereitete ſeinen Erwählten, welche die Apoſtel des Ordens ſein ſollten, ſchwere Prüfung. Bei den frommen Feſtlichkeiten des Beiram pflegt jede muſelmaniſche Familie ein Schaf zu opfern. Die Reichen zeichnen ſich bei dieſer Gelegenheit dadurch aus, daß ſie ſo viele Schafe umbringen, als ſich in ihrer Familie Mitglieder befinden. Um den Armen ihr Mitgefühl zu beweiſen, hat die franzöſiſche Verwaltung ſeit einigen Jahren die Einrichtung getroffen, daß unentgeldlich Schafe unter diejenigen vertheilt werden, welche das äußerſte Elend verhindert hätte, den Beiram zu feiern. Als nun eines Tages Atſſa's hundert Schüler zu dieſem Feſte vereint waren, erklärte ihnen der Meiſter, daß er entſchloſſen ſei, ſie Alle als wahre Schafe zu ſchlachten, und forderte ſie auf, einer um den andern in ſein Haus zu treten zur Vollführung dieſes Opfers. Einer der Khuans trennt ſich von der Gruppe, überſchreitet die Schwelle und bald färbt ſich vor den Augen der Brüder der Bach, welcher vom Hauſe in die Gaſſe ablauft, mit Blut. Mehrere Andere treten nach einander über die Schwelle. Die auf dem öffentlichen Platze Zurück⸗ gebliebenen ſehen bei jedem neuen Opfer den Blutſtrom rauchen und ſchwellen. Neununddreißig Brüder, unter dieſen ein Jude, der ſich plötzlich zum Mahometismus bekehrt, bieten ſo ihren Hals dem Opferer dar. Die andern Zöglinge fliehen von Schrecken ergriffen, und berfluchen ihren Meiſter. In Einem Augenblicke fliegt die Kunde der grauſen Metzelei durch die ganze Stadt. Die uſtiz eilt herbei; man ſprengt den Eingang zum Hauſe des Marabout und findet— vierzig Schafe zu den Füßen der vierzig Gläubigen geſchlachtet, welche Allah's Lob ſingen. Durch dieſe Prüfung erleuchtet, verminderte Sidi⸗Akſſa die Zahl der zur Verbreitung ſeiner Sekte beſtimmten Apoſtel von hundert auf vierzig. Der Ruf und Einfluß des armen Marabouts wuchs dergeſtalt, daß er den glorreichen Mulei⸗Ismael, Sultan von Maroko, beunruhigte. Im Einberſländniſſe mit den Großen des Landes, trachtete dieſer Fürſt nach einem Anlaſſe, den Erwählten Gottes zu verderben. Aiſſa hatte ſich mit ſeinen vierzig Apoſteln einige Meilen von Meknes in einem Orte Namens Hameria niedergelaſſen, der, bisher unbewohnbar, ſich plötzlich in einen reizenden Aufenthalt umgeſchaffen. Er⸗ zürnt mehr als gerührt von dieſem neuen Wunder, brachten die Agenten des Kaiſers dem Marabout Befehl, aus ſeinem Sitze zu weichen.„Euer Herr handelt nach ſeinem Rechte,“ ſprach Aiſſa, ohne in Aufregung zu gerathen;„aber ſagt ihm, daß ich bereit ſei, ihm nicht blos Hameria, ſondern die Stadt Meknes und alle dazu gehörigen Ländereien abzu⸗ kaufen.“ Dieſer Vorſchlag von Seiten eines ſehr armen Mannes, ſchien eine der Majeſtät des Sultans zugefügte Beleidigung. Man freute ſich darüber und hoffte darin den Vorwand zur Strafe des Unverſchämten zu finden. Man ließ alſo als Kaufpreis eine ungeheure Summe von ihm begehren, die Alles überſtieg, was der Schatz des Staates bieten konnte, und ihm zugleich andeuten, daß er ſtreng gezüchtigt werden ſollte, wofern er ſeinen Verbindlichkeiten nicht entſpräche. 272 Der Marabout nimmt es nichtsdeſtoweniger an. Als der zur Schließung des Handels feſtgeſetzte Tag kam, begab ſich der Sultan, von ſeinen Würdenträgern und Ulemas begleitet, nach Hameria.„Da iſt der Verkaufsvertrag,“ ſagt der Despot zum armen Manne,„jetzt iſt es an Dir, zu berichtigen.“—„Ihr ſollt zufrieden geſtellt werden,“ er⸗ wiederte Aiſſa demüthig. Er reibt mit der flachen Hand einen Olivenbaum, unter deſſen Schatten der Fürſt und ſeine Höflinge ruhen, alsbald fällt aus den Blättern ein Goldregen mitten in den Kreis. Man rafft die Goldſtücke zuſammen, zählt ſie und findet eine Summe, welche den geforderten Preis dreifach überſteigt.—„Jetzt iſt die Reihe an mir, Euch zu vertreiben, Bewohner von Meknes,“ ruft der Heilige, ſich ſtolz erhebend,„denn zu dieſer Stunde ſind Eure Häuſer, Eure Paläſte, Eure Ländereien mein Eigenthum.“ Es war nur zu wahr. Die Anweſenden, der Kaiſer ſelbſt, neigen ſich vor dem Manne Gottes. Man fleht ihn an, ſeine Rechte nicht ſtreng zu üben.„Ich willige ein,“ entgegnete Sidi⸗ Aſſa,„aber unter einer Bedingung: daß alljährlich, vom zwölften Tage des Monats Mauled*) an, alle Einwohner von Meknes, mit Ausnahme meiner Khuans, ſieben Tage zu Hauſe bleiben ſollen. Sie ſetzen ſich den härteſten Strafen aus, wenn man ſie in den Straßen trifft. Meine Brüder allein dürfen das Recht haben, ſich dort zu zeigen und ihren Geſchäften nachzugehen. Es iſt eine Bedingung, die ich für *) Der dritte im Jahr der Muſelmänner. Der zwölfte Tag dieſes Monats iſt der Jahrstag der Geburt Mahommeds. 273 immer auferlege und deren Vollziehung künftig jeder Sultan⸗ jeder Beamte der Stadt überwachen muß.“ Der Vorſchlag wurde als Wohlthat angenommen. Ein in dieſem Sinne verfaßter Vertrag erhielt unverweilt das Siegel des Sultans und die Unterſchriften der Großwürdenträger. Sollte man es glauben? Dieſe Uebereinkunft, welche die nebelhafte Sage auf dreihundert Jahre zurück leitet, bleibt noch in unſern Tagen in Kraft. Jedes Jahr läßt der Statthalter von Meknes vor dem zwölften Mauled verkünden, daß ſämmtliche Einwohner der Stadt, mit Ausnahme der Khuans von Sidi⸗ Alſſa, ſich ſteben Tage lang enthalten ſollen, auf der Straße zu erſcheinen, und daß jeder Verſtoß gegen dieſes Gebot ſtrenge Strafe nach ſich ziehe. Es gab nur ein Mittel, dieſer Haft von einer Woche auszuweichen: und das war, ſich in den Orden von Sidi⸗Aiſſa aufnehmen zu laſſen, weßhalb die Stadt Meknes auch immer und noch heutigen Tages ſo viele Aiſſaua's als Bewohner gezählt hat und noch zählt. Man muß zugeben, daß dieſes Mittel der Rekrutirung neu iſt und daß der muſelmänniſche Jeſuit, wenn er den Erfolg vorausgeſehen, ſeinen Namen verdient hätte. Nach dieſer Erfahrung begreift ſich, daß Sidi⸗Aiſſa nicht weiter beunruhigt ward. Gegenſtand einer ängſtlichen und abergläubiſchen Verehrung, beſchloß er ſeine Tage fried⸗ lich zu Hameria, die Völker durch übernatürliche Thaten berückend, jenen groben Fanatismus, jene Liebe zum Wunder⸗ baren um ſich verbreitend, welche die Merkmale ſeiner Sekte ſind. Sein Leib ruht ſeit dreihundert Jahren zu Hameria in einer Moſchee, deren Bau er ſelbſt leitete. Der Erzähler. 1846. m. 18 274 Meknes, die Wiege des Ordens der Aiſſaua's, iſt noch heute der Sitz ihres Oberhauptes. Die Khuans von Sidi⸗ Aiſſa bilden an verſchiedenen Orten von Maroko die Mehr⸗ zahl der Bevölkerung. Sie find ziemlich beträchtlich in der Provinz Oran, wo ſie nördlich von Tagdempt, im Lande der Flitas, eine ſehr anſehnliche Zauia beſitzen. Ihre Zahl min⸗ dert ſich in der Provinz Algier. Man dürfte deren ungefähr fünfzig in Conſtantine zählen. Zu Tunis nimmt ihr Einfluß mehr zu. Sie ſcheinen nicht, wie die andern Orden, durch die ſympathetiſchen Bande des Gebets und frommer Werke verkettet. Bei ihnen iſt Alles äußerlich. Sie bewältigen die Menge, indem ſie dieſelbe durch wilde Uebungen, durch eine Raſerei, welche etwas Anſteckendes hat, in Schrecken ſetzen. Da ihre Ceremonien hauptſächlich in Gaukeleien beſtehen, deren Opfer ſie würden, wenn ſie dieſelben nicht mit großer Ge⸗ ſchicklichkeit vollbrächten, ſo wählt jeder Eingeweihte einen ſpeciellen Zweig und geht in die Lehre unter der Leitung von einem der Ordensgeiſtlichen. Stellen wir uns ein kirch⸗ liches Feſt der Miſſaua's dar. Im Kreiſe gekauert auf dem innern Hofe eines Hauſes, beginnen ſie damit, ein langſames feierliches Gemurmel vernehmen zu laſſen. Nach und nach nehmen der Mokaddem, darauf die Brüder die Chmbeln und den Tambour: der Rhthmus ſchwillt, der Geſang prägt ſich aus; ein Crescendo, durch ſteigende Eraltation genährt, artet in betäubendes Toſen aus. Nach zwei Stunden hört man nur noch wildes Brüllen. Dann erhebt man ſich, ſtellt ſich in Reihen, tanzt und heult ſo gurgelnd als möglich den Namen Allah. Der Lärm ſteigt, die tollſten Geberden brechen N 275 los; die fallenden Turbane laſſen die geierähnlichen Kahlköpfe unverhüllt ſehen. Die langen Falten der rothen Gürtel win⸗ den ſich los, verwickeln ſich in die Bewegungen und vermehren die Verwirrung. Alsdann ahmen die Alſſaua's, auf Händen und Füßen gehend, die Thiere nach. Der Mokaddem kommt als Hirt dieſer ſeltſamen Heerde herbei, ihr Futter zu reichen. Die Einen empfangen von ihm Glasſtücke, welche man unter ihren Zähnen knirſchen hört; die Andern Dornen, Kohlen, Nägel, an denen ſie ſich zu verletzen ſcheinen. Man ſieht deren, die ſich Skorpione, Schlangen in den Mund ſtecken, welche man aus kleinen Lederſäcken nimmt. Man reicht von Hand zu Hand glühendes Eiſen, ohne ſich zu ſengen, geht, ohne ſich zu verwunden, auf der Degenſchneide und ſucht um die Wette das fromme Entſetzen bei den Umſtehenden auf den Gipfel zu treiben. Für die Europäer ſind dieſe Akte wahnfinniger Raſerei, dieſe grauſen Mahlzeiten nichts als geſchickt ausgeführte Gauk⸗ lerſtücke. Die Franzoſen haben ſich überzeugt, daß die Aiſſaua's, denen man die Gabe zuſchreibt, den Biß giftiger Thiere zu heilen, es nur unternehmen, wenn das Gift nicht tödtlich iſt, und ſich im Gegentheil verſtecken, wenn man fie zu Wunden ruft, welche wirklich gefährliche Thiere verurſachten. Die Reptilien, welche ſie als Nattern der ſchäblichſten Gattung umherſchleppen, find nichts als ſchuldloſe Blindſchleichen, und als Neveu ſich erbot, mit den Aiſſaua's ſeine Hand in den Sack zu ſtecken, worin ſie dieſe Thiere verwahren, packten ſie eilig auf und ſuchten ihre Spielzeuge unter den Kindern Mahomets. 276 Nichtsdeſtoweniger ſind die vorgeblichen Wunder dieſer Seiltänzer Glaubensartikel für das Volk von Algier. Man wähnt, die Khuans könnten ohne Lebensgefahr ſich von den nachtheiligſten Subſtanzen nähren, den höchſten Gefahren die Stirne bieten. Den Urſprung dieſes Glaubens findet man in der Legende von Sidi⸗Aiſſa. Es geſchah bei ihm, daß er ſeine Schüler mit dem Gifte todbringender Thiere bewir⸗ thete. Nach dem Ableben des Heiligen beſchloß der Kaiſer Mulei⸗Ismael, der wahrſcheinlich noch das Abenteuer von Meknes auf dem Herzen hatte, eine Sekte auszurotten, welcher er mißtraute. Nachdem man auf ſein Geheiß eine große Grube gemacht hatte, ließ er durch einander alles, was von ſcheußlichem Gewürme, unreinen und ſchädlichen Thieren zu finden war, hineinwerfen und das Ganze als eine Art von Gewürz mit den durchdringendſten Giften beſtreuen. Darauf befahl er den Hauptſektirern Aiſſa's, die er hatte beſcheiden laſſen, das für ſie beſtimmte Mahl zu genießen, bei Strafe, im Weigerungsfalle als ſchändlicher Lügner behandelt zu werden. Erſtarrt von Graus, werfen ſich die Brüder nieder und ſtoßen Hülfgeſchrei aus oder fliehen mit Gefahr ihres Lebens. Schon glaubt der ſtolze Kaiſer zu ſiegen, als ein Weib hinzutritt, Lella Khamſia genannt, vordem Dienerin beim Stifter des Ordens. Durchblitzt vom Geiſte ihres Herrn, hält ſte den Brüdern ihre Feigheit, ihre Glaubens⸗ ſchwäche vor, beſchwört ſie, ihrem Beiſpiele zu folgen, ſtürzt ſich in die Grube und fängt an mit frommer Gier zu eſſen. Verzückung folgt auf das Staunen der Brüd rz um die Wette ſpringt man in die Tiefe, greift nach den gefährlichſten, W7 widerlichſten Gerichten. In Einem Augenblicke iſt das hölliſche Mahl verzehrt und dem verwunderten Kaiſer bleiben die Schande und die Unkoſten ſeiner greulichen Küche. Der Europäer, welcher heutigen Tags die Märkte Algiers durchſtreift, wird häufig vom Lärm einer Schellentrommel, vom Miauen einer Weidenflöte gelockt. Dies Orcheſter gehört den Brüdern von Sidi⸗Aiſſa, welche der Menge eine Vor⸗ ſtellung von der ſchönen That ihrer großen Heiligen geben⸗ Eine Art von Inſpirirten mit unbedecktem Geſichte und Haupt und fliegenden Haaren ſtellt Lella Khamſia vor. Sie nimmt Blindſchleichen und Schlangen in die Hände, ſchüttelt ſie vor den Zuſchauern, ſteckt ſte in den Mund und windet ſie mit tauſend Krümmungen um den Hals. Die Aiſſaua's verſtehen die Kunſt, die Aufmerkſamkeit der Menge von Zeit zu Zeit durch Geſänge, Anreden oder vorgetragene Neuigkeiten abzu⸗ lenken, damit die Gauklerin nicht das Opfer ihrer Uebungen werde. Nicht nur durch eine unedle Komödie, ſondern durch einen Auftritt ekelhafter Wirklichkeit wird Lella Khamſia's Andenken in der Hauptſtadt des Ordens gefeiert. Man ver⸗ ſichert, daß zu Meknes, beim Nahen des Mauledfeſtes, die eifrigen Jünger von Sidi⸗Aiſſa ſich in der großen Moſchee ihres Marabvuts verſammeln. Dort gräbt man eine Grube zum Gedächtniſſe derjenigen, welche Mulei⸗Ismael