Leihbibtithe Eduard Oktmann in Gießen, 3 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256 6 Seih- und geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die S ſteht zur Em⸗ 8 pfangnahme und ahe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. S Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt ſ für nchentiich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 4.——————— auf 1 Monat: 1 Mi.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung ß der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. . 6. Schadenersatz. 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Der Mai hatte ſeine Reize entfaltet; zugleich mit den Blumen des Frühlings waren die Lilien des neuen König⸗ thums wieder erwacht. Eine Zeit ſchien gekommen zu ſeyn, die alle Wunden zu heilen verſprach, und über alle Leiden Frankreichs den Strom der Vergeſſenheit wälzen ſollte. Der edelgeborne Flüchtling, der das Unglück ſeines Stammes und die auf ihn gekommene Dornenkrone ſo lange in Deutſch⸗ land, auf ruſſiſchem Boden, innerhalb der ſchwediſchen Marken und auf dem Eilande Großbritannien, zur Schau getragen, war zu Calais an das Land geſtiegen, und hatte das Reich wieder in Beſitz genommen, welches wie durch ein Wunder des Geſchicks aus den ſtarken Händen des Eroberers in die unkriegeriſchen des friedlichen Fürſten fiel. Dieſer Beſitzergreifung folgte ſchnell der Einzug in die nach ſo vielen Stürmen kaum beruhigte Hauptſtadt. Lud⸗ wigs Bruder war ihm dahin e dem neuen 4 Könige entgegen ſtrömten nach Compiegne, die Marſchälle Frankreichs, den Fürſten von Neufchatel an ihrer Spitze, um den Monarchen zu bewillkommen und ihm die Unter⸗ werfung der Armee zu bringen, von welcher auch nicht ein einziges Corps dem Willen und Wunſch der Nation feind⸗ ſelig entgegen getreten war. Die leichtbewegliche Bevölke⸗ rung von Paris indeſſen, bereitete mit geſchäftiger Haſt die Feſte vor, womit die Rückkehr des alten Regentenſtammes ge⸗ feiert werden ſollte. Zwap ſchwindelten die meiſten Franzoſen, gleichwie von einem unbeſtimmten Traume befangen; zwar wußten die jüngeren Leute gar nichts mehr von den Enkeln Heinrichs IV., und die älteren ſelbſt hatten vergeſſen, welcher von den Prinzen, deren ſie ſich noch aus ihrer Jugend erinnerten, zur Herrſchaft über das ſchöne Frank⸗ reich berufen ſeyn möchte; zwar vermißten jetzt ſchon Tauſende die Vortheile ihrer Stellung unter kaiſerlichem Regiment, und das beſeligende Gefühl des Nationalruhms, worinnen ſeit zwanzig Jahren jeder Franzoſe zu athmen gewohnt war;— dennoch ſiegte der Leichtſinn, und die Verände⸗ rung des großen Schauſpiels war nicht ohne Reiz. Daher trug ſo ziemlich das ganze Land das Gepräge der Freude und der Zufriedenheit; die Bewohner der Departemente begrüßten den König als ihren Befreier von der Unter⸗ drückung der Fremden; die Pariſer träumten von Wie⸗ derherſtellung des königlichen Hofglanzes, wie er in den Zeiten Ludwigs XIV. Europa geblendet; allenthalben war fröhliches Leben, und wenn die Franzoſen weiße Fahnen aufſteckten, und die dreifarbigen dagegen in den Koth war⸗ fen, ſo bildeten ſie ſich wenigſtens ein, daß es aus wahrer Liebe für den neuen Regenten und ſein Haus geſchehe. Während die Kanonen donnerten, die den König bei ſeinem Einzug in den Tuilerien bewillkommten, hatte die Familie des Oberſten Dammartin ihr Haus in den eliſeiſchen Feldern wiedergefunden, und mit derſelben Freude wieder bezogen, die den König Ludwig beſeelen mochte, als er in das Schloß ſeiner Ahnen eintrat. Die Zufrie⸗ denheit, die über ganz Frankreich verbreitet ſchien, be⸗ ſtand wirklich in Dammartin's Hauſe. Eine herzliche Verſöhnung hatte zwiſchen dem Invaliden und der Familie ſeines Freundes Alles ausgeglichen. Adele war mit erneutem Wohlwollen dem lange verkannten alten Soldaten entgegen gekommen; ſie hatte in die Hand der liebenswürdigen Ver⸗ mittlerin Suzon gelobt, keinem Vorurtheile mehr gegen den erprobten Diener und Anhänger ihres Gatten Raum zu geben; ſie hatte ſich nicht ferner geweigert, in das Darlehen einzuwilligen, welches ihr Mann unbefangen und voll Zuverſicht aus der Hand des wackern Sans⸗Regret annahm. So konnte es denn geſchehen, daß der ſtille, freundliche Wohnſitz, wonach die Sehnſucht der Familie ſeufzte, wieder erkauft werden mochte. Der bisherige Eigen⸗ thümer, ein alter mürriſcher General des Kaiſers, unzu⸗ frieden mit den Veränderungen, die unter ſeinen Augen vorgingen, hatte an dem Tage, wo der ſchreiendſte Undank die Bildſäule Napolevns von dem großen Siegesdenkmal auf dem Platz Vendome herabſtürzte, über Hals und Kopf ſein Eigenthum in der Hanptſtadt verkauft, um ſeinen Groll auf einem Landgute, das er in der Dauphiné beſaß, zu begraben. Dem biedern Sans⸗Regret war die Freude ge⸗ worden, die Schlüſſel des Hauſes in Adelens Hände zu legen, der erwünſchte Verſöhnungsblick lohnte ihm dafür, und in wenig Tagen war alles in dem Hauſe ſo eingerichtet, wie vor zehn Jahren. An einem ſchönen Abende ſaß Adele mit ihrer freund⸗ lichen Tochter unter dem eleganten Vorſprunge, über deſſen Baluſtrade, mit exotiſchen Gewächſen verziert, ſich die Aus⸗ ſicht nach dem Bosket öffnete. Die Frauen beſchäftigten ſich mit leichter Arbeit, der Invalide wanderte, gebrechlichen Fußes, aber leichten Herzens, zwiſchen den Beeten des Gartens hin und her, blieb bald vor dieſem, bald vor je⸗ nem Bäumchen ſtehen, welches während ſeiner Abweſenheit aus dünnem Reis, das er gepflanzt, erwachſen war, ſchnupfte häufig Tabak, und verrieth dadurch die behagliche Seelen⸗ ruhe, die ihn verklärte. Ein freundlicher Zuruf von Adele beſchied ihn zu dem Liſchchen, wo die Damen ſaßen. Er szog mit freundlicher Verneigung die Holzmüze von dem grauen Haupte, aber Suzon ſetzte ſie ihm wieder auf, ſchob ihm einen Stuhl hin, und Adele, indem ſie ihre ſchöne Hand ſchmeichelnd auf den Arm des Invaliden legte, ſprach mit der offenſten Miene von der Welt:„Lieber Herr Sans⸗ Regret, Sie ſehen, wie ich glücklich bin, und wie ich dieſes nicht verhehle. Es iſt ein Bedürfniß meiner Seele, Ihnen noch einmal den Dank auszuſprechen, der Ihnen gebührt. Gebe der Himmel, daß es dem Oberſten bald vergönnt ſey, Ihnen vollwichtig wieder zu erſetzen, was Sie uneigennützig für uns opferten.“ Sans⸗Regret klopfte ungeduldig mit dem Zeigefinger auf die Doſe, bot der Oberſtin in der Zerſtreuung eine Priſe, und antwortete: „Meiner Treu, Madame, Sie beweiſen mir nur, daß es Ihnen nnerträglich iſt, lang mein Schuldner zu ſeyn. — Mit der Wiedererſtattung der Paat Tauſend Franks hat es, was mich betrifft, durchaus keine Eile. Und dennoch würde ich lieber heute als morgen das Geld von Herrn Dammartin wieder empfangen, wenn er aus einer andern Quelle ſchöpfen wollte, als gerade aus dem Brunnen der königlichen Gnade.“ Adele ſeufzte leicht vor ſich hin, Suzon nickte Sans⸗ Regret lebhaften Beifall zu. Der Invalide fuhr etwas ärgerlich fort:„Ich habe es dem guten Oberſten hundert⸗ mal geſagt, daß ihm die Rolle eines Bittſtellers nicht gut anſteht. Wenn ich mir ihn denke, von Vorzimmer zu Vor⸗ zimmer laufend, bald beim Miniſter, bald bei irgend einem Marſchall, bald beim Günſtling des Tages Schildwache ſtehend, aufpaſſend, lauernd, geſchmeichelt bald von Hoffnung, bald vor Ungeduld verzweiſelnd,— ihn, den ich in der Schlacht geſehen, unerſchütterlich im Feuer der Batterien, kühn das Glück herausfordernd, und ſtets— vergeben Sie mir den Ausdruck— die höchſte Gunſt des eitlen koketten Weibes erringend,.... es zerſchneidet mir die Seele.“ Adele erwiederte hierauf mit ernſtem Rückblick auf die Vergangenheit:„Lieber Freund, auch ich hatte einſt dieſe Anſichten; mein Stolz war nicht gering, aber die Zeit fliegt, unſere Jahre vergehen ſchnell, und das neue Ge⸗ ſchlecht, welches herauftommt, will, daß ſeine Vorfahren um ſeine Gunſt betteln. Glauben Sie mir, daß Dammar⸗ tin's Selbſtgefühl ſich nicht gutwillig unter das Joch beugt, aber er hat für ſich nicht allein, er hat auch für uns zu ſorgen. Die Feindſchaft des Kaiſers und ſeine Ungerechtig⸗ keit hat uns alles geraubt. Wir ſind dagegen tief in der Schuld der Freundſchaft; helfe daher, was helfen kann.“ 8 „Meinetwegen, aber weh' thut mir's doch. An der un⸗ günſtigen Wendung ſeines Geſchicks hat freilich meiſtens der Oberſt ſelbſt Schuld. Warum trat er in jenes Bündniß? Abgeſehen, daß deſſen Zweck nicht der edelſte war, ſo durfte dazumal ein kalt beſonnener Menſch nicht hoffen, daß den Spionen des Kaiſers irgend etwas von Wichtigkeit verbor⸗ gen bleiben könnte. Das war ein unglückliches Einverſtänd⸗ niß mit Oudet. Ich ſage dieß nicht um meinetwillen, ob ich gleich nebenbei in purer Unſchuld mehrere Jahre im Gefängniß zubringen mußte. Damit beſtrafte ſich aber mein Votwitz in Beziehung auf Hudet's Brief, und auf der an⸗ deren Seite war es doch wieder ganz gut, daß ich das gefährliche Schreiben erbrach, unterſchlug und verlor, gleich⸗ viel, ob in dem Moraſt auf Lobau, oder in dem Staub von Wagram. Dem Himmel ſey Dank, daß Niemand den verdammten Zettel fand; man würde den Schreiber aus⸗ findig gemacht, den Wiſch als Beweisſtück gebraucht, und höchſt wahrſcheinlich Sie, Madame, zur Wittwe gemacht haben. Wenn Sie auch, während der Gefangenſchaft Ihres Gatten eine traurige Zeit durchlebten, ſo brauchten Sie doch nicht an ſeinem Sarge zu weinen.“ „Gott ſey Dank! dem Himmel und Ihnen, lieber Herr Sans⸗Regret,“ rief Suzon aus vollem Herzen. „Gott ſey Dank!“ wiederholte auch Adele, und fuhr mit ſchöner Rührung fort:„Auch jene Zeit der Trübſal war nicht eine fortwährende Kette von Leiden. Die Wohl⸗ thätigkeit ſandte Sonnenblicke in unſer dunkles Leben. Durch eine ſeltſame Laune des Schickſals geſchah es, daß auf mich, die Emporkömmlingin, die barmherzige Huld der ahnenſtolzen Marie Louiſe fiel, während die altadeliche 9 Gräfin Esprémenil von der Gunſt der verſtoßenen Kaiſerin ihren Unterhalt empfing. Mehr aber noch, als die Gaben der Barmherzigkeit erfreuten mich die Spenden der Freund⸗ ſchaft: diejenigen, die man mir als Geſchenke der Fräulein Sombreuil einhändigte, während ſie von einem treuen, aber damals ſchwer verkannten Freunde kamen. Ja, Herr Sans⸗Regret, mein Mann hat mir den ganzen Umfang Ihrer Delikateſſe verrathen, dieſe iſt über jeden Dank er⸗ haben, doch erbitte ich mir, daß Sie mir erklären, wie Sie es anſtellten, mich in der Täuſchung zu erhalten.“ „Nichts Leichteres als dieſes. Ich wußte das Fräulein in Nizza. Von ihrem ſchweren Schickſal trotz dem männ⸗ lichſten Kampfe zu Boden gedrückt, verzehrte ſich dort die Unglückliche in eitlem Ringen gegen eine allzufrühe Auf⸗ löſung. Schon ihre beiſpielloſe körperliche Schwäche ſchnitt ſie von jedem Zuſammenhang mit der übrigen Welt ab. Sie führte das Leben einer Einſiedlerin, noch enger einge⸗ ſchränkt in allen ihrem DThun und Laſſen, doppelt iſolirt, durch den Einfluß mehrerer Prieſter, die das Geheimniß gefunden hatten, die männliche Seele des hochherzigen Wei⸗ bes nach ſo vielen Leiden der Kirche und dem Himmel zu⸗ zuwenden. Hierauf baute mein Notar den Plan meines Inkognito, er überlieferte das meiner damaligen Lage an⸗ gemeſſene Scherflein, als Mandatar des Fräuleins, und nahm dagegen Ihre Briefe, Madame, in Empfang. Sie erklären ſich nun, wie es gekommen, daß Sie nie eine Antwort erhielten. Ihr letzter Brief, den Sie mit der Poſt abgehen ließen, fand das Fräulein auf dem Sterbebette, und wurde ohne Zweifel von den frommen Erbſchleichern unterdrückt. Da Sie jetzt Alles wiſſen, ſo ſteht Ihnen 10 Ihre ganze damalige Korreſpondenz zu Dienſten; doch müſſen Sie bekennen, daß ich zu jener Zeit meine Sache nicht ſo ungeſchickt anfing, als nachher, wo ich Ihnen die Erbſchaft vorſpiegelte, welche Sie ſchnöde zurückwieſen. Nun ſind jene Zeiten vorüber, und, ſo der Himmel will, werden Sie Ihre Zuverſicht in der Folge weder auf eine Kaiſerin noch auf eine zweite Sombreuil zu ſtellen genöthigt ſeyn. Sie kennen nun Ihre Freunde, und ich bitte Sie, dieſelben ferner nicht zu verkennen.“ Suzon ſagte mit dem fröhlichſten Ausdruck im Geſichte: „Ich habe immer Ihre Parthie ergriffen, lieber Herr Sans⸗ Regret. Die keine Suzon, welche Sie in Saragoſſa der Mutter wiederbrachten, hat beſtändig Alles auf Sie ge⸗ halten.“ Adele trocknete ſich die Augen, und verſetzte mit leiden⸗ ſchaftlicher Bewegung:„Ich bin eine Undankbare, daß ich nur einen Augenblick vergeſſen konnte, was wir Ihnen ver⸗ danken, großmüthiger Mann. Dieſes Haus iſt ganz geeignet, die peinlichſten Erinnerungen in mir hervorzurufen, wie auch die wohlthätigſten, deren Urheber Sie ſind. Raubte mir nicht aus jenen Zimmern die unſelige Gabriele das theure Kind, welches Sie mir wiederbrachten? Ha, jenes Weib, dem Muttergefühle ſo feindſelig und fremd, nannte ſich meine Verwandte! Das Ungeheuer! aber, Gott ſey Dank, die Natur ſah ſich in jenem Frevel nicht belei⸗ diget, jene Verwandtſchaft war eine Lüge; kein Tropfen verwandten Blutes vereinigt mich in der That mit Gabriele. Ach, beſter Herr Sans⸗Regket, ſo ſchmerzlich es mir auch fiel, in jenen Unglückstagen, wo mich die bitterſte Noth zwang, an Mont⸗choiſy zu ſchreiben, jene Antwort zu 11 empfangen, die mir in wenigen eiskalten Zeilen meldete, daß ich nicht ſein Kind ſey,— ſo innig erfreut war ich doch, jedes Familienband zwiſchen mir und der Marquiſe zerxiſſen zu ſehen. Ich ſoll freilich, wie mir der General faſt höhnend meldete, nur die unrechtmäßige Tochter eines armen Handlungsdieners ſeyn, erzeugt mit einer Mulattin⸗ die gleich nach meiner Geburt in den Kolonien den Dod fand. Dennoch dünke ich mich edler von Geburt und Her⸗ zen, als die gefühlloſe Wittwe, welche, ſelber nie ſo glück⸗ lich, Mutter zu ſeyn, einer Mutter ihren liebſten Schatz ſtahl.“ Adele umarmte bei dieſen Worten ihre Tochter mit ſol⸗ cher Heftigkeit, als ob ſie eine neue Trennung von ihr be⸗ fürchtete. Nach einer Pauſe jedoch hatte ſich die excentriſche Wallung gelegt, und die Oberſtin, fuhr, mit ſchwermüthiger Vertraulichkeit zu dem Invaliden gewendet, fort:„Ich ſchaudre manchmal, wenn ich mein Lvos überdenke, das mir befahl, ohne meinen Vater und meine Mutter zu ken⸗ nen, in die Welt zu treten. Wäre es mir früher bekannt geworden, ehe ich das Band der Liebe und der Ehe ge⸗ knüpft, ich hätte nicht den Muth gehabt, zu leben, und im nächſten Fluſſe meinen Tod geſucht. Denken Sie ſich ſelbſt, Herr Sans⸗Regret: meine Mutter, die arme Sklavin, die auf einer Inſel im weiten Ozean vermodert,.. mein armer Vater, der mich verkaufte, und einem bittern Ver⸗ hängniß zum Raube wurde! Er ſoll in der Blüthe ſeiner Jahre von einem Nebenbuhler erſtochen worden ſeyn. Auf dem Kirchhofe von Marſeille ſoll ſeine Hülle ruhen. Lieber Herr Sans⸗Regret, Sie ſind ja aus Marſeille gebürtig; haben Sie nie von meinem Vater Lefebre gehört?“. 12 Dieſe unbefangene, faſt kindlich naive Frage, ſchlug wie ein galvaniſcher Stoß an des Invaliden Herz. Seine Stimme zitterte hörbar, als er, obſchon leiſe, antwortete: „Wahrhaftig, Madame, ich entſinne mich nicht...... das muß nach meiner Zeit geſchehen ſeyn...... der Name des Unglücklichen, der Ihnen den empfindlichen Ver⸗ luſt verurſachte„. 2 „Ich weiß ihn nicht.— Wozu auch? Ich müßte ja den Menſchen haſſen, ob er gleich nicht wußte, daß er auch dem Kinde ſeines Gegners eine ſchwere Wunde verſetzte.“ a wh das müßten Sie freilich... 36 entgegnete der Invalide mit niedergeſchlagenem Auge, wäh⸗ rend er ſich langſam vom Stuhle erhob, und, wie von Froſt durchſchüttelt, ſeine Glieder kaum ſtill zu halten, ver⸗ mochte. So eben trat jedoch der Oberſt, aus der Stadt kommend, unter die üppig duftende Laube, von deren Höhe zwiſchen grünen Blättern hervor anmuthige Lilas⸗Trauben auf ſeinen Hut herunternickten. Die Scene gewann dadurch eine hei⸗ tere Wendung. Suzon warf ſich hüpfend wie eine ſchlanke Gazelle in die Arme des Vaters, während Adele dem Gat⸗ ten beide Hände entgegen ſtreckte, Sans⸗Regret dem Freunde zunickte, und der Sohn des Invaliden, hinter dem Oberſt eintretend, einen ſtummen Zuſchauer des fröhlichen Empfangs abgab. Ueberſah gleich Adele im erſten Moment die An⸗ kunft des Jünglings, ſo wurde dieſelbe doch von der Toch⸗ ter bemerkt, und auf Suzun's Wangen ſpiegelte ſich plötz⸗ lich ein Roſenglanz, dem Wiederſchein der Abendröthe ähnlich. 13 „Wieder zurück, mein Oberſt?“ fragte Sans⸗Regret, der ſich ſchnell von ſeinem Schrecken erholt hatte, und beeilte ſich, wie dazumal, als er noch ſeinen Freund bediente, dem⸗ ſelben Degen und Hut abzunehmen. Suzon ſtellte vor den Vater einen Leller mit Erfriſchungen hin, und Adele trock⸗ nete ihm mit weiblicher Anmuth den Schweiß von der Stirn. Dammartins Züge verriethen Erſchöpfung, ſeine Haltung Müdigkeit. Er warf ſich mit den Worten:„Der Teufel hole alle unnützen Gänge!“ in den Gartenſtuhl. „Wieder nichts Gewiſſes?“ fragte Adele und Suzon beſorgt. Dammartin ſchüttelte den Kopf, und antwortete mürriſch:„Es geht mir wie im Credo. Von Pontius zu Pilatus. Nachdem Talleyrand mich ſchon ſeit Monaten getäuſcht, beginnt der Kriegsminiſter daſſelbe Spiel mit mir, und die Verſicherungen der Marſchälle, die ſich für mich zu intereſſiren vorgeben, ſind gewiß nicht auf beſſern Grund gebaut. Noch einmal: zum Teufel mit dem Sup⸗ plikantendienſt im Vorzimmer. Komm Alter; geſchwind eine Parthie Dominos. Du weißt, wie das geiſtloſe Spiel völlig dazu gemacht iſt, jeden Aerger hinweg zu tändeln. Schiebe das Tiſchchen aus der Ecke hierher, Suzon. Wäh⸗ rend Du alles bereiteſt, mag Herr Sans-Regret ſeinem Sohne gratuliren, der weit glücklicher war, als ich. Er hat das Brevet eines Kapitäns erhalten, und geht binnen wenigen Tagen nach Grenoble ab.“ Bei dieſen Worten ließ Suzon das Dominoſpiel auf den Boden fallen, hörte ſich von der Mutter ausſchelten, und dankte dem Zufalle, der die bunten Steine ſo weit auf den Boden zerſtreut hatte, daß ihre Verlegenheit während des Zuſammenſuchens ſich beſchwichtigen mochte. 14 Victorin ſeinerſeits hätte gar zu gerne dem holden Mädchen in der müheſeligen Beſchäftigung geholfen, aber er mußte ſeinem Vater ſtill halten, der ihm ſeltſame Glückwünſche in die Ohren rief; ungefähr folgenden Inhalts:„Wie, mein unbeſonnener junger Herr? wir haben uns zum Kapitän machen laſſen? Wir vertauſchen das Andenken an rühmliche Feldzüge gegen den ſchalen Garniſonsdienſt unter der weißen Fahne? Wir haben uns ſchön hineingeſetzt. Statt in Frie⸗ den von der ehrenvollen Penſion zu leben, die uns dieſes Kreuz gewährt, miſchen wir uns in die Reihen der Emi⸗ granten⸗Söhne, die ihre Arroganz in einer antinationalen Uniform zur Schau zu tragen begehren? Ich dachte bisher, daß es Dir nicht glücken würde, junger Menſch. Ich be⸗ weine jetzt, daß es Dir gelang.“ Der Sohn erwiederte mit dem Tone gekränkten Ehrge⸗ fühls, daß ihn der Gründe manche bewogen haben würden, in Paris zu verweilen, wenn ihm nicht in ſeinen kräftigen Jahren die Unthätigkeit das größte Uebel ſchiene. Er wolle daher den Dienſt unter dem neuen Regimente verſuchen, indem es noch immer Zeit ſey, denſelben aufzugeben, wenn er ſich nicht mit den Bedürfniſſen und dem Ehrenpunkte eines Franzoſen vertrüge. Er habe dem Vater und den Befehlen des Kaiſers nachgegeben, ſey als ein gehorſamer Sohn in Frankreich geblieben, und erwarte nun aber von der Billigkeit ſeiner väterlichen Freunde die Freiheit, ſich in Frankreich zu beſchäftigen und fortzuhelfen, wie er es für gut finden würde.— Dieſen Erklärungen wußte freilich Sans⸗Regret nichts Erhebliches entgegen zu ſetzen, und er ſchloß daher, etwas beſchämt, den Zweiſprach mit den Worten:„So magſt Du * — denn Deinen Willen haben, vorausgeſetzt, daß Du Dir jährlich einen Urlaub von ſechs Monaten erwirbſt, dieſe Zeit hier bei Deinen Freunden zubringſt, und Dich während derſelben niemals in königlicher Uniform vor meinen Augen zeigſt.“ Ohne weiter eine Erwiederung abzuwarten, ſetzte ſich Sans⸗Regret an den Spieltiſch, nahm eine ſtarke Priſe, miſchte die Steine mit großem Geräuſch und lud den DOberſten ein, die Parthie zu machen. Der junge Jäger⸗ Kapitän machte ſich indeſſen in die Nähe der Frauen, be⸗ trittelte ſcherzhaft Suzon's Stickerei und erzählte Adelen mit vieler Laune die Kreuzzüge nach Aemtern und Würden, die er heute, zum Theil mit dem Oberſten, in Paris angeſtellt. Dammartin ſagte, während des Aufnehmens der Steine, mißmuthig zu Sans⸗Regret:„Du haſt immer recht, mein guter alter Freund. Ich hätte mich nie in die Umtriebe einlaſſen ſollen, die jetzt in den Vorzimmern der Gewalt⸗ haber ſtatt finden. Ich habe nur Verdruß davon, und alte, ſeit langen Jahren vernarbte Wunden meiner Seele brecken wieder auf's Neue auf. Das Verdienſt gilt nichts mehr, eben ſo wenig wie der frühere Rang, wenn man nicht zu⸗ fällig ein Marſchall iſt, der den geſtickten Rock nach dem Winde hängt.“ „Meine Worte, mein Oberſt. Die glänzenden Schab⸗ racken ſind immer beſſer daran, als der ſchlichte Soldaten⸗ rock; beſonders jetzt, wo in Frankreich alte Traditionen wieder in ihre verjährten Rechte eintreten werden. Es war kaum der Mühe werth, daß Sie ſich den Zwang anthaten⸗ das weiße Bändchen mit der Lilie in Ihr Knopfloch zu ſtecken: ein Ding, das meinen Angen wehe thut.“ „Den meinigen nicht minder. Was iſt aber zu thun? Ohne dieſes Zeichen darf man ſich nirgends präſentiren. Das Alte will mit Macht wieder in die Höhe dringen. Es ginge mir beſſer, wenn ich mich entſchließen könnte, das letzte Schamgefühl zu beſeitigen, und meinen Adel geltend zu machen, an meine Dienſte in den Gardes du Corps zu erinnern, und eine Anhänglichkeit an die neue Dynaſtie zu lügen, die noch nicht in meinem Herzen iſt, und ſich vielleicht erſt ſpäter darinnen einfindet.“ „Vielleicht; gut geſagt. Das Vielleicht iſt ein herr⸗ liches Wort, für böſe Schuldner oder für vertröſtende Gön⸗ ner erfunden. Ich aber, ich alter Soldat, glaube nun und nimmermehr an dieſes Vielleicht.— Setzen Sie an⸗ Herr Oberſt; drei überall. Sie werden alle Steine nehmen müſſen⸗ die noch auf dem Tiſche liegen.“ Der Oberſt verſetzte lächelnd:„Du haſt mich bloquirt, ſowohl im Domino, als in unſern Geſprächen. Dein Un⸗ glaube iſt jedoch ſehr frevelhaft. Gott bewahre mich, an einer glücklichen Zukunft des neuerrichteten Königthums zu zweifeln. Die Schule des Unglücks macht oft die Ueber⸗ müthigſten weiſe.“ „Weiß überall, Herr Oberſt. Zum zweiten Male blo⸗ quirt. Eine pfiffige Farbe, die jeden heroiſchen Entſchluß vereitelt. Setzen Sie an, oder ſoll ich die Parthie endigen? Domino!“ Der Oberſt warf ſeine Steine hin, und ſprach, als Sans⸗Regret ſie aufs Neue miſchte:„Unſer König iſt ein kluger, gelehrter Mann. Die Annalen unſerer Revolution 17 erwähnen ſeiner mit vieler Achtung. Er hat die Regierungs⸗ kunſt ſtudirt, wie man ſagt; in einem freiſinnigen Lande ſtudirt, deren Geſetze den Deſpotismus in ihrer Nähe nicht aufkommen laſſen.“ „Schönes Studium. Ein König muß geboren ſeyn, wie ein General. Wer ſollte denken, daß man in England ler⸗ nen könne, wie man die Franzoſen regieren ſoll? Ich wünſchte dem König etwas weniger Gelehrſamkeit, dagegen etwas mehr Jugend und geſunde Beine. Man regiert das franzöſiſche Volk zu Pferd, aber nicht vom Lehnſtuhl aus. Was nützt auch alle Weisheit Ludwigs? ſo wie er die Augen zumacht, ein Fall der nicht lange ausbleiben kann, ſo zerſchlagen ſeine Nachfolger alles, was er gethan. Weder dem Grafen Artvis, noch ſeinen Söhnen iſt viel Gutes zuzutrauen.“ „Du biſt ungerecht. Der Bruder des Königs hat ſich viele Freunde in Frankreich gemacht. Die anſpruchsloſe Weiſe, womit er den heimathlichen Boden betrat, gereicht ihm zur Ehre. Seine Verſprechungen waren umfaſſend, und edel jene Worte, die er ſprach, da man ihn den Be⸗ freier, einen geliebten Fürſten nannte: Es iſt nur ein Franzoſe mehr, der ſich bei Euch einfindet!“ „Verſprechungen ſind ſchön, können aber auch leer ſeyn, wie Sie gerade jetzo die traurige Erfahrung machen. Was übrigens das Bonmot betrifft, welches Sie anführten, ſo erlaube ich mir, Ihnen zu ſagen, daß ich auf ſolche Pvin⸗ ten nichts halte. So gut der Augenblick dann und wann ein Witzwort erſchafft, von dem hinterher der Kopf nichts mehr weiß, ſo bringt er auch hin und wieder ein Rührwort wovon ſchon vorher weder Kopf noch Herz etwas 18 wußten. Wenn die Franzoſen ſich mit dergkeichen Tiraden abfinden laſſen— mir recht. Es liegt wahrſcheinlich nicht an dem Kaiſer, daß er uns nicht ſchon kängſt den Appetit an ſolchen Redensarten verdorben hat. Geben Sie Acht: die neue Dynaſtie wird zu allen Kunſtſtückchen und Theater⸗ lappen des Kaiſerreichs greifen, wir werden Proklamationen erleben, im Style Napoleons, Thronreden, wie er ſie hielt, patriotiſche Declamativnen, wie er ſie liebte, und täglich etwas Weniges von Heinrich W., der unſtreitig der einzige Bourbon war, von dem ſich viel Gutes ſagen läßt, und deſſen Eoſtüm ſogar der Kaiſer nachäffte, wenn ihn die Luſt anwandelte, die ſchweren Reitſtiefel wegzuwerfen und ein bischen Komödie zu ſpielen. Aber zwiſchen allen dieſen ſelt⸗ ſamen Verſchmelzungen des ehemaligen Kaiſerreichs und des neuen Königthums wird nach und nach das ſchwerfällige, grämliche Geſpenſt der Königsherrſchaft, die in der Gruft von St. Denis begraben liegt, an das Tageslicht ſteigen, und Ruthen, Beil und Ketten über Frankreich ſchütteln. Freilich iſt erſt dann zu erwarten, ob die Franzofen die altfränkiſche Maske zu beklatſchen, oder auszupfeifen geru⸗ hen werden.— Doch ich verſpüre, daß ich ärgerlich zu werden beginne. Darum geſchwind zu einer neuen Parthie. Hier ſteht die doppelte Sechs, ſo ungeſchickt und plump, wie ein Wappen von dreißig Feldern. Setzen Sie an, lie⸗ ber Oberſt, und beherzigen Sie den Rath, den ich Ihnen gebe: wenn Sie nicht Ihr altes Wappen und Ihren alten Namen bei dem jetzigen Herrſcher in die Wage legen, ſo ſteht es mit Ihrer Zukunft ſchlecht, da Sie es doch verſchmähen, meinc weitere Hülfe anzunehmen, um ein 19 Gewerbe zu begründen, wobei Sie unabhängig von dem König leben würden!“ Der Beſuch eines Fremden ſtörte das Geſpräch. Ein Herr von ziemlich ſtattlichem Anſehen, einiger Corpulenz, feiner Kleidung und vornehmem Weſen, erſchien unter der Familie. Seine Züge verriethen einen Vierziger, ſein Ge⸗ ſicht war mit Burgunderknoſpen beſäet und in dem Knopf⸗ loch trug er das Band des Ludwigordens. Nach einer all⸗ gemeinen Verbeugung näherte ſich der Fremde dem Herrn vom Hauſe, betrachtete ihn einige Augenblicke, und rief alsdann mit einer Bewegung, die nicht ganz frei von Affec⸗ tation war:„Wahrhaftig! Sie ſind es, Herr Vicomte. Mochten die Jahre uns beide noch ſo ſehr verändern, die Stimme meines Herzens iſt ſtärker, als meine Vergeß⸗ lichkeit.“ Unmittelbar nach dieſer Rede lag der Beſucher an dem Halſe des Oberſten, der ſich ſeiner kaum zu erwehren ver⸗ mochte, und mit etwas abſtoßendem Erſtaunen entgegen⸗ fragte:„Mit wem habe ich die Ehre, wenn it fragen darf?“ Der Fremde brach in ein Gelächter aus, rieb ſich die Hände, ſtemmte die Arme in die Seite, wiegte ſich, wie ein junger Menſch, auf ſeinen Hüften, und entgegnete: „Nun bei Gott, das iſt ſeltſam. Wir haben uns gegen⸗ ſeitig das Leben gerettet, und Sie wollen mich nicht ken⸗ nen? Bin ich ſo alt, ſo häßlich geworden? Entſinnen Sie ſich vielleicht auch des Namens Chabran nicht mehr?“ „Chabran? Marquis von Chabran?“ riefen Dammartin. und Adele voll Staunen, und näherten ſich dem Herrn um einige Schritte. Dieſer fuhr fort:„Endlich, endlich! das * 20 haben Sie nicht vergeſſen, dieſer Glockenſchlag aus der Vendee findet den Weg zu Ihrem Ohr! Willkommen alſo, noch einmal, Herr Vicomte; laſſen Sie ſich die Hand küſ⸗ ſen, Madame. Es iſt ein bischen lang her, ſeit ich auf dem Schloſſe Ihrer Frau Couſine das Vergnügen hatte, Sie zu ſehen, doch iſt Ihre Liebenswürdigkeit noch ſtets dieſelbe. Dieß Ihre Familie, meine Freunde? Ein reizen⸗ des Fräulein, ein vielverſprechender junger Mann.