Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 3 Eduard Oktmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Ceih- und eſebedingungen. 1 Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: S für wöchentlich Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 3 Monat: 1 Wr.— Pf. 1 M. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Trefunz, hohe Straße, am Schneckenthor, Nummer 24, den 15. Januar 1850. „Geneigteſter“ Leſer, geneigteſte Leſerin! Wenn ich hiermit meiner„ſämmtlichen Schrif⸗ ten“ Vorrath dem verehrten Publikum um den koſtenden Preis hinaus gebe, ſo iſt das nur die Folge der unaufhörlichen Beſtürmungen des Herausgebers. Meine Beſcheidenheit hätte noch lange gewartet, konnte ſich indeſſen auf die Länge der Zudringlichkeit nicht erwehren. Der Herausgeber hatte natürlich ſeine Urſachen, zu⸗ dringlich zu ſeyn. Wer weiß auch nicht, wie es in unſerer Zeit mit ſelbigen Literatur⸗ und No⸗ vellenſchreibern ausſieht? Mit ihren eigenen Federn Luſtige Geſchichten I. 1 geht's nicht mehr, darum ziehen ſie vor, ſich mit fremden zu ſchmücken. So hat mein Heraus⸗ geber gar nichts dagegen, wenn ich ihm ein paar Bände in ſeinen Kram liefere, und dafür die Honneurs beziehe, während er das Honorar ein⸗ ſtreicht.— Ich arbeite freilich nur für die Ehre — als Schriftſteller. Als Spezereier— als Ko⸗ lonialwaarenhändler, will ich ſagen— thue ich anders. Wo's Geld gilt, bleib' ich bei meinem Leiſt. Meine Dilettantenfreuden jedoch in Me⸗ moiren, Weltanſchauungen und Menſchenkenner⸗ ſchaft ſollen nur dem Publikus zu gute kommen. In all dieſen Artikeln liefere ich eine große Aus⸗ wahl, fein appretirt, etwas Ausgezeichnetes, ja noch nie Dageweſenes, unerhört Billiges— ein General⸗Ausverkauf von Lebenserfahrungen und Geſchichten probhaltigſter Aechtheit... geradezu geſchenkt, auf Ehre und Seele. Ohne mich zu berühmen, will ich nur verſichern, daß ich nicht eitel bin— bien au contraire— aber dennoch war ich freudig erſtaunt, da ich gedruckt geleſen, was ich geſchrieben, und wenn ein ſichres Faktum iſt, daß am Ende doch Alles, was gut, trefflich, kourant, und eminent iſt,(um deutſch zu reden) der Ungunſt der Zeit zum Trotz ſcharf begehrt ſey, und preishaltend bleiben wird, ſo erſuche ich den„Geneigteſten“(und die„Geneigteſte“) mich von dieſem Standpunkte aus zu beurtheilen, und ſich nicht von dem General⸗Beifall, der mir gebührt, und den mir die ganze Leſewelt mit harm⸗ loſer Freude, ohne Abzug zollen wird, irre machen zu laſſen. Und nun— nach dieſem Vorwort mit be⸗ kannter Hochachtung: W S 6 1. Theophil Langenſtrick, gen: Grand-Fusil. — * I. Abenteuer zu Flätz. Indem ich, geneigter Leſer, dieſe„Aufzeich⸗ nungen aus dem Leben eines geborenen Touriſten“ beginne, fällt mir ein Witz ein, den ich gleich loslaſſen muß. Nämlich das Reiſen iſt ein wah⸗ res Alterthum von einer Gewohnheit, denn Adam ſchon iſt aus dem Paradieſe ausgeriſſen!— Geneigteſter, wie gefällt Ihnen das? Hätten Sie, edler Leſer, dergleichen ſtolzen Humor hinter mir geſucht? Hinter mir, der ich ſo manches Jahr hindurch in Herzeleid„gemacht,“ mit Traurigkeit gehandelt?— Ich bin alſo, deutſch geſagt, ein paar Jahre für ein Haus gereiſt, das hauptſächlich„en articles de deuil“ Geſchäfte machte, und bin unter anderm auch einmal, mit meinem Muſterkiſtchen in den Eilwagen geſtiegen, der von meiner Reſidenz nach Flätz abzugehen pflegte. Wie der„Geneigteſte“ noch aus der Schule weiß, ſo liegt das Fürſtenthum Flätz unter dem Grade K des Aequators, zwiſchen dem großen und kleinen Bären mitten inne, und die mitter⸗ nächtliche Abweichung der Magnetnadel iſt dort unbedeutend, das klimaxiſche Verhältniß gemäßigt. Das Land Flätz hat zwei Meilen in ſeiner ſüd⸗ lichſten Länge, und anderthalb Stunden in ſeiner nördlichſten Breite. Es wird abgetheilt in das Niederland und in's Hochrevier: das erſtere leidlich kultivirt und mit der Hauptſtadt Flätz verſehen; das letztere eitel Gebirg und Wald, worinnen ein fürſtlich Jagdſchloß und ein paar im Forſt vergrabene Dorfneſter mit viel Schmutz und wenig Kaufmannsſinn. Der wilde Strom„Katzengang“ trennt das Nieder⸗ vom Oberland und vice versaz an wel⸗ chem„Katzengang“ diejenige Vorſtadt von Flätz be legen, die ſowohl in Chroniken als im Volks⸗ mund unter dem bedeutſamen Namen„Bhüt' Gott“ bekannt iſt.— Ich nenne eben nur mißbräuchlicherweiſe, weil nach uraltem Brauch, das Land Flätz ein Fürſten⸗ thum. Der berühmte Weltumſegler Jean Paul, geborner Richter von Wunſiedel, hat es als ein ſolches entdeckt und in die Geographie eingeführt. — Seitdem aber Fürſt Irenäus, der Großvater des Fürſten Klaudius und nach demſelben der Fürſt⸗Enkel Klaudius ſelber mit tödtlichem Hin⸗ tritt, aber ohne Nachtritt von direkten Leibeserben zur ewigen Ruhe einzugehen allerhöchſt geruht haben, ſind zwei Reiche ausdem einen gemacht wor⸗ den, und zwar unter ganz eigenen Vermittelungen und Betitelungen, Verhältniſſen und Geltniſſen. Der neue Beherrſcher des Niederlands Flätz und ſehr weitläufiger Neffe der verewigten Durch⸗ laucht, der Fürſt Petrokis, war einmal in walla⸗ chiſchen oder moldauiſchen Staatsämtern geweſen, und hatte ſich, in dankbarer Erinnerung an jene glückſeligen Zuſtände, bei ſeinem Regierungsantritt zu einem„Hoſpodar“ von Riederflätz befördert. — 8 Der Regent des Hochreviers dagegen, Juſſuf der Erſte, gleichfalls ein höchſt⸗ ja äußerſthöchſt⸗ weitläufiger Neffe der verewigten Durchlaucht, der einſt bei der Hohen Pforte als hoher Militär geſtanden, hat die Würde eines Dey und Bey von Oberflätz angenommen. Die Dey⸗ und Beyſchaft und das Hoſpodariat befinden ſich, was das Volk angeht, im beſten Einverſtändniſſe; nur die Fürſten mögen einander nicht riechen, wie man zu ſagen pflegt, leben trotzig geſchieden, einer hüben, der andere drüben, und thun ſich ſo viel Tort und Dampf an, als ſie nur können, unbeſchadet der Völkerrechte und der Flätziſchen Conſtitutivn. Ich habe dieſen kleinen Konkurs in der Erd⸗ beſchreibung gemacht, um dem„Geneigteſten,“ der vielleicht nicht viel gereiſt iſt, einen gewiſ⸗ ſen Vorſchmack von dem Lande zu geben, das ich bereiſen wollte, als ich, wie oben bemerkt, in den Eilwagen ſtieg, der die Gewohnheit hatte, von meiner Reſidenzſtadt nach Flätz abzu⸗ gehen.— Ich war mißſtimmt, ſonſt nicht mein Fehler. Ich bin ſonſt mit Witz und Heiterkeit geladen, und in Geſellſchaft ſtets zum Losgehen bereit, woher mir auch der Cerevis⸗Name„Grand-Fusil“ gekommen, den mir die Kameraden in Lyon bei⸗ gelegt haben. Meine beträchtliche Leibeslänge hat daran keinen Theil, obſchon das von Leuten, die nur; an der Oberfläche kleben, behauptet worden. Alſo: ich war mißgeſtimmt, und das war be⸗ greiflich, da einige mit meinem Hauſe ſehr ver⸗ wickelte Häuſer wackelten, und von ihnen bereits Eines umgefallen.— In ſolcher Mißſtimmung dennoch hielt ich am Anſtand feſt, und grüßte, melancholiſch zwar, indeſſen würdig und verbind⸗ lich— den jungen Mann, der ſchon im Coupé ſaß, und mein Reiſenachbar bis nach Flätz bleiben ſollte.— Wer auf meine Artigkeit kaum mit einem leichten Kopfnicken antwortete, war derjenige junge Mann, ein ſprechend Ebenbild des finſtern Verdruſſes und bärbeißiger Inſichſelbſtzurückgezo⸗ genheit.— Jedennoch dachte ich:„Unſer Herr⸗ — gott hat allerlei Koſtgänger!“ und drückte mich, das Auge zumachend, in meine Ecke.— Nur kein Aergerniß nicht, und keine Feindſchaft auch nicht. Das iſt mein Wahlſpruch. Dergeſtalt ſchlief ich ein,— eine meiner harm⸗ loſen Lieblingsneigungen, die den Wermuth des Abſchieds, den Staub der Reiſe und die Erregung der Ankunft glücklich neutraliſirt. Mit ſolcher Lieblingsneigung verbinde ich in⸗ deſſen die Gewohnheit, aufzuwachen, ſobald der Wagen ſtill hält; alſo wenigſtens immer auf der Station; was für allerlei ſehr zweckmäßig. Ich habe jedoch nicht die Gewohnheit, auf jeder meiner Reiſeſtationen einen empfindlichen benagelten Stiefelabſatztritt auf die Zehen meines linken Fußes zu empfangen, wie mir auf jener Reiſe nach Flätz von Seiten meines Conpénach⸗ bars einer beim erſten Anhalten des Wagens zu Theil wurde. Potz Giulay! war das ein Tritt! Es war ein Glück, daß mein brummbäriger Nachbar gerade im Ausſteigen begriffen; ja noch mehr: daß ich, da er wiederum einſtieg, bereits — 5 — 11— kälter geworden. Es hätte anſonſt Unheil abſetzen können. Ich heiße nicht umſonſt Grand-Fusil, bin ſtets geladen, alleweil zum Losgehen. Dennoch hierauf betrachte ich mir den Com⸗ pagnon ſo verſtohlen ein wenig näher, und zwar aus dem Winkel des Auges. Der Mann ſah aus... wie ſage ich nur? wie eine Alvepille, wie ein rebelliſcher Bandwurm, der in ſeinem tief⸗ ſten Verſteck moleſtirt wird... wie ein flüchtiger Bankerottirer—(NB wie einer, den man auf der Flucht ertappte; ſonſt ſind ſie gewöhnlich bei guter Laune, dieſe flüchtigen Herren)— wie ein Kerl, der zum Galgen geführt wird... graus⸗ lich, horribel, terribel, parole dhonneur. Das Geſicht jung, aber verzerrt; Zähne: knirrſchend; Schnauzbart: malitiös; Augen: eines hungrigen Tigers; Haar: wild und ſchwarz unter der grauen Reiſemütze hervorſtarrend.— Hände: voll von Fingern, und dieſe voll von Ringen; etwas roth(die Hände). Anzug: fein, ſtaubfarbig mit ſchwarzer Weſte und Atlas⸗Shlip; geſprenkelte Bukskinbeinkleider, äußerſt modern, ja das mo⸗ dernſte. Burnus, ganz ächt; Kamaſchen: engliſch. Stöckchen und Parapluie: erſte Sorte, das Neueſte im genre. Handſchuhe: Pistache, Fabrik von Annonay— ich kenne das. Der Mann hat etwas mir bekanntes, mir ver⸗ wandtes... dennoch iſt er grauslich; die ſtille Bosheit und Impertinenz in Fleiſch und Blut, kein Wort mit ihm zu ſprechen. Und deshalb, und während meiner Betrachtungen ſchlafe ich wieder ein.— Die zweite Station. Ich öffne die Augen.. mir ahnt und ſchwant allerhand... richtig ein dito Fußtritt auf mein Hühnerauge.„Himmel⸗ element!“ fahre ich auf:„Glauben Sie denn,* ich ſei ein Mann von Stein, von Holz, von Bronze, Sapperment? Glauben Sie, ich werde mich ſtationsweiſe von Ihnen treten laſſen? Mort de Pieu! sang de Dieu! tonnerre de Dieu!“ Der„Geneigteſte“ glaubts villeicht nicht;... aber wahr iſt's: Der Kerl gab zur Antwort nur einen ſcheelen Blick und ging in's Wirthshaus und conſumirte— ein Glas Waſſer. — Solche Frechheit kühlte mich ab. ſolche Un⸗ verſchämtheit wurde mir merkwürdig, lächerlich. Ich erwartete den Grobian mit nobler Ruhe, und ſah ihn von oben herab an, da er vor dem Wagen ſtand, um wieder einzuſteigen.— Der Einſtieg ging ohne Tritt ab. Und, in ſeiner Ecke angelangt, that der Nachbar ſeinen Mund auf, und ſagte auf gut deutſch:„Wenn ich Ihnen beleidigt habe, ſo geb' ich Ihnen Sa⸗ tisfaxion; verſtanden?“ Nach einer ganz geringen Erſtaunung verſetze ich:„Hm, haben Sie Familie? eine Gattin? mehrere Kinder? Verwandte? Ich kann denſelben Trauerflöre und Pleureuſen anticipando billigſt, zum koſtenden Preis ablaſſen. Verſtanden?“ Er blitzte auf.„Reden Sie mir nicht von Familie, Kindern und Gattin, ſonſt ſchwör' ich Ihnen zu, daß Sie morgen nicht mehr auf Erden zu Mittag eſſen... Sie Sie Recht geſcheidt von ihm, daß ihm nicht eine paſſende Beleidigung einfiel, um dieſelbe dem „Sie“ ins Schlepptau zu hängen. So blieb ich 14 doch kaltblütig wie zuvor, und redete den Men⸗ ſchen an:„Verzeihen Sie, Beſter, ich habe die 2 Ehre, Ihnen zu bemerken: Wenn Sie einen Han⸗ del machen wollen, ſo bin ich Ihr Mann, auf Ehre! Mit Händeln jedoch kann ich nicht auf⸗ warten. Ich bin Langenſtrick, genannt Grand- Fusil, Reiſender ſeit manchem Jahr, für Jonas Heidelberger, Cerfbeer& Comp., marchands de nouveautés à Lyon& à Großſchnirchlingen; meine Specialität beſteht in articles de deuil von jeder Gattung; Krepp und niederländiſche Spitzen, ſchwarze Mailänderdamenſtrümpfe, und Trauerhand⸗ ſchuhe von Rheims für Herren, ſchwere Stoffe in pure-laine, und leichtere von jeglicher Qualität, ertrafein, ausgezeichnete Waare; desgleichen blau⸗ angelaufene Schnallen& Ketten à la Pomaré und Degengefäſſe St. Simonz Trauerkokarden für Domeſtiken, und künſtliche Cypreſſen, um die Porträts geliebter Todten damit zu bekränzen; Haararbeiten, ächte Pariſer, mit Grabmälern& Trauerweiden und allen übrigen Ingredienzien, Accidenzien u. ſ. w., womit ich mich beſtens zu gefälliger Abnahme empfehle. Solidität, bil⸗ lige Preiſe, ſchnelle Expedition— je nach Be⸗ fehl und Wunſch. Hier meine Karte und rekom⸗ mandire mich. Bei Beſtellungen, die blank be⸗ zahlt werden wollen, ein Fünftel Rabatt. Gehor⸗ ſamer Diener.“ Jetzo ſah ich mit Befriedigung, daß an dem grämlichblutdürſtigen Nachbar das Stutzen war. Er beſah meine Karte von allen Seiten, und ent⸗ gegnete dann, um einige Prozent höflicher:„Freut mich, freut mich, Sie kennen zu lernen... Herr... Herr Langenſtrick. Ich kann zwar vor der Hand keinen Gebrauch von Ihrem ſchätzbaren Anerbie⸗ ten machen... ich gehöre zur andern Parthie wiſſen Sie? in Colonialwaaren, Stearinlichtern, Drogueries... ich habe mein eigen Geſchäft zu Trefunz... ich bin Grauſam... „Ei, das iſt ſchade... ſo jung und ange⸗ nehm und dennoch...“ alſo ſagte ich. Er aber fuhr fort:„Wie ich die Ehre habe, Ihnen zu berichten: ich bin Grauſam, Johann Friedrich Grauſam, hohe Straße, am Schneckenthor, Num⸗ ———————— mer 25; hier meine Karte: Johann Friedrich Grauſam.. alte Firma, vom Großvater her.“ Und ſo hatten wir— Gott ſey Dank, in Lieb und Frieden unſere Karten ausgetauſcht. Der Himmel ſegne das deutſche beſonnene und gemeſ⸗ ſene Volk, das kein rauferiſches, wie die Franzo⸗ ſen, denen der Duellkitzel ſchon angeboren wird. Sapristi! was weiß ich davon zu erzählen! Wie iſt mir's hundertmal ergangen zu Lyon, zu Beau⸗ caire, zu Marſeille und Avignon! Da muß man ſich recht in Acht nehmen, daß man nicht, paisi- plemẽnt Morgens ausgegangen, todtgeſchoſſen oder durch und durch rappiert nach Hauſe kömmt! Beim geringſten Randal heißt's da: Mr., votre carte! voilä la mienne; à demain, nous ver- rons!— Und alsdann Mord und Todtſchlag. Ja, wenn ich's nicht ſo klug angefangen hätte...! mit meiner Hitze und Leidenſchaftlich⸗ keit, mit meinem heißen Blut, premiére qualité was wäre aus mir geworden? Aber Grand-Fusil war klug. Grand-Fusil verließ niemals in dem ſogenannten Frankreich — ſein Haus und Comtoir, ohne alle Taſchen voll zu haben, von Korreſpondenz und Karten. Nemlich: ich war jung, und, mich beſtens zu empfehlen, ſehr verliebt. Ein niedlich Geſicht, ein ſchöner Fuß und ſo weiter brachte mich immer in Extaſe, auf Seele. Mit der Extaſe allein war mir natürlich nicht gedient. Es mußte ernſthaft ſpekulirt werden in dem Artikel, und ſo richtete ich ein Privattrafikchen ein, eine Art von kleinem Börſengeſchäft, auf Gewinnſt und Verluſt, à la hausse& à la baisse, mit ſelbſtgeſchaffenen und dito emittirten Papieren, die doch manchmal, fanden auch hin und wieder ganze Serien keinen Kurs, ihre hübſchen Procentchen rentirten. Der Geneigteſte verſteht mich nicht, und wenn er auch ſelber ein Papierſpekulant und Stockjob⸗ ber wäre. Daher will ich ihm die Sache in Kürze expliciren. Ich ging nemlich niemals auf die Straße, ohne in der einen Taſche allerlei ſauber geſchriebene Briefe zu tragen, die entweder gelb oder brandroth, oder himmelblau geſiegelt waren. Kleine niedliche zum Verſteckenſpielen eingerichtete Luſtige Geſchichten 1. 2 —— — 18— Brieſchen. Die gelbgeſiegelten... nein doch, mit den blaugeſiegelten muß angefangen werden, wenn ich metaphyſiſch verfahren will...alſo, die blaugeſiegelten hoben, wie folgt, an: „Himmliſches Mädchen, Ihre Reize haben auf honneur— einen dergeſtaltigen, wenn auch unbekannter Weiſe frappanten Eindruck auf mein Herz gemacht, daß ich mich nicht halten kann u. ſ. w.“ Die Brandrothen ließen ſich alſo vernehmen: „Himmliſche Frau! Ihre ganz ausgezeichneten Reizungen ſind von der Art, daß ich— auf Seele — den überglücklichen Gatten beneide, der in Ihrem Beſitz iſt. Möchte er doch, wie ich jedoch bezweifle, ſein Glück verdienen, oder mir im con⸗ trären Fall der angenehme Auftrag werden, als Aſſocié in Ihr charmantes Lebensgeſchäft eintre⸗ ten zu dürfen, u. ſ. w.“—— Die gelbpetſchierten ſprachen endlich: „Himmliſches Weib! Welch ein paradieſiſches Gefühl muß es für einen ſeligen Leichnam ſeyn, von Ihnen beweint und betrauert zu werden! Aber um wie viel ſeliger der Lebendige, unwider⸗ 19 ſtehliche Wittwe, dem die Gunſt zu Theil würde, Sie ſelbſt zu tröſten und dero gefühlvolle Herzens⸗ Aktien zu dem Kurs notiren zu dürfen, deſſen ſie werth ſind u. ſ. w.“—— Auf den Promenaden, in den Schauſpielhäu⸗ ſern, in den Kirchen, auf den Dampfſchiffen, ja auf den Gemüſemärkten ſuchte ich meine Papiere anzubringen— entweder in eigner Perſon, oder durch Vermittlung gewiſſer pfiffiger Mäckler, die, aus Savoyen gebürtig, den Franzoſen die Stiefel putzen, wenn ſie nichts beſſeres zu thun wiſſen. Ich vergaß dem„Geneigteſten“ zu bemerken, daß in einer jeden ſolchen Promeſſe meine ächte aufrichtige Karte ſich befand; die Damen mußten doch, beim Himmel, wiſſen, wo ich zu finden. Wie ſchon geſagt: die Geſchäftchen machten ſich recht leidlich, wenn ich ſchon in der Eile hie und da eine Demoiselle à marier für eine verehe⸗ lichte Frau, oder dieſe letztere für eine pikante Wittwe gehalten. Das ſchöne Geſchlecht, wenn ſich's auch nicht im großen Buche eintragen ließ,— wenn es auch —— hie und da keine Notiz nahm von meinem Pro⸗ ſpectus, fand ſich dennoch ſo ſehr geſchmeichelt von der Huldigung, die ich ſeinen Reizen gebracht, daß es wenigſtens nicht zu der ſtillſchweigenden Verſchmähung das Laſter der Indiskretion geſellte. — Verluſte kann der Kaufmann ertragen— n'est pas marchand, qui toujours gagne— aber Indiskretion...? Pfui!— Nur ein einziger Fall dieſer Art kam mir vor, und er hätte zu ſchlimmen Zäunen führen können... aber Grand- Fusil war klug, und hatte ſtets zum Ausſpielen eine Karte bereit. Ah! da ſind wir nun Gottlob wieder bei den Karten. Ich trug deren, außer den in meinen Liebesprogrammen verborgenen, zwei Gattungen bei mir: offizielle mit meinem angebornen und angetauften Namen, mit der Firma meines Hau⸗ ſes, und was dergleichen. Dann aber in einem Extratäſchelchen andere, pojetiſche... Graud- Fusil hatte Pojeſie im Leibe. mit einem Worte: ſogenannte Duellkarten. So oft ſo ein Tolpatſch von ſchwarzbärtigem Kinderſchreck mich „. irgend anknurrte:„Votre carte Mr.?“ ſchob ich ihm eine derſelben in die Zähne, und dann mochte er ſich damit ad lubitum herumbeißen. Auf ſelbigen Karten ſtand nicht:„Theophile angenstrick, dit Grand-Fusil,“ und was dem mehr, ſondern etwa:„Arthur Kercossacs oder „Leon de Fressac“ oder Jules Boissec,“ und daneben eine Adreſſe aus dem Monde. Der„Geneigteſte“ begreift jetzo das ganze Syſtem. Wenn der knurrende Raufbold am andern Tage den Herrn in„Sac“ oder„Sec“ aufſuchte .. nichts da, alles aufgeräumt, kein Quintelchen auf dem Lager. Und damit waren doch immer zwei Menſchenleben gerettet, das Chriſtenthum reſpectirt. Und um auf die oben bemeldete Indiskretion zurückzukommen, ſo war die Geſchichte dieſe. Ein verteufelt ſchwarz⸗ und glutäugiges Weib hatte mich in einer Kirche zu Avignon ſehr angeſpro⸗ chen; das heißt: kein Wort hatte ſie geredet, ſon⸗ dern mich nur angeſchaut, und ich war gleich à la hausse, wie gewöhnlich. Ich ſchleiche mich — um ſie herum, und ſtecke ihr einen„brandrothen“ in irgend eine Falte ihres Mantelets, poſtirte mich dann ihr auf Diſtance gegenüber... und ſiehe: ſie fand den Proſpect, ſie las ihn, und— mein Umkreiſen mußte nicht unbemerkt geblieben ſeyn— ſuchte mich mit ihren„dunklen Sternen,“ wie Jöthe einſt geſagt hat. Sie fand mich... ich war entzückt, und gab als Einzahlung in's Geſchäft ein zärtliches Lächeln von mir, das ſich an meinem Inviduduum, von ferne geſchen, ſehr gut ausnimmt. Himmel! meine Atien ſtanden 50 Prozent über pari, mein Boursomeétre wenig⸗ ſtens 25 Grad über Null— von den Graden des Herrn von Raumer, der die Hohenſtaufen geſchrieben.(Ein ſehr ergötzliches Stück in ſechs Akten, nach der Berliner Cenſur.) Ich ſtreckte mich auf den Zehen, weil ſich eben ungeſchliffen Volk zwiſchen mich und die göttliche Venuſia ſchob ich konnte das Ende der langweiligen Veſper⸗ meſſe nicht erwarten, um hinzudringen, zu ihr, die mich an ſich zog, wie ein Magnet, wie eine La⸗ motte Fouqueiſche Calipſoſyrene... Endlich, endlich. iſt's aus.. ich ringe mit dem obigen Volk fußlings, fäuſtlings, rippen⸗ ſtoßlings... ich ringe der Theuern zu. was iſt das? Sie ſteht auf, kehrt mir den Rücken, geht fort in die Menge, und ſtatt ihrer begegne ich einem krausköpfigen Herrn mit fatalem Ge⸗ ſicht, der mich beim Arm packt, und mir, vor Wuth zitternd, laut, aber ſehr laut ſagt:„Sie waren impertinent genug, meiner Frau ein billet- doux zuzuſtecken 2 Das koſtet Ihr Leben, Herr. Hier meine Karte, die Ihrige habe ich . noch dieſen Abend werde ich meine Zeugen ſchicken Jetzt bitte ich den„Geneigteſten“: mich„im⸗ pertinent“ zu heißen, mir mit einem Duellattentat zu drohen... und das Alles laut, in der Kirche, vor den vielen Leuten! Wen hätte das nicht im Innerſten empört, wem nicht die Milch der Dra⸗ chenart in gährend Denkungsgift verwandelt, wie Freiligrath geſchrieben hat?— Daher faßte ich den plötzlichen Entſchluß, die ganze Geſchichte zu läugnen,.. und ich thu's — bei Gott, ich thu's auch. Anfänglich wird der Krauskopf böſer und hält mir meine Karte vor die Augen,.. ich nehme ſie ihm ab— das wohl zu merken— leſe ſie mit Verwunderung, und ſage mit kaltem Spott:„Le plus souvent! Mr.,'on vous a trompé. Voici ma carte, la carte à moi, savez vous, à moà!“ Krrk! hatte er den„Freſſac“ in der Hand. Krrk! abſolut wie beim Döbler, verſchwand die im Billet gelegene Karte in der Rocktaſche eines vorbeiſtreifenden Betbruders... und da der Krauskopf verdutzt, wie natürlich, mit einem „Diable!“ das Auge zu mir erhebt, und dabei ſpricht:„Excusez, Mr., mais la carte du bil- let doux..7 entgegne ich ihm, kalt wie ein Eiszapfen:„Mais, Mr., je vous l'ai rendue!“ Nun, das Suchen, das verlegene Umherſpähen des Krauskopfs, der freilich den„Langenſtrick“ nirgends mehr fand..! Das muß man geſehen haben, um es zu glauben, und ſich's vorzuſtellen. Kurz: der Mann war geſchmeidig worden, meinte, ſeine Frau müſſe ſich in dem Subjekt —— getäuſcht haben, und ich meinte es allerdings auch ſo, gab's noch ein bischen hoch, und jener mußte froh ſeyn, daß ich nicht auf einer ernſthaf⸗ tern Genugthuung beſtand. Und ſo ging ich als Sieger davon, packte ſchnell mein Kofferchen, und zog in ein anderes Gaſthaus. Dem Halbmohren hätte doch, zum Teufelsſpuck, das„Hotel de Rome,“ das auf Langenſtricks Karte geſtanden, wieder einfallen können, und bewahrt iſt immer beſſer als be⸗ klagt.—— Und ſo fuhr ich denn dahin— nicht von Avi⸗ gnon, ſondern nach Flätz— und war mit meinem griesgrämigen Nachbar ein Herz und eine Seele gemorden: wir ſchwiegen nämlich beide ganz ein⸗ ſtimmig, und philoſophirten oder kalkulirten be⸗ dächtig, und hatten jeder ſeine eigenen Gedanken. Da begab ſich, woran ich gewöhnt bin, ſeit⸗ dem ich als Voyageur reiſe: in meinem Nachbar, in dem Johann Friedrich Grauſam, erwachte plötzlich ein unbändiges Vertrauen zu mir, eben als ich wiederum einnicken wollte. Er ſtieß mich in die Rippen, und brummte, wie aus knirrſchenden Zäh⸗ nen hervor:„Ich kann und mag's nicht verheh⸗ len und vertuſchen. Sie ſollen mein ſchreckliches Schickſal wiſſen. Da ich mich nicht in den Stand geſetzt ſehe, Sie zu meiner Erquickung umzubrin⸗ gen, ſo will ich Sie wenigſtens in Mitleidenſchaft ziehen; auch das wird mich erfriſchen, und Sie werden zugeben müſſen, daß Ihre Muſterkiſte, ſo ſchwarz und traurig es darinnen ausſehen mag, ein luſtig glänzendes Juwelenetui zu ſeyn die Ehre hat, gehalten gegen mein in Leichenflor ge⸗ wickeltes Herz.“ „Es wird mir ein ſonderbares Vergnügen ſeyn,“ mache ich, und ſetze mich als ein aufmerk⸗ ſamer Zuhörer zurecht. Erlauben Sie nur,“ macht er,„daß ich mich noch ein paar Augenblicke faſſe...“ „A piacere.. es hat durchaus keine Preſ⸗ ſur;“ mache wiederum ich. Er ſchnupft eine Priſe, fährt ſich mit dem Sacktuch über die Augen, und faängt dann an, mir ſeine Geſchichte zu erzählen.— Ich kopire ſie, um nicht weitläufig zu werden, obenhin, aber ohne ein Dippelchen, das zur Sache gehört, zu vergeſſen. Johann Friedrich Grauſam hatte einen Groß⸗ vater, ja noch mehr, er hatte einen Vater gehabt, — oder noch beſſer: den Vater hatte er noch. Dieſer Vater hatte von dem fraglichen Großvater Peter Grauſam ſelig ein hübſches Materialwaaren⸗ geſchäft geerbt, und daſſelbe durch einige glück⸗ liche Spekulationen in Roſinen, Leberthran und aufrichtigem Curagav noch mehr in die Höhe ge⸗ bracht. Darum war er ſtolz geworden auf ſeine ſolide Firma, und hatte dieſelbe ſeinem Sohne übertragen mit der ausdrücklichen Bedingung, den Namen des Hauſes untadelhaft und auf dem Glanz zu erhalten. Bis dahin war Alles recht gut. Johann Friedrich, der zu Hamburg und Bremen in der Lehre geweſen, und alſo in ſeiner Parthie perfekt geworden, trieb das Geſchäft comme il faut, und der gegenüber liegende Kon⸗ kurrent, ein ebenfalls bemittelter Spezereihändler, fing an, über das koulante Weſen des jungen Geſchäftsmannes in Unruhe zu gerathen. Aergere Verwicklungen ſtanden indeſſen noch bevor. Eines Tags nämlich, als Johann Friedrich eben ein paar Tönnchen Häringe ſortirt, und friſch angekommene Cigarrenvorräthe prüft, fährt gegen⸗ über ein Wagen an, und aus demſelben ſteigt die Tochter des fraglichen Spezereihändlers, die ein paar Jahre in einer fernen Koſtſchule zuge⸗ bracht hatte, und nun wiederkehrte im vollen Wichs der Jugend und Schönheit und Liebenswürdigkeit. Es war Natur, daß Johann Friedrich Cigar⸗ ren und Häringe vergaß über dieſem Mädchen, das in der That etwas Ausgezeichnetes und Feines war. Obendrein logirte ſich Mamſell Sabine im erſten Stock ihres väterlichen Hauſes ein, war faſt immer am Fenſter, hatte immer das Auge in Johann Friedrichs Laden, und er hatte das ſei⸗ nige natürlich immer oben an ihrem Kreuzſtocke. — Bald redeten die Mägde am Brunnen davon, daß aus Binchen und Johann Friedrich ein Paar werden würde. 6 Die beiden Alten, die ſchon an gar manchem Käſe gerochen, waren nicht dümmer als die Mägde. Sie merkten, was vorging, und näherten ſich ein⸗ ander, wie die Jungen; denn im Ganzen war ihnen die Sache recht. Der da hüben hatte nur den einzigen Sohn; der dort drüben hatte nur die einzige Tochter. Die Kinder verheirathen, die Gewerbe in eines verſchmelzen, vereint arbeiten und profitiren— das lachte den Vätern. Die Kinder waren damit einverſtanden. Die Heirathsberedung wurde entworfen. Man delibe⸗ rirte darüber... nämlich die Alten deliberirten. Es ging muſterhaft im Einklang. Es ſtellte ſich zum Beiſpiel heraus, daß der alte Spezereier von drüben auf ſeine Firma wenig⸗ ſtens ſo viel hielt, als der Vater Johann Fried⸗ richs auf die ſeinige, und daß ihm nicht genügte, wenn auf die Schildtafel das ördinare„& Comp.“ geſetzt wurde. Er wollte ſeinen ganzen ausge⸗ ſchriebenen Namen darauf haben. Er wollte den⸗ ſelben ſogar vorne dran haben. Dieſe letztere Zumuthung wies freilich Johann Friedrichs Vater mit Beſtimmtheit von ſich; gegen den Beiſatz des Namens überhaupt hatte er nichts, klug berech⸗ nend, daß der ſteigende Flor des Hauſes und die reiche Mitgift der Mamſell Sabina eine ſolche Nachſicht wohl verdienten. Der Vater von drüben ergab ſich darein; der von hüben hatte nichts weiter auszuſetzen. Der Handel war geſchloſſen, der Himmel voller Geigen.— Aber du meine Güte, was geſchah? Es geſchah, daß Binchen in der Freude ihrer liebesfreudigen Seele in eine Soirée dansante ging, wohin Johann Friedrich ſie nicht begleitete, weil mit einigen Froſtbeulen beſchäftigt.(O Ge⸗ neigteſter! Froſtbeulen ſind traurige, ja bedenk⸗ liche Flecken am Geſchäftshimmel, wie überhaupt an allen Vieren des Droguiſten!) Binchen war in Freuden gegangen, und in Leiden zurückgekehrt, hatte die ganze Nacht hin⸗ durch geweint, am Morgen darauf bei'm Kaffee der Mutter geradezu erklärt, aus der Hochzeit mit ihrem Liebſten könne und dürfe nichts wer⸗ den, und wenn ſie— Binchen— rebelliren müßte gegen alle elterliche Gewalt, wie der Circaſſienne⸗ Schlemihl gegen die Ruſſen. Vor Schrecken ließ die Mutter den Hafen fallen, und der Vater, da er von der Rebellion hörte, ſchmiß das Tintenfaß über die Strazze, und einen Topf mit Maulbeer⸗ ſaft über die Korreſpondenz. Was war's? he,„Geneigteſter?“ Sie meinen ja wohl ſonſt, wenn Sie dergleichen wahrhafte Hiſtorien leſen, Sie könnten den ganzen Rebus und Humor ſchon aus den erſten Zeilen errathen? Rathen Sie jetzv zu... rathen Sie... aber, ma foi, es hilft Ihnen auch gar nichts, wenn ich nicht den guten Kerl mache, und Ihnen den ganzen Witz nach der Elle vormeſſe. Het Nun denn: Ein Spaßvogel, ein boshafter Geſellſchaftshanswurſt war der Vater alles Uebels; denn nachdem Binchen in ihres Herzens Unſchuld und Gefühlvolligkeit auf der Soirée einem Zirkel von jungen Damen ihr Glück und den Namen ihres Bräutigams verrathen, und daß nun beide Firmen und beide Herzen vereinigt ſeyn würden in Seligkeit, ſo wie in der Syropkachel zwei Flie⸗ gen, die ſelbander ſüßtrunken hineingefallen— da machte der Hanswurſt ſein Spottvogelmaul 1 auf und krächzte:„Ah, gratulire recht ſchön zu 3 der neuen Firma:„Grauſam und Biſſig!“ Weiß der„Geneigte“ ſchon, daß Binchens Vater Biſſig geheißen? Wenn er's noch nicht wußte, ſo wird ihm jetzo die Sache um ſo lächer— licher vorkommen.— Die jungen Damen verfie⸗ len in ein ſardiniſches Gelächter; arm Binchen jedoch fiel über die Leiter ihres Glücks herunter, als hätte ſie der Blitz getroffen. Noch niemals war ihr eingefallen, an ihrem oder ihres Liebſten Namen etwas Lächerliches zu finden... Und jetzt lachte ſchon die ganze Stadt über ihre unglücklich gepaarte Firma„Grauſam und Biſſig,“ und „was wird erſt geſchehen,“ dachte ſie, flammroth vor Scham,„wenn die fatale Tafel wirklich ein⸗ mal über unſern Zuckerhut⸗ und Stearinkerzen⸗ Guirlanden prangen wird? Die Schande würde ich nicht überleben.„Grauſam und Biſſig?“ Nie, nie, nie! mit Proteſt zurück! Den Poſten in den Büchern geſtrichen! Fort mit Verluſt!“ Hören Sie,„Geneigteſter“: wer war da im *. — Pech ſtatt im Syrop? Der Grauſam, und zwar grauſam war er darinnen. Und es half da nicht Bitten, nicht Betteln. Binchen wollte nun ein⸗ mal nicht lächerlich gemacht ſeyn. Der alte Grau⸗ ſam hätte ſich noch erweichen laſſen... ja, ihm wäre recht geweſen, wenn der„Biſſig“ auf der Tafel weg geblieben wäre; aber eben dieſer alte ſteife Stockfiſchkrämer ſagte„Nein...— Mein Mädel iſt eine Gans, ein Kameel,“ ſagte er,„Alles was man will,“ ſagte er;„aber ich bin im Han⸗ del ſeit fünfzig Jahren Biſſig geweſen, und will Biſſig bleiben, bis an mein Ende.“ Da war nichts mehr zu machen.. Alles rein aus. Nun hätte freilich Johann Friedrich, um ſei⸗ nerſeits aus zu machen, ſich anderweitig verheira⸗ then können, und zwar ſchwer, nämlich reich. Aber —„Geneigteſter“— wer da eines Kaufmanns Verliebnuß kennt, der weiß ſchon, wie viel es ge⸗ ſchlagen. Dem Kupido kann ein Materialiſte nicht widerſtehen. Hat er einmal mit demſelben ein Geſchäftchen entrirt. er gibt's ſo leicht nicht auf. Grauſam hätte ebenfalls ſich mit Gift hin⸗ Luſtige Geſchichten I. 3 —— richten können. Er hat deſſen vielerlei in ſei— nem Gewölbe: Arſenik, Ratzenbutter, ſpaniſche Fliegen, Nux vomica und ähnliche Dinge. Aber Grauſam iſt neben ſeinem Handel auch ein ge⸗ wiſſenhafter Bürger, und weiß recht gut, daß ihm die Polizei verboten, giftige Subſtanzen an Jemand auszuliefern, der einen mörderiſchen Ge— brauch davon zu machen verdächtig iſt. Und bei ihm ſelber war ja der Vorſatz, ſich zu morden, quaſi ausgeſprochen. Und eben deshalb lieferte er ſich die Gifte nicht aus, und blieb alſo zufäl⸗ lig am Leben. In der Verzweiflung kam ihm ein guter Ge⸗ danke. In ſeinem Vaterland iſt ein Miniſterium, und in demſelben Miniſterium ein Winkel, wo die Leute, die mit ihrem Geſchlechtsnamen unzuftieden, ſich gegen eine kleine Taxe umtaufen laſſen kön⸗ nen— wenn nicht Dritte einen Einſpruch thun. Wer demnach, zum Beiſpiel,„Narr“ oder„Lump“ oder„Mörder“ heißt, und will nicht mit andern Narren, Lumpen und Mördern verwechſelt werden, läßt ſich„Gſcheidtle“„Gutmann“ oder„Lämm⸗ 35 chen“ nennen; oder überhaupt, wie er will; sokoſtet ſo und ſo viel Thaler und Silbergroſchen, und damit punctum finis. Grauſam— der Junge— ging daher in obigen Winkel, und wollte ſich„Liebreich“ nennen laſſen; war ſchon dazu auf gutem Wege. Da erfuhr aber der alte Grauſam etwas von dem Handel, that Einſprache und ſo weiter, und Johann Friedrich war um ſeine Hoffnungen alle geprellt. Hierauf hatte er den Staub von ſeinen Schuhen geſchüttelt, von ſeinem Kommerz Reißaus genom⸗ men, und eine große Tour durch Europa begon⸗ nen, um darinnen zu verlieren ſeine Liebe und ſein Leben. Denn feſt entſchloſſen war er, in ſeinem Weltgroll mit allen Menſchen, die ihm be⸗ gegnen würden, Händel anzufangen, bis ſich etwa Einer fände, der ſich die Mühe nähme, ihn per Degen oder per Pulver und Blei aus der Welt zu ſpediren. Bis dato war ihm, dieſen Zweckzu erreichen, noch nicht gelungen, aber in Flätz hoffte er etwas für ſeinen Blutdurſt und Lebensüberdruß, und — mit einem brünſtigen Wunſch— ich möchte faſt ſagen„Gebet“— in dem ſogenannten Flätz ſein Grab zu finden, ſchloß er ſeine höchſt kurioſe Erzählung. DPieu merci,„Geneigteſter“ daß auch ich damit fertig geworden. Der Abend war da, und die mordſchlechten Flätziſchen Kunſtſtraßen waren ebenfalls da, und von Knüppel zu Knüppel, von Loch zu Loch tor⸗ kelten wir in's Thor der Reſidenzſtadt des Hoſpo⸗ dars, und in die offenen Arme des glänzenden Hotels zum„Flätzer⸗Diwan.“(Der Hoſpodar will nichts von einem deutſchen„Hofe“ wiſſen.) „Auf Wiederſehen morgen!“ ſagte zu mir der Grauſam:„ich will heute Niomand mehz ſchei, als meine vier Wände und ein ſtrife Glas Glühwein. Morgen bei Tiſche denn, und bleiben Sie mein Freund!“ Die Gewürzkrämer lieben den Glühwein ſehr, ich weiß das. Wie oft hab' ich nicht in meiner Lehrzeit, obgleich einer andern Parthie angehörig, mit Spezereilehrlingen in ſtiller verſchwiegener Kammer, am ſpäten Abend Lotto geſpielt, Stroh⸗ halmcigarren geſchmaucht und Glühwein getrunken! Unvergeßliche Abende jugendlicher Unſchuld! Herr⸗ licher Würzwein und Negus, bei dem alle Zu⸗ thaten ächt aus den Schubladen und Flaſchenkel⸗ lern der feiſten Prinzipale von meinen Freunden unentgeldlich geſtellt wurden! Geſegnet jene Prin⸗ zipale ſelbſt, die ſo uneigennützig, ſo unbefangen uns traktirten, da wahrlich ihr Herz nichts davon ahnte, und alſo auch ihre Linke nicht wußte, was ihre Rechte that! Ich überließ den Grauſam ſeinem Glühwein und ſeinen dier Wänden, und machte mich unverzüglich auf, nach meinen wankelmüthigen Häuſern zu ſehen. Nun— Gottlob!