— 4 Leihbibliothetk von Cduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Zefebedingungen. ſ — — 8S — S — — 8 — — — S — — 8 — 8 — — 8 8 — — S S — — = — — — ₰ 8 8 — 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. f 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von I jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 6 den angenommen. ²* 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe . hinterlegen, welche bei deſſen 3* ckgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 2 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat:— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 8 Auswürtige Abonnenten haben füt Hin⸗ und Zuräckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſekbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Die Stadt Boulogne war noch in ſtiller Ruhe, aber in dem Hafen, wo die Flotille lag, war alles ſchon Leben und Bewegung. Auf allen Schiffen, wie in den Forts, die den Hafen beſchützen, wurde die Diane geſchlagen, und unmittelbar hierauf tönten auch die Trommeln in den vier Heereslagern, die ſich längs der Dünen hinſtreckten, und von nah' und ferne ſchmetterten die Trompeten. Die Gaſſen der Lager wimmelten bald von Menſchen, und die Heeresmaſſen ſtellten ſich mit blankem Gewehr und fliegenden Fahnen auf, bereit zur Revüe, die der Kaiſer der Franzoſen heute abhal⸗ ten wollte. Um die Barake Napoleons, die im Lager zur Rechten von Boulogne erbaut worden war, trieb ſich ge⸗ ſchäftiges Gewühl von Offizieren, Ordonnanzreitern und Dienern aller Art. Victor, des Kaiſers Adjutant, trat, ſei⸗ nem Dienſte zu genügen, in das einfache Zimmer, worin 4 ſich der Kaiſer bereits in voller Uniform befand, beſchäftigt, den Teleſcop zu richten, der ihm die Fernſicht über's Meer bis nach Dover gewährte. Der Himmel war rein, und die Sonne ſendete bereits ihre erſten goldenen Strahlen über den Rand des Meeres und der Geſtade herauf, die weißen Küſten von England wie mit zauberiſchem Lichte erhellend. Das Geſicht des Kaiſers ward um deſto düſterer, als ſich der Herrſcher nach Victor umdrehte.—„Was wollen Sie?“ fuhr er den Offizier an.—„Ihre Befehle erwarten, Sire?“ verſetzte Viector gefaßt und ruhig.— Der Kaiſer runzelte die Stirne noch mehr, ging heftig von dem Fernrohr weg, ſchlug die Hände auf dem Rücken zuſammen, trat dicht vor den Adjutanten hin, ſah ihm eine Minute lang ſtarr in's Geſicht, und ſagte hierauf mit dem vernichtenden Accent, den der Mächtigſte im Heere fürchtete wie der Geringſte:„Ich bedarf Ihrer Dienſte nicht mehr; nie mehr. Verſtehen Sie mich? Sie hören von dieſem Augenblicke auf, mein Adjutant zu ſeyn. Gehen Sie.“ Victor konnte kaum ſeiner Beſtürzung Herr werden, und fand nur mit Mühe die Sprache, um den zürnenden Gebie⸗ ter beſcheiden zu fragen, womit er ſo viele Ungnade verdient. Der Kaiſer, in ſeiner angenommenen Stellung verhar⸗ rend, verſetzte:„Sie fragen noch? ſoll ich bei Ihnen den Inſtructonsrichter vorſtellen? wenn ich übler Laune wäre, ſo möchte Ihnen dieſe Frage theuer zu ſtehen kommen. Es iſt abſcheulich. Ich werde Niemanden mehr einen Dienſt, eine Wohlthat erweiſen. Undank iſt ſtets der Lohn der Gnade.“— Der Kaiſer ſchwieg nun eine Weile lang, drehte ſich gegen das Fenſter, ſchritt dann an den Tiſch, nahm von demſelben ein Papier, überflog es mit den Augen, und ſagte plötzlich mit rauhem Tone wieder zu Victor:„Ich könnte Ihnen als Verräther den Prozeß machen laſſen. Dieſer Bericht meines Polizeiminiſteriums würde Ihnen das Todes⸗ urtheil ſprechen. In Ihrem Hauſe war ein Faden der Ver⸗ ſchwörung angeknüpft, an deren Spitze Cadondal ſtand. Sie beherbergten eine Agentin des Bourbons. Sie haben mich damals ſchändlich hintergangen. Sie haben auch noch neuerlichſt die übelſten Geſinnungen gegen mich geäußert, gegen Offiziere geäußert, die ſelbſt unter der Aufſicht der Polizei ſtehen. Es iſt Schade, daß dieſer Bericht mir nicht ein Jahr früher zugekommen iſt. Regnier war viel zu gut⸗ zu ſchwach, zu nachſichtig. Wenn ich auch glauben mag⸗ daß Sie nur unwiſſend und getäuſcht an der Conſpiration Antheil genommen, ſo machen Sie doch Ihre neueſten Aeuße⸗ rungen völlig ſtrafwürdig. Was kümmert Sie die Cata⸗ ſtrophe von Vincennes? Steht es Ihnen zu, den Klagbru⸗ der des meineidigen Prinzen zu machen? das geht mich an⸗ mein Herr. Frankreichs Schickſal beruht hierauf. Und end⸗ lich: Sie machten Geldgeſchäfte mit dem gewiſſenloſen Andrieur. Sie mögen erfahren, daß der Munitionnair we⸗ gen Veruntreuungen in Unterſuchung ſteht, und daß Ihre Kapitalien ohne Zweifel verloren ſind⸗ Billiger Lohn für ſolch verdeckten Wucher. Ich liebe die wucheriſchen Offiziere nicht, darum ſind Sie aus der Reihe meiner Adjutanten entlaſſen, Adieu.“ So deutlich die Züge des Kaiſers auch den Befehl aus⸗ ſprachen, daß ſich Victor zu entfernen hätte,— dennoch vermochte der Bataillonschef nicht, dem Gebot Folge zu lei⸗ ſten. Mit männlicher Rührung bekannte er den Febler⸗ worein ihn die Theilnahme an Gabrielens Schickſal verwickelt; 6 nicht weniger geſtand er zu, daß er oft aus Mitleid für den unglücklichen Gefährten ſeiner Jugend die blutige That von Vincennes getadelt; aber beharrlich wieß er von ſich die wiſſentliche Mitſchuld an der royaliſtiſchen Verſchwörung, und an dem Wucher, den Andrieur vielleicht mit ſeinem Geld getrieben. Mit feſter Stimme ſchloß er:„Gott iſt mein Zeuge, daß ich erſt im letzten Augenblick von der Mar⸗ quiſe ſrafbaren Verbindungen erfuhr. Ich entfernte ſie ſchnell; welcher Franzoſe hätte das ſchwache Weib dem Hen⸗ ker überantwortet? ihre Flucht koſtete mich das Liebſte, was ich hatte: mein Kind. Glücklich wäre ich, könnte ich mit dem Verluſte meines Vermögens, welches ich zur Verzinſung ohne ſchmähliche Nebenabſicht in die Hände des Munition⸗ nairs legte, meine Tochter wieder erkaufen! Dies meine einfache Vertheidigung, Sire. Was den Prinzen von Enghien betrifft, ſo iſt dieſes einzig und allein meine Sache. Die Gedanken find frei, und die Worte eines Mannes ſoll⸗ ten es nicht minder ſeyn, wenn ſie nicht Aufruhr und den Umſturz der Ordnung predigen.“ Die Rede machte einigen Eindruck auf den Kaiſer, der ſich halb von Victor abwendete, und nachdenklich den Kopf ſinken ließ. Bald erhob er jedoch ſein Haupt, und erwie⸗ derte mit ſehr ernſter Stimme, aber weit ruhiger als zuvor: „Ich bin kein Tyrann: was ich thue, werde ich auch verant⸗ worten. Ich liebe die Grauſamkeit nicht, und übe gerne Nachſicht. Wir können ferner nicht zuſammen bleiben, mein Herr. Aber, da uns einſt der Zufall vereinigte,— Sie er⸗ innern ſich deſſen noch— und ich verſprochen habe, für Ihr Wohl beſorgt zu ſeyn, ſo will ich auch mein Wort halten. Sie ſind Oberſt. Es iſt ein leichtes Infanterie⸗Regiment . vakant. Sie ſollen es haben. Der Krieg wird bald aus⸗ brechen: auf engliſchem Boden oder anderswo. Halten Sie ſich tapfer wie gewöhnlich, und rechnen Sie auf meinen Dank. Wer für den Ruhm Frankreichs ſtreitet, wird von mir geachtet, als ob er für mich ſtritte. Sie haben bei der großen Austheilung der Ehrenlegion⸗Kreuze den Orden nicht erhalten; Savarp's Berichte über Sie haben dieſes veran⸗ laßt. Es wird mir Freude machen, Ihnen auf dem Schlacht⸗ feld das Kreuz der Tapfern verleihen zu können, Herr Oberſt. Adieu noch einmal. Schicken Sie mir Soult und Decres, wenn die Herren ſchon da ſind.“ Der Kaiſer wendete ſich nach ſeinem Teleſcop und Victor ging von dannen, beſchämt eines Theils und mit zerriſſenem Herzen, aber andern Theils wieder gefaßt und viel beruhig⸗ ter, denn zuvor. Es war nun das Band gebrochen, welches ihn eng an den Fürſten kettete, den er nicht mehr lieben konnte, und doch hatte es ſeine eigene Undankbarkeit nicht zerriſſen. Sein Bewußtſeyn ſprach ihn von jedem Makel frei, und Frankreichs Sohn allein nunmehr zu ſeyn, nicht mehr des Kaiſers Geſchöpf, dünkte ihm ſogar ein beneidens⸗ werthes Loos.— In dem ſogenannten Kriegsrathszimmer, in derſelben kaiſerlichen Barake, befanden ſich bereits alle Marſchälle, welche die verſchiedenen Lager bei und um Bou⸗ logne kommandirten. Soult und der Marineminiſter folgten alſobald dem Gebot des Kaiſers, der ſie zu ſich berief.— Ney und Lannes näherten ſich freundſchaftlichſt dem neuen Oberſt, drückten ihm die Hand, und Lannes fragte mit ſei⸗ ner gutmüthigen Zudringlichkeit:„Sagen Sie uns: iſt es wahr, was Duroc und Savary uns erzählten? Er hat Sie weggeſchickt?“— Victor beſtätigte kaltblütig den Triumph 8 ſeiner Feinde, und ſprach bitter ſcherzend von den Oberſten⸗ epaulettes, die der Kaiſer gleichſam wie ein Pflaſter auf die ſchmerzliche Wunde des Abſchieds gelegt. Lannes erwie⸗ derte, unwillig den Kopf ſchüttelnd:„Er hat Sie immer mißhandelt. Sie verdienten ſchon längſt Offizier der Ehren⸗ legion zu ſeyn. Wünſchen Sie ſich Glück, aus dieſem Hofdunſt zu entkommen, den er gefliſſentlich um ſich verbreitet. Ich will ſehen, daß Sie meiner Diviſion zugetheilt werden. Ueberlaſſen Sie dann mir die Sorge für das Weitere.“— „Empfangen Sie von mir gleiche Verſicherungen—“ ſetzte Ney, der ſchöne Mann mit den muthigen Augen und dem röthlich glänzenden Haar, hinzu;„wir wollen uns auf dem Schlachtfelde deſſer kennen lernen, als es in den Vor⸗ zimmern der Tuilerien möglich war.“ Die Marſchälle umarmten den Oberſt, und gingen dann mit Davouſt und anderen Generalen zum Kaiſer.— Victors Abſchied von ſeinen bisherigen Kollegen war weit minder herzlich und offen. Die wenigſten der Adjutanten hatten den ſtillen, ernſten und einſylbigen Kameraden geliebt; kei⸗ ner hatte zwar Urſache gehabt, ihn zu beneiden, weil er immer unbegünſtigt geblieben, aber, juſt weil ſeine Bruſt nicht mit dem Orden geſchmückt war, den ſie Alle trugen⸗ und weil ſein Rang der niederſte, ſahen ihn alle ohne Be⸗ vauern ſcheiden, und wendeten ſich dem an ſeiner Statt eintretenden jungen, lebensluſtigen Kameraden zu⸗ Victor ſchritt, ſeinen Gedanken überlaſſen, ohne Ziel im Lager fort, und kam an den Grenadier⸗Compagnien der kaiſerlichen Garde vorüber, und ſuchte unter ihnen den ein⸗ zigen Freund, dem er ſo ganz ohne Hehl ſein Herz öffnen durfte. Sans⸗Regret, der juſt vor der Barake ſeines 9 Hauptmanns mit andern Unteroffizieren im Geſpräch ſtand, eilte auf Dammartin zu. Der Oberſt zog ihn bei Seite⸗ und ſagte ihm freundlich:„Knüpfe dieſe Binde von meinem Arme, guter Freund. Ich habe aufgehört, der Rennbote des Kaiſers zu ſeyn. Zugleich aber bin ich Oberſt und ein Bettler geworden.— Ja, jaz ſieh mich nur immer an, mit Deinen ſtaunenden Augen. Alles iſt verloren, was mir Glück und Gnade beſcherte. In meinem fünfunddreißigſten Jahre ſtehe ich auf demſelben Punkte, von dem ich mit acht⸗ zehn Jahren ausging. Des Lebens Güter ſind mir treulos geworden, und mir bleibt nichts, als ein trauerndes Weib⸗ das in ſeiner Melancholie ſich von mir trennen will, eines Unheils wegen, welches von ihr ſelbſt verſchuldet: dann noch die Hoffnung, auf irgend einem fernen Kampfgefild den Tod zu finden.“ Sans⸗Regret ſah ihn recht mitleidig an, ſtellte ſich dann in ehrfurchtsvoller Poſitur vor ihn hin, und verſetzte:„Sie ſind zu ſtreng gegen das Schickſal, Herr Oberſt. Bleibt Ihnen denn nicht in mir noch ein Freund? Ha, ich bin ſtolz genug, zu glauben, daß ein Vogel wie ich, eine große Sel⸗ tenheit iſt. Je älter ich werde, je mehr ſehe ich ein, daß wir beide nur allein die Freundſchaft ſo recht begriffen ha⸗ ben. Was kümmert Sie daher der Prozeß, der Bankerot des Andrieux? Sie wollten mir nie glauben, daß der Menſch ein Spitzbube ſey, und dafür hat er Sie um alles gebracht. Das iſt in Ordnung. Aber es kümmert Sie nicht, denn mein Vermögen iſt das Ihrige. Ich bin ohne⸗ dies an die Feldkoſt gewöhnt, und weiß nicht was ich mi dem Gelde anfangen ſoll. Nehmen Sie's daher, und wenn wir nichts mehr haben, ſo ſetzen wir zuſammen 4. — 10 und eſſen Kommisbrod, und denken, Sie an die geſchiedene Frau, ich an meine todte, und erziehen meinen Jungen zu einem wackern Soldaten. Doch— hören Sie die Trommel, Herr Oberſt? ich muß zur Kompagnie. Auf baldiges Wie⸗ derſehen, denn, ſobald ich die Nummer Ihres Regiments weiß, ſo melde ich mich, um dahin verſetzt zu werden, und das muß geſchehen, trotz Tod und Deufel!“ Der Sergeant ſprang mit jugendlicher Schnelligkeit da⸗ hin, wo die Pflicht ihn rief, und leß den Oberſt voll Ver⸗ wunderung über des Freundes edelmüthiges Betragen ſeinen Weg weiter fortſetzen. Der Grenadier ſchob ſeine Bären⸗ mütze etwas tiefer in die Stirne, klopfte die Spuren der letzten Priſe von Bandelier und Handſchuhen, erfaßte mit dem rechten Arm zierlich die Flinte, und eilte in Reih und Glied zu treten, als ihn der Hauptmann zu ſich winkte. Einige Schritte von der Kompagnie abſeits flüſterte ihm der Kapitän vertraulich zu:„Heute, Sergeant, iſt die Gelegen⸗ heit, Euer Glück zu machen. Ihr ſeyd einer der älteſten Unteroffiziere der Garde, bekannt durch Euere Unerſchrocken⸗ heit im Gefecht und dem Kaiſer beſonders empfohlen durch den Patrivotismus, der Euch aus dem Invalidenhauſe wieder in die Reihen der Krieger führte, die Euch wie einen Vater verehren. Aber der Kaiſer hat der Geſchäfte zu viele, als daß ihm die Namen derjenigen, die ſich um den Staat ver⸗ dient gemacht, ſtets gegenwärtig bleiben ſollten. So ſeyd Ihr, Sergeant, bei der Austheilung der Ehrenkreuze über⸗ gangen worden. Es ſteht einem Soldaten wohl an, ſeine Beſchwerden in ähulichen Dingen unmittelbar vor die rechte Behörde zu bringen. Die heutige Revüe giebt Euch Anlaß. Dieſe Heerſchau dürfte die letzte vor der Einſchiffung nach 11 England ſeyn. Der Kaiſer iſt gut gelaunt, erfreut von der guten Haltung ſeiner Truppen. Benützt den Augenblick und die Stimmung. Tretet aus dem Gliede, wenn der Kaiſer zu Fuß durch die Linie geht; präſentirt das Gewehr und bleibt lautlos ſtehen. Der Kaiſer wird das bemerken, und Euch nach dem Begehren fragen. Alsdann nennt Ihr blos der Reihe nach die Namen der Schlachten, die Ihr mitgefochten, und verlangt mit beſcheidenem Nachdruck und der militäriſchen Freimüthigleit, die Euch eigen iſt, das Kreuz der Ehre. Ich glaube Euch verſichern zu dürfen, daß der Kaiſer ſolche Forderung mit Vergnügen anhören und bewilligen werde. Ein Avencement wird in der Folge ſchwer⸗ lich fehlen, und es wird mich freuen, zu Euerm Glück etwas beigetragen zu haben.“ Der Hauptmann hatte ſich alle Mühe gegeben, dieſe Wei⸗ ſung ſo unbefangen vorzubringen, als nur möglich. Man hätte darauf ſchwören ſollen, daß der gute Rath unmittelbar in dem Gehirne des Rathgebers entſprungen ſey. Aber der kluge Sohn des Südens durchſchaute den angelegten Plan, und fragte, faſt mit muthwilligem Lächeln in den Mund⸗ winkeln:„Iſt das Befehl, mein Kapitän?“ Der Kapitän erröthete beinahe. Er beſann ſich einen Augenblick, und erwiederte ſodann, leicht hingeworfen:„Nicht doch, Sergeant. Wenn mein guter Wille für Euch die Macht des Befehls hat, ſo würdet Ihr nicht ſchlecht dabei fahren. Der Erfolg— ſo darf ich behaupten, iſt nicht zweifelhaft, und Ihr, mein guter Alter, ſeyd kein Kind mehr.“ Hier blieb die Unterredung ſtehen, und das Bataillon ſetzte ſich in Schritt, voraus die Muſik, die fröhlichſten Märſche anſtimmend, und in der Mitte ſ Fahneu, 12 fröhlich ſchwimmend in der heitern Luft über den glänzenden Bajonetten. Weit ringsum klang es durch die Ebenen wie ein großer Prunkmarſch, aufgeführt von zahlloſen Muſik⸗ banden, denn von allen Seiten zogen die Krieger herbei, ſich auf der Heerſchau zu ſtellen. Aus den entfernteſten La⸗ gern, aus denen von Montreuil, Vimereur und Ambleteuſe, marſchirten die Truppen in feſttäglichem Glanze heran. Auf dem Platze, wo ein Jahr zuvor der Thron errichtet gewe⸗ ſen, von dem Napoleon die Zeichen der Ehre vertheilt hatte, ſchaarten ſich die Heeresmaſſen in lang gedehnte Glieder zuſammen. Vor ihnen lag das Meer, welches den Erbfeind von Frankreich trennt; die Soldaten konnten die Geſtade Englands am Horizont erkennen: das Ziel, wie ſie hofften, ihres nächſten Zuges. Freude und Kampfesluſt, geſteigert durch zweijähriges Harren auf dieſen Dünen, ſtrahlten aus jedem Auge, und, verſchloß gleich der Dienſt den Mund des Soldaten, ſo führten doch ſeine Züge nur um ſo beredtere Sprache, als der Kaiſer in vollem Galopp, von ſeinem glän⸗ zenden und überaus zahlreichen Generalſtab umgeben, auf die Ebene ſprengte, alle Trommeln ſchlugen, alle Trompeter blieſen, und ein lauter Vivatruf aus der Menge von Zu⸗ ſchauern aufſtieg, die das impoſante Schauſpiel aus der Stadt hiehergelockt. Die ſtolzen Adler, noch auf die Lor⸗ beeren wartend, von welchen ſie bekrönt werden ſollten, neig⸗ ten ſich vor dem Helden, die Wimpel und Flaggen der Flo⸗ tille im Hafen flogen luſtig empor, und im Nu war Stille uber das weite Gefild verbreitet, und unbeweglich ſtanden die Fronten. Das Geſicht des Kaiſers hatte all' die Heiter⸗ keit angenommen, die ſich in glücklichen Augenblicken darauſ ausprägte. Mit einem, man möchte ſagen, freudetrunkenen 13 Blick, ſchaute er um ſich, und zählte in Gedanken die Menge der Schaaren, die ihm zu Gebot ſtanden. Ueber vierzig Regimenter, Artillerie und Garde ungerechnet, harrten hier ſeines Gebots. Dreitauſend Fahrzeuge aller Art und Größe erwarteten in den Häfen von Boulogne, Etaples, Vimereux, Ambleteuſe und Calais das Signal zur Abfahrt nach der feindlichen Küſte. Hier, auf den Keilen, picardiſchen Ufern⸗ auf ihrem dürren Sande, ſollte die Saat von Europa's Schickſalen aufgehen. Dieſes Heer von Landtruppen, wel⸗ ches ſchon dem geliebten Feldherrn den Weg zum kaiſerlichen Throne ſo leicht gemacht hatte; die äußerſt zahlreiche und geübte Marine, die vor Begierde brannte, die Schmach von Abukir abzuwaſchen, und Trafalgar's Blitzſchlag noch nicht ahnte;— die Menge von Heerführern endlich, die neu er⸗ nannten Marſchälle von Frankreich, Napoleons Vettern und Paladine, alle in der Jugend Kraft, im blühendſten männ⸗ lichen Alter, ſchon gereift in Siegen, und dürſtend nack neuem Ruhm;— mußten ſolche Schätze der Tapferkeit nicht die fröhlichſten Hoffnungen in der Bruſt des ehrgeizigen Kaiſers erwecken? Dieſe Krieger hatten ihn auf ihrem Schild emporgehoben; ſie, die Väter ſeiner Glorie, hatten ſich gleich Kindern um ihn verſammelt. Sie waren ſeine Familie, und Frankreich wurde von ihm geliebt, weil es dieſen Tapfern das Leben und den Unterhalt gab; Frankreich, die ſchöne Mutter, ſo fruchtbar an Kriegergeſchlechtern, würdig des Ruhms, und geſchaffen, ihn zu gewinnen. Das Heer theilte die heitere Stimmung des Kriegsherrn. Alle Evolutionen gingen raſch und lebendig von Statten; ein Griff, ein Schlag, und ein Wort ging durch alle Li⸗ nien.„Mit dieſen wackern Leuten will ich die ganze Erde erobern;“ ſagte Napoleon zufrieden, indem er vergaß, den Schleier der Verſchwiegenheit über ſeinen Planen feſtzuhal⸗ ten; etwas, was ihm öfter in froher Laune widerfuhr. Den Fehler wieder gut zu machen, drohte er mit ſcharfer Arm⸗ bewegung nach den engliſchen Küſten hinüber, und ſtieg mit den Worten:„Frankreichs Feinde ſollen zittern!“ vom Pferde. Er wandelte zu Fuß durch die Reihen, mit Sorg⸗ falt muſternd, vieles lobend, wenig tadelnd. Die Artillerie mit ihrem glänzend hergeſtellten Material, die verſuchten Linienregimenter, von denen viele in Egyptens Wüſten und Italiens Feldern neben ihm geſtanden, die leichten Truppen, voll von Feuer und unbändigem Muth,— nichts entging dem Scharfblick des Kaiſers. Er ſprach hin und wieder mit dieſem oder jenem Soldaten, hielt ſich bei den italieniſchen Regimentern auf, die ihn entzückt ihre Landesſprache reden hörten, verhieß Allen baldigen Krieg und Gelegenheit, ſich auszuzeichnen, und ließ bei jedem Corps den günſtigſten Eindruck zurück. Die Garde war diesmal die letzte Truppe, welcher er ſich nahte. Sein Antlitz wurde wo möglich noch freundlicher, als er zu ſeinen verſuchten Grenadieren trat. Ihm war wohl, unter dieſen gedienten Schnurrbärten, und wenn er gegen alle übrigen Truppen die Außenſeite des Feldherrn beibehielt, ſo hatte er hier die Miene eines Vaters angenommen. Langſamen Schritts ging er durch die Glieder, und Sans⸗Regret ſah ihn ſchon von Ferne auf ſich zukommen, ſah das Auge des Kaiſers auf ſich geheftet. Er hielt ſich ruhig unter den Waffen. Napoleon kam ihm ganz nahe, und blieb zögernd, wie erwartend, einige Au⸗ genblicke ihm gegenüber ſtehen. Sans⸗Regret hielt ſich ſteif wie zuvor. Der Kaiſer warf einen ſcharfen Seitenblick auf 6 6 den Oberſten,— Sans⸗Regrets Hauptmann beugte ſich aus der Linie vor, um dem Sergeanten zuzuwinken,— Sans⸗ Regret ſchwieg und rührte ſich nicht vom Fleck. Ein Schat⸗ ten des Unwillens flog über des Kaiſers Geſicht, aber er wußte ſich meiſterlich zu helfen. Er wendete ſich zu Sans⸗ Regrets Nebenmanne, einem Grenadier von wildem Aeußern und vielen Dienſtjahren.„Warſt Du nicht bei Lodi? an der Trebia, in der Schlacht bei den Pyramiden?“ fragte er haſtig, und ſetzte hinzu, als der Grenadier dieſes bejaht hatte:„Warum haſt Du das Kreuz nicht? wie konnte man Dich übergehen? Du hätteſt es verlangen ſollen. Es iſt meine Pflicht, das Unrecht wieder gut zu machen.“ Zugleich nahm er ſein eigenes Kreuz aus dem Knopfloch, und heftete es auf die Bruſt des alten Kriegers. Ein donnerndes Lebe⸗ hoch ſtieg aus allen Kehlen empor, und begleitete den Kai⸗ ſer, der ſich raſch entfernte, zu Pferde ſtieg, an den Huſaren⸗ und Chaſſeurs⸗Regimentern vorüberjagte, und einen erhöh⸗ ten Staudpunkt einnahm, an welchem vorüber die Truppen ſammt und ſonders mit Sang und Klang und unaufhörli⸗ chem Vivatrufen defilirten. Als die Garden wieder vor ihren Baraken angekommen waren, näherte ſich der Kapitän dem Sergeanten, und ſagte ihm unwillig;„Ihr ſeyd ein verteufelter Starrkopf. Was zum Henker konnte Euch ſo verblenden? Ihr werdet es be⸗ reuen. Sobald der Kaiſer von dem Hafen zurück iſt, den er jetzt beſichtigt, habt Ihr Euch bei ihm einzufinden. Er hat's hefohlen.“* „Soll geſchehen, mein Kapitän;“ antwortete Sans⸗Regret trocken, trat ab, und machte ſich zu der ſonderbaren Audienz fertig.— Er hatte vor des Kaiſers Quartier lange zu warten, 16 bis derſelbe zurück kam. Im Vorübergehen fiel Napoleons Blick auf ihn, und einen Moment nachher wurde er zu dem Kaiſer berufen. Der Fürſt war nicht ſchlecht gelaunt, er hatte ſich's bequem gemacht, Hut und Degen abgeworfen, die Uniform aufgeknöpft, und ſaß auf einem Feldſtuhl, mit dem Arm auf den Tiſch gelehnt. „Kennſt Du mich noch?“ fragte er mit wohlwollendem Ton:„Wir ſind alte Bekannte. Du erinnerſt Dich. Ich habe Dein Geſicht weder von Brienne noch von St. Jean d'Acre her vergeſſen. Dein Kapitän hat mir erzählt, daß er Dir einen guten Rath gegeben, den Du unbegreiflicher Weiſe nicht befolgt. Warum nicht? erkläre Dich.“ „Was ſoll ich ſagen, Sire?“ „Die Wahrheit. Du haſt zwar den Ruf eines Sonder⸗ lings. Dein ganzes Corps nennt Dich ſo. Ja, ja, ich habe mich darnach erkundigt. Sogar Deine Herzhaftigkeit, Deine Bravvur, hat einen ſeltſamen Anſtrich. Doch biſt Du nicht verrückt. Wie fällt Dir alſo ein, eine Ehre auszuſchlagen, wornach Tauſende begierig ſtreben?“ Sans⸗Regret ſchwieg eine Weile; da er aber bemerkte, wie des Kaiſers Auge nicht von ihm abließ, ſo ſprach er männlich und freimüthig:„Ich will Ihnen die reine Wahr⸗ heit ſagen, Sire, wenn Sie es nur erlauben.“ Der Kaiſer ſtand auf, ging lächelnd auf Sans⸗Regret zu, zupfte hn am Schnurrbart und verſetzte:„Heraus mit der Sph mein Alter. Ich liebe die Offenheit. Was ſteht hr an, daß Du das Kreuz meiner Ehrenlegion volw gert.“ — „— — ——— „Das Kreuz ſelbſt, Sire. Ich kann den Adel nicht lei⸗ den, und folglich die Ordenszeichen ebenfalls nicht. Man thut mir einen Gefallen, wenn man mich damit verſchont.“ „Sieh' doch; wie republikaniſch! wo haſt Du dieſen Haß gelernt?“ „In Amerika, Sire, und ſpäter in Frankreich ſelbſt.“ „Was ſagſt Du denn dazu, aller Jakobiner, daß ich Adel und Orden wieder einführte? „Daß Sie etwas Beſſeres hätten thun können⸗ Sire.“ Der Kaiſer trat einen Schritt zurück, runzelte die Stirne, konnte jedoch den Ernſt nicht lange bewahren, und lächelte; dann fuhr er fort:„Du biſt in der That ſehr freimüthig. Laß aber weiter hören. Mir ſcheint, als ob Du nicht billigteſt, daß ich Dein Kaiſer geworden bin. Wie?“ „Meiner Treu, Sire, Sie haben's errathen.“ „Ich hätte ohne Zweifel auch hier etwas Beſſeres thun können?“ „Allerdings, Sire. Sehen Sie: ich denke, und viele meiner Kameraden denken es mit mir⸗ daß es beſſer geweſen wäre, wenn die Krone noch zu ihren Füßen läge, ſtatt vom Pabſte auf Ihr Haupt geſetzt zu ſeyn. Als Konſul des freien Frankreichs ſtanden Sie einzig da. Als Fürſt müſſen Sie ſich von allen Fürſten Bruder nennen laſſen. Und die Brüder werden es Ihnen doch nie vergeben, daß Sie ſich in ihre Reihen geſtellt.“ Der Kaiſer warf einen finſtern Blick gegen die Decke des Zimmers, überlegte einen Augenblick lang, und verſetzte: —— „Du ſprichſt, wie Du's verſtehſt. Ihr ſeyd es ja, Ihr alten Schnautzbärte, die mich zum Erſten unter meinen fürſtlichen Brüdern machen müßt. Frankreichs Herrſcher gebietet immer über das Schickſal von Europa.“ Der Sergeant nickte ein wenig mit dem Kopf, und mur⸗ melte zwiſchen den Zähnen:„Alles recht, aber unrecht, daß es wieder einen Herrſcher über Frankreich gibt.“ Der Kaiſer fragte ſchnell:„Wie kannſt Du bei ſolchen Geſinnungen noch ferner in meinen Heeren die Waffen tra⸗ gen? Der Grenadier erwiederte mit Thränen der Rührung im Auge:„Ich thue es, wie Tauſende meiner Kameraden. Wir ſehen in Ihnen, Sire, nicht den Kaiſer, nicht den Mo⸗ narchen, ſondern nur den alten geliebten Soldatenvater, den Helden, der Frankreichs Ruhm mit dem ſeinigen unauflös⸗ lich vereinigte. Wenn Sie wollen, Sire, ſo regiert uns alte Kriegsgurgeln eine gewiſſe Eiferſucht. Wir halfen die Lorbeeren der Republik pflanzen, und wollen es nicht allein unſern Söhnen überlaſſen, die Lorbeeren des Kaiſerreiches mit ihrem Blute zu düngen. Mit einem Worte, Sire: wir lieben in Ihnen Frankreich, und opfern für daſſelbe Leib, Leben, und ſelbſt die Meinung.“ „Da habt Ihr auch recht;“ ſprach der Kaiſer gewichtig: „Das Intereſſe Frankreichs und das meinige iſt unzertrenn⸗ lich.“ Nach einer Pauſe ſetzte er hinzu:„Geh' jetzt nur Deiner Wege, braver Soldat. Ich ehre Deine Grundſätze, und ein Orden, den Du haſſeſt, ſoll Dir nicht aufgedrungen werden. Ich läugne nicht, daß ich es gerne geſehen hätte, wenn Du die Belohnung Deiner Verdienſte angenommen. — + 19 Solche Beiſpiele wirken auf die Menge, und ſchmeicheln jedem Tapfern, der nicht ein durchtriebener Jakobiner iſi, wie Du. Du biſt ehrgeizig, Alter; verhehle es nicht. Mit dem Titel eines erſten Grenadiers von Frankreich, der bei Latours Tode vakant wurde, könnte ich wohl Dein ſtarres Republikanerherz erweichen; wie?“ Den Grenadier beleidigte die Fronie, die in des Kaiſers Worten und Mienen lag, er ſchüttelte den Kopf, und ant⸗ wortete mürriſch:„Ich danke für den Scherz, Sire; was ſind meine Verdienſte gegen die des edlen Latour? und wenn auch das wäre,— ſolche ehrenvolle Titel, die Ihnen einſt eine glückliche Inſpiration eingab, ſind mit der Republik auf ewig, unwiederbringlich verſchwunden.“ Dieſer Ausfall des alten Fechtmeiſters verdroß den Kai⸗ ſer in der That. Er drehte ſich kurz von dem Grenadier ab, und ſagte mit gebieteriſchem Tone:„Adicu.“ Sans⸗Regret legte jedoch verneigend die Hand an die Mütze, und hob an:„Eine Bitte, Sire.“ „Welche?“ „Der Oberſt Dammartin iſt mein väterlicher Freund. Ich würde es für das größte Glück achten, unter ſeinen Befehlen zu ſtehen, und für die größte Gnade Euerer Ma⸗ jeſtät, wenn Sie mir erlauben wollten, mein jetziges Corps zu verlaſſen, und in das Regiment zu treten, welches der Oberſt Dammartin kommandiren wird.“ Der Kaiſer ſagte finſter:„Ich verliere tapfere Leute un⸗ gern aus meiner Garde. Zudem wißt Ihr, daß Ihr Vor⸗ theile aufgebt, die ſich nicht ſobald ausgleichen laſſen.“ Sans⸗Regret zuckte die Achſeln, und verſicherte, daß ihm der Verluſt dieſer Vortheile nicht nur nicht ſchwer fallen würde, ſondern ihm wie ein Gewinn erſchiene, wenn er da⸗ mit den Zweck erreichen könne, in der Nähe ſeines Freundes zu dienen. Er fügte bei, daß eine ſolche Berückſichtigung ihm vollkommen als Entſchädigung für das Ehrentreuz gel⸗ ten würde, das ihm die kaiſerliche Huld zugedacht.— Nach ein Paar Sekunden der Ueberlegung ſagte der Kaiſer:„Be⸗ willigt. Berthier wird das Uebrige verfügen.“— Mit die⸗ ſen Worten war Sans⸗Regret entlaſſen. Während alles dieſes vorging, hatte Victor auf weiten Umwegen— denn die Begebenheiten des Morgens veran⸗ laßten ihn, umherſchweifend Zerſtreuung zu ſuchen— ſein Abſteigquartier in Boulogne erreicht. Sein Wirth wunderte ſich, den Adjutanten des Kaiſers, an dieſem Tage der Heer⸗ ſchau, nicht in deſſen Gefolge zu ſchen, erhielt aber nur ſpärliche Antwort von dem Befragten, und ſperrte ihm das Zimmerchen auf, welches Victor bewohnte, wenn er von Zeit zu Zeit, um ziemlich ſeltene Ruheſtunden zu verleben, von dem Lager zur Stadt kam. Der Oberſt ſtreckte ſich ermüdet auf das Ruhebett, ließ alle Bilder ſeines Lebens, Reihe für Reihe, an ſich vorüber ziehen, und brachte den ganzen Tag in tiefem Nachdenken über ſein Geſchick zu. Der Blick vor⸗ wärts in ſeine Zukunft fiel ihm nicht ſchwer, ſchien ihm nicht trübe. Ihn konnte nur Ruhm erwarten, oder ein früher, aber rühmlicher Tod. Aber, wenn er rückwärts ſchaute, auf ſein Haus, auf ſein zertrümmertes Familienglück, ſo ſchlug ſein Herz ängſtlich, und Bangen beſchlich die muthige Bruſt. Die Dinge in ſeinem Hauſe hatten eine beklagenswerthe Wendung genommen. Adele hatte mit ihrer völligen Geſundheit auch jene Heftigkeit wieder erlangt, die ihrem Ge⸗ ſchlecht eigenthümlich iſt, und ſehr oft in der Gattin heraus tritt, wenn jie auch dem Mädchen nicht beizuwohnen ſchien. Das im Innern durch den Verluſt ihres Kindes tief ge⸗ tränkte Weib hatte die Erinnerung dieſes Unglücks auf's Neue und lebendiger an ſich herangezogen. Ein ſehnſüchti⸗ ger wilder Schmerz folterte unaufhörlich ihre Seele, und der Dämon der Eiferſucht entzündete noch einmal mit ſeiner Fackel ihr Herz. Dieſes Herz liebte den Batten zwar mit der Wärme der erſten Empfindung; aber gerade aus dieſer Aebe entwickelte ſich der Argwohn, und doppelt fürchterlich iſt die Leidenſchaft der Eiferſucht, wenn ſie rückwärts blät⸗ tert im Buche des Lobers, und aus lang vergangener Zeit friſche Nahrung herauszugrübeln verſucht.— Vergebens hatte Victor mit aller Beſonnenheit des Mannes, im Be⸗ wußtſeyn untadelhaften Thuns, den böſen Launen, den un⸗ ſeligen Grillen ſeiner Gattin entgegen gekämpft. Was das unabläſſige Zureden vieler Stunden gut gemacht, riß wieder die Selbſtauälerei Adelens in der nächſten ſchlafloſen Nacht ein. Die Abweſenheit Victors, ſein langer Aufenthalt bei vem Heere zu Boulogne, vollendeten das Unheil. Die trau⸗ rigſten Brieft, bald überſließend von glühender Zärtlichkeit, dann wieder von den ungerechteſten Vorwürfen angefüllt, verwundeten das Gefühl des edlen Mannes. Adele hatte die fixe Idee gefaßt⸗ Gabriele und Victor ſeyen in ein un⸗ würdiges Verhältniß verflochten geweſen; Sans⸗Regret habe den Vertrauten dieſes Bündniſſes vorgeſtellt, und nur der Nachläßigkeit Victors⸗ ſeinem Mangel an Theilnahme und Liebe, ſey der Verluſt der geliebten Tochter zuzuſchreiben. Feindliche Rathſchläge hatten das Uebrige gethan. Dieſelbe Baſe zu Orleans, zu welcher Adele damals hatte flüchten wollen— denn Montchoiſy, den ſie noch immer für ihren Vater hielt, war ihr verdächtig und fremd geworden— beſtärkte die unglückliche, mit ſich ſelbſt zerfallene, Gattin in ihrem traurigen Wahn. Die Unvermählte, von Jahren nie⸗ dergedrückt, und freundlicher Pflege entbehrend, hätte gar zu gerne in der jungen Verwandten die Pflegerin gefunden; verſprach ihr darum goldene Berge in ihrem Hauſe, und lag ihr an, einen Gatten zu verlaſſen, der ihre Liebe nicht zu ſchätzen wiſſe. Die bejahrte Douairiere kam ſelbſt nach Paris, umſpann mit feinen Verführungskünſten ihre Baſe, und that, halb ohne Adelens Wiſſen, halb unterſtützt durch deren Unthätigkeit, die erſten Schritte, um ein Scheidungs⸗ geſuch gegen Victor einzuleiten. Die Nachricht, die Victor von ſeinem Geſchäftsmanne erhielt, donnerte ihn faſt zu Boden. Im erſten Augenblicke wollte er nach Paris; im nächſten zog er vor, in Boulogne zu bleiben, und nicht für⸗ der eine Gattin zu ſehen, die ſo vielen Verſuchen der Liebe, ſo vielem Bemühen der edelſten Neigung, und den unver⸗ werflichſten Vernunftgründen, nur einen ſtarren Sinn und eine Felſenbruſt beharrlich entgegenſetzte. Seine Antwort war kalt und gemeſſen, wie die des gekränkten Redlichen ſeyn muß, und blieb ohne Erwiederung, obſchon die vor⸗ nehme komplottirende Baſe Paris wieder verlaſſen hatte, um die Erndtearbeiten auf ihren Gütern zu beaufſichtigen, und Adele von aller fremden ungünſtigen Einmiſchung für den Augenhlick befreit ſchien. So ſtanden noch die Sachen an dem Tage, wo Victor aufhörte, des Kaiſers Adjutant zu ſeyn; ſo traurig und widerlich waren noch die Begriffe, die ſich der Oberſt von dem Zuſtande ſeiner häuslichen 23 Verhältniſſe machen mußte, und deren Vorſtellung ſein Herz bald zerriß, bald erbitterte.— Den ganzen Nachmittag, faſt den ganzen Abend, brachte er, den ſchmerzlichſten Em⸗ pfindungen zum Raube, einſam zu, und ſein Auge ſchloß ſich ermüdet, um einige Ruhe zu genießen, als ihn ein plötzlich ausbrechendes Getöſe auf den Straßen aus der Betäubung dieſes krankhaften Schlummers weckte. Seine Wohnung lag nah am Hafen, und von dem Letztern her ſchien das Getöſe zu kommen. Victor riß das Fenſter auf, ſah mit Staunen die Straße von Lichtern und Laternen er⸗ hellt, eine brauſende Volksmenge, die hindurchwogte, hände⸗ ringende Weiber, und wüthend daherlaufende Seeleute, die mit ihrem Geſchrei die Lüfte erfüllten. Es bedurfte nicht erſt einer Frage an die Menges aus allen Kehlen erſchallte der Ruf:„Wir ſind verloren! die Flotte geht zu Grunde; engliſche Brander ſind im Hafen!“ Zweites Rapitel. S Begebniſſe der Racht. Die großbrittanniſche Escadre, die zur Beobachtung, zur Blokade, und um an den Küſten zu kreuzen, vor dem Ha⸗ fen von Boulogne lag, hatte ſchon öfters Brandſchiffe und Höllenmaſchinen in die Mitte der franzöſiſchen Flotille ab⸗ gehen laſſen, um dieſelbe zu zerſtören. Gewöhnlich war das Unternehmen geſcheitert; nur wenige Fahrzeuge waren das Opfer dieſer unwürdigen Machination geweſen. Den⸗ noch entſtand immer wieder auf's Neue das höchſte Entſetzen, wenn von einem abermaligen Verſuche des Feindes die An⸗ zeige gemacht wurde. Die Seeleute zitterten für ihre Schiffe, die Soldaten für ihr Lager, und die Bürger für die Pul⸗ vermagazine an dem Hafen, die unfehlbar, gelang es den Feinden ſie in den Brand zu ſtecken, die ganze Stadt mit ſich in die Luft geſprengt haben würden.— Auch heute war das Gedräng auf den Quais ungeheuer. Die Poſtenkette der Schildwachen längs den Hafengeſtäden mußte mit der größten Gewalt die Menge zurücktreiben; die Kompagnien der Pompiers und Pontoniers mußten ſich mit Mühe Bahn 25 durch den Pöbel machen. In dem Hafenbecken war alles lebendig; Kähne fuhren hin und wieder, die ſchwereren Fahrzeuge veränderten langſam ihren Platz, um der An⸗ näherung der Brandmaſchinen zu entgehen, die, ſchwarzen Ungeheuern gleich, drohend auf den Wellen ſchwammen, beleuchtet von den Flammen und Laternen der franzöſiſchen Schiffe. Die Eine dieſer Maſchinen machte ihre Exploſion, während ſie noch weit aus dem Bereiche irgend eines Fahr⸗ zeugs oder eines Ufers war; die andere wurde durch die muthige Entſchloſſenheit der Mannſchaft einer Kanonier⸗ ſchaluppe unſchädlich gemacht. Dieſe Tapfern, Seeleute und Landſoldaten, ſprangen mit Verachtung ihres Lebens auf das gefahrvolle Brandſchiff, ſuchten die Batterie, ent⸗ deckten ſie glücklich, und zerſtörten ſie, ehe noch das mecha⸗ niſche Rad, deſſen letzter Zacken das Pulver entzünden ſollte, ſeinen völligen Umſchwung genommen hatte.— So groß nun zuvor die Beſtürzung geweſen, ſo gewaltig war jetzt die Freude des Volks. Unter fröhlichem Geplauder, Scherzen, Singen und Lachen, zog die Menge wieder ab, nachdem der Hafen⸗Kapitän erklärt hatte, daß keine Gefahr mehr zu befürchten ſey. Die luſtige Bewegung der Menſchenmaſſe war nicht minder ſchnell und fortreiſſend, als ihr angſtvolles Hinſtürmen. Victor, der ſein Haus verlaſſen, dem gefähr⸗ lichen Schauſpiel beigewohnt hatte, und ſich nun nach ſeinem Quartier zurück begab, bemerkte an der Mauer eines Hauſes eine Dame, welche mit vieler Mühe ihrem Kammermädchen forthalf, das ſich den Fuß übertreten hatte. Die Kleidung des Frauenzimmers, ſoweit Victor beim Schein der Laternen erkennen konnte, war die einer Frau von Stande in tiefer i ſprang der Oberſt hinzu, bat um die 26 Erlaubniß, der Dame in ihrer Chriſtenpflicht zu helfen, bot dem Kammermädchen ſeinen Arm, und half die arme Verletzte nach ihrer Wohnung führen. Unter der Hausthüre erſuchte ihn die Dame, einen Augenblick bei ihr einzutreten, und zu ruhen. Victor folgte der Einladung, von der Stimme der Unbekannten ſeltſam angeregt, und die Ahnung, welche in ſeinem Herzen aufſtieg, verwirklichte ſich, als nach einigen Minuten die Gebieterin, nachdem ſie ihre Kranke beſorgt, zu ihm in das Zimmer trat. Victor fuhr von ſeinem Stuhl auf, ſtand faſt leblos dann vor der Dame, und tonlos lispelte ſein Mund:„Emilie!“ Das Fräulein von Sombreuil— die Trauernde war es wirklich— theilte die Ueberraſchung des Oberſten. Sie faltete die Hände, und ſprach mit zitternder Stimme:„Herr von Dammartin.... vergeben Sie meiner Erſchütterung; ich durfte nicht erwarten, Sie hier, in meiner Wohnung zu ſehen.“ Victor ſeufzte tief auf, und entgegnete bekümmert: „Meine Gegenwart muß Ihnen peinlich ſeyn. Geſtatten Sie, daß ich mich entferne.“ Die Sombreuil ſchüttelte den Kopf, ergriff Victors Hand, führte ihn zu ſeinem Stuhl zurück, und ſetzte ſich ihm gegen⸗ über. Ihr Auge ſchien von einer Thräne zu glänzen, aber ihr ſehr blaſſes Geſicht zeigte keine Spur von Bewegung. Nach einer Pauſe, ohne Zweifel der Erinnerung geweiht, begann ſie langſam:„Wir haben uns ſehr lange nicht ge⸗ ſehen, Herr von Dammartin. Ihr letztes Erſcheinen an meiner Seite, in den Sälen von Verſailles, lebt in meinem Gedächtniß fort, wie das Andenken eines Traumes. Es iſt manches Jahr ſeitdem über unſer Haupt hingeſtrichen, aber 27 ſo ſehr hai nicht die Zeit Ihre Züge verändert, daß ich Sie nicht wieder gekannt hätte.“ Victor wußte anfänglich nicht, was er erwiedern ſollte⸗ Seine Angen ruhten wehmüthig auf dem Antlitz der ehemals Geliebten, welches die Zeit, und mehr noch das Leid, nicht verſchont hatte. Tiefe Züge des Grams waren in dieſes marmorweiße Geſicht eingegraben; der Mund hatte ſeine Friſche und Lebendigkeit verloren, der Blick ſeinen blenden⸗ den Zauber, aber dennoch war das Antlitz unverkennbar; der Schnitt deſſelben, die ſchöne Stirne, die dunkeln Haare, — ſie waren dieſelben geblieben. Vor allen jedoch war die Stimme noch Emiliens Stimme, und veränderte ſich nur dann, wenn ſie einen Kummer erzählte, oder ein ſchweres erlittenes Schickſal. Die Gelegenheit⸗ dieſes zu bemerken⸗ fehlte dem Oberſt nicht. Er zeigte mit Theilnahme auf Emiliens Kleid, und fragte zögernd:„Sie trauern? wen vetrauert Emiliens ſchöne Seele?“ „Ich könnte ſagen: mein ganzes Leben;“ antwortete Emilie mit gepreßter Stimme.„Mir iſt jede Hoffnung un⸗ getreu geworden, und ich trage für die geſtorbene einen ewigen Wittwenſchleier. Das Unglück meiner Familie kann Ihnen nicht unbekannt geblieben ſeyn⸗ Leider hat ſich die Oeffentlichkeit deſſelben zu ſehr bemächtigt. Ich bin die einzige, die den Untergang überlebte; und daß ich ihn über⸗ leben konnte.... ich frage mich noch heute, wie das mög⸗ lich war.“ Sie ließ das Haupt in die Hand ſinken, und ſchwieg.