“ Nachdem Dammartin den Marquis obenhin mit den Namen der Anweſenden und ihren gegenſeitigen Beziehungen bekannt gemacht, pflanzte ſich Chabran mit der vornehmen Nachläſſigkeit eines Mannes von Welt in einen Lehnſtuhl, zupfte an ſeinem Jabot, drehte kokettirend die vielen Ringe an ſeinen Fingern, faltete dann die Hände, warf einen ſchwärmeriſchen Blick nach der Decke, und begann:„Die Propheten haben wahr geſagt, und der Meſſias iſt gekom⸗ men, in deſſen Gefolge auch ich meine Heimath wieder ſah. Ach Vicomte, meine Schickſale waren ſehr bunt, ſeitdem Sie mich in der Uniform eines Republikaners aus jenem Hauſe zu Mans ins Freie ſpedirten. Man ſoll mich häufig todt geſagt haben; das glaube ich wohl. Hielt ich mich doch ſelbſt manchmal für verloren und geköpft. Ich ſehe mich noch hin und wieder im Traume in den Sümpfen von Savenay herumkriechen. Endlich gelangte ich doch in den Kahn eines Royaliſten, hierauf in ein engliſches Schiff, und befand mich zu London in Sicherheit. Allen Reſpekt vor England; man iſt dort frei, aber ſehr geneigt zum Ver⸗ hungern, wenn man“kein Geld beſitzt. Ich durchlebte daſelbſt eine ſchlechte Zeit. Nicht als ob es mir an Bekannten ge⸗ fehlt hätte: ganz Frankreich, das lopale Frankreich nämlich, 24 war dazumal in England. Sogar meine Braut ſah ich hin und wleder wie eine vorübergleitende Erſcheinung. So innig mich jedoch ihre wunderbare Rettung erfreute, ſo wenig konnte ich damals daran denken, unſer Verhältniß in eine wirkliche Ehe umzuwandeln. Die Marquiſe war in miß⸗ lichen Umſtänden, wie ich; nur fand ſie bald freigebige Beſchützer, während ich geraume Zeit warten mußte, ehe ich in der ſehr reichen, aber etwas bejahrten Lady Drumby eine Gönnerin fand. Ach, meine Freunde, dennoch ſehnte ich mich ſtets nach den heimathlichen Gefilden. Ueber unſere Jogd in dem Bocage geht doch nichts, und über die ver⸗ nünftige Demuth unſerer Bauern geht wiever nichts. Ich trauerte, wie eine von der Sonne verſengte Blume, und mußte, nachdem die Herrlichkeit mit der Lady vorüber, bei den Fuchsjägern auf dem Lande herumziehen, und ſo zu ſagen vom Steigbügel leben. Endlich kam ich in die Nähe Seiner Majeſtät unſeres Königs; ich ſchloß mich an den Hof von Hartwell an. Ich wurde Ritter des heiligen Lud⸗ wigordens, zugleich Marechal de Camp, und ſtand ſo auf der Leiter zum oberſten Rang. Die Zukunft lächelte bald dem König, und ſomit lächelte ſie auch mir. Der König kam nach Paris, folglich auch ich. Da übrigens“— hier ſeufzte der Marquis beträchtlich—„meine Beſtallung vor der Hand nur den Litel gibt, und ich folglich mich noch außer aller Aktivität befinde, ſo glaubte ich die leere Zeit nicht beſſer benützen zu können, als indem ich werthe Freunde aufſuchte, Freunde wie Sie, Madame, wie Sie, Herr Vicomte.“ Während der Marquis das geſtickte Schnupftuch aus der Taſche zog, um mit der linken Hand eine Thräne zu trocknen, und indeſſen ſeine rechte die Hand des Oberſten enthu⸗ ſiaſtiſch ſchüttelte, flüſterte Suzon dem Jäger⸗Kapitän zu: „Wie langweilig, wie unausſtehlich! entführen Sie mich doch dieſer Prüfung, Herr Dieudonné.“ Victorin ließ ſich die Mahnung geſagt ſeyn, bot dem jungen Dämchen den Arm, und führte es, ohne von den Uebrigen bemerkt zu werden, in den Garten hinaus. Sans⸗Regret lehnte ſich, um ſein ſpottendes Geſicht zu maskiren, nachläſſig über die Baluſtrade, ſcheinbar mit den Blumen beſchäftigt. Adele mußte Anſtands halber ausharren, obſchon auch ihr Cha⸗ bran's Erzählung und Gegenwart, ſchon um der Erinnerun⸗ gen willen, die ſie erweckte, nicht allzu angenehm vorkam. Chabran's Vertraulichkeit ſtieg von Minute zu Minute, mit auffallender Zudringlichkeit hatte er bald nach den Standes⸗ verhältniſſen Dammartins geforſcht und der Oberſt keinen Grund gefunden, ihm dieſelben zu verhehlen. Von den Verſprechungen unterrichtet, womit man Dammartin hinter⸗ gangen, wie von ſeinen vergeblichen Verſuchen, wieder zu einer Anſtellung zu gelangen, zog der Marquis ein wichti⸗ ges Geſicht, und verſetzte:„Das fſind allgemeine Klagen, mein lieber Freund. Sie werden ſehen, daß es Unzufriedene in Fülle geben wird. Was iſt denn im Grunde für diejeni⸗ gen geſchehen, die das glänzendſte Beiſpiel der Treue gege⸗ ben haben? Hatte nicht die Elite des Adels ihr Vaterland verlaſſen, um dem vertriebenen Königsſtamme zu folgen? Jetzt wäre die Zeit der Vergeltung gekommen und noch keine Anſtalt dazu. Unſere Güter ſind in den Händen der ver⸗ ruchten Käufer, diejenigen Stellen: die uns convenirten, ſind ſchon beſetzt. Der König beträgt ſich gegen uns wie ein Revolutionär. Es iſt freilich ſchmeichelhaft, den Orden 23 des heiligen Ludwigs auf der Bruſt zu tragen, er iſt mir lieber als der der Ehrenlegion, weil das Kreuz nicht an gemeine Leute vergendet wird; es iſt ferner ſehr intereſſant, den Rang eines Generallieutenants zu haben;— aber was in aller Welt fange ich in der Länge mit dem Orden allein, mit dem Titel allein an? Davon kann man nicht ſtandes⸗ mäßig leben; Sie fehen das ein, mein Beſter. Das iſt kein Lohn für eine Hingebung, wie die meinige. Ich will nun nicht behaupten, daß der König nicht in der Folge einen Blick der Gnade auf ſeine treueſten Diener werfen werde. Die Zeit wird alles ausgleichen; doch wollte ich Ihnen nur durch mein Beiſpiel beweiſen, wie es Sie nicht wundern muß, nachläſſig behandelt zu werden, da wir die gleiche Unbill leiden.“ Dammartin hatte ſich unruhig hin und her bewegt, und von Zeit zu Zeit mit dem Invaliden bedeutende Blicke ge⸗ wechſelt; endlich brach er in die Worte aus:„Ja freilich, Herr Marquis, mit uns andern Leuten von der Revolution iſt es auch etwas anders. Wir haben ſo zu ſagen unſern Lohn ſchon dahin: unſere Wunden, unſere Strapatzen, aber auch unſern Ruhm. Gott weiß, welche Geſichter neuerlich in unſeren Bureau's und Vorzimmern an die Tagesordnung gekommen ſind. Geſichter, deren man ſich ſeit mehreren Jahrzehnden nicht mehr erinnerte. Weil des Adlers Fittige gebrochen ſind, herrſchen billig die Taubenflügel vor. Eine ſchreiende Ungerechtigkeit, daß des Königs erſte Regenten⸗ handlung nicht alſogleich das Lvos jener Getreuen ſicherte, die zu ſeines Hauſes Ehre in England oder in Deutſchland müßig gingen, und in den Salon's von Hartwell gähnten oder nach dem Barometer ſchauten.“ Chabran lächelte etwas verlegen, und erwiederte ge⸗ ſchmeidig:„Ihre Worte ſind bitter, Herr Vicomte; doch ſind ſie zu entſchuldigen. Wahrhaftig, Madame, Seine Majeſtät der König ſind von ſolchem Edelmuth durchdrungen, daß Er der Rede Ihres Gemahls in eigner Perſon nicht zürnen würde. Ein gewiſſes Mißbehagen iſt in denjenigen immer vorauszuſetzen, die einer ſchroffen Umwälzung des Staates beiwohnen und nicht die Oberhand behalten. Doch iſt es die Sache der Klugheit, dergleichen bittere Regung zu unterdrücken, wenn man auch einen republikaniſchen Titus⸗ kopf trägt. Ihre Lage intereſſirt mich, Herr Vicomte; er⸗ ſtens, weil ich Ihnen bei Tarfon das Leben erhalten habe; zweitens, weil ich Ihnen das meinige zu Mans verdankte; drittens, um Ihrer liebenswürdigen Gemahlin willen, die ich ſo oft in der Umgebung meiner reizenden Braut geſehen. Ich habe viele Bekannte von Gewicht; ich könnte vielleicht etwas für Sie thun. Laſſen Sie Ihre Anſprüche hören. Ich zeichne die Notizen in mein Taſchenbuch, und werde dieſelben an die Behörde bringen.“ Er holte das Portefeuille hervor; Sans⸗Regret ſtampfte etwas unmuthig mit dem Fuße und ging ärgerlich weg; Dammartin's Geduld war eben nicht zur weitern Fortſetzung des Geſprächs geneigt, aber Adele winkte ihm mit den Au⸗ gen den Rath zu, das Weitere zu vernehmen, und es dem Schickſal anheim zu ſtellen, welches oſt durch den Mund oder die Bemühung eines eitlen albernen Menſchen Ver⸗ dienſtliches hervorgebracht. Der Oberſt folgte dieſem Rath, und ſagte, etwas kuyz und derb, aber mit männlicher Faſ⸗ ſung:„Meine Anſprüche ſind in wenigen Worten enthalten. Ich habe in den Armeen Frankreichs von unten auf gedient, 25 habe ein Dienſtalter von 25 Jahren, den Grad eines Ober⸗ ſten, und keine Subſiſtenz, wenn mich nicht der König in Aktivität verſetzt. Von meinen Verdienſten auf dem Schlacht⸗ felde will ich ſchweigen; der König wird ſie wenig in An⸗ ſchlag bringen.“ Chabran antwortete:„Das iſt ihm nicht zu verargen. Herr von Bonaparte hat Leute angeſtellt, avancirt und Krieg geführt ohne Erlaubniß Seiner Majeſtät. Es war an in⸗ die Thaten ſeiner Offiziere zu belohnen.“ „Mein Mann weiß von ſolchem Lohne nichts zu ſagen;“ ſagte Adele im Gefühle der erlittenen Kränkung;„er hat ſein Vermögen an einen ungetreuen Lieferanten der Armee verloren, und der Kaiſer hat ihm keinen Liard davon er⸗ ſetzt. Er hat dem Kaiſer treu gedient, und mußte dennoch, nur verdächtig eines Einverſtändniſſes mit den Philadelphen, Jahre lang im Thurme von Vincennes ſchmachten.“ „Ah, das iſt etwas Anderes,“ verſetzte Chabran mit einer Art von Ehrerbietung:„Das verändert die Sache ſehr zu Ihren Gunſten. Indem Sie ſich gegen den Uſurpator ver⸗ ſchworen, haben Sie ſich um den König an und für ſich verdient gemacht. Alſo: Oberſt Dammartin, von dem Kaiſer um ſeiner an das königliche Haus willen mißhandelt, um ſein Vermögen gebracht, und als Verſchwörer lange Jahre zu Vincennes gefangen 6— Das iſt ſchon eine gute Baſis. Setzen wir noch dazu, daß Sie Garde du Corps geweſen, daß Sie nur gezwungen in die republikaniſche Armee getreten, daß Sie in der Vendee dem Marquis Chabran und der Marquiſe du-Pin, den treueſten Royaliſten, das Leben gerettet, daß Sie ferner eine Agentin der Verſchwörung Georges lange Zeit in 26 Ihrem Hauſe verborgen, und den Herzog von Enghien auf⸗ richtig betrauert, ſo haben wir brillante Data beiſammen, die ihre Wirkung nicht verfehlen werden, und ſehr über⸗ flüſſig machen, ob Sie bei Marengo, in Spanien und bei Wagram gefochten oder nicht.“ Der Oberſt ſtand ſchnell auf und entgegnete, mit bitterm Ausdruck:„Ausgaben genug, aber meiſtens entſtellt, um der Richtung willen, welche Sie denſelben beilegen. Ich habe nichts für den König gethan, nie ſeine Anhänger be⸗ ſchützt, und ſtets aus andern Beweggründen gehandelt, als diejenigen ſind, welche Sie mir unterſchieben.“ „Das iſt aber gleichviel, mein vortrefflicher Freund. Wenn man jeder guten Handlung auf den Grund gehen wollte,— wo fände ſich dann die Tugend? Laſſen Sie mich nur machen. Ich werde freilich bei der Sache am wenigſten thun könnenz ein Mann, der für ſich ſelbſt ſolli⸗ citirt, iſt nicht ſehr geſchickt, den Mäzen zu ſpielen. Doch dürfen Sie ſich Glück wünſchen, daß eine Perſon von den erprobteſten Geſinnungen, eine Dame von dem wichtigſten Einfluß ſehr geneigt iſt, Ihr Intereſſe bei den Machthabern zu vertreten. Von ihrer Fürſprache dürfen Sie, wenn mich nicht alles täuſcht, jedes billige Reſultat erwarten.“ Der Oberſt ſtaunte, und nicht minder verwundert nä⸗ herte ſich Adele dem Sprechenden.„Eine Dame? eine vornehme Dame von Gewicht?“ fragten Beide, Dammartin und ſeine Gattin neugierig, und Chabran antwortete, in⸗ dem er mit vieler Selbſtgefälligkeit mit ſeiner Uhrkette ſpielte:„So iſt es, meine Freunde: eine vornehme Dame, die für Sie die innigſte Theilnahme empfindet.“ „Das kann nur die Gräfin von Esprémenil ſehn!“ rief Adele, und Dammartin ſtimmte bei.„Die Gräfin allein; wir haben erfahren, daß ſie bei der Herzogin von Angouléme in Anſehen ſteht, und es iſt zu erwarten, daß ſie die Freund⸗ ſchaft nicht aufheben wird, die ſie einſt dem jungen Garde du Corps thätig bewieſen.“ Der Marquis ſchüttelte lächelnd den Kopf und erwie⸗ derte:„Allen Reſpekt vor der Gräfin, aber Sie haben nicht das Wort des Räthſels gefunden. Die Gönnerin, von der ich Ihnen ſprach, iſt die Generalin Soudis. Wenn ich nicht irre, ſo hält ihre Equipage vor jenem Gitter. Ich eile, Ihnen die Dame vorzuſtellen.“ Der Marquis rannte ſchnell durch den Garten davon, und Dammartin und Adele ſtanden ſich gegenüber, blaſſen Marmorbildern nicht unähnlich.— „Sourdis?“ ſtammelte der Oberſt beſtürzt, und wie ein Echo klang Adelens Antwort:„Sourdis!“ dann ermannte ſie ſich, fuhr wie in Verzweiflung auf, und ſchrie außer ſich:„Deine Ahnung, Dammartin! Deine Vorausſagung! die Generalin kömmt, um mir mein Kind wieder zu ent⸗ reißen! Doch ſterbe ich eher, als ich meine Suzon den Händen dieſes fremden Weibes überlaſſe. Suzon, meine Tochter! wo biſt Du? wo finde ich Dich, mein Kind? Eile in die Arme Deiner Mutter, und keine Gewalt der Erde ſoll Dich mir entführen!“ Sie eilte, wie eine Raſende, mit aufgelösten Haaren nach dem Bosket, wo ſich Suzon's Stimme hören ließ. Dammartin folgte ihr nicht minder ſchnell, um die leiden⸗ ſchaftliche Frau von einem unangenehmen Ausbruch ihrer Angſt zurückzuhalten. Er ſtürmte an dem Invaliden vorüber, der von ſolcher Haſt nichts begriff, ſah, wie Adele ihre Tochter von dem Arme Victorins an ihre Bruſt riß, ſie mit Thränen und dem Geſchrei des Schmerzes umfaßte, und wie in demſelben Moment durch das Gitterthor an Chabrans Hand die Generalin eintrat. Mochte der über⸗ ladenſte Putz, mochte eine beträchtliche Reihe von Jahren die Dame entſtellen— dennoch erkannte Dammartin auf den erſten Blick Chabrans ehemalige Braut Gabriele,— Adelens Scharfblick traf nicht minder richtig das Ziels Ihr Schrecken, ihre Angſt verdoppelte ſich nur, da ſie den treu⸗ loſen Gaſt, die Räuberin ihrer Tochter gewahrte. Sie warf ſich vor Suzon mit einer Geberde, als ob ſie die Velt auffordern wollte, ihr gegen die Feindin beizuſtehen⸗ Gabriele hingegen, welche einen Auftritt wie dieſen er⸗ wartete, hatte alle Maßregeln getroffen, um die Wirkun⸗ gen deſſelben zu ſchwächen oder zu vernichten. Die Inbrunſt des Entzückens iſt nicht zu ſchildern, womit ſie ſich in die Arme der grollenden Adele drängte, und jede Aeußerung des Zorns in dem Munde ihrer Gegnerin zu erſticken trach⸗ tete. Aber mitten unter den Küſſen, die ſie auf die verſa⸗ genden Lippen Adelen's drückte, raunte ſie ihr zu:„Keine Scene, ich bitte. Unſer Wiederſehen hat Zeugen; alle Mißverſtändniſſe ſollen ſich heben, ſobald wir allein ſind.“ Ungefähr daſſelbe flüſterte ſie in Dammartins Ohr; er und Adele ſchwiegen hierauf überraſcht und erwartend, und die ſchwerſte Klippe war umſchifft, ohne daß Chabran etwas davon bemerkt hätte, und noch weniger ein junger Mann von hoher Statur, blonden Haaren und großen blauen Augen, der, in der eleganteſten Kleidung, den Shawl der Dame auf den Armen tragend, der Generalin folgte.— 29 Gabrielens Lippen floſſen unaufhörlich von denjenigen ex⸗ tatiſchen Redensarten über, die den Augenblick zu bezeichnen pflegen, wo zwei theuer und eng verbundene Freundinnen ſich wieder begegnen. Sie allein trug in der erſten Viertel⸗ ſtunde die Koſten des Geſammtgeſprächs, und betäubte mit Liebkoſungen bald ihre feindliche Freundin, bald die holde Suzon, die mit wunderbaren Gefühlen in der Bruſt die⸗ jenige Frau wieder begrüßte, die mehrere Jahre für ihre Mutter gegolten, und jetzo plötzlich erſchien, als ob ſie ihre Anſprüche geltend machen wollte. Nachdem aber die Mar⸗ quiſe den Schatz ihrer Schmeichelworte erſchöpft, Adele und Suzon genugſam umarmt, und genugſam dem Oberſt die Hand gedrückt, ja ſogar den Invaliden mit einigen Phraſen leeren Lobes bedacht, wendete ſie ſich pathetiſch zu dem jungen Manne, ihrem Begleiter, und ſagte feierlich:„Hier, geliebter Julius, ſiehſt Du das edle Paar, welches zur Zeit der Tyrannei mir aus den Banden der Gewalt forthalf⸗ und ſogar nicht zögerte, das theuerſte Pfand ſeines Glücks meinen Händen anzuvertrauen, um mich ſicher zu ſtellen.— Wahrhaftig, beſte Adele, mein vortrefflicher Stiefſohn hier, ſo wie mein Mann, der General, und Herr von Chabran, mein Freund, ſie haben für einen Roman gehalten, was— ich gebe es zu— die Virklichkeit nicht oft bietet. Wie doch das Schickſal mit uns ſpielt, meine beſte Cuufine! Hätten Sie mir damals nicht den Paß abgetréten, unter deſſen Schutz Sie nach Orleans reiſen wollten,.. hätten Sie mir nicht, um mich, den Bezeichnungen des Paſſes zufolge, in allen Punkten ſicher zu ſtellen, Ihr ein⸗ ziges Kind anvertraut— das Unerhörte von einer Mutter— ſo wäre ich eine Beute des Schaffots geworden, ſo hätte 30 ich den General nie kennen gelernt, ſo hätte ich nie Mutter⸗ ſtelle bei dieſem wackern jungen Manne vertreten.. ſo wäre ich nicht„ wozu aber dieſe Hypotheſen? wie tückiſch auch der Zufall mit mir und Ihnen ſpielte,— ſtellen Sie ſich vor, daß der Bediente, welcher Ihnen, unſerer Verabredung zufolge, die kleine Suzon wieder⸗ bringen ſollte, unfern der ſpaniſchen Gränze erkrankte und ſtarb— dennoch löste ſich alles auf die befriedigendſte Weiſe. Mein Schrecken war ungeheuer, als ich, nachdem das liebe Mädchen mehrere Jahre in meinem Hauſe ge⸗ wohnt, das Unglück erleben mußte, ſie in dem Sturm auf Saragoſſa zu verlieren. Doch erfuhr ich bald durch einen gefangenen franzöſiſchen Offizier, daß ein Wunder dieſes Pfand des Vertrauens wieder in die rechten Hände zurück⸗ geführt. Wenn ich doch einmal den Retter meiner reizenden Suzon ſehen könnte, um ihm zu danken!“ Dammartin zeigte mit ironiſchem Lächeln auf Victorin, der ſich verbeugte, und nun von der überraſchten Generalin einen verſchwenderiſchen Lobestribut erhielt. Nachdem Gabriele noch ihren Stiefſohn Julius der Demoiſelle Dammartin vorgeſtellt, und die Erinnerungen aufgefriſcht, welche das Mädchen von dem ſogenannten Bruder in ſchwachem Ge⸗ dächtniß bewahrte, wendete ſie ſich plötzlich zu Dammartin, und ſagte:„Da ich Ihrer Verzeihung und Freundſchaft gewiß bin, ſo erlauben Sie, daß ich Ihnen ein Mittel lehre, Ihre Zukunft zu ſichern. Herr von Chabran wird mit Ihnen geſprochen, er wird auch die Güte haben, Sie in die Tuilerien zu begleiten, wo der Herzog von Angouléme bereit iſt, Sie im Namen ſeines erlauchten Oheims zu em⸗ pfaugen. Sie werden klug ſeyn, mein Freund, und nicht 31 durch einen unzeitigen Republikanerſtolz die Vorarbeiten zu nichte machen, deren ich mich zu Ihrem Beſten unterzog. Sie werden an Herrn von Chabran einen gewichtigen Bei⸗ ſtand haben, ſo wie derſelbe ihn an mir hatte. Ja, lieber Marquis, auch Sie werden am Ziel Ihrer Wünſche ſeyn, und ich hoffe, keinen Unwürdigen protegirt zu haben, wenn Sie gleich in der Vendee Ihre Braut minder vertheidigten, als das Königthum.“ Dammartin wollte, indem Chabran die Hand der Gene⸗ ralin küßte, einige Einwendungen machen, aber Adele, noch ſo ſehr betroffen von der Vornehmigkeit und der imponiren⸗ den Handlungsweiſe ihrer ehemaligen Couſine, bat ſelbſt den zögernden Gemahl, die Audienz nicht zu verſäumen, und ſich in das nöthige Koſtüm zu werfen. Das ehrgeizige Weib hätte, obgleich von Widerwillen gegen Gabriele er⸗ füllt, dennoch ihrem Gatten ſtets gerathen die Gunſt der Feindin zu benützen, weil es ihr unerträglich war, einen Laffen, wie Chabran, mit der Generalsuniform bekleidet zu ſehen, während ihr tapferer Victor in dem Rock eines Ober⸗ ſten auf halbem Sold einherging. „Gehe immerhin, mein guter Freund,“ ſagte ſie lächelnd zu dem Gatten,„und fürchte Dich nicht, beim dunkelnden Abend mich zu verlaſſen. Herr Sans⸗Regret bleibt bei mir und Herr Victorin, und Suzon iſt nicht mehr das kleine Kind, welches man entführt, wenn man nur will.“ Dieſe Worte waren nicht ohne Bitterkeit geſprochen, und ſelbſt unter der Schminke auf Gabrielens Wangen ſchien ſich die Schamröthe der Verbrecherin hervordrängen zu wollen. Mit einer Rührung, die viel Ratürlichkeit in ſich trug, umarmte die Generalin Adelen, und rief;„Keinen 32 Vorwurf, meine Liebe. Wir wollen uns, während die Herren ſich entfernen, in Ihrem wohlbekannten Boudvir einander gegenüber ſetzen, und in wenig Minuten wird kein Miß⸗ trauen mehr unſer Einverſtändniß ſtören. Ich bin ja be⸗ reit, Ihnen für jedes Leid, das ich Ihnen zufügte, völlige Genugthuung zu geben.“ „Sie ſehen mich auch bereit und neugierig, Frau Gene⸗ ralin;“ erwiederte Adele mit ſcharfer Betonung und prüfen⸗ dem Blicke:„Lebe wohl, mein guter Victor, und kehre bald zufrieden zurück. Ich werde die Frau Marquiſe in die Beichte nehmen, und die jungen Leute mögen ſich indeſſen unterhalten, wie ihr Alter und ihre Launen es mit ſich bringen.“ „Und mein guter, lieber Sans⸗Regret?“ fragte im Ab⸗ ſchiede der Oberſt, indem er dem Invaliden, dem ſtummen Zeugen dieſes Auftritts, die Hand reichte. „Ich will ſchlafen gehen, mein Oberſt;“ verſetzte der Alte trocken:„der heutige Abend gefällt mir nicht, und ich will erwarten, ob beim nächſten Sonnenaufgange mein Herz leichter, meine Sinne unbefangener ſind. Erinnern Sie ſich indeſſen, mein guter Oberſt, an den Virgiliſchen Vers: timeo Danaos et dona ferentes!“« Zweites Rapitell. Die Höflinge Ludwigs KVIII. Dammartin ſtand mit ſeinem Begleiter in den Hallen der Tuilerien. So wie er dahin ſchritt, über die breiten Treppen, durch die Gänge und Gallerien, und einen Blick zurückſendete auf die verfloſſenen Jahre, auf die Zeit, wo er ſelbſt beinahe heimiſch geweſen in dem damaligen Konſul⸗ Pallaſt, ſo konnte er ſich nicht erwehren, über den Umſchwung der Dinge und die dadurch erfolgte Umgeſtaltung des Pal⸗ laſtes zu ſtaunen. Der König hatte nicht Unrecht gehabt, als er beim Ein⸗ tritt in das Schloß ausrief:„Herr Bonaparte iſt ein guter Verwalter, der mir alles ſchön in Ordnung hielt!“ Die Tuilerien verdankten dem Kaiſer ihre Reinigung von dem Schmutze der Revolutionsharpieen; Napoleon hatte durch alle Phaſen der Regimentsformen die Pracht dieſes Schloſſes geſteigert, und den Ort, der unter dem Directo⸗ rium kaum würdig war, einen General zu beherbergen⸗ zum Aufenthalte eines prachtliebenden Herrſchers erhoben. Aber dieſe Räume, noch vor Kurzem durchdrungen und 5 3 — beſeelt von der kriegeriſchen Majeſtät des gewaltigen Kai⸗ ſers, durchrauſcht vor wenigen Monden noch von den prunk⸗ vollen Feſten, womit der Eroberer hin und wieder ſeine ernſten Arbeiten zu durchwürken nicht verſchmähte, um ſeiner jungen Gemahlin und dem Volke zu gefallen— wie ver⸗ ändert ſtanden ſie da ſeit den Tagen der Wiederherſtellung des Königthums! Nicht mehr das derbe Auftreten der Oberbefehlshaber des Heeres, nicht mehr der gellende Scherz und das weitſchallende Gelächter der muthwilligen und leichtſinnigen Damen vom kaiſerlichen Hof, nicht mehr der kriegeriſche Lärm, noch die unbeſonnenen Streiche der Pagen und Ordonnanzoffiziere belebten das Schloß. Die Marſchälle kamen zwar dahin, aber mit ernſtem, gemeſſenem Schritt; die Damen fehlten zwar nicht, aber ihr Geſicht lag in ſtren⸗ gen Falten, wie das der Gebieterin, der Lochter des un⸗ glücklichen Ludwigs; die Intriguen der jungen Leute ſpielten nur unter der Decke. Dagegen war eine Menge von Leuten in das Schloß eingezogen, die Frankreich mit Verwunderung wieder in ſeinem Schvoße ſah: der Adel von 1789, gealtert durch mehrere Jahrzehende, wie durch Verdruß, Kummer und Erwartung, aber nicht jung geworden in der Zeit. Generale und General⸗Lieutenants, die noch kein Bataillon lemmandirt, Diplomaten von Mictau und Hartwell, die noch keine offizielle Miſſivn gehabt; Edelleute mit wichtigen Adminiſtrationsgeſichtern, die noch nie eine Verwaltungsſtelle begleitet; Staatsökonomen aus Calonne's und Necker's Zeit, die noch nie einen Heller für den Staat bewahrt oder verwerthet; Magiſtratsperſonen, denen nur die Verordnun⸗ gen Ludwigs KIV. und ſeiner Nachfolger geläufig waren, und welche die Geſetzentwürfe der conſtituirenden Verſammlung 35 noch als eine beklagenswerthe Neuerung betrachteten; Ge⸗ lehrte, welche zwanzig Jahre lang geſchwiegen und geſchlafen hatten, und nun vor Begierde brannten, mit veralteten Ideen und verjährtem Styl die Stützpfeiler der Dynaſtie zu werden; Häuptlinge aus der Vendee, die jetzt in Schuhen und Strümpfen ihre Anſprüche vom Schlachtfelde her zu erneuern gedachten; die Unzahl derjenigen, die plötzlich ihre ſeit zwanzig Jahren verſtummten Gefühle, und eine unthä⸗ tige Anhänglichkeit dem neuen Herrſcher zum Opfer brachten; endlich einige hohe Geiſtliche, deren Gang, Blick und Be⸗ nehmen ſchon die Hoffnung auf eine Zukunft verriethen, wo ihr Einfluß an die letzten Jahre des ſogenannten großen Ludwigs erinnern würde.— Dieſe Elemente, in ihrer Rich⸗ tung verwandt, in ihren Hoffnungen und Erwartungen nach demſelben Ziele ſtrebend, aber in eben ſo viele feindſelige Flaſſen geſpalten, gerade, weil ſie nach einem Ziele be⸗ gehrten, wogten in dichten Maſſen in dem Pallaſte der Bourbons auf und nieder, jeden günſtigen Augenblick be⸗ nützend, jedes Privilegium und Herkommen wieder ans Licht ziehend, nach jedem Monopol der Vorzeit insgeheim geizend und verlangend, Honig auf der Zunge und Galle im Her⸗ zen, mit heiterm Geſichte und umwölkten Sinnen, ſich Fran⸗ zoſen nennend und die Franzoſen haſſend, im Könige Frankreich ſuchend, und Frankreich verachtend, mit den Lippen, um den Fürſten nachzuäffen, Gott wegen ſeiner an dem Königsſtamme bewieſenen Gnade verehrend, im Uebrigen jedoch mit uner⸗ hörtem Stolze den Boden der Heimath und die edelſten Gefühle des Vaterlandes mit Füßen tretend: gleichſam als hätte ihre Gewalt ſich wieder das gelobte Land unterworfen, oder als ſeyen ſie von ihrer Tugend wnt hereingeführt 3 36 worden, und nicht durch die Beſchlüſſe der verbündeten Für⸗ ſten Europa's und durch die Waffen derſelben. Was alle dieſe Leute noch an Platz in den Tuilerien übrig ließen, beſetzten die noch ſchlechteren Schwärme derjenigen, die zu jeder Stunde des Tags ihre Cocarde zu vertauſchen, und ihr Vivat an den Weiſtbietenden zu verkaufen bereit ſind; die in ihrer flachen Unbedentenheit ſich nach der Sonne drängen, wie eine dumme Mückenhorde, und in den Strah⸗ len der kaiſerlichen Macht, wie der koͤniglichen Würde, ihre Narrenſprünge machen. Sie wiſſen nicht eigentlich, warum ſie dem Throne nachziehen, und dennoch ſind ſie da; ſie ſind zu ſchlaff, um zu haſſen, und folglich zu matt, um zu lieben; ſie ſind viel zu entnervt, um nur zudringlich einen Lohn zu begehren, der ihnen nicht gebührt, einer Würde nachzuſetzen, die ihnen nicht anſteht, oder einem Amte, wozu ſie nicht taugen; ſie wollen gar nichts— als nur einen Blick des jeweiligen Herrſchers; ſie verlangen nach nichts— als nur nuch dem unbedeutendſten Wort aus dem Munde des Günſt⸗ lings; da der Staub ihr Element iſt, ſo ſuchen ſie gerade nur den Staub, gleichviel, ob er von dem kaiſerlichen Pur⸗ purmantel niederfliegt, oder vom Hermelin des Königs,— oder von der Sohle des militäriſchen Dictators. Dieſe zwitterhaften, langweiligen, gähnenden Kreaturen, dieſes Heer von üppig aufſchießenden Sonnenblumen, dieſe Schwätzer und Läſterer, dieſe Lungerer und Bewunderer, dieſe Bücker und Kriecher, ſind übrigens der Pöbel, der an jedem Hofe, die Form ſey wie ſie wolle, ſich einheimiſch macht, wie an Wullfahrtsorten das müßige Bettelgeſindel, das aus langer Weile zum Gnadenbilde betet, und mit Allmoſenfordern und Faullenzen den goldenen Tag verbringt. Dieſe unwürdigen Lehensträger der Gewalt belagerten alle Winkel der Tuilerien, als Dammartin dort eintrat, weil das Spiel des Königs juſt ſeinen Anfang nehmen ſollte. Die gemeinen wie die ehrgeizigen Höflinge wußten aus Erfahrung oder Tradition, daß dieſe ſogenannte Spiel⸗ ſtunde am meiſten geeignet ſey, entweder eine verdienſtloſe Perſon unter die Augen des Fürſten zu bringen, oder an vergeſſene Dienſte zu erinnern. Der Zuſammenfluß dieſer Leute war ungeheuer. Es ſchmerzte den Oberſt, die alten Heer⸗ führer Napoleons darunter zu erblicken. Sie hatten für nöthig erachtet, den ſelbſtbewußten Stolz abzulegen, der ſie früher⸗ hin ſelbſt in der Nähe ihres despotiſchen Waffengefährten nicht verlaſſen; ihre Manieren ſtachen unangenehm gegen das verſchliffene Weſen der übrigen Hofleute ab, und den⸗ noch wollten ſie es denſelben gleich thun; ſie fühlten tief im Innern der unzufriedenen Bruſt, daß ihr Ruhm und ihre Feldherrnehre in dieſem Schloſſe verkannt wurde, und dennoch wichen ſie der Geringſchätzung nicht, um— ihren Rang und ihre Einkünfte zu bewahren,— Dammartin wurde doppelt ſchmerzlich von einer Bemerkung ergriffen, die er in Bezug auf dieſe Helden der Revolution zu machen Gelegenheit hatte. In den Vorzimmern des Kaiſers war die Fürſprache und Verwendung der Großen für die minderbegünſtigten Waffenbrüder nicht verboten; in dem Schloſſe des Königs getraute ſich dieſes Gefühl nicht Luft zu machen. Dammar⸗ tin begegnete mehreren ſeiner alten Freunde, die mit den beſternten Epauletten, und der geſtickten Marſchalls⸗ und Generals⸗Uniform ſich brüſteten; aber keiner von ihnen beachtete mit mehr als einem Gruße den Oberſten, deſſen Lage hinlänglich bekannt war und den die Ungewißheit ſeiner Blicke als einen Bittſteler bezeichnete. Dagegen näherten ſich mehrere der ſtolzen Emigranten, nach vorgegangener Einleitung des Marquis von Chabran, dem Oberſten, ſchüt⸗ telten ſeine Hand, betäubten ihn mit Freundſchafts⸗Verſiche⸗ rungen und Dienſtanerbieten, weil er von Chabran unter ſeinem Vicomte⸗Titel vorgeſtellt wurde: ein Titel, der vom Kaiſer nicht ertheilt und folglich nach den Begriffen dieſer Herren nicht entwürdigt worden war. Bei dieſen Begrüßun⸗ gen hatte es jedoch ſein Bewenden. Wie hätte auch Dam⸗ martin auf Mehreres Anſpruch machen ſollen? Die Männer des alten Regime waren ihm nicht bekannt; nur hier und da tauchten aus der Menge ein Paar Geſichter auf, die, wie er glaubte, alten Hauptleuten und Offizieren der Gardes du Corps gehörten; Bekanntſchaften, die er nicht zu erneuern begehrte. Chabran war auf dieſem Meere wohl bekannt; er ſteuerte ſeinen Schützling, den Oberſten, nach allen Seiten, brachte ihn in den Saal des Königs, und zeigte ihm aus ehrfurchts⸗ voller Ferne den Monarchen am Spieltiſch. Ludwigs Aeußeres hatte etwas Ehrfurchtgebietendes. Verſtand ſprach aus den Wölbungen der Stirne, und aus den gutmüthigen, aber tiefſinnigen Zügen ein nicht ungenütztes Leben. Die Repraä⸗ ſentation ſchien dem Fürſten läſtig, und eine unverholene Zerſtreuung herrſchte in ſeinem Spiel vor. Sein Auge ver⸗ kündigte eine Laſt von Sorgen, und daß er aus der Seele geſprochen, als er Frankreichs wieder auf ſeinen Scheitel gedrückte Krone eine Krone von Dornen genannt. Eine rührende Uebereinſtimmung mit den Empfindungen des er⸗ lauchten Oheims verrieth das Geſicht der Herzogin von Angouléme. Ihre Züge waren jedoch umſchatteter, als die des Königs. Der heitere Umgang mit den Muſen, der freundliche Ernſt der Wiſſenſchaft, dieſer engelsgleiche Be⸗ gleiter auf dem Lebenspfade, hatten Ludwigs Bitterkeit in Milde verkehrt, und eine ſchwermüthige Reſignation an die Stelle eines Grolls geſetzt, der zu entſchuldigen geweſen wäre. Aber die Tochter Ludwigs XVI., und der unglückſe⸗ ligen Marie Antvinette, die Schweſter des elend zu Grund gegangenen Dauphins, die Nichte der ſchändlich gemordeten Eliſabeth, ſie hätte mehr als ein ſterbliches Weib ſeyn müſ⸗ ſen, um das herbe Gefühl völlig zu bezwingen, welches ihr Loos in der zarten Bruſt erregen mußte. Lange genug hatte der unnennbarſte Schmerz ihre Seele in der Verbannung niedergedrückt; er hatte ſich in ihr verſteinert, und die Er⸗ innerung, die bei der Rückkehr in das Vaterland alle Wunden des unglücklichen Weibes wieder aufriß, war nicht wohl⸗ thuend zu ihr getreten. Und das Volk begehrte, die Herzogin ſollte lächeln und freundlich ſeyn! Es forderte, die Tochter des königlichen Märtprers ſollte gänzlich vergeſſen, was ſie in Frankreich erlitten, mit trockenem Auge an der Stätte weilen, wo ihrer Aeltern Blut floß, und die ſie, von dem Schloſſe der Tuilerien aus, beſtändig vor Augen hatte! Sie ſollte gleich beim Eintritt in das lang entriſſene Vater⸗ land alle Franzoſen mit Liebe umfaſſen, als ob nichts vor⸗ gefallen wäre, als ob es Pflicht ſey, mit der Freude des Augenblicks lange Jahre voll des bitterſten Kummers in einem Moment zu bedecken! Daſſelbe Volk, das vor zwan⸗ zig Jahren gleichgültig ſeinen Fürſten bluten ſah, und vor ein Paar Monden kaum wußte, daß ſeine Familie noch auf Erden vorhanden, berief ſich ſtürmiſch auf das Teſtament deſſelben Königs, und auf die erſten Friedensworte ſeines 40 Bruders. Aber der Geopferte und der neue König hatten leicht Verſöhnung zu befehlen, und gänzliches Vergeſſen des Vergangenen zu gebieten; das Herz der Tochter war nicht dazu geſchaffen, das Unmögliche zu thun, und begnügte ſich, durch ernſtes Schweigen dem Vater und Oheim nach Kräf⸗ ten zu gehorchen.