— die Sachen ſtanden nicht ſo ſchlimm, als ich gefürchtet; und beträchtlich getröſtet, gleichſam mit grünem Zweiglein im Schnabel kehrte ich retvur in meine Arche zum „Flätzer⸗Diwan,“ wo ich den Abend gottvoll ver⸗ brachte mit ein paar Kollegen, von denen Einer in Oel reiſtte, ein Anderer in Papier that, und ein Dritter in Leinwand machte. Lauter unver⸗ fängliche gute Kameraden, Keiner in Konkurrenz des Andern. Wir ſchmausten, plauderten, knöchelten etwas Champagner heraus; gingen dann zu Bette. „Stupideſter!“ ſagte ich zu dem Kellner, der mir das Licht gab:„daß morgen mit dem Frühe⸗ ſten der Bartphiloſoph komme. Verſtanden, Stu⸗ pideſter?“— Und der Kerl verneigte ſich ge⸗ ſchmeichelt, und wünſchte mir eine gutſchlafende Nacht.— Um der lieben Nacht nicht zu viel Arbeit zu machen, that ich ſelber gut ſchlafen, bis in den hellen Morgen hinein, nicht mir von ferne träumen laſſend, daß ich am unen Tage, in deſſen Morgen ich hinein un und am darauf folgenden einen ganzen! Hexenkreis mit allen ſeinen Stationen würde durchmachen müſſen. Nehmen wir eine Priſe ächten Pariſer,„Ge⸗ neigteſter,“ und fahren wir dann fput.— Ich ſtand ſo weich geſtimmt auf, Gptt, ſo weich, als ſchiene der keuſche Mond und nicht die heiße Sonne in mein Bett herein. Ich kam mir ſelbſt ſo intereſſirt, ſo empfindlich, ſo ſchwär⸗ meriſch vor! Der Kaffee, ſüßlich und weichlich wie ich ſelber, ſtimmte ſo ſehr zu meiner Gefüh⸗ lung! ich ahnte bereits,„Geneigteſter,“ aber Mit einem Brocken Butterbrod zwiſchen den Zähnen legte ich mich an's Fenſter, das eine ganz ausgezeichnete Ausſicht über Vorſtadt, Katzengang, und Dey⸗ und Beyſchaft Flätz zu offeriren in Stand geſetzt war.— Gott, wie ſchön.. Döbler's und Profeſſor Becker's Nebelbilder auf eng⸗ liſche Fagon ſind wahrer Schund und Pavel gegen ſolch' eine Natur. Auf Seele... ich war weg, ganz wie der Burgermeiſter von Krähwinkel. Dieſe gol⸗ dene Sonne, dieſer ſilberne Fluß, dieſer berlinerblaue Himmel, dieſer meer- und immer mehr grüne Wald! Vor mir im Präzipiß die Vorſtadt„B'hütgott“ und zwar deren ſchönſte Parthie: das Plätzchen an der Brücke über'n Katzengang. Ausſicht in das niedlichſte Haus der Vorſtadt, eine ſaubre Schnitt⸗ waarenhandlung, an der nichts auszuſetzen, als daß ſie nicht ſchon mit Jonas Heidelberger, Cerfbeer und Compagnie zu Lyon und Großſchnirchlingen 40⁰ Geſchäfte gemacht hat.(Doch was nicht iſt, wird noch werden. Nur nicht nachlaſſen, Grand-Fusill) Dort ein Fenſterchen im Erker... am offnen Fenſterchen ein frühzeitiges Mädchen, eine mor⸗ gendliche Bajadere, möcht' ich ſagen, von Beetho⸗ ven in Muſik geſetzt, und komponirt vom gött⸗ lichen Lanner! O Zeit meiner Jugend, meiner Liebe, du kehrteſt wieder in mein gereiftes Herz ein, ſobald ich mein Frauenhoferchen(ein ächtes von München, koſtet mich dreißig Thaler in Gold) an's Auge gedrückt und mir das bajaderiſche Erkermädchen recht nahe herangezogen hatte. Da ſie von dieſem Hpranziehen nichts wußte, blieb ſie von Geſicht ſo unſchuldig, ſo lieb und herzig wie zuvor, und ihre Roſenfingerchen krab⸗ belten ſo ammuthig auf dem weißen Tuche herum, das ſie mit einer Broderie verſahen.. ſo appe⸗ titlich, ſage ich, daß ich ſie hätte fangen und ſpeiſen mögen, wie ich ſeiner Zeit in ſüdlichen Seehäfen„Crevetten“ oder Seekrebschen aus dem Teller gefangen und geſpeist habe. O, Marianne, Eliſe, Friderike, Amalie, Joſephine, Sophie, Ber⸗ trande, Eugenie, Charlotte, Babette Eins und Zwei, Veronika und Scholaſtika, Ihr meiner ſchön⸗ ſten Jugend erſte Liebe...! was waren euere Lilien gegen dieſe Roſen! „Geneigteſter,“ es wird mir noch heute wun⸗ derlich, da ich an das Mädchen im B'hütgott zu⸗ rückdenke,.. um wie viel kurioſer alſo war mir damals, wo ich ſchwelgte in einem neuen Liebes⸗ anflug, und in alten Liebesſouvenirs, und wo ich mir auf einmal vorkam, als wäre ich um zwanzig Jahre jünger, und wo ich mich freute, einer Parthie anzugehören, die eigentlich immer jung bleibt; der Parthie der reiſenden Voyageurs! „Ich bin überall zu Hauſe, ich bin überall bekannt!“ wie einſt der unvergleichliche Matthiſon hat drucken laſſen, der, wie ich glaube, ſelber Handlungsreiſen⸗ der geweſen. Das Haus Matthiſon& Comp. in Bremen iſt ein altes Haus, und mir wohlbekannt. Auf einmal klopft es. Ich fahre mit dem Kopf in's Zimmer zurück, und ſchreie„Herein!“ — Durch die halbgeöffnete Thüre herein kommt die ſchmetternde Anfrage:„Bar—r—r—r—rbier?“ „Als zu!“ mache ich, und der Bartphiloſoph ſteht vor mir. Ein unangenehmer Burſche, meiner Seel'. Als wäre eine Blutwurſt(Salva venia) in die friſche Buttermilch meiner Gefühlungen gefallen. Schäbiger, ſchieferfarbiger Rock mit unanſtändig gähnenden Taſchen, weiß⸗ und rothgeſtreifte Weſte mit Schmutzarabesken, blaugeſtärktes Vorhemdchen mit einem fauſtgroßen Kieſeldiamant, ein grün⸗ und blaukarrorirtes Halstuch voll von Ungeſchmack, ein wahrer Schandfleck, ſelbſt an dem lumpigſten „Tſchantlman.“ (Das iſt die einzig richtige Ausſprache von „Gentleman“ da bekanntlich im Engliſchen und in der Einzahl das E ein A, und umgekehrt in der Mehrzahl das A ein E wird.) Aus dieſem karrorirten Wulſt, Strick, oder wie man das Ding von einer Cravatte nennen will, glotzte ein rothes Pausbackengeſicht mit vorquel⸗ lenden Augen und geſchwollenem Maule, wie man es ſonſt nur auf Weihnachtsmärkten oder in Mas⸗ kenmagazinen zu ſehen kriegt. Die dicken rothen Fäuſte paßten recht gut zu dem Kürbiß. Ich war unangenehm aufgeregt, ließ mich's aber nicht merken. „Schaumigſter!“ ſage ich zu dem Schabden⸗ rüſſel mit gewohnter reiſiger Leutſeligkeit:„Sind wir mit warmem Waſſer und ſcharfer Senſe verſehen? Mein Bart ſteht ſchon drei Tage lang und hat neben dem Eiſendraht feil: verſtanden, Schaumigſter?“ Der„Geneigteſte“ wird ſich wundern, aber *s iſt ein Faktum, daß der Kerl die Augen vet⸗ drehte, und recht karnifflich ſagte:„Bin ſchon mit andern fertig geworden!“— Schlug dabei die Seifenkugel im Becken umher, als ſpiele er Bil⸗ lard, und mache Ball auf Ball. „Aha!“ denke ich:„iſt's ſo viel auf der Uhr? Warte, Burſche, Du ſollſt mir ſteigen.“ Und zu ihm ſage ich:„Wie's ſcheint, Schmie⸗ rigſter, belieben wir alterirt zu ſein? wollen uns daher ein wenig faſſen, nicht wahr, bevor wir an's Meſſer gehen? En usez vous?“ Hielt ihm dabei die Doſe hin. Der Tropf ſagt verſtockt:„Schnupfe nicht.“— Hatte aber doch ſchon geſchnupft. Um Ferneres war mir nicht bange; ich trage mein Bartkollier, und ſomit durfte mir der Kerl nicht das Meſſer an die Kehle ſetzen. Schon viel gewonnen gegen mög⸗ liche Böswilligkeit eines Bartſcheerers, der keinen Spaß verſteht. Jetzo begann ſtill und feierlich die Operation. Der Pausback ſchor beſſer, als er ausſah, und ſPengte nicht einmal ein Haar. Ich dankte ihm das in meiner Seele, aber zu ihm ſprach ich: „Schleimigſter, hier ſteht ja, ſehen Sie, ein graues Büſchlein, tilgen Sie dieſe Gräulichkeit!“ Mit einem widerlichen Geſicht handthierte er „am bezeichneten Platze umher. Ich trete vor den Spiegel. Noch grauer als zuvor blitzt es aus dem Rande meines dunkeln Halsbarts hervor.— „Graduirteſter,“ ſage ich:„Sie haben's nicht ge⸗ troffen; da ſteht's ja weißer, denn zuvor.“ Jetzo bricht der Kerl los, wie eine falſche Katze, und ſchreit:„Ei was,... ich bin nicht Ihr Schaumiger, Ihr Schmieriger, am wenigſten — Ihr Graduirter, oder was das für ein neues Schimpfwort iſt. Wir im„Hoſpitariat“ ſind nicht auf Schimpf und Schand abgerichtet, ſon⸗ dern auf Menſchenwürde und dergleichen. Ich muß mir daher alle Ihre anziehenden Reden ver⸗ bitten, und das Weiterraſiren ebenfalls. Ich kann nicht dafür, daß Ihr Bart ſchon durch und durch grau iſt, und wenn Sie es nicht haben und leiden wollen, ſo machen Sie's anders. Bitt' mir mein Geld aus, und Adje wohl.“ Der„Geneigteſte“ kennt mich jetzt ſchon hin⸗ reichend, um zu wiſſen, daß ich immer kälter werde, je heißer man mich anſchnaubt. Und darum ent⸗ gegnete ich dem rothunterlaufenen Dickſchädel von Barbier mit ruhmwürdiger, ja glorreicher Faſſung, zugleich mit einem grabesſchauerlichen Tone: „Konfuſeſter! Sie haben Recht. Sein wir froh, daß ich bereits zu grauen Haaren gekommen bin, indem es nicht Allen, die jetzt herumgehen mit einer Runkelrübe oder einem Rothkrauthaupt auf den Schultern, ſo gut werden wird. Alte Leute müſſen, junge können, und zwar ſehr S — leicht, von Elfe bis Mittag, oder gäh über Nacht ſterben. Und von dieſen letzteren ſind Sie aller⸗ dings, Impertinenteſter! Sie glauben, eine recht ochſige Konſtitution zu haben, und das iſt auch wahr: ſehr ochſig. Allein... allein..: ich habe ſchon manchem rothen Apfel den tief im Kern ſitzenden Wurm angeſehen, und ſo gehts mir auch mit Ihnen, Seifigſter. Haben Sie nicht Herz⸗ klopfen dreimal, vier⸗ fünfmal im Tage, von der Nacht ganz zu geſchweigen? Werden Ihnen die Glieder nicht taub und pamſtig, wenn Sie Ihre Schnittgänge abgethan haben? Wird Ihnen nicht oft ſo dumm vor'm Schädel, daß Sie ſchier Ihren eigenen werthen Namen vergeſſen, und lieber ſchliefen wie ein Murmelthier, als ſich mit Wachen beſchäftigen? Müſſen Sie nicht ſehr oft das Maul aufreißen... aber wie! welches Maulaufreißen ausſieht wie Gähnen, iſt aber doch leider nur das Vorſchnappen zum Aufſchnappen? Sehen Sie jetzo geſchwind in den Spiegel, und bemerken Sie, Vollblütigſer, wie Sie blaß und matmorirt wer⸗ den, Schlag auf Schlag? Geh'n Sie hin und 47 machen Sie Ihr Teſtament und denken Sie an mich. Nur zu, nur zu, mein lieber Chriſt. Für'n Tod kein Kraut gewachſen iſt!“ Des Kerls Hand, die mein Trinkgeld empfing, ſchlotterte, als wäre ſie dem Burſchen nur mit Zwirn angeheftet, und ſeine Zähne klapperten nicht übel. Meinen Zweck hatt' ich erreicht. Der Bartkratzer fürchtete ſich, wie noch kein Menſch auf Erden ſich gefürchtet hat. Mit ungeſchicktem „Servus“ glitt er aus der Thüre, und nahm den billigen Lohn ſeiner an meinen grauen Haaren ausgelaſſenen Unverſchämtheit mit ſich. Dagegen ich kleidete mich ſauber an, gab meinem Kollegen in Oel, der heut weiter machte, noch ein bischen das Geleit, und beſuchte gleich nachher das hübſche Schnittwaaren- und Erker⸗ haus im„B'hütgott.“ Ein feines und ſolides Haus, dieſes Haus „Gottlob Schäfle.“ Leider noch in Geſchäften damit nichts zu thun. Aber Rom wurde nicht in einem Tage gebaut; auf den erſten Hieb fällt nicht einmal ein Pappelbaum.— Uebrigens war mir diesmal weniger um Geſchäftchen, als um die Befriedigung meiner Herzensneugier zu ſchaf⸗ fen. Ich fragte hin, ich fragte her, ich ſpann den Prinzipal und den Commis dergeſtalt unbe⸗ fangen in meine Fragen ein, daß ich am Ende recht gut wußte, was ich wiſſen wollte. Leider war das nicht ganz befriedigend. Das Frauen⸗ zimmer mit den krabbeligen Roſenfingerchen war die Tochter des Hauſes, und— o ſüßer Name! — Albertine getauft. Sie hatte neunzehn Jahre und etliche Monate, zugleich ein Kapitälchen von ein zwanzigtauſend Thälerchen im Vermögen. Der Laden ſammt Geſchäft ſollte zwar auf einen ge⸗ wiſſen einzelnen Bruder übergehen... aber der⸗ ſelbige Bruder war als ein mauvais sujet ſchon vor ein paar Jahren nach Nordamerika überge⸗ ſegelt, und hatte noch immer nicht geſchrieben, ob er geſund geblieben; daher eine billige Hoffnung, daß im erwünſchten Fall eines amerikaniſchbrüder⸗ lichen Ablebens auch des guten mauvais sujet Vermögensantheil mit dem der holden Albertine ſich dereinſt vermiſchen dürfte! — Dies Alles gut und ſchön, und meinem nicht übel verliebten Herzen ein aufmunternder Balſam. Werben und erben geht Einem ſo leicht und fröh⸗ lich von der Hand...! Allein: da ich ſchon ſo zu ſagen den Mund aufthat, um vorläufig zu werben— was mußt' ich hören? Fichtre! Al⸗ bertine war ſchon angeworben, verſagt, ver⸗ lobt, verſprochen, vergeben, verkuppelt... kurz verloren für den armen Grand-Fusil!— Ein Beamter des Hoſpodars, ein Finanzmann, ein Menſch von Herkunft und Protektivn und hoff⸗ nungsvoller Karriere hatte dieſe Albertine bereits geangelt, dieſes niedliche Vieltauſendgüldenkräutlein mit Beſchlag belegt! Dieſes vernehmen, meine Galle hinter ein ſüßes Lächeln verbergen und mich ſchnell empfeh⸗ len, war einiger Minuten Werk, und wiederum nach ein paar Minuten ſtand ich an einem Billard, forderte einige Flätzer heraus, und gab mit Todes⸗ verachtung zehn, fünfzehn, fünfundzwanzig vor, und ſpielte mit einem Chignon, das zum Ver⸗ Luſtige Geſchichten 1. 4 ₰* zweifeln war.— Zum Glück kam Einer daher, der mir im Verzweifeln vorgab. Derjenige war Johann Friedrich Grauſam. Der Menſch ſah auf Ehre heute ungemein an⸗ ſchmachtend aus, kohlrabenſchwarz angezogen, wie er war; und in dem Schwarz darinnen das mond⸗ ſcheinfarbige Geſicht, das heute noch kläglicher und unheimlicher ſich präſentirte, als geſtern der Fall geweſen. Anſchmachtend, wie geſagt, und dennoch verzweifelt gefährlich. Ich hätte ihm nicht an einer„Waldecke, nicht auf einem ⸗ hofe begegnen mögen. „Beſteſter! ſag' ich zu ihm, wie ſehen Sie heute aus, ich bitte Sie?“ Er ſchaut in den Spiegel, lächelt, wie Einer. der die Kolik hat, und verſetzt:„Schlecht? nicht wahr? ich ſchmeichle mir. Wiſſen Sie: der Glühwein hat mir nicht recht bekommen wollen. Die Beſtien haben geſchmierten Wein dazu ge⸗ nommen, und abſcheulich Gewürze. Ich habe die ganze Nacht fantasmagorirt, und heute ſchon an ein paar Orten mich nach Händeln umgeſehen. Die Leute hier laſſen ſich mit unerſchütterlicher Ruhe Grobheiten ſagen... es verfängt nicht.“ „O dieſe Händel!“ mache ich darauf mit ängſt⸗ licher Ahnung:„ dieſe Händel! Sind ſie noch immer in den blutwürſtigen Vorſätzen des geſtri⸗ gen Tages befangen?“ „Ich habe geſchworen,“ ſagt Er,„meiner ungetreuen Bina geſchworen, nur als ein todter und begrabener Leichnam nach Trefunz zurückzu⸗ kehren. Was ich acceptire, honorire ich auch.— Aber, Freund, mein Magen ſtellt ſich an, als müſſe er ſich inſolvent erklären. Ah! puh! pah! die Beſtien haben mich vergiftet mit ihrem Teufels⸗ glühwein, und wenn ich nicht bald etwas zu eſſen bekomme, ſo...“ Da die bittern Zuckungen ſeines Mundes weit⸗ aus das ſchlimmſte befürchten ließen, ſchaffte ich dieſen Grauſam dienſtfertigſt von dannen, und in den„Diwan,“ wo uns mit feierlichem Geläute die Tiſchglocke empfing.„A la bonne heure!“ rief ich aus, indem ich meinen Mann hinſchob, wohin er gehörte:„Faſſen Sie ſich jetzt nur ein bischen... geniren Sie ſich nicht, und kommen Sie dann friſch und wohlgemuth an die Tafel, an meine treue grüne Seite.“ Ich trug damals wirklich einen grünen Reiſe⸗ frack, wie er in London nicht beſſer gemacht wird, chokoladefarbige Beinkleider, dito Kamaſchen, eine Fantaſieweſte, die mir entzückend ſtand, und ein äußerſt patentes Halstuch„aux mille raies,“ ein überelegantes Halstuch⸗ warum mich alle Herren, die am Tiſche, edeten; was ihre begierigen Blicke nur zu ſehr verriethen. Von den Blicken der wenigen Damen, die mit zu Tafel ſaßen, ſchweige ich natürlich. Prahlen iſt nicht meine Sache.— Dieſe meine äußere Erſcheinung— ſtets mit Geſchmack und Solidität kombinirt— iſt indeſſen* Veranlaſſung, daß ich gewöhnlich an allen Tables d'hote das Centrum der Converſation zu werden die Ehre habe. Das hilft aber unglaublich im Geſchäft vorwärts, und iſt auf Reiſen nicht ge⸗ nug zu empfehlen. Ich war alſo an der„Flätzer⸗Diwan⸗Tafel pereits in's allgemeine Geſpräch verwickelt, als mein Freund Grauſam eintrat, und neben mir Platz nahm. Ich hatte eben mit Begeiſterung von dem Appareil⸗Jaquard und von den Seebädern von Dieppe geſprochen, und gar nicht bemerkt, daß mein Nachbar eingetreten. Bald jedoch wurde ich auf ihn aufmerkſam, weil ein leiſes Flüſtern und Kopfzuſammenſtecken um die ganze Hufeiſen⸗ tafelrunde lief, und verſtohlen alle Finger auf den neuen Gaſt deuteten. Wenn ich ſage, daß er noch weißer— im Geſichte— ausſah, denn zuvor, ſo iſt das nur eine höchſt milde Andeutung. Kecklich darf ich aber behaupten, daß er um hundert Prozent weißer und geiſterhafter ausſah, wiewohl weniger gedrückt, wiewohl etwas erleichtert. Eine auffallende Ge⸗ ſtalt immerhin, und leider ſehr aufgelegt zum Reden, was denn zu böſen Häuſern führen ſollte, wie gleich zu hören. „Ich muß Händel haben, aut oder naut!“ war das erſte, was er mir unter der Serviette hervor zu verſtehen gab. Mir wurde bedenklich zu Muthe. — Uns gegenüber ſaß ein junger Herr mit blitzen⸗ den Augen und etwas von einer Adlernaſe. Er trug ſich ſo halb preußiſch-türkiſch⸗engliſch⸗grie⸗ chiſch, wie's der Hoſpodar gerne hatte; ein Be⸗ amter ohne Zweifel. „Den Kerl kann ich für meinen Tod nicht leiden, nicht ausſtehen!“ war das zweite, das mir Grauſam hinter der Serviette hervor zu ver⸗ ſtehen gab. Mir wurde nun noch bedenklicher zu Muthe. —„Stupideſter,“ frage ich heimlich den Kellner, „wer iſt denn wohl der junge Herr da drüben mit den Seitenlocken à la grecque, dem Schnauz⸗ bart à la turque und dem Uniformüberrock à la Berlin?“ „Er iſt von der Finanz,“ gab der Kellner zu⸗ rück;„ſeinen Namen weiß ich nicht. Er ſpeist zwar ſchon lange im Hotel; ich bin aber erſt ſeit Kurzem im Hotel.“—„Brav geantwortet, Mar⸗ quis,“ ſage ich zu dem Burſchen. Indeſſen fragt Einer in unſerer Nähe:„Wo⸗ her kommt wohl das Wort Budget, Herr Finanz⸗ aſſeſſor?“— Das galt dem Halbgriechen oder Halbtürken, wie man will. Der Mann war verlegen, wußte nicht auf türkiſch noch auf griechiſch zu antworten, und ſagte deshalb auf Franzöſiſch allerlei daher, was auf die Frage als ſolche gar nicht paßte. „Nun, wenn Sie zum Finanzweſen gehören,“ miſchte ſich Grauſam deutſch und ſtoptiſch ein, „ſo ſollten Sie doch ſchandenhalber dieſe Kleinig⸗ keit wiſſen.“ „Mein Herr... hm! hm! hi!“ räuſperte ſich ſehr betroffen der Aſſeſſor aus:„Wie kommen Sie dazu, den ich gar nicht die Ehre habe, zu kennen, daß Sie.hm! hm!“— Grauſam unterbrach ihn grauſam kalt mit den Worten:„Was halten Sie davon? Sollte das frag⸗ liche Wort„Budjet“ nicht aus dem Schweizeriſchen ſtammen, und zwar von„Putſch“ und ſo weiter?“ Wer das hörte, traute kaum ſeinen Ohren, horchte aber mäusleinſtille zu. Der Aſſeſſor wurde roth bis in den Stiefel hinab, und ſtotterte:„Wie kommen Sie mir vor, mein Herr, den.. — Wiederum unterbrach ihn der verſtockte Grau⸗ ſam, dem ich jetzo vergebens auf den Leichdörnern herumtrappelte, ſo wie er mir auf der Reiſe nach Flätz gethan. Käſeweiß, aber auch verzweifelt naſeweis fragte er ſeinen Feind:„Oder meinen Sie nicht, daß dieſes Wort„Budget“ etwa aus dem Kabyliſchen und Atlaſſiſchen kömmt, nämlich vom Wörtlein„Boudſchu,“ was da heißt„Ein Thaler und ſechs Neugroſchen?“ „Herr, Sie treiben mit mir Spott!“ fiel der Andere, dem die Geduld riß, ein:„Was wollen Sie von mir? Was ſollen ihre Tratzereien heißen?“ „Daß Sie nichts wiſſen und nichts verſtehen; das ſollt' es heißen,“ verſetzte Grauſam immer einſchneidender. „Herr, Sie ſind ja ein impertinenter Burſche!“ ſchrie der Beamte. Und Si nd Sie Sie ſd gab Grauſam zurück. „Was bin ich? was? Donner und Wetter... was werd' ich ſein?“ „Ei was, ſoll ich mir lang den Kopf zerbrechen? = 5— Denken Sie ſich das Dümmſte, was auf Erden iſt, und nehmen Sie an, ich hätte Sie damit ver⸗ glichen. So kommen Sie auf den Rebus, deſſen Wort ich ſelber noch nicht weiß, weil mir jetzo noch alles zu gering erſcheint, gehalten gegen Ihre Dummheit.“ Nun, das war deutlich genug, ſelbſt ohne ein eigentliches Schlagwort.— Der Aſſeſſor, der ſich ſeiner Studentenjahre erinnerte, ſtürzte dem Grau⸗ ſam einen dito„dummen Jungen“ und Grauſam — ſchauderhaft— war ſchon im Begriff, ihm etwas ſchwereres zu ſtürzen, nämlich eine volle Flaſche an den Kopf— als mir Gottlob gelang, dem Wütherich das Wurßzeug zu entwinden. Ein dicker Herr und dicker Freund des Aſſeſſors ſchlug auf den Tiſch und ſchrie:„Ordnung, Sap⸗ perment, Ordnung bei Tiſch. Wir wollen eſſen, trinken, luſtig ſein, Sapperment. Wollen die Herren da ſich die Gurgel abſchneiden, meinet⸗ wegen, aber hier im Saal wird ſich's verbeten, und nach Tiſch oder morgen früh iſt auch noch Zeit für ſolche Verrichtungen, Sapperment. Darum, 58— Aſſeſſor, Ruhe im Gemüth! Darum ruhig Blut, ſchwarzer Herr, dort drüben. Wählen Sie ſich einen Zeugen, ich diene als ſolcher meinem Freunde, und wir wollen ſchon die Parthie arrangiren, Sapperment. Aber jetzo's Maul gehalten. Muſik, Muſik und Fröhlichkeit.“ Die Schnurranten auf der Emporbühne pfiffen und kratzten, und ſtellten mittelſt ihrer konfuſen Arbeit wieder das allgemeine Geſpräch und die Werkthätigkeit der ſämmtlichen Eßorgane der Ge⸗ ſellſchaft her. Der Aſſeſſor ſchoß zwar Raketen aus ſeinen Augen, aber Grauſam war pudelver⸗ gnügt, und lachte ſogar, da er zu mir hinter der Serviette ſagte:„Gott im Himmel ſei Dank, jetzt hab' ich einmal ernſthafte Händel, und wenn mir das Glück wohl will, bin ich heut Abend oder Morgen frühe ein todter und begrabener Leichnam, und der falſchen Bina bricht das Herz wie eine Krachmandel mitten entzwei. O, die Schlange, mit der ich ſo manch' Vielliebchen ge⸗ geſſen.. o.. v...! wollen wir ein Glas Wein trin⸗ ken auf ihren Untergang? Sie ſind mein Sekundant, nicht wahr? Ich wichſe Ihnen deshalb eine kleine Flaſche Champagner.“ „Eine große!“ ermahnte ich.—„Nichts da, eine kleine.“—„Aber doch wenigſtens einen ächten, franzöſiſchen.“—„Nichts da, einen deut⸗ ſchen, vaterländiſchen; ein Unterſchied von 1 Thlr. fünf guten Groſchen, Herr.“— Dieſer ökonomiſchen Rückſicht mußte ich mich fügen. Doch kam mir mein Freund Grauſam ſchmutzig vor.— Zum Glück war das Miſerabel⸗ chen bald ausgetrunken, und das Mittageſſen bald beendigt, und der Saal bald geleert, weil Herren und Damen befürchteten, das Gurgelabſchneiden werde jetzo angehen. Zudem mußte ja die unge⸗ wöhnliche Geſchichte gleich in dem ganzen Reſi⸗ denzlein herumgetragen und ausgeklatſcht werden. Die beiden Raufkandidaten und ihre Freunde — meine Wenigkeit und der dicke Herr— waren jetzt die einzigen Perſonen, ſo im Saale zurück⸗ blieben, ungerechnet die paar Kellner, die mit an⸗ geſtammter Riepelhaftigkeit die Tiſche abräumten 50 und angeblich in Ordnung brachten, was in Un⸗ ordnung gerathen war. Der Finanzaſſeſſor trommelte an einem Fenſter, auf deſſen Scheiben den Todtenmarſch; mein Grau⸗ ſam marſchirte auf und nieder, wie ein ſtolzer, ſchwarzer, weißgeſchnäbelter Hahn. Der dicke Herr hatte ſich mir genähert, der ich melancholiſch vom genoſſenen deutſchen Schaumwein am Kamin lehnte, am uneingeheizten; denn— wie ſich der„Ge⸗ neigteſte“ erinnern wird— es war im Sommer. Die Verhandlungen begannen, mit halblauter Stimme und mit ſchwalleriesker Nobilität; das muß ich ſagen. Der dicke Herr fing an:„Mein Herr— wie heißen Sie?“—„Langenſtrick, ge⸗ nannt Grand-Fusil.“—„Alſo— mein Herr Langenſtrick, Sie verſtehen, daß die Beleidigung, die ſich ihr Freund gegen den Herrn Finanzaſſeſſor h „Um Vergebung, wie heißt der Herr Finanz⸗ Aſſeſſor?“—„Peter Mitzwitte, mein Herr!“— Ich meinte, in den Boden zu ſinken. Der —* Mitzwitte war juſt der Bräutigam der roſenfinge⸗ rigen Albertine!!! Der dicke Herr fährt fort:„... nicht unge⸗ rochen hingehen könne.“ Ga! ich roch ſchon blutdürſtig das Blut des Nebenbuhlers, der mir bei Albertine zuvorgekommen!) „Daher“... es iſt immer der dicke Herr, der da redet...„iſt ein Duell unvermeidlich zwiſchen dem Herrn Aſſeſſor Mitzwitte und dem Herrn.. wie heißt er?“—„Johann Friedrich Grauſam, Privatthier.“—„Grauſam? Sapperment, ein gro⸗ ber Name.... Sapperment! Indeſſen, um wieder auf das Duell zu kommen, ſo gebe ich mir die Ehre, im Namen meines Freundes Ihren Freund herauszufordern, auf Piſtolen, Sapperment! fünf⸗ zehn Schritt Diſtanz, Vormarſchiren bis an's Schnupftuch, Barriere, Feuer geben auf Kom⸗ mando, bis Einer oder Beide todt ſind, und was denn ſonſt noch der Bedingungen und Anordnungen ſind, die bei Duellen auf Tod und Leben vorkommen.“ Darauf ich mit ruhiger Gemeſſenheit erwiedere: „Mein werther Herr.. wie heißen Sie?“ 62 „Paul Sturmhut, Ihnen zu dienen... Renn⸗ thier ſchlechtweg.“ „Demzufolge— mein werther Herr Paul Sturmhut, zugleich Rennthier— befinde ich mich in Stand geſetzt, durch Verordnung meines Freun⸗ des Grauſam, deſſen Prokura ich vollſtändig habe, Ihre und Dero Freundes gefällige Offerte in jedem Punkte entgegenzunehmen, und deren Aus⸗ führung beſtens zu garantiren. Mich auf weitere Beſtellungen zu billigen Conditionen zu empfehlen die Ehre habend, ſo bitte ich gefälligſt beſtimmen zu wollen, wann, wie und wo unſer Herr Johann Friedrich Grauſam Ihrem Herrn Mitzwitte zur Auseinanderſetzung von Dero beiderſeitigen Rech⸗ nungen und Differenzen gerecht werden möchte?“ „Sie ſind ein galanter Mann,“ ſprach Sturm⸗ 1 hut geſchmeichelt,„und ich bin äußerſt ſatisfazirt, Ihnen ſagen zu können, daß es Mitzwitten und mir außerordentlich angenehm ſein wird, mit Ihnen und Ihrem Freunde Grauſam Morgen früh ſechs Uhr im Katzengangwald am ſogenannten Kreuz⸗ weg, den Ihnen jedes Kind zeigen wird, mit den —— — 63— geeigneten Waffen verſehen, zuſammenzutrefſen. Bitte um Ihren Handſchlag und wünſche indeſſen, beſtens zu leben.“ Der Handſchlag wurde ausgetauſcht. Sturm⸗ hut tuſchelte nun ein Weilchen mit Mitzwitte; ich tuſchelte eben ſo lang mit Grauſam. Endlich gingen Mitzwitte und Sturmhut fort, und Grau⸗ ſam und Langenſtrick blieben nicht da.—„Ich will mich ſchlafen legen, um noch dieſen Abend recht munter zu ſein,“ meinte Grauſam, dem es wieder bitterlich um den Mund zuckte.— Und ich ſelber, ermüdet von ſo vieler Unruhe, um noch am Abend recht heiter zu ſein, legte mich zum Schlummer nieder, und ſo oft ich zu träumen ge⸗ ruhte, ſah ich den Mitzwitte im Blut ſich wälzend vor mir liegen, und ich ſtand vor meiner Waaren⸗ kiſte und wählte für Albertine als ein Brautge⸗ ſchenk einen Traueranzug modernſter Fagon und ſolideſter Qualität. Ein wonniger Abendſtrahl, der mir juſt auf's Auge tippte, weckte mich zur rechten Zeit. Eins, zwei, drei, war ich wieder adoniſirt, und legte —6 mich, grün wie der Wald, in's Fenſter, um von Albertine noch irgend ein Lächeln, ein Fingerchen oder ſo etwas zu ſehen. Holla doch, was ſeh' ich aber da wirklich und wahrhaftig auf dem Plätzchen am Steg über den Katzengang, wo es geht in den Wald zum Katzen⸗ gang und an den„ſogenannten“ Kreuzweg, den mir jedes Kind Morgen früh um ſechs Uhr zeigen wird? Darf ich meinen Augen Glauben beimeſſen? Frauenhoferchen mein für dreißig Thaler Gold, Frauenhoferlein fein, wirſt doch nicht ein Spitz⸗ bub' ſein? Der griechiſch preußiſche Türke, der da wan⸗ delt Arm in Arm mit dem ſchwarzen Herrn... iſt das nicht Mitzwitte? wandelt er nicht mit Jo⸗ hann Friedrich Grauſam auf dem Plätzlein auf und ab? thun ſie nicht, wie die innigſten Freunde, und lächelt nicht Albertinchen wie ein blauer Him⸗ mel auf dieſe Spaziergänger nieder? Himmel und Erde, Graf von Oerindur, er⸗ klärt mir dieſen Zwieſpalt der Natur, s'il vous plait?— Auf einmal— ich halte mich für toll, aber ich war doch bei Sinnen, bei Gehör, bei Gefühl, bei Geſicht— auf einmal geht das Fen⸗ ſter ſperrangelweit auf, und Albertine neigt ſich, ein ganzes Beet(nicht béte) von Roſen, hernieder auf die ſpazierenden Herren, und nach der Art, wie ihr Mäulchen geht, redet ſie die hutabgezoge⸗ nen reſpektvollen und reſpektiven Herren an. O ja, o ja, ich habe recht geſehen. Der angehende Glatzkopf iſt Mitzwitte unläugbar, und Grauſam unzweifelhaft der nach Gewohnheit beim Kompli⸗ ment die Achſel hoch aufzuckende Herr.— Und noch mal Eins, zwei, drei— Geſchwindigkeit iſt keine Hexerei—: die Herren verſchwinden im Haus Gottlob Schäfle... die Thür klappt zu.. ſie ſind fort, drinnen, weg... disparais! „Oho,“ denke ich:„das iſt mir doch zu bunt; da muß ich doch auch dabei ſein, ich. Mich geht die Sache als einen loyalen Sekundanten auch etwas an. Die Herren haben ſich verſöhnt, ohne Zweifel;... aber eine Verſöhnung ohne mein Zuthun gilt nicht; das iſt clair wie Klösbrühe, Sapperment— mit dem Rennthier Sturmhut zu Luſtige Geſchichten 1. 5 —*— ſagen— und noch einmal Sapperment, wer ſchießt mir denn den Nebenbuhler weg und den Weg frei, der zu Albertine führt, wenn's nicht jetzv Freund Grauſam thut?“ Ich erwiſche meinen Hut, meine Handſchuhe... nur mein Foulard nicht, und indem ich nach dem⸗ ſelben herumſuche, Sapperment, klopft's barſch an die Thüre.—„Herrrrrrein!“ rufe ich noch bar⸗ ſcher, und noch viel barſcher platzt der Thürflügel auf, und herein kommt ein hochwohlgeborner Herr Offizier der hoſpodariſchen Truppen: kleiner aber rarer Mann, der längſte rothe Schnauzbart, den ich je zu ſehen die Ehre gehabt, lange Sporen, und ein gar langer Säbel, der immer heftig mit dem kleinen raren Mann davon wollte, und nur mit Mühe von dem letztern angehalten werden konnte. Die pure Wahrheit, auf Voyageurswort. Der Offizier, das Fes auf'm Kopf, aber ſchön militäriſch grüßend, ſteht vor mir und funkelt mir mit grauen Augen in's Geſicht; ich augenfunkle dagegen, ſo gut ich kann, und ſtottere dazu aus muthiger aber bewegter Bruſt:„Zu Befehl? à —— votre service?“—(Bewegt, ſage ich, weil ich dafür hielt, ich ſolle als ein ferner Mitverſucher zum Duell und Freund des Duellanten⸗Dilettan⸗ ten in Verhaft genommen werden.) „Ich bin Flügeladjutant Seiner Hoheit,“ be⸗ gann der Offizier endlich in einem gelind gebro⸗ chenen Deutſch:„extra abgeſandt. Seine Hoheit haben vernommen, daß Nummer Neunzehn und Nummer Sieben im Diwan de Flätz ſich duel⸗ liren wollen?“ Aha, richtig. Auf Nummer Neunzehn logirte Grauſam; in Nummer Sieben Ich. Da hatten wir alſo die Beſcheerung. Ich ſtottre wieder.. ich ſtammle... ich läugne— in Duellſachen muß der ehrliche Mann immer zum Lügen parat ſein — ich verwickle mich... ich ſchiebe endlich Alles auf Nummer Neunzehn..„Nummer Sieben iſt gerade zu der Kunde vom Duell gekommen, wie Jener zur Ohrfeige, ſage ich,.. Nummer Sieben wünſchte ſehr die Sache beizulegen, wenn nur... wenn eben die eigentlichen Kämpfer ver⸗ nünftig ſein wollten.. und.. und.. hm, hm!“ Da fährt mir der Adjutant vom Flügel Seiner Hoheit in die Parade, und ſpricht:„Ich muß bitten... nur nicht lügen, nur nicht läugnen... damit kommen Sie nicht aus—(das hatte ich ſelber ſchon gemerkt)— und darauf kommt's auch gar nicht an. Seine Hoheit haben nicht nur nicht das geringſte gegen das Duell, ſondern Höchſt Sie wollen es protegiren, da ſchon ſeit mehreren Jahrhunderten in Flätz kein ſolches Er⸗ eigniß vorgekommen iſt.“ Jetzt ſperrte ich das Maul auf vor Verwun⸗ derung, daß der kleine rare Mann, erſchrocken, möcht' ich ſagen, einen Schritt zurücktrat.— Das „Ah ſo!“ das nun meinem offenen Munde ent⸗ fuhr, verſpätet, wie der Knall nach dem Blitz der Kanonen kommt, beruhigte ihn wieder, und er hatte die Ehre fortzufahren: „Und ſomit hat mich Hoheit detaſchirt, um zu bewirken, daß das Duell nicht vorgehe in der Dey⸗ und Beyſchaft, ſondern im Hoſpodariat, an der ſogenannten„Windmühle,“ ein hübſches Pla⸗ teau, und zur Bequemlichkeit juſt nebenan das Wirthshaus zum„Frieden“ und das Spital für Unheilbare. „Sehr treffend,“ dachte ich ſo ganz für mich. Der Adjutant fuhr fort: „Zweitens wünſcht Hoheit, weil Duell doch eigentlich eine edle, heldenmüthige, ja ritterliche und adeliche Motion iſt, daſſelbe mit allen Hon⸗ neurs zu umgeben, die ſolche noble Leibesbewegung in Anſpruch nimmt. Mit Bedauern z. B. gehört habend, die Herren Duellanten leider von gebüh⸗ render Extraktion nicht ſeiend, die Gnade Ihnen zu erweiſen, Sie beide vorerſt zu Phöniziern erſter Klaſſe mit Rubinen zu machen, Seine Hoheit be⸗ ſchloß. Und darum ich hier... aber Nummer Neunzehn iſt nicht zu Hauſe. Wie nun?“ Die morgenländiſche Redemanier, die mir der kleine rare Mann in die Ohten ſtaubte, machte mich ſehr ſtutzig, äußerſt ſehre, auf Ehre. Den⸗ noch errieth ich, begriff ich, merkte ich, daß der Herr vom Flügel dem Herrn auf Nummer Neun⸗ zehn einen Orden zu bringen beauftragt war. Ich erbot mich, mit Dank denſelben anzunehmen, und ihn entweder ſelbſt zu tragen, oder wenigſtens dem Freunde auszuliefern. Da aber nun der Offizier von einer Taxe von ſo und ſo vielen Hoſpodard'or redete, die alſo⸗ gleich zu erlegen, fühlte ich mich nicht aufgelegt, für Grauſam die Auslage zu machen, im Rück⸗ blicke auf den vaterländiſchen Champagner, wo er ſich ſo ſchmutzig herausgebiſſen. Ich entſchuldigte mich daher ſo gut ich konnte, bat den Offizier mit ſeinem Phönizier ein bischen ſpäter nachzufragen, warf auch einige Brocken von der Möglichkeit einer Verſöhnung und derglei⸗ chen ein. Der Herr vom Flügel ſah ein bischen unwillig, ein bischen dumm darein, und trat endlich, ſpät genug, klirrend ab, ſeinem Säbel den Lauf laſſend. II. Ein Vuell in Flätz. Der rare Mann(der Flügeladjutant), hatte mich wenigſtens um eine ſtarke halbe Stunde ge⸗ bracht, und auch nach ſeinem Weggehen konnte ich mein Foulard nicht finden, da ich es unten im Speiſeſaale vergeſſen. Dennoch entſchloſſen auszugehen, und mich zu Gottlob Schäfle zu verfügen, nahm ich mein Frauenhoferchen, und ſpähte damit hinunter in's „B'hütgott.“— Der Abend wurde ſchon allgemach dämmerig; dennoch ſah ich. ſah ich, daß Alber⸗ tine wieder allein am Fenſter ſaß, mit unnach⸗ ahmlicher Schwermuth an den Himmel hinauf ſchaute, und dabei ein Sternblümchen oder ſo etwas zerzupfte, dabei ſprechend:„Er liebt mich — er liebt mich nicht— er liebt mich, und ſo weiter; ganz wie im„Göthe“ von Fauſt. „O Gretchen⸗Albertine...!“ dachte ich mir, und noch allerlei nebenbei. Und wenn ich ihn— meinen Freund Grau⸗ ſam— auch bei Schäfle nicht mehr fand... dennoch mußte ich pflichtmäßig gehen, ihn aufzu⸗ ſuchen, um zu erfahren, wie er in Mitzwitte's Geſell⸗ ſchaft, wie er in Schäfle's Haus gerathen, und was denn dieß Alles wohl bedeute. Jetzt könnte ich es machen, wie die Novellen⸗ ſchreiber und Romanfabrikanten, die gar gerne ihre Leſer plötzlich in eine Sackgaſſe, ſo zu ſagen, einführen, und ſie ſtehen laſſen, ohne zu wiſſen, wo ein und wo aus.— Der„Geneigteſte“ ſelber hätte vielleicht ſeine Freude daran, wenn ich ihn mit dem Geheimniß, wie und warum ſich Grau⸗ ſam zu Mitzwitte gefunden, gleichſam am Berge ſtehen ließe, und die Geſchichte an einem andern Zipfel anknüpfte. Indeſſen bin ich ein zu gewiſ⸗ ſenhafter, ordnungsliebender Mann, auch aller Weitſchweifigkeit allzu abhold, um meine Geſchäfte abzuthun, wie ein marktſchreieriſcher Literat, der ſeine Leſer zum Narrn hält. Darum bleib' ich jetzo bei der Stange, und laſſe den„Geneigte⸗ ſten“ alſogleich ein wenig hinter den Vorhang gucken. Wie's eben geht: ſo man ſchläft, man nicht ſieht, was um Einen herum vorgehen thut. Hätte ich nicht am Nachmittag geſchlafen und mörderiſch geträumt, ſo wäre mir nicht verborgen geblieben, daß zu dem gleichfalls ſchlafenden Grauſam ſo um drei oder vier Uhr ein Beſuch gekommen, den er gewiß nicht erwartete. Es weckte ihn ein Klopfen und dem Klopfen folgte auf dem Fuße in das Zimmer Nummer Neunzehn ein Herr, und der Herr war der Finanz⸗ aſſeſſor, Grauſam's Todfeind in natürlicher Per⸗ ſon, welche Perſon Folgendes von ſich gab:„Er⸗ ſchrecken Sie nicht, mein Herr.. ich will Ihnen kein Leid zufügen. Unſere Sache werden wir morgen früh abmachen, da beißt keine Maus einen Faden ab. Allein jetzo habe ich die Ehre, mir von Ihnen eine Gefälligkeit zu erbitten. Sie — wiſſen, daß unſern Streit und was daran hängt, viele Leute mit angeſehen haben, und können ſich denken, daß in allen Ecken von Flätz klatſcheriſche Zungen das Ereigniß verträtſcht haben. Nun ſehen Sie: ich bin Bräutigam, und pflege nach Tiſch meinen Kaffee bei meiner Braut einzunehmen; erſtens, weil er dort beſſer gemacht wird als im Gaſthauſe; zweitens, weil er nichts koſtet; und drit⸗ tens, weil die Geſellſchaft beſagter Braut mir ihn unendlich mehr verſüßt, als der ſeinſte Kolonial⸗ zucker es zu thun vermag. So kam ich auch heute hin, feſt entſchloſſen, auch kein Sylbchen von unſerm Duell zu verlautbaren. Stellen Sie ſich aber meinen Schrecken vor, als ich meine Braut bereits von Allem unterrichtet, und im höchſten Entſetzen vorfand! Ein paar Vettern, ein paar Baſen hatten ihr's zugetragen, und ſie erklärte mir mit Thränen der Verzweiflung, ſie könne mich nicht heirathen, wenn das Duell auf Tod und Leben vor ſich gehe; einmal, weil ſie ſich nicht entſchließen möge, ihre reine Hand in die blutige eines Mörders zu legen(im Fall ich Sie, Verehrteſter, todtſchöſſe) und zum andern (wenn ich von Ihrer Hand fiele) weil ſie dann doch unmöglich eines Leichnams Gattin werden könne.