— Vietor verſetzte mit beſcheidener Theilnahme: „Es iſt mir ſchmerzlich, daß meine Frage Wunden wieder aufriß, die ich, wenn auch nicht geheilt, doch verharſcht glaubte. Die Zeit lindert ja doch jede Pein. Vertrauen 6 28 Sie ihr; laſſen Sie Ihre Zuverſicht nicht erſterben. Ihrem Muth ziemt es wohl, an eine ruhigere Zukunft zu glauben. — Doch— wollten Sie mir nicht erklären, wie Boulogne zu dem Glück kommt, Sie in ſeinen Mauern zu beſitzen?“ „Das iſt ſchnell gethan. Mein Arzt zu Paris giebt ſich der menſchenfreundlichen Täuſchung hin, daß meine Reiſe an den Küſten, das Einathmen friſcher Seeluft und Bäder in dem Meere die Heiterkeit meines Gemüths wieder her⸗ ſtellen werden. Nun: ich habe ihm gehorcht. Der Anfang meiner Reiſe entſprach jedoch ſeinen Hoffnungen nicht. Ich habe den Strand von Quiberon beſucht, und dem Andenken meines unglücklichen Bruders das einfachſte Denkmal ge⸗ weiht; eine Thräne nie verſiegenden Schmerzes, eine Thräne des Zorns.“ Die Haltung des Fräuleins wurde eine drohende, und Victor, über die Wendung beſtürzt, die das Geſpräch nahm, ſuchte die Freundin durch einige Worte der Ermunterung zu beruhigen. Sie jedoch, die ehemalige Lebhaftigkeit wieder findend, fuhr fort:„O, reden Sie mir nicht von Troſt. Dieſer gerechte, trotzige Zorn gegen mein Schickſal, und gegen Diejenigen, die es herbeigeführt, iſt die Bedingung meiner Exiſtenz. Durch ihn leb' ich noch. Sie können das nicht fühlen; Sie hatten keinen Vater mehr, keine Brüder zu verlieren. Aber vor meinen Augen ſchwebt das blutge⸗ färbte greiſe Haupt des edeln Mannes, dem ich mein Leben verdanke, den ein hämiſcher Gott mich retten ließ, um ihn im nächſten Augenblick um ſo ſicherer zu verderben, mein Herz um ſo grauſamer zu zermalmen. Noch ſtündlich ſtebt vor mir die Geſtalt des Bruders, der mit meinem Vater vereint auf dem Schaffot fiel, ohne daß es mir vergönnt geweſen 29 wäre, ihr Schickſal zu theilen. Und Farl endlich, der ge⸗ liebteſte meiner Brüder! wie könnt' ich jemals das Lvos vergeſſen, welches ihm fiel? ich ſtand auf dem Ufer, wo er gefangen wurde, Preis gegeben von den ſchändlichen Emi⸗ granten, die ihn als ein Opfer zurück ließen, um ihr feiges Leben zu retten; ich habe das Fort Penthievre beſucht, welches er mit Heldenmuth vertheidigt; ich habe dann den Ort ge⸗ ſehen, wo er unter den Kugeln der Republikaner blutete. Was iſt geeigneter, meinen Zorn, meine Qual zu nähren, als jene Erinnerung? o mein Freund, mir ſind die Schup⸗ pen von den Augen gefallen, ich habe meine Liebe für das Königthum theuer bezahlt, und ſehne mich nur nach dem Augenblicke, wo Frankreichs Siegerfahnen auf dem feind⸗ lichen Geſtade wehen, und der falſche Auswurf franzöſiſchen Adels, wie die Machthaber Englands, denen mein Bruder ſein frühes Ende verdankt, die gerechte Strafe finden werden.“ Victor bezeigte Emilien ſeine Verwunderung, daß ſie von ihrer frühern Ueberzeugung ſo völlig zurück gekommen⸗ während er faſt bereit ſey, einen Theil der ſeinigen unter den Umſtänden, wie ſie ſich jetzt geſtaltet hatten, hinzugeben. Er ſchloß mit den Worten:„Unſere Meinungen haben uns einſt getrennt, Emilie. Durfte ich ahnen, daß wir uns je darinnen nähern könnten? ach, jene Stunde, in der Sie mich verwarfen, weil ich die Farben der Nation trug, war eine der bitterſten meines Lebens, und nur der pfeilſchnelle Drang der Begebenheiten gehörte dazu, um mir darüber hinauszuhelfen. Sie haßten mich.“ Emilie verneinte ſchwermüthig, und verſetzte:„Nein⸗ Herr von Dammartin, mir wird es nicht ſo leicht, mit meinen Gefühlen zu wechſeln, ſogar wenn meine Ueberzeugung 30 dieſen Wechſel befiehlt. Ich habe Sie immer geſchätzt, wenn ich auch damals vor dem Gedanken zurückſchauderte, die Gattin eines Republikaners zu werden. So oft ich etwas von Ihnen erfuhr,— dieſes geſchah durch meinen alten Lehrmeiſter Sans⸗Regret,— erinnerte ich mich Ihrer mit Freudigkeit. Ich betete für Sie zu dem Gott der Schlachten, daß er Sie beſchütze, zu der Mutter des Hei⸗ lands, daß die Göttliche Ihren Lebensweg ſegne, und einſt Ihr häusliches Glück begründe. Dieſe Bitten an den Him⸗ mel wurden erfüllt.“ „Erfüllt?“ fragte Victor bitter:„Nun freilich; ich lebe noch. Aber das Glück, das mir am häuslichen Herde be⸗ ſchert wurde.“— „Urtheilen Sie nicht vorſchnell und ungerecht;“ unter⸗ brach ihn Emilie ernſthaft:„Ich weiß um Ihre Verhält⸗ niſſe; ich habe mich davon unterrichtet, unparteiiſch und nur für Ihr Wohl beſorgt. Ich war ſo glücklich, Ihnen einſt einen Dienſt zu erweiſen, da ich Sie von den eigent⸗ lichen Zwecken der Marquiſe, die in ihrem Hauſe wohnte, unterrichtete. In meinem Salon war die Rede von der Frau geweſen; ein hoher Polizeibeamter äußerte Beſorgniß für Ihre Sicherheit. Glücklicherweiſe folgten Sie dem wohl⸗ gemeinten Wink und vermieden auf dieſe Art den Blitzſtrahl, der Sie bedrohte. Sie ſehen, daß ich freundlich an Sie dachte; nicht minderes Intereſſe aber flößte mir Ihre Gattin ein, als ich erfuhr, wie Sie Ihr Kind verloren, wie Unheil über Unheil in Ihrem Hauſe eingeriſſen. Dieſes Unheil wuchs mit der Anweſenheit der Tante von Orleans. Aber kaum war dieſer Dämon aus Ihrem Hauſe gewichen, ſo 31 verſuchte ich als guter Engel dort einzutreten. Ich habe mir das Vertrauen Ihrer Gattin erkämpft. Ich war ſo glücklich, ſie zu überzeugen, daß Verleumdung, Eiferſucht und körperliche Krankheit ſie nicht berechtigen, an der Liebe ihres Gatten zu zweifeln und dieſelbe mit Undank zu ver⸗ gelten. Mit einem Wort: ich habe ſie beſiegt, und erwarte ſie morgen in dieſer Stadt, um die Reuige in Ihre Arme zurückzuführen.“ Victor hatte mit allen Zeichen der höchſten Verwunderung der dahin ſtrömenden Rede des Fräuleins zugehört. Weit entfernt, an ihrer Aufrichtigkeit zu zweifeln, zog ihn die Gewalt des Augenblicks, der ſeinen trunkenen Sinnen plötz⸗ lich die Ausſicht in eine ſonnenhelle Zukunft eröffnete, zu Emiliens Füßen nieder. Das Fräulein erſchrack, entzog ſich dieſen ſtürmiſchen Dankeszeichen, winkte dem Oberſten ſich zu erheben, und ſprach gerührt, wie mit Engelslauten: „Dieſe Bewegung, mein Freund⸗ ſo wenig ſie auch für unſer jetziges Verhältniß ſich ſchickt, iſt mir doch ein koſtbarer Bürge für die Liebe, womit Sie Adele empfangen werden. Ich baute zwar darauf, mich auf Ihr Herz verlaſſend, und habe der ängſtlichen Adele, die ſich einiger Schuld gegen Sie bewußt iſt, mein Wort darauf gegeben, daß Verzeihung ihr nicht entgehen würde. Aber gut war es, daß der Zufal uns heute ſchon vereinte, damit mir die Ungewißheit nicht den Schlaf raube, und ich in voller Heiterkeit die Freundin morgen bewillkommne. Ich danke Ihnen im Voraus, Herr von Dammartin. Wir wollen uns jetzt trennen. Morgen gegen Mittag hoffe ich, wenn Sie dieſes Haus wieder be⸗ ſuchen wollen, Ihnen die zärtlich geliebte Gattin zuzuführen. Gute Nacht, mein Freund.“ 32 Das Fräulein machte den Abſchied ſehr kurz, und Victor ging, die Bruſt bewegt von Freude und Sehnſucht, auf die Straße, nach ſeinem Hauſe.— So wie er einige Schritte gegangen war, ſtieß er plötzlich auf Maronnier. Dieſer erkannte ihn im ſelben Augenblick, faßte ihn bei der Hand, und ſagte mit bitterm Spott:„Du biſt's, Ex⸗ Adjutant? gib mir Deinen Arm, daß wir miteinander gehen, um unſere Galle auszulaſſen. Kannſt Du Dir vor⸗ ſtellen, daß der kleine Korporal mein Geſuch um die Ent⸗ ſchädigung, die mir der Staat von Italien her noch ſchuldet, rund abſchlug? ich kann keinen Frank herauspreſſen, und mit dem Avancement bleib ich ſitzen, ich mag thun, was ich will. Warum hat auch Frankreich ſich einen ſolchen Chef geben müſſen? Der Revolution habe ich alles zu danken, ſo wie überhaupt die Leute meiner Farbe. Der Konſul verſtand es auch noch, den muthigen Neger hin zu kommandiren, wo die Gefahr am größten war; aber, da es ſich für den Kaiſer geziemte, meiner eingedenk zu ſeyn, gefällt ihm plötzlich Maronniers ſchwarzes Geſicht nicht. Seine Herren Marſchälle finden es vielleicht nicht geeignet, einen Mohren an der Spitze eines Regiments zu ſehen, und würden mich gerne als Beckenſchläger oder Trommler in eine Muſikbande verweiſen. Touſſaint hat's erfahren, wie man in Frankreich Wort und Treue hält. Aber der Teufel ſoll mich holen, wenn die Sachen noch länger ihren Beſtand haben können. Komm mit mir, Du armer Zurück⸗ geſetzter. Für uns hat der Staat nicht Orden noch Stellen; laß uns an einer andern Quelle Begeiſterung ſuchen.“ Victor machte ſich von der fieberglühenden Hand Maron⸗ niers los, und verſetzte:„Du biſt heute der Teufel in eigener Perſon. Ich kenne Dich; Du hätteſt Luſt, Dein gutes Herz für einen Augenblick in Schatten zu ſtellen. Sey vernünftig, Freund. Wein oder Punſch würde Dir ſchaden, und ich gehe nicht mit Dir.“ Maronnier lachte wild auf, und entgegnete:„Du biſt im Irrthum, mein Lieber. Ich ſprach nicht von einer Be⸗ geiſterung durch Rebenſaft oder Arac. Mein Blut brennt ohnehin durch meine Adern, und ein kaltes Bad würde mir beſſer thun, als ein Schluck Wein. Beruhige Dich; ich, ſprach von andern Inſpirationen: von feurigem Männerwort, von ausgeſtreuten patriotiſchen Saaten, die von der näch⸗ ſten Zeit zur Reife gebracht werden ſollen.“ „Ich verſtehe Dich nicht.“ „Komm mit mir, ſag ich Dir. Ich will Dich in einer Geſellſchaft einführen, welche Du lieb gewinnen wirſt, oder ich müßte an Deiner Liebe zur Freiheit zweifeln.“ „Eine Geſellſchaft? Unglücklicher; eine Geſellſchaft von Verſchwörern?“ „Behüte. Deliberirend, noch nicht reif zur Ausführung. Komm; wenn Dir's nicht gefällt, ſo geh' wohin Du willſt. Ich verbürge mich bei der Geſellſchaft für Dein Ehrenwort zu ſchweigen.“ Sie ſtanden in der Capuzinerſtraße vor einem Eckhauſe, welches in die Gaſſe des Pot⸗d'Etain ſieht. Maronnier läutete an, nach einigen Sekunden wurde die Thüre von einem Manne geöffnet, dem der Hauptmann einige Worte in's Ohr ſagte, worauf ſie beide eine Treppe hinanſtiegen⸗ und Victor in ein geräumiges Zimmer führten, angefüllt mit Offizieren aller Waffengattungen, in Civilröcken geklei⸗ det, aber den Degen unter dem Rocke tragend. Victors 34 Eintritt machte einiges Aufſehen, man erkannte den kaiſer⸗ lichen Adjutanten in ihm, und um ihn her ſammelten ſich Gruppen der Anweſenden, während Maronnier ihn dem Vorſteher der Geſellſchaft, einem alten gedienten Major, präſentirte. Dieſer richtete einige Fragen an den Oberſt, zog dann Maronnier auf die Seite, unterhielt ſich eine Minute lang mit ihm leiſe, führte dann Victor in ein Ka⸗ binet und ſagte hier kurz und bündig zu ihm:„Betrachten Sie dieſes Haus nur wie eine Schenke, wo man zuſammen⸗ kommt, um zu trinken, zu ſpeiſen und politiſche Diskurſe zu führen. Wichtigkeit kann erſt in der Folge dieſer Verein gewinnen. Vorläufig Ihr Wort, daß Sie über die Exiſtenz dieſes Clubbs ſchweigen wollen.“ Der Oberſt that auf der Stelle, was man von ihm verlangte und ging, nach Empfang ſeiner Karte, die ſeine Gegenwart legitimirte, wieder in den Salon zurück. Ein Mann von ſehr einnehmendem Aeußern hielt ſo eben, an einen Tiſch gelehnt, und von allen Anweſenden umgeben, eine Rede über den Werth der Freiheit, und ihren Einfluß auf die militäriſche Würde. Seine Worte waren kräftig, überzeugend, hinreißend, ohne allen überflüſſigen Schmuck. Der Stern der Wahrheit ſchien von der Stirne des Redners zu leuchten.„Wer iſt der Mann?“ fragte Victor ſeinen Führer Maronnier, und dieſer erwiederte:„Das iſt Oudet, ein Mann von ausgezeichneten Talenten, mißhandelt wie wir, aber nicht geneigt, dieſe Mißhandlungen ewig zu dul⸗ den. Nicht für ſein Intereſſe allein iſt er bereit, mit Wort und That zu kämpfen, ſondern für das Intereſſe des ge⸗ ſammten Heeres. Ein geſchworner Feind der Willkühr, iſt er ver größte Anhänger einer vernünftigen Gleichheit, und bereits die Seele dieſer Verſammlung, wenn er gleich nicht ihr Präſident heißt. Wenn je die Philadelphen Beſtand und Gewalt gewinnen, ſo danken wir es dem wackern Oudet. Der Mann, der nun ſeine Stelle einnimmt, und zu den Freunden redet, iſt nicht minder merkwürdig als er. Du ſiehſt in ihm den Brigadegeneral Malet, vor deſſen Re⸗ publikanerſinn die Regierung ſich gewaltig fürchtet. Er hat nicht ſeine Stimme gegeben, als man den Corſen zum Kai⸗ ſer ausrief; er iſt incognito hier, und begiebt ſich Morgen ſchon nach Italien. Aber unſer Vand reicht durch alle Län⸗ der, wo franzöſiſche Heere ſtehen, und es exiſtirt keine Kom⸗ pagnie unſerer Armee, wo nicht der Keim dieſer Verbindung gelegt wäre.“ „Worin beſteht aber der eigentliche Zweck dieſer Verbin⸗ dung?“ fragte Victor, und Maronnier antwortete nicht, ſon⸗ dern begnügte ſich, auf Malet zu weiſen, der juſt mit der rauhen Beredtſamkeit eines Römers von der zu Boden ge⸗ tretenen Republik, von den vernichtenden Hoffnungen aller Vaterlandsfreunde, von dem auf den Trümmern der Freiheit erſtandenen Despoten, und von der Nothwendigkeit ſprach, den Giganten durch daſſelbe Nittel zu ſtürzen, wodurch er ſih erhob: durch das Heer. Bald ging Malets Rede in eine allgemeine Discuſſion über, an welcher die meiſten An⸗ weſenden, beſonders viele Seeoffiziere von Breſt und Calais, Theil nahmen. Der Name des Kaiſers wurde nie genannt⸗ ſogar Frankreichs nie wörtlich erwähnt; demungeachtet zeig⸗ ten ſich dem aufmerkſamen Zuhörer in der Verhandlung die mächtigen Wurzeln einer weit zu verbreitenden Verbindung, die den Umſturz des neuen Thrones zum Ziel hatte, und um ſo furchtbarer zu werden drohte, als ſie die Erfüllung 36 dieſes Zwecks nicht auf die nächſte Zeit feſtſetzte, ſondern ihn geduldig auf mehrere Jahre hinaus verſchob. Moreau's Schickſal, die Zurückſetzung ſo vieler wackerer Heerführer der Republik, ſtachelten den Eifer und das Mißvergnügen der Landtruppen auf; die Behandlung des hochherzigen Ad⸗ mirals Truguet, den der Kaiſer aller ſeiner Würden, ſogar ſeines Ordens beraubt, und aus den Armeeliſten hatte ſtrei⸗ chen laſſen, weil er die Kaiſerwürde nicht unbedingt aner⸗ kannte, reizte die Marine gegen den Kaiſer.— Es ſchien aus dieſen zuſammenziehenden Wolken kein müßiges Gewit⸗ ter entſtehen zu wollen, und Victor überlegte bei ſich ſelbſt, an einen Pfeiler gelehnt, ob ſein Bewußtſehn ihm erlauben würde, ferner ein Glied dieſer Geſellſchaft zu bleiben. Ma⸗ ronnier hatte ſich eifrig in das Geſpräch gemiſcht, der ſin⸗ nende Oberſt ſtand allein, als ſich ihm ein Mann näherte, der ihm mit auffallender Freundlichkeit entgegen trat. Victor erkannte ihn: es war ein Offizier der Artillerie, der Lieute⸗ nant Pommereuil; ein unausſtehlicher Menſch, der es ver⸗ ſtand, vor der Welt die Rolle eines biedern Soldaten zu ſpielen, während Victor mathematiſche Beweiſe hatte, daß er für Savary und andere Günſtlinge des Kaiſers hin und wieder den Spion machte. Der falſche Menſch glaubte in Victor einen ſeines Gelichters zu finden, fing ein Geſpräch mit ihm an, und der Oberſt, ſchlau in die Vorausſetzungen des Lieutenants eingehend, errieth, daß es hier auf nichts weniger ankam, als Oudet, Malet, und die ganze Geſell⸗ ſchaft der Behörde zu denunziren. Victor zitterte, als er bemerkte, wie er und alle die ihn umgaben, am Rande des Verderbens ſtanden. Pommereuil, vom Wein erhitzt und der Himmel weiß, durch welche Fatalität als gewiß 37 —— annehmend, daß der Exadjutant nur zum Schein in Ungnade gefallen, und eigentlich beſtellt ſey, ebenfalls ſeine Rolle zu ſpielen, gab ſich immer mehr Blößen, und zeigte den Willen⸗ die feſte Abſicht, ſchon am nächſten Tage das Werk des Verraths zu beginnen, und zum Anfang Malet arretiren zu laſſen. Kaum konnte Victor Verſtellung genug aufbringen⸗ um gleichgültig dabei zu bleiben, benützte aber die nächſte Minute, wo ihn Pommereuil verließ, um ſeinem Freunde Maronnier alles mit wenig Worten zu vertrauen. Maronnier ſtutzte, knirſchte mit den Zähnen und beeilte ſich, den eifrigſten Mitgliedern des neuen Bundes die Kunde mitzutheilen. Die Be⸗ ſtürzung wurde allgemein, aber die Kaltblütigſten beſchloſſen, den Verräther auf friſcher That zu ergreifen, und ihm die Larve vom Geſichte zu ziehen, es möge daraus werden, was da wolle. Der Anfang hiezu war bald gemacht. Der Prä⸗ ſident ging auf Pommereuil los und fragte ihn nach ſeiner Karte. Der betroffene Offizier wieß eine ſolche vor, doch war ſie auf den Namen eines andern ausgeſtellt, der gegen⸗ wärtig krank zu Hauſe lag. Pommereuil ſtammelte eine Lüge. Man ſchlug in den Regiſtern nach, und fand ſeinen Namen nicht. Nun konnte Maronnier ſich nicht länger mehr halten. Wüthend fuhr er dem Verräther an die Kehle, und überhäufte ihn mit Schmähungen. Sich vertheidigend, in Schimpfworten ergießend, zog ſich Pommereuil nach der Thüre zurück. Maronnier hatte den Degen gezogen, und drohte ihm denſelben in den Leib zu ſtoßen. Alle Freunde und Gefährten des Hauptmanns warfen ſich nun zwiſchen die Streitenden, und beſchworen Maronnier, ſie Alle nicht dunch eine ſolche That zu kompromittiren. Den Augenblick benützte der Judas, um aus der Thüre zu entwiſchen. 38 Victor bemerkt dieſe Flucht; er ahnet, wie es darauf an⸗ komme, um jeden Preis den gefährlichen Menſchen feſt zu halten, denn dieſer war mit den Worten geſchieden:„Ihr ſollt mir Alle für dieſe Stunde büßen!“ Victor, mit dem Ungeſtüm ſeiner früheſten Jugend, ſpringt dem Entrinnenden über die Treppe auf die Straße nach; mehrere andere Offi⸗ ziere folgen ſeinem Beiſpiel und jagen den Flüchtling mit gezogenen Degen gegen das Arſenal hinab. Pommereuil, aus allen Kräften laufend, ruft nach der Wache, aber ſeine Stimme verhallt in der ſpäten Nachtſtunde, bis er an dem Arſenalpoſten vorüberkommt, welcher ebenfalls Lärm macht. Die Offiziere, die ihn beharrlich verfolgen, ſchneiden ihm den Weg auf das Arſenal zu ab, und ſcheuchen ihn außer ſich vor Angſt und Wuth, auf die Brücke, die im Hintergrund des Hafens zu den jenſeitigen Pulvermagazinen führt. Noch will er rechts abbiegen, um nach der Douane hin zu laufen, aber die am Uſer ſtehenden Wachen rufen ihr„Zurück,“ und mehrere Gardiſten, aus einer Schenke kommend, prallen ihm entgegen. Vergebens ruft er ihnen zu, daß er unſchuldig verfolgt ſey; die Soldaten ſehen Offiziere ihm auf den Ferſen ſitzen, und ſtrecken ihm die Säbel entgegen. Wie ein Raſender wirft er ſich auf die Brücke, ſeine letzte Zu⸗ flucht. Die erſte Schildwache läßt ihn vorüber, die zweite am Ende der Brücke ruft ihn an, und begehrt die Parole. Entſetzt bemerkt er jetzt die gefährliche Stelle, auf die er tritt, ſeine Lippen wollen das Wort ſtammeln, welches ihm das Gedächtniß verſagt, er ſchaudert zurück, und die erſte der Wachen ſtößt ihm, ihrer Conſigne getreu, das Bajonett durch die Bruſt. 39 Die Patrouille, die in dieſem Augenblicke von dem Ar⸗ ſenale herkam, um ihm Schutz zu gewähren, fand eine er⸗ kaltende Leiche, und die Offiziere, des Verräthers Verfolger, waren klüglicherweiſe verſchwunden, Niemand wußte wohin. Drittes Rapitel⸗ Wiederſehen. Die See war in der Nacht etwas unruhig geworden; ſie ging hohl, und die erfahrenen Seeleute, die auf den Wachtpoſten der Flotille ſtanden, hatten mit vieler Beſtimmt⸗ heit zum nächſten Tag den günſtigſten Wind prophezeiht. So oft ſie mit ihren dumpfen Stimmen von Viertelſtunde zu Viertelſtunde den ſchauerlichen Ruf:„Bon quart“ wie⸗ derholten, riefen ſie leiſer nach:„der Wind ſetzt um; bis Morgen ſtreicht er gegen die engliſche Küſte!“— In dem Hauptquartiere des Admirals hatte man die günſtigen An⸗ zeichen nicht überſehen, und der Kaiſer ſchien nicht geneigt, den Feinden ſeines Reiches eine längere Friſt zu gönnen. So wie der Morgen bleichte, und ſich beſtätigte, was Offi⸗ ziere und Matroſen der Marine prophezeiht, flogen Boten auf Boten von des Kaiſers Quartier zu dem des Marine⸗ miniſters, des kommandirenden Marſchalls, nach dem Hafen und den verſchiedenen Lagern. Die Semaphore vor des Admirals Barake gab Signal auf Signal, der General⸗ marſch ſchlug durch alle Lagergaſſen, und in einem Augenblick 40 ſtanden alle Truppen unter Waffen, die Schiffsleute an ihren Poſten, und aus jedem Munde erſchallte der begei⸗ ſternde Ruf:„Endlich wird es Ernſt! bei gutem Wind und Wetter geht's heute nach England!“ Die klarſten und beſtimmteſten Befehle waren gegeben; es handelte ſich nicht mehr um ein eitles Probſtück; es ſollte Ernſt werden mit der Einſchiffung, und der ſehnſüchtige Wunſch ſich erfüllen, der ſchon ſeit ſo langer Zeit die Bruſt der Soldaten gequält hatte.— Vietor, der bei ſeiner Rück⸗ kehr in ſeine Wohnung, um Mitternacht, ſeine Beſtallung als Oberſt ausgefertigt vorgefunden, eilte nach dem Lager, um ſich dem Regimente, das er kommandiren ſollte, vorzu⸗ ſtelen. Eine Anzahl von Offizieren, welche die Nacht in Boulogne zugebracht hatten, begaben ſich in größter Eile, gleich ihm, zu ihren Corps. Sie zogen raſch an einander vorüber; Victor erkannte viele, die in der geſtrigen Geſell⸗ ſchaft geweſen waren, und auch er wurde wieder erkannt, aber der Drang des Augenblicks und der Pflicht war zu gewaltig, als daß nur ein Wort des Vertrauens, kaum ein beheimnißvoller Blick, an die Scene der verwichenen Nacht und an Pommereuils tragiſches Ende gemahnt hätte. Jeder hatte mit ſich ſelbſt, mit ſeinen Obliegenheiten und Hoff⸗ nungen vollauf zu thun. So ſtürmten ſie ihren Lagerbezir⸗ ken zu, wo ſchon ihre Soldaten ungeduldig auf den Befehl zum Abmarſch warteten. Victors Regiment war in Schlacht⸗ ordnung aufgeſtellt. Der Diviſions⸗General führte den neuen Oberſt ſeiner Truppe vor, die Tambours ſchlugen den Ban, der Kommandirende verlas die Formel, die das Re⸗ giment gegen den Oberſten in Eid und Pflicht nahm, und unmittelbar auf die hierauf folgende Diane, ließ der General 41 durch den neuen Regimentschef den Befehl zum Aufbruch ge⸗ ben. Die Maſſen ſetzten ſich in Bewegung, und nun zeigte ſich erſt der Scharfſinn, womit der Feldherr Frankreichs ſeine Anordnungen getroffen hatte. Kompagnie auf Kompagnie, Bataillon auf Bataillon, ein Regiment nach dem andern, zog, ſich durchkreuzend, dem Hafen zu, wohin alle beſtimmt waren, ohne die geringſte Störung im Marſche zu veran⸗ laſſen. In dem Augenblicke, als die Regimenter auf der rechten Seite des Hafenbeckens anlangten, erſchienen auf dem entgegengeſetzten Geſtade die Truppen des auf der Linken abgeſteckten Lagers. Jede Diviſion, jede Brigade, jedes Corps hatte ſeinen angewieſenen Platz, bezeichnet mit Pfäh⸗ len, worauf die Namen und Nummern der Heeresabtheilun⸗ gen ſtanden. Eine kurze Weile hielten die Truppen unbe⸗ weglich in Reih' und Glied. Schon hörte man von Ferne die Trommeln von Montreuil, Ambleteuſe und Etaples, wohin ſchon bei Nachtzeit Ordonnanzen geſchickt worden waren.— Der Semaphore hörte nicht auf mit ſeinen Sig⸗ nalen, auf den dichtgedrängten Reih'n der Fahrzeuge im Hafen war alles am Platze wie feſtgebannt: Kanoniere, Matroſen, Marineſoldaten; und die leeren Mittelräume ſtanden offen, für das einzuſchiffende Heer. Der helle Morgen tam mehr und mehr herauf, die Luft jagte alle Wimpel und Flaggen nach der Seite der engliſchen Küſte zu. Fröhlich flatterten ſie im Winde, hinaus gegen das Meer, welches ſanft bewegt an den Strand ſchaukelte, und worauf nicht mehr die letzte Spur von engliſchen Kreuzern zu ſehen war. Ploͤtzlich fallen drei Kanonenſchüſſe. Von dem Fort Na⸗ poleon ſteigt der Dampf der Geſchütze auf. Dieſe Schüſſe ſind das Zeichen zur Einſchiffung, der deſinitive Befehl des 4 4 4² Feldherrn. Jedes Herz ſchlägt vor Freude, die Soldaten rücken mit muthiger Bewegung Tſchakos und Mützen in die Stirne, ziehen die Sturmbänder feſter, die Trommeln wer⸗ den gerührt, das Kommandowort ſchallt aus tauſend Kehlen, und hinab von den Quai's brauſet die ungeheure Menge der Krieger in die zu ihrem Empfang bereiteten Schiffe. Die Maſſen der Infanterie nehmen ungehindert ihre Stel⸗ lungen ein. Die Grenadierkompagnien voraus, das Gewehr über die Schulter hängend, überſchreiten wie im Sturm Bord an Bord, und gewinnen die äußerſten Böte; ihnen folgen die Füſiliere, nach der Rangordnung, bis die letzte Kompagnie, die alle übrigen an ſich vorüberziehen ſah, das zunächſt am Ufer ſtehende Fahrzeug beſtiegen. Zwiſchen den Linienregimentern werden die leichten Truppen eingeſchifft; auf den Flanken die Kavallerie. Die Pferde werden mit unglaublicher Schnelligkeit an Vord gezogen, leicht, wie die Vögel folgen ihnen die Reiter, und wenn hin und wieder eine Nnordnung entſteht, ſo hat ſie blos der Eifer der Sol⸗ daten verankaßt, von denen ein jeder der Erſte ſeyn will, das Schiff zu betreten, welches Verderben und Sieg gegen Albion bringen ſoll. Vietor war nicht minder erregt von kräftiger Hoffnung auf Thaten und Ruhm; auch er theilte mit dem ganzen Heere die Begierde, endlich aus den Feſſeln der allzulangen Ruhe in das blutige Feld des Ruhms hinaus zu ſchreiten. Den⸗ noch zitterte ſein Herz in hangen Gefühlen. Grauſam nannte er das Geſchick, welches ihn ſo plötzlich unvermuthet von der Küſte riß, wo ihm gerade heute ein Feſt der Verſöhnung bereitet worden. Nicht einmal ein Wort des Abſchieds, mit bebender Hand geſchrieben, vermochte er ſeiner Adele 43 zurückzulaſſen. Unter den Tauſenden von Einwohnern, die ſich um den Hafen drängten, das großartige militäriſche Schauſpiel zu genießen, und von den Kriegern Abſchied zu nehmen, die ſo lange in ihrer Mitte geweilt, und ſo man⸗ ches Band der Freundſchaft, ſo manches zärtlichere geknüpft, war nicht Emilie, nicht ihre Dienerin zu ſehen. Kein Bote eilte herbei, um unter den zahllofen Schaaren den Oberſt Dammartin zu ſuchen, und er mußte ſeinen Schmerz um ſo tiefer in der Bruſt verſchließen, um ſo aufmerkſamer über den Ausdruck ſeiner Züge wachen, als er, der neue Chef eines ihm bis jetzt unbekannten Regiments, von tauſend Laueraugen beobachtet wurde, und nicht den Schein von Betrübniß zeigen durfte, um nicht bei ſeinen freudetrunkenen Soldaten in Verdacht zu gerathen. Denn gerne riſſen ſich alle von den Fäden los, die ſie noch an die Heimath knüpf⸗ ten; der Veteran ſchied kurz und gleichgültig von dem Freund, den er gefunden, von den Kindern deſſelben, die er auf ſeinen Knien geſchaukelt; der Conſeribirte verließ leicht⸗ ſinnig die Liebſte, die er in der Seeſtadt erobert, den Wirth⸗ in deſſen Schenke er den Sparpfennig vertrank, ehe er auf die ſchwarze Tafel gerieth. Vergebens lief das Mädchen mit dem Pfande ihrer Liebe auf dem Arme, der Gläubiger mit der Rechnung in der Hand neben dem Bataillone herz D der Soldat lachte ihnen in's Geſicht, winkte ihnen ein Lebewohl zu, und mit dem Sprung in's Schiff war alle Liebe aufgegeben, und jede Rechnung bezahlt. Das einzige⸗ was noch hie und da von den Soldaten nicht zurückgelaſſen wurde, war ein getreuer Hund, der, obgleich Kontrebande auf dem Fahrzeuge, dennoch eingeſchwärzt wurde, und auf die halbe Ration ſich angewieſen ſah. Im i athmeten 44 die Truppen nur Kampfesluſt, und vertrauten fich den ſchwa⸗ chen Schiffen mit der Unbefangenheit, womit der Gondolier in Venedigs Lagunen fährt. In weniger als zwei Stunden war alles gethan. Die am weiteſten entlegenen Truppen waren ſchon eingeſchifft, die Einwohner von Boulogne riefen den Soldaten ein don⸗ nerndes Lebewohl zu, und die Krieger mit entblößtem Haupte, ihre Hüte auf den Bajonetten aufgeſteckt, mit den Schnupftüchern winkend, antworteten jauchzend und einſtim⸗ mig:„Lebt wohl, wir ziehen zum Siege! es lebe der Kai⸗ ſer, der große Napoleon; es lebe Frankreich!“— Und alle Schiffsmannſchaft ſtand an den Ankertauen, ſie zu heben, und die Ruderer waren fertig, und die Kanoniere in dem Fort Napoleon und auf dem Thurme Croi waren bereit, das letzte Signal zur Abfahrt zu geben, als plötzlich der Semaphore auf's Neue ſpielte und die allgemeine Freude in Beſtürzung verwandelte. Die Marine⸗Offiziere trauten ihren Augen nicht, riefen verwundert einander zu und deu⸗ teten nach den Signal⸗Flaggen. Die Soldaten von dem Landheere, begreifend, daß hier etwas Außerordentliches ge⸗ ſchehe, ſahen ſich verwundert um, verſtummten, und, ſtatt des Jubels, liefen bange Eerüchte düſter und unheimlich von Bord zu Bord, bis ſie zur ſichern Kunde wurden, und von Mund zu Mund der Befehl des Hafenkommandanten flog, der den Hafen zu ſchließen gebot, und der Expedition einen neuen Aufſchub meldete.—„Was iſt das? wo iſt der Kaiſer? was geht vor? warum wieder auf's Neue ein Ver⸗ zug?“ ſo fragten tauſend und tauſend Stimmen, aber noch immer pochte die Hoffnung im Buſen. Da ſprengten Adju⸗ tanten an die Ufer. Die verſammelte Generalität empfing Befehl auf Befehl, und verbreitete ſie mit Blitzesſchnelle. Der Kaiſer hatte geboten, die Schiffe auf dem Ankerplatze zu laſſen, und die Truppen wieder an's Land zu ſetzen. Dumpfe Beſtürzung, brütendes Schweigen breitete ſich über alle Bataillone aus; der Soldat empfand es ſchmerzlich, wie das höchſte Machtgebot mit ſeiner Perſon und ſeinen Em⸗ pfindungen ſpielte. Es hätte nur eines Mannes von kecker Entſchloſſenheit bedurft, der ſich an die Spitze ſtellte, und die Truppen hätten in voller Inſurrektion das Land betre⸗ ten. Aber der Geiſt der Subordination war noch viel zu neu und zu ſtrenge in dem Heere; es gehorchte dem kaiſer⸗ lichen Vefehl mit grollendem Herzen, mit finſterem Geſicht und unzufriedenem Murren, aber es gehorchte. Im Ge⸗ ſchwindſchritt wurden alle dieſe Maſſen nach ihren Verſamm⸗ lungsplätzen zurückgeführt, und hörten mit Staunen die Proklamation an, worinnen der Kaiſer, die Erpedition nach England plötzlich fallen laſſend, ihnen ankündigte, daß es nun gelte, den Stolz Oeſtreichs zu demüthigen und auf Deutſchlands Gefilden die franzöſiſchen blitzeſchleudernden Adler in feindlichem Blute zu weihen.— Eine unglaubliche Stimmung bemächtigte ſich von dieſem Augenblicke an der Armee. Leicht zu befriedigen, und leicht die Form vertau⸗ ſchend, vergaß der Soldat nach dem Beiſpiel des Kaiſers vas Ziel, wornach er noch vor einer Stunde geſtrebt. Kampf⸗ Sieg und Beute— das war ſeine Loſung, gleichviel ob dieſes alles jenſeits des Kanals oder jenſeits des Rheins gefunden wurde. Die Truppen, die ſchon in Deutſchland gefochten, wußten, um wie viel leichter und bequemer der Krieg ſich dort abthun laſſe; diejenigen, die Italiens Schlach⸗ ten mitgekämpft, entbrannten in wilder Freude, auf's Neue 46 den Fahnen zu begegnen, die in einem unglückſeligen Jahre, von der Unfähigkeit Scherers unterſtützt, Frankreich Hohn geſprochen, und von dem Sieger Napoleon bei Monte⸗ bello und Marengo noch nicht gedemüthigt ſchienen. Be⸗ ſonders der Umſtand, daß kein Verzug mehr im Marſche ſtatt fand, daß man nicht länger auf dieſen Geſtaden verweilte, daß beinahe unmittelbar Aufbruch und Ab⸗ marſch der bezeichneten Regimenter erfolgte, und daß dieſe Bezeichnung nur mit ſehr wenigen Ausnahmen das ganze Heer von Boulogne begriff, ſöhnte die Soldaten mit der Vernichtung ihrer ſchönen Hoffnungen aus, und riß ſie un⸗ widerſtehlich hin. Es wäre nicht zu verwundern geweſen, wenn die Truppen in ihrer Begeiſterung den Kaiſer ergrif⸗ fen, und auf den Händen durch alle Lager getragen hätten. Der Enthuſiasmus war allgemein, und nur diejenigen gingen mit trüben Geſichtern umher, deren Corps verurtheilt wa⸗ ren, noch zu Boulogne auszuhalten.— Auch Victor war unter dieſen. Sein Regiment hatte den Auftrag erhalten, vis auf weitern Befehl an der Küſte zu ſtationiren, und das Denkmal zu fördern, welches der Kaiſer ſeinen Tapfern von Boulogne zu errichten verordnet hatte. Die Nachricht traf Victor wie ein Donnerſchlag. Nicht minder als Andere, hatte er ſich nach Krieg geſehnt, und ſah nur einen Spott des Verhängniſſes in der Beſtimmung, die ihm wurde, oder — was ihm noch gräßlicher dünkte— einen Hohn des Kai⸗ ſers gegen ſeine Perſon. In einem Anfall von Unmuth wollte er ſeinen Degen zerbrechen, aber ſein guter Engel war ihm in der Geſtalt des Marſchalls Lannes nahe, und hinderte ihn an dieſem Angriff auf ſeine eigene Ehre. Der Marſchall beruhigte den Groll des Offiziers, verſprach ihm 7 mit Hand und Mund, all ſeinen Einfluß zu verwenden, um ihn unter ſeine Diviſion zu bringen, bat ihn, noch einige Zeit mit Geduld auszuharren, und bewog ihn dadurch, den Befehlen des Kaiſers Folge zu leiſten.— Victor that es, ſah mit trübem Blick die Artillerie mit ihren Parks und ihrem Material unverweilt abfahren, unter freudigen Trom⸗ petenklängen die Schwadronen der leichten Kavallerie von dannen ziehen, die Linienregimenter den Marſch antreten⸗ oder ſich zum Marſch bereiten, führte dann ſein Regiment nach deſſen Quartiere zurück, und begab ſich nach Boulogne, um nicht ferner Zeuge von dem fröhlichen Lebewohl zu ſeyn, welches die abziehenden Truppen dieſen Küſten brachten. Auf dem Wege nach ſeiner Wohnung konnte er, allen übri⸗ gen Gedanken fremd, ſich des einen nicht erwehren, daß der Kaiſer am Morgen nur ein eitles Schauſpiel aufgeführt, daß ſchon am vorigen Abend alles beſchloſſen, und ſeine Zutheilung zu dem zurückbleibenden Corps ein neues Zei⸗ chen des kaiſerlichen Unwillens geweſen. Er hatte keinen Freund, in deſſen Herz ſein Kummer niedergelegt werden konnte; Sans⸗Regret war ohne Zweifel mit der Garde auf dem Marſch, Maronnier war auch einer der Glückli⸗ chen, die gegen den Rhein zogen, und mit den See⸗Offizie⸗ ren, welche, niedergeſchlagen und unzufrieden über das Ver⸗ ſchwinden der Gelegenheit, ihre Tapferkeit zu bewähren, alle Straßen, Quais und Kaffeehäuſer der Stadt belagerten, wollte er nicht verkehren. Aber er ſuchte Emiliens Haus auf, und an ſeine Bruſt ſank dort die weinende und reuige Adele. Ihr Entzücken war brauſend und ungeſtüm wie ihr Schmerz; Emilie theilte dieſe Freude. Die Einſchiffung des Heeres hatte ſie tief betrübt; gerne hätte ſie ein Wort des 48 Abſchieds an Victor geſendet, und von ihm ein Wort der Liebe an Adele verlangt; aber, wie den Oberſt unter den Maſſen auffinden, die ſich am Hafen drängten? Die Num⸗ mer ſeines Regiments war Emilien nicht bekannt, jeder an⸗ dere Offizier war ihr fremd. Da heißt es plötzlich, die Truppen kehren zurück, und in dieſem Augenblicke kommt Adele von Paris an. Die Frauen konnten jedoch nicht in das Lager dringen, wo Verwirrung und Getümmel herrſchte, wo Führer und Gemeine noch nichts Beſtimmtes über ihr ferneres Schickſal wußten. Adele wollte verzweifeln, ihren Gatten nicht mehr zu ſehen; Emilie tröſtete ſie mit der Be⸗ hauptung, daß Victor einen Augenblick finden werde, die Gattin zu umarmen, wenn ihn auch das Loos träfe, nach Deutſchland zu ziehen. Ihre Vorausſetzung hatte nicht ge⸗ täuſcht. Er hielt vor ihren Augen ſeine Gattin umſchlungen, tauſend Liebkoſungen an ſie verſchwendend, tauſende dagegen von ihr empfangend; und dieſes Wiederſehen, dieſe Verſöh⸗ nung war ihr Werk, war die köſtliche Frucht, die der Dor⸗ nenkranz ihrer Liebe getragen.„So biſt Du nun wieder auf ewig mein?“ fragte Victor zärtlich, und Adele verſetzte mit ungeheuchelter Leidenſchaft:„Ja, mein lieber, lieber Freund: nichts trennt uns mehr.“—„Und jene fürchterliche Ausgeburt Deines Argwohns, Deiner Leiden,— jene Schei⸗ dungsklage..2—„Hier lege ich ſie zerriſſen in Deine Hände, als ein Denkmal meiner Verirrung.“—„Du wirſt ewig der Vernunft Gehör geben?“— Der Liebe und der Vernunft; der Liebe und dem Andenken an dieſen guten Engel, der mir die Augen öffnete. Schließe mich wieder in Dein Herz⸗ Victor, ich habe einſehen gelernt, daß hier meine Stelle iſt, und nicht in der Nähe der verläumderiſchen 49 Muhme, die mir zur Zeit des Mißgeſchicks ihr Haus ver⸗ ſchloß, während mich ein armer Bürger von Paris um mei⸗ nes Vaters willen aufnahm.“—„Aber, Adele, die Umſtände haben ſich geändert. Ich bin nicht mehr des Kaiſers Adju⸗ tant, ich habe mein Vermögen verloren.“—„Welche Erin⸗ nerung! Dein Sold reicht hin, uns beſcheiden zu ernähren⸗ und jedem Lurus, der Dich oft betrübte, entſage ich.“— „Auch der Erinnerung an böſe Stunden?“—„Auch ihr.“— „So höre mich: Zwei Namen ſind, die unſern Gram wieder neu erwecken könnten. Laß uns geloben, den einen um der Liebe willen, den andern aus Verachtung nicht mehr zu nen⸗ nen.“—„Ich verſtehe Dich. Mein Kind und die Marquiſe werden von nun an nimmer von mir genannt.“—„Verſprich mir, einen Menſchen nicht mehr zu haſſen, der unzählige Anſprüche auf unſere Dankbarkeit hat, und von Dir trotz ſeiner Redlichkeit ſtets verkannt wurde.“—„Ich verſpreche Dir's. Ich will nicht ferner gegen den guten Sans⸗Regret ungerecht ſeyn.“ So eben ging die Thüre auf, und des Grenadiers bär⸗ tiges Geſicht ſah herein. Er bemerkte Adelens Anweſenheit, erſchrack ein wenig, zog ſich zurück, und wollte die Thüre wieder zudrücken. Victor rief ihn herein. Sans⸗Regret erſchien nach einem Augenblick in ſeinem Uniforms⸗Ueberrock⸗ den dreieckigen Hut auf dem Kopfe, ſtellte ſich in Poſitur, und rapportirte, ohne Victor zum Wort kommen zu laſſen; „Ich melde dem Herrn Oberſt, daß ich auf mein Geſuch Ihrem Regimente zugetheilt worden bin. Ich habe Garde und Granate im Stich gelaſſen, Sie wiſſen ſchon warum. Bitte um gütige Aufnahme.“ 50 — Victor umarmte ihn ſtatt aller Antwort, und führte ihn dann zu ſeiner Frau, ſagend:„Du kömmſt wie gerufen, zu einer ſchönen Friedens⸗ und Verſöhnungsfeier, auch Du ſollſt Theil daran haben.“—„Wollte Gott;“ flüſterte Sans⸗Regret in ſich hinein, an Lefebre denkend, während Victors Deli⸗ kateſſe ihm das Waſſer in die Augen trieb. Er neigte ſich vor Adelen. Die ſchöne Frau, liebenswürdig und freund⸗ lich, wie zu jener Zeit, die ſie in der Vendee zugebracht, ſagte zu ihm:„Guten Tag, mein lieber Herr Sans⸗Regret, ich freue mich ſehr, Sie zu ſehen, und erſuche Sie herzlich, unſer Haus öfter mit Ihrer Gegenwart zu erfreuen, als es in den letzten Jahren geſchah.“ Dieſe Rede war ein wohlthuender Balſam für das Ge⸗ müth des alten Soldaten. Beinahe hätte er ſich verſucht gefühlt ſeiner freundlichen Feindin die Hand zu küſſen; aber er faßte ſich, und ſprach:„Madame, mein Leben gehört Ihrem Gatten und Ihnen. Das iſt kein leeres Wort, und die Nähe dieſer herrlichen Fürſprecherin—“ er zeigte mit vankbarem Blick auf die Sombreuil—„verbürgt mir, daß Sie in Zukunft keines meiner Worte mehr in Zweifel ziehen werden.—„Erlauben Sie aber,“ ſetzte er hinzu, gegen Dammartin gewendet—„daß ich Ihnen, Herr Oberſt, einen Rekruten vorſtelle, den ich gern in Ihrem Regimente pla⸗ ciren möchte.“ Er ging nach der Thüre und führte einen jungen Bur⸗ ſchen herein, der mit aller Blödigkeit eines Bauernknaben das Zimmer betrat. Ein wohlgewachſener Junge, ziemlich aufgeſchoſſen für ſein Alter, in ſchweren Schuhen, Beinklei⸗ dern von Zwilch, blauem Sarreau und eine in den Natio⸗ nalfarben geſtreifte Nachtmütze in ver Hand. Seine ſchwarzen 5¹ — Augen ſahen aufgeweckt in die Welt hinein, um den Mund ſpielte Gutmüthigkeit neben naivem Trotz, und die krauſen pechſchwarzen Haare verriethen einen eigenen, viel⸗ leicht eigenſinnigen Willen. Victor und die Damen lächel⸗ ten bei dieſer Erſcheinung. Sans⸗Regret aber ſchob mit einem gewiſſen Selbſtbewußtſeyn den Jungen bei den Schul⸗ tern vor den Oberſt, und ſprach mit bewegter Stimme: „Dieſe Kreatur hier iſt mein Sohn, Herr Oberſt. Wie Sie den Bengel da ſehen, ſteht er im dreizehnten Jahr, und könnte bereits für einen fünfzehnjährigen gelten. Er war visher die Freude ſeiner Großeltern, ein braver, redlicher Junge, und das iſt eben kein Wunder, denn er hat einen recht wackern Pathen gehabt. Nicht wahr, mein Oberſt?“ Victor ſchüttelte ihm die Hand und verſetzte ſcherzend; „Der Vater iſt auch nicht übel.— Was ſoll ich aber mit meinem Taufkinde anfangen?“ „Er ſoll Tambour werden,“ entgegnete Sans⸗Regret ganz ernſthaft.„Man macht heut zu Tage nur mit oder hinter der Trommel ſein Glück. Auch bab' ich's verſprochen, und ein alter Soldat hält ſein Wort. Ich habe das lang bei mir überlegt, und deßhalb nach St. Colombe geſchrie⸗ ben, und da kam eben heute der Junge auf dem Poſtwagen an, und hätte bald ſeinen Vater nicht mehr gefunden, wenn ich nicht ſo vernünftig geweſen wäre, mich zu Ihrem Regi⸗ mente zu melden.“ „Dein Wille geſchehe,“ ſprach der Oberſt freundlich. „Führe Deinen Sohn hinweg und ſchaffe ihn zum Soldaten um. Es wird mich freuen, wenn wir einen wackern Mann aus ihm erziehen.