— Ein auffallendes Gegenſtück zu dem Ausdrucke in dem Antlitz Ludwigs und ſeiner Nichte lieferte der Graf von Artois. Sein Geſicht war heiter und wol⸗ kenlos, als ob nie eine Tücke des Schickſals ſeine Perſon und ſein Haus heimgeſucht hätte, und ſeine Söhne ſchienen dem Beiſpiele des Vaters zu folgen Chabran hatte einem alten Ceremoniengeſichte den Wunſch, vor dem Herzog von Angouleme auf deſſen Befehl zu er⸗ ſcheinen, mitgetheilt. Der Kammerherr benachrichtigte den Prinzen und ſagte bald dem Marquis, daß Seine Hoheit ihn und ſeinen Begleiter anzumelden erlaubte. Ein Kam⸗ merdiener führte die Herren nach dem Gemach, welches der Herzog bezeichnet hatte. Nach einer Viertelſtunde durften ſie in das Kabinet vor den Prinzen treten. Chabran machte die Einleitung, und der Prinz, nachläßig auf den Kamin geſtützt, ein kleines Billet in ſeinen Händen auf⸗ und zu⸗ rollend, bald den Marquis, bald den Oberſten mit ſeinen Blicken meſſend, hörte ſchweigend zu. Chabran ſprach Dinge, die den Oberſten Dammartin erröthen machten. Der Mar⸗ quis redete von des Oberſten Wirkſamkeit in der Vendee, und hielt ſeine Ausdrücke ſo im Allgemeinen, daß der Prinz ſehr leicht glauben konnte, der Vicomte habe in der ropa⸗ liſtiſchen Armee gefochten. Er fragte plötzlich mit einer ge⸗ wiſſen affectirten Kürzé ſeiner Reveſätze, worinnen er viel⸗ leicht die Weiſe des Kaiſers nachzuahmen trachtete:„So, 41 Herr Marquis? So, Herr Vicomte? Unter wem haben Sie gedient?“ Dammartin erwiederte hierauf etwas unwillig über Cha⸗ brans Winkelzüge:„Unter Kleber und Marceau, mein Prinz.“ Das Geſicht des Herzogs ſpannte ſich etwas in die Länge. Er zog ſeine Cravatte in die Höhe und verſetzte:„Ah, ich hatte nicht recht verſtanden. Ja, ja, ich entſinne mich. Frau von Sourdis hat mir geſchrieben.... mitgetheilt will ich ſen Sie ſtanden unter den Republikanern. Ein eignes Unglück, daß in Bürgerkriegen ſich die edelſten Na⸗ men ſo oft kompromittiren müſſen. Dieſe Empfehlung wäre gerade nicht die beſte, Herr Oberſt, aber Sie haben vie⸗ len Königlichen das Leben gerettet. Das iſt auch Dankes werth.“ „Pflicht der Menſchlichkeit;“ bemerkte Dammartin beſchei⸗ den:„der Soldat muß in dem Feinde nie den Bruder ver⸗ geſſen. Ein wehrloſer Feind iſt heilig.“ Der Herzog huſtete etwas ungeduldig und fuhr fort: „Schöne Grundſätze, klaſſiſche Grundſätze. Schade, daß Sie Gelegenheit fanden, im Bürgerkriege ſie anzuwenden. Ein Bürgerkrieg iſt ein ſchweres Unglück. Der Umſturz der Ordnung führt nur zu dieſem Reſultat. Ein eiſernes Joch iſt das Ende der Anarchie. Frankreich hat dieſes etwas ſpät eingeſehen; beſſer jedoch ſpät, als niemals. Sie ſollen brav gedient haben, lieber Oberſt. Das iſt nicht ohne Werth, da Seine Majeſtät beſchloſſen haben, den Ruhm der franzöſi⸗ ſchen Heere zu adoptiren, und ſomit die Reſultate deſſelben zu heiligen. 4² „Großmüthiger Monarch! das iſt ein ſchönes Blatt in der Geſchichte Ludwigs des Erſehnten!“ rief hier der Mar⸗ quis, wie von plötzlichem Enthuſiasmus befallen, in die Rede des Prinzen, verbeugte ſich aber ſchnell, und legte demüthig die Hand auf ſeinen Mund. Der Herzog lächelte gnädig, und ſprach weiter, ohne ſeine Stellung zu verändern;„Wir haben ſtets die Zeitun⸗ gen geleſen, und waren mit den Siegen der franzöſiſchen Heere wohl zufrieden. Ich vor Allen, durch den Willen des Königs berufen, einen Oberbefehl über Frankreichs Truppen zu führen, war ein beſtändiger Freund derſelben. Sie ha⸗ ben gegen Bonaparte konſpirirt? Sie waren unter den Un⸗ zufriedenen? Wie war es mit den Philadelphen? Es gibt viele, welche die Exiſtenz dieſer Verbindung bezweifeln.“ „Es gab der Unzufriedenen viele, und ich war unter denen, welche die Zeit zurückwünſchten, wo Frankreichs Bo⸗ den von dem Deſpotismus frei war;“ antwortete der Oberſt: „Der Kaiſer hielt mich für einen Verſchworer und ſetzte mich gefangen ohne Urtheil und Recht.“ „Aber der eigentliche Zweck der Verbindung? hatte er eine Aehnlichkeit mit den Projekten des loyalen Georges? wollte man unſere Familie wieder zurückrufen?“ „Darüber weiß ich Euer Hoheit keine Auskunft zu geben.“ „Was wünſchen Sie eigentlich? Frau von Sourdis ſchreibt mir, daß Sie nach irgend einer Beförderung, nach irgend einem Kommando verlangen. Sprechen Sie ſich aus. Die Nothwendigkeit will es, daß, um beſtehende Verhältniſſe nicht zu ſtören, ſelbſt Leuten von geringer Herkunft die Stellen erhalten werden, welche ſie von der Gunſt des Zu⸗ falls und der Uſurpation erlangten. Was man für einen 43 Offizier de Fortune thut, kann auch für einen Mann von altem Geſchlecht und ehrenwerthem Namen geſchehen.“ „Ich wünſche nur meine etwaigen Verdienſte und meine Anciennetät berückſichtigt zu ſehen, keineswegs aber meinen Namen und meinen Titel.“ Der Herzog runzelte die Stirne, trat w einen Schritt entgegen und ſagte barſch:„Die Tendenz Ihrer Re⸗ den iſt unſchicklich, Herr Oberſt. Ich erinnere Sie an die Ehrfurcht, die Sie einer Königsfamilie ſchuldig ſind, welche von jeher über die Reinheit der Geſchlechter und Wappen wachte. Die Philoſophie eines Glücksritters ziemt ſich nicht für Sie. Sie ſollten zufrieden ſeyn, daß Ihnen in der Wiege ein Name wurde, welcher den König veranlaſſen dürfte, über manche Vorfälle Ihres frühern Lebens das Auge gnädig zu ſchließen.“ Dammartin ſchlug, nicht beſchämt, aber im Innerſten betroffen, die Augen zu Boden, und bemerkte nicht, wie Chabran in der peinlichſten Verlegenheit ihm Winke mit den Augen gab, und dann wieder den Herzog mit demüthigen Verbeugungen und entſchuldigenden Geberden zu beſchwich⸗ tigen ſuchte.— Der Prinz, welchem daran lag, bald wie⸗ der in den Saal des Königs zurückzukehren, welcher aber auch zu gutmüthig war, um einen Mann, den ihm eine Freundin empfohlen, ohne Hoffnung von ſich zu laſſen, ſuchte das Geſpräch ſchnell zu Ende zu bringen. Er ſagte daher mit milderm Tone:„Man muß gerecht ſeyn; Leute, die ſich in den Strapatzen des Krieges zu einem gewiſſen Rang ge⸗ ſchwungen, und einiges Ungemach erduldet, ſind reizbar, und ſehr geneigt, ihr Individuum für den Mittelpunkt der Welt zu halten. Die Geſinnung der Armee iſt vortrefflich, 44 und ich zweifle nicht einen Augenblick an der Aufrichtigkeit, womit die Herren Offiziere den königlichen Dienſt handha⸗ ben werden. Ich werde für Ihre Angelegenheit ſorgen, Herr Vicomte.“ Dammartin verbeugte ſich ſchweigend. Der Prinz fuhr fort:„Sie ſtanden unter den Gardes du Corps. Ich darf nicht läugnen, daß der Prinz von Poix, einer der Komman⸗ danten dieſer Leibwache, auf meine Anfrage wegen Ihrer Bewerbungen nicht die günſtigſten Berichte über Sie abge⸗ legt hat. Sie ſollen ſich in den berüchtigten Octobertagen zu Verſailles nicht zum Beſten für die königliche Sache ge⸗ zeigt haben. Dieſes kann jedoch beſeitigt werden, wenn ich zu hindern ſuche, daß die Bedenklichkeiten des Herrn von Poix an den König ſelbſt gelangen.“ Dammartin war im tiefſten empört über die unvermu⸗ thete Hervorrufung eines Vorurtheils, welches er längſt ver⸗ geſſen glaubte, empört aufs Neue über die Ungerechtigkeit, welcher ſeine Unſchuld damals zum Opfer fiel, und die ihre verhängnißvollen Wirkungen noch nach fünfundzwanzig Jah⸗ ren zu erneuern drohte. Darum fand er in dieſem Augen⸗ blicke wieder den ganzen Adel ſeiner Seele, und ſeine Schritte an dieſem Hofe kamen ihm auf einmal ſo unwürdig, ſo nie⸗ drig und gleißneriſch vor, daß er den Verluſt ſeiner Ehre befürchtete, wenn er nicht auf der Stelle, ſo viel an ihm war, den Faden der Unterhandlung mit einer Gewalt, die nicht vergaß und nicht verzieh, zerriſſe. Er richtete ſich ſtolz auf, und entgegnete dem ſtaunenden Prinzen mit kühnem Muthe:„Wenn die Sachen ſo ſtehen, Ihro Hoheit, ſo mö⸗ gen die Akten geſchloſſen ſeyn. Ich konnte einen Augenblick vergeſſen, was ich mir ſelbſt ſchuldig war, doch finde ich 45 ſchnell meine Beſinnung wieder. Ihrer Güte, Monſeigneur⸗ meinen wärmſten Dank, aber ich dulde es nicht, daß mein Loos von den Erklärungen des Herrn von Poir abhängig werde. Ich glaubte nach einem Vierteljahrhundert das Hof⸗ geſchwätz von Verſailles erloſchen, ich habe mich geirrt. Die gute alte Zeit ſiegt über die neue, und ich finde mich zu ſchwach, um jetzt wieder in einen Streit mit dem alten Vor⸗ urtheil einzugehen, dem ich ſchon einmal erlag. Ich bitte daher um die Vergünſtigung, mich zurückziehen zu dürfen, und erwarte von Ihnen, mein Prinz⸗ daß Sie meine Sache völlig aufgeben.“ Der Herzog ſtarrte den kühnen Oberſt mit großen Au⸗ gen an; Chabran war wie vom Blitz getroffen. Des Königs Neffe ſagte nach einer langen Pauſe ganz trocken:„Wie Sie wollen, mein Herr. Leben Sie wohl.“ Hierauf drehte er ſich gegen den Marquis, und äußerte zu dieſem mit ver⸗ bindlichem Lächeln:„Vielleicht werden Sie einen Beweis meiner Gefälligkeit freundlicher aufnehmen. Melden Sie ſich morgen bei mir; ich ernenne Sie zu einem der Edelleute meines Hauſes.“ So ſtolz Dammartin ſich von dem Prinzen beurlaubte, ſo demüthig dankte Chabran dem huldvollen Gönner, küßte demſelben die Hand, und nahm unter kriechenden Verbeu⸗ gungen wie ein Krebs ſeinen Rückzug. Noch war der Oberſt mit ſeinem Begleiter an der Thüre des Kabinets, als der Herzog dem Marquis zurief:„Bleiben Sie, Chabran!“— Somit blieb der Gerufene, und der Oberſt hatte alle Frei⸗ heit, allein den Rückweg zu ſuchen. Er fand in dem Hofe den Wagen Chabrans, riß ſeinen Mantel heraus, wickelte ſich in denſelben und ging durch 46 die blaue Nacht auf den Wegen fort, die er ſo oft, vor manchen Jahren, von dem Konſul kommend, nach Hauſe ein⸗ geſchlagen hatte. In den Bäumen ſäuſelte ein leiſer Luft⸗ zug, und nur ſehr wenige Menſchen ſtrichen unter den friſch belaubten Zweigen hin und her. Der Oberſt ging raſch, weil ſeine Gedanken mit regem Streben wach waren und in ſeinem Gehirn kämpften. Er war bald aus der Nähe der Menſchen verſchwunden, und wandelte auf dem einſamen Pfade, der nach ſeiner Wohnung führte. Die Einſamkeit beruhigte ihn, ſein Schritt wurde langſam. An einer dun⸗ keln Stelle erwartete ihn ein Abentheuer. Ein Mann ſprang aus dem Dunkel, packte den Oberſt an, und derſelbe füblte eine auf ſeine Bruſt geſetzte Piſtole:„Geld, mein Herr, geben Sie mir Ihr Geld! Geld für Ihr Leben, denn ich bedarf des Brodes, und bin gar nicht geneigt, Hungers zu ſterben.“ Dieſe unheilſchwangern Worte kamen aus einer aufge⸗ regten Bruſt, von zitternden Lippen, zwiſchen klappernden Zähnen hervor. Der Oberſt war ſeiner Beſonnenheit ſo vollkommen Herr, daß dieſe Kennzeichen der Seelenangſt des Räubers ihm nicht entgingen. Mit entſchloſſener Hand ſchlug er daher die Piſtole auf die Seite und dem muthloſen Diebe aus der Fauſt, faßte ihn dann bei der Halsbinde und riß ihn trotz ſeines verzweiflungsvollen Sträubens zu der näch⸗ ſten Laterne. Der Verbrecher ergab ſich der überlegenen Kraft ſeines Gegners, und erwartete wie ein bebendes Lamm den Ausgang dieſes Vorfalls. Der Oberſt bedurfte nur eines Blicks in das blejche Geſicht des unſeligen Menſchen, um jeden Zorn zu unterdrücken. Bleiche, von Elend tief gefurchte Züge ſtarrten ihn an, verzerrt und häßlich, wie 47 ein Meduſenhaupt. Der Mangel ſaß in den tiefen Augen⸗ höhlen, und ſo wenig gewinnend das Antlitz auch war, ſo drohte darin mehr die Verzweiflung, als der Trieb zum Verbrechen. „Menſch! weißt Du was Du thuſt?“ rief ihm der Oberſt zu, ohne ihn loszulaſſen:„Wenn ich Dich der Wache über⸗ liefere, ſo bringt Dich Deine Tollheit für die ganze Lebens⸗ zeit auf die Galeeren. Rede: warum dieſer Angriff, wenn Du nicht den Muth haſt, conſequent auszuführen, was Du begannſt?“ Der Mantel des Oberſten war von ſeiner Schulter ge⸗ fallen; der Räuber erblickte die Epauletten und den Degen des Oberſten, und ſeine Angſt nahm zu. Kaum vermochte er die Worte herauszubringen:„Gnade, mein Herr Offi⸗ zier. Der Schurkenſtreich iſt wenigſtens mein erſter. Der Hunger hat mich wahnſinnig gemacht. Die Piſtole war nicht geladen. Ich beſaß nicht einmal das Geld, Pulver zu kaufen, und hätte es auch gewiß eher für Brod verwendet. Ich bin aus dem Departement der Rhonemündungen, und tomme ſo eben erſt in Paris an, abgeriſſen, ausgehungert⸗ und ohne einen Sou in der Taſche, um ein Nachtlager zu bezahlen. Der Teufel hat mich verſucht; ich wollte von dem Schrecken eines Vorübergehenden eine, wenn auch gleich unfreiwillige Gabe erzwingen, um mir ein Obdach und eine gute Mahlzeit zu verſchaffen. Ach, morgen hätte ich nicht mehr daran gedacht, den unſeligen Verſuch zu erneuern.“ „Dankt dem Himmel, daß Ihr in meine Hände gefallen ſeyd. Ich will an Eure Aufrichtigkeit glauben. Da habt Ihr ein Paar Franken. Gebt Euch nie wieder mit dem ſchändlicheu Handwerk ab. Was beabſichtigt Ihr in Paris?“ 48 Der Menſch fing vor Freude an zu weinen, und aus den Worten, die er unter vielem Schluchzen hervorſtieß, konnte der Oberſt nur errathen, daß der Fremde in der Hauptſtadt erſcheine, um unter der neuen königlichen Regierung, von ein paar Fürſprechern unterſtützt, an die er empfohlen, eine Anſtellung zu ſuchen.— Das Kleid des Mannes verrieth übrigens, daß er nicht unter die unteren Klaſſen des Volkes gehörte, und ſeine Art ſich auszudrücken, trug die Spuren einer nicht ganz vernachläſſigten Erziehung.— Der Oberſt fühlte Mitleid mit dem reuigen Sünder, und ließ ihn nach einigen Ermahnungen los. Dieſe Ermahnungen ſchienen auf einen guten Grund zu fallen, denn der Menſch entfernte ſich eilend, ohne nur noch einen Blick nach dem Orte zurück⸗ zuwerfen, wo ſeine Piſtole lag. Dammartin, zerſtreut durch das glücklich abgelaufene Abenteuer, erheitert in dem Bewußtſeyn einer wackern Hand⸗ lung, langte bald vor ſeinem Hauſe an, und ſchritt durch den Garten. In dem Zimmer Sans⸗Regret's und deſſen Sohnes war es ſchon ganz finſter, auch Suzon ſchlief bereits, und nur aus dem Fenſter von Adelens Schlafzimmer ſchim⸗ merte Licht.„Die Neugierde hält ſie wach;“ ſagte der Oberſt vor ſich hin:„die hoffende Eitelkeit der Weiber ſiegt über ihren Schlaf. Adele erwartet gewiß, mich als General zu umarmen. Welch ein Kummer für ſie, wenn ſie mich bereit ſieht, auch ſogar den Rock, den ich ſchon trage, für immer abzulegen!“ Der Oberſt hatte nicht Unrecht; als er in Adelens Thüre trat, kam ſie ihm mit einem Geſicht entgegen, ſtrahlend von Hoffnung und freudiger Erwartung. Er konnte es nicht über ſich gewinnen, alſogleich die Zuverſicht des geliebten 22 Weibes mit einem rauhen Wort zu Boden zu ſchlagen. Er erwiederte mit heiterer Stirne ihren Gruß, verſchob vorläuſig die Beantwortung ihrer erſten neugierigen Fragen, und bat ſie dagegen um Erklärung des freudigen Ausdrucks, den er auf ihrem Antlitz bemerkte. Mit einiger Schaliheit ſagte er zu ihr, ihre Wange ſtreichelnd:„Ich wette, daß Du mit Deiner ehrenwerthen Couſine den Abend ſehr angenehm zu⸗ gebracht haſt. Ich bin ſehr begierig zu vernehmen, ob ſich alle Mißverſtändniſſe zwiſchen Euch aufgeklärt, und ob ich meinem gerechten Groll gegen Gabriele entſagen darf.“ Adele antwortete hierauſ geſchäftig und redſelig, mit der gutmüthigſten Geſchwätzigkeit eines leicht bewegten Wei⸗ bes:„Freilich darfſt Du es, mein lieber Freund. Wir haben uns völlig verſtändigt. Ich durfte nicht ahnen, daß dieſer Abend ſo freundlich enden würde. Gott ſey gedankt, Gabriele hat ihr Unrecht eingeſehen, und in meinen Armen unter bittern Thränen beweint. Man muß ja auch dem ärgſten Feinde verzeihen, wenn er reuig um Vergebung fleht; nht wahr, mein lieber Victor?“ Der Oberſt nickte lächelnd mit dem Kopfe und verſetzte: „Das iſt chriſtlich, gute Adele, und wird um ſo leichter von unſerer Seite geſchehen können, als wir endlich der Angſt enthoben ſind, unſer Mädchen wieder an eine fremde Frau abtreten zu müſſen. Ich kann Dir verſichern, daß der heutige Tag mir wie ein neues Geburtsfeſt unſerer Suzon vorkommt, ſeit das Schreckbild der Generalin ſich in eine reuige Magdalena verwandelt. Wie aber kam die Marquiſe zu dem Gemahle, und zu dem Namen Sourdis?“ „Das will ich Dir in ein paar Worten ſagen. Es iſt dem armen Weibe ſchlimm ergangen⸗ Eine billige Folge [ 4 50 ihrer Unthat allerdings; aber ich weinte dennoch vor Mit⸗ gefühl, als ſie mir in ſchmerzhafter Erinnerung alles ver⸗ traute, und nicht das Geringſte verſchwieg.“ „Schon gut, zur Sprache.“ „Gabriele flüchtete alſo von hier, unſer ſchlafendes Kind auf dem Schvoße. Denke Dir das Jammern des kleinen Geſchöpfs, als es erwachte und nach der Mutter verlangte. Trotz aller dieſer Klagen mußte die Reiſe, der Gefahr hal⸗ ber, unaufhaltſam fortgeſetzt werden. In Orleans drohten Unannehmlichkeiten; ein gefälliger Beamter beſeitigte ſie. Der Begleiter Gabrielens, ein junger Menſch von zartem Körperbau, wurde auf der Weiterreiſe krank;z er mußte in Limoges zurück gelaſſen werden. In der Gegend von Mon⸗ tauban endlich traf Gabriele durch eine wunderbare Fügung mit einem Manne zuſammen, der, ein Staatsgefangener der franzöſiſchen Regierung, von dem Schloſſe If entwiſcht war, und nun regelkos wie ein Geächteter im Lande umherirrte, vergebens nach der ſpaniſchen Grenze ſtrebend. Dieſer Mann war der General Sourdis, ein Wittwer, ſchon bei Jahren, aber von gefälligem Acußern, und in den höflichen Sitten des alten Adels auferzogen. Gabriele erlaubte ihm, ihres jungen Begleiters Platz einzunehmen, und ſo gelangten beide über Urgel nach Spanien, wo ſie in Sicherheit waren. Die Gefahren der Reiſe hatten ſie feſt verbunden, und die Dankbarkeit that das übrige. Du kennſt die Macht diefes Gefühls, mein lieber Freund; Dankbarkeit war ja auch die Mutter meiner grenzenloſen Liebe zu Dir. Gabriele ver⸗ mählte ſich zu Madrid mit dem General. Er hielt unſere Lochter für Gabrielens Kind, und ſie hütete ſich, gegen den Ehrenmann eine That zu bekennen, welche ihr in ſeiner 51 Achtung ſehr geſchadet haben würde. So blieb Suzon in dem Hauſe des Generals, und dieſe neuen Umgebungen vollendeten, was die tauſend vorüberfliegenden Bilder der langen Reiſe begonnen hatten: die Trennung des Gemüths und des Andenkens unſers Kindes von unſerem Hauſe. Su⸗ zons Erinnerungen bleichten, der bunten Gegenwart gegen⸗ über, völlig ab, und ſie gewöhnte ſich, Gabriele für ihre Mutter zu halten, und uns für ihre Pflegeeltern anzuſehen. Da jedoch ſogar der Name des Kindes ein Vorwurf für Gabrielens erwachtes Gewiſſen geblieben wäre, ſo veränderte die Vorſichtige auch ihn, in den Namen Lucia. Mehrere Jahre hindurch ahnte der General nichts von dem Geheim⸗ niß. Unter den Donnern von Saragoſſa, nachdem das Kind verloren gegangen, entdeckte Gabriele, den Schmerz des Grafen in etwas zu beruhigen, des Kindes Abſtammung, verhehlte jedoch den wahren Zuſammenhang der Sache, und ſchilderte ſie in dem Sinne, wie ſie es heute gethan, um ſich nicht vor Chabran und ihrem Stiefſohne zu kompromit⸗ tiren. Dennoch beruhigte ſich der Graf, in einer Krankheit liegend, die ihn bereits von einem Kommandv entfernt hatte, welches er in Saragoſfſa führte, erſt dann, als ihn die Aus⸗ ſage eines gefangenen Franzoſen belehrte, wie uns ein Wunder die Tochter zurückgegeben. Bald hierauf zog Sour⸗ dis, nachdem er ſeinen Sohn aus der Schule von Madrid hinweg genommen, mit Auſträgen der Cortes nach Süd⸗ amerika; daun nach England, wo ihm der Herzog von Angouléme ſein Vertrauen ſchenkte, und ihn zu Miſſionen verſchiedener Art gebrauchte, wie er auch wirklich in dieſem Augenblick, nachdem er den Herzog auf ſeinem Einzug in 4* Frankreich begleitet, bereits wieder eins Geſchäftsreiſe in ſeinem Intereſſe angetreten.“ „Sehr wohl; das Vertrauen, welches der Herzog der Generalin ſchenkt, kommt mir indeſſen verdächtig vor. Ga⸗ briele ſcheint mit den Jahren an Gefallſucht zugelegt zu haben. Juwelen, Putz und die geheimen Hülfsmittel der Toilette ſcheinen in ihrem ganzen Umfange von ihr angewen⸗ det zu werden, um die Koketterie ſyſtematiſch zu betreiben.“ „Du magſt recht haben, lieber Victor, aber wir ſind ſehr ſchwach im Punkte des Gefallens, ſehr eitel, ſehr feind⸗ ſelig gegen das Alter. Vergieb der guten Gabriele ihre Schwäche, und urtheile nachſichtig über ihr Leben. Sie hat einen Schatz von Freundlichkeit und Aufrichtigkeit vor mir entwickelt, ich liebe ſie um ihrer offenherzigen Reue willen mehr als je; ſie iſt unſere innigſte Freundin geworden, ob⸗ ſchon ſie erfahren, daß meine Verwandtſchaft mit ihr nur eine Lüge war. Sie bemüht ſich, dieſen Umſtand, der für mich ſehr demüthigend ſeyn muß, allenthalben zu verbergen; ſie hat beſchloſſen, ihren ganzen Einfluß aufzubieten, um Dich nach Verdienſt belohnen zu machen. Sie glüht von Dankbarkeit für Dich; ja, ſie hat mir ſogar geſtanden, daß ſie einſt auf dem Punkt geweſen, die heißeſte Leidenſchaft für Dich zu empfinden, die Zuneigung der Liebe zu Dir zu faſſen.“ „So?“ fragte Victor mit niedergeſchlagenen Augen und leichtem Erröthen, weil er ſich an das Intereſſe erinnerte, das er auf der Reiſe durch die Bretagne für Gabriele zu empfinden begonnen:„Eine ſehr naive Vertraulichkeit. Was ſagt Deine Eiferſucht hiezu, meine gute Adele?“ 3 — c „O ſie ſchweigt, mein lieber, lieber Freund. Deine kleine Frau iſt vernünftig geworden, und in unſerm Alter, ver erwachſenen Suzon gegenüber, ſchickt ſich die Eiferſucht nicht mehr für uns. Gabriele ſprach auch nur von dem, was geweſen iſt. Sie redete nur von dem Wiederſchein einer vergangenen Gluth. Kurz— um den Scherz zu enden— ſie will Alles thun, was unſere Lage erheiſcht und unſere Verhältniſſe begünſtigen. Noch mehr, ſie hat von Suzon mit dem lebhafteſten Entzücken geredet, und ohne Winkelzüge eine Parthie für das Mädchen vorgeſchlagen: ihren Stiefſohn Julius, der ein Muſter von Artigkeit und Bildung ſeyn ſoll, der mir ganz wohl gefällt, und einſt der Erbe von dem großen Vermögen des Generals wird. Wir Frauen haben das ſchon unter uns abgemacht, und ich hoffe, daß auch Du Deine Einwilligung zu einer Ehe nicht ver⸗ ſagen wirſt, welche die Zukunft unſeres Kindes in eine goldene verwandelt. Der General hat, wie mir Gabriele verſichert, keinen andern Willen, als den ſeiner Frau, und Du wirſt nicht minder aus Dankbarkeit ihren Wünſchen nachgeben, weil Gabriele auch Dein Glück begründen will⸗ und Du vielleicht ſchon erhielſt, was ihre freundſchaftliche Fürſprache Dir zugewendet.“ Der Oberſt war ganz betäubt von den Planen, die Adele ſo beredt vor ihm auſbaute, und im höchſten Grade erſtaunt, über die Veränderung, die in Adelens Seele zu Gabrielens Gunſten vorgegangen war. Er fühlte, daß es an der Zeit war⸗ die ſanguiniſchen Hoffnungen des raſchen Weibes zu vernich⸗ ten, und antwortete daher mit freundlichem aber beſtimmten Ernſte:„So ſehr ich die Zauberin bewundern muß, die es verſtand, Dich im Verlauf eines Abends aus ihrer bitterſten —— Feindin in ihre treueſte Bundesſchweſter zu verwandeln, ſo innig muß ich bedauern, daß der Zauberſtab dieſer glück⸗ bringenden Fee machtlos an dem Eigenſinne der guten alten Zeit und an meiner Widerſpenſtigkeit zerſplitterte. Ich vringe nicht die Gunſt des Hofes mit mir; ich kann weder ein Regiment, noch einen Orden, noch eine Penſion, noch die Generalswürde zu Deinen Füßen legen. Du ſichſt mich im Gegentheil entſchloſſen, von der Regierung nicht das Mindeſte mehr anzunehmen; wäre ich aus dem gemeinſten Volke, ich möchte ihr nicht einmal ein Tabaksdepot, nicht einmal eine Lotteriekollekte verdanken. Die Gründe dieſer Mißſtimmung ſpäter; vorläufig nur dieſe unwiderrufliche Erklärung. Zugleich bitte ich Dich, jeder ferneren Hoffnung in dieſer Beziehung zu entſagen, für jede Protektion zu danken, welche Gabriele Dir in der Folge anbieten möchte, und vor Allem das vielleicht gutgemeinte Projekt einer Ver⸗ einigung unſerer Suzon mit dem jungen Sourdis rück⸗ gängig zu machen. Ich haſſe die ſogenannten alten edlen Geſchlechter; ich habe das Lehenthum heute Abend erſt wie⸗ der verabſcheuen gelernt. Ich will unter dem Volke bleiben, in das ich zurückgetreten bin, und habe bereits einen Bräu⸗ tigam für meine Suzon ausgeſucht.“ Dieſe Aeußerungen, mit all der Kraft geſprochen, welche Dammartins unbeugſamen Willen verrieth, ſtürzten Adelens Hoffnungsſchlöſſer unerbittlich darnieder. Rang, Würde, Reichthum, eine neue glückliche Zeit— alles verſank vor ihren Augen, und ſie hätte vielleicht dieſen verſchwindenden Schatten eine bittere Thrähe nachgeweint, wäre nicht ihr Ehrgeiz durch Dammartins lebendige Erzählung von ſeinem Beſuch in den Tuilerien aufgeſpornt worden. Aber nun erinnerte ſie ſich, daß auch ſie aus dem Volke ſtammte, nun theilte ſie mit einemmale die Anſichten des Gatten, und der Reſt ihrer weiblichen Reugierde erlaubte ſich nur eine beſcheidene Frage nach dem für ſie beſtimmten Bräutigam. „Das iſt noch mein Geheimniß;“ entgegnete der Oberſt mit wichtigem Geſicht, und das Geſpräch hatte ein Ende. Am andern Morgen war noch alles im Hauſe ruhig, als bereits Suzon, den Federn entſchlüpft, ſich nachdenklich in dem Garten erging, ſinnend im Bosket wandelte, und mit zerſtreutem Blicke bald eine Blume von dem Boden pflückte, bald in die Dornen der Hecken griff, die noch keine Roſen trugen. Sie ſeufzte manchmal ſchwermüthig, und in Schwermuth verkehrte ſich auch wieder ſchnell die vorübergehende Heiterkeit, welche ihr Geſicht überflog, als Victorin, bereit ſeinen Morgenſpazierritt zu machen, vor ſie trat. So freundlich ſeine Begrüßung, ſo gedehnt und zögernd und traurig des Mädchens Erwiederung. Die Theil⸗ nahme des Jünglings wurde natürlich wach, wie ſein klares Auge. „Sie ſcheinen nicht gut geſchlafen zu haben, Mademoi⸗ ſelle?“ ſagte er mit ehrerbietigem Ernſte. „Ich habe in der Nacht kein Auge zugethan.“ „Was konnte den Schlaf der Unſchuld ſtören?“ „Ich erinnere mich nicht gern daran, und dennoch ſteht das Geſpenſt immer vor mir. Stellen ſie ſich vor, lieber Herr Victorin, was mir die Mutter vertraute. Während wir uns geſtern ſo ſchlecht mit dem langweiligen jungen Grafen unterhielten, hat mich die Mutter verlobt.“ „Verlobt?“ „Wie ich Ihnen ſage. Ohne mich zu fragen, wozu ſie freilich das Recht haben muß, aber doch bin ich jetzt ſehr unglücklich, beſter Herr Dieudonné.“ „Unglücklich? Weil Sie bald heirathen ſollen?“ „Ich will überhaupt noch nicht heirathen. Und vollends.. aber es wird geſchehen müſſen, weil die Mutter ihre Freude daran hat, und es ſchon der Generalin ver⸗ ſprochen hat.“ Der Offizier trat erſtaunt und bleichwerdend zurück. „Die Generalin?“ fragte er:„Was hat die mit Ihrer Heirath zu ſchaffen?“ „Ach, es iſt ja ihr Sohn, der mein Mann werden ſoll.“ Victorin war wie zerſchmettert. Kaum vermochte er leiſe zu entgegnen:„Das iſt ſtark. Iſt denn aber das Urtheil unwiderruflich? „Ach freilich, mein lieber Freund. Wenn die Mutter und der Vater es mir befehlen, ſo muß ich ja gehorchen.