beſtellte. Kameele, Ochſen, Schafe, Ziegen, Geflügel, durch die From⸗ men dargebracht, werden getödtet, zerhackt und mit Blut, Haut, Federn, Knochen in den Graben geworfen. Die Aiſſaua's, die ſich diesmal ſelbſt zum Narren halten, tanzen um dieſe Grube wahnfinnige Runden, und wenn das Geſchrei, 278 die Bewegung, die Trunkenheit des Gemetzels ſie zum höchſten Parorismus der Wuth getrieben haben, fallen ſie über die blutigen rohen Trümmer der Opfer her und verſchlingen ſie gleich gierigen Hunden. Die Nachkommen der Lella Khamſia, welche ſich bis auf unſere Tage in Maroko erhielten, genießen daſelbſt eine abergläubiſche Verehrung. Man ſchreibt ihnen ein ziemlich betrübtes Vorrecht zu. Die, welche in gerader Linie von der Heiligen abſtammen, kommen haarig wie Löwen auf die Welt, und ihr Wort tönt ſo mächtig und rauh, daß es an das Brüllen des Königs der Wüſte erinnert. Beim Herannahen vom Jahrestage der Geburt des Propheten erwachen blut⸗ dürſtige Neigungen in ihnen, welche ſie äußerſt gefährlich machen. Sie fallen über die Vorbeigehenden her und zer⸗ reißen ſie auf's Schönſte, ſo gierig ſcheinen ſie nach menſch⸗ lichem Fleiſche. Man iſt genöthigt, ſie in Sidi⸗Aiſſa's Moſchee zu bringen, wo man ſie vierzig Tage lang an der Kette hält. Der Einfluß des heiligen Ortes beſchwichtigt ſie und man kann ſich ihnen dann furchtlos nähern. Es wer⸗ den gegenwärtig nur zwei geſetzliche Abkömmlinge von Lella Khamſia anerkannt. Im niedern Volke ſagt man, daß einer derſelben ſeine Tochter verſchlungen habe. Nach einer ge⸗ mäßigteren Meinung wäre die arme Kleine nicht geſpeiſt worden, ſondern einfach aus Schreck geſtorben, als ſie das Gebrülle ihres liebenswürdigen Vaters vernommen. In jenen andern Abkömmlingen von Lella Khamſia, die man zu Tunis zeigt, muß man nur eine farbloſe Nachahmung derer von Maroko erblicken. Wenn; der große Jahrstag der Geburt des 279 Propheten kommt, pflegen die tuniſchen Alſſaua's in den Straßen faſt nackte Menſchen mit haarigen Gliedern und fliegenden, mähnenartigen Haaren umherzuführen. Die Koketterie dieſer Unglücklichen beſteht darin, ſcheußlich zu ſcheinen. Die⸗ welche ſie geleiten, ſchwenken Fahnen um ſie und ſtoßen wil⸗ des Geſchrei aus, in das ſich die Bevölkerung miſcht. Kein blutiger Akt befleckt die Feier. Doch wäre es für einen Chri⸗ ſten oder Juden nicht gefahrlos, dem gemeinen Troß zu begegnen. Von allen algeriſchen Khuans ſind die von Sidi⸗Atſſa, die wenigſt beunruhigenden für die franzöſiſche Gewalt. Die Verworfenheit, die Dummheit ihrer Gebräuche, verſcheuchen jede ernſte Gefahr, und wenn ſie einiger Ueberwachung wür⸗ dig, ſo wäre es nur in ihrer Eigenſchaft als Spione und Neuigkeitskrämer. Die alberne Leichtgläubigkeit, welche ihnen die Menge gewährt, mag von der ironiſchen Skeptik der Fran⸗ zoſen mehr und mehr erſchüttert werden. Noch iſt im Gefolge der muſelmänniſchen Brüderſchaften einer ſchismatiſchen Sekte zu erwähnen, die man mit den Waadt⸗ ländern des Katholicismus, oder den Independenten der Re⸗ form vergleichen könnte: der Derkaua's, eine politiſche Verbin⸗ dung, wie die religiöſen Orden geſtaltet, und zudem von einem nicht minder heftigen Fanatismus beſeelt. Die Sagen über die Niederlaſſung dieſer Sekte weichen von einander ab. Die Einen ſchreiben ſie einem gewiſſen Sidi⸗Ali⸗el⸗Djenial zu, der erſt ſeit einem Jahrhundert todt; die Andern verleihen ihr eine ältere und ruhmwürdigere Einſetzung, indem ſie ihren Urſprung an die Brüder Mulei⸗Jnieb knüpfen. In dieſer weiten Hypotheſe würden die Derkauas eine Diſſidenz oder, — 280 um die chriſtliche Mönchſprache zu reden, eine Reform eines der größten Orden des Muhamedanismus bilden. Der Name der Sekte, welche nicht den des Stifters feiert, iſt noch ein Räthſel für die Gelehrten. Sollte das Wort Derkaui von Derka, kleine marokaniſche Stadt, drei Tagreiſen von Fez ge⸗ legen und muthmaßliche Wiege der Inſtitution kommen? Es iſt um ſo ſchwieriger, dieſen Zweifel aufzuklären, als das ab⸗ ſoluteſte Schweigen den Derkaua's befohlen iſt, beſonders in Betreff ihrer Genoſſenſchaft. Die Derkaua's bilden eine anarchiſche und unbezähmbare Sekte, welche ſich unter dem Vorwande, nur Eine Macht, die göttliche, anzuerkennen, fortwährend in Oppoſition gegen die menſchliche Gewalt ſetzt, welche es auch ſei. Ihre Haupt⸗ ſtatuten legen ihnen auf, nur Gott als Herrn zu betrachten, jeden Menſchen, der ein politiſches Uebergewicht gegen ſeines Gleichen ausübt, zu Lerabſcheuen, und Alles zu verſchmähen, was der muſelmänniſchen Religion fremd iſt. Sie dürfen blos in den Städten verweilen, um daſelbſt nützliche Dinge oder fromme Werke zu vollbringen. Sie ſollen ſehr wenig ſchla⸗ fen, eſſen, reden, unaufhörlich beten, nicht auf Läſterung hören, zu Fuße gehen und vorzugsweiſe einſame Orte wählen. Der Geiſt der Unbotmäßigkeit dringt ſogar bis in ihr Gebet. Wenn ſie bei ihren kirchlichen Gebräuchen das große Glau⸗ bensbekenntniß zu fingen haben:„La ilah illa Allah,“ be⸗ tonen ſie die erſten Worte ſcharf und begnügen ſich, den zwei⸗ ten Theil der Formel:„Mohammed rassoul Allah,“ nur in Gedanken zu ſagen, wodurch ſie gleichſam ſogar dem Pro⸗ 281 pheten die Huldigung verweigern, welche ſie nur Gott ge⸗ währen. Wenn man an abgelegenem Orte einem düſtern, ver⸗ ſchloſſenen Mann begegnet, ſtolz in einen unſaubern, geflickten Burnus gehüllt, in der Hand einen Stock mit lanzenförmiger Eiſenſpitze ſchwingend, und um den Hals einen Roſenkranz mit ſehr größen Perlen, ſo iſt das ein Derkaui. Stock und Roſenkranz ſind Waffen, welche ihn nie verlaſſen, die eine zur Vertheidigung gegen die Menſchen, die andere um wider die Hölle zu ſtreiten. Der Gläubige, welcher Derkaui werden will, tritt bittend vor das Ordenshaupt; dieſes legt ſeine Rechte auf den Kopf des Neophhten, bedeckt ſich die Augen mit der Linken, ſpricht ein leiſes Gebet und befragt ſein inneres Vorgefühl, um zu wiſſen, ob der Bittſteller wirklich die Gunſt verdient, nach welcher er trachtet. Die Aufnahme oder Abweiſung werden erſt in einer allgemeinen Brüderver⸗ ſammlung beſtimmt ausgeſprochen. Am feſtgeſetzten Tage fin⸗ det ſich der Poſtulant in der Moſchee ein. Nach den gebräuch⸗ lichen Anrufungen ſchreibt der oberſte Marabout einige Zeilen, faltet das Papier und gibt es dem Einzuweihenden, der es lieſt und verſchluckt. Letzterer ſchwört auf den Koran, die Ordensſtatuten treulich zu befolgen, ſich den Brüdern auf Tod und Leben zu verbünden, vor keiner Gefahr, keinen Lei⸗ den zum Sieg des Glaubens zurück zu beben und endlich, wenn der heilige Krieg ausbricht, blind die vom Oberhaupte ertheilten Befehle zu vollziehen. Die Organiſation der Derkaua's verräth die politiſchen Nebenabſichten der Sekte: es iſt eine despotiſche, durch gewiſſe 282 republikaniſche Formen ermäßigte Hierarchie. Der Sultan Mara⸗ bout, Oberhaupt des Ordens, hat Khalifa's Schatzmeiſter zu Miniſtern. Die Offiziere der Letzteren ſind Sheiks, mit Ueber⸗ wachung der Waffen und Munitionen beauftragt; ferner deren untergeordnete Agenten, unter dem Namen Agha, als Ver⸗ mittler zwiſchen den einfachen Brüdern und höheren Vorge⸗ ſetzten. Die Aemter, durch Stimmenmehrheit, vorbehaltlich der Zuſtimmung des Sultans Marabout, zuertheilt, ſind lebenslänglich; doch kann der Titular ſich freiwillig derſelben begeben: wenn er ſich des Vertrauens ſeiner Brüder unwerth macht, wird er abgeſetzt, und die Abſetzung zieht faſt immer den Tod nach ſich. Sind bei den Wahlen die Stimmen zwiſchen zwei Bewerbern getheilt, ſo ſchlägt man den Koran vor ihnen auf, und derjenige, welcher daraus die glücklichſten Anwendungen auf die Lehren der Sekte zu machen weiß, er⸗ hält den Vorzug. Die Brüderſchaft der Derkaua's theilt ſich heut zu Tag in zwei Aeſte, wovon der Eine zu Maroko, der Andere in Algter blüht. Die marokaniſchen Derkaua's ſcheinen einen kirchlicheren Charakter bewahrt zu haben, als die der alten Regenz. Zahlreich und einflußreich genug, um ſich beim Kaiſer in Anſehen zu ſetzen, flößen ſie ihm keine ernſtlichen Beſorgniſſe ein. Sie haben in dieſem Augenblicke einen Marabvut Namens Sidi⸗Mohammed⸗el⸗Harag zum Haupte, der zu Tetuan reſidirt. In Algier iſt die Sekte weit weniger verbreitet. Sehr gewichtig in der Provinz Oran, zählt ſie ſchon weniger Adepten im Centrum, und iſt in den Regionen von Conſtautine faſt gänzlich unbekannt. Die Gipfel des . 283 Uer⸗Senis, die gewöhnliche Zuflucht der Empörer, bieten den Ordenshäuptern ſichere Stätten. Unter den drei Hauptchefs befinden ſich zur Zeit zwei nahe Verwandte von Abd⸗el⸗Kader, der ſelbſt ein Sohn eines berühmten Derkaui iſt. In den den franzöſiſchen Waffen unterworfenen Landen iſt die Richtung der Sekte mehr politiſch als kirchlich; der Ungehorſam ging ſo ſehr in die Gewohnheiten der Derkaua's über, daß ihr Name, ſelbſt für die Eingeborenen, gleichbedeutend mit„Auf⸗ rührern“ wird. Man erinnere ſich, daß ſie mehr als einmal die türkiſche Oberherrſchaft gefährdeten. Die Hinterhalte, die kühnen Gewaltſtreiche, dieſe verzweiflungsvollen Angriffe, welche plötzlich gegen die Franzoſen losbrechen, ſind meiſtens durch irgend einen Derkaui geſchürt. So am 30. Juni 1845 der tolle Verſuch jener Unglücklichen, welche ſich mit verſteckten Waffen zu den franzöſiſchen Poſten von Sidi⸗bel⸗Abbes ſchlichen und Alle, 58 an der Zahl, den Tod fanden, nach⸗ dem ſie ſelbſt einige Opfer gemacht. Einer der gefährlichſten Feinde iſt ein Derkaui ſcher Marabout, Mulei⸗Schekfa genannt. Mit einer Miene, einem Worte bringt dieſer kleine Despot die Berge Kabylien's in Aufruhr und läßt ihnen Krieger entſteigen. Bei dieſem un⸗ ruhigen Manne ſuchen die franzöſiſchen Deſerteurs gewöhnlich Zuflucht und er unterläßt nichts, dieſe Renegaten zu verlocken, die er zu Bereitung von Waffen und Munitionen vorausſicht⸗ lich des heiligen Kriegs verwendet. Im Einklang mit ſeinem eignen Behagen, verſtand er ſich mit ihrer Hülfe dazu, eine große und ſchöne Wohnung erbauen zu laſſen. Wir haben geſehen, daß zwei Verbrüderungen von den 284 Franzoſen nicht zu fürchten find: Die Aſſaua's, weil ſie lächer⸗ lich find; die Brüder von Hanſali, weil ihr Oberhaupt in franzöſiſcher Hand. Unter den fünf andern bekannten Orden befinden ſich drei, welche nicht mit Abd⸗el⸗Kader ſympathiſiren: die mächtigen Brüder von Mulei⸗Taieb, weil ſie die Herrſchaft anſprechen; die Brüder von Tſidpani, weil ſie perſönlichen Groll gegen den Emir hegen; die wilden Derkaua's, weil ſie aller Welt Feind ſind. Ein Sekretair des Kaiſers von Maroko ſagte kürzlich zu dem franzöſiſchen Bevollmächtigten: „Sie werden bei den Arabern mehr mit den Aerzten und Mara⸗ bouts ausrichten, als mit Kanonen und Flinten.“ Die empfind⸗ lichſte Seite der barbariſchen Sitten iſt allerdings der religiöſe Inſtinkt. Eine zarte Ueberwachung der Brüderſchaften; Einver⸗ ſtändniſſe, durch welche man die den Khuans von ihren ge⸗ heimnißvollen Khalifas übermachten Vorſchriften durchſchaute; angemeſſene Geſchenke für die Oberhäupter, Freigebigkeit gegen fromme Anſtalten unter dem Vorwande des öffentlichen Wohls, wären nicht ungeeignet, die Ruhe in Algier herzuſtellen. Es iſt Zeit an Siege zu denken, welche allein die Beſitznahme eines Landes ſichern und rechtfertigen, an eine Art Eroberung welche ſchwieriger iſt, als die des Ordens: an die Eroberung der Herzen und Geiſter. 2 Cayetano der Schmuggler. EFrinnerungen von den Küſten des ſtillen Meeres.*) —— niger Bedeutung, die Eine durch ihre Lage am Meere, Guahmas; die Andere durch den Handel, deſſen Stapelplatz ſie iſt, Hermoſillo; die Dritte, durch den Sitz der geſetzlichen Ge⸗ walt, Arispe. Hermoſillo, ehmals Hauptſtadt, bevor Arispe ihr dieſen Rang entriß, zählt noch 7000 Einwohner. Auf einem Plateau erbaut, das ſich ſanft bis zum Meere ſenkt, in der Richtung von Guahmas, nämlich von Norden nach Süden, liegt die alte Hauptſtadt Sonora's auf dieſer Seite 40 Meilen vom ſtillen Meere; aber *) S. Erzähler, Band II. 286 von Weſten nach Oſten iſt ſie kaum 15 Meilen vom Meer⸗ buſen von Californien entfernt. Auf dieſer letzteren Seite er⸗ ſtreckt ſich das Plateau ohne Abweichungen bis an's Meer. Steile Abhänge, an deren Fuß ſich die Wogen zürnend bre⸗ chen, ſchneiden es raſch ab und dienen ihm zur Gegenwehr. Ein enger Kanal trennt das feſte Land von einer kleinen, Tiburon oder Requin genannten Inſel, welche auf ihrer Mor⸗ genſeite einen ziemlich gefahrvollen Ankerplatz bietet. In ſolcher Lage kann Hermoſillo ſeine Magazine den rechtmäßig von Gu⸗ aymas anlangenden Waaren öffnen, wie auch denen, welche die Schmuggler, durch Klippen zu ſchiffen gewohnt, über jene Abhänge einſchleppen. Dieſe Schmuggelei wird trotz den ſtrengen, auf dieſen abgelegenen Ufern immer umgangenen Geſetzen des Congreſſes fort und fort getrieben. Die einzige Steuerung zum Vor⸗ theile des Schatzes beſteht darin, daß die heimliche Contre⸗ bande diejenige ablöſt, welche bei hellem Tage auf größerem Fuße durch die Leute ſelbſt ſtatt fand, deren Beruf es war, dem Unfuge zu ſteuern. Es gab eine Zeit— und die Fran⸗ zoſen, welche vor einigen Jahren Merico beſuchten, haben ſie nicht vergeſſen— wo der Mauthverwalter eines Seeſtaates dem mexicaniſchen Finanzminiſter die unabwendbar in fol⸗ genden Ausprücken verfaßte Meldung machte:„Heute lief ein von Bordeaur kommendes völlig mit Heu beladenes Schiff ein; beſagte Ladung hat keine Abgaben entrichtet, aus dem Grunde, weil ſie zur Nahrung der von ihr übergeſetzten Maul⸗ thiere beſtimmt iſt. Die Paſſagiere an Bord haben erklärt, nur wegen Luftveränderung an. unſere Küſte gekommen zu 3 287 ſein.