“ 52 „Das gebe der Himmel!“ meinte Sans-Regret, und zwickte ſeinen Jungen ziemlich ſtark in das Ohr.„Erinnere Dich, Burſche, an das, was der Herr Oberſt ſagte, und werde ein honetter Kerl, ſonſt bete ich ſelbſt für Dich in dem nächſten Treffen um die erſte Kugel.“ Adele trat dem Jungen näher, und fragte ihn freundlich: „Wie iſt Dein Name, mein kleiner Mann?“ „Napoleon Dieudonné;“ antwortete der Junge ohne Be⸗ denken. „Ei, ſo lüge Du und der Teufel!“ rief Sans⸗Regret und zauſite ihm in den Haaren.„Glauben Sie's nicht, Madame. Der Junge heißt Victor, wie der Herr Oberſt. Der Tölpel hat ſich aber in den Kopf geſetzt, wie der Kai⸗ ſer zu heißen, und läßt ſich nicht davon abbringen. Das kommt von der ſchlechten Bauernerziehung. Der Menſch kann kein Latein, und weiß noch nicht, daß Victor gerade ſo viel bedeutet wie Napoleon.“ Sans⸗Regret ergriff mit bitterböſem Blick ſeinen Sohn bei der Hand und führte ihn mit ſich fort. Victor aber, ſeinen frühern Groll gegen die Diſpoſitionen des Kaiſers vergeſſend„feierte ein fröhliches Mahl an der Seite ſeiner Gattin, der bewährten Freundin gegenüber, und kaum wurde ſeine Heiterkeit getrübt, als er beim Deſſert die Einladung empfing, am andern Tage mit dem übrigen Offizierscorps, das in Boulogne verblieb, dem Sarge des unglücklichen Pommereuil zur Grube zu folgen. Viertes Rapitel. Saragoſſa. „Auf, in die Minen!“ lautete das Kommando in dunkler Nacht; und die neuen zum Dienſt berufenen Brigaden bra⸗ chen aus den Häuſerruinen auf, die ihnen zur Ruheſtätte gedient, und begaben ſich auf ihre gefährlichen Poſten. Die Nacht war kalt, und nichts verrieth, daß man ſich unter Spaniens Himmel befinde. Wozu auch in ſolchem Gräuel der Zerſtörung heſperiſche Wärme, heſperiſches Licht, wenn auch die Natur es erlaubt hätte? Ein ungeheurer böſer Geiſt ſchien über dem alten Saragoſſa zu brüten. Tapfer⸗ keit und fanatiſche Wuth beſtürmten und vertheidigten dieſe Vormauer von Spanien, ohne daß die angeſtrengteſte Hart⸗ näckigkeit den Sturz derſelben hätte verhindern können. Nicht vor den Thoren allein wüthete der Krieg; nicht waren Breſchen allein zu vertheidigen, ſondern der Feind hauſte ſchon im Innern der unglücklichen Stadt. In den Straßen verſelben richtete er ſein Geſchütz, und obgleich der Arrago⸗ nier mit wildem Muthe Haus für Haus zu einer Feſtung umgeſtaltete, und den Feind immer auf's Neue zum blutigen — 54 Sturmkampf verſuchte,— dennoch mußte er Tag für Tag zurückweichen, und was das Schwert der Franzoſen auf der Oberfläche der Erde nicht fraß, das verſchlangen die auf⸗ platzenden Minen, oder zerriß ihre ſchauerliche Ladung. Gallerie neben Gallerie, Stollen neben Stollen führten, wie weit verbreitetes Gezweige, oder Polypenarmen ähnlich, in das Herz der Stadt hinein. Mehrere Klöſter waren blos durch die Gewalt des vernichtenden Pulvers genommen wor⸗ den; die Belagerer bohrten ſich mit unermüdlicher Hart⸗ näckigkeit nach der Hauptſtraße der Stadt, nach dem Coſſo hin, und ſeine Minengänge führten bis gegen das Univer⸗ ſitätsgebäude. In dieſer Nacht ſollte das Werk bedeutend gefördert, und der große Minenofen unter dem ſtarken Ge⸗ bäude, das ſich wie eine Feſtung vertheidigte, zum Laden bereitet werden. Die Ablöſung der Minirer ging ſtill und ungehindert vor ſich. Die ablöſenden Brigaden begannen die Arbeit, vorſichtig grabend, vorſichtig ſchaufelnd, und in gemeſſenen Pauſen horchend, ob nicht ein fernes Geräuſch die Annäherung des Feindes verrathe, der ſich oft in Ge⸗ genminen den Belagerern kühn in den Weg ſtellte.— In der Gallerit, deren Spitze am meiſten vorgeſchoben war, kommandirte ein tapferer Offizier die Brigade. Mit Wort und Beiſpiel ermunterte er ſeine Leute, die manchmal ver⸗ droſſen die Hände ſinken ließen, erſchöpft von der ſeit einem Monat andauernden Arbeit. Durfte gleich ihr Mund nicht ſprechen, ſo ſprachen doch die Augen um ſo lebendiger das Mißvergnügen aus, welches ſie bei der unendlichen Abmü⸗ dung empfanden, und jemehr die Nacht vorrückte, je unge⸗ duldiger wurden ihre Bewegungen, und in den bleichen, von den Wachslichtern nur ſchwach erleuchteten Geſichtern der 55 Minengräber war die Ahnung von einer bevorſtehenden un⸗ heilſchwangern Kataſtrophe zu leſen.— Ein Zeichen des Offiziers gebot eine Pauſe. Alle horchten mit angeſtrengter Aufmerkſamkeit. Ein dumpfes Geräuſch ſchlug, obendrein ſehr nahe, an das Ohr der beſtürzten Arbeiter. Der Offi⸗ zier befahl, gerade nach der Gegend einzuhauen, wo das Graben und Wühlen des Feindes ſich bemerkbar machte. Das geſchah; plötzlich ſchwieg jenſeits das dumpfe Getöſe, und der franzöſiſche Offizier ſendete Handlanger ab, um den Pulverkaſten in den Minenofen zu bringen. Mit einemmale lockerte ſich die Erde in der gegenüber ſtehenden Wand auf, und die Spitze eines Viſitireiſens zuckte herein und zog ſich ſchnell wieder zurück. Im ſelben Augenblick riß der Offizier aus dem Gürtel des neben ihm ſtehenden Mineurs eine Pi⸗ ſtole, um ſie in die Oeffnung, welche das Eiſen hinter ſich zurückließ, abzudrücken, und die jenſeitigen Minengräber in die Flucht zu jagen. Aber die Piſtole verſagte, und ehe noch eine andere Maßregel beſchloſſen werden konnte, ſtürzte durch einen Quetſchdruck von jenſeits die Erdwand nieder, verſchüttete einige Franzoſen und ließ den Uebrigen die Ausſicht in einen völlig fertigen Minengang der Spanier, aus welchem die Arbeiter, bewaffnet, wie ſie waren⸗ heran⸗ prallten, um die Franzoſen zu vertreiben, die ſich zur Wehre ſetzten, obſchon im Angeſicht des unvermeidlichen Todes. Einige ſchwache Grubenlichter erhellten die fürchterlichſte Kriegsſcene, die es geben kann? ein Gemetzel von einer Hand voll Menſchen, die ihr finſteres Verhängniß in dieſen unterirdiſchen Raum von drei Fuß Breite und fünf Fuß Höhe gleich wie in ihrem Grabe zuſammengedrängt hatte. Säbel und Bajonett verrichteten ihren blutigen Dienſt 56 —— unerbittlich. Man würgte ſich Mann an Mann, man drängte ſich hin und her, ſtolpernd über die Leichen der ſchon Ge⸗ fallenen, und ſuchte den Feind zu überwinden, obgleich To⸗ desgefahr von allen Seiten drohte, entweder durch das Ein⸗ ſtürzen der ſchlecht verrammelten Stollen, oder durch das Auffliegen eines irgendwo angehäuften Pulvervorrathes. Mehrere franzöſiſche Mineurs entkamen, um Hülfe herbei⸗ 1 zuholen, während ihre Kameraden ſich erbittert in ihrem Loche ſchlugen. Die Hülfe kam jedoch nicht zu rechter Zeit. 1 Ein ſpaniſcher Minenkommandant⸗ der einen Seitenaſt in der Erde bohrte, deſſen Spitze bereits nah an den Kampf⸗ f platz ſtieß, war grauſam genug, den Tumult des Streits vernehmend, ſeine Landsleute zu opfern, um nur die Fran⸗ zoſen zu vertilgen. Er zündete die Lunten an ſeinem Mi⸗ nenherd an, und nach kurzer Zeit ſprang der Ofen, und verſchüttete Freund und Feind in der benachbarten Gallerie. Auf das Getümmel in dem Maulwurfskriege unter der Erde folgte ſogleich tiefe Stille; die Todten fechten und toben nicht mehr. Aber oben in der Stadt ſtand alles lebendig⸗ zum Kampf gerüſtet, oder bebend vor dem neuen Kampf, auf den Beinen. Die Exrploſion, obgleich den Spaniern nicht gefährlich, hatte die Stadt in Allarm gebracht. Die in dem Univerſitätsgebäude und in den frommen Schulen angehäufte Volksmenge fürchtete einen neuen Angriff von Seite der Franzoſen. Alles eilte zu den Waffen. Die Sturmglocken heulten von den Thürmen, die Trommeln wirbelten durch die Gaſſen, und hinter jeder Traverſe in den Straßen ſchaarten ſich beim Schein der Fackeln Solda⸗ ten und Bürger und Bauern in hellen Haufen, um das ſeit einigen Stunden ruhende Gefecht abermals zu erneuern. 57 Hinter einer ſolchen Verrammlung, welche den Coſſo quer durchſchnitt, und gegen die Straße del Medio gerichtet war, wo die Franzoſen ſich ſchon eingeniſtet hatten, lehnte ein junger Arragonier, auf ſeine Büchſe geſtützt, und ſchaute mit bekümmertem Geſicht in den Volkshaufen, der ſich um ihn her verſammelte. Alle, die ihn umgaben, brannten vor Begierde, es mit dem Feinde aufzunehmen, und keinem lag in der ganzen Welt irgend ein Ding weniger am Herzen, als gerade ſein Leben. Aber der Anblick dieſer Jammer⸗ geſtalten, abgezehrt von Hunger, von Krankheit, wie von Erſchöpfung, war bemitleidenswerth; doppelt kläglich für den genannten jungen Landmann, der ſeit der kurzen Zeit, als er ſich in Saragoſſa befand, bittere Verluſte erlitten hatte. Der Haufen der Vertheidiger jener Barrikade, ein Gemiſch von Uniformen, Bürgermänteln und Bauernjacken, unterhielt ſich lärmend von den Beſorgniſſen des Tages, von den Hoffnungen, die ihnen der General Palafor ſtets von Neuem machte, und von ſeiner eigenen ſchwachen Zuverſicht. „Wir ſind verloren;“ ſagte mit wahrhaft ſpartaniſchem Gleichmuth ein Helmüller, der ſeine ganze Habe im Feuer hatte aufgehen ſehen:„aber uns bleibt nichts anderes übrig, als auf den Trümmern unſerer guten Vaterſtadt zu ſterben, unſern König Ferdinand ſegnend, und die ketzeriſchen Fran⸗ zoſen in den Abgrund der Hölle verfluchend!“— Ein ſilber⸗ haariger Unteroffizier vom Regiment Valencia, deſſen Uni⸗ form und lederne Kamaſchen, trotz den Verhältniſſen des Augenblicks, ſauber genug geblieben waren, entgegnete mit jugendlicher Lebhaftigkeit:„Carracho! die Hoffnung hört nie auf. Palafor, obgleich trank und leidend, lebt noch, und oßziin Don Franzisco und Lazan ſtehen unfern von 5 58 hier mit ihren Truppen. Wir ſind nicht ſo ganz verlaſſen; zwiſchen Villafranca und Zuera lagert unſer Heer; darum muthig ausgehalten. Ich kenne die Gegend genau. Die Franzoſen halten ſich nur noch mit Mühe in Tudela, in den Defileen von Tafalia und Caparoſo. Unſere Guerillas aus der Sierra della Muela und aus den Bergen von Soria beunruhigen den Feind im Rücken, und bedrohen ſelbſt Ala⸗ gon, wo er ſeine Magazine hat. Zudem dürfen wir nicht zittern, ſo lang die Vorſtadt Arrabal ſich hält, und ich meine, die Franzoſen ſind dort mit blutigen Köpfen zurück⸗ gewieſen worden.“— Ein Juwelier, der auch hier unter den Waffen ſtand, ſprach dagegen von den Krankheiten, die in der Stadt herrſchten, von den vielen Leichen, die un⸗ beerdigt liegen blieben, und die Luft verpeſteten, von dem drohenden Mangel an Munition, und von dem fürchterlichen Häuſerkrieg, der jetzt ſchon Wochen lang geführt werde. Und als nun das Volk, von bitterer Ueberzeugung bedrängt, den Worten des Unglückspropheten niedergeſchlagen und trau⸗ rig Gehör ſchenkte, ſchlug ſich ein Mönch ins Mittel, der, ein Cruzifix in der einen, einen breiten Säbel in der an⸗ dern Hand⸗den Leiter und Anführer der Vertheidiger dieſer Verſchanzung ſpielte.„Kleinmüthige!“ rief er, während ſeine edlen Züge von Begeiſterung flammten:„Ihr werdet den Höchſten durch eure erbärmliche Furcht erzürnen. Iſt nicht jedes Haar auf euern Häuptern gezählt? wird nicht jeder eurer Tage von Gottes Engeln in das Buch der Le⸗ vendigen eingeſchrieben? ſeyd ihr alte ſpaniſche Chriſten? iſt der prächtige Tempel zuſammengeſtürzt, worinnen unſere liebe Frau vom Pfeiler thront, das Palladium von Sara⸗ goſſa? Kurzſichtige Sterbliche! wie wird euer Herz ſo volt 59 Angſt, wenn euch der Herr des Himmels einmal eine Prä⸗ fung ſendet, als ein Pfand ſeiner Liebe und ſeines Ver⸗ trauens! gebet dem König, was des Königs iſt! ſo ſagt unſer Heiland, und ihr thut wie er ſagt. Was habt ihr alſo zu fürchten? Der Herr ſelbſt ſteht an eurer Spitze⸗ denn er ſprach: ich bringe nicht den Frieden, wohl aber das Schwert. Hat euch das Heer der franzöſiſchen Unchriſten nicht ſchon einmal in euren Mauern belagert? iſt es nicht ſchon einmal in eure Stadt gedrungen? mußte es demun⸗ geachtet nicht mit Schimpf und Schande abziehen? lobet den Herrn und preiſet ſeine Werke, denn auch diesmal wird er Wunder an euch üben.“ Der junge arragoniſche Bauer lächelte wild und un⸗ gläubig, deutete auf die in Schußweite liegenden Häuſer, wo die franzöſiſche Schildwachenreihe ſich anrief, und murrte vor ſich hin:„Ja wohl müſſen Wunder geſchehen, beim hei⸗ ligen Julian! Dort ſtehen unſere Feinde ſchon, und heute Abend werden ſie hier auf unſern Leibern ſtehen.“ Der Mönch hörte dieſe Worte, trat mit warnender auf⸗ gehobener Rechten zu dem jungen Bauer, und verſetzte: „O wie betrübſt Du mein Herz und das Gemüth der From⸗ men, unglücklicher verblendeter Sohn. Die ganze Schöpfung predigt die Herrlichkeit des Allmächtigen, und auch wir wer⸗ den Zeugniß geben können von ſeiner Gnade. Die Diener ſeiner Kirche beten nicht vergebens für euch zu ſeinem Throne, ſtreiten nicht vorgebens an eurer Spitze zu ſeiner Verherr⸗ lichung und Ehre. Mit ihnen ſicht des Herrn Geiſt in euren Reihen, und ſchwebt über euch, wie ein leitender Engel. Sieh unſere Entſchloſſenheit, unſere Ausdauer. Wir erdul⸗ den das Unmögliche, und find freudig und woblgemuti in 5 60 — unſern ermatteten Leibern. Sieh dort die Frauen, die ſich wieder— kaum graut der Morgen— heran wagen, um Lebensmittel auszutheilen, um Verwundete zu verbinden, ja, um an der Seite ihrer Gatten oder Brüder zu fechten! Wie könnte in dem ſchwachen Geſchlechte ſolches Wunder vewirkt werden, ohne den Beiſtand der göttlichen Gnade? veſſere Dich daher, Zweifler.“ Der junge Arragonier hob den Kopf ungeſtüm und ant⸗ wortete rauh:„Ich liebe Gott, die Kirche, und den König, und begehre nichts weiter, als für ſie zu ſterben. Erlaubt mir dagegen, hochwürdiger Herr, meine eigene Meinung über den Ausgang dieſer Dinge zu haben. Ich habe meine ganze Familie hier in Saragoſſa verloren. Solch eine Erinnerung erbittert, und die Heiligen werden mir um mei⸗ nes Schmerzens willen ſchon meine Zweifel vergeben.“— Es ſchoſſen ihm Thränen in die Augen, und mit dem Aus⸗ druck grollender Verzweiflung riß er eine Patrone aus der Taſche, und ladete ungeſtüm ſein Gewehr. Kaum war er mit dieſem Geſchäft fertig, als er eine Kinderſtimme hinter ſich hörte, und daneben die begütigende Stimme etner Wärterin, die ihm keine unbekannte war. Er drehte ſich raſch um, und eine wehmüthige Freude verdrängte den Zorn auf ſeinem Geſicht, als er ein Mädchen vor ſich ſah, noch halb bäuriſch gekleidet, welches ihn an lang ver⸗ ſchwundene Freuden mahnte. „Ach Therefina!“ rief er überraſcht:„wie kommſt Du hieher?“ Das Mädchen ſchlug die Augen gegen ihn auf, erkannte auch ihn beim Scheine der Pechpfanne, und antwortete, nicht minder überraſcht:„Ep, Juanito! Gott ſegne Dich. Wie 61 bin ich ſo froh, Dich zu ſehen. Nun habe ich allen Jam⸗ mer vergeſſen, der mich ſeit ein Paar Stunden drückt.“ „Wo iſt Deine Herrſchaft?“ fragte Juanito, indem er einen Blick auf das Kind warf, das ſich an Thereſina's Rock feſtklammerte. „Das weiß unſere liebe Frau und der heilige Antonius!“ antwortete Thereſina mit Achſelzucken und Seufzen:„Du weißt ja, guter Juanito, daß ich Dir ſagte, als wir uns vor vierzehn Tagen zum letztenmal ſahen, daß wir in dem Univerſitätshauſe Quartier genommen hätten. Die frühere Wohnung des Herrn Generals war zuſammengeſchoſſen wor⸗ den, und uns blieb keine andere Zuflucht übrig. Der Hert General wurde aber dort ſterbenskrank am Fieber, und hatte in dem abgelegenen Winkel, wo er lag, kaum die nöthige Ruhe, weil es in dem Hauſe von Soldaten und Volk wim⸗ melt. Die gnädige Frau hat den Herrn nie verlaſſen, und ihn gepflegt, wie ich Dich pflegen werde, Juanito, wenn ich einmal Deine Frau bin und Du krank wirſt. Ich mit der kleinen Lucia mußte in einem Verſchlage vorlieb nehmen, der ziemlich abgelegen von der Herrſchaft iſt. Da ſchlief ich auch heute mit dem Kinde, als uns das Getöſe und die Erſchütterung weckte, wie die Minen ſprangen. Ich dachte⸗ der Feind ſey ſchon im Hauſe, und entrann, ſchlaftrunken und erſchrocken, mit dem Kinde auf dem Arm, faſt bis zum neuen Thurm. Endlich ſchämte ich mich meiner Muthloſig⸗ eit, und kam zurück zu der Univerſität, fand alles noch von unſern Leuten beſetzt, aber die Herrſchaft, mit vielen andern Offiziersfamilien, war während der Zeit auch entflohen, und ich wußte nicht wohin. Was wird ſich die Mutter um das Kind ängſtigen, das ſie ſo lieb hat? Die arme Lucia weint 62 und ſchreit immer nach der Mutter, und ich möchte auch weinen vor Angſt, weil ich ſie doch nicht zu ihren Eltern zurückbringen kann, bevor nicht heller Tag geworden, und ich jemand gefunden, der mir des Generals Zufluchtſtätte verräth.“ „Armes Kind;“ verſetzte Juanito, die Wange des kleinen Mädchens ſtreichelnd.„Du wirſt aber Deine Eltern wieder finden, während mir dieſes Glück nicht blüht. Ich habe viel ausgeſtanden, liebe Thereſina; wäre ich doch bei den Gue⸗ rillas in den Bergen geblieben! meine Lieben lebten dann Alle noch. Mein Vater, der arme Mann.“— „Nun, lieber Juanito?“ „Ein Kartätſchenſchuß hat ihn zerriſſen.“ „Heiliger Gott! und Deine Mutter, armer Juanito?“ „Schmerz und Mangel haben ſie in meinen Armen getödtet.“ „Ach Du Unglücklicher! und Dein Bruder Pedro?⸗ „Er fiel geſtern vor dem feindlichen Bajonet.“ „Und Dein zweiter Bruder?“ „Er wollte dieſer unſeligen Stadt entfliehen, und man erſchoß ihn auf Befehl des Generals Palafor.“ Eine lange Pauſe folgte hier in dem Geſpräch der Bei⸗ den. Juanito biß grimmig die Zähne übereinander, und Thereſina war verſteinert. Endlich brach ſie in lautes Jam⸗ mern aus, beklagte in den rührendſten Ausdrücken das un⸗ ſelige Geſchick ihres Bräutigams, und erbot ſich, bei ihm, dem Verlaſſenen, auszuharren in Noth, Gefahr und Tod. „Gib mir Deinen Säbel,“ rief ſie mit wilder Begeiſterung, „daß ich neben Dir kämpfe, während Du auf den Feind ſchießeſt, oder erlaube wenigſtens, daß ich Dir die Flinte ₰ lade, während Du dich mit dem Säbel vertheidigſt. Ich verſtehe mich darauf, und mein Gebet ſoll jeden Schuß doppelt ſegnen.“„ „Du mein gutes Herz!“ erwiederte ihr Verlobter mit zärtlicher Rührung, und ſchüttelte ihr die Hand:„Ich danke Dir für dieſe Liebe. Erinnere Dich jedoch, daß dieſes Kind Deinen Schutz verlangt, und daß hier kein Platz für Weiber iſt.“ Thereſina antwortete alſogleich heftig:„Sieh Dich um. Schon wird es hell, und von drüben herüber klingt die fran⸗ zöſiſche Trommel⸗ die Feinde regen ſich, und dennoch weichen die Weiber nicht von dieſer Stelle. Ich bin wieder muthig, Juanitv. Ich fürchte mich nicht. Was Du aber von dem Kinde ſagſt, iſt wahr. Ich will es zu ſeiner Mutter brin⸗ gen, und dann ſchnell wieder bei Dir ſeyn.“ Einige raſch auf einander folgende Kanonenſchüſſe in den benachbarten Straßen verbreiteten im Nu den Allarm. Nach turzer Ruhe war wieder die Stunde des Kampfes ange⸗ brochen. Die Franzoſen ſammelten ſich geſchäftig in den von ihnen beſetzten Häuſerinſeln. In der Richtung nach den Klöſtern Santa Ingracia, San Francisco, und der Nonnen von Jeruſalem, rührte der Feind ſeine Trommel, blieſen die Signalhörner ſeiner Voltigeurs, und alles deu⸗ tete auf einen neuen lebhaften Angriff. „Entferne Dich, Thereſina!“ rief Juanito, drehte ſich von ſeiner Braut weg⸗ und winkte ihr im Abwenden ein Lebewohl. Innerhalb den Verſchanzungen und Traverſen der Spanier kam nicht minder alles in Bewegung. Die anſtoßenden Häuſer⸗ die gegen die Straße del Medio lagen⸗ füllten ſich mit Vertheidigern; aus jeder Schießſcharte, die man in großer Anzahl an den Gebäuden angebracht hatte, wie aus jeder Spalte der vernagelten Fenſter und Thüren drohten Mündungen von Gewehren dem Feind. Auf den Dächern ſammelten ſich Weiber und Kinder mit Vorräthen von Steinen, um dieſelben auf den anrückenden Feind zu ſchleudern; Offiziere ließen ſich unten in der Menge ſehen, um die Vertheidigung zu leiten; die Geſchütze an den Schlag⸗ bäumen wurden gerichtet, und Weiber liefen umher, Pa⸗ tronen auszutheilen. Noch einmal blickte ſich Juanito um, bemerkte die zaudernde Thereſina, die immer noch nicht wich, und rief ergrimmt:„Soll mich Gott! Du biſt verloren, wenn Du nicht gehſt; die Franzoſen ſtellen ſich ſchon auf.“ „Ich gehe ſchonz“ erwiederte Thereſina mit Thränen im Auge:„ich gehe und bin gleich wieder hier. Trinke aber indeſſen einen Schluck aus der Flaſche, die ich bei mir trage, und behalte dieſes Brod, welches Deine Kräfte ſtärken wird.“— Sie reichte ihm bei dieſen Worten die zinnerne, mit Wein gefüllte Flaſche, die an einer Schnur um ihre Hüfte hing, und ſteckte ihm ihr letztes Stückchen Brod mit gutmüthiger Zudriglichkeit in die Taſche. Juanito ließ ſich dieſen Dienſt gefallen, und trank herzhaft aus der Flaſche, während ſchon die Feinde aus ihren Verſchanzungen hervor⸗ kamen, und ein Paar Kartätſchenſchüſſe gegen die Barri⸗ kaden ſendeten. Auch Thereſina hörte dieſe Mordſchüſſe beinahe nicht; ſie drückte die kleine Lucia feſt an ſich, hob ſie auf ihre Arme, und ſah mit liebevollem Blick zu, wie es ihrem Verlobten ſchmeckte. Der Trinker gab endlich lächelnd das Gefäß zurück, und ſprach:„Die Heiligen mögen Dir's vergelten. Es hat mir behagt, und die Schurken drüben, die mir dazu eine Salve gaben, ſollen erfahren.....“ Er ſtürzte zuſammen. Eine Flintenkugel hatte ihn ge⸗ rade vor die Stirne getroffen. Wie nun die umſtehende Menge Platz machte, damit der Leichnam zur Erde konnte, ſchleuderte Thereſia das Kind, das ſie in den Armen hielt, von ſich, auf's Gerathewohl in das Volk hinein, und warf ſich auf den Todten. Mit ihrem Kopftuche trocknete ſie das hervorquellende Blut von ſeiner Stirne, rüttelte ihn dann, und heulte in allen Weiſen der Verzweiflung zu allen Heili⸗ gen ihren Schmerz empor. Der Kampf, welcher unerbittlich losbrach, ließ kein Mitleid aufkommen.„Schafft ſie weg,“ ſchrieen einige,„wozu das Geheul? es war eben ein Menſch wie ein anderer.“— Und der Todte ſammt ſeiner Braut wurde zurückgeſchleppt, um neu anfahrendem Geſchütz Platz zu machen, welches Tod und Verderben gegen die Franzoſen ſpie. Die ſchreiende Lucia war von dem Mönch bemerkt worden, der vorher mit Juanito geſprochen. Das Kind jam⸗ merte den Prieſter und er nahm es aus den Händen des Soldaten, welcher es trug, und ſetzte das Mädchen auf ſeinen Arm.„Sey ruhig,“ ſprach er ſanft,„und fürchte Dich nicht. Dein Schutzengel iſt mit Dir, und ich bin ein Diener des Herrn, der alle Kinder zu ſich kommen hieß.“ Dieſe Worte beſchwichtigten in der That wie ein himm⸗ liſcher Troſt des Kindes Gemüth. Es folgte geduldig, nach⸗ dem der Prieſter es auf die Erde geſtellt, dem Gebote deſ⸗ ſelben, und verſteckte ſich, gellammert an den vom Gürtel herunterhangenden Roſenkranz des Mönches, unter deſſen lang herabwallenden Kaputzenmantel, und blieb ruhig hier ſtehen, faſt ohne Zittern und Zagen, in dem gräulichen Sturm. Die Franzoſen hatten beſchloſſen, um jeden Preis Meiſter dieſes Punktes zu werden, der ihnen den Coſſo ₰. öffnete. Zwei Bataillone von einem Linienregiment, und eine ſtarke Abtheilung eines polniſchen Regiments waren mit der Wegnahme dieſes Poſtens beauftragt. Sie ſtürz⸗ ten wie wüthend gegen die Spanier an, prallten öfters, von ſpaniſchem Geſchütz geſchreckt und gedrängt, zurück, ſchloſſen aber ſchnell ihre Glieder, und drangen wieder vor. Die polniſche Colonne litt am meiſten, in den franzöſiſchen Schaaren war kein Nachlaß der Kraft und des Willens bemerkbar. An der Spitze dieſer Letzteren marſchirte ein muthiger Tambvur, der, wie raſend, den Sturmmarſch ſchlug, dann, einige Schritte von der Traverſe weg, die Trommel auf den Rücken warf, den Säbel zog und den Angriff mitmachte; aber, wenn die Colonne zurückdrängte, wieder unverdroſſen auf ſeiner Trommel den Sturmmarſch anhob.— Die Polen rächten den Tod ihrer Kameraden, ſpät zwar, aber blutig. Unter dem mörderiſchen Feuer der Kanonen, unter dem Hagel von Balken und Steinen, der von den Dächern nieder praſſelte, ſchoſſen ſie die Verſchan⸗ zungen zuſammen, und nahmen ſie mit dem Bajonet. Eine Lücke nach der andern entſtand in den ſpaniſchen Streitern, wo die grimmigen Todesengel einbrachen, und die franzöſiſchen Bataillone, die ihnen folgten, ſchritten über einen Wall von Leichen in den Coſſo ein. Der junge Trommler marſchirte noch luſtig an ihrer Spitze, und verſah, auf einen Eckſtein ſtehend, unermüdet ſeine Pflicht, als ein Flintenſchuß, der aus einem Nachbarhauſe kam, ſeine Trommel zerſchmetterte, und ihm das linke Bein ſtreifte.„Saerebleu!“ ſchrie er, ſprang von ſeiner Poſition herunter, und hielt ein Paar vorüber⸗ ſtürmende Soldaten auf:„Ihr ſeht, Kameraden, daß ein ſpaniſcher Hund meine Trommel zerſchoß. Das Regiment 67 wird mir alſo eine neue ohne Abzug von meinem Solde liefern. Ihr ſeyd Zeugen!“ Die Soldaten lachten, und erwiederten:„Gern, braver Jonquille, wenn wir mit dem Leben davon kommen!“ und ſprangen vorüber. Der Tam⸗ bour band ſich ſein Schnupftuch um das Bein, zog ſeinen Säbel und wollte ſeinen Brüdern nach, die bereits alle Seitenhäuſer aufgeſprengt hatten, und mit Waffengewalt hineindrangen. Auf den Treppen, in den Gängen, in den verödeten Stuben wie in den Kellern, kam es zu dem ent⸗ ſetzlichſten Gemetzel. Man würgte ſich darinnen unerbittlich, kein Gefangener wurde gemacht; wie auf den Flügeln des Sturmwindes verfolgten die Franzoſen die nach der grau⸗ ſamſten Gegenwehr fliehenden Feinde von Haus zu Haus, durch die Gänge und Maueröffnungen, welche wie Gallerieen die Gebäude verbanden. Da das Bajonet die vortheilhafteſte Waffe iſt, die in ſolchem Streite anzuwenden, ſah der Tam⸗ bour Jonquille zu ſeinem Bedauern ein, daß er überall zu ſpät kam, und bereits gemachte Arbeit vorfand. Er ſtellte ſich daher in der Straße an die Spitze eines kleinen Trupps, der keinen Anführer hatte, und zog der Colonne nach. Ueber Leichen und Trümmer ging der Weg. Unter den erſtern lag, nach der Länge hingeſtreckt, der Mönch, den die Fran⸗ zoſen als einen der Führer an dieſer Barrikade bemerkt hatten.„Sieh da, der Pfaffe hat ſeinen Lohn dahin!“ rief la Valeur, einer der Soldaten:„Laßt ſehen, ob er keinen Talisman bei ſich trägt!“— Wie die Tiger ſtürzten die Soldaten auf den Leichnam hin, und der Tambour mußte alle Hartnäckigkeit und Autorität aufbieten, um eine Ent⸗ weihung des todten Körpers zu verhüten.„Zurück, ihr Marodeurs!“ ſchrie er, ſeinen Briquet wie einen Blitzſtrahl 68 ſchwingend:„Zurück, oder der Teufel ſoll Euch holen! Seyd Ihr Katholiken? ſchont wenigſtens das greiſe Haupt dieſes Erſchoſſenen, wenn Ihr den Prieſter nicht ſchonen wollt!“ Beinahe hätte ſich über der Leiche des Geiſtlichen ein blutiger Zwiſt erhoben. Zwei Bajonette bedrohten den herz⸗ haften Tambour, während die übrigen Soldaten ſich daran machten, das Gewand des Mönchs zu zerreißen. Ein heili⸗ ger Schrecken befiel ſie jedoch, als ſie unter dem Mantel des Paters ein zuſammengekauertes Kind entdeckten, welches, unverletzt und ohne Thränen, aber mit bitterlicher Angſt im Geſichte, die gefalteten Hände ſtumm gegen die Feinde aus⸗ ſtreckte. Der Anblick der Unſchuld rührte die Herzen der Krieger. Die Fäuſte, die ſich zuvor ohne Schauder in Blut getaucht, hoben jetzt mit der größten Sorgfalt die arme Lucia in die Höhe, und Jonguille, von zarterer Rührung ergriffen, als ſeine Kameraden, bemächtigte ſich des gefun⸗ denen Schatzes.„Komm, mein kleiner Engel,“ ſagte er ſchmeichelnd,„komm, daß ich Dich aus der Gefahr bringe. Welch ein Vergnügen iſt's, ſo unverhofft, im ſechszehnten Jahre, der Vater eines ſo liebenswürdigen Kindes zu wer⸗ den! Geht nur weiter, meine Freude. Der Streifſchuß am Schenkel brennt mich dergeſtalt, daß ich kaum einen Schritt vorwärts thun kann. Ich will daher langſam nach St. Joſeph zurück und mein Töchterchen in Sicherheit bringen.“ Ohne die Antwort ſeiner Gefährten zu erwarten, zog er mit ſeinem Kinde von dannen, es bald führend, bald wieder eine Strecke tragend, weil die Kräfte des Mädchens durch Angſt und Kälte ſehr erſchöpft waren. Vorüberkommenden 69 Soldaten bettelte er Brod und Wein ab, um die arme Lucia damit zu laben, und verzweifelte ſchier, daß er ſich nicht dem Mädchen verſtändlich machen konnte, ſo wie er auch unter deſſen Schluchzen kein Wort von dem Spaniſch des Kindes errieth. Am Ausgang der Straße Quemada begegnete er einem Bataillon ſeines Regiments, das zur Verſtärkung heranrückte, und an deſſen Spitze der Oberſt ſelbſt ſtand. Dieſer, den Tambour bemerkend, blieb einige Schritte neben ſeinen Truppen zurück, und rief;„Victo⸗ rin? verwundet?“—„Ja, mein Oberſt, und Vormund dieſes Mädchens zugleich, welches ich unter Leichen gefunden habe.“ 3 Der Oberſt warf einen Blick auf das Kind, eine heftige Roͤthe ſtieg auf ſein Geſicht, und er ſeufzte:„Großer Gott! welch eine Aehnlichkeit!“ dann ſetzte er hinzu, die Hand des Tambours heftig ſchüttelnd:„Unſtreitig ſind die Eltern die⸗ ſes Kindes im Kampf zu Grunde gegangen. Ich will für daſſelbe ſorgen. Laß Dich nach Alagon ins Spital bringen, gutet Victorin. Nimm das Kind mit Dir, und übergib es Deinem Vater, welcher dort auf Kommando ſteht. Sorge aber, daß meine Frau dieſes Mädchen nicht ſieht, bis wir über deſſen Schickſal mehr im Klaren ſind.“ Der Oberſt eilte wieder an die Spitze ſeiner Soldaten, und kam zeitig genug im Coſſo an, um den Rückzug zu decken, welchen ſeine Landsleute anzutreten gezwungen waren. Die Spanier hatten die genommenen Häuſer in Brand geſteckt, und veriagten den verhaßten Feind, der ſich in ſeine alten Poſitionen zurückzog.— Vietor trat mit Lucia auf einem Wagen, der mehrere Verwundete führte, den Weg nach Alagon an. Auf dem weiten Umweg um die Mauern der berannten Stadt war Muße genug für den jungen Tambour, ſich mit ſeinem Mädchen auf's Rene zu unterhalten und er bemerkte nun mit Vergnügen, daß ſeine Sprache, ſo wie ſie nur ſehr ſanft und weich, wie mit Frauenzimmerlauten, geſprochen wurde, dem Kinde keineswegs unverſtändlich war; daß das Kind ſogar fran⸗ zöſiſch ſprach, und es beſſer redete, als das ſpaniſche Pa⸗ tois, wenn es nur erſt muthig genug dazu geworden war. „Wie alt biſt Du?“—„Acht Jahr.“—„Wer iſt Dein 1 Vater?“—„General.“—„Sein Name?“—„General Sourdis.“—„Haſt Du auch noch Deine Mutter?“—„O ia, meine liebe Mutter!“— Und das Mädchen hob an, auf's Neue zu ſchluchzen, zu klagen, und rief bald den Namen Thereſina, bald ihre Mutter. Von nun an war nicht mehr viel mit dem Kinde anzufangen, und es war noch ganz troſtlos, als der Wagen zu Alagon ankam.— Vor dem Spital ſaß der ſchnurrbärtige Sergeant⸗Major 3 des Kommandos, und ſprang mit einem tüchtigen Fluche in die Höhe, als er ſeinen Sohn erblickte, der ſich mühſam 3 von dem Wagen herabhalf.„Was Teufel!“ ſchrie er, zit⸗ ternd vor Freude und Beſorgniß:„Haſt Du Deinen Ein⸗ 1 ſtand endlich bezahlt? ein Glück, daß der Ofen für Dich nicht tüchtiger geheizt war. Du kannſt mit dem Fuße auf⸗ treten, folglich iſt er nicht abgeſchloſſen, folglich iſt das alles eine Lumperei, und ich kann mich ſo recht von Herzen über dieſe Wunde freuen. Laß Dich umarmen, lieber Victor. Du biſt jetzt auch am längſten Tambour geweſen. Jetzt mag ich's wohl dulden, daß Du die Muskete nimmſt, weil Du eine artige Bleſſur erhalten haſt. Jetzt ſoll Dich meinethalben der Herr Oberſt avaneiren. Gott erhalte nur den edlen Oberſt, Deinen wackern Pathen.— Wen aber bringſt Du da mit?“ Er deutete auf das Kind, welches der Sohn vom Wagen hob.„Ich habe Euch in aller Geſchwindigkeit zum Groß⸗ papa gemacht,“ lächelte Victor, und die weitere Rede blieb ihm im Munde ſtecken, weil er ſah, wie ſein Vater plötzlich erbleichte, dann wieder roth wurde, dann mit der leiden⸗ ſchaftlichen Haſt die kleine Lucia von allen Seiten betrach⸗ tete, ſie in ſeine Arme riß, in ihr Geſicht ſtarrte, als wollte er mit ſeinen Augen die ihrigen durchbohren, und endlich wie wahnſinnig ausrief:„Junge, welche Freude machſt Du mir! bei unſerer lieben Frau de la Garde! die Wunder ſind wieder an der Tagesordnung! Das iſt ja die kleine Suzon, das iſt ja des Oberſten Dammartin Tochter, wie ſie leibt und lebt! lieber Gott, wie gnädig verfährſt Du mit Deinem Knecht! Durch meine Schuld ging das Kind ver⸗ loren, und mein Sohn bringt es wieder in das Vaterhaus zurück.“— Wie einſt in ſeinem Hauſe zu St. Colombe mit dem Neugebornen auf dem Arme, ſo tanzte auch jetzt Sans⸗ Regret, das Mädchen im Arme, vor dem Spital auf und nieder, und wollte plötzlich mit dem Kinde davon laufen. Der beſtürzte Sohn, der dieſes Betragen nicht begriff, hielt ihn zurück, und fragte:„Wohin?“—„Zur Oberſtin.?— „Was dort?“—„Ihr die Tochter wieder bringen.“—„Das ſoll nicht ſeyn. Der Oberſt hat's verboten.“—„Schlechter Spaß; Niemand in der Welt ſoll mich zurück halten, der Mutter ihr Kind wieder zu bringen.“—„Ihr ſeyd im Irr⸗ thum.“—„Nein, ſag' ich Dir. Ich werde doch die kleine Suzon noch kennenz ich hätte ſie nach vierzig Jahren wieder erkannt.“—„Sie heißt nicht Suzon, ſondern Lucia.“— „Oho! dummes Zeug.“—„Ihre Eltern wohnen in Sara⸗ goſſa.“—„Miſtification, weiter nichts.“—„Ihr Vater iſt General.“—„Keineswegs; er iſt noch immer Oberſt, ob⸗ gleich er längſt verdient hätte, General zu ſeyn.“—„Sein Name iſt“—„Dammartin; ich weiß.“—„Nicht doch; Sourdis.“—„Warum nicht gar Teufel? den Satan aber auf Deinen Kopf, wenn Du mich noch einen Augenblick zu⸗ rück hältſt. Subordination, Burſche. Die Hand weg, ſage ich Dir. Vergreife Dich nicht an Deinem Vorgeſetzten. Scheer Dich hinein, laſſe Dich verbinden; ich gehe zu der Mutter, um ihr jahrelanges Leiden in Freude zu verkehren!“ — Wie in allen Stücken Sans⸗Regret der Mann war, un⸗ verbrüchlich Wort zu halten, ſo auch hier. Schon war er mit dem Kinde den Blicken des Sohnes entſchwunden, ehe dieſer noch Zeit gefunden, ihn zurück zu rufen. Fünftes Rapitel. Die Donner von Eßling verhallten; die Schlacht auf dem linken Ufer der Donau war aus, und in das ſchwarze Dunkel einer finſtern Mainacht zog ſich der lange Trauer⸗ flor des verwichenen heißen Tages. Der Sieg hatte diesmal den franzöſiſchen Adlern nicht gelächelt, und faſt übermenſch⸗ lichen Widerſtand bedurfte es, um nicht den öſterreichiſchen Fahnen den Sieg zuzugeſtehen. Alle Leiden und Schreckniſſe, die eine Feldſchlacht von dreißig Stunden Dauer im Gefolge hat, waren erſchöpft. Aber der herzzerreißende Jammer, der als Nachzügler in die blutigen Spuren des Schlachten⸗ gräuels tritt, ſchüttelte jetzt erſt über die franzöſiſchen Heere ſein Schlangenhaupt. Wohl hielten noch einige Diviſionen das Feld, wohl verſäumte es der tapfere Erzherzog Karl, die Früchte dieſes Tages zu ſammeln, durch ein unabläſſiges Verfolgen den Rückzug der Feinde zu beſchleunigen, ſie zu zermalmen, das Glück ſeines Hauſes zu retten;— aber, wer hat ohne Kummer und Entſetzen die vielen Tauſende von geſehen, welche, ſchwer verwundet, zum Sterben 4. 6 74 erſchöpft, nach der Inſel ſtrebten, die hinter ihren Gebüſchen und Verſchanzungen dem blutenden Krieger eine Zufluchts⸗ ſtätte verſprach? Eitle Hoffnung für viele.— Seit dem Morgen hatte die angeſchwollene Donau mit ihren mächtigen Fluthen die Brücken des Feindes hinweggeriſſen; was der Wel⸗ lenſturm verſchonte, zerſtörten die Anſtrengungen der Oeſter⸗ reicher, die Fahrzeuge, mit Steinen beladen, Flöße von ungeheuern Baumſtämmen und Brandſchiffe den Strom pfeilſchnell heruntergleiten ließen. Dieſe Vernichtungsmittel brachen den Muth der auf der Inſel verbliebenen Franzoſen, und vereitelten höhniſch deren unausgeſetzte Verſuche, die Brücken wieder herzuſtellen. Die aus der Schlacht Rückkeh⸗ renden, erſtarrt vom Schmerz der Wunden, und dem Abend⸗ froſt, der darüber hinſtrich, ſahen das rettende Ufer in dämmernden Umriſſen vor ſich liegen, und jammerten ver⸗ gebens nach der Ueberfahrt. Ihre Kolonnen, aus Soldaten aller Waffen beſtehend, erfüllten die Luft mit wildem Geheul und rauhen Verwünſchungen; ein dämoniſches Concert, welches einzelne Kanonenſchüſſe aus dunkler Ferne, und der verdoppelte Schlag der Hämmer begleiteten, womit an der neu zu eprichtenden Brücke gearbeitet wurde. Plötzlich wurde es ſtill, und von allen Seiten flüſterten ſich die Krie⸗ ger zu, der Kaiſer ſey in ihrer Mitte. Die Nähe dieſes großen Heldengeiſtes verbreitete Scheu und Schweigen. Sie jauchzten ihm kein Vivat zu, ſeine Soldaten, aber ſie hör⸗ ten auf zu murren, und warteten zähnklappernd vor Froſt und Fieber, was der Vater des Heeres für ſeine Söhne beſchließen würde. Das war nicht mehr das Geſicht des Siegers von Au⸗ ſerlitz; ſein Auge ſtarrte düſter vor ſich hin, und die Ungeduld 75 erlaubte ihm nicht, auf ſeinem Pferde zu bleiben, von dem er raſch abſtieg. Mit verſchränkten Armen warf er einen Blick nach der Gegend des Schlachtfeldes zurück, ſtieß einen unruhigen Seufzer aus, ermannte ſich aber ſchnell, um keine Blöße zu geben, und vergaß, den Geiſt in ſeinen allmäch⸗ tigen Willen bannend, die böſe Gegenwart, um ſein Auge auf die Zukunft zu wenden, und für ſie zu ſorgen.„Warum ſind die Brücken nicht fertig?“ fragte er barſch den neben ihm ſtehenden Oberſt vom Genie.—„Sire, die Unmöglich⸗ keit. die Anſtrengungen des Feindes.. erſt ſeit ganz kurzer Zeit fließt der Strom frei neben der Inſel hin. Die Brücke wird jetzt bald vollendet ſeyn.“—„Es iſt empörend, daß es nicht ſchon geſchah;“ ſagte der Kaiſer wild, und deutete auf die Verwundeten, die umherſtanden, und von denen immer neue Trupps nachkamen:„Sind dieſe braven Leute in ihren Augen Nichts, Herr Oberſt? in zwanzig Minuten muß die Brücke fertig ſeyn; ich befehle es. Sollten Sie mein Gebot zu vollziehen ſich nicht getrauen, ſo ſchicke ich einen Andern.“ Dieſe letzten Worte, von einem wahren Todesblick be⸗ gleitet, wirkten zauberiſch. Mit der raſendſten Geſchäftig⸗ keit wurde nun die Arbeit angegriffen; der Sekundenzeiger auf der Uhr, die der Kaiſer in der Hand hielt, flog nicht ſchneller, als die Pontons, die herbeigezogen wurden, und die Hände, welche die Stricke befeſtigten, die Klammern ein⸗ hieben, und das Werk richteten, daß es zur feſtgeſetzten Friſt fertig ſtand, worauf der Kaiſer zuerſt über die Brücke ging, und dann den Befehl ertheilte, die Bleſſirten herüber zu laſſen. Welch ein Andrang! Jeder wollte der Erſte in dem Hafen des Heils ſeyn; die finſtere der ſchwache 76 Schein der Wachtfeuer, der Fackeln und Laternen bethörte die Sinne Anderer; ſie liefen, wie Verzweifelte, ſtatt auf die Brücke, in die Fluthen hinein. Roß und Mann wurden hingeriſſen von dem ſchäumenden Strom, und wenn einige dieſer Unglücklichen dem Tode entkamen, ſo verdankten ſie es bloß der Menſchlichkeit mehrerer Krieger von der Divi⸗ ſion Tharreau, die juſt herbeikam, ftüher auf dem Rückzug eintreffend, als es befohlen war. Den Regungen des Mit⸗ leids gehorchend, ſtürzten ſich die genannten Soldaten in den Fluß, und retteten mit eigener Lebensgefahr ihre ver⸗ wundeten Kameraden. Einer unter ihnen, ein junger Soldat voll Feuer und Entſchloſſenheit, zeichnete ſich vor Allen aus⸗ indem er einen verwundeten Reiter ſammt deſſen Pferd glücklich über die reißende Fluth nach der Inſel brachte⸗ Napoleon, der, zu Fuße neben der Brücke ſtehend, und um⸗ geben von Marſchällen und Generalen mit der größten Sorglichkeit zur Hülfleiſtung für die Bedrängten ermunterte, bemerkte die That des Erbarmens, und rief den Soldaten an:„Wie heißt Du?“ „Napoleon Victor Dieudonné, Sire.“ Dieſe rafthe Antwort befremdete den Kaiſer, und er fragte eben ſo ſchnell entgegen:„Woher dieſen Namen? Du biſt zwar jung, mein Freund, aber immer älter als mein Name in dem Kalender Frankreichs.“ „Ich bin ein Revolutionskind, Sire. Ich hatte das Recht, meinen Namen zu wählen, und habe mir nicht den ſchlechteſten beigelegt.“ „Ich kenne Dein Regiment, es hat ſich in Spanien und hier wacker gehalten. Dammartin iſt deſſen Oberſt. Er ſoll 77 für Dein Avancement ſorgen. Wenn Du ſo fortfährſt, mein Freund, ſo kann Dir die Epaulette nicht fehlen.“ Der junge Soldat, von den Worten ſeines angebetenen Kaiſers ſanft durchwärmt, trotz der Näſſe, von welcher ſeine Kleider trieften, trat ſtolz und zufrieden in ſein vorüberzie⸗ hendes Regiment ein, deſſen letzte Kompagnien ſich deran⸗ girten, um einen Verwundeten durchzulaſſen, deſſen Unglück alle Herzen in der Armee gleich ſchmerzlich betraf. Lannes⸗ der wackere edle Krieger, wurde, zum Tode getroffen, von zwölf Grenadieren herbeigetragen. Dieſes bleiche Antlitz⸗ dieſer hingeſtreckte tapfere Leib, vom Blute überſtrömt, ſchlug die Faſſung des Kaiſers nieder. Menſchlichkeit, Freund⸗ ſchaft und die Ueberzeugung des empfindlichen Verluſtes, der ihm bevorſtand, ſiegten über die Verſchloſſenheit der harten Heldenbruſt. Weinend warf ſich Napoleon über den Verwundeten, dann neben ſeiner Bahre auf die Kniee, ver⸗ ſuchte, ihn mit Schmeichelworten zum Leben, mit Troſtſprü⸗ chen, woran er ſelbſt nicht glaubte, zur Hoffnung zurück zu rufen.