Leihbibliothe deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gieſſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceih und geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von e Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en emmen 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 4 chentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: uf 1 Monat: 1 Wk.— Pf. 1 Met. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. 5 5. Auswörtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung er Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 66. Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ansleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. n S C. Spindler's sämmtliche WMerkre. Dreißigſter Band. Enthält: Hetbſt violen 1. Mit Koͤnigl. wuͤrttembergiſchen und Koͤnigl. bayeriſchen aller⸗ gnädigſten Privilegien⸗ Stuttgart, Hallberger'ſche Verlagshandlung⸗ 1 8 3 4. Herbstviolen. Erzählungen und Novellen von C. Spindler. Erſter Band. Stuttgart, Hallberger'ſche Verlagshandlung. 1 8 3 4. 4 5 ——— Kapuzinertahrt. — „ Raputinerfahrt. Der Morgen dämmerte kaum in das duͤſter beſchattete Thal, als ſchon die gellende Zunge der Kapuzinerglocke die Stunde der erſten Fruͤhmeſſe verkuͤndigte. Die Schwingungen des einformigen Tones zitterten ſchrillend durch den kalten Mor⸗ genduft, und mit ſchlaftrunkener Geberde ſchlich der Pater, der die erſte Meſſe zu halten hatte, nach der Kirche, wo der Glockner aus allen Kräf⸗ ten ſein Handwerk trieb. Es waren der Andäch⸗ tigen nur wenige zur Kirche gekommen, denn an einem Feſttage lieben auch die Landlente einen laͤngeren Schlummer, und außer dem Kalender⸗ feſte, das ihnen zur Pflicht machte, das ſpäter abzuhaltende Hochamt zu beſuchen, lockte noch * obendrein dazu eine andere Feierlichkeit, anziehen⸗ der als das Feſt der Heiligen. Die dienenden Broͤder hatten bereits das ſchmuckloſe Gotteshaus, ſo viel es in ihren Kraͤften ſtand, verziert. Gruͤne Buͤſche regten ſich an allen Waͤnden in dem ſtil⸗ len Luftzug, der in einer Kirche niemals aufhoͤrt; friſche Wachslichter waren an den drei Altären aufgeſteckt, die kuͤnſtlichen Blumenſtraͤuße, ein Geſchenk der benachbarten Kloſterfrauen, waren ſauber abgeſtaͤubt, und duftende Sträußer von aͤchten und gerechten Gottesblumen hinzugekom⸗ men, ſo gut uberhaupt der geringe Kloſtergarten, worinnen es der Zuchtſchnecken mehr als der Blu⸗ men gab, ſie liefern mochte. Weißes Linnen auf den Altären, die purpurrothe Decke uͤber der Kan⸗ zelbruͤſtung, die Hängelampen, Leuchter und Va⸗ ſen blank geſcheuert, und allenthalben flatternde bunte Kraͤnze, ſowohl auf dem dornengekroͤnten Haupte des Gekreuzigten, als auch ſogar um den hoͤlzernen Kapuzinerarm, der aus der Kanzel her⸗ vorragte, das Crucifir in der Hand. „Wir wollen's kurz machen;“ ſagte der Fruͤh⸗ . —. —— — meſſer zu ſeinem Miniſtranten:„Ich habe mich kaum von der Mette erholt, wo mich die Kälte gar ſcharf angriff. Zudem iſt ſchier Niemand bei dem heiligen Opfer zugegegen, und ich wuͤnſchte noch ein Stuͤndchen zu ſchlafen, bevor die Cere⸗ monie vor ſich geht.“— Der Miniſtrant lächelte hierauf mit zum Himmel gewendetem Blicke, und erwiederte:„Der goͤttliche Vater wird nicht zuͤrnen, hochwuͤrdiger Herr. Ihr habt uns ja ſchon lange als ein Sinnbild der Tugend und Gerechtigkeit vorgeleuchtet, und dem Muͤden ge⸗ buͤhrt ja doch endlich die Ruhe. Ich will ſchon acht geben, daß wir die heilige Handlung gut und ſchnell zu Ende bringen, denn Ihr zittert, ehrwuͤrdiger Vater, wie im kalten Fieber.“ „Das iſt die Freude, mein Sohn;“ verſetzte der Pater, und aus ſeinen Zuͤgen brach ein hei⸗ teres Dankgefuͤhl in lichten Strahlen hervor. Dann ging er ruͤſtig an ſeine wichtige Pflicht, verrich⸗ tete mit Wuͤrde, obſchon ſichtlich eilend, den hei⸗ ligen Act der Meſſe, und ſchritt hierauf mit un⸗ verhehlter Freundlichkeit in die dunkle Sakriſtei, — 460 den Meßornat ſchnell von ſeiner Kutte zu ziehen. „Ich werde doch nicht mehr ſchlafen koͤnnen;“ ſagte er ſcherzhaft zu ſeinem Meßdiener, einem ernſten beſcheidenen Bruder, der ſchon lange im Kloſter hauste, nachdem er in fruͤheren Zeiten ſehr viel in der Welt erlebt.„Das Vergnuͤgen der Seele raubt die Ruhe, wie der ſchwarze Herzens⸗ kummer. Ich werde lieber meinen guten Freund und Himmelsbraͤutigam auf ſeiner Zelle beſuchen, bevor er ſich zum ernſthafteſten Gange ſeines Le⸗ bens ruſtet.“ „Ihr waret ihm ſtets ein treuer Freund, dem guten Pater Adalbert, und ſein treueſter Rathge⸗ ber;“ verſetzte der Andere.„Ich glaube, daß ſchwer⸗ lich im Kloſter ſolche Anhänglichkeit befunden wurde. Die Heiligen moͤgen ihren Segen zu der Einkleidung des rechtſchaffenen Herrn Adalbert geben!“ „Das moͤgen, das werden ſie;“ verſetzte Mar⸗ cus mit voller Zuverſicht.„Dieſes ſey auch der Lohn, den ich am Ende meines Lebens, welches nicht ohne manche Leiden hinfloß, mit mir zu ——————— — 1— Gott hinuͤbernehme. Ja, mein guter Bruder, wir haben uns immer geliebt, Adalbert und ich. Wir ſtudirten zuſammen, ein und daßelbe Seminarium, ein und dieſelbe Schule bildete uns. Jonathan und David waren nicht beſſere Freunde als wir bis unſer verſchiedenartiger Beruf uns trennte. Ich trat naͤmlich gleich in den heiligen Orden, waͤhrend mein Freund ein Weltprieſter wurde. Mein Herz blutete, weil ich ihn nicht auf meine Bahn zu ziehen vermochte, und manches Jahr legte ſich zwiſchen unſere Wuͤnſche, zwiſchen un⸗ ſere beiderſeitige Sehnſucht nach Wiederſehen. Nun, es iſt ihm lange wohl und gut ergangen, meinem Freunde, bis endlich die Welt an dem Unbeſcholtenen ihre Tuͤcke ausließ, und den Ge⸗ danken in ihm erweckte, den ſichern Port in un— ſern Mauern zu ſuchen: den wahren Hafen der Ruhe, den bereits viele Ungluͤckliche zum Heil ihrer Seele ſuchten und fanden. Nicht wahr, mein lieber Bruder Felir?“ Felir neigte ſein Haupt, erfuͤllt von ſchwer⸗ muͤthigen Erinnerungen an ſein eigenes Weltle⸗ ben, und erwiederte gelaſſen:„Gelobet ſch der Herr! der uns gibt und nimmt, wie es zu un⸗ ſerem Frommen iſt. Ihr hattet ſchon einen Vor⸗ ſchmack der himmliſchen Seligkeit, ehrwuͤrdiger Vater, da Ihr den Pilgrim Adalbert in dieſes Kloſter treten ſaht, damit er das Novizenkleid empfinge.“ „Es iſt juſt ein halbes Jahr ſeitdem verſtri⸗ chen;“ bemerkte Pater Marcus mit leuchtendem Blick, wahrend er mit ſeinem Begleiter durch den Krenzgang nach der Treppe ſchritt.„Jener Tag iſt wahrlich ein Tag des Paradieſes geweſen. Unſere hochwuͤrdigſten Vorgeſetzten haben ein Werk der Barmherzigkeit und Gnade an mir gethan, da ſie Adalberts Pruͤfungszeit abkuͤrzten, und den bisher von mir getrennten Novizen befaͤhigten, in der Väter Mitte Platz zu nehmen. So werde ich ihn denn nun Tag fuͤr Tag, Stunde fuͤr Stunde ſehen konnen, mich an ſeinem Verſtande laben, in ſeiner Tugend ein wuͤrdiges Vorbild finden, und endlich wenn s Gott gefaͤllt, in ſei⸗ nen Armen meinen Geiſt aufgeben. Ein ſo be⸗ — — neidenswerthes Lvos hat unter Tauſenden kein Prieſter, und jede Entſagung wird mir doppelt leicht, ſeit ich den Freund umfangen darf, ewig mein e nen Der Bruder kuͤßte ehrfurchtsvoll den Aermel des Paters, als dieſer letztere ſich bereit machte, die Treppe emporzuſteigen, und entfernte ſich nach dem Refectorium, wo heute eine große Tafel be⸗ reitet wurde, um alle die Gaͤſte zu bewirthen, die bei der Feierlichkeit des Profeſſes zu erwarten waren. 2 —. Adalbert, der Bräutigam des Ordens, der am heutigen Tage zu den kirchlichen Geluͤbden, die ſeine Jugend geweiht, auch die kloſterlichen Eide fuͤgen wollte, lag auf ſeinen Knieen in der Zelle, die ihm ſchon, ferne von den uͤbrigen Ot⸗ densnovizen eingeraͤumt worden war. Die Blu⸗ menkrone, die ſein ernſtes mannliches Haupt ſchmuͤckte, ſtach ſonderbax gegen den duͤſtern Bart ab, der ſein Kinn umkraͤuſelte. Nur der ſchwär⸗ S on Herzensgrunde die Empfindungen fuhlend, 1⁴4 meriſch entzuͤckte Ausdruck des Auges ſtimmte mit den friſchen Blumen zuſammen. Das Auge verrieth Gluͤck, wie das Antlitz Leid verrieth und ſtrahlte in doppeltem Aeben auf, als Marcus in die Thure trat,— leiſe und lichelnd wie ein frommer Geiſt. Das Gebet Adalberts war geſtort, aber die Umarmung, womit er den Freund empfing, die Liebesworte, die er zu ihm ſprach, waren wieder Gebet. Keine beredtere Dankes? und Segensfor⸗ mel ſtieg je zum Himmel empor, als in dieſem Augenblicke.— Zwei Männer, beide ſchon in des Lebens Mittag ſtehend, beide verſuchte Käm⸗ pfer im Streit des Glaubens und der Zuverſicht gegen die Lockungen der Welt, und die Verräthe⸗ reien der eigenen Bruſt— beide angethan mit dem Kleide der Demuth und Duͤrftigkeit, und mit Freuden den Geiſt unterjochend in den Regel⸗ ſchranken— und dennoch wieder beide ſo ganz aufrichtige ehrliche Menſchen, aneinander gefeſſelt 5 durch innerer Verwandtſchaft heiliges Band, und die ihr Mund ſich nicht ſcheute, laut zu beken⸗ nen;— welch' ſeltenes Schauſpiel innerhalb ſtren⸗ ger Kloſtermauern, wo ſo leicht das Menſchliche abſtirbt, und das Edelſte verſteinert! Marcus muſterte laͤchelnd und ſorglich, wie eine aufmerkſame Mutter die Brant, das Aeußere des Freundes, richtete und putzte eifrig an dem ſchlichten Gewande deßelben, wie an dem Blu⸗ menkranze auf ſeinem Kopfe, und dem wohlrie⸗ chenden Strauß, der an den linken Aermel der Kutte befeſtigt wurde, und ſagte:„Du feierſt ei⸗ gentlich heute Deine Hochzeit mit mir. Wir ha⸗ ben eine lange Brautzeit durchgemacht, mein Lieber, bis die Stunde der Erhoͤrung hereinbrach. Um ſo inniger ſoll von nun an unſer Bund ſeyn, und ſich nicht trennen laſſen, wie auch der Feind es gerne thun moͤchte.“ „Das ſoll er!“ verſetzte Adalbert hierauf.„Wir Männer in der Reife unſerer Jahre wollen die Schwaͤre der Jugend nicht Luͤgen ſtrafen, und ich bin des Glaubens, daß kein Feind zwiſchen uns zu treten begehren werde. Woher ſollte er — — 15— kommen? Der Convent iſt klein, und beſteht aus ruhigen, mehrentheils lebensſatten Maͤnnern, die kleinlicher Zwiſtigkeiten müde geworden ſind, und faſt keinen Antheil mehr an Dingen und Per⸗ ſonen nehmen, welche außer ihrem K Kreiſe liegen. Der Guardian iſt ein ernſthafter und gerechter Oberer, der das Verſprechen von dem Provin⸗ zial erhielt, nie verſetzt zu werden, und noch lange leben wird. Der Zufluß an Novizen iſt nicht zu rechnen, da das Kloſter zu gering erſcheint, und ſeine verſteckte Lage wenige reizt, ſich hier einkleiden zu laſſen. Kaum, daß uber die näch⸗ ſten Berge eine Kunde von unſerem Daſeyn dringt. Man kennt unſer armes Kloſter nur in den Re⸗ giſtern des Provinzials und der Generale genau. Weit entfernt, durch einen Wechſel unſern Con⸗ vent zu mehren oder zu verringern, ſind unſere Obern darauf bedacht, diejenigen Väter hier feſt zu halten, die einmal ſich an Luft und Lage ge⸗ woͤhnten, und ſeit langem das Vertrauen der Ge⸗ meinden in der Gegend beſitzen.— Uns winkt daher Ruhe, und Ausſicht auf ungeſtorten Frieden.“ —————— „O ja; Friede iſt da, wo jeder Wunſch ent⸗ weder ſich erfullte, oder draußen ſchon ſein Grab fand!“ erwiederte Marcus mit freundlichem Ni⸗ cken, jedoch nicht phne einen leichten Seufzer. Adalbert entgegnete aber hierauf mit ernſter Betonung:„Du haſt ein weiſes und wahres Wort geſprochen, mein Bruder. In dem ungeſtorten Beſitz Deiner Freundſchaft und erquicklichen Nähe verwirklicht ſich mir das heißeſte Verlangen, und draußen, vor den Mauern dieſer ſichern Burg liegen die Gräber meiner eitlen und thorichten Sehnſucht. An dieſem Tage, der uns unauflos⸗ lich vereint, mag ich Dir nicht verhehlen, was mein Mund ſchon ſo oft dem himmliſchen Vater, ſeinem Sohne und der unbefleckten Koͤnigin des Himmels vertraute, was ich in den Buſen frem⸗ der Prieſter unter dem Siegel der Beichte nieder⸗ gelegt. Du wurdeſt betrogen, wenn Du dem Ge⸗ ruͤcht vollig glaubteſt, welches mich als den un⸗ beſcholtenſten meiner Bruͤder ſo oft bezeichnete. Wer lebt auf der Welt, deſſen Fuß nie ſtrauchelte? Spinbler's ſämmtl. Veike XRR. Bd. Herbſtviolen 1. 2 — Auch ich, mein Frennd und Bruder, habe eitle und verderbliche Sehnſucht gehegt, und wenn ich dem Falle entronnen, den Netzen der Verfuͤhrung entgangen bin, ſo verdanke ich dieſes Heil, nächſt der Huld des Allmächtigen, nur Deinem Bei⸗ ſpiel, nur Deinem Gedaͤchtniß.“ Marcus ſagte, die Hand auf Adalberts Schul⸗ ter legend:„Ehre den Heiligen! wohl Dir, daß Du mit reinem Schild aus dem Kampf gingſt. Was aber vermochte mein Beiſpiel? Was mein Gedächtniß?“ „Du hoͤrſt es in kurzen Worten. Während Du, einem himmliſchen Berufe folgend, die ſtreng⸗ ſten Geluͤbde abgelegt, hatte ich die Pflichten der Seelſorge mitten im Strudel der Welt auf mich genommen. Ach, wie fand ich alles anders, da ich aus den Thoren der Prieſterſchule in das Leben trat! Welche Frucht- und Bluͤthenbäume neigten ihre Zweige und koſtlichen Gaben mir entgegen, und ich durfte ſie nicht genießen! Die Enthaltſamkeit und Strenge wird uns leicht hinter Gittern, die jede Begegnung abwehren, auf einer 6 1 5 Bahn, die mit rauhen Stacheln und Dornen be⸗ ſäet iſt. Aber die Freiheit! die Freiheit iſt die gefährlichſte Verfuͤhrerin fur ein unerfahrenes Herz. — Du weißt, wie keuſch und rein unſere Jugend verfloß, wie wir unſchuldig waren, den Kindern gleich, und wie ich feſt hielt an dem Paradieſes⸗ glauben, den Du, mein Vorbild und Lehrer, ſtets und ohne zu wanken, bekannteſt. Daher erſchrak ich, als mir plotzlich, da ich einſam in meinem Pfarrhauſe wohnte, alle Sinne tobend und mahnend aufgingen, und einen Schleier zer⸗ riſſen, eine Blindheit vernichteten, fur deren Er⸗ haltung ich gerne manches Jahr meiner Lebens⸗ zeit gegeben haben wuͤrde. Ich erinnerte mich, daß ich noch jung und kräftig ſey, ich begriff mit einemmale, daß die Erde mit ihren Gaben reizend und begluͤckend daſtehe, ich wunderte mich uͤber das lange Stillſchweigen meiner Sinne, und fragte mein Schickſal: ob es gerecht geweſen, als es mich zur Entſagung verdammte?— Dieſe we⸗ nigen Worte konnen Dir beweiſen, welchen Sturm der wilde Satan auf mein Herz unternommen, welche Verſuchungen er angezettelt gegen die Be⸗ gehrlichkeit und Leidenſchaft eines armen ſchwa⸗ chen Menſchen. Noch blendender wird Dir der Hoͤlle Blitz aufleuchten, wenn ich Dir ſage, daß zwei Weſen kurz nach einander meine Sehnſucht erregten, die an und fuͤr ſich verbotene Fruͤchte waren, auch ſogar fuͤr den nicht dem Altar Ge⸗ weihten. Die abſcheulichen Wuͤnſche des Teufels, der angefangen hatte, mich zu beſitzen, richteten ſich zuerſt gegen das Weib eines vertrauten Freun⸗ des, und alsdann, nachdem durch heißes Gebet zu den maͤchtigſten Fuͤrſprechern bei Gott, die wankende Tugend den Sieg errungen, auf eine dem himmliſchen Braͤutigam verlobte Jungfrau. — Ich habe nie glanben wollen, was die boͤſen Weltzungen von der heimlichen Verderbtheit ſo vieler Prieſter Tag fuͤr Tag wiederholen, aber ich uͤberzeugte mich, daß eine beſondere Gnade des Himmels dazu gehoͤrt, der Gelegenheit zu wider⸗ ſtehen, die der Verſucher ſchlau benutzt. O, wie verfuͤhreriſch iſt die Stille und Abgeſchiedenheit eines Nonnenkloſters! wie lockend der Than der * Andacht, welcher die Roſen ſolch' verborgenen Gartens erfriſcht! wie zu beneiden— oder beſſer zu beklagen— der geiſtliche Gärtner, dem allein die Vollmacht wurde, dieſen ſtillen Himmelsblu⸗ men Pflege und Sorge zu weihen. Ich habe das empfunden, Tod des alten Beicht⸗ vaters von Fra unn, mich, den Weltgeiſtli⸗ chen, auf einige Zeit zur Gewiſſensleitung der Nonnen daſelbſt berief. Eine junge erde weidete unter den Lilien jenes Stiftes. Der Stab einer ſteinalten Aebtiſſin regierte zwan⸗ zig bluͤhende J Inngfrauen, deren Schoͤnheit und Anmuth ſogar unter dem Landvolke, welches hin und wieder eines der Engelangeſichter gewahrte, zum Sprichwort geworden war. Mein trunk'nes Auge fand ſchnell unter den Schoͤnen die Schoͤnſte heraus. In Thereſia's Geſtalt ſchien ſich die Majeſtät einer Heiligen mit dem Liebreiz der weltlichen Magdalena zu vereinigen. Wieder trat der Teufel zu mir, und der Schlaue beſaß nicht nur meine Sinne, ſondern auch Thereſia's Blicke, die unkloͤſterlich und verfuͤhreriſch mahnend mir — das Paradies verſprachen. Die leichtſinnige Nonne, der Liebling der Oberin, und darum von man⸗ chem Zwang und mancher Ruͤckſicht befreit, denen die uͤbrigen unterworſen waren, erſchuf die Ge⸗ legenheit, wo ſie ſich nicht von ſelbſt ergab, und ſo wurde der ſtumme Blick um vertraulichen Händedruck, und das nrl⸗ ſich an den Tag heraus, und wuͤnſchte eine guͤnſtige Nacht dabei, um die That ſelbſt zu wecken. Ich ſtand am Rande des Abgrundes, Freund, und nirge leuchtete mir ein troſtlicher Stern; wohl aber winkte der treuloſe Pharus ſüͤndlicher Begierde, ſtrafbarer Hingebung.— Wir hatten eine Mai⸗ nacht beſtimmt, um Zeuge unſerer erſten vollig ungeſtdrten Zuſammenkunft zu ſeyn. Die Luft ging lau durch die Zweige der Fliederbuͤſche und der Linden, die den Kloſtergarten umſchatten. Im Kloſter flackerte kein Licht mehr, und in der Kirche beleuchtete kaum ein ſchwacher Schein der ewigen Lampe die duͤſtern Fenſter. Nachtigallen ſchlugen in den Kronen der Kloſterbäume, und nnter dem Sitze der Wlien ſollte das ſuͤnd⸗ — liche Paar ſich zuſammenfinden. Ich wandelte in ſtiller Nacht dahin, und ſchwelgte in den Bil⸗ dern des hohen Liedes, die mir der Teufel mit Phariſäͤerſchlauheit vorhielt, um mich zu verblen⸗ den. Jeder Heilige ſchien von meinem Wandel abgelaſſen zu haben, ich gehoͤrte ganz der Macht des Abgrundes. Alſo gelangte ich an die außere Mauer des Kirchhofs, wo der ſteinerne Oelberg ſteht, mit den ungeheuern Figuren des wachen⸗ den Heilands und der ſchlafenden Juͤnger. Mein Auge wollte ſcheu an dem heiligen Denkmal vor⸗ uͤberſtreifen, als plotzlich ein Wunder mein Herz zu beruͤhren ſchien. Das feine, mit Spitzen be⸗ ſetzte Thränentuch, welches die Froͤmmigkeit der Kloſterfrauen in die Haͤnde der Steinfigur des Erloͤſers gelegt hatte, wehte ſchnell auf, beſtri⸗ chen von Zugluft, und mir war es, als ob die ganze Geſtalt in demſelben Augenblick Leben und Bewegung erhielte, als ob ich nicht zu einem verbotenen Abenteuer wandelte, nicht unter Sa⸗ lomo's Gartenbaͤumen, wohl aber in dem heili⸗ gen Garten von Gethſemane, ein Zenge des bit⸗ ſchienen die Angſt zu verſinnlichen, worein Dich tern Leidens, deſſen Kelch der Erloſer getrunken, um die Suͤnden der Sterblichen zu tilgen. Hei⸗ lige Schauer durchbebten mich, und ich ſtand er⸗ ſchuttert ſtille, wenige Schritte von dem Mauer⸗ ſturz entfernt, den ich mit leichter Muhe uͤber⸗ ſchreiten konnte, um in den Garten zu dringen. Aber noch war nicht alles gethan, noch war kein Sieg errungen, denn auf jener Mauerluͤcke erkannte ich Thereſens weißen Schleier, ihr Tuch flatterte mir entgegen, ihr gluͤhender Athem ſchien meine Wangen zu beruͤhren. Die Sehnſucht der Weiber uͤbt eine zauberiſch verderbliche Gewalt auf den ſtaͤrkern Mann aus, und ich waͤre ver⸗ loren geweſen, wenn ſich nicht ein Mittler gefun⸗ den hätte, der zwiſchen mich und die Verſuchung trat. Dieſer Mittler war Dein Bild, mein Freund! Vor jenem Mauerabſturz ſtandeſt Du in dieſer Kutte mit ausgeſpannten abwehrenden Armen, und Deine Lippen, die ſich raſch bewegten, ohne einen Ton von ſich zu geben, die grellen Zuͤge Deines wie vom Fieber entſtellten Angeſichts, mein ſträfliches Beginnen geſtuͤrzt. Dieſes Ge⸗ bild der Phantaſie und Dein Gedächtniß hat mich gerettet. Während meine Stirn und Wange von Beſchämung brannten, verkuͤhlte blitzſchnell die ſträfliche Wallung meines Blutes, und Thereſe ſchien mir Potiphar's Weib, und ich kehrte ihr auf der Schwelle der Suͤnde den Ruͤcken, und habe ſie ſeitdem nie wieder geſehen. Dieſes be⸗ gab ſich im Maimonat des Jahres 1676, und jede unziemliche Begier und alle Verſuchung hat mich ſeitdem verlaſſen.“ Marcus ſchuͤttelte uͤberlegend den Kopf, und verſetzte mit tiefer Bewegung:„Maimond? Anno 16767 Ich lag damals in der That an einem ſchweren Fieber zu Bette, und es gab eine Stunde zur Nachtzeit, wo die Bruͤder glaubten, es ſey ſchon mit mir vorbei: ſo ſtarr und kalt wie ein Geſtorbener lag ich da. Zuvor aber hatte ich nach Dir verlangt mit großer Herzensangſt, und von Furcht erfullt, Dich auf Erden nicht wieder zu ſeheu.— So iſt es denn moglich, daß, wie viele Beiſpiele an Andern ſchon erläutert haben, meine Seele aus dem Koͤrper herausging, und einem Geſpenſte nicht unähnlich, Dich auf Dei⸗ nem einſamen Wege gen Frauenbrunn aufſuchte. Der Wunder ſind mancheylei auf der Welt, die wir Kurzſichtige nicht begreifen, aber ich bin gluͤcklich, wenn ich im bewußtloſen Traum zwi⸗ ſchen Leben und Sterben Dein unſterblich' Theil gerettet habe, unter'm Schutze Gottes. Die Reue rettet zwar, wenn ſie recht aufrichtig iſt, auch nach der That vom Seelentode, und eines Prie⸗ ſters Abſolution iſt wahrlich ein Geſchenk vom Himmelsthrone. Aber die Erinnerung iſt gerade dem Reuigen ein immerwährender Fluch und Kum⸗ mer, und vollig heiter nur das Gemuͤth deſſen, der den Teufel, bevor er fiel, bezwungen. Du biſt ein Gerechter, thenrer und geliebter Adalbert. Du trägſt den Kranz Deines Hanptes mit Fug und Ehren, und die Lilien, die Deinen Sarg einſt ſchmuͤcken, werden keine Luge ſeyn!“ Da erklang auf's Neue, und wie mit freudi⸗ gen Schlägen die Glocke des holzernen Kapuzi⸗ nerthurms. Der Guardian an der Spitze des — Convents, von flammenden Kerzen umgeben, und mit Blumen geſchmuͤckt, ein Kreuz von lebendi⸗ gen Roſen in den Händen, trat ein, um den prieſterlichen Koͤnig des Tags nach der Kirche abzuholen, und Marcus verbarg unter dem Chor ſeiner Broͤder das von Frendenthränen uͤberfloſſene Antlitz. 3 5. Die feierliche Handlung war voruͤber, das Ge⸗ luͤbde gethan, der Kuß des Friedens ertheilt, und das Tedeum wogte noch in den letzten Klängen der Orgel, als der Zug der Moͤnche bereits den Chor verließ. In den Gaͤngen des Kloſters trat cin Bote zu dem Guardian, und reichte ihm ei⸗ nen großen zur Eile empfohlenen Brief. Während die Menge der eingeladenen Prie⸗ ſter und Freunde und Wohlthäter des Ordens nach dem Refectorium ſchritt, um ſich dort freund⸗ lichem Geſpraͤche und der Vorbereitung zum froh⸗ lichen Mittagsmahle hinzugeben, während Adal⸗ bert den beſcheidenen Schmuck des heutigen Ta⸗ ℳ ges ſtill und demuͤthig von ſich legte, ſah ſich Marcus plotzlich zu dem Obern des Kloſters be⸗ rufen. Der Guardian ſtand an der Pforte, die aus dem Kreuzgange in des Kloſters Blumen⸗ und Schattengarten fuhrte, hielt den entfalteten Brief in ſeinen Händen, und begann mit derje⸗ nigen Gteichmüthigleit, Natur geworden war, alſo zu dem Pater Marcus: „Unſer Pater Provinzial verlangt nach Euch. Ge⸗ ſchäfte halten ihn in dieſem Augenblicke in un⸗ ſers Ordens Hoſpiz zu Bremgarten. Wäre es ihm vergoͤnnt geweſen, ſo hätte er unſer Feſt ſei⸗ ner Gegenwart gewuͤrdigt; aber die Pflicht geht vor den Wuͤnſchen unſeres Herzens. Macht Euch zur Stelle reiſefertig, Vater Marcus; ergreift den Wanderſtab, und geht, wohin unſer Oberer Euch beſcheidet.“ Das Erſtaunen des armen Marcus war gran⸗ an ihm zur andern zenlos. Sein bleicher Mund ſtammelte: In die⸗ ſer Stunde?“ Der Guardian nickte gleichmuͤthig und gelaſ⸗ 3 4 ſen.— Marcus fuhr aͤngſtlicher und dringender fort: „O mein wuͤrdiger Vater und Vorgeſetzter! Es kann Dir nicht unbekannt ſeyn, welches Ju⸗ belfeſt an dieſem Tage mein eigenes Herz begeht, da es das Brautfeſt eines gar lieben Freundes mit zu feiern ſich veranlaßt ſieht. Und Gott und ſeine Heiligen lieben ja die Freude, die im Herrn und ſeinen Werken ihre Quelle findet; und Gott ſammt ſeinen Heiligen, ſie zuͤrnen nicht dem froh⸗ lichen Menſchen, wenn er die Stunde ſeiner Luſt in beſcheidenem Maaße genießt, und einen Au⸗ genblick ſpäter die Pflicht erfuͤllt, aber mit dop⸗ peltem dankerfuͤlltem Eifer. So goͤnne mir auch, hochwurdiger Vater und Oberer, daß ich den Freu⸗ dentropfen unbekuͤmmert ſchluͤrfe, um mich mor⸗ gen erſt mit dem Wanderſtabe zu ruͤſten, und eine Fahrt anzutreten, zu der ich mich nur ſchmerz⸗ lich bequeme, weil ſie mich von dieſem Hauſe und meinem Freunde trennt.“ Der Guardian runzelte mit finſterem Ernſt die Stirn, und verſetzte mit auffallender Kältet „Ich hätte nicht geglaubt, nach zwanzig Jahren — 6 untadelhaften kloſterlichen Wandels von Euch einen Widerſpruch zu horen, der mit den Pflichten des Ge⸗ horſams unverträglich iſt. Die Pflicht kennt keine Graͤnzen, als die der Unmoͤglichkeit. Unſere Geluͤb⸗ de ſind auf die Satzungen der bewährteſien Diener Gottes gegruͤndet. Das Gruͤbeln und Aufſchub⸗ begehren iſt uns verſagt. Der Provinzial begehrt Eurer, in groͤßter Eile und Schnelligkeit. Was kummert's mich, worin eigentlich ſein Begehren gegruͤndet iſt? Was kuͤmmert es mich, wenn Ihr die Freundſchaft zu dem neu Eingekleideten hoher ſchaͤtzt, als das Begehren des Provinzials? Ich halte mich an den Buchſtaben; ich beruckſichtige daß dieſer Brief um anderhalb Tage verſpätet wurde, und ermahne Euch noch einmal, unver⸗ zuͤglich Euer Gewand zu ſchuͤrzen und hinaus zu gehen, wohin der Gehorſam Euch beruft. Es wird unndthig ſeyn, ja, ich verbiete es Euch ſo⸗ gar, von dem Pater Adalbert Abſchied zu neh⸗ men, oder irgend einem aus dem Convent Nach⸗ richt von Eurem Weggehen zu geben.“ Als der Gnardian bemerkte, daß die Wange des armen Moͤnchs immer blaͤſſer, ſein Ange im⸗ mer duͤſterer und feuchter wurde, fuͤhlte er auch ſein ſtrenges Herz menſchlich bewegt, und ſetzte gutmuͤthig hinzu:„Troͤſtet Euch doch, mein Bru⸗ der! Sendet doch oft der Herr mitten in unſe⸗ rer Freude den jähen Tod; warum nicht auch eine ſo leichte kurze Trennung? Euch iſt es nicht um dieſes Feſtes Jubel zu thun, nicht um das Geraͤuſch der Tafel, und die heute von der Regel erlaubte Recreation. Ihr haßt dergleichen Weltlichkeiten vielmehr, und ſehnet Euch nur nach ungeſtoͤrter Vertraulichkeit und bruͤderlicher Eintracht mit dem Freund. Nun ſeht, wie gut ich es mit Euch meine; das Hoſpiz liegt ja nicht weit von hier. Ihr ſeyd, ohne Euch ſiark zu er⸗ muͤden, bis morgen, ehe man die Mittagsglocke lͤutet, dort; Ihr empfangt am Nachmittage die Weiſungen und Befehle des Provinzials, und ſeyd bis uͤbermorgen Abends wieder in unſerer Mitte. Um Euch fuͤr dieſe kurze Trennung zu entſchädi⸗ gen, erlaube ich Euch dann, mit Euerm Freunde ein paar Tage an den Ufern des Sec's zuzubrin⸗ —— gen, wo geſunde Luft und Gaſtfreundſchaft den Ordensgeiſtlichen erquicken, und doppelt werdet Ihr ſomit die Freude eingebracht haben, die ich heute, wiewohl ungerne, zu ſidren beauftragt bin.“ Marcus kuͤßte mit erleichtertem Herzen die Hand des Guardians, und erwies ſich bereit, dem Gebote alſogleich nachzukommen.„Was nur der hochwuͤrdige Provinzial von mir begehren mag?“ fragte er noch ſchuͤchtern, und der Guardian zuckte die Achſeln, entgegnend:„Ich weiß dieſes nicht, doch iſi's auf keinen Fall etwas Schlimmes. Euer Name erfreute ſich immer der erſten Note, und wie ich glaube, werdet Ihr mit irgend einer Be⸗ forderung begluͤckt, zuruckkehren. Die Schaffnerei iſt erledigt, und die Wahl des Convents nicht zweifelhaft, wenn der Provinzial von Euch gehoͤrt, ob Ihr die Pflicht der Wuͤrde zu uͤbernehmen ge⸗ ſonnen ſeyd, und Euch in dieſem Sinne em⸗ pfühlt.⸗ Demuͤthig dieſe Ausſicht von ſich weiſend, aber mit getröſtetem Herzen, ging der Moͤnch, ſich fertig zu machen. Der Kloſierkoch fullte ſeine — 33— Taſche mit Nahrungsmitteln, Bruder Felix brachte ihm den Wanderſtab, eine Menge von kleinen Heiligenbildern, au die Landbewohner und ihre Kinder zu vertheilen, eine geweihte Reliquie, huͤlf⸗ reich gegen alle Gefahr, ſiteckte ihm ein weißes Tuch in die Kapuze, ein buntes in den linken Aermel der Kutte, und begleitete ihn zur Kloſterpforte, die umlagert ſtand von einer Schaar von Duͤrf⸗ tigen und Bettlergeſindel, wartend auf die Aus⸗ theilung der koͤſtlichen Feſtſuppe. Einen Gruß ließ Marcus fuͤr Adalbert im Munde des Bruders Felir zuruck, und dieſer verſprach, das Valet zu hinterbrin⸗ gen, ohne dem Guardian es zu verrathen.— Hierauf ſchloß ſich die Pforte hinter Marcus, und ſein erſter Schritt aus der friedlichen Kloſterſtille war ein Kampf, indem er ſich mit Muͤhe durch die Hungrigen drangen mußte, die ihn an der Pforte anfielen, nach ſeinem Segen und ſeinen Heiligen⸗ bildern ſchnappten, und ſeine Kutte begierig ſie zu kuſſen, beinahe in Stuͤcken riſſen. Er athmete freier, als er, dieſem Geſindel entronnen, unter Sfiudler's ſämmil. Weike XRN. Br. Herbfvileu I. 3 den Schatten der Buchen gelangte, die als ein großer Wald das Kloſter umgaben. Langſam und geſenkten Hauptes ſchritt er an der bemoosten Kloſtermauer hin, unter den rauſchenden Blät⸗ tern, die trotz der Mittagsſchwuͤle ihr Fluͤſtern nicht ließen. Er beſtieg eine ihm wohlbekannte Auhöhe, die hinter gränem Dickicht hervor die Ausſicht uͤber die Kloſtermauer in das Innere des Kuͤchengartens und in das Gebaͤude ſelbſt er⸗ laubte. Das Klopfen auf der holzernen Tafel rief gerade zu Tiſche, und an den offenſtehenden Fenſtern des Refectoriums trieb ſich die bunte Menge der geladenen Gäſte umher, ihren Platz am Tiſche zu ſuchen, und durchkreuzt von den dienenden Bruͤdern, welche die ungeheuren Schuͤſ⸗ ſeln aufſetzten. Marcus konnte freilich nicht die Geſtalt ſeines Freundes unterſcheiden, als die Mdnche in eine Reihe traten, um das Tiſchge⸗ bet zu halten, aber Adalberts Stimme wurde horbar, und ſprach— ein Vorrecht des heutigen geiſtlichen Hochzeittages— an der Statt des Guardians das Gebet. In den Zwiſchenpauſen glaubte Marcus den Brunnen im Refectorium rieſeln zu hoͤren, wie auch die leiſen Pendelſchläge der Uhr, worauf das ernſte:„Hora ruit“ ſo ſehr an die Ver⸗ gaͤnglichkeit des irdiſchen Daſeyns erinnerte!— In jenem Speiſeſaale tafelte ſein Freund, der Konig des Feſtes, umgeben von Ehren, Lobſprü⸗ chen und Gluͤckwuͤnſchen, und ihm, dem armen Marcus, war auferlegt, ohne Scheidewort, ohne Säumniß von dannen zu wandeln, wie ein aus der Heimath verſtoßener Pilger! Seufzend erhob ſich der Moͤnch von dem Baum⸗ ſtamm, den er auf einen Augenblick als Sitz eingenommen, zog den Pilgerſtab aus dem Bo⸗ den, kuͤhlte die brennende Zunge mit einem fri⸗ ſchen Trunke aus der neben hinri eſelnden Quelle zog die Riemen ſeiner Sandalen feſter an, und wen⸗ dete ſich wieder zum Gehen. Da ſchnaubte es eifrig hinter und wie er ſich umſah, ſprang der Hund des Kloſters, ein zottiger Pudel von unſ ſchoͤner Geſtalt aber treuem 8 muͤthe, an ihm in die Hoͤhe. Das Thier hatte dͤfters von der Hand des guten Mar⸗ eus einen Futterbeit rag empfangen, und, wer weiß, 3* — aus welchem Antriebe, ſich bewogen gefuͤhlt, der Spur ſeines Gonners heute zu folgen; denn er verrieth die unbezwinglichſte Neigung, bei dem wandernden Prieſter zu bleiben, wie ſehr auch dieſer ihn ermahnte nach dem Kloſter zuruͤckzu⸗ kehren, wo ſeiner eine beſonders lockende Beute von Braten⸗ und Paſteten⸗Truͤmmern wartete. Da nun Marcus bemerkte, wie mit dem an⸗ haͤnglichen Thiere nichts auszurichten, und daher ſeiner zärtlichen Zudringlichkeit der Lauf zu laſ⸗ ſen ſey, ſo ſagte er freundlich zu dem bellenden Begleiter:„Sey ruhig, o Canis! du magſt mit mir gehen, und ſollſt es nicht bereuen, die Lecker⸗ biſſen verſcherzt zu haben, die heute von dem Kloſtertiſche abfallen. Zerſtreue meinen Verdruß, poſſierlicher Reiſegefährte, und nimm dieſe Sem— mel von meiner Hand, als ein guͤltiges Pfand des Pactums zu Schutz und Trutz, welches wir hiemit fuͤr die ganze Fahrt abſchließen wollen.“ Und Canis verzehrte mit moͤglichſter Bereit⸗ willigkeit die friſche wohlduftende Semmel, und ging daun wie ein frohlicher abet geſetzter Ge— ſelle an der linken Seite ſeines Wohlthaͤters uͤber Berg und Thal. 4. Schon kam der Abend mit ſeinem Duft und ſeinen Schatten, als Marcus zu den Ufern des Hallwyler See's hinabſtieg. Der See lag, eine klare blaue Fluth, in ſmaragdener Schaale da, kaum noch beglaͤnzt vom letzten Wiederſchein der niederwaͤrts gehenden Sonne; aber aus den freund⸗ lichen Haͤuſern und Huͤtten, die zerſtreut um den dunkelblauen Spiegel ſtanden, theils in der Ebene theils an den ſanft aufſteigenden Hoͤhen, toͤnte munterer Abendgeſang, und aus dem Graſe der wohlriechenden Matten der Grillen ſchrillender Ruf. Die fernen Berge ſchauten wie Geiſter in die liebliche Daͤmmerung, und durch die finſtern Zweige des nahen Tannenwaldes lockte bereits, wie ein Engelangeſicht, der ſilberne Mond. Marcus blieb ſtehen, und ſchaute ringsum von ſeinem Standpuncte, und kreuzte die Arme voll wonniger Erinnerung uͤber die ſchneller ath⸗ mende Bruſt, und ſtreckte ſie endlich aus in die milde Luft, als ob er Thal und See und Huͤgel und finſtern Wald in ſeine Sehnſucht ſchließen wollte. Als ob ſeine Seele aus ihm gegangen wäre, ſtand der Monch regungslos, waͤhrend Ca⸗ nis auf buntbeblümtem Abhange eine geräuſch⸗ loſe Eidechſenjagd hielt.— Solcher Abende hatte Marcus auf derſelben Stätte viele erlebt, weil unfern vom See die Huͤtte ſeines Vaters geſtanden. Hier hatte er als Knabe geträumt, gejubelt, die erſten Ahnungen ernſteren Lebens in ſich aufge⸗ nommen. Um den Schätzen der Erinnerung die Krone aufzuſetzen, beſchloß er, nach langen lan⸗ gen Jahren wieder zum erſten Mal das heimath⸗ liche Haus aufzuſuchen, und daſelbſt die Nacht zu verbringen, die er eigentlich in einem an ſei⸗ ner Straße bequemer gelegenen Pfarrhofe zu ver⸗ ſchlummern angewieſen war. Er verhehlte ſich nicht, daß, wenn er der Regung ſeines Herzens folgte, um des umwegs willen ihm ein weiterer Weg am folgenden Tag bevorſtunde; aber er rech⸗ nete auf den fröhempordämmernden Tag, und be⸗ ſchloß, im Morgenroth einzubringen, was er im Abendſcheine zu verſaͤumen nicht unterlaſſen mochte. So rief er denn ſeinem vierfuͤßigen Begleiter und klimmte mit ihm den Pfad hinan, der in den dunkeln Tannenwald und darin nach ſeiner Heimath fuͤhrte. Auf der ſtillen Wanderung, beſonders dann, als der Wald ihn ſchon umfing, beſann er ſich daß er zum letztenmale dieſe Straße gezogen, als ſein Vater an dem ſchweren Siechthum darnie⸗ der gelegen, welches auch ſein letztes war. Er hatte damals den geliebten Sterbenden mit Wor⸗ ten himmliſchen Troſtes erquickt, und ſpäter häu⸗ ſig beklagt, daß ihm nicht erlaubt geweſen, den theuren Vater zur Grube zu geleiten. Wie er nun daruͤber nachdachte, und der Mond das ſchmale Steglein mit blaſſem Lichte uͤberzog, und Canis mit hängendem Schweife, gleichſam als ob er nachdenklich, langſam nebenher ſchritt, that ſich zur Rechten des Wanderers eine Luͤcke in dem Walde auf, und eine Umzäunung von ver⸗ 40 witterten Pfählen, und hinter denſelben lagen nicht wenige halb eingeſunkene und von friſchem Raſen uͤberwoͤlbte Gräber. Das war der ſoge⸗ nannte wilde Freythof, beſtimmt fuͤr die vielen vereinzelt im Walde und deſſen Umgegend leben⸗ den Landleute; dort ruhte auch der Vater des Moͤnchs. Marcus knieete, da er den Huͤgel nicht zu finden wußte, an dem Eingange zu dem wil⸗ den Gottesacker nieder, und betete einen inbruͤn⸗ ſtigen Spruch fuͤr die Todten und die armen Seelen. Der Hund lag neben ihm, ſtill und 1 ſtarren Auges. „Gebe der Himmel, daß ich nicht noch ein theueres Haupt vermiſſe, wenn ich in meines Vaters Huͤtte trete!“ ſprach Marcus vor ſich hin, weil er an die uralte Mutter dachte, die ihm vor einem Vierteljahr ungefäͤhr durch ſeinen Schwager ihren Gruß geſendet hatte.— Auf die ängſtliche Bewegung ſeines Herzens folgte aber ſchnell neue Zuverſicht in Gottes Leitung, und gefaßter, muthiger ging der Moͤnch von dem Grabe ſeines Vaters, muthiger als er dahin ge⸗ — 1— kommen. Bald ſah er ſich dem Ziele ſeiner Wan⸗ derung naͤher: Fahrwege, die quer durch den Wald liefen, kreuzten ſich uͤber den ſchmalen Fuß⸗ pfad; ein Steinbruch gähnte bald hierauf an den Reiſenden empor. Er ſchlug einen wohlbekann⸗ ten Pfad ein, der am Rande der krateraͤhnlichen Vertiefung hinlief; endlich ſtand er an dem dun⸗ keln Hohlweg, an dem Thor, welches ſich gegen das freundliche Thal ſeiner Heimath oͤffnete;— endlich blinkte ihm das Dach der Huͤtte entgegen, aufſteigend neben einem murmelnden Bache, wor⸗ uͤber ein ſchwankes Brett die Bruͤcke machte.— Alles ſtill und friedlich um das kleine Haus, kein Menſch vor demſelben zu ſehen; durch die niedern Fenſter daͤmmernder Lichtſchimmer, von der hoͤlzernen Gallerie der Huͤtte flatternde Tuͤcher, dort zum Trocknen aufgehaͤngt; die Steine auf dem Schindeldach glänzten wie Silberklum⸗ pen vor den ſchwarzen Tannen, die das Haus umgaben. Murmelnde Brunnen, ranſchender Bachfall, einzelnes Vogelgekreiſch aus dem Di⸗ ckicht, fern heruͤberdringende Laute von Hirten⸗ ſchalmeien,— alles war noch wie ſonſt und der Jugendtraum auf's Neue uͤberraſchend verwirklicht. Wie leiſe auch der Wanderer hereinkam in das dunkle Waldthal, dennoch ſpuͤrte der treue Waͤchter der Huͤtte ſeine Naͤhe. Der Haushund ſchlug an mit heiſerem Gebell, und der Pudel ſtutzte, ſtand feſt, und knurrte dem Huͤter ent⸗ gegen. Maͤhrend Marcus ihn beſchwichtigte, off⸗ nete ſich ein Schiebefenſter im Erdgeſchoß der Huͤtte, urd eine rauhe Mannsſtimme gebot dem Waͤchter Ruhe. Sogleich aber rief ſie dem An⸗ kommling entgegen:„Wer da? Antwort! woher ſo ſpät?“ Marcus erkannte ſeinen Schwager, der ehe⸗ mals ein wackerer Soldat geweſen, und in fran⸗ zoͤſiſchem Sold gefochten hatte. Er verkehrte ſchnell das Mißtrauen des Hausherrn in Freundlichkeit, ſobald er ſeinen Namen nannte.„Ei, Gott's Blut!“ rief der Schwager, in die Hände klat⸗ ſchend:„Das iſt eine Ehre, und zugleich eine Guͤtigkeit vom himmliſchen Vater! Willkommen denn, hochwuͤrdiger Herr, und tretet ein!“ Hierauf machte der Schwager im Innern der Huͤtte Lärm, und Weiber- und Kinderſtimmen ſchrieen bald bunt durcheinander. Marcus wartete indeſſen unfern von der Thuͤre, bis Rudi heraus⸗ trat, einen flackernden Span in der Hand, und umgeben von frohlich neugierigen Weibergeſichtern. Der Kapuziner aber ſagte mit geruͤhrter Stimme, „Ich käme wohl gern zu Euch hinein, und bin wohl deßhalb nur da; aber Ihr habt Euch einen ſo großen Bullenbeißer angeſchafft, daß ich ſchier fuͤrchten muß, er werde meinen Begleiter, den Pudel Canis, in Stücken reißen. Entfernt zuerſt dieſen allzu eifrigen Schildwächter, denn ich habe mich verbindlich gemacht, der guten Hundecrea⸗ tur, die mit mir geht, kein Leid geſchehen zu laſſen.“ Dazu waren auch allzumal die Bewohner der Huͤtte gern erbotig, und Rudi nahm den Bul⸗ lenbeißer bei der Kette, ihn an einer andern Ecke des Hauſes anzuhaͤngen, und Marcus betrat ohne Gefahr fur ſeinen kleinen Geſellen, den Bo⸗ den der vaterländiſchen Huͤtte. 5. In dem gewaltigen Lehnſtuhl, hinter dem Ofen ſtehend, ruhte die alte Mutter des Prie⸗ ſters von der Laſt ihrer Jahre aus. Marens konnte ſich nicht enthalten, unwillkuͤhrlich die Kniee vor dem Weibe zu bengen, das ihn gebo⸗ ren. Die Augen der guten Frau leuchteten in ſeliger Verklärung, und ſie weinte faſt, daß ihr die ſchwachen Beine nicht erlaubten, vor dem prieſterlichen Sohne aufzuſtehen, und ihm die Ehrfurcht zu erweiſen, die nach den einfachen Begriffen des Volks dem Geweihten des Altars gebuͤhrt. Der Sohn beruhigte ſie mit herzlichem Troſte, ſchuͤttelte ihre Haͤnde, ſtreichelte ihre Wan⸗ gen, und pries die Schwachen, die da ſtark ſind im Herrn und im Glauben an ihn. Dann rich— tete er ſeinen Blick auf die uͤbrigen Glieder des Hauſes, und bald wäre auch ihm das Ange in Thraͤnen übergegangen, als er den Eckplatz unter dem Kruzifire unbeſetzt ſah, den ſonſt ſein Vater eingenommen, ein ruͤſtiger Mann, mit harten Händen und weichem Gemuͤthe, voll von Heiter⸗ — 45— keit und Scherz, und dennoch ſo leicht bewegt von menſchlicher inniger Regung.— Dagegen ſtanden um den Moͤnch manche Geſtalten voll Leben und Kraft: der Schwager, ein ſtarkknochi⸗ ger Holzbauer, deſſen Frau, die Schweſter des Marcus, mit männlichen Zuͤgen und entſchloſſe⸗ ner Geberde; dann die zweite Schweſter, die kei⸗ nen Freier gefunden, aber ſich mit vieler Freu⸗ digkeit in das Loos beſtändiger Einſamkeit erge⸗ ben, ſtill in ihrem Betragen, faſt kloͤſterlich in ihrer groben Tracht, und der Pflege ihrer grei⸗ ſen Mutter mit lobenswertheſter Sorgfalt zuge⸗ wendet; dann ein Bruder des Kapuziners, von beſchränktem Kopf, aber ein treues Herz hinter ſtumpfem Aeußern bergend, und nicht uͤber den Stand eines Knechtes hinaus ſtrebend, in wel⸗ cher Eigenſchaft er dem Schwager diente; dann noch die Kinder des Paars, zwei erwachſene Töoch⸗ ter und eben ſo viel minderjaͤhrige Soͤhne, alle geſund und ſtark, zu jeder handlichen Arbeit ge⸗ ſchickt, gleich ihren Aeltern. Von dem Ofen aber herab gruͤßte den Prieſter und Vetter der lahme Schneider Leonhard, ein Verwandter des Hauſes, den Rudi um Gottes Willen erhielt und kleidete und nährte, wobei dieſer lahme Pfruͤndner nur ſelten von dem Ofen herabkam, auf dem er ſchlief und verdaute und von welchem aus er, wie von einer Kanzel, die luſtigen Liedlein ſang, und die Schwänke machte, und die fabelhaften Hiſtorien erzählte, die der ganzen Familie zur Beluſtigung dienten, ſogar das Herz der alten Mutter wieder von Zeit zu Zeit verjuͤngten, und von dem armen Kruppel gerne und haͤufig geſpendet wurden, gleich⸗ ſam wie eine Vergeltung fur die verwandtſchaft⸗ liche Pflege. 6. Als Marcus Zeit gefunden hatte, ſeine Blicke von dem Antlitz der Verwandten in die wohlbe⸗ kannte Stube zu werfen, wo in ſirenger Alter⸗ thuͤmlichkeit Gegenſiand fuͤr Gegenſtand auf ſei⸗ nem ehemaligen angewieſenen Platze geblieben, bemerkte er mit Verwunderung, daß Wände und Decke feſtlich geſchmuͤckt waren mit kunſtlich auf⸗ gehängten Fruͤchten, mit glänzenden Vändern und wohlriechenden Maien. Er fragte nach der Urſache dieſes Schmucks, und, die huͤbſcheſte ſei⸗ ner Nichten ausgenommen, welche ertothend die Augen nicderſchlug, ſahen ſich alle Glieder der Familie mit Erſtaunen an, und Rudi fragte end⸗ lich, ob denn der hochwuͤrdige Herr Schwager in der That nichts von der Feſtlichkeit wiſſe, die am folgenden Tage im Hauſe begangen werden ſollte.„Wir durften freilich nicht wagen,“ ſetzte er hinzu,„Euer Hochwuͤrden einzuladen, da der Dienſt des Altars und die Kloſterpflicht Euere Zeit allzu ſehr in Anſpruch nimmt. Aber Claus hat es uͤbernommen, Euch zu melden, was hier vorgehen wird, damit Ihr zum Heil und From⸗ men der Braut und ihres Braͤutigams ein gott⸗ ſeliges Gebet ſprechen und eine heilige Meſſe leſen moͤchtet.