“— Iſt es noch nöthig beizufügen, daß dieſe geneſenden Paſſagiere eine reiche Ladung begleiteten, welche niemals irgend einen Zoll in die Staatskaſſe entrichteten? Nur das Ankerrecht und einige kleine Abgaben wurden treulich bezahlt. Der Ge⸗ neralſchatzmeiſter konnte ſich billig über den Ruf von Geſund⸗ heit verwundern, der ſo viele Reiſende in das Land zog; was ihn aber nicht weniger überraſchen mußte, war das Wegfallen jeder Abgabe für die Ueberſchiffung der Maulthiere, zu deren Fütterung man ſich vorſichtigerweiſe mit einer Fracht euro⸗ päiſchen Heu's verſehen hatte. Der hohe Preis der Maul⸗ thiere oder andere immer unvorhergeſehene Hinderniſſe, ließen regelmäßig den Verkauf ſcheitern, zum großen Schaden für die Einkünfte der Republik, aber nicht des Privatvermögens vom Adminiſtrator, den dieſe ſeltſamen Ladungen ſchleunigſt bereicherten. Zu allen Zeiten, auf dem einen wie dem andern Meere, hat zu Merico die Contrebande die wichtigſten und faſt ein⸗ zigen Staatseinkünfte zu ihrem Nutzen abgeleitet. Dieſe ſtraf⸗ bare Induſtrie iſt hier nicht wie in Europa das Monopol ei⸗ niger kühner Abenteurer. Wenn die Finanzen mehr oder weniger arm find, denkt jeder öffentliche Beamte daran, ſich auf Koſten des Staates zu entſchädigen, der ihn nicht bezahlt. Die Truppen ſchreien laut nach ihrem Solde, die Civilange⸗ ſtellten verbrüdern ſich mit den Soldaten. Der Mauthver⸗ walter gibt den„vistas«(Durchſuchern) Vollmacht, die Mauthner den Trägern der Adminiſtration, die ſich von Allen helfen laſſen, welche eine Laſt ſchleppen, einen Nachen lenken oder nöthigenfalls ein Meſſer führen können. Dann, nach 288 der Laune des Präſidenten der Republik, gemäß der Strenge der ertheilten Geſetze, geſchieht die Schmuggelei am hellen Tage oder unter dem Schleier der Nacht, in dem Hafen oder an entlegener Küſte, aber Jeder, fern oder nah, bietet die Hand dazu. Man kann ſich denken, daß in der todten Jahrs⸗ zeit der Perlen⸗ oder Perlmutterfiſcherei die Taucher, welche ſich hiemit abgeben, koſtbare Hülfstruppen für die Schmuggler ſind. Durch eine unmittelbare Folge der Armuth im Schatze ſieht man, während die Civilbeamten Contrebande treiben, Soldaten, Officiere ſogar ſich den Straßenräubern beigeſellen. Für dieſe Wegelagerer(Satteador de camino) iſt der Raub auch kein Handwerk. Es ſind Familienväter, öfters vom Al⸗ caden ihres Dorfes beſchützt und von ihrem Pfarrer geweiht, die ſich nicht auf das Feld begeben, wenn ihre Spione nicht irgend eine reiche Beute ausgekundſchaftet haben. Iſt einmal der Schlag ausgeführt, iſt der Reiſende, welcher Widerſtand wagte, ſchonungslos gemordet, oder der, welcher ſich friedlich plündern ließ, mit der feinſten Leutſeligkeit behandelt, ſo keh⸗ ren ſie in ihr Dorf heim, ohne bei Theilung der Beute den Wirth zu vergeſſen, der ihnen den geheimnißvollen Wink zu⸗ kommen ließ, den Alcaden, der ihren Waffenbrief unter⸗ zeichnete, und den Pfarrer, der ihnen Ablaß gab. So ſelt⸗ ſam nachſichtig iſt die herrſchende Meinung, daß Diebe und Schmuggler in Mexico nicht von der Geſellſchaft getrennt le⸗ ben, keine Kaſte bilden, welche gleichſam ihre eigenen Geſetze und Sitten hat. Wer ſie nicht beim Werke ſieht, ahnet nichts von der Originalität ihrer Phiſiognomie. Ich dachte nicht, ich geſtehe es, mich jemals unter den geeigneten Verhältniſſen 289 zu erblicken, um meine Beobachtungen in dieſer Hinſicht ver⸗ vollſtändigen zu können, als eine ſeltſame Begegnung, welche mir zu Hermoſillo zu Theil ward, mir Gelegenheit verſchaffte, dieſe Contrebande neuer Art in der Nähe zu ſehen und ſo zu ſagen auf der That zu treffen. Ehe der Reiſende Guahmas verläßt, um ſich nach Her⸗ moſillo zu begeben, erwartet er, der Nachweiſungen über die Gegend eingezogen hat, durch welche er kommt, Einöden, hier und dort von Ciſternen erfriſcht, zu finden. Beim Anblicke der traurigen Vegetativn, welche ſeinem Auge begegnet, der Kaktus, der wenigen Bäume, welche auf einem ausgetrockneten Boden gedeihen können, findet er ſich nicht betrogen. Das iſt die Wüſte, welche man ihm vorausgeſagt. Eine ſenkrechte Sonne ſendet Pfeile auf ihn nieder, deren Gluth kein Lüft⸗ chen mildert und welche das Aufprallen auf einem kahlen, geborſtenen Grunde noch unerträglicher macht. Ein feiner, un⸗ greifbarer Staub wirbelt unter den Hufen der Pferde auf. Wenn zufällig ein Lufthauch das bleiche, kranke Laub der Bäume bewegt, iſt er brennend; er trocknet den Mund aus, die Lippen ſpringen auf, die Zunge klebt am Gaumen. Dann gedenkt der Wanderer der friſchen Lüftchen des Golfs, dem er den Rücken wendet; ſchon gewahrt er die erſehnten Ciſternen und taucht in Gedanken in die verheißene, klare Welle. Da beginnen ſeine Enttäuſchungen. Große Stangen, welche die Schwengel bilden, ein lederner Eimer an einem Ende, ein großer mit Riemen feſtgebundener Stein am andern, heben ſich von dem ſtaubigen Horizont ab. Näher betrachtet, ſtrecken dieſe Schwengel troſtlos ihre großen Arme aus; die Leder⸗ Der Erzähler. 1846. m. 19 290 eimer, zuſammengeſchrumpft, im Sonnenſtrahle verhornt, ſchei⸗ nen ſeit hundert Jahren durch keine Feuchtigkeit mehr erfriſcht. Die Hoffnung hält den Reiſenden noch aufrecht. Bald und ſchmerzlich in ſeiner Erwartung getäuſcht, ſtiert er eine ſchwarze Kruſte an, welche an die Stelle des Regenwaſſers trat, oder einen ſumpfigen Grund, ſtinkende Wiege eckelhafter Thiere. Rings um ihn zirpen die Grillen, gierig nach Abendthau unter jedem dürren Grashalm. Entmuthigt, vernichtet, lagert ſich der Wanderer neben ſeinem Roſſe, deſſen keuchende Lenden Marter verrathen und fragt ſich trauernd, den Blick zum un⸗ erbittlichen Himmel erhoben, ob nicht der göttliche Fluch auf dieſer enterbten Erde laſte. Ich langte zu Hermoſillo an, nachdem ich qualvoll dieſe brennenden Einöden durchpilgert. Es war einige Zeit vor Weihnachten. Ich hatte acht Tage in dieſer Stadt verweilt und noch nicht alle Briefe abgeben können, mit denen man mich zu Guahmas beauftragt. Eines Abends, als ich ſie unterſuchte, um ſie am andern Morgen zu überliefern, fiel mir die Ueberſchrift eines dieſer Briefe auf. Es waren deren nicht ſo viele, als daß ich mich nicht vollkommen der Perſonen entſinnen konnte, welche ſie mir anbertraut, und jenes Schrei⸗ ben, ich geſtehe, ſpottete aller meiner Erinnerungen es trug nur die Worte:„Al sennor don Cayetano.“ Ich rief dem Wirthe, bei dem ich abgeſtiegen, weil er Chineſe war und ich den Ruf ſeiner Landsleute als Köche und Barbiere kannte; ich hoffte einige Erkundigungen von ihm über dieſen Don Cahetano einzuziehen. „Ich kenne ihn muy,“ entgegnete mir der Chineſe, 4gls 291 Verkäufer von Kaimanseiern und Hahſiſchfloſſen, die ich ſehr gern eſſe und ihnen vorſetzen werde, wenn dem Herrn Don Cahetano Luſt anwandelt, eine Fahrt auf unſern Lagunen oder in's Meer zu machen; wenn Sie es aber wünſchen, Herr Cavalier, werde ich den Brief beſorgen.“ Ich nahm es mit Vergnügen an.„Und Sie wiſſen nichts über ihn?“—„Nichts,“ verſetzte der Chineſe,„wenn nicht einen Umſtand, von welchem ich ſprechen hörte, deſſen ich aber nicht gewiß bin, denn ich wohne erſt ſeit ſechs Mo⸗ naten in der Stadt. Man behauptet, daß Don Cahetano nicht ruhig den Klang vom Cerro de la Campagna (Glockenhügel) hören könne*); dieſer Ton regt ihn auf und wenn er aufgeregt iſt, iſt er.. iſt er ſehr lebhaft. Das iſt Alles, was ich weiß, Herr Cabalier.“ Der Chineſe ſprach dieſe Worte wie ein Menſch, der entſchloſſen iſt, nichts weiter zu ſagen, und ich entließ ihn. Einige Tage ſpäter, im Augenblicke wo ich am wenigſten daran dachte, ſtellte mich der Zufall der fraglichen Perſon gegenüber und zwar unter folgenden Umſtänden: Die Stadt beſitzt an Natur⸗Merkwürdigkeiten nur den Glockenhügel, deſſen der Chineſe erwähnte. Ich hatte den *) Der Cerro de la Campagna iſt ein ziemlich hoher Hügel am Ende der Stadt, deſſen Gipfel ungeheure Steinblöcke krönen, die beim geringſten Stoß einen klaren, metallartigen Klang von ſich geben, wie der einer Glocke, und deſſen Schwingungen, je nachdem der Wind geht, weit zu hören ſind. 292 Cerro erſtiegen, manches ſchlafende Echo geweckt, dieſe Unter⸗ haltung aber bald ziemlich läſtig gefunden, und meine Blicke wieder auf die Stadt gelenkt. Der Tag war im Scheiden und die umliegenden Höhen verloren allmälig ihre Azurtinten. Es war die Stunde, wo die verzehrende Hitze der Abendfriſche weicht. Als ich auf den Hügel ſtieg, waren die Straßen öde, das trockene Bett des Rio San⸗Miguel ſchweigſam; im Au⸗ genblicke, von welchem ich ſpreche, begann Hermoſillo lebendig zu werden. Man improbiſirte raſch die Vorkehrungen zum Weihnachtsfeſt. Einige Raketen beſchrieben in der Luft leuch⸗ tende Curven; der rothe Schein des Strauchwerks, das auf eiſernen Dreifüßen loderte, erhellte bereits einige Theile des Fluſſes; das Geſchrei der Verkäufer von Miſchungen aus Ro⸗ ſenwaſſer und Tamarinrinde ließ ſich vernehmen im Verein mit dem Summen der Menge, dem Klappern von Caſtagnetten und dem Tönen der Mandolinen; die Stadt erwachte aus der lethargiſchen Betäubung, in der ſie ſeit dem Morgen ver⸗ ſunken war. Als ich vom Cerro herabſtieg und durch eine Nachbar⸗ ſtraße ſchritt, leitete mich ein ſilberner Klang, der aus einem kleinen, niedern Hauſe drang, auf die Vermuthung, ich be⸗ fände mich in der Nähe eines Spielhauſes. In der That er⸗ kannte ich zwiſchen den hölzernen Gattern, welche die Fenſter umgaben, einen grünen Teppich und Spieler, welche ſchweigend um eine opale Tafel faßen. Entſchloſſen, die Zeit bis zum Abendeſſen todtzuſchlagen, trat ich in das Haus. Alle Spieler waren von einem Zuge hingeriſſen, der ſehr merkwürdig ſchien, denn Niemand gewahrte mein Hinzukommen, ich konnte alſo — 293 nach Gefallen beobachten. Zwei Lichter, wovon jedes in einem Kriſtallglaſe brannte und um welche Tauſende von Nacht⸗ ſchmetterlingen flatterten, warfen ſchwankenden Schimmer über etwa dreißig Perſonen, welche in dem niedern Saal vereint waren. Alle Phhſiognomien boten den nämlichen Ausdruck von Gleichmuth. Zuſchauer und Spieler rauchten mit der nämlichen Kaltblütigkeit, ich möchte faſt ſagen mit der nämlichen Würde. Es gab nur einen Unterſchied zwiſchen dem Einen und Andern, die Kleidung. Man konnte unter den Spielern Repräſentanten aller Klaſſen der mexicaniſchen Geſellſchaft be⸗ merken; aber die Gallerie beſtand vorzugsweiſe aus Indivi⸗ duen, die ſtolz in grobe Stücke Baumwolltuch gehüllt waren, Bruſt und Arme nackt, die meiſten mit breiten, tiefgefurchten Narben, Folgen der in ihren Meſſerzweikämpfen empfangenen Wunden, und unter ungepflegten Haarbüſcheln Phhſiognomien zur Schau tragend, vor denen einem ehrlichen Manne der Schauder überlief. Im Augenblicke, da ich eintrat, concentrirte ſich die Auf⸗ merkſamkeit der Gallerie auf zwei Spieler. Der Eine, mit einem Strohhute und einer Jacke von ungebleichtem Batiſt, ſchien mager und ſchwächlich; der Andere, groß und muſkel⸗ ſtark, wie ein Athlete gewachſen, trug trotz der Hitze einen Mantel mit breiten Goldfranſen. Um ſein Haupt war ein gewürfeltes Tuch geſchlungen, deſſen Ende, unter einem perua⸗ niſchen Schafwollenhut herabhängend, gleich dem andaluſiſchen Netze auf die Achſeln fielen. Der erſte drehte mik den Rücken zu und ich konnte ſeine Züge nicht ſehen; der Zibite, gegen⸗ 294 über dem Eingange, hatte eine ziemlich regelmäßige Phhſiog⸗ nomie, blos durch eine Schramme entſtellt, die von der Stirne bis zum Kinn herablief und die rechte Wange durchfurchte. Dieſer Spieler und der, welcher mir den Rücken wandte, ſchienen gegen einander zu ſpielen. Es war das„monte,“ das man überall in Mexico trifft; dieſes Spiel iſt bekanntlich beinahe wie Lanzknecht. „Erlauben Sie, Herr Senator,“ ſprach der narbige Spie⸗ ler und ſtreckte die Hand aus, um eine Piaſterrolle zu der zu fügen, welche er ſchon auf eine Karte geſetzt hatte;„Wenn Eure Gnaden geſtatten, werde ich ſelbſt Bank machen.