Leihbibliothetk deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 1 Cdnard Ottmann in Gießſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.„ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von F jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe itterleen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und l beträgt: für chentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Büchen: auf 1 Monat: TWr.— Pf. 1F Pf. *„—„. N„ S Kuswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuräckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, rer⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſe Erſatz des Ganzen verpfichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen epe ücher nicht ſtattfinden varf, indem Diejenigen, welche die⸗ von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — 5 * 7 Der Invalide. Hiſtoriſch romantiſche Bilder neuerer Beit. Von C. Spindler. Dritter Theil. Oü peut- on étre mieux, Ou'an sein de sa famille? ——————. Stuttgart, Druck von C. F. Arnold. — 1838. Erſtes Rapitel. Der Ex⸗General und das Patent. Der Frühling blickte wieder mit tauſend Knoſpenaugen von den bereiften Bäumen herab, als eines Morgens in dem Kaffeehaus de la Régence, zu einer Stunde, wo ſich das Publikum noch nicht zahlreich daſelbſt zu verſammeln pflegte, zwei Männer beinahe zugleich eintraten, auf einan⸗ der zuliefen, und ſich herzlich gegenſeitig in die Arme drück⸗ ten.„Guten Morgen, braver Dumoutier! wie lang habe ich Dich nicht geſehen!“—„Behüte Dich der Himmel, lie⸗ ber Dammartin! ich freue mich, Dich wieder zu ſchauen.“ Und die alten Kameraden ſahen ſich ſchnell um, ob kein Spion ihre Reden gehört, und ſetzten ſich dann beruhigt an ein Ecktiſchchen, wo ſie eine geraume Zeit einander anſtarr⸗ ten, ſich noch einmal die Hände drückten, und Dumoutier begann:„Ich bin incognito hier, wie Du Dir leicht denken kannſt, und mein Name iſt, wie Dir ſchon bekannt, vor der Hand Renaud. Nenne daher den Namen meiner Familie nicht. Die Polizei iſt ſehr wachſam, und obgleich die ——— Schreckenszeit vorüber, ſo macht man immer noch mit einem Vendeer kurzen Prozeß.“ „Vergebene Mühe, vergebene Maske!“ rief Victor;„Die königlichen Anführer haben mit der Republik Friede gemacht, und Du kannſt Deine Amneſtiekarte eben ſo gut erhalten,“ wie jeder Andere. Benütze den Augenblick, denn wandelbar iſt das Geſchick der Völker. Die Republik ſiegt durch ihre Mäßigung, wo früher ihr Schwert erlahmte. Die neue Ordnung hat Wurzel gefaßt, und während der junge, von unzähligem Blute gedüngte Baum der Freiheit auf unſerm Boden aufblüht, welken die letzten Reſte des ehemaligen Regentenſtammes unwiderruflich dahin. Laß die Lilien fah⸗ ren, mein Freund, und widme Deine Kraft dem neuen Va⸗ terlande.“ Dumvutier entgegnete kleinlaut:„Ich wollte gerne; aber— was habe ich bisher auf dieſem freien Boden ge⸗ funden? wie lange iſt's, daß noch die Schaffotte aufrecht ſtanden, denen wir nur durch den wunderbarſten Zufall ent⸗ gingen? Man hatte vergeſſen, mich vorzuladen; man ver⸗ gaß, Dich zum Tode zu führen. Der Taumel des Bluts hatte damals die Menſchen verrückt gemacht. Eben ſo leicht⸗ finnig geſchah nachher unſere Freilaſſung, weil den neuen Machthabern daran gelegen war, durch ſcheinbare Milde die Herzen des Volks für ſich zu gewinnen, obgleich ihre Hände nicht minder vom Blut geröthet ſind, wie die des Robespierre und ſeines Gelichters. Man kümmerte ſich we⸗ nig darum, ob ich wirklich Renaud hieß, wie ich behauptete, oder Dumoutier, wie mein Prozeß es haben wollte, ob ich für oder gegen die Vendeer geſtritten, ob ich Marceau's Geliebte eskortirt oder ein anderer; man ſtieß mich aus dem 4 5 Gefängniß, wie man mich hineingeworfen hatte, und ſo ſchwimme ich auf der Brandung fort, ohne zu wiſſen, woran ich mich zu halten hätte.“ „Mir ging es ja noch ſchlimmer,“ entgegnete Victor mit bitterm Lächeln:„Obgleich ich den Zufall noch nicht be⸗ greife, der mir an jenem fürchterlichen Tage das Leben ret⸗ tete, ſo weiß ich doch auch eben nicht, ob ich ihm für die Wohlthat verbunden ſeyn ſoll. Wie man mir Glück wünſchte, ſowohl meine Mitgefangenen als ſogar meine Hüter, da man mich in dem Winkel, wo ich ſchlief, aufgefunden! mit welcher Freude man mir erzählte, daß nun aller Schrecken vorüber, daß nun mein Haupt ſicher! wie man mich jubelnd umſtand, als endlich Marceau's Reklamation, ſo lange un⸗ berückſichtigt, meinen Kerker öffnete! und was hab ich nun? nicht genug, daß ich in der äußerſten Ungewißheit über Gabrielens Schickſal verblieb, nicht genug, daß mir unbe⸗ kannt iſt, ob nicht mein wackerer Sans⸗Regret und der rechtſchaffene Grognon für meine Sache ihr Leben laſſen mußten, ſo bin ich auch in die grauſamſte Unthätigkeit ver⸗ ſetzt. Vergebens habe ich bei dem Kriegsminiſterium um Wiederanſtellung gebeten; vergebens mich deßhalb, wiewohl ungern, an Freund Marceau gewendet. Die Poſt bringt für mich keine Briefe, und das Kriegsbureau hat für mich kein Patent. Und dennoch hänge ich mit voller Liebe an dem Vaterlande, obſchon es mich beinahe erwürgt hätte, ob⸗ ſchon es mich faſt verhungern läßt.“ Ein ziemliches Geräuſch unfern von ihnen lockte den Blick der Kameraden nach der Seite, wo, an einem Tiſche allein, ein junger Mann in ab⸗ getragener Offiziersuniform ſaß, und ſeine Bavarviſe ver⸗ zehrte. Der hagere, gelbe und düſter blickende Mann hatte 6 die Taſſe mit ungeduldiger Heftigkeit von ſich weggeſtoßen, und raſch ein Zeitungsblatt ergriffen, das er zu leſen ſchien. Aber ſeine Augen ſchielten nach Victor und Dumoutier, und bewieſen, daß er gehört, was beide geſprochen. „Der Bürger nimmt lebhaften Antheil an unſerm Ge⸗ ſpräch;“ ſprach Dumoutier ziemlich verſtändlich;„unſere Worte haben ihn unſanft berührt. Sprich leiſer, mein Freund, und zwar aus Gründen.“ Der Offizier drüben runzelte ſehr die Stirn, erwiederte aber keine Sylbe, ſondern ſaß feſt und unbeweglich da, mit ſpöttiſchem Lächeln um den feſt zuſammengeklemmten Mund. „Du thuſt dem Mann wahrlich unrecht, wenn Du ihn für einen Agenten des Convents hältſt;“ flüſterte Victor dem Freunde zu;„er iſt in derſelben Lage, wie ich, und begehrt ſeit geraumer Zeit vergebens einen Poſten in der Armee, obgleich er ſich bei Toulon ausgezeichnet haben ſoll. Der neunte Thermidor brachte ihm Unheil. Man ſperrte ihn, des Jakobinismus verdächtig, ein, und läßt ihn, nachdem man ihn endlich freigegeben, dem äußerſten Mangel zum Raube, ſtatt ſeinen Kopf und Arm zu verwenden.“ Hierauf ſagte Victor mit leichtem Kopfnicken gegen den Fremden: „Guten Morgen, mein General.“ Der Offizier erwiederte ein trockenes:„Guten Morgen⸗ Kamerad.“ Victor fuhr nun vertraulicher zu Dumvutier fort:„So lebe ich denn alſo jetzt hin, und zehre von der Hoffnung und von dem Credit, den mir ein Paar redliche Leute ſchen⸗ ken. Seit der Zeit, als Du in Agen warſt, um Deine Verwandten zu beſuchen,— es ſind wohl jetzt vier Monate her— hat mich nichts zerſtrent in meiner traurigen Lage, 1 als dann und wann ein Beſuch bei der allzureizenden Adele. Freund! ich fühle, daß dieſes Mädchen meinem Herzen ſehr gefährlich werden muß; und dennoch könnte ich mich nicht entſchließen, ſie durch eine Werbung in Unruhe zu verſetzen, noch viel weniger ſie an das Geſchick eines Unglücklichen zu ketten, deſſen böſer Stern alle diejenigen in's Verderben riß, die Theil an ihm genommen. Wahrhaftig! mir graut, wenn ich der Vergangenheit einen Blick ſchenke. Meine fürſtlichen Wohlthäter in das Elend gejagt, die Gräfin D'Espremenil auf dem Schaffot verblutet, das Fräulein von Sombreuil im tiefſten Schmerze dahinſchmachtend auf den Gräbern ihres Bruders und ihres Vaters, den ihre unend⸗ liche Kindesliebe nur aus der Todesgefahr befreite, um den Tyrannen Gelegenheit zu geben, ihn ſpäter deſto ſicherer zu treffen!— Dieſen Morgen, noch im Traume, ſah ich erſt wieder die Unglückliche, gehüllt in ſchlep⸗ pende Trauergewänder, mit lilienblaſſem Angeſicht und dunkel ſtarrenden Augen, aus denen einſt Fröhlichkeit und Muth leuchtete, während jetzt grollender Schmerz ſich darinnen barg. Warum mußte ſogar im Traumbild mein Anblick die Aermſte erſchrecken? O, ſie hat mir nicht vergeben! dieſe ſtarke Seele, welche feſt an den Vorurthei⸗ len ihrer Jugend hängt, wird nie aufhören, den zu haſſen, den ſie für einen Ueberläufer hält. Ich habe ſie mit allem Feuer der Leidenſchaft geliebt; ich darf ſagen, daß ich ſie noch nicht vergeſſen; aber nimmer kann eine Vereinigung zwiſchen dieſen feindlichen Elementen ſtatt finden. Als Jünger der Freiheit ſehne ich mich nach einem Weibe, welches eben⸗ falls und unerſchütterlich die heilige Sache verehrt. Dieſes Weib wäre Adele Montchoiſy. So ſehr ihre Muhme dem Königthume anhängt, ſo eifrig lebt ſie für die Republik, und dabei iſt ihr reines Herz ſo empfänglich für alles Edle, und für die zarteſten Gefühle, denen die Menſchenbruſt Raum giebt; aber ich plaudere und ſchwatze, ohne zu be⸗ denken, daß das Grab mir erwünſchter ſeyn ſollte, wenn ich meine Lage prüfe, als die Liebe eines Weibes, dem ich nichts als Mangel zu bieten hätte.“ Dumvutier fragte mit Theilnahme nach Adelens Befin⸗ den, ob ſie noch bei ihrer alten mütterlichen Freundin lebe, ob von dem Vater ſchon Nachricht und Unterſtützung ein⸗ gelaufen. Victor erwiederte, daß Adele noch bei ihrer Amme lebe, daß der Vater, dem man das Kommando von Lyon anvertraut, verſprochen habe, die Tochter zu beſuchen, und daß Adelens einziger Kummer nur in der Ungewißheit, was aus Gabrielen geworden, beſtehe, wie in dem Umſtande, daß jener Geſchworne vor dem Revolutionstribunal, der, ein ehemaliger Diener Montchviſy's, in einer ſeltenen An⸗ wandlung von Großmuth und dankbarer Erinnerung für Montchoiſy's Tochter das Wort ſigreich geführt, jetzt in einen Prozeß verwickelt ſey, der ihn, den gräßlichen Fou⸗ quier, und alle übrigen Geſchwornen des Blutgerichts mit der Todesſtrafe bedrohe. „Welche Gräuel haben wir hinter uns!“ rief Dumvutier ergriffen:„und noch ſoll des Bluts nicht genug gefloſſen ſeyn, um den Bau des Staats feſt zuſammen zu kitten?“ „Wenn das Volk den Meiſter ſpielt, ſo kann man das Ende nicht berechnen;“ miſchte ſich der fremde Offizier in das Geſpräch:„Ich habe das am zehnten Auguſt ſchon ge⸗ ſagt. Der König verdankte nur ſeiner Schwäche den —ᷣᷓ,— Untergang. Mit vier wohlbedienten Sechspfündern hätte ich ie ganze Volkscanaille vom Platze weggefegt. Ludwig aber ſein Schickſal durchmachen. Es giebt eine Vor⸗ herbeſtimmung. Man kann ihr nicht entgehen. Die unfrige, Bürger Lieutenant, ſcheint die zu ſeyn, für die Republik Hungers zu ſterben. Aber der Zuſtand der Dinge kann nicht lange dauern. Die Jakobiner zucken noch, und all' dieſe Regierung taugt nichts. Man muß den Manövres mit ein Paar derben Kartätſchenſchüſſen ein Ende machen.“ Victor bemerkte, daß ihn wundere, wie der General, der ſolche Grundſätze äußere, als Jakobiner verfolgt werden könne. Der Letztere verzog wieder den Mund ſpöttiſch, und verſetzte:„Der Deputirte Beffroi, der mich arretiren ließ, iſt ein einfältiges Thier. Sie ſind alle ſo. Aubry, bei dem ich ſchon ſeit Monaten eine Stelle ſollizitire, iſt es nicht minder, wie überhaupt der ganze Wohlfahrtsausſchuß. Sie ſtoßen die willigſten Köpfe zurück. Es wird ihnen heim kommen. Meine Geduld iſt zu Ende. Ich gehe nach Kon⸗ ſtantinopel. Es iſt, als hätt' ich den Paß ſchon in der Taſche. Dort läßt ſich eher abwarten.“ Victor horchte hoch auf, und ſagte, von dem Gedanken ergriffen:„Ach General,— wie gerne wäre ich mit von der Parthie. Wir wollten ſchon dort unſern Weg machen. Aber wie hinkommen? ich ermangle des Geldes.“ „Und ich habe kein's;“ entgegnete der General phlegma⸗ tiſch:„Es iſt ſchade um Deine guten Dispoſitionen, Bürger, Du gefieleſt mir ſchon als Reiſegefährte. Wer weiß, wie uns noch der Zufall zuſammen führt. Wenn ich jemals etwas thun kann, was Dich freut, ſo wird's gerne geſchehen.“ 10 Der General ſtand auf, drückte den Hut in die Stirne, und ging, ohne weiter von den Andern Notiz zu nehmen, aus dem Saale. „Wie heißt denn der lakoniſche Mann?“ fragte nun Du⸗ 3 moutier, und Victor erwiederte:„Sein Name iſt mir ent⸗ fallen. Ich habe ihn nur ein einzigmal gehört, und ich weiß nur noch, daß der General in Corſika geboren.“ Ein Tumult wurde vor der Thüre laut. Das Zimmer füllte ſich plötzlich mit Menſchen, die ſich lärmend erzählten, daß ſich in dem Nachbarhauſe ein Frauenzimmer aus dem dritten Stockwerk auf die Straße herunter geſtürzt. Alle drängten ſich um den Doctor Joubert, der gerade herein kam, und befragten ihn um die Details, und wie es um die Aermſte ſtehe. Der Doctor erwiederte, daß ſie ſchon verbli⸗ chen, und daß dieſer Unglücksfall eine Folge des Wahnfinns„ ſey, worein der gräßliche Henkertod ihrer beſten Freundin das Mädchen ſchon ſeit beinahe einem Jahre geſtürzt.„Ach wahrhaftig:“ fuhr der Doctor in einem gewiſſen Eifer fort: „Der Himmel mag es den Ungeheuern vergeben, wie ſie in 1 dem ſchönen Frankreich gehauſet haben. Tauſende von Fa⸗ milien ſind elend geworden, und die Irrenhäuſer, wie die menſchenfreundlichen Privatanſtalten dieſer Art, die hin und wieder exiſtiren, und von denen ich ſelbſt eine dirigire, wimmeln von Kranken, die die Revolution verrückt gemacht hat. Leute aus allen Ständen, Niedere wie Vornehme, find dort dem Hunderte nach zu zählen. Ich benutze dieſe Gele⸗ genheit, ihr redlichen Bürger, um bei Euch eine kleine Collecte zum Beſten eines Mannes zu eröffnen, den ich Morgen aus meinem Hauſe am Montmartre, zum Glück oöllig geheilt, entlaſſe. Das Mitleid, welches der Auftritt von vorhin in Euerer Seele erweckt hat, wird meiner Bitte ein gewichtiges Wort reden, wenn auch nicht die Umſtände, die den wackern Mann wahnſinnig gemacht haben, ſo wun⸗ derbar wären, als ſie ſind. Ein armer Landmann, kömmt er hieher, um einen Freund zu beſuchen, der unſchuldig im Gefängniß liegt. Wie erſchrickt er, da er hört, daß dieſer Freund bereits zum Tode verurtheilt iſt, und nur noch eine Stunde zu leben hat. Es war am neunten Thermidor. Er fliegt nach der Conciergerie, findet Mittel hinein zu dringen, und entdeckt ſeinen Freund, unbekümmert und un⸗ bemerkt in irgend einem Winkel eingeſchlafen, während deſſen Todesgefährten ſich ſchon zum letzten Gang rüſten. Er hat nichts Eiligeres zu thun, als beim Verleſen des Namens ſeines Freundes hervorzutreten, und ſich edelmüthig für ihn auszugeben.“ „Was der Wahnſinn doch nicht alles thut;“ bemerkte Einer der Umherſtehenden. „Ja ja; da war es ſchon nicht mehr richtig mit ihm;“ fügte ein Anderer hinzu. Der Doctor fuhr fort:„Schon ſaß er auf dem Karren, ſchon ſtand derſelbe auf dem Platz der Baſtille, als das Volk, wie Euch bekannt, mit der Wache Händel anfing⸗ Der Verdammte Henriot kam dazu ünd vereitelte das gute Vorhaben, jedoch hatte ſich mein Mann während des Zankes frei zu machen gewußt, und war einige Gaſſen entlang ge⸗ ſprungen. Da fand ihn der Commiſſionair Thomas. Er war außer ſich, wie vom Schlag gerührt, und hatte nicht einen einzigen geſunden Begriff mehr im Kopfe. Wie denn nun Thomas ein guter Burſche iſt, ſo brachte er ihn zu mir, und ich darf mich rühmen, daß ich ihn vollkommen hergeſtellt habe. Dieſes war um ſo ſchwerer, als er ſchon öfters nicht recht bei ſich geweſen, indem ein Skalpelhieb, den er in Amerika empfangen.. Victor war leichenblaß aufgeſprungen, fiel der Rede des Doctors in die Zügel, und riß denſelben, während der Gargon ſammelnd herumging, in eine Ecke des Zimmers, wo er bald erfuhr, daß Sans⸗Regret lebe, daß Sans⸗Regret derjenige ſey, von dem der Doctor geredet, und daß er dem Invaliden allein ſein Leben verdanke. „Er iſt geheilt? er iſt unverſehrt?“ jubelte der dankbare Victor, indem er den Doctor umhalste:„Bürger, Du giebſt mir meine Seligkeit zurück. Vollende aber Dein Werk. Führe mich zu ihm. Ich darf dieſes als ein Recht fordern. Denn ich bin es, für den er ſich geopfert.“ „Gerne! gar zu gerne!“ verſetzte der überraſchte Doctor: „Ich bin ſelbſt froh für den armen Teufel, den ich bisher nur um der Barmherzigkeit willen behandelte. Doch wär' es mir angenehm, wenn der Beſuch ſich bis Morgen früh verſchieben ließe. Ich muß das Gemüth des Geneſenen erſt prüfen, ob es auch im Stande ſey, eine ſolche Erſchütterung bereits zu ertragen. Ich fürchte ohnedies, daß eine ſire Idee noch zurückgeblieben ſeyn dürfte. Er plauderte mir ſo viel von ſeiner wohlhabenden Familie in Bretagne vor⸗ daß ich endlich, obſchon ungläubig, an die Adreſſe ſchrieb, die er mir angab. Die Antwort hätte längſt da ſeyn kön⸗ nen, aber dennoch verzweifelt er nicht, daß nicht Morgen ſeine ganze Famile erſcheinen werde, um ihn feierlich abzu⸗ holen. Ich möchte erſt darüber im Reinen ſeyn, und dann, Bürger Offizier... „Genug; auf Morgen alſo, in Deinem Hauſe!“ unterbrach Victor den Doctor ungeſtüm, der ihm ſeine Adreſſe gab, und ſich bald darauf entfernte. Noch hatte ſich aber Victor nicht von ſeiner Ueberraſchung erholt, noch nicht Zeit gefunden, dem Freunde den Zuſammenhang mitzutheilen, als ſchon ein Aufwärter herbei trat, und ihm ein Packet überreichte, das für ihn hier abgelegt worden. Er riß es auf, ward bleich, dann roth, umarmte endlich den Freund, und rief gerührt:„So kömmt denn kein Glück allein, wie auch kein unglück. Meinen Sans-Regret hab' ich wieder gefunden, und hier ſendet mir Marceau von der Sambre⸗ und Maas⸗ Armee ein Kapitänspatent, mit der freundſchaftlichſten La⸗ dung, ſo ſchnell als möglich bei ihm in Coblenz einzutreffen. Der Ex⸗General hatte Recht, als er ſagte, daß ein Fatum über uns herrſche. Marceau hat mir hier Eredit eröffnet. Laß uns eine Flaſche Champagner trinken, um den glücklich⸗ ſten Tag meines Lebens zu feiern. Die Vorſehung ſchenke uns immer ein ſo gutes Theil am Daſeyn!— Apropos: jetzt fällt mir der Name des Generals ein. Er heißt Bo⸗ naparte.“ Zweites Rapitel. Neuer Bund. Sie ſtanden an der Glasthüre, die in Sans-Regrets Zimmerchen die Ausſicht frei ließ. Der Invalide war be⸗ ſchäftigt, ſeinen Torniſter zu packen, und pfiff halb laut einen alten Infanteriemarſch durch die Zähne.„Es iſt zu bemerken,“ ſagte der Doctor zu dem neben ihm ſtehenden Victor,„daß ſeit geſtern Abend eine bedeutende Aenderung in dem Zuſtande des Geneſenen eingetreten iſt. So wie ſeine Gehirnfibern vorhin noch einem unruhig zuckenden Meere glichen, ſo ſcheint jetzt ſein Gemüth geebnet, wie ein Spiegel. Ich glaube daher, daß es keiner Gefahr un⸗ terliegen wird, wenn wir mit der Entdeckung keck heraus⸗ rücken.“ Victor nickte beifällig, meinte jedoch, man müſſe das Wiederſehen nicht zu heftig herbeiführen.— In dieſem Au⸗ genblicke drehte ſich Sans⸗Regret raſch nach der Thüre, und hatte Victors Geſicht bemerkt, ehe derſelbe ſich zurück⸗ ziehen konnte. Er riß die Augen weit auf, rieb ſich hierauf dieſelben, als ob er aus tiefem Schlaſ erwachte, ſeine ſtraffen 15 Züge verwandelten ſich nach und nach in lächelnde, und als Victor langſam die Thüre geöffnet hatte, trat der alte Freund gefaßt, aber tief gerührt an ihn heran, und bewill⸗ kommte ihn mit einer überraſchenden Weichheit. Der Doctor ſtand von Ferne und rieb ſich vergnügt die Hände. Sein Werk war gelungen, und keine Ueberſpannung an dem Geneſenen ſichtbar. Victor war weit angegriffener, als er ſich von dem Invaliden umarmt fühlte, und ſich mit den zärtlichſten Schmeichelnamen begrüßt hörte. „Ich wußte wohl,“ ſagte Sans⸗Regret mit einem recht milden Lächeln,„ich wußte wohl, daß ich Dich noch einmal ſehen würde, weil einer hinter den Wolken lebt, der die Sterne regiert, wenn er auch in Frankreich keinen Tempel mehr hat. Ich durfte doch als Preis für mein langes Lei⸗ den dieſes Wiederſehen erwarten. Nicht wahr?“ Victor weinte auf ſeines Freundes Bruſt Thränen der Rührung, und ſtammelte Sylben des Dankes. „Bewahre, bewahre; ich bitte zu ſchweigen;“ verſetzte der Invalide und ſtreckte ſich militairiſch.„Du erzeigſt mir zu viel Ehre, Bürger Offizier. Das mußte ſo kommen, weil alles in der Welt ausgemacht iſt, bevor es an's Tags⸗ licht kommt. Ich war zu großen Leiden beſtimmt, eh' ich geboren wurde, und muß denn mein Erbtheil ſo hinnehmen Aber diesmal, lieber Victor, diesmal habe ich viel ausge⸗ ſtanden. Den Schädel habe ich zwar vom Beil errettet, aber die Ungeheuer hatten mir meinen moraliſchen Kopf ab⸗ geſchlagen. Ich glaube, daß ich noch nie ſo verrückt gewe⸗ ſen, wie in den letzten Tagen. Das Glück ſegne den wackern Arzt, der mir wieder aus der Schlinge half. Mein Schwiegervater— ich bin gewiß, daß er heute kömmt— ſoll entrichten, was ich dem Doctor an Gelde ſchuldig bin: Das Uebrige— die Sorgfalt, die Liebe— läßt ſich nicht bezahlen. Dann aber, guter Victor, dann bleiben wir bei⸗ ſammen; das iſt mir aufgetragen von dem Schickſal.“ „Was könnte mir lieber ſeyn?“ entgegnete Victor:„Du vergiſſeſt aber Deine Familie. Du haſt ja wieder eine Heimath, Sans⸗Regret. In den Armen der Deinigen iſt Deine Stelle, und ich hoffe, noch recht lange.“ Der Invalide ſchüttelte den Kopf, und indem er ſich, wie verlegen, die Haare aus der Stirne ſtrich, ſagte er langſam: „Nicht doch, Kapitän. Ich ſehe jetzt erſt die Epauletten auf Deiner Schulter, und wünſche Dir Glück zum Avance⸗ ment. Nicht doch alſo, Kapitän. Ich werde St. Colombe ſchwerlich je wieder ſehen. Sich: was ſollt' ich auch dort? ich bin geſtern erſt damit auf's Reine gekommen. Die Suzon hat gewiß meine Abweſenheit nicht überlebt. Sie hing ſo feſt an mir. Weißt Du noch, wie ich an jenem Abend mit der Frau wegging, die Du mir anvertrauteſt? Wir hatten einen ſchweren Weg zu machen. Da galt es alle Liſt und Verſchlagenheit, die ſich in meinem armen Kopf zuſammen⸗ finden ließ. Je nun,— wir kamen durch, waren am dritten Tag zu Dinan, und ich wich nicht eher, als bis ich mit eigenen Augen die gute Frau in der Schaluppe abfahren ſah, die ſie nach dem engliſchen Schiffe brachte. Hierauf kam ich erſt zurück nach Hauſe, und fand meine Suzon im Bette. Schrecken und Ungewißheit hatten ſie krank gemacht⸗ und ſie ſagte mir: Dieudonné! wenn Du noch einmal von mir gehſt, ſo iſt es mein Tod.— Ich verſprach ihr natür⸗ lich, nie mehr von ihr und dem Kinde zu weichen, und brach ſchon in der nächſten Stunde mein Wort. Wie konnt' 17 — ich auch daheim bleiben, als ich erfuhr, wie man Dich hin⸗ weggeſchleppt, in welchen Gefahren Du ſeyeſt! voll von Angſt lief ich in der Nacht fort, während Frau und Kind ſchlief, und kam nach Mans, um daſelbſt arretirt zu werden, weil ich keinen Paß hatte. Man hätte mir beinahe gethan, wie dem guten armen Grognon, den man zwei Tage nach meiner Ankunft als einen Spion erſchoß.“ Victor konnte ſich einer raſchen Bewegung des Entſetzens nicht erwehren. Der Invalide fuhr gleichgültig fort:„Das geſchah mir zwar nicht, aber dennoch ſaß ich manche Woche, bis man mich endlich frei ließ. Statt aber nach meiner Gemeinde mich zu begeben, die mich reklamirt hatte, und zu Suzon, die mich erwartete, lief ich nach Paris, und das nebrige weißt Du. Ich bin weit über ein Jahr vom Hauſe weg, und gewiß hat Suzon das Herzeleid nicht überlebt. Meine Ahnungen trügen mich nicht.“ Der Arzt ſuchte ihm dieſe Meinung mit Heftigkeit aus⸗ zureden; Sans⸗Regret verſetzte jedoch nur, ſehr beruhigt: „Du kennſt mich nicht, Doctor. Mein Kapitän wird mir aber das Zeugniß geben, daß ich recht und genau rathe. Denke an Mirabeau's Schmaus vom fünften Oktober 1789. Das Geſicht iſt vollkommen in Erfüllung gegangen. Das letzte Haupt, das letzte Opfer, iſt am zehnten Thermidor gefallen: der Kopf des St. Juſt. Und wir leben noch, Kapitän! Darum laß uns nicht von einander gehen. Sieh: ich wäre ja ganz verwais't, und meine Beſtimmung wäre verfehlt, denn von nun an kann und will ich nur für Dich leben, bis mein Sohn herangewachſen iſt, der alsdann meine Stelle vertreten, und Dir einſt die Augen zudrücken wird, wie ich Fnm Vater gethan, und wie ich es von Dir erwarte.“ 3. 2 — Die Klingel des Hauſes wurde gezogen, und des Doc⸗ tors Bedienter meldete die Ankunft eines Landmanns, der weit herzukommen den Anſchein habe, und nach ſeinem Schwiegerſohn Dieudonné frage.— Der Doctor und Victor ſahen ſich bedeutend an, und dann mit etwas Grauen auf den Invaliden, deſſen Mund ſchmerzlich lächelte, während ſein bleiches Geſicht beinahe die hippokratiſchen Züge an⸗ nahm. Seine Bruſt ſchien einen fürchterlichen Sturm durch⸗ zumachen, doch trat eine unerklärliche Ruhe an die Stelle deſſelben, bevor noch Suzon's Vater in die Stube kam. Der Schwiegerſohn ging dem Alten freundlich und gefaßt entgegen, drückte ihm die Hand, und ſagte ihm mit ſanftem Ton:„Wir haben uns lange nicht geſehen, Vater.“ Der Pächter ſtieß einen Seufzer aus, und erwiederte trocken:„Es wäre auch in zehn Jahren noch Zeit geweſen, wie doch jetzt einmal in St. Colombe die Sachen ſtehen.“ „Was macht mein Sohn, der kleine Victor?“ fragte der Invalide kleinlaut. Mit derſelben Bretagner-Kälte, wie oben, verſetzte der Pächter:„Ei, der Kleine iſt recht wohl auf, und läßt ſich Marzellinens Milch herrlich ſchmecken. Du kennſt die Frau des Wagners bei der Kirche. Wir haben ſie als Amme zu dem Kind thun müſſen.“ „Und die Schwiegermutter?“ fuhr Sans⸗Regret nach einem kleinen Stillſchweigen fort:„Iſt ſie wohlauf?“ Der Bauer antwortete phlegmatiſch:„Als ich den Brief dieſes Herrn erhielt— dieſes Bürgers, wollt' ich ſagen— und von Hauſe wegging, hatte meine Alte die Gicht. Es iſt kein Wunder, weil jetzt das Hausweſen ganz auf ihr liegt.“ „So2“ Nun entſtand ein tiefes Stillſchweigen, wobei den Zu⸗ ſchauern unheimlich um das Herz wurde, weil ſie begriffen, daß des Invaliden Ahnung ihn leider nicht getäuſcht, und beide, Vater und Sohn, ſich ſcheuten, die ſchauerliche Saite anzuſchlagen. „Sonſt nichts Neues?