“ „Ich habe den Claus nicht geſehen; ich weiß noch jetzt nicht, wovon ihr redet, und nur ein Zufall gewährte mir die Gelegenheit, Euch zu beſuchen.“ Da wurden alle Geſichter länger, und alle Zuͤge ſtaunend und traurig, und wie ein Chor rief die Familie:„Wo iſt denn nur der Claus geblieben?“ und aus den Augen der jungen Braut ſchoſſen Thränen der Angſt. Marcus drang auf weitere Erklarung, und vernahm, daß juſt der brave Kohlenbrenner Claus der Braͤutigam der kleinen Veronica ſey, mor⸗ gen an der Spitze ſeiner Sippſchaft die Auser⸗ wählte nach der Pfarrkirche am See zur Trau⸗ ung abholen wolle, und verſprochen habe, weil ihn ohnedieß ein wichtiger Handel vor ein paar Tagen nach Luzern gefuͤhrt, den hochwuͤrdigen Herrn und Vetter Marcus von der ſchnell abge⸗ ſchloſſenen Verlobniß und dem bevorſtehenden Ehebuͤndniß in Kenntniß zu ſetzen.— Veronica ſchien ganz troſtlos, und betheuerte, ihrem Brautigam moͤſſe ein Unfall zugeſtoßen ſeyn, weil er ein Geſchaͤft nicht ausgerichtet, dem er ſich mit ſo viel Bereitwilligkeit unterzogen⸗ Die Familie, den Pater an der Spitze, ſuchte ihr die traurige Ahnung auszureden. Rudi — 49— verlachte ihre Furcht. Marcus ſprach ernſter und eindringlicher, und uͤberzeugte ſie endlich, wie nichts natuͤrlicher ſey, als daß ein Braͤuti⸗ gam, ſo zu ſagen am Vorabend der Hochzeit, und gezwungen, ſich von ſeiner Braut auf kurze Zeit zu entfernen, jeden Umweg ſcheue, der ihn auf ſeiner Fahrt aufhalten mochte; wie vielleicht Claus, ſeinem Auftrag dennoch zu genuͤgen, den⸗ ſelben einem Andern aufgeladen, der, von gerin⸗ ger Gewiſſenhaftigkeit, die Botſchaft entweder vergeſſen, oder uͤber die Gebuͤhr verſchoben. Mit Zuverſicht verhieß Marcus die Ruͤckkehr des er⸗ ſehnten Verlobten, und erſt nachdem er die Trauer Veronica's, und die Ungewißheit der uͤbrigen Weiber vollkommen beſeitigt, ſprach er von ſei⸗ nem eigenen Mißbehagen, der feierlichen Trau⸗ ung ſeines geliebten Schweſterkindes nicht beiwoh⸗ nen zu duͤrfen. Dieſe Nachricht war ein großes Leidweſen fuͤr ſeine Angehoͤrigen, aber ſie ahnten nicht den Schmerz in der Bruſt ihres prieſterli⸗ chen Verwandten: ein Kummer, der ſich auffal⸗ Stpinbler's ſämmil. Werke XRXK. Bd. Herbſtbiolen I. 4 lend wiewohl ſtille erneute, ſo oft der Moͤnch in der Stube umherſah, und ihm bald das große Schwert in die Augen fiel, das fruͤher ein Ahn⸗ herr des Geſchlechts in Schweizerſchlachten gefuhrt, und ſeinen Enkeln zur getreulichen Aufbewahrung empfohlen— bald der bunte Krug, woraus der Vater bei ſeinen Lebzeiten getrunken, bald das dicke Legendenbuch, woraus Marcus den erſten Keim zu ſeinem nachherigen Beruf geſchopft. Das roſtige Schwert lag noch in ſeinen alten Klammern an der Wand, der alterthuͤmliche Krug ſtand noch wie vor ſo vielen Jahren auf dem Vorſprung des Getäfels uber dem Tiſche, in der Fenſterwolbung ruhte noch wie ſonſt mit blank geputzten Clauſuren und ſorgfaͤltig abgeſtaubtem Einband das heilige Buch. Alle dieſe Gegenſtände, umweht von duftigen Sträußern, ſchienen den Fremdling im Vaterhauſe einzuladen„in ihrer Mitte zu verweilen;— an der Staͤtte, wo er bei ſeiner letzten Anweſenheit den Vater ſterbend getroffen, winkte ein freudiges Hausfeſt; alle Hände ſtreckten ſich ihm wohlwollend entgegen⸗ — jeder Blick ſuchte zur Feſſel zu werden, die den geliebten Gaſt feſthielte; und ſein Herz ſtimmte ein in das patriarchaliſche Begehren, und dennoch mußte ſein Herz ſchweigen, und wie fuͤhllos ſich abwenden von dem, was ihm theuer war, weil der Oberen Befehl ihn weiter rief! Mit bewegter Bruſt ſprach der Prieſter den Segen uͤber das einfache Mahl, womit ihn die Familie bewirthete, uͤber die Kuchen und Braten, die auf der Hochzeittafel prunken ſollten, uͤber das ehrwuͤrdige Haupt der Mutter, uͤber die Stirn der verſchämten Braut, und uͤber alle, die in der Huͤtte verſammelt waren, die rohen Bu⸗ ben nicht ausgenommen, denen der Pudel, mit dem ſie ſpielten, von groͤßerer Wichtigkeit ſchien, als der braun gekleidete bärtige Oheim.— Hier⸗ auf ließ er ſich in das Oberſtubchen des Hauſes fuͤh⸗ ren, wo ihm ein duͤrftiges Gaſtbett bereitet wor⸗ den, und hinterließ noch das wohlgemeinte Ver⸗ ſprechen: am nächſten Morgen von den Verwand⸗ ten Abſchied zu nehmen, bevor er ginge.— Dieſes Verſprechen war nicht aber er ſprach ſich ſelbſt frendig von der kleinen Lüge los, weil ſie dazu dienen ſollte, ſein Gemuͤth und das der Freunde vor einem wehmuthsvollen Abſchiede zu bewahren. Er zog es vor, nach wenigen Stun⸗ den der Ruhe, bei'm erſten Grauen des Morgens die ihm heilige Stätte zu verlaſſen. Der Schlaf auf dem mit Blättern gefuͤllten Lager erquickte den an Entbehrung gewoͤhrten Moͤnch. Er erwachte zur Zeit der Fruͤhmette. Er trat auf die Gallerie des Hauſes, und betete zu dem, der den Tag werden laͤßt. Der Mor⸗ gen ließ ſich unfreundlich an; von den Bergen kommt haͤufig Nebel und Regenluft als ein Ge⸗ folge des heiterſten Abends. Graue Wolken ſtan⸗ den uͤber den Wipfeln der Baͤume, und mit dem erſten weißen Morgenſtrahl ſtrich ein ſcharfer Wind uͤber den Wald. Marcus prophezeite Re⸗ gen fuͤr den Tag, und beſchloß umkſo mehr, ſeine Wanderung zu beeilen, als zu vermuthen ſtand, daß mit der wachſenden Sonnenwärme die erſten Tropfen ſich einſtellen wuͤrden. Somit ſtieg er vorſichtig die Treppe hinunter, und Canis folgte ihm ohne einen Laut zu geben. Die Bewohner des Hauſes lagen noch in tiefem Schlafe; den⸗ noch wurde es dem Moͤnch leicht, den einfachen hoͤlzernen Riegel, der die Hausthuͤre verwahrte, ohne Geraͤuſch zu offnen; man kannte dazumal in jenen Gegenden die eiſernen Schloͤſſer noch nicht. Sogar der Hund des Hauſes, wahrſcheinlich von der kältenden Morgenluft betäubt, ruͤhrte ſich nicht, und mit ein paar eilfertigen Schritten war der Pater ſchon jenſeits des Baches, dann in wenig Augenblicken jenſeits des Hohlwegs, des Steinbruchs, und mitten im Walde. Da ſtreckte er noch einmal die Arme nach der Gegend aus, die er wie ein Fluͤchtling verlaſſen, und rief: „So ſey denn geſegnet und wohlbehuͤtet unter dem Schirm des Herrn und ſeiner Heiligen, du liebes ſtilles trauliches Dach, wenn ich dich auch nim⸗ mer wiederſehen ſollte, wie es ja doch geſchehen kann, weil wir Menſchen allzumal dem unerforſch⸗ lichen Willen der Vorſehung unterworfen ſind! Ich habe Luſt, Freude und Kummer und Betruͤb⸗ —— —— niß in deinem Schatten empfunden, aber die Freude wie der Jammer iſt ja ein Geſchenk des Herrn. So ſey mir darum doppelt geſegnet, und beſchuͤtze noch ferner das greiſe Haupt der Mut⸗ ter, bleibe ein Paradies der Eintracht fuͤr mein ganzes Geſchlecht, und vor allem fuͤr die neue Ehe, die unter dir ihren Heerd errichtet!“ Er trocknete ſich die Augen, die ſowohl vom Gefaͤhl als von der kalten Luft thränten, und wanderte ruſtig fuͤrbaß.— Schon war er an dem wilden Freythof voruͤber, ſchon zeigte ſich der blaue Hallwyler See durch den ſchwarzen Vor⸗ grund der Bäume und Hecken, als Canis laut zu bellen begann und Marcus hierauf die An⸗ näherung vieler luſtigen Leute vernahm, die mit Geſang und Gejauchze den Huͤgel herauf ſtiegen. Von ihrem Muthwillen hallte der Wald wieder, und, der unbeſonnenen Jugend auszuweichen, trat Marcus hinter ein Gebuͤſch, damit die froh⸗ lichen Wanderer voruͤbergingen, ohne ſeiner zu gewahren. Ein langer Zug von Landleuten, mei⸗ ſtens Juͤnglinge mit friſchen rothen Wangen, in —— Feſtagskleidern, ſchlenderte durch den Wald. Alle trugen große Blumenbuͤſche an der Bruſt, und gruͤne Zweiglein auf den Huͤten oder Kappen; einige muſicirten, andere ſangen Lieder, mit gel⸗ lender Stimme, und darunter welche, die man nur bei Kiltgängen leiſe zu ſummen pflegt; an⸗ dere ſchoſſen aus alten Buͤchſen und Fauſtrohren in die Luft. Laſtpferde und Karren befanden ſich bei'm Zuge, beladen mit allerlei buntem Haus⸗ geräͤth, worauf zwiſchen Heiligenbildern und ſelt⸗ ſamen Verzierungen die Vuchſtaben C. und V. nicht fehlten, dann mit Kuͤchengeſchirr, mit De⸗ cken und Vorhaͤngen; ja ſogar eine ſauber geputzte Wiege wurde von einem ausgelaſſen ſchäkernden Geſellen auf dem Kopfe vorangetragen. Ein Hoch⸗ zeitzug alſo, und gewißlich der Zug zu Clauſens und Veronica's Hochzeit.— Marcus lauerte wie ein Buͤßender in ſeinem Verſteck und verfolgte die frohlichen mit dem ſchwimmenden Blicke, weil ſie dahin zogen, woher er kam, vertrieben von den Feſten der Freundſchaft und Verwand⸗ tenliebe. Mehrere ſiattlich geputzte Burſche rit⸗ — ten noch zuletzt auf; unter ihnen Einer, der einen groͤßern Strauß trug als die Andern, an dem Hute eine ungehenere Bandſchleife mit wehenden Enden, und uber die Schultern eine gruͤne Schaͤrpe mit ſilbernen Troddeln.„Das iſt gewiß der Brau⸗ tigam Claus;“ ſagte der Kapuziner vor ſich hin, und bedauerte recht ſchmerzlich, daß ihm der Him⸗ mel verſagte, dieſen neuen heiligen Ehebund zu ſegnen mit den beſten Formeln der Kirche. Noch nie war ihm des Gehorſams toͤdtende Pflicht härter vorgekommen, als ſeit den letzten zwoͤlf oder vierzehn Stunden, aber gewohnt, blindlings dem Geſetze zu gehorchen, unterdruͤckte er auch noch dieſe bittere Regung, und ſetzte ſeinen Stab weiter fort. Er war ſchon unter die letzten Tannen des Hains gekommen, als Canis ploͤtzlich wieder an⸗ ſchlug, und von einem Gebuͤſche nicht weichen wollte, welches jenſeits des Straßengrabens, wo ſich die Regenwaſſer ſammelten, ſeine ſtachlichen Zweige emporſtreckte. Hinter dem Gebuͤſch lag ein abgeriſſener Bettler, im Begriff, ein paar ii ——. — Pfennige auf der ſchmutzigen Hand zu zaͤhlen, und ſchlug mit dem Wonderſtecken nach dem Hunde, der vorwitzig bemuͤht war, den Geſellen aus ſeiner Ruhe aufzuſtobern. Indem Marcus ihn zuruͤckrief, ſagte er mit ſanftem Vorwurf zu dem Bettler:„Was ſchlägſt Du dieſes gute Thier? Der Grimm gegen eine unvernuͤnftige Creatur ſteht dem Menſchen ſchlecht an, und Du thäteſt beſſer, Deine Haͤnde in einer Arbeit zu ruͤhren, die dem Herrn wohlgefälliger iſt, als die Faulheit, welcher Du Dich, obſchon ein ruͤſtiger Burſche, ergibſt.“ Bei'm Anblick des Moͤnchs, und von deſſen ernſter Rede betroffen, erhob ſich der Bettler und kam, ſtatt zu murren oder zu laͤſtern, wie Mar⸗ cus wohl erwartet hatte, mit demuͤthigem Ge⸗ ſichte auf den Prediger in der Wuͤſte zu; kuͤßte deſſen Hand, und bat mit freundlichen Worten um Verzeihung. Vergebt!“ ſagte er:„ich hatte Euch nicht gleich geſehen. Ich hielt den Hund fur eine Beſtie des Waldknechts oder irgend eines fahrenden Schergen. Seht, hochwuͤrdiger Herr, dieſe Leute ſind uns armen und beduͤrftigen Men⸗ ſchen ſtets auf der Ferſe, und geben uns Schlaͤge, wenn ſie uns auf dem Betteln betreffen, oder werfen uns in den Thurm, wenn wir, vor bit⸗ terer Kaͤlte uns zu ſchuͤtzen, ein Feuerchen von abgefallenem Reiſig hier im Walde anzuͤnden. Und dennoch muͤſſen wir ja auch leben, obgleich ein erbärmliches Leben, wofuͤr uns Gott nicht erſchaffen hat. Aber der Menſchen Satzungen, worunter wir leiden, gehen wider die Gerechtig⸗ keit Gottes!“— Als unter dieſen Worten der Bettler immer tapfer neben den fortwandelnden Kapuziner hin⸗ ſchlich, ungeſiort ſowohl von dem Schweigen des Prieſters, als von dem muͤrriſchen Knurren des Pudels, betrachtete Marcus mit einigen ſcharfen Seitenblicken des Antlitz des philoſophiſchen Ge⸗ ſellen, und fand ein recht ſehr verwegenes und entſchloſſenes Geſicht auf einem ſtark gebauten Koͤrper. Die Ausſprache des Menſchen hatte eine fremdartige Betonung, weder den ſchweizeri⸗ ſchen Dialecten, noch dem reinern Hochdeutſch — — — 5 zu vergleichen.— Als endlich der Bettler ſeine Rede mit der Bitte um ein Almoſen ſchloß, und ein franzoſiſches Gebet daran hängte, als wie eine Zugabe, fragte ihn Marcus ernſthaft: wer er ſey und woher er komme, nicht minder, wo⸗ hin er wandere. Darauf entgegnete der ſonnver⸗ brannte Burſche, ohne ſich lange zu beſinnen: »Ihr muͤßt nicht glauben, mein Vater, daß ich ein Steifbettler ſey, der Tag fuͤr Tag von die⸗ ſem Platze aus den Wanderer beläſtigt; auch bin ich kein Landſtreicher, der aller Herren Gebiet auf⸗ und niederfährt mit unziemlicher Bettelei. Ich bin der Sohn von guten rechtſchaffenen Ael⸗ tern, ein Lothringer von Herkunft, und der Sohn eines Webers von Remiremont, wo ein Stift fur geiſtliche Frauen iſt, und welches Städtlein nicht weit von dem geſegneten Bade Plombieres liegt. Arm bin ich zwar, weil mein Vater es auch geweſen, aber ein ehrlicher Kerl, der fran⸗ zoͤſiſch und deutſch ſpricht, eines ſo gut wie das andere, und ein Feind aller Luͤgen iſt, obſchon giftige Zungen behaupten: daß der Lothringer es fauſitdick hinter den Ohren habe. Es wird Euch nicht kuͤmmern, mein Vater, von meinem trau⸗ rigen Schickſal zu hoͤren, und ſo iſt es genug, wenn Ihr vernehmt, daß mich eine Wallfahrt, die ich im Namen einer angeſehenen aber kran⸗ ken Perſon unternommen habe, theils aus chriſt⸗ licher Liebe, theils gegen billige Vergutung, vor's erſte nach Bremgarten, und dann weiter fort bis nach Alt⸗Oetting zu der heiligen Mutter Gnadencapelle fuͤhrt. Obſchon ich die Bedingun⸗ gen, ſtets, barfuß zu gehen, und in ſchlechten Kleidern— wie auch die, immer um Gottes⸗ willen meine Nachtherberge zu ſuchen, redlich er⸗ fullen muß, ſo glaubte ich doch nicht, eines Bett⸗ lers Handwerk treiben zu muͤſſen; aber ſiehe: da ſtiehlt mir vor einigen Tagen, als ich gerade von Einſiedeln komme, ein anderer Pilger, mein Schlaf⸗ gefährte, mein bischen Geld und meine Zeugniſſe unter meinem Kopfkiſſen hinweg, und macht ſich damit davon. Denkt Euch meinen Schrecken, hochwuͤrdiger Herr. Was konnte ich anders thun, als betteln, um mir zur Stärkung hin und wie⸗ — der ein Stuͤck Brod oder einen Schluck Brannt⸗ wein zu verſchaffen? Seht doch um Gotteswillen, wie ich friere, wie mir die Haͤnde blau ſind und meine Glieder zittern; und doch iſt vielleicht ein Dorf noch ferne, wo ich mich erquicken konnte.“ Der Menſch erbarmte den Kapuziner, welcher aus einer ſeiner Taſchen ein Fläſchchen voll gu⸗ ten Welſchneuenburger Weins hervorzog, und es dem Frierenden hinhielt. Der Bettler that einen großen Zug aus der Flaſche, rieb ſich dann ver⸗ gnugt die Hände und die Gegend der Herzgrube, und ſagte mit froͤmmelnder und hinterliſtiger An⸗ dacht:„Gebenedeiet ſeyen doch die Taſchen der ehrwuͤrdigen Herren Kapuziner! Sie nähren und erquicken gleich den Tranben von Cangan.“— Der Pater verwies ihm die leichtfertige Rede, ließ ſich's jedoch gefallen, daß der Menſch an ſeiner Seite blieb, und gelangte ſo, unvermerkt und in beſtändigem Geſpräche, aufgeheitert trotz dem Regen, der ſich endlich in Stromen ergoß, an die Thüre des Kloſterleins von Bremgarten. Wier nahm der Lothringer von dem wohlwollen⸗ — den Prieſter Abſchied, und lief in das Staͤdtlein hinein, welches jenſeits der ungeſtuͤmen Reuß liegt, und Herſchwand bald in dem Dunkel der uberdachten Bruͤcke. 7. Der Pfortner empfing den pilgernden Moͤnch, ſobald er ſeinen Namen genannt, mit ausgezeich⸗ neter Ehrfurcht, zog ihm die ganz durchnaͤßte Ka⸗ puze ſorglich vom Haupt, und eilte, ihn nach ei⸗ ner Zelle zu bringen, wo aus dem ſchmalen Klei⸗ dervorrath des Kloſters eine Kutte bereitet wurde, den triefenden Gaſt darein zu kleiden. Der Pu⸗ del, der als Wächter des naſſen Kleides zuruͤck⸗ blieb, wurde vom Kuͤchenjungen bedacht, und Marcus verfugte ſich eilends zu dem Guardian, der ihm in Begleitung des Provinzials, vom Tiſche kommend, begegnete. Der Obere des Klo⸗ ſters ein feiſter rothhaariger Mann, begruͤßte den Ankdmmling nur obenhin; der Provinzial jedoch, von einnehmenden Zuͤgen und ehrwuͤrdiger Ge⸗ ſtalt, vergalt mit vieler Freundlichkeit den demuͤ⸗ thigen Gehorſam des Pater Marcus, der ſich ihm zur Verfuͤgung ſtellte. Er nahm ihn gleich auf die Seite, fuͤhrte ihn unter einen Vorſprung der nach dem Gärtchen hinausſah, und wo es freundlich zu ſitzen war, weil ſchon wieder die Sonne ſchien, und die Regentropfen wie tauſend⸗ farbige Demanten, von Bäumen, Blumen und Mauer abtraͤufelten, und begann alsdann ver⸗ traulich zu dem Pater gewendet:„Der Ruf Eu⸗ rer Heiligkeit iſt groß im Lande, mein Bruder. Nicht minder Eure Geſchicklichkeit in Behandlung wichtiger Krankheitszuſtände, und verwickelter Zaubereien. Ihr wißt nun wohl, daß im Orden eine genaue Liſte uͤber diejenigen gefuͤhrt wird, die ſich vor den uͤbrigen Bruͤdern durch Froͤm⸗ migkeit und Anſtelligkeit auszeichnen. Darum fiel auch meine Wahl auf Euch, weil es ſich dar⸗ um handelt, den Leib und die Seele eines mei⸗ ner Anverwandten, der mir lieb, und zugleich ſehr ungluͤcklich iſt, zu retten. Didensgeſchaͤfte füͤhrten mich hieher, gaben mir Gelegenheit den ganzen Umfang des Elends, worinnen ein bra⸗ — 64— ver Mann ſchmachtet, zu erkennen; aber verge⸗ bens ſah ich mich hier im Kloſter nach einem Subjecte um, welches befähigt wäre, zu erfullen, was ich von ihm erwartet. Andacht und Moral ſind in dieſem Hauſe ſehr geſunken, und die Her⸗ ren widmen ſich mehr den Ränken in der Stadt und den dconomiſchen Dingen im Kloſter, als den Pflichten, die unſer unſterblicher Stifter ih⸗ nen auferlegt. Ich bedarf aber eines aͤchten Die⸗ ner Gottes zu dem, was ich beabſichtige.“ Nit einem ſchweren Seufzer— er ſah ein, daß die Ruͤckkehr in ſein geliebtes Kloſter ſich verzdgern wuͤrde— fragte Marcus nach den Befehlen und Wuͤnſchen ſeines Vorgeſetzten. Der Letztere entgegnete:„Die Sache betrifft meinen Vetter, der in der Stadt als Krämer lebt, und dabei das Apothekergeſchäft treibt. Der Mann hat viel Ungluͤck gehabt, ſeit er auf der Welt iſt. Ein Fremdling kam er hieher, und wurde, da er ſich hier niederließ, von ſeinen Mitbuͤrgern ſcheel angeſehen, weil er ſiets verſchloſſener Natur ge⸗ weſen, und deßhalb fuͤr hochmuͤthig und unber⸗ 65 träglich angeſehen worden. Er war gendthigt, als er ſich verheirathete, ſein Weib aus der Fremde zu holen, und freute ſich nicht lange des häusli⸗ chen Gluͤcks; denn ſein Weib ſtarb, ohne ihm ein Kind zu hinterlaſſen. Hieraufwurde er nun im⸗ mer duͤſterer und trubſinniger, betrieb ſeinen Han⸗ del ſaumſelig, und legte ſich ganz darauf, chemi⸗ ſche Kunſtſtucke zu machen, die geheimnißvollen Kräfte von Kräutern und Steinen zu ergräbeln, um, wie man behauptet, das große Arcanum, Lapidem philosophorum, zu finden. Aber man ſpielt nicht vergebens mit denjenigen Dingen, die unſere allerweiſeſte Fuͤrſehung mit geheimnißvol⸗ lem Schleier bedeckt hat. So geſchah es, daß einſt— der Vetter ſtand juſt in ſeinem engen Laboratorio vor einem dampfenden Keſſel, und umgeben vom truͤgeriſch beruͤckenden Dampf— der Satan in leibhaftiger Geſtalt vor ihn trat, und ihm durch ſeinen Anblick ſolch' Entſetzen ein⸗ floßte, daß er von Stund an die Fallſucht bekam, und dieſem Uebel von Jahr zu Jahr heftiger un⸗ Srinbler's ſimml. Verk: XMR. Bd. Hertſtviolen I. 5 * 65 terlag. Es mag nun dahin geſtellt ſeyn, ob Gott es wirklich zugelaſſen, daß der Feind in eigener Perſon ihm erſchienen, oder ob Alles nur ein Spuk ſeiner Phantaſei geweſen, wie einige Aerzte meinen, die jedoch alle mehr oder minder Freigei⸗ ſter ſind. Soviel iſt indeſſen gewiß, daß ſich die verderblichſte Niedergeſchlagenheit in der Seele des guten Hartmann eingeniſtet hat, daß ſein Zuſtand ganz die Art und Weiſe einer teufliſchen Beſeſſenheit angenommen, und daß der Ungluͤck⸗ liche ſich obendrein zum großten Verderbniß ein⸗ bildet, ſobald der Parorismus ſich naͤhert, daß er ſelber der Teufel ſey.“ Marcus ſchlug, in Erwartung der Dinge, die da kommen ſollten, erſchrocken und angſtvoll die Hände zuſammen. Der Probinzial fuhr aber fort:„Ich habe in der kurzen Zeit meines Hier⸗ ſeyns alle Troſt- und Vernunftgruͤnde an den Elenden verſchwendet, und weder Gebet noch Exorcismus geſpart; aber ich bewirkte hochſtens, daß er etwas ruhiger wurde: eine trägliche Beſ⸗ ſerung, die verſchwindet, ſobald ich den Ruͤcken — 6— kehre, was ſpäteſtens morgen geſchehen muß. Dat⸗ um fiel mir ein, einen Wunſch des Kranken zu erfuͤllen, von deſſen Gewährung er ſelbſt ſich al⸗ les Heil verſpricht. Ihm iſt naͤmlich vor einigen Wochen der heilige Franziscus im Traume er⸗ ſchienen, und hat ihm mit vaͤterlicher Milde er⸗ offnet: daß er geneſen wuͤrde von dem ſchweren Uebel, in ſo ferne er eine Betfahrt nach Fuͤeſſen, wo der heilige Magnus verehrt wird, und von dann nach Oberammergau im Ammerthale, wo die Paſſionsgeſchichte unſers Heilands und Er⸗ loͤſers vorgeſtellt wird, als ein Arzneimittel kran⸗ ker Seelen, und endlich auch von dannen nach dem deutſchen Loretto, nach der Wunderca⸗ pelle der Himmelskoͤnigin zu Alt⸗Oetting unter⸗ nehmen wuͤrde. Zu dieſem Endzwecke aber be⸗ darf der Arme eines Begleiters, der ihn bewache, der mit ihm bete, der ihn beſchirme, wenn ſein ungluͤckliches Weh ihn befällt, und mit geiſtlichem Troſt und Dienſt ſtets bereits ſtehe an dem La⸗ ger des armen Pilgers, weil ſein Stuͤndlein zu ieder Friſt vor der Thoͤre ſeyn Zu die⸗ ſem Begleiter habe ich nun Euch erkoren, Vater Marcus. Wenn ein Menſch durch ſeine Fuͤrbitte und Sorge meinen ehrlichen Hartmann zu heilen vermag, ſo ſeyd Ihr es. Euer Bewußtſeyn und eine reiche Spende aus dem Vermoͤgen des Kran⸗ ken an Euer Kloſter werden dieſe chriſtlichſte aller Bemuͤhungen lohnen.“ Eine große Niedergeſchlagenheit und Wehmuth bemäͤchtigte ſich des Auserwählten. Es zog ihn wie mit Himmelsgewalt nach dem Orte zuruͤck, von dem er ausgegangen, und dennoch ſollte er wei⸗ ter pilgern, in Länder, wo er noch nie geweſen, in Begleitung eines Wahnſinnigen und Beſeſſe⸗ nen, deſſen Elend ganz dazu gemacht ſchien, die Trauer im Herzen des Prieſters täglich zu er— neuern und zu verdoppeln.— Marcus faßte ſich ein Herz, um dem Provinzial Entſchuldigungen vorzuſtammeln, und ſeine Menſchlichkeit anzuru⸗ fen, als derſelbe nach dem Kloſtergange deutete, mit den Worten:„Dort kommt der Mann ſelbſt, von dem ich ſprach; ſein Anblick wird kräftiger bei Euch wirken, als meine Fuͤrſprache allein es zu thun vermochte.“ Eine kleine ſchmale und hagere Figur ſchlich zu der Vorſprungslaube, wo die beiden Moͤnche ſaßen, und je naͤher die Geſtalt kam, je unheim⸗ licher wurde es dem guten Marcus um's Herz. Das Geſicht des Kranken beſaß nicht wenig Aehn⸗ lichkeit mit einem dämoniſchen Weſen, wie menſch⸗ liche Einbildungskraft ſich ſolche Geiſter denkt. Die Geſichtsfarbe gelb wie Wachs, die Zuͤge bald erſchlafft, wie von uͤbermäßigem Lebensgenuß und Ueberdruß, bald ſtraff geſpannt, wie eine Saite auf der Geige, wie am geſpannten Bogen der Strang; die Naſe gewachſen wie ein langer Geier⸗ ſchnabel, der Mund groß, von ſchmalen farblo⸗ ſen Lippen eingefaßt und mit gelben Zähnen be⸗ waffnet; die Ohren von anſehnlicher Groͤße, und etwas ſpitz zulaufend, wie die eines Satyrs; die Augen klein und grau, jetzt verglimmend in duͤ⸗ ſterer Kohlengluth, und dann auflackernd wie eine Flamme, worein man Oel gegoſſen; das Haar endlich geſträubt, verworren, an manchen Stellen — 0 des ſpitzen Hauptes duͤnngeworden, von rothli⸗ cher Farbe, aber mit vielem Grau untermiſcht. Es war als muͤßten dieſe Haare Funken ſpruͤhen, wie das Fell einer Katze. Die uͤbrige Geſtalt entſprach dem Kopfe vollkommen. Die Glied⸗ maſſen waren unverhältnißmaͤßig, die Arme zu lang, die Hände zu breit, allzukurz und gekruͤmmt die Fuͤße, und der Gang lendenlahm wie der ei⸗ nes Wolfs. Und dennoch ſchlich trotz des Entſetzens ein inniges Mitleidsgefuhl in die Bruſt des ehrlichen Marcus, als Hartmann zu reden begann, und ſeinem geiſtlichen Vetter mit kindlich ſanften Wor⸗ ten fuͤr ſeine Fürſorge dankte, und mit derſelben Natuͤrlichkeit dem Begleiter auf ſeiner Pilgerreiſe im voraus Gehorſam und Folgſamkeit verſprach. Marcus konnte nicht mehr widerſtehen, als Hart⸗ mann am Schluſſe ſeiner Rede mit manchem Seufzer ſagte:„Ich bin gar nicht ſo ſchlimm, mein hochwuͤrdiger Vater, als die Leute zu Brem⸗ garten mich gern verſchreien mochten; ich bin die gute Stunde ſelbſt, und ein gar geduldiges — — Thier, welches ſchon daraus zu erſehen, daß ich uͤberhaupt noch lebe. Aber im voraus mochte ich Euch um Verzeihung für die wuͤſten Stunden bitten, die mich häufig auwandeln, und worinnen ich ſo ganz deutlich wahrnehme, daß ich ſelbſt der Teufel bin, obſchon mein Vetter mir es nicht zugeben will.“ Bei dieſen Worten ſchoſſen Thraͤnen in die Augen des Kranken, und auch Marcus fuͤhlte ſeine Wimper feucht werden, und verſprach ge⸗ troſt dem Provinzial, den bittern Kelch in Got— tes Namen trinken zu wollen. 8S. Der nächſte Morgen fand den Kranken und ſeinen Begleiter ſchon auf der Straße nach dem Ziele der Heilfahrt. Der Convent der Kapuziner begleitete in feierlicher Prozeſſion die Beiden eine Viertelſtunde weit. Eine große Menge Volks zog dem ungewohnten Schanſpiele nach. Hart⸗ mann betrug ſich, waͤhrend die Pſalmen abge⸗ ſungen wurden, auf eine Weiſe, die lächerlich zu nennen geweſen waͤre, wenn ſie nicht ein gar trauriges Licht auf den kläglichen Zuſtand ſeines Innern geworfen hätte. Sein Geſicht war fahl, ſeine Stirn von Schweiß uͤberſtroͤmt, vor Froſt zitternd jedes Glied an ſeinem Korper, und ſo oft in den frommen Geſaͤngen der Name des Herrn oder des goͤttlichen Sohns, oder der gebe⸗ nedeiten Jungfran oder eines heiligen Engels vor⸗ kam, zuckte der arme Menſch heftig zuſammen, duckte ſich, als wollte er einem Blitzſtrahl aus⸗ weichen, und geberdete ſich uͤberhaupt, wie der boͤſe Geiſt, der vor jeder Mahnung an die Maͤchte des Himmels erſchrickt. Marcus brauchte alle ſeine Kraft, um ſeinen armſeligen Begleiter zu unterſtützen, und dankte endlich Gott im Herzen, als die Prozeſſion ſtille ſtand, der Provinzial den Segen uͤber ſeinen Vetter ſprach, der Convent den Ruͤckzug antrat, und das Volk ſich verlief. Hartmann athmete viel freier, ruhte einige Mi⸗ nuten auf einem Raſenhuͤgel aus, und ſagte als⸗ dann, hochaufſchnaufend:„Habt Dank, wuͤrdiger Vater, fuͤr Euren erſten Liebesdienſt. Ich bin ein frommer Menſch, und liebe Gott und die Seinigen; aber dennoch kann ich nie ganz ver⸗ geſſen, daß ich im Grunde immer noch der Teu⸗ fel bin. Auch werde ich wieder bald meinen An⸗ fall kriegen: meine Glieder werden bleiſchwer. Erſchreckt dann nicht, guter Vater. Es hat nichts auf ſich. Von den Läſterungen, die ich dann ausſtoße, weiß mein Herz nichts, und alle meine Sinne kommen wieder, wenn es Euch nur ge⸗ lingt, mir die Fauſt aufzubrechen, und durch eine kräftige Bannformel den Teufel zu baͤndigen, der in mir wuͤthet.“ Hierauf verſetzte der gute Kapuziner mit ſanf⸗ ter Eindringlichkeit:„Fuͤrchtet nicht, mein Sohn, als ob Ihr mich beleidigen konntet, wenn Euer Uebel Euch zu Boden wirft. Gott ſelbſt ſchreibt nicht die Worte auf, die von der Krankheit gere⸗ det werden, wie ſollte der Menſch dieſes thun? Wir wollen aber dem Himmel vertrauen, und hoffen, daß er die ſchwere Laſt von Euch nehmen werde, entweder in der Kirche des heiligen Mag⸗ nus, oder bei dem Dank⸗ und Bußſpiel zu Am⸗ —— mergau, oder endlich vor dem wunderthaͤtigen Gnadenbilde, welches ſelbſt die Wuth der Hun⸗ nen und der gefräßigen Flammen verſchonen mußte. Erzählt mir aber indeſſen, um Euch bil⸗ lig zu zerſtreuen, während wir dahin wandeln, wie es Euch in Eurem Hauſe und in Eurem Geſchäͤfte bisher ergangen.“ „Ich war zu fuͤhrwitzig, hochwuͤrdiger Herr. Als mir dasjenige geſtorben war, das mir im Leben am liebſten geweſen, ſo wendete ich mich an das Todte, um es lebendig zu machen: näm⸗ lich an Kraͤuter und Steine. Ich habe immer etwas Weniges an Herereien geglaubt, und hätte gar zu gern die Herenkunſt erlernt. Die gehei⸗ men Kräfte der Natur ſollten mich dieſe Kuͤnſie lehren. Und ſo trieb ich denn lange Zeit mein Weſen mit Pflanzen, Metall, Erde und Men⸗ ſchengebein, bis ich endlich dahinter kam, daß ich im Grunde ſelbſt der Teufel bin, und beſtimmt, Elend und Unkraut auszuſäen; hllenthalben, wo ich gehe und ſtehe, ob mir auch das Herz, mein cinzig menſchliches Erbtheil, dabei blutet.“ „Ei, das iſt ein ſehr ungluͤcklicher, ja ſogar frevelhafter Gedanke, mein Sohn. Der Teufel wohnt im Abgrund, nicht am klaren Himmels⸗ lichte. Der Menſch iſt aber von dem Herrn in ein helles Paradies geſetzt, oder in ein Thal voll gutgemeinter und ſegensreicher Pruͤfungen; kei⸗ neswegs aber von ſeinem Schopfer angewieſen und verurtheilt, Uebels zu thun und Ungluͤck zu gebären. Der Wille des Menſchen allein kann ihn bewegen, Elend zu verbreiten; niemals ſeine Vorherbeſtimmung; alle Creatur iſt zum Segen erſchaffen.“ Hartmann ſah den Moͤnch mit einem ſkurri⸗ len Lächeln von der Seite an, bloͤkte etwas we⸗ niges die Zähne, und verſetzte:„Und der Baͤr, welcher reißt? und der Lowe, der verſchlingt? Ihr werdet ſehen, gelehrter Herr, daß ich recht habe, und daß der Jammer in meinem Gefolge geht, wohin ich auch trete.“ Hierauf brach der Arme in ein dumpfes La⸗ chen aus, welches immer heftiger wurde, und ihn nothigte, ſtehen zu bleiben, und die Hände . — 5 in die Seite zu ſtemmen, gleich Einem, den das Gelaͤchter beinahe erſtickt. Den Moͤnch aber uber⸗ lief Grauen, und er ſprach.„Pfui, Meiſter Hart⸗ mann! ziemt ſolch' wuͤſter Spott einem getauf⸗ ten Chriſten? Bereitet Ihr Euch ſo auf nunſere muͤhevolle Wanderung vor? Da kann der heilige Franziscus nimmer ſeinen Segen dazu geben.“ Noch redete er, als Hartmann mit einem hohlen Schrei auffuhr und mit beiden Haͤnden in ſeinen Haaren wuͤhlte, dann ſich ſtreckte, und dann zuſam⸗ men knickte, ſich heulend und ſtohnend am Boden waͤlzte. Der ſchrecklicheAnfall hatte ihn uͤberkommen. Marcus, der niemals dieſe Krankheit in ſo furcht⸗ barem Grade beobachtet, war ſtarr vor Angſt und Ueberraſchung. Kein Menſch um die Wege, der ihm beigeſtanden hätte, den Tobenden in ſeinem Jammer zu beguͤtigen; ſogar der Pudel verkroch ſich heulend in ein Gebuͤſch, aber hinter demſel⸗ ben hervor, durch weit geſpreitzte Zweige ſchaute alſobald des Lothringers Geſicht: zur Stunde dem Kapuziner ein willkommenes Antlitz. 9. „Komm'her, Geſelle!“ rief Marcus in ſeiner Noth, und der Burſche kam dienſifertig herbei. „Euer Hund iſt auf mich abgerichtet;“ ſagte er ſpaßhaft zu dem Geiſtlichen, indem er ihm die Hand küßte.„Ich mag Geld zählen, wie geſtern, oder ſchlafen, wie heute— der kleine zottige Kerl ſtobert mich allenthalben auf. Womit kann ich Euch zu Dienſten ſeyn?“ Der Kapuziner antwortete nur mit einer Ge— berde. Er zeigte auf den Epileptiſchen, der, Schaum vor dem Munde, dumpf bruͤllend, mit äbereinander gebiſſenen Zaͤhnen und eingeklemm⸗ ten Daumen dalag, von heftigſtem Sturme durch⸗ ſchuͤttelt. „Aha!“ ſprach der Bettler lachend:„Ich weiß, wie man mit ſolchen Beſeſſenen umſpringt. Der ſoll bald zurechte kommen.“ Hierauf warf er ſich uͤber den Kranken, zwängte ihm die Zähne auf, dffnete die geballten Fauſte mit uͤbermächtiger Gewalt, und legte dann die 11 1 1 Hand auf die keuchende Bruſt des Unglücklichen, worauf ſich dieſer wunderbar beruhigte, das Ge⸗ brull in ein leiſes Stohnen hinabſtimmte, die verdrehten Augen wieder dem Lichte offnete, und dann ſchloß, um plotzlich in einen tiefen Schlaf zu verfallen. An ſeiner Seite ſaßen indeſſen der Mdonch und der Lothringer, und der Letztere zog ruhig und gemuͤthlich einen kurzen Pfeifenſtum⸗ mel vom Hute, ſtopfte ihn mit Taback, den er in einem ledernen Beutel bei ſich fuͤhrte, ſchlug Feuer, und begann tapfer zu rauchen.— Mar⸗ cus, der dieſen ungewohnten Rauch ſehr empfind⸗ lich verſpuͤrte, ruͤckte einen halben Schritt von dem Lothringer weg, und ſagte:„Abermals eine uͤble Gewohnheit, die ich an Dir bemerke, mein Freund; fuͤr einen andächtigen Pilger ſchickt ſich ſolch' verderbliche Sitte nicht. Man koͤnnte dieſes Kraut des Teufels Weihrauch nennen, der den Kopf bethoͤrt, die Sinne berauſcht und ſchwin⸗ deln macht, und fähig iſt, in eine Trunkenheit zu verſetzen, die der Raſerẽi nahe koͤmmt. Wo haſt Du dieſes gelernt?“ ———— — 56— »Unter'm Soldatenvolk, mein PVater!“ ant⸗ wortete der Lothringer, ohne ſich in ſeiner Be⸗ ſchaͤftigung ſtoren zu laſſen.„Ich habe der Krone Frankreich in den Niederlanden gedient, und in Flandern und Brabant gilt dieſes edle Kraut dem geplagten Kriegsmann fuͤr Brod und Wachhol⸗ derbranntwein. Laßt's gut ſeyn, ehrwuͤrdiger Herr! Wenn mir im Leben nichts Schlimmeres eingefallen waͤre, als das Tabackrauchen, ſo konnte ich zufrieden ſeyn, und ſäße nicht, ein duͤrftiger Geſell, an der Landſtraße hier neben Euch und dieſem Herenmeiſter, den der Teufel plagt, nach⸗ dem er ihm lange genug gedient.“ »Was ſprichſt Du da ſchon wieder?“ ſagte Pater Marcus mit ſtrengem Ernſte.„Iſt Dir das Ungluͤck nicht ehrwuͤrdig genug, weil Du ſo unziemlichen Spott daruͤber ausgeiferſt? Schaͤme Dich, und laß die Verlaͤumdung!“ »Ei, wenn ich verläumde, ſo thut es die ganze Stadt, worinnen Niemand etwas Gutes von dem Menſchen da zu erzählen weiß. Verwand⸗ 8 tenmund iſt lugneriſch: des Volkes Stimme muß 3 regieren. Der Menſch war Zeit ſeines Lebens ein ſchlechter Hausva er, der mit fremden Dir⸗ nen zog, ein liederlicher Arbeiter, der ſeinen, den Koth fuͤr Enzian verkaufte, und nirgends lieber botaniſirte, als in den Schenken, oder auf den Alpen, wo einſame Sennerinnen hauſen; ein ſchlechter Buͤrger, der ſich nicht um das Gemein⸗ wohl bekuͤmmerte; ein ſchlechter Nachbar, vor dem keine Katze und kein Hund, die in ſeinen Bereich kamen, ſicher waren. Zu dieſen Schlech⸗ tigkeiten geſellte ſich freilich noch ein unverbeſſer⸗ licher Schwachkopf, der von verruͤckten Studien ſelbſt verruͤckt wurde, ſo daß er uͤberſchnappte, und die kleine Perſon, die an ihm hängt, fuͤr den großen Geiſt haͤlt, dem er wie ein Knecht gefrdhnt, und den er jetzt in einem elenden Con⸗ terfei darſtellen moͤchte. Die Suͤnde, ehrwuͤrdi⸗ ger Vater, mochte gar zu gern in ihrer ekelhaf⸗ ten Schwäche das Uebel ſelbſt vorſtellen. Das iſt etwas Altes.“ Der Kapuziner ſchaute mit vieler Verwun⸗ derung auf den, der alſo zu ihm redete, und verſetzte langſam und bedächtig:„Hm, freilich; aber mir iſt's etwas Neues, einen Bettelmann alſo ſprechen zu horen.“ »Ach, mein Vater!“ entgegnete der Geſell ru⸗ hig und lächelnd, indem er ſich bequem dehnte, „ich bin ſchoͤner Leute Kind, und habe zu Nan⸗ zig meine Schulen abſolvirt. Das Unglück konnte mich wohl ſchlechter machen, aber nicht duͤmmer, und Dialectik iſt ſtets mein Steckenpferd geblieben.“ „Eine feine Unterhaltung für den Straßenbett⸗ ler und Lohnpilger. Du haſt uͤbrigens deine Phi⸗ loſophie mit Nutzen gehort, weil Du Deine Schwaͤ⸗ chen nicht laͤugneſt.“ „Was wuͤrde mir mein Leugnen helfen, mein Vater? das Uebel ſchlägt durch, wie die ſcharfe Dinte durch's lumpige Papier. Seh't nur dieſen traurigen Schuft an, der ſeine ſchwere Noth zu unſern Fuͤßen ausſchnarcht. Wer da ſteht, ſehe zu, daß er nicht falle. Die Lebenswege fuͤhren bunt und krumm durch einander, und der Sin iſt wach.“ Srisble's ſemml. Wuk⸗ XRx. Bb. Herbſtblolen 1. 6 „Ja wohl!“ ſprach Marcus, mit dem Kopfe nickend und die Hände faltend.„Darum habe ich mir, der eigenen Kraft mißtrauend, den ſichern Hafen bei Zeiten ausgeſucht. Ich kenne von der Welt wenig mehr als meine Heimath, mei⸗ nen ſtrengen Schulzwinger und mein friedliches Kloſter; aber darum kann ich auch mit Zuverſicht auf mein Leben zuruͤckblicken, und zufrieden ſeyn.“ Der Lothringer nickte ebenfalls mit dem Haupte, qualmte ſtark aus ſeiner Pfeife, und erwiederte: „Es ſoll in der magiſchen Kunſt ein Kreis zu ver⸗ fertigen ſeyn, worinnen man gegen alle Unholde ſicher iſt. Das Kloſter iſt vielleicht ein ſolcher. Wie aber, wenn man, wie Ihr, mein Vater, die friedliche Schwelle verläßt um einen Streiß⸗ zug in die Welt zu thun? Vielleicht lagert hin⸗ ter dem nächſten Buſche die Verſuchung als ein unſcheinbarer Bettler.“ Canis kam hinter dem Geboͤſche, wohin er ſich verkrochen, hervor, beſchrieb einen weiten Kreis um den Schläfer und den Bettler, und fing as, au dem Aermel des Kapuziners zu zerren, als wollte er demſelben bedeuten, wie es Zeit ſey, weiter zu gehen. Marcus deutete auf Hart⸗ mann, und ſprach freundlich zum Pudel:„Ge⸗ dulde Dich, mein zottiger Freund. Wir koͤnnen ja dieſen armen Mann nicht zuruͤcklaſſen.“ »Nein!“ ſagte der Lothringer dazwiſchen.„Aber wir koͤnnen ihn aufwecken; er hat lange genug ausgeruht.“ Vei dieſen Worten ſchuͤttelte er, wie von ungefähr, die gluͤhende Aſche ſeiner Pfeife auf die Hand des Schläfers, welcher ſchnell er⸗ wachte, die grauen Augen weit aufriß, und ſich kaum zu beſinnen wußte. Der Kapuziner bemerkte ihm leutſelig, daß er nun getroſt nach uͤberſtandenem Anfall, wieder aufſtehen moͤge, und labte ihn aus ſeiner Kuͤrbis⸗ flaſche. Waͤhrend des Trinkens jedoch ſchielte Hartmann mit aͤngſtlichem Seitenblick nach dem Lothringer, wurde auffallend unruhig, und ſtot— terte endlich:„Was iſt das fuͤr ein Menſch? Wie kommt der hieher, um mir wehe zu thun? Mir wird's abermals ſchlimm, fuͤrchte ich.“ 6* — 84— Sein Aeußeres ſtrafte die Worte nicht Lügen; er ſah wieder aus wie eine Leiche, war zum Um⸗ ſinken und Marcus, der ihn muͤhſam aufrecht hielt, winkte dem Bettler, ſich zu entfernen. Dieſer indeſſen packte den Kranken bei den Schul⸗ tern, ſchuttelte ihn derb, und rief mit verdrießlichem Spott:„Ei was, guter Freund, habt Euch nicht ſo dumm. Heuchelt nicht mehr der Erbärmlich⸗ keit, als ſchon in Euch iſt. Ihr bildet Euch ein, et Gottſeybeiuns ſeyd? Ein Eſel ſeyd u allem Gluͤck ein Mauleſel, deſſen attung ſich nicht fortpflanzt. Setzt den chrwuͤrdigen Herrn nicht ſo in Schrecken und Verlegenheit, und wollet gefällig verſpuͤren, daß ich Lente Eurer Art zu tractiren weiß.“ Während dieſer Rede und des damit verbun⸗ denen handgreiflichen Schuͤttelns war Hartmann in der That ganz ruhig geworden, obſchon dem Pferde nicht unähnlich, welches von einem ge⸗ waltigen Reiter gebaͤndigt, daſteht, vor Mattig⸗ keit ſtille, und ſich ſelbſt daruͤber wundernd.— Marcus nahm dagegen die Heilmethode des zu⸗ — dringlichen Bettlers uͤbel auf, verwies ihm die pobelhafte Beleidigung, die er auosgeſißen, und befahl ihm, zuruͤckzubleiben, oder vorwarts zu gehen, damit ſein Anblick und plumpes Weſen die Pilgernden nicht ferner ſidre. Der Lothringer lachte hierauf heimlich vor ſich hin, während er ſich demuͤthig verneigte, und verſetzte:„Die Heerſtraße iſt breit und fur Jeder⸗ mann. Ich habe es gut gemeint, und kann fuͤr meine ſoldatiſche Weiſe nichts. Aber Ihr moͤgt immerhin erlauben, daß ich neben Euch hinziehe. Ihr habt nicht das Beduͤrfniß, in meiner ſchlech⸗ ten Geſellſchaft zu ſeyn, aber mir thut eine gute noth, und ich bin verſichert, daß Ihr einmal meine Dienſte nicht verſchmaͤhen werdet. Der Halbteufel an Euerer Seite wird Euch ge⸗ nug zu ſchaffen machen.“ Somit lief er immer neben den Wanderern her, und ſchnitt die ſeltſamſten Geſichter zu den Reden des Kraͤmers von Bremgarten, der bald von ſeinem chriſtlichen Sinne weit- und breitſchweifig erzaͤhlte, bald wieder in tiefe Me⸗ lancholie verfiel, wenn er ſich erinnerte, daß im Grunde nur der Teufel in ihm ſtecke; eine Erin— nerung jedoch, die er nur verſtohlen und verbluͤmt von ſich zu geben wagte, weil er den Lothringer ſcheute, und ihn beinahe eben ſo falſch anblickte, als Canis es that. Der treue Hund war mit den Geſellſchaften ſeines Herrn gar nicht zufrie⸗ den, und knurrte bald den einen an, bald fuhr er dem andern zwiſchen die Beine, ſobald der⸗ ſelbe ſich dem Pater naͤher draͤngte, als gerade nnumgänglich noͤthig war. 10. Die Wanderer zogen im Mittagsglanze fuͤrbaß, gedraͤngt von der ſteigenden Hitze, und ſehnſuͤch⸗ tig den Blick voranſendend nach dem Dorfe, wo Mittagsraſt gehalten werden ſollte. Schon winkte der kuͤhlende Schatten der Obſtbaume, ſchon lockte von ferne die Thuͤre des gaſtlichen Hauſes, als zur Seite, halb im Dunſt der Mittagshitze ver⸗ ſchleiert, zwei Thuͤrme ſich ſehen ließen: Thuͤrme eines Stiftes, hoͤchſtens ein paar Stunden von — der Landſtraße entlegen— Wie heißt jenes Klo⸗ ſter?« fragte Marcus ſeinen Pflegling:„Ihr ſeyd wohl in der Gegend bekannt, mein Sohn?“— Der Kraͤmer glotzte ſtumpfſinnig nach dem Ge— baude, zuckte dann die Achſeln, ſchuttelte den Kopf, und dehnte aus dem weiten Munde ein muͤdes:„ichweiß nicht.“— Dagegen war der Lo⸗ thringer, der die Frage mit begierigem Ohr auf⸗ genommen, ſchnell bei der Hand, und antwor⸗ tete, als ob er gefragt worden wäre:„Das iſt Frauenbrunn, mein Vater!“ Marcus wuͤrde vielleicht dem Zudringlichen gezuͤrnt haben, wenn nicht der Name des Flo⸗ ſters ihn entwaffnet, und ſeine Theilnahme erregt hätte: Frauenbrunn, in deſſen Nähe der gute Adalbert ſeine geiſtliche Heerde geweidet, in deſ⸗ ſen Mauern er die ſchwerſte Pruͤfung ſeines Le⸗ bens beſtanden.— Marcus wendete ſich daher freundlicher zu dem Bettler, und ſagte:„Wie Du doch ſo genau Beſcheid weißt in dieſem fremden Lande! Wie kömmt das, Du guter raͤthſelhafter Freund?“ Worauf der Bettler mit geläͤufiger Zunge erwiederte:„Auf den Querzugen meines Lebens bin ich lange genug hier zu Lande umher⸗ geſtreift, um mich zurecht zu finden, wie ein Eingebor'ner. Ja, mein Vater, das Kloſter dort iſt Frauenbrunn, ein Stift fuͤr Nonnen, und nicht zum beſten beruͤchtigt geweſen, was die Sitt⸗ lichkeit und Kenuſchheit betrifft. Je nun, die Klo⸗ ſterfrauen waren jung und eitel, und die verbo⸗ tene Frucht ſchmeckt am beſten. Nicht wahr, Meiſter Hartmann?“ Der Krämer ſchlug die Angen nieder, und murmelte verdrießlich unverſtändliche Worte in den Bart. Der Lothringer, von einem Blick des Paters zurecht gewieſen, fuhr indeſſen fort, nach dem Kloſter deutend:„Auf dem Huͤgel, der hin⸗ ter dem Nonnenhauſe empor geht, liegt am Ende einer langen Haide von Wald umgeben, das Dorf Meyringen, um ſeiner hubſchen Kinder und ſeiner guten Käſe willen ſehr beruͤhmt. Donner⸗ wetter! ehrwuͤrdiger Herr— wenn es erlaubt iſt, zu fluchen— ich mochte Euch die Pfarrei zu Meyringen wuͤnſchen. Der Herr hat ein Le⸗ — 89— ben, wie im Paradieſe: alles was das Herz be⸗ gehrt. Ihr liebt aber vielleicht weder die Kaͤſe von Meyringen, noch ſeine huͤbſchen Dirnen, de⸗ ren weiße Haͤlſe und Schultern die helle Milch an blendendem Glanz beſchämen.