“ „Natürlich;“ ſtammelte Victorin mit blaſſen Lippen, ver⸗ beugte ſich tief, und eilte wie ein Verzweifelnder nach dem Hauſe zurück. Er ſtieg zu ſeines Vaters Zimmer hinauf. Der Invalide hatte juſt ſeine Toilette vollendet, und ging ihm freundlich entgegen. Er erſchrack jedoch in der nächſten Sekunde vor dem verſtörten Ausſehen des Sohns.—„Was haſt Du? Um Gotteswillen, rede!“ „Ich komme, Abſchied zu nehmen.“ „Wie? ſo plötzlich? Alle Wetter! Wohin?“ „Ich gehe nach meiner Garniſon.“ „Du preſſirſt ſtark. Was jagt Dich von hier fort, jun⸗ ger Menſch?“ 57 „Ich kann nicht mehr in dieſem Hauſe bleiben.“ „Was? Du fliehſt das Haus, wo ich bleibe?“ „Wir werden uns wiederſehen. Ihre Hand, mein Vater. Leben Sie wohl.“ „Soll ich Dich nach Charenton bringen laſſen? Du biſt verrückt, Kapitän. Zieht Dich etwa der Magnet nach Elba?“ „Nein, auf Ehre. Ich gehe nach Grenoblez mein Wort darauf. Ich ſchreibe Ihnen, was mich vorläufig von hier entfernt.“. „Aber, bei allen Donnern, Du ſollſt da bleiben. Wel⸗ cher Teufel iſt in Dich gefahren? Schöne Dinge das. Haſt Du Schulden? Soll Dir Dein Vater wieder Hand und Keſſel ſchmieren? Rede, Du verzogenes Kind, ich ſchlage Dir nichts ab, als die Reiſe nach Grenoble. Ich brauche Dich noch einige Tage hier; Du ſollſt nicht eher von hier weggehen, als biſt Du mit der ſchönen Suzon verlobt wurdeſt. Ein Jahr nachher die Hochzeit. Das iſt in der Ordnung.“ Das iſt vorbei, mein Vater. Ich kann Suzon nicht heirathen. Ich will es nicht. Ich verbiete Ihnen ſogar, nur mit einem Worte die Sache gegen den Oberſt zu berühren.“ Sans⸗Regret ſtarrte ſeinen Sohn mit offenem Munde an; ungeduldig ſtrich er ſeine Haare, ſeinen Bart, und wedelte ſich mit dem Schnupftuche Luft zu. Dann brach er in heftigem Zorne los:„Du biſt ein Narr, Kapitän. Ein inpertinenter Narr obendrein. Du nicht wollen, Du mir verbieten? Das ginge mir noch ab. Geh' meinethalben, wohin Du willſt in Deinem Wahnſinn. Aber laß Dir nicht 58 einfallen, mich zu hofmeiſtern. Bei unſerer Lieben Frau de la garde! das werde ich nicht leiden, und wenn Du zehnmal ein Kapitän biſt, und ich es nur bis zum Sergeant⸗ Major gebracht habe. Geh' mir aber ſchnell aus den Angen, und beſinne Dich eines Beſſern.“ „Ich gehe nach Grenoble;“ verſetzte der Sohn mit kaltem Ernſt:„Schicken Sie mir meine Sachen nach, und beſuchen Sie mich bald.“ „Den Teufel auch;“ brummte der Invalide,„wenn Du toll ſeyn willſt, ſo will ich's nicht weniger ſeyn. Ich muß mich vor den Leuten ſchämen, vor ihnen davon laufen, bis Du wieder zu Verſtand kömmſt. An Dir iſt es, mich zu beſuchen. Wenn Du Luſt haſt, ſo komme nach St. Colombe. Auf dem Grabe Deiner Mutter will ich zum Himmel beten, daß er Dir Deine fünf Sinne geſund wieder ſchenke.“ Victorin nahm keine Notiz von den Worten ſeines Vaters, entrannte ſeinen Drohungen und Umarmungen, und verließ noch in derſelben Viertelſtunde das Haus, kurz darauf Paris. ——— —— Drittes Rapitel. Verhütetes Unheil. Der Oberſt Dammartin wollte ſeinen Ohren nicht trauen, als ihm Suzon mit der Nachricht entgegen kam, daß Victorin plötzlich verreist ſey, und Sans⸗Regret beabſichtigte, das Haus gleichfalls zu verlaſſen. Die Traurigkeit des Mädchens ließ zur Genüge errathen, welchen innigen Antheil ihr Herz an dem Jüngling nahm, und für den Oberſt war dieſe Nachricht ein Blitzſtrahl in alle ſeine Plane. Er eilte, ſei⸗ nen alten Freund aufzuſuchen, und fand ihn gedankenvoll an einen Baum des Boskets gelehnt. „Was höre ich? Was habt Ihr vor, Ihr unruhigen Köpfe? Dein Sohn deſertirt, und Du ſchämſt Dich nicht, in Deinen alten Tagen ihm zu folgen?“ „Es ſcheint beinahe ſo, mein Oberſt. Der Teufel hole mich, wenn ich weiß, welcher Satan den Buben regiert. Ich ſchäme mich ſeiner, wie ein Rekrut der Tbränen ſeiner Mutter. Eben jedoch, weil ich mich ſchäme, will ich auch fort. Ich habe nicht Luſt, mir von den Damen des Hauſes unter den Schnurrbart lachen zu laſſen, und das würden Sie thun, weil ich einen ſo einfältigen Sohn erzog.“ „Welche Räthſel! In dem Augenblicke, der ſo günſtig war, ohne Hehl unſern alten Plan zu offenbaren!“ „Ja meiner Treu, Herr Oberſt: die Jugend hat alle Gewitter im Leib. Fragen Sie ſelbſt nach; fort iſt er nach Grenoble, unter die Weißen. Meinethalben; er ſoll ſich die Naſe verbrennen. Um einen verrückten Menſchen iſt nicht Schade. Schade nur, daß ich ſelbſt dabei toll werden möchte. Mein armer Kopf wirbelt ſehr, und der Schnitt des rothen wilden Hallunken brennt mir wieder tüchtig in's Gehirn. Ich muß mich ausruhen.“ „Allerdings. Du darfſt nicht unter der unbegreiflichen Thorheit Deines Sohnes leiden. Ruhe aber ferner in mei⸗ nem Hauſe, und ſprich nicht vom Scheiden.“ „Verzeihung, mein lieber Oberſt. Ich will nach der Bre⸗ tagne; ich ſehne mich nach St. Colombe. Meine Schwieger⸗ ältern leben dort noch, und mein Schwager iſt Adjunkt geworden. Fürchten Sie nicht, daß der Anblick von Suzon's Grab mich zu ſehr angreifen möchte. Ich alter Kerl bin über das hinaus, und viel zu nahe an meiner eigenen Grube, als daß ich mich nicht auf das baldige Wiederſehen meiner guten Frau freuen ſollte. Hier in Paris iſt es mir zu ge⸗ räuſchvoll; die fremden Uniformen und die neue Cocarde ärgern mich, und mein Sohn ärgert mich am allermeiſten. Ich hätte ihn gerne verheirathet: ich hätte ihn gerne in Ihrer Tochter Arme geführt. Der unbeſonnene Menſch macht mir dieſe Frühlingsfreude zu Waſſer, und wer weiß doch, ob ich überhaupt noch ein Frühling erlebe?“ ————— 61 —— „Keine Melancholie, mein Alter. Ich werde dem jungen Menſchen ſchreiben, und ihn gewiß wieder zur Vernunſt vringen. Bleibe aber bei mir, und reibe Dich nicht in St. Colombe in der Geſellſchaft Deiner Erinnerungen auf.“ „Mein Seel', Herr Dammartin! wenn(h Sie nicht liebte, ſo wäre ich ſchon fort. Mein Torniſter iſt gleich gepackt, und in einer halben Stunde wäre ich auf dem Bu⸗ reau der Diligence. Da fiel mir aber das Wohlwollen ein⸗ das mich bisher in dieſem Hauſe beglückte, Ihre Freund⸗ ſchaft, die nie zu vergeltende Fürſorge Ihrer braven Frau, die kindliche Zuneigung der reizenden Suzon, die mich zu Thränen rührt, ſo oft ſie mich ſcherzend Ihren Großpapa nennt. Ich konnte nicht fort, ich mußte Ihnen wenigſtens ein Andenken zurücklaſſen, und deshalb noch einige Tage hier verweilen.“ „Ein Andenken?“ „Mein Bild, Herr Oberſt. Ich will in meinen alten Tagen noch einmal recht eitel ſeyn, und mich malen laſſen, damit ich in Ihrem Hauſe fortlebe. Ein Bild iſt doch immer viel heller, als eine Erinnerung, und die Täuſchung der Kunſt macht auch das Todte geſund und lebendig. Meine Tage ſind gezählt, und ſchon aus dieſem Grunde iſt mein Bild ein paſſendes Geſchenk für Sie. Im Uebrigen muß ich geſtehen, daß ich lieber im Portrait, als in Perſon in Ihrer Familie verweilen will, weil ſich Ihre Verhältniſſe von Grund aus umgeſtalten. Sie gehen der Protektion nach, Sie warten bei Hofe auf, Sie ſtreben nach Stellen und Würden; dieſes Streben wird Ihnen gelingen. Man wird wieder einen vornehmen Mann aus Ihnen machen. Dieſes Haus dürfte bald einem Pallaſte gleichen, Ihre Frau 2 62 und Tochter dürften bald dem Beiſpiel des Vaters folgen, und welche Figur würde dann der alte Invalide in den prächtigen Salons ſpielen, wo ſich Hofleute und eine Zeit drängen werden, die ich für längſt untergegangen hielt? Mein Bild dagegen— ich weiß es gewiß— wird in Ihrem Kabinette ein Plätzchen finden; in Ihrem Kabinette, wo Sie oft die Erinnerungen einer rühmlichen Epoche aufſuchen, wo Sie ernſtem Nachdenken einige Augenblicke von den Stunden widmen werden, die Ihnen in leerem Tumult und würdeloſem Streben verſtreichen.“ „Halt ein, alter Freund. Du gibſt mir eine wohlge⸗ meinte, aber grauſame Lehre. Sie verwundet um ſo tiefer, als ich wirklich im Begriff war, die unglückſelige Bahn zu betreten, von der Du ſprachſt. Freue Dich aber, guter Sans⸗Regret. Mein guter Geiſt hat mich unwiderruflich von dem Pfade abgeführt, den ich in meiner Verblendung gewählt. Ich ſtehe nicht als ein Beſchämter vor Dir, denn ſchon geſtern ſchüttelte ich mit Manneskraft die Schlingen ab, die ſich um mich geſponnen hatten. Ich will frei ſeyn, frei und unabhängig. Nur der Freundſchaft will ich etwas zu verdanken haben; Deinem Rathe folgen und ein Ge⸗ werbe begründen, welches mich mit dem Volke wieder neu vereinigt.“ Sans⸗Regret umarmte in fröhlicher Ueberraſchung den Oberſt ſtürmiſch. Auf der Stelle verſprach er nun ſeine Reiſe aufzugeben, zu bleiben, ſich nie von Dammartin zu trennen, und jeden Heller ſeines Vermögens ohne Bedenken den Wünſchen des Oberſten aufzuopfern. Im nächſten Au⸗ genblicke fluchte er wieder über die unverzeihliche Starrheit ſeines Sohnes, und brach zum Theil in heftige Verwünſchungen 63 — aus. Er rief mit burlesker Geberde, die ihm zu Zeiten im Sturme der Leidenſchaften eigen war, und an ſeine Fechter⸗ ſprünge erinnerte:„Was mir einfällt, Herr Oberſt! wenn der junge Menſch ähnliche Empfindungen verſpürt hätte, als ich ſie eben geäußert? Der Junge iſt ſtolz; ſein Orden und das Kapitänpatent freuen ihn unſäglich, doch iſt er nicht minder ſtolz auf ſeine niedere Geburt, und auf ſeine Ver⸗ dienſte, die ihn allein emporgehoben. Wie wäre es, wenn auch ihn die Ausſicht auf die Veränderung in Ihrem Hauſe ſtutzig gemacht hätte, Herr Oberſt? Wie, wenn die Furcht, die Heirath mit Suzon möchte rückgängig werden, und das Mädchen einem vornehmen Bräutigam beſtimmt ſeyn, ihn, den bis über die Ohren Verliebten, aus Paris gejagt hätte? — Cap de biou, Herr Oberſt! ich habe mich wieder ſchön verplaudert, und Sie wiſſen nun, daß ich ſchon früher mein Maul nicht gehalten, und dem armen Victorin ein Wort von dem geſagt, was wir mit den beiden Kindern vor hatten. Vergeben Sie mir die Schwatzhaftigkeit. Ein alter Vater verhätſchelt den einzigen Sohn, und zudem fiel meine Plauderei in daſſelbe Jahr, wo ich mit Oudet's Brief den unterſchleif getrieben. Ich war in ſelbem Jahre ein böſer Bube gegen meinen guten Herrn; aber, da er mir die größere Sünde verzieh, ſo wird er auch die kleinere mit der Unbeſonnenheit meiner damaligen Jugend entſchuldigen.“ „Vollkommen, mein Alter. Nimm noch obendrein meinen Dank dafür; dieſer Umſtand giebt mir allein einigen Auf⸗ ſchluß über die Urſachen, die den ungezogenen Kapitän aus meinem Hauſe entfernten. Wir wollen ihm ſchreiben, Sans⸗ Regret; oder beſſer: wir wollen ihm nacheilen. Mit flinken Poſtpferden holt man auch den raſcheſten Liebhaber ein.“ Adele trat ſo eben mit der Tochter in das Boskett. Sie übergab dem Gatten ein Schreiben, mit großem Wappen verſiegelt, das ein Jäger in glänzender Livree überbracht. „Von dem Herzog von Condé?“ ſagte Dammartin, nachdem er den Brief eröffnet.„Er erinnerte ſich meiner, er will mich ſprechen, dringend, noch heute Vormittag, ehe er nach ſeinem Schloſſe abreist?— Was ſoll das bedeu⸗ ten? Geh, Suzon, ſage dem Boten, daß ich mich einfinden werde.“ Suzon entfernte ſich, und der Oberſt fuhr zu Adele fort: „Beſorge indeſſen für mich einige Wäſche und mein Reiſe⸗ koſtüm, Sans⸗Regret und ich gehen heute noch mit Kourier⸗ pferden ab, um den jungen Kapitän wieder zu bringen; wir bedürfen ſeiner nothwendig, denn binnen acht Tagen iſt ſeine Verlobung mit Suzon, und die Hochzeit ein Jahr 8 ſpäter.“ Adele erſtarrte vor Verwunderung. Zugleich jedoch mit dem Staunen ſprach nicht undeutlich unzufriedenes Befrem⸗ den aus ihrem Auge.„Das erſte Wort, das ich höre;“ verſetzte ſie, indem ſie dem Invaliden eine mißlungene Ver⸗ beugung machte. Sans⸗Regret, der mit geübtem Auge das Mißvergnügen der Dame erſehen, erwiederte mit etwas ſchneidendem Tone: „Wenn Ihnen dieſes Wort nur angenehm iſt, Madame. So erwünſcht uns die Güte des Oberſten ſeyn muß, ſo würden wir, mein Sohn und ich, uns nicht bedenken, Ihrer Zufriedenheit auch das ſchwerſte Opfer der Entſagung zu bringen.“ Adele ſtammelte ein unvollkommenes Kompliment; der Oberſt betrachtete ſie aber mit einem freundlich ernſten „Der Kapitän Dieudonné;“ antwortete zögernd und mit Achſelzucken die Oberſtin, und erſchrack beinahe, als ſie gewahr wurde, wie dieſer Name auf die Tochter einwirkte. Suzon ſchimmerte in der Roſengluth des Vergnügens, ihre Augen erglänzten, und von den lächelnden Lippen ſtrömten Worte der Freude, der Luſt, des Dankes und der beſeligend⸗ ſten Hoffnung. Adele, welche den Ehrgeiz der Tochter nach dem ihrigen berechnete, und geglaubt hatte, ſie würde Su⸗ zon über die Wahl ihres Vaters tröſten müſſen, ſah ſich genöthigt, ihr jetzt wegen der plötzlichen Abweſenheit ihres Bräutigams Troſt zuzuſprechen. Obgleich im Innern mit dem beſtimmten Eidam unzufrieden, war ſie doch edel genug, der Braut keine Widerſetzlichkeit zu predigen, und vertraute der Zukunft die Schlichtung ihrer Zweifel.— Da meldete der Bediente die Generalin Sourdis. Adele mußte den Beſuch empfangen, wenn auch ihre Stimmung gerade nicht die geeignetſte war, und erlaubte gern der Tochter, ſich in ihr Zimmer zurückzuziehen. Suzon begegnete der Genera⸗ lin, die mit einem flüchtigen Gruße an ihr vorübereilte, und im Garten die Freundin aufſuchte. Die Frauen umarmten ſich mit ſchweſterlicher Vertrau⸗ lichkeit. Kaum hatte jedoch Gabriele der Hoflichkeit genügt, als ſie ſchon Adelens Hand heftig ie und ihr mit un⸗ terdrücktem Zorne ſagte:„Weißt Du ſchon, meine Liebe, wie unverzeihlich Dein Herr Ge— mich in den Augen des Herzogs kompromittirte? Dieſe Protektion kann mir allen Einfluß bei Monſeigneur entziehen. Die Handlungs⸗ weiſe des Oberſten iſt ganz abſcheulich, und ſeine Unbeſon⸗ nili Chabran kam noch ve itterten mn mit ſeinem nenheit ruinirt ihn und ſeine F geſtern in meine Geſellſchaft un d 68 Bericht die ganze Nacht. Heute Morgen bei dem Frühſtück trifft mich ein Billet des Herzogs wie ein Donnerſchlag. Dammartin hat nichts, gar nichts mehr zu hoffen. Ich zittere noch an allen Gliedern, und fuhr auf der Stelle hierher, um Dich von Allem zu benachrichtigen.“ „Ich weiß ſchon Alles, beſte Gabriele. Meine Hoffnun⸗ gen ſind freilich zernichtet, aber dem Enſchluſſe meines Mannes muß ich mich fügen.“ „Jügen! ſich dem Entſchluß eines Mannes fügen! wo denkſt Du hin, liebe Adele? Ich erkenne Dich nicht wieder. Du haſt Deine ganze Energie verloren. Vor zehn Jahren war Deine Haltung im Hauſe weit impoſanter.“ „Unweiblicher, Gabriele. Ich habe aus jener Zeit noch viel zu bereuen, und nur der ſtrengen Schule des Unglücks verdanke ich, daß ich meine Leidenſchaft bezwingen lernte.“ „Was iſt ein Leben ohne Leidenſchaft? Was iſt eine Frau ohne Kraft in ihrem Hauſe? Soll ich Dir als Bei⸗ ſpiel mit meiner Ehe vorangehen? Herr von Sourdis thut nicht das Geringſte ohne mich; ich bin bald ſein Miniſter, bald die nützliche Oppoſitivn in ſeinem Hausparlament. Wo iſt der Phönix zu finden, der Mann, der immer und ſtets mit beſonnener Kraft und Klugheit für das Wohl der Seinigen handelte? Wo dem Manne Kraft und Klugheit abgehen, muß das Weib mit ſeinem ſichern Takt und klaren Blick an ſeine Stelle treten. Der Oberſt hat durch ſein kindiſches Benehmen die Exiſtenz ſeiner Familie aufs Spiel geſetzt: handle Du für ihn.“ „Wie meinſt Du das? was ſoll ich thun? Ich fürchte wohl für unſere Zukunft, aber ich begreife nicht....“ „. 69 „Du haſt keinen Ueberblick, meine Gute. Unſer Ge⸗ ſchlecht iſt rieſenſtark in allen Lagen des Lebens, wenn es nur will. Du hatteſt wohl von jeher eine gewiſſe Schwär⸗ merei, eine innere Begeiſterung zu Deinem Gebot; aber Dein Wille und Wunſch reichte ſelten über die Gränzen Deines häuslichen Kreiſes. Ueberſchreite denſelben heute, zum Beſten Deines Kindes und Deines thörigten Gatten ſelber. Du biſt noch immer ein recht artiges Weib, und eine ſorgfältige Toilette wird nicht ermangeln, über Deine Züge den anmuthigen Glanz zu verbreiten, der noch die Frauen von unſerm Alter zu umſtrahlen vermag, wie der Blumen⸗ und Blätterſchmuck der Erde zu einer gewiſſen Zeit des Herbſtes noch einmal die Farbenpracht des Früh⸗ lings annimmt. Ein eleganter Putz wird beitragen, Deine ſchöne Geſtalt hervorzuheben, und ſo ausgerüſtet zeige Dich an meiner Seite dem Herzoge; ſuche ſein Herz mit Deinem Gemahl zu verſöhnen, ſeine Gnade neu für Dein Haus zu beleben. Entſchuldige die Thorheit Deines Mannes, ſprich von ſeiner Reue, und erwarte von der Milde Monſeigneurs, wie von meiner erneuerten Fürſprache ein günſtiges Reſul⸗ tat.— Du machſt große Augen? Sollteſt Du mich miß⸗ verſtehen? Glaube nicht, meine Gute, daß ich Dich zu einem unziemlichen Schritte beim Herzoge verleiten will. Ich wär' am allerwenigſten geneigt, einen ſolchen Schritt bei Seiner Hoheit zu begünſtigen. Die Männer gewähren jedoch gerne den ſchönen Weibern, was ſie den häßlichen und altmodiſchen verſagen; der Herzog macht hievon keine Ausnahme, trotz ſeiner angebornen Liebenswürdigkeit und Bereitwilligkeit, jedem billigen Wunſche zu entſprechen.— Du ſchweigſt noch immer? Sollte vielleicht Dein Stolz⸗ Dein Ehrgeiz ſich gegen meinen Vorſchlag empören, meine Kleine, ſo wiſſe denn, daß kein Menſch in Frankreich ſich zu hoch achten mag, um dem erlauchten Sohne eines ehr⸗ würdigen und geliebten Königshauſes jede Huldigung dar⸗ zubringen.“ Nach einer Pauſe vermochte, da die Marquiſe ſchwieg, Adele ihre Antwort zu geben. Sie ſagte trocken, aber mit nicht verhehltem Unmuth:„Verzeihen Sie, meine würdige Freundin; ich kann dieſen Schritt nicht thun. Wenn ich auch mißkennen möchte, wie zweideutig ein ſolcher Beſuch unter ſolchen Umſtänden von dem Herzog ſelbſt aufgenommen werden dürfte, ſo habe ich doch zu hohe Begriffe von der Ehre des Oberſten, und von der Beſonnenheit ſeiner Ent⸗ ſchlüſſe. Wenn ich dieſelben vielleicht als ein kurzſichtiges Weib tadelte, ſo iſt ihre Befolgung mir nicht minder Pflicht. Die ganze Sache war nur eine verfehlte Spekulativn, und Ihre Theilnahme vielleicht in dem ganzen Handel das einzige Aechte. Laſſen Sie uns davon abbrechen. Sie ſehen mich bereit, die Zukunft meines Mannes zu theilen. Zu den Füßen des Herzogs iſt meine Stelle nicht, und ich wüßte wohl noch allenfalls, wenn unſer Heil nothwendig aus dem Hauſe Sr. königlichen Hoheit entſpringen müßte, einen paſſendern Weg der Gunſt und Gnade. Die Gräfin Espré⸗ menil iſt eine Dame der Herzogin und meine Freundin.“ Die Marquiſe zog ein langes Geſicht, und ein verachten⸗ der Spott lagerte ſich um ihren Mund.„Die Esprémenil?“ fragte ſie höhniſch:„der Einfluß der Esprémenil? die Fürſprache der Herzogin? Ich fürchte, Sie möchten ſich täuſchen, meine Gute. Abgeſehen davon, daß es Ihnen etwa ſchwer fiele, das verſteinerte Bild für Ihr Intereſſe zu — gewinnen, ſo wäre noch erſt die Frage, ob die hohe Verwen⸗ dung bei dem erlauchten Gemahl etwas nützte. Sie kennen die Welt nicht, und ermeſſen nur nach den Offizierswirth⸗ ſchaften, worinnen Sie ſich vielleicht umgeſehen, die ehe⸗ lichen Verhältniſſe im Allgemeinen. Die Großen der Welt jedoch, Madame, haben nebſt vielen Vorzügen, die ihnen ihr Stand gibt, auch manche davon unzertrennliche Leiden zu ertragen. Die Neigung ihres Herzens wird nicht befragt; die Convenienz ſchließt die Ehen. Die zärtliche Grimaſſe vor der Welt bürgt nicht für den Frieden im Hauſe. Wer ſagt Ihnen, daß der Herzog glücklicher ſey, als viele andere Fürſten, die ihre Ketten ſeufzend tragen? Und die Espré⸗ menil— die Verwendung der Esprémenil, der Frau, die ſich lange Jahre hindurch ſo unverzeihlich an die Roture weggeworfen? Wahrhaftig, Madame, die Stellvertreterin iſt für Sie nicht ſchmeichelhaft gewählt.“ Adele verſetzte mit lebhafterem Tone:„Es ſteht bei Ihnen, ob Sie, was ich geſprochen, loben oder tadeln wollen. Doch will ich Ihnen bekennen, daß es mir leid thut, ſchon heute um ſolcher Beweggründe willen das Ver⸗ ſtändniß geſtört zu ſehen, das ſich erſt geſtern zwiſchen uns neu befeſtigte. Sie ſcheinen die Untugend jener Gönner zu beſitzen, die es für eine Beleidigung annehmen, wenn man ſich ihren thranniſchen Protectionen nicht unbedingt überläßt. Gut iſt es, daß wir uns ſo bald über dieſen Punkt ins Reine ſetzen.“ „Natürlich, Madame. Sie haben jedoch eine zu ſtrenge Meinung von mir. Behüte mich der Himmel, daß ich Ihnen jemals meine Anſicht aufnöthige. Was hätte ich Ihnen auch zu befehlen? Die Zeiten, wo ich Mutterſtelle an Ihnen 72 zu vertreten meinte, ſind ſchon längſt dahin. Ich wußte damals nicht, daß Sie nur eine Art von Contrebande in meiner Familie waren. Ich hatte nicht die Ehre von Ihrer Mutter Rareciſſe, und von Ihrem Vater, dem Handlungs⸗ diener, etwas zu wiſſen.“ Adele fuhr zornroth in die Höhe, ſtreckte die Hand ab⸗ wehrend gegen die Marquiſe aus, und rief mit Erbitterung: „Wie häßlich ſind Sie in dieſem Augenblicke! Schämen Sie ſich doch, Frau Marquiſe, oder Frau Gräfin, was Sie jetzt ſind, dergleichen Reden gegen eine Mutter auszuſtoßen, deren Tochter Sie geſtern für Ihren Herrn Sohn verlangten.“ „Die Wallung des Augenblicks verleitet uns oft zu Dingen, die beſſer gar nicht zur Sprache gebracht würden. Das iſt auch mein Unrecht. Ich glaubte, Ihnen eine Reparation ſchuldig zu ſeyn, wegen einer Handlung, wozu mich im Grunde nur die gewiſſenloſe Behandlung von Ihrer Seite, und der abſcheuliche Bruch der Gaſtfreund⸗ ſchaft von Seiten Ihres Herrn Gemahls bewegen konnte. Ich habe Ihnen daher aus unbeſonnener Gutmüthigkeit eine Eröffnung gemacht, die mich bald nachher reute. Ja, Madame: ſie hat mich gereut, und Ihre Impertinenzen von heute geben mir volle Veranlaſſung, dieſe Reue auszu⸗ ſprechen, und mein Wort zurück zu nehmen. Ihr Betragen überhaupt gegen eine Frau von meinem Stande macht mich aller Verpflichtungen gegen Sie quitt. Mein Sohn iſt übrigens noch viel zu jung, um zu heirathen; er muß ſeine Carriere machen, um den Glanz ſeiner Familie durch eine Wahl zu erhöhen, deren Gegenſtand nicht in der Familie eines abgedankten Oberſten zu ſuchen ſeyn dürfte. Sollten Sie jedoch, Madame, von einem Zorn angetrieben, der „ 73 Ihrer kleinlichen Seele nur allzuſehr zuzutrauen iſt, die Geſchichte von 1804 zur Publicität bringen wollen, ſo ver⸗ geſſen Sie nicht, daß ich mich damals im Namen der jetzt herrſchenden Dynaſtie hier befand, und ſo viel Kredit be⸗ ſitze, jede freche Anſchuldigung mit der gebührenden Kraft zurückzuweiſen.“ Gabriele entfernte ſich, ohne die Frau vom Hauſe einer weitern Begrüßung zu würdigen. Adele, empört über die Dreiſtigkeit, womit die falſche Freundin ihr in der Hofluft ganz verderbtes Gemüth an den Tag legte, wollte ſie auf⸗ halten, um mit dem letzten verwundenden Worte die Geg⸗ nerin noch vecht empfindlich zu demüthigen. Ihr Selbſtge⸗ fühl hinderte ſie jedoch an dem entwürdigenden Schritt. Sie ſah mit verächtlichem Blicke der Generalin nach, ſchlug die Augen mit dem Ausdrucke feſter Entſchloſſenheit gen Himmel, und ſuchte dann ihre Tochter auf, derſelben zu erklären, daß ſie nicht das geringſte Hinderniß gegen die Verbindung Suzons mit Victorin erregen würde. Die Stimme des Kammermädchens rief ſie in den Salon, wo ein neuer Beſuch ihrer harrte. Adele legte mit Mühe ihr Geſicht in die Falten der nothwendigen Höflichkeit, und reſignirte ſich, den Herrn zu empfangen, der ſie zu ſprechen begehrte. Der Mann, in einem ziemlich dürftigen Frack, verbeugte ſich tief, und überreichte der Oberſtin einen ver⸗ ſchloſſenen Brief. Adele erkannte in der Aufſchrift deſſelben die Hand ihrer Freundin, der Gräfin Esprémenil. Begierig, aus dieſen Zeilen Ruhe und Zerſtreuung zu ſchöpfen, er⸗ brach ſie das Schreiben mit Theilnahme. Wie wenig war es jedoch geeignet, den Sturm zu beſchwören, der in Ade⸗ len's Bruſt kämpfte! Ein ſchadenfroher Geiſt ſchien ſich die 74 Mühe zu nehmen, an dem heutigen Tage das Herz der Oberſtin Schlag auf Schlag auf's Empfindlichſte zu ver⸗ wunden. Sie las mit ſchwimmenden Augen: „Geliebte Freundin! „Ich bin noch betrübt über die zärtlichen Vorwürfe, die „Sie mir in Ihrem letzten Billete machten, worinnen Sie es „abſcheulich finden, daß ich Ihr Haus ſo ſelten beſuche. Ach, „geliebte Adele, wie kann ich mit frohem Herzen ein Haus „betreten, das von dem Mörder meines Mannes bewohnt „wird? Wie ſehr ich auch die Bande ſchätze, die Sie und „meinen Victor mit dem jungen Dieudonné verknüpfen, ſo „kann ich mich doch nicht eines Schauders erwehren, neben „dem Manne zu verweilen, der meinen, wenn auch un⸗ „würdigen Gatten erſchoß.— Mein Kummer über die da⸗ „durch veranlaßte Störung in unſern Verhältniſſen iſt groß, „und leider hat ſeit wenigen Stunden eine viel ſchmerz⸗ „lichere Betrübniß neben ihr Platz genommen. Dieſe Be⸗ „trübniß geht Sie an, meine würdige Freundin. Umſonſt „würde es meine Feder verſuchen, Ihnen den Grund dieſes „neuen Kummers genügend zu entwickeln. Ich liebe Sie „zu ſehr, als daß ich kalt genug ſeyn könnte, Ihnen zu „ſchreiben, was man höchſtens nur aus dem Munde der „treuen Freundin zu erfahren ſtark genug iſt.— Nur ſo „viel: der Mann, der Ihnen dieſe Zeilen überbringt, iſt „im Stande, Ihnen Aufſchlüſſe über Ihren Vater zu geben. „Dieſe Aufſchlüſſe, Adele, gehen meiſtens nur das unglück⸗ „liche Ende Ihres Vaters an. Der Ueberbringer iſt ein „Verwandter Lefebre's, ein ziemlich unglücklicher Menſch, „der nach Paris gekomnmen iſt, um ſich ein Fortkommen zu „ 75 „verſchaffen, und der mir ein Empfehlungsſchreiben von „einem werthen Freunde brachte. Indem er mir ſeine Le⸗ „bensumſtände erzählte, kieß er mich in die Verknüpfung „blicken, die zwiſchen ihm und Ihnen obwaltet, und die er „ſelbſt nicht kennt, weil er von Ihrem Daſeyn nichts weiß. „Laſſen Sie ihn in dieſem Glauben, und ſpielen Sie nur „die Rolle einer theilnehmenden Freundin; ſeyn Sie vor „Allem gegen Ihr eigenes Gefühl auf der Hut. Lefebre's „Vetter kennt ſeinen Mörder; er wird Ihnen denſelben „nennen. Zürnen Sie der Freundin nicht, daß „ſie Ihnen den Schmerz nicht erſpart, welchen dieſer ſo un⸗ „vermuthet geführte Dolchſtoß verurſachen muß. Die ver⸗ „hängnißvolle Kunde, die ich Ihnen hiermit übermache, der „Pandora gleich, welche das Uebel entfeſſelt, iſt Ihnen „nothwendig; nothwendig gerade in dieſem Angenblicke, wo „ſich Verhältniſſe zwiſchen Ihnen und gewiſſen Leuten ent⸗ „ſpinnen, die einſt furchtbar zerſtört werden möchten, wenn „nicht jetzt noch das heilende Eiſen ſie zerſchneidet, ob es „gleich nothwendig Ihre Seele verletzen muß. Wenn jedoch „der Sturm vorbei, wenn die Erkenntniß den bittern Schmerz „in Thränen aufgelöst, ſo ſuchen Sie Troſt an dem Herzen „Ihrer Freundin, und danken Sie ihr.“ Adelens Athem ſtockte, während ſie die Hände ſinken ließ, und voll banger Ahnung den Fremden ſixirte, der gleich⸗ gültig und ſteinkalt vor ihr ſtand. Adelen's feſter Blick ſchien ihm eine Frage, und er ſprach mit einer neuen Ver⸗ beugung:„Die Frau Gräfin ſendet mich, um Ihre Für⸗ ſprache zu Gunſten meiner Zwecke und Abſichten in Paris zu gewinnen. Madame, Sie ſehen in mir einen Menſchen, 76 der, bisher bei der Douane angeſtellt, durch ſeine royaliſti⸗ ſchen Geſinnungen den Haß ſeiner Kollegen auf ſich lud, und ſich gezwungen ſah, ſeine Vaterſtadt Marſeille zu mei⸗ den, um Brod und Dienſte in Paris, dem Mittelpunkt der Beförderungen, zu ſuchen. Die Kokarde, die ich zuerſt in Marſeille aufſteckte, als kaum der Einzug der Alliirten in Paris dort bekannt war, iſt nicht weißer und fleckenloſer als meine Rechtſchaffenheit. Meine Familie hat ſich von jeher in der Anhänglichkeit an Gott und König ausgezeichnet. Der Name Lefebre war ſtets der einer geachteten Bürger⸗ familie im Lande.“ „Ihre Eltern?“ fragte Adele ſtockend, und der Menſch fuhr fort:„Mein Vater war ein Zolleinnehmer von vielem Verdienſte, der mir einiges Vermögen hinterlaſſen haben würde, wenn er nicht ſchon vor langer Zeit durch die Ver⸗ ſchwendung ſeines Bruders beinahe um ſein ganzes Erbtheil gebracht worden wäre. Mein Onkel— Gott habe ihn ſelig— war ein gewiſſenloſer Haushalter, und hat der Familie viel Kummer gemacht, bis er nach den Kolonien zog, um dort ſein Glück zu machen. Ein ſchönes Glück, das er auf den Inſeln fand! Schulden, ſage ich Ihnen, Madame; nichts als Schulden. Er war nur ein einfacher Commis, und führte ſich locker auf, wie der reichſte Prin⸗ zipal, ſo daß die Familie ihn zurückrufen mußte, um Spott und Schande zu verhüten. Bei der Rückkehr ging es immer ärger. Bald ſaß er Tage lang im Hauſe, und ſtarrte vor ſich hin, als wären ſeine Gedanken noch über'm Meer, bald überließ er ſich der tollſten Luſtigkeit und dem leichtfertig⸗ ſten Wandel. Gearbeitet wurde nichts; nur Theater, Ball und Spiel waren ſein Zeitvertreib. Ich war damals ein „ 77 gar kleines Kind, und habe natürlich alles dieſes nur aus dem Munde meines ſeligen Vaters erfahren. Doch erinnere ich mich, wie aus einem Traume, daß mich der Onkel auf ſeinen Armen gehabt, und mich geküßt hat, ehe er zu dem Duell ging, worinnen er elendiglich umkam.“ „Weiter, mein Freund;“ ermahnte Adele, und ihr Herz ſchlug gewaltig. „Das iſt gleich erzählt, Madame. Ein Student, der in der Klinge wohl geübt war, und mit dem er ſich ſchon öfters gerauft, ſtach ihn auf dem Platze nieder. Mit ihm erloſch die ganze Hoffnung unſerer Familie. Ich war der einzige junge Sprößling derſelben, hatte niemals Geſchwiſter, und bin auch jetzt noch von der ganzen zahlreichen Sipp⸗ ſchaft allein in der Welt übrig. Der Student aber freute ſich ſeiner That und ging flüchtig.