“ begann endlich Sans⸗Regret kaum hörbar. „Nichts, als daß unſer ehemaliger gnädiger Herr auch ſeinen Tod gefunden hat. Die Blauen haben ihn erſchoſſen. Ueberhaupt iſt die Sterblichkeit ſehr groß in unſerer Pro⸗ vinz— Departement wollt' ich ſagen. Na, was thuts? in Paris hat es noch mehr Köpfe gekoſtet. Gut, daß Du da⸗ von kamſt. Ich habe für den Herrn Doctor, Bürger wollt' ich ſagen, Geld mitgebracht, um ihm ſeine Rechnung zu bezahlen. Alsdann, Schwiegerſohn, wollen wir uns auf den Poſtwagen ſetzen, und nach St. Colombe fahren. Ei beim Wetter! Du weißt nicht, daß unſer Dorf einen neuen RNamen bekommen hat? es gibt ja keine Heiligen mehr, und ſo hat man denn unſere Heimath anders getauft. Ach, was ſage ich denn? Es gibt ja auch keine Taufe mehr. Wahr⸗ haftig, wir gute Bauern aus der Bretagne wiſſen noch nicht, wie man in Frankreich jetzt reden ſoll. Ich bin unterwegs vierundzwanzig Stunden lang in Arreſt gefeſſen, weil ich zu einem reputirlichen Menſchen„Monſieur“ ſagte, und nicht„Bürger.“— Haſt Du ſchon eingepackt?“ „Ja wohl; aber— beim Licht beſehen— ſo iſt es beſſer, wenn ich nicht mehr nach unſerm Dorf zurückgehe.“ „Wie Du meinſt;“ entgegnete nach langer Pauſe der Alte, die Augen ſtarr auf den Boden geheftet. Der Inva⸗ lide fuhr ſtockend und zögernd ſort: 20. „Ich fürchte, Vater, daß ich in Deinem Hauſe nicht mehr Alles fände, wie ich es verlaſſen; nicht mehr Alles, was ich verlaſſen... Der Alte nickte mit demſelben ſtarren Blick, und in die Augen trat ihm das helle Waſſer. Sans⸗Regret ſprach immer bewegter: „Ich könnte am Ende nicht mehr dort leben, würde Euch zur Laſt fallen, Ihr guten Eltern, und immer einen ſtillen Vorwurf in Eueren Augen leſen, obſchon ich— der Himmel weiß es— gerade ſo handeln mußte, wie ich gethan.“ Der Alte zuckte die Achſeln, trocknete ſich verſtohlen die Augen, und ſagte faſt gleichgültig:„Du willſt alſo nicht mitgehen? Hm! Du wirſt wiſſen, was für uns Alle gut iſt. Aber meine Alte läßt Dich bitten, daß Du uns den Victor läſſeſt. Wir haben den Buben lieb, um Deinet⸗ und um ihretwillen. Wir wollen ihn ſchon erziehen, und wenn wir das Leben haben, einen guten Bauer aus ihm machen, wenn er nicht zum Soldaten weggenommen wird, wie es Deinem Schwager, dem Anton geſchehen iſt.“ „Wie das Schickſal es will;“ verſetzte Sans⸗Regret: „Indeſſen laſſe ich ihn Euch mit Vergnügen, als eine Be⸗ ruhigung für Euch und mich.“ „Ich danke Dir. So will ich alſo ſchnell den Doctor hier bezahlen, und mich dann eilends auf den Rückweg machen, weil die große Stadt mich armen Bauer beinah erdrückt.“ Der Doctor weigerte ſich ſtandhaft, das kleinſte Aſſignat anzunehmen, und der Bretagner, nachdem er alle ſeine Ueberredungskünſte verſchwendet, ſagte endlich zu dem Schwiegerſohn:„So behalte Du wenigſtens das Geld; Du wirſt es brauchen, und bedarfſt Du einmal mehr, ſo ſchreibe mir, oder komme ſelbſt zu uns. Je mehr Zeit zwiſchen dem letzten November und Deiner Rückkehr liegt, je willkomme⸗ ner wirſt Du uns ſeyn.“ „Alſo im November war's?“ fragte Sans⸗Regret er⸗ ſchüttert.— Der Alte nickte, ſuchte mit zitternder Hand ſein rothes Taſchentuch aus dem Sarreau hervor, zuckte ein paarmal mit den Lippen, und ſagte dann, dem Invaliden die Hand ſchüttelnd:„Leb wohl, Dieudonné. Auf Wieder⸗ ſehen.“ Der Invalide hielt ihn etwas ängſtlich zurück, und fragte zitternd:„Keinen Gruß von Ihr?“ „Sie ließ Dich grüßen;“ antwortete der Alte faſt tonlos. „Keine Vergebung?“ „Sie hat Dir auch vergeben.“ „Und Ihr, trauernde Eltern?“ „Je nun!“ rief der Alte, die ſchwimmenden Augen gen Himmel gerichtet und für einen Augenblick herausgehend aus ſeinem bretagniſchen Gleichmuth:„Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, ſein Name ſey geprieſen. Es fällt ja kein Haar von unſerm Haupte, das nicht von ihm gezählt worden wäre.— Leb' wohl denn!“ Er wendete ſich zum Gehen, drückte noch einmal von Herzen des Doctors beide Hände, und blieb, im Begriff, den Kapitän zu grüßen, vor demſelben ſtehen, ihn mit durchdringendem Blicke meſſend. Victor hätte beinahe vor den großen blauen Augen des alten Mannes die ſeinigen niederſchlagen müſſen; da rief der Betagner:„Seyd Ihr nicht der Herr, der dazumal mit jener Frau in unſere Hütte kam?“ Victor bejahte ſchweigend. Der Alte ſprach weiter: „Ihr habt auch nicht das Glück unter unſer Dach gebracht.“ Victor erröthete, und ſein Herz klopfte hoch auf. Noch eine Weile ſah ihn der alte Landmann mit düſterem Blicke an, und entfernte ſich alsdann, ohne weiter um ſich zu ſchauen. Die Zurückbleibenden ließen mehrere Minuten im tiefſten Schweigen und Nachdenken verſtreichen. Sans⸗Regret be⸗ trachtete mit gefalteten Händen und tiefer Wehmuth ſeinen jungen Freund, und fragte hierauf mit halberſtickter Stimme: „Hatte ich nicht recht? habe ich nicht die Wahrheit geſagt? O ich kannte meine Suzon, und mein Schickſal machte ſich eine Freude daraus, mir lange vorher das Schwert zu zeigen, womit es mich durchbohren will. Es ſoll aber von nun an mit einem kaltblütigen Fechter zu thun kriegen. Die Aderläſſen des Doctors haben mein wildes Blut gezähmt, und ich will jetzt fechten, bis mir auf dem Feld der Ehre der letzte Blutstropfe entſtrömte.— Nicht wahr, Kapitän? Du ſiehſt jetzt ein, daß ich nirgends in der Welt ſeyn kann⸗ als bei Dir. Verſtoß mich nicht. Mache aus mir was Du willſt: einen Soldaten in Deiner Kompagnie, oder Deinen Bedienten im Quartier. Fürchte nicht, daß ich wieder ver⸗ rückt werde. Schwereres, als bereits hinter mir liegt, kann nicht über mich kommen, weil ich weiß, daß Du mich über⸗ .„ lebſt. Ich will meinen Kopf ſchon zuſammen nehmen, und wenn auch dann und wann meine Worte etwas verwirrt klingen ſollten, ſo erinnere Dich, daß öfters ein kluger Sinn hinter der närriſchen Rede ſteckt.— Du ſiehſt mich ſo zweifelhaft an? Vielleicht lächelſt Du im Stillen über meine Einfalt? Vielleicht blutet auch Dein Herz beim Anblick 23 meines Elends? Vielleicht beſinnſt Du Dich gerade, wie Du den läſtigen Bittſteller Dir vom Halſe ſchaffen kannſt? wie ſich der zudringliche, unbrauchbare Invalide beſeitigen ließe? Vielleicht überlegſt Du gerade, ob es nicht am beſten wäre, wenn Du mich auf morgen vertröſteteſt, und dieſen Abend ſchon in's Weite kutſchirteſt, ohne daß ich wüßte wohin? Thue das nicht; verſtoße um Deines Vaters willen den In⸗ validen nicht! es würde Dir nicht helfen. Meine Beine ſind noch gut; ich würde von Armee zu Armee pilgern, von Brigade zu Brigade, von Garniſon zu Garniſon, überall, wo franzöſiſche Fahnen wehen, und würde Dich doch endlich finden, entweder im einſamen Zelte, oder im Getümmel des Hauptquartiers, oder beim Bankett Deiner Kameraden; wür⸗ deſt Du mich dann wegjagen? erſpare Dir das. Nimm mich mit; um Deines Vaters willen verſtoß mich nicht!“ Wie ein Knabe weinend riß Victor den Invaliden an ſeine Bruſt und ſchluchzte:„Wäre ich ein Menſch, wenn ich erſt ſolcher Aufforderungen bedürfte, um mein Schickſal mit Dir zu theilen, mit Dir, der Alles für mich hinwarf, dem ich mein Leben verdanke? Du gehſt mit mir, mein Alter, und nur eine feindliche Kugel ſoll den Bund zerreiſſen, den ich Dir hiemit zuſchwöre!“ Sans⸗Regret jubelte laut auf, und ſchrie:„Das waren Dammartins Züge, das waren Dammartins Worte! ewig mit Dir, und immer mit Dir, bis in den Tod mit Dir! Es lebe die Republik!“ Drittes Rapitel. St. Jean d'Acre. Glühende Sandwolken wirbelten in das Lager herein, der aufgeregte Staub verſchleierte die ragenden Thürme und Bollwerke der ſyriſchen Feſtung, und die an den Baraken, Zelten und Laufgräben wandelnden Soldaten dergeſtalt, daß man die blaube Farbe ihrer Uniform kaum unterſchied. Auf der einen Seite kamen Truppenabtheilungen von einem Gefecht zurück, welches ein feindlicher Ausfall entſponnen hatte; auf der andern ſchleppten zum Fouragiren geſchickte Partheien Lebensmittel heran, die ſie in der dürren Gegend mit Mühe aufgefunden, und ihnen folgte ein wandernder ara⸗ biſcher Stamm, der gekommen war, das Wenige von Mund⸗ vorrath, was er beſaß, an die fremden Krieger zu verhan⸗ deln.— In buntem Gemiſch ſtieß all dieß Volk zuſammen; die franzöſiſchen Soldaten, obſchon abgeriſſen und kaum mehr als Soldaten zu erkennen, ſtellten ihre Gewehre ſo zierlich zuſammen, wie in einem Luſtlager, und neben den freien Beduinen der Wüſte ſtreckten ſich die gefangenen Trabanten des Djezzar Paſcha zum Ausruhen auf den glühenden Boden. Wo irgend ein Schatten, etwa von einem Vor⸗ ſprungdach an einer Generalshütte, oder von einem Segel⸗ tuch, quer über eine Zeltreihe geſpannt, zu ſehen war, bildete ſich das Ganze ziemlich romantiſch. Die dunklen Geſichter— ſelbſt die der Franzoſen hatten den Bronzeanſtrich der Wüſte angenommen— die langen Hälſe der ruhenden Kameele, die phantaſtiſchen Kleider der Araber neben dem faſt lächer⸗ lichen Aufzug der Franzoſen, das unregelmäßig entſtandene Lager überhaupt, und in der Ferne die Zinnen des alter⸗ thümlichen Schloſſes, von Pilgrimen einer ältern Zeit er⸗ baut,— und oben im weiten Bogen der blaue brennende Himmel,— alles dieſes zuſammengenommen, gab einen überraſchenden Anblick, der jedoch nicht ein freudiger war, weil Anklänge der Sehnſucht und des Heimwehes faſt aus jedem Zelte, aus jeder Barake ertönten, und auf den Ge⸗ ſichtern, deren Mund nichts ſprach, wenigſtens ein ßummes, wohl ausgedrücktes Mißvergnügen lag. Drübe ſtarrten die Blicke der ruhenden Soldaten nach der Feſtung, die ihrem Muthe ſchon ſeit ſechszig Dagen Drotz bot, nach den weni⸗ gen Feldſtücken des kleinen Heeres, die aus Mangel an Munition ſchweigen mußten, und nach dem Meere endlich, wo keine franzöſiſchen Schiffe zur Ueberfahrt bereit lagen, wohl aber feindliche, die der belagerten Stadt Ueberfluß zuführten, während das franzöſiſche Lager an Allem Man⸗ gel litt. Nicht weit hinter den Laufgräben, im Rücken eines Sand⸗ aufwurfs lehnten zwei Offiziere, mit ernſten Geſichtern ihren Gedanken nachhängend, bis ſich ihr Gefühl durch den Aus⸗ tauſch von Worten Luft machte.„Es iſt nichts anders mög⸗ lich;“ ſagte der Jüngere, ein Adjutant des Obergenerals, 26 zu dem Kapitän neben ihm:„Wir müſſen dieſe verfluchte Feſtung verlaſſen, und unſern Rücken dem Spott der Feinde preisgeben. Die Unzufriedenheit nimmt von Tag zu Tag überhand, und wenn auch die Soldaten, trotz ihrem Ver⸗ druſſe, nicht aufhören, kräftige Franzoſen zu ſeyn, ſo lähmt doch der Mangel, das Unglück und der Verluſt an Menſchen und Pulver unſern Arm und Muth. Selten wird mehr ein luſtiges Lied gehört, und wenn auch hin und wieder ein Leichtſinniger die erſten Takte eines ſolchen ſingt, ſo ſchweigt er doch plötzlich, weil gerade dieſe Töne ihn ſchmerzlich an das ſchöne Frankreich erinnern, das wir Alle vielleicht nicht mehr wieder ſehen.“—„Ich wenigſtens ganz gewiß nicht;“ fügte er mit ſinkender Stimme hinzu. Der Kapitän ſuchte ihn mit einigen Worten aufzurichten, und ſagte unter anderm:„So wirſt Du denn nie vergeſſen⸗ guter Crviſier, daß der Obergeneral Dir einſt in einem Au⸗ genblick des Unmuths härter begegnete, als er wohl ſonſt gethan? und nimmer wirſt Du von dem Gedanken ablaſſen, als ob Du Dein Leben opfern müßteſt, um jenen vermeint⸗ lichen Schimpf abzuwaſchen? Der Obergeneral liebt Dich ja wie ein Vater, Du hängſt an ihm wie ein Sohn. Woher alſo dieſe unbegreifliche Verblendung?“ Croiſier verſetzte düſter:„Als mich der General wie einen Buben anfuhr, weil meine Reiter zu Damanhour nicht eifrig genug einhieben, kränkte es mich ſchmerzlich, und verbitterte mir das Leben; aber die gleiche Behandlung, die mir wi⸗ derfuhr, als ich zu Jaffa, mit dem jungen Beauharnais, den viertauſend Albaneſern das Leben zugeſagt hatte, und ſie im Vertrauen auf unſer Wort uns folgen hieß,— dieſe hat vollends meinen Kummer bis zur finſtern Wuth gegen 7 mich ſelbſt und mein Schickſal geſteigert.— Hatten wir denn nicht unſere Pflicht gethan? und wären wir nicht lie⸗ ber unter den Säbeln jener Soldateske geblieben, hätten wir nur geahnt, welche Folgen unſere gutgemeinte That nach ſich ziehen könnte? jene Vorwürfe brennen mir noch auf der Seele, und nicht minder ängſtigt mich das Blut jener vier⸗ tauſend Arnauten, denen ich Pardon gegeben hatte, und die der Obergeneral dennoch niederſchießen ließ.“ „Eine gräßliche Begebenheit,“ meinte der Kapitän,„wenn man ſie nur mit den Augen der Menſchlichkeit anſieht. Aber die Klugheit, die immer in dem Rathe der Heerführer die erſte Stimme haben muß, fſorderte den Tod jener Leute, die man nicht ernähren konnte, und doch nicht freilaſſen durfte, um dem Feinde nicht im voraus eine furchtbare Verſtärkung zuzuwenden, und nicht im voraus die Gegenden verheert zu ſehen, deren ſchmaler Ertrag kaum für die Bedürfniſſe der durchziehenden Armee hinreichte.“ „Mag ſeyn;“ antwortete Croiſier mürriſch:„ich muß iedoch geſtehen, daß mir ſolch fürchterliche Abrechnung mit der Klugheit ſtets unbegreiflich bleiben wird; ferner, daß ich mir die Beleidigungen, welche mir der General zuge⸗ fügt, als unauslöſchliche Makel denke, und nur vom Tode allein die Erleichterung meines Kummers erwarte. Ich ſuche ihn, dieſen Tod, und der Gedanke, daß der ſpröde Freund ſich doch endlich bequemen muß, mir zu Dienſten zu ſeyn, macht mich heiterer. Ich habe die Ahnung, daß noch vor dieſen Mauern mein Wunſch in Erfüllung gehen wird.“ „Ich will nicht läugnen,“ entgegnete der Kapitän nach⸗ denklich,„daß das Geſchick eines Kriegers zum voraus in den Sternen geſchrieben iſt. Mein Freund Marceau wußte faſt den Tag zu beſtimmen, an welchem ſich ſein Schickſal erfüllen ſollte, und die Kugel, die ihn bei Altenkirchen traf, fand ihn gefaßt und vorbereitet, wie es einem Helden ziemt. Aber ein anderes iſt's, den Tod in beſonnener Erfüllung ſeiner Pflicht erwarten, ein anderes, ihn übermüthig her⸗ ausfordern. Der ſtarke Mann dient ſeinem Vaterlande bis zum letzten Athemzug; Du aber willſt Dich dem Vaterland entziehen, ehe Du noch die Anſprüche rechtfertigteſt, die es an Dich zu machen hat. Nimm ein Beiſpiel an dem Feld⸗ herrn ſelbſt. Denke Dir, wie ihn, den Sohn des Glücks, ſeine Ohnmacht vor dieſen Mauern demüthigen muß. Und dennoch ſieht man kaum eine Miene des Unmuths in ſeinem Geſicht; er iſt ſich beſtändig gleich, und theilt ſo ſeine Ruhe dem ganzen Heere mit, ſo daß es ſich nicht fürchten wird, den Rückweg durch die Wüſte wieder anzutreten, weil es dahinter ein Paradies des Glücks und des Genuſſes anzu⸗ treffen wähnt.“ „Die Verblendeten!“ ſagte Croiſier bitter:„Die Tage von Montenotte, Lodi, und Arcole ſind nicht mehr. Ich fürchte, der Stern, der über dem Vertrag von Campoformio leuchtete, iſt ſeinem Untergange nah, und ich liebe ihn ſo ſehr, daß ich ſein Verlöſchen nicht mehr ſehen will.“ Es liefen unferne eine Menge von Soldaten zuſammen; in ihre Haufen drängten ſich die freien Beduinen, und die gefangenen Soldaten des Djezzar wurden gebunden heran⸗ geführt. Es war die Stunde, wo der Obergeneral aus ſei⸗ nem Zelt zu treten pflegt. Croiſier drückte den Hut in die Augen, zupfte wie zerſtreut an den Franſen ſeiner Armbinde, und ſagte, dem Kapitän die Hand reichend:„Mich ruft der Dienſt, Victor. Auf Wiederſehen alſo; oder beſſer: nicht auf Wiederſechen. Aber eine Bitte an Dich: Ich habe in Frankreich eine Braut; die Tochter des ehemaligen Kom⸗ mandanten von Lyon, des Generals Montchoiſpy. Der Va⸗ ter verſprach mir ihre Hand während des letzten Feldzugs in Italien. Ich habe nie aufs Reine kommen können, ob das Mädchen ſo ganz und gar des Vaters Wünſche theilt; aber ohne Zweifel wäre ich mit der tugendhaften Adele glücklich geworden. Das ſoll, das darf jetzt nicht mehr ſeyn. Bringe ihr meinen letzten Gruß, wenn Dich etwa das Glück aus dieſem vermaledeuten Lande nach der Heimath zurück⸗ führt. Sage ihr, ich ſey um der Ehre willen gefallen, und ſie möge an der Seite eines wackern Mannes gänzlich des⸗ jenigen vergeſſen, der ſich einſt ſchmeichelte, ihr Gatte wer⸗ den zu dürfen.“ Victor war erbleicht während dieſer Rede, hielt Erviſier zurück, und rief:„Unglücklicher! Du weißt nicht, wem Du dieſen Auftrag gibſt!“— Croiſier wendete ſich befremdet um, ſah dem Kapitän ſtarr ins Geſicht, und erwiederte ruhig: „Ich werde mir über dieſe Worte Erläuterung ausbitten, ſobald ich wieder vom General komme.“ In dieſem Augenblicke trat der Obergeneral mit ſeinem Stabe auf den Platz. Als die Soldaten den kleinen jun⸗ gen hagern Mann erblickten, der in ſeiner einfachen Uniform überſehen worden wäre, hätte nicht der Strahl ſeines Auges ſeinen überlegenen Geiſt verrathen, wie ſeine Haltung und Geberde die Gewohnheit, überall den Oberbefehl zu führen, da richteten ſich alle in militäriſche Ordnung, und der alte Muth ſprühte aus ihren Zügen, und ſie wurden unter ihren Lumpen wieder die Männer, denen es beſchieden war, ganz Eurvpa zu entwaffnen. Das Geſicht des Feldherrn war heute nicht ſo heiter, wie gewöhnlich. Es waren ihm beunruhi⸗ gende Nachrichten aus Egypten zugekommen, und ſein Auge verdüſterte ſich, ſo oft er nach den Thürmen von Acre blickte. Die Gewohnheit, die ihm von Jugend auf eigen war, mit der Schulter heftig zu zucken, wenn irgend etwas ſeine Sorge beſchäftigte, ſtellte ſich heute öfter ein wie ſonſt, und er ſchlug beinahe unaufhörlich mit der Reitpeitſche an ſeine Stiefel.— Die Gefangenen wurden ihm vorgeſtellt. Er ging auf denjenigen unter ihnen los, der ſich durch ſein verwegenes Geſicht vor allen Andern auszeichnete.„Biſt Du nicht einer von jenen Schurken,“ fragte er den Albaneſer lebhaft,„die ſo ſicher hinter den Schießſcharten den Feind zu treffen wiſſen?“— Der Arnaute, der die Anrede nicht verſtand, glotzte den General mit aufgeriſſenen Augen an⸗ Dieſer Letztere drehte ſich nach ſeinen Offizieren um, und fuhr im ſelben Tone fort:„Eine Gallerie von brutalen Ge⸗ ſichtern; nicht wahr? vielleicht iſt der Kerl darunter, der meinen tapfern Caffarelli in den Sand geſtreckt hat. Der Verluſt dieſes Mannes war nicht der kleinſte während der Belagerung; ſeine einzige Perſon wog viele Andere auf.“ Bei dieſen Worten warf er einen bedeutenden Seitenblick auf eine Gruppe von Offizieren, worunter auch Croiſier ſtand, deſſen Geſicht bleich wie Schnee wurde. Der General fuhr fort, die wenigen Gefangenen zu muſtern, und riß einen da⸗ von aus der Reihe heraus.„Spitzbube!“ rief er zornig: „Du biſt einer derjenigen, denen ich vor kurzer Zeit die Frei⸗ beit geſchenkt habe, unter der Bedingung⸗ daß ſie nicht mehr die Waffen gegen uns ergriffen. Wer wird auch unter ſol⸗ cher Kanaille Ehrgefühl fuchen? Man erſchieße den Burſchen auf der Stelle.“ 3¹ Während der Unglückliche weggebracht wurde, herrſchte ein tiefes Schweigen in der Runde, und erwartungsvoll hing jeder Blick an dem General, der in ſeiner gewöhnlichen ha⸗ ſtigen Redeweiſe fortfuhr:„So muß man dieſe Brnt be⸗ handeln, und ein gleiches Loos wird auch in der Folge alle diejenigen treffen, die ſich unter dem Heere aufrühreriſche Redensarten zu Schulden kommen laſſen. Wir ſind hier nicht in den Salons von Paris, wo ſolch Geſchwätz nicht von Bedeutung iſt. Hier gilt es Ernſt, und ich laſſe den Vorwitzigen niederſchießen, und wenn er hundertmal einen Generalshut trüge, und ſechs Fuß mäße. Wer Soldat ſeyn will, erfülle ſeine Beſtimmung. Schwächlinge, die an ihren Maitreſſen in Frankreich hängen, brauchen wir nicht. Das Glück iſt wandelbar. Wären die engliſchen Schiffe nicht, ſo wären wir längſt Meiſter von Acre. Der Zug war noth⸗ wendig. In meine Plane hat ſich Niemand zu miſchen, ſonſt bedürfte man keines Generals en Chef, und jeder Fourier könnte das Nothwendige verfügen. Ich bin den Mißver⸗ gnügten auf der Ferſe. Sie ſprengen Gerüchte aus, als ob in Nord⸗Egypten ein Aufſtand ausgebrochen wäre. Eine lächerliche Sage, die nur den Pöbel bethört, dem man weiß macht, ein Engel führe das Kommando der Revolutivn. Die Zeiten des Moſes ſind nicht mehr. Wegen Cairo bin ich ruhig; Deſaix iſt dort, und das heißt Alles geſagt.— Was wollen die Leute?“ Er deutete auf den Beduinenſtamm, deſſen Scheik vor⸗ trat, von Berthier herangeführt, welcher dem Obergeneral bedeutete, dieſer Stamm ſey erſchienen, ihm ſeine Verehrung zu bezeigen, und für den glücklichen Fortgang ſeiner Waffen gegen die türkiſchen Unterdrücker den Himmel anzuflehen. 32 Der Beduinenanführer bekräftigte alle Worte Berthiers, indem er dreimal mit ausgebreiteten Armen ausrief:„Geprieſen ſey der große Scheik Bonabardo, der über das Meer gekom⸗ men iſt, um die Paſcha's und Aga's zu ſtrafen! Glück und Segen ſchenke der mächtige Prophet den Waffen des blauen Sultans denn es ſteht geſchrieben, daß er Sieger bleiben wird.“ Bonaparte's Geſicht verklärte ſich ſchnell zu einem leut⸗ ſeligen; er gab mit der Hand dem Scheik die Vegrüßung zurück, und ſagte zu einem Dolmetſcher:„Antworte dieſen Leuten, daß die Armee ihre Huldigung mit Wohlwollen auf⸗ nimmt. Sage ihnen, daß ſie durch Herbeiſchaffung von Nahrungsmitteln und Fourage einen nicht unbedeutenden Anſpruch auf unſern Schutz gewinnen werden; daß ich in einigen Tagen dieſe Feſtung erſtürmen, die Feinde verjagen, und eine andere Ordnung der Dinge einführen werde. Von der Eroberung dieſer kleinen Feſtung hängt das Schickſal der Welt ab. Die Druſen vom Berge Libanon harren un⸗ geduldig, bis ich ihre Kette zerbreche. Damask hat mir ſeine Schlüſſel anbieten laſſen; ein neues Reich wird auf den Trümmern der Mameluckenherrſchaft und der türkiſchen Dprannei entſtehen. Die ſchlechten Nachrichten aus Egypten ſind nur Lügen, und nie ſtand die franzöſiſche Macht feſter vegründet auf dieſen Ufern, als gerade jetzt.— Nun, Bür⸗ ger, laſſen Sie uns die Trancheen beſichtigen.“ Er ging, ſeine Adjutanten und mehrere Generäle und Genie-Offiziere im Gefolge, nach den Laufgräben zu. Das Gewühl von Soldaten und Arabern verlief ſich, und Victor lehnte ſich wieder in den Schatten der Anhöhe, von welcher unfern der Poſten ſtand, den er befehligte. Kleber trat zu ihm. Auf dem Geſicht des rieſigen Mannes lag ein finſterer Spott.„Wie gefiel Dir die Scene, Kapitän?“ fragte er den alten Bekannten:„Der Obergeneral iſt heute ſehr ſpaß⸗ haft, und ſehr fein und zart war der Witz, womit er auf meine Statur und meine vorlauten Reden anſpielte. Er geht noch weit, der da; ich wette. Er hat die Kunſt der Ueberredung in hohem Grade inne; beging er einen Fehler, ſo lag gerade dieſer Fehler in ſeinem Plan; iſt ihm das Glück nicht günſtig, ſo beweiſet er den Soldaten, daß das Glück es nie beſſer mit ihm vorhabe, als gerade jetzt. Er ſpielt die Sonne in die Taſche, und wechſelt dafür den Mond heraus, ſobald es ihm gefällt. Er zaubert der Armee dieſe elende Küſte zu einem Paradieſe, und preiſet ihren Ueberfluß, im Augenblicke, wo ſie verhungert.“ „Mit ſolchen Eigenſchaften läßt ſich allein unumſchränkt regieren,“ bemerkte Viector entſchuldigend. Der Republikaner Kleber fuhr aber heftiger fort:„Sey es, daß irgend ein Prinz aus ſeinem Macchiavel ſolche Grundſätze auswendig lerne, aber hier iſt die Rede von dem General einer freien Nation, von einem Mann des Volks, der auch zum Volk reden ſoll, frei und offen, wie es ſelbſt iſt. Wozu die rhe⸗ thoriſchen Figuren? wozu endlich die Gasconaden? ſpricht der Menſch nicht, als ob er ſchon morgen als Sieger in die Feſtung einziehen wollte? und— denk an mich— ſchon ſinnt er auf den baldigſten Rückzug. Verheißt er nicht den dummen Arabern den allgewaltigſten Schutz, und wir haben nur eine Handvoll Leute, aufgerieben von Strapazen, Seu⸗ chen und Mangel, hundert Meilen weit von unſern Haupt⸗ quartieren entfernt? weiß der Teufel, was der Menſch im führte, als er uns hieher lockte. Ich begreife es nicht; aber unläugbar iſt's, daß ihn ſelbſt die Comödie langweilt, die er uns auf unſere Koſten hier vorgeſpielt. Iſt das eine Belagerung? in drei Tagen hätten wir in dem Neſt ſeyn müſſen, trotz Djezzar, Sidney und Phelipeaux; aber dieſe Trancheen— es iſt zum lachen— ſie gehen mir faum bis an's Knie. Und dennoch wandelt er jetzt darin umher, als hätte er Vauban'ſche Fortificationen zu beſichti⸗ gen, unbekümmert, ob das erneuerte Schießen der Feinde ein Dutzend geſchickter Leute von ſeiner Seite wegreiße oder nicht.“ Während der General ſprach, hatten in der That die Feuerſchlünde der Feſtung und der engliſchen Escadre zu vonnern begonnen, und Kleingewehrfeuer klapperte dazwi⸗ ſchen in unregelmäßigen Intervallen.—„Aha! die albane⸗ ſiſchen Scharfſchützen haben wieder zu thun bekommen!“ rief Kleber, und ging ſelbſt, von kriegeriſcher Luſt getrie⸗ ben, nach der Gegend der Laufgräben zu. Bonaparte kam eben von ſeiner Recognoscirung zurück; ſein Stiefſohn Eugen neben ihm, mit der Schreibtafel in der Hand, und die leiſe gegebenen Befehle des Obergenerals einzeichnend; hierauf ein Paar andere Adjutanten, die Offiziere in ge⸗ räuſchlos ſich unterhaltenden Trupps, und endlich eine ein⸗ fache Bahre, worauf der unglückliche Croiſier getragen wurde, deſſen ſehnlichſter Wunſch in Erfüllung gegangen war. Er hatte ſich unnöthig ausgeſetzt, indem er auf eine Batterie ſtieg, wo ſeine ausgezeichnete Figur bald ein Ziel der Kugeln wurde, und eine derſelben ihm das rechte Bein zerſchmetterte. Die Wundärzte gaben Hoffnung, aber der Leidende ſelbſt trug keine im Herzen, und wünſchte keine.— Sein Geſchick ging Jedermann nahe, und in der Umgebung — 35 Bonaparte's unterhielten ſich Croiſiers Kameraden angele⸗ gentlich von ihm. Der General hörte es, und rief empfind⸗ lich: Der Unbeſonnene hat ſelbſt alle Schuld, ich warnte ihn; ich befahl ihm, herunterzuſteigen, aber der Trotzkopf gehorchte nicht. Er büßt es jetzt. Und wenn er davon kömmt, werde ich ſeinen Ungehorſam erſt näher unterſuchen laſſen.