— Eine fürchterliche Alternative. Was war zu thun, als zu läugnen, und zu ſagen, Alles ſei beigelegt? Sie glaubt es jedoch nicht und fordert Beweiſe, um zu glauben.— Nun, beſter Herr und Gegner, thun Sie mir den Gefallen, und ſpazieren mit mir ein paarmal am Hauſe meiner Braut vorüber, damit ſie mir Vertrauen ſchenke, damit ſie ſich beruhige. Wir brechen uns darum dennoch morgen den Hals, darauf mein Wort. Aber Ruhe möcht ich haben, und ſo weiter.“ Grauſam, wie ſchon bemerkt, ein ſchwalleries⸗ ker Kerl, geht den Handel ein und ſagt:„Ich thu' Ihnen den Gefallen, aber bei'm Halsbrechen bleibt's. Schießen Sie mich dänn todt, ſo ſagen Sie nur ganz einfach, ich ſei verreiſt und damit baſta. Sollte leider Ihnen das Unglück paſſieren, in's Gras zu beißen— nun ſo kümmert Sie's dann wenig, was Ihre Braut von Ihnen hält, nicht wahr?“ — „Sehr wahr;“ ſpricht der Mitzwitte:„durch unſere ſcheinbare Verſöhnung machen wir jeden⸗ falls die Flätzer ſicher, und der Polizei wird nicht einfallen, uns an dem gerechten Vorhaben zu hindern. Geh'n wir aber geſchwinde.“— Und ſie gingen, und promenirten vor Gottlob Schäfle, wie ich oben zu ſehen und zu berichten die Ehre hatte. Albertine, die von dem Grauſam ſo viel wußte, daß er ein ſchwarzer Mann mit einem weißen Geſichte, konnte ihn am Arm ihres Ver⸗ lobten nicht verkennen. Um ſich jedoch ganz von den Dispoſitionen der Herren zu überzeugen— o die Weiber ſind ſchlau und weiſe!— rief ſie endlich die beiden hinauf und traktirte ſie mit Kaffee und ſüßen Blicken, und— ma foi— Grauſam wurde ganz weich und gefühlig in ihrer Nähe, und ſie, ſie ſagte ſich vielmal im Herzlein ſtill und fein:„Wie ſollte doch der liebe Melan⸗ cholikus ein Mörder ſein?“ Kurz und gut: die Herren ſpielten ihre Ko⸗ mödie recht klug, erreichten ihren Zweck, und empfahlen ſich der total beruhigten, wenn ſchon in einen Winkel ihres Herzens zu ihrer Verwun⸗ derung angenehm beunruhigten Albertine. Jetzt weiß aber der„Geneigteſte“ vorläufig genug, und nachläufig mag er erfahren, daß von jenem Moment des Scheidens aus Schäfle mein Freund Grauſam nicht mehr geſehen wurde. Ohne von dem jetzo Mitgetheilten auch nur ein Wort zu ahnen, wollte ich denn gehen, um Grauſam außzuſuchen. Da begegnet mir— nur mir kann dergleichen begegnen— ein podagriſcher Herr, der über Tiſch meinen Vortrag über die Bäder von Dieppe angehört hatte, und bittet mich, ihm einen Augenblick Gehör zu ſchenken.— Nu, ich bin ein guter Kerl, kann Niemand etwas ab⸗ ſchlagen... vielleicht auch kommt Grauſam in⸗ deſſen von ſelber wieder zurück, denk' ich mir, und ſpaziere mit dem gichtbrüchigen Herrn in den Salon, und bei einer Flaſche ächten Bordeaur ſetzt mir der Herr ſeine Leiden auseinander, und will wiſſen, welch' ein Bad er zur Linderung ſei⸗ ner Schmerzen gebrauchen ſoll. Ich bin zwar kein Doktor, aber ich habe viele Doktores geſehen und gehört, dito viel Kranke von jedem Kaliber, dito viele Bäder unter allen Breiten, vom Drei⸗Achtel bis zum Sechsviertel, genau gemeſſen. Ich kann Red' und Antwort geben. Nun war die Lage des guten Herrn eine ſehr beſondere. Er war allerdings Patient, wollte ſich aber nicht länger patientiren, und verlangte kurios nach einer Kur von der Wurzel aus. Sehen Sie,„Geneigteſter,“ am Exempel diefes Herrn, was einem einzigen zweifüßigen Menſchen zu einer und derſelben Verfallszeit fehlen kann. Der Herr war ſehr dick, dabei natürlich ſehr träge; dabei aber ein fanatiſcher Liebhaber von Bewegung. Ein Bedürfniß ſeiner ſelbſt war ein beſtändiges Schwitzen; ſo wie er aber ſchwitzte, was er immer that, erkältete er ſich immerdar, war demnach immer erkältet. Dieſe Verkühlungen zwangen ihn zu einer kühlen Diät; ohne erregende und erhitzende Speiſen und Getränke konnte er jedoch nicht leben. Das hatte ſeinen Magen in Unordnung gebracht; eine Kartoffel wurde ihm gleich unverdaulich, und dennoch verlangte er nach Gurken und Käſe, als Zuſpeiſe zu ſeinem Roth⸗ wein, da er ohne Aufhören aß und trank, um zu exiſtiren. Unten hatte er das Podagra, Anſchop⸗ pungen im Unterleib, in Hals und Armen, auch im Kreuz Rhevmatismen nach der Nummer, Mi⸗ gräne im Kopf, Sauſen in den Ohren, nebſtbei auch Baumwolle. Aus Langeweile hatte er den Bandwurm bekommen, und führte außerdem in jeder Taſche einen Band von einem Romane. Zur Unterhaltung in hypochondriſchen Stunden diente ihm nicht ſelten die fliegende Gicht, auf munternd und doch ſo gewiß niederſchlagend. Er nannte die Schmerzen ſein Pandurenkorps, ver⸗ ſchlief dagegen ſeine halbe Lebenszeit, und konnte des Nachts kein Auge zuthun. Seine Lunge war ſchlecht, ſeine Leber ruinirt, ſeine Milz zerſtört, ſeine Nieren nicht ſauber, ſein Herz angegriffen, ſeine Nerven hin. Im Uebrigen Alles an ihm kerngeſund.— Darauf ſtützte ich meinen Heil⸗ plan. „Ich ſchicke ſie nicht nach Dieppe, ſagte ich, und nicht nach Nizza, am allerwenigſten in ein deutſches Bad. Die deutſchen Brunnen ſind nicht energiſch genug. Wir Deutſche verſtehen wohl das Pumpen, aber nicht das Baden. Das lernen wir nur im Ausland, und was daher kommt thut uns unbedingt wohl. Und deßwegen, Herr, ſchla⸗ gen Sie den Weg nach Mehadia ein. Dort hin⸗ ten bei den Türken, in der Geſellſchaft von Bos⸗ niaken und andern Hanaken, ſpringt die Quelle, die Ihnen gut thun wird. Sie beſitzt drei und dreißig ein Drittel Prozent Eiſen, eben ſo viel Stahl, und eben ſo viel Feuerſtein, pulveriſirt— zuſammen: hundert Prozent. Dieſe Miſchung, dieſes Bad macht unverwüſtliche Leute. Hören Sie, wie mir's ging, da ich vor ſo etlichen Jah⸗ ren zu Mehadia an mir ſelber dieſes Mirtum von Stahl und Feuer erprobte. „Ich hatte eben dazumal eine Bleichſucht durch⸗ gemacht, von der man mir jetzo keine Spur mehr anſieht. Damit war verbunden eine abſolute Nervenſchwäche. Mein Diskonto ſtand ſchlecht, in meinen Aktien ging überhaupt nichts mehr um. Magen: flau: Kräfte: ſtets im Fallen; Appetit: ſchwankend; Speis und Trank: wenig begehrt. „Holla! dacht' ich: Junge, angehalten: Noch iſt's nicht Zeit, Bonis zu cediren. Marſch nach Mehadia!— Herrlicher Einfall, wie Sie gleich hören werden!“ Weil eben der Kellner mit einer zweiten Flaſche „La rose“ daherkam, unterbrach ich paſſend mei⸗ nen Vortrag, und wendete mich an den Marquis: „Stupideſter, der Herr von Nummer Neunzehn?“ —„Sind ausgegangen, zu dienen.“— Merci.“ Der gichtiſche Herr, ein fideler Hypochondriſt, der indeſſen die Gläſer gefüllt, ſprach feierlich: „Es ſteigt Ihnen was!“— Und ich, ma ſoi, der ich auch weiß, wie's auf Univerſitäten zugeht, ich antworte kordial:„Trinken Sie, ich komme nach.“— Er trinkt mir ſein Glas vor, ich trinke ihm das meinige nach,— und ſodann fahre ich fort: „Dieſes jenigtſelbige Mehadia liegt in einem Bergkeſſel;— alle Bäder liegen in Keſſeln. Die Gelegenheit für Badgäſte iſt halb ungariſch und ſchon in's Türkiſche gehend; man ſpeiſt durch⸗ Luſtige Geſchichten. I. 6 — gängig dort nach der Wiener Küche. Im Anfang kann man nur ſchwache Bouillon vertragen, und geht in das Karolinenbad, die ſchwächſte von allen alldortigen Quellen. Es hat nur ſiebenund⸗ neunzig Grad Wärme, ein Bagatell gegen die ſtär⸗ keren Quellen, die man, in der Kur fortſchreitend, nach und nach beſucht.— Zuvörderſt wird man im Karolinenbad ganz ſchwach und bekommt Ohn⸗ macht auf Ohnmacht; das macht aber gar nichts. Je mehr Schwäche, je beſſer. Nach den erſten acht Tagen kann man ſchon auf einen Sitz ein Dutzend hartgeſottene Eier vertragen; man ſiedet die Eier im Bade ſelbſt und ſpeiſt ſie nach Be⸗ quemlichkeit. Nach weitern acht Tagen iſt der Karolinenkurs zu Ende, und man beſucht das Herkulesbad mit einem Temperament von fünfzig gleich X.... merken Sie wohl auf!... und weder Baro⸗ noch Thermometer ſind da mehr von Be⸗ lang und maßgebend. Der Herkulesbadgaſt wird allbereits ſo robuſt, daß er gleich nach dem Bade, je nach Belieben, eine Tanz⸗ oder Fechtſtunde nehmen muß, um das Uebermaaß von Kraft und — Aufregung aus ſich herauszupauken. Dann geht er zu Tiſch und ſpeiſt nach Vorſchrift für drei Mann.— Viele Leute beſchränken darauf ihre Kur und gehen gerüſtet und kapabel zu ihren Ge⸗ ſchäften zurück. Wer jedoch, wie Sie, mein Herr, ein anſehnliches Quantum von Krankheitsſtoff aus⸗ zuſcheiden hat, beſucht noch zum Schluß ein acht oder vierzehn Tage lang die Tamerlanquelle. Das iſt das Kapitalwaſſer von Zweihundertundvierzig Pferdekraft. Ausgezeichnet und beiſpiellos billig dabei. Sobald Sie dort ein paar Bäder genom⸗ men fahret hin Erkältung, Rheumatismus, Gicht und Podagra jeglicher Art! Hinaus müßt Ihr, und damit Ihr nicht wiederkehret, den Krank⸗ geweſenen zu moleſtiren, ſo legt ſich um deſſen Kör⸗ per in Folge der Tamerlanbäder ein leichter Pan⸗ zer von Stahl; man ſieht gleichſam blauangelaufen aus, hat aber die vollſtändige Biegſamkeit der Muskeln und Knochen, und muß ſich nur hüten, in der Nähe eines Magnets vorbeizukommen, weil man anſonſt unfehlbar daran picken bliebe. Ein längerer Gebrauch des Tamerlan iſt deßwe⸗ — 1 gen nur mit großer Vorſicht durchzuführen; man wird nach und nach ganz von Eiſen, und die aufwallende Rieſenſtärke, die ſich im badenden Inviduduo kund gibt, iſt von der Art, daß Manche ſich ordentlich nicht zu helfen wußten, gleich aus dem Bade auf die höchſten Berge liefen und da⸗ ſelbſt ſich mit Baumausreißen und Felſenſchleu⸗ dern ſo lange vergnügten, bis das Gleichgewicht wieder beiläufig hergeſtellt war. Ich habe der⸗ gleichen Badegäſte gekannt, die— ungelogen— auf ihren nackten Leib Kugeln und Rehpoſten abſchießen ließen,— von Schrot ganz zu ge⸗ ſchweigen— und die höchſtens ein blau Fleckchen von Abfärbung des Blei's bekamen, da wo ſie getroffen wurden. Höchſt wunderbar!— Aber, ſo wie man des Guten überhaupt nicht zu viel thun ſoll... „Es kommt Ihnen was!“ rief der Herr ver⸗ gnügt.—„Trinken Sie, ich komme nach!“ machte ich, trank und lenkte wieder in meinen Vortrag ein: „Aber ſo wie man überhaupt des Guten nicht zu viel thun ſoll, ſo muß man auch das ₰ 66— Baden in der Tamerlanquelle nicht übertreiben. Es hat ſchon Exempel von Beiſpielen gegeben, daß dergleichen Heftigdrauflosgebadete dergeſtalt metalliſch geworden waren, daß ſie auf entlegenen Spaziergäingen in Wald und Berg plötzlich zu einem Monument ihrer ſelbſt von purem Guß⸗ eiſen wurden. Ich ſelber habe einen ſolchen auf der Czernahora, wo man in die türkiſche Buko⸗ wina hinuntergeht, drei Viertelmeilen von Meha⸗ dia, im monumentalen Zuſtand angetroffen. Er war im Leben ein Raiz geweſen— wiſſen Sie, ſo ein halber Moskowit und ein halber Muha⸗ medaner— ein guter Mann, ſeiner Profeſſion ein Lichtergießer, der über alle ſeine Bedürfniſſe hinaus ſich zu Mehadia im„Tamerlan“ aufge⸗ kräftigt hatte. Während eines kleinen Luſtwan⸗ dels vor Tiſche hatte dort ſein Stündlein geſchla⸗ gen, juſt da er auf ſeine Uhr ſah. So ſteht er noch heute dort am Berge, als ob er lebte. Doch wird er natürlich von Tag zu Tage eiſen⸗ grauer, die Roſtflecken bleiben auch nicht aus, und täglich ſinkt er, wegen Mineralſchwere, tiefer — in den ſumpfigen Boden.— So viel, mein Herr, nach beſtem Wiſſen und Gewiſſen von Mehadia.“ „Stupideſter, der Herr auf Nummer Neun⸗ zehn?“—„Sind abweſend, Ihnen aufzuwarten.“ —„Schön!“— Es kam mir indeſſen gar nicht ſchön, ſondern vielmehr verdächtig vor, daß Grauſam immer fortfuhr, auszubleiben, und ſchon war's dunkel geworden, die Kerzen brannten hell im Salon, die vierte Flaſche La rose ſtand auf dem Tiſch, und an demſelben ſaßen ſchon ein paar Dutzend Gäſte, die natürlich mit geſpannter Neugier mei⸗ nen Berichten über Mehadia und dem, was noch folgen ſollte, zuhörten. „Noch ein Quärtchen!“ rief der fidele Herr; „Mehadia ſoll leben, und Sie daneben!“ „Auf ihre Geſundheit!“ entgegnete ich eben ſo fidel:„Gott und Mehadia mögen ſie ſtärken!“ „Ich gehe hin, bei Gott, ich gehe hin, um mich bronziren zu laſſen und zu geneſen!“ jubelte der fidele Herr, und fiel mir ohne umſtände über den Tiſch her um den Hals.— Ich lächelte, ₰ war jedoch innerlich nicht wenig à Conto meines Freundes beunruhigt. Grauſam hörte nicht auf, auszubleiben. Ei, ei, ei! Da fieng ein dünner näſelnder Herr neben meiner zu fragen an:„Meinen Sie nicht auch, daß ich für daſſelbige Mehadia taugte? Vielleicht würde ich dort meines Stockſchnupfens ledig, den ich bisher vergebens in Kiſſingen, Schwalbach, Rippoldsau und Dobberan herumgetragen habe?“ „Beſter und Wohlgeborenſter,“ hebe ich— immer höflich und leutſelig— zu dem Frager ge⸗ wendet, an:„ich zweifle, ob Ihnen Karoline, Herkules und Tamerlan zuträglich ſein werden... und, aufrichtig geſagt, ich an Ihrer Stelle würde gar nichts gegen meinen Stockſchnupfen thun, in⸗ ſofern als er komplet wäre und mir keinerlei Geruch mehr zuließe.“ Auf dieſes mein ernſtes Mahnen ſchaute mich der Dünne, ſchaute mich das ganze Zuhörerthum ſo fremdartig verwundert an, daß ich faſt gelacht hätte. Ich blieb jedoch ernſthaft— weil im Her⸗ zen um meinen Freund bekümmert— und ſprach: —— „Wenn Sie mir erlauben wollen, meine Herren und Damens, ſo möchte ich wohl über dieſen Gegenſtand einen Vortrag ſtegreifen, der Sie alle mit einander überzeugen und aufklären dürfte...?“ Ein unendlicher Jubel honorirte dieſe meine Tratte auf den Publikus, und in aller Geſchwin⸗ digkeit wurde für mich eine Tribune zuſammenge⸗ ſtuhlt und getiſcht, daß es eine Freude war. Ehe ich jedoch auf beſagter Tribune Tribun wurde, bemerkte ich zu meinem Erſtaunen den Herrn Paul Sturmhut, der ſich durch die Menge drängte und ängſtlich nach allen Seiten guckte und ſpähte. Ich, wie der Blitz auf ihn los.—„Wo iſt Grauſam?“ frage ich.—„Wo iſt Mitzwitte?“ fragte er.—„Sie waren beiſammen,“ ſage ich. —„Dumm Zeug!“ ſagt er.—„Was ich ge⸗ ſehen, iſt kein dimm Zeug!“ drohe ich.—„Und wenn ich Ihnen ſage, daß es nicht möglich?“ droht er.—„Schaffen Sie mir meinen Grau⸗ ſam!“ fordere ich.—„Schaffen Sie mir meinen Mitzwitte!“ fordert er.— Und da er mir nicht entſprechen kann, wie auch ich nicht ihm, ſo geht — er ſeines Wegs hinaus und ich zu der Tribüne, wohinauf mich zwanzig Hände heben, leicht wie eine Flaumfeder. *s iſt etwas ganz Feines, zum Volk zu reden. Ich war ſehr in meiner Aſſiette, und ich redete ungefähr folgendermaaßen:(es war ſchon zehn Uhr und Grauſam beharrte auf ſeinem Ausbleiben.) „Geehrte Damens! Geehrte Herren! Freund⸗ liche Zuhörerſchaft! Ich möchte wahrhaftig in gegenwärtigen Zeit⸗ läufen einer Jeden und einem Jeden von uns vor Allem drei Dinge wünſchen; nämlich genug Zeit, hinreichend Geld und drittens: den Stockſchnupfen! Erſtens alſo, um kurz zu ſein, vollauf Zeit —(Bravo, bravo!) denn wer viel Zeit hat, hat natürlich auch viel Geduld, und wird daher Alles erwarten können, reſpektive erleben, was ihm ge⸗ fällt, und Alles gewinnen, was ihm beliebt, ſogar das Geld!(Bravo! Sehr gut!) Wenn wir ſagen, daß unter allen Völkern das deutſche am meiſten Zeit hat, ſo iſt das nur die Wahrheit. Der Deutſche verliert allein in der Regel ſo viel Zeit, als alle andern Erden⸗ bewohner zuſammengenommen. Wer aber viel zu verlieren im Stande iſt, hat auch viel.(Sehr gut! ausgezeichnet!) Der Engländer ſagt freilich:„Zeit iſt Geld,“ und bildet ſich auf dieſes Sprichwort viel ein. Aber das Sprichwort hinkt bei ihm, wie über⸗ haupt alle Sprichwörter in aller Welt zu hinken pflegen. Nur in Deutſchland iſt die Zeit zugleich Geld, weil unſer Münzfuß zugleich der Zeitfuß iſt: ſechzig Minuten die Stunde, ſechzig Kreuzer der Gulden; folglich jede Minute gleich einem Kreuzer!(Hört, hört! trés-bien)) (Der„Geneigteſte“ merkt, wie ich mich par⸗ lamentariſch zu entwickeln verſtehe. Nicht ohne Selbſtgefühl auch laſſe ich's ihm merken.— Grau⸗ ſam bleibt immer aus und ich fahre fort:) „Das iſt nun ſchon ein recht hübſches Nativ⸗ nalvermögen, und das erklärt auch, wie der Deutſche, ſo er einmal beginnt, ſeine Zeit todtzu⸗ ſchlagen, zugleich anfängt, ſein Geld zu vertilgen. Der Italiener und der Spanier faullenzen ihre — Muße nüchtern durch; der Franzoſe verſingt und verſchwadronirt ſeine Langeweile;— der Eng⸗ länder, wann er nicht weiß, was zu thun, ſchießt ſich todt. Der Deutſche aber, zum Zeitvertreib, verzehrt ſein Geld beim Gaſtwirth, oder wenig⸗ ſtens das Geld des Gaſtwirths. (Unaufhaltſames Bravo und Händeklatſchen von Seite des Inhabers des„Diwan de Flätz“ und ſeines Kellnerperſonals. Einige Herren unter den Stammgäſten des Hauſes ſehen etwas ver⸗ blüfft.— Grauſam iſt noch immer nicht da.) Und iſt es nun ein Wunder, meine Damens und Herren, wenn die Lebensluſtigen nach Oeſter⸗ reich und Wien laufen, um ihres Lebens, ihrer Zeit und ihres Geldes froh zu werden? Das macht nur der günſtigere Zwanziggulden⸗ und Zeitfuß. Der Gulden hat dort zwölf Kreuzer mehr als bei uns; dort ſchlägt es um ſiebzehn Minuten früher zwölf Uhr, als hier in der Haupt⸗ und Reſidenzſtadt Flätz. (Bravo! Ueberraſchend! Gut gegeben! Hört, hört!) — Glücklich alſo, wem vollauf deutſche Zeit und deutſche Gulden— Alles in Konventionsmünze — gegeben! Dennoch ſind Geld und Zeit dem heutigen Menſchen zu ſeinem Glück unzulänglich, wenn er nicht dabei den Stockſchnupfen beſitzt. Ohne Stockſchnupfen kann heutzutage Keiner ſelig geſprochen werden.... und, bevor ich dieſen Text eingehe, geſtatten Sie mir eine kleine Pauſe.“ Man bewilligte mir, wiewohl ungern, dieſe geringe Pauſe, in der ich nicht müßig ging; denn es war ein langer Säbel hereingekommen, in deſſen Gefolge der kleine rare Mann, der Adju⸗ tant vom Flügel des Hoſpodars. „Nummer Neunzehn noch nicht da?“ fragte er.—„Nicht die Spur von ihm,“ antwortete ich.—„Das iſt recht fatal,“ ſagt er.—„Aeu⸗ ßerſt fatal,“ ſage ich.—„Die Herren dürfen ſich nicht ſchießen, bevor ſie nicht die Taxe für den Phönizier mit Rubinen erlegt haben;“ ſagt er.— „Wenn morgen dazu noch Zeit wäre.7“ ſage ich.—„Allerdings; morgen auf der Windmühle,“ ſagt er;„Hoheit werden ſelbſt mit der ganzen —— Wachparade zugegen ſein. Es ſoll feierlich zu⸗ gehen. Hoheit freuen ſich darauf. Und ich, beide Duellanten nicht gefunden habend und auf morgen verſchiebend, was heute nicht zu thun, müde vom Herumlaufen nach den Herren, böſe ſogar, aber nicht ändernd könnend, nach Hauſe gehe ich.“— „Zu ſchlafen wohl, wünſche ich,“ ſage ich kurz⸗ weg, und erklettere wiederum den Rednerſtuhl und fahre fort: „Ja, meine Damens und Herren, die mün⸗ dige Ziviliſation unſers Fortſchritt⸗Jahrhunderts hat es eigentlich auf unſere Naſe gemünzt, und dreimal ſelig daher die Stockſchnupfigen! Unſere Zeit leidet einmal nicht, daß Jemand in gutem Geruch ſtehe. Und daß mit dem Geruch der Ge⸗ ſchmack auch in engſter Verbindung ſteht, iſt be⸗ kannt, und keiner von meinen freundlichen Zu⸗ hörern wird ſo dumm ſein, das nicht zu wiſſen. („Keiner, keiner! Bravo! Weiter, weiter!“) Um den fraglichen Stockſchnupfen zu rekom⸗ mandiren, gebe ich ein Beiſpiel, wie's heutzutage Einem geht, der den Stockſchnupfen nicht hat. Belieben Sie aufzumerken. Wir ſind zum Exem⸗ pel zu Anfang des Frühjahrs. Noch iſt der Abend, der dunkle, lang, und folglich der Morgen nicht gar zu frühe munter, und an einem ſolchen Morgen, da es um ſieben Uhr noch paſſabel finſter, ſteht alſo Einer auf aus ſeinem Bette. Um ſeinen Hoſenträger— Pardon, Mesdames— und zum Frühſtück das Maul zu finden, was muß der auf⸗ geſtandene Sterbliche unverzüglich thun? Was anders, als ein Licht machen? Er nimmt daher ſein Streichfeuerzeug zur Hand, ſtreicht brave- ment an,.. und der ignoble, infernaliſche Ge⸗ ſtank des Phosphors räuchert ihn zum Willkom⸗ men in's Tagleben ein. Et d'une! Hierauf bringt ihm ſeine Magd, oder, wenn dieſe Magd ein Mannsbild iſt, ſein Stiefelputzer den angeblichen Junggeſellenkaffee, der mit dem zweideutigen Geruch der Cichorie ſeine Naſe ſammt Gehirn umnebelt. Beſagte Naſe bekommt Krämpfe, der Gaumen des Trinkers rebellirt. Hilft nichts; der meſchante Trank muß hinunter. Auch der Sterbliche muß hinunter— auf die Straße. Da empfängt ihn empfindlicher Weih⸗ rauch aus dem, beliebter Reinlichkeit halber, an⸗ gelegten und aufgedeckten Kanal.. Proſit!— Et de deux! Der Sterbliche macht einen Morgenbeſuch bei ſeinem Onkel. Der alte Herr läßt noch immer, obſchon der Frühling im Kalender, einheizen, und ein mörderiſcher Geſtank erfüllt das geheizte Zim⸗ mer.— Das kommt von dem lackirten Ofenrohr, erklärt der Onkel: das alte, mit Ruß geſchwärzte, roch immer ſo übel!— Et de trois!“ (Bravo! Bravo! Ganz aus der Natur ge⸗ griffen ¹) Ich verbeuge mich beſcheiden, und— Grau⸗ ſam iſt noch immer ganz weg— fahre fort: „Um ſeine Naſe zu reſtauriren, eilt der Sterb⸗ liche in den Spezereikram gegenüber und kauft ſich im unſaubern Dunftkreis abgelagerter Häringe eine ganz friſche Cigarre von Friedrichsthal, die ihm der Kaufmann mit ſtinkendem Phosphor in Brand ſetzt.— Aber welchen Duft haucht der verräthe⸗ riſche Glimmſtengel von ſich, als der Raucher ——— —— damit in die freie Luft tritt! Die Vorübereilenden halten die Naſe zu; aber des Rauchers Naſe muß aushalten, denn er will die zwei baaren Kreuzer nicht umſonſt verſchwendet haben.... Et de quatre!! Endlich hat er mit heroiſcher Ueberzeugungs⸗ treue das Kartoffelkraut verdampft, und athmet leichter im Muſeum am Zeitungstiſch.— Nicht lange jedoch, und der intenſive Stank der neu⸗ modiſchen Druckerſchwärze verurſacht ihm Eckel und Schwindel. Sich davon zu helfen, lauft der geſtörte Leſer hinaus vor die Stadt. Dort um⸗ wallt ihn feierlich und auf eine Meile in die Runde der peſtilenzialiſche Hauch der Düngerbrühe, die über die Maaßen freigebig auf die keimenden Saaten geſchüttet worden— ein Triumph mo⸗ derner Landwirthſchaft! Natürlich hat die Promenade bald ein Ende... dennoch iſt Appetit vorhanden, und der Sterbliche geht, bei ſeiner Baſe zu ſpeiſen.——“ (Aha! jetzt kommt erſt das Wahre.. hört! hört!) e“ macht ſich keine Vorſtel⸗ lung von der Beſtürzung, die mich ankam, als ich den Aſſeſſor, den Peter Mitzwitte in eigenſter Lei⸗ besgeſtalt in den Saal treten ſah— ohne Grau⸗ ſam! Und es lag in den Mienen des griechiſchen Der„Geneigteſte Deutſch⸗Türken eine derlei Befriedigung, daß ich mir gleich entſetzt in die Ohren raunte: Himmel! da iſt ein Verbrechen begangen worden! Ich bitte die werthe Zuhörerſchaft um Nach⸗ ſicht, um eine kleine Pauſe, und trete von der Tribüne auf den Mitzwitte los, und mit ihm in eine Ecke, woſelbſt ich ihn mit bebenden Lippen frage:„Herr, wo iſt mein Freund Grauſam?“— „Weiß ich's?“ fragt er mich entgegen, der Un⸗ menſch, und zwar d'un air goguenard:„Weiß ich's?“— Ich gebe darauf:„Alſo hat der ge⸗ wiſſe Kain auch einmal unſerm Herrgott geant⸗ wortet, aber ſeine finſtere That kam doch an's Tageslicht!“—„Wie kommen Sie auf die alte Geſchichte?“ fragt der Menſch noch einmal. Und ich ſage:„Herr— Sie ſind mit Grauſam zieren gegangen, bei Gottlob Schäfle e Luſtige Geſchichten I. Siehe, da verfärbte ſich der Finanzer und ich fuhr drohender fort:...„Und ſeit jener Stunde, Herr, iſt Grauſam nicht mehr zu ſehen, nicht mehr zu finden geweſen... und ich fordre.. verſteh'n Sie mich? ich fordre dieſen jenigen Grauſam von Ihnen, Herr!.. Comprenez- vous?“ „Larifari...“ lacht mir der Bluthund in's Geſicht:„was fällt Ihnen ein? Was geht mich Ihr Freund an? Da hätt' ich viel zu thun, wenn ich jedem Narrn nachlaufen ſollte... Compre- nez-vous? Was wird's am Ende ſein? Er wird durchgebrannt ſein und damit Punktum; durchge⸗ brannt vor dem Duell... Comprenez-vous?“ Und hohnlachend dreht mir der ausverſchämte Menſch den Rücken zu. Der„Geneigteſte,“ der mich jetzv genau kennt, ſtellt ſich vor, wie es in mir ſtürmte, tobte, wetterte und flammte. Fichtre! das war mir noch nie paſſirt, und meine Rache wäre, auf Ehre, kannibaliſch ausgefallen.. wenn ich nicht meine Vorleſung über den Stockſchnupfen zu vollenden gehabt hätte. Das war des Aſſeſſors Glück, ma foi!— Ich rufe alſo:„Stupideſter, ein Glas Zuckerwaſſer!“ Der Kellner bringt das, ich trink' es aus, und vom Eſſen zu reden, ſteige ich auf meine Bühne. Der Aerger, der Grimm machten mich redſeliger als je, und meine Waare — meine Worte, wollt' ich ſagen— fanden rei⸗ ßenden Abgang: „Die Tafel iſt trefflich, heb' ich wieder an; zu Anfang wenigſtens vortrefflich. Entre autres wird eine... wie ſagt man 7 ein Canard fa- rouche? eine Wildente— jetzt hab' ich's— wird alſo aufgetragen; aber welch ein Geruch ſtrömt von der Schüſſel aus?— Liebe Baſe, was iſt das?— Lieber Vetter, Sie machen Spaß. Die Ente muß ja ein wenig herrelen, ein wenig haut-gout haben. Nie ohne dieſes; ſie taugte ja ſonſt nicht.— Ja ſo, ja ſo! o weh!—— Nun kommt eine Torte. Ein unbeſchreiblich fades, aber durchdringendes Aroma ſteigt aus der Torte. Dem Gaſt wird ſchier übel.— Liebe Baſe, was iſt das?— Lieber Vetter, das iſt das: Nach der neueſten Mode miſchen wir den — 100— Teig mit Roſenwaſſer; das iſt türkiſch!— Hol' der Teufel die Türken und ihr Roſenwaſſer!“ (Bravv, bravo! A bas les Turcs!) Der Aſſeſſor wird bleich, wie.. wie Unſchlitt; der Ho⸗ ſpodar kann die Türken wohl leiden und ſieht ſeine Bureaukratie gern ä la turque maskirt!— Schnupf' nur zu, Aſſeſſor, ſchnupf' zu.— Ich fahre fort: „Allons, auf's Kaffeehaus!— Ach Gott, ſo viele Leute, die da Kaffee trinken und friſche Ci⸗ garren ſchmauchen! Cichorie hier, dort!— Der Sterbliche ſtürzt von dannen.. (Eben ſtürzt auch der Aſſeſſor hinaus. Der unverſchämte Bengel ruft: Gott, wie abſurd!— Hohngeziſche verfolgt ihn. Meine Zuhörer halten ſich brav. Ich verneige mich und fahre fort): „Fort, fort aus dem Qualm der Städte! wie einſt Bürger geſungen, der demzufolge lieber Bauer geweſen wäre.... (Ah, ah! herrlich! ſchlagend, treffend, frappant, bei Gott! Bravo!) Der„Geneigteſte“ muß wiſſen, daß ich ſchon mehrere Male an verſchiedenen Orten mit obigem Originalwiß ausgezeichnete Ge⸗ ſchäfte gemacht habe.— Ich verneige mich noch einmal, und noch einmal fahr' ich fort: „Einen guten Freund zu beſuchen, fliegt unſer Sterblicher auf die Eiſenbahn. Ein Moment, und er ſitzt gut; ein Moment, und er fährt ab.— Siehe, da iſt der Wind konträr, und Wolken von Kohlendunſt und Kohlendampf ſammt einem ge⸗ linden Aſchenregen dringen in den Waggon, und eine nervenſchwache Frau, die darinnen mit einem Kinde, dem immer übler wird... savez vous2... vom Magen aus, leidet nicht, daß man die Fenſter ſchließt. Der Reiſende wird äußerſt mißfidel— zum Glück iſt die Fahrt geſchwind und kurz. Zur Stelle iſt der Reiſende bald und eilt in die Fabrik, welcher ſein Freund vorſteht. Eine Fabrik..! das heißt viel, das heißt Alles geſagt. Schwüler Giftbrodem allenthalben gelagert... ſelbſt in der Stube des guten Freun⸗ des eingeniſtet, in deſſen Schlafzimmer der uner⸗ träglichſte Geruch.— Ein trefflich Mittel gegen — 102— die Wanzen, womit ich arg geplagt bin; erklärt der gute Freund.“ (Ah, ah, ſo, ſo! Cest cela!—) Einige Damen halten ſich die Fächer vor's Geſicht; die Herren lachen. Ich,„Geneigteſter,“ vergieße eine Thräne; warum? Weil ich ſo viel von einem guten Freunde reden muß, und Freund Grauſam iſt immer noch nicht da.— Draußen läutet ſchon die Polizeiglocke. Ich ſchlage vor, die Vorleſung zu vertagen. Publikus will nicht.(Fortfahren! zum Schluß! Wir wollen's ganz hören!) „Der Sterbliche ſammt Freund flüchten ſich auf die Terraſſe am Hauſe. Die Terraſſe iſt ſchön, von Gottes Sonne hell beſchienen, aber ein ſchmählicher Dunſt, von ihr aufſteigend, vergiftet die reine Luft.—„Wir wondeln auf Asphalt; er iſt vom beſten—“ erklärt der Freund, und der Beſucher geht ſchaudernd durch— vom Juden⸗ pech.— Sie! das iſt Pech!! Schnell wieder auf die Eiſenbahn. Der Sterb⸗ liche wird eingepackt neben einen Mann, der re⸗ putirlich ausſieht... aber umqualmt iſt von den übelſten Ausdünſtungen. Der Nachbar nämlich ſitzt auf einem Luftkiſſen, das nicht gut ſchließt; der Nachbar trägt einen Mae-Intosh, der von Caoutchouc nur allzuwohl geſättigt. Erſchreckliche Naſenfolter! (Trés- bien! Bravo! Immer beſſer!) Die Fahrt nimmt ein Ende, wie Alles hie⸗ nieden. In der Stadt angelangt, läuft unſer Held abermals zu einem guten Freund. Er findet denſelben in ſeiner Bibliothek, aber in der gräu⸗ lichſten Atmosphäre.— Der Freund erklärt: Meine Bücher ſind alle in Juften gebunden, um die Motten abzuhalten; ruſſiſche Mode!— O weh, noch gar ruſſiſch auch noch? Adieu, Freund! — Aber auf der Straße ſcheint die ſtinkendſte Hölle los zu ſein. Was da? Da iſt eine Gas⸗ beleuchtungsröhre geſprungen.— O Himmel, hilf! — Auf ſeinem Reißaus geräth der Sterbliche in ein ihm bekanntes Haus, wo juſt Geſellſchaft von Damen iſt.— O Elend! welch ein wohlgeruch⸗ ſchwangerer Dunſtkreis umfängt ihn da! Kölniſch Waſſer, Pomade von Jasmin, Biſamduft von allen Sorten, des erſchrecklichen Patſchuli Gift⸗ hauch...! Um nicht ohnmächtig zu werden, flüchtet ſich unſer Mann in's Weinhaus. Entſetzen.... welch ein fürchterlich Bouquet hat der Wein, den man ihm vorgeſetzt? Er iſt framboisé!— Nach Hauſe.... fort nach Hauſe!— Dort empfängt ihn ſein Bedienter, oder wenn dieſer Bediente ein Weibsbild iſt, ſeine Magd, tränkt den naſen⸗ kranken Herrn mit grauslich riechendem Kamillen⸗ thee, bringt den das Bewußtſein Verlierenden mittelſt Salmiak wieder zum Leben, und wälzt ihn in's Bett, wo ihn dann nichts mehr inkommodirt, als die räuchelnde und brenzelnde Nachtlampe.— Et voila!“ (Braviſſimo! Ende gut, Alles gut! Trefflich amüſirt!) Alle und noch mehr Hände klatſchen, der Jubel hört kaum auf. Ja, von Augeublick zu Augenblick ſind die Zuhörer mehr weg— in's Bett. Und auch ich,„Geneigteſter,“ ſehne mich nach zweierlei: nach dem Freunde, der auch noch ganz weg, und nach dem Bette. Und weil eben das letztere vorhanden und der erſtere nicht, ſo —— — 105— denke ich, in Gottesnamen ſchlafen zu gehen.— Aber, aber...! wenn ſchon bisher Alles kraus und bunt und kopfüber zugegangen, ſo iſt das doch nur Plunder gegen die abenteuerlichen Dinge, die jetz zu Flätz, in„Diwan de Flätz,“ nach der Polizeiſtunde von Flätz ſich begeben werden, wie der geneigte Leſer alsbald mit Haarſträuben ſieht. —— Denn alſo fingt Klopfſtock in ſeiner Iliade: „Es gibt im Augenblicke Menſchenleben!!!“— „Stupideſter, Eklatanteſter,“ ſag' ich alſo zum Marquis:„reißen Sie nicht dergeſtalt Ihr Mäul⸗ chen auf und bringen Sie mich auf Nummer Sieben. Hören Sie?“ „Schön!“ Der Kerl nimmt ein Licht und tritt vor. Ich trete nach. Nach einigen Tritten, in der Mitte des Salons, bleibt der Kerl ſtehen, dreht ſich um und ſpricht:„Der Herr(d. h. der Wirth) hat mir aufgetragen, Ihnen zu ſagen.... wiſſen Sie, von dem Herrn auf Nummer Neun⸗ zehn 2 „Prächtig, herrlich!“ mache ich:„endlich doch einmal eine Kunde, eine Nachricht..2 — 106— „Ja, mein Herr. Er läßt Ihnen ſagen... daß der Herr auf Nummer Neunzehn nirgends zu finden geweſen.“ Geneigteſter! dieſe Eſelei...! Auf Cerevis, ich hätte dem ſchlaftrunknen Kellnerkameel eine Ohrfeige vom reinſten Waſſer geſteckt.... wenn nicht ein Dritter, Vierter, Fünfter und Sechster hinzugekommen wären.— Der Dritte war der Wirth ſelber, der, eifrigſt die Thür aufreißend, hereinſprang und Katzenbuckel auf Katzenbuckel machte;— der Fünfte und Sechste waren Kell⸗ nerfiguren, die mit weit offenen Augen und langen Geſichtern im Hintergrund ſich aufſtellten. Der Vierte aber war ein Mann von Gewicht, tief ver⸗ hüllt in einem weiten Mantel, auf dem Haupt eine Art von Kolpack mit rothem Beutel— im Geſicht eine Habichtsnaſe, zwei kohlſchwarze Augen mit ditto fingerdicken Brauen, einen ſchwarz und graumelirten Bart um und um, und dazu eine fahle Hautfarbe. Ich ſtutze, Er ſtutzt, wir und ſie Alle mit⸗ einander ſtutzen; der„Geneigteſte“ ſtutzt auch. — 107— „Halt!“ ruft mir der Mann mit ausgeſtrecktem Zeigefinger entgegen:„Red' und Antwort geben.. auf Befehl des Hoſpodar!“ Ich ſtutze noch einmal, und erwiedere mann⸗ haft:„A votre service; wer aber ſind Sie?“ „Polizei;“ erwiedert er, und Wirth und Kell⸗ ner fallen ſchier um vor Devotion. Ich ſtutze fort. Jetzt begann ein Verhör, kurz gefaßt und grob, wie's bei türkiſch⸗moldauiſch⸗wallachiſcher Po⸗ lizei(und auch bei andern) Praxis. „Ihr Name?“—„Gottlieb Langenſtrick, ge⸗ nannt Grand- Fusil, gebürtig aus Oberklam⸗ mern.“ „Ihr Alter?“—„Als Kaufmann dreißig Jahr; als reiſender Voyageur achtzehn Jahre: im Gan⸗ zen ungefähr fünf und vierzig Gulden, ſechs Kr.... fünf und vierzig Jahre und ſechs Monate alt, wollt' ich ſagen.“ „Charaktet?“—„Solid, honnett und be⸗ ſcheiden.“ „Profeſſion will ich wiſſen?— Mache„en deuil.“ —— ů m————————— — 108— „Und ſekundiren morgen im Duell Ihrem Freund Nummer Neunzehn?“—„Könnte ſeyn, wenn nur... „Wenn nur?“—„Wenn nur mein Freund Grauſam nicht verſchwunden wäre.“ „Wie ſo?“—„Ja, wenn ich das wüßte! Das iſt aber Ihre Sache, Polizei.“ Der Mantelmann drehte ſich nach dem unter⸗ thänigſt bückelnden Wirth um, und flüſterte mit demſelben. Ich ſchaute frei umher, und bemerkte, daß mir die Kellner Geſichter ſchneiden. Das will mich ärgern; indeſſen hebt die Polizei wieder zu mir an: „Iſt ſchon Befehl, zu arretiren das Nummer Neunzehn. Wenn morgen nicht arretirt, müſſen Sie losgeh'n mit Mitzwitte.“—„Ich? Nun, Sie! das wär' nicht übel. Warum ſoll ich losgeh'n?“ „Weil Sie ſind Sekundant.“—„Das wär⸗ mir ein ſchöner Komment. Warum nicht gar? Gehorſamer Diener. Saubere Anſichten, das!“ (Der„Geneigteſte“ begreift meine Gefühle und Erbitterung. Bin ich Sekundant, um mich — 109— ſelber zu ſchießen oder zu rappieren? Pfni Teufel, welche Gemeinheit!) Der Polizeier fährt aber fort:„Sauber oder nicht; Hoſpodar hat befohlen, muß duellirt werden. Sie Sekundant mit Mitzwitte, und iſt Mitzwitte todt, Sie Sekundant mit Sturmhut, andere Se⸗ kundant., bis nur Einer noch auf'm Platz lebendig.“ Ha, wie mir die Gänſehaut aufſtieg! wie mir die Grobheit jetzt durch alle Poroſitäten ausſtaubte! „Was?