“ „So?“ fragte Adele mit erlöſchender Stimme:„Wie war ſein Name?“ „Sein Name, Madame, war 4 Das Geräuſch der plötzlich aufſpringenden Thüre unter⸗ brach das Geſpräch. Dem Fremden ſtarb das Wort auf der Zunge, als er den Oberſt mit hochrothem Geſicht raſch eintreten ſah. Auch Dammartin ſtand, ſeiner anſichtig wer⸗ dend, überraſcht einen Augenblick ſtill, ging dann mit ge⸗ runzelter Stirne auf ihn zu, und fuhr ihn barſch an:„Was ſoll das heißen? Was thut Ihr hier? Macht Ihr heute den Bettler, wie Ihr geſtern das Diebshandwerk verſuchtet? Ein eigenes Geſchick führt Euch immer in meine Hände. Noch einmal will ich an Euch meine Nachſicht üben, aber entfernt Euch auf der Stelle. Ich dulde keine Landſtreicher in meinem Hauſe, die bald den Wanderer auf der Straße 78 anpacken, bald die Milde der Frauen durch heuchleriſche Lügen in Anſpruch nehmen. Fort mit Euch, ehe ich die Polizeigewalt herbeirufe!“ Der Menſch lief, von Angſt ergriffen, ſpornſtreichs da⸗ von und der Oberſt befahl dem herzueilenden Geſinde, ihn ohne Verzug aus dem Bereich der Wohnung zu ſchaffen. Der Flüchtling erwartete jedoch nicht die Einmiſchung der Domeſtiken, ſondern wendete dem Hauſe auf ewig den Rücken zu. Adele, von der entſetzlichſten Beklommenheit plötzlich zum höchſten Staunen übergegangen, hatte der ſonderbaren Scene ſprachlos zugeſehen, und fragte endlich wie ein ſchüchternes Kind:„Was hat denn dieß Alles zu bedeuten? Wer iſt eigentlich der Menſch? Kennſt Du ihn?“ „Der Held des Spitzbubenabenteuers, das ich geſtern beſtand;“ etwiederte der Oberſt, der nun anfing, ſich zu beruhigen:„Ich dachte mir, daß der Burſche mir nochmal begegnen würde. Nun aber erlaube mir die Frage: was machte der Menſch bei Dir?“ Adele erzählte ihrem Gatten ohne Umſchweife die ganze Begebenheit, und legte ihm den Brief der Esprémenil vor. — Dammartin bemerkte nun mit dem größten Befremden, welche Gefahr der Ruhe ſeines Hauſes und dem Einverſtänd⸗ niß zwiſchen Adele und ſeinem alten lieben Freunde gedroht. Er dankte im Stillen der gütigen Himmelsmacht, die ihn gerade im Moment der Entſcheidung herbeigeführt. Den⸗ noch mußte er ſeinen Zügen Gewalt anthun, damit ſie nicht Adelen die heftige Bewegung ſeines Innern verriethen. Er affektirte eine lächelnde Ruhe, und verſuchte für ein Hirn⸗ geſpinnſt auszugeben„was noch Adelen's Bruſt mit allen „ Zweifeln bitterer Ahnung quälte. Er ſprach von den Lügen eines Betrügers, von müßigen Erfindungen, wie der Witz eines Abenteurers ſie leicht hervorbringt. Er ſpottete über die Leichtgläubigkeit der Weiber, Adele hielt ihm jedoch immer den Brief der Gräfin entgegen, und das furchtbare Räthſel, welches dieſer andeute.„Der Mörder meines Va⸗ ters muß nach den Angaben der Gräfin uns bekannt ſeynz“ ſagte ſie grübelnd; ihre Worte laſſen das errathen. Sie ſpricht von Verhältniſſen, die ſich in dieſem Augenblick zwi⸗ ſchen uns und jenem Menſchen anknüpfen. Wie iſt das zu verſtehen? Sollte ſie vielleicht unſere erneuerte Verbindung mit Gabriele und ihren Freunden meinen?“ Dammartin ergriff begierig dieſe Vorausſetzung und ant⸗ wortete, nachdem ihm Adele den Auftritt mit der Marquiſe mitgetheilt:„Du könnteſt recht haben, mein Kind, wer weiß, ob nicht unter dem Emigrantenhaufen, der Paris und Frankreich überſchwemmt hat, derjenige wandelt, der einſt Deinen Vater tödtete? Ein Student, vermuthlich ein ade⸗ licher, hat es gethan. Warum aber mit Grillen und Zwei⸗ feln Dein Gehirn foltern? Was brächte Dir die Gewißheit für Gewinn? Liebe Adele, laſſe das Grab uneröffnet, das ſeine Beute vor ſo langen Jahren verſchlang. Wollteſt Du ietzt noch Blutrache üben? Du haſt kein Recht hiezu, und hätteſt Du es, würdeſt Du keinen Richter für Deine Sache finden. Aber Rache iſt Deiner Seele fremd. Du würdeſt nur Dich ſelbſt in erneuertem ohnmächtigem Schmerze auf⸗ reiben. Gedenke der Verſprechungen, welche Du mir frei⸗ willig gemacht. Du verzichteteſt darauf, Marſeille zu ſehen, Deines Vaters Grabhügel aufzuſuchen, nach den Umſtänden ſeines Lebens und ſeines Todes zu forſchen.... Warum 80⁰ — entſagteſt Du der ſo natürlichen Sehnſucht einer Tochter? Aus Liebe zu Deinem Gatten und Deinem Kinde haſt Du es gethan, damit die Theuern, denen Du Dein Herz ge⸗ ſchenkt, ihre Freundin, ihre Mutter noch lange in ihrer Mitte ſehen, und nicht Dein frühzeitiges Ende beweinen möchten. Erinnere Dich Deiner Gelübde, halte Sie un⸗ verbrüchlich. Unſer Dank und Dein Bewußtſeyn wird Dich dafür ſegnen.“ Adele konnte nicht den innigen Worten ihres Victors widerſtehen, ihr Schmerz löste ſich in ſanfte Thränen des Gefühls auf; ſie warf ſich mit Betheuerungen der Liebe an die Bruſt des Gatten, verſprach auf's Neue, nie wieder an den vergangenen Auftritt zu denken, lieferte den Brief der Gräfin an Dammartin aus, und bat ihn, perſönlich die Freundin zu veranlaſſen, nie und unter keinen Umſtänden mehr in der Folge Lefebre's und ſeiner traurigen Geſchichte zu gedenken. Der Oberſt erbot ſich gerne zu der Beſor⸗ gung des letztern Auftrags, obſchon im Innern ängſtlich vor der Redſeligkeit und der Neugierde der Frauen. Hier⸗ auf klärte ſich ſeine Stirne wieder auf, er zog Adele an das Fenſter, wo blühende Blumen ſtanden, erheiterte durch dieſen Anblick ihr Gemüth und ſagte mit einer beſondern Freundlichkeit:„Ich ſollte der unbeſonnenen Gräfin zürnen, daß ihre unberufene Mittheilung auf dem Punkte war, mir durch Deinen Schmerz den ſchönſten Tag meines Lebens zu verbittern.“ Adele ſah ihn mit großen Augen an. Er fuhr mit zu⸗ friedenem Geſichte fort:„Den ſchönſten Tag meines Lebens, ich wiederhole es. Ja, Adele, das Meer unſerer Exiſtenz hat ſich geebnet; auf die Stürme wird ein heiterer Friede . 81 folgen. Unſere Zukunft wird frei von Sorgen ſeyn. Sieh dieſe Wechſel; ein bedeutendes Vermögen ſteht auf dieſen Papieren, und dieſe Papiere ſind mein. Sie ſind ein Ge⸗ ſchenk des ehrwürdigen Prinzen Condé, der, von meinem Auftritte mit dem Herzoge von Angvuléme hörend, ſich mei⸗ ner plötzlich erinnerte, und zu ſich beſcheiden ließ, um dem Jugendgeſpielen ſeines unglücklichen Sohnes, ein ſchon vor der Revolution demſelben beſtimmt geweſenes Erbtheil ein⸗ zuhändigen.„Ihre Anſichten,“ ſagte der wackere Fürſt,„ſind nicht die meines Hauſes, aber nicht minder mit den Grund⸗ ſätzen eines ehrlichen Mannes übereinſtimmend. Sie haben die kleinen Leiden und Freuden der Jugend meines Sohnes mit Hingebung und brüderlicher Liebe getheilt; Sie haben ſeinen Tod, ich weiß es, beweint; Sie haben dieſen ab⸗ ſcheulichen Mord dem Murpator ſelbſt vorgeworfen. Ihre Erinnerungen an mich und meinen Sohn ſind ſtets dankbare geweſen. Ich auch will für ſolche Anhänglichkeit mich er⸗ kenntlich beweiſen. Mir gilt es gleich, ob Sie die weiße Fahne oder die dreifarbige lieben, weil ich überzeugt bin, daß Sie von den Pflichten eines Ehrenmannes unter keinen Verhältniſſen abweichen. Aber Sie müſſen nicht darben, Ihr Brod nicht von der Hofgunſt erbetteln; darum nehmen Sie dieſes Geſchenk, als ein Vermächtniß Ihres Jugend⸗ freundes, und meinen herzlichen Glückwunſch für Ihr ſtetes Wohlergehen.“ Hierauf umarmte er mich, wie ein Vater, fühlte von einer Thräne, die meinen Augen entfiel, ſeine freigebige Hand benetzt, und warf ſich dann erſchüttert, ſei⸗ nes Sohnes gedenkend, in den Wagen, der ihn nach ſeinem Schloſſe brachte.— Sieh nun unſern Reichthum! ich bin meine Verpflichtungen gegen Sans⸗Regret 5. 6 82² endlich zu löſen, unabhängig zu ſtehen, und irgend ein Unternehmen zu gründen, welches eine Vermehrung dieſes Vermögens hoffen läßt. Auf dieſem Gelde, das ich ohne Schamröthe annehmen durfte, ruht der Segen eines braven Mannes, dem ſeine Tugenden eine ſchönere Krone winden, als die iſt, die auf ſeinem Wappen ſteht. Dieſes Geld wird auch mir und Euch Segen bringen.“ Adelen's Blicke leuchteten in froher Zuverſicht. Mit dem ſeligſten Vergnügen, das ein Weib empfindet, wenn es ſich und die Seinen von drückenden Verhältniſſen befreit ſieht, umarmte ſie jubelnd den Gatten, und rief:„Ich freue mich für Dich, mein geliebter Victor. Dieſer Tag, das Feſt unſerer Unabhängigkeit, ſoll Dir durch mich nicht ver⸗ kümmert werden. Wenn ich nicht irre, ſo leſe ich in Deinen Augen noch einen Wunſch, und erfülle ihn mit bereitwilligem Gehorſam und ſogar mit Stolz. Ja, mein lieber Freund: ich war betrübt, ſo lange ich glauben mußte, daß unſere TDochter gleichſam als Pfand für das, was wir Deinem Freunde ſchulden, hingegeben werden ſollte. Nun bin ich's nicht mehr; Du ſtehſt dem biedern Sans⸗Regret als freier Mann gegenüber; Du bedarfſt ſeiner Wohlthaten nicht mehr, und ſo lege ich gern— wenn es möglich wäre, noch heute, — Suzon's Hand in Vietorin's. Auf dieſe Weiſe iſt ihre Hingabe ein Lohn der Freundſchaft und nicht ein Tribut für geliehenes Geld.“ Dieſe Erklärung ſteigerte die Fröhlichkeit des Oberſten bis zum Gipfel. Er konnte kaum die geliebte Gattin aus ſeinen Armen laſſen, und rief mit ſchelmiſchem Ausdruck: „Tauſend Dank, mein Weibchen. Doch muß man Euch beim Worte nehmen, Ihr glatten Schlangen. Ich will heute „ 83 noch mit Sans⸗Regret dem Brauſekopf nach. Vielleicht ſitzt er jetzt, trauernd, wie Verliebte pflegen, in irgend einer blühenden Laube an der Heerſtraße, ſieht zurück nach Paris, wo ſeine Braut weilt, und läßt ſich von uns einholen, ehe wir's uns ſelbſt verſehen. Gieb Befehle, daß meine Kale⸗ ſche in Stand geſetzt werde. Sans⸗Regret ſoll Poſtpferde beſtellen laſſen. Punkt fünf Uhr wollen wir fort. Die Zeit bis dahin benütze ich zu einem ſchnellen Veſuche bei der Gräfin.“ Er eilte nach den Tuilerien. Die Gräfin wohnte dort. Er wollte ſie bei ihrer Liebe zu ihm beſchwören, die Ruhe ſeines Weibes ferner zu ſchonen, das unſelige Geheimniß immer zu verſchweigen, das den Unfrieden in ſein Haus bringen mußte; er wollte ſie auf den Knieen anflehen, edel zu ſeyn durch unverbrüchliches Schweigen.— Er wurde nach ihren Appartements gewieſen.— Bediente und Zofen der Herzogin kamen ihm mit verſtörten Geſichtern entgegen⸗ Der meldende Diener antwortete auf die Frage des Oberſten nur mit einer Handbewegung nach dem Kabinet der Gräfin. Verwundert trat er ein, erſchreckt fuhr er zurück: die Gräfin lag von einem Schlaganfall betroffen auf dem Sopha, um⸗ geben von Aerzten und Dienern. Noch einmal ſchlug ſie, als Dammartin ſich ihr mit dem Ausruf des Entſetzens näherte, die Angen auf, ſtarrte mit verglimmenden Blicken nach ihm hin, verſuchte vergebens die gelähmten Hände ihm entgegen zu ſtrecken, und athmete in einer Minute nicht mehr. März 1815. Man befand ſich in den erſten Tagen des Märzmonats. Die Witterung war unfreundlich und trübe, und deutete auf baldigen anhaltenden Regen. Das Tageslicht drang nur blaß und ſchwach durch die Fenſter der Kirche St. Germain l'Auxerrois; wenige Beter waren in dieſer Pfarr⸗ kirche der Tuilerien verſammelt, und der Sakriſtan mit dem Schweizer unterhielt ſich auf der Schwelle von der wachſen⸗ den Tageslänge, den erſten Blumen ſeines Gärtchens, und den nächſten Kirchfeſten. Dieſe ſubalternen Kirchenbeamten, die bereits, wie ihre Geiſtlichen, den Kopf hoch zu tragen anfingen, fühlten ſich ſehr beleidigt, als plötzlich ein junger Offizier, mit einem wahren Sonnenhimmel von Vergnügen im Geſichte, ſie auf die Seite rannte, und in den ehrwür⸗ digen Tempel eindrang.—„Ungezogenes Volk!“ ſchimpfte der Sakriſtan zwiſchen den Zähnen, und der Schweizer wendete ſich drohend nach dem jungen Brauſekopf, der ſchon weit von ihnen entfernt war.—„Das ſind immer noch die Früchte der Revolution;“ fuhr der Sakriſtan fort: „ 85 „Keine Gottesfurcht, keine Achtung vor honnetten Leuten und Dienern der Kirche.“—„Wo ſollte das auch herkom⸗ men, Gevatter? der gottloſe Tyrann trieb mit der Religion nur ſeinen Spott. Als ich noch Regimentstambvur war, bin ich Zeuge geweſen, wie weit die Verruchtheit der Sol⸗ daten ging.“—„Das ſey Gott geklagt. Die wenigſten dieſer Leute haben die heilige Taufe erhalten. Sie ſtammen noch aus der Zeit des Antichriſten. Unſere ehrwürdigen Herren von der Geiſtlichkeit werden viel auszurotten haben, bis die göttliche Gnade wieder in ihr Recht tritt.“— „Nicht doch, Gevatter. Es gibt noch viele rechtſchaffene und tugendhafte Leute in Frankreich. Aber die Bonapartiſten müſſen weg. Sie kommen mir wie eingefleiſchte Teufel vor, die mit ihrer Verführung nach und nach die ganze Welt umkehren. Soll es denn wahr ſeyn, daß man beab⸗ ſichtigt, ſie alle an einem Tage umzubringen?“—„Man ſpricht nicht gerne davon;“ verſetzte der Sakriſtan mit ge⸗ heimnißvoller Miene:„Aber der Herr im Himmel wird ſchon einmal ſeinen Zorn losbrechen laſſen, wenn auch der König nicht zu bewegen iſt, etwas für die gute Sache zu thun.“— Hierauf ſchnupften die beiden Kirchenlichter aus des Schweizers großer Doſe, klopften ſich gegenſeitig mit wichtigen Mienen auf die Achſel, blickten hierauf beide mit vieler Zuverſicht gen Himmel, und machten murrend Platz⸗ als der beſprochene Offizier mit einer Dame am Arm wieder bei ihnen vorüber kam. Victorin war es, der ſeine Braut an der Colonnade des Louvre dahin führte, und zu der neugierig Fragenden ſagte:„Ich habe nun Alles glücklich vollbracht, meine liebe Suzon. Alle Formalitäten wegen Caution und königlicher Einwilligung ſind beobachtet, die Verkündigungen, welche Kirche und Mairie vorſchreiben, ſind gemacht, alle Vorbe⸗ reitungen getroffen, und unſer Hochzeitfeſt kann morgen ſchon begangen werden, wenn nur mein Vater bis dorthin eintrifft. Welch ein Glück erwartet mich in Deinen Armen, meine theure Freundin! Wie eifrig wird mein Beſtreben ſeyn, ein Paradies um Dich zu ſchaffen! Du wirſt freilich im Anfange die geräuſchvolle Hauptſtadt vermiſſen, aber die Liebe Deines Gatten wird Dich dafür entſchädigen. Der Aufenthalt in Grenoble iſt nicht unangenehm, die Ufer der Iſére, wie die Fluren an der Rhone und der Durance ſind reizend. Der Süden unſers Vaterlandes wird ein neues Leben vor Dir aufſchließen. Wir werden in der Provinz, uns ſelbſt überlaſſen, in der Stille glücklich ſeyn, und geduldig die reiferen Jahre erwarten, die dem Ehrgeiz des Soldaten Schweigen gebieten, und ihn bewegen, ſeine Familie wieder nach Paris zu führen. Möchten doch ſtets Deine Neigungen mit den meinigen im Einklang ſtehen! Möchte doch der fromme Ernſt, der heute auf Deiner Stirne, in Deinen Augen thront, dem Lächeln der Liebe Platz machen!“ Suzon drückte erröthend den Arm ihres Freundes, und antwortete:„Du mußt mich nicht mißverſtehen, mein guter Victvrin. Mein Herz theilt vollkommen Dein Entzücken, und wenn ich ernſt ſcheine, ſo iſt der Grund nur in meinem Dankgefühl gegen den Schöpfer zu ſuchen. Ich habe heute einige Beſuche gemacht, Beſuche der Wohlthätigkeit gewidmet. Ich habe die hochbetagte Erzieherin meiner Mutter auf ihrem Krankenlager geſehen, ich habe der armen Wittwe Maronnier und ihren Kindern eine Unterſtützung gebracht, „ 87 deren ſie nothwendig bedürfen; ich war nur der Bote meiner Mutter, und dennoch ſegnet mich der Himmel in derſelben Stunde für die kleine Mühe mit der Erfüllung aller meiner Wünſche! Ja, mein Freund; wir werden glücklich ſeyn. Die ernſte Freude, die mich an dieſem Tage durchſchauert⸗ bürgt mir dafür. Dieſer Frühling, ſo düſter er ſich auch an⸗ ründigt, iſt der ſchönſte meines Lebens.“ „Veilchen! wer kauft Veilchen!“ rief ein Bauernmädchen aus vollem Halſe, und hob einen Korb empor, angefüllt mit üppigen Sträußchen der zarten Blume, beſprengt vom Thau des Morgens. Victorin kaufte von dem freundlichen Mäd⸗ chen, und ſah ſich plötzlich von einer Menge von Offizieren umgeben, die wie begierige Kinder über den Blumenkorb der Bäuerin herfielen, und denſelben im Nu plünderten. Ihre Geſichter waren von einer beſondern Freude verklärt, die ſich jedoch etwas geheimnißvoll zurückzuhalten ſchien. Mit dem Rufe:„Es lebe das Veilchen, Vater Veilchen lebe!“ theilten ſie die duftende Beute unter ſich.— Suzon enteilte am Arme ihres Begleiters dem fröhlichen Schwarme und fragte lächelnd;„Warum benehmen ſich die Herren ſo ſonderbar? Ich habe noch nie geſehen, daß der Anblick der Frühlingsblume, wie ſchön ſie auch iſt, den Männern ſo viele Freude macht.“ „Wahrhaftig, liebe Suzon;“ entgegnete Victorin mit Achſelzucken:„Ich begreife die Luſtigkeit der Kameraden auch nicht. Die franzöſiſche Armee hat eben nicht Urſache, ſich ihrer Zukunft zu freuen. Die Jugend vertändelt aber gern die Unzufriedenheit des Augenblicks mit harmloſen Spielereien.— Laß uns geſchwinde gehen, meine liebe Freundin. Es fallen bereits einige Regentropfen und der 88 weibliche Putz verträgt die Unbill der Witterung nicht. Sieh: dort leuchtet ſchon das Dach Deines väterlichen Hauſes. Sieh, wie hinter den Fenſtern alles blinkt und ſtrahlt. Die Sorgfalt Deiner wirthlichen Mutter verſchönert unaufhörlich den Saal, worinnen unſer Hochzeitmahl be⸗ gangen werden ſoll. Lieblicher jedoch als dieſer Feſttempel des Bachus und der Ceres, winkt mir das trauliche Zelt unſers verſchwiegenen Brautgemachs.“ „Pfui, Victorin!“ ſchalt Suzon:„an dem heutigen Tage ſolche leichtfertige Reden! Ich fürchte mich vor Ihnen, Herr Dieudonné!“— MWit dieſen Worten entfloh ſie unter der Dhüre des gaſtlichen Hauſes dem Geliebten, und flüchtete verſchämt in die Arme der ordnenden Mutter.— Der Kapitän richtete ſtill vor ſich hinlächelnd ſeine Schritte nach der kleinen bedeckten Terraſſe, wo der Oberſt Dam⸗ martin die Vormittagsſtunden, theils mit ſeiner Correſpon⸗ denz, theils mit den Zeitungen zuzubringen pflegte. Dam⸗ martin ging unruhig bewegt unter dem Laubendache auf und nieder, die Blicke nach der Höhe gerichtet, wo die erſten grünen Blätterknoſpen ſchwollen. Nach der Begrüßung des Kapitäns faßte ihn Dammartin haſtig bei der Hand, und fragte ſchnell:„Du kömmſt aus der Stadt, mein Lieber? Was bringſt Du Neues? Haſt Du nichts gehört, nichts vernommen..... 2. Victorin verneinte, und der Oberſt fuhr lächelnd fort: „Ich vergaß, daß ich zu einem Bräutigam rede. Du kennſt natürlich jetzt nur Deine Suzonz Du ſiehſt nur ihre Augen, Du hörſt nur ihre Stimme.... Das iſt völlig in Ordnung. Aber es iſt an mir, Dich von einem wunderbaren Gerücht in Kenntniß zu ſetzen, welches ſich heute durch ganz Paris 89 verbreitet. Ich glaube nicht an Mirakel, und darum zweifle ich noch. Aber ein General, der vor einer Minute von hier wegritt, betheuert die Wahrheit der märchenhaften Kunde.“ Ehe noch Victorin um die Mittheilung derſelben zu bit— ten Zeit hatte, ſtürzte der Marquis von Chabran mit alte⸗ rirtem Geſichte in die Halle.„Wiſſen Sie ſchon?“ rief er wie ein athemloſer Courier. Ohne die Antwort des Ober⸗ ſten abzuwarten, ſetzte er ſeine Rede fort:„Der Teufel miſcht ſich plotzlich in alle unſere Plane und Abſichten. Das Glück von Frankreich iſt ihm ein Dorn im Auge. Darum hat er ſeinen erſten Trabanten losgelaſſen: Bonaparte iſt an den Küſten von Frankreich gelandet.“ „Der Kaiſer?“ rief Victorin in voller Beſtürzung.„Iſt's alſo wahr?“ ſetzte der Oberſt erſchüttert hinzu.— Chabran nickte heftig mit dem Kopf, klatſchte betheuernd in die Hände, und verſetzte mit der vorigen Haſt:„Mein Ehrenwort dar⸗ auf, meine Freunde. Der leibhaftige Bonaparte iſt von Elba mit Hülfe des Teufels entwiſcht, und ſteht mit ſechstauſend Mohren im Dauphiné.“ Die Ueberraſchung der Offiziere ſich in lautes Gelächter. Chabran entgegnete dieſem, die Augen weit auf⸗ geriſſen:„Lachen Sie nur, meine Herren; ſechstauſend Moh⸗ ren, wie ich Ihnen ſage; vormalige Aegpptier, Mameluken, Seeräuber von Tunis und Tripolis,.. was weiß ich! ge⸗ nug: er iſt da, und ſoll nicht Geringeres im Sinne haben, als die Parthie wieder von vorne anzufangen. Es iſt ſein Verderben; Glauben Sie mir dieß auf mein Wort, meine Herren. Er wird dabei zu Grunde gehen, wie ein Straßen⸗ räuber. Doch iſt es fatal. Das ſtört wieder alle Verhält⸗ niſſe auf Monate hinaus. Die heutige telegraphiſche Depeſche 90 macht einen Strich durch viele Rechnungen. Der König iſt wüthend, ſage ich Ihnen. Er will das Ungeheuer aus Corſika zu Staub zerreiben. Es iſt ſchon eine Proklamation im Wert eine Proklamation, ſage ich Ihnen, die alle Hoffnungen der Jakobiner unwiederbringlich niederſchlägt. Man wird den Uſurpator wie einen Fuchs jagen und hetzen. Wenn wir, die getreuen Royaliſten nicht die Augen allent⸗ halben offen hätten, ſo würde es mit der Monarchie ſchlecht ſtehen. Aber jedes franzöſiſche Herz brennt vor Begierde, ſich mit dem Tieger zu meſſen. Es wird alles nach dem Sü⸗ den ſtrömen; Sie werden ſehen. Adieu indeſſen. Ich gehe nach Nantes.“ „Nach Nantes?“ fragte Victorin mit ſpöttiſchem Lächeln: „Sie ſind alſo nicht begierig, dem Tiger in den Weg zu treten?“ Chabran verſetzte:„Jeder Patriot verſchafft ſich ſeinen eigenen Wirkungskreis, und handelt pflichtgemäß nur auf dem Terrain, das er ſo genau kennt, wie ſeine Taſche. Mein Terrain iſt die Vendee. Sie wiſſen das, lieber Oberſt. Dort verſtehe ich den Krieg; dort haben die Schaaren, die ich kommandirte, ihren Chef noch nicht vergeſſen. Die Begeiſterung muß allgemein werden. Der Graf von Artois geht nach Lyon, der Herzog von Angouléme nach Toulouſe, Se. Hoheit von Berry zu ſeiner Armee; ich gehe nach der Vendee.“ Der Geck entfernte ſich mit tauſend Freundſchaftsbezeugun⸗ gen und ruhmrediger Geſchäftigkeit. Nach ſeiner Entfernung theilten ſich die Männer ihr gegenſeitiges Staunen mit. Vie⸗ torin fühlte ſein Herz mit doppelten Schlägen pochen, und pries die Wiederkehr des Kaiſers; Dammartin wiegte unruhig den Kopf, und getraute ſich nicht, dem fabelhaften „ 91 Unternehmen fürs Erſte weder Beifall noch Tadel zuzuwen⸗ den. Die herbeigerufenen Frauen, im Anfange erſchrocken, ſchlugen ſich bald auf die Seite Victorin's. Suzon ſah im Geiſte ihren Bräutigam mit neuen verdienten Ehren bekleidet. Adele wünſchte dem großen Abenteurer den Sieg und Demüthi⸗ gung der Gewalt, die ihren Gatten ſo ſchnöde behandelt. Dammartin jedoch, der Beſonnenſte in der kleinen Verſamm⸗ lung, beklagte dieſe Wendung der Dinge als ein, wenn auch vorübergehendes, Hinderniß der Vereinigung, die er in ſei⸗ nem Hauſe zu begehen ſich freute. Unmuthig rief er:„Warum mußte auch mein alter Sans⸗Regret plötzlich von der Luſt befallen werden, das traurige Dorf St. Colombe wieder zu ſehen? War's nicht, als ob ein böſer Geiſt den alten Mann mit ungeſtümen Klauen peinigte, bis er ſeine bizarre Idee ausgeführt? Vielleicht iſt er gar noch nicht auf dem Rück⸗ wege; vielleicht träumt er in dieſem Augenblicke, wie das Alter gern zu thun pflegt, auf dem Grabe Deiner Mutter, lieber Victorin, und ahnt noch nichts von dem überraſchen⸗ den Wechſel der Begebenheiten, der eher eine Beſchleunigung Deiner Vermählung als eine Verzögerung derſelben wün⸗ ſchenswerth machen dürfte.“ Victorin antwortete hierauf mit ruhigem Geſichte:„Ich bin gewiß derjenige, der am ungeduldigſten jenen Zeitpunkt perbeiruft, wo ein ewiges Glück mich betrönen ſoll. Doch vin ich überzeugt, daß der Himmel meinen Wünſchen gnädig ſeyn wird. Der Brief, der meinen Vater von meiner Ankunft zu Paris unterrichtet, muß ſchon in ſeinen Händen ſeyn. Morgen, ſpäteſtens übermorgen erwarte ich meinen Vater, und unverzüglich mag dann die Trauung vor ſich gehen. Verdrüßlich wäre es freilich, wenn eine Einberufung zum 92 Regimente meinen Urlaub abkürzte; doppelt ſchmerzlich für mein Herz, indem ich mich niemals entſchließen könnte, mei⸗ nen Säbel gegen den Mann zu ziehen, dem ich, das Leben und Suzon ausgenommen, alles zu verdanken mich rühmen darf.“ Theilnehmend umarmten den Betrübten Dammartin und Adele, und Suzon reichte ihm tröſtend die weiche Hand, welche beſtimmt war, auch in der Folge alle Wunden ſeiner Seele zu pflegen und zu heilen. Obſchon die Bewohrer des friedlichen Hauſes in den eli⸗ ſäiſchen Feldern an Muth, Hoffnung und Zuverſicht wettei⸗ ferten, ſo wurde doch ihre Stimmung nach und nach trüb und nachdenklich, denn Tag auf Tag verfloß, die Nachrichten aus dem Süden wurden bedenklicher, die Schritte der Re⸗ gierung gewaltthätiger und umfaſſend, dagegen eine gewiſſe dumpfe Gährung in dem Volke ſtets bemerkbarer. Und Sans⸗Regret kam immer noch nicht, und das Hochzeitsfeſt mußte verſchoben werden, und bereits ſprach man in den Bureaur des Kriegsminiſteriums von einem zu erlaſſenden Befehle, der alle Beurlaubte und auf halben Sold geſetzte Offiziere nach ihren Garniſonen und Wohnorten zurückweiſen würde. Endlich— es war eines Abends— rollte eine Poſtchaiſe vor das Haus des Oberſten.„Mein Vater!“ rief Victorin, und ſprang haſtig von dem Mittagstiſch auf, und rannte hinunter auf die Straße, während Dammartin an die Treppe eilte, und die Frauen unter die Thüre des Saales traten. — Nach einigen Minuten führte der junge Kapitän in der That ſeinen Vater die Stiege hinauf. Der alte Mann ſchien von der Reiſe ſehr erſchöpft, und kaum vermögend, „ 93 einen lauten Gruß über die Lippen zu bringen. Dammartin erſchrack beinahe vor ihm. Sein Geſicht war mit einer fah⸗ len Bläſſe überzogen, und obgleich die Züge viel Erſchlaffung verriethen, ſo glimmten doch die Augen in faſt unheimlichem Feuer unter den dichten grauen Augenbraunen hervor. Der Anblick des alten Freundes regte den Invaliden auf, und er reichte dem Oberſten beide Hände hin, und ſank ihm mit einem herzlichen„Gott grüße Sie, lieber Dammartin,“ um den Hals. Während deſſen ſprachen Victorin's Blicke, voll von Beſorgniß, mit Suzon's und Adelen's Blicken.— Die Frauen verſtehen ſo gut, ein wundes Herz und einen ſchwa⸗ chen Körper zu pflegen, daß eine Hülfe von ihrer zarten Hand mit unendlichem Dank angenommen wird, ſelbſt da, wo das eigenſinnige Alter in jeder Hülfsleiſtung nur eine Zudringlichkeit ſieht.— Mit Sans⸗Regret's Sohne ſchnell einverſtanden, bemächtigten ſich die Damen des ermüdeten Mannes, führten ihn in den Salon, ließen ihn am obern Platz des Tiſches niederſitzen, ſtellten vor ihn das Kelchglas voll wärmenden und belebenden Burgunders, und baten ihn, von der Mühe der Reiſe, wie von der Kälte und der boͤſe einwirkenden Näſſe des herabſtrömenden Regens ſich zu erholen. Auch Dammartin vereinigte ſeine Bitten mit denen der Frauen, aber Sans⸗Regret ſchob Speiſe und Trank von ſich, und ſagte, während ein mattes Lächeln über ſein Geſicht ſchwebte:„Wenn ich wirklich ſo erſchöpft bin, wie Ihr ſagt, meine Lieben, ſo iſt doch Euer Anblick die beſte Arznei für mich. Ich fühle bereits, wie ſich meine Kräfte wieder ſtählen, obſchon ich nicht läugnen will, daß die angeſtrengte ununterbrochene Kurierfahrt mich wacker durchſchüttelte. Ich vin wenig über vierzig Stunden unterweges.“ 94 „Iſt es möglich?“ rief die ganze Familie verwundert: „Erſt ſeit einigen Stunden haben Sie St. Colombe verlaſ⸗ ſen? Das muß ja wie im Fluge gegangen ſeyn, ohne Raſt und ohne Weile.“ Der Greis lächelte wieder und verſetzte:„Ich war eben begierig, aus Erfahrung zu wiſſen, wie ein Kaiſer fährt, und ſparte daher weder Gold noch Pferde. Einer meiner Poſtillone behauptete, daß Napoleon nie ſchneller auf ſeinen Reiſen geweſen ſey, wenn es ihm auf einen Sieg ankam. Nun, meine Freunde, es war mir auch um einen Sieg zu thun; um den augenblicklichen Sieg über den Tod, und eine nothdürftige Allianz mit dem Leben. Das alte Gerippe hatte ſchon ſein Rappier ſcharf auf meine Bruſt geſetzt. Es hätte mich bald um das Vergnügen gebracht, Vietorin's Brief zu leſen und ſeinem Wunſche zu folgen.“ Da hier Sans⸗Regret eine Pauſe machte, und über den Tiſch hinüber mit einem ſtark gezwungenen Lächeln nach ſeines Sohnes Hand griff, fiel Dammartin mit einer ge⸗ wiſſen Angſt ein:„Wie, alter Freund, du warſt krank, be⸗ deutend krank?“ Der Invalide hob den Zeigefinger ſeiner rechten Hand, legte ihn auf den Mund, und ſagte dann fllüſternd:„Still; mein guter Sohn darf es nicht hören, die junge Braut nicht wiſſen. Sie könnte ſich ſonſt vor mir fürchten, und glauben, der Tod ſtebe bei mir, während ich einen Zeugen bei ihrer Trauung abgebe. Und ich bin doch ſo friſch und lebendig, als man es von meinem Alter und den Strapatzen, die ich aushielt, erwarten mag.“ Bei dieſen Worten reckte Sans⸗Regret ſeinen rechten Arm aus, als ob er mit dem Degen ausfiele. Gleich darauf . 95 jedoch ließ er die ſtraffe Fauſt ſinken, und fuhr mit der linken Hand an die Stirne. Die Anweſenden erbleichten und ſahen ſich erſchrocken an.— Nach einer Minute öffnete der Invalide wieder die Augen, ſeufzte tief, und fuhr fort: „Ja, mein guter Dammartin, ich bin ſehr krank geweſen, und meine gute Natur war mein beſter Arzt, da St. Co⸗ lombe zur Stunde nicht einmal einen Barbier hat. Der dümmſte Frater unſers Regiments wäre in der verwahrlos⸗ ten Gemeinde ein Aeſculap.