— Eugen verſuchte ein Paar Worte der Entſchuldi⸗ gung einfließen zu laſſen, und berührte mit Schonung die Urſache des Kummers, dem Croifier ſchon ſo lange unter⸗ legen, und der ihn wahrſcheinlich in den Tod geführt. Der General ſtutzte einen Augenblick, drängte alsdann das auf⸗ ſteigende Gefühl hinter die Larve des militäriſchen Befehls⸗ haberernſtes, und antwortete kurz:„Pah, pah, welcher Hoch⸗ muth unter den jungen Leuten einreißt! Die Schüler dünken ſich am Ende zu groß, um von ihrem Meiſter einen kleinen Verweis hinzunehmen? Crviſier iſt ein Narr, ein ſtrafbarer Narr obendrein, weil er ſeiner Eitelkeit die Pflicht auf⸗ opferte. Uebrigens“— ſetzte er, wie ſich ſelbſt beruhigend hinzu—„übrigens iſt der Wille des Tollkopfs hier nicht im Geringſten in's Spiel zu zählen. Nicht der Wunſch eines Wahnſinnigen und nicht der Zufall ſind es, welche den Tod bringen. Die Kugel, die ihn traf, wurde ſchon für ihn gegoſſen.“ Viele Offiziere, die, gleich dem Obergenerale, einen wahrhaft ans Wunderbare' grenzenden Weg von der Pike auf gemacht hatten, und, wie alle Söhne des Glücks, der Fortuna und einer gewiſſen Vorherbeſtimmung alles zuſchrie⸗ ben, ſtimmten den Worten Bonaparte's bei. Einer von ihnen ſagte noch obendrein:„Croiſier hat voraus gewußt, daß es ihm alſo ergehen würde. Er hat ßlrr ſen Teſtament gemacht, weil ihm ein Wahrſager die Stunde ſeines Todes, wenigſtens den Tag deſſelben, deutlich angezeigt.“ „Ein Wahrſager?“ fragte der Obergeneral mit lächeln⸗ dem Munde, aber vieler Aufmerkſamkeit in den Zügen:„Ein ſpriſcher ohne Zweifel; ich muß den Menſchen ſehen.“ Der Offizier lächelte und ſchüttelte mit dem Kopf.„Kein Syrier, Bürger General;“ verſetzte er.„Ein Soldat aus unſerer Armee, ein Grenadier aus der dort ſtationirten Halbbrigadez der Grenadier Sans⸗Regret, von der Kom⸗ pagnie des Kapitäns Victor.“ Victor war gerade abgelöst worden, als er ſeinen Na⸗ men nennen hörte, und neugierig, die Urſache davon zu erfahren, in den Kreis der Offiziere trat. Bonaparte's Blick fiel gerade auf ihn. Der General lächelte verbindlich, und ſprach mit der Freundlichkeit, die ihm alle Herzen gewann: „Sieh' da! der Kapitän, wie gerufen. Es freut mich, Sie wieder zu ſehen, Bürger. Unſere erſte Bekanntſchaft datirt ſich aus dem Café de la Régence; ich beſinne mich genau. Dann ſah ich Sie zum zweitenmale, als Sie von des wackern Marceau's Leichenfeier zu mir nach Italien kamen. Ich vergeſſe nicht ſo leicht. Sehen Sie wohl, daß das Schickſal uns zuſammenführte, wie ich in Paris es ahnte?— Was iſt es aber mit dem Grenadier, der unter Ihrer Kompagnie ſteht, und den Leuten vorher ſagt, wann ſie ſterben? ich wünſchte den Mann zu ſehen.“ „Er ſoll ſich bei Ihnen melden, Bürger General;“ ver⸗ ſetzte Victor.— Bonaparte ſchüttelte aber mit dem Kopfe, und bemerkte, daß es gar nicht nöthig ſey, den Soldaten veßhalb zu deplaciren, und daß er ſchon einmal Gelegenheit finden werde, den Tauſendkünſtler zu ſehen.— Während 37 dieſes Geſprächs hatte ſich die ganze Gruppe weiter bewegt, und war gerade in die Zeltenreihe getreten, wo Viectors Kompagnie kampirte. Die Soldaten hatten ſich eine Küche erbaut, halb eingewühlt in einige Sandaufwürfe, und ſpär⸗ lich beſchattet von zerriſſenem Segeltuch und morſchem Holz. Sie dampfte juſt luſtig, und darinnen waltete, als geſchäf⸗ tiger Koch, mit nackten Armen und grober, aber reinlicher Schürze, der Grenadier Sans⸗Regret. Victor ermangelte nicht, den Obergeneral auf ſeinen alten Freund aufmerkſam zu machen, und mit einigem Intereſſe nahte ſich Bonaparte dem dampfenden Herd.„Was kocht Ihr da?“ fragte er den Grenadier, der wie auf der Parade vor ihm ſtand.— Sans⸗ Regret erwiederte, indem er den Keſſel aufdeckte:„Beliebt zu verſuchen, Bürger General? köſtlicher Reiß, der nur ein Paar Mal naß geworden iſt; eine Hammelskeule, die erſt vor fünf oder ſechs Tagen das Leben verlor, und die ich einem ſyriſchen Bauer gegen Geld und böſe Worte abnahm. Mit dieſen Herrlichkeiten ſoll heute mein Kapitän einen trefflichen Mittagsſchmaus halten. Es wird uns hier im Lager nicht alle Tage ſo gut. Und bei ſolchem Schmauſe geht auch der Koch ſammt der ganzen Kameradſchaft nicht leer aus.“— Da der Soldat einen Löffel voll der dampfen⸗ den Brühe dem Obergeneral hinhielt, ſo koſtete dieſer die Suppe, und ſagte, lächelnd zu den Umſtehenden gewendet: „Man lebt doch nicht ſo übel in dem verſchrieenen Lager vor St. Jean d'Acre.“ Dann fixirte er den Grenadier und fragte:„Euer Name!“ „Sans⸗Regret. Den Familiennamen habe ich längſt ver⸗ geſſen.“ „Wie alt?“ — „Meiner Treu, mein General, ich werde in den Vierzigen ſtehen.“ „Wie viele Dienſtjahre?“ „Dem König habe ich in Amerika und im Invaliden⸗ hauſe gedient. Der Nation diene ich erſt ſeit fünf Jahren.“ „Wir haben uns ſchon einmal geſehen. Warſt Du nicht Fechtmeiſter in der Militärſchule zu Brienne, alter Schnurr⸗ bart?“ 1„Zu dienen, mein General.“ „Ich habe ein Paar Lektionen bei Dir genommen und nichts von Dir gelernt.“ „Wird Ihr Fehler geweſen ſeyn, General.“ „Möglich;“ verſetzte der Feldherr lächelnd. Dann fuhr er nach einer Pauſe fort:„Ich habe gehört, daß Du Dich mit andern Dingen abgibſt, als blos mit dem Gewehr und Deinem Keſſel. Du prophezeiheſt den Leuten ihr Schickſal und ihr Ende?“ „Hm! ich habe manchmal das zweite Geſicht, wie die Schottländer.“ „So? im Traume, oder ſagſt Du aus Karten wahr?“ „Nichts da. Ich kann es manchmal einem aus den Au⸗ gen heraus buchſtabiren, wie es mit ihm abläuft. Vor ein Paar Tagen erſt hab ich einem Ihrer Adjutanten vorher⸗ geſagt, daß er erſchoſſen werden würde.“ „Ich weiß. Es iſt eingetroffen.“ „So? Thut mir leid. Warum peinigen mich die Leute aber? ich bin gar nicht aufgelegt zu dem Prophetenhand⸗ werk.“ „Und ich verbiete Dir es auch. Du machſt mit Deiner Verrücktheit die Soldaten ſelbſt verrückt.“ „Ganz recht. Darum ſollen mich die Burſche ungeſchoren laſſen.“ „Wie kann man auch in der That eine ſolche Prophe⸗ zeihung anders als verrückt nennen? das Horoslop eines Menſchen aus ſeinen Augen leſen? welche Tollheit! was wäre zum Beiſpiel in den meinigen zu leſen, Grenadier?“ Nach einem langen Schweigen antwortete Sans⸗Regret: „Sie haben mir ſo eben das Handwerk ſelbſt gelegt, Bürger Geueral.“ „Ich befehle Dir nun, auf meine Frage zu antworten, wenn anders Deine Phantaſie jetzt in Thätigkeit iſt.“ „Wie ſollte im Angeſicht eines Helden uns die Phantaſie im Stich laſſen?— Sie werden noch viele große Thaten verrichten.— Sie werden ungeheueres Glück haben. Und endlich freilich... Bonaparte, der bei den frühern Redeſätzen lächelnd ge⸗ nickt hatte, unterbrach ihn ſchnell, und ſagte etwas ungedul⸗ dig:„Nun— und endlich— und endlich wird es mit mir zu Ende gehen; das Lvos eines jeden Menſchen. Bis hieher hat Deine Prophezeihung wie eine Glückwunſchadreſſe aus dem Moniteur gelautet. Ich will die Pointe wiſſen. Wie werd' ich ſterben?“ „Meiner Seele— Bürger General— ich weiß nicht, ob ich es ſagen ſoll... „Heraus damit.“ „Nun denn: Mit Ihrem Tode hat es noch gut Zeit; aber— nehmen Sie's nicht übel— Sie werden im Bette ſterben.“ Bonaparte trat einen Schritt zurück, und ein Lächeln des Spotts ging über ſeine Züge. Dann ſagte er zu ſeinen Offizieren:„Sie ſehen, daß der Mann keinen Gran geſun⸗ den Menſchenverſtandes beſitzt. Sehen wir denn allzumal ſo aus, als ob wir im Bette ſterben würden? Soldaten? in dieſer Zeit?“ Ein Guide kam ſchnell heran, und überreichte dem Gene⸗ ral ein verſiegeltes Packet. Bonaparte griff haſtig darnach, mit den Worten:„Depeſchen von Deſair! Laß ſehen.“— Somit trat er in den Schatten, rieß die Papiere auf und las ſtille vor ſich hin. Mittlerweile wurden jedoch ſeine Züge finſter und nächtlich anzuſchauen. Unterdrückter Zorn ſtieg in dem Geſichte auf, und er entfernte ſich eiligſt mit ſeinem Stab. „Ei, ei, Sans⸗Regret!“ ſagte gutmüthig ſcheltend Vietor zu dem Grenadier, der wieder ganz gelaſſen an ſeinen Keſſel gegangen war:„Du haſt den Obergeneral in üble Laune verſetzt. Wo dachteſt Du hin, mit Deinem unzeitigen Spaße?“ Da klopfte der Grenadier mit rechthaberiſcher Geberde auf den Rand des Keſſels, ſchwang den Schaumlöffel, und rief halb ärgerlich, halb luſtig:„Und wenn es ihn hundert⸗ mal verdrießt, und wenn Sie es hundertmal für einen Spaß halten,— er ſtirbt eben doch im Bett; aber bis dahin wird er's noch weit treiben!“ Dieſer Auftritt war indeſſen nicht ohne Wirkung ge⸗ blieben. Binnen wenigen Tagen war Victor zum Adjutanten des Obergenerals ernannt, und mit einem Detaſchement nach Jaffa vorausgeſendet, um dort alles für den Empfang der Armee vorzubereiten, die kurz darauf zur Nachtzeit den Rückzug von St. Jean d'Acre nach Egypten antrat. Viertes Rapitel. Marengo. Das öſterreichiſche Heer und die Truppen der franzöſchen Republik unter dem Kommando des erſten Konſuls Bonaparte, den die Umwälzung vom achtzehnten Bru⸗ maire 1799 zu der erſten Würde des franzöſiſchen Staats erhoben, hatten bereits in der Ebene von Marengo das blu⸗ tige Würfelſpiel um die Herrſchaft von Italien begonnen. Der vierzehnte Juni des Jahres 1800 war vom Verhängniß auserſehen, die ehrgeizigen, tief in der Bruſt des Helden verſchloſſenen Hoffnungen zur Reife zu bringen, und Mars ſchmiedete an jenem Tage unter dem Donner des Geſchützes und dem Pulverdampfe des Schlachtfeldes den erſten Reif der nachherigen Kaiſerkrone Frankreichs, und die erſten Feſſelringe des neuen Deſpotismus für Frankreichs Völker.— Heiß wüthete ſchon das Treffen dieſſeits der Bormida; die Oeſterreicher hatten den Fluß bei Tagesanbruch auf drei Brücken überſchritten, obſchon ſich der Konſul in verwichener Nacht zu Torre di Galifolo mit der Beruhigung, daß keine Brücken über den Strom vorhanden ſeyen, ſchlafen gelegt 42 hatte. Das raſche Vorrücken der kaiſerlichen Streitmacht, von den Verſchanzungen Alleſſandrias her, unwiderſtehlicher gemacht durch die Ueberzahl der Mannſchaft, durch die treff⸗ liche Reiterei und wohlbediente Artillerie, war völlig geeig⸗ net geweſen, Schrecken und plötzliche Muthloſigkeit unter den franzöſiſchen Soldaten zu verbreiten, obgleich ſie mit freudiger Zuverſicht dem Feinde entgegengegangen waren. In San⸗Giuliano ſtanden Reſerve⸗Abtheilungen von leichter Reiterei und leichtem Fußvolk. Sie erwarteten von Stunde zu Stunde den Befehl zum Marſch gegen den Feind, und ungeduldig zählten ſie die Kanonenſchüſſe, die ihnen immer näher rollten, über die weite Ebene her. Einzelne Trupps von Verwundeten kamen, wie von dem Kanonen⸗ donner hergeſtäubt, vom Schlachtfelde zurück. Man brachte den General Champeaux ſchwer verwundet in das Dorf herein; er hatte an der Spitze ſeiner Kavallerie die Wun⸗ den empfangen, woran er ſterben mußte. Flüchtlinge miſch⸗ ten ſich unter die Haufen der Bleſſirten.„Es iſt Alles verloren!“ ſchrieen die Unbeſonnenen;„die Kaiſerlichen haben Marengo genommen, und werden hier ſeyn, ehe wir es uns verſehen!“ Zwiſchen durch ſprengten Adjutanten und Ordonnanzen her und zurück. Die Ankunft eines ſol⸗ chen Boten beſtimmte endlich den Abmarſch der wahrſchein⸗ lich vergeſſenen Bataillone gegen den Feind. Der Adjutant, der ihnen den Befehl gebracht, warf ſich auf einen Augen⸗ blick vom Pferde, lehnte ſich an den Sattel, und ſchöpfte mit hochklopfender Bruſt Athem. Unfern von ihm wurde ein Artillerieoffizier, dem eine Kanonenkugel das Bein zer⸗ ſchmettert hatte, niedergelegt, und ſeufzte:„Das Sterben iſt nichts, aber im letzten Augenblick noch das Unglück ſeiner 43 Kameraden mit anzuſehen, das iſt tauſendmal mehr. Der feige Scherer hat den Feind ganz verwöhnt, ſo daß er glaubt, uns auf ähnliche Weiſe behandeln zu können, ob⸗ ſchon wir ihm bei Montebello ein Pröbchen unſerer Kunſt gaben. Was hilfts?“ ſetzte er hinzu,„der Tag iſt verloren, der Konſul hat ſich in ſeinen Dispoſitionen geirrt, und wir unterliegen der Uebermacht.“— Seine Kanoniere, die ihn hieher getragen hatten, wollten ihn tröſten, und erboten ſich, während des Verbandes, ihm alle Erleichterung zu gewähren, die ſich von den Umſtänden erwarten laſſe. Der faſt ſterbende Offizier erwiederte ihnen heftig:„Habt Ihr nichts anderes zu thun, als bei mir, dem Krüppel, müßig zu gehen? fort! an Euer Geſchütz zurück. Feuert auf den Feind, und zielt in's Teufelsnamen niedriger, als bisher.“— Die Artilleriſten gehorchten dem Befehl, und der Adjutant, der ſich ein wenig erholt hatte, ſah nach dem Verwundeten hinüber, und erkannte einen Gefährten aus dem egpptiſchen Feldzug.„Sieh da, Alter,“ ſagte er ihm, ihm bedauernd die Hand reichend:„müſſen wir uns hier wieder ſehen? hat Dich in Afrika Peſt und Mamalucken⸗ ſäbel verſchont, daß hier eine kaiſerliche Kugel Dein Leben zerſchneiden darf?“ Der Verwundete, dem juſt von ein⸗Paar Chirurgen das Bein abgelöst wurde, winkte vor der Hand nur mit beredten Augen dem Adjutanten zu; als die Amputation vorüber, und der Schmerz ihm wieder zu ſprechen erlaubte, antwor⸗ tete er dem Kriegsgefährten mit heller Stimme:„Hol der Leufel die Oeſterreicher, wie den Fuß, der mich ſo ungetreu im Stich läßt; aber ſie ſchießen brav, die Hunde, und es werden ihrer noch viele heute dran glauben müſſen. Ich murre nicht, bin ein alter Kerl, und bedaure nur, daß ich nicht auf Lorbeeren ſterbe.“ Mit Thränen im Auge ſtieg der Adjutant wieder zu Pferde, und der Verwundete fragte ihn:„Wohin, Freund Victor?“—„Gegen Caſtel⸗Ceriolo; dort hoffe ich den Conſul zu finden, oder Berthier.“—„Wer ſteht bei Caſtel⸗ Ceriolo?“—„Die Grenadiere der Conſulargarde; zwei Bataillone, die ſich aufopfern werden, wie einſt die Krieger des Leonidas in den Thermopilen. Seit einer Stunde wi⸗ derſtehen ſie, dieſe neunhundert Mann mit ihrem wenigen Geſchütz, dem heftigſten Angriffe der feindlichen Kavallerie.“ —„Gott ſtärke ſie! aber wie lange wird es dauern? ſage dem Konſul, Victor, daß er den größten Fehler beging, Deſaix's Diviſion zu detachiren.“—„Tröſte Dich, Alter; Deſair iſt zurück beordert, wie auch Monnier. Wir halten uns, indem wir ſie erwarten.“ Das Geſicht des Verwundeten klärte ſich auf. Er rief: „Dem Himmel ſey Dank. Wenn Deſaix die Ordre erhielt, ſo kömmt er gewiß noch zu rechter Zeit; dafür bürgt ſein Eifer. Wenn Du ihn ſiehſt, grüße ihn von mir, und ſage ihm, ich wünſchte in jener Welt einen ſo vortrefflichen Ge⸗ neral zu bekommen, wie er mir immer geweſen.“ Hier ſank das Haupt des Verwundeten auf deſſen Bruſt, und mit einem erſchütternden, obgleich kurzem Lebewohl, wie man es im Staub der Schlacht zu geben pflegt, wo das Leben nichts mehr iſt, als die phantasmagoriſche Erſcheinung eines Mo⸗ ments, flog Victor auf ſeinem Renner von dannen. Ach, die Hoffnung floh vor ihm. Er begegnete einer völligen Niederlage. Wie er ſo hinjagte über die Felder, an den Hütten vorbei, die man gli Poggi nennt, ſah er zu ſeiner 45 Linken einen Rückzug, der faſt eine Flucht zu nennen gewe⸗ ſen wäre Vier franzöſiſche Diviſionen, unter den Befehlen der Generäle Victor und Lannes, wichen in Unordnung vor dem unaufhaltſam anſtrömenden Feind, vertheidigend zwar das Terrain von Schritt zu Schritt, aber weit hin die Ebene bedeckend mit Leichen, weggeworfenen Waffen und zurückge⸗ laſſenem Geſchütz. Der rechte Flügel der Oeſterreicher drängte dieſe Truppen mit aller Macht zurück, ſuchte ſie zu umgehen, und ihnen die Straße nach Tortona abzuſchneiden. Wenig half es, daß die Kommandirenden das Uebermenſch⸗ liche thaten; langſam, aber anaufhaltſam eroberten die Feinde das Feld.— Dammartin gelangte zum Conſul; er ſtand auf einer kleinen Höhe, umgeben von ſeinem General— ſtaab, und blickte düſter auf das Schauſpiel vor ihm. Un⸗ geduldig ſah er jeden Augenblick nach der Uhr, ſchaute nach der Gegend, wo von Rivalta her Deſair's Truppen erſchei⸗ nen ſollten, dann mit finſterer Mißbilligung nach der Seite, wo Lannes und Victor wichen, dann mit einiger Zufrieden⸗ heit gegen Caſtel⸗Cerivlo, wo die Grenadiere der Garde noch unerſchüttert ſtanden. Er deutete dorthin, und ſagte zu dem Chef des Generalſtaabs, dem General Dupont: „Sehen Sie, was ich voraus verhieß? Dieſe Handvoll Grenadiere iſt allein im Stande⸗ die Wolken von öſterrei⸗ chiſcher Reiterei, die auf ſie eindringen, zurückzuhalten. Sie gleichen einer Redoute von Granit. Der General des lin⸗ ten feindlichen Flügels verſchwendet unnöthig Zeit und Leute. Seine leichten Truppen und ſeine Reiter vermochten noch nicht ein Glied der Grenadiere zu ſprengen. Sehen Sie, da haut Beſſieres wieder mit großem Vortheil ein, und doch hater nur zwei Schwadronen; ein wahres Nichts. Warum werfen Lannes, Victor und Murat nicht das Geſindel, wel⸗ ches ihnen gegenüber ſteht?“— Hierauf wendete er ſich raſch zu Dammartin und fragte haſtig:„Wie ſteht's zu San Giuliano? keine Nachricht von Deſair? keine von MWonnier? Dieſer könnte ſchon hier ſeyn! von Caſtel Nuovo di Scrivia läßt ſich's in einem rüſtigen Marſch wohl thun. Aber Deſaix... Ein Offizier des Generals Verthier ſprengte heran, und meldete, daß Monnier's Diviſion ſich nähere. Der Konſul zeigte auf ſeinem Geſicht wieder einen Strahl von Hoffnung. „Endlich!“ ſagte er, ſich die Hände mit vieler Zufriedenheit reibend:„Eilen Sie zurück zu Berthier! er ſoll Monnier beordern, unverzüglich in die Linie einzurücken, den Rückzug aufzuhalten, und eine Brigade nach Caſtel⸗Ceriolo zu wer⸗ fen, damit meine wackern Grenadiere erleichtert ſeyen, und den Tiroler Scharſſchützen, die ſich dort eingeniſtet haben, das Handwerk gelegt werde.— Dammartin, eilen Sie auf der Stelle, was ſie können, zu meinen Grenadieren. Beſ⸗ ſieres und die übrigen Kommandanten ſollen ſich halten; die Hülfe iſt da!“— Während der Adjutant fortſprengte, fuhr der Konſul zu den Umſtehenden fort:„Hören Sie Mon⸗ niers Trommeln, meine Herren? ach, wenn nur Deſair. Ich habe in meinem Leben Niemand ſo ſehnlich als ihn!“ Er ritt mit ſeinem Staabe nach der Seite hin, wo die erwünſchte Verſtärkung ſich in die Ebene ausbreitete, und entgegnete einem General, der einige Zweifel an Deſair's Eintreffen äußerte, derb und kurz:„Pah, pah; Deſaix thut das Unmögliche. Es wäre nicht übel, wenn er ausbliebe, wahrhaſtig! Die Schlacht wäre ja dann verloren.“ Sie war es in dieſem Augenblicke wirklich, denn Mon⸗ niers Truppen ſetzten den ſiegreichen Feinden nur einen ſchwachen Damm entgegen. Dammartin ritt aber ruhig ſeiner Beſtimmung entgegen, denn das Schießen auf dem linken Flügel und im Centrum der franzöſiſchen Armee war wieder heftiger geworden; lebhaft erklangen von dort auf's Neue die Trompeten der tapfern Reiterbrigade des Generals Kellermann; die dunkeln Maſſen der Diviſionen Chambarlhae und Gardanni ſchienen wieder feſt zu ſtehen, die Reſerve⸗ truppen ſich wieder vorwärts zu bewegen. Dammartin traf fröhlich, obgleich unter einem Regen feindlicher Kugeln dahinreitend, bei der Grenadiergarde ein. Muth, Kamera⸗ den!“ rief er jubelnd, und Zuverſicht im Auge:„Der Konſul iſt mit Euch zufrieden!“—„Das glauben wir wohl;“ verſetzten die alten Schnurrbärte in den Vorderreihen, in⸗ dem ſie wieder luden, und den Schweiß von dem von Pulver und Staub geſchwärzten Geſicht wiſchten:„Er findet keine zweiten, wie wir. Es lebe der Conſul!“ Mitten unter dem Höllenfeuer, welches nun mit erneuter Kraft aus den Rotten dieſes unerſchütterlichen Veteranen⸗ vierecks hervorbrach, langte eine braune, freundliche Hand nach der des Adjutanten. Danmartin ſah hernieder, und blickte in das Schlachtengeſicht ſeines Freundes Sans⸗Regret. Der Grenadier winkte ihm zärtlich mit den Augen zu, biß dann ſeine letzte Patrone ab, und rief mit heiſerer Stimme: „Gelt, ich ſagte geſtern den Tanz voraus? wir haben's heute mit ſteifen Gegnern zu thun. Mir thut Hand und Schulter weh' von dem beſtändigen Schießen. Nun, Gott ſey Dank, die Kugeln von drüben laſſen mich ungeſchoren. 48 Bis jetzt ift die Bataille verſpielt, aber dennoch wird der Kleine den Sieg davon tragen; glaube mir.“ „Guter Sans⸗Regret,“ erwiederte Dammartin,„das Loos, das Dir am heutigen Tage zuſiel, geht mir ſehr zu Herzen. Wie kannſt Du nur dieſe Strapaze aushalten 2— Sans⸗Regret ſchlug ein helles Gelächter auf, und antwor⸗ tete, indem er ſeine Flinte anlegte:„Bin ich denn ein ſchwa⸗ ches Kind? die Republik ſteht auf ſchwächern Füßen, als ich. Verlören wir die Schlacht ganz und gar, ſo gewänne die Freiheit ihr Spiel. Aber wir werden ſiegen, trotz allem Anſchein des Gegentheils, und mit dieſem, meinem letzten Schuß, gebe ich die Salve auf dem Grabe der Republik!“ Sans⸗Regret ſchoß, und alſobald ertönte wieder eine neue Salve, zugleich aber das Geſchrei von den Hinter⸗ reihen des Carré's:„Es lebe der Konſul! die Verſtärkung rückt an, willkommen, Kameraden!“— In der That näherte ſich in größter Eile die Brigade des Gencrals Carra⸗Saint— Cyr, um ſich mit der Konſulargarde zu vereinigen. Sie vegrüßte dieſe Letztere mit einem donnernden Vivat, und be⸗ gann unverzüglich gegen den Feind zu feuern. Das An⸗ rücken der Verſtärkungsbataillone, wie die Pflicht, welche ihm gebot, zum Feldherrn zurückzukehren, trennte den Ad⸗ jutanten von ſeinem Freunde und deſſen Corps. Mit Entſetzen ſah er auf dem Wege, daß der Rüctzug allgemein und hef⸗ tiger geworden war, und daß die allenthalben geſchlagenen Republikaner eilten, ſich vor San⸗Giuliano aufzuſtellen, um die Straße zu behaupten. Auf ſeinem Ritt quer durch die Felder konnte er ziemlich deutlich die drohenden Genadier⸗ colonnen wahrnehmen, die der öſterreichiſche General Zach gegen das Centrum der Franzoſen anführte, deſſen Geſchütz 49 nur äußerſt ſchwach auf den Feind ſpielte, und drohte, bald gänzlich zu ſchweigen. Ein wohl angebrachter Schuß, von einem Scharfſchützen aus einem Graben gethan, hätte faſt das Pferd des Adjutanten zu Boden geſtürzt. Die Kraft des Thieres hielt jedoch daſſelbe trotz ſeiner ſchwer blutenden Wunde aufrecht, und der Sporn des Reiters ſtachelte den Renner, daß er noch die Stelle erreichte, wo der Konſul ſeine Befehle gab. Dort ſtürzte das Pferd zuſammen. Der Konſul, welcher, blaß, aber ruhig, den Rückzug zu ordnen ſich bemühte, ſah mit gleichgültigem Auge nach dem unbe⸗ ritten gemachten Adjutanten, und ſagte:„Brächten Sie mir doch die Nachricht von der Ankunft des zögernden Deſaix, ich gäbe Ihnen mein beſtes Pferd!“— Victor erwiederte mit freudeglänzendem Geſichte:„Ohne meiner Sache gewiß zu ſeyn, Bürger Konſul, glaube ich dennoch verkünden zu dürfen, daß Verſtärkung nahet. Es zeigen ſich Truppen auf der Höhe von San Giuliano.“ „Wohlan denn!“ rief Bonaparte, als in demſelben Mo⸗ ment einige Offiziere Deſair's die Ankunft ſeiner Kolonnen meldeten:„Er kommt, und mit ihm die Diviſivn Boudet, eine der tapferſten der Armee. Nun werden wir jene Ka⸗ naille zu Paaren treiben. Eilen Sie, meine Herren, auf Ihre Poſten! die Linie formirt, und ausgehalten, bis der letzte Streich geſchehen iſt!“ Der electriſche Schlag, der die Bruſt des Konſuls be⸗ rührt hatte, theilte ſich allen Führern mit. Die Hoffnung lebte in ihren Herzen wieder auf. So wie der Abend er⸗ friſchend und kühl dem heißen Tage zu folgen begann,— es wär ſchon fünf Uhr vorüber— ſo wurden auch die Köpfe Kirez kälter, und der Muth erkannte wieder deutlich 8 4 50 ſein Ziel. Deſair mit ſeiner Diviſion rückte in die Linie. Der Konſul umarmte ihn mit ungeheuchelter Freude, und mit den Worten:„Nun General, wie finden Sie uns hier?“ Deſair zuckte die Achſeln und verſetzte mit ſeiner gewöhnli⸗ chen republikaniſchen Freimüthigkeit:„Die Schlacht iſt ver⸗ loren, aber noch iſt es früh genug, eine zweite zu beginnen.“ Die Feldherren trennten ſich, und der Konſul, der es wohl verſtand, mit Wort und That die Soldaten zu begei⸗ ſtern, ritt im Galopp durch die Reihen der wieder geſam⸗ melten und aufgeſtellten Armee, und rief ihnen zu:„Fran⸗ zoſen! Ihr habt ſchon zu lange den Weg zurück gemacht; nun gilt es wieder vorwärts zu marſchiren. Erinnert Euch, daß ich gewohnt bin, auf dem Schlachtfelde zu ſchlafen.“— Tauſendſtimmiges Jubelgeſchrei antwortete dieſer wohlbe⸗ rechneten Rede, die Soldaten ſteckten ihre Hüte auf die Spitze ihrer Bajonnette, ſchwenkten ſie in den Lüften, und forderten tobend die Trommler auf, den Sturmmarſch zu ſchlagen, wie ihre Chefs, ſie unverzüglich den ſechstauſend Grenadieren entgegen zu führen, die mächtig und ſiege trun⸗ ken herankamen, um die geſchlagene Armee völlig zu durch⸗ brechen und zu vernichten.— Das Glück kehrte jedoch treu⸗ los den öſterreichiſchen Adlern den Rücken. Schon ſind Zachs auserleſene Grenadiere bis auf die halbe Schußweite vor⸗ gedrungen, und ihnen folgt mit weit ausgeſpreiteten Flügeln das übrige Heer, als plötzlich auſ franzöſiſcher Scite Deſair an der Spitze ſeiner Angriffscolonne im Sturmſchritt auf die Feinde losgeht, dann eine Batterie von fünfzehn Feuer⸗ ſchlünden und von dem General Marmont befehligt, demas⸗ kirt, und ein entſetzliches Kartätſchenfeuer gegen die Oeſter⸗ reicher ſprühen läßt, die ſich eines ſolchen Angriffs nicht 51 verſahen. Die neunte leichte Halbbrigade greift mit unge⸗ heurer Kühnheit an; ihr folgt nach und nach jedes Corps der Diviſion. Die Wuth der Franzoſen wird auf's Höchſte gebracht, als ſich das Gerücht von Deſaiv's Tode verbreitet. Das dritte Bataillon der vier und vierzigſten Halbbrigade, in angeſtrengten Märſchen vom Simplon daher eilend, kömmt im Rücken der Armee an; kaum erfährt ſein Chef Sandeur, wie die Sachen ſtehen, als er augenblicklich, ohne ſeinen Truppen Raſt zu geben, nach dem Schlachtfeld aufbricht, und noch mehrere der Lorbeeren des Tages für ſich pflückt.