S—— Leihbiblivther deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur † 2 von Gdnard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und eſebedingungen. 1. Oensein der Pibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 ühr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 6 5. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe en welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für ubchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————.— auf 1 Monat: 1 Mt f. 1 M 0 2 Pf. „„ 2 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Der früh ein⸗ tretende Herbſt des Jahres 1789 ließ ſich allenthalben als ein unfreundlicher Gaſt vermelden. Wenige Leute gingen auf den Straßen; am traulichen Kaminfeuer im Innern der Häuſer ſaßen hin und wieder plaudernde Geſellſchaften; doch waren es keine fröhlichen. Das ernſt begonnene Jahr ſchien ſich gegen ſein Ende zu in weit finſterere Schleier hüllen zu wollen, und übte ſein allgewaltiges Recht auch über die Gemüther des leichtſinnig geſcholtenen franzöſiſchen Volkes. Darum hatten alle Zuſammenkünfte, ſowohl in der Haupt⸗ ſtadt als in der Provinz ein düſtres, ſtarres Aeußere gewonnen. Die angeſehenen Leute unterhielten ſich von den Hoffnungen des Vaterlandes, oder von dem Verluſt ihrer Privilegien, oder von den Mitteln, dieſelben wieder zu erringen, oder von der unbegreiflichen Unthätigkeit des Hofes, den ſie noch als ihren Leitſtern betrachten mochten. Der Bürgerſtand 6 baute dagegen in ſeinen ſtillen Kammern Luftſchlöſſer des allgemeinen Wohls, einer allgemeinen Glückſeligkeit; hin und wieder brütete er in geheimen Clubbs das Verderben einer verhaßten Ariſtokratie; hin und wieder wartete er mit Furcht der Ereigniſſe, die ſich ankündigten. Das gemeine Volk aber, kaum erwacht aus dem ſchweren Traume ſeines Lehens⸗ und Frohnzwangs, mit Gewalt aus ſeiner knechtiſchen Trägheit emporgeſchüttelt, kroch zuſammen in ſeinen Hütten, um ſich des Umſchwungs der Dinge ſtaunend zu erinnern, um zu hungern und zu frieren; denn Brod- und Holzmangel war überall eingeriſſen, Noth und Theurung, ob nun na⸗ türlich entſtanden oder künßtlich erregt, waren groß geworden. Seit geraumer Zeit ſchon hatte der Sitz des Hofes das düſtre Schweigen von Verſailles getheilt. Seit dem denk⸗ würdigen Tage des vierzehnten Juli, wo die Baſtille gefal⸗ len war, ſchien die Freude, die geräuſchvolle Heiterkeit, und der Glanz der Feſte aus dem Königshauſe verſchwunden. In der heutigen Nacht jedoch war der Tumult der alten Gelage, wie ſie unter dem verſtorbenen König häufig gewe⸗ ſen, wieder erwacht. Aus dem Opernſaale des königlichen Schloſſes tönte die Pauke, ſchmetterten luſtige Fanfaren, und die Stimmen vieler fröhlichen Gäſte miſchten ſich jubelnd und begeiſtert in das Toſen der Muſik. Becherklang, Vivat⸗ geſchrei, kriegeriſche Lieder wechſelten ab; mit der Nacht ſchien die Fröhlichkeit zu ſteigen. Es hatten ſich viele Leute aus allen Klaſſen in die Nähe des Feſtſaales, an ſeine Pforten, unter ſeine Fenſter gedrängt. Die dumme Neu⸗ gierde, die ehrfuchtsvolle Anhänglichkeit an alles, was ſich nach dem Könige nannte, der finſter brütende Patriotismus, die hungrige Armuth und der knirſchende Neid horchten und 7 lauſchten aus dieſem Volkshaufen. Die bei dem Gaſtmahl, das in dem Opernſaale gegeben wurde, beſchäftigten Bedien⸗ ten, ſo wie die davor aufgeſtellten Wachen des Regiments Flandern, mußten bald Güte, bald Gewalt anwenden, um die Neugierde der ungebetenen Zuſchauer in den Schranken der Ruhe zu erhalten. Da kam ein Wagen ſchnell heran⸗ gefahren; er hielt unfern von der Pforte. Ein junger Mann im einfachen Keberrock ſprang mit vieler Gewandtheit her⸗ aus, und eilte, ſich nach dem Platze des Feſtins zu begeben. Ein junger ſchlanker Fremder traf mit ihm auf den erſten Stufen der Treppe zuſammen.„Guten Abend, Victor!“ ſagte er zu dem Ankommenden;„Du ſcheinſt ſehr eilig. Welch' ein Feſt wird denn hier gefeiert?“ Victor ſchüttelte mit zerſtreutem Weſen dem Fremden die Hand und erwiederte:„Ein Gaſtmahl iſt's, welches wir nach altem Militär⸗ und Garniſonsbrauch den Offizieren des neu einmarſchirten Regiments geben. Die Sitte fordert dieſe Höflichkeit.“ „Du kommſt indeſſen ſpät, am Feſte Theil zu nehmen;“ ſagte der Fremde mit bittrem Spott,„der Champagner⸗ ſchaum der Fröhlichkeit wird ſchon verbraust ſeyn, wenn Du in den Saal trittſt!“ „Ach, guter Camille,“ verſetzte Victor, indem ein leichtes Lächeln über ſeine Züge fuhr:„Ich bin der Meinung, daß mein Erſcheinen erſt den Jubel zum höchſten Gipfel treiben werde. Du jedoch, Patriot, geh' heim. Hier iſt Deine Stelle nicht, und Du dürfteſt Beleidigungen nicht entgehen, wenn man Deine Nähe ahnte. Leb' wohl; ich hätte mich faſt mit dir verplaudert, und darf doch kühn behaupten, 8 daß meiner Ankunft mit Ungeduld entgegengeſehen wird. Lebe wohl, und beſſere Dich!“ Mit einem leichtfertigen Gelächter ſprang Victor die Treppe vollends hinauf, winkte einem Bedienten, der mit ihm vom Wagen geſtiegen war, und ein Packet unter den Armen trug, und hüpfte durch den Corridor, der längs der Logenreihe hinlief. Er trat in eine der vorderſten Logen, warf einen unzufriedenen Blick in die leeren Ecken derſelben, und fragte eine Kammerfrau, die einſam an der Baluſtrade lehnend in den Saal hinunterſah, nach ihrer Gebieterin. „Sie wartet ihrer mit Sehnſucht, und ich eile, ſie von Ihrer Ankunft zu unterrichten;“ antwortete die Dienerin mit einer höflichen Verbeugung, ſah noch einmal in das bunte Gewühl zu ihren Füßen, und verſchwand. Victor ſtützte ſich auf das Geländer, und beobachtete einige Momente lang das Schauſpiel, das ſeine zechenden Cameraden mit den Offiziren des fremden Regiments unten aufführten. Die Tafeln waren geſchmackvoll geziert und reich beſetzt. Zahl⸗ loſe Batterien der feinſten Weine blinkten von den Schenk⸗ tiſchen; die ausgezeichnetſte Kunſt hatte das Deſſert geordnet; Blumenſträuße in glänzenden Gefäßen zwiſchen den Tafel⸗ aufſätzen zerſtreut, zauberten den Frühling auf die herbſtliche Tafel, die mit der Fülle der Trauben und Rebengewinde prangte. In bunter Reihe ſaßen längs den Tiſchen die Gäſte in ungezwungener Haltung, und der Genuß der all⸗ gemeinen Fröhlichkeit ſchien die Scheidewand des militäriſchen Ranges niedergeriſſen zu haben. Die Gardes du Corps in ihren reich galonirten Uniformen, mit ihren ſchimmernden Wehrgehängen, hielten traulich umſchlungen ihre Nachbarn, die Offiziere von Flandern in ihren ſchlichten Röcken. Der 9 Major fraterniſirte mit dem Fähndrich, der Brigadier mit dem Hauptmann, der Nationalgardiſt mit dem Schweizer, und jeder neue Toaſt, der von den Stimmführenden zu Ehren des einen oder des andern Corps ausgebracht wurde, ſtei⸗ gerte die Begeiſterung, welche der vaterländiſche Rebenſaft bereits in hohem Grade erregt hatte. Die verſuchten Krie⸗ ger, wie die noch nicht an das Feldlager gewohnten Hof⸗ truppen, vereinigten ſich zu einem Ganzen, und abwechſelnd donnerten die Muſikchöre der Garden und des Regiments Flandern kriegeriſche Märſche dazwiſchen, geſchaffen, um die Köpfe vollends über alle Schranken hinauszuführen. Das Gebrauſe der vielen Stimmen, des Gelächters, des Geſan⸗ ges, ſtieg verworren und undeutlich zu den Ohren Victors auf; die Logen ringsum waren mit Hofleuten und Anhän⸗ gern der königlichen Partei angefüllt; Zuſchauer und Gäſte ſchienen eine Freude zu theilen. Hie und da ſtanden Grup⸗ pen von Offizieren von der Tafel auf, und ſchwankten Arm in Arm, vom Geiſte des Weins überwältigt, im Saale auf und nieder; andere ſtießen lärmend die Gläſer zuſammen; andere reichten ſich über den Tiſch hinüber die Hände zum Freundſchaftsbund; wieder andere brachten den Feinden des königlichen Hauſes, der Nativnalverſammlung und den Pa⸗ riſern ein tumultuariſches Pereat. In dieſem Augenblick wurden von einigen erhitzten Gardes du Corps die Thüren des Saales weit geöffnet, und herein ſtrömten im bunten Gemiſche die Soldaten des Regiments Flandern, um ihren Theil an dem Feſte zu nehmen. Hundert Hände trugen ihnen die gefüllten Kelche entgegen; der Offizier credenzte ſeinem Untergebenen den Wein, und die hochmüthige Leibwache des königlichen Hauſes verſchmähte es nicht, manchen gedienten Unteroffizier mit freundſchaftlicher Gewalt zum Liſche zu führen, und ihm von den Koſtbarkeiten des Deſſerts mitzutheilen. Victor wandte ſich verdüſtert von dem Schauſpiel ab, und begrüßte freudig überraſcht die Frau von Esprémenil, die in die Loge trat, und ihm mit günſtigem Lächeln die Hand zum Kuß und Druck reichte. Sie ſagte mit ſchmeichelndem Vorwurf:„Mein guter Dammartin! Sie ließen ſich ſo lang erwarten, daß ich beinahe Luſt gehabt hätte, an der Auf⸗ richtigkeit Ihrer Verſicherungen zu zweifeln. Die Pariſer ſind ohnehin ein falſches Geſchlecht, das wohl gerne einem wackern Paladin, wie Sie es ſind, nachſtellen möchte. Ich zweifelte faſt an Ihrer Rückkehr.“ Victor antwortete mit ſchelmiſcher Miene:„War ich nicht der Unglücklichſte, der ich Ihre Geſellſchaft, meine Gräfin, und das Feſt meiner Cameraden entbehren mußte? Der ſaumſelige Bertrand hatte den ihm aufgegebenen Auftrag noch nicht erfüllt, weil er ſich vor dem Spürauge ſeines revolutionären Geſellen fürchtete. Indeſſen habe ich ſeinen Eifer beflügelt, und bin ihm nicht von der Seite gegangen, bis Alles vollendet und gepackt geweſen.“ „O geſchwinde!“ verſetzte die Gräfin mit leidenſchaftlicher Heftigkeit,„haben Sie mitgebracht, die Talismane, welche anzuwenden gerade jetzt der rechte Zeitpunkt iſt?“ Victor nahm ſeinem Bedienten das Paket äb, und über⸗ gab es den Händen der ſchönen Gräfin, um welche ſich mehrere Damen verſammelten, die ihr halfen, es zu öffnen. Eine große Anzahl von weißen Cocarden rollte in die nied⸗ lichen Körbchen, womit ſich eine jede der Hofdamen verſehen hatte. Mit Enthuſiasmus ſchmückten ſich die Frauen ſelbſt mit dem Zeichen des Königthums, verzierten damit den 11 Buſen oder das Haar, wieſen triumphirend die bedeutſamen Schleifen in die gegenüber liegenden Logen, und ein plötz⸗ lich ausbrechendes Händeklatſchen der darin verſammelten Zuſchauerinnen begrüßte das willkommene Signal. Mit einem dankenden Händedruck und einem Blicke, der Süßeres noch verhieß, verließ die Gräfin den jungen Dammartin, der ſich nun, ſeines Auftrages entledigt, in die bereit gehaltene Uniform warf, und in den Saal eilte, wo das bedeutendſte Schauſpiel erſt beginnen ſollte. Freundſchaftliche Vorwürfe empfingen den zu ſpät Gekommenen. Deshuttes, ſein Nach⸗ bar in dem Hötel der Garden, kam auf ihn zu, den ſchäu⸗ menden Burgunderkelch in der Hand, roth von Wein und Geſang, und rief ihm zu:„Was bringſt Du Neues aus Babylon? Was macht unſere gute Stadt Paris? Trägt ſie uns noch immer im Herzen, wie die Mutter ihr frommes Kind? Was machen die Herren von der Mairie, die ſich eine ſo glänzende Rolle zugetheilt haben? Wird Sr. Maje⸗ ſtät dem König Bailly nicht nach gerade Angſt für ſeinen Comödienthron?“ „Bei Gott!“ fiel der junge Herr von Atriaux ein, einer der Uebermüthigſten aus der königlichen Leibwache:„es wird nicht lange dauern, und wir kommen nach Paris, im Sturmmarſch, um den Municipalitäts⸗Pöbel zu Paaren zu treiben! Die Zeiten der Fronde ſind wieder los! Wir wollen die Zeiten Heinrichs IV. draus machen, und uns vor Paris hinlegen, wie die Katze vor die Falle, bis der Hunger der⸗ geſtalt einreißt, daß eine Vorſtadt die andere aufzehrt.“ „Was iſt auch natürlicher?“ fiel ein Anderer ein:„für uns iſt Gott und der König; ſind alle braven Edelleute in Frankreich. Mit uns ſicht das wackere Regiment Flandern, 12 und die Ehrenmänner werden ihren Schwur redlicher halten, als die franzöſiſchen Garden, die der Teufel holen mag, wann's ihm beliebt!“ „Sind ſchon genug geſtraft, daß ſie unter dem hochnaſi⸗ gen Lafayette dienen müſſen;“ ſpottete ein Offizier von Flandern:„die Schufte haben den Ehrenrock des Königs ausgezogen, und laſſen ſich jetzt von den Pariſer Tuchhänd⸗ lern uniformiren! Schande auf ihren Kopf! Ich freue mich des Tages, wo ich meine Compagnie auf die Rebellen feuern laſſen kann!“ „Zuvor aber müſſen wir in Verſailles anfangen!“ rief Moreau, der Garde du Corps, wüthend dazwiſchen:„die Nationalverſammlung muß geſprengt werden! Was ſage ich, geſprengt? aufgehängt! aufgeknüpft ſammt den Machthabern in Paris! an den Laternen des Schloßhofs aufgehängt, wie die Ungeheuer es in Paris ſchon getrieben haben! oder ge⸗ köpft, wie ſie den armen Launay, meinen Vetter, geköpft haben!“ „Die Verſammlung weg!“ donnerte Deshuttes:„Vor allem den verdammten Mirabeau, der leider Gottes ein Adeliger und noch obendrein ein Graf iſt. Sodann den Herzog von Orleans! weg mit ihm!“ „Er iſt doch ein Prinz von Geblütz“ erinnerte einer der Offiziere. Artriaur ſchlug ein helles Gelächter auf und erwiederte:„Die Orleans haben nie etwas getaugt. Der jetzige wäre im Stand, ein zweiter Regent zu werden; ein Cromwell, ein Ravaillae an ſeinem Vetter. Weg mit ihm! ich mache mich anheiſchig, ihm eine Kugel durch den Leib zu jagen, wenn mir der König das Palaisroyal zum Erbe verſpricht.“ 2 2 13 Die Umſtehenden lachten unbändig über den groben Witz⸗ und auch Victor verzog, um mit den Wölfen zu heulen, das Geſicht; da raunte ihm eine Stimme ins Ohr:„Sey doch ſo gut, und ſage den übermüthigen jungen Herren, daß das Volk von Paris weit geneigter iſt, ſie in Verſailles zu be⸗ ſuchen, als von ihnen einen Beſuch anzunehmen.“ Victor ſah ſich überraſcht um, und erkannte mit Erſtaunen ſeinen Freund Camille, der ſich in die Uniform eines Sol⸗ daten des Regiments Flandern geſteckt, und ſomit den Ein⸗ gang zum Feſte gewonnen hatte. Victor ſagte ihm erſchreckt und leiſe:„Unbeſonnener! was haſt Du gethan? es iſt Dein Tod, wenn man Dich erkennt.“ Camille lächelte ſorglos und verſetzte, ſich wegdrehend: „Ich muß doch meinen Landsleuten erzählen, wie es da zu⸗ geht. Ich bin ein gewiſſenhafter Zeitungsſchreiber, und will den Pariſern haarklein ſagen, was man hier von ihnen ſpricht.“ Er verſchwand in der Menge, die ſich juſt, wie von einem Orcan getrieben, durcheinander wühlte. Es war ein allge⸗ meiner Aufſtand im Saal. Alle Zecher flogen von ihren Sitzen empor; durch dieſe gleichförmige und unerwartete Bewegung wurden Tafeln umgeworfen, Stühle und Schenk⸗ gefäße zu Boden geſchmettert. Die Augen ſtarrten nach der Thüre.„Der König! die königliche Familie!“ rief jeder Mund. Die Gardes du Corps wie die fremden Offiziere machten ſich gewaltſam Bahn durch die Maſſe der zuſchauen⸗ den Soldaten, um dem Monarchen entgegen zu eilen, und ihm ihre Ergebenheit zu bezeigen. Ludwig XVI. war in der That, begleitet von der Köni⸗ gin, die den Dauphin an der Hand führte, unter die fröhliche 14 Menge im Opernſaal getreten. Er trug ein einfaches Jagd⸗ kleid und auf ſeiner Stirne lag Rührung, Hoffnung und zugleich die Scheu, die der Fürſt gewöhnlich empfand, wenn er ſich in einer zahlreichen Verſammlung einfinden mußte. Sein Lächeln war gutmüthig aber verlegen; ſeine Haltung die eines Hausvaters im Kreiſe der Seinigen; die Würde, die er anzunehmen verſuchte, ſtimmte nicht mit dem ſchwan⸗ kenden Schritt zuſammen; ſein ganzes Aeußere war das eines Mannes, der wohl allenfalls weiß, was zu thun gut wäre, immer jedoch ſeiner angebornen Trägheit in der Aus⸗ führung unterliegt; eines Mannes, der bis auf einen ge⸗ wiſſen Grad ohne Falſch iſt, und daher für ſein Leben gerne ſehen möchte, daß man auch ohne Falſch gegen ihn ſey; eines Mannes endlich, der, von der Jagd ermüdet, gut zu Nacht gegeſſen hat, einem Jeden gerne ein Paar freundliche Worte ſagen möchte, aber ſich dennoch von ganzem Herzen ſehnt, die ihm durch Ueberraſchung abgewonnene Repräſenta⸗ tion ſobald als möglich zu enden, und das ſtille Lager zu ſuchen, wo weder die Mißgriffe der Miniſter, noch das Ge⸗ ſchrei des Volks den Regenten ſtören. Ein ganz anderes Bild ſtellte die Königin dar. Aufrechten Ganges, das Haupt hoch haltend, die doppelte Zuverſicht auf ihre Würde und Schönheit in den Augen, ſchritt ſie daher wie eine Siegerin. Sie war ſich bewußt, durch ein Paar Worte der Herab⸗ laſſung die Menge zu gewinnen, wie einſt Maria Thereſia die ſtolzen Ungarn zu binden und zu begeiſtern wußte. Aber, wie die große Kaiſerin, konnte Maria Antvinette nur gegen diejenigen herablaſſend ſeyn, die ſie nicht verachtete. Zu den dem königlichen Hauſe ergebenen Dienern ein Wort der Bitte zu ſprechen, wurde ihr leicht; ſie hätte es nicht 15 über ſich gewonnen, dem Pöbel eine gleiche Gunſt zu gön⸗ nen. Dem Beiſpiele ihrer erlauchten Mutter folgend, hatte ſie den Kronprinzen mit ſich geführt. Der rührende Anblick ſeiner unſchuldigen Kindheit ſollte den Eindruck vollenden, den ſchon die beſondere Lage der königlichen Familie hervor⸗ brachte. Wenn etwas noch in den Augen der franzöſiſchen Krieger, die im Opernſaale verſammelt waren, den herrlichen Anblick der in ihre Mitte heruntergeſtiegenen königlichen Perſonen zu verſchönern vermochte, ſo war es die Reihe auserleſener reizender Damen, die der Königin folgten, wie die Grazien der paphiſchen Göttin. Die gefährlichſten Schön⸗ heiten des Hofes, ſtrahlend in der Pracht ihrer Gewänder, vom Glanz der trügeriſchen Schminke, und im Wiederſchein der hundert Kerzen, die jeden Reiz zu verdoppeln verſtehn, nahten ſich den Offizieren der Gardes du Corps und ſelbſt den gemeinen Soldaten, hier ein Wort ſpendend, dort ein Lächeln gewährend, und aus ihren Händen ſtreuten ſie mit zauberiſcher Leichtigkeit die weißen Cocarden unter die Gäſte aus, während aus den Logen weiße Tücher, gleich Panieren wehten, und ein dröhnend⸗-jauchzendes:„Hoch lebe der König! die Königin! der Dauphin!“ wohl zehnmal hinter einander durch den Saal tobte, und mit ergreifender Begeiſterung, wie verabredet, die Muſik der beiden Corps das Lied an⸗ ſtimmte:„0 Bichard, o mon roi, l'univers t'abandonne!“ Das Gemüth des Königs widerſtand dieſen ſo ſchnell auf ihn eindringenden Erſcheinungen nicht. Thränen benetzten ſeine Wangen. Die Rührung machte ihn ſtumm. Die Kö⸗ gin, die Wangen geröthet, und die Augen glänzend, glück⸗ lich in dem Meere von Huldigungen, die ſie ſich und den⸗ Ihrigen von Ehrfurcht und Lebe dargebracht ſah, redete an 16 ſeiner Statt.„Ja, meine Freunde,“ ſagte ſie mit edler Hingebung in Wort und Geberde:„Wir theilen Euer Ver⸗ gnügen, wie ihr unſer Schickſal theilen werdet. Sebt hier Euern König, ſeht zugleich den Prinzen, der Euch künftig beherrſchen ſoll, und trotz ſeines zarten Alters ſchon von ſeinem Vater gelernt hat, wie man das ſchöne Frankreich im Herzen tragen muß. Unſer Vertrauen zu Euch gleicht Eurer Treue. Ihr werdet den Feinden des Throns kühn entgegenſtehen, und Euer Vereinigungszeichen ſey nicht die Livrée eines verrätheriſch geſinnten Hauſes, ſondern die Farbe der königlichen Fahnen Frankreichs, die jeden Gegner zum Weichen brachten!“ Bei dieſen Worten, denen der ungetheilteſte, lauteſte Beifall entgegenrauſchte, hielt die Königin in ihrer erhabe⸗ nen Hand eine ſilberne funkelnde Cocarde in die Höhe. Mit einem Schrei kriegeriſcher Wuth hatten die Gardes du Corps nichts Eiligeres zu thun, als die Körbe der Hofdamen völlig zu plündern, die weißen Feldzeichen an Hut und Bruſt zu ſtecken, und tauſendfache Verwünſchungen gegen die von der Nativn gewählten Farben auszuſtoßen.„Alles für Gott und den König!“ jubelte Artriaur, indem er ſeinen Hut ſchwang, den Säbel zog, und hoch in die Luft ſtreckte. Im Nu waren alle Säbel der Anweſenden entblößt, und blitzten im Scheine der Kronleuchter, während ein Geſang zur Ehre des Bourbonſchen Hauſes angeſtimmt wurde.„Zu Boden mit der Nationalverſammlung!“ riefen dazwiſchen viele Stimmen. Die Offiziere des Regiments Flandern und die Nationalgarden wurden auf dieſen Ruf hin ſtiller.„Laßt uns ſchwören, den König und ſein Haus niemals zu ver⸗ laſſen, es gehe wie es wolle!“ forderten wieder andere 17 Stimmen, und ſogleich ſprang eine Anzahl der Garde du Corps auf die Tiſche, um den vorgeſchlagenen Schwur zu leiſten und zu empfangen.„Treue dem König!“ riefen die Offiziere von Flandern, und ihre Soldaten riefen es nach. „Tod den Rebellen! Weg mit der Nationalcvearde!“ ſchrie Deshuttes, von Wein und Tollheit beinahe über den Haufen geworfen; ſchwenkte eine dreifarbige Cocarde in der Luft, warf ſie dann zu Boden und trat ſie mit Füßen, während in andern Gegenden des Saals andere dreifarbige Schleifen von den muthwilligen Herren der Leibwache an den Flam⸗ beaur verbrannt, oder von den Säbeln zerſtochen und zerfetzt wurden. Die Offiziere des fremden Regiments und ihre Soldaten murrten leiſe darüber, doch folgte ihr Jubelruf noch dem König, der ſich mit ſeiner Familie, nachdem er einige Mal die Tafel umkreiſ't hatte, in das Innere des Schloſſes zurückzog. Die Herrſchaften, welche die Logen gefüllt hatten, folgten dem Beiſpiel des Königs; aber die Gardes du Corps hielten den Saal noch beſetzt, und ließen den bachantiſchen Tumult freier und losgelaſſener als vor⸗ her, fortdauern. Dammartin war faſt in Verzweiflung, daß ſein Verhältniß zu einigen ſeiner Kameraden ihn bei dem Bachanal zurückhielt. Der taumelnde Kreis ſeiner Dienſt⸗ gefährten widerte ihn an, und je höher der trunkene Muth deſſelben ſtieg, je mehr nahm ſeine Verachtung des unnützen Prahlens zu. Das Gewühl wurde immer toller; die Muſik konnte nicht mehr der Anforderung der wüſten Geſellen ge⸗ nügen, denn immer heftiger ſollten die Pauken wirbeln, die Trompeten immer lauter ſchmettern, und endlich wurde die ganze Ttuppe raſend wie Mänaden.„So wie ich dies Glas zerſchmettre, mögen die Rebellen zu Grunde gen rief ein 1 18 flaumbärtiger Vicomte, indem er einen Schenktiſch zu Boden warf.„Ich werde noch das Gebäude der Revolution zu⸗ ſammenhauen, wie ich dieſen Tempel zerſtöre,“ ſchrie ein neugebackener Adeliger, indem er mit ſeinem Säbel auf die Tafel hieb, und einen prächtigen Canditoraufſatz in Staub verwandelte.„Wär' ich ein Gouverneur der Baſtille gewe⸗ ſen,“ brüllte ein Dritter, einen Stuhl in der Luft ſchwin⸗ gend,„ich hätte das Ganze Geſindel von Paris mit Kartät⸗ ſchen zuſammenſchießen laſſen!“—„Paris muß untergehen!“ riefen die Gardes du Corps im Einklang:„Kein Stein ſoll auf dem andern bleiben; des Königs Lager iſt ſeine Haupt⸗ ſtadt! Paris muß niedergebrannt, und die ganze Canaille von Bürgerſchaft in die Seine geworfen werden!“ Deshuttes ſprang mit einem Satz über die Tafel wie ein Beſeſſener, hieb mit dem Säbel um ſich her, und lallte außer ſich:„Zum Sturm, Kameraden! Zum Sturm! Seyd Ihr geſtiefelt, geſpornt, und treue Leibwächter des Königs? Mir nach! Dort liegt Paris! Friſch drauf los!“ Er deutete auf die Logenreihe, die ihm gegenüberlag. Er ſchritt wie zum Sturme drauf los. Ein Phalanx von be⸗ trunkenen jungen Leuten folgte ihm, den Degen in der Fauſt. Tiſche, Stühle, Banketten, alles was ihnen in die Hände fiel, wurde aufeinander gethürmt, und mit unbändigem Ge⸗ töſe erklimmten ſie die Logenbrüſtung. Alle trunkenen Köpfe der Geſellſchaft folgten dem Beiſpiele. Die Kronleuchter wurden zerſchlagen, alles, was zerſtörbar, fiel in Trümmer. Nur wenig vernünftig gebliebene Leute retteten ſich achſel⸗ zuckend aus dem abſcheulichen Wirrwarr. Victor war unter dieſen. Einſam und grollend wandte er den Wüſtlingen den Rücken, und murmelte zwiſchen den Zähnen, nach der Thüre 19 eilend:„Und dieſe Leute ſollen den Thron retten? dieſe über⸗ müthigen Geſellen wollen es mit der vereinten Macht eines Volkes aufnehmen? Ich fürchte, Sans⸗Regret hat Recht, und die Zeit iſt nicht ferne, wo in Frankreich eine andere Dyna⸗ ſtie aufſteht!“ „Fehlgeſchoſſen, mein Freund,“ erwiederte ihm unverſehens Camille, der mit grimmigem Geſichte an ihm vorbei zur Thüre rannte:„Hinter dieſem Ludwig kömmt, wenn Ge⸗ rechtigkeit im Volke iſt, kein Anderer. Ich bin im Begriff,“ — hier hob er eine von den durchlöcherten und zu Boden getretenen Nativnalcocarden in die Höhe—„der Nation ein Document zu bringen, das ihr beweiſe, welch Vertrauen ſie dem König zu ſchenken hat. Wenn dieſe Cocarde nicht die Grundlage von Ludwigs Sarkophag wird, ſo will ich nicht Desmoulett heißen.“ Er ftürzte durch das Periſtil davon, und Victor rief ihm vergebens nach, um den Lauf des Wüthenden aufzuhalten. B weites Rapitel. Der dritte October. Es war am Samſtage, um die Mittagsſtunde, als ſich ein bedeutender Volkshaufen vor dem Gitter des königlichen Schloſ⸗ ſes zu Verſailles verſammelt hatte. Aus Handwerksleuten, Müßiggängern und Gaffern beſtehend, ſchaute und geſticu⸗ lirte er ohne Unterlaß gegen die Fenſter des Schloſſes. Unter den ſchlechtern Kleidern des Pöbels, wie unter den beſſern der Müßiggänger, ließen ſich einige Nationalgarden⸗ Uniformen bemerken. Die Leute ſchienen in einem heftigen Geſpräch begriffen, und höhniſches Gelächter wechſelte darin mit groben Verwünſchungen ab. Da kam ein Mann daher, groß, breitſchulterig, und in die Kleider eines wandernden Landmannes gehüllt. Seine mit Staub und Koth bedeckten Kamaſchen verriethen, daß er einen weiten Weg gemacht. In der Hand trug er einen dicken Knotenſtock, und man traute der athletiſchen Kraft, die aus allen ſeinen Bewegun⸗ gen ſprach, zu, daß er im Nothfall den Knüppel zu führen verſtehe. Er drängte ſich barſch in die Mitte des Haufens, — 21 der, das Uebergewicht ſeiner Stärke würdigend, ihm gern und willig Platz machte.„Was gibt's hier?“ rief er mit ſeiner derben Stimme, und ſchlug dabei einen Nationalgar⸗ diſten auf die Schulter. Der Menſch ſah ſich um, und ver⸗ zog ſein Geſicht zu einem freundlichen Lächeln.„Sieh da, Vater Adam!“ ſagte er, dem Wandrer die Hand reichend: „Ich habe Euch ja ſeit einer Ewigkeit nicht geſehen. Woher des Landes?“ „Ich komme von Mäcon. Seitdem mir die Commune zu Paris den Streich geſpielt hat, mich zu verhindern, nach Verſailles zu ziehen, wie ich es mir am dreißigſten Auguſt vorgenommen, habe ich mir ein kleines Vergnügen in der Provinz gemacht. Gott verdamme den Bailly und ſeine Ge⸗ ſellen! Ich und meine Braven werden ſchon zur Zeit ein Wort mit ihnen reden. Aber Saecre⸗bleu, wie oft ſoll ich noch fragen, was hier vorgeht? weßhalb Ihr gafft?“ „Das will ich Euch ſagenz“ erwiederte ein bleicher Pe⸗ rückenmacher, indem er ſein Brenneiſen heftig in der Luft bewegte:„die Tyrannen verſchwören ſich einmal wieder. Vorgeſtern ſollte der Hauptſchlag gemacht werden. Sie woll⸗ ten nach dem Gaſtmahl ganz Verſailles einäſchern. Das hat mir Herr Fleuriot, der Sergeant vom Regiment Flandern, den ich täglich zu pudern die Ehre habe, offen und redlich geſagt.“ „Verſailles niederbrennen? Die Bürger erwürgen? Iſt das möglich?“ riefen mehrere Stimmen von angſtvoll Gläubigen. „Wie ich ſage. Um Mitternacht ſollte der Generalmarſch geſchlagen werden; die Lunten, um die Stadt anzuzünden, 22 lagen ſchon bereit. Die Ariſtokraten von Rambouillet hat⸗ ten ſie heimlicherweiſe herein gebracht.