“ Marcus hoͤrte den leichtfertigen Schluß des Geſchwaͤtzes nicht, weil ihn auch der Name des Dorfes beſchaͤftigte. Dort r wwlher als See⸗ lenhirt geweſen. ½ Der Lothringer ließ ſi ch durch des paters Schweigen nicht irre machen, ruͤckte naͤher an ihn heran, und fluͤſterte ihm wie vertraulich zu: „Ich weiß eine Geſchichte von dem Frauenbrun⸗ ner Kloſter, die ihres Gleichen noch nicht ſo bald finden mag, und Euch einmal eine muͤßige Stunde verkuͤrzen wuͤrde, wenn Ihr Euerem unterthaͤnig⸗ ſten Knechte vergoͤnnen ſolltet, Euch zu unter⸗ halten.“ Der Kapuziner antwortete zerſtreut: Vielleicht einmal, zu gelegener Zeit, mein Sohn; wenn Euch doch nichts bewegen kann, meine Geſell⸗ ſchaft aufzugeben. Wie heißeſt Du aber, oder beſſer, wie gefaͤllt es Dir, Dich zu nennen?“ „Ich heiße Ernef, mein Voter. Der heilige Ernef iſt aus Schottland gekommen, hat in un⸗ ſerem Lande das Chriſtenthum gepredigt, und wird in den Vogeſen verehrt, wie in Boͤhmen der heilige Johann von Nepomuk. Ich bin nach ihm getauft, mein Vater, und ein viel zu redli⸗ cher Burſche, als daß ich Euch beluͤgen ſollte; namentlich in einer Sache, die ſo gleichguͤltig iſt, wie das Geſicht jenes ungeſchliffenen Gaſt⸗ wirths, der ſich auf ſeiner Schwelle ſonnet, und kaum fuͤr noͤthig haͤlt, Euch, mein Vater, als ſeinen Gaſt zu begruͤßen.“ Die Pilger ſtanden wirklich vor der Thuͤre der Schenke. Der breitſchultrige Kneipenwirth ruͤckte die Muͤtze kaum, als der Moͤnch, die Schwelle ſegnend, uͤber dieſelbe in das Hans ſchritt.—„Veruͤbelt es dem Dummkopf nicht 6 ſagte Ernef zu dem Pater:„wir ſind hier nicht fern von Ketzerdorfern, daher ſpielen die Männer in dieſer Gegend die groben Freigeiſter, aber ———— — w — ihre rechtglaͤubigen Weiber werden das Unrecht ſchon gut zu machen wiſſen.“ Der Moͤnch und ſein Gefährte traten in die weite Stube, und die Wirthin, Ernefs Prophe⸗ zeihung zufolge, empfing den Kapuziner, wie den heiligen Franziscus ſelbſt, fuͤhrte ihn in einen Verſchlag, wo das Herbergswappen einer Zunft uͤber dem Tiſche hing, deckte mit weißen Linnen auf, und verhieß fuͤr die Beduͤrfniſſe des ehren— werthen und frommen Gaſtes ſchleunigſt Sorge zu tragen.— Während ſie hinausging, um in Kuͤche und Keller nachzuſehen, und Hartmgun ſich in einer Ecke bald mit dem Ueberzaͤhlen ſei⸗ ner Baarſchaft, bald mit ſeinem Roſenkranze abgab, zog Marcus ſein Brevier aus dem Aer⸗ mel, und trat an das Fenſter, um ungeſtoͤrt zu beten. 66 Vor dem Fenſter lag ein kleiner Kuͤchengar⸗ ten, wie er bei Herbergen gewoͤhnlich zu finden. Spaͤrliche Blumen bluͤhten zwiſchen den Gemuͤ⸗ ſen, eine magere Lanbe lehnte ſich an die Um— „ gatterung, und jenſeits des Zaunes war ein friſch umgegrabenes Feld zu ſchauen. Auf dem Felde, dicht am Garten, dort wo Sonnenblumenſtauden in uͤppiger Fulle aufwuchſen, dermalen noch ohne Bluͤthen, dort ſtand ein Mann, auf ſeine Schau— fel gelehnt, und blickte ſtarr nach der Seite der Landſtraße. Marcus konnte aber bald ſein Auge nicht mehr von dem Manne abwenden. Das Kleid deſſelben hatte nichts außerordentliches; das Gewand eines Feldarbeiters, aus weißem Linnen gefertigt, knapp anliegend, und von ei⸗ nem dunkeln Guͤrtel zuſammen gehalten. Aber dgs Geſicht an und fuͤr ſich bot dem Beſchauer vielen Stoff zum Nachdenken. Ein ſolcher Aus⸗ druck von Härte und ſteinerner Gleichguͤltigkeit, wie er in dem blaſſen langen Antlitz lag, war dem Vater Marcus noch nie vorgekommen. Es war, als haͤtte nie ein Strahl von Empfindung aus den tiefen glanzloſen Augen geleuchtet, als haͤtte nie eine Spur des Mitgefuͤhls um den feſt zugeklemmten Mund geſpielt. Der Schädel war gewaltig, viereckig zu nennen, und weiße ſtarre Haare ſtrebten davon zu Berg. So ſtand der — dii — 95— Mann ruhend von der Schaufelarbeit, und blickte hinaus nach der Straße, und blickte unverwandt hin, und ließ des Kapuziners Auge nicht mehr von ſich.—„Seht doch, Meiſter Hartmann! wie findet Ihr jenen Mann?“ ſprach Marcus zu ſei⸗ nem Gefährten. Hartmann ſah hin, aber auf der Stelle wieder weg, rieb ſich die Augen ver⸗ drießlich, und verſetzte:„Ein unangenehm haͤßli⸗ cher Geſell. Ich kann ſolche Geſichter nicht lei⸗ den.“ Kehrte ſodann wieder zu ſeiner Beſchäfti⸗ gung.— Als die Kinder der Wirthin hereinka⸗ men, um dem Prieſter die Hand zu kuͤſſen, Und von ihm das uͤbliche Geſchenk an Heiligenbildern zu empfangen, richtete Marcus an ſie die näm⸗ liche Frage.„Ein Taglohner aus der Fremde;“ antworteten unbefangen die Kleinen, und die Wir⸗ thin, mit Speiſen hinzugetreten, fugte bei:„Ich weiß nicht, wer den Menſchen gedungen, denn das Feld gehoͤrt einem Herrn von Mellingen, der nie in unſerem Dorfe ſich aufhält, und ſogar dieſen Acker, weil die Steine daraus nicht zu rotten ſind, ſeit geraumer Zeit unbebaut liegen ————————— — ließ. Nun! mit dieſem truͤbſeligen faulen Ar— beiter wird das Tagwerk ſich nicht foͤrdern. Ich glaube, daß er ſeit heute Morgen, wo er zuerſt antrat, keine zehn Schaufelſtoße gemacht hat. Ein verſchloſſener tuͤckiſcher Graubuͤndtner. Seine Landsleute ſind alle ſo.“ Die Wirthin ging, die Speiſen dampften, Canis wedelte freundlich und begehrlich, aber Marcus vermochte kaum das Tiſchgebet zuſam⸗ men zu bringen, ſo zerſtreut war er, und ſah be⸗ ſtändig nach dem Tagloͤhner hin, wie dieſer nach der Straße.— Auf der letztern aber näherte ſich indeſſen ein kleiner Zug von Menſchen, abentheuer⸗ lich gekleidet, und abſonderlichen Benehmens, den ſchattigen Baͤumen vor der Schenke. Es war eine Familie, die vermittelſt Gankelei und Kunſi⸗ ſüͤcken ihren Erwerb ſuchend, in aller Herren Länder umher zu ziehen pflegte. Der Vater ein, zigeunerhaſter Meuſch, mit wilden Augen und Bart, ſchleppte auf dem Ruͤcken eine große Trom⸗ mel, einen Hirſchfänger an der Seite, und un⸗ term Arme einen Pack von Habſeligkeiten. Seine —— älteſten Soͤhne, ruͤſtig erwachſene Bengel, wovon der eine in bunten Hannswurſtkleidern, folgten, verbogene Trompeten fuͤhrend, und ſchwere Seile zuſammen gewunden auf den Schultern tragend, oder um den Hals. Ihnen zur Seite liefen zwei Fanghunde, ein kleinerer Bruder, bereits ſchon von frecher Geberde und muthwilligem Blicke, und ein kleines Mädchen, die jungſte Schweſter, in einem lächerlichen Aufputze, wie ein kleiner Kobold mit Lämmerſchwänzchen behangen. Die Hunde trugen das leichte Gepaͤck, die Kinder ſchleppten in einem Korbe verſchiedenartige Nah⸗ rungsmittel, die ihnen auf dem Zuge durch Dor⸗ fer und Flecken das Mitleid barmherzig zuge⸗ worfen. In weiter Entfernung hinter den Kin⸗ dern ſchritt ihre Mutter, fruͤhe gealtert, und von Sonne, Wied und Wetter gebraͤunt, wie der Mann. Die Arme hatte die ſchwerſte Laſt in einem großen Ruͤckenkorbe zu tragen, und ſtuͤtzte ſich ermuͤdet auf ihre aͤltere Tochter, die in dem frechen Gewande der Gauklerin neben ihr mit bloßen Fuͤßen ging, gleiche Spuren des Elendes 96 des Leidens und ſtiller Troſtloſigkeit im Geſichte, wie die Mutter. A Die zigennernde Sippſchaft lagerte ſich be⸗ haglich unter einer Linde, der Schenke gegenuͤber, und die Muͤdigkeit der Mutter wuͤrde daſelbſt Erquickung gefunden haben, wäre nicht des Va— ters Rohheit geweſen, welche die Erſchoͤpfte aus⸗ ſchalt, und ſie mit Mißhandlungen bedrohte, wo⸗ fern ſie nicht ihre Schritte ſchneller ſputen wuͤrde. Das Weib antwortete nicht auf die Schmähun⸗ gen, die der Menſch mit heiſerer Stimme— er hatte ſich ſchon bei'm Trunk und Spiel und bei Ausrufereien die Kehle abgeſchrieen— ihr zugei⸗ ferte. Einzelne Thraͤnen aber bahnten ſich lang⸗ ſam und ſiill den Weg uͤber die eingefallenen Wangen der unglucklichen Frau, und dieſe Per⸗ len, von dem alten Gaukler nicht bemerkt, wur⸗ den ſicherlich von einem Engel des Lichts gezählt, und von einem gefallenen Engel— von der fruͤhe der Liederlichkeit gevpferten Tochter— erwiedert. — Waͤhrend der Alte mit den leichtſinnigen Soh⸗ nen jubelte bei'm Weinkruge, den der Wirth mit Verachtung hinreichte, obſchon mit geizig gekruͤmm⸗ ten Fingern, nagten die Weiber an einem harten Stuͤck Brod, und tranken aus dem Troge des Brunnens, weil die Magd ihnen eine Schale weigerte, um die kuͤhlende Fluth aus der Rohre aufzufangen. Wie ſich Geſelle zu Geſellen findet, ſo fand ſich auch Ernef, bisher faulenzend auf einer Bank, zu den abentheuerlichen Fremdlingen, ſchäkerte mit ihnen, ſprach Zoten zu den Soͤhnen, lieder⸗ liches Spielgewaͤſch und Trunkſpruͤche zu dem Alten, nannte ihn ſeinen lieben Vetter, ſetzte ſich die Pickelhäringsmuͤtze auf, ſtieß rauh und gel⸗ lend in die Trompete, und forderte endlich die Springer auf, ihre Kunſtſtucke zum Beſten zu geben.— Die Leute waren mit dieſer Zumuthung nicht einverſtanden; der Alte fuͤrchtete, keinen Heller von den Dorfbewohnern zu verdienen, weil die meiſten von ihnen auf dem Felde abwe⸗ 7 Srindler's ſämmtl. Wetke XRk. Bb. Herbſvioles I. — 98— ſend waren. Ernef lachte ihn dagegen aus, klap⸗ perte mit einigen Muͤnzen in der Taſche, lockte den Habſuͤchtigen mit dem Schein einiger Batzen⸗ ſtuͤcke, verſprach, dieſelbe in die Gauklertaſche flließen zu laſſen, verhieß viel Zuſchauer, und blies endlich, von dem kleinen Vuben auf der großen Trommel kräftig unterſtuͤtzt, eine wuͤſte Melodei aus der Trompete, worauf alle Kinder, muͤßige Greiſe und faule Maͤgde des Dorfes ſich einfanden, das Schauſpiel zu ſehen. Der alte Strolch befahl nun den Seinigen, die groben Teppiche zu legen, und die Schwänke mit Purzelbäumen und wunderlichen Spruͤngen zu beginnen.— Da trat die Mutter mit aͤngſt⸗ lichem und beſorgtem Geſicht zu dem Manne, und ſagte ihm, daß die Tochter, das Kleinod der Bande, ſich weigere, ihre Kuͤnſte auszukramen. Sie ſey außerordentlich erſchopft, mit wunden Fußen, und voll von einer unbezwinglichen Ah⸗ nung, wie das Spiel gerade unter dieſen Bäu⸗ men, an dieſem Flecke nicht zum Guten ausfal⸗ len mochte.— Der Unhold entgegnete aber hier⸗ —,— —,k.— auf, daß die Dirne ſeinem Willen zu gehorchen haͤtte, und bei Strafe der Peitſche von ihren Schwänken und Spruͤngen nicht einen einzigen auslaſſen duͤrfte. Seine Drohung war nicht in den Wind geſprochen, denn er neſtelte auf der Stelle die große Peitſche los, die er uͤber den Schultern trug. Dem Befehl durſte nicht wider⸗ ſtrebt werden, und ſo erklang die Trompete und Trommel auf's Neue; das Volk ſammelte ſich in dichtem Kreiſe, der Hanswurſt rief ſeine ſchmu⸗ tzigen Spaͤſſe aus, und das Maͤdchen, blaß wie eine Leiche, begann ihren Tanz. Auch den Pater Marcus hatte die Neugierde und der Larm an's Fenſter gelockt; neben ihm lehnte Hartmann in ſtumpfſinniger Trauer.„Ihr werdet ſehen, daß hier ein Ungluͤck geſchieht, weil ich da bin;“ floͤſterte der Krämer dem Moͤnch mit unverkennbarer Angſt zu. Ernef ſaß dagegen draußen ſehr behaglich auf einem Tiſche, dampfte aus der Pfeife, und ſchlug, den kleinen Buben abloͤſend, mit eig'ner Hand die Trommel. Noch * 7* — 100— tanzte das Mädchen in wilden Schwingungen, abwechſelnd mit gefährlichen Verrenkungen, und die Mutter mit ihrem Geſichte voll Leiden und ſtiller Verzweiflung ſchlich durch die Zuſchauer, einen holzernen Teller vor ſich hinhaltend, und pettelnd um das tägliche Brod fuͤr ihren und der Ihrigen Mund. Die Duͤrftigſten unter dem Volke kehrten ihre leeren Taſchen um; die beſſer Gekleideten weigerten hohnlachend eine Gabe. Darum wiederholte, an ſolchen Geiz und Hohn gewohnt, das arme Weib mit eintdniger Stimme die angelernte Formel:„Gebt nur einen Heller, ihr Leute, denn auch wir haben Hunger. Ein Heller iſt ja nicht viel dafuͤr, daß meine Kinder in dieſem Augenblick zu Eurer Beluſtigung ihr Leben und ihre geraden Glieder wagen, und daß ich, die ſie mit Schmerzen geboren, ſolcher Schmach als eine Bettlerin zuſehen muß!“— Da gaben denn nun freilich Einige, beſonders da ſie ſahen, daß juſt die uͤppige Tänzerin auf den Schultern ihres Bruders erhoͤht ſtand, und ſich bereitete, einen gefährlichen Wirbelſprung herab zu machen. — 109— Dorfe, wo noch einzelne Dampfſäulen aufwir⸗ belten. „Sie lag unter'm Bannfluch, die Gaukler⸗ dirne;“ ſagte er alsdann zu Marcus.„Beruhigt Euch, daß Ihr die Pflicht, die Euch das eigene gute Herz auferlegte, nicht bis zu Ende uͤbtet. Schon wären wir in den Haͤnden der Obrigkeit, als Zauberer und Brandſtifter angeklagt, weil der Meiſter Kraͤmer und Apotheker ſich in ſeinem Wahnſinn fuͤr den Gottſehbeiuns ausgibt, und die Schuld jeden Jammers auf ſich nehmen will. Ihr faltet Eure Stirne, mein guter Va⸗ ter? Ihr haltet noch gewiſſermaßen fuͤr eine Suͤnde, daß Ihr der Sterbenden die Los ſprechung nicht ertheilt? Beruhigt Euch noch einmal. Das Unterlaſſen einer Suͤnde bringt oft noch gro⸗ ßeres Verderbniß, als ihr Vollbringen.“ Marcus ſtutzte hoͤchlich, und wendete den Blick, theils zuͤrnend, theils erſchreckt, auf den ruchloſen Sprecher; Hartmann aber wimmerte dumpf vor ſich hin die Worte aus einem alten Kirchenliede: »„Ich wittere ſie, die falſche Schlange!“ Ernef — 110— that dagegen ganz gleichgultig, ſtrich ſich die Haare uͤber die Ohren, und fuhr fort:„Ich will ewig Staub freſſen, wenn das erlogen iſt, was ich behaupte. Die Thuͤrme von Frauen⸗ brunn, die dort noch aus der Ferne uns nach⸗ ſchauen, im Abendſcheine heller, als im Mittags⸗ ſchimmer, erinnern mich an eine Schuld, die ich an Euch abzutragen habe, und rechtfertigen wird, was Euch ſurchtſam zu machen ſcheint. Es iſt dort vorgekommen, daß ein unterlaſſener Fehltritt eine Kette von Ungluͤck und Verbrechen erſchuf, die der Fehltritt ſelbſt im Keime erſtickt haben wuͤrde. Befehlt Ihr, daß ich mit der Geſchichte aufwarte? Es iſt gar eine feine Hiſtorie, und zwei gottſelige Leute agiren darinnen die Haupt⸗ perſonen: der fromme Vater Adalbert von Mey⸗ ringen, und. „Stille!“ gebot der Kapſtziner, als er die⸗ ſen Namen hoͤrte, und alle Saiten ſeines Her⸗ zens wieder klingen fuͤhlte:„Verſpare das anf geleg'nere Zeit, Freund, wenn Deine Straße noch ferner mit der unſtigen zuſammenlaͤuft. Du ſichſt — 414— hier an meiner Seite ein bereits von Gott ver⸗ laſſenes Gemuͤth; Deine frevelhaften Stachelre⸗ den wären Gift in die Wunden dieſer Seele. Verlaß' uns, und hebe Dein Mahrchen zu einer gelegneren Stunde auf.“ Ernef ſchnitt ein boͤſes Geſicht, und antwor⸗ tete hohniſch:„uUndank iſt der Lohn, den auch die Heiligen dieſer Welt zu ſpenden pflegen, wie ich merke. Kaum habe ich Euch aus den Hän⸗ den des Aberglaubens, und dieſen Quaſiteufel aus den Flammen gerettet, ſo tretet Ihr mich ſchon wieder mit Fuͤßen, und ich muß aus Eu⸗ rer belehrenden Geſellſchaft ſcheiden, weil jener fuchshaarige Spitzkopf in mir ſeinen Meiſter wit⸗ tert. Meinethalben. Ich mag mich dem Vor⸗ urtheil nicht aufdringen. Ich habe auch mein Ehrgefuͤhl, wenn ich gleich in Lumpen ſtecke und ein Bettler bin. Was gilt's, hochwuͤrdiger Herr, daß Ihr Euch bald wieder nach mir ſehn't? Fuͤrch⸗ tet Euch nicht vor meinem Andenken; ich bin ein ſeelenguter Hecht und hege keinen Groll.“ Hierauf lief er, wie ein ausgelaſſenes Fuͤllen, quer durch's Feld neben der Straße, und ver⸗ ſchwand hinter Zäunen und Gräben. 13. Der räthſelhafte Menſch hatte ſich kaum von ſeinen Begleitern entfernt, als ſchon Hartmann's ganzes Weſen anders wurde, deſſen Augen gro⸗ ßer aufgingen, und ein gewiſſes Selbſivertrauen in deſſen Haltung trat, gleichſam als ob eine ſchwere Burde von ſeinem Nacken gefallen. Mit freundlichem Tone ſagte er zu dem Moͤnch:„Ihr habt unſerm wuͤſten Gefaͤhrten eine Abſchieds⸗ predigt auf's Nimmerwiederkommen gehalten, wo⸗ fur ich Euch dankbar bin. Die Creatur, wenn ſie anders eine leibliche, iſt mir zuwider wie Op⸗ perment. Jetzt will ich erſt vergnuͤglich meinen Stab fortſetzen, und Euch bekennen, daß ich mit dem lothringiſchen Bettler nur in einem Puncte einverſtanden bin. Es iſt nämlich grundwahr, daß von Zeit zu Zeit die Unterlaſſung eines geringen Vergehens große Verbrechen nach ſich zieht. Probatum est, mein wuͤrdiger Pater!“ — 3— Marcus entſetzte ſich ſchier uͤber den veraͤn⸗ derten Ton ſeines unſeligen Pflegbefohlenen, der ſo ſchnell umgeſetzt hatte, wie der unbeſtaͤndige Wind auf dem Meere. Er ſah den Kraͤmer for⸗ ſchend an, und ſagte alsdann, faſt boͤſe wer⸗ dend:„So macht denn wirklich ein Narr zehne, und ein Heuchler und Schwaͤnkemacher ihrer tau⸗ ſend. In Eurem verworrenen Gehirne iſt ein gutes Echo fuͤr die Hollenphiloſophie jenes Strol⸗ chen. So waͤre alſo die Gerechtigkeit der Born des Unrechts? Die Tugend die Wurzel alles Ue⸗ bels? Die Beſonnenheit, die uns vom Abgrunde zuruͤckhaͤlt, ſchlimmer als der Sturz in den Ab⸗ grund ſelbſt? Laßt mich ungeſchoren mit ſolchen ſchnoden Luͤgen und ſataniſchen Spitzfindigkeiten. Kommt, und ſingt mit mir aus andaͤchtiger Seele das„veni creator,“ denn wahrlich: es iſt Euch noͤthig, daß der Geiſt zu Euch komme.“ Der Kraͤmer drehte ſich gegen ihn, ſtemmte die Haͤnde in die Seite, und ſprach mit dem de⸗ muͤthigſten Tone zum immer groͤßern Erſtaunen Srinbler's fimml. Werke XKR. Bt. Herbſtbiolen I. 8n5 —— des Kapuziners:„Ich mag nicht ſingen, ich mag nicht beten. Das paßt wohl allenfalls fuͤr einen ſchmutzigen Monch, wie Ihr ſeyd, aber nicht fuͤr einen Menſchen, der ſo grundſchlecht iſt wie ich, und mit ſich ſelbſt ſeit geraumer Zeit fertig wurde. Wahr iſt aber, was ich vorhin behauptete, und ich will es durch ein Beiſpiel aus meinem Leben erlaͤutern.“ Nun wendete er ſich noch vertraulicher zu dem Moͤnch, der ihn ängſtlich und ſtutzig beobachte⸗ te, und fuhr fort, mit einem Geſichte, als ob er von ſich die edelſte That zu erzaͤhlen begänne, deren Uebermaß von Tugend ihn ſchamroth ma⸗ che:„Ich bin ſo zu ſagen vom Mutterleibe an ein arger Dieb geweſen, und ſtahl durch alle Kna⸗ ben⸗ und Juͤnglingsjahre durch bis zum gewich⸗ tigen Mannesalter hinauf. Mir war nichts hei⸗ lig; weder der Aeltern Nothpfennig, noch mei⸗ ner Lehrer ſauer verdienter Sparkreuzer, noch meiner Prinzipalen Caſſe, noch endlich das Gut Wittwen und Waiſen, welches hie und da meiner Vormundſchoft vertraut wurde, da man — 445— mich Schurken fur einen ehrlichen Mann hielt. So hatte ich auch das Vermogen eines jungen verwaisten Menſchen zu verwalten, und bereits mein gutes Theil davon auf die Seite gebracht, als mir plotzlich! einfiel, juſt da er mir half, Kohlen aus dem Keller zu ſchaffen: Du konn⸗ teſt dieſen minderjährigen Geſellen hier in aller Stille und Dunkelheit kurz und gut abthun, im Fundament des Hauſes verſcharren, dann aus⸗ ſprengen, daß er mir alles Geld geſtohlen und auf und davon gegangen, und ſein Gut ohne weitere Gefährde behalten. Dieſer Gedanke ging mir ſo gut ein, daß ich ſchon nach meinem Kneif⸗ meſſer ſuchte, deſſen Handlichkeit bei ähnlichen Anläſſen von mir erprobt worden war. Da war es mir aber durch ein Loch in der Taſche in die Stiefel gefallen, und bor der Hand nicht zu fin⸗ den. Dieſes verurſachte, daß ich den Streich verſchob, und nachher gab ſich nimmer eine gun⸗ ſtige Gelegenheit, weil ich viel zu feig bin, um — 116— etwas von meiner Haut und meinem Haar an an einen Todtſchlag zu wagen.“ Der Kapuziner fuhr erſchrocken einen Schritt von der Seite des Unholden zuruͤck, während Hartmann mit derſelben Freundlichkeit, Sal⸗ bung und Honigzunge weiter redete: Was ge⸗ ſchah nun, mein Vater? Der Menſch wurde in ein paar Wochen volljährig, und Herr ſeines bischen Erbtheiles, daneben jedoch ein liederlicher Geſelle, der ohne ſeinen Ruf und Leumund zu wahren, Dirnen verfuͤhrte, Nachbarn und Obrig⸗ keit betrog, mehrerer Morde verdaͤchtig wurde, und endlich einen Reißlaͤufer abgab, worauf er dann ſeiner Zeit in kſelichen Dienſten als Dieb und Deſerteur aufgeknuͤpft worden ſeyn ſoll. Seht Ihr: haͤtte ich den Muth gehabt, Boͤſes an ihm zu thun, ſo waͤren jene Dirnen unverfuͤhrt, die Welt unbetrogen, die Erſchlagenen am Leben ge⸗ blieben, und er ſelbſt ſaͤße jetzt im himmliſchen Freudenreich. Marcus zitterte an Armen und Beinen, und ſtammelte:„Eine feine Hiſtorie, die der boͤſe — — — 147— Feind aus Eurem Munde erzaͤhlt hat; denn ge⸗ rade jetzo halte ich Euch fuͤr beſeſſen. Wie könnte es ſonſt einem Menſchen einfallen, ſolchen Pfuhl der Schande muthwillig uͤber ſein ſchuldloſes Haupt zu gießen? Es iſt recht gut, daß uns die Thore von Baden winken, damit Ihr zur Ruhe kommt. Wir wollen hoffen, daß einige friſche Baͤder aus der klaren Limmat und einige wohl angebrachte Schroͤpfkopfe das boͤſe Geblut abziehen werden, das Euer Haupt verwirrt. Gott behuͤte jeden getauften Chriſten vor ſolch' ſcheuß⸗ lichem wachen Traume!“ Hartmann gaͤhnte dem Kapuziner frei in's Geſicht, rieb ſich mit ſpoͤttiſchen Geberden die Augen und verſetzte, wiewohl immer noch mit derſelben zarten Heuchlerſtimme und demſelben frommen Augenaufſchlag:„Aber um des Hei⸗ lands Blut willen, Du guter, dummer und aber⸗ gläubiſcher Monch, ſehe ich wirklich aus, wie ein Schlafender, der da träumt? Ich weiß wohl, daß ich jetzt im Zuge bin, alle meine Schurke⸗ reien vor Dir aufzudecken, ohne daß gerade dieſe — 118— Offenherzigkeit eine freiwillige wäre. Es iſt mir aber angethan, und ich muß meine ganze bo⸗ denloſe Schlechtigkeit an den Tag bringen, wie man eine ſchmutzige Taſche umkehrt; und das zwar in dem Augenblicke, wo ich Dir gerne vorluͤgen mochte, wie brav, wie gerecht und wie ungluͤcklich ich ſeyo. Doch Wahrheit iſt alles, was ich jetzt ſagen muß. Wenn es in mir nur bei blutigen Gedanken geblieben waͤre! Aber — da tritt ſo eben auf jener Anhohe der Stein von Baden hervor, und das alte Schloßgemaͤuer konnte etwas von mir erzaͤhlen, wenn Steine überhaupt zu reden vermochten.“ Der Thurm des Badner Steins glͤhte juſt in der Abendſonne, deren Strahl ſeine Zinnen in Blut tauchte. Die Gebuͤſche, die ſich uber die Mauern, welche bis zur Stadt herunter lau⸗ fen, emporſtreckten, zeichneten ſich abentheuerlich auf den duͤſtern Wänden hinter ihnen; ein Heer von Dohlen kreiſ'te krächzend um die Truͤmmer; ein dunner ſchwarzer Wolkenflor kronte wie ein Trauergehange die Umriſſe der Ruinen, obſchon — 149— im Uebrigen der Himmel blau war bis zum fer⸗ nen Horizont. Und wie der Kapuziner, von Zweifeln erſchuͤttert, ob Wahnſinn oder furchter⸗ liche Erinnerung, von gemeimnißvollem Zauber aus der tiefſten Bruſt des Verbrechers emporge⸗ ſchoͤpft, aus ſeinem Begleiter ſpreche, das forſchende Auge in herber Ahnung von dem alten Schloſſe ab und auf das Geſicht des Kraͤmers wendete, ſo ſah er daßelbe in der Sonnengluth wie von Blut uͤberzogen, und die aufſtrebenden Haare ſchienen zuckende Flammen, ſo, daß er ein Kreuz ſchlug, ein kurzes Gebet zu der heili⸗ gen Jungfrau richtete, und, ſeine Maͤßigung in etwas vergeſſend, ausrief:„O mein Gott! wo⸗ mit habe ich denn Strafe verdient, daß Du mich aus dem ſichern Kloſterhauſe auf die Landſtraße an die Seite eines Geſchoͤpfes geworfen, den man fur den leidigen Engel des Abgrunds ſelbſt hielte, wenn nicht alles eitel Blendwerk waͤre! 1 Auf dieſe Rede lachte der Kraͤmer wicderun dumpf, und ſagte, während er mittlerweile auch ein Kreuz ſchlug, und ebenfalls die Hände fal⸗ — 120— tete, um es dem Pater gleich zu thun:„Das iſt auch nur eitel Blendwerk, Du unerfahrner Kut⸗ terträger. Ich bin nicht der Geiſt des Abgrunds, obwohl ich mich fuͤr ihn ausgebe, um meine eig'ne Erbaͤrmlichkeit in den Mantel einer tuͤchtigen Hol⸗ lenkraft zu wickeln. Ich luge mich zum Teufel, obſchon ich nur ein ekelhafter Trabant der fin⸗ ſtern Majeſtät bin, deren Angeſicht ich nicht ſchauen darf, ohne in Staub und Koth zu verge⸗ hen. Ich bin ein durch und durch zuſammen⸗ gekneteter Suͤndenteig, und alſo weder der dunkle Jägersmann ſelbſt, der ſeine Netze um die Welt ſpannt, noch die edle Beute, wornach er luͤſtern trachtet. Ich verſichere Dir, Du gutmuͤthiger alberner Kloſtertropf: daß ich ſchlechter bin, als ein fauler Haͤring in der Tonne, oder eine ab⸗ geſtorbene Auſter in ihrer klaffenden Schaale. Ich koͤnnte mich ſelbſt anſpeien, wenn ich es nur vermoͤchte, und kenne in der weiten Welt nur ein Ding, das mir verächtlicher vorkoͤmmt, als ich ſelbſt es bin: Dich Dummkopf naͤmlich, der von meiner Heuchelei und meinen Fratzen ſich — — 121— bethoͤren laͤßt. Dixi et salvayi animam, mi Pa- ter!“ Unmittelbar auf dieſe ſaubere Standrede, von deren Worten ein jedes wie ein gluͤhender Spott⸗ pfeil des Kapuziners redliches Ohr und treue Bruſt getroffen, ſtimmte der ruchloſe Suͤnden⸗ menſch einen Bußpſalm an, und wandelte ſo, grohlend und heftig agirend mit Roſenkranz und Stab, bis gegen das Thor der Stadt. Marcus folgte, außer ſich vor Beſtürzung, und ſchaͤmte ſich, als ihnen viele Leute in den Weg traten, von Hartmann's erlogener Andacht mit ergrif⸗ fen wurden, beteten und ſangen, und den Pil⸗ grim glucklich prieſen, der ſich eines ſo hei⸗ ligen Begleiters erfreuen durfte.— Die guten Leute aus der Stadt beeiferten ſich, den Prieſter nach dem Kloſter zu weiſen, welches dem Thor zur Rechten gelegen war. Dort umſtanden ſie die Pforte mit heiliger Scheu und baten um den Segen des frommen Marcus, waͤhrend ſchon die Thuͤre aufging, und der Bruder Pfortner zu den pilgernden Gaͤſten ſein:„Seyd uns willkom⸗ men, Ihr, die Ihr eintretet im Namen des Herrn!“ mit Weihe und Salbung ſprach. Marcus war viel zu ſehr von dem Schau⸗ ſpiel erſchuttert, das ihm der Krämer Hartmann gegeben, als daß er mit volliger Beſonnenheit dieſen Augenblick hätte feiern koͤnnen. Er er— theilte der Menge den Segensſpruch, wie der Handwerker ſeinen Geſellenſpruch ableiert, und deutete mit duͤſterm ungehaltenem Blicke ſeinen Begleiter an, in das Kloſter zu treten. Hart⸗ mann ſchlug hierauf wieder demuͤthig die Augen nieder, kreuzte die Arme uͤber die Bruſt, und ließ ſich an ſeinem Pilgerſtabe zur Erde auf ſeine Kniee nieder, richtete dann einen ruͤhrenden Blick zu dem Prieſter empor, und ſagte mit aͤußerſt ſanfter Stimme:„Ihr werdet erlauben, ſchwach⸗ kdpfiger Kloſtermann, daß ich auf unſ'rer Wan⸗ derung nicht immer nach Eurer Pfeife tanze. Was wuͤrde ich in dieſem ſchlechten Hauſe fin⸗ den, als trock'nes Brod, ſchlechten Almoſenwein, und eine Suppe von ſteinharten Linſen? So habe ich's mit der Wallfahrt nicht gemeint. Fuͤr Dich, 2 W 3 ——— ——— —,— — —,——— — 123— geſchor'ner Pfaffe, iſt dergleichen Lebſucht ganz gemacht; ich aber will in das Haus zum rothen Loͤwen wandeln, und mir guͤtlich thun bei einem feiſten Bratenſtuͤck und gutem Rheinwein. Du wirſt wohl thun, obſchon Du mir jetzt zuͤrn'ſt, weil ich unfreiwillig rede wie ich denke, Deine Hand auf mein Haupt zu legen, und die Lip⸗ pen zu bewegen, als ob Du mich ſegneteſt. Es iſt um der Lummel Willen, die uns mit off'nem Maule umſtehen, und eben nicht zu wiſſen brau⸗ chen, was wir von einander halten.“ Marcus, ob der ihm nie noch vorgekomme⸗ nen verruchten Frechheit verbluͤfft, that unwill⸗ kuͤhrlich, wie der Menſch geſagt, und ſah als ein Traͤumender zu, wie Hartmann, nachdem er des Prieſters Fuͤße gekuͤßt, aufſtand, und von den Umſtehenden, die ſchnell einen Prozeſſions⸗ zug bildeten, nach der Stadt begleitet wurde. Nachdem Betruͤger und Vetrogene unter lautem Geſang im Thore verſchwunden, kehrte ſich Mar⸗ cus beſchämt zu dem Pfortner, und erſchrack wieder beinahe, als dieſer mit Vegeiſterung ſprach: — 124— „Das iſt ein wahrhaft frommer Mann, dieſer gottesfuͤrchtige Pilger, und die Heiligen moͤgen ihm von ſeiner bittern Krankheit helfen. Nicht alle, die auf Wallfahrt ziehen, halten ihr Ge⸗ lubde ſo gewiſſenhaft, wie er, der nun, ermuͤ⸗ det wie er iſt, in die Stadt geht, um in einem Stalle ein Nachtlager zu erbetteln, und ein Stuͤck Brod, ſeinen dringendſten Hunger zu ſtillen. Wahrlich: wer die Nothdurft des Lebens alſo verachtet, der wird eingehen in das Himmel⸗ reich, ſo wie Ihr, frommer Vater, weil Ihr den Ungluͤcklichen auf dem rauhen Pfade zum Heil begleitet und ſegnet.“ 14. Die ſchoͤnſte Morgenſonne weckte am folgen⸗ den Tage den ehrwuͤrdigen Gaſt des Kapuziner⸗ kloſters. Man befand ſich gerade im Spätfruh⸗ ling, wo ſchon der Sommer zum voraus ſein Recht geltend macht, und diejenigen Leute, die um ihres Vergnugens oder um ihrer Gebreſte willen die Heilbäder zu beſuchen gedenken, ſchon ———————— — zu dieſer Reiſe antreibt. So waren denn auch der Badebeſucher ſchon gar manche nach der hoch⸗ beruͤhmten Stadt gekommen, und ergingen ſich bald neben den heilſamen Brunnen, bald unter den Bäumen am Schuͤtzenhauſe, bald auf den friſchen Matten laͤngs der Limmat. Es war freilich nicht mehr das heitere und helle Sinnes⸗ leben vorhanden, welches uns aus mittelalter⸗ licher Zeit ein kluger Italiener, der dieſe Ufer bereiste, geſchildert hat; die Menſchen waren ſchon viel ſteifer und unnatuͤrlicher geworden, ge⸗ trennter unter ſich, eigenſuͤchtig den Augenblick fuͤr ſich genießend, und rauh und verſchmitzt in einer rauhen und verſchmitzten Zeit. Dennoch war gut ſeyn an der wohlthaͤtigen Heilquelle Ba⸗ den's, und die Freiheit auf keinem Puncte der Schweiz ſo unverholen zu finden, als gerade hier. Sogar die Zuͤricher Kauf⸗ und Wechſel⸗ Herren, die haͤufig, ihrem langweiligen Sonn— tag zu entfliehen, die Badenfahrt unternahmen, entrunzelten hier ihre ernſten Geſichter, und oͤff⸗ neten willig fuͤr die Launen ihrer Weiber und — 126— Angehdrigen, ſo wie fuͤr das eig'ne Geluͤſte, die Schnuͤre ihres Beutels. Dieſes wußte die weite Umgegend, und von allen Ecken und En⸗ den kamen Leute herbei, die ſich's zum Ziel ge⸗ ſteckt hatten, von der Freigebigkeit Anderer zu leben. Freikuͤnſtler, wie man ſie noch heut zu Tage in jedem Badeort zum Ueberdruſſe findet; Muſiker, fahrende Orgler, Quackſalber, Hau⸗ ſirer, Geſichterſchneider, Springer, Bärenfuͤhrer und der vielgeſtaltige Troß von Taͤnzern, Fecht⸗ meiſtern, Pickelhaͤringen und Gluͤcksſpielern; an⸗ derer Handwerke zu geſchweigen, die man we⸗ nigſtens in ehrlicher Geſellſchaft nicht nennt. Die⸗ ſes Volk hatte auf dem Schuͤtzenplan und auf der Strecke, die zwiſchen dem Städtlein und den Bädern gelegen, ſeinen Tummelplatz aufgeſchla⸗ gen, und zwiſchen dem Getuͤmmel ſchritten die Gäſte auf und nieder, nachdem ſie kaum aus ihren Waſſerbecken geſtiegen und die warme Fluth von den Schultern getrocknet. Dort ſpazierte auch Pater Marcus, und betrachtete mit ver⸗ wundertem Auge die abſonderlichen Herrlichkeiten wie er ſie noch nie geſehen. Der ſchlichte Mann war ſo zu ſagen ein Kind, das erſt in die Welt getreten, und das Unbedeutende ſchien ihm be⸗ reits glaͤnzend, das ſchlechteſte Vergnuͤgen ein wahrer Freudenſchatz.— Er war nach der Stadt gezogen, um nach ſeinem Pflegbefohlenen, vor dem ihm allgemach graute, zu ſchauen; derſelbe hatte aber, ohne Vorwiſſen der Wirthsleute im rothen Lowen, entweder bei Nacht oder am fruheſten Morgen das Lager und das Haus verlaſſen, und war nicht zu finden. So beſchloß denn Marcus den Menſchen in den Bädern aufzuſuchen, be⸗ freite ſich von der Geſellſchaft eines Ordensbru⸗ ders, den ihm der Guardian des Kloſters als Fuͤhrer mitgegeben, und überließ ſich wandernd und beobachtend, den Eindruͤcken einer nie geſe⸗ henen Welt. Die Zerſtreuung uͤbte wohlthaͤtig ihr Recht auf ihn aus; er wendete ſich von der Erinnerung an den geſtrigen Abend ab, und ver⸗ gaß fuͤr einen Augenblick nicht nur allein ſeinen ſchauerlichen Mitpilger, ſondern auch ſein eig'nes heimathliches Kloſter. Wie er aber zu den Ba⸗ — 128— dern hinunterſchritt, und zwiſchen die alten ſchwar— zen Häuſer kam, an deren Außenſeite der Tumult der Freude ſich nicht herumtrieb, wenn auch hie und da im Innern Luſt, Scherz und Zechjubel hauste— da wurde ihm wieder ſchwerer um das Herz. In den engen Gaſſen polterten ſchwere Wagen mit Waſſerfaͤſſern, und kranke traurig anzuſehende Geſtalten ſchlichen darinnen umher. Aus den Fenſtern ſchauten entweder blaſſe oder verbundene Geſichter, in den Thuͤren lehnten Breſthafte auf ihren Kruͤcken, Hinkende und Ge⸗ lähmte ſchleppten ſich muͤhſam zum Bade, und Ausſätzige, die daßelbe Ziel ſuchten, ſchwebten verhuͤllt bis zum Kinn, wie Geſpenſter voruber. Dieſe Leute alle draͤngten ſich zu dem freien Ar⸗ menbade, das auf dem Platze unter freiem Him⸗ mel geoffnet iſt, da wo die Quellen am wirk⸗ ſamſten und am heißeſten ſprudeln. Ein ehrwuͤr⸗ diges Steinbild der heiligen Verena, welches täg⸗ lich von frommen Haͤnden mit Blumen bekraͤnzt wird, iſt in dem Bade zum Schutz aufgeſtellt, und gleiche Verehrung wird dem wunderthätigen — 20— Brunnenbilde von Maͤnnern und Weibern, welche da in beſonderen Abtheilungen baden, und ihren Koͤrper dem Wundarzte uͤberlaſſen, der an ihnen ſchropft, zur Ader läßt, und ſchneidet, daß es eine Freude iſt.— Die Gäſte in den benachbarten Bade⸗ haͤuſern konnten aus ihren Fenſtern in dieſe offenen Becken hineinſehen, die rund um nur mit ſchwacher Vergatterung gegen die Neugierigen auf der Straße verſehen waren. Auch Marcus warf einen Blick der Theilnahme in den Ort des Elends, und der Gedanke, daß auch ihn auf der weiten Fahrt von ſeinem Hauſe ein Siechthum uberfallen moͤchte, wie es hier an ſo manchen Gerippe ähnlichen Leidenden zu ſehen war, durchſchnitt ſeine Bruſt, und weckte auf's Neue die kaum in den Hintergrund getre⸗ tene Sehnſucht nach Adalbert und ſeinem Kloſter. Mittlerweile war der Mönch bis an das ufer der Limmat hinabgeſtiegen, an dem Orte, wo man nach den minderen Bädern hinuͤberſieht, die auf dem jenſeitigen Ufer ſind. Einige Na⸗ chen lagen ruhig am Strand, und die Schiffer Srindler's ſimmtl. Werke XXR. Bd. Herbſtviolen. I. 9 — 130— in Trägheit verſunken darin.— Will nicht ei⸗ ner von Euch, meine Freunde, einem armen Klo⸗ ſterbruder den Dienſt erweiſen, und ihn nach jen⸗ ſeits fuͤhren?“ fragte Marcus mit Freundlichkeit. — Ein einziger von den Schiffleuten erhob ſich † langſam bei dieſer Rede, während die uͤbrigen ruhig ausgeſtreckt blieben, als haͤtte Niemand zu ihnen geſprochen. Wie aber der Erſtere Miene machte, zum Ruder zu greifen, und den Pater mit einer Bewegung der Hand einlud, in das ſchwache Schifflein zu ſteigen, ſchrieen einige der Gefaͤhrten ſpottiſch:„Biſt Du geſcheit? Du willſt um Gottes Willen fahren, und im naͤchſten Au⸗ genblick kommt vielleicht ein reicher Ketzer, da⸗ her, welcher Dir das doppelte Fahrlohn bezahlt?“ — Sie hätten vielleicht fortgefahren, ihren Muth⸗ willen zu treiben, aber die Art und Weiſe, wie Pater Marcus ſie anſah, voll Betruͤbniß uber die Verblendung der rohen Leute, machte ſie ſchwei⸗ gen, bis auf einen, der dem hinausrudernden Schiffer nachrief:„Du haſt gut um Gottes Wil⸗ len fahren, das Trinkgeld des ſaubern Pilgerman⸗ E — 131— nes hat Dich ſchon fuͤr ein Dutzend Fahrten entſchädigt. Fahr' wohl!“ Der Spotter mit ſeinen Cameraden verfolgte den Nachen mit hellem Gelaͤchter, und Marcus fragte mit vollkommener Gelaſſenheit ſeinen Fährmann: „Was meinen denn Deine Gefährten? Erzähle mir's, wenn es etwas iſt, was ehrliche Ohren hoͤren duͤrfen.“ Da hob der Schiffer an, nachdem er ſelbſt zu einem veraͤchtlichen Lächeln den Mund gezogen:„'s iſt nichts von Bedeutung, hoch⸗ wuͤrdiger Herr, ſo etwas kommt uns im Hand⸗ werk häufig vor. Es war geſtern ſchon dunkler Abend geworden, und die Stunde da, wo wir eigentlich nicht mehr uͤber den Strom fahren duͤrfen; denn die Limmat iſt tief und reiſſend, und ein tuͤckiſches Waſſer, wie Ihr bemerken koͤnnt. Wir waren beſchäftigt, die andern und ich, unſere Kähne anzuſchließen, oder auf den Strand zu ziehen und die Ruder zu verwahren, da koͤmmt ein Menſch den Abhang herunter, und kreiſcht mir zu, daß ich ihn uͤberſetzen ſolle. Der — 132— Kauz hatte einen Pilgermantel um, einen aufge⸗ ſtulpten Hut auf dem Kopfe, und, wenn ich nicht irre, ein Heiligenbild und einen Roſenkranz daran.„Wohin, guter Freund?““ frage ich ihn und bemerke zugleich, daß er betrunken iſt, und ſchwer das Gleichgewicht hält. Er aber ſtammelte hinuͤber deutend:„Dorthin! und verſpätet Euch nicht, Schiffmann, denn ich muß noch heute hinuͤber.“ Zugleich machte er eine Bewegung, die mir verrieth, daß er gut bezahlen wolle, denn * klopfte auf die Taſche, worinnen es klang, wie helles lauteres Silber.“ „Wie ſah der Menſch aus?“ fragte Marcus ahnend, und der Schiffer erwiederte mit lachendem Munde:„Mit Reſpect vor Euch zu ſagen, hochwür⸗ diger Herr, ſo haͤtte ich den Menſchen fur einen boſen Geiſt anſehen moͤgen, der ſich zum Zeitvertreib in eine menſchliche Livrei geſteckt. Es ſoll Ge⸗ ſpenſter geben, die bei der Nacht, blaß und ſchmal wie ein Leintuch, aus dem Grab ſteigen, und ehrlichen lebendigen Chriſten das Blut aus den 5 „— „— — 133— Adern ſaugen. Nun ſeht: juſt wie eine ſolche Fledermaus ſah der Burſche aus.“ Ein ſchwankes Schifflein, ſchier nur einem Brett zu vergleichen, ſchob uͤber die Wellen quer daher, und auf den Nachen zu, wo Marcus ſaß. Ein Mann ſtand darin mit geſchaͤftigem Ruder. —„Bei allen Heiligen!“ rief des Kapuziners Schiffer:„Mir wird in allen Gebeinen ſo kalt, mein frommer Vater. Verſpürt Ihr denn auch den eiſigen Wind? und doch ſtreift kein Luͤftchen die Wellen.“—„Ach ja! mich uͤberlaͤuft's auch kalt;“ verſetzte der Pater, und erkannte zugleich in dem voruͤberſchiffenden Ruderer den hagern Tagloͤhner aus Graubuͤndten.—„Ei, ſich da, Meiſter Steinheil! woher? wohin ſo eilig?“— Gevatter Steinheil antwortete nicht, ſondern deu⸗ tete mit dem langen geſtreckten Arm nach den Bädern, von wannen Marcus kam. Sein Schiff⸗ lein trug ihn ſauſend aus dem Bereich des Paters. Der Fährmann deſſelben begann nun wieder, wohlgefällig die Hände reibend:„Ah! jetzt ſcheint die Sonne wieder; das war ein Windſtoß, der — 154— ſich noch aus dem März herſchreiben muß. Ich moͤchte aber wiſſen, wer der Kerl iſt, der an uns voruͤberfuhr. Der Zunft gehoͤrt er nicht an. Ein vertraktes Schiff, worauf er dahin ſchlendert; es ſieht aus wie ein Backtrog, oder beſſer wie ein verwitterter Sarg.— Doch um weiter zu reden, und meine Geſchichte zu Ende zu bringen, che wir von einander gehen, ſo iſt zu ſagen, daß der Pilger ſein Wort hielt, und mich ſo gut bezahlte, als ob er das Geld geſtohlen, oder eine eigene Muͤnze hätte. Richtig war es nicht mit ihm; er ſummte allerlei unzuͤchtige Lieder, die ich ihm verwies, weil wir dabei haͤtten ungluͤcklich ſeyn konnen, war frevelhaft in ſeinen Reden, und hat endlich da druͤben einen Weg eingeſchlagen, der zu einem Hauſe fuͤhrt, wovon ich lieber ſchwei⸗ gen will.“ Der Nachen landete. Der Kapuziner ſchenkte dem frommen Schiffer ein Bildchen und ſeinen Segen, der dießmal wohl etwas gefruchtet haben mag, weil ihn erwuͤrdigere Haͤnde niemals ertheilt haben. Dann ſchritt er in das Labyrinth, welches — — die kleinen ſchlechten Badehäuſer auf dem rech⸗ ten Ufer der Limmat bildeten, und hielt nur die Richtung nach der Stadtbruͤcke zu, die in einer ziemlichen Entfernung uͤber den Strom fuͤhrt. 15. Während er bedächtig hinging und uberlegte, ob der Pilger, von dem der Schiffer geſprochen, etwa ſein Begleiter Hartmann ſeyn moͤchte, ſchaute er links an das Fenſter eines unanſehnlichen Haͤusleins, und gewahrte dort, zwiſchen ſchma⸗ len Vorhaͤngen hervorguckend, eine Weibsperſon mit hochrothen Backen und frechem Geſichte, die ihm winkte. Seine erſte Bewegung war die des Abſchen's, und ſein erſtes Gefuͤhl ein bitterer Gram uͤber die Verderbniß und den zweckloſen Spott der verlor'nen Creatur. Aber, wie er noch einmal den zornigen Blick dahin kehrte, wo er ſich verhoͤhnt glaubte, gewahrte er zu ſeiner Verwunderung, daß die Dirne trotz der frechen Angen, einen tiefen Zug des Schmerzens um den Mund trug, und die Haͤnde gegen ihn faltete, 3 — 136— mit einem Ausdruck, als ob ſie ihn um Gottes Willen bäte, zu irgend einer Huͤlfe bereit zu ſeyn und zu kommen.— Marcus, gewohnt in dem ſchmutzigſten Thiere den Herrn zu verehren, der es geſchaffen, blieb unſchluͤſſig ſtehen, dem Hauſe der Verderbniß gegenuͤber, und die Weibs⸗ perſon verſchwand vom Fenſter, um in der näch— ſten Minute vor dem Hauſe zu erſcheinen, und ſich vor dem Pater auf beiden Knieen in den Staub zu werfen. Marcus erſchrack nun heftig, mißbilligte mit ſtrengen Worten dieſe auffallende Demuͤthigung, ſah ſich ſorglich um, ob kein un⸗ berufener Zeuge dieſes Auftritts zugegen, und fragte, nachdem er ſich davon vergewiſſert, nach dem Begehr der Suͤnderin. Das Mädchen weinte, und ſagte mit erſtickter Stimme:„Ihr habt ein fuhlend Herz, ehrwuͤrdiger Herr, wie ich ſchon aus Eueren Geſichtszuͤgen urtheilen mochte. Ihr werdet einem unſchuldigen Kindlein das Himmel⸗ reich nicht verſchließen, und barmherziger ſeyn, als die geiſtlichen Herren in der Stadt. Kommt mit mir; unſer Dach iſt freilich nicht wuͤrdig — 137— Eueres Eintritts, aber der Fuß des Frommen heiligt auch die Schwelle der Schande.“ Marcus hatte kaum von einem Kinde gehoͤrt, von einem der unſchuldigen Geſchoͤpfe, dic er von jeher ſo warm und herzlich geliebt— wie ihm auch ſtets unter allen Bildern des Heilands dasjenige das liebſte geweſen, auf dem der Herr die Kindlein zu ſich kommen läßt— als er auch auf der Stelle einer Perſon folgte, deren Fuß⸗ tapfen er ſonſt gemieden haben wuͤrde, wie die Schlingen des boſen Feindes.— Er kletterte hin⸗ ter ſeiner Fuͤhrerin die gebrechliche Huͤhnertreppe empor, die ihn in das obere Geſtock fuͤhrte. Er trat in die Kammern verbrecheriſcher Ueppigkeit, wie ſie den Wuͤſtlingen unter den Badeleuten aufgethan waren, damit ſie hier wieder den Leib verduͤrben, den das heilige Waſſer der geweihten Brunnen kaum neu geſtärkt von den Folgen äl⸗ terer Sänden.— Der Pater gelangte zuerſt in die Stube ſeiner Fuͤhrerin, durchweht vom Duft wohlriechender Salben, behangen mit den Flit⸗ terlappen trauriger Eitelkeit, deren Elend und ——— 8— — 6 Nothdurft den Sonnenſtrahl ſcheut, und ſich nur in der Dämmerung friſten mag. Auf den Stuͤh⸗ len und dem Bette, das in einem dunkeln Win⸗ kel ſtand, lagen Kleider umher, und falſche Klei⸗ nodien, und verzettelte Geräthſchaften, die man ſonſt auf Putztiſchen eitler Weiber zuſammenge⸗ häuft findet. Niedergetretene Schuhe von Seide und Sammt waren zerſtreut am Boden, und dazwiſchen ſpielte einer jener kleinen Hunde, die an Frechheit und Naſchhaftigkeit ihre verworfe⸗ „en Gebieterinnen noch äbertreffen. Die Truͤm⸗ mer eines wahrſcheinlich am verfloſſenen Abend gehaltenen lockeren Mahles ſtanden auf dem Tiſche und auf dem Schrank, deſſen halbgedffnete Thuͤre die jämmerliche Nacktheit ſeines Innern verrieth. Ein halberblindeter Spiegel ſtrahlte die ſchon be⸗ nannten Herrlichkeiten wieder, ſo wie nicht min⸗ der die zeriſſene Tapete der Wände, und ein Kru⸗ zifir, das, beräuchert und verſtaubt, an der nie⸗ drigen Decke hing, ein mißachteter Zeuge des ſchändlichſten Wandels.