— Noch ſtehen zwar Zachs Grenadiere wie die Mauern, kräf⸗ tiger durch das Bewußtſeyn des Sieges; aber Kellermanns Reiterei, die, trotz dem ungünſtigſten Terrain, ihren tapfern General an der Spitze, wie ein Wetterſturm in die Flanken der Feinde bricht, entſcheidet das Schickſal des Tages, zer⸗ reißt die Grenadier⸗Colonnen, die bereits zu weit vorgerückt ſind, als daß die übrige kaiſerliche Armee ihnen beiſtehen könnte, umringt ſie im Verein mit der Diviſion des tapfern Boudet, und nimmt ſie gefangen ſammt dem Genergl. In⸗ deſſen greifen die Corps der Generale Lannes, Monnier und Victor, wie die Garde und die Reiterbrigade unter dem unerſchrockenen Murat den Feind auf allen Punkten an und werfen ihn. Vergebens ſtellt ſich der öſterreichiſche Feldherr Melas, von der Cavallerie des Generals Elsnitz beſchützt, noch einmal in Marengo auf;— er muß weichen, und verdankt nur der heldenmüthigen Ausdauer ſeiner Nachhut zu Pedrebona die Erhaltung ſeiner Brücken über den Fluß, worüber er ſich ſchleunigſt gegen Aleſſandria zurückzieht⸗ fünftauſend Todte und ſiebentauſend Gefangene auf dem dieſſeitigen Ufer zurücklaſſend. Spät erſt die Schlacht, 52 ſchweigt der Donner des Geſchützes. Die franzöſiſchen Sol⸗ daten, welche trotz der Wuth des Kampfs, gleichſam wie im Tanze die ganze Strecke über die weite Ebene in drei Viertelſtunden zurückgelegt haben, bivouakiren vor dem Brückenkopf der Bormida, und erfüllen ſo den Wunſch ihres Feldherrn, der auf dem Schlachtfeld zu ſchlafen begehrte. Die leicht begeiſterte Menge preiſ't nach dem Ende dieſer harten Schlacht den Konſul mit verſchwenderiſchem Lobe, während Derjenige fehlt, dem der Preis des Tages ge⸗ bührt: Deſair, der wahre Republikaner, der ſein Leben ſo großmüthig für des Vaterlandes und eines glücklicheren Nebenbuhlers Ruhm hingegeben, und die Reben, an deren Fuß er fiel, mit ſeinem Heldenblute befeuchtet und gehei⸗ ligt hat. An demſelben Tage war Kleber zu Cairo von Meuchler⸗ hand gefallen. Fünftes Rapitel Die Nacht im Bivouat. Das Kloſter del Bosco hatte— man dankte dem Gene⸗ ral Kellermann dieſe Fürſorge— Vorräthe herbeigeſchafft, um die hungrigen Sieger nach dem langen Kampfe zu er⸗ quicken. In dem Hauptquartier des Konſuls ging es ſo luſtig und geräuſchvoll her, wie der erſtrittene Erfolg es nur erlaubte; tauſend Muthmaßungen für die Zukunft wur⸗ den geäußert, tauſend Wetten eingegangen; denn noch war die Frage zu erledigen, ob am nächſten Morgen die Schlacht fortgeſetzt, oder ein, beiden feindlichen Heeren nothwendiger Waffenſtillſtand geſchloſſen würde. Es war leicht zu bemer⸗ ken, daß der Konſul ſelbſt dieſe Ungewißheit theilte, obſchon er in ſeiner Klugheit vorgab, bereits einen entſchiedenen Plan gefaßt zu haben; was jedoch noch leichter aus ſeinem Betragen erhellte, war, daß er nicht geneigt ſey, nur einen Theil des Sieges einem Andern verdanken zu wollen, als gerade ſich ſelbſt. Mit einigen Worten, welche innige Weh⸗ muth mit vielem Glück ausdrückten, bekränzte er die Tumba des zu früh gefallenen Deſaix; mit andern, nicht minder emphatiſchen und gewählten Ausdrücken belobte er die Tha⸗ ten einiger Männer, die eben nichts anders gethan, als nur ihre Pflicht; affectirte jedoch die Verdienſte Anderer, die den Ausſchlag gegeben, zu überſehen, oder gar zu vergeſſen. Kellermann war nicht zum Beſten von ihm behandelt wor⸗ den, und ſtand, über ſolch Betragen erbittert, mit Lannes und Murat in einer Ecke, wo der Unmuth der drei Gene⸗ rale ſeinen freien Lauf nahm, von Herz und Lippen.„Es iſt eine ſchreiende Ungerechtigkeit!“ ſagte Lannes, deſſen Frei⸗ müthigkeit bereits in der Armee zum Sprichwort geworden: „Welch ein Anſehen ſich der Menſch giebt! Alles iſt nichts, was er nicht gethan hat: die heutige Schlacht eine Frucht ſeines Genies allein. Ob wir bei Montebello ſiegten oder nicht, das käme auf Eines heraus. Stand ich nicht auch heute noch im Kartätſchenfeuer den ganzen Tag? Hiebſt Du nicht wacker ein, Murat? Haſt Du nicht die Bataille durch Deinen Angriff entſchieden, Kellermann? Zum Lohn für dieß alles wird uns kein Wort der Anerkennung, und Dir, armer Schelm, der die Bataille gewann, ein kühles Lob, einem Verweiſe ähnlicher, während dem Beſſiéres für ſein ſtoiſches Ausharren der Lorbeer aus vollen Händen ins Geſicht fliegt. „Ich bin der Ungerechtigkeiten ſchon gewohnt;“ meinte Murat mit leichtem Achſelzucken, indem er vor einem hand⸗ großen Spiegel, der zufällig an der Wand klebte, Kragen und Halstuch zurecht zog:„Der Konſul hat es ſeit längerer Zeit nicht beſonders freundſchaftlich mit mir im Sinne. Je nun, man muß warten. Wenn ihm einmal die Taſchen voll⸗ gepfropft von Ruhm ſtecken, ſo fällt am Ende wohl auch für unſer einen etwas ab.“ „Was er von mir hält, gilt mir gleich;“ bemerkte Kel⸗ lermann mit ſpöttiſchem Lächeln:„bin nur neugierig, wie er ſich im Bulletin mit mir aus der Affaire zieht. Berthier und Bourienne werden Arbeit voll auf haben, bis das Mei⸗ ſterſtück gelingt.“ Lannes hob wieder an:„Der Menſch wird uns noch ge⸗ nug zu ſchaffen machen; ich habe ihn lieb wie einen Bruder, und ſehe mit Bedauern, wie der Hochmuth anfängt, in ihm zum Rieſen zu werden. Aber ich will nicht Lannes heißen, wenn ich nicht einmal vor ihn hintrete, und ihm ſage:„Be⸗ denke doch, daß du gerade nur ein Menſch biſt, als wie wir andere, die ſich für die Republik und Deinen Ruhm todt⸗ ſchlagen laſſen; denn wären wir nicht geweſen, ſo möchte der achtzehnte Brumaire übler für Dich ansgefallen ſeyn⸗ als „Stille!“ unterbrach ihn Murat plötzlich, und zeigte auf Victor Dammartin, der aus des Konſuls Zimmer trat, und ſich der Gruppe näherte. „Haſt Recht,“ verſetzte Kellermann halb leiſe:„Der Ad⸗ jutant iſt einer von des Konſuls Enthuſiaſten; er ſchwört nur bei ſeinem Namen.“ Indeſſen redete Lannes den Adjutanten an, und fragte, wie der Konſul geſtimmt, und was Neues vorgekommen ſey. „Der Konſul hat mir ein Pferd geſchenkt,“ antwortete Victor lächelnd:„Die wichtigſte Neuigkeit für mich indeſſen iſt, daß ich mit dem Früheſten mit Depeſchen nach Mailand muß.“ „Es iſt zu vermuthen,“ entgegnete Murat,„daß die Her⸗ ren von Mailand ſich großmüthiger gegen Sie bezeigen werden, als der Konſul ſelbſt.“ 56 Victor erwiederte mit einem Blicke ſtillen Vorwurfs:„Ich weiß nicht, ob das werthvollſte Geſchenk für die Botſchaft eines ſo entſcheidenden Sieges meine Wünſche befriedigen möchte, wie der Beſitz eines Pferdes, welches der Held des Jahrhunderts ſchon bei ſeinen erſten Waffenthaten in Italien beſtiegen.“ „Jeder hat ſeinen Geſchmack,“ meinte Murat.„Dem Einen gefallen Juwelen, dem Andern Gold, und der Dritte iſt zufrieden mit einem Stückchen Papier, oder einem Haar⸗ büſchel, wenn nur beides von geliebter Hand kömmt.“ „Das mag ſeyn,“ antwortete Victor halb launig, halb ernſt.„Sie ſprechen da von Eroberungen, General, deren ich mich nie habe rühmen können.— Hat Jemand von den Herren mir einen Auftrag nach Mailand zu geben? ich be⸗ ſorge ihn mit Vergnügen.“ Die Generale, Lannes ausgenommen, der dem Adjutanten einen Gruß an einen in Mailand garniſonirenden Waffen⸗ gefährten mitgab, dankten für das Anerbieten und erkun⸗ digten ſich noch einmal nach des Konſuls Laune. Victor verſicherte, ſie ſcheine ſehr gut, und der Konſul wünſche, Lannes einen Augenblick zu ſehen. Wirklich kam auch ein zweiter Bote, um den General zu holen.„Zum Teufel!“ rief Lannes mit komiſcher Ungeduld:„Braucht er mich zu der Redaction ſeines Armeeberichts? iſt er luſtig oder mür⸗ riſch?“— Der zuletzt gekommene Offizier erwiederte:„Der Conſul ſingt und diktirt abwechſelnd.“—„Singen?“ fragte Lannes wie oben:„da iſt es nicht ganz richtig mit ihm. Das Bulletin wird mehr Mühe koſten, als er dachte, und wenn auf jede ſeiner falſchen Noten nur eine Abweichung von der Wahrheit kömmt, ſo werden wir morgen einen 57 Bericht leſen, der uns im Zweifel läßt, ob wir in der That die heutige Schlacht mitgefochten, oder ob ſie ſich hundert Meilen von uns ereignete.“ Lannes ging, die beiden Generale lachten, und Victor entfernte ſich mit einem bittern Gefühl im Herzen. Murat ſpottete noch einige Zeit gegen Kellermann über den genüg⸗ ſamen Adjutanten, der, obgleich ſeit dem egyptiſchen Feldzug dem Konſul angehörend, noch bis jetzt kein Avancement erlangen konnte, aber dennoch glücklich wie ein König ſey, weil ihn der Held der Zeit mit einem Geſchenke beehrt. Während deſſen zürnte Victor in ſeiner Bruſt den Männern, die des Konſuls Betragen in den Staub des Gewöhnlichen herabziehen zu wollen ſchienen.— Langſam durch die Schild⸗ wache und die dichte nächtliche Dämmerung durchſchreitend, verſenkte ſich Dammartin in die Geſchichte des macedoniſchen Aleranders, und vor ihm tauchten alle die Heldengeſtalten der dem grichiſchen Könige unterworfenen Feldherren auf, und er fand dieſelben Figuren in dieſer neueſten aller Zeiten wieder um ſich her verſammelt, eben ſo tapfer, eben ſo ergeben, eben ſo leidenſchaftlich, und nicht minder begierig, den Ruhm ſtückweiſe an ſich zu reißen, den des Königs Geiſt erworben, wie auch die Eroberungen, die er gemacht, nicht bedenkend, daß er freilich die Kräfte von Andern benutzen mußte, um zum Ziele zu gelangen,— daß aber nur durch ſeinen ein⸗ zigen Willen und Verſtand die getrennten Elemente ein großes Ganzes bilden konnten. Es war ſehr natürlich, daß Victor das Ende der Regierung des macedoniſchen Fürſten, wie die Anarchie, die nach derſelben eintrat, an ſich vorüber gleiten ließ; daß er jenen letzten Zuſtand des Alexander⸗Reiches mit dem Zuſtande verglich, der in der franzöſiſchen Republik eintreten mußte, wenn plötzlich ihr Oberhaupt fiel.„Gott ſegne Frankreich und erhalte ihm ſeinen Helden!“ ſeufzte er mit der innigſten Ueberzeugung, befürchtend, es möchten ſich nach dem Tode des Konſuls alle die Schwerter, die jetzt unter ſeiner Aegide für das Vaterland kämpften, gegen daſſelbe kehren, um ſich in ſeine blutigen Ueberreſte zu theilen. Dann aber gingen Victors Gedanken, politiſche Anſichten dahinten laſſend, auf andere Gegenſtände über, die ſeinem Herzen nicht minder nahe lagen, und womit beſchäftigt er in das Bivouae trat, wo das Gros der Kon⸗ ſulargarde verſammelt ſtand, bei wirthlicher Flamme, in ſchweigender Nacht.— Die Ruhe war hier mit der pünkt⸗ lichſten Wachſamkeit gepaart. Poſten zu Fuß und zu Pferd ſtanden ringsum, gelehnt an die übrige Wachtkette, die ſich auf der ganzen Linie der Armee ausdehnte. Bataillon für Bataillon, Eskadron für Eskadron hatten für ihre Bequem⸗ lichkeit geſorgt, wie es Ort und Zeit erlaubten. Hier lag eine üppige Streu von Maisſtroh, dort eine dürftige Schicht von elendem Heu; hie und da waren von wenigen in Eile gefällten Bäumen Baracken errichtet, worinnen die Offiziere der Ruhe pflegten. Die Mannſchaft lag theils in Mäntel gehüllt auf dem Boden, und vor ihr in Doppelreihen ſtan⸗ den die Gewehrpyramiden, vom lodernden Feuer geröthet; theils ſaßen die Soldaten wach und aufmerkſam auf ihren Lorniſtern, die geladene Flinte in der Hand. Die Halbſchied der Reiterei war ebenfalls auf den Beinen, die Pferde an den Zügeln haltend, und den geſpannten Karabiner in der Fauſt; die andere Hälfte ſchlief indeſſen ſo zu ſagen unter den Hufen ihrer Roſſe, die, an langen ausgeſpannten Stricken befeſtigt, neugierig in die Flammen der Wachfeuer 39 — blickten, und bei jedem Geräuſch ungeduldig die Ohren ſpitzten. Vor den Bataillons⸗Fronten ſteckten die Fahnen in der Erde, ſtanden aufgethürmt die Trommeln, umlagert von der jugendlichen Schaar der Trommelſchläger; in der Mitte des länglichten Vierecks, worauf die Garden kampir⸗ ten, ſtand das Feldgeſchütz, und daneben glimmten die Lunten der wachſamen Kanoniere. Hie und da ruhten im Schatten zuſammen getriebene Haufen von gefangenen Oeſterreichern, theils ſchlummernd vor Ermüdung, theils ſehnſüchtig durch die Finſterniß hinüberſchauend nach den Ufern der Bormida, hinter welchen ihre Landsleute ſtanden. Einzelne Gruppen leiſe ſprechender Franzoſen ſaßen um die Feuer; unter dieſen, abgeſondert von ſeinen Umgebungen, Sans⸗Regret, das Gewehr im Arm, die Grenadiermütze neben ſich auf dem Boden, und mit geſenktem Haupte die Erde anſtarrend, oder die verwundete, nur mit einem Schnupftuch nachläſſig ver⸗ bundene Hand. Victor näherte ſich dem Freunde, der ihm dienſtfertig ein Felleiſen zum Sitze hinſchob, welches ein nebenan ſchlummernder Soldat von einem öſterreichiſchen Kavallerie⸗Offizier erbeutet hatte. „Wie geht's, Alter?“ fragte der Adjutant theilnehmend, und Sans⸗Regret entgegnete mit jovialiſchem Lächeln:„Ei, ſehr gut, mein Kapitän. Die Hand ſchmerzt ein bischen, weil mir eine doppelt geladene Flinte darinnen zerſprang. Nun iſt aber keine Gefahr bei der Sache. Die Fingerge⸗ lenke ſind ganz geblieben, und nur das Fleiſch etwas weni⸗ ges zerriſſen. Doch habe ich mich bei der Gelegenheit der Wunde erinnert, die mir der Schurke zu Verſailles an jenem denkwürdigen Oktobertage ungefähr an derſelben Stelle beibrachte. Was hat ſich ſeitdem alles begeben, mein 60 guter Herr! wir ſind ganz neue Menſchen geworden; ich aus einem Invaliden ein aktiver Grenadier, und Sie aus einem Diener des Königs ein verdienter Offizier der Repu⸗ blik, dem nur ein höherer Grad fehlt, damit auch die Welt an ſein Verdienſt glaubt.“— Victor ſchüttelte den Kopf, und verſetzte:„Ich dürſte nicht nach Rang und Würde, wenn ich nur dem Vaterlande und ſeiner heiligen Sache nützlich bin. Zudem: welch glücklicheres Loos könnt' ich mir wünſchen, als das, durch meinen Dienſt immer dem Manne nahe zu ſeyn, der mit Recht Frankreichs Stolz genannt wird, die Hoffnung von ganz Europa?— Wenn Du wüßteſt, mit welcher Freundlichkeit der erhabene Mann jede noch ſo bittre Mühe zu vergelten verſteht! ein Löwe in der Schlacht, iſt er auch die Milde ſelbſt, wenn ihm ver⸗ gönnt iſt, das Schwert in der Scheide ruhen zu laſſen. Täglich nimmt meine Liebe und meine Bewunderung für ihn zu. Was wird erſt noch im Schoos der Zeiten durch ſeine Kraft und ſeinen Muth entkeimen und aufſproſſen? Das Schickſal der Welt liegt in den Händen dieſes jungen Hel⸗ den, und glücklich ſind wir zu preiſen, daß wir an ſeiner Seite die Fackel der Aufklärung und der Freiheit durch Europa zu tragen berechtigt ſind. Du weißt ſelbſt, wie ich bereitwillig alle Gefühle meines Herzens aufopfere, um ſeinem Dienſte zu genügen, um von ihm zu lernen, um ihn zu bewundern in der Fülle ſeiner Kraft und ſeines um⸗ faſſenden Geiſtes. Stelle Dir vor, wie dieſer große Genius ſelbſt in den großartigen Stürmen des Krieges, unter der Laſt der Regierungsſorgen, die doch allein nur auf ihm ruhen, auch die geringfügigſten Kleinigkeiten weiß, welche ſeine Umgebungen zu intereſſiren im Stande ſind. Denke Dir 61 mein Erſtaunen, als er heute zu mir ſagte, ganz mit der lächelnden Freundlichkeit, die Du an ihm kennſt: Sie wer⸗ den morgen früh mit Depeſchen nach Mailand abgehen; der dortige Gouverneur wird Sie unverzüglich mit einer Sen⸗ dung nach Frankreich beauftragen, die es Ihnen möglich macht, Ihre häuslichen Angelegenheiten nebenbei zu ordnen, und ſich mit Ihrer Gattin zu vereinigen.— Nun ſage mir: woher weiß er von meiner Ehe? wie kam dieſer ſo unbe⸗ deutende Umſtand zu ſeinen Ohren? er bemerkte, wie ſehr ich betroffen war, und ſchloß mit den Worten: ich liebe die heimlichen Ehen nicht. In Republiken muß alles frei und offen zugehen. Ich werde dem General Montchviſy bemerken laſſen, daß es an der Zeit ſey, nachzugeben, be⸗ ſonders, da doch einmal das Uebel geſchehen iſt. Konnte er dem armen Croiſier ſein Wort geben, ſo mag ihm ein anderer Adjutant des Konſuls eben ſo angenehm ſeyn. Rechnen Sie ſodann auf meine Theilnahme, ſobald ich in Paris bin, und ich hoffe, nicht lange von der Hauptſtadt entfernt zu ſeyn.— Welch eine Freude ſich da meiner be⸗ meiſterte! endlich vor der ganzen Welt Adele mein nennen zu dürfen! unter dem Schutze des gefeierten Helden mein Haus zu begründen!“ „Hm! es iſt gerade ſo, als ob ein Monarch den Heiraths⸗ kontrakt eines Offiziers unterſchriebe;“ erwiederte Sans⸗ Regret trocken:„Glück zu, mein Kapitän. Sie werden ihm eine Frau verdanken, die Sie bisher nur incognito beſaßen⸗, und der Rang eines Bataillons⸗Chefs kann Ihnen nicht mehr entgehen, eben ſo wenig, als unſerm Vaterlande das Joch, welches ihm beſchieden iſt. Ach, lieber Victor: mit der Freiheit iſt es aus. Die ſchoönſten Tage derſelben haben 6² wir ſchon geſehen. Ein Patriot, deſſen Tugend das Rad der Gewaltherrſchaft noch im Laufe hätte aufhalten können, Deſaix, iſt heute gefallen. Moreau iſt, fürchte ich, zu ſanft und kalt, um entſcheidend aufzutreten, und Kleber zu weit vom Vaterlande entfernt, um die Freiheit zu retten. Einer von den genannten hätte dem aufſtrebenden Rieſen entgegen zu treten vermocht; zu keinem andern habe ich das Ver⸗ trauen. Indeſſen— was thut das mir? wenn ich nicht mehr für das Vaterland allein und für ſeine Freiheit kämpfen darf, müßte ich denn ein Prätorianer werden? Ich ſetze mich zur Ruhe, ſchaukle Ihre Kinder und das meinige auf dem Schvos, oder baue mein eigenes Feld, da mich der Himmel wider Verhoffen in ſeiner Langmuth mit Gütern dieſer Erde reichlich geſegnet hat.“ „Sans⸗Regret!“ ſagte Victor beſorgt, und rüttelte den Freund bei den Schultern:„verſinkſt Du wieder in Deine wachen Dräume? es verſteht ſich von ſelbſt, daß Du ein Glied meiner Familie biſt, ſobald Du den Dienſt verläſſeſt. Aber was ſchwatzeſt Du von Deinen Reichthümern, von Deinen Gütern?“ Der Grenadier ſah lächelnd zu ihm empor, ſtrich ſich behaglich Zopf und Bart, und entgegnete:„Ich wette, daß Sie meinen, meine Narrheit ſey wieder gekehrt, und ich träume entweder von den Feldern meines Schwiegervaters in der Bretagne, oder gar von den Strecken am Miſſouri, die mir einſt durch eine Heirath hätten zu Theil werden können. Dem iſt jedoch nicht alſo. Ich bin ſo vernünftig und nüchtern, wie bei dem erſten Aſſaut, wo ich mein Fechtmeiſterpatent holte. Sehen Sie hier den Beweis.“ Er zog aus ſeiner Taſche einen zerknitterten Brief, und ſchlug ihn auseinander.„Das Schreiben kam mir durch die Feld⸗ poſt geſtern zu, aber ich hatte nicht Zeit, weder geſtern noch heute, es zu leſen. Vor einer Stunde that ich es. Die Adminiſtration von Marſeille meldet mir, daß mein einziger Bruder ohne Erben und nähere Verwandte ſtarb, und mir eine Verlaſſenſchaft heimfiel, die, obſchon von der Revolution hart beſchnitten, dennoch nicht unbeträchtlich zu nennen iſt. Sehen Sie: ich bin plötzlich ein reicher Mann geworden, und wenn ſchon die Schreckenszeit einen Theil meines Reichthums verſchlang, ſo verſchlang ſie doch auch verſchiedene Unannehmlichkeiten, die mich hätten abhalten können, mein Erbe in Empfang zu nehmen: das Parlament und ſein Regiſter, das Urtheil, das mich zum Tode ver⸗ dammte, und die grauſame Enterbung, die mein Vater in der Sterbeſtunde über mich verhängte; ich darf frei und frank nach der Vaterſtadt zurückkehren, und ohne Umſtände ein reicher Mann werden. Freilich“— ſetzte er düſter mit niedergeſchlagenen Augen hinzu—„freilich werde ich nicht alles vergeſſen können, und jener Strand, worauf einſt geſchah, was nie hätte geſchehen ſollen—“ Victor verſchloß ihm mit der Haud den Mund, um ihn von dem Andenken des unglücklichen Duells zu befreien, das ſchon wieder wie ein lauerndes Geſpenſt vor ihm emporſtieg, und ſagte mit luſtiger Geberde:„Laß das, guter Freund, und empfange meinen Glückwunſch. Alles, was ich habe und je beſitzen werde, iſt an und für ſich zur Hälſte Dein, aber dennoch beruhigt mich für Dich dieſer Zuwachs von Reichthum, wenn wir ſchon beide ihn nicht beſonders hoch achten. Nun mag der Krieg über mich gebieten, nun mag Unglück mein Haus heimſuchen;— ich ſterbe doch mindeſtens 64 mit dem Bewußtſeyn, daß Du nicht dabei darben mußt, der Du alles für mich aufgeopfert haſt.“ „Ueberflüſſige Angſt!“ meinte Sans⸗Regret, den Offizier umarmend;„ich gehe ſchon vor Dir heim, mein lieber Victor, und wünſche nur, daß Du nicht im Sold eines Ty⸗ rannen Dein Blut verſpritzeſt. Gieb acht: der Konſul wird tein Waſhington, aber Du wirſt einſt zur Beſinnung kom⸗ men, und den Götzen würdigen lernen, den Du jetzt blind⸗ lings verehrſt.“ „Jetzt biſt Du doch gewiß der alte Träumer!“ ſagte Victor, als ein wiederholtes Werda⸗Rufen das Geſpräch mit einemmale endete.— Die Schildwachen beruhigten ſich bald. Es waren franzöſiſche Offiziere, die ſich dem Feuer näherten. Der erſte von ihnen ſagte zu den folgenden: „Hier müſſen Sie den Kapitän Victor finden. In dieſer Gegend iſt ſeine Equipage.“— Victor, ſeinen Namen hö⸗ rend, ging den Ankommenden entgegen. Ein ſchwarzes Ge⸗ ſicht blickte unter dem Hute des Einen hervor, der raſch auf den Kapitän zuging, und ihn in die Arme ſchloß.„Wie? um aller Welt willen, wie kommſt Du hieher, Maronnier?“ rief Victor voll Freude und umarmte den Neger mit dop⸗ pelter Herzlichkeit, welcher mit zuthulicher Freundlichkeit haſtig antwortete:„Gerade von Mailand, als Bote des Gouvernements. Dem Himmel ſey Dank, daß ich Dich mit geſunden Gliedern antreffe. Wir beſorgten das Schlimmſte. Reiſende, die uns entgegen kamen, erzählten von der Schlacht, deren Donner wir von Weitem hörten, berichteten uns die Niederlage unſeres Heeres, und werden ohne Zweifel die uUnglücksbotſchaft nach Frankreich bringen, während wir hier unter lorbeergekrönten Fahnen ſtehen.“ 65 „Unverſchämtes Geſindel!“ rief Victor, in allem Ernſt erzürnt;„welche Furcht werden die vorlauten Burſche rege machen! wie wird ſich dieſe Nachricht über die Schweiz und Savoyen wie ein Lauffeuer verbreiten! Maronnier— wenn meine arme Adele davon hört? wie wird ſie ſich ängſtigen? ſie wird mich verwundet, vielleicht getödtet glauben? ſage, Du mein Vertrauter, Du, der Zeuge jener heimlichen Ver⸗ bindung, haſt Du keine Nachricht von ihr? ſie iſt ſo ſpar⸗ ſam mit ihren Briefen, ſo geizig wie Du, der hartherzige Mittelsmann unſerer Korreſpondenz. O Deine Seele iſt ſchwarz wie Dein Geſicht, und mich peinigt die Angſt, daß Adele mir ihre Liebe entzogen, daß ſie vielleicht krank... „Beruhige Dich,“ fiel Maronnier ihm lebhaft in's Wort; „ſie hat für Dich gefürchtet, hat für Dich gezagt, aber nun iſt ſie wieder voll Zuverſicht und Hoffnung. Weit entfernt, Dir ihre Liebe zu entziehen, hat ſie einen Schritt gethan, der ſie nun unauflöslich mit Dir vereinigen ſoll. Kannſt Du Dir vorſtellen, daß ihr Vater ſelbſt wahnfinnig genug wurde, ſich in das Mädchen zu verlieben? daß er ihr endlich nicht undeutlich geſtand, wie er um dieſer Neigung willen, Dir ihre Hand verſage?— um fernern Erörterungen über dieſe unbegreifliche Leidenſchaft des Generals zu entgehen, floh Adele am ſelben Tage aus dem väterlichen Hauſe, einen Brief zurücklaſſend, der dem Alten, nebſt gerechten Vorwür⸗ fen, auch die Entdeckung Euerer bis jetzt verheimlichten Ehe übermachte.“ „Sie flüchtete? wohin?“ »Direkt von Zürich zu mir nach Mailand, wo wir, mein Weib und ich, die holde Amazone mit Freuden empfingen.“ 5 . —5 „Maronnier! Du giebſt mir das Leben wieder! ich werde ſie wieder ſehen, bald, ſo nahe ſchon! o warum bleicht nicht ſchon der Tag am Himmel, warum ſäumt der Konſul ſo lange mit ſeinen Depeſchen? ſoll die langſame Feder eines Schreibers meine Sehnſucht ſo grauſam zügeln?“ „Nicht doch; die Liebe ſpottet Euerer diplomatiſchen Pa⸗ piere: Sie ſelbſt kommt Dir entgegen, um im Lager des Ruhms ihren theuren Sieger zu umfangen!“ Kaum hatte Maronnier die Worte ausgeſprochen, ſo lag ſchon einer der mit ihm gekommenen Offiziere an Victors Bruſt. Der Ueberraſchte fand ſich gleich in die ſüße Liſt, die ihn umgarnte. Nicht die Mütze mit der Cocarde, nicht der grüne Ueberrock mit den Huſarenknöpfen und der Klang der beſpornten Stiefel täuſchte ihn. Unter der Mütze quol⸗ len Adelens Locken hervor, unter dem grünen Rocke ſchlug ihr liebevolles Herz, ihr blühendes Geſicht ſchmiegte ſich feſt an Victors Wange, und ihr Mund rief mit Entzücken die Worte:„Erkennſt Du mich, mein lieber, lieber Freund? ich bin Adele, Deine kleine Frau, und ich will mich nie mehr von Dir trennen, und immer bei Dir ſeyn, mein tapferer Victor!“ Maronnier, an deſſen Bruſt ſich ſeine Frau lehnte, die, ebenfalls in Mannskleidern, als Adelens Begleiterin mitge⸗ kommen, und Sans⸗Regret, unbeweglich auf ſeinem Torni⸗ ſter ſitzend, waren die einzigen Zeugen dieſes ergreifenden Wiederſechens. Rund um ſie her belebte ſich das Bivouac, und jeder Soldat griff, für fremdes Intereſſe kalt, zu den Waffen, denn ſchon graute der Tag, und die ganze Linie rührte ſich. In kurzer Zeit war des Konſuls Depeſche in Victors Händen, und er rollte im leichten Kabriolet mit 67 ſeiner Gattin auf der Straße nach Mailand weg, als ge⸗ rade von öſterreichiſcher Seite der Parlamentär eintraf, einen Waffenſtillſtand zu unterhandeln. Sechstes Rapitel. Entdeckungen. Die Herbſtfonne warf glänzende Prachtfunken auf den Springbrunnen des Gartens; ein heiterer, freundlicher Him⸗ mel war über Paris ausgeſpannt, und die Bosketts in Victors kleinem Park trugen noch einmal den vorübergehen⸗ den Schimmer eines Scheinfrühlings. Adele, die Zurück⸗ kunft ihres Gatten erwartend, den Dienſtgeſchäfte in den Tuilerien in der Nähe des erſten Konſuls feſt hielten, ſaß hinter dem geſchmackvoll garnirten Balkonfenſter, theils mit ihrer Arbeit beſchäftigt, theils hinunterſchauend in den Gar⸗ ten, wo ihre kleine Suzanne von der Wärterin ſpazieren getragen wurde. Da ward unten im Hauſe die Klingel des Portiers gezogen, und die niedliche Zofe Babet trat bald vor die Gebieterin, um ihr den Beſuch einer Dame zu mel⸗ den, welche dringend mit ihr allein zu ſprechen wünſche.— Adele, die Gefälligkeit ſelbſt, eilte, ſich in den Salon zu begeben und die angemeldete verſchleierte Dame trat mit ſtummer Verbeugung ein, und ſchwieg, bis ſich das Kammer⸗ mädchen entfernt hatte. Alsdann, und in Erwiederung auſ 5* 68 Adelens freundliche Anrede, hob ſie langſam, mit zitternden Händen, den Schleier in die Höhe, und Adelens neugieriger Blick erkannte— ſich ſelbſt kaum trauend— Gabrielens bleiches Geſicht. Die Ueberraſchung war von der einen Seite ſo groß, wie die Erſchütterung von der andern. Kaum fand Adele Worte, die Muhme zu begrüßen, und der Strom von Thränen, der aus den Augen der Letztern ſtürzte, ver⸗ hinderte jede Entgegnung des Grußes. Die Kniee der Mar⸗ quiſe zitterten, und ſie überließ ſich willig dem hülfreichen Arme Adelens, um ſich, einer Ohnmacht nahe, auf die Otto⸗ mane bringen zu laſſen. Dieſe Hülfloſigkeit, dieſe Zeichen großen Schmerzes oder kümmerlicher Bedrängniß löſchten alſobald die Bitterkeit aus, die in Adelens Bruſt bei dem Anblick einer Verwandten, die ihr mehr Demüthigungen als Liebe angethan, aufgeſtiegen war. Das Mitleid zieht ja ſo gern in den Buſen des Weibes ein, wenn die Feindin, vom Unglück darnieder geſchlagen, ſich beſiegt erkennt. Natürlich war es, daß Adelens Theilnahme mit dringenden Fragen beginnen mußte. Gabriele erwiederte hierauf mit Aengſt⸗ lichkeit und leiſe:„Nicht hier, meine Liebe,— in Deinem innerſten Boudvir allein kann ich Dir entdecken, was bisher mit mir vorgegangen. Verhehle Deine Thränen, denn ich bin ja eine Emigrantin, eine Geächtete, von deren Haupt noch nicht das vernichtende Urtheil genommen wurde, und die Schwatzhaftigkeit eines Bedienten könnte Dich in das größte Unglück bringen.“ Adele erkannte die Richtigkeit dieſer Worte, und führte Gabriele in ihr innerſtes Gemach, wo die Marquiſe erzählte, wie ſie, von dem getreuen Pächter aus Niederbretagne be⸗ gleitet, nach Dinan entkommen, und von da auf einem B0 engliſchen Schiffe nach Großbritannien geſegelt ſey; wie da⸗ ſelbſt Mangel und Kummer jeglicher Art die Unglückliche verfolgt; wie ſie nur der freundſchaftlichen Fürſorge einiger adelicher Landsleute die Friſtung ihres Lebens verdanke; wie endlich im Laufe der Zeit ihre Anſichten ſich bedeutend verändert, und von allen Vorurtheilen und Neigungen ihres frühern Lebens nur die unbezwingliche Luſt übrig geblieben, in dem ſchönen Frankreich ihr ſturmbewegtes Leben zu beſchließen; wie ſie demnach, dieſem allmächtigen Zuge gehorchend, der Gefahr getrotzt, in's Vaterland zurückgekommen.—„Wie verändert habe ich es gefunden!“ ſagte die Marquiſe mit großer Wehmuth:„Meine Güter in fremden Händen, die berühmten Namen meiner Familiesgeächtet und vergeſſen, eine andere Welt aufgeblüht aus den Trümmern der unſrigen! ich hatte, als ich die engliſche Küſte verließ, von der Mög⸗ lichkeit geträumt, in der Heimath irgend einen alten getreuen Diener wieder zu finden, der mit mir theilen würde, was uns die Revolution übrig gelaſſen, oder was er vielleicht von meinem Gute aus derſelben gerettet. Man erzählte ſich in England in unſern Zirkeln oft von Gutsbeſitzern, die bei ihrer Rückkehr einen Platz an dem Herde eines treuen Verwalters gefunden; ich glaubte, unter meinen Unterthanen Wohlthaten genug ausgeſäet zu haben, um eine Wohlthat dagegen zu ernten. Ich hatte mich fürchterlich getäuſcht; meine Getreuen liegen im Grabe, die ungetreuen Knechte baben ſich als Käufer von ſogenannten Nativnalgütern in meine Habe getheilt, und daß ſie mich nicht verriethen, war der einzige Dienſt, den ſie der faſt vergeſſenen Herrin er⸗ wieſen. Der ſchwache Ueberreſt meiner Baarſchaft geſtattete mir gerade nur, die Vendee zu verlaſſen, und mich in den 70 Krater des Vulkans, in das Gewühl von Paris zu ſtürzen. In der Provinz bin ich nicht ſicher; die Nachforſchungen der Behörden ſind zu pünktlich. Von der Küſte nach England entfliehen kann ich nicht mehr, weil allenthalben die Wach⸗ ſamkeit der uferpoſten verdoppelt iſt, und ein großes Lager auf Befehl des Konſuls bei Boulogne zuſammen gezogen wird. Nur die Barken kühner Schleichhändler erhalten die Verbindung zwiſchen Englands und Frankreichs Küſten, und mir, dem ſchwachen Weibe, iſt die Aufſuchung eines ſolchen Fahrzeugs eine Unmöglichkeit. Nach Paris gingen daher alle meine Wünſche, und nicht ohne Hoffnungen betrat ich dieſen Boden. Man hatte mir von einem königlich geſinn⸗ ten Comitee geſagt, und die Männer deſſelben genannt; man hatte von einem Geſetz geſprochen, welches den Emigranten gün⸗ ſtrg ſeyn ſoll; man hatte endlich auf die Gnade des Konſuls hin⸗ gewieſen, der einer dringenden und demüthigen Bitte nicht wi⸗ derſtehen würde. Eitle Vertröſtungen! die ſogenannten Royali⸗ ſten haben meine Briefe und Bitten kalt aufgenommen, das Emi⸗ grantengeſetz iſt nicht erlaſſen, und, wenn ich auch nicht zu ſtolz wäre, von dem Neuling Bonaparte eine Gunſt zu er⸗ betteln, ſo ſoll doch die Stimmung des gefürchteten Gewalt⸗ habers, in Bezug auf unſere Angelegenheiten, gerade nicht die beſte ſeyn. Die verſchiedenen Mordverſuche, die man gegen ihn gewagt, haben ihn mißtrauiſch und hart gemacht⸗ weil er hinter jedem Worte eines Bittſtellers ſchon einen Dolch fürchtet.— Da höre ich plötzlich den Namen Deines Gatten nennen; ich erfahre, daß er Bataillonschef und ein Adjutant des Konſuls, daß ihm des Glückes Sonne gelächelt, daß Du ſein Weib geworden. Wie reich fühlte ſich die arme Gabriele mit einemmale bei dieſer Nachricht! was mir bisher gefehlt, ich habe es nun gefunden: Freunde, Fürſprache, Theilnahme, ein Aſyl. Erinnere Dich, Adele, der verwi⸗ chenen Zeit, wo ich Dir beinahe eine Mutter war, und verzeihe, wenn meine Vormundſchaft ſich manchmal hart ausſprach. Die Jahre haben mich gebeſſert. Sey aber auch zugleich mein guter Engel bei Deinem Gemahl, und er wird ſich der Großmuth, die er einſt gegen mich geäußert, wieder erinnern, und meine Dankbarkeit durch Wiederholung derſelben auf ewig begründen.“ Adele war in ein tiefes Sinnen verſunken, und überlegte bei ſich ſelbſt, ob es wohl rathſam ſey, Gabrielens überra⸗ ſchendem Vertrauen zu entſprechen. Die weibliche Aengſt⸗ lichkeit ſträubte ſich zwar dagegen, aber das Herz riß wie gewöhnlich die Vernunft mit ſich fort. Sie verſprach der Couſine einen ſichern Zufluchtsort, übernahm es, Victor für dieſe Gaßtfreundſchaft zu ſtimmen und zugleich ihn zu bewe⸗ gen, bei dem Konſul Gabrielens Anſuchen um Ausſtreichung von der Emigrantenliſte einzuleiten. Im äußerſten Falle ſollte die Erlaſſung des Radiationsgeſetzes abgewartet wer⸗ den, wovon ganz Frankreich ſchon mit Zuverſicht und Hoff⸗ nung ſprach. Ein dankbarer Kuß von Gabrielens Mund lohnte vorläufig Adelens Freundſchaft, und die Marquiſe nahm alſobald mit der zuverſichtlichen Manier einer Dame vom guten Ton Beſitz von dem Gemache, welches Adele ihr einräumen konnte. Die Blumenſtöcke ordnend, die auf dem Fenſter ſtanden, warf ſie einen Blick in den Garten, be⸗ lobte deſſen Zierlichkeit, und ſchrie faſt laut auf vor Ent⸗ zücken, als ſie der kleinen Suzanne anſichtig wurde, die an der Hand der Wärterin und Sans⸗Regrets, zu gehen ver⸗ ſuchte.„Das Dein Kind, liebe Adele?“ fragte die Marguiſe 72 mit hochrothen Wangen, und faßte Adelens Hand mit ihrer zitternden Rechten:„O wie liebenswürdig iſt die Kleine! ganz des Vaters Ebenbild! laß die Kleine heraufbringen. meine Gute, daß auch ich meine niedliche Conſine herzen und küſſen kann!“ Adelens Bruſt wurde hier von einer ſehr unheimlichen Empfindung beſchlichen, und keineswegs ſo freundlich wie zuvor ſah ſie auf das Kind hinab, welches ſo eben, auf Sans⸗Regrets Armen, mit den wollenen Epauletten des in großer Uniform daſtehenden Grenadiers ſpielte. Gabriele klopfte etwas ungeduldig auf die Schulter der Freundin, und ſagte:„Folge doch hübſch. Rufe das liebe kleine We⸗ ſen herauf; es iſt bei uns mehr an ſeinem Platz, als in den Armen des langen hagern Soldaten, deſſen fürchterlicher Schnauzbart das verbrannte Geſicht noch unausſtehlicher macht.“ Adelens Auge wurde immer düſterer, und ſie verſetzte mit Unmuth, in Gabrielens Ton einſtimmend: In der That, der Menſch kömmt mir nicht erſt von heute unausſtehlich vor. Ich bin wenig zur Eiferſucht geneigt, aber dieſer In⸗ valide, wie ihn mein Mann gewöhnlich nennt, hätte mich faſt eiferſüchtig gemacht. Er iſt die Providenz unſers Hau⸗ ſes; wenn er erſcheint, hat Victor für nichts anders mehr Ohr, noch Auge; jede Rückſicht muß gegen den Menſchen beobachtet werden, während er keine gegen uns beachtet, ſondern allzuoft den Mittler und Anordner in unſerm Kreiſe ſpielt. Wichtige Dienſte müſſen freilich belohnt werden, aber wie traurig iſt's, ſich ſo zu ſagen unter der Vormundſchaft eines Menſchen wie Sans⸗Regret zu befinden! ich bin glück⸗ lich liebe Couſine, ſehr glücklich mit meinem Victor und in meinem ganzen Hausweſen, aber den Grenadier dort unten 73 könnte ich recht wohl von meinem Glücke entbehren.“ Mit dieſen Worten lief ſie haſtig auf den Balkon, und rief mit* gebieteriſcher Stimme hinab:„Sans⸗Regret! ich will, daß Ihr das Kind der Wärterin übergebet, damit es heraufge⸗ bracht werde. Ueberhaupt— wie ich Euch ſchon oft geſagt — ſchickt es ſich nicht, daß meine Tochter immer von Euch gehätſchelt werde. Ihr geht zu unvorſichtig mit ihr um, und werdet noch einmal dem Kinde weh thun.“ Als hierauf der Grenadier ohne ein Wort zu erwiedern, das Kind an Babet zurück gab, und ſich mit einem leichten Gruße in das Bosket entfernte, ſagte Adele mit halb ver⸗ legener, halb triumphirender Miene zu der Marquiſe:„Der Alte ärgert ſich, und wird mich wahrſcheinlich bei Victor verklagen; zwei Weiber ſchlagen jedoch ſolche Stürme leicht ab. Man muß Leute wie Sans⸗Regret in ihre Schranken zurückweiſen. Was ſoll auch daraus werden? Victor er⸗ zählte mir erſt vor Kurzem, daß der Alte, nach langem Zögern, um ſeinen Abſchied einkommen werde. Gott behüte uns! hat er ſich ſchon ſo viel um uns gekümmert, während ihn ſein Dienſt den groͤßten Theil des Tages beſchäftigte,— wie würde er ſich erſt in unſere Angelegenheiten miſchen, wenn ihm nichts anders mehr zu thun übrig bleibt?“ Während Babet das Kind hinauf trug, um es den Lieb⸗ koſungen der Damen preis zu geben, ging Sans⸗Regret mit gerunzelter Stirne, die Hände auf den Rücken gelegt, in die dichteſte Buſchpartie des Gartens, unfern von einer Seitenpforte, die gegen die eliſäiſchen Felder hinausführte. Da ſetzte er ſich auf eine Bank nieder, verſchränkte die Arme, und ſagte vor ſich hin:„Iſt's nicht ein hartes Loos, wegen der Laune eines Weibes ein Haus verlaſſen zu müſſen, das meinem Herzen unausſprechlich theuer geworden iſt? und doch werde ich's mit aller Geduld nicht aushalten kön⸗ nen. Die Zunge einer feindſeligen Frau iſt ſchärfer als das geſpitzteſte Rappier, und unermüdeter, als der Arm des rüſtigſten Fechters. Ich habe ihr nichts zu leide ge⸗ than.... dem ungeachtet haßt ſie mich, ohne zu wiſſen warum, wie ich häufig aus Victors Reden ermeſſen konnte; ſie beneidet mich um meine Vertraulichkeit mit ihrem Gatten. Sie möchte ihn beherrſchen, und Vietor iſt leider nur zu ſehr geneigt, das Joch auf ſich zu nehmen. Das Weib gleicht dem erſten Konſul. Es ſcheint für die Freiheit be⸗ geiſtert, und trachtet im Stillen nach der Alleinherrſchaft. Würde aber dadurch die Zukunft meines geliebten Freundes ſicher geſtellt? ich fürchte, nein.“ Er ſtrich ſich mit der flachen Hand die Falten von der Stirn, legte die geflochtenen Seitenzöpfe ſeiner Schläfe hin⸗ ter das Ohr, drückte die Bärenmütze tief in's Auge, und begegnete unter dem Pförtchen ſeinem Freunde Dammartin, der juſt aus den Tuilerien zurückkehrte. Der Bataillonschef ergriff Sans⸗Regrets Hand, und fragte, ob er ſchon auf dem Wege ſey, in die Audienz zu gehen, die er ſich vom Konſul erbeten. Sans⸗Regret ſchüttelte den Kopf und ant⸗ wortete:„Ich habe mich anders beſonnen. Ich bin nicht mehr geneigt, meinen Abſchied zu fordern. Ich habe zwar gehört, daß der Konſul mir ihn nicht gerne bewilligen dürfte, allein das würde mich wenig kümmern. Am meiſten beun⸗ ruhigt mich, welchen Aufenthalt ich zu wählen hätte. Mar⸗ ſeille? dort würde mich die Erinnerung an eine ta⸗ delnswerthe Jugend ärgern. Die Bretagne? in St. Co⸗ lombe würde mich alles an meine gute Suzon mahnen. 75 Wahrhaftig, zu Zeiten wünſche ich, daß der ſelige Capet noch am Leben, alles beim Alten geblieben, und ich im Invalidenhauſe verſorgt wäre. Das Leben einer Auſter iſt ſo ſüß für denjenigen, der tiefe Wunden in der Bruſt trägt. Keine rauhe Luft dringt durch die feſte Schale zu dem kranken Fleck, und darum iſt auch der Sarg zuletzt noch die tüchtigſte Muſchel, weil der kühnſte Räuber, wenn er ſie aufbricht, auch nicht einmal den elendeſten Reſt eines Auſterlebens darinnen findet.“ „Sey doch vernünftig,“ ermahnte ihn Victor:„Du biſt ein ſo pünktlicher und klarer Mann,“ was das practiſche Leben betrifft, und dennoch ſo ausſchweifend, wenn Du Dei⸗ ner Einbildungskraft den Zügel ſchießen läſſeſt; ungerecht zu gleicher Zeit. Ich werde Dich ſicher nicht tadeln, wenn Du im Dienſte unſers ruhmbekränzten Konſuls verharrſt, der, wie ich weiß, Dich zu befördern gedenkt; wie aber magſt Du im entgegengeſetzten Falle einen Augenblick in der Wahl Deines künftigen Aufenthalts zweifelhaft ſeyn? ſteht nicht hier mein Haus? iſt es nicht auch das Deinige? haſt Du es nicht oft ein Paradies genannt? Mars hat es mir er⸗ baut; theile es mit mir, Jünger des Mars!“ Sans⸗Regret erwiederte trocken:„Wahrhaftig: ich habe nicht gelogen, als ich dieſes Eigenthum ein Paradies nannte, aber von ſeiner Schwelle jagt mich ein zürnender Engel mit feurigem Schwert, darum iſt es beſſer, ich bleibe in meiner Kaſerne, unter meinen Kameraden, und ſpiele den Philoſo⸗ phen unter den leichtſinnigen Leuten, die noch immer Lieder von Freiheit und Gleichheit ſingen, während ſie am Vorabend des Tages ſtehen, wo man ihnen ein ganz anderes Tedeum einbläuen wird.“ 76 Victors Stirne hatte ſich bei Sans⸗Regrets Rede ver⸗ düſtert, weil er ahnte, wovon der Invalide reden wollte. Der Widerwille Adelens gegen den Alten war ihrem Gatten ſchon längſt kein Räthſel mehr. Dieſes Mißverſtändniß hatte ihn oft ſehr gekümmert, und ihm zugleich die peinlichſte Rolle aufgezwungen: die Pflicht, ſtets vermittelnd und aus⸗ gleichend nach allen Seiten hin zu arbeiten, bald den ge⸗ kränkten Freund zu beruhigen, bald die aufbrauſende Gattin zu beſchwichtigen, und ſich ſelbſt, um nur den Frieden zu erhalten, als das Ziel aufzuſtellen, wohin ſich jede Klage und jeder Vorwurf richteten. Auch heute verſuchte er den Freund zu beſänftigen, hielt ihn zurück, ihm Rede abzuge⸗ winnen, und wollte wieder zum hundertſtenmal mit denſelben Gründen tröſten, als ein unvermuthet hinzugekommener Gaſt eine unvermuthete Verhandlung auf's Tapet brachte. Es kam nämlich durch den Garten ein Offizier auf das Bosket zu, ſah ſich unruhig und ſpähend nach allen Seiten um, und näherte ſich dem Eigenthümer des Hauſes, nachdem er ihn endlich gewahrt, mit allen Zeichen der Ungeduld. Victor ſchien faſt betreten, als er in dem Fremden den Ge⸗ neral Montchviſy erkannte, Adelens Vater, der ohne Zweifel gekommen war, den aufgedrungenen Eidam zur Rechenſchaft zu ziehen und ſomit Erläuterungen herbeizuführen, die Vie⸗ tor ſowohl ſich als dem General willig erſpart hätte. Des Generals Anrede war obiger Vorausſetzung völlig entſpre⸗ chend: kurz, haſtig und ſcharf.„Ein Paar Minuten, Herr Bataillonschef. Ein Paar Worte ohne Zeugen. Wär' es gefällig?“— Victor nickte ſtillſchweigend, zeigte auf den nahe ſtehenden Pavillon, und erwiederte kalt:„Gehen Sie voraus, mein General. Ich folge augenblicklich,— Du 77 — aber,“— fügte er, zu Sans⸗Regret, hinzu—„Du magſt mich erwarten, bis ich wiederkehre. Wir müſſen mit einan⸗ der in's Reinc kommen, ich verlaſſe mich darauf, daß Du bleibſt.“ Sans⸗Regret war viel zu ſehr an Subordination ge⸗ wöhnt, als daß er nicht hätte bleiben ſollen, ſobald ein Offizier es ihm befahl. Aber die Jagd ſeiner Gedanken, die ſtürmiſchen Empfindungen, die in ihm vorherrſchten, ließen ihn nicht eine Minute auf einem Flecke. Er wandelte hin und her durch Gänge und Gebüſche, und umkreiste von weitem den Pavillon, worinnen die Unterredung des Schwie⸗ gervaters und des Eidams ſtatt hatte. Ihm war manchmal zu Muthe, als ob ein dienfffertiger Engel ihm zuredete, ſchnell von hinnen zu gehen; aber ſogleich darauf flüßterte ihm wieder eine andere Stimme zu, zu bleiben. Das Ah⸗ nungsvermögen, dieſes ſogenannte innere zweite Geſicht, deſſen er theilhaftig war, ließ ihn im Verlauf dieſer Stunde etwas Uebles vorempfinden; aber, beſorgt für ſeinen Freund Dammartin, beſchloß er auszuharren, um zur rechten Zeit bei der Hand zu ſeyn, wenn die Worte der Herren in Thät⸗ lichkeiten ausarten ſollten. Der General war als ein jäh⸗ zorniger, gewaltthätiger Mann bekannt; unter ſeinen grauen Haaren glimmte ein Vulkan, und ſeine Leidenſchaft ließ, war ſie auf einen hohen Grad gereizt, das Aergſte befürch⸗ ten.— Sans⸗Regrets Vermuthung in dieſer Hinſicht ſchien ſich zu rechtfertigen. Die Stimmen der Sprechenden wurden lauter, und ſo ſehr ſich auch der Grenadier in einer ehr⸗ furchtsvollen Entfernung hielt, ſo mußte er doch am Ende, was man in dem Pavillon ſprach, verſtehen, und da ihn das Gehörte intereſſirte, rückte er auch näher zu dem 78 Gartenhauſe und vernahm mit geſpannter Aufmerkſamkeit folgende Worte aus dem Munde des Generals:„Ei zum Teufel, mein Herr, ich wiederhole ihnen, daß ſie mir mehr als eine Tochter geraubt haben. Um eine Tochter würde ich ſchwerlich ſo viel Aufhebens machen; ich bin kein Loth, tein Sardanpal, kein Mann mit einem Worte, der ſich bizarren Neigungen hingiebt, wie Sie anzudeuten belieben. Wenn ich Adele gern gehabt habe, ſo geſchah es aus ernſtern Zwecken: ich wollte ſie heirathen.“ 1 „Heirathen? Sie, der Vater?“ fragte Dammartin mit dem Ausdruck der höchſten Verwunderung. Der General polterte dazwiſchen:„Ja doch, tauſendmal ja. Ich durfte ſie heirathen, zum Teufel. Sie iſt ja nicht meine Tochter.“ Eine lange Stille unterbrach hier das Geſpräch; dann hob der General wieder an, obſchon mit gemäßigterem Tone:„Auf mein heiliges Ehrenwort, Adele iſt nicht meine Tochter. Hätten Sie ſich, wie der arme Croiſier, nur allein an mich, und nicht an den Unverſtand des jungen Mädchens gewendet, ſo wüßten Sie ſchon längſt die ganze Geſchichte, und das Mädel wäre dem ungeachtet Ihre, oder lieber meine Frau. Ihre Geheimnißkrämerei hat mir alles verdorben. Erfahren Sie denn. Sie erinnern ſich, daß ich aus altem Hauſe bin; ich war in den Kolonien ſtationirt. Eine ſchöne Creolin war meine Gattin geworden, aber kein Sprößling ſegnete die Ehe vielmehr trat der Tod heran, ſie zu tren⸗ nen. Mein Weib ſtarb, und wenige Tage nach ihrem Tode empfing ich in einem Schreiben aus Frankreich die Nachricht, daß mein wunderlicher Oheim, der Maltheſer-Comthur Beaulieu ebenfalls das Zeitliche geſegnet, und mir einen großen Theil ſeines bedeutenden Vermögens vermacht habe; unter der Bedingung jedoch, daß ich verheirathet und ein rechtmäßiges Kind als Erbe aufzuweiſen im Stande ſey. Ging dieſe ſeltſamſte aller Klauſeln nicht in Erfüllung, ſo waren die Gerichte angewieſen, die beträchtliche Summe unter den übrigen Cuuſins zu vertheilen. Was war da zu thun? ich war jung, voll Lebensluſt und geldbedürftig; hatte auch nicht die geringſte Neigung, meinen lachenden Vettern das Feld zu räumen, und gar nichts für mich aus der reichen Erbſchaft zu fiſchen; um ſo mehr, als der Erb⸗ laſſer recht böswillig die Klauſel hatte zufügen laſſen, weil mein Leichtſinn allbekannt und nicht vorauszuſetzen war, daß ich mich bereits in das ſolide Joch einer kirchlichen Ehe be⸗ geben. Ohne zu wiſſen, was vor dem Parlamente zu thun ſey, aber feſt entſchloſſen, durch irgend einen verſchmitzten Streich mein Legat zu ſichern, ging ich zu Schiffe, den Ko⸗ pulationsſchein mit meiner Seligen in der Taſche. Ich rechnete auf die lange Seereiſe, die mir Muße genug ver⸗ gönnen ſollte, aus dem Schachte meiner Verſchlagenheit und Liſt ein treffendes Mittelchen herauszuziehen, und— wie das Glück dem Kühnen hold iſt, ſo war mir auch der Zufall günſtig. Es reiste ein junger Commis von Guadeloupe auf demſelben Schiffe nach Frankreich; ein lockerer, leichtfertiger Menſch wie ich. Wir lernten einander bald näher kennen, tauſchten einzelne Epiſoden unſeres Lebens gegen einander aus, und ich bemerkte bald, daß meinem guten Reiſegefähr⸗ ten der Ueberfluß an Poſterität eben ſo quälend am Herzen lag, wie mir der Mangel daran. Der junge Ladenſchwengel hatte nämlich in der Kolonie eine Sclavin gekauft, geliebt, und zur Mutter gemacht. Narziſſe, eine jener Mulattinnen, deren Formenſchönheit zum Sprichwort geworden iſt, hatte 8⁰ ihrem Liebhaber ein Mädchen geboren, das ſchon in den Windeln viele Anmuth verrieth, und war hierauf an einem peſtartigen Fieber erblichen. Ihr Tod traf den jungen Commis wie ein Donnerſchlag, und ein zweiter war ihm der Befehl, ſchnell in die Heimath zurückzukehren, der bald hierauf erfolgte. Trotz ſeinem Leichtſinn konnte er es nicht über ſich gewinnen, ſeine kleine Adonide in treuloſen Händen zurück zu laſſen. Er nahm das Kind mit, und verſchwen⸗ dete daran alle Vaterſorge, aber nichts deſtoweniger hegte er entſetzliche Furcht vor dem Empfang ſeiner Familie, die ihm das Heidenkind nie verzeihen würde. Genug: wir machten einen Tauſch; oder beſſer: ich nahm ihm das ab, was er zu viel hatte. Damals galt der Adel noch alles, und der gute junge Mann glaubte ſein Kind für alle Zeiten geborgen, ſobald er es nur in eine bedeutende Familie eingeſchwärzt hatte. Aus Adonide ward Adele, und an der Hand dieſes Kindes gewann ich meinen Prozeß. Die gerichtlichen Spitzbübereien jener Zeit ſind allberüchtigt. Die Couſins be⸗ dienten mich mit den niederträchtigſten Chikanen, und mein Advokat brauchte dieſelben Waffen gegen ſie. Kurz und gut, ich gewann und Adele war von jener Zeit an meine Tochter, und ich hätte mich der Sünde gefürchtet, wenn ich das arme Kind verſtoßen hätte. Ich vermählte mich nicht mehr, verlor mein Vermögen in der Revolution, gewann mir von Neuem Geld, und achtete, im Kriege vollauf beſchäftigt, nicht auf das Emporblühen meiner Adele, bis Croiſier um ihre Hand anhielt, und ich ſpäter bemerken mußte, wie ſehr der Ueber⸗ bringer von Croiſiers Reliquien von den Vendeer⸗Zeiten her in des Mädchens Achtung ſtand. Da fand ich denn, daß meine Adele ſehr hübſch geworden war, und in dem 81 — Herzen des Veteranen regte ſich die Liebe. Wären Sie mir nicht zuvor gekommen, ich hätte ohne Zweifel das Mädchen überredet, uno mich wenig geſcheut, vor ganz Frankreich die ſeltſame Weiſe darzuthun, wie ich Adele adoptirt hatte. Die Parlamente exiſtiren nicht mehr, meine Vettern leben nicht mehr, der Reichthum iſt dahin, und nebenbei auch das Leben von Adelens wirklichem Vater, dem armen Lefebre, den in einem blutigen Duell die Hand eines Feindes auf dem Marſeiller Strand niederſtreckte.“ Eiſige Kälte überfiel Sans⸗Regret bei dieſen Worten. Alle Furien des Gewiſſens und die zürnenden Manen Lefe⸗ bres drohten ihm durch die Schleier banger Erinnerung. Aus ſeinem Körper ſchien das Blut zu weichen, und gewalt⸗ ſam nach dem Gehirn zu ſteigen, deſſen Pulsſchläge wie Glockentöne an ſein Ohr pochten. Er glaubte, ohnmächtig niederftürzen zu müſſen, raffte ſich jedoch gewaltig zuſam⸗ men, und verließ, ſo ſchnell ihn ſeine Füße tragen mochten, den Garten ſeines Freundes. IV. 3. 6 Siebentes Rapitel. Asmodi. Es waren Monate vergangen; Dammartin hatte wieder den Dienſt in den Tuilerien. Der Konſul ließ ihn rufen. Victor erſchien unbefangen vor dem Machthaber, der mit ziemlich verdrüßlicher Miene auf und ab ſchritt, ſich dann plötzlich vor ihn hinſtellte, ihm ſcharf in's Geſicht ſah, und ſprach: Ich habe mich nach der Marquiſe du Pin erkundigt. Sie ſteht in allen Regiſtern ſchwarz angeſchrieben. Sie iſt eine Intrigantin, von der ich nichts weiter hören will, und welche Sie, ferner zu protegiren, unterlaſſen dürften. Auf alle Fälle wird die Dame wohl thun, ſich den Grenzen Frankreichs nicht zu nähern, viel weniger ſie zu überſchrei⸗ ten. Ich haſſe den Terrorismus jeder Parthei; weibliche Terroriſten ſind mir auf's höchſte zuwider.“ Victor, der ſich einer brüsken Zurechtweiſung nicht ver⸗ ſehen hatte, und ſich gar wohl bewußt war, wie ſehr er durch ſeine Gaßtfreundſchaft gegen Gabriele das Vertrauen mißfannte, welches der Konſul ihm geſchenkt, verſtummte mit einer verlegenen Verbeugung, und wartete noch der ferneren Befehle ſeines Herrn. Dieſer ſtand mit verſchränk⸗ ten Armen und düſterm Geſicht am Fenſter, ſchaute eine Weile ſinnend hinaus, ging dann raſch auf die Thüre los, die in das Kabinet des Sekretärs führte, zog dieſelbe zu, und fuhr hierauf zu Victor gewendet fort:„Wie iſt's mit Ihnen, Dammartin? leſen Sie Journale? Sind Sie auf der Höhe der gegenwärtigen Ereigniſſe und der europäiſchen Politik?“ „Wie wär' es möglich, General, in Ihrer Nähe Eu⸗ ropa's Schickſale und Hoffnungen aus den Augen zu verlie⸗ ren? Sie machen die Geſchichte unſers Welttheils. Wir leſen ſie ſtaunend Tag für Tag nach. In die Zukunft und Ihre weitern Pläne zu dringen iſt freilich nicht jedem Geiſt gegeben, und ich bin kein Diplomat.“ „Sie haben die beſte Anlage dazu;“ ſagte der Konſul, und ein leichtes Lächeln erheiterte ſein Geſicht:„Zum klugen Hofmann wenigſtens. Sie haben mir eine Schmeichelei ge⸗ ſagt, wie Ludwig XIV. ſie gerne hörte. Ich mache die Ge⸗ ſchichte Europa's? fragen Sie lieber in England nach. Dort modeliren ſie das Schickſal des Continents. Der Graf von Artois iſt nicht müßig. Er ſinnt darauf, dem ſchönen Frank⸗ reich einen neuen Chef zu geben.“ Ein bittrer Spott lagerte ſich um den Mund des Kon⸗ tuls, der nach einer kurzen Weile, immer geſchwinder redend, fortfuhr:„Sie haben unſtreitig von den Umtrieben gehört, zu deren Schauplatz Paris ſelbſt zu wählen ſich die Ver⸗ ſchwörer nicht geſcheut haben? von der Entdeckung jenes Complotts, welches eine verbeſſerte Edition der Höllen⸗ maſchine werden ſollte?“ 6* „Ganz Frankreich hat dieſe betrübenben Nachrichten mit dem Unwillen aufgenommen, den fie verdienen, und ſieht mit Begier der Entwicklung dieſer ſchaudervollen Verſchwö⸗ rung entgegen.“ Der Konſul rieb ſich heftig die Hände, verſchränkte dann wieder die Arme, und ſagte höhniſch:„Ja; ſo ſind die großen Männer. Die Namen Pichegru und Moreau— die Namen republikaniſcher Helden— in ſolche Infamie ver⸗ wickelt! Moreau, den man ein Muſter aller militäriſchen und bürgerlichen Tugenden nannte! Moreau, der einſt ſeine Pflicht zu thun wußte, als Pichegru das Vaterland verra⸗ then wollte! dieſer Mann ſteht nun mit demſelben Pichegru im Bunde, gefeſſelt an ihn, wie ein Galeerenſklave an den andern, beſoldet von meinen Feinden, um mir das Leben zu rauben;— mir, der ich nur Freundſchaft und Bewun⸗ derung für ihn hatte! es iſt die Frage, ob die Mühe, zu regieren, wohl den Kummer werth ſey, den uns ſolche Ent⸗ täuſchungen bereiten.— Was hält die Armee von Moreau's Verhaftung?“ „General! ſie zählt auf Moreau's Unſchuld, und Ihre Gerechtigkeit.“ „Wir wollen ſehen, die Gerechtigkeit allein ſoll ihren Lauf behalten.— Wie ſich jedoch die Dinge wenden mögen, ſo glaube ich doch nicht, daß die jetzige Ordnung in Frank⸗ reich fortbeſtehen könne. Allenthalben Partheien; der Fak⸗ tionsgeiſt überall, und nirgends umfaſſende und genügende Geſetze. Ich glaubte am achtzehnten Brumaire einen gu⸗ ten Theil des Augiasſtalles ausgemiſtet zu haben. Nun, ich habe mich getäuſcht. Ich bin kein Herkules; ich bin der ewigen Händel und Neckereien müde. Die Anarchie iſt vor — der Thüre, und Frankreichs Zügel werden von zu vielen Kutſchern gehalten. Man ſagt mir wohl, daß Alles nur nach meinem Willen geſchehe. Eitle Lüge. Weil man dieſes Land eine Republik nennt, glaubt ein Jeder berufen zu ſeyn, ein Ruder an der Galeere zu führen, oder eine Verſchwo⸗ rung anzuzetteln, wenn man den Ungeſchickten auf die Finger klopft. Was die Jakobiner und Dummköpfe Frankreichs im Innern brüten, unterſtützen von Außen die Emigranten durch ihre Hetzereien, und England durch ſein Gold. Sie rechnen auf meine Milde, ſündigen auf meine Langmuth. Die Menſchen werden nie etwas lernen. Weder meine Gnade, noch die Gräuel der Vendee und von Quiberon öffneten ihnen die Augen. Die Unvernünftigen reizen den ſchlafen⸗ den Löwen.“ „Ganz Frankreich wird dem erwachenden Leuen zum Schilde dienen.“ Der Konſul lachte, zupfte den Adjutanten beim Ohr, und verſetzte:„Sie ſind ſchlecht unterrichtet. Fouché's Rapporte klingen anders. Die Canaille in Frankreich iſt nur zu zahlreich. Es ſchmerzt mich, daß Männer, die man bis jetzt für ehrenwerth erachtete, ſich in die Reihen des Geſindels ſtellen mögen. Unſere Feinde und Ueberläufer kennen die Umſtände nicht beſſer, aber Franzoſen, deren Erziehung die Revolutivn gemacht hat, ſollten billig anders denken.“ Victor erwiederte mit Freimüthigkeit:„Vielleicht ſind dieſe nur Getäuſchte, mein General. Es gibt auch fana⸗ tiſche Republikaner, und manchmal glaubt man einer Sache aufzuhelfen, während man ihr gerade den Todesſtoß verſetzt.“ „Recht, mein Lieber. Dieſe Unſinnigen ſind es, welche die Freiheit ermorden. Sie werden ſehen, daß Frankreichs 85 innere Eintracht nur durch einen Einzigen hergeſtellt werden kann, der alle Fäden der Gewalt und die impofanteſte Macht in ſeinen Händen vereinigt. Die Franzoſen mögen dieſen Diktator, Fürſten, oder wie man ihn zu nennen belieben wird, hernehmen, woher ſie wollen, gleichviel. Nur ein ſolcher vermag die erhabene Beſtimmung unſers Vaterlandes durchzuführen.“ „Und wäre dieſer Mann nicht ſchon gefunden?“ rief Victor mit überſtrömendem Gefühle:„Wem ſollte Frankreich in ſolchen Bedrängniſſen, von der Unmöglichkeit, ſich als Republik zu erhalten, überzeugt, bereitwilliger gehorchen, als dem Helden, der an den Ufern des Nils wie in den Gefilden Italiens der Sieger und der Friedensſtifter war? Das Heer, General, iſt Ihre Familie, und beſteht aus dem Kern der franzöſiſchen Bürger. Einſtimmig wird es Sie auf den Schild erheben, der Sie Frankreichs Befreier und Wiederherſteller waren.“ „Es handelt ſich nicht hievon;“ erwiederte der Konſul trocken, obgleich ein Strahl von Freundlichkeit aus ſeinem Auge brach.„Noch ein Wort über das vorher Beſprochene. Die Polizei will wiſſen, daß der berüchtigte Georges zu Paris ſey, und an der Spitze derjenigen ſtehe, die nach meinem Leben trachten. Kennen Sie dieſen Mann?“ „Ich ſah ihn ein einzigesmal, als er nach der Pacifika⸗ tion der Vendee Ihnen hier im Schloſſe vorgeſtellt wurde. Kaum daß ich mich ſeiner noch erinnere.“ Der Konſul ſchlug mit den Fingern auf ſeine Doſe, nickte ein paarmal raſch mit dem Kopf, und ſagte mit dem Ton der tiefſten Ueberzeugung:„Sehen Sie, der iſt ein Mann, wie es wenige gibt. Ein Eiſenkopf; ein Muſter von Anhänglichkeit. Welche Anträge habe ich damals dem Menſchen gemacht! Den kleinſten davon hätten tauſend verwitterte Hofleute mit Dank angenommen. Er verwarf einen jeden, und ging nach England zu ſeinem Herrn, der nicht ein Zwölftheil ſo viel werth iſt, als dieſer rohe Chouan. Ich ſage ihnen: in dem Mann ſteckt ein antiker Geiſt; und noch jetzt, wenn man mir ihn gefangen brächte,— wer weiß, ob ich ihm nicht alle Strafe erließe, und ihm meine Gnade ſchenkte, wenn er ſeine Dreue dagegen austauſchen wollte? Das wäre ich zu thun im Stande, gegen einen Mann, der an der Spitze der Meuchelmörder ſteht, die— Das Geſicht des Konſuls wurde plötzlich wieder finſter und hart.— Victor hoffte verabſchiedet zu werden, aber Bonaparte gab noch immer nicht das Zeichen dazu. Mit immer heftiger werdender Aufregung ſtieß er mit gepreßter Stimme folgende Reden aus:„Ha, dieſe Bourbons! dieſe Leute, die ſich im Auslande noch Könige Frankreichs nennen! deren Eitelkeit nur von der Lächerlichkeit aufgewogen wird, womit ſie ſich umgeben! Wiſſen Sie ſchon? Der Graf von Artois, dieſe Null unter den politiſchen Zahlen, rühmt ſich laut, daß er ſechzig Meuchelmörder in Paris unterhalte, die mich aus dem Weg räumen ſollen. Wohlan, Ihre königliche Hoheit, ich will dieſe Leute näher kennen lernen, und wehe Ihnen und Allen, die meine Geduld zu Ende treiben! Wenn Ihnen mein Leben nicht heilig iſt, ſo ſollen Sie erfahren—“ Hier unterbrach er ſich ſchnell, bekämpfte ſichtlich den laut ausbrechenden Grimm und fragte alsdann, wie hinge⸗ worfen:„Sagten Sie mir nicht einmal, daß ſie mit dem jungen Condé erzogen wurden?“ 88 Victor antwortete:„Mit dem Herzog von Enghien, dem Sohne des Herzogs von Bourbon. Der Vater war mein Wohlthäter, und der Sohn ein freundlicher Jugendgeſpiele.“ „Wie alt iſt der junge Mann?“ fragte der Konſul weiter. „Ich vermuthe, daß er mit mir in gleichem Alter ſteht.“ „Wie ſieht er aus?“ „Er muß ein hübſcher Mann ſeyn, mit blauen Augen, ſo viel ich mich erinnere, mit braunen Haaren, und der Geſichtsbildung, die den Bourbonen eigen iſt.“ „Recht;“ verſetzte der Konſul mit falſchem Lächeln:„Die Leute ſehen ſich Alle gleich, im Aeußern wie im Innern. Ein Glück für ſie, daß ihre Weiber von jeher ihre Schwüre beſſer hielten, als ſie ſelbſt. Ein verfaulter Stamm, deſſen jüngſte Zweige nichts taugen; gewiſſenlos, rebelliſch gegen das Vaterland, und untergegangen in der feudaliſtiſchen Erbärmlichkeit.“ Victor nahm mit einiger Bekümmerniß das Wort, und ſagte:„Ich wage, den Abkömmling des tapfern Zweiges Condé vor Ihren gerechten Groll in Schutz zu nehmen. Als Knabe ſchon war er ein Muſter von Freimüthigkeit, von guten und edlen Sitten. Der Mann ſoll nicht anders ge⸗ worden ſeyn, als der Knabe war.“ „Woher wiſſen Sie das?“ fragte der Conſul barſch und auffahrend:„ſtehen Sie noch in Verbindung mit dem Her⸗ zog? hat Ihnen eine fortgeſetzte Korreſpondenz jene Auf⸗ ſchlüſſe gegeben? reden Sie.“ „Meine Papiere ſtehen jeden Augenblick zur Durchſicht bereit,“ erwiederte Victor gekränkt:„Ich will kein Mann von Ehre ſeyn, wenn ich nur einen Buchſtaben an den Prinzen ſchrieb, oder von ihm erhielt.“ 89 „Das läßt ſich hören;“ antwortete der Konſul milder: „das Gerücht hat Ihnen alſo den Prinzen, wie er iſt, ge⸗ ſchildert? Man muß nie dem Gerücht blindlings trauen. Ich ſage ihnen, daß er im Solde von England ſteht, und ein Feind ſeines Vaterlandes iſt, indem er gegen daſſelbe die Waffen trägt. Da betrachten Sie einmal den Herzog von Chartres. Der hat wohl für die Republik gefochten, aber nie gegen dieſelbe. So handelt ein ehrlicher Mann im Unglück. Guten Morgen, Dammartin.“ Victor war leichten Herzens, als er das Gemach des Konſuls und bald nachher das Schloß verließ. Zum erſten⸗ male hatte er heute in dem Helden, den er ſo aufrichtig verehrte, ein gewiſſes dämoniſches Weſen bemerkt, welches einen furchtbaren Eindruck zurückließ. Ein Gewitterſturm ſchien in der Seele des großen Mannes zu kämpfen; Licht und Nacht wechſelten blitzſchnell und oft, wie auf ſeinem Antlitz, ſo in ſeinem Gemüthe, und von dem Zwieſpalt in der Bruſt ſeines hohen Vorbildes fühlte der ſtaunende Schüler ſein eigenes Herz zerriſſen. Er kam verſtimmt zu Hauſe an, und hoffte aus dem ſüßen Blick ſeiner Adele Beruhigung und Heiterkeit zu ſchöpfen. Dem war nicht alſo. Er fand ſeine Gattin bereit, auszufahren, und ge⸗ wahrte ſchnell Verdüſterung auf ihrer Stirn und Thränen⸗ ſpuren in ihren Augen. Mit der ſorglichen Freundlichkeit, welche Victor ſtets an den Tag legte, wenn es galt, einen Kummer des geliebten Weibes zu beſeitigen, umfing er Adelens Leib, und fragte nach der Urſache ihres ernſten Empfangs. Nach einigem Sträuben brache Adele wieder in Thränen und dann in die Worte aus:„Ach Victor, ich ſehe⸗ daß die wenigen Jahre unſerer Ehe die Gefühle verändert 90 haben, welche Du einſtens für mich hegteſt. Von jenem Abende, wo ich Dich unter den Donnern von Marengo's Schlacht aufſuchte, die zartere Weiblichkeit verleugnete, um nur der Liebe zu gehorchen,— bis zu dem heutigen Tag,— welch eine Kluft hat ſich zwiſchen uns aufgeriſſen! Damals empfingſt Du mich mit aufrichtigem Entzücken; heute um⸗ armſt Du mich, weil mein Schmerz das Unglück hat, ſich zu verrathen,— mit erheuchelten Liebesworten, die nicht aus einer lautern Seele kommen.— Wie? Deine Blicke ſcheinen nach dem Sinn meiner Rede zu forſchen? Dein Geſicht nimmt einen Ausdruck an, als ob ich in Räthſeln ſpräche? unſeliger Augenblick, an dem ich mit Deiner Liebe zugleich Dein Vertrauen verlor!“ „Du ſcheinſt das Deinige zu mir verloren zu haben;“ ſagte Victor mit ernſter Sorge:„Schon ſeit mehreren Tagen bemerkte ich eine Unruhe, einen Zwang auf Deinem Geſichte, die mich den bangſten Zweifeln hingaben. Heute verſucht endlich Deine Betrübniß ſich in Worten zu äußern. Brich das Siegel vollends, und vertraue mir, was Dich quält.“ Adele ſah ihn lange und forſchend an; dann ſchüttelte ſie ſchmerzhaft das Haupt, und erwiederte:„Iſt das die Sprache eines freien Mannes? das die Rede eines wackern Soldaten? mit ſolcher Hinterliſt denkſt Du fortwährend mein Herz und meinen Geiſt zu umgarnen? ich ſoll Dir ein Geheimniß löſen, während ich ſelbſt nach der Löſung der⸗ jenigen Räthſel ſchmachte, von denen ich umgeben bin? Welch eine Lage für ein gefühlvolles Weib iſt diejenige, worinnen ich mich befinde? ſeit einigen Monaten fühle ich mich zu Boden gedrückt, von allem dem, was ich um mich ſehe. Du weichſt mir häufig aus, betrachteſt mich zu andern 91 Zeiten mit ſeltſam wehmüthigen Blicken, brichſt plötzlich in der Unterredung, wie von einem unheimlichen Gefühl befan⸗ gen, ab, und wechſelſt in Deinen Liebkoſungen mit düſtern und gezwungen heitern Bildern. Sans⸗Regret, der faſt täglich zu meiner Qual in dieſem Hauſe erſcheint, foltert mich nicht minder durch ſeine trüben Blicke, durch die ein⸗ ſylbigen Reden, die er an mich richtet, und meine Baſe, hin und wieder von allzugreller Luſtigkeit, wird manchmal ſchauerlich räthſelhaft, kalt, abſtoßend und hart gegen mich, während ich nur die freundſchaftlichſten Gefinnungen für ſie hege. Willſt Du vielleicht noch nach der Deutung dieſer traurigen Erſcheinungen fragen? ein Geheimniß iſt es, ein trauriges, was mir Unheil droht. Du haſt mir Deine Liebe entriſſen, und ein anderer Gegenſtand herrſcht in Deinem Herzen. Der Invalide, Dein geliebter Freund, weiß um den neuen Bund, und gibt ſich die Miene, als ob er mich bedauerte, während er mich treulich zu verrathen hilft. Ga⸗ briele endlich— warum muß ich es ausſprechen?— Gabriele iſt die böſe Fee, die meine Gaftfreundſchaft mit ihrem Fluch vergilt, die meinen Gatten berückt hat, und mich wie ein Kind verachtet, während Du mich nur mit Mühe noch zu dulden ſcheinſt.“ „Adele! wo denkſt Du hin?“ rief Vietor, außer ſich die Hände zuſammenſchlagend. Adele fuhr aber mit der Leb⸗ haftigkeit ihres Geſchlechts fort:„Du wirſt mich eine Eifer⸗ ſüchtige nennen, Deinen Witz auf Koſten dieſer lächerlichen Leidenſchaft üben. Ich leugne nicht, daß ich eiferfüchtig bin, und Du dürfteſt Dich deſſen rühmen, weil noch nie ein Herz ſo voll von Liebe und Anhänglichkeit für Dich klopfte. Ich bin ein unglückliches Weib, und ſehne mich doch darnach, 92 mein Unglück deutlich kennen zu lernen, weil der Zweifel, die Ungewißheit, die Furcht, die meine Bruſt unerbittlich zerreißen, eine härtere Qual ſind als die klare Erkenntniß meines Jammers.— Ich will keine Betheurung, ich bedarf keiner Widerlegung. Ich kann Deinen Worten nicht mehr glauben, denn wer, wie Du, mir Ereigniſſe vorenthält, die mich nah berühren, von denen ich unterrichtet ſeyn müßte, der iſt auch im Stande, ein Mehreres zu thun. So eben erfahre ich durch die Maronnier, daß mein Vater vor eini⸗ ger Zeit hier geweſen, daß er, um ſein Kommando in der Schweiz zu rechtfertigen, vor dem Konſul erſchienen, daß er Dich geſehen, geſprochen, und bald darauf wieder Paris verlaſſen. Welcher Grund konnte vorhanden ſeyn, daß Du mir dieſen Beſuch verſchwiegen? Ich denke, der Tochter wie der Gattin hätte ein unbedingteres Vertrauen gebührt! eine MWittheilung, die ſo natürlich, und für den Gatten eine beilige Pflicht iſt.“ Victor ſchwieg, etwas betreten, vor dieſer Anklage, die ihn unvermuthet betraf, und nur dann, als Adele, nachdem ſie einige Sekunden lang vergebens auf Antwort gewartet, ſich von ihm losriß, um nach der Thüre zu eilen, rief er ſchmerzlich, ſie zurückhaltend:„Wie verwundeſt Du meine Seele, grauſames Weib! Danken ſollteſt Du mir, daß ich jene Zuſammenkunft Dir verheimlichte. Ich fühle mich noch nicht ſtark genug, Dir ihren Inhalt mitzutheilen, und werde es nur dann, wenn Du mir es befiehlſt; obgleich mit weh⸗ müthig bewegter Bruſt.“ So eben öffnete Gabriele die Thüre des Gemachs, und Adele trennte ſich raſch mit vernichtendem Blicke von dem Gatten, und verließ, ohne Gabriele zu begrüßen, den 93 Salon.— Victor war von dem vorhergehenden Auftritte ſo erſchüttert, daß ihn erſt das Geräuſch des davon rollenden Wagens zur Beſinnung brachte. Er näherte ſich mit verle⸗ gener Höflichkeit der Marquiſe, und grüßte ſie mit zerſtreu⸗ tem Weſen. Gabriele ließ lange ihren Blick auf ihm ruhen, ergriff dann, wie von Mitgefühl bewegt, ſeine Hand, und ſprach:„Ich fürchte, hier geſtört zu haben. War es aber eine unangenehme Scene, wie ich faſt vermuthe, die ich un⸗ terbrach, ſo bin ich doch zufrieden, ſie Ihnen, wenn auch nur auf einige Augenblicke, abgekürzt zu haben.“ „Wie meinen Sie das?“ fragte Vietor, zerſtreut wie oben. „Die Freundſchaft ſey vor allem aufrichtig;“ bemerkte die Marquiſe mit weichem Tone.„Ich bewohne ſeit einigen Monaten dieſes Haus, und habe Gelegenheit gehabt, mit bitterm Gefühle zu entdecken, daß Sie, der Sie das Glück ſo ſehr verdienen, dennoch nicht glücklich ſind.“ „Madame!“ rief Victor betroffen; die Marquiſe fuhr aber fort: „Laſſen Sie mich ausreden. Sie haben uUrſache mit all Ihren Verhältniſſen unzufrieden zu ſeyn. Sie ſind im Beſitz einer Frau, welche, obgleich gutartig und unverdorben, den⸗ noch Ihre Liebe nicht verſteht. Sie iſt ein verwöhntes Kind, verwöhnt durch Ihre Zärtlichkeit. Zudem iſt das Gefühl, welches Sie für Adele im Buſen tragen, nicht das einzige in Ihrer Lage, welches ſie nicht begreift; ihr ganzer Zuſtand iſt ihr ein Räthſel. Von Jugend auf mehr an Mangel als an Ueberfluß gewöhnt, ſieht ſie in dieſem Hauſe das Füll⸗ horn des Lebens vor ſich ausgeſchüttet. Doch— genügt dieſes ihren Wünſchen, ihrem Ehrgeiz? nein; ich darf's 94 beſchwören. Ich habe aus den mancherlei Vertraulichkeiten, die ſie mir als ihrer Freundin und Verwandten machte, er⸗ rathen, daß Ihre Stellung im Staate, beſter Dammartin⸗ Ihrer Gattin noch zu unbedeutend iſt. In der That iſt es auch auffallend, wie ein Mann von Ihren Verdienſten und Ihrer Tapferkeit im Verlaufe der letzten Jahre noch ſo ſehr zurückbleiben konnte, während Andere von weniger Auszeich⸗ nung und Muth ſchon den Gipfel der militäriſchen Würde⸗ ſtaffeln erklommen haben. Adele ſieht dieſe Zurückſetzung mit Schmerz, und, weil ſie die Zeit der ſogenannten Frei⸗ heit, der ſie mit ganzer Seele anhängt, nicht tadeln kann, ſo berührt ihr bitterer Tadel, ſtatt der Zeit, immer nur Perſonen.“ „Wär' es möglich? Adele, die glühende Republikanerin, ſollte ſich grämen, weil mir noch einige Stufen in der mi⸗ litäriſchen Hierarchie zu erſteigen übrig ſind, um meinen Kameraden gleich zu ſtehen? Dieſes, Madame, iſt mir un⸗ glaublich, unfaßlich.“ „Das mag ſeyn; Sie ſind verliebt, und folglich ver⸗ blendet. Indeſſen behaupte ich doch die Wahrheit meiner Vorausſetzung. Nicht Ihre Gattin allein, alle Ihre Be⸗ kannte begreifen nicht, welch ungünſtiges Geſchick Sie ver⸗ folgt. Sie haben doch alles fur die neue Ordnung der Dinge hingeworfen: das Höchſte⸗Ihren Namen, Ihren Rang Was hat Ihnen aber dieſe neue Ordnung dafür gegeben e den magern Titel eines Bataillonschefs, ein Einkommen⸗ welches Ihnen nirgends zureichen würde, wenn nicht das Kriegsglück Sie begünſtigt hätte, und endlich den ſehr ver⸗ zeihlichen Mißmuth, den Sie empfinden müſſen, wenn Sie an all dieſes zurückdenken. Sie ſollten ſchon längſt General — S ſeyn, venn&Mtigteit die Richtſchnur in dieſem Lande wäre. Sie ſollten längſt nicht mehr der letzte unter den Adiutanten des Konſuls ſeyn, der, ſelbſt dem Pöbel ent⸗ ſproſſen, nur den Pöbel begünſtigt, und Leute von Rang und Familie mit Gewalt im Staube hält.“ Der Bediente brachte ein Billet herein, deſſen Aufſchrift an Victor gerichtet war. Da es keiner Antwort zu bedürfen ſchien, legte es Victor uneröffnet neben ſich hin, und ſagte zu der Marquiſe, als ſich der Bediente wieder entfernt hatte: „Laſſen Sie ſich nicht ſtören, Madame. Ihre Bemerkungen intereſſiren mich.“ „O, daß ſie mehr als ein flüchtiges Intereſſe in Ihnen erregten!“ rief Gabriele mit aufglimmendem Feuer in ihren Augen:„daß Sie einſehen lernten, wie unſere Könige das Verdienſt beſſer zu belohnen verſtanden. Der legitime Mo⸗ narch, hoch über allen Partheiſtürmen und niedern Leiden⸗ ſchaften ſtehend, kennt ſelbſt keinen Haß, keine Eiferſucht. Darum iſt die Wage der Gerechtigkeit in ſeinen Händen, und ihre Schalen ſteigen oder fallen nach dem unabänder⸗ lichen Geſetze des Rechts. Ein zweiter Quell des Heils, der dem legitimen Throne entſpringt, iſt des Fürſten Gnade. Sie gefällt ſich darin, um den Thron her Glück zu verbrei⸗ ten; der König hat mit der Sonne gleiches Bedürfniß zu glänzen, zu erleuchten und zu beleben. Wo nicht das Glück iſt, fehlt auch der Glanz; darum ſchmückt die Gnade des Monarchen mit Vorliebe diejenigen, die ſeinem Sitz am nächſten ſtehen, und die Stützen deſſelben, die ihn umkrei⸗ ſenden Planeten, zugleich die Erſten im Volke ſind. Ihre Geburt, Herr Vicomte, beſtimmte Ihnen ein ſolches Loos. Sie werden ſagen, daß die Verhältniſſe des Staats all' dieſe 96 Ausſichten zernichtet haben. Mit ng; war auch der Thron herabgewürdigt, konnte auch ded ig, ſelbſt ein armer Gefangener, nicht die Treue belohnen wie er es gerne gewünſcht, ſo war doch Ihre Stelle dort, o, das weiße Panier der Bourbonen unverletzt weht: an der Seite der königlichen Brüder, in den Reihen der Heldenſchaar, die man nach dem großen Condé nennt. Wo die Oriflamme ſteht, wo der weiße Helmbuſch der Enkel Heinrichs des IV. flattert, dort iſt das Lager, die Hofſtatt des Königs von Frankreich, und Sie wiſſen, daß dieſer König nie ſtirbt. Sie hätten es dort wenigſtens zum Marechal de Camp ge⸗ bracht, der Ludwigsorden wäre Ihnen nicht entgangen;— aber Sie ſelbſt wollten es anders. Mochten Sie es auch. Der Traum Ihrer Jugend iſt vorüber. Sie ſehen, wie er ſich verwirklicht. Aber die Zukunft birgt noch Vieles in ihrem Schooße. Sie muß dem vertriebenen Herrſcherſtamme wieder günſtig werden, denn ſeine Sache iſt die des Herrn, von dem er ſein Recht auf die Krone empfing. Glücklich werden alsdann diejenigen ſeyn, die entweder treu an der gefallenen Größe gehangen, oder ſich ihr bereuend wieder zugewendet. Im Stillen ſammelt ſich unter den Franzoſen vie getreue Heerde auf's Neue. Schon mancher gehört da⸗ zu, der den Feldherrnſtab ſchwingt, und dem Konſul innig ergeben ſcheint. Ich würde es nicht ungerne ſehen, wenn auch Sie, mein Freund, da es noch Zeit iſt, Ihre Maßre⸗ geln träfen, und durch ein loyales Entgegenkommen dem milden König es leichter machten, das Geſchehene zu ver⸗ geſſen, und die in der Zukunft zu leiſtenden Dienſte ſchon jetzt zu belohnen.“ 97 5 Victor nhnc ſie hier mit ruhigem Ernſt, aber mit ſteigender Strenge des Ausdrucks, indem er entgegnete:„Sie haben mehr als genug geſagt, Madame. Erwarten Sie keine Widerlegung Ihrer Worte. Ich habe vielleicht mich über die Zeit zu beſchweren, ich bin vielleicht zurückgeſetzt worden; aber einen loyalen Schritt, wie Sie mir ihn an⸗ rathen, werde ich darum nie thun. Sie ſprechen von einem Könige Frankreichs? das Vaterland weiß nichts von ihm. Das Herz Frankreichs wäre da, wo der Bourbonen weißer Helmbuſch flattert? Frankreich wäre zu Mietau, wo Ludwig einen lächerlichen Hof hält, ſtatt durch Reſignation die Ach⸗ tung ſeiner Zeitgenoſſen zu erringen? oder zu Edinburg, wo der Graf von Artois bald im Schuldgefängniſſe liegt, bald ſeine Dolche gegen Frankreich wetzt? Verſuchen Sie nicht mehr, Madame, einen Mann mit ſolchen Täuſchungen zu höhnen. Frankreich hat ſeinen Fürſten ausgeſtoßen, und ſein Glück auf die Schulter eines einzigen Mannes geladen. Dieſem Manne treu ſeyn, heißt dem Vaterlande ſeine Schwüre halten. Er hat mich nie vorgezogen, er hat mich gering befördert, und das Ordenskreuz, das er geſtiftet, iſt an meiner Bruſt vorübergegangen. Dennoch iſt er der Stern, dem ich mit Zuverſicht von ganzer Seele folge. Noch trübt kein Schatten den blanken Schild ſeines Ruhmes, und ſeine Klugheit wie ſeine Mäßigung gleicht ſeiner Tapferkeit und ſeiner Kraft. Er iſt aus dem Volke, auf ſeiner Wiege la⸗ gen nicht Ritterketten, nicht Pfründbriefe. Man hat ihn nicht zu Parforcejagden erzogen, ihn nicht gelehrt, offene Tafel oder offenes Spiel halten; nicht Maitreſſen, noch Schmeichler, noch Frömmler haben den Keim ſeines Lebens vergiftet und den ſcharfen Blick ſeines Auges getrübt. Laſſen 98 Sie ihn alſo uns gefallen und über teryen Gegenwart die ſchmähliche Vergangenheit vergeſſen.“ Die Marquiſe biß ſich in die Lippen, und ſuchte die Schamröthe zu verbergen, die auf ihre Wangen ſtieg. Victor, deſſen Mißtrauen gegen die falſche Hausgenoſſin rege ge⸗ worden, war, benützte ihr Schweigen, um mit einem letz⸗ ten Streich das ganze Verhältniß, das ſie beide verknüpfte, zu trennen. Er fuhr mit gemäßigter Stimme und ſo ſcho⸗ nend als möglich fort:„Der erſte Konſul hat mir aufgetra⸗ gen, Ihnen zu melden, wie er es noch nicht für paſſend finde, Ihnen den Zutritt zum Vaterlande wieder zu erlau⸗ ben. Der Konſul ahnt nicht Ihre Gegenwart in Paris und wünſcht, daß Sie ſich den franzöſiſchen Gränzen nicht zu ſehr nähern möchten. Sie werden mir nicht zürnen, wenn ich ſomit die Gaftfreundſchaft aufkündige, die meine Adele Ihnen bewilligt hat. Sie ſehen ein, daß meine Verant⸗ wortlichkeit, meiner Stellung gemäß, allzugroß iſt. Ich werde Sorge tragen, Sie, trotz den ſchwierigen Zeitläuften⸗ glücklich aus Paris zu bringen. Mehr vermag ich nicht, vertraue jedoch in dieſer Sache ganz Ihrer Discretion, ſo wie Sie mir zutrauen mögen, daß ich alles thun werde, in der Folge jedem Ihrer Wünſche förderlich zu ſeyn. Adele und Sans⸗Regret ausgenommen, der ja ſchon einmal das Leben für Sie wagte, weiß Niemand in dieſem Haufe, welche Perſon ſich unter dem Namen der Frau von St. Alban hier verbirgt. Rechnen Sie auf das unverbrüchlichſte Schweigen auch ferner; nur überheben Sie mich einer Verlegenheit⸗ die jetzt nicht einmal mehr einen Zweck hätte, ſo bald als möglich.“ Der Strrich ihm der Marquiſe unerwartet. Sie ſtand wie niedergedonnert da, und wußte ſich kaum zu faſſen. Gedankenlos ſpielte ſie mit dem Papagai in der Ecke des Salons, während Victor, ſein eigenes Mißbehagen zu ver⸗ bergen, das neben ihm liegende Billet eröffnete, und flüchtig überlas. Es enthielt nur wenige Zeilen, von einer weibli⸗ chen Hand geſchrieben, und dieſe Zeilen lauteten wie folgt: „Wenn auch von Ihnen nicht gekannt, theile ich Ihnen ſchnell „mit, daß Sie, wahrſcheinlich unbewußt, am Rande Ihres „Verderbens ſtehen. Sie beherbergen eine Verſchwörerin in „Ihrem Hauſe. Die Marquiſe Du Pin iſt als eine Mit⸗ „ſchuldige der Polignac und Pichegrü ſignaliſirt. Ich be⸗ „ſorge, daß ſpäteſtens morgen der furchtbare Polizeikom⸗ „miſſär Cominges von dem Geheimniß unterrichtet ſeyn dürfte. „Nehmen Sie daher Ihre Maßregeln, ich zittere für Sie.⸗ Vergebens ſuchte Victors Blick nach einer Unterſchrift, aber wüthend und am allen Gliedern vor Zorn bebend ſprang er empor und hielt der erbleichenden Marquiſe den unheil⸗ bringenden Zettel mit zitternder Hand vor die Augen. „Unſelige!“ flüſterte er ihr mit unterdrückter Stimme zu: „lies dieſen Zettel, und wenn es wahr iſt, was er behaup⸗ tet,— die Todtenbläſſe Deiner Wangen beſtätigen ihn— ſo vergehe vor Scham und Reue, denn Du haſt uns, Deine Freunde, Deine Wohlthäter in die größte Gefahr geſtürzt. Zum Lohne für unſere Leichtgläubigkeit brachteſt Du Unfrie⸗ den in mein Haus, ſtreuteſt Du den Keim der Treuloſigkeit darinnen aus, und ſtürzeſt uns, Grauſame, unter das Blut⸗ beil, welches dem Hochverrathe droht.— Du vermagſt nicht zu antworten? Du bißt ſchuldig! ſollte ich Dich nicht, um mein Haupt und das der Meinigen zu retten, den Gerichten 7 100 zur Stelle ausliefern? freue Dich, daß mein Herz vor ſol⸗ cher Unthat zurückbebt. Doch kann die Sorge für meine Sicherheit Dir nur einen geringen Aufſchub geben. Fliehe aus meinem Hauſe; ehe zwei Stunden vergehen, mußt Du es verlaſſen haben. Ich will nicht Zeuge Deines Abſchieds ſeyn, aber, kehre ich zurück, und finde Dich noch hier, ſo verhafte ich Dich ſelbſt im Namen der Geſetze. Geh' ſchnell, und reinige dies Haus von Deiner Gegenwart. Bedarfſt Du Geld, ſo will ich Dir es hinſenden, wohin Du es wün⸗ ſcheſt, aber fliehe: mehr kann ich nicht für Dich thun. Für die unglückliche Emigrantin hätte ich vielleicht einen Geleits⸗ prief erwirkt; für die Mitſchuldige der Reviere und Piche⸗ grü würde ich zittern, nur ein Wort zu verlieren.“ Wie von den Furien einer verbrecheriſchen That getrie⸗ ben, enteilte Victor der Nähe ſeines gefürchteten Gaſtes⸗ und die Marquiſe ſuchte, ganz und gar vernichtet, den Weg nach ihrem Zimmer. Achtes Rapitel. Flucht aus Paris. Als Gabriele in ihr Gemach trat, ſchmetterte ein zwei⸗ ter Streich auf ihre Bruſt herab. Aus dem Kiſſen des Sophas erhob ſich ein breitſchultriger Mann, der ſchnell die Thüre verriegelte, und haſtig zu der Marquiſe ſagte:„Ich habe Sie am Gang erkannt, und den Riegel geöffnet. Ich vin ſchon ſeit einer Viertelſtunde hier eingeſchloſſen. Ent⸗ ſchuldigen Sie, daß der Flüchtling auf einen Augenblick hier ſein Lager aufſchlug. Ich werde gehetzt, wie ein wildes Thier, und entkam auf dem Revolutionsplatze nur mit Mühe einem Schwarm von Polizeiagenten, die auf meinen Ferſen waren.“ Die Marquiſe erwiederte, noch geiſterbleich wie zuvor, und zitternd:„Hat Niemand Sie geſehen, beſter Cadou⸗ dal?“— Georges ſchüttelte den Kopf, und Gabriele fuhr fort:„Wie gerne würde ich Ihnen noch ferner eine Freiſtatt gewähren, wenn ich ſelbſt nicht vogelfrei wäre! man ſtößt mich aus dieſem Hauſe, ich muß noch dem Himmel danken, 10² daß man mich nicht ausliefert. Aber— kaum kann ich glauben, daß Sie noch der tapfere Georges ſind. Die Unruhe, die aus Ihren Mienen ſpricht....“ „Da ſey auch der Teufel nicht unruhig!“ murrte Geor⸗ ges mit grollendem Ton:„mit einem Wort, ſchöne Frau, Alles iſt verloren. Leridan, Villeneuve und Malabre Gre⸗ nedan und ich,— wir allein ſind noch übrig und frei, alle andere ſind verhaftet, und bekennen wahrſcheinlich bereits Einer ſchöner als der Andere. Verdammte Kleinmüthigkeit! was aus meinem Vetter geworden, weiß der Satan. Der ganze Streich iſt durch Verrath mißglückt; aber noch ſind wir nicht am Ende. Da es doch den Anſchein hat, als ſey mein Kopf verloren, und als käme ich nicht mehr aus dem verdammten Paris hinaus, ſo ſoll doch wenigſtens von mir der Hauptſchlag noch geſchehen, wenn mir anders Gott und der heilige Ludwig gnädig ſind.“ „Was wollen Sie beginnen?“ fragte die Marquiſe heftig. „Sehen Sie!“ verſetzte Georges, indem er den Ueberrock auseinanderſchlug:„ich bin bis an die Zähne bewaffnet, und trage außer zwei ſcharf geladenen Piſtolen noch drei Dolche bei mir. Nur noch ein Paar Tage ſchenke mir der liebe Himmel, und ich getraue mich, an den Konſul zu kom⸗ men und ihm das Lebenslicht auszublaſen. Mag man mich dann in Kochſtücke zerhauen, oder mit mir anfangen, was man will. Wenn nur der König und die katholiſche Reli⸗ gion gerettet wird!“ Die Marquiſe ſchauderte und verſetzte mit Seelenangſt in den Zügen:„Wenn alles verrathen, alles verloren ißt, 103 — wo ſoll ich mich bergen? ein Mann kann noch immer etwas Großes thun, ehe er ſein Leben hingiebt; aber ein ſchwaches Weib muß den Hals ſtrecken wie ein Opferlamm; wo fliehe ich hin?“ „Meiner Treu, wohin Sie wollen!“ erwiederte Georges mit großer Fühlloſigkeit:„Was machten Sie auch in dieſer verdammten Galeere? Ihre Reize haben auf die Herren vom ſogenannten royaliſtiſchen Comitee wenig Eindruck ge⸗ macht und ich rathe ihnen, nicht an die Thüre jener Männer zu klopfen. Das iſt aber auch Alles, was ich rathen kann. Weiß ich doch ſelbſt nicht recht, wo ich heute Abend mein Haupt hinlegen ſoll. Die Nothwendigkeit gebietet, daß ich meinen Schlupfwinkel in der Straße Mont⸗St.⸗Geneviève verlaſſe. Ich muß mich von Papa Lemoine trennen und werde wahrſcheinlich den armen Teufel Caron, den unzu⸗ friedenen Parfumeur heimſuchen müſſen. Gott ſey Dank! es dämmert ſchon.— Ich will dieſe Dunkelheit benützen⸗ ehe man ihnen Licht auf's Zimmer bringt. Leben Sie wohl, der Herr beſchütze Sie!“ Die Marquiſe lag wie gelähmt in einem Seſſel und vermochte dem kühnen Cadoudal nicht zu antworten. Dieſer öffnete die Thüre vorſichtig, prallte jedoch haſtig zurück, ſchloß den Riegel und flüſterte erſchrocken„Hören Sie die Sporen und den Säbel raſſeln? ein Gensd'arme kömmt die Treppe herauf, halten Sie ſich ſtille.“ Die Marquiſe fuhr, von einem elektriſchen Schlage be⸗ rührt, empor, lauſchte an der Thüre, während ſich Georges im Alkoven verbarg, horchte mit bang klopfendem Herzen⸗ und vernahm, wie der Gensd'arme nach einem kurzen 104 Zwieſprach mit der Wärterin der kleinen Suzanne, wieder die Treppe hinabſtieg und ſich entfernte. Einen Augenblick dar⸗ nach klopfte es leiſe an Gabrielens Thüre. Zögernd öffnete die Marquiſe und Babet trat mit dem Licht in der Hand herein. In der Schürze ſteckte ein länglichtes Paket. Sie ſagte, daſſelbe der Marquiſe hinreichend;„Das wurde ſo eben von der Mairie für die Madame Dammartin gebracht. Dürfte ich nicht bitten, es ihr zuzuſtellen?“ „Gern,“ verſetzte Gabriele und nahm das Paket. Babet zauderte noch eine Weile, fort zu gehen, und ſagte endlich: „Meine Dame bleibt heute lange aus. Sie wiſſen nicht, wann ſie heimkehrt?“ Die Marquiſe verneinte, und äußerte, Adele würde vielleicht in Geſellſchaft von Freundinnen das Theater be⸗ ſuchen. „Wenn das iſt,“ ſagte nun Babet ſchüchtern,„ſo möchte ich Sie wohl erſuchen, Frau von St. Alban, mir zu erlau⸗ ben, daß ich nach meiner Schweſter, die unfern wohnt und krank liegt, ſehen dürfe. In einer Viertelſtunde bin ich wie⸗ der hier. Wenn Madame indeſſen auf die kleine Suzanne achten wollten, die nebenan im Zimmer ihrer Mutter ſchläft—“ Die Marquiſe willigte ein, und das Mädchen entfernte ſich ſehr zufrieden, um mit ſeinem Galan an der Ecke ein Paar Minuten zu verplandern.— Georges kam aus ſeinem Verſteck hervor und griff begierig nach dem Paket, welches die Marquiſe noch in der Hand hielt. „Das Siegel der Polizei!“ ſagte er betroffen, und be⸗ mächtigte ſich des Briefs:„Was enthält der Brief? wir ſind 105 geſchworne Feinde der Polizei, und müſſen wiſſen, was ſie im Schild führt. Der Zufall oder der Teufel entſchuldige hinterher den Bruch des Siegels.“— Mit dieſen Worten riß er das Paket auf und fand darinnen ein großes zuſam⸗ mengelegtes Papier. Nachdem er daſſelbe durchſtudirt, ſagte er freudig zu der Marquiſe:„Sie ſind gerettet. Hier iſt ein Paß, ausgeſtellt auf die Frau des Bataillonschefs Dam⸗ martin, die nebſt ihrem Kinde und einer weiblichen Bedie⸗ nung nach Orleans zu reiſen befugt iſt.“ „Adele? nach Orleans?“ fragte Gabriele ganz beſtürzt: „was ſoll das bedeuten?“ „Sacre⸗bleu, das geht Sie nichts an,“ ſagte Georges dringend;„mißkennen Sie den Fingerzeig des Himmels nicht, verlieren Sie keinen Augenblick. Den Paß in die Taſche, einen Fiaker vor's Haus, und friſch hinaus aus der ver⸗ dammten Stadt. Das Signalement paßt ganz auf Sie, und in der Nacht—“ „Wohl; aber das übrige? das Kind, die Dienerin... „Sie ſind verlegen? das ſchlummernde Kind nehmen Sie mit, wickeln es in Ihren Mantel, und ſchicken es, wenn Sie es einmal nicht mehr brauchen, mit Dank zurück. Mit Hülfe einer kleinen Radirkunſt mache ich aus der Domeſtike einen Domeſtiken und Sie haben auf dieſe Art noch das Vergnü⸗ gen, einen Geächteten zu retten.“ „Wie? Sie wollten dieſe Rolle?2“ „Ei bewahre. Ich muß bleiben und den Konſul ermor⸗ den; das iſt eine abgemachte Sache. Aber der arme Schelm, der kleine Grenedan, der kaum den Pagenhöschen entwachſen * 106 iſt, und in dieſem Complott ſeine Sporen gewinnen ſollte,— er verdient, daß man ihm durchhelfe. Ich kenne ſeinen Schlupfwinkel in der Straße Taranne in der Vorſtadt St. Germain. Ihr und mein Weg führen dort vorüber. Wir holen ihn ab, und machen ſomit einen Glücklichen.“ Der kecke und beſonnene Cadoudal traf nun alle Anſtal⸗ ten. Er warf der Marquiſe den weiten atlaßnen Mantel um, holte ſelbſt aus Adelens Zimmer mit vieler Vorſicht das ſchlafende Mädchen, ſorgſam in einen Shawl gewickelt, radirte flugs mit ſeinem Dolche den überflüſſigen Buchſtaben aus dem Paß, während Gabriele ihr Gold und ihre Pretio⸗ ſen zuſammenſuchte, und ging leiſe voran, um im Hauſe reinen Weg zu machen. Das Schickſal hatte geſorgt. Der Bediente hatte Victor begleitet, Babet war abweſend, in der Küche verkehrte gleichmüthig und ohne ſich umzuſchauen die alte Magd des Hauſes, die Zofe ſaß in der Loge des ſchlummernden Portiers und las einen Roman.— Georges erſparte dem Thürſteher für diesmal ſeine Pflicht, zog die Hausthüre auf, die Flüchtlinge ſtanden auf der Straße, ſaßen bald in einem Miethwagen, und athmeten freier, als ſie die Revolutionsbrücke hinter ſich hatten. Die Straße Taranne war ſchnell ereilt, der Fiaker verabſchiedet, Gre⸗ nedans Aſyl gefunden. Der junge Menſch glaubte kaum an die Rettung, die ſich ihm unvermuthet darbot. Seine Wirths⸗ leute, mit ſeinem Schickſale vertraut und eifrige Royaliſten, hatten Mühe ihn zu überzeugen, und ihn zu bewegen, die Gelegenheit nicht unnütz verſtreichen zu laſſen. Georges war längſt fort und in ſein Logis zurückgekehrt, als endlich der Fiaker eintraf, der die Marquiſe auf die erſte Poſtſtation bringen ſollte. Ein weiterer Aufſchub, verurſacht durch einen 107 Geldwechsler, bei welchem Gabriele noch Gold gegen Silber austauſchte, verzögerte die Abreiſe beinahe um drei Viertel⸗ ſtunden. Endlich rollten die Räder, endlich flog der Wagen davon, und die Reiſenden ſaßen ſtill in ihre Betrachtungen verſunken, und der Zukunft harrend. Der Fiaker fuhr über den Odeonplatz. Plötzlich verrammelt ein Volkshaufe den Weg. Beim Schein der Laternen ſieht Gabriele ein Cabriolet, das von dem Volke und von Polizeiwache angehalten wird. Ein rieſiger Mann erhebt ſich daraus, und ſtreckt mit einem Piſtolenſchuß den Sbirren zu Boden, der das Pferd beim Zügel hält, verwundet mit einem zweiten Schuß einen an⸗ dern, und wehrt ſich wie ein Verzweifelter gegen die Menge, die nun über ihn herfällt. Doch muß er endlich der Ueber⸗ macht weichen; ein gigantiſcher Schmied packt ihn, da ſchon die Schergen von ihm ablaſſen wollen, und übergiebt ihn den Feſſeln ſeiner Feinde. Der Name„Georges“ zittert durch die Lüfte, von tauſend Stimmen gebrüllt, und das Herz der Marquiſe erbebt, und Grenedan ſieht ſich ſchon im Geiſte auf dem Schaffot. Adelens Kind ſchlummert ruhig auf den Knieen der Entführerin, welche angſtvoll vor ſich hin liſpelt:„Der unglückliche Georges hat nun ſein Schick⸗ ſal erfüllt; wer weiß, ob nicht in wenig Minuten auch das meinige entſchieden ſeyn wird?“ Endlich aber verläuft ſich die Menge und der Wagen ſtürmt weiter, und iſt bald im Angeſicht der Barriere d'Enfer.— Ein zahlreiches Detaſche⸗ ment der Konſulargarde hielt an dieſer Pforte wie an allen übrigen Wache. Der Paß der Reiſenden wurde verlangt, von dem Sergeanten beim Schein der Laterne durchleſen, und Gabriele erkannte den Unteroffizier. 108 Sans⸗Regret war es, der ſeit einigen Tagen erſt die goldenen Galons trug. Der Grenadier ſchütttlte den Kopf wie ein Ungläubiger, und begehrte das Geſicht der Reiſen⸗ den zu ſehen. Gabriele hob langſam den Schleier, bog ſich, ohne das Kind zu enthüllen, aus dem Schlage, und fragte mit ſanfter Stimme und bedeutendem Blicke:„Nicht wahr, mein Freund, Ihr kennt mich?“ Sans⸗Regret war auf's Höchſte betroffen; verblüfft zum Theil von der Ueberraſchung, theils erfreut, den ge⸗ fährlichen Gaſt, der ihm ſo viel Unruhe für Victor und ſein Haus verurſacht hatte, ſcheiden zu ſehen, legte er die rechte Hand an die Bärenmütze, gab mit der linken den Paß zurück, und verſetzte:„O ja⸗ Madame, ich kenne Sie. Alles in Ordnung;.. glückliche Reiſe!“— ſomit fuhr der Wagen ohne Hinderniß auf dem Wege nach Or⸗ leans fort. — Ueuntes Rapitel. Bincennes. Beinahe vierzehn Tage waren verſtrichen. Es war ein trüber Märzmorgen. Babet trat ſo eben aus dem Gemach ihrer Gebieterin und ihr trauriges Antlitz erheiterte ſich, als ſie im Vorzimmer den Sergeanten Sans⸗Regret gewahrte, welcher ihr freundlich grüßend zunickte, und mit ſeinen kaum am Kamin aufgethauten Fingern die Doſe hinhielt, um eine Priſe zu nehmen. Babet verweigerte ſeufzend und ſagte: „Danke ſchönſtens, Herr Sans⸗Regret. Es kömmt mir ohnedieß das Waſſer in die Augen, ohne daß ich des Tabacks bedürfte. Ach, Herr Sergeant, wir haben ſeit zwei Wochen das Unmögliche durchgemacht. Seitdem wir nicht die Ehre hatten, Sie bei uns zu ſehen, iſt Madame Dammartin faſt täglich am Verſcheiden geweſen.“ Sans⸗Regret erwiederte mit bekümmerter Miene:„Ich dachte mir's wohl. Die Paar Worte, die mir der Herr Bataillonschef zu ſagen die Freundſchaft hatte, haben mich wie ein Blitz getroffen. Ich habe mich geſcheut, hieher zu kommen. Sie wiſſen, meine Gute, daß Madame mich nicht 10 wohl leiden können; ich hatte außerdem noch meine Gründe, mich fern von hier zu halten. Aber heute konnte ich doch nicht die Qual der Ungewißheit mehr ertragen, und bin ge⸗ kommen, um zu wiſſen, wie es eigentlich hier ſteht.“ „Ach, mein lieber Herr Sans⸗Regret!“ ſeufzte Babet wehmüthig:„was hab' ich alles erleben müſſen, und noch iſt keine Hoffnung vorhanden, daß das große Unglück, wel⸗ ches uns betraf, wieder gut gemacht werden könnte. Ach, wie ich an jenem Abend nach Hauſe kam, und das liebe, liebe Kind fort war, und ich mir ſagen mußte, daß alles durch meine Schuld ſo geſchehen,— ich meinte, ich müſſe mich gerade in die Seine ſtürzen. Es iſt kein Zweifel, daß die Frau von St. Alban die arme kleine Suzanne geſtohlen hat. Ich jammerte alſo und ſchrie und Lyuiſe ſchrie und weinte mit mir, bis der Herr heim kam, und die ganze Be⸗ ſcheerung erfuhr. Sehen Sie: der Herr Bataillonschef iſt ein Mann wie ein Lamm, aber demungeachtet wurde er da ſo wüthend, daß er nach ſeiner Piſtole griff, und mich ohn⸗ fehlbar erſchoſſen hätte, wenn nicht Madame dazu gekom⸗ men, und ihm in den Arm gefallen wäre. Da hatte es nun freilich mit dem Erſchießen ein Ende, aber der Jammer der guten Frau ging erſt los, da ſie erfuhr, warum der Herr Bataillonschef mich hatte umbringen wollen. Zuerſt fiel ſie nach aller Länge auf den Boden in eine tiefe Ohnmacht; dann erwachte ſie wie eine Verzweifelte, und ſchlug und wüthete dergeſtalt um ſich herum, daß man ihr die Hände feſt binden mußte. Sie ſtieß alle von ſich, die ſich ihr näher⸗ ten, und vor allen ihren Mann, den ſie anklagte, alle Schuld zu tragen. Dann brach ſie wieder in die herzzerreißendſten Klagen aus, und ſchrie mit gellender Stimme nach ihrem Kinde. Der Herr machte ſich in finſterer Nacht auf, und ſtreifte mit ſeinem Louis, weiß Gott wo, überall herum, ohne das Kind, noch die Entführerin zu finden. Endlich— am Morgen erzählte mir der Bediente, daß der Herr erfahren habe, daß die nichtswürdige St. Alban aller Wahrſcheinlich⸗ keit nach durch die Barrier d'Enfer nach Orleans gereist ſey, und daß er ihnen nun nachſetzen wolle. Bis aber nun der Herr ſeinen Urlaub vom Konſul erhielt, und alles in Bereitſchaft war, verging beinahe der ganze Vormittag. Endlich— nach einer langen Unterredung, die unſer Herr mit ſeiner Frau hatte, als ſie gerade etwas ruhiger war,— in deren Folge ich auch befragt wurde, wegen des Pakets, das der Gensd'arme an jenem verhängnißvollen Abend ge⸗ bracht hatte, reiste Herr Dammartin ab. Madame hatte ſehr viel in jener Unterredung geweint, und ihr Schluchzen war bis zu mir in das Vorzimmer gedrungen. Nach der Abreiſe des Herrn wurde ſie auf's Neue ſehr fieberkrank, und phantaſirte beinahe ununterbrochen fort bis auf den ge⸗ ſtrigen Tag. Der Arzt iſt täglich drei⸗ bis viermal gekom⸗ men, und hat immer die Achſeln gezuckt. Geſtern wurde ſie mit einemmale ruhiger, und lag ſtill wie ein Marmorbild. Während der Nacht hat ſich, wie es ſcheint, ihre Krankheit gebrochen, und ſie iſt jetzt gerade wie ein Engel anzuſchauen. Sie iſt ſo mild, ſo geduldig, wie ſie noch nie geweſen, und ich habe es gewagt, ihr einen Brief vorzuleſen, den Herr Dammartin mir zu ſchreiben ſo gütig war, und welchen ich geſtern erhielt. Er meldet mir darin, daß er,obgleich viel zu ſpät kommend, dennoch die Spur unſers lieben Kindes aufgefun⸗ den, aber dieſelbe unweit von der ſpaniſchen Gränze ver⸗ loren. Er wiſſe ferner keinen Rath; um ſo weniger als „ 11² ſein Urlaub heute ablaufe, und er daher um jeden Preis zurück ſeyn müſſe.—“ „Großer Gott! Alles denn vergebens?“ murmelte Sans⸗ Regret erſchüttert vor ſich hin.— Die Wärterin fuhr fort: „Die arme Frau hörte die Nachricht mit einer bewunderungs⸗ würdigen Faſſung an, faltete die Hände, und ſagte wie eine verklärte Heilige zu mir:„Nun wohl, Babet. Gott hat mir das liebe Kind gegeben, und er hat es auch nun wie⸗ der genommen. Ich murre nicht gegen ſeine Fügungen!““— Als ich nun anfing zu weinen, weil mir wieder heiß einfiel, daß meine ſtrafbare Nachläſſigkeit im Dienſt die Urſache dieſes Elends geweſen, ſo tröſtete ſie mich obendrein, ſtatt mir Vorwürfe zu machen, indem ſie ſprach:„„Quäle Dich nicht, gute Babet. Der Himmel hat ſich Deiner nur als eines Werkzeugs bedient, um mich wegen meiner verletzten Gattenpflicht zu beſtrafsh. O, erinnere Dich, wenn Du je⸗ mals Dich verheiratheſt, daß die Pflichten eines Weibes ge⸗ gen die Ihrigen nicht verletzt werden können, ohne die himm⸗ liſche Gerechtigkeit gegen die Verbrecherin zu bewaffnen. Ich unglückliche! ich wollte mein Haus, meinen Gatten verlaſſen, und gab eben dadurch dem Verhängniß die Waffen in die Hände! mein armes Kind! mein unglücklicher verkannter Gatte!““— Ich begreife zwar von allen dieſen Dingen nichts, wie auch nicht, was von der Flucht, oder beſſer, von dem räthſelhaften Verſchwinden der St. Alban, zu halten ſey, die alle ihre Effekten zurück ließ, und dabei nicht eine einzige Zeile, welche ihre ſchnelle Abreiſe hätte erklären können; aber mir wird ewig dieſe Begebenheit ein Stachel in der Seele ſeyn, und ich werde gewiß nicht in dieſem —————— — — —.———— Hauſe bleiben können, worin meine unverzeihliche Verſäum⸗ niß ſo viel Unheil anrichtete.“ Sans⸗Regret erwiederte düſter:„Gute Babet: es giebt Leute, die noch ſtrafbarer ſind als Sie. Sie haben indeſſen Recht, wenn Sie glauben, daß Ihres Bleibens hier nicht iſt. Wird einem doch die Welt ſo gar zu eng, wenn man ſich darin ſchwere Vorwürfe zu machen hat. Ich weiß nun, wie die Sachen ſtehen, und habe ferner hier nichts zu thun. Grüßen Sie den Herrn Bataillonschef von mir, und ſagen Sie ihm, daß er von mir hören werde. Bitten Sie zugleich in meinem Namen ſeine Gemahlin um Verzeihung für alles Herzeleid, welches ich ihr, ohne es zu wiſſen, angethan haben dürfte. Wiſſentlich iſt dieſes nie geſchehen, ſo ſchlimm ſie auch von mir denken mag. Nicht wahr, Sie verſprechen mir das?“ Sans⸗Regrets ſchwarze Augen hefteten ſich ſo ſtier und dringend auf Babet's Geſicht,— ſeine Hand drückte die ihrige ſo krampfhaft, daß dem armen Mädchen etwas angſt wurde, und es mit Beſorgniß fragte:„Sie ſind ja ſo ernſt⸗ haft, Herr Sergeant? gilt es denn einen Abſchied? ſind Sie zum Marſchieren beordert? giebt es vielleicht Krieg mit den Engländern?“ Der Sergeant lächelte mit einer Art von verzweifeltem Humor, und verſetzte:„Den Krieg mit den engliſchen Hun⸗ den haben wir ſchon lange, meine Gute; doch bin ich nicht auf die platten Bvote kommandirt. Ich habe im Gegentheil nicht übel Luſt, meine Campagnen zu beſchließen und meine Retraite zu nehmen.“ Bei dieſen Worten grüßte er ſie noch einmal, ſo würde⸗ möglich, und ging auf die Gaſſe Das 3. 114 Wetter war ziemlich abſcheulich, wie es in den Straßen von Paris am Ende des Winters zu ſeyn pfleg:. Koth auf dem Pflaſter, ſtinkender Rauch und Dampf aus Werkſtätten und Rauchfängen, und ein naßkalter, trüber, regneriſcher Him⸗ mel über das Ganze her. Seinen Gedanken nachhängend, ſchritt Sans⸗Regret gegen die Quais zu, und flüſterte, ſeine Rechnung mit ſich abſchließend, in ſich hinein:„Du weißt nun recht eigentlich, Alter, daß Du zum Unglück ge⸗ boren biſt, und, nicht zufrieden, ſelbſt ein armer Teufel zu ſeyn, trägſt Du das Unglück auf Leute über, die Dich gar nicht angehen. Arme Adele, bin ich denn dazu beſtimmt Dir alles zu entreißen, was Dein Leben mit Reizen ſchmücken konnte? Zuerſt habe ich Deinen Vater erſtochen, und end⸗ lich trage ich die größte Schuld, daß Dein Kind verloren ging. Ich hätte das abſcheuliche Weib in jener Nacht auf⸗ halten ſollen. Aber, mußte ich nicht glauben, daß Vietor, mich auf jenem Poſten wiſſend, eine Liſt gebraucht, um ſich ſeines gefährlichen Gaſtes zu entledigen? Ich dachte, ihm zu dienen. Warum zeigte mir nicht ein guter Geiſt meines Freundes Kind in den Armen der Unſeligen? dann wäre das Blendwerk zerriſſen, dann wäre alles gut geweſen. Unbegreiflicher Zufall, Du regierſt die Welt. Der Paß, den ſich Adele zu verſchaffen wußte, um ihrem Gatten und ſeiner eingebildeten Untreue zu entfliechen, wurde ihr Scheidebrief von dem Kinde, das ſie über alles liebte. Und ich mußte wieder um die Wege ſeyn, ich, deſſen Aufgabe es iſt, im⸗ merdar die Unglückliche wider Willen zu verfolgen! ich begreife nur zu ſehr den Haß, den Adele wie einen dunkelu Inſtinkt gegen mich empfindet, und ſehe ein, daß es an der Zeit iſt, an dieſe Kette von üblen Vorherbeſtimmungen das . 115 letzte Glied zu fügen. Ich bin entſchloſſen. Ich will meinen Abſchied von dieſer Welt nehmen. Was ſoll ich auch ferner in dieſem elenden Bivouac? mein einziger Freund, Victor, kann mich nie mehr mit gutem Auge anſehen, wenn er auch großmüthig aller Welt mein Mißgeſchick verſchweigt; er iſt todt für mich, und mein Weib iſt todt, und geſtorben iſt daher alles, was mich lieb hatte. Mein Sohn lebt freilich; aber wer weiß, ob mir der Bube jemals Freude macht? wer weiß, ob wir uns gegenſeitig gefallen, da wir uns noch nie geſehen. Ich werde ihn meinem Victor empfehlen, und mit dem Bewußtſeyn ſterben, daß der Freund ſich des Soh⸗ nes väterlich annehmen wird. Mein Vermögen mag eben⸗ falls Victor als Vormund meines Sohnes verwalten, und ſomit wäre der Torniſter gepackt, und ich könnte mit dem beſten Gewiſſen in den Urlaub gehen, von welchem man nie zurückkehrt, jedes Kriegsgerichts ſpottend. Amen, und alſo geſchehe es.“ Er machte in der That eine Bewegung mit den Schul⸗ tern, als ob er ſich den Torniſter zurecht richte, klopfte mit einer Art von frohem Muthe auf den Säbel an ſeiner Seite, und richtete ſeinen Pfad nach dem Platze des Chatelet, um einen Waffenſchmidt, ſeinen Bekannten zu beſuchen, und eine Piſtole bei ihm zu kaufen. So verächtlich war ihm das Leben geworden, daß er es mit Pulver und Blei abſchließen wollte.— Schon hatte er den Laden des Büchſenmachers im Geſicht, als aus einer benachbarten Hausthür einige wöhl⸗ bekannte Stimmen ihm zuriefen. Er blickte hin, und ge⸗ wahrte zwei Unteroffiziere von ſeinem Bataillon, die, an dem Comptvirtiſch eines Weinſchenken ſtehend, ihr Gläschen tran⸗ ken.„Herein, Du alter Troupier!“ ſchrie der Eine dem 8S* Sergeanten luſtig zu, und der Andere ſchwenkte einladend die Flaſche. Sans⸗Regret trat in die Kneipe, wünſchte den Kameraden einen guten Tag, und fragte nach ihrem Begehr. —„Sieh doch, Lefeu,“ ſprach der Aeltere von den Unter⸗ offizieren zu dem Jüngern,„ſieh doch, wie der Alte ſo un⸗ wiſſend und geizig thut! aber; Achtung, Sergeant! Du trägſt ſchon ſeit ein Paar Wochen die Galons auf Deinem Arme, und es iſt Dir noch nicht eingefallen, ſie zu begießen, wie es einem ordentlichen Kerl geziemt. Heute wäre die beſte Gelegenheit dazu. Wir haben einen kleinen Schmaus in Vincennes, weil der alte André, der Inſpector des Han⸗ gars, ſeinen Gedurtstag feiert. Du kennſt ihn ja auch, alter Lapin, und wirſt Dich hoffentlich nicht weigern, den Marſch mit anzutreten. Das abgerechnet, was der Geburts⸗ tagsmann ſelbſt hergeben wird, iſt das Uebrige Deine Sache. Du mußt alsdann ordentlich aufgehen laſſen. Sa⸗ crebleu, ein Grenadier muß ſich ſehen laſſen; es iſt nicht einmal ein Gemeiner ſo geizig, daß er den Sous von der Grenade auf die Seite legte. Das gehört alles brüderlich der Keſſelkameradſchaft.“ Sans⸗Regret ſtieß lächelnd mit dem ſchnurrbärtigen Gaillard an, und verſetzte nach einigem Beſinnen:„Ich dachte zwar heute nicht daran, nach Vincennes zu gehen, obſchon ich einen großen Spaziergang zu machen beabſich⸗ tigte. Den kann ich aber auch von jenem Schloſſe antreten. Es ſoll nicht geſagt ſeyn, daß ich mich geizig gegen Euch benehme, wie ein betrügeriſcher Etapier, ober ein hungriger Kamaſchenmacher: ich will meinen Einſtand bezahlen, daß Ihr Euch freuen ſollt, und mein Andenken bei Euch in Werth 3 erhalten, wenn ich auch vielleicht in Kurzem die Fahne ver⸗ laſſe.“ „Pah, pah!“ lachten die beiden Unteroffiziere:„Ein Braver wie Du wird nicht an's Deſertiren denken, und zur Retraite iſt noch nicht die Zeit da. Der Teufel ſoll uns holen, wenn Du in zwanzig Jahren ſchon marſchfertig für das Himmelreich biſt.“ Sans⸗Regret zuckte die Achſeln, ſchüttelte den Kopf, und entgegnete:„Sehr verbunden für dieſe gute Meinung, doch glaube ich nicht, daß ich allzuviel Chevrons mehr auf den Aermel meiner Uniform ſetzen laſſen werde. Vor der Hand wollen wir luſtig ſeyn, unſere Gewehre auf gut grenadier⸗ mäßig über die Schulter hängen, den Säbel in die Fauſt nehmen, und zum Sturm abgehen nach Vincennes.“ Kaum hatte der Sergeant ſein„Vorwärts“ kommandirt, ſo ſetzten ſich die drei Waffengefährten in Bewegung, und hielten ſich in der Richtung zur Barriere du Trone. Das Geſpräch wurde, wie man leicht denken kann, ſehr lebhaft, beſonders weil hie und da noch eingekehrt wurde, um ſich auf dem weiten Weg zu reſtauriren. Am heftigſten wurde das Wortgefecht in der Nähe des Baſtillenplatzes, wo man kaum mehr eine Spur des ehemaligen Staatsgefängniſſes bemerken konnte. Neue Häuſer waren hingebaut, jedes Ueberbleibſel der Zwingfeſte vernichtet worden, aber das Volk kannte noch dieſe Stelle, und die Erinnerungen der vorbeigehenden Soldaten flammten ſiegreich empor. Gaillards Augen glänzten; er ſtreckte den Arm verwegen in die Luft, und rief:„Hier bin ich erſt getauft worden! Hier ward ich erſt ein Menſch. Das war meine erſte Waffenthat, als ich, damals noch ein gemeiner Schilderhausoffizier unter den 118 —— franzöſiſchen Garden, eine Kanone gegen das verdammte Schloß führen half. Meiner Treu, ſolch ein Tag kehrt nimmer wieder. Solch eine Begeiſterung habe ich nie ge⸗ ſehen. Wie es da einſchlug von allen Seiten, wie endlich das Volk den Sieg errang! da hat unſer Kommandat auch das erſte Pulver gerochen.“ „Ja; der General Hullin iſt ein wackerer Mann;“ ver⸗ ſetzte Sans⸗Regret, behaglich ſeinen Schnurrbart ſtreichend: „Er verdient es recht wohl, die Grenadiere der Conſular⸗ garde zu kommandiren, das erſte Truppenkorps der ganzen Welt „So wie Bonaparte der erſte Mann von der ganzen Welt,“ ſetzte mit vielem Feuer Lefen der jüngſte unter den Dreien hinzu.— Gaillard nickte theilnehmend mit dem Kopf, aber Sans⸗Regret ſchwieg trotzig ſtill. Gaillard ſprach darauf weiter:„Geſetzt, es wäre dem auch nicht ſo, und der Konſul nicht mehr werth als eine verſchoſſene Pa⸗ trone, ſo wollten wir's doch den Hunden von Engländern in die Zähne hinein beweiſen, daß er der größte Mann auf Erden iſt, der größte Held aller Jahrhunderte.— Wann geht es denn nur einmal los, mit der Expedition über den Kanal?“ „Das weiß der Himmel und der Konſul;“ ſagte Sans⸗ Regret verdrüßlich. Lefeu verſetzte mit geheimnißvoller Miene:„Der Konſul thut nichts aus ſich allein. Man ſagt, daß von Zeit zu Zeit ein räthſelhaftes Weſen ihn beſuche, und ihm vorſchreibe, was er zu beginnen habe. Glaubt mir: er hat ſeinen Stern⸗ ſeinen Glücksſtern, und er verläßt ſich nur auf dieſen. Er . 19 wird's noch weit bringen; es iſt einmal ſeiner Frau prophe⸗ zeiht worden, daß ſie einen großen Herrn heirathen würde. — Nun—“ ſetzte der Sprecher mit leichtfertigem Lächeln hn—„der General war's nicht, und der Direktor Barras.. „Schweig, Läſtermaul!“ ihn Gaillard heftig, obwohl nicht ohne Laune:„ſchweig, oder ich gebe Dir die Savatte. Auf dieſes liebenswürdige Weib laſſ' ich nichts konmen. Wie artig ſie beſtändig mit den Soldaten iſt, die im Schloſſe auf die Wache ziehen! und in Malmaiſon hat ſie einmal über eine halbe Stunde ſich mit mir unterhalten, wie ich hinaus gegangen war, um meine Gratifikation zu reklamiren.“ „Mir iſt der Liebſte von der ganzen Familie der brave Eugen;“ ſprach Lefeu mit glänzenden Augen:„Wenn ich nicht ein Grenadier von der Garde wäre, ſo möchte ich unter ihm ſtehen. Sollte man ſich einbilden, daß er je als Lehr⸗ ling bei einem Schreiner diente? daß er den Hobel und die Säge ſchleppte, als wie unſereiner? aber das iſt gerade das Wahrez aus dem Volke kommt immer das Beſte. Auch ich bin Schreiner geweſen, und ein gemeiner Menſch, ehe ich die Ehre hatte den Schnurrbart zu tragen, was uns Grenadicre vor der ganzen Armee auszeichnet. Ich muß wiſſen, was dem Volk Bedürfniß iſt, und fühle daher mehr als jeder Andere die Größe des tapfern Eugen, der ſo glücklich die Scharten ſeiner vornehmen Geburt auszuwetzen wußte. So wie es einmal hieße: Trommel gerührt, Fahnen auf, und Lunten angezündet! und es gälte für ihn, ging ich gerne für ihn in den Tod.“ 120 „Wenn nicht allein der Wein aus Dir ſpricht,“ verſetzte Sans⸗Regret lächelnd,„ſo biſt Du ein gar vortrefflicher Kerl. Bei ſolchen Geſinnungen bringſt Du's auf dem näch⸗ ſten Schlachtfeld zum Offizier.“ „Meiner Seel'!“ bemerkte Gaillard mit wichtigem Ge⸗ ſicht:„wenn der Konſul die Augen zumachte, wüßte ich keinen beſſern Nachfolger zu ernennen, als gerade den bie⸗ dern Eugen. Ich hoffe nämlich, daß in Zukunft der Soldat berufen ſeyn wird, dem Vaterland einen Herrn zu geben.“ „Einen Herrn?“ fragte mit ironiſchem Schrecken Sans⸗ Regret:„ich dachte hisher, daß wir uns einer Republik erfreuten.“ Gaillard und Lefen lachten hell auf.„Du biſt ein alter Schwindler;“ riefen ſie luſtig:„Der Konſul wird auf Deine Zuſtimmung noch warten, nicht wahr? ein Soldat muß uns gouverniren; wir dulden nicht mehr, daß die Pequins ſich in unſer Regiment miſchen. Damit aber dieſe Bürgerſeelen niedergehalten werden, muß ein Thron da ſeyn, und auf dem Thron der Konſul.“ „Und die Grundlage dieſes Thrones?“ fragte Sans⸗ Regret lächelnd, obwohl innerlich tief bewegt.„Sie beſteht aus unſern Bajonetten!“ riefen die andern in wildem Ein⸗ klang. Der Sergeant flüſterte aber in ſich hinein:„oder aus einem Verbrechen gegen die Freiheit des Staats und... Sie wurden unterbrochen, als ſie juſt an der Barriere ankamen, durch die Dazwiſchenkunft eines Chirurgen von ihrem Corps, der ſich zu ihnen geſellte, und zu ihnen ſprach: „Etwas Neues, meine Freunde. Die Vorſehung macht doch alle Plane unſerer Feinde zu Schanden. Georges und ſeine 1 vierzig Mitſchuldigen an dem Complott ſitzen ſchon in der Haft, wie ihr wißt. Nun: ich wette darauf, daß man heute wieder einen großen Verbrecher erwiſcht hat. Es iſt Euch bekannt, daß ich von dem Kapitän Ragot wohl gelitten bin, und er mir dann und wann ſein Pferd vertraut, um mich und daſſelbe ſpazieren zu reiten. So auch heute; ich reite von der Gend'armeriekaſerne aus, gelange im kleinen Trott an die Barriere Pantin, und ſehe da um den Wachtpoſten eine ziemliche Menge von Menſchen verſammelt. Die Leute waren alle beſchäftigt, eine Kutſche anzuſtarren, die vor dem Zollhauſe hielt, von einigen Gend'armen umgeben⸗ und feſt zugemacht. Ich kenne einen der Commis von der Douane und laſſe mich mit ihm in ein Geſpräch ein, worin ich erfahre, daß dieſe Kutſche ſchon ſeit zehn Uhr Morgens— alſo fünf volle Stunden, meine Herren— denn wir hatten dazumal beinah drei Uhr— an dem Thore halte, ohne daß man wiſſe, was damit vorzunehmen ſey. Ich verſuchte, mich auf eine glimfliche Weiſe dem Wagen zu nähern, trotzte den Abmahnungen der Gend'armerie, ſchaute in die Kutſche, als gerade ein darin ſitzender Offizier von der Marechauſſee den Kopf herausſtreckte, und erblickte einen jungen Mann im Fond, der nicht zum Beſten aufgelegt zu ſeyn ſchien, und ein langes blaſſes Geſicht präſentirte. Mehr zu bemerken war mir leider nicht vergönnt; ich ritt daher von Barriere zu Barriere in Gedanken weiter, und bin erſt in jenem Wirthshauſe abgeſtiegen, um mich und das Pferd zu reſtau⸗ riren, als ich die Ehre hatte, Sie zu ſehen, und— doch— ſchauen Sie dorthin: da kömmt der geheimnißvolle Wagen, und fährt im vollen Trab daher!“ 122 Von einer leicht verzeihlichen Neugierde getrieben, näher⸗ ten ſich die Unteroffiziere der Kutſche, die nicht nur im Trab, ſondern im vollen Galopp anher ſauſ'te, umgeben von ſprengenden Gend'armen. Das Ausſehen des Fuhrwerks zengte von einer weiten Reiſe und die Eskorte von der Wichtigkeit der Perſon, die darin transportirt wurde. Die Hoffnung indeſſen, jene Perſon zu erblicken, war umſonſt. Die Berline war hermetiſch verſchloſſen und fuhr obendrein weder durch die Barriere nach Paris hinein, noch gegen die Barriere von St. Mandé zu, ſondern bog raſch in die Straße nach Lagny ein. Nach einigem Bedauern wegen Fehlſchlagung ſo gerechter Hoffnung trennten ſich die Unter⸗ offiziere von dem Feldſcheer, und ſetzten ihren Weg mit ver⸗ voppelten Schritten nach Vincennes fort, weil es bereits düſter zu werden und völlig zu regnen anfing, und die fünfte Stunde nahe war, wo das Gaſtmahl zu Ehren des alten André beginnen ſollte. Die fünfzehn Minuten bis zu dem Schloſſe waren bald zurückgelegt. Der hohe alterthümliche Donjon von Vincennes ſtand in dunkler Maſſe vor ihnen, und bald ſchritten ſie über die Brücke, ſtanden im Hofe und klopften an die Thüre des Inſpektors. Der alte André kam ihnen freundlich ent⸗ gegen, aber auf ſeinem Geſichte lag eine gewiſſe Unruhe, eine gewiſſe Beſorgniß, welche ſehr mit der Freimüthigkeit kontraſtirte, die er ſonſt in ſeine Bewillkommnung zu legen pflegte.— Sans⸗Regret gewahrte dieſe Veränderung am erſten und fragte:„Was fehlt Euch, alter Freund? iſt das ein Geburtstagsgeſicht? oder iſt ein Hinderniß zwiſchen unſere Wünſche und ihre Erfüllung gefahren? oder findet es der Herr Kommandant vielleicht nicht zuläſſig, daß wir unſern Schmaus halten? es wäre ungalant, uns den weiten Weg machen zu laſſen, um uns alsdann auszu⸗ ſperren, und dennoch möchte ich dieſes fürchten, theils wegen des ſcharfen Befragens der Wachen am Thore, theils wegen Eures traurigen Geſichts.“ „Unnütze Beſorgniß;“ äußerte André:„Der Kommandant hat alles erlaubt, und die Erlaubniß nicht zurückgenommen. Nur ließ er mich vor einigen Minuten erſuchen, mein Drak⸗ tament ſo ruhig als möglich abzuhalten, welches wohl keinem Zweifel unterliegt, denn meine Wohnung hat die Ausſicht nach dem Dorfe, und der Geſellſchaft wird nicht allzuviel werden, indem gewiß in einer halben Stunde Niemand mehr hier eingelaſſen wird.“ „Was Leufels?“ fragten die Unteroffiziere einſtimmig: „Keine Freikarte?“ Der Inſpektor zuckte die Achſeln, faltete ſein Geſicht ganz ernſthaft, zog ſeine Gäſte in einen Winkel und flüſterte:„Hier wird ſich heute noch Manches begeben. Es iſt vor ganz Kurzem ein Wagen mit einem Staasge⸗ fangenen angekommen, mit dem es eine eigene Bewandtniß haben muß. Man beobachtet das größte Geheimniß über ihn, und er wurde zum Kommandanten hinauf gebracht. Zugleich aber iſt, wie ich aus guter Quelle erfahren habe, von unſerm Gouverneur Murat der Befehl eingetroffen, um zehn Uhr das Thor für Truppen zu öffnen, die zu einem gewiſſen Zweck hier einrücken ſollen, und nach ſechs Uht niemand mehr, welcher nicht in die Feſtung gehört, herein zu laſſen. Reime ſich das zuſammen wer kann, aber gewiß iſt, daß etwas Ungewöhnliches hier vorgehen wird.“ 124 „Bravo!“ meinte Gaillard:„ſo werden wir doch auch einmal wieder etwas Beſonderes zu ſehen kriegen; ich bin ohnehin ſchon das Alltagleben müde.“ Während dieſes Geſprächs hatte ſich Sans⸗Regret der Wand genähert, wo des Inſpektors Waffen hingen, und eine Piſtole von gutem Ausſehen zur Hand genommen.„Sie iſt geladen!“ rief ihm der ſorgliche Wirth zu, und er verſetzte: „Wohl, mein Alter. Iſt aber auch die Piſtole gut? hat ſie nicht die Untugenden eines leichtſinnigen Schießgewehrs? verſagt ſie nicht, und brennt ſie nicht hinten nach?“— André antwortete:„Nicht doch; ſie iſt ein Muſter von allen Piſtolen. Als ich noch unter Weſtermann ſtand, habe ich über ein Dutzend von Brigands und Chouans damit erlegt. Sie verträgt eine ſtarke Ladung und fehlt nie.—„Deſto beſſer;“ entgegnete Sans⸗Regret ruhig, und hing die Piſtole vorläufig wieder an ihren Platz. Dann forderte er Papier und Schreibzeug von dem Wirth, und einen einſamen Win⸗ kel, wo er ungeſtört etwas niederſchreiben könne. André wies ihn an ſein kleines Bureau in dem Kabinet, und Lefeu fragte neugierig:„Ei, Sergeant, was zum Wetter fällt Dir ein? Du willſt ſchreiben, während wir tafeln?“ „Was willſt Du denn beginnen?“ fragte Gaillard nicht minder neugierig. Sans⸗Regret verſetzte lachend:„Ich will mein Teſtament machen. Man denkt am beſten hinter klingenden Gläſern an das Ende.“ Die Kameraden lachten wieder überlaut, und riefen: „Geh nur hin, du alter Schäcker; mach uns eih ſchönes * 125 Tiſchliedchen nach einer leichten Melodie. Bei dem Refrain wollen wir alle vor den Flaſchen unſer Teſtament machen, und nicht ruhen, bis wir uns den ſüßen Tod in dem Wein getrunken, den Du zum Einſtand herbeiſchaffen wirſt.“ Scherz auf dem Geſichte, und ſchwarzen Ernſt im Buſen, ging Sans⸗Regret in das Kabinet, um an Victor, an ſeinen Schwiegervater, und ſeinen Sohn zu ſchreiben. Wäh⸗ rend deſſen kamen noch mehr der geladenen Gäſte an, und brachten auch die Kunde, daß ſie die Letzten ſepen, indem von Stund an der Ein⸗ und Austritt in und aus der Feſtung verboten ſey, bis auf weitere Ordre. Die Tafel wurde gerüſtet; kalte Speiſen wurden aufgeſetzt und Wein in Menge herbeigetragen, worauf die Geſellſchaft Platz nahm. Ein Domeſtik des Kommandanten rief kurz darnach den Inſpektor hinaus, und dieſer ſagte, da er wieder zurück kam, mit Rührung im Geſichte:„Laßt uns in der Freude der Unglücklichen nicht vergeſſen. Der Kommandant läßt uns erſuchen, von unſerer Mahlzeit dem Gefangenen, der ſich oben bei ihm befindet und Hunger und Durſt leidet, etwas mitzutheilen. Die Frau des Kommandanten iſt krank und ſeine Küche ſchlecht beſtellt. Ich halte dafür, daß es anſtändig ſeyn würde, dem armen Gefangenen ein Hühnchen und eine gute Compotte von unſerem Ueberfluß zu ver⸗ abfolgen.“ „Wer iſt der Gefangene? wie heißt er? woher?“ fragten alle Stimmen, und der Inſpektor antwortete:„Ach, meine Freunde, das weiß ich nicht, und mag nicht ein Gerücht wiederholen, welches ſich ſo eben im Schloſſe verbreitet. Aber der unglückliche junge Mann iſt ein Franzoſe, und ⸗ 126 ſomit unſerer Theilnahme werth, welchen Namen er auch übrigens führe.“ Alle Anweſenden ſtimmten damit überein, mit dem Rufe: „Ehre dem Unglück! ein Franzoſe ſoll auch in Ketten nicht darben, wenn Landsleute von ſeinen Bedürfniſſen unterrich⸗ tet ſind.“— Somit wurde ein guter Vorrath von Speiſe durch den Domeſtiken abgefertigt, und die Mahlzeit ging fröhlich ihren Gang weiter fort, obſchon man erfuhr, daß der Hof der Feſtung von Gensd'armerie wimmle, und An⸗ ſtalten getroffen würden, eine Truppenabthetlung einzulaſſen, die von Paris heranziehe. Die Fröhlichkeit, obgleich in den Grenzen des Anftands verbleibend, mehrte ſich mit den Stunden der Nacht, und war auf dem Gipfel, als es zwölf Uhr ſchlug. Man weiß, welchen Eindruck hin und wieder gewiſſe Stunden auf den Geiſt eines Menſchen machen, der ſich bereits über die Gren⸗ zen des Lebens hinausgeſchwungen. Symboliſche Zeichen allein mahnen ihn noch an ſeinen irdiſchen Urſprung, und die Glocke, wenn ſie zwölf Schläge in der Nacht thut, ſcheint ihm mit eherner Zunge zuzurufen, das mühſame Tagewerk ſey wieder im Begriff anzuheben, und daher die höchſte Zeit, von ihm zu ſcheiden, wenn man das Joch nicht ferner tra⸗ gen wolle. Einen ähnlichen Eindruck machten die Schläge der Thurmuhr von der gothiſchen Kapelle des Schloſſes auf Sans⸗Regrets Gemüth, obgleich er ſeit einer Stunde — —— — 127 wieder unter den luſtigen Gäſten ſaß. Er erhob ſich, unbe⸗ merkt von ſeinen Kameraden, die der Wein und das Geſpräch beſchäftigte, bemächtigte ſich der Piſtole, auf die er ſein Augenmerk gerichtet, wie des daneben hängenden Pulver⸗ horns, um die Zündpfanne mit Vorrath zu verſehen, und ſchlich hinaus, mit dem feſten Vorſatz, einen paſſenden Ort zu ſuchen, wo er ſein Leben ſo ungeſtört als möglich enden könne. Die Briefe, die er geſchrieben, lagen alle auf Andrés Bu⸗ reau, und ſein Herz fühlte ſich aller Beſchwerden enthoben und freudig gerüſtet zum Uebergang nach dem Jenſeits. — Aber wie zerriß plötzlich der Faden ſeiner Ideen, wie zerfloß im Nu der Gedankenzug, der aus ſeinem Gehirn vor ihm herzugehen ſchien, wie ein abgeſchloſſenes Trauergeleite zum nahen Grabe,— als er in den Hof trat und hier ein Schauſpiel fand, das er nicht erwartete! Pechpfannen brann⸗ ten hie und da; zahlreiche Poſten von Eliten⸗Gensd'armerie ſtanden allenthalben vertheilt; eine ſtarke Abtheilung von Linien⸗Infanterie rückte gerade im Doppelſchritt durch das Thor der Feſtung ein. Der regelmäßige Takt des Marſches, nicht begleitet von Trommellärm oder fröhlicher Muſik, hallte ſchauerlich von dem Pflaſter wieder. Die Rotten ſtellten ſich auf, ein dumpfes Kommandowort erſchallte, und mit einem Schlage raſſelten alle Gewehre, bei Fuß geſtellt, auß den dröhnenden Boden nieder. Unbeweglich und lautlos ſtanden die Truppen, während nach einer kurzen Pauſe meh⸗ rere Wagen durch das Thorgewölbe rollten, und der Kom⸗ mandant Harel den Ankömmlingen, von Lichterträgern be⸗ gleitet, entgegenging. Sans⸗Regret ſtand nicht weit davon, weil ihm die Truppenlinien den Durchgang durch den Hof 128 — verwehrten, und ſah mehrere Stabsoffiziere aus der Kutſche ſteigen; unter ihnen den Kommandanten der Garde⸗Grena⸗ diere, den General Hullin.„Was giebt es denn hier?“ fragte der Sergeant den Gensd'arme, der ihm nahe war, und derſelbe erwiederte leiſe:„Eine Militär⸗Kommiſſton wird unverzüglich über einen Verſchwörer richten, der dem Konſul nach dem Leben geſtrebt hat.“— In demſelben Au⸗ genblick kamen einige Kapitäns, von Wache begleitet, aus dem Innern des Kommandantenhauſes, und präſentirten dem General Hullin eine Schrift, die er mit den Worten:„Wir wollen das unterſuchen, und unverzüglich an's Werk gehen;“ zu ſich nahm, den übrigen Offizieren, lauter Oberſten, winkte, und mit ihnen in das Innere des Schloſſes trat.— Das Geheimnißvolle dieſer Handlungen übte einen mächtigen Zau⸗ ber auf Sans⸗Regret, der kein Provenzale geweſen wäre, wenn nicht ſeine Neugierde hätte rege werden ſollen. Ob⸗ ſchon im Begriff, ſelbſt unwiderruflich mit dem Leben abzu⸗ ſchließen, wünſchte er doch nicht, an einem Erdenräthſel vorüber nach der großen Räthſelpforte zu wandern. Er wollte noch ſehen, was in der letzten Stunde ſeines Daſeyns um ihn her vorging, und verſuchte, in das Kommandanten⸗ gebäude zu dringen, um ſich Aufſchluß zu verſchaffen. Das Verhängniß ſchien ſeinen Wünſchen zuvorzukommen. Der Hauptmann Vaudancourt, ein Offizier, der Sans⸗Regret längſt bekannt war, erſchien auf der Treppenſtufe, ſah for⸗ ſchend in den Haufen von Soldaten aller Waffengattungen⸗ der ſich zufällig da zuſammen gefunden, bemerkte Sans⸗ Regret, und winkte ihn zu ſich.„Was macht Ihr hier, Sergeant? Kommandirt?“— Sans⸗Regret verneinte, und zeigte in ein Paar Worten die Urſache ſeines Hierſeyns an. Der Kapitän fuhr fort:„Gut. Ich weiß, daß Ihr mit der Feder umzugehen verſteht. Ihr könnt die Stelle eines Gref⸗ fiers verſehen, und einen Offizier vertreten, der in dieſem Augenblicke unpäßlich geworden iſt, nachdem er ſchon in obiger Eigenſchaft das Verhör des Angeklagten zu Proto⸗ koll gebracht. Folgt mir, ich werde Euch ſchon dictiren, und das Ganze iſt beinahe nur leere Form.“— Da war keine Widerrede ſtatthaft, und Sans⸗Regret gehorchte ohne wei⸗ tere Bemerkung. Er folgte dem Hauptmann in das Raths⸗ zimmer des Schloſſes, und fand hier ein militäriſches Tribunal verſammelt, welches ſein eigener Kommandant präſidirte.— O, wie verſchwand vor ſeinem Geiſt das Ge⸗ dächtniß an eigene Leiden bei dem traurigen Schauſpiele, welches ſich nun vor ihm entfaltete! Ein Prinz voll Muth und Seelengröße, der letzte Erbe des Ruhms einer Helden⸗ familie, wie auch das auserſehene Opfer, welches ein uner⸗ bittliches Verhängniß verlangte, wider alles Völkerrecht dem gaſtfreundlichen Boden eines fremden Landes entriſſen, wider jedes natürliche Recht vor ein Gericht geſtellt, das nicht be⸗ fugt war, über ihn zu urtheilen, erſchien, um beim Scheine weniger Todeskerzen, im Angeſichte einer nengierigen Sol⸗ vateska, des einzigen Zeugen dieſes großen Verbrechens, über ſein Haupt das Todesloos werfen zu ſehen. Die Feder erbebte in Sans⸗Regrets Hand, als er den Namen des letzten Condé niederſchreiben mußte, und ſein Herz, obwohl dem Stamme der Bourbonen nicht hold, blutete während der heftigen Vertheidigungs⸗Rede, die der Herzog am Schluſſe der ſogenannten Debatten hielt. Der Unglückliche errieth⸗ 9 130⁰ welches Schickſal ihm bereitet war, aber durch ſeine trotzi⸗ gen Eingeſtändniſſe rückte er ſelbſt unerbittlich das Grab ſich näher, welches ſchon am Nachmittage für ihn gegraben worden war. Vergebens drückten Hullins edle Züge— er war der ſchönſte Mann der Armee— das tiefſte Mitleid aus; vergebens ſchien eine menſchliche Regung durch die Bruſt aller Richter zu gehen. An den Schranken ſtand ein Beklagter, der ſich hier nicht vertheidigen wollte, ſondern vom Konſul allein Gerechtigkeit erwartete, und hinter dem Seſſel des Präſidenten ein Adjutant deſſelben Konſuls, der den zögernden Urtheilsſpruch durch ſein Drängen herbei⸗ zwang, und ungeduldig auf das Blut des Schlachtopfers harrte. Der Eifer des Generals Savarp, ſeinem Herrn zu dienen, wird in den Annalen der Revolution ſtets auf eine traurige Art ausgezeichnet, daſtehen.— Das entſetzliche Drama endigte ſich bald; die Rollen waren im Voraus vertheilt, und die Kataſtrophe war unausbleiblich. Von Müdigkeit erſchöpft, ſchlaftrunken, wurde der Prinz hinweg gebracht, und während er ſchlummerte, ſprachen ſeine Rich⸗ ter den Tod über ihn. Sans⸗Regret war dabei, als man ihm ſein Urtheil vorlas, nachdem man ihn unerbittlich aus der Ruhe emporgeſchreckt, die in ſolch' entſetzlichem Augen⸗ blick nur eine Frucht der völligſten Schuldloſigkeit ſeyn kann. Der Zeiger der Schloßuhr wies beinahe auf die ſechste Stunde des Morgens, als ein Reiter auf ungeduldig ſchnaubendem Roſſe im geſtreckten Galopp in Vincennes 131 einjagte, ſich athemlos vom Pferde warf, und den Komman⸗ danten, der mit bekümmertem Geſicht ihm entgegentrat, nach dem General Savary befragte. Der Kommandant führte den Boten des Konſuls dorthin, wo der Thurm der Königin in den Schloßgraben vorſpringt, und wo auf der Bruſtwehr Savary, von ein Paar Offizieren und Gensd'armen umge⸗ ben, weilte. Es war ein trüber neblichter Morgen, und nur ſchwach zu erkennen waren die von Duft angefüllten Gräben, der Schein einer vor dem Tageslicht verlöſchenden Laternc, und der Schimmer blinkender Gewehre. Der Kom⸗ mandant rief Savarp; der Kourier übergab demſelben raſch einen Brief.— In dem Graben wurden juſt die Gewehre angeſchlagen.— Savarp öffnete zögernd das Schreiben, und als er es entfaltet, donnerte unten die Todesſalve los⸗ worauf Savary, die Achſel zuckend, zu dem Boten ſagte: „Es thut mir leid, mein lieber Dammartin. Sie kommen zu ſpät. So eben iſt geſchehen, was nicht mehr in meiner Macht zu verhüten ſtand. Steigen Sie in den Graben hinab, und überzeugen Sie ſich ſelbſt. Noch heute Vormit⸗ tag werde ich dem Konſul Rapport erſtatten.“ Victor, noch ohne zu wiſſen, was ſich hier begeben, ließ ſich wie ein Träumender die ſchmale Treppe hinunter führen, und kam dazu, als eben das Peloton von Gensd'armen, welches geſchoſſen, den getödteten Herzog vom Boden auf⸗ hob, um ihn, bekleidet wie er war, in die Grube zu legen. Ein heller Strahl des Tages zerriß den Morgennebel, und Victor erkannte mit ſträubendem Haar, das, wenn auch von Blut entſtellte, Geſicht ſeines Jugendgefährten, des einzigen Sohnes ſeines Wohlthäters. Mit einem Schrei, 132 wie vor dem Anblick des Todes ſelbſt, fuhr er zurück; aber ein ſtarker Arm hielt den Zuſammenſinkenden feſt, und Sans⸗ Regrets Stimme flüſterte ihm in die Ohren:„Keine Schwäche, mein Offizier. Gönnen Sie dem Gefindel hier nicht die Freude an ihrem Schmerz. Kommen Sie vielmehr, daß wir uns von dieſem Ort des Schreckens entfernen.“ Mechaniſch folgte Victor dem Freunde, und ſtammelte nur, wie vor ſich hin:„Das mußt' ich erleben? dieſe gräu⸗ liche That muß den Mann, den ich wie einen Gott verehrte, auf ewig von meinem Herzen reißen? mußte er ſeinen Pur⸗ pur in dem Blut dieſes Unſchuldigen färben? und ich, kaum zurückgekehrt, im heftigſten Schmerze, mußte von ihm mit der fürchterlichen Sendung bedacht werden, die zu ſpät kam, wie der Grauſame es vorausſah?“— Sans⸗Regret aber ſtieß den Bataillonschef an, und ſagte ihm leiſe:„Nicht ſo laut, mein Freund. Bezwingen Sie ſich. Sehen Sie, wie ruhig ich bin, ob ich gleich gewiſſermaßen an dem Morde Theil habe. Freilich liebe ich die Bourbonen nicht mehr als den gleichgültigſten Menſchen, aber der Thron, der ſich auf jenen Gebeinen erbaut, iſt mir ein Gräuel, und ich könnte ſchier vor Verdruß ſterben, wie ich aus Melancholie ſterben wollte. Nun aber muß ich ja am Leben bleiben: erſtens, weil Sie jetzt wieder eines Freundes bedürfen, der ſie trö⸗ ſtet, und zweitens, weil es jetzt ſo heraus käme, als hätt' ich mich aus Verzweiflung über den Tod dieſes Enghien er⸗ ſchoſſen. Ich weiß, wie die Müſſiggänger von Paris über ſolche Zufälligkeiten ſchwatzen, und die Maulaffen ſollen mir die Leichenrede nicht halten.“ — — ——— 1 „ * —— —————— ——— — S 133 So geleitete er den Bataillonschef zu ſeinem Pferde, legte dann bei André, wo die größte Beſtürzung herrſchte, die Piſtole wieder hin, und nahm ſeine Briefe, die noch Niemand eröffnet, wieder an ſich; hierauf aber ſchrieb er, unter Vaudancourts Aufſicht das zweite, nach der Hinrich⸗ tung verfaßte Bluturtheil in's Reine, während Dammartin mit zerriſſenem Herzen nach Paris zurückkehrte. Ende des dritten Theits. 40 — — — — Erſtes Kapitel. Der Ey⸗General und das Patent. Zweites Kapitel. Re Bd St. Jean d'Aere Marengd Fünftes Kapitel. Die Nacht im Bivouac.... Sechstes Kapitel. Eideuen Siebentes Kapitel Achtes Kapitel. Die Flucht aus Paris. Vineennes. Seite. 5 ——