“ „Mit Vergnügen, mein Sohn,“ erwiederte die andere Perſon, die ich nicht ſehen konnte;„ich bin überzeugt, daß Du mir Glück bringſt.“— Und er ſtellte ſeinem Gegner das Spiel zu, welches er in der Hand hielt. Dieſer ließ feierlich eine Karte auf die andere gleiten; aber obſchon ſeine Züge unbeweglich waren, ſchien ſeine Hand zu zittern.„Hät⸗ teſt Du aus Zufall Angſt, mein Sohn?“ fragte ihn der Senator. Bei dem Worte Angſt ſchwebte ein ungläubiges Lächeln über die düſtern Geſichter der Gallerie. „Meiner Treu, nein!“ antwortete der Athlete, der um⸗ ſonſt ſeine Unruhe zu verbergen ſuchte;„aber ich weiß nicht, wer ſich eben damit vergnügte, den Carro läuten zu laſſen, und es greift mir jedesmal die Nerven furchtbar an, wenn ich dieſe hölliſche Muſik höre.“ Dieſe Erklärung ſchien auf alle Anweſenden einen ge⸗ wiſſen Eindruck zu machen, denn es wurde faſt plötzlich leer um den Spieler, der nach allen Seiten einen herausfordern⸗ 295 den Blick ſandte und bald ſeine ſcheinbare Ruhe wieder an⸗ nahm. Ich meines Theils dachte, dieſer Mann könnte niemand amers ſein, als der Lieferant der Kaimanseier und Hahſiſch⸗ floßen, welche mir der Chineſe verheißen, mit einem Worte Cahetand. Was dieſe Nervenzartheit bei einem ſo vierſchröti⸗ gen herkulesſtarken Mann betrifft, ſo konnte dies nach meiner Meinung nur eine lächerliche Eitelkeit oder etwas wahrhaft ſchreckliches ſein, gleich dem mörderiſchen Hauch, den der Sciroko oder Levante durch gewiſſe Theile Andaluſiens trägt. „Da iſt Pique⸗Aß für Sie, Herr Senator, ich habe verloren,“ ſagte Cayetano, und nahm die Cigarette, welche er auf den grünen Teppich gelegt hatte, wieder ſo kaltblütig, als wäre er dem eben erlittenen Verluſte völlig fremd. Er ſtand im Begriffe aufzuſtehen, als der Senator ihm eine Handvoll Piaſter mit den Worten reichte:„Da iſt etwas, wo⸗ mit Du von neuem Dein Glück verſuchen kannſt; lege Dir keinen Zwang auf und fahre fort.“ Cahetano zählte die Piaſter mit der gewiſſenhafteſten Auf⸗ merkſamkeit. „Mein Gott, Junge,“ ſprach der Senator,„bekümmere Dich nicht ſo viel darum, wie groß die Summe iſt.“ „Verzeihen Sie, Herr Senator, es intereſſirt mich mehr als Sie denken.“ Cahetano ſchien in ein tiefes Nachſinnen zu verſinken, zählte dabei aber immer fort. „Ah richtig! Du denkſt auf Mittel, Dich mit mir ab⸗ zufinden,“ ſetzte der Senator hinzu. „Ich berechne, Herr Senator, daß ich 15 Piaſter mit 296 mir trug, daß hier 20 ſind, die Sie mir gaben, und ich, wenn ich Ihnen nichts erſtatte, noch 7 Piaſter gewinne.“ Bei dieſen Worten erſcholl Beifallsgelächter im ganzen Saale; aber der Senator ſchien nur mit den Mundwinkeln an der allgemeinen Heiterkeit Theil zu nehmen. Cahetano ſeinerſeits ſtand ruhig auf, ſteckte die Piaſter in die Taſchen ſeiner ſammetnen Calzoneras und ging zufrieden mit ſeinem Abende davon. Indem der Senator, denn es war ein ſolcher, ihm mit dem Blicke, ziemlich mhſtifizirten Ausſehens, folgte, wandte er ſich nach meiner Seite und ich erkannte ihn, von Merico her, wo ich ihn in Ausübung ſeines Amtes getroffen. Bekanntlich hat jeder Föderalſtaat einen Congreß und beſon⸗ dern Senat, und es bilden die Abgeordneten dieſer zwei Kam⸗ mern in der Haupſtadt der Republik den ſogenannten oberſten Congreß. Don Urban(ſo will ich ihn aus Discretion nennen) er⸗ röthete als er mich gewahrte, denn er war nicht ohne einen Anflug von unſern Begriffen europäiſcher Würde. Lebhaft erhob er ſich und ging auf mich zu. „Es find meine Wahlmänner,“ ſagte er nach dem her⸗ kömmlichen Gruße als Entſchuldigung. „Ah, es ſind Ihre Wahlmänner!“ verſetzte ich, mit Verwunderung die Galgengeſichter rings um uns betrachtend; ſie ſehen ſehr ehrwürdig aus.“ „Ohne Zweifel, denn es ſind die zahlreichſten,“ erwiederte Don Urban. „Was Sie nicht hindert, ſie Ihr Geld gewinnen zu laſſen.“ 297 „Was wollen Sie,“ meinte der Senator,„man muß wohl etwas thun für ſeine Beiſitzer. Sie wiſſen vielleicht nicht, daß ein gefährlicher Mitbewerber mir die Ehre ſtreitig macht, den Staat beim oberſten Congreß zu vertreten.“ Der Senator ſprach mir noch eine Weile von ſeinen politiſchen Planen; dann, nachdem er ſich mit aller mexica⸗ niſchen Ritterlichkeit mir zur Verfügung geſtellt hatte, ſchlug er mir einen Gang nach dem Platze vor, und wir verließen den Saal. Die Esplanade, welche den Rio San Miguel be⸗ herrſcht, und das trockene Flußbeet ſelbſt boten einen belebten Anblick; ich habe erwähnt, daß das Weihnachtfeſt begann. Laubhütten waren hier und dort errichtet, die Feuer auf den eiſernen Dreifüßen wallten ſprühend nach allen Richtungen und erleuchteten Fruchtpyramiden und Gerüſte von erfriſchen⸗ den Tränken in allen Farben. Die Menge, in bunten Ge⸗ wändern, ſeltſam erhellt durch die rothe Flamme, kreiſte überall. Hier tanzten Kreolen ausgelaſſene Tänze beim Klange der Caſtagnetten und Mandolinen. Weiter hin führten In⸗ dianer ihre düſtern Tänze auf beim Lärm der mit Kieſel⸗ ſteinen gefüllten Flaſchenkürbiſſe und den ſchwermüthigen Cadenzen ihrer Sänger, raſch mil ihrem berſchiedenen Kriegs⸗ geſchrei wechſelnd, was zwiſchen dem frohen Jubel der Kreolen⸗ tänze wie Klage der Beſiegten tönte und wie Geiſterſtimmen der Empörung und Rache, die nimmer ſtirbt im Herzen der Naturvölker. Ich theilte Don Urbano meine Bemerkungen mit:„Dieſe traurigen Ueberreſte von ehmals drohenden Völ⸗ kerſchaften, die Sie hier ſehen,“ ſagte er mir,„denken durch⸗ aus nicht daran, eine Unabhängigkeit wieder zu erobern, von 298 der ſelbſt ihre Väter die Erinnerung verloren hatten; Sie kön⸗ nen ſich kein richtiges Bild vom Indianer in allem Stolze ſei⸗ ner wilden Erſcheinung machen, wenn Sie die Papagos⸗ Indianer nicht ſehen; leider feiern dieſe auch ihr Weihnachten und haben ihre Vergnügungen nicht mit den unſerigen ver⸗ tauſcht.“ „Wie,“ rief ich,„ſie ſind alſo Chriſten?“ „Nein; aber durch ein ſonderbares Zuſammentreffen fällt, ihrem Glauben nach, die Geburt der Sonne mit der unſeres Chriſtus auf Einen Tag. Dies gäbe ein Kapitel zum Urſprung des Kultus, und ein ſehr merkwürdiges, in Bezug auf die ſeltſame und phantaſtiſche Weiſe, womit ſie dies Feſt begehen. Ich ſoll demſelben gerade mit einem Fremden anwohnen, und wenn es Ihnen genehm, ſich uns anzuſchließen, will ich Letzteren Ihnen vorſtellen; er wird ſich Ihrer Bekanntſchaft freuen. Ich habe einen Geleitsmann von einem Papago⸗Häuptling erhal⸗ ten und wir bekommen einen zuverläßigen Führer.“ Dieſes Programm war ganz geeignet, meine Neugierde zu reizen und ich nahm den Vorſchlag eifrig an. Man kam dem⸗ nach überein, daß der Senator und ſein Gefährte mich am nächſten Tage(24. December) abholen und daß wir frühzeitig aufbrechen ſollten; darauf gingen wir auseinander und ich kehrte in meine Behauſung zurück. Am folgenden Morgen bei Sonnenaufgang war ich bereit, zu Pferd zu ſteigen, als drei Reiter an meiner Thüre hielten. Der Erſte der Senator, der Zweite der Fremde, den er mir als Engländer vorſtellte, und im Dritten erkannte ich meinen naxbigen Spieler von geſtern: den Führer, der uns geleiten 299 ſollte. Etwas Seltſames fiel mir an dem Fremden auf: daß er ſehr ſchlecht Franzöſiſch ſprach, das Spaniſche auf wirklich unglaubliche Weiſe radbrechte, das fand ich ganz natürlich. Nichts Luſtiger als die Böcke, welche er im Sprechen ſchoß und worüber er ſelbſt zuerſt gutmüthig lachte. Doch was mir an ihm aufgefallen, war ſeine dunkle Haut, ſein ſüd⸗ liches Weſen, was auf einen langen Aufenthalt in Ländern deutete, deren Sprache dem Engländer gänzlich fremd ſchien. Wir nahmen den Weg nach den Lagunen. Kühn auf einem herrlichen Roſſe von beiſpielloſer Kraft ſitzend, das un⸗ geduldig in die Zügel biß und Schaumflecken in den Wind trieb, ritt unſer Führer eine Strecke vor uns her. „Sie kannten alſo dieſen Menſchen bereits?“ fragte ich den Senator. „Das ganze Land kennt ihn,“ erwiederte mir Don Ur⸗ bano;„er iſt ſeines Handwerks Schildkrötenfiſcher, hat faſt überall Verbindungen, denn durch ihn erhielt ich den Geleits⸗ brief oder beſſer, Vergunſt der Feier anzuwohnen, welche wir heute Nacht bei den Papagos ſehen werden, mit denen wir übrigens auf friedlichem Fuße ſtehen. Ich hätte viel zu thun, wenn ich alle ſeine Talente aufzählen wollte,“ ſetzte der Senator geheimnißvoll hinzu,„und dann iſt er einflußreicher Wähler!“ Damit war Alles geſagt für Don Urbano; ich neigte mich vor letzterer Eigenſchaft und wunderte mich nicht länger über die Fügſamkeit, mit welcher der ehrgeizige Senator ſich geſtern den cavalieren Anſprüchen ſeines Gegners bequemt hatte. 300 Wenn man ſich von Hermoſillo gegen die Inſel Tiburon wendet, behält man den Rio San⸗Miguel zur Seite. Dieſer Fluß iſt, je nach der Jahrszeit, ein dünner Waſſerfaden, der unbemerkt in einem weiten Bette rinnt, oder ein wogendes Meer, das dieſes Bett nicht zu faſſen vermag und ſeine trü⸗ ben Fluten in unermeßliche Lagunen entleert, bevor es ſich in einen See ergießt, dem es im Laufe begegnet. Unter dieſen Lagunen ſind einige wie ein Kriſtallſpiegel, andere durch hohes Schilf verhüllt, wieder andere endlich mit einer dicken Kruſte grünender Gräſer überzogen, die der beweglichen Oberfläche einen betrüglichen Schein von Feſtigkeit verleihen. Ein Bal⸗ dachin von Dunſt ſchwebt über dieſen Sümpfen, über dieſem Schilfe, das ſtets zittert, ſei es von dem feuchten Windhauche oder von den Schütterungen der Kaimans, welche unter dem Moore ihre gewaltige Luſt auslaſſen. Während des Tages iſt alles öde und ſtumm; wenn die Sonne ſinkt, die niedern Hügel, welche dies ſtehende Gewäſſer umragen, allmälig im Nebel ſchwimmen, der aus der Tiefe aufſteigt, laſſen ſich von Zeit zu Zeit einige Thiere ſehen; ein wildes Pferd ſpringt durch die Halme; ein Jaguar kriecht nach ſeiner Beute vor; ein Damhirſch wagt ſich, von Durſt getrieben, ſchüchtern an den Rand dieſer gleitenden Savanen, nach dem Moſchusgeruch der Alligatoren ſpürend, mit aufgehobenen Ohren und wach⸗ ſamem Auge, trinkt und läßt beim leichteſten Geräuſch aus ſeinem Munde Tröpfchen perlen, die im ſchrägfallenden Sonnen⸗ ſtrahle funkeln. Schwärme kreiſchender Vögel ſtören noch allein das Schweigen dieſer Einſamkeiten; aber mit ſinkender Nacht tauchen ſeltſame Fyrmen auf den klaren Wellenſpiegel 301 empor, oder heben und ſpalten die ſchwere Decke dieſer mora⸗ ſtigen Seen; fürchterliche Töne entſteigen dieſen grünen Schilf⸗ hecken; dieſe Töne, bald dem Lallen neugeborner Kinder, bald dem Brüllen wüthender Stiere gleich, je nach dem die Kai⸗ mans, welche ſie ausſtoßen, ihre Liebe, ihre Klagen oder ihren Zorn vernehmen laſſen: ſfind mit greulichem Klappern der Kinnladen dieſes ſcheußlichen Gewürmes untermiſcht, das einander entgegnet oder herausfordert. Beim Vorſchreiten löſt eine erhabene Stimme dieſe ſonderbaren Konzerte ab, die Stimme des Ozeans, der an die Klippen ſchlägt. Wir ritten auf einer natürlichen Straße, welche ſich über dieſen überſchwemmten Grund ziemlich empor hebt, und Cahetano eilte immer in einiger Entfernung voraus, ohne an unſerem Geſpräche Theil zu nehmen. Auf einmal ſah ich ihn ſein Pferd ſpornen und über den Abhang der Straße ſetzen. „Was Teufel macht er?“ fragte ich den Senator. Don Urban ſandte zuerſt einen aufmerkſamen Blick über die Lagunen, darauf erwiederte er: „Sehen Sie da unten etwas entfernt von der letzten Lagune ein kleines Rohrfeld? das Schilf regt ſich, und wenn ich mich nicht täuſche, iſt es nicht der Wind, der es durch⸗ bebt, ſondern ein beliebiger Alligator, und vermuthlich will Cahetano aus Langeweile darauf Jagd machen.