— Ekel und Widerwillen ſchnuͤrten des Paters Bruſt zuſammen; aber wie wurde ihm erſt, als ſeine Fuͤhrerin die Neben— kammer offnete, und ihm die Ausſicht in die ei⸗ gentliche Behauſung des Jammers geſtattete? Das einzige Fenſter dieſes Gemachs war mit zerriſſenen Lumpen verbängt; auf einem Lager, wenig beſſer als eine Streu, ächzte eine Ungluͤck⸗ liche, abgezehrt wie ein Skelet; neben ihr wim⸗ merte ein Kind, das ſie ror Kurzem erſt, vor wenigen Tagen vielleicht, zur Welt geboren. Die erbärmlichſte Huͤlfloſigkeit, die Entbloͤßung von Allem, was ſonſt dem Aermſten das Kran⸗ kenlager und ein Wochenbett ertraͤglich macht, war bier unverkennbar; dem Prieſter ſank jedoch der Muth vollig, als ſeine Begleiterin das Kind auf ihre Arme nahm, und ihm hinhielt. Die arme kleine Creatur ſchien bereits den Todten mehr als den Lebendigen anzugehoͤren; des Wuͤrmleins Bläſſe war ſchreckbar, und der Taumel ſeiner Schwaͤche und Huͤlfloſigkeit ſo ſehr geſtiegen, daß ſeine Augen nur dann und wann wie matte Lämp⸗ chen aufzuckten, aber ſofort wieder in bewußtlo⸗ ſen ſtarren Traum verſanken.— 8 —— — — 140— Marcus konnte ſich zwar nicht enthalten, das ungluͤckliche kleine Weſen aus den Haͤnden des Weibes zu empfangen, aber, als er dieſe halbe Leiche naͤher betrachtete, fragte er mit erſtickter Stimme:„Was ſoll mit dieſem Kinde geſchehen? Mangel und Krankheit haben es ja fuͤr den Him⸗ mel ſchon reif gemacht.“— Da ſchluchzte die Kranke auf dem Lager laut und grell auf, die magern Arme hinausſtreckend, wie verzweifelnd, und das andere Weib verſetzte:„Das iſt ja eben, frommer Vater, was wir von Euch verlangen. Weihet dieſes ſchuldloſe Kindlein fuͤr den Him⸗ mel, und gebt ihm, ehe es dahin fährt, das Bad und den Segen der heiligen Taufe. Alle die Herren, an die wir uns gewendet, verſagten uns die Wohlthat, und verboten, das kleine We⸗ ſen nach der Kirche zu bringen, weil es von ei⸗ nem geſchmaͤhten Weibe geboren worden iſt. Und nun ſehen wir es unaufhaltſam dem Ende zuſiechen, und wir mochten doch um alles in der Welt nicht Schuld an ſeiner Verdammniß ſeyn!“ Marcus gerieth in heftige Bewegung, faſt — 141— zuͤrnend dem unverſohnlichen Groll, den ſeine Braͤder vor dem Herrn gegen dieſe im Bann liegenden und verblendeten Weiber gezeigt. Er ſtreichelte mit ſorglichen Händen das unruhig aufathmende Kind, und bemerkte, wie ſchon die Nothtaufe der Wehmutter hinreichend ſey, um vor dem Throne des barmherzigen Vaters zu genuͤgen. Aber das Weib verſetzte mit thränen⸗ den Augen:„Ach, wir ſind ja verabſcheut von Jedermann! Man flieht uns ja wie die Peſt, und keine Wehmutter hat unſer Haus betreten. Selbſt die Beſitzer dieſer Huͤtte, denen wir einen wucheriſchen Zins abtragen muͤſſen, verſagten der armen Kindbetterin auch die geringſte Huͤlfe. Ich ſtand ihr bei in ihren Schmerzen und Noͤthen, ſo viel ich konnte, um meinem Mitleid genug zu thun, und den Vater im Himmel in etwas zu verſohnen.“ Da hier das Weib ſchwieg, und eine tiefe Stille eintrat, während die Kranke ihrer Pflege⸗ rin mit leidenſchaftlicher Dankbarkeit die Hände druͤckte, und das Kind in den Armen des Prie⸗ ſters auf ein paar Minuten entſchlief, beſchlich die reinſte Ruͤhrung der Menſchlichkeit den wuͤr⸗ digen Marcus. Er fuͤhlte, daß ſelbſt in dem Hauſe der Zuͤgelloſigkeit die Spur der Himmels⸗ liebe nicht ganz verliſcht, das Mitleid, Dankbar⸗ keit und Duldung fuͤr fremdes Weh unter ſolchem Dache gedeihe, und daß des Kapuziners demuͤthi⸗ ges Kleid ihn auffordere, ſelbſt dem im Schlamm verſunkenen Naͤchſten beizuſtehen. Darum ſprach er alſobald mit entſchloſſener Stimme:„Gehe hinaus Weib, und bereite das Waſſer zur Taufe⸗ Was hier gegen der Kirche Vorſchrift bei ſolcher Handlung gefehlt wird, ergänze die Geſinnung und die Gnade des Allerbarmers.“ Als die Dirne ſich entfernt, und die eifrig dankende Mutter des armen Kindes mit ihren Lobpreiſungen ſchwieg, ſetzte ſich Marcus zu ihr, und fragte nach den nähern Umſtänden ihrer Lage. Die Elende erzählte, daß ſie, dem ſchmaählichſten Handwerke zugethan, mit Angſt und Schrecken verſpuͤrt habe, wie plotzlich ihr Leib geſegnet wor⸗ den; daß ſie, von Reue und Angſt getrieben, — — — 143— vom Ufer des Bodenſee's her dieſe Straße gezo⸗ gen, ihre Heimath aufzuſuchen, dort Vergebung fuͤr ihren Wandel zu heiſchen und zu ſterben, weil ſie ſich eingebildet, die gefaäͤhrliche Stunde nicht zu uͤberſtehen. In dieſem Hauſe, wo ſie eingetreten, die ehemalige Gefährtin auf der La⸗ ſterbahn heimzuſuchen, habe ſie der Schmerzen Qual angepackt, und ſie habe geboren, verſtoßen von aller Welt, nur gewartet von ihrer Freun⸗ din, die mit ihr getheilt, was ſie hatte, den Sold der Suͤnde nicht ausgenommen. Marcus blickte ſcheu und entſetzt nach der Vorkammer, dem Throne der Verworfenheit, in ſo enger Nachbarſchaft mit dem gräßlichſten Elende und der bejammernswerthen Unſchuld. Er wagte kaum, ſich dort draußen den ſchmauſenden Wuͤſt⸗ ling zu denken und die lockende Dirne, neben der verlaſſenen Mutter, neben dem ſterbenden Säugling, deſſen Lebensquelle in dem Buſen der Gebärerin vertrocknet war. Um ſeinen Gedanken eine andere Richtung zu geben, fragte er das Weib nach deſſen Vater⸗ — 144— lande, und bemerkte, daß dieſes die Schweiz ſeyn muͤſſe, weil die Sprache eine Landsmännin verrathe. Die Kranke nickte und nannte das Dorf Meyringen,—„Mayringen? Meyringen bei Frauenbrunn 2* „Ja, mein Vater.“ „Euer Name?“ „Marie Eggerſtein. Mein Mann, mein ar⸗ mer betrogener Mann war Vogt in der Gemeinde. O, er war ein Engel des Lichts! wär' ich an ſeiner Seite geblieben! Aber ich verließ ihn, um mich in den Pfuhl der Verdammniß zu ſtuͤrzen. Es ſind ſchon ſechs Jahre verſtrichen, ſeit ich von der Schwelle meines friedlichen Hauſes ent⸗ wich, hinweggepeitſcht von boͤſer Luſt und Eitel⸗ keit.“ „So hatte Euch denn der Herr ganz verlaſſen. ſchon ehe Ihr von Eurem Ehemann gingt? Wahr⸗ lich: das Weib iſt ganz verloren, welches von dem Glauben weicht, und den Troſt der Altäre verſchmäht. Ungluͤckliche, Ihr hattet dazumal das Heil in Euerer Naͤhe. Ein frommer Mann — 135— verſah damals den Pfarrdienſt in Eurer Gemeinde. Weh' Euch, daß Ihr ihm die Verſuchungen nicht offenbartet, welchen Ihr unterlegen.“ „Dem Pfarrherrn?“ fragte plotzlich mit er⸗ gluͤhenden Wangen und Angen das Weib, und richtete ſich ſtrack auf, und faßte mit heftiger Theilnahme den Arm des Paters:„Dem Pfarr⸗ herrn, ſagt Ihr? dem Pfarrer Adalbert? D— Ihr wißt nicht an ſeinem Buſen war fuͤr mich der Tod doch ich will ſchweigen, nimmer an jene Zeit denken, und bereuen, was ſeitdem geſchehen.“— Dem Kapuziner hatte die ategohe des Wei⸗ bes nicht entgehen koͤnnen, und er ſagte auf's Neue dringend zu der Ungluͤcklichen, die ſich, wie vom Froſt geſchuͤttelt, in die Decke huͤllte: „Was ſoll dieſes raͤthſelhafte Benehmen? Habt Ihr ein Geheimniß mit dem Pfarrer Adolbert? So wiſſet denn, daß ich ſein Freund und von allen Umſtänden ſeines Lebens unterrichtet bin, wie ein Beichtvater.“ Srindler's ſämmtl. Werke XXK. Vb. Herbſtriolen J. 10 — 146— „O, ſo wißt Ihr auch, daß wir uns geliebt haben;“ antwortete die Meyringerin zaͤhneklap⸗ pernd und mit matter Stimme:„Wir haben uns der Pflicht zum Trotz geliebt; der Freund meines Mannes, welchem dieſer ruͤckſichtslos ver⸗ traute, wurde mein Verehrer. Meine ſchwachen Reize lockten ihn, wie mich ſein Auge, ſein edler Anſtand, und die ſanfte ſchwaͤrmeriſche Rede, die von ſeinen Lippen floß. Wir liebten uns, in geheimer Vertraulichkeit, und dieß Verſtaͤndniß wäre zur unlautern Buhlſchaft geworden, wenn nicht plotzlich Adalbert ſich von mir losgeſagt haͤtte, ſchnell, unvermuthet, rauher, als mein eitler Stolz und meine rieſenhoch erwachſene Lei⸗ denſchaft es vertrugen.“ „Gott ſey Dank!“ ſeufzte Marcus, wie von einer Laſt erleichtert, in ſich hinein, und gedachte des Geſtändniſſes ſeines Freundes, und pries dankbar deſſen Wahrhaftigkeit. Dann redete er aber zu Marien weiter:„Warum hat Euch Adal⸗ berts edles Betragen nicht die Augen, die ver⸗ blendeten, geoͤffnet? Wie leicht war's, auf der † —— verfuͤhreriſchen Bahn umzukehren, da der Gefaͤhrte ſich Euch entzog? Scham haͤtte Euch zur Beſ⸗ ſerung fuͤhren muͤſſen, und ich begreife nicht, wie Ihr der Schuld Euch uͤberlaſſen mochtet.“ Marie entgegnete unter vielen bitteren Thraä⸗ nen:„O Herr, Ihr kennt des Weibes Herz nicht, und auch Adalbert verſtand es nicht, ſonſt haͤtte er, ſtatt mich zu verachten, ſtatt mich mit Wort und Miene zu mißhandeln, als ob ich ſeine grim⸗ migſte Feindin geweſen— mich, die er noch kurz vorher als ſeine Liebſte verehrt— mit Milde und redlicher Ueberzeugung und Entſagung, durch Beiſpiel und Belehrung mein Heil erſchaffen. Ich hätte ja ſeiner Rede, ſeiner Ermahnung nicht widerſtanden, ich waͤre ſogar an ſeiner Hand vor meinen Mann hingetreten, um ihm die Ver⸗ irrung des Herzens zu geſtehen, ihn um Verge⸗ bung zu bitten, und ihm neue Treue, unver⸗ bruͤchliche Liebe zu ſchworen; aber, grau⸗ ſam von Adalbert verſchmaͤht, ſeine Strenge ſuͤrchtend, wie ich einſt auf ſeine Liebe gehofft, 402 — 148— ſchien es mir nicht moͤglich, in dem Hauſe aus⸗ zuharren, wo ich zu jeder Stunde Verrath und Demuͤthigung beſorgte. Ich entlief, und bitte Euch, mir die Erzählung des Weiteren zu erſparen.“ Marie ſchwieg erſchoͤpft, und weinte ſtill vor ſich hin, und auch Marcus ſenkte das Haupt, geſtand ſich ganz heimlich, daß die Entſchuldigung des Weibes die großen Fehler deſſelben zwar nicht rechtfertige, nicht einmal lindere, aber den⸗ noch manches Wahre enthalte. Mit Schaudern trat ihm hier plotzlich in dem Gang ſeiner Ge⸗ danken die verruchte Aeußerung des Lothringers entgegen, daß es manchmal beſſer ſey, einen Fehltritt zu begehen, als ihn zu unterlaſſen, um der Saat von Verbrechen willen, die haͤufig aus der Unterlaſſung zu entſpringen pflege. Unwillig gegen dieſe Erinnerung ankaͤmpfend verwahrte ſich Marcus mit einem kräftigen Gebet, und bereitete ſich dadurch zugleich fuͤr die heilige Hand⸗ lung vor, wozu das hinausgeſandte Weib die noͤthigen Dinge herbei brachte. —— — — 149— 16. Es war eine gottſelige Stunde, in welcher das arme Kind die Weihe der Chriſten erhalten ſollte. Die Mutter hatte ihren ganzen Sinn vom Irdiſchen abgewendet, und auch ihre Gefährtin hatte verſtohlen das ſpaniſche Roth von ihren Wangen gewiſcht, und lauſchte an der Thuͤr des Gemachs, als ob ſie fuͤhlte, daß ſie nicht wuͤr⸗ dig ſey, dem heiligen Act beizuwohnen. Sie wurde aber dabei nothwendig, denn ſie ſollte dem Kinde ihren Namen, den der Buͤßerin Magda⸗ lene, geben. Zitternd nahm ſie das Kind auf ihren Arm, und gerade ſprach ihr der Prieſter die Formel vor, die ſie nachzuſagen hatte, als es plotzlich vor dem Fenſter rief:„Pater Mar⸗ cus! ehrwuͤrdiger Pater Marcus!“ Der Kapuziner ſtaunte, daß irgend Jemand es wagen mochte, ihn laut von der Gaſſe zu rufen. Er dachte zuerſt an Meiſter Hartmann, kuͤmmerte ſich aber nicht um den Ruf, ſondern fuhr in der Handlung fort.— Als er an die — 150— Worte gekommen war:„So taufe ich alſo, im Namen des Vaters„rief es zum zweiten Male und lauter:„Pater Marcus! ehrwuͤrdiger Pater Marcus!“ Der Kapuziner glaubte nun mit freudigem Schreck Adalberts Stimme zu vernehmen, und hätte beinahe die Waſſerſchale aus ſeinen Hän⸗ den fallen laſſen; es draͤngte ihn an das Fenſter zu eilen, aber ſeine Pflicht ſiegte, und als es zum dritten Male lauter und gellender von der Straße erſchallte, lag ſchon das Kind, im rettungs⸗ loſen Sterben, aber getauft und geweiht in den Armen der dankbaren Mutter, die ihr Tochter⸗ lein mit Zuverſicht an den Pforten des Paradie⸗ ſes ſah. Die junge Himmelspflanze war im ſanf⸗ ten Verſcheiden, und dennoch mit großer Herzens⸗ zufriedenheit bereitete ſich Marcus die Kammer und das Haus zu verlaſſen, um nach dem Ru⸗ fenden auf der Gaſſe zu ſehen. Die Weiber be⸗ merkten, mit dem Kinde beſchaͤftigt, ſein ſtilles Weggehen nicht. Er aber ſah, vor die Thuͤre tretend, den langen Tagloͤhner Steinheil unbe⸗ — 4151— weglich daneben ſtehen.—„Schon zuruͤck, Mei⸗ ſter? Habt Ihr meinen Namen gerufen?“— Steinheil ſchuͤttelte das ſtruppige Haupt, und ſchritt in das Haus. Auf der Gaſſe war das Volk als wie im Aufruhr. Unfern lag ein anderes Haus, nicht minder von feilen Weibern bewohnt, wie das, worinnen Marcus geweſen. Welcher Unterſchied aber! Aus den Fenſtern ſahen ſchimpfende Dir⸗ nen im unzuͤchtigſten Gewande, und geiferten wilde Fluͤche und Verwuͤnſchungen auf die Menge, die das Haus, nicht weniger fluchend und tobend, umlagerten.— Marcus konnte nicht begreifen, wo das Getuͤmmel hinauswollte, und erhielt im Anfang nicht Rede, nicht Antwort. Nur ver⸗ nahm er zu wiederholten Malen das Geſchrei: „Gebt das Geld heraus, das ihr dem kranken Menſchen geſtohlen, gebt's heraus, oder wir ma⸗ chen Eure Spelunke dem Erdboden gleich!“ Nachdem er vergeblich die laͤngſte Zeit ge⸗ fragt, dachte er ſich plotzlich, daß es doch nicht ſo uͤbel waͤre, wenn ein Menſch, wie der zudring⸗ — 452— liche Ernef, jetzt daſtuͤnde, ihm Auskunft zu ge⸗ ben und durch das Volk eine Bahn zu machen, wor⸗ auf er weiter zu kommen vermochte; denn es beunruhigte ihn doch, von Hartmann nichts zu horen noch zu ſehen.— Kaum war er ſich je⸗ doch dieſes Gedankens nur halbbewußt geworden, als ſchon der Erſehnte vor ihm ſtand, und in ſeiner gewohnten Weiſe ſprach:„Salve mi pater! Ich wette, daß Ihr nach Eurem getreuen Sohn verlangt habt, und beeile mich, Euch zu melden, daß der verruͤckte Krämer von Bremgarten allein an dem Scandal ſchuld iſt, welches hier verhan⸗ delt wird.“ „Hartmann? Wos ſagſt Du da?“ „Ei, die Wahrheit, wie immer, mein Vater! Seh't Ihr den heuchleriſchen Pilger nicht, wie er in jenem Hofe auf einem Miſthaufen ſitzt, dem heiligen Job nicht unähnlich? Ein guter liederlicher Kerl, den die braven Leute hier wohl todtſchlagen wuͤrden, ſtatt ihm zu helfen, wenn ſie ſeine ganze Vortrefflichkeit kennten. Ich weiß nicht, ob Ihr verſteht, was man mit dem Na⸗ men fahrender Dirnen bezeichnen will. Gleich⸗ viel jedoch: es iſt etwas Schlechtes. Bei ſolchen Geſchoͤpfen hat Meiſter Hartmann, nachdem er ſich im Loͤwen heimlich bezecht, die Nacht eben nicht in Wallfahrtsgedanken zugebracht. Zur Strafe dafuͤr beſtahlen ihn die Weiber, tigerten ihn heute Morgen mit braunen und blauen Fle⸗ cken, und warfen ihn auf den Miſt. Da ſpec⸗ takelt jetzt der chrliche Pilgersmann, leugnet ſeine eigene Schlechtigkeit, wie ein Turk' und ſtreut den Leuten Sand in die Augen, indem er von ſeiner Krankheit ſpricht, eine Fabel nach der an⸗ dern erzaͤhlt, und alle Augenblicke ſich anſtellt, als wolle er vor Aerger und Verdruß die Fall⸗ ſucht kriegen.“ Marcus, dem alle dieſe Nachrichten ſo un⸗ erwartet, wenn gleich nicht unglaublich waren, ſchlug in frommem Eifer die Haͤnde zuſammen, und eilte auf den Unhold in menſchlicher Geſtalt zu, der richtig in Lebensgroͤße auf dem Hofe ſaß, und ſich wie ein altes heulendes Weib geberdete. Er ſchrie in einem fort zu den Leuten, die ihn — 154— mitleidig umſtanden:„O ihr wackern und ver⸗ trauten Leute von Baden! ſchaffet mir doch mei⸗ nen ledernen Beutel wieder, und das Geld, was darinnen war. Eine unerhoͤrte Niedertraͤchtigkeit hat mich vom Pilgerſtock an den Bettelſtab ge⸗ bracht. Die Weiber haben mich verfuͤhrt, mit Gewalt in ihr Raubneſt hineingezogen, weil ſie Niemand leiden koͤnnen, der mit Gott ſeine Straße zicht. Helft mir doch, weil ich ein ehrlicher Wallfahrer, und ein Freiaͤmtler von Bremgarten bin; Landsleute helft mir!“ Der Kapuziner war im Innerſten empoͤrt von dieſen Jeremiaden, die ihm keinen Zweifel uͤber das ſchlechte Betragen ſeines Schuͤtzlings zuließen, und er trat, mit einer ſchweren Straf⸗ predigt bewaffnet, vor den heuchleriſchen Suͤn⸗ denknecht. Hartmann war wie vom Blitz ge⸗ troffen, als er des Paters anſichtig wurde, ku⸗ gelte plotzlich von ſeinem ſchmutzigen Sitze her⸗ unter, wälzte ſich im Koth zu des Prieſters Fuͤ⸗ ßen, heulte, zerraufte ſich die Haare, und ſchien in ſeine gewoͤhnlichen Verzuckungen verfallen zu —— — 155— wollen.— Dem Kapuziner wurde bang, und ſein ängſtlich unter der Menge umherirrender Blick traf wieder den Lothringer, der mit unver⸗ holener Schadenfreude den ekelhaften Poſſen zu⸗ ſah. Der Schalk merkte gleich, was Marcus von ihm wuͤnſchte, und trat mit ſeinem Fuß auf die Schultern des Fallſuͤchtigen, worauf der⸗ ſelbe ploͤtzlich ruhig und gebaͤndigt wurde, ſich, wiewohl ermattet, auf die Kniee richtete, und in der Weiſe einer Litanei anhob:„O heiliger Mann Marcus, o frommer Kapuziner, erbarme Dich meiner; ich bin der Suͤnde voll, vom Teufel be⸗ ſeſſen, von uͤppiger Luſt verfuͤhrt, ein Abſchaum der Erde, ein Gefaͤß der Schande, ein kohlſchwar⸗ zer Suͤndenvogel. O wuͤrdiger Vater, erbarme Dich meiner, verlaſſe mich nicht! Wenn der Ge⸗ rechte des Tages ſiebenmal fällt, wie ſoll ich als ungluͤcklicher, verblendeter und irregefuͤhrter Menſchenſohn nicht ſtraucheln und fallen? Ziehe Deine Hände nicht von mir, o Sohn des heili⸗ gen Franziscus, der mir im Traum erſchien, mich zu retten und zu heilen vom Uebel meiner — 156— Seele und meines Leibes! Laß mich nicht zu Schanden werden vor der Welt, Du gottgefälli⸗ ger Mann, und erloͤſe mich von dieſer Stätte, die geworden iſt ein Pfuhl der Verderbniß fuͤr Deinen Knecht.“ „Luͤge, Luͤge! brav gelogen, Meiſter Hart⸗ mann!“ ſpottete Ernef, und zupfte den Knieen⸗ den bei den Ohren, daß derſelbe bei jeder Beruͤh⸗ rung zitterte wie das Espenlaub. Marcus wen⸗ dete unwillig den Blick von dem Kraͤmer ab, aber das Schauſpiel, das ſich ihm auf der an⸗ dern Seite darbot, ſchien ihm nicht weniger ab⸗ ſcheulich. Die erhitzte, in Wuth gejagte Volks⸗ menge ſtürmte ſo eben das Haus der Verfuͤh⸗ rung, zerſchmetterte die Fenſter, zerriß das Dach, ſchleuderte die elenden Geräthſchaften auf die Straße, und warf die Dirnen hinterdrein. Durch all' dieſes empoͤrte Leben, wozu ſich bald die le⸗ ckende Flamme geſellte, welche ſtets den Volks⸗ tumult kroͤnt, wie den muthwilligen Zecher der Rauſch, trug auf ſeiner Schulter mit gemeſſenem Schritte der Gevatter Steinheil Mariens todtes ——— 157— Kind. Das Zuͤgenglocklein klang zugleich aus den großen Baͤdern heruͤber, und ihm antwortete mit dumpfem Brauſen die Sturmglocke der Stadt. „So muß denn wirklich allenthalben Tod, Raub und Brand ſeyn, wo Ihr verweilt, unſt— liger Menſch, den mir zur Strafe fuͤr meine Suͤnden der Himmel aufgeladen, wie man einen gefeſſelten Miſſethaͤter auf den freien Hirſch ſchmie⸗ det?“ rief der Kapuziner, und ſeufzte uͤber ſein Geſchick. Dann aber befahl er dem Kraͤmer, zur Vermeidung alles Aergerniſſes, die Stadt nicht zu betreten, ſondern uͤber den Strom zu fahren, und ihn, den Prieſter, auf der Straße nach Zur⸗ zach zu erwarten. Marcus wollte allein nach dem Kloſter gehen, fuͤr die Gaſtfreundſchaft dan⸗ ken, und dann ſeinen Begleiter einholen. Um demſelben eine Obhut zu geben, ſprach der Pa⸗ ter zu Ernef:„Entſinne ich mich recht, ſo iſt Dein Weg auch der unſerige. So fuͤhre denn dieſen Armſeligen auf die bezeichnete Straße, und huͤte ihn, bis ich Dir ihn abfordere.“ Hartmann, todlich erſchrocken, wollte aus allen — 158— Kräften gegen dieſe Maßregel proteſtiren, ver⸗ ſtummte aber ſchnell, ſobald nur Ernef ihm auf die Schulter klopfte, indem er ſagte:„Gemach, gemach, guter Freund! Die Suͤnde hält das Maul, wenn die Froͤmmigkeit ſpricht. Schon um der Seltenheit willen nehme ich dieſen Auf⸗ trag an, wuͤrdiger Vater. Es iſt ſonſt nicht meine Sache, mit ſolchen Schuften viel Geduld zu haben, und ſie zur Beſſerung aufzubewahren; aber heute mag es d'rum ſeyn, weil ich Euch gern habe, guter Ordensmann. Ich will ſehen, wie weit Eure Geduld und Euer Pflichtgefuͤhl reicht. Ihr verſteh't es zwar, ſo ein armes Wuͤrm⸗ lein trotz aller Verſuchung und Stoͤrung gerade aus in den Himmel zu befoͤrdern, aber mit die⸗ ſem vorgeblichen Satan wird es ſchwerer halten, denke ich.“ S Bei dieſen Worten drehte er mit cinem geſchick⸗ ten Genickgriff den Hartmann um, und ſtieß ihn wie der Buͤttel den Delinquenten, durch die Menge wo er bald mit ihm verſchwand. Marcus ſei⸗ nerſeits ging eiligſt durch das hinzuſtroͤmende — 159— Volk den Strom aufwaͤrts, und gelangte zu der bedeckten Bruͤcke, als eben die Feuerſpri⸗ tzen auf das rechte Ufer abfuhren. Der Gang des Paters wurde dadurch aufgehalten, und er hatte Muße, auf den Strom hinabzuſehen, wo einige platte Fahrzeuge eben an den Ufern hin⸗ geſteuert wurden, den Fluß hinab. Die Fahrzeuge wimmelten von Volk, wie ſonſt die Schiffe, die von Zuͤrich herabkommen, und die luſtigen Ba⸗ denfahrer am Bord haben. Aber das Volk war dießmal tumultuirend unter ſich, oder niederge⸗ ſchlagen am Boden ſitzend, und hinausſtarrend in die Ferne oder nach dem Brande. Recruten des Kaiſers, von deſſen Werbern in der Schweiz zu⸗ ſammengefangen auf liſtige Weiſe, oder durch Geld erkauft. Ein Theil dieſer Leute, der am Lande geweſen war, wurde juſt vor dem Pater voruͤber an ſein Schiff getrieben. Einer derſelben, ein ſtämmiger Burſche mit betruͤbtem Geſichte, blieb ſteif vor dem Moͤnch ſtehen, ſtieß einen Schrei aus, und waͤre ihm ſchier um den Hals gefallen. Marcus wies ihn zuruͤck, und ſagte: — 160 „Halt, da, junger Knabe! ich kenne Dich nicht.“— „Freilich nicht, ehrwuͤrdiger Herr, dafuͤr aber kenne ich Euch, und habe mancher Meſſe, die Ihr laſ't, andächtig beigewohnt, undwar ſchon d'rauf und d'ran, Euch genauer kennen zu lernen, als mir der boͤſe Feind einen Strich durch die Rech— nung zog. Kommt Ihr von Hauſe? Was macht meine Veronica? Sagt es mir doch, denn ich bin ja der Claus, ihr Braͤutigam, der arme, arme Claus.“ Da wurde dem guten Pater recht kummervoll zu Muthe, da er hier den Hochzeiter ſeines Schwe⸗ ſterkindes im Soldatenkittel wiederfand, ihn, den er als gluͤcklichen Ehemann in den Armen ſeines braven Weibleins vermuthete.—„Bei den Wun⸗ den unſers Herrn! wie biſt Du in dieſes Kleid gekommen?“—„Ach! ich habe nicht gethan, was Veronica gebot, und trage nun die Schuld. Ich hatte noch einen Span zu ſchlichten mit meinem Vetter, der wegen eines Gutes mit mir in Unfrieden gelebt, und wollte mich mit ihm ver⸗ ſohnen, wie mir's der Beichtvater auferlegt, bei — 461— dem ich mich zum heiligen Eheſtand vorbereitete. Mein Handel ging beſſer als ich dachte, und in der Freude meines Herzens, um bei dem Vetter länger zu verweilen, ſchickte ich einen andern Burſchen, der Euch von unſerer Hochzeit benach⸗ richtigen ſollte. O, waͤr' ich doch ſelbſt gegan⸗ gen, ich wäre nicht hier. So aber ließ ich's ge⸗ ſchehen, daß der treuloſe Vetter mich mit falſcher Freundlichkeit in ein Werbhaus zum Wein ſchleppte, und mich daſelbſt im Rauſch an des Kaiſers Soldaten verkaufte. Jetzt ſchwimmen wir nach Waldshut, und weiß Gott wohin von da; vielleicht nach der Tuͤrkei oder nach Ungarn, wo die Schweizer alle ſterben, und von wannen auch ich nimmer wiederkehren werde, mein Braͤut⸗ lein zu ſehen.“ Ein herbeikommender Unterofficier jagte mit derben Fluͤchen und Stockſchlagen den weinenden Recruten von der Seite des troſtreichen Paters, und Claus hatte kaum mehr Zeit, um dem Oheim ſeiner Veronica einen letzten Gruß an dieſelbe Spindler's ſimnil. Werke KXX. Bd. Herbſviclen I. 141 — 162— aufzutragen.— Ach, weiß ich denn ſelbſt, ob ich ſie je wiederſehe?“ ſeufzte der Moͤnch in ſchmerz⸗ licher Ahnung vor ſich hin, während er dem Fahr⸗ zeug nachſah, welches langſam ob ſeiner Schwere uber die ſchnellen Fluthen hinglitt. Dann betete er inbruͤnſtig fuͤr das Leben und die Befreiung des armen Claus, ſtaunend uͤber die Fuͤgungen Gottes, aber dieſelben gehorſam verehrend, und ging ungehindert nach dem Kloſter, um Valet zu ſagen, und ſeinen getreuen Canis auf die wei⸗ tere Wanderung mitzunehmen. 17. Sommers Anfang war heiß, und brachte der Gewitter die Fuͤlle.— An einem ſolchen gewit— terlichen Abende wanderten wieder Marcus und Hartmann, auf ihrer frommen Wallfahrt begrif⸗ fen, in waldiger und gebirgiger Gegend, trach⸗ tend nach Fueſſen zu kommen. Sie hatten noch immer die Richtung beobachtet, und waren plotz⸗ lich, wie durch Zauberei, dabon abgekommen, ſo daß weder Marcus, der ſich uͤbrigens trefflich zu orientiren verſtand, noch ſein Begleiter, der fruͤ⸗ her in dieſer Gegend geweſen, ſich auszukennen wußte. In ſolcher Noth, daneben ſo ermuͤdet, daß die Fuͤße ſchmerzten, ließen ſie ſich auf einen breiten Felſenſtein nieder, gelegen auf der Mitte eines duͤrren Abhanges, den ſie oollig zu erklim⸗ men ſchon nicht mehr vermochten. Sogar der Pudel theilte dieſe Ermattung, und keuchte mit unruhigem Schnaufen, und offnete den Rachen weit, damit die friſche Bergluft ſeine duͤrre Zunge kuͤhle. „Es wird weiter nichts zu thun ſeyn, mein Bru⸗ der,“ begann der Kapuziner zu dem Kraͤmer,„als daß wir irgend in einem Waldgehege den Pilger⸗ ſtock in die Erde ſioßen, und unter den Zweigen ubernachten. Die Nacht kommt immer ſchwaͤr⸗ zer, bald verliſcht der letzte Wiederſchein der ge⸗ ſunkenen Sonne, und weder Haus noch Huͤtte iſt weit und breit zu ſehen.“ Hartmann ſeufzte bei dem Gedanken, ohne irgend eine Mahlzeit die Augen zuthun zu ſollen, ſchuttelte ſich froͤſtelnd, und verſetzte, wie es au⸗ 4 14 — 164— ßerordentlich ſey, daß ſie ſich ſo unbegreiflich vom Wege verirrt, und wie er dieſes rein einer He⸗ rerei zuſchreiben muͤſſe.— Der Kapuziner ver⸗ wies ihm dieſe Rede, und mahnte ihn zur Furcht Gottes und zur Andacht, die ein maͤchtiger Schild ſeyen, um Hexenkuͤnſte ungefährlich abzuwehren. Hartmann verdrehte die Augen, und erwiederte: „Geliebter Vater, das mag wohl ſeyn. Aber der Himmel laͤßt doch dem Gerechteſten die Ver⸗ ſuchung nahe kommen. Ich will nicht von mir ſprechen, der ich auf dieſer Buß⸗ und Heilfahrt ſchon, wie Ihr Euch erinnert, einem entſetzlichen Hexenbann unterlegen bin, der mich von allerlei gräßlichen und ungeheuerlichen Dingen ſchwatzen ließ, woran mein Herz nie gedacht; aber. Marcus unterbrach ihn, indem er aufſtand und zu ihm ſprach:„Danket dem Herrn, wenn der boͤſe Feind und nicht Euer Gewiſſen dazumal aus Euch geredet hat, und nehmet jene abſon⸗ derliche Verwirrung Eurer Sinne und Zunge fuͤr einen lebendigen Beweis, daß Ihr nie der Teu⸗ fel geweſen, fuͤr den Ihr Euch hieltet, weil er — — 165— Euch, der Satan, in ſolchem Grade beſitzen konnte.— Laſſet uns aber wieder Verſtand, Ver⸗ trauen und Sinne zuſammennehmen, damit wir vor volligem Einbruch der Nacht an einen ſichern Lagerplatz gelangen. Wahrhaftig, es waͤre nicht unerſprießlich, wenn der zudringliche Pilger Er— nef bei uns geblieben waͤre; er kennt Weg und Steg, und iſt einer von denjenigen Menſchen, die nimmer in Verlegenheit gerathen.“ Da ſtand der Kraͤmer mit verdrießlichem Ge⸗ ſicht auf, und murrte vor ſich hin:„Mir iſi's recht, daß er von uns ging, denn wäre er hier, ſo wuͤrde ich's ihm auf den Kopf zuſagen, daß er uns verherte. Mit dem Burſchen iſt's nicht richtig.“ 45 „Richtet nicht, ſo werdet Ihr nicht gerichtet!“ rief der Kapuziner ſtrenge, und Hartmaun ſchwieg. — Dagegen ſtand Canis mit einemmale aufmerk⸗ ſam ſtille, ſenkte den Schweif und den Kopf zur Erde, daß die Ohren den Boden beruͤhrten, ſchno⸗ berte eifrig in das Gras, begann zu knurren, warf dann den Kopf zuruͤck in die Hoͤhe, und heulte — 106— grell auf, als ob ihn der Mond aͤrgere. Der Mond war aber nicht zu ſehen, denn der ganze Himmel war voll grauen Flors, ringsum be⸗ ſäumt von rabenſchwarzen Wetterwolken.„Pſt! ſchweige doch, ruhe Canis!“ rief der Kapuziner und ſuchte den Hund zu beſchwichtigen; jedoch Canis entzog ſich ungeſiuͤm ſeinen Haͤnden, und heulte fort. Waͤhrend deſſen vernahmen die Pil⸗ ger einen Geſang wuͤſter und unheimlicher Art, der ſeitwaͤrts empor ſtieg, und bald näher kam: ein Lied, wie es ſich noch aus dem dreißigjähri⸗ gen Krieg erhalten, wo es die Reiter aus den halbdeutſchen Provinzen des Reichs, Metz und Toul häufig geſungen hatten, wenn ſie nach der Pluͤnderung, die ihr Feſt war, bei'm wilden Schmauſe ſaßen. Es wurde darinnen weder Got⸗ tes noch ſeiner Statthalter geſchont, und das Ehr⸗ wuͤrdigſte, was der Menſch kennt, im Schlamme herumgezogen. Marcus hatte dieſes Lied ein Mal von ſeinem nunmehrigen Schwager ſingen gehort, und ihm die Abſcheulichkeit verwieſen. Er ſtaunte daher doppelt, in der Wildniß dieſe Toͤne zu ver⸗ — 167— nehmen.— Mittlerweile kam der Sänger heran, und die Pilger erkannten in ihm den Lothringer. Ernef ſchwieg demuͤthig, da er des Paters anſichtig wurde, und Canis verkroch ſich eben⸗ falls verſtummend unter des Kapuziners Kutte, Hartmann faßte ſcheu nach dem Arme deſſelben. „Guten Abend, hochwuͤrdiger Herr!“ begann hierauf Ernef, mit einer tiefen Verbeugung: „Woher ſo ſpaͤt im rauhen Gebirg? Habt Ihr die Richtung nach dem Kloſter des heiligen Mag⸗ nus verloren? Ihr ſeyd dem Tyrol weit näher; Fueſſen liegt ſchon hinter Euch, und Ihr hättet noch mehrere Stunden zu machen, bis Ihr an den wilden Lech und Hunnenſprung gelanget, wo ein Engel dem heiligen Magnus hinͤberhalf, waͤhrend der Teuſel die Verfolger im Stiche ließ.“ „Wir verlangen von Dir keine Auslegung der Legende,“ antwortete Marcus ernſthaft dem Spoͤtter:„Verſchone uns mit Deinem Witz und Geſang: weißt Du aber irgend ein Obdach in der Nähe, wo wir eine Herberge fuͤr dieſe Nacht finden, ſo fuͤhre uns dahin.“ — 168— „Ei, warum nicht, mein Vater?“ entgegnete Ernef geſchmeidig und voll Treuherzigkeit:„Ich komme ſo eben von einer Streife durch's Gebirg, wo ich in meiner Bekannten Huͤhnerhof und Kuͤ⸗ che einſprach, und manchen Wildſchuͤtzen bekehrte, dem ich einſt auf ſeinem Handwerk half. Ich kenne dieſe Schluchten wie ein Kapuziner ſeine zwoͤlf Taſchen, wenn er wirklich deren ſo viel hat, wie der Poͤbel behauptet, und verſpreche Euch binnen kurzer Friſt ein Schloß, wo Eurer eine Gaſifreundſchaft wartet, wie Ihr ſie im Le⸗ ben nicht gefunden.“ „Vortrefflich!“ äͤchzte der Kraͤmer Hartmann, als er ſich juſt ſeinen Fuß an einen harten Stein geſtoßen:„Habt Dank fuͤr Eure Da⸗ zwiſchenkunft, guter Freund, aber erlaßt uns dergleichen Spoͤtteleien, die dem wuͤrdigen Vater hier ein Aergerniß ſeyn muͤſſen.“ Ernef drehte in einem lachenden Geſichte dem Kraͤmer ein paar fuͤrchterliche Augen zu, und verſetzte dumpf:„Spricht die Muͤcke auch? Ich bin nicht Dein guter Freund, Meiſter Hart⸗ — 169— mann. Beſſer iſt's, frei zu reden, wie der Schna⸗ bel wuchs, als zu heucheln, und mit frommen Worten des Herzens tiefe Erbaͤrmlichkeit zu ver⸗ kleiſtern. Gib Acht, Geſell, daß nicht die Strafe wieder uͤber Dich komme, wie zu Baden, wo Du aufrichtiger war'ſt, als je im Beicht⸗ ſtuhl.“ Hartmann zuckte zuſammen, und Marcus wollte beiden den Streit verweiſen, aber Ernef fuhr in verändertem Tone, wie im Scherze fort: „Was hinkt Ihr ſo, Meiſter Hartmann? Wächst Euch in dieſer Wildniß der Pferdefuß, wie man⸗ chem Ehemann in volkreicher Stadt das Horn? Oder haͤttet Ihr das Geluͤbde gethan, auf Erb⸗ ſen zu gehen, und wider Gewohnheit vergeſſen, dieſelben zu kochen, ehe Ihr ſie in die Schuhe geſchuͤttet? Oder was iſt's, das Eueren Gang ſo hoͤckerig, und Euer holdſeliges Antlitz ſo blei⸗ ern macht? Habt Ihr den Teufel geſehen, und iſt das rothe Kindlein vom Badner Schloß bei Euch geweſen? Geſteht es nur; in dieſer Stunde gehen die gemordeten Saͤuglinge als Irrwiſche — E— durch's Moos, und die rauhen ufer des Lech⸗ ſtroms ſind nicht geheuer.“ „Hu, hu, hu!“ heulte der Krämer aus tief⸗ ſter Bruſt, und ſank unter Zuckungen zu des Paters Fuͤßen nieder.— Die Wanderer ſtanden auf der Anhoͤhe, und blickten in den Keſſel hinab, worinnen der Al⸗ penſee von Hohenſchwangau liegt. Ringsum waren die Abſchuͤſſe der Berge ſchwarz von Wald und Nacht, und der See flimmerte wie ein ro⸗ ſtiges Panzerſtuͤck, ſchwach und geſpenſterhaft aus dem Grunde. Dunkle Schiffe mit rieſigen Maſten und Segeln ſchienen darauf zu treiben, bald in freier Fluth rudernd, bald in nächtliche Buchten verſchwindend; wenn man aber genau darauf merkte, ſo waren es nur die ſchweren Wolken, die am Himmel zogen, vom Gewitter⸗ ſturm gejagt, und in hellen Donner ausbrechend. Kein Stern flimmerte, Wolkenmaſſe ſchob ſich an Wolken, und am Rande der Gebirge, wo ſich ihre Umriſſe und Gipfel mit der Wetterluft zu vermaͤhlen ſchienen, zuckten die erſten Blitze auf, wiederleuchtend im tiefen See. Der rauhe Wind wirbelte um die Häupter der einſamen Pilger auf der Berghaide; er ſtraͤubte Ernefs wildhaͤngendes Haar, riß an der Kapuze des Prieſters, und durchwuͤhlte den zottigen Pelz des Hundes. Ueber den Fallſuͤchtigen aber, der tief am Boden lag, hatte der Sturm keine Gewalt, weil ſchon ein weit grimmigerer Geiſt in dem Elen⸗ den wuͤthete. „Warum haſt Du mir das gethan?“ fragte Marcus den Begleiter mit bitterem Vorwurf, auf Hartmann's Elend zeigend.„Fuͤrwahr, Du biſt ein unheimlicher Geſelle, der nirgends Se⸗ gen bringt. Hebe Dich von mir, oder beruhige wieder dieſen Kranken, wie Du ſchon einigemal gethan.“— Deß war der Lothringer willig, legte ſeine Hand auf den Tobenden, und augenblicklich ſtillte ſich die Noth. Hartmann kämpfte noch mit der Ohnmacht, als Marcus ſprach:„Sage mir, Ernef, wo Du die Kunſt gelernt, ſolche ſchnelle Linderung zu bewirken?“— Darauf er⸗ wiederte Ernef:„Zigeunerhandgriff, mein Vater. S—— ——————— e—— S — 1721— Ich lehre Euch's vielleicht einmal, und groͤßere Kuͤnſte noch, wenn Ihr's begehrt, und wir uns einigen.“ Canis heulte wieder laut, daß es aus dem Thale wiederhallte. Ein heftiger Donnerſchlag verſchlang aber die Stimme des Hundes, und Marcus hob den Hartmann in die Hoͤhe, indem er zu Ernef ſagte:„Wir ſprechen noch davon. Aber ich binde Dir's auf die Seele, meinen Pflegling nimmermehr mit ſo wunderlichen Re⸗ den anzugreifen, wie Du vorhin gethan. Es koͤnnte ſein Tod ſeyn.“ „Ei was!“ erwiederte Ernef mit rauhem Spott:„Goͤnnt doch dem unberufenen Profeſſor ſeine Lection. Er weiß genau, in wie fern die Dinge, wovon ich redete, wahr ſind oder nur wunderlich. Die Fallſucht iſt ein uͤbel Ding, und ſie gruͤndlich zu heilen, wenn die Seele krank iſt, noch weit ſchlimmer. Was meint Ihr, mein Vater wenn wir dem Elenden einmal eines ar⸗ men Suͤnders warmes Blut zu trinken gäben? Das hilft ganz ſicherlich, wie man mir ſagte.“ — — 173— Marcus rief voll Abſcheu: O ſchweige mit ſolchen Vorſchläͤgen. Das iſt verdammlicher Aber⸗ glaube, und aberglaͤubiſch Werk kann nie gedei⸗ hen. Wenn das Gebet nicht hilft und Gottes Gnade, ſo helfen eitle Zauberſpruͤche noch weni⸗ ger.“ Ernef murmelte Einiges zwiſchen den Zaͤhnen, nahm alsdann den Hartmann raſch aus des Prieſters Armen, und warf ihn wie eine feder⸗ leichte Laſt auf ſeine Schultern, um ihn zum Thale hinabzutragen. Der Kranke wimmerte zwar, als ob er auf einem gluͤhenden Roſte läge, aber Ernef ſtolperte ſo ſchnell mit ihm bergein, daß Marcus mit ſeinem Hunde kaum zu folgen vermochte. So kamen ſie an eine Stelle, bereits nahe am See, wo auf ganz gelindem Abhange eine breite Waldflur das Dickicht unterbrach, und Ernef that, als ob er verſchnaufte, und ſagte: „Jetzt ſind wir gleich am Ziele, und der gaſtli⸗ chen Flamme eines wohlbeſetzten Herdes nahe. Wenn ich nicht irre“— ſetzte er nach einer Pauſe hinzu—„ſo fuͤhrt der Zufall unſern Herbergs⸗ — u— vater heran, uns zu bewillkommen und in ſein Schloß zu fuͤhren.“ So eben trafen die Wetterwolken uͤber den Haͤuptern der Pilger zuſammen, wie ein Heer von Gewappneten mit ihren Schildern, aneinan⸗ der rauſchend und in gleichmäßigem Donner ver⸗ hallend; durch das Dickicht aber ſchallte von al⸗ len Seiten der Ruf von mißtoͤnigen Hoͤrnern, und ein„Halloh!“ gleichſam wie aus vieler Jä⸗ ger Kehlen, vermiſcht mit dem Gejauchze der Jagdbuben, und dem Klaffen der Koppelhunde. Zugleich krachte das Geholz, als ob eine Menge von Pferden durch die junge Schonung braͤche, und einzelne Schuͤſſe knallten aus dem Forſi, als ob ſie die letzten Kugeln einer Hochjagd ver⸗ ſendeten. Dem Kapuziner, der ſolches Treiben noch nie gehoͤrt, wurde wunderlich zu Muthe, und er bebte leiſe, als Ernef fluſternd anhob: „Habt Ihr noch nicht von wilden Jäger und ſeinen Schaaren gehoͤrt, mein Vater? Ein Am⸗ menmaͤhrchen, das in den Gebirgen von Huͤtte zu Huͤtte und an jedem Wildſchutzenfeuer erzaͤhlt 5 wird. Es ſoll davon kein Woͤrtlein wahr ſeyn aber dennoch nennt man in dieſen Bergen den Edelmann, der ſich uns naht, allgemein den wilden Jäger. Beruhigt Euch indeſſen. Heißt er gleich ſo und ſieht er aus wie ein Geſpenſi, ſo iſt er doch von Fleiſch und Blut, wie Ihr.“ Worauf der Kapuziner antwortete:„Ich ſtehe in Gottes Hand, und fuͤrchte, auf den Hochſten bauend den boͤſeſten Geiſt nicht, denn auch er muß dem Gebote des Herrn unterthaͤnig ſeyn.“ Da wimmelte es auf allen Seiten von Jaͤ⸗ gertroß in grauen unſcheinbaren Roͤcken und Filz⸗ huͤten, mit Farrenkraut geſchmuͤckt. Duͤrre Pferde, an die Waldjagd gewoͤhnt, ſchnaubten heran, hochbeinige Windſpiele keuchten an den Seilen der Jagdbuben, und aus einem Haufen von Knechten, welche rieſige Hoͤrner und Musketen uber dem Ruͤcken trugen, trat der Herr der Jagd. Bei dem Lichte von einigen Kienfackeln bemerkte er die Fremdlinge, und kam ihnen haſtig naͤher. 18. Der Jagdherr war ein großer, ſtarker Herr, mit rauhen finſtern Zuͤgen und ſtruppigem ſchnee⸗ weißem Haar, welches auf Schlaäfen und Wan⸗ gen ſich mit dem weißen Bart vereinigte, der unter dem Kinn dicht und ſtachlich zuſammen⸗ lief. Ein gewaltiger Schnurrbart beſchattete die Oberlippe des Edelmanns, und hing wie eine dichte Reihe von Eiszapfen daruͤber hinun⸗ ter. Die Augen waren groß und braun, voll von Leben und Feuer, des Alters ſpottend, das ſchon ſeinen Schnee auf das Haupt des wilden Jaͤgers gelegt hatte.— Er gruͤßte die in ſeinem Revier betroffenen Pilger mit auffallender Freund⸗ lichkeit, und ſagte zu dem Kapuziner:„Seyd mir willkommen bei Regen, Sturm und Nacht, frommer Mann! Eure Gegenwart iſt mir ſo lieb als uͤberraſchend. Ihr ſeyd verirrt, und meine gaſifreundliche Schwelle ſteht Euch oſſen. Was meine Speiſekammer und mein Keller ver⸗ moͤgen, ſoll zu Euren Dienſten ſeyn. Verzeiht indeſſen, daß ich Euch nicht ſelbſt in mein Haus geleite; ich ſehe Euch wohl noch ſpater.“ Hierauf pfiff er einem Knecht, und ſagte zu dieſem:„Fuͤhre die Leute in mein Schloß; ſage dem Fraͤulein, daß ich ſie empfehle, aber heute Nacht außen bleiben werde, indem mir das los⸗ brechende Wetter die beſte Gelegenheit ſcheint, meinen Troß abzurichten und abzuhaͤrten. Ha⸗ ben wir doch ſchon den ganzen Tag nur eine Scheinjagd getrieben; ſey's die ganze Nacht auch hindurch. Am Morgen ſchlaͤft ſich's dann er⸗ quicklicher.“ Nach dieſen Worten, die dem Pater befremd⸗ lich vorkamen, beurlaubte ihn der Edelmann, Er⸗ nef huckte den Hartmann wieder auf, und die Pilger folgten dem Fackellicht des Waldknechts. Die Wanderung, obgleich nur kurz, hatte viel Abentheuerliches und Geſpenſtiges an ſich: Ernefz. mit dem Kranken auf den Schultern, der im ho⸗ hen Graſe watende Pudel und der Kapuziner in ſeiner ſeltſamen Tracht mit dem Pilgerſtabe hin⸗ Spinbleys ſimml. Werke RRR. Bd. Herbſtviolen I, 12 — 178— terdrein ſchreitend,— endlich der graurdckige Knecht an der Spitze des kleinen Zugs, von Zeit zu Zeit die Fackel ſchwingend, und im Rade dre⸗ hend die Flamme, die manchmal unter dem haäu⸗ figer fallenden Regen aufkniſterte und zu verld⸗ ſchen drohte— dieſes Alles gab ein fremdes ungeheuerliches Bild.— Endlich hatten die Wan⸗ derer die letzten Bäume hinter ſich, einige Hüt⸗ ten von ſchlechter Beſchaffenheit ſtanden dunkel und verſchloſſen am Wege; in ſehr geringer Ent⸗ fernung jedoch erhob ſich ein anſehnliches Ge⸗ baͤnde, in deſſen Erdgeſchoſſe Licht zu ſehen war. An einigen Ställen voruͤber, wo geräumiger Platz fur das Vieh und das Geſinde zu ſeyn ſchien, brachte der Führer die Fremden an das Thor. Ein tiefer Grabenabſchnitt trennte das Herren⸗ haus von dem Gehoͤfte, und eine ſteinerne kurze Brucke fuͤhrte zum Eingang. Auf das helle Klo⸗ pfen des Knechts entriegelte eine murrende Magd von Innen das Thor, glotzte die Eintretenden verwundert an, und verwies auf die Frage nach dem Fräulein an die Thuͤre, welche unter dem Ein⸗ — 479— fahrtsgewoͤlbe zur rechten Hand die Erſte war, mehrere Stufen uͤber der Erde erhaben.— Mar⸗ cus mit ſeinen Begleitern trat in eine ſehr ge⸗ raͤumige Stube, wie ſie noch heut zu Tage oft in großen Wirthshaͤuſern auf dem Lande zu fin⸗ den ſind. Der gewaltige Ofen theilte ſo zu ſa⸗ gen das Gemach in den Antheil fuͤr die Dienſt⸗ boten, gleich an der Thuͤre befindlich, kenntlich an den Brodſchraͤnken, den Geſindetiſchen, und den verſchiedenen Geraäthen, die dem Diener nahe zur Hand ſeyn muͤſſen, und in den Antheil der Herrſchaft, wo dieſelbe ihr gewoͤhnliches Tagsle⸗ ben zu verbringen pflegte. Hier ſtand ein geglaͤt⸗ teter Ahorntiſch neben dem Ofen und nur einen Schritt von dem Schiebfenſter entfernt, durch welches man aus der Kuͤche die Speiſen herein⸗ reichte: ein Lueg in's Land fuͤr die geſchaͤftige Fuͤhrerin des Hausweſens, zur Beobachtung der am Herd wirthſchaftenden Maͤgde. Nur auf dieſem Herrentiſche brannte an ſel⸗ bigem Abend eine Lampe, und nur zwei Perſo⸗ nen befanden ſich in der weiten Stube: des Fraͤu⸗ 42* — 180— lein des Hauſes, welches den Eintretenden neu⸗ gierig entgegen ging, und ein junger Mann von edelmaͤnniſchem Aeußern, der in ſeinem Lehnſtuhl unverruͤckt ſitzen blieb, verdrießlich ohne Zweifel äber die Stdrung ſeines Alleinſeyns mit der ſchd⸗ nen Herrin. Schoͤn war dieſe unbedingt zu nen⸗ nen, und mehr eine ſchoͤne Frau, denn ein Fraͤu⸗ lein. Marcus hatte ein ſchuͤchternes Landfräulein im erſten Jugendalter erwartet, und fand hier eine ſtolz aufgebluͤhte Roſe, deren Reize und Benehmen um vieles edler waren, als es ſich zum Ganzen dieſes Hauſes ſchickte.