“ Victorin und Dammartin drangen in den Invaliden, im Gleiſe ſeiner Erzählung zu bleiben und die Urſache ſei⸗ ner Krankheit anzugeben. Sans⸗Regret antwortete hierauf: „Was ſoll ich ſagen? ich bin zerſtreut, und ſehr ermüdet. Aber der Anlaß zur Krankheit war von recht dummer Art. Ich befand mich auf dem Kirchhof,— in St. Colombe war für mich kein anderer Spaziergang,— und lehnte mich an ein gewiſſes Kreuz, das noch einen hier in der Geſellſchaft angeht. Seine Mutter ſchläft darunter; oder beſſer: ſie vermodert unter dem Kreuz, welches mworſch geworden iſt, wie Suzons Gebeine, obſchon die Andacht der eisgrauen Aeltern das hölzerne Denkmal öfters erneuert hat. Ich lehnte alſo an dem Kreuze, und bin vielleicht daran einge⸗ ſchlafen, und es zerbrach dann unter mir,... oder es zerbrach zuerſt, und ich ſchlief dann auf ſeinen Trümmern ein ich weiß dies nicht mehr zu ſagen. Einerlei; man fand mich und das Kreuz am Boden, ſchlummernd oder ohnmächtig auf der naſſen Erde, brachte mich nach Hauje, und behandelte mich wie einen Kranken. Es war ein ſelt⸗ ſamer Zuſtand; ich kam mir ſo jung vor,— aber alle Jugend ſaß mir nur im Kopf. Darinnen glühte es von ſiedendem Champagnerwein, während der übrige Körper wie ein Eisklumpen dalag, oder wie die Glieder eines Froſches. Die Behaglichkeit dieſer Jugend dauerte nicht lang. Der Hieb des amerikaniſchen Schurken, dem nach meinen Haaren gelüſtete, fing plötzlich, nach ſo langer Unterbrechung, wie⸗ der an zu ſchmerzen.“ „O mein Gott!“ ſeufzte Dammartin ſtill vor ſich hin, und machte ein Zeichen gegen Victorin, damit er ſeinen Schmerz verberge. Sans⸗Regret redete weiter:„Der Pfarrer des Dorfs iſt ein wackerer Mann, den ich mitten in meinen Kämpfen mit der Krankheit bewundern und lieben mußte. Er hat mit mir geplaudert, Umſchläge um meinen brennen⸗ den Kopf gemacht, hat mir ſogar einmal vorgebetet, und ſich immer mit mir abgegeben, wenn er auch nicht in Perſon an meinem Bette war. Das erkläre ich Euch einmal. Es iſt ſo närriſch, als wie der Einfall, den ich einſt hatte, und der mich glücklich kurirte.“ „Welcher Einfall, lieber Sans⸗Regret?“ fragte Dam⸗ martin, mit Freundlichkeit in die Ideen des Alten ein⸗ gehend. „Das iſt noch immer die alte ehrliche Stimme meines guten Oberſten,“ ſprach Sans⸗Regret mit verklärtem Geſicht. Sie ſind mir ſehr abgegangen, lieber Freund. Es waren oft ein Paar Geſtalten bei mir, die mir viel weniger ge⸗ fielen: meine Suzon.... weil ſie um meinetwillen ſtarb, und ein Anderer: Sie wiſſen ja, wen ich meine.... der vom Strand zu.... doch ich will hier nicht davon reden. Jener Spaziergang war ſehr verhängnißvoll, und nicht ſo luſtig, wie der, den ich von St. Colombe aus unternahm. Es war Nacht, der Pfarrer fort, die eisgrauen Aeltern „ 97 lagen zur Ruhe, und der Adjunkt war eingenickt. Da riefen mich die Lerchen des Frühlings vor den Fenſtern, und ich meinte, es müſſe mir gut thun, wenn ich hinausginge, und mich zwiſchen zwei Gräber zum Schlafen legte, wie ein mü⸗ der Vogel ſich in ſein Neſt duckt, welches im Saatfelde verborgen iſt. Ich that's, ging hinaus zu Suzon, und ſchlief köſtlich bis zum Morgen, wo mich die Verwandten wieder weckten, und ich mich, nur in mein Hemd gehüllt, und zit⸗ ternd vor Froſt wieder fand.“ Ein Schrei des Entſetzens ſtieg von den Lippen der gan⸗ zen Familie auf.„Das hätte ja Ihr Tod ſeyn können!“ rief Adele mit Thränen im Auge. Der Invalide erwiederte gelaſſen:„Aus dem Tode ſtammt das Leben, Madame. Ich hatte den Schlaf der Todten gekvſtet, und verſiel hierauf in den erquickenden Schlummer der Lebendigen. Kurz: ich war geſund, und blieb es, bis, wenig Stativnen von hier, mich eine gewiſſe Alteration anfiel, die mich ein wenig verwirrte.“ „Wie ſo, Herr Sans⸗Regret?“ „Ich erfuhr, daß ich nach Paris müſſe, um hier der Hoch⸗ zeit der kleinen Suzon beizuwohnen, die im Begriffe iſt, zum zweitenmal meine Tochter zu werden: ſie iſt ja ohnehin ſchon mein Taufkind. Somit half alles Reden meines Schwagers nicht, und ich machte mich auf den Weg Antvine begleitete mich, und als er ſich auf der Hälfte der Reiſe überzeugte, daß ich wieder geſund und kräftig ſey, und ver⸗ nünftig rede, ſo verließ er mich. Ich war ſehr ruhig und zufrieden, bis ich auf einmal in einem Poſthauſe höre, daß der Kaiſer wieder nach Frankreich zurückgekommen. Von Zunge zu Zunge, von Ohr zu Ohr flog dieſe Nachricht, und bald wirbelte mir mein Gehirn. Ein junger Kerl 98 begegnete mir, der als ein ächter Prahlhans ſchon die drei⸗ farbige Kokarde trug. Ich habe den Menſchen umarmt und vor Freuden geweint. Sie nehmen mir das nicht übel, Herr Oberſt. Sie waren ja auch in Aegypten, in Italien, und allenthalben, wo unſer Sieg war. Es würde Ihnen ſelbſt nicht beſſer ergehen. Ich jauchze nicht dem Kaiſer zu, ſon⸗ dern dem Regenbogen der Freiheit. Ich bin ein alter Thor, und kann den amerikaniſchen Schwindel nie vergeſſen. Die Freude hat mich aber mürbe gemacht, und ich werde mich zuſammennehmen müſſen, wenn ich heute bei der Trauung erſcheinen ſoll.“ „Heute nicht, mein lieber Vater;“ bemerlte Victorin ſanft und ſchonend:„Der Abend iſt heute zu weit vorgerückt; morgen,— wenn nämlich meine gute Suzon und ihre El⸗ tern nichts dawider haben.“ Suzon neigte ſich ſchweigend, Dammartin und Adele erklärten ſich bereit, nur das Geſicht des Invaliden verrieth Unzufriedenheit, und er fagte:„Schlechte Soldatenregel, mein Sohn. Was heute geſchehen kann, verſchiebe man nicht auf morgen. Löſche das Feuer im Bivouac nicht aus, ſo lange der Feind wacht. Wer weiß, wie ſich morgen die Parole ändert? Deine Sache indeſſen; ich will es erwarten und ſchlafen gehen, denn der Schlaf thut mir Noth. Gute Nacht, meine Freunde.“ Er erhob ſich langſam vom Stuhl, ſtreckte ſich ſehr in die Höhe, und ergriff dann mit unſicherer Hand einen Leuchter, um gegen die Thüre zu gehen. Auf einen Wink des Ober⸗ ſten eilte Victorin, dem Vater den Arm zu bieten, und führte ihn hinaus.— Adele und Suzon ſchlugen, nachdem Sans⸗Regtet ſich eutfernt hatte, die Hände zuſammen, und — 99 fragten ſchmerzlich betroffen, wie das Benehmen und die Sprache des Alten zu deuten ſey. Dammartin ſuchte ſeinen eigenen Kummer zu verhehlen, und den Zuſtand ſeines alten Freundes minder beunruhigend darzuſtellen, als er ihn im Grunde ſelbſt erfand. Es gelang ihm, die Beſorgniß der Frauen in etwas zu zerſtreuen; wie leicht erheitert ſich nicht eine ſehnſüchtige Braut, und eine Schwiegermutter, die end⸗ lich nach wochenlangem Harren das Feſt vor der Thüre ſieht, wozu ſie Alles längſt bereitet?— In der Bruſt des Ober⸗ ſten drängte ſich dagegen Welle auf Welle der höchſten Angſt. Er fürchtete— bedenkend, wie die früheren Anfälle von Geiſtesverwirrung, die den Invaliden betroffen, ſo verderb⸗ lich auf ihn gewirkt— den kommenden Tag der Freude in einen Tag des Leides verkehrt zu ſehen. In der Hauptſache täuſchte ihn ſeine Befürchtung; in der andern Beziehung konnte ſie als eingetroffen gelten. Sans⸗ Regret erſchien am Morgen rüſtig und in ſeinen beſten Rock gekleidet, gerade als wenn nichts vorgefallen wäre, als ob er nie krank geweſen, und nie das Haus verlaſſen. Die redlichſten Glückwünſche empfingen den geſchmeichelten alten Mann, und er antwortete denſelben mit völliger Beſonnen⸗ heit des Geiſtes. Victorin und Suzon waren trunken von Seligkeit; ernſte Freude ſprach aus den Augen der Eltern⸗ Sans⸗Regret war der Geſchäftige, der alles zu ordnen, zu richten begehrte, und unaufhörlich darauf drang, ſich ſo bald als möglich auf die Mairie zu begeben. Der Beamte da⸗ ſelbſt war benachrichtigt, in der Kirche entzündeten ſich ſchon die Kerzen, die Wagen für die Brautleute und die Zeugen ſtanden vor der Thüre; man war im Begriff einzuſteigen,— als plötzlich eine dringende Botſchaft 2 Kapitän ohns 100 Aufſchub zum Kriegsminiſter berief. Voll von böſer Ahnung vegab er ſich auf das Miniſterium: ihn erwartete der Be⸗ fehl, zur Stunde noch nach ſeiner Garniſon abzugehen. Vergebens waren ſeine Vorſtellungen, vergebens ſeine Bit⸗ ten. Die Widerſetzlichkeit einiger anderen Offiziere, die ſich in ähnlichem Falle befunden, bewog den Miniſter zu den äußerſten Drohungen der Strenge, und Soult war der Mann, Wort zu halten. Darum reſignirte ſich Victorin mit grollendem Herzen, und verließ die weinende Braut und die klagenden Eltern, um dem harten Dienſtgeſetze zu gehorchen. Wäre dem jungen Mann vergönnt geweſen, den Schleier der Zukunft zu lüften, ſo hätte er unter jenen Verhältniſſen dem Befehle ſeines Miniſters nicht gehorcht, ſondern in Pa⸗ ris ſich verborgen gehalten, ſeine Vermählung vollzogen und vie Flitterwochen ſeiner Ehe in glücklicher Zurückgezogenheit gefeiert. Der Kampf, der ſich ſpäter zu entſpinnen drohte, woran der junge Mann Antheil nehmen ſollte, wäre wohl der vorangehenden Freude und Seligkeit würdig geweſen. Es ſollte jedoch nicht ſeyn; das ſchadenfrohe Schickſal riß ihn fort, obſchon er nicht beſtimmt war, ſeine Garniſon zu Grenoble zu erreichen, weil ihm ſchon auf der Reiſe dahin ſeine Waffenbrüder entgegen kamen, und des Königs Sache in den ſüdöſtlichen Departementen bereits gänzlich verloren war.— Das Wunder des Jahres 1815 war ſchon zur Hälfte vollbracht, zur Hälfte der abentheuerliche Zug vollendet, den die Nachwelt einen mährchenhaften nennen wird. Die Worte Napoleons, in jener Proklamation, welche verkündete, daß ſeine Adler von Kirchthurm zu Kirchthurm bis auf die Spitze von Notre Dame fliegen würden, waren prophetiſche gewe⸗ ſen. Der Genius des Helden, obſchon kein guter, wie die „ 101 Folgen der Zeit erwieſen, hatte ſich darin gefallen, den un⸗ regelmäßigen Forderungen und Anſprüchen phantaſtiſcher Poeſie all das Glück zuzuwenden, welches ſonſt ſich nur in den Kreis mathematiſcher Berechnung zwingen läßt. Die Dichtung ſollte zur Wahrheit werden; zur ungeheuern That der Gedanke, den der Held vielleicht ſelbſt belächelt hatte, als er zuerſt zu ihm, wie aus Traumesnebeln trat.— Eine innerliche Sehnſucht, den Herrſcherſtab wieder zu faſſen, der unter ſo ſchnöden Konjuncturen ſeiner thatkräftigen Hand entſunken, hatte den Helden befallen, und ihn aufgerüttelt aus dem Schlafe, dem er ſich auf öder Klippe im majeſtä⸗ tiſch ziehenden Meere ergeben. Er erhebt ſich rieſig, und läßt den Blick ſchweifen über den weiten Ocean.— Wie gering ſcheint ihm der Raum, der zwiſchen ihm und dem Lande ſeines Verlangens ſich ausbreitet! Wie leicht ſcheint ihm der Schritt aus den Feſſeln zur Freiheit, von dem In⸗ ſelpunkte zum großen Feſtland, von dem niedrigen Stuhl eines Fürſten von Elba zu dem majeſtätiſchen Throne eines Kaiſerthums, das mit ihm erſtanden, mit ihm zerfallen war! Und Alles um ihn, in ſüdlicher frühreifender Natur, athmet die friſche Kraft des erwachenden Jahres; in ihm regt ſich der rauhſchaffende Geiſt, den er mitgenommen als ein Wehen von den ſtarken Bergen ſeiner Heimath. Warum ſollte ihm, dem das Größte gelungen, was die Herrſchaft erlaubt, nicht auch jetzo das Glück und die Kraft hold ſeyn? Bedarf er mehr als eines Winkes zu ſeinen Getreuen? mehr als eines ſchwachen Schiffs, das ihn hinaustrage auf die Bahn des Meeres? Dem kühnen Schiffer dienen ja die Mächte der Gewäſſer, und wer den Stern über dem Haupte, das Glück an ſeiner Seite zu haben vermeint, ſteuert ja ruhig und 102 gelaſſen ſelbſt durch den Sturm.— Da ſpricht der Held das Wort, das gebietende; ſchnell hebt ſich der Anker, die Segel bläht ein günſtiger Wind, die Feen des Gewäſſers blenden durch zauberiſche Trugbilder das Auge der Wächter; hinaus ſtreicht der Kiel, vorüber der Heimath des Helden, dem Ge⸗ burtsland vorüber, entgegen dem ſtolzen Reich. Wind und Wogen beugen ſich unter ſeinen Befehl, und wie von über⸗ natürlichen Kräften getragen, gleitet er auf dem Rücken der Brandung an Frankreichs Ufer. Die Geiſter des Meeres haben bisher ihre treue Pflicht gethan; die Erde des Va⸗ terlandes ſoll nun zeigen, ob ſie ihm günſtig, ob nicht. Be⸗ hutſam ſchickt der Held ſeine Schaaren an das Land: ein Häuflein, der Zahl nach ſchwach, aber ſtark in ſeinem Muthe, am ſtärkſten in ſeinem Anführer. Wo aber iſt der Feind, der ihnen ſich entgegenſtellte? Wo die Macht, die es mit ihren Waffen aufzunehmen verſuchte? Sie finden keine Geg⸗ ner, weil entweder die Unzufriedenheit neue Freunde ihnen wirbt, oder das Geſicht des wohlbekannten und geliebten Feldherrn alle Freundesbande aufs Neue knüpft. Schweigen auch die erſten Gemeinden, durch welche der Zug kömmt, ſo ſchweigen ſie vor Erſtaunen, die Erſcheinung nicht begrei⸗ fend, die ihnen wie eine übernatürliche vorkömmt. Je wei⸗ ter aber der ſtille Marſch ins Land vordringt, je unzweifel⸗ hafter das wirkliche Daſeyn des Helden ſich ergiebt, je überzeugter die Franzoſen werden, daß nicht das Geſpenſt ihres ruhmgekrönten Heerführers, ſondern er ſelbſt in fri⸗ ſchem Leben über's Meer daher gekommen,— um ſo deut⸗ licher wird die Freude, um ſo lebhafter der Antheil, um ſo gewaltiger der Zudrang, und die abentheuerlichen Helden der ſeltſamen Fahrt erwarten mit Ungeduld, daß ſich ihnen „ 103 das Volk in Waffen nähere, weil ſie nicht zweifeln, von demſelben empfangen zu werden, wie von dem Volke im Frieden.— So ziehen ſie in ſchmuckloſer Rüſtung längs der Durance dahin, beſetzen Gap, dringen nach Grenoble, reißen die dortige Beſatzung mit ſich fort, und marſchiren keck auf Lyon. Dort lagert der Bruder des Königs mit ſeinem Heere, und droht dem Häuflein der Wagehälſe Vernichtung und Tod. Aber die Begebenheiten wechſeln wunderbar, und der Prinz, der noch vor wenigen Stunden viele Tauſende befehligte, findet am Abend kaum noch einen einzigen Mann⸗ der ihn auf ſeiner Flucht begleitet. Denn ein ſtarker Ta⸗ lisman iſt die Erinnerung, und dem Manne, mit dem der Krieger vor den feindlichen Kanonen den Bund geſchloſſen, reicht er auch ſpäter immer noch die verſuchte Hand. Von Lyon geht nur ein Triumphzug ſtatt eines Waffenzuges durch das Land. Die weiße Cocarde wird von Ney, den Kaiſer zu verſöhnen, zu Lons⸗le⸗Saunier mit Füßen getreten; zu Macon wehen die dreifarbigen Fahnen, über Autun, Aval⸗ lon, nach Auxerre geht der Marſch⸗ ſetzt im Fluge über die Vonne, Sens wird kaiſerlich, und nach Fontainebleau zu⸗ rück kommt Napoleon im Siegeszuge. Vie ſein Herz ſchlägt beim Anblick des Schloſſes, das ihn in tiefer Erniedrigung geſehen! Wie er ſich ſtolz umſchaut in dem Kreiſe der Ge⸗ fährten, die ſein Muth und ſein neues Glück ihm geworben, der kühne Soldat!— Mögen die Winde den Himmel durch⸗ ſtürmen, mag der Negen ohne Ende niederpraſſeln auf ſeine Feldzeichen, er fliegt den Flug des Adlers bis nach der ſtol⸗ zen Hauptſtadt, vie der gütige aber ſchwache Fürſt der Bourbonen kaum verlaſſen hat.— Und wie es Nacht war zur Stunde, da Ludwig, ein verrathener Greis, von ſeinen 104 letzten Dienern unterſtützt, ſein Königsſchloß verließ, ſo herrſcht wieder nächtliches Dunkel über Paris, als der Kriegsfürſt ſich den Mauern der ungeheuern Stadt nähert. Seine Ungeduld reißt ihn ſeinen Cohorten voraus; wenige ſind in ſeinem Gefolge, und vor ihm her ſtürmt eine raſche Bande polniſcher Reiter, ſo wie durch ihren Muth und ihre Treue, ſo durch ihre Wildheit ausgezeichnet. Ihm entgegen drängen ſich Maſſen auf Maſſen: Bürger von Paris, Bauern aus benachbarten Gemeinden, das Getümmel der Schranzen und Hofknechte, von denen jeder der Erſte ſeyn will, den Zwingherrn zu begrüßen; mit ihnen vermiſcht das Heer von Offizieren, die eine blödſichtige Politik aus den Reihen der Armee verdrängt, einem ruhmloſen Mangel Preis gegeben, und ſomit ſelbſt zu Aufrührern geſtempelt. Sie ſind es, die den Kaiſer erwarten, als ihren Heiland und Vaterz; ſie ſind es, die alle Hoffnungen nur auf ihn gebaut; ihre Degen waren die erſten, die in der Revolte zu St. Denis, und in der Hauptſtadt für Napoleon den Großen aus der Scheide blitzten. Dieſe Schwerter, geweiht in dem Blute der Schlach⸗ ten, blitzen auch jetzt wie ein ehernes Dach über dem Haupt des Triumphators; Jubelgeſchrei— nicht der Zuruf des fröhlichen Volks, ſondern das Gebrüll rachſüchtiger Solda⸗ ten— zittert durch die Lüfte; Fackeln, Pechpfannen, Later⸗ nen an dem Rande der Heerſtraße, beleuchten mit rothem und falbem Schein den Auftritt, der, rieſenhaft und ſchauer⸗ lich dabei, in allen Herzen einen unauslöſchlichen Eindruck zurückläßt.— Endlich iſt man in Paris. Endlich rollt der Wagen des Kaiſers über das Pflaſter der Hauptſtadt. In den Straßen, auf den Plätzen drängt ſich eine unüberſehbare Menge, neugierig, aber lautlos. Der Regen fällt, der „ 105 Nebel durchnäßt, Windſchauer kämpfen miteinander: das Volk bleibt ſtehen, wie von einem Zauber gebannt, und ſchaut mit bangem Sehnen und freudiger Angſt nach den Fenſtern der Tuilerien, die von Lichtern ſtrahlen, während unten alles dunkel iſt; deren Gemächer vom Geräuſch und Ge⸗ tümmel unzähliger Menſchen, Soldaten, Hofherren und Frauen wiederhallen, während es unten nur dumpf murmelt, wie von ferne eine brauſende Fluth. Endlich ſchlägt die Stunde.„Platz für den Kaiſer! es lebe Napoleon!“ brül⸗ len die heranſprengenden Soldaten, den Säbel ſchwingend, die Lanze in der Fauſt ſchüttelnd, oder in kecker Trunkenheit mit Piſtolen gegen das Volk drohend. Ihre Pferde werfen ohne Unterſchied nieder, was ihnen in den Weg kommt; ſie gleichen wüthenden Treibern, deren Roſſe eine Siegesſäule in ſtrengſtem Lauf auf eine hohe Bergesſpitze ſchleppen müſ⸗ ſen. Was dieſe rauhen Krieger gerufen, wiederholt nun elektriſch berührt das Volk. Napoleon's Wagen poltert in das Thor; er hält auf demſelben Platze, wo in verwichener Nacht der unglückliche König ſeinen Getreuen Lebewohl ge⸗ ſagt. Napoleon entſteigt dem Wagen, ermüdet, erſchöpft von der übermäßigen Anſtrengung der vergangenen Tage, ſein Geſicht iſt blaß, geſenkt ſein Haupt, und ſein Fuß zö⸗ gert, als ſcheue er ſich, die letzte Stufe zu überſchreiten, die ihn von der Krone trennt. Wie ſollte er auch vorwärts dringen? Dieſe Treppen ſind nicht öde, wie in dem Augen⸗ blick, wo König Ludwig aus ſeinem Schloſſe hinweggegan⸗ gen; ſie ſtrotzen von fanatiſchen Bewunderern, von ſtaunen⸗ den Neugierigen, von dem Pöbel eines Siegeszugs. Es iſt nicht Liebe, nicht die Treue, die ſich dem neuen Herrſcher in 106 den Weg wirft: Raſerei, wüthende Begeiſterung, ein ſeythi⸗ ſcher Siegesrauſch empfängt ihn.„Laßt mich, meine Freunde; Ihr erdrückt mich!“ ſpricht der Kaiſer, unwillig über die Menge, die ihn umgiebt. Auf dieſes Wort hin entſchließen ſich die Offiziere, die zu Hunderten hier ſtehen, in den Hal⸗ len der Tuilerien den Auftritt zu wiederholen, den auf dem Marsfelde das Heer der Franken gegeben, ſo oft es einen König auf ſeinen Schild erhob. Den Degen in der Fauſt umſchlingen ſie den Kriegsherrn, erhöhen ihn auf ihren ver⸗ ſchränkten Armen, auf ihren Schultern, und dringen mit ihm, wie die Träger eines kriegeriſchen Götzenbildes, im Sturm die Stufen hinan.— Dieſer improviſirte Schluß des wunderbaren Zuges von Elba nach Paris bezeichnet zugleich das ganze Abentheuer. Die Gewalt der Waffen hat geſiegt, wenn auch kein Tropfen Blut vergoſſen wurde; die Gewalt der Waffen hat den glücklichen Soldaten abermals zum Herrſcher ausgerufen;— er aber ſpricht von dem Recht, das ihn zurückrufe, von der Freiheit, die er bringe, von dem Glücke, deſſen Schöpfer er zu ſeyn begehre! Er nennt Frankreich frei, und lächelt wohlgefällig, als er bemerkt, daß die ausgeſuchteſte Schmeichelei während des kurzen Inter⸗ regnums zu Paris alles in dem Schloſſe wiederhergeſtellt, ſo wie er's einſt verlaſſen! Der ganze ehemalige Hofdienſt iſt zuſammenberufen; die alten Thürſteher reißen die Pfor⸗ ten auf, die wohlbekannten Kammerherren begrüßen den Herrſcher in ſeiner Livrée, der Kreis der Höflinge bildet ſich wie ſonſt, in dem weiblichen Hofſtaat fehlt gerade nur die Kaiſerin; Nationalgardiſten und Offiziere der kaiſerlichen Garde halten Wache in allen Gemächern; allenthalben glän⸗ zen wieder die Farben des Kaiſerthums, und vor dem Schloſſe 107 lagern ſich die getreuen Leibwächter von Elba, vom Marſch zum Tode ermüdet, auf den Boden, als läge höchſtens eine Nacht zwiſchen dem Abſchied von Fontainebleau und dem Einzuge in Paris. Fünftes Ryitel Aus den hundert Tagen. Wieder ſaß Dammartin auf der Terraſſe ſeines Hauſes. Das Blätterdach derſelben hatte ſich üppig erbaut, und die Trauben der balſamiſchen Lilas nickten wieder in ſchöner Fülle von der Höhe nieder.— Das Geſicht des Oberſten war nicht ſo heiter, wie der Tag; trübes Nachdenken lag dar⸗ auf, und das Haupt ruhte, wie ermattet, in der aufgeſtützten Hand.— Sans⸗Regret trat zu dem Freunde, betroffen von deſſen Betrübniß, und redete ihn ſanft und gutmüthig an. „Was iſt's, das Ihnen Kummer macht?“ fragte er:„Seit vorgeſtern ſcheinen Sie von unangenehmen Gedanken bela⸗ gert. Warum ſo verſchloſſen vor Ihren Freunden? Ihre Familie trauert über dieſes räthſelhafte Schweigen, und meine Anhänglichkeit an Sie fühlt ſich durch die Verweige⸗ rung des Vertrauens verletzt.— Sie ſeufzen? Erklären Sie ſich. Was kann Sie betrüben? Iſt Ihre Lage nicht frei und beneidenswerth? Stehen Sie nicht in den kräftigen 108 Mannesjahren, und halten ein geliebtes Kind, ein zärtliches Weib in Ihren Armen? Sehen Sie mich dagegen an. Ein gebeugter Greis, deſſen Frau lange ſchon geſchieden, deſſen Sohn durch ewige Tücke des Schickſals von dem Vater ſtets ferne gehalten wird, ſteht vor Ihnen. Und dennoch hat der Gram keine Gewalt über mich, und an mir liegt es nicht, wenn ich nicht an dem Rand des Grabes beſonnen wie ein Magiſter dahin gehe.“ „Nicht die Gegenwart drückt mich, mein Alter. Die Zukunft ſcheint mir drohend.“ „Voll von Gewittern, mein Oberſt; ganz recht. Aber er wird kurz ſeyn, dieſer Sturm, und Ihren Kahn nicht aus dem Hafen jagen. Haben Sie doch Ihr edles Selbſt aus dem Tumult des Ehrgeizes und ſoldatiſcher Sehnſucht ge⸗ rettet. Das war ſchwerer, als die Rettung Ihrer Habe ſeyn wird. Der Mann giebt nicht leicht das Wagen auf, wenn auch ſein Ziel ihn täuſchte. Aber eben ſeine Kraft verſchafft den Grundſätzen den Sieg. Sie haben lange genug an der Seite der Zeit gerungen. Sehen Sie ihrem jetzigen Trei⸗ ben ruhig zu.“ „Das verſtimmt mich eben, guter Sans⸗Regret. Viele Stimmen rufen mich zur erneuten Thätigkeit auf. Ich glaube ſogar darunter die Stimme der Ehre zu vernehmen. Schmerzlich iſt mir's, ihr nicht gehorchen zu ſollen.“ „Das Geſetz der Ehre hört nie auf, Herr Dammartin. Aber— glauben Sie mir— der Rock des Nationalgar⸗ diſten ſteht Ihnen ſo vortrefflich an, wie einſt die Uniform des Oberſten. Sie dienen dem Vaterlande als Bürgerſol⸗ dat ſo treu, wie einſt'in dem Feldlager.“ 109 „Wer einen hellen Blick in die Zukunft thun könnte!“ rief Dammartin ungeduldig, und ſprang vom Stuhle auf: „Wer mir ſagte, wie ſich das Drama entwickeln wird, das ſich vorbereitet! Schon ſchmückt man das Marsfeld zum Feſte. Die Maiverſammlung der alten Franken ſoll ſich er⸗ neuern, und an unſern Gränzen ballen ſich die Wolken zum Wetterſturm. Sollen wir Frieden haben, oder den Krieg? Wird Frankreichs Lvos edel ſeyn oder nicht? werth, daß man dafür ſtreite und falle, oder unwürdig tapfern Blutes? Wird der Mann des Wunders auch wieder eine neue Wun⸗ derzeit hervorrufen, oder nur einen großartigern Sturz fin⸗ den, als ſein erſter war?— Sans⸗Regret, Dein ſchlichter Geiſt fand oft in bunten Wirrniſſen die beſte Spur; Du haſt nie mit Deinen Anſichten gewechſelt; Du biſt unbe⸗ fangen und ruhig klar. Sage mir, was Du von der Zeit, vie ſich geſtaltet, und von ihren Früchten hältſt?“ „Meiner Treu, Herr Oberſt,“ erwiederte nach einigem Nachſinnen der Invalide:„Sie thun meinem alten zerrütte⸗ ten Kopfe zu viel Ehre an. Ich bin zu alt in dieſer Zeit, die zu gewaltig für mich wird. Mein Inſtinkt allein mag auf Ihre Frage antworten. Nehmen Sie dann davon, was Ihnen am vernünftigſten ſcheint.— Sie ſprechen von einer Wunderzeit? Ja wohl iſt ſie eine ſolche, und meine ſtumpfen Sinne vermögen ſie nicht ganz zu faſſen. Ob jedoch die Wunder zum Glück ausſchlagen? Ich zweifle. Ziehen nicht ſchon die übermächtigen Legionen des feindlichen Europa gegen unſere Gränzen? Droht uns nicht derſelbe allgewal⸗ tige Ueberfall, deſſen Verwüſtungsſpuren kaum von leichtem Graſe überwachſen ſind? Was haben wir dem Feinde ent⸗ gegen zu ſtellen, was wir nicht in dem letzten verhängniß⸗ 11¹⁰ vollen Jahre ſchon aufgeboten hätten? Nicht die Ueberzahl bringt uns Gefahr und Noth: lebte der Geiſt der jungen Republik in uns, wir würden nicht zagen. Wir würden auch nicht weichen, wenn es nur darauf ankäme, unſer Recht zu behaupten, und die Vertreibung einer Dynaſtie, die uns nicht behagt. Aber, beſſern wir unſere Lage, wenn wir an die Stelle der Bourbonen ein Kaiſerthum ſetzen, das ſich ſchon ſelbſt überlebte? Joch bleibt Joch, ſey es von Eiſen oder von Gold; Tyrannei bleibt Tyrannei, ſie gehe nun im blendenden Harniſch des Ruhms oder im ſteifen Gewande der ſchalen Etikette einher. Der Mann, den Frankreich einſt ſo innig liebte, kam unter dem Schutze der Farben zurück, die wir noch verehren. Aber gerade mit dieſen Farben blen⸗ det er uns; aus ihnen würkt er ein Netz der Knechtſchaft über Frankreich. Hängen jedoch die Gebildeten im Volke an der zauberiſchen Macht gewiſſer Zeichen,— warum ſollte das Volk im Ganzen es nicht thun? Die Zeit, wo das weiße Panier die Franzoſen zum Siege führte, liegt uns ferne. Wir haben begonnen, an den Triumphen Ludwigs XIV. zu zweifeln; wir rechnen nach dem Unglück ſeiner letzten Re⸗ gierungsjahre, nach der Schmach franzoͤſiſcher Waffen im ſiebenjährigen Kriege; zum letztenmale erglänzte die könig⸗ liche Fahne im Schimmer verdienten Ruhms, als ſie in Amerika geſchwungen wurde. Dort jedoch tauften wir ſie anders, von jenen Geſtaden brachten wir ſchon andere Far⸗ ben mit, und das Volk ſchuf in der Revolution aus eigener Kraft und Machtvollkommenheit neue Fahnen, neue Zeichen, geweiht und geheiligt in zwanzigjährigen Siegen. Das Königsgeſchlecht verſtand ſich nicht auf die Kraft der Sym⸗ bole: es hätte die dreifarbige Fahne erhalten ſollen, und „ 101 würde dann noch regieren. Dieſe Farben werden bleiben, wenn Frankreich auch noch einmal den Mann verließe, der es auf's Neue erſchüttert. Und er wird fallen, dieſer Ko⸗ loß! ſeine Füße ſind von Thon. Die Grundlage ſeiner neuen Herrſchaft iſt Betrug und Lüge. Er täuſchte die Nation im Augenblicke, da er zu Cannes an's Land trat; er täuſcht ſie noch. Darum muß er fallen. Europa's Politik im Allgemeinen muß ſich, wenn ich nicht irre, in wenigen Jahrzehen⸗ den umgeſtalten. Tugend und Redlichkeit müſſen in den Regie⸗ rungen heimiſch werden. Die Moral muß nicht nur von den Kanzeln gepredigt, ſondern im Rathe des Herrſchers auch ausgeübt werden. Ein offenes redliches Wollen hält ſich in jedem Sturm, während Hinterliſt und Ränke denje⸗ nigen ſelbſt ermorden, der ſich ihrer bedient. Die Wahrheit und das Recht ſind ewig, und gehen aus jedem Kampfe ſiegreich hervor, ſo oft die Menſchen begreifen, für welche Sache ſie kämpfen. Unſere geſellſchaftlichen Beziehungen ſind zu klar geworden, und haben ſich immer mehreentwickelt, je klüger die Maſſen wurden. Dem Volke ſteht die Wiſſen⸗ ſchaft offen, wie den Fürſten. Das Volk ficht in den Pallaſt ſeiner Herrſcher, der Glanz derſelben blendet es nicht mehr. Es will Recht für Recht, Dienſt für Dienſt, und vor Allem den richtigen Standpunkt, der ihm gebührt. Napoleon iſt aber nicht auserſehen, dieſen Streit zu ſchlichten. Seine Bahn iſt eine ganz verſchiedene, und führt, wie ich fürchte, in ein dunkles Loos. O, daß Frankreich dieſes Loos nichts theilen müßte! Aber die fremden Bataillone, die an unſern Gränzen lagern, rauben mir die patriotiſche Hoffnung.— Sie werden finden, mein Oberſt, daß ich ſehr unzuſammen⸗ hängend ſpreche, und erlauben dem alten Manne, ſeiner Philoſophie die Phantaſie zu Hülfe zu führen.— Ich ſchlief in verwichener Nacht ſehr unruhig, und nur von Zeit zu Zeit legte ſich der Schlummer auf die Augenlieder des Grei⸗ ſen, deſſen Schlaf mit ſeinen Lebenstagen abnimmt.