“ Der Weg, den Cahetano verfolgte, ſchien Anfangs dieſe Angabe zu widerlegen, denn ſtatt ſich gegen das Schilf zu wenden, entfernte er ſich davon in der Diagonale; plötzlich kehrt er ſich raſch links und gallopirt in gerader Linie auf den vom Senator bezeichneten Punkte los. Zugleich antwortet 302 dem Schrei, den er ausſtößt, ein zorniges Grunzen, und ein ungeheurer Kaiman eilt mit aller Schnelligkeit, welche der Bau dieſes ſchwerfälligen und furchtbaren Thieres geſtattet, nach der Lagune, wohin ſein Feind ihm den Weg abſchneiden wollte. Der ſchwarze ſchuppige Rücken des Reptils war völ⸗ lig mit dickem Schlamme bedeckt, in welchem hie und da Sumpfpflanzen ſteckten. Bei ſeiner Flucht kam er auf 10 Schritte an Cahetano's Roß vorüber: das edle Thier bäumte ſich vor Schrecken und wollte auf die Seite ſetzen, hatte aber mit einem derben Reiter zu thun; der Sporn brachte es auf den rechten Pfad zurück, und im nämlichen Augenblicke ſank der ledergeflochtene„Lazo,“ den Cayetano ſchwang, auf den Kaiman. Der Alligator riß einen unermeßlichen Rachen auf, der eher mit Pfählen als mit Zähnen bewaffnet ſchien, und das fürchterliche Geheul, welches er ausſtieß, machte unſere Pferde zittern; das Zuſammenziehen der Schlinge ſchloß dieſen offenen Rachen mit Gewalt und drängte dies Geheul als dum⸗ pfes Röcheln in die tiefſte Kehle zurück. Das ſcheußliche Ge⸗ würm beſann ſich einen Augenblick, ob es auf ſeinen Feind losgehen oder ſich nach der Waſſerſeite ziehen ſollte. Der Schrecken trieb es zu Letzterem an, aber Cahetano hatte das Ende ſeines Lazo dreimal um den herausſtehenden Sattelknopf geſchlungen, und die Kraft des Pferdes wog die des Caimans auf. Einige Minuten lang machten beide Thiere gewaltſam entgegengeſetzte Anſtrengungen. Der Alligator ſchlug wüthend ſeine Pfoten in den erweichten Grund, auf welchem die Hufe des Pferdes ausglitſchten. Es herrſchte einen Moment Stille, während deſſen wir nichtß vernahmen, als das Tönen der 303 eiſernen Sporen an den Lenden des Roſſes und das Klirren der Schuppen am Schweife vom Kaiman, der die Schilf⸗ rohre ringsum ſchlug und zermalmte. Zweimal riß unwider⸗ ſtehliche Macht das Erſtere auf beide Hinterfüße, und zweimal wies der Kaiman, gewaltſam gebogen, ſeinen Bauch, welchen das Entſetzen und die Wuth dunkelbiolet färbten. Endlich nahm ein letzter und raſender Zug das Pferd mit fort und es war im Begriff auf ſeinen Reiter zu ſtürzen, als der Leibriemen laut krachte. Es war um Cahetano geſchehen, den ſein Feind ſammt dem Sattel wegzuſchleppen drohte, ohne daß wir ihm Hülfe bringen konnten. Der Senator erbleichte beim Anblicke der Gefahr, die ſein einflußreicher Wähler lief; ich meinerſeits ſtieß einen Schrei aus; aber ſchnell wie der Gedanke faßte Cahetano im Augenblicke, wo der Sattel unter ihm wich, die Mähne ſeines Renners, ſchwang ſich mit einem Handgriff auf, wie die Alciden unſers Cirkus, und durch ein Wunder der Kraft und des Reiterinſtinkts blieb der Unerſchrockene auf dem Rücken ſeines entſattelten Pferdes. „Brao, mein Junge!“ rief der Senator, indem er ſeinen Hut enthuſiaſtiſch in die Luft warf. Der Alligator, der ſeinen Feind geſtürzt wähnte, drehte ſich ſchwerfällig, um auf ihn loszuſpringen, nachdem er ſich von der Schlinge, welche ihn droſſelte, losgemacht; aber das Pferd war mit einigen Sätzen außer ſeinem Bereiche und das Ungethüm, freudig brauſend bei den neuen Luftzügen, welche wieder in ſeine Lungen drangen, ſäumte nicht, in die Flut zurückzutauchen, welche unter ihm aufſprudelte. Cayetano drohte mit der Fauſt nach der Lagune, ſtieg dann gleichmüthig ab, 304 knüpfte, ſo gut es gehen wollte, ſein gebrochenes Lederzeug wieder zuſammen und ſetzte ſich auf's Neue in den Sattel. „Caramba!“ ſprach der Senator.„Was dachteſt Du, mein Junge?“ „Ich war aufgereizt, antwortete Cahetanv. Der Senator ließ dieſe abſprechende Erwiederung gelten, und wir ſetzten unſern Weg fort. Wir legten noch eine halbe Stunde zurück. „Sie ſehen dieſe Hütten in der Ferne und dieſen Wald, der wie eine dunkle Linie am Horizont erſcheint,“ ſagte Cahetano zu mir;„es iſt das Ziel unſerer Reiſe und wir langen genau zur rechten Stunde an, um nichts von der Feier zu verſäumen, nämlich bei Sonnenuntergang. Im Mittelpunkte einer weiten, von drei Seiten durch eine niedere Hügelreihe, von einer durch dichte Waldung begrenzten Ebene erhebt ſich eine der Hauptdorfſchaften der Papagos. Sie beſteht aus etwa hundert kleinen Hütten mit platten Dächern, am Ufer eines Baches erbaut, der ſie in faſt gleichlaufende Linien theilt. Dies Dorf ſchien, als wir hinein ritten, faſt ganz verödet. Die Sonne ſank im dichten Dunſt der fernen Laguen und warf nur ein trübes Licht auf dieſe Hütten, welche mit Büffelhäuten zugemacht waren, die der Abendwind ſchaukelte. Es ſchien, als trage dieſer Wind zuweilen ſeltſamen Lärm herüber, welcher aus dem benachbarten Forſte drang. Ich befragte Cahetano über die Urſache dieſes Getöſes. „Sie werden es gleich erfahren,“ entgegnete er.„Wir können bis an den Sapm des Gehölzes reiten, wo wir 305 abſteigen und bivouakiren werden; doch ich denke die Neugierde wird Sie einen guten Theil der Nacht wach halten.“ Wir ſetzten unſern Weg bis zum gedachten Orte fort Jetzt wurde der unerklärliche Lärm deutlicher und ein ſelt⸗ ſames Ganzes der verworrenſten Töne ſchallte in unſer Ohr. Es war das Brüllen des Löwen, das Miauen des Jaguar, das Brummen des Bärs, das Brüllen des Stiers und tauſend Mißklänge, die ſich unter den Baumſäulen brachen, während aus den Gipfeln ſich das Kreiſchen der Raubbögel, die Klagelaute des Nachtvogels und hie und da die fröh⸗ licheren Modulationen des Spottvogels, welcher dieſes Geſchrei eins nach dem andern wiederholte, darein miſchten. Bald übertäubten zwei kurze abgebrochene Noten, welche aus den weiten Lungenflügeln eines afrikaniſchen Löwen zu hallen ſchienen, all den Aufruhr, und bei dieſen rauhen Aecenten des Thierkönigs verſtummte alles; darauf, mitten im allge⸗ meinen Schweigen, ließ eine Stimme, aber eine Menſchen⸗ ſtimme, einige Worte hören, die wir nicht verſtanden. Während wir abſtiegen, ſagte uns der Führer:„Ich will mich bei den Vorpoſten zu erkennen geben; rühren Sie ſich nicht vom Flecke, bis ich wiederkomme, und was Sie auch ſehen mögen, machen Sie kein Geräuſch; es iſt keine Gefahr: die Thiere, welche Sie hier finden werden, ſind nur ehrliche Papagos.“ Bei dieſen Worten verfügte ſich Cahetano in den Wald und wir verloren ihn aus dem Geſichte. Die Nacht war jedoch gekommen und wir konnten noch nichts erkennen, als zahlreiche Holzſtöße, plötzlich wie durch Zauberwerk aufflam⸗ Der Erzähler. 1846. M. 20 306 mend, augenblicklich die Finſterniß verſcheuchten und ſeltſame Scenen beleuchteten, welche den Träumen eines kranken Ge⸗ hirns entſtiegen ſchienen. Unter den dicht aneinander gedrängten Baumſtämmen, die beim Schimmer der Holzſtöße ſich in Säulen von glühendem Eiſen verwandelt hatten, unter einer Wölbung von Rauch, der durch alle Ritzen des Laubdoms drang, wogten auf allen Seiten ſonderbare Thiergruppen. Man hätte ſich in die erſten Tage der Schöpfung zurück verſetzt denken können, als der Krieg zwiſchen den verſchie⸗ denen Thiergeſchlechtern noch nicht ausgebrochen war. Für den, welcher nicht wußte, wie weit es die Indianer in der Kunſt der Vermummung in Nachahmung der Thiere gebracht hatten, mußte die Täuſchung ſchrecklich ſein. Nur beſchienen die Feuer, wenn ſie emporflackerten, unter den Zweigen Vogelgeſtalten, die zu rieſig waren, um der Wirklichkeit anzugehören. Während der Britte und ich dieſe Scene ſtau⸗ nend betrachteten, kam der Führer wieder zu uns. „Alles geht gut,“ ſagte er.„Jetzt werden Sie der Abendmahlzeit beiwohnen, zu welcher die indianiſchen Weiber bei den Holzſtößen die erforderlichen Vorräthe zurecht gelegt haben.“ Unſer Führer hatte kaum ausgeſprochen, als die Stimme, welche ſchon vorhin Schweigen geboten, ſich von Neuem vernehmen ließ. „Was ſpricht dieſe Stimme?“ fragte ich Cayetanv. „Die Kinder des Waldes,“ entgegnete er,„ſollen dem großen Geiſte, jedes in ſeiner Sprache, Dank darbringen für die Nahrung, welche er ihnen ſendet. Hungert ſie, ſo mögen ſie eſſen, dürſtet ſie, ſo mögen ſie trinken.“ Als Cahetano dieſe Ueberſetzung ſchloß, brach plötzlich das greulichſte benedicite, das je ein Menſchenohr vernahm, in Heulen, Ziſchen, Bellen, in Schreien jeder Art aus, mit einem Worte in allen Tönen, welche die Natur den Thieren verlieh. Darauf ſtürzte alles nach ſeiner Nahrung, treu dem Weſen der Thiere nachkommend, das man darſtellte, während längs den Bäumen die Vögel herabgleiteten, welche ſich in ſeinen Aeſten gewiegt. Nach geendigtem Mahle ſtreckten ſich alle Indianer um die Holzſtöße aus, ſogar die Vögel mit eingeſchloſſen, welche in den Laubwipfeln von der Nachtkühle erſtarrt wären. „Wir wollen das Gleiche thun,“ ſprach unſer Führer. Cahetano ſchlug Feuer, zündete einen Haufen Holz an, den er zuſammengetragen und begann gemüthlich zu ſpeiſen. Allmälig entſtand Stille, die Nacht rückte vorwärts und die Feuer erhellten, bevor ſie erloſchen, noch lange ſo phantaſtiſche Gemälde, wie man ſie nur irgend ſchauen kann; dann folgte die Dunkelheit dem Schweigen und hüllte von Neuem den Forſt und ſeine wilden Bewohner ein. „Jetzt können Sie ſchlafen,“ ſprach Cahetano,„und ich werde Sie zu rechter Zeit wecken, damit Sie dem Ende der Ceremonie anwohnen.“ Ich war von Müdigkeit überwältigt, legte mich zur Erde und ſäumte nicht, Cahetano's Rath zu befolgen. Einige Zeit, bevor der Tag graute, weckte uns der Führer. Das Leben ſchien wieder ſeinen gewohnten Lauf in dieſem verſtummten 308 Haine zu nehmen; unbeſtimmte Geſtalten kamen und gingen; die Indianer erhoben ſich einer um den andern und verließen, ſtets von der Stimme des Häuptlings geleitet, den Theil des Waldes, wo ſie dieſe Nacht verweilt. „Auf, meine Herrn!“ ſagte Cahetano,„wir wollen von ferne folgen, es bleiben uns noch merkwürdige Dinge zu ſchauen.“ Der erſte Morgenſchein graute im Walde, als die Wil⸗ den den Rand eines Bächleins erreichten, das dornige Bäume von allen Seiten umgaben; über dies Geſtrüppe erhoben ſich, gleich Pfeilern, Baumſtämme, die das Feuer geſchwärzt, der Stahl ihrer Aeſte beraubt hatte. Dies Dickicht bot uns einen beguemen Veobachtungspoſten, von welchem wir alles ſehen und hören konnten, ohne geſehen zu werden. Hier machten wir Halt. Die Wipfel der Pfähle trugen ein Zelt von kardätſchter Baumwolle, welche wie eine durchſichtige Wolke über dem Wäſſerlein hing. Unter dieſem Baldachin hielt das Volk, Jeder in ſeiner wilden nächtlichen Vermummung. Dies Ge⸗ miſch von Fellen und Federn bot beim ſchwachen Dämmer⸗ lichte dem Auge etwas Furchtbares dar. Die Morgenluft bebte durch die Blätter und hob den wehenden Vorhang, der über allen handelnden Perſonen dieſes ungewöhnlichen Schau⸗ ſpiels ſchwebte. Die erſten Streiflichter des Morgens zeigten ſich hinter dem Gebirge, welches den Wald überragt. In⸗ mitten des Schweigens in der Ratur erhob ſich, langſum getragen, eine religiöſe Hymne voll unnennbarer Süßigkeit; dann näherte ſich der Geſang„ohne daß die trockenen Blätter 309 von den Schritten der Sängerinnen raſchelten, denn ich ſchloß richtig, daß nur weibliche Stimmen ſolche Töne hervorzu⸗ bringen vermochten. Bald erſchienen in der That Frauen mit dem elaſtiſchen und ſchüchternen Tritt, der nur den Indianerinnen eigen, reihten ſich auf die entgegengeſetzte Seite von den Männern und blieben regungslos, ohne im Singen einzuhalten. Ein Schleier von Baumwollzeug verhüllte ihr Angeſicht und fiel faltenreich bis zum Gürtel herab. Nur einige von ihnen trugen auf dem Haupte leichte Rohrkörbe mit entblätterten Blumen gefüllt. Der mit einer Löwenhaut bedeckte Häuptling gab ein Zeichen und nach einigen Minuten verſtummte der Geſang. Jener nahm aus den Händen eines gigantiſchen Affen eine brennende Fackel, ging dann bis an das Ende des Bächleins, wendete ſich gegen Morgen und blieb regungslos ſtehen, das Auge auf die Vergſpitzen geheftet. Die höchſte Kuppe färbte ſich bald mit lebhaftem Roth, das ſich in Purpur verwandelte. In dieſem Augenblicke nahm der Löwe die Fackel und hielt ſie an den Vorhang von kardätſchter Baumwolle, der über ſeinem Haupte ſchwebte. Das ſchwammige Gewebe ging in Flammen auf, und während die letzten Schatten der Nacht noch nicht ganz gewichen waren, warf das Feuer in die Ferne blendenden Schein. Der Häuptling ließ nun, ſeine Löwenhaut von ſich wer⸗ fend, den Umſtehenden ſein ruhiges ſtolzes Antlitz ſehen, darauf hielt er, indem er die Hand nach den Trümmern des Zeltes ausſtreckte, mit feierlicher Stimme eine Rede, welche Cahetano uns ungefähr alſo überſetzte: — Zeuge eines erhabeneren Auftritts ſein. 310 „Wer von uns wüßte zu ſagen, wie viele Jahre ver⸗ ſtrichen ſind, ſeit der große Geiſt die Sonne an dieſem Tage erſchuf? Unſere Väter konnten ſie nicht zählen; aber gleich⸗ wie das Feuer die Baumwolle verzehrte, ſo hat die Sonne das Dunkel verſcheucht, welches die Erde deckte; ihre Wärme hat belebt, was todt war, ihr Licht hat vervollkommnet, was lebte; durch ſie wurden Thiere zu Menſchen.