— Sie empfing den Prieſter mit Freundlichkeit und Wohlwollen, die beiden an⸗ dern Pilger mit mißtrauiſchem Blick und Kälte; ſie lud den Pater ein, an dem Herrentiſche Platz zu nehmen, und ſchickte die Uebrigen, nachdem ſie des Knechts Botſchaft ſchweigend angehoͤrt, in ein anderes Gemach, am Hofe gelegen, wo die Hausmeiſterin fuͤr die Pflege des Kranken und die Beherbergung Ernef's ſorgen ſollte. Der Pu⸗ del Canis erhielt die Beguͤnſtigung, neben dem Stuhl ſeines Herrn verweilen zu duͤrfen, trotz — 181— der knurrenden Einſprache eines alten ſteifen Jagd⸗ hundes, der unter dem Ofen lag, und mit einem Fußtritt des jungen Mannes endlich zufrieden geſtellt wurde.— Das Fraͤulein rief durch das Kuͤchenfenſter den Befehl zu ſchleuniger Herbei⸗ ſchaffung einer Mahlzeit fuͤr den Moͤnch, und bat alsdann mit einer gewiſſen Schmeichelei den jungen Mann, an ihrer Stelle in den Keller zu gehen, und einen Trunk fuͤr den kloſterlichen Gaſt beraufzuholen. Es ſchien, als ob der junge Herr mit den verdrießlichen und leidenſchaftlichen Zuͤ⸗ gen nicht allzuſehr geneigt waͤre, der Bitte zu willfahren; langſam holte er die Schluͤſſel von⸗ der Wand, und entfernte ſich mit einem miß⸗ trauiſchen Blick auf den Moͤnch. Marcus beachtete kaum dieſes auffallende Be⸗ nehmen, und beſchäftigte ſich damit, ſeinen Ca⸗ nis mit einigen Brocken Brodes vorlaͤufig zu er⸗ freuen, als das Fraͤulein, das ein Paarmal ſin⸗ nend auf und nieder gegangen war, plotzlich vor ihn trat, und mit einiger Spannung, nur ſchein⸗ bar gelaſſen fragte:„Der Herr koͤmmt alſo heute Nacht nicht nach Haus?“— Marcus wieder⸗ holte die Worte, die der Edelmann dem Knechte geſagt. Das Fraͤulein ging wieder mit geſenk⸗ tem Haupte und die Häͤnde reibend, wie in un⸗ ruhigem Nachdenken ein Paarmal hin und her, und ſeufzte dann und wann wie aus tiefer, beklemm⸗ ter Bruſt. Der gutmuͤthige Pater ſagte freund⸗ lich zu ihr:„Ich begreife wohl, daß Ihr es nicht gerne ſehen moͤgt, wenn Euer Vater, der ſchon ſehr bei Jahren, ſich dem Unbill der Witterung ganze Naͤchte hindurch ausſetzt. Jedoch ſcheint ſein Koͤrper ruͤſtig und geſund, und ſein Gefolge iſt ſo groß, daß er von Räubern oder andern ſchlechten Leuten nichts zu beſorgen hat.“ Auf dieſe Rede ſtand das Fraͤulein ſtill, machte eine ungeduldige Bewegung, und that, als ob ſie ſchnell etwas darauf antworten wollte; doch be⸗ ſann ſie ſich ploͤtzlich eines andern, und ſagte erſt nach einer ziemlichen Weile mit gleichguͤltigem Ton:„Der Edelmann iſt mein Vater nicht.“— Wie nun Marcus fragte, ob er nicht wenigſtens ein Oheim, oder Vetter des Fraͤuleins ſey, ent⸗ gegnete dieſes mit einem heftigen Kopfſchutteln, ſprach aber kein Wort mehr. Mittlerweile kam der Knecht herein, und brachte den Wein fuͤr den ehrwuͤrdigen Herrn. Das Fraͤulein wunderte ſich, daß der Junker ihn nicht gebracht habe, und der Knecht verſetzte gleich⸗ muͤthig, der Junker ſey ſchon zu Bett gegangen. Eine helle Roͤthe ſtieg auf des Fraͤuleins Stirn, und ſie mochte ihren Unmuth kaum bezwingen. Sie hieß den Knecht hinausgehen, und befahl ihm Lichter und Laternen im Hauſe auszuldoͤſchen, die Maͤgde zur Kammer zu ſchicken, und nur der Hedwig zu bedeuten, daß ſie auf die Gebieterin zu warten habe. Bevor die Uhr des Hauſes die eilfte Stunde ſchlage, befahl die Herrin muͤſſe Alles ſchlafen, und im Schloſſe ſich Niemand mehr ruͤhren.— Der Knecht ging gehorſam ſei⸗ ner Wege, und das Fraͤulein ſetzte ſich neben Mar⸗ cus in den Seſſel, den der Junker verlaſſen, und redete einſylbig und zerſtreut, waͤhrend der Pa⸗ ter ſeine Mahlzeit einnahm, und verſank end⸗ lich in hartnäckiges Schweigen. Der Pater be⸗ — merkte, daß, wie freundlich auch ihre Hand den Pudel liebkoſ⸗te, der mit ihr Freundſchaft gemacht hatte, ihre Gedanken ſich dennoch anderswo be⸗ fanden, denn ſie ſeufzte oft, und ihre ſchoͤnen Au⸗ gen ſchwammen in Thraͤnen. Marcus, ſeinem Berufe getren, wollte die Weinende troſten, und verſuchte diejenigen Sai⸗ ten ihres Herzens anzuſchlagen, die dem Gefuhl der Leidenden am angenehmſten tonen mochten. Es gelang ihm ſchwer. Erſt, nachdem er einen Schatz von redlichen uneigennuͤtzigen und aͤcht⸗ prieſterlichen Geſinnungen vor der aufmerkſamen, aber ſchwer mit ſich ſelbſt kämpfenden Zuhdrerin aufgethan, wurde die Ruͤhrung derſelben ſo uber⸗ maͤchtig, daß ſie in die Worte ausbrach:„Wahr⸗ haftig, hochwuͤrdiger Vater, wenn der Himmel Euch nicht in eigentlicher Abſicht, zu retten und zu helfen, hieherſchickte, ſo hat er nie noch einen Boten ſeiner Gnade geſendet. Ja, frommer Mann, ein ſchwer leidendes Weib ſitzt neben Euch, wie — „ Ihr ganz richtig vermuthet. Es iſt vielleicht eine neue Suͤnde, wenn die Suͤnderin die Nähe gott⸗ ſeliger Froͤmmigkeit nicht flieht; vielleicht aber iſt auch die Reue ſchon wuͤrdig, zu den Fuͤßen der Tugend zu ſitzen. Waͤret Ihr doch gekommen um mich aus den Schlingen der Verderbtheit zu reiſſen! Ich haͤtte noch Zeit, auf dem Pfade um⸗ zukehren, den ich betreten, aber eine huͤlfreiche Hand muͤßte mir nicht fern ſtehen.“ Des Kapuziners Theilnahme an der trauern⸗ den Schoͤnen wurde immer lebendiger. Auch auf den ſtrengen entſagenden Moͤnch machten die Reize des herrlichen Weibes einen tiefen Eindruck. Mit wahrhaft vaͤterlicher Schonung bat er die auf den heilſamen Weg des offenen Geſtändniſſes ge⸗ rathene Ungluͤckliche, ihm gaͤnzliches Vertrauen zu ſchenken, und in abgebrochenen Saͤtzen erwie⸗ derte dieſelbe Folgendes: daß ſie fruͤhzeitig von Laſter und Verfuͤhrung bethoͤrt geweſen, daß ihre Anweſenheit in dieſem Schloſſe ſchon ein Verbre⸗ chen gegen gottliche und weltliche Geſetze ſey, daß der Herr des Hauſes, ein wilder Mann von — 186— entſetzlicher Leidenſchaftlichkeit und Willkuͤhr, ſie als ſeine Licbſte in das Schloß geſetzt, aber nie zu bewegen geweſen, durch der heiligen Ehe Bund das unſittliche Verhaͤltniß verſoͤhnend aufzuldſen. Sie ſey,“ ſetzte ſie hinzu,„von Tag zu Tag mehr von ihrem Gewiſſen beſtuͤrmt worden, aber lei⸗ der ſey der gänzliche Abſchen vor ihrem Wan⸗ del nur durch eine Liebe in ihr erzengt worden, wie ſie noch nie vorher empfunden. Der Jun⸗ ker, ein Neffe ihres Herrn, ſey der Gegenſtand ihrer Leidenſchaft, und ſie glaube feſt und ſicher⸗ lich, daß nur eine Verbindung mit ihm ſie aus den Klauen der Holle zu retten fähig ſey. Sie erzaͤhlte, daß dieſer Junker Hubert unfern von Bregenz ein beſcheidenes Eigenthum beſitze, das zwar noch von Vormuͤndern verwaltet werde, aber in Kurzem an den volljährigen Beſitzer ſelbſt falle; daß der Geliebte, nicht minder mit glo⸗ hender Neigung an ihr haͤngend, wie ſie ihm zugethan, ſein Erbe und ſeine ganze Zukunft mit ihr zu theilen bereit ſey, daß er ihr ſchon vorgeſchlagen habe, mit ihm zu entfliehen, daß — 187— ſchon oft der Tag beſtimmt geweſen, oder die Nacht, wo die heimliche Fahrt nach dem Bo⸗ denſee angetreten werden ſollte, und daß nur ſie ſelbſt, die Liebende, dieſem Vorſatz ein Hin⸗ derniß in den Weg gelegt: erſtens, weil ſie ge— fuͤrchtet, da ſie der Jahre einige mehr zaͤhle, als der Junker, daß ein Wechſel der Gefuͤhle in dem Freunde ſtattfinden moͤchte,— endlich, nachdem ſeine Betheurungen dieſe Bedenklichkeit hinweg⸗ beſchworen, weil ſie es nicht uͤber das Herz habe bringen koͤnnen, auf's Neue dem ungewiſſen Strudel der Welt und den Schwuͤren eines Man⸗ nes ſich zu vertrauen, ohne durch das Band des Sacraments wenigſiens ihr Bewußtſeyn ſicher geſtellt zu haben.„Wo aber,“ fuhr ſie in tiefer Betruͤbniß fort,„die Moͤglichkeit auffinden, die⸗ ſem billigen Verlangen zu entſprechen? Dieſem Hauſe naht kein Diener des Herrn, kein Prie⸗ ſter, der ein menſchlich' Herz im Buſen truͤge. Der Wolfgang iſt ein Unchriſt, der ſeit langen Jahren keine Kirche mehr beſucht, ein Henker ſeiner Unterthanen, der ihnen unbarmherzig Geld — 188— und Leben raubt, wie es ſeine Laune gerade will, ein unerbittlicher Jäger, der Schrecken al⸗ ler Waͤlder, und der Bauern, die ein Feld be⸗ ſitzen, in deſſen Nähe er jagt; und dabei— was ich Euch nur zitternd und heimlich vertraue — ein Raͤuber, der die Päſſe nach Tyrol, die Straßen nach Schwaben und Baiern unſicher macht. Oft ſchon iſt er heimgekehrt, beſudelt von dem Blute unſchuldiger Reiſender, und auf einem großen Speicher, hoch oben im Schloßthurme, wo die Uhr haͤngt, bewahrt er die Beute, die er in unedlem Stegreif gewon⸗ nen. Seine Verbrechen ſind beinahe kein Geheim⸗ niß mehr; die Beamten und Edelleute auf meh⸗ rere Meilen in der Runde ahnen ſeine Schand⸗ thaten, ſo wie auch der gemeine Bauer in ſei⸗ ner Huͤtte davon fluͤſtert, aber Niemand wagt ſich an ihn. Seine Leute, herrenloſes Geſindel, aus allen Weltgegenden zuſammengeworben— haben keine Heimath, als dieſes Haus, und duͤrfen nirgends ein luſtigeres Leben erwarten, als bei Herrn Wolfgang. Darum verrathen ſie ihn nicht, — 189— ſtehen ihm bei, blind gehorſam, auf allen ſeinen Zuͤgen, und laſſen Leib und Leben fuͤr ihn.— Urtheilt nun, hochwuͤrdiger Herr, in welcher Hoͤlle von Schmach und Angſt ich ſitze, wie eine ohnmaͤchtig Gefeſſelte.“ Der Kapuziner entgegnete mit innerlichem Schauer:„Ihr habt mir da ein traurig' Bild vor Augen geſtellt, und mir ſelbſt, dem voruͤberge⸗ henden Gaſt, wird in dieſem Hauſe bang. Hier iſt freilich kein Platz, wo die Reue ihr Ziel fin⸗ den mag. Ihr muͤßt fort, mein Fraͤulein, um wieder auf den Weg der Kinder Gottes zu kom⸗ men. Es iſt erlaubt, dem Wuͤthrich, der uns gefangen haͤlt, durch Liſt zu entfliehen, und Ihr moͤgt dieſes auch thun, weil ſchwerlich zu er⸗ warten ſteht, daß Wolfgang Euch freiwillig zie⸗ hen laſſe. Getraut Ihr Euch aber, von dem blutduͤrſtigen Volk Eures Verfuͤhrers umgeben, ſeinen Schlingen ungefaͤhrdet zu entgehen?“ Das Fraͤulein nickte mit dem Kopfe, und ſagte vertraulich:„Junker Hubert hat einen Schleich⸗ pfad ausfindig gemacht, den ſelbſt Wolfgang noch nicht betreten. Er gelobt mich in der dun⸗ kelſten Nacht auf dieſem Pfad in Sicherheit zu bringen. Er hat Alles zu einem ſolchen Schritte vorbereitet, und ſich deßhalb— er iſt ſchon ſeit einigen Monden hier, ſeinen Vetter zu beſuchen — vor wenigen Tagen krank geſtellt, ſomit die Erlaubniß erhalten, von den Zuͤgen des Alten zuruͤckzubleiben, und läͤßt dieſe Unpäßlichkeit im⸗ mer noch fortdauern. Einigemal bereits hätte uns eine gute Gelegenheit gewinkt.... Hubert drang in mich.aber die Bedenklichkeiten meines Gewiſſens verneinten. Und doch fuͤrchte ich.... dennoch ſteigt die Gefahr. Ich zittere vor den Blicken, die Wolfgang auf mich und Hubert heftet.. ich beſorge, daß ſeine Ei⸗ ferſucht erwache... unſer Zaudern, ein un⸗ bewachter Augenblick kann den Tiger aufwecken, und wir Beide waͤren dann verloren, wenigſtens auf ewig unſere Flucht unmoͤglich!“ Die Worte des Fraͤuleins malten ein ſo le⸗ bendiges Bild von der Gefahr, die uͤber ihrem Haupte ſchwebte, daß die Einbildungskraft des Paters davon aufgeregt wurde, und er rief, mit Beſtuͤrzung des Fräuleins Hand ergreifend:„O ſo zoͤgert nicht, meine arme ungluckliche Tochter! Gott ſelbſt hat Euch vielleicht aus den Augen des Teufels gewarnt. Rettet Euer Leben, Eure Reue, Eure Seligkeit! Gewiß hat mich der Zu⸗ fall allein nicht hergefuͤhrt; ich vernehme eine hoͤhere Stimme, die mir gebietet, hier zu ver⸗ ſohnen und zu helfen. Benuͤtzet dieſe Nacht, da der reiſſende Wolf fern iſt; ſchafft Euren Ver⸗ lobten herbei...ich will Euch im Namen Gottes und der Kirche mit ihm unaufloslich vereinigen. und entflieht unter'm Schutz des Himmels.“ Als das weinende Fraͤulein dieſe Rede und Zuſicherung, wie aus dem Munde eines Engels kommend, hoͤrte, ßtuͤrzte ſie dankend zu den Fuͤ⸗ ßen des Paters, und ſchluchzte:„O vergelte Euch der Hochſte tauſendfaͤltig dieſe Segensworte! Dieſe That der edelſten Menſchenliebe ſoll einſt Euer ſanfteſtes Sterbekiſſen werden. Ich bin freilich der Gnade nicht wuͤrdig, die Ihr mir zu ſpen⸗ — 192— den begehrt— ich bin eine große Suͤnderin. aber auch die Suͤnder haben ja durch das Blut des Erloſers Theil am Paradieſe.“— Sie uͤber⸗ ſchuͤttete des Paters Häͤnde mit ihren Kuͤſſen, be⸗ netzte ſie mit Thraͤnen, ſtand alsdann auf und fuhr geſchaͤftig fort:„Ich eile, meinen Liebſten herbeizufuͤhren. Eine vertraute Magd wird auf mein Geheiß ihn rufen. Wie wird er ſtaunen! Mißtrauiſch gegen Euch ging er in ſeine Kam⸗ mer, Eure Ankunft verwuͤnſchend. Wie wird er jezt Eure Gegenwart preiſen und ſegnen! Ihr ſeyd ein wahrer Apoſtel, durch ein Wunder hie⸗ her gefuͤhrt, denn ein Mirakel war es, daß Wolf⸗ ganz, ein Verächter der Kirche, Euch in ſeinem Hauſe aufgenommen. Aber dieſes Wunder ver⸗ burgt Eure Sendung, verburgt unſern Sieg!“ 20. Nachdem ſich das Fräulein entfernt, lehnte ſich der Moͤnch nachdenklich auf den Tiſch, und ſtarrte in die Flamme der Lampe. Alles war ſtill in der Stube; das Windſpiel unter dem Ofen, Canis zu den Fuͤßen des Paters, ſchlie⸗ fen mit leiſen Athemzuͤgen. Draußen ging ein majeſtaͤtiſcher Donner, die Macht des Herrn verkuͤndigend, uͤber Berg und Thal und See; wenige, aber ſcharfe Blitze begleiteten den ern⸗ ſten Prediger, und der Sturmwind wie der Re⸗ gen hatten nachgelaſſen. Ploͤtzlich war es dem frommen Marcus, als ob die Schwuͤle, die drau— ßen vor den Thoͤren herrſchte, auch uͤber ihn käme, und er ſtand von ſeinem Stuhle auf, ging ein Paarmal durch die Stube, die in we⸗ nig Minuten ſeine Kirche werden ſollte, und uͤberlegte, ob er Recht gethan vor ſeinem Gewiſ⸗ ſen. Und ſein Gewiſſen ſagte beifällig„Ja.“— Dann erinnerte er ſich des ihm anvertrauten Pilgers, machte ſich Vorwuͤrfe, daß er noch nicht nachgeſehen, ob es ihm wohl gehe, und beſchloß, der geſaͤumten Pflicht noch jetzo nachzukommen, und fuͤr die Sicherheit ſeines Angehoͤrigen zu ſorgen. Wie er nun mit eilenden Schitten zur Thuͤre Srindler's ſimmtl. Werke XXX. Bd. Herbſtviolen. I. 13 — 194— ging, dffnete ſich dieſe, und Ernef kam auf ſei⸗ nen Zehen geſchlichen herein.—„Was willſt Du hier, Freund?“—„Euch eine gute Nacht geben, mein Vater, und einen Gruß von Hartmann bringen. Das alte haͤßliche Kind iſt jetzo erſt ſanft einge⸗ ſchlafen, eingelullt von den Ammenmahrlein, die ich ihm erzaͤhlte.“—„Er ſchlaͤft? Der Arme! Er wird bald aufwachen muͤſſen, denn wir zie⸗ fort, noch in dieſer Nacht.“—„So? Seyd Ihr auf einmal ſo eilig, hochwuͤrdiger Herr? Oder haͤttet Ihr bemerkt, was auch mir nicht entging: daß dieſes Haus im Grunde nur eine Moͤrder⸗ grube iſt?“—„In dem Hauſe iſt es nicht ge⸗ heuer, Ernef, Du haſt uns an einen verdaͤchti⸗ gen Ort gefuͤhrt.“—„Ei was; Kuͤche und Kel⸗ ler ſind an dem verdächtigen Orte vortrefflich. Wenn man immer gruͤbeln wollte, ob der Wild⸗ braten, den man ſpeiſ't, diebiſcher Weiſe geſchoſ⸗ ſen, oder der Wein, den man trinkt, von der Landſtraße oder aus dem Kloſter geſtohlen, ſo wuͤrde man kaum Zeit finden, Hunger und Durſt zu ſtillen. Doch bin ich mit dem ſchnellſten Auf⸗ Fceeeheöee⸗eeeehe bruch einverſtanden. Mein Fell iſt hart, und ſcheut die Nachtluft nicht. Hartmann mag zu⸗ ſehen, wie er nachkommt; im Nothfall trag ich ihn. Ich gewinne eine zärtliche Zuneigung zu ihm, ich werde am Ende doch nicht von ihm laſſen können. Ihr habt vollkommen Recht, Euch davon zu machen. Es ſoll hier unſere Gurgel gelten. Draußen ſteht das Fraͤulein, und fluͤſtert mit einer Magd, und wenn ich nicht irre, ſo habe ich unheimliche Redensarten vernommen.“— »Du irreſt Dich, mein Freund. Waͤre wohl ein Grund vorhanden, einen armen Moͤnch und einigen Wallfahrern nachzuſtellen? Gewißlich nein; ich ſorge nicht fuͤr die Gefahr, die ſchon da iſt, ſondern fuͤr diejenige, die da kommen wird. Das Fraͤulein iſt nicht unſere Feindin. Sie wird ſelbſt uns Thor und Riegel offnen.“ Ernef verzog das Geſicht in ein aͤußerſt wi⸗ derliches Lachen, und verſetzte mit krummem Bu⸗ ckel:„Berzeiht, verzeiht, mein ehrwuͤrdiger Herr, Ihr moͤgt recht haben, und mit dem Fraͤulein vertraut geworden ſeyn, aber ich meine — 196— Gruͤnde, ihr einen billigen Verdacht nicht zu ſchenken. Die Hinterliſt war ſonſt ein Element, worinnen ſie ſich leicht bewegte, und wie es nach einem Morde thut, weiß ſie nicht minder.“ Der Kapuziner fuhr zuruͤck und rief mit Ab⸗ ſcheu: Verläumder, der Du biſt! Warum be⸗ geiferſt Du mit ſchamloſer Zunge ein Geſchoͤpf, das vielleicht gefehlt haben, aber doch nicht ſo verworfen ſeyn kann? Luͤgner, hebe Dich von mir!“ „Gemach, o Herr!“ ſpottete Ernef, und fal⸗ tete mit hoͤhniſcher Bittgeberde die krummen Fin⸗ ger.„Glaubt Ihr meinem Zeugniſſe nicht, ſo werdet Ihr doch Eurem Freunde Adalbert trauen. Der fromme Mann weiß ein Stuͤcklein von der Schweſter Thereſia zu erzählen, und ich und die Welt, wir wiſſen noch viel mehr, als der gute Pater.“ Der Kapuziner wurde bleich, ſtarrte mit al⸗ len Aeußerungen des Erſtaunens den Lothringer an, und vermochte keine Sylbe zu erwiedern.— Daher fuhr dieſer fort: —,———— — 197— „Seht Ihr wohl, daß ich meine Hiſtorie noch zu gelegener Zeit anbringen kann? Dieſes Fräu⸗ lein iſt niemand anders, als die Nonne von Frauenbrunn, die buhlſuͤchtige Kloſterſchweſter, die den keuſchen Adalbert zu verfuͤhren ſuchte, als ſie ſelbſt noch in dem Alter ſtand, wo kaum der Verfuͤhrer ſich an das Maͤdchen wagt. Der Pfarrherr taͤuſchte ihre Wolluſt, und glaubte recht zu thun. Aber wie viel Unheil hätte er der Welt erſpart, wenn er die Luͤſte des Wei⸗ bes nicht zuruͤckgewieſen! Die Liebe zu ihm haͤtte ſie an die Pflicht gefeſſelt, er haͤtte Meyringen nie verlaſſen; nach den Flammen der gluͤhendſten Neigung waͤre die ſanftglimmende Freundſchaft gekommen: ſchon mancher zugelloſe Prieſter, ſchon manche gefallene Nonne iſt noch ein Muſter der Froͤmmigkeit geworden, und im Geruch der Hei⸗ ligkeit geſtorben. Im ſchlimmſten Falle waͤre Thereſia mit Adalbert dem Floſter und dem Schooße ihrer Kirche entflohen, und ein wackeres lutheriſches Paar aus ihnen geworden. Die Liebe iſt ein Zauberkreis, der alle andern Leidenſchaf⸗ — 1 ten des Weibes in den Abgrund bannt. Aber der rohe Schwaͤrmer tritt die Blume mit Fuͤßen, einem grauſamen Pflichtgebote zu gehorchen, und aus dem Staub der Blume waͤchſ't der giſtige Schierling. Die verſchmaͤhte Thereſia ſchwor den Maͤnnern, ja ſelbſt ihrem eig'nen Geſchlechte, wilde Rache. Sie kirrte Unerfahr'ne in ihr Netz, und verſtieß ſie dann hohnlachend; Unfriede, Haß und Verbrechen erwuchſen aus dieſen kurzen Buͤndniſſen. Daneben froͤhnte ſie dem Ergeiz, und wollte die Erſte unter ihren Schweſtern ſeyn. Ihre leichtglaͤubige allzuſchwache Goͤnnerin, die Oberin von Frauenbrunn, lebte ihr zu lang; Thereſia hatte die Stimme des Convents fuͤr ſich auf den Fall des Todes der Vorſteherin; die Krank⸗ heit kam uͤber die Aebtiſſin, aber nicht der Tod, bis Thereſia in's Mittel trat, der muͤtterlichen Freundin die Giftſchale reichte, und an ihrer Stelle des Klo⸗ ſters Ehrenſtuhl beſtieg. Sie ſtrahlte im hoͤchſten Reiz der Jugend, und bald ekelte ſie das ein⸗ formige Kloſterleben an, und die Befugniß, ei⸗ ner Heerde zu gebieten, die ſo ausgelaſſen ge⸗ worden, wie ſie, war keine Gunſt des Schick⸗ ſals mehr fur die pflichtvergeſſene Nonne. Durſt nach ſchrankenloſer Freiheit, Habſucht kam an die Reihe in der jugendlichen Bruſt. Sie ſtahl den Schatz des Kloſters, floh als eine ehrloſe Diebin, und wollte mit ihrem Raube im Ver⸗ borgenen ſchwelgen. Da kam die Vergeltung in der Geſtalt des wilden Wolfgang, der die Raͤu⸗ berin auf ihrer Fahrt anhielt, ſie pluͤnderte, wie ſie ihr Stift gepluͤndert, und gefangen hielt ſeit⸗ her, als eine gleißende Beute, als ein uͤppiges Gaſtmahl fuͤr ſeine Sinnlichkeit.“ „Jeſus Maria!“ ſeufzte Marcus in auflodern⸗ der Angſt ſeines Herzens:„Unſeliger, deſſen Ge⸗ hirn ſo reich iſt an Geſchichten des Elends, deſ⸗ ſen Mund ſo kalt und boshaft das Regiſter menſch⸗ licher Verworfenheit ablieſ't, und giftige Grund⸗ ſätze dazwiſchen ſaͤet, den Zuhoͤrer vollends zu betaͤnben— wenn Du nicht gelogen haͤtteſt... wenn jenes Weib wirklich ſo ſtrafbar waͤre? weh' mir! was habe ich⸗verſprochen? nimmer, nimmer darf ich halten, da ich nun das Entſetzlichſte weiß, 1 — — was ich in leichtberuͤckter Unwiſſenheit zuge⸗ ſagt!“ „Solltet Ihr vielleicht die Hochzeit halten 2“ fragte mit tuͤckiſchen Augen der allwiſſende Ernef: „Haltet ihr, was Ihr verſprochen; ein Prieſter⸗ wort iſt ja heilig. Trau't ſi mit ihrem Buhlen; vielleicht rettet Ihr ſie dem ewigen Leben.“ „Hebe Dich weg, Verſucher!“ antwortete Mar⸗ cus mit Feſtigkeit:„Soll ich mich einer Suͤnde theilhaftig machen, indem ich die Kirchenſchän⸗ derin mit dem entweihten Sacrament begnadige? Die ewige Weisheit loͤſ't den von Boſen entlock⸗ ten Eid, die ewige Liebe wird die Suͤnderin ret⸗ ten, wenn meine ſchwache Hand ihr auch die Weihe verſagt.“ „Frommer Wahn! Kloſtervorurtheil, ehrwuͤr⸗ diger Herr!“ lachte Ernef, und fuhr dringender zu dem Prieſter fort:„Ich hoͤre ſie mit dem Buhlen kommen; trau't ſie, und laßt uns fliehen; die Nacht iſt noch nicht aus.“ In dieſem Augenblicke traten Hubert und ſeine Liebſie ein, gefolgt von der vertrauten Magd. Hubert — eilte mit vieler Freundlichkeit auf den Pater zu, und rief:„Verzeiht meinen Argwohn und meine Unhoͤflichkeit, Gottgeſandter! Mir ſind die Schup⸗ pen von den Augen gefallen, und mir wird in Euch heute ein zweiter Vater vom Himmel ge⸗ geben. Alles ſteht zu unſ'rer Flucht geruͤſtet; gebt uns zuvor den prieſterlichen Eheſegen, und wir werden ſtark ſeyn gegen unſere Feinde.“ Marcus draͤngte den ungeſtuͤmen Braͤutigam mit widerſtrebender Hand von ſich, und rief: „Verblendeter! hoͤre auf mit Deinen gotteslaͤſter⸗ lichen Wuͤnſchen. Du weißt nicht, was Du thuſt, und renneſt blindlings in's Verderben. Dieſes Weib iſt ſchon verlobt mit dem ſuͤßeſten Braͤutigam, und hat ihn verrathen. Sie hat den Erloͤſer und die Kirche mit Fuͤßen getreten, und kann nimmer eines Chriſten Gattin werden.“ Hubert prallte erſchrocken zuruͤck, das Fraͤu⸗ lein erbleichte wie Schnee, und wankte ſichtlich. „Mutter Thereſia! laͤugneſt Du, was ich ſage?“ fuhr Mareus im heiligen Eifer fort.— Die entlarote Frevlerin ſank dahin, wie eine fal⸗ lende Lilie. Ernef faßte ſie in ſeine Arme, da die aufkreiſchende Magd entfloh. 21. Scharfes Klopfen donnerte an das Thor. Die zitternde Magd offnete augenblicklich. Ein Schwarm von Knechten ſturzte herein, während von der andern Seite, wie von einem Zauberer hereingefuͤhrt, der durch eine Hinterthuͤre einge⸗ ſchlichene Wolfgang mit ſeinen Jägern erſchien. Wuͤthend fuhr er die Magd an:„Bekenne, Vet⸗ tel, oder ich laſſe Dich ſchinden! wo iſt das Fraͤulein? Ich komme von ihrer und Huberts Kammer, wo ich ſie in ſtraͤflicher Umarmuͤng zu finden dachte. Sie ſind meiner Rache jedoch entflohen, die Schaͤndlichen! und Du— geſteh' es— haſt darum gewußt, und ihnen fortgeholfen.“ Hedwig, um aus ſolcher Gefahr mindeſtens ihr Leben zu retten, ſaͤumte nicht, die Thuͤre zu dem Gemach aufzuſtoßen, worinnen ſich das Fraäulein mit den Uebrigen befand.— Der Schloß⸗ herr ſtuͤrmte wie ein Raſender hinein; ihm ent⸗ ——— — 205— gegen warf ſich Hubert mit einem Fauſtrohre bewaffnet. Während deſſen ſchrie Marcus der verzweifelnden Thereſia, welche von der fuͤrchter⸗ lichen Stimme Wolfgangs aus ihrer Ohnmacht ge⸗ weckt worden, mit dringender Mahnung zu, ſich durch die Kuͤche zu retten. Die Ungluͤckliche be⸗ durfte kaum eines ſolchen Winkes, getrieben von geißelndem Schreck; aber unter der Thuͤre fing Ernef die Fluchtige auf, und ſchleuderte ſie mit Rieſenkraft in das Getuͤmmel zuruͤck. Marcus gewahrte zugleich durch das groffnete Schiebe⸗ fenſter Steinheil's blaſſes Haupt, welches kalt und ſtier hereinglotzte, und der Prieſter erachtete nun, daß hier nicht mehr zu helfen, nicht mehr zu wehren ſey. „Halt da, Raͤuber und Unhold!“ ſchnaubte Hubert ſeinem Vetter entgegen, und druͤckte das Feuerrohr auf ihn ab. Die Kugel fuhr in die Wand, mit einem kraͤftigen Schlag warf ihm Wolfgang die Waffe aus der Fauſt, und ſtreckte ihn mit einem fuͤrchterlichen Hiebe ſeines breiten Jagdmeſſers unter graͤßlichen Verwuͤnſchungen — 26— zur Erde. Vergebens ſtuͤrzte Marcus zwiſchen das Opfer und den blutduͤrſtigen Metzger; Wolf⸗ gang hieb auch nach ihm, und wuͤrde ihn ver— wundet haben, wenn nicht Canis, der treue Hund, mit beiſpielloſer Gewalt an die Bruſt des alten Wolfs geſprungen waͤre, und ſomit ſeinen Herrn von der drohendſten Gefahr befreit haͤtte.— Die Jaͤger hetzten ihre Hunde auf den gutmuͤthigen Pudel, aber in den klugen Thieren ſchien ſich Sympathie fuͤr den tapfern Canis zu regen: ſie gehorchten dem Hetzruf nicht, und auch die ganze Bande roher Geſellen, den Fuͤh⸗ rer nicht ausgenommen, wurde ruhig, als der lange Gevatter Steinheil unter ihnen ſtand, und mit ſeiner Schaufel das Haupt des erblaßten Huberts beruͤhrte. Nun kam die Reihe an die zitternde Thereſia, die, von einigen Jagdknechten gehalten, den Spruch aus dem Munde ihres Zwingherrn er⸗ wartete. Sie verſah ſich zu nichts Gutem, denn ſie blickte mit troſtlos ſtarrem Auge anf den Ro⸗ ſenkranz des Kapuziners, und ihre weißen Lip⸗ — 205 pen bewegten ſich fliegend, wie in einem Stoß⸗ gebet. Marcus konute ſich aber ihr nicht naͤhern, denn zwiſchen ihm und dem armen Weibe ſtan⸗ den Ernef, mit funkelnden Augen, und der wie durch Inſtinkt herbeigekommene Hartmann mit ſeiner unheilſchwangern Geſtalt, und aus dumpfer Kehle die Worte hervorkraͤchzend:„Da haben wir's ja, da haben wir's! Wo ich bin, iſt auch der Jammer, und aus meiner Nähe er⸗ waͤchſ't das Unheil.“ Wolfgang, nachdem ſeine Zuͤge die grimmigſte Leidenſchaft von ſich geſtreift und in duͤſtere Ver⸗ ſchloſſenheit verſunken, redete alſo zu Thereſia, waͤhrend die Genoſſen alle ſchwiegen und nur der Donner draußen ungeheuerlich uͤber die Berge polterte:„So habe ich Dich ertappt auf boͤſem Willen und Vorſatz. Du wollteſt fliehen, wie Hedwig geſteht, wie Huberts Roß, das im Hofe geſattelt weilt, beſtätigt, und wie meine Ah⸗ nung mir es argwoͤhniſch eingegeben, ſchon ſeit drei Tagen. Fliehen wollteſt Du und mich ver⸗ rathen, und mich berauben, und weißt es, Toll⸗ 3 1 1 — 206— kuͤhne, daß ich den Tod auf ſolch' unſinnig Han⸗ deln geſetzt. Du haſt Deine Gunſt an den blu⸗ tigen Laffen hingeworfen, der hier am Boden liegt; nichts war mir ſchätzbar an Dir, als Dein Liebreiz: Deine Schoͤnheit war Dein Leben. Nun ſie keinen Werth mehr fuͤr mich hat, weil ich nichts, gar nichts mit Andern theilen will, ſtreich ich auch Dein Leben aus.“— Hierauf wendete er ſich zu einigen der verwegenſten Ge⸗ ſichter ſeiner Bande, und befahl, die Verurtheilte in den Schloßthurm zu fuͤhren, und Alles, wie er es ſchon angeordnet, zu bereiten. Dem Pater näherte er ſich mit drohender Haltung, und ſagte zu ihm:„Als ich Euer an⸗ ſichtig wurde am verwichenen Abend, hat mir ein Geiſt— vielleicht kein gutartiger— in's Ohr gerannt, daß ich Euch wuͤrde brauchen konnen. Darum ließ ich Euch hieher bringen, und nun bereitet Euch, die Gaſifreundſchaft zu vergelten, die ich Euch gewährte. Ich halte nicht viel vom Pſaffenſtande, am allerwenigſten von Eurem Or⸗ den. Doch ſoll es, wie es heißt, gut ſeyn, wenn — 207— in der letzten Stunde eines Menſchen Euer Ge⸗ bet und Eure Gegenwart nicht fehlen, und ich habe im Sinne, mich ſelber einſt in Eurer Kutte begraben zu laſſen. Da ich nun heute nicht aus Leidenſchaft toͤdte, ſondern als ein gerechter Rich⸗ ter, ſo mag ich auch meinem beſiegten Feinde die ewige Seligkeit wohl goͤnnen, wenn es eine ſolche gibt, und ſie durch Euer Gebet ſich erwerben laͤßt. So mogt Ihr neben dieſer Leiche beten, wie Eure Regel es will, und alsdann die Suͤn⸗ derin, die noch lebt, zum Tode bereiten. Spu⸗ tet Euch aber, und ſeyd flink, denn ſie muß da⸗ hin ſeyn, ehe der Morgen graut, und wir ſind jetzt in den kurzen Naͤchten.“ 22. Auf den raſenden Laͤrm, der im Schloſſe, ge⸗ wuͤthet, folgte nun eine tiefe Stille. Eine Stunde lang lag das Haus wie im Schlummer begra⸗ ben, und man hoͤrte darinnen kaum hin und wie⸗ der die Schritte eines hin- und hergehenden Knech⸗ tes, und die Waͤchter ſelbſt an den Thoren fluͤ⸗ — 208— ſterten nur leiſe zuſammen. Der Schloßherr ſaß in ſeinem Zimmer, und ſchwelgte in der nahen 3 blutigen Zukunft, Thereſia jammerte in ihrem Ge⸗ faͤngniſſe, hinter deſſen dicken Mauern die Laute ihres Schmerzens verhallten, von der Welt un⸗ gehdrt; Marcus kniete neben dem entſeelten Kor⸗ per Hubert— nicht ſowohl, weil der Räuber, als weil vielmehr ſein eig'nes Herz es ihm be⸗ fahl. Kein lebendes Weſen war um den Mönch 4 geblieben: Ernef und Hartmann, ſelbſt der treue Canis waren verſchwunden, und keine Zerſtreuung ſcheuchte von dem armen Marcus die Bitterkeit ſeiner Gedanken. Der ganze verwichene Auftritt ſchien ihm nur ein Fiebertraum geweſen zu ſeyn, und, vor dem Leichnam zuruͤckſchaudernd, und ſich in ſein Kloſter zuruͤckſehnend, rief er meh⸗ rere Male nach dem Freunde Adalbert, damit dieſer komme und ihn wecke aus der Qual ſeines Fiebers. DesFreundes Name jedoch erneute des Prie⸗ ſters Angſt, denn ungetrennt von Adalberts Ge⸗ ſtalt ſtand imn von Neuem Thereſia's Bild vor ſeiner Phantaſie, und ſeine Augen brachen in Weinen aus, wie ſeine Bruſt in Seufzen.— Sie ſollte ſterben? Hinuͤbergehen durch einen Mord, während noch das Leben ihr laͤchelte, wäh⸗ rend ihr noch Vergebung zu hoffen ſtand zu den Fuͤßen des heiligen Vaters? Marcus konnte ſich von der Moͤglichkeit dieſes ploͤtzlichen Todes nicht uͤberzeugen; es war ja nicht die Rede davon, die Aermſte in des Streites Hitze zu toͤdten;— wie ſollte Derjenige, der einſt an ihren Lippen gehan⸗ gen, in welchem ſie Gefuͤhle erweckt, welche ſelbſt die Beſtien zähmen, wie ſollte juſt er der Wuͤth⸗ rich ſeyn, zu zerſtoͤren, was er geliebt?— Da fielen aber dem Pater aus ſeiner Jugend und Schulzeit die roͤmiſchen Tyrannen ein, die um eitlen Blutdurſts willen, und um einer bloßen Laune zu gefallen, die Buhlerin, die Gattin, die Mutter dem Henker uͤberliefert, oder ſelbſt er⸗ wuͤrgt, und er wagte nicht mehr, auf das Herz des verwilderten Menſchen zu hoffen, ſondern al— lein auf die wunderthatige Barmherzigkeit Got— tes. Dieſem letzten Hort e hl er ſich und Syinblevs ſinmil. Werkt XKX. Bd. Herpſtviolen I. 14 die Suͤnderin Thereſia, als der Knecht hereinge⸗ treten war, der ihn zu derſelben beſchied. Mit ſchleppendem Tritte folgte er dem Boten einer rauhen Gewalt nach dem Schloßthurm. Wenige Stufen fuͤhrten von einem abſchuͤſſigen Vorplatz in ein gewoͤlbtes Gemach, das von ei⸗ nigen hie und da zerſtreuten Lampen erhellt war, und worinnen die Gefangene bewacht wurde. Man hatte ſie mit Ketten belaſtet, ſo daß ſie kaum einige Schritte dem Moͤnch entgegen gehen konnte, uͤberſtroͤmt von Thraͤnen, und fiebernd in der entſetzlichſten Todesangſt. Sie deutete auf die Waffen der Wächter, und wimmerte, die Hände ringend:„Iſt jetzt der Augenblick gekommen? Muͤßt Ihr ein Zeuge ſeyn, daß ich ſterbe? hätte vielleicht das Ungehener Wolfgang auch Euch dem Tode geweiht? Vergebt mir denn dieſe letzte Suͤnde, ſo wie der Erbarmer die andern, womit ich be— laſtet, mir erlaſſen moͤge. Ich bin aber noch jung genug, um das Leben zu betrauern, um mit bit⸗ term Widerwillen davon zu ſcheiden, und bitte — 211— Euch, dieſes letzte Scheiden mir durch Euren Troſt ertraͤglich zu machen.“ „Deßhalb bin ich hier, Thereſia!“ antwortete ihr der Pater mit bewegter Stimme:„Man zwingt mich, Euer Beiſtand zu ſeyn, aber ich kann noch nicht glauben, daß die grauſame Dro— hung zur Wahrheit werden ſoll.“—„Ihr kennt den Wolfgang nicht;“ verſetzte Thereſia mit ſtar⸗ rem Blick, und einem Tone, der keine Hoffnung mehr zuließ:„Das Boͤſe, ſo er verſprochen, haält er getreu und puͤnctlich. Ich habe mich keiner Rettung zu verſehen.“ Da ſetzte ſich der Moͤnch zu der Verurtheil⸗ ten in die Ecke, und hoͤrte, waͤhrend die Wächter, von einem Reſt von Ehrfurcht fuͤr das Heilige bewogen, den Ruͤcken wendeten, Thereſia's Beichte. So freimuͤthig indeſſen das Weib Alles be⸗ kannte, was ſchwer auf ſeiner Seele lag, ſo gefaßt der Pater auch alle dieſe Bekennt⸗ niſſe, trotz ihrer Schauerlichkeit anhoͤrte, um nur zum Schluß, zur Losſprechung zu kommen, ſo verzogerte ſich doch dieſelbe drt abſedech — 212— Stoͤrungen, welche hemmend dazwiſchen traten. Bald trommelte es dem Prieſter vor den Ohren, wie ein boͤſer Fluß, und verwirrte ſein Gehoͤr, daß er drei⸗ oder viermal nach einer und derſel⸗ ben Sache fragen mußte; bald uͤberkam Thereſia ein Geſicht, daß ſie vermeinte, es ſitze Adalbert an ihrer andern Seite, und ſage ihr mit ſtren— gem Abſcheu:„Quäle Dich nicht mit Deinen Ge⸗ ſtaͤndniſſen, denn Du biſt ja doch verdammt in Ewigkeit, während ich ſchon jetzt meinen Stuhl im Himmel bereitet habe; der Herr verwirft Dich ſo wie ich Dich einſt verworfen.“ Dieſe ſeltſam⸗ liche Erſcheinung fuͤr ein Geſpenſt ihrer Einbil⸗ dungskraft auszugeben, verſäumte nun zwar Mar⸗ cus nicht, aber demohngeachtet betaͤubte es die Seele der Reuigen, daß dieſelbe ihre Bekenntniſſe immer wieder von Neuem anfangen mußte, weil ſie der Reihe nach nicht mehr weiter konnte. So guaͤlten ſich Beichtiger und Buͤßerin in frucht⸗ loſem Bemuͤhen, und während deſſen ſchlug die ſtum trat Wolfgang, von ſeinen Trabanten be— Stunde des Opfers. Mit Gerauſch und Unge⸗ beee — 213— gleitet, in den Thurm, und ſeine Worte waren: „Iſt die arme Suͤnderin fertig? Es darf nicht geſäumt werden; ſchon kraͤht der Hahn.“ „O, ſo laß't den Tag heraufkommen vollig, hartherziger unberufener Richter!“ verſetzte Mar⸗ cus flehend mit aufgehobenen Händen:„Die Nacht gehoͤrt dem Boͤſen, und es will darinnen keine gute Saat aufgehen. Das Tageslicht, wel⸗ ches ſelbſt ein troſtreicher Engel iſt, wird Troſt und Heil in die dde verlaſſene Seele dieſer Un⸗ gluͤcklichen ſtrahlen. Dieſer Engel mag auch dann Dein Herz beruͤhren, daß es milde werde und vergebe, im Gedaͤchtniß Deiner eig'nen Suͤnden.“ „Keine Vergebung!“ murrte der Schloßherr: „Ich habe Dich nicht zum Faſtenprediger aufge⸗ dungen, heuchleriſcher Pfaffe. Hat Dein Hocus Pocus nicht gewirkt, ſo iſt es deſto ſchlimmer fur die Verbrecherin, gilt jedoch mir gleich. Schleppt ſie heran, ihr Knechte!“ Thereſia ſtieß einen gellenden Schrei aus, da man ſie von dem Pater riß, und vorwärts fuͤhrte. Marcus, der wohl ſah, daß hier kein Angenblick — 214— zu verlieren ſey, ließ ſich nicht abſchrecken, und fuhr mit heiligem Eifer fort:„O, ſey nicht taub gegen meine Worte, damit nicht einſt das Gericht taub ſey vor Deinen Bitten! Auch Deine Gebeine werden einſt im Thale Joſaphat aus der Erde ragen, und um Barmherzigkeit flehen. Leugneſt Du aber jene hehre Stunde der Zukunft, verſchmähſt Du den Glauben an Unſterblichkeit und Gericht der Todten, ſo gedenke des Urtheils, welches Deiner noch in der Welt harren mag, gedenke der Menſchheit, die ſich einſt an Dir raͤ⸗ chen duͤrfte, weil Du ſie ſchmachvoll beleidigeſt; gedenke der Obrigkeit, der Du hienieden unter⸗ worfen biſt, und welcher Du frevelhaft und moͤr⸗ deriſch in's Amt zu greifen begehrſt!“ Der Schloßherr lachte wild auf, und entgeg⸗ nete hoͤhniſch:„Meinen Reſpect vor der Obrig⸗ keit, aber ich unterſtehe mich, in meinem Hauſe mein eigen Gericht und meinen eig'nen Blutbann auszuuͤben. Gefaͤllt's dem Biſchof und dem Kai⸗ ſer nicht, ſo mogen ſie kommen und mich ſtrafen. Mein Schwert iſt ſo ſcharf als das ihrige. Rich— tet den Stuhl, ihr Leute!“ Auf ſeinen Wink riß einer der Knechte die Tapete weg, die einen Winkel des Gemachs ver⸗ deckt hatte, und ein Sandhaufen wurde ſichtbar, dahinter ein Richtſtuhl und ein breites blankes Schwert lehnte an demſelben. Ein dichter Kreis drängte ſich um den Mordplatz, Thereſia heulte außer ſich auf, und feurig ſtiegen zum Gehirn des Prieſters die Wellen des eigenen edlen Blu⸗ tes, da er des Blutes gedachte, welches in dieſen Sand rinnen ſollte. Mit dem Muthe und der Hingebung, die einen tugendhaften Diener Gottes im Kampfe fuͤr das Recht der Menſchheit aus⸗ zeichnen, warf ſich Marcus dem unerbittlichen Wolfgang noch einmal entgegen, faßte ſeine wi⸗ derſtrebenden Haͤnde, erniedrigte ſich ſogar vor dem Unhold, und rief mit herzzerreiſſenden Tonenz „Hdre mich, alter Mann, der den Schnee ſeines Haupts mit dem Scharlach des Mordes zu ti⸗ gern begehrt! Hore mich, alter Verbrecher, den auf der naͤchſten Jagd eine fallende Tanne zer⸗ — 246— ſchmettern, ein Wilderer toͤdten kann, der in ſei⸗ nem Bette zur Nachtzeit nicht mehr ſicher iſt vor dem Tode, welcher die Greiſe gern im Schlum⸗ mer wegholt! Denke an Deinen irdiſchen Leib, wenn Du nicht an eiue unſierbliche Seele glau⸗ ben willſt; fuͤhle in Gedanken den grauſigen Schwerthieb, welchen Du Deinem Opfer bereitet, und treibe Dein blutiges Spiel nicht weiter. Du biſt von Menſchen gezeugt: Vergib um Deiner Aeltern willen! Du biſt getauft worden, wie wir: ſey menſchlich um des Chriſtenbundes wil⸗ len. Du haſt als Knabe zu Deinem Schutzengel gebetet: um dieſes Engels willen kehre zur Barm⸗ herzigkeit zuruͤck. Der dreieinige Gott ſieht uͤber⸗ all, was auf der weiten Welt gethan wird, und folglich auch die That, die Du begeh'ſt. Zitt're vor ſeiner Rache, denn er iſt auch ein ſtarker und zorniger Gott: ſchaͤme Dich vor Deinen Ge⸗ ſellen allen, welche bleich umherſtehen, und Ruͤh⸗ rung fuͤhlen, waͤhrend Du allein verſtockt biſt. Gewiß: unter allen dieſen harten Maͤnnern findet — 217— ſich kein einziger, der ſeine Fauſt erhobe, den Streich zu fuͤhren, den Du gebieteſi.“ Als nun der Moͤnch erſchoͤpft ſchweigen mußte, ſtieß ihn Wolfgang heftig von ſich, und erwiederte grimmig:„Du haſt Luſt, frecher Kloſterbruder, meine Rache zu koſten? Huͤte Dich, ſage ich Dir. Erfahre jedoch, daß ich alle dieſe Burſche um mich her fur allzuehrlich achte, als daß ich einem von ihnen befehlen moͤchte, die Verbre⸗ cherin zu richten. Einer Deiner eig'nen Beglei⸗ ter ſoll mir den Gefallen thun.“ Er ſah im Kreiſe um, und winkte dem Dreiblatt Ernef, Hartmann und Steinheil, die plotzlich neben ein⸗ ander daſtanden, indem er rief:„Holla, ihr fremdes Geſindel! Welcher von Euch ſchlägt, mir zu Gefallen, der Suͤnderin den Kopf von den Schultern?“ Hartmann ſtammelte aͤchzend und zitternd, obſchon mit einem giftigen und mordgierigen Blick: „Ich kann nicht, Herr, wie ich auch wollte; es iſt mein Arm zu ſchwach, das gewaltige Richt⸗ maß zu fuͤhren, und hoͤchſtens einen Dolchſtoß — — 2 vermoͤgend.“—„Ich will heut' keinen Meuchel⸗ mord,“ erwiederte Wolfgang,„ſondern ein red⸗ liches Scharfrichteramt. Was meinſt Du?“ Er zeigte auf Ernef. Dieſer verſetzte hohnlaͤchelnd die weißen Zaͤhne zeigend:„Mein Amt geht noch nicht an. Es beginnt erſt nach dem Streiche, und dieſen wird, wenn ich nicht irre, mein Nach⸗ bar fuͤhren.“ Sogleich trat Steinheil mit einem langen Schritte vor, warf den grauen Regenmantel, der uͤber ſeinen Schultern hing, von ſich, und hob, veraͤchtlich das an den Stuhl gelehnte Schwert zu Boden tretend, eine hellflammende lange Klinge empor. Allen rieſelte es wie Hagelſchauer durch die Adern, und ſchon faſt leblos lag Thereſia zu des Paters Fuͤßen, der vergebens in ihr betaͤnbtes Ohr die dringende Mahnung rief, die Beichte zu vollenden. „Ein reiſiger Scharfrichter!“ ſagte Wolfgang mit dumpfer Stimme, ſelbſt an allen Gliedern bebend:„An's Werk denn, Geſelle!“ Nun mußte Marcus ſehen, wie Ernef ſelbſt ———. aus ſeinen Armen die Ungluͤckliche zog, eine grim⸗ mige Haſt in ſeinen Blicken, und der arme ſchwa⸗ che Moͤnch konnte es nicht wehren; er mußte ſe⸗ hen, wie das Opfer von Hartmann auf den Stuhl gebunden wurde, ſehen, wie Steinheil zum zwei⸗ tenmal das Schwert erhob... Da uͤberkam, wie es ſchien, den Schloßherrn eine menſchliche Ruͤhrung, und er hob die Hän⸗ de, und er winkte mit dem weißen Tuche.... aber Steinheil, der blaſſe Gevatter, ſagte lang⸗ ſam, als ob er in Glockenklaͤngen ſpräche:„Heute ihr, morgen Dir!“— Der Blitz fuhr herab, das Haupt rollte in den Sand, das Blut ſprang.... Aller Sinne beraubt ſchlug der Pater zur Erde nieder, ſchlummerte in ſchwerer Betaͤubung hin⸗ uͤber, und erwachte, da ſchon die Morgenſonne golden durch die zerriſſenen Wetterwolken ſtrahl⸗ te, auf einem bethauten Raſenabhang. Neben ihm floß ein klarer Forellenbach, und als er ſich aufrichtete, ſah er in dem Spiegel der Fluth ſein Bild, und erſchrack. Sein Haar und Bart wa⸗ ren in der verwichenen Nacht weiß wie Hagel⸗ ſchloſſen geworden. 23. Da weinte er bitterlich, und ſprach betruͤbt vor ſich hin:„So hat mich denn alſo ſchnell das hohe Alter erreicht, obgleich mein Herz noch jugendlich gluͤht und mannskraͤftig pocht! So habe ich denn meinen Theil hinweggenommen von dem Lohne der Suͤnde, in deren Labyrinthe ich mich bewegte, ſeit ich vom vaͤterlichen Dache Abſchied nahm. O warum, Herr, mir dieſen Kelch voll Bitterkeit? Ich erliege unter der Laſt des Elends, das ich geſehen, und wuͤnſchte ſchier, nicht mehr zu leben.“— Da ſchrie ein Vogel uͤber ſeinem Haupte; er ſah zum Baume hinan, wo eine Dohle die Fluͤgel ſchlug, und gewahrte an einem leicht zu erreichenden Aſt eine ſauber gedrehte Schlinge, die nur auf den Hals warte⸗ te, der ſich von ihr zuſchnuͤren laſſen wollte. Der Moͤnch erſchrack vor dieſem Anblick, und entging durch einen frommen Entſchluß mit Muth und —— —— Kraft der abſcheulichen Verſuchung. Der Vogel flatterte kraͤchzend weg.— In ſeinen Betrach⸗ tungen aber fuhr Marcus weiter fort:„Soll der froͤmmſte Menſch, der unbefangenſte Knabe ſelbſt, nicht jedes Vertrauen auf die Tugend verlieren, wenn er Zeuge ſolcher Begebenheiten wird, wie ich ſie erleben mußte? Zieht nicht das Laſter auch den Reinen uͤbermaͤchtig in ſei⸗ nen Kreis, und entrinnt er wohl den rußigen Klauen ohne Flecken? Welch' ein Schmerz fuͤr meine Seele, den geliebteſten Freund als die frei⸗ lich unſchuldige Wurzel ſo vielen Jammers zu erkennen 2“— Er buͤckte ſich zu dem Bache, um mit einigen kuͤhlen Tropfen ſeine heißen Augen zu benetzen, und erblickte in der klaren Flaͤche ſtatt ſeines Bildes plötzlich die Geſtalt Adalberts, die vor einem Altar auf den Knieen lag, mit Thraͤnen und Verzweiflung die Bruſt zerſchlug und dabei zu rufen ſchien:„mea culpa, mea maxima culpa!