— Ich hatte gerade meines Sohnes gedacht, der, nach ſeinem letzten Berichte, aus der Vendee nach der belgiſchen Gränze kom⸗ mandirt wurde. Ich hatte der tückiſchen Zufälligkeit, die bis jetzt noch meinen Victorin und Ihre Suzon getrennt hält, ein ſorgenvolles Gedächtniß geſchenkt. Ich hatte an meinen Tod und an Ihre Zukunft, mein Freund, gedacht. Da entſchlief ich, und der Traum gaukelte mir eine ſo bedeutſame Alle⸗ gorie vor, daß ich dieſelbe in meinem Gehirne feſthielt, ob⸗ ſchon ich ſonſt Träume ſehr leicht vergeſſe. Es war Nacht um mich her, und ein friſcher Luftzug wehte mich an, dem Meereswinde ähnlich, der zu Boulogne oft über unſer Lager ſtrich. Eiſig durchſchüttelt ſah ich mich um, und entdeckte durch die finſtere Nacht das Schimmern der Meereswellen, das ſich oft wie Phosphorlicht zu gewiſſen Stunden des Abends zeigt. Im Traume erinnerte ich mich an Malta, wo uns dieſes Schauſpiel einmal geworden, und errieth plötzlich, daß ich mich wieder auf einer Inſel befand, zuſam⸗ mengetragen aus wilden Bafaltfelſen, kärglich überdeckt von Erde und Sand, und von magerm Strande eingefaßt. Ich ſtand allein auf dieſem Strande, und neben mir lag ein einſames Grab. Das Meer wogte unruhig, und trieb eines großen Schiffes Trümmer pfeilſchnell an mir vorüber. Die funkelnde Waſſerfläche war davon überdeckt, und die Wogen ſpielten mit zerriſſenen Trophäen und zerſplitterten Fahnen. Es waren Frankreichs Adlerfahnen, es waren ſeine ſiegrei⸗ chen Geſchütze, ſeine ſtarken Anker, die eine Beute der — 113 feſſelloſen Elemente geworden. Die Trümmer ſpülten ſich heran bis zu dem Grabeshügel, worunter es ſtille war und laut⸗ los. Ein Degen, ſonſt gefürchtet von der geſammten Welt, lag auf dem Grabe, und ich ahnte, wer darinnen gebannt. Mit einemmale fuhr eine blitzähnliche Helle durch den fin⸗ ſtern Horizont, und ringsum auf dem Inſelgeſtade, wie auf der Oberfläche des Waſſers, wie im Saume der Wolken, ſtanden rieſige Geſtalten, Mann an Mann gereiht, Schaar an Schaar: ein unabſehbares Heer von allen Waffengat⸗ tungen, geballt aus Nebel und geſpenſtigem Duft. Sie waren es, die Freunde, die Waffenbrüder, alle waren es, die ſeit Beginn des Freiheitskampfes den franzöſiſchen Pa⸗ nieren in Schlacht und Tod gefolgt. Sie waren herabge⸗ ſtiegen aus den Wolken, oder heraufgetaucht aus dem Grunde des Meeres, eine Ehrenwache zu halten, um das Grab ihres größten Feldherrn. Lorbeerkränze ſchmückten die Häupter der vorausgegangenen Generale, Sterne flimmerten auf den Mützen der Grenadiere, denen noch das ruſſiſche Eis im Schnurrbart zu hängen ſchien; die Augen der Wolkenroſſe, auf denen ſich die Reiterei unbeweglich hielt, leuchteten wie eben ſo viele Monde durch die Nacht auf das Grab. Und auch ich ſtand unter meinen Waffenbrüdern, die mich an den Pyramiden, am Ebro und an der Donau gekannt;z auch ich war zur ungeheuren Höhe erwachſen, berührte mit meinem Haupte das Firmament, mit meinem Fuße das Meer. Ein dumpfes Kommandowort lief durch alle Glieder, und mit dem Pomp einer großen Parade präſentirten wir alle das Gewehr vor dem ſtillen Hügel. Er öffnete ſich plötzlich. Ein Rieſenkörper ſchien ſich daraus hervorarbeiten zu wollen, ungeheure Schultern erſchütterten aufſtrebend die Grundfeſten der Felſen,„ ein 5. 8 114 wohlbekanntes Haupt ſtieg aus der Tiefe, und ſank ſchnell wieder zurück, ohnmächtig den Verſuch laſſend. Ein Seuf⸗ zer fuhr durch alle Lüfte. Ein grauſes Lebewohl ſchallte dumpf von allen Lippen, und mit entſetzlichem Rauſchen ſanken im Nu alle die bewaffneten Geſpenſter in die Fluth hinunter. Ich erwachte, und mein erſter Gedanke war, daß Frankreichs Held an ſeinem Ziele ſtehe, und ich mich bereit halten müſſe, bald nach der himmliſchen Kantonirung abzu⸗ gehen, wo meine Kameraden mich erwarten.“ Die Erzählung des Invaliden hatte auf Dammartin un⸗ veſchreiblichen Eindruck gemacht. Der Oberſt umarmte ſei⸗ nen Freund, und ſagte ihm tröſtend:„Leideſt Du wieder an ſo furchtbaren Träumen? Beruhige doch Deinen Geiſt. Du wirſt noch lange leben, uns Allen zur Freude, und Dich ſo ſpät als möglich zu den heimgegangenen Heerſchaaren ver⸗ ſammeln.“ Sans⸗Regret erwiederte lächelnd:„Sie wiſſen, daß ich mich vor dem Ende nicht fürchte; der Eintritt in die ſtumme Republik, wo ein jeder dem andern gleich iſt, hat für mich, ven hartnäckigen Republikaner, nichts Schreckliches. Mag mein Leib zerfallen; wenn nur diejenigen fröhlich leben, die ich im Herzen trage. Aber eine Ahnung ſagt mir, daß es nicht gut gethan iſt, ſich an die zerfallende Gewaltherrſchaft anzuſchließen. Thun Sie das nicht, mein Oberſt. Kehren Sie nicht in den Kreis zurück, den Sie verlaſſen; was mei⸗ nen Sohn betrifft, ſo hält ihn die Dankbarkeit am Kaiſer feſt, und der Himmel ſey mit ihm. Sie jedoch ſchulden dem Kaiſer nichts, aber Ihrer Familie den Vater, dem Vaterland den Bürger.“ . „Mögen Deine Worte mich ſtärken, und meinen Vorſatz bekräftigen;“ ſagte Dammartin mit einem leichten Seufzer: „Ich gehe in dieſem Augenblicke nach dem Schloſſe, wohin mich der Kaiſer berufen ließ. Es iſt meine Pflicht, zu hö⸗ ren, was er verlangt. Ein guter Geiſt möge mir die Ant⸗ wort eingeben.“ „Das wolle der Himmel!“ verſetzte der Invalide, und ſah ſeinem Freunde mit bekümmertem Auge nach. Dann ging er langſam zu ſeinen Blumen, widmete ihnen einige Augenblicke, lehnte ſſich aber bald zerſtreut auf die Balu⸗ ſtrade. Mürriſch murmelte er vor ſich hin:„Warum iſt der wackere Dammartin nicht aus dem niedern Volke hervorge⸗ gangen? Sein Leben wäre dann nicht eine Kette von Zwei⸗ feln und Wechſeln geweſen. Die Träume jugendlichen Ehr⸗ geizes wirken noch ungünſtig in das Alter hinüber. Wer ſich in jungen Jahren dem Wechſel hingab, und nach phan⸗ taſtiſchen Ideen rang, hält auch als Mann nicht immer die gerade Linie. Das Schickſal möge Alles zum Beſten wenden!“ Dammartin hatte die Lehren und Ermahnungen ſeines Freundes beim Eintritt in die Tuilerien nicht vergeſſen, aber mit unvermutheter Lebendigkeit friſchte ſich auch ſeine Erinnerung auf, als er vor dem Kaiſer ſtand. Der Sie⸗ gesflug ſeiner Jugend glänzte aus den Augen des Feldherrn wieder in ſein Gedächtniß. Eine Rührung, die er kaum bemeiſtern konnte, bemächtigte ſich ſeiner. Der Anblick des Kaiſers rechtfertigte dieſe Rührung nur zu ſehr. Napoleon war nicht mehr der Mann, der er noch in den Schlachten von Brienne und Laon geweſen. Der kurze Auf⸗ enthalt in Elba, verbunden mit den Folgen der herzzer⸗ reißenden Auftritte von Fontainebleau nachthrilig auf 116 ihn eingewirkt. Dem Aeußern nach ſchwerfällig geworden, ſprach ſich auch in ſeinen Zügen, wie im Blick, eine düſtere Ermattung aus. Ein tiefes Leiden ſchien ſich in ihm zu ge⸗ ſtalten, ob nun aus Beweggründen, welche die Seele in Anſpruch nehmen, oder aus körperlichen Urſachen. Die Ge⸗ ſichtsfarbe war bleicher geworden, weniger ſtechend das Auge, und kraftloſer die Geberde. Es war, als ob in dem einen Jahre ein Jahrzehend über dem Haupte des Helden hinge⸗ rauſcht wäre. Aber ſeine Rede war die alte, und unge⸗ ſchwächt ſeine Kunſt, durch einen raſchen Ueberfall diejenigen Gemüther zu gewinnen, die er nicht zu überzeugen vermochte. Nicht minder ungeſchwächt ſtand in ihm die Feſtigkeit auf⸗ recht, die dem Starrſinn gleicht, aber vermögend iſt, aus den nächſten Hinderniſſen die Flammen des Glücks und der Hoffnung zu ſchlagen, wie das Eiſen den Funken aus dem harten Kieſel. Der große Geiſt wußte damals ſchon, daß er nur von ſich ſelber Hülfe zu erwarten habe, aber er ver⸗ zweifelte nicht daran, und ſtählte ſeine nachlaſſenden Kräfte durch die unermüdlichſte Arbeit, die im Verlauf von weni⸗ gen Monden ein furchtbares Heer erſchuf, wo nicht einmal mehr die Cadres und Depots organiſirt beſtanden hatten. Zugleich vergaß er nicht, diejenigen Talente um ſich zu ver⸗ ſammeln, die er als Mittel zu ſeinem Zwecke aufſtellen mochte. Dieſe zu ſeinen Anhängern zu machen, ſie in den Kreis ſeiner Dienſtbarkeit zu ziehen, war eine Aufgabe, ſchwieriger, als den Befehl zur Werbung von Hunderttau⸗ ſenden durch das Reich zu erlaſſen. Da ſeine Erinnerung an Menſchen und Dinge nie fehlte, ſo hatte er ſich auch des Oberſten entſonnen, gin brauchbares Werkzeug in ihm ge⸗ funden, und ihn vor ſeine Perſon beſchieden. Heiterkeit auf „ 17 der Stirne, redete der Kaiſer ſeinen ehemaligen Adjutanten freundlich an: „Willkommen, Oberſt. Sie halten an Ihren Grund⸗ ſätzen. Sie ſuchen den Fürſten nicht mehr auf, dem Sie einſt den Abſchied gegeben. Sie machen ſich rar, und es thut Noth, daß man ſich um Sie bewirbt. Ich wünſche mit Ihnen zu plaudern. Wie geht es Ihnen?“ „Vollkommen gut, Sire. Das Glück ſcheint gerechter gegen mich zu werden, als früherhin. Ich bin zufrieden.“ „Das iſt viel. Sie haben ein ſeltenes Lvos. Doch iſt es nicht recht, daß Sie in Ihrem Atter ſich dem öffentlichen Dienſte entziehen. Die Zeit iſt ſchwer und bedarf ſtarker Schultern. Ich ſchmeichle mir, daß Sie jeden Groll gegen mich vergeſſen haben, ſo wie ich Alles in der Vergeſſenheit begrabe, was mir an Ihnen nicht gefiel. Ich mache Sie zum General. Sie werden auf dem Treſor eine Anweiſung für Sie finden. Halten Sie Ihre Equipage bereit. Es wäre möglich, daß Ihre Brigade binnen Kurzem in's Feld rücken dürfte.“ Dammartin war auf's Aeußerſte erſtaunt. Einer ſolchen Ueberrumpelung hatte er ſich nicht verſehen. Er bückte ſich verlegen, und ſprach einige Worte von ſeinem feſten Vor⸗ ſatze, nie wieder in das Heer zu treten, von den Hoffnungen ſeiner Familie, und dem Bedürfniß, Ruhe zu finden.— Der Kaiſer unterbrach ihn aber ganz kurz, und verſetzte lächelnd: „Bah, bah, General; ſeyn Sie nicht kindiſch. Wollen Sie nicht aufhören, zu ſchmollen? Unter Freunden muß man einige Mißverſtändniſſe nicht ſo lange nachtragen. Allons, mein Freund, faſſen Sie Muth, und vertrauen Sie mir. Ich 118 habe gelernt, diejenigen hochzuſchätzen, die ſich früher über mich zu beklagen hatten. Ich werde größtentheils mit neuen Menſchen agiren. Meine Grundſätze haben ſich im Weſent⸗ lichen geändert. Nur in der Liebe zu meinen alten Schnurr⸗ värten bin ich vollkommen der alte. Sie zähle ich auch darunter; wer in Aegypten war, gehört zu den Eliten des Heeres. Wir wollen noch in einen einzigen Kampf gehen, und uns dann alle an den ruhigen Herd ſetzen; ich der erſte. Ich werde alt, ich fühle es. Ich habe lange nachgedacht, und bin mit mir auf's Reine gelommen. Der Wunſch von ganz Frankreich hat mich zurückgerufen, und mein Ehrgeiz beſteht nur darin, das Vaterland wieder auf einen würdigen Standpunkt zu ſtellen. Dann ſey Friede, ewiger Friede.“ „Friede und Freiheit, Sire. Ohne Freiheit rechnen Sie auf keinen Dank von der Nation.“ „Ich weiß, mein Lieber, ich weiß es. Meine Eroberungs⸗ träume ſind dahin. Ich ſehe ein, daß dieſes Spſtem nicht mehr paßt. Ich bin auch zu Manchem verleitet worden, von Menſchen verleitet, die mich hinterher verriethen. Ich ver⸗ achte dieſe Verräther, und halte mich zu hoch, um ſie zu ſtrafen. Ich verzeihe gerne Beleidigungen, wenn ſie nur aus redlichem Munde kommen. Ney iſt ein Beweis hiervon. Mäßigung ſoll meine erſte Tugend ſeyn. Keine Eroberung mehr. Freiſinnige Inſtitutivnen; das will das Volk. Ich höre, es ſoll mit meiner Zuſatzakte zur Konſtitution nicht zufrieden ſeyn?“ „Die Nation hatte mehr erwartet, Sire.“ „Man kann nicht alle Erwartungen im erſten Moment be⸗ friedigen. Muß ich mich nicht ſelbſt erſt an das neue Syſtem „ gewöhnen? Ein erzog:ner Soldat, wie ich, kennt keine Frei⸗ heit, als die des Heerführers. Nachdem ich den Krieg geen⸗ digt haben werde, will ich mich ſchon in den Frieden und ſeine Erforderniſſe finden. Wer weiß, ob ich dann nicht weiter gehe, als das Volk ſelbſt meint? Ich bin freigebig, wenn dieſes zum Glücke Frankreichs führt. Es wird mir nicht ſchwer ſeyn, eine Charte zu erſetzen, die von dem Kö⸗ nig zwar gegeben, aber nicht gehalten worden. Mein Sohn ſoll ein Friedensfürſt werden.“ „Wie beruhigt wäre Frankreich, wenn dieſer erlauchte Knabe ſich in ſeinem Schvoße befände!“ Der Kaiſer faltete melancholiſch die Stirne; er ſchlug jedoch“ die Augen mit neuer Zuverſicht auf, und entgegnete: „Alles zuſammen genommen, hat doch wohl mein Schwieger⸗ vater ein menſchliches Herz. Die Bande ſeiner Allianzen feſſeln ihn zwar noch jetzt, aber ein Sieg der franzöſiſchen Heere wird das Blatt umkehren. Frankreich wird nicht lange ſeines zukünftigen Herrſchers entbehren.— Ich ſpreche un⸗ gern von dieſen unangenehmen Verwicklungen. Mein Herz ſehnt ſich nach einer letzten entſcheidenden Schlacht. Alles für das Volk. Wir verſtehen uns, ich und die Nation. Was tümmere ich mich weiter um die königlichen Sippſchaften von ganz Europa! Nur ein Krieg kann uns allen Schwie⸗ rigkeiten entheben. Dieſer Krieg wird lange dauern, aber muthig durchgefochten werden. Gehen Sie, General; ſorgen Sie für Ihre Equipage.“ Halb bezwungen von der Freundlichkeit und dem Ver⸗ trauen des Kaiſers ſtand Dammartin einige Minuten un⸗ ſchlüſſig, antwortete aber alsdann mit beſcheidenem Tone: 120 „Ich kann Ihnen noch nicht für Ihr Geſchenk und Ihr Wohlwollen danken, Sire, weil ich noch nicht weiß, ob ich das erſtere annehmen darf, ob ich das letztere verdiene. Ihro Majeſtät mögen ſelbſt darüber entſcheiden. Sie wiſſen, daß die Güte und Freigebigkeit eines Bourbons den Grund zu meinem Wohlſtand und meinem Glücke gelegt. Wie möchte ich ſolche Gunſt mit dem Degen in der Fauſt ver⸗ gelten? Wie ſehr ich überzeugt bin, daß die Entfernung der Königsfamilie nothwendig war, ſo ſehr zweifle ich noch, ob es mir nach den Begriffen der Ehre verſtattet ſeyn möchte, thätigen Antheil an dieſer Vertreibung zu nehmen.“ Der Kaiſer dachte ein paar Augenblicke nach, und ver⸗ ſetzte alsdann:„Ich würde verneinen, wenn es ſich hier blos von einem Kampfe mit den Bourbonen handelte. Aber dieſe unſelige Dynaſtie ruft ganz Europa gegen uns in die Waffen. Ein ächter Franzoſe zieht für die Vertheidigung des vaterländiſchen Bodens ſein Schwert, ohne anderer Rückſichten zu gedenken. Beruhigen Sie ſich, General. Sie ſtreiten hier nicht gegen den König, nicht für meine Perſon, ſondern einzig für die Heimath, und gegen die Fremden. Das ſtrengſte Ehrengericht würde nur zu Ihren Gunſten entſcheiden. Wenn übrigens in der Folge das Geſchenk des alten Herzogs Ihnen läſtig würde, ſo überlaſſen Sie es meiner Sorgfalt, Ihnen daſſelbe zu erſetzen. Gehen Sie nur, treffen Sie alle Ihre Anſtalten. Soult iſt angewieſen, Ihnen Ihre Beßtimmung zu eröffnen.“ Dammartin verneigte ſich wieder ſchweigend, und dachte noch eine letzte Entgegnung zu machen, als Napoleon vor ihn hintrat, ihn mit beſiegtem Geſichte anblickte, eine Hand auf ſeine Schulter und die andere auf ſeine Bruſt legte. „ 121 Dazu ſprach er mit einiger Rührung die Worte:„Sie ha⸗ ben mich immer geliebt. Ich wußte das wohl. Ich war überzeugt, daß Sie Ihren alten Waffenbruder nicht verlaſſen würden. Friede und Eintracht zwiſchen uns. Auf Ihrer Bruſt fehlt noch immer das Zeichen der Tapfern. Mein Eigenſinn trägt hievon die Schuld. Ich würde es Ihnen jetzt verleihen, wenn ich nicht fürchtete, daß Sie als eine Beſtechung anſehen möchten, was Ihnen doch als Lohn längſt bewieſener Tapferkeit ſchon längſt gebührt. Aber auf dem nächſten Schlachtfelde werden Sie ſich auszeichnen, und Ihr Kaiſer, Ihr Freund, wird die Pflicht der Dankbarkeit nicht gegen Sie vergeſſen.“ Dammartin fühlte ſich von dieſer biederherzigen Solda⸗ tenrede ſo erſchüttert, daß Thränen aus ſeinen Augen ſtürz⸗ ten, womit er die Hand des Kaiſers benetzte, indem er ausrief:„Sie haben jeden Widerſtand in meiner Seele be⸗ zwungen, Sire. Von nun an ewig der Ihrige. Bis zum Tode der Ihrige!“ Der Kaiſer ſchüttelte die Hand des Generals, und ver⸗ ſetzte mit zufriedener Miene:„Gerade wie einſt Maedonald; gerade wie vor kurzem mein tapferer Ney. Wahrhaftig! ich habe mich nie in einem wackern Soldaten betrogen. Die Blauen bleiben blau, ſo gut wie die Weißen weiß. Adieu: es wird mich freuen, Sie auf dem Maifelde in meiner Nähe zu ſehen.“ Sechstes Rapitel. Die Nacht zu Genappe. „Michaud, mein Sohn Michaud! Wo ſteckſt Du?“ rief die Wirthin vom rothen Kreuz zu Genappe, indem ſie vor die Thüre trat, obſchon der Regen heftig herunterſtrömte. — Sie wiederholte diefen Ruf einigemal, ehe der Sohn⸗ ein kleiner, bucklicher Menſch, unter der Thüre des Pferde⸗ ſtalls ſich ſehen ließ.—„Was ſoll's, Mutter?“ fragte er unmuthig. Die Wirthin winkte ihn zu ſich her, und ſagte ihm:„Du ſichſt, mein Sohn, wie mein Haus überfüllt iſt von den franzöſiſchen Truppen, und ſtatt mir zur Hand zu gehen, beſchäftigſt Du Dich immer mit dem Pferdehandel, der nun ſchon ſeit ein Paar Tagen unaufhörlich andauert. Denk doch an Dein Hausweſen, und an die ſchwere Kriegs⸗ zeit.“ „Das thue ich auch, Mutter;“ verſetzte Michaud mit einem pfiffigen Lächeln:„wir armen Leute müſſen vom Krieg proſitiren, wie es ſich nur immer thun läßt, darum eben treibe ich den Handel mit den Pferden. Der Ankauf kommt mir eben nicht theuer. Die beiden Schlachttage haben mir „ 123 hinlängliche Beute in die Hand geliefert. Die Inden von Namur handeln gern mit mir, und ich bin im Stand, ihnen einen billigen Nutzen zu laſſen. Mein armer Bruder iſt im Kriege für den verdammten Napoleon geſtorben; ich will glücklicher ſeyn als er.“ Die Wirthin ſchlug die Augen voll Thränen gen Him⸗ mel auf, und erwiederte mit gefalteten Händen:„Es war ein vortrefflicher Menſch, der gute Jean Baptiſte. Er war viel beſſer als Du, Michaud; ohne Dir zu ſchmeicheln. Gott habe ihn ſelig. Dich aber behüte der Himmel vor dem unglück, welches Dein Uebermuth verdient. Du ſtiehlſt die Pferde aus der Bataille, um Dir einen Mammon zu ſammeln. Wie aber, wenn der Feind Deinen Schatz fände, und mit ihm die ganze Frucht Deines Schleichhandels? Man muß auch im Kriege ehrlich ſeyn, und klug obendrein⸗ Michaud. Man muß nicht auf den Kaiſer ſchimpfen, wäh⸗ rend uns der Kaiſer in Perſon vielleicht ganz nahe iſt.“ „Ei, was ſchiert mich das?“ ſagte Michaud mit höhni⸗ ſchem Trotz, und wurde blaß, als im nämlichen Augenblick von der Gaſſe her ein raſendes Vivatgeſchrei aus unzähligen Soldatenkehlen erſcholl. Ein Haufen von Grenadieren ſtürmte in den Hof und jubelte noch ſein:„Es lebe der Kaiſer!“ „Was iſt's, was iſt's, lieben Freunde?“ rief die Wirthin⸗ und Michaud zog die ſchmußige Mütze vom Kopfe, trotz des Platzregens. „Der kleine Korporal reitet ſo eben vorbei!“ ſchrie ein Unteroffizier mit enthuſiaſtiſcher Geberde:„Die rothen Schufte laufen, was ſie können. Schade, daß die Dunkelheit ſie in Schutz nimmt. Kein Mann ſollte entkommen.“ 124 Indeſſen umringten andere Gruppen von Soldaten die Wirthin, und verlangten Bier, Wein und Branntwein. Wieder andere machten ſich an Michaud mit denſelben For⸗ derungen und mit dem Begehren, ihnen einen Raum anzu⸗ weiſen, wo ſie ein paar Minuten ruhen könnten.— Da die erſten Worte nicht viel bei dem tückiſchen Brabanter nutzten, ſo halfen Kolbenſtöße und Fauſtſchläge nach, und Michaud lief den Soldaten in's Haus voran, ſo geſchwind als ſeine Holzſchuhe es erlaubten. Die neuen Gäſte fanden das ganze Gebäude ſchon von Kameraden beſetzt. Um den Herd drängte ſich Mann an Mann, Pferde ſtanden an den Küchentiſchen angebunden⸗ und fraßen davon den Haber, wie aus einer Krippe. Sattel⸗ zeug, Waffen und Torniſter lagen durcheinander auf dem Boden, Reiter und Infanteriſten tranken und ſpeisten, was ihnen die Bereitwilligkeit der Wirthin gegeben, oder wozu ihnen eigene Induſtrie verholfen. Mehrere Bierfäſſer lagen theils rinnend, theils ſtanden ſie aufgeſchlagen in der Küche umher; ungeheuere mit Stroh umflochtene Flaſchen, voll des beliebten Sacré chien tout pur gingen von Hand zu Hand, von Mund zu Mund der durſtigen Krieger, kredenzt von einigen handfeſten Stalldirnen, die Muth genug hatten, ſo⸗ wohl den Feindſeligkeiten als den Liebkoſungen der Solda⸗ teska Trotz zu bieten. Ueber die ganze Scene hingen als eigenthümliche Draperie durchnäßte Soldatenmäntel auf den rauchgebräunten Stangen des Herdes, triefende Guidons, und übelzugerichtete Pferdedecken. Der Dampf und Qualm in dieſem Raume war unausſtehlich, der Soldat überzogen von Koth und Schlamm bis zum Knie, aber luſtig rauchten die Pfeifen, das Geſpräch war bedeutend lebendig, Geſang „ 125 ſchallte von mancher Lippe, und Siegesfreude lachte aus den Zügen der von Pulver geſchwärzten Geſichter. Die Verſtärkung der Einquartierung konnte ſich nicht rühren, und drang daher in ein Nebengemach, wo ſich meh⸗ rere Offiziere kurze Raſt vergönnten. Aus dieſem Gemache ging eine Thüre in ein kleines anſtoßendes. Der Schwarm wollte ſich hineinwälzen. Ein alter Offizier von der Garde trat ihm entgegen, und verbot ihm den Eingang.—„Warum, mein Offizier?“ fragte der Führer des Haufens.—„Es liegen Verwundete darin.“—„Ah, das iſt etwas anderes. Kameraden?“—„Nein. Verwundete Engländer und Bel⸗ gier.“—„Das iſt wieder etwas anderes, mein Offizier. Wir haben heute die Blauen und die Rothen geſchlagen: wir ſind müde wie die Hunde. Der Feind mag uns auch hier Platz machen.“—„Wo denkt Ihr hin, meine Freunde? Seyd Ihr nicht Franzoſen, die großmüthigſte Nation von der Welt? Könntet Ihr mit gutem Gewiſſen die letzten Stunden des beſiegten Feindes beunruhigen? Gewiß nicht. Zum Erſatz jedoch, arrangirt Euch hier, wie Ihr könnt. Im Sieg und in der Niederlage iſt jeder Rang dem andern gleich.“ Die Soldaten, obgleich erſchöpft von der Schlacht bei Ligny, von den Gefechten bei Quatre⸗Bras, aus denen ſie gerade kamen, nahmen dennoch Vernunft an. Mit der De⸗ cenz, die von jeher die Subordination in den franzöſiſchen Armeen verſchönte, gehorchten ſie, und richteten ſich ein, wie es anging.— Die Ruhe war eine kurze. Nicht lange, und es ſchlugen wieder in der dunkeln Nacht die Trommeln, und vorwärts ſchoben ſich die Maſſen des ſiegenden Heeres durch die Straßen des Städtchens. Noch donnerten von fern die Kanonen der engliſchen Nachhut aus dem Saume des Waldes von Soignies gegen die verfolgenden Truppen des Kaiſers. Noch ſchlug man ſich in geringer Entfernung von dem Städtchen Genappe auf der Heerſtraße und den Feldern. Die engliſche Reiterei konnte in dem tiefen Moraſt nicht raſch in's Weite ſprengen, und fiel daher häuſig in die Gewalt des Feindes, unter ſeinen Kugeln. Geſchützabtheilungen ſchleppten ſich in gedrängter Reihe auf der Brüſſeler Heerſtraße vorwärts, und es war ſchon ſtockfinſtere Nacht, als Napoleon den Be⸗ fehl gab, auf allen Punkten Halt zu machen. Sein Haupt⸗ quartier war in einer armſeligen Meierei, und ſeine Tapferen bivouakirten auf unwegſamen Straßen und bodenloſen Fel⸗ dern, den feindlichen Wachtfeuern gegenüber, die in weiter Ausdehnung am Rande des Gehölzes ſichtbar wurden und ein blutiges Schauſpiel fär den nächſten Tag vorbedeuteten. In Genappe war ein großer Theil des Trains der Armee zurückgeblieben; Soldaten vom Fuhrweſen⸗ unbrauchbar ge⸗ wordene Artillerie, und Verpflegungsperſonal, das nach und nach vereinzelt ankam, hielten die Häufer und Straßen be⸗ ſetzt.— Auch in dem Wirthshauſe zum rothen Kreuz war es ſtiller geworden, und Michaud hatte ſich entfernt, um wieder ſeinen Pferdefang zu treiben, der auf der Brüſſeler Straße ergiebig zu werden verſprach. Seine Mutter war allein im Hauſe, umgeben von den Trümmern der improvi⸗ ſirten Mahlzeiten, die ſie ihren ungebetenen Gäſten vorge⸗ ſteckt, allein wachend, während das übrige Geſinde vor Er⸗ müdung eingeſchlafen war. Die gutmüthige Alte war ſo eben auf leiſen Socken in den Keller geſchlichen, wo ſie ihre baare Habe vergraben wußte, hatte ſodann einen Blick der Barmherzigkeit auf die Verwundeten geworfen, die während — 127 des Rückzugs von Wellingtons Truppen auf eine Streu in ihr Haus gelegt worden, und erquickte gerade den einen von ihnen, einen holländiſchen Kavalleriſten, der noch etwas mehr Lebenskraft zeigte, als ſeine Gefährten, mit einem kühlen Trunke. Da kam ein Wagen vor das Haus geraſſelt, und kräftige Fäuſte donnerten an das Hofthor. Die Wirthin eilte hinaus, und fragte durch die Lucke, wer da ſey. Fran⸗ zöſiſche Flüche antworteten, dann die ſanftere Stimme eines alten Mannes, endlich ſchmeichelnde Worte aus dem Munde einer Frau. Das Mitgefühl für ihr Geſchlecht entſchied in der Ueberlegung der Wirthin. Sie öffnete, und ein Wagen, fürchterlich zugerichtet von Schmutz und Regen, und mit elenden Pferden beſpannt, die der Fuhrſoldat, welcher auf dem Bock ſaß, gerade vom Pflug genommen zu haben ſchien, rollte herein.— In der Kaleſche ſaß ein Frauenzimmer in Mantel und Schleier, neben ihr ein Begleiter von anſehn⸗ lichen Jahren, im Militärüberrock. Als er ausſtieg, bemerkte die Wirthin, daß ein Säbel an ſeiner Hüfte hing, und meh⸗ rere Piſtolen aus ſeinem Gürtel, aus ſeiner Taſche ſahen. „Motre dame de la Garde!“ rief der Fremde mit Unge⸗ duld in Ton und Miene:„Welch vermaledeites Wetter in dem vermaledeiten Brabant! Allons, Bourgviſe, richtet ein Zimmer für die Frau Generalin. Wir werden einige Stun⸗ den hier verweilen, bis die Sündfluth nachläßt. Iſt die Armee ſchon vorüber?“ „Alles, mein Herr;“ verſetzte die Wirthin:„Alles auf der Straße nach Brüſſel zu, die Engländer ſind aus allen Näthen geſchlagen, und laufen was ſie können.“ „Wohl bekomm's. Einen Regenſchirm, meine gute Dame. Die Frau Generalin kann doch nicht in der Kaleſche ſitzen bleiben. Ueberhaupt bitte ich um prompte Bedienung. Wir finanziren gut, darum ſchnell, mit freundlichem Geſicht, und was das Haus vermag.“ Die Wirthin lie, eine Magd am Herde zu wecken, die ſchlaftrunken mit einer Laterne herbei kam, und brachte einen zerriſſenen Regenſchirm von Wachstuch, welcher der ausſtei⸗ genden Dame ein kümmerliches Obdach bot. Die Generalin zitterte vor Froſt und Bangigkeit, als ſie, von der Wirthin und ihrem Begleiter unterſtützt, die paar Schritte zur ver⸗ fallenen Treppe der Hausthüre machte. Die Wirthin ſuchte ihren vornehmen Gaſt etwas zu beruhigen, rückte ihm vor⸗ läufig den zerriſſenen Lehnſtuhl zur Gluth des Herdes, fachte das Feuer geſchäftig an, ſendete die Magd fort, um einige verſteckte Bettſtücke vom Speicher zu holen, und ſagte mit vieler Gutmüthigkeit, indem ſie die Hand der Generalin drückte:„Faſſen Sie Muth, meine gute Dame, Sie ſind hier bei ehrlichen Leuten. Es ſoll Ihnen alles zu Dienſten ſtehen, was in ſolcher Verwirrung zu haben iſt. Sie ſind wohl erſchöpft von einer langen Fahrt? Wie kommt aber auch eine Dame von Ihrem Rang und Ihren zarten Glie⸗ dern in dieſes ſchreckliche Getümmel?“ „Ach, liebe Frau; Ihr ſeyd gewiß verheirathet, oder ſeyd es geweſen?“ „Geweſen, meine gute Dame. Mein braver Mann iſt ſchon ſeit zwölf Jahren todt. Ich errathe, warum Sie fra⸗ gen. Gewiß ſind auch Sie verheirathet, und folgen Ihrem Mann, der bei der Armee iſt.“ Die Generalin nickte traurig mit dem Kopfe. Die Wirthin fuhr fort: . 129 „Ich weiß, wie das thut. Mein älteſter Sohn, der ſchönſte Burſch von Genappe, wurde vor mehreren Jahren in der Conſeription zu den franzöſiſchen Soldaten gezogen. So fröhlich er war, als er jubelnd nach Lille ging, wo er ſich zu ſtellen hatte, ſo traurig war mein Mütterherz und wurde immer trauriger, als ich erfuhr, daß mein Sohn über den Rhein marſchierte, um ſich mich den Kalmucken und Deut⸗ ſchen zu ſchlagen. Wie gerne wäre ich ihm nachgereist! Ich alte Frau hätte ihm mit tauſend Freuden auf dem Marſch das Gewehr getragen, ſeinen Torniſter geſchleppt, und all mein bischen Geld hergegeben, um ihm eine Labung zu be⸗ reiten. Doch hörte ich bald, daß der liebe Gott mit ihm ein Ende gemacht Er liegt in Sachſen begraben. Da iſt nun freilich nichts mehr zu machen. Aber Sie, meine gute Dame, müſſen ſich faſſen und gleichgültig ſeyn, weil Ihr Mann noch lebt und alles von der Zukunft ſich noch erwar⸗ ten läßt.“ „Liebe Frau: wer weiß, ob mein Mann noch am Le⸗ ben iſt „Ei, Sie hätten ſchon erfahren, daß er ſeinen Tod ge⸗ funden. Es giebt der Generale nicht viele, folglich können auch ihrer wenige umkommen, und folglich würde Ihr Mann um ſo leichter im Tode bemerkt. Wo haben Sie ihn zum letztenmal geſehen?“ „Er weiß es nicht, daß ich ihm gefolgt bin. Als nach dem Maifelde alle Truppen und Generale ſo unvermuthet ſchnell aufbrechen mußten, trennte ſich auch mein Mann, der Pflicht gehorchend, von mir, und befahl mir, da ich ihm 1V. 5. 9 damals ſchon folgen wollte, zu Paris bei meiner Tochter zu bleiben, die freilich des Troſtes bedurfte, indem ſie eine trauernde Braut iſt, deren Verlobter ebenfalls in dem Heere des Kaiſers dient.“ „Der Befehl ihres Mannes war gewiß ſehr vernünftig. Warum aber befolgten Sie ihn nicht? Sie hätten ſich viel Angſt und Mühe erſpart, und Ihrer Tochter einen TDroſt er⸗ halten, den eine arme Braut ſehr nöthig hat.“ Die Generalin trocknete einige Thränen von ihrer Wange⸗, und entgegnete:„Wenn ich mir auch gleich den Vorwurf mache, daß ich ungehorſam war, ſo konnte ich es doch in Paris nicht länger aushalten, weil eine unerklärliche Angſt mir Tag und Nacht vorſchwebte und mich drängte, dem Heere zu folgen, und das Schickſal meines Mannes zu thei⸗ len, wie ich es ſchon in den Feldzügen von Spanien und Oeſterreich gethan. Keiner Beſinnung, keiner Wahl mehr fähig, trat ich meine Reiſe an, nur von einem alten wackern Freunde meines Mannes begleitet und die Tochter in der Geſellſchaft einer Offizierswittwe zurücklaſſend, die unſerm Hauſe verpflichtet iſt.— Ich hoffte meinen Mann noch in Philippeville zu treffen, aber ſchon hatten ſich die Armeen vorwärts bewegt und den Marſch nach Charleroi angetreten. Die neuen belgiſchen Gränzen waren überſchritten, der Krieg unausbleiblich.... ich wollte um jeden Preis meinen Ge⸗ mahl umarmen, bevor er ſich in den blutigen Streit miſchte. Vergebens! ſchon brüllten die Geſchütze bei Ligny. Wir ſiegten, ich flog der Armee nach, aber bereits war ſie wieder in neuen Treffen befangen. Meine Pferde fielen, die Poſt wußte leine mehr aufzutreiben. Mein alter Freund ſchaffte 131 mit Geld und Gewalt neue Transportmittel herbei. Noch ſind wir in den Spuren des ſiegreichen Heeres, aber die Nacht unterſagt jede Weiterreiſe, obgleich es möglich wäre, daß mein Mann nur eine kleine Strecke von hier entfernt iſt.“ „So iſt es auch; Cap de biou, ſo iſt es, ſo wahr ich lebe!