“ Die Bläſſe des Entſetzens malte ſich auf den Wangen Derjenigen, die allenfalls noch ein Haus oder eine Boutike zu verlieren hatten. Der eigentliche Pöbel, der nur mit Verdruß eine ſo günſtige Gelegenheit zu plündern vereitelt ſah, lächelte neidiſch. „He, guter Freund, endigt doch Eure Erzählung!“ rief Vater Adam dazwiſchen:„So lächerlich das Ding klingt, ſo glaub' ich's Euch doch, weil ich auf den elyſäiſchen Feldern Euch als einen der Sprecher Eurer Zunft bewundert habe. Ihr erinnert Euch doch noch der glorwürdigen Tage des Julius?“ Der Perückenmacher ſchlug die Augen begeiſtert gen Him⸗ mel, und verſetzte lebendig:„Ei wohl, mein Herr. Wir waren dort unſer achtzig hieſige Perückenmacher und Geſellen. Verſailles mochte ſich damals ſelbſt frifiren. Wir ſind Pa⸗ trioten, Herr, und wenn ich etwas lauter geſchrieen habe, als andre meiner Collegen, ſo haßte ich dafür auch die Ty⸗ rannen von ganzem Herzen. Ihr aber, Herr, ſeyd mir ſo bekannt, daß ich drauf ſchwören möchte, Ihr ſeyd ein Ade⸗ liger, den ich ſchon einmal auf dem Schloſſe Dijon zu be⸗ dienen die Ehre hatte.“ „So lang's noch einen Adel gab,“ verſetzte der Andere höhniſch,„nannten mich die dummen Leute den Marquis von St. Huruge. Seither will ich nur Adam genannt ſeyn, wie der Erſte aller Menſchen, von dem doch alle Schufte von Ariſtokraten herſtammen, ſie mögen ſich wehren wie ſie wol⸗ len. Der Tyrann da drinnen im Schloſſe, hat mich freilich einmal in Dijon einſperren laſſen, und wenn Ihr der flinke 23 Criſpin ſeyd, der ſo zierlich den Kamm zu führen und die Seife zu handhaben wußte, ſo ſeyd mir willkommen. Macht Euch jedoch nicht Rechnung darauf, ferner von mir einen Liard zu verdienen. Ein freier Bürger trägt ſein Haar, wie die Natur es wachſen ließ. So lange noch ein gepuderter Kopf in Frankreich lebt, iſt die Revolution nicht geendigt und das Wohl des Staats hängt von der Vertilgung des letzten Haarbeutels ab.— Macht nur kein ſauerſüßes Ge⸗ ſicht, Criſpin. Ob Euer Metier dabei zum Leufel geht oder nicht, was liegt daran? Die dreitauſend Haarkräusler auf den elyſäiſchen Feldern haben ſich als wackere Patrioten ge⸗ zeigt, und der Staat muß auf ihr anderweitiges Forttom⸗ men bedacht ſeyn. Sagt uns nur, wie denn der entſetzliche Plan, von dem Ihr vorhin ſpracht, geſcheitert iſt?“ Criſpin fuhr fort:„Es war alſo alles bereit, die Sturm⸗ glocke ſollte gezogen werden. Da vermerkten die National⸗ garden, die bei dem Feſtin waren, übel, daß man die Farben der Nation und folglich die Nation ſelbſt mit Füßen getre⸗ ten hat. Sie brachen plötzlich auf, und die guten Offiziere von Flandern folgten ihrem Beiſpiele. Was war alſo wei⸗ ter zu thun? Die Paar hundert Gardes du Corps haben kein Herz gegen einen Verſailler Bürger; die Schweizer waren nach ihrer Gewohnheit beſoffen; die Dragoner wei⸗ gerten ſich zu Pferde zu ſteigen, und der Schuß hatte ver⸗ ſagt.“ „Bravo! gut gemacht!“ ſchrie das Volk und klatſchte enthuſiaſtiſch in die Hände.— Ein bankerotter Tuchhändler nahm das Wort auf und ſagte:„Für diesmal hat uns der Schutzengel der Nation durchgeholfen. Jetzt aber ſitzen die 24 Verräther. und ſchmieden bei einem ſchwel⸗ geriſchen Frühſtü neue Plane gegen die Nativn.“ „Das Frühſtück koſtet ſechstauſend Livres!“ ſchrie ein Laſt⸗ träger, aus deſſen hohlen Augen der Mangel ſah:„das Volk verhungert, während die Tyrannen ſich mit Leckerbiſſen mäſten.“ „Gräuliche Verrätherei!“ rief der Perückenmacher:„Lü⸗ gen an allen Ecken: Die Gardes du Corps geben das Mahl? Ich weiß es beſſer. Die Oeſterreicherin trägt alle Koſten. Die Furie macht ihre Helfershelfer in Burgunder trunken, und verſpricht ihnen zum Deſſert das Blut des Volkes!“ „Weg mit der Oeſterreicherin!“ ſchallte es zu wiederhol⸗ ten Malen aus dem Haufen. „Uns geſchieht recht!“ ſprach der Tuchhändler:„Handel und Gewerbe liegt darnieder! der ehrliche Kaufmann kann nicht mehr beſtehen, und wo die Kaufleute leiden, ſchmachtet das Volk. Ich weiß von einem Deputirten, daß die Königin alle ihre Bedürfniſſe und die des Hofes aus Wien bezieht, mit Ausnahme der Spitzen, die aus den verfluchten Nieder⸗ landen kommen, wo auch der öſterreichiſche Stock regiert. Iſt das nicht himmelſchreiend? Und wir dulden, was mit uns vorgeht? Wären alle Verſailler geſinnt wie ich, ſo ſchlügen wir noch heute die Gardes du Corps darnieder und zögen nach Rambouillet, um den Ariſtokraten zu lehren, wie man Lunten gegen das Volk macht.“ „Richtig, weg mit dem Gardes du Corps! Fort nach Rambouillet! Revolution muß ſehn!“ brüllte das Geſindel. — St. Huruge klopfte indeſſen höhniſch lächelnd den Bankrot⸗ tier auf das Genick, und ſagte:„Friede, mein guter Mann. Ohne uns zu Paris macht man keine Revolution. Ihr ſeyd 25 Schwachköpfe, Hofgeſchmeiß, das nur von den Tyrannen lebt, und ohne den Tyrannen verhungern muß.“ Ein Gewürzkrämer ſtellte ſich hoch auf die Zehenſpitzen und ſagte mit vielem Aufwand:„Der wahre Patrivt be⸗ gnügt ſich mit einer Kruſte Brod, wenn er dieſelbe auf ſei⸗ nem Felde gezogen hat. Er verſchmäht die Gaben des Hofes. Und,“ fuhr er mit gewöhnlicher, geläufiger Zunge fort,„wenn heute der Tyrann mit allen ſeinen Leuten über die Grenze ſpringen müßte, ſo haben wir an ſeiner Statt die Nativnal⸗ verſammlung. Die zwölfbundert Mäuler brauchen auch etwas. Erſt dieſen Morgen hat mir der wackere Herr Ro⸗ bespierre von Arras einen Conto von fünfundſiebzig Livres ſaldirt, und der edle Graf von Wirabeau ſteht mit dreimal mehr in meinem Buche.“ St. Huruge lachte wie ein Satan.„Der iſt nicht der beſte Kunde,“ ſpottete er:„er iſt ſeit Langem gewöhnt, ſeine Gläubigen und die Nation mit Worten zufrieden zu ſtellen. Wer weiß, wie es ſich noch mit ihm wendet.“ Die Umſtehenden nahmen laut und heftig die Partei des Grafen, und ihre Begeiſterung wurde vermehrt, als, wie gerufen, der genannte Deputirte, über den Platz ſchreitend, an ihnen vorüber kam. Das Volk lief auf ſeinem Wege zuſammen; die Gruppen wurden größer, und mehrere hun⸗ dert Stimmen brachen in den Ruf aus:„Es lebe der Mann des Volks! Der Patriot Mirabeau ſoll leben! Weg mit der Oeſterreicherin! Weg mit dem Herrn Veto! Mirabeau hoch! Orleans hoch! Die Nation über Alles! Herunter mit der Calotte!“ Der Graf, an dergleichen Auftritte gewöhnt, begnügte ſich, auf ſein finſteres, unſchönes und mit Blatternarben 26 beſäetes Geſicht jenes wohlwollende Lächeln zu zwingen, das ihm des Volkes Herzen zugewendet hatte, grüßte die Begei⸗ ſterten mit populärem Kopfnicken und herablaſſender Hand⸗ bewegung, und ging ruhig zwiſchen ihnen hindurch. Seiner derb zugehauenen Geſtalt folgte, einige Schritte immer zu⸗ rückbleibend, eine Figur, die den ſchreiendſten Contraſt mit der des Grafen bildete, aber den Wunſch zu hegen ſchien, einerlei Haltung und Manieren mit ihm zu haben, und durch Mirabeau's Mittel Mirabeau's Zwecke zu erreichen. Ein hagerer, kleiner, geſtreckter Mann mit raſchem ſchiebendem Gange, ſorgfältig gekleidet, mit ſteifen Ailes de Pigeon, den Hut unterm Arme, und die Füße ſorgfältig von einem Stein zum andern ſetzend⸗ damit kein Schmutzflecken auf die ſeidenen Strümpfe komme. Unter dem Jubelgeſchrei, das dem Grafen galt, ſtieß der Gewürzkrämer ſeinen Nachbar, den Perückenmacher an, und ſagte:„Das iſt mein Fünfund⸗ ſiebzig⸗Livres⸗Mann. Das iſt Herr Robespierre. Mein Kaffee ſchmeckt ihm am beſten, und mein Zucker ſcheint ihm köſtlich, obgleich Ludwigs Intendant ſeinen Lieferanten ver⸗ boten hat, welchen von mir zu beziehen. Er ſey nicht ein⸗ mal gut genug, meinte der ſchlechte Kerl, daß man den Hund der Mademoiſelle damit füttere. Die Oeſterreicherin ſammt ihrer Brut würde einſt froh ſeyn, wenn ſie von mei⸗ nem Zucker hätte, der Herrn Robespierre lieber iſt, als der meines Nachbars Joly. Laßt uns dafür dem wackern Deputirten auch ein Lebehoch bringen! Es koſtet nichts, und ſchmeichelt doch, und ermuthigt für die Zukunft.“ „Gerne,“ verſetzte Criſpin:„mein Geſelle ſoll mitſchreien helfen. Der lange Strick iſt ja ſelbſt aus Arras, und darf ſchon ſeinem Deputirten einige Ehre erweiſen!“ 27 Alle drei hoben an, aus voller Kehle dem Belobten ein Vivat zu bringen. Eine Handvoll Stimmen miſchten ſich in das Geſchrei, und der Ruf, der Herrn Robespierre galt, wurde hierm it ſo deutlich, daß Mirabeau, ſeinem Doppel⸗ gänger ohnehin nicht hold, ſich unwirſch umdrehte, dem Volk die Worte zudonnerte:„Was will die Canaille mit ihrem Geſchrei? Haltet die Mäuler und gehet nach Hauſe!“ und raſch den St. Huruge bei Seite zog, den er im Tumult bemerkt hatte. „Guten Tag, Marquis,“ ſagte er heftig:„Deine An⸗ kunft macht mir Freude. Du haſt Dich in Mäcon unſterb⸗ lich gemacht. Die Revolution hat dort ihre Zähne tüchtig gewieſen. Wie viel der Schlöſſer haſt Du angezündet?“ „Ein Dutzend, Mirabeau. Doch iſt mir der Scha uplatz in der Provinz zu eng, und ich beeile mich, nach der Haupt⸗ ſtadt zurück zu gehen, wo es vielleicht etwas für mich zu thun geben möchte. Während Burgund in vollem Aufſtand iſt, ſchläft Paris. Fehlt es an Rath oder an Händen?“ „Keineswegs, Marquis. Du kömmſt gelegen, der Zun⸗ der iſt gehäuft; die Rede, die ich ſo eben in der Verſamm⸗ lung gehalten, hat den erſten Funken hineingeworfen; meine perſönliche Gegenwart ſoll das Uebrige thun. Ich gehe mor⸗ gen mit dem Frühſten nach Paris. Begleite mich.“ Während dieſes Geſprächs hatte ſich Robespierre zuthunlich unter die Volksmenge gemiſcht. Sie war angewachſen durch die Menge von Taglöhnern, die um die Mittagſtunde von ihrer Arbeit kehren. Der Deputirte von Arras legte ſein trockenes, widerwärtiges Geſicht in annehmliche Falten, ſah durch ſeine Brille ſo freundlich aus ſeinen Augen, wie es dem Volke gefiel; nickte hier mit dem Kopfe, ſchüttelte dort 28 die rauhe Hand eines Maurers, bückte ſich, demüthig faſt, vor den wenigen, honett ausſehenden Leuten des Bürgerſtan⸗ des, und ſagte, indem er eine Priſe von dem Gewürzkrämer nahm, der mit ſeinen Spießgeſellen noch in einem fort ſchrie: „Sie thun mir viel zu viel Ehre an, meine lieben Mitbür⸗ ger. Was Mirabeau betrifft, ſo iſt er ein Demoſthenes ge⸗ gen mein geringes Talent. Hätte er nur meinen ernſten, unabänderlichen Willen! Wenn es auf mich ankäme, ſo hätte das Volk ſchon jetzt nicht mehr nöthig, hier in der Mittagshitze ſich über ein Scandal zu ereifern, das in die⸗ ſem Augenblick im Schloſſe gegeben wird. Gehen Sie heim⸗ meine lieben Freunde; faßt Euch in Geduld, Ihr wackeren Leute! Bezwingt den Schmerz, den Ihr empfinden müßt, da die Vertheidiger Eures Heerdes, die Nationalgardiſten ſelber, mit Euern Unterdrückern an der Tafel ſitzen, die der Schweiß des hungernden Volkes bezahlt, und an welcher des guten Volkes Verderben völlig beſchloſſen wird.“ Hierauf wendeten ſich alle Blicke drohend gegen das Schloß. Hundert geballte Fäuſte drohten hinauf. Ein Schrei der Wuth ließ ſich hören. Er hieß:„Nieder zum Teufel mit den Gardes du Corps, dem Veto und der Oeſterreicherin! Verdammt ſeyen die Nationalgardiſten, die uns verrathen, weil man ſie mit Geld und Wein beſticht!“— Während nun zwiſchen dem ſchreienden Volke und den darunter gemiſchten Nationalgarden, welche die Partei ihrer Gefährten nahmen, ein heftiger Wortwechſel entſtand, rief der Inſpections⸗Major hinter den Gittern des Schloſſes, dem Commandirenden der Wache zu:„Kapitän! hören Sie denn nicht das aufrühre⸗ riſche Geſchrei des Pöbels? Seit wann iſt es erlaubt, die rebelliſchen Ausſchweifungen bis vor die Thore des königlichen 8 29 Hauſes zu treiben? Senden Sie eine Patrouille ab, um das Volk zu zerſtreuen. Laſſen Sie die unruhigſten Burſche beim Kopf nehmen!“ Der commandirende Schweizeroffizier zuckte phlegmatiſch die Achſeln, und erwiederte im ſchlechteſten Franzöſiſch:„Der König hat befohlen, daß von Seiten ſeiner Garden und Haustruppen die ſtrengſte Ruhe beobachtet werde. Ich darf ohne höhern Befehl keinen Mann entſenden; will aber, weil der Tumult in der That arg wird, nach dem nächſten Bür⸗ gerpoſten ſchicken.“ Das Volk hielt ſich immer in bedeutender Entfernung von den Wachen des Schloſſes; fuhr aber in ſeinen Ver⸗ wünſchungen auf eine zügelloſe Weiſe fort. Hauptſächlich drohte es den Nationalgardiſten, die es bei dem Feſtin ver⸗ ſammelt glaubte. Robespierre und einige andere Deputirte mindern Schlags, befeuerten durch ihre höhniſchen Einre⸗ dungen die Köpfe des Pöbels. Mirabeau beſah von ferne den Spektakel und ſagte zu St. Huruge:„Du kennſt das Mährchen von Liliput? Die Verſailler ſind ein elendes Ge⸗ findel ohne Energie; Fröſche, die dergleichen thun, als woll⸗ ten ſie aus dem Sumpfe der verjährten Knechtſchaft an's Tageslicht der heiligen Freiheit gehen. Hätten die Söld⸗ linge des Königs Muth, nur einen Schuß zu thun, ſie jag⸗ ten ganz Verſailles an die Thore von Paris. So der Him⸗ mel jedoch will, wollen wir ihnen binnen wenig Tagen einen Beſuch bereiten, der beſſere Reſultate herbeizuführen im Stande iſt.“— St. Huruge lachte wild auf, bewegte ſeinen Knotenſtock heftig, und betheuerte dem Grafen ſeine aufrich⸗ tigſte Bereitwilligkeit. Mittlerweile ſtürmte eine Patrouille von Nationalgarden über den Platz und drängte ſich in den ℳ 30 Knäul des Pöbels. Der Offizier an ihrer Spitze, ein ge⸗ drungener Mann, mit dem Ausſehen eines Wüſtlings, mit glatthängenden Haaren, ungeheuerm Backenbart, und dick⸗ bauſchiger weißer Halsbinde, fuhr mit einer auffallenden Superivrität das ſchreiende Geſindel an, ohne daß es beſon⸗ ders Notiz von ihm nahm.„Im Namen der Nation und des Geſetzes!“ ſchrie er mit tragiſchem Pathos:„Geht aus⸗ einander, Ihr Männer des Volks! Es ziemt ſich nicht, daß die Zunge des Bürgers den Mitbürger unter Wehr und Waffen beſchimpfet!“ Ein unbändiges Gelächter antwortete der pathetiſchen Aufforderung. Gleich darauf erhob ſich das Gebrüll:„Weg mit den Nationalgarden! Wir wollen keine Wachen, die uns verrathen und mit den Gardes du Corps frühſtücken!“ Robespierre und ſeine Agenten hatten ſich bei Annähe⸗ rung der Wachen verſteckt. Mirabeau aber, als er ſah, wie der Patrouillen⸗Offizier ſeinen Leuten befahl, die Flinten⸗ kolben gegen die Menge zu gebrauchen, trat mit Kraft ihnen entgegen, und ſchleuderte ihnen mit einem wahren Löwen⸗ Angeſichte die grimmigen Worte zu:„Was ſoll das heißen? Waffen gegen das Volk? Setzt auf der Stelle ab, oder ich erkläre die ganze Nativnalgarde von Verſailles außer dem Geſetze! Iſt das der Lohn unſerer Bemühungen? Haben wir darum die Waffen in die Hände der Bürger gegeben, daß ſie ſich als Schergen der Tyrannei aufführen ſollen?“ Dieſer peftige Anfall machte das Volk auf dem Platze verſtummen, und verdutzte die Patrouille, die ihre Waffen beſchämt ſenken ließ. So hochfahrend der Offizier vorher geweſen war, ſo demüthig zeigte er ſich jetzt⸗„Wer ſind Sie?“ fragte ihn Mirabeau mit ſeiner Stentorſtimme. — „Ich heiße Johann Franz Sallé; bin dramatiſcher Künſt⸗ ler an dem Theater von Verſailles.“ „Das Letztere hätte ich bei ihrer Anrede an das Volk vermuthen ſollen;“ verſetzte Mirabeau mit niederſchlagendem Spott.„Auf weſſen Befehl ſfind Sie hier?“ „Der Hauptmann der Schloßwache hat mich requirirt.⸗ „Sie haben keinem Offizier der königlichen Truppen Ge⸗ horſam zu leiſten. Sie ſind die Wächter des Geſetzes, und nicht eine prätorianiſche Garde. Wenn Sie, mein Herr, viel⸗ leicht hin und wieder auf Ihrem Theater die Rolle des Ty⸗ rannen agirt haben, und als ſolcher Ihre Comparſen zur Metzelei Ihres Volks anführten, ſo vergeſſen Sie nicht, daß wir hier nicht auf der Scene find, und enthalten Sie ſich ferner jeder Gewaltthat.“ „Ich bin ein Patriot;“ erwiederte Sallé ſehr gekränkt: „Ich werde es noch beweiſen, daß ich ein Patriot bin. Alles für die Nation! Vor dem Geſetz ſind wir Alle gleich! Ich war mit bei dem verruchten Gaſtmahl vom erſten October. Ich habe einen Toaſt auf das Wohl der Nation ausbringen wollen; die Hunde haben mich überſtimmt. Ich ſchwör' es im Angeſicht des Himmels und der Erde, daß ich ſammt meinen Collegen von der Nationalgarde keinen Theil an den Abſcheulichkeiten jenes Abends nahm, daß wir uns das Eh⸗ renwort gegeben haben, bei dem heutigen Feſtin nicht zu erſcheinen, und daß ein Jeder von uns ſein Ehrenwort ge⸗ halten hat. Es lebe die Nation!“ Mirabeau maß mit einem ungemein ſarcaſtiſchen Ausdruck den pathetiſchen Sprecher von Kopf bis zu den Fußzehen, wendete ſich dann ganz beſänftigt und wohlwollend zum Volke und ſprach:„Meine Mitbürger! dem Ehrenwort eines 32 Patrioten muß geglaubt werden.— Ihr ſeht alſo, daß Eure Beſorgniß zum Glück ungegründet war, und daß unter den Miethlingen der abſoluten Gewalt keiner von den wackern Volkskriegern ſitzt, die ſo uneigennützig als edel die ſchwere Pflicht übernommen haben, Euch vor innern und äußern Feinden zu ſchützen, und gewiſſe“— mit einem ſcharfen Sei⸗ tenblick auf Sallé—„niemals die von dem Geſetz ihnen verliehene Macht mißbrauchen werden, um den friedlichen Bürger zu unterdrücken.“ Mirabeau war gewohnt, vom Volke Alles zu erreichen. Seine Rede wandelte den Zorn in freudigen Jubel um. „Es lebe die Nativnalgarde! Es leben unſere Brüder und Freunde unter den Waffen des Vaterlandes! Es lebe der Pa⸗ triot Sallé mit ſeinen ſtandhaften Gefährten!“ rauſchte es aus allen Kehlen auf. Die Hüte wurden geſchwenkt, die Mützen flogen, und von einer Bürgerbruſt zur andern tan⸗ melten die brünſtig von dem Volk umarmten Nationalgar⸗ diſten. Auf einen Wink von Mirabeau's Hand zerſtreuete ſich der Auflauf, und Criſpin mit ſeinem Gelichter begleitete den glücklichen Sallé wie im Triumph nach ſeiner Wacht⸗ ſtu be. „Welch' ein Volk!“ ſagte Mirabeau mit bittrem Hohne: „Ein Wort beſtimmt es, ob zum Morde ſeines Götzen oder zu deſſen Anbetung!— Auf Wiederſehen, St. Huruge; an den Barrieren der Vorſtadt St. Antoine ſey unſer Rendez⸗ vous.“ Im Weitergehen ſtieß Mirabeau auf den Grafen Deſtaing, den Oberbefehlshaber der Bürgergarden zu Verſailles.— Er ſaß in voller Uniform zu Pferde, und blickte verwunde⸗ rungsvoll dem Volke nach, das ſich über den weiten Platz ₰ entfernte.„Ich habe einen Augenblick Ihre Stelle verſehen, Herr Graf,“ ſagte Mirabeau;„ſorgen Sie aber, mein Herr, daß Ihre Subordinirten mehr Höflichkeit gegen das Volk üben. Ich möchte nicht immer bei der Hand ſeyn, um den Ungeſchickten aus der Schlinge zu helfen.“ Der Graf ſah verlegen von ſeinem Pferde herunter, auf ſeinen populären Standesverwandten, mit dem er nicht gern im Geſpräch begriffen erblickt ſeyn wollte; bat um Erläute⸗ rungen, und ſchloß mit einer ziemlich linkiſchen Einladung zum Mittageſſen. Mirabeau ſchmunzelte leichtfertig und verſetzte:„Es thut mir leid, mein lieber Deſtaing, ich gehe aber ſo eben zu einem Téteratéte mit einer hübſchen Frau. Auf ein andermal alſo, mein lieber Deſtaing. Breiten Sie es hübſch aus, daß ich trotz meiner Jahre, trotz meines ſchlechten Rufes und meiner parlamentariſchen Arbeiten, noch Liebesintriguen führe, und danken Sie dem Himmel, daß ich nicht eine Einladung angenommen habe, die Sie in den Augen Ihres graciöſen Souverains abſcheulich compromittirt haben dürfte.“ Der Deputirte ging ſeines Weges, und Deſtaing ritt den ſeinigen, nicht wenig verdrießlich, mit dem ſo ſchlecht ange⸗ ſchriebenen Edelmann öffentlich zuſammengerathen zu ſeyn. Yrittes Rapitel. Das Boudoir einer Hofdame. In dem von Prunkmöbeln ſtrahlenden Cabinett der Gräfin Espremenil, vor der in der Ottomane lehnenden reizenden Hausfrau ſtand der Graf von Mirabeau, und beurlaubte ſich nach einer kurzen Unterredung mit der ſchönen Dame.— Die Gräfin betrachtete geſenkten Blicks die koſtbaren Ringe an ihren Fingern, und ſprach endlich mit leiſer Stimme, worin ein gewiſſer Unmuth ſich verrieth:„Sie verlaſſen mich alſo, ohne mir die geringſte Hoffnung zu geben?“— Mirabeau zuckte die Achſeln.„Ich muß geſtehen,“ fuhr die Gräfin empfindlicher fort,„daß mir heute zum Erſtenmal in. meinem Leben von einem Manne eine abſchlägige Antwort zu Theil wird.“ X „Ich würde mich den Ungalanteſten der Franzoſen ſchel⸗ ten,“ verſetzte Mirabeau mit leichtem Scherz,„wenn ich fähig wäre, Ihnen etwas zu verweigern, das Sie für ſich begehrten. Gegen die Unterhändlerin jedoch für die Intereſſen eines Dritten, darf ich ſchon meine Grundſätze in's Feld führen.“ 3* 30 Die Gräfin lächelte etwas verächtlich.„Es ſcheint mir ſonderbar, daß der Graf von Mirabeau von Grundſätzen zu ſprechen belieben,“ ſagte ſie bitter. Mirabeau's Geſicht erglühte. Mit ſteigender Heftigkeit rief er:„Sie ſind die Stimme der Ariſtokratie, Madame, die, nachdem ſie mein ganzes Leben vergiftet, mich in dem Augenblicke noch ſchmäht, wo ſie von mir allein noch ihre Rettung hoffen darf. In jener Schmähſucht liegt der Keim meines ganzen öffentlichen Benehmens. Ich bin leidenſchaft⸗ lich, Madame. Meine Leidenſchaften haben mich zu Unbe⸗ ſonnenheiten hingeriſſen, die man zu Verbrechen ſtempelte. Ich werde nie vergeſſen, daß es königliche Lettres de Cachet waren, die mich in meiner beſten Jugend zu langwierigem Kerker verdammten, nie vergeſſen, daß die Müßiggänger, denen der Zufall ein Wappen hinwarf, wie mir, oder eine Pfründe, wie meinen faulen Vettern, mich mit dem ſchaalen Phariſäerſtolz behandelten, der Alles beſudelt, was den Fun⸗ ken des Genius in ſich trägt. Man hat mich den letzten Edelmann in Frankreich genannt, der Adel hat ſich meiner geſchämt; wohl, ich habe ihn verlaſſen, um der Coriphäe des Volis zu werden. Der König hat meine Dienſte ver⸗ worfen; gut; aus ſeinem Freunde bin ich ſein Gegner ge⸗ worden. Ich habe den Außenblick vorausgeſehen, wo man den Verachteten zum Schwertträger der Legitimität begehren würde. Ich habe mir jedoch vorgenommen, einem ſolchen Begehren ecatoniſch zu widerſtreben.“ Freilich; was Ihnen die eine Linie verſagte, erwarten Sie zehnfach von der andern.“ „Reden Sie mir nicht von dieſem Orleans. Er iſt der Popanz, womit der Hof in ſeiner Feigheit ſich ſelbſt erſchreckt. „ Der unentſchloſſene, in ſeinen Lüſten verſunkene Mann, wird nie ein Brutus ſeyn, wenn es auch Einem einfallen ſollte, ihn den Brutus ſpielen zu machen. Will der König durch⸗ aus den Herzog als Gegentyrannen haben, ſo fliehe er aus ſeinem Königreich. Sein erſter Schritt über die Gränze ſetzt das Haus Orleans auf den Thron. Unter andern Ver⸗ hältniſſen wüßte ich nur Einen, der den Herzog auf den Schildrerheben könnte: und dieſer Eine heißt Mirabeau.— Kurz und gut: ich bin ein Feind der Heuchelei, Madame. Da ich zu gewiſſenhaft bin, um eine Dame in ihren Hoff⸗ nungen zu täuſchen, ſo erkläre ich Ihnen rund, daß vielleicht die Zeit kommen dürfte, wo ich mich mit dem Könige ver⸗ ſtändigen möchte. Doch würd' ich mich fürwahr nicht um einen leichten Preis fangen laſſen. Meine Bedingungen würden ſchwerer ſeyn, als ſich Se. Majeſtät vielleicht ein⸗ bilden. Der König wird ja ſehen; er kennt meinen Einfluß auf das Volk; er wird ihn vielleicht in Kurzem noch beſſer würdigen lernen, und dieſe populäre Macht ſoll der Maß⸗ ſtab werden, nach dem ich meine Dienſte belohnt ſehen will. Vor der Hand, Madame, habe ich nichts weiter zu thun, als mich glücklich zu ſchätzen, die liebenswürdigſte Frau per⸗ ſönlich kennen gelernt zu haben. Ich eile nun, Sie zu ver⸗ laſſen, um dem jungen Dammartin, den ich gerade auf Ihr Haus zukommen ſehe, keinen Anlaß zut Eiferſucht zu geben.“ Die Gräfin erröthete ſehr. Doch erhob ſie ſich mit ſtrengem Anſtand, und ſagte:„Der verſtändige Graf von Mirabeau wird mein Verhältniß zu dem jungen Manne nicht mißdeu⸗ ten wollen. Ich bin deſſen Coufine, ſechs bis acht Jahre älter als er, und habe Gelegenheit gehabt, für ſeine 37 Erziehung etwas Entſcheidendes thun zu können, da ihm Vermögen fehlt, und ſeine Eltern frühe ihm entriſſen wurden.“ Mirabeau rieb ſich, wie beſinnend, die Stirne und fragte: „Iſt nicht Dammartins Vater unter Rochambeau nach Ame⸗ rika gezogen? War er nicht einer der Volontaires, die ſich, einem Lafayette ähnlich, aus Liebe zur Freiheit einem freien Volke dargeboten haben? Sie bejahen es, und ich muß mich wundern, daß die Verwandte eines Freundes der Freiheit, die Anhängerin des Despotismus ſeyn mag, und den Sohn des für die Freiheit gefallenen Helden, in die Livree eines Garde du Corps ſtecken konnte.“ „Die Garden des Königs tragen Uniform, Herr Graf!“ verſetzte die Dame mit Unwillen. „Livree; noch einmal Madame: Livree. Die Herren ſind Domeſtiken des königlichen Hauſes. Sie haben ſich als ſolche betragen, bei dem Feſtin, das vorgeſtern gegeben wurde, und bei dem heutigen. Das Feſt vom erſten Oktober iſt ein Sklavenmahl geweſen, und wird ſchlimme Früchte tragen. Die Königin hat geäußert, ſie ſey entzückt von dem Tage. Ich fürchte, der Schatten werde dem Lichte auf der Ferſe folgen.“ Der Deputirte machte ſeine Verbeugung, und die Gräfin geleitete ihn mit eiskaltem Anſtande bis an die Thüre des Kabinetts. Vietor, der dem Grafen im Vorzimmer begeg⸗ nete, fand die Frau von Espremenil ſehr nachdenklich auf dem Sopha ſitzend und ſtand ſchon einige Minuten vor ihr, ehe ſie ſeine Gegenwart zu bemerken ſchien. Endlich ihn be⸗ willkommnend, reichte ſie ihm die Hand, die er gleichgültiger als ſonſt küßte, worauf er nach dem Grunde ihres Unmuths forſchte. Die Gräfin beklagte ſich bitter über das Loos einer Frau, die, um den Forderungen ihrer Gebieter zu genügen, demüthigende Schritte gegen einen Mann thun müſſe, den ſie doch von Grund ihres Herzens verachte, und ſagte hier⸗ auf, wie in Zerſtreuung den jungen Garde du Corps fixirend: „Wenn ſich nur jetzt, in den drangvollen Zeiten der Gefahr, für die Monarchie eine muthige Hand bewaffnete, wie es ſchon hundertfältig in Frankreich gegen die Monarchen ge⸗ ſchah! Das Gewitter zieht ſtürmiſch heran, und alle denkende Köpfe prophezeihen Unheil. Von zwei Männern jedoch kann nur der zündende Blitz ausgehen: von Orleans und Mira⸗ beau. Der Erſtere iſt aber nur dann Zeus, wann ſein Helfer ihm zur Seite ſteht. Fiele Mirabeau, ſo würde eine Or⸗ donnanz des Königs hinreichend ſeyn, den treuloſen Vetter in die Flucht zu jagen. Wer unternähme übrigens das Wageſtück? Das Verbrechen hat freilich in Frankreich ſeinen Climent, ſeinen Damiens gezeugt; ich zweifle indeſſen, ob die Krone von Frankreich einen Getreuen finden würde, der es verſtände, ſchnell und überraſchend hier zu helfen.“ „Die königliche Würde müßte keinen ſolchen ſuchen;“ antwortete Victor mit kalter Ruhe:„der Verfall der Sitten wird gräßlicher, wenn von oben das Beiſpiel gegeben wird. Wie gebrandmarkt ſtehen nicht in der Geſchichte die blutigen Diener Ludwigs XI.? Die Mörder des Herzogs von Bur⸗ gund! Vitry, der Bandit Ludwigs XKII.? Alle ſolche Thaten können nur Unheil gebären, und jeder Mord ſchnellt den Pfeil der Schande auf den Mörder, und auf den, der ihn beſoldete.“ Die Gräfin nahm lebhaft das Wort, weil ſie ſich be⸗ ſchämt fühlte:„Lieber Victor! Sie haben die Ehre, die Per⸗ ſon ihres Königs zu bewachen. Sie haben geſchworen, ihn mit Leib und Leben zu vertheidigen. Könnten Sie im Ernſte wählen, wenn es darauf anköme, den Mann zu vernichten, von dem Ihr Herr und ſein ganzes Geſchlecht Schmach und Untergang zu erwarten haben?