“— Ein gewiſſer unheimlicher Schauer vor dem Freunde ſelbſt packte den Ka⸗ puziner: dieſer Widerwillen wallte wie ein be⸗ ruͤckender Nebel um ſein Haupt, und es mahnte ihn leiſe, abzulaſſen von dem Geliebten, und gleich dem Phariſäer Gott zu danken, daß er nicht ſey, wie jener. Befremdet ob dem ſeltſamlichen Zwieſpalt in ſeinem Gemuͤthe richtete ſich Marcus auf ſeinen Knieen auf, und ſchaute, ſich zu zerſtrenen, bald in die gruͤnen Schatten der ſtarken Buchen, bald hinaus auf die freiere Flur. Die Einſamkeit um ihn her belebte ſich unvermuthet: ein frem— der Kapuziner zog mit einer jungen Wallfahrerin durch den Wold, und predigte ihr mit ſcheinhei⸗ liger Miene, bis er, unfern von Marcus, auf einem Raſenſitze mit der Begleiterin ruhte, und, mit ihr zu koſen, und endlich ſträͤfliche Luſt zu aͤußern begann in gluͤhenden unziemlichen Kuͤſſen. Empoͤrt drehte ſich Marcus von dem Schauſpiel weg, und ſah da⸗ gegen auf der andern Seite terminirende Bruͤder durch den Wald fahren, und ſich trunken ma⸗ chen an den Geſchenken fuͤr das Kloſter, und die eig'nen Säckel fuͤllen, der Regel zuwider, von den Pfennigen, die dem Kloſter gehoͤrten.— Er⸗ 25 ſchrocken ſuchte des Paters Auge Schutz vor ſol⸗ chen Graͤueln, ſeitwaͤrts blickend, und gerieth in einen dem Beſchauer gedffneten Kloſtergarten, wo ein Kapuzinerconvent in den Freuden einer Collation ſchwelgte, trinkend, ſchmauſend, Kegel ſpielend, und wuͤſte Lieder ſingend, wie der Fre⸗ velmuth der Laien ſie erdachte, um den Orden zu verſpotten und anzuſchwaͤrzen. Zwiſchen al— len dieſen Bildern ging aber der heilige Franz in eig'ner Perſon umher, und aus ſeinem Kleide und Barte ſchlugen kniſternde Funken, und er klagte, in der Weiſe der Lamentation des Jere⸗ mias:„O ſieh' her, mein lieber Sohn Marcus, wie ich verdammt bin um meiner Thaten wil— len, und daß ich Juͤnger gezogen habe, die ſich verderben zeitlich und ewiglich! O wie waͤre es beſſer, ein Heide zu ſeyn, als der Bruder ſolcher Gotteslaͤugner und Kirchenſchaͤnder! O Du, dem dieſe Wunder die Leuchte der Erkenntniß in's Ge⸗ muͤth tragen, entreiſſe Dich den Schlingen, die auch Deiner Tugend drohen, weiche von dem unreinen Bunde, und fuͤrchte Dich nicht vor dem — 224— Bann und dem Fluch der gereizten Tiger, denn der Himmel bluͤht Dir, wenn Du auch zum Ketzer wuͤrdeſt!“ Die Geſtalt des Ordensſtifters zerrann im gruͤ⸗ nen Waldesduft, und auch die anſtoͤßigen Bilder ſchwanden dahin, aber doppelt warm und bele— bend ſchien die Sonne, und der Voͤgel buntes Heer wurde doppelt laut aus den geſchwaͤtzigen Schnaͤbeln. Rehe und Hirſche ſprangen durch den hallenden Hain, und ein reizendes Paradies voll von Blumen und Fruͤchten und froͤhlichen lebendigen Menſchengeſtalten lockte aus der Fer⸗ ne, und wieder ſo nahe, und ſo hell, als ob es dem Pater dicht vor Augen ſtuͤnde, ſo daß ihm neue Luſt am Daſeyn in der Bruſt aufging, aber eine Luſt, wie er ſie nie gekannt, ſprudelnd in unruhiger Sehnſucht, haſchend, wie mit Bria⸗ rens⸗Armen nach dem Genuße, nach dem Erſatz fuͤr lange Jahre der Entſagung, nach dem Tau⸗ mel der Sättigung, dem der Todesſchlummer des Ueberdruſſes folgt. Zugleich bildete ſich in angenehmer Geſchäftigkeit um den Moͤnch her eine Welt von wunderbaren Geſtalten. Poſſier⸗ liche Gnomen dffneten zu ſeinen Fuͤßen Truhen voll von Gold, Perlen und Edelſteinen; Feuer⸗ geiſter kelterten vor ſeinen Augen gluͤhenden und duftenden Wein; geputzte Knechte hielten an gold'⸗ nen Zuͤgeln ſchnellkräftige Pferde; Pagen voll Anmuth und Jugend breiteten koſtliche Kleider und Schmuck vor ihm aus; Madchengeſtalten von verfuhreriſchem Reiz boten ihm in blinken⸗ den Flaſchen einen Trank der Verjuͤngung und die geheimnißvollen Mittel, dem Koͤrper Schoͤn⸗ heit zu verleihen. Alle riefen und fluͤſterten durch⸗ 3 einander:„Eile und ſchmuͤcke Dich; nimm und verjuͤnge Dich! trink' und lod're auf in Luſt, pflaſt're mit Gold Deine Straße durch die Welt, laß' fallen die Kutte, und jage dahin auf brau⸗ ſenden Roſſen bis an den Ort, wo Alles aus iſt!— Marcus, wie von Trunkenheit befangen, laͤchelte den dienſtbaren Gehuͤlfen zu, während er ihnen doch widerſtreben wollte, und erwachte nur dann aus ſeiner Betäubung, als der zudringliche Syindler's ſämmtl. Werke NXX. Vd. Herbſtviolen I. 15 — 26— Schwarm ihm mit Gewalt das Ordenskleid zu entreiſſen ſuchte. Wie er aber zur Seite blickte, gewahrte er mit Vergnuͤgen den treuen Pudel Canis, der an ſeinem Kleide geriſſen hatte, und ein paar Schritte davon ſtand Hartmann, er⸗ baͤrmlich zuſammengeſunken wie ein Marterbild, und als ob er ſein Todesurtheil erwarte. Nachdem der Kapuziner ſeinem treuen Hunde einige Augenblicke geſchenkt, um ihn freundlich zu empfangen, ſagte er zuͤrnend zu dem Kraͤ⸗ mer:„Du unterſtehſt Dich, Unſeliger, Dich noch vor meinen Augen zu zeigen? Du, der den Scher⸗ gen bei dem blutigen Auftritt machte, den meine armen Augen ſchauen mußten?“ Hartmann erwiederte mit einer ſanften heuch⸗ leriſchen Stimme:„Ach, ehrwuͤrdiger Pater, konnte ich denn anders thun, da ich ohnehin ſchon in den Stricken des böſen wilden Jägers lag? Mir drehte ſich das Herz um, denn ich kann Niemand ſterben ſehen, und ich verſchmaͤhte ſogar einen Becher, den mir Ernef, nachdem er ihn mit dem Blute der armen Suͤnderin gefuͤllt hinreichte, obſchon dieſer Trank mir heilſam ge⸗ weſen waͤre. Ich eilte mit dem Lothringer ver⸗ eint, Euch aus dem Schloſſe zu tragen, und wir legten Euch an dieſem Bache nieder, damit Ihr in der Kuͤhlung Euch erholen moͤchtet. Canis kam mit herbei, und Ernef ging dann hinweg. Ich bin aber Euer unterthaͤnigſter Knecht, und bitte, daß Ihr das Vorgefallene vergeſſen wol⸗ let, und die Hand von einem Unghuͤcklichen nicht abziehet, der kaum die Haͤlfte ſeiner Buß- und Heilfahrt zuruͤckgelegt.“ Die uͤbernommene Pflicht, obſchon eine bittere Frucht, mahnte das Gewiſſen des Paters, und nach einem kurzen Bedenken verſetzte er mit ern⸗ ſtem Geſichte:„Wohlan; ſo will ich denn in's Himmels Namen an Deiner Seite ausharren, und froh ſeyn, daß der Lothringer wenigſtens fort iſt, dem ich nimmermehr mit unbefaugenem Herzen begegnen wuͤrde. Aber bergeſenwas in dem mit Fluch beladenen Schloſſe! vorgegan⸗ gen— das kann ich nicht, weil ich einen Denk⸗ zettel an mir trage, der ſich nie verwiſcht.“— 45* Er deutete auf ſeine weißen Haare, und wan⸗ derte dann mit Gott ergebener Faſſung nach Fuͤeſſen hinein, um mit ſeinem Patienten in der Kirche des heiligen Magnus zu beten, die Obrig⸗ keit von Wolfgang's verruchter That in Kennt⸗ niß zu ſetzen, und alsdann die weitere Fahrt zu — unternehmen. 24. An den tyroliſchen Gränzen entſpringt ein klei⸗ ner Fluß, die Amper genannt, und durchſtromt, nicht allzuweit von ſeinen Quellen entfernt, ein hochgelegenes Thal, in den baiernſchen Gebir⸗ gen, das ſich nach ihm nennt, wie auch meh⸗ rere Doͤrfer, die in ſelbigem Bergthale liegen. Das Land iſt rauh, und Futterkrauter gedeihen noch dort am beſten auf langen Matten längs dem Fluͤßlein Amper, aber die Leute, die jenen Gau bewohnen, ſind fleißig, um das Leben zu gewinnen) das ihnen der karge heimathliche Bo⸗ den nicht ſichert; wer aber fleißig iſt, iſt zu⸗ gleich andächtig und fromm geſinnt, und das 8 8 waren von jeher die Bewohner von Ammergau, weßhalb ſie auch der Himmel durch ihre Andacht ſelbſt mit neuen Huͤlfsquellen begnadigt hat.— Es war noch nicht lange her, zur Zeit, als Mar⸗ cus mit ſeinem Gefährten von Fuͤeſſen aus den Weg nach Oberammergau nahm, daß die Peſt, von welcher dazumal Baiern, kurz nach dem dreißigjährigen Kriege befallen worden, auch das ſtille abgeſchiedene Bergthal, wo die Amper fließt, heimgeſucht hatte. Die Peſt war von Wien ge⸗ kommen, und hatte bald das baiernſche Land vom Inn bis zum Lech verheert, und in den Ort— ſchaften Murnau, Partenkirchen und der Umge⸗ gend derſelben ihren blutigen Thron aufgeſchla— gen. Da waren die Maͤnner in Ammergau zu⸗ ſammengetreten, und hatten beſchloſſen, daß Nie⸗ mand vom Fuße der Berge, die das Thal von dem uͤbrigen Lande trennen, hereingelaſſen wer⸗ den ſollte, noch Jemand Jus dem Thale ſelbſt hinabginge uͤber die Berge, um wiederzukehren; alles verpoͤnt bei großer Strafe, damit nicht das Peſtgift nach Oberammergau käme, weil es ſich — 230— vertragen ließ in den Kleidern, ſelbſt in den Nahrungsmitteln, und da war, ehe man ſich's verſah. Das Gebot der Gemeinde wurde tren⸗ lich gehalten, bis die Kirchweihfeiertage kamen. Da wurde Einem von Ammergau, der ſchon ſeit mehrern Monden als Tagloͤhner in Eſchenlohe, jenſeits des Ettaler Berges ſtand, ſchwer zu Sinn und Herzen, und er bekam das Heimweh, weil er die Feiertage mit ſeiner Familie zu begehen ſich ſehnte, und dennoch wegen des Verbotes, von der Heimath wegbleiben ſollte. Die Sehn⸗ ſucht nach Weib und Kind iſt aber unwiderſteh⸗ lich, und reicht oft weit uͤber die Furcht vor dem Tode und vor den Geſetzen hinaus. Dieſes er⸗ wahrte ſich an dem armen Tagloͤhner, der plotz⸗ lich in der Nacht den Brodherrn verließ, in deſ⸗ ſen Hauſe juſt einer peſtkrank geworden war— ſich wie ein Fluͤchtling auf ſchlecht gebahnten und verſteckten Schleichwegen uͤber's Gebirg ſtahl, und heimlich wie ein Dieb zu den Seinen in die eig'ne Huͤtte trat. Seine unvermuthete An⸗ kunft erregte viele Freude, aber das Leid kam ——,—— hinterher, denn er hatte die Krankheit ſelbſt im Leibe mitgebracht, legte ſich ſchon am zweiten Tage und ſtarb am dritten; und viele Leute, die, weil des Taglohners Familie die Ankunft und den Tod deſſelben nicht mehr verheimlichen konn⸗ te, neugierig herbeigekommen waren, die Leiche zu betrachten, gingen, angeſteckt vom Peſiduft, wieder nach ihren Haͤuſern, ſo, daß ein großes Sterben im Thale ausbrach, und immer weiter um ſich griff, weil kein Arzt und Bader zu hel⸗ fen wußte, und der Schrecken allein ſchon Kranke in Menge darniederwarf. Da gedachten die Am⸗ mergauer mit glaͤubiger Zuverſicht des himmli⸗ ſchen Arztes, empfahlen ihm neben der Seele auch den Leib, und thaten das Geluͤbde, alle zehn Jahre mit großer Feierlichkeit und Andacht die Leidensgeſchichte des Erloſers bildlich darzuſtellen, wofern der Heiland durch ſeine Fuͤrſprache das grimmige Peſtuͤbel von ihnen wende. Das Ge⸗ bet der Frommen wurde erhoͤrt, und dem Ster⸗ ben wie durch ein Wunder Einhalt gethan, ſo daß bald wieder froͤhliches Leben auf der Staͤtte . — 6 des Todes herrſchte, und preiſender Jubel klang, wo noch kurz zuvor Verzweifelnde aͤchzten. In ihrer Freunde vergaßen jedoch die Ammergauer— weniger leichtſinnig, als die Schiffer im adria⸗ tiſchen Meere— ihres Geloͤbniſſes nicht, und ſtellten ſchon im naͤchſten Jahre auf einem gro⸗ ßen Theater die Paſſionsgeſchichte nach der Weiſe der alten Myſterienſpiele, unter großem Zudrang von Fremden aller benachbarten Laͤnder feierlichſt und ohne Storung vor. Dieſes fromme Schau⸗ ſpiel, weil es ſich oft im Laufe des Sommers wiederholte, immer einen Sonntag uͤber den an⸗ dern, und der Znſchauer immer mehrere und mehrere lockte, zog viel Geld und Verdienſt in das Thal, denn die Fremden zehrten wacker, und bemerkten bei dieſem Anlaß, daß die Ammer⸗ gauer eine beſondere Fertigkeit beſaͤßen, Cruzi⸗ fire, Roſenkraͤnze und Heiligenbilder, wie auch Spielwerk und kleine Geraͤthſchaften uͤberaus kuͤnſi⸗ lich aus Holz und Bein zu ſchneiden und zu drechſeln. Ein Jeder wollte von ſolch' kuͤnſtli⸗ chem Werk kin Angedenken ſeiner Fahrt nach „ ———— — Hauſe bringen, und ſomit floß wieder manche ſchoͤne Summe in die Werkſtaͤtte der frommen Handwerker. Die Ortſchaft befand ſich wohl da⸗ bei, und hielt ſchon aus dieſem Grunde eifrigſt die Zeit ein, da die Spiele wiederkehren ſollten. Eine ſolche wiederkehrende Friſt war es, die den Pater Marcus, als den Begleiter des zur Wallfahrt verlobten Hartmann's, von den Ufern des wilden Lechs gen Oberammergan fuͤhrte. Der Sommer war heiß geworden; des Regens gab es wenig, und die Spuren einzelner Gewitter⸗ ſturme verwiſchten ſich bald unter dem gluhen⸗ den Strahle der Sonne, die vom blauen Him⸗ mel argen Brand verſendete. Die Wanderer waren erſchoͤpft, da ſie ſich dem Dorfe naͤherten, beſonders aber der Kapuziner, der zu Fuͤeſſen Gelegenheit gefunden hatte, alle ſeine chriſtlichen Pflichten mit eremplariſcher Geduld zu uͤben, und dabei ſeine Kraͤfte aufzureiben: Hartmann hatte daſelbſt eine nicht lange dauernde, aber aͤußerſt gefaͤhrliche Krankheit uͤberſtanden, und jede Sorg⸗ falt des Prieſters in Anſpruch genommen. Tag — 234— und Nacht war der aͤcht fromme Mann nicht vom Lager des Leidenden gegangen, hatte ihm die Arzneien ſowohl fuͤr den Koͤrper, als fuͤr die Seele gereicht: kuͤhlende Traͤnke ugd lindernden Troſt. Manchmal, wenn des geißlichen War⸗ ters Ermattung allzugroß wurde, ſtieg in ihm der Gedanke auf, endlich einmal zu ruhen und den Patienten ſich ſelbſt zu uͤberlaſſen; aber Mar⸗ cus widerſtrebte alſobald dieſen Forderungen ſei⸗ ner erſchopften Natur, und durfte ja auch nicht einen Andern herbeirufen, den Kranken zu pfle⸗ gen, weil derſelbe in ſeinem Fiebertaumel ent⸗ ſetzliche Dinge ſprach, die den Argwohn eines Dritten nur allzuſehr rege gemacht haben wuͤr⸗ den. Der Moͤnch hielt alſo wacker aus, konnte aber dennoch, ſo geneigt ſeine chriſtliche Liebe war, alle Reden des Kranken für einfaͤltiges De⸗ lirium zu halten, ſeinem Mißtrauen nicht ganz gebieten, indem er an den ſonderbaren Auftritt zu Baden ſich erinnerte, wie an das hoͤchſt auf⸗ fallende Benehmen des Kraͤmers, ſo oft Ernef ſeinen grauſamen Hohn gegen ihn ausließ. Zu⸗ ———— gleich war in dem guten Prieſter, ſo oft er ei⸗ nen freien Angenblick im Geſpraͤche mit ſeinen Ordensbruͤdern zu Fuͤeſſen verbringen konnte, eine doppelte Sehnſucht nach der kloſterlichen Zelle aufgeſtiegen, und immer ſchwerer duͤnkte ihm die Laſt, die der Machtſpruch des Oberſten ihm aufgebuͤrdet, und darum drängte er den kaum geneſenen Hartmann wieder auf die Fahrt, da⸗ mit ſie doch recht bald an das Ziel kommen moͤchten. Auf der Reiſe aber kamen hin und wieder dem Prieſter neue Anwandlungen von Ab⸗ ſcheu gegen ſeinen Begleiter, den er heuchleriſch und verſchloſſen fand, ſo oft er ihm mit ruͤh⸗ render Freundlichkeit zuredete, ſein Gewiſſen durch ein Bekenntniß zu erleichtern, wenn er irgend eine verborgene Unthat auf dem Herzen hätte.— Oftmals ſchien es dem Moͤnch, als rief ihm eine Stimme in's Ohr:„So gehe doch fort, und laß' dieſen wuͤſten Geſellen allein!“ oder: „Dem Burſchen hilft doch nichts, aber er macht Dich unglucklich, darum gehe fort, und entfliehe ihm!“— Einſtens ſogar— Hartmann lag juſt, vor Muͤdigkeit eingeſchlummert, auf einem Fel⸗ ſenabhange, und nur ein paar Schritte vor ihm gaͤhnte eine tiefe Kluft, auf deren Grund ſpitzige Tannen ſich aufreckten, wie ein Lanzenwald— fluͤſterte dieſelbe Stimme, beunruhigender und dringender als je, in das Ohr des Paters:„Be⸗ nuͤtze doch einmal die gute Gelegenheit, und ſchleu⸗ dere den Burſchen mit einem Fußtritt in die Kluft, damit er auf den Spitzen der Tannen oder im ſcharfen Gerdll ſeinen Tod finde, und nicht mehr eine Rede von ihm ſey. Du biſt alsdann frei, und binnen wenigen Tagen in Dei⸗ ner Zelle zuruͤck!“— Marcus ſtaunte, wie Einer, neben welchem ein Blitz zur Erde faͤhrt, als er dieſe dringende Stimme vernahm, und ſich wie von unſichtbaren Händen zur Ausfuͤhrung geſio⸗ ßen fuͤhlte, und entfernte ſich mit vieler Anſtren⸗ gung ſeiner Seelenkraft von dem Orte der Gele⸗ genheit, und kehrte nur dann wieder zu dem Schlaͤfer, als er in ſeinem Innern vollig ruhig geworden war. Wie ſehr ihn aber der Sieg uͤber die Verfuͤhrung freuen mochte, ſo war er „— —— ———— — 237— dennoch in der Seele tief betruͤbt, und doppelt mitleidig gegen den fallſuͤchtigen Heuchler, weil er an ſich ſelbſt die Erfahrung verſpuͤrte, daß auch eine ſtrenge Uebung im tadelloſeſten Wan⸗ del nicht vor der Lockung der Suͤnde ſchuͤtze. Mit erneuerter Zuverſicht pilgerte er dann an der Seite des Ungluͤcklichen weiter. Das geiſtliche Spiel hatte ſchon ſeit einigen. Stunden den Anfang genommen, und Marcus nebſt Hartmann fand nur auf den hinterſten Baͤnken unter der großen zuſchauenden Volks⸗ menge nothduͤrftigen Platz.— Das Theatrum erinnerte an die älteſten Schauſpiel⸗Plätze, indem es kein anderes Dach hatte, als den weit ge⸗ ſpannten Himmelsbogen, und Schauſpieler wie Zuſchauer im Sonnenglanze ſaßen, wandelten und ſpielten. Die Sitze waren, obwohl nur von ſchlechten Brettern zuſammengezimmert, am⸗ phitheatraliſch hinter einander erhoͤht, und faß⸗ ten viel Volk; die Buͤhne, wo die frommen Spie⸗ ler agirten, ſiellte Jeruſalem vor mit einigen Thoren und Gaſſen, worinnen das Haus des — Kaiphas ſtand und der Palaſt des Pilatus. Auch war in der Mitte dieſer Hauſer ein von einem Vorhang verdeckter Raum gelaſſen, worinnen von Zeit zu Zeit Begebenheiten aus dem alten Teſtamente, durch artige und bilderaͤhnliche Men⸗ ſchengruppen verſinnlicht, angedeutet wurden, waͤhrend im Vorgrund der Heiland mit ſeinen Juͤngern und dem Volke von Jeruſalem ſprach, oder mit den Phariſaͤern und Hohenprieſtern zankte und ſtritt. Jede Abhandlung aber aus der Lebens⸗ und Leidensgeſchichte des gottlichen Mittlers fuͤhrte ein Prologus ein, von einem ſin⸗ genden Chor begleitet, in roͤmiſchen Gewaͤndern angethan, und mit Heroldshelmen aufgeputzt.— Eine feierliche Wuͤrde lag auf dem ſchmuckloſen Spiel der Landleute verbreitet, und namentlich zeichneten ſich die immer wiederkehrenden Chor⸗ und Pſalmenſänger aus, ſo wie die Männer, die Chriſtum, Petrum und die uͤbrigen Juͤnger darſtellten: andächtige Leute, die mit eig'nen Au⸗ gen den Peſtgräuel geſehen, und ſelbſt manches Opfer der boͤſen Seuche zu Grabe getragen.— — — 239— Die volltonende Muſik, die vor der Buͤhne zu den Chorſängen die Inſtrumente ruͤhrte, trug nicht minder viel zur Wuͤrde des Spieles bei, und wenn der Prologus von der Guͤte des Herrn ſang, und von den Wundern der Schoͤpfung, ſo durfte der Zuſchauer nur die Augen gen Him⸗ mel erheben, um mit vollem Herzen in den Lob⸗ pſalm einzuſtimmen: denn eine heitere durchſich⸗ tig blaue Luft wehte frei uͤber des Volkes Haͤup⸗ tern, und frohliche Voͤgelſchaaren zogen neugie⸗ rig und zwitſchernd uͤber des Theater weg, und wie ernſte Zeugen des treu erfullten heiligen Ge⸗ luͤbdes ſchauten ringsum die ehrwuͤrdigen Berge, die Graͤnzwächter des Thales, an ihrer Spitze das abentheuerliche Ettaler Mandl, in das Schauſpiel heruͤber. Marcus fuͤhlte ſich wie im Paradieſe, und gehoͤrte anfangs mit ungetheilter Aufmerkſamkeit dem wuͤrdigen Feſte an, bis endlich ſeine Augen muͤde wurden von dem Prunk der farbigen und glaͤnzenden Gewaͤnder, und der Unzahl aufeinan⸗ der folgender Auftritte, weil die Andacht de 8 — 240— Spieler nicht zuließ, daß etwas ausgeblieben waͤre, was uns die heilige Schrift aus dem Le⸗ ben Jeſu Chriſti mittheilt. So wie des Moͤn⸗ ches Auge ermattete, ſo wurde auch ſein Ohr trunken von den langſamen und feierlichen Accor⸗ den der Muſiker, und von dem ungewohnten Dialect der Leute, dem er mit äußerſter Anſiren⸗ gung zuhorchen mußte, um ihn zu verſtehen. Dazu kam, daß die Wanderung ſeine Kraͤfte ab⸗ geſpannt, und die Hitze das Ihrige beitrug, um die ſchlaͤfrige Muͤdigkeit zu vermehren.— In einer Pauſe, die im Schauſpiel vorkam, ſchlum⸗ merte Marcus ſanft ein, waͤhrend ein fremder Wallfahrer, der zu ſeiner Linken ſaß, wie Hart⸗ mann zu ſeiner Rechten, ihm juſt von der Be— draͤngniß des Kaiſers erzaͤhlte, dem die Tuͤrken bis in's eig'ne Land gedrungen, und deſſen Haupt⸗ und Reſidenzſtadt Wien von dieſen Unglaͤubigen hart geaͤngſtigt wurde. Als der Pilger ſah, daß ſein frommer Zuhorer die muͤden Augen geſchloſ⸗ ſen, ſo lehnte er ihn ſorglos mit dem Oberleib an einen Pfoſten an, und mehrere nebenſitzende . —— Zuſchauer hielten Tuͤcher und gruͤne Reiſer uber das Haupt des Prieſters, damit ihm die Sonne nicht wehthue, und alle ſagten:„Das iſt gewiß ein engelgleicher Mann, denn der Friede des Himmels ruht auf ſeinem Antlitz und er ſchlaͤft wie ein unſchuldiges Kind.“ 25. Hartmann aber ſah ſich kaum nach ſeinem Begleiter um, that weiter nichts, als ob er ihn kenne, und vergaß ſeiner ſchier, als er in den hinter ihm ſitzenden Reihen des Volks ein Ge⸗ ſicht erblickte, das er hier zu finden erwartet hatte, und das ihn ſo angenehm anregte, daß er hinuͤber gruͤßte und den Menſchen durch den Wink ſeiner Hand einlud, ſich Bahn bis zu ihm zu brechen. Im Augenblicke ſaß auch der Ein⸗ geladene hinter ihm; ein ſtumpfes, vor Fettigkeit glaͤnzendes Geſicht, mit Spionsaugen, weit ab⸗ ſtehender Naſe und ſehr kurzer Stirn unter den ſchlichten wie in Oel getränkten Haaren.— Will⸗ Stindlet's ſimml. Werke KRX. Bd. Herbſtviolen I. 16 kommen, Freund Keſſelflicker!“ begann Hartmann die Unterredung, und der Fremde legte eine un⸗ geheuere rußige Hand in die dargebotene Rechte des Kraͤmers, mit den Worten:„Ihr ſeyd ein Maun von Wort. Ich bin ſelbſt erſt heute an⸗ gekommen, und fand mich hier ein, um Euch aufzuſuchen. Seyd Ihr allein?“— Hartmann ſchuͤttelte den Kopf und deutete verſtohlen auf Marcus, nach welchem ebenfalls nur ein verſtoh⸗ lener Blick des Hafenbinders ſchweifte. Hierauf lehnte ſich der Letztere ganz vertraulich an das Ohr des Kraͤmers, hielt noch zum Ueberfluß die Kappe vor, damit keine Seele eine Sylbe aus ſeinem Munde hoͤren konnte, und ſagte:„Habt Ihr auch Euern Mann ordentlich gewaͤhlt? Merkt wohl auf: die Springwurzel hat Bluͤthe getrieben, und der Schatz hat ſich im Teufels⸗ graben bedeutend gehoben. Wenn Ihr aber keine ganz fromme und reine Seele dagegen ſetzen kon⸗ ig, ſo ſeyd ihr um die Wurzel, die Eure Krank⸗ heit heilt, und um den Schatz, der Euern Sinn . vergnügt, und konntet noch obendrein am eig'nen * — — ₰ Leibe Schaden leiden.“—„Seyd nur zufrieden!“ erwiederte Hartmann in einem gewiſſen ſchwei⸗ zeriſchen Gaunerdialect, den doch der Keſſelflicker vollkommen verſtand:„Der iſt der rechte Mann. Mein Vetter hat ihn ſelbſt ausgeſucht, und ich habe mich ſchon oft genug uͤber ſeine Tugend geaͤrgert, und ſeine Einfalt belacht, denn er glaubt noch Alles unverbruͤchlich, was ich ihm aufgebunden.“—„Ganz gut, lieber Meiſter. Wem gehoͤrt aber der Hund, der zu Euern Fuͤ⸗ ßen liegt, und den Pfaffen unverwandt anſchaut?“ —„Der Pudel iſt dem Pater eigen; ein unaus⸗ ſtehlich' Thier.“—„Den muͤßt Ihr aus dem Wege ſchaffen, wenn Ihr den Pater zum Teu⸗ felsgraben fuͤhrt, denn der Hund ſtdrt allen Zau⸗ ber, und der Satan ſelbſt hat keine Macht uͤber die unvernuͤnftige Creatur.“—„Will ihn ſchon wegſchaffen. Der Hund parirt mir freilich nicht gern, aber ich werde dennoch ſeiner Meiſter wer⸗ den. Wann meint Ihr, daß der Gang ſich am beſten verlohne?“—„Heut, morgen, uͤbermor⸗ — 2 ½— gen, die ganze Woche hindurch. Wir ſind noch in den heiligen ſechs Wochen nach dem Johan⸗ nisfeſte, doch iſt heute ein beſonders gefeiter Abend. Wenn's moͤglich waͤre, wuͤrde ich rathen, das Werk alſobald vorzunehmen.“— Nichts leichter als dieſes. Ich habe meinen Mann ſchon vorbereitet, und ihm vertraut, daß hier in der Gegend ein Wunderdoctor wohne, der durch den Saft gewiſſer Kraͤuter, wie durch den Spruch gewiſſer ſympathetiſcher Formeln die ſchwerſte Follſucht aus dem Grunde zu heilen vermoͤge. Da es nun auf den Schweizerbergen gar manche ſolche Leute gibt, ſchlichte Bauern, die von Vater zu Sohn die wunderlichſten Geheimniſſe und Ar⸗ cana vererben, ſo zweifelt mein Mann auch nicht im Mindeſten an dem Daſeyn des genannten Wunderdoctors. Wo aber hätte ich ihn hinzu⸗ füͤhren?“— Vom Kloſter zu Ettal aus will ich mit pften Tannenzweiglein den Pfad bezeichnen, und da, wo der Wald anfängt, Stroh⸗ wiſche an die Bäume ſtecken. Den Teufelsgra⸗ ben erkennt ihr ſchon an dem Sumpfloch, und der Schatz liegt unfern davon unter einer knorri⸗ gen Buche, die kein Laub mehr traͤgt. Um den Sumpf jedoch waͤchſ't die koſibare Springwur⸗ zel; ich werde jedenfalls eine Stunde fruͤher auf dem Platze ſeyn, als Ihr, den Zauberkreis legen, Euch erwarten, und den ſchwarzen Geiſt in Eu⸗ rem Namen heraufrufen. Ihr wißt, daß ich dieſes perfect verſtehe.“—„Ach freilich, wir ken⸗ nen uns ja. Haben uns zwar nur zweimal ge⸗ ſehen, und nur auf kurze Zeit, aber ich habe Ur⸗ ſache, Euch zu vertrauen.“—„Dreimal wolltet ihr ſagen. Das erſte Mal, als Ihr Eure Frau umbrachtet, das zweite Mal, zu Baden, wo wir den Schatz auf dem Steine gruben, und Ihr das Kindlein vpfertet, und das letzte Mal vor ein paar Monden zu Bremgarden, wo ich Euch hieher beſchied.“—„Pſt! ſchweigt doch von ſol⸗ chen Dingen. Das Haar auf dem Haupte kann zum Verräther werden, obgleich es ſtumm iſt. Redet nicht von längſt vergeſſenen Verdrießlich⸗ keiten, lieber Samuel. Gebt mir lieber ein Mit⸗ tel in die Hand, wie ich noch heute Nacht den Pfaffen an Ort und Stelle bringe. Er iſt ent⸗ ſetzlich muͤde..—„Packt ihn beim Mitleid, wenn er doch ein Tugendſpiegel iſt. Vor allem aber bringt ihn bis in die Mitte des Zauber⸗ kreiſes.“—„Sorgt nicht, er ſolgt blindlings.“— „Und endlich: macht daß er ein wenig aus ſei⸗ ner Tugend herausgehe. Wenn nur ein Gedanke in ihm aufſteigt, der zu einer boſen That fuͤh⸗ ren koͤnnte— eine Aufwallung des Zorns, eine Anwandlung zum Fluchen zum Beiſpiel— ſo iſt er verloren, und der Schatz Euer. Doch werd' ich ſelbſt Euch zu dieſem Entzweck helfen, und ermahne Euch nur, feſtzuſtehen, wie ein Mann. Auf dem Bad'ner Steine verſtandet Ihr wohl das Kindlein abzuſchlachten, aber ſobald der Geiſt ſich ſehen ließ, ward Ihr zur Espe ge⸗ worden, was unſern Fund ſehr verringerte. Und dennoch erſchien damals der Furſt der Hölle nur als eine ſchwarze Rauchwolke; aber bei dem Schatz im Teufelsgraben koͤmmt er, wie ich weiß, in eigener Geſtalt. Darum faſſet Muth! Euch gehört ja dann das ganze Geld. Ich ver⸗ —— — 247— lange, wie gewoͤhnlich, nichts, und bin mit einer Springwurzel zufrieden, die mich unſichtbar macht.“—„Ich will mich ja zuſammen neh⸗ men; redet doch nicht von dem Bad'ner Kind⸗ lein. Das verſetzt mir immer einen Herzens⸗ ſtoß, und Ihr wißt, daß meine Complerion lei⸗ der ſchwaͤcher iſt, als mein Geiſt.“—„Weiß wohl. Ihr habt's verſpuͤrt, als Ihr die Fall⸗ ſucht bekamt, da Euch Eure Selige erſchien, wäh⸗ rend Ihr den Liebestrank brautet, der ein ande⸗ res Weib in Euer Garn liefern ſollte. Das mußte dann Alles der Teufel gethan haben, deſ⸗ ſen Ruͤcken die Suͤnden der ganzen Welt traͤgt. Bittet ihn heut' Abend huͤbſch um Verzeihung, daß Ihr Euch ſeither fuͤr ihn ausgegeben.“— „Ich denke wohl, daß der Vater aller Lugen mir dieſe Luge vergeben werde, weil ſie dazu diente, die Menſchheit hinter's Licht zu fuͤhren.“— Ihr ſeyd ein feſigeleimter Schurke!“ verſetzte hier der Hafenbinder, und druͤckte die Naͤgel ſei⸗ ner Hand mit barbariſchem Laͤcheln in die Rip⸗ pen des Kraͤmers, daß derſelbe meinte, von Fe nerhacken zerriſſen zu werden, und mit einem Schrei aufzuckte.—„Aber ſchreit doch nicht, wenn ich mit Euch ſcherze; die Leute ſchauen ſich nach Euch um, der Pfaffe beginnt zu erwachen, und wenn ich nicht irre, ſo gewahre ich dort un⸗ ten im Volke die Bauersfrau aus dem Frickthal, welcher Ihr dazumal in Baden während des Schlummers das Kindlein von der Seite ſtahlt.“ Hartmann erſchrack in den Tod, blickte ſcheu nach dem Flecke, wohin der Keſſelflicker Samuel deutete, und wollte wegrennen, wie ein gehetztes Fullen, aber es war keine Möglichkeit, dem Volke zu enteilen, weil ſich juſt alle Zuſchauer enger und enger zuſammendrängten, und mit vorgeſtreckten Halſen nach der Buͤhne ſtarrten. Es wurde naͤmlich ſo eben ein ſtummes Bild dargeſtellt, wie der Heiland in der Wuͤſte faſtete, und der Verſucher zu ihm trat, mit dem Stein in der Fauſt, den der Herr in Brod verwandeln ſollte. Ein Fluͤſtern des Entſetzens ſchwirrte durch die Haufen des Volks, denn der grimmige Satan in ſeiner graͤßlichſten Librey mit Hor⸗ — 249— nern, Bocksfuͤßen und langaus wedelndem Kuh⸗ ſchwanz ſtand da, eine gräuliche Maske mit brei⸗ ter rother Zunge, ein Schreck fuͤr Jung und Alt.—„Albernes Poſſenſpiel!“ murrte Samuel in ſich hinein, und ſchnippte unmuthig mit den Fingern. Da brach plotzlich das Floͤſtern im Volke in ein ungeheures Geſchrei aus, denn im Nu ſtand dem Maskenteufel gegenuͤber ein zwei⸗ ter Satanas, mit dampfendem Maule, und rau⸗ hem zottigem Fell, von dem eine Gluth ausging, daß der Schauſpieler, der den Heiland vorſtellte, eiligſt weglief und auch der andere, der den Gott⸗ ſeybei uns machte, Reißaus nehmen wollte. Doch konnte er dem Feinde nicht entgehen, der uͤber ihn herfiel, ihn mit Fußtritten und Fauſtſchla⸗ gen mißhandelte, und mit halbverbranntem Fell von der Buͤhne warf, worauf das Geſpenſt ſich in eine ziſchende Feuergarbe aufloͤſ'te, deren ſpri⸗ tzende Strahlen die ganze Menge von Zuſchauern verſprengten, und einen mephitiſchen Geſtank im ganzen Thale verbreiteten. ——— 26. Die Flucht war bunt und toll durcheinander; ſchreckenbleich und wankenden Fußes entrannten Alle, häͤmiſch lachend fuhr der Keſſelflicker, indem er mit Burzelbäumen ſich von einer Bank zur andern wälzte, durch das Getuͤmmel in's Freie. Hartmann folgte ſeinem Begleiter, der, kaum aus dem Schlafe erwacht, ohne zu wiſſen, was ſich begeben, ſein Heil in der Flucht ſuchte. Aber, wie auch der Schrecken innerlich den Krämer ſchuttelte, ſo mußte er dennoch, wie von Zauber⸗ gewalt befallen, immer lachen, und mit Schaden⸗ freude ausrufen:„Da habt ihr's, da habt ihr's, dumme Bauern! Ich bin ſelbſt der Teufel, und will Euch lehren, meine Perſon nachzuaͤffen!“* Dieſes verruchte Geſchrei, das zu dämpfen Mar⸗ cus nicht vermochte, ſiel nicht wie duͤrre Spreu unter die entrinnenden Haufen, ſondern es wurde gehort, von mehrern Landleuten gierig aufgefaßt, und waͤhrend einige nach der Obrigkeit und der Wache liefen, ſammelten ſich wieder andere um — die Pilger her, dieſelben als der Zauberei ver⸗ daͤchtig feſtzunehmen. Marcus bat und uͤberre⸗ dete umſonſt; Hartmann's fortdauernde Laͤſterun⸗ gen vernichteten jeden guten Eindruck, ſo daß bald die Bauern nicht einmal mehr den Prieſter re⸗ ſpectirten, ſondern mit kecker Fauſt ſich an ihm vergreifen wollten. Da warf ſich Canis dazwi⸗ ſchen, und wuͤrgte, wie in dem Schloſſe am Ho⸗ henſchwangauer See, den frechſten Angreifer, und mittlerweile ſagte eine freundliche Stimme zu dem Kapuziner:„Steigt mit dem verruͤckten Ge⸗ ſellen geſchwind auf mein Wägelein; mein Roß iſt gut, und bringt Euch ſchnell in Sicherheit.“ Kaum ſah ſich Marcus um, und ſchon war er wie durch ein Wunder auf einen Wagen ge⸗ hoben, und Hartmann ſaß neben ihm, und vorne ein Mann in baͤueriſcher Kleidung mit einem Zottelbart am Kinn, anzuſehen wie ein Anabap⸗ tiſt, oder wie ein Jude, der friſch auf ſein ſchwar⸗ zes Pferd lospeitſchte, und durch Staub und Menſchengewuͤhl dahin rollte, daß die Räder Fun⸗ ken ſprähten. Hartmann war plotzlich ganz ſtill geworden, und Canis rannte ſchnaubend am Rande der Heerſtraße mit dem Wagen nach Et⸗ tal zu.„Wer ſeyd Ihr, guter Mann?“ fragte Marcus, nachdem er ſich wieder gefaßt, und der Fuhrmann erwiederte kurz:„Hab' einen Hof zur Seite ſtehen bei Ettal; fuͤhre Euch bis an's Kloſter, und bin froh, daß die dummen Dorf⸗ lummel Euch wenigſtens nicht verbrennen koͤnnen.“ —„Habt Dank, guter Mann, denn wir ſind un⸗ ſchuldig an dem Spectakel, welches ſich begeben. Der boſe Feind hat hier ſein Spiel gehabt.“— „Ja wohl; er kommt, wenn man ihn an die Wand malt.“—„Ich ſtaune aber, daß der Fürſt der Finſterniß an einem Ort erſcheinen darf, der geweiht und geſegnet iſt, und während des heili⸗ gen Spieles.—„Das kümmert ihn nicht:'s iſt nur ein Aberglaube, daß ihn heilige Zeichen und Formeln bannen. Er fuͤrchtet weder das Kreuz, noch den Namen Gottes, noch den Weih⸗ brunnkeſſel. Glaubt mir: er iſt ſogar in den Kirchen häufiger zu finden, als man es gemeinig⸗ lich zu vermuthen pflegt.— Doch da ſind wir —,—,— —,— zur Stelle. Ich muß heim; ruht hier ein wenig aus, aber macht Euch bald in's Weite, da es den dummen Leuten einfallen moͤchte, Euch zu verfolgen, nachdem der erſte Schreck voruͤber.“ Der Wagen hielt unfern von dem Kloſter zu Ettal; alſobald ſtanden Marcus und Hartmann auf der Straße, und ihr Fuhrwerk brauſ'te ſodann wie ein Gewitterſturm durch eine Seitenſtraße hinweg, als ob es in den Berg hineinfuͤhre. Es war Abend geworden: ein Abend, den die ſcheidende Sonne mit wenig Roſen geſchmuͤckt; von den Berggipfeln ſtiegen die Wolkenhauben auf und begannen einen truͤben Flor zu weben, die Luft war dunſtig und ſchwuͤl, und Stille ringsum. Da läuteten die Glocken des Ettaler Stifts, und Marcus ſprach zu ſeinem Begleiter: „Geſegnet ſey die Mutter des Heilandes, die uns aus der Noth errettet, worein uns Dein Unfriede und der boͤſe Geiſt, der Dich beherrſcht, verſetzt hatte. Laſſe uns beten in dieſem praͤchtigen Tem⸗ pel, und dann die Gaſifreundſchaft des Kloſters anſprechen, wo uns kein Verfolger ſuchen wird.“ — 254— — Hartmann verſetzte aber mit arger Liſt, ob⸗ gleich er kaum ſich von Furcht und Angſt erholt hatte:„H, mein Vater, der Feind ſpielt hart mit mir, und ich bin nicht wuͤrdig, dieſes heilige Haus zu betreten; wohl aber mochte ich noch, bevor die Nacht koͤmmt, die Huͤtte des wunder⸗ ſamen Arztes aufſuchen, von dem mir der heilige Franziscus im Traume ſprach. Ich baue zuver⸗ ſichtlich auf das Wort des Heiligen, und eine Ewigkeit duͤnkt mich jede Stunde, da ich noch mit meinen ſchweren Leiden behaftet bin. Er⸗ laubt daher, daß ich ſtracklich meinen Erldſer aufſuche, und ruht Euch indeſſen im Kloſter aus, vis ich wiederkehre, da ich Eurer Muͤdigkeit nicht zumuthen mochte, nur einen Schritt ferner mit mir zu gehen.“— Hierauf redete der Moͤnch mit frommer Ergebenheit:„Der Himmel wolle nicht, daß die Muͤdigkeit meiner Fuße mich hin⸗ dere, allenthalben und bis zum Ziele das zu thun, was mir obliegt. Ich ſehne mich ſelbſt nach Deiner Heilung, Du armer Menſch, und moͤchte es nicht verantworten, wenn ich Dich jetzt zur — 255— Zeit des ſpäten Abends allein wandern ließe. Der Arzt im Gebirge wird ſchon ſo viel Raum ha⸗ ben, uns ſchlecht und recht zu beherbergen, ich gehe ſchon mit. Kennſt Du aber den Weg nach dem Hauſe des gelehrten Heilkundigen?“—„Voll⸗ kommen, mein Vater. Euer heiliger Ordensſtif⸗ ter hat mir den Pfad beſchrieben, und ich weiß ihn ſo genau, als ob es erſt geſtern geweſen waͤre.⸗ —„Gut, mein armer Sohn. Ich trete nur auf eine kurze Weile in das Gotteshaus, um fuͤr Dich zu beten, und wir machen uns dann ſchnell auf den Weg.“ Als der Prieſter die Stufen zur Kirche hinan⸗ ging, wollte ihm der Pudel folgen, aber Marcus drehte ſich nach dem Hunde um, und ſagte ihm mit freundlicher Gelaſſenheit:„Nichts da, v Ca⸗ nis. Das unvernuͤnftige Thier gehoͤrt nicht in den Tempel des Herrn. Bleibe fein zuruͤck, und huͤte derweil meinen Kranken.“ Da der Hund ſich durchaus nicht fuͤgen wollte, bat der Kapu⸗ ziner den Krämer, den Hund an ſich zu nehmen, und feſtzuhalten. Canis fletſchte gegen Hartmann — 256— die ſpitzigen Zäͤhne, hierauf zog der Moͤnch eine Schnur aus der Taſche, band ſie um den Hals des Pudels, legte das Ende deſſelben in Hart⸗ manns Hand, und befahl dem vierfußigen Gefähr⸗ ten mit allem Ernſte, ruhig ſitzen zu bleiben, und zu warten. Nun that Canis freilich, wie ihm geheißen, und ſtreckte ſich ruhig auf den Bo⸗ den, blickte aber mit keinem Ange nach dem Kraͤ⸗ mer, ſondern ſteif und feſt nach der Kirchenthoͤr, worinnen Marcus verſchwand. 27. Nicht lange, und ein Wagen kam von Am⸗ mergau her, worauf ein Bauer mit betruͤbtem Geſichte ſaß. Da er an der Kirche voruberkam, hielt er an, betrachtete den Pudel, und machte ein noch betruͤbteres Geſicht, ſo daß Hartmann nach der Urſache ſeines Kummers fragte.—„Ach, da habe ich fuͤr den Pfleger von Weilheim zu Schongau einen Pudel abgeholt, und denſelben auf dem Paſſionsſpiel verloren, als juſt das Volk vor dem Teufel davon lief. Gewiß kriege ich ————— ——— N — 557— Schlaͤge, wenn ich nach Hauſe komme, oder muß in's Loch ſpazieren, denn der Hund iſt durchaus nicht mehr zu finden, und der Pfleger ein grober Mann. Wie ich Euren Hund da ſah, der dem Verlor'nen auf ein Haar gleichſchaut, fielen mir die Pruͤgel und das Gefängniß erſt recht ein.“— Hartmann ſchielte in die Kirche, bemerkte, wie der Kapuziner, in Andacht verſunken, vor dem Altare lag, und ſagte zu dem Bauer:„Ich bin ein guter Kerl und helfe gern. Wollt Ihr viel⸗ leicht den Hund? Nehmt ihn hin, und dreht damit Eurem Weilheimer Pfleger eine Naſe. Hund iſt Hund; nehmt hin.“— Der Bauer kratzte bedenklich hinter den Ohren, und antwortete: »Wär' ſchon recht, guter Herr; aber da haben mir die Spitzbuben bei'm Paſſionsſpiel all' mein Biſſel Geld aus dem Hoſenſack geſtohlen, und ich muß zu Oberau, unten am Berge, ein paar Gro⸗ ſchen leihen, damit ich morgen nur nach Hauſe komme, ich kann alſo den Hund nicht bezahlen.“ —„Will auch kein Geld dafuͤr; der Pudel frißt Spinbler's ſinmtl. Werke XRK. Vd. Herbſtviolen I. 17 — 258— mir zuviel, und ich gebe ihn gern umſonſt. Nimm ihn daher mit, Bäuerlein, aber bemächtige Dich ſeiner mit Klugheit, denn er iſt bitterboͤſe, bis er ſeinen Meiſter erkennt.“—„Thut nichts; ich habe einen Sack bei mir, den ich dem Beeſt uͤber den Kopf werfe, und hinter dem Schweif zubinde. Dann ruͤhrt er ſich wohl nicht mehr, um zu beißen.“ Hartmann nickte, und der Bauer holte den benannten Sack, ſchlich ſich hinter den Pudel, der noch immer unverwandt in die Kirche ſah, und ſteckte ihn mit einem tuͤchtigen Handgriff in den Sack, ſo daß ſich der arme Canis gar nicht verwußte, und alles Sträubens ungeachtet auf den Wagen werfen ließ. Mit tauſend Dankſa⸗ gungen fuhr der Bauer weiter, und das Geraſſel der Raͤder uͤbertaͤubte das dumpfe Geheul des Hundes. Hartmann ſetzte ſich aber ſchlau be⸗ ſonnen auf die Stufen der Kirche, ließ den Kopf tief ſinken, ſchloß die Augen, und that, als ob er ſchliefe.— So fand ihn Marcus, und ruͤttelte ihn, und ſagte, da er auffuhr wie ein Träumen⸗ — 259— der:„O weh', Du ungetreuer Huͤter; Du biſt eingeſchlafen in Deiner Pflicht, und Canis ent⸗ wiſchte Deinen Händen. Wo werden wir den Guten wiederfinden?“ Hartmann ſpielte den Beſturzten, und fing an zu klagen und ſich troſt⸗ los zu geberden, worauf der Pater entgegnete: „Nun, mein Sohn, weine und jammere nicht. Wenn Dir Gott nach muͤhevoller Wanderſchaft den Schlaf auf der Schwelle ſeines Hauſes ſchickte, ſo war er Dir zum Heil, und Canis wird ſich auch wieder finden, denn er iſt ein kluges Thier, und hängt feſt an meiner Spur. Laß' uns in der Gegend ein paar Schritte umhergehen und dem Flächtling rufen, ob er ſich nicht vielleicht einſtellt, und die Härte vergißt, womit ich ihn vorhin behandelt habe.“ Hartmann zeigte ſich bereitwillig, ging mit Marcus um Kirche und Kloſtermauer, und pfiff und rief mit um ſo groͤßerer Zuverſicht, als ſchon nicht einmal mehr von Ferne der Wagen des Weilheimer's zu hoͤren war. Nebenbei ſchien es — 260— ihm gerathen, den Pater in einem laͤngern Ver⸗ weilen an dieſem Orte zu unterſtuͤtzen, weil der in den Handel eingeweihte Keſſelflicker noch nicht die Straße gekommen war, um vermittelſt des abgeredeten Zeichens den Schleichpfad nach dem Teufelsgraben anzudeuten. Der gottloſe Kraͤmer war in der tiefſten Seele verdrießlich, als Marcus nach ſehr kurzem Umherſchweifen plotzlich ſelbſt darauf drang, die Wonderung nach dem Hauſe des Arztes zu beginnen, indem ſie bei der Ruͤck⸗ kehr ohne Zweifel den Pudel vor der Kirche fin⸗ den wuͤrden.„Canis hat mich in einer Wollung des Unmuths verlaſſen;“ ſagte der fromme Geiſi⸗ liche mit naiver Zuverſicht;„aber er weiß, wo er mich verließ, und daß ich ihn nicht im Stiche laſſe. Darum kehrt er ſicherlich, wie jedes treue Gemuͤth von einer augenblicklichen Verirrung an dieſen Ort zuruͤck, und weicht nicht von dannen, bis auch wir zuruͤckkommen.“ Während deſſen hatte Hartmann aͤngſtlich nach allen Seiten umhergeſpaͤht, den erwarteten Sa⸗ muel zu entdecken, und geiferte ſchon innerlich 3 uͤber das Wegbleiben des verſuchten Helfershel⸗ fers, als er mit einem Male am Eingang eines ganz unbedeutenden Wieſenſteiges einen abgeriſſe⸗ nen Tannenzweig bemerkte, den ein ſchwarzer Kaͤfer von ungewoͤhnlicher Groͤße zwiſchen ſeinen Scheeren hineinſchleppte, wo in kleiner Entfer⸗ nung ein zweites Tannenreis lag. Wilde Luſt blaͤhte ſich in dem Buſen des verbrecheriſchen Schatzgraͤbers, und er betrat mit keckem Fuße den Wieſenſteig, auf dem Marcus glaͤubig folgte. Von Klafter zu Klafter lagen ſchon die verabre⸗ deten Zeichen, wie durch Zauber hingeſtreut, und leiteten uͤber die Matte weg, eine Hadle hinunter, gegen das Dickicht zu, das ſich jenſeits eines klei⸗ nen Wieſenbachs zeigte. Die Nebel des Spät⸗ abends dampften ſchon allenthalben vom Boden auf; in den Binſen und dem Schilfwerk des Ba⸗ ches raſchelte es unheimlich. Der Kapuziner ſtutzte. „Ein Krebsfaͤnger vermuthlich;“ ſagte der Kraͤ⸗ mer hingeworfen, und entledigte ſich der Schuhe, um durch das Waſſer zu waten. Auch der Moͤnch ſchuͤrzte ſich, und folgte dem Fuͤhrer in die Fluth. Da theilte ſich das Schilf, und eine lange Ge⸗ ſtalt ſtreckte ſich vor dem Kraͤmer empor, und Hartmann erkannte mit Schrecken den Gevatter Steinheil. Dieſer tippte ihm auf die Schulter, und ſagte eintoͤnig und ernſthaft:„Du! dort iſt's nicht geheuer.“ Der Kraͤmer erbebte, und an dem Moͤnch voruͤber ſchritt Steinheil den Weg, den die Beiden gekommen, gerade, als wenn ihm Niemand begegnet wäre.—„Was war das?“ fragte der Kapuziner am jenſeitigen Ufer, und Hartmann antwortete, obwohl mit fliegender Bruſt:„Ein trauriger kalter Spaß; es iſt nur dort nicht geheuer, wo der hagere Geſell ſich be⸗ findet. Wohl uns, daß wir ihn im Ruͤcken ha⸗ ben.“ Auch Marcus freute ſich deſſen, denn er dachte an das Schloß am See.— Die Wande⸗ rer verloren mit einem Male den Pfad, da ſie in das Dickicht traten. Zweifelnd erhob Hart⸗ mann ſein Auge, und gewahrte mit aͤngſtlicher Freude die Strohbuͤſchel, hellleuchtend in dem dunkeln Gruͤn. Er fuͤhrte nun den Pater keck von Zeichen zu Zeichen, bis ſie endlich im dicken Walde ſtanden, nach allen Richtungen hin, nicht* mehr das Freie ſahen, und kaum mehr den Him⸗ mel, weil die Baͤume allenthalben ihre Wipfel zuſammen neigten, und dunkler Abend mit ſchwar⸗ zen Floͤren Alles verſchleierte. Die Strohbuͤſchel aber blitzten wie Irrlichter durch die Nacht. Sorg⸗ lich fragte der Kapuziner zu mancher Friſt den Fuͤhrer, ob er denn noch auf dem rechten Pfade ſich befinde. Der Kraͤmer bejahte ſtets, obwohl nur mit Zeichen, denn nach und nach hatte ſich eine peinliche Furcht ſeiner dergeſtalt bemeiſtert, daß ihm nicht ein Laut mehr zu Gebote ſtand. — Endlich... nach langer Wanderung uͤber glatten, abſchuͤſſigen, mit Tanhennadeln beſäeten Boden, riß ſich vor den Pilgern eine ſchmale Schlucht auf, dem Graben einer Feſtung zu ver⸗ gleichen. Ein ſchwätzlicher Moortumpfel däm⸗ merte im Grunde, eine knorrige Buche reckte die entlaubten Zweige auf, und des Keſſelflickers Stimme ſang in der Tiefe einzelne Doͤne, klin⸗ gend wie ein ſchauriger Pſalm. Das Ziel war erreicht: der Teufelsgraben. — 264— 28. „Wir ſind zur Stelle, glaube ich;“ begann jetzt Hartmann mit zitternder Stimme, und zum erſten Male uͤberfiel den Pater eine bedenkliche Ah⸗ nung. Hier?