8 7 Leihbiblivthel deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 4 Cduard Oltmann in Gießen, ⁰ Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cleih- und Leſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die S ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden ag von Morgens ₰ 7 Uhr bis Abends 8 lihr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Laution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe kinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern 2c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt was zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage ieſgeſett und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das eiterverleihen der Bücher ni cht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 M 0 Pf.— Pf. 3 4 ₰ Der Invalide. Hiſtoriſch romantiſche Zilder neuerer Zeit. Von C. Spindler. Dweiter Theil. Vive le roi, quand méme!.. — Stuttgart, Druck von C. F. Arnold. 1838. — — Erſte Rapitel. Die Zehntauſend von Mainz. An einem ſchönen Septembertage wimmelte es in den Straßen von Saumur von republikaniſchen Truppen. Ein neuer Schwung ſchien in das Soldatenweſen gekommen zu ſeyn. Die Bataillone, wenig an Ordnung und Mannszucht gewöhnt, hatten heute eine Haltung angenommen, die ſich auszeichnete und Verwunderung erregte. Auf den Plätzen, in den Gaſſen, ſtanden die Reihen der Soldaten unter den Waffen, und tiefes Schweigen war an die Stelle der Ge⸗ ſchwätzigkeit getreten, die ſonſt ſelbſt auf dem Paradeplatz nicht unterdrückt werden konnte. An einer Ecke des Platzes, der Hauptwache gegenüber, unterredete ſich leiſe und mit unmuthigen Mienen eine Gruppe von Bürgern.„Kannſt Du mir nicht ſagen,“ begann der Eine zu ſeinem Nachbar, „warum dieſe Lumpenhunde ſich heute ſo ſehr zuſammen nehmen? Was geht vor? Was werden wir denn wieder er⸗ leben?“ Der Nachbar verſetzte flüſternd:„Rede doch nicht ſo laut, Colas, Du weißt, daß die Spionen des Convents 1* 4 —— uns allenthalben umlauern. Die Repräſentanten wiſſen gar zu gut, daß uns die Leute mit den Kreuzen auf dem Arm willkommener wären, als die blauen, zerfetzten Schurken. Um Dir aber Deine Frage gehörig zu beantworten, magſt Du wiſſen, daß heute großer Kriegsrath gehalten wird. Die Schufte bemühen ſich für ein Paar Stunden Etwas vorzuſtellen, weil die tapfern Generale und Offiziere von dem Mainzner Corps herüberkommen ſollen. Es ſind wackere Leute und gemachte Soldaten. Sie würden eine ſchöne Idee von den Blauen bekommen, wenn ſie dieſelben in ihrem Alltagszuſtand ſähen: lüderlich, nachläſſig, wahre Vielfräße, Spieler, Mädchenjäger, und täglich betrunken.“—„Horch! Trommeln! Die Herren kommen!“ rief ein Dritter, dem jedoch alſobald ein Vierter, auf deſſen Haaren eine zer⸗ lumpte rothe Mütze ſaß, zukrächzte:„Halt das Maul, Royaliſt! Es gibt keine Herren mehr, ſondern Bürger allein, die alle vor dem Geſetz gleich ſind. Es lebe die Republik! Die Repräſentanten und der General⸗Kommandant: Hoch!“ Die Jakobiner der Stadt Saumur jubelten den Ruf nach, und empfingen damit die militäriſchen Autoritäten der Stadt, die ſich gerade nach der Hauptwache begaben, wo der Kriegsrath gehalten werden follte. Die Repräſen⸗ tanten des Volks, viere an der Zahl, die als des Convents Abgeordnete über die Operationen des republikaniſchen Heeres wachen ſollten, eröffneten den Zug: Chvudien, mit dem falſchen Blick und den lauernden Augen, Rewbel, mit dem ſtumpfen, dicken Geſichte, der lebhafte, ungeſtüme Bourbotte, und der tapfere Merlin von Thionville, mit dunkeln Augen. den militäriſchen Ton nachzuäffen, dem ernſten Antlitz, belebt von großen, Die Herren bemühten ſich, 5 und hatten die runden Hüte mit dem dreifarbigen Federbuſch martialiſch auf's Haupt geſetzt, die Schärpen nachläſſig und locker geknüpft, und die ſchweren Säbel tief gehängt, daß ſie klappernd auf dem Pflaſter nachſchleiften. Gleich⸗ ſam in ihrem Gefolge ging der Obergeneral des republi⸗ kaniſchen Vendee⸗Heeres, Roſſignol. Der Mann hatte alle Pracht auf ſich gehäuft, die einem republikaniſchen General erlaubt war, und wußte nicht, wie er ſich ſtolzer geberden, und unverſchämter betragen ſollte. Sein Generalſtaab war ihm ähnlich: Offiziere mit ſtruppigen Haaren, ungehenern Halsbinden, nachläſſig geknöpften Uniformen, und in jeder Bewegung das Gepräge der Ausſchweifung und Zügelloſig⸗ keit tragend. Dieſem ſeltſamen Gemiſch von Militär⸗Be⸗ hörden zur Seite gingen, ſchier von den Uebrigen getrennt⸗ ein kleines Häuflein, die Kommandirenden der Mainzer Diviſion. Bei ihrem Anblick verſtummte zwar das Gebrüll der Jakobiner, aber das gemäßigte Volk jauchzte ihnen lauten Beifall zu. Alte, gebrechliche Leute, die im Son⸗ nenſchein, von ihren Enkeln geführt, luſtwandelten, fühlten ſich von jugendlicher Begeiſterung ergriffen, und deuteten auf die verſuchten Krieger, mit den Worten:„Seht dieſe Helden, mit Staub bedeckt, als ob ſie aus einer Schlacht kämen! Das ſind die Helden von Mainz, deren Tapferkeit ſelbſt den Preußen Bewunderung für unſer Vaterland ab⸗ nöthigte! Sie haben unſterblichen Ruhm in jener Feſtung errungen, deren Trümmer ſie erſt verließen, als der bitterſte Hunger ſich mit ihren Feinden verſchworen hatte!“ Mütter hoben ihre Kinder auf den Armen empor, zeigten auf die Geprieſenen, und ſprachen:„Merkt Euch dieſen Tag, Ihr Kinder, und lernt von dieſen Männern, wie man die Ehre 2 der Heimath vertheidigen muß!“ Wo ſich neugierige Blicke nach dem Erſten der kleinen Schaar richteten, wo eine Frage nach ihm laut wurde, antworteten hundert Stimmen:„Das iſt Aubert Dubayet, der Kommandant der Mainzer Fe⸗ ſtung!“—„Und der Rieſe, der ihm folgt, deſſen Züge Tapferkeit und Milde zugleich verrathen?“ fragten dringend einige Regquiſitivnärs.—„Das iſt Kleber, der Republikaner ohne Furcht und Tadel!“—„Und der Dritte, mit dem wilden, verbrannten Geſichte und den klirrenden Sporen?“ fragten wieder Andere.—„WVeſtermann iſt's, der kühne Reiteroberſt, der die deutſche Legion befehligt, und ſchon manchen Sieg mit ſeinen Reitern erfocht.“—„und der hübſche, junge Mann, mit dem Adlerblick, der Jenem zur Seite geht?“ fragten halbverſchämt einige Mädchen, die ſich unter dem Getümmel befanden.—„Marceau, der kecke Marceau, die Blüthe unſerer Krieger, deſſen jugend⸗ liches Haupt ſchon von Lorbeern umſchattet iſt.“— An dieſe gefeierten Namen reihten ſich nun auch im Munde des Volks, der des erfahrnen Canclaux, des Generals von der Armee zu Nantes; des muthigen Elſaſſers Bepyſſer, deſſen männliche Schönheit vor Allen den Preis errang; Chalbos, der vom gemeinen Reiter auf gedient, und ſeiner Fauſt den Rang eines Diviſivns⸗Generals verdankte; Menon's, deſſen kriegeriſche Eigenſchaften ſo bekannt waren, wie ſein ſtetes Unglück auf den Feldern der Vendeez des unerſchrockenen Grenadier⸗Oberſten Bloß, der beſtimmt war, an den Ufern der Lvire ein ruhmvolles Ende zu finden; des kühnen und menſchenfreundlichen Marigny, der zu Durtal auf dem Felde der Ehre ſterben ſollte; und vieler Andern, die an Ruf, Geſchicklichkeit und Muth, mit den Vorigen rühmlich 7 wetteiferten. Hinker dieſen Männern, deren Verdienſte zum Theil erſt von der Nachwelt geprieſen werden ſollten, ſchlich ſchwerfällig daher der berüchtigte General Santerre, der Bierbrauer, der die Ehre gehabt, bei der Hinrichtung des Königs die bewaffnete Macht zu kommandiren, jedoch ſeit ſeiner Verpflanzung auf einen kriegeriſchen Boden, nur Beweiſe der Unfähigkeit und ohnmächtigen Uebermuths ge⸗ geben hatte. Der gefürchtete Agent des Kriegs⸗Miniſters Bouchotte, der verabſcheute Ronſin, verkehrte angelegentlich mit ſeinem Tafelgefährten Santerre, während ſie zur Ver⸗ ſammlung ſich begaben. Das Volk hätte gern dieſe Beiden ausgeziſcht, wär' es nicht von den bewaffneten Sansculotten umgeben geweſen. Es begnügte ſich daher, über die ihm verhaßten Gewalthaber im Stillen einigen Witz auszulaſſen, und verſchonte natürlich am wenigſten den Obergeneral ſelbſt, der aus der Boutike eines Goldſchmieds, deſſen Ge⸗ ſelle er geweſen, ſich bis zu der höchſten republikaniſchen Mi⸗ litärwürde hinaufgeſchwungen hatte, jedoch ohne Verſtand, und ohne ein anderes Verdienſt, ausgenommen dasjenige⸗ ein ächter Jakobiner zu ſeyn. Hierauf liefen die Bürger hin, um das Cavallerie⸗Detaſchement zu ſehen, das mit den Mainzer Generalen von Nantes gekommen war, ſich durch Ordnung und Sauberkeit auszeichnete, und fern von dem übrigen da aufgeſtellten Soldatenpöbel hielt, als fürchte es, ſich durch die Gemeinſchaft mit denſelben zu verun⸗ reinigen. Im Innern der Hauptwache, in dem Sitzungsſaale des Kriegsraths, bereiteten ſich unterdeſſen ſonderbare Auftritte vor. General Roſſignol hatte, ſeiner Gewohnheit gemäß, eine Batterie von Weinflaſchen anf die tuſln laſſen, 8 und lud mit liebenswürdiger Unbeholfenheit die fremden Gäſte ein, vorerſt mit ihm zu fraterniſiren, und die Mar⸗ ſeiller⸗Hymne anzuſtimmen, die auf ein gegebenes Zeichen vor den Fenſtern des Saales von der Muſikbande eines republikaniſchen Bataillons erbärmlich aufgeführt wurde. „So wie die Ci⸗devants vormals keine Sitzung eröffnen konnten, ohne dem heiligen Geiſt eine Meſſe leſen zu laſſen,“ meinte der ſpaßhafte Obergeneral,„ſo muß ein braver Republikaner alles Wichtige mit dem Marſeiller⸗Liede und dem ca ira anheben! Hierauf einen Schluck Wein, um die Brüderſchaft zu erneuen, und zugleich den Schwur, alle Tyrannen zu vernichten, ſo weit die Erde und der Degen reicht.“ Roſſignol's Rede wurde von ſeinem Generalſtaabe, wie ſich's von ſelbſt verſteht, beifällig aufgenommen, und in der Geſchwindigkeit war eine Menge von Toaſt's auf das Wohl der Republik, auf den Sturz der Tyrannen, auf den Ruhm der franzöſiſchen Heere, und auf die Vernichtung der König⸗ lichen in der Vendee ausgebracht. Eine allgemeine Umarmung miſchte ſich in dieſe Eingangs⸗Ceremonie, und die Repräſen⸗ tanten ſchämten ſich nicht, eine Rolle in dieſem Schanſpiel zu übernehmen. Kleber war der Erſte, der dem Unfug ſchnell ein Ende machte, indem er ſprach:„Wozu dieſe läppiſchen Spielereien? Die Republik verlangt, daß wir bluten ſollen, um ihr den Frieden zu geben; ſie will nicht daß wir uns beranſchen, während der Feind, ſo zu ſagen, vor den Thoren ſteht. Der Zeit iſt ſchon genug verloren. Seit unſere Colonne von Mainz abging, haben wir außer einigen Plänkelgefechten nichts gethan, und dennoch drängt es uns, die Arme zu regen. Weil uns die Capitulation 9 verbietet, ein ganzes Jahr lang an den Ufern des Rheines zu dienen, wo der Schauplatz unſerer Siege iſt, ſo wünſchen wir, hier für das Vaterland zu kämpfen, und fürchten uns nicht gegen Mitbürger das Schwert zu ziehen, da ſie von der Sache der Freiheit abtrünnig geworden. Man hat uns wahrlich nicht den weiten Weg von Nantes hierher geſprengt⸗ um die gemeſſene Zeit bei Banketten zu verſchwenden. Darum weg mit den Weinflaſchen; die Karte ausgebreitet und friſch berathſchlagt, wie der Feind am ſchnellſten zu vernichten.“ Dieſem eindringlichen Begehren wurde Folge geleiſtet, und eine Karte herbeigeſchafft, welche unläugbare Spuren an ſich trug, daß ſie ſchon lange nicht benutzt worden war. Hierauf ſetzten ſich die Herren mit halbſchweren Köpfen um dieſelbe und die Repräſentanten brachten einen ſchon fertigen Operationsplan hervor, der ſo eben aus dem Wohlfahrts⸗ ausſchuß angekommen war, nebſt einem neuen Dekret deſſelben, worinnen die Generale mit Drohungen ermahnt wurden, den Aufſtand in der Vendee in Bälde und um ieden Preis zu unterdrücken. Eine allgemeine Stille folgte auf die Verleſung des Dekrets, und Kleber verſetzte mit bitterm Lächeln:„Das Comité in Paris hat gut einen Kriegsplan entwerfen. Wer es weiß, mit welcher Nach⸗ läſſigkeit alle Geſchäfte des Kriegs⸗Departements beſorgt werden, darf ſich über die Unrichtigkeiten nicht wundern, von welchen der Plan wimmelt. Es ſcheint, als ob der Obergeneral keinen zuverläſſigen Rapport über die topo⸗ graphiſche und militäriſche Situation der empörten Diſtrikte eingeſendet hätte.“ Roſſignol wurde feuerroth, und ſtieß zornig die Worte hervor:„Allerdings hab' ich gethan⸗ „ 10 was meine Pflicht iſt. Es ſteht Dir nicht an, Kleber, daran zu zweifeln. Ich habe mich immer für die Republik auf⸗ gevpfert. Meine Bürgertugend iſt immer anerkannt worden, wie viele Mühe ſich auch niedrige Verläumder gaben, ſie zu verkleinern.“ Ein Blick des tiefſten Grolls flog nach dem Abgeordneten Merlin hinüber. Dann fuhr der General fort:„Es iſt leicht, beim Convent Mißtrauen zu erregen: aber es iſt auch leicht, ſein Vertrauen wieder zu gewinnen. Man hat mich abgeſetzt, zur Freude vieler meiner Amtsge⸗ noſſen, aber man hat mich auch wieder eingeſetzt. Ich werde immer meine Pflicht thun, und Jedem Rede ſtehen, der mich angreift, wäre er auch von denen, die Mainz an die Preußen übergeben haben. Ich fürchte mich nicht. Mit dieſem Arme“— er ſtreifte ſeinen Aermel in die Höhe— „mit dieſem Arme habe ich allein dreiundſechzig Prieſter bei den Caxmelitern zu Paris umgebracht. Ich weiß meinen Säbel zu führen.“ Ein ſtiller Schauer bemächtigte ſich des vernünftigen Theils der Verſammlung. Kleber und ſeine Gefährten ſchwiegen voll Abſcheu, und Bourbotte fuhr fort, den Operationsplan zu leſen. Das ganze Geheimniß deſſelben beſtand darin, von den Gränzen der Vendee aus, nach dem Mittelpunkt derſelben zu marſchiren, die Royaliſten zwiſchen die Armen von Breſt und Rochelle zu klemmen, und, von allen Seiten nach dem Centrum hinarbeitend, zu erdrücken. Die Planmacher in Paris hatten eine Friſt von wenigen Tagen zur Vollendung des ganzen Unternehmens hinreichend vermeint, und Kleber ſchüttelte ein über das anderemal den Kopf, und ſchwieg nicht mit ſeinen Einwürfen. Dubahet börte ſchweigend zu, aber Weſtermann ließ ſich laut gegen 11 den Plan heraus.„Die Kavallerie kann nicht operiren, wie es hier vorgeſchrieben iſt;“ rief er:„das durchſchnittene Terrain, mit Büſchen beſetzt, von Hecken durchkreuzt, und durch Gräben und Kanäle alle Verbindungen hindernd, widerſetzt ſich den eiteln Vorſchriften des Comité's. Ich verlange, daß ein anderer Plan beliebt werde.“—„So mögen wir nur unſer Teſtament machen;“ erwiederte Santerre wild:„der Convent iſt nicht in ſeiner beſten Laune. Wer weiß nicht, daß Cuſtine im Kerker ſitzt? Daß an ihm ein fürchterliches Exempel ſtatuirt werden ſoll? Der General, der hier eine Aenderung machen wollte, vürfte ſich wohl um ſeinen Kopf operiren.“—„Was läge am Ende daran?“ erwiederte Kleber mit kaltem Blut:„Was läge daran, den Kopf zu wagen, um dem Vaterland einen Dienſt zu leiſten? Dem Glücklichen wird eine Bürgerkrone ſtatt des Anklage⸗ dekrets, aber dem Unglücklichen wahrſcheinlich die Gouillotine, wenn er auch tauſendmal befolgte, was ihm der Ausſchuß vorſchrieb. Ich kann überhaupt dieſe Gelegenheit nicht vorbeigehen laſſen, ohne einmal ein derbes Wort den Re⸗ präſentanten an das Herz zu legen. Die Thätigkeit der Heere wird immer gelähmt ſeyn, ſo lang uns die Pariſer, die öfters nicht wiſſen, wie es zu Saint⸗Denis ausſieht, vorſchreiben wollen, was wir zu thun haben; ſo lang die Conventsdeputirten bei der Armee eigenmächtige Befehle geben: ſo lang ein General nicht einmal mehr während eines Feldzugs ſeiner Autvrität gewiß iſt; ſo lange ein⸗ fältige Burſche, die nicht einmal zu ſchultern wiſſen, zu Oberſten und Generalen gemacht werden, bloß weil ſie auf den Jacobiner⸗Tribunen ſich im Klatſchen und Schreien auszeichneten; ſo lange endlich die Hauptquartiere und 12 Lager von dem Geſchmeiß elender Agenten wimmeln, die ein hinterliſtiges Miniſterium, oder weiß Gott, welche Be⸗ hörde, aufſtellen, um das Spionhandwerk bei Offizieren und Soldaten, und Angeberei gegen die Generale zu treiben.“ Er bemerkte, daß Ronſin mit einem wahren Tigergeſicht einige Zeilen in ſeine Schreibtafel notirte, und fuhr fort: „Schreibe nur zu! Du mußt doch auch wiſſen, warum Du hier biſt. Mache immerhin, als Genoſſe des würdigen Vincent in Paris, daß ich vor die Schranken des Convents geladen werde. Es ſollte mir eine Freude ſeyn, müßte ich auch untergehen, Dein und Deines Gelichters nichtswürdiges Gewerbe an den Tag zu bringen.“ Marceau ſtieß den Sprecher mit warnender Miene an, und winkte ihm, nicht weiter fortzufahren. Canclaur jedoch und Weſtermann ergriffen das Wort, und forderten Ronſin auf, wenn er eine Denunciation gegen Kleber abzuſchicken hätte, ihre Namen mit hinzuzufügen. Beyſſer ſprach hier⸗ auf:„Was Kleber ſpricht, iſt nicht unwahr. Verbeſſerungen in der Armee ſind unumgänglich nöthig, und ſie müſſen von der Wurzel ausgehen. In welchem Zuſtand ſind unſere Truppen! Barfuß, nackt, ohne Waffen und Nahrung, wenn wir ihnen nicht erlauben, die Bürger zu plündern, ſind ſie Vogelſcheuchen und Tagedieben ähnlich, nur nicht Soldaten. Wenn uns nicht die tapfere Mainzer⸗Colonne beiſtände, ſo wären wir verloren. Unſere Bataillone laufen beim erſten Schuß der Königlichen davon, ſie haben den Beweis geliefert!“—„Das weiß Beyſſer am Beſten,“ er⸗ wiederte Chalbos mit gemeinem Lächeln:„er iſt mehr als einmal geklopft worden, ſo oft er die Naſe in die Luft ſteckte.“ 13 „Warum laufen die Sansculotten davon?“ fragte oſ⸗ ſignol mit ſteigendem Aerger:„weil die Offiziere in der Regel keine Patrioten ſind. Wer unter dem alten Regime diente, iſt an und für ſich verdächtig.“ Alle Offiziere des Kriegsraths, die ſich in dieſem Fall befanden, murrten laut auf. Roſſignol fuhr unverſchämt fort:„Noch einmal, ich ſag' es. Ariſtokraten ſind's, und die Nation wird fürchter⸗ liche Rache an den Cuſtine, Biron, Houchard, Luckner und andern ähnlichen Wichten nehmen. Der Offizier muß ver⸗ ſtehen, mit ſeinen Soldaten die Carmagnole zu tanzen, denn Gleichheit iſt die Looſung, und ein Republikaner keine Maſchine, die ſich nur nach dem Kommandowort bewegt. Man muß den Soldaten durch Liebe und Belohnungen be⸗ fenern.“—„Richtig,“ fiel Marygnp ein:„zehn Franken für jedes Paar Ohren, das man den Königlichen abſchneidet. Der Obergeneral hat das Beiſpiel ſolch' glänzender Groß⸗ muth gegeben.“—„Ich will nicht hoffen!“— ſagte Du⸗ bayet entrüſtet aufſtehend.—„Man beweiſe mir's,“ ſagte Roſſignol auf den Tiſch ſchlagend:„Ich werde mich ver⸗ antworten. Was liegt auch am Ende an den Ohren der Königlichen? Jeder führt Krieg auf ſeine Weiſe. Es iſt keine Kunſt, die Rebellen zu ſchlagen. Man dringe nur vorwärts in hellen Haufen, und bringe um, was uns vor die Klinge kömmt, denn nur auf dieſe Art macht man die Revolution.“ Kleber erhob ſich ruhig, und verſetzte verächtlich:„Wenn das Kriegshandwerk hier auf ſolchem Fuß getrieben wird, ſo habe ich kein Wort zu ſagen. Laßt uns denn in Gottes⸗ namen den Plan verfolgen, den ſie in Paris ausbeckten. Wir, die Soldaten von Mainz, werden unſere Schuldigkeit thun, aber auch Jeden niederſchießen, der die heilige Fahne der Freiheit verläßt. Wir werden ja ſehen, wie die zuſam⸗ mengerafften Ladendiener, Schreiber und Marqueurs von Paris ſich im Lager anſtellen. Nur keine Zeit mehr verloren. Das iſt die Hauptſache.“ Choudien wurde abgerufen, und ſein College Rewbel nahm das Wort, berichtend, daß ihm ſichere Nachricht zu⸗ gekommen, wie die Engländer geſonnen ſeyen, ſich eines Hafens unterhalb Nantes zu bemächtigen und von dortaus die Aufrührer mit Kriegs⸗ und Mundvorrath, wie auch mit Hülfstruppen zu verſehen. Die erfahrneren Generale zweifelten an der Wahrſcheinlichkeit dieſes Gerüchts, kamen aber darin überein, daß keine Zeit zu verlieren ſey. Choudieu kam zurück, Depeſchen unter dem Arm, und in Begleitung mehrerer fremder Offiziere, die man an ihrem Vetragen und ihrer Kleidung alſogleich für Pariſer erkannte. Sie befehligten ein freiwilliges Bataillon von Kanonieren, das unter Trommellärm und unmäßigem Jubel auf den Platz zog. Zugleich eröffnete der Repräſentant der Verſamm⸗ lung, daß ein neuer Obergeneral ſo eben eingetroffen ſey, und alſobald erſcheinen werde, um dem Kriegsrath ſeine Beſtallung vorzulegen, und ſeine Pflichten anzutreten. Ein Donnerſchlag für Roſſignol; eine Kränkung für Dabayet, Canclaux und andere verdienſtvolle Männer, die im ſelben Augenblick ihre Entlaſſung erhielten.„Du haſt gut vorge⸗ arbeitet!“ ſagte Marceau voll Zorn zu Ronſin, und Bour⸗ botte erwiederte an deſſen Statt:„Es würde einem jungen Menſchen, wie Du biſt, wohl anſtehen zu ſchweigen. Halte an Dich, mit Deinen Prahlereien. Deine Familie gehört auch zu den Verdächtigen, und man weiß ſchon, wie viele 15⁵ Offiziere in der Armee ſind, vie mit dem Mantel der Frei⸗ heitsliebe die eingefleiſchteſte Ariſtokratie bedecken.“—„Ich weiß, Repräſentant, daß Du mich haſſeſt,“ verſetzte Mar⸗ ceau ruhig:„Mir iſt nicht unbekannt, daß Du mich beim Ausſchuß denuncirt; da ich jedoch Deinen glühenden Bür⸗ gerfinn ehre, ſo darfſt Du nie fürchten, daß ich mich unedel an Dir rächen werde.“ Indeſſen ſagte Merlin leiſe zu Kleber:„Ich erfahre ſo eben, daß ich und mehrere meiner Kollegen in den Convent zurückberufen werden, um von Phelippeaux, Richard, Gillet und andern erſetzt zu werden. Ich bedauere, daß ich nicht wie bisher Deine Gefahren theilen kann. Du weißt jedoch, wie ich Dein Freund bin, und magſt darauf zählen, daß ich in dem Wohlfahrtsausſchuß die Blitze abwenden werde, die Deinem tapfern Haupte drohen. Ich ſoll in Houchards Prozeß Zeugniß geben. Sobald dieſe Pflicht, die ich zum Beſten des unglücklichen Kriegers lenken will, erfüllt, kehre ich zurück. Füge Dich indeſſen in den unvermeidlichen Zwang, und laſſe lieber einem unbedeutenden Menſchen den Ober⸗ vefehl und zugleich die Verantwortlichkeit, als Dich dem Untergange muthwillig auszuſetzen. Die Zuckungen des Convents müſſen immer heſtiger werden, und die Rache der Republik wird am gierigſten nach unſern Kopfen ſchnap⸗ pen, wenn wir ſie nicht klüglich in Sicherheit bringen.“ „Sey ruhig;“ antwortete Kleber:„Ich weiß auch zu ſchweigen, und will es, wenn Du mir nur den Drachen, den Ronſin, aus den Augen ſchaffen kannſt. Mich dauern allein meine Soldaten. Sie ſind mehr werth, als neben Roſſignol's Lumpengeſindel zu fallen, oder unter den Be⸗ fehlen eines Dummkopfs zu ſtehen, denn einen Dummkopf 16 ſendet uns auch heute ganz gewiß der Convent als Ober⸗ general.“—„Leider kann ich nicht widerſprechen,“ verſetzte Merlin mit ſatpriſchem Lächeln:„Der Auserwählte heißt Lochelle, war bisher Bataillonschef bei der Armee von Rochelle, und iſt wo möglich noch übler berathen als Roſſignol.“ Kleber zuckte heftig die Achſeln, warf unge⸗ duldig den Stuhl in eine Ecke, und drehte ſich dann nach der Thüre, durch welche der neue Oberbefehlshaber eintrat. Es war ſeltſam zu ſchauen, wie ein faſt lautes Gelächter den Eintretenden empfing. Viele von den anweſenden Offi⸗ zieren hatten nämlich den guten Léchelle in früherer Zeit gekannt, und waren von ſeiner gänzlichen Nichtigkeit über⸗ zeugt. Der Mann war ſeines Handwerks ein Fechtmeiſter geweſen, und hatte zu Saintes mit unſchuldigen Rappieren gefochten, bis die Revolution ihm den ſcharfen Säbel, und vor wenig Tagen der Jakobinerklubb den Feldherrnſtab in die Hände gab. Er ſtellte ſich den Anweſenden mit den faden Manieren eines Klopffechters vor, und Roſſignol ſtreckte ſich um einen Zoll höher, als er dieſen Nachfolger gemeſſen, während die Repräſentanten ihn mit Gruß und Bruderkuß zu ſeinem Sitz führten. Lochelle ſprach unver⸗ ſtändliches Zeug von ſeinen in Paris erhaltenen Inſtruktio⸗ nen, von dem Geiſte, den er in der Armee zu finden hoffe, und demjenigen, den er darin heran zu bilden gedenke. So ſchlecht es mit ſeinen rhetoriſchen Fähigkeiten ausſah, ſo gräulich waren auch ſeine militäriſchen beſtellt. Er hatte im Wohlfahrtsausſchuß, wie im Jakobinerklubb, einige Phraſen aufgeſchnappt, die er nun ſzu jeder Zeit bis zum Ekel wiederholte, um ſeine Unwiſſenheit dahinter zu verber⸗ gen.„Der Convent will um jeden Preis ein Ende dieſes — — 0 Krieges ſehen,“ ſagte er bei jedem Abſchnitt der Verhand⸗ lungen über den Operationsplan:„Der kleine Krieg führt zu nichts. Man muß die Rebellen mit Gewalt erdrücken; man muß vor Allem majeſtätiſch und in Maſſe marſchiren.“ „So hätten wir denn genug;“ ſagte Kleber, deſſen Geduld zu Ende ging:„ſo bleibt es denn bei dem ſchon beſprochenen Manveuvre. Das Glück gebe ſeinen Segen dazu. Ich empfehle Euch, Kameraden, pünktlich auf dem Rendezvous zu ſeyn. Uebermorgen marſchiren wir von Nantes aus, und hoffen, auf allen Punkten unterſtützt zu werden. Nur durch dieſe Unterſtützung wird es möglich ſeyn, dem Plan einen leidlichen Erfolg zu verſchaffen, und,“ ſetzte er mit ſpöttiſcher Miene bei,„dem neuen Obergeneral zu einem gelungenen Probeſtückchen zu verhelfen.“ „Das wird geſchehen,“ antwortete dieſer freundlich und geſchmeichelt,„wenn Du nur mit Deinen Gefährten den Befehlen des Ausſchuſſes getreulich folgſt. Ueberhaupt, Bürger Generale, müßt Ihr nicht vergeſſen, majeſtätiſch und in großen Maſſen zu marſchiren. An mir ſoll es nicht fehlen.“ In dieſem Angenblick vernahm man ferne Kanonenſchüſſe, das Lärmgeſchütz vor Saumur's Thoren wurde gelöſt, Allarm getrommelt, und ein Chaſſeur ſprengté heran mit einem Rapport vom Kommandanten der vorgeſchobenen Poſten, welcher neue Bewegungen des Feindes meldete. Lechelle war etwas bleich geworden, Roſſignol und ſein Staab ſahen mit offenem Mund auf den FPlatz hernieder, wo ſich am Fuß des Freiheitsbaumes die Pariſer Kanoniere betranken, und die Beſatzung von Saumur, ſchon wieder aus Reih und Glied getreten, ihnen Geſellſchaft leiſtete. Kleber mit den Seinigen warf ſich auf's Pferd, und ſprengte auf großen Umwegen nach ſeinem Hauptquartier zurück. Canclaur, der auf Bitten der Repräſentanten proviſoriſch noch ſeine Gewalt behalten hatte, ordnete Alles zum Einfall in die empörte Provinz an, und die Mainzer Colonne von zehntauſend Mann, die einzig diſciplinirte der beiden Heere, rückte unter den Befehlen Kleber's und Marceau's in das ſogenannte Bocage der Vendee ein; voraus der kecke Weſtermann mit ſeiner Avantgarde. Bw ei ienR gpi i⸗ Dus Schloß in der Vendee. Eine regneriſche Septembernacht war beinahe vorüber. Die Nebel des Morgens zogen verhüllend von der Erde zum Himmel, aber durch ſie hindurch leuchteten, ſo weit das Auge reichte, auflodernde Flammen, heulte zahlloſer Sturmglocken wimmernder Ton. Im Vorgrunde des düſtern Gemäldes wüthete von allen Seiten Kampf und Schlacht. Kanonendonner hallte im weiten Kreiſe wieder, und von Tarſou heran wälzte ſich ſchwerfälliger Troß über die Blachfelder, die Gräben und Hecken des Bocage, in der Richtung auf Nantes zu. Ein tiefer Hohlweg, von dür⸗ ren Anhöhen begränzt, liegt dort, und gähnte wie ein finſterer Schlund den Kriegern entgegen, die ſich beeilten, 19 mit Roß und Mann und Geſchütz über die ſchwache Brücke zu ſetzen, welche den Eingang öffnet zu der Schlucht. Ein ängſtliches Treiben beſeelte die Soldaten. Sie kamen nicht vom Siege, ſondern im Rückzuge daher. Der Kern der Mainzer Colonne bewegte ſich eiligſt durch den Hohlweg, worinnen jedoch nur mit Mühe die Kanonen fortgebracht werden konnten. So drämgte ſich der ganze Heerhaufe eng⸗ geſchaart zuſammen, daß ſelbſt die Führer, auf der Höhe des Weges ziehend, den Zuſtand der Ihrigen, ihre Menge und Haltung nicht würdigen konnten. Es wurde Halt ge⸗ boten. Die Truppen ſtanden, und um Kleber verſammelte ſich das Corps der Offiziere. Der General war mißmuthig, wie noch nie.„Habe ich's nicht vorausgeſagt?“ rief er mit wildem Grimme:„Die Ignoranten in Paris hatten uns ſchon vom Anbeginne das Spiel verdorben;z da kömmt noch Roſſignols Feigheit, Léchelle's Erbärmlichkeit und die Nichts⸗ würdigkeit der Truppen von Saumur dazu, um uns den Reſt zu geben. Wie geſchah es nur, daß die Schurken zurück beordert wurden? Wenn das nicht Verrath iſt, ſo giebt es keinen. Es war darauf angelegt, unſere Colonne zu vernichten, denn wir find dem Geſindel ein Dorn im Auge.— Wo iſt Marceau?“ „Da kömmt er!“ riefen mehrere Offiziere, und Marceau ſchritt den Hügel heran, finſter, niedergeſchlagen, und den linken Arm in einer Binde haltend.„Biſt Du verwundet, Kamerad?“ fragte Kleber theilnehmend, und auf einen Au⸗ genblick den Unfall ſeines Corps vergeſſend. „Eine Contuſion, weiter nichts:“ antwortete Marceau mit kalter Ruhe;„das elende Bauernpferd, das ich ritt⸗ 20 ſchleuderte mich unſanft zu Boden, als ein Kartätſchenſchuß es zerriß.“ „Wo haſt Du den Schimmel, Freund?“ verſetzte Kleber: „Hat dieſes Pferd, deſſen Farbe Dich ſo oft dem Feinde blos ſtellte, endlich ſein Ziel erreicht?“ „Nicht doch;“ entgegnete Marceau:„Bourbotte reitet es ietzt. Der ungeſtüme Mann, um ſeinen Pflichten zu genügen, hat ſich ſelbſt in das Geplänkel gewagt, und ein Kanonenſchuß tödtete ſein Roß. Ich war mit ſechs Huſaren unfern, ein Zeuge des Unfalls, hieb den Repräſentanten aus dem Feinde, und gab ihm mein eigenes Pferd, ſich zu retten.“ „Dem Bourbotte?“ fuhr Kleber überraſcht auf:„dem Menſchen, der keine Gelegenheit verſäumt, Dich empfindlich zu beleidigen? Wahrlich, Marceau, Du haſt ein Hel⸗ denherz.“ „Ehre unſerm Waßfenbruder!“ rief Marigny, den Jüng⸗ ling umarmend:„Ich ſah die That mit an. Nimm mein Roß, ſagte unſer Kamerad mit Freudigkeit: uns trennt ein nichtiger Haß, aber beſſer iſt's, daß ein Soldat, wie ich, zu Grunde gehe, als ein Stellvertreter des Volks!“ „Schweige!“ bat Marceau beſchämt.„Du hätteſt nicht weniger gethan, und mein Verluſt war klein, da ich ſchon in der nächſten Stunde einen vendeeiſchen Reiter vom Pferde geſchoſſen und mich ſeines Thiers bemächtiget hätte.“ Kleber umarmte mit Rührung den jungen Freund, und ſagte mit Begeiſterung:„Ich habe mich nicht in Dir betro⸗ gen, Du junger wackerer Soldat. Ja; Du biſt ein ächter Sohn der Freiheit, der Freiheit, der wir lieben, und wo⸗ für wir unſer Blut verſpritzen, während die Wüthenden 21 zu Paris ſie mit Füßen treten. Ich beſitze nur zwei Roſſe; nimm das eine. Du darfſt nicht zu Fuße Dich ermüden, und ſollten wir beide wie die Heimon's⸗Kinder auf einem Bayart reiten. Dem Convent zum Trotz wollen wir nicht in dieſen Defiléen ſtecken bleiben. Es iſt nun einmal ſo, Ihr Bürger. Geſchlagen ſind wir, und der Rückzug iſt unſere einzige Rettung. Ich erwarte nur noch Bericht, ob die Königlichen ihre Jagd auf uns nicht einſtellen, um den weitern Zug zu ordnen.“ Er hatte kaum ausgeredet, als ein Offizier von Weſter⸗ mann's Legion, welche hier die Nachhut bildete, heran⸗ ſprengte und meldete, daß ein ſiegestrunkener Haufe von dreißigtauſend Mann ungefähr, dem Corps auf dem Fuße folge, daß Weſtermann im Augenblick mit ſeinen Leuten da ſeyn werde, und nicht länger mit dem Entſchluß zu zö⸗ gern ſey, entweder hier noch einmal dem Feinde die Stirne zu bieten, oder den ſchnellſten Marſch nach Nantes anzu⸗ treten. Nach dieſer Meldung zog Kleber ſeinen Marceau bei Seite, und ſie warfen prüfende Blicke auf die Ebene hinter ihnen. Da nun der Morgen immer mehr heraufrückte mit ſeinen trügeriſchen Nebeln, die auf eine Diſtanz von hun⸗ dert Schritten jeden Gegenſtand verbärgen;“— da das Gebrüll nachfahrender Kanonen auf der feindlichen Seite immer näher kam, und die Signal⸗Trompeten der Arriéère⸗ garde immer deutlicher zu vernehmen waren, ſo ſahen die Generale ein, daß ein Treffen in dieſer Gegend, wo aus jedem Graben und jeder Schlucht eine Schaar feindlicher Schützen unvermerkt auftauchen könnte, zu gewagt ſeyn S Es wurde daher der Befehl zum Aufbruch gegeben, 3 und die Colonne ſetzte ſich in Bewegung, als Weſtermanws Schwadronen athemlos herbei kamen. Das Fußvolk der deutſchen Legion lief zerſtreut zwiſchen den Pferden der Kavallerie. Man hatte ihr das Geſchütz abgenommen. Bei dieſer Nachricht wurde der Rückzug der Mainzer eine eigent⸗ liche Flucht. Kleber hatte mit Drohungen und Bitten genug zu thun, um nur einen Schein von Ordnung in den Trup⸗ pen zu erhalten, und Weſtermann drang lebhaft in ihn, an der Brücke einen Poſten aufzuſtellen, der auf kurze Zeit wenigſtens den erſten Andrang der Verfolger aufzuhalten vermöchte.„Ich ſehe das ein;“ antwortete Kleber:„wir ſind fonſt Alle verloren, in dieſen verteufelten Hohlwegen. Wer zum Henker behielte jedoch den Kopf beiſammen, in ſolchem Tumult? Der Zorn, dem einfältigſten Tropf aller franzöſiſchen Heere untergeordnet zu ſeyn, benimmt mir ſchier die Faſſung. Unſere tapfern Grenadiere ſind voraus; nenne mir, Marceau, unter Deinen Bataillonen den uner⸗ ſchrockenſten Offizier, der im Stande wäre, den verwegenen Poſten an der Brücke zu übernehmen.“ Marceau ſchwang ſich auf Kleber's Handpferd, warf einen zerſtreuten Blick auf ſeine Füſeliere, die ſo eben, halb geordnet, durch die Schlucht zogen; ſein Auge flammte plötzlich, und mit aller Kraft ſeiner Löwenſtimme rief er: „Die ſechste Kompagnie! Halt! Kommandirender, vor!“ Im Augenblicke ſtand der Berufene vor den Generalen: ein Lieutenant, der an der Stelle des erſchoſſenen Kapitäns den Befehl ſeiner Kompagnie übernommen hatte. Kleber's Blick maß zufrieden die Geſtalt des Mannes, deſſen Uni⸗ form die Spuren eines ſchonungsloſen Gebrauchs im Bi⸗ vouac trug, wie ſein Geſicht eine ehrenvolle Narbe und B den Ausdruck unerſchütterlichen Ernſtes. Marceau ſprach, auf den Offizier weiſend:„Ich könnte keinen Beſſern empfeh⸗ len, als den Secondlieutenant Victor. Muth und Todes⸗ verachtung haben ihn ſchnell vom Gemeinen zum Offizier befördert, und nie hatte eine Kompagnie einſtimmiger ihren Vorgeſetzten gewählt, als die ſechste ihn.“ Kleber klopfte traulich dem Lieutenant auf die Schulter, und ſagte, auf die im neblichen Grunde liegende Brücke deutend:„Du ſollſt unſern Rückzug decken, Lieutenant. Nimm Deine Kompagnie mit Dir, und halte Dich bis auf's Letzte. Ihr müßt Euch Alle todtſchlagen laſſen, aber es gibt ja keinen ſchönern Tod, als den für die Freiheit und die Waffenbrüder.“ „Soll geſchehen, Bürger General;“ antwortete der Offi⸗ zier trocken, und wendete ſich nach ſeinen Leuten. Marceau bielt ihn zurück, und redete mit Theilnahme zu ihm:„Victor! Ich weiß ſchon lange, daß Du das Leben geringſchätzeſt, und eine Gelegenheit zu ſterben ſucheſt, wie ſie heute ſich darbietet. Du wirſt nicht davon kommen. Haſt Du jedoch nicht Verwandte, nicht Freunde, nicht eine Geliebte, welchen Dein letzter Gruß gehört, und darf ich nicht deſſen Ueber⸗ bringer ſeyn, wenn mich der Krieg verſchont?“ Victor ſchüttelte verneinend den Kopf.„Ich habe Nie⸗ mand auf der Welt;“ verſetzte er:„Du, mein Komman⸗ dant, leb' wohl, und laß meinen Namen in das Pantheon einſchreiben, unter Diejenigen, der für das Vaterland ge⸗ fallenen Tapfern.“ Er ſprang hinab zu ſeiner Kompagnie. Unter kurzem Trommelwirbel trat ſie aus den Reihen der andern, und da ſich ſchnell das Gerücht von ihrer gefährlichen Beſtimmung —— 24 verbreitete, ſo riefen ihr tauſend Soldatenkehlen ein brüder⸗ liches Lebewohl. Die dem Tod geweihten Krieger zogen ſchnell an die Brücke hinab, und nachdem die letzten von Weſter⸗ mann's Schaaren vorüber, pflanzten ſie, ein republikaniſches Lied ſingend, zwei Kanonen, die von dem Heerhaufen zurück gelaſſen werden mußten, gegen die Feinde auf. So wie dieſes geſchehen, und unter den Hicben einiger Axte die ſchwache Brücke in den Grund geſchlagen war, nach den geladenen Gewehren geſehen worden, und der Offizier eine kurze Rede an ſeine Gefährten gehalten, ſtanden ſie ſchweigend, ſchußfertig und lauernd, mit aufmerkſamem Ohr, hoch⸗ ſchlagenden Herzen und noch einmal zurückdenkend, zum letzten Mal, an die Heimath, die Eltern, die Freunde und Weib und Kind.— So wie nun in der Ferne das Schnauben der Roſſe, das Geklirr der Waffen und das Wagengeraſſel der abziehenden Colonne verhallte, ſo näherte ſich jenſeits des Grabens von weitem das Getöſe der nachjagenden Verfolger. Einzelne Poſten mußten längs den uferkrüm⸗ mungen hinſchleichen, um die Vendeer zu erſpähen, und in der Mitte der auseinander geſpreiteten Poſten⸗Kette ſtand der Befehlshaber, eine Doppelbüchſe im Arm, der breite Säbel an der Hand hängend. Die Sonne drang durch das Gewölke und drückte den Nebel zu Boden, daß er nur in Manneshöhe über der Erde ſchwebte. Da erklang leiſer Hörnerruf, und Pfeifen ließen ſich aus Hecken und Gebüſchen vernehmen. Verwirrtes Getöſe breitete ſich, näher rauſchend, auf weit gedehnter Linie aus. Dann kam Getrapp von Pferden heran. Nicht lange, und am jenſeitigen Ufer blickte das Geſicht eines Reiters durch den Duft. Der Schuß eines Republikaners ſtrafte die verwegene Neugier des 25 Plänklers; er ſtürzte vom Sattel und wurde von dem Pferde zu dem Haufen der Seinigen zurück geſchleppt. Bald ſchlugen die Trommeln auf der ganzen feindlichen Linie. Deutlich wurde das Feldgeſchrei„Vive le roi!“ aus dem Munde der aufrühriſchen Bauern. Mehrere Rei⸗ ter erſchienen jenſeits der Brücke. Sie ſchoſſen herüber, und knatternd antwortete die Reihe der Poſten am Ufer. Der Trommelſchlag kam ſtürmiſch näher; noch barg der über der Erde ſchwimmende Duft die Feinde, als plötzlich ihr gut unterhaltenes Feuer, gewaltig losbrechend, den dünnen Schleier zerriß. Victor gab Befehl, den Angreifen⸗ den auf's Nachdrücklichſte zu antworten. Die Feuerſchlünde krachten und riſſen die naheſtehenden erſten Rotten der Vendeer nieder. Doch entwickelten ſich hinter den Fallenden neue Maſſen, und Blitz auf Blitz folgte, Gewitterſchlägen gleich, von beiden Seiten, bis eine Pulverwolke den ganzen Paß umhüllte, und das Geſchütz der Republikaner, aus Mangel an Schießbedarf, ſchweigen mußte. Ein großer Theil der ſechsten Kompagnie lag niedergeſchreckt am Boden. Zwiſchen erkalteten Leichnamen und ächzenden Verwundeten, ſelbſt die Stück richtend und losbrennend, war Victor unverſehrt geblieben. Doch ſtand der entſcheidende Augenblick nicht fern. Rechts und links ſetzten die vendeeiſchen Reiter über das Flüßchen, und zuſammen zogen ſich die Poſten der Republikaner, bis ſie um ihre Kanonen ſtanden, wie ein dichter Knäul. Alles Pulvers beraubt, verſuchten ſie mit dem Bajonett dem eindringenden Feinde Widerpart zu halten. Vergebenes Bemühen des kleinen Häufleins! Ringsum ſtürzten die Tapfern unter den Hieben royaliſtiſcher Reiter, und in ihre Lücken brachen ſich die herübergeſchwommenen 26 Infanteriſten der Vendee blutige Bahn. Das Beiſpiel des Anführers, der ſich unerſchrocken vertheidigte, beſeelte die Fauſt der republikaniſchen Schaar, und als der Letzte von ihr unter dem Pikenſtoß eines Vendeers ſank, als der Anführer der Cavallerie dem Offizier zurief, ſich zu ergeben, antwortete dieſer durch einen wüthenden Hieb nach dem großmüthigen Feinde. Ein Schütze, hierüber erbittert, ſchlug den Lieutenant mit einem Kolbenſchlag neben ſeinen Ka⸗ nonen nieder. Es gab nun keinen Feind mehr zu bekämpfen, als die gegen Nantes ziehende Colonne, welcher der große Haufe der Vendeer folgte, ſobald, gut oder übel, der Uebergang wieder hergeſtellt war. Die Mainzer hatten eine gute Stunde Vorſprung gewonnen. Im freien Felde folgten die königlichen Reiter, ihrer geringen Zahl mißtrauend, nur ſchüchtern dem gefürchteten Corps, das ſich mit Würde weiter bewegte. Derjenige Anführer, der Victor zugerufen, ſich gefangen zu geben, blieb auſ dem Platz des Gefechtes zurück, und ließ ſich von ſeinem Bedienten eine Armwunde verbinden, die er verwichene Nacht erhalten hatte. Während des Verbands knirſchte er mit den Zähnen vor Schmerz, und ſagte unmuthig:„Nicht wahr, Blaiſe, das heilige Feuer ſoll den Schurken verzehren, der mir die Piſtole ſo nah am Arm losbrannte? Der Schuß hätte meiner Seele durch den Knochen gehen können, wenn er nicht blos ge⸗ ſtreift hätte. Es iſt doch gut, daß es noch leidlich ablief; nicht wahr?“ „Gott ſey gedankt;“ verſetzte der Bediente, deſſen langes, ernſthaftes Geſicht, mit dem runden, leichtſinnigen ſeines Herrn gewaltig kontraſtirte:„Unſere liebe Frau in den 7 Sümpfen verdiente wohl dafür ein kleines es voto. Es wäre Ihnen übel gegangen, Herr Marquis, wenn nicht zum Glück die Ulme, welche neben der Kapelle des wunder⸗ thätigen Bildes ſteht, auch Ihres gnädigen Vaters Haus beſchattete. Die Ulme iſt ſchon ſeit vielen Jahrhunderten berühmt und verehrt, denn der heilige Cornili hat unter ihr geſeſſen, als ihn die Mohren oder die Hunnen, oder die Spanier— was weiß ich— verfolgten. Meine Mei⸗ nung wäre allemal, daß Sie wieder umdrehten, Herr Marquis. Das Bauernvolk bleibt ohnedieß nie lange bei⸗ ſammen; warum ſollen Sie ſich der Gefahr ausſetzen? was würde die Frau Marquiſe ſagen, wenn Sie todtgeſchoſſen nach Hauſe kämen? Sie haben ja Ihr Wort gelöst, und bringen überdieß einen ehrenvollen Denkzettel heim.“ Der Herr ſchlug nachſinnend die Augen gen Himmel, klopfte behutſam auf die brennende Wunde, und ſagte:„Hm⸗ wie wird mich meine gute Gabriele empfangen? Ich denke, vollkommen gut. Aber beim heiligen Georg;— nein.— Ich denke ſchlecht. Von den Bedingungen, die ſie mir ge⸗ macht, erfüllte ich ja nur eine. Erinnerſt Du Dich noch, Blaiſe?“ Blaiſe verſetzte, an den Fingern herrechnend:;„Als Sie zum letztenmale neben der ſchönen Frau Marquiſe in der Laube ſaßen, und ich ſchon das Pferd mit Sattel und Zaum und Gepäck herbei brachte, ſagte die Frau Marquiſe: „Beſter Chabran, Sie werden nur dann mein Herz und meine Hand gewinnen, wenn Sie ernſtlich für Ihren König in die Schlacht ziehen, und mir daraus, wie ſonſt die Pa⸗ ladine thaten, eine Wunde zurückbringen, und einen gefan⸗ genen Ritter, deſſen Schickſal ſie in meine Hände legen.“ „Nun alſo!“ rief der Herr von Chabran ungeduldig: „Du rechneſt das ſo kaltblütig her, und willſt doch haben, daß ich umkehre. Mit einer Wunde wohl, aber mit keinem überwundenen Ritter!— Hat ja doch keiner dieſer Schufte, die hier zerſtreut liegen, Pardon annehmen wollen, um meinen Triumphzug zu verherrlichen!“ „Ja, wahrhaftig;“ ſagte hierauf Blaiſe, und ſchaute nach den todten Republikanern, die juſt, Mann für Mann, von den Vendeern in das Waſſer geworfen wurden.„Die Kerle ſind alle hin, und es ſchickt ſich nicht, daß man der Marquiſe einen gefangenen Cadaver bringt?“ „Einfaltspinſel!“ ſchalt der Herr von Chabran, ſtieß den Bedienten auf die Seite, und trat zu den Leichnamen, welche noch von den Vendeern verſchont worden waren. „Häßliche Burſche!“ fagte er vor ſich hin:„ſchmutzig, zer⸗ lumpt, und, ich wette darauf, voll Ungeziefer. Es iſt wohl der Mühe werth, ſich für die ſogenannte Freiheit todtſchießen zu laſſen! Das Leben dieſer Schurken war übrigens zehn⸗ mal ſchlechter als ihr Tod. Ich würde eine traurige Figur gemacht haben, wenn ich meiner ſchönen Gabriele einen dieſer Spitzbuben zugeführt hätte, die nicht einmal Schuhe an ihren Füßen tragen, und mit zerriſſenen Hüten para⸗ diren. Der einzige Reputirliche des Haufens, war der Offi⸗ zier. Ich hätte ihn gerne gerettet; aber der Dummkopf wollte es nicht. Da liegt er! und hält noch feſt den Säbel in der Rechten. Picard's Kolbenſchlag hat den rothen Feder⸗ buſch herrlich getroffen, und dem Helden den Hut dermaßen über das Geſicht geſtülpt, als ob er drauf gegoſſen wäre. Laßt doch einmal ſehen, wie der Tod die trotzigen Züge des Sansculotten verändert hat.“ 29 Bei dieſen Worten ſchob der Cavalier mit dem Fuße den Hut vom Geſicht des Erſchlagenen. Es trug noch den Aus⸗ druck des Zorns und eine lebhafte Röthe war darüber ge⸗ goſſen, die allein ſchon den Tod des Kriegers zweifelhaft gemacht hätte, wäre auch das convulſiviſche Zucken des Mundes unbemerkt geblieben, und eine Bewegung der Hand: deutliche Kennzeichen des Lebens, die ſich kundgaben, als der friſche Luftſtrom über die geſchloſſenen Augen hinflog. Chabran, der überhaupt noch nicht viele Leichen geſehen hatte, und niemals eine vom Tod erwachende, fuhr etwas beſtürzt zurück, und rief einigen Vendeern, die, an ein vernageltes Geſchütz gelehnt, ihr Gerſtenbrod verzehrten⸗ zu:„Jeſus, Maria und Joſeph! Ich glaube, Ihr Leute, der Offizier erwacht wieder. Kommt herbei; helft, und zö⸗ gert nicht!“ Die Bauern näherten ſich phlegmatiſch, und ſchleppten ihre verroſteten Büchſen nach ſich. Nachdem ſie den Offizier einige Augenblicke lang beobachtet, ſagte der Eine:„Mei⸗ ner Treu, Herr Marquis, Sie haben Recht. Der Königs⸗ mörder ſchnappt wieder Luft. Paſſe auf, Renäud, und renne ihm Dein Bajonett durch die Bruſt, während ich ihm mit meiner letzten Kugel das Gehirn zerſchmettere.“ Dem ſollte alſo geſchehen. Renaud fällte ſein Gewehr, und ſein Kamerad war im Begriff, die Mündung des ſei⸗ nigen auf Victor's Stirne zu ſetzen, als Chabran mit einem Schrei des Abſcheu's zwiſchen die rohen Burſche ſprang⸗ ſie mit aller Kraft zurückſtieß, und mit dem ſchleunigſten Tode bedrohte, wenn ſie es wagen würden, ihr ſchreckliches Porhaben auszuführen. Die Bauern, in ihren hohen grau⸗ wollenen Nachtmützen, die Flinte in der einen, das Stück Brod in der andern Hand, gafften mit offenem Maule den Marquis an, und meinten alsdann, obwohl in größter Demuth, daß es wohlgethan ſey, einen Rebellen aus der Welt zu ſchicken; daß ihr Pfarrer noch am letzten Sonntag von der Kanzel herunter befohlen, keinen Republikaner zu ſchonen; und daß die Königsmörder ſelbſt keinem braven Vendeer das Leben ſchenkten, der in ihre Hände falle. Cha⸗ bran antwortete auf alle dieſe Ueberzeugungsgründe nur mit einer drohenden Säbelbewegung, und die Bauern zogen ſich zurück, um mit ihren Gefährten, hübſch weit von dem Marquis entfernt, über deſſen Menſchlichkeit zu ſchimpfen. Dagegen rief Chabran ſeinen beſonnenen Blaiſe herbei, und ſprach zu ihm:„Sieh, welche Geſichter der Republikaner ſchnei⸗ det. Was meinſt Du? Wird er vollends zum Leben erſtehen?“ Blaiſe betrachtete Victor mit einem Kennerblick und er⸗ wiederte gleichgültig:„Wenn ihn der Schlag nicht trifft, ſo kann er wieder auferſtehen. Eine Aderläſſe würde hier allein helfen, ſonſt iſt er in wenigen Augenblicken hin. Das Blut erſtickt ihn.“—„So hilf, Blaiſe. Du biſt ja mein Feldchirurg, und trägſt Deinen ganzen Apparat bei Dir.“ —„Iſt es aber keine Sünde, Herr Margnis, wenn ich den Burſchen rette?“—„Haſt Du bei den barmherzigen Brü⸗ dern zu Rennes ſo wenig Barmherzigkeit gelernt? Allons, Du langſamer Quackſalber, ſchnell an's Werk. Stirbt der Menſch hier, ſo laſſ⸗ ich Dich auf ein Paar Monate in un⸗ ſern Thurm ſetzen.“ Die Androhung der feudalmäßigen Strafe that die beab⸗ ſichtigte Wirkung. Blaiſe nahm alle Geſchicklichkeit, die er bei den Barmherzigen gelernt, zuſammen, verrichtete die Operativn, und nach einer Minute öffnete Victor wieder 31 die Augen dem Licht des Tages. Da ihr erſter Blick den rein⸗ und hellgewordenen Morgenhimmel in ſich ſaugte, lächelten die Züge des Erwachenden: er glaubte auf dem Wege zum Paradieſe zu ſeyn. Die Täuſchung dauerte nicht. Sein zweiter Blick auf die Umgebungen, die Leichen der Waffenbrüder, die im Kreiſe ſtehenden glotzenden Bauern, hätte faſt eine zweite Ohnmacht zur Folge gehabt. Unwillig ſchloß Victor die Augen, und öffnete ſie nur dann wie⸗ der, als Chabran's kecke Stimme zu ihm ſagte:„Guten Tag, mein Freund. Ihr waret im Begriff, in einen langen Schlaf zu verfallen.“— Victor erhob ſich etwas, von Blaiſe unterſtützt, und antwortete mit gepreßter Stimme:„Du haſt mir einen ſchlechten Dienſt erwieſen, daß Du mich weck⸗ teſt. Ich habe nicht Luſt, Dein Freund zu ſeyn.“ Chabran lachte etwas roh auf, verſetzend:„Alſv Feind, wie es Euch beliebt. Ihr ſeyd in meiner Gewalt; ich laſſe Euch noch eine Viertelſtunde zur Erholung und ihr werdet Euch ſodann gefallen laſſen, mit mir weiter zu marſchiren.“ „Warum läſſeſt Du mich nicht hier umbringen?“ fragte Vietor, mit ſchmerzhafter Geberde an die Stelle des Kopfs greifend, wo Picard's Kolben getroffen.„Warum endete vieſer Schlag nicht mein Leben auf eine ruhmwürdigere Art? Laß mich durch Deine Räuber niederſtoßen und ver⸗ ſchone einen Soldaten wenigſtens mit dem Henker.“ „Wie! der Schurke ſchilt uns Räuber?“ ſchrieen viele Bauern, und ladeten, in Wuth gerathen⸗ ihre Flinten, um den ohnmächtigen Feind, der ſie beſchimpfte, zu vernichten. Chabran hatte alle Mühe, noch einmal als Vermittler durch⸗ zudringen. Es gelang ihm indeſſen, als er mit der Grobheit eines Landjunkers den Bauern die Worte in den Bart warf: 32 „Ei ſo haltet in's Teufelsnamen Euere Mäuler! Seyd Ihr eine königliche katholiſche Armee? Habt Ihr ſo wenig Reſpekt vor Euerm Kapitän und Lehensherrn? Der Menſch hier iſt mein Gefangener, und wehe dem, der ihn anrührt. Was geht Euch ſein Schimpfen an? Die ungewaſchenen Mäuler von Sansculotten ſind nicht im Stande, einen bra⸗ ven Royaliſten zu beleidigen. Zu Paris nennt man einen Jeden einen Räuber, der für Gott, den König und die heilige Kirche ſicht. Benützt die Zeit beſſer. Richtet von Euern Piken eine Tragbahre her, um den Helden darauf fort zu transportiren. Die Frau Marquiſe du Pin hat über ſein Leben oder ſeinen Tod zu entſcheiden.“ Die Bauern zerſtreuten ſich murrend, und einer ſagte zum andern:„Eine ſchlechte Wirthſchaft! wenn wir die Kö⸗ nigsmörder und Gottesläugner nicht einmal todtſchlagen dürfen, was haben wir dann vom ganzen Kriege? Die Schufte haben ja ſonſt nichts als ihr nacktes Leben. Ein Wunder, wenn man einmal bei ihnen ein Fünf⸗Livres⸗Aſſig⸗ nat findet. Laßt uns heimgehen, und lieber mit dem Cha⸗ rette ziehen, wenn der Tanz wieder angeht. Der iſt ein Mann nach dem Herzen Gottes, und gefangen und gehan⸗ gen, Knall und Fall iſt bei ihm Eins.“ Unter ſolchen Geſprächen ſchnürten die armen Bauern wieder ihre Torniſter und Ranzen und beſchloſſen, in der Mehrzahl, wieder heim zu ziehen, wie es überhaupt Ge⸗ wohnheit unter den Landleuten der Vendee war. Wenn ſich auch Hunderttauſende zu einem großen Schlah vereinigt hatten, ſo liefen ſie, war er geſchehen, ſchnell auseinander, um wieder einige Tage der Ruhe bei Weib und Kind zuzu⸗ bringen. Dießmal war der Anführer, Chabran, mit ſeinen 33 Untergebenen völlig einverſtanden, und befehligte den Heimzug neben der Trage herreitend, die von Piken und Senſen zuſammengeflochten war, und worauf des Marquis Ge⸗ fangener ruhte, von dem Mantel des Siegers bedeckt. Vierundzwanzig Bauern wechſelten in der Pflicht, den Ueberwundenen zu tragen, und ſchimpften leiſe aber ſehr nachdrücklich über die ihrer Tapferkeit unwürdige Laſt.„Fin⸗ deſt Du nicht, Louis, daß der Kerl immer ſchwerer wird?“ ſagte Einer zum Andern:„r fällt in's Gewicht wie ein Paar Centner Blei.“ Worauf der Andere ganz ernſthaft erwiederte:„Weißt Du warum, Gevatter? Weil jeder Republikaner den Teufel im Leib hat, und manchmal ein Dutzend für Einen, wie unſer Vikar ſagt, der fromme Mann.“ Auf dieſe Weiſe gelangte der Zug immer weiter und wei⸗ ter, Tag und Nacht marſchirend, eine Strecke hinter Cha⸗ tillon zu einem Schloſſe, welches, von einem ärmlichen Dorfe umgeben, noch in aller Pracht der Lehensherrlichkeit da ſtand. Chabran warf den Hut in die Luft, als er des Edelſitzes anſichtig wurde, und ſagte zu Victor, mit dem er während der Reiſe keine Sylbe gewechſelt hatte:„Er⸗ hebt Euch jetzt, guter Freund. Der ſtumme Trotz hilft nichts; freundliche Ergebung wird beſſere Wirkung thun. Ihr werdet vor einer ſchönen Dame erſcheinen, und es würde Euch nicht wenig frommen, wenn Ihr die Unbeholfenheit Eurer Partei ablegtet. Man kann freilich von Einem, der im Pöbel geboren iſt, nicht verlangen, daß er wiſſe, wie man ſich im Salon benimmt, aber Achtung und Beſcheiden⸗ heit ſind in Gegenwart einer Frau von Stande unerläßlich. Richtet Euch darnach. Auf meine Ehre, es handelt ſich hier um Euer Leben. So mildthätig meine ſchöne Gabriele iſt, ſo haßt ſie doch jeden Republikaner von ganzer Seele, und er müßte recht artig ſeyn, ſollte er Gnade finden vor ihren Augen.“ Victor antwortete auf all' dieſe ſchönen Dinge nur mit einem verächtlichen Lächeln, ſchwieg übrigens hartnäckig, und ging gefaßt, in ſeiner zerriſſenen Uniform wie ein Held einherſchreitend, der Zukunft und ſeinem Schickſal entgegen. Um das Schloß her war ein reges Gewimmel, einem Volks⸗ feſte nicht unähnlich. Geputzte Weiber, Greiſe und Kinder kamen in hellen Haufen, ihre Väter, Gatten und Söhne zu begrüßen. Die Glocke vom Kirchthurm läutete; der Pfarrer zog daher im Ornat, mit dem wichtigthuenden Sakriſtan, dem geputzten Schweizer und den weihrauch⸗ dampfenden Chorknaben; an jeder Bruſt, auf jedem Hute erglänzten mächtige, weiße Cocarden; aus den Schießſchar⸗ ten des Schloßzwingers knallten Böller los, über dem Ein⸗ gangsthore hingen grüne Kränze und künſtliche Lilien; von dem Altan winkte, von einem weißen Paniere beſchattet, mit weißem Schnupftuch die ſchöne Caſtellanin der Burg. — Chabran konnte nicht erwarten, bis er im Saale vor der Geliebten ſtand. Auf dem Hofe ſchon, umdrängt von der Bevölkerung mehrerer Gemeinden, und ſtolz ſich he⸗ bend in den Bügeln, rief er mit der Stimme eines Ro⸗ land zum Söller auf:„Alles für Gott, den König und die Dame! Ehre dem Tapfern und Huldigung der Schö⸗ nen! Ich habe erfüllt, holde Gebieterin meines Herzens, was Sie von meinem Herzen begehrten. Ich habe gekämpft für den König, Seine Majeſtät Ludwig XVII., den Gott erhalten möge! Ich habe eine Wunde davon getragen, als ich mit Löwengrimm die gefürchteten Soldaten von Mainz 35 verfolgte; ich habe einen Gefangenen gemacht, der freilich leider kein Ritter iſt, aber unter dem republikaniſchen Pöbel einen ſolchen vorſtellt. Erlauben Sie mir, Schönſte der Schönen, daß ich meine Trophäen zu Ihren Füßen niederlege.“ Eine leichte gefällige Kopfneigung war die Erwiederung des ritterlichen Grußes. Chabran ergriff ſeinen Gefangenen bei der Hand, und führte ihn im Vollgenuß ſeines Triumphs über die Treppe, verziert mit Ritterbildern, durch die Vor⸗ zimmer, geſchmückt mit Stammbäumen und alten Gold⸗ tapeten, in den Saal des Schloſſes, deſſen Wände mit Harniſchen und Fahnen bedeckt waren, und in deſſen Mitte, umgeben von einer in Hufeiſen⸗Form geordneten und ge⸗ deckten Tafel, die Herrin des Hauſes ſtand. Eine ausge⸗ zeichnete Figur, an welcher man die Fülle bewunderte, die an Darſtellungen der ſtolzen Heere erinnerte. Gabrielens große blaue Augen blitzten dem Ritter milde, dem Beſieg⸗ ten drohend entgegen, und ein leiſer Anflug verachtenden Spottes war auf dem Geſicht der Gebieterin beim Anblick des Letzteren nicht zu verkennen. Victor ſah ihr ſchweigend und ruhig entgegen. Sie wendete ſich mit einigen ſchmei⸗ chelhaften Worten an den zurückgekehrten theuern Freund. „Empfangen Sie meinen Dank;“ ſagte ſie feierlich:„Sie kommen heute eigens, um den Tag zu verherrlichen, den mir der Beſuch der ruhmwürdigſten Hauptleute unſerer königlichen Armeen ewig unvergeßlich machen wird. Ja, mein Freund: Sie werden um dieſe Tafel in wenig Stunden alle Ihre Waffenbrüder vereinigt ſehen; jene pflichtgetreuen Männer, die ſich für die Sache ihres unglücklichen Königs⸗ hauſes aufopfern, wie es dem anhänglichen Adel geziemt.“ 36 Chabran überflog verwundert mit ſeinen Augen die mit vielen Couverts belegte Tafel. So unangenehm es ihm war, den Tag des Wiederſehens nicht mit der Geliebten allein zu genießen, ſo ſehr ſchmeichelte ihm die Ehre, mit den Helden der Vendee zu Tiſch zu ſitzen. Eine Regung von Menſchlichkeit that ſich in dem Geſchmeichelten kund. Er ſprach zärtlich zu Gabrielen:„Ich hoffe, meine Freundin, daß Sie dieſe Gelegenheit benützen werden, um von den Heerführern das Leben dieſes Mannes zu erhalten, den das Loos der Waffen in meine Gewalt brachte! Gebricht es ihm auch an Herkunft, Rang und Sitten, iſt auch die Sache teufliſch, der er dient, ſo hat er doch tapfer geſtritten, und niemals hat eine Dame den Ueberwundenen, der in ihre Hand gelegt worden, einem finſtern Schickſale anheim fallen laſſen. Wir finden in alten Ritterbüchern tauſend Beiſpiele für Eines, daß ſogar ungläubigen Sarazenen dieſe Wohlthat wurde; warum nicht auch einmal einem ſchlechtgläubigen Republikaner?“ Die Marquiſe maß den gefangenen Offizier mit eiskal⸗ tem Blicke, zuckte die Achſeln, hing Vietor's Säbel, den ihr Chabran übergeben, feierlich an einen Nagel zu den Tro⸗ phäen des Saals, und ſagte alsdann trocken und gleich⸗ gültig:„Ich will ſehen, was zu thun iſt. Einſtweilen iſt jedoch die Gegenwart dieſes Mannes läſtig für uns und für ihn. Befehlen Sie daher, guter Chabran, daß man ihn in den Thurm bringe. Es ſoll ihm an dieſem Tag der Freude nicht an Speiſe und Tränk fehlen, und der arme Schelm mag ſich auf dieſe Weiſe eines Siegs der rechtmäßigen Partei dankbar erinnern.“ Von ſehr verzeihlicher Wallung aufgeregt, wollte Victor mit einer ſchneidenden Antwort losbrechen, aber er beſann ſich noch zu rechter Zeit, ſchwieg und drehte der kleinen Tyrannin den Rücken.— Drei, alterthümlich, aber bis an die Zähne bewaffnete Wächter, brachten ihn in den vom Grund bis zur Zinne mit Epheu bewachſenen Gefängniß⸗ thurm der Burg. Das Feſtin der Royaliſten. Der Thurm, wohin man Victor gebracht hatte, war glücklicherweiſe nicht mehr in dem Zuſtande mittelalterlicher Barbarei. Von dem Hofe des Schloſſes führte die Thuͤre hinein; der Boden des Thurmgemachs war mit feinem Sand beſtreut, und an den Wänden, ſtatt kriechender Molche und Kröten, ſtanden Geräthſchaften des friedlichen Ackerbaues. Die Fenſter waren hoch genug angebracht, um dem verwe⸗ genen Blick der Neugierde den Eingang zu verwehren; Hollunderſträuche nickten zu den Oeffnungen herein, und der lichte blaue Himmel war in der Höhe des Gemachs durch ein ſogenanntes Ochſenauge zu ſchauen. Einige Pap⸗ velſpitzen flüſterten an dem runden Fenſter, zu welchem Liht⸗ in einer Ecke ſeines Gefängniſſes ſitzend, ſehnſüchtig 4 empor ſtarrte. Er hatte, während er über den Hof ging, bemerkt, daß der Thurm mit dem Schloßgebäude vermittelſt eines Brückenbogens zuſammenhing, auf deſſen Geländern Blumentöpfe ſymmetriſch gereiht ſtanden. Seine Phantaſie war durch ſeine Umgebungen angeregt. Er erinnerte ſich ſeiner Jugendjahre, die er zum Theile in alterthümlichen Schlöſſern verlebt, und der ſchönen Tage, die er darinnen an der Seite des jungen Herzogs von Enghien genoſſen. Solche Thürme waren öfters der Schauplatz ihrer Spiele geweſen; die kühnen Knaben hatten ſich oft von hohen Gal⸗ lerien durch runde Fenſteröffnungen in die Verließe herunter gelaſſen, und manchesmal hatte die ſchöne Gouvernante des Hauſes mit ängſtlichem Blicke und zarten Vorwürfen den Kletternden in die düſtere Thurmesgruft nachgeſehen. Die lange Reihe von Jahren, die ſeit jenen Spielen verfloſſen, malte das Bild des guten Fräuleins Leonor mit den präch⸗ tigſten Farben der Einbildungskraft aus, und Victor em⸗ pfand plötzlich den Wunſch, die Holde möchte nun auch her⸗ unterſchauen in ſeinen Kerker, um ihn zu tröſten mit einem Blicke der Theilnahme, und zu erheben durch ein ſanftes mütterliches Wort. Er hatte kaum dieſe Idee ausgebildet, als ſich ſchon der Traum zu verwirklichen ſchien. Die Ge⸗ ſtalt eines Frauenzimmers ließ ſich an dem runden Fenſter ſehen. Sie bückte ſich hernieder, und ſpähte forſchenden Auges in die Dämmerung des Thurmes. Der aufmerkſame Victor verfolgte jede ihrer Bewegungen, und ſein Herz ſchlug vor Entzücken, als er nach und nach die Farbe ihres Kleides, ihr zierliches Halstuch, die niedliche Florhaube und darunter ein Geſicht unterſchied, das ihn noch mehr anſprach, als das Geſicht der guten Leonor. Er hatte zu Verſailles 39 oft Gelegenheit gehabt, das milde Engelantlitz der frommen Eliſabeth, der Schweſter ſeines ehemaligen Königs, recht nahe zu ſchauen. Rein und anſpruchlos wie jenes, erſchien ihm das Geſicht, deſſen klare Augen ihn, den Gefangenen ſuchten. Er erhob ſich.„Wie geht es Euch, armer Mann?“ fragte eine Silberſtimme, leiſe, aber voll Gefühl.—„Ich entbehre der Freiheit, aber nicht des Beſuchs eines Engels;“ antwortete Victor ſo leiſe, wie er gefragt worden.—„Ihr werdet Hunger haben. Geduldet Euch nur noch ein halb Stündchen, Ihr ſollt wohl verſorgt werden.“—„Ich brauche nur ein Stück Brod und Freiheit, oder keine Nahrung, aber den Tod.“—„Leider kann ich Euch nicht frei machen, aber Ihr dauert mich ſehr. Ich will Euch pflegen und für Euch beten.“—„Wie? Hier, in dieſem Schloſſe ſollte ſich eine Stimme für einen Menſchen zu Gott erheben, der der andern Partei zugethan iſt, als der hier herrſchenden? Es gäbe eine Seele hier, die den Republikaner nicht ver⸗ dammte?“—„Man muß ja alle Menſchen lieben;“ er⸗ wiederte die Fremde noch leiſer als zuvor:„Ich liebe den Rock, den Ihr tragt.— Mein Vater trägt ihn auch. Ich habe ſchon oft bittere Thränen vergoſſen, daß ich nicht bei ihm ſeyn darf, daß ich nicht einmal weiß, wo er iſt, ob er noch lebt. Er focht für die Republik; ob er in dieſem Augenblick dem feindlichen Kanonendonner trotzt, oder bereits in kühler Erde ruht, wer kanv mir das ſagen?“—„Darf man den Namen Ihres Vaters wiſſen? Vielleicht wär' ich im Stande..“—„Mein Vater heißt Mont⸗choiſy; er iſt ein Edelmann aus Poitou, und ſtand vor einem Jahre noch als Bataillonschef bei dem republikaniſchen Heere.“—„Mont⸗ chviſy Ihr Vater? ſo beruhigen Sie ſich, mitleidige 40 Tochter eines tapfern Mannes. Ich ſtand unter ſeinem Kom⸗ mando am Rhein, und in dieſem Augenblick ſchützt er Frank⸗ reichs Gränzen gegen die Piemonteſer. Er iſt General ge⸗ worden, und das Vertrauen des Volks ſchmückt ihn mehr, als aller Könige Orden thun würden.“ Die glückliche Tochter ſtieß einen lauten Schrei der Freude aus, erhob dankend die Hände gen Himmel, und ihre Zunge jauchzte. Aber in ihren Jubel miſchte ſich das Geſchmetter vieler Trompeten, Trommelſchlag, und der Donner des Schloßgeſchützes. Der kriegeriſche Lärm ſcheuchte das zuſammenfahrende Mädchen hinweg, das mit den Worten: „Die Herren Generale kommen! Ich ſeh' Euch ſpäter wieder!“ Fenſter und Gallerie verließ. Die Schöne, die Wangen geröthet von unverhoffter Freude, flog nach dem Schloſſe zurück, während die geladenen Herren in den Schloßhof einritten.— Die Marquiſe empfing ihre Gäſte auf dem erſten Treppenabſatz, und führte ſie, wie im feierlichen Zuge, nach dem Speiſeſaal. Es war ein eifriges Gedränge um die ſchöne Wirthin. Die Uniformen der Herren ſtrahlten in allen Farben; der Putz der Einen war überladen, der Rock der Andern ſchlicht und knapp; Alle hingegen trugen die Schärpe und das Feldzeichen des Königs. „Ich freue mich,“ begann der Prinz von Talmont zu der Edeldame,„endlich in Ihrem Schloſſe all' die Helden zumal einführen zu können, deren Namen bis jetzt verein⸗ zelt von der Fama genannt wurden. Dieſer Tag iſt ſchön; verherrlicht vom Jubel des Sieges, und von brüderlicher Eintracht. Wir haben zu Chatillon vor dem Altare des Höchſten dieſe Eintracht beſchworen, und ewig daure ſie. Es lobe der König!“ 41 „Der Himmel geb' es!“ rief Artus von Bonchamp, und umarmte den ihm zunächſtſtehenden Larochejaquelein:„wir haben einſehen gelernt, daß nur vereinte Kraft zum Ziele führt. Wir wären den Waffen Kleber's unterlegen, wenn wir uns nicht kühn und muthig die Hand gereicht hätten.“ Der jugendliche Larochejaquelein trat aus dem Haufen der Anführer hervor, faßte einen Mann bei der Hand, der ſich durch ſein finſteres Ausſehen bemerklich machte, wie durch ſeine unanſehnliche Geſtalt, die ſehr gegen die hohen Figuren der meiſten übrigen Hauptleute abſtach. Laroche⸗ jaquelein ſtellte ihn der Marquiſe vor und ſprach:„Hier bring' ich Ihnen, Madame, den tapfern Charette, den Sie ſchon längſt von Angeſicht zu Angeſicht kennen wollten. Zu lange hat er ſich von uns getrennt gehalten. Das Wohl des Vaterlandes wäre beinahe an ſeinem harten Sinn zu Grunde gegangen. Die Stimme Gottes und der Ehre hat ihn endlich bewogen, ſich mit uns zu verbinden, und ſchon ſproßten die erſten Lorbeern aus dieſem Bund.“ „Sie haben nicht wohl gethan, Herr General,“ ſagte die Marquiſe lächelnd zu dem finſtern Charette,„daß Sie ſo lange zögerten, Ihren Heldenarm dem allgemeinen Streite zu leihen. Doch verzeihe ich Ihnen jetzt, im Namen aller Damen, denen des Königs Sache heilig iſt. Stehen Sie feſt bei der Oriflamme, welche dieſes Land ſiegreich beſchützt.“ „Des Königs Sache war immer die meinige;“ erwiederte Charet mit rauhem Ton und wenig galanter Haltung: „jedoch hab' ich nie geläugnet, daß mir manches mißfiel, was des Königs Stellvertreter unternahmen, wenn gleich in der beſten Abſicht.“ Hier warf er einige argwöhniſche Blicke auf den Generaliſſimus in der Vendee, Gigot d'Elbée und auf Bonchamp. Der Erſtere erwiederte den finſtern Blick; der Zweite jedoch lächelte mit ſeiner freundlichen Miene dem Argwöhniſchen zu. Der kecke Parteigänger Royarand ſagte mit jener Treuherzigkeit, die ihn charakeriſirte: „Laſſen wir allen Zwiſt bei Seite. Die Tafel, die Becher ſchäumen, und unter dem Regenbogen des Sieges laßt uns ſchmauſen!“ „Alle Teufel! dürfen wir uns auch ſo keck der Ruhe überlaſſen?“ fragte ein großer, robuſter Mann, von ge⸗ meinen Geſichtszügen, deſſen Uniform ungefähr derjenigen ähnelte, welche Charette trug, und in deſſen Säbelgürtel ein Paar fürchterliche Piſtolen ſteckten:„Wer meiß, was die Blauen aushecken. Man muß auf ſeiner Hut ſeyn; darum iſt meine Deviſe: Schnell getafelt, ſchnell geritten, und ein Jeder paſſe in ſeinem Kanton auf!“ „Wer iſt der grobe Mann?“ fragte die Marquiſe, nach⸗ dem Alle Platz genommen, den Prinzen Talmont, der zu ihrer Rechten ſaß:„Seine Rede wie ſein Geſicht, hat das Gepräge der Gemeinheit. Seine Sitten ſind bäuriſch, wie der Rock, den er trägt, und er möchte eher einem Räuber⸗ Chef zu vergleichen ſeyn, als einem königlichen Offizier. Wie nennt er ſich?“ Talmont flüſterte entgegen:„Es iſt Einer aus der Ro⸗ ture. Sein Name iſt Stofflet. Aus dem niederſten Pöbel entſproſſen, iſt er nichts geworden als ein Waldſchütze des Grafen von Maulevrier. Seine Kühnheit und Stärke mach⸗ ten ihn zum Popanz ſeiner Gegend, und, wie denn nun das gemeine Volk allenthalben vor der rohen Kraft Bewun⸗ derung hegt, ſo liefen dem Menſchen Tauſende zu, als er 43 ſich's einfallen ließ, für die königliche Sache einen Streich zu wagen. Er war ſtets glücklich in ſeinem tollen Unge⸗ ſtüm, und deßhalb als ein gutes Werkzeug beizubehalten. Sein Name, Ihnen ſchon wohl bekannt, iſt ein Talisman, der die einfältigen Bauern wie blind in das fürchterlichſte Feuer führt. Entſchuldigen Sie, beſte Marquiſe, daß wir dieſen Mann an Ihre Tafel geſetzt, wo eigentlich nur Her⸗ ren von Stande, wie Ihre übrigen Gäſte ſind, Platz neh⸗ men dürfen. Die Vergötterung⸗ die der Pöbel dem Partei⸗ gänger erweiſ't, hat uns veranlaßt, die Unſchicklichkeit zu begehen. Man hätte uns geſteinigt, wenn wir den Stoff⸗ let nicht in dieſe Einladung mitbegriffen hätten. Wahrhaf⸗ tig: ſogar die Gegenwart des Bauern Cathelineau wäre Ihnen nicht erſpart worden, wenn dieſer Menſch nicht ſchon vor Nantes den Tod gefunden hätte.“ Die Marquiſe lächelte ſpöttiſch und wendete ſich an d'Elbée zu ihrer Linken:„Der Boden der Vendee iſt alſo völlig von den Feinden gereinigt, Herr Generaliſſimus?“ „Vollkommen, Madame;“ entgegnete dElbée:„Ich habe die Ehre, allen Anweſenden zu verſichern, daß bei Mon⸗ taign, wie bei Tarfon, bei Pont⸗de⸗Cé, wie bei Fontenay — kurz auf allen Punkten— der Feind total geſchlagen wurde. Der Chevalier von Autichamp und der Herr von Lagreniere ſind im Verfolgen der Republikaner begriffen. Es iſt leicht möglich, daß wir, bei vollkommen hergeſtellter Einigkeit, das Projeit⸗ Nantes zu erobern, wieder auf⸗ nehmen könnten. Die engliſche Regierung erwartet nur, daß wir dieſe Operation vollbracht, um uns mit Waffen, Munition und Hülfstruppen zu unterſtützen. Sir Wrake⸗ Schiffslieutenant in Dienſten Seiner Großbritanniſchen 44 Majeſtät, der hier gegenwärtig iſt, hat mir dieſe Eröffnung gemacht, und wird ſie Ihnen, meine Herren, beſtätigen.“ Die Augen der Anweſenden richteten ſich ſchnell nach dem langen Engländer, der bisher kaum von ſeinem Teller auf⸗ geſchaut hatte. Der Sir nickte ſchweigend mit dem Kopfe und ſetzte dann hinzu:„Gehen Sie nur erſt nach Nantes, meine Herren. Meine Regierung will zuvörderſt eine Ga⸗ rantie des Gelingens Ihrer Unternehmung haben.“ „Und das reiche Nantes ſoll dieſe Garante ſeyn?“ ſprach mit ernſter Stimme der Marquis von Leseure, einer der be⸗ deutendſten Heerführer in der Vendee.„Se. Großbritanniſche Majeſtät wollen ſicher gehen. Nantes ſoll ein zweites Tou⸗ lon werden. Doch möchten vielleicht die Franzoſen nicht geſonnen ſeyn, ihr Blut zu verſpritzen, um die wichtigſten Plätze fremder Gewalt zu überantworten. Das Pfand⸗ ſyſtem taugt nichts: man verpflichtet ſich zu allzuhohen Zinſen.“ Der Engländer ſah den Marquis ſcheel an, ſchwieg jedoch. Larochejaquelein nahm dagegen das Wort und ſagte lebhaft:„Von Nantes kann keine Rede ſeyn, ſo lange wir nicht organiſirte Truppen haben, diſciplinirt wie Kleber's Soldaten. Nur mit ſolcher Mannſchaft richtet man Großes aus. All' unſere unendliche Bemühungen reichen gerade nur hin, um die Gränzen des Bocage zu decken. Konnten wir uns doch nicht einmal in Saumur behaupten! Der An⸗ führer ſind genug, und an Talent, an Kriegskenntniß man⸗ gelt es den meiſten nicht. Aber Soldaten brauchen wir, ſtatt der unwiſſenden Vauern, die dem Aufgebot zwar ohne Ausnahme folgen, aber nur ſo lang im Felde bleiben, als das Brod ausreicht, das ſie ſich von Hauſe mitnehmen.“ Bonchamp pflichtete bei. Charette warf ſich trotzig da⸗ gegen auf:„Was ſchwatzt man von Soldaten?“ fragte er: „Will man Puppen haben, und glaubt man mit Maſchinen den Weg nach Paris wieder zu öffnen? Die weiſen Heer⸗ führer täuſchen ſich. Im Volk iſt die Kraft; dem gewaltigen Aufſtand deſſelben hält keine diſciplinirte Kolonne Stich. Der Schlag, einem Blitze gleich, erreicht immer ſein Ziel. Nach ſolch' gewaltiger Anſtrengung laſſe man immerhin dem Volke Zeit, ſich zu einer neuen vorzubereiten. Ich habe immer mit meinen ungezogenen Bauern geſiegt, und verlange keine Andern zu kommandiren.“ D'Elbée erwiederte gereizt:„Der kleine Krieg iſt etwas anders, als die große ſtrategiſche Combination, die zum endlichen Ausſchlag führt. Man kann im Plänkeln ſehr er⸗ fahren ſeyn, ohne einen Batailleplan zu verſtehen.“ „O Herr Generaliſſimus,“ betheuerte Stofflet, auf den Tiſch ſchlagend:„Sie müſſen uns gemeinen Leuten nicht zumuthen, daß wir etwas von Bataillen verſitehen ſollen; bei uns heißt es: dort ſteht der Feind! Schlag' ihn nieder oder er ſchlägt dich. Und da nehmen wir Säbel und Flinte, hören eine Meſſe, und klopfen den Feind. Ob das nun nach der Regel geſchieht oder nicht, darnach ſehen wir nicht um.“ Charette nahm wieder lebhaft das Wort:„Auch in den ungeregelten Banden der Bauern muß ein Geſetz gelten: der Wille des Anführers. Nehmt mir's nicht übel, Ihr Herren. Ihr ſeyd der Köche zu viele. Einige Dutzend der oberſten Hauptleute ſehe ich an dieſer Tafel verſammelt⸗ und noch ſtehen ihrer Viele auswärts, um das Land zu hüten. Aber Jeder thut, was er nur will, und Einheit iſt 46 in keiner Bewegung. Nachläſſigkeit ſchlägt den Einen, Eiferſucht entzweit die Andern.“ „Ja wohl, ja wohl!“ riefen Mehrere, auf d'Elbée und Charette zeigend. Der Letztere fuhr aber fort:„Der ver⸗ dammlichſte Eurer Fehler iſt blinde Nachgiebigkeit gegen Eure Leute, und die Schonung, welche Ihr zur unrechten Zeit den gefangenen Königsmördern angedeihen laßt. Der ritterliche Larochejaquelein hat ganze Trupps der Letzteren frei gegeben. Herr von Bonchamp hat deßgleichen gethan. Beim heiligen Ludwig! Mir iſt ſolches nicht vorzuwerfen. Treibt einer meiner Bauern Unfug, ſo hängt er flugs am nächſten Baum. Fällt ein Sansculotte in meine Hände, ſo laſſ' ich ihn ohne Gnade am nächſten Chauſſeegraben er⸗ ſchießen. Das macht Reſpekt bei Freund und Feind. Ich müßte nicht in der Marine gedient haben, wenn mir ſolche Regimentsmittelchen fremd geblieben wären. In unſerer Lage vollends kann man dadurch nur beſſern, nicht ſchaden. Ob wir Pardon geben oder nicht, wir müſſen doch daran glauben, wenn wir von den Spitzbuben, unſern Feinden, gefangen werden.“ Talmont entgegnete:„Ich bin völlig derſelben Meinung. In unſerm großen Rathe zu Chatillon habe ich auf den Befehl angetragen, bei Leibesſtrafe jeden gefangenen Repu⸗ blikaner auf der Stelle hinrichten zu laſſen. Ich wünſchte ſehr, daß die verſammelten Chefs einſtimmig in dieſen Vorſchlag eingingen.“ Die meiſten der Hauptleute ſtanden lärmend auf, und erhoben zuſtimmend ihre Hände. Bonchamp und Laroche⸗ jaquelein waren nicht unter ihnen. Sie ſchwiegen, unfähig einen Milderungsgrund durchdringen zu machen. Die beiden 47 Epelleute Deſeſſarts, Vater und Sohn, bekannt durch ihre Leidenſchaftlichkeit und das Unglück, welches mit der Revo⸗ lutivn auf ſie hereingebrochen, ſchrieen wild:„Die Schurken ſterben noch allzuwürdig, für die Leiden, die ſie über uns verhängten. Brannten ſie nicht unſere Schlöſſer nieder? Führten ſie nicht unſere Heerden weg? Warfen ſie uns nicht in die Gefängniſſe von Breſſuire, denen wir nur entkamen, von dem wackern Stofflet befreit? Ueber dieſes Alles, haben ſie unſern König ermordet? Morden ſie nicht Jeden, den das treuloſe Glück in ihre Ketten wirft? Allen den Tod! Keinem Schonung! Und ein Frevler gegen die Majeſtät werde Der genannt, der dieſem Geſetz zuwider handelt!“ Marigny, ein bretagne'ſcher Edelmann⸗ Sapinaud, einer der tapferſten Hauptleute, Saint Martin, Gramont und viele Andere ſtimmten bei. Während deſſen warf der am Ende der Tafel ſitzende Chabran einen ſchüchternen Blick auf die Marquiſin, winkte ihr, und deutete nach dem Hof; Gabriele, die ſcharfſinnige Wittwe, errieth, was in dem Kopfe ihres Verlobten vorging, und theilte mit dem ihr eigenen Lächeln dem Prinzen von Talmont mit, daß ſich gerade ein gefangener republikaniſcher Offizier in ihrer Haft befinde. „Vortrefflich!“ rief der indiskrete Prinz, deſſen Leicht⸗ ſinn durch den ſchäumenden Wein geſteigert worden war: „Ein Gefangener, den Sie gemacht, Herr von Chabran? Ich hoffe, daß Sie denſelben dem neuen Geſetze noch in dieſer Stunde zum Opfer bringen werden!“ Chabran war wie vom Donner gerührt. Er verſuchte, eine zahme Widerrede zu ſtammeln, aber ſie gelang ihm nicht. Indeſſen lief das Gerücht von dem Kriegsgefangenen um die ganze Tafel, und die Gäſte begehrten, geräuſchvoll und übermüthig, den trotzigen Republikaner zu ſehen. Chabran wollte dieſes durchaus nicht zugeben, bis es ihm Talmont und d'Elbée befahlen, und die Marquiſe zu ihm ſagte:„Seyn Sis kein Kind, Chabran. Sie können leicht einſehen, daß dieſe edlen Herren das Deſſert dieſer geringen aber freundſchaftlichen Tafel nicht mit Blut be⸗ flecken werden. Gehorchen Sie daher ſchnell dem Gebote Ihrer Chefs, und bringen Sie den Menſchen hierher.“ Wie der Zorn eines geſchmeichelten Löwen, ſo legte ſich auch Chabran's Heftigkeit, und er befahl den Bedienten⸗ welche gerade die Flambeaur auf die Tafel ſetzten, den Gefangenen herbei zu führen. In deſſen Erwartung ſtanden die meiſten der Offiziere von ihren Stühlen auf, und gingen im Saal umher. Gabriele ſaß wie eine Königin zwiſchen den beiden vornehmſten Herren der Verſammlung; Chabran ſtand wie ein dienender Ritter hinter ihr. Aus dem Nebengemache trat ein junges Frauen⸗ zimmer in feiner, aber häuslicher Tracht, näherte ſich demüthig und vertraulich zugleich der Gebieterin und flüſterte ihr die Frage in das Ohr, ob ſie noch etwas für dieſen Abend anzuordnen habe. Gabriele fertigte ſie kalt und ſtolz ab, und das Mädchen trät einige Schritte zurück, und beſah⸗ von dem Glanz der Tafel angezogen, den Saal und die Geſellſchaft. Der neugierige Prinz von Talmont fragte jedoch ſeine gefällige Wirthin, mit leiſer Stimme:„Wer iſt die holde Fremde, die ſich ſo ſpät erſt unſern Blicken zeigt? Ihr Benehmen iſt ſo fein, und reizend ihr Antlitz, obgleich ſie in dieſem Hauſe nur ein Stern der zweiten Größe ſeyn kann.“— Gabriele erwiederte kurz:„Ich habe das Unglück, die Couſine dieſes Mädchens zu ſeyn. Adele gehört dem mir verwandten Geſchlechte der Mont⸗chviſp an. Die Familie ſtammt aus den Zeiten der Kreuzzüge, und hat ſich ſtets im Dienſte ihrer Monarchen ausgezeichnet. Der Vater dieſes Mädchens iſt der Erſte ſeines Geſchlechtes, der allen Begriffen der Ehre entſagte. Es iſt genug, wenn ich Ihnen ſage, daß er unter den Fahnen der Revolution dient. Er wird ſeinen Lohn finden, wie Orleans und all' ſein Gelichter. Vor der Hand habe ich ſeine Tochter dem Verderben entriſſen, und ſie bei mir gehalten, damit die gefährlichen Grundſätze nicht Wurzel ſchlagen, deren Keim ſie ſchon leider von dem treuloſen Mont⸗choiſy geerbt hat- Sie führt meine Wirthſchaft und ich halte ſie gefliſſentlich in ſtrenger Abhängigkeit⸗ weil das Weſen bereits Begrifſe von Freiheit und Aufklärung hegt, die mich, auf Ehre, ſchaudern machen. Finnte Sie ſich einbilden, daß jenes Geſchöpf neulich. Der Eintritt Lictors unterbrach die vertrauliche Er⸗ öffnung.— Bei ſeinem Erſcheinen entfernte ſich Adele, bleich werdend, und die Herren Generale und Chefs nahmen murmelnd und gravitätiſch ihre Plätze wieder ein, als ob Gericht gehalten werden ſollte. Victor war bei dieſem Anblick betroffen, faßte ſich indeſſen, und ſah ſtarr und unbeweglich auf die ihm gegenäber Sitzenden. Nach langer Stille hob der Generaliſſimus d'Elbée an wie folgt:„Tretet näher. Wie heißt Ihr?“ Victt „Welchen Rang bekleidet Ihr?“ „Ich bin Lieutenant in den Armeen der Republik.“ „Des Teufels;“ murmelte der Prinz Talmont zwiſchen 50 den Zähnen, während d'Elbée fortfuhr:„Ihr wurdet nach dem Treffen von Tarfou gefangen?“ „Leider.“ „Aha! Er merkt ſchon, wo es mit ihm hinaus will;“ brummte Stofflet vor ſich hin, und ſpielte mit den Schlöſſern ſeiner Piſtolen. D'Elbée fuhr fort:„Wie ſtark iſt Kleber's Armee?“ Victor ſchwieg. „Sind Verſtärkungen von Paris oder aus den Departe⸗ ments bei den gegen uns agirenden Corps angekommen, und wie hoch belaufen ſie ſich?“ „Ich weiß es nicht.“ „Ihr mögt wiſſen, daß Ihr durch aufrichtige Angaben Euer Schickſal um Vieles verbeſſern könnt.“ „Ich begehre das nicht.“ „Puh! wie trotzig!“ rief Charrette laut dazwiſchen: „Hinunter in den Hof! Eine Laterne auf die Bruſt! Drei Mann vor! Angeſchlagen! Feuer!“ „Man muß zuvor einen Prieſter haben;“ bemerkte Stofflet. „Wozu den Schuften einen Prieſter?“ ſchrie Deſeſſarts mit ſeinen Nachbarn. „Pah!“ meinte Charette:„Der Spruch eines Prieſters hilft einem republikaniſchen Spitzbuben nicht über die Hölle weg. Meine Herren! ich fordere, daß man dieſen Mann um ſeiner Inſolenz willen, auf der Stelle füſillire!“ D'Elbée winkte Allen zu ſchweigen. Larochejaquelein und Bonchamp gingen auf Victor zu, und ſagten ihm, er möchte ſich beruhigen, denn ſie ſtünden für jede Gewaltthat. ₰ „Ich danke Ihnen, meine Herren;“ verſetzte Victor: „aber ich wünſche, daß man dem kleinen Kapitän dort folge.“ Er deutete auf Charette.„Je früher mich die Kugel trifft, je lieber wird mir's ſeyn.“ „Wie man ſo leicht das Leben mit Füßen treten kann!“ meinte Marigny kopfſchüttelnd:„Die Phantaſten haben lauter republikaniſche Komödien im Kopfe. Man mag ihnen aber leicht den Willen thun.“ „Was ſoll der Trotz?“ fragte d'Elbée mit ſanfter Stimme:„Wenn wir Deinen Muth auf die Probe ſtellten? Wenn wir Dir auf der andern Seite die Möglichkeit der Freilaſſung zeigten?“ „Lieber hier ſterben, als zu meinen Waffenbrädern zu⸗ rückgehen;“ ſagte Victor feſt. „Hoho!“ rief Sapinaud:„Der Schalk ſtimmt jetzt ein anderes Lied an; er will den Ueberläufer, den Reuigen ſpielen! Glaubt ihm nicht; er iſt ein Spion.“ „Richtig!“ verſetzte Charette mit der größten Ruhe und Kaltblütigkeit:„Was verdient ein Spion? den Tod. Schießt den ga ira nieder!“ D'Elbée fragte weiter:„Wollt Ihr Euch über Eure letzte Rede erklären, Lieutenant?“ „Sehr genau. Mir war von meinem Chef bofohlen wor⸗ den, zu ſterben, und mein falſches Glück hat mir's nicht erlaubt. Da keiner meiner Waffengefährten dem letzten Ge⸗ fecht entronnen, ſo trüge ich den Vorwurf der Feigheit, wenn ich zu meinem Corps zurückkehrte. Erſchießt mich daher.“ „Ein ſonderbarer Kauz!“ lachte der Prinz Talmont:„Wie nannte er ſich? Sagen Sie doch, Generaliſſimus.“ Die Marqniſe nannte den Namen Victor. Talmont zuckte die Achſeln, warf die Unterlippe ſpöttiſch auf, und erwiederte:„Das Geſindel hat doch gar keinen berühmten Namen aufzuweiſen. Kein Menſch von Ertraction! Die wenigen von Stande, die als Abtrünnige bei ihnen ver⸗ harrten, haben ſich klüglicherweiſe auch mit ihrer Ehre ihres Namens entſchlagen. Pöbel! weiter nichts. Entſcheiden Sie, Generaliſſimus, über dieſen Pöbelſohn, damit erunſere Geſellſchaft nicht länger verunziere.“ „Sie könnten ſich hier dennoch irren; mein Prinz;“ ſagte die Marquiſe zögernd und zerſtreut:„Ich wollte darauf ſchwören, daß ich dieſes Geſicht ſchon in guter Geſellſchaft geſehen habe.“ Ein Geräuſch unten an der Tafel ſchnitt dem Prinzen die Frage vom Munde weg. Einer der Vendee⸗Offiziere fuhr von ſeinem Stuhl in die Höhe, warf in haſtiger Eile Seſſel und Couvert zu Boden, ſtürzte auf Victor los, faßte ihn bei den Schultern, und rief mit gerührter freudiger Stimme:„Wenn Du nicht mein Kamerad Dammartin biſt, ſo will ich mich an Deiner Statt füſilliren laſſen! Ja wahr⸗ haftig, Victor! Wir ſchliefen ja in einem Saale. Erin⸗ nerſt Du Dich meiner nicht mehr? Ich bin Dumvutier, der Euch ſo viele Schwänke vormachte, Dir und dem ar⸗ men Deshuttes und dem guten Moreau, und dem andern wackern Landsmann, der in Deinen Armen zu Verſailles umgebracht wurde! Beſinne Dich doch nur! Ich dachte nicht, Dich je wieder zu ſehen.“ Alle Anweſenden ſtaunten, und ſtanden, wie auf ein gegebenes Zeichen, von ihren Stühlen auf, ſich in einem Kreiſe um die überraſchende Scene zu verſammeln. Victor 53 hatte kein Wort gefunden, um des ehemaligen Kameraden treuherzige Liebkoſung zu erwiedern. Er verſuchte im Ge⸗ gentheil ſich aus Dumoutier's Armen los zu machen, und fremd zu thun, was ihm jedoch nicht gelang; in ſeine Au⸗ gen trat eine Thräne, geweint einer frühern, heitern Zeit. „Verſtelle Dich doch nicht,“ rief Dumoutier dringend: „Du biſt mir ja nie fremd geweſen. Erinnere Dich: als Du, armer Mißhandelter, von dem Corps Abſchied nahmſt, ſchenkteſt Du mir Deine Piſtolen. Siehe, ich trage ſie noch⸗ Sie haben mich auf der gefährlichen Reiſe nach Varennes begleitet, und wurden mir von einem ehrlichen National⸗ gardiſten nach meiner Befreiung wieder zugeſtellt, weil ich ſie als ein Geſchenk der Freundſchaft ſchmerzlich vermißte. Geh' mit der Farbe heraus und läugne nicht länger, daß Du der Vicomte von Dammartin biſt. Dein eigner Vor⸗ theil will's. Die Herren werden es bleiben laſſen, Dich erſchießen zu wollen. Wenn nicht Dein Rang, ſo beſchützt Dich mein Säbel“ Victor konnte ſolcher Herzlichkeit nicht widerſtehen. Seine Umarmung geſtand dem Kameraden, daß er ſich nicht geirrt. Indeſſen lief durch die Reihen der Zuſchauer das Gemurmel:„Dammartin? Vicomte? Garde du Corps? In diefer Uniform? Ein Verräther an ſeinem MWonarchen?“ Die Bewegung wurde allgemein; die eine Partei verlangte nur um ſo offener den Tod des Ueber⸗ läufers, während die andere ſelbſt unter der Uniform der Revolution den Cavalier zu ſchützen ſuchte. Charette, Stoff⸗ let und die minderen Adeligen gehörten zu der Erſtern; Larochejaquelein, Lescure, Bonchamp und dElbée gehörten zu der Zweiten. Talmont ſchlichtete den Streit; er ſprach mit Wr wichtigſten Miene, die er aufbringen konnte:„In 5 — 54 der That, meine Herren, wir ſind im Begriff, ein ſehr tadelnswerthes Beiſpiel zu geben. Wir dürfen uns nicht verhehlen, daß viele Leute von Stande, von den Verhält⸗ niſſen gezwungen, oder vom Irrthum hingeriſſen, die Sache der Rebellen zu der ihrigen gemacht haben. Sie ſind tapfere Leute, und zu wünſchen wäre es, daß Alle wieder zn unſern ſiegreichen Waffen überträten. Ihre Hülfe wäre uns um ſo nöthiger, als die Meiſten von der Nobleſſe in frem⸗ den Landen ein faules Leben führen, ſtatt, wie wir, die Monarchie mit dem Degen zu unterſtützen. Werden ſie jedoch wieder zurückkehren, die Verirrten, wenn wir Einen von ihnen zum Tode verurtheilen, weil er einen Augenblick lang die dreifarbige Cocarde getragen hat? Wird es gut ſeyn, dem Pobel das ärgerliche Exempel zu geben, und ihm zu zeigen, wie Cavaliere einen Cavalier erwürgen? Nein, meine Herren! Der Adel iſt und bleibt ein unauslöſchliches Zeichen göttlicher und königlicher Gnade. Selbſt unter den Lumpen des Sansculottism müſſen wir die Verdienſte er⸗ lauchter Ahnen verehren, und ich läugne nicht, daß ich ſo⸗ gar dem Herzog von Orleans, ſtände er in unſerer Mitte, mit derſelben Achtung begegnen würde, wie ehedem, bis Seine Majeſtät der König, oder in deſſen ungeſetzlicher Ver⸗ hinderung der Generallientenant des Königreichs, anders verfügt haben würden.“ „Der Prinz ſpricht meine Meinung aus;“ verſicherte d'Elbée:„dem gefangenen Vicomte ſteht ein Weg offen, um eine glänzende Vergebung von Seiten königlicher Majeſtät zu verdienen. Er ſchwöre die ihm aufgedrungenen Irr⸗ thümer ab, und empfange wieder ſeinen Degen aus meiner Hand, um ihn fortan nur für ſeinen rechtmäßigen Herrn 55 zu ziehen. Die königliche Milde wird einen ſo glänzenden Schritt nicht nur mit völliger Gnade, ſondern auch mit einem des Kriegers würdigen Preiſe belohnen.“ Während nun die Hälfte der Offiziere unzufrieden murrte, und die andere lebhaft Beifall klatſchte, drängte Vietor ſei⸗ nen Freund Dumoutier und die Herren Bonchamp und Larochejaquelein, die ihm gutmüthig zuredeten, ſanft von ſich, und erwiederte:„Ich bin nicht gewohnt mit meinen Eiden zu ſpielen; ich habe dem König treu gedient, und würde bis an mein Ende in dieſer Treue nicht gewankt ha⸗ ben, hätte Ludwig nicht ſelbſt meinen Schwur gelöſet, und mich ſchnöde aus ſeinem Dienſt verwieſen. Wie die Zeit ſich geſtaltete, weiß ein Jeder von Ihnen. Ich hoffte von der Freiheit einen beſſern Dank als vom Throne. Ich ge⸗ lobte ihr meine Dienſte, und werde nie mein Gelübde bre⸗ chen, ſo lange nicht die Nation ſich ſelbſt einen Herrſcher wählt. Dem Tode des unglücklichen Ludwigs, wie dem Schickſale ſeiner gefangenen Familie habe ich das innigſte Mitleid geſchenkt. Die Prinzen, und die vornehmen Ade⸗ ligen, welche die Monarchie in ihrer Noth verließen, um ihr eigen Haupt in Sicherheit zu bringen, kümmern mich nicht. Dieß mein Glaubensbekenntniß. Sollten Sie für gut halten, daß eine Kugel das Amen dazu ſey, ſo werden Sie mich verbinden; denn mir iſt demüthigender, zur Schau und zum Verhör vor Ihnen zu ſtehen, als mir der Tod ſchmerzlich ſeyn wird.“ Die Marquiſe war tief erſchüttert, von Rührung ſowohl als von Entſetzen vor der kecken Rede des Republikaners. „Mein Gott! welch' ein Menſch!“ rief ſie halb weinend, halb erbittert, und entfernte ſich, das Sri vor die 56 Augen haltend, aus dem Saale. Charette donnerte mit ſeiner gewöhnlichen Härte ihr nach:„Gut, Madame, daß Sie gehen. Weiberthränen verunzieren den Rath der Män⸗ ner, und ich will hoffen, daß männlich Urtheil jetzt die Oberhand gewinne. Unſere Prinzen kümmern ihn nicht, den abtrünnigen Vicomte? Was kümmern uas ſeine Vor⸗ fahren? Ich ſtimme für die Kugel.“ „Ich habe ihm ſein Leben garantirt;“ entgegnete Cha⸗ pran, wiewohl mit ſchüchterner Stimme. „Ich entbinde Sie gern Ihres Worts;“ verſetzte Victor. „Schweigen Sie, junger Mann, wenn verſuchte Haupt⸗ leute reden;“ rief Deſeſſarts dem Herrn von Chabran drohend zu. „Ich laſſe mein Leben für den Vicomte!“ ſchrie Dumoutier, den Säbel ſhwingend, und Bonchamp ſetzte hinzu:„Gene⸗ raliſſimus! machen Sie dieſem Auftritt ein Ende. Sind wir aller Ritterlichkeit ſo ſehr entfremdet, daß wir uns um eines Menſchen Leben gierig ſtreiten, wie Fliebuſtiers um das Löſegeld eines gefangenen Kaufmanns 2“ „Beim heiligen Dionys! Ein Bayard, ein Dugueselin, ein Crillon würden nicht gehandelt haben wie wir!“ rief der edle Larochejaquelein begeiſtert. Der Generaliſſimus that endlich folgenden Spruch: „In Betracht, daß der Vicomte Dammartin um ſeines Standes Willen, wie auch des Ehrenworts wegen, das ihm der Herr von Chabran geleiſtet, beſondere Rückſichten ver⸗ dient, ſoll er, auf ſeine Weigerung hin, unter der großen koniglichen katholiſchen Armee Dienſte zu nehmen, ſo lange nach Chatillon in Verwahr gebracht werden, bis ein Be⸗ ſchluß der Regentſchaft des Königreichs, auf den Rapport 57 des großen Militär⸗ und Civilraths von der Vendee, ſein weiteres Schickſal beſtimmt haben wird.“ Victor hörte finſter und ſchweigend dieſes Urtheil, und ſagte, obne ſeinen Richtern nur einen Blick zu ſchenken, zu Dumoutier;„Ich verlange von Deiner Freundſchaft, daß ich noch in dieſer Stunde von hier weg und in meinen Kerker gebracht werde. Ich habe in den republikaniſchen Feldlagern verlernt, in der Nähe von Männern auszuhalten, die an der Stelle des Herzens ein Wappenſchild, oder die Mordfackel eines Montfort tragen.“ „Der Generaliſſimus gewährt Dein Verlangen,“ ant⸗ wortete Dumoutier,„und ich will Dein Begleiter ſeyn, damit nicht ein zudringlicher bäuriſcher Held ſich an Deinem Leben vergreife.“ Er nahm Victor, auf einen Wink des Generaliſſimus, bei der Hand, und führte ihn hinaus.— Seine Entfernung verwandelte den Speiſeſaal in einen wilden Kampfplatz. Alle Leidenſchaften brachen nun ungehindert los, und es ging unter den neuverbrüderten königlichen Hauptleuten zu, wie in einer ſtürmiſchen Conventſitzung. „So fahre doch der Blitz in Maſt und Pulverkammer!“ rief Charette, deſſen Unart ſich nicht mehr bändigen wollte. „Wenn ſechzig ungeſchickte Hände das Steuerruder regieren⸗ muß freilich das beſte Schiff zu Grunde gehen. Wo habt Ihr den Verſtand, wo iſt die Klugheit, die man von Euch erwartet? Der Elende hat Euch, des Königs Majeſtät, das ganze Vaterland beſchimpft, und Ihr ſchont noch ſeine Zunge, weil er Vicomte iſt?“ „Was die Klugheit betrifft, ſo bitten wir Herrn von Charette davon zu ſchweigen;“ ſagte der Prinz von Talmont 58 gebieteriſch:„Wir empfehlen ihm die Tapferkeit, welche Noth thut.“ „Tauſend Teufel!“ ſchrie Charette außer ſich:„Zweifelt Jemand an meinem Muth? Der Prinz von Talmont etwa, der, ſelbſt unfähig und überſtüſſig, im Lande das große Wort führt, ohne etwas von der Regierung noch vom Kriege zu verſtehen?“ „Des Prinzen Gegenwart unter uns iſt ſchon ein Beweis ſeines Muths!“ ſagte d'Elbée mit Wichtigkeit. „Ja, das iſt wahr;“ verſetzte Stofflet mit ironiſcher Derbheit.„Monſeigneur hat der Emigration nicht getraut, und iſt zurückgekehrt, ſeinen Beſitzungen in der Bretagne um ſo näher zu ſeyn.“ Charette ſetzte giftig lachend hinzu:„Darum wurde ja das ſaubere Projekt unter dem Kriegsrath ausgeheckt, uns ſammt und ſonders über die Loire zu werfen. Wir ſollten dort mit unſerm Blut die Schaafheerden und die Küchengärten des Prinzen vertheidigen. Eh' ich jedoch mich ſolchem Unfug hingebe, will ich lieber allein ſtehen wie bisher.“ „Thun Sie das!“ entgegnete Lescure mit edlem Zorn: „Sie ſind eher zum Räuberkönige gemacht, als zum offenen redlichen Kampf. Pochen Sie indeſſen nicht auf Ihren Muth, man weiß ja ſchon wie es Ihnen erging. Erinnern Sie ſich noch der Schande, mit der Sie ſich überhäuften? Gedenken Sie Ihres Zugs nach Machecoult? Sie haben dort eben ſo viel Feigheit gezeigt, als man dem un⸗ glücklichen Saint-André vorwarf? Wir können Ihrer entbehren.“ 59 —— „Um Gotteswillen!“ ſagte Marigny, bemerkend, daß Charette bleich vor Wuth wurde:„Schweigen Sie, Marquis. Mit Ihren Vorwürfen trennen Sie fünfzehntauſend Mann von unſerem Heere, die dem Parteigänger anhängen.“ „Sie lügen, Marquis!“ donnerte Charette;„Sie müſſen ſich mit mir ſchlagen.“ „Pah! Ein Heldenleben an das eines Avanturiers ſetzen?“ ſpottete Bonchamp, für ſeinen Freund Lescure Partei ergreifend. „Der Marquis ſagt keine Lüge!“ fuhr Royarand da⸗ zwiſchen:„Ich ſah mit meinen eigenen Augen, wie Charette vavon lief, und wie die heldenmüthige Frau von Goulenne ihn durch ihre Bauern ſteinigen laſſen wollte. Daß er ſeit⸗ dem ſich tapferer benommen, leidet keinen Zweifel, aber nicht minder iſt ſeine damalige Flucht wahr.“ „Leideſt Du das, von all' dieſen Leuten?“ fragte Sapi⸗ naud den beliebten Charette:„Du ſiehſt, wie ſie an Dich wollen. Du haſt ihnen geholfen, die Kaſtanien aus dem Feuer zu ziehen, und ſie brauchen Dich nicht mehr. Wahr⸗ haftig! So lange ein ſächſiſcher Cadett, wie d'Elbée, ein leerer Höfling, wie der Prinz von Talmont, und ein Don⸗ quirotte der Ritterlichkeit, wie Bonchamp, den Oberbefehl führen, ſo lange wird's ſchlecht ſtehen mit der Sache des Königs und der Religion.“ „Allons! brecht auf, meine Kameraden und Offiziere,“ ſchrie Charette mit wuthzitternder Stimme.„Ich ziehe wieder in die kleine Vendee zurück, und werde ihre Frei⸗ heit noch vertheidigen, wenn Ihr Alle ſchon längſt unter den Kugeln der Feinde oder unter der Guillotine gefallen ſeyn werdet. Ihr ſeyd eitle, hohle Köpfe, und fechtet weniger für das Königthum, als für Euern Stammbaum, Euere Privilegien und Euere Titel. Weichliche Geſellen! Ihr könnt eine Wunde nur vertragen, wenn die Regent⸗ ſchaft ohne Land das Brevet eines Marechal⸗de⸗Camp dar⸗ auf legt, oder das Band eines Ordens, den Ihr nur vor den dummen Bauern tragen dürft, ohne den Strang zu fürchten. Ruft ſo lang Ihr wollt:„Es lebe der König!“— Betet ſo lang ihr wollt vor der heiligen Jungfrau um Sieg und Wiederherſtellung des alten Reichs!— Ich küm⸗ mere mich nicht um Rang und Orden, nicht um Heiligen⸗ bilder und Prieſter, aber ich fechte für die Freiheit des Landes und den Frieden, der allein ein dauerndes Glück macht. Thut was Ihr wollt! Ich gehe zu meiner Armee zurück.“ „Fort! auf der Stelle!“ ſchrieen Viele von der Gegen⸗ partei. „Ihr geht zu weit, Ihr Herren!“ ſprach Larochejaquelein warnend:„Muß ich, der Jüngſte unter Euch, Mäßigkeit und Behutſamkeit predigen? Kaum habt Ihr vereint einen Sieg erfochten und ſchon trennt Ihr Euch wieder zu Euerm Verderben?“ „Wenn Charette für ſich kommandiren darf, ſo wollen auch wir unſere Corps befehligen, ohne auf die Ordres von Chatillon zu warten!“ riefen Sapinaud, Royarand, Deſeſſarts, und viele Hauptleute, welche durch ihre Namen und mit ihrem Geld Bauernhaufen zufammengebracht hatten. Die Verwirrung ſtieg. Geſchrei und Lärmen von allen Seiten. Keiner verſtand mehr das Wort des Andern. Charette 61 wendete ſich mit ſeinem Staabe zum Fortgehen. Stofflet mit den Seinigen hatte auch den runden Hut mit der über⸗ mäßigen Cocarde und dem drohenden Federbuſch aufge⸗ worfen, um ſeinerſeits den Ort zu verlaſſen. Der Herr von Marigny warf ſich Charette in den Weg und beſchwor ihn ſchmeichelnd, zu bleiben.„Weg von mir,“ drohte der gereizte Häuptling mit geballter Fauſt:„Sie ſind ein Achſelträger! Ihre zweideutige Phiſiognomie wird nie bei mir Vermittlerin ſeyn. Bleiben Sie bei jenen Herren, deren Judas Sie vielleicht werden. Ihr Name iſt ſchon eine ſchlechte Vorbedeutung. Ein Marignh iſt bereits bei den Republikanern; Sie werden wohl Ihren Vetter nicht lang allein laſſen.“ Der Beleidigte fuhr erblaſſend zurück und wurde von Bonchamp verdrängt, welcher erhitzt ausrief:„Schämt Euch, Kameraden, in Gegenwart eines Abgeſandten Seiner Groß⸗ brittanniſchen Majeſtät ſolch' ſchmähliches Schauſpiel zu geben! Was ſoll dieſe Macht, bereit, ſich mit uns zu alliiren, bei ſolchen Vorfällen von uns denken? „Was ſie will, zum Henker!“ erwiederte Charette, wie ein Auerſtier brüllend:„Der Teufel hole die Engländer! Euch aber beſſere der Himmel! Adieu!“ Mit dem faſt einſtimmigen Ruf:„Weg mit den Eng⸗ ländern und dem Rath zu Chatillon!“ entfernte ſich dieſe Partei tobend und lärmend. Lescure und mehrere andere der zurückbleibenden, ließen Aeuſſerungen entwiſchen, die der obigen nicht unähnlich waren. Entrüſtet rief, während ſich alles zerſtreute, Larochejaquelein den übermüthigen An⸗ führern nach:„So habt Ihr ſchon den Bund zerriſſen, den Ihr heute erſt geknüpft? Wehe Euch und Uns! Ein P ehrlicher Tod im Gefecht iſt das einzige Glück, was uns noch blüht!“ Er ritt mit Bonchamp unverweilt nach Chatillon zurück, während die übrigen Anführer und Hauptleute in allen Richtungen, wie toll und thoͤricht, nach ihren entlegenen Standquartieren ſprengten. D'Elbée verlor die Zeit im Entwurfe eines Feldzugplans, der nie ausgeführt wurde; Talmont nahm Salz und niederſchlagende Pulver, um ſich von dem Verdruß zu erholen; die Marquiſe betete zum Himmel um glückliche Ausgleichung der bedauerlichen Miß⸗ verſtändniſſe, und Sir Wrake ſuchte den Bord ſeiner Scha⸗ luppe, mehr von der Zwietracht der Königlichen erfreut, als von ihrer Einigkeit. Den nach Chatillon kehrenden Anführern kam aber ſchon bei grauendem Morgen die Botſchaft entgegen, daß der gefürchtete Kleber auf's Neue in's Land gedrungen. Viertes Rapitel. Der Zug über die Lvire. Es ſtanden mehrere Hunderte von Gefangenen in dem Hofe des Arreſthauſes zu Chatillon beiſammen, um ſich an den Strahlen der herbſtlichen Mittagsſonne zu erwärmen. Alle Provinzen Frankreichs hatten ihr Contingent hieher ge⸗ liefert. Die Dialekte des Südens und des Nordens miſch⸗ ten ſich hier brüderlich mit dem Patois des öſtlichen Lothrin⸗ gens, des Jura⸗Departements, und dem Deutſchfranzöſiſch des Elſaßes; mit dem Jargon der weſtlichen navarreſiſchen und baskiſchen Diſtrikte. Die Manieren und Kleidungen der Gefangenen boten eben ſo eine Muſterkarte dar. Der zierlichſte Muscadin ſtand mit dem ſchmutzigſten Jakobiner im Geſpräche, die Uniform neben dem ſeidenen Rock und der Zwillichjacke des gemeinen Mannes. Einige Gruppen waren mit Spielen beſchäftigt; andere ſchlenderten auf und nieder; wieder andere hielten in einem einſamen Winkel eifrige und heimliche Geſpräche; die Luſtigen ſangen patrio⸗ tiſche Lieder, die Traurigen verhandelten bekümmert unter ſich ihre Zweifel und Beſorgniſſe. Unter dieſen Letztern 64 machte ſich ein alter Krieger, deſſen weiße Haare Ehrfurcht geboten, beſonders bemerklich. Er erzählte den jüngern Leuten, die ihn lauſchend umgaben, von dem erſten Empor⸗ glimmen der revolutionären Flamme, von den Hoffnungen, welche damals alle Herzen erfüllt, und von dem ſchnöden Lohne, der den ſich aufopfernden Vaterlandsfreunden werde. „Man wird nimmer einreden können,“ ſprach er unwillig, „daß es eine Vorſehung gebe, und Einen, der Alles leitet. Für eine heiligere Sache, als die der Freiheit, iſt nie ge⸗ kämpft worden, und doch— welchen Ausgang nimmt der Kampf? Seht, meine Freunde; wie ich hier ſitze, habe ich bereits vor vierzig Jahren die Waffen getragen. Ich habe unter dem Marſchall d'Eſtrées in Deutſchland gefochten, mehr als einmal die Wache vor dem Quartier des Prinzen Soubiſe bezogen, der ein tapferer Mann war, obſchon ein ſchlechter General. Es iſt nicht meine Schuld, daß ich nicht unter Rochambeau's Fahnen mit in die neue Welt zog und meine Zeit in einem Gränzfort in den Pyrenäen zubringen mußte. Ein elender Contrebandier ſchoß mir den linken Arm durch, daß der paſſabel ſteif wurde, und mein Kom⸗ mandant brachte mich durch ſeine Fürſprache in's Invaliden⸗ haus. Waren nun gleich Kopf und Beine alt geworden, ſo ſchlug mein Herz doch ewig jung, und mehr als die Erinne⸗ rung verjüngte mich der Sturm auf die Baſtille. Ich war dabei; ich ſollte auf das Volk ſchießen, aber nichts da! Meine Kameraden und ich ſtreckten das Gewehr, und bega⸗ ben uns lieber in die Gefahr, von unſern gereizten Lands⸗ leuten umgebracht zu werden, als daß wir ſie umgebracht bätten.“ 65⁵ „Bravo! Bravo! Ehre dem wackern Veteranen!“ riefen Beifall klatſchend die Umſtehenden. Der Alte fuhr fort: „Es war ſchier um uns geſchehen; aber der brave Hullin hat uns mit Gefahr ſeines eigenen Kopfes gerettet. Doch war es von nun an mir nicht mehr möglich, im Hotel ruhig zu verbleiben. Das Kommißbrod ſchmeckte mir nicht mehr; die Ruhe behagte mir nicht mehr, und ſo dacht' ich, eines ſchönen Tages, daß mein linker Arm noch nicht zu ſteif ſey, eine Muskete zu tragen, und trat als Freiwilliger zu dem Bataillon unſerer Sektion. Wir waren unſerer Zwei, die an einem Tage das Hotel verließen: ich, und ein Teufels⸗ kerl von Marſeille, den man mit ſeinem Feldnamen Sans⸗ Regret rief. Das Schickſal hat mich an den Rhein, dann wieder unter das Kommando des alten Generals Dagobert und gegen die Spanier geführt, und leider Gottes endlich gegen dieſe Hunde von Vendeern, die uns todtſchießen laſſen werden, ehe wir's uns verſehen. Meinem guten Sans⸗Re⸗ gret iſt es beſſer ergangen als mir, und ich wollte, ich wäre an ſeiner Stelle. Es klopfte Jemand dem Sprecher auf die Schulter, er ſah ſich um, und erkannte ſtaunend den jungen Offizier, den man vor einigen Wochen in das Gefängniß gebracht und bis auf den heutigen Tag allein eingeſperrt gehalten hatte. Der Veteran ſtellte ſich in die Poſitur, die einem Militär gegen ſeinen Chef zukömmt, und fragte mit Beſonnenheit: „Was ſteht zu Befehl, mein Offizier?“ „Ihr ſpracht von Sans⸗Regret, von dem Invaliden Sans⸗Regret?“ ſagte der Offizier dringend und lebhaft: „Wißt Ihr näheres von ihm? Es geht ihm gut? Ihr be⸗ greift nicht, daß Ihr mein Wohlthäter geworden ſeyd, durch 66 dieſe Worte. Ihr vernichtet damit einen Kummer, der ſchwer auf mir laſtet.“ „Sehr angenehm, mein Offizier;“ erwiederte der Alte lächelnd:„Wenn es nur dem armen Sans⸗Regret etwas nützte! Daß er beſſer daran iſt als ich, das iſt richtig. Er iſt nicht kriegsgefangen, er muß nicht vor der Caprice dieſer Königlichen zittern, denen es von einem Augenblick zum an⸗ dern einfallen kann, uns eine Kugel vor den Kopf zu jagen. Er leidet nicht mehr Hunger und Durſt im Felde und im Kerker, er friert nicht wie wir, in unſern zerriſſenen Uni⸗ formen und im abſcheulichen Herbſtfroſt. Aber dafür iſt er auch todt, maustodt, und noch obendrein geſtorben für die heilige Freiheit.“ Der Offizier trat verdüſtert einen Schritt zurück und wiederholte mit finſterm Unwillen:„Todt alſo, todt! Lieber Freund; ich hoffte andere Nachrichten zu erhalten. Ihr habt mir nichts Neues geſagt. Schon längſt wußte ich um ſeinen Fall, beweinte in ihm den theuerſten Freund, und beklage ihn, daß er in einem elenden Auflauf zu Grunde gehen mußte, er, der ſchon den wichtigſten Gefechten entgangen war.“ „Den Teufel auch, mein Lieutenant!“ verſetzte der Ve⸗ teran, und hob ſich an ſeinem Stabe ein Paar Zoll höher: „Es war nicht von einem elenden Auflauf die Rede, nicht von einem Gezänke wie zwiſchen den Fuhrleuten in der Straße St. Antoine und an den Beckerläden der Straße St. Denis. Er fiel an jenem Tage, wo Capets Untergang vom Volke beſchloſſen wurde, ehe ihn noch der Confent ab⸗ ſetzte. Sans⸗Regret war mit unter den Patrioten, die, den heldenmüthigen Danton an der Spitze auf dem Marsfelde, . auf dem Altar des Vaterlandes ſelbſt, die Akte unterzeich⸗ neten, welche der Tyrannei den Hals brechen mußte. Da kamen aber der Verräther Lafagette herbei und die Bataillone der ariſtokrotiſchen Sektionen von Paris, und der nieder⸗ trächtige Bailly unterſtand ſich, die rothe Fahne zu entfalten, worauf die Ariſtokraten ſchoſſen, und viele Bürger in ihrem Blute dahin ſtreckten. Ich ſaß gerade dazumal mit einem guten dummen Teufel von Schweizer in einer Schenke, un⸗ fern von der Caſerne von Cvurbevoie. Kömmt ein Grena⸗ dier herein, ein Nationalgardiſt. Seine Stirne blutete, und ſeine Bärenmütze hing ihm zerfetzt um den Kopf her; denn eine Kugel hatte ſie zerriſſen, und die Stirne ſtark geſtreift. Wir kannten uns, und er erzählte fluchend, was ſich auf dem Marsfeld begeben, und daß Sans⸗Regret Einer von den Todten ſey. Ich erſchrack heftig, und mußte dem Men⸗ ſchen glauben, weil er der Sohn eines Thürſtehers im Hotel war, und den wackern Sans⸗Regret gar wohl kannte. Ich lief, was ich konnte, dem traurigen Schlachtfeld zu, und fand die Leiche meines Kameraden zwar nicht mehr, aber dafür eine Menge von dienſtfertigen Leuten, welche die todten Körper theils verſcharrten, theils in die Seine war⸗ fen. Ich fragte einen von den Burſchen:„He da, Du langer Kerl! wo haſt Du meinen Korporal hingethan?“ Der Menſch antwortete und lachte dabei wie ein Affe:„Dort, mein Al⸗ ter, dort wird er von den Fiſchen gefreſſen!“ Er zeigte nach der Seite des Fluſſes. Ich, nicht faul, falle über ihn her, und kriege ihn bei den Ohren. Was nun ferner geſchab, will ich überſpringen. Genng; ich fand mich am nächſten Morgen in der Wachſtube wieder, und die Leute behaupte⸗ ten, ich hätte einen kleinen Rauſch gehabt und mich übel 68 aufgeführt. Dem ſey nun wie ihm wolle,— mein armer Sans⸗Regret war hin, und Niemand von ſeinem Bataillon konnte mir ſagen, wo ſein zerſchoſſener Leib hingekommen.“ Victor, der Offizier, wendete ſich traurig von dem Er⸗ zähler ab, verſchränkte die Arme, und ging nachſinnend im Hofe auf und nieder. Die um den Invaliden verſammelte Gruppe ſah ihm neugierig nach, und der Alte meinte, daß es doch auffallend ſey, einen republikaniſchen Offizier an dieſem Orte zu finden.„Die Royaliſten haben nicht viel von dieſem Wildpret eingefangen,“ ſagte er:„ein braver Sansculotten⸗Offizier erſchießt oder erſticht ſich lieber, eh' er in die Hände der Tyrannen fällt. Mit uns Gemeinen nimmt man's ſchon nicht ſo genau. Und am Ende kommt's auch auf Eines heraus. Ob man auf dem Schlachtfelde oder vor dem Sandhaufen für die Republik ſein Leben läßt, das iſt gleichviel. Meine Wonne iſt nur, daß die ſeidenen Herren dort, mit uns dran glauben müſſen, weil man ſie für verſteckte Republikaner hält. So muß den Schuften von Schuften der Lohn werden. Ich für meinen Theil gehe gern zur Exekution, wenn die Burſche dabei ſind. In großer Geſellſchaft trägt ſich jedes Uebel leicht, und wir fallen doch ehrlicher, als der Verräther von Cuſtine, dem die heilige Guillotine zu Paris das Facit zog.“ Da fingen die Glocken von Chatillon an, langſam und dumpf zuſammen zu ſchlagen, und mitten durch ihre dröh⸗ nenden Schwingungen, wonach im Nu alle Gefangene lauſch⸗ ten, vernahm man das hohle Wirbeln der Lärmtrommeln vom Marktplatz. Eine Todtenſtille erfolgte im Hofe. Die Unterredungen waren abgebrochen, die Spiele verlaſſen; die patriotiſchen Lieder ſchwiegen plötzlich, und die Bläſſe 69 ängſtlicher Ahnung überzog alle Geſichter, das des Veteranen nicht ausgenommen, obſchon er noch vor einem Augenblick den Tod muthig in die Schranken gefordert.„Das iſt das Signal; gebt Acht, man führt uns zum Erſchießen!“ flüſterte es durch die unbeweglichen Reihen, und die ſchauerliche Vorahnung ſchien ſich zu beſtätigen, indem ſich die Thore öffneten, ein ſtarker Trupp von Bewaffneten durch dieſelben quoll, und mehrere Geiſtliche in ihrem Ornat aus der Mitte der Soldaten traten. Einer der Prieſter, ausgezeichnet durch Figur und Würde des Angeſichts, ging mit ſchnellen Schritten auf die Gefange⸗ nen zu, von denen ein großer Theil auf die Kniee fiel, ſelbſt nicht wiſſend, ob hier noch Gnade zu erflehen, oder die letzte Abſolution zu empfangen ſey. Ehmalige Handlungsdiener, Schreiber und Studenten, welche noch nicht die im väter⸗ lichen Hauſe gebräuchlichen Andachtsübungen vergeſſen hatten, ſtotterten Gebete und Bußpſalmen; die verdächtigen in den ſeidenen Röcken umarmten ſich weinend und klagend; die Sansculotten jedoch riefen mit rauhen Stimmen dem auf ſie zueilenden Prieſter zu:„Weg mit der Calotte! Müſſen wir ſterben, ſo geſchieht es für die Freiheit! Die Kugel ift die eigentliche letzte Oelung des Soldaten!“ „Fürchtet Euch nicht, meine Söhne;“ erwiederte der Prieſter mit ruhiger gelaſſener Stimme:„Wir kommen nicht, Euch zum Tode abzuholen. Der obere Kriegsrath hatte Euch im Namen des Königs dazu verdammt, aber, im Na⸗ men Gottes und der Menſchlichkeit haben wir für Euch ge⸗ beten, und die edelſten Frauen dieſer Stadt ihre Fürbitte mit der unſrigen vereint. Verdient jedoch die Wohlthat, die Sußi barmherzige Gott erwieſen, ob Vrrig verirrte Schaafe ſeyd, die ſeinen Segen verſchmähen. Folget ruhig und ohne Widerſetzlichkeit dieſen Männern, die Euch weiter zu führen haben. Bedenkt, daß jeder Widerſtand den ſchnell⸗ ſten Tod zur Folge haben würde, und daß jeder Einzelne für das Leben Aller zu bürgen hat.“ Die Gefangenen ſahen den Redner verwundert an. Hat⸗ ten jedoch ſeine erſten Worte die aufſtrebende Todesangſt der Armen niedergekämpft, ſo ſtieg jetzt ein neuer Verdacht in ihren Herzen empor.„Wir ſind unglücklich, verloren und dahin, wenn wir den gleißneriſchen Worten des Pfaffen fol⸗ gen!“ riefen viele Stimmen in dem Haufen der Gefangenen: „Denkt an die Guichets der Conciergerie und der Abtei! Sobald wir den Hof verlaſſen, metzeln uns die Königlichen nieder!“— Und bei dieſen Worten erblaßte unter den Ge⸗ fangenen mancher wilde Septembermörder, beſchlichen von der bangen Furcht vor Vergeltung. Victor trat muthig aus den Reihen. Er warf einen be⸗ dauernden Blick auf die Zagenden; ſah mit feſtem Auge in des Prieſters Geſicht, faßte deſſen Hand und ſprach:„Sie werden uns nicht täuſchen, mein Herr. Meine Gefährten fürchten ſich vor Hinterliſt. Sind unſere Meinungen gleich verſchieden, ſo baue ich doch in Aller Namen auf die Ehre der königlichen Armee. Laſſen Sie uns aufbrechen, und mein Beiſpiel wird Früchte tragen, wohin uns auch das Schickſal zu gehen befiehlt!“ Seine Erwartung täuſchte ihn nicht. Die gefangenen Soldaten, die einen ihrer Offiziere voranſchreiten ſahen, folgten ihm mechaniſch, und unwillkührlich; eben ſo trat der übrige Troß in die Fußtapfen der Vorgänget. Von fünf i fünf Rotten gingen zwei bewaffnete Royaliſten, mit . geſpanntem Hahne, die Augen ſorgſam nach den Gefangenen gewendet. Vor der Thüre des Hofs gähnten mehrere Kano⸗ nenſchlünde den Transport an. Die Beſtürzung in demſelben erneute ſich, aber die Gefaßteren darunter, erkannten zugleich mit Verwunderung, daß die Verwirrung um ſie her noch größer war. Platz und Straßen von Chatillon waren be⸗ deckt von marſchirenden bewaffneten Corps, von eilenden Volksgruppen. Geſchütz raſſelte über das Pflaſter, der Wa⸗ gen unzählige Menge verſperrte die Kreuzſtraßen. Aber nicht zum Siege eilten die Soldaten, und kamen nicht vom Siege. Das Volk ſtrömte ihnen nicht freudig entgegen, ſondern Alles folgte dem ſchleunigen Rückzug. Häuſer wur⸗ den geſchloſſen, Fuhrwerke bepackt; auf flüchtigen Pferden ſtürmten die Mitglieder des oberen Kriegsraths zum Thore hinaus, und ihrem Beiſpiel folgten die wohlhabenden Fami⸗ lien der Stadt, im bunten Gemiſch der Stände, des Alters, und der Equipagen. Karren mit Akten und anderen Pa⸗ pieren bepackt, zogen ſchwerfällig dahin und hemmten den Lauf der emſig fortſtrömenden Menge. Daneben wurden auf Tragbahren die Heiligthümer der Kirche weggeſchafft, unter einander geworfen wie altes Gerümpel, und um ſie her ächzte der Troß der Kirchendiener. Betrunkene Bauern, die nur durch das Kreuz am Arme oder auf der Mütze ihren Zuſammenhang mit der königlichen Armee verriethen, tau⸗ melten aus den verlaſſenen Kellern der Stadt auf, und brüllten:„Die Hunde der Republik werden bald hier ſeyn! Aber ihnen zum Trotz lebe der König hoch!“— Mütter ſchrieen nach verlaufenen Kindern, fliehende Bäuerinnen nach der auseinander ſpringenden Heerde; die königlichen Offi⸗ ziere vermochten kaum, mit der heißeren Stimme ihre 6* 72 Soldaten bei der Pflicht zu erhalten, und über all dieſes Toben und Lärmen hinaus, wimmerten die Glocken, dröhn⸗ ten die Trommeln, und wenn dieſe einen Augenblick ſchwie⸗ gen, vernahm man aus der Ferne deutlich den Knall der Kanonen. Ein Blick in dieſe Verwirrung gab den gefange⸗ nen Republikanern neue Spannkraft unter den Bajonetten ihrer Wächter. Es war klar: ihre Brüder hatten geſiegt, geſchlagen waren die Vendeer, und der Sitz der königlichen Regierung ſollte den Siegern preis gegeben werden. Die ungebändigten Söhne der Republik ſtimmten die wilde Car⸗ magnole an, um ſelbſt in Feſſeln die Feinde zu höhnen. Die Escorte verſuchte zwar, der Begeiſterung mit Kolbenſtößen Einhalt zu thun, aber der Zwang reichte nicht aus in dem allgemeinen Tumult, der vor den Thoren der Stadt noch ärger wurde, denn zuvor. Es war, als ob das ganze Land auf der Flucht begriffen wäre. Hinter jedem Geſtrüpp, aus allen Niederungen hervor, quollen laufende Menſchenhaufen. Von allen Seiten ſchleppten ſich lange Züge von Fuhrwerken fort. Ringsum war das Land mit Leuten von jedem Alter und Geſchlecht bedeckt, die ihre in der Ferne brennenden Dörfer, oder die einzeln ſtehenden Häuſer verlaſſen hatten, um ſich und ihre Habe in Sicherheit zu bringen. Der allge⸗ meine Andrang des Volks richtete ſich gegen Chollet und Mortagne zu. Wo die Gefangenen durchzogen, wurden ſie von Verwünſchungen aller Art begrüßt. Die vorüberjagen⸗ den Bauern hieben auf ſie los mit ihren Peitſchen; die Wei⸗ ber ergoſſen über ſie die ärgſten Schimpfreden; die Kinder warfen ſie mit Steinen und Koth. Nur eine einzige Be⸗ wegung der Widerſetzlichkeit wäre hinreichend geweſen, alle Republikaner um's Leben zu bringen; ſie duldeten gelaſſen, 73 und riefen ſich ermunternd zu:„Seyd ruhig, laßt die Dummköpfe gewähren. In dieſem Augenblick rächen unſere Brüder unſere Schmach, und der Convent, der geſchworen hat, die ganze Vendee zu Pulver zu zerreiben, wird fürch⸗ terlich Wort halten!“ Der Enthuſiasmus verminderte ſich zwar, als plötzlich mehrere Kolonnen von Gefangenen zu ihnen ſtießen, aber die Neugierde und die Theilnahme tra⸗ ten in ihr Recht.„Woher, Kameraden? Was Neues, Bürger? Willkommen Unglücksgefährten!“ ſchallte es von allen Seiten, und hundertfältig kam die Antwort zurück: „Muth, Muth, Ihr Freunde! Nieder mit den Tyrannen! Chalbos hat bei la Chataigneraye geſchlagen und geſiegt. Weſtermann marſchirt in dieſem Augenblick auf Chatillon. Hatten wir gleich das Unglück, in die Hände der Feinde zu fallen, bevor der Kampf entſchieden, ſo wiſſen wir doch nun gewiß, daß es mit dem Reich der Deſpoten aus iſt!“— Freudetrunken umarmten ſich die Republikaner, und riefen ſich ein herzlich Lebewohl zu, als ſie der Ungeſtüm der Vendeer trennte. Sie hörten nicht mehr die Schimpfreden des Volks, ſondern nur den revolutionären Trompetenmarſch, der in der Ferne erklang, und das Anrücken des Weſter⸗ mann'ſchen Vortrabs verkündigte. Victor wollte verzweifeln, da er wieder die wohlbekannten Töne hörte, und doch gezwungen war, in einer andern Richtung fortzugehen und die Freunde zu fliehen, mit denen er ſich ſo gern vereinigt hätte. Stumm und in ſich ver⸗ ſchloſſen marſchirte er an der Spitze ſeiner Gefangenen⸗ Kolonne, als plötzlich das Pferd eines vorüberſprengenden Reiters dicht neben ihm niederſtürzte, und er mit Erſtaunen den Herrn von Chabran in dem verunglückten Reiter erkannte. 74 Der Marquis machte ſich ſchnell wieder auf, reichte mit weinerlichem Lächeln dem wohlbekannten Victor die Hand und bat ihn, daß er ihm erlaube, ſich eine Weile lang auf ihn zu ſtützen.„Mein Rappe hat den Lohn für ſeinen Kol⸗ ler dahin,“ ſagte er ferner:„Glauben Sie mir nebenbei, Vicomte, daß mein Arm, deſſen Wunde noch nicht geheilt iſt, fürchterlich ſchmerzt. Ich bin Tag und Nacht geritten; ich war bei dem Lescure'ſchen Corps, als es von den Sans⸗ culotten geſchlagen wurde. Verfluchtes Ding um die Sub⸗ ordination! Wäre ich an des Generals Platz geweſen, ich hätte Chatillon beſſer gedeckt. Da war aber nicht zu helfen. Es war, als ob man das„Reiß aus“ als Parole gegeben hätte. Stellen Sie ſich jedoch mein Unglück vor, Vicomte. Gabriele war mein erſter Gedanke. Ich wußte ſie zu Cha⸗ tillon. War es nicht meine Pflicht, ihren Rückzug zu ſichern, ihr Schutz und Hülfe zu verleihen? Nun, rathen Sie, wie ſich Alles machte. Ich komme an, renne nach ihrem Hauſe; es iſt verſchloſſen und öde. Ich laufe zu dem Prinzen von Talmont; er hat ſich bereits davon gemacht. Ich ſprenge mit verhängtem Zügel nach dem Schloſſe der Marquiſe; ſie hat den Weg nach Baupréau eingeſchlagen. Durfte ich einem andern Zuge folgen, als dem der Liebe? Da ſprengt ſich mein Hector die Lunge entzwei, oder irgend ein ander Eingeweide, und ich muß hinken, wie der alte bäßliche Vulkan. Haben Sie meine Gabriele nicht geſehen, beſter Vicomte?“ Victor erwiederte trocken:„Ich muß Sie bitten, mich mit dem Titel zu verſchonen, den ich für immer ablegte, um den Geſetzen meines Vaterlandes zu gehorſamen. Ich 75 müßte ihn nur als einen Spott hinnehmen, und Spott er⸗ trage ich ſelbſt in Ketten nicht.“ Chabran ſah ihn verwundert an, ſchüttelte den Kopf und entgegnete:„Sie werden ſich noch ſehr unglücklich machen; der Adel iſt eingeſetzt von Gott, und Frankreichs Schutzpatrone ſind die Nächſten am Throne des Herrn. Glauben Sie mir: die Zeit muß doch wiederkommen, wo der Convent geſtürzt, und das Ordenskapitel des heiligen Michael wieder aufgerichtet ſeyn wird. Wenn nun alle Diejenigen herangerufen ſind, die ſich um das Königshaus verdient gemacht, und der berühmte Name Dammartin darunter nicht genannt wurde,— welche Vorwürfe müſſen Sie ſich alsdann machen!“ Victor drehte ihm ſchweigend den Rücken zu. Chabran ließ ſich nicht irre machen.„Sagen Sie mir,“ fuhr er fort: „ob die Tugend in einer andern als in der vornehmen Sphäre einheimiſch werden kann. Der Cavalier hat von der langen Reihe ſeiner Ahnen das Erbe alles Schönen empfan⸗ gen. Die Erziehung vollendet, was das reine, unvermiſchte Blut begründet. Ehre und Freundſchaft, Treue und Her⸗ ablaſſung, Frömmigkeit und Barmherzigkeit, ſind das Ei⸗ genthum eines edeln Geſchlechts.“ 8 Victor drehte ſich raſch wieder zu dem Sprecher, und fragte:„Sagen Sie mir geſchwinde, wo Ihr treuer Blaiſe geblieben?“ Chabran ſtutzte, ſtotterte, und mußte endlich bekennen daß er ihn in der Feinde Gewalt zurückgelaſſen. Victor ſagte nun mit bitterm Vorwurf zu ihm:„Und Sie konn⸗ ten die treue Seele vergeſſen, die ſich ganz für Sie 76 aufgeopfert hätte? Gehört eine ſolche Handlung in das Tu⸗ gendregiſter Ihres Geſchlechts?“ Chabran biß ſich beſchämt in die Lippen, und murmelte zwiſchen den Zähnen mehrere Gemeinplätze von Tapferkeit, die nichts berückſichtige, und von blinder Kampfbegier, die in der Schlacht gar wohl eines Untergeordneten vergeſſen könne. Da wurde plötzlich das Gedränge auf der Heer⸗ ſtraße und den Seitenwegen heftiger als zuvor: die ganze Flucht nahm eine ſchnellere Bewegung an, und viele Stim⸗ men riefen durcheinander:„Vorwärts, vorwärts! Rette ſich, wer kann! Weſtermann iſt ſchon in Chatillon einge⸗ brochen! Seine Reiter ſitzen uns auf den Ferſen, und die Königsmörder geben keinen Pardon!“ Durch die Dämme⸗ rung, welche ſich bereits einſtellte, ſah Victor, wie der heldenmüthige Chabran todtenbleich wurde. Der Marquis riß ſich von ihm los, warf einen vorüberreitenden Bauern vom Pferde, ſchwang ſich in deſſen Sattel, und klepperte friſch weg voran, um der Gefahr zu entgehen. Der nie⸗ dergeworfene Bauer hob ſich langſam empor, rieb ſchmerz⸗ haft den Schenkel, und ſchimpfte dem Cavalier derb nach. „Der iſt auch höflicher geweſen, als er meiner gnädigen Frau den Hof machte, und an ihrem Liſch ſpeiſ'te, der arme Landjunker! Damals ſagte er mir immer freundlich: Biſt ein braver Junge, Pierrot, und Niemand wichst meine Stie⸗ fel beſſer als Du. Heute jedoch machen ihn die Sanscu⸗ lotten ſo grob. Hätt' er mir nur zu einer andern Zeit den Gaul genommen, als gerade jetzt, wo ich für die Frau Marquiſe Courier reiten ſoll.“ Die Colonne der Gefangenen machte juſt Halt, weil eine Brücke eingebrochen war, die über einen Graben führte, —— 60 und wieder in Haſt ausgebeſſert werden mußte. Victor be— nützte den Augenblick, um den ſchimpfenden und jammern⸗ den Pierrot zu fragen, wo ſich die Marquiſe befinde. Ade⸗ lens Bild war vor ihn getreten; er ahnte, daß ihr Schick⸗ ſal mit dem ihrer Couſine eins ſeyn müſſe, und beklagte ihr Loos. Pierrot deutete: ohne dem verhaßten Republi⸗ kaner zu antworten, zurück. Einige Fackeln näherten ſich; das Schnauben von Pferden wurde hörbar, und die un⸗ zählige Menge der fliehenden Bauern, noch demüthig im Unglück, machte einem Reiſewagen Platz, der ſchnell daher fuhr, um an der zerbrochenen Brücke zu warten, wie alle Uebrigen. Weibliche Stimmen ließen ſich aus der Chaiſe vernehmen. Mit einer Ueberraſchung, die gleich viel Weh⸗ muth wie Freude mit ſich führte, erkannte Victor die Stimme des Mädchens, deſſen er ſo eben gedacht. Adele tröſtete ihre jammernde Muhme.„Vertrauen Sie doch auf die Vorſehung;“ ſagte ſie:„Sie thaten ſich ja ſonſt ſo viel zu Gute auf den beſondern Schutz des Himmels, der ſich Ih⸗ nen geoffenbart. Hier iſt die Zeit gekommen, die Frömmig⸗ keit zu üben. Wenn der Himmel die Sache ſegnet, wofür Sie leiden, ſo läßt er Sie auch nicht untergehen.“ Hier⸗ auf ergoß ſich die Marquiſe in Klagen über die Ungerech⸗ tigkeit der höhern Mächte, und in Verwünſchungen der Hin⸗ derniſſe, die ſich einer ſchnellen Flucht in den Weg ſellten. Eine Männerſtimme ſprach dazwiſchen; die des Chevalier Bourdon, der, im Gefecht am Arm verwundet, von Gabriele in ihren Wagen aufgenommen worden war. Er ſchalt laut und heftig gegen die republikaniſchen Generale, und heftiger noch gegen die Führer der königlichen Armee.„Der unſe⸗ lige Charette iſt unſers Unglücks Grund!“ rief er:„Dieſer Menſch, der engliſche Hülfe zu verſchmähen ſchien, hat ſich, wie wir hören, mit den Engländern eingelaſſen. Hätte er damals, mit uns vereint, den Feind verfolgt, wir wären nicht hier. Der Teufel hole ihn von Nvirmoutiers, wo er ſich, getrennt von der guten Sache, verſchanzte, wie ein Räuberchef!“ „Was ſteht die Kutſche hier im Weg?“ ſchrie eine Bande von trunkenen Bauern, die ſeitwärts über die Felder daher⸗ gejagt kamen, wie vom Sturm getrieben.„Dort“— ſie wieſen nach einem in der Ferne flammenden Dorfe—„dort ſind die Republikaner eingefallen, dort brennt man unſere Häuſer nieder und mordet unſere Kinder! Was ſollen wir zu Fuße gehen, um das nackte Leben fortzubringen, während die Adeligen, die unſer Elend verſchuldet haben, in be⸗ quemen Wagen fahren?“ Mit dieſen Worten machten ſich die Wüthenden daran, die Räder der Kutſche zu zerſchlagen. Mit einem Schrei des Entſetzens flüchteten ſich die Frauen⸗ zimmer aus dem bedrohten Fuhrwerke. Bourdon, ſo ver⸗ wundet er auch war, ſprang mit gewohnter Lebhaftigkeit auf die Straße, und warf ſich den Trunkenen in den Weg, um die Damen vor Beleidigungen zu ſchützen. Mitten unter dieſem Toben und Schreien ſtanden die Gefangenen wie eine Mauer zwiſchen den Waffen ihrer Führer, und verengten beträchtlich die Straße. Da ſchrie auf einmal eine Stimme vom Graben her:„Der Steg iſt hergeſtellt! Wer herüber will, komme, und laſſe die Bagage zurück!“ Im Nu ſchob ſich die dichte Maſſe vorwärts, Vendeer und Republikaner unter einander. Jeder wollte der Erſte jen⸗ ſeits der Brücke ſeyn. Der ſchwache Steg brach jedoch unter der Laſt der Vorderſten wieder ein. Victor, der in 79 dieſem Augenblicke am Rande der Tieſe ſtand, vermochte nicht mehr, ſich gegen den Drang zu erhalten; er glitt an der Böſchung hernieder, und fing in ſeinen Armen die Marquiſe und Adele auf, die unter Angſigeſchrei denſelben gefährlichen Sprung machen mußten. Halb ohnmächtig ſank Gabriele in dem niedrigen Waſſer zuſammen. Mit beſonnener Kraft hob ſie Victor auf, und trug ſie auf ſeinem rechten Arm zum entgegengeſetzten Ufer, das leicht zu erglimmen war; mit dem linken Arme hielt er die muthigere und kräftig vorſchreitende Adele umſchlungen. Noch wußten die beiden Damen nicht, wem ſie die Hülfe in ſolcher Noth ſchuldeten, und ihr Dank war gränzenlos. Als nun aber die Fackelträger durch das Flüßchen wateten, und es licht wurde am Ufer, ſchlug Gabriele beſtürzt die Hände vor das Geſicht, den abtrünnigen Vicomte erkennend. Adele jauchzte dagegen laut auf, und rief:„Ich danke den Heiligen, daß ich Sie wiederſehe, mein Herr! Hatte man uns doch ſchon Angſt gemacht, indem man uns meldete, daß alle Gefangenen zu Chatillon niedergemacht worden ſeyen! Sie können es glauben: ich habe um Sie geweint, ſo herzlich, wie ich mich jetzt Ihres Lebens freue!“ Gabriele ergriff unwillig die Hand der Couſine, ſah die Freudige mit ſtrafendem Blicke an, und ſagte zu Victor: „Der Dienſt, den uns zu erweiſen, der Zufall Sie berechtigte, ſoll Ihnen nicht unvergolten bleiben. Wenn ich durch meine Fürſprache bei dem Kriegsrathe Ihre Lage mildern kann, ſo ſagen Sie es. Du jedoch, Adele, magſt den unanſtän⸗ digen Ausbruch Deiner Gefühle hemmen, und Dich erinnern, daß Du Deinem Geſchlechte und Deiner Familie Rückſichten ſchuldig biſt.“ 8⁰ PVictor verſetzte mit ſcharfer Betonung:„Ich habe von Ihnen, Madame, nichts zu erbitten, nichts zu begehren, was meine Perſon beträfe. Da Sie den Zufall Ihren Retter nannten, ſo danken Sie auch nur dem Zufall. Mein Platz iſt bei meinen Kameraden, ihr Brod das mei⸗ nige, und ihr Geſchick nicht minder. Was ich jedoch im Namen der Menſchheit von Ihnen verlange, iſt, daß Sie Ihrer Couſine kein Verbrechen aus dem Mitleid machen⸗ das ſie für einen Unglücklichen fühlt. Trage ich gleich die dreifarbige Cocarde, ſo habe ich doch Ihnen gegenüber immer noch ſo viel Stolz, zu glauben, daß ſich Mademviſel'e Adele nicht entehrt, wenn ſie mir die Theilnahme geſteht, die ſie für mich empfindet.“ „Vortrefflich!“ ſpottete die Marquiſe:„Das war noch ein Anklang aus der Zeit, wo Sie es nicht für unanſtändig hielten, ein Cavalier zu ſeyn, und den Namen Ihres wür⸗ digen Hauſes zu tragen; aus der Zeit, wo es Ihnen ge⸗ lingen konnte, in einer Gräfin Espremenil eine Gönnerin zu finden, und in dem Herzen einer Sombreuil Intereſſe zu erregen.“ Der Pfeil hatte nicht übel getroffen. Adele ſchwieg, wie erſchrocken, und Victor nicht minder, nachdem er mit Befremden und mit ausbrechendem Schmerz den Namen Sombreuil wiederholt. „Und wie ritterlich haben Sie Ihre Liebe zu Emilien bewährt,“ fuhr die Marquiſe ſpottend und ſchonungslos fort:„Ihre Schwüre gegen das königliche Haus, Ihre Treue gegen den Gebieter, Ihre Ehre warfen Sie weg⸗ um der Liebe ganz zu gehören. Wie undankbar zeigte ſich Emilie gegen Sie! Das thörichte Mädchen verſchmähte⸗ 81 —— ſeinen Vorurtheilen gehorchend, die Bewerbungen eines Mannes, der ſich heldenmüthig zum Untergang ſeines Vater⸗ landes bewaffnete! Unverzeihlich war dieſes Betragen, und hätte jeden Andern vernichtet; Sie jedoch, mein Herr, zogen es vor zu leben, in das rebelliſche Heer zu treten, und die undankbare Geliebte allen Gräueln zu überlaſſen, den Sie und Ihres Gleichen verſchuldeten. Warum mußte mein Ge⸗ ſchick mich von Paris entfernen? Warum durfte ich nicht ein begeiſterter Zeuge jener würdigen Septembertage ſeyn, wo man wehrloſe Gefangene ſchlachtete, wo gegen den edlen Sombreuil bereits das blutige Beil gezückt wurde, wo nur der Heldenmuth ſeiner Tochter den dem Tod Verfallenen rettete! Wie muß Ihr Herz geklopft haben, da Sie durch Zeitungen oder mündliche Berichte dieſen Zug kindlicher Liebe erfuhren? Welch' eine Gattin müßte nicht dieſe Toch⸗ ter ſeyn?— Aber“— ſetzte die Marquiſe ernſt und ſcharf hinzu—„für den Verräther blüht kein Glück, und wer an dem weißen Paniere frevelte, hat die Hölle verdient.“ Sie wies mit Heftigkeit Adele von dem Platze weg, den Vicomte unter den Händen ſeiner Wächter zurücklaſſend, die ihn fluchend und ſchreiend zu ſeiner Colonne zurückſchleppten. „Verſuch' es noch einmal zu entwiſchen, und meine Kugel fegt Dir das Gehirn aus dem Schädel!“ rief ihm ein königlicher Soldat donnernd in das Ohr.„Gib Feuer, Kamerad;“ erwiederte Victor mit ſtumpfer Gleichgültigkeit; „Ich hänge nicht an dieſem elenden Daſeyn. Weil es Dich jedoch ärgert, will ich mich ſicherlich nicht mehr von meinen Gefährten entfernen.“ So that er auch. Düſter, in ſich ſelbſt verſunken, den ſchmerzlichſten Erinnerungen nachhängend, folgte er mechaniſch 82 ſeinen Mitgefangenen, ſah mit trockenem Auge das Elend dieſes ungeheuern Rückzugs, hörte mit gleichgültigem Ohre die allgemach ſich verbreitenden Gerüchte von den Sie⸗ gen der näherrückenden Republikaner. Willenlos räumte er im Gefolge der Vendeer das Städtchen Mortagne, verließ er bald hierauf Chollet, um ſich nach den Hügeln bringen zu laſſen, die, von Gehölz bewachſen, die Felder von Chollet begränzen. Auf dieſen Gefilden richtete ſich indeſſen Alles zur Schlacht. Kleber, Beaupuy, Chalbos und We⸗ ſtermann breiteten ſich mit ihren Truppen darauf aus. Ihnen gegenüber ſtand die weitüberlegene Heeresmacht der Vendeer. Die Mittagsſonne ſchien erwärmend auf die grünlichen Flu⸗ then des Moine⸗Flüßchens; das Abendroth ſollte ſich in blu⸗ tigen Wellen ſpiegeln. Um Ein Uhr Mittags begann der harte Kampf. Victor und ſeine Leidensgefährten waren am Saum eines Bergwalds gelagert, und ſahen hinab in die Ebene, auf abgemähte Felder, wo der Tod bald noch eine Aernte halten ſollte, auf Chollet's Schloß, aus deſſen Fen⸗ ſtern eine dreifarbige Fahne wehte, auf das Städtchen, wo die Republikaner, obgleich ſchon zur Schlacht gehend, einen neuen Freiheitsbaum pflanzten, und auf die düſtern Men⸗ ſchenmaſſen mit blinkenden Gewehren, wehenden Fahnen, Federn und Schärpen, die ſich langſam, Frarzoſen gegen Franzofen, näherten, um ſich zu vernichten. Endlich zuckten die erſten Blitze aus den ehernen Schlünden über das Blachfeld hin. Der Donner der Schlacht begann zu grollen, und eiſern umarmten ſich die Kämpfer. Der wüthende Schlachtruf:„Es lebe der König!“ überſchrie die Carmag⸗ nole der Feinde, und, von allen Seiten zuſammenſtürmend, wie eine ſich zuſammenringelnde Schlange, fielen die Royaliſten in die Bataillone ihrer Gegner, faßten ſie mit der an ihnen gefürchteten Wildheit, und warfen ſie zurück bis an die Ufer der Moine. Unfern von Victor hielten die Mitglieder des Vendeeſchen Kriegsraths auf ihren Pferden. Aengſtlich hatten ſie den Kampf beſchloſſen, zu dem nur der muthige Bonchamp ſie beſtimmt hatte; übermüthig, wie gewöhnlich, wurden ſie, als der Streit ihnen günſtig zu werden ſchien. Boten über Boten flogen heran, geſendet von den Führern der Schlacht.„Wir ſiegen im Centrum,“ ſchrie der Eine; „der General Beaupuy iſt gefallen,“ berichtete der Andere; „Haxo iſt in voller Flucht!“ meldete ein Dritter.—„Laßt nicht nach! Vertilgt die Königsmörder!“ hieß die Antwort des Prinzen von Talmont; und mit neuer Wuth fiel die Reſerve der Vendeer, wie ein Gewitter, durch die mit Rauch und Dampf gefüllte Ebene dringend, die Diviſion des Chalbos an, die aus Chollet hervorrückte, um den Patrioten Hülfe zu bringen. Die viertauſend Mann, ein Corps der ſchlecht diſciplinirten Armee von la Rochelle liefen auseinander, wie ſie die Feinde gewahrten. Der Augenblick war entſcheidend, aber Kleber war der Len⸗ ker der Schlacht, und Marceau, ſein treuer Freund, be⸗ trat mit den Seinigen das Feld.„Steht! kehrt zurück, Ihr Schurken!“ ſchrieen die beiden Generale den Flüchtlingen, wie Stimmen des jüngſten Gerichts, in das Ohr:„Eine ſchimpfliche Deſertion nützt Euch nicht; wer hier dem ehr⸗ lichen Soldatenſtand davonläuft, fällt hinter der Armee unter der Guillotine!“— Die Feldflüchtigen ſtutzten, aber größer wurde ihr Schrecken, als Marceau's Colonnen ſich öffneten, und eine Reihe von Geſchützen daraus hervorfuhr, die gähnenden Schlünde gegen Feind und Freund wendend, 84 und als der tapfere Repräſentant Merlin, die brennende Lunte in der Hand⸗ betheuerte, daß er nicht zögern werde, nieder zu ſchießen, wer fortan ſeine Fahne verließe. Die Republikaner ſammelten ſich auf's Neue; das Beiſpiel der Diviſion Vimeux, die noch immer ſtandhaft in ihrer Poſition aushielt, erweckte wieder ihren Muth. Zu gleicher Zeit lam Beaupuy, dem drei Pferde unter dem Leibe erſchoſſen worden waren, und deſſen Tod man ausgeſprengt hatte, abermals zum Vorſchein. Er trieb die Soldaten des Chalbos wie eine Avantgarde vorwärts in den Feind, und Marceau's Kartätſchenfeuer ſchmetterte mit jeder Salve Hunderte von Vendeern nieder. Dieſe unglücklichen Leute, gegen welche die treuloſe Bellona ſo unvermuthet feindlich das grinſende Antlitz kehrte, widerſtanden kräftig. Zu wiederholtenmalen ſchloßen ſie wieder die Reihen, und füllten die Breſche, welche die Kugeln der Gegner anrichteten. Endlich mußten ſie dem Unglück unterliegen, und in einem Nu war der ſchaudervolle Tag entſchieden. Alle Anführer der König⸗ lichen waren, bereits in früheren Gefechten verwundet, in's Treffen gegangen. Nun ereilte der Tod unverhofft zwei der Wichtigſten. d'Elbée ſtürzte tödlich verwundet vom Pferde, und wurde aus der Schlacht gebracht; der edle Bonchamp theilte mit dem Generaliſſimus daſſelbe unglückliche Loos. Er wurde von ſeinen treuen Soldaten auf die Straße von St. Florent getragen, wohin in wilder Unordnung die achzigtauſend Vendeer, ſo Männer als Weiber, die von der Schlacht zu Chollet entkamen, nachdrängten. Jede Stellung wurde verlaſſen, die allenfalls noch einigen Vortheil gewährt hätte. Die Patrioten rückten in Beaupréau ein, ohne einen Schuß zu thun, und während ſie behutſam ihre Vorpoſten 85⁵ gegen die Loire vorſchoben, ſtarb der Vertheidiger der Vendee, Bonchamp, an ſeinen Wunden. So wie ſein Leben für die Sache der Königlichen eine unſchätzbare Stütze ge⸗ weſen war, ſo ſchien auch noch ſein Tod die Unglücklichen retten zu ſollen. Er war der Einzige von den Führern ge⸗ weſen, der einen unglücklichen Ausgang des Treffens für möglich gehalten, und daher ein Corps von viertauſend Mann nach Varades beordert hatte, um den Rückzug über die Loire nach der Bretagne zu decken. Mit brechenden Augen und erlöſchender Stimme entdeckte er, neben der Straße auf einer Matraze hingeſtreckt, umſchlungen von ſeiner edeln, in Thränen zerfließenden Gattin, den übrigen An⸗ führern obige Fürſorge. Zähren des Dankes benetzten ſeine erkalteten Hände, und Larochejaquelein rief verzweifelnd aus: „In dieſem Manne ſtirbt der erſte Held Frankreichs, und der einzige vielleicht, der, allem Eigennutze fremd, die Fahne ſeines unglücklichen Königs geſchwungen!“—„Seinen Manen ſoll ein furchtbar herrliches Todtenopfer gebracht werden!“ ſchrie dagegen der Ritter d'Autichamp, ſeiner Wildheit den Zügel laſſend:„Der blasphemirende Convent hat beſchloſſen, daß die Vendee nicht mehr ſey? So wollen auch wir ausrotten, was von dem rebelliſchen Geſchlechte in unſere Hände fiel. Dort ſtehen fünftauſend Gefangene, und höhnen unſer Unglück durch ihre triumphirenden Mienen. Schießt ſie nieder, getreue Diener des Königs, als eine würdige Hekatombe für unſern ſterbenden Freund, und auf dem Donner Euerer rächenden Waffen entſchwebe ſeine Seele zum Paradies!“ Wie ein elektriſcher Schlag wirkte dieſe Rede auf die erregten Gemüther der Menge. 55 von einem . 86 wüthenden Taumel befallen, lief Alles zu den Waffen, luden Alle ihre Büchſen; tauſend Flinten waren im weiten Halbmond auf die verurtheilten Republikaner angeſchlagen, und dieſe erwarteten, während die Männer der Vendee ihnen fluchten, und die gefühlvollern Weiber ſie bemitleideten, mit ruhiger Haltung den ſichern Tod.— Da entdeckten die bebenden Lippen der Gattin dem ſterbenden Bonchamp, was ſich in ſeiner Nähe begiebt, und der Unwille, der gerechte Zorn, facht noch einmal die Lebensflamme des Helden empor. Er ſtrebt auf von ſeinem Lager, und winkt mit zitternder Hand diejenigen herbei, die er bis jetzt ſeine Freunde, ſeine Brüder genannt.„Was habt Ihr vor?“ fragte er mit dem bitterſten Vorwurf in den bleichen, entſtellten Zügen:„Soll eine fluchwürdige That mein redliches Leben beſchließen? Wenn Ihr mich jemals geliebt, wenn Ihr iemals treue Diener Euers Königs geweſen, o, ſo erinnert Euch des Beiſpiels, vas ich immer gegeben, des Teſtaments, welches der Mär⸗ tyrer Ludwig hinterließ! Vergebet, und Euch wird ver⸗ geben werden! Ich dank' Euch nicht für all' den Ruhm, den Ihr freigebig meinem Namen ſpendet, wolltet Ihr da⸗ bei beharren, mein Grab mit dem Blut dieſer Tauſende zu beflecken! Laßt ihnen das Leben; thut mehr: ſendet ſie zurück den Ihrigen⸗ die unnütze beſchwerliche Laſt. Zeigt Euern Feinden, wie die Ritter des Königs, wie katholiſche Kriegsleute handeln! verſprecht es in meine erſtarrte Hand, damit ich Euch jenſeits wieder fröhlich begrüßen kann, wenn Ihr, verblutet für die gute Sache, hinaufſchwebt zu den Himmeln!“ Eine Stille, wie die des Grabes, hatte ringsum bei dieſen Worten geherrſcht. Nur in der weiteſten Ferne —. —,—— —,—— — 87 knallten von Zeit zu Zeit dumpfe Kanonenſchüffe, denjenigen gleich, die bei dem Leichenzuge eines berühmten Kriegers von Minute zu Minute abgefeuert werden. Bleich und weinend umringten die Hauptleute das Lager des Ster⸗ benden, und die Thränen ihrer Angen, vermiſcht mit dem Blut ihrer Wunden, rannen traurig hernieder auf die rothen Feldbinden. Einen Augenblick lang ſchien die Antwort der Führer unſchlüſſig. Die Rache war ja ſo leicht, ſo ſüß. Ein Blick von Larochejaquelein, eine flehende Geberde von der Gattin des ſterbenden Helden, und ein letztes, dringen⸗ des:„Nun?“ aus deſſen blaſſem Munde gaben den Aus⸗ ſchlag. Die Führer nickten mit dem Haupte, und alle legten ihre Hand in die des ſcheidenden Freundes, und ringsum flatterten weiße Tücher in die Luft, und unter dem tauſend⸗ fältigen Ruf:„Pardon! Pardon den Gefangenen! Es lebe der König!“ entſchlummerte der treue Bonchamp, lächelnd, zufrieden, in dem Schvoße ſeiner ſchluchzenden Gefährtin. Sein Wort wurde heilig gehalten. Larochejaquelein ließ auf der Stelle die Colonne der Gefangenen, über viertauſend an der Zahl, nach Beaupréan abgehen. Die edle That des königlichen Anführers hatte die Patrioten ſelbſt ſo ſehr erſchüttert und gerührt, daß ſie mit dem lauten Vivat, welches ſie der Republik brachten, auch den Namen Bon⸗ champ verbanden, und ihre Retter preiſend in Beaupréau einzogen. Das Bewußtſeyn, der drohendſten Gefahr den Rücken gekehrt zu haben, begeiſterte Jeden der Freigelaſſe⸗ nen. Für Victor war das Leben und die Freiheit das min⸗ dere Geſchenk, welches ihm das Schickſal zugeworfen. Aber, ſo oft er es konute, öffnete er ein Briefchen, das ihm Adele zugeſteckt, als er an dem Wagen der Marquiſe * 88 vorbeigegangen war, unbemerkt von Gabriele, aber erwartet von Adele! Die wenigen Zeilen des mit Bleiſtift geſchrie⸗ benen Billets lauteten:„Man ſchenkt Ihnen Leben und „Freiheit; ich bin ſelig. Wir ſehen uns nimmer wieder, „und gewiß ſinde ich den Tod in der Bretagne, oder auf „dem Meere, dem ſich die Baſe anvertrauen will, um nach „England zu fliehen. Grüßen Sie meinen Vater von ſeiner „ſterbenden Lochter, und, iſt Ihnen die Bitte eines armen „Geſchöpfes wie ich bin, nicht gleichgültig, ſo verſagen „Sie Gabrielen nie Ihren Schutz, wenn ihr Schickſal ſie „in Gefahr bringen ſollte. Adele.“ Während dieſer Brief in den Händen, auf der Bruſt Victor's lag, flüchtete die Schreiberin deſſelben mit der Marquiſe über die Furthen zu Varades, ein fremdes Land betretend, wo der Bürgerkrieg erſt erzeugt werden mußte. Das Elend der über die Loire Schiffenden war gränzenlos. um achtzigtauſend Menſchen an das jenſeitige Ufer zu ſchaffen, ſtanden nur etwa zwanzig Barken bereit. Die trübſten Gedanken bemächtigten ſich während des Ueber⸗ gangs aller Gemüther. Larochejaquelein, der heftig darauf beſtanden war, auf dem linken Ufer zu bleiben, und ſich eher niederhauen zu laſſen, als in eine fremde Provinz zu ziehen, überſtimmt und gerührt von dem Zuſtand ſeiner tödtlich verwundeten Freunde Lescure und d'Elbée, hatte endlich zu Allem ſeine Einwilligung gegeben. Doch ver⸗ hehlte er ſich nicht, und nicht ſeinen Freunden die verzweifelte Lage der königlichen Sache, und erwartete nur noch einen ehrenvollen Tod von der Hand der Republikaner, die faſt zugleich mit den Königlichen über die Lvire ſetzten. — ———————————————— —— — — ,——— Fünftes Rapitel. Die Schlacht bei Mans und die Hütte in der Nieder⸗Bretagne. Die Trommeln wurden gerührt, das Wachtpiket trat un⸗ ter die Waffen, der Bataillonschef, als Präſident des Kriegs⸗ gerichts, las das Endurtheil vor, welches den Lieutenant Victor von aller Schuld frei ſprach, und im Triumph wurde vieſer von ſeinen Kriegsgefährten nach Hauſe geführt. Mar⸗ ceau war der erſte von ſeinen Obern, der ihm Glück zu wünſchen kam, ſich an ſeine Bruſt warf, und freundlich in ihn drang, ſeine Bruderliebe anzunehmen. „Ich gab Dich verloren,“ ſprach der General:„Wie vank' ich es der wunderlichen Lenkung des Kriegsglücks, daß Du dem augenſcheinlichen Tode entkommen! Ich habe nie an Dir gezweifelt. Mochten die einfältigen Rrpräſen⸗ tanten Dich verhaften, Dich beſchuldigen, Deine Pflicht nicht gethan zu haben: ich bürgte für Deine Rechtfertigung.“ Victor erwiederte ernſthaft:„Wahr iſt es doch, daßz ich noch nicht begreifen kann, wie es geſchieht, daß ich noch lebe, daß ich frei bin. Ich zitterte vor dem Groll mei⸗ ner Verfolger, vor dem Ausbleiben jedweden günſtigen Zeug⸗ niſſes; all' meine Gefährten auf jenem Poſten ſind ja todt. 90 Doch nein; ich zitterte nicht, weil mir vielleicht der Tod er⸗ wünſcht gekommen. Ich war gefaßt, und erwartete ruhig, ob man meiner einfachen Ausſage trauen, ob man glauben würde, daß ich mich nicht feig den Königlichen ergeben habe. Wie erſtaunt' ich jedoch, als ich zu meiner Rechtfertigung die bärtigen Grenadiere vortreten ſah, die jenen Rückzug mitgemacht, den ich zu beſchützen hatte. Wie ſtaunte ich, als ſie unerſchrocken die Ausſage der Vendeer wiederholten, die ihnen damals auf dem Fuße gefolgt, von ihnen gefangen worden waren, und bevor man ſie füſilirte, bezeugt hatten, daß alle Vertheidiger der Brücke zu Boden geſtreckt waren, ehe ſie dem Mainzer Corps nachgezogen. Ich war gerettet; doch weiß ich nicht, ob ich dem Glück für dieſe Wohlthat danken ſoll.“ „Ein braver Soldat erwartet Alles von der Zukunft;“ verſetzte Marceau mit dem muthigen Blick, der ihm ſo eigen war:„Muß es geſtorben ſeyn, ſo geſchehe es lieber unter den ſiegreichen dreifarbigen Fahnen, als auf dem Sandhau⸗ fen. Wer weiß, zu welchen großen Dingen Du nicht beru⸗ fen biſt? In Revolutionen gehen der Menſchen Wege ſon⸗ derbar durcheinander. Wollte Gott, wir könnten die unſrigen neben einander ziehen! Doch wünſche ich Dir eine längere Straße, als ſie mir beſchieden iſt;“ ſetzte er lächelnd hinzu: „Ich war ein Bube von fünfzehn Jahren, als ich der Schule entlief, um Soldat zu werden, und kaum hatte ich den Sä⸗ bel über die Schulter hängen, als ich ſchon mit einigen meines Gelichters eine Kartenſchlägerin aufſuchte, die uns für den mäßigen Preis von fünf Sous, die Zukunft prophe⸗ zeihen ſollte. So oft einer meiner Kameraden an die Reihe kam, ſchüttelte die Alte den Kopf, tippte auf die Karten und 91 — ſchob die Neugierigen von ſich, mit den Worten:„Pulverfraß! Pulverfraß! Der Feind wird Euch den Mund mit Staub ſtopfen, ehe Ihr's noch zu Unteroffizieren gebracht.“ Ich war der Letzte. Bei mir lautete es anders. Sie zog mir einen Reverenz und ſagte:„Das laſſ ich gelten, Du junger Re⸗ krut. Der Generalshut wartet auf Dich, und Du wirſt viele Schlachten glücklich durchkämpfen, bis an einem großen Fluß auch für Dich eine Kanone geladen wird. Benütze die Zeit⸗ denn mehr als ein Dutzend Jahre dürften Dir nicht beſchie⸗ den ſeyn.“ Wir lachten ihr ins Geſicht, und vergaßen bald, was ſie geſprochen. Vor einigen Tagen erſt dachte ich wieder an die Kartenſchlägerin. Die Repräſentanten überreichten mir auf dem Platz des Treffens das Generalspatent. Da ſiel mir ein, daß alle jene Kameraden ſchon längſt auf dem Schlacht⸗ felde gefallen, daß ſeit jenem Abend acht Jahre vergangen, und daß die Loire nicht fern iſt. Ich wünſchte nur, zu Deiner Beförderung mitzuwirken, bevor der Feind für mich die Ka⸗ none ladet. Du Armer theilſt ja trotz Deiner Tapferkeit, das Unglück der Kriegsgefangenen, die nicht avanciren. Sey ruhig indeſſen. Es muß nächſtens wieder ein heftiger Schlag gegen die Vendeer gethan werden, und wenn ich Dich als⸗ dann nicht mehr zum Kapitän vorſchlagen kann, ſo thut es mein Bruder Kleber ganz gewiß an meiner Statt.“ „Keine ſchwermüthigen Träumereien, General!“ rief ihm Victor gutmüthig zu:„Du biſt ein junger Held, und der Jugend iſt das Glück günſtig. Während wir Andern unſere Namen ſchamhaft verbergen müſſen, weil ſie an die Zwing⸗ herrſchaft mahnen, geht der Deine und der Deiner plebeji⸗ ſchen tapfern Brüder wie ein heller Stern zum Firma⸗ ment empor. Möchteſt Du einer Derjenigen werden, denen 92 vorbehalten iſt, Glück und Friede in das zerriſſene Vaterland zurückzuführen!“ Marceau lächelte zweifelnd, und entgegnete beſcheiden: „Für ein ſo ſchönes Lvos ſind meine Kräfte nicht hinreichend. Ich verſtehe nur Soldat zu ſeyn, und das ehrliche Todes⸗ loos eines Soldaten iſt mir angenehm. Ich hänge ja mit Niemand auf der Welt zuſammen, als mit meinen Waffen⸗ brüdern. Ich bin meinen Verwandten fremd geworden, und habe der Liebe Regungen nie gekannt. Was läge alſo dar⸗ an, wenn ich früh hinweg gerafft würde? Ich wünſche mir nur den Soldatenlorbeer auf mein Grab, und hoffe, daß mein Kleber das Werk beginnen werde, von dem Du geſpro⸗ chen. Er, der Rieſe an Körper und Geiſt, iſt dazu gemacht, und würd' ich unſerm Vaterland jemals einen Herrſcher wünſchen, ſo wäre es dieſer tapfere, edle General!“ Der Genannte trat ſo eben in's Gemach. Seine Schritte waren haſtig, ſein Auge blitzte, und die Art, mit welcher er ſeinen Säbel in der Linken trug, verkündete, daß ein großes militäriſches Vorhaben ihn beſchäftige. Er grüßte freundlich im Vorübergehen den Lieutenant, näherte ſich Marceau, und ſagte mit ſeiner gewaltigen Stimme, ihn auf die Schulter klopfend:„Endlich dringen wir durch! die Sache bekömmt einen lebhaftern Schwung! So eben hat Merlin den elenden Tropf, den Lechelle, nach Nantes ge⸗ ſchickt. Er iſt ſuspendirt, die Abſetzung wird auf dem Fuße folgen, und der Arreſt hinterdrein. Der Dummkopf ſollte füſillirt werden, ſchon allein wegen des Tages von Laval, wo er ſo viele brave Patrioten hinopferte, um majeſtätiſch und in Maſſe zu marſchiren. Roſſignol muß ebenfalls nach Rennes abgehen, obſchon der elende Prieur, der ſchmutzige 93 Repräſentant, ſeine Beibehaltung forderte. Du endlich, Marceau, mußt den Oberbefehl übernehmen. Du mußt's um des Vaterlands willen, um unſerer Ehre willen. Schlag' ein, und ich melde es den Repräſentanten, und wir brechen los, und endigen dieſen abſcheulichen Krieg, der ſich ſtets neu verjüngt, gleich den abgeſchlagenen Köpfen der Hyder.“ Marceau weigerte ſich faſt erſchrocken, die gefährliche Ehre anzunehmen. Kleber hörte nicht auf, mit ſieghafter Ueberredung in ihn zu dringen. Endlich ſagte er ihm mit rauher Biederkeit:„Du biſt ein Starrkopf, und wenn meine Bitte Dich nicht bewegt, ſo höre mich ferner an. Der Wohl⸗ fahrtsausſchuß hat Dir bereits den Oberbefehl übertragen. Wir, die Generale von Mainz, ſind alle abgeſetzt. Doch wäre es Dir erlaubt, Dich meiner vor der Hand noch zu bedienen. Wähle nun, wähle zwiſchen der Hoffnung, Frank⸗ reich einen Dienſt zu leiſten, und dem Tode, der ſicherlich Deine Weigerung belohnen würde. Soll ein Chalbos, der wilde Reiter Weſtermann, oder der gefühlloſe Huchet den Kommandoſtab ergreifen? Entſcheide ſchnell: das Schickſal der ganzen Armee liegt in Deinen Händen.“ Marceau ſtand wie erſtarrt. Indeſſen bedachte er ſich nicht lange.„Du abgeſetzt?“ fragte er mit erſchütterter Stimme den Freund, der verächtlich lächelnd hierauf die Ach⸗ ſeln zuckte. Dann reichte er ihm beide Hände und erwie⸗ derte mit männlicher Feſtigkeit:„Das Schickſal will raſch mit mir enden; die Oberfeldherren der Republik beſchloſſen ihre Laufbahn nie glücklich. Jedoch, Du wünſcheſt, daß ich die Würde annehme, und ſo ſey es. Unter einer Bedingung nur: ſie müſſen Dich an meiner Seite laſſen. Hiermit nehme ich alle Verantwortung und alle Gefahr auf mein Haupt, und will Deiner Klugheit überlaſſen, das Vaterland zu retten.“ Kleber umarmte ihn, küßte ihn und rief:„Sey ruhig, mein guter, junger Freund! Ich werde in Deinem Namen Alles ordnen; wir wollen zuſammen fechten, uns zuſammen guillotiniren laſſen! Jetzt aber keine Zeit verloren. Die unſelige königliche Armee hat ſich der Städte La⸗Fleche und Mans bemächtigt. Der Haufe mag im Ganzen dreißigtau⸗ ſend Streiter zählen. Das Uebrige iſt der Troß, ſind die Weiber, die Greiſe, die Kinder, welche die bäuriſchen Sol⸗ daten zur Verzweiflung bringen. Wie gerne ſchonte ich die⸗ ſer Unglücklichen! Aber die Verblendeten wollen nicht Scho⸗ nung, ſie wollen den Tod. Er werde ihnen. Ehe vierzehn Tage vergehen, müſſen ſie vernichtet, oder in's Meer gejagt ſeyn. Vor Allem iſt es nöthig, Mans zu gewinnen, deſſen Einwohner der königlichen Sache anhängen. Darum laß die Trommeln ſchlagen, laß die Fahnen entfalten, laß den ungeſtümen Weſtermann mit ſeiner Vorhut losbrechen! Jeder Augenblick iſt verloren, der nicht dem Ruhme gehört!“ Die Begeiſterung des Giganten theilte ſich dem leiden⸗ ſchaftlichen Marceau ſchnell mit. Zwiſchen den beiden Ge⸗ neralen wurde binnen wenig Minuten der Plan der fernern Operation entworfen, Victor wurde zum Adjutanten Mar⸗ ceau's ernannt, und des nächſten Dezembertages Morgen⸗ ſonne fand die republikaniſche Armee in vollem Anmarſch auf Mans. Weſtermann, der nie Zögernde, fiel mit grim⸗ miger Wuth die ſchwachverwahrte Stadt an, erſtürmte ſie mit ſeiner Avantgarde und warf die Vendeer hinaus. Die Königlichen ſammelten ſich jedoch unter den Mauern der Stadt; Larochejaquelein befehligte ihr erſtes Treffen, das zweite Stofflet. Sie verſuchten um jeden Preis Mans wieder zu gewinnen, und es gelang ihrer Hartnäckigkeit. Die Republikaner hatten ſich noch nicht in ihren Quartie⸗ ren feſtgeſetzt, als ſchon wieder den Königlichen von Leuten, die mit ihnen im Verſtändniſſe waren, die Thore geöffnet wurden. Unaufhaltſam drang der Strom der Feinde hin⸗ ein, und jagte die Patrioten mit Uebermacht auf der Straße, wo ſie gekommen, zurück. Weſtermann's Corps zog ſich nach dem Centrum, welches Marceau befehligte. Der Ober⸗ general wurde wüthend über den vereitelten Erfolg. We⸗ ſtermann's Ungeſtüm entflamnite auch ihn. Nachdem er einen Augenblick geſchwankt, ob er ſeiner Heftigkeit folgen, oder den kaltblütigeren Kleber, der mit dem Reſt des Heeres noch zurück war, erwarten ſollte, entſchloß er ſich, in We⸗ ſtermann's Gedanken einzugehen, und auf der Stelle, obgleich mitten in der Nacht, die verlorene Stadt wieder zu erobern. Während ſich die Truppen im Eilmarſch in Bewegung ſetz⸗ ten, flog Victor auf einem ſchnellen Renner dem langſam heranziehenden Kleber entgegen, um ihn zur Beſchleunigung ſeines Marſches und zur Unterſtützung ſeines Freundes auf⸗ zufordern. Er führte in größter Eile ſeinen Auftrag aus, und ſprengte wie ein Raſender zurück, mit Kleber's Zuſage verſehen. Es war eine kalte düſtere Nacht, in der es nur auf Augenblicke Licht am Himmel wurde. Die Straße war ausgefahren und ruinirt. Keine Seele ließ ſich rechts und links hören und vernehmen. In der Ferne jedoch, dort, wohin des Roſſes Hufe ſtrebten, tönte in weinerlichen Klän⸗ gen ſchon der Sturmglocken Geheul. Der Knall des Ge⸗ ſchützes drang dumpf durch die Nebel der Nacht, und hie und da am Horizont zuckten Flammen von brennenden Häuſern 96 auf, oder Signalraketen, welche die überfallenen Ven⸗ deer in die Lüfte ſchickten, um ihre in der Umgegend zer⸗ ſtreuten Corps von ihrer Gefahr zu benachrichtigen. Das Pferd trug ſeinen Reiter dem gräulichen Kampfplatz immer näher; denn gräulich iſt das Treffen zu nennen, welches in engen Straßen, zwiſchen hohen Häuſern wüthet, weil jedes Haus eine Feſtung wird, jede Gaſſe zum mörderiſchen Hohl⸗ weg, Freund und Feind ſich nicht erkennt, und wie blind ſelbſt Diejenigen mordet, die zum eigenen Paniere halten. Der kühn entworfene Angriff hatte geglückt. Mord und Tod raſ'te durch die Stadt. Auf der einen Seite kämpfte der Entſchluß, um jeden Preis zu erobern; auf der andern die Begierde, um jeden Preis zu bewahren. Die Royaliſten waren halb nackt den Häuſern entſprungen, fochten wie Verzweifelte, hatten mit ihrer Wagenburg die engers Gaſſen verſperrt, und hielten den hereindringenden Sanseulotten kräftigen Widerpart. Die Maſſen der Streitenden ſchoben ſich ſo eng zuſammen, daß kein Schuß mehr gethan werden konnte. Das Bajonet und der Säbel mordeten auf dem engen Schlachtfelde. Aus den Fenſtern geſchahen jedoch häufig Schüſſe gegen den republikaniſchen Feind, und die Weiber, die Kinder der königlichen Kämpfer, wie auch die mit ihnen vertrauten Bürger der Stadt, ſchleuderten Balken und Steine auf die Patrioten, die zuſammengekeilt ſtanden, ohne ſich rühren zu können, während ihr Vortrab nur müh⸗ fam Schritt für Schritt weiter drang. Indeſſen machten ſich die Reiter auf den breitern Straßen ſchneller und kräf⸗ tiger Raum. Sie jagten mit verhängten Zügeln die Scha⸗ ren ihrer Gegner nach dem großen Platze, deſſen Seiten⸗ gaſſen an ihren Mündungen bald von Marceau's Infanterie —— 97 beſetzt wurden, um den eingeſchloſſenen Royaliſten keinen Ausweg mehr zu gönnen. Im Umkreiſe der Stadt ſchlugen ſich in Moraſt und Dunkel die Eclaireurs der Republikaner mit den vereinzelten Vendeerhaufen, die ſich zaghaft nähern wollten, um ihren bedrängten Brüdern Hülfe zu bringen. Victor konnte nur mit äußerſter Mühe, an mehreren Nach⸗ züglerbanden, die ſich damit abgaben, die Häuſer und die Todten zu plündern, wie auch an fliehenden Vendeertrupps, die, den Parthern ähnlich, noch gefährlich fochten, vorüber⸗ ſprengend, den General Marceau erreichen. Er fand ihn, an der Ecke eines Hauſes haltend, deſſen vorſpringender Erker ſein Haupt vor den niederſtürzenden Steinen ſchützte. Er ertheilte zwar kaltblütig ſeine Befehle, aber eine gewiſſe Unruhe war in ihm nicht zu verkennen, und er fragte heftig nach dem Erfolge von Victor's Sendung. Als ihm dieſer nun berichtet, daß keine offenſiven feindlichen Corps im Rücken ſtänden, und daß Kleber vor Tagesanbruch da ſeyn wolle, leuchtete Fröhlichkeit auf ſeinem Geſichte, und er rief in die Hände klatſchend:„Es lebe die Republik, meine Freunde! Die Kühnheit führt zum Sieg; unſer Rücken iſt frei, Kleber vor den Thoren, und ein tapferer Angriff ge⸗ nügt, um die Feinde in's offene Feld zu ſchlagen!“ Mit dieſen Worten entblößte er ſein Haupt, ſteckte den befieder⸗ ten Hut auf die Spitze ſeines Säbels, und ſprengte mit lautem„Vorwärts! Marſch!“ in den beſtürzten, verlorenen Feind. Eine auserleſene Truppe von Grenadieren ſchaarte ſich um ſein Pferd; ihre Bajonette machten Platz. Große Strohbüſchel, die aus den Häuſern herbeigeſchleppt wurden⸗ beleuchteten, in Flammen geſetzt, die ſchauderhaften Auf⸗ tritte des finſtern Wintermorgens. Wie in ein Feld voll 98 Aehren fielen die Sieger in die Ueberwundenen. Was die Säbel der Weſtermann'ſchen Huſaren und Chaſſeurs ver⸗ ſchonten, zertrat der Huf ihrer Pferde, rollten die Räder der nachgeſchleppten Kanonen zum Boden nieder, überzogen von Blut und Moraſt. Die Vendeer hatten bald keine Waffen mehr, ſich zu vertheidigen. Der wilde Blaue ent⸗ riß dem vergebens nach Pardon Kreiſchenden, wie dem zur feigen Flucht ſich Kehrenden das Gewehr, und zerſchmetterte ſeinen Schädel mit dem Kolben vendee'ſcher Flinten, durch⸗ bohrte ſeine Bruſt mit vendee'ſchen, von Prieſtern geſegneten Klingen. In dieſem fürchterlichen Augenblick, wo für keinen Einzigen auf dem großen weiten Platze eine Rettung mög⸗ lich ſchien, beim erſten blaſſen Strahle des Morgenlichts, ſchlugen ferne Trommeln den Sturmmarſch, und heiſere Trompeten ſtimmten in den Unheil verkündenden Klang. „Klebers Reſerve!“ ſchrie Marceau, ſchrieen Alle auf ſeiner Linie. Die Patrioten jedoch, die gegenüber den Ausgang verwehrten, ſtutzten, und fürchteten den Ueberfall eines Hülfscorps der Königlichen. Unſchlüſſig ſchwenkten ſie, öffneten den wüthend anprallenden Vendeern eine Gaſſe zur Flucht, und dieſer Bewegung verdankten noch einige Tauſende der katho⸗ liſchen Armee ihr Heil. Die rüſtigeren Streiter, gewandt und leichter, indem ſie ihre Waffen wegwarfen, drängten ſich vogel⸗ ſchnell aus dem Bereich des mörderiſchen feindlichen Geſchützes, das den Raum gewonnen hatte, gegen ſie zu ſpielen. Sie ent⸗ kamen, hinter ſich laſſend ihre Familien, ihre Habe, und Alles, was ihnen theuer war; entweder preisgegeben im offenen Kampfe oder verborgen in den Häuſern, die nun aufgeſprengt wurden, um den Schauplatz der größten Zügelloſigkeit abzugeben. Vergebens verſuchte Kleber, der —— —— 99 ungehindert einzog, dieſem Gräuel zu wehren, wie ihm die Menſchlichkeit befahl; Habſucht und blinder Zorn waren mächtiger als die Gebote des angebeteten Feldherrn.— In⸗ deſſen kamen von Minute zu Minute immer mehr der beun⸗ ruhigenden Gerüchte zu den Ohren der Generale. Marceau's Herz, zurückgegeben den menſchlichen Gefühlen, nachdem der heiße Mordſtreit vorüber, blutete bei der Ahnung des Jammers, der ſich unfern von ihm bereitete, und der junge Held beſchloß, in eigener Perſon dem Uebel zu ſteuern, während Weſtermann die fliehenden Feinde verfolgen, und Kleber die Ruhe auf Gaſſen und Plätzen herſtellen würde. Von dem edelmüthigen Vorhaben ergriffen, winkte er Victor, und eilte mit demſelben in ein Haus, welches der Tummel⸗ platz wilder Grauſamkeit geworden war. Ein Jacobiner von Mans hatte das Gebäude als den Aufenhalt vieler vendee'ſcher Anführer bezeichnet, die rachedürſtenden Sans⸗ culotten dahingeführt, und ſie zum Morde der Inwohner angeleitet. Ein Greis mit weißen Haaren, lag mit einer gräßlichen Kopfwunde dicht neben die Schwelle hingeſtreckt. Einige Wüthriche durchbohrten den kaum noch athmenden Leib mit ihren von Blut rauchenden Bajonetten. Andere zerſchlugen in der anſtoßenden Stube die Kaſten und Schränke und ſchleppten wehrloſe Weiber bei den Haaren herbei, da⸗ mit ſie ihnen den Ort zeigten, wo ſie ihr Geld verborgen. Die unvermuthete Erſcheinung des Obergenerals an dieſem Orte des Schreckens fuhr wie ein Blitz in den Taumel der Blutmenſchen. Den blanken Säbel in der Fauſt und das Geſicht von Zorn entflammt, rief Marceau den Plünderern die Worte zu, die einſt der edle Barnave an den Pöbel richtete, als dieſer, vor dem Wagen der von Varennes 100 rückkehrenden königlichen Familie, einen armen Landgeiſtlichen ermorden wollte:„Wie? Seyd Ihr Republikaner? Weichet von hier, Kannibalen!“— Die Mörder ſtutzten, machten Miene, als ob ſie ſich nicht nach den Befehlen richten wür⸗ den, aber Marceau und Victor fielen ſie wie Feinde an, und jagten das wüſte Volk aus der Thüre. Indeſſen kam Lärm aus dem obern Theil des Hauſes. Ein Freiwilliger von den Reitern der germaniſchen Legion erſchien oben auf der Höhe der Treppe. Die grüne Uniform war von Blut überſtrömt; der Chaſſeur ſchwankte, und ſtürzte die jähe Stiege herunter zu den Füßen des Generals. Halb zornig, halb von Mitleid bewegt, beugte ſich Marceau zu dem Rö⸗ chelnden nieder. Der Menſch ſprach mit Mühe die Worte: „Räche mich, General. Es lebe die Republik! Welch' eine Schande für mich, von der Hand eines Weibes zu ſterben!“ Er deutete mit der ermattenden Hand nach der Stiege, und verhüllte ſein Geſicht im Verſcheiden. Ein fürcherliches Geſchrei tönte von oben hernieder; Getöſe wie von einſtür⸗ zenden Thieren, mehrere Schüſſe und gräßliche Flüche. Mar⸗ ceau und ſein Begleiter ſtürmten hinan. Eine Reihe von verwüſteten Zimmern that ſich vor ihnen auf. Mehrere Lei⸗ chen von Republikanern und Königlichen lagen am Fußboden zerſtreut. Unter der letzten Thüre fand ein Handgemenge ſtatt. Dieſſeits der Schwelle kämpften drei bis vier Sol⸗ daten der Republik, jenſeits ein baumlanger Mann, in der Uniform eines königlichen Anführers, der mit all' ſeiner Kraft ein Weib beſchützte, das ihm im Streite beiſtand, mit einer Pike bewaffnet. Im Augenblick, als Marceau abweh⸗ rend näher kam, ſchoß einer der Volontaire, und der könig⸗ liche Hauptmann ſchmetterte zu Boden. Das Weib ſtieß 101 — einen Schrei des Entſetzens aus, ſprang von dem Leichnam zurück, drängte mit aller Gewalt die anlaufenden Feinde von ſich, und eilte auf Marceau zu, den ſie als einen Be⸗ fehlshaber erkannte, und zu deſſen Füßen ſie ſich warf.„Wer Sie auch ſeyn mögen,“ jammerte ſie im Tone der höchſten Verzweiflung;„retten Sie mich aus den Händen dieſer Un⸗ menſchen! Sie ſind ein Franzoſe, meine Bitte wird nicht vergebens ſeyn!“ Von dieſem plötzlichen Vertrauen erſchüttert, ſtand Mar⸗ ceau ſprachlos, und nicht minder beſtürzt ſtanden umher die überraſchten Soldaten, und betroffener als Alle, ſah Victor auf das knieende Weib herab. Gabriele war's.— Nach einigen Sekunden der tiefſten Stille fand Marceau wieder das Leben, ſanft berührt von der Schönheit der flehenden Dame, und ſprach:„Allerdings, Madame, werden Sie in meinem Schutze ſicher ſeyn. Niemals war der edelmüthige Sieger taub gegen Schönheit und Unglück. Folgen Sie mir, fürchten Sie nichts von dieſen Leuten.“ Tief Athem holend, erhob ſich Gabriele an der Hand des Generals, und auf die Pike geſtützt. Einer der Soldaten zeigte mit grim⸗ migem Blick auf das Lanzeneiſen, von dem Blut herabrieſelte. „Sie hat einen unſerer Kameraden getödtet;“ ſagte er mit bitterem Groll:„Sie iſt eine Ariſtokratin, eine Verſchwö⸗— rerin, eine Feindin der Republik. Wie darfſt Du die Ver⸗ brecherin retten, General?“ Gabriele ſah beſtürzt zu der blutigen Lanze auf, und ſchleuderte ſie von ſich mit allen Zeichen des Entſetzens. Sie erinnerte ſich erſt jetzt, daß ſie einem Menſchen den Tod gegeben.— Marceau bedurfte nur eines Blickes aus ſeinen kühnen Augen, um die murren⸗ den Soldaten zum Schweigen zu bringen. Er würdigte ſie W 2 8 102 keines Worts, und führte mit aller Rückſicht, die der Ort verſtattete, die zitternde Dame davon. Indem ſich Gabriele umwendete, ſah ſie in Victor's Geſicht und ihre hochgeröthe⸗ ten Wangen wurden todtenblaß.„Beruhigen Sie ſich, Ma⸗ dame;“ verſetzte der Lieutenant tröſtend, weil er errathen zu haben glaubte, was in ihrer Bruſt vorging:„Geben Sie mir jedoch Nachricht von Adele. Was iſt aus Mont⸗chviſy's Tochter geworden?“— Statt aller Antwort fuhr Gabriele leiſe zuſammen, drehte ſich ſchnell von Victor ab, und zog ihren Beſchützer Marceau ſchnell mit ſich fort. Die ergrimm⸗ ten Soldaten folgten von ferne, und ſchworen, den Tod ihres Gefährten nicht ungerächt zu laſſen, und bei den Re⸗ präſentanten ihre Beſchwerden gegen Marceau vorzubringen. Victor blieb unſchlüſſig auf dem Schauplatze des Mordes zurück, geneigt, den ſo eben vergangenen Auftritt für das Werk ſeiner Phantaſie zu halten, aber im Tiefſten erbittert von Gabrielens ſchnödem Empfang. Seinen Gedanken hin⸗ gegeben, ſchritt er in das kleine Zimmer vor, worinnen der getödtete Hauptmann lag, und ſah, daß noch ein anderer Leichnam ſich darinnen befand. Ebenfalls ein vendee'ſcher Offizier, mit der rothen Schärpe um den Leib, dem Kreuz auf dem Arme, und der weißen Cvcarde auf dem neben ihm bingefallenen Hute. Obſchon er mit dem Geſicht gegen den Boden gekehrt lag, glaubte Victor die Geſtalt ſchon geſehen zu haben. Er bemühte ſich, in das todte Antlitz zu ſchauen, ſtrich die langen, herabhängenden Haare von deſſen Stirn und erſchrack, als er den Herrn von Chabran erkannte. Knieend faltete er vie Hände und ſagte bekümmert, aber laut vor ſich hin:„Armer Junge, deſſen Geſchick ſeyn mußte, fern von der väterlichen Hufe im wilden Kampf zu bleiben, 103 und von dem Feinde beweint zu werden, den Du einſt aus dem Todtenſchlafe erweckteſt! Wenn etwas Deine Manen zu veruhigen vermag, welche zürnend dieſen Ort umſchweben, ſo iſt es nur der Gedanke, daß Du für die Geliebte ge⸗ ſtorben!“ Victor traute kaum ſeinen Augen, als er bei dieſen Worten bemerkte, wie der Kopf des Getödteten ſich erhob, ſich zu ihm wendete, die blauen Angen groß aufmachte, und zu ihm redete:„Lieber Vicomte, Sie würden ſehr irren, wenn Sie mich für todt hielten. Mir iſt's jedoch ſehr ſchmeichelhaft und angenehm, daß gerade Sie hier zu⸗ rückbleiben mußten. Sie wiſſen, wie ich Sie einſt behandelt, und ich darf auf Ihre Vergeltung, auf meine Rettung zählen.“ Victor ſprang entrüſtet in die Höhe, während Chabran ſich aufſetzte, und ihn am Säbelgehänge zurückhielt.„Menſch! Welches Poſſenſpiel? Du vermagſt, unter dieſen Schrecken cine Comödie aufzuführen?“ „Ein Spiel, das mir frommt, verehrter Vicomte;“ ver⸗ ſetzte Chabran halb launig, halb ängſtlich:„Ich habe ſolche Kunſtgriffe ſchon oft von unſern Bauern in Anwen⸗ dung bringen ſehen. Warum ſollte ich nicht einmal ihrem Beiſpiele folgen? Der Hauptmann Ratignet hat den Lohn für ſeine Aufopferung dahin. Hätte er's wie ich gemacht, ſo zählte der König noch einen tapfern Streiter mehr. Als der Kerl mit dem rothen Federbuſch ſchoß,— war es Inſtinkt, Druck der Luft, Eingebung von Gott? Nennen Sie's wie Sie wollen— genug, ich ſiel, meine Seele dem Himmel verſchreibend, und auf einen leidlichen Ausgang hoffend.“ 8* 104 „Und ließen Ihre Braut als eine Beute des traurigſten Schickſals zurück!“ „Ihre eigene Schuld, Vicomte; wer hieß ihr, ſich in Gefahr zu begeben? Drang ich nicht noch geſtern in ſie, nach Savenay zu gehen? Wie gerne hätte ich ſie dahin geführt! Aber ſie glaubte nicht an Euere Fortſchritte. Sie wollte mit Gewalt in der Mitte des Heeres bleiben. Nun hat ſie ihr Lvos erreicht, während Adele, die unbedeutende Couſine, unter Dumoutier's Schutz nach den Küſten flieht.“— „Adele in Sicherheit?“ unterbrach Victor den Poltron mit freudiger Bewegung:„Chabran! in dieſem Augenblick ſind Sie mir wieder ehrwürdig! Reden Sie: wie kam es, daß 2 „Ganz einfach, Vicomte. Gabriele wollte die Couſine nicht um ſich dulden. Je unglücklicher wir waren, je ruhiger wurde die verblendete Tochter des abtrünnigen Edelmanns. Sie beſtürmte Gabriele mit Bitten, ſich dieſem Tumulte zu entziehen. Ich war völlig mit der Kleinen einverſtanden. Gabriele hörte jedoch nicht, und ſchickte die Ueberläſtige mit einem Convoi nach Savenay ab. Wie wir erfahren, liegen unfern von da engliſche Schiffe. Engliſche Schiffe, Vicomte! Wer ſie ſchon erreicht hätte!“ „Sie ſind ein armer Mann, Chabran;“ verſetzte Victor mit verächtlichem Bedauern:„Da die Engländer das Ziel Ihrer Wünſche ſind, und freilich auch ſeyn müſſen, ſo eilen Sie; werfen Sie ſich in die Kleider eines dieſer getödteten Soldaten. Springen Sie dann zum Fenſter hinaus, be⸗ nützen Sie den Tumult, der noch in der Stadt herrſcht. Ich wünſche Ihnen glückliche Ankunft bei Ihren Brüdern, und bitte nur, daß Sie Adele grüßen, und ihr verſichern, 105⁵ daß ich für Gabriele Alles thun werde, was ſie mir in ihrem Briefe an's Herz legte.“ „Ja, wahrhaftig; thun Sie das!“ erwiederte Chabran, welchem dicke Thränen in die Augen traten:„Die arme Gabriele bedarf des mächtigſten Schutzes. Man hat ſie mit den Waffen in der Hand ergriffen, und ohne Zweifel iſt die Guillotine ihr Lohn, wenn nicht ein kräftiger Fürſprecher ſich ihrer annimmt.“ Dieſe Worte brachten in Lictors Seele den unbeſchreib⸗ lichſten Eindruck hervor. Nun erſt gedachte er des blut⸗ gierigen Conventgeſetzes, das nicht einmal das ſchwache Weib von der Aechtung der Königlichen ausnahm. Nun erſt ſtellte ſich ihm die ganze Gefahr Gabrielens in der fürchterlichſten Nacktheit dar. Er begriff, daß hier ohne Verzug gehandelt werden müſſe, wenn es gelingen ſollte, die Unglückliche, welche ihm Adele empfohlen, dem Henker⸗ beile zu entziehen. Victor packte die Schultern des Mar⸗ quis, und donnerte ihm in's Ohr:„Elender! Du wußteſt, was Deiner Braut bevorſteht, und fielſt feige von ihr ab?“ „Wäre ihr denn geholfen geweſen, wenn mein Kopf neben dem ihrigen fiel?“ fragte Chabran mit ängſtlicher Unverſchämtheit. Victor ſtieß ihn mit Verachtung von ſich, deutete auf die Uniform des vor ihnen liegenden Republi⸗ kaners, dann auf das Fenſter und eilte nach der Thüre. So eben trat die Wirthin des Hauſes ſchüchtern herein⸗ und erſchrack zum Tode, beim Anblick des Lieutenants und des lebendigen Vendeeroffiziers, der ſich bereits ohne Zögern damit abgab, Schärpe und Uniform von ſich zu werfen. „Du haſt einen Rebellen bei Dir verſteckt? Dein Kopf iſt verloren, Bürgerin!“ ſchnaubte Victor mit verſtelltem 106 Zorn das Weib an, das ſich zitternd und heulend auf die Kniee warf. Dann hob er ſie raſch auf, rief ihr in's Ohr: „Ich bin kein Feind der Menſchlichkeit. Hilf jenem Mann in ſeine Verkleidung, und ſchaff' ihn aus dem Hauſe, ehe Andere kommen, die nicht ſo nachſichtig ſeyn würden wie ich. Ich will nichts geſehen haben!“ und verſchwand, ohne noch einen Blick auf den vernichteten Chabran zu werfen.— Im Nu befand er ſich wieder in dem Gewühl der Straßen. Mit tiefem Etel wendete er ſeine Angen von den Aus⸗ ſchweifungen der Soldaten weg, die auf den Gaſſen ihre ſchmutzigen Bachanalien anhoben, mit Freiheitsbäumen durch die Stadt zogen, und unter dem Beifallsgeſchrei der Jakobiner die Fenſter der Ariſtokratenhäuſer einwarfen. Victor konnte lange ſeinen General nicht finden. Endlich zeigte ihm ein Chirurg, der eilfertig ſeine Straße zog, Marceau's Quar⸗ tier. Der General war umgeben von einer Menge von Offizieren, die ihre Abfertigung verlangten und erhielten. Der Drang der Geſchäfte war unermeßlich, und der Abend bereits hereingebrochen, als Marceau erſt daran denken konnte, ein leichtes Mahl zu ſich zu nehmen, und ſeinem Freunde Victor einen Augenblick zu ſchenken. Vietor hatte die Frage nach Gabrielen auf den Lippen, und Gabrielens Name war das erſte Wort aus Marceau's Munde. Die Augen des Generals glänzten von einer ſeltſamen Freudig⸗ keit, und er ſagte mit liebenswürdigem Ungeſtüm:„Darf ich Dir geſtehen, mein Freund, daß mir heute im Gewühl des Kampfes ein Stern aufgegangen iſt, der Flamme ähnlich, welche vom Leuchtthurm dem Schiffbrüchigen winkt? Lächle nicht. Ich bin nun einmal der Mann des Augenblicks. So wie ich nie eine That lange vorbedacht, ſo kann ich mir auch nicht die Möglichkeit denken, eine Leivenſchaft im Herzen vorzubereiten. Sie muß in die Seele ſtrahlen, unvermuthet wie ein Blitz, und des Mannes Herz muß ſie umfaſſen mit kräftigen Armen. Jenes Weib,— ich bekenn' es Dir— ich liebe es, und ſein Bild erfüllt mich ganz allein, ſeit dem romantiſchen Moment, der uns zuſammen führte.“ Victor erwiederte betroffen keine Sylbe. Marceau fuhr aber in leidenſchaftlicher Glut fort:„Ihr Anblick erinnert an die ſchönen Geſtalten des Alterthums, die ſich meiner jugendlichen Phantaſie frühzeitig eingeprägt. So muß einſt Zenobia, ſo die Mutter der Gracchen geweſen ſeyn! Dieſe Würde, dieſe ernſte Schönheit... Andromache, da ſie Hek⸗ tor's Tod beweinte, muß ſchön geweſen ſeyn, wie ſie! Ich gefalle mir in der Rolle ihres Beſchützers; ich habe ſie hier neben an einer würdigen Familie anvertraut. Was küm⸗ mert mich ihre Herkunft? Was kümmern mich ihre Mei⸗ nungen? Mochte für die Sache des vertriebenen Fürſten ihr Herz ſchlagen; ſie ſoll in mir die Republik lieben lernen! Ihr ſchmeichelt meinem jugendlichen Ehrgeiz, Ihr nennt mich einen Helden. Wenn nur ein Funke von den Tugenden eines Heros in mir iſt, ſo muß mich einſt Gabriele mit Liebe umfangen, denn ſie vermag nur einen tapfern Mann zu lieben!“. „Mein General...“ ſtammelte Victor, ohne den Fluß von Marceau's Rede unterbrechen zu können. Der Be⸗ geiſterte fuhr ſanfter werdend fort:„Rede, Victor! Du biſt keiner der Alltagsmenſchen, die nur die Proſa des Lebens erkennen. Denke Dir eine Zeit, wo die Stürme des Krieges ſchweigen, wo Frankreich wieder frei und glücklich athmet, wo mir erlaubt ſeyn wird, das ſcharfe Schwert in 108 eine Pflugſchaar zu verwandeln. Denke Dir einen Maier⸗ hof, unfern von der Ebene, wo die Thürme meiner Heimath⸗, des alten Chartres, ragen, ein beſcheidenes Bauernhaus, beſpült von den Wellen der Eure, und mich darinnen als einen glücklichen Familienvater, umgeben von blühenden Kindern, geliebt von Gabrielen, der zärtlichen Gattin!“ Victor unterbrach ihn hier mit Gewalt.„Wohl iſt das Bild ſchön, welches Du mir ausmalſt;“ rief er mit ernſter Bekümmerniß:„Wohl ſteht es dem Muthe des Mannes beſſer an, eine ſolche Zukunft zu hoffen, als den eiteln Worten einer Kartenſchlägerin zu vertrauen. Fürchte jedoch die Eumeniden, Marceau. Du weißt in der Begeiſterung Deiner Liebe nicht, daß ihre Schlangen ſchon nach Deinem Herze zielen. Du denkſt nicht an das Geſetz, und ſchon bereitet ſich die Guillotine, Deine Liebe zu zerſchmettern!“ Marceau ſprang wild und überraſcht von dem Tiſche auf, und wollte mit verſtörten Zügen antworten, als Kleber in die Thüre trat, ohne weitere Umſchweife ſich in das Ge⸗ ſpräch miſchte, und mit ſtrengem Vorwurf den jüngern Freund anfuhr:„Was Teufel haſt Du gemacht, Marceau? Zum Henker mit der Sentimentalität der Jugend! Im Augenblick des Sieges begehſt Du das Verbrechen der be⸗ leidigten Nation! Unglücklicher! Du haſt eine Geächtete dem Convent entzogen? Eile, dieſen Fehler gut zu machen. Das Gerücht von dieſer That iſt im Heere verbreitet. Die Repräſentanten ſind wüthend, und Merlin, der zu uns hält, iſt fern. Ich will nicht hoffen, Freund, daß eine leidliche Larve Dich verblendete. Liefere das Weib aus; laß den Henker in ſein Recht treten, und den Convent es mit dem Himmel ausmachen!“ 109 Marceau ſah dem erhitzten Freund feſt und ruhig in's Auge, und fragte nur:„Wäre Kleber's Herz von menſch⸗ licher Empfindung berührt worden,— würde Kleber dann den verliehenen Schutz in Verrath verwandeln?“ Kleber vermochte kein Wort zu erwiedern. Er zuckte die Achſeln, und wendete ſich an das Fenſter, um die Em⸗ pfindung zu verbergen, die in ſeine Augen ſtieg. Victor benützte den Moment, um Marceau zuzuflüſtern:„Du hörſt wie die Sachen ſtehen. Mache Dich nicht ſelbſt un⸗ glücklich. Erlaube mir, Dir einen Beweis meinep, Bruder⸗ liebe zu geben, und die Rettung Gabrielens zu verſuchen. Vielleicht gelingt es mir, auf eine von Dir unterzeichnete Marſchroute hin, die Verfolgte an die Küſte zu bringen. Kömmt man mir auf die Spur, ſo iſt doch zum Mindeſten nur mein Kopf verloren.“ Marceau vetwarf mit ſehr energiſcher Geberde den An⸗ trag, und wollte noch einige Worte hinzuſetzen, als Prieur de la Marne, ein anderer ſeiner Collegen, mehrere Offiziere und der neu angekommene Agent des Kriegsminiſters in das Zimmer traten. Der tückiſche Ernſt auf den Geſichtern der Jacobiner bereitete auf unangenehme Eröffnungen vor. Prieur begann mit grobem Trotz unverweilt däs Geſpräch: „Die Republik hat geſiegt;“ ſagte er:„Die Vendee iſt vernichtet. Wir möchten Dir gerne im Namen des Vater⸗ landes danken, Bürger General, zuvor müſſen wir jedoch Einiges berichtigen. Der Bürger Minet, ein wackerer Sansculotte, iſt als Agent des Kriegsminiſteriums ange⸗ kommen, und wundert ſich zu hören, daß Weſtermann noch ſein Kommando hat, während der Convent ihn abgeſetzt. 2 110 Minet behauptet, Du hätteſt den Brief erhalten, welcher Dir Weſtermann's Abſetzung befahl. Bie iſi's damit?“ Ohne eine Miene zu verändern, nickte Marceau mit dem Kopf, griff in die Taſche, zog das Decret des Con⸗ vents hervor, und erwiederte:„Der Bürger Agent ſpricht wahr. Das Schreiben kam mir zu, und ich fand für gut, es nicht zu publiciren, um nicht der Armee im entſcheiden⸗ den Augenblick der Schlacht, einen ihrer tapferſten Führer zu rauben. Du weißt, Bürger Repräſentant, wie glän⸗ zend ſich Weſtermann ausgezeichnet. Noch jetzt verfolgt er den Feind mit unermüdlicher Beharrlichkeit. Ich nehme es auf mich, meinen Schritt und ſein Kommando zu rechtfer⸗ tigen, und rechne dabei auf Dein unparteiiſches Zeugniß.“ Prieur willigte etwas verlegen ein, während Kleber ſei⸗ nen edeln Freund umarmte, und Minet, den ungeheuern Schnurrbart ſtreichend, mit finſterer Miene dem Auftritt zuſah, und vor Allem ſeine Blicke durchbohrend auf Victor heftete. Dem Lieutenant entging dieſe Unverſchämtheit nicht. Sie war aber dazumal ſo ſehr an der Tagesordnung, daß man ſich wohl erlauben durfte, ſie zu überſehen, und ſomit drehte Victor dem Agenten ohne Umſtände den Rücken zu. Prieur de la Marne ſprach hierauf nach einigem Flüſtern mit ſeinen Collegen:„Zum zweiten Punkt alſo. Es iſt zu unſern Ohren gekommen, daß General Marceau, dem Geſetz zum Trotz, ein Weib... „Erlaube, daß ich dieſen Offizier abfertige;“ unterbrach Marceau den Redner raſch. Prieur ſchwieg; der Obergene⸗ ral ſetzte ſich, ſchrieb einige Zeilen, und übergab das zu⸗ ſammengelegte Papier an Victor, ohne mit einer Splbe den ausdrucksvollen Blick zu begleiten, der den Offizier in das 11 Verſtändniß einweihte. Der Adjutant ging raſch nach der Thüre, und ſah ſich dort von dem zudringlichen Agenten aufgehalten, der ihn fragte:„Wie iſt Dein Name, Bürger? Mich dünkt, daß ich Dich ſchon irgendwo geſehen.“— Victor ſtutzte vor dem lauernden Geſicht des unverſchämten Men⸗ ſchen, und warf einen fragenden Blick auf Marceau. Dieſer antwortete an ſeiner Statt mit völliger Geiſtesgegenwart: „Mein Adjutant Victor hat keine Zeit zu verlieren. Der Bürger Agent mag ſich mit ihm beſprechen, wenn ſeine Miſſion vorüber.“ Auf dieſe Weiſe entkam Victor dem Kreiſe der gefähr⸗ lichen Leute, und befand ſich auf der dunkeln Gaſſe, wo er vor dem Fenſter eines Bäckerladens, das von Marceau er⸗ haltene Papier entfaltete, beim ſchwachen Schimmer der Lampe las, und eine Marſchroute für den Adjutanten Victor mit ſeiner Frau, nach Savenay gerichtet, in ſeinen Händen fand. Was hier zu thun ſey, wußte er nun genau; nicht minder, daß kein Augenblick zu verlieren. Das Schickſal begünſtigte ihn, denn, indem er ſich unſchlüſſig umſah⸗ rannte in dem Dunkel ein Mann an ihn, den er für den Dienſtwilligen(oſficieux) des Generals Marceau erkannte. Er redete ihn alſobald an, ſprach von einer Miſſion des Heerführers, und fragte den Bürger Martin, ob er nicht die Güte haben wolle, auf der Municipalität einen Vor⸗ ſpannwagen zu requiriren, und denſelben vor das Thor gen Savenay zu geleiten. Martin erwiederte:„Meiner TDreu⸗ Bürger Adjutant, mit der Municipalität iſt's nichts. Die Schurken vom Gemeinderath ſind geheime Ariſtokraten, die ſich frühzeitig in's Bett legen, um die Schrecken zu ver⸗ ſchlafen, die ſie heut ausgeſtanden. Ich will Dir ein * 112 Mittelchen an die Hand geben. Gerade hier gegenüber wohnt ein Fleiſcher, bei dem ich meine Lehrzeit einſt zugebracht. Die Canaille hatte von jeher etwas von einem Deſpoten an ſich, und ich gedenke ihm noch manche Mißhandlung, die er mir zugefügt, und manchen Faſttag, den er mir aufer⸗ legt, während er ſeine fetten Kapaunen aß. Der Kerl muß mit ſeinem Char à bane hervor und noch obendrein den Kut⸗ ſcher machen. Laß mich ſorgen, Adjutant.“ Der Menſch ſetzte ſich in Bewegung, nach dem beſproche⸗ nen Hauſe zu gehen, als dem Offizier beifiel, daß er ja nicht wiſſe, wo Gabriele ſich aufhalte.„Zum Teufel! Bür⸗ ger Martin,“ ſagte er verdrießlich:„kannſt Du mir nicht ſagen, wohin Dein General die Frau gebracht, die er heute, ſo zu ſagen, vom Tode errettet?“ Martin erwie⸗ derte nach einigem Bedenken:„Ja wohl, aber ich weiß nicht, ob ich Dir trauen darf.“—„Zum Wetter, Sie iſt meine Frau!“„Ah!“—„Wie ich Dir ſage. Sieh hier ſelbſt die Marſchroute.“—„Allen Reſpekt. Wenn es ſo iſt— in jenem Hauſe. Der Eigenthümer deſſelben iſt ein alter Finanzcontroleur. Die Familie ſchwebt in tauſend Aengſten, und fürchtet für ihr bischen Geld und ihres Er⸗ nährers Kopf. Es iſt Alles mit den Leuten anzufangen. Hole getroſt Deine Frau. Ich beſorge indeß den Wagen.“ Victor flog auf das Gebäude zu, donnerte an die ver⸗ ſchloſſene Thüre, und antwortete mit rauher Stimme einer inwendig fragenden Magd:„Im Namen des Obergenerals: aufgemacht!“— Die Riegel öffneten ſich gehorſam vor die⸗ ſem Zauberwort. Der Offizier wurde in ein Zimmer des erſten Stockwerks gewieſen. Die ganze Familie ſaß noch darin am Tiſche, worauf die Reſte eines frugalen Nachteſſens 113 ſtanden. Die Bewohner des Hauſes beſtanden aus einem eisgrauen Manne, ſeinem ſchwächlichen Hausmütterchen, und einigen längſt verblühten Töchtern, in deren Mitte Gabriele, obgleich in tiefſten Schmerz verſunken, prangte wie eine Lichtblume des Aethers. Der Eintritt des Offi⸗ ziers jagte alle Anweſende von ihren Stühlen auf. Victor bemerkte, daß, um die Sache ſchnell zu beendigen, die Rolle des Terroriſten fortzuſpielen ſey. Er forderte daher mit derben Worten, die keine Ausflucht übrig ließen, im Namen des Generals die anvertraute Dame zurück, um ſie anderweit unterzubringen. Der Controleur mit ſeinen Töchtern unterſtützten etwas lebhaft die Weigerung Gabrie⸗ lens, die, leichenblaß und zitternd, die Hausleute beſchwor, ſie dieſem Offizier nicht auszuliefern. Die Hausfrau jedoch, trotz ihrem hinfälligen Aeußern und ihrem zitternden Kopfe, unterſtützte aus allen Kräften die Forderung des Offiziers, und ließ nicht undeutlich merken, daß ſie froh ſeyn werde, wenn man eine Perſon aus ihrem Hauſe entfernte, deren Anweſenheit die Familie ſammt und ſonders in Lebensgefahr bringe. Victor hätte dieſer Hülfe nicht bedurft, denn kaum war die erſte Drohung ſeinen Lippen entſchlüpft, als auch ieder Widerſtand ſchwieg, und Gabriele, von aller Hülfe verlaſſen, ihm die bebende Hand reichte.„Beruhigen Sie ſich!“ flüſterte ihr Victor auf der Treppe zu:„Sammeln Sie Ihre Kräfte; wir haben noch weit zu gehen.“ Der Ton ſeiner Stimme ſchien auf die Unglückliche die gehoffte Wirkung hervorzubringen. Sie erwiederte zwar keine Splbe, aber ihr Gang wurde feſter, und ihr Widerwille geringer. Doch ſtieg ihre Angſt ſichtbar, als ſie bereits eine ziemliche Zeit in den dunkeln Straßen fortgewandelt waren, und noch 114 nicht am Ziele der Wanderung ſtanden. Vietor ahnte dieſe Angſt, und verſuchte ſie zu beſchwichtigen, aber dießmal wich Gabrielens Furcht, als ſie ſich dem Wagen nahten, den der dienſtwillige Martin bereits aufgetrieben und her⸗ beigeführt hatte.„Nur hier herauf, mein Offizier, nur hier berauf, Bürgerin;“ rief Martin, indem er der Dame be⸗ hülflich war, den Char-Mpanc zu erklettern;„Man ſitzt hier oben wie im Paradieſe. Meiſter Grognon iſt der lie⸗ benswürdigſte Kutſcher, der ſich denken läßt. Er wird alle mögliche Aufmerkſamkeit für Euch haben, und brachte bereits einen Mantel, um die ſchöne Frau vor der Nachtkälte zu ſchützen. Seine Artigkeit iſt nicht zu erſchöpfen, und er würde einem braven Sanseulotten zu Gefallen, bis an's Ende der Welt fahren. Nicht wahr, Bürger Grognon?“ Der Angeredete, ein Mann von breiten Schultern und kleiner Statur, der ſchon ungeduldig trippelnd neben ſeinen Pferden ſtand, wendete ſich, einen dumpfen Fluch zwiſchen den Zähnen erſtickend, ab; er ſchwang ſich auf eines der Pferde, und peitſchte dergeſtalt in ſeine Thiere, ſetzte ihnen dergeſtalt mit Sporen und Zügel zu, daß man wohl be⸗ merkte, wie er einen innern Groll auszulaſſen bemüht ſey, und trieb das Fuhrwerk ſo ſchnell in's Weite, daß Vietor kaum Zeit behielt, dem dienſtfertigen Martin ein Lebewohl zu ſagen. In einem Augenblick waren die Reiſenden am Thor. Das Gitter war geſchloſſen, ſcharf bewacht, und neugierig ſchauten aus der erleuchteten Wachtſtube die Ge⸗ ſichter der Soldaten, als die Schildwache mit lauter Stimme die Herbeifahrenden anrief.— Victor produzirte ſeine Varſchroute, die der Sergeant des Poſtens mit gravitätiſcher Miene durchſah, worauf er den Befehl gab, die Barriere F 115 zu offnen. Während dieſes geſchah, ſagte der Unteroffizier zu Victor:„Viel Glück, mein Adjutant! Du gehſt dorthin wo die Feinde ſtehen. Hätteſt wohl Dein Weibchen zurück⸗ laſſen können, ohne es der Gefahr einer ſolchen Reiſe aus⸗ zuſetzen.“ Bei dieſen Worten erhob er eine Laterne, die er in der Hand trug, und leuchtete in Gabrielens Geſicht, von welchem die Kaputze des Mantels herabfiel. Der Fleiſcher auf ſeinem Pferde wendete ſich gerade um, um diejenigen zu betrachten, die er in die weite Welt führen ſollte. Als er Gabrielens Züge anſichtig wurde, ſchien er wie verſtei⸗ nert, und gaſſte ſie mit überraſchter Neugierde an. Der Sergeant ſtieg indeſſen auf die Radſpeichen des Karrens, und ſagte mit ſoldatiſcher Ausgelaſſenheit:„So wahr ich Rouſſeau heiße, ſo wahr iſt's, daß ich noch nie ein ſo ſchönes Kind geſehen! Du biſt eine wackere Bürgerin; das leſ'ich auf Deiner Stirn. Somit wirſt Du einem rechtſchaffenen Republikaner den Kuß der Bruderlicbe nicht verweigern, den er als ein Lebewohl von Dir fordert.“— Der Unteroffizier breitete ſeine Arme aus, und Gabriele entzog ſich ihm mit einem halb unterdrückten Schrei. Victor ſagte dagegen mit anſcheinender Kaltblütig⸗ keit:„Ei, ſo ziere Dich nicht, mein Liebchen. Wer die Freiheit liebt, muß auch Denen gut ſeyn, die für ſie kämpfen.“ Zugleich warf er einen erſchrockenen Blick auf den Ordon⸗ nanzreiter des Poſtens, der, juſt aus dem Schlaf erwachend, gähnend in die Thüre des Wachthanſes trat, und raunte mit ängſtlichem Händedruck ſeiner Gefährtin zu:„Dort ſeh' ich einen der Soldaten, der Euern Tod geſchworen. Ziert Euch nicht, ſonſt ſeyd Ihr verloren!“ Sein Schrecken theilte ſich Gabrielen mit. Sie ſträubte ſich daher nicht ferner gegen die Zumuthung des Wacht⸗ 116 kommandanten, duldete den Kuß des bärtigen Republikaners, und verbarg dann, ſchier zuſammenſinkend, das Geſicht an Victor's Bruſt. Indeſſen knarrten die Gitterthore von einan⸗ der; auf einen tüchtigen Fluch Victor's hieb der Fleiſcher in ſeine Roſſe, der Sergeant fiel, da die Räder plötzlich ſich drehten, zu Boden, Wache und Kommando lachten, und außerhalb der Stadt befanden ſich ſchon der Offizier und ſeine Gerettete.— Der Wagen rollte noch einige Zeit auf dem Pflaſter der Straße, und, das Geräuſch der Räder benützend, fragte Victor ſeine Gefährtin:„Wohin ſoll ich Sie bringen? Wo dürfen Sie hoffen, Hülfe und weiteres Fortkommen zu finden? Das Schwert ſchwebt nur an einem ſeidenen Haare über Ihrem Haupte, darum ſäumen Sie nicht mit der Antwort. Wir ſind auf der Straße nach Savenay. Wollen Sie in das Getümmel der Vendeer⸗Flucht ſich ſtürzen, und darinnen umkommen? Oder winkt Ihnen an einem andern Orte das Heil?“ Gabrielens Bruſt erweiterte und beengte ſich zugleich bei dieſen Worten. Sie ſollte keine Gefangene mehr ſeyn; welche Freude! Aber ſich ſelbſt überlaſſen, ſollte ſie weiter irren, die Schwache; welch' eine Qual! Mit geflügelter Stimme erwiederte ſie:„Wenn wir nur gegen Dinan kommen könnten! Auf jener Küſte wohnen Verwandte von meiner Familie; das Gericht ſpricht von engliſchen Schiffen, die in jenen Gewäſſern kreuzen ſollen; eine leichte Barke, ein elender Kahn, würde mich nach den britanniſchen Inſeln führen; ich wäre dann ge⸗ borgen, und fände jenſeits des Meeres eine Zufluchtsſtätte, um mein Vaterland zu beweinen, den Untergang meiner ſchönen Träume, das blutige Ende meiner Freunde und meines Verlobten!“—„Sie haben nicht Unrecht, daß Sie Chabran's nur zuletzt gedenken;“ antwortete Victor mit bitterm Spott.„Der Elende hat nur einen geringen Anſpruch auf Ihre Liebe. Er lebt, und ſucht in dieſem Augenblick, gleich Ihnen, doch unbekümmert um Ihr Geſchick, ſein Heil in der Flucht.“—„Wirklich?“ fragte Gabriele mit einem Tone, der nicht Schmerz, nicht Gram über die Täuſchung ihrer Liebe verrieth:„Sie befreien von einer zweiten Qual meine Bruſt. Es drückte mich ſchwer, einem Manne, den ich nie geliebt, für ſeines Lebens Opfer dank⸗ bar ſeyn zu müſſen. Wohl mir, daß Sie mich alſo ent⸗ täuſchen. Ich habe mich nicht in Chabran geirrt, als ich ihn für einen charakterloſen, dem Guten und Böſen gleich zugänglichen Menſchen hielt. Schwerer habe ich mich in Ihnen betrogen, mein Herr, von dem ich kein Mitleid er⸗ warten durfte, und der ſo unvermuthet, im fürchterlichſten Augenblick meines Lebens, einem Schutzengel gleich, meine Hand ergreift.“—„Rechnen Sie immerhin auch dießmal meine Begegnung und meine Dienſte zu den Werken des Zufalls;“ antwortete Victor, ſich der frühern Kränkung entſinnend.„Doch nein;“ ſetzte er, einer beſſern Regung folgend, hinzu:„Danken Sie es dem fleckenloſeſten Engel, der je über Ihr Schickſal waltete. Wenn in den Schritten, die ich für Sie thue, etwas Verdienſtliches liegt, ſo muß dieſes dem Fürwort Ihrer Couſine zugerechnet werden.“— Gabrielens Begeiſterung konnte nicht ſchneller erlöſchen, als durch Adelens Namen. Sie ſchwieg mit einemmale, hüllte ſich in ihren Mantel, und auch Victor verſank neben ihr in tiefes Schweigen. Am fernſten Rande des Horizonts röthete ſich indeſſen der Himmel; ein Brand flackerte dort war dieſes Schauſpiel zu ee Zeit und in V 118 jenen Gegenden ein allzugewöhnliches, als daß Victor ihm eine beſondere Aufmerkſamkeit geſchenkt hätte; eben ſo wenig, als dem ſehr entfernten Knall des Geſchützes, der einen nächtlichen Ueberfall verrieth. Der Fleiſcher jedoch hielt plötzlich ſeine Gäule an, drehte ſich zu ſeinen Reiſenden und ſprach:„Ich glaube nicht, daß Madame dorthin will, wo die Kanonen brummen. Ich ſtelle es in des Offiziers Belieben. Hier geht es gerade nach Savenay; jedoch auf dieſem Wege rechts zieht ſich die Straße nach Pichoux, St. Colombe und nach Dinan. Wenn Madame die Meeres⸗ luft für zuträglicher hält, als die Moräſte von Savenap, ſo wollen wir den Weg dahin einſchlagen.“ Victor und ſeine Begleiterin ſtutzten. Ein ſolches Ent⸗ gegenkommen nicht erwartend, hatte der Offizier ſchon ver⸗ gebens nach einem Vorwande geſucht, der den Fuhrmann be⸗ wegen ſollte, von der in der Marſchronte bezeichneten Straße abzuſtreifen. Auf die ſchüchterne Frage Gabrielens, wie der Fleiſcher dazu komme, einen ſolchen Vorſchlag zu machen, erwiederte Grognon mit polternder Gutmüthigkeit:„Mor⸗ bleu, Frau Marquiſe, ich kenne Sie. Sie ſind mir zu Mans gezeigt worden, und ein Geſicht wie das Ihrige vergißt ſich nicht, wenn ich auch nicht in Ihnen die Sache des Königs und der Religion verehrte, die mir trotz allem Unglück heilig iſt. Verſtellen Sie ſich alſo nicht. Sie haben bei Weſtermann's Avantgarde nichts zu ſchaffen; ſtreifen wir rechts in's Land hinein, ſo gerathen wir in lauter gut geſinnte Ortſchaften, wo man noch Gottes Ge⸗ bote hält, und wohin bis jetzt kein Königsmörder gedrun⸗ gen iſt. Sie ſehen mich bereit, weil ich doch einmal da bin, Sie in Sicherheit zu bringen.“ 119 Victor's Erſtaunen wuchs bei der unverblümten Rede des Bürgers von Mans, der ſich ſo deutlich ausſprach, daß man ihn eben ſo wohl für einen redlichen Mann wie für einen Verräther halten konnte. Marceau's Adjutant nahm daher alle Kraft zuſammen, und fragte, den Fleiſcher hart anfahrend:„Wie kannſt Du Dich unterſtehen, Menſch, ſolche Reden zu führen? Was ſoll das heißen? Weißt Du nicht, daß Du einen braven Republikaner führſt? Daß Dein Kopf für Deine Unbeſonnenheit büßen dürfte? Hälſt Du mich für einen heimlichen Anhänger der Royaliſten und ſetzeſt Du voraus, daß ich dieſes Weib der Strafe des Geſetzes entziehen will? Was wirſt Du thun, wenn ich Dir das Gegentheil beweiſe?“ „Das iſt ganz einfach;“ entgegnete Grognon mit uner⸗ ſchütterlicher Gemüthsruhe:„Ich ſchlage Sie todt; oder beſſer, ich ſchieße Sie nieder.“ Bei dieſen Worten drehte er ſich ganz nach dem Oßizier, zog aus ſeinen Taſchen ein Paar Piſtolen, die im Mondesſchimmer ſehr gefährlich flim⸗ merten, und richtete ſie nach Victor's Kopf. Gabriele ſchrie auf und warf ſich vor den Offizier, Grognon's Waffen mit den Händen abweiſend. Der Metzger erwiederte kaltblütig wie oben:„Wie es Ihnen gefällt, Frau Marquiſe. Ihre Angſt iſt mir eine ſichere Bürge, daß dieſer Herr es ehr⸗ licher mit Ihnen meint, als er mich überreden möchte. Darum wollen wir luſtig auf Pichoux zufahren, wo dem Offizier ſchon von Seiten der Bauern ſein Recht wieder⸗ fahren würde, wenn es ihm einfallen ſollte, ſeine guten Abſichten zu ändern.“— Und fomit lenkte er, ohne einen weitern Befehl zu erwarten, in die Straße nach Pichvur 120 ein, und trabte munter darauf fort. Nicht lange, und die Reiſenden kamen an einem Trupp republikaniſcher Soldaten vorüber, die deſſelben Wegs zogen; Marodeurs ohne Zweifel, die für beſſer gehalten hatten, Weſtermann's Corps zu verlaſſen, um eine Seitendiverſion auf eigene Fauſt zu machen. Die Soldaten betrachteten mit ſtumpfer Verwun⸗ derung den Wagen, der an ihnen vorrüberrollte, und von welchem, auf ihren drohenden Anruf, die Donnerworte: „Offizier der Republik!“ erſchallten. Wie hätten dieſe Leute, die ſelbſt auf unerlaubten Wegen gingen, einen ihrer Vor⸗ geſetzten nach ſeinen Papieren zu fragen ſich unterſtanden? Sie riefen ſich nur lachend zu, daß es ihnen lieber ſeyn würde, wenn die Schöne auf jenem Wagen— durch das Dunkel leuchtete Gabrielens Schleier,— in ihrer Mitte wandeln möchte. Bald lag, von der Nacht begünſtigt, ein weiter Raum zwiſchen dem Wagen und der marodirenden Horde. Mit Tagesanbruch waren die Reiſenden zu Pichoun, einem Dorfe in der Niederbretagne, ſchmutzig wie ſie alle ſind, und verſehen mit der elendeſten Herberge. Auf Grog⸗ non's Anrathen hatte Victor die dreifarbige Cocarde vom Hute genommen und auf ſeiner Bruſt verborgenz ſich oben⸗ drein in den Mantel gehüllt, daß man ſeine Uniform wenig zu ſehen bekam. Die frühwachen Bauern in der Schenke, mit ihren kalten, unbeweglichen Bretagnergeſichtern, die Pfeife im Mund und in der Fauſt den abſcheulichen Wein, den ſie als Frühſtück zu ſich zu nehmen pflegen, ſtanden neugierig um den Meiſter Grognon her, und befragten ihn über die Einnahme von Mans. Von Zeit zu Zeit warfen ſie forſchende Blicke auf Victor und ſeine Begleiterin, die Grognon als einen Herrn von Mans mit ſeiner Gemahlin darſtellte, im Begriff, nach Dinan zu reiſen, um den Stürmen des Krieges zu entgehen. „Die Leute haben Recht!“ meinte der Wirth, in ſeinem ſchier unverſtändlichen Patois:„ſeitdem die Vendeer herüber gekommen find, hat allenthalb der Herr die Seinigen ver⸗ laſſen. Es thäte Noth, daß man ſich in's Meer würfe, um den Königlichen wie den Republikanern aus dem Wege zu gehen. Doch ſind die Letztern noch weniger werth als die Erſtern. Die Vendeer wiſſen noch, wofür ſie fechten; die Sansculotten wiſſen's nicht. Doch wie wird's weiter gehen, Meiſter Grognon? Ihr ſeyd gefahren wie ein Teufel, und Eure Pferde triefen vor Schweiß und können nicht weiter.“ Gabriele, die des Wirths Reden verſtand, theilte dem Gefährten deren Inhalt mit, Victor blickte ängſtlich auf Grognon, der ſeinerſeits ebenfalls einen verſtohlenen Blick auf den Offizier warf, die Achſeln zuckte, mit dem Kopf ſchüttelte, und hinter den Ohren kratzte.—„Hm!“ ſagte er, den Wirth familiär an ſeinem Sarreau zupfend:„Ich rechne auf Euch. Die wackern Leute dürfen nicht lange auf dem Wege liegen bleiben. Sie haben ſich erſt vor Kurzem geheirathet, und die gute junge Frau iſt bereits.. Ihr verſteht mich? Welch' ein Unglück, wenn das Kriegsgetüm⸗ mel ihr auf den Hals käme, und die Hoffnung der lieben Leute abſcheulich zu Schanden machte!“—„Ja wohl,“ verſetzte der Wirth, der ſeiner Ehehälfte gedachte, die in gleichen Umſtänden war:„Man hat Beiſpiele, daß Kinder mit Patrontaſchen und Grenadiermützen auf die Welt ge⸗ kommen ſind, bloß weil die Mutter einen Schrecken vor Soldaten hatte. Was iſt aber zu thun?“ 122 ₰ Gabriele war erröthend aufgeſtanden, zum Fenſter ge⸗ treten, und ſah ängſtlich in den kalten, blaſſen Wintermorgen hinaus. Victor lauſchte mit Beklommenheit dem Geſpräche, wovon er nur Weniges verſtand. Grognon ſagte ihm in gutem Franzöſiſch leicht hinüber:„Seyd ruhig; ich bin auf alle Fälle da.“ Dann zupfte er, während die übrigen Bauern hinausgingen, den Wirth abermals am Kittel und ſprach:„Als ich neulich von Euch die Kälber kaufte, ſah ich ein Paar tüchtige Gäule in Euerm Stall. Leiht ſie mir. Ich führe die Leutchen bis St. Colombe, und bringe oder ſchicke Euch alsdann die Pferde unverſehrt zurück.“— Der Wirth wollte nicht recht daran; er ſträubte ſich ſehr, und ließ errathen, daß er ſeine Pferde lieber habe, als ſeine Kinder; daß er die Gäule auf keinen Fall hergeben werde, ohne ſelbſt dabei zu bleiben, und daß er es überhauptnicht gerne thue. Grognon ließ ſich nicht irre machen, und ent⸗ gegnete ihm mit Derbheit, daß eine Kolonne von Republi⸗ kanern hieher auf dem Marſch ſey, daß alle Pferde von ihr requirirt würden, daß der Wirth ihm noch zu danken habe, wenn er die Thiere in Sicherheit bringe. Eben ſo triftig beſtritt er den Willen des Bauern, ſich nicht von ſeinem Geſpann zu trennen, mit dem Einwurf, daß in ſolchen Zeit⸗ läuften ein ehrlicher Familienvater bei Hauſe zu bleiben babe, und nöthigte ihm endlich die Einwilligung, deren er nöthig hatte, ab. Er ſchloß ſeine Zureden mit den Worten: „Es ſoll Euer Schade nicht ſeyn. Ich verſpreche, bei keinem Menſchen zu Pichoux meine Kälber zu kaufen als bei Euch, und erlaube Euch, wenn die Republikaner Pferde verlangen ſollten, ihnen in Gottesnamen die Meinigen zu überlaſſen. 123 Der Verluſt iſt zu ertragen, wenn man damit die Ruhe junger, wackerer Eheleute erkauft.“ Nun wurden ſchnell die Vorbereitungen getroffen. Zwei mächtige Schimmel aus dem Stall des Hauſes, wurden an den leichten Wagen geſpannt, Victor ſtieg mit ſeiner Be⸗ gleiterin auf, und der gute Grognon lenkte wieder unver⸗ droſſen die Zügel.„Hab ich's nicht gut gemacht?“ fragte er auf der Landſtraße, ſich die Hände reibend vor Vergnügen und Kälte:„Es müßte der Teufel im Spiel ſeyn, wenn die Blauen uns auf die Ferſen kämen.“ Victor drückte ihm ſchweigend die Hand, und Gabriele erſchöpfte ſich in Dank⸗ ſagungen. Sie ſprach beinahe ſchluchzend:„Wenn ich Euch nur vergelten könnte, Biedermann! Aber es fehlt mir ſo gänzlich an Allem, daß ein armes Wort allein der Dol⸗ metſcher meiner Gefühle ſeyn muß. Ihr habt Euch vielleicht von Weib und Kind getrennt, und dieſe erwarten Euch mit Schmerzen in jeder Stunde wieder, während Ihr immer eine Meile nach der andern von der Heimath Euch entfernt⸗ um einer armen Geächteten zu dienen!“—„Bah! bah,“ verſetzte er lachend:„Darauf war ich vorbereitet; nämlich: ſobald nicht wieder zu kommen. Als der Hallunke von Martin, der noch mancher Ohrfeige gedenket, die ich ihm reichte, als er von meinen Würſten naſchte, mich abrief und mein Wägelein requirirte, ſo wußte ich, wie viel es ge⸗ ſchlagen. Man iſt requirirt für eine Station, und muß ihrer ſechſe fahren; das iſt in der Regel. Darum hab' ich mich mit Geld verſehen, und, weil es Ihnen an Allem fehlt, Frau Marquiſe, ſo werden Sie mir den Gefallen thun, dieſes Geld anzunehmen. Ein Schelm gibt mehr als er kann, und der vielbekannte Grognon findet auch ohne einen 124 Liard den Weg nach Mans zurück. Er reichte der Dame eine Handvoll Aſſignaten hin. Sie weigerte ſich, das Ge⸗ ſchenk anzunehmen. Mit gutmüthiger Zudringlichkeit ver⸗ ſetzte der Fleiſcher:„Nehmen Sie nur, Madame. Die Lumpendinger ſind ohnedieß kein rechtes Geld. Das Beſte daran iſt noch das Bildniß unſers guten Königs; der Kopf eines braven Mannes, den die Schufte zu Paris abgeſchlagen haben.“ In den Augen des Mannes ſtanden dicke Tropfen, und wie er ſchwieg, ſchwiegen auch von Mitgefühl durch⸗ drungen, ſeine Begleiter. Da rief er ſchnell ermannt:„So nehmen Sie doch, Morbleu! Seit einer Viertelſtunde halte ich Ihnen die Papiere hin, und meine Hand zittert vor Froſt.“— Gabriele ſah Victor an; der Offizier, der ſich mit Bedauern ſeiner Armuth erinnerte, winkte ihr, die freund⸗ liche Gabe anzunehmen. Nun war Grognon vergnügt, klatſchte in die Hände und ſprach:„Das iſt brav. Ich bin zufriedener, als wenn ich gegen dieſen Herrn von mei⸗ nen Piſtolen hätte Gebrauch machen müſſen. Ich hatte die Waffen mitgenommen, um meine Pferde niederzuſchießen, wenn ein ſogenannter Patriot ſie mir hätte wegnehmen wollen. Ich dachte nicht daran, daß mich einen Angenblick lang die Luſt anwandeln würde, einen Menſchen aus der Welt zu ſchaffen. Morbleu, mein Herr! Ich war nahe daran, Sie umzubringen, und das konnte füglich geſchehen, weil wir allein im Dunkeln waren, und es zu unſerer Zeit gar nicht auffällt, wenn man einen getödteten Sansculotten im nächſten beſten Graben findet. Glücklicherweiſe ſind wir Freunde geblieben. Heute Abend ſind wir in St. Colombe. Freilich kann ich Euch ſelbſt nicht weiter bringen, aber in ein em Maierhof, unfern vom Dorfe, hübſch verſteckt und einſam, kenn' ich einen Mann, der vor Kurzem erſt in's Haus geheirathet hat, und ein von Grund aus braver Kerl zu ſeyn ſcheint. Wir haben ſchon Geſchäfte zuſammen gemacht, und wenn er Euch wohl will, wie ich verbürge, ſo ſeyd Ihr an der Küſte eh' Ihr's Euch verſeht, und denkt vielleicht des alten Grognon's im Guten, wenn es Euch wieder wohl geht.“— Dem Manne war es mit ſeinen Worten Ernſt; Sorgſamkeit und Eile waren ihm nicht zu empfehlen, denn er jagte wie ein Blitz auf der Straße da⸗ hin, und fuhr zugleich mit der größten Sicherheit auf den bodenloſeſten Seitenſtraßen, die er, des Landes kundig wie Kei⸗ ner, einſchlug, um deſto eher an das gewünſchte Zielzu gelangen. So geſchah es denn, daß am Ende des kalten näßlichen Winter⸗ tages, im Dunkel des Spätabends und des Regengeſtäubes der Maierhof vor ihnen lag, einige Büchſenſchüſſe entfernt von den Lichtern des Dorfes St. Colombe. Noch dieſſeits der Brücke, die zu dem Hofraum führte, hielt Grognon und rief:„Daß Dich die Peſt! Was iſt denn nur in dem Pachthof los? Lichter überall, und in Scheune und Haus das Geſurre von ſo vielen Stimmen? Verdammt wäre es, wenn wir zu ungelegener Zeit kämen. Aber was hilft's? Wir find einmal da, und ſcheeren uns den Teufel drum!“— Die Pferde ſchleppten ſchnaubend den Wagen über den Hofraum an die Thüre des Hauſes. Im dem Vorgemach, das zu⸗ gleich Küche und Wohnſtube vorſtellte, war viel Getöſe und Lärm. Knechte und Mägde ſchleppten Krüge und Schüſſeln herbei, auf dem gewaltigen Herde flammte ein mächtiges Feuer, eine Schaar von Bäuerinnen war mit Zubereitun⸗ gen, wie zu einem bevorſtehenden Feſte, beſchäftigt. Das Gedränge war ſo groß, daß die Reiſenden, von Grognon 126 geführt, der ſeine Pferde draußen angebunden hatte, unge⸗ fragt und unbegafft bis zu einer jungen Frau gelangten, die, einen Säugling auf den Knieen ſchaukelnd, neben dem Herde ſaß, und, mit ſanfter Theilnahme in ihren lieblichen Zügen, das Treiben um ſich her beſchaute und belächelte. Sie erſchrack faſt, als Grognon, wie aus der Erde auf⸗ ſteigend, mit den Fremden vor ihr ſtand. Sie rief ſeinen Namen, reichte ihm dann freundlich die Hand, während er zu ihr ſagte:„Guten Abend, Suzon; wo iſt Euer Mann? Ich bringe ihm hier ein Paar Gäſte, die er mir zu Ge⸗ fallen eine Nacht beherbergen muß.“ Suzon betrachtete mit einigem Mißtrauen die Fremden und erwiederte dann ver⸗ legen:„Ich weiß nicht, Meiſter Grognon, ob das angehen wird. Wir haben morgen Kindtaufe, und alle Winkelchen des Hauſes ſind dergeſtalt eingenommen und belegt, daß ich fürwahr nicht weiß, ob...; doch da kommt juſt mein Dieu⸗ donné, und er ſelbſt mag hier entſcheiden, wie's ihm gefällt.“ „Sieh da, Meiſter Grognon!“ rief Deodat's Stimme hinter dem Fremden; Vietor ſah ſich ſchnell überraſcht um, ſtieß einen lauten Schrei aus und lag an der Bruſt des Pächters. Es war Sans⸗Regret.— Sechstes Rnpitel. Das Tauffeſt. Noch lag das Dunkel der Nacht auf der winterlichen Gegend, obſchon die Glocke auf dem Kirchthurme zu St. Colombe bereits die ſechste Morgenſtunde verkündet. Victor konnte nicht länger ſchlafen, ſprang von dem Lager auf, das man ihm in einer Dachſtube des Maierhofes bereitet hatte, und ſtieg, ſich die Zeit zu verkürzen, mit der Lampe in der Hand, in das Erdgeſchoß des Hauſes hinab. Es regte ſich noch keine Seele im Gebäude. Seine Bewohner, müde von den Zubereitungen des verfloſſenen Abends, ge⸗ noſſen noch des feſten Schlummers. Victor ſchürte das Feuer auf dem Herde an, und durchſchritt mit neugierigen Blicken die Hausflur, und das daran ſtoßende Gemach: die Wohn⸗ oder beſſer Putzſtube des Hauſes. Er ſah ſich in eine fremde Welt verſetzt. Man ſchien hier noch in den Zeiten des Mit⸗ telalters zu leben. Wir überhaupt die Niederbretagne noch viele Spuren ſeiner frühern celtiſchen Bewohner trägt, ſo verlängnete ſich auch in dieſem Maierhofe der allgemeine 128 Charakter des Landes nicht. Das dunkelgebräunte Getäfel der großen Stube verrieth Wohlſtand; ein Spiegel von ſehr mäßiger Größe, und kleine Fenſter von Glas ſchmückten das Gemach. Der Kamin war geräumig, verziert mit einigen niedlichen Kürbiſſen, und einem bunten Bilde des heiligen Caradec. Eine Truhe von ziemlicher Größe, mit einem Schiebedeckel, vermittelſt deſſen ſie ſich in einen Tiſch ver⸗ wandeln konnte, ſtand unfern der Thüre, die in das Schlaf⸗ zimmer der Hausbeſitzer führte. Victor, um ſeine Gaſt⸗ freunde nicht zu ſtören, ſchlich leiſe an der Kammer vorüber, und nahm ſich kaum Zeit, die höchſt alterthümliche Bettſtelle zu bemerken, die einem mit Schnitzwerk verzierten Kaſten glich, in deſſen Schubladen die verſchiedenen Glieder der Familie ihr Lager finden; denn es iſt bräuchlich in jenen Gegenden, daß die Aeltern die unterſte Lade dieſes ſeltſa⸗ men Bettes einnehmen, und die Kinder, nach ihrer Ge⸗ burtsfolge, in den höhern Schubladen einquartirt werden, wo gerade nur ſo viel Raum iſt, daß der müde Schläfer ausgeſtreckt liegen kann, ohne ſich zu rühren, weil jede Bewegung in einem unruhigen Traume ihm Beulen zuziehen würde. Kömmt der Tag und ſchlüpfen die Erwachenden aus ihren Betten, ſo werden dieſe Schubladen zugemacht und das ganze Geſtelle gleicht etwa einem alten Orgelge⸗ häuſe.— Als Viector noch auf ſeiner Runde im Gemach begriffen war, rief ihm Sans⸗Regret's Stimme einen freund⸗ lichen guten Morgen zu, und die Hand des Freundes ſtreckte ſich ihm aus dem Bettkaſten entgegen. „Sie dürfen ſchon hereintreten;“ ſagte der Pachter: „Suzon iſt nicht hier; ich bin vor der Hand ein Wittwer, weil mein Weibchen ſammt dem Kinde ſich in die Stube der 2 ſremden Dame gebettet hat, damit ſich dieſel nicht fürchte. Doch aber fällt mir ein, daß es ſich nicht ſchicken würde, wenn Sie zu mir kämen. Nur einen Augenblick; ich bin gleich bei Ihnen.“ Bei dieſen Worten ſprang er behende vom Bett, ſchlüpfte in ſeinen Sarreau, in ſeine Holzſchuhe, und kam zu Victor, ihm die Hand ſchüttelnd, und ihn noch einmal willkommen heißend.„Wir haben uns geſtern nicht unterhalten können;“ ſagte er freundlich:„wir wollen's heute nachholen. Theilen Sie mein Frühſtück; verſchmähen Sie die Speiſe des Land⸗ manns nicht, und gedenken Sie jener Zeit, wo Sie das Mittagsmahl des Invaliden nicht verachteten.“— Er langte raſch von dem Brettergeſtell, das um die ganze Höhe des Gemachs lief, einen großen Laib Schwarzbrod, ſorgfältig in ein reinliches Tuch gewickelt. Dann zog er unter einer Bank, die ebenfalls einen Kaſten bildete, einen Topf mit geſalzener Butter hervor, ſprang gelenk in den wenig tiefen Keller, und kam mit einem Krug voll des beſten Ciders zurück. Sodann rückte er Schemel an den flammenden Herd, ſetzte auf dieſem ſeine Herrlichkeiten nieder, richtete mit ſeinem Taſchenmeſſer die Butterſchnitten zu, und Viector that gefällig Beſcheid. Es bedurfte nur weniger Augenblicke, und ſchon wußte der Invalide auf's Genaueſte, wie'es mit ſeinen unverhofften Gäſten ſtand. Er lachte hell auf vor Freuden, als ihm Victor die dreifarbige Cocarde zeigte, die er unter dem Wachstuchumſchlag ſeines Huts verborgen hatte, und rief:„Hat mich doch in meinem Leben nichts ſo ſehr gefreut, als daß ich mich von Ihrem Patriotismus überzeuge. Geſtern Abend— auf meine Ehre— hielt ich Sie zuerſt für ein Geſpenſt, und dann für einen Mann, 130⁰ der nichts Eiligeres im Sinne hat, als zu emigriren. Keine Frage, daß ich Ihnen nicht auch zur Emigration behülflich geweſen wäre. Ich bin ja nur froh, daß Sie leben. Lieber aber iſt mir's, daß Sie treu und feſt an den Fahnen hal⸗ ten, die unſerm Vaterlande in ſo trauriger Zeit Ruhm und Ehre errungen haben.“ Victor ſchüttelte ſorgſam den Kopf und verſetzte:„Du biſt noch der alte Schwärmer, Sans⸗Regret. Deine Phan⸗ taſien wie die Meinigen, ſahen anders aus, als die blutige Wirklichke it. Sollteſt Du nicht wiſſen, in Deiner Abge⸗ ſchiedenheit, was ſich in Frankreich begibt? Sollte ſich nicht dann und wann ein Zeitungsblatt hieher verirren, welches Euch belehrte, daß des Schreckens furchtbare Regierung ihren Anfang genommen? daß unbeſcholtene Generale, tu⸗ gendhafte Deputirte, die ärmſte aller Königinnen und eine Menge von friedlichen Bürgern ſchon den Tod von Henkers⸗ hand empfangen?“ Sans⸗Regret nickte ſchweigend, zuckte die Achſeln, und erwiederte:„Das Alles weiß ich wohl; der Bruder unſers Pfarrers, der Adjunct von St. Colombe hält die Zeitungen, und theilt mir ſie hin und wieder mit. Was können wir jedoch dazu? Wir ſind ſchwache Menſchen, und die Zeit iſt gekommen, von der ich Ihnen zu Paris ſo viel geſagt. Frankreich war eine roſtige Klinge; es koſtet Mühe, den hundertjährigen Schmutz zu tilgen. Doch in der Zukunft ſtrahlt es hell, verlaſſen Sie ſich darauf. Manchmal kömmt mir in ſtillen Nächten, wenn der Vollmond am Himmel ſteht, und ich mich ſchlaflos ungeduldig auf dem Lager wälze, jene Erſcheinung wieder zu Sinne, die ich bei Mi⸗ rabeau's Bankett gehabt. Glauben Sie mir: jenes Geſicht 131 muß ſich erfüllen. Iſt Mirabeau nicht ſchon zur Leiche ge⸗ worden? Hat den Schurken Marat nicht das Loos getrof⸗ fen, das ſein Blutdurſt verdiente? Und ſo gut als es an die Girondiſten kam, wird es nicht eben ſo an alle die Leute kommen, die an jenem Tiſche ſaßen, und deren blutige Hälſe...“ Sans⸗Regret verſtummte plötzlich, ließ den Kopf in die Hände ſinken, und ſprach lange kein Wort. Endlich ermannte er ſich, fuhr wild in die Höhe, und faßte krampfhaft Victor's Arm.„Du weißt nicht, junger Freund,“ murmelte er,„welch eine unheilvolle Gabe ſich damals in mir entwickelte. Ich bin ein Leichenhuhn geworden, und ſehe jedem Menſchen, dem mein Blick durchdringend in die Augen ſchaut, die Art des Todes, der ſeiner harrt, und oft die Zeit deſſelben an. Eine beklagenswerthe Fähigkeit, die, wenn ich ſie nicht in mir zu erſticken ſuchte, mich nur unter Leichen auf einem weiten Kirchhofe wandeln ließe.“ — Er ſchwieg ſeufzend; indem er aber in des Freundes Geſicht ſah, wurde wieder Friede in ſeinen eigenen Zügen, und er ſagte mit gutmüthigem Lachen:„Muth, mein Freund! Sie leben ja noch, und nun lebe ich wieder dop⸗ pelt, und alle Geſpenſter meiner unglücklichen Phantaſie müſſen vor der Hoffnung weichen, die auch nach der trüb⸗ ſten Nacht ein heiteres Morgenroth verkündet.“ Victor, zufrieden, die böſe Laune ſeines Wirthes ver⸗ ſcheucht zu ſehen, benützte den Augenblick, ihn auf ein an⸗ deres Thema zu bringen. Er ſagte:„Du ſprachſt vorhin davon, wie wir geſtern einander gegenüber ſtanden, und uns für Geiſter hielten, bis die Macht der Freundſchaft uns einander an die Bruſt geworfen, wo wir uns end⸗ lich überzeugten, daß wir noch geſund auf dieſer Erde 132 wandeln. Erkläre mir nun auch, wie es gekommen, daß Du ſo ſchnell verſchwandſt. Man meldete mir, auf meine eifrigſten Nachfragen, immer nur Deinen Tod.“ „Ging es mir denn beſſer, was Sie betraf? Sie wa⸗ ren noch keine vollen vier Monate bei der Armee an unſern Gränzen, als mir eines Tags der alte Pierre Huet, der Invalide, ſagte:„He, Gevatter! weißt Du ſchon, daß Dein Vicomte in das Gras gebiſſen hat? Mein Enkelchen, der Fourier, ſchreibt mir's ſo eben mit der Poſt. Ein Granat⸗ ſtück hat den jungen Herrn getödtet.“ „Der Narr!“ rief Victor mit einigem Zorn;„Eine leichte Wunde, in einem Vorpoſten⸗Gefecht erhalten. In drei Wochen war ich völlig wieder hergeſtellt, und meldete Dir meine Verſetzung zur Cuſtine'ſchen Armee.“ „Der Teufel hole die Feld⸗Poſten! Ich habe keine Zeile erhalten. Ich hielt Sie alſo für todt in aller Form. Wie dieſes mir an's Herz griff, werden Sie ſich ſo leicht nicht denken; doch iſt's wahr, daß ich einen Augenblick die Idee hatte, mich zu erſchießen. Aber nur einen Augenblick lang. Der alte Fechtmeiſter haßt das Schießgewehr, und ich dachte, es würde beſſer ſeyn, ſich mitten in die großen Händel des Tags hinein zu machen, und eine tüchtige Rauferei abzu⸗ warten, worinnen ſich vielleicht das Leben mit Anſtand verlieren ließe. Händel gab es nun dazumal genug⸗ wie Sie wiſſen. Ich hatte das Hötel Knall und Fall verlaſſen, und Dienſte in dem Bataillon unſerer Section genommen. Unſere Volontaires gehörten zu den ſchlimmſten in der guten Stadt Paris. Wo es einen Allarm gab, waren ſie dabei, und ich, der alte Amerikaner, fehlte auch ſelten. Da heißt es eines Tages— wir waren gerade im 133 Sommer 1791— daß der letzte Tag der Monarchie ange⸗ brochen ſey. Man traue dem König nicht mehr, weil er ſchon einmal davon gelaufen, und alle gute Bürger ſeyen auf das Marsfeld beſchieden, um eine Bittſchrift zu unter⸗ zeichnen, daß es der Nationalverſammlung gefallen möge, den König Ludwig abzuſetzen. Hm! denke ich, es iſt Zeit, daß das Poſſenſpiel ein Ende nimmt. Die Komödie, die bisher gedauert, muß dem Volk und dem König gleich läſtig ſeyn. Es iſt ja beſſer für beide Theile, wenn man Seine Majeſtät ſammt Familie über die Gränze ſchickt, als daß man ſie länger noch mit großen Koſten gefangen hält. Ludwig war ja doch nichts als nur ein Gefangener. Somit mach' ich mich auch auf den Weg, und finde auf dem Mars⸗ felde eine ungeheuere Menge von Bürgern aller Klaſſen. Auf dem Altar des Vaterlandes, dort wo der König der Konſtitution den Eid geſchworen, ſteht Danton aufrecht, glühend roth im Geſicht, und predigt mit ſeiner Löwen⸗ ſtimme dem Volke Freiheit und Abſchaffung der Königswürde. Eine ungeheuere Papierrolle liegt neben ihm ausgebreitet, Dinte und Feder ſind zur Hand, und alle Bürger, einer nach dem andern, drängen ſich hinzu, die Bittſchrift zu unterſchreiben. Wer nicht ſchreiben konnte, machte ein Kreuz, und die Weiber ſchrieen indeſſen aus voller Kehle: Es lebe die Nation, weg mit dem König! Das Ding gefiel mir nicht übel, obſchon ich lieber geſehen haben würde, wenn ſich das ganze Heer des Landes, wie zu Pharamond's Zei⸗ ten, verſammelt hätte, um auf ſeinen Schilden einen neuen Herrn in die Höhe zu heben. An eine Republik dachte man damals noch nicht eigentlich. Ich wäre näher zu dem Altar hingetreten, wenn nicht an meiner Seite ein Mädchen laut W 2 10 aufgeſchrieen hätte. Ein plumper Landsmann hatte der Dirne den Fuß mörderiſch zertreten. Ich werfe einen Blick auf die Kleine, ſehe daß ſie trotz ihrem ziemlich abgeſchmack⸗ ten Bauernkleide ein recht hübſches Geſchöpf iſt, und fange mit dem Landsmann lebhafte Händel an. Da wir Proven⸗ zalen die Zunge am rechten Fleck haben, und der Lands⸗ mann von damals noch beſſer als ich,— er ſchien einer Auſterhändlerin Sohn zu ſeyn— ſo verlängerte ſich der Zank über die Gebühr, und wir bemerkten in der Hitze nicht, daß von der andern Seite des Platzes her Truppen anrückten, und plötzliche Gefahr entſtand. Mit einemmal hör' ich neben mir ſchreien:„Die rothe Fahne! Rette ſich, wer kann!“ Ich blicke nach der Seite, wo der rothe Fetzen flatterte, ſehe ſchon die ganze Menſchenmenge in unaufhalt⸗ ſamem Lauf nach allen Seiten hin zerſtieben, höre ein Pe⸗ lotonfeuer, das ſich einigemal erneut, und fühle mich, gerade als mein Landsmann todt vor mir zu Boden ſtürzt, von einer Kugel in die Schulter getroffen. Ich muß bleich ge⸗ worden ſeyn wie ein Leintuch, denn meine hübſche Nach⸗ barin, im Begriff auszureißen, ſchrie ihrem Vater zu: „Seht den braven Mann, wie er wankt! Gewiß iſt er bleſſirt, und wir müßten uns ſchämen, ihn hier zurückzu⸗ laſſen, da er ſich doch unſrer ſo freundlich angenommen.“ Ich fühlte mich, gerade als es mir dunkel vor Augen wurde, an beiden Armen ergriffen, eine gute Strecke fortgezogen⸗ und dann, juſt als ich zuſammenſank, ſchnell hinweg getra⸗ gen.— Als meine Sinne wieder kamen, befand ich mich in der Stube eines Logeurs, unfern vom Luxemburg. Ein unerbittlicher Feldſcheer wühlte mit der Sonde in meiner Wunde, und neben an ſaß das hübſche Mädchen, hatte die 135 bereits herausgezogene Kugel in der Hand, und lamentirte heftig, umringt von einer Menge von Weibern und neu⸗ gierigen Männern. Der Logeur war ein Freund der Nation, und ſchimpfte wie ein Teufel auf den Maire und auf La⸗ fayette, die das Blutbad veranſtaltet hatten. Ich knirſchte mit den Zähnen, ſprach allerlei dummes Zeug, wie man mir nachher geſagt, und hielt eine traurige Quarantaine in dem gaſtfreundlichen Hauſe. Tagtäglich beſuchte mich das Mädchen, denn es wohnte mit ſeinem Vater in dieſer Her⸗ berge. Ich wollte mich gerne in das Kämmerlein bringen laſſen, das ich bewohnt hatte, aber man rieth mir's ab, weil man befürchtete, ich möchte als Theilnehmer jener Un⸗ ruhen auf dem Marsfelde noch obendrein zur Strafe gezo⸗ gen werden. So ergab ich mich denn in mein Loos, und durfte mir einbilden, daß es nicht das Schlimmſte ſey⸗ weil meine Wunde glücklich heilte, und Suzon meine uner⸗ müdliche Pflegerin war. Als es beſſer mit mir wurde, kam einmal Suzon in Thränen zu mir, und ſagte, ſie werde bald Paris verlaſſen müſſen, um nach ihrer Heimath, die Bretagne, zurückzukehren, und es mache ihr außerordentlich viel Schmerz, ſich von mir zu trennen. Sie las in meiner Seele, daß es mir auch nicht beſſer erging. Die Pflege, der Umgang mit dem nieblichen Dinge war mi lieb ge⸗ worden. Ich fragte ſie, was denn bisher ihr Geſchäft in Paris geweſen; und ſie antwortete mir:„Die heilige Anna von Auray, zu deren Bilde die Bretagner fleißig wallfahr⸗ ten, habe ihr einen Traum in ihrer Kirche geſchenkt, und ihr darinnen geſagt: ſie ſolle nach Paris gehen, und den König warnen vor dem Unglücke, das ihm bevorſtehe⸗ zugleich ihn einladen, nach Bretagne zu entfliehen; denn 10* 136 von den Ufern der Loire werde ihm Rettung kommen. Nach langem Widerſtand habe der Vater endlich eingewilligt, die Tochter nach Paris zu begleiten; aber, es ſey ihnen un⸗ möglich geweſen, bis zum König zu dringen, obgleich ſie ſich an alle Miniſter gewendet, und beſonders an den alten Präſidenten von Malesherbes, der jedoch Alles für Alfan⸗ zerei erklärt und ihnen geboten hatte, unverweilt wieder nach Hauſe zu gehen. Da hab' es ſich getroffen, daß Su⸗ zon's Vater eine alte Muhme aufgefunden, die in der Nähe des Kirchhofs von Clamart wohnte, auf den Tod lag, und ihren Vetter dringend bat, bis zu ihrem Ende zu verweilen, und für dieſe Barmherzigkeit ihre kleine Hinterlaſſenſchaft anzunehmen. Nun ſey aber die Muhme geſtorben, auch bereits begraben, und der Vater wolle ein längeres Zögern nicht dulden.— Was ſoll ich aber auch noch länger zögern? Ich ſage Ihnen kurz, daß die junge Suzon mich, den weit ältern Krüppel, liebgewonnen hatte; daß ſie mir's geſtand; daß ich hoffte, in einer ſolchen Verbindung noch einen Strahl der Freude in mein Erdenleben blitzen zu ſehen; daß der Vater hinter die ganze Geſchichte kam, und mir die Tochter verſprach. Da zog ich mit den Leuten weg, ohne meine Chefs und meine Kameraden wieder zu ſehen, wurde von dem würdigen Pfarrer zu Colombe mit Suzon getraut, und erlebte vor wenig Wochen die Freude, Vater eines ge⸗ ſunden Knaben zu werden. Ich habe gelernt, meinem wohl⸗ habenden Schwiegervater in ſeinen Arbeiten zu helfen, und er thut ſtolz mit mir, weil außer dem Pfarrer im ganzen Dorfe Niemand iſt, der ſo viel gelernt uad geſehen hat, als ich. Die guten Leute, meine neuen Verwandten, zwei⸗ feln keineswegs, daß es mir nicht einſt noch gelingen würde, 137 den Ehrenplatz des Maire im Dorfe einzunehmen. In ſo fern aber dieſes eine politiſche Würde iſt, ſo geize ich nicht darnach, weil einem jeden Beamten zu dieſer Friſt der Hals erbärmlich jucken muß.— Fürchten Sie indeſſen nicht, daß ich meine Mitwirkung zur Flucht Ihrer Dame verwei⸗ gern werde. Um etwas Gutes zu thun, bin ich nie zu furchtſam und gelte es auch den Kopf. Es iſt nur ver⸗ drüßlich, den Kopf um einer elenden Lapperei willen zu verlieren.“ Victor umarmte ihn und ſagte dringend:„O, ſo hilf ſchnell. Der brave Grognon hat ſich vorgenommen, noch dieſen Morgen nach Mans zurückzukehren. Meine Hoffnung beruht auf Dir allein. Bevor die Marquiſe nicht in Dinan iſt, hat ſie noch nicht das Geringſte gewonnen. Die Trup⸗ pen des Convents ſind ſpäteſtens in zweimal vier und zwanzig Stunden in der ganzen Umgegend kantonirt, und vielleicht ſtößt morgen ſchon das engliſche Fahrzeug, das die Unglückliche gerettet hätte, von der Küſte. „Verfluchte Engländer!“ ſchalt Sans⸗Regret, indem er dem einbrechenden Tag die Fenſterladen öffnete, und dann einigemal um den Herd rannte.„Schäbiges, plumpes Krä⸗ mergezücht! Das iſt mit ein Unglück unſerer Zeit, daß ein ehrlicher Franzoſe gezwungen iſt, ſich mit den engliſchen Hallunken zu verſtehen, wenn er andere ehrliche Leute dem Teufel aus den Zähnen reißen will. Verfluchte Engländer, noch einmal! verfluchte Emigranten, noch obendrein! Wäre der feige Adel nicht davon gelaufen, ſo ſtünd' es jetzt beſſer um Frankreich, und die honetten Leute dürften ungeſtört zu Hauſe bleiben. Aber, fort muß die Marquiſe. Am hellen Tage geht's zwar nicht. Die guten Bretagner ſind ſehr „ 6 veugierig. Wir müſſen die Nacht abwarten. Ich werde in der Sakriſtei mit dem Herrn Pfarrer ſprechen. Wir haben hier noch einen Pfarrer. Es geht uns nichts an, daß der Spitzbube Gobel ſeine Biſchofsmütze wegwarf, und die an⸗ dern Spitzbuben ſeines Schlags, Biſchöfe und ſubalterne Pfaffen, ihren Kram aufgaben. Unſer Pfarrer war von Anbeginn kein Heuchler, kein verlarvter Sünder mit zuge⸗ kniffenen Augen und Honig ſprudelnden Lippen, ſondern ein wahrer Knecht des Evangeliums, und ein würdiger Be⸗ rather ſeiner Gemeinde. Darum braucht er auch jetzt kein Heuchler zu werden, und nicht den Gottesläugner zu ſpie⸗ len, wie die Andern, denen es jedoch auf dem Todtbett heiß genug ſeyn wird.— Ja, wo blieben wir denn?— Ich weiß ſchon: Mit dem Pfarrer wollt' ich ſprechen. Er hat einen leichten Wagen, und ein Paar friſche Gäule, die wie eine Windsbraut in die Welt hineinlaufen. Ich bringe die Marquiſe in der Nacht zum Pfarrhauſe und kutſchirc ſie dann ſelbſt nach Dinan.“ „Wenn Du mir darauf Dein Wort giebſt, bin ich be⸗ ruhigt. Ich laſſe dieſes Pfand, mir vom Schickſal anver⸗ traut, in Deinen Händen, und darf mich ſomit wohlgemuth mit Grognon auf den Rückweg nach meinem Poſten machen.“ „Das wäre ſchön! Meinen Sie denn, daß nur der Zufall Sie hierher geführt? Zwölf Stunden hin oder her, das macht für Freunde nichts aus. Haben Sie vergeſſen, daß bei mir getauft wird? Meinen Sie, ich wüpde ſchlecht genug ſeyn, einen andern Pathen zu wählen, als Sie? Der alte Lambert mag zurücktreten. Ihnen gehört der Blumenſtrauß von Rechtswegen. Sie werden ſehen, wie Sie von unſern Bauern fetirt werden, und meinem Buben wird der Name 139 Victor beſſer ſtehen, als der des heiligen Iflam, der Lam⸗ bert's Patron iſt. Sie müſſen wiſſen, daß wir hier in Nie⸗ derbretagne Heilige haben, von denen man ſich in Rom ſchwerlich etwas träumen läßt, und ein Jeder von ihnen hilft gegen ein beſonderes nebel. So kurirt der heilige Ilec die vernagelten Pferde, Sanct Columbanus hilft vom Fieber, und der heilige Dourlu richtet den Verrückten ihr bischen Gehirn wieder ein. Ich hätte ihm auch ſchon eine Wallfahrt gelobt, wenn ich nicht, mitten unter Ariſto⸗ kraten, ein guter Republikaner wäre. Laſſen Sie mir doch noch einmal die Cocarde ſehen, die dreifarbige, daß ich ſie küſſe. Jetzo iſt ſie das Feldzeichen der Nation, ſeitdem der dicke, liederliche Orleans daran glauben mußte, deſſen Livree ſonſt die drei Farben trug. Fühlen Sie ſich, Viector, trotz allen Gräueln, die unſer Vaterland zerreißen, nicht erhoben und glücklich, ein Sohn der Freiheit zu ſeyn? Auch ich habe Washington's Schleife noch immer, und ſie prangt dort, wie Sie ſehen, an meinem Karabiner über dem Kamin. An jenem Octobertage zu Verſailles..... aber, wie iſt mir denn? Was hat denn der Teufel mit Ihnen vor, daß er Sie immer mit Ariſtokratinnen zuſammenführt? Hat noch keine Republikanerin Ihr Herz gerührt? Muß denn gerade jetzt wieder die Marquiſe..“ „Dr irrſt ſehr;“ verſetzte Victor erröthend:„Dié Mar⸗ quiſe näre eher meine Feindin als meine Freundin zu nennen. Was Enilien betrifft..„ „Blitz! Da hab' ich Ihnen etwas mitzutheilen. Etwas recht Artiges, ich ſtehe Ihnen dafür— Sie werden ſich freuen, wenn auch nur ſchmerzlich. Aber ſelbſt im Schmerz giebt es Freude, wie auch umgekehrt.“ 14⁰ „Laß hören!“ rief Viector mit funkelnden Augen. „So erfahren Sie denn, daß eines Tags, als ich durch die Straße Vivienne ging, plötzlich das Fräulein Sombreuil mir aufſtieß. Gott mag wiſſen, daß ſie blaß ausſah. Ich rangirte mich zur Seite und grüßte die Tochter meines ehemaligen Gouverneurs, wie es einem höflichen Soldaten 3 zukömmt. Da bleibt ſie ſtehen, ruft meinen Namen, dann den Ihrigen, und ſagt zu mir...4 Indeſſen ging die Thüre auf und Grognon, mit der Peitſche knallend, trat herein, um Abſchied zu nehmen. „Schon ſieben Uhr!“ rief er, ſich die Augen reibend: „Bei Euch iſt's verzweifelt lange dunkel, Ihr wildes Bauern⸗ volk, das noch nicht einmal die Frohnen abgeſchafft hat! In⸗ deſſen habe ich doch bemerkt, Dieudonné, daß Euer Haus⸗ knecht meine Pferde wohl verſorgte, denn ſie ſtampfen friſch und ungeduldig den Boden, und ich will munter von dannen. Noch ein Glas Cider, Freund, und dann, Bürger Lieute⸗ nant, friſch aufgeſeſſen; denn ich ſetze voraus, daß Ihr mit dem ehrlichen Mann da ſchon Alles abgemacht habt, was Eurer Schutzempfohlnen frommt.“ „Fahrt nur allein, wenn Ihr nicht die Taufe abwarten wollt, wozu ich den Offizier nöthig habe;“ ſcherzte Sans⸗ Regret.„Der Herr muß unſere ſchönen Mädchen kennen lernen, und findet auch morgen allenfalls noch ein Reitpferd, das ihn in's Hauptquartier zurück bringt.“ Grognon ſchlürfte ſein Glas behaglich aus, machte einen leichten Kratzfuß, und verſetzte:„Mir iſt's Recht, Bürger Lieutenant. Ihr ſeyd hier nicht im Hauſe eines Verräthers, und wahrlich— ich bin auch kein Judas, und vewammt ſoll das wahre Wort ſeyn, das über meine Zunge geht, 3 141 wenn man mich zu Mans quäſtioniren wollte. Mit Euch, Dieudonné, noch ein Wort. Verfahrt ſäuberlich mit der vornehmen Dame. Bis hieher hat ſie's nur mit galanten Leuten zu thun gehabt; es möchte ihr jedoch vor Eurer Bauernnatur bange werden, wenn Ihr ſo ungeſchliffen wäret, wie gewöhnlich;— nun aber erlaubt mir, Euch Adieu zu ſagen, und Ihr, Herr Offizier, mögt glauben, daß ich Euer nie vergeſſen werde, obſchon ich mich hüten will, Euch je⸗ mals ein Compliment zu machen, wenn Ihr mir auf der Straße begegnen ſolltet. Was wir wiſſen, gehört nur für uns. Damit ſey Alles abgethan.“ Victor hielt ihn auf, und fragte, ob er nicht eine Vier⸗ telſtunde noch verweilen dürfe, um den letzten Dank der ge⸗ retteten Dame zu empfangen. Grognon ſchüttelte jedoch heftig den Kopf und erwiederte:„Das preſſirt nicht. Wir werden uns im Himmel zeitig genug wieder ſehen. Gebe nur Gott, daß wir Alle ſammt und ſonders in unſerem Bette verſcheiden! Wie es aber das Schickſal fügt, ſo bleibt doch der Refrain von allen Dingen: ca ira! ca ira!“ Er drückte die Mütze in den Kopf, rannte hinaus zu ſeinem Wagen, und in wenig Augenblicken war er jenſeits der Brücke verſchwunden. „Grognon hat Recht!“ ſagte nach kurzem Schweigen Victor:„Wenn das Schickſal einen Unglücklichen in unſern Schutz giebt, ſo wird er ſchnell, ſogar aus einem Feinde, ge⸗ wißermaßen ein Freund und Verwandter. Auch ich, offen ſey Dir's geſtanden, Sans⸗Regret— bin nicht ſehr aufge⸗ legt, mit der Marquiſe ferner in einem Verhältniß zu bleiben. Mir wird es lieb ſeyn, ihr nicht einmal im Augenblick des Scheidens mehr zu begegnen, weil das Mitleid, das ich für ſie empfinde, mich weicher machen könnte, als es meiner Stellung ihr gegenüber gerade geziemte.“ Ein ſchlaues Lächeln überflog Sans-Regret's hageres Geſicht, und er antwortete mit dem Schalk im Nacken: „Das macht ſich leicht. Die Dame muß ohnedies nicht bei unſerm Feſte ſeyn, um nicht unnöthige Neugier zu erregen. Sie gedulde ſich daher den Tag über in ihrem Zimmer, bis ich ſie am Abend abhole. Meine Suzon kommt hier gerade zur gelegenen Zeit, daß ich ſie mit der Conſigne bekannt mache.“ Sans⸗Regret gab wirklich ſeine Befehle im obigen Sinn an ſeine Frau, die mit dem Kind auf dem Arme erſchien, friſch und munter, mit Thränen in den Augen, die des Tages Bedeutung erpreßt hatte, und einer von Morgenthau benetzten Roſe ähnlich. Suzon verſprach, für die Fremde alle Sorge zu tragen, und, im Einverſtändniſſe mit ihrem Manne und Victor, gegen Jedermann zu be⸗ haupten, daß die Frau, von Verwandten abgeholt, ſchon in der Nacht den Maierhof verlaſſen. Indeſſen nahm Sans⸗ Regret den zur Taufe geſchmückten Säugling in ſeine Arme, tanzte mit ihm durch alle Gemächer auf und nieder, und betrug ſich ſo ausgelaſſen in ſeiner Freude, daß dem Offizier angſt und bang wurde, ſein Freund möchte in einen für ſeine Sinne beunruhigenden Zuſtand verfallen. Einen ſchroffen Gegenſatz zu dem poſſierlichen Uebermuth des Provenzalen⸗ bildete die ſtille Emſigkeit, womit Suzon die Sonntags⸗ kleider ihres Mannes herbeitrug und ordnete; nicht minder die phlegmatiſche Behaglichkeit der herbeigekommenen Schwie⸗ gereltern, ächter Bretagnergeſichter, die weder von Leid noch von Freude einen geprägten Ausdruck annehmen können. —————— 143 Nach einer Viertelſtunde hatte Sans-Regret ſeinen noch immer militäriſch zugeſtutzten Putz angelegt, ein mit Bän⸗ dern gezierter Karren ſtand vor der Thüre, um den Täuf⸗ ling und ſeine Verwandten zum Gotteshaus zu führen, und von dem Kirchthurm zu St. Colombe ſchallte die Glocke friedlich durch den grauen Wintermorgen⸗ Suzon befeſtigte in Victor's Knopfloch einen Strauß von Blumen, die im Kloſter zu Dinan verfertigt, und in der Kirche der heiligen Anna von Auray geweiht worden waren- Sie ſprach dann in dem Dialekt des Landes einen inbrünſtigen Segen über das in eine dichte Wilvſchur gewickelte Kind und begleitete daſſelbe, alle Dienſtboten im Gefolge, bis zur Schwelle des Hauſes, die ſie, nach dem Landesbrauch, nicht verlaſſen durfte, bevor nicht der Pfarrer die Wöchnerin ausgeſegnet. Victor's Gedanken, obgleich zerſtreut durch die Erſcheinung der verwichenen Tage, floſſen während der Fahrt nach St. Colombe in eine Beſchauung zuſammen: in die Betrachtung der Vaterliebe, die auf Sans⸗Regret's Stirne thronte, womit er lächelnd auf den kleinen Jungen ſah, der in ſeinem Schvoße lag. Der Invalide wendete ſich zu Victor, und ſagte ihm, überſpannt wie gewöhnlich: „Sie wollen heute dieſem Burſchen Ihren Namen geben, und dafür gebe ich Ihnen den ganzen Burſchen ſelbſt. Er wäre nicht mein Blut, wenn er nicht einſt Soldat würde, und meine größte Freude beſtünde darin, den Jungen als Tambour bei der letzten Compagnie der Diviſion zu ſehen⸗ die Sie einſt als General kommandiren werden. Verſprechen Sie mir alsdann, dem kleinen Kerl zum Avancement be⸗ hülflich zu ſeyn. Es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn er es nicht etwa zum Sergeant⸗Major bringen ſollte: alſo immer noch um ein Paar Staffeln weiter als ſein Vater.“ Der ernſthafte Victor mußte wider Willen lächeln und verſetzte:„Guter Freund! in unſern Zeiten darf keiner für die nächſten acht Tage ſchwören. Laſſen wir den Him⸗ mel walten.“ „Den Himmel?“ rief Sans⸗Regret ſpöttiſch:„ſie haben ihn ja im Convent abgeſetzt. Ich glaube, daß nur wir in der Niederbretagne noch einen Herrgott haben.“ Sie ſtanden am Eingang des Dorfes. Ein Paar tüch⸗ tige Flintenſalven, von den Freunden und Bekannten des Pachters abgefeuert, empfingen die Taufleute. Der Täuf⸗ ling ſchaute mit hellen Augen und ſchmunzelnd aus ſeinem Pelz nach der Gegend, wo die Schüſſe donnerten, und ſein Vater pries den Muth, der ſich ſchon in dem Buben ver⸗ rieth. Ein langer, blatternarbiger Bauer im höchſten Feſt⸗ ſtaate, mit einem rieſigen Bouquet an der Bruſt, trat an den Wagen und ſchwenkte den Hut. Sans⸗Regret rief ihm zu:„Links um, mein Alter! Mein Bube wird nicht Iflam heißen, ſondern Victor, und mein ehemaliger Kapitän“— er warf einen lächelnden Seitenblick auf den Offizier— „iſt gerade zu rechter Zeit gekommen, um Dir abgeſetzten, übelberüchtigen Zollwächter das Pathenamt abzunehmen.“ Lambert ſah den Erſatzmann verwundert an, und ſchien nicht ſehr erbaut von dieſem Eingriff in ſeine Rechte. Sein ſcharfes Auge bemerkte jedoch auf Victor's Uniformknöpfen das Wappen der Republik und die Sansculotten hatten ſich in jenen royaliſtiſchen Gegenden bereits ſo fürchterlich be⸗ rühmt gemacht, daß der Bauer nicht wagte, einem von ihnen gegenüber, etwas anderes zu wollen, als dieſer. Lambert ſchwieg alſo, und ſuchte ſeine ganze altmilitäriſche Haltung zuſammen, um dem Offizier die Honneurs zu machen, was dem ehemaligen Küſtenſoldaten übel gelang. Weitere Erörterungen ſchnitt das Geläute der Kirchglocke ab, welches die Gläubigen zur heiligen Handlung berief.— Unter dem Zuruf der ganzen Gemeinde des Dorfs wurde die Taufe vollzogen, und Victor kehrte, den Säugling im Arm und von deſſen Großeltern begleitet, zum Maierhof zurück, während Sans⸗Regret noch mit dem Pfarrer in der Sakriſtei verkehrte. Die zum Kindtauffeſt geladenen Weiber und Männer folgten mit Neugierde und Verwunderung dem fremden Offizier. Ihm, dem fremden Gaſte, mit den Sitten des Landes unbekannt, böt ſich ein wunderliches Schauſpiel dar, als er in das Innere des Gebäudes trat, und Küche und Flur, ſogar die anſtoßende Dreſchtenne geräumt ſah, um die Menge der Geladenen zu faſſen, und ihnen Platz zum ungebundenſten Vergnügen zu verſchaffen. Küche und Flur waren mit Tannenzweigen geſchmückt, und die Glut des Herdes verbreitete, trotz der Kälte von auſſen, eine angenehme Wärme in dieſen zum Tanzſaal verwandelten Räumen. Auch in der Tenne loderten Feuerflammen aus zwei parallel⸗laufenden Gruben, worüber an hölzernen Gabeln mächtige Keſſel hingen, an deren Rande ungeheuere Eiſentöpfe ſtanden, worinnen die Gemüſe brodelten, und die Fleiſchſtücke ſchmorten, die den Appetit der Geſellſchaft reizen ſollten. Suzon's Bruder, ein herkuliſcher Menſch, angethan mit der bräuchlichen blauen Jacke, dem breiten Ledergürtel mit der blanken Schnalle und den Kamaſchen von Scharlach mit verſilberten Knöpfen— der Anzug aller Männer bei dem Feſte— trat feierlich vor, um Victor mit 146 wenigen Worten für ſeinen Pathendienſt zu danken, und hielt alsdann eine lange Rede, wovon der Offizier nichts verſtand, die aber rührend geweſen ſeyn muß, weil die Mutter, die Gevatterinnen und alle Gäſte insgeſammt um die Wette ſchluchzten. Kaum hatte indeſſen der Redner geen⸗ det, als ſchon aus einem Winkel des improviſirten Tanz⸗ ſaals der gellende Ton der Bignou's, und der ſchnarrende Brummbaß der Bombarden laut wurde und zum Tanz aufforderte. Während Suzon's Bruder, der Ceremonien⸗ meiſter und Koch des Feſtes, in die Dreſchtenne lief, in den Keſſeln nachzuſehen, die Braten zu wenden, die Ciderfäſſer anzuſtechen, und den Branntwein zu ſpenden, ſammelte ſich das junge Volk, um den in der Bretagne heimiſchen National⸗ reigen aufzuführen, der⸗ einen geſchickten Führer an der Spitze, alle Windungen einer Schlange nachmacht und die ſeltſamſten Figuren darſtellt. Victor ſah nicht ohne Intereſſe dieſen Verſchlingungen zu, worinnen die rothe Farbe der Kamaſchen, neben den ſchwarzen Röcken der Weiber, wie der Goldgrund der langen Hauben der letzteren⸗ neben den dunkeln Jacken der Männer eine gute Wirkung hervorbrachten. Während die Jungen tanzten, ſchmauſ'ten die Alten be⸗ haglich; ließen ſich, um ihre Eßluſt zu ſchärfen, geröſtete Fleiſchſchnitten aus der Pfanne fiſchen, leckeren Käſe auf die Brodſchnitten bereiten, und empfingen endlich, aufſtehend und mit einem Lebehoch, den Kindtaufvater, der mit zufrie⸗ denem Antlitz unter ihnen erſchien. Nun wurde eiligſt die Tafel für die Notabilitäten des Dorfes gerüſtet. Man ſetzte ſich nach dem Grade der Verwandtſchaft auf die Bänke, die faſt von gleicher Höhe waren, wie der Tiſch, ſo daß man halb auf der Tafel, halb auf den Knieen ſpeiſ'te. 147 Victor ſaß oben an, zwiſchen Sans⸗Regret und Suzon, die keinen Biſſen des Gaſtmahls anrühren durfte. Als der fleißige Koch die zweite Tracht der Speiſen geordnet hatte, und dieſelbe unterm Klang der Inſtrumente aufgetragen wurde, flüſterte Sans⸗Regret Victor in die Ohren:„Alles in Richtigkeit. Der Tagsbefehl ſchon gegeben. Mit keiner Solbe etwas von Ihnen verrathen. Alles auf mich genom⸗ men; der Pfarrer eingewilligt. Zwiſchen fünf und ſechs, wenn hier Alles betrunken ſeyn wird, führe ich die ſchöne Emigrantin davon. Beharren Sie darauf, ſie nicht mehr zu ſehen? Meine Suzon ſagt mir, ſie weine ſchon den ganzen Tag vor ſich hin.“—„Sie weint um ihr verlornes Glück;“ verſetzte Vietor achſelzuckend:„ich will der leidige Tröſter nicht ſeyn. Laß mich zufrieden.“— In dieſem Augenblick trat der Ceremonienmeiſter, von Rauch geſchwärzt wie ein Cyklop, an das untere Ende des Tiſches, und brachte einen Trinkſpruch für den Offizier aus. Victor ergriff hierauf das alterthümliche Trinkgefäß, das vor ihm ſtand, trank dankend, und gab den Becher an Suzon. Dieſe reichte ihn wieder einem Manne, jener wieder einem Weibe, und ſo ging das Gefäß in bunter Reihe die Geſellſchaft durch, um von dieſem Moment an nie mehr aus der Hand gelaſſen zu werden. Die Gehülfen des Kochs hatten alle Hände voll zu thun, um Cider und Branntwein zu ſchenken, und als ziemlich ſpät die Tafel aufgehoben, und der Ball wieder begonnen wurde, äußerten ſich bald an Männern und Weibern die Wirkungen der berauſchenden Getränke. Es ging bunt durcheinander in allen Gemächern des Maier⸗ hofes, wo gegen dreihundert Gäſte verſammelt waren. Hier Tanzmuſik und Luſtgeſchrei, dort ausbrechender Streit; 148 dann wieder Geſang, dann in irgend einem Winkel Karten⸗ und Würfelſpiel; überall jedoch Leben und Uebermuth, nebſt gänzlichem Vergeſſen alles desjenigen, was außerhalb der Gränze, des Hauſes vorgehen mochte. Luſtiger und grotesker geſtalteten ſich alle Bilder dieſes Feſtes, als die Fackeln angezündet wurden, weil draußen die Nacht hernieder ſank.— Sans⸗Regret hatte ſich aus dem Getümmel entfernt, und kam zu Victor zurück, der ſinnend an einem Pfeiler der Hausflur lehnte.„Es iſt Zeit,“ ſagte er kurz und ernſt: „mein Mantel und mein Karabiner hängen vor der Thüre, und ein ſcharf geſchliffenes Meſſer trage ich in der Taſche. Ich habe eben von meiner Frau Abſchied genommen, die oben das ſchlafende Kind hütet. Die Leute hier haben ſich alle vollgetrunken, und bemerken gewiß meine Entfernung nicht. Ich gehe alſo, wohin mich meine Pflicht und mein Verſprechen rufen. Bis morgen Abend denke ich zurück zu ſeyn. Werde ich Sie dann noch finden?“— Victor ver⸗ neinte, ſich mit der Nothwendigkeit zurückzukehren entſchul⸗ digend.—„Wohlan,“ fuhr Sans⸗Regret fort, indem er ſich ſchnell über die Augen ſtrich:„wenn's nicht ſeyn kann, nun denn in Gottesnamen. Rechnen Sie auf mich; und vergeſſen Sie nicht, daß ich in der Nähe von St. Colombe wohne, und ein Brief mich wohl findet. Gewähren Sie mir dage⸗ gen eine Bitte: die arme Frau will nicht eher ſcheiden, als bis ſie ihren Retter noch einmal geſehen. Schütteln Sie nicht ſo hart den Kopf. Das unglückliche Weib ſteht draußen in einem Winkel, und erwartet, vor Froſt zitternd, Ihre Entſcheidung.“—„Ich müßte kein Franzoſe ſeyn, wenn ich hier noch zauderte!“ rief Victor ſchnell und beſchämt, und folgte dem Wirth in den Hof, wo ſich Gabriele zu ſeinen 19 Füßen ſtürzte.—„Madame! was machen Sie?“ ſtammelte er verlegen, während heiße Thränen auf ſeine Hände fielen, und hob Gabriele auf, ſie unbewußt mit ſeinem Arm um⸗ ſchlingend.„Iſt es denn Wahrheit,“ ſchluchzte die Weinende, „daß ich an Ihrer Bruſt liege, daß Sie mir vergeben? O! es hätte mir das Herz gebrochen, wenn ich hätte fortgehen müſſen, ohne Sie noch einmal zu ſehen und zu bitten...“— „Laſſen Sie die Vergangenheit, Madame;“ verſetzte Victor gerührt.„Das Glück begleite Sie!“—„Das Glück? wenn Sie mich verlaſſen? O, wenn Sie wüßten..—„Sie folgen hier einem braven Manne; ihm haben Sie fortan Alles zu danken; ſagen Sie Adelen meinen Gruß; ſagen Sie ihr, daß ich gethan, wie ſie gewollt, und vergeſſen Sie mich dann.“— Die glühende Hand der Marquiſe, die Vie⸗ tor's Rechte krampfhaft umfaßt hielt, erſtarrte plötzlich wie zu Eis. Gabrielens Thränen verſiegten, und gewaltſam riß ſie ſich von Victor los, um dem Invaliden die Hand zu reichen. Obſchon betroffen von dieſer blitzſchnellen Verände⸗ rung, flüſterte Victor doch ſchnell den Beiden zu:„Macht nun, daß Ihr fortkommt! Es muß ein Streit im Hauſe aus⸗ gebrochen ſeyn, der ſich hieher zu wälzen droht. Fürchtet die Entdeckung, flieht!“ Ohne eine Sylbe zu entgegnen, warf Sans⸗Regret ſei⸗ nen Mantel um Gabrielens Schulter, den Karabiner auf den Rücken und verſchwand mit der Dame durch die zufal⸗ lende Hinterthüre des Hofes. Victor wendete ſich raſch nach dem Innern des Hauſes, aber, wie verſteinert ſtand er auf der Schwelle deſſelben, als ſich die Pforte öffnete, Lichter⸗ glanz und wilder Stimmen Ruf hindurchdrang, und Ge⸗ wehre nebſt dreifarbigen Schärpen unter dem Getümmel der 3. 11 150 herbeiſtrömenden Bauern zu ſehen waren. Ein Anklitz, ganz geeignet, eine furchtbare Ahnung in Victor's Herzen zu er⸗ regen, ward von den Fackeln beleuchtet: es war Minets, des Agenten Geſicht. Neben ihm ſtand Lambert, mit Scha⸗ denfreude auf den Offizier deutend;„Iſt das nicht der Lieu⸗ tenant, den Ihr ſucht?“ Und Minet erwiederte trotzig und befehlend:„Im Namen des Geſetzes! Ich verhafte Dich, Dammartin, als den Mitſchuldigen des verräheriſchen Mar⸗ ceau.“— Victor's Mund, zum Reden geöffnet, verſtummte, und eine Schaar von ſogenannten Epauletiers der Revo⸗ lutionsarmee umgab mit geſpannten Gewehren den Gefange⸗ nen. Mit vieler Mühe ſtammelte er endlich:„Was hab' ich verbrochen?“—„Das wird man Dir vor dem Revolutions⸗ tribunal ſagen;“ erwiederte höhniſch lachend der Agentt „Glaubteſt Du unſerer Wachſamkeit zu entgehen? Marceau iſt verhaftet, und wir folgten wie ein Gewitter Deiner Spur. Dein Mitſchuldiger, Grognon, iſt ſchon auf dem Wege zum Schaffot, und Du folgſt ihm, ariſtokratiſcher Cide⸗ vant. Mußteſt Du eine Rebellin befreien? Doch ſey ge⸗ troſt: hätteſt Du auch dieſes nicht gethan, dennoch müßte Dein Kopf unter dem Beil fallen. Denk' an die weißen Cocarden des dritten Oktobers!“ Dieſe Erinnerung ſchnitt wie ein Dolch in Vietor's Bruſt, und im Augenblick erkannte er in dem Agenten jenen Poſamentiersgeſellen, der damals nur mit Zittern in das Geheimniß eingeweiht worden war. „Ich bin verloren;“ ſagte er zu ſich ſelbſt:„Muth alſo!“ Er ſchritt durch die Reihen der dumpf vor ſich hinſtarren⸗ den Bauern, und ſchenkte nur der weinenden Suzon, die jedoch in ihrem Schmerz kein Wort über die Lippen brachte, einen Blick des Mitleids. Soldaten kamen aus den obern 15¹ Gemächern des Hauſes herunter, und meldeten dem Agenten⸗ daß ſie nirgends das Weib gefunden. Triumphirend lächelte Victor, doch kam das Erbleichen bald an ihn, als eine Pa⸗ trouille hereinſtürzte, und frohlockend verkündete, daß man das Weib mit einem männlichen Begleiter fliehend, in einem Ackerfelde aufgegriffen und es zurückſchleppe. Minet jubelte und rief mit gräßlicher Stimme:„Werft dieſen hier auf den Karren, und ſchafft ihn fort. Für ſeine Mitſchuldigen requirire man das Fuhrwerk im Dorfe, und bringe ſie ſo ſchnell als möglich nach. Ich werde ſelbſt dafür Sorge tragen. Ihr aber, dumme, abergläubiſche Landleute, danket dem Himmel, daß man nicht in dieſem Hauſe die Verbrecher ertappte! Nehmt Euch ein Beiſpiel, und gehorcht der Re⸗ publik!“ „Unglückliche Gabriele! Armer hingeopferter Freund!“ ſeufzte der gefangene Vietor, ließ ſich, vom Schmerz über⸗ mannt, ohne Widerſtand binden, und auf den Karren wer⸗ fen, welcher ihn ſchnell dem Schauplatz einer Scene entführte, deren Zuſammenhang er noch nicht zu begreifen vermochte. 1L* Robespierre's Haus. Die Sonne des Juli im Jahre 1794 verſendete glühende Pfeile in die Straßen von Paris, und unter der Laft dieſer ſchwülen Hitze ſchlich ein Mann in der Straße St. Honoré von Haus zu Haus, und fragte nach der Wohnung des Convents⸗Deputirten Maximilian Robespierre. Ein Vor⸗ übergehender bezeichnete ihm endlich das Haus des Schrei⸗ ners Dupleir, und eilte, weiter zu kommen. Der ermüdete Wanderer ging in die Thüre des Hauſes, lehnte ſich unten an die Wand, und verſchnaufte, auf ſeinen Stab geſtützt. Da traten einige Leute von wildem Ausſehen und verdächti⸗ gen Geſichtern auf ihn zu und fragten ihn kurz und herriſch, was er hier thue und was ſein Begehren. Als hierauf der Fremde erklärt, das er einzig nur gekommen, um mit dem hier wohnenden Robespierre zu ſprechen, fielen die drei Männer über ihn her, und machten Miene, ihn zu durch⸗ ſuchen. Der Fremde ſtieß ſie mit einem kräftigen Fluch zu⸗ rück, und rief:„Was zum Teufel wollt ihr von mir? haltet ihr mich für einen Meuchelmörder, der verborgene Waffen bei ſich trägt? ich bin ein Patriot, ſo gut wie Einer, und die Parteien gehen mich nichts an. Hier iſt nur die Frage, ob ich Robespierre ſprechen kann oder nicht.“ „Oho! nur gemach, Prahlhans!“ ſagte einer der ver⸗ dächtigen Kerle, die hier, mit Säbeln und Piſtolen bewaff⸗ net, Marimilians Leibtrabanten vorzuſtellen ſchienen:„Wenn Du Dich nicht gutwillig fügſt, ſo werden wir kurzen Prozeß mit Dir machen. Eine Anzeige von uns und Du ſitzeſt im Gefängniß, woraus Du Dich nicht ſo leicht wieder los ma⸗ chen wirſt.“ Das Auge des Menſchen mit der rothen Mütze funkelte ſehr widerlich, und er wollte ſchon von neuem Hand an den Fremden legen, als der zweite dieſer Geſellen in friedlicherem Tone anhob:„Laß gut ſeyn, Nicolas. Der Mann hier ſcheint mir ein gutes Kind zu ſeyn, ein weit hergewanderter Sansculotte, der ſchon mehr Rückſicht verdient, als die Tagdiebe von Paris. Du glaubſt nicht, guter Freund“— er wendete ſich zu dem Fremden—„wie man hier auf der Hut ſeyn muß, wenn man's einmal aus Patriotismus über⸗ nommen hat, den tugendhaften Robespierre zu beſchützen. Sogar den Weibern darf man nicht mehr trauen; vor wenig Wochen erſt wollte die Tochter eines Papiermachers den Retter unſers Vaterlandes ermorden. Aber wir waren auf dem Platze, und die Guillotine kam nicht zu ſpät wie bei der verfluchten Corday.— Du jedoch— wie geſagt— ſcheinſt mir ein wackerer Republikaner, und ich werde gleich die Bürgerin Dupleir fragen, ob der Repräſentant ſichtbar iſt oder nicht.“ Er entfernte ſich in das Innere des Hauſes, während ſeine beiden Kameraden wie lauernde Wölfe vor dem Fremden ſtehen blieben, und nicht aufhörten, ihn von Kopf zu Füßen zu meſſen. Die Galle überlief zwar den Wartenden, doch bezwang er ſich mühſam in der Gegenwart dieſer Leute, von denen er bereits in Paris Vieles gehört hatte. Es waren Burſche, die ſich wie Schmeisfliegen an das Schickſal des gefürchteten Diktators geklammert hatten, und eine Ehre darein ſetzten, ihn gleich einer Leibwache überall hin zu be⸗ gleiten, wie auch in ihrem Gefolge ſtets eine Schaar von nichtswürdigen Weibern zog, die man allgemein nur Robes⸗ pierre's Strickerinnen nannte, weil ſie mit dem Strick⸗ ſtrumpf in der Hand die Tribunen des Convents anfüllten, um ihrem Götzen Beifall zuzujauchzen und faſt den ganzen übrigen Tag in ſeinem Hauſe zubrachten, ihm die Klatſche⸗ reien der Stadt zuzutragen. Die Namen von einigen dieſer Megären ſind von der Geſchichte aufbewahrt worden; nicht minder die Namen Taſchereau, Nicolas und Paul, derſelben Leute, die gerade heute in Robespierre's Wohnung die Wache hielten. Taſchereau kam ſo eben zurück, und winkte dem Sup⸗ plikanten, ihm über die Treppe zu folgen. Sie ſchritten beide durch ein kleines Vorzimmer in ein größeres Gemach, das mit altväteriſchem Luxus meublirt war. Grüne Vor⸗ hänge waren an allen Fenſtern herabgelaſſen; im Hinter⸗ grund ſtand das Schreibpult, woran der Mann des Schreckens ſeine Conventsreden zu meditiren pflegte; und in der Mitte des Zimmers ein zum Frühſtück gedeckter Tiſch, mit mehre⸗ ren Couverts belegt, welche auf die Gäſte zu warten ſchienen. Drei Perſonen befanden ſich in der Stube. Robespierre ſelbſt, der an der Tafel in einem Lehnſtuhle ſaß, verſchanzt hinter einem Korbe voll Orangen, von denen er begierig ſpeiste; dann ein junges Frauenzimmer, die Tochter des Hausherrn, die mit dem Repräſentanten in den vertraute⸗ ſten Verhältniſſen lebte; ſie lehnte ſich gerade auf den Stuhl ihres Freundes, und ſchien ihm eifrig zuzureden. An einem Fenſter des Gemachs endlich ſaß ein anderes junges Frauen⸗ zimmer mit ſanften einnehmenden Zügen: Robespierre's Schweſter. Der Deputirte hielt einen Augenblick mit dem Speiſen inne, und ſah durch ſeine grüne Brille die Eintretenden ſteif an. Dieſelbe Eleganz im Aeußern, die ihn ſchon in der Nativnalverſammlung ausgezeichnet hatte, herrſchte noch ietzt in der Zeit des Sansculottism bei ihm vor. Er trug die Haare ſauber friſirt, ſeine Wäſche, einen königsblauen Frack und ſeidene Strümpfe. Er richtete ſchnell mit ſeiner heiſeren Stimme die erſten Fragen an den Fremden, der ihm hierauf erwiederte, daß er der Pächter Dieudonné aus dem bretagniſchen Dorf St. Colombe ſey, und die weite Wan⸗ derung nach Paris unternommen habe, um ſich nach dem Schickſale des Infanterielieutenants Victor Dammartin zu erkundigen, der, wie er befürchte; noch in den Kerkern von Paris ſchmachten müſſe. „Was ſoll ich dabei thun 2“ verſetzte Robespierre mit jenem Aufſchluchzen der Stimme, das ihm eigen war, wenn ihn Ungeduld oder Zorn übermannte;„bin ich der Control⸗ leur der Pariſer Gefängniſſe? oder ſoll ich die Offiziere der republikaniſchen Armee nach ihrem Rang und Namen ken⸗ nen? Ihyr ſeyd zudringlich, lieber Freund. Die Comités haben in ſolchen Angelegenheiten die gehörige Weiſung zu ertheilen, nicht ich.“ Sans⸗Regret entgegnete mit beſonderer Schlauheit: „Eben dieſe Comites haben mich mit Härte und unbefrie⸗ digt abgewieſen. Sie meinten, es lohne ſich der Mühe nicht, um eines einzigen Menſchen willen, alle Regiſter der Geſängniſſe durchſtöbern zu laſſen, beſonders, da es wohl möglich ſey, daß der Prozeß des Offiziers bereits geſchlichtet worden. In der fürchterlichſten Ungewißheit glaubte ich daher Recht zu thun, indem ich mich an Dich, Bürger Repräſentant, wendete, der im Beſitze aller Tugenden iſt, folglich auch der Gerechtigkeit.“ Maximilian war offenbar von dieſer Schmeichelei ange⸗ nehm gerührt, und ſagte zu der neben ſtehenden Dupleir mit ſpöttiſchem Aerger:„So machen's dieſe Comite's im⸗ mer. Seit ich mich von ihnen zurückgezogen, geht alles den faulſten, verdroſſenſten Weg. Wenn ſie nur die Gefängniſſe vollgeſtopft haben, ſo glauben ſie Alles gethan, und ver⸗ ſagen dem patriotiſchen Bürger die Gerechtigkeit, obſchon wir vor dem Geſetze alle gleich ſind.“ Indem er mit ſeinen Fingern, die zufolge eines ſeltſamen Nervenreizes, der ſich ſehr oft bei ihm einſtellte, zuckten, als berühre er eine Kla⸗ viatur, die Schaalen der ſchon geſpeisten Pomeranzen auf ſeinem Teller zu einer Pyramide aufhäufte, und nach einer neuen Frucht griff, die ihm von der Dupleir zerſchnitten dargereicht wurde, fuhr er fort:„Bürger Dieudonné! Du ſollſt Dich nicht vergebens an mich gewendet haben; ich werde Dein Begehren berückſichtigen. Wie heißt Dein Freund? Dammartin? Dieſer Name iſt eine ſchlechte Em⸗ pfehlung, weil er einer alten Ariſtokratenfamilie angehört.“ Sans⸗Regret antwortete ſchnell und etwas ärgerlich: 157 „Der junge Mann hat für die Republik geſtritten, und eh⸗ renvolle Wunden davon getragen.“ „Das iſt etwas anderes;“ ſprach der Dietator trocken, und fuhr eben ſo trocken fort:„Wie ich ſie liebe, dieſe Wunden, für's Vaterland empfangen, weil aus ihnen die Hoffnung der Zukunft emporblüht! wie kommt aber der verdiente Offizier in die Kerker von Paris?“ In dieſem Augenblick trat ein Mann in die Stube, der, ſchmutzig und nachläſſig angezogen, in Gang, Haltung und Geſicht den unläugbaren Ausdruck einer Raub ſuchenden Hyäne trug. Ihm folgte ein anderer, von plattem Anſehen, aus deſſen Rocktaſchen ein Paar Piſtolen ſahen. Robes⸗ pierre begrüßte den erſten freundlich mit den Worten:„Gu⸗ ten Morgen, Fouguier. Haſt Dich lange erwarten laſſen. Willkommen, Bürger Renaudin!“ ſagte er zu dem andern. „Nehmet Platz; ihr kommt gerade recht, um vielleicht die⸗ ſem guten Patrioten eine gewünſchte Auskunft zu geben. Langt zu, und Du, rechtſchaffener Bürger, erzähle uns weiter von Deinem Freund Dammartin.“ Sans⸗Regret ſchauderte innerlich zuſammen, als er ſich gegenüber den furchtbaren Fouquier⸗Tinville ſah, den entſetz⸗ lichen Ankläger beim Revolutions⸗Tribunal, auf deſſen Haupt ſchon tauſend Blutſchulden laſteten, und deſſen Da⸗ ſeyn von Hunderttauſenden verwünſcht wurde, die unter ſeinem Beile ihre Eltern, ihre Verwandten und Freunde verbluten geſehen. Da der Invalide jedoch bemerkte, daß der gräßliche Blutmenſch ſeine hämiſchen Augen durchboh⸗ rend auf ihn richtete, und Renaudin, einer der feilſten Ge⸗ ſchwornen am Revolutionstribunale, und ein unermüdlicher 158 Helfershelfer des Thrannen, nicht unterließ, ſeinerſeits daſ⸗ ſelbe zu thun, ſo faßte er ſich ſo gut als möglich und be⸗ gann ſeine Erzählung: wie der Lieutenant Victor als Adju⸗ tant des Generals Marceau unglücklicherweiſe in den Prozeß des Generals, wegen der Rettung einer Vendeerin, gera⸗ then; wie indeſſen dieſer Prozeß durch die kräftige Verwen⸗ dung des Repräſentanten Bourbotte niedergeſchlagen und Marceau bereits längſt in Freiheit geſetzt wurde; wie es nur der Gerechtigkeit gemäß ſey, daß ſomit auch der Adju⸗ tant freigeſprochen werde, weil er in der Sache nur auf den Befehl ſeines Obern, ohne zu wiſſen, wer die gerettete Perſon geweſen, gehandelt; wie jedoch Victor noch nicht bei ſeiner Fahne eingetroffen, und auch nichts von dem Schickſal der Vendeerin verlautet, die mit ihm gefangen; wie Marceau darüber untröſtlich ſey, und ihm, dem Freund endlich, alles daran liege, über das Loos des Offiziers be⸗ ruhigt zu werden.“ „Weißt Du etwas von der Sache?“ begann nun Robes⸗ pierre zu dem öffentlichen Ankäger.— Dieſer kratzte ſich verlegen in den ſchwarzen nach hintenzu gekämmten Haaren, zog die Schultern, und antwortete mit höhniſchem Lächeln: „Wahrhaftig— man müßte das Gedächtniß eines Elephanten haben, um im Kopfe zu behalten, welche Prozeſſe ſich Tag für Tag vor unſerm Richterſtuhl drängen. Doch iſt mir juſt ſo, als hätte ich den Namen Dammartin erſt vor Kurzem gehört. Der Greffier und Antonelle, der Chef der Geſchwornen, müſſen das wiſſen, oder erinnerſt Du Dich vielleicht, Renaudin? Haben wir nicht etwa den Exadeligen ſchon mit einer Fournée auf den Revolutionsplatz oder nach der Barriere du Troͤne geſchickt? Ich, meiner Treu, bin 159 eher im Stande mir die Namen der Freigeſprochenen zu merken, als„ Er ſah den Repräſentanten mit vertraulichem Blicke an, und die beiden Tiger lächelten ſich im Einverſtändniß zu. Renaudin indeſſen ſann nach, ſchüttelte den Kopf, und ver⸗ ſetzte:„Es ſind ſo viele Conſpirationen gegen die Republik vorgekommen, daß ich mich nicht mehr entſinne. Wir haben zwar alles mögliche gethan, um die Kerker leer zu machen, aber ſie füllen ſich immer wieder an, ſo daß wir am Ende nicht Hände genug haben werden, um all die Arbeit zu thun. Doch iſt mir auch der Name des Offiziers irgendwo aufgeſtoßen, und es wäre ſogar möglich, daß er auf Deiner Liſte ſteht, worauf die Individuen verzeichnet ſind, die in den nächſten Tagen vor die Schranken kommen ſollen. Zu⸗ fällig trage ich ſie bei mir, um ſie dem Greffier zuzuſtellen, auf daß er damit vorläufig die bereits gedruckten Urtheils⸗ formulare ausfülle.“ Der Menſch zog die lange, verknitterte und ſchmutzig gewordene Blutliſte aus der Taſche; eine Reihe von mehreren hundert Namen, die größtentheils ſchon von Fonquiers Feder mit dem Zeichen der Vernichtung und des Todes begleitet waren. Fougquier riß das Papier dem Geſchwornen aus den Händen, durchflog es mit ſeinem glühenden Stech⸗ blick, und wieß endlich mit ſeinen magern Fingern auf den gefundenen Namen.„Richtig;“ rief er triumphirend:„Da ſteht's: Dammartin, genannt Victor, ehemaliger Vicomte und Garde du Corps des Tyrannen; Mitſchuldiger des Generals Marceau; angeklagt, eine Feindin des Vater⸗ landes dem Schwerte des Geſetzes entzogen zu haben; ſo wie auch der ſträflichſten Theilnahme an der Orgie der 160 Leibwache zu Verſailles, am 3. October alten Styls 1789.— Die Aſſignation und die Anklageakte ſind ihm bereits aus⸗ gehändigt, und morgen erſcheint der Angeklagte vor dem Revolutionstribunal.“ „So weißt Du denn nun, was Du wiſſen willſt, Bürger;“ verſetzte Robespierre mit kalter Gleichgültigkeit. Sans⸗Regrets Blut war wie geronnen. Die ſchreck⸗ barſten Ahnungen ſtiegen in ſeiner bekümmerten Seele auf, und mit einer ſichtlichen Beklemmung fragte er ſchüchtern die beiden Machthaber, ob denn der wackere Offizier, der für die Republik wie ein Löwe geſtritten, etwas zu fürchten habe, und ob es nicht erlaubt ſey, ihn in ſeinem Kerker, um deſſen Bezeichnung der Invalide bat, zu beſuchen. Robespierre entgegnete mit feierlichem Tone:„Tugend und Gerechtigkeit ſind die Grundlagen eines jeden wohl geordneten Freiſtaats. Wenn auf der einen Seite das Geſetz mit ſtrenger Wage diejenigen richtet, die ſich undankbar gegen daſſelbe vergingen, ſo reicht es auf der andern Seite mit väterlicher Beſorgniß dem Angeklagten alle nur mög⸗ lichen Bürgſchaften und Vertheidigungsmittel, um ſein Lvos ſicher zu ſtellen. Das Vertrauen, welches die Nation in diejenigen Männer ſetzt, denen ſie die Handhabung der Gerechtigkeit auftrug, wie das nie genug zu lobende Inſtitut der Geſchwornen,— nicht minder die uneingeſchränkte Frei⸗ heit der Vertheidigung, ſind hinreichend, jede voreilige Furcht niederzuſchlagen. So viel im Allgemeinen, guter Bürger. Meine Geſchäfte bewegen ſich in einer andern Sphäre, und ich kann daher nichts anders thun, als Euch an den tugendhaften Bürger Ankläger hier zu verweiſen.“ Er ſtand, der langen Andienz überdrüſſig, ſchnell auf, 1 und drehte, mit den Frauenzimmern redend, dem Invaliden den Rücken. Sans⸗Regret ſah ſchüchtern auf Fouquier, der mit ſeiner Grabesſtimme kurz und trocken hinzufügte:„Vor unſerm Richterſtuhl gilt nur das Recht. Iſt Dein Freund unſchuldig, ſo ſey er getroſt; iſt er ſtrafbar, ſo reſignire er ſich. Auf jeden Fall iſt es unnöthig, Bürger, daß Du ihn in ſeinem Gefängniſſe aufſucheſt. Die Gemüthsbewegung bei dem Wiederſehen könnte ihm die Beſonnenheit rauben, die er braucht, um an ſein Vertheidigungsſyſtem zu denken. Du ſiehſt ihn frühzeitig genug, morgen, vor dem Tribunal. Es finden ſich daſelbſt täglich viele gute Bürger ein, und es wird Dir, denke ich, nicht an Flatz fehlen. Gehe nun, wackerer Bürger, und vergiß nicht, Dir von Deiner Sektion eine Sicherheitskarte zu beſorgen. Du trägſt doch ein Certifikat Deines Bürgerſinnes bei Dir?“ „Dieſes, und einen Paß, von meiner Gemeinde ausgeſtellt.“ „Laß doch ſehen, Bürger.“ Fouquier durchſpähete die Papiere und gab ſie mit einem leichten Kopfnicken an den Invaliden zurück, der ſich mit einer ſchweren Laſt auf dem Herzen entfernte.— Auf der Treppe kam ihm Mademvoiſelle Robespierre nach, und fragte ſchüchtern und leiſe:„Du haſt Troſt geſucht, guter Mann, und wenig Troſt gefunden. Willſt Du mir erlauben, Dir dieſe Kleinigkeit auzubieten?“ Sie wollte ihm ein Paar Aſſignaten in die Hand drücken.„Du ſcheinſt den weiten Weg zu Fuß gemacht zu haben, und wirſt einer gewiſſen Bequemlichkeit bedürfen.“ Den Invaliden überraſchte dieſe Barmherzigkeit in der Höhle des Tigers auf's Höchſte. Thränen für ſeinen Freund 162 und Thränen des Danks für die Mitleidige, die vor ihm ſtand, preßten ſich nach ſeinem Auge, und doch durfte er kein Wort reden, um eben nicht in Weinen auszubrechen; denn unten im Hauſe verſammelte ſich ſchon all das Gefindel, das gewöhnlich Robespierre in die Sitzung des Convents begleitete. Heftig riß er ein drei Livres⸗Aſſignat aus den dargebotenen, verbarg es auf ſeiner Bruſt, durch Geberden bezeichnend, daß er es ewig als Andenken bewahren wolle, ſchüttelte der freundlichen Geberin die Hand, und flog, ſchneller als ſein Alter und ſeine Müdigkeit es beinahe erlaubten, die Treppe hinunter. Als Robespierre's Schweſter wieder in deſſen Zimmer trat, fand ſie ihren Bruder mit Fouquiers Liſte in der Hand, und hörte, wie er gerade ſagte:„Ihr arbeitet brav, meine Freunde. Nur immer zu; die Comités müſſen erſticken in all dem Blute, das ſie zur Schlachtbank liefern.“ „Ich gebe Dir mein Wort darauf;“ antwortete Fouquier mit teufliſchem Blutdurſt:„Von morgen an ſchicke ich alle Tage ſiebenzig Köpfe zur heiligen Guillotine, und was mir der Dekadi ſchmälert, bringe ich anderwärts ein.— Der Schlingel, der von hier wegging, fällt auch in meine Hand. Sein Fürwort für den Exadelichen, und ſeine Papiere, die aus einem Departement herſtammen, wo noch alle Behörden ariſtokratiſch ſind, machen ihn höchſt verdächtig. Renaudin, beſorge ſchnell, daß der Menſch beim Wohlfahrtsausſchuß denunzirt werde.“ Maximilian lächelte zufrieden, und verſetzte:„Du hältſt wacker Schritt, Fouquier, und der ehemalige Vi⸗ comte?“— „Muß in den Sack nießen, wie jeder andere. Bricht ihm nicht der Marceau'ſche Prozeß den Hals, ſo thun es gewiſſe weiße Cocarden, von denen ich erſt morgen näher hören werde. Indeſſen ſteht ſchon das Zeichen des Todes bei dem Namen des Cidevant, und ich kann nur bedauern, daß eine Wallung von Edelmuth den Bourbotte beſtimmte, den General Marceau unſerem Tribunal zu entreißen.“ Robespierre gab den Weibern ein Zeichen, ſich zu entfernen, und ſagte leiſe zu Fouquier:„Die Ausſchußmänner über⸗ heben ſich allzuviel in der Ausübung ihrer Macht. Es wird Zeit, ihnen den Meiſter zu zeigen. Vorbereitet iſt Alles. Darum habe ich ſchon ſo lange nicht mehr die Ausſchüſſe beſucht, darum habe ich all die blutigen Maßregeln der verfloſſenen Tage auf die Schultern jener Intriguanten gewälzt. Das Volk iſt nun aufgereizt genug; es iſt keine Frage, wie ſeine Wahl ausfallen wird, wenn es nurzwiſchen mir und jenen Comité's zu wählen hat. Ein Schlag, unb 2 „Dhue ihn bald!“ ſagte warnend und ſchlau deröffentliche Ankläger. So eben ſtürmte ein junger Mann herein, in nach⸗ läſſigem Anzug, mit feurigem Blick, und vielen Papieren in den Händen. „Sieh' da, St. Juſt!“ rief Robespierre, ihm die Hand entgegenreichend.— Kaum, daß der junge Mann ſie an⸗ nahm; denn er begann alſogleich mit leivenſchaftlicher Hef⸗ tigkeit: „Wie? Du ſtehſt ſo ruhig hier, während im Congent die Hyder der Verſchwörung ihre hundert Häupter nach und nach aus der Tiefe ſtreckt, um Dich zu zermalmen? 4 komm, Robespierre. Verliere nicht die Zeit in müßigen Syſtemſchöpfungen. Schon war ich im Convent, ſchon habe ich von einigen Getreuen erfahren, daß die Clique mich nicht mit meinem Rapport zu Wort kommen laſſen will. Die Tallien, Le⸗Gendre, die Merlin und ihre Faction wagen es, mit uns zu ſpielen! willſt Du in der Unthätigkeit unter⸗ gehen wie Danton? Steht nicht die Macht bei Dir, ſie zu zerſchmettern, wie wir den kecken Desmoulins zerſchmetterten, der ſich doch nur einen ſchlechten Spaß gegen mich erlaubte? komm, eile. Fouguier, auf Deinen Poſten! ein Wink von Dir, Maximilian, und Henriot läßt, während wir die Ver⸗ ſchwornen von der Tribune niederdonnern, durch ganz Paris den Generalmarſch ſchlagen. Unſere treuen Bataillone müſſen das Komplott im Schvoße des Convents ſelbſt in Feſſeln ſchlagen, und dann herunter mit den ſtrafwürdigen Köpfen jener Schurken; lieber heute als morgen!“ Fouquier rieb ſich teufliſch vergnügt die Hände, und ſprach:„Das wird eine große Lieferung werden. Geh vor⸗ läufig zu Samſon, Bürger Renaudin, daß er die Guillotine fleißig einöle. Er wird viel zu thun bekommen.“ Robespierre aber ſchüttelte, verächtlich lächelnd, den Kopf, und erwiederte:„Du biſt ein Brauſekopf, St. Juſt; alles hat ſeine Zeit. Wenn der Apfel reif iſt, fällt er von ſelbſt. Du biſt immer mein guter Schüler geweſen; folge auch heute Deinem Meiſter. Keinen Aufſtand, keinen Tu⸗ mult; ich haſſe das. Der Faden iſt in meiner Hand, und ich halte bereits das ganze Neſt.“ „Du biſt verblendet!“ rief ſtürmiſch St. Inſt!„Schlägſt Du ſie nicht, ſo treffen ſie Dich. Laß Dich bewegen; wenn du auch die offene Gewalt ſcheueſt, ſo laſſ' die 165 Verſchwornen in der nächſten Nacht feſtnehmen. Im Namen der Freiheit! wäre ich denn von den Gränzen der Republik, von unſern ſiegreichen Heeren nur zurück gekehrt, um Dein und unſer Aller Verderben zu ſchauen? Alles an Alles! das geht in Revolutionen nicht anders. Der geringſte Zweifel an unſerer Macht ermuthigt die Feinde. Gib die Befehle, und laß uns gehen.“ Robespierre ſchüttelte ſich krampfhaft, und verſetzte mit ungeduldig bewegter Stimme:„Ich habe Deine Gasco⸗ naden ſatt, St. Juſt. Ich weiß, daß wir Feinde haben, Feinde, die auf dem Berge ſitzen; ich weiß, daß ein Schlag unbermeidlich iſt; aber meine Combinationen haben mich nie getäuſcht. Sie ſollen die Maske abwerfen, die Ver⸗ ſchwörer; dann ſind wir da, ſie zu faſſen. Mehr als den Verſuch wagt ohnedies die Canaille nicht.“ St. Juſt verſtummte voll Verdruß. Fouquier ſchied, und Robespierre machte ſich mit ſeinem jungen Freunde, und dem Geſindel, das ihn immer zu begleiten pflegte, auf den Weg zum Convent.— Man zählte an dieſem Tage den achten Thermidor. ch e R a Das Revolutions⸗Tribunal. Der Gerichtsſaal wimmelte von Menſchen. Die blut⸗ dürſtige Neugier des Pöbels und der Müßiggänger war noch nicht erkaltet, obgleich bisher das Tribunal ſich alle Mühe gegeben hatte, ſein Publikum mit den Auftritten des Schreckens und des Todes völlig vertraut zu machen.— Die Sitzung ſollte bald eröffnet werden; die Richter ſchlenderten vor ihrer Tafel im Geſpräche auf und nieder, die Geſchwornen wälzten ſich auf ihren Bänken. Advokaten, Schreiber, Gerichtsdiener und Gensd'armen trieben ſich an den Schranken auf und nieder. Der einzige Fouquier⸗Tinville ſaß beſchäftigt an ſeinem Tiſche, und zählte die Urtheile, die, ſchon vorhinein gefertigt, gerade aus der Druckerei, die ſich neben dem Sitzungsſaale befand, durch ein Fenſterchen dem öffentlichen Ankläger eingehändigt wurden. Samſon, der Scharfrichter, näherte ſich ehrerbietig dem gefürchteten Fouquier und fragte, wie viel Karren ungefähr zu den Hinrichtungen des Abends gebraucht werden dürften. Fougier lehnte ſich in ſeinen Stuhl zurück, blinzelte mit den falſchen — —6 Augen, zählte an den Fingern, und ſagte:„Zehn zwanzig fünf und zwanzig ſechs und dreißig„. jaz nach vorläufigem Ueberſchlag wird es wohl heut an vierzig Köpfe ausmachen; ſechs Karren höchſtens.“ „Sehr wohl, Bürger Ankläger;“ antwortete Samſon unterwürfig:„Nimm jedoch eine weitere Frage nicht übel. Seitdem der Platz der Hinrichtungen an's Ende der Vor⸗ ſtadt St. Antvine verlegt wurde, haben wir beinahe Tag für Tag während unſers Zugs dorthin Beleidungen vom Volk auszuſtehen. Die ehrlichen Leute in der Straße St. Honoré waren weit artiger, als wir noch auf dem Revo⸗ lutionsplatze köpften. Der Pöbel in der Vorſtadt jedoch hat uns bereits zu wiederholten malen gedroht, die Verur⸗ theilten zu befreien. Was iſt da zu thun, Bürger?“ „Das frägſt Du mich?“ entgegnete Fouquier mit einem gräßlichen Blicke:„Das Mittel iſt einfach. Man muß die Gensd'armeriebegleitung verdoppeln; jeden Rebellen gleich beim Kopf nehmen, und binnen vierundzwanzig Stunden alle diejenigen enthaupten, die unſern Urtheilen ein Hinder⸗ niß in den Weg legen. Ueberhaupt mag ſich der Vorſtadt⸗ pöbel an das patriotiſche Schauſpiel gewöhnen. Es kommen ihrer noch viele an die Reihe, und wer mit einem Feind des Vaterlandes Mitleiden hat, theilt vollkommen ſeine Schuld.“ Samſon ging, und von der andern Seite kam erhitzt und haſtig der Vicepräſident des Tribunals, Coffinhal⸗ daher.„Weißt Du ſchon?“ fragte er ſtürmiſch den Ankläger: „So eben erhalte ich Nachricht, daß im Convent alle Teufel los ſind.“ 168 „Gut;“ verſetzte Fouquier kalt:„Robespierre wird ſeine Minen ſpringen laſſen.“ „Gerade das Gegentheil. Der Unglückliche hat zu lang gezögert. Als mein Agent die Sitzung verließ, ſchien die Gegenpartei ungeheuer ſtark und mächtig.“ „Pah! der Gemeinderath und das Volk ſind für Robes⸗ pierre. Wir haben nichts zu fürchten. Freue Dich, Coffinhal. Der heutige Tag liefert uns genug Wildpret in die Küche.— Doch“—— Fouquier ſah hier nach der Uhr—„Zwölf Uhr iſt vorüber, und ich habe mein Mittageſſen heute um eine Stunde früher beſtellt. Huſſier! ſage dem Präſidenten, daß er die Sitzung eröffne. Wir haben zwar nur zwei und vierzig Angeklagte abzuthun, aber auch dieſe freſſen Zeit genug hinweg.“ Der Gerichtsdiener vollzog ſeinen Auftrag; Richter und Geſchworne taumelten, halb trunken von dem Frühſtück, welches ſie im Saale ſelbſt einzunehmen pflegten, an ihre Plätze, die Glocke des Präſidenten erklang, und nach einigen unbedeutenden Formalitäten, lächerlichen Schwänken ähn⸗ licher, als ernſter Gerichtseinleitung, wurden die Angeklagten alle auf einmal hereingebracht. Das Geräuſch der vielen Eintretenden, der Sporen- und Säbelklang der ſie beglei⸗ tenden Gensd'armen, und das„Stille“ der Gerichtsdiener ſtellte ein plotzliches Schweigen unter dem zuſchauenden Volke her, welches ſich bis zu dieſem Augenblick eben ſo lärmend aufgeſührt hatte, wie die Gerichtsleute ſelbſt. Die Zuſchauer muſterten nengierig, ſchadenfroh noch obendrein die meiſten, die Schaar der Angeklagten, beſtehend aus Menſchen von jedem Alter, Stand und Geſchlecht. Der Greis wie der Jüngling, die Jungfrau wie die Matrone, —— ——— 169 der Mann aus dem Pöbel neben dem Mann von Erziehung, der Revolutionär wie der Ropaliſt— in bunter Reihe ſtanden und ſaßen ſie hinter ihren Schranken, vor ihren Richtern. Und ſo groß war die Todesverachtung in jenen Tagen, daß kaum ein Paar roth geweinte Augen aus dem Haufen in den Saal ſtarrten, obſchon alle die Unglücklichen in der tiefſten Secle überzeugt waren, den Tag nicht zu überleben. Wie gefühllos auch die rohe Menge der Schau⸗ luſtigen jene Schlachtopfer der blutigſten Willkühr betrach⸗ tete, ſo klopften doch unter ihr einige zagende bekümmerte Herzen, und Sans⸗Regret war nicht derjenige, dem das Herz am wenigſten pochte. Jemehr ſich der wirre Knäul der Angeklagten öffnete, und die Bänke von ihnen beſetzt wurden, je eifriger ſuchte der Blick des Invaliden ſeinen jungen Freund. Es war, als wollte die Schaar gar nicht enden, und erſt unter den Letzten der Eintretenden befand ſich Victor. Er war in einen blauen Ueberrock gekleidet⸗ mit offnem Halskragen, und auf ſeinen dunkeln Locken ſaß die militäriſche herabhängende Mütze. Bläſſe hatte ſein Geſicht überzogen; ſein mehrmvonatlicher Aufenthalt in der Force, und der letzte Tag in der Conciergerie, jede Farbe des Lebens von ſeinen Wangen gewiſcht. Still, und nur mit ſich ſelbſt beſchäftigt, ſetzte er ſich an das Ende der erſten Bank nieder, ſtützte den Kopf in die Hand, auf der Schranke lehnend, und betrachtete mit furchtloſem Auge die ihm gegenüber ſitzenden Geſchwornen. Das richterliche Poſſenſpiel nahm ſeinen Anfang. Ein kauderwelſcher Anklagsakt, worinnen alle an den Schranken befindliche Individuen begriffen waren, wurde verleſen. Abgerechnet, daß die entſtellteſten Angaben in Bezeichnung 170 der den verſchiedenen Perſonen zur Laſt gelegten Verbrechen vorkamen, ſo waren ſelbſt die Namen der Angeklagten der⸗ geſtalt verketzert, daß mancher in Zweifel ziehen mußte, ob ſeine Perſon in der That mit in den Prozeß verwickelt ſey. An eine Reklamation deshalb dachte indeſſen keines der Schlachtopfer, und obendr ein las der Greffier dieſes Gewebe von Lügen mit ſo unbegreiflicher Schnelligkeit, daß kaum ein Paar Worte hinter einander verſtändlich wurden.— Politiſche Vergehen, klein oder groß, wurden einem Jeden zur Laſt gelegt, und am Schluſſe kam noch die fürchterlichſte Anklage von allen, ganz nach der Taktik jener Zeit: die Beſchuldigung, daß alle Zwei und Vierzig ſammt und ſon⸗ ders in eine Geſammtverſchwörung in ihrem Gefängniſſe begriffen geweſen. Nachdem dieſe Einleitung beendigt, die man wie ein Luſtſpiel belacht haben würde, wenn nicht der Ausgang gewöhnlich ſo entſetzlich und blutig geweſen wäre, folgte das Verhör, das der Präſident mit den Beklagten anſtellte. Der Vorſitzer war heute beſonders guter Laune, denn gar oft war dieſes Verhör ganz überſchlagen worden, und man hatte die Angeklagten zum Tode geſchickt, ohne ſich näher um ſie zu bekümmern. Der Präſident begann heute bei dem erſten in der Reihe alſo:„Du biſt ein Adelicher?“ „Nein; der Sohn eines Bauers.“ „Weiter.“(zum Zweiten)„Du haſt Antheil an der gro⸗ ßen Gefängnißverſchwörung genommen?“ „Ich weiß nichts davon.“ „Es ſind Zeugen da, die Dich Lügen ſtrafen.“ „Ich betheure bei Allem.. 171 „Du haſt nicht das Wort!“ ſchrie der wilde Fouquier dazwiſchen. Der Präſident ging zum Dritten über.„Du biſt ein Prieſter, und haſt den Eid nicht geleiſtet.“ „Ich mache mir eine Ehre daraus.“ „Das Weib da iſt Deine Schweſter? ſie hat ſich gegen die Republik verſchworen. Wie heißt der Menſch neben Euch?“ „Ich heiße Bellay!“ ſagte ein junger Menſch, beinah' noch im Knabenalter, dem die Angſt aus allen Zügen ſprach:„Eine Namensverwechslung hat mich hieher gebracht. Der Name Mellet ſtand auf der Liſte, und dennoch mußte „Schweig!“ donnerte ihm Fouquier zu. „Aber, Bürger Präſident, und ihr alle, meine Richter und Geſchwornen! ich bin ja unſchuldig.“ „Pah, pah; einen Tag früher oder ſpäter; das kömmt auf eins heraus.“ „Hört mich, Bürger! ich bin ja kaum ſechzehn Jahre alt! „Schweige! deine Verbrechen ſtempeln Dich zu einem Achtzigjährigen.— Weiter. War Dein Mann nicht Oberſt in den Armeen der Republik, Leonore Emmery? Iſt er nicht vor dieſem Tribunal zum Tode verurtheilt worden?“ „Ja; ich freue mich, daß ihr Ungeheuer mich heute ihMm nachſenden wollt.“ „Welche Unverſchämtheit!“ fiel Fouquier grimmig ein: „Die Frechheit der Weiber überſteigt alle Grenzen. Sie ſpotten des Tribunals und des Henkers. Solche Beiſpiele beleidigen die Majeſtät des Volkes.“ 172 „Darum habe ich ſchon lange vorgeſchlagen,“ begann einer der Geſchwornen von ſeinem Sitze,„daß man den Verurtheilten augenblicklich zur Ader laſſe, damit ihr Muth ein bischen gedämpft werde, ehe ſie zur Guillotine gehen.“ Der Präſident:„Weiter.— Dich Perrin kenne ich. Du haſt ein Aſſignat der Republik nicht annehmen wollen. Du, Gerard, haſt durch Deine loſen Reden das Leben verwirkt.“ Der Genannte wollte den Mund öffnen, aber Fouquier machte ihn plötzlich verſtummen, indem er wie oben rief: „Du haſt nicht das Wort!“ Der Präſident fuhr fort:„Weiter. Die Reihe iſt an dem Offizier dort in der Ecke. Dein Name?“ „Victor Dammartin;“ antwortete Fouquier ſtatt des Gefragten.— Auf dieſen Namen hin erhob ſich ſchnell in der dritten Reihe der Beklagten ein junges Frauenzimmer, deſſen Haupt mit einem ſchwarzen Flortuch faſt zur Hälfte verhüllt war, blickte nach Victor hinüber, der dieſe Bewe⸗ gung nicht bemerkte, und rang wie erſtaunt und verzweifelt die Hände. Dem Ankläger entging dieſe Geberde nicht, und er rief drohend;„Hier gibt man ſich keine Signale! Gensd'armen! habt Acht auf die Bewegungen dieſes Weibes.“ Auf dieſe Ermahnung hin ſah ſich Viector ſchnell um; eine lebhafte Röthe trat auf ſein Geſicht, als er des Frauen⸗ zimmers anſichtig wurde, und der Name„Adele“ erſtarb auf ſeinen zitternden Lippen. Während deſſen war das Mädchen gezwungen worden, niederzuſitzen, und das ſoge⸗ nannte Verhör ging ſeinen Gang fort. 173 „Du warſt Adjutant bei Marceau? haſt eine Vendeerin, dem Geſetz zum Hohn, ihrer Strafe entziehen wollen? Die Patrivten waren aber glücklicher als Du. Das Weib wurde eingeholt. Steh' auf, Adele Mont⸗choiſy!“ Daſſelbe Frauenzimmer, welches vorhin Anlaß zur Unter⸗ brechung gegeben hatte, ſtand auf, ſah ſtarr auf Victor hin, und bebte an allen Gliedern. Victor fand die Kraft in ſich, dem Präſidenten zu erwiedern:„Ich kenne die Bürgerin nicht. Jenes Weib, das Ihr meint, iſt längſt in Sicherheit. Marcecau wurde von der Anklage frei geſprochen; ich ver⸗ lange das Nämliche. Die Bürgerin dort verdient nicht minder die Freiheit, denn ſie iſt unſchuldig.“ „Wenn man die Halunken hört, ſo ſind ſie alle unſchul⸗ dig!“ murrte Fouguier vor ſich hin, und fuhr dann mit er⸗ hobener Stimme fort:„Du haſt den Hals verwirkt, weil Du den Leibwächtern des Thrannen weiße Cocarden zu⸗ ſchleppteſt. Dort ſitzt der Bürger Minet, welcher Zeugniß davon ablegen wird. Ferner verdienſt Du den Tod, weil Du es mit den im Gefängniß Verſchwornen hieltſt. Und in dieſem Betracht iſt die Mont⸗chviſy nicht minder ſtrafbar.“ Da erhob ſich einer aus der Reihe der Geſchwornen, und ſagte:„Ich bemerke meinen Kollegen, daß der Vater Mont⸗ choiſy einer unſerer tapferſten Generale iſt, und mit ganzer Seele die Republik vertheidigt. Es iſt die Pflicht eines jeden Bürgers, ſich ſeiner Tochter anzunehmen, da ihre ganze Schuld unerwieſen und unklar iſt.“ „Keinen Sermon!“ erinnerte Fouquier drohend:„Wo iſt der Begleiter dieſes Weibes? derſelbe, der mit ihr ge⸗ fangen wurde? wo iſt Dumoutier?“ Keine Antwort. Die Gerichtsdiener wiederholten den Rufz alle Beklagten ſchwiegen. Endlich ſagte Adele ſchüch⸗ tern:„Ich ſehe ihn nicht; er iſt nicht hier.“ „So iſt er vergeſſen worden;“ verſetzte Fouquier gleich⸗ gültig und trocken:„thut nichts; auf Morgen alſo.“ Das Verhör ging nun weiter, und immer kürzer wurden die Fragen, weil dem Präſidenten die Sache nach gerade zu lang wurde. Es nahm ſich faſt keiner der Angeklagten die Mühe, ausführlicher zu antworten. Sie ſahen, daß die Würfel ſchon lagen.— Nach einigen nichtsſagenden Zeugen⸗ verhören, nach einigen unzuſammenhängenden Worten des Präſidenten, nach einer blutdürſtigen Tirade des Anklägers, wurden die Debatten geſchloſſen, die Fragen an das Jury ſummariſch geſtellt und die Geſchwornen fingen an, auf ihren Bänken zu deliberiren. In dieſem Augenblicke,— die Angeklagten waren hin⸗ ausgeführt worden,— kamen mehrere Menſchenhaufen mit blaſſen verſtörten Geſichtern und grimmigen Blicken in den Saal, und bald verbreiteten ſich unter den Richtern und dem Volk die beunruhigſten Gerüchte. Im Convent war der Sturm auf ſeinen Gipfel gekommen; Einige behaupte⸗ ten, Robespierre ſey entflohen; andere, er ſey gefangen; wieder andere wollten ſchon die Sturmglocke gehört haben, und den Befehl zum Generalmarſch, wie zum Aufſtand der Sektionen ertheilt wiſſen. Die nächſte Folge von dieſen Plaudereien war, daß die Zuſchauer ſchaarenweiſe den Saal verließen, um den Spektakel in den Straßen anzuſehen, und daß die Geſichter der Mitglieder des Tribunals länger und bläſſer als gewöhnlich wurden. Fougquier behauptete mit Konſequenz ſeinen Stuhl. Ungläubig und ſpöttiſch 175 verzog ſich ſein Mund, während er zufrieden an das Blut⸗ bad des nächſten Abends dachte. Nach einer Berathung von ſechs Minuten ungefähr, er⸗ klärten die Geſchwornen alle Beklagte für ſchuldig, mit Ausnahme der Bürgerin Mont⸗choiſy, und eines alten blin⸗ den Bettlers, der der Falſchmünznerei beſchuldigt, und von ſeiner Sektion reklamirt worden war. Die Angeklagten wurden in Maſſe hereingetrieben. Mit freudigem Blicke vernahm Adele ihre Freiſprechung, aber in Thränen verdüſterte ſich ihr Auge, als ſie erfuhr, daß ihr Freund Victor dieſes Loos nicht theile. Der unerbitt⸗ liche Fougquier forderte für die übrigen Vierzig das Todes⸗ urtheil, und das Tribunal ſprach es ohne weiters aus. Wie ein Radſchlag zerſchmetterte es die Bruſt des ängſtlich harrenden Sans⸗Regret, als der Name ſeines geliebten Victors dem Tode geweiht wurde. Er flüchtete ſich in das Vorzimmer, um ſeinen Schmerz nicht zu verrathen, und ſich in dieſem ſchrecklichen Augenblicke nicht ſeinem verur⸗ theilten Freunde zu zeigen, obgleich dieſer ſeinen Spruch gefaßt vernahm, und im Hinausgehen, zwiſchen der Reihe von Gensd'armen, die ihn und ſeine Unglücksgefährten be⸗ gleiteten, einen zärtlichen Gruß der reizenden Adele zu⸗ warf, welche in Thränen zerfließend zurückblieb, bis derſelbe Geſchworne, der für ſie das Wort genommen, ein ehemaliger Diener ihres Hauſes, ſie ohne Hinderniß wegführte. Nit unerſchütterlichem Gleichmuthe, ja ſogar lächelnd, drehte ſich Fouquier zu dem Scharfrichter um, der hinter ſeinem Stuhl ſtand, und rief, indem er ihm die bereits aus⸗ gefertigte Hinrichtungs-Ordre überreichte:„He? hab ich 176 nicht Recht gehabt? Vierzig Köpfe; nicht mehr und nicht weniger.— Um fünf Uhr alſo.“ Einige Mitglieder des Tribunals drängten ſich mit be⸗ ſorgten Mienen um den Ankläger her, und fragten, ob es nicht beſſer ſeyn dürfte, die Hinrichtung für heute zu ver⸗ ſchieben, weil die Stadt einer gewaltſamen Kriſis entgegen⸗ ſehe, und man jede Gelegenheit vermeiden müſſe, das Volk mehr in Harniſch zu bringen.— Der grauſame Fonguier erwiederte hierauf:„Nicht doch, meine Freunde. Die Ge⸗ rechtigkeit muß ihren Lauf haben. Was kümmert uns vas Komplott im Convent? Die Gemeinde muß ſiegen, und noch immer ſind um dreimal hunderttauſend Köpfe zu viel in Frankreich.“ So eben hörte man von ferne in der That die Sturm⸗ glocken läuten, und das dumpfe Wirbeln der Trommeln. Unter dem ziemlich dünnen Ruf:„Es lebe die Nation!“ zerſtreuten ſich die Richter wie der Reſt der Zuſchauer, und ein jeder eilte nach der Seite, wohin ſein eigenes Intereſſe ihn rief. Weuntes Rapitel. — Der Abend des neunten Thermidor. Obſchon der Auflauf des Pöbels ſich durch alle Gaſſen verbreitet hatte, obſchon die Aufmerkſamkeit der ganzen ungeheuern Stadt auf den Streit hin gerichtet worden, der im Convent wüthete, ſo hatte ſich doch eine Menge Volks, wie gewöhnlich, vor den Pforten der Conciergerie einge⸗ funden, um die Abfahrt der zum Tode Verurtheilten mit anzuſehen. Dem Gitter gegenüber lehnte an einer Mauer, gleichſam in ſich ſelbſt verſunken und verloren, der unglück⸗ liche Sans⸗Regret, mit entſtellten Zügen, und couvulſiviſch erſchütterten Gliedern. Alle ſeine Bemühungen, in den Kerker u dringen, um ſeinen Freund vor der Todesſtunde noch zu ſehen, waren vergebens geweſen. Umſonſt hatte er ſeine Bitten verſchwendet, umſonſt Geld geboten. Man hatte eine Karte mit Fonquiers Unterſchrift von ihm ver⸗ langt, aber Fouquier ſaß ja bei Tiſche, und ließ dem Fle⸗ henden ſagen, er werde ſeinen Freund früh genug auf dem Karren zu ſehen bekommen. So war ihm denn nun nichts anderes übrig geblieben, als dieſen Augenblick zu erwarten: 18 den ſchrecklichſten; den, den er vor allen fürchtete. Mit einer Seelenangſt, als ob ihn ſelbſt das Beil bedrohe, harrte er der Unheil bringenden Stunde; da bemerkte er einen Kommiſſivnär, der juſt mit traurigem Geſichte aus dem Gefängniſſe trat, näherte ſich demſelben unvermerkt, und redete ihn plötzlich alſp an:„Guten Tag, Thomas. Wie geht Dir's? kennſt Du mich nicht mehr? Haſt manchen Sou von mir erhalten, als Du im Invaliden⸗Hotel den Auslaufer machteſt.“ „Alle Wetter! Bürger, freilich kenn' ich Dich. Du biſt der luſtige Sans⸗Regret; haſt Dich aber verteufelt ver⸗ ändert.“ „Ei, die Zeiten haben ſich auch geändert. Wo gehſt Du hin? beliebt Dir ein Gläschen zu trinken?“ „Behüte. Heut iſt ja allenthalben der Teufel in Paris los; wer wird da an's Zechen denken? Ich habe ein trau⸗ riges Geſchäft vor mir. Da ſoll ich einen Brief beſtellen, den ein Mann, welcher in einer halben Stunde guillotinirt werden ſoll, als Lebewohl an ſeine Frau ſchrieb. Mir blutet das Herz, denn ich war ſtets mitleidig, wie einer. Doch darf man ſich's heut zu Dage nicht merken laſſen.“ „Freilich nicht. Wenn es aber wahr iſt, was die Leute ſagen, nämlich, daß man den Robespierre feſt genommen, ſo ſollten ja doch die Hinrichtungen aufhören.“ „Bewahre. Man hört ja, daß Robespierre wieder frei iſt. Da bleibt alles beim Alten. Seht, dort kommen be⸗ reits die Karren und die Huiſſiers mit den Todesurtheilen, und die Gensd'armerie ſammt den Henkern.“ Sans⸗Regrets Zähne ſchlugen fürchterlich klappernd zu⸗ ſammen, und er raunte dem guten Thomas ſtammelnd in das Ohr, daß auch er einen Verwandten unter den Un⸗ glücklichen zähle, die man jetzt zum Tode abhole, und daß ihm nichts ſchmerzlicher ſey, als nicht wenigſtens einige Augenblicke vorher ſeinen Vetter zum letztenmal umarmen zu können.— Dem Kommiſſionär trat eine Thräne in's Auge, und er flüſterte:„Ich weiß, wie das iſt. Vor zwei Monaten haben ſie mir einen Onkel guillotinirt, und es ging mir beinahe eben ſo, wie Dir. Seit ich jedoch für dieſes Trauerhaus die Kommiſſionen machen darf, habe ich meinen freien Eintritt, wann ich nur will. Du ſollſt heute davon profitiren. Im Grunde kommt's nicht darauf an, ob dieſer Brief eine Stunde früher oder ſpäter beſtellt werde. Er dürfte der Empfängerin immer noch zu früh kommen. Aber Du haſt keine Zeit zu verlieren. Sind die Büttel einmal da, ſo geht es geſchwind. Folge mir daher ohne langes Beſinnen; wir finden jetzt alle Verurtheilte in der untern Halle beiſammen, wo ihnen die Haare abge⸗ ſchnitten und die Hände gebunden werden. Da es immer ſehr unordentlich zugeht, ſo trifft ſich ſchon eine Minnte, die Dir erlaubt, mit Deinem Vetter das letzte Lebewohl zu wechſeln.“ Somit zog er den Invaliden mit ſich fort, gerade hinein in die dunkeln Schluchten des Gefängniſſes, an mehreren Schildwachen und Schließern vorüber, denen er mit ver⸗ traulichem Air ſeinen Begleiter als einen Gehülfen zeigte, der für den Augenblick hier zu thun habe.— Mit wanken⸗ den Knieen betrat Sans⸗Regret an der Hand ſeines Be⸗ gleiters das dunkle Gewölbe. Die dem Tode geweihte Schaar war ſchon darinnen verſammelt; einzeln entweder⸗ oder in Gruppen von zwei oder drei Perſonen ſaßen und 180 lehnten ſie umher. Faſſung ſprach aus allen ihren Zügenz ſogar der ſechszehnjährige Knabe ſchien zum muthigſten Mann gereift. Alle dieſe Schlachtopfer waren nur mit ſich ſelbſt beſchäftigt, und achteten kaum der vielen Leute, die zwiſchen ihnen hindurch gingen, gleichgültig, als ob ſie ſich zu einer gewöhnlichen Tagesverrichtung vorbereiteten. Hier verließ der Kommiſſivnär den Invaliden, und bedeutete ihm, er könne nun warten, bis der ganze Zug ſich in Marſch ſetze, und in deſſen Gefolge dem Kerker den Rücken kehren. Noch hatte Sans⸗Regret den Freund nicht gefunden. Sein Geſicht wurde nicht unter den Uebrigen ſichtbar, und ſchon trat die Horde der Gerichtsdiener, Gensd'armen und Hen⸗ ker herein, und Victor war nicht zugegen.— Unmöglich iſt es, die Empfindungen zu beſchreiben, die ſich in des Invaliden Bruſt und Gehirn kreuzten; aber noch unmög⸗ licher, ſein Entſetzen zu ſchildern, als er, dem eintretenden Grabgeleite ausweichend, hinter einem Pfeiler des Gewöl⸗ bes, in einer dunkeln Ecke, ſeinen Victor erblickte, der, auf den Boden ausgeſtreckt, ruhig ſchlummerte, um ſich vorzubereiten auf den ewigen Schlaf.— Ein gräßliches Gewicht fiel hier auf Sans⸗Regrets Seele. Sollte er den jungen Mann erwecken, um ihn an ſein Herz zu drücken? dann mußte er aber auch ſo grauſam ſeyn, ſelbſt einen Herold ſeines Todes zu machen. Dann mußte er ihm auch ſagen: ſieh! hier bin ich, um Dir Lebewohl zu ſagen, und dort ſteht ſchon Dein Schaffot!— Er vermochte es nicht über ſich, den Freund emporzurütteln; im Gegentheil: un⸗ willkührlich öffnete ſeine Hand den Reif um einen Stroh⸗ bund, der an dem Pfeiler lehnte, und ließ ſanft die Halme, 181 wie eine ſchützende Decke über den feſt Schlafenden hernie⸗ dergleiten.— So eben hörte er, daß ein Huiſſier den na⸗ mentlich en Aufruf der Verurtheilten machte; hörte das Klirren der Scheeren, womit die Henker augenblicklich die Toilette eines Jeden machten, der ſich auf ſeines Namens Ruf hin gemeldet.— Wie ein Blitz ſchnitt der Name „Dammartin“ durch ſeinen Buſen.— Niemand antwortete. Mit eingehaltenem Athem ſtand Sans⸗Regret vor ſeinem ſchlafenden Freunde, und an ſeiner Seele ging die Mög⸗ lichkeit vorüber, daß in dem heutigen Conventskampfe, deſſen Sturmglocken wieder an ſein Ohr ſchlugen, dennoch die beſ⸗ ſere Partei ſiegen, daß der heutige Bluttag wohl der letzte ſeyn könne, daß ein Aufſchub von wenig Stunden vielleicht ein Leben zu retten vermöchte, deſſen Schutz er ſich von ganzer Seele geweiht. Da drehte ſich der Huiſſier, der ein Paar Sekunden lang vergebens auf das„Hier“ des auf⸗ gerufenen Dammartin gewartet hatte, phlegmatiſch gegen den Invaliden hin, und fragte:„Nun? wird's bald?“ Und Sans⸗Regret, ohne ſich genau deſſen bewußt zu ſeyn, was er that, trat ſchweigend vor den Huiffier hin, und Samſons Helfershelfer ergriffen ihn, zogen ihn auf die Bank, wo im Nu ſeine Haare fielen und ſeine Hände ge⸗ vunden waren. Das Verleſen ging aber ohnc weitern Aufenthalt ſeinen Gang fort. Als der Invalide ſo da ſaß, wie durch einen Zanber in den Kreis des Todes hineingezogen, ohne daß man in der gräßlichen Sorgloſigkeit jener Zeit den Mißgriff bemertt hätte, ohne daß einer der Mitverurtheilten noch Autheil genug am Leben genommen hätte, um die Geſichter ſeiner noch einwal anzuſehen und 6 vielleicht zu 182 erinnern, daß der Offizier fehle, der am Morgen eine Art von Zwiſchenſpiel auf dem Tribunal veranlaßt hatte,— da zog ſich ſein Herz krampfhaft zuſammen;— er dachte jetzt erſt an Suzon und ſein Kind:— zugleich verzog ſich ſein Mund zu einem halb wahnſinnigen Lächeln, indem er an die tolle und ſo fürchterliche Maskerade dachte, die ihn heute auf das Schaffot zerrte. Mit trockenem Auge, aber ängſtlich hinſchielend nach dem Winkel, wo derjenige ſchlief, für den er ſich opferte, ließ Sans⸗Regret alle Erſcheinungen dieſer furchtbaren Stunde an ſich vorübergehen.„Erwache nur nicht!“ flüſterte ſein Herz dem Freunde zu, während im nächſten Augenblicke es wieder leiſe pochte:„Wenn er erwachte, wäreſt Du frei, und gehörteſt wieder Deinen Lieben!“— So groß iſt die Anhänglichkeit des Menſchen an das Daſeyn, daß auch der muthigſte Mann in ſolcher Lage ähnlicher Gedanken ſich nicht erwehren mag; ſo groß aber auch wirkt die Macht der Idee in der Menſchenbruß, daß er das Theuerſte kaltblütig verläßt, um einer edelmü⸗ thigen Wallung zu genügen, und ſich etwa noch vollends, wie hente Sans⸗Regret, damit tröſtet, daß noch neunund⸗ dreißig eben ſo Unſchuldige ſein Geſchick theilen, den Tod, das Werk eines Augenblicks. Einer der Gehülfen des Scharfrichters, der bei den To⸗ deskandidaten die Ronde machte, um ſich zu verſichern, ob ihre Hände auch feſt und gut gebunden⸗ ſagte leiſe zu Sans⸗ Regret, indem er dieſelbe Pflicht bei ihm zu erfüllen ſchien: „Beruhige Dich, mein Alter. Du wirſt heute ſchwerlich ſterben, denn ich meine, die Leute in der Vorſtadt werden das ganze Schauſpiel zu Waſſer machen. Wie man hört, haben ſie den Robespierre außer dem Geſetz erklärt, und in 183 mehreren Gegenden der Stadt ſoll es ſchon zum Handge⸗ meng gekommen ſeyn. Ich bin auch Soldat geweſen, mein Alter, und will Dir gerne, im Fall es einen Spektakel ſetzt, aushelfen; mußt mir aber dafür auch einen Zufluchts⸗ ort gegen die Steinwürfe des Volks verſchaffen, wie gegen die Arreſtbefehle der neuen Machthaber, weil es doch einmal herkömmlich iſt, daß die Werkzeuge für den Urheber leiden.“ Während dieſer in voller Haſt geflüſterten Worte hatte der Büttel ſeinen Clienten am Strick zu dem Ort gezogen, wo alle Verurtheilte in Reih' und Glied ſtanden, um noch einmal überzählt und dann auf die Karren geladen zu wer⸗ den. Zwei Schritte davon lag der ſchlummernde Victor, und in mehr als Lodesangſt klopften Sans⸗Regret's Pulſe. Noch konnte alles verrathen werden. Aber Samſon eilte. Ohne ſich ferner um einen Namen zu bekümmern, zählte er die ihm verfallenen vierzig Köpfe ab, und gab den Be⸗ fehl zum Aufbruch. Mit fünf andern Unglücksgefährten be⸗ ſtieg der Invalide einen von den am Gitter haltenden Wagen. Das zuſchauende Volk war heute ganz ſtill. Das wüthende Gebrüll!„es lebe die Nation, nieder mit den Ariſtokraten!“ wurde heute nur von einigen Gaſſenjungen und bezahlten Agenten gehört. Die Wagen rollten langſam über das Pflaſter hin, über Brücken und durch Straßen, wo ſich hin und wieder Gruppen von Soldaten und Bürgern jagten, alle Läden geſchloſſen ſtanden, und in ungewöhn⸗ licher Aufregung das Volk durcheinander ſtrömte. Endlich gerieth der Zug in die wild fluthende Menge hinein. Vom Rathhauſe her donnerte Lärm und Geſchrei; jenſeits der Seine wurden die Lärmkanonen gelöst. Je näher der Grabeszug der Vorſtadt St. Antvine wt je mehr der 184 Hoffnung mußte in den Herzen der armen Verurtheilten aufſteigen, da man ihnen allenthalben mit den Beweiſen des unzweideutigen Mitleidens entgegenkam. Schaaren von Weibern ſtanden auf Thürſchwellen und an den Fenſtern, rangen die Hände, und ſchrieen:„Ach, die armen Leute! Verdammt ſeyen die Schurken, die ſie zum Tode ſchicken! Muth, Muth, Ihr Unglücklichen! wenn der Himmel mit Euch iſt, ſo werdet Ihr heute nicht ſterben!“ Aus den Häuſern wie auf den Straßen ſchimpften und fluchten die Männer mit wilden Drohungen:„Zum Teufel mit den Blutmenſchen! ſoll die Metzelei nie mehr aufhören? franzöſiſche Bürger dulden das nicht länger!“ Und ſchon flogen hin und wieder Steine auf die Eskorte, und der Troß von mitlaufenden Buben höhnte die Gensd'armen, wie er ſonſt die Verurtheilten zu höhnen pflegte.— Zwei⸗ mal ſchon hatte der Zug halten müſſen, weil drohende Volkshaufen ihm den Weg verſperrten. Mit der Hülfe von benachbarten Wachtpoſten— mehrere derſelben hatten indeſſen ihren Beiſtand verſagt— war die Straße wieder geöffnet worden; aber in der Mitte der Vorſtadt ſchien die Kataſtrophe vor ſich gehen zu wollen. Ein entſetzlicher Schwall von Pöbel, untermiſcht von einer bedeutenden An⸗ zahl ehrſamer Bürger, ftürzte ſich wie eine Lavine in den Zug, mit ſolcher Gewalt, daß die Reihe der Karren durch⸗ brochen wurde und die Eskorte geſprengt. Sans⸗Regret's Wagen fuhr in der Mitte, und ſtand plötzlich, einer Inſel zu vergleichen, in dem wilden Ocean des Volks. Die Gensd'armen wurden vereinzelt hinweggeriſſen; ſtarke Hände hielten ihre Pferde am Zügel auf, oder ſchlugen die Reiter, die ſich unbeſonnen wehrten, zu Boden. Die Gerichtsdiener ———— 185⁵ wurden mißhandelt; die Henker flüchteten ſich vor den Steinwürfen unter die Karren, und mit dem tauſendſtimmi⸗ gen Rufe:„Freiheit den Gefangenen! Tod den Tyrannen!“ ſchlugen die Bürger die Schergen in die Flucht. Die Verur⸗ theilten, die nicht wußten, wie ihnen geſchah, blieben regungslos auf ihren Bänken ſitzen; ſo auch Sans⸗Regret. Da erhielt er einen empfindlichen Schlag auf die Schulter und gewahrte, ſich ſchnell umdrehend, den Büttel, der vor Kurzem ſo freundlich mit ihm geſpkochen, und nun, auf einem Rade des Karrens ſtehend, mit einem ſcharfen Meſſer des Invaliden Bande zerſchnitt. „Wirf Dich doch zum Teufel von dem Wagen herunter!“ ſagte der Menſch halb zornig:„Willſt auch Du den glück⸗ lichen Augenblick verpaſſen, wie Deine übrigen Kameraden? geſchwind, oder Du biſt verloren. Dort kömmt der Kom⸗ mandant Henriot mit ſeinen Reitern, und gewiß hat das Volk für heute alles verſpielt.“ Schon hatte ſich Sans⸗Regret vom Karren geſchleudert, faſt unbemerkt von ſeinen Leidensgefährten, und das Glück wollte, daß er in die Arme zweier Leute fiel, die genugſam Verſtand hatten, ſeine gefährliche Lage zu begreifen, und zugleich Barmherzigkeit genug, auf der Stelle zu helfen. Der Eine, ein Weber, warf dem Flüchtigen ſeine graue Jacke um, der Andere, ein Metzger, drückte ihm ſeine Mütze auf den Kopf, und ſeine Schürze in den Arm. Darauf riß er ihn ſo ſchnell als möglich in das allerdickſte Gedränge, zwanzig oder dreißig Schritte weit, gab ihm einen Schlag auf die Schulter, und rief:„Komm' gut nach Hauſe, Lands⸗ mann! ſchau Dich nicht lang um, und laufe, was Du kannſt.“ 186 Wirklich war es auch die höchſte Zeit geweſen. Robes⸗ pierre's Faction und der Gemeinderath unter Maximilians Befehlen hatten wieder für einen Angenblick die Oberhand. Der Kommandant der Nativnalgarden, Henriot, Robes⸗ pierre's Kreatur, raſete betrunken und fluchend mit ſeinem Staabe und einer Schwadron berittener Nationalmiliz regellos durch alle Straßen und kam unglücklicherweiſe zu dem Tumult in der Vorſtadt. Er und ſeine Leute, trunken gleich ihm, zerſtreuten mit Säbelhieben das Volk, trieben die Schergen und Gensd'armen wieder zuſammen, und be⸗ fahlen mit den gräßlichſten Flüchen, daß man den Weg zum Richtplatz im Galopp zurücklege, und ohne Säumen die Exekution vollziehe.— So ſtarben ſie auch, die armen Verurtheilten, weil ſie nicht Muth genug, und nicht genng Geſchick gehabt, die vorüberrollende Gelegenheit beim Schopf zu ergreifen. So ſtarben ſie am Vorabende eines Tages, der den fürchterlichſten Schlund des Schreckenſyſtems ſchließen ſollte. Ein Paar Stunden weiter, und ſie wären dem Licht, dem Leben, und den Ihrigen erhalten geweſen! Ende des zweiten Theils. —— —— n Seite. Erſtes Kapitel. die Zehntauſend von Mainz.. Zweites Dis Schloß in der Vendee. 5 Drittes i Das Feſtin der Royaliſten.„ Viertes Keviter Der zug über die Loire.. 8 tinf e Die Schlacht bei Mans und die Hütte in der Nicder⸗ Sechstes Se Däs ſſeß. 6 Siebentes ete Robespierre's Haus. Achtes en Das Revolutions⸗Tribunal. Neuntes sepiter Der Abend des neunten Thermidor. 6 177 „— eis eene