“ „Hierauf erwiedere ich,“ ſprach Victor,„daß ich Offizier bin, und daß die Ehre meinen Degen für den König führen wird, nie die Schande den Meuchlerdolch für ihn.— Friede indeſſen mit den blutigen Geſprächen, die nicht in dieſes rei⸗ zende Gemach, nicht für meine ſchöne Pflegerin paſſen. Ich ver⸗ danke Ihnen Alles: meine Erziehung in dem Hauſe Eondé's an der Seite des liebenswürdigen Prinzen von Enghien; dieſe Uniform, die mich dem Könige und ſeinem Hauſe ſo nahe ſtellt. Ich will nicht glauben, daß es Ihnen Ernſt geweſen ſey mit den Zumuthungen, die Sie zu verſtehen gaben— Sie wollten mich nur prüfenz Sie wollten ſich überzeugen, ob die Ehre mir ſo heilig ſey, wie die Liebe, die ich Ihnen unabänderlich geweiht habe.“ Victor nahm mit zärtlicher Schmeichelei an der Seite der Gräfin Platz. Die ſchöne Frau hatte indeſſen ihren Ver⸗ druß und ihre Beſchämung noch nicht gänzlich überwunden und ſagte kaltſinnig:„Sie vergeſſen, Victor, daß die Stürme dieſer Zeit nicht geeignet ſind, ein Verhältniß der Liebe und der Zärtlichkeit zu befeſtigen. Was noch im Laufe des Juni ſehr erlaubt und zuläſſig erſchien, würde unter den jetzigen Umſtänden nur ſträflicher Leichtſinn heißen.“ „Wie?“ fragte Victor mit einiger Bekümmerniß:„Wären Sie fähig, die Verſicherungen zurückzunehmen, die Sie mir an jenem ſchönen Frühlingstage in St. Eloud gaben? Bin ich Ihnen plötzlich ſo gleichgültig, ſo unbedeutend geworden? Freilich hätte ich nicht Urſache, mit dem Schickſal zu zürnen. 40 Ich habe mich immer des Glückes unwürdig gehalten, deſſen reizende Nähe Ihre Güte mich ahnen ließ.“ Da der junge Mann ſchwieg, und unverwandt ſeine Au⸗ gen auf dem Antlitz der Gräfin haften ließ, ſo wußte ſich dieſe nicht anders zu helfen, als daß ſie mit affektirtem Scherz und muthwilligem Lachen erwiederte:„Erinnern Sie ſich noch der Kinderei? Die Scene zu St. Cloud war, fürchte ich, eine Täuſchung, wie ſie in gefühlvollen Herzen vom Frühling erzeugt wird. Es war der erſte Tag, an welchem Sie dieſe Uniform trugen, die Ihnen, wie ich mir ſchmeichle, auf meine ſchwache Bitte verliehen wurde. Der Ritter war fertig; ihm fehlte nur noch, nach dem Brauche der Chevalerie, eine Dame. Vielleicht war es nur die Ei⸗ telkeit der Erzieherin, welche ſie veranlaßte, ſich von jünge⸗ ren, gefährlicheren Gefährtinnen den Rang nicht ſtreitig ma⸗ chen zu laſſen. Nehmen Sie es wenigſtens dafür, guter Victor, in einer Zeit, wo die zweifelhafte Lage unſerer Ge⸗ bieter alle unſere Kräfte und Gefühle in Anſpruch nimmt. Wo die Zwietracht ihre Fackel ſchüttelt, muß Amorts Flamme verlöſchen, darf Hymen ſeine Leuchte nicht entzünden.“ Die Rede der Gräfin traf, wie ſie berechnet war, ihr Ziel genau: das Herz, noch mehr die Eitelkeit des Jüng⸗ lings. Doch war das Ergebniß der kleinen Kriegsliſt ein anderes, als das von der Espremenil gehoffte. Sie hatte allzuſehr auf die Leidenſchaft, auf die erſte Neigung ihres Pflegeſohns gezählt. Sie hatte nicht geahnt, daß die flüch⸗ tige Galanterie der Zeit, verbunden mit dem wärmeren Gefühle der Dankbarkeit, das Band war, welches den jungen Dammartin an ihren Triumphwagen feſſelte. Daher fühlte ſie ihr Herz eiskalt berührt, als Victor nach einem kurzen Stillſchweigen aufſtand, und mit einer höflichen Verbeugung zu ihr ſprach:„Sie ſind heute nicht bei Laune, meine ſchöne Gräfin. Da ich befürchten muß, daß meine häufigen Be⸗ ſuche einen Grund zu dieſer Mißſtimmung abgeben, ſo frene ich mich, Ihnen die angenehme Nachricht mittheilen zu kön⸗ nen, daß ich im Begriff ſtehe, einige Urlaubstage in Paris zuzubringen, daß ich von Ihrem Hauſe aus, alſobald meine Reiſe beginnen werde, und mir die Aufträge erbitte, die Sie meiner Sorgfalt etwa anvertrauen wollen.“ Die Gräfin war überraſcht. Doch hatte ſie am Hofe der Königin Gelegenheit gefunden, die Kunſt der Verſtellung dergeſtalt einzuüben, daß kaum ein Zug ihres Geſichts die innere Bewegung verrieth, von welcher ſie in dieſem Augen⸗ blick ergriffen war. Ihre Stimme zitterte dennoch, als ſie ihrem Vetter nach einigen Secunden antwortete:„Sie ſind boshaft, Dammartin. Sie wollen mich quälen. Sie mögen erfahren, daß ſolche Sünden gegen ein freundlich geſinntes Gemüth ſich ſelbſt beſtrafen. Ich will, zum Beiſpiel, daß Sie nicht ſo ſchnell fortgehen, daß Sie noch einige Minuten bei mir verweilen. Ich wünſche, Sie etwas in Verlegenheit zu ſetzen, um an der Tafel der Königin erzählen zu können, was die Urſache iſt, daß Sie ſchon ſo oft ſeit geraumer Zeit die Reiſe nach Paris machen, wenn es auch nicht darauf ankömmt, königliche Cocarden daſelbſt zu holen. Werden Sie nun endlich geſtehen?“ Victor antwortete mit leichtfertiger Miene:„Wie, Ma⸗ dame? Sie fragen einen jungen, lebensluſtigen Garde du Corps, was er in Paris ſuche? Alle meine Kameraden wer⸗ den Ihnen beſtätigen, daß Verſailles ein langweiliges Neſt, Paris dagegen der Sitz aller Freuden iſt.“ 42 „Lügen Sie nicht, Victor. Sie ſind kein Wüſtling; Sie haſſen ſogar das Getümmel der Hauptſtadt. Zudem ſieht man ihren Rock heutzutage daſelbſt nicht gern.“ „Deßwegen gehe ich auch in bürgerlichen Kleidern. Meine Intriguen, beſte Gräfin, erfordern jede Vermummung.“ Das Antlitz der Gräfin nahm etwas von Eiferſucht an, obſchon es lächelte.„Intriguen? wirklich?“ fragte die Dame lauſchend:„So wäre es denn wahr, was die Damen bei Hofe, die über alle Gardes du Corps die ſtrengſte Controlle führen, von dem jungen Herrn von Dammartin behaupten? Sie haben in Paris ein Verhältniß angeſponnen? Boshafter Schelm! Und Sie konnten mich an jenen Dag von St. Cloud erinnern? Zur Strafe müſſen Sie mir ſagen, wer die Auserwählte iſt. Vielleicht die Tochter eines ehemaligen Parlaments⸗Präſidenten? Oder die beſcheidene Jungfer eines guten Handelsmannes aus dem Marais? Oder eine junge, annehmliche Wittwe aus der Bretagne, die nur den Winter in Paris, den Sommer auf ihren Landgütern zubringt? Geſtehen Sie; denn ich will nicht hoffen, daß eine von den ſteifen Schauſpielerinnen aus der Straße Richelieu, oder eine Demvoiſelle aus dem Figurantenchor des Ballets Ihnen den Kopf verrückt hat?“ Die Reihe zu erröthen war nun an Victor gekommen; doch war nicht die Beſchämung Schuld daran, ſondern der Verdruß, in ſeiner Freundin dieſelbe Leichtfertigkeit, dieſelbe boshafte Mediſance wahrzunehmen, welche allen Hofdamen angeboren zu ſeyn ſchien. Er hatte die Gräfin eines tiefe⸗ ren Gemüthes fähig gehalten.„Es thut mir unendlich leid,“ entgegnete er,„daß ich gezwungen bin, einer ſchönen Dame völlig zu widerſprechen und ſie eines Irrthums zu zeihen. 43 Meine Beſuche gelten nicht einem Fräulein von der Robe, noch einer Ladenjungfer in der Cité, noch einer Landbaronin in der Vorſtadt St. Germain, am allerwenigſten einer Opern⸗ tänzerin. Wie könnte ich, da ich Ihr Bild im Herzen trage, einer andern huldigen? Sie werden indeſſen lachen, wenn ich Ihnen geſtehe, daß ich nach Paris reiſe, um einen Mann zu ſehen, und nur einen Mann.“ „Gott ſteh' uns bei!“ rief die Gräfin mit karrikirtem Schrecken:„Sie werden doch nicht einen der Volkshelden meinen, die jetzt in Paris allein ſehenswerth ſind, etwa wie man einen Tiger hinter ſeinem Gitter beſchaut? Meinen Sie vielleicht den Herrn Desmoulins, der vor einigen Jahren für Sie den Prozeß wegen des Legats Ihrer Großmutter führte, und der nachher, ich weiß es, Ihr ziemlich inniger Freund wurde? Hüten Sie ſich vor ihm. Der fanatiſche Schwärmer iſt keine Geſellſchaft für einen Diener des Königs. Er hatte das Volk angereizt, nach der Baſtille zu ziehen, und könnte Sie durch ſeinen Umgang nach Vincennes bringen.“ „Fürchten Sie ſich nicht, liebe Espremenil;“ antwortete Victor ruhig:„ſeitdem ich erfahren, daß Camille zu Mouſ⸗ ſeaux in dem Rathe der Orleans'ſchen Partei geſeſſen, ſuche ich ſeinen Umgang nicht mehr. Der Gegenſtand meiner Vi⸗ ſiten in Paris iſt ein ganz unbedeutender Mann; mit einem Worte: ein Invalide.“ „So?“ fragte die Gräfin gedehnt, ſpöttiſch und dennoch aufmerkſam:„Wie kommen Sie zu dem? Ein ausgedehnter Marine⸗-Offizier etwa? Ein lebens- und ſchlachtenmüder Marechal de Camp?“ 44 „Nicht doch. Ein gemeiner Invalide; im Hotel der In⸗ validen; ein Mann, der des Königs Gnadenbrod ißt.“ „So erklären Sie mir doch die Bewandtniß der Sache. Sie, ein Edelmann, und ein Krüppel aus den Reihen der gemeinen Soldaten? Wie kommen dieſe zuſammen?“ „Auf die einfachſte Art von der Weltz obgleich über Ströme und Meere, von einer Hemisphäre zur andern. Ich will verſuchen, ob ich mit wenig Worten Ihnen einen Begriff von dem Manne geben kann, deſſen Umgang mit mir kei⸗ neswegs ein Geheimniß ſeyn muß, weil ich mich nicht ſchä⸗ men darf, meine glänzende Uniform neben ſeinen ſchlichten Invalidenrock zu ſtellen. Sans⸗Regret— Sie wiſſen, daß jeder Soldat ſich ſeinen Kriegsnamen wählt, und der Fami⸗ lienname des Mannes thut nichts zur Sache— Sans⸗Regret alſo, ein Sohn der Provence, mit einem hitzigen Kopf, wie er nur unter dem glühenden Himmel von Marſeille geſchaf⸗ fen wird, hat, nachdem er eine gute Erziehung genoſſen, Vaterhaus und Vaterſtadt verlaſſen, weil ſeinem fechtgeübten Arm das Unglück widerfahren war, einen Beleidiger im ehr⸗ lichen Duell zu tödten. Dem Verfolgten blieb nichts übrig, als unter den Fahnen eines Infanterie⸗Regiments ein Aſyl zu ſuchen, und während das Parlament ſeinen Kopf in Con⸗ tumaciam dem Henker überlieferte, ſchiffte er ſich wohlge⸗ muth mit Rochambeau's Diviſion nach Amerika ein. Die Gefahr, welcher er ſo eben mit genauer Noth entgangen, war nicht geeignet, ſeine Anhänglichkeit an die heimiſchen Inſtitutivnen zu befeſtigen. Er warf ſich mit glühendem Muthe in die Arme der Freiheit, in den Kampf für dieſelbe. Mein Vater ſtand bei dem Regimente des braven Sans⸗ Regret. Der Soldat hatte einſt mit ihm auf einem 45 beſchwerlichen Marſch den letzten Schluck Waſſers getheilt. Mein Vater war dankbar, bat ſich den Retter in der Noth von deſſen Oberſten zum Diener aus, und weder dieſer noch der Herr hatten jemals dieſen Schritt zu bereuen. Sans⸗ Regret wurde der treue Wächter, der Schutzengel meines Vaters; mein Vater rettete dafür den Soldaten aus der drohendſten Todesgefahr. Die engliſchen Truppen führten Indianerſtämme mit ſich, die ſie zum Verderben ihrer Feinde aufgewiegelt hatten. Wehe denen, die in der rothen Män⸗ ner blutige Hände fielen! Sie waren des Todes, denn Eng⸗ land bezahlte die Kopfhaut eines jeden Erſchlagenen, wie bei uns der Jäger für jedes Wolfsfell ſeinen Preis erhält. In einer Nacht überfiel eine wilde Horde, von engliſchen Plänk⸗ lern unterſtützt, die Vorpoſten des Freiheitsheeres, wo mein Vater ſtand. Sans⸗Regret deckte mit ſeinem Leibe den Rück⸗ zug Dammartin's, fiel aber verwundet in die Hände der Barbaren, die ſich ſchnell daran machten, den kecken Feind zu tödten. Schon lag er gebunden zu Boden; ſchon hatte das bluttriefende Skalpel ſeine Stirnhaut durchſchnitten; ſchon faßte einer der Gräuelmenſchen mit roher Fauſt das Haar des Unglücklichen, um ihm die Kopfdecke abzuſtreifen, als Hülfe herbeikam: franzöſiſche Soldaten, die mein Vater, wüthend über das Ungemach ſeines Freundes, zuſammenge⸗ rafft hatte, und in den Kampf führte, um zu vergelten.— Sans⸗Regret wurde befreit; die Geſchicklichkeit der franzö⸗ ſiſchen Aerzte heilte ſeine fürchterliche Wunde. Er ſetzte ſei⸗ nen Dienſt fort, und verzehnfachte ſeinen Eifer, um meinem Vater dankbar zu ſeyn. Es war ihm jedoch nicht lange er⸗ laubt, Dammartin's Wächter, ſein Schild im Kampfe zu ſeyn. Eine Flintenkugel, von einem Heſſen auf meinen — Vater abgeſchoſſen, ſpottete der Treue Sans⸗Regret's, und raubte mir das Liebſte. Sterbend, auf dem Gefilde der Schlacht, tauſend Meilen entfernt vom ſchönen Frankreich, wo ihm ein Sohn lebte, das einzige Andenken an eine Frau, die er ſchwärmeriſch geliebt, deren frühzeitiger Tod ihn über's Meer gejagt, gedachte der tapfere Dammartin nur meiner, empfahl mich der Dreue ſeines Dieners, und trug ihm auf, wenn er mit dem Heere zurückkehren würde, mir die Botſchaft ſeines Todes zu bringen, und ſeinen Segen⸗ und ſein einziges Erbtheil: ſeine blutige Schärpe, die ich noch wie ein Heiligthum aufbewahre. Was Sans⸗Regret in ſeines Freundes Hände geſchworen, hielt er treu und un⸗ verbrüchlich. Er hätte ſeinen Abſchied erlangen könnenz ein ame⸗ rikaniſches Mädchen hing mit Sehnſucht an ihm; ſie bot ihm ihre Hand, ihr Vater ſein Haus, die Gemeinde das Bürgerrecht. Er ſchlug Alles aus; ſeinem Glücke wendete er den Rücken⸗ um nach Frankreich zu kehren, ſein Wort zu erfüllen, und elend zu ſeyn. Die Rückfahrt heimwärts zerrüttete ſeinen, von Wunden geſchwächten Körper. Die Verletzung am Haupte äußerte traurige Folgen. Es ſtellten ſich Zwiſchenräume von Geiſtesabweſenheit ein. Sein erſter Schritt vom Schiffe war in ein franzöſiſches Spital. Er wurde hergeſtellt, wanderte⸗ bettelnd faſt, zu mir, in Condé's Haus; benetzte meine Hände mit Thränen, brachte mir den Segen nieines Vaters, ſein Erbe und ſich ſelbſt. Er ſchwor mir zu mit all' der Heftig⸗ keit, die einem Südländer eigen iſt, daß er nichts mehr be⸗ gehre, als bei mir den Dienſt fortzuſetzen, den er meinem Vater nicht mehr weihen konnte. Condé ſorgte auf meine Bitte für ihn. Als einer der geübteſten Fechter bekannt, kam Sans⸗Regret als Fechtmeiſter in die Schule zu Brienne. Doch dauerte er nicht geraume Zeit dort aus. Die Anſtren⸗ gungen ſeines neuen Dienſtes übten den nachtheiligſten Ein⸗ fluß auf ſeine Geſundheit. Er konnte ſich nicht mehr völlig auf ſeinen Kopf verlaſſen, und bat ſelbſt um anderweitige Verſorgung. Die Fürſprache des Prinzen von Condé ver⸗ ſchaffte ihm eine Stelle im Invalidenhauſe, wo er nun, ein Mann von vierunddreißig Jahren, ſeine Muße zu Kriegs⸗ ſtudien benützt, und die Hälfte ſeiner Zeit der Pflege eines Waffengefährten weiht, der das Unglück hatte, beide Arme zu verlieren, und den er füttert, trägt und legt, wie ein hülfloſes Kind. Ich halte es für meine Pflicht, dann und wann den armen Mann mit meiner Gegenwart zu erfreuen, die wie ein Sonnenſtrahl in ſeine frühe Abgeſchiedenheit leuchtet. Uneigennützig ſind indeſſen meine Beſuche nicht. Ich ſchöpfe Muth und Unterricht aus den Unterredungen des Invaliden. Der Geiſteder Alten, mit dem er vertraut iſt, athmet aus ſeinen Worten. Amerika hat beigetragen, ſeine Erfahrung zu bereichern, und ſeinen Charakter zu ſtählen. Mir pocht das Herz voll ungeduldiger Luſt, wenn er von Washington erzählt, und von Lafahette, den er den Bayard des modernen Frankreich nennt. So wie er mich indeſſen in begeiſterte Sehnſucht zu verſetzen vermag, ſo weiß er auch die innerſten Saiten meiner Seele zu berühren, wenn er ſeine ſchlichte Erzählung von der Heldenlaufbahn meines Vaters, von deſſen Wohlthaten und Aufopferungen und ſei⸗ nem ehrenvollen Ende anhebt; eine Erzählung, die, ſchon hundert Mal gehört, täglich neuen Reiz für mich empfängt, und eigentlich der Talisman iſt, der mich ſo oft dem könig⸗ lichen Verſailles und dem Glück Ihrer Nähe entzieht.“ Die Gräfin ſtand mit Viector zugleich auf, verzog die liebliche Miene, mit welcher ſie zugehört hatte, zu einem ſpöttiſch⸗vornehmen Lächeln und verſetzte:„So untröſtlich Ihre Entfernung, lieber Victor, mich machen könnte, ſo iſt doch wenigſtens meine Eiferſucht beruhigt, da ſie den zärtli⸗ chen Freund in der Mitte von bärtigen und verkrüppelten Kriegern weiß, und nicht im Schooße irgend einer Pariſer Calipſo. Ich ſchätze die Treue des guten Sans⸗Regret von ganzer Seele, weil ſie heutzutage eine äußerſt ſeltene Waare geworden iſt; doch möchte ich auf die Gefahr hin, Sie zu erzürnen, die Warnung nicht unterdrücken, daß Sie vorſich⸗ tig ſeyen. Die Herren, die in Amerika geweſen ſind, haben viele Ideen mitgebracht, die in unſer Frankreich nicht paſſen, und für Ihre Zukunft, Victor, wird es beſſer ſeyn, wenn ich der Königin verſchweige, daß Sie nach Paris gehen, um den Soldaten zu beſuchen, der einen Lafayette Frankreichs Bayard nennt.“ Von den verächtlichen Worten der Gräfin verdüſtert, bückte ſich Victor kalt und erwiederte eben ſo:„Wie Sie es hal⸗ ten wollen, meine ſchöne Gräfin. Ich verſchanze mich hinter dem Wappenſpruche Englands.“ „Grüßen Sie den Invaliden in meinem Namen;“ hieß die letzte Rede der Gräfin:„Ich wäre neugierig, den Mann einmal zu ſehen. Sagen Sie ihm, daß er nach Verſailles komme. Es würde ſich ohne Zweifel beſſer ſchicken, wenn Monſieur Sans⸗Regret den Vicomte von Dammartin be⸗ ſuchte, als daß er den Beſuch ſeines Gönners in ſeinem In⸗ validenhauſe erwartet.“ „Hab' ich Ihnen nicht geſagt, ſchöne Frau,“ erwiederte Victor,„daß in dem Haufe Ludwigs des Großen ein armer Verſtümmelter wohnt, der nur von Sans⸗Regret's hinge⸗ bender Sorgfalt eine Milderung ſeines Looſes erwarten darf? Welche Vorwürfe müßten wir uns nicht machen, wenn wir dem Unglücklichen die Pflege ſeines einzigen Freundes nur für einen Tag entzögen? Laſſen Sie uns gerecht ſeyn, Madame. Laſſen Sie uns hier auf der Rangordnung be⸗ ſtehen. Witz und Schönheit gehören an den fröhlichen Hof der Könige: der adelige Gardiſt in das Hotel ſeiner Kame⸗ raden; der kranke, müde Soldat unter das ruhige Dach ſeines ſtillen Invalidenhauſes.“ Victor ging ohne ſich länger aufhalten zu laſſen, und bei dem Diner der Königin konnte ſich Niemand die auffal⸗ lend üble Laune der luſtigen Espremenil erklären. Das Hotel der Invaliden. Die große Meſſe war vorüber; die Bewohner des Hotels ſtanden, reihenweiſe abgetheilt, in ihrer Uniform, in ſonn⸗ täglicher Haltung, im Hofe aufgeſtellt. Der Gouverneur endigte ſo eben die Inſpektion, und nach kurzem Trommel⸗ ſchlag wurden die Veteranen aus Reih und Glied entlaſſen, und zerſtreuten ſich im Hof und Gebäude, bis die Tafel gerichtet ſeyn würde. Victor, der ſo eben in den Hof ge⸗ treten war, ſpähte vergebens nach ſeinem Freunde. Er 1. 4 fragte den Erſten, der ihm begegnete, nach Sans⸗Regret. Der Invalide, der durch den Luftdruck einer preußiſchen Kanonenkugel die Sprache verloren hatte, zeigte nach einer Seitenthüre des Hauſes und nach einer Treppe, welche in⸗ nerhalb derſelben in den erſten Stock führte. Vietor eilte nach der bezeichneten Stelle. Die Wohnung des Gouver⸗ neurs befand ſich in jener Etage. Die ſchönen Vorhänge und die großen Fenſterſcheiben verriethen das Logis des Kommandirenden; die wohlgeordneten Blumenſtöcke vor den Fenſtern, in ſeltenem Glanze prangend, trotz der herbſt⸗ lichen Jahrszeit, ließen eine zarte, weibliche, im Innern des Hauſes waltende Hand vermuthen. Darum ſtutzte Vie⸗ tor, als er, die Treppe hinauffliegend, Waffengeklirr hörte, und erſtaunte noch mehr, als er den Auftritt ſah, der ſich ihm bei Oeffnung der Thüre eines Corridors darſtellte. Sein Freund, Sans⸗Regret, in der herviſchen Poſitur eines ausgelernten Fechtmeiſters, machte mit Rappieren einen Gang mit dem liebenswürdigſten Mädchen, das Victor bis jetzt geſehen hatte. Bei ſeinem Eintritt ſchwieg das Ge⸗ räuſch der Waffen freilich; Sans⸗Regret, ſeine Poſition verlaſſend, ſchwenkte grüßend ſein Rappier; die liebliche Gegnerin ſtützte ſich athemholend und lachend auf das ihrige. Victor wußte nicht wie er die Scene zu deuten hatte. Da ſchritt Sans⸗Regret auf ihn zu, und ſagte ihm mit der 8 geläufigen Zungenfertigkeit, die ein Provenzale von der Natur erhält:„Ehe ich Sie ſo recht von Herzen begrüße, Herr Vicomte, erlauben Sie mir, Sie dem Fräulein von Sombreuil vorzuſtellen. Der Tochter unſeres wackern Gou⸗ verneurs mangelt nur das Geſchlecht, um der Tapferkeit ihres Vaters und ihrer Brüder würdig zur Seite zu ſtehen.“ 51 Nachdem er Victors Namen und Grad dem Mädchen eben ſo lakoniſch und ſchnell genannt, und Dammartin die ge⸗ wöhnlichen Begrüßungen, die ein Cavalier einer Dame ſchuk⸗ dig iſt, gemacht, nahm dieſer, wie ſpielend, das Rappier aus den Händen der ſchönen Emilie, und bemerkte dabei? „In dieſe ſchönen Finger gehört nicht das mörderiſche Eiſen, mein Fräulein. Wenn Sie, wie ich nicht zweifle, die zarte„ Pflegerin jener Blumen ſind, die vor Ihren Fenſtern blühen, ſo faſſe ich nicht, wie Sie die Neigungen des Friedens und des Krieges in Ihrem weiblichen Gemüth vereinigen können.“ Das Fräulein von Sombreuil entgegnete mit der Be⸗ ſcheidenheit ſeines Geſchlechts, aber mit feſter Entſchloſſen⸗ heit, ohne Scherz zu machen:„Ich glaube, Herr Vicomte, daß den Weibern eben ſo gut Waffen gehören wie dem Manne, wenn die Zeit gebietet, ſich gegen Ungeheuer zur Wehr zu ſtellen, die unſer Heiligſtes ſchänden, unſere Lie⸗ ben erwürgen wollen. Hat man je eine Löwin getadelt, welche die Ihrigen vertheidigte mit Blut und Leben? Die Hyder, die ſich in unſern Tagen aufbäumt, will unſer Glück, unſere Ruhe, und den Thron verſchlingen, in deſſen Schatten wir friedlich ſchlummerten. Die Zeit der Amazo⸗ nen dürfte gekommen ſeyn.“ Victor betrachtete mit ſteigender Verwunderung das kühne Mädchen, deſſen Geſicht in einem Ausdruck ſtrahlte, welcher gar wohl wahr zu machen verſprach, was der Mund äußerte. Ihre volle, kräftige Geſtalt, nicht entweiht durch den Tand und den lächerlichen Flitter der Mode jener Zeit, war ſchön zu nennen, und zeichnete ſich in dem kurzen, glatt anliegenden Gewand, das ſie trug, vortheilhaft aus. Ihre Augen, dunkelblau und groß, bildeten das pikanteſte 4 .3 Widerſpiel zu den kaſtanienbraunen Locken, die in reicher Fülle über den Hals des Fräuleins ſielen. Der etwas auf⸗ geworfene Mund, ein Zeuge des Muths und der Entſchlof⸗ ſenheit, ſchten dennoch eben ſowohl geeignet, einen Schwur der Liebe auszuſprechen, wie zu befehlen. Leider dauerte das Vergnügen, welches Victor in dem Anſchauen des herr⸗ lichen Mädchens empfand, nicht lange. Emilie erklärte ihre Lehrſtunde geſchloſſen, und entfernte ſich mit einer flüchtigen Verbeugung. Sans⸗Regret nahm hierauf ſeine Rappiere unter den linken Arm, umſchlang mit dem rechten den jun⸗ gen Garde du Corps, und führte ihn über den Hof hinüber, nach dem Bibliothekzimmer, wo ſie gewöhnlich ihre Unter⸗ redungen hielten.„Ich laſſe Sie einen Augenblick allein,“ ſagte Sans⸗Regret,„um die Waffen wegzulegen, und mich herauszuputzen, wie es ſich wohl ſchickt, wenn man einen lieben Gaſt hat. Mein Sergeant Leblanc, der noch immer das Privilegium eines eigenen Cabinets hat, wird mir's abtreten, damit ich darinnen mit Ihnen das Mittagsmahl eines alten Soldaten theilen kann. Ich habe ſchon die Er⸗ laubniß, von der allgemeinen Tafel wegbleiben zu dürfen, und es wird mir eine Freude ſeyn, Ihnen gegenüber Ihre Geſundheit trinken zu können.“ Er kam wirklich nach ein Paar Minuten zurück, um ſeinen adeligen Freund nach dem Cabihet abzuholen. Er hatte das kurze enge Camiſol, worin er ſeine Fechtſtunden gab, mit dem langen Rock vertauſcht, die Schöße deſſelben zurückgeſchlagen, den Hut aufgeſetzt, und ein grünes Band in ein grünes Knopfloch befeſtigt, auf welches er nieder⸗ ſchaute, wie ein Ordensritter ſo ſtolz.„Sie kennen dieſes Band,“ ſagte er zu Victor:„es fiel aus der Brieftaſche 53 Washington's, als ich einſt unfern von ihm ſtand; ich hob es auf, und bewahre es als eine Reliquie jenes denkwürdi⸗ gen Krieges, und jenes Helden, der wohl verdient hätte, ein Franzoſe zu ſeyn. Der Herr Gouverneur hat nichts dawider, wenn ich es trage, und nennt mich manchmal, bei guter Laune, ſeinen Ritter Cincinnatus. Um die Kameraden kümmere ich mich nicht. Die Royaliſten unter ihnen glauben, ich trage das Band zu Ehren des Grafen von Artvis, deſſen Farbe grün iſt; die Liberalen wiſſen ſchon wie ich denke.— Laſſen Sie uns niederſitzen. Es iſt gut, daß Sie nicht ge⸗ ſtern kamen. Sie hätten mich etwas verſtört gefunden. Mein guter Beautemps, mein kleines Kind von drei und dreißig Jahren iſt am verwichenen Donnerſtag geſtorben. Wir haben ihn geſtern begraben und über ſeiner Ruheſtätte drei Salven gegeben, deren Knall gewiß von einem guten Engel bis nach Amerika getragen wurde, wo die beiden Arme des Unglücklichen ſchon längſt eingeſcharrt liegen.“ Bei dieſen Worten zitterte die Stimme des guten Sans⸗ Regret; eine Thräne ſchlich unter ſeinen ſchwarzen Wimpern bervor, und er trocknete ſie langſam mit dem blaugeſtreiften Schnupftuch, das er aus ſeiner Taſche zog, und eine Veile vor ſeine Stirne hielt, als wollte er ſich den Schweiß ab⸗ wiſchen. Hierauf fuhr er, dem Vicomte die Hand darreichend, fort:„Sehen Sie, Herr Vicomte: ich habe jetzt nur noch ein Band, das mich mit der Welt zuſammenhält. Das ſind Sie, Sohn meines guten Herrn Dammartin. Wenn es wahr iſt, daß Alles drunter und drüber gehen wird, daß die vornehmen Leute drunten liegen, und die geringen oben ſtehen müſſen, ſo findet ſich vielleicht noch Gelegenheit, daß ich, wenn nicht der Welt, doch Ihnen nützlich werden darf. 54 Seit dem der liebe Beautemps heimgegangen, bin ich der Jüngſte hier im Hauſe, und ſchäme mich doch manchmal vor mir ſelbſt, daß ich des Königs Gnadenbrod eſſe, wie es im Grunde nur einem Sechziger oder Siebenziger zuſteht. Was fehlt mir denn eigentlich? Hab' ich nicht meine geraden Glieder? Die Sehnen meines Arms ſind noch ſo ſtark, wie zu der Zeit, als ich den armen Lefebre zum lieben Gott ſpedirte. Es war juſt ein Oktobertag wie heute. Wir wa⸗ ren auf dem Strand, unfern von Marſeille. Von der Ba⸗ ſtide des Hafen⸗Intendanten konnte man den ganzen Spek⸗ takel mit anſehen, aber wir kümmerten uns darum nicht, denn wir waren junge Lente, unbeſonnen, und auf unſer Blut ſo begierig, daß wir uns ſchon einmal in der Stadt angefallen hatten, beim Herausgehen aus dem Schauſpiel⸗ vei ſtockfinſterer Nacht, unter einem Reverbore, neben wel⸗ chem Hunderte von Menſchen vorbeigingen, und ſogar ein Muttergottesbild ſtand. Alſo, wie geſagt, wir machten uns nichts daraus: Lefebre ſtieß her, ich gab den Stoß zurück, er wollte mich deſarmiren, aber ich war geſchickter als er... eins, zwei, drei! im Sande lag er, und mit ihm mein De⸗ gen, der ihm mitten durch die Lunge gegangen war. Ich ſehe ihn manchmal noch vor mir, wie er ſo hülflos dahin geſtreckt war, gleichſam angebohrt an den Strand, und wie er noch mit ſterbender Hand ſeinen Degen hob, mir ſtumm drohte, und, Rache in den Zügen, verſchied. Es hat mich beruhigt, daß er voll Wuth ſtarb. Wäre er's nicht geweſen, hätte ich's ſeyn müſſen. Er hätte mir kein Quartier gege⸗ ben, und lieber ſeh' ich meinen Feind feindlich ſterben, als ſeinem Mörder vergeben.“ „Laßt doch die Geſchichte, Sans⸗Regret;“ verſetzte Victor: — 55— „ſo oft Ihr ſie erzählt, greift Euch die Erinnerung an. Sprecht von Anderem.“ Sans⸗Regret ſtrich ſich über ſeine Haare, welche, ſchwarz und dick, in die militäriſche Friſur gezwängt waren, aber trotz Kammſtrich und Locken, ſich immer wieder kurz kräu⸗ ſelten, wie die dichten, ſchwarzen Augenbraunen, welche über die brennenden Augen verwirrt hernieder hingen. Dann nahm Sans⸗Regret eine Priſe aus der hölzernen Doſe, die er in ſeiner Weſtentaſche trug, und fuhr fort:„Nach Ihrem Befehle, Herr Offizier. Was wollt' ich aber ſagen? Daß mein Arm noch die alte Kraft hat? Richtig, das war's. Was thu' ich alſo im Invalidenhauſe? Der gute derzog, der mich hereinbrachte, hat ſich geflüchtet; der König wird bald nichts mehr für uns thun können, und aufrichtig ge⸗ ſagt, ich liebe den König nicht genug, um länger an ſeinem Tiſche müßig zu gehen.“ „Vergiſſeſt Du aber,“ ſagte Victor mit zartem Mitlei⸗ den,„daß Deine Bleſſuren Dir hin und wieder den freien Gebrauch Deines Kopfes rauben? Sieh nur in den Spiegel. Die ungeheuere Narbe, die quer über Deine Stirne geht⸗ gibt Dir Anſprüche auf Verſorgung. Du biſt ja nur durch ein Wunder dem Tod entgangen, der Dich unter den Bar⸗ baren bedrohte.“ Sans⸗Regret lächelte bitter, und entgegnete:„Ach, daß ich nicht gerettet worden wäre! Ich hätte dann meinen Dammartin nicht ſterben geſehen. Was wohl der Hund macht, der mich ſcalpiren wollte? Ein rother Kerl, von gräßlichen Geſichtszügen, triefend von Blut. Außer dem Burſchen, der vor ein Paar Monaten den Kopf des Ba⸗ ſtille⸗Gouverneurs in Paris herumſchleppte, hab' ich nichts 56 Gräulicheres geſehen, als jenen Wilden. Er hatte vielleicht ein Dutzend Kopfhäute an ſeinem Gürtel hängen, und mein reicher Schopf führte ihn in Verſuchung. Er mußte mir ihn jedoch laſſen, und wenn er auch vielleicht, ſtatt deſſelben, ein bischen von meinem Verſtand genommen hat, ſo thut das nichts zur Sache. Als ich den Lefebre todtſtach, begab ich mich ja aller Hoffnung, jemals einen eigenen Verſtand zu haben und zu behaupten. Ich habe mich zur Maſchine gemacht, habe mich links und rechts gedreht, nach dem guten Vergnügen meines Corporals, und könnte dieſes noch füglich jetzt thun, ohne einen ſtarken Kopf zu haben. Ach, mein armer Beautemps war doch noch eine ſchlechtere Maſchine als ich! Ich habe ihn gefüttert, wie man einen Canarienvogel äzt. Ich habe ihm ſeine Pfeife geſtopft, ich habe ihm ſeine Priſe gegeben, ich habe ihn in's Bett gelegt und aus dem Bett gehoben. Trotz ſeiner körperlichen Hülfloſigkeit, war ſein Geiſt doch nicht beſſer beſtellt. Ich fühle doch noch; ich werde begeiſtert, ich liebe doch noch etwas auf der Welt! den jungen Dammartin und die Freiheit.“ „Die Freiheit?“ fragte Victor lächelnd:„die 68 in dieſem Hotel, wo ihr conſignirt ſeyd, wie im Arreſt?“ Sans⸗Regret ſchüttelte den Kopf und entgegnete lächelnd: „Der Gouverneur kann unſern Geiſt nicht conſigniren. Hinter meinen Büchern in der Bibliothek bin ich frei wie ein Vogel. Die Vergangenheit iſt mein, mit all' ihren Großthaten, und die Zukunft mit all' ihren Hoffnungen. Ich wittre in der Ferne Begebenheiten, die keine gemeinen genannt zu werden verdienen. Je ſchlechter unſere Gegenwartwar, je bedeuten⸗ der muß die Folge werden. Und auch wir, wir armen Invaliden, werden frei ſeyn. Das Volk hat uns in den Baſtilletagen bereits entwaffnet; es wird uns bald erwürgen oder freilaſſen müſſen, weil es uns nicht wird ernähren wollen.“ „Was wollteſt Du beginnen, wenn Deine Weiſſagung einträfe, und Euer Hotel aufgehoben würde?“ „Ich würde verſuchen, ob meine Hand dem allgemeinen Wohle dienen könnte. Dieſes Band im Knopfloch, würde ich zu denjenigen Landsleuten, die mich anhören wollten, reden, und ſie für die Rechte der Menſchheit in den Kampf führen.“ „Velche Plane! Sans⸗Regret, du Ritter der Freiheit, hüte Dich, daß der Gouverneur nicht Deine Anſchläge erfährt.“ Sans⸗Regret runzelte die Stirne und erwiederte:„Nur dieſes Wort nicht! Ich kann das Wort„Ritter“ nicht leiden. Es erinnert uns täglich, wie wir mit der Beſtialität ver⸗ wandt ſind. Aller Adel kommt ja nur vom Pferde. Wer einſt ein Pferd hatte, durfte befehlen, war frei, und erhielt Wappen und Lehen. Selbſt die älteſten Völker haben ihren Adel nach dem Roß genannt, und wir thun es zur Schande der Vernunft heute noch. Jeder Ritter ſollte eigentlich eine Schabracke über den Rücken hängen, ſtatt eines Mantels. Es wird auch nicht beſſer werden in Frankreich, als bis völlig ausgeführt iſt, was die Nationalverſammlung in der Nacht des vierten Auguſt angefangen hat.“ „Denkeſt Du denn nicht daran,“ fragte Vietor erſtaunt, „daß auch ich aus einem Rittergeſchlechte ſtamme, und daß ich die Ehre habe, den König zu bewachen, der von Rechts⸗ wegen der erſte Ritter im Königreiche iſt?“ „Laſſen Sie das gut ſeyn;“ verſetzte Sans⸗Regret ſpöttiſch:„der König kann vielleicht Sporen machen, aber keine mit Ehren tragen. Was Sie betrifft, Herr Vicomte, ſo weiß ich wohl, daß ſeit Du Gueseclin's Zeiten Ihr Geſchlecht ritterlich geblüht hat; die Zeiten ſind aber vorüber, und es wird Ihnen leichter werden, als vielen Andern, Ihren Namen aufzugeben, weil Sie gerade nur den Titel haben. Die Adelzeit ließ Ihre Vorfahren und Sie in Dürftigkeit; die Freiheit wird Ihnen mehr Segen bringen.“ „Es iſt wahrlich luſtig,“ bemerkte Victor, verlegen lächelnd,„daß ein revolutionärer Invalide es wagt, einem adeligen Garde du Corps des Königs ſolche Dinge zu ſagen.“ „Der redolutionäre Invalide liebt den Garde du Corps, obgleich der Körper, den er bewacht, ihm gleichgültig iſt;“ antwortete Sans⸗Regret kaltblütig.„Beiläufig geſagt in⸗ deſſen, wird es Ihnen zuträglich ſeyn, ſich in Ihrer Uniform nicht ſehen zu laſſen. Stehen doch wir, in unſern langen Kitteln, beinahe im Verdacht, es mit dem Hofe gegen das Volk zu halten; um wieviel mehr Sie und Ihre Kamera⸗ den? das Volk iſt wüthend, ſeit Ihr Corps ſeine Cocarde mit Füßen getreten hat, und es iſt häufig die Rede davon, daß mit der Maſſacre der Leibwache der Haupttumult be⸗ ginnen werde. Gehen Sie nicht nach Verſailles zurück. Geben Sie eine Sache auf, die ſchon jetzt verloren iſt. Die Dinge wollen ihren Umſchwung haben, und wenn das Mühlrad einmal in Gang gekommen iſt,— wer will es denn auf⸗ balten, eh' es ſeinen Kreislauf vollendet hat? Die Ver⸗ fechter des Throns deſertiren ja einer nach dem andern. Nun, beim Himmel! wer ſoll denn für den König etwas 59 wagen, wenn die es nicht thun, die don ihm leben? Wer ſoll den Wolf hindern, Schaaf und Schäfer wegzutragen, wenn die Hunde dieſen feig im Stich laſſen?“ Victor erhob ſich unmuthig von ſeinem Stuhl und ſagte befehlend:„Schweige, Sans⸗Regret; Deine letzten Worte ſagen mir gerade, was ich zu thun habe. Ich habe keine urſache den Hof beſonders zu lieben, aber ein braver Edel⸗ mann hält auf ſeinem Poſten aus. Keine Sylbe alſo, keinen Antrag wie der vorige war. Woher weißt Du je⸗ doch, was in den Köpfen des Volkes vorgeht? Wer unter⸗ richtet Dich denn in dem abgeſchloſſenen Invalidenhaus?“ Sans⸗Regret lachte. Dann erhob er ſich, nahm eine würdigere Haltung an, und erwiederte mit geheimnißvollem Ton:„Ich hätte ſchon meine Rolle ſpielen können, Herr Vicomte. Der Metzger Legendre, der Lieferant der Gebrüder Lameth, iſt mein Bekannter; eine rohe Seele, mit vielem Mutterwitz begabt. Er iſt, wie es heißt, ein Hauptagent des Herzogs von Orleans, ein Werkzeug des Grafen Mira⸗ beau. Er hat mich dem Letztern vorgeſchlagen, als den⸗ jenigen, der das Invalidenbaus zu revolutioniren vermöchte. Ich ſollte mit den Lameths zuſammenkewmenz ich habe mich geweigert. Die Herren handeln undankbar und verrätheriſch an dem König, und wenn ich gleich die Freibeit dem Könige dorziehe, ſo will ich doch kein Verräther ſeyn.“ „Haſt Du nicht dem Gouverneur dieſes Alles mitgetheilt? Du haſt, es unterlaſſend, eine Pflicht verletzt.“ „Nicht doch. Der Hof iſt ſchläfrig, und hgt auf wich⸗ tigere Entdeckungen nichts Entſcheidendes verfüg AWozu ſich alſo unnütz in Gefahr bringen? Die Begebenbeiten werden reden, wann es Zeit iſt. Nur verſäumen Sie den 1 60 Augenblick nicht, Herr Vicomte, das Volk iſt ein widerſinnig launiſches Thier. Wer ihm nicht zur rechten Zeit die Hand reicht, wird von ihm verſchlungen.“ „Schweige. Nie werd' ich dem Volk meine Dienſte an⸗ bieten, als wenn ich demſelben eine Gunſt zu danken haben würde. Da ich nun zu dem, der Nation, wie ſie ſich nennen, verhaßteſten Corps gehöre, ſo weiß ich wahrlich nicht, wie ſich die Verhältniſſe wenden müßten, um mich zu nöthigen, dem Volk dankbar zu ſeyn.“ In dieſem Augenblick wurde großes Getümmel in dem Hofe des Invalidenhauſes hörbar. Von den Bewohnern des Hotels wurden die Gänge, die Fenſter, der Hofraum angefüllt. Die Gitterthore des letztern waren offen, und ein ziemlicher Haufe Volks drängte ſich durch dieſelben herein. An der Spitze der Bürger war der ſogenannte Präſident des Diſtrikts, ein reicher Weinhändler, von ſtupidem Aeußeren, dem aber ein Paar Agenten der populären Faction zur Seite ſtanden, um ihn mit Worten und Blicken zu leiten. „Wo iſt der Gouverneur?“ fragte der Anführer, und im ſelbigen Augenblick trat der Herr von Sombreuil, ein Mann von ſiebenzig Jahren, mit weißen Haaren und ſol⸗ datiſchem Anſtande, furchtlos und beſonnen in das Ge⸗ tümmel.„Was wollen Sie?“ fragte Sombreuil. Der Weinhändler ſtutzte ein wenig, aber auf eine Geberde ſeiner Begleiter hin, entgnete er keck und unverſchämt:„Wir ſind von dem Maire abgeſchickt, um in dem Hotel nach Waffen zu ſuchen. Es bereiten ſich große Ereigniſſe vor. Das Volk darf nicht unbewaffnet ſeinem Schickſal entgegen ſeben. Unſere Diſtrikte diſſeit, der Seine, ſind zu ſchlecht mit 7 61 Munition verſehen, im Vergleich mit den jenſeitigen Diſtrikten. Ich fordere Sie alſo auf, im Namen der Nation und des Geſetzes, meinen Unterſuchungen keinen Widerſtand in den Weg zu legen, und dem Volke die DThüren des Hauſes zu öffnen.“— Sombreuil ſah den Sprecher finſter an, und erwiederte mit verachtender Strenge:„Es ſcheint, als ob Sie die Scenen vom vierzehnten Juli erneuern wollten. Sie kommen umſonſt. Man hat uns an jenem Tage einige Tauſend Flinten weggenommen, die unſer einziger Vorrath waren. Sogar die Wachen an unſerm Hauſe ſind unbe⸗ waffnet, weil es den Pariſern beliebt hat, Mißtrauen in die Geſinnungen ehrlicher Veteranen zu ſetzen. Erſparen Sie alſo ſich und mir jede fruchtloſe Mühe.“ Das Volk murrte, mehrere Stimmen riefen:„Keine Ausflüchte! wenn das Volk befiehlt, müſſen die Soldaten gehorchen!“ Sombreuil fuhr krampfhaft mit der Linken an den Degen, faßte ſich jedoch alſobald, und ſagte mit kalt⸗ blütiger Verachtung:„Wir find ſeit ein Paar Monaten der verſchiedenartigſten Mißhandlungen ſo gewöhnt worden, daß ich mich auch noch dieſer unterziehen will, wenn man ſo gefällig ſeyn mag, mir Bailly's Ordre vorzuweiſen.“ Stille erfolgte; die Lente haben kein ſolches Papier vorzuweiſen. Ein vierſchrötiger Mann, mit aufgeſtreiften Hemdärmeln, ſprang aus dem Haufen hervor, und ſchrie: „Wozu eine Ordre? Bailly iſt ein tugendhafter Mann, deſſen Wort allein genügt. Braucht man etwa viele Um⸗ ſtände zu machen mit Leuten, die das Brod der Nation eſſen? Mit einem Invalidengouverneur, der es mit den Oeſterreichern hält, und nicht einmal die Cocarde trägt⸗ welche die Nation hat?“ 62 Sombreuil maß den Sprecher mit ernſtem, kalten Blick⸗ und drehte ſich mit den Worten:„Noch einmal! ohne Be⸗ fehl öffne ich das Hotel nicht;“ von dem Volke ab, um in ſein Haus hinein zu gehen. Der Kerl, der zuletzt geſpro⸗ chen hatte ſprang auf den Gouverneur los, und holte mit einem Knüppel zu einem Streiche gegen das Haupt des alten Mannes aus. Niemand hätte ihn zurückgehalten, wenn nicht Victor, von Mitleid und Ehrgefühl getrieben, den Schlag aufgefangen hätte. Mit zürnender Stimme be⸗ fahl er dem Haufen, umzukehren und den Hof zu verlaſſen. Die Menge ſtand jedoch unbeweglich, und ſowohl aus den Reihen der Invaliden, wie aus denen des Volks, ſchallten die Worte:„Wer iſt der Menſch? Was ſtellt er vor? Mit welchem Rechte miſcht er ſich hier ein?“ Auch Sombreuil, der den jungen Mann noch nicht geſehen, ſchien, obgleich ihm dankend, dieſelben Fragen zu wiederholen. Die Auf⸗ wallung Victor's war größer als ſeine Klugheit. Er ent⸗ gegnete mit der ungeheucheltſten Freimüthigkeit:„Schon als Menſch war ich ſchuldig, den Mörderſtreich aufzuhalten, der von der Hand eines thieriſchen Ungeheuers gegen einen Menſchen geführt wurde; aber ich bin auch Edelmann wie Herr von Sombreuil, Offizier wie er, und Garde du Corps Sr. Majeſtät des Königs, unter deſſen ieſe Diener der Herr Gouverneur mit Recht gezählt wird“ Der Gouver⸗ neur reichte bei dieſen Worten dem jungen Manne ſeine Hand, und die Offiziere der Invaliden, die ſich bis jetzt in Entfernung gehalten hatten, traten an ihn heran. Unter dem Volke jedoch war nur ein Wuthſchrei:„Ein Garde du Corps! Ein Bandit des Königs! Einer von Denen⸗ die unſere Cocarde mit Füßen getreten haben! Die Paris 63 ſtürmen wollen! Er iſt ein Spion! Hängt ihn auf! Nieder mit ihm!“ Der Weinhändler ging gravitätiſch, im Bewußt⸗ ſeyn ſeiner Präſidentenwürde, auf Victor zu, und ſagte: „Was machen Sie hier? Was iſt Ihr Geſchäft in Paris? Wie kommen Sie in dieſes Hotel, wenn es nicht eine Con⸗ ſpiration gilt? Haben Sie Papiere bei ſich?“ „Die Leibwache des Königs hat keinem Bürger von ih⸗ rem Thun Rechenſchaft abzulegen,“ verſetzte Victor trotzig, und ſtieß mit voller Gewalt Einige zurück, die ihn ergrei⸗ fen und in den Haufen ziehen wollten.„Das wollen wir ihm lehren! An die Laterne mit ihm!“ ſchrie der grobe Kerl von vorhin. „So nehmt doch nur Vernunft an, Legendre,“ miſchte ſich Sans⸗Regret in das Geſpräch, indem er den Metzger freundſchaftlich bei der Bruſt packte und etwas zur Seite ſchob:„Der Herr erzeigt mir die Ehre, mich manchmal zu beſuchen, und man kann ſeine jetzige Hitze nicht ſchelten, weil es doch nicht ſchön war, daß Ihr gegen unſern Herrn Gouverneur eine ſo metzgerhafte Finte ausführen wolltet. Ich rathe Euch, daß Ihr ihn gehen laßt.“ „Ich rathe Dir, Deine Hände von mir weg zu thun;“ rief Legendre dazwiſchen:„wenn ich nicht wüßte, daß Du ein Narr biſt, ſo würde ich Dich an die Laterne hängen laſſen, weil Du die Livree des Artois trägſt. Es lebe die Nation! Es lebe Lafayette! Verflucht ſeyen alle Gardes du Corps!“ Das Volk jubelte die Worte nach, und wie durch den Drang einer Welle, wurde Viector mitten unter die brüllen⸗ den Schreier geriſſen. Sans⸗Regret war aber bei ihm. Der lange hagere Menſch, in ſeinem langen Rocke und ſeinen engen Camaſchen, ließ von dem wohlgenährten Flei⸗ ſcher nicht ab, und rief ihm in's Ohr:„Ihr ſeyd wahr⸗ haftig betrunken, Gevatter. Der Vater dieſes jungen Man⸗ nes war Lafayette's Kriegsgefährte, und wenn ich nicht irre, ſo iſt er Mirabeau's leibhaftiger Vetter!“ Er winkte dem wüthenden Victor zu, dieſe Ausſage zu beſtätigen. „Wenn das wäre!“ meinte Legendre:„Vivat Mirabeau! Ehre ſeinen Verwandten, wenn ſie auch Hunde von Ariſto⸗ kraten find! Aber das muß verificirt werden, Herr Präſident!“ „Ja freilich, das muß verificirt werden!“ antwortete der Weinhändler phlegmatiſch.„Ich will Euch einen theuern Eid darauf ſchwören!“ ſagte Sans⸗Regret mit einer unbe⸗“ ſchreiblichen Keckheit.„Nein, nein! keinen Eid! Der Hof und die Pfaffen haben uns immer mit Eiden angeführt!“ joblte das Volk. Legendre klopfte mit pfiffiger Miene dem Invaliden auf die Achſel, und ſagte:„Was ein verbrann⸗ tes Marſeiller⸗Geſicht ſchwatzt und betheuert, iſt nicht ein Quentchen Speck werth. Ihr ſeyd Narren von Natur, und Deinen Verſtand hat zudem der Menſchenfreſſer in Amerika völlig aufgeſpeiſ't. Wir haben gültigere Zeugen in der Nähe. Mirabeau iſt in Paris, und ſitzt wenige Schritte von hier, bei einem ſplendiden Mittagseſſen, das ihm ſeine Freundin gibt, und wozu ich meinen beſten Ochſen gelie⸗ fert habe. Kommt mit uns dahin! Der Deputirte ſoll ſelbſt entſcheiden, ob der Knecht des Königs ihm angehört; aber ich will mich in hundert Stücke zerhauen laſſen, daß der Garde du Corps nicht davon kömmt, wenn Deine Aus⸗ ſage gelogen iſt, Sans⸗Regret.“ 65 Vietor, der ſich in Verwünſchungen gegen den Pöbel ergoß, ſah, vom Schwalle fortgeriſſen, nach Sombreuil und ſeinem Invalidenſtab zurück, und bemerkte mit einigem Schauder, daß während des Geſchreis und Tobens der Volkshauſe ſich wieder zum Gitter des Hotels hinausgewälzt, und der Gouverneur daſſelbe hatte eiligſt verſchließen laſ⸗ ſen. Es war nichts Anderes zu thun, als der ſtürmiſchen Volksbewegung zu folgen, und ſich, wenn gleich knirſchend, an das Haus der Dame Arroy führen zu laſſen, wo Mira⸗ beau zu finden ſeyn ſollte. Mehrere aus dem Pöbel dreh⸗ ten ſich nach dem Invalidenhauſe um, und fragten lärmend den Präſidenten des Diſtrikts, wie es denn nun komme, daß ſie keine Waffen erhalten hätten, und was nun gegen die verſchloſſenen Pforten des Hauſes zu beginnen ſey. Der Weinhändler zuckte verlegen die Achſeln, aber Legendre erwiederte an ſeiner Statt:„Gebt Euch zufrieden. Wir kommen morgen wieder. Die Invaliden laufen uns nicht davon, wohl möchte es aber der Ariſtokrat hier thun, wenn wir ihm nicht ſchleunigſt den Prozeß machen. Da find wir unter den Fenſtern der Dame Arroy. Preis und Ehre den Volksrepräſentanten! Schreit Ihr Lumpenhunde, daß Euch die Kehlen berſten: Hoch lebe Mirabeau! Lameth lebe, und hoch das Haus Orleans!“ IV. 1. 5 Fünftes Kapitel. Der Clubb der Verſchwornen. Die Dame Arroy machte ein glänzendes Haus, und die glänzendſten Zimmer darinnen waren ihren Freunden ge⸗ öffnet, die ſie größtentheils aus der Klaſſe der Repräſen⸗ tanten gewählt hatte. Der Heros des Tages war auch der Held unter ſeinen Collegen, und wenn man der kleinen Chronik jener Zeit Glauben beimeſſen will, der zärtlichſte Freund der obengenannten Dame. Mirabeau war an dem Morgen dieſes Sonntags früh in Paris erſchienen, und hatte ſich gegen drei Uhr Nachmittags zu ſeiner Freundin begeben, um im Verein mit mehreren ſeiner Bekannten ein Ambigu einzunehmen. Die Herren waren ſchon recht luſtig geworden, als ſich Legendre mit ſeinen Gefangenen dem Hauſe näherte. Desmoulins, einer der Gäſte, hatte einige Stellen aus Voltaire's Mahomet eitirt, und der ältere Lameth die Aeußerung hingeworfen, daß es nur an einem tüchtigen Seide fehle, um plötzlich allen Verhältniſſen des Königreichs eine andere Wendung zu geben. Mirabeau 67 hatte lächelnd zu dieſer Aeußerung mit dem Kopf genickt, und gemeint, daß der Himmel einen ſolchen ſenden werde, wann die Noth am höchſten ſey; daß die Geſchichte ſchon mehrere Beiſpiele aufweiſe, wo unter den Prätorianern des Tyrannen ſelbſt ſein Mörder erſtanden und daß man nicht wiſſe, ob nicht ſchon am nächſten Tage, ob nicht vielleicht in der nächſten Stunde der Arm ſich darbiete, der beſtimmt ſey, Frankreich und Europa's Geſchick von Grund aus zu ändern. Die Herzensergüſſe der ganzen Verſammlung ſtimm⸗ ten und klangen in einen Toaſt zuſammen, als der Thür⸗ ſteher des Hauſes mit bleichem Geſicht hereintrat, und mel⸗ dete, daß ein Haufe Volks die Pforte eingenommen, und ſo eben nach dem Tafelzimmer dringe. Madame Arroy fuhr erſchreckt von Mirabeau's Schvoße auf, und ſchrie nach Hülfe. Mirabeau, der ſo eben im brauſenden At eine ſüße Fraternität mit ſeiner lieblichen Wirthin geſchloſ⸗ ſen hatte, entwickelte ſeine ganze Würde, indem er die gewichtigen Worte ſprach:„Beruhigen Sie ſich, meine Liebe. Was das Volk auch von Ihnen begehrt, ich werde für Sie eintreten. Das Volk iſt in ſeinen Kräften noch unbeſtimmt; es weiß nicht was es will. Seine Zügel ſind in meinen Händen; morgen wird es, ſo Gott will, eine andere Rich⸗ tung nehmen, und Frankreichs Schulden auf einmal tilgen.“ In dieſem Augenblicke ſtürmte Legendre mit den Seini⸗ gen herein. Das Volk blieb ehrerbietig unter der Saal⸗ thüre ſtehen, als ſich Mirabeau erhob, und ihm in die Ohren donnerte:„Was ſoll das freche Kinderſpiel? Ver⸗ letzt man alſo das Haus einer Bürgerin? Habt Ihr nicht in den Zeitungen die Erklärung der Menſchenrechte geleſen? Wenn auch der König ſie nicht unterſchrieb, ſo haben wir 5* ſie geheiligt, und wir wollen den Monarchen ſchon zur Unterſchrift zwingen, damit dergleichen erbärmliche Meu⸗ tereien nicht ungeſtraft bleiben. Sucht Ihr einen Feind⸗ ſo geht nach Verſailles. Das Haus, worin ich mich be⸗ finde, iſt unverletzlich. Wenn Einige von Euch etwas vor⸗ zubringen haben, ſo mögen ſie reden. Aber der Reſt des Geſindels packe ſich, oder wehe ihm!“ Das Volk gehorchte beſtürzt, Treppen und Gänge wur⸗ den leer; der Portier ſchloß das Haus, und nur Legendre ſammt dem Diſtriktsvorſteher, und einigen andern Bürgern blieb nebſt Victor und Sans⸗Regret zurück. Mirabeau's Miene wurde freundlicher, und er ſagte:„Ihr ſeyd brave Bürger. Wenn ich nicht irre, iſt dieſer hier der wackere Legendre? Und dieſer, der ehrliche Weinbändler Cricq? Und dieſer hier, der biedere Schuhmacher Chalandon? Was wollt Ihr, guten Leute? Warum haltet Ihr dieſen Invaliden und den jungen Mann, deſſen Geſicht mir be⸗ kannt iſt, ob ich gleich nicht genau weiß, wo ich ihn ge⸗ ſehen?“ „Da ſeht Ihr's,“ rief Legendre ſeinen Gefährten zu, „daß der Narr aus Marſeille uns angelogen hat. Vater Mirabeau! dieſer junge Menſch ſoll Ihr Vetter ſeyn. Iſt er's, laſſen wir ihn los; iſt er's nicht, hängen wir ihn auf, denn er iſt ein Garde du Corps, und folglich des Volkes Feind und des Todes ſchuldig ohne weiteres.“ Mirabean näherte ſich dem trotzig ſchweigenden Victor, nahm ihn bei der Hand, führte ihn zu dem Stuhl, den die Frau vom Hauſe gerade verlaſſen, und ſagte zu ihm: „Ich kenne Sie nun, Herr Vicomte. Muß ich gleich auf die Ehre verzichten, Ihr Verwandter zu ſeyn, ſo ſchmeichelt es mir doch ungemein, daß Sie mich einen Augenblick da⸗ für hielten. Wenn ich nicht irre, ſo zählen Sie unter die⸗ ſen Herren einen Freund: den eifrigen Desmoulins, und obendrein einen wirklichen Vetter: den Herrn von Espre⸗ menil, deſſen Muhme die niedliche Gräfin zu Verſailles iſt.“ Camille umarmte den Garde du Corps leidenſchaftlich, und rief excentriſch wie er immer war, den Bürgern zu: „Meine Freunde! ich, ein Patriot, bürge für dieſen Mann. Er hat nicht auf Euer Verderben getrunken, bei jenem ab⸗ ſcheulichen Feſte, er hat Euere Cocarde nicht mit Füßen getreten. Sein Vater iſt für die Freiheit geſtorben, und ich ſelbſt habe für ihn einen Prozeß gegen eine ariſtokratiſche Großmutter geführt, die ihm ſein ſchwaches Erbtheil vorent⸗ halten wollte. Er ſey frei, und jener Invalide auch, der mit ſeinem Vater in Amerika gekämpft, und demſelben die Augen zugedrückt hat!“ Esprémenil, ein langer, trockener Crevle, fügte einige Worte in Desmoulins Sinne bei, und die Bürger, die da⸗ zumal in dem feurigen Parlamentsrath noch eine Stütze ihrer Rechte verehrten, gaben endlich allen Anſpruch auf Sans⸗Regret und Victor auf, und entfernten ſich, bis auf Legendre und Chalandon, mit denen der Marquis von St. Huruge in einem Seitenzimmer lange und geheimnißvoll verkehrte. Victor und ſein Freund wurden indeſſen einge⸗ laden, an dem Mahle Theil zu nehmen, und die Unan⸗ nehmlichkeit des Tages zu vergeſſen. Victor ſah ſich mit Erſtaunen in der Mitte von Leuten, die er bisher größten⸗ theils nur dem Namen nach gekannt, und nie verehrt hatte. Esprémenil, einer der Lameths, Camille und Mirabean machten ſich viel mit ihm zu ſchaffen, während Sans⸗Regret auf der andern Seite von dem zweiten Lameth in Beſchlag genommen wurde.„Mußte ein ſolcher Zufall mir erſt das Vergnügen verſchaffen,“ ſagte der Oberſt zu dem Invaliden, „den wackern Sans-Regret kennen zu lernen, der zu etwas Beſſerem beſtimmt wäre, als in dem Invalidenhauſe zu verkümmern? Unſtreitig hat nur der Wille des Deſpoten Sie in jenes Hotel geſperrt, oder die tyranniſchen Forde⸗ rungen Ihrer Familie, die einen leichtſinnigen Jugendſtreich zum Vorwand genommen hat, Ihnen alle Hülfsmittel zu entziehen, und Ihr Erbe ſich zuzueignen. Die Zeit wäre da, wo Sie alle Ihre Rechte geltend machen könnten. Es werden und müſſen große Veränderungen vorgehen; die Vormundſchaft, die von den Großen über das Volk aus⸗ geübt wird, wird in Trümmer fallen. Um dieſes leichter zu bewerkſtelligen, muß der Wille aller freien Männer ſich verbinden. Jeder muß in ſeiner Sphäre wirken. Ich weiß, welch' ein Anſehen Sie unter Ihren Kameraden genießen. Ihr aller Loos wird ſehr zweifelhaft werden, wenn Sie nicht, als die Veteranen des Heers, im Namen deſſelben bei der Nationalverſammlung Schritte thun, die Ihre Zu⸗ kunft zu befeſtigen vermögen. Ihre Vorgeſetzten haben ſich ſchändliche Ungerechtigkeiten zu Schulden kommen laſſen. Der alte Sombreuil iſt ein tyranniſcher Geizhals, der das Invalidenhaus beſtiehlt, um ſich zu bereichern; ein elſäſſiſcher Dickkopf, der nur mit dem Stock handthieren möchte, und es gerne ſähe, wenn alle ſeine Untergebenen verhungerten. Er iſt eine Creatur des Hofs; darum hält er auch zu ihm, und wird gegen ſeine Invaliden zum Verräther.“ Sans⸗Regret hatte mit anſcheinender Ruhe zugehört, und vor ſich hin auf die unberührten Speiſen geſtarrt. 71 Nun drehte er aber ſeine Falkenaugen gegen den Oberſt⸗ und ſagte ſchnell und beißend:„Cap de biou, Herr Oberſt, wenn unſer Alter ein Kind des Hofes iſt, ſo thut er ja beſſer daran, an der Mutter zu hängen, als derjenige, der ihre Wohlthaten vergißt, ſie mißhandelt, und dadurch ſeiner Ehre den empfindlichſten Rippenſtoß gibt, der nur in der Escrime vorkömmt.“ Der Oberſt wurde roth, und öffnete verlegen den erſien Knopf ſeiner Uniform und ſtrich ſein Jabot. Dann ver⸗ ſuchte er zu lächein, und erwiederte aufſtehend:„Sie haben es hinter den Ohren, Sans⸗Regret, wie alle Ihre Landsleute. Sollte aber der Fechterſtoß auf mich gehen, ſo verſichere ich Ihnen, daß ich und meine Brüder uns glücklich ſchätzen, die eigennützigen Wohlthaten einer ver⸗ haßten Königin zu vergeſſen, um nur dem Wohl der Nation zu dienen.“ Ohne dagegen eine Splbe zu verlieren⸗ erhob ſich Sans⸗ Regret, und machte dem weggehenden Oberoffizier ſeinen militäriſchen Gruß. Victor kam auf ihn zu, warf ſich neben ihm auf einen Stuhl und flüſterte ihm in's Ohr: „Unter welche Menſchen hat uns die verfluchte Begebenheit geführt? Es kömmt mir vor, als ob in Frankreich der Mord zur Lvoſung werden ſollte. Es ſind kaum vierund⸗ zwanzig Stunden her, als man mir zu Verſailles vor⸗ ſchlug, den Grafen da aus dem Wege zu räumen, und hier macht man mir mit dürren Worten den Antrag, das heiligſte Haupt, welches in Frankreich lebt, zum Ziel meines Degens zu wählen. Sage mir doch, wer ſind die Leute alle? ferner, wie entkommen wir ihnen? Ich möchte die Schicklichteit nicht völlig hintanſetzen⸗ weil wir denn doch 72 einmal, leider, den Menſchen eine Verbindlichkeit ſchuldig ſind.“ Der Invalide zog ihn in eine Ecke und ſagte, indem er die Mitglieder der Geſellſchaft mit dem Finger bezeichnete: „Ich kenne ſelbſt nicht alle von dieſen Herren. Der blatter⸗ narbige Löwe, der wie ein Monarch unter ſeinen Vaſallen ſteht, iſt Ihnen bekannt. Mirabeau verräth ſich allent⸗ halben, ſelbſt wenn man ſeinen Namen nicht wüßte. Der ungeheure Menſch neben ihm, mit den Formen eines Ath⸗ leten, mit der polternden Stimme und dem braunen Dog⸗ genangeſicht unter den weiß gepuderten Taubenflügeln, iſt der Advokat Danton. Der Menſch wird einen großen Weg machen, glaub' ich. Die ſuffiſanten drei Geſichter in Uni⸗ form ſind die Gebrüder Lameth, von denen ich Ihnen ſchon ſagte. Der magere Esprémenil, der ſchwarze und unge⸗ heuerlich ausſehende Desmoulins, ſind Ihnen alte Bekannte. Der Menſch, der im Vorzimmer mit dem Schuſter und dem Fleiſcher, zwei ausgemachten Baſtilleſtürmern, converſirt, iſt der liederliche Marquis von St. Huruge. Der düſtere Mann, der ſich mit Esprémenil unterhält, wird Lechapelier genannt, und iſt der Präſident der vierten Auguſtnacht ge⸗ weſen. Den jungen Mann, unfern von ihnen, mit dem kecken Geſichte und dem gellenden Organ, hörte ich von dem Oberſten Lameth St. Juſt nennen, und den Kerl end⸗ lich, der gerade wie ein ſchmutziger Iltis in das Zimmer ſchleicht, habe ich einmal, wenn ich nicht irre, in den Ställen des Grafen von Artois geſehen. Seinen Namen weiß ich nicht, wie auch nicht den der drei oder vier übrigen Geſellſchafter, von denen ich nur glaube, daß ſie in dem Hauſe des Herzogs von Orleans angeſtellt ſind oder waren.“ 3 Der Mann, von welchem Sans⸗Regret zuletzt geſprochen hatte, war übrigens in ſeiner Erſcheinung merkwürdig genug, um für einen Augenblick Victor's Aufmerkſamkeit zu feſſeln. Er war klein, und ſein Kopf ſehr groß, platt, mit einem abſcheulichen Antlitz, ſtand im ſchlechteſten Ver⸗ hältniß zu dem kleinen Körper. Die Phyſiognomie des Menſchen hatte etwas unbeſchreiblich Widerliches: etwas, welches dem Ange und dem Gefühl zugleich wehe that. Von der flachen Stirn, beſchattet von glatt anliegenden ſchwarzen Haaren, wie aus den langgeſpaltenen kleinen Schweinsaugen, ſprach die niedrigſte Leidenſchaft, die niedrigſte Kriecherei und aus dem ungeheuren Munde, deſſen Lippen larvenmäßig aufgezogen waren, eine Unverſchämtheit ſondergleichen, ein blutgieriger Spaß, die gemeinſte Lieder⸗ lichkeit. Die Kleidung des Individuums trug das Ihrige dazu bei, die Erſcheinung zu einer eckelhaft verworfenen zu machen. Ein ſchwarzer, langer Frack, abgeſchabt und unſauber, deckte den mißgeſtalteten Leib. Schmutzige Halb⸗ ſtiefel bekleideten den Fuß; gelbe, lederne, ſchlechte Bein⸗ kleider, eine ſchmutzige, weißtaffetne Weſte, eine unſaubere hängende Halsbinde, unordentliche Wäſche, die nur weiß zu nennen war, weil ſie über die gelbe Haut des Menſchen gehängt war, Manſchetten, von Schnupftabak beſudelt⸗ und ein elender Hut vollendeten das Aeußere dieſes ſchauer⸗ lichen Phantoms. Eine dicke Rolle Papier ſtack in ſeiner Taſche, und auch die mit anſehnlichen Klauen verſehenen Finger trugen einen Pack von Zeitungen.— Victor entſetzte ſich vor dem Menſchen, und Sans⸗Regret, der nie um Aehn⸗ lichkeiten verlegen war, raunte ſeinem jungen Freunde in das Ohr:„Sieht der Kerl nicht aus wie ein betrunkener Geier? Wie ein mageres Raubthier, das den Schlacht⸗ feldern und den Rabenſteinen ſeine nächtlichen Beſuche gönnt? Ich ſehe den Burſchen heut zum zweitenmale, ich habe nie ein Wort mit ihm geredet, aber ich wäre nicht böſe, wenn ich ihn mir gegenüber auf dem Marſaillerſtrand hätte. Ich würd' es ein zweitesmal auf das Kopfab⸗ ſchlagen hin mit ihm wagen.“ Der Eintritt des beſprochenen Mannes verurſachte große Bewegung in der Geſellſchaft. Camille rief ihm entgegen: „Sieh da, Doctor, Ihr laßt Euch lang erwarten!“ „Die Preſſen mußten ſchwitzen, bis Alles vollendet warz“ entgegnete der Menſch, und warf ſeine lauernden Blicke in dem Gemach umher, bis ſie mißbilligend und erſtaunt auf den beiden Fremden hafteten, die er nicht kannte. Sein Mund ſchloß ſich vorſichtig, und eine Geberde deutete an, daß er ſich ſcheue, vor unerwarteten Zeugen weiter zu reden. Mirabeau gab ſeinem Nachbar Danton einen Wink, und ſagte zu ihm:„Treten Sie mit dem Menſchen ab, ich mag mich mit dem Auswurf nicht einlaſſen. Unterſuchen Sie, ob ſeine neueſte Nummer die Aufſätze enthalte, die wir begehrt haben. Sie müſſen hübſch toll und übertrieben ſeyn, ſo wie der Schlingel von Marat ſie gewöhnlich ſchreibt: endlich fordern Sie ihn auf, morgen auf dem Platze zu ſeyn, und all' ſeinen Einfluß anzuwenden, um den Pöbel zum Aeußerſten zu reizen.“ „Gut,“ antwortete Danton kurz und barſch:„Die Hyäne wird Geld brauchen; das iſt Marat's tägliches Lied. Soll ihr Gold in die Kehle gegoſſen werden? oder ſind ein Paar Thaler genug, um den Quackſalber in den gehörigen Rauſch zu verſetzen? Wenn wir das Ungeheuer nicht ſo nöthig brauchten, ſo möcht' ich es lieber mit einem Fußtritt zer⸗ malmen, als mich nur durch ein Wort mit ihm beſudeln.“ Mirabeau zog einen Beutel aus der Taſche, und gab ihn lächelnd an Danton.„Dieſe Tage,“ ſprach er,„werden unſerm dicken Papa ein unſägliches Geld koſten. Wenn die Erploſion nur recht heftig wird! Nur keine halben Maßregeln! Jagen Sie den Charlatan recht in den Har⸗ niſch; Sie verſtehen es. St. Huruge hat ſchon mit Legendre und Chalandon Alles abgemacht. Marat ſoll mit ihnen vereint handeln.“ Danton winkte dem Journaliſten, und ging ihm voran in das Cabinet. Mit der Ueberlegenheit, die einem kräf⸗ tigen Manne gegen einen kränklichen, ſchleichenden Böſe⸗ wicht zuſteht, wendete er ſich zu dem Doctor, und ſprach kurz und verächtlich:„Friſch, Marat! Sind die befohlenen Diatriben abgefaßt? Sind ſie mit Deiner gewöhnlichen Pöbelhaftigkeit getränkt? Werden ſie wirken?“ Marat entgegnete mit heimtückiſcher Niederträchtigkeit? „Ich ſchmeichle mir, mich diesmal ſelbſt übertroffen zu haben. Die Zeilen meiner nächſten Nummer ſind mit dra⸗ toniſcher Schrift geſchrieben. Wenn dieſe Arznei nicht durch⸗ ſchlägt, will ich ein erbärmlicher Pfuſcher heißen.“ „Du verſtehſt Dich auf Pferdekuren,“ ſpottete Danton⸗ „und da das Volk wie ein Pferd behandelt ſeyn will, ſo magſt Du Deine ſaubere Medizin bei ihm anwenden. Wenn ſie nicht hilft, ſo zertrete ich Dich. Das Volk muß morgen nach Verſailles; mit Feuer und Schwert, ſag' ich Dir. Es iſt Zeit, daß einmal etwas geſchehe. Du wirſt Geld brauchen: da haſt Du welches. Spende es unter die Ca⸗ naille aus, die Dein Journal liest. Hetze⸗ treibe an. 76 Drohe mit der ſchrecklichſten Hungersnoth; prophezeihe die Zerſtörung von Paris; ſchreie allenthalben aus, daß die verfluchten Schweizer und Gardes du Corps ſelbſt das Kind im Mutterleibe nicht ſchonen werden. Wähle einige Mörder aus, die als Anführer dienen können; Leute die vor Blut nicht zurückſchrecken. Du mußt dergleichen kennen. In den Kneipen, die Du beſucheſt, findet ſich das Geſindel zuſam⸗ men; entlaufene Galeerenſclaven etwa, oder gebrandmarkte Diebe. Es muß morgen Blut ſetzen, und wenn es das Blut einer Königin wäre. Verſtehſt Du mich?“ Marat nickte mit dem Kopf. Ein grauſames Lächeln verklärte ſeine Züge. Er rieb ſich die Hände und antwor⸗ tete:„Ich habe ſchon, was wir brauchen. Da iſt zuerſt der Baſtilleſtürmer Maillard, den ich ſchon beſtellt habe, und der ſeiner Rolle gewachſen iſt; ferner der reſolute Jourdan, der das Metzgerhandwerk methodiſch erlernt hat, und nach der Reihe Contrebandier, Deſerteur und Knei⸗ penwirth geweſen iſt, bis er vor Kurzem Bankerott machte. Er hat dem Foulon und dem Berthier das Herz aus dem Leibe geriſſen, dem Major der Baſtille den Kopf abgeſchnit⸗ ten, und wird vor einigen elenden Gardes du Corps und vor der öſterreichiſchen Furie nicht zittern. Noch einige Andere zu geſchweigen, die ich nur zu requiriren brauche, um ihren Arm zu bewaffnen. Sie ſollen ſehen, daß morgen eine furchtbare Armee auf den Beinen ſeyn ſoll. Aus den Vorſtädten, aus den Hallen, aus den Bordellen und Spiel⸗ bäuſern werden Rekruten zu Tauſenden herbeiſtrömen. „So geh' denn hin, und thue Deine Pflicht, König der Hallunken, Orakel der Fiſchweiber und Gaſſendirnen!“ ſagte ibm Danton mit barbariſchem Spott, wendete ihm dann den Rücken, und ging in die Geſellſchaft zurück. Er zog Mirabeau bei Seite, und ſagte ihm:„Der Schuft iſt ex⸗ pedirt. Sagen Sie mir aber nur, was mit dem jungen Offizier und dem Invaliden werden ſoll, die auf eine ſo überraſchende Weiſe Gäſte bei dieſem Mabhle geworden ſind. Der Gardiſt ſcheint nicht dumm. Der Marſeiller ſcheint ſogar pfiffig. Wenn dieſe Leute errathen hätten, was hier unter uns verhandelt wurde? Der Gardiſt darf nun ein⸗ mal nicht nach Verſailles zurück, bis der große Streich ausgeführt iſt. Er könnte zu früh Allarm ſchlagen. Das Unheil muß, wie das Donnerwetter, ſchnell und unvorher⸗ geſehen die Tyrannen treffen. Müßte ich den Vicomte hier an der Tafel mit der Fauſt todtſchlagen, er dürfte nicht fort.“ „Seyn Sie ruhig,“ erwiederte Mirabeau:„ich habe für Alles geſorgt. Der Abend bricht herein, aber der Vicomte will erſt morgen Paris verlaſſen, um nach Verſailles zurück⸗ zukehren. Desmoulins wird ihm im Hotel de Provence heute Nacht Geſellſchaft leiſten, und die Beſorgſiſſe zu zerſtreuen ſuchen, die auf Camille's unvorſichtige Eröffnung hin, in der Seele des jungen Mannes aufgeſtiegen ſeyn könnten. St. Huruge iſt bereits nach Sevres abgegangen. Er hat den Auftrag, die Gemeinden auf der Straße nach Verſailles in Bewegung zu ſetzen, und den Wagen des Vicomte mor⸗ gen unter irgend einem Vorwand aufzuhalten, wie überhaupt alle Couriere, die nach der Reſidenz abgeſchickt werden möch⸗ ten. Der Vicomte wird, beſonders wenn der Lärm bereits ausgebrochen iſt, ſich hüten, von einer Zuſammenkunft mit den Häuptern des Anfruhrs zu ſprechen; er kann uns da⸗ gegen auf einer andern Seite vom größten Nutzen ſeyn, 78 weil er mit der Espremenil vertraut iſt, die im Hofſtaat der Königin ein großes Wort führt. Einem unbeſonnenen jungen Offizier ſind die geheimen Sünden des Hofes bald zu entlocken, und werden eben ſo viele Waffen in unſerer Hand. Wer weiß übrigens, ob nicht Dammartin gerade einſt der Seide wird, von deſſen Nothwendigkeit wir ſprachen.“ Danton lächelte ungläubig und argliſtig, indem er mit ſeinen ſtarren Augen Mirabeau's Geſicht beinah durchbohrte, und beifügte:„Wer weiß vielmehr, wozu der Vicomte etwa zu brauchen wäre, wenn der Graf von Mirabeau Luſt bekäme, ſich mit dem Hofe zu verſöhnen, und Antoi⸗ nettens Vermittlung bedürfte?“ Mirabeau maß überraſcht den unverholenen Gegner, fühlte ſich vielleicht durchſchaut, erwiederte jedoch mit der ihm eigenen, kalten Geiſtesgegenwart nur:„Sie ſind ein Elephant, Danton. Wo Ihre Pfote hinſchlägt, zermalmt ſie allenfalls, aber Ihr Kopf muß liſtiger werden, wenn er mir imponiren ſoll. Merken Sie ſich das, und laſſen Sie uns Abſchied nehmen. Ich werde alſobald nach Ver⸗ ſailles zurückkehren, und zähle auf Ihren Beiſtand.“ Sie wendeten ſich zur Verſammlung zurück, und Victor, der ſich vergebens aus Espremenil's und Camille's Geſell⸗ ſchaft hinweg und in's Freie gewünſcht hatte, war zufrie⸗ den, als er Mirabeau's Abſicht, abzureiſen und ſomit die Geſellſchaft aufzuheben, vernahm. Der junge Mann fühlte ſeine Bruſt belaſtet in einer Umgebung, deren zügelloſe Sprache ihm fremd war, und glaubte ſogar ſeine Pflichten verletzt zu haben, indem er ſo lange geblieben. Sans⸗ Regret hatte ihm zugeſchworen, ihn nicht zu verlaſſen, bis 79 ihnen vergönnt ſeyn würde, aus dem Hauſe der Arroy zu gehen; der Invalide hatte ſich hierauf mit dem Oberſten Lameth abermals in eine Unterhaltung eingelaſſen, bis die Brüder von der Verſammlung Abſchied nahmen, um ſich heimzubegeben. Camille führte den jungen St. Juſt, der gleich Desmoulins etwas von den Weinen der Tafel begei⸗ ſtert ſchien, zu Mirabeau, und ſagte zu dewſelben:„Ehe Sie ſcheiden, Held der Nationalverſammlung, ſo erlauben Sie, daß dieſer junge Mann, der aus ſeiner Provinz ber⸗ beigeeilt iſt, um Sie als Redner und Retter des Vaterlandes zu bewundern, ein Gedicht, das er zu Ihrem Lobe gemacht hat, vortragen möge. Wir alle machen dann den Refrain.“ Mirabeau ließ ſich wieder in ſeinen Seſſel nieder. An ſeiner Seite ſaß noch immer Victor und die Dame des Hauſes, die bald an den Zügen ihres Freundes, bald an denen des jungen Gardiſten mit den Blicken hing; dem Grafen gegenüber ſtand St. Juſt, bereit, das Loblied an⸗ zuhebenz Esprémenil, Lechapelier,Danton und Camille reih⸗ ten ſich um den Tiſch; am Ende deſſelben lehnte Marat, gefräßig über einen Leller voll Deſſert gebeugt und das Burgunderglas in der Hand. Sans⸗Regret's hohe Figur bückte ſich über den Stuhl ſeines jungen Freundes, und ſeine Augen ſtarrten wie in ſich ſelbſt verloren, in die Ker⸗ zen, oder ſchweiften, wie Blitze, über die Tafel. St. Juſt ſang, und jeder Vers zum Lobe Mirabeau's und der popu⸗ lären Faction wurde mit Enthuſiasmus beklatſcht, jeder Refrain mit Begeiſterung wiederholt. Da ſagte plötzlich Sans⸗Regret, mit einer Stimme, die von innerer Angſt bewegt zu ſeyn ſchien, leiſe zu dem Vicomte:„Um Gottes⸗ willen, Dammartin, laſſen Sie uns gehen. Der Teufel 8⁰ fängt an ſein Spiel zu haben, oder ich werde in der That verrückt.“ Victor drehte ſich lächelnd gegen den Invaliden, erſchrack aber vor deſſen langgezogenem leichenblaſſem Ge⸗ ſicht. Die Dame des Hauſes bemerkte ſo eben daſſelbe, ſprang mitleidig auf und rief, den Geſang unterbrechend: „Was fehlt dem armen Manne? Iſt Euch nicht wohl? Nehmt einen Stuhl!“— Victor eilte, ſeinen Freund auf ſeinen Seſſel nieder zu ziehen, und Sans⸗Regret ſaß in demſelben eine Weile, die Hände vor das Geſicht gedrückt. Die Gäſte erwarteten fchweigend die Auflöſung der ſonder⸗ baren Scene, die aber noch ſeltſamer wurde, als der Invalide, nachdem er langſam die Hände vom Geſicht weggezogen und die Augen aufgeſchlagen, mit einem Schrei zuſammenfuhr, und wieder in die vorige Stellung verfiel.„Was iſt? Was habt Ihr?“ riefen nun alle An⸗ weſenden und mehr als ein Blick wendete ſich ſcheu nach hinten, in die dunkeln Ecken des Gemachs. Sans⸗Regret aber ächzte mit jammervollen Tönen:„O mein Dammartin, bringen Sie mich weg von hier! Warum ſfind wir hierher gekommen, um mit Leichen am Tiſche zu ſitzen? Und mit welchen Leichen? Sind wir denn auf einem Blutgerüſte, daß Allen die Köpfe fehlen, uns und den Grafen ausge⸗ nommen? Deckt doch mit dem weißen Tiſchtuche die blutigen Hälſe der Uebrigen zu! Werft doch das Ungeheuer in ſeine Grube, das dort am Ende der Tafel ſitzt, ſeinen Kopf in der Hand hält, und ihm aus ſeinem Glaſe Blut in den Schlund gießt!“ Er deutete auf Marat, der ſo eben einen Burgunderkelch hinunter ſtürzte. Erbleicht wie Sans⸗ Regret ſtierten ſich die Anweſenden an, und der lärmende Scherz verwandelte ſich in eine grauenvolle Grabesſtille, 81¹ als der Invalide nach einigen Minuten wieder zu ſich kam und betheuerte, er habe alle Gäſte mit abgeſchlagenen Köpfen am Tiſche ſitzen geſehen, Mirabeau ausgenommen, der wie eine blaſſe Leiche in ſeinem Stuhle geſeſſen. Un⸗ heimliches Grauen durchſchauerte die Herren ſammt und ſonders; die Dame des Hauſes fiel in Krämpfe, und un⸗ wirſch und unzufrieden trennte ſich die Geſellſchaft. Victor begleitete ſeinen Freund nach dem Hotel der Invaliden; Camille ging ſchweigend neben ihnen her.„Schlafe wohl, armer Sans⸗Regret;“ ſagte Vietor mitleidig zu demſelben: „verträume den ſchauerlichen Spuk, den Dir wieder einmal Dein armer Kopf vorgemacht hat. Gib mir bald Nachricht von Dir und lebe wohl.“ Sans⸗Regret erwiederte, und ſeine Stimme verrieth, daß er ſeine Seelenangſt noch nicht überwunden hatte:„Wenn die furchtbare Geſellſchaft nur nicht wiederkommt! Der Gouverneur läßt mich gewiß in die Diſeiplinſtube ſperren, weil ich den Zapfenſtreich überhört habe; und dort iſt es ſo einſam: und mein Kopf wird ſo viel Muße haben, in dem finſtern Neſt ſeine Hirn⸗ geſpinnſte auszubrüten! Wenn ich nur nicht krank werde! Ich möchte ſo gerne geſund bleiben um Ihretwillen, Herr Vicomte. Es iſt eine Zeit, wo man einen guten Arm nöthiger braucht, als einen guten Kopf. Sorgen Sie, daß man mich nicht nach Bicétre zu den Wahnſinnigen ſperrt. Gute Nacht; beten Sie für mich, wenn es ſich für einen Soldaten ſchickt, und— wenn Sie es vermeiden können, gehen Sie nicht mehr nach Verſailles!“ Er riß ſich los von Dammartin, und lief ſchnell wie ein Vogel auf das Hbtel zu. Camille und der Vicomte wendeten ſich, noch 6 8² immer verſtört und ſchweigend wie Karthäuſer, dem Seine⸗ fluß und ſeinen Brücken zu, um das Hotel de Provence zu erreichen. Sechstes Rapitel. Der Zug nach Verſailles. Sans⸗Regret's Ahnung war eingetroffen. Er hatte die Nacht im Arreſt zubringen müſſen; als jedoch die neunte Stunde des Morgens ſchlug, holte ihn der Sergeant Leblane ſchnell zum Gouverneur. Der alte Herr von Sombreuil war in der heftigſten Bewegung.„Guter Freund,“ rief er dem Invaliden entgegen:„Wir wollen alle Erörterungen über Dein räthſelhaftes Ausbleiben heut Nacht vor der Hand bei Seite ſetzen. Ich bin in der gräßlichſten Unge⸗ wißheit. Nach dem geſtrigen ſtürmiſchen TDage,— denn auf allen Punkten in Paris hat es Auftritte gegeben, wie der vor unſerm Hotel,— hielt ich es für angemeſſen, meine Tochter nach Verſailles, in das Haus der Gräfin von Teſſé, zu ſenden. Vor einer Stunde ungefähr iſt ſie allein von hier weggefahren, um ihre alte Tante, die in der Straße des blancs Manteaux wohnt, und ſie nach Verſailles be⸗ gleiten ſoll, abzuholen. Nun erhalte ich jedoch die über⸗ raſchende Nachricht, daß es jenſeits der Seine, beſonders aber auf dem Greveplatz, tumultariſch zugehe. In einigen 83 Diſtrikten der Stadt ſoll man ſchon die Sturmglocke ange⸗ zogen haben. Man behauptet, der ganze Aufſtand habe zum Zweck, eine Menge Volks nach Verſailles zu entſenden, um daſelbſt alles zu ermorden, was einen edlen Namen führt, und an dem Throne hängt. Du, mein guter Sans⸗ Regret, biſt in dieſer Verwirrung meine einzige Hoffnung. Mein Amt macht mir's zur Pflicht, dieſes Haus nicht zu verlaſſen, keiner der Offiziere darf von ſeinem Poſten weichen. Ich wüßte Niemand, der an meiner Tochter mehr Antheil nähme, als Du, ihr lieber Lehrmeiſter. Ich gebe Dir Urlaub; ſuche Emilie auf; bringe ſie zuruͤck, ehe ihr Leben in Gefahr geräth. Sie hat vielleicht die Stadt noch nicht verlaſſen, denn die Tante iſt ſaumſelig. Laufe nach der Straße St. Dominique, wirf Dich in einen Fiaker; vielleicht iſt die neue Brücke ſchon fahrbar; wähle den kürzeſten Weg, und bringe mir um jeden Preis, wenn Du bis nach Verſailles eilen müßteſt, mein Mädchen zurück!“ Sans⸗Regret war gleich entſchloſſen. Wenn auch nicht Subordinatiovn ihm ſchnellen Gehorſam geboten hätte, ſo waren doch ſeine Freundſchaft für Emilie und ſeine Anhäng⸗ lichkeit für Dammartin hinreichende Motive zur Einwilligung. Lag nicht das Hotel de Provence unfern der Straße des blancs Manteaux? War es nicht möglich, daß der junge Garde du Corps Paris noch nicht verlaſſen? Ihn warnen, ihn auf ſeinen Knieen beſchwören, nicht nach Verſailles zu⸗ rückzukehren, wollte Sans⸗Regret, und dann erſt die Spur des Fräuleins Sombreuil verfolgen. So wie er war, in dem leichten Camiſol, mit der Hausmütze auf dem Kopf, lief der Invalide voll kindlicher Lebhaftigkeit über den Gartenplatz des Hauſes weg, hatte bald die Brücke, den 6 8⁴ mit Kanonen beſetzten Graben hinter ſich, ſtand, eh' er ſich's verſah, in der Dominieusſtraße, ſaß mit Blitzesſchnelligkeit in dem erſten beſten Fiaker, ſchnitt die Straße du Bae durch, rollte über die Königsbrücke, am Quai hinauf, am Chatelet vorüber, und näherte ſich dem Greveplatz. Ein wirres Getöſe ſchallte ihm ſchon von fern entgegen; die Geſtade des Fluſſes waren mit lärmenden Gruppen beſetzt; keine Kutſche konnte mehr durch das Getümmel durchkommen. Sans⸗Regret's Fiaker hielt der Kirche St. Jaques de la Boucherie gegenüber fluchend an, betheuerte, daß er nicht weiter fahren wolle, und zwang den Invaliden auszuſteigen. Vergebens bot dieſer, von dem Gouverneur reichlich mit Geld verſorgt, einen hohen Preis; der Miethskutſcher hörte nicht, ließ ſeinen Mann mitten unter dem Volkshaufen ſtehen, und fuhr eiligſt davon, um ſeine Pferde zu retten; denn ſchon von Weitem vernahm man das wüthende Ge⸗ ſchrei des Pöbels, der, vor dem Rathhauſe verſammelt, mit Ungeſtüm verlangte, daß die Kanonen herausgebracht, und mit nach Verſailles geſchleppt werden ſollten. Das Hotel de Provence lag noch eine gute Strecke entfernt: der kürzere Weg führte über den Greveplatz; Sans⸗Regret hatte keine Wahl. Mit den Ellbogen rudernd, wie ein Schiff in ſtürmiſcher See, drängte er ſich durch die raſende Menge. Ein Schauſpiel, wie er es noch nie geſehen, zeigte ſich ihm vor dem Rathhauſe. Mehrere tauſend Weiber waren hier verſammelt: Freudenmädchen des Palaisroyal⸗ in weißen Kleidern, gepudert und friſirt, Arbeiterinnen aus verſchiedenen Klaſſen in ihren Feſttagsgewändern, und Damen ver Halle, mit hochrothen Geſichtern und beinahe eine jede mit einem breiten Küchenmeſſer verſehen.— Einige aus den Weiberhaufen trugen Spieße, Beſenſtiele oder Ofen⸗ gabeln in den Händen; Andere brachten am hellen, lichten Tage Fackeln herbei, ſchwangen ſie wüthend in der Luft, und drohten das Rathhaus anzuzünden. Die Pforten des Gebäudes waren aufgerannt. Ueber die Treppen, durch die Gemächer, wirbelte das rebellirende Volk. Aus den Fenſtern des Archivs wurden ganze Maſſen Papiers auf die Straße in die Winde geſtreut; andere Schriften wurden in den Zimmern ſelbſt verbrannt, daß Flamme und Dampf zu den Fenſtern hinausſchlug. Die Schränke, worinnen das neueingeführte Papiergeld lag, waren erbrochen und beſtohlen; in allen Winkeln und Kellern des alterthüm⸗ lichen Hauſes wühlte die Neugier, die Habſucht und die Wuth, nach Geld und nach Waffen. Während dieſes im Innern des Hauſes vorging, wo ſich Niemand von der Municipalität ſehen ließ, den Abbé Lefebure ausgenommen⸗ der Schießpulver hergeben ſollte, und beharrlich läugnete, einen Vorrath davon zu haben,— während deſſen hatten einige verwegene Burſche den berüchtigten Laternenpfahl an der Ecke der Straße Mouton erklettert, und einen neuen Hängeſtrick daran befeſtigt. Eine Schar von gedungenen Aufhetzern, größtentheils in Weiberkleider vermummt, rief mit Gezeter die Namen Bailly und Lafayette, und weihte ſie dem Tode. Sans⸗Regret ſegelte durch die brüllende Fluth, ſeine Gedanken nur nach einem Ziele gerichtet, und überhörte beinahe das Angſtgeſchrei des armen Abbe's im Rathhauſe, den das Volk in ſeiner Wuth an die Gewicht⸗ ſtricke der großen Uhr aufknüpfen wollte, und den nur ein Wunder rettete. Der Invalide war glücklich über den Platz gekommen, als aus allen Gaſſen um denſelben her die 86 Bürgermiliz zuſammenſtrömte, ein Viereck um den Flatz ſchloß, und die wüthenden Gruppen in einen eingefangenen Haufen znſammenpreßte. Das Volk war ſtutzig, als es die glänzenden Bajonette gegen ſich gekehrt ſah, aber in einem Augenblicke war es wieder anders. Steine flogen gegen die Soldaten: ein Hagel von Verwünſchungen folgte ungeſäumt. Die Nationalgarden ſchämten ſich entweder, auf die auf⸗ rühreriſchen Weiber zu ſchießen, oder waren zu muthlos, dem Drang des Volkes die Spitze zu bieten. Sie wichen, und Sans⸗Regret dankte im Stillen dem Himmel dafür; er konnte ungehindert weiter vorwärts dringen, und kam an dem Hotel de Provence an, ohne daß ihm weiter etwas begegnet wäre, als hie und da ein Volkshaufe, der ihn gezwungen hatte, zu rufen:„es lebe die Nation und Mi⸗ rabeau!“— So raſtlos Sans⸗Regret's Lauf geweſen war, ſo wurde doch der arme Mann beinahe zu Stein, als er in dem Hotel vernahm, daß der Garde du Corps bereits um acht Uhr abgereiſ't ſey, und das Gerücht ſich verbreitet habe, daß eine Bande von Mördern einen jungen Offizier auf den elyſäiſchen Feldern getödtet. Ein Strom von Thränen entſtürzte den Augen Sans⸗Regret's. Eifrig jedoch in ſeiner Pflicht, ſuchte er den eignen Schmerz zu vergeſ⸗ ſen, gedachte nur des Kummers, den Sombreuil empfinden mußte, und ließ ſich von dem nächſten beſten Cabriolet, ſo ſchnell die Räder laufen konnten, nach der Straße des blancs Manteaux bringen. Auch hier war alles ſchon un⸗ ruhig. Aus den Vorſtädten, von den Boulevards lief und rannte das Volk haufenweiſe der Seine zu. Weiber mit Trommeln an der Seite ſchlugen die Reveille durch alle Gaſſen. Faſt aus jedem Hauſe kamen Mädchen oder Dir⸗ nen, um den Zug zu verſtärken. Dazwiſchen Patrouillen, hin und wieder ganze Bataillone der Nationalgarde; Trupps von Arbeitern oder Taugenichtſen aus der Hefe des Volkes, mit Meſſern, Piſtolen und Spießen verſehen. Längs den Straßen hin, eingeſprengte oder von Menſchen belagerte Bäckerläden, wo ſich die Starken der Halle mit Waſſer⸗ trägern oder Bedienten, oder mit der kreiſchenden Schar der Köchinnen, mit Auſterweibern und Gemüſeträgerinnen um ein paar Pfund Brod prügelten, und dabei die fürch⸗ terlichſten Schimpfworte gegen den König und den Maire ausſtießen. Die Weinſchenken waren nicht minder voll. Der Surdne floß in Strömen: verzerrte Geſichter blickten aus jeder Kellerlucke, und aufrühreriſche Lieder wurden ge⸗ ſungen, die Geſundheit des Herzogs von Orleans getrunken, und allen Königlichen der Tod gedroht.„Was ſchimpft Ihr vergebens? Warum ſchlagt Ihr Euch um das theure Brod?“ riefen die Agenten der Faction dazwiſchen, den Schuſter Chalandon an der Spitze:„Geht nach Verſailles! Dort ſitzt der Bäcker und die Bäckerin. Zwingt ſie, das Getraide herauszugeben, welches ſchon geladen iſt, um nach Wien geſchickt zu werden, wo die Früchte dieſes Jahr miß⸗ rathen ſind. Wollt Ihr Geld? Nehmt hier, und was Euch noch fehlt, holt nur auf dem Rathhauſe!“ Und die Thaler des Palaisroyal rollten verſchwenderiſch in die Taſchen Der⸗ jenigen, die man für geeignet hielt, das Volk aufzuwiegeln. und zu befeuern; und unter dem Trommelſchlag der raſen⸗ den Weiber wälzten ſich die Wellen des Pöbels unaufhalt⸗ ſam der Seine zu. Sans⸗Regret kam auch bei Emiliens Tante zu ſpät. Die Leute des Hauſes waren in der größten 6 1 Beſtürzung. Vor einer Stunde ungefähr, da noch Alles in dem Quartiere ruhig geweſen, waren die beiden Damen nach Verſailles abgereiſ't. Ueber ihr Schickſal konnte man nichts weniger als ruhig ſeyn, da der ſchnell entglommene Aufſtand das Schlimmſte für alle Adeligen, beſonders in Verſailles, beſorgen ließ.„Und wenn der Teufel zehnmal drinnen ſäße, und die verdammten Pariſerweiber zu eitel Drachen würden, ſo will ich dennoch meine Sendung vollen⸗ den, und das Fräulein finden, wo es auch ſey!“ rief Sans⸗ Regret, deſſen Hartnäckigkeit durch die vielen Hinderniſſe zu einer eigentlichen Tollkühnheit wurde. Immer noch daſ⸗ ſelbe Cabriolet behauptend, kehrte er zurück und ſchlug den Weg nach dem Platz Ludwigs XV. und den elyſäiſchen Fel⸗ dern ein, wo er zu erfahren hoffte, ob ſich in der That mit ſeinem jungen Freunde ein Unglück ereignet, oder ob es nur ein leeres Gerücht geweſen. Das Wetter war ab⸗ ſcheulich; ein feiner Regen, der ohne Unterlaß herabrieſelte, durchnäßte Sans⸗Regrets Kleider, und er wünſchte ſich Glück, in einem Wagen zu ſitzen, weil in dem Koth auf den Straßen kaum fortzukommen war. Die Pferde hatten Mühe, ihren ſchnellen Trott zu halten, und bald war es mit Sans⸗Regret's Glück vorbei, indem ihn die Verhält⸗ niſſe gebieteriſch zwangen, ſein beſcheidenes Fuhrwerk zu verlaſſen. Auf der Grove war kein Volkstumult mehr; die Nativnalgarde hatte ſich dort in Maſſen aufgeſtellt, und die Volkswanderung nach Verſailles bereits begonnen, un⸗ gehindert, unverwehrt. Längs den Quais, den Tuilerien zu, wogte die abenteuerlichſte Karavane. Sans⸗Regret's Cabriolet gerieth in einen der Haufen, die zur Seite ſtreif⸗ ten. Einige Weiber ieler den Pferden in die Zügel:„Wo⸗ 89 hin?“ ſchrie die erſte unter ihnen; eine Dirne aus dem Palaisroyal:„Willſt Du nach Verſailles, alter Lapin? Schäme Dich, im Cabriolet zu fahren, wie ein Ariſtokrat, während Damen bis an die Kniee in Koth waten müſſen! Steig' aus, gib mir den Arm, und begleite uns!“ Die andern wiederholten im Chorus:„Heraus! weg mit dem Cabrivlet! die Pferde her! An die Kanonen mit ihnen! Keiner darf nach Verſailles kommen, bevor wir nicht da ſind!“ Der Kutſcher wüthete und ſchimpfte wie beſeſſen; Sans⸗Regret proteſtirte zuerſt gelinde, dann wärmer, end⸗ lich ſo lebhaft, wie ein Marſeiller werden kann; alles half nichts. Das Freudenmädchen hing ſich an ſeinen linken Arm, eine Wäſcherin aus Marſeille, vergnügt, einen Lands⸗ mann gefunden zu haben, an ſeinen rechten. Unter dem leichtfertigſten Geſchwätz ging der Trupp weiter, und ver⸗ einigte ſich bald mit dem Hauptcorps. Acht oder zehn Trom⸗ melſchlägerinnen machten den Vortrab; alsdann kam der Anführer der ganzen Expedition, der Baſtillenſtürmer Mail⸗ lard, in einem alten abgetragenen Huiſſierrock, mit kurzen Beinkſeidern und Stiefeln, in der Hand einen blanken Degen: zwei der derbſten Weiber, mit Musketen bewaffnet, ehemalige Marketenderinnen, verrichteten bei dem freiwillig gewählten General Adjudantendienſte. Die eine ritt auf einem magern erbeuteten Poſtklepper, die andere ſchleppte ſich halb trunken durch den Moraſt, die Flinte auf der rechten Schulter, und mit der linken Hand ihre Röcke un⸗ anſtändig aufhebend, in deren Taſchen Laubthaler klangen, in Hülle und Fülle.„Wir brauchen kein Geld,“ ſchrie das Fiſchweib:„unſer Papa Orleans gibt uns deſſen genug. Wir brauchen Brod, und das wollen wir von Verſailles 90 holen, ſammt dem Kopf der Königin!“ Ihre umgebungen klatſchten ihr fortwährend Beifall zu, und es gab kein Schimpfwort, kein zotiges Lied, das nicht in dieſen Wei⸗ berreihen gehört worden wäre. Der ganze Haufe beſtand ungefähr aus achttauſend Weibern; in der Mitte fuhren die vom Greveplatz mitgenommenen Kanonen, mit aufge⸗ fangenen Pferden beſpannt. Auf dem Geſchütz ritten, wie auf den Pferden, die muthigſten der Weiber, coloſſale Ge⸗ ſtalten, in flatternden Hauben, weißen Schürzen, brennende Lunten und Bratſpieße, oder dergleichen Waffen in der Hand. Ein kleiner Theil der Weiber, aus Damen des Pa⸗ laisroyal oder Handarbeiterinnen beſtehend, zeichnete ſich durch einen decentern Putz aus. Dieſe Notabeln des Zugs hatten ſich in der That vorgenommen, bei dem Könige eine Deputation vorzuſtellen, leiteten, mit Maillard vereint, die Bewegungen des Haufens, und betrugen ſich im Allgemeinen weit geſitteter, als die übrigen, die ſchon errathen ließen, welche Gräuel zu begehen ſie Luſt hatten. Als ſie an die Tuilerien kamen, und Maillard den gewöhnlichen Weg nach Verſailles einſchlagen wollte, ſchrieen ſie wie aus einer Kehle:„Durch die Tuilerien! Durch den Garten der Tui⸗ lerien!“!—„Mesdames,“ antwortete Maillard,„bedenken Sie, daß die Schweizer uns den Eingang vetwehren, und, daß es ſich überhaupt nicht ſchickt, durch den Garten des Königs zu ziehen.“ Hierauf erfolgte ein Gebrüll der Wuth.„Weg mit Maillard! Wir brauchen keinen Kommandanten, der nicht thut, was wir wollen! Der Teufel hole die Schweizer! Wenn wir uns bemühen nach Verſailles zu gehen, in dem ſchändlichen Wetter wie heute, ſo kann der König Veto wohl zugeben, daß wir ſeinem Garten die Ehre unſerer Gegenwart 1 * 91 ſchenken!“ Eine der ärgſten Schreierinnen lief auf die Schild⸗ wache an dem Gitter zu, und forderte den Durchpaß. Der Schweizer verſtand den Patois der Dame nicht, merkte in⸗ deſſen wohl, daß hier nicht das Beſte im Schilde geführt wurde; er zog den Degen ſammt der Scheide aus der Kuppel, und ſtellte ſich an, als wolle er das mit einem Beſenſtiel bewaffnete Weib wie eine Katze wegjagen. Dieſer Hohn erbitterte die Gefährtinnen der Sprecherin. Maillard, eiferſüchtig, ſein Anſehen zu behaupten, und ſeine geheimen Obern zufrieden zu ſtellen, ließ ſich mit dem Schweizer in Unterhandlungen ein, und gab im Namen aller Damen das Wort, daß nicht das Geringſte im Garten verdorben werden ſollte. Der Soldat blieb ſtockig auf ſeiner Conſigne, und zog den Degen. Maillard that ein Gleiches. Die Beiden fielen aus, parierten, ohne ſich zu verwunden und gaben ein lächerliches Schauſpiel. Den Weibern riß die Geduld. Sie ſchlugen mit Stöcken und Spießen auf die Degen der Kämpfenden, daß ſie zu Boden fielen; riſſen dann den Schweizer bei den Haaren und bei den Ohren zur Erde, und ſchlugen und traten ſo lang auf ihn herum, bis er ſich nicht mehr rührte. Maillard bemächtigte ſich hierauf des Schweizerdegens, und ging, denſelben in der Linken führend, wie den eigenen in der Rechten, vor dem Zuge weiter voran. Auf dem Flatz Ludwigs XV. ſtand eine Menge Volks, und auf den elyfäiſchen Feldern ſtießen viele neue Weibertrupps zu den übrigen, die eine Menge Indi⸗ viduen mitbrachten, die ſie auf den Straßen aufgegriffen hatten: Frauen aus allen Ständen, Fromme die zur Kirche gehen wollten, Verkäuferinnen, die einen Augenblick ihren Laden verlaſſen hatten, Fräuleins, die auf dem Wege nach 92 ihrer Penſion erwiſcht worden waren, Damen, die man aus ihren Reiſewagen gezerrt hatte, wie den guten Sans⸗Regret aus dem Cabriolet, um ſie den Spaziergang nach der Reſidenz mitgenießen zu laſſen. Das Weinen, Schreien und Klagen der armen Aufrührerinnen wider Willen, bildete einen auffallenden Contraſt zu der wilden Freude des Volks, und zu dem Muthwillen, womit die Armen gezwungen wurden⸗ in den Reihen des Pöbels zu figuriren. Sans⸗Regret kam an ihnen vorbei; ſeine ſcharfen Augen ſuchten unter dem Ge⸗ wühl die Geſichtszüge ſeiner Schülerin; die Geſuchte war darunter nicht zu finden.„Wohl ihr,“ ſagte Sans⸗Regret in ſich hinein,„wenn ſie der Stadt entwiſcht iſt, bevor der Sturm völlig losbrach. Wer ſagt mir aber, ob mein jun⸗ ger Dammartin ſich eines gleichen Schickſals zu erfreuen habe?“ Da wandte er ſich plötzlich zu der Landsmännin an ſeinem rechten Arm und fragte höflich:„Kann Made⸗ moiſelle mir nicht ſagen, ob es Grund hat, daß bereits ein Garde du Corps in dieſer Gegend ermordet wurde?“— „Ich glaube es ſchwerlich, mein lieber Landsmann;“ ver⸗ ſetzte die robuſte Schöne;„die Herren ſollen ja heute erſt alle ermordet werden; ich freue mich ganz entſetzlich auf den Spektakel. So viele hundert hübſche junge Leute; Es ſoll keiner mit dem Leben davon kommen, wie es heißt. Die Königin iſt ganz raſend in das Corps verliebt, und ſoll ſchon oft in der Uniform eines Gardiſten die Caſernen derſelben beſucht haben. Sie will an der Spitze der Her⸗ ren Offiziere in Paris einreiten, und Alles in Brand ſteckenz hat ſich aber gewaltig verrechnet. Wir kommen ihr zu⸗ vor.“—„Der König iſt ein guter dummer Mann:“ nahm das Freudenmädchen das Wortz„der Herr Herzog iſt ein — 93 ganz anderes Genie. Ich war geſtern Abend dabei, wie man aus ſeinen Fenſtern Geld unter das arme Volk ge⸗ worfen hat. Die Frau Gräfin von Genlis, ſeine Gouver⸗ nante, hat daſſelbe gethan. Eine kreuzbrave Frau, die Niemand den Reſpekt verweigert. Sie iſt ſo ganz wie Unſereins, liberal und geſchminkt. Sie trägt auch eine kleine Baſtille en Medaillon, und verdiente weit eher auf dem Throne zu ſitzen, als die Oeſterreicherin. Wenn der Papa Orleans König iſt, ſo muß er ſich von ſeiner Bet⸗ ſchweſter ſcheiden laſſen, und die gute Genlis heirathen; das wollen wir im Palaisroyal ſchon machen; der dicke Papa thut uns Alles zu Gefallen.“ Ein Trupp von Män⸗ nern in Weiberkleidern ſchwärmte herbei. Die Kerle, ver⸗ mummte Laſtträger, beſtochenes Volk aus den Gardes fran- gaises, Schiffsknechte vder Müßiggänger, ſahen fürchterlich aus. Die Flatterhauben ſaßen ſchief und lächerlich auf den breiten backenbärtigen Geſichtern. Röcke von den grellſten Farben flogen um die rieſigen Formen der Burſche. Die ſennigen behaarten Arme ſahen entblöst unter den bunt⸗ geblümten Halstüchern hervor, und die nackten Füße, an welchen häufig Narben verriethen, daß ein Galeerenring daran geſeſſen, ſteckten in Holzſchuhen. Die Elenden trugen Meſſer oder ſtarke Knüppel in der Fauſt.„Es lebe Or⸗ leans!“ ſchrie einer von ihnen, der die letzten Worte der Dirne vernommen hatte:„Wir müſſen die Hpäne mit ſammt ihrer Brut umbringen; dann wird's Brod geben und Geld, ie länger je mehr. Iſt das ein Patriot, den Ihr mit Euch führt, Ihr Weiber? Der Kerl ſieht aus wie ein Invalide. Dein Name?“—„Ich bin einer der alten Amerikaner,“ erwiederte ſchlau und pathetiſch Sans⸗Regret:„ich bin der 94 Fechtmeiſter des Generals Lafayette geweſen, und habe vier⸗ zehn engliſche Marſchälle mit eigenen Händen umgebracht, um die Nation zu retten, und der Freiheit einen Dempel zu errichten. Sie haben mir in Amerika den Cordon bleu umhängen wollen, ich hab' ihn aber verſchmäht, weil ein ächter Patriot keinen Orden trägt. Heute begleite ich dieſe Damen auf Ihre Einladung nach Verſailles, oder wohin ſie befehlen.“— Die Zuhörer jubelten; das Freudenmäd⸗ chen drückte einen Schmatz auf die Wange des Invaliden; ſeine Landsmännin pries die Galanterie der Provence, und die Kerle ſchrien aus vollem Halſe:„Ruhm und Ehre allen Amerikanern! Sie meinen es gut mit der Nation, und haben Anſpruch auf die öffentliche Dankbarkeit!“— Einer der Leute gab ſich dem Invaliden als einen Derje⸗ nigen zu erkennen, die ihn am geſtrigen Tage in das Haus der Arroy geführt hatten. Sans⸗Regrets Geſicht verklärte ſich, er rief:„So kannſt Du mir vielleicht ſagen, was aus dem guten Offizier geworden iſt, der geſtern bei mir war?“—„Er wird ſchon warm ſitzen;“ antwortete der Kerl:„Papa Adam, der uns in Sevres erwartet, hat den Auftrag, den jungen Herrn feſtzunehmen, damit er uns keine dummen Streiche macht. Das weiß ich von meinem Gevatter Chalandon.'s iſt auch beſſer für den Herrn, daß er nicht in Verſailles iſt, wenn wir daſelbſt eintreffen. Er möchte nicht wohlfeilen Kaufs davonkommen. Wir, wie wir da ſind, haben uns das Wort gegeben, keinen von des Königs Leibwache durchſchlüpfen zu laſſen, und der große Jourdan hat bereits ſein Beil zu diefem Feſte gewetzt. Dort kommt er gerade heran. Urtheilt ſelbſt, ob nicht bei ſeinem Anblick die Gardiſten, alle ſammt und ſonders, davon laufen müſſen.“— Der 5 Mann, von welchem alſo geredet wurde, kam herbei, und Sans⸗Regret, der nicht leicht ſich vor etwas entſetzte, er⸗ ſchrack vor dem Aeußern eines Menſchen, der gar nicht nach Frankreich, nicht in ein civiliſirtes Land zu gehören ſchien. Seine Größe war anſehnlich zu nennen, ſein Körper mager aber ſtark gebaut, ſeine Kleidung widerlich und abenteuer⸗ lich. Er trug Sandalen mit ſtarken, ledernen Riemen an den Fuß befeſtigt, weite Matroſen⸗Pantalons, ein elendes Gilet, die Hemdermel aufgeſtreift. Um den nackten Hals wie um die bloßen Arme hing ein abgetragener Mantel, deſſen Stoff und Farbe gleich ſchlecht waren. Unter dieſem Mantel jedoch hatte er, es vor der Näſſe zu ſichern, ein hell⸗ und ſcharfgeſchliffenes Beil. Eine zuckerhutförmige, ſchwarze Filzmütze ſaß auf den ſtarrenden Haaren, und ein ungeheurer Bart, dem eines Kapuziners oder Sapeurs ähn⸗ lich, fiel über die Bruſt. Das Geſicht war ſcheußlich, und nicht leicht zu begreifen, wie ein ſolcher Menſch in Paris hatte exiſtiren können, ohne ſchon lang ein berüchtigter Ge⸗ genſtand des Abſcheus, ein bekanntes Ungethüm geworden zu ſeyn. Der Menſch hörte nicht auf, die ausgeſuchteſten Niederträchtigkeiten in ſeinen Reden an den Tag zu legen, und vermaß ſich, ganz allein ein Blutbad in Verſailles an⸗ zuſtellen, wie man noch von keinem gehört.„Wenn mein Beil ſich nicht des franzöſiſchen Volks erbarmt,“ rief er zu wiederholten Malen,„ſo iſt kein Heiliger da, der hilft. Ihr ſeyd viel zu verſöhnlich, viel zu rechtſchaffen gegen die Ariſtokraten. Wozu führt Ihr zum Beiſpiel das heulende Weibsvolk mit Euch? Man hätte diejenigen auf der Stelle niederſchlagen ſollen, die ſich nur mit einem Wort weigerten, diefe impoſante Deputation zu vermehren! Seht dort . wieder das ekelhafte Gezerr! Die Dämchen, die dort angehal⸗ ten werden, ſind auch von den Widerſpenſtigen. Die Jün⸗ gere ſieht aus wie die Polignac. Sie iſt es vielleicht; und wenn ſie es iſt, ſo laſſ' ich mir's nicht nehmen, ſie auszu⸗ weiden!“ Der gräßliche Jourdan ſetzte ſich in ſchnellern Schritt, und Sans⸗Regret folgte mit klopfendem Herzen ſeinem Beiſpiel, als er mit Entſetzen bemerkte, daß die ver⸗ meinte Polignac Niemand anders ſey, als Emilie Sombreuil. Es war auf der Straße nach Chaillot, ein Paar hundert Schritte von dem Dorf entfernt. Das Fräulein Sombreuil und ihre Tante, ſtanden niedergeſchlagen neben ihrem Wa⸗ gen, der zerbrochen in dem Chauſſeegraben lag. Sie waren dem Sturm der Andringenden preisgegeben, weil die Ein⸗ wohner von Chaillot ihre Häuſer verlaſſen oder verſchloſſen hatten, aus Furcht vor den anrückenden Pariſerinnen, deren Marſch ſchon kund geworden war. Es war ein mitleidwerther Anblick, die alte Tante zu ſehen, wie ſie frierend und durch⸗ näßt nur bebte, ohne ein Paar zuſammenhängende Worte hervorbringen zu können. Das Fräulein war muthiger; ſie weigerte ſich, der ſaubern Deputation beizutreten, viel herzhafter, als der Kutſcher ſeine Pferde vertheidigte, die man ihm unbarmherzig wegnahm; wenn ſie weinte, ſo waren es Thränen des Verdruſſes und des Zorns, die in ihre Angen traten. Ein Kreis ſchimpfender Frauen hatte ſich um ſie verſammelt. Jourdan's gräßliche Stimme, mit der er ausrief:„Das iſt die Polignae! Auf meine Ehre, die Polignac, die Kupplerin der Oeſterreicherin! Schlagt ſie doch todt im Namen der Nation ohne weitern Prozeß!“ übertäubte noch das Schelten der trunkenen Weiber. Es geſtaltete ſich ein ordentliches Verhör auf der LandLaaße, 97 dem ſich die Sombreuil fügen ſollte; als plötzlich, wie ein Schutzengel, der Invalide ſich zu ſeiner Schülerin durch⸗ drängte. Sie ſchrie auf vor freudigem Entzücken, und rief ihm zu:„Ei, wo kommt Ihr her? Doch gut, daß Ihr kommt. Seht wie unwürdig dieſes Geſindel mich behandelt! Der Pöbel iſt muthig gegen ein paar Frauenzimmer, die teine Waffen haben. Befreit mich doch aus ſeinen Händen, wenn Ihr könnt.“—„Das wird ſchwer halten, mein Fräulein;“ verſetzte Sans⸗Regret:„vor der Hand werden Sie ſich fügen müſſen, wie ich es gethan. Vor Allem jedoch kommt es darauf an, den Leuten zu beweiſen, daß Sie nicht die Polignac ſind, wofür man Sie mit Gewalt halten will. Der Name könnte Ihnen Verderben bringen.“ Er wendete ſich nun mit aufgehobenen Armen zu dem umherdrängenden Volk, und rief ſo laut er konnte:„O Ihr wackere Pariſerinnen! Euer Verſtand und Euere Delicateſſe ſind allenthalben, in ſo vielen Welttheilen als es gibt, bekannt. Man traut Euch ſo viel Witz und Vernunft zu, daß ſogar die Tyrannen aus Euerer Mitte diejenigen wählen, die ihre Kinder erziehen ſollen. Wie können Sie daher, meine Damen, nur einen Augenblick wähnen, daß dieſes Fräulein, die ich ſehr gut kenne, und für die ich bürgen darf, die verhaßte Polignac ſey? Dieſes Fräulein iſt ſchön; die Polignae iſt es nicht, oder ich müßte mich ſehr irren; dieſe Dame iſt jung, und die Polignac hat, wenn ich's recht treffe, ihre vierzig Jahre wohl gezählt! Dieſe Dame iſt eine ächte Franzöſin, und die Polignac ge⸗ hört zu der Verſchwörung in Wien. Geben Sie doch der Vernunft Gehör! Und Sie, patriotiſcher Maillard, vereinigen Sie Ihre Stimme mit der Meinigen. Ich auch bin Soldat ich weiß, welche Talente ein General beſitzen muß, 1. 7 98 und verehre dieſelben in Ihnen. Sie haben ſich bis auf den jetzigen Augenblick ſo tapfer und klug benommen, wie der große Marechal de Camp Tenophon an der Spitze von zehntauſend Männern, die doch leichter regiert werden können als zehntauſend Weiber. Sie werden die Tochter eines Collegen nicht der Gefahr überlaſſen; eines Sombreuil, der ſeinen Invaliden die Liebe zur Nation mit jedem Tage mehr und mehr einſchärft!“—„Sombreuil?“ ſchrieen mehrere Stimmen in Jourdan's Umgebung:„Die Familie conſpirirt mit den Polignaes! Hat nicht der junge Sombreuil den Julius von Polignae mit Lebensgefahr aus den Händen des Volks gerettet, das ihn zur gerechten Strafe aufknüpfen wollte? Weg mit dem Gouverneur der Invaliden!“— Dagegen bot Maillard, der geſchmeichelte Maillard, ſeinen ganzen Einfluß auf, um die Weiber anders zu ſtimmen. Es gelang ihm nach und nach. Neugierig fragten die Damen nach Sans⸗Regret's Namen und ſeinem Beruf, ſich in die Sache zu miſchen. Einige von den Männern, die ſich früher mit Sans⸗Regret unterhalten, ſprachen zu ſeinen Gunſten: „Er iſt ein alter Amerikaner, der alte Schnauzbart;“ ſagte der Eine hier.„Er hat vierzehn engliſche Marſchälle um's Leben gebracht!“ ſagte der Andere dort; und einſtimmig erſchallte darauf das Gutachten der weiblichen Jury:„Es ſoll der Sombreuil nichts zu Leid gethan werden; aber ſie muß bei dem Corps bleiben, und ſich ordentlich aufführen, deß man keinen Verdacht gegen ſie zu faſſen habe!“— Das Urtheil war unwiderruflich, keine Appellation galt. Zürnend und niedergeſchlagen ging das arme Mädchen ſeinem weitern Schickſal entgegen. Zum Unglück wurde ſie auch von ihrer Tante getrennt, die man in eine andere Rotte —,——— —— 99 verwies, wo ein Paar freche Weibsbilder mit der frommen Dame ihr Geſpött trieben. Auch Emilie war von ſolchen Prüfungen nicht frei. Ein Paar Weiber aus den Vorſtädten, vierſchrötige Geſtalten, mit unzüchtigen Geberden, Stumpf⸗ naſen und leichtfertigen ſchwarzen Augen, nahmen das Fräu⸗ lein in die Mitte:„Mußt auch einmal verſuchen, wie ſich's zu Fuße geht!“ ſagte die eine ſpöttiſch:„Man muß ſich an Alles gewöhnen, Püppchen. Die Reihe in der Kutſche zu fahren, iſt jetzt an uns gekommen. Wir gehen zu Fuß nach Verſailles, und fahren in den Caroſſen der Königin zurück.“—„Was wollteſt Du in Verſailles machen, mein Kind?“ fragte die Andere in demſelben Ton:„Haſt Du einen Liebſten unter den Gardes du Corps? laß Dir's ver⸗ gehen, mein Schatz. Mit den Herren iſt's aus. Der liebe Gott iſt gerecht in ſeinem Zorn. Der Spitzbube von Gardiſten, der mich vor einem Jahr ſammt meinem Kinde ſitzen ließ, wird auch ſeinen Lohn bekommen!“—„Ach die Männer find abſcheulich!“ ſprach die erſte lachend:„ Aber die Königin iſt an Allem Schuld. Sie hat Allen am Hofe den Kopf verrückt, und es iſt Zeit, daß der Scandal ein Ende nimmt. Wir haben kein Brod, aber auch für ſie iſt das letzte Brod gebacken.“ Eine Furie rannte herbei mit glotzen⸗ den Augen und einem Pfeifenſtummel in dem ungeheuern Munde.„Sehen Sie meine Schürze, Mademoiſelle!“ ſchrie ſie, und qualmte den ſtinkenden Tabak in das Geſicht des Fräuleins:„ſie iſt weiß wie Schnee, und ich will darin das Herzder abſcheulichen Oeſterreicherin nach Paris bringen!“— „Und ich ihren Kopf!“„Und ich ihre Eingeweide!“„Und ich ihre falſche Hand!“ ſchrieen viele beſtialiſche Stimmen durcheinander, worauf mitten im ein 100 bachantiſcher Tanz angehoben wurde, der Emiliens Ekel auf den höchſten Gipfel trieb. Sie wankte; ſie ſah ver⸗ zweifelnd nach Sans⸗Regret um, der jedoch eben beſchäftigt war, ihre Tante vor Mißhandlungen zu ſchützen. Sie wäre in Ohnmacht dahin geſunken, wenn nicht ein mitleidiger Arm ſie unterſtützt, eine wohlthuende Stimme ſie getröſtet hätte. Mit Ueberraſchung ſah ſie neben ſich ein Mädchen von ſehr gefälligem Aeußern, aus deſſen Zügen noch eine zarte Jugend ſprach, obgleich die Geſtalt gänzlich ausge⸗ bildet war.„Faſſen Sie Muth, mein Fräulein!“ ſagte die Fremde, die ſorgfältiger geputzt war als ihre Gefährtin⸗ nen:„es ſoll Ihnen nichts zu Leide geſchehen. Sehen Sie: es geht allenthalben ſo. Wenn Einige das Rechte wollen, wollen Viele das Unrechte. Ich und meine Freundinnen in den weißen Kleidern ſind erwählt worden, dem guten König Ludwig die Beſchwerden ſeiner getreuen Stadt Paris vor⸗ zutragen. Wir ſind ehrliche Arbeiterinnen; ich bin nicht ungeſchickt in der Schnitz⸗ und Vergolderarbeit. Fragen Sie nur einwal nach der Louiſe Chabri; Sie werden hören. Dabei ſind wir aber arm, und können dem König beſſer ſagen, als eine vornehme Dame, wo uns der Schuh drückt. Wir wollen auch mit der Königin reden, wir wollen ihr ſagen, daß ſie gar Vieles thut was ſich nicht ſchickt, und daß ſie manche Unarten ablegen muß, wenn ſie von uns geliebt ſeyn will. Wir begehren ja, Gott weiß es, nichts ſehnlicher, als mit dem König in gutem Vernehmen zu ſtehen. Verlaſſen Sie ſich daher auf uns, Mademoiſelle, es ſoll Ihnen bis Verſailles kein Haar gekrümmt werden, und wenn ich oder meine Kameradinnen Sie mit etwas verbinden können, ſo befehlen Sie über uns.“— Beſchämt, —— 101 und dennoch erfreut von dieſer zufälligen Begegniß ging das Fräulein Sombreuil an Louiſens Seite weiter, und gelangte mit dem ganzen Troß nach Sevres. Siebentes Rapitel. Die gefahrvolle Nacht. Maillard hatte während ſeiner Generalſchaft noch nie die Laſt einer ſolchen Würde ſchwerer empfunden, als zu Chail⸗ lot, wo ſein raſendes Corps die von den Einwohnern ver⸗ laſſenen Häuſer zum Theil erbrochen, zum Theil geplündert hatte. Der ehemalige Huiſſier bemerkte, daß eine Bande von ſiebentauſend Furien nicht ſo lenkbar iſt, wie zwei Pfän⸗ dungsgehülfen. Er hatte Alles verſucht, die Ruhe leidlich herzuſtellen, manche Individuen, friedliche Reiter, die dem Zug entgegen kamen, und nur das Unrecht hatten, ſchwarze Cocarden zu tragen, vor den drohendſten Mißhandlungen gerettet. Alle Unordnungen jedoch, die zu Chaillot vorge⸗ fallen waren, erneuerten ſich in dem Dorfe Sövres. Die an dem Regentage früh ſich einſtellende Dämmerung trug das Ihrige bei, die Unverſchämtheit der Weiber und ihrer Gehülfen zu vermehren. Häuſer wurden aufgeſprengt, Fen⸗ ſter zerſchlagen, Wein und Brod allenthalben mit Gewalt genommen, die Einwohner geprügelt, die ſich widerſetzten⸗ und der Aufſtand allgemein proclamirt. In dieſer Noth verſammelte der Anführer ſein Volk unter dem Lärm der Trommeln, und ſagte ihm mit der Derbheit, die ihn charak⸗ teriſirte:„Ihr nennt Euch Bürger, und freie Pariſer? Ihr ſeyd aber Lumpengeſindel, das mit Kartätſchen erſchoſſen zu werden verdiente, weil Ihr die Geſetze nicht achtet, und das Eigenthum nicht ſchont. So wie Ihr nicht Ruhe gebt, ſo laſſ' ich Euch im Stich, und gehe zu Lafayette zurück, der ſchon mit der Miliz auf dem Weg ſeyn muß. Dann hat Euer letztes Stündlein geſchlagen. Was des Königs Sol⸗ daten zu Verſailles nicht todtſchießen, wird den Kugeln der Nationalgarden nicht entgehen.“— Dieſe Rede machte eini⸗ gen Eindruck auf die trunkenen Gemüther. Während ſo Weiber als Männer unſchlüſſig umherſtanden, rief Maillard die Nationalgardiſten auf, die ſich unter dem Haufen be⸗ fanden. Ungefähr ein Dutzend ſolcher Leute war vorhanden. Maillard ermahnte ſie, die Sorge für die Ordnung zu übernehmen, und gab ihnen Vollmacht, aus allen Häuſern die Lebensmittel herbeizuholen, deren das Volk bedurfte, den Zug zu beſchleunigen, und für das Genommene Bons auszutheilen, die der Gemeinderath zu Paris einlöſen würde. Er reichte einen der beiden Degen, die er bisher in der Hand getragen, dem Invaliden Sans⸗Regret hin, deſſen Schmeichelei er in dankbarem Herzen aufbewahrt hatte, indem er ſagte:„Ich ernenne Dich zu meinem Generallieute⸗ nant, wackerer Veteran. Du wirſt die Subordination er⸗ halten, und ich will nicht verſäumen, Dich zur gehörigen Belohnung den Leuten zu empfehlen, die uns zu dieſem Spaziergang engagirt haben.“ Sans⸗Regret nahm ohne Widerrede die dargebotene Würde an, und durchſtreifte mit ſeiner Patrouille die Häuſer zu Sevres; ſeine Leute ſuchten —————— 20 nach Lebensmitteln, er forſchte nach Dammartin. Aus einem Hauſe unfern der Porcellainfabrik wurde ein Trupp von Menſchen getrieben, die zum Theil mit Stricken gebunden waren. Es waren harmloſe Wanderer, die ſchon am Mor⸗ gen von den ausgeſtellten Wachen des Vater Adam auſge⸗ griffen worden waren. Sie ſollten jetzt mit nach Verſailles Zeſchleppt werden. Ein Menſch in Livree, mit zerzauſ'ter Friſur und zerriſſenem Jabot, fiel dem Invaliden auf. Mit einer Art freudiger Aufwallung ſchrie er den Domeſtiken an:„He da! Tronc de Dieu! biſt Du Jehan, der Kut⸗ ſcher meines Vicomte?“ Der Diener richtete die Augen nach ihm und entgegnete:„Es lebe die Nation! Es iſt ja nicht meine Schuld, daß ich einem Adeligen diene. Hätt' ich all' das voraus gewußt, ich wäre hübſch hinter meines Vetters Ochſen geblieben! Es lebe die Gleichheit und die verkehrte Welt! Mein Herr ſitzt noch weit ſchlimmer als ich.“ Sans⸗ Regret erſchrack heftig und drang in den Burſchen, ſich zu ertlären. Jehan berichtete, daß, nachdem ſie glücklich in Stores angekommen, ein wilder Volkstrupp ihre Chaiſe angehalten, und ſie mit den Worten begrüßt habe:„Pe par le Comte de Mirabeau, Ihr ſeyd unſere Geſangene! Heute geht kein Garde du Corps mehr nach Verſailles, und wenn wir Euch Verräther nicht auf der Stelle umbringen, ſo geſchieht es nur aus Reſpekt gegen den Vater des Va⸗ terlandes!“ Hierauf habe man ihn, Jehan, in einen Keller zu dem übrigen gefangenen Gelichter geworfen, und ſeinen Herrn nach einem Hinterhauſe gebracht, wo er, nach den Reden des Volks, bleiben ſollte, bis man ihn aufhängen würde.— Soans⸗Regret wurde faſt toll bei dieſer Nach⸗ richt. Er wendete ſich an einige ſeiner Nationalgardiſten, 104 und beſchwor ſie, einen Mann zu retten, der ein beſſeres Loos verdiene, als mit den gewöhnlichen Ariſtokraten ver⸗ miſcht zu werden. Nach einigem Zaudern willigten die Männer ein, und eilten, während Jehan mit ſeinen Ge⸗ fährten zum Hauptcorps gebracht wurde, in das bezeich⸗ nete Hintergebäude. Es ſchien ganz von Menſchen verlaſſen. Stuben und Kammern waren leer. Eine einzige verſchloſſene Thüre hielt ſie auf dem Rande der zweiten Treppe auf. Sans⸗Regret klopfte heftig an dieſelbe, und die Stimme eines Wüthenden gab von innen die Antwort:„Seyd Ihr da, Ihr Mörder? Kommt heran! ich will Euch mein Leben theuer verkaufen!“—„Victor! Dammartin!“ rief Sans⸗ Regret mit ängſtlicher Beſorgniß:„Ich bin es ja, kennen Sie meine Stimme nicht? Wir kommen Sie zu befreien!“ Er riß einem ſeiner Leute die Muskete aus der Hand, und warf mit ein Paar Kolbenſtößen die Thüre zuſammen. In einer elenden Kammer, die mit vergitterten Fenſtern ver⸗ ſehen war, ſtand Victor: blaß, verſtört, aber mit fun⸗ kelnden Augen, und ſchwang wüthend ein Scheit Holz in der Hand. Die Nationalgardiſten richteten die Bajonette gegen ihn, aber es bedurfte nur eines Wortes von Sans⸗ Regret, um den jungen Mann zu entwaffnen, der mit den heftigſten Verwünſchungen ſeinem Freunde erzählte, wie man ihn mißhandelt habe.„Ich erwürge den elenden St. Huruge,“ rief er,„der mich hier auf eine meinem Rang ſo ſchimpfliche Weiſe ſequeſtrirte. So viel ich ahne, iſt das Leben meines Herrn in der dringendſten Gefahr, und knirſchend mußte ich hier meinen Arm gefeſſelt ſehen. Gib mir eine Waffe, Sans⸗Regret, und laß mich nach Verſailles eilen, damit ich mit meinen Kameraden, deren Tod man geſchworen hat, 105 ſterben kann!“—„Wir gehen Alle dahin,“ erwiederte Sans⸗ Regret mit freundſchaftlicher Beſonnenheit:„Fordern Sie jedoch keine Waffen von mir. Erlauben Sie ſtatt deſſen, daß ich Ihnen dieſen Rock ausziehe, der Sie in den Augen des Volks verdächtigen würde. Nehmen Sie dafür mein ſchlechtes Camiſol, dieſe Mütze, die Ihnen freilich nicht ſo gut ſteht, wie der Federhut, und folgen Sie mir. Seyn Sie ruhig und gelaſſen, denn die Dinge werden doch ihren Lauf haben. Ich und meine Begleiter hier werden für Sie ſorgen, bis wir in Verſailles angelangt ſind, wo ich Ihnen dann die Sicherheit einer theuern Perſon anempfehlen will. Das Fräulein von Sombreuil iſt auf eine ſonderbare Weiſe in den heutigen Volksmarſch verflochten worden. Niemand wird beſſer als Sie derſelben eine ſichere Zufluchtsſtätte ver⸗ ſchaffen können.“ Auf dieſe Eröffnung hin ſchlug Biector beſtürzt die Hände zuſammen; machte jedoch keine weitern Umſtände mehr, und fügte ſich in das Verlangen ſeines Freundes, der ſich halb entkleidete, um ſeinen Victor zu vermummen, und deſſen blauen Ueberrock wie auch ſeine Börſe an die beiden Nationalgarden gab, um ſich ihres Schweigens zu verſichern. Während dieſer Diverſion hatte das Volk einen weiten Vorſprung gewonnen. Die Dämmerung wurde immer dich⸗ ter, und vergebens ſtrengte ſich Dammartin an, die Wei⸗ berkolonnen zu erreichen, in welcher ſich Emilie Sombreuil befand. Man kam nach Verſailles. Die Zugänge zur Stadt waren von tumultuirenden Bürgerhaufen, von einzelnen Pikets der Nationalgarde, und von den Banden des St. Huruge beſetzt, der vorausgegangen war, um den Schrecken und den Aufſtand zu verbreiten. Ein hoölliſches Jauchzen 05 empfing die daher lärmende Pariſerſchar. Die Bewillkomm⸗ ten erwiederten das Geſchrei. Wie ein Heuſchreckenſchwarm verbreiteten ſie ſich in den Gaſſen der Stadt. Auf dem Platze ſtand das Regiment Flandern aufgeſtellt; beordert, die Rebellen zurückzutreiben, von deren Ankunft man erſt ſeit einer Viertelſtunde unterrichtet war. Man hatte indeſſen ſolche Befehle im Voraus geahnt, und Maßregeln dagegen getroffen. Die hübſcheſten und unverſchämteſten der Weiber liefen, Bachantinnen ähnlich, in die Reihen der Soldaten, und ſchrieen unter Gelächter und ausgelaſſenen Geberden: „Ihr werdet uns doch kein Leid thun, Ihr ſchönen Herren von Flandern? Wir ſind ja Euere lieben Freundinnen, und wenn Ihr Euer Commißbrod mit uns theilen wollt, ſo ver⸗ ſprechen wir Euch Vergnügen und Freude, wie Ihr ſie in Euerer Garniſon gewiß noch nie gehabt.“— Auf der an⸗ dern Seite verſammelte eine ſtämmige Dirne in einem ſchar⸗ lachrothen Ueberrock, die Unteroffiziere und Trommelſchläger eines Bataillons um ſich, und rief mit gellender Stimme: „Schämt Ihr Euch nicht, die Söldlinge eines römiſchen Nero zu ſeyn? Euer wahrer Vater ſitzt im Palaisroyal oder ſpeiſ't gerade in Paſſy zu Mittag. Er und die Nation ſind Eins; die Nation belohnt ihre Freunde beſſer, als der Trunkenbold von König, deſſen Geldkiſte die Oeſterreicherin lang ausgeleert hat, ſo viele neue Schlöſſer der Meiſter Ludwig auch davor legte. Wer will, wer mag? Es lebe die Nation!“ Nach jedem ſolchen Ausruf griff das Weib in einen geräumigen Korb, der an ihrem Arm hing, und theilte daraus kleine Geldpakete im Ueberfluß an ihre Zu⸗ hörer aus. Der böſe Wille der Soldaten wurde dadurch nicht gebeſſert. Sie nahmen das Geld, zerſtreuten ſich in 107 Schenken, oder blieben wie angewachſen auf ihrer Stelle; inſultirten die Offiziere und ließen ſich Flinten und Säbel von den Mänaden entwenden, die ihre Verführung mit Er⸗ folg betrieben. Auf andern Punkten des Platzes ſchrie die wüthende Menge, heiſer von Wein und Marſch, nach Brod. Es ward ihnen vom Rathhauſe zuerſt eine nichtsſagende Antwort, dann eine unbedeutende Hülfe, die der Hungrigen Begierde nur ſteigerte. Zum Unglück ſprengten einige Garde du Corps daher. Sie verſuchten mit harten und guten Worten das Volk zu zerſtreuen; keine Ueberredung balf. Ihr Anblick machte die Menge wüthender.„Geht!“ brüllte die berüchtigte Courtiſane Thervigne de Meéricourt, die Geldausſpenderin im Scharlachkleide, einem der Garden zu:„geht und ſagt Euern Kameraden, daß wir hier ſind, um ihnen die Hälſe abzuſchneiden!“ Jauchzender Beifall folgte der brutalen Aeußerung, welche den Stolz der Edelleute aufregte, und zu einigem Wortwechſel Veran⸗ laſſung gab. Da geſchah es, daß ein betrunkener Bür⸗ gerſoldat von Paris mit dem Säbel in der Fauſt zu wiederholten Malen die Reihen der Soldaten durchbrach. „Haut den Burſchen nieder!“ ſchrie ein Offizier der Gardes du Corps den Soldaten von Flandern zu. So eben ergriff eine Fauſt den Zügel ſeines Pferdes.„Savonnieres!“ rief eine Stimme aus dem Gewühl:„Retten Sie ſich! und gönnen Sie mir einen Platz in Ihrem Steigbügel, daß ich aus dem Gedränge komme 1 Savonnieres mißkannte die Stimme Dammartins, ließ ſein Pferd ſteigen und wollte mit der flachen Klinge auf die Hand herunterfahren, die ſeinen Zügel hielt. Zu gleicher Zeit ging aber in der Nähe ein Flintenſchuß los, der dem Offizier die Schulter 108 zerſchmetterte. Er fiel in die Arme eines herbeiſpringenden Kameraden. Dammartin hatte ſein Pferd losgelaſſen, denn auch ſeine Arme umſchlangen einen theuern Gegenſtand, den der Schreck an ſeine Bruſt geworfen, den er im Pulverblitz einiger folgenden Schüſſe erkannte.„Mein Fräulein!“ ſtammelte er voll Angſt und Beſorgniß, die Erſchrockene feſt an ſich drückend:„So gewährt mir in dieſem gräßlichen Woment das Schickſal die Wohlthat, die ich von ihm ſo heiß erfleht!“ Emilie erhob die blauen Augen verwundert gegen ihn, erkannte ſeine Stimme und fragte ſchüchtern: „Sie hier? In dieſem Aufzuge? Haben Sie Ihre Pflicht abgeſchworen? Doch gleichviel; Sie ſind mir ein lieber Freund, wenn Sie es möglich machen können, mich den Megären zu entreißen, die mich umgeben. Die gute Chabry iſt mit ihren Begleiterinnen auf daß Schloß zum Könige gegangen. Sie hat mich in dieſem unſeligen Gewirre allein zurückgelaſſen, wo ich meine Tante ſuche, die aber vielleicht ſchon todt vor Angſt auf der Heerſtraße zurück geblieben iſt.“— „Der Himmel wird ſie ſchützen;“ antwortete Victor: „Wohin befehlen Sie aber, daß ich Sie bringe?“ „Zu der Gräfin Teſſé. Sie wohnt in der Nähe der königlichen Marſtälle, in der Straße... mein Gott! das Entſetzen hat mein Gedächtniß ſtumpf gemacht.. 4 „Beruhigen Sie ſich. Ich kenne das Haus, und wenn wir erſt dieſem Pöbel entronnen ſind, ſo bedürfen wir nur weniger Minuten, um an das Hotel zu gelangen. Wie aber geſchwinde dieſem Getümmel entfliehen?“ Emilie, ſchnell beſonnen, dentete nach einer Stelle hin, wo ſich eine Lücke in dem dicht gedrängten Haufen ergab. Man bemerkte beim Schein der angezündeten Pechpfannen⸗ daß einige Menſchen von ſchlechtem Ausſehen mit Ellen⸗ bogenſtößen und Fußtritten einem dicken Mann in weitem Ueberrock und tief in die Augen gedrückten Hut, Bahn durch den Tumult machten. Andere aus dem Volke bückten ſich ehrfurchtsvoll vor dem fremden, dicken Mann, der zwar hin und wieder grüßte, hie und da aus ſeiner Weſtentaſche Geld ſpendete, aber eine Verlegenheit und Befangenheit verrieth, die ſich ſogar in Worten ausſprach, die er häufig und ängſtlich wiederholte:„Meine lieben Freunde! Alles iſt verloren, und es bleibt Euch nur übrig, zu den Waffen zu greifen!“— Victor und Emilie hatten ſich in die Gaſſe geworfen, die ſich vor dem Manne öffnete. Die Sombreuil war wie von einem elektriſchen Schlag erſchüttert, als ſich der Unbekannte, während ſie ſich an ihm vorbeidrängte, nach ihr umdrehte. Er drückte den Hut ſchnell tiefer in's Auge, und machte ſich eiligſt davon. Emilie zitterte immer noch wie Espenlaub, als ſie ſich mit ihrem Begleiter ſchon im Freien befand, und ſagte empoͤrt zu Victor:„Haben Sie ihn geſehen? Haben Sie ihn erkannt? der Herzog war es, der niederträchtige Vetter des beſten der Könige! Weh' uns, wenn ſeine Schandthat glückte und die Krone dann in ſeine Hände fiele!“ Viector bebte ob dieſer heftigen Aeußerung, er war doppelt beſorgt für die Sombreuil, die, aufgeregter als zuvor, weiter drang, und ihren Führer zu eilen beſchwor. Nach⸗ dem ſie einige lärmende Volkshaufen durchſchnitten, kamen ſie in die ſtillere Gaſſe, wo ſich das Haus der Gräfin Teſſé befand. Das Hotel war öde; kein Licht darinnen zu ſeben. Auf Victor und Emiliens verzweiflungsvolles Klopfen antwortete endlich nur ein Thürſteher, durch die Spalte 110 eines Fenſterladens. Die Gräfin ſammt ihrer Familie hatte ſich bei der erſten Kunde von dem hereinbrechenden Unheil mit Courierpferden nach Rambouillet begeben. Auf dieſe Nachricht wurde Emiliens Beſtürzung gränzenlos. Sie rang die Hände, ſchluchzte und nannte ſich eine dem Verderben geweihte Unglückliche.„Ich kenne Niemand in Verſailles als die Gräfin!“ rief ſie:„Da dieſe nun entfloben iſt, was ſoll ich beginnen? Ich gehe unter den Teufeln, die mich hieher ſchleppten, zu Grunde! Und meine Tante! die arme, gute Dame! wenn ich ſie wieder gefunden hätte, ſo wollte ich noch Alles ertragen. Erbarmen Sie ſich, Herr Vicomte, meines Schickſals!“ „Hier iſt ein ſchneller Entſchlus zu faſſenz“ antwortete Victor:„Die Ehre verlangt von mir, daß ich Sie in Sicherheit bringe; ſie verlangt jedoch nicht minder, daß ich mich bei meinem Corps ſtelle. Da der feige Portier dieſes Hauſes Ihnen nicht einmal auf meine Bürgſchaft hin, ein Zimmerchen öffnen will, ſo folgen Sie mir zu meiner Couſine Esprémenil. Ich ſtehe Ihnen dort für einen beſſern Empfang!“ „Esprémenil?“ fragte Emilie ſtutzend:„Eine Verwand des Parlamentsraths, der von ſeinem König abtrünnig geworden iſt, um ſich von dem Volk anbeten zu laſſen? Verzeihen Sie: müßte ich in einer Kirche übernachten, eine Sombreuil ſchläft nicht mit dem Feinde ihres Herrn unter einem Dache.“ Victor lächelte beinah unwillkührlich.„Faſſen Sie ſich;“ ſagte er, Emilien wegführend:„Die Gräfin Esprémenil iſt eine der wärmſten Freundinnen des Monarchen und erlauchten Hauſes.“ 111¹ In wenig Augenblicken ſtanden ſie vor dem Haufe des Esprémenil. Alle Cavaliere zweiten Ranges, die nicht das Vorrecht hatten, zu dieſen gefährlichen Stunden in den Gemächern des Königs zu verweilen, hatten ſich als eine galante Schutzwehr in dem Hotel Esprémenil eingefunden, da die Gräfin, leicht unpäßlich, nicht hatte bei der Königin erſcheinen können. Es wimmelte im Hauſe von Uniformen, prächtigen Hofkleidern, und glänzenden Degen. Es gab einen allgemeinen Aufſtand, als Victor in Sans⸗Regrets Camiſol und Mütze, und das Fräulein in übel zugerichteten Kleidern erſchien. Die Gräfin fuhr vom Sopha in die Höhe, wo ſie mit einigen andern Damen ſaß, und ſchrie: „Um Gottes Willen! mein Coufin, ſind Sie es? Sie ſehen ja aus wie ein Baſtilleſtürmer! Sind Sie zur Oppoſition getreten? Folgen Sie dem edlen Beiſpiel des St. Huruge, und kommen uns hier zur Capitulation aufzufordern? Es lebe die Nation! Nicht wahr meine Herren und Damen?— Wenn wir nur znſere Köpfe behalten.“ Victor verſchmähte den unzeitigen Scherz, bedauerte, ſich nicht darauf einlaſſen zu können, weil ſeine Pflicht ihn rufe, und bat ſchließlich die Gräfin um Schutz für ſeine Begleiterin.— Das Geſicht der Esprémenil verzog ſich in eiferſüchtiges Staunen, als ſie die ſchöne Tochter des In⸗ validen⸗Gouverneurs ſich vorgeſtellt ſah.— Natürlicherweiſe wurde die aufſteigende Bitterkeit von dem höflichen Tone der Convenienz unterdrückt, und ſie verſicherte der ſchönen Traurigen ihren ganzen Beiſtand, ihre Hülfe. Sie konnte es dennoch nicht über ſich gewinnen, ihren Couſin beim Weggehen nicht aufzuhalten, und ſagte zu ihm, an der Thüre des Vorzimmers, mit halb ſpöttiſchem, halb gekränktem 112 Tone:„Glauben Sie ja nicht, Dammartin, daß ich Ihnen jemals die Artigkeit vergeſſe, womit Sie gerade mir meine Nebenbuhlerin aufgedrungen haben.“ Victor wollte ſchnell antworten, bezwang ſich jedoch; zuckte die Achſeln, und eilte endlich den Weg nach dem Schloſſe einzuſchlagen. Trotz dem Regen und dem Sturme, der um die Schornſteine von Verſailles wüthete; ſtand der Schloß⸗ platz voll von gaffenden und ſchreienden Menſchen. Um größeres Unheil zu verhüten, hatten viele Privatperſonen der Stadt ſo viel Brod zuſammengebracht, als man hatte auftreiben können, und der ermüdete Pöbel ſpeiſtte und trank, und war mitten im ſchlechten Wetter ziemlich guter Dinge. In einer Straße jedoch, die an den Platz ſtieß, war Lärm ausgebrochen. Victor's Weg führte dort vorbei. Er ge⸗ wahrte eine ältliche Frau, die zum Tod erſchöpft auf einer ſteinernen Bank lag, und um welche mehrere Pariſerinnen be⸗ ſchäftigt waren. Sie wollten ihr doch nicht beiſpringen in ihrem kläglichen Zuſtand, ſondern ſie der Effecten von Werth berau⸗ ben, die ſie auf ſich trug. Die arme Ohnmächtige wehrte ſich heulend gegen die rohen Fäuſte der Weiber, die ihr die koſt⸗ baren Gehänge mit Gewalt aus den Ohren reißen wollten. Mitten unter dem Haufen ſtand, für die Beraubte Partie nebmend, Sans⸗Regret, und ſein Mund warf die Fluth ſüdlicher Verwünſchungen geläufig um ſich her, und ſeine lebhafte Geberde ſchüchterte die Gegnerinnen ein. Aus einer Schenke ſtürzte jedoch ein Kerl mit einem Meſſer in der Fauſt daher, den eines der Weiber als ihren Galan zu Hülfe gerufen hatte.„Was will der Hund von Marſeille?“ knirſchte der Kerl im Dialecte der Normandie:„In der ganzen Provence gibt es nichts als Diebe und Galeerenſclaven. 113 Heraus mit der Fuchtel, und laſſe die Weiber unge⸗ ſchoren!“— Mit einem Sprunge, wie man ihn etwa von einem italieniſchen Buffo ausführen ſieht, fuhr Sans⸗ Regret, in ſeiner Nativnalität beleidigt nach dem Degen, ſchon ſaß aber das Meſſer des Normands in ſeiner Hand. Das Blut lief, aber eben ſo plötzlich hatte Victor den elen⸗ den Meuchler nieder geworfen, und mit Füßen getreten. Der Kerl war unſchädlich gemacht; aber zehn harte Weiber⸗ fäuſte packten Victor beim Kragen, und ſchrieen nach der Wache, nach Hülfe. Vergebens wehrte ſich Sans⸗Regret im Namen ſeines Freundes. Ein Detachement der Bürger⸗ garde kam herbei, und nahm ihn, Victor und die beſtohlene Frau in die Mitte.„Par la cornette de notre Pame de la Garde!“ rief Sans⸗Regret, indem er wüthend ſein Schnupf⸗ tuch um die verwundete Hand ſchlang:„Poſtenkommandant, laſſen Sie uns doch gehen! Es iſt ja hier nur von einem betrunkenen Kerl die Rede, der mich, und den nachher mein Freund gezeichnet hat. Das Lumpengeſindel hat heute viele ſchlechte Streiche gemacht, und Ihr Milizen habt Euch nicht drum umgeſehen. Warum gerade bei uns honetten Leuten ſo ſtrenge Polizei?“— Der Offizier lockerte mit hochmü⸗ thiger Miene ſeinen Zopf, ſetzte den Hut martialiſch in das ſchwammige Bäckergeſicht, und antwortete patzig:„Par la loi! Gerade weil Ihr honette Leute ſeyd. Nieder mit den Ariſtokraten! Die Vorpoſten unſerer Kameraden, die Milizen von Paris, ſind ſchon vor der Stadt; Lafayette ſoll ſehen, daß wir auch den Dienſt verſtehen, wenn ſchon unſer Commandant eher an den Galgen gehört, als an die Spitze ſo tapferer Männer, wie wir ſind. Fort auf die i Dort wird ſich Alles finden.“—„Ich bin Garde 8 11 du Corps,“ ſagte Victor mit Stolz:„Ich muß zum Dienſt; haltet mich nicht auf.“ Der Bäcker ſchüttelte verlegen mit dem Kopf; ſein Corporal indeſſen, ein Färber, wie ſeine blauen Hände auswieſen, geſtikulirte lebhaft und meinte: „Mit dem Garde du Corps ſey es ohnehin nicht richtig, und wer vollends die Uniform nicht trage, dürfe nicht be⸗ rückſichtigt werden.“ Sein Vetv wurde grimmig von einem andern Nationalgardiſten unterſtützt, der behauptete:„Der Prinz von Poix, einer der Capitaine der Garden, ſey ihm noch die Bezahlung von zwanzig Paar Reitſtiefeln ſchul⸗ dig, und folglich ſey es an der Zeit, allen Gardiſten den Garaus zu machen.“ Der furchtbare Bäcker kommandirte alſo ein wiederholtes:„Auf die Wache!“—„Wer? Auf die Wache? Mein Generallieutenant?“ ſchrie Maillard, der mit ſeinem Stab von Fiſchweibern daher rannte:„Unter⸗ ſteht Euch, Ihr Pequins! Das iſt ein Patriot, für den ich bürge, und nur die Nationalverfammlung kann in ſeinem Proceß entſcheiden!“ Eine mißſtimmige Muſik näherte ſich. Eine Bande von Kneipengeigern kratzte die erbärmlichſten Märſche, vor einem Zuge daherſchreitend, der auf eine ſeltſame Weiſe das Wür⸗ digſte von Frankreich mit dem Unwürdigſten gepaart hatte. Die Deputation der Weiber, die mit dem König und ſeiner Gemahlin auf die familiärſte Weiſe geredet hatte, kam aus dem Schloſſe zurück, wahnfinnig vor Freude über den Em⸗ pfang, den ihnen der von der Jagd ſchnell zurückgekehrte Monarch hatte angedeihen laſſen. Mit ihnen kamen zwölf Mitglieder der Rationalverſammlung, den ehrwürdigen Präſidenten Mounier an ihrer Spitze, und gemengt mit dem Janhagel, der durch die Reihen lief, tanzte und 115 purzelbaumte. Die Chabry und die Rollin, ihre Freundinnen, brachten ein Blatt Papier, worauf der König eigenhändig verſichert hatte, daß er allen Beſchwerden abhelfen werde. Mounier und ſeine Begleiter brachten die Antwort des Kö⸗ nigs auf die Vorlegung der von der Nativnalverſammlung decretirten Menſchenrechte. Sie waren auf dem Wege zur Verſammlung. Dammartin wendete ſich an den Präfidenten, unterrichtete ihn von der unwürdigen Lage, worin er ſich befinde, wie von ſeinem Stande, und bat ihn, zu befehlen, daß man ihn loslaſſe, wie den armen, verwundeten Sans⸗ Regret.„Was wollen Sie, daß ich thue?“ antwortete Mounier achſelzuckend:„Sehen Sie nicht, daß die Hölle losgelaſſen iſt? Mirabeau und ſeine Faction haben heute den Sieg. Es wundert mich, daß die Böſewichter mich nicht in der Verſammlung ermordet haben. Dem General La⸗ fahette und ſeinen Adjudanten hat der Tod wiederholt gedroht. Ein Befehl von mir würde nichts fruchten. Geben Sie mir jedoch Ihren Arm, und Ihr Begleiter halte ſich an meinem Mantel. Ich hoffe, Sie die wenigen Schritte nach der Verſammlung zu bringen, wo Sie alſobald ſicher und frei ſeyn werden.“—„Unterſtützen Sie dieſe Dame, Herr Prä⸗ ſident;“ erwiederte Sans⸗Regret:„Die Tante des Fräuleins Sombreuil hat mehr Anſprüche auf Ihren Schutz, als ich armer Teufel.“ Victor hatte nicht ſobald den Namen des Frauenzim⸗ mers gehört, als er ihr ſchon ſeine Unterſtützung anbot, und ſie, wie ein Sohn die Mutter, zur Verſammlung ge⸗ leitete.— Welch' ein Anblick that ſich ihm an den Schran⸗ ten derſelben auf? Es waren nicht ſehr viele Mitglieder in der ſtürmiſch drohenden Nacht ſ Die 116 Bänke der Deputirten boten große Lücken dar, die indeſſen von einer Art von Beiſitzern angefüllt waren, wie man ſie noch nicht in dieſem Saal geſehen hatte. Die erhitzten und betrunkenen Weiber hatten ſich unter die Stellvertreter der Nation gemiſcht. Man hörte aus ihrem Munde die abſcheu⸗ lichſten Ausdrücke, die ungeſittetſten Redensarten; viele der Abgeordneten hatten ſich mit Verachtung von ihnen gewen⸗ det; andere, wie Robespierre und ſeines Gleichen, hörten ihnen mit Freundlichkeit und Wohlwollen zu. Mirabeau hielt eine donnerde Rede, die er jedoch abkürzen mußte, um dem Pöbelgeſchrei Raum zu geben. Sogar neben dem Vicepräſidenten, dem Biſchof von Langres, hatten die Da⸗ men der Halle Platz genommen, und ſpotteten und höhnten den Prälaten aus, der Alles mit einer bewunderungswür⸗ digen Ruhe ertrug. Was wäre aber zu thun geweſen? Die Verſammlung war in der Gewalt der rebelliſchen Wei⸗ ber. Ihre Kanonen ſtanden vor dem Hauſe, ihre Mord⸗ gehülfen füllten die Gallerien. Das Volk ſchmauſ'te mit der ekelhafteſten Gefräßigkeit auf den Tiſchen der Verſamm⸗ lung. Tabaksqualm und Weindunſt verpeſteten den Saal. „Das iſt nur unſer Vesperbrod;“ ſchrieen ein Paar Fu⸗ rien:„Wir wollen mit der Königin zu Nacht ſpeiſen, ſie zwingen, ein Stück Schwarzbrod zu verſchlingen, ihr dann den Hals umdrehen, und ihr Herz zum Deſſert verzehren.“ Die Agenten der Faction Orleans ſteigerten noch durch ihrs brutalen Schimpfworte die Wuth der Rebellen, und die Verwirrung war allgemein, als Mounier mit ſeinen Be⸗ gleitern in den Saal trat.„Wenn der Präſident keine befriedigende Antwort bringt,“ ſchrieen die Ungeheuer,„ſo iſt nichts Anderes mit ihm zu thun, als ihn am Kronleuchter aufzuhängen!“ Mouniers Rede, des Königs Verſiche⸗ rungen, und der Jubel, womit die Weiber⸗Deputation ihren Empfang ſchilderte, des Königs Handſchrift vorwies, und erklärte, ſie werde in den Wagen des Königs ſelbſt, noch in dieſer Nacht nach Paris zurückkehren, verwandelten die Stimmung des Volks in eine friedlichere. Kurze Zeit nachher kam Lafayette mit ſeinem Staabe, die Abgeordne⸗ ten der Nation zu begrüßen, und die Hyänenſtimme des Pöbels ſchwieg einen Augenblick vor den Waffen der Bür⸗ gerſoldaten. Mounier benützte den Umſtand, um auf die Freilaſſung ſeiner Schutzbefohlenen anzutragen. Ein Wink Mirabeau's war hinreichend, dem Befehl des Präſidenten Kraft zu geben. Er hatte den jungen Garde du Corps an den Schranken erkannt, trat zu ihm, und ſagte ihm leiſe: „Sagen Sie Ihrer Couſine, daß der heutige Auftritt nur ein ſchwaches Vorſpiel der Volksbewegungen iſt, die ſich entwickeln werden, wenn der Hof nicht Vernunft genug be⸗ ſitzt, den Arzt zu wählen, der allein helfen kann.“ Victor ſah den Grafen kaum an, antwortete ihm nicht, und verließ mit der Tante Sombreuil und ſeinem Invaliden das Haus. Als ſie das Lager durchſchritten, welches der Pöbel vor dem Sitzungsſaale gebildet hatte, und in der ruhiger gewordenen Straße ſtanden, befahl Victor ſeinem Freund, die Tante in Esprémenil's Haus zu bringen. Dann ſagte er ſeinem Sans⸗Regret Lebewohl, um nach dem Hotel der Garden zu eilen. Der Invalide hielt ihn bekümmert noch einen Augenblick auf und ſprach:„Sie glauben nicht, wie ſchmerzlich mir der Abſchied heute von Ihnen wird; Sie werden ſehen, daß morgen ein böſer Tag iſt. Lenkte doch der Himmel Ihr Herz, daß Sie eine Wahl ergreifen 118 möchten, wie ſie von der Zeit verlangt wird. Wär' es mir doch vergönnt, Ihnen ein Schutzengel werden zu dürfen! Aber ich bin nur ein armer Kerl, den der ſchurkiſche Cider⸗ ſäufer heute völlig zum Krüppel gehauen hätte, wenn ſein Meſſer tiefer gegangen wäre.“ Da er nun ſeufzte, und mit einem weinerlichen:„Kommen Sie denn in Gottes⸗ namen!“ der Tante höflich den Arm reichte, ſo ſagte auch Victor gerührt im Scheiden:„Wie der Himmel will, mein Alter. Sey das Leben verloren, nur nicht die Ehre! Sollte morgen auch meine Todesſtunde ſchlagen, ſo denke mein in Liebe und Frieden; und Sie, gnädige Frau, ver⸗ ſichern Sie Ihrer liebenswürdigen Nichte, daß ſie mein letzter Gedanke geweſen auf Erden, und daß es mir wohl thut, vor meinem Scheiden etwas zu ihrer Zufriedenheit vermocht zu haben.“— Hierauf ſchieden fie. Achtes Rapitel Der ſechste October. Vierzigtauſend Mann Nationalgardiſten von Paris waren mit Lafayette in Verſailles eingerückt. Es war, als ob ihr Erſcheinen das glücklichſte Ergebniß herbeigeführt hätte: die Ruhe ſchien hergeſtellt. Der wüthende Pöbel ſchien zu ſchlummern. Er ſchmauſ'te in den Schenken, oder hatte ſich in Kirchen und auf Plätzen gelagert. Im Schloſſe war 1¹9 —— Alles ſtill. Auf Lafayettess Ermahnen hatte der allzugute König einer ſtarken Abtheilung der ehemaligen Gardes frangaiſes mehrere der wichtigſten Wachtpoſten eingeräumt, und ſeine getrene Leibwache, mit Ausnahme eines einzigen Schloßhofes in das Innere zurückgezogen. In dem Hotel der Gardes du Corps war große Verſammlung. Ein Theil vom Generalſtaabe der Pariſer Nationalgarde hatte ſich daſelbſt die Gaſtfreundſchaft erbeten, und viele der Edel⸗ leute machten ihm an einer reichbeſetzten Tafel die Honneurs. Im Inſpektionsſaale fanden ſich dagegen alle diejenigen ein, die beſtimmt waren, am früheſten Morgen ihre Kameraden im Schloſſe entweder abzulöſen oder zu verſtärken. Sie ſtanden Alle ernſt und ſtill in einem Kreiſe; der frivole Spott, die leichtſinnige Drohung, waren von ihren Lippen verſchwunden. Das finſtere Auge ſah mit einiger Beklem⸗ mung in die Nacht, die einen blutigen Tag gebären ſollte. Victor war unter den hier Verſammelten. Der Herzog von Guiche, einer der Kapitäns der Leibwache, trat nicht ohne Bewegung in die Mitte ſeiner Untergebenen.„Meine Herren,“ ſagte er:„Der Herr Major folgt mir auf dem Fuße, um Ihnen die Befehle Sr. Majeſtät zu überbringen. So wenig ſich dieſelben vielleicht mit Ihren jetzigen An⸗ ſichten und den Erwartungen eines Soldaten zu vereinbaren ſcheinen möchten, ſo brauche ich Sie doch nicht zu erinnern, daß es der König iſt, der dieſe Befehle gab, und daß wir ihm in Allem zu gehorchen geſchworen haben.“ Der Herzog trat mit ſeinen Lieutenants in eine Ecke des Saals, während ſich die Gardiſten beſtürst anſahen, ohne daß einer gewagt hätte, ſeine Vermuthung dem andern mitzutheilen. Deshuttes allein, der neben Victor auf ſeinem Säbel lehnte, ſagte dieſem heimlich:„Weißt Du, daß der arme Savonnieres ſterben wird? Möchte es ſeyn, wenn man ſich noch auf ein Avancement zu freuen hätte; aber mir kommt es vor, als ob der nächſte Morgen uns Alle in ewige Penſion ver⸗ ſetzen würde.— Sage mir nur,“ fuhr er noch leiſer zu Victor fort,„was Du in aller Welt in Paris getrieben und angeſtellt haſt? Du ſtehſt in einem Verdacht, den man Dir ſchon begreiflich gemacht hätte,— mit Arreſt oder dergleichen— wenn wir nicht in dem Brouillamini ſäßen, das keinen Arm ſo leicht entbehren läßt.“ Victor wendete ſich fragend zu dem Sprecher, als der Major Dagueſſeau von der Garde du Corps hereintrat, die Thüre hinter ſich zuwarf, und im vollſten Unmuthe zu dem Herzog von Guiche und zu den Offizieren ſagte: „Können Sie ſich die Unwürdigkeit des Grafen Deſtaing denken? Er, der General⸗Kommandant aller Truppen in Verſailles, der Schloßhauptmann, deſſen Kopf für die Ruhe des Monarchen bürgen ſollte, hat ſich ganz ruhig zu Bett gelegt, und befohlen, daß man ihn vor ſieben Uhr nicht wecke!“ Alle Offiziere theilten den Zorn des Chefs. Der Major wendete ſich dann mit ſeiner gewöhnlichen Grandezza an die Gardiſten und ſprach:„Sr. Majeſtät der König gibt Ihnen, meine Herren, den gemeſſenen Befehl, auf den Wachtpoſten, die Sie ſogleich beziehen werden, in völliger Ruhe auszuharren, nicht den Säbel zu ziehen, keinen Schuß zu thun, es möge Ihnen begegnen, was da wolle. So iſt der Wille des Königs.