„Du wirſt nicht ſterben;“ rief er außer ſich:„Nicht wahr, Larrey,— nicht wahr, meine Herren, der Marſchall wird nicht ſterben? erkennſt Du mich, Lannes? Deinen Kaiſer, Deinen Freund, Bonaparte, Deinen Waffenbruder?“ — und ihm erwiederte mit bleichen Lippen der Marſchall kaum hörbar:„Keine Täuſchung; Du verlierſt Deinen be⸗ ſten Freund. In einer Stunde haſt Du ihn ſchon ver⸗ loren.“ Eine tiefe ängſtliche Stille trat um die ſchauerliche Gruppe ein. Wagen und Reiter hielten an, wie gebannt ſtanden die Glieder der vorbeiziehenden Soldaten, und das „Vorwärts⸗ erſtarb in dem Munde des Führers. Es war⸗ 78 als ob der Finger des Verhängniſſes mit banger Warnung an die Herzen des Eroberers und ſeiner Schaaren gegriffen; als ob ein Wendepunkt im Kriegs⸗ und Herrſcher⸗Leben des Helden eingetreten wäre. Montebello war der erſte Mar⸗ ſchall Napoleons, der auf dem Felde der Ehre blieb, und zugleich ein treuer Rath und Helfer, den das Schickſal von dem Kaiſer riß, der erſte Diamant, den es aus Frankreichs Kaiſerkrone brach. Dieſe Minute der Stille hatte ihre An⸗ dacht, gab aber zugleich der Seele Napoleons alle Friſt, um ihre gewohnte Kraft wieder zu ſammeln. Wie ein Löwe, nach vorübergegangenen körperlichen Leiden,— iſt es be⸗ zwungen,— wieder majeſtätiſch ſich erhebt, und den Gang durch die Wüſte, ſeinen öden Pallaſt, weiter fortſetzt,— ſo erhob ſich auch der Kaiſer, gefaßt, geſammelt, und kö⸗ niglicher als mancher im Purpur Geborne. Seine Hand winkte dem ſterbenden Freunde ein Lebewohl, und den Gre⸗ nadieren den Befehl, ſich mit ihrer theuern Laſt zu entfernen. Alles nahm hierauf den Charaeter an, den ein Ruͤckzug und das Verſammeln auf einem Waffenplatze als Gepräge an ſich trägt. Kolonnen auf Kolonnen durchkreuzten ſich, nah⸗ men ihre Lagerplätze auf der Inſel wieder ein, oder richte⸗ ten ſich neue her; die Verwundeten wurden da und dort untergebracht; die Chirurgen gingen beim Schein der Fackeln an ihr trauriges Geſchäft; der Troß mit Fuhrwerken und Bagage drängte ſich nach den Verſchanzungen, oder bil⸗ dete ſelbſt dergleichen mit ſeiner Wagenburg. Das Ge⸗ ſumme von dreißigtauſend Stimmen, das Schnauben der Pferde und das Gekreiſch der Räder an Wagen und Stücken wurde beinahe übertäubt von dem dumpfen Rollen des Stroms und dem Windgeheul, welches durch die Wipfel auf der 79 — Inſel Lobau fuhr; aber der Geiſt des Feldherrn, ungebeugt von ſeinem Unglück, ſchwebte leitend und beſonnen über dieſer gräßlichen Verwirrung. Es flogen die Ordonnanz⸗ offiziere trotz Nacht und Sturm zu den auf dem linken Ufer ſtehenden Truppencorps. Maſſena erhielt den Befehl, die Wachtfeuer auf ſeiner Linie zu verdoppeln, um den Feind zu täuſchen, und ſich langſam zurück zu ziehen⸗ Man las in den Augen des Kaiſers den ſtummen Eid, das Mißgeſchick dieſes Tages bald durch einen glänzenden Sieg zu ver⸗ gelten. Dammartins Regiment lagerte unfern dem Inſelgeſtade, welches nach dem rechten ufer der Donau hinausſieht. Die Truppen hatten ſehr in der Schlacht gelitten, und die Hälfte ihrer Leute eingebüßt. Der Oberſt that noch in der ſpäten Nacht alles, was ihm ſeine Pflicht zur Erleichterung des Zuſtandes ſeiner Untergebenen auferlegte, und warf ſich dann, auf's Aeußerſte ermüdet, in ſeiner Barake nieder, um aus⸗ zuruhen. Sein Blick verklärte ſich, als er den treuen Sans⸗Regret hereinkriechen ſah, der ſich theilnehmend nach ſeinem Befinden erkundigte, den elend glimmenden Docht in der Laterne putzte, und um die Erlaubniß bat, bei dem Oberſten wachen zu dürfen. Dammartin erwiederte ihm: „Nicht doch, mein Alter. Lege Dich ſchlafen, und laß mich allein. Du bedarfſt des Schlummers; die Anſtrengung war für Deine Kräfte zu groß. Fühle ich doch ſelbſt beinahe meine Knochen nicht mehr. Ich werde nicht ſchlafen können⸗ denn mein Geiſt iſt zu aufgeregt, aber Dir will ich's gön⸗ nen, wenn eine Stunde der Ruhe Deine Augenlieder ſchließt.“ Sans⸗Regret verſetzte gutmüthig:„Pah⸗ mir geht es auch nicht beſſer. In meinem Alter ſchläft man ſchon nach 80⁰ einem faulen Tage nicht mehr gut, geſchweige denn nach einer Schlacht, die noch nach vierundzwanzig Stunden in unſern Ohren fort tobt. Es iſt dumm, daß man ſich's nicht abgewöhnen kann, die Bataille noch einmal durchzumachen, ſowohl im Traum als in der Erinnerung des Wachens. Die Kanonenſchüſſe, das unaufhörliche Rotten⸗ und Heckenfeuer, das Wirbeln der Trommeln poltert immer noch im Kopfe hin und herz die Haubitzen ſingen und die Flintenkugeln pfeifen immer um uns her, als ob wir noch in der Ebene ſtünden, in der vermaledeiten Lage wie heute, Gewehr im Arm, und ohne Wehr dem feindlichen Donner ausgeſetzt, weil die Munition in der Patrontaſche mangelte. Ich kann wahrhaftig nicht ſchlafen vor all' dieſem Lärm, und könnte ich's, ſo würde die Freude mir allen Schlummer rauben. Sie ſind wohl erhalten, mein Oberſt, und mein Bube hat ſich vortrefflich ausgezeichnet. Mir lachte das Herz, als ich unſere jungen Kompagnieen mit dem Bajonet das verfluchte Dorf wegnehmen ſah, um welches man ſich riß, wie vor Zeiten die griechiſchen Könige und der Fürſt von Troja um die ſchöne Helena. Sechsmal ging mein Junge mit vor, und beim ſechstenmale ſah er erſt recht wie ein Teufel auf dem Schlachtfelde aus. Der wird brav, ich ſag' es Ihnen, und Gott erhalte Ihnen nur recht lang das Leben, damit Ihnen Ihr Taufkind noch viele Freude mache.“ „Victor war auf dem Rückzuge nicht minder wacker;“ entgegnete der Oberſt mit Wohlgefallen,„und verdiente den Dank und die Ermunterung des Kaiſers. Ich erwarte, daß ſein Hauptmann mir ihn zur Beförderung vorſchlägt. Was ich für ihn thun kann, muß, fürchte ich, bald geſchehen. Ich widerſtehe vielleicht nicht lange mehr den angeſtrengten 81 Strapatzen, die meine Kräfte aufzehren und meine Haare bleichen. Man darf bekennen, daß der Kaiſer uns vollauf für die müßige Ruhe zu Boulogne entſchädigte. Die wilde Campagne in Spanien, der Eilmarſch zu Fuß und zu Wa⸗ gen aus dem Herzen von Aragonien bis zur öſterreichiſchen Kaiſerſtadt,— die Schlacht, die unmittelbar nach unſerm Eintreffen in der Linie begann,— alles dieſes ſcheint dem Verſtand ein Traum, während der Körper die harte Wirk⸗ lichkeit nur zu ſehr empfindet.“ Der Oberſt ſeufzte tief auf, ſtützte den Kopf nachdenklich in ſeine Hand, und fuhr fort, vertraulicher zu Sans⸗Regret gewendet, welcher ſtill zuhorchte, die Hände auf dem Kniee gefaltet:„Ich glaube, daß meine Worte vor Dir, mein Freund, keiner Erläuterung bedürfen. Du kennſt mich. Ich bin nicht furchtſam, kein Schwächling. Ich weiß überdies zu genau, worin die Pflicht eines Soldaten beſteht. Ich habe geſchworen, Geſundheit, Kraft, Leib und Leben dem Dienſte aufzuopfern, und murre nicht über die Mühſeligkei⸗ ten des unaufhörlichen Krieges. Aber in meinem Alter ſchmerzt es tief, das Leben fruchtlos, möcht' ich ſagen, hin⸗ zugeben. Die Zukunft wird mir immer trüber, weil ich nicht allein ſtehe. Dem Einzelnen genügt der Augenblick, und ein ſtilles Grab findet ſich allenthalben; der Familienvater muß gewiſſermaßen über ſeinen Tod hinaus für die Seini⸗ gen leben. Welche Ausſicht bleibt mir in dieſer Beziehung? mein Vermögen iſt dahin; was mir der Staat auswirft, iſt bereits von Schulden belaſtet: auf Beförderung darf ich nicht hoffen, weil mich der Kaiſer haßt. Von einem Tag zum andern kann mich hier mein endliches Lvos ereilen;— vielleicht wirft mich der Dämon des Kriegs als einen Krüppel 82² in den Schvos meiner Familie zurück;— ich ſchaudere bei dem Gedanken an dieſe Möglichkeit. Adelens Schickſal zerreißt mir das Herz, und ich bedauere ſie um deſtomehr, als ſich das treue Weib, frühere Verirrungen gut zu ma⸗ chen, nie mehr von mir trennen will, und alle Leiden, alle Ungewißheitsqualen und Mühſeligkeiten der Feldzüge mit mir theilt. Was wird ſie nicht in dieſer Nacht ausſtehen, zurückgeblieben in der Hauptſtadt, aber geängſtigt von dem Kanonendonner dieſer Tage, und gewiß ſchon von dem Un⸗ glück unſerer Waffen unterrichtet! und meine Tochter— das Kind, welches wie ein Räthſel in mein Haus geſtellt worden iſt— dieſes Kind macht mir ungeheure Sorge. Iſt's meine Suzon, wie ihr beide, Adele und Du, mich übererden wollt? oder iſt es Lucia Sourdis, ein Kind, mir völlig fremd? ich wage es nicht, zu entſcheiden; die Natur hat ſchon zu oft mit Aehnlichkeiten wunderbar geſpielt, und die Erinnerungen, die das Mädchen verrieth, ſind doch nur verwirrte Andeu⸗ tungen. Unglück für mich, daß des Kindes Wärterin im Sturm auf Saragoſſa geblieben; daß der Gräuel des Kriegs den General Sourdis in die Flucht gejagt; ſo weit, daß mein Aufruf, daß meine Nachfrage ihn nicht erreichen konnte!— wenn nun dieſes Kind ein fremdes iſt, wenn ſich einſt ſeine Angehörigen melden, und es aus den Armen meiner Wittwe reißen, in einem Augenblicke, wo die Hülfe der Tochter ein Schutz für die bedrängte Mutter ſeyn würde? welch' ein Elend!“ Sans⸗Regret rückte ungeduldig auf ſeinem Sitze hin und her, und benützte das melancholiſche Schweigen des Ober⸗ ſten, um ihm ſchnell zu antworten:„Mit Erlaubniß, mein Oberſt; allen Reſpekt vor Ihren Worten; aber Sie ſirs ein Selbſtquäler. Ich ſage Ihnen, daß die Lucia von Sara⸗ goſſa in der That Ihre Suzon iſt. Das weiß ich ſo gut, als Ihre Frau es ahnt. Beruhigen Sie ſich, und vertrauen Sie meinem Inſtinkt, wenn gleich die Natur nicht ſo ge⸗ fällig war, wie es zur Zeit der Ritterſchaft oft geſchah, dem Kinde ein Muttermaloder irgend ein anderes Kennzeichen aufzu⸗ drücken, wodurch es ſich jederzeit legitimiren konnte. Ihre Phantaſie macht Ihnen da zu viel Spuck vor. Was aber die Zukunft Ihrer Gattin betrifft, ſo wiſſen Sie ſchon, daß mein Haus und meine Habe ganz und gar für Madame gehört. Sie werden mir ſagen, wie Sie bereits gethan, daß ich einen Sohn habe, daß ich für dieſen Sohn ſorgen müſſe. Aber der Junge wird ſich glücklich ſchätzen, verſichere ich Ihnen, die Schuld ſeines Vaters abzuzahlen, ſo weit es in menſchlichen Kräften ſteht. Sie mögen heute erfahren, mein Oberſt, daß mich der Zufall in Ihr und Mont⸗choiſy's Geheimniß einweihte; daß Lefebre's Tochter mir bekannt iſt, und daß ich der erbärmlichſte Schuft ſeyn müßte, dem Fin⸗ gerzeig des Himmels nicht in allen Stücken zu gehorchen. Ich kann freilich“— hier ſtockte die Rede des Alten ſichtlich —„der guten Frau ihren Vater nicht mehr zurück geben; aber darben ſoll ſie nicht, ſo lange der Mörder des armen Lefebre noch einen Sou im Vermögen hat.“ Der Oberſt reichte ihm überraſcht beide Hände, und ſagte mit heftiger Bewegung:„Dieſes Geſtändniß, mein Freund, zwingt mir neue Bewunderung und Ehrfurcht vor Dir ab. Was ich aus zärtlicher Beſorgniß Dir wie ihr verhehlte, das trugſt Du jahrelang in der männlichen Bruſt? Dieſer unſeligen Verknüpfung von Umſtänden, den Noth⸗ pfenning Deines Alters, die Habe Deines Sohnes aufzu⸗ opfern, haſt Du ſchon ſeit Jahren beſchloſſen 2 edelmüthiger Menſch! wie tilgt ein ſolches Vorhaben die unglückliche Verirrung Deiner Jugend! eine That, deren ſchauerliche Folge Du gar nicht ahnen konnteſt! für Dein wohlwollendes Herz thut es mir leid, daß meine Ehre mir nicht erlaubt, Deine Anträge zu benützen, und daß es kein Mittel giebt, Deinen redlichen Willen mit dem, was ich mir ſelbſt ſchul⸗ dig bin, zu vereinen?“ Nach einer Pauſe verſetzte Sans⸗Regret, den Kopf wie⸗ gend, und mit einer Art von Schalkheit in den Mienen: „Meiner Treu, mein Oberſt, ich dächte doch, daß ein ſolches Mittel zu finden wäre. Wenn man, zum Beiſpiel, in den Kindern die Schuld und die Anſprüche der Eltern ausgliche? mein Junge iſt kein prädeſtinirter Kerl; ich glaube, daß ſeine Haut all' den Kriegslärm überſtehen wird, dauert er auch noch zehn Jahre. Beim Gemeinen oder beim Korporal wird der Teufelsjunge es auch nicht bewenden laſſen. Wie, mein Oberſt, wenn einſt Victor als ein hübſcher Offizier mit Ihrer hübſchen Tochter auf der Mairie vor dem Ad⸗ junkten, und in der Kirche vor dem Pfarrer zur Trauung erſchiene? Sie ſind kein Republikaner, wie ich, mein Oberſt. Das monarchiſche Prinzip herrſcht in Ihnen vor; aber von dem Feudalſtolze halte ich Sie genugſam frei, um nicht vor einem wackern Burſchen zu erſchrecken, der einen gemeinen Soldaten zum Vater, eine Bäurin zur Mutter, aber das Herz auf dem rechten Flecke hat, und um die Hand Ihrer Tochter bittet. Freilich,— Offzier muß er ſeyn, und wo möglich das Ehrenkreuz auf der Bruſt tragen, denn ihm, der in die Zeit ſeines Kaiſers gehört, gönne ich allerdings einen Schmuck, den ich für meine Perſon nicht tragen möchte. * —— 85 — Aufrichtig, mein Oberſt: was halten Sie von dieſem Vorſchlag?“ Die Augen des Oberſten ſchimmerten von Thränen, und er reichte dem getreuen Sans-Regret die Hand, mit den Worten:„Schlage hier ein, mein Freund. Die Verabredung gelte. In dem Bunde der Kinder gehe der Saame des Unheils unter, und in unſerer Bruſt, in unſerer verſchwie⸗ genen Männerbruſt erſterbe das Geheimniß, damit es nie das Glück der Unſrigen ſtöre!“ Mit vem Handſchlag war es nicht gethan; auch an die Bruſt ſanken ſich die Männer, und bekräſtigten ſo auf's Neue den Vertrag der Freundſchaft, dem ſie auf ihrem Le⸗ benswege noch nicht ungetreu geworden waren.— Hierauf nahm Sans⸗Regret wieder das Wort und ſprach vertraulich zu Dammartin:„Seyn Sie nun aber ruhig wegen der Zu⸗ kunft, mein Oberſt. Wenn auch in dieſem Augenblick zwei Kugeln hereinſchlügen, und uns zerſchmetterten, ehe wir noch Zeit gehabt, dieſen neuen Pakt in Vollzug zu bringen, — dennoch müßte er ſich erfüllen. Was zwei ehrliche Leute im Angeſichte des Himmels ſich verſprechen, das hält auch der Himmel an ihrer Statt.— Aber, mein Oberſt, ver⸗ bannen Sie die Folter des Ehrgeizes, womit Sie Ihr Leben peinigen. Es iſt eingetroffen, was ich ſchon früher an⸗ deutete, ehe Frankreich wieder unter das Joch eines Re⸗ genten fiel. Wir haben die Freiheit gegen Ketten, die Hoff⸗ nung auf eine ſegenreiche Zukunft gegen eine tyranniſche Gegenwart ausgetauſcht. Ich kann mich leicht tröſten, ſogar unter den Fahnen des Deſpoten, die ich um Ihretwillen, des Ruhmes wegen und aus Sorgfalt für meinen Sohn nicht verlaſſen habe. Ein halbes Jahrhundert iſt längſt ſchon 86 — über meinen Scheitel hingegangen, und meine Zeit iſt vor⸗ bei. Sie hatten aber mehr Anſprüche an die Ihrige ge⸗ macht; Sie durften dieſes thun. Der Freiheit huldigend, ſchauderten Sie vor dem Blute, worinnen ſie aufzublühen begehrte; Sie ſchloſſen ſich vertrauensvoll an den empor⸗ ſtrebenden Coloß des Jahrhunderts anz er ſollte erfüllen, was Ihre ungeduldige Bruſt erſehnte. Sie verlangten von ihm das Glück des Vaterlandes, Sie begehrten von ihm, was Ihren Verdienſten und Ihrem kräftigen Alter zuſteht: Belohnung, Auszeichnung, Soldatenglück; über dieſes hin⸗ aus forderten Sie von dem Manne Ihrer Bewunderung die Tugend des Menſchen. Aber dieſe Begehren— ſie haben ſich nicht erfüllt. Der Gigant ſchlug das Vaterland in Ketten: Leben, Eigenthum, ſogar die Neigungen und Lei⸗ denſchaften ſeiner Unterthanen gehören dem unerbittlichen Zwingherrn. Ihre Kinder verfallen ſeinem Heere, ſeinen Kriegen, womit er ſeinem Heldenthume fröhnt; den Wein, den der Franzoſe baut, muß er an dem Thore ſeiner Hei⸗ math ſelbſt verzollen; den Taback, womit er die Stunden der Sorge zu verſcheuchen denkt, liefert ihm der Kaiſer zu ungeheuerm Preiſe und als verderbliches Gift; beſitzt der Franzoſe ein Haus, worin ihm wohl iſt, und der Herrſcher hat beſchloſſen, dieſes Haus hinweg zu reißen, um einen Kanal oder eine Straße über den Platz zu führen, ſo irft man den Eigenthümer mit Waffengewalt auf die Gaſſe, und ſchickt ihn mit einem Spottgelde als Entſchädigung hinaus, ſich ein neues Obdach zu ſuchen; die Annehmlichkeiten des Lebens ſind dem Franzoſen verboten, wenn ein feindlicher Staat dieſe Artikel liefert; er erliegt unter der Laſt der Taren und Steuern; jeder Contrakt, den er eingeht, leitet „ . 87 ungeheuere Summen in die Kaſſen der Regierung. Dafür iſt ihm das Wort im Munde verboten, weil ſtrenge Geſetze den Vorlauten bedrohen; dafür iſt ihm Schrift und Preſſe verwehrt, weil er vor langem und einſamem Kerker zittern muß; dafür bewahrt eine ſcheußliche Polizei ſeine geheimſten Schritte, und die Angeberei drängt ſich bis in den Schoos der Familien; dafür bietet ihm der Kaiſer zum völligen Ruin das verderbliche Lottoſpiel und die hölliſchen Spiel⸗ häuſer, jene ſchmutzigen Quellen und Höhlen, woraus Ströme Goldes, den Taſchen der Armuth entwendet, in den Schatz der habſüchtigen Regierung, in den Beutel ihrer treuloſen Verwalter fließen.— Ich will ſchweigen, denn die Bitterkeit drängt mir noch der Gräuel zu Viele auf die Zunge. Es ſey genug an dieſer theilweiſen Neberſicht des Glücks, welches der Tyrann ſeinem Frankreich bereitet. Seine Belohnungen gingen Ihnen vorbei. Der Rang, den Sie jetzt einnehmen, hätte Ihnen ſchon in Italien gebührt. Seine Tugend lernten Sie nicht minder bezweifeln. Ge⸗ denken Sie jenes Tages in Vincennes, gedenken Sie des heilloſen Krieges, den wir in Spanien gegen eine edelmü⸗ thige Nation, die frei ſeyn will, mitfochten. Da Sie nun enttäuſcht ſind, warum noch immer über den Verluſt dieſer Hoffnungen klagen? geſtehen Sie es ſich ſelbſt, daß Sie ſich irrten, bannen Sie den Ehrgeiz, der mit regelloſer Unzu⸗ kiedehheit Ihre Bruſt erfüllt, und warten Sie in kalter Beſonnenheit des Tages, an welchem das flammende Hel⸗ dengeſtirn dem Geſetze der Natur folgen und ſeine Bahn vollenden wird. Sie werden jene Zeit noch erleben; Sie werden vielleicht noch die Sonne der Freiheit über Frank⸗ reichs Gefilden aufgehen ſehenz mein Grab wird im Schatten 88 liegen. Laſſen Sie daher alle Träume fahren, die Ihnen die Ge⸗ genwart verbittern. Wie ſo viele edle Männer, gehorchen Sie den Umſtänden, in Erfüllung Ihrer Pflicht und dem Bewußt⸗ ſeyn, daß der Franzoſe noch immer am freieſten im Feldlager iſt.⸗ Der Oberſt hatte mit der größten Aufmerkſamkeit zuge⸗ hört, verbrachte dann einige Minuten im Nachdenken, und erwiederte:„Fremdes Leiden iſt eigener Troſt. Auch Lan⸗ nes, der treue Freund, der mich nach Spanien und hieher berufen ließ, damit ich ihm nahe ſey, auch er fällt dem Ver⸗ hängniß zum Raube. Auch er fällt für einen andern Götzen, als ſich ſeine Jugend ſchuf. Aber er hat doch ein großes Ziel berührt; ſein Name wird in der Geſchichte leben, wäh⸗ rend ich ungekannt und ungenannt untergehe, weil mich des Kaiſers Gunſt verließ.“ „Das iſt ja eben das Unglück,“ bemerkte Sans⸗Regret mit bitterem Spott,„daß in Monarchieen die Gunſt des einzelnen Mannes alles ausmacht; ferner, daß ein Genie niemals an die Spitze eines Freiſtaates paßt. Vom Volke aus geht das Geſetz; im Geſetz liegt die Freiheit; aber der Genius achtet keine Regel und keine Schranken, und weil er allein ſteht im Volke, ſo iſt er auch nicht vom Volke. Ein gewöhnlicher Tprann, nämlich ein Schwächling, der gerne ſtark ſcheinen möchte, iſt in ſeinem Trotze das lächer⸗ lichſte Ding von der Welt, und ein Complott von drei oder vier herzhaften Männern wirft das thönerne Bild in den Staub. Wer vermöchte aber, den beſonnenen kräftigen Ge⸗ nius in ſeiner Laufbahn aufzuhalten, wenn nicht ſchon das Schickſal ihm das Ende derſelben vorzuzeichnen ſcheint? Es geht in der Armee die Sage von einem Soldatenbund, der ſich zum Zweck geſetzt, den Kaiſer zu ſtürzen. Vergebene Mühe. Der Rieſe erſchüttert die Welt, und auch nur die Welt vermag ihn zu fällen.“ Der Oberſt ſah ſeinen Freund lange bedeutend an, und verſetzte:„Wenn Deine Ahnung ſich dennoch täuſchte? wenn dieſer Bund dennoch in Kurzem das Leben und Herrſcher⸗ thum des Helden vernichtete? die Unglücksfälle im Heere und die zunehmende Gewaltthätigkeit des Führers möchten ein ſolches Vorhaben zuläßig machen. Denke an Saragoſſa, und die übermenſchliche Ergebenheit gegen den Kaiſer, welche die Führer beweiſen mußten, um die rebellirenden Soldaten im Zaume zu halten. Die jetzige Criſis iſt noch weit ge⸗ fährlicher. Der Franzoſe iſt ſeit lange nicht gewohnt, ſich auf deutſcher Erde überwunden zu ſehen, und, leichtfinnig, wie er dem Stern des Kaiſers bisher vertraute, läßt er ge⸗ wiß an ſeinem Götzen zuerſt den Groll und die Verzweiflung aus. Wenn nun jener geheime Bund hervorträte, ſich au die Spitze der Bewegung ſtellte, und den neuen Cäſar unter ſeinen Fahnen zu Boden ſtreckte, wie einſt der Alte fiel am Fuße der Bildſäule des Pompejus?“ Sans⸗Regret fuhr begeiſtert in die Höhe und ſagte mit burlesker Freude:„Schönes Schauſpiel, wie ich mir es denke. Vor ſeinen Fahnen, die zugleich noch die Fahnen der Republit ſind, mit ihren glorreichen Farben, mahnend an die amerikaniſchen Freiheitspaniere, und rühmlich zerriſſen von feindlichen Kugeln! der Triumphator! der Menſch, wel⸗ cher ſich auf ſeinem Siegeszuge ein Gott dünkt, vor den Zeichen ſeines Ruhmes niedergeſtreckt, ein blaſſer Leichnam! ich möchte dieſen Auftritt erleben.“ Sogleich ſetzte er aber ernſt und bedeutend mit verändertem Tone hinzu:„Um kei⸗ nen der Welt jedoch möchte ich unter ſeinen Mördern⸗ 4. 7 oder unter ihren Mitverſchwornen ſeyn. Pflicht und Treue iſt die Seele eines wackern Kriegers, und das Leben eines Helden, wie ihn Jahrhunderte nicht wieder bringen, muß dem Soldaten heilig ſeyn, wie dem Sohne das Daſeyn des Vaters, wenn es auch von tauſend Laſtern befleckt wäre. Mit Abſcheu, meiner Treu, Herr Oberſt, würde ich von dem Manne zurücktreten, der ſich hinterliſtig gegen den Feld⸗ herrn verſchworen hätte, welcher mit ihm unzähligemal die Gefahren des Heerzugs, das Lager im Bivouak, den Trunk aus dem Sumpf und das elende Soldatenbrod theilte. Mag das Verhängniß hier das Richter⸗ und Vergelteramt ver⸗ ſehen; Schande dem Franzoſen, der ſeinen General verräth!“ Der Oberſt ſchlug bei dieſem heftigen Ausfall Sans⸗ Regrets die Augen wie beſchämt zu Boden, und ſann auf eine Antwort, wie Sans⸗Regret ſeiner Seits auf eine Fort⸗ ſetzung ſeiner Rede. Beide wurden jedoch geſtört, ſowohl durch ein lautes Getümmel, das um die Barake her los⸗ brach, als auch durch den Eintritt des Regiments⸗Adjudan⸗ ten, welcher dem Oberſt meldete, daß der Kaiſer am Geſtade eingetroffen ſey.— Alle eilten, ſich auf ihre Poſten zu be⸗ geben.— Die Ueberreſte des Regiments waren ſchon auf den Beinenunter den Waffen, ohne daß es des Trommel⸗ ſchlags als Signal bedurft hätte, welchen der Kaiſer in dieſer Nacht ſtreng verboten. Die Feuer waren ausgelöſcht, nur ſehr wenige Fackeln verbreiteten Helle am Ufer. Der Kaiſer kam daher, zu Fuß, von wenigen Offizieren begleitet, und ihn empfing der Ruf der Soldaten aus den Gliedern: „Sie verlaſſen uns, Sire? wir ſind von Allem entblößt; wit haben kein Brod für unſern Hunger, keine Stärkung für unſere Kranken; was ſoll aus uns werden, wenn Sie, unſere Vorſehung, uns verlaſſen?“ Der Drang des Augenblicks ließ den Verſtoß gegen die Mannszucht, den die Truppen mit dieſem theils wehmüthi⸗ gen, theils drohenden Geſchrei begingen, überſehen. Der Kaiſer winkte mit der Hand, und ſprach nach wieder herge⸗ ſtellter Ruhe, mit ſo viel Mäßigung, als in ſeiner Gewalt ſtand:„Ruhig, meine Kinder. Thut eure Pflicht, ich werde die meinige erfüllen. Kleine Entbehrungen ſind unzertrenn⸗ lich von unſerm Stande. Die Elemente waren wider uns, ſonſt ſtünden die Sachen jetzt ſchon anders. Es war meine erſte Aufgabe, für eure Sicherbeit zu ſorgen. So eben ſind die Lezten eurer Waffenbrüder, die auf dem linken Ufer ſtan⸗ den, in die Inſel eingerückt. Die Brücke iſt abgebrochen, und der Feind, deſſen Verluſt zehnfach gegen den unſrigen iſt, wird und kann euch nicht angreifen. Aber auch auf dem rechten Ufer fordern eure Waffengefährten meine Gegenwart und ſprechen meine Sorgfalt an. Ich ſcheue nicht die Ge⸗ fahr in dieſer betrübten Nacht, um mich zu ihnen zu bege⸗ ven, und Anſtalten zu treffen, daß Ihr von Wien aus mit Allem verſehen werdet, deſſen Ihr bedürfet. So wie der Tag anbricht, werden euch Nahrungsmittel und Medika⸗ mente zukommen. Geduld alſo, meine Freunde; Geduld und Vertrauen. Für eure Wohlfahrt zu ſorgen, iſt mein heiliges Geſetz; und euren Ruhm werde ich doppelt wieder herſtellen, wenn der Vicekönig von Italien mit ſeinem ſieg⸗ reichen Heere zu uns ſtößt.“ Die zuverſichtlichen Worte des Heerführers beſchwichtig⸗ ten plötzlich die laute Unzufriedenheit. Die Ungeduldigſten ſchwiegen, die Gehorſamen hätten Kaiſer ein 92 Lebehoch gebracht, wenn nicht die Offiziere auf Befehl deſ⸗ ſelben Stille geboten hätten. Nichts ſtand mehr der Ab⸗ fahrt des Kaiſers im Wege, und der kühne Held beſtieg im vollen Vertrauen auf ſein Glück und ſeinen Stern, den ſchwanken Kahn, der ihn durch Nacht und ſtürmende Wogen nach dem jenſeitigen Ufer bringen ſollte. Baumſtämme, Schiffstrümmer und Steine ſchwemmte die Fluth dem Fahr⸗ zeng in den Weg, aber der Schiedsrichter von Europa ſaß ruhig in dem gebrechlichen Nachen und ließ auch das letzte Licht auslöſchen, damit einem lauernden Feinde nicht die leiſeſte Spur von der Furche verrathen würde, die ſein Schiff durch den empörten Fluß zog. Außer den rudernden Pontoniers befanden ſich nur der Fürſt von Neufchatel und ein Ordonnanzoffizier neben dem Kaiſer. Der Erſtere neigte ſich geheimnißvoll und vertraulich zu Napoleon und ſprach mit ängſtlicher Theilnahme:„Wie freue ich mich, Sire, daß Sie der aufrühreriſchen Stimmung unſerer Soldaten glück⸗ lich entgangen ſind. Die Franzoſen können ein Unglück, einen vereitelten Sieg nicht ertragen, und ich fürchte Alles von den aufwiegelnden Philadelphen, die ſich in großer An⸗ zahl auf der Inſel befinden.“—„So?“ antwortete trocken und einſylbig der Kaiſer. Berthier fuhr fort:„Man iſt dieſer geheimnißvollen Verbrüderung auf der Spur. Ich werde in den nächſten Tagen Euer Majeſtät den Bruder des zu Boulogne getödteten Pommereuil vorſtellen, welcher am heutigen Schlachttage von einem tödtlich verwundeten Offi⸗ zier koſtbare Aufſchlüſſe über jenen gefährlichen Bund er⸗ hielt.“—„Später einmal, mein Couſin;“ antwortete Na⸗ voleon mit völliger Rute:„Wir haben ietzt Wichtigeres zu ——————————— 93 thun, als uns mit den Entwürfen einiger Elenden zu be⸗ ſchäftigen, die ſich ſelbſt ihr Verderben bereiten, ohne den Wagen des Schickſals aufhalten zu können.“— Berthier entgegnete ſogleich:„Achten Sie das Complott nicht zu ge⸗ ring, Sire. Namen, die im ganzen Heere geehrt ſind, figu⸗ riren auf der Liſte der Verſchwörer. Selbſt in die Reihen der Staabsoffiziere, der Oberſten und Generale verbreitete ſich die Anſteckung.“— Unwillig wendete ſich der Kaiſer ab, mit den Worten:„Sie ſind ein Kind. Ich bin nur höheren Beſtimmungen unterworfen, und nicht den Beſchlüſſen eini⸗ ger ſchwärmeriſcher Jakobiner. Laſſen Sie dieſe Menſchen nur fortbrüten; in wenigen Tagen werde ich triumphirend der öſterreichiſchen Monarchie auf den Nacken treten, und der Moment meines vollſtändigen Sieges ſey auch für die Verſchwörer der Augenblick ihrer Strafe. Ich kenne die Wurzeln dieſes unfinnigen Beginnens, und bin der Mann, ſie von Grund aus zu vertilgen.“ Kaum war dieſes Geſpräch zu Ende, als ſchon der Kahn das Ufer berührte, und Cäſar mit ſeinem Glücke unverſehrt auf dem Boden ſtand, von wo aus er der europäiſchen Frei⸗ heit den letzten entſcheidenden Streich geben ſollte. Er ahnte freilich nicht, daß er damit das Gebäude ſeiner eigenen Größe unerbittlich zerſchlagen würde. Sechstes Rapitell. Wagram. Ueber einen Monat hatte das franzöſiſche Heer ſein La⸗ ger auf der Inſel Lobau aufgeſchlagen, und wie durch einen Zauberſchlag verwandelt ſchien dieſe ſonſt ſo öde Au. Wo früherhin nur wilder Vögel Schwärme hauſiten, in niedern Gebüſchen oder auf Wipfeln hoher Bäume, ſtanden nun Feſtungswerke oder Baraken; wo früher nur Wildwege und Triftgänge zu ſchauen, zogen ſich jetzt breite Heerſtraßen durch die ganze Inſel, und Roß und Mann und Geſchütz fand da einen ſichern Pfad, wo noch vor fünfzig Tagen der Fuß des einzelnen Wanderers in Sand und Schlamm ver⸗ ſank. Wie in einen Knäul zuſammengeballt, ruhte hier Frankreichs Kriegermaſſe, dem Körper eines Adlers zu ver⸗ gleichen, welchem ein Blitzſtrahl Schwingen und Fänge ver⸗ ſengte, und der nun in grünem Reſt und abgeſchiedener Stille wieder die Kraft ſammelt, nach ſeinem Horſte ſich empor zu ſchwingen. Auf jener Inſel bereitete ſich Oeſter⸗ reichs, Europa's, Napoleons Zukunft. Die Tapfern des Kaiſers waren alle hier verſammelt, und was davon noch 95 abging, ſchaarte ſich unter den Mauern von Wien zuſam⸗ men: die italieniſche Armee, und die Verſtärkungsregimenter aus Frankreich. Alle Anzeichen deuteten auf einen nahen Ausbruch des Sturmes. Schon hatte der Kaiſer ſein Hof⸗ lager zu Schönbrunn aufgehoben, und ſein Zelt auf Lobau errichtet, ſchon wußten ſeine Feldherren um einzelne Dispo⸗ ſitionen ſeiner Pläne, ſchon ging das Gerücht durch alle Reihen der ungeduldigen Soldaten, daß vielleicht der nächſte Morgen bereits die erſehnte Schlacht berbeiführen würde. Dieſe Berüchte wurden beſtätigt durch die Austheilung von Reis und Branntwein, die der Kaiſer an ſeine Truppen machen ließ, wie durch die Verleihung von Ehrenkreuzen, die er feierlich und mit verſchwenderiſcher Freigebigkeit vor⸗ genommen. Denn ſchon lange hatten die Veteranen des Heeres, diejenigen, die bei Auſterlitz und Friedland gefoch⸗ ten, die Erfahrung gemacht, daß der Ehrenſegen des Kaiſers, wenn auch nach den Schlachten lohnend, dennoch vor den Schlachten um vieles reichlicher floß. Die Verſtändigen, in den Scharfblick des Kaiſers eingehend⸗ begriffen leicht, welche Wirkung dieſer Sporn des Ehrgeizes im nächſten Kampfe haben mußte. Die feurigſten Jünglinge, Soldaten von edler Tapferkeit, wie auch Waghälſe vom tollſten Uebermuth, wurden mit dem Zeichen der Ehre bekleidet, und bildeten ſomit in ihren Corps die löwenherzigſten Führer, weil ſie erſt verdienen zu müſſen glaubten, womit die Gnade des Kaiſers ſie beſchenkt. Wüthend vor Eifer, ſtürzten ſie ſich in das Gewühl, brachen in die feindlichen Vierecke wie ein Ge⸗ witterſturm, eroberten feindliche Schanzen, nahmen Geſchütze und Fahnen hinweg⸗ und bezahlten meiſtens mit ihrem Blute das rühmliche Streben der Dankbarkeit. Aber aus ihrem 96 —— Blute und Beiſpiele ſproßte immer der Sieg, und ihr Name wurde in den Liſten der Ehrenlegion fortgeführt, und ſtets darinnen mitgezählt, zur Begeiſterung ihrer Kameraden, ob⸗ gleich dieſe Ehrenfeier dem Staate nichts koſtete, als höch⸗ ſtens den Werth des Kreuzes, weil dieſe Legionärs von vierundzwanzig Stunden Leben und Ehrengehalt wie natür⸗ lich auf einmal verloren.— Darum ſah mancher der alten Krieger mit wenn auch freudiger Wehmuth auf die Schaar der alſo bezeichneten Schlachtopfer der Ehre, während dieſe ſich zu rauſchenden Banketten vereinigten, und alſo, möchte man ſagen, ihr eigenes Leichenmahl bei lebendigem Leibe hielten. Es war am Vorabende des Tages, wo man bei Wagram ſtritt. Ringsum raſſelten die Eiſen des Kriegs, aber unter luftigem Zelte ſchmaußten die jungen Legivnärs, und hielten ihre frugale Feſttafel. Was ein jeder aufbringen konnte, hatte er zu dem Feſte geſchleppt: Brod, Fleiſch, ſeine Brannt⸗ weinrazion, und Wein, von den erſparten Pfennigen erkauft. Des Ueberfluſſes war nicht viel, aber franzöſiſche Heiterkeit und der Muthwille der Jugend würzten das Mahl. Ein ehrwürdiger Beſuch, der alle entflammte, hatte dem Feſt die Krone aufgeſetzt« der Beſuch des Kaiſers. Sein Geſicht ſtrahlte von der Ueberzeugung, daß ihm der Sieg nicht fer⸗ ner untreu zu werden vermöchte; was von Sorgen in ſei⸗ nem Innern ſchlief, hielt er mit aller Beſonnenheit am Grunde, damit auch nicht die leiſeſte Woge auf der Spie⸗ gelfläche ſeines Antlitzes kreiste. Er wurde enthuſiaſtiſch aufgenommen; ein Grenadier von Oudinot's verſuchtem Corps brachte ihm einen Toaſt, und alle Legionärs jubelten ihn nach. Von ihrem Brode aß der Kaiſer, und aus ihrem 97 Becher trank er. Er belobte ihren Eifer und ihre Hinge⸗ bung; verhieß ihnen Lorbeer und Ruhm, wie die unermüd⸗ lichſte Vaterſorge. Und ſeine Worte waren kein leerer Schall⸗ denn in dem Augenblicke, wo hier die Freude unter ſeinem Vorſitze jauchzte, knallten unfern die Schüſſe, von denen un⸗ getreue Lieferanten in den Sand geſtreckt wurden, welche vierzigtauſend Flaſchen Wein, für die Garde beſtimmt, un⸗ terſchlagen hatten. Nach des Kaiſers Entfernung ſteigerte ſich die Luſtigkeit der jungen Ehrenritter, und Unteroffiziere wie gemeine Sol⸗ daten umſchlangen ſich zu einem brüderlichen Reigen, beim Klang der luſtig aufſpielenden Janitſcharenmuſik. Eine Menge von alten Soldaten ſah dem Jubel zu, und durch dieſe Zuſchauer drängte ſich, als wie gerade vom Marſch kommend, der Sergeant⸗Major Sans⸗Regret. Der Tanz endigte juſt unter Geſchrei und Gelächter, und der Unter⸗ offizier ſuchte aus dem Gewühl ſeinen Sohn heraus, ergriff ihn kordial bei den Schultern, küßte ihn dreimal auf Wange und Mund, und rief:„Bei allen Sternen! Du haſt dich brav gehalten, Jonguile. Eine angenehmere Neuigkeit hätte mir nicht werden können. Das iſt ein guter Anfang, Kor⸗ poral. Ich für meinen Theil liebe die Orden nicht, aber auf Deiner Bruſt ſehe ich dieſes Kreuz ſehr gern. Nimm jedoch nur Vernunft an. Wahrſcheinlich haben wir, ehe vierundzwanzig Stunden vergehen, eine Bataille. Geb' nicht toll und thöricht ins Feuer. Ueberlaß' das den ungezogenen Buben, an denen dem Kaiſer und der Armee nichts gelegen iſt. Thue Deine Pflicht als wie ein ehrlicher Mann, aber führe den Zufall nicht in Verſuchung. Beim Blitz, ein Ge⸗ neral könnte in Dir erſchoſſen werden.“ 08 Der junge Korporal lächelte, drückte dem Vater die Hand, und antwortete:„Weil Ihr's ſo haben wollt, ſo will ich gerade nur das thun, was mir mein Chef befiehlt. Aber, wenn ich auch der Schlacht, die wir erwarten, mit heiler Haut entkomme, was dann? am nächſten MWorgen bin ich vielleicht mauſetodt, denn ich habe vor ein Paar Stunden mit einem Fourier von der Artillerie einen derben Streit gehabt, den wir Morgen mit dem Säbel in der Fauſt aus⸗ machen wollen.“ Sans⸗Regret trat einen Schritt zurück, maß ſeinen Sohn mit den Augen, nickte mit dem Kopf zu⸗ frieden, und verſetzte:„Ganz wohl, mein Junge. Ich werde Dir ſekundiren. Bei dieſer Gelegenheit will ich ſehen, ob Du etwas von mir profitirteſt.“ Er ſchlug mit vieler Selbſtgefälligkeit an den Degen, den er als Fechtmeiſter ſeiner Kompagnie zur Seite führte.„Topp!“ antwortete der Sohn, und Sans⸗Regret fuhr fort:„Laß hören aber, woher der Zwiſt? Du wirſt Dich ſchlagen, das iſt ausgemacht; aber ich möchte doch wiſſen—“ Nach einem kleinen Zögern ſagte Victor mit niederge⸗ ſchlagenen Augen:„Ich kam mit dem Fourier ſchon einige⸗ mal in einer Schenke der Vorſtadt zuſammen, wo ein wunderliebliches Mädchen, die Lochter des Hauſes, die Gäſte bedient. Die niedliche Anna iſt wohlerzogen, ſpricht etwas Franzöſiſch, und hat meine Schmeicheleien günſtiger aufge⸗ nommen, als die des Fouriers. Daher ſein Groll, und ein Schmähwort, das er gegen das Mädchen fallen ließ und ich nicht duldete.“ „Zum Wetter, junger Naſeweis; ſchicken ſich ſolche Mäd⸗ chenhändel für Deine Jahre? damit hätte es in jedem Fall — 7——————— K 99 noch Zeit, und für Dich noch mehr, wie für jeden Andern. Du wirſt Dich ſchlagen, das iſt ausgemacht; aber laß mich nicht zum zweitenmal etwas Aehnliches von Dir hören. Solche Kneipen, ſolche Mädchen ſind nicht für Dich. Du haſt etwas Beſſeres zu erwarten. Wenn Du nicht binnen zwei Jahren Offizier biſt, ſo enterbe ich Dich. Und wenn Du die Epauletten haſt, ſo warteſt Du höchſtens noch ſechs Jahre, und heirathe dann die Tochter unſers Oberſten. Das iſt ſchon ſo zwiſchen uns abgemacht. Gelt, da ſperrt Er das Maul auf? da werden Ihm die Augen groß? aufgepaßt alſo, Herr Legionärz wer die Traube pflücken kann, lerne den Kürbis verſchmähen.“ Victor war in der That äußerſt erſtaunt, und wußte nicht, was er erwieden ſollte, als der Alte plötzlich wie der anhob:„Da habe ich mich einmal wieder recht verplaudert. Dein Ehrenwort darauf, mein Junge, daß Du Dich gegen Niemand in der Welt verſchnappſft. Sieh', Madame Dam⸗ martin iſt eine herzensgute Frau, aber mit dem Projecte, von dem ich ſprach, möchte ſie nicht völlig einverſtanden ſeyn. Wenn Du einſt Gold ſtatt Wolle auf Deinen Schul⸗ tern trägſt, wird es ſchon anders klingen; und dann das Kreuz, und dann Dein bischen Vermögen, und dann die Liebe der Tochter„ Du kannſt gar nicht glauben, wie das Kind jetzt ſchon immer nur von Dir ſpricht. Ich komme gerade von Wien, wo ich die Familie des Oberſten ſah⸗ und Suzon hat mir tauſend Grüße an ihren kleinen Kor⸗ poral aufgetragen.“ Bictor wurde ſehr freundlich bei der Erinnerung an die Kleine, an welcher er mit der Zärtlichkeit eines Bruders 100 — hing, und deren naive Zuneigung ihn oft bis zu Thränen gerührt hatte. Sein Vater war nicht ungeſchickt zu Werk gegangen, indem er den Ehrgeiz des Jünglings nach höheren Zielen lenkte. Eine rühmliche Zukunft that ſich vor ihm auf, und das Gemeine ſeines jetzigen Standes verſchwand vor den Hoffnungen der Ehre. Daher mochte ſein freimü⸗ thiger Geiſt nicht länger einer Verſtellung Raum geben, die ihm ſeine erſte Antwort an den Vater diectirt hatte. „Ihr macht mich glücklich durch Euer Vertrauen, mein lieber Vater;“ ſprach er mit dankbarer Empfindung:„Darum müßt Ihr auch erfahren, wie der Grund des Duells, den ich Euch angegeben, nur ein erfundener iſt. Der wahre Zuſammenhang iſt folgender: Der Fourier ſchmähte Euch, mein Vater, und unſern würdigen Oberſt, indem er Euch Verſchwörer nannte, die nach dem Umſturz des Reiches trachten, und deren Umtrieben ſchon ein Offizier von der Artillerie vor längerer Zeit zum Opfer gefallen ſehn ſoll. Der Bruder dieſes Getödteten, behauptete der Schuft ferner, ſey im Beſitz von unwiderlegbaren Documenten über das Komplott, und habe ſchon den Kaiſer davon unterrichtet. Ihm, dem Fourier ſelbſt, ſeyen Anträge gemacht worden, in den gefährlichen Bund zu treten, aber er habe dieſel⸗ ben mit Unwillen und Verachtung abgelehnt.— Sprecht nun, mein Vater: durfte ich ſolches Lügengewebe ge⸗ duldig anhören? ich ſchlug ihn ins Geſicht, und er for⸗ derte mich.“ Sans⸗Regret hatte mit gerunzelter Stirne zugehört, und rief bewegt:„Recht, wackerer Junge. Schändliche Lügen, die beſtraft werden müſſen. Der Burſche ſoll's auch noch mit mir zu thun bekommen. Beim Donner! ich will 101 ihm mit dem Degen in die Lunge fahren, daß ihm die Lü⸗ gen auf ewig vergehen ſollen. Ich, der aufrichtigſte Fran⸗ zoſe, ein Verſchwörer? und mein Oberſt? der Teufel hole die Schurlen! ich muß gleich zu Herrn Dammartin.“ Er ließ ſeinen Sohn ſtehen, und eilte nach der Gegend, wo ſeines Oberſten Quartier lag. Ein Gensd'arme von der Elite kam auf ihn zu. Der Reiter hielt plötzlich ſein Pferd an, ſprang herab, und hielt den Unteroffizier auf. „Sag' mir, im Namen Gottes, ob ich betrunken bin oder ob ich träume!“ rief er, und umarmte den Sergeant⸗Major mit der ungeheucheltſten Freude:„Glaubt' ich Dich ſchon längſt im ewigen Leben, und finde Dich hier mit Fleiſch und Bein, in Feindesland, geſund und rüſtig! erkennſt Du mich nicht mehr, Alter? hat mich denn die Zeit ſo verän⸗ dert, daß Du Suzons Bruder, Deinen Schwager, nicht mehr aus dieſer Uniform herausfindeſt?“ „Wahrhaftig! Suzons Bruder!