“ entgegnete er dem Begleiter, und ſpaͤhte vergebens nach einem Hauſe, nach einer Huͤtte. Eine eiskalte Hand faßte die ſeinige: Hartmann's Hand, die ihn niederzuziehen ſuchte zum verhaͤngniß⸗ vollen Ort.„Laſſe mich los!“ ſagte Marcus, und ſchuͤttelte den Fuͤhrer von ſich, wie eine Eidechſe; „ich finde den Weg auch ohne Dich; Du zitterſt ja wie ein armer Sunder, und waͤhn'ſt doch an der Schwelle Deines Heils zu ſtehen?— Die Ant⸗ wort war ein ungeduldiges Murren aus dem Munde Hartmann's, der mit einer ſeltſamen Keck⸗ heit noch einmal nach dem Aermel des Paters griff, und denſelben hinabzerrte in die Schlucht, wie ein am Leben verzweifelnder Schwimmer denjenigen mit ſich in den Strudel reißt, der ſich, ihn zu ret⸗ ten, naht. Alſobald ſtanden die Beiden unten am Sumpfloch, und Hartmann bemerkte den zaube⸗ riſchen Kreis, der aus Holz und Stein⸗ und Beinwerk geſchichtet, um ſie her lag, mit dunkel⸗ rothen Flecken, wie von Blutstropfen beſprengt. —„Ich habe Wort gehalten!“ ſtammelte zaͤhne⸗ klappernd der ohnmaͤchtige Suͤnder, zu dem Keſ⸗ ſelflicker gewendet, der wie ein finſterer Kobold in dem Kreiſe huckte:„halte Du jetzt das Deine, und mach' geſchwinde, denn mir ſtraͤubt ſich ſchon das Haar.“ Der Keſſelflicker kachte gellend auf, und Marcus fragte mit ſteigender Befremdung: „Was ſoll das Alles hier? Haben hier die boͤſen Geiſter ihren Reigen getanzt? Wer biſt Du, frem⸗ der Menſch, und wo hauſ't der Wunderarzt, den wir ſuchen?“—„Dieß iſt ſein Haus, und ich bin ſein Knecht, und der Meiſter wird nicht ſäu⸗ men,“ verſetzte Samuel mit rauhem Spott, und griff nach dem Saume des Ordenskleides, waͤh⸗ rend Hartmann mit dem letzten Aufwande ſeiner Frechheit dem Pater in das Ohr kraͤchzte:„Hier gilt's ein bischen Hexerei. Mach' Reu' und Leid, Pfaffe, denn nur eine Kloſterſeele will heut' der Satan ſpeiſen. Zuvor aber beſchwoͤre mir ihn herauf ſammt Schatz und Springwurzel. Ihr Kapuziner koͤnnt dergleichen finſtere Werke trei⸗ ben, das weiß das gemeinſte Volk. Ruf' ihn herauf den Schwarzen, und er ſchont vielleicht Deiner, wenn Du ihm gutwillig Dein ewig Theil verſchreibſt.“ Dabei ſchuͤttelte ihn der Kraͤmer mit aller Kraft, wie ein magerer Geier die edle Beute, deren Herr zu werden er ſich kaum ſchmei⸗ cheln darf.—„Weh' mir! wohin bin ich gera⸗ then?“ rief Marcus voll Wehmuth aus, die Haͤnde zum Himmel erhebend:„So fällt jetzt die Larve von Deinem ſcheußlichen Angeſicht, o Hartmann? So willſt Du mir mit Teufels⸗ krallen meine Liebe und Geduld belohnen? O kehre um auf dieſem ſchauerlichen Wege, verirrtes Schaf. Wende Dich mit einem Gedanken nur an den Barmherzigen im Himmel, und er wird Dich retten, wenn gleich ein jedes Deiner Haare dem Leidigen verpfaͤndet waäre.“—„Schwei⸗ ge mit der Kapuzinerpredigt!“ ſchnaufte Sa⸗ muel, ſich wie ein Rieſe vor ihm erhebend; „hier iſt des Himmels Herrſchaft aus, hier iſt das Revier des Andern. Steife Dich nicht auf —— Dein Gewand, auf Deinen Roſenkranz und Dein Amulet. Die heiligen Blendwerke koͤnnen nicht beſtehen vor des machtigſten Fuͤrſten Thron. Falle nieder, und bete ihn an; Du retteſt anders nicht Dein Leben!“— Der Hohn, womit Samuel ge⸗ ſprochen, vermochte nicht dem getaͤuſchten Moͤnch die geringſte Aufwallung zu entlocken, denn er antwortete ruhig:„Ich ſtehe in Gottes Hand, als deſſen Diener. Wenn die hoͤlliſche Macht hier Gewalt uͤber mich hat, ſo gilt dieſes nur dem Leib, und der Staub mag zertreten werden. Doch die Seele wohnt jetzt ſchon bei dem himm⸗ liſchen Vater und verſchmäht Eure Werke der Finſterniß. Eher will ich jetzt zur Stelle in den heißeſten Qualen verderben, ehe ich nur mit einem Zeichen, mit einer Geberde Dir beiſtehe in Dei⸗ nem verruchten Handel, verraͤtheriſcher Haktmann, und ehe ich eine Sylbe ſpreche, die mir das zeit⸗ liche Leben erhalten koͤnnte auf Koſten meiner ewigen Seligkeit.“ „Thor! elender, heuchleriſcher Chor!⸗ der ſchwarze Geſelle des convulſiviſch zuckenden Krämers, indem er den Prieſter mit einer Gewalt anpackte, als wolle er ihn zu Boden werfen: „Was zierſt Du Dich mit eitlem Gepraͤnge und Hoffen? Du biſt der Hoͤlle verfallen; ſieh' hin vor Dich, und beſeufze das Geſchick Deiner Sipp⸗ ſchaft, das Du bald zu theilen berufen biſt!“— Nun wogte um den Prieſter her ein feurig wal⸗ lender Strom, und aus dieſem Flammenpfuhl tauchten alle die Geſtalten ſeiner Liebe auf: die blaſſe abgezehrte Mutter, die heulenden Schwe⸗ ſtern, der mit ſchweren Ketten gefeſſelte Adalbert, und alle ſangen in furchtbarer Weiſe:„Wir ſind verdammt, wir ſind verloren; der Himmel iſt nur eitler Trug, wer nicht genoſſen und gelebt auf dieſer Erde, der brennt in Ewigkeit, verzehrt von nimmer ruhenden Flammen!“— Marcus hatte einen Blick nur auf die luͤgenhafte Erſchei⸗ nung geworfen, und dann voll Ruhe das Auge gen Himmel gerichtet. Kaum war ein Fleckchen von dem Firmament durch Dunkelheit und Wal⸗ desnacht zu erkennen, aber in dieſem grauen Fleckchen leuchtete plotzlich ein heller Punct, und . —ꝛ. — 269— wurde vor Marcus Augen immer groͤßer, immer hel⸗ ler, zum aufdämmernden Stern, der mehr und mehr hervorbrach aus der Nacht mit ſiegreichen Strah⸗ len. Des Vaters Bild ſchien aus dem Sterne ſich zum Sohn zu neigen, und immer naͤher her⸗ nieder zu ſchweben durch der Baͤume Wipfel, und zugleich klang dem Prieſter, wie aus ſeinem Herzen kommend, eine herrliche und ſanfte Mu⸗ fica in's Ohr, beſchwichtigend und erhebend, wie ein Wiegenlied von Engeln geſungen. Da hoͤrte Marcus nicht mehr das falſche Geheul der Ge⸗ ſpenſter, das Kniſtern und Knaſtern truͤgeriſcher Flammen; da ſah er nicht— daſtehend wie ein Heldenbild aus Erz gegoſſen— wie der elende Schatzgräber Hartmann verzweifelnd ſich am Bo⸗ den kruͤmmte, in die Erde mit den Naͤgeln ſcharrte, wild umtanzt von dem rothen Kindlein, und der ermordeten Frau, und den Andern, wel⸗ che durch ſein Gift und ſeine Habſucht das Leben und die Ruhe verloren. Samuel aber, ablaſſend von der Faſſung und dem Heldenmuthe des Prie⸗ ſters, ſchwoll auf wie ein ungeheurer Drache, peitſchte mit blutiger Geißel den fallſuͤchtigen Suͤnder empor, und zerriß ihn, wuͤthend ob des vereitelten Fanges, in Stuͤcken. Dann warf er ſich mit Gebrauſe und Schnauben, ſeinem ohn⸗ maͤchtigen Grimme genug zu thun, auf den Moͤnch, und ſchleuderte ihn weit hinaus durch Luft und Wolken, uͤber Wald und Berge nach der Ferne, wie einen Ball. 29. Wie aus einer langen Betäubung erwachend, wie aus langwierigen Feſſeln eines dumpfen Trau⸗ mes geriſſen, ſchlug Marcus die Augen auf und ſtarrte, mit Anſtrengung ſein Bewußtſeyn ſam⸗ melnd, in den wolkendurchſtuͤrmten Morgenhim⸗ mel, der ſich vor ihm ausdehnte. Eine weite off'ne Gegend lag vor ſeinen Blicken, und wie er, bisher gewohnt, zwiſchen Bergen und Wäldern zu wandeln, verwundert emporſchaute, gewahrte er ſpitzige Felſenzacken, die drohend uͤber ſeinem Haupte hingen, und flͤchtete ängſilich aus der Berghoͤhle, wo er ſein unfreiwilliges Lager ge⸗ funden hatte. Kaum traute er aber ſeinen Sin⸗ nen, als er bemerkte, daß er in ganz fremdem Lande ſtehe, in ziemlicher Entfernung von ihm eine große Stadt, ein breiter Strom und endlich am aͤußerſten Rande des Horizonts Hoͤhen, die er noch nie geſehen, oder Flächen, die ihm noch nie vorgekommen; hinter ihm eine Gruppe von Bergen, beſetzt mit einzelnen Häuſern und Ca— pellen.„Ein ſchoͤnes Land!“ hätte er ausrufen moͤgen, aber in demſelben Augenblick ſah er, daß nicht der Friede auf dieſen Fluren heimiſch war, ſondern der Krieg, der blutige Krieg. Hie und da in ſeinem Geſichtskreiſe wirbelten ſchwere Dampfwolken auf, von Minute zu Minute don⸗ nerte es wie aus ſchweren Stuͤcken, und uͤber die Stadt hin zog der blaue Nebel des Pulvers, und der Staub einſtuͤrzender Schanzen. Ein neuer dumpfer Knall.... die Erde zuckte davor zuſam⸗ men. dann gegen die Stadt hin auffahrender rabenſchwarzer Qualm, Truͤmmer von Balken und Geſtein fliegend in der Luft nebſt zerriſſenen — 272— Menſchenleibern, und verworrenes wildes Geſchrei. — Der friedliche Prieſter, mit den Graͤueln einer Belagerung unbekannt, bekreuzte ſich vor dem ungluck, welches druben geſchehen, und betrach⸗ tete mit aͤngſtlicher Reugierde die ihm ſehr nahe liegenden, im Sonnenglanze ſchimmernden Daͤ⸗ cher, welche eine zweite Stadt um die berannte zu bilden ſchienen. Bald erkannte Marcus die leich⸗ ten, zum Theil bewimpelten Gebaͤnde fuͤr Lagerzelte, wie er ſie auf Bildern ſchon geſehen, und auch die duͤſtere Steinmaſſe des großen Thurmes, der ſich aus der Stadt aufreckte, war ihm aus dem PTheatro europaeo bekannt, und er ſchlug ent⸗ ſetzt die Hände zuſammen, und rief außer ſich: „O mein Gott, wohin haſt Du mich gefuͤhrt? Satan, wohin haſt Du mich geſchleudert? Iſt denn jener Thurm nicht der der Stephanskirche zu Wien? Iſt jene geängſtete Stadt nicht das edle Wien ſelbſt? Sind dieſe unzahligen Gezelte, welche ſichelformig die theure Stadt umgeben, nicht das Lager der barbariſchen Tuͤrken? O halte Dich, mein Herz, und weiche nicht, meine — 273— ſtaunende Vernunft! Dort glaͤnzt ja von der hochflatternden Fahne der Halbmond der Hei⸗ den, und ſpottet der Chriſtenheit. Jener Strom muß die Donau ſeyn, oder ein arger Zauber be⸗ ſtrickt mich noch, ob ich gleich daraus erwacht zu ſeyn glaube.“ Um ſich zu uͤberzengen, daß er wache, griff er nach der Ranke von einer Rebe, die wie verein⸗ zelt und verloren auf dem Abhange uͤber der Hoͤhle ſtand, und eine ſchon faſt reife Traube rollte in ſeine Hand; ein neuer Stoff zu neuem Erſtaunen. War die Zeit uͤber ſeinem Scheitel um ſo viel weiter fortgerollt, ſeit der verwiche⸗ nen Sommernacht? Es ſchien wirklich ſo zu ſeyn: die Vogelbeere glänzte in ihrer ſchonſten rothen Pracht, und die Blaͤtter der Baͤume und Geſtraͤuche änderten das Gruͤn, um die Farben des Herbſtes aufzuſtecken. Ein Strom von Thraͤ⸗ nen brach aus den Augen des Moͤnchs hervor, und er ſetzte ſich wie ein Trauernder am Boden nieder, verhuͤllte das Haupt mit ſeiner Kapuze, Spindler's ſämmtl. Werke XMX. Vd. Herbſtbiolen. I. 18 — 4— und rief den Tod, damit er ihn nach der ewi⸗ gen Heimath bringe, weil er vom boͤſen Geiſt ſo unendlich weit von ſeiner zeitlichen gebracht wor⸗ den. Dem Schmerze ſich vollkommen uͤberlaſ⸗ ſend, bemerkte der Pater nicht, daß mittlerweile Menſchen herbeigekommen waren, und verwun⸗ dert ſtill ſtanden, da ſie den fremden Gaſt in dieſer unwirthlichen, ſelten betretenen Schlucht entdeckten. Ein rohes Geſchrei weckte ihn end⸗ lich aus dem Kummer, und durch den Schleier ſeiner Thränen erblickte er einige abentheuerlich gekleidete Geſtalten um ſich her, mit Bogen und Pfeilen bewaffnet, in bunte Kleider gehuͤllt, und geſchorenen Kopfes theils, theils mit hochbefieder⸗ ten Muͤtzen bedeckt.„Jeſus! Ich bin in der Tuͤrken Gewalt!“ ſeufzte der Moͤnch und ſtreckte die Arme hin, daß man ihn feßle.— Die Tür⸗ ken berathſchlagten ſich untereinander, ob ſie den chriſtlichen Derwiſch zur Stelle toͤdten oder ge⸗ fangen mit ſich fuͤhren ſollten. Der Anfuͤhrer dieſer Streifſchutzen, ein Ungar, von Tockdly's Bande, von Wuth entbrannt gegen den Kaiſer, und in dem Monch einen Spion witternd, durch⸗ ſuchte ihn auf's ſtrengſte, und nahm ihn, da er nichts Verdächtiges bei ihm vorgefunden, latei⸗ niſch mit ihm redend, in's Verhoͤr. Die freund⸗ liche Demuth des Kapuziners ſteigerte den Arg⸗ wohn des Fuͤhrers, und die unbefangene Wahr⸗ heit ſchalt der wuͤthende ungar Luͤge; demzufolge er befahl, den Gefangenen ohne Zoͤgern nieder⸗ zuhauen. Die breiten Saͤbel blitzten, lange Pfeile zielten nach der Bruſt des armen Marcus, und er empfahl knieend dem ewigen Vater ſeinen Geiſt. Da trat ein vornehm gekleideter Mann mit klingenden Waffen unter die Mordluſtigen, und gebot ihnen Ruhe. Sie wichen zuruͤck, auch der Ungar neigte ſich, und Marcus, wiewohl gerettet, erbebte vor der Stimme Ernefs und vor deſſen Geſichte, welches hier in tuͤrkiſchem Schmucke fuͤr ihn in's Mittel trat. Ernef ver⸗ wies dem Ungar mit den unziemlichſten Aus⸗ drucken ſeine zweckloſe Grauſamkeit, und ſprach lateiniſch, ſo daß der Pater es verſtand:„Deine Stunde iſt gekommen, toller Magyare, ſo wie Du einen Augenblick anſtehſt, dieſen Mann dem erlauchteſten Großvezier einzuliefern. Denn er iſt Niemand anders, als der vielberuͤhmte Ka⸗ puzinermoͤnch Marcus von Aviano, der Rathge⸗ ber des kaiſerlichen Oberfeldherrn, und ſeiner Heere weiſer Prophet.“— Der Ungar neigte ſich verlegen zum zweiten Male, und auch die Tüt⸗ ken, nachdem ſie begriffen, wovon die Rede, be⸗ zeigten dem ſchlichten Moͤnch eine Ehrfurcht, die gegen ihre Mordbegier grell abſtach. Marcus wurde auf ein Pferd gehoben, und langſam nach dem Lager gefuͤhrt. Der Ungar mußte das Thier leiten, und Ernef ging neben dem Pater her. „Um Gotteswillen!“ fragte dieſer:„Wie kommſt du hieher, unheimlicher Lothringer? Sage mir's, ob ich ſchon nicht begreife, wie ich ſelbſt mich hier befinde.“—„Bald gethan, mein Vater. Da wir vor drei Monden in Wolfgangs Schloſſe von einander geſchieden, wandelte mich die Laune an, ein Tuͤrk' zu werden. Ich richtete meine Wallfahrt gen Stambul, aber die gefälligen Os⸗ manen kamen mir auf halbem Weg entgegen, und Kara Muſtapha wurde mein Goͤnner, ich ſein Guͤnſtling.“ „Weh' Dir, Abtruͤnniger!“ ſeufzte der Kapuzi⸗ ner:„Was ſagteſt Du aber? Vor drei Mona⸗ ten? Scherzeſt Du? Welche Zeit im Jahre ha⸗ ben wir denn jetzt?—„Wir ſind nach Eurer Zeitrechnung jetzv am 9. September 1683.“— „Nun ſo behuͤten uns alle liebe Heilige!“ ſeufzte wieder Marcus vor ſich hin, und ſenkte nach⸗ denklich das Haupt, denn er berechnete, daß er zwei Monden in der Hoͤhle geſchlafen haben mußte ſeit der ſchrecklichen Nacht im Teufelsgraben. Schweigend kamen ſie in's Lager, wo ein un⸗ zaͤhliger Troß durcheinander wirbelte, und die reichſte morgenlaͤndiſche Pracht mit dem armſe⸗ ligſten Zuſtand des rauhen Kriegerlebens nach⸗ barlich ſich einigte. Der Weg ging gerade nach dem Zelte des Großveziers, an vielen gaffenden Tuͤrkenhorden, und einem langen Zuge armer gefangener Chriſten, ſowohl Mann als Weib und Kinder, voruͤber. Während Muſtapha's Bar⸗ baren den Prieſter verhoͤhnten, warfen ſich die Gefangenen auf ſeinem Pfade nieder, ſtreckten die Arme nach ihm aus, und riefen einſtimmig: „Segne uns in Deinem Ungloͤck, wuͤrdigſter Va⸗ ter Avianus! Dein Leid ſey uns ein erhebend Beiſpiel, und Dein Maͤrtyrthum unſere Fürſpra⸗ che bei dem Herrn!“— Vergebens ſträubte ſich Marcus gegen den beruͤhmten Namen, den ihm Ernef, ſeine Feinde zu beruͤcken, beigelegt; un⸗ ter dem Getuͤmmel verſtand Niemand ſeine Wor⸗ te, und der Haufe, der ihn laͤrmend umtobte, wuchs zum ungehenern Ball an, bis das Zelt des Großveziers erreicht war. Kara Muſtapha thronte darinnen, mit dem Glanze eines Padi⸗ ſchah ſelbſt, umgeben von ſeinen Feldhauptleu⸗ ten und ſeinen Vertrauten, Sterndeutern und Wahrſagern. Der Janitſcharen wildes Volk hielt Wache um ſeinen Thronſaal, und feierliche Stille trat ein, als Marcus von ſeinen Begleitern vor den oberſten Heeresfurſten gebracht wurde. Die rauhen Zuge des Großveziers ſpannten ſich neu⸗ gierig, da Ernef, mit der Vertraulichkeit eines —— Guͤnſtlings, ihm berichtete, welchen Gefangenen er herbeifuͤhre. Mit duͤſterm Neide betrachteten die Wahrſager des Veziers den Monch, und Mu⸗ ſtapha fragte endlich durch Ernefs Mund:„Das Gluͤck des Kriegs hat Dich in unſere Gewalt ge⸗ bracht? Auch wir verehren die Weisheit und die Gabe der Weiſſagung, die der hoͤchſte Gott nur ſelten verleiht, an den Feinden ſelbſt. Dein Leben iſt nicht bedroht, gelehrter Mann, weil Du den Lauf der Sterne zu deuten, und die Zu⸗ kunft zu enthuͤllen verſtehſt. Sage uns dafür, wo der Feldherr des Kaiſers verweilt, und wie das Schickſal der Schlachten ſich enden moge!“ — Marcus betheuerte, nicht Derjenige zu ſeyn, fur den man ihn ausgebe; der Hochmuth, fremde Weisheit ſich anzumaßen, ſey ferne von ihm, und er, ein ſchlichter Moͤnch und Kloſterbruder, der auf die wunderlichſte Weiſe ganz fremd in dieſes Land gekommen, vermoͤge nicht, auf die vorgelegte Frage eine Antwort zu ertheilen. Ein Dolmetſcher trug dem Großvezier die Worte zu, obgleich Ernef durch ſeine Mienen und Winke — 280— den Moͤnch zur Luͤge zu bewegen ſuchte. Da ſagte Muſtapha nach kurzem Ueberlegen:„Du zweifelſt an der Ehrlichkeit unſerer Verſicherun⸗ gen. Ich tadle dieſen Zweifel nicht, weil noch jetzo vor unſern Augen der Menſch, der Dich zu morden begehrte, an Deiner Seite ſteht.“— Der Vezier gab einen Wink, worauf der ungariſche Hauptmann ohne irgend einen Laut oder Ge⸗ raͤuſch abgefuͤhrt wurde. Die Geſichter der Tuͤr⸗ ken wurden doppelt ernſthaft und duͤſter, Ernefs Augen funkelten voll Schadenfreude, und Mar⸗ cus begriff nichts von dem langen Schweigen, welches nunmehr eintrat.— Endlich wurde Waf⸗ fengeraͤuſch an dem Eingang des Gezeltes hoͤr⸗ bar, und durch die Wache ging gemeſſenen Schrit⸗ tes ein griechiſcher Hofknabe des Großveziers bis in die Mitte der Verſammlung, eine eherne Schuͤſ⸗ ſel auf ſeinen Händen tragend. Er kniete vor den Gebieter, und zeigte ihm, was er trug, und auf einen Wink Muſtapha's reichte er auch dem Kapuziner die Schuͤſſel. Dieſer aber entſetzte ſich vor dem Juhalte derſelben: das abgeſchla⸗ — 281— gene Haupt des Ungarn lag darinnen.— Weil Marcus wankte, und einer Ohnmacht nahe war, ließ Muſtapha den graͤßlichen Kopf entfernen, und ſagte gelaſſen zu dem Prieſter:„Du ſiehſt, wie ſtrenge wir den Frevler beſtraften, der gegen Dich die Hand erhob. Vergelte uns jetzt Glei⸗ ches mit Gleichem. Entdecke, was Du weißt, und zoͤg're nicht, unſ're Gnade zu benutzen, da⸗ mit wir nicht dem Weiſeſten unter den Glaͤubi⸗ gen zuͤrnen muͤſſen.“— Marcus, empoͤrt von dem Anblick, der ihm geworden, und erſchuͤttert von den Begebenheiten des ganzen Tages, wie von ſeinem unendlich ſchweren Schickſal, ſchwieg hartnäckig, und dentete nur durch eine Bewegung der Haͤnde an, daß er nicht antworten koͤnne und wolle. Hierauf ſchrieen die Wahrſager des aberglaͤubiſchen Großveziers, ihrem Zorne Luft machend:„Du ſiehſit, o Herr, daß dieſer Mann nur ein Luͤgenprophet iſt, niedergedonnert von Deinem erhabenen Anblick. Laß ihn richten zum Beiſpiel und Schrecken aller Gottesläugner!“— Muſtapha runzelte die Stirn, ſendete ſeine Stern⸗ denter und Feldoberſten hinaus, und ſagte dann zu Marcus, der mit Ernef allein zuruͤckgeblie⸗ ben:„Ich werde ihrem Begehren willfahren muͤſ⸗ ſen, ſo Du auf Deinem Schweigen beharreſt. Schmeichle Dir nicht mehr mit der Rettung der Hauptſtadt. Sie muß fallen, ſpaͤteſtens mor⸗ gen. Und kämen des Kaiſers Feldherren in die⸗ ſer Stunde vor meinem Lager an, ſo wuͤr⸗ den ſie, verzweifelnd uͤber Wien's Untergang, mit ihrem Haͤuflein unter den Säbeln meines Vortrabs verbluten muͤſſen. Meine Wahrſager verkuͤndeten mir Gluͤck und Sieg bis vor die Thore Roms; daß Du in meinen Haͤnden biſt, gilt mir fuͤr ein neues Pfand des Ruhms. Der Sturz Eures Glaubens iſt vor der Thuͤre, und das Kreuz muß uͤberall dem Halbmond weichen. Bedenke darum, was Du thuſt, und beſinne Dich drei Tage lang. Zur Strafe fuͤr Dein je⸗ tziges Schweigen lege ich Dir auf, ſpäteſtens binnen drei Tagen Dein endliches Bekenntniß mit dem Uebertritt zum Islam zu beſiegeln. Thue, was ich fordere, und werde mein Freund; oder weigere Dich, und empfange den wohlver⸗ dienten Tod.“ Ein Paſcha mit beſtuͤrztem Geſichte, hinter ihm mehrere Eilboten, kaum vom Roß abgeſtie⸗ gen, riefen den Großvezier zu den Geſchaͤften des Krieges. Ernef fuͤhrte dagegen den Pater in ſein ſtilles Zelt, und ſagte zu ihm:„Muſta⸗ pha hat nicht unrecht, mi pater! Die Welt iſt rund, und der Chriſtusglaube ſteht jetzv auf der abſchoͤſſigen Seite. Undankbare Muͤhe, ſich daran feſtzuhalten. Ich habe Euch gerettet, ehrwuͤrdi⸗ ger Herr, weil ich zärtlich fuͤr Euch eingenom⸗ men bin, viel zaͤrtlicher, als fuͤr den Gauner Hartmann, den gewiß ſein Schickſal bereits am Galgen oder anderswo erreichte. Ich rathe Euch zum Guten: Der Turban wird Euren geſchor'⸗ nen Schaͤdel warm halten, und der Lebensgenuß Euer fruͤhzeitiges Alter mit Roſen bekraͤnzen. Gott iſt Gott, man nenne ihn wie man wolle, aber die Freuden des Daſeyns ſind auch ein Schatz. Weiber, Sklaven, Gold und Deman⸗ ten, bequeme kuͤhle Marmorhallen, behagliche — 284— Ruhe, und ein Schluck Cyperwein im Verbor⸗ genen ſammt der beruhigenden Tabakspfeife er⸗ heitern den Muſelmann. Kein Menſch auf Er⸗ den iſt zum Tuͤrken mehr gemacht, als ein chriſt⸗ licher Kloſtermann. Bedenkt das, und wählt zu Eutem Beſten.“ Marcus ſah ihn veraͤchtlich an, Ernef ent⸗ fernte ſich verdrießlich, und ſtellte doppelte Wa⸗ che vor das Zelt. 30. Drei Tage waren verfloſſen, und Wien, von ſeinen ritterlichen Helden auf's Aeußerſte verthei⸗ digt, hielt ſich noch immer. Dagegen waren die Retter, ſowohl Polen als Reichstruppen, ſchier im Angeſichte des ſorgloſen Feindes dieſſeits der Donau erſchienen, und in ſichere Stellung auf dem Kahlenberge und Leopoldsberge getreten, von dort aus die Schlacht zu beginnen, die zum Heil der Chriſtenheit oder zu ihrem Verderben aus⸗ fallen ſollte.— Dieſer Schlachttag graute kaum, und Marcus hatte in ſeiner Einſamkeit noch nicht —— eine Sylbe von Sobiesky's und des Herzogs von Lothringen Nähe vernommen, als Ernef mit tv⸗ desſchwangerem Geſichte ihn aus dem ruhigen Schlummer weckte und zu ihm ſprach:„Es iſt leicht moͤglich, daß Kara Muſtapha nach Un⸗ garn zuruͤckkehrt, um dort ſein Hoflager aufzu⸗ ſchlagen. Ehe er jedoch von dieſen Fluren ſchei⸗ det, will er in ſeinem Hauſe aufraͤumen, und der Tod von zwanzigtauſend Chriſtenſclaven, je⸗ den Alters und Geſchlechts, die in dem Lager gehegt werden, iſt ſchon ſo gut als beſchloſſen. Nur unter einer Bedingung will der Fuͤrſt des Heeres den Elenden Gnade, ja ſelbſt die Frei⸗ heit ſchenken. Schwoͤre Du zu der Fahne des Propheten, und die Zwanzigtauſend leben. So Du aber wahnſinnig genug ſeyn koͤnnteſt, das gluckliche Lvos zu verſchmähen, welches Du als Diener der hohen Pforte gegen die ſchmutzige Er⸗ bärmlichkeit eines Kapuziners eintauſchen wuͤr⸗ deſt, ſo ſollſt Du ſterben gleich den Andern, un⸗ ter denſelben Martern wie ſie, und belaſtet mit ihrem Blute, welches Deine Hartnaͤckigkeit ver⸗ 6 — 286— ſchuldet.“— Das Herz des armen Prieſters war zerquetſcht unter dieſem ungeheuern Anſinnen; es blutete und haͤtte vielleicht im regen Taumel der Menſchlichkeit das Gewiſſen und den Glau⸗ ben nach ſich in die regelloſe Bahn gezogen. Aber von der andern Seite war der Abſcheu gegen die ausgeſtoßene Drohung in Marcus Seele zu ubermaͤchtig, und er erwiederte, obwohl in ſchmerz⸗ licher Bewegung:„Steh' ab, mich ferner zu lo⸗ cken, verſchmitzter Satan! Sieht nicht der Herr die Noth ſeiner Getreuen? Wird er nicht hel⸗ fen, ſobald es ſeyn muß? Und nimmt er nicht Diejenigen, die um unerforſchlicher Zwecke willen verderben muͤſſen, gnädig in ſeinen Schooß auf? Meine Entwuͤrdigung koͤnnte den Bruͤdern nicht Segen bringen; ich will aber an ihrer Spitze die blutige Palme zu den Fuͤßen des Allmächti⸗ gen tragen. Rufe Deine Henker, und ende mein Leben und deſſen Qual!“ Ernef's Geſicht verzog ſich zu einer ſchenßlichen Larve, und er eilte wuͤthend nach dem Eingang des Zelts. Ein lärmender Haufe von Bewaffune⸗ — 287— ten verrannte ihm dort den Weg. Halt da!“ ſchrieen die von Grimm Berauſchten:„Der Feind greift an, und wir ſind verloren durch den Starr⸗ ſinn Muſtapha's. Darum ſtuͤrmt der Aufruhr durch alle Zeltgaſſen, und darum mußt Du ſterben, feiger Rathgeber des grauſamen Veziers.„Meh⸗ rere Feuerrdhre knallten zugleich, hart auf Er⸗ nef's Bruſt geſetzt, los, und der Elende ſturzte im Blut gebadet nieder. Nachdem die Tuͤrken den Sterbenden mit Fuͤßen getreten, entfernten ſie ſich, dem Kapuziner androhend, daß ihn der Tod im naͤchſten Augenblicke ereilen wuͤrde, daß jedoch ihr Säbel zu edel ſey, ſein Blut zu ver⸗ gießen.— Der Unmuth des Moͤnchs gegen den Verſucher wandelte ſich in die reinſte Beſorgniß, da er denſelben am Boden ausgeſtreckt ſah, rin⸗ gend mit der Aufloͤſung. Er kniete neben ihn, er wollte betend ſeine Haͤnde fuͤr ihn erheben, da lachte ploͤtzlich das erblaſſende Geſicht mit wildem Spott aus, und aus dem Munde kamen die Worte:„Thor, deſſen Einfalt allein Dich aus allen den Schlingen rettete, die ich Dir legte, — 288— gleich wie ein albernes Kind ſorglos am Abgrund wandelt— glaubſt Du, daß ich gemacht bin, um mich von Dir zum Ende bereiten zu laſſen? Dieſe Huͤlle, die geborgte, hat ausgedient, aber ich lebe ewig.“ Unmittelbar darauf ſtieg neben dem blaſſen Koͤrper ein ungeheures Geſpenſt her⸗ vor, aͤhnlich dem, welches Marcus im Teufels⸗ graben geſehen, fuhr bis zur Decke des Zeltes auf, und ſchrumpfte dann im Nu zu einem gar⸗ ſtigen Mohrenzwerg zuſammen, der den Prieſter bei'm Guͤrtel packte, und hinaus in's Freie riß. „Suche hier Deinen Tod, Verfluchter,“ bruͤllte der Zwerg, ſeine Brute loslaſſend:„Ich habe keinen Theil an Dir, aber lange ſollſt Du Dei⸗ nes Sieges Dich nicht freuen!“ Der hoͤlliſche Spuk verſchwand; Marcus aber ſtarrte entſetzten Auges in dem Jammer, der auf allen Seiten wuͤthete. Der Befehl, alle Chriſtenſclaven zu ermorden, war ergangen und wurde ſchrecklich ausgefuͤhrt. Wohin Marcus nur ſah, war er Zeuge der grauſamſten Metzelei. Trunkene Soldaten mordeten ohne Raſt und Un⸗ — 289— terlaß, und das Geſchrei der Sterbenden ver⸗ maͤhlte ſich gräßlich mit dem frendigen Geſchutz⸗ donner des nahenden Chriſtenheeres. Auch auf den Prieſter ſtuͤrzte ein Schwarm von Muſta⸗ pha's Trabanten; an ihrer Spitze ſchritt Gevat⸗ ter Steinheil mit bluttriefender Senſe. So wie ſich aber eine Lanze gegen Marcus vorſtreckte, oder ein Säbel nach ſeinem Haupte zielte, alſo⸗ bald ſchlug Steinheil die Waffe zuruͤck, und den⸗ tete dem Moͤnch, weiter zu fliechen. Gefahr auf Gefahr draͤngte ſich ihm entgegen, aber ſtets zur rechten Zeit war der ſchauerliche Beſchutzer nahe, und wendete ſie ab.— So ſtahl ſich Marcus durch die entſetzliche Flucht des turkiſchen Hee⸗ res, und ging getroſt mit off'ner Bruſt und hel⸗ lem Blick den Kugeln entgegen, welche aus chriſt⸗ lichen Kanonen den Unglaͤubigen nachjagten. So gerieth er endlich in den Vortrab des ſiegenden von Gott begnadigten Heeres, wo ſchon Pauken und Trompeten die Victorie ausriefen, und Po⸗ len und Deutſche ſich bruͤderlich umarmten, ob Srinblevs ſimml. Werke XMR· Bb. Herbſbiolen T. 19 — 290— der Rettung des Glaubens. Ein Haufe kaiſerli⸗ cher Dragoner, die mit eingelegten Picken, von ihren Gaulen abgeſeſſen, ſich langſam naͤherten, nahm den Pater in die Mitte, damit er einem verwundeten Officier, den ſie trugen, die Abſo⸗ lution ertheile. Aber ſchon war der Hauptmann geſtorben; doch von ſeiner Seite ſprang ein Sol⸗ dat auf, der ſich friſch und lebendig um den Hals des Moͤnchs warf, ihn faſt erdruͤckend mit Liebkoſungen und Kuͤſſen.—„Ehrwuͤrdiger Va⸗ ter, wo kommt Ihr her? Aus dem befreiten ten Wien? Ich dachte nicht, daß ich Euch ſo vald wieder ſehen wuͤrde; aber wie ſeyd Ihr alt geworden? wie hat ſich Euer Bart gebleicht? Ihr habt des Ungluͤcks viel erlitten, doch auch ich nicht minder. Zwar bin ich friſch und ge⸗ ſund, aber die Heimath geht mir ab, und die Braut Veronica.“ Und der Pater ſprach hier⸗ auf:„Claus, Du lieber Claus, den mir der Herr ſchickte, um mich wieder an das Leben zu binden! Nimm' mich unter Deinen Schutz, Du wackerer Soldat, denn ich will Dir folgen, ſo weit Du — — 291— auch marſchireſt, damit ich doch aus Deinem Munde hoͤre, wie Dir's ging— hoͤre, wie die vaterlandiſche Zunge ſpricht.“— Da wurde pidtz⸗ lich heftig an des Paters Kutte geriſſen, und ein jubelndes Geheul ließ ſich vernehmen, und Mar⸗ cus erkannte mit ſeliger Ruͤhrung in dem zu⸗ dringlichen Freunde den Pudel Canis.„Woher, mein guter zottiger Geſell2“ ſchluchzte Marcus, von den plumpen Liebkoſungen des Verlor'nen beſtuͤrmt:„Koͤnnteſt Du nur dießmal reden und erzaͤhlen, was Du erlitteſt.“—„Ich will's ſtatt ſeiner thun;“ verſetzte Claus, freundlich auf das Fell des Hundes klopfend:„Als ich, ein armer Recrut, durch das Städtlein Weilheim zog, ſah ich dieſen Pudel das Rad an einem Schleifſtein drehen: ein jaͤmmerlich Handwerk, wobei der Hund ſich nicht gefiel. Der Pfleger hatte ihn gehabt, doch war ſeine Wildheit ſtets ſo groß ge⸗ weſen, daß man ihn beim Pfleger nicht mehr duldete, und ihn auf die Galeere verwies. Ich kaufte den Hund um ein paar Pfennige, zog 19* mir aus ihm einen treuen Gefaͤhrten auf dem Marſch und in der Schlacht, und wuͤrde ihn doppelt geliebt haben, wenn ich geahnt haͤtte, daß er Euch angehoͤrt, mein wuͤrdiger Vater.“ Claus redete noch, als der Polenkdnig So⸗ biesky und der Herzog von Lothringen in bruͤder⸗ lichem Vereine daherritten, umgeben von jauch⸗ zendem Kriegsvolk, und begleitet von dem theu⸗ ren Ordensmanne Avianus, der auf dem Berge ihre Waffen geweiht, und ihnen in frohlicher Weiſſagung den Sieg verkuͤndet. Zu dieſem Bru⸗ der im Herrn trat kuͤhnen Muthes der von fro⸗ her Ahnung begeiſterte Marcus, berichtete ſchlicht und kurz, wie's ihm ergangen, und bat um des Ordensbruders Fürſprache bei dem Herzog von Lothringen, daß man ihn mit ſicher'm Geleits⸗ paß nach der Heimath entlaſſe, und auch den armen zum Recruten gezwungenen Claus gnä⸗ digſt des Dienſtes enthebe. Das gute Wort fand auch hier eine gute Statt. Binnen wenig Ta⸗ gen— Marcus ſah noch den Jubel des befrei⸗ ten Wiens— hatte der Moͤnch ſeinen Paß, — Claus ſeinen Abſchied erhalten, und Beide fuhren, da ihnen die herzogliche Gunſt einen Wagen und Vorſpannpferde bewilligte, mit heit'rem Sinne dem Vaterlande wieder zu. 31. An einem Abend— zu Anfange Octobers— kamen zwei Wanderer die Hoͤhen herab zum Hall⸗ wyler See: Marcus und Claus, in ihrem Ge⸗ folge der treue Canis. Eine friſche Abendluft fegte das fallende Laub von den Baͤumen, furchte die Oberflaͤche des See's, und färbte mit froͤhli⸗ chem Roth, gleich der ſinkenden Sonne, die Ge⸗ ſichter der Reiſenden. Ihr Blut floß mit ver⸗ doppelter Schnelle durch die Adern, und nament— lich Clauſens Schritte foͤrderten ſich, als die Wanderer zur Stelle gelangten, wo der Pfad aufwaͤrts fuͤhrt nach dem Tannenwald, dem wil⸗ den Freithof und Veronica's Huͤtte. Dort ſtan⸗ den ſie ſtille, die Gefaͤhrten, und Claus, den Wanderſtab auf die Schulter legend, fragte: „Ihr beharr't darauf, mein Vater, mich allein zu — 6 — 293— Veronica ziehen zu laſſen, und trotz der nahen⸗ den Nacht den Weg nach Eurem Kloſter fortzu⸗ ſetzen?“—„Ich beharre, lieber Sohn. Meine Beine ſind ruͤſtig, mein Muth iſt friſch und meine Sehnſucht groß. Bald geht der Mond auf und hellt das Dunkel. In ein paar Stun⸗ den bin ich druͤben, und ruhe dann im ſichern Hauſe. Du aber bereiteſt meine Familie auf die große Veraͤnderung vor, die ſich in meinem Aeu⸗ ßern ergeben; ich wuͤrde, unverſehens, wie ich heute komme, nur wie ein Geſpenſt zu ihrem Schrecken unter ſie treten. Dann aber vergiß nicht, am Sonntage mir die Braut zu bringen, damit ich Euch einſegne.“—„Erlaubt wenig⸗ ſtens, daß ich Euch zum Kloſter begleite. Ich laufe dann ſchnell zuruͤck, und bin vor Tagesan⸗ bruch ganz bequem am Hauſe meiner Braut.“ —„Wozu, mein Sohn? Ich bin munter, und auf meinem Pfade findet ſich kein Raͤuber, den nicht das Bellen dieſes treuen Hundes vertriebe. Die Leute ſind gar fromm in dieſer Gegend. Du aber magſt nicht eine Stunde verſäumen, Deine 25— Braut zu troͤſten durch deine Wiederkehr. Ohne⸗ hin iſt ja das Leben viel zu kurz fuͤr die Liebe. So kuͤſſe denn die Mutter, Geſchwiſter und de⸗ ren Kinder in meinem Namen, und fehle am Sonntage nicht.“— Dem wackern Claus ſtanden Thraͤnen in den Augen, als der Moͤnch von ihm mit einem Haͤndedruck Abſchied nahm, und in dem Hohl⸗ weg verſchwand, der nach dem Kloſter hin lei⸗ tete. Aber Marcus hatte ſchnell den Hohlweg durchmeſſen, die Schlucht erklimmt, und ging ruͤ⸗ ſtig wie ein Juͤngling neben Stoppelfeldern hin dem Buchenwalde zu, der ſich im Abenddufte die Bergfläche entlang ſtreckte, und worinnen das geliebte Kloſter lag. Violettes Herbſigeſpinnſt lag auf den oͤden Aeckern, und wenige Muͤcken ſchwaͤrmten in der heitern Luft, nach denen der Pudel ſchäkernd ſprang und jagte. Sein Spiel unterbrechend, fiel er auch oft mit ſcherzhaften Biſſen uͤber die Ferſen des ſchreitenden Paters, oder deſſen flatterndes Gewand her, als wollte er ihn ſchelmiſch in ſeinem Gang aufhalten, wor⸗ — 296— auf lachend Marcus zu ihm ſagte:„H Canis, was fällt Dir ein? iſt unſer Haus nicht auch ein ſicherer Port fuͤr Dich wie fuͤr mich? dort ſtiehlt Dich kein Dieb, dort wartet Deiner keine Schleifmuͤhle, dort bedroht Dich keine pfeifende Kugel wie in der Tuͤrkenſchlacht. Ruhe winkt Dir daſelbſt, gute Creatur, Dir und mir.“— Mehrere Landleute gingen voruͤber, dem Seege⸗ ſtade zu: Maͤnner, die der Pater Marcus wohl gekannt, als fleißige Beſucher und Wohlthäter des Kloſters. Er gruͤßte ſie freundlich, und ſie dankten ehrfurchtsvoll dem Prieſter; dabei war jedoch ihre Miene gleichgültig, und ſie ſchienen ihn nicht zu erkennen. Das ſchmerzte den Prie⸗ ſter, und er dachte bei ſich ſelbſt:„Du mußt ſehr gealtert haben, guter Freund. Und wer weiß, ob man Dich nicht in der Heimath An⸗ fangs behandelt wie einen Fremden? Doch ſind kaum wenige Monden verfloſſen, ſeit ich dieſes Land verlaſſen! Aber wahr iſt es: wenn der Menſch hinaustritt aus den Armen der Mutter in das feindlich fremde harte Leben, ſo iſt ſein „ — 2— Weg rauh, und mit Dornen beſaͤet, und die Verſuchung geht mit ihm und die Suͤnde lauert ihm auf, und haͤngt ſich belaſtend an ſeine Schrit⸗ te, und der Tod fehlt nicht in ſeinem Gefolge. Wenn er aber auch, beſchuͤtzt von dem Engel in ſeiner Bruſt, der es verſchmaͤht, im irdiſchen Leib verlarvt zu gehen, weil kein irdiſcher Theil an ihm iſt— ſeinen Feinden entgeht„was bringt er mit zuruͤck uͤber die Schwelle des Va⸗ terhauſes? Erfahrung, die bittere Frucht der Erkenntniß und das Alter, dem zu entfliehen nicht Raum iſt. So iſt auch meine Heimkehr. Wohl mir, daß ich nicht die Reue auf meinem Ruͤcken mit mir bringe, ſondern eim offenes Auge und ein freundlich' Geſicht fuͤr meine Bruͤder und fuͤr den lange ſchmerzlich vermißten Freund.“ Da ſtand er in dem Forſt, deſſen groͤnes Ge⸗ woͤlbe noch feſt war, wenn auch Tauſende von Blättern bei jedem neuen Windwehen von den Stämmen niederraſchelten. So wie draußen die Nacht heraufzog, ſo war es doppelt finſter in dem Walde, aber der Mond ein freundlicher 4 — 298— Fuͤhrer. Anfangs genoß der immer ſtrenge wan⸗ delnde Moͤnch das Mondlicht mit Entzuͤcken, aber bald wurde ſein Schritt langſamer, und minder raſch wogte ſein Blut, und die Kälte der blei⸗ chen Strahlen drang durch die ſchwere Kutte in ſein Gebein. Auch der Pudel hatte ſeine Mun⸗ terkeit verloren, und ſchlich nachdenklich, wie einſt am wilden Freithofe. Zugleich aͤchzte er von Zeit zu Zeit, wie von innerm Schmerze ge⸗ quaͤlt, und leckte, als Marcus ſich forſchend zu ihm beugte, mit vieler Inbrunſt und mit heißer Zunge Geſicht und Haͤnde des Verſorgers, we⸗ delte mit dem Schweife, und zeigte dann keinen Schmerz. Als ſich nun der Kapuziner umſah, ob nicht etwas Unheimliches im Wege ſiehe, das den Pudel erſchreckte, gewahrte er dicht hinter ſich noch einen Wanderer in langem faltigem Mantel, deſſen Tritt nicht gehoͤrt wurde, deſſen Athemzuͤge man nicht vernahm. So wie Mar⸗ cus ſtille ſtand, blieb auch der Andere unbeweg⸗ lich, ſo wie Marcus weiter wandelte, folgte auch der Andere. Dabei getraute ſich der Monch nicht, ——— —— — 299— den ſchweigſamen Gefaͤhrten anzureden, und ſuchte ſeine Schritte zu beſchleunigen. Vergebens, ſeine Fuͤße wurden immer ſchwerer, matter ſein Herz, und verworrener ſeine Gedanken.„Wehe mir!“ ſeufzte er in ſich hinein:„Ich habe mich zu ſehr vermeſſen, und meine Kraͤfte uͤberſchaͤtzt. Kaum fuhle ich mich ſtark genug, die kurze Strecke bis zur Kloſterpforte zuruͤckzulegen. Ich muß ru⸗ hen.“— Er ſetzte ſich am Fuße des Huͤgels, von wo er zum letzten Male in den Kloſtergarten geſchaut, auf einen Stein, und keuchte muͤhſam und mit ſchwacher Bruſt, und ſuchte neue Span⸗ nung fuͤr ſeine erſchlaffenden Glieder in einem friſchen Trunke aus dem herabrieſelnden Quell⸗ brunn. Aber unfern von ihm ſaß auch der ſchwei⸗ gende Begleiter, und ruͤhrte ſich nicht, waͤhrend Canis vorwaͤrts lief, und wieder zuruͤckſprang, auf dem Boden ſchnoberte, die Staͤtte erkannte, und durch jubelndes Bellen ſeine Ankunft zu ver⸗ kuͤnden ſuchte. Aber dieſes Bellen verwandelte ſich in ein ganz dumpfes Gemurre, als ob dem Hund die Kehle zugeſchnuͤrt wuͤrde. In dem fahl ſchimmernden Mondlichte bewegte ſich et⸗ was, unfern von Marcus, unter den Baͤumen, und das Auge ſeiner Seele, mehr als das koͤr⸗ perliche, ſah die Geſtalt ſeines Freundes Adal⸗ bert. Sehnſuͤchtig ſtreckte er nach derſelben die Hände aus, und rief:„Du weißt ja, Geliebter, daß ich komme! Du gehſt mir entgegen, mich an Deinem Arme in meine Zelle zu fuͤhren? Du willſt mir heute in meiner Schwäche vergelten, was ich einſt zu Deinem Beſten gethan,! als meine Seele aus dem Leibe ging, um Dir in Frauenbrunn zu begegnen? Ei ja, Adalbert: fuhre mich, geleite mich, und verlaß mich nicht!“ — Bei dieſen Worten, ermuthigt von der will⸗ kommenen Ahnung, ſtrebte Marcus vom Steine auf, eilte mit zitternden Knieen dem Freunde entgegen, der ihm winkend voranſchwebte zur Kloſterpforte, und berhrte faſt dieſelbe ſchon mit ſeinem Pilgerſtabe, als plotzlich eine eiſerne Fauſt in ſeine zuruͤckgefallene Kapuze griff, und ihn zurückzog, ihn niederriß auf dem Pfad zur Heimath. Er ſank mit einem Seufzer, gebro⸗ — chen ſtarrte ſein Auge in die Hoͤhe, und erkannte noch im Sterben den gewaltigen Gevatter Stein⸗ heil, der hoch uͤber ihm ſtand im flatternden Mantel. Und der Mantel zerriß, und blanke Knochenarme leuchteten darunter hervor, und kalt wendete ſich der Furchtbare ab, in den Wald hineinſchreitend. Der Tod des Prieſters mußte aber ein ſuͤßer geweſen ſeyn, denn ſein Geſicht lächelte und Verklaͤrung ſprach aus ſeinen Zu⸗ gen, als ihn ſeine Bruͤder fanden, nachdem der Pudel durch ſein Bellen und Geſchrei, reiſſend an der Kloſterglocke, die Begebenheit zur Kunde gebracht.— Am nächſten Sonntage kam das frohliche Hoch⸗ zeitpaar zur Kirche, und fand ſtatt des ge⸗ ſchmuͤckten Brautaltars Trauerfloͤre, ſtatt der Hochzeitmeſſe ein Todtenamt: auf der Bahre lag Derjenige, der die Brautleute vermaͤhlen wollte. Ihn, deſſen Seele ſchon bei dem ewigen Vater war und deſſen Leib nicht in fremder Erde ru⸗ hen wollte, begrub der Freund, und folgte ihm, ehe noch der erſte Schnee gefallen.— Ein ein⸗ — 302— faches Kreuz von Stein bezeichnet aber noch heute die Staͤtte, wo der pilgernde Moͤnch, auf der Schwelle ſeiner Heimath, im Herrn ver⸗ blich. Ein Abend der Ninon. Ein Abend der NHinon. An der Straße, die von Paris nach der Abtei Port⸗Royal⸗des Champs fuͤhrt, ſtand ehemals ein Rondel von Pappeln, unter denen mehrere Stein⸗ baͤnke angebracht waren, auf welchen die zur Stadt gehenden Landleute ihre Koͤrbe niederzu⸗ ſetzen und auszuruhen pflegten. Zur Zeit der Fronde hatte hier auch manche Vedettenhuͤtte, ſo⸗ gar manches Befehlshaberzelt geſtanden. Das Plaͤtzchen war, nach Verlauf und Erloſchen des Buͤrgerkriegs, wieder recht friedlich geworden, und ſtellte ſich zumal an dem Nachmittage, an welchem dieſe Geſchichte anhebt, ruhig dar. Die Sonne beleuchtete es warm, und in dem ſchma— len Schatten der Baͤume ſaßen zwei junge Leute, kaum den Kinderjahren entwachſen; beide ermuͤ⸗ Srindler's ſümmtl. Werke XXN. Bd. Herbſtviolen I. 20 — 306— dete Wanderer; der Eine mit dem Knotenſtabe im Graſe raſchelnd, der Andere ein Buch in der Hand haltend, und eifrig darinnen zur Erholung leſend. Sie waren kurz nacheinander gekommen, und hatten, einander gegenuͤberſitzend, kaum ein Wort gewechſelt, denn ihre Staͤnde ſchienen ſich ungern zu beruͤhren. Der Eine, Leſende, war faſt geiſtlich gekleidet, während des Zweiten Ge⸗ wand einen bäueriſchen Schnitt hatte, und in Stoff und Farbe bäueriſche Duͤrftigkeit verrieth. Der Letztere, nachdem er ausgeruht, faßte ſich ein Herz, näherte ſich dem Leſenden, und ſagte in ziemlich ſchlechtem burgundiſchem Dialect: „Waͤre es mir wohl erlaubt, mein Herr, Euch nach der Zeit zu fragen?“ Der Befragte errdthete ſehr, wie ein Mäd⸗ chen, fuhr verlegen nach der Seite, wo ſonſt die Uhr zu ſtecken pflegt, und verſetzte ſanft und wie betreten:„Mein Lieber! ich trage keine Uhr bei mir; ich bin nicht ſo reich, eine zu beſitzen, und wir in der Abtei richten uns nach den Kloſter⸗ uhren.“ — 507— Der kleine Burgundier wagte es nun, ſich vertraulich neben den Andern zu ſetzen, und ent⸗ gegnete:„Sind Sie denn nicht aus Paris, mein beſter Herr?“ „Nein, mein Freund. Ich wohne und ſtudire in Port⸗Royal⸗des⸗Champs.“ „Ach! wer ſo glͤcklich waͤre, auch ſtudiren zu koͤnnen!“ ſeufzte der baͤuriſch Gekleidete.„Ich gehe deßhalb nach Paris. Ob mir's aber gelin⸗ gen wird?“ „Wie heißt Ihr denn, mein Freund?“ „Ich bin der kleine Edme Bourſault aus Muſſi⸗lEvéque an der Seine, mein guter Herr; aufgewachſen wie ein Krautſtrunk, und voll Be⸗ gierde, etwas zu lernen. Meine Verwandten ha⸗ ben mir endlich erlaubt, nach Paris zu gehen; der Herr Vicar des Herrn Biſchofs von Langres hat mir einen Thaler geſchenkt, und nun will ich mich auf den guten Gott verlaſſen.“ „Habt Ihr Freunde in Paris, oder eine Em⸗ pfehlung fuͤr irgend eine Schule?“ „Nichts, mein guter, junger Herr. Viel Hoff⸗ nung, viel Vertrauen und noch zehn Sols in der Taſche.“ Der junge Herr von Port⸗Royal ſtaunte ſehr, und betrachtete mit einer Art von mitleidiger Verwunderung den beherzten Bourſault. „Ihr habt viel Muth;“ ſagte er nach einer Pauſe:„und ein ſchones Ziel vor Augen. Ich wuͤnſchte, ich konnte Euch mit etwas Geld unter⸗ ſtuͤtzen; aber ich habe ſelbſt keines. Nehmt in⸗ deſſen dieſes Buch zum Andenken hin.