“ fahr' ich auf, voll von Selbſterhaltungs⸗ trieb:„iſt denn dieſes Flätz ein Coupegorge, eine Gurgelabſchneide? iſt die Polizei von Flätz eine edle Polizei? Welche Behauptung ſtellt ſie auf, dieſe Polizei? Ich ſoll mein junges Leben riskiren, weil die Polizei ſchlecht genug iſt, das zu verlangen? Herr, wenn ich eine ſchlechte Po⸗ lizei haben will, brauche ich nicht erſt nach Flätz zu reiſen; die kann ich alle Tage zu Oberklam⸗ mern genug und ſattſam haben! Herr, was fallt Ihnen ein? Und welch' ein Mann muß Ihr Ho⸗ ſpodar ſein, der...“ Da blieb mir der Schlund im Worte ſtecken, —Üů——— —— wie Aeneas in dem gottvollen Heldengedichte „Virgil“ ſagt, das von Marmontel in's Franzö⸗ ſiſche verdeutſcht worden iſt. Nämlich: der Stu⸗ pideſte riß mich wie beſeſſen am Rockzipfel, als wolle er meinen Rock ſpenceren; die Kellner im Hintergrund ſchlugen die Hände über'm Kopf zu⸗ ſammen, und der Diwan-Wirth brach in die Worte des Entſetzens aus:„Beim Jupiter! halten Sie ein! was thun Sie, Herr Langenſtrick!!“ Wenn ich je dumm war, ſo war ich's in die⸗ ſem Moment; auf Seele!— Und obendrein tritt herein der bewußte rare Flügeladjutant, hinter ihm eine ganze Schaarwacht, und der kleine rare Mann bückte ſich bis zur Erde vor dem Mann des Mantels, und die Soldaten präſentirten das Gewehr und das ganze anweſende Volk— mich ausgenommen— ſchreit:„Vivat, Durchlaucht! Hoſpodar!“— und auf der Spieluhr, die im Saale, geht, wie gerufen, die Nationalhymne los: „Erſt geſpießt und dann gehangen“ u. ſ. w. nach dem Gedicht von Haydn, Muſik von Mozatt, und jetzo erſt fang' ich merklich an zu merken, —— was der mehr iſt, und wie ich mich vergallopirt habe. „Fort mit Inkognito!“ rief indeſſen der allent⸗ halben er⸗ und gekannte Hoſpodar— denn er war es höſnigen⸗ ber wie der Kalif in den Lauſend Nächten gen dann und wann vermummt herumſtieg, um in iz ſenr Reſidenz Polizei zu machen—„fort mit Mantel und Maſchera!“ Schlug— juſt wie aufm Theater— den Burnus Auseinander, und wies mir ſeine mit allerhand hillantnep⸗ Riſchaw's und mit der Groß⸗ meiſterkette Ses pöö i eterße ns verzierte Bruſt. Ein Gefuitfel, wie. Frernen und Sonnen. O, hätt ich a aufräumn— nämlich abräumen dürfen! .„„ „Nun? wie„un e tummer Sieben, he eugruic;⸗ Pob d Hekr wieder an:„wie ſteht's nun? Welch' ein Mehſch iſt jetzt Hoſpo⸗ podar? Iſt es gut, iſt es bös, Hoſpodar?“ „Ach mein; Gott!.. ich aus:„der guteſte, ja der beſteſte aller⸗Menſchen!“—(War das geſcheidt v nicht,„Geu igteſter ²) —— „Recht;“ ſagt er:„aber auch der ſtrengſteſte, wenn man widerſteht ſeinem Befehl! Und daher werden Sie ſich morgen mit Mitzwitte ſchlagen. Denn ein Duell muß ſein. Iſt noch nie eines hier geweſen. Will ich einführen neue Kalender, von dato erſter Zweikampf zu Flätz. Hab' ich ſchon invitirt zuzuſchauen dig Prinzen A⸗bu⸗bekr, Bretz⸗el⸗bekr, Gug⸗el⸗hopß⸗bekr. Dürfen nicht um⸗ ſonſt da ſein, Prinzen, türkiſche. Verſtanden?“ Jetzt war ich— wie der Franzos ſagt— forcé dans mes derniers retranchemens. Aber ich heiße Grand- Füsil, bin immer zum Losgehen parat, hab ninlich immer was Neues am Stecken.— Darum ſag' ich melancholiſch⸗ pfiffig:„Majeſtät,.. ich⸗ kann mich nicht mit dero Aſſeſſor ſchlagen A“ 2 Die„Majeſtät“ machte den Herrn freundlich, nach ſeiner Weiſe. Er antwortete leutſelig:„Hm, weil Sie ſind gemeiner Hund gegen Mitzwitte? Thut nichts. Ich mache Sie zu Phönizier. Gaſt⸗ wirth, Du läſſeſt die Effekten des Herrn nicht aus Diwan, weni er nicht bezahlt hat die Taxe — 113— von Phönizier. Dann ſind Sie“— wieder zu mir gewendet—„dem Mitzwitte egal, und ge⸗ ſchlagen muß ſein.“ „Hol Dich doch der Teufel!“ ſagte ich— zu mir ſelber im Stillen—; dagegen laut:„Ma⸗ jeſtät verſtehen mich nicht. Ich kann mich nicht mit dem Aſſeſſor ſchlagen, weil ich ihn im drin⸗ genden und gerechten Verdacht habe, daß er mei⸗ nen Freund Grauſam meuchlings grau⸗ ſam umgebracht!“ „Potz Moldau, potz Wallachei!“ fährt der Herr auf:„Was iſt das?“ Worauf ich ihm erzähle, was ich geſehen und was der„Geneigteſte“ ſchon weiß, und daß nicht die Spur, nicht die blaſſe Idee von dem Grau⸗ ſam vorhanden u. ſ. w., u. ſ. w. Ein Gemurmel der Theilnahme lauft durch den Saal, und während es lauft, bleibt Hoſpo⸗ dar ſtehen, runzelt die Stirn, und denkt nach. Ein großer aber ſchauerlicher Augenblick. Ein nachdenkender Hoſpodar! Noch nie dageweſen! Ein Hoſpodar, der nachdenkt, eine, zwei Minuten Luſtige Geſchichten I. 8 — 114— lang. Draußen ſchlug dazu die mitternächtliche Stunde!!! So etwas muß man ſelbſt erlebt haben,„Geneigteſter“, um's zu glauben. Aber endlich hebt Er das Haupt, und ſagt zum Adjutant vom Flügel:„Popowich, arretire den Mitzwitte; hol' ihn aus Bett, in Kerker mit ihm. Und Sekundant hier wird ſchlagen mit anderm Sekundanten, und damit er nicht fortgeht in weite Welt, ſoll er Arreſt haben auf Zimmer Nummer Sieben!“ Da hatten wir das Urtheil Salomonis. Wenn ihn doch der Teufel ſammt Urtheil geholt hätte! Dagegen winkt Er mit der Hand mir freund⸗ lich zu, ſagt:„à demain!“ und geht unter'm Klang obiger Nationalhymne davon. Und ich ich ſaß im Pech. Meine Schulter berührte der rare Popowich, und ſagte hämiſch, auch gebieteriſch: „Großmächtigſter Hoſpodar befohlen, und Befehle ſeinige auszuführen verbunden, Dich, Hund, Frem⸗ den, arretire ich!“ Nun, auf ſolche Barbarismen war nichts zu entgegnen. Ich gehe auf mein Zimmer... mir folgen zwei Trabanten, von denen einer zu meiner linken, der andere zu meiner rechten Seite, da ich im Bett lag, zu ſitzen kam. Der links hatte den Schnupfen, der rechts einen gräulichen Schluchſer das gab eine ſchöne Nacht.—„Geneigteſter,“ jener Nacht mich erinnernd, und ſchaudernd in der Erinnerung, eine Priſe zu nehmen, erlaube mir! Ob ich ſchlief? ob ich träumte? weiß ich das? Wahrſcheinlich lag ich im Fieber, wie Einer, der den ſogenannten faulen Typus hat. Ein Faktum iſt, daß ich am andern Morgen geraume Zeit mit den Leuten redete, als würden mir von einem böſen Geiſt die Worte im Maul gewaltſam um⸗ gedreht und durch einander geworfen. So rief ich, zum Beiſpiel, dem Kellner bei ſeinem Eintritt entgegen:„Wo bleibt denn heut der Piffelſtutzer? Der Kerl hat ſich gewiß bei der Klumpenlocke verſeſſen? Hat der Hopſadar nicht hergeſchickt? Immer noch nichts von Saugram? Haft' ich noch immer im Verſatz?“ WVie geſagt, ich war ganz konfus und irr und wirr. So kannte ich nicht mehr das Gottlob — 116— Schäfle'ſche Haus, obgleich mein Herzvögelein, traurig zwar, aber ſchön, am Fenſter ſaß. Daher ich auch plößlich gegen den Stupideſten blödſin⸗ nig hinfragte:„Was iſt das für ein Haus?“ „Welches?“ fragte der Stupideſte.—„Nu das da, deſſen Deck mit Zotenriegeln eingedacht?“ — Der Menſch meint, ich mache Spaß, aber mir war's um den Spaß, wie weiland dem rolenden Raſand— dem raſenden Roland, will ich ſagen. Der„Geneigteſte“ ſieht, wie ich wieder in der Erinnerung an ſelbige Gemüthsſtimmung konfus zu werden beginne. Das hatte aber ſchon dazumal keine Noth. Der Anblick der reizenden Albertine brachte mich bald wieder zurecht. Sie ſaß am Tiſchchen, und ſchlug ſich die Karte, und weinte dabei. Ma foi! ſie weinte!!! Das ſehen, mitweinen und vernünftig werden, war bei mir eins. So bin ich eben, ſchwalleriesk vom Schopf zum Abſatz.— Meine Wächter hatten ſich nieſend und ſchluchſend entfernt. Zum Hoſpodar an die Windmühl' war ich beſchieden. —— ———— „ — 117— Schön angezogen war ich. des Raſirens hätt ich bedurft, aber.. In dem Moment klopft's.„Herein!“—„Bar⸗ —r—r— rbier?“ fragt's herein.—„Als zu!“ Siehe, da ſteht die Blutwurſt von geſtern vor mir, aber mit ſubmiſſem, zutraulichem Antlitz; und der Kerl ſagt ganz ſüß zu mir, und leiſe: „Freut mich, daß ich Sie noch hier finde!“ „Das Vergnügen iſt auf meiner Seite, Par⸗ fümirteſter;“ ſage ich. Und er naht ſich mir vertraulich, drückt mir ein Papierchen in die Hand, und zwinkert dabei mit den Glotzaugen, daß mir faſt bange wurde. „Iſt das Ihr Teſtament, Apoplektiſſime?“ frage ich.—„O, ich bitte... macht er ganz verſchämt.„de morte nil nisi. bitte ſchön zu leſen es preſſirt.“ Und wie ich das Papier entfalte— Sapper⸗ ment! das war von Grauſams Hand beſchrieben! Ge, Geneigteſter? wieder einmal etwas Neues in dieſem Hexentanz. Der Grauſam ſchrieb mir kürzlich, daß er einen Spaziergang in die Dey⸗ — 118— und Beyſchaft gemacht, um ſich vorläufig den Katzenwald, woſelbſt das Duell losgehen ſollte, zu beſehen; daß man ihn dort als einen Verdäch⸗ tigen verhaftet, der entweder wilddieben, oder ſpioniren, oder das Land verrätheriſcherweiſe ver⸗ meſſen wolle. Alle Entſchuldigungen hatten nichts genutzt, Juſſuf der Erſte ſeine Haft beſtätigt, und ihn in einem alten feſten Thurm untergebracht. Jedenfalls— ſo ſchrieb Grauſam— wolle der Dey⸗Bey nicht zugeben, daß ſeinem verhaßten Nachbar⸗Hoſpodar die Freude eines Duelffeſtes werde, und deßwegen müſſe er— der Grauſam — beſorgen, ſchimmelig im Kerker zu werden, wenn ich, Gottlieb Langenſtrick, nicht Mittel fände, ihn zu befreien. Der Philoſoph, der ihm den Bart abgenommen— Nord⸗ und Süd⸗Flätz wur⸗ den, wie der„Geneigteſte“ bemerkt, über einen Löffel barbiert— habe ſich galant erboten, einen Zettel heimlichſt zu beſtellen... et voilä! Der brave Menſch von einem Barbier! Voll von Freude und Dankbarkeit zeigte ich ihm einen Thaler, und verſprach ihm auf morgen, ihm wie⸗ — 119— derum einen ſehen zu laſſen— gab ihm aber, was koſtbarer als zwei elende Thaler: meinen Segen, den er ganz behielt, und nicht verwechſeln konnte, wie er ohne Zweifel mit den Silberſtücken gethan haben würde. Nachdem ich auf ſolche Weiſe meiner Erkennt⸗ üchkeit Luft gemacht, marſchirte ich zum Hoſpodar auf die Windmühle, wo ſchon das ganze Heer aufgeſtellt war, dahinter das ganze Volk von Flätz. Auf einer Eſtrade ſaßen Hoheit Fürſt Pe⸗ trokis, und Hoheiten, die Bekr⸗Prinzen. „Sind Sie parat, zu ſchlagen, oder dem Mitz⸗ witte den Mord zu beweiſen?“ fragte der Hoſpodar. Und ich hierauf entgegne:„Majeſtät— nicht das eine, nicht das andere wird nöthig ſein, denn ſo und ſo iſt's dem Grauſam ergangen.“— Reiche auch mit Demuth Grauſam's Brief dem gewalti⸗ gen Herrn. Ich ſchmecke bald etwas. Da den Herrſchaf⸗ ten nach meinen Aeußerungen weder das Spek⸗ takel eines Zweikampfes, noch das einer Hinrich⸗ tung in Ausſicht ſtand, ſo fangen ſie an, fatal — 120— und unangenehm zu werden. Daher wiederhole ich meine Rede— ein Kunſtgriff, der mir ſchon oft glückte— auf preußiſch, nämlich auf ber⸗ liniſch, und ſage demnach:„Mageſtät— nich dat eene, nich dat ann're wird nöthig ſind denn ſo und ſo is et dem Irauſam erjangen!“ Dieſer lieblich ſich einſchmeichelnde Dialog verfehlte auch hier ſeinen Zweck nicht völlig. We⸗ nigſtens fraß mich der Hopſaſa— Hoſpodar, will ich ſagen— nicht auf, ſondern er ſagte ernſt aber milde:„Hund, fremder, kommt nicht ſo ganz glatt weg. Wird an Mitzwitte bitten müſ⸗ ſen um Verzeihung, und ſich dann ſchlagen mit Mitzwitte, da der Andre vom Bey⸗Juſſuf genom⸗ men in Arreſt!“ Charakteriſtiſch, daß der Herr, als er den „Juſſuf“ genannt, aus ſpie, und die Bekr⸗Prinzen machten's ihm nach.(Der„Geneigteſte“ erinnert ſich, daß die Herren einander nicht allzuwohl leiden mochten.)—„Mitzwitte holen aus Arreſt!“ be⸗ fahl der Hoſpodar; und indeſſen Ruhe und Pauſe. * — 121— Ich machte mich nachgerade aufs Aergſte ge⸗ faßt. Zum Duelliren hätte mich Gott Vater ſel⸗ ber nicht gebracht, vielweniger der Tyrann Petro⸗ kis, und hätt' ich die ganze Nation von Nieder⸗ Flätz revolutioniren müſſen. O, ich kann auch Reden halten an's Volk! ich kann auch den Um⸗ ſturz predigen, und die Gewalt in's Falliment bringen! Und— was das Abbitten bei'm Mitz⸗ witte betraf— ſo war ich geladen, und konnte losgehen auf die Minute. Schon einmal war ich zu unanſtändiger Abbitte gegen einen Literaten verurtheilt worden, den ich geheißen hatte, wie er's verdiente, und die Abbitte hat der Feder⸗ kratzer gewiß nicht hinter'n Spiegel geſteckt. Ich ſagte ihm nämlich vor Gericht: „Mein Herr, was ich jetzo denke— o wenn Sie das wüßten! Aber Gedanken ſind zollfrei, und daß ich dazumal meinen Gedanken über Sie Worte gegeben, das verzeihe ich mir nicht, wenn Sie es auch thun. Ich ſoll's Ihnen abbitten— nun, es thut mir recht leid. Ich habe Sie, glaub' ich, einen Eſel geheißen, und das iſt wahr. — 122— Wie geſchmacklos auch von mir, Ihnen zu wieder⸗ holen, was Sie ſchon ſo oft von Andern gehört haben, berühmter Mann! Darum auch keine Feind⸗ ſchaft nicht. Ich bin, ich geſtehe es, unter den Wichten dieſer Welt der erbärmlichſte, und nur Ihre Bruderhand, die Sie mir verſöhnlich reichen wollen, richtet mich empor an Ihrer Meiſter⸗ ſchaft!“ „Schon gut, genug!“ riefen mir die Richter zu, und der Akt war aus, und Niemand froher als mein Gegner. Und eine ähnliche Abbitte würde ich dem Mitzwitte geleiſtet haben... doch wurde mir die Freude nicht.—— Ein Trabant nach dem andern kam gelaufen, und meldete dem Hoſpodar allerlei. Und Ver⸗ wunderung gab's endlich an allen Ecken; denn was war mit dem Aſeſſor vorgegangen? Durch⸗ gegangen war er, und Sturmhut, ſein Sekundant, hatte den glücklichſten Gedanken ſeines Lebens gehabt: er war ſeinem Freunde nachgegangen!! — Die Beſtürzung im Volke, unter den Fürſten! Na,„Geneigteſter,“ man muß ſo etwas ſelbſt — 123— erlebt haben—— doch das hab' ich ſchon oft geſagt, und darum will ich hier abbrechen. Das Verwunderlichſte aber war, daß in ſel⸗ bigem Augenblick Grauſam ſeinerſeits auch dem Juſſuf durchging, und plötzlich, wie ein Geſpenſt, auf der Windmühle erſchien! Ha, wie war da ſeine und meine Ehre gerettet! Und kein Gegner mehr vorhanden! und uns beide konnte doch bei'm Him⸗ mel der Tyrann nicht zwingen, uns miteinander herumzuſchlagen! Doch was ging uns jetzo im Grunde der Ty⸗ rann an? Er mit ſeinen Bekr-Prinzen ſchwand gänzlich aus dem Horizont, denn es begab ſich ein Abenteuer, wie ſelten eines, im Angeſichte des ganzen Volkes. Fliegenden Haars erſchien von einer Seite Schäfle's Tochter, Tinchen, und warf ſich ohne Umſtände dem Grauſam an den Hals— ja an den Hals, und ſtammelte ſchluchzend:„O Grau⸗ ſamſter der Grauſamen, Grauſam, Du meine Liebe von geſtern, hab' ich Dich wieder? O wie grau⸗ ſam biſt Du mit mir umgegangen, indem Du — 124— verſchwandeſt, juſt nachdem ich Dich geſehen, und mich in Dich verliebt hatte! Und wirſt Du ſo grauſam ſein, Dein Tinchen, die dem Verſucher und dem Mitzwitte zugleich entſagt, von Dir zu ſtoßen?“ „Das ſei ferne;“ antwortete Grauſam, der blaſſe Schelm, der ſich ebenfalls in Tinchen ver⸗ gafft hatte, aber wie! Und auf einmal, fliegenden Mantels, ein ſchma⸗ les Nachtſäckchen in der Hand, ſtürmt von der andern Seite eine gewaltige Frauensperſon heran, und wirft ſich ebenfalls ganz ungenirt an die Bruſt des Grauſam, und ruft pathetiſch und ſonor aus: „O mein Grauſam, da bin ich, Dir nachgereist, Dir nachgejagt, Dir nachdeſertirt... und kannſt Du mir vergeben, was ich an Dir geſündigt, mein Grauſam?“ Und wie ein Meilenzeiger ſtarrt Grauſam die Reiſende an, und ſtottert:„Bina, Du hier?“ Der„Geneigteſte“ riecht jetzt den Braten. Und Grauſam wiederholt:„O Binchen!“ dann aber ſeufzt er, von Lieb' und Wehmuth voll:„O Tinchen!“ — 125— So etwas muß man ſchon ſelbſt,..! doch weiß ja der„Geneigteſte,“ was ich ſagen will, und ich ſchweige; ſo wie ich damals ſchwieg, kummervoll, Albertine zum zweitenmal zu verlieren; und zu⸗ gleich freudvoll, die Sabine kennen zu lernen, die mir urplötzlich gefiel und beſſer gefiel als das niedliche Tinchen, weil ich das Grandioſe doch mehr liebe, als das Nette; obſchon die grandioſen Frauenzimmer immerdar ein paar Ellen mehr zu ihren Kleidern brauchen...; oder vielleicht gerade deßhalb lieb' ich ſie mehr. Das macht der Han⸗ del mit Schnittwaaren. Und alſo, kühn und keck wie immer, und weil ich ſah, daß mein Grauſam verlegen daſtand, wie ſelbiger zwiſchen den zwei Heubündeln, riskire ich die beſcheidene Frage:„Lieber Freund, da Sie nun neuerdings ſich verſtrickt in Vierzigtauſend⸗ thalerfeſſeln, und da's vielleicht der Mamſell Biſſig unangenehm ſein dürfte, ohne einen Gatten von ihrer Reiſe heimzukehren... dürfte ich vielleicht.,?“ „Ich wollte Sie eben darum gebeten haben;“ fiel Grauſam ein, der mich errieth. Und Tinchen 6 munterte mich auf mit ihrem lieblichſten: thun Sie's doch ja!“ Und Binchen, mit naſſem Aug' und getäuſchter Hoffnung, aber ſtolz, einen Erſatz zu finden, ſetzte hinzu:„Ach meinetwegen denn; ich müßte ja vor Schaam vergehen, wenn ich allein nach Trefunz an's Schneckenthor zurückkäme, der Spott der ganzen Stadt!“ Das Volk von Flätz klatſchte Beifall; die Weiber vor Allen thaten, wie nicht geſcheidt. Und alſo bin ich,„Geneigteſter,“ der Eheherr der grandioſen Bina, und Biſſig's Schwiegerſohn ge⸗ worden, und unſere Firma heißt jetzs:„Biſſig und Langenſtrick,“ indem ich die articles en deuil verlaſſen und mich in Orangen und Franzbrannt⸗ wein, und was dazu gehört, geſetzt habe.— Mitzwitte und Sturmhut, beide aus Flätz wegen Feigheit und Felonie verbannt, haben ſich in meiner jetzigen Heimath niedergelaſſen, und trinken täg⸗ lich ihr Schnäpschen bei mir. Dieſes iſt die Geſchichte jenes Duells zu Flätz, was eigentlich gar kein Duell geworden iſt, aber — 127— doch beinahe ein casus belli zwiſchen Hoſpodar und Dey⸗Bey geweſen wäre. Das wurde indeſſen vermittelt, und Freund Grauſam, der den Sar⸗ dellen abgeſchworen und ſich mit Schäfle in Lein⸗ wand etablirt hat, iſt glücklich mit Tinchen, ſo wie ich mit Binchen. Und ſo werden— salvo errore et omis- sione— die Ehen im Himmel geſchloſſen! IH. Das Botel Wisperling. Man ſtellt ſich alles Leben und Weben in der Jugend ganz anders vor, als man es in reifen Jahren findet. So auch die Freuden eines Gaſt⸗ hofs. Da ich ſeiner Zeit mich aus dem dunkeln Comptvirwinkel meines Lehr⸗Prinzipals mit won⸗ niger Ungeduld in das unſtäte Treiben des kauf⸗ männiſchen Touriſtendaſeyns warf, hatte ich nicht wenig auf die Paradieſesfreuden in deutſchen und ausländiſchen Gaſthäuſern gerechnet, und ſo lang die lockere leichtzufriedene Jugend vorhielt, machte ich mir die Täuſchung vor, meine Rechnung ſey richtig. Aber— wie es in dem ſchönen Liede von Varnhagen heißt: Ach, wie bald, ach wie bald Vergeht die Schönheit und Geſtalt!!! — — 129— Das iſt eben der Witz, der Humor, die Pojengte von der Geſchichte. Alles dreht ſich in dieſer Welt mit der Welt rund um und um. Als ich noch für das Haus Jonas Heidelberger, Cerfbeer & Comp. marchands de nouveautés à Lyon & à Großſchnirchlingen in articles de deuil machte, tröſtete ich mich allabendlich, ja allmittäg⸗ lich recht gut über meine traurigen Geſchäfte an der Tafel und mit dem Kellerreichthum meines Wirthshauſes. Aber ſeit ich nach jenem Duell zu Flätz die großartige Sabine Biſſig geheirathet, und mich— meine Parthie verlaſſend— in Syrop, Bücklingen und Provenceröl geſetzt hatte— Firma Biſſig und Langenſtrick— iſt alles um mich her verwandelt und umgezaubert. Als Handelslehrling hatte ich vor meinem Prinzipal alle mögliche Furcht, aber um ſo weni⸗ ger Reſpekt; er war auch darnach.— Als Rei⸗ ſender hatte ich vor meinen Handelsherren zwar keine Furcht mehr, aber ebenfalls keinen Reſpekt. Ich war eben der Proletarier, der ſich gegen eine gewiſſe Entſchädigung ausbeuten ließ.— Jetzo, Luſtige Geſchichten I. 9 — 130— ſeitdem ich ſelber Prinzipal geworden, gefällt mir dieſe Klaſſe von Leuten recht gut und ich vertrage mich mit ihnen herrlich, was nicht von meinen Lehrbuben und Reiſedienern zu ſagen. Wunderbar! Gleichfalls verabſcheute ich in jungen ledigen Dienſtjahren das Kapital, das ſo ſchwer auf die Arbeit drückt, und ſich vom Schweiß der Arbeiter mäſtet. Heute bin ich, Dank meinem Binchen und meiner Sparſamkeit, ſelber ein Kapitaliſt, und finde, daß denn doch das Kapital nicht gar ſo übel, ja ſogar in ſeinem vollen Recht iſt. Auf— fallend, recht ſehr auffallend!! Item ſtand ich, meine grüne Jugendzeit hin⸗ durch, in dem Wahne, jedes ſchöne Geſchlecht, das mir begegne, ſey die Dame meines Herzens, und der Ehebund mit ihr ſtehe ſchon im Him⸗ melsbuche eingetragen. Und ſiehe, dem war nicht ſo. Denn von Allen, die ich geliebt, iſt mir keine geworden, und juſt Diejenige, die ich bis zum Verſpruch mit keinem Auge geſehen, iſt meine Frau. Aeußerſt merkwürdig! Die Wahrheit zu ſagen⸗ bin ich auch — 131— noch nicht ein bischen melancholiſch deswegen, daß meine junge Liebe nicht gekrönt worden iſt. Da war, zum Beiſpiel, Marianne, die herzige nobel⸗ blaſſe oder blaßnoble Marianne, ein feiſtes Kätz⸗ chen von ſiebenzehn Jahren. Sie ſah aus— wie mir einmal ein Schauſpieler geſagt hat— wie die belohnte Liebe ſah ſie aus. Wir waren auch ganz verhext ineinander, und zählten zuſammen nicht mehr als fünfunddreißig Frühlinge. Und doch— was wäre aus der Geſchichte geworden? Marianne heirathete einen Kürſchner, bei dem, nach dem Urtheil Hufelands— das lange Leben zu Hauſe ſeyn ſoll, und ſtarb dennoch, bevor ſie in die Zwanzig getreten. Ein ſauberes Glück! kaum verheirathet, wäre ich ein Wittwer geweſen. Da war ferner Eliſe, das feine durchſichtige Dingelchen. Mit ihr— o wie zärtlich trug ich ſie im flammenden Buſen!— mit ihr wäre mir's noch viel ſchlimmer ergangen. Denn: kaum hatte ſie mit dem Schnapsfabrikanten die Ehe geſchloſ⸗ ſen, ſo ſtarb auch ſchon der Schnapsfabrikant. Nicht übel, das. Ich läge alſo folglich ſchon ſeit ht iin Ich läge alſo folglich ſchon ſei — 132— neunzehn Jahren im Grabe! Da muß ich mich ſchön bedanken. Da war zum Dritten die ſchnippiſche Fride⸗ rike, ein Engel an Witz und Lebendigkeit. Hätte ich dieſer Friderike meine Hand gereicht, wie der Revierförſter gethan, ſo wäre ſie mir mit dem Offizier untreu geworden. Ich hätte dann ſtatt des Revierförſters den Offizier im Zorn erſchoſ⸗ ſen, und wäre wie der Revierförſter auf zehn Jahre ins Arbeitshaus gekommen. Hol' der Guckuck das Arbeitshaus!— Da war zum Vierten die ſtolze Amalie, ein Mädel wie eine Kaiſerin. Ph bien, mit ihrem kaiſerlichen Ausgaben und Verſchwendungen hat ſie den Kaufmann, ihren Gatten, zum Ban⸗ kerott gebracht. Ein Unglück— aber lieber Er als ich. Und Joſephine, die Wunderliche? Mußte ihr Mann nicht vor ihren Launen und Unbilden da⸗ von laufen und nach Amerika durchbrennen, daß bis jetzo noch kein Menſch von ihm weiß!— Proſit! Mir ſtände gut an, ein Verſchollener, — 133— „ oder gar von Karaiben und andern Hottentotten gefreſſen worden zu ſeyn! Mit der klugen Sophie wäre ich wohl am beſten gefahren— denn ſie iſt ledig geblieben; dann wäre ich aber auch ledig geblieben, und hätte nie die Süßigkeit der Ehe in den Armen mei⸗ ner vollwichtigen Sabine genoſſen!— Pfui Cölibat! Bertrande— die glutäugige Provenzalin— ein Weib zum Aufeſſen, parbleu! aber was hätte mir bei ihr geblüht? Sie hat nicht geruht, bis ihr zu Liebe der Zahnbrecher von Nimes, ihr Bräutigam, katholiſch geworden iſt. Nun, das wäre mir noch abgegangen! Die zarte Eugenie, das Juwel von Bordeaur? Ach! bei ihr wäre ich ein Krankenwärter geworden, meine eheliche Kammer ein Spital, der ſchäumende Becher unſerer Liebe ein Mirturkolben, eine Flaſche voll Tiſane! Charlotte, die kühne Reiterin von Lyon? Sie iſt vom Pferd geſtürzt, und hat das linke Füß⸗ chen eingebüßt. Welch ein Schickſal, mit einer einbeinigen Gattin durchs Leben zu pilgern? — 134— Babette, Nummer Eins,— die eiferſüchtige Kreolin... o weh! Kaum hatte ſie gemerkt, daß ich der Babette, Nummer Zwei, den Hof machte, ſo war ihre Liebe, ihre Güte dahin, und der Teufel Jalouſie nach Außen gekehrt. Was doch die Weiber für Anforderungen an's Mannsbild machen! Sie hätte mich Zeitlebens eingeſperrt wie einen Simpel; ſchöne Zukunft, das! Die andere Babette— ja, das war ein hol⸗ des Weſen! Nur liebte ſie den Ball allzu ſehr, und endlich auch noch den Champagner. Eine Ehe mit ihr wäre wohl ein Tanz durchs Leben geweſen, ein Rauſch von Glückſeligkeit; aber ich hätte bei dem Tanz die Schuhe verloren, aus dem Rauſch einen ewigen Katzenjammer davon⸗ geſchleppt! Gut, daß ich mich bei Zeiten von der andäch⸗ tigen Veronika zurückgezogen! Am Tag vor ihrer Hochzeit mit dem Gendarmeriewachtmeiſter ging ſie in's Kloſter. Was hätte ich wohl vor Deſpe⸗ ration angefangen, der ich als Proteſtant nicht einmal in's Kloſter hätte gehen können? Scholaſtika, die platoniſche Scholaſtika? Ah, allen Reſpekt; von ihr nachher. Albertine endlich, Schäfle's Tochter? Weiß Gott, was aus der Ge⸗ ſchichte geworden wäre! Weiß man doch heutzu⸗ tage noch nicht, wie Freund Grauſam, mein Vor⸗ läufer bei meiner Sabine, mit dem Tinchen aus⸗ kommt? Nein, nein, und abermals nein: ich traure nicht um die Liebe meiner Jugend. Vorüber, ihr Schafe, vorüber! wie ſich Tiek in ſeinem„Octa⸗ vian“ oder„im goldenen Topf“ vernehmen läßt. Da lob' ich und preiſe mir meine ſtattliche groß⸗ artige Bina, die mit Zärtlichkeit des Weibes Man⸗ neskraft einigt, und praktiſch zu ſeyn verſteht, Hand in Hand mit der Pojeſie. Ich habe da einen kühnen Griff gethan, aber der Griff war gut, bei'm Himmel! Dieſe Sabine Langenſtrick, eine geborne Biſſig, iſt, um ſie dem„Geneigteſten“ beſtens in An⸗ ſchauung zu ſtellen, was man eine feine, ſortirte Waare zu nennen pflegt. Solid, äußerſt ſolid, auf Ehre. Es fehlen ihr nur einige Zoll an — 136— meiner eigenen Leibesgröße; mir dagegen fehlen allerdings diverſe Kilogramme von ihrer Fülle und Ausgiebigkeit. Und ein ſolches Verhältniß iſt zwiſchen Mann und Weib das von der Natur gewünſchte und angeſtrebte. Was kann beim Himmel fataler für einen langgewachſenen Herrn der Schöpfung ſeyn, als wenn er auf der Straße ein klein Weibchen führen ſoll, wie etwa einen Regenſchirm oder eine Badine? Enfin: im Aeußern paſſen wir trefflich zuſammen. Eben ſo, was das Innere, den Charakter, das Gemüth, die Geſin⸗ nungs⸗Richtung und Tüchtigkeit betrifft. In un⸗ ſerer Häuslichkeit, in unſerm Familienleben iſt alles, wie es ſeyn ſoll. Ich führe den Zepter, meine Bina den Oelzweig des Friedens und der geſelligen Ordnung. Ein Kapitalweib ſelbſt ohne ihre Kapitalien! Wie die Franzoſen, da ſie noch nicht en répu- blique waren, ſagten: Le roi règne,& ne gou- verne pas, ſo iſt's bei uns. Je régne,& ma femme gouverne. Ich thue, was Bina will, Bina thut dagegen, was ich will, wenn es ihr — 137— geeignet ſcheint. Als ein Pröbchen ihrer hohen Intelligenz mag dienen, daß ſie zu mir gleich am erſten Tage unſerer Ehe ſprach: Lieber Theophil, du weißt, wie viel bei einem jungen Hausfrauchen darauf ankömmt, daß ſie ſich vor den Dienſt⸗ leuten in Anſehen bringe. Mägde und Knechte ſind ſo ſehr geneigt, einer ſ chüchternen unerfahr⸗ nen Gebieterin das Neujahr abzugewinnen! Da⸗ her iſt's nothwendig, daß der Gatte den Dienſten mit gutem Exempel vorgehe, und ſich zu allererſt den Einrichtungen der Frau füge. Holla! denkt alsdann das Volk: die muß es verſtehen! Frei⸗ lich werde ich noch viel zu lernen haben, aber ſchenke mir nur Geduld; mit der Zeit wird alles recht. Deine billigen Bemerkungen unter vier Augen werde ich immer berückſichtigen. Flegelei traue ich dir nicht zu, würde ſie auch nicht ertra⸗ gen. Ich kann auch maſſiv ſeyn, das magſt du mir glauben. Vom Küſſen und vom Mondſchein lebt man nicht. Dein Platz als Ernährer und als Verwalter meiner Habe iſt im Comptoir, dort herrſche du unumſchränkt. Das Haus und — 138— die Bezichungen zur geſelligen Außenwelt ſind meine Sache. War das nicht ſehr, aber ſehr vernünftig ge⸗ ſprochen? Mit Händen und Füßen ging ich auf dieſe Konſtitution ein, und ſiehe: es war gut. Ich herrſche alſo in meiner Schreibſtube, da mein Aſſocié, der Schwiegervater, zu bequem iſt, ſich im Geſchäft nur umzuſehen. Bina regiert das Haus; ihre Mutter, eine raſche alte Frau, iſt Bina's Adjutantin. Die Domeſtiken muckſen nicht, ich füge mich, der alte Biſſig fügt ſich; Alles in beſter Ordnung. Bin ich daheim, laſſ' ich alles geſchehen, bin ich auswärts, geſchieht ohnehin alles ohne mich.— Und wenn dann der ſtille Feier⸗ abend mich und Binchen im Kämmerlein zuſam⸗ menführt, und ich mein Goldweibchen frage: „Nun, bin ich heut recht brav geweſen?“ Wer kann dann wiedergeben den Reiz, den unnachahm⸗ lichen, mit dem Bina mir antwortet: Du herziger Ladſtock(Anſpielung auf meine ſchlanke Figur)— du biſt zum Freſſen lieb! Bleibe nur ſo, du ſpitz⸗ bübiſches Schellaug'—(Anſpielung auf meinen —— ſchwärmeriſchen Blick)— und du ſollſt's Vögeles⸗ gut bei mir haben!— Oh, oh! das heißt glück⸗ lich ſeyn; nicht wahr, Geneigteſter? Bina iſt ſparſam, ja genau; nun— ich liebe das. Unſere Tafel iſt ſehr frugal, unſere Geſell⸗ ſchaftsplaiſirs koſten wenig; auf ſtolze Kleidung hält Bina nicht viel. So rentirt ſich jeder Tag mit eroberten Pfenningen und Bina iſt heiter; denn— ſagt ſie für's Alter muß man ſor⸗ gen.— Was uns am Glück abgeht,— mir ſcheint's wenigſtens ſo— iſt, daß wir nicht mit Kindern geſegnet ſind.— Aber Bina ſpricht: Ich mache mir aus den Kindern gar nichts; ich habe dich, du lieber langer Strick, um deinetwillen ge⸗ heirathet! Zudem koſten die Kinder zu viel, und bringen nichts ein; denn kaum find ſie erwach⸗ ſen, ſucht ein Jedes ſein eigen Neſt und die Eltern können dann blechen, bis ſie ſchwarz wer⸗ den und haben nichts davon.— Sie hat recht; es iſt eine Diamantgrube von praktiſchem Verſtand in dieſer ſtupenden Frau. Und mit welcher urſprünglichen, ich möchte ſagen, — 140— naiven ungekünſtelten Beredſamkeit ſie ihre klugen Lebensanſichten zu Tage fördert, wird der„Ge⸗ neigteſte“ ſchon oben bemerkt haben. Ich behalte mir auch noch fernere Andeutungen darüber vor. Wenn nun auf einmal von den Ungeduldigen Einer, ſo dieſes Buch lieſt, fragen ſollte, wie denn meine Bina und mein Eheglück mit dem „Hotel Wiſperling“ znſammenhängen, das auf dem Titel dieſes Abſchnittes ſteht, ſo antworte ich ihm: Geduld,„Geneigteſter,“ Ungeduldiger! Das fragliche Hotel ſteht allerdings in genaueſtem Zuſammenhang mit dem bisher Geſagten, und gleich nach einigen noch rückſtändigen Vorbemer⸗ kungen kann's losgehen mit dem Hotel, und Allem, was darinnen und dahinter. Ich kehre für einen Augenblick zu der Liſte meiner amours de jeu- nesse zurück und verweile bei Nummer Dreizehn des Verzeichniſſes. Dieſe Dreizehn iſt mit nichten eine Unglückszahl, ſondern ein Treffer von zehn⸗ tauſend Gulden im vierundzwanzig Guldenfuß. Scholaſtika, keuſche, ſchneereine Scholaſtika, wo ſoll ich anheben, dein gebührend Lob zu pſal⸗ — 141— men? Ich glaubte, da ich dich gefunden, den Himmel gewonnen zu haben— und doch gewann ich noch mehr, als du auf ewig dich trennteſt von mir. Dieſes„Ewig“ iſt ſchwer, iſt hart, aber zehntauſend Gulden in Kronthalern bei dieſer ſchweren Zeit ſind ſchwerer— ich trage ſie nicht zehn Schritte weit, und deinen Verluſt, o Scho⸗ laſtika, trage ich ſchon ſeit langen Monden durch Europa! Mein Kummer war hart; dennoch ſchluckte ich ihn hinunter, aber nur Einen von jenen harten Kronthalern zu ſchlucken, laſſe ich ſchön bleiben.— Zur Sache indeſſen: Ich hatte ſchon das Flü⸗ gelkleid meiner Touriſtenſchaft am Wege liegen laſſen, war bereits ein majorenner Commis- Voyageur geworden.— So oft ich mit meinen Kameraden auf Kreuz und Quer zuſammentraf, hieß es: Grand-Fusil wird alt, wird ein Grau⸗ bärtchen, ein Faltenmännchen u. ſ. w. wie denn alle die Späſſe heißen, die da vorgebracht werden von ſchlechten Witzlingen, ſo doch ebenfalls von Tag zu Tag mehr in's alte Eiſen gehen.— Ich ließ die Burſche anlaufen, wie ſich's gehört, denn — 142— ich heiße nicht umſonſt Grand-Fusil, und bin alleweil zum Losgehen bereit.— Im Stillen ärgerte mich der Spuck dennoch— eben weil etwas an der Sache war. Und dergeſtalt ſaß ich einſt einſam auf meiner Stube, und hatte Ahnungen eines angehenden Vierzigers, und dachte: Sollteſt doch einmal eine ſolide Bekanntſchaft machen, guter Kerl, ſo eine mit„Hochzeit, Kindtauf und Verlobung,“ wie das in dem gewiſſen Zigeunerſtück von Shakespear und Beethoven vorkommt. Wirſt alt, Theophil⸗ chen, biſt immer noch ein Knecht auf Reiſen, haſt die Rumfahrerei ſatt, willſt Dich ſetzen auf eigne Fauſt... Geſchäfte machen für dich... Geld haben,'ne Frau haben... und ſo weiter. Da fällt mir die Scholaſtika ein: ein recht ſolides Mädchen, kein heurig Häslein mehr... eben Vater und Mutter geſtorben... hatte noch einen Bruder, einen flegeljährigen, naß hinter den Ohren... ſollten beide zuſammen ein ſchön Erbtheil erhalten. Ich mache mich an's Werk, an's Courſchnei⸗ ſo wurde gemunkelt.— — 143— den. Scholaſtika, doppelt ernſthaft als gewöhn⸗ lich, weil in Trauerkleidern— zurückhaltend, ſpröde und dergleichen, ließ ſich indeſſen doch das Hof⸗ machen gefallen, und eines Abends— duf Seele — da ſie neben mir an einem langen Strumpf ſtrickte, und mir die goldenen Ringe an ihren Fingern juſt ſehr gefielen, packe ich aus mein Herz, Artikel für Artikel, Nummer um Nummer, eine ganze Muſterkiſte von Gefühlen reinſten Zet⸗ tels und Einſchlags, und komme zu reden auf die Ringe, dann auf die Finger, dann auf die ganze Hand... endlich wiederum aufzwei Ringe der„Geneigteſte“ verſteht mich ſchon. Und auch Scholaſtika verſtand mich, denn nach⸗ dem ich ein Langes und Breites gepredigt und ſalbadert, fragt ſie auf einmal mit einem Anſchein von Lächeln: Sie wollen mich heirathen?— Und ich, vermeinend, am Ziel zu ſeyn, antworte ſtam⸗ melnd: Allerdings... Aktien gut... ſehr an⸗ genehm... belangreiches Geſchäft... geht ſtark um.. mit kurzer Sicht begehrt... hun⸗ dert Prozent über pari.. — 144— Das grundgeſcheidte Mädchen, das jede Kunſt⸗ ſprache— alſo auch die kaufmänniſche zu ſprechen verſtand, unterbrach mich mit einem ſtärkern An⸗ flug von Lächeln und mit den Worten: Das Ge⸗ ſchäft, lieber Freund, iſt vielleicht riskirter als Sie meinen; ja ich geſtehe es Ihnen: es iſt gedrückt, flau, macht ſich knapp... mit einem Wort: iſt Null. Sie ſpekuliren nicht ſowohl auf meine Per⸗ ſon, an der auch nichts beſonderes— als viel⸗ mehr auf die etwa damit verbundenen Briefe und Geld, von denen nichts zu melden. Es geht zwar das Gerede, als hätte ich anſehnlich geerbt. An dem iſt aber nichts, im Vertrauen geſagt. Es haben ſich Paſſiva herausgeſtellt, die wir, mein Bruder und ich decken mußten; das verlangte die Ehre. Zu dieſem Ende gingen jedoch unſere Aktiva völlig in die Brüche. Mir bleibt nichts als eine kleine Rente, und ſelbſt dieſe iſt prekär. Meinem Bruder— ach, ihm bliebe noch eine Hoffnung, aber wie iſt dieſelbe zu realiſiren? Sie erzählte nun von einem dem Rufe nach ſehr reichen Onkel in Petersburg, einem Hage⸗ — ſtolzen, der für die Relikten ſeiner Schweſter im Allgemeinen etwas zu thun nicht zu überreden ge⸗ weſen, der ſich indeſſen dahin ausgeſprochen, daß er um Gottes Barmherzigkeit willen den Bruder Scholaſtika's in ſein Haus aufnehmen wolle, um zu ſehen, was aus dem Burſchen zu machen. Jedenfalls müſſe aber derſelbe die Reiſekoſten nach Rußland aufbringen können, da Er, Onkel, aus eignen Mitteln nicht einen Kopek Vorlage machen werde. Und nun ſey es die Plage aller Tage und aller Nächte für die arme Schweſter, wie ſie es wohl anſtellen könne, dem Bruder das Kapitälchen anzuſchaffen. Sie habe ſich den Kopf bis daher vergebens zermartert, und noch nicht zu einem Reſultat gelangen können.