“ antwortete Sans⸗Regret mit ausbrechender Herzlichkeit, umhalste ſeiner Seits den Gensd'arme, und wurde von demſelben ungeſtüm nach einer Trinkhütte gezogen, die am Wege ſtand. Der Schwager ließ eine Flaſche Wein bringen, ſtieß mit Sans⸗Regret an, und erzählte mit der Geläufigkeit einer Soldatenzunge, wie man ihn aus St. Colombe zur Armee geſchleppt, dort unter die leichte Kavallerie geſteckt, dann zu Folge ſeines anſehn⸗ lichen Wuchſes zum Küraſſier gemacht, und endlich vor einigen Jahren in die Feldgensd'armerie eingereiht; wie er ſich mit Leib und Seel dem ſchweren Dienſt ergeben, und es bereits zum Marechal⸗des⸗Logis gebracht, und das in⸗ nigſte Vertrauen ſeiner Chefs genieße, gerechtfertigt durch 02 mehrere ſchwierige Expeditionen, die er zur vollſten Zufrie⸗ denheit ſeiner Obern ausgeführt.„Ich habe ſeit vielen Jahren keinen Brief nach Hauſe geſchrieben, und natürlich keinen von dort empfangen, weil ich mich in den vier Ecken der Welt herumtrieb;“ ſchloß der Wachtmeiſter ſeine Rede: „Du wirſt mir ſagen können, da uns der Zufall auf einen Augenblick zuſammenbringt, ob meine Eltern noch leben, was Dein Bube, der Sohn unſerer armen Suzon, macht, und wie es um Deine eigenen Verhältniſſe ſteht. Dann noch eine Umarmung, und einen friſchen Steigbügeltrunk und das herzlichſte Lebewohl. Ich muß um neun Uhr in Wien ſeyn, und der Himmel weiß, ob wir uns je wieder ſehen.“ Sans⸗Regret willfahrte dem Verlangen des biedern Schwagers, ſo viel in ſeiner Macht ſtand, berichtete ihm vom Leben und Wohlſeyn der Eltern, von der Soldaten⸗ laufbahn und dem Ehrenkreuz des Neffen, wie auch von ſeiner eigenen Stellung, die er ſich nicht beſſer wünſchen könnte. Als er nun aber bei dieſer Gelegenheit die Num⸗ mer ſeines Regiments, den Namen ſeines Oberſten nannte, ſah der Wachtmeiſter betroffen in die Höhe, ließ ſich den Namen noch einmal wiederholen, und verſetzte mit geheim⸗ nißvoller Miene:„Du ſcheinſt viel Antheil an dem Oberſten Dammartin zu nehmen? Aufgepaßt Alter, Du wirſt bald einen andern Oberſten haben.“—„Ei, wie ſo?“—„Es werden viele Veränderungen vorgehen; das iſt im Grunde ein Geheimniß, aber, weil Du mit Herrn Dammartin innig vertraut zu ſeyn ſcheinſt, und mein lieber Schwager biſt, ſo will ich Dir diesmal, auf Dein Ehrenwort, ganz reinen Mund zu halten, vertrauen, daß der Oberſt nebſt vielen 103 andern Ober⸗ und Subaltern⸗Offizieren in ein Komplott verwickelt iſt, welches demnächſt vereitelt und beſtraft werden wird.“—„Pah! mein Oberſt?“—„Wie ich Dir ſage. Die Unglücklichen wollen den Kaiſer vom Throne werfen, und die Republik neuerdings proklamiren. Ich habe vieles davon theils erfahren, theils errathen. Ein gewiſſer Oberſt Oudet ſoll an der Spitze der Verſchwörung ſeyn; wer mit demſelben korreſpondirt, iſt an und für ſich ſchon im Ver⸗ dacht, und ich ahne, daß man nur auf einen Augenblick wartet, wo die Theilnehmer an dieſem ſtrafbaren Vorhaben bei ihrem Oberhaupt verſammelt ſeyn werden, um das Netz über ihren Häuptern zuſammen zu ziehen.“—„Mein Oberſt?“ ſtammelte Sans⸗Regret gar verwirrt:„kannſt Du verantworten, was Du da ſagſt? wenn dem wirklich ſo wäre, und ich dürfte, da ich Dir mein Wort verpfändet, den armen Mann nicht einmal warnen....“—„Ei zum Teufel, das darfſt Du auch nicht. Willſt Du mich um den Kopf bringen, der ich Dir mein Vertrauen ſchenkte, damit Du Deine Perſon nicht kompromittiren ſollſt? was geht mich Dein Oberſt an? Dein Schickſal und das Loos Deines Sohnes intereſſiren mich. Der Kaiſer iſt ganz und gar nicht aufgelegt, Gnade für Recht ergehen zu laſſen, und die un⸗ beſonnenen Freunde der Verſchwörer werden gleich dieſen büßen müſſen. Das zur Nachricht, und gehab Dich wohl. Führe Dich klug auf, und denke an meine und Deine Zukunft.“ Der Wachtmeiſter ſchüttelte dem Schwager mit bedeu⸗ tungsvoller Miene die Hand, zahlte die kleine Zeche, und ritt ſpornſtreichs davon. Sans⸗Regret verließ die Marke⸗ tenderbude mit allen Zeichen der Verwirrung, und langte ohne ſich von ſeiner Beſtürzung erholt zu haben, bei ſeinem Oberſt an. Dammartin ging lebhaft mit Maronnier in ſeiner Barake auf und nieder. Mit außerordentlicher Neu⸗ gierde und Haſt fragte er den Sergeant⸗Major:„Was macht meine Frau, wie geht es meinem Kinde? weißt Du ſchon, Alter, daß mir Morgen mit Tagesanbruch den Feind angreifen?“—„Parbleu, Herr Oberſt, das geht mich nichts an. Was mein Chef befiehlt, wird immer pünktlich geſche⸗ hen. Aber hier iſt ein Brief von Ihrer Frau Gemahlin nebſt tauſend Grüßen und Verſicherungen ihres Wohlbefin⸗ dens.“—„Her damit. Die Meinigen ſind geſund, und voll Zuverſicht, Gott ſey Dank. Wie aber iſt es mit dem andern Auftrag, den ich Dir gab? Haft Du den Oberſt gefunden?“ —„Nein, mein Oberſt.“—„Nicht? kein Brief von ihm? o ſprich!“—„Nein, mein Oberſt.“—„Du kannſt gehen; mache Dich fertig.“ Der Sergeant ging, und Dammartin wendete ſich mit allen Zeichen der Veswunderung zu Maronnier, und ſagte: „Unbegreiflich. Oudet iſt in Wien, wie Du mir verſicher⸗ teſt; er verſprach, ſagteſt Du, mir eine Mittheilung zu ſen⸗ den, und hält nicht Wort. Wir ſind auf dem Punkt, uns mit dem Feinde zu meſſen, und der Himmel weiß, welchen Umſchwung die Dinge nehmen werden. Es wäre höchſt nö⸗ thig, wenn gerade unter dieſen Umſtänden die Mitglieder des Bundes wüßten, wonach ſie ſich zu richten, was ſie zu hoffen. Vielleicht in den nächſten Tagen ſchon ſind wir ale ſo zerſtreut, daß wir es bereüen müſſen, ſo lange gezögert haben.“ „Ich begreife Ondet's Stillſchweigen nicht;“ antwortete Maronnier mit weit mehr Ruhe als Dammartin beſaß: 105 „Doch ſehe ich völlig ein, daß nicht jetzt der Augenblick wäre, um etwas Entſcheidendes zu verſuchen. Die Nationalehre muß zuerſt wieder hergeſtellt ſeyn; wir müſſen als Sieger daſtehen, und freien Rückpaß nach der Heimath haben, bevor wir vor den unſinnigen und undankbaren Sohn des Glücks hintreten, um ihm die Krone abzunehmen, die er, dem ra⸗ ſenden Alexander ähnlich, zu unſer Aller Verderben trägt.“ „Daß es dahin mit ihm kommen mußte!“ ſeufzte Dam⸗ martin, wehmüthig angeregt von der Erinnerung an frühere Zeiten, wo ihm der Held auch zugleich ein Gott geſchie⸗ nen.— Maronnier zuckte mit widrigem Geſichte dabei die Achſeln, und ſagte:„Ob der Sturm ein Paar Jahre früher losbricht oder ſpäter, gleichviel. Wird es weniger Lärm geben, wenn ihn einmal eine Kugel oder ein gäher Tod vom Throne reißt? er hat keine Kinder. Eugens Anſprüche ſind zu beſtreiten; die blutigſte Anarchie wäre die unmittelbare Folge ſeines Hinſcheidens. Das Vater⸗ land wird uns danken, wenn wir ſein Schickſal im Voraus beſtimmen.“ „Ja, Maronnier,“ rief der Oberſt begeiſtert;„Alles nur für das Vaterland, Alles nur für Frankreich, weil denn doch der erhabenſte Menſchencha⸗ tter von menſchlichen Schwächen nicht frei iſt!“ In dieſem Augenblicke ſtürzte der Regiments⸗Adjutant herein, und brachte dem Oberſten den Befehl, ſich augen⸗ blicklich zu dem Marſchall zu verfügen.„Es ſeyen beſondere Befehle vom Kaiſer ausgegangen,“ meinte der Offizier,„und alles laſſe vermuthen, daß der Angriff noch am Abend ſelbſt vor ſich gehen werde. Darum wolle der Marſchall, der das Armeecorps kommandirte, Diviſions⸗ und 106 wie die Oberſten der Regimenter zugleich um ihn verſam⸗ meln. Oudinot's Corps ſey ſchon unter das Gewehr getre⸗ ten.“— Die Offiziere gingen, wohin die Pflicht ſie rief, und bald lief auch durch Dammartins Regiment die Ordre, die Waffen zu ergreifen. Der Abend war einer der un⸗ freundlichſten; durch den herabſtrömenden Regen war die Atmoſphäre kalt geworden, und mit klappernden Zähnen ſtellten ſich die Truppen, ſchon halb durchnäßt, in Reih und Glied. Die Unteroffiziere hatten alles Mögliche zu thun, um die Unbeſonnenheit der Soldaten, aus Ueberdruß und Kampfesluſt entſpringend, im Zaum zu halten. Sans⸗Regret wüthete in ſeiner Kompagnie hin und her, und entfaltete in dieſer Stunde eine ſolche Strenge, ja ſogar Härte, als ſeine Mannſchaft in Jahren nicht an ihm zu ſehen gewohnt war.— Kaum aber erlaubte ihm ein günſtiger Augenblick, auf kurze Weile von der Kompagnie abzutreten, ſo öffnete er⸗ in einen Winkel verborgen, einen Brief, den er, nach langem Kampfe mit ſich ſelbſt und ſeiner Pflicht, erbrochen hatte, obſchon die Adreſſe an ſeinen Oberſten lautete. Es war der Brief, den Dammartin von Oudet erwartete, und welchen Sans⸗Regret eigenmächtig unterſchlug, um ſeinem Freunde ein Schreiben ſu entziehen, welches, bei ihm ge⸗ funden, ihn bloß geſtellt haben würde. Er überlas es zu wiederholtenmalen; es lautete: „Mein Freund und Bruder!⸗ „Wir werden nächſtens die Offenſive ergreifen, wahr⸗ „ſcheinlich den Feind ſchlagen, und ein Waffenſtillſtand, „bald hierauf der Friede, wird das Reſultat des Sieges „ſeyn. Eine Verſammlung der wichtigſten Brüder aus 107 „dem Heere iſt alsdann nothwendig, denn aus dieſem „Kriege ſcheint der Koloß gigantiſcher als je emporzu⸗ „wachſen. Er ende darum raſch ſeinen Lauf, und unſere „Degen ſollen das Gewicht ſeyn, welches die Wagſchale „des Tyrannen in die Höhe ſchnellt. Verbrenne dieſen „Brief. Der Deinige. O.“ Nachdem Sans⸗Regret dieſen verhängnißvollen Zettel geleſen und wieder geleſen, ließ er ihn vor ſich auf den Tiſch von rauhem Tannenholz ſinken, der das Mobiliar ſei⸗ ner elenden Hütte ausmachte, und rief mit gefalteten Hän⸗ den:„So iſt es denn alſo wahr? Dammartin, auf deſſen Tugend ich unerſchütterlich geſchworen hätte, Dammartin iſt ein Verſchwörer? was ſoll ich nun beginnen? dieſes un⸗ ſelige Schreiben vernichten, oder es dem Oberſten geben, und meinen Verrath an der Dienſttreue geſtehen? Den Ver⸗ rath, den ich nur begangen, um ihn vor Unheil zu bewah⸗ ren, und den ich mir nichts deſto weniger immer vorwerfen werde?“ Er hatte kaum dieſe Worte geſprochen, als ein Flinten⸗ ſchuß vor der Thüre knallte, dem ein Geſchrei von mehreren Soldaten folgte. Sans⸗Regret warf raſch Oudet's Brief in ſeinen Tſchako und eilte hinaus. Der Lärm hatte nichts auf ſich; einem unvorſichtigen Soldaten war das Gewehr losgegangen; und hald die Ruhe wieder hergeſtellt. Aber ſofort ſchlugen die Trommeln den Generalmarſch, und das ganze Corys ſetzte ſich gegen die öſtliche Seite der Inſel in Bewegung. Es war acht Uhr Abends, und ſchon ſchwammen fünfzehnhundert beherzte Soldaten nach der Inſel Häuſel⸗ grund, wo die Oeſterreicher mit zahlreicher und — 108 Geſchütz ſtanden. Ein lebhaftes Feuer entſpinnt ſich auf je⸗ nem Punkte. Die Franzoſen bemächtigen ſich der Inſel und während deſſen landen am jenſeitigen Ufer im Angeſichte der öſterreichiſchen Poſtenkette ebenfalls fünfzehnhundert Mann vom Maſſena'ſchen Corps, unter den Befehlen des tapfern St. Croix. Nun wird der Allarm allgemein; das franzoͤ⸗ ſiſche wie das feindliche Geſchütz beginnt zu donnern; alle Battericen ſpeien Feuer. Mit unerſchütterlicher Kaltblütig⸗ keit und behend wie ein Vogel fliegt Napoleon von einem Puntt zum andern, und unter ſeiner Leitung wird die große Brücke und die Pontonsbrücke für das Geſchütz über den Fluß geſchlagen. Im Sturmſchritt werfen ſich die franzö⸗ ſiſchen Bataillone auf die erſtere und paſſiren ſie unter einem Hagel von ziſchenden Bomben, unter dem mörderiſchen Feuer der Feinde. Der Sturm der Elemente vermählt ſich mit der grauſenhaften Zerſtörungswuth der Streiter. Ein ent⸗ ſetzliches Gewitter bricht über dem Haupte der Armee los; auf dem Sturmwind ſaust die pfeifende Kugel daher, der Donner brüllt mit den Feuerſchlünden um die Wette, und mitten durch leuchtenden Blitzesſchein ziehen wie majeſtätiſch daher brauſende Kometen die flammenbefiederten Bälle aus den heißen Mörfern. Aber unerſchütterlich dringen die Fran⸗ zoſen vorwärts, Regimenter folgen auf Regimenter mit Un⸗ geſtüm; vom rechten Ufer wälzt ſich Maſſe auf Maſſe über die Inſel nach dem linken Ufer. Freunde, die ſich ſeit Jah⸗ ren nicht geſehen, ziehen jetzt im Duniel an einander vor⸗ über, ohne ſich zu kennen, oder, wenn ein günſtiger Kano⸗ nenblitz ihnen die gegenſeitige Nähe verrieth, ſo paben ſie kaum die Zeit, ſich ein Wort des Willkommens und zugleich des Lebewohls zuzurufen, weil das unerbittliche Kommando⸗ 109 wort ſie von dannen reißt. Dammartins Regiment machte im Angeſicht der feindlichen Verſchanzungen einen kurzen Halt; eines der Supplementarregimenter, gerade von Wien kommend, drängte ſich an ihm vorbei. Deſſen Oberſt er⸗ kannte die Nummer und Fahne ſeiner Nachbaren und ſprengte auf Dammartin zu.—„Sieh' da, Dammartin!“—„Will⸗ kommen, Oudet!“— Es kam ſchneller, als wir dachten. Nach der Affaire, wenn wir am Leben bleiben, ſehen wir uns.“—„Nothwendig allerdings; Du warſt nicht zu finden⸗ und ich ſah einer Nachricht mit ſchmerzlicher Ungeduld entge⸗ gen.“—„Konnte ich denn ausführlicher ſeyn? ich ſchrieb den Brief in größter Eile.“—„Welchen Brief?“—„Den Dir Sans⸗Regret überbrachte.“—„Mir? ich ſah keine Sylbe.“—„Scherz oder Ernſt?“—„Völliger Ernſt, auf Ehre.“—„So iſt dieſer Menſch ein Verräther, und der Brief reißt uns in's Verderben!“— Adjutanten jagten heran mit dem Rufe:„Das neunte Supplementarregiment vorwärts!“ und Oudet's Schaaren ſtürmten, den Führer an der Spitze, weiter hinaus in die Nacht. Andere Truppenmaſſen ſchoben ſich zwiſchen ſie und Dammartin's Regiment. An eine fernere Mittheilung war nicht zu denken. Dammartin's Bruſt wogte in den furcht⸗ barſten Zweifeln und Beſorgniſſen. Die gewaltige Pflicht des Augenblicks verdrängte aber vor der Hand jede Erör⸗ terung, zwang jede Nachforſchung zum Aufſchub. Es war Mitternacht vorüber, als das Feuer auf den feindlichen Linien ſchwieg, und an die ſtürmiſche Nacht knüpfte ſich unmittelbar die Dämmerung des Sommermor⸗ gens, und die erſten Strahlen der heiter aufgehenden Sonne beleuchteten die am Ufer ausgebreitete franzöſiſche Armee, = 1¹⁰ die bewaffneten Böte auf der Donau, die rauchenden Brand⸗ ſtätten von Enzersdorf, und die unabſehbare Linie des öſter⸗ reichiſchen Heeres. Nun fand erſt Dammartin eine Minute, die er ſeiner perſönlichen Angelegenheit widmen konnte, eine geringe Pauſe vor dem Beginnen des Schlachtſturms. Er ließ Sans⸗Regret kommen, führte ihn etwas abſeits von der Mannſchaft und fragte mit ernſter, aber wohlwollender Stimme:„Ich habe Dich wohl mißverſtanden, mein Freund, als ich Dich um Oudet's Brief befragt. Du ſcheuteſt Dich vor Maronnier, nicht wahr? gib mir ihn jetzt, dieſen Brief.“ — Sans⸗Regret faßte alle ſeine Standhaftigkeit zuſammen, und erwiederte:„Ich habe keinen Brief für Sie, Herr Oberſt.“—„Wie, Sans⸗Regret? Du läugneſt noch ein⸗ mal?“—„Ja, mein Oberſt.“—„Ich werde an Dir irre, mein Freund. Du erhieltſt einen Brief von dem Oberſt, ich weiß es. Ich fordere Dich zum letztenmale auf, nicht länger ein unbegreifliches Spiel mit mir zu treiben.“—„Ich habe nichts von Oudet an Sie zu beſtellen, mein Oberſt.“— „Verräther!“—„Mein Oberſt! dieſer Vorwurf..„— „Verräther noch einmal!“— Hier packte Dammartin, wie außer ſich, Sans⸗Regret bei der Bruſt. Dieſer ſprang zu⸗ rück, ſchlug mit der linken Hand an ſeinen Degen, und rief mit erſtickter Stimme:„Bedenken Sie, was Sie thun!“— Der Oberſt beſann ſich auch, überwand den Zorn, verſetzte aber mit großer Bitterkeit:„Durch dieſe That, die Du vergebens läugneſt, zerreißeſt Du alle Bande zwiſchen uns. Haſt Du den Brief verloren, ſo will ich Deiner Nachläſſig⸗ keit vergeben. Du magſt aber wiſſen, daß jenes Schreiben mich um Ehre und Leben bringt, wenn es in ungerechte Hände gerieth; um Leben und Ehre, mich und die Meinigen!“ 111 Die tiefe Erſchütterung, womit der Oberſt dieſe Worte ausgeſprochen, erregte Sans⸗Regrets Mitgefühl im höchſten Grade. Ohne an das Wort zu denken, das er ſeinem Schwager gegeben, noch an die Indiskretivn, deren er ſich ſchuldig gemacht, riß er den Lſchako vom Kopf, um das unglückliche Papier ſeinem Freunde hinzureichen. Aber To⸗ desbläſſe überfuhr ſein Geſicht, als ſeine zitternde Hand vergebens nach dem Schreiben ſuchte. Ueberwältigt von Scham und Beſtürzung ließ er Gewehr und Tſchako fallen und ſchlug mit dem Rufe:„Ich Unglücklicher!“ die Hände vor's Geſicht. Dammartin donnerte ihm entrüſtet zu:„Du ſpielſt ein verdammtes teufliſches Poſſenſpiel. Nun denn; ſo erwürgſt Du in mir Deinen beſten Freund. Fort auf Deinen Poſten! wir ſprechen uns wieder nach der Schlacht.“ Die Fronte herauf donnerte ein tauſendſtimmiges Vivat. Der Kaiſer ſprengte daher mit ſeinem Generalſtabe. Oberſt und Sergeant mußten, wohin ihr Dienſt ſie rief. Wie ein Taumelnder gelangte Sans⸗Regret zu ſeiner Kompagnie; wie ein Taumelnder machte er die Schlacht mit, die nun zu wüthen begann. Er wünſchte mit Begierde den Tod herbei, und beneidete einen Jeden, den an ſeiner Seite eine mitlei⸗ dige Kugel zu Boden ſtreckte. Die Donner der Schlacht verſchonten ihn mit unerbittlichem Hohne. Und als nun die beiden fürchterlichen Tage vorüber, die franzöſiſchen Adler aus blutigen Furchen zum Siege geflogen waren, als auf dem Schlachtfelde das ruhmgekrönte Heer ſeine Gefallenen begrub und von des Kaiſers Hand den Sold der Ehre einſammelte, da wendete ſich raſch und ent⸗ ſcheidend Sans⸗Regrets und Dammartins Lvos. In dem 112 Augenblick faſt, wo Oudinot und Macdonald den Marſchalls⸗ ſtab von dem Kaiſer empfingen, verhafteten Offiziere und Gensd'armen an der Spitze ſeines Regiments den Oberſten, und kurze Zeit nachher, ſeinen treueſten Diener. Sans⸗ Regret wollte ſich tödten; man entriß ihm die Waffen. Dam⸗ martin ergab ſich leichter in ſein Geſchick; er bat den Kapi⸗ tän der Gensd'armerie, der ihn weg begleitete, ſeine Familie von der Begebenheit in Kenntniß zu ſetzen, aber ein Blick des tiefſten und ſchmerzlichſten Vorwurfs fiel beim Abſchied auf Sans⸗Regret, der die Augen niederſchlug, unfähig, die⸗ ſen Blick zu ertragen.„Er hat mich verrathen, mich, ſei⸗ nen Freund! unerforſchliche Verkettung meines Verhängniſ⸗ ſes!“ ſeufzte der unglückliche Oberſt, als man ihn nach Lo⸗ bau zurück führte.— Kurz darauf hörte er, daß Oudet nebſt vielen andern Offizieren, worunter auch der wilde Maron⸗ nier, in einem Hinterhalte gefallen ſey, und allgemein ver⸗ breitete ſich das Gerücht, die Waffen, welche die Unglück⸗ lichen erlegt, ſehen keine feindlichen, ſondern franzöſiſche geweſen. Siebentes Rapitel. Oectober 1812. Es war ein rauher Oktober⸗Abend; einer von denjeni⸗ gen, die recht traulich zum Kaminfeuer einladen. In dem Hauſe des Arztes Dubuiſſon, einer Krankenanſtalt, wie es deren ſo viele in Paris gibt, hatte ſich die Geſellſchaft der Hausgenoſſen im Salon zuſammengefunden, und vertrieb ſich die Zeit mit geſelligen Spielen, mit den Zeitungen, und einer ſehr ſpärlich geführten Converſation. Herr Dubhuniſſon hatte nämlich ſein Haus weniger für Kranke, als vielmehr für gezwungene Penſionäre des Staates beſtimmt, und die meiſten ſeiner Koſtgänger waren Gefangene, welchen die Re⸗ gierung erlaubte, ſich hier auf ihre Koſten zu unterhalten oder zu langweilen, wie ſie es für gut fänden. In dieſer Anſtalt, wie noch in einigen andern in Frankreich, waren Leute von allen politiſchen Farben zu finden; Leute, die zum Theil ſchon lange in härtern Gefängniſſen ſchmachten mußten; Leute, die gar zu oft nicht ſo wohl ein politiſches Vergehen, als vielmehr nur ein Verdacht, nur die kaiſerliche Ungnade hieher verwies. Begnadigte Verſchwörer, beargwohnte 114 Generale, ehemalige Jakobiner wie auch alte Ariſtokraten, blutdürſtige Beamte der Republik und allzufreimüthige Diener des Kaiſerreichs bildeten da ein buntes Publikum, welches im Grunde durch nichts zuſammengehalten wurde, als durch die gemeinſchaftlichen Feſſeln. Hier war nicht die Freund⸗ ſchaft zu finden, die in den Kerkern der Schreckensregierung, unter dem Beil der Revolution, die verſchiedenartigſten Faktionen vereinigte; hier machten die Gefangenen nicht eine Familie aus. Jeder hatte ja ſeine eigenen Intereſſen, ſeine Protektionskanäle nach außen; jeder hatte noch Hoff⸗ nung auf völlige Begnadigung, vielleicht auf Wiederein⸗ ſetzung in die verlornen Stellen; jeder wußte, daß der Chef des Hauſes allwöchentlich insgeheim Rechenſchaft von dem Thun und Laſſen ſeiner Untergebenen ablegen mußte, daß zu Folge dieſer Berichte der Kaiſer und ſeine Miniſter den Bann zu ſchärfen oder zu erleichtern bereit ſeyen. Darum feſſelte man ſich die Zunge, wie die Regierung die Hände feſſelte; darum zog ſich der ehemalige Civilbeamte von der Militärperſon, der Geiſtliche von dem Gelehrten, der Hof⸗ mann von dem Finanzier zurück und nur in vereinzelten Partheien ſchleppte ſich das Geſpräch fort, wenn es nicht hinter den Zeitungsblättern völlig verſtummte. Damals hatte der Moniteur ſammt ſeinen nicht offiziellen Kollegen ſehr viel und Merkwürdiges zu berichten. Der„ Kaiſer, nach einer ſcheinbaren Raſt von ein Paar Jahren war nach Rußland gezogen, um ſeine Fahnen auf dem Schloß der Czare aufzupflanzen. Es ſchien im Anfang, als ob das Glück auch dießmal nicht müde werden wollte, ſeinen Günſtling zu krönen. Umgeben von ſeinen berühmteſten Feldherren, an der Spitze von der ſchönſten Armee der Welt, 11⁵ hatte Napolcon Sieg auf Sieg erkämpft⸗ Polen beſetzt und bewaffnet, Smolensk genommen, bei Polozk überwunden, vei Valentina mit Glück gefochten, dann zu Borodino, dann die große Schlacht an der Moskwa geſchlagen, endlich ſeinen Einzug in Moskau gehalten, wo ihm die Ruſſen mit ihren Rachefackeln das gräßlichſte Triumphfeſt bereiteten, welches jemals jenſeits des Boryſthenes gefeiert wurde. Die Bulle⸗ tins der großen Armee waren eben ſo viele Ruhmtrompeten, die in Frankreich die Glorie des Herrſchers verkündeten; die Zeitungen ſtrotzten von Siegesberichten und kaum bemerkte das Volk der Franzoſen in ſeinem Taumel, daß aufs Neue Hunderttauſende ſeiner Söhne zu den Waffen gerufen und als Opfer des Krieges bezeichnet wurden. Aber durch die weite Strecke von mehreren hundert Meilen ſtahlen ſich hin und wieder Briefe voll von unglückſchwangern Andeutungen. Die, im fernen Norden, unter den rauchenden Trümmern der alten moskowitiſchen Hauptſtadt allzulang raſtenden Krieger ſendeten an ihre Lieben in der Heimath Worte der Sehn⸗ ſucht, des Ueberdruſſes und der ſchwärzeſten Ahnungz Schil⸗ derungen, die unſchwer errathen ließen, wie das Verderben des franzöſiſchen Heeres ſich dort unter Mangel und Winter⸗ drang vorbereitete, und wie Moskau das Capua des mo⸗ dernen Hannibal zu werden drohe, wenn auch nicht durch ſeinen Wein, durch ſeine Mädchen und Wollüſte. Dieſe ſchriftlichen Unglücksboten flogen in der Hauptſtadt von Haus zu Haus, und trotz der Wachſamkeit der Polizei und der Kerkermeiſter drangen ſie ſogar in die Gefängniſſe; ſomit auch in das Haus des Arztes Dubuiſſon. Man flüſterte ſich darinnen halbe Worte zu, weil man ſchon halbe Worte verſtand; in manchem Auge ging Schadenfreude, in manchem 116 andern Beſorgniß und Befürchtung auf. Doppelt zwangvoll war die Haltung jedes Einzelnen. Zwei Abbés ſpielten zu⸗ ſammen Schach, und ſprachen während deſſen, wie durch Zeichen, von Politik. Die beiden Brüder Polignac, die vor Kurzem erſt aus dem Schloß von Vincennes in Dubuiſſons Anſtalt gebracht worden waren, amüſirten ſich mit dem Whiſt, und träumten indeſſen von einer Contrerevolution und von der Wiederherſtellung der Bourbons; mehrere ehemalige Beamte, die es nach der Reihe mit dem Königthum, der Republik, und der Kaiſerherrſchaft verdorben hatten, blickten troſtlos in eine Zukunft, die ihnen jede Ausſicht raubte ſogar diejenige, ihres Tyrannen zweideutige Gnade wieder zu erlangen; die Offiziere in der Geſellſchaft brannten vor Begierde, mittelſt eines neuen Umſturzes der Dinge wieder auf dem Schauplatz ihres ehemaligen Ruhmes zu erſcheinen. Zwei Perſonen allein aus der Verſammlung hatten den Anſchein, als ob ſie keineswegs irgend eine Hoffnung oder Befürchtung des Augenblicks theilten: der General Malet, ein mehrjähriger unfreiwilliger Gaſt des Hauſes, und der ehemalige Sergeant⸗Major Sans⸗Regret, der ebenfalls ſeit dem Anfange des Jahrs 1810 auf Befehl des Gouverne⸗ ments hieher verſetzt worden. Malet ging, die Hände auf den Rücken geſchlagen, ſtill und gleichgültig in dem Salon auf und nieder; Sans⸗Regret, in einer Ecke ſitzend, blickte ſtarr auf den Moniteur des Tags. Der Herr der Anſtalt, Dubuiſſon, wurde plötzlich durch einen Diener des Hauſes aus dem Zimmer gerufen, und ſeine Hausgenoſſen wurden etwas weniger einſplbig, und lebhafter ihre Spiele. Dieſen Augenblick benützte Malet, um ſich dem alten Soldaten in der Ecke zu nähern, mit dem er nur hin und wieder ein —— 117 gleichgültiges Wort gewechſelt; er ſetzte ſich neben ihn, und begann mit vertraulicher Miene, ohne von der übrigen Geſellſchaft beachtet zu werden:„Nun, alter Kamerad, was ſagſt Du zu den Lügen, die uns alltäglich in den Journalen aufgetiſcht werden?“ „Ich wünſchte, mein General, daß der Ruhm der fran⸗ zöfiſchen Waffen keine Lüge ſeyn möchte.“ „Doch betheure ich Dir, daß das gute franzöſiſche Volk ſchmählich hintergangen wird. Unſere ruſſiſchen Angelegen⸗ heiten ſtehen ſchlecht. Die Dinge ſind bis zu ihrem Wende⸗ punkt gediehen. Der Flug des Adlers geht nur bis zur Sonne, und dann nothwendig wieder abwärts. Aber es muß uns alte Soldaten ſchmerzen, daß all unſere Strapa⸗ zen, all unſer Blut nur dazu diente, einen Unſinnigen zu berauſchen, der in ſeinem Taumel das Veterland vernichtet, welches ihn gaſtfreundlich aufgenommen, und, freilich un⸗ beſonnen genug, an ſeine Spitze geſtellt hat. Du theilſt dieſen Schmerz, mein Freund. Deine Züge ſprechen von Kummer, und Dein Auge, wahrhaftig nicht an weibiſche Thränen gewöhnt, glänzt im Schimmer einer Zähre.“ „Ach, mein General, nicht ſowohl den vereitelten Dräu⸗ men meines Lebens gilt die Empfindung, die Sie auf meiner Stirne laſen; der Vaterſchmerz tritt mir ins Auge. Ich babe einen Sohn, der in dieſem Augenblick in Rußlands rauhen Steppen die Waffen trägt, den ich ſeit mehreren Jahren nicht geſehen, und von deſſen gegenwärtigem Loos ich keine Kunde habe. Als mich das Unglück traf, mit einem theuren Freunde verhaftet, von der Armee abgeführt, und ohne das Urtheil eines Kriegsgerichts, allein durch die Will⸗ kühr des Kaiſers, hieher geſchleudert zu werden, war mein 118 wackerer Sohn in die Gefangenſchaft der Oeſterreicher ge⸗ rathen. Beim Friedensſchluß ausgewechſelt, wurde er der Garniſon einer deutſchen Feſtung zugetheilt, und dann mit ſeinem Regimente nach Rußland abgeführt. Was da aus ihm geworden— ich weiß es nicht. Aber mir brennt es auf der Seele, daß ich nicht frei bin, daß ich nicht in ſeiner Nähe ſtreiten darf. Wer wird ſeinen jugendlichen Muth leiten? wer ihn pflegen, wenn er im rauhen Klima erkrankt? wer auf ſeinem Grabe weinen, welches ihm vielleicht ein ſchmerzlicher Tod in jenen barbariſchen Gegenden bereitet?“ „Ei, mein Freund, der Mann iſt glücklich zu nennen, welcher frei, mit dem Degen in der Fauſt, in der Schlacht fällt. Der Tod in Freiheit iſt nicht beklagenswerth, und oft rühmlich; aber die Feſſeln, die einem geprüften Manne die Hand wund drücken, ſind ſtets unrühmlich. Deine gute Miene, ehrlicher Kamerad, hat mir immer Intereſſe einge⸗ flößt. Du biſt kein Schmeichler, kein Achſelträger, kein Polizeiſpion. Ein Mann von Ehre darf Dir einen Antrag machen, ohne au Deiner Diskretion zu verzweifeln. Höre einen Vorſchlag. Es iſt unzweifelhaft, daß alles um uns her binnen kurzer Zeit ſich vom Grund aus ändern muß, und es iſt dann gut, wenn tüchtige Arme frei, und zur Hülfe des bedrängten Vaterlandes bereit ſeyen. Hier meine Hand; ſchlage ein, und Du biſt um Mitternacht frei wie der Vogel in der Luft. Ich habe die Mittel dazu in Hän⸗ den. Auch ich werde endlich dieſem läſtigen Zwang, dieſer widerrechtlichen Haft entfliehen, und glücklich ſeyn, wenn es mir gelänge, meinen alten Waffenbruder dieſer Wohlthat theilhaftig zu machen.“ „Um Mitternacht? heute ſchon?“ 119 „Vor Mitternacht ſogar; unmittelbar, nachdem uns die Polizei dieſes Hauſes in unſere Zimmer gewieſen haben wird. Wir bewohnen denſelben Corridor; unſere Thüren ſind einander gegenüber. Bleibe wach, völlig angekleidet, und ſtecke Dein Geld zu Dir. Lauſche aufmerkſam, und ſo wie Du die Thüre eines Gemachs ſich öffnen hörſt, ſo tritt aus dem Deinigen hervor. Wir gehen zuſammen, mein Alter. Unſere Flucht muß gelingen, und wenn auch ein unvermuthetes Hinderniß ſich in unſern Weg ſtellt, ſo habe ich Mittel dagegen, und bin der Mann, dieſelben zu ge⸗ brauchen.“ „Sie ſetzen mich in Erſtaunen, mein General. Keine Frage indeſſen, daß ich mit der herzlichſten Dankbarkeit Ihr Anerbieten annehme. Sollte auch meine Freiheit nur von kurzer Dauer ſeyn, ſollten auch die Schergen der Gewalt mich wieder in meine Haft zurückbringen, ſo bliebe mir doch immer noch Friſt genug, um für das Schickſal einer Familie zu ſorgen, die mein Pflichtgefühl in Anſpruch nimmt, und ſich in einer bedauernswerthen Lage befinden muß. Ich werde zu rechter Zeit bei der Hand ſeyn, mein General.“ „Das reicht hin. Du wirſt ſchweigen, und nicht einmal mit einer Miene irgend eine Hoffnung verrathen. Das traue ich Dir zu. Außer Dir und mir iſt nur noch eine dritte Perſon im Geheimniß. Die Uebrigen, die entarteten Hof⸗ leute und in Ungnade gefallenen Beamten, wie die Herren Offiziere, welche die Sache der Freiheit verriethen, um dem Kaiſer den Hof zu machen, mögen ſelbſt zuſehen, wie ſie ſich aus dieſer Menagerie heraushelfen.“ Dubuiſſon trat ſo eben herein, und das Geſpräch war natürlich zu Ende.— Bald ſchlug die Ruheſtunde, und 120 —— nach einigen nichtsſagenden Komplimenten zerſtreuten ſich die Bewohner des Hauſes in ihre Gemächer. Sans⸗Regret war ſehr erſchüttert, als er allein in ſeiner Kammer ſtand, und mechaniſch zu thun begann, was ihm der General geheißen. Mit zitternden Händen griff er nach ſeiner Brieftaſche, nach ſeiner Börſe, nach dem Exemplar des Tacitus, welcher ſeine troſtreiche Lektüre im Gefängniſſe geweſen war, nach dem grünen Bande Waſhingtons. Nachdem er alle dieſe Schätze in ſeine Taſche und ſeiner Bruſt verborgen, nachdem er, als ob er ſich zu einem fröhlichen Ausmarſch rüſtete, den Wachstuchüberzug an ſeinem Hute befeſtigt, löſchte er das Licht aus, und wartete, an der Thüre horchend, ob des Generals Worte in Erfüllung gehen würden. Es war ihm nicht glaublich, daß der Mann mit den kalten beſonnenen Zügen einen Scherz getrieben haben ſollte, und, weniger bedrängt von Beſorgniß und Angſt, als von gläubiger Zuverſicht erheitert, flogen ihm die Minuten pfeilſchnell da⸗ von, die ſonſt dem Wartenden zu Jahren werden. Endlich— die Pendule eines benachbarten Zimmers hatte kaum Eilf geſchlagen— wurde ein leiſes Geräuſch gehört. Pünktlich, wie auf das⸗Kommandowort, ſchlüpfte Sans⸗Regret aus ſeinem Zimmer, und ſah, ihm gegenüber, den General, den Hut auf dem Kopf, und ein Licht in der Hand, welches er alſobald ausblies.„Vorwärts!“ flüſterte Malet, und der Sergeant folgte ohne Widerrede dem Führer, der wie ein Schatten vor ihm herſchlich, an einer ferner liegenden Thüre verweilte, und mit der flachen Hand darüber hinfuhr. Eine dritte Perſon geſellte ſich nun zu den andern, und man ſchlich ohne ein Wort zu reden über die Treppen, an der Loge eines Thürhüters vorüber, durch ein kleines Pförtchen, 12¹ wozu der General den Schlüſſel beſaß, in den Hof, und von da in den Garten, zu deſſen beiden Dhüren der Gene⸗ ral ebenfalls die Schlüſſel hatte. Es war eine Nacht, voll von Gewölken und Duft, aber durch die Nebelmaſſen ſchil⸗ lerte dennoch ein matter Mondesſchein. Bei dieſem zweifel⸗ haften Lichte bemerkte Sans⸗Regret, daß der dritte in der Geſellſchaft ein Geiſtlicher war, der nur ſelten im Salon des Hauſes ſich blicken ließ, und als ein ſehr verſchloſſener Mann bekannt war, wenn er ſich gleich aufs Höflichſte gegen jeden benahm, der ihm begegnete. Noch immer wurde keine Sylbe gewechſelt. Als man aber die Schwelle des Gartens überſchritten, und das Gefängniß hinter ſich hatte, umarmte Malet, wie in plötzlicher Begeiſterung, den Abbe, und ſagte gepreßt:„Wir ſind frei, mein Freund; ſegnen Sie mich, daß unſer Unternehmen gut von Statten gehe!“— Der Abbe legte ſeine Hände auf des Generals Haupt und ſprach: „Ich ſegne Sie, mein Sohn, im Namen Gottes, ſeines Statthalters und der ganzen Chriſtenheit, daß das Glück Ihnen beiſtehen möge, wie auch die himmliſchen Heerſchaa⸗ ren.“—„Ei was,“ verſetzte der General etwas unwillig: „Ihr Segen gelte im Namen der Menſchheit. Freiheit iſt meine Deviſe, und der Himmel hilft dem, der ſich ſelbſt zu helfen weiß.“ So eben näherte ſich eine Kutſche. Ein junger Mann, dem Anſchen nach Soldat, ſprang heraus, begrüßte den General, und lud alle Uebrigen ein, ſich in den Wagen zu ſetzen.—„Liegen meine Kleider bereit?“ fragte der General⸗ und der junge Soldat erwiederte:„Uniform und Degen ſind beſorgt.“—„Nimm dieſe Piſtolen, mein Freund; ſie IV. 4. 9 122 geniren mich; bediene Dich ihrer jedoch aufs Zweckmäßigſte. Den Erſten, der uns angreift, ſchieße nieder!“ Sans⸗Regret fühlte, wie ſein Haar ſich ſträubte, und die finſtere Ahnung, daß ſich hier noch ganz etwas anderes vorbereite, als nur etwa eine Flucht aus Paris, lähmte ſeine Zunge, daß er nicht die kleinſte Frage zu ſtellen ver⸗ mochte. Auch der General ſtellte keine Frage an ihn; der Abbé noch weniger; der vierte Mann hielt ſich in den Grenzen ſchweigender Subordination. Nur ſagte Malet einigemal mit halb lauter Stimme zu dem Jüngling:„Aber die Papiere? iſt alles in Ordnung?“ und die Antwort lautete ſtets:„Wie Sie befahlen, mein General.“— Dann verfielen alle wieder in ihr voriges Schweigen, bis nach einiger Zeit die Kutſche vor einem Hauſe ſtill hielt, wo in einem der obern Stockwerke nur ein Paar Fenſter erleuchtet waren. Die Geſellſchaft ſtieg geräuſchlos aus, und der Fiaker entfernte ſich ſchnell. Nun reichte Malet dem Ser⸗ geanten flüchtig die Hand, und ſagte leiſe zu ihm:„Willſt Du mit mir gehen, Alter, oder ſchlägſt Du Deinen eigenen Weg ein?“—„Ich thue das Letztere, mein General. Ich fürchte, in Ihrer Geſellſchaft auf Dinge zu ſtoßen, denen ich nicht gewachſen bin.“—„Das iſt möglich; gehe in Frieden hin, und halte nur vier und zwanzig Stunden lang reinen Mund. Dann wirſt Du von mir gehört haben.“—„Dank⸗ barkeit und die Pflicht der Selbſterhaltung ſichern Ihnen meine Verſchwiegenbeit. Das Glück ſey mit Ihnen, was Sie auch vorhaben mögen!“ Noch einmal ſchüttelte Malet Sans⸗Regrets Hand, und dieſer Letztere wendete ſich nach der Gegend der Inſer 123 Notre⸗Dame, wo ſein Notar wohnte, bei welchem er einen momentanen Zufluchtsort zu finden hoffen durfte. Er ahnte nicht, daß er hinter ſich einen Mann zurückließ, in deſſen kühner Seele der ungehenerſte Plan zur Reife gediehen war, den je ein Verſchwörer gemacht: der Plan, ganz allein einen Thron zu ſtürzen, der, von tauſend Trabanten be⸗ wacht, unerſchütterlich da zu ſtehen ſchien. Die Nacht war weit vorgerückt, als Sans⸗Regret, ver⸗ ſchiedenen Patrouillen ausweichend, ſich dem Quai aux fleurs näherte, wo ſein Notar, der gutmüthige Herr Blin wohnte. Da widerfuhr ihm das Unglück, daß er zwiſchen zwei Schild⸗ wachen an öffentlichen Gebäuden gerieth, die ihn nicht vor⸗ beilaſſen wollten, weil er keine Laterne trug.„Man geht hier nicht ohne Licht;“ ſagte der eine Soldat, indem er ihm die Straße verſperrte. Der Flüchtling wollte zurückkehren, aber die andere Wache ließ ihn nicht mehr durch, und verrannte ihm ebenfalls mit dem obigen Rufe den Paß.—„Aber, Kamera⸗ den, was ſoll ich denn in dieſer Blokade?“—„Abwarten, bis die Patrouille hier vorbeikömmt.“—„Laßt mich doch weiter; ich bin ein alter Soldat von mürben Knochen, habe Eile und muß ins Quartier.“—„Pah! es kommt auf ein Viertel⸗ ſtündchen nicht an. Die Conſigne iſt beſtimmt und klar. In der Nähe der Conciergerie darf Niemand ohne Laterne wandeln. Du könnteſt eben ſo gut ein Spitzbube ſeyn, der einen andern Spitzbuben befreien will.“—„Ihr ſeyd gewiß Konſcribirte? Ihr wißt noch nicht, wie zu Paris ein chrlicher Mann von einem Schuft ſich unterſcheidet. Sacre bleu! ich war unter der Garde! laßt mich durch.“—„Und wenn Du unter dem Teufel warſt, ſo mußt Du hier bleiben. Sieh doch; als ob wir aus der Cohorte das Recht 124 hätten, einen alten Lapin zu arretiren. Patrouille! hieher!“ In der That näherte ſich auch die Wache, begleitet von einigen Polizei⸗Agenten, die alſobald ſich des Sergeanten bemächtigten, und ihn trotz ſeiner Proteſtation in die Wach⸗ ſtube der Polizeipräfectur abführten.— In dem wenig freundlichen Locale ſaß eine Geſellſchaft beiſammen, die man nicht ſchlechter hätte auffinden können: Betrunkene Zecher, lüſterne Dirnen, Diebe, die man mit dem Brecheiſen in den Händen erwiſcht, und andere Gauner, die ſich nur auf die Geſchmeidigkeit ihrer Finger verlaſſen; Raufer endlich und unberufene Muſikanten, die zur Nachtzeit am Charivari und am Einwerfen klingender Fenſterſcheiben Gefallen finden. Die wachthabenden Soldaten von der Departementalcohorte hatten alle Hände voll zu thun, und ihre Augen über die Gebühr anzuſtrengen, um dem unruhigen Geſindel die Spitze zu bieten. Nur wenige von ihnen ſchliefen auf der harten Pritſche, oder beluſtigten ſich mit dem Spiel. Ein inferna⸗ liſches Getöſe erfüllte die Stube, und Patrouille auf Pa⸗ trouille folgte raſch nach einander, um ihren Fang, den ſie in den dunkeln Gaſſen dieſes Stadttheils gemacht, abzulie⸗ fern. Aber das Geſchwirre der ſcheltenden und fluchenden Zungen, wie das Aufſtampfen der klirrenden Gewehre, ſtörte den alten Sans⸗Regret nicht in ſeinen Gedanken, denen er ſich in einem Winkel voll von Beſorgniß überließ. Der phantaſiereiche Mann, aufgeſpornt noch durch das Wagniß der Flucht, gedachte kaum ſeines Sohnes, des theuerſten Gutes, das er auf Erden beſaß; kaum ſeines Freundes Dammartin, deſſen Schickſal und Geſinnungen ihm yalb fremd geblieben waren; kaum der wahrſcheinlichen Erneuerung 125 ſeiner Haft;— wohl aber Malets und ſeiner letzten Worte:„Dann wirſt Du von mir gehört haben!“ hatte der General zu ihm geſagt, und vor dem excentriſchen Geiſte des Provenzalen drängte ſich nun das ſchauerliche Bild einer weit verzweigten Verſchwörung zuſammen, bereit, wie ein Rieſe in der Hauptſtadt aufzuſtehen, und deren ſorgloſe Be⸗ wohner mit entſetzlicher That aus ihrem Schlummer zu wecken. Er ſah Malet, als einen der kühnſten Rädelsführer, durch die Gänge der Tuilerien irren, die Regentin des Landes⸗ die Kaiſerin, erwürgen, mit dem blutigen Stahl ſogar das unſchuldige Kind bedrohen, welches, die Hoffnung der Dy⸗ naſtie, mit der Krone auf dem Haupte geboren worden war. Er ſah die Soldaten des Kaiſers die Bürger von Paris in ihren Straßen ermorden, hörte im Geiſte das Rachege⸗ ſchrei des rückkehrenden Herrſchers, ſah den Bürgerkrieg in blutrother Farbe auflodern durchs ganze Vaterland fuhr entſetzt empor, und freute ſich, wie alles nur ein Spiel ſeiner Phantaſie geweſen, freute ſich, neben Dieben und Metzen und Gaunern zu ſitzen⸗ neben den lebendigen Bewei⸗ ſen einer ungetrübten Herrſchaft der Ordnung.— Aber bald ſchien ſich verwirklichen zu ſollen, womit ſeine Idee bisher geſpielt. Es war zwiſchen drei und vier Uhr Mor⸗ gens. Einige Polizei⸗Agenten traten mit verſtörten Geſich⸗ tern ein. Sie kamen von dem Poſten des Rathhauſes, ſie flüſterten ängſtlich von unvorhergeſehenen Dingen; ſie raun⸗ ten den Unteroffizieren und Soldaten geheimnißvolle Worte ins Ohr, und die Soldaten erblaßten, wie die Diener der Polizei, und durch die gedrängten Reihen der ſo ſehr ge⸗ miſchten Geſellſchaft ſchlich bald das Gerücht, daß der Kaiſer vor Moskau's Thoren in einer Feldſchlacht gefallen, 126 und der Senat, durch Eilboten ſchnell unterrichtet, unver⸗ weilt die Zügel der Regierung ergriffen. Viele alte Genc⸗ rale ſeyen zum Kommando berufen, der Herzog von Rovigo und der Präfekt der Seine ſepen abgeſetzt; viele Truppen auf dem Marſche durch Paris. In dieſem Augenblicke wurde der ſchwere Schritt einer Militärabtheilung vor der Polizeipräfektur hörbar. Kol⸗ benſtöße donnerten an das Thor; im Nu war das Haus geöffnet, Wache und Polizeimannſchaft verſchwunden. Wäh⸗ rend deſſen entſpringen die gezwungenen Gäſte aus der Wachſtube; Sans⸗Regret folgt ihrem Beiſpiel, und wie er hinaustritt, ſieht er Offiziere und Soldaten die Treppen hinanſteigen, eine Kompagnie von einer mobilen Legion vor dem Hotel aufgeſtellt; er hört von der Verhaftung des Po⸗ lizeipräfekten reden, und die Worte:„Proviſoriſche Regie⸗ rung 1 Obergeneral Malet..... Abſchaffung des Kaiſerhauſes..... Proklamirung der Republik.....