“ rief der Begleiter der Generalin, der ſich beim An⸗ fang des Geſprächs entfernt hatte, und nun, triefend von Näſſe, aber mit erheiterndem Geſichte, zurückkam:„Freuen Sie ſich, Madame. Der General iſt beim großen Stabe. Ein Kommiſſär, den ich traf, hat mir die Verſicherung darauf gegeben. Des Kaiſers Hauptquartier iſt gar nicht weit von hier entfernt. Es ſoll in Caillon aufgeſchlagen ſeyn.“ „Ei, das iſt unfern;“ ſagte die Wirthin:„Wenn die Frau Generalin ein Briefchen ſchreiben wollten, ſo könnte Ihr Mann noch, bevor es Morgen wird, von Ihrer Nähe unterrichtet ſeyn.“ Die Generalin nahm dieſe Bemerkung mit vieler Geiſteslebhaftigkeit auf, und fragte ihren Be⸗ gleiter:„Wie viel Uhr haben Sie, lieber Herr Sans⸗ Regret? Wenn es möglich wäre, einen Boten zu finden...“ Der Invalide zog die Uhr, und erwiederte:„Juſt Mitter⸗ nacht, Madame. Zeit wäre vorhanden, und der Bote will ich ſeyn.“ „Ach, wo denken Sie hin, lieber Freund?“ ſagte Adele beſorgt:„ich habe Ihren Jahren ſchon ſo viel zugemuthet, und Sie wollten ſich noch länger der böſen Witterung und möglichen Wechſelfällen der Racht und des Krieges aus⸗ ſetzen? Ich gebe das nicht zu, nimmermehr. Sehen Sie, 9* 132 wie Ihre Kleider triefen, von Ihrem Hute rinnt Tropfen auf Tropfen. Ich müßte mich als Ihre Moͤrderin anklagen.“ Der Invalide lächelte, obgleich mit ſehr ernſtem Aus⸗ druck in den Augen:„Pah, pah, Madame. Sie machen die Sache zu arg; Sie halten mich für viel zu ſchwach. Wenn ich aber in meinem Kopfe richtig bin, ſo bin ich in meinen Gliedern wie ein junger Menſch. Und meine Ver⸗ nunft hat Gott ſey Dank nichts gelitten. Dank auch den Tropfbädern, die uns der Himmel ſchon ſeit mehreren Tagen angedeihen läßt. Wie geſagt, ich will ſelbſt der Bote ſeyn. Hier iſt Papier aus meinem Taſchenbuche, hier iſt ein Blei⸗ ſtift. Schreiben Sie, Madame. Ein paar Zeilen genügen. Ich erfreue damit meinen guten Oberſten... General wollt ich ſagen, und beruhige Sie über ſein Wohlſeyn. Ich will ihn ſchon finden, glauben Sie mir. Wenn mein Sohn ſo leicht zu finden wäre..... was würde ich darum geben? He, wo iſt unſer Kutſcher? Giberne, wo biſt Du? Führe mir eines von unſern Pferden heraus. Aber— bei allen Donnern— ich brauche einen Führer. Die Nacht iſt ſtockfinſter. Wir wären ohnehin beim Hereinfahren beinahe in der Dyle erſoffen. Wirthin, ſchafft einen Boten her, einen Führer, einen zuverläſſigen Menſchen!“ Während Adele beim Schimmer der Lampe ſchrieb, und Sans⸗Regret immer fort ſpektakelte, und nach einem Führer rief, ging die Thüre auf, und Michaud trat in die Küche. Verwundert über die Anweſenheit unerwarteter Gäſte kam ihm die Aufforderung der Mutter, den Invaliden nach dem Caillou zu begleiten, noch unerwarteter. Er weigerte ſich. Die Wirthin wurde zornig, und gab zu verſtehen, daß es * 133 abſcheulich von dem Burſchen ſey, den Gang der Menſchen⸗ liebe zu weigern, den er doch gerade für unedlen Gewinnſt gemacht. Michaud wurde grob gegen die Mutter, und die gute Frau fing an zu weinen. Sans⸗Regret miſchte ſich aber in die Sache, und ſagte:„Seyd ruhig, meine Gute, ich ſchlage mich in's Mittel, nämlich den Burſchen hinter die Ohren!“ Somit gab er in der That dem wider⸗ ſpenſtigen Burſchen einen Schlag ins Geſicht, daß er um und um taumelte; dann beehrte er ihn noch mit einem Stoß zwiſchen die Schultern, hielt ihn zum Ueberfluß eine Piſtole vor, und donnerte ihm zu:„Niederträchtiger Bube! Du machſt Deine Mutter weinen, und einen ehrlichen Mann ärgerlich? Mißgeſtalteter Flintenpfropf! Marſch, auf der Stelle mit mir, oder im nächſten Augenblick klebt Dein Gehirn an dieſem FPflaſter!“ Der kleine buckliche Satan war verdutzt und demüthig in dem Grade, wie er zuvor widerharig geweſen. Mit triumphirendem Blick empfing aber der Invalide die Depe⸗ ſche aus Adelen's Händen, kletterte unter immerwährendem Regen auf den Gaul, befahl dem zitternden Michaud den Zügel deſſelben zu ergreifen, und klepperte, von dem Kali⸗ ban geführt, und eine geſpannte Piſtole unter dem Mantel haltend, zum Hofthor hinaus. Der Invalide hatte ſich kaum entfernt, beglettet von Adelen's Segenswünſchen, als ſchon die Wirthin in dieſelbe drang, den übrigen Theil der kurzen Sommernacht zu be⸗ nützen, um der nöthigen Ruhe zu genießen.„Sie ſind müde,“ ſagte die brave Frau mit zuthulicher Freundlichkeit, „ein paar Stunden Erholung, wäre es auch nur eine halbe 134 Stunde, werden Sie ſtärken, und mit erneuter Kraft erhal⸗ ten Sie dann die Antwort Ihres lieben Herrn Gemahls!“ „Der Himmel beſchütze ihn und den treuen Boten, der meine Sendung übernommen!“ ſeufzte Adele. „Das wird er auch ohne Zweifel;“ meinte die Wirthin tröſtend:„Der alte Herr iſt zwar nicht mehr ſtark an Gliedern, aber an Geiſt und Muth ſcheint er rüſtig zu ſeyn. Meiner Treu! das wäre ein Mann, wie ich ihn in's Haus brauchte, um den Schlingel Michaud und das faule Geſinde in Ordnung zu halten.— Gehen Sie nur indeß in dieſe Kammer, meine gute Dame. Die Magd hat Ihnen daſelbſt auf meinen Befehl ein Bett bereitet. Meine Betten ſind nicht übel, Madame, und Ihre Müdigkeit wird erſetzen, was dem Lager an Flaum sbgeht. Schlafen Sie in Gottes Namen. Die Artilleriewachen im Städtchen weiſen ſchon die unartigen Traineurs, die unaufhörlich der Armee nach⸗ ziehen, zur Ruhe. Sie ſollen nicht geſtört werden. Machen Sie ſich auch nichts daraus, wenn Sie in dem Verſchlag neben Ihnen ein Geräuſch vernehmen ſollten. Es liegen ein paar Verwundete darinnen, die ich doch aus Menſchlichkeit unter Dach laſſen wollte. Ich friſte den Leuten ihr Daſeyn, ſo gut ich kann, nämlich mit friſchem Waſſer. Etwas an⸗ deres taugt ihnen nicht, und es iſt kein Arzt bei der Hand, der ſich um ſie bekümmert.“ Mit dieſen Worten führte die Wirthin ihren Gaſt in die Kammer, ſetzte die Lampe auf den Tiſch, lockerte das länd⸗ liche Bett etwas auf, und horchte dann an der Thüre des Verſchlags.„Alles ſtill;“ ſagte ſie mit zufriedener Miene: „Gewiß ſchlafen die armen Leute ein wenig. Gott ſegne ——— 135 ihren Schlummer, und laſſe auch Sie, Madame, recht feſt ſchlafen.“ Adele überließ ſich einige Augenblicke ihren Ge— danken, ehe ſie das dürftige Lager ſuchte. Von fern her tönte wohl das Gelärm vorüberkommender Nachzügler, Pferdegeſchnaube, Rädergetöſe und all das Kriegsgeräuſch, das ein weibliches Ohr unangenehm berührt; doch war ihr die ſtille Nachbarſchaft weit ſchauriger, und ihre lebhafte Phantaſie ſpiegelte ihr die Möglichkeit vor, daß auch Dam⸗ martin, daß auch Victorin gleichem Looſe unterworfen ſey, verwundet auf dem Felde der Schlacht, verlaſſen in irgend einer elenden Hütte, und ſchlafend vor Mattigkeit, trotz den brennenden Wunden und der marternden Sehnſucht nach dem, was ſie lieben. Zugleich gedachte das arme erſchüt⸗ terte Weib mit reuiger Angſt ihres eigenen Abſchieds von Suzon, der Heftigkeit, womit die junge Braut dem allzu⸗ raſchen Vorhaben ihrer Mutter widerſtanden, der Ohnmacht, worein ſie geſunken, als dennoch der Plan verwirklicht wurde. So nahe ihrem Gatten, ſo nahe dem treuen Sans⸗ Regret, düntte ſich Adele dennoch verwaist und ſehnte ſich ihre Tochter in den Armen zu halten, wie ſie vielleicht ge⸗ rade jetzt weinend und angſtvoll am Buſen von Maronnier lag, welcher die Obhut über Dammartin's Haus und Tochter vertraut worden war. Voll von dieſen Bildern fühlte ſich endlich die Generalin von ihrer großen Müdigkeit übermannt, legte den Hut von ſich, und warf ſich auf das Bett. Die Lampe brannte düſter neben ihr, und deren flackernde Flamme zeichnete ſeltſam vorübergehende Schatten auf die weiße Wand, nach welcher Adelen's Geſicht gelehrt war. Dieſe Schatten, obgleich nicht 136 von angenehmer Form, beſchäftigten durch ihren bizarren Wechſel das Auge der Ermüdeten, und gaukelten gerade den Schlaf auf dieſelbe hernieder, als plötzlich durch den flirrenden Vortraum ein lang gehaltener Seufzer des Schmer⸗ zens, ein gepreßtes Röcheln aus beklemmter Bruſt zum Ohr Adelen's drang.— Im Nu waren Traum und Schlummer verſchwunden; Adele fuhr vom Bette auf, horchte voll Be⸗ ſtürzung, und da der grelle Ton ſich wiederholte, eilte ſie außer ſich nach der Thüre der Nebenkammer, hinter welcher die Angſttöne zu entſpringen ſchienen. Ihre ſcheue Furcht überwand für den Augenblick die Abneigung des Weibes vor Wunden und Verſtümmlung. Adele hatte ja vor wenigen Stunden noch viele blutende Opfer des Kriegs auf Straßen und Feldern zerſtreut geſehen, und die Räder ihres Wagens hatten manche ehrliche Soldatenleiche geſtreift. Die Lampe in der einen Hand, öffnete ſie mit der andern leiſe die Thüre, und erſchrack nicht vor dem QOualm, der ihr entgegenſchlug, begierig nach dem Leidenden zu forſchen, deſſen Schmerzens⸗ töne ſie erweckt. Mehrere Soldaten aller Waffengattungen, meiſtens jedoch Kavalleriſten in holländiſcher Uniform, ſowohl Offiziere als Gemeine, lagen in dem kleinen Gemach auf elender Streu ausgeſtreckt. Nirgends eine Spur von ärztlicher Hülfe, den erſten ſchmutzigen Verband ausgenommen, der auf den ſchweren Wunden klebte. Eine Talgleuchte, deren Glimmen kaum bemerkbar, ſtand in der Ecke; in der Mitte des Ge⸗ machs eine Gießkanne voll Waſſer, und eine irdene Schale, mit derſelben Flüſſigkeit gefüllt, neben jedem einzelnen der dahin geſtreckten Soldaten. Dieſe Erfriſchung war die einzige 137 Hülfe der Menſchlichkeit, die den Armen hier zugänglich geweſen. Und dennoch hatte ſie hingereicht, die Leidenden in ſüßen Schlaf zu verſenken? Adele fühlte ſich von den Schauern des Entſetzens über⸗ laufen, als ſie, alle Herzhaftigkeit zuſammennehmend, mit dem Schimmer ihrer Lampe die Geſichter ihrer Nachbarn beleuchtet. Sie waren blaß, eingefallen, verzerrt und ge⸗ ſpannt. Steif waren ihre Glieder geſtreckt, ihre Bruſt hob ſich nicht mehr in mühevollem Athmen, nicht mehr floß aus der Wunde das treuloſe Blut, trotz Verband und Ruhe: der ſüßeſte Schlaf, der Tröſter nach den ſchwerſten Leiden, der Schlaf des Todes hatte ſie umfangen. Ein einziger von ihnen hing noch mit dünnem Faden am bewußtloſen Daſeyn gefeſſelt. Seine Augen waren noch nicht ſtarr, und verdrehten ſich im letzten Kampfe; ſein Mund, noch nicht zuſammengepreßt von dem letzten Druck des Todes, ſchnappte nach Luft, und ſtöhnte röchelnd ſeinen Grabgeſang.— Adele ſchrie auf, kniete neben dem Sterben⸗ den niever, ſeine dürre Lippe mit kühlem Waſſer zu erfri⸗ ſchen und erkannte mit namenloſem Schrecken in den Zügen des Unglücklichen diejenigen ihres Verwandten, die Züge von Lefebres Neffen! Der Unſelige, der vor einigen Monden mit einem Worte den Frieden ihrer Seele zu ſtören bereit war, hatte alſo Frankreich hülflos verlaſſen, in frem⸗ dem Waffendienſte ſein Heil ſuchen müſſen, um fern von dem Strande der Provence ein blutiges Ende zu finden! MWit ihm ging die letzte Möglichkeit für Adele zu Grunde, den Mörder ihres Vaters kennen zu lernen. Mitten unter dieſen mörderiſchen Scenen, hoch über den Verwüſtungen 138 des Todes und dem Gräuel menſchlicher Wuth, ſchwebte ein milder Genius der Liebe, und wehte mit ſeinen Flügeln die drohende Gefahr von dem ſtillen Glücke, das ſich für Suzon und Victorin vorbereitete. Noch einige unverſtändliche Worte röchelte der Ster⸗ beide da ſchnürte ihm der Krampf des Todes die Kehle zu, die Bleifarbe der Vernichtung ſtieg über ſeine Wange herauf, und mit einem gellenden Schrei des Entſetzens ſank Adele neben ihm zuſammen. Mit der ftürzenden Lampe verlöſchten auch ihre Sinne.— Und als ſie wieder zu ſich ſelbſt kam, beſprengt von küh⸗ lender Fluth, ins Leben gerufen von ſchmeichelnden Worten⸗ da fand ſie ſich in den Armen der Wirthin, und anderer dienſtfertiger Weiber, fern von der Scene des Schreckens, und vor ihr ſtand ein willkommener Bote: Sans⸗Regret. Das bekümmerte Geſicht des alten Mannes erhellte ſich in ein freudiges, als Adele mit vollem Bewußtſeyn um ſich herblickte, und ihm matt, aber freundlich, die Hand reichte. — Während die Weiber über das Erwachen der Ohnmäch⸗ tigen jubelten, ſprach Sans⸗Regret mit ernſter Treuherzig⸗ teit und ſanftem Vorwurf zu der Generalin:„Was haben Sie gemacht, Madame? Meiner Treu: ſo gut als das bleiche Morgenlicht das Antlitz einer Lebenden beſtrahlt⸗ ſo gut hätte es auch eine Leiche beſcheinen können. Sie waren recht unbeſonnen, nehmen Sie mir's nicht übel. War es ſchon unklug von uns, dieſen Schauplatz der Zerſtörung zu betreten, wohin wir nicht gehören, ſo gehören Sie doch weit weniger in die Geſellſchaft der todten Kameraden, wo man ſie beſinnungslos fand. Weg mit dem TDode! Freuen 1 — e eee 139 Sie ſich des Lebens. Mein Freund Dammartin iſt wohl auf; ich habe ihn geſprochen, umarmt, und von ſeiner Seite viele zärtliche Vorwürfe, aber auch viele Liebesgrüße an Sie zurückgebracht.“ Adele ſprang plötzlich erheitert auf, und entriß der Hand des Invaliden das Blättchen Papier, worauf der General nur wenige Worte gezeichnet hatte. Aber wie ſchätzbar waren in ſolcher Lage die wenigen Sylben! während Adele mit ihren Augen auf dem Papiere, mit dem Ohr an den Lippen Sans⸗Regrets haftete, fuhr dieſer mit reger Geſchwätzigkeit fort:„Wie mein guter Freund ſtaunte! Sollten Sie es glauben, Madame? Unſere Poſten arretirten mich und Michaud als Spione. Ein ſauberer Zufall! Doch berief ich mich auf den Brigadegeneral, wurde augenblicklich zu ihm gebracht, und ſo verkehrte ſich das Leid in Freude. Unſere Soldaten und ihre Führer haben vor der Hand eben keine brillanten Quartiere, ſind aber voll Muth und Zuverſicht, und auch mein Sohn iſt geſund, wie ich von Dammartin weiß. Er ſteht im Angeſichte des Feindes, und Herr Dam⸗ martin wird dieſen Nachmittag hier ſeyn, wenn keine Schlacht geliefert wird. Es iſt wenig Anſchein dazu vorhanden, denn die Wege ſind grundlos und Geſchütz und Reiter können nicht manövriren. Sollte übrigens demungeachtet der Eigen⸗ ſinn des Kaiſers oder des Feindes die Schlacht mit Gewalt herbeiführen, ſo behält ſich Herr Dammartin das Vergnügen vor, ſie in Brüſſel zu umarmen, wohin wir unmittelbar nach dem Siege im Gefolge der Armee abgehen werden. Denn unſer Sieg iſt unbezweifelt. Die Generale rühmen die Dispoſitionen des Kaiſers, der Soldat iſt muthig⸗ 140 obgleich er bis an den Hals im Moraſte ſteckt, und den Feind haben die Nicderlagen von geſtern und heute verzagt gemacht⸗ wie gewöhnlich. Ach, Madame, wie mir das Herz aufging⸗ als ich wieder das Waffengeräuſch um mich hörte, und die Feuer des Bivouaks ſah! Ich atter Kerl wäre gleich mit Freuden unter den Kameraden geblieben, hätte mich nicht eine heiligere Pflicht gerufen. Der Eifer, der Mutb, die fröhliche Unbeſonnenheit unſerer Landsleute find auf ihrem höchſten Gipfel, und ich ſchäme mich in die Seele hinein, daß ich müßiger Träumer mir jemals vorſpiegeln konnte⸗ Frankreichs Ruhm werde untergehen. Gewiß erglänzt er auf dieſen Feldern aufs Neue; gewiß ſiegen die Adler des Kaiſers mit gewohntem Glück! Und wenn denn doch die Freiheit uns nicht beſchieden iſt,— wenn wir doch nur zwiſchen einer ruhmloſen Sklaverei und einer Knechtſchaft voll von Ruhm zu wählen haben, ſo ſind die Ketten mit Ehre vorzuziehen unehrlichen Feſſeln. Nun aber, Madame, erlauben Sie, daß auch ich den Geſetzen der Natur Folge leiſte. Ich bin am ganzen Körper wie gerädert, und bedarf einiger Minuten Schlaf. Die freundliche Wirthin räumt Ihnen eine Stube ein, die im obern Stockwerke liegt, und eben von einem Garde⸗Magaſin verlaſſen wurde. Folgen Sie mir dahin; Sie ſind dort vor aller Unannehmlichkeit ſicher, und in dem Kämmerchen davor mag der alte Sans⸗ Regret, indem er Sie bewacht, wie einſt Ruſtan den Kaiſer, ſeine müden Glieder ausſtrecken.“ Adele überhäufte den ehrlichen Greis, den ſie wie einen Beſchützer und Vater lieben lernte, mit den herzlichſten Dankſagungen, und führte ihn ſogleich die Treppe hinauf, — 3— 141 empfahl der Wirthin, für die Bequemlichkeit des müden alten Mannes zu wachen, und riegelte ſich in ihr Zimmer ein, während Sans⸗Regret in tiefen Schlaf ſank. Die Müdigkeit gab dem Schlummer des Invaliden eine längere Dauer. Der Gott des Schlafes ſendete ihm jugend⸗ liche Erquickung. Heitere Träume ſchienen den Ruhenden zu beſchäftigen, denn er lächelte friedlich, und ſogar mit iener Schalkhaftigkeit, die in ſeine Mundwinkel trat, wenn volliges Wohlbehagen den Spiegel ſeines Gemüthes geebnet. — Aber vor ſeinem Bette ſtand die lebendige Beſtürzung in Adelen's Geſtalt. Schon einigemal hatte die Generalin ihr Zimmer verlaſſen, um den Alten zu wecken. Der ſanfte Schlaf deſſelben hatte ſie daran gehindert. Sie beklagte es, dieſe ſanfte Ruhe ſtören zu müſſen, und dennoch konnte ſie nicht anders, als ſie zum drittenmale vor dem Bette des Greiſen erſchien. Sans⸗Regret, von ihrer Hand berührt, gerufen von der wohlbekannten Stimme, fuhr ſchnell auf, und ſtand in wenigen Sekunden aufrecht und voll Beſinnung vor Dammartins Gattin. Während er ſich enſchuldigte, ſo lange geſchlafen zu haben, ſo fragten doch ſeine verwunder⸗ ten Blicke nach der Urſache von Adelens Unruhe. Das zit⸗ ternde Weib führte ihn in ihre Stube, an das offene Fenſter, und ſagte:„Horchen Sie, Herr Sans⸗Regret. Hören Sie nicht?“—„Ei warum denn nicht? Lebhafte Kanonade auf der Straße gegen Brüſſel zu.⸗—„Was bedeutet das, mein Freund?“—„Meiner Seel, Madame, nichts mehr und nichts weniger als eine Bataille.“—„Allmächtiger Gott!“ 4 —„Muth, Madame. Sie hörten ſchon oft den Schlachten⸗ donner, und zitterten nicht.“—„Ich hoffte nicht auf dieſes Treffen.“—„Warum nicht? Das Wetter hat ſich etwas aufgeklärt. Es ſtand zu vermuthen, daß der Kaiſer ſeinen Vortheil benützen würde. Horch, wie lebhaft die Kanonen praſſeln! Der Boden muß beben, wo jene Batterieen Feuer ſpeien.“—„Gott ſchütze meinen Gatten!“—„Gott ſchütze meinen Sohn, und verderbe die Feinde. O, daß ich hier unthätig ſeyn muß! Hätte ich nur für dieſen Abend die Zauberkraft Merlins, und wäre im Stande, alle die blauen Pflaumen aufzufangen, die jetzo meinen Freund, meinen Sohn, und ſo viele Tapfere bedrohen.“—„O mein lieber Herr Sans⸗Regret! wie wird das enden?“—„Mit eiuem Wiederſehen zu Brüſſel; verlaſſen Sie ſich darauf.“ Zwiſchen Hoffnung und Ahnung ſchwankend, eigner Zu⸗ verſicht mißtrauend, und Adele um ſo eifriger tröſtend, als der Troſtgründe immer weniger wurden, ſah der Invalide den entſcheidenden Abend von Waterloo herandämmern. Schon war das Schießen der ſtreitenden Linien näher und näher gekommen; ſchon hatte ſich Unruhe unter den Ein⸗ wohnern von Genappe und den daſelbſt befindlichen Franzo⸗ ſen verbreitet. Unzählige Verwundete ſuchten in dem Orte Pflege für ihre Verletzungen, Ruhe für ihr blutendes Haupt. Doch ſtrömte noch von ihren Lippen fanatiſche Begeiſterung für die Sache des Kaiſers, und ſie prieſen im Voraus den glücklichen Ausgang des Tages. Man hatte Geſchützdonner ——˖——— —— ———˖ ——— zur Rechten gehört; das Heer glaubte, die Annäherung des Marſchalls Grouchy zu vernehmen......! Da ſchwand plötzlich die Täuſchung dahin. Gegen fünf Uhr zeigten ſich wie im Fluge dahinſprengende Reiter, die mit dem Rufe:„Alles iſt verloren, rette ſich wer kann!“ Unordnung und Schrecken unter Reſerve und Troß verbrei⸗ teten.— Man verſuchte noch, dieſer Boten zu ſpotten, aber von Viertelſtunde zu Viertelſtunde, von Minute zu Minute kamen der Hiobspoſten mehrere, bis beim Einbruche des Spätabends ganze Schwärme von Reitern, zerſprengte Schwadronen der verſchiedenſten Regimenter durcheinander nach Genappe hereinraſeten, und, brüllend vor Wuth und Angſt, durch alle Gaſſen, in alle Fenſter die Schreckenskunde ſchrieen, daß der Kaiſer geſchlagen, daß Blücher und Wel⸗ lington geſiegt, und das ganze franzöſiſche Heer in oſſene Flucht und Auflöſung getrieben.— Adele hörte vor ihrem Fenſter dieſe traurige Botſchaft; aus dem Gewirre der flüch⸗ tigen Infanteriſten und Reiter ſchollen die Namen mehrerer Generale, die in der Schlacht geblieben ſeyn ſollten. Der tapfere Cambronne, der unerſchrockene Lobau, viele andere von gleicher Tapferkeit...... der Name Dammartin wurde endlich genannt. Verzweiflung drang mit dieſem Rufe in Adelen's Seele. Vergebens verſchwendete Sans⸗ Regret Tröſtungen, woran er ſelbſt nicht glaubte, vergebens beſchwor er ſie auf ſeinen Knieen, dem wechſelnden Getüm⸗ mel zu entrinnen. Das in bitterm Schmerz wüthende Weib verlangte nun herriſch, zu bleiben, oder gerade nach dem Schlachtfelde zu eilen, um die Leiche des Gatten aufzuſuchen. Sans⸗Regret, obgleich von Ungeduld zerriſſen, wagte nicht, 144 dieſem Wahnfinn Gewalt entgegen zu ſetzen. Doch verrann in eitlem Wortkampf die koſtbare Zeit; die tobende Flucht durch die Straße wurde immer wilder und grimmiger. Die Soldaten verlangten mit gräßlichem Geſchrei, daß man Lichter an die Fenſter bringe, daß man Erfriſchungen unter den Hausthüren bereit halte. Plünderung, Mord und Brand, das Gefolge regelloſer Heeresſlucht, ſchien ſich vorzubereiten. Die Nacht war da, kein Augenblick zu verlieren, wenn man noch über die Brücke kommen, noch ins Weite gelan⸗ gen wollte. Da gebraucht Sans⸗Regret die Liſt der Verzweiflung. Der brave Giberne reißt die Kaleſche in den Hof, ſpannt daran die erſten beſten Pferde, die er unter der Hand findet, und Sans⸗Regret erklärt ſich bereit, die jammernde Gene⸗ ralin gerade nach dem Schlachtfelde zu führen. Er trägt die halb Ohnmächtige in den Wagen. Er benützt nur einen Augenblick, um ſich zu verſichern, daß ſeine Waffen in gutem Zuſtande ſind; Giberne peitſcht die Pferde, und ſtürzt ſich mit ihnen in den vorbeiſtroͤmenden Tumult. Die Wogen der Soldatenmenge ſtemmen ſich gegen den Wagen; Sans⸗ Regret ruft mit Löwenſtimme heraus:„Platz Kameraden, Platz für einen verwundeten General!“— Die Soldaten, welche geſehen, wie Cambronne und Pelet gefochten, wie der heldenmüthige Ney noch zuletzt zu Fuße ſeine Kolonne angeführt, ehren die Tapferkeit ihrer Kommandirenden, und machen dem Wagen Platz.„Wohin führen Sie mich?“ ſchreit Adele, als ſie bemerkt, daß der Wagen ſich wieder der Brücke nähert. Sans⸗Regret antwortet nicht, Giberne peitſcht kräftiger die Pferde, man iſt an der Brücke, aber 1 6 gerade an dieſem Paß hemmt ſich der unſinnige Zudrang. Die Brücke iſt mit umgeſtürztem Fuhrwerk barrikadirt, nur eine ſchmale Straße iſt offen gelaſſen. Die Wagen können nur einzeln hinüber, auf die Gefahr, die daneben laufenden Soldaten zu zerquetſchen. Sans⸗Regret muß mit aller Stärke ſeine Nachbarin feſthalten, damit ſie nicht dem Wagen entſpringe;— die Flucht ſtockt, und nahe iſt den Aufgehaltenen das Verderben. Das Angſtgeſchrei:„Der Feind, der Feind!“ wird hörbar, und es ißt kein blinder Lärm. Ein ſtarkes Detaſchement Braunſchweiger Huſaren hat ſich, verfolgend und vernichtend, in die Mitte der Flüch⸗ tigen geworfen. Sie jagen mit Ungeſtüm von der Anhöhe in das Städtchen, hauen nieder und zerſchmettern, was ſich ihnen in den Weg geſtellt. Die Finſterniß, und die Rache, die ſie den Manen ihres erlauchten Führers ge⸗ ſchworen, ſtehen mit ihrer Wuth im Bunde. Eine Gruppe dieſer Rächer dringt zu Adelen's Wagen, umzingelt ihn, ſchnaubt Mord⸗ und Beuteluſt. Ein Piſtolenſchuß wirft Giberne vom Kutſchenſitz; Sans⸗Regret, mit jugendlicher Heftigkeit, ergreift die Zügel und ſchießt einen Huſaren vom Pferd. Sein zweiter Schuß verwundet einen andern, und er ſchwingt den Säbel, um den Schädel eines Dritten zu zeichnen, als ein tödtliches Blei in ſeine edle Bruſt fährt, und ihn in die Arme Adelens zuruckſtürzt. In dieſem Augenblicke,— zu ſpät— naht die Hülfe. Napoleon, deſſen Wagen eine Beute der Feinde geworden, flieht auf ſchäumendem Pferde vorüber, und ihm folgt eine auserleſene Schaar von Generalen und Offizieren, die, den Rückzug zu beſchützen, und die Kameraden vor dem An⸗ griffe der verwegenſten Verfolger zu retten, die Huſaren 446 einhauen und ſie zerſtreuen. Einer der Retter beugt ſich in Adelens Kutſche, gewahrt eine jammernde Dame, und ruft voll Mitgefühl:„Sie haben Ihren Kutſcher eingebüßt. Für den Augenblick iſt die Brücke frei. Erlauben Sie, daß ich die Zügel faſſe, und Sie durch den Paß leite, bis ich einen Soldaten gefunden, der Roß und Wagen weiter bringt.“. Adelen's Herz erbebt gewaltig, als ſie die Stimme hört, und auch der Verwundete in ihren Armen hört ſie, und ſtammelt kraftlos und mit ſchmerzhafter Freude:„Victorin!“ Das Blut des Jünglings erſtarrt. Die Stimme eines raſch daherkommenden Reiters bringt ihn zum Bewußtſeyn: „Victorin! ſehe ich recht? Du biſt's? haſt Du keine Kunde von meiner Frau, von Deinem Vater? Ich ſuchte ſie zu Genappe, aber die Schenke iſt der Plünderung preis ge⸗ geben, und ich muß das Aergſte erwarten!“— Ein Schrei Adelen's feſſelt den todtgeglaubten Gatten an den Wagen, worinnen er die lebenswarme Gattin findet, und den ſterben⸗ den Freund! Es war zu Charleroi. Kurze Raſt war den Flücht⸗ lingen vergönnt. Sie benützten ſie, um den letzten Seuf⸗ zer des edeln Sans⸗Regret zu empfangen. Das Leben des alten Mannes hatte ausgehalten bis zu dieſem Ruhe⸗ punkt. Auf einem reinen Strahle der Mittagsſonne, die ſich durch die Wolken ſtahl, entſchwebte ſein Geiſt nach dem ewigen Vaterlande. Klar wie nie war ſeine Stirne, be⸗ ſonnen ſein Kopf, gefaßt ſeine Seele.„So habe ich doch wahr geſprochen!“ füſterte er, eine Minute vor dem „ —————— —————— 147 Scheiden, in Dammartin's Ohr:„Mein Grab liegt im Schatten. Ueber euch wird ein Morgenroth der Freiheit aufgehen. Dieſe Freiheit, o meine Kinder! möge ſie alsdann edel und dauernd ſeyn! Ich habe mein Verſprechen gelöst, mein Oberſt,— nicht doch, mein einziger Freund. Dein Vater wird mich freundlich empfangen. Vergib mir jede Laune des Alters und der Thorheit, womit ich Dich manch⸗ mal gequält. Vergeben Sie mir, Madame, alles Unrecht— hören Sie? alles Unrecht, das ich jemals an Ihnen verübt.“ Die heißen Thränen Adelen's und Dammartin's, nicht ihre Worte, verſicherten dem Sterbenden, daß er tiefbetrübte Herzen zurücklaſſe; Herzen, die nichts zu verzeihen, aber dem Freunde viel abzubitten hatten. In ſtummer Verzweiflung lehnte Victorin an dem Bette ſeines Vaters. Sans⸗Regret wendete ſich zu ihm, und ſagte leiſe:„Nicht dieſe Traurig⸗ keit, Kapitän. Du mußt Deiner Suzon keinen Jammer mit⸗ bringen. Grüße ſie von ihrem Taufpathen, der es immer redlich mit ihr meinte. Du aber, mein gutes Kind, laß mich nicht hier an dieſem Orte, der mir ſo fremd iſt. Laß meine Reſte nach St Colombe bringen, und neben meiner Suzon einſcharren. Vielleicht iſt's eine Thorheit, was ich hier verlange, aber meinem Alter ziemt die Thorheit ein wenig; darum will ich auch noch, daß Waſhingtons Band auf meiner Bruſt befeſtigt ſey, und daß man mich in mei⸗ nem Invalidenrocke begrabe.— Und nun umarmt mich, alle meine Lieben, weil mein Herz ſo voll von Frieden iſt, daß ich ſogar dem rothen Schurken verzeihen möchte, der einſt nach meinem Schopf begehrte, und meine Vernunft ſtatt veſſen erwiſchte.“ 10* 1⁴8 Dieſer letzte leiſe Spott verklärte ſich in Rührung, als die Geſichter ſeines Sohnes und ſeiner Freunde ſich auf ihn herniederneigten. Er ſah ein jedes von ihnen mit beſon⸗ derer Innigkeit noch einmal an, drängte ſie dann plötzlich mit der letzten Kraft von ſich, ſchlug die Augen gen Him⸗ mel, und ſtammelte, wie in ſüßen Taumel verſinkend:„Va⸗ ter, Dammartin„Suzon und auch Du Le⸗ febre...“ mit dieſem letzten Namen auf der Zunge neigte er das Haupt, und ſchloß die Augen, um ſie nie wie⸗ der zu öffnen. Was Sans⸗Regret befohlen, geſchah heilig. Er ruht neben Suzon. Aber ſein Bild ſieht lächelnd auf die Glück⸗ lichen hernieder, die ſich zu ſeinen Füßen dankbar des Va⸗ ters und des Wohlthäters erinnern. Victorin und Dam⸗ martin's Tochter ſind vereinigt, und genießen Adelen's Wohlwollen und Zärtlichkeit, ohne daß je der zürnende Geiſt Lefebres die Eintracht zu ſtören vermöchte. Die Täuſchun⸗ gen des Lebens haben für Dammartin aufgehört. Als Na⸗ poleon aus einem Eroberer ein Gefangener geworden, hing der General ſeinen Degen am heimathlichen Herde auf, wie ſo viele, deren Ehrgeiz ſie überredete, ſie hätten nur dem Vaterlande, und nicht dem Willen des Despoten gedient. Auch Victorin entſagte dem edlen Waffenhandwerk, focht nicht gegen Spanien, zog nicht gegen Algier, aber in den denkwürdigen Tagen des Julius war er einer der eifrigſten Wiederherſteller der Ordnung in der Hauptſtadt; ein wür⸗ diger Befehlshaber untef den! edlen Bürgerkriegern, die 149 Frankreichs Wohlfahrt kräͤftig ſchützen. An dem Tage, wo durch den Willen des Volks ein ſchweres Joch von Frank⸗ reich fiel, die glorreichen Nationalfarben wieder auftauchten, und das Morgenroth der neuen Freiheit wieder glühte, be⸗ kränzten Victorins und Snzons Kinder das ehrwürdige Bild⸗ niß des treuen Invaliden, ſeiner Prophezeihung mit ernſter Weihe gedenkend. Doch gedachten ſie auch Alle, die zurück⸗ gebliebenen Freunde Sans⸗Regret's, der Worte, die er hin⸗ zugeſetzt, als er von der Freiheit geſprochen:„O meine Kinder, möge ſie edel und dauernd ſeyn!“ Seite Erſtes Kapitel. Die Emigranten 3 Zweites Kapitel. 6 Die Höflinge Ludwigs WI.... Drittes Brhtete Viertes Kapitel. März 1815 Sönfte et Aus den hundert Tagen.„ Sechstes Die Nacht . ₰ ———ᷓ—— * 65 1 6 33 3 & 2 3 7 6 4 „ HS g14 seqae