—— Mancher Seufzer, manches Thränchen waren die obligate Begleitung zu der Klag⸗ und Jammerromanze, die mir Scholaſtika mit dem Ausdruck vollkommener Wahrheit und Troſtloſigkeit vortrug. Ich war— wie der„Geneigteſte“ unſchwer erräth— ganz perplex. Doch von jeher iſt Grand-Fusil ein guter, Luſtige Geſchichten I. 10 ———— ——— —— gneeu n — 146— guter Extrakerl geweſen. Was geſchah? Die Empfindſamkeit— eine recht unkaufmänniſche— ſchlug plötzlich bei mir durch, und ich ſagte: Ich habe ein paar hundert Gulden vor mich gebracht, und wenn ich dieſe Ihnen lehensweiſe offeriren dürfte zu dem angegebenen Zweck. 7 Kaum war das Wort heraus, als es mich ſchon wieder gereute... aber ein Mann, ein Wort, und ſo umgekehrt. So hab' ich's immer gehal ten. So auch hier. Da ſich Scholaſtika meines Anerbietens weigerte, blieb mir auch die Hoffnung, ſie werde es niemals annehmen. Aber da rechne einmal Einer auf Geſinnung und Gefühlung der Weiber! Ehe ich mich deſſen verſah— pums! aceeptirte das geſcheidte Mädchen. Mit ſaurem Lächeln machte ich das Geſchäft ab, und ging nach Hauſe mit dem bittern Gefühl: Jetzt hat dich einmal der Teufel geritten, o Grand-Fusil, o Dummkopf! Nichts da: es war ein Engel, der mich gerit⸗ ten, und ich ahnte es nicht. Ich opferte mich auf, ſah mit wehmüthigen — Empfindungen mein hübſches Geld mit dem un⸗ hübſchen Buben auf Nimmerwiederſehen in's kalte Rußland abfahren, und mußte dazu freundlich grüßen, und mit der Scholaſtika ferner Brüderles ſpielen. Warum? meine Opferwilligkeit hatte das Mädel im Innerſten gerührt, und es wurde mir ſehr geneigt, aber ſehre, auf Ehre. So zwar, daß ſie eines Abends, da wir Do⸗ mino ſpielend, einander gegenüber ſaßen, plötzlich anhob: Beſter Langenſtrick, Sie laſſen mich heute auch nicht ein einzigmal gewinnen!— Worauf ich mit geſchickter Deſperationsluſtigkeit:'s iſt ſchon ſo, Fräulein. Glück im Spiel, und Unglück, ſchwarzes Pech in der Liebe! K Da biß ſie ſich in die Lippen, wurde roth, hielt die Hände vor die Augen und entgegnete mit wehmüthiger Zärtlichkeit: Lieber Freund... das iſt grauſam von Ihnen! Bin ich nicht an Sie gefeſſelt mit allen Banden der Hochachtung und Dankbarkeit? Aha! denk' ich mir betroffen: ſchaut's da her⸗ aus?— Stoße dann einen ſchweren Seufzer aus, ——— 1. rapple etwas wild mit den Dominoſteinen, und ſage, ſo recht trocken und ſpitz: Belieben Sie zu nehmen? Noch eine Parthie? Und hierauf Sie, wie aus einem Traume er⸗ wachend: Laſſen wir das Spiel, und hören Sie, was ich Ihnen aufrichtig ſage: Ihr Edelmuth hat mich gerührt, wie noch gar nichts auf der WVelt. Sie ſind mir lieb geworden, wie noch kein Mann und kein Weib auf Erden. Sehen Sie— ich würde nicht ſehen auf den Unterſchied der Re⸗ ligion, und gemiſchte Ehen gibt's ja ohnehin dem Tauſend nach in der chriſtlichen Welt... ich bin zwar nicht ſchön, aber— ich glaube, daß ich gut von Herzen bin. Ich bin zwar etwas kalter Natur und Gemüthsart, aber doch wollte ich Ihnen die treuſte Freundin, die ſorgſamſte Lebensgefährtin ſeyn... wenn ich nur, um Ihre ganz vernünftigen Zwecke zu verwirklichen— wenn ich nur Geld hätte! Das war ein Angriff! Und zwar ein unab⸗ weisbarer; ein Angriff, dem jedes Mannsbild unterliegen muß. Denn: wäre Einer auch der geizigſte Kümmelſpalter Europa's— könnte, dürfte — 149— er wohl auf ſolche Anrede erwiedern:„Ja frei⸗ lich; wenn Sie nur Geld hätten!?“— Das wäre ja scandalum simiae, die Affenſchande! Was konnte ich demnach entgegnen, ich armer im Netz gefangener Schelm, als: Wenn es ſich um Ihre Hand, um Ihre Liebe handelt, darf da wohl das Geld in Anſchlag kommen? Da antwortete ſie mit einer wahren Muſik: Meine Hand, meine Liebe?— Und ſiehe: ihre Hand ſtreckte ſie mir über den Tiſch entgegen. Ich darauf los, wie ein Stoßvogel... im Nu ſaß ich an ihrer Seite, meinen Arm um ihre Taille geſchlungen, und ſie neigte den Kopf auf meine Schulter, und ſie liſpelte: Ach, Theophil!! Und ich erwiedere— es war eine Blamage und doch ein Glück, war die Vernichtung und doch der Freiheit Loſung— ich erwiedere alſo zärtlich und doch zugleich zerſtreut:„Im Bunde mit Dir, o geliebte Luiſe..“ Sie ſchaut verwundert auf— der„Geneig⸗ teſte“ thut's auch; Sie entwindet ſich erſchrocken meinen Armen und ſpringt erbittert auf.„Wie? — 150— Luiſe? Luiſe? O Sie abſcheulicher Menſch! Mich ſo zu beleidigen?“ ruft ſie aus, und iſt weg.— Ich bin auch weg, ganz weg. Um dem„Geneigteſten“ aus dem Traume zu helfen, und ihm zu koſten zu geben, wie das Un⸗ glück, der Zufall, kurz der Satan mit Einem ſein Spiel zu treiben vermag, will ich geſtehen, daß ich dazumal eine kleine Zwiſchenliebe gehabt habe — eine Neigung ohne Konſequenz, von Elfe bis Mittag, und der Gegenſtand dieſer Interims⸗ flamme hieß Luiſe... und im verhängnißvollſten Augenblick meines Lebens mußte eben dieſer leicht⸗ fertige Name„Luiſe“ ſtatt der ſchwerfälligen „Scholaſtika“ mir aus dem Munde purzeln! Doch will ich nicht ungerecht ſeyn. Das war wohl ein intrikater Zufall, aber nicht des leidigen Satans Werk: im Gegentheil wiederum eines Engels Flügelſchlag, der die Ketten, die mir drohten, zerbrach. Wie wäre ich denn an meine großartige Bina gekommen, wenn ich mich damals von der Scholaſtika hätte knebeln laſſen? Von Scholaſtika ohne Geld, Notabene? — 51— Daß die Geſchichte mit der Letztern aus war, verſteht ſich von ſelbſt. Daß ich mich darüber tröſtete, glaubt man mir auf's Wort. Wäre ich nur gleichermaßen über meine paar hundert Gul⸗ den in Rußland getröſtet geweſen! Sie gingen mir ein paar Jahre peinlich nach. Aber auf einmal— ich war ſchon längere Zeit meiner Sabine glücklicher Gatte— kommt ein Brief an mich gen Trefunz, und dieſer Brief— von Scho⸗ laſtika! Edles Weſen, eine Glorie um dein Haupt! eine goldne, von achtzehn Karat wenigſtens! Sie ſchrieb mir gelaſſen und freundlich, ihrem Bruder ſey ein großes Glück, und eben ſo auch ihr zu Theil geworden. Der bewußte Onkel in Petersburg, der ſchon ſo ſteinalt geweſen, daß man gar nicht hat berechnen können, wie weit er's noch mit ſeinen Lebensjahren in der langlebigen Nordtemperatur allenfalls bringen möchte, hatte dennoch eines Tages für gut gefunden, auszu⸗ gehen, wie ein Licht—„aus dieſem irrd'ſchen Jammerthal, wo nichts als Plag' und Qual“ wie der Samiel im Freiſchüßz ſingt. Und all ſeine Rubel, Silber und Bankv, all' ſeine Imperials und Dukaten, ſein ural'ſches Gand kaukaſiſche Platina, ſammt Bauernſeelen und andern Leib⸗ eigenen und einer Menge von Deſſätins Wald⸗ und Ackerland, worunter ein paar Dutzend Dör⸗ fer und Städtchen— Alles, alles, war gefallen an den Bruder und an die Schweſter Scholaſtika, reſpektive an des Uralten Neffen und Nichte. Um ſolchen Reichthum in Beſitz zu nehmen, und ſich überhaupt dem ruſſiſchen Reich auf Lebenszeit zu widmen, war Scholaſtika gen Petersburg gereiſt, und ſchrieb mir ihr Lebewohl à jamais. Dabei aber ſtand dito geſchrieben, daß ſie in Anbetracht meines edelmüthigen Darlehens von Anno Dazu⸗ mal mir zur Vergütung von Kapital und Zinſen eine runde Summe von zehntauſend Gulden rheiniſch ausgeworfen, und dieſelbe in die Hände ihres Ver⸗ walters in der Reſidenz niedergelegt habe, woſelbſt ich gegen Quittung und Erfüllung anderer Formali⸗ täten dieſes Quaſivermächtniß uneigennütziger und ſeeliſcher Freundſchaft gerade nur zu erheben hätte.— O herrliche Scholaſtika! dir fließen meine Thränen!! Die Sabine trat eben in meine Schreibſtube, da ich den Brief zitternd in der Hand hielt, und Augen darauf hin machte, tellergroß.— Herr Jeſus! rief die gute Seele: was gibt's da für Neuigkei⸗ ten? Ein Bankerott... gefallene Papiere...* O nein, o nein! antworte ich ſchmelzend und meine Augen geh'n über, und eben ſo der Mund von dem, deſſen das Herz voll iſt,... und ich enträthſle der Erſchrockenen Alles, und thue groß⸗ müthig, und ſage: Das kann ich nun und nim⸗ mermehr acceptiren!(Wollte nur ſehen, wie ſich Bina's praktiſcher Sinn ausſprechen würde.) Kaum war die großmüthige Wallung heraus, ſo hatte ich auch ſchon einen Genickfang weg, wie ihn Sabine in traulichem Geſpräch öfters auszutheilen pflegt, und das Metall ihrer Stimme klang mir in die Ohren: Brüderlein fein, Brü⸗ derlein fein, wirſt doch nicht ein Simpel ſeyn? Da wärſt du ja zum Narrenhaus reif, wenn du ein Kapital liegen ließeſt, das du nur aufzuheben brauchſt. Denk' an dein Geſchäft, an dein Weib, an die Kinder, die wir haben könnten, an die ————— — — 154— ſchlechten Zeiten und ſo weiter! Ladſtoch ſei doch geſcheidt! O Geliebte! rief ich hinwieder; was thäte ich nicht für dich!— Und ſo war die Sache ab⸗ gemacht, und ich rüſtete mich zur eigenperſönlichen Abreiſe in die Hauptſtadt, um den„Magot“ zu erheben. Bina hatte gegen dieſe Reiſe nichts— ſie wollte während derſelben das Haus ausweißeln, die Zimmer neu tapeziren laſſen— und bewil⸗ ligte mir acht Tage zu Hin und Her.— Mir war's recht. War ich einmal fort, ſo konnte ich leicht die acht Vakanztage zu vier Wochen aus⸗ dehnen, meinte ich, und das wollte ich auch. Warum? Ich empfand plötzlich eine ſolche Sehn⸗ ſucht, wiederum ein Stückchen grüne Junggeſellen⸗ zeit zu durchleben, daß es mich allenthalben juckte und prickelte. Ich wollte mir nach ſo langem häuslichem Glück und Stillleben eine kleine Diver⸗ ſion machen, eſſen und trinken, was mir ſchmeckte, ausgehen und heimkommen, wann mir's beliebte, mit coulanten Herren und Damen mich abgeben, — 155— des Hofmeiſterns ledig ſeyn und als wohlhaben⸗ der Mann und Reiſender den erſten Gaſthof der Reſidenz, das Hotel Wiſperling, regieren vier Wochen lang. Nun,„Geneigteſter“ ſind wir nicht jetzv ganz natürlich und auf dem kürzeſten Wege vor dem Hotel Wiſperling angekommen? So erlebt man Alles, ſo man alt wird und hübſch Ge⸗ duld hat. Es war ein ſchöner ſommerlicher Herbſtabend, da ich per Eiſenbahn vor die Thore der Reſidenz klapperte und pfiff, daß es eine Art hatte. Mit wenig Gepäck, aber dennoch wie eine Bourriche vollgeſtopft von Auſtern, Seekrebſen, Trüffeln, Chablis, Champagner und Bordeaur— Alles in Hoffnung und Phantaſiebildern— lud ich mich auf einen Omnibus, und donnerte langſam vor's „Hotel Wiſperling“ am großen Marktplatz. Neben mir eine dunkelgehaltene Dame, auf der andern Seite ein paar ſchwunghafte() Geſchäftsreiſende. Eine fade Geſellſchaft, dieſe Schwunghaften! — Gott, ich danke dir, ſeufzte ich ſtill und fröh⸗ — 156— lich, daß ich nicht mehr bin, wie dieſe da!— Heut noch frage ich mich, wie ich jemals habe zu den fahrenden chevaliers du Commerce ge⸗ hören können? Nur ein Traum iſt dieſes Leben! ſagt Angely— Gott hab' ihn ſelig— im Käth⸗ chen von Heilbronn.— Brr! halt! kling kling! da ſind wir vor'm Hotel. Drei Mann— die Eliten des Gaſthofs— Wirth, Oberkellner und Hausknecht empfangen uns— die dunkelgehaltene Dame und mich.— Die Muſterſchlepper fahren weiter. Gott behüte euch, und halte euch mir vom Leibe! Ich bin jetzo ſelber Prinzipal und kümmere mich kaum um euch, wenn Ihr in meinen Laden kommt, machend in Roſinen oder Liqueurs oder Punſcheſſenz; viel⸗ weniger thu ich's auf Reiſen de plaisir, als Touriſt und Kapitaliſt. Herr Wiſperling, ebenfalls Kapitaliſt, iſt zu⸗ gleich ein Kapitalmann. Er kennt mich— es iſt ſchon lange her, und freut mich um ſo mehr— hat mich als irrenden Geſchäftsreiſenden ſehr familiär pehandelt, manche Flaſche Champagner und Me⸗ — doc mit mir ausgeſtochen, manches Späßchen mit mir aus⸗ und aufgeführt, wie denn evulante Wirthe das mit den Reiſenden vom Geſchäft im Brauch haben;— aber Reſpekt vor ihm! Er weiß zu unterſcheiden, ſich in die Zeit und die Menſchen zu ſchicken, und in die Veränderungen, die mit den letzteren vorgehen. So wurde i auch jetzo nicht ſo ohne Unſtände empfang wie ehedem, ſondern mit Verbeugung und Hände⸗ druck; ſo wurde ich nicht in den vierten Stock logirt, wo der Voyageur von Geſchäftswegen hin⸗ geſchafft wird, ſondern in die Bel-Etage, in ein höchſt konfortables Gemach mit Vorzimmer und teppichbelegtem Boden. Wiſperling wußte, daß ich nun ſelber Prinzipal geworden, und ein Ka⸗ pitaliſt, ſo wie er. Ein feines Nachteſſen wurde mir im Salon aufgetragen. Wiſperling höchſt eigenhändig bediente mich. Ich ſpeiſte Schnepfen, Wildſchweine, etwas Gansleberpaſtete, genoß einen feurigen Wein— kurz ein ganz anderes Souper als mein alltäglich häusliches, das unveränderlich beſteht aus einem Gerſtenſüpplein und dem von — 5— Mittag übrig gebliebenen Rindfleiſch mit Salat, zu welchem der heurige Krätzer gar häufig als Eſſig hätte dienen mögen. Ich ging auf, wie eine Roſe, wie eine Tuli⸗ pane, mir wurde kreuzwohl in der Haut.„Wenig⸗ ſtens vier Wochen bleibe ich bei Ihnen, lieber ſperling!“ vermaß ich mich mit großer Behag⸗ keit.—„Wird mir eine große Ehre ſeyn;“ antwortete Wiſperling innig ergriffen.— Wir tranken zuſammen ein gut Gläschen; immer wohler wurde mir;— nichts ging mir ab, als meine holden Bina Geſellſchaft. Aber kaum vermißte ich dieſe; nicht einmal fragte ich nach der dun⸗ kelgehaltenen Dame, die mit mir im Hotel ab⸗ geſtiegen, aber mir ſo zu ſagen, unter den Hän⸗ den verſchwunden war: Machte mir nichts daraus; hatte bei der Ankunft der Dame ein wenig unter den Capuchon geguckt;... aber da war nicht darunter meiner Sabine blitzendes Auge, meiner Sabine kühn vorſpringende Naſe, ſondern ein blaſſes Geſicht, das man ein griechiſches nennt. Konnte in meinem Leben die Schafsgeſichter nicht — 159— wohl leiden. Vorüber, ihr Schafe, vorüber... wie ſchon einmal oben bemerkt worden. In Summa: mir wurde erwieſen der gehörige Reſpekt. Ich war nicht mehr der leichtfinnige Grand-Fusil in den Augen und im Munde des wackern Wiſperling, ſondern Herr und Kaufmann Langenſtrick, Aſſpeié und Göérant des Hauſes „Biſſig und Langenſtrick“ von Trefunz, dermalen in loco wegen Geldgeſchäften und hauptſächlich wegen Pläſir.— Ein Gläschen Punſch, mit dem Gaſtwirth und einigen ſtammgaſtlichen Perſonen eingenommen, beſiegelte den glücklichen Eintritt in's Hotel. Die Polizeiglocke hatte ſchon lange ausgeläutet, als ich vom geſchniegelten Kellner in mein Zimmer geführt wurde.— Stupideſter, ſage ich zum Geſchniegelten: Morgen punkt ſieben Uhr den Kaffee, einen aufrichtigen, ohne Cichorie, wohl zu merken.— Schön.— Auch eine ſchöne Gegend. Ohne Cichorie! In Trefunz nicht erhört. Sabine behauptet, die Cichvrie ſei hundertmal geſünder, als der Kaffee, und ich muß ihr's glauben.— Aber einmal eine — 0— Ausnahme von der Regel iſt auch nicht zu ver⸗ achten.— Noch einen Blick auf den Platz vor meinen Fenſtern, der von Gaslichtern flammte, und mich im Geiſte auf den Markusplatz in Venedig ver⸗ ſetzte, und in die Erinnerung an die ſchönen Tage die ich dort verlebt, wo ich auch, ohne es zu wiſſen, den Grund zu meiner Schriftſtellerlaufbahn legte, indem ich in jenem Venedig den Heraus⸗ geber dieſes meines Memoiren⸗Buchs kennen ge⸗ lernt habe, und von ihm ziemlich richtig begriffen und aufgefaßt worden bin— Noch einen Blick, ſage ich, und dann huſch huſch in's Bett unter die ſeidene Decke, die ein ganz ander Ding, als das gewichtige Federbett, das in Trefunz meine Perſon und die Reize meiner Bina keuſch ver⸗ hüllt.— Und der Gott Orpheus kam mit der Seidendecke über mich, und Theophil Langenſtrick entſchlummerte einſam, aber ſelig.— Seltſam, daß ich von der dunkelgehaltenen Dame träumte, und äußerſt gemüthlich, trotz des griechiſchen Na⸗ ſenſchnitts, mit ihr eine Converſation hielt, die — 161— zwar äußerſt intereſſant, am Morgen jedoch gänz⸗ lich von mir vergeſſen war.— Ich träumte auch noch von andern Dingen; z. B. vom alten Grauſam, meinem Ex⸗Gegenüber⸗ Materialiſten zu Trefunz. Ich ſage: Ex⸗ weil meinem Chic und meiner Spekulation gelungen iſt, die alte ſchneegraue Firma über den Haufen zu ſchmeißen. Der alte Grauſam, ſeines Sohnes verluſtig, der ſich zu Flätz mit Gottlob und Alber⸗ tine Schäfle vereinigt,(Siehe den zweiten Ab⸗ ſchnitt dieſes herrlichen Buchs) vermochte den vielen Schlappen, die ich ihm als Konkurrent beigebracht, nicht zu widerſtehen. Sein Geſchäft nahm ab; ging endlich ein, und wartet noch auf einen Käufer. Ja, warte nur zu. Tempi pas- sati, du alter Dati! Gegen den Theophil Lan⸗ genſtrick kommt keiner zu Trefunz am Schnecken⸗ thor mehr auf, und wär' er auch noch ſo gewür⸗ felt!— Alſo von dem alten Grauſam hatte mir geträumt. Der alte Kerl gab mir im Traum allerlei konfuſe Redensarten zum Beſten,— unter anderm: ich ſolle nur die Ohren ſteif halten; Luſtige Geſchichten I. 11 . — ich würde etwas erleben, das ich nicht hinter'n Spiegel ſtecken würde,— und dergleichen. Ich warf ihn zum Zimmer hinaus, und ſomit war's gut. Der alte Eſel mit ſeinem Gebelfer iſt mir in der Wirklichkeit in den Tod hinein zuwider, wenn ich auch mit ſeinem Sohn gut Freund bin, und ſogar mit demſelben korreſpondire.— Doch das für ein andermal. Genug: ich träumte noch am Morgen gar fein, als mich plößlich ein Geräuſch weckte, nicht anders, als ob die Zimmerdecke einfiele. Ich da⸗ gegen fahre auf, und immer noch dauert das Gepolter... aber der Plafond war ganz, die Mauer unverſehrt. Was war's denn? Das Stu⸗ benmenſch machte ſo eben Anſtalt, in meinem Ofen einzuheizen, und ſchlegelte mit den Holzſcheitern herum, als gälte es, den Ofen und was darum und daran, zu demoliren. Zur ſelben Zeit ſtürmte der Hausknecht in die Stube und machte Tag, nämlich die Fenſterläden auf. Krach, krach, krach! pum, pum! Erwiſchte ſodann meine umherliegenden Kleider und machte ſich thürzuſchlagend und huſtend und — 163— trappend davon. Ein hübſches Morgenſtändchen, um den Hausgaſt ſanft und leiſe aus dem Schlum⸗ mer zum Tagwerk zu wecken!— Beinahe hätte ich mich nach Trefunz zurückgeſehnt, wo unſer Haus eigentlich ein Hotel„Wiſperling“ iſt, da die Ge⸗ noſſen und Dienſten nur wiſpern dürfen, indem meine Bina allein das Vorrecht des Schreiens und Krakeelens beanſprucht. Nur ihre Stimme iſt folglich Morgens zu vernehmen, und wenn mit Scheiterholz manövrirt wird, ſo geſchieht das auch von ihr, aber fern vom Schlafkämmerlein, in der Küche, und weiß Näheres hievon höchſtens die WMagd zu ſagen, deren Kopf zuweilen das Ziel von Bina's Scheiterübungen iſt.— Bina's Stimme aber klingt mir ſüß, und ihr Scheiterpläſir geht mich nichts an. Ob ich nun in meinem Hotel wirrſch oder un⸗ wirrſch erwachte— geweckt von Kanonenſchlägen oder von Zitterklängen— genug: ich war und blieb wach, und verließ folglich auch mein ſeiden Bettchen, und ſehnte mich nach dem erſten Mor⸗ gengenuß: nach dem Kaffee ohne Cichorie.— Sofa, aber ſtehend queer vor der mächtigen Fliü⸗ — 164— Klingkling! Erſter Schellenriß von meiner Seite.— Ich lauſche fünf Minuten; rührt ſich nichts.— Kling⸗ling⸗ling! Zweiter Schellenriß.— Ich lauſche wiederum fünf Minuten. Draußen hör ich wohl Trepp' auf, Trepp' ab laufen.. zu mir verirrt ſich Niemand.— Nun heb' ich ein wahres Glockenſpiel zu läuten an.— Endlich— endlich.. „Hat's bei Ihnen geſchellt?“ fragt ein Blond⸗ kopf, der ſich in die Thüre ſchiebt. Nun freilich! Kaffee! „Schön.“— Fort iſt der Blonde, und ich lauſche wieder zehn Minuten ohne allen Erfolg. Ich beſehe mir indeſſen meine Umgebungen. Das Zimmer an und für ſich iſt gut, ſehr gut, aber Alles darinnen ſehr ungut arrangirt. Der Schreib⸗ kaſten im finſterſten Winkel, im zunächſtfinſterſten der Spiegel; der Waſchtiſch dem Fenſter zunächſt, beinahe auf der Straße. Ein bequemer Wand⸗ ſchrank, aber nicht praktikabel, weil zum pn Theil das Bett davor ſteht. Ein ſehr angenehmes — — — 165— gelſeitenthüre(oder Seitenflügelthüre, wie man wilh, die mein Gemach mit andern Gemächern in Verbindung ſetzt. Ich unterſuche das Schloß der fraglichen Thüre mit diskreten Fingern... es iſt abgeſchnappt. Gut.— Um zu ſehen, ob mir ein Nachbar auf den Rippen, luge ich durch das Schlüſſelloch. Finſter wie in einem Sack.— Aha! die Klappe von jenſeits, geſchloſſen. Bravv. Ich meinerſeits will daſſelbe thun— die Klappe läßt ſich nicht regieren. Ich hänge meine Nachtmütze über die Klinke, vor das Schlüſſelloch. So. Ge⸗ ſichert alſo vor unbeſcheidenem Einblicken in mein kleines Paradies. Indeſſen kommt immer kein Kaffee.— Sturm⸗ geläute von meiner Seite. „Hat's bei Ihnen geſchellt?“ fragt ein Schwarz⸗ kopf durch die halboffne Thür meines Vorzimmers. Um Gotteswillen, meinen Kaffee! Ich bin halb ohnmächtig, ich falle um! „Schön.“ Der Schwarzkopf verſchwindet, wie der Blonde verſchwunden iſt, und Alles bleibt im bisherigen Zuſtande.— Müde, den Glöckner zu machen, und immer im Status quo zu kleben,— begierig auch, bei Herrn Wiſperling ſelber Klage zu führen über die Unbilden, die mir mein Ren⸗ tierdaſeyn zu verkümmern drohen, werf' ich mich in die Kleider, ſtürz' ich hinunter in den Salon — begegne ich dem Gaſtwirth ſelber. Der Redliche eilt auf mich zu, und ruft mich an:„Guten Morgen, guten Morgen! Wo blei⸗ ben Sie denn? Ihr Kaffee ſteht ſchon ſeit ſieben Uhr da auf dem Tiſch. Ich fürchte, er wird ein bischen kühl geworden ſeyn! He, Kellner...! Joſeph! den Kaffee für Herrn Langenſtrick auf⸗ wärmen!“ O weh, o weh! das Wort gefror mir im Munde. Seit ſieben Uhr! Und ſchon war's drei Viertel auf Neun. Ein aufgewärmter Kaffee! O welche ſchaurige Ausſicht! O Trefunz! o Bina! wär' ich bei Euch! bei Euch, wo ich mich Mor⸗ gens tummeln muß, wie ein armer Sünder, um nur pünktlich bei'm Frühſtück zu erſcheinen, und mir gleich beim Eingang in's Tagsleben das Maul am heißen Cichorientrank zu verbrennen! — 167— Nachdem ich einige Worte von meiner Voraus⸗ ſetzung, auf meinem Zimmer frühſtücken zu dür⸗ fen, geſprochen und Herr Wiſperling mich ver⸗ ſichert, es ſey viel angenehmer, im Saal den Kaffee einzunehmen, und alle ſeine Gäſte thäten das, die Kranken, Schwachen und Weiber aus⸗ genommen, zu denen er mich nicht zählen wolle — verſuchte ich den Aufgewärmten! Indeſſen blieb's beim Verſuch. Auch in dieſes Getränke ſchienen zweideutige Stoffe eingeſchmuggelt worden zu ſeyn! Ich pries im Stillen meine Bina, die doch ehrlich geſteht, was ſie gibt, und das reine Surrogat nicht mit ein paar ächten Kaffeebohnen verfälſcht.— Sodann nahm ich meinen Hut, und ging aus, den bewußten Zehntauſendgulden⸗Ver⸗ walter aufzuſuchen. Geſchäfte gehen immerdar dem Vergnügen vor.— Ich ſchenke dem„Geneigteſten“ den Bericht von meiner Verhandlung mit dem guten lieben Mann. Genug, daß Alles, Alles ſeine Richtig⸗ keit hatte. Genug, daß ich recht zufrieden war, und in meinem Herzen gleichſam einen Dank⸗ 168 gottesdienſt für die ausgezeichnete Scholaſtika feierte. In der Geſchwindigkeit machte ich noch ein Ge⸗ ſchäftchen, und placirte den größten Theil des Geldes auf ſechsfache Sicherheit mit Doppelbürg⸗ ſchaft; denn in unſerer Zeit der Bruderliebe iſt's gewagt, nur auf doppelte Verſicherung ſein Geld auszuleihen, und vollends die Baria auf Eiſen⸗ bahn und Omnibuſſen mitzuführen, thut ſich in unſerer Freiheitsſeligkeit nicht gut. Sodann kam ein Gabelfrühſtück, da das Löffel⸗ frühſtück ſo unvollkommen ausgefallen war. Mein Gott, wie gerne hätte ich etwas ganz extraſeltnes und extrafeines auf das Wohl der edeln Schola⸗ ſtika geſpeiſt! Etwa ein halb Dutzend Rippchen von einem wilden Naturkalbe, oder ein Filet von einer zahmen Schildkröte, oder ein Sauté aux truffes von einem zarten Pantherferkelchen! Doch mußte ich mich begnügen mit einem ganz ordi⸗ nären Beefſteak und noch ordinäreren Kartoffeln. Item: in Trefunz kommt mir das nicht vor. Bina will von Gabelfrühſtücken nichts wiſſen. In der Reſtauration, wo ich beſagtes Beefſteak — 169— einnahm, ſaßen ziemlich viele Gäſte. Es iſt er⸗ ſtaunlich, welchen Aufſchwung die Gewerbe für Kehle und Magen ſeit dem erſten Freiheitsjahr unſers theuern Vaterlands genommen haben! Die deutſchen Brüder eſſen und trinken noch einmal ſoviel, als ſonſt, und arbeiten dafür um die Hälfte weniger. Dafür regieren ſie ſammt und ſonders hinter'm Teller und hinter'm Glaſe alle Tage und alle Stunden den Staat, und das iſt doch auch eine Rackerei, die ſich gewaſchen hat. Die in der Reſtauration verſammelten deut⸗ ſchen Brüder waren vom ächten Schlag; ſchauten mich, den Fremden, an, wie ſelbiger das Scheuer⸗ thor, machten wichtige und finſtere Geſichter, und ſich ſelber noch einmal ſo breit am Tiſche, damit ich ja nicht ein ſchmales Plätzchen fände, wo ich genirt ſeyn könnte.— Da ich nun dieſen brüder⸗ lichen Brauch ſchon lang kenne, ſo nahm ich Platz in einem Winkel, wo gar Niemand ſaß, weil Nie⸗ mand hinſizen mochte.— Dennoch bekam ich nicht nur einen Nachbar, ſondern ſogar eine Art von Geſellſchaft. Ein kahlköpfiger Herr mit ganz be⸗ — 170— ſonders glotzig verklärten Augen und breitem, ſchmatzigem Munde ſetzte ſich nicht nur neben mich, ſondern diskurirte auch mit mir gleich nach der erſten Viertelſtunde. Ich antwortete ihm leutſelig und coulant wie immer. „Schönes Wetter, mein Herr?“— Sehr ſchön.—„Für dieſe Jahrszeit zumal?“— Sehr richtig.—„Sechzehn Grad Wärme?“— Hm! —„Gott verläßt keinen Deutſchen!“— Hm, Hm!—„Kapitalwetter! Gelobt ſei der Herr! Wären nur die Beefſteaks auch ſo gut!“— Ja, das wäre zu wünſchen!— (Ich dachte aber bei mir: Nun, ſind's doch wenigſtens Beefſteaks! Bina iſt eine Feindin alles Roſtbratens, behauptend, Gott habe das Rind⸗ fleiſch nur zum Sieden und zum Bouillon auf die Welt geſetzt.—) Der Fremde fuhr fort:„Aber ſtatt ſaftig zu ſein ſind ſie zäh, räuchelnd, dabei unverſchämt klein und die Kartoffeln gemeinſter Qualität. Ich kann das Zeug kaum hinunterbringen.“ Da werfe ich einen verwunderten Blick auf ——— — des Nachbars beinahe ſchon geleerten Teller, und frage verdutzt: Aber, lieber Herr, mich will bedünken, als ſpeisten Sie ris de veau aux champignons? Worauf Er ebenfalls verwundert:„Wahrhaf⸗ tig, ſo iſt's. Jetzt ſehen Sie ſelbſt, welche Streiche mir die Einbildungskraft und die Zerſtreuung ſpielt. Ja, ja: ich ſah Sie an Ihrem Beefſteak würgen und zerren, daß es ein Elend, und alſo⸗ bald fühlte ich ſympathiſch mit, und war der feſten Meinung, ich ſei zum Beefſteak verurtheilt. Die Kalbsbrieschen ſind übrigens nicht zu verachten.“ Wünſche guten Appetit; machte ich lächelnd. Er fuhr fort:„Ich habe noch nicht das Ver⸗ gnügen gehabt, Sie zu ſehen?“— Das Vergni⸗ gen iſt auf meiner Seite.—„Bitte, bitte!“ Dabei nahm er— in der Zerſtreuung— mein Glas und trank es aus:„Sie ſind gewiß ein Fremder?“— Ich gab ihm meine Karte. Er las:„Langenſtrick in Trefunz! Hm! hm! wie iſt mir doch nur? Langenſtrick.... Hm! hm! mir iſt, als kennte ich Sie von einer üblen Seite?..“ — 2— Mich? Herr? Mich? fuhr ich auf, obſchon nicht allzulaut. Der Nachbar winkte mit der gutmüthigſten Miene von der Welt, fortfahrend:„Ja, ja, wie ich Ihnen ſage; aber nicht von Trefunz, wo ich noch nie geweſen, doch ſo... wenn ich nicht irre..⸗ von Oberklammern...7“ Seltſam. Dort bin ich geboren; aber, Herr, im Ernſt: Wie können Sie ſagen...? Mit verzweifelter Ruhe verſetzte der Andere: „Mir thut's leid, aber der verdorbene Juriſt und Winkeladvokat Langenſtrick von Oberklammern.... Er iſt juſt der, dem....“ Halten Sie ein, rufe ich aus, deſſen wundeſter Seelenfleck berührt wurde: Schweigen Sie um Gotteswillen! Selbiger Winkelrabuliſt iſt leider Gottes mein Bruder iſt mein Bruder geweſen. „Ach ſo!“ entgegnete der Nachbar ſehr behag⸗ lich:„Ja, die Wege Gottes ſind dunkel, aber prüfungsvoll! Ich habe alſo nicht die Ehre, mit Ihrem Herrn Bruder zu ſprechen?“ Gott ſei gelobt, nein; ſagte ich, halb zornig ——— — 173— und doch lachend über die verflixten Redensarten, die der Schmatzige vorbrachte: Und wenn Sie mir eine Freundſchaft erweiſen wollen, ſo reden Sie mir gar nicht mehr von dem Taugenichts, dem übrigens Längſtverſchollenen— dem aller⸗ einzigen Schandfleck unſerer Familie! „Beruhigen Sie ſich; machte er leiſe und ver⸗ traulich: Ich will kein Aufhebens machen; will nicht dergleichen thun, als ob Sie es wären.. Hm! hi! in Trefunz alſo? Freut mich, freut mich, Sie kennen zu lernen, da Sie doch nicht Der⸗ jenige ſind, welcher!“— Dabei fing er mir eine Fliege von der Naſe weg, mit den Worten:„Sie verzeihen, daß ich mich derangire. Das Geſchmeiß peinigt mich zu heftig,.. und doch: was will man ſagen? Iſt nicht ſogar das Geſchmeiß da eine Kreatur Gottes?“ Schnerzte ſich mit frommer Miene in mein Foulard, und ſteckte es ein. Sie irren ſich— ſprach ich lächelnd— Sie irren ſich in Schnupftüchern, beſter Herr. „Ja ſo, ja ſo; antwortete er erröthend: O, — 174— meine Zerſtreuung!“— Dabei gab er mir mit vielen Entſchuldigungen eine Serviette des Hauſes, die er ſchon früher in ſeinen Sack geſteckt. Nachdem unter vielem Spaß von meiner, und vieler Beſchämung von ſeiner Seite endlich das Foulard wieder zu Tage und in meinen Beſitz gekommen, fragte ich ſo recht bieder und herzlich: Da Sie jetzo, Herr Nachbar, meinen Namen und Charakter wiſſen, dürfte ich nicht um gefällige Reciprocität bitten? „Gerne;— ich heiße Traugott Ehregott Fürch⸗ tegott Wollkopp, bin Rentner— vor Zeiten ein Reviſor geweſen... von Profeſſion annoch ein Zerſtreuter; allein auch die Zerſtreuung kommt vom Herrn, wie Alles hienieden, Amen.— Ich wohne eigentlich in in nun in Dings da... in Rufenau, ein Stündchen von hier: Krähwinkel, Neſt, alte Spelunke, verarmtes Städtlein, Miſt⸗ haufen mit einem Wort. Und deßwegen bin ich meiſtens hier... wann mir's einfällt, bei Tag, bei Nacht.... logire gewöhnlich im.. nun, wird's bald 2 im... ja, im weißen Bären logire 435*— ich, wie geſagt. Und Sie... wenn ich fragen Hotel Wiſperling; antworte ich ſtolz und ge⸗ meſſen, jeder Zoll ein Kapitaliſt und Gaſt de plaisir. Da machte mein Dreigott Wollkopp (hätte lieber Glattkopf heißen ſollen) ein Geſicht, als ob ihn ein Bandwürmlein kniffe, und verſetzte: „Der Herr iſt groß, und was Er geſchaffen, wunderbar und ewig! Aber ich fürchte, daß Sie nicht lange bei dem... nun, wie heißt er.. bei dem Wiſperling, wie geſagt, werden Sie nicht lange bleiben, fürchte ich.“ Wie ſo das? frage ich.— Und nun kam das ſchönſte. Der Wollkopp ſing an, laut zu denken. Vor ſich hinglotzend, mit den Fingern auf'm Tiſch trommelnd, brummelte er vor ſich hin: Soll ich die Geſchichte denn noch einmal erzählen? Er wird mir's nicht glauben, der ſündige Freigeiſt! Aber was thut's? Wer nicht hört, ſoll fühlen, ſagt der Herr! Nun ſchob er mir ſchnell ſeine Naſe quaſi in's Ohr und raunte mir zu:„Im Hotel Wiſperling geht's um, iſt's nicht geheuer, ſpuckt's, lauft's mit Geſpenſtern!“ Oho! Oho! mache ich zurückfahrend, und mein Zwerchfell ſchütterte gewaltig, parole dhonneur! Solch ein Kerl war mir in allen Welttheilen, von Venedig bis nach Hamburg, noch nicht vorge⸗ kommen. Wollkopp ſchnitt aber ein äußerſt andächtiges Antlitz, faltete die Hände, nießte, ſagte mir ver⸗ bindlich:„Wohl zu bekommen!“ und fuhr im Text alsdann weiter fort:„Alle gute Geiſter loben Gott, den Herrn, und von Ihm kommt, was von Fleiſch, und was unſterblich! Und ich ſage die Wahrheit, lieber Bruder in Chriſto, wie es dem Nächſten geziemt, mit Liebe und des Spottes unbeſorgt. Ich weiß, ich habe ſelbſt ge⸗ ſehen.... darum glaube ich. Im Hauſe Wis⸗ perling geh'n Geiſter... weiße und ſchwarze... zur Mitternacht... klagend und wimmernd... nach Erlöſung, nach Ruhe!“ Hm; lache ich: Geiſter von Anno Vierund⸗ dreißig, von Anno Sechsundvierzig.... Klingel⸗ — 177— berger, Nierenſteiner, burgunderliche Geiſter.. und ſo weiter, je nach der Weinkarte... Ge⸗ ſpenſter, die an keine Polizeiſtunde glauben, und Erlöſung ſuchen vom Katzenjammer, der ihnen auf der Ferſe folgt!— Der„Geneigteſte“ hätte ſehen ſollen, mit welcher gründlichen Verachtung oder Bemitleidung der Nachbar mich anſchaute; hätte hören ſollen, wie er abermals laut dachte:„O Jeſulein, Lämm⸗ lein mein, das wird doch ein Heide ſeyn? Vergib ihm; er weiß nicht, was er thut und ſpricht; Geh' nicht mit ihm in's Gericht! Oeffne ihm die Augen, blind— daß er den Weg zur Gnade find't!“ Nach dieſem Geſetzlein ſagte Wollkopp auf⸗ ſtehend, ernſthaft und mit Vorwurf:„Ich kann nicht dafür, daß Sie Alles auf Fraß und Völlerei beziehen; aber Sie werden ſchon ſehen.. hören... glauben, und ſich demüthigen vor dem Allmäch⸗ tigen, der den Tod des Sünders nicht will.— Ich bitte Sie flehentlich, lieber Bruder;(denn ich fürchte wahrlich wahrlich, daß Sie doch Ihr Herr Bruder ſind) gehen Sie in ſich, und glau⸗ Luſtige Geſchichten. 1. 12 — 178— ben Sie doch; dann werd' ich Sie fröhlich der⸗ einſt wiederſehen, wo es Gott gefällig: entweder Jenſeits Oder in dieſer Garküche! fiel ich frivol ein: Gott behüte Sie indeſſen, frommer Mann!— Woll⸗ kopp nickte achſelzuckend, nahm den erſten beſten Hut, der ihm bis auf die Naſe fiel, vom Nagel, bezahlte dem Kellner eine Portion Beefſteaks(ie meinige) und entfernte ſich. Bald darauf entſtand unter den übrigen deut⸗ ſchen Brüdern ein Hauptſpektakel wegen eines ent⸗ fremdeten Huts. Doß es nur ein Hutverwechſel geweſen, ſtellte ſich bald heraus. Ich half dem Fläger eigentlich auf die Sprünge, indem er nach meiner Angabe ſich auf die Beine machte, um den ehrlichen Wollkopp zu verfolgen. Sodann zahlte ich des Letztern ris de veau aux cham- pignon. Weniger konnte ich nicht thun. Aber — ſchnupfen wollend auf abgethane Verwicklun⸗ gen hin, finde ich die Doſe nirgends. Der„Ge⸗ neigteſte“ kann ſich meinen Schrecken nur dann vorſtellen, wenn er weiß, daß auf meiner Doſe — 0— Bina's Poträt!!! Ein Bildniß, ſo bezaubernd ſchön, wie ich noch niemals je geſeh'n!— Noch im Töchterinſtitut zu Genf befindlich, hatte ſich die Holde malen, und am Hochzeitstage ſich auf meine Schnupftabaksbüchſe ſetzen laſſen! Und dieſe Büchſe dahin... fort... verſchwunden! —„Gewiß hat dieſerjenige konfuſe Wollkopp in ſeiner Dämelichkeit meine Bina mitgehen heißen!“ fuhr mir's plötzlich durch den Kopf. Und ſchnell wie der Wind ſpringe ich dem Hutforderer nach aber— aber— am fernſten Horizont nichts mehr von dem Hut⸗ und Doſenräuber zu ſehen!! Toll und böſe kehrte ich in meinen„Wiſperling“ zurück. Kein Unglück— aber auch kein Verdruß kommt allein.— Ich ſtürme die Treppe hinan, ich ziehe mei⸗ nen Schlüſſel aus der Taſche... ich will meine Thüre öffnen... der Schlüſſel ſpielt nicht im Schlüſſelloch, ſpielt nicht und ſpielt nicht! Ich gebe einen Druck auf die Klinke; ſiehe: die Thüre geht auf; ſiehe: die Thüre iſt gar nicht verſchloſ⸗ —— ſen geweſen!!— Nun, mein Schrecken, meine Entrüſtung... parole d'honneur, ſie iſt gar nicht zu beſchreiben, noch heute nicht! Bravo! rufe ich mir ergrimmt in die Seele: Bravo, Grand-Fusil, biſt auf gutem Wege. Der Wollkopp ſtiehlt dir die Doſe, während gefähr⸗ lichere Spitzbuben in Wiſperlings Hotel deine Thüre erbrechen, ohne Zweifel deinen Schrank, deinen Schreibtiſch geplündert haben, worinnen baare hundert Gulden und etwas, in Champag⸗ nerthalern.. Wie eine Furie— oder beſſer, wie ein Furio ſtürze ich in's Vorgemach, in mein Zimmer... ſeltſam: alles ſieht ſo ruhig aus, als wäre nichts, gar nichts vorgefallen. Die Sonne blinkt mild und goldig durch die Scheiben... aber die Sonne ſieht gar manchen Dingen freundlich zu, vor denen ſie ſich total verfinſtern ſollte!! Mit einem Tigerſprung ſetzte ich an den Schreibkaſten... unangerührt! Ich öffne mit dem Schlüſſelchen, das ich bei mir trage... die Champagnerthaler— hundert Gulden und — 181— etwas— ſind da, complett da, Mann für Mann da.— Gottlob!