“— Auf eine lange Stille folgte ein lautes Gemurmel. Ein Brigadier mit grauen Haaren und dem Ludwigskreuze ſagte in grollendem Tone:„Das heißt mit andern Worten: der König will uns an die 12¹ Schlachtbank liefern. Der Pöbel, der uns haßt, ſoll uns erwürgen! Hab' ich darum vierzehn Schlachten mitgekämpft, um von der Pike eines Rebellen den Tod zu finden, oder im Strange an irgend einem Laternenpfahl?“— Der Gardiſt Varicvurt entgegnete:„Alles für den König, Herr Briga⸗ dier. Wir wollen unſerm unglücklichen Herrn gehorchen, wenn wir auch den ſchmählichſten Tod vor Augen ſehen.“— „Bei alledem iſt es doch traurig, ein unverſuchtes Krieger⸗ leben an eine Räuberbande zu ſetzen!“ bemerkte Vietor verdüſtert und ergrimmt.— Der Major drehte ſich raſch gegen ihn und ſagte mit durchbohrendem Spott:„Sie haben wohl am Wenigſten zu fürchten, Herr Vicomte. Sie ſind muthig in die Fußſtapfen der Gardes Frangaiſes ge⸗ treten, und wen die Piken der Empörer verſchonen werden, wiſſen Sie am beſten.“ Victor blickte ſtaunend auf. Die Augen ſeiner Kamera⸗ den hingen theils neugierig, theils drohend an ihm, und der Major fuhr geringſchätzig, aber dennoch bedeutend fort: „Es thut mir leid, meine Herren, Ihnen anzeigen zu müſſen, daß ſelbſt in Ihr geachtetes Corps, welches ſtets einen Ruf behauptete, wie einſt der tapfere Bayard, die Faction den Samen der Revolte und der Verſchwörung geſtreut hat. Einer Ihrer Kameraden hat ſich an die Mirabeau und Aiguillon, an die undankbaren Lameth und Lafayette ange⸗ ſchloſſen. Von den Wohlthaten des Hofs aufgefüttert, hat er ſie alle vergeſſen, und der Verſchwörung beigewohnt, die den heutigen Tag herbeiführte. Die Zeit der Unter⸗ ſuchung iſt noch nicht daz doch wird nach hergeſtellter Ruhe das Licht nicht ausbleiben. Wehe dann dem Schuldigen. Wenn auch die Langmuth des Monarchen ihm vergäbe, ſo 122 3 muß ihn doch die Schmach ſeiner That bis in die Dunkel⸗ heit verfolgen, wohin ihn die Verachtung ſeiner Kameraden verweiſen wird.“—. Dagueſſeau ging auf den Herzog von Guiche zu. Victor ſtand wie ein Marmorbild. Deshuttes klopfte ihm auf die Achſel, und ſagte:„Das gilt Dir, Vicomte. Rechtfertige Dich doch zum Teufel, oder Du biſt infamirt.“ Victor näherte ſich raſch dem Major und redete ihn an. „Sie ſcheinen mir die Ehre rauben zu wollen;“ ſagte er ernſt und dringend:„erklären Sie ſich, Herr Major, oder erlauben Sie mir, den Schimpf mit Ihnen auszumachen, wie es einem Cavalier geziemt.“ „Wenn es mir auch genehm wäre, einem jungen Menſchen zu erlauben, ſeine erſten Waffen an mir zu verſuchen,“ verſetzte der Major,„ſo müßte doch wenigſtens nicht der Verdacht der Ehrloſigkeit auf ihm haften.“ „Allons, Friede, Herr Vicomte!“ ſchaltete der Herzog von Guiche ein:„thun Sie noch einmal die Wache, und fordern Sie dann, ich rathe es Ihnen, Ihre Entlaſſung.“ Ein unwilliges Gemurmel lief durch die Reihen der Gardes du Corps. Sie traten einige Schritte von Dam⸗ martin zurück. Victor rief verzweiflungsvoll:„Ich ahne, welch' unſeliges Mißverſtändniß mich hier an den Pranger ſtellt. Hält man mich jedoch für ehrlos, ſo bin ich ſchon jetzt unwürdig, in meinem Corps zu dienen, und muß ſus⸗ pendirt werden, bis die Weisheit des Königs meine Sache entſchieden hat.“ „Ja! ja; er hat Recht; ſo will es die Ehre!“ riefen die Gardes du Corps.— Der Major erwiederte mit ruhiger Gelaſſenheit:„In meinem Namen liegt ſchon die Garantie, meine Herren, daß ich den Vicomte nicht mehr auf die Liſte getragen haben würde, wenn der König es nicht aus⸗ vrücklich befohlen hätte. Seine Majeſtät hat ſelbſt alle Diejenigen ihrer Leibwache namentlich bezeichnet, welche die Ehre haben ſollen, Sie heute in Ihrem Palaſte zu bewachen. Alſo von der Sache des Vicomte nachher, meine Herren. Herr Kapitän, kommandiren Sie zum Abmarſch.“ Es geſchah. Die Garden begaben ſich ſtill und in Ord⸗ nung nach dem Schloſſe. Sie trafen ihre Kameraden auf den Poſten. Deshuttes und Moreau erhielten den ihrigen in dem zweiten Schloßhofe. Der andere war von den fran⸗ zöſiſchen Garden beſetzt. Auf der großen Treppe wurde Victor und Varicvurt aufgeſtellt. Die Uebrigen des Kom⸗ mando's waren in den Gallerieen und Vorzimmern ver⸗ theilt, und ein kleines Reſervepiket hielt ſich in dem Saal der Garden. Die Nacht war ſtill; Alles in der Nähe ruhig. In den weiten Gängen des Schloſſes hörte man nichts als den Schritt der auf⸗ und niedergehenden Schildwachen. Nur aus der Ferne ſchallte der Geſang eines trunkenen Pöbels, der an einer Straßenecke ein Feuer angemacht, dabei einige am Abend erſchoſſene Pferde der Gardes du Corps gebraten hatte, und ſich damit gütlich that. Woher die Sorgloſigkeit der Schloßbewohner mitten in der dro⸗ hendſten Gefahr? Woher der leichtſinnige Schlummer auf einem convulſiviſch zuckenden Vulcan? Das Schickſal hatte ſeine Würfel geworfen. Der König, deſſen Krone ſchon in den Klauen ſeiner Feinde war, ſchlief ruhig, weil Lafayette geſagt hatte, daß er ſchlafen dürfe. Und auch Lafayette ſelbſt ſchlummerte; ſeine Vierzigtauſend ſchlummerten mit ihm, aber der fürchterliche Dämon wachte, der die 124 Monarchie zerreißen und den kommenden Tag mit Blut beſpritzen ſollte. Die Stimmung Victors und ſeines Wachtkameraden auf dem Abſatz der großen Treppe war ſehr düſter. Dam⸗ martin bebte noch vor Grimm über die erlittene Beleidi⸗ gung: Varicvurt dachte an ſeine Braut. Der arme Menſch ſollte in einigen Tagen mit königlichem Urlaub nach ſeiner Provinz reiſen, um ſich mit einem liebenswürdigen Mäd⸗ chen auf ewig zu verbinden, und als Major bei dem Re⸗ gimente Tvuraine-Infanterie einzutreten. Auf der Schwelle des Glücks ſtehend ſah er jetzt nur mit Beſorgniß die Vor⸗ boten einer drohenden Kataſtrophe, die ſich bereitete, mit eiſernem Fuß große und kleine Intereſſe zu zermalmen. Ungeduldig gingen die beiden Gardiſten aneinander lauf und nieder, Victor murmelte Verwünſchungen, Varicourt ſeufzte, und nahm, ein ächter Muscadin, häufig zu ſeinem Riechfläſchchen ſeine Zuflucht. Endlich ſtieß er das Gewehr auf, ſah nach den großen Fenſtern empor, und ſagte: „Dem Himmel ſey Dank, daß ſchon der Tag am Horizont bleicht. Wir ſind hier dem erſten Anlauf bloßgeſtellt, und ich erwartete von dieſer Nacht nichts Gutes. Doch wird's gnädig vorübergehen, glaub' ich jetzt.“ „Vielleicht;“ erwiederte Victor:„doch hätte ich mir aus dem Sterben nichts gemacht, ſeit der Marquis Dagueſſeau mir die Mißhandlung angethan, die ich ihm nie vergeſſen werde.“ „Pah! es wird Ihnen leicht ſeyn, ſich zu rechtfertigen. Es wird mich freuen, in der Provinz zu hören, daß Sie Ihre Verläumder zu Paaren getrieben haben. Ich und Deshuttes nehmen gewiß den redlichſten Antheil an Ihnen. 125 —— Es iſt Schade, daß wir Beide gerade uns von Ihnen tren⸗ nen müſſen. Deshuttes geht nach der Bretagne ab, um ſeine ſiebenzigjährige Mutter zu pflegen, die ſich nach ihm ſehnt. Er thut heute den letzten Wachtdienſt, wie ich. Uns wird leicht ſeyn, wenn wir Verſailles hinter uns haben. Sollten Sie glanben, daß wir geſtern unſer Teſtament machten? Gott ſey Dank, noch wird man uns nicht beerben.“ „Ich wünſche Ihnen Glück;“ verſetzte Victor finſter und zerſtreut:„Ich verliere an Ihnen gute Freunde. Wenn noch vollends Durepaire abginge, ſo hätt' ich Niemand Vertrauteren beim Corps.“ „Ach, der arme Durepaire! Wiſſen Sie, daß er in die Königin ſterblich verliebt iſt? Die Leidenſchaft des armen Teufels iſt ſo ziemlich am ganzen Hof bekannt. Er mit Dreien ſeiner Kameraden haben ſich geſtern gegenſeitig das Wort gegeben, die Königin mit Gefahr ihres Lebenst zu ſchützen, wenn die Pöbelcanaille in der Nacht eineni Streich ausführen ſollte. Gottlob! dieſer Bund war unnoͤthig.“ Man hörte von ferne Trommeln. Die Wachen in den entlegenen Theilen des Schloſſes riefen ſich an. Victor ſtutzte. Gleichgültig ſagte Varicourt:„Die Pariſer Miliz ſchlägt Reveille.“—„Wenn uns nur die Reveille nicht gilt,“ meinte Victor, und ſpannte mechaniſch den Hahn ſei⸗ ner Muskete. „Wie meinen Sie das? Sie werden doch nicht glauben, daß am hellen Morgen ein Sturm auf's Schloß gewagt werden würde? Ein einziger Schuß reichte ja hin, um das Geſindel auseinander zu treiben.“ „Recht, Freund Varicourt! Wir dürfen aber dieſen Schuß nicht thun.“ In dieſem Augenblick klangen mehrere Stimmen durch das Gitter des Hofs. Die ſchallenden Gewölbe der Treppen brachten die Worte zu den Ohren der Gardiſten.„Macht auf! Im Namen der Nation!“—„Geht Eurer Wege,“ erwiederte die Stimme Deshuttes:„wir dürfen nicht auf⸗ machen. Ihr habt im Schloſſe nichts zu thun.“—„Ihr galonirten Schufte! Glaubt Ihr, daß wir um des Spaßes willen gekommen ſind?“—„Ha! ich bin verwundet!“ rief Morcau, Deshuttes Nebenmann:„Der Schurke hat mich mit einem Bajonett verwundet!“ „Hören Sie, daß es uns gilt?“ ſagte Victor zu dem erbleichenden Varicourt:„wer weiß, ob unſer Teſtament nicht heute gültig wird!“ Moreau lief keuchend aus dem Hof über die Treppe. Sein Arm blutete.„Der Pöbel von Paris ſteht wieder bewaffnet an den Thoren des Schloſſes:“ ſchrie er außer ſich;„man benachrichtige den Major! Wir müſſen Ver⸗ ſtärkung haben!“ Er lief wieder in den Hof zurück. Vari⸗ court ſprang nach dem Gardenſaal. Herr von Chevannes, ein Offizier der Leibwache, und Kommandant des Poſtens im Oeil de Boeuf, kam dem Rufenden verſtört und blaß entgegen. Ihn begleiteten einige Gardiſten.„Haltet Euch gut!“ ſagte er:„aber wehrt Euch nicht, ſo will's der König!“—„„Lehren Sie uns doch das Manveuvre!“ ent⸗ gegnete Victor mit wilder Haſt. Der Offizier zuckte die Achſeln, und ging mit ſeinen Leuten dem Hofe zu. Ein entſetzliches Geheul, das in der Nähe losbrach, hielt ihn auf der Schwelle zurück. Deshuttes ſchrie mit ſeiner Löwen⸗ 127 ſtimme:„Alles iſt verloren! Die Schurken von Gardes frangaiſes haben den Pöbel durch ihr Gitterthor hereinge⸗ laſſen. Herbei, Kameraden! Hier gilt's ſiegen oder ſterben!“ Die Gardes du Corps wollten ihren Gefährten zu Hülfe eilen, aber Chevannes befahl den Rückzug über die Treppe nach dem großen Saale. Knirſchend gehorchten die Gar⸗ diſten dem Befehle, und ließen mit Wehmuth ihre Brüder als eine Beute des Pöbels zurück. Der Tiger verfehl'e ſie auch nicht, dieſe Beute. Mit cannibaliſchem Geſchrei ſtürzte die Maſſe des blutdürſtigen Volkes auf den unglücklichen Deshuttes, der es unternahm, wie ein Ajar dem Feind entgegen zu treten, und dem verwundeten Moreau die Flucht zu ſichern.„Es lebe der König!“ war ſein letztes Wort, und ſchon lag er hingeſtreckt unter den Piken der Wütheriche von Paris. Victor, den Angſtſchrei des Freundes hörend, ſtürzte wie raſend in den Hof. Sein erſter Blick ſiel auf das Ungeheuer Jourdan, das ſchon mit dem Beile Des⸗ huttes Kopf vom Rumpfe getrennt hatte, und einem An⸗ dern zuſchleuderte, der das bleiche Haupt auf einen Spieß erhöhte.„Wollen Sie nicht verloren ſeyn, ſo eilen Sie mit mir!“ brüllte der verzweifelnde Moreau, und riß den Vicomte mit ſich in den Pallaſt, die Treppe hinan. Vari⸗ cvurt war ſchon an der Thüre des großen Saales. Victor feuerte ſein Gewehr gegen die Verfolger ab, die mit ver⸗ zerrten Geſichtern die Stufen heraufſtürzten. Miomandre de St. Marie, einer der tapferſten Gardiſten, kam aus dem Oeil de Boeuf mit einigen andern; warf ſich dem Volk entgegen und ſchrie:„Freunde! was haben wir, was hat der König Euch gethan, daß Ihr in einem Pallaſt ihn er⸗ würgen wollt?“ Ein tauſendſtimmiger Fluch und mehrere 128 Piſtolenſchüſſe waren die Antwort des wüthenden Geſindels. Einige bewaffnete Weiber fielen den Gardiſten an, und zerrten ihn bei den Haaren ihren Mördern entgegen. Nach einer verzweiflungsvollen Gegenwehr gelang es Victor, den Bedrohten der Gefahr zu entreißen, und ihn in das Vor⸗ zimmer der Königin zu ſchleppen, wo ſich mehrere Getreue verſammelt hatten. Die Thüren wurden zugeworfenz; ſie wider⸗ ſtanden aber nicht den wüthenden Stößen der Angreifer. Als die Flügelpforten einſtürzten, ſchrie Alles im Saale:„Rettet dic Königin!“ und die Gardiſten flohen nach deren Zimmern. Varicvurt, wie ein Träumender, folgte ihnen langſam. Dam⸗ martin ſah ſeine Gefahr; er umſchlang ihn mit den Armen, um ihn fortzuziehen. Die Stürmenden waren jedoch in hellen Haufen eingedrungen.„Tod den Gardes du Corps:“ johlte ihr Mund, und in den Armen Victor's erhielt Varicvurt einen Schuß in die Bruſt. Schaudernd ließ der Vicomte den Röchelnden niederſinken, und ſah, durch die Thüre entweichend, wie ihm das Schickſal des unglücklichen Des⸗ huttes wurde. In den Gemächern der Königin war die Beſtürzung grän⸗ zenlos. Mit einem leichten Mantel bekleidet, hatte die Fürſtin gerade ihr Lager verlaſſen, um zum König zu flie⸗ hen, wohin ſchon der Dauphin getragen worden war. Wäh⸗ rend Miomandre allein, die Muskete vorhaltend, dem bar⸗ bariſchen Haufen widerſtand, und zum Lohne durch einen“ Kolbenſchlag zu Boden geſtreckt wurde, hatte die Königin im Corridor nur der Tapferkeit Durepaire's zu danken, daß ihr Leben nicht unter den Dolchen einiger Räuber ſiel, die ihr zufällig begegneten. Sie ſtürzte athemlos in das Oeil de Bveuf, worinnen ſich mehrere Gardes du Corps 42½ verſchanzt hatten.„Rettet mich! rettet mich, meine Freunde!“ ſchrie ſie mit herzzerreißender Stimme:„Rettet meinen Gemahl, der vielleicht jetzt in ſeinem Schlafzimmer ermor⸗ det wird!“—„Wer folgt mir, um den König zu befreien?“ rief Victor mit edler Begeiſterung, und eilte nach der Thüre, durch welche Ludwig gerade hereintrat. Der Fürſt war an⸗ gegriffen, aber die paſſive Standhaftigkeit, die ein Grund⸗ zug ſeines Charakters war, verläugnete ſich auch hier nicht. „Gott ſchützt Sie, Madame;“ ſagte er zu der Königin: „Die Meuchelmörder ſind in Ihrem Gemache, und durch⸗ bohren Ihr Lager mit tauſend Dolchſtichen, weil Sie ſelbſt ihnen durch ein Wunder entgangen ſind.“—„Wo iſt mein Sohn?“ fragte Marie Antvinette, mit verſtörten Augen um ſich ſehend. Das Glück lächelte der Mutter. An der Hand der Frau von Tourzel kamen die königlichen Kinder in den Saal. Ihnen folgte, mit Schrecken, aber auch mit begeiſterter Ergebenheit in den Zügen, eine Anzahl von Damen: unter ihnen die Esprémenil und das Fräulein von Sombreuil. Sie hatten ihre Wohnungen verlaſſen, und waren durch die Seitenpforten in den Pallaſt gedrungen⸗ um mit der geliebten Monarchin jedes Schickſal zu theilen. „Unglückliche Königin!“ riefen die Frauen:„Fliehen Sie! Wir haben in den Gängen des Schloſſes den Herzog von Orleans geſehen, wie er Ihren Mördern den Weg zu Ib⸗ rem Gemach wies. Unter dem Geſchrei: Es lebe unſer König von Orleans! ſtürzten die Ungeheuer dahin!“— „Fliehen Sie, Madame!“ verſetzte der König mit Heftig⸗ keit:„Ich werde bleiben, und durch meinen Muth die Ruhe herſtellen.“— Der Graf D'Eſtaing erſchien mit 1. 9 130 einem wahren Armenſündergeſichte.„Und Sie konnten zugeben, daß man uns ſo beſchimpft?“ zürnte die Königin ihm entgegen, der zitternd erwiederte:„Ich komme, Sie und den König zu retten. Am Gartenthore halten einige Kutſchen auf meinen Befehl. Folgen Sie mir dahin!“— „Ohne meinen Gemahl?“ fragte die Königin.—„Gehen Sie, Madame;“ verſetzte dieſer:„Sind Sie und die Kinder fern, werde ich beſonnener handeln.“ Es fielen einige Schüſſe im Schloß. Neues Geſchrei. Ferne Trommeln. Lafapette's National⸗Miliz zog langſam auf dem Schloßplatze auf. Einige Kammerdiener eilten herbei. Thierry, der des Königs, rief:„Es iſt die höchſte Zeit! Der Ausweg nach dem Garten iſt noch frei; denn die Barbaren plündern allenthalben im Schloſſe. Fort nach Trianon!“—„Nach Trianon!“ wiederholte Alles, und Chevannes betheuerte im Namen ſeiner Leute, daß er den Saal bis auf den letzten Blutstropfen vertheidigen werde, um den Majeſtäten den Rückzug zu ſichern. Die Königin wurde mit leidenſchaftlicher Theilnahme von ihren Damen fortgezogen; mehrere Gardes du Corps, unter ihnen Victor, begleiteten ſie freiwillig durch die Gänge. Der Zufall brachte den Vicomte an die Seite Emiliens.„Und Sie konnten ſich in ſolche Gefahr begeben?“ ſagte er mit zärtlichem Vorwurf zu ihr. Sie ſchlug ſchnell ihr heldenmüthiges Auge zu ihm auf und erwiederte:„Dieſer Tag iſt mein glück⸗ lichſter, weil ich Sie als den Vertheidiger des Königthums wiederfinde.“—„Sie nehmen Theil an mir?“—„Die Dankbarkeit hat mich Ihnen verpflichtet.“—„Ich Unglück⸗ licher! nur die Dankbarkeit?“—„Die Treue, wenn Sie 131 wollen. Dienen Sie Ihrem Herrn immer heldenmüthig wie jetzt, und zählen Sie auf meine Treue.“— Vietor, überraſcht von der Seligkeit eines ſolchen Geſtändniſſes, ſchlang im Gedränge ſeinen Arm um Emiliens Leib. Sie entzog ſich ihm, aber ihr Blick ſprach Verzeihung und die Verheißung zukünftigen Glücks. Sie ſtanden am Gartenthvyre, die Caleſchen ſollten beſtie⸗ gen werden. Das Getöſe der Räuber tönte nur von ferne herüber. Die Flucht ſchien ſicher. Da erklingen plötzlich Waffen. Eine zahlreiche Patrouille der Verſailler Miliz eilt herbei. Der Offizier befiehlt den Wachen, das Thor nicht zu öffnen.„Die Königin will's!“ riefen Antvinettens Begleiter.„Und ſo wahr ich Sallé heiße, ſo wird die Königin das Schloß nicht verlaſſenz“ antwortete der Offi⸗ zier hochmüthig:„Begeben Sie ſich zurück, Madame. In ſolchen Zeiten der Unruhe ſind Sie beſſer zu Verſailles auf⸗ gehoben, als ſonſt irgendwo. Die Revolution iſt nun einmal da, die ſtärkſte Heldin von allen, die ſogar ſagen darf: Napporte de nouvelles lois, japporte oe nouveaux fers. Napporte de nouveaus rois à Taveugle univers!— darum, verfügen Sie ſich in Ihren Pallaſt zurück.“— Die Bajonette der Nationalgarden kehrten ſich gegen die Flücht⸗ linge. Die Königin, ihre Majeſtät behauptend, wehrte den Gardes du Corps jeden Widerſtand.„Der Mann lehrt mich meine Pflicht;“ ſagte ſie ruhig:„meine Stelle iſt beim König, und ich will ſie nicht mehr verlaſſen. Merken Sie ſich aber, meine Damen,“ ſetzte ſie hinzu, da ſie ſich ſchon umgewendet,„wie tragiſch oft der Zufall 2 Ich habe einſt jenen ſchlechten Schauſpieler in der Rolle des Polp⸗ phont ausgelacht, und er vergilt mir's jetzt mit wucheriſchen Zinſen!“ Als ſie nun die Stufen wieder hinaufſtieg, wankte trotz aller äußern Ruhe der von innern Stürmen erſchüt⸗ terte Körper, und ſie ſchien ohnmächtig zu werden. Victor, ihr am nächſten, bot ihr den Arm. Die Königin ſah ihn an, erlangte wieder plötzlich Stärke und Hoheit, trat einen Schritt zurück, und ſagte kalt und trocken:„Nicht mit Ihnen, Herr Vicomte. Ihr Arm möchte treulos ſeyn, wie Lameth's.“ Sie ſchritt an ihm vorüber. Victor blieb vom Donner gerührt, zurück. Er ſah gleichgültig zu, wie ſich die Frauen entfernten, und ſprach dann verzweiflungsvoll zu ſich ſelbſt: „Hat auch hier die Schlange ſchon gebrütet? Und ſoll ich ein Leben noch länger behalten, das ſo öffentlich ehrlos gemacht iſt?“ In einen Winkel der Treppe gedrückt, ſetzte er mechaniſch die Muskete zu Boden, um ſich die Kugel durch die Bruſt zu jagen. Da tönte wieder näher das Getümmel des wahnfinnigen Volkes, und ſchnell beſonnen, rief er:„Beſſer iſt's für den König zu ſterben, als ſich ſelbſt den Tod zu geben!“— Somit eilte er wieder hinauf in's Schloß, wo er im großen Saale ein gräuliches Blut⸗ bad zu finden dachte.— Es war indeſſen anders gekommen. Grenadiere der Pariſergarde hatten ſich den Eingang zu den verſchanzten Gardes du Corps verſchafft, und frater⸗ niſirten lärmend mit ihnen. Sie vertauſchten ihre Mützen mit den Hüten der Leibwache; riefen der letztern ein Lebe⸗ hoch und ſchworen, ſie gegen jeden Angriff fortan zu ver⸗ theidigen. Sans⸗Regret, unter den Grenadieren befindlich, 3 ſprang mit lautem Jauchzen an die Bruſt ſeines jungen Freundes.„Par notre Dame de la Garde!“ ſchrie er toll vor Freude:„Sie ſind lebendig? So wollt' ich doch gerne um dieſen Preis die Hand verloren haben! Freuen Sie ſich! Lafahette ſtellt allenthalben die Ruhe wieder her. Seine Leute jagen mit Kolbenſtößen das Geſindel aus dem Schloſſe. Er ſelbſt hat mit beiſpielloſer Aufopferung mehrere Ihrer Kameraden gerettet, die auf dem Paradeplatz aufgehängt werden ſollten. Es lebe der amerikaniſche Held!“ So eben trat Lafahette, erhitzt und bleich, mit mehreren Repräſentanten des Volls dem König entgegen, der, von ſeiner Familie umgeben, aus ſeinem Cabinet kam.„Ihre Majeſtäten ſind gerettet;“ ſagte der Marquis mit republi⸗ kaniſcher Zuverſicht:„Um jedoch das Volk ganz zu beruhigen, muß ſich ihm der König auf dem Balcon zeigen.“ Ein fürchterliches Gebrauſe wie von Meereswellen ſtieg vom Schloßplatze auf.„Der König! wo iſt der König? Wir wollen den König ſehen!“ riefen viele tauſend Stimmen. Ludwig ſchritt gegen den Balcon zu. Angſtvoll hielt ihn die Königin zurück. Er machte ſich männlich von ihr los, und trat allein vor das Volk. Verwünſchungen und Vivat⸗ ruf donnerten in die Lüfte bei feinem Anblick. Er wollte ſprechen; man vernahm ihn nicht.„Gnade, für meine Gardes du Corps!“ rief der Monarch mit Thränen in den Augen, als eine plötzliche Stille erfolgt war.„Es ſey! Pardon für die Gardes du Corps!“ antwortete das leicht bewegte Geſindel, aber in demſelben Moment hoben die Cannibalen ihre blutigen Säbel und die Spieße in die Höhe, worauf die Köpfe der gemordeten Gardiſten ſteckten. Beſtürzt von dem Anblick zog ſich der König, die Hand vor die Augen haltend, zurück. Die Menge jauchzte ihm mit wilder Ausgelaſſenheit nach:„Die Königin heraus! Wir wollen ſie ſehen! Die Königin ſehen! Sie ſoll unverzüg⸗ lich kommen!“ Bei dieſem Geſchrei ſah Marie Antoinette den Gemahl fragend an. Er las den Schrecken in ihrem Auge, und das ſeinige ſuchte Rath auf den Geſichtern Lafayette's und der Deputirten.„Es iſt das einzige Mittel!“ meinte der Marquis achſelzuckend.„Wohlan denn!“ rief die Königin:„ſollt' es mein Tod ſeyn, ich will auch noch dieſes thun!“ Sie trat mit dem Dauphin auf den Altan. Alle Herzen ihrer Begleiter und Freunde ſchlugen ängſtlich; ſie fürchteten einen meuchelmörderiſchen Schuß. Das wüthende Geſchrei:„Keine Kinder! Weg mit den Kindern!“ bewill⸗ kommte die Fürſtin, die ſtarr und weiß wie eine Bildſäule es litt, daß Lafayette ihren Sohn entfernte. Sie duldete einige Augenblicke lang das Gaffen, Gelächter und Höhnen des Volkes, und ſagte dann nur zu dem rückkehrenden Lafahette:„Sprechen Sie ſtatt meiner ein paar Worte, weil die Leute verlangen, daß ich rede. Ich weiß nicht, was ich dieſen Menſchen zu ſagen hätte.“ Da machte der Marquis eine Bewegung der Hand und der Sturm ſchwieg. Alsdann rief er mit lauter Stimme:„Die Königin ver⸗ ſichert Euch Ihrer Liebe. Wenn ſie etwas gethan hat, das Euch mißfällt, ſo geſchah es nur, weil man ſie getäuſcht hat. Heute jedoch hat ſie ihr gutes Volk kennen gelernt, und wird ſich nie wieder von ihm trennen.“— Das Volk ſchwieg; und der verlegene Lafayette küßte die Hand der vernichteten Königin, ſah dann im Kreiſe umher auf die r — 35 Leute, die unter den Thüren des Balcons ſtanden, zog raſch den Vicomte Dammartin aus dem Kreiſe, drückte ihn mit affektirter Rührung an die Bruſt, und heftete ihm ſeine eigene Nationalcocarde, die er vom Hute rieß, auf die Uniform, mit den Worten:„Friede alſo, meine Mitbürger! Es lebe die Nation! der König! die Gardes du Corps!“ Nun brach ein Beifalltoſen aus, das in der ganzen weitläufigen Stadt gehört wurde. Die Pariſermilizen und das Geſindel brachten ein Vivat nach dem andern, ſich ſelbſt, dem König und der Feibwache. Die Grenadire der Miliz trugen den von Lafayette geſchmückten Dammartin auf ihren Gewehren unter das Volk, wo ihn Bachantinnen umtanzten, und blutbefleckte Hände bekränzten, während der Pöbel in einer andern Straße den guten Perruquier Criſpin zwang, die Köpfe der geſchlachteten Gardes du Corps geſchmackvoll zu friſiren und zu pudern. Da begann eine einzige Stimme unter dem Haufen, ausgehend von einem zerlumpten Kerl:„Nach Paris! der König nach Paris! Gleich heute nach Paris!“ Sechzig tauſend Stimmen brüllten dieſen Ruf nach, und Ludwig willigte ein. Die Anſtalten, die nun zu dem Zuge getroffen wurden, der den gefangenen König und ſeine Familie nach Paris führen ſollte, das Getümmel, welches der Ordnung vhran⸗ ging, erlaubte dem Vicomte, den Liebkoſungen des Pöbels zu entrinnen, der ſich mit dem Blute ſeiner Kameraden beſpritzt hatte. Er eilte auf ſeinen Poſten; er ſtellte ſich ſeinem Kapitän vor, und meldete ſich unter Denen, die den König nicht verlaſſen wollten. Der Herzog von Guiche wendete ihm jedoch ſpöttiſch den Rücken und ſagte mit tiefer 136 Verachtung:„Der König entläßt Sie, Herr Vicomte. Ein Mann, der ſich von Lafayette's Händen ſchmücken ließ, und zum Hohn der Monarchie eine abgeredete Comödie mit dem Pöbel ſpielte, iſt fortan unwürdig, die Schwelle des Königs von Frankreich zu bewachen.“ Wie Victor von dem Herzog geſchieden, wie er herunter auf die Straße gekommen,— er wußte es nicht. Wie ein Schlaftrunkener oder wie ein Berauſchter, lehnte er an einer Ecke des Schloßplatzes und ſah gleich wie im Traume den ſcheußlichen Triumphzug des Volkes an ſich vorübergleiten: die raſſelnden Kanonen, die tanzenden Furien, das hohn⸗ lachende Volk, die Banden der Nationalmiliz, die blutigen Köpfe ſeiner Freunde, die Wagen des Königs und ſeines Gefolges, und der ſiegreich blickenden Repräſentanten, die Pferde des Corps, zu dem er nicht mehr gehören durfte, und den langen Troß von Mördern, die blutlechzend wie ſie gekommen waren, fortzogen mit den ſcheußlichen Trophäen ihres Triumphs. Schon lang war der Zug vorüber und Verſailles ſtill geworden wie das Grab, da beugte ſich ein wohlbekanntes Geſicht über das ſeine, und an Sans⸗Regret's Bruſt lag ſein Haupt, und in das Herz Sans⸗Regret's legte er ſeinen Kummer nieder.—„Und Du verzweifelſt?“ fragte der Invalide beſorglich.„Ein Dammartin verzwei⸗ felt? Der Augenblick iſt gekommen, wovon ich ſprach. Du haſt der Nation Dein Leben und dieſe Zierde, die noch auf Deinem Rocke ſitzt, zu danken. Lafayette's Umarmung hat Dich zu einem Befreier Frankreichs geſtempelt. Laß dahinten die Ritterſporen und pflücke von der Eiche den Kranz; vergiß eine vermoderte Monarchie, die Deinen Eifer 137 in den Staub tritt, um einem Volke anzugehören, welches verdient, frei zu ſeyn, und Deine Opfer für die Freiheit zu belohnen weiß!“ Da ging es weit in Victor's Buſen auf, und vor ſeinen Augen lag nicht der Schloßplatz von Verſailles, ſondern das einſame Schlachtfeld, wo ſein Vater für die Freiheit geblutet, und daneben eine breite Laufbahn, an deren Ziel die Lorbeern des Ruhms winkten. Er drückte raſch des In⸗ validen unverwundete Rechte, warf die weiße Cocarde von ſich, befeſtigte die vreifarbige auf ſeinem Hute, und eilte an der Seite ſeines Freundes der Hauptſtadt zu⸗ wo die Fahnen gines neuen Kriegergeſchlechtes aufgepflanzt waren. Ende des erſten Theils. 10* i Erſtes Das Feſt der Gardes du Corps. Zweites Der dritte Oetober. Drittes Das Boudvir einer Hofdame. Viertes euet Das Hotel der Invaliden. Fünftes„ue Der Clubb der Verſchwornen. Sechstes ue Der Zug nach Verſailles. Die gefahrvolle Nacht. Achtes Kapitel. Der ſechste Oetober. Siebentes Seite. 20 82 101 118 —— 2