“ Nach dem Beiſpiele des Häuptlings eilten alle Indianer, ihre Vermummung abzuſtreifen, die Thiere wurden wieder menſchliche Geſchöpfe, und Freudengeſänge drangen in vollen Tönen aus dieſen wilden Kehlen; die ſanfteren Stimmen der Frauen wechſelten mit denen der Männer, indeß ſie die Blu⸗ men aus ihren Körben in die Lüfte warfen. Die religiöſe Feier war zu Ende, allein ich ſollte noch Auf einen Wink des Häuptlings gaben ſich alle Indianer den Bruderkuß. Nur zwei Männer tauſchten einen Blick des Haſſes mit einander. Dieſer Blick entging dem Häuptlinge nicht, der mit gefalteter Stirne eine kurze Ermahnung an die Indianer richtete. Sie antworteten durch ein Murren. Alsdann ſtreckte der Häupt⸗ ling, welcher ſich dergeſtalt wendete, daß Norden zu ſeiner Linken, Süden ihm zur Rechten lag, mit feierlicher Haltung die Arme aus und ſprach mit jener mächtigen Stimme, welche zuerſt in vergangener Nacht Stille heiſchte, einige Worte wie folgt: „Unſere Väter haben geſagt: Zwei Feinde ſollen nicht im nämlichen Dorfe wohnen; der unverträgliche Indianer 31¹ wird Sklave des Weißen; Haß zwiſchen zwei Papagos iſt Verbannung.“ Der Haß, welcher die beiden Wilden trennte, mußte ſehr heftig ſein, keiner zeigte eine Geberde, eine Bewegung der Reue. Der Häuptling fuhr fort: „Das Dorf der abenvländiſchen Papagos darf nicht zwei feindliche Hürden umſchließen; es iſt zu klein. Alle Beide müſſen daraus ſcheiden. Unſere Brüder von Norden werden den Einen, unſere Brüder von Süden den Andern aufnehmen. Sie mögen wandern bis dieſe Berge, dieſe Wälder zwiſchen ihrer Feindſchaft liegen. Was unſere Väter thaten, iſt wohlgethan: geht.“ Tiefes Schweigen folgte auf dieſe Worte, die das Waldecho wiedergab. Die zwei Gegner neigten das Haupt vor dieſem unwiderleglichen Ausſpruche der indianiſchen Ge⸗ rechtſame; ſie hatten vorhergeſehen, daß Verbannung, gemäß der Volksſitte, über ſie verhängt würde. Weder der Eine noch der Andere erhob die Stimme zu ſeiner Vertheidigung; aber unterdrücktes Schluchzen ließ ſich aus den Reihen der Frauen vernehmen, denn zwei unter ihnen ſollten auch das Dorf ver⸗ laſſen, in welchem ſie geboren. Die Vollſtreckung folgte dem Spruche auf dem Fuße. Ein Indianer führte die Pferde der zwei Feinde heran, ſtellte ihnen ihre Pfeile, ihren Bogen und ihre„macana“(Köpf⸗Brecher) zu. Zrder empfing überdies aus den Händen des Häuptlings einen wunderlich gemalten Pfeil, der ihnen als Paß und Einführung bei dem Stamm dienen ſollte, zu dem ſie fortan gehörten. Darauf gab der Häuptling einen Wink mit der Hand und zog, als 312 Zeichen der Trauer, die Falten ſeiner Decke wieder über dem Kopfe zuſammen. Die beiden Papagos ſtiegen zu Roß, ohne daß ihre Züge die Gefühle verriethen, welche ſie erſchüttern machten. Langſam entfernten ſie ſich, den Rücken einander zugekehrt, indeß ihre trüben und gehorſamen Gefährtinnen mühſelig zu Fuß im Sonnenbrande den Weg der Verbannung betraten, der ſo lang, ſo ermattend iſt, wenn er den Indianer fern von der Hütte ſeiner Väter, fern von dem Orte führt, wo ihre Gebeine ruhen. Das Schweigen, welches in dieſem Augenblicke unter den beſtürzten Indianern herrſchte, ließ das kleinſte Geräuſch vernehmen, welches im Forſte das Erwachen der amerikaniſchen Natur bezeichnet. Alles vereinte ſich, die Majeſtät dieſer ſeltſamen Scene zu erhöhen. Dieſe prunkloſe Gerechtigkeit, ein Erbe der Väter, die unter freiem Himmel geübt ward, zeigte mir das indianiſche Leben von einem Geſichtspunkte, den ich ungern nicht gekannt hätte, und von welchem der nächtliche Mummenſchanz mir keine Ahnung gab. Aus einem inſtinktartigen Gefühle von Beſcheidenheit entfernten wir uns insgeſammt von unſerem Beobachtungs⸗ platze(Fremde konnten überflüſſig ſein in dieſem Familien⸗ drama) und ſuchten den Ort wieder auf, wo unſere Pferde feſtgebunden waren. Wir ſchlugen den Weg von Hermoſillo wieder ein. Als wir bei der Stelle angelangt waren, wo der Pfad, dem wir folgten, um das Dorf der Papagos zu erreichen, ſich mit dem vereint, welcher zum Meere und nach der Inſel Tiburon auf einer Seite, zur Stadt auf der andern führt, hielt Cahetano an.„Ich danke, meine Herrn Cavaliere, daß Sie meiner Dienſte nicht mehr bedürfen und geſtatten, daß ich Sie hier verlaſſe.“ Der Senator machte keinen Einwurf; Cahetano fuhr fort, zu mir gewendet: „Wenn Sie meiner je bedürfen, die erſte Hütte, welche Sie hundert Schritte von hier, dem Meere zu, finden, iſt die meine, denn es iſt der Ort, den ich bewohne, wenn die poli⸗ tiſchen Geſchäfte mich nicht nach Hermoſillo führen. Sie wer⸗ den immer willkommen bei mir ſein als Freund des Herrn Don Urbano; wollten Sie wohl in meinem Namen Vincente, dem Chineſen ſagen, daß es nicht meine Schuld iſt, wenn ich ihm keinen Kaimansſchwanz zu Suppen gebracht habe. Leben Sie wohl, meine Herren Cavaliere.“ Und Cahetan gab ſeinem Thiere die Sporen und flog davon, ſo ſchnell das Pferd vermochte. „Meint er denn,“ fragte ich Don Urbano, als unſer Führer verſchwunden war,„daß ich ſeiner politiſchen Dienſte bedarf, um mich mit Ihnen für die Wahl zu bewerben, oder daß ich mir Kaimanseier von ihm verſchaffen will, wie mein Wirth, der Chineſe?“ „Nein,“ erwiederte mir der Senator,„aber wenn Sie etwa Silberbarren einzuſchiffen hätten, ohne Mauthſchein, ſo würde Cahetano es beſorgen.“ „Er treibt alſo auch Schmuggelei?“ „Bſt!“ lachte der Senator,„ſprechen Sie das Wort nicht aus vor einem Mitgliede vom oberſten Congreß. Ich habe für einſchreitende Geſetze in dieſer Beziehung geſtimmt. 314 Er treibt, wie Sie ſagen, Schmuggelei und zuweilen auf eine gar eigenthümliche Art. „Ich wäre neugierig zu wiſſen,“ fuhr ich fort,„jetzt, da er ſich entfernt hat, warum er das Klingen vom Cerro nicht ohne eine Nervenerſchütterung hören kann, von der ihm vor⸗ geſtern Abend die Hand zitterte. Don Urbano, alſo in die Enge getrieben, wollte den Geheimnißvollen ſpielen. „Ich könnte Ihnen,“ ſagte er,„über Cahetano ſelbſt nur ſehr Unbeſtimmtes mittheilen; überdies gibt es Geheim⸗ niſſe, welche gefährlich für die Mitwiſſer ſind.“ „Sie reizen meine Neugierde ungemein, da Sie alſo durchaus entſchloſſen ſind, mir nichts zu ſagen, ſo iſt vielleicht Cahetano mittheilſamer.“ Der Senator ſchüttelte den Kopf, wie jemand, der ſei⸗ ner Sache gewiß iſt.* „Glauben Sie mir, fordern Sie ſeine Bekenntniſſe nicht heraus; ich gehe noch weiter, wenn er gegen alle Wahrſchein⸗ lichkeit ſich anſchickte, Ihnen ſolche zu machen, ſo weiſen Sie dieſelben zurück, als wären ſie tödtlich: Cahetano wäre der Mann, Ihnen das anvertraute Geheimniß wieder abzu⸗ nehmen.“ Don Urbano machte eine fürchterlich energiſche Pantomime und ſetzte hinzu: „Falls nämlich wirklich ein Geheimniß dahinter ſteckt. Wenn Sie ihn in Geſchäften ſprechen müſſen, ſo rufen Sie ſich meinen Wink zurück, und erinnern Sie ſich vor allem, daß ich nichts geſagt habe und nichts weiß.“ Ich glaubte nicht weiter in ihn dringen zu dürfen und bei der Rückkehr nach Hermoſillo trennten wir uns. Geſchäfts⸗ zerſtreuung ließ mich bald auch Cahetano vergeſſen, trotz der durch die Zurückhaltung des Senators noch geſteigerten Neu⸗ gierde, welche dieſer ſeltſame Menſch zu Anfang in mir erregt hatte. Was den Engländer betraf, ſo führte dieſer zu Her⸗ moſillo ein ſo geheimnißvolles Leben, daß ich ihn nicht Ein⸗ mal in 14 Tagen treffen konnte. Er hatte in der Stadt einen Laden, den er ohne allen Commis verſah, und von Zeit zu Zeit war dieſer Laden Tage lang geſchloſſen, ohne daß jemand irgend einen Wink über Grund und Dauer der Abweſenheit des Eigenthümers zu geben wußte. Während ſolcher Abweſenheit geſchah es, daß ich an einem müßigen Tage beſchloß, meine Ritte, welche ich allmorgendlich machte, bis zur Hütte Cahetano's auszudehnen. Der wilde Kaimans⸗ Fiſcher war mir in's Gedächtniß gekommen, aber gänzlich ſei⸗ ner düſtern Glorie beraubt. Seit 14 Tagen hatten die Unterbrechungen des praktiſchen Lebens zur Genüge die Ruhe in meiner Phantaſie wieder hergeſtellt. Cahetano's Hütte war ein Ziel des Spazierritts für mich, nichts weiter; man mußte ungefähr fünf Meilen zurücklegen, und mit den Landpferden waren fünf Meilen zwei Stunden Wegs. Ich wendete mich alſo nach jener Seite. Ich langte bald bei der Verzweigung beider Straßen an, wo Cahetano von uns geſchieden war⸗ Einige Minuten von da gewahrte ich das Dach des Schild⸗ die Pauer aus Palmblättern gebildet, in den Zwiſchenräumen mit Roßhaar und Lehm ausgeſtopft, hin und wieder mit brei⸗ krötenfiſchers. Es war eine Art von Hürde mit plattem Dache, 316 ten Muſcheln von Perlenauſtern inkruſtirt, die irisfarben in der Sonne ſtrahlten. Zwei Tamarinbäume beſchatteten dieſe Hürde. Ein See glänzte in einiger Entfernung mit klarer Flut. In dieſer lachenden Einſamkeit hätte man die Hütte für unbewohnt gehalten, wenn leichter Rauch ſich nicht zwiſchen den Tamarinzweigen bläulich gekräuſelt. Kein Geräuſch ließ ſich rings vernehmen, wenn nicht das melodiſche Säuſeln vom Schilfe am See, den ein unmerkliches Lüftchen kaum ringelte, und das dumpfe Murren eines Pferdes, das in einer kleinen mit Pfählen unmſchloſſenen Einzäunung ſein Maisfutter kaute. Ich erkannte Cahetano's Roß. Die Hüttenthüre war halb offen. Ich näherte mich der Schwelle ohne abzuſteigen, und gab meine Gegenwart durch die übliche Formel kund: „Ave Maria purissima!“ „Sin becado concibida!“ erwiederte eine Stimme, welche die von Cahetano war. Zugleich grüßten ſich unſere Pferde mit fröhlichem Wiehern. Ich ſtieg ab und trat in die Hütte. In einem Winkel des Hauptgemachs, das ich öffnete, glimmten Kohlen. Küchlein von Waizenmehl röſteten im Vereine mit einigen Stücken getrocknetem Fleiſche, das am Feuer ziſchte auf Bränden, welche man aus den Kohlen ge⸗ zogen hatte. Einige Schritte davon berfertigte Cahetano, auf einem Bambusſchemel eine der Harpunen, welche ſeinem Ge⸗ werbe eigen ſind, denn ich erwähnte bereits, daß er Schild⸗ krötenfiſcher war. „Ah, Sie ſind es, Herr Cavalier!“ ſagte er, ohne ſeine Arbeit zu unterbrechen.„Willkommen in meiner armen Hütte! Sie finden mich beim Frühſtücke. Werden Sie mir die Ehre erweiſen, mit mir Buße zu thun?“ Ich glaubte für dieſes artige Erbieten, das mir nicht ſehr lockend ſchien, danken zu müſſen, indem ich verſicherte, daß ich mich vorgeſehen. „Ich konnte Ihnen ein trauriges Mahl bieten, aber aus gutem Herzen; wenn Sie erlauben, werde ich es alſo allein verzehren.“ Das Innere der Hütte war arm und nackt. Unter den Netzen, welche denen glichen, deren ſich die Perlenfiſcher be⸗ dienen, unter den Harpunen und andern an der Wand hän⸗ genden Werkzeugen, feſſelte ein Gegenſtand von zweifelhafter Geſtalt meine Aufmerkſamkeit. Dieſer Gegenſtand war eine Art Jägernetz, oder vielmehr eine Weſte mit Gurtriemen und hatte in der Länge drei ungeheuere Taſchen, in gleichen Ent⸗ fernungen von einander angebracht. „Sie werden,“ ſprach ich nach kurzem Schweigen,„die Neugierde einem Reiſenden zu gute halten, wenn ich Sie frage, wozu dieſe Art von Camiſol dient?“ „Das will ich Ihnen ſagen. Vordem ſchifften wir am hellen Tage, zu allen Stunden mit Hülfe der Mauthner ſelbſt, Silberbarren ein, trotz der Geſetze, welche ihre Ausfuhr ver⸗ bieten, aber jetzt fordern die Angeſtellten mehr, und man muß ſich ihrer entrathen. Dazu dient mir dieſe Jocke. In⸗ dem ich eine Barre in jede Taſche ſtecke, meinen Mantel um⸗ werfe, kann ich vor der Naſe der Mauthner in meinen Kahn ſteigen, Jedem als Freundſchaftzeichen die Hand geben, ohne von einer Laſt gedrückt zu ſcheinen, die einen Mann von „ 318 gewöhnlicher Stärke niederbeugt. Auf ſolche Weiſe reichen mir zehn Wanderungen hin, um an Bord eines Schiffes einige dreißigtauſend Piaſter zu ſchaffen, ohne meinen Gewinn mit jemand zu theilen. Das iſt eine Erhöhung meiner Einkünfte, welche ich dem Herrn Senator Don Urbano danke.“ „Sie haben einen treuen Beſchützer an ihm,“ ſagte ich; „aber wie hat er Ihnen dieſen Dienſt geleiſtet?“ „Auf eine ſehr einfache und ſeines Charakters würdige Art. Er ſprach eines Tages im Congreß ſo treffend, klug und hinreißend von der an unſern Küſten ſtattfindenden Con⸗ trebande, daß er lebhaften Eindruck hervorbrachte. Nie war jemand tiefer in jenen Gegenſtand eingedrungen.“ „Ich habe ihn im Verdacht, daß er triftige Gründe hatte, um zu ſprechen.“ „Er ſprach ſo gut darüber,“ verſetzte Cahetano,„daß der Congreß für ſtrenge Geſetze ſtimmte.“ „Es iſt wenigſtens ſeltſam, gegen die Schmuggelei zu Gunſten der Schmuggler zu ſprechen,“ wandte ich ein. „Alle Welt war zufrieden: die Congreßmitglieder, daß ſie einem Mißbrauche geſteuert hatten, unſer Vertreter, daß er ſich ſchönere Benefizien verſchaffte, indem er die Coneurrenz vernichtete; wir Andere, ſeine Wahlleute, daß wir unſere Dienſte beſſer verwertheten. Ach, Herr Cabalier, was für ein Glück iſt es, ſolche Abgeordnete zu haben!“ Nachdem er mit dem Fuße die Ueberreſte ſeines anacho⸗ retiſchen Frühſtücks weggeſtoßen hatte, hing der Schmüggler ſeine neben ihm liegende Harpune unter den Werkzeugen auf, welche bereits die Wandung zierten. Da bemerkte ich zum 319 erſtenmale mitten unter den Netzen ein Paar blaue Atlas⸗ ſchuhe, welche durch ihre Kleinheit dem Fuße der Frau Ehre machten, die ſie trug. Roſtfarbene Flecken trübten den Glanz, auf einem der Schuhe in kleinen Tröpfchen, auf dem andern auf einer Stelle. Im nämlichen Augenblicke, wo ich dieſe Spur eines vielleicht zarten und blutigen Andenkens betrach⸗ tete, hörte ich Hufſchläge, die von der Stadtſeite nahten, und einige Minuten darauf ſtiegen zwei Männer vor der Thüre der Hurde ab. Beide traten ein: der Eine war mir unbe⸗ kannt, der Andere, welcher einen langen achttägigen Bart, beſtaubte Kleider und an der Rechten einen mächtigen Säbel trug, war mein unſichtbarer Engländer. Beim Anblicke des Unbekannten wechſelte Cahetano die Farbe und ein Nerven⸗ zittern durchbebte ſeinen Körper, als ob er das Klingen vom Cerro hörte. Er faßte ſich bald wieder. Der Britte grüßte mich freundlichſt und ſchien nicht verwundert, mich zu finden; darauf wandte er ſich an Cahetano: „Heute,“ ſagte er,„ſoll die Goelette auf der Rhede der Inſel Tiburon ſein; ich habe Summen einzuſchiffen und bedarf Eurer, denn ich vermuthe, daß eine Anzeige gegen mich ſtattfund und daß wir es vielleicht mit Mauthnern zu thun haben“ „Um ſo beſſer,“ erwiederte Cahetano, ſeine kräftigen Glieder reckend,„ich brauche Bewegung.“ Darauf nahm er ſeine Riemenjacke von der Mauer, wie auch die Harpune und ging hinaus, um zu ſatteln. „Wenn Sie nichts Beſſeres zu thun haben,“ ſagte der Engländer zu mir,„wäre es recht lierenswürdig von Ihnen, 320 mit uns zu kommen; Sie können, ohne ſich irgend bloßzu⸗ ſtellen, eine Ihnen unbekannte Gegend ſehen und mir nützlich ſein. Ich führe das Löſegeld eines Viecckönigs bei mir.“ „Ich hatte zu viel von ſolchen wunderſamen Schmuggler⸗ ſtreichen gehört, um nicht das mir gemachte Anerbieten bereit⸗ willig anzunehmen. Wir ſtiegen alsbald zu Roß. Ein Maulthier, das mir ziemlich ſchwer beladen däuchte, war an den Sattel des Unbekannten gebunden. Außer dem Säbel, den der Engländer trug, hatte er ſich auch mit einem Paar Piſtolen verſehen. Ich muß ſagen, daß er mit ſeinem langen Bart, den beſtaubten Kleidern kaum mehr kenntlich war. Wir machten uns auf den Weg. Es war ungefähr 5 Uhr Nach⸗ mittags, als ein dumpfes Rauſchen an unſer Ohr ſchallte. Obwohl man auf ſehr großen Unkreis nicht Einen Baum gewahrte, glich dieſes Geräuſch dem Beben des Laubs auf windbewegten Aeſten; bald entdeckten wir die Urſache. Wir waren am Meere angelangt und erſchauten nach Kurzem ſeine brauſenden Wogen, und die ſandige Inſel Tiburon, welche allmälig auftauchte. Auf der Klüftenkanne angelangt, konn⸗ ten wir den engen Kanal mit dem Auge meſſen, welcher dieſe Inſel von dem Feſtlande trennt. Er iſt etwa eine Meile breit. Wir ſtiegen ab. Cahetano pfiff gleichmüthig zwiſchen den Zähnen, indeß der Engländer, ein Fernglas aus der Taſche ziehend, aufmerkſam den nördlichen Horizont beobachtete. Die Spitze vom Marsſegel eines kleinen Schiffes zeigte ſich ihm hinter einer Wand von Bäumen, welche die Goelette in der Bucht verbargen, wo ſ⸗ geankert hatte. Als Cahetano * 321 davon benachrichtigt war, machte er ſeinem Gefährten ein Zeichen, dieſer raffte trockne Kräuter auf, zündete ſie an und dämpfte durch feuchtere Gräſer die helle Flamme: dicker ſchwar⸗ zer Rauch wirbelte in die Lüfte empor. „Glauben Sie, daß ſie unſer Signal gewahrt haben?“ fragte der Britte Cahetano, welcher fortwährend pfiff. „Sein Sie ruhig,“ entgegnete Cahetano;„wenn Sie uns auch ſähen, ſo würden ſie uns doch nicht durch dieſen ſtürmiſchen Seearm helfen, wenn ich nicht dabei wäre. Man muß, wie ich, ſeit der Kindheit unter ſolchen Klippen und Brandungen geſchifft haben, um ſich mit einer ſo reichbefrach⸗ teten Barke hinein zu wagen; aber es iſt unmöglich, daß ſie uns nicht bemerkten, und in allen Fällen gut, unverweilt zu handeln.“ Cayetano lud das Maulthier ab, legte einen großen Silberbarren, der ungefähr 70 Pfund wiegen mochte, und eine Menge kleiner Lederſäcke, welche Goldſtaub von ähnlichem Gewichte enthielten, auf den Boden, dieſe koſtbare Laſt ver⸗ theilte er in die Taſchen des Camiſols, deſſen ich bereits ge⸗ dachte. „Laufen wir etwa Gefahr?“ fragte der Britte, welcher mit Unruhe dieſen Lurus von Vorſicht zu betrachten ſchien. Cahetano zuckte die Achſeln zum Zeichen der Ungewißheit und ſagte kurz: „Es iſt beſſer auf Alles gefaßt zu ſein. Pepe wird dieſe Jacke umnehmen, wenn wir unten ſind und das Uebrige beſorge ich“— Bei dieſen letzten Worten lächelte Cahetano Der Erzähler. 1846. M. 21 — — 322 ſpöttiſch und ließ einen ſtarken und langen Bindfaden in ſeine Taſchen gleiten, an deſſen Ende ein handbreites Stück Kork hing. Darauf kletterte der Schmuggler und ſein Gefährte den ſteilen Klippenhang hinunter, um einen Kahn mit glattem Boden zu finden, den man gewöhnlich in einer Vertiefung vom Felſen barg. Ich bewunderte die Kraft und Gewandt⸗ heit, womit Cahetano, ungebeugt von ſeiner ungeheuren Laſt, den langen und gefährlichen Pfad zurücklegte. Der Britte und ich, wir ließen uns gemächlich auf dem Kamme der Klippe nieder, die Beine herabhängend und das Geſicht gegen die See gewandt, um nicht das Kleinſte von der Scene zu verlieren, deren Zuſchauer wir ſein ſollten. Unſer Beobachtungsplatz ſprang ſenkrecht ungefähr 50 Fuß in das Meer vor. Das Eiland Tiburon breitete ſich vor uns aus, von ſeinem dreifachen Gürtel ſchwarzer Felſen umringt, die glänzend und ſpitzig wie die Zähne des Reptils, deſſen Namen ſie trägt, hier ſich wie Orgelpfeifen an ein⸗ ander drängen, dort einſam ragen, gleich Leuchtthürmen, alle bald erſcheinen, bald ſchwinden unter Wogen von Schaum. Das Meer, zwiſchen die Küſte und dieſe Felſen gepreßt, warf hohe Wellen, welche langſam ſchwellend, das Geſtade wie mit ſchneeigen Franſen bedeckten, in ihren Wirbeln die Klip⸗ pen begruben und hoch über ihre Zinne blitzende Garben ſpru⸗ delten. Die Phoken zeigten von Zeit zu Zeit ihre naſſen Schnauzen und brüllten vor Luſt in dieſem ewigen Aufruhr, welcher ſeltſam mit der majeſtätiſchen Friedlichkeit der offnen See und der Klarheit des Himmels kontraſtirte. Durch ſei⸗ 1 1 1 323 nen Azur flogen Vögel gleich weißen Racketen, Fregatten ſegelten in weiter Ferne, und Fiſcherpelikane, von der Farbe der Felſen, ſtürzten ſich von unglaublicher Höhe, mit der Schnelligkeit von Sternſchnuppen, auf eine unſichtbare Beute. Cahetano und Pepe ſetzten inzwiſchen ihren gefahrvollen Weg zum Meere fort. „Fürchten Sie nicht,“ fragte ich den Engländer,„daß dieſe Leute in Verſuchung gerathen, ſich zuzueignen, was Sie ihnen ſo ganz überlaſſen?“ „Nein,“ entgegnete er; S Herz iſt einmal ſo beſchaffen, daß manches Individuum, welches Vater und Mutter ausplünderte, keinen ropßn Blut zu vergießen wagte, und manches Andere, für das ein Menſchenleben nichts iſt, ſich ein Gewiſſen daraus machte, fremdes Gut anzugreifen⸗ Vertraut man nicht täglich zehnmal ſtärkere Summen, und auf einfachen Schein, unbekannten Maulthiertreibern? Und dann,“ ſetzte mein Gefährte hinzu, indem er mit dem Finger auf Cahetano wies,„kenne ich die Geſchichte dieſes Mannes, weiß, mit welchem Fanatismus dieſer Unglückliche das ver⸗ theidigt, was er die Ehre ſeines Namens nennt.“ „Wie! Sie kennen ſeine Geſchichte und trauen ſich, ſe mir zu erzählen?“ fragte ich, ihm das Sträuben vom Chineſen und vom Senator mittheilend. „Und warum nicht? Er hat ſie nicht mir vertraut, und ich bin nicht der einzige, welcher ſie weiß, obſchon Cahetano es nicht ahnet. Dieſe Geſchichte iſt ſo blutig, als kurz.“ 324 „Ich höre,“ erwiederte ich. „Vor noch nicht einem Jahre,“ fuhr jener fort,„war Cahetano mit einem Weibe vermählt, das er leidenſchaftlich liebte und das ihn täuſchte. Das Haus, welches er zu Hermoſillo bewohnte, lag nahe beim Glockenberg, deſſen ſelt⸗ ſame Eigenthümlichkeit Ihnen bekannt iſt. Ein Vertrauter des Liebhabers ſeiner Frau, als Schildwache auf den Cerro geſtellt, ſpähte gegen Abend Cahetano's Heimkehr aus und benachrichtigte die Schuldigen, indem er auf gewiſſe Art drei Schläge that. Auf dieſes Zeichen entſchlüpfte der Mann durch eine Hinterthüre. Ein geſchäftiger Freund, wie es deren Viele gibt, ſetzte Cahetano von den Vorgängen in Kenntniß. An einem Abende nun— und ich weiß es von jenem Freunde ſelbſt— ſchallte der Cerro ſo düſter, ſo ſeltſam, daß die zwei Liebenden bei dem Todesſchrei, welcher dies Tönen begleitete, vor Entſetzen bebten. Der Vertraute war es, deſſen Haupt Cahetano unter den klingenden Steinen zermalmte. Cahetano kehrte ruhig heim: vor allem ſollte ſeine Ehre mackellos ſein. Einen Monat ſpäter kam er mit der grauſen Schramme zurück, welche Sie an ihm kennen, der Geliebte ſeines Weibes kam aber nicht mehr zum Vor⸗ ſchein. Nach einigen Tagen verbreitete ſich das Gerücht, ſie ſelbſt ſei ermordet, unter den Trümmern ihres Hauſes gefunden worden. Cahetano wurde ins Gefängniß geſteckt und erſchien vor dem Richter; ſtatt aber eine Entſchuldigung zu ſuchen, indem er den Ehebruch enthüllte, deſſen Strafe der Mord war, blieb er auf die Gefahr des Knüttels dabei, daß er — 325 keinen Grund gehabt, ſeine Frau umzubringen und geſtand nur, daß er ſich in jenem Augenblicke wunderbar aufgereizt gefühlt. Sie können denken, wie ſchlimm der Richter den Handel fand.“ „Für Cahetano; das begreift ſich leicht.“ „Nein, für ſich ſelbſt,“ verſetzte der Britte;„Sie kennen die Strafloſigkeit, der ſich die Armen in dieſem Lande erfreuen. Cahetano war nicht reich, und, verurtheilt oder freigeſprochen, ſtand kein Löſegeld von ihm zu erwarten⸗ Der Richter war auch ſehr barſch gegen ihn; er ſagte ihm mit grimmigem Tone, daß es nicht weniger als eine ſolche Entſchuldigung bedurft habe, um ihn loszulaſſen, und ſchickte ihn fort, aber nicht, ohne ihm zu erklären, daß ſie zum zweitenmale nicht mehr angenommen würde. Seitdem em⸗ pfinden die, welche von dieſem Mord und der Veranlaſſung hörten, die den Mörder bewaffnet, ein gewiſſes Unbehagen, wenn ſie ihn aufgeregt ſehen, was immer geſchieht, ſobald er des Weibes gedenkt, das ihn verrieth; nun habe ich aber gute Gründe, zu vermuthen, daß er ihrer oft gedenkt. Was das Klingen vom Cerro betrifft, wird es von ihm ſtets als vüſtere Erinnerung oder unverzeihliche Beleidigung aufgenom⸗ men. Um alle Spuren des Vergangenen zu tilgen, hat ſich Cahetano nicht geſcheut, ſeine Hütte mit eigener Hand anzu⸗ zunden.“. „Und ſein dienſtwilliger Freund?“ fragte ich. „Ich weiß nicht,“ verſetzte der Engländer,„ob das feſte Verfahren des Richters gegen Cahetano dieſen einſchüchterte, 326 oder ob er ſich für ſpäte Gelegenheit vorbehält, mit dem Hinterbringer abzurechnen; Thatſache iſt, daß Letzterer noch lebt, und doch iſt Cahetano, wie ich ihn kenne, von dem unheilvollen Geheimniß verzehrt, das er im Blute ertränkt zu haben wähnt, Cahetano, der einen Menſchen leben läßt, welcher dies Geheimniß mit ihm theilt: ein undurchdring⸗ liches Räthſel für mich.“ Der Erzähler ſchwieg und ich lenkte meinen Blick auf das Meer, um den Helden dieſes blutigen Trauerſpiels neu⸗ gierig zu betrachten, als hätte ich ihn zum erſtenmale ge⸗ ſchaut. Ich gewahrte ihn beinahe zu unſern Füßen, wo er auf der hochgehenden See die ſchwache Barke fliegen ließ, die er mit Kraft und Geſchicklichkeit ohne Gleichen hand⸗ habte. Von der Sonne beleuchtet, welche eben am Horizonte untertauchte und roſigen Nebel über das Waſſer hauchte, erſchien Cahetano wie in einem blutigen Rauche. Plötzlich ſtieß mein Gefährte einen Schrei aus und ließ einen ſo grellen Pfiff hören, daß ich unwillkürlich zuſammen fuhr. Aus ſeinen zwei Händen ein Sprachrohr bildend, rief er ihm, während Cahetano auf jenes Zeichen ſich wandte, im reinſten kaſtilianiſchen Dialekt, aber mit einem Accente, der meilenweit nach einem Andaluſier ſchmeckte, zu, er ſolle die Inſel Ti⸗ buron bei der Nordſpitze umſegeln, weil bei der ſüdlichen ein verdächtiger Kahn anlange. Ich konnte nicht umhin, die plötzlichen Fortſchritte des Engländers in der ſpaniſchen Sprache zu bewundern. Das war ein neues Geheimniß für mich und ich glaubte nicht recht gehört zu haben. Dem Signal des —— —.—— — 327 Engländers antwortete Cahetano durch ein ähnliches Pfeifen und hielt einen Augenblick ſtill, um die Gefahr zu er⸗ kunden. Von der nämlichen Inſelſpitze, welche Cayetano zu ge⸗ winnen ſuchte, kam ihm ein Fahrzeug mit fünf Männer, vier davon an den Rudern, einer an der Stange, raſch entgegen. Es war leicht an der dreifarbigen Flagge, grün, blau und roth, die Nationalfarben der Mauth zu erkennen, die ziemlich fern einen einzelnen Platz beſetzt hielt. Wie der Engländer es befürchtet hatte, konnte nur eine Anzeige die Wachſamkeit erregt haben. Im Momente, da der Wellenſchlag Cahetano's Nachen hob, konnte er das verdächtige Fahrzeug gewahren. Nit einer verächtlichen Geberde ſchwang er über ſeinem Haupte die Harpune, welche er zu ſeinen Füßen aufhob; dann, auf ſein Ruder gebückt, gab er ſeinem Kahne einen ſolchen Schwung, daß er mit der Geſchwindigkeit eines fliegenden Fiſches, wenn er auf der Oberfläche ſchwebt, über die Flut glitt. Cahetano hatte eine der bisherigen entgegengeſetzte Richtung genommen. Die Mauthbarke ihrerſeits, trotz den verdoppelten Anſtrengungen ihrer Ruderer, hatte, ſtatt Vor⸗ ſprung zu gewinnen, Mühe, ſich in gleicher Entfernung zu halten; dieſer Anblick erheiterte die umwölkte Stirne des Britten. Seine Sicherheit war indeſſen erſt vollſtändig, als er ein drittes Fahrzeug erblickte, das plötzlich hinter der Inſel auslaufend, gleiche Bahn mit der Mauth verfolgte. Es war eine Art Wallfiſchbvot, lang, ſchwarz, ſchlank, das vier Ruderer über die See fliegen ließen. 328 „Ah, das ſind meine Getreuen,“ rief der Britte und rieb ſich die Hände; ſie haben meine Signale geſehen und meine Barren find geborgen.“ Ich benützte ſeine Freude, um ihn zu fragen, durch welches Wunder er ſo plötzlich die Gabe der ſpaniſchen Sprache empfangen. „Hören Sie,“ ſagte er,„ich habe mich verrathen, aber ich denke, bei Ihnen wird meine Unbeſonnenheit ohne Nach⸗ theil ſein. Ich treibe ein gefährliches Handwerk, nicht, indem ich Contrebande mache, aber weil dieſe Contrebande mir geſtattet, die Waaren billiger zu geben, als meine Collegen, die mich längſt hätten ermorden laſſen, wenn ſie ahnen könnten, daß ich Spanier bin. Meine Eigenſchaft als Fremder, als Engländer iſt meine Schutzwache. Ich bin Eigenthümer auf halbe Rechnung mit Don Urbano an der Gvelette, welche ſich hier befindet, und Dank der Liſt, welche ich anwende, und die der Senator Jedem beſtätigt, der es hören mag, macht der Er⸗toreador, der Er⸗primer espada vom Sttiercirkus, welchen Sie in meiner Perſon ſehen, ſein Glück. Auf dieſen entlegenen Küſten hegen die mexicaniſchen Mauthner die tiefſte Achtung vor den bewaffneten Schmugg⸗ lern. Beim Anblicke der neuen Verſtärkung, welche zu Cahetano ſtieß, glaubten ſie, dem Fiskus eine Probe hin⸗ reichender Treue abgelegt zu haben und ſteuerten mit bewun⸗ derungswürdigem Phlegma zum Geſtade. Dieſer unerwarteten Bewegung gegenüber, ward die von Cahetano unerklärlich. Er lenkte fortwährend nach einem Orte, den der verzweiflungs⸗ vollſte Muth, die tollſte Kühnheit nicht zu erreichen hoffen durften. Es war eine Spitze der Inſel Tiburon, welche man noch in den Gluten der ſinkenden Sonne gewahrte, die lange rothe Strahlen in die Klippen ſchoß, welche, ſcharf und ge⸗ drängt, den Zacken einer Säge glichen. Von Minute zu Minute erloſchen dieſe Strahlen, wenn die Brandung in fürchterlichen Wirbeln ſchwand, die in ziſchenden Garben aufſtiegen oder als ſchäumende Waſſerfälle herabſtürzten. Nur ein Phokus hätte über dieſe ſchreckbare Kluft ſetzen können. Nach dieſer Richtung ſchiffte Cahetano mit einer Schnelligkeit, welche mir Schwindel erregte, und er ſchiffte ohne Noth, weil die Feinde zum Rückzuge geblaſen hatten. Nichts glich der Angſt des armen Spaniers. Noch eine Minute weiter und ſein Vermögen war verſchlungen.— „Ach!“ rief er händeringend,„Thor, der ich war! Ich hätte dies Ergebniß vorausſehen, darauf gefaßt ſein müſſen; dieſer Menſch iſt unverſöhnlich.“ „Aber was kann er für einen Vortheil dabei haben, dieſes ſeltſame Manöver auszuführen?“ fragte ich ver⸗ wundert.* „Was für Urſachen!“ rief der Andalufier,„der Mann, welcher dieſen Unglücklichen begleitet, iſt ſein dienftfertiger Freund!“. Bei dieſen Worten warf er ſich in's Gras. Ich faßte das Fernrohr, welches ſeiner Hand entſank. Gebannt von dem grauſigen Schauſpiele, konnte ich den Blick nicht dabon wenden. Noch in einiger Entfernung von den Klippen, mitten 330 im Flammennebel vom Abendrothe, tanzte Cahetano's Barke von Woge zu Woge, gleich dem Damhirſche, der über einen Abgrund ſetzt. Von den zwei Unglücklichen im Fahrzeuge ſtand der Eine aufrecht mit bleichem Antlitz; dann ſchien er niederzuknieen und zu beten; der Andere, das war Cahetano, machte eine drohende Geberde, und bei dieſer Geberde brach der Menſch in ſich zuſammen, noch flehend und die Hände gen Himmel ſtreckend. Ein Schleier von Schaum barg mir auf einen Augenblick den Verlauf der Scene; aber mir ſchien, als miſche ſich ein Schrei höchſter Noth in das entſetzliche Konzert der Wellen, welche gegen die Felſen heulten. Das alles war raſch, wie der Gedanke. Die Barke, von einer Woge emporgehoben, ſchien außerhalb der Fluten geſchleudert zu werden, richtete ſich ſenkrecht in die Höhe, that einen Satz mit dem Vordertheile, ſchwankte einen Augenblick zwiſchen zwei Felſen, die ſo ſpitz waren, wie Dolche; ich ſah Cahe⸗ tano den Arm ausſtrecken, ein Körper ward über die Klippen geworfen, darauf ſchwand alles. Einige Minuten ſpäter kreiſten mitten in den Schaumwirbeln, welche die ſinkende Sonne nicht mehr mit ihrem blutigen Purpur färbie, Trüm⸗ mer einer Barke, ſpielend gleich Strohhalmen, von der Windsbraut gefaßt, und unter dieſen Trümmern unterſchied man keine Menſchenform. Unter den Tropen bricht die Nacht ohne Dämmerung ein; Finſterniß hatte mit dem Tag getauſcht; das Fahrwaſſer funkelte von Phosphorſchein, der Himmel von zahlloſen Ge⸗ ſtirnen„und weder der Spanier noch ich hatten einen Schritt — — 331 gemacht. Bei Jenem war indeſſen die Wuth der Niederge⸗ ſchlagenheit gefolgt, der Kaufmann dem Toreador gewichen, und er ſtieß gegen Cahetano, falls er entränne, die ſchreck⸗ lichſten Drohungen aus. Auf einmal glaubte ich Geräuſch zu hören; Steine ſchienen unter den Schritten von Jemand zu rwollen, welcher den Abhang erklimmte, dann zeigte ſich nahe von uns ein Kopf, an deſſen waſſertriefenden Haaren ich Cahetano erkannte; er pfiff noch den Marſch von Riego wie eine Stunde zuvor. Ich hörte in den Händen des Spaniers, der mit Einem Satze aufſprang, das Klirren eines cataloniſchen Meſſers, mit dem er ſich waffnete. „Still!“ ſagte ich,„laſſen Sie ihn erſt ſich erklären.“ „Beruhigen Sie ſich,“ rief Cahetano, indem er Fuß faßte,„Ihr Gold iſt in Sicherheit.“ „Aber an welchem Orte?“ ſchrie der Spanier von Neuem. „Nun, caramba! im Waſſer!“ Der Spanier ſtieß eine Art Gebrülle aus. Cayetano ſchien den Grimm des ehemaligen JToreador nicht zu gewahren, der ihm vorwarf, ohne alle Noth ſo gehandelt zu haben, und fuhr fort: „Ich habe es für nöthig gehalten, verſtehen Sie? und dann habe ich auch mehr als einmal über die Brandung geſetzt, welche die Spitze der Seelen umringt. Wenn dies⸗ mal die Barke zerſchellte, ſo iſt es Pepe's Schuld, der, obwohl im Sinken, auch über die unheilvolle Spitze ſetzte. 332 Gehen Sie um die Brandung herum, an der Stelle, wo das Waſſer ruhig iſt, werden Sie das Zeichen bemerken, das ich machte, um die Leiche dieſes lieben Freundes wieder zu finden.“ „Meine Barren ſind alſo in Sicherheit?“ fragte der Spanier. „Habe ich Sie jemals getäuſcht?“ verſetzte Cahetano mit dem Anſcheine beleidigter Würde.„Nur ſputen Sie ſich; Ihre Ruderer warten unten uud es iſt keine Zeit zu verlieren, wenn Sie nicht wollen, daß die Hahfiſche den armen Pepe hindern, Ihnen den letzten Dienſt zu erzeigen. Was mich betrifft, ſo habe ich gethan, was ich ſollte, und ſteige zu Pferd, um heimzukehren. Gute Nacht, meine Herrn Cavaliere, auf baldiges Wiederſehen! Ah, ich vergaß etwas Wichtiges: Bei dem Bade, das ich ſo eben nahm, wurden alle meine Cigarren naß und ich möchte um's Leben gern rauchen.“— Cahetano, bereits zu Roß, reichte dem Spanier die Hand und hub wieded an, ſeine Lieblingsweiſe zu pfeifen, aber mit einem Anſcheine düſterer Zerſtreutheit, die ſeine an⸗ genommene Sorgloſigkeit Lügen ſtrafte. Nach Kurzem ent⸗ fernte er ſich und ſchlug Funken mit ſeinem Feuerſtahle, welche wie ferne Blitze leuchteten. Wir beeilten uns, zum Strande hinunter zu ſteigen, wo der Spanier ſeine Verbündeten verſammelt traf. Man ſtieg in den Kahn. Wie der Schiffer geſagt hatte, war hinter der Brandung, in welcher ſeine Barke zerſchellte, das Meer —— ſchwarz und ruhig. Wir ſuchten eine Weile, ohne das er⸗ wähnte Zeichen finden zu können und der Spanier dachte ſich ſchon vom Schmuggler gefoppt. Indeſſen ſtürzten die Wogen, welche die entgegengeſetzte Seite der Klippen peitſchten, auf der unſern in feurigen Cas⸗ caden herab; beim phosphoriſchen Schimmer, welchen ſie ver⸗ breiteten, gewahrte ein Mann einen ſchwarzen, ſchwimmenden Gegenſtand. Es war das Korkſtück, welches ich in Cahetano's Hand erblickt hatte Auf dieſes Anzeichen war alles entdeckt. Der Spanier brach in einen Freudenſchrei aus, ſeine Barren waren da. Indem man die Richtung des Bindfadens ver⸗ folgte, woran der Kork hing, ſchienen die ſpitzen Hacken im Schlamme zu ſtecken; bald ſtieß man auf einen unbeſiegbaren Widerſtand, und nach tauſend Anſtrengungen brachten die Matroſen mit Hülfe von Stricken Pepe's Leiche auf die Ober⸗ fläche. Die Schnur, an welcher der ſchwimmende Kork be⸗ feſtigt, hing am Griffe einer Harpune, und die Spitze dieſer Harpune ging durch den mit der anheilvollen Jacke bekleideten Leib. Der Spanier betaſtete gierig die ſeltſame Grabesanke⸗ rung; nichts fehlte. Die Leiche, ihrer koſtbaren Ladung be⸗ raubt, und mit kalter Gleichgültigkeit von dieſen mitleivloſen Menſchen gelaſſen, iel ſo ſchwer in die Tiefe, daß glänzender Schaum auf die ſchwarze Meerfläche ſprudelte. Feurige Strei⸗ fen, welche plötzlich unter dem durchſichtigen Waſſer auf der Stelle zuſummenliefen, wo der Körper verſchwunden war, be⸗ wieſen, daß die Hahſiſche ihre Zähne für die Nacht daran wetzten. „Cahetano hat ſeine letzte Rache als redlicher Mann, und was mehr iſt, als gewandter Mann vollbracht,“ ſprach“ der Spanier, ſeine Lederſäckchen zählend;„ich bin ihm Ehren⸗ rettung ſchuldig und will mich hängen laſſen, wenn der Cri⸗ minalrichter ihn überführen kann, daß er in dem Augenblicke da aufgeregt war.“ Das Gold und die Barren wurden in die Goelette ge⸗ bracht, dann ſtiegen wir wieder zu Pferd. „Wollen Sie,“ fragte mich der Spanier, als wir uns Cahetano's Hütte näherten,„Gaſftfreundſchaft von ihm für dieſe Nacht begehren?“ „Nein,“ entgegnete ich;„ich bin bis jetzt nirgends pri- mer espada geweſen, habe daher zartere Nerben als Sie, und mir graut vor dieſem Manne, der in einem Jahre vier⸗ mal Menſchenblut vergoß.. „Wie Sie wollen,“ entgegnete mein Gefährte. Die Flur war ſchweigſam im ganzen Umkreis der Hürde. Die Gäſte des See' ſchliefen auf dem Grunde, das Schilf nur miſchte ſein Seufzen in das Blätterrauſchen. Weithin ſchallte der Hufſchlag unſerer Pferde. Als wir in einiger Entfernung an der Hütte vorbeikamen, ſah ich Cahetano, von dem Geräuſche herbeigezogen, in die Thüre treten. Er er⸗ kannte uns und rief: „Nun, Herr Engländer, fehlt etwas.“ „Nein,“ entgegnete der Spanier,„und ich erwarte Sie, um mit Ihnen abzurechnen.“ „Ah,“ berſetzte Cahetano,„Sie ſind mir zum mindeſten 335 eine Oſterkerze ſchuldig, Ihr Gold iſt gut dabon gekommen. Gute Nacht, und erinnern Sie ſich daran, daß die Schmug⸗ gelei, wie der Krieg, grauſame Nothwendigkeiten hat.“ Nie werde ich den ſpöttiſchen Laut dieſer Stimme mitten in der Finſterniß vergeſſen. In der kalten Ironie des Mör⸗ ders lag noch etwas Entſetzlicheres, als im Ausbruche ſeines Zorns. Ich gab die Sporen und hatte bald die Hütte aus dem Geſichte verloren, welche ich am Morgen ſo lachend und maleriſch fand, und die mir jetzt, im Schatten und in der Stille, ſchauerlich und düſter, wie ein Ort des Fluchs er⸗ ſchien. H89 SL5 SLEMe 8— k 2 8 —————— S— ——.* ———