— Dann ein haſtiger Blick in den Wandkaſten— Mantel, Paletot, Buksking⸗ Inexpreſſibles, Schlaftock vom Pelze des Mar⸗ ders... Alles da. Noch mehr Gottlob! Jetzv... nicht mit Fleiß, ſondern par ha- sard ein Blick auf den runden, mit grünem Tep⸗ pich behangenen Tiſch..... Götter, was ſeh' ich! Auf Cerevis! ſo etwas muß man ſelbſt ge⸗ ſehen haben, um es zu glauben—: da ſteht meine Tabatiere in Schildkröte, da lächelt mir Bina's roſiges Töchterinſtitutsgeſicht an... Nein! . dieſe ſtupide Freude kann ich dem„Geneigte⸗ ſten“ gar nicht beſchreiben! Hab' ich da— Gott ſoll's wiſſen— die ganze Doſe vergeſſen gehabt... den armen Wollkopp unſchuldig im Verdacht gehabt... meine Seele in böſem Argwohn vor Dieben und andern Spitz⸗ buben um nichts und wieder nichts ſchier dem Satan verſchrieben!! Welche Demüthigung! welche Lektion! Während ich noch daran kaue,— juſt will ich — 182— die geliebte Schnupftabaksbüchſe an meine Lippen drücken, und daraus— aus der Doſe— meine Naſe füttern, da ſehe ich noch etwas, was gar nicht vordem in meiner Stube geweſen war: einen Blumenſtrauß, ein herziges Boukettlein von Ge⸗ raniumblühte und allerlei anderm bunten Kraut, ſauber gebunden mit Goldfädchen... es liegt auf meiner Hausmütze, wie in einem Neſt von Sammet und Silber...! woher dieſer Strauß? Woher dieſes Plus in einem Zimmer, worinnen ich ſo manches Minus zu finden fürchtete? Ich betrachte, ſinne, überlege, und laſſe ein Stück Jugend in Gedanken an mir vorübergehen. O die ſchöne Zeit, vergangen wie ein Traum! Damals hatte es freilich häufig Blumenſträuße geregnet— in allen Theilen der Welt, von Beau⸗ caire an, bis an das jodleriſche Tirol, wo die Welt mit Brettern vernagelt iſt, wie die Leute be⸗ haupten! Langenſtrick's Jugendzüge ſind lauter Siegesmärſche geweſen, und mit Blumenkränzen war Grand-Fusil reichlich geſchmückt worden— Seit mehreren Jahren freilich ging in dem Artikel — 183— nicht viel mehr um; Bina ſelber hat mich nicht damit verwöhnt.— Lieber ſchicke ich, pflegt ſie zu ſagen, die Blumen aus unſerm Garten auf den Markt, und löſe ein paar Kreuzer daraus, als daß ich den Kuhfraß im Zimmer ſtehen habe. — Durch und durch praktiſch iſt die Frau.— Von ihr alſo war das Sträußchen jedenfalls nicht. Von dem Freund Wiſperling ebenſo wenig. Männer machen einander keine Cadeaux in Blu⸗ men. Alſo von einer Unbekannten... denn eine Bekannte hatte ich in der Hauptſtadt nicht, oder vielmehr nicht mehr. Sollte man nicht dem Räthſelchen auf den Grund kommen können? Ich ſchelle.— Wunderbarerweiſe kommt der zweite oder dritte Kellner alſogleich.— Befehlen?— Nun muß der„Geneigteſte“ ja nicht glauben, daß ch mit dem Bouquet in's Haus ſiel, wie ein betrun⸗ kener Kirchweihbauer. Ich weiß zu leben; nicht den Schatten einer bonne fortune geb' ich einem Maulaffen preis.— Somit wende ich mich voll Würdigkeit zu dem„Stupideſten“ und kanzle ihn trefflich wegen des Thüroffenſtehengelaſſenhabens — 184— herunter, mache ein jedes Haar ſeines Rothkopfs für eine unter ſolchen offenen Zimmerumſtänden vor⸗ kommende Stuben⸗Schrank⸗Schreibkaſten⸗Garde⸗ robe⸗Ausleerungsunternehmung verantwortlich.— Er antwortet:„Schön, aber ich habe die Thüre nicht offen gelaſſen. Das wird Angelika beim Aufräumen gethan haben.“—„Angelika? Wer iſt Angelika?“—„Das Dienſtmädchen.“—„Ange⸗ lika? hm, hi! ſo will ich ihr's ſelber ſagen. Schicken Sie mir dieſe Angelika.“—„Schön.“— Ich ſpüre, da der Menſch draußen iſt, daß ich vor mich hin in den Bart lächle. Warum? Ich hatte eine Ahnung, die ſich auf die Angelika bezog. Angelika! ein netter Name, ein engliſcher Gnicht engelländiſcher) Name... die Trägerin deſſelben höchſt wahrſcheinlich eine blondgelockte, quaſigeflügelte, roſenwangige, ſchlanke Perſon mit liebesblauen Augen, mit weißen Patſchchen, mit frommem zuthulichem Herzchen in dem ſchneeigen Buſen! Dieſe Idee hatte in der That für mich etwas Verlockendes, etwas Beflügelndes, etwas Roſiges, etwas Himmelblaues! Warum? — 185— Ich war ſo fröhlich und wohlgemuth, meine Bina wiedergefunden zu haben, daß ich's kaum erwar⸗ ten konnte, bis Angelika eintrat.— Von ihr das Sträußchen? O gewiß, gewiß! Das war mir ſchon ſo oft vorgekommen! Sträuß⸗ chen von empfindſamen Zofen geſpendet, um mei⸗ ner Liebenswürdigkeit willen, um meines Beutels willen, um meiner Perſon und meiner Börſe wil⸗ len zugleich! Immerdar eine angenehme Huldi⸗ gung, für die ich jetzo doppelt empfänglich, weil ich meine Bina wieder gewonnen.— Angelika blieb lange, recht lange aus. End⸗ ich e dich Hat der„Geneigteſte“ ſchon eine Muſik der Sphären gehört? Nein? Ich auch nicht. Aber ich meinte, mit einer ſolchen müſſe die Angelika ſich bei mir einführen. Statt deſſen... was geſchieht? — Blaff! geht die Thüre auf.. eine rothe Erſcheinung tritt ein, und läßt ſich vernehmen, wie da folgt, in Noten geſetzt von einem muſi⸗ kaliſchen Freunde, Melodie und Text ganz ächt: — 186— Gridando eppure lento da far morire. — 35—— Mueß J öp⸗per do ri„„ cho?*) Ich erſchrecke... betrachte die Figur, die über ein Schilderhaus geformt zu ſeyn ſcheint, das breite rothe Angeſicht, die ungefügen rothen Hände, die ganze Geſtalt, gehüllt in rothgeſtreif⸗ ten Kattun;— mir wird etwas ſchwach zu Muthe und dämlich und ſchwiemlich frage ich: Iſt Sie die Perſon, die... die Aufwärte⸗ rin, das Zimmermädchen, wollt' ich ſagen?(Mir wollte kaum das„Mädchen“ aus dem Munde, im Angeſicht des koloſſalen Menſchenwürfels, der vor mir ſtand.) Hierauf lautete es— Geſang wie oben: o te n Die Angelika? frage ich mit ſteigender Selbſt⸗ vernichtung. *) Muß ich etwa da herein kommen? **) Ja, dieſelbe bin ich. 8 „ H 0 Aew⸗we di⸗ a*) Nun war's doch beinahe ausgemacht, daß ſel⸗ bige Perſona⸗Figura nicht diejenige ſeyn konnte, die mir das Sträußchen beſcheert hatte. Bei⸗ nahe, ſage ich; denn Ausnahmen gibt's in jeder Regel. Und weil dieſe Quadrat⸗Angelika das Maul weit auseinanderzog, lächelnd, ein Gebiß zeigend, das einem jungen Jagdhund Ehre ge⸗ macht haben würde,— und weil ſie dabei mit den kleinen ſchwarzen Aeuglein wohlgefällig zwin⸗ kerte, und weil— im Vertrauen geſtanden— ein Männerherz ein ſchwaches Ding iſt, das ſogar am Liebeslächeln einer Hottentottin oder andern Lappländerin ſeine eitle Freude hat— ſo dachte ich, es möchte doch immerhin möglich ſeyn, daß mein physique Eindruck auf dieſe Rothhaut ge⸗ macht und ihr in unerhörter faſt nie dageweſener Begeiſterung die Schwärmerei des Bougquets auf⸗ gedrungen.— *) Eben die. — 188— Deshalb fragte ich milde und leutſeligen Auges:„Haſt du, mein liebes Kind, vielleicht mir eine Ueberraſchung mit dem Sträußchen hier bereiten wollen?“— Wedelte dabei behaglich und pfiffig lächelnd mit dem Sträußchen um meine Naſe. Da reißt Angelika nebſt dem Maule auch die Augen ſo weit auf, als ſie kann, und erwiedert: — 9——£ S2 Des Dü⸗ütſch cha⸗i nit ver⸗ B F. S ſtoh⸗ oh ⸗oh!*) Nun... das war klar! Da hätte ich doch ein Narr, ein„Eſel und verdammtes Rinde“ ſeyn müſſen, wie's im Liede von Hölty heißt, wenn ich nicht gemerkt hätte, daß mir gegenüber das dümmſte Weibsbild in Central⸗Europa Platz genommen. So geh' Sie in Gottesnamen! ſagte ich brum⸗ mig, und wendete mich von ihr ab. Kaum war ſie jedoch draußen, als mir erſt —. *) Das Deutſch kann ich nicht verſtehen. — 189— wieder beifiel, warum ich ſie hatte rufen laſſen. — Aber— was machte ich mir jetzt daraus, daß meine Thüre offen geblieben? Ohne dieſes Thüre⸗ offenſtehenlaſſen hätte ich ja nimmermehr das be⸗ wußte Sträußchen erhalten,.. und die Ge⸗ berin deſſelben,... dieſes räthſelhafte Weſen . wo konnte ſie weilen, als gerade im Hotel ſelber? Und wer... wer um's Himmelswillen konnte die Geberin ſeyn, da das finnige Geſchenk doch keinesfalls von der rothen, fürchterlichen, verflixten Angelika kam? Ein weibliches Weſen... eine Spenderin von Sträußchen, wie Hexenmeiſter Döbler ſchönere noch nie gebunden...! Ach, noch heute hör' ich, fühl' ich mein Herzchen pochen...! Schon ſo lang war ich von Bina entfernt, daß ich mich— auf Seele und Cerevis— in der That nach einem weiblichen Weſen ſehnte! Das Geheimniß mußte ſich mir enthüllen... ich vereidigte mich des⸗ halb auf die Aſche meines ſeligen Vaters hin; — aber, wie das bewerkſtelligen? Angelika, die rothe Ente, wußte von nichts; das lag auf der 190— Hand. Aber nun weiter? Sollte ich mich ſpähend und herumfragend an den Kellner wenden? O nim⸗ mermehr. Das nicht zu thun, hatte ich meine Gründe, die ich in aller Geſchwindigkeit dem„Ge⸗ neigteſten“ nicht vorenthalten will. Um einen Kellner hervorzubringen, nimmt man in der Regel ein ganz gewöhnliches Kind. Dieſes muß männlichen Geſchlechts ſeyn, ſonſt wird es eine Kellnerin, und dieſe hat eine ganz andere Naturgeſchichte als der Kellner, die hieher nicht gehört.— Das gonz ordinäre Kind wird gut aufgefüttert, nothdürftig mit Schreiben, Leſen und den fünf Spezies angelernt, und auf den Werth der guten Trinkgelder, ſo wie auf den Un⸗ werth der ſchlechten aufmerkſam gemacht. Sobald nun das Kind flegelfährig geworden, nämlich zwi⸗ ſchen vierzehn und fünfzehn Jahren, ſtellt man es in eine Kondition ein, nämlich in die Lehre. Nun begibt ſich, ſobald der Burſche eine Ser⸗ viette unter'm Arm und das erſte Schoppenglas geſchwenkt hat, eine auffallende Veränderung mit ihm. So viel auch an Verſtand und an Scharf⸗ — 191— ſinn ihm die Natur etwa geſchenkt hätte... plötzlich wird er ein Kameel. In welchem Zu⸗ ſtand er die Details des Dienſtes, die Mimik des Standes und die nothwendigen Sprachge⸗ bräuchlichkeiten deſſelben gründlich andreſſirt er⸗ hält. Für alles übrige zum Verwundern dumm; aber dabei vorlaut, klatſchfraubaſeriſch, verſchleckt, eine große Vorliebe habend für blaue und rothe Halsbinden, ein ausgiebiges allezeitfertiges Echo dem einfältigſten Plauderer; dem vernünftigen Frager gegenüber eine vernagelte Kanone, die da immer das Maul aufreißt, aber nichts von ſich gibt.— Sobald indeſſen der Kellner zum Oberkellner vorrückt, ſchlägt er aus dem Kameel überraſchend geſchwind zum klugen Mann, zum durchtriebenen Fuchs um. Nicht ſelten— wie man weiß— iſt er um ein gut Theil weiſer als ſein Prinzipal, beredter als dieſer, und rechnet ſich gar häufig das Hotel und die Kundſchaft in den eigenen Sack.— Mit dem Kellner war alſo in meiner geheim⸗ nißvollen Angelegenheit nichts zu machen. Mir — 192— würde er mit einem„Ich weiß nichts“ geant⸗ wortet, aber meine Sache in Küche und Keller, bei Hausknecht und Lohnbedienten verträtſcht haben.— Zum Oberkellner mochte ich ſchon aus dem Grunde nicht gehen, weil dieſe ſelbigen Ober⸗ kellner geſchworene Feinde von bonnes fortunes im Hotel ſind; ausgenommen, ſie ſelber wären etwa die Helden davon. Mich daher,„Geneigteſter“ auf meine eigene Witterung verlaſſend, geduldete ich mich, und ſuchte vor der Hand nittelſt einer anderweitigen Beſchäftigung meine ſehnſüchtige Neugierde zu be⸗ ruhigen oder zu nertraliſiren, wie mon auf deutſch ſagt. Ich warf einen Blick auf mein Notizen⸗ büchelchen, und fard darinnen, daß Freund Grau⸗ ſam mir auf mein lettes Schreiben vom ſo und ſo vielten passati noch nicht geantwortet.— Was war alſo natürlicher, als ihn ob ſeines Schwei⸗ gens zur Rede zu ſtellen, und ihm meine Anweſen⸗ heit auf hieſigem Plotz zu beſtätigen? Ich etablirte mich demzufolge im finſtern Winkel am Schreib⸗ kaſten, und fand darinnen nach Sitte und Brauch K — 193— komfortabler Gaſthäuſer weder Dinte, noch Feder, noch auch Papier und Oblaten. Profit tout clair; denn es verging vom Zeitquantum des Tags wie⸗ derum eine halbe Stunde bis all das Nöthige nothdürftigſt herbeigeſchafft war. Unterdeſſen konnte ich meine Gedanken zurecht legen, meinen St)lum auffriſchen, und ein Meiſterſtück von einem ver⸗ traulichen Briefe vorbereiten...— Wenn nicht die verzweifelte Angelika geweſen wäre! Stelle ſich der„Geneigteſte“ vor, daß jenes rothgeſtreifte Weibsbild mir immerdar auf dem bläulichen Papier, über die blaßſchwarze Dinte, zwiſchen Feder und Streuſand auf- und abſpazierte. — Wie läßt ſich das reimen mit meiner Abnei⸗ gung vor dieſer Angelika? Wie mit meiner Sehn⸗ ſucht nach der unſichtbaren Sträußchenlieferantin? Wie endlich mit meiner felſenfeſten Treue für Bina? Bald kam ich auf den Grund der Sache. — Meine Antipathie gegen die rothe Farbe war ganz allein daran ſchuld. Manchmal wirkt die frag⸗ liche Antipathie gerade wie die Sympathie. Bei⸗ ſpiellos das, wenn es nicht davon Exempel gäbe! Luſtige Geſchichten 1. 13 ſchäft. Seitdem ich Spezereiwaaren führe, iſt's — 194— Lag's in der Familie, daß ich von Jugend auf die rothe Farbe nicht leiden mochte? Mein Vater trug ſich immer braun, meine Mutter immer violett. Mein Bruder, der Galgenſtrick, war durch und durch ſchwarz. Oder aber. ſtammt dieſe Antipathie von meinem Geſchäft en articles de deuil? Auch möglich. So lang ich in Trauer machte, war mir überhaupt jede helle Farbe an⸗ ſtößig. Die Begegnung eines Mohren that mir wohl; in der dunkelſten Nacht war ich am ſelig⸗ ſten.— Das war nun offenbar übertrieben, aber dennoch ein Faktum. Meine Gefühlungen verweb⸗ ten mich auf ſolche Weiſe total mit meinem Ge⸗ beſſer geworden— aber mit dem Roth geht's immer noch nicht recht, und ich wünſchte wohl manchmal, ein bischen ruſſiſch zu ſeyn, da ſelbigen Moskowiten alles Rothe ſchön, alles Schöne roth vorkommt. Immer noch kann ich mich in keinen Ruſſen hineindenken,. immer noch ſtandaliſirt mich, was roth iſt.— Daher auch ſaß die roth⸗ geſtreifte Angelika wie ein Alp, wie ein Kobold, — 195— enfin comme un cauchemar auf meinem Papier, vor meiner Federſpitze. Kaum konnte ich den Brief fertig kriegen...! Ach, nicht umſonſt wollte mich das rothe Geſpenſt vom Schreiben abbrin⸗ gen.. Doch das kommt zu ſeiner Zeit. Während ich nun alſo mit einer gewiſſen Her⸗ zensſchwere den Brief an Grauſam beendige und verſchließe, höre ich ein kleines Geräuſch, als ob meines Vorzimmers Thüre aufgemacht würde. In der Meinung, es ſei der Stupideſte, frage ich langſam und ſonor, ohne mich umzuſehen:„Was gibts? Wer iſt da?“ Hierauf— o Himmel und Erde!— höre ich wiederum etwas, als wie ein„Ach!“ der Ueber⸗ raſchung— wie ein weibliches„Ach!“— Das Rauſchen eines ſeidenen Kleides oder Mantels.. und die Thüre wird hart zugemacht..: und ich ahne etwas, ich ſpringe auf... bleibe an irgend einem Nagel oder einer Schraube des Schreib⸗ kaſtens hängen, mache mich zwar wie der Wind los aber dennoch komme ich zu ſpät! So wie ich zur Thüre meines Vorgemachs hinaus⸗ — 196— platze, iſt der Flur als wie ausgefegt, leer, ganz leer, nirgends mehr ein Schritt- und Trittlein zu hören,— alles vorbei, wie eine Geſpenſter⸗Er⸗ ſcheinung!! „Im Hotel Wiſperling geht's um!“ hatte mir Wollkopp, der pietiſtiſche Konfuſionsrath, geſagt. Ha! wie mir das ſiedendheiß in meine Gefühlung und Erinnerlichkeit zurückkam! Ich weiß nicht, ob der„Geneigteſte“ jemals etwas von einem Geiſte bei ſich verſpürt hat... aber, es iſt etwas feierliches um ſolche Verſpü⸗ rung. Mir wenigſtens war ganz erdbeberlich da⸗ bei zu Muthe. Mich zu erholen, mußte ich auf Zerſtreuung denken. Ich hob daher meine Korreſpondenz auf, beruhigte meine Ungeduld, an Bina zu ſchreiben, was ich überhaupt immer zu guter Letzt— pour la bonne bouche— aufzuſparen pflege, und fange an, auf die Poſt zu gehen.— Ich fange an, ſage ich, denn ich habe das Unternehmen nicht ausgeführt. Warum? So wie ich an den Fuß der Treppe gelange, kommt mir — 197— Wiſperling in den Wurf, und ſagt: Wohin? Wozugegen? Laſſen Sie den Hausknecht mit dem Brief abgehen, und treten Sie in den Salon. Wir ſpeiſen in einer halben Stunde; da ſitzt je⸗ doch eine kleine Geſellſchaft bei Auſtern und Chabli.. halten Sie mit; das erregt und macht Appetit! Na, ich bin ein guter Kerl, ſage Amen, trete in den Salon.— Die lange Tafel iſt gedeckt, glitzernd von Silber und Glaswerk, auch Por⸗ zellan.. noch fehlen die Gäſte. Aber um den runden Tiſch in der Herrenecke tagt ein kleiner Völkerkongreß. Wiſperling, die gute fette Natur, ſtellt mir geſchwinde die Nationalitäten vor: einen deutſchen Profeſſor, einen italieniſchen Sprach⸗ meiſter, einen ſpaniſchen Muſiker, den franzöſiſchen Chabli, die belgiſchen Auſtern, den engliſchen Cheſterkäſe. Felix Austria! rief mir eben der Profeſſor entgegen, und ſchlürfte eine handbreite hinab. Der Spaniole klimperte an den Gläſern eine Art von Fandango zuſammen. — 198— Mit rother Naſe, begeiſterten Augen und mannatröpfelnden Lippen rief der Sprachmeiſter: Padrone, Padrone, noch ein Gläschen! Nur noch vier Biſſen! Heut ſind wir im Weinberg, heute iſt's luſtig! Friſch, Wiſperlingo, Carino! Haben wir uns nicht lieb? Sind wir nicht, wie Brod und Käſe? Via, via, su, su, angeſtoßen! Und Wiſperling blinzelte und ſtieß an; ich that's auch, und war im Nu der Brüder Einer. Leider war das Frühſtück ſchon zu Ende, mußte zu Ende ſeyn, weil das Mittageſſen bald angehen ſollte.— Der Spaniol klagte darüber.„Hombre!“ ſagte er zu mir: wenn wir nur noch ein Deſſert hätten!“ Zu ſpät! achſelzuckte Wiſperling. Begnügen wir uns mit einem mufikaliſchen! rief ich, Grand-Fusil, alleweil zum Losgehen bereit: Mit Roſſini, Mandolini und Kaſtagnetten..! (Mit dieſem Witz habe ich ſchon manch gutes Geſchäftchen gemacht,„Geneigteſter.“— Meine neuen Genvoſſen lachten unbändig, und der Spa⸗ niol trommelte eine Fanfare.) — 194— Morgen wieder, lieber Wiſperling! jubelte der Profeſſor, die letzte Flaſche anſtechend: Aber, wie ſchon gebeten, mit Hummern, mit Hummern! Schicke auf den Markt, lieber Wirth, und laß fragen, quid humeri valeant, was die Hummern koſten!(„Ha, ha, ha!“ Allgemeines Gelächter.)— Anklingend frage ich den Wirth, den fidelen, ganz fidel:„Wie kommt's, Freundchen, daß Sie mir dießmal noch nicht zur Ehre verholfen haben, Ihrer Frau Gemahlin mein Kompliment zu ma⸗ chen? Vor drei Jahren— Sie wiſſen— da ich das letztemal bei Ihnen logirte....— 2 Nun veränderte ſich plötzlich das fröhliche Ge⸗ ſicht des Hoſpes in ein finſteres, fatales, miß⸗ fideles.„Sie wiſſen noch nicht“— ſagte er trocken—„daß, ſeitdem meine Frau geſtorben... „O weh! ſeufze ich entgegen: Verzeihen Sie doch... daß ich in meiner Ignoranz gerade dieſen wunden Fleck berühren mußte.. Ich bin un⸗ tröſtlich— wie Sie ſelber. Die gute, brave Frau!! Meine Thränen fließen als obligater Wermuth in dieſen Becher...! Dennoch: Auch die Todten ſollen — 200— leben, und des Himmels Gnade Dir, bald ein andres Weibchen geben! wie Schiller ſingt.“ Wiſperling ſtieß an, und die Trauer auf ſeiner Stirne wurde milder, da er mir antwortete:— „Hat ihn ſchon! Bin ſchon wieder verheirathet... ſeit drei Vierteljahren bin ich's: eine Wittwe Rau⸗ tenkranz... nicht ohne Vermögen... aber mit einer Tochter behaftet.. ah, laissons et trin- quons, mon ami Grand-fusil!“ Noch ein Trunk.— Bitte, mich der Dame zu empfehlen und vorzuſtellen; ſage ich höflich. Worauf der Hoſpes kurz und kühl: Bei Gelegen⸗ heit.. kann ſeyn. Die Weiber leben in ihrem Revier für ſich, und haben mit der Wirthſchaft nichts zu thun.— Da ſchrie der Spanier auf— die drei übri⸗ gen Herren hatten indeſſen Gaſtronomie verhan⸗ delt— Hombre! über den Aal laſſe ich nichts kommen. Das Beſte in dieſer Welt! Der Profeſſor: Recht! ſchon das Alterthum ließ ihm Gerechtigkeit wiederfahren. Alea jacta est! ſagte jener Römer. — 201— Der Italiener: Ah, la bella Italia, Pau- gustissima Roma! O wär' ich nur dort, und könnte ſpeiſen Broccoli, die man hier nicht kennt. Der Profeſſor: Auch dieſe Species von Blu⸗ menkohl ſchätzten die Alten. Horaz ſagt: Beatus ille, qui procul négotiis.... Glücklich, der mit Broccoli Negoz treibt... (Spaniſches, deutſches und italieniſches Ge⸗ wieher durcheinander. Der Chabli ſchäumt, der Käſe macht kleine Augen, die Auſtern ſind ganz weg.) Und weil unter all dieſer Fröhlichkeit nur der Hoſpes bei ſeinen ernſthaften, ja traurigen Ge— ſichtszügen ſchweigend verblieb, will ich ihn auf⸗ heitern, und ſage lachend zu ihm: A propos, Freund Wiſperling, wiſſen Sie ſchon, in welcher Reputation Ihr Gaſthof ſteht? Da hat mir heute Jemand geſagt, es ſpucke im Hotel, und Geiſter um Mitternacht ließen ſich darinnen ſpüren...? Aber— mon dieu— wie muß ich mich wun⸗ dern und verblüffen, als der Wirth ſchneeweiß wird., dann grüngelb... dann braunfahl... und — 202— recht brutal herausfährt: So..? hat man Ihnen geſagt...7 Wer hat Ihnen geſagt... ich frage, wer 2 Die Tiſchglocke unterbrach den Farbenwechsler. Er— jeder Zoll ein Gaſtwirth— unterbrach ſich ſelber, ſprang auf, die eintretenden Table- dHòte⸗Gäſte zu komplimentiren.. die Unter⸗ redung war vorüber... das Frühſtück aus— Profeſſor, Muſikant und Sprachmeiſter entſchwe⸗ ben— das Diner ging an; mir ging's aber im Kopf herum, daß der Wirth meine Interpellation ſo verteufelt ungnädig aufgenommen, und daß demnach... wie will ich ſagen?... daß demnach an den Geſpenſtern und dem Spuckweſen etwas ſeyn mußte...! Hm, hm, das machte mir Ge⸗ danken während der soupe aux pommes de terre— ſchwere Gedanken! Nicht etwa, als ob ich mich vor Geſpenſtern fürchtete...! oh, ich muß ſelbſt über dieſe Be⸗ merkung lachen. Braucht's da wohl eine Betheu⸗ rung im Jahr 1849? Aber.., aber..„es gibt doch Philoſophen zwiſchen Himmel und Erde,“ — 203— wie Schäkſpier im Regulus ſagt... und ich fing an zu glauben, daß„wirklich ein verbrannter Stiefel im Staat Dänemark liege,“ wie derſelbe alte Engliſhman geſchrieben hat.— Warum, in's Himmelsnamen, fuhr der gute fette Wiſperling dergeſtalt auf? Ueber dem Roaſtbiff dito aux pommes de terre kam ich immer noch nicht auf andere Ge⸗ danken; im Gegentheil: ich kam erſt recht in die alten hinein. Das machte das blutige Fleiſch; das machten die beiden Stühle, mir zur Rechten, mir zur Linken, die unbeſetzt geblieben waren. Denn, en effet: konnten nicht vor langen Jahren — ich ſage, vor langen, weil ich dem guten Wanſt Wiſperling damals noch nicht ſo Gräßliches zu⸗ traute— konnten da nicht in dieſem ſelbigen Hauſe, dazumal„zum tiefen Keller“ geſchildet (eine ſchaurige Firma)— konnten da nicht etzliche harmloſe Reiſende, Kaufleute und Rentiere, wie ich, in ihren Betten blutig abgeſchlachtet worden ſeyn? Konnten ſie nicht heute, jetzo, gerade in dieſer Stunde und Minute hereintreten als Ge⸗ — 204— ſpenſter, und ſich zur Tafel ſetzen neben mich, mit Todtenköpfen, klaffenden Wunden, und was dazu gehört? Und— wenn auch die ganze Tafelrunde nichts von dem Spuck ſah— mußte ich ihn nicht ſehen, da ich leider in den ſogenannten Zwölf⸗ nächten geboren bin, und folglich ein geborener unvermeidlicher Geiſterſeher? Dieſen Bedenklichkeiten hing ich noch nach, da bereits Rüben und Sauerkohl, gebacknes Hirn und Frankfurter Bratwürſte ſervirt wurden— ach, das Gehirn gehörte ja auch einem Todten an, und die Bratwürſte waren ebenfalls nicht von einem Lebendigen, und ſie erinnerten mich ſo leb⸗ haft an dahingeſchiedene Frankfurter Freunde: an den„Eppelwein,“ an den„Hampelmann,“ an das Parlament von Anno Achtundvierzig, an die Mainluſt und das herzige Liſettchen.. ach, ach...1 Ich aß deſperat drauf los, um mich zu zerſtreuen... plötzlich gibt's mir einen galvano⸗elektriſchen Riß... ich ſchaue rechts: mein Nachbarſtuhl iſt noch im⸗ mer ſchauerlich leer.., ich ſchaue links: o Schwere... hilf Himmel! will ich ſagen....: da ſitzt es... —— —— — 205— das Weſen, das Kreatur, der Mann, der Gaſt, das Geſpenſt..! Stelle ſich der„Geneigteſte“ vor, wie mein Nachbar ausſah: er ſah aus.... doch davon nachher, in Bälde nachher. Genug, daß ich er⸗ ſchrecke, daß ich meine: den Mann mußt du im Leben ſchon geſehen, gekannt haben! Und eben mit ſolcher Gefühlung ſah das Geſpenſt mich, den Lebenden an, und nicht nur dachte und meinte der Nachbar das in anſtändiger ſtiller Betrachtung, wie ich gethan, ſondern er ſprach es auch aus, redend, laut redend ſogar die Worte: Ei ſo? Sie hier? Hätt' ich mir doch eher des Himmels Ein⸗ ſturz vermuthet...! Nun,'s iſt mir lieb, daß ich einmal wieder auf Sie ſtoße...! Erſchrecken Sie nur nicht... unſere Rechnung wird bald geſchloſ⸗ ſen ſeyn! „Unſere Rechnung baldgeſchloſſen..!“ Vermaledeite Zumuthung, die Einen etwa nicht aus der Faſſung bringen ſoll..? Ich bleibe im⸗ merdar noch etwas konfus... aber— obſchon der Nachbar etwas barſch thut, und ſo gewiß — 206— giftige Blicke auf mich abſchießt, beſinne ich mich, haſche mein Gedächtniß glücklich noch zuſammen, und erinnere mich deutlich, daß der Herr neben mir ſitzt, den ich dereinſt von Flätz in's Bad ge⸗ ſchickt hatte. Wenn der„Geneigteſte“ mein„Duell zu Flätz“ geleſen hat, ſo weiß er bereits, wer der fragliche Herr. Allein, da ich immer gern, um auf alle Fälle geſattelt zu ſeyn, das Schlimmere vorausſetze, ſo will ich dem„Geneigteſten“ lieber gleich noch einmal aus meinen„Souvenirs de Flätz“ zum Beſten geben, wie der fragliche Herr ausgeſehen.— „Der Herr“— ſage ich alſo in meinem Ta⸗ gebuch—„war ſehr dick, dabei natürlich ſehr träge; dabei aber ein fanatiſcher Liebhaber von Bewegung. Ein Bedürfniß ſeiner ſelbſt—(ein guter Ausdruck, das„ſeiner ſelbſt“)— war ein beſtändiges Schwitzen; ſo wie er aber ſchwitzte, was er immer that, erkältete er ſich immerdar, war demnach immer erkältet. Dieſe Verkühlungen zwangen ihn zu einer kühlen Diät; ohne erregende — 207— und erhitzende Speiſen und Getränke konnte er jedoch nicht leben. Das hatte ſeinen Magen in Unordnung gebracht; eine Kartoffel wurde ihm gleich unverdaulich, und dennoch verlangte er nach Gurken und Käſe als Zuſpeiſe zu ſeinem Roth⸗ wein, da er ohne Aufhören aß und trank, um zu exiſtiren. Unten hatte er das Podagra, Ver⸗ ſtopfungen im Unterleib, in Hals und Armen, auch im Kreuz, Rhevmatismen nach der Nummer, Mi⸗ gräne im Kopf, Sauſen in den Ohren, nebſtbei auch Baumwolle. Aus Langeweile hatte er den Bandwurm bekommen———— zur Unter⸗ haltung in hypochondriſchen Stunden diente ihm aber nicht ſelten die fliegende Gicht— arthritis volans seu vagabonda— aufmunternd und doch ſo gewiß niederſchlagend! Er nannte dieſe Schmerzen ſein Pandurenkorps, verſchlief dagegen ſeine ganze Lebenzeit, und konnte des Nachts kein Auge zuthun. Seine Lunge war ſchlecht, ſeine Leber ruinirt, ſeine Milz zerſtört, ſeine Nieren nicht ſauber, ſein Herz angegriffen, ſeine Nerven hin. Im Uebrigen alles an ihm kerngeſund. — 208— Darauf ſtützte ich meinen Heilplan, und ſchickte ihn— den Herrn— nach Mehadia, in die Her⸗ kulesbäder.“ So weit meine Flätziſchen Tagebücher, um nicht noch ein Mehreres daraus abzuſchreiben, was ich ungern unterlaſſe, da man das Gute und Treffliche nicht oft genug hören, geſchweige denn leſen kann. So und dergeſtalt hatte alſo der Herr dazu⸗ mal ausgeſehen. Nun muß der„Geneigteſte“ nicht etwa glauben, daß er noch alleweil ſo aus⸗ geſehen, da er— ein leibhaftig Geſpenſt— neben mir an Wiſperlings Table d'höte ſaß. O mit nichten; ich bekeune das mit Sorge, mit Grau⸗ ſen. Noch niemals, ſeit die Welt ſteht, hatte ſich ein fetter Aal ſo komplett in einen Regenwurm, oder eine feiſte Melone in einen magern Pfiffer⸗ ling verwandelt. Der ſtattliche Bauch— dahin! die Purpurwangen— fort! die Sättigung ſeines ganzen Weſens— verzehrt! Des weißen dürren Hippenmanns Ebenbild: jeder Zoll ein Knochen, jede Bewegung raſſelndes Gebein— Grinſen 5 —— — 209— ſein Lächeln, Schnappen des Todes ſein Athem⸗ zug.— Na, wie mir zu Sinne war!— Aber es ſollte gleich noch beſſer kommen. Alſo:„Unſere Rechnung wird bald geſchloſſen ſeyn!“— „Welch' eine Rechnung, beſter Verſtorb.... beſter Herr, wollt' ich ſagen?“— So frage ich langſam und ſtockend entgegen:„Ich meine, wir ſollen einander im Leben— im Leben— ſchon begegnet ſeyn?“„einmal“ ſetzte ich hinzu. „Einmal?“ macht der Andere, und thut einen Schnapper, als wolle er mich verſchlingen mit einem Schluck und Druck:„Weiß mich auf meh⸗ reremale zu beſinnen.“ „Verzeihen Sie: es war zu Flätz, wenn ich nicht irre 2 „Das erſtemal— ganz recht; o hätt' ich Sie doch nie geſehen!— damals lebt' ich noch...“ Aha! denk' ich, und mir grüſelte es über den Rücken: Aha, jetzt geſteht er, daß er ein abge⸗ ſchiedener Leichnam 2 „Ja, damals lebt' ich noch. Heut aber bin Luſtige Geſchichten 1. 14 — 40— ich todt, ein Schatten, ein Skelett.... und das können Sie auf Ihre Rechnung ſchreiben, auf Ihr verdammtes Mehadia! Merken Sie was?“ „Ah! ſage ich, der ich wieder auflebte: Wenn das die Rechnung iſt, die wir abzuſchließen haben, ſo ſeh' ich kühn in die Zukunft; denn in Erfül⸗ lung iſt gegangen, was ich gehofft— inſofern Sie wirklich aus den Herkulesbädern kommen, wohin ich Sie geſendet. Ihr ſtarkes Embonpoint iſt verſchwunden, hat einer erfreulichen Magerkeit Platz gemacht...... Sie ſind jetzo nicht mehr Phlegma und Hypochondria... ſind jetzo eitel Sehn' und Muskel, Sie Glücklicher! Kein Arzt der Welt hätte Ihnen erſprießlicher zuſetzen kön⸗ nen, als ich Laie es gethan!“ „Das ſag' ich auch; ſagt mir mein Spiegel, ſagt mir mein ſchlotternder Paletot;“ verſetzte Er mit grauenhaft dumpfer Stimme—(in Wahr⸗ heit hatte er ein Kapitalſtück vom Rinderbraten zwiſchen den Zähnen, hatte überhaupt bei Tiſche ſchnell und trefflich nachexercirt— für einen Schatten Alles mögliche.) —— —— ———— „Wie aber“— fährt er fort mit argliſtigem Seitenblick—„wie aber ſieht's mit den fünf⸗ hundert Gulden Münze, Verehrteſter? mit mei⸗ nen fünfhundert Gulden Münze?“ Ich ſtutze, ich neige mein Ohr, ich glaube, nicht recht verſtanden zu haben.—„Sprachen Sie nicht von fünfhundert Gulden Conventions⸗ münze?“ frage ich ſchüchtern.— „Nun, von was denn? Sind Sie taub ge⸗ worden? Haben Sie die Memorie verloren? Sind Sie noch Langenſtrick, oder nicht mehr Langen⸗ ſtrick, Sie Ueberall und Nirgends? Soll ich Ihnen noch einmal zwei Jahre lang nachlaufen, wie ich ſchon— leider vergebens gethan? Ihnen nach⸗ laufen und meinen fünfhundert Gulden Münze?“ Nun wurde die Sache ernſthaft, obſchon mir unbegreiflich.— Es ſchien faſt, als wolle der ſelige Herr ſeine fünfhundert Gulden Münze— thut ſe ch s hundert Gulden Reichswährung— von mir fordern... gerechter Gott! von mir...2 Wofür? woher? wie das? wozugegen? Der Plum⸗ pudding auf meinem Teller ſchwamm vor meinen — 22— Augen, wie auf einem wilden Meere.— Dabei mußt' ich bemerken, daß die Nachbarn hüben und drüben anfingen, auf unſern Diskurs zu hören. Ich ſchwitzte vor Zweifel und Verdruß. Daher ſtieß ich den Schatten in die Rippen, und murmelte ihn an:„So ſchreien Sie doch nicht ſo laut, mein Beſter. Ich verſtehe den Zuſam⸗ menhang der Sache nicht, werde ſchon aber nach Tiſche Rede ſtehen;— bei Gott, das werd' ich!—“ „Das ſollen, müſſen Sie auch!“ gab Jener darauf, und verließ ſeinen Seſſel, um in einer Ecke des Saals mit dem Wirthe zu„ſchmuſen“ wie Iſrael ſagt.— Das„Schmuſen“ ging mich an; das merkte ich. Nachdem der Paſſagier wie⸗ derum ſich feſtgeſetzt, ſchlich ſich Wiſperling heran, und ſagte ihm in's Ohr, daß ich's leidlich hören konnte: Ich bürge Ihnen vollkommen für Herrn Langenſtrick, er ſchulde Ihnen, was er wolle. „Schon gut; das vernehm' ich gerne; erwie⸗ derte der Herr; zu mir gewendet hob er ſein Glas, und ſagte beftiedigt: Es ſteigt Ihnen was!“ — 213— „Trinken Sie; ich komme nach!“ ſage ich. In dem Augenblick machte ſich Wiſperling neben mir zu thun, und ich frage ihn unter der Serviette: Nicht wahr, mein Nachbar iſt nicht recht bei Troſte? Worauf der Wirth ſehr koulant: Ich bürge Ihnen für den Verſtand des Herrn, den ich ſchon lange kenne. Hier ſcheint aber weniger der Ver⸗ ſtand, als vielmehr ein Mißverſtand im Spiele. Der Herr will wegen fünf⸗ oder ſechshundert Gulden, die Sie ihm ſchulden, Beſchlag auf Ihre Effekten und Perſon legen...... „Wie? fahre ich auf— bin ich ein freier Bür⸗ ger, oder nicht? Herr, ich bin Souverain ſogar — ich habe auch meine Märzerrungenſchaften... Dieu de Dieu! Nom de Dieu! Sang de Dieu!“ Und nun drehe ich mich zum Nachbar, und ſage ihm mit Entrüſtung:„Herr, wie können Sie ſich unterſtehen, auf mein Leib und Leben. Doch ich will mich ſelbſtbeherrſchen bis nach Tiſche, um nicht Aufſehen zu machen....“ Worauf ich ſchwieg. Er dagegen ſchnaubt mich an:„Herr, wie — 214— konnten Sie ſich auch unterſtehen, mir mein Geld...! doch ich will mir'nen Zaum anlegen, um nicht Skandal zu machen...“ Worauf er ſchwieg.— Worauf wir beide ſchwiegen, und uns dachten, was wir mochten. So brachten wir unſere Tiſchgeſellen um ihre ſchadenfrohe Freude, und uns ſelber in's Geleiſe. Der exdicke Herr trank mir noch ein paarmal fidel zu; ich kam nach, wie vordem zu Flätz. Die übrigen Gäſte kamen auf's Kapitel der Reiſen und Jagden, der Mädchen und Frauen, der Pferde und Hunde, der Politik und Republik... Nie⸗ mand kümmerte ſich mehr um uns.— Als jedoch das Deſſert abgehoben, und mehrere der Eſſer die Sitzung noch nicht aufheben wollten, winkte uns zwei beide der galante Wirth in ein zwei⸗ ſchläfriges Nebenzimmer, woſelbſt für uns allein der Kaffee ſervirt ſtand,— ſagte höflich: Bitte beiderſeits ſich wohl zu verſtändigen!— und 3 klappte die Thüre zu. Wir ſaßen als wie in einer Mauſefalle... aber ſo war's recht. Nur gleich auf die Sache los! So hatte ich als Grand- ——————— — 215— Fusil es immer gehalten... und darum war ich auch der erſte, der das Verſtändigungsſcharmützel begann: „Ah ga, Monsieur“ ſage ich:„werd' ich nun erfahren, was die fünfhundert Gulden Münz be⸗ deuten, von denen Sie nicht aufhören zu fabeln?“ „Das bedeutet,“ ſagt er,„daß Sie mir die genannten Gulden erſtatten werden, oder ich laſſe Sie einſtecken.“ „Einſtecken?“ ſage ich:„da müßt' ich dabei ſeyn, Herr. Woher wäre ich Ihnen das Geld ſchuldig?“ „Von Mehadia,“ ſagt er,„wenn Sie's denn doch vergeſſen haben; von dem verflixten Mehadia, das mich zu einer Mumie austrocknete, und mir nichts ließ, als meinen alten wüthenden Hunger.“ Ich antworte, da ich auf einmal der Anfor⸗ derung des Konfuſionarius auf den Grund ge⸗ kommen zu ſeyn glaube:„Kann ich'was dafür, daß Ihnen etwa das Herkulesbad nicht gut an⸗ ſchlug? Rechnen Sie da mit Ihrer eigenen Haut ab; aber fordern Sie keine Entſchädigung von — 26— mir. Ich werd' Ihnen wahrhaftig Ihre Badkoſten nicht bezahlen, weil Sie nicht den nöthigen Ver⸗ ſtand hatten, im Bade geſund zu werden.“ Er antwortet:„Herr, Sie ſind ein Unver⸗ ſchämter!“ Ich verſetze darauf wild:„Wer mich belei⸗ digt, beleidigt das ſouveräne Volk, und das Ge⸗ witt erſoll Ihnen auf den Ariſto⸗Schädel fahren!“ Er verſetzt darauf eben ſo wild:„Ei ſo laſſen Sie einmal die Faxen. Ich will von Ihnen keine Entſchädigung für meine zweijährige Kur. mein Elend haben Sie auf Ihrem Gewiſſen, aber das bezahlt ſich nicht. Mein Geld, mein Ihnen geliehenes, vor anderthalb Jahren geliehenes Geld, das Sie mir noch im Herbſt Siebenundvierzig zurückzahlen wollten,— was Sie aber ſchön blei⸗ ben ließen— mein Geld will ich haben, oder ich laſſe Sie ſetzen bei Waſſer und Brod.“ „Wie?“ ſchrie ich:„Geliehen? nun, das iſt ſtark! Sie mir? Fünfhundert Gulden geliehen? Herr, Sie ſelber verdienen eine Diät bei Waſſer und Brod im Irrenhauſe zu halten.