“ Bourſault drehte verlegen das Buch hin und her, und ſagte endlich:„Sie berauben ſich um⸗ ſonſt, lieber Herr. Ich kann nicht leſen.“ „So werdet Ihr's doch einmal lernen, und die Liebſchaften des Theagenes und der Chariclea verſtehen. Es iſt ein Roman, aus dem Griechi⸗ ſchen uͤberſetzt, und er gefällt mir ſo wohl, daß ich ihn auswendig gelernt habe, und daher an dem Buche nichts vermiſſe, das mir mein Lehrer Lancelot dennoch zum dritten Mal verbrennen wuͤrde, ſo wie er die zwei erſten Eremplare ver⸗ brannte.“ N. — 309— „Ich bedanke mich beſtens;“ verſetzte Bour⸗ ſault:„wenn ich nur nicht zu dumm wäre, um den Namen zu leſen, der auf dem Titelblatt ge⸗ ſchrieben ſteht, und ohne Zweifel der Ihrige iſt.“ „Den kann ich Euch ſagen. Ich bin der kleine Jean Racine.“ „Jean Farine?“ fragte eine ſchneidende, luſtige Stimme uͤber ſeine Achſel herein, und ein dritter junger Menſch, von fuͤnfzehn Jahren etwa, ſprang uͤber die Bank, ungenirt Platz nehmend. Nicht boͤſe ſeyn, mein Kleiner;“ fuhr er zu dem Ele⸗ ven von Port⸗Royal fort:„ich kann nun einmal den Scherz nicht laſſen, und bitte Euch Beide, den Geſchickten und Ungeſchickten, mir hier ein bischen Ruhe zu goͤnnen. Ich komme wie ein gehetzter Haſe drei Stunden Wegs hieher, und will vor vier Uhr in Paris ſeyn.“ „Habt Ihr ſo eilige und dringende Geſchaͤfte?“ fragte Racine, ihn von oben bis unten aufmerk⸗ ſam betrachtend. „Das glaube ich, mein Kleiner. Die Schau⸗ — 310— ſpieler fuͤhren heute, wie ich gehoͤrt habe, den Cid auf, und ich muß das Stuͤck ſehen.“ „Ich gehe auch deßhalb nach Paris,“ ſagte der Schuͤler von Port⸗Royal mit Flammen des Vergnuͤgens auf den Wangen:„Großmama des Moulins hat mir's erlaubt, und es gibt nur ei⸗ nen Corneille!“ „Sieh', ſieh'!“ ſprach der Vorige lachend:„in der kleinen Seele ſteckt etwas. Mein Freund, Du ſcheinſt die Wurzel eines guten Baumes in Dir zu tragen. Liebſt Du Verſe und Tragd⸗ dien?“ „Fuͤr mein Leben; wenn ich's nur offenherzig thun duͤrfte! Aber die Lehrer in Port-Royal nehmen uns alle Comoͤdien weg.“ „Ei! ſo mache es wie ich;“ erwiederte der Er⸗ ſtere:„Mache Dir Deine Schauſpiele ſelbſt. Ich arbeite an einem Trauerſpiele, das den großen Corneille wohl ſtutzen machen ſoll.“ Racine ſeufzte.—„An dergleichen wage ich mich in meinem Leben nicht;“ meinte er kopf⸗ — — 311— ſchuͤttelnd.— Der Andere lachte.„Wir haben nicht Alle an der Unſterblichkeit Theil!“ rief er mit vieler Selbſtgenugſamkeit:„jedoch, da Du Sinn fuͤr die gottliche Poeſie haſt, kleiner Abbé, ſo ſchlage ein. Wir wollen Freunde ſeyn. Dei⸗ nen Namen weiß ich, und der meine iſt Nicolas Boileau.“ Der Burgundier wollte ſich ſtille davon ma⸗ chen. Boileau hielt ihn zuruͤck.„Bleibe nur, Du gute, gemeine Natur aus dem Bisthum Lan⸗ gres. Obſchon mir Dein Anſtand wenig gefällt, ſo ſoll mein Couſin zu Paris Dir dennoch eine Schule eroͤffnen, worin Du gratis Leſen und Schreiben lernſt, auf daß Du als beſcheid'ner Advocatenſcribler Dein Gluͤck macheſt.“ „Wenn ich dabei ſtehen bliebe, wär's nicht der Muͤhe werth, anzufangen!“ entgegnete Bourſault mit Naſenruͤmpfen. Boileau erbitterte ſich deß⸗ halb, und rief:„Seht doch den ungeſchlachten Bauerbuben, der unſ're Ohren mit ſeinem ab— ſcheulichen Jargon zerfleiſcht, und dennoch wohl gar Luſt haͤtte, in der Academie zu ſitzen. Warte — 312— Burſche! die Gelegenheit, Dir die Ohren zu reiben, wird ſich ſchon noch finden!“ Dem guten Edme ſtanden Thränen im Auge. Er ſchuttelte Racine's Hand ſchnell, ſagend:„Ihr Andenken, mein lieber, guter Herr, macht mir Freude, und ich will Sie dankbar ſegnen. Was den hochmuͤthigen Menſchen hier betrifft, ſo iſt noch nicht aller Tage Abend. Nur will ich mich dann nicht mit Haͤrte raͤchen, ſo wie er es ver⸗ heißt.“ Er ging ſchnell weg. Racine ſah ihm mit⸗ leidig nach, und Boilean begleitete ihn noch mit einigen halb ſpaßhaften Drohungen auf der Straße nach Paris. Ihre Aufmerkſamkeit wurde jedoch bald durch ein ſchallendes Gelaͤchter erregt. Auf der Heerſtraße ſtand ein Wagen, der in einem Kothgleiſe feſtgefahren war, und neben demſelben ein junger Mann im reichen Treſſenrocke, der den Kutſcher und den Bedienten unbarmherzig pruͤgelte. In dem Wagen ſaß eine Dame, die hell und unaufhorlich lachte, je aͤrger der Mann fluchte, und die Gepruͤgelten jammerten. — 5 Die Dame war bildſchon, ihr Haupt umwallt von dichten, haͤngenden Locken, die eine einfache Perlenſchnur durchflocht; ihre Kleidung prächtig und ausgeſucht geſchmackvoll; ihre Arme, wie ihr Hals und ihr Buſen, nach dem ſchoͤnſten Eben⸗ maße gebildet, und ihre Ausgelaſſenheit doppelt anziehend und merkwuͤrdig fuͤr ein unerfahr'nes Herz. Kein Wunder, daß Boileau mit offenem Munde ſtehen blieb, und die Schoͤne angaffte. Racine rief aͤngſtlich nach allen Seiten um Huͤlfe. Bourſault dagegen kehrte, das Ungluͤck wahrneh— mend, raſch um, kletterte, ohne den jungen Herrn in ſeiner Beſchaͤftigung, noch die Domeſtiken in ihren Leiden zu ſidren, auf den verlaſſenen Bock, und trieb die Pferde durch einen geſchickten Bauern⸗ kunſtgriff aus der fatalen Stellung, den Wagen auf's Trockene. Das Gelaͤchter der Dame, und das Geſchrei des Herrn und ſeiner Bedienten ver⸗ wandelte ſich in unermeſſene Lobſpruͤche fuͤr den kleinen Roſſebändiger, der ſo demoͤthig, als haͤtte er einen Fehltritt begangen, vor dem Herrn ſtand, und auf deſſen Befragen ſeine kleine Lebensbe⸗ ſchreibung auskramte. Der vornehme Zuhoͤrer wollte in die Taſche greifen, aber die Dame, die Bewegung bemerkend, rief mit gebieteriſchem Tone dazwiſchen:„Ei, Marquis! was fällt Dir ein? Der kleine Mann verdient etwas Beſſeres als ein Stuͤck Geld. Er bedarf eines Nachtlagers, eines Goͤnners, einer dauernden Unterſtutzung. Alſo, mein Freund, beſinne Dich!“ „Du biſt zu großmuͤthig, Ninon!“ erwiederte der Marquis, gutmuͤthig mit dem Finger drohend; befahl jedoch zu gleicher Zeit dem kleinen Bour⸗ ſault, neben dem Kutſcher Platz zu nehmen, was auch ſofort gerne und ohne Widerrede geſchah. Während ſich der Marquis nun anſchickte, wieder in die Kutſche zu ſteigen, fiel der Blick der Dame auf die beiden andern jungen Leute, und ſie be⸗ gann auf's Neue heftig zu lachen.—„Sieh' doch, mein Freund, dieſe kleinen Statuͤen mit off'nem Munde, mit erſchrock'nen Mienen! wahre Kuͤr⸗ bisſeelen, bleicher, naſſer Waͤſche auf der Leine zu vergleichen! Wer ſeyd denn Ihr, meine Lie⸗ — ben? Eure beſtaubten Schuhe verrathen den Wanderer. Was treibt Euch nach Paris?“ „Die Luſt, den beruͤhmten Cid zu ſehen, Ma⸗ dame;“ erwiederte Boileau mit ſtolzer Galanterie. —„Ja, Madame!“ ſetzte Racine mit ſanftem Augenaufſchlag bei. „Betrachten Sie nur den kleinen Spitzbuben, wie er ſo fromm ausſieht!“ ſagte die Dame zu dem Marquis:„Er ſcheint ein Engelchen neben dem Rabuliſtengeſichte des Andern. Wir könnten jedoch die Beiden, ihre Fuͤße zu ſchonen, in den Wagen nehmen und vor dem Schauſpielhauſe abſetzen. Nicht wahr, lieber Marquis?“ „Wo denkſt Du hin, Ninon?“ antwortete die⸗ ſer, etwas mißvergnuͤgt:„Eine ſolche Unterhal⸗ tung.... Dein Geiſt.. und dieſe Knaben... „Ach, beſter Villarceaux,“ verſetzte die Schoͤne mit ſchlau verhaltenem Gaͤhnen;„drei Jahre, in Ihrer geiſtreichen Nähe zugebracht, haben den Verſtand ziemlich geſattigt. Ein naives Zwiſchen⸗ gericht kann nicht ſchaden. Steigen Sie ein, — 3516— meine hoͤbſchen Herren Studenten. Herr von Villarceaux wird Sie nicht allein vor das Thea⸗ ter bringen, ſondern auch ſo gefällig ſeyn, Sie und mich hineinzufuͤhren. In beſſerer Geſellſchaft waren Sie nie.“ Boileau zogerte. Racine, junger und weniger uberlegend, huͤpfte alſobald in den Wagen und zog den Gefährten nach ſich. Der Marquis warf einen Bitterblick voll Mißvergnugen auf die Nachbarin, und murmelte zwiſchen den Zaͤhnen: „Ich ſehe wohl, wir nähern uns wieder der Hauptſtadt, Ninon.“ Ninon lächelte pfiffig; dann flaͤſterte ſie plotz⸗ lich dem Marquis in die Ohren:„Mein Freund! that ich nicht ſeit drei Jahren, was Du wollteſt? Und Du erfullſt meine erſte Bitte mit ſcheelem Auge? Keinen Zwang, mein Lieber. Ich will Dir nicht zumuthen, das Theater zu beſuchen, aber ich werde den Cid ſehen, in Geſellſchaft die⸗ ſer jungen Herren ſehen, was auch gewiſſe Leute davon denken wollen.“ „Ohne mich?“ fragte der Margquis lebhaft — 35 entgegen:„Nimmermehr! ich werde ſeyn, wo Du biſt, meine ſchoͤne Lenclos.— Wo werden Sie aber Ihre Wohnung nehmen, meine Herren?“ ſetzte er, zu den jungen Leuten redend, hinzu. „Ich wohne in der Straße Betizy;“ antwor⸗ tete Boileau kurz. „Ich habe ein Schreiben an die Frau Herzo⸗ gin von Longueville,“ erwiederte Racine.„Groß⸗ mama des Moulins empfiehlt mich ihr.“ Der Marquis wurde bei dieſem Namen weit zuvorkommender. Boilean zuckte ſpoͤttiſch mit den Mundwinkeln. Ninon bemerkte dieſes, und fragte:„Wie nennt ſich Ihre Großmutter, mein Herr?“ „Ich kenne ſie nicht genau, Madame;“ ent⸗ gegnete Boileau ſchnell.„Irre ich jedoch nicht, ſo iſt ſie eine gebor'ne Fuͤrſtin vom Helikon.“ „Ach, Herrgott! Paris!“ ſchrie in ſeiner gllernaivſten Verwunderung Bourſault, da der Wagen in die Vorſtadt einfuhr, und das Men⸗ ſchengedraͤnge ſichtbar wurde. Reiter und Fuß⸗ ——. — 318 ganger, auch mehrere Kutſchen, kamen den Ein⸗ fahrenden entgegen, und des Gruͤßens gegen die Dame wurde kein Ende. Des Marquis Blick verfinſterte ſich merklich, und es war Zeit, daß endlich die Kutſche vor dem, von vielen Menſchen wie belagerten, Schauſpielhauſe ſtill hielt. Das Einfahrtthor und die Stufen der Treppe waren von neugierigen Menſchengruppen oder von Leuten beſetzt, die ungeduldig den Augenblick er⸗ warteten, wo es ihnen erlaubt ſeyn wuͤrde, ihr Eintrittsgeld an Mann zu bringen. Mehrere Herren mit Knebelbaͤrten und Federhuͤten ſchienen den Eingang um der Damen willen zu bewachen, und muſterten ziemlich unverſchaͤmt eine jede An⸗ kommende. Bei'm Anblick des Herrn von Villar⸗ ceaur und ſeiner Begleiterin ſetzten ſie ſich alle in Bewegung, und Complimente uͤber Compli⸗ mente floſſen von ihren Lippen. „Ei, Mademviſelle!“ ſagte der Eine, ein zu⸗ dringlicher, huͤbſcher Mann von ſorgfältigem Aeu⸗ ßern:„So lange konnten Sie uns meiden? Ihre getrene Stadt Paris? Ihre Verehrer und — 6510— Sclaven? Behaupten Sie alſo die Grundſätze, die Sie predigen?“ „Mein Herr Graf von Buſſi!“ antwortete Ninon leicht und verbindlich:„Ich predige Lie⸗ besfreiheit, und wollte weder Sie noch Ihre wuͤr⸗ digen Freunde der Dame entziehen, die bisher Ihr Herz einzig erfuͤllen mußte: der muthigen Bellona. Ihre Stuͤrme ſind voruͤber! ich komme nun, wieder meinen Friedensthron aufzurichten. Wie befindet ſich Ihre Couſine?* „Mein Couſin, wollen Sie ſagen;“ verſetzte Buſſi mit leichtfertigem Spotte:„Wenn ich recht ſehe, ſo ſteigt er eben mit ſeiner Gemahlin die Treppe herauf.“ „An Ihren Poſten, Herr Graf!“ befahl Ni⸗ non:„Die reizende Sévigné harrt Ihres Ri⸗ terdienſtes und Ihres Arms!“ „Ha! die Gleichguͤltige!““ verſetzte Buſſi ſcherz⸗ haft zuͤrnend:„Ich gehe, um dem Marquis zu melden, daß ſein Poſten leider noch beſetzt iſt.“ Er ging mit einem Blicke auf Villarceaur ſei⸗ nen Verwandten entgegen. Der alte Marquis von Racan, der in ſeinen Manieren noch das Zeitalter Heinrichs des Vierten trug, an deſſen Hofe er einſtens Page geweſen, bedauerte indeſſen, aus dem Saale kommend, daß die goͤttliche Lenclos keinen Platz, ihrer werth, mehr finden wuͤrde, in⸗ dem Logen, Gollerieen und Parquet zum Erſticken voll ſeyen. „Aber lieber Himmel!“ rief der Marquis von Villarceaur ungeduldig aus:„Haben ſich die Pariſer an dem oft wiederholten Stuͤcke immer noch nicht ſatt geſehen? Du ſiehſt, liebe l'En⸗ clos, daß es beſſer geweſen ware, meinem Rathe zu folgen, und nach Deinem Hauſe zu fahren.“ Mittlerweile kam ein junger Mann in ſchlich⸗ tem Kleide heran, der dem Herrn von Villarceaur eine ſehr tiefe Verbeugung machte. Der Mar⸗ quis hielt ihn auf, und redete ihn vertraulich an: „Sieh' da! mein luſtiger Poquelin! Du hier? Vielleicht wirſt Du uns zu einem Plätzchen in Deinem Paradieſe verhelfen konnen!“ „Ich nenne mich jetzv Moliére, gnaͤdiger Herr;“ verſetzte der Andere.„Was Ihr Ver⸗ — 324— langen betrifft, ſo kann ich's erfuͤllen, wenn Sie auf der Buͤhne Platz nehmen wollen.“ Die Ninon klatſchte Beifall. Der Marquis zog verdrießlich die Stirn; gab endlich ſeine Ein⸗ willigung.„Was die beiden jungen Leute be⸗ trifft,“ ſagte er, auf Racine und Boileau zeigend, „ſo magſt Du ſie im Parterre unterbringen. Adien, meine Herren Studenten!“ „Poiſſon!“ rief Molisre, einem burlesken Geſichte zuwinkend:„Thue mir den Gefallen, Camerad, und pfropfe die Kleinen in den Saal.“ Der Comddiant that, wie ihm geheiſſen, und draͤngte ſich mit den Empfohlenen hinein. Villar⸗ ceaux mit ſeiner Schoͤnen folgte dem Fuͤhrer Mo⸗ liere durch den dunkeln Corridor auf die Buͤhne, zu deren Seiten ſchon die brillanteſte Verſamm⸗ lung, unaufmerkſam und geſchwatzig, ſaß. Das Stuͤck hatte noch nicht begonnen. Das Getoͤſe im weiten, geräumigen Saal war bedeutend, wuchs aber bei Ninon's Erſcheinen. Der platz⸗ machende Schauſpieler fand leichte Arbeit. Alle Srinbler's fämmtl. Werke XXX. Pd. Herbſtoſolen F⸗ 21 — 322— Herren ſtanden galant auf; alle Damen ruͤckten verdrießlich aus der Nähe der Lenclos weg, die plotzlich in einem Kranz von geputzten und be⸗ bänderten Herren ſaß, zu ihrer Linken den be⸗ guͤnſtigten Marquis; hinter ihr, gleich einem Die⸗ ner, den gefälligen Molieère. Aller Augen hafteten auf ihr. Schuͤchterne Liebhaber und beſcheidene Freunde ſandten ihr Blicke der Theilnahme, warfen ihr Kuͤſſe zu. Ei⸗ nige Unbeſcheidene, noch zum Theil dem Corps der Braven angehoͤrend, das ſich Rauferei und rohe Freimuͤthigkeit zum Geſetz gemacht hatte, riefen ihr ein lautes:„Willkommen!“ und ne⸗ benher ging ranſchendes Gefluͤſter durch die Rei⸗ hen der Frauen, die mit Unwillen und Furcht die gefaͤhrlichſte Nebenbuhlerin, nach einem Waf⸗ fenſtillſtand von drei Jahren, wieder in ihrer Mitte ſahen. Die Lenclos that ſich etwas dar⸗ auf zu Gute, das Schauſpiel im Schauſpiele zu ſeyn, und verkehrte voll gewohnter Luſtigkeit mit ihrer Umgebung. Unfern, in einer Loge, ſaß die Gattin des begaͤnſtigten Villarceaux mit ihrem — 323— Sohne, und mußte Alles aufbieten, um vor der ſpottluſtigen Menge ihre heitere Stirn zu erhal⸗ ten. Der furchtbaren Ninon gegenuͤber hatte der Zufall der Frau von Sévigné einen Platz gege⸗ ben, die ebenfalls mit Wehmuth im Herzen und Laͤcheln auf den Lippen die Zaͤrtlichkeit ſehen mußte, womit ihr Gatte, der Marquis, die ge⸗ liebtere Freundin winkend und gruͤßend empfing. Ihr Nachbar, der Graf von Buſſi, laͤngſt ein leidenſchaftlicher aber verſchmaͤhter Verehrer ſeiner Couſine, hatte ſich ihres Ohrs bemächtigt, und fluͤſterte in daßelbe den boshafteſten Commentar zu dem, was ihr Auge ſah. Auf einer andern Seite ſtanden, wie Verſchwoͤrer, mehrere Cavaliere beiſammen, die einſt Guͤnſtlinge der Ninon ge⸗ weſen waren, und nun ihre Stelle von einem ſo lange Geliebten eingenommen ſahen. Ihre Blicke verriethen Mißmuth, waͤhrend andere, Epicu⸗ raͤer nach Ebremont's Schlage, ſich lachend ihre Abentener erzaͤhlten, mit Duellgeſchichten und verliebten Zuſammenkuͤnften prahlten, und 24*. die Hände beſtaͤndig mit dem Schnauzbart oder mit der langen Locke, die an der linken Seite des Kopfs niederhing, beſchaͤftigt erhielten. Kunſt⸗ richtende Academiker und Magiſtratsperſonen harr⸗ ten mit Ungeduld dem Anfang des Schauſpiels entgegen, und ſprachen von dem Trauerſpiel Nico⸗ medes, das Corneille unter der Feder haben ſollte. Eine Gruppe von leichtfußigen Clerikern unter⸗ hielt ſich von dem Cardinal in der Verbannung, und ſeinen huͤbſchen Nichten. Der Haufe der Zu⸗ ſchauer indeſſen redete nur von dem Prinzen Condé und dem Cvadjutor von Gondy, die man verge⸗ gebens erwarte, und um deren willen eben die Menge ſich ſo gewaltſam nach dem Theater ge⸗ drängt hatte.— Endlich begann das Heldenſtuͤck. Die Paladine traten auf in ihren roͤmiſchen Bruſt⸗ harniſchen und den ſteifen Roͤcken; den Helm, hochbefiedert und mit Schleifen verziert, auf der lang niederwallenden Peruͤcke; die ſteif wandeln⸗ den Fuͤße in den vielgeſtickten Brodequins, zu de⸗ ren Saum die bauſchenden Baͤnder der Beinklei⸗ der niederfielen. Chimene im ſchweren Brokat⸗ — 325 G* gewande, mit den hochaufgeſchlagenen Haaren, mißfiel dem Fraͤulein de l'Enclos außerordentlich. Die affectirte Declamation der Schauſpielerin verleidete ihr das ganze Stuͤck.—„Die Perruͤche iſt ganz abſcheulich;“ ſagte ſie zu dem Marquis: „ich bereue in der That, Dir nicht gefolgt zu zu haben. Aber die Moͤglichkeit, dem Cid zu widerſtehen!“— „Geſtehe es mir,“ erwiederte der, durch Sé⸗ vigné's und Anderer Aufmerkſamkeit eiferſuͤchtig gewordene Villarceaur:„Du hoffteſt, wie alle Uebrige, den Cid von Frankreich, Deinen Freund, hier wiederzuſehen!“ „Marquis!“ ſagte ihm Ninon mit beinahe ruͤhrendem Vorwurf:„Verdiene ich Spott, den erſten Helden Frankreichs geliebt zu haben, noch ſeine Freundin zu ſeyn? Ich bin ſtolz auf ſeine Theilnahme; und Sie“— ſetzte ſie luſtiger bei —„ſind unausſtehlich wie die Chimene. Ich will nach Hauſe.“ „Kein Aufſehen, Ninon!“ bat Villarceaur teiß und dringend:„Warte bis zum Ende. Viel⸗ — 326— leicht entſchaͤdigt uns das kleine Stuͤck.— Was meinſt Du, Moliére?“ fuͤgte er laut bei, ſich nach dem Schauſpieler umdrehend. „Das kleine Stuͤck iſt grob und unſittlich;“ bemerkte dieſer achſelzuckend:„eine Farce, die nur das Gute aufweiſ't, daß ich nicht darin zu ſpielen habe.“ „Ei!“ lächelte Villarceaur:„Du haͤltſt Dich alſo hoch im Preiſe, guter Poquelin? Hätteſt Tapezier Sr. Majeſtaͤt bleiben ſollen. Deine jetzige Profeſſion taugt nichts, und Du wirſt ſelbſt darinnen nichts taugen, weil Du ſie verachteſt.“ „Ich verachte nur die Stuͤcke, die ſie gewohn⸗ lich ſpielen, meine Cameraden;“ antwortete Po⸗ quelin, der ſcharlachroth geworden war:„Unſere Comdoͤdie iſt nichts werth.“ „Nun, ſo mache ſie beſſer!“ unterbrach ihn hoͤhniſch herabblickend der duͤrre Chevalier Méré. „Wer weiß, gnaͤdiger Herr...“ „O du armer Teufel!“ lachte Racan:„Laß' die Zuverſicht. Bleibe bei der Rolle des Scara⸗ muz, die Du paſſabel ſpielſt, aber verſteige Dich nicht uͤber den Leiſten.“ „Meine Herren!“ ließ ſich ein huͤbſcher Vier⸗ ziger vernehmen.„Sie ſind allzuſtreng gegen dieſen jungen Mann. Er hat Einſichten; ich ſtehe Ihnen dafur, und er darf die Comddie ſchlecht nennen, ohne deßhalb berufen zu ſeyn, ſie beſſer zu machen. Stoͤren Sie uns uͤbrigens nicht im Zuhoͤren.“ „La Rochefoncault hat Recht;“ bekräftigte der Ritter Lafare:„Ich kenne ſelbſt das kleine Stuͤck, und darf verſichern, daß es ſchlecht iſt.“ „Aber wohin, lieber Marquis?“ begann Ni⸗ non naiv und ſchmeichelnd:„In meinem Hauſe iſt gewiß noch nicht Alles eingerichtet, obſchon ich unſern Poiton hinſandte. Zudem bin ich heute zu einem téte-Atéte nicht gelaunt. Ich empfinde entſetzliche Langeweile.“ Verlangteſt Du nicht ſelbſt zu gehen?“ Villarceaux. Der Schauſpieler miſchte ſich in's Geſpraͤch. „Ich wuͤßte wohl,“ ſagte er laͤchelnd und leiſe zu — 328— dem Marquis,„wo Sie Ihre Abendſtunde ver⸗ gnügter zubringen wuͤrden, als hier bei der elen⸗ den Poſſe. In der Hoͤllenſtraße wird ein luſtige⸗ res Spiel aufgefuͤhrt. Paul Scarron, der ehe⸗ malige Abbé, der Comddienſchreiber, der patentirte, an Haͤnden und Fuͤßen gichtbruͤchige Kranke der Konigin, hat vor einigen Tagen geheirathet, und ſein Weibchen macht heute zum Erſten Male die Honneurs ſeines Hauſes.“ Nicht moglich!“ rief die'Enclos:„Die Au⸗ ſter Scarron verheirathet? Das iſt laͤcherlich, und betruͤbt zugleich. Wer konnte ſich dieſem poſſierlichen Geſpenſt hingeben?“ „Eine Schoͤnheit iſt's, Mademvoiſelle;“ bemerkte La Rochefoucault:„die junge d'Aubigné; ſie war vor einiger Zeit hier unter dem Namen der Ame⸗ ricanerin bekannt, weil ſie ſich mehrere Jahre hindurch zu Martinique aufgehalten. Ein nied⸗ liches, braunaͤugiges, dunkelgelocktes Maͤdchen, das ein Feuer in den Augen traͤgt, dem wohl ein Anderer als der Invalide Scarron nicht ge⸗ wachſen wäre.“ Mit einem hellen Gelächter, das eine ruͤh⸗ rende Tirade des Stuͤcks frevelhaft unterbrach, ſtand Ninon ſchnell auf, und eilte in die Couliſ⸗ ſen. Der Marquis und Moliére folgten ihr. „Geſchwinde, mein Beſter!“ ſagte ſie, faſt erſti⸗ ckend, zu dem Letztern:„Meinen Wagen! Ich muß hin, an Scarron's Souper Theil nehmen, und der jungen Frau meine Aufwartung ma⸗ chen. Ich lache mich vielleicht todt, ehe ich hin⸗ komme— allein der Spaß iſt zu koſtlich.“ Nach langem Harren raſſelte endlich die ſchwere Kutſche aus dem benachbarten Sackgäß⸗ chen herbei. Der arme kleine Byurſault ſchlief im Innern.„Der arme Schelm!“ rief Ninon, als ſie ſeiner gewahr wurde, und wehrte dem Marquis, der den Jungen ohne Weiteres bei'm Kragen nehmen und herausziehen wollte:„Er wurde ganz vergeſſen, und darf, ſeiner Anhaͤng⸗ lichkeit wegen, nicht um ſeine Ruhe gebracht werden!“ Villarceaux und Molière ſchachtelten ſich in die Carroſſe ein; ein Bube mit einem Windlicht — 330— ging voraus und leuchtete nach der Rue d'Enfer. Durch das Dunkel der Gaſſe blitzten Scar⸗ ron's erleuchtete Fenſter; durch die Stille der Nacht ſchallte lautes Gelächter herab. Ninon verſprach ſich einen herrlichen Schmaus fuͤr Ohr und Einbildungskraft, und kletterte wohlgemuth die Treppen hinan, die zu des jungen Ehepaars beſcheidener Wohnung fuͤhrten. Auf dem Vor⸗ plaͤtzchen, einer Art von Antichambre, ſaßen und lehnten einige Bediente umher, unter ihnen ein junger, ſchmächtiger Menſch von blaſſem Anſe⸗ hen, der abgeſondert von den uͤbrigen, bei'm Schimmer einer Lampe mit einem Bleiſtift auf dem Blaͤttchen Papier kritzelte, das er in der Hand hielt. „Du hier, Quinault?“ fragte denſelben Mo⸗ liere, ihm auf die Schulter klopfend:„So flei⸗ ßig, mein junger Poet? Gewiß ein Hochzeitge⸗ dicht? Bravo! Dein Herr, der gute alte Triſtan, iſt, wie ich merke, auch hier zu finden? Melde uns an, mein lieber QOuinault! Mademoſelle die lEnclos, und der Herr Margquis de Villarceaur.“ — 331— Quinault ſchob flugs ſein Gedicht in die Taſche, und that, wie ihm geheiſſen. Das Ge⸗ laͤchter in der Stube loſ'te ſich in einen Schrei der frohen Ueberraſchung auf, und Scarron's hei⸗ ſere Stimme rief ein luſtiges:„Evan Evve! Vi⸗ vat Leontium!“ Die Thuͤre ſprang weit auf. Einige Herren mit Lichtern in den Haͤnden, Servietten uͤber dem Arme, und Kraͤnze von Rebenlaub auf den Kop⸗ fen, eilten den Gäſten entgegen, fuͤhrten ſie im Triumph ein in das feſtlich geſchmuͤckte Gemach. Die lieblichen Sänger Bachaumont und Cha⸗ pelle, vom Weine gluͤhend, und den Becher in der Hand, empfingen ſie mit einer bacchiſchen Hymne, zu welcher der junge Lully mit drolli⸗ gen Verbeugungen die Accorde auf der Violine ſtrich. Hinter der lecker beſetzten Tafel behaup⸗ tete der Hausherr den Ehrenplatz, die Schlaf⸗ muͤtze, von gruͤnem Laub bekränzt, auf dem Haupte, und nickte mit demſelben lachend und ſingend den Kommenden entgegen, weil ihm die Fuͤße den Empfangſchritt, und die Hände den Handſchlag nicht erlaubten. Ihm zur Rechten und zur Linken ſaßen einige ſieife Herren und Damen bei Jahren, die ſich ceremonids erhoben, verneigten, und wieder niederließen. Umgeben jedoch von dem alten, galanten Triſtan'Her⸗ mite, dem talentreichen Dichter und armen Hoͤf⸗ ling Gaſtons von Orleans, und von dem tuchti⸗ gen Maler Lebrun, der Ninon's Zuͤge mit Ver⸗ gnuͤgen und Aufmerkſamkeit auffaßte, näherte ſich die Frau vom Hauſe, die liebeuswuͤrdige, ſechszehnjährige Scarron, dem Fraͤulein von l'En⸗ clos, druckte ihr die uͤblichen Kuͤſſe auf Stirn und Wange, und wuͤnſchte ſich in gewaͤhlten Ausdruͤcken Gluͤck, die beruͤhmteſte Pariſerin end⸗ lich zu ſehen, und in ihrem Hauſe zu empfan⸗ gen. Ninon antwortete herzlich mit Worten; Vil⸗ larceaux noch herzlicher mit Blick und Geberde, denn der ſchoͤnen jungen Frau Anblick hatte ſei⸗ ner allzeitfertigen, galanten Zunge Feſſeln an⸗ gelegt. Der Herr des Hauſes verſaͤumte nicht, der — 353— gefeierten Ninon die uͤbrigen Mitglieder der Ge⸗ ſellſchaft vorzuſtellen: den Herrn Georg von Scu⸗ dery, Gouverneur von Notre Dame de la Garde in der Provence, und das Fraͤulein Scudery, ſeine Schweſter; den Begleiter der Letztern, Herrn Peliſſon⸗Fontanier, einen der geſchätzteſten Lite⸗ ratoren des Koͤnigreichs; den gemuͤthlichen Schuͤtz⸗ ling der Herzogin von Byuillon: den reizenden Fabeldichter Lafontaine, und endlich den Adler der damaligen Tragoͤdie— den großen Cor⸗ neille. Die Genannten zeichneten ſich durch die Verſchiedenheit ihrer Charactere aus, und Scar⸗ ron hatte ſie deßhalb um ſich verſammelt. Vil⸗ larceaur reichte dem harmloſen Lafontaine die Hand, der ſie mit dem wohlwollenden aber zer⸗ ſtreuten Blicke, der ihm eigen war, kuͤßte, als ſey es die einer Dame von Stande. Der Herr von Scudery, mit vornehmer Gleichgültigkeit auf Ninon herniederſehend, begruͤßte um ſo feierlicher den Marquis, als den faſt einzigen Adeligen in der Buͤrgergeſellſchaft. Das Fraͤulein von Scu⸗ dery, dem Anſtande huldigend und reine Sitten Sen e — 334— ehrend, machte der Lals von Paris nur eine ge⸗ zierte Verbeugung; Peliſſon, der Haͤßliche, der Anbeter des nicht minder häßlichen Fraͤuleins, uͤberſah, ſchon um dieſer Eigenſchaft willen, die ſchoͤne l'Enclos; Corneille verſuchte ſich in einer ſtummen, ſchwerfälligen Verbeugung.— „Wir haben den Cid geſchen!“ ſagte ihm Ninon verbindlich:„Wie konnten Sie ſich des Vergnuͤgens berauben, ſelbſt zu beobachten, wie Ihr Meiſterwerk die Pariſer erfreut? Wenn Sie die Perruͤche nicht ſehen wollten, iſt mir's indeſ— ſen begreiflich.“ Corneille ſtotterte eine nichtsſagende Antwort. Madame Scarron nahm fuͤr ihn das Wort. „Herr Corneille,“ ſprach ſie,„hat ſich unverwelk⸗ liche Lorbeern errungen, und bedarf der Theater⸗ applaudiſſements nicht.“ „Iſt der Herr ſchon bei Hofe vorgeſiellt wor⸗ den?“ fragte der Herr von Scudery mit dem vornehmſten Air, das ihm moͤglich war. Noch nicht;“ erwiederte Villarceaux fuͤr den Dichter. Scudery zuckte die Achſeln, und ver⸗ ℳ— Lebrun. ſetzte:„Im Schatten der Cedern gedeiht nur das Verdienſt.“ Corneille lächelte, und entgegnete kurz:„Mei⸗ nen Sie die Cedern von St. Germain?“ „Wachſen dieſe Bäume nicht auf dem Liba⸗ non allein?“ fragte unſchuldig und mit dem Motio des Gleichniſſes unbekannt, der beruͤhmte Lafontaine. „Herrn Corneille's Verdienſt wurde an der Sonne ausgebruͤtet;“ verſetzte Molière. „Der große Condé hat in ſeinem Cinna ge⸗ weint;“ ſagte Bachaumont. „Noch mehr; Richelien hat ihn gehaßt, und der Haß der Miniſter iſt ein Triumph ehrlicher Leute;“ fuͤgte Scarron, Mazarin's gedenkend, mit boshaftem Witze bei. „Dafuͤr liebt ihn auch ganz Frankreich!“ rief Chapelle frohlich:„Wenn Euch Niemand beſingt, Corneille, ſo thue ich's!“ „Mein Pinſel ſoll Euch verewigen!“ betheuerte „Und ich ſetze Herrn Chapelle's Ode in Mn⸗ ſica!“ radebrechte Lully. Die Gläſer klangen unter lautem Vivatſchreien hell zuſammen. Corneille ſtand auf, machte wieder eine unbe⸗ holfene Verbeugung, wollte eine Dankrede unter⸗ nehmen, blieb aber darinnen ſtecken. Die Urba⸗ nität der Uebrigen uͤberſah die Lächerlichkeit. Ni⸗ non fluͤſterte der Scarron in das Ohr:„Es iſt nicht leicht moͤglich, eckiger zu erſcheinen, als die— ſer große Mann.“ „Wahrlich!“ verſetzte Molière leiſe: Der Poltergeiſt und Hauskobold, der ihm hin und wieder unter vielen ſchlechten Verſen die herrli— chen einfluͤſtert, die wir bewundern, koͤnnte fuͤr ſeine Zunge ein Uebriges thun.“ „Der Denker ſpricht wenig;“ bemerkte die Scarron. „Vortrefflich, meine Beſte;“ erwiederte Cha⸗ pelle:„Sie liefern zu Ihrer Behauptung das Beiſpiel. Dieſe ſchoͤnen Augen, die nur den Bo⸗ den betrachten, dieſer ſchoͤne Mund, Bewahrer — — von ſo vielen herrlichen Schätzen, und ſo geizig, ſie zu ſpenden! und dennoch irren Sie. Betrach⸗ ten Sie Monſeigneur, den Gouverneur von No⸗ tre Dame de la Garde. Wie tiefſinnig er iſt! wie bedeutend er die Augenbrauen faltet, und dennoch— hinter der Stirn, wie leer! So leer, wie in ſeinem ganzen Gouvernement, das nur eine Bevoͤlkerung von einem halben Dutzend zerlumpter Provenzalen aufweiſen kann, und kaum ſo viel abwirft, daß Se. Excellenz alljahr⸗ lich den Schweizer-Hellebardier renoviren laſ⸗ ſen kann, der, loco der Schildwache, an die Thuͤre des Gouvernementhotels gepinſelt ſteht.—“ „Sie ſind ein haͤmiſcher Erzähler!“ lachte Ninon:„Verdient ein Cavalier Ihren Spott, weil er arm durch Zufall iſt26 „Welche Auslegung der Worte meines Freun⸗ des?“ miſchte ſich Bachaumont in das Geſpraͤch: „Er geißelt nur die Albernheit. Das Fraͤulein von Scudery hat auch keinen Sou im Vermd⸗ gen, und man ſchaͤtzt ſie dennoch, weil ſie reich Stinbler's ſimmtl. Werke XMX. Bd. Herbſtviolen I⸗ 22 4 2 an Verſiand, an feinem Betragen, an Liebens⸗ wuͤrdigkeit iſt.—“ „Sie vergeſſen einen Schatz, den ſie errun⸗ gen;“ bemerkte Moliére:„einen Liebhaber, auf den ſie vernuͤnftiger Weiſe nicht rechnen durfte.“ „Sehen ſie ferner,“ fuhr Bachaumont fort, „jenen wackern alten Edelmann, Triſtan l'Her⸗ mite, den Verfaſſer der Mariamne, arm wie eine Kirchenratte, aber naiv in ſeiner Armuth. Er hat im Sommer keine Waͤſche, im Winter kei⸗ nen Mantel, aber er iſt froh, antichambrirt be⸗ ſtändig fort, ohne je einen Gewinn davon zu tragen, und nennt ſich ſelbſt den armen Job. Wer moͤchte ſich an ſolchen Leuten vergreifen? mit dem Herrn Gouverneur iſt es etwas Ande⸗ res. Er beſchamt den eiſenfeſteſten Gascogner, und verdient deßhalb die Zuͤchtigung der Satire. Er iſt nur reich an Prahlereien....“ und an Maculatur;“ fiel Molisre ein: „An Kopf und Gemuͤth der Aermſte.“ „Ein raſches Endurtheil!“ lächelte die Scar⸗ ron:„Den Aermſten aus der Geſellſchaft haͤtten — — 550— wir nun. Wen halten Sie jedoch fuͤr den Reich⸗ ſten 2 „Wie gerne wuͤrde ich den Namen Scarron nennen?“ ſagte Bachaumont ſchlau und leichtfer⸗ tig:„Aber die Wuͤrde gebuͤhrt dem gluͤcklichen Villarceaux.“ Die Scarron erroͤthete und ſtand ſchnell auf. Die Ninon ſchlug dem Spoͤtter ſcherzhaft mit dem Handſchuh in das Geſicht, und rief:„Sie ſind ein Frondeur, Herr Parlamentsrath.“ „Wenigſtens habe ich die Fronde getauft;“ antwortete dieſer, als Seudery's Stentorſtimme die Aufmerkſamkeit der Uebrigen auf ſich zog. Der hochmuͤthige Patron beſchäftigte eben mit ſeiner ſchon lange dauernden Erzaͤhlung die Ge⸗ ſellſchaft. Nur drei Perſonen aus der ganzen Verſammlung theilten dieſe Aufmerkſamkeit nicht: Villarceaur und Madame Scarron, die ſich an⸗ gelegentlich unterhielten, und Ninon, welche, die halbverſtohlene Unterredung bemerkte. Sie zoͤgerte nicht, ihren Nachbar, Bachaumont in's — 340— Intereſſe zu ziehen. Sie ſagte ſchelmiſch fluͤ⸗ ſternd:„Sehen Sie doch, Herr Parlamentsrath, wie mein kleiner Spitzbube von Marquis die Gelegenheit mißbraucht, und ſich noch obendrein ſchmeichelt, vor meinen ſcharfen Augen das Netz zu verbergen, welches er uͤber das niedliche Haupt der Kreolin zu ziehen begehrt.“ Bachaumont erwiederte in demſelben Tone: „Nur wenige ſind berufen nach den ſchoͤnſten Kraͤnzen des Lebens zu ſtreben, und unter dieſen befindet ſich leider ſtatt meiner der Marquis. Die Koͤniginnen des Frauengeſchlechts uͤberhaͤu⸗ fen den wandelbaren Cäſar mit unverdienter Gunſt.“ „Jede Gunſt hat ihre Zeit, wie eine Blume, wie eine Bluͤthe;“ antwortete Ninon mit ganz heiterer, unbefangener Stirn:„Die Liebe muß frei ſeyn, wie der Vogel in der Luft. Ich lobe ſie mir, wenn ſie gluͤhend ausbricht, gleich einem heißen Sturm der Wuͤſte, und endlich ſtill und ſpurlos verrieſelt, wie eine ſchwache Quelle im Sande. Das Leben iſt ſo kurz, und man ſollte — 344— es an eine einzige Leidenſchaft hängen? Nicht je⸗ der Menſch iſt fuͤr die Liebe geſchaffen; wer es aber iſt, diene ihr treu, und hege keinen andern Goͤtzen neben ihr. Die Sonne iſt darum bewun⸗ dernswerth und unuͤbertrefflich, weil ſie Allen leuchtet, Alle erwaͤrmt. Der Egoismus in der Liebe iſt unertraͤglich; was man mit Wonne ge⸗ liebt, muß man auch mit Freuden laſſen, damit ſich Andere an dem aufgegebenen Gluͤck ergotzen; eine Gunſt dem Liebenswuͤrdigen verſagen, ſcheint mir ein Verbrechen, wie der Eigenſinn, den Ge⸗ liebten fuͤr ſich zu behalten, wie ein Geiziger ſeinen Schatz. Darum ſollte der Marquis keine Winkelzuͤge machen. Er hat mich aber in drei Jahren nicht hinlaͤnglich kennen gelernt, um zu wiſſen, wie erwuͤnſcht es mir iſt, wenn er ge⸗ ruht, in andere Feſſeln ſich zu begeben.“ Bachaumont antwortete mit der Hoflichkeit eines jungen Abbé's:„Ich beuge meine Kniee vor Dir, o goͤttliche, wiedererſtandene Lais, Deine Philoſophie ſey geſegnet. Ja, Du biſt die Son⸗ ne, die Alles erleuchtet und erwaͤrmt, oder noch v — 342— beſſer, der ſanfte Mond, der den Patron aller Liebenden macht. Du biſt die Koͤnigin der Frauen, von deren Thore Beſeligung und Entzuͤ⸗ cken auf alle Deine Guͤnſtlinge ausſtroͤmt.“ „Sie ſind ein Schaͤker, Herr Parlaments⸗ rath. Die Koͤnigin dieſes Hauſes iſt die niedliche Scarron, und einſtens eine wirkliche Fuͤrſtin, wenn die Prophezeihung wahr wird, die ſſich ihr aus dem Munde eines begeiſterten Maurergeſellen verkuͤndete. Der Menſch verhieß ihr nicht mehr und nicht weniger, als eine Koͤnigskrone.“ „Er hat ſich in ſeinem Horoscop geirrt, meine Schoͤne. Dem guten Scarron iſt die Krone beſtimmt.“ „Abſcheulichſter aller xinnntstitei Sie treiben Ihren Spott mit den heiligſten Dingen. Wie koͤnnen Sie wagen, in meiner Naͤhe ſich uͤber Traͤume und Prophezeihungen luſtig zu ma⸗ chen? Sie ſollen wiſſen, mein Herr, daß auch mir einſt im Schlummer ein ſchwarz gekleideter galanter Cavalier erſchien, der mir die heiligſte Zuſage gab, daß ich ewig ſchoͤn bleiben wuͤrde. — Seit jener Zeit iſt ſchon eine Ewigkeit verlaufen, und mein Spiegel lacht mich immer noch an Da ſollte aber ein Zweiſter kommen, wie Sie, und mich fuͤr die Zukunft furchtſam machen?“ Bachaumont verſetzte mit ſeiner gewoͤhnlichen Geiſtesgegenwart:„Davor bewahre mich Gott. Zu geſchehenen Dingen gibt auch der heftigſte Zweifler ſeine Einwilligung, und ich halte es fuͤr eine abgemachte Sache, daß Sie noch im ſpäte⸗ ſten Alter als die Fuͤrſtin der Schoͤnheit und An⸗ muth anerkannt werden muͤſſen.— Der Marquis naͤhert ſich Ihnen wieder; ich weiche dieſem Stern, obgleich er ſich ſchon in cadente domo befindet.“ Villarceaur kam auch richtig, ſich auf ſeinen Fußſpitzen wiegend, zur Seite der ſchoͤnen Ninon, und raunte ihr in's Ohr:„Wie gefaͤllſt Du Dir in dieſem Hauſe, mein liebes Herz?“ „So gut, mein theuerer Freund,“ antwortete Ninon mit affectirter Schlaͤfrigkeit in den Au⸗ gen,„daß ich augenblicklich nach Hauſe fah⸗ ren werde, um die Nachthanbe aufzuſetzen, und —— mich von den Strapazen der Reiſe zu erholen. — Du machſt ein betruͤbtes Geſicht, Marquis? Sey unbeſorgt; ich fordere Deine Begleitung nicht. Du unterhaͤltſt Dich vortrefflich, und mußt hier bleiben, weil Du Dich amuͤſirſt. Ich fuͤr meinen Theil geſtehe, daß ich vor dem häͤß⸗ lichen Munde der Scudery, worinnen mir der gute Witz noch unertraͤglicher iſt, als die ſchlech⸗ ten Zähne, die Flucht ergreifen muß. Du jedoch, mein Freund, haſt ein verwandtes Herz gefun⸗ den, und die ſechzehnjaährige Frau vom Hauſe darf freilich ein Recht auf Dein freies Herz anſprechen.“ Der Marquis, der ſeine ſchnell in ihm auf⸗ geglimmte Leidenſchaft verrathen ſah, ſtarrte Ni⸗ non mit beſtuͤrzten Augen an; aber das Fraͤu⸗ lein fuhr mit unbeſchreiblicher Ruhe und Naive⸗ tät fort:„Ich wiederhole es, Marquis: Dein freies Herz. Ich gab Dir die Freiheit znruͤck, in dem Moment, als Du mich wieder frei nach Paris ziehen ließeſt. Unſer Roman hat wahr⸗ haftig lang genug gedauert. Wenn ich mir aus — 345— der Welt etwas machte, ſo moͤchte ich mich bei⸗ nahe vor derſelben ſchaͤmen, daß ich drei Jahre an eine Laune der Sinne verſchwendete, die eben ſo gut in drei Monaten, oder in drei Wochen— ja vielleicht in drei Tagen hätte abgemacht wer⸗ den koͤnnen. Bekenne ſelbſt, Marquis,“ ſchloß ſie laut lachend,„daß Du ſelbſt nicht weißt, wie es Dir gelingen konnte, mich ſo ganz zur Ein⸗ ſiedlerin zu machen? Aber das weibliche Herz und der menſchliche Wandel ſind räthſelhafte Dinge.— Wir trennen uns alſo von heute an, mein lieber Villarceaur, und von Liebe ſey fer⸗ ner die Rede nicht mehr zwiſchen uns. Daß Sie mein Freund bleiben werden, weiß ich gewiß; Alle die ich einſt liebte und verließ, ſind mir zu⸗ gethan geblieben, und Ihr Character, mein lie⸗ ber Unbeſtand, iſt viel zu gutartig, als daß ich nicht von ihm daßelbe hoffen duͤrfte.“ Sie reichte dem Marquis wohlwollend und laͤchelnd die ſchoͤne Hand, und fuhlte, wie ſehr der verabſchiedete Geliebte zitterte. Hierauf ſagte ſie mit treuherzigem Vorwurf:„Seyn Sie kein — 346— Kind, und ſehen Sie nicht eine Bagatelle fuͤr ein Ungluͤck an. Die Scarron iſt gemacht, meine Stelle in Ihrer Phantaſie zu erſetzen.“ „Die meinige in Ihrem Herzen iſt wahr⸗ ſcheinlich ſchon beſetzt;“ murmelte der Mar⸗ quis mit bitter'm Verdruß zwiſchen den Zähnen. —„Leicht moͤglich!“ erwiederte Ninon hinge⸗ worfen, und dachte dabei an den huͤbſchen Sé⸗ vigné, deſſen Gattin ſelbſt von dem luͤderlichen Buſſy ein Tugendſpiegel genannt wurde. Hier— auf ſchickte ſie ſich an, ſich zu entfernen, trat mit ſchelmiſcher Anmuth in den Kreis der Herren, die um den Lehnſtuhl Scarron's gereiht ſtanden, etwas abgeſondert von den Damen, und ſprach mit tiefer Verbeugung:„Der Contraſt allein er⸗ heitert das Leben. Ohne Schatten kein Licht; nur die Nacht tauft den Tag. Neben eine wuͤr⸗ dige Hochzeitfeier gehoͤrt auch ein Trennungsfeſt. Ich begehe ein ſolches in dieſem Angenblicke. Wohl mir, daß nicht Thraͤnen dabei fließen, und noch weniger Blut oder Gift. Der Herr Mar—⸗ quis von Villarceaux entſagt vor Ihnen, ehren⸗ — 347— werthe Zeugen, ſeinen Rechten auf mich, und ich verlange nichts in der Welt mehr von ihm, aus⸗ genommen ſeine Kutſche, die mich heute noch nach Hauſe zu bringen hat. Sie werden dieſer Scheidung, meine Herren und Damen, das ge⸗ hoͤrige Beileid insgeheim zollen, und mich mit Ihrer muͤndlichen Trauer verſchonen.“ Ein neues Leben ſchien in den Augen der an⸗ weſenden Maͤnner, gleichviel ob alt oder jung, aufzuglimmen. Alle Lippen verzogen ſich zum Laͤcheln, und die Zuͤge eines Jeden verkuͤndig⸗ ten, wie er nicht abgeneigt ſeyn duͤrfte, die Stelle des entlaſſenen Liebhabers einzunehmen. Scarron citirte einen leichtfertigen lateiniſchen Vers, und beweinte poſſierlich ſein Geſchick, wel⸗ ches ihm nicht vergoͤnne, unmittelbar nach der Hochzeit die erſte Untreue an ſeiner Frau mit der liebenswuͤrdigen Ninon zu begehen. Triſtan ſuchte aus dem Schatz ſeines Gedaͤchtniſſes einen gelungenen Quadrain hervor, worinnen er die Macht der Schoͤnheit ſchäͤferlich beſang; Molière ſchoß ein Witzwort gegen den verlaſſenen Liebha⸗ — 348— ber ab, obgleich mit aller Demuth des Buͤr⸗ gerlichen vor dem Edelmann; der alternde, vergeßliche Corneille bedauerte, daß ſo viel an⸗ muthige Schalkheit in einer Tragoͤdie keinen Platz finden koͤnne; der hochmuͤthige Le Bruͤn wuͤrdigte die Zuͤge der Pariſer Lais einer auf⸗ merkſamen Beachtung, Chapelle ſtuͤrzte auf ihre Geſundheit einen großen Becher Wein hinab; Lafontaine fragte ſie in gutmuͤthiger Zerſtreuung, wie lange ſie ſchon mit dem Marquis verheira⸗ thet geweſen, und ſogar der ſteife Herr von Scu⸗ dery bemerkte gegen einen Nachbar, daß die Ni⸗ non doch nicht ſo ganz uͤbel ſey. Lully verſprach der gefeierten Schoͤnheit fuͤr den folgenden Abend eine ausgeſuchte Serenade, und Peliſſon hielt in einer Ecke mit der ſproͤden Scarron und der gezierten Scudery einen Dreiſprach von der Un⸗ verſchaͤmtheit des Fraͤuleins von l'Enclos. Der Scherz, womit die obige Verhandlung von allen Gäſten Scarron's behandelt worden war, machte es auch dem geſchmeidigen Villar⸗ ceaux leicht, ſeine Rolle paſſabel zu ſpielen. Er — 349— machte gute Miene zu einem Spiel, daß ihn in⸗ nerlich ſehr verdroß, worinnen er aber keinen Point mehr zu gewinnen hoffen durfte, weil ihm Ninon's Feſtigkeit im Unbeſtand aus fruͤherer Zeit nur zu bekannt. Ihre Caprice hatte das Band zwiſchen ihr und Villarceaur unheilbar zerriſſen, und ein in der Welt verſuchter Cava⸗ lier mußte dieſes Mißgeſchick lächelnd und luſtig zu ertragen ſcheinen.— Darum reichte auch der Marquis mit beſonderer Hoflichkeit ſeiner unge⸗ treuen Dame den Arm, und geleitete ſie zur Thuͤre. Chapelle und Bachaumont flogen mit ſilbernen Leuchtern voran, der alte Triſtan ließ ſich's nicht nehmen, als ein ſiebzigjaͤhriger Page die Schleppe der ſtolzen Schoͤnheit zu tragen; den Hofnarren ſpielte Poquelin, und den Kam⸗ mermuſiker, auf einer ſchlechten Zitter klimpernd, der comiſche Italiener Lully.— Als die beiden Leuchterträger den Schlag der Caroſſe offneten, fluſterte Villarceaur, von der letzten Wehmuth ergriffen, der einſteigenden Ninon zu:„Ich dachte nicht, dieſe Nacht einſam zu verbringen. Wer — 350— aber, Du ſchoͤne Ungetreue, wird Dir Geſellſchaft leiſten 2“ „Die Unſchuld ſelbſt;“ antwortete Ninon la⸗ chend, indem ſie auf den kleinen Bourſault zeigte, der noch im Winkel der Kutſche tief und feſt ſchlief:„Du wirſt doch nicht eiferſuͤchtig ſeyn? Um mir zu beweiſen, daß Du dieſen Nebenbuh⸗ ler nicht ſcheu'ſt, ſollſt Du mir verſprechen, von morgen an fuͤr ihn zu ſorgen.“ Der Marquis verſprach's. Unter dem Ju⸗ bel der leichtfertigen, blumenbekränzten Gäͤſte des Epicuraͤers Scarron fuhr die Kutſche ab, und der Bauernjunge Bourſault fand ſich er⸗ ſtaunt bei ſeinem Erwachen in dem Hauſe der ſchoͤnen Ninon, nicht ahnend, daß Fuͤrſten und Herzoge ihn um dieſe Nähe beneidet haben woͤr⸗ den. Waͤhrend er, von dem ſcherzhaften Fraͤu⸗ lein gehaͤtſchelt und gefuͤttert, ſchmauſote, und endlich halb benebelt von dem Lacgien Poiton zu Bett gebracht wurde, hatte der einſam nach Hauſe wandelnde Marquis nur das Vergnuͤgen, den jungen Boileau und Racine aus den Hän⸗ den der Schaarwache zu befreien, welche die bei⸗ den Juͤnglinge, die im heftigen Disput uͤber Corneille's Meiſterſtuͤck ſich in den Straßen von Paris verirrt, als Nachtſchwaͤrmer aufge⸗ griffen hatte. Ende des erſten Bandes. S g1 oaeqae