„ ſchlagen wirr durch einander an ſein Ohr. Sein Herz pocht bang, er ahnt die Folgen einer ſolchen Umwälzung, er fürch⸗ tet, im Falle des Mißlingens, für ſich und ſeinen Sohn, weil ihn der Zufall mit Malet vereint entfliehen ließ. Er ſucht dem Hauſe ſchnell zu entrinnen; die ausgeſtellten Wa⸗ chen halten ihn auf. Mit wenigen Worten erklärt er einem Offizier die Urſache ſeines Hierſeyns. Der Offizier ſchenkt dem alten Soldaten Glauben, und entläßt ihn, gerade, als andere Befehlshaber fluchend herabkommen, und die Flucht des Polizeipräfekten vermelden. Sans⸗Regret macht einige Schritte gegen das Haus ſeines Notars und in der Dunkel⸗ heit läuft ihm ein Mann in die Arme. Sans⸗Regret packt ihn.„Halt da!“—„Um Gotteswillen, mein Freund, laſſen 127 Sie mich los; es ſoll Ihr Schade nicht ſeyn.“—„Wer ſind Sie?“—„Ein Verfolgter; ein Komplott ohne Beiſpiel trach⸗ tet nach dem Umſturz der Regierung und der Behörden.“— „Sie ſind der Polizeipräfekt, ich wette.“—„O mein Herr, ſchweigen Sie!“—„Ich ſchweige, aber retten Sie ſich un⸗ verzüglich, und verrathen Sie ſich nicht mehr!“ Sans⸗Regret ſchob den verduzten Functionär in die halb offenſtehende Hausthür eines Apothekers, wo der Polizeiprä⸗ fekt in der That einen ſichern Verſteck fand. Er ſelbſt aber lief zu dem Hauſe des Notars, ſchellte wie ein Raſender, und dankte dem Himmel, als endlich der Portier die Schnur zog, und eine ſchlaftrunkene Magd oben die Wohnung des Herrn Blin öffnete. Der Notar kam dem Sergeanten lei⸗ chenblaß entgegen, rieb ſich die Augen, als er ſeiner anſichtig wurde, und rief:„Ja, iſt es denn möglich? Herr Dieu⸗ donné! welch ein himmliſcher Engel führt Sie ſo ſpät in meine Wohnung? wie ſind Sie frei geworden? fand der Kaiſer im Kreml Zeit, Ihre Freilaſſung zu befehlen, ſo wie er Muße fand, von dort Theatergeſetze zu geben?“ Im geheimſten Winkel des geheimen Notariatskabinets rückte Sans⸗Regret mit der wahren Farbe heraus, verheim⸗ lichte nicht, daß er liſtig ſeinem Käfig entwiſcht, und ſprach von den Umwälzungen, die Paris bevorſtanden, ohne mit einem Worte des Generals zu erwähuen. Der Notar ſchüt⸗ telte zwar ungläubig den Kopf, und wollte die Begebenheiten bei der Polizeipräfektur nicht paſſiren laſſen; jedoch kleidete er ſich ſchnell an, um in Perſon nach der Wahrheit zu for⸗ ſchen. Er ſperrte Sans⸗Regret in ſein Kabinet ein, empfahl ihm, ſich ſo ruhig als möglich zu verhalten, und ging, Er⸗ lundigungen einzuziehen. Sans⸗Regret warf ſich in den 42 bequemen Lehnſtuhl und ſetzte, ermattet an Körper und Geiſt, und beruhigt durch ſein Vertrauen auf Blins Gaſtfreund⸗ ſchaft, dem barmherzigen Schlummer, der ſich ſeiner bemei⸗ ſterte, keinen Widerſtand entgegen. Er ſchlief anhaltend, ohne Traum, wie ein völlig geſunder Menſch, und wußte ſich kaum zu beſinnen, wo er war, als ihn eine freundliche Hand weckte, er die Augen aufſchlug, und mit Erſtaunen den lichthellen Tag durch die Fenſter brechen ſah. Blin ſtand vor ihm, mit der liebenswürdigen Greiſenmiene und der heitern Freundlichkeit, die ihn auszeichnete.„Guten Morgen, Herr Dieudonné.“—„Guten Tag, Herr Blin. Verzeihen Sie, daß ich mir's bei Ihnen bequem gemacht habe, und meinen Eintritt in Ihr Haus noch immer wie ein Zauber⸗ werk betrachte.“—„Nicht ohne Grund, Herr Dieudonné. Der Zauberer Merlin ſelbſt, in Perſon, hat, wie ich meine, heute Morgen ganz Paris myſtifizirt. Nur Schade, daß dieſes Opernblendwerk ernſthaft und blutig ausgehen dürfte.“ —„Wie ſo? erzählen Sie2“—„Wir haben von einer Revolution geträumt, und ein Hexenmeiſter, General Malet, hat uns dieſen Traum vorgeſpiegelt. Er mit ſeinen Ge⸗ noſſen wird den Scherz theuer bezahlen. Aber, lieber Freund, ernſthaft geſprochen: Sie ſetzen mich in große Verlegenheit. Malet wohnte bei Dubuiſſon, wie Sie; er verließ das Haus heute Nacht wie Sie; Sie waren mit ihm im Kom⸗ plott, und verloren ſind wir beide, wenn man Sie bei mir entdeckt.“ Sans⸗Regret blickte ſeinem Wirth ruhig und feſt in's Auge, und verſetzte:„Ich im Komplott? gehen Sie hin, und zeigen Sie mich an; aber ich gebe Ihnen mein Ehren⸗ wort, daß ich weder von einem Komplott, noch von der 129 ganzen räthſelhaften Begebenheit dieſer Nacht das Geringſte weiß.“ „Wie?“ rief Blin mit der höchſten Verwunderung: „Nichts von dem verzweifelt kecken Plan, den der General gemacht? Nichts von ſeinem Beſuche in der Kaſerne, wo er vermittelſt eines falſchen Befehls vom Senat eine ganze Legion ſich und einer neuen Regierung, die gar nicht ein⸗ mal exiſtirte, Treue ſchwören ließ? von ſeinem Erſcheinen in dem Gefängniß La Force, wo er, mittelſt ähnlicher Be⸗ fehle, die Generäle Lahory und Guidal befreite? von ſeiner Viſite im Polizeiminiſterium, wo er den Miniſter Savarp abſetzte und gefangen nahm? auf dem Rathhauſe, wo er den Präfect Frochot abſetzte, und Befehle in ſeinem Sinne erzwang? Von ſeinem Eintreffen bei Hullin, dem Gouver⸗ neur, der ſich nicht ſo willig ergab, ſondern Malet zwang⸗ ihm eine Kugel vor den Kopf zu ſchießen? Doch— bin ich nicht kindiſch? wie ſollen Sie dieſes wiſſen? wünſchen Sie ſich Glück, wenn Sie von dem ganzen Vorhaben nichts wuß⸗ ten, denn der Platzkommandant hat dem ganzen Spiel ein Ende gemacht, indem er den tühnen Verſchwörer feſt nahm, und ſogleich die Verhaftnehmung aller ſeiner Mitſchuldigen befahl, die jetzt ihr hartes Schickſal erwarten. Die Berech⸗ nung mißglückte, und noch wiſſen vielleicht keine dreitauſend Menſchen in ganz Paris von dem fürchterlichen Schlage, den ein einziger Verwegener gegen den S des Kaiſers führte.“ Sans⸗Regret machte, indem er ſo viele unerhörte Neuig⸗ keiten vernahm, ein ziemlich albernes Geſicht, welches aber ſchnell in düſtere Mienen überging, und entgegnete mit ge⸗ preßter Stimme:„Sie ſprechen chineſiſch zu mir, mein 130 lieber Notar; aber ich begreife aus Allem, daß ich verloren bin. Wie ſollte ich daran zweifeln? Schon wird den Be⸗ hörden meine Flucht bekannt ſeyn, und der Mann, mit wel⸗ chem ich floh, wird mich als ſeinen Begleiter auf dem To⸗ deswege wieder finden. Es iſt mir, als ob ich ſchon das Loth Blei in meinem Gehirn ſpürte, welches an Schuldigen wie Unſchuldigen die That oder den Schein beſtraft. Aber noch bleiben mir einige Pflichten zu erfüllen: Ihr Haus zu verlaſſen, und für die Angehörigen des Oberſten Dammar⸗ tin zu thun, was in meinen Kräften ſteht. Sie haben bis jetzt den Unglücklichen die geringen Summen bezahlt, wor⸗ über ich diſponiren konnte?“ „Freilich;“ verſetzte der Notar, und legte einen Pack von Quittungen vor ihn hin:„Monat für Monat geſchah die Auszahlung. Madame Dammartin iſt noch immer des ſeſten Glaubens, daß Fräulein von Sombreuil, die ſeit einigen Jahren in Nizza lebt, ihr die Unterſtützung reicht.“ „Gut, doch muß ich, da ich mich, ſo zu ſagen, in den letzten Zügen befinde, noch etwas Erklecklicheres thun. Legen Sie meinen ganzen Reichthum vor mich auf dieſen Tiſch, lieber Blin.— So. Wir wollen die Papiere abtbeilen. Die eine Hälfte bringe ich der guten Frau Dammartin ſelbſt; die andere gehöre meinem Sohne, wenn er zurückkömmt. Damit ich ſie aber der Konfiskation entziehe, die mein Ver⸗ mögen treffen würde, wenn man mich als Hochverräther ver⸗ urtheilte, cedire ich ſie Ihnen. Schreiben Sie den Akt, oder beſſer, laſſen Sie mich eine Carta bianca unterzeichnen, welche Sie dann nach Belieben ausfüllen mögen, oder. da ich von dieſen juriſtiſchen Kunſtgriffen nichts verſtehe, ſo arran⸗ giren Sie die Sache, wie Sie wollen, nur reißen Sie mich aus der Verlegenheit, hier noch länger zu verweilen, und der Regierung mein bischen Habſeligkeit aus den Zähnen.“ „Das iſt gleich gethan. Ich gebe vor, daß Sie mir Ihre Freilaſſung vorgeſpiegelt, und plötzlich gegen einen Revers Ihr ganzes Vermögen aus meinen Händen zurück⸗ gezogen. Unterſchreiben Sie dieſes Blatt, und zählen Sie darauf, daß Ihrem Sohne nicht ein Sou ſeines Vermögens entgehen ſoll, wenn das Schickſal über Sie, mein lieber Freund, gebieten möchte.“ Der Invalide unterſchrieb, packte die für Madame Dam⸗ martin beſtimmten Papiere zuſammen, und verlangte von dem Notar ein ganz einfaches Kamiſol ſammt Mütze, um ſich zu verkleiden, nebſt der Adreſſe der Familie Dammar⸗ tin.— Blin ſchaffte ihm Alles herbei, empfahl ihm zu wie⸗ derholten Malen die größte Vorſicht, um ſich nicht muth⸗ willig in die Hände der Schergen und der Gewalt zu liefern, noch im Laufe des Tags wieder dieſes Haus zu beſuchen, und zu vernehmen, was Blin während der Zeit durch ſeine Erkundigungen und etwaige Fü rſprache in ſeinem Intereſſe ausgerichtet haben könnte. Sans⸗Regret weigerte ſich, durch ſeine Rückkehr in des Notar's Haus denſel ben einer Gefahr auszuſetzen, und verſprach dagegen, zu einer beſtimmten Stunde des Nachmittags an einem bezeichneten Orte in dem Jardin des Plantes den Notar zu erwarten, um das Wei⸗ tere von ihm zu hören. So ſchied er, begierig, dasjenige zu thun, was ihm wie ein Felſen auf dem Herzen lag, und alsdann ſeinem Schick⸗ ſale männlich zu ſtehen. Er erreichte in kurzer Zeit, ſchnell und unaufgehalten durch die Straßen eilend, wo das Volk in dichten Haufen 132 —— ſtand, und von dem Komplott der verwichenen Nacht er⸗ zählte, die Wohnung der Obriſtin. Schon der Umſtand, daß er auf ſeine Nachfrage in das dritte Stockwerk gewieſen wurde, bekräftigte ſeine Ahnung von den mißlichen Verhält⸗ niſſen der unglücklichen Frau. Der Eintritt in ihre Woh⸗ nung, und der erſte Anblick derſelben bekräftigte jene Vor⸗ ausſetzung. Welch ein Unterſchied zwiſchen dem hellen und glänzenden Hauſe des Obriſten und dem allzueinfachen Quart'er ſeiner trauernden Gattin? Der Ankömmling be⸗ merkte in der erſten Minute, daß die Annehmlichkeiten des Lebens aus dieſer Behauſung gewichen waren, um nur den nothwendigſten Bedürfniſſen Raum zu laſſen. Eine finſtere trotzige Magd in Holzſchuhen meldete den Fremden, unter einem vorgeblichen Namen, ihrer Herrſchaft. Aus dem Schlafzimmer trat hierauf Madame Dammartin in dem allereinfachſten Neglige dem Beſucher entgegen.„Was wollt Ihr, mein Freund?“ fragte ſie mit einiger Schüchternheit, fuhr aber erſchrocken zurück, als ſie die Züge des Invaliden erkannte. Ihr Fuß wankte, und die frühzeitig alternden Züge ihres Geſichts nahmen ſchnell den Ausdruck bitterer Wehmuth an. Die blaſſen Lippen ſtüſterten wie voll Abſcheu den Namen„Sans⸗Regret.“ Dieſer, auf ſeiner Seite, war nicht weniger betroffen. Das Wiederſehen dieſer Frau, nach ſo langer Zeit, war auch eine Quelle des Schmerzens für ihn. Doch faßte ſich der alte Mann weit ſchneller, und trat ehrerbietig auf Adele zu, und verſuchte, ihre Hand zu ergreifen. Sie zog ſie aber ſchnell zurück, und ſchrie mit der Leidenſchaft ihrer frühern Jahre:„Zurück von mir! Geht hinweg aus meiner Nähe, Mörder!“ 133 Sans⸗Regret ſtand wie niedergedonnert. Das ſchauer⸗ liche Räthſel, welches ihn an Adele band, und zugleich von ihr ſchied, ſchien von ihr gelöst. Er erwartete mit ſtiller Beſtürzung den weitern Ausbruch ihres Grolls, der auch nicht zögerte. Sie fuhr mit haſtiger Geberde fort:„Was willſt Du hier bei mir, nachdem Du mein Glück vernichtet, nachdem Du mein Leben vergiftet? Mörder meines Gemahls, Mörder unſerer Freuden und unſerer Ehre, was begehrſt Du von mir? Iſt Dir nicht genug, daß Dein Verrath mei⸗ nen Gatten in den Thurm zu Vincennes gebracht, wo er ſeit Jahren ſchmachtet? Nicht genug, daß wir dem Mangel und der Hülfloſigkeit preisgegeben wurden? Die Ehre war ja das Einzige, was mein Victor auf der Laufbahn ſeines Glückes errungen, und dieſe Ehre haſt Du zertrümmert. Du haſt unſer beſcheidenes Vermögen, die letzten Trümmer deſſelben, in den Sturmwind geſtreut, der uns zu Bettlern machte; Du biſt die Urſache, daß, nachdem wir unſer Letztes aufgewendet, unſerm Vater die Leiden ſeines Kerkers erträg⸗ licher zu machen, von der Gutherzigkeit, von dem Almoſen ſremder Menſchen leben müſſen! Was willſt Du bei uns? Unſer Leben? Es iſt ſchon dahin. Oder—“ hier verzerrte ſich ihr Geſicht im höchſten Schmerz—„kömmſt Du viel⸗ leicht, uns zu ſagen, daß der Kaiſer endlich ſeine Rache vollenden will, daß er endlich meinem Victor Richter geſetzt⸗ die ihn zum Tode verurtheilen mußten? Daß morgen, viel⸗ leicht heute ſchon, eine Kugel ſein Daſeyn zerreißt? oder iſt er ſchon todt, ſchon geſtorben, ohne daß wir ihn zum let⸗ tenmal ſehen durften? Geſchwinde, vollende Dein Werk⸗ tödte uns mit einem Wort.“ — Die Augen des Invaliden gingen in Thränen über. Er rang die Hände, und flehte mit zitternder Stimme die lei⸗ denſchaftliche Frau an, ihn zu hören, ihm nur eine Sylbe zu gönnen, indem er nicht den Tod Dammartin's bringe, ſondern vielmehr beauftragt ſey, in ihre Hände die Mittel zu einer erträglicheren Exiſtenz niederzulegen.— Er breitete mit der Geberde eines tieferſchütterten Verbrechers die Staats⸗ papiere und Wechſel, die er bei ſich führte, vor Adele aus. Dammartin's Gattin ſtaunte, als ſie den werthvollen In⸗ halt der Gabe erkannte, fragte aber mit nicht minderer Heftigkeit, denn zuvor:„Woher dieſes Geld? wem ſoll das gehören? mir, meiner Tochter? wer kann an uns denken? mein Gatte ſchmachtet, von allen Mitteln entblößt, in ſei⸗ nem Gefängniß; Mont⸗chviſy, an den ich mich, wiewohl nur von der bitterſten Noth getrieben, gewendet, hat mir end⸗ lich das fürchterliche Geheimniß meiner wahren Herkunft entdeckt, und ſich von mir losgeſagt; die Baſe, die ſchon längſt verſtorben, hat über ihr Vermögen anderweit ver⸗ fügt;— wer ſoll meiner mit ſo vieler Liebe gedenken? Ich hatte nur eine Freundin, die mich mit einer monatlichen Unterſtützung bedachte, und immer damit fortfuhr, obſchon ſie nicht auf meine Briefe antwortete. Das Fräulein von Sombreuil iſt aber, wie mir geſtern ein Schreiben aus Nizza meldete, vor wenigen Wochen daſelbſt erblaßt und heimgegangen.— Von wem alſo dieſes Geld? Aus Deinen Händen kömmt nichts Gutes, Deine Tugend hat noch keine Früchte gebracht. Du biſt nur ein Wertzeug des Laſters. Entferne Dich mit dieſem Gelde, welches vielleicht nur ein reicher Wollüſtling auf die emporkeimenden Reize meiner 18 Suzon wagt und wettet! Ich will Dich nie mehr wieder⸗ ſehen!“ Sie riß ſich gewaltſam von Sans⸗Regret los, und ver⸗ riegelte ſich in ihrem Schlafzimmer. Der Invalide hörte noch das heftige Schluchzen, womit ſie ihrem Schmerz in der Einſamkeit Luft machte, und entfernte ſich, wie betäubt. Sein Kopf, von Alter und Wunden ſchwach, vermochte nicht, den Jammer zu ertragen.— Wie er ſo, langſam und mit geſenktem Haupte, die Treppe hinunter ſchlich, hielt ihn plötzlich eine weiche Hand auf, und eine ſehr angenehme Silberſtimme ſagte ihm leiſe und zuthulich:„Seyn Sie nicht ſo traurig, lieber guter Herr. Die Mutter iſt alzuaufge⸗ regt, um Sie gut zu empfangen. Wollen Sie nicht einen Augenblick hier bei unſerer Freundin, der guten Madame Claude eintreten? Ich möchte gerne wiſſen, wie es Ihnen geht, und meinem lieben kleinen Korporal.“ Die niedliche Suzon zog wie ein wohlthuender Genius den betrübten Invaliden in ein Zimmer des zweiten Stock⸗ werks, wo ihnen eine ältliche Frau, in deren Geſicht noch Spuren großer Schönheit unverkennbar waren, mit Theil⸗ nahme entgegen kam.— Suzon, ein Mädchen von dreizehn Jahren, blühend wie eine Roſe, und überhaupt vom keu⸗ ſchen Schmelz der Unſchuld und der Jugend, das lieblichſte Geſchöpf mit den angenehmſten Formen jungfräulicher Früh⸗ reife, ſprach zu der Dame:„Das iſt der Mann, von dem ich Ihnen ſprach, meine gute Madame Claude. Ich wäre ihm ſchon gerne oben um den Hals gefallen, aber die Ver⸗ zweiflung meiner Mutter ſcheuchte mich hinweg. Erlauben Sie, daß ich den lieben Herrn hier begrüße.“ 136 Die Dame des Quartiers brachte mit dem gefälligſten Anſtande Stühle herbei, und heftete während dieſes Geſchäfts den Blick zu wiederholtenmalen prüſend und wie verwundert auf das Geſicht des Invaliden. Dieſer jedoch war ganz in der Anſchauung der aufgeblühten Suzon verloren, ſtreichelte ihre Wangen, drückte ihre Hände, und ſchlürfte mit vollen Zügen die Wonne des Augenblicks, deſſen Seligkeit ſo un⸗ mittelbar ſeinem Grame folgte. Er verſchwendete die ſüße⸗ ſten Schmeichelworte, die der Greis kennt, an das Mädchen, welches mit nicht geringerer Anhänglichkeit, traulich plau⸗ dernd zu ihm ſagte:„Ach, lieber Herr Sans⸗Regret, obſchon ich Sie ſeit Wien nicht wieder geſehen, hat mich dennoch Ihr Andenken nicht verlaſſen. Meine Freundſchaft für Sie verließ mich auch nicht, obſchon die Mutter viele tauſendmal geſagt hat, daß Sie allein an unſerm Unglücke Schuld ſeyen; was auch mein Vater, wiewohl traurig und nieder⸗ geſchlagen, dennoch immer zugab, wenn wir ihn beſuchen durften, welches uns äußerſt ſparſam erlaubt wird. Aber nicht wahr, lieber Herr, Sie ſind nicht Schuld an unſerm Elend? Würde man Sie denn ſonſt gefangen geſetzt haben, wie meinen Vater? Aber nun, da Sie wieder frei ſind, ſo wird es mein Vater wohl auch werden? nicht wahr? Sie bringen vielleicht die Nachricht hievon, und meine arme. Mutter ließ Sie in ihrer Angſt nur nicht zu Worte kommen?“ Der Invalide verneinte zwar traurig dieſe Vorausſetzung, ließ aber einige gutmüthige Troſtgründe und Hoffnungs⸗ reden wie Balſamtropfen in die unſchuldige Mädchenſeele träufeln und meinte, daß vielleicht die nächſte Zukunft ſchon Alles ändern werde.„Ich habe nun eine Bitte an Sie, meine gar liebe Suzon!“ ſetzte er mit einſchmeichelndem 2 2c 137 Ausdruck hinzu:„benehmen Sie in Ihrer frommen Kindlich⸗ keit bei dem nächſten Beſuch, den Sie Ihrem Vater abſtatten dürfen, demſelben den grauſamen Verdacht, den er gegen mich hegt. Ich bin, ſo wahr ich lebe, und Gott über uns iſt, an ſeinem Schickſale unſchuldig, unſchuldig wie Sie, mein theu⸗ res Kind. Zudem bin ich auch viel unglücklicher als er. Seine Lieben find frei, und dürfen zuweilen ſeinen traurigen Kerker mit ihrer Gegenwart verſchönern. Mein Sohn jedoch iſt fern von mir, vielleicht gefangen in Sibirien, vielleicht ſchon begraben unter den Eisſchollen des Nordens. Wohin ich ſehe, erblicke ich nur Gräber meines Glücks, und ſogar in meinen Kerker zurück winkt mir ein trübes Geſchick. Der einzige Troſt und Stern, der mich in enger Haft, wie auf dem Wege zum Tode begleiten würde, wäre die Gewißheit⸗ daß Dammartin von ſeinem Irrthum zurückgekommen, und mir jedes kleine Unrecht, das ich an ihm beging, vergeben. O, meine gute Suzon, ſeyn Sie der S zwiſchen mir und Ihrem PVater!“ „Mit tauſend Freuden,“ verſicherte das Mädchen, vor Wehmuth ſchluchzend.„Was ſprechen Sie aber vom Ge⸗ fängniß, vom Tode? und was Sie von meinem lieben klei⸗ nen Korporal ſagten, zerreißt mir wahrhaftig das Herz. Der freundliche junge Mann ſollte jetzt ſchon geſtorben ſeyn?“ Der Invalide zuckte die Achſeln.„Möglich,“ verſetzte er mit thränenloſem Schmerz;„ich werde ihm bald folgen. Hätte ihn aber das Schickſal erhalten⸗ und er kehrte zurück⸗ — würden Sie dann gerne den Freund Ihrer Ingend als Ihren Beſchützer bei ſich aufnehmen?“ 10 Suzon, durchdrungen von Ahnungen der Weiblichkeit, nickte mit einem verſchämten Blick auf Sans⸗Regret, ſchlug dann die Augen zu Boden, und ſpielte mit dem Bande ihrer Schürze. Der Invalide küßte ſie auf die Stirne, und ſagte, im Innerſten bewegt, indem er das Packet mit den Obligationen in Suzon's Hände drückte:„Als meinen ſchwachen Dank für dieſe ſchöne Zuſicherung, die vielleicht meines armen Sohnes ganzes zukünftiges Glück verbürgt, empfangen Sie hier an Ihrer Mutter Statt die Verlaſſenſchaft eines redlichen Mannes.. einer redlichen Frau, wollte ich ſagen. Das Fränlein von Sombreuil hat in ihrem Teſtamente Dammartin's Familie in ihr Erbe eingeſetzt. Nehmen Sie dieſes Erbtheil hin. Sollte jemals eine Thräne darauf gehaftet haben, ſo wird Ihre reine Hand es wieder heiligen. Gott ſegne Sie, Ihre Mutter und Ihren unglücklichen Vater; dann wird auch mein Loos, ob hier oder jenſeits, glücklicher ſeyn, als ich es hoffen durfte.“ Er hätte noch gerne aus überſtrömender Seele einige Worte hinzugeſetzt, aber, der Sprache nicht mehr mächtig, ſprang er auf, drückte noch einmal die Tochter ſeines Freun⸗ des an ſein Herz, und entfernte ſich, Suzon in Erſtaunen, und ihre Freuñdin, Madame Claude, in Thränen zurück⸗ laſſend. Er wäre beinahe unter die Pferde einer der zahlreichen Gensd'armerie⸗Patrouillen gerathen, die an jenem Tage alle Gaſſen der Hanptſtadt durchſtreiften,— ſo ſehr hatte die Empfindung des Scheidens von Suzon alle ſeine körper⸗ lichen und Geiſteskräfte in Anſpruch genommen. Träumend, wankend ſchritt er auf's Gerathewohl vor ſich hin, und wurde öfters von ſorgſamen Vorübergehenden den Wagen 139 und Pferden aus dem Wege gebracht, als wie ein Beranſch⸗ ter.— So ſtand er plötzlich wieder in der Gegend des Ju⸗ ſtizpallaſtes, und ſtarrte mit zerſtreutem Blicke, des Tages gedenkend, wo er als ein Verurtheilter dieſes Gebäude ver⸗ ließ, um dem wahrſcheinlichen Tode entgegen zu gehen, eine Menge von Menſchen an, die aus dem Gebäude ſtrömte, und einen Mann umgab, welcher wie ein Triumphirender einherſchritt. Die Menge verlief ſich; der ſiegreich fchreitende Mann ſtand mit einemmale vor Sans⸗Regret, ſchüttelte ihn heſtig beim Arme, und ſagte:„Ich will meinen Kopf mit einer zerſprungenen Bombe vergleichen, wenn Du nicht mein alter Kamerad Sans⸗Regret biſt! Kennſt Du Deinen Kolle⸗ gen Gaillard nicht mehr? Donnerwetter! haben wir nicht zuſammen gedient? was iſt aus Dir geworden? Wie ſiehſt Du aus? Es ſcheint Dir nicht gut zu gehen? Komm' hier in dieſe Schenke,— ſetze Dich hier mit mir in dieſen Win⸗ ſel. Erzähle.“ Sans⸗Regret betrachtete mit Verwunder ung den ehema⸗ ligen Sergeanten der Garde. Gaillard trug einen feinen blauen Ueberrock, und im Knopfloch das Kreuz der Tapfern. „Erzähle Du zuerſt,“ antwortete Sans⸗Regret. Gaillard willigte darein, und ſagte:„Meine Laufbahn iſt zu Ende. Mein rechter Fuß iſt ein hölzerner, der mir nach der Schlacht von Wagram nöthig wurde. Ich war vor Kurzem erſt Offi⸗ zier geworden. Dieſes Kreuz und eine Penſion ſollten mich für die Verſtümmlung entſchädigen. Ich habe mein Vermö⸗ gen zuſammengerafft, eine Papierfabrik in Meaur angelegt⸗ und das Unglück gehabt, vor ein Paar Monaten einen För⸗ ſter zu erſchießen, der ſich in meinem Revier unnütz machte. Tauſend Gottesdonner! ein Offizier der wenn auch 140 in Retraite, wird ſich doch nicht von einem Pekin inſultiren laſſen? Ich ſchoß ihn auf den Pelz, und habe leider nur ein bischen zu hoch gehalten, ſo daß die Ladung dem Kerl durch den Kopf ging, ſtatt durch den Arm. Dafür haben ſie mich eingeſperrt, und vor die Aſſiſen geſtellt, aber das Jury beſtand zufällig zur Hälfte aus alten Soldaten, und dieſe ließen ihrem Kameraden nichts geſchehen. Ich komme gerade von der verteufelten Armeſünderbank, und ſuche einen Freund, der ſich mit mir freue. Du, Alter, wärſt mir ſehr gelegen, aber Dein Geſicht iſt ſo trüb, ſo traurig, und mein Wein verfängt nichts bei Dir.“ Gaillard, ſeit Langem dem Invaliden als eine ehrliche Seele bekannt, erweckte deſſen Vertrauen, und Sans⸗Regret zögerte nicht, ihm unter vier Augen zu entdecken, in welch' kitzlichem Verhältniſſe er ſich jetzt befinde. Gaillard hörte mit der größten Theilnahme zu, und verſetzte hierauf leb⸗ haft:„Du biſt ein wackerer Kerl, aber, wie ich fürchte, ein einfältiger Menſch. Wie magſt Du es wagen, in dem Schlund des Verderbens zu verweilen? Wenn man Dich auffindet? Darfſt Du in dieſen ſtürmiſchen Tagen auf eine genaue Unterſuchung rechnen? Ueber den angeblichen Mit⸗ ſchuldigen des Generals Malet entſcheidet kein Juryp; das weißt Du. Mache Dich daher davon; ſchon ſind die Bar⸗ rieren wieder offen; ich will heute ſelbſt nach meiner Hei⸗ math. Gehe mit mir; kein Teufel ſoll Dich in meinem Hauſe finden und den wahren Zuſammenharg der Sache ahnen. Ich ſcheere mich den Henker um die Polizei,— mit Kühnheit kommt man allenthalben durch.“ Die Idee, zu Meaur eine verſchwiegene Zufluchtsſtätte zu finden, kam dem Invaliden recht paſſend vor. Er nahm 141 das Anerbieten des Freundes an, und machte nur die Be⸗ dingung, vor der Abreiſe noch die Unterredung mit ſeinem Notar abzuhalten. Gaillard willigte darein, und nach einem kurzen Mahle fuhr Sans⸗Regret mit ſeinem Begleiter dem Jardin des Plantes zu.— Schon war Blin auf dem Platze; Gaillard wachte in einiger Entfernung für die Sicherheit ſeines alten Kameraden. Der Notar war in freudiger Be⸗ wegung, und ſprach mit geflügelter Eile zu Sans⸗Regret: „Mein Herr Dieudonné, Alles iſt auf dem beſten Wege. Ich habe mich ſchnell reſolvirt; ich habe den Polizeipräfekten aufgeſucht, weil ich mich erinnerte, daß er Ihnen aus ver⸗ wichener Nacht Verbindlichkeiten ſchuldig iſt. Der gute Herr war kaum von ſeinem Schrecken zu ſich gekommen, aber weich und gerührt, und zu jeder guten Handlung fähig. Ich ver⸗ traute ihm Ihre ganze Sache, und er, dankbar, weil ihm die Erinnerungen an die verwichenen Begebenheiten noch zu neu ſind, verſprach, für den guten Freund, den er im Fin⸗ ſtern in Ihnen gefunden, das Möglichſte zu thun. Für's Erſte will er verhüten, daß man Ihren Namen auf die Liſte der Mitſchuldigen Malet's ſetze. Im Uebrigen bittet er Sie, ſich recht fein verſteckt zu halten, und auf ſeine weitere Sorge zu vertrauen. Was einen Zufluchtsort betrifft... Sans⸗Regret unterbrach ihn, indem er ihm bemerkte, vaß dieſer Zufluchtsort bereits gefunden ſey, umarmte den treuen Verwalter ſeines Vermögens, und fuhr mit Gaillard zurück, um ſich nach Meaux zu begeben. Ihnen begegnete Malet, da er gerade von ſeinem Verhöre herunter gebracht wurde. Wie ein alter Römer ſchritt der Generäl zwiſchen ſeinen Wachen daher. Er hatte ſein Herz erleichtert, er hatte ſeinen Richtern geſagt, daß nur in ihm allein die 142 Verſchwörung zu ſuchen ſey, und daß ihm Frankreich einſt Denk⸗ ſäulen für eine That errichten werde, die man jetzo blutig zu beſtrafen begehre. Die Stirne des Republikaners glänzte⸗ wie von Strahlen umgeben, und ſein Auge blickte furchtlos um ſich her. Es fiel auch auf Sans⸗Regret, und blieb ruhig, und hätte nicht durch das leiſeſte Winken die Be⸗ kanntſchaft mit dem Manne verrathen. Nur eine leichte Bewegung der Hand ſagte dem Invaliden ein ewiges Lebe⸗ wohl.— Malet ging zum Tode, und ihm folgte, ebenfalls verurtheilt, eine Schaar unſchuldiger, vom Augenblick und der Willenskraft des Eenerals bethörter Leute. Sans⸗Regret jedoch, den gar zu leicht eine kleine Tücke des Geſchicks in des Verſchwörers Untergang hätte verwickeln können, flog durch die Straßen von Paris der Freiheit entgegen. An der Barriere gegen Meaux fragten Gensd'armen nach den Namen der Reiſenden.„Lieutenant Gaillard von der Garde,“ erwiederte Sans⸗Regrets Begleiter,„und Michel, der Auf⸗ ſeher in ſeiner Papierfabrik!““— Ungehindert fuhr der Wa⸗ gen weiter. Am nächſten Tage ſchon hatte der Invalide durch die Fürſorge ſeines wackern Notars ein an denſelben gekommenes Schreiben von ſeinem Sohne in Händen. Der Brief war ſehr verſpätet, und von Wilna datirt. Der junge Victor ſchrieb darinnen, er ſey zum Offizier ernannt, und als eine beſondere Gnade habe ihm der Kaiſer bei dieſer Beförderung die Freiheit ſeines Vaters bewilligt. Er hoffe, in Bälde mit einer Sendung nach Frankreich zurückzukehren, und den heißgeliebten Vater an ſein Herz zu drücken. Sans⸗Regret weinte und hüpfte bei dieſer Nachricht⸗ Sein Herz, vor Kurzem noch ſo eng, wurde jetzt ſo weit, daß ihm die Grenzen des großen Frankreichs nicht genügten⸗ 143 und dennoch mußte er in dem kleinen Meaux verweilen, und die langſam ſchleichenden Tage zählen, bis zum Wiederſehen des ruhmgeirönten Sohnes. Achtes Rapitel. Die Schlacht vor Paris. Dammartin war auf ſeinem Lager im Gefängniffe aus⸗ geſtreckt, umgeben vom nächtlichen Duntel, und umarmt vom Schlafe, der für ihn kein wohithätiger war. Schreck⸗ bilder zogen an ſeinem innern Geſichte vorüber; die Cata⸗ ſtrophe, deren Held vor zehn Jahren der Herzog von Enghien in demſelben Schloſſe geweſen, wo jetzt ſein Jugendgeſpiele, wie von aller Welt vergeſſen, ſchmachtete. Der ſchauerliche Maler, der in den Schlummer des Unglücklichen ſchwarze Bilder pinſelt, ließ es nicht bei dieſem bewenden, und ver⸗ webte geſchäftig das Schickſal des Oberſten dergeſtalt mit dem des gemordeten Herzogs, daß Dammartin, in demſelben Augenblick, als er über Enghiens Mord jammerte, ſich ſelbſt an der offenen Grube knicen ſah, angelehnt an die feuchte Mauer des Grabens, beſtrahlt von einer matten Blend⸗ laterne, und bedroht von den Gewehren blutdürſtiger Gre⸗ nadiere. Als er nun, wie im Traume häufig geſchieht, allen Muth vergeſſend, der ihn wachend belebte, vor Angſt auſ⸗ ſchreien wollte, und doch nicht konnte,— als er die Arme 144 erhob zu dem Rand des Grabens, wo die Geſtalten ſeiner Gattin und ſeiner Tochter händeringend ſchwankten,— da fuhr er auf aus ſeinem mühevollen Schlummer, rauh ge⸗ weckt durch das Raſſeln der Schlöſſer und Riegel an den Thüren ſeines Gemachs. Die Wirklichkeit ſchien ſich innig mit den Vorahnungen des Traumes zu verbinden. Er hörte, wie die Schlüſſel ſich im Schloſſe drehten, wie Flintenkolben draußen auf dem Pflaſter aufſtießen,— er ſah, wie helle Lichtſtrahlen durch die Fugen der letzten Thüre in den Kerker drangen. Was bedeutete dieſer nächtliche Beſuch? war es die Runde, die ihn ſchon ſeit manchem Jahre mit ihren Be⸗ ſuchen verſchont hatte? Woher ſo plötzlich die erneuerte Strenge gegen den friedlichen Gefangenen? Oder hatte dieſe Viſite einen ernſteren Zweck? war vielleicht das Spiel des Tyrannen zu Ende, und das Schlachtopfer, womit er bisher nur getändelt, ſollte wirklich fallen? Dieſe letzte Idee gewann in Dammartin's aufgeregtem Gemüthe ſchnell die Oberhand; je grauſamer dieſes Loos zu ſeyn ſchien, um ſo glaubwürdiger kam es ihm vor. Er fuhr raſch in ſeine Kleider, und trat, als ſich die Thüre öffnete, mit leidenſchaftlicher Heftigkeit den eintretenden Sol⸗ daten entgegen.„Hier bin ich,“ ſagte er zu ihnen;„führt mich zum Tode, aber vergönnt mir nur Friſt, daß ich den Meinigen mein Schickſal in einigen Zeilen melde.“ Aus der Mitte der Soldaten, hinter dem Schließer her⸗ vor trat der Kommandant von Vincennes, der wackere Ge⸗ neral Dumesnil, das hölzerne Bein genannt. Er faßte den Oberſten bei der Schulter, ergriff ſeine Hand, und ver⸗ ſetzte auf deſſen Rede:„Sie dürfen Ihrer Familie nich mehr ſchreiben; Sie mögen Ihr ſelbſt ſagen, daß des Kaiſers 145 Zorn ſich legte, daß Sie frei ſind, und daß der Monarch Sie auffordert, für die Sache des Vaterlandes auf's Reue die Waffen zu ergreifen.“ Der Oberſt ſtarrte ſprachlos den Kommandanten an; dieſer fuhr jedoch mit gewöhnlicher Heiterkeit fort:„Ver⸗ trauen Sie dem Wort eines Ehrenmannes. Ein Ordonnanz⸗ Offizier des Kaiſers, in das Hauptquartier des Königs Joſeph beſtimmt, brachte im Vorübereilen vor einer halben Stunde den Befehl, alle Offiziere frei zu laſſen, die ſich um politiſcher Zwecke willen, oder wegen Subordinationsver⸗ gehen in den Gefängniſſen des Staates verhaftet befinden. Ich habe es vorgezogen, jeden meiner Gefangenen perſoͤnlich von dieſem Befehle in Kenntniß zu ſetzen, damit die Unge⸗ wißheit nicht einen Augenblick in ihren Gemüthern vorherr⸗ ſche. Uebrigens erwarte ich Sie ſammt Ihren Unglücksge⸗ fährten binnen der kürzeſten Zeit bei mir zu ſehen, indem ich für Ihre ſchleunigſte Abreiſe zu ſorgen habe. Ich werde Sie für's Erſte, dem Befehl gemäß, nach dem Hauptquar⸗ tier des Herzogs von Raguſa dirigiren. Der Herzog wird alsdann über Ihre Dienſte weiter verfügen. Es iſt des Kaiſers Wille, daß in den gegenwärtigen ſchwierigen Zeiten, wo von einem Augenblick zum andern die Hauptſtadt ſelbſt von Feindes Gewalt bedroht wird, ein jeder der freigelaſſenen Offiziere die Gunſt des Herrſchers durch die Bereitwillig⸗ keit verdiene, ſich auf jedem Punkte nach ſeinen Fähigkeiten verwenden zu laſſen.— Darum, lieber Oberſt, empfangen Sie meinen Glückwunſch, und ſäumen Sie nicht.“ Wer jemals in Erwartung des Todes zitterte, und ſich plötzlich wie durch ein Wunder nicht dem Leben allein, ſon⸗ dern auch der goldenen Freiheit wieder gegeben ſah, mag Dammartin's Freude ermeſſen, womit er, nach einer mehr als vierjährigen Haft in Vincennes, ſeine Loslaſſung ver⸗ nahm. Man vergißt ſo leicht ſeine Leiden, wenn ſie auch noch ſo lange gedauert, und genießt den Augenblick des Glücks, wie eine Ewigkeit von Wonne. Seinem Kerker Lebewohl zu ſagen, koſtete dem Oberſten nicht viele Zeit. Er fand ſich pünktlich bei dem Gouverneur ein, und begrüßte mit herzlicher Theilnahme alle diejenigen, die daſſelbe glück⸗ liche Loos mit ihm theilten: ein Häuflein von Offizieren, theils grau von Haaren, theils noch voll jugendlichen Ueber⸗ muths, die jedoch alleſammt vor Begierde brannten, den chrenvollſten Gebrauch von ihrer neu erlangten Freiheit zu machen. Die Gelegenheit dazu war vor der Thüre. Man befand ſich zu Ende März des Jahrs 1814. Die alliirten Armeen, ſchon ſeit mehreren Monden auf dem Boden Frank⸗ reichs fechtend, ſtanden in der dichteſten Nähe von Paris. Der Gouverneur von Vincennes, ſelbſt nicht zum Beſten unterrichtet von der Lage der Dinge, konnte nur unbefrie⸗ digende Auskunft geben, und begnügte ſich, ſeinen ehema⸗ ligen Koſtgängern zu ſagen, daß ein feindliches Armeekorps in der Gegend. von Meaux oder Vondy campire, und daß ein Treffen für den heutigen Tag zu erwarten ſtehe. Ein jeder von den chemaligen Gefangenen erhielt von dem Kom⸗ mandanten eine Weiſung an den Herzog von Raguſa, der mit ſeinen Truppen bei Belleville gelagert war, und noch war der Morgen dunkel, als die Freigelaſſenen ſich auf den Weg machten, ſowohl der Pferde als der Wagen entbehrend, um das Quartier des Marſchalls Marmont aufzuſuchen. Einige Bauern, die ihnen unfern vom Schloſſe begegneten, und das Ausſehen von Flüchtigen hatten, betheuerten, daß 147 der Feind mit Gewalt und Macht herannahe, und daß in wenigen Stunden Montreuil und Noiſp in ihren Händen ſeyn müſſe. Auf den Lantſtraßen ſey nicht mehr ſicher fort⸗ zulommen, und nur auf Fußpfaden die Möglichkeit vorhan⸗ den, nach Belleville zu gelangen.— Während die Bauern vorwärts nach den Barrieren von Paris eilten, kamen fran⸗ zöſiſche Truppen von St. Mandé daher. Das erſte Morgen⸗ roth ſpiegelte ſich auf ihren Gewehren. Die Befehlshaber, von Dammartin befragt, wußten auch nichts weiter, als was ihre Ordre ausſagte, zu melden. Ihr Marſch war turz, und ſie hatten ſich in der Gegend von Charonne auf⸗ zuſtellen. Alles indeſſen deutete auf nahe Feindſeligkeiten; und alle Truppen, an welchen Dammartin mit ſeinen Ge⸗ fährten vorüberkam, ſowohl bei Charonne als Mönilmontant, und die zu dem Armeekorps des Marſchalls Marmont ge⸗ yorten, welches am verfloſſenen Tage erſt, auf dem Rückzug vor dem Feind, in die Vertheidigungslinie von Paris ein⸗ gerückt war, berichteten von der Nähe anſehnlicher Streit⸗ maſſen. Die Offiziere holten ein Detachement von Sapeurs ein, welches am verwichenen Dage an der Brücke von Charenton ein Verhau geſchlagen hatte. Die Nachrichten dieſer Truppe lauteten ebenfalls nicht ſehr günſtig. Man vermuthete die Feinde an der Marne, und wußte von der Poſition des Kaiſers nicht eine Sylbe. Eine ſtille Ver⸗ zweiflung ſtieg in den Gemüthern Dammartin's und ſeiner Gefährten auf, als ſie die troſtloſe Lage des Vaterlandes und der Hauptſtadt inne wurden, wovon ſie bis jetzt nur höchſt unvollkommen unterrichtet geweſen. Dieſer Groll mit dem Geſchick hätte ſich noch weit heftiger ausgeſprochen, wenn ſic ſchon damals erfahren hätten, wie wunüberſteig lich 148 die Gefahren ſeyen, die in ihre Nähe herandrangen. Aber jeder Soldat, der unter den Mauern von Paris ſtand, theilte dieſe Unwiſſenheit; der Marſch der vereinigten Heere war ſo künſtlich und verſteckt geweſen, daß er ſelbſt dem Kaiſer, der in dieſem letzten Feldzug die größten Beweiſe ſeiner taktiſchen Geſchicklichkeit an den Tag gelegt, ein Geheimniß geblieben. Es ſchlug in Ménilmontant ſechs Uhr, und ſchon don⸗ nerten zur Rechten der militäriſchen Wanderer, in der Entfernung, gegen Romainville zu, dumpfe Kanonenſchüſſe: die Signale zum beginnenden Kampf.— In den Herzen der Krieger flammte muthige Begeiſterung auf, die ſo lange hinter Eiſengittern hatte ſchweigen müſſen. Sie ſchlugen an die Degen, die wieder an ihrer Seite prangten, und ver⸗ doppelten ihre Schritte.— Ein Detachement leichter Ka⸗ vallerie, bunten Anſehens, kam im Trab daher, Bediente dabei mit geſattelten Offizierspferden an der Hand—„Wo⸗ hin, ihr Freunde?“—„Nach Belleville.“—„Wir wollen auch dahin. Laßt uns für den kurzen Ritt die herrenloſen Pferde.“—„Gern, meine Herren; ſteigen Sie auf.“— Die älteſten der Offiziere ſchwangen ſich auf die Roſſe, die jüngſten gingen raſcher neben den Gäulen her. Dam⸗ martin nebſt einigen wenigen ſeines Alters blieb zurück, und blickte ſehnſüchtig und ſorgenvoll nach der Hauptſtadt zu ſeiner Linken, deren Barriere er zu unterſcheiden ver⸗ mochte. Seine Familie wohnte in dieſer Richtung, und das unerbittliche Geſchick riß ihn an derſelben vorüber— viel⸗ leicht in den letzten aller Kämpfe— in den Todeskampf! Denn ſchneller und dichter fielen rechts die Kanonenſchüſſe der Feinde, und von den Höhen zu Romainville antwortete 149 —— ihnen lebhaft die franzöſiſche Artillerie. Die Sonne be⸗ ſtrahlte einen Augenblick lang blutroth die reizenden Fluren der Prés St. Gervais und die Spitzen des Wäldchens von Romainville. Dammartin war in jenem Gehölze glücklich geweſen, beim Juliusfeſte in den Armen ſeiner Adele.... und nun!— Die Trommeln wirbelten zu Belleville; von der Haupt⸗ ſtadt her ſchallte der Generalmarſch, der die Legionen der Nationalgarde unter die Waffen rief.„Adele and Suzon erwachen in diefem Lärm!“ dachte ſich Dammartin:„ibr erſter Gedanke wird der Vater ſeyn, und ſie glauben ihn ſicher.... hinter Kerkermauern ſicher; während er dem feindlichen Blei die Bruſt zu bieten geht!“ Dammartin ging nun allein vor ſich hin! eine Anhöhe hinauf, verlaſſen von jedem Gefährten, aber umwallt von den Luftſchauern des Morgens, umhallt vom Getümmel des Kriegs. Schon ſah er in kleiner Entfernung die Landhäuſer von Belleville, die reizenden Sommerwohnungen der Pariſer⸗ als ein Pferd in voller Carriere den Abhang herabrennt, von ſeinem Reiter mühſam aufgehalten. Dammartin packt es bei'm Ziegel, und der Herr des Thieres, ein junger Mann in Mantel und Hut eines Offiziers von einem Jäger⸗ regimente zu Pferd, beugt ſich dankend zu dem bereitwilligen Wanderer herab. Kaum aber rückt er, die rechte Hand gegen die Stirne bewegend, den dreieckigen Hut etwas aus dem blaſſen Geſichte, entſtellt von Schrecken oder Gram⸗ ſo ruft er auch alſobald, aufglimmende Freude in den Augen:„Wie? mein Oberſt? um Gotteswillen, mein Oberſt? Willfommen!“ ſpringt vom Roß, wirft ſich auf 15⁰ die Hand Dammartin's und bedeckt ſie mit Küſſen und Thränen, während der Oberſt erſchrocken daſteht, und kaum die Worte:„Victorin! mein Pathe! Herr Dieudonné!“ zu ſtammeln vermag. Der Premierlieutenant, mit dem Offizierkreuz der Ehren⸗ legion geſchmückt, findet, wie es der Jugend gebührt, zuerſt die Sprache. Er wünſcht dem alten Freunde und Gönner mit voller Seele Glück zu ſeiner Freiheit, nennt ihm Ruß⸗ land, wo er mit Glück gefochten, Leipzig, wo er eine Wunde erhalten, Hanau, wo er kaum einer neuen Gefangenſchaft entgangen, la Rothisre, wo er zuletzt avancirte, und Hoi⸗ ricvurt, wo er unter Jacquinot zuletzt gekämpft; ſpricht von dem Eilritt, den er auf Befehl des Kaiſers nach Paris mit Depeſchen an den König Joſeph gemacht, und von ſeinen Pflichten, auf der Stelle wieder nach des Kaiſers Hauptquartier umzukehren. Wie glücklich,“ ſchließt er,„bin ich, da ich Sie geſehen habe, nach ſo langer, langer Trennung,— wie unglücklich aber, daß ich meinen Vater nicht gefunden, deſſen Umar⸗ mung ich nicht minder während all dieſen Jahren entbehrte! Wenn Sie ihn ſehen ſollten,— Ihren guten, alten, ver⸗ kannten Freund, mein Oberſt,— ſo bringen Sie ihm die Liebesgrüße ſeines Sohns. Ich muß fort von hier; wenn mich auch die Pflicht nicht riefe, ſo würde mich ein Geſpenſt verjagen, deſſen Hülle ich ſo eben einer billigen Ehrenrache opferte!“ Der Jüngling warf bei dieſen Worten einen unendlich ſcheuen Blick nach der Gegend von Belleville zurück, und ſeine Züge veränderten ſich, und kleideten ſich wieder in neue Bläſſe und Traurigkeit. 151 „Was iſt Dir, mein junger Freund?“ fragte Dammartin mit zärtlicher Beſorgniß, allen Groll gegen den Vater ver⸗ geſſend, um nur der Freundſchaft für den geliebten Sohn zu genügen.— Der Lieutenant drückte ihm aber hierauf nur die Hand, und ſchwang ſich eiligſt, wie von Furcht durch⸗ ſchauert, auf das Pferd. Er deutete nach dem erſten Hauſe von Belleville, und ſagte mit erſtickter Stimme:„Dort werden Sie von mir hören, Herr Oberſt.— Ach, ſpotten Sie nicht meiner. So mancher Gegner von meiner Hand in der Schlacht gefallen ſeyn mag,— jener war der erſte, dem ich kaltblütig nach dem Herzen trachtete! Dieſe Erinne⸗ rung wird mich ſo bald nicht verlaſſen!— Adieu! Auf Wiederſehen, wenn es möglich iſt!“ Sein Pferd ſtieg unter dem Druck ſeiner Sporen.— „Wo iſt der Kaiſer?“ fragte noch Dammartin den ſcheiden⸗ den Waffenzögling.—„Ich denke, ihn in Fontainebleau zu finden. Adieu!“— Dieudonné ſprengte ins Weite. Dammartin ſetzte mit größter Schnelligkeit ſeinen Weg fort, voll von Unruhe, von Neugierde, in ſtürmiſcher Bewegung, erregt von dem unverhofften Wiederfinden ſeines Pathen. Bald hatte er das erſte, von Victorin bezeichnete, Haus von Belleville er⸗ reicht: eine Bauernhütte, umgeben von einem beſcheidenen Küchengarten, gegen Oſten von einem kleinen Tannenwinkel⸗ chen beſchattet. Ein Haufen von Geſindel, Bettelleute und Dorfjugend ſtand vor der Thüre; der Eigenthümer des Hauſes, in der Uniform der Ruralgarde, wehrte die An⸗ dringenden mit Mühe ab.—„Was giebt's bei Euch, guter Mann,“ fragte Dammartin.— Der Bauer grüßte ehrer⸗ bietig die Epauletten und Hutkordons des Oberſten, und 15² antwortete:„Mein Offizier; es iſt weiter nichts, als ein Todter, nach dem die Müßiggänger da verlangen. Vor einer Viertelſtunde ſchoſſen ſich hier zwei Offiziere im Duell. Alles ging ehrlich zu vor Secundanten, die auch Offiziere und honette Leute waren, ob man ſie gleich nur von der Straße hereinrief, um Zeugen zu ſeyn.“ „Wer duellirte ſich?“ „Ein ältlicher Major von der Artillerie, und ein junger Lieutenant von den Jägern zu Pferd; ſie kamen aus dem Hauptquartier: kaum war es hell geworden. Der Artilleriſt lieferte die Piſtolen, und die Herren wiederholten öfters, als ſie den Platz hinter den Tannen beſahen:„Auf Leben und Tod alſo! Einer von uns!“ Auf meine Bemerkung⸗ daß ich zwar ſehr gerne meinen Garten zu dem Zweikampf hergäbe, aber dennoch, als alter Soldat, auf Herbeirufung von Zeugen beſtehen müſſe, ſagte der Lieutenant:„Der Mann hat Recht; aber wo in aller Welt jetzt Zeugen her⸗ nehmen? Der Augenblick drängt. Späteſtens in zehn Minu⸗ ten muß Alles zu Ende ſeyn.“ Der Major gab es zu, und wollte in der Eile mich wählen, und einen Nachbar herbei⸗ rufen laſſen,— als plötzlich ein Trupp von Partiſans vor⸗ überkam, die eine Recognoszirung von der Barriere Mont⸗ martre bis zur Butte St. Chaumont und von da zurück vorgenommen hatten. Die zwei Befehlshaber derſelben,— ein ehemaliger Offizier, und ein geweſener Ingenieur— wurden von den kampfluſtigen Herren invitirt, ihrem Streite zuzuſehen, was denn auch geſchah, während die Truppe ſelbſt weiter zog. Hierauf ſchoſſen die Herren beide auf einmal, und der Major drehte ſich ein Paarmal rund um, und ſiel auf das Geſicht nieder. Als wir ihn aufhoben⸗ — that er, nach ein Paar Worten zu den Anderen, den letzten Athemzug; die Kugel muß gerade durch das Herz gegangen ſeyn. Der Lieutenant war unverſehrt, zitterte aber am ganzen Leibe, und ſagte zu den Zeugen:„Meine Herren, ich habe eigentlich für meines Vaters Rechnung dieſen un⸗ verſöhnlichen Denunzianten vor den Kopf geſchoſſen, den ich heute zum erſtenmal in des Königs Hauptquartier ſah, und gleich, nachdem ich ihn zur Rede geſtellt, mit mir zum Zweikampf genommen. Ich bitte Sie, Jedermann, der nach dieſer Geſchichte fragen möchte, zu ſagen, daß es ehyrlich dabei zuging, und die Brieftaſche ſammt Börſe, die Ihnen der Todte übergab, gütigſt an Ort und Stelle zu beſorgen. Sie gehören ſeinem verlaſſenen Weibe.“— Hierauf machte er ſich auf das Pferd, das meine Lochter unterdeſſen ge⸗ halten, und galloppirte wie raſend davon. Er muß Ihnen begegnet ſeyn.“ „Freilich; er ſendet mich eben hieher. Wo iſt der Todte?“ „Meine Weibsleute haben ihn juſt vom Blut gereinigt, und in die Stube gelegt. Die Sekundanten verſprachen, als ſie fortgingen, Soldaten zu ſchicken, um ihn zu beer⸗ digen. Bis dahin verſehe ich die Wache bei ihm.— Treten Sie ein, mein Offizier. Laſſen Sie ſich von dem Heulen und Beten der Weiber nicht irre machen. Wir Soldaten ſcheeren uns wenig darum, und vielleicht hätte ohnehin heute eine ruſſiſche Kugel oder ein Koſakenſpieß dem guten Major das Leben abgeſchnitten.“ Dammartin trat gebückten Haupts in die Hütte, und bemerkte auf einem elenden Schragen im Winkel einen lan⸗ gen Mann im Offiziersüberrock ausgeſtreckt. Zwei garſtige mit zerzausten Haaren öffneten das Fenſter, zündeten . 11 154 eine Lampe an, und murmelten Gebete vor ſich hin, während ſie hin und her gingen, und bald den Fremden mit neugie⸗ rigen, bald den Todten mit ängſtlichen Blicken betrachteten. Dammariin ſah die blaſſen, verzerrten Züge des Letztern aufmerkſam an, und ihm wurde ſogleich klar, daß er die⸗ ſelben ſchon geſehen. Dennoch mußte ſeine Erinnerung ſich eine Minute lang mühen, den Faden aufzufinden, der ſie mit dieſem Geſichte verknüpfte,— bis endlich blitzſchnell die blaſſe Andeutung zur Ahnung, zur Gewißheit wurde; und von Entſetzen hingeriſſen der Oberſt vor ſich hinſeufzte: „Pommereuil, Pommereuil, der Bruder des Erſtochenen von Boulogne!“ Es litt ihn nicht mehr in der dunkeln Stube, innerhalb der dumpfigen Mauern. Er fühlte das Dach auf ſeinen Schultern, auf ſeinem Scheitel. Er ſtürzte hinaus, erſchüt⸗ tert, zerriſſen; ihm entgegen kam ein demüthiger Landgeiſt⸗ licher im dürftigen Ornat, herbeigerufen von der Andacht und Beſorgniß der Bauersleute. An dem Diener der Kirche, wie an dem Ruralgardiſten vorüber, drängte ſich Dammar⸗ tin in das Innere des Dorfs, und es wurde ihm nur dann wohler, nur dann freier um die Bruſt, als er immer mehr und mehr in das militäriſche Gewühl hineintauchte, welches zwiſchen den herrlichen Landhäuſern, den niedlichen Gärten und freundlichen Raſenplätzen auf und nieder wogte. Das Feuer der beiden Streitlinien knallte immer greller in das Ohr des Oberſten. Die Batterie von St. Chaumont, be⸗ dient von heldenmüthigen Zöglingen der polhtechniſchen Schule, begann ihr rauhes, ohr⸗ und lebenzerreißendes Lied gegen den Feind zu ſingen.— Munitionswagen und Geſchütz, zum Theil mit der abentheuerlichſten Beſpannung, rollten — ——— 155 hin und wieder; Streifrotten von zuſammengerafftem Mili⸗ tär aller Waffengattungen drängten ſich bald vorwärts, bald zurück; Bataillone verſuchter Soldaten, deren Reihen ſchon in früheren Gefechten gelichtet worden, marſchirten mit im⸗ poſanter Haltung in ihre Stellungen; Konſcribirte, größten⸗ theils noch in ihren B Bürger⸗ und Bauernkleidern, kaum mit Schuhen und Flinten verſehen, wurden gleich ſchüchternen Heerden daher getrieben. Auf ihren Geſichtern lag Unent⸗ ſchloſſenheit und Furcht vor den Dingen, die da kommen würden. Sie wußten noch keine Waffe zu tragen, ſie hatten von einem Gefechte noch keinen Begriff. Schluchzende Wei⸗ ber, die Mütter und Schweſtern dieſer jungen Leute, aus den benachbarten Gemeinden zuſammengeſtrömt, liefen an den Flanken dieſer bäuriſchen Heeresmacht dahin. Niemand dachte daran, ſie aufzuhalten und abzuweiſen; die Bande des Militärzwangs waren ſchon ziemlich locker geworden. Staabsoffiziere, Ordonnanzen und Adjutanten zu Pferde kreuzten ſich in allen Richtungen durch dieſes ſeltſame ver⸗ wirrte Treiben. Die Geſichter der Offiziere ſprachen düſtern Groll aus, und ohne den Vorübereilenden irgend Rede zu ſtehen, flogen ſie nach dem Ort ihrer Beſtimmung mit ſchlaf⸗ fem Zügel, geſenktem Haupte und nimmer raſtenden Sporen, wie auf der Flacht begriffen. Ein Gensd'arme, der von der Barriere kam, erhitzt, und überzogen von Koth⸗ zeigte dem Oberſten Dammartin und ſeinen Gefährten, die ſich wieder um ihn geſammelt, den Weg zum Herzog von Raguſa⸗ Marmont ſtand auf der äußerſten Spitze des Plateau's, welches die Ausſicht über St. Gervais nach Pantin und rechts nach dem Gehölz von Romainville gewährt. Zu ſei⸗ nen Füßen kreuzten ſich die Landſtraßen nach Bondy und dem 1 15⁵5 Ourcq⸗Kanal. In dichter Nähe ragten die Wipfel des Parks von Brupeères; fernhin ſchweifte der Blick nach der Ebene von St. Denis. Das Auge des Marſchalls folgte mit ge⸗ nauer Aufmerkſamkeit den Bewegungen ſeiner Truppen, die bald hier, bald dort im Thale zu ſehen waren, aus den Schluchtwegen emporſtiegen, und wieder in den Vertiefungen der gegenüber liegenden Anhöhen zu verſinken ſchienen. Nicht gar zu ferne zeigten ſich die Maſſen und der Kanonendampf des Feindes, der mit wüthender Anſtrengung Pantin zu neh⸗ men trachtete, und zu wiederholtenmalen nahm, welches die Franzoſen mit nicht minderer Heftigkeit vertheidigten und zu wiederholtenmalen wieder gewannen. Eine Unruhe ſonder gleichen, verbunden mit Zorn in allen Geberden, hatte ſich Marmont's bemächtigt. Stumm und finſter ſtanden um ihn her die Gruppen ſeiner Offiziere. Stumm und finſter rück⸗ ten die wenigen Reſervetruppen heran, welche der Augenblick zu ſeiner Verfügung ſtellen konnte. Nachdem der Gens⸗ d'arme von Paris ſeine Depeſche übergeben, deren Durch⸗ leſung den Marſchall mit erhöhter Bitterkeit erfüllte, traten die Freigelaſſenen von Vincennes vor den Heerführer, ihren Kopf und ihren Arm ſeinen Befehlen anbietend. Marmont gönnte ihnen zwar einige Minuten, während welcher Zeit ſie ihm das beſondere Verhältniß erklärten, das ſie hieher führte; aber, kaum war dieſe Erläuterung geſchehen, ſo runzelte ſich die Stirne des Herzogs, und er ſprach kurzweg mit rauher Stimme:„Es thut mir leid, meine Herren; ich kann von Ihrem Anerbieten keinen Gebrauch machen. Sie ſind gediente Leute, und ſehen ein, daß ich, in meiner Poſi⸗ tion auf dieſem verfluchten Poſten, gemeiner Soldaten weit * 157 dringender bedürfte, als der Offiziere, deren ich ſchon eine ganze Menge, beinahe unthätig, um mich habe.“ Dammartin erwiederte mit zuverſichtlicher Stimme:„Wir begreifen ganz Ihre ſchwierige Stellung, Herr Marſchall; doch ſehen Sie uns bereit, den Vorurtheilen des Ranges mit Freuden zu entſagen, wenn es das Wohl des Vaterlan⸗ des gilt. Unſern Grad für einen Augenblick vergeſſend, treten wir gerne als Freiwillige in die Reihen der Soldaten, und bitten um Waffen.“ Der Marſchall zog die Augenbraunen noch ſtrenger zu⸗ ſammen, und verſetzte:„Ich liebe das nicht, Herr Oberſt. Jeder bleibe an ſeiner Stelle. Es wird einem Gemeinen leichter, in der Zeit der Noth einen Kommandirenden vor⸗ zuſtellen, als dem Offizier die umgekehrte Aufgabe. Mau vergißt das Befehlen nicht mehr ſo leicht.— Gehen Sie zu dem König Joſeph. Sie werden ihn, ſo Gott will, auf dem Montmartre finden. Er führt den Oberbefehl; er mag Sie verwenden. Vielleicht hat Mortier oder Moncey Man⸗ gel an Befehlshabern und Ueberfluß an Soldaten. Adieu.“ Die Offiziere ſahen ſich verwundert an, und die Leiden⸗ ſchaftlichſten unter ihnen erlaubten ſich, dem Marſchall eine neue Vorſtellung zu machen. Marmont jedoch, deſſen Auf⸗ merkſamkeit größtentheils an ſeinen Truppen hing, von denen einzelne Abtheilungen wie auf der Flucht die Höhe heran zu klimmen begannen, zeigte in ausbrechender Ungeduld ge⸗ gen Pantin, wo einige Häuſer brannten, und neuerdings der Sturmmarſch geſchlagen wurde, mit den rauhen, zorni⸗ gen Worten:„In aller Teufel Namen! laſſen Sie mich in Frieden. Sehen Sie nicht, daß ich die verfluchten Ruſſen 58 auf den Achſeln habe? Zu Joſeph, ſage ich. Ich will nichts weiter hören!“ Die Befehlshaberpflichten des Marſchalls waren in der That in dieſem Aug ick viel zu wichtig, als daß er nur ein Wort irgend ein undern Geſchäfte oder Anſuchen hätte widmen können. Es viei Romaipville zum Schlagen ge⸗ kommen; die Ruſſen hatten. ne und geſiegt; Infan⸗ terie⸗„Abtheilungen von Marmont's Corps erſchienen außer⸗ halb des Waldes auf dem Rückzuge; verſprengte leichte Kavallerie ſammelte ſich am Fuße der Anhöhe, um nothdürftig die Haufen zu ſchützen, welche den Hügel hinanklimmten, die Verwundeten, die ſie trugen, in Sicherheit zu bringen. Im Nu war das Plateau von Soldaten bedeckt. Bleſſirte ſchrieen nach Hülfe, Offiziere riefen nach dem Marſchall; Wuth und Verzweiflung läſterte aus dem Munde eines Jeden der alten Soldaten. Dammartin ſah mit ſtummem Jammer der Scene zu, die ſich um ihn her bereitete. Wenige Schritte von ihm wurde ein alter Grenadier niedergelegt, überſtrömt von Blut, zerriſſen von ruſſiſchen Kugeln. Es durchſchauerte den Oberſten; der Mann hatte eine leichte Aehnlichkeit mit Sans⸗Regret? war grau wie dieſer, und convulſiviſch heftig noch im Kampfe mit dem Tode. Darum trat Dammartin ihm näher, miſchte ſich unter die Kameraden, die ihn umga⸗ ben, bückte ſich zu ihm nieder, wie der Chirurg, der ſeine Wunde ſondirte, und fragte ihn mit ermuthigender Stimme: „Wie iſt's, mein Alter? Beruhige Dich; ein kleines Unglück iſt bald wieder gut zu machen, und vielleicht flieht der Feind in der nächſten Viertelſtunde vor der franzöſiſchen Tapferkeit.“— Da erhob der Grenadier den matten Arm, während ſein Haupt in mühevollem Kummer auf ſeine Bruſt ſank, deutete nach der Gegend, we pie feindlichen Geſchütze blitzten, und ſeufzte, weinend und bergeend:„Ach! es ſind ihrer zu viele!“ 3 Dieſe Worte waren ſeine tetzten, und ein entmannendes Grauen ſchlich von der Zunge des Fhten in die Herzen der Umſtehenden über, und Alle wied holten mit geſenkten Häuptern und woſtoſet Ahnung:„Ach! es ſind ihrer zu viele!“— Vor Damniariiws Augen ſank ſchon der blutige Vorhang über das prunkende Kaiſerſchauſpiel Napoleon's hernieder. Während auf dieſem Punkte Beſtürzung und Niederge⸗ ſchlagenheit herrſchten, hatten ringsum die Lebhaftigkeit Mar⸗ mont's ſeinen Soldaten eine neue electriſche Kraft eingeflößt. Außer ſich vor Wuth, als er die Unglücksnachricht von dem Vordringen der Ruſſen vernommen, war er auf ſein Pferd geſprungen, und an die Spitze der Reſerve getreten, welche ſeine Adjutanten von allen Seiten herbeijagten. Mit all der Energie, welche Marmont zu jener Zeit entfaltet hatte, als er in Italien unter Bonaparte gekämpft, und würdig gehalten worden war, die eroberten öſterreichiſchen Fahnen dem Directorium zu Paris zu überbringen, ſchrie er ſeinen Truppen zu, die zum Theil vor Begierde brannten, ihm zu folgen, theils zögerten, dies zu thun:„Vorwärts, meine Freunde! Täuſchet Euch nicht; wir werden Alle hier ſterben müſſen, weil der Kaifer, vom Unglück verhindert, oder von einem böſen Geiſte befangen, mit der verſprochenen Hülfe ausbleibt. Aber wir wollen des franzöſiſchen Namens wür⸗ dig zu Grunde gehen, und bis zum letzten Athemzuge die erſte Stadt der Welt vertheidigen und unſern National⸗ ruhm!“ 160 Mit tobendem Geſchrei folgten ihm alle Truppen zum allgemein erneuten Angriff. Die Trommel ſchlug, die zu⸗ rückraſſelnden Geſchütze drehten ſich wieder muthig nach dem Feinde, mit verdoppelter Kraft ſchoß die Batterie von Chau⸗ mont, und hinaus n Siege ſtrömte das Häuflein der Tapfern gegen die Uebermacht.— Obſchon die meiſten der Gefährten Dammartin's, von dem allgemeinen Taumel hin⸗ geriſſen, ohne Bewilligung, ohne andere Waffen, als ihre Degen, dem Heerhaufen ſich angeſchloſſen, ſo wendete doch der Oberſt ſeine Schritte von diefem Platze weg, um nach dem Hauptquartier des Königs Joſeph zu eilen, wo er nütz⸗ licher zu werden hoffte. Ein herrnloſes Dragonerpferd mit blutigem Sattel ſprengte ihm entgegen; er ſchwang ſich auf das ſcheue Thier und richtete ſeinen Weg nach der Barriere la Villette, wo die militäriſche Bewegung nicht minder hef⸗ tig und brauſend ſich äußerte. Dort ſchaarten ſich Nativ⸗ nalgarden von Paris. Die zehnte Legion ſtellte ſich dort im Rücken der Corps, welche die Generale Compans und Ornano kommandirten, auf. Auf der andern Seite, links vom Kanal, in den Vorſtädten Villette und Chapelle ſtanden die Truppen des Herzogs von Treviſo, theils in der Ebene von St. Denis mit dem Feinde ſchlagend, theils die Mauern von Paris bis zum Montmartre hin ſichernd. Die Reg⸗ ſamkeit der Truppen ſelbſt, wie auch der Tumult des Vol⸗ kes, welches an der Seite der Nativnalgarde und der Ar⸗ tillerie großen Antheil an der Bewegung nahm, verliehen dieſem Theil der Umgebung von Paris einen heroiſchen An⸗ ſtrich, den Charakter eines Soldaten⸗ und Bürgerkrieges in ſich vereinigend. Wie aber ſtach dagegen der Anblick von Montmartre ab! dort ſchien Alles ruhig; in dem Dorfe war 161 kaum hin und wieder ein Soldat oder ein durchziehendes Detachement zu ſehen. Auf der Höhe bei den fünf Wind⸗ mühlen, wo die Straße nach Clignancourt läuft, und wo Napoleon's Bruder Joſeph ſein ſogenanntes Hauptquartier errichtet hatte, ſah es allein etwas kriegeriſch aus. Eine große Verſammlung von Offizieren, theils außer Dienſt, theils in Wirkſamkeit, hielt in der Nähe des Mannes, dem der Zufall und ſeines Bruders Glück und Wille zwei Kro⸗ nen nacheinander auf das Haupt gedrückt, ohne daß er eine Einzige davon verdient, und zu behaupten gewußt hätte. Eine Batterie von wenigen Kanonen war unferne, in ihrer Nähe ein Bataillon der Sapeurs von Paris; einzelne Po⸗ ſten von Dragonern, Nationalgardiſten und kaiſerlichen Garden umringten das Hauptquartier unter freiem Himmel. Zu den Füßen des Montmartre breiteten ſich einige Infan⸗ teriemaſſen aus, ſammt leichter Kavallerie und dem bunt⸗ ſcheckigen Corps des Generals Dautencourt, beſtehend aus Uniformen aller Farben, und Leuten aller Grade, die nur ein Pferd aufzubringen vermocht hatten. Der König, zu deſſen Rechten der General Hullin ſammt einigen Miniſtern hielt, ſchien ſehr zerſtreut, und horchte nur mit halbem Ohre nach der Seite von Pantin hin, wo ſchon die volle Schlacht wüthete, während zu ſeiner Linken nur vereinzelter Geſchützdonner ſich hören ließ, und dem Mont⸗ martre gegenüber der Feind noch in weiter Ferne und wie in tiefem Frieden lag.—„Sie mögen bei mir bleiben, mein Herr Oberſt;“ erwiederte Joſeph auf Dammartin's Anmel⸗ dung:„in dem Hauptquartiere gibt es immerhin für einen geſchickten Oberoffizier zu thun. Ich werde Sie verwenden⸗ ſobald die Verhältniſſe es erheiſchen.“ Hierauf drehte er 162 ſich zu Hullin und dem Kriegsminiſter mit den Worten: „Kommt es Ihnen nicht auch ſo vor, meine Herren, als ob die Kanonade auf der Straße nach Bondy nachließe? Ich wette, daß der brave Ornano mit den tapfern Garde⸗ Reſerven den Feind, noch bevor es MWittag iſt, zurückgewor⸗ fen hat. Weiterhin wird ihn Marmont ſchon im Reſpekt halten.“ Die Generale und Miniſter ſchwiegen, obgleich ihre Ge⸗ fichter manchen Zweifel ausſprachen. Der König fuhr fort: „Ich bin zufrieden, daß die Kaiſerin geſtern den vernünfti⸗ gen Vorſtellungen ihrer Freunde nachgeben, und ihre Reiſe nach Blois angetreten hat. Frauen ſind nicht an ihrer Stelle in kriegeriſchen Gefahren. Meinem Bruder, dem Kaiſer, wird es eine doppelte Freude gewähren, ſeine geliebte Ge⸗ mahlin in eigener Perſon wieder in ihre Hauptſtadt einfüh⸗ ren zu können. Sie werden ſehen, meine Herren, daß meine Vorausſagung ſich beſtätigt. Späteſtens morgen iſt der Kaiſer mit ſeinem Heere unter den Mauern von Paris er⸗ ſchienen, um das kühne feindliche Corps zu vernichten, wel⸗ ches ſich erfrecht, die Hauptſtadt anzugreifen, und welches wir ſchon in der gehörigen Entfernung halten wollen.“ Hullin erwiederte mit ehrerbietiger Freimüthigkeit:„Die⸗ ſes letztere wird der franzöſiſchen Tapferkeit, ſelbſt bei ver⸗ ringerten Hülfsmitteln, leicht werden, wenn es wirklich nur ein Armeecorps des Feindes iſt, welches uns gegenüber ſteht. Ich fürchte jedoch, Ihro Majeſtät, daß wir ſehr bedeutende Streitkräfte zu bekämpfen haben, wie auch die Rapporte der Marſchälle beſtätigen, und der Bericht dieſes wackern Ober⸗ ſten, der Gelegenheit hatte, die ganze Vertheidigungslinie von Vincennes bis zum Montmartre zu durchreiten, und 163 allenthalben dieſelbe Kraft und Uebermacht des Angriffs beobachtete.“ Der König warf einen ſtrengen Blick auf Hullin, und verſetzte mit leichter Ueberhebung:„Die Rapporte können täuſchen und die Marſchälle ſich irren. Die Combinationen meines Bruders jedoch haben nie getäuſcht. Ueberhaupt ſind dergleichen Vermuthungen nur geeignet, Mißtrauen und Muthloſigkeit unter dem Volke zu verbreiten, und daher beſſer zurückzubehalten. Was ſagen Sie dazu, Ritter Al⸗ lent?“ Der genannte Oberſt, der Chef des Generalſtaabs der Pariſer Garde, ſah von der Karte, worauf er mit vieler Pünktlichkeit die Operationen der franzöſiſchen Truppen wie die Manövers der feindlichen verfolgte, zu dem König auf, und antwortete;„Wenn ich meine Beobachtungen vergleiche, Ew. Majeſtät, ſo finde ich leider nur dieſelben Reſultate, welche der Graf ſo eben angegeben hat. Der Angriff, der ſich auf allen Punkten zu entwickeln ſcheint, iſt allzu bedeu⸗ tend, und zeigt allzuſehr von einer combinirten großen Idee, als daß ich mich der Vorausſetzung hingeben möchte, daß wir es nur mit einem Theil der feindlichen Macht zu ſchaf⸗ fen hätten.“ Der König ſchwieg finſter, und entgegnete nur nach einer langen Pauſe:„Sie irren ſich alleſammt, meine Herren. Doch iſt es eines Franzoſen würdig, auch den mindern Feind nicht zu verachten. Die weitern Begebenheiten dieſes Tages werden Sie belehren; unerſchütterlich bleibe aber Ihr Vor⸗ ſatz, unter keinen Verhältniſſen von Ihrer Pflicht zu wei⸗ chen, ſo wie auch ich, meiner geſtrigen Proklamation getreu, in Ihrer Mitte verweilen werde.“ 164 Der König hatte kaum ausgeredet, als verſchiedene Ad⸗ jutanten der befehligenden Marſchälle zumal eintrafen, und der beunruhigenden Hiobspoſten nicht wenige brachten.— Der König, auf ſeiner eigenſinnigen Behauptung beharrend, hörte nur mit Widerwillen und Mißtrauen die Rapporte an, ſtets die beliebten Worte wiederholend:„Es iſt nichts, ſage ich Ihnen. Die Marſchälle ſollen feſt halten; bis zum Abend iſt mein Bruder hier; Ausdauer und Muth!“ Plötzlich veränderte ſich aber die Scene. Mit dem nie⸗ dergeſchlagenſten Geſichte von der Velt, aber dennoch mit einem gewiſſen Triumph in den Augen führte Hullin einen Ingenieur⸗Hauptmann von den Sapeurs herbei, der am verwichenen Tage in die Hände des Feindes gefallen, und von demſelben freigegeben worden war, um ſeine Waffen⸗ brüder über ihre Lage und die Stärke der alliirten Armeen aufzuklären. Er ſchilderte weitläufig, mit welchen Maſſen die Ruſſen, Oeſterreicher, Preußen und Würtemberger auf drei Punkten vorgedrungen; wie nicht nur ein einziges Corps, ſondern das ganze große vereinigte Heer der Ver⸗ bündeten gegen die Hauptſtadt im Anmarſch ſeyz er über⸗ reichte ſchließlich dem König die Proklamation des Genera⸗ liſſimus, Fürſtem von Schwarzenberg, die keinen Zweifel mehr übrig ließ, und den Unglauben ſelbſt in Ueberzeugung von der drohendſten Gefahr verwandeln mußte. Vor dieſem Streiche brach die Hartnäckigkeit Joſephs, die auf keinem ſoliden Grunde beruhte, völlig zuſammen. Der leichtſinnige Geiſt wurde plötzlich zu einem entnervten. Joſeph verſammelte noch in der Eile einen geheimen Kriegs⸗ rath um ſich her; doch war die Berathung nur bloße Form, und das Reſultat nicht zweifelhaft, weil Allent bei ſeinem ————— 165 Kopf betheuert hatte, daß dem franzöſiſchen Heere nichts an⸗ ders übrig bleiben würde, als Schritt um Schritt vor den beiden großen Armeen des Feindes den Boden der Haupt⸗ ſtadt zu vertheidigen, und Mann für Mann zwecklos der Uebermacht zu unterliegen. Dammartin entfernte ſich bekümmert aus der Umgebung des Königs, und richtete ſeine Schritte nach der Batterie hin, vor ſich wandelnd, hingegeben der größten und beäng⸗ ſtigendſten Ungewißheit vor der Zukunft. Gebückten Hauptes, die Hände auf dem Rücken, ging er durch die Gruppen der Soldaten, die an ihren Geſchützen lehnten, oder auf ihren Torniſtern ruhten, oder in Haufen verſammelt, lebhaft re⸗ dendz, beiſammen ſtanden. Er achtete nicht einer Patrouille von Partiſans, die an ihn herankam. Mit einem Male fühlte er ſich aber feſt umſchlungen und umarmt; rauhbär⸗ tige Lippen drückten einen Kuß auf ſeine Wange, bekannte Laute voll Freude und Jubel tönten in ſein Ohr, und, wie er ſich beſtürzt umſah, erblickte er ſeinen alten Sans⸗Regret, der, alle Schicklichkeit und den Unterſchied des Ranges ver⸗ geſſend, ſtürmiſch, wie es ſein Herz begehrte, das unverhoffte Wiederſehen ſeines Freundes feierte.— So iſt aber der Menſch! Dammartin, obgleich das Innerſte ſeiner Seele dem alten Diener und Freunde entgegenſtrebte, gedachte nicht minder alſobald des Grolls, den er ihm ſeit den Jah⸗ ren ſeiner Gefangenſchaft bewahrt, und ſtieß heftig den In⸗ validen von ſich, daß der alte Mann mehrere Schritte kraft⸗ los zurücktaumelte. Ein ſtarker Knall brach in demſelben Augenblicke los. Rauch und Staub umhüllte die Scene. Dammartin hielt ſich faſt bewußtlos an einem langbärtigen Sapeur, der ihm zur Seite ſtand.„Was iſt's?“ fragte er 166 nach ein Paar Sekunden ſeinen Nachbar.—„Nicht viel, mein Oberſt. Ein Fäßchen mit Patronen iſt in die Luft geſprungen. Das verdammte Tabackrauchen! Ich ſagte es ſchon längſt. Ein Glück, daß Sie einen Schritt auf die Seite ſprangen. Das Teufelspulver ſammt Kugeln fuhr juſt an Ihrer linken Seite in die Höhe.“ Noch war die Verwirrung in der Runde groß; Dam⸗ martin's erſter Gedanke war jedoch Sans⸗Regret. Er blickte durch den verziehenden Pulvernebel mit angeſtrengtem Auge nach der Gegend, wo er ſeinen Alten niedertaumeln geſehen. Er griff ſich wie ein Berauſchter nach dem Orte hin. Der Alte lebte, lebte unverſehrt, und ruhte, auf einem Mantel ſitzend, halb aufgerichtet, in den Armen ſeines Freundes Gaillard. Aber ſein Ausſehen ſchnitt mit bitterm Vor⸗ wurf durch Dammartin's Seele. Wie ſehr alt war Sans⸗ Regret geworden! Wie ergraut ſein ſchwarzes Haar, wel⸗ ches der Zeit zu trotzen ſchien! wie eingeſunken ſein Auge, worinnen jetzt die Zeugen ſeiner verſchmähten Freund⸗ ſchaft und Liebe, Thränen, glänzten, die der Invalide nicht einmal mehr zurückzuhalten und zu trocknen begehrte — Dammartin war auf's Schmerzlichſte bewegt; alles vergeſſend, die Vergangenheit, ſeinen Groll, ſein Vorur⸗ theil, ob gerecht oder ungerecht, knieete er vor Sans⸗ Regret nieder, und faßte deſſen Hand. Dieſe Berüh⸗ rung war eine magnetiſche Arznei für den Invaliden. Neues Leben kehrte auf ſeine Stirne, in ſeinen Blick zurück. Die ſchlaffe Hand wurde wieder rege, ſie drückte zärtlich die Finger des geliebten Freundes, das Auge winkte demſelben mit jugendlicher Freundlichkeit durch den Thränenſchleier zu, und mit dem heftigen Unwillen des ſchwächlichen Alters drehte Sans⸗Regret den Kopf gegen Gaillard, welcher einige Reden vor ſich hinmurmelte, die für Dammartin eben nicht ſchmeichelhaft waren, und ſagte:„Beleidige meinen Oberſt nicht, lieber Gaillard. Ein Freund thut dem Freunde Gutes, ſelbſt wenn er ihn mißhandelt. Hätte mich mein Oberſt nicht von ſich geſtoßen, ſo hätten mich die verfluchten Patronen zerriſſen, und vielleicht den guten Dammartin mit mir. Haben Sie Dank, Herr Oberſt, daß Sie mein altes zuſammengeflicktes Leben gerettet; es bleibt mir doch we⸗ nigſtens die Hoffnung noch, mich vor Ihnen zu rechtfertigen, und meinen Sohn endlich, nach ſo langer, langer Entbeh⸗ rung, wieder zu ſehen!“ Als hier der Invalide, von banger Sehnſucht befangen, das Haupt neigte, ſagte Gaillard mit ſoldatiſcher Derbheit zu Dammartin:„Sie können mir glauben, auf meine Ehre glauben, mein Oberſt, daß mein alter Kamerad niemals Ihres Vertrauens unwerth geweſen. Sehen Sie: wir haben lange zuſammen in meinem Hauſe zu Meaux gewohnt, bis die Invaſion daher kam, und wir lieber vom ruhigen Heerde gingen, um noch einmal als Parteigänger für Frankreich die Waffen zu tragen, ſo gut es mein hölzerner Fuß und mei⸗ nes Kameraden Alter zulaſſen. Sans⸗Regret hat mir oft bei ſeiner Seligkeit und ſeinem Sohne— ſein Höchſtes nach Ihnen— betheuert, daß er nie an einen Verrath gegen Sie gedacht; und ſo gerne ich den Worten des braven alten Jungen unbedingt vertraute, ſo kam mir doch heute die Wahyrheit ſo zu ſagen ſpiegelblank in die Hände. Während mein armer Sans⸗Regret hier verweilte, und ich auswärts auf der Streife ging, ſtieß ich, ohne es zu wiſſen, auf ſeinen Sohn, der in dem Vorzimmer des Königs Joſeph denjenigen Mann gefunden, welcher die Angeberei verurſacht hatte, worunter Sie und Sans⸗Regret nebſt manchen andern bra⸗ ven Männern als Opfer fielen. Der Sohn, unterrichtet durch die Briefe ſeines Vaters, verſäumte keinen Augenblick, den Mann zur Rechenſchaft zu ziehen, und ſchoß ihn vor meinen Augen todt. In den letzten Augenblicken bekräftigte der Sterbende, daß Sans⸗Regret von aller Schuld frei ge⸗ weſen, und daß ihn ſelbſt die Rache geleitet, die er ſeinem verblichenen Bruder ſeit Langem ſchuldete.— Stellen Sie ſich nun vor, mein Oberſt, welche Augen Sans⸗Regret machte, als ich bei meiner Rückkehr ihm Alles erzählte; ma⸗ len Sie ſich ſeinen Schmerz um das vereitelte Glück, ſeinen Sohn zu umarmen; denken Sie ſich ſeine Freude, als er plötzlich in dieſem Getümmel Ihrer anſichtig wurde, und empfinden Sie mit ihm den Jammer, der ihn zu Boden warf, als er ſich noch von Ihnen verkannt, verſtoßen ſah!“ Dammartin konnte auf dieſe heftige Anrede, deren Wahr⸗ heitstreue ihn faſt vernichtete, nichts erwiedern. Er drückte nur ſeinem alten Invaliden wiederholt die Hand, und Sans⸗ Regret verſtand die ſtumme Abbitte ſeines Freundes. Er wäre ihm ja nie mit Gut und Blut, mit Leib und Seele ſo ergeben geweſen, wie er es zu ſeyn ſich zum Ruhm ach⸗ tete, wenn er noch einen Funken von Groll oder Kränkung in ſich hätte behalten können. Die beiden Freunde waren auf dem Punkte, ſich mitten unter dem Waffenlärm, der rings um ſie herrſchte, genügend zu verſtändigen, als ein Adjutant Joſephs den Oberſten zu dem König berief.„Machen Sie ſich bereit, mit dem König von hier abzugehen,“ ſprach der Offizier mit ſarkaſtiſchem Lächeln;„was wir geſtern proklamirten, nehmen wir heute 169 feierlichſt und mit der That zurück. Es geht eben Alles, wie es kann, und darum geht auch der König.“ Dammartin, dem Befehle zu gehorchen, richtete ſich von Sans⸗Regret auf, und ſagte mit männlicher Stimme zu demſelben:„Du hoͤrſt, daß ich ſcheiden muß. Keine Frage, ob in meinem Herzen noch ein Reſt von Verdacht gegen Dich zurückblieb. Sieh' die Scham auf meinen Wangen. Auf Wiederſehen denn, ſobald die Stürme des Augenblicks es zulaſſen.“ „Auf Wiederſehen?“ fragte mit ungläubigem Kopfſchüt⸗ teln der Invalide, und hielt die Hand des Oberſten feſt wie einen Hoffnungs⸗Anker:„darf ein Graukopf von ſechzig Jahren viel von Wiederſehen träumen? Wie bin ich von Alter, Mühen und Wunden ſo geſchwächt, und welche Zu⸗ kunft bereitet mir nicht ſchon vielleicht der nächſte Moment? Geſetzt aber, daß mein Kopf und mein Körper, von Liebe zu Ihnen und meinem Sohne geſtärkt, noch dauernd im Kampfe beſtünde,— wo ſollen wir uns wiederſehen? In dem Hauſe, wo Ihre Gattin meine ſo wohl gemeinte Hülfe aus alter Feindſeligkeit verſchmähte, wo ich vermuthen muß, daß mein Antheil an Lefebre's Tod nur allzubekannt wurde?“ „Nicht doch, Alter. Mont⸗choiſy hat zwar, bevor er im Felde der Ehre fiel, meiner Adele das Geheimniß ihrer Ge⸗ burt, allen Verabredungen zum Trotz, entdeckt, doch kennt ſie nicht denjenigen, der das Leben ihres Vaters zu rauben das Unglück hatte. Mont⸗choiſy ſelbſt kannte ihn nicht.— Darum zögere nicht, Dich in meinem Hauſe zu zeigen, ſo bald es ſich thun läßt. Adele und ich haben viel an Dir gut zu machen, und wir wollen es redlich thun.“ 1V. 4. 12 170 Der Invalide nickte, als ob er überzeugt wäre, mit dem Kopfe, aber Dammartin, hätte er ſich nicht ſo ſchnell von dem Alten trennen müſſen, würde in deſſen Augen den Un⸗ glauben noch lebendig geſehen haben. Gaillard ging dem Oberſten einige Schritte nach, und ſagte vertraulich zu ihm: „Erzeigen Sie mir eine Gefälligkeit, mein Oberſt. Sie werden nach Paris gehen, und ich muß hier zurückbleiben, um für die Truppe zu ſorgen, die ſich freiwillig unter meine Befehle geſtellt hat. Nun bin ich aber im Beſitze eines hei⸗ ligen Depoſitums: der Brieftaſche und Börſe des Artillerie⸗ Offiziers, welchen Sans⸗Regret's Sohn zu Belleville erſchoß. Wollten Sie nicht dafür ſorgen, daß dieſes Vermächtniß in die Hände der Dame komme, für welche es beſtimmt iſt? Entſchuldigen Sie meine Zudringlichkeit; wenn es aber den Preußen einfiele, den Montmartre zu ſtürmen, und eine Kugel ſagte mir gute Nacht, ſo wäre die arme Frau um das Letzte betrogen, was ſie von ihrem Manne zu hoffen hat, und irgend ein toller Koſake thäte ſich gütlich mit den Pfennigen der Wittwe.“ Dammartin erklärte ſich auf der Stelle bereit, den Auf⸗ trag zu übernehmen, ſteckte Portefeuille und Geldbeutel zu ſich, und ſetzte ſeinen Weg fort, indem er dem Rufe Joſephs folgte. Die Majeſtät, nunmehr ſo ängſtlich, wie vor einer Stunde dreiſt, war mit ihrer ganzen Begleitung ſchon auf dem Rückwege in's Innere von Paris. Die Verwünſchungen des Linienmilitärs, der Nationalgarden und des Volkes be⸗ gleiteten die ſchwache Seele.— Ueberhaupt ſchien das Drama ſeinem Ende mit Gewaltſchritten entgegen zu gehen. Wo war die Begeiſterung für den Sieger von Aufterlitz? Wo die Hingebung für den Kaiſer, die bis zum Jahre 1809 in ———— — 171 der Volksgeſchichte Frankreichs, von jenem Zeitpunkte an nur mehr in den Protokollen eines feilen Senats verzeichnet ſtand? Hatte auch auf einen Augenblick der Eintritt der Fremden in das franzöſiſche Gebiet alle Parteiungen ver⸗ ſchmolzen, ſo ſtand doch jetzt der allgemeinen Aufregung die vrohende Gefahr, und das wachſende Mißtrauen gegen die Unfehlbarkeit Napoleon's einem allgemeinen patriotiſchen Aufſchwung im Wege. Das Unglück der letzten Tage hatte die Lage der Dinge und die Richtung der Gemüther ver⸗ ſchlimmert; die Entfernung der Regentin nach Tours, wie das Entweichen Joſeph's im Gefolge der Wagen, die ſeine Schätze hinwegſchleppten, war nicht geeignet, das entſchwun⸗ dene Vertrauen auf's Neue hervorzurufen. Ein Sieg von Bedeutung allein hätte dieſes Wunder vermocht; aber der Adler war müde. Joſeph förderte ſeinen Zug durch Paris ſo ſehr als mög⸗ lich. Im Luxemburg angekommen, verſammelte er ſeine Begleiter um ſich⸗ kündigte ihnen an, daß er beabſichtige, der Kaiſerin zu folgen, wählte diejenigen, die ihn ferner begleiten ſollten, gab den Zurückbleibenden Aufträge an den Senat, nachträgliche Verhaltungsbefehle an die Marſchälle, denen er ſchon, von Montmartre aus die Weiſung zur Ka⸗ pitulation zugeſchickt hatte, und vertraute dem Oberſten Dammartin eine Miſſion nach Vincennes, um dem wackern Gouverneur daſelbſt den Befehl, ſich auf's Aeußerſte zu ver⸗ theidigen, zu überbringen. Hullin ſollte die geeigneten Maßregeln trefſen, um alle Garniſonstruppen aus der Haupt⸗ ſtadt zu ziehen. Dammartin ſchied ohne Rührung von dieſem falſchen Flitterkönig, wenn gleich ſein Herz des 172 erlauchten Bruders deſſelben eine ernſte Erinnerung ſchenkte, und eilte, ſeine Pflicht, vielleicht die letzte im Kaiſerdienſte, zu erfüllen. Noch hielt ſich die Schlacht in der Umgebung von Paris. Dammartin durfte es wagen, einen Augenblick der Vollziehung des Auftrags zu widmen, den ihm Gaillard gegeben. Seine Ueberzeugung ſagte ihm, daß, wenn es auch ihm durch die kleine Verzögerung unmöglich werden ſollte, Joſephs Befehle nach Vincennes zu bringen, dieſelben doch an und für ſich unnöthig ſeyen, weil Dumesnil feſt entſchloſſen, nur mit dem Leben die Vertheidigung von Vin⸗ cennes aufzugeben.— Daher öffnete der Oberſt die Brief⸗ taſche des getödteten Pommereuil, und fand darinnen auf den erſten Blick die Adreſſe der bezeichneten Dame, mit Bleiſtift flüchtig verzeichnet. Wie ſtaunte er! dieſelbe Straße, daſſelbe Haus, worinnen ſeine Familie wohnte! Ein Stock⸗ werk tiefer, an Madame Claude abzugeben. Selig in dem Gedanken, ſomit ſeine Lieben zu umarmen, zu überraſchen, zu tröſten, flog er in das bezeichnete Quartier. Die Pflicht der Menſchlichkeit ging vor der Sehnſucht ſeines Herzens. Er klopfte an das Logis der Dame Claude. Er wurde ein⸗ geführt zu der ſchlicht gekleideten Frau, die den unerwarte⸗ ten Beſuch mit arffallender Aengſtlichkeit empfing. Verle⸗ gen, zerſtreut,— ſeine Gedanken waren ſchon um eine Treppe höher geſtiegen— kündigte der Oberſt den Zweck ſeines Erſcheinens an, und berichtete mit kalter Höflichkeit und Zu⸗ rückhaltung die Cataſtrophe von Belleville. Madame Claude fank erſchrocken und erſchöpft in einen Seſſel. Das Porte⸗ feuille entfiel ihren Händen, die Börſe klirrte zu Boden. Sie ſtarrte mit thränenerfüllten Augen zur Decke auf. Dam⸗ murtins Blick folgte dieſen Augen, und begegnete einem . —9— 173 Bilde, das an der Wand hing, und die Bewohnerin dieſes Zimmers, noch vom Jugendlenze umſtrahlt, darſtellte. Er fuhr zuſammen; er verglich ſchnell die jungen und die geal⸗ terten Züge; ein Geiſt ſchien vor ihm aus dem Grabe zu ſteigen, und außer ſich ergriff er die Hand der Dame, ſah forſchend in das neu betroffene Antlitz, und fragte zitternd: „Erklären Sie mir, um Gottes Willen, wen jenes Bild vorſtellt?“—„Mich ſelbſt, mein Herr.“—„Geben denn die Gräber der Schreckenszeit ihre Beute heraus? Iſt jenes Bild nicht das der Gräfin Esprémenil?“—„Dies war mein Name.“—„Heiliger Gott! Vietor ſteht vor Ihnen, und Sie erkennen ihn nicht? Haben Sie Mitleid mit ihm: entreißen Sie ihn dem unſeligen Zweifel!“ Die Gräfin blickte dem Oberſten ſtarr in's Geſicht, und ſeufzte dann mit überſtrömenden Augen:„Dammartin! Sie ſind's! So iſt der Augenblick da, den ich ſchon ſo lange er⸗ ſehnt, den ich ſchon lange gefürchtet! Vierundzwanzig Jahre liegen zwiſchen Verſailles und dieſer Stunde! was haben wir nicht ſeit dieſer Zeit gelitten! was änderte ſich nicht um uns her? Meiner Heimath ſo getreu, daß ich ſie nicht verlaſſen mochte in den Stürmen der Revolution, opferte ich meine Hand, meinen Namen und alle meine Vorurtheile einem ungetreuen abſcheulichen Manne, deſſen Jugend mich bethörte, deſſen Tücke mich unglücklich machte, und der mich ſeit Langem verließ, um ſich nur im Augenblick ſeines To⸗ des noch reuig meiner zu erinnern o ich habe bitter frühe⸗ res Unrecht gebüßt; ich bin ſo tief geſunken, daß ich, um meine Armuth und meinen Stand zu verbergen, unter einem fremden Namen in der ſtrengſten Zurückgezogenheit wohne, 174⁴ und nur von Almoſen lebe, welche mir die Hand der ver⸗ ſtoßenen Kaiſerin bis jetzt reichte.“ Der Oberſt ſchauderte, aber ſeine Empfindung wurde quälender⸗ als die Gräfin fortfuhr, und ihm erzählte, wie ſie in dieſes Haus gelommen, wie ſie ihres ehemaligen Pfleglings Gattin und Tochter gefunden, wie ſie ſich aus freundlicher Erinnerung an den unglücklichen Gefangenen Dammartin, an die Verlaſſenen geſchloſſen, und wie die Aehnlichkeit ihres Mißgeſchicks ſie an einander gefeſſelt. Mit bitterm Lächeln ſetzte die Gräfin hinzu:„Sogar die Mittel, unſer Daſeyn zu friſten, waren die nämlichen. Während ich aus Malmaiſon meinen Unterhalt bezog, erhielt ihn Adele aus den Tuilerien, aus den Händen der Herzogin Monte⸗ bellv.“ Der Oberſt fuhr auf, und ſchlug ſich wild vor die Stirne. „Unerhörter Schmerz,“ rief er außer ſich:„Die Meinigen bettelten, als ich im Kerker lag! Verdammt ſey der Dienſt des Götzen, der mich in ſolches Elend ſtürzte! Verdammt jede Anhänglichkeit, die ich früher für ihn empfand! Hätte er mich vor ein Gericht geſtellt, der Thrann, und mich er⸗ ſchießen laſſen, zum Lohne des Bundes, den ich mit gegen ihn ſchließen half! Aber mein armes Weib, meine Lochter verkümmern zu laſſen, und mich dem langſamen Kerkertode zu weihen Die Gräfin verſetzte hierauf mit feierlicher Geberde: „So beſtrafen ſich die Irrthümer der Jugend, lieber Victor. Aber die Zeit rollt, die Götzen fallen, und vielleicht geht noch eine ſchönere Morgenröthe über unſern Häuptern auf. Benützen Sie dieſelbe, Victor. Eine ſtarke Partei in Frank⸗ reich ſoll bereit ſeyn, die alte Fahne wieder aufzupflanzen, 175 und die verbündeten Fürſten Europa's zu unterſtützen, die, des ewigen Haders müde, den Dämon der Zwietracht zu zernichten, und die friedlichen Lilien an die Stelle des räu⸗ beriſchen Adlers zu ſetzen begehren. Verſäumen Sie dann nicht die Zeit, Dammartin. Ich rathe Ihnen zum Guten, wie ich oft in Verſailles gethan. Ich bin noch unverändert dieſelbe, und hätte gern mein Blut verſpritzt, um die alte Dynaſtie zu erhalten; nicht minder— um Sie glücklich zu machen, lieber, undankbarer Zögling, obgleich Sie im Glanz der kaiſerlichen Gunſt mir nicht eine Erinnerung ſchenkten.“ „Wie ſollte ich, theuere Wohlthäterin? Sie ſahen mei⸗ nen Schrecken, als ich Sie wieder erkannte. Ich glaubte Sie unter dem Beile der Revolution gefallen. Man nannte Sie unter den Opfern derſelben; ich ſah die Liſte, und Ihr Name fehlte nicht darauf.“ „Meine arme Couſine! die unglückliche Kreolin, die mit mir faſt nichts gemein hatte, als die Liebe für den Thron unſerer Könige! Laſſen wir aber die Geſpenſter jener blu⸗ tigen Zeit. Ich höre, daß ſich zwei Weſen nähern, noch athmend im wechſelvollen Leben, und herbei geführt ohne Zweifel von der ſeligſten Ahnung ihres Geſchicks.“ Die Gräfin eilte auf die Thüre zu, öffnete, und herein⸗ traten Adele und Suzon. Noch ein Moment, und mit einem Schrei freudigen Entſetzens lagen beide an der Bruſt ihres Gatten, ihres Vaters. Die Gräfin zog ſich zurück, um durch ihre Todtenfeier das Feſt der Lebendigen nicht zu ſtören. —————————— Ueuntes Rapitel. ⸗ Fontainebleau. Die Zeit des Unglücks war unwiderruflich hereingebrochen. Das Schickſal eines großen Kaiſerreiches ging unaufhaltſam ſeinem Ende zu. Wohl war der Herrſcher, wie ein Blitz⸗ ſtrahl ſeinen Kriegern vorausfliegend, in der Nähe der Hauptſtadt erſchienen; aber dieſe Stadt war nicht mehr die Seinige. Fremde Gewalten befahlen darinnen, aufgelöst waren die Bande der beſtehenden Ordnung, und im Angeſichte der ver⸗ bündeten Fürſten, die ſich bereiteten, ein kriegeriſches Schieds⸗ gericht aus triumphirenden Siegern zu bilden, begannen zwei einander feindſelig widerßrebende Elemente den gegenſeitigen Vernichtungskampf: die auftauchende Partei des Königthums, und die niederſinkende der Kaiſerherrſchaft.— Der Kriegs⸗ fürſt, deſſen Thron zu wanken begann, vermochte all dieſen Beſtrebungen nur eine unthätige Ruhe entgegenzuſetzen, weil Verrath und Muthloſigkeit ſeine Beſchlüſſe und Kräfte lähm⸗ ten. Aber dieſe Ruhe war die dumpfe Hingebung des Prometheus, der von Felſen und Feſſeln gezwungen, dem gefräßigen Geier ohne Widerſtand den edlen Leib bietet. — — 177 Traurigkeit und Beſtürzung hatten ſich des großen Geiſtes bemächtigt, vor deſſen Planen einſt die Welt zitterte. Im Innerſten der Gemächer des alten Schloſſes Fontainebleau verborgen, zählte der unglückliche Kaiſer die ſchleichenden Stunden, und hoffte vom leuchtenden Tage eine ſieghafte Aenderung ſeines Geſchickes und von den ſtrahlenden Ster⸗ nen der Nacht eine prophetiſche glückliche Deutung für die Zukunft. Es war voraus zu ſehen, daß der mächtige Genius nicht allzulange in den Ketten der Schwermuth, der thaten⸗ loſen Betrübniß ſchmachten würde. Plötzlich erhob er ſich voll der alten Kraft, ſchüttelte die quälenden Laſten der Be⸗ ſorgniß ab, und ging hervor an das Licht der Sonne.„Die⸗ ſer Tag wird unſtreitig ein glücklicher ſeyn,“ ſprach er zu einem Vertrauten, als er die Treppe hinunterſtieg, um ſeine Truppen zu muſtern, die auf der Straße nach Paris in vollem Glanze, als lebte man in dem tiefſten Frieden, auf⸗ geſtellt waren:„Heute kömmt mir Botſchaft aus der Haupt⸗ ſtadt: heute erwarte ich Nachricht von der Kaiſerin und meinem Sohne. Das Glück hat ein Ziel, aber das Unglück nicht minder.“ Die wohlthätige Täuſchung verſtärkte ſich, als er in die Reihen ſeiner alten kampfverſuchten Soldaten eintrat. Mit unbeſchreiblichem Jubel empfingen ihn die erprobten Schaa⸗ ren, in der Sonne leuchteten die Adler und die Sehnſucht der Tapferen in jedem Auge. Das Herz des Kaiſers ging weit auf und er fand die Beredtſamkeit ſeiner ruhmvollſten Feldherrnzeit wieder.„Soldaten!“ rief er mit Begeiſterung, „eine fluchwürdige Verrätherei hat den Feind in die Mauern von Paris geführt. Einige elende Emigranten, die wir aus Mitleid an unſern Heerd wieder aufgenommen, belohnen 178 unſere Milde mit dem ſchwärzeſten Undank. Sie haben die weiße Kokarde aufgeſteckt und ſich mit dem Feinde vereinigt. Die feigen Verräther werden der Strafe ihres Verbrechens nicht entgehen. Wir, die Soldaten von Auſterlitz, leben noch, und ſchwören hier im Angeſichte des Himmels, zu ſie⸗ gen oder zu ſterben, und die ehrwürdigen Nationalfarben zu bewahren, die uns ſeit zwanzig Jahren durch ganz Europa von Triumph zu Triumph führten!“ Der Enthuſiasmus, womit die Grenadiere und die übri⸗ gen Corps der Garden dieſe energiſche Anrede beantworteten, überſtieg ſelbſt die Erwartung des Kaiſers. Die Waffen rauſchten, Fahnen und Federbüſche wehten, die Trommeln wurden gerührt, und über all dieſen Waffenlärm und das Stampfen der Roſſe hinaus ſchallte der zwanzigtauſendſtim⸗ mige Ruf:„nach Paris! nach Paris! zur Stunde nach Paris!“ Wäre die Beſonnenheit des Kaiſers dieſer Begeiſterung gewichen,— hätte er den Befehl zum plötzlichen Aufbruch gegeben— wären die Korps längs der Eſſonne und der Seine mit dem Centrum der Garden aufgebrochen,— viel⸗ leicht hätte das wandelbare Glück das ungeheuere Wagniß geſegnet; denn noch ſtanden fünfzigtauſend Mann dem Feld⸗ herrn zu Gebot, die Bevölkerung von Paris befand ſich in dumpfer Gährung, und die Verbündeten hatten die meiſten ihrer Heerhaufen wieder bis nach Meaux zurückgezogen, um eine mögliche Schlacht unter den Mauern vor Paris zu vermeiden. Doch nein. Selbſt dieſe Hoffnung wäre nur eine trügeriſche geweſen: der Abfall war dem Kaiſer nahe, und ſchon zu Eſſonne waren wohl viele treue Soldatenherzen für ihn, doch nicht mehr die Herzen ſeiner Generale.— Die 6 179 Marſchälle, die er nach Paris geſendet, um mit dem Kaiſer von Rußland zu unterhandeln, kamen zurück, und brachten die Nachricht von Marmonts Uebergang zu der proviſoriſchen Regierung, und von der Weigerung der Verbündeten, ferner mit Napoleon zu unterhandeln. Verzweiflung im Herzen, kehrte der Feldherr nach dem Schloſſe zurück, zog ſich in ſein geheimſtes Gemach, und überließ ſich den trübſten Vorſtellungen. Man ließ ihn nicht lange in dieſer dumpfen Ruhe; ſeine vertrauteſten Freunde, ſeine Gefährten auf ſo vielen Schlachtfeldern, ſeine Genoſſen, wo es galt, die Lorbeerzweige des Ruhms zu pflücken, ſeine Lieblinge, mit Reichthümern und Macht von ſeiner Gunſt begnadigt, durch ihn hervorgezogen aus dem Staube, worinnen ſo manches Verdienſt zu Grunde geht, weil es von dem Genius nicht erkannt wird,— die Marſchälle des Reichs, die ſich zu Fontainebleau befanden, traten zu ihrem Herrn und Gebieter. Als er die Männer anſichtig wurde, in deren Zügen und Ordensſternen die ganze Geſchichte des franzöſiſchen Kaiſer⸗ reichs zu leſen war, glaubte der gebeugte Fürſt ein Hoffnungs⸗ Geſtirn durch die Nacht ſeines Schickſals blitzen zu ſehen. Mit dem Vertrauen, welches doppelt in das Herz desjenigen einzieht, deſſen innere Kraft ſo weit gebrochen iſt, daß nur die Hülfe von Außen ſie wieder aufzurichten vermag, empfing der Kaiſer ſeine Waffenbrüder. Er erwartete aus ihrem Munde Troſt, Beiſtand, die Verkündigung einer glücklichen Wendung ſeines Looſes: ſie ſchienen ihm Herolde der Armee, die ihn auffordere, allen Hinderniſſen zum Trotz⸗ ſie auf's Neue zur Schlacht und zum Sieg zu führen. 180 „Willkommen!“ ſagte er mit gewinnender Freundlichkeit: „Eure Ankunft in meinem ſtillen Gemache iſt eine Arznei für meine Traurigkeit. Ihr verlaßt mich nicht; Ihr haltet feſt bei mir aus. Ich bedarf Eurer, um mich vor mir ſelbſt zu retten. Stellt Euch vor: mein Bote brachte keine Ant⸗ wort von der Kaiſerin zurück. Auch ſie, auch mein Sohn ſind der Gewalt und dem Einfluſſe des Feindes preisge⸗ geben. Ich habe nur noch meine Armee; auf Euch, meine Herren, beruht meine ganze Zuverſicht. Marmonts Verrath hat meinem Vertrauen einen ſtarken Stoß gegeben. Kaum kann ich mich davon erholen. Wer hätte das gedacht? Er war ſeit meiner früheſten Zeit um mich; er hat immerdar mein Glück getheilt. Ich habe mir gegen manchen von Euch, meine Freude, eine Vernachläſſigung vorzuwerfen, während er meiner unwandelbaren Gunſt genoß. Seine Deſertion iſt ein böſes Beiſpiel. Die Truppen werden dar⸗ über empört ſeyn. Der gemeine Mann hängt an mir. Die Verräther ſind nur unter denen, die ich reich gemacht habe. Sie wollen von ihren Schlöſſern aus, an einer üppigen Tafel ſitzend, zuſehen, wie ich im Strome zu Grunde gehe. Aber dieſer Skandal ſoll ſich nicht begeben. Es iſt Zeit, dem Unfuge der främden und der einheimiſchen Verſchwörer ein Ende zu machen. Wir wollen morgen aufbrechen.“ Der Fürſt von der Moskowa, der an der Spitze der Herzoge von Treviſo, Tarent, Danzig, Vizenza, Reggio und anperer das Wort führte, fragte, während die andern finſter ſchwiegen:„Wohin?“ Der Kaiſer fuhr lebhaft fort:„Es bleiben mir noch manche treue Armeekorps; die Aushebung geht im Süden ziemlich raſch von Statten. Frankreich bietet der Schlacht⸗ felder noch manche. Das Kriegsglück läßt ſich an der Loire, in Italien verſuchen. Es muß zu unſern Fahnen wieder zurückkehren.“ Ney erwiederte mit gefalteter Stirne:„Ihr Selbſtgefühl, Sire, führt Sie in Irrthum. Unſere Lage iſt verzweifelt. Die Spanier und Engländer im Weſten, Aufſtand im Sü⸗ den, und die Rhone im Beſitz des Feindes; die Vendee in Rebellion, die Kaiſerin und der König von Rom in feind⸗ licher Gewalt, die Verbündeten zu Paris, und die Hälſte unſerer Truppen von ihren Fahnen abgefallen,— was iſt 6 nun zu hoffen?— Was von Frantreich? Ihre Kriege haben es elend gemacht. Was von Italien? Murat hat Ihnen Gehorſam und Freundſchaft aufgekündigt. Wiederherzuſtellen iſt nicht mehr, was verloren ging. Suchen Sie noch zu retten, was zu retten iſt.“ Der Kaiſer, eine ſolche Sprache nicht gewöhnt, maß den Redner verwundert mit ſeinen Blicken. Aber Ney, ent⸗ ſchloſſen, ſeinen Auftrag bis zu Ende durchzuführen, ſagte ferner:„Kein Zögern mehr, Sire. Ihr Zögern zu Chatillon hat Unglück genug über uns gebracht. Jedes Ding hat ſeine Zeit; die Sucht nach Eroberungen muß auch ihr Ziel erreichen. Sie kennen die Sprache und Vorſätze der Alliir⸗ ten. Dieſe ſind bereit, für Frankreich Alles zu thun, aber eben ſo feſt entſchloſſen, Ihre unruhige Herrſchaſt zu ver⸗ nichten. Geben Sie ein großes Beiſpiel: zeigen. Sie der Welt, daß Sie noch etwas Größeres kennen, als militäri⸗ ſchen Ruhm. Handeln Sie für das Glück Ihres Sohnes. Eutſagen Sie der Krone zu ſeinen Gunſten.“ Der Streich, der unverholen von dem Tapfern der Tapfern nach der empfindlichſten Stelle geführt worden, traf gewichtig 182 und tief. Der Kaiſer ſchwieg vorerſt, wie vor Beſtürzung, ſein Angeſicht wurde blaß, und ein düſteres Gewitter ſtieg in ſeinen Augen auf. Er muſterte einen Moment die Geſichter der umherſtehenden Marſchälle, und begegnete auf denſelben nicht minder der Beſtürzung, die er ſelbſt empfand. Obgleich die Feldherren des Eroberers unter ſich den Gegen⸗ ſtand dieſes verhängnißvollen Beſuchs beſprochen, ſo erſchüt⸗ terte doch einen jeden die von Ney in Worte gekleidete Forderung. Wie gewichtig dann und wann das Joch der kaiſerlichen Herrſchaft auf ihren ſtolzen Nacken gelaſtet haben mochte,— dennoch entſetzten ſie ſich ſchweigend vor der Kühnheit, womit der Fürſt von der Moskowa dieſe Herr⸗ ſchaft zu zertrümmern begehrte.— Der Kaiſer errieth dieſe Empfindung; ſie machte ihm Muth. Mit der Haltung des Gebieters trat er auf Ney zu, und ſagte ihm ſtolz:„Du wagſt es, mit den Feinden des Vaterlandes eine Sprache zu führen? Du ſchämſt Dich nicht, in die Fußtapfen Marmont's zu treten? Kennſt Du die Strafe eines Hochverräthers? Du wirſt ihr nicht entlaufen. Noch hat das Unglück meinen Arm nicht gebeugt; die Kraft von ganz Frankreich ruht darinnen“ Auf dieſe barſche Anrede fand Ney ſeiner Seits den militäriſchen Trotz, der ſich ſo häufig in ihm kund gab, und er erwiederte mit rauher Geberde:„Du irrſt, Bongparte. Frankreich liegt außer Dir, ſeitdem Du aufhörteſt, für deſſen Glück zu handeln. Du verzehrteſt das Vaterland in unerſättlicher Selbſtſucht. Du brachteſt Deinem Ehrgeize die theuerſten Opfer, bringe endlich eines für Frankreich. Unſinniger! reiße wenigſtens Dein Kind nicht mit Dir ins Verderben. Wenn Du dieſe Stunde verſäumſt, ſo iſt es vielleicht auf ewig zu ſpät.“ 183 „Geben Sie nach, Sire!“ riefen beinahe einſtimmig die übrigen Marſchälle, als ſie mit Schaudern ſahen, wie der Groll in Ney's Blicken aufblitzte, und der Kaiſer nur müh⸗ ſam den unbändigen Zorn bemeiſterte, welcher ſeine Bruſt erfüllte. Napoleon aber entgegnete mit erſtickter Stimme: „Unerhörte Beleidigung! iſt dieſes die Sprache meiner Freunde, meiner Waffenbrüder, meiner Unterthanen?“ „Freilich ſind nur wir Deine einzigen Freunde noch;“ rief Ney mit polternder Derbheit:„wir haben unſer Blut für Dich geopfert, wir haben für Dich gewacht, als Du ſchliefſt, wir geben Dir in der letzten Stunde noch den letzten guten Rath. Magſt Du unſere Dienſte verkennen? Haben nicht mehrere aus der Mitte Deiner Marſchälle ihre blinde Anhänglichkeit an Dich mit dem Tode beſiegelt? Haben wir nicht erſt vor wenigen Tagen einem zehnmal ſtärkeren Feinde gegenüber dem Tode in Deinen Schlachten getrotzt? Iſt es unſere Schuld, daß Dein Wahnſinn ganz Europa über unſer Vaterland herwarf, eine Laſt, die uns zu erdrücken droht? Aber Dein Ohr iſt verwöhnt durch die Schmeichelei Deiner Höflinge; man hat Dir ſo lange blind gehorcht, daß Du nicht mehr von der Möglichkeit träumſt. daß dieſer Zuſtand aufhöre. Und dennoch iſt ſie aus, Deine kaiſerliche Komödie. Der geborgte Purpurmantel wird von Deinen Schultern geriſſen, wenn Du nicht vorziehſt, ihn anſtändig ſelbſt abzulegen. Höre unſere Worte, ſtatt uns an Deine Wohlthaten zu erinnern, und an Deine zweifel⸗ hafte Gunſt, die wir mit unſäglicher Arbeit verdient; höre unſere Worte und nenne uns nicht mehr Deine Unterthanen. Wir waren Deinesgleichen und ſind es in dieſem Augenblicke wieder. Mit unſern Degen haben wir die Krone auf Dein . Haupt gehoben, und wollen ſie auf dem Haupte Deines Sohnes erhalten; weigerſt Du Dich deſſen, ſo dulde, daß das Schwert der Fremden ſie von Deinem Scheitel ſchlägt, und Deine Familie hinausſtößt in das Elend,— das ein⸗ zige Erbtheil, welches Deine Raſerei einem Kinde hinter⸗ läßt, das ſchon in der Wiege eine Krone trug und zu hohen Dingen berufen ſchien!“ Der Kaiſer, durch ſo viele ſchonungsloſe Angriffe gereizt, vermochte nicht zu antworten; wohl aber griff er mit con⸗ vulſiviſchem Zittern nach dem Degen, um auf den kühnen Fürſten einzudringen. Ney war auf dem Punkte, dieſer Feindſeligkeit mit den Waffen in der Fauſt zu begegnen, aber die Zeugen dieſes traurigen Auftritts warfen ſich zwi⸗ ſchen die Streitenden, und beſtürmten mit Bitten, Vorwür⸗ fen und Drohungen den hartnäckigen Monarchen, bis er, erſchöpft und überwunden und beraubt aller und jeder Hoff⸗ nung, einwilligte, zu thun, wie ſie verlangten. Er ſprach mit verzweiflungsvoller Bitterkeit:„Ich konnte mich auf Frankreich verlaſſen, deſſen tapferſte Krieger mir die Treue aufſagen? Unter ſolchen Umſtänden iſt freilich nichts mehr zu thun. Die Ahnung, die mich nach der Verſchwörung des Malet überfiel, hat ſich gerechtfertigt. Ich hatte Urſache, vor der Zukunft zu zittern. Sie halten dafür, meine Herren, daß meine Thronentſagung zu Gunſten des Königs von Rom alle Hinderniſſe heben, und den Zorn Europa's beſänf⸗ tigen werde? Ich, frei ſage ich es, bin nicht dieſer Meinung; aber um der Geſchichte die traurige Pflicht zu erſparen, in Frankreichs Annalen eine Kataſtrophe, wie diejenige des Kaiſers Paul, zu verzeichnen, will ich mein Intereſſe und ———— 185 meine liebſten Plane hingeben, und für meinen Sohn und ſomit für Frantreich und Sie alle, meine Herren, ſorgen.“ „Unterſchreibe!“ forderte Ney mit dem alten Trotz, wäh⸗ rend Caulincourt dem Kaiſer ein Papier vorlegte; und Napoleon— unterzeichnete. Die Marſchälle verließen ihn hierauf, und er blieb in ſchwere Träume verſunken. Der dienſthabende Kammerdiener trat zu wiederholtenmalen ein, ohne von dem Kaiſer bemerit zu werden. Seine ſchüchternen Worte verhallten, wie nicht geſprochen, vor dem Ohre des Monarchen. Endlich faßte ſich der Diener ein Herz, und weckte den Gebieter aus ſeinem Hinbrüten, mit lauter Stimme:„Der Oberſt Dammartin, von Ew. Majeſtät zu dieſer Stunde beſchieden, wartet auf geneigtes Gehör.“ Der Kaiſer richtete ſich in die Höhe, rieb ſich heftig die Stirne, und befahl dann den Angemeldeten hereinzulaſſen.— Seiner frühern Gewohnheit zuwider ging er dem Oberſt nicht entgegen, ſondern blieb als wie erſchlafft im Lehnſtuhle ſitzen. Dammartin näherte ſich ihm, verbeugte ſich tief, und begann mit den Worten:„Sire, ich weiß nicht, ob Sie ſich meiner erinnern.....5 „Vollkommen, Oberſt. Wir haben uns lange nicht ge⸗ ſehen. Sie haben ſich ſehr alt gemacht.“ „Ihr Dienſt, Sire, und fünf Jahre zu Vincennes „Ich weiß. Sie ſind kein Glückskind. Ihre Schuld in⸗ deſſen. Sie haben gegen mich komplottirt. Schon um des Beiſpiels willen durfte ich es nicht dulden.“ „Wäre ich ſtrafbar geweſen, ich hätte ſür einen Augen⸗ blick der Verblendung hinreichend gebüßt. Euer Majeſtät beſtellten mir indeſſen leinen Richter⸗ 13 „Aus Freundſchaft für Sie. Sie wären verurtheilt wor⸗ den. Ich liebte Sie noch. Ich hoffte auf die Zukunft. Nun freilich hat alles für mich ein Ende. Was wünſchen Sie?“ „Zuerſt bringe ich Ihnen meinen Dank, Sire, für meine endliche Freilaſſung. Ferner erſuche ich Sie, mir den Eid zurück zu geben, den ich Ihnen als Soldat geleiſtet. Die proviſoriſche Regierung hat mir Dienſte angetragen; ich mochte dieſelben nicht annehmen, ſo lange ich nicht von meinem Kriegsherrn entlaſſen.“ „Dieſe Entlaſſung hatten Sie bereits, ehe Sie in mein Zimmer traten. Ich habe die Regierung aufgegeben. Man fagt, Frankreich werde dadurch glücklich werden. Meinet⸗ halben denn. Der König von Rom wird regieren, und ich will meinen Kohl pflanzen. Ich werde nach gerade zu alt für den Krieg. Die Strapazen beginnen mich anzugreifen. Als Rathgeber bin ich vielleicht noch länger tauglich. In wenig Tagen wird Alles in Ordnung ſeyn. Ich werde Sie der Regentin empfehlen, und meinem Sohne auftragen, für Ihr Alter zu ſorgen. Ich habe Sie vielleicht hin und wie⸗ der vernachläſſigt. Es war meine Laune. Ich wollte ſehen, wie weit Sie es pringen würden, ſelbſt ohne meine Gunſt. Ich bereue es noch nicht. Ich machte wenigſtens in Ihnen keinen Undankbaren. Sie deſertirten nicht von mir, wie Murat, Marmont, Talleyrand, und leider ſo viele andere. Sie kündigen mir den Dienſt auf, wie ſich's gebührt. Das iſt loyal. Mein Sohn wird Alles gut machen.“ „Der Himmel erhalte Ihren erlauchten Sohn, Sire, und kröne ſeinen Scheitel mit Glück. Doch iſt nicht zu Lerhehlen, daß eine mächtige Partei, begünſtigt von den —,—— — „ 187 Alliirten, das Haupt emporhebt, um eine andere Dynaſtie zu proklamiren.“ „Ich weiß. Meine Briefe und die feilen Jvurnale von Paris ſagen genug hievon. Pfui der Niederträchtigkeit! Die Jakobiner möchten gerne die blutige Grenze auslöſchen, die ſie von Hartwell trennt. Thörichtes, verächtliches Ver⸗ fahren! Ich ziehe einen Strich durch dieſe Rechnung. Ale⸗ rander wird meine Gafffreundſchaft zu Erfurt nicht ganz vergeſſen haben. Es geht das Gerücht, der Graf von Ar⸗ tois ſey zu Nanch angekommen. Der edle Herr mag wieder zurückgehen. Wo Napolcon der Zweite herrſcht, ſind der⸗ gleichen Geſpenſter einer alten Zeit überflüffig. Gehen Sie, Herr Oberſt, ich werde für Sie ſorgen.“ Der Oberſt verbengte ſich wieder, und verſetzte mit eini⸗ ger Rührung;„So bleibt mir denn nichts übrig, als von Ew. Majeſtät Abſchied zu nehmen.“ Der Kaiſer erhob ſich langſam von ſeinem Stuhle, ver⸗ ſchränkte die Arme, blickte wie zerſtreut nach dem Fenſter, und antwortete:„Das iſt unſer allgemeines Loos. Schei⸗ den„. ja; das iſt es. Ich bin das Abſchiednehmen ge⸗ wohnt geworden. Lannes, Durve,„ſo viele Brave und nun meine Krone!— Wer mir das prophezeiht hätte, auf den Feldern von Italien, in den Wüſten Aegyptens! So hoch zu ſteigen, und unthätig zu enden?— Wiſſen Sie nichts von meinem alten Fechtmeiſter von Brienne? Wo iſt der hingekommen? Er ſagte mir einſt vor St. Jean d'Acre merkwürdige Worte. Lebt er noch, der alte Murrkopf?“ „Er lebt, lebt jetzt wieder in meinem Hauſe. Er iſt ſchwach geworden, aber der Sohn des alten Mannes hat ſeine Kräfte Ihrem Dienſte geweiht, S 13* „Ja; ich habe ihn nicht aus den Augen verloren. Er ſteht unter den Jägern meiner Garde. Ein braver Offizier, der junge Dieudonné. Ich werde ihn einſt ſchmerzlich ver⸗ miſſen, wie alle meine tapfern Soldaten, die ſich auszeich⸗ neten— wie Sie, Herr Oberſt. Mit Ihrer Tapferkeit war ich immer zufrieden. Adieu.“ Der Oberſt eilte, was er konnte aus dem Pallaſt, um der Bewegung Herr zu werden, die in ihm wider ſeinen Willen aufſtieg. Der Sohn ſeines Freundes begegnete ihm auf dem Platze Ferrara. Die Freude des jungen Mannes war gränzenlos. Der Oberſt mußte ihm erzählen, wie ſich ſein Vater befinde und wie Alles in Paris ſtehe. Das Herz ves Jünglings pochte ängſtlich, als er hörte, wie ſein Vater dabei geweſen, als die feindlichen Colonnen die Anhöhen von Montmartre ſtürmten; er jubelte, zu vernehmen, daß Sans⸗Regret geſund davon gekommen. Er jubelte nicht minder bei der Nachricht, daß die Bevölkerung von Paris mit dem entſchiedenſten Haß die Gegenwart der fremden Truppen in der Hauptſtadt ſehe. „Wir werden bald wieder dort ſeyn!“ frohlockte er mit ſoldatiſchem Feuer?„Paris wird das Grab der Barbaren werden. Unſere Truppen ſind voll Begeiſterung. Das Un⸗ glück ſpannt den Bogen ſchärfer. Die Verrätherei des Her⸗ zogs von Raguſa hat beigetragen, die Heldenſtimmung der Franzoſen zu vermehren. Sein Corps, das man nach Ver⸗ ſailles abgeführt, iſt in vollem Aufſtand. Die tapfern Krie⸗ ger ſehen ſich getäuſcht, und ihre Rache wird ſchrecklich ſeyn.“ „Eitle Hoffnung. Der Kaiſer hat abgedankt, und ſchon iſt der Bote in Paris, der dieſe Abdankung verkündet.“ 189 Victorin erblaßte. Der Oberſt fuhr fort:„Komm auch Du nach der Hauptſtadt, mein lieber, junger Freund. Dein Vater ruft Dich, und nicht weniger die Sorge für Deine Zukunft. Es iſt zu denken, daß derjenige das beſte Lvos ziehen wird, der ſich am erſten zum Dienſt einer neuen Re⸗ gierung meldet. Mache Deine Sache hier ab, und folge mir morgen nach der Hauptſtadt. Was ich vermag, was meine Freunde zu thun im Stande ſind, ſoll bei dem Fürſten von Benevent geſchehen, um Dir ein ſorgenfreies Geſchick zu bereiten, ſorgenfrei und ehrenvoll in der militäriſchen Lauf⸗ bahn.“ Da ſchüttelte der junge Dieudonné mit verächtlicher Miene den Kopf und antwortete:„Mein Schickſal liegt nur in des Kaiſers Hand. Nur Ihm will ich es verdanken. Er hat ſich mir im Kriegsſturm als Vater bewieſen und ich gehe nicht von Ihm, ſo lange er nur noch einen Mann unter ſeinen Befehlen hat. Sagen Sie dieſes meinem Vater, mein lieber Oberſt. Es giebt Verpflichtungen, die ſelbſt eine Thronentſagung nicht aufzuheben vermag. Wenn er mich nicht ſelbſt davon jagt, ſo weiche ich nie von meinem Kaiſer.“ Mit dieſem Beſcheide entließ er den Oberſt, der ſich mißmuthig in ſeine Kaleſche warf, um nach Paris zurückzu⸗ kehren. 5 Es waren kaum acht Tage verfloſſen. Die Garden des Kaiſers zogen gerade von einer Parade ab, welcher Napo⸗ leon nicht beigewohnt hatte. Die Soldaten, ſowohl Offi⸗ ziere als Gemeine, ſprachen mit banger Ahnung von dem beunruhigenden Gerüchte, das ſich verbreitet hatte. Die 190 Verbündeten haiten, wie man hoöͤrte, die Vorſchläge des Kaiſers nicht angenommen, ſondern ihn durch ihre entſchloſ⸗ ſene Weigerung gezwungen, ſowohl für ſich, als ſeine Fa⸗ milie, allen und jeden Anſprüchen auf irgend einen Thron, auf irgend eine Herrſchaft zu entſagen. Hatte ſich der Stolz des Kaiſers ſchon entſchieden gegen den erſten Abdankungs⸗ vorſchlag geſträubt, ſo war ſein ganzes Gefühl empört ge⸗ weſen von den weitern demüthigenden Forderungen des Feindes. Sein erſter Gedanke war, jede Unterhandlung abzubrechen, den Kampf der Verzweiflung einzugehen, und wenn es ſeyn müßte, am Fuße des Thrones zu ſterben. Er hatte ſeine Truppen auf's Neue gemuſtert; einige Corps, wilde Banden, die einſt in Spanien unter den Befehlen des Herzogs von Dalmatien gefochten, hatten den geliebten Herrſcher, den ſie nur als einen ſiegreichen gekannt, mit al⸗ lem Jubel empfangen, und ſeine ſorgenvoll gefaltete Stirne dadurch aufgeheitert. Aber Napoleon zählte die Jubelnden und zugleich die Schweigenden, und es waren der erſteren allzuwenig. Der Rapport des tapfern Oudinot, welcher die Theilnahme der Armee für das fernere Geſchick des Kaiſers ſehr in Zweifel ſtellte, vollendete die Entmuthigung des Herrſchers. Verlaſſen von Allen, unterſchrieb er auch die letzte Entſagungsakte, die man von ihm forderte, und wei⸗ gerte ſich auf der Parade zu erſcheinen, wo die Klugheit ihn gezwungen hätte, die Larve der Zufriedenheit vorzunehmen, und eine Heiterkeit zu lügen, die von ſeiner Stirne fern war. In einzelnen großen Gruppen ſtand die entlaſſene Sol⸗ dateska auf dem Paradeplatz verſammelt, als ein Mann von ziemlich altfränkiſchem Aeußern, obgleich in voller Grena⸗ dieruniform der Garde, durch die Menge hindurchſchritt, —— ———— 191 ſeinen Weg nach dem Schloſſe richtend. Der Mann machte Aufſehen, viele Unteroffiziere und Soldaten zeigten mit den Fingern auf ihn, und riefen und flüſterten durcheinander: „Kennt ihr den, der dort geht? das iſt ja der alte Sans⸗ Regret, der Invalide, der, welcher dennoch die Waffen ſo lange trug; Sans⸗Regret, unſer alter Zeltkamerad, der in Italien gefochten, in Egypten geweſen, zu Boulogne das Kreuz der Ehrenlegion ausgeſchlagen: der vor Saragoſſa gelegen, die Schlacht von Eßling und Wagram mitgemacht! Der Hexenmeiſter, welcher, ſo oft er nur wollte, ſeinem Nächſten anſah, ob ihn der Teufel bald oder ſpät holen würde! Was will er hier, nach ſo langer Abweſenheit? Geht er zum Kaiſer? Es muß wieder etwas Tüchtiges geſchehen, weil der Alte ſich fehen läßt.“ Dieſe Reden, obſchon zum Theil dicht vor den Ohren des Alten geſprochen, zerſtreuten denſelben nicht, und hin⸗ derten ihn nicht, ſeinen Weg fortzuſetzen. Mit der Oert⸗ lichkeit in Fontainebleau ziemlich bekannt, wendete er ſich gleich nach dem großen Hofe, der noch nach dem weißen Roſſe Marc⸗Aurels genannt wird, das einſtens dort geſtan⸗ den. Von dieſem Hofe aus ſtieg Sans⸗Regret mit keckem Fuße zu der Gallerie Franz I. hinan, wo der Kaiſer ſein Quartier genommen.„Was wollt Ihr?“ fragte ein Thür⸗ ſteher den alten Soldaten.—„Den Kaiſer ſprechen.“— „Es iſt nicht möglich, Seine Majeſtät wollen allein ſeyn.“— „Man rufe den Kammerdiener vom Dienſt. Herr Conſtant tennt mich; ich werde Einläß erhalten.“ Alles geſchah, wie der Alte es geſagt. Der Kammerdie⸗ ner ging zum Kaiſer: der Eintritt wurde dem alten Ser⸗ geanten erlaubt. Als Sans⸗Regret in des Kaiſers Kabinet trat, ſtand derſelbe vor einer Karte der Inſel Elba, und wendete wie verdrüßlich den ſchwermüthigen Blick gegen den eintretenden Soldaten. Als er jedoch Sans⸗Regrets Züge genauer unterſchied, wurde er milder, und ſagte:„Guten Tag, mein Alter. Warum in dieſer Uniform? Du hatteſt ſie ſchon lange abgelegt.“ „Ich dachte, Sire, daß ich Ihnen in dieſem Rocke am willkommenſten ſeyn würde.“ „Ohne Zweifel. Es ſchmeichelt mir ſogar, daß Du gerade jetzo dieſe Uniform anlegſt, welche ein Gegenſtand des Haſſes iſt.“ „Ein Gegenſtand der Ehrfurcht, Sire. Und ſelbſt der Haß iſt ja nur ein Kind der Liebe“ „Auch Du kömmſt, um von mir Abſchied zu nehmen? Du weißt es ſchon, daß man mich hinausſtößt aus meinem Frankreich?“ „Sie hätten nie Frankreich das Ihrige nennen ſollen; ſo hätten Sie noch ein Vaterland, und wären dieſes Vater⸗ landes erſte und geliebteſte Magiſtratsperſon. Aber dieſes ſollte nicht ſeyhn. Daher wünſche ich Ihnen Glück zu dem Rücktritt in das bürgerliche Leben. Sie werden es auf Elba nicht lange aushalten, Sire. Die Nußſchaale iſt zu klein für Ihren Geiſt. Ein republikaniſcher Heerd wird Ihnen mit der Zeit viel beſſer zuſagen; da Sie nicht ſelbſt ein Waſhingthon ſeyn konnten, ſo verdienen Sie doch unter Waſhington's Geſetzen als ein freier Bürger zu leben.“ Der Kaiſer lächelte, und fragte mit vielem Wohlwollen und gutmüthigem Scherz:„Du meinſt alſo, mein Freund, ich würde einſt nach Amerika überſiedeln? Möglich. Vielleicht gefällt mir das Miniaturreich Elba in der — That nicht. Vor allem aber, begreifſt Du, müſſen die hohen Mächte meine Emigration erlauben.“ „Das werden ſie auch thun, Sire, ſobald ſie nämlich feſt überzeugt ſeyn werden, daß Ew. Majeſtät fernerhin nicht mehr ihresgleichen ſeyn will.“ „Nicht übel. Ich habe das Regieren ſatt. Undank und Verdruß ſind der Lohn für tauſendfältige Herrſchermühen. Ich will Ruhe haben, wie einſt Splla. Frankreich wird auch ohne mich glücklich ſeyn; ohne meinen Sohn, vielleicht ohne meine Geſetze. Ihr kehrt ja unter den väterlichen Scepter der Bourbonen zurück. Ludwig hat zu Hartwell gelernt, wie man die Franzoſen zu behandeln hat. Vortrefflich, daß man nur nach England zu gehen braucht, um zu begreifen, was man in Frankreich nicht lernte. Friede und Frömmig⸗ keit ſoll wieder bei Euch einkehren; Ludwig will ein patriar⸗ chaliſcher König ſeyn; viel Glück dazu, wenn er meint, in Schlafrock und Pantoffeln, eine Bürgerkrone auf dem Kopf, mit den Franzoſen auszukommen. Wir waren anderer Mei⸗ nung. Auf jeden Fall werdet ihr einen ruhigen König haben, der nie zu Pferd ſteigen wird, um Frankreichs Ju⸗ gend in den Schlachtentod zu führen. Was kümmert es mich! Ich werde in Elba ausruhen, und vielleicht, wie Du ſagteſt, von irgend einem Kaminfeuer in Nordamerika aus, in meinen alten Tagen dem Schickſal von Europa behaglich zuſchauen.“ „Dieſe Worte, Sire, bringen mich ganz natürlich auf mein Anſuchen bei Ew. Majeſtät. Sie werden nur wenige Ihrer treueſten Diener an Ihr ferneres Geſchick heften. Wenn Sie aber gerecht gegen Ihre Freunde ſind, ſo ſeyn Sie nicht ungerecht gegen das Gefühl und die Sehnſucht 194 der Natur. Unter Ihren treuen Offizieren befindet ſich ein junger Mann, mein Sohn, der entſchloſſen iſt, und, wie ich höre, auch erwählt, Ew. Majeſtät nach Elba zu folgen. Wie glänzend auch dieſe Auszeichnung ſeyn möge, und wie gerecht der Eifer, womit der junge Menſch an ihnen hängt, ſo ſteht doch hier vor Ihnen ein bekümmerter Vater, der Sie inſtändigſt anfleht, ſein ſchwaches verglimmendes Alter zu betrachten, und den Sohn nicht von ihm zu reißen. Schon mußte ich ſeit vielen Jahren meines Victorins Anblick und Zärtlichkeit entbehren; eine fortgeſetzte und erneuerte Tren⸗ nung würde mir das Leben rauben, welches auf dem Mont⸗ martre nur ein Wunder mir erhielt. Erhören Sie die Bitte eines alten Soldaten, nehmen Sie meinen Sohn nicht von mir.“ Der Kaiſer ſchwieg eine Weile erſchüttert; dann verſetzte er:„Viele tauſend Mütter, mein Alter, haben denſelben Schmerz empfunden, den meine Befehle ihnen verurſachten; dazumal mußte ich unerbittlich ſeyn, weil Frankreichs und Europa's Wohl die ſchwerſten Opfer zu erheiſchen ſchienen. Jetzt iſt dieſes nicht mehr der Fall. Meine redlichen Freunde ſind zwar gezählt, und es muß mir empfindlich ſeyn, nur einen einzigen detſelben zu miſſen. Dennoch verlange ich nicht, das Herz eines alten Vaters zu zerreißen. Ich weiß ietzt, was es heißt, ein geliebtes Kind zu entbehren. Ich will Deinen Sohn nicht zwingen, mir zu folgen. Warum kam er aber nicht ſelbſt, mir zu ſagen, was er auf dem Herzen hat? Traut er mir zu, daß ich den Bitten eines Vaters entgegen ſeyn würde, die ihm Gehorſam befehlen?“ „Ich habe ihn noch nicht geſprochen, Sire; ich überwand mich, denjenigen nicht zu ſehen, nach welchem meine Seele — 195 ſo ſtürmiſch verlangt. Ich fürchtete doppelten Todesſchmerz, wenn Ew. Majeſtät dennoch auf Ihrem Willen beharren woll⸗ ten⸗ ihn mit ſich zu führen. Der junge Starrkopfwird übrigens, wie ich fürchte, nicht meinen Bitten, ſondern nur Ihrem Befehle, der ihn zurückbleiben heißt, weichen. Geben Sie ihm dieſen Befehl, Sire, und ich will Sie ewig ſegnen, daß Sie die ungeheuerſte Angſt von einem Vaterherzen genommen.“ Der Kaiſer, ohne ſich lange zu befinnen, rief durch einen Zug der Glocke ſeinen Diener herbei. Während er dieſem den Befehl gab, unverzüglich den Lieutenant Dieudonné, der ſich im Dienſt befand, zur Stelle zu ſchaffen, trocknete der Invalide mit ſeinem bunten Schnupftuche den Schweiß von der Stirne und die Thränen aus den ſchwachgeworde⸗ nen halberloſchenen Augen. Der Kaiſer ſagte ihm mit zar⸗ ter Freundlichkeit:„Deine Sache wird gleich abgethan ſeyn; mache Dir's bequemer, lege die ſchwere Mütze von Dir. Laß uns noch eine Minute plaudern. Zerſtreuung thut mir wohl in meiner Lage und in dieſem alten Schloſſe, wo ſo viele der unfreundlichſten Erinnerungen leben. Du ſprachſt von Montmartre. Du warſt dabei. Du ſahſt den Sturm mit an?“ „Das will ich meinen, Sirez“ verſetzte der Invalide mit auflodernder Lebhaftigkeit.„Ich ſah ſie heranklimmen unter Hurrahgeſchrei, und beſtändigem Feuern von unſerer Seite, die Soldaten Blüchers, die in ihrer Uebermacht leichtes Spiel hatten. Von einem Kolbenſtoß getroffen, ſtürzte ich unter die Räder einer Kanone, und machte, da ich alle meine Glieder gelähmt fühlte, den Todten. Indeſſen wurde auf der Lavette deſſelben Geſchützes ein treuer Freund, der nicht von mir laſſen wollte, in allem Ernſte getödtet. Sein Blut * floß auf mich hin, und ich ſchwacher alter Menſch konnte nur heulen und jammmern, aber nicht helfen.— Als indeſſen die Maſſaere vorüber, zogen mich ein Paar mitleidige Fuhr⸗ knechte zum Leben empor, und Langeron, der unter der ruſſiſchen Uniform dennoch ein franzöſiſches Herz trägt, ließ mich gehen, wohin ich wollte. Mein alter Oberſt Dammar⸗ tin fand mich ſo zu ſagen auf der Straße, und führte mich in ſein Haus. Lebte mir nicht ein Sohn, und Dammartin, der wackere Freund, ich hätte nicht gewünſcht, jenen ſchreck⸗ lichen Tag zu überſtehen.“ Der Kaiſer ſah lange finſter vor ſich hin und murmelte, indem er ſeine Uniform haſtig öffnete:„So viele wackere Leute, die um meinetwillen ihr Blut vergoſſen haben! Frei⸗ lich war jener Tag ein verhängnißvoller, ſchrecklicher! Der Schritt des Feindes über den Montmartre ging zugleich über meinen Körper, über den Leib des geſtürzten Feindes. Sie bedienen ſich ihres Rechtes übermüthig, die Stärkeren. Ich babe ihnen ihre Throne, ihre Hauptſtädte, ihre Reiche wie⸗ der gegeben. Mich vernichten ſie dagegen mit einem Streiche, rauben meinem unſchuldigen Kinde ſeine Kronen und ſeine Rechte, und rufeg eine dem Franzoſen fremdgewordene un⸗ populäre Dynaſtie herbei. Und ich, ich muß' all dieſe Gräuel mit anſehen, unthätig in dieſes Schloß gebannt, welches von dem Sturz ſo mancher Größe ein ſtiller Zeuge war! Biron fiel hier in's Elend, Richelieu kam ſterbend hier an, die Wittwe Karls I. wohnte hier, der letzte Stuart auf dem Throne Englands lebte hier im Exil, Monaldeschi, der Günſtling des Glücks und Chriſtinens, fand hier einen ſchau⸗ dervollen Tod. Wahrhaftig, mein Alter, kein Platz in Frankreich wäre würdiger geweſen, mich in dieſen Stunden zu beherbergen, als Fontainebleau. Bizarres Schickſal! ich dachte nur auf dem Schlachtfelde, den Szepter in der Hand, zu ſterben.“— Hier erinnerte ſich der Kaiſer einer früheren Zeit, und ſetzte mit bitterm Lächeln hinzu:„Du haſt es mir freilich vorausgeſagt, alter Prophet. Mich dünkt, ich höre Dich noch neben dem dampfenden Keſſel Deine Weiſſagung ſprechen, gleich den Hexen des Shakespeare. Wie ſteht es jetzt mit Deinem zweiten Geſicht, alter Schnurrbart?“ „Recht ſchlecht, Sire. Wie meine leiblichen Augen ab⸗ nahmen, ſo verloſch auch die Gabe der Weiſſagung. Ich danke Gott dafür. Der ſeltſame Umſtand, daß die meiſten meiner Prophezeihungen eintrafen, hat mir das Leben ſehr verbittert. Möge dieſe leidige Kunſt nicht mehr in mir er⸗ wachen! Ich müßte verzweifeln, wenn ich in den Tagen mei⸗ nes Sohnes den lauernden Tod entdeckte.“ „Nein, mein alter Freund, das Leben ſollſt Du darin finden, neues Leben für Dich!“ rief der Kaiſer, von einer ſchönen Bewegung hingeriſſen, und ſchleuderte den eintre⸗ tenden Victorin, aller Etikette zum Trotz, in die Arme des Vaters, dem rührenden Schauſpiele mit Wonne zuſehend. Sans⸗Regret's Freude war wie die eines Kindes, und Va⸗ ter und Sohn ſchienen ihre Rollen vertauſcht zu haben. Herzlich, aber beſonnen ſprach ſich die Empfindung des Soh⸗ nes aus, während das Alter, das ſich ſelbſt ſchon überlebte, unbeſonnen, heftig, mit naiver Schmeichelei und ammenhaf⸗ ter Zärtlichkeit ſeinen Jubel verkündete. Der Kaiſer ver⸗ gönnte dieſem Schauſpiel einige Minuten, dann aber trat er zwiſchen Beide, und ſagte zu Victorin mit kurzem, bar⸗ ſchem Kommandotone:„Hier ſtebt Ihr Vater, junger Mann. Das Grab iſt ihm nahe, und er wünſcht an Ihrer Hand hineinzugleiten. Daher werden Sie auf dem Continent zu⸗ rückbleiben, dieſe weißen Haare ehren, und— wenn es Ih⸗ nen auch ſchwer fiele mich zu verlaſſen, ſich damit tröſten, 198 daß Sie einem mächtigern Herrſcher dienen als mir: der Menſchlichkeit und dem heiligſten Pflichtgefühl. Dieſes iſt der unabänderliche Wille Ihres Kaiſers, der Ihnen ſtets wohlwollte. Jede Widerrede würde vergebens ſeyn. Sie ſind in dieſem Angenblicke von mir in Ehren entlaſſen. Fol⸗ gen Sie Ibrem Vater, und Ihr beide, meine Freunde, ge⸗ denket zuweilen Euers alten Feldherrn.“ Er verabſchiedete mit freundlichem, aber feſtem Ernſt den Invaliden und ſeinen Sohn. Mit zögerndem Fuße verließ Victorin die Wohnung des geliebten Gebieters, der bald auf immer von dannen ſcheiden ſollte. Aber Sans⸗Regret ließ dem Sohne nicht die Zeit, über den plötzlichen Wechſel ſeiner Lage nachzudenken. Mit der gutmüthigſten Zudring⸗ lichkeit ſeine Arme feſthaltend, als ob der theure Herzensgaſt ſeiner Liebe noch einmal entwiſchen möchte, entführte er ihn nach einem Wirthshauſe, wo Sans⸗Regret's Wagen ſtand. „Du wirſt hier Freunde finden,“ flüſterte er ihm mit der liebenswürdigſten Vertraulichkeit zu,„die ſich mit Deinem alten Vater vereinigen, Deinen Eigenſinn zu beugen. Wenn Du ſie geſehen, ſo verſuche dann noch, Dich mir zu ent⸗ reißen, wenn Du es vermagſt.“ Er ſchob ihn bei den Schultern in ein trauliches Kabinet und Victorin ſah den Oberſt Dammartin, ſammt deſſen Fa⸗ milie vor ſich. Er ſank an die Bruſt des väterlichen Freun⸗ des, er küßte Adelens Hand, und als er die jugendliche ſchöne Suzon begrüßt hatte, weigerte er ſich nicht ferner, ſchon am folgenden Tage in der Geſellſchaft ſeiner Lieben der Hauptſtadt wieder zuzueilen, und die Fahrt nach Elba aufzugeben. Ende des vierten Theils — à Seite Erſtes Kapitel. SLacer von 3 Zweites Kapitel. Shiſe der W Drittes Kapitel. Wiedeſehen Viertes Kapitel. Fünftes Kapitel. Siſti Lob Sechstes Kapitel. Siebentes Kapitel. Stibit Achtes Kapitel. Die Schlacht vor Paris Neuntes Kapitel. S ———— 1 3* 5 S — * — 5½ 5 ———— „ ℳ 4— * * * — . „. O7S g14 seqae