“ — ———— — 217— „Nun,“ ſchrie er:„das iſt noch ſtärker, das ſtärkſte ſogar. Nicht genug, daß Sie mir bis da⸗ her nicht Wort hielten, mir durchbrannten, mich betrogen wollen Sie jetzo, da mich der Zu⸗ fall Ihnen auf's Kollet führt, Ihre Schuld mir in's Geſicht abläugnen? Herr, glauben Sie, der alte Nadelhuber ſei ein Hanswurſt, den man ſo gröblich hinter's Licht führen kann? Im konträr⸗ ſten Gegentheil. Mich wundert nur, daß Sie ſich herablaſſen, mich überhaupt noch zu kennen..7“ „Dummes Zeug!“ brumme ich:„in Flätz hatt' ich das Pläſir... warum ſoll ich's läugnen?“ „Allwo wir vier Flaſchen La rose auf meine Koſten tranken;“ brummt er.— „Meinetwegen,“ ſage ich achſelzuckend:„ſoll ich Ihnen jetzo mit fünfhundert Gulden Münz Ihre Koſten vergüten?“ „Alberner Schnack;“ ſagt Er, dito achſel⸗ zuckend:„Sie dauern mich, haben wirklich die Memorie verloren. Indeſſen: littera scripta manet! Schwarz auf weiß beweiſt; wie Sie mir's zu Mehadia im Kameraltrakt, Nummer vier, aus⸗ — 218— geſtellt haben— am 24ten Auguſt Siebenund⸗ vierzig.“— „Unſinn!“ lache ich grimmig:„bin gar nicht zu Mehadia geweſen.“— „Charmant! charmant!“ lacht auch Er grim⸗ mig:„das ginge mir noch ab;'s iſt alſo ein Traum geweſen, daß ich an der Cſerna, in der Seufzerallee wandelnd, plötzlich Ihnen begegnete? Anfang Auguſt iſt's geweſen.“ „Sie mögen einen Haarbeutel gehabt und einen Weidenſtumpen für mich gehalten haben 3 mache ich geringſchätzend, weil in der Meinung, mit einem Thoren zu reden. „So? Und habe den Weidenſtumpen voll von eſelhafter Freude in die Traiterie geführt und die Bekanntſchaft von Flätz mittelſt ächten Tokaiers erneuert?“ macht Er geringſchätzend, weil in der Meinung, mit einem Spitzbuben zu verkehren. „Larifari!“ ſage ich, lächelnd die Arme über⸗ einanderſchlagend und die Beine voneinander ſprei⸗ zend:„bin doch neugierig, zu vernehmen.“— „Ich bin bei Laune,“ ſagt er, die Beine über⸗ — 219— einanderlegend, und die Arme ausſpreizend über ſeine Stuhllehne:„ich will Ihnen den Spaß machen. Sie thaten zerſtreut, Sie äußerten, es ſei wohl möglich, daß ſie mich zu Flätz geſehen, aber es kommen Ihnen ſo viele Menſchen vor, daß Sie unmöglich ſich auf Einzelne erinnern könnten. Ich rief Ihnen in's Gedächtniß, daß Sie mich gerade nach Mehadia geſchickt, und daß mir doppelt angenehm ſei, Sie ſelber hier zu fin⸗ den. Nun ging Ihnen ein Licht auf nun beliebten Sie ſich zu entſinnen... o hätt' es Ihnen doch nicht beliebt! Ich hätte mein Geld noch!— Indeſſen kommen Sie mir jetzo nicht aus Ich lege Beſchlag auf Sie... der Wirth verbürgt ſich nebenbei für Sie... Sie ſcheinen jetzo zufällig in guten Schuhen zu ſtehen freut mich; aber deſto ſchlimmer, daß Sie mich betrügen wollten... 1“ „Bravo, bravo! Nur zu!“ ſpotte ich, deſſen Grimm in ſtolze Kälte umgeſchlagen, weil dem Herrn offenbar nicht richtig unter'm Hute.— „Warum denn nicht?“ ſpottet auch er mit — 220— Seelenruhe:„Iſt denn etwa nicht wahr, daß wir vierzehn Tage in Luſt und Freudigkeit verlebten und zwar auf meine Koſten, indem Sie mir bald geſtanden, daß es Ihnen nicht zum Beſten gehe Sie hatten— angeblich— die Aus⸗ ſicht, in Orſova oder Semlin— was weiß ich? Raſtrell⸗ oder Contumazanſtalt⸗Verwalter zu wer⸗ den Sie mußten— ſo ſagten Sie— die Behörden und Herren, ſo da zu entſcheiden, ſchmieren, wie's bei uns heißt... Sie brauch⸗ ten dazu Moneten. Ich, dem dazumal die Bäder noch leidlich anſchlugen, obſchon ich gemerkt, daß Sie mir zu Flätz in puncto Mehadia arg auf⸗ geſchnitten... ich war ein guter Burſche, ich lieh Ihnen, was ich für den Augenblick entbehren konnte— ſo einmal, zweimal, dreimal— bis endlich die fünfhundert voll waren, auf Ihr Ver⸗ ſprechen, noch im Herbſt mir die Summe heim⸗ zuzahlen. Aber darauf— wiſſen Sie noch?— gingen Sie durch, und wurden nicht mehr ge⸗ ſehen. Ich erkundigte mich nach Ihnen zu Orſova, zu Semlin— in Paneſova, in Carlowitz— in — 221— Krethi und Plethi— nichts zu hören von Lan⸗ genſtrick ni vu ni connu! Ich ging im nächſten Sommer noch einmal nach jenem Malefiz⸗ bade, um Ihrer habhaft zu werden... aber eben ſo vergebens... Nun... wie ſteht's jetzo? Läug⸗ nen ſie noch?“ Ich entgegnete mit ſeltſamer Gefühlung und bitter, aber ſtolz:„Entweder haben Sie geträumt im Tokaierrauſche... oder ſie haben phantaſirt im Fieber... oder ein böſer Geiſt hat mit Ihnen ſein Weſen getrieben...!“ Er unterbricht mich aber heftig:„Was Traum, was Fantaſie, was böſe Geiſter! Werden Sie impertinent genug ſeyn, auch Ihre Handſchrift, Ihren Wechſel, Ihren Wiſch, Ihre Unterſchrift abzuläugnen?“ Triumphirend reißt er aus ſeiner Brieftaſche ein Papier, hält mir's behutſam vor die Augen und triumphirt noch mehr, da in der That mein Angeſicht blaß und zerſtört wird und meine Haare ſich ſträuben, wie eines Igels Borſten, auf Seele! „He, he, ha, ha!“ lacht Er.„Wie nun? — 2— wie ſo? Ihre Augen verglaſen ja. 7 Sind Sie kurzſichtig geworden, Herr? Wollen Sie ſich blind ſtellen? Gelt, Sie haben nichi erwartet, daß ich dieſes Blatt konſervirt haben würde? He?“ Worauf ich gefaßt und männlich, obſchon nie⸗ dergeſchlagen:„Blind bin ich nicht, und Kurzſich⸗ tigkeit ſtatuire ich nur bei Wechſeln, die mir zum Incaſſo zugehen, aber.... aber....“ „Aber, aber...? he? die Unterſchrift iſt ſie ächt.. he?“ „Aecht, ächt!...“ ſtammle ich vernichtet... (Der„Geneigteſte“ wie der Nadelhuber hält mich für einen Spitzbuben.) „Aecht, Gott ſei Dank, ächt!...“ ſtammle ich dann himmelſelig....(Der„Geneigteſte“ und der Nadelhuber halten mich für einen Narrn.) Und doch— war ich nicht Spitzbub, nicht Narr, obſchon unter dem Wiſch ſtand: Th. Lan⸗ genſtrick!... denn das war nicht Theophil, ſondern Theodor Langenſtrick, und Niemand Anderer als mein ſauberer Bruder, und folglich war der Nadelhuber allerdings um ſeine fünf⸗ — 223— hundert Gulden Münz geprellt, aber ich behielt meine ſechshundert Gulden Reichswährung im Sack, und kein Hergott, weder im Himmel noch auf Erden, konnte mich zwingen, für meinen Bruder zu bezahlen! Wie eine Salzſäule ſtand Nadelhuber da, als ich ihm das Ding explicirte. So etwas muß man ſelbſt erlebt haben, um es zu glauben.— Jetzt wollte Er nicht glauben, jetzo konnte Er nicht begreifen. Die Rollen waren gewechſelt, nur nicht die Geldrollen. „Ihr Bruder?“ ſtammelte Er.—„Mein Bruder!“ triumphirte ich:„mein Zwillingsbruder!“ —„Iſt's möglich? Ich kann's nicht glauben! Eine ſolche Aehnlichkeit... 2 „Eine Aehnlichkeit zum erſchrecken, en effet. Das weiß ich längſt.“ —„Aber.. er ſprach ſo viel von Flätz..72 „Weil Sie ihn mit Teufelsgewalt dort gekannt haben wollten, Beſter! O, man braucht ihm nur auf die Sprünge zu helfen... er geht gleich auf jeglich Abenteuer ein, darauf mein Wort: Er — 224— merkte, daß bei Ihnen etwas zu fiſchen... und ſo fiſchte er, pardieu!“ „Fiſchen! Fiſchen! Fichtre!“ krakeelte nun der ex⸗dicke Herr, daß es ein wahres Elend war. Plötzlich aber ſtand er vor mir ſtill, muſterte mich wie ein Falk, und ſchrie auf:„Sie ſind's doch! Sie ſind doch Ihr Bruder! Womit beweiſen Sie, daß Sie nicht Ihr Bruder ſind?“ Hierauf mußte ich lachen... denn, dem Him⸗ mel Preis und Dank, ich konnte in loco Zeugen beibringen, daß mein Bruder ein ſchlechter Kerl, und daß ich nicht mein Bruder. So nahm ich den Nadelhuber unter'm Arm, und führte ihn zu meinen Korreſpondenten, die Zeugniß für mich gaben, und damit Punktum.— Er bat mir die Injurie ab, und ſeufzte ſeinem Gelde nach. Dafür begleitete ich ihn zum Poſt⸗ wagen, da er nun keinen Vorwand mehr hatte, ſich auf hieſigem Platze länger aufzuhalten, und bot ihm die verſöhnte Bruderhand— die meinige, nicht die meines Bruders— zum Abſchied.— . Da nachte dieſer pfiffige Er⸗Amtmann noch einen Angriff auf mein Herz, und ſprach: „Lieber Herr, noch ein Wort. Ich bin Fa⸗ milienvater— geweſen; ich bin nicht reich. Sie, wie ich höre, ſind in guten, ja in geſegneten Um⸗ ſtänden. Sollte Ihnen nicht die Pietät für Ihren Herrn Bruder in's Gewiſſen raunen, daß es edel von Ihnen gehandelt ſeyn würde, wenn Sie mir an der Statt Ihres Bruders meinen Baarverluſt erſetzten? Das ſtolze Bewußtſein, generös gehan⸗ delt zu haben, iſt mehr werth, als fünfhundert Gulden Conventionsmünze, ſollt' ich denken!“ Worauf ich den Pietätsreiter mitleidigſt anſah, und ihm erwiederte:„Herr! wird nichts geraunt. Bis daher waren Sie mir ergötzlich, aber jetzo — auf Ehre— machen Sie ſich fad.— Ich — ein zukünftiger Familienvater— ſage Ihnen, dem geweſenen, darauf ein kurzes Lebewohl mit den Worten des unſterblichen Vaters Fauſt im „Doktor Jöthe“: Glücklich iſt, der vergißt, was nicht mehr zu ändern iſt!—“ Machte den Schlag zu, und ging mit ſtolzem Luſtige Geſchichten 1 15 — 226— Bewußtſeyn von dannen. Ich hatte eine ſchöne Handlung mir zu Schulden kommen laſſen. Ich hatte meine leichtſinnige Großmuth im Hinblick auf Bina und ſo weiter in Schranken gehalten; denn beinahe wäre meine Gutmüthigkeit auf die Zumuthungen des Nadelhuber in der Art einge⸗ gangen, daß ich mich faſt zu dem Verſprechen hätte verleiten laſſen, ihm ſeinen Verluſt— wenn möglich— aus der dereinſtigen Verlaſſenſchaft meines Bruders erſetzen zu wollen.— Wenn der „Geneigteſte“ jetzo lacht, und denkt, ich hätte auf die Verlaſſenſchaft eines Lumpen, der in der Re⸗ gel nichts hinterläßt, als Schulden, leicht etwas zu verſprechen gehabt, ſo gebe ich dem„Geneig⸗ teſten“ nur zu bedenken, daß in unſerm goldnen Zeitalter alles möglich iſt, und unter anderm auch, daß mein Bruder in Kalifornien oder ſo wo ein ſteinreicher Mann zu werden und dereinſt mir und meinen möglichen Kindern ein paar Mil⸗ lionen ſo gut wie einen Kreuzer zu hinterlaſſen im Stande ſeyn dürfte!!— Nun aber beginge— ich an dieſen meinen immerhin möglichen Kindern — 227— einen ſchlechten Streich, wenn ich ihnen nur einen Heller werth von dem wohlerworbenen Erbe ihres Onkels verkümmerte, und ſomit hielt ich den Drang meines allzufreigebigen Herzens zurück, und lobe mich noch heute darum.— Um ſo ärger ſchalt ich aber in Gedanken meinen Taugenichts von Bruder Theodor aus, und ließ kein gut Haar an ihm.(Wär' auch eine Kunſt geweſen.) In der That iſt ein ſolcher Menſch für eine ehrliche Familie, was ein Buckel für ein ſonſt wohl conditionirtes Inviduduum iſt: ein Pfahl im Fleiſch, eine ewige Verlegenheit, ein Skandal ohne Ende.— War ich nicht heute ſchon zum zweitenmale mit dem Kerl in Angſt und Schande gebracht worden? Der Wollkopp und der Nadelhuber an einem und demſelben Tage? Waren das meine geträumten Freuden in der Hauptſtadt?— Voll von Aerger gehe ich nach Hauſe— in's Hotel. Oben an der Treppe bin ich in Zerſtreuung, und trete— ſtatt in mein Zimmer, in den Saal dieſer Bel⸗Etage. Was geſchieht? Kaum trete ich „ — 228— dort hinein, und wundre mich,— wer kommt mir lebensgroß entgegen? Mein Bruder, eben ſelbiger Theodor, mein Zwilling! „So geiſtert's alſo wirklich in dieſem Hauſe!“ ruf' ich erſchrocken aus, und dann dem ſaubern Bruder in den Bart hinein:„Was machſt du hier, du Galgenſtrick? Du kommſt mir gerade recht!“— Und auf einmal ſeh' ich, ſeh' ich— der„Ge⸗ neigteſte“ iſt gewiß nicht darauf gefaßt— ſeh' ich... Was? Daß ich einem großen hellen Spiegel gegenüberſtehe, der mich ſelbſt mir zu⸗ rückwirft— im Bilde— und daß ich mich ge⸗ täuſcht, Gottlob getäuſcht!!! Obwohl erleichtert, dennoch grollend meiner Sonntagskinderei, packe ich mich bei der Bruſt und ſchmeiße mich zur Thüre hinaus!— Das iſt eine Leibesbewegung, die in aufgeregten Situationen merklich beruhigt. In Trefunz überhebt mich meine Bina manchmal dieſer Mühe. Ein Kern⸗ weib! Hinausgeſchmiſſen taumle ich zehn Schritte— blaff, weit bis an meine Thüre, renne an.. — 229— fährt dieſe Thüre auf, ohne daß ich einen Schlüſſel gebraucht hätte. Schon wiederum offen gelaſſen..! ohne Zweifel ſchon wiederum Jemand darinnen geweſen in meiner Abweſenheit...! Für dieß⸗ mal denke ich nicht an Diebe... mache alſo gar keinen Lärm, ſpüre und wittere aber in mei⸗ nen vier Pfählen umher. Und richtig wittere ich etwas wie„Fau de Lavende,“ wie„Eau de la reine de Hongrie“.. einen feinen Balſam⸗ geruch enfin.. ganz fein, superfin...! „Gewiß wieder irgendwo ein Sträußchen!“ lächle ich in mich hinein, nachdem ich Kiſten und Kaſten unterſucht, und alles befriedigend vorge⸗ funden:„Gewiß wieder ein Erinnerungszeichen von unbekannter lieber Hand! Wo nur? wo?“— 3 Ich ſuche, ich ſchnüfle, ich gucke in alle Win⸗ kel.. nichts da für diesmal. Sogar unter's Bett gucke ich; nichts darunter, als, gleich einem Löwen ruhend, der alte Stiefelhund. Seltſam! 3 höchſt ſeltſam! Aber der gute Geruch, der in meinem Zimmer umherwogte, war ein Faktum, — — 230— und ſothaner Geruch deutet immer auf irgend ein ſchönes Geſchlecht. Um mich und meine Sehnſucht zu beruhigen, gebe ich mir einen Ableiter, ſetze ich mich zum Schrei⸗ ben, entwerfe ich einen Brief an Bina, die Seele meiner Seele. Das Schreiben— der Brief näm⸗ lich, wurde zu einer ſtill glühenden Kohle der Zärtlichkeit. Es— oder er— lautete: —— „Mein Herz, mein Herz! warum ſo traurig? „Wenn die Schwalben heimwärts zieh'n, und „die Roſen nicht mehr blüh'n— Jetzt geh' ich „an's Brünnele, trink' aber nicht....! Einſam „bin ich nicht, jedoch alleine,— mich umſchwebet „„ſtill und wild, wandle ich im Mondenſcheine, Theure, „o! dein theures Bild! In dieſen heiligen Hallen „kennt man die Bina nicht, d'rum kann's mir hier „nicht gefallen... mich ſehnt nach ſüßer Pflicht! „Hätt' ich meine zweitanſend Dukaten, ich wüßte „ſchon, was ich thät'! Aber langſam voran, lang⸗ „ſam voran, daß der Landſturm nachkommen kann! „Gelt! uns iſt's nicht alles eins ob, wir Geld „haben, oder keins? D'rum muß ich länger hier „verweilen, ſtatt in die Arme dir zu eilen! Noch „vierzehn Tag', dann komme ich zu geh'n 1 „o Bina! Bina! welch' ein Wiederſeh'n? Je länger „das Warten, je größer das Glück...! Adieu, „Dein zärtlicher Langenſtrick!“ „N. S.— Den Riklas ordentlich in der Kor⸗ „del halten! Den Lehrbuben brav maßregeln! Dem „Sultan brav zu freſſen geben! Das Schwarz⸗ „blättl nicht vergeſſen, ſo wie dich nie, o gar nie „vergißt mit Hochgefühl Dein Theophil!“— Punktum. Ein brav Stück Arbeit. Darauf ⁰ iſt ſchon etwas Ruhe vergönnt. Ich ſtrecke mich . auf's Kanapee, ich träume von der Geliebten, und erwache mit— Zahnweh.— Der„Geneig⸗ teſte“ wird vielleicht wiſſen, was das iſt? Wo nicht, mag er ſich's denken. Eine ſchlechte Er⸗ rungenſchaft!— Geſchelle um den Hausknecht. Der Brief an Bina geht auf die Poſt. Das beſtellte Cajeputöl für die Zähne kommt aber nicht. Ich ärgre mich, ich raſe, bringe alle Kell⸗ ner in Aufruhr— zur Schilderhebung, will ich — 232— ſagen. Endlich— am ſpäten Abend, nach drei oder vier Stunden bringt der Kerl, der Herr von Hausknecht, ganz gelaſſen das Verlangte.— Sind das Freuden eines Hotels? Gott beſſre es! Ich applicire das Heilmittel, und will ſtraks zu Bette gehen. Da ich aber das Oel in meinem Schreibkaſten bergen will, um ſeines Geruchs los zu werden, finde ich in der Schublade, die ich zuvor nicht aufgethan... was? eine Handſchrift, einige engbeſchriebene Blätter. Ich unterſuche das Manuſeript;... ſiehe: eine Novelle, die von ir⸗ gend einem hungrigen Literaten da vergeſſen wor⸗ den. Ein guter Fund für die Langeweile viel⸗ leicht, für die Schlafloſigkeit ganz gewiß.—— Ein guter Fund auch für den„Geneigteſten“, da ich ihm das Werklein hier wiedergebe, juſt als wär's aus meiner Feder gefloſſen. Es wird ihm ſchon öfter ſo gegangen ſeyn, daß er meinte, etwas vom X zu leſen, und war doch vom V. Dergleichen kommt bei den Schriftſtellern nicht ſelten vor, hab' ich mir ſagen laſſen. Und ſo lag ich bei guter Nachtzeit— das — 233— Zahnweh hatte, Dank dem Kajeput, aufgehört— unter der Seidendecke, nippte von Zeit zu Zeit von einem delikaten Glaſe Punſch, wie meine Bina ihn nicht macht... ſie macht überhaupt keinen Punſch. und las, was da folgt, und was von großem Einfluß auf mein ſpäteres Re⸗ ſidenz⸗ und Hotelleben wurde. IV. Das Waſchweiberl. Eine Erzählung von lange her. Von grasreichen Almen und waldigen Thal⸗ ſchluchten eingefaßt, zwiſchen denen hie und da die Hochgebirge— der Thorſtein— der Dach⸗ ſtein— eisgeſchmückt durchblitzen, liegt ein blauer See ſo traulich und heimlich eingepfercht, daß nothwendig ſchon in grauer Zeit ſich Menſchen haben finden müſſen, die gar zu gern an ſeinen lachenden Ufern ſich häuslich niedergelaſſen. So war da und dort an den Buchten des fiſchreichen Sees eine Gemeinde entſtanden, kleine Dörfer, äußerſten Winkel ein Städtchen ſogar mit Mauern Einöden und Höfe in ziemlicher Anzahl; am 235— und Thorthürmen und einer ſtark beſuchten Schiffs⸗ lände, von welcher der ganze Spiegel des kleinen Meeres zu überſchauen, wie von der Kapelle zu St. Wolfgang, die juſt gegenüber am Fuße der Alpen auf einem Hügel weitaus leuchtete.— Der ſchöne lebendiggrüne Keſſel mit ſeinem ſtahlblauen Seeboden gehört zum Lande Steiermark, und nicht gar fern davon ſind die Gränzen des Salz⸗ burgerlandes.— Unter der genannten Kapelle von St. Wolfgang ſind einige Häuſer längs des Seeſtrandes verzettelt, eine ſtille bäuerliche Ge⸗ noſſenſchaft, deren ſchmale Felder bergaufwärts ſich ziehen, durchſtrömt von einem raſchen Wild⸗ bach, der, dem ſogenannten„kalten Geſtein“ ent⸗ laufen, ungeduldig dem See zubraust, um in demſelben aufzugehen.— Dort, wo das„kalte Geſtein“ ſeinen Felſen⸗ rachen gegen das heitere Seethal aufſperrt, be⸗ ſchattet von hohen breitblättrigen Bäumen, kauerte — lange Jahre ſind's— eine niedrige Hütte, das letzte, bergan verlorne Dach der Genoſſen⸗ ſchaft zu St. Wolfgang. Dort iſt einſt der Schau⸗ — 236— platz der wunderlichſten Begebenheiten geweſen. Hätten dieſe ſich in einem Herrenſchloſſe zugetra⸗ gen, des Landes Chroniken wüßten davon zu ſagen. So aber erzählt nur das Pfarrbuch des Städtchens kurz und ohne Schmuck, was des Kratzerbrunnenbauern Florian unter ſeinen Schin⸗ deln zu jener Friſt erlebt hat in Leid und Freud'.— Er war ſchon in ſeinem erſten Bubenrockerl ein gutes, ſeelengutes Kind geweſen, der Florian; ſeines Vaters, ſeiner Mutter Stolz, der einzige Knabe unter vier ſeinigen Geſchwiſtern. Zur Zeit ſeiner Geburt galt der Kratzerbrunnenbauer für einen vermöglichen Mann, denn zu der unſchein⸗ baren Hütte gehörte viel Wieswachs und Wald⸗ boden, und eine kleine aber fette Almwirthſchaft im Gebirge;— dort, wo man's im„Gaſſelgang“ heißt.— In ſelbigen Jahren konnte der Kratzer⸗ brunnenbauer für ſeine Kinder viel thun, und der Schulmeiſter von St. Wolfgang hatte daher aus dem Florian einen halben Studenten gemacht, ſo daß derſelbe ſchon im ſechsten Jahr ſeines Le⸗ bens, ohne viel zu buchſtabiren, brav herunterleſen — 237— konnte, was über den Thüren von St. Wolfgangs Kirchlein prächtig angeſchrieben ſtand. Der Thüren waren drei neben einander an der Stirn des alten Gebäu's; niedrige, ſchmale Thüren, die, in eine einzige verwandelt, ſich beſſer ausgenommen haben würden. Wer mochte aber mit dem alten längſt verewigten Baumeiſter darüber rechten? Genug: es waren einmal drei, und über der erſten ſtand: „Kirchengeh'n verſäumt Dir nichts!“ Ueber der zweiten: „Armen Guts thun ſchad't Dir nichts!“ Und endlich über der dritten: „Unrecht Gut gedeiht Dir nicht!“ Solche Lehren liest Einer nicht vergebens tau⸗ ſend⸗ und abertauſendmal von einer Kapellen⸗ mauer herunter; es bleibt jedenfalls etwas davon im Herzen— das iſt: im tiefſten Gedächtniß— des Leſers haften. Das traf namentlich bei'm Florian ein, denn er wurde immer mehr ein got⸗ — 238— tesfürchtiger, wohlthätiger und grundehrlicher Kerl, ein Ausbund von einem braven Menſchen. Und da er endlich daſtand mit ausgewachſenen Gliedmaßen, geſund und rüſtig, wie Einer iſt mit zwanzig Jahren, ſo Gott will, blickte nicht ſelten auf ihn der Vater mit freudeleuchtendem Auge, wiewohl ſtillen und aller Welt verborgnen Kum⸗ mer im Herzen, und er ſagte leislich vor ſich hin, oder dachte es doch: Gut für den Florian, daß er ſo gerathen, brav und rechtſchaffen! So hat er doch wenigſtens das auf Erden, was ihm Niemand nehmen kann... nicht der herrſchaftliche Pfleger, nicht der Advokat aus der Stadt, und nicht des Richters Exekution! Worauf des Kratzerbrunnenbauern Worte und Sorgen deuteten, wurde nur zu bald laut und offenbar, nachdem es fünfzehn Jahre lang ein ſtummes Geheimniß geweſen. Denn eines Tags ſagte er zu ſeinem Weibe:„Hör' einmal, Alte, was ich Dir zu ſagen habe. Die Nanni und die Wabi ſind verheirathet, und haben ihre Ausſteuer erhalten. Die Burgi iſt im Kloſter, und ich habe ſchon die„Alte“ es gar nicht verſtehen konnte. — 239— ihre Ausſteuer mit Müh' und Noth und vieler Ueberlaſt zuſammengebracht. Die Vefi wird mehr kaum ein Bett kriegen und was ſonſt zu einem Weibsbild gehört. Ich ſchätze, das arme Menſch werde dienen gehen müſſen, weil wir den Florian im Hauſe behalten werden, da er tüchtig arbeiten kann, und es nimmer angeht, daß wir neben ihm die Vefi verköſtigen.“ Da ſchlug die Mutter die Hände über'm Kopf zuſammen, und erwiederte:„Daß Gott erbarm! Was muß ich hören? Was iſt denn mit Dir und mit uns Allen geſchehen, daß wir die Vefi nicht mehr bei uns behalten ſollen?“ „Hm, Alte!“ ſagte darauf der Bauer:„Was Gott will, iſt recht. Wir aber ſind halt in's Un⸗ glück gerathen, und wenn das Dachl über unſern Häupten noch unſer iſt, ſo wird's Alles ſeyn!— Die Kriegszeiten und das Unglück, und das Un⸗ glück und die Kriegszeiten..! Kurz: wir ſind halt auf'm Neigl, und damit Amen!“— Das war nicht Lug und nicht Trug, wenn — 240— — Die Alm war verkauft, der Wieswachs ver⸗ pfändet, der Wald ausgelichtet; die Prozeſſe gin⸗ gen an... der herrſchaftliche Pfleger griff zu, des Richters Exekution ſtellte ſich ein— was übrig geblieben, nahm der Advokat. Zu guter Letzt gehörte in der That dem Kratzerbrunnenbauer nur mehr ſein armes Dach, und ein biſſel Moos und ein biſſel Holz, das mit unſäglicher Mühe vom Florian, als von einem tüchtigen Holzknecht, geſchlagen und ausgeſtockt wurde, damit ſeine „Alten“ nicht froren, und der Topf auf dem Heerde brodelte.— Der Himmel machte den Florian ſtark und ſeiner Mühſal gerecht, und die Eltern ſegneten ihn tauſendfach dafür. Einmal, da die Bewohner der Hütte am Feierabend ruhten, und die Mutter, wie alte Leute thun, am warmen Ofen ſchläfelte, nahm der Vater des Sohnes Hand in die ſeinige, und ſagte herzlich und mit tiefbewegter Stimme: „Lieber Bub, um Deiner Rechtſchaffenheit und Gottesfurcht willen thut's mir bis in die Seel hinein leid, daß ich Dir einmal nichts zurücklaſſen — 241— werde, als das Häusl da, und was noch dazu gehört. Du verdienteſt Beſſeres, das weiß der Herr dort oben. Aber— glaub' nur nicht, daß etwa mein Leichtſinn oder Liederlichkeit ſchuld an unſerm Verkommen geweſen. O nein!'s hat ein andres Hak'l damit, als nur die böſen Zeiten. Das iſt ein Fluch, der auf unſer'm Hab' und Gut ruht, ſeitdem Dein Urgroßvater unter'm Bo⸗ den liegt. Gott helf' dem alten Vater Marx zur Seligkeit! Er hat unſer Geſchlecht vermöglich ge⸗ macht; aber ich weiß von meinem Vater ſelig, daß es nicht dabei mit gottgefälligen Dingen zu⸗ gegangen iſt. Da er lebte, ſtand noch nicht auf unſerer Kapelle der heilige Warnungsſpruch:„Un⸗ recht Gut gedeiht Dir nicht!“ den mit den andern Sprüchen unſer damaliger Pfarrer Schrattenberger auf's Kirchlein hat ſchreiben laſſen. Vielleicht hätte auch der alte Marx auf den Spruch nicht viel gegeben. Denn leider hat er zugelangt, wo's nur. was zu langen gab. Hat mit Geld zu hohem Zins gewuchert, und alſo der lieben Armuth das letzte Röcklein ausgezogen, hat gewildert und ge⸗ Luſtige Geſchichten 1 16 —— frevelt im fremden Holz, gefiſcht in fremden Waſ⸗ ſern, gemäht auf fremden Wieſen, und unredlich gezehntet fremde Heerden. Und ſchau, lieber Florian: das Unrecht, das den Frevler reich macht auf Erden und bettelarm im Himmel, das erbt ſich fort mit bittern Früchten und mit dürftigem Verſiechen bis in's dritte Glied. So iſt's er⸗ gangen meinem Vater und dann mir... aber bei Dir wird das Verderben ſtillſtehen, und Du wirſt zu Kräften kommen und gedeihen, ſobald Du nur nicht vom Herrn und ſeinen Geboten läſſeſt. Kannſt dann unſer gedenken mit heiligen Meſſen, und Deinen Geſchwiſtern zu Hülfe kommen, wenn ſie deren bedürfen; vor Allen der guten Veft, die jeßo drüben im Stadtl bei'm Färber dient, das arme Menſch. Gelt, Floriani, mein Bub, das wirſt Du thun, und nicht ablaſſen von frommem Lebens⸗ wandel? Gib mir frei die Hand darauf, und mache alſo mir und meiner Alten ein weiches Sterbelager!“ Florian war tief gerührt von der inbrünſtigen Vertrauensrede des Vaters, gab die Hand zehn⸗ mal für einmal, und entgegnete, mit Thränen im Auge:„So mir Gott und ſeine Heiligen bei⸗ ſtehen, will ich thun, wie Ihr geſagt, und wie ich's ſelber begehre, lieber Vater, liebe Mutter!“ Und an demſelben Abend, da ſich Florian zur Ruhe ſtreckte, flickte er noch ein Geſetzl an ſein gewöhnlich Nachtgebet, worinnen er ſeinem Engel den Schutz ſeiner Eltern zu langem Leben und guter Geſundheit empfahl, und ſelber um Aus⸗ dauer und Stärke in ſeiner Arbeit und allen gu⸗ ten Werken demüthigſt flehte. Welches Gebet er von da an alle Nächte zum Himmel richtete, ohne nur ein einzigmal es zu vergeſſen.— So⸗ gar, als nach ein paar Jahren die Lieb' zu einer Dirne aus der Nachbarſchaft in ſeinem Herzen Wurzel griff, und täglich mehr emporwuchs, un⸗ terließ Florian nicht die fromme Uebung, und hoffte, mit ihrer Hülfe ſeine wackern Eltern, und zugleich ſeine Lieb' zu hohen Jahren zu bringen. Denn auch ſeines Madl's Namen flocht er dem Gebet ein. Gleich hinter Vater und Mutter in der Reihe ſtand die braune Hedwig, und erſt dann kamen die Schweſtern nach der Ordnung des Alters.— —— — 244— Selbige Hedwig war ein ſauber Weibsbild, arm wie Florian an irdiſchem Gut, doch ſchien ſie mindeſtens ebenſo reich an Herzensgüte und an friſchem Muth und Fleiß. Sie hatte, ſo wie des Kratzerbrunnenbauern Sohn, ein ſchwer Stück Arbeit zu überwinden; nemlich eine alte gebrechliche Mutter zu ernähren, in einer dürftigen Keuſche ¹), auf dürrem Gartenland, das nur wenige Klafter maß. Eine magere Kuh war ihr ganzer Reich⸗ thum. Wär' Hedwigs Mutter nicht geweſen, ſo wäre die Hochzeit der Liebesleute bald gefeiert worden.— Aber Hedwig wollte die Mutter nicht verlaſſen, um dem Mann zu folgen, und des Fratzerbrunnenbauern Hütte war viel zu klein, um auch noch die Wittib zur Pflege aufzunehmen.— Darum ſollte— hieß die Abrede der jungen Leute — die Hochzeit ſich gedulden, bis der Herr die Mutter Hedwigs zu ſich gefordert haben würde. — Im Gebirg, wo die Lieb' früh aufgeht in der Jugend, machen ein zehn Jahrl'n oder zwölf des *) Keuſche= Bauernhütte in Steiermark. — 245— Zuwartens der Lieb' keinen Abtrag, wenn über⸗ haupt die Leutl'n treu und fromm ſind; welches Zeugniß die ganze Genoſſenſchaft von St. Wolf⸗ gang und die Nachbarſchaft„im Ried“ wo Hedwig wohnte, dem verlobten Paare gern ausſtellten.— Und alſo gingen die Tage, und alſo kamen ſie und gingen wiederum ihres Wegs, und an den Werkeltagen arbeiteten Florian und Hedwig unverdroſſen, und an Sonn- und Feiertagen ſaßen ſie beiſammen und kosten von der ſchönen Zu⸗ kunft, und das war beſſer als Tanzen und Zechen in Wirthshäuſern, und ruhig, wie an heitern Ta⸗ gen der blaue See, waren auch ihre Herzen. Nun aber— ein Jahr war kaum verfloſſen — ſo kam's anders. Zuerſt legte ſich des Florian Mutter, und ſtand nicht mehr auf. Ihr Heim⸗ gang war dem Sohne ein bittres Kreuz, und ſtumm brütete er ſeinen Kummer, während die Schweſtern, die bei der Gelegenheit wieder einmal in der Hütte einkehrten, laut wehklagten und jammerten. Das ſtille Leid hält aber länger an, als das ausgeſchrieene. —— — 246— Die Wabi machte wohl dem Kratzerbrunnen⸗ bauer den Vorſchlag, mit ihr zu gehen, und ſich in ihres Mannes Hauſe einzubauen, daſelbſt ſei⸗ nen Lebenswinter völlig zu verbringen. Der Alte ſchlug's jedoch aus. Er ſagte:„Dank“ ſchön, lieb's Waberl, aber Du wohnſt mir halt zu weit weg. Von meiner Bank da hab' ich nur ein paar Schritte zu meiner Alten Grab. Dort bin ich eigentlich daheim; wie bald, und auch ich liege drunten neben ihr? Bis aber mir der Lebens⸗ faden ausgeht, bin ich verſorgt bei'm Florian, und es fehlt jetzt nimmer viel, ſo kommt mir eine Schwiegertochter in's Haus, die mich pflegen wird, ihrem Ehemann zu lieb, nach Kräften bis an's Ende.“ Zur Zeit, da dies geredet wurde, bereitete ſich der Hedwig Mutter zum Abzug aus der Welt, und richtig löſchte nach wenig Wochen das matte Lichtlein aus.— Für Florian kam die Zeit här⸗ ter. Nach der damaligen Sitte des Volks muß⸗ ten über die Trauer der Verlobte und die Braut getrennt ſeyn, und in einſiedleriſcher Geduld den ——. Tag erwarten, der von Hedwig die ſchwarze Haube und den ſchwarzen Rock hinwegnahm. Ein lang⸗ weiliger, verdrießlicher Kalender! Die Stunden wollten nicht ſchleunen, die Nächte waren lang, und ſchlaflos gar nicht ſelten. Florian hatte jetzo nur noch für zwei Leute, die ihm ſo recht an's Herz gewachſen, zu beten. Die hingeſchiedenen Mütter hatten's ja nicht mehr nöthig, und das kümmerte den Florian ſehr. Jedoch in naher Zu⸗ kunft lachte ihm die Liebe und die Ehe. Noch ging es gut genug. Es kam der große Wallfahrtstag zu St. Wolf⸗ gang: eine Gelegenheit, die Hedwig zu ſehen und mit ihr zu reden. Florian verſäumte die Gelegen⸗ heit nicht.— Die Hedwig kam richtig daher mit einer ihrigen Baſe, einer rüſtigen Wittib, wohl zehn Meilen von St. Wolfgang zu Hauſe,— und dem Bräutigam ſagte die Braut:„Noch hab' ich ſo und ſo viel Wochen zu trauern, und vor Jo⸗ hanni können wir uns nicht haben, ſagt der Herr Pfarrer. Mein Kleinhäusl hab' ich verkauft, ſammt Kuh und Kalb, und das Geld dafür liegt bei — 248— meinem Pfleger in der Stadt. Da iſt nun die Baſe Griesmayr gekommen, und nimmt auf die noch übrige Klagzeit mich hinweg in ihre Einöd im Salzburgerland. Sie meint's gut mit mir, und gut iſt das für uns zwei Beide; denn Hoffen und Harren thut weh, und zwar doppelt, wenn zwiſchen Leutl'n, die ſich mögen, ſo zu ſagen, nur eine Wand ſteht, und darf doch keins zum an⸗ dern. So leb' denn wohl, Floriani, auf Wieder⸗ ſehen, und wenn's Zeit iſt, komm⸗ und hol' mich ab, oder laß mir ſchreiben, daß ich komme.. und hernach in Gottesnamen denn zur Herrſchaft, und zum Pfarrer, zur Kirche und zum Altar, und fein nacher Haus als Weib und Mann. Willſt?“ Da war nicht zu wählen. Florian ſagte„Ja“ und die Baſe gelobte, wie eine Mutter ob der Braut zu wachen, als ein unverſehrtes Kleinod dereinſt— und bald— dem Hochzeiter ſie zurück⸗ zuſtellen.— Und hierauf ein traulicher Hände⸗ druck, ein paar Worte in's Ohr geflüſtert... ein zärtlicher Blick aus ſchwimmenden Augen... — 249— noch von fern ein Wink. Ade! Ade!— ſo ging das Paar auseinander.— Gefaßt war Florian, aber verlaſſen kam er ſich vor, wie fremd am eignen Herd.— Sein einziger Troſt war noch der eisgraue Vater, dem er lebte, dem er diente, dem auch Er der einzige Troſt geworden.—„Ach, wenn ich den lieben alten Tattl nur bis zu hundert Jahr hinauf beten könnte!“ ſeufzte Florian von nun an oft bei'm Schlafengeh'n:„mit der Mutter hat's mir nicht glücken wollen; vielleicht aber iſt jetzo der Him⸗ mel dem Vater gnädiger, und ſomit auch mir.“ Die Zuverſicht war ſchön, allein der Vor⸗ ſehung Wege ſind dunkel, wie man weiß. So geſchah es denn nach Kurzem, daß auch der Kratzerbrunnenbauer das Zeitliche geſegnete— im Geſchwindſchritt, ſo wie man die Hand um⸗ kehrt. Ohne ſeine Alte hatte er's auf Erden nicht mehr aushalten mögen.— Dieſes plötzliche Scheiden ſeiner Lieben nach der Reihe machte auf den Florian einen ſo gar beſondern Eindruck, daß er zur Stunde aus einem — 250— guten, hingebenden, offenherzigen Burſchen ein verſtockter, verſchloſſener, grollender Menſch wurde. Er hatte gemeint, durch ſein Gebet den Himmel meiſtern zu wollen, und jetzt hatte ihm dieſer den Meiſter gezeigt.—„So gilt denn die Frömmig⸗ keit gar nichts auf dieſer Welt und droben über den Wolken?“ fragte er ſich bitter. Zum erſten⸗ mal unterließ er völlig ſein Nachtgebet.— Er hatte ja— ſo meinte er— Niemand mehr, dem das Gebet zu gute kommen würde.— Der Hed⸗ wig und der Schweſtern gedachte er nicht! In der nemlichen Nacht ging's um die Hütte hin und her, wie ein dumpf toſender Wind. An alle Thüren, an alle Fenſterſchieber klopfte es un⸗ heimlich und dringlich. Alle Sparren ächzten; durch den Schornſtein heulte es kläglich. Mehr als einmal rief Florian ein brummiges„Wer da?“ gegen die dröhnende Thüre, gegen die ſchät⸗ ternden Fenſter. Keine menſchliche Stimme ant⸗ wortete ihm. Dafür ging durch die Spalten des Gebälks eine heiße Luft, wie ein ſchwefeliger Brö⸗ dem, und machte den Einſamen bangen und ſchau⸗ — 251— dern, denn das war unnatürlich Ding: aus dem „kalten Geſtein“ kam der Windsbraut Hauch zu allen Zeiten nicht ſchwefelheiß, ſondern froſtig wie helles Eis und Winterglaſt. Eine böſe Nacht! Die Morgenſonne iſt wie der Wein am Abend: ſie erfreut des Menſchen Herz. Die ſchwarzen Aengſten und bittern Sorgen fliehen vor den Ro⸗ ſenſtrahlen des Aufgangs. Milde und Ergebung, Muth und Hoffnung kehren wiederum in der Bruſt des gepeinigten Erdenkindes ein. So auch bei'm Florian am Morgen.„Was gräm' ich mich? Was zürne ich doch? Darf ich hadern mit dem Herrn, der mir noch ein Leben voll von Freuden aufbewahrt?“ ſagte er gedemüthigt, aber neu be⸗ ſeelt:„hab' ich nicht noch ein herzallerliebſtes Dirndl über den Bergen drüben? Iſt es nicht mein, das liebe Narrl? Wird's nicht bald ganz mein ſeyn, vom Zopfen bis zur Zehe? O, dann ſoll' ſchon lebendig werden in meiner Hütt'n, und bald wird die Hedwig und der Florian darin⸗ nen in ganz budewinzigen Gſtalt'ln herumlaufen, als leibhaftige Bild'ln ihrer ſelbſt, wie aus einem 252— Spiegel herausgeſtohlen— junge Buberln, junge Madl'n, an der Hand und auf'm Schooß von jungen Eltern... und darum wird's ſchon ein funfzig Jahrl'n dauern, das Glück von den Eltern und den Kindern, ehe der Tod ſeine weißen Kramp'n hineinſtreckt! Freu' dich, freu' dich, Flo⸗ riani, und laß' nicht ab vom Guten!“ So hellte ſich des jungen Manns Gemüth auf, und luſtig ging er an das Tagwerk, und es ſchleunte und förderte zum Erſtaunen.— Am Feierabend wollte er ſich dann hinſetzen über die Dinte und das Papier, und ſich an ein Schreiben an's Dirndl machen, um demſelben zu berichten, was ſich in ſeinem Hauſe zugetragen; daß jetzo freilich wiederum Trauer im Land ſey; daß ihm aber der Pfarrer verſprochen, für einen Dispens zu ſorgen,... und ſo weiter. Doch war die Schreibfeder dem Holzſchläger durch lange Entwöhnung ſchwerer geworden, als die Axt und die Haue; ſeine Buchſtaben wuchſen langſam wie ſeine Bäume, wenngleich ſchier eben ſo hoch, und ein paar Abende vergingen über dem — 253— mühſeligen Geſchäft, und noch war der Brief nicht zur Hälfte gediehen. Aber Florian hatte wieder Geduld vollauf, und frommes Vertrauen, und dachte wohl einmal mit dem Werk zu Ende zu kommen. Eilte deshalb nicht ſehr, betete wieder fleißig zu Nacht, und ſchlief fürtrefflich mit gutem Gewiſſen. Aber ach! aber ach! Das Schlimmſte kam hintennach. Wandert da nicht eines Tags der Schieferjackl mit ſeinem Waarenkaſten auf'm Buckel durch die Genoſſenſchaft von St. Wolfgang und handelt vor allen Thüren, und plauſcht und ratſcht mit Weib und Mann, mit Kind und Kalb von ſeinen Ebenteuern zu Land und See, und wie er eben daher kommt aus dem Pinzgau, und will hinüber nach Kärnthen und Krain, über'n Karſt nach Trieſt, wo nicht gar in's Venedig hinein? Und wie fein ſein Theriak iſt, und wie hantig ſein Branntwein aus Alpenkräutern und Wurzeln! Und wie ſein Rattengift ſo giſtig, und wie ſo probat das Skorpionöl, das er aus den waliſchen Lan⸗ den zurückbringen wird!— Allen Leuten, die ihn hören, ſteht der Verſtand ſtill vor den Reden des weitgereisten Schieferjackl, und des Kratzerbrunnen⸗ bauern Florian, der jetzo ſelber zum Kratzer⸗ brunnenbauer geworden, ſteht von ferne, und hört dem Geplauſch und Durcheinander zu, und denkt bei ſich: Kommt der weltfertige Kerl da aus'm Pinzgau... und wer weiß, hat er nicht die Baſe Griesmayr mit leibhaftigen Augen geſehen, und etwa auch gar die Hedwig, meine braune Lieb' mit den brandſchwarzen Guckern, die ſo gut ſtehen werden zu meinen blauem und zu meinem goldi⸗ gen Haarbuſchen? Und wie er ſo denkt und ſchaut, und meint, der Schieferjackl müſſe auf ihn losgehen, und ihm einen Gruß bringen vom runden Dirndl und von der reſchen Frau Mahm—— ſiehe: da geht der Kramer richtig auf ihn los, winkt ihm vertraulich zu, und ſagt halb heimlich:„Geh' mit, Kratzer⸗ brunnenbauers Floriani; hab' ein Wörtl mit Dir abſeits zu traktiren, und etwas an Dich abzuge⸗ ben!“— Zieht dabei unter'm Hoſenträger ein Ding heraus, das ausſieht wie ein Brief, und — 255— ſteckt ihm dort bei den Bäumen vor des Floriani Hütte den Brief in die Hand, und ſagt ver⸗ ſchmitzt dazu:„Nen ſchönen Gruß von der Mahm Griesmayr auf'em Staudlhof, und du ſollſt dich nicht gar hart kränken über das, was da drinnen ſteht Hm, wird ſich nicht viel zu'n Kränken haben! lachte Florian, begierig nach dem Brief greifend. Rips, raps, war das Schreiben auf, und heraus las und buchſtabirte und ſtotterte endlich immer langſamer und konfuſer, als hätt' er einen Hexen⸗ zettel in der Hand, derſelbige Florian, dem aber darüber das Lachen verging: „Ich ſag: das Glück und das Unglück kommt „von Gott; ſo ſag' ich. Und der Menſch, ſag' „ich, iſt ſeines Glücks Schmied, ſag' ich. Und „das wird des Kratzerbrunnenbauern Florian zu „St. Wolfgang wohl einſehen, hab' ich zur Hed⸗ „wig geſagt, die jetzo ſagt, es könne mit ihr und „dem Florian nix mehr werden, ſie wäre frei un⸗ „lücklich mit ihm, hat ſie geſagt, und mit dem „Schwaben⸗Dresl ſchickt ſich's beſſer, ſagt ſie, — 256— „und ſie iſt ſchon mit ihm in's Schwabenland „hinausgewandert, weit hinter Paſſau, ſagt der „Wirth zum blauen Mondſchein, der ſchon draußen „im Reich war, ſagt er, und ſie wird's gut haben „bei'm Dresl und beſſer als bei'm Florian, dem „ich ein gutes Leben wünſch' und eine andre rare „Hochzeiterin,— ich ſag', es gibt Madl'n genug „in der Welt, ſo ſag' ich, und der Florian wird „ſchon wieder eine andre finden, und gehab' ſich „wohl und ſoll nicht zürnen und nicht kränken, „hab' ich geſagt, als ſeine der Hedwig aufrichtige „Mahm Salomea Griesmayr Wittib zur Zeit, „Zitto, wie's auf der Poſt heißt, ſag' ich.“ Ach, ach, armer Florian! da ſtehſt wie ein Salzſtock, wie ein Mandl von Stein, mit'n dicken Schädl und brinnrothen Aug'n und käsweiß im Geſicht; kannſt nicht reden, nicht deuten, und ſchauſt um dich her, wie ein Narr, wie ein Lapp, und ſchauſt aus nach'm Schieferjackl, und der iſt halt nicht mehr da, nicht hinten, nicht vorn! Nimmſt drauf einen Schuß, und ſpringſt in's Wirthshaus..: nichts da Schieferjackl! fragſt alle — 257— Leut' auf der Gaſſ'n nach'm Schieferjackl: nichts nutz, haſt'n nicht g'ſehn! fort iſt er, und weder des Pfarrers Hauſerin, noch der Sautreiber— die erſte und die letzte Perſon im Ort— wiſſen mehr was von dem Schieferjackl! Armer Florian! Ich muß frei geträumt haben! ſagt er zu ſich ſelber, und ſteht wieder mutterſeelenallein in ſeiner Hütte: Aber das Papier da, der Dintenſchmarrn da, die Patzerei von der Frau Mahm Griesmayr das iſt das auch erlogen, auch geträumt, auch nicht wahr? Ach nein, o je, o nein! der ſaubre Brief, der Teufelsbrief, die Zittopoſt iſt gleichſam lebendig da und wahrhaftig wie die Sonn' die am Himmel leuchtet, wie der Nebel, der aus'm „kalten Geſtein“ herausraucht, wie der Stoßgeyer, der juſt dahinfliegt vor'm Sturm! O, das wird eine Nacht abſetzen, eine grausliche! Werd' ich ſie überſteh'n mit meinem blutenden Herzen? Hedwig, was haſt du mir gethan! Und wenn mir die Herzblatter frei zerſpringt, werd' ich wieder ganz machen deine Treu', den Ehhandring, den ich dir verehrt, und den du zerbrochen? Ach, ſo hilft gar Luſtige Geſchichten 1. 17 nichts mehr auf Erden und nicht dem frommen Hansl... der falſchen Gredl gehört die Welt!!! Was aber hilft's Plampern, was's Rehr'n?*) Zerreißen, zerbeißen, zerwutzeln möcht' ich jetzo die Menſchheit, und vor Allen die falſche Hedwig, und die Zittomahm, die Teufelsmahm! Nun folgte ein Sturz von Thränen der Wuth, und wie mit Katzenkrallen zerfetzte Florian den Brief, den er erhalten, den Brief, den er ſelber angefangen, das Tüchl, das ihm einmal Hedwig geſchenkt, das Rosmarinpflanzl, das ſie im Gartl geſteckt... und nachdem er ſich zaunmatt und todmüd gewüthet und auf Gott und ſeine Heiligen und alles Gebet heillos vergeſſen, fiel er hin auf's Bett, als wär' ihm durch's Hirn ein Donnerſtreich gefahren. Und alſo kam die Nacht— und wiederum ging's um's Häusl herum wie ein ſchnaubender Wind, und klopfte an Thüren und Fenſtern und hauchte heißen Brodem in die Schlafkammer,— *) Plaudern und weinen. —— und ehe ſich Florian ſo weit ermannt, ein drohend „Werda!“ zu rufen, ging die Stube auf, und hereinplatzte Einer mit dem ſchauerlichen Rufe: „Mordigall! wär'n wir doch endlich einmal herin⸗ nen? Mordigall! hat das Hitz' koſtt!“ Schauerlich, weil hohl und dumpf; dumpf und hohl, weil aus dem Grabe. Es war leider kein Zweifel, daß ein Geſpenſt in's Haus gebro⸗ chen. Florian merkte das gleich, da an jedem ſeiner Haare ein Schweißtropfen zitterte, ſein Herz unbändig pochte, und ihm der Athem ſchier ver⸗ ging. Seine Augen aber ſahen deutlich, was⸗ maßen das Geſpenſt ſich gebahrte, und wie es ausſchaute.— Ein langer alter hagerer Kerl, todtfarbigen Angeſichts mit einet weißen Schlafhaube auf dem glatzigen Schädel, mit tief ausgloſenden Augäpfeln und einer Endsnaſe, die wie eine fahle Rübe über das halb offen ſtehende blaſſe zahnloſe Maul hing. Um's Kinn herum bis zu den weitabſtehen⸗ den weißen Ohrwaſcheln ein abſcheulicher grauer ſtachlicher Bart, der ſchon lange nicht geſchoren. —— Der Hals des Spuckweſens ſchmal und lang, zum Henken trefflich, wenn ſchon über's Henken hinaus; darum gethan ein ſchwarzer Flor. Dann kam ein geſpenſtiges Bruſttuch, darüber eine Juppe von mißfarbigem Loden, aus der erſchrecklich lange Hände— zum Stehlen fürtrefflich, obgleich ſchon lang darüber hinaus— hervorragten. Vom Ledergurt um den Leib bis zur Sohle war der alte Burſche kohlſchwarz; ſeine Bundſchuhe waren geſchnürt mit blauglimmenden Schwefelfäden, und rothe Funken kniſterten unter jedem ſeiner Tritte hervor. So kam er auf's Bett des Florian zu, und dieſer fuhr entſetzt, aber bolzgrad in die Höhe, und ſtotterte:„Alle gute Geiſter...“ Das Wort blieb ihm halbwegs ſtecken, denn das Geſpenſt riß das Maul noch weiter auf, und krächzte: Stat ſeyn, ſtat, ſag' ich! Der droben will von Dir nichts mehr wiſſen..! aber— Bue, wenn ich recht g'ſpür', ſo biſt Du's, der mich er⸗ löſen ſoll, und Du ſollſt's dafür gut haben, bei'm Eid! — 261— „Ich? ich?“ Mehr als dieſe Frage konnte Florian nicht hervorbringen. Aber der Geiſt fuhr fort, umherwitternd im Gemach: Schau, ſchau! ja wohl... das iſt noch das alte Kammerl und die alte Stub'n dar⸗ neben! Schauſchau, da iſt noch ſchier Alles auf'm alten Platzl. Da iſt's einmal ſchön kühl.... da muß ich gleich ein bißl ausraſten.... nach der ſiedheißen Brennſupp'n, aus der ich komm'!— Satzte ſich auf einen Stuhl, der anfing Glut zu ſprühen, daß es Zeug hielt. Wo ſich das Geſpenſt bequem anlehnte, gab's Feuer.—„Du! zünd' mir die Hütt'n nicht an!“ bat Florian.— Das Geſpenſt hörte nicht mehr, denn es ſchlief ſchon, ermüdet wie es war, und ſchnarchte ſchauer— licher noch, als es zu ſprechen pflegte. Bei jedem Schnarchler überdieß kniſterte und knaſterte, glitzerte und blitzelte es Funken aus dem Munde. Der Florian, dem es an Muth juſt nicht fehlte, gewöhnte ſich bald an ſolche wunderliche Geſellſchaft, ſchaute den Kameraden rings herum, auf und nieder an, ſammelte ſein bischen Ge⸗ dächtniß, erinnerte ſich an das, was ihm unlängſt ſein Vater ſelig vertraut, und ſprach zu ſich ſelber neugierig und ahnungsvoll:„Wenn das nicht der Urgroßvater Marx iſt, ſo will ich ein Eſl ſeyn und mein Lebtag Lapp heißen, ſtatt Florian!“ Kaum war das heraus, ſo wachte das Ge⸗ ſpenſt plötzlich auf, nieſ'te, daß die Funken davon ſtoben, und ſagte zugleich: Helf Gott,'s iſt wahr! Ja, Floriani, ich bin ſelbiger Urgroßvater, und Du ſollſt mich erlöſen. Haſts ſchon ſo weit ge⸗ bracht, daß ich da herein hab' kommen dürfen— wirſt's auch ganz fertig bringen, du lieber Bue!— „Ha, ha, ich weiß nicht, wie das gemeint iſt..2“ machte Florian hierauf, und wiſchte ſich die naſſe Stirn ab, ſintemalen ihm heiß war, höl⸗ liſch heiß, wo der alte hölliſche Koſtgänger ſich herrlich abkühlte. No, no, laß mit Dir reden, Floriani; hob das Geſpenſt an, und ranzte ſich behaglich in ſeinem Seſſel: Schau, unſer Tagwerk auf Erden iſt un⸗ gleich... und daher auch ſakriſch verſchieden unſer Leben nach dieſem Erdenleben. Der Eine, — ſchau, hat große Freud' am lieben Geld.. der Andre macht ſich ſo viel nicht daraus; der Michl haltet's mit dem kühlen Wein,— der Friedl mit dem ſaubern Weibervolk; mit dem Kartln der, mit dem Wildern Jener. Es ſind welche, die mehrerlei Geſchaftln treiben, die ſich auf der Welt gut nutzen laſſen, und drüben— weißt? in der andern Welt ſchaden ſie einem nicht wenig.— Du, was iſt das für eine Büchſen oder Schachtel... die dort auf'm Simſen? „Da hat der Vater ſelig...“— hier ver⸗ zog das Geſpenſt ſein Geſicht fürchterlich— „ſeinen Schnupftabak drinnen gehabt,“ verſetzte Florian, der ſich in die Haut hinein wunderte, wie gelaſſen und vernünftig mit einem todten Mann doch manchmal zu reden iſt. So, ſo? fuhr der unſelige Marx fort: das iſt zu meiner Zeit noch nicht g'weſen; da haben nur die großen Herren geſchnupft; an uns Land⸗ leut' iſt das nicht gekommen. Gib' mal eine Priſe her, Bub! Etwas bänglich reichte Florian dem Urgroß⸗ — 264— vater die Doſe hin;— nicht mit Unrecht bangte ihm. Denn kaum hatte der Schwarzweiße ſeine langen Finger hineingeſteckt, als auch ſchon der Tabak zu kochen anfing, und aufbrodelte wie Schmalz im Feuer, und während das Geſpenſt aus allen Kräften ſchnupfte, und dabei viel Tabak zum Boden verzettelte, regnete es ordentlich Glut und Glaſt auf die Dielen nieder. Florian zitterte, ließ aber die Doſe nicht fal⸗ len, ſondern begnügte ſich zu ſagen, wie ſchon einmal:„Du! zünd' mir die Hütt'n nicht an. Sie iſt mein Alles in Allem, Du!“ Marx ſchüttelte grinſend den Kopf.— Dalk! rief er: das iſt nur naſſes Feuer; auf meiner Station haben wir's beſſer. Der Galizier iſt aber gut,... Mordigall... ertragut...! Hatzi! Atz! Er nieſ'te wieder, daß es blitzte.—„Helf Gott!“ ſagte Florian hierauf unbedachtſam. Da. hatte er aber gleich eine Watſchen weg, daß für dießmal ihm die Funken aus den Augen ſtoben, — und mit den Donnerworten: Wart“ wart, du — 265— Eſel, ich will dir helfen! verſchwand der ſaubre Urgroßvater, bedeutenden Stank von Pech und Schwefel in der Kammer hinterlaſſend.— O, o, o! was iſt mit mir geſchehen? was geht mit mir vor? rief Florian, auf's Bett nie⸗ dertaumelnd. Und ſeine Betäubung währte bis zum Morgen, da die Sonne auf ſein Fenſter Pfeil auf Pfeil wie nach der Scheibe ſchoß, und die Schwalben unterm Vordach der Hütte ihr zweites Morgenlied zwitſcherten.—— Florian wurde daran wach, er fühlte ſich geſund und munter,— und dennoch, wie verändert! Seines Herzens Frieden war geworden zum Unfrieden, ſeine Sanftmuth zur ſtillen Erbitterung; was er geliebt, haßte er; was ihm heilig geweſen, ver⸗ höhnte er.— Er wußte gar gut, daß der ent⸗ ſetzliche Beſuch in der vergangenen Nacht kein Fieberblendwerk, kein Traumgebild; ſein Haar ſträubte ſich, da er der Mitternachtſtunde gedachte, und dennoch beklagte er, daß ihn das Geſpenſt ſo früh verlaſſen— wünſchte er, es noch einmal —— zu ſehen... fürchtete er, daß es Abſchied auf immer genommen haben dürfte. Es verſteht ſich, daß es den armen geplagten, ja ſchon teufelbeſeſſenen Burſchen in ſeiner finſtern Hütte nicht litt; er lief hinaus in die freie Natur, um Athem zu ſchöpfen, und ſich an allem zu är⸗ gern, was ihn ſein Leben hindurch erfreut hatte. Das Grün der Bäume und Flur, das Blau des Himmels und des Sees, der Sonne Gold und das Silbergeflimmer der Quellen, der Blüthen, der bethauten Matten... o wie abgeſchmackt kam ihm das Alles vor!— Er umkreiste den Hügel von St. Wolfgang, und wünſchte ihn begraben im See; er ſtrich nach oben und rund um die Kapelle, und hätte ſie gern in Trümmer gelegt. Die Schriftzüge über den Thüren ſchauten ihn ſo dumm an, ſo dumm und doch zugleich ſo boshaft, wie eben ſo viele lächerliche und abſcheuliche Lü⸗ gen! In's Innere zu treten, fiel ihm nicht ein. Nicht um vieles Geld hätte er's gethan.„Da⸗ mit bin ich fertig;“ hohnlachte er in ſich hinein, und ſtrich wieder unfriedſam, ein Irrlicht am — 267— hellen Tag, zum Seeſtrand nieder.— Der Teufel hatte ihn ſchon beim Haar gefaßt. Da geſchah es, daß er in die Nähe einer verſteckten Bucht gerieth.—„Dort wird's kühl ſeyn unter'm Gebüſch und auf der feuchten Klippe!“ ſprach er ſich zu, und auf ſchnellen Füßen drang er vor bis in's Geſtrüpp, bis auf den rothbeſan⸗ deten, von der Fluth beſpülten Felsſtock, woſelbſt die emſigſten und geduldigſten Fiſcher Schnur und Netz auszuwerfen pflegten, abgeſchieden vom ge⸗ räuſchvollen Treiben der Schiffenden und Landen⸗ den. Kühlung war da, Schatten und Grün weit⸗ aus genug war da... aber nicht die Einſamkeit. Denn ſchon war der Platz behauptet, und zwar von dem traurigſten und widerlichſten Geſellſchaf⸗ ter auf fünf Stunden Wegs rund um den See. Der fragliche Gaſt war der ſogenannte„kropfete Wurſtl“ aus der Riedlack'n, einſt ein Stück von Nachbar der Hedwig geweſen: ein blödſinniger Fex, unter den Menſchen, was unter den mehr⸗ beinigen Thieren der Froſch. Dieſer Wurſtl ſtand alſo ſchon feſt auf der Klippe und fiſchte mit ei⸗ — 268— nem kleinen Beutelnetz an einer langen Stange im Gewell der ſtillen Bucht herum.— Den Schritt des Kommenden vernehmend, drehte er ſich er⸗ ſchrocken um, deutete dem Florian, zu ſchweigen, und wie deſſen ungeachtet der Kratzerbrunnenbauer anhob:„Ei, Wurſtl, Kropfeter, was willſt denn Du da ſiſchen?“ erſchrack der arme Schelm noch mehr, ließ ſein Netz ein biſſel ſchwimmen, legte ſelber ſich auf die Kniee, faltete die Hände jäm⸗ merlich, und flehte dabei— das klang wie auf⸗ gurgelndes Quellwaſſer aus'm Wiesboden—: „Stat ſeyn, ſtat ſeyn, Floriani, bitt' ſchön! ſonſt fangt's ſich nit, ſonſt fangt ſich's ja nit, daß Gott erbarm!“ Verächtlich verſetzte Florian, ganz im Geiſt ſeines Urgroßvatergeſpenſts:„Laß mich aus mit dem droben, der's Erbarmen nicht kennt, und das Beten nicht hört! geh weiter mit den Dummhei⸗ ten! Was aber willſt du fiſchen? Verſitz' die Zeit nicht, Du tappeter Menſch! was willſt denn Du da fangen, wo die g'ſcheidt'ſten Leut' ſonſt nichts derwiſchen?“— —— „Jetzt haſt mir es freilich für heut ganz ver⸗ dorben, Du ſchlimme Wurzen!“ ſagte mürriſch und aufſtehend der Fex, zog ſein Netz an ſich, und machte Anſtalt, fortzugehen. Nun hätte der Wurſtl den Florian ſchier ge⸗ dauert, und die Hand hat dem Flori gezuckt, als ſolle er in'en Sack greifen, und dem Bettelmann was ſchenken, aber die Hand hat er wie vom Gift zurückgezogen, und zwiſchen den Zähnen geſagt: „Juſt nicht, weil's auf der Kapellen ſteht, daß man den Armen Guts thun ſoll! Juſt nicht!“— (Der Florl war ſchon halb des Teufels.) Und argliſtig dagegen ſagt er zum Fex:„Schau, ich thät' Dir ſchon was ſchenken, ſo wie einen Groſchen oder ſo was, wenn Du mir ſagſt, was Du da haſt fangen wollen, und wenn mir gefallt, was Du ſagſt. Weißt?“ Klimperte auch mit ein paar Siebenzehnern im Sack, daß der Fex gleich wieder zahm wurde, und das Maul aufthat, um ſein Trinkgeld zu verdienen.— „Ich hab' halt ein Waſchweiberl fangen wol⸗ len;“ ſagte der Fex:„dabei muß man aber die Du's nicht noch ſingen?“ — 270— Goſchen halten, darf nichts geredt werden;'s Plampern können die Waſchweiberln nicht vertra⸗ gen.— Jetzt gib mir meinen Groſchen her.“ „Ja; wenn ich Dich verſtanden hätt', Kropfe⸗ ter;“ gab der Florian ſtatt des Groſchens darauf: „Was iſt das für ein Fiſch, das Waſchweiberl?“ „s iſt nicht Fiſch und nicht Vogel,'s iſt ein Weiberl, frei aus der Erden heraus und wohnt im Waſſer... Der Boni, der Schuſter, der ſo viel alte Bücher liest, hat mir's geſagt. Und das Weiberl bringt Glück, wenn man's in der Fallen hat, und viel Geld und Perlen und Edelſtein... Edelſtein, wie an der Monſtranz drüben in der Stadt.“— „So?“ „Hei, ja; Sakra,*s iſt wahr. Könnt's wohl brauchen, Flori; gib mir jetzt meinen Groſchen auf einen Branntwein. Geh, ſchau her, gib's her, Dein Gröſchl. Haſt mir's Waſchweiberl nicht fangen laſſen... biſt mir's Geld ſchuldig.... hab's ſchon ſingen gehört, das Weiberl.. hörſt — 271— „Nein doch, armer Wurſtl;'s fingt nichts da herum.“ „Aber doch, aber doch.. ich hör's ganz fein...! und ſtreckt's nicht dort das Köpferl aus'm Waſſer, das Weiberl? Sixt es?“ Florian ſchaute, wohin der Fex deutete. Da war jedoch nichts zu ſehen, als eine grüne See⸗ leiſe, worauf ein paar Falterlinge ſich ſchaukelten, daß das Gewächs bald untertauchte, bald wieder auf die Oberfläche des Waſſers zurückkam.— „Geh heim; geh heim, Kropfeter! Dein' Sach' iſt nichts;“ höhnte Florian den Fex aus, und warf ihm geringſchätzig einen Kreuzer in die Mütze. — Wurſtl nahm das Geld ohne weitere Bemer⸗ kung. Dann aber näherte er ſich dem Ohr des Florian und gurgelte ihm ſo heimlich als möglich hinein: „Heimgeh'n, weil's heut nichts mit dem Wei⸗ berl iſt; aber morgen, morgen wiederkommen, fiſchen, fangen... glücklich ſeyn! Mit dem Geld und den Perlen kauf' ich mir Alles, ein Gſchlößl, ein Stadtl, viel Branntwein,'ne Butten voll, — 272— und ein reich's Leben, und das ſauberſte Dirndl im ſteiriſchen Land! Mein Schatzl,— ich hab' einmal eins g'habt— iſt mir auskommen, ich ſchau' mich nicht drum um... für's Geld kann ich gleich eine andere haben.. he, Flori?“ „Jetzt mach' Dich durch, Kropfeter!“ brannte Florian wild auf, Hedwigs gedenkend, und jagte den Fex vom Platze.—„Das fehlte noch, das ging' mir noch ab,“ ſagte er alsdann, grollend hin und her gehend wie ein Löw' im Käfich,„daß mich der Lapp noch ſtimmen wollte! Aber, da ſieht man's, aber da hat man's! Da iſt kein Mannsbild ſo ſchlecht und ring, ein Weibsbild macht ſich an ihn, und laßt den armen Kerl ſitzen ohne Gnad', juſt, wann er am meiſten auf das Weibsbild zählt! O, Hedwig! wenn ich viel Geld hätt'— Du haſt mich doch um meiner Armuth verlaſſen, und gewiß iſt der Schwaben-Dresl dort hinter Paſſau reicher als ich— wenn ich viel Geld hätt', Dir zum Trotz kaufte ich mir das ſchönſte Madl auf der weiten Welt, und Dir ge⸗ genüber kauft' ich ein Haus, und Du ſollteſt Tag — 273— für Tag mein Glück mit anſehen bis bis 4. Florian verlor ſich da ein wenig in Gedanken und in Schweigen; aber bald blitzte er auf's Neue in die Höhe mit den Worten:„Da ſucht der Trottl, den der Schuſter⸗Boni für'n Narrn gehalten, das Glück als ein Hexenweiberl im See, und ich... ich hab' doch ſchon das Erdenglück bei der Falten, ſobald ich nur will?—— Wenn der Urgroßvater wieder kommt... wenn er mir wieder von ſeiner Erlöſung redet, ſo will ich ihn fragen, was er dafür gibt? Dort, wo er ein Pfründner iſt, kennen ſie alles Gold, das im Bauch der Erde verſteckt liegt und von den Dra⸗ chen oder von denen Bergmännlein gehütet wird. Nur her davon meinen Theil, meinen guten Theil, und iſt das Werk nicht ſo ſchwer, ſo gar ſchwer, ſo thu' ich's. Mein Beten hat ja ſo nichts ge⸗ holfen, meine Wohlthätigkeit, meine Lieb', mein Vertrauen, meine Ehrlichkeit haben mich arm ge⸗ macht...! Wenn ſie droben taub ſind für mich, ſo werden etwa die drunten mich anhören! Luſtig Luſtige Geſchichten 1. 18 — 274— ſeyn, ſchön geſund bleiben und rund, ſteinalt wer⸗ den, und die falſche Hedwig zu Tod ärgern.. mag's dann geh'n wie's will nach'm Tod,— und vielleicht find' auch ich, wie der alte Marx, Ei⸗ nen, der mich dann erlöst um ein ſchön's Trumm Gold, was ich hernach ohnedem nicht mehr brau⸗ chen kann!“ Ja, jaz der Flori war ſchon mehr als halb des Böſen Knecht und Eigenthum.—— Er ſchlenderte weiter und weiter. Allenthalben waren die Leute fleißig an der Arbeit und ſcherz⸗ ten und ſangen; nur der Florian ſtrich wie ein Tagdieb umher, und war mit nichten luſtig dabei, ſondern ſinnirte ſich halb todt in ſchwarzer Galle, und kam nicht heraus aus dem ſataniſchen Kreis, vielmehr immer tiefer hinein.— Durch's Fenſter des Pfarrhofs ſah er den geiſtlichen Herrn am Tiſche ſitzen.—„Hm!“ brummte Florian in den Bart:„wie der Miüſſiggänger ſchwelgt und ſchlemmt! Alles auf Erden hat der Dickbauch, und ich— ich bin ſo arm!“ 65 Unter der Linde in des Huberbauern Garten — 275— ſah er, wie ſich der Knecht und die Dirn' abküß⸗ ten.—„Pfui!“ rief er voll Bitterkeit in ſich hinein:„Die haben ſich ſo gern, und ich hab' kein Schatzerl mehr!“. In der Laube vor'm Forellenhanſl ſeinem Hauſe ſaß die ganze zahlreiche Familie, an Netzen ſtrickend und lachten und ſchalmeiten durcheinan⸗ der Alt und Jung, Kinder und Greiſe, daß es eine Luſt zu ſehen. Voll Ekel und Ingrimm kehrte ſich Florian ab, und ſchimpfte:„Höllſapper⸗ ment! ſchau' Einer das Lumpenvolk! Mutter und Vater, Schwager und Mahm, Kindsköpf' und kein Ende!— Alle ſind glücklich, und ich hab' nicht Vater, nicht Kinder, nicht Mutter, nicht Ehweib, nicht Braut!!! Verlaſſen... allein... ein Ein⸗ ſiedler und Bettelmann das bin ich!“— Brumm, brumm, brumm! ging's ihm um die Ohren herum. Eine endsgroße Mücke war's, die um ihn hertanzte, eine Schmeißfliege mächtigſter Art, mit einem Schnurrer am Leib, wie der alte Saſa, die große Baßgeige des Tanzmuſikanten in der Stadt.—„Gehſt! gehſt!“ drohte Florian, — 276— und ſchlug mit dem Hut nach der Fliege, die ſich aber nicht ſtören ließ, und ihn ohne Unterbrechung begleitete bis unter's Vordach ſeiner Hütte, wo endlich Florian, da ſchon der Tag ſich neigte, ein⸗ traf; erſchöpft, als hätte er hundert Bäume um⸗ geſchlagen, aber leider Gottes nicht zufrieden, wie Derjenige iſt, der brav getagwerkt; ſondern frevel⸗ haft geſtimmt, und eine leichte Beute jeglicher Verſuchung.— Wo aber Einer iſt, der ſtolpern d will, da liegt auch ein Stein.— Die große ſchwarze Schmeißfliege ſtand vor der Thüre des Florian von ihm ab, und ſetzte ſich auf einen Aſt, der bis zum ſchmalen Kammerfenſter niederſchaukelte.— Florian, da er in die Stube trat, und wieder den Stuhl ſah, auf dem der Höllriegel Marx geſeſſen, die Doſe, aus der er geſchnupft, fühlte ſein Herz von den unbändigſten Begierden pochen, und mit Sehnſucht rief er an alle Wände hinan:„Wird denn der Alte heut kommen? Alter, ſo komm doch, ſey nicht grantig und komm. Mich trifelt's und zwifelt's nach Dei⸗ ner Geſellſchaft! Alter, ſo komm!“ — 277— Und ſiehe: immer tiefer neigte ſich zuſehends und wunderbar ſchnell der Tag in den Abend, der Abend in die Nacht. Die Zeit verging wie auf ſchnellrodelnden Rädern. Wenn der Frevler in Gedanken an ſeinem Sündenbabel baut, und der Teufelsbanner ſeine Zauberſprüche aufſagt, tummeln ſich die Stunden eben ſo gut, als wie ſie ſchleunen, wenn Einer ſeine redliche Arbeit thut, oder ſich den Freuden des Feierabends über⸗ läßt.— Und ſo wie die Mitternacht nahte, ſchnaubte wiederum der heiße Wind und klopfte in allen Ecken der Hütte;— und diesmal rief Florian, der mit heidniſcher Freude das Geſpenſt ſpürte, dreimal und viermal aus allen Kräften:„Herein! herein, Alter! Kuraſchi, nur herein!“ Die Schmeißfliege hupfte auf dieſen Ruf von ihrem Aſt; es rollte und rollte unter'm Eſtrich der Hütte, als ob eine Armee von Ratzen ihren Einzug hielte, und der unſelige Geiſt erſchien. Diesmal ſchloff er zur Abwechslung unter Florians Bett hervor, und pfnauste ſehr, weil dieſe Lei⸗ A 2 besübung für ein Geſpenſt von ſeinem Alter ziem⸗ lich beſchwerlich. „Nu, Glück zu!“ ſagte Marx, nachdem er ſich alſogleich wiederum in den Großvaterſtuhl ge⸗ lagert:„Das iſt ein gutes Zeichen, Bub', daß Du mich gerufen.'s hat zwar noch nicht Zwölfe geſchlagen. Da ich aber auf'm Urlaub bin, ſo hat das nichts zu ſagen. Haſt mich geſtern ſtark mitgenommen mit Deinen dummen Redensarten, haſt's aber auch bereut.... ich weiß ſchon. Wir werden doch unſern Handel machen können, g'ſpür' ich.“ „Hm!“ antwortete Florian frech:„müſſen z'erſt ſchauen, wo's hinaus will mit der Arbeit und mit dem Lohn. Nur'was davon haben, viel, viel davon haben, das iſt die Hauptſach'!“ „Deine Arbeit iſt kindleicht, Flori;“ hob der Alte an, indem er die weißen Hände auf ſeinem ſchwarzen Bauch faltete, und die Daumen um einander ſpielen ließ, daß ſie glimsten und glums⸗ ten wie faules Holz in der Finſterniß. Auch aus dem Munde ging ihm hin und wieder ein blaues — Flämmlein, da er fortfuhr:„Du ſollſt halt für mich einſtehen, wann's Zeit iſt; das iſt Alles. Ich bin ſchon bei Jahren, möcht' gern meine Ruh' haben, könnt' auf ein beſſres Platzl kommen, wenn Du nur'nen guten Willen haſt. Schau: wir da drunten, wie Ihr ſagt, wir haben's nicht ſo bös, gar nicht ſo übel. An das biſſel Hitz' gewohnt man ſich bald; ſie kann und darf Einen ja nicht umbringen.. wie ſtänd' es ſonſt mit dem ewigen Leben? Die Sekkaturen von die Teuferln g'wohnt man auch bald.'s geht halt dort zu, als wie auf der Welt, wo die Beſen auch gut kehren, ſo lang ſie neu ſind; im Anfang karniffeln ſie Einen nicht ſchlecht, die ſchwarzen Hörneltrager, aber bald darnach iſt's frei nur eine Tratzerei.“ „Das kann ich doch ſchier nicht glauben;“ warf Florian kopfſchüttelnd ein:„denn, was man von den hölliſchen Strafen hört und leſen thut...“ „Dummheiten!“ fiel der Alte ein, und ſpuckte eine Rakete von ſich, daß Florian einen Schritt zurückſprang:„Gelogen wie gedruckt! Wär' ich ſonſt noch da, mit meiner blöden Haut?—'*s — 280— gibt freilich welche, die haben's ſchlechter als ich, und da möcht' Einem ſchon die Grausbirn' auf⸗ ſteigen, wann man von denen ihrem Zeitvertreib hört. Aber ſchau, Flori, merk' auf, Flori: bei uns iſt's juſt wie in einem Spital mit der Koſt; ſo wie dorten Einer auf halber, dreiviertel und ganzer Koſt ſteht, ſo ſetzen ſie bei uns Einen, je nach ſeinen Verdienſten, auf halben, auf dreiviertel oder ganzen Brand.— Ich bin auf dem halben, weil mir eigentlich ſchon angeboren war, was mir nach meinem End' ſo übel ausgelegt iſt worden: Weißt? daß ich das Geld ſo viel gern gehabt habe! Ach, Du mein Flori, es iſt gar nicht ſo arg da⸗ mit geweſen! Die paar Sackl mit Thalern, die ich zuſammengebracht habe, das iſt ja ſo viel als nichts gegen den Reichthum, der in der Welt ver⸗ graben liegt. Ich hab' halt eine närriſche Freud' am Geld gehabt, und am Kaufen und Handeln und am Ausborgen an arme Leut' und am Heim⸗ zahlen mit Zins. Wer ſieht nicht auf ſein biſſel Hab und Gut? Darum bin ich auch ein wenig ſtreng geweſen auf's Zinſenzahlen und auf die — Ordnung. Aber die Mutter iſt bei mir an Allem ſchuld geweſen. Da ſie mit mir ging— nun, ſie iſt jetzv beſſer aufgehoben als ich— ſo hat ſie 1 ſich mit einem Handelsjuden verfeindet, und die⸗ ſer hat ihr's im Böſen angethan. Denn von 1 Stund an hatte ſie ordentlich einen Heißhunger nach Geld und mußte immer deſſen in Händen 5 haben, wie denn das Weibervolk in Umſtänden 3 Gelüſte hat, denen man nachgeben muß. Und ſo hab' ich's von ihr geerbt... und darum bin ich nur auf'm halben Brand. Verſtehſt mich?“ „Ja, ja; jetzt verſteh' ich;“ entgegnete Flori verwundert und gedankenvoll:„wie kann ich aber da helfen, und warum denn willſt Du erlöst ſeyn, wenn's doch in dem Dienſt zum Aushal⸗ ten iſt?“ „Du haſt einen Dickſchädl, der eine Nachteul' von einem Kitz nicht unterſcheiden kann!“ ſpottete darauf der Alte:„Hörſt Du, wie juſt jetzo die Nachteul' Dich auslacht? Jetzt muß es um die zwölfte Stunde ſeyn, und bald muß ich wieder zum Verleſen, darf bei Straf' nicht zu ſpät an⸗ — kommen. Darum muß ich eilen, und darum ſperr' die Ohren auf, und den Verſtand.“ „Iſt ſchon aufgeſperrt;“ verſetzte Florian, der immer dreiſter wurde mit dem Urgroßvater auf halbem Brand:„Red' friſch von der Leber her⸗ aus. Was ſoll ich thun, und was krieg' ich dafür?“ Der Alte redete nun mit hölliſch⸗hinterliſtiger Geſchwindigkeit— an einem Trumm fort— wie es heißt:„Weißt?'s fangt an, bei uns am Platz zu mangeln; warum? es kommen zu viele von der Erd' hinein zu uns— von Tag zu Tag mehr. Da werden denn die Aeltſten und Leichtſten von den Halbweißen— ſchau mich an, ich gehör' dazu— ausgemuſtert und im Fegfeuer unterge⸗ bracht, von da ſie einmal, halten ſie ſich brav, weiter auffi kommen, wann's leicht geht. Aber, s hat halt ſein Hackl; wir müſſen einen Einſteher haben. Ich möcht' gar ſo viel gern in's Feg⸗ feuerl...'s iſt ein gar ruhiger Dienſt, wo ich aufdienen könnt'... und da hab' ich mir Urlaub genommen und bin wie ein anderer Geiſt ſchon — mehrere Tage um mein altes Hab und Gut pa⸗ trullirt, hab' aber nicht herein gekonnt, bis Du mir die Thüren ſo zu ſagen ſperrangelweit auf⸗ g'macht haſt. Du haſt, lieber Bub, Anlag' zu einem Halbbrandler, wie ich bin, oder zu was mehr. Dir wird einmal das Leben dort nit ſo ſauer werden, wie mir. Gib mir die Hand dar⸗ auf, daß Du für mich antreten willſt?“ „Was gilt's, was gilt's denn?“ fragte Flo⸗ rian dringlich entgegen.„Soll ich jetzo ſchon ſter⸗ ben und hinabfahren, und bin noch ſo jung? Da müßt' ich danken.“ „O Du mein Latſchari, was biſt Du dumm!“ fuhr der Alte in die Höhe, und gab einige Spei⸗ teuferl von ſich:„Mordigall, haſt Du einen Schä⸗ del! Was ſterben und gleich ſterben? Achtzig Jahr alt werden, All's vollauf haben, ſo ſpat als möglich einſtehen für mich! Pah, achtzig Jahr ſind ja nur ein Schnaufer und Schnoferl für uns. Mach' Dich luſtig, lös mich hernach ab, und dann find'ſt Du ſpäter epper auch einen guten Kerl, der Dich in's Fegfeuer rückerlöst. Sapper⸗ — ment! jetzt hör' ich ſie ſchon trommeln auf'm großen Siedkeſſel... meine Zeit iſt um.. ich muß fort, ſonſt krieg' ich keinen Urlaub mehr... alſo Ja oder Nein...? ſchlagſt ein?“ „Du treibſt Einen in die Eng'!“ ſchalt Flo⸗ rian:„Gibſt mir hunderttauſend Thereſienthaler? gibſt mir das Wünſchhütl Fortunati mit dem „Tiſchel deck' dich“ und dem„Prügel aus'm Sack?“ Gibſt mir die ſauberſten Weibsbilder von der Welt, damit die Hedwig ſich hinterſinnirt vor meinem Glück und Glanz?“ „Sollſt All's haben, was Dir gehört!“ ant⸗ wortete das Geſpenſt verſchmitzt, und ſtreckte die weiße Kralle hin:„G'ſchwind, g'ſchwind,'s iſt keine Minute mehr zu verlieren!“ Und überrumpelt und übertorkelt ſchlug Flo⸗ rian ein— denn ſchon war das ganze ſchwarze Untertheil des Halbbrandlers im Boden verſun⸗ ken, um in ſeine hölliſche Kaſarmi zum Verles einzufahren.— Weil er ſo ſchleunig hinabſchoß, gab er dem Urenkel nur einen leichten Zwacker mit dem Jubelruf:„Heiſa, Juhn, und dabei ſoll's — 285— jetzt bleib'n!“ und hat g'ſchnackelt und g'almert, der alte Teufelsbraten, daß man ihn noch lang hören konnte, während er in ſeinen rußigen Rauch⸗ fang hinabgepoltert iſt.— Aber dem Flori war nicht um's Almern und Schnackeln, ſondern er ſchrie ein„Auweh“ nach dem andern und ſchlenkerte die Hand ſchier aus dem Gelenk, weil ſie ihm hölliſch weh that, finte⸗ malen der Alte ihm zum Drangeld einen ſchwar⸗ zen Fleck, mehr als thalergroß hingebrannt hatte. In Folge deſſen verfiel Flori in einen dumpfen Taumel mit wüſten Träumen von Zechen, Tanzen und Fenſterln, und zum Schluß von all' der Nichtsnutzigkeit ſah er plötzlich den Himmel offen, und eine Donnerſtimme rief heraus: „Du Schliffl, Du Saufaus, Dir will ich's vertreiben, wenn D'nit gleich zu'n Kreuz kriechſt! Dank's Deinem braven Vater und Deiner Mut⸗ ter, daß Du nicht ſchon eine g'fangen haſt, wo Dir Hör'n und Seh'n vergangen wär'!“ Und mit dem troſtloſen Seuſßzer: Ach, mein Vater, ach mein Mutterl! erwachte der Florian, zu thun!“ ſagte er trotzig, wenn ihm ſchon die —— und wiederum ſangen draußen unter'm Vordach die Schwalben ihr zweites Morgenlied, und gol⸗ dig ſtrahlte die Sonne vom blauen Himmel über'n See und den grünen Wald. „Die Erde iſt des Herrn, Du aber biſt des Teufels!“ das war der Gedanke, mit dem Flo⸗ rian ſich vom Lager erhob, und ſich ſelber ſchämte, wie vor einem Scheuſal. Manche Stunde ſaß er, ein lebendig Bild der Verzweiflung, am Boden ſeiner Hütte... endlich machte er ſich aus ſei⸗ nem Dahinbrüten auf, band ſchaudernd ſeine ge⸗ zeichnete Hand in ein Tuch, um das Brandmal nicht mehr zu ſehen, und ſodann rannte er, als ſäß' ihm ſchon des Teufels Rotte auf den Ferſen, hinaus, auf verborgnen Pfaden dem See entge⸗ gen. Nicht lang, ſo ſtand er unter'm Geſtrüpp, auf der Klippe, auf dem rothbeſandeten Felsſtock, zu deſſen Füßen die Seelinſen ſchwammen, und wo am Tag zuvor der kropfete Wurſtl gefiſcht— und holte einen tiefen Athemzug aus ſeiner heiß⸗ belaſteten Bruſt.—„Jetzo hab' ich nur das eine —— Augen in Thränen übergingen:„in der Fluth mein ſündig Elend und des Teufels Schandmal abzuwaſchen, und meine Seele dem beleidigten Herrn der Welt hinzugeben, bevor ich noch neue Miſſethaten in Menge zu den begangenen hinzu⸗ gefügt habe. Der Böſe iſt ein Schelm, der mich betrogen.. ich fühle das jetzo; doch will ich nicht ſein bleiben.... lieber ganz und auf ewig ſterben!“ Bevor er ſich in den See ſtürzte, wollte er noch einmal beten;— ach, das ging nicht; ihm fehlten Worte und Gedanken... und während er ſich abpeinigte, zu beten um die Gnade des Ge⸗ bets horch: klang aus der Tiefe der Bucht ein Tönen wie Geſang, ein Singen, wie von der Höhe; als ſey der Spiegel des Sees der Himmel ſelber in eigner Perſon, und als muſicire dort ein herzigkleines Engerl mit Saitenſpiel und Ho⸗ nigſtimmen herunter, oder herauf, wie man's grad nehmen will, da Höhe und Tiefe eigentlich eins, wenn das Menſchenherz aus dem Gleichgewicht gekommen.— = —= 6 — 288— Und wie die Wimpel ſanft ziehen im Wind, wenn das Schifflein kerzengrad hinſtreicht auf'm glatten See, und wie der„Altweiberſommer“ ſo ſchmuck ſeine Silberfäden ſpinnt durch die herbſt⸗ rothe Welt— alſo zog und ſpann der wunder⸗ ſame Geſang ſich fort und wollte nicht enden. Auf den Zehen ſchlich Flori bis an den Rand des Felsſtocks und ſpähte weit vorgebeugt in die Fluth und ſpitzte die Ohren, denen das Wunder⸗ lied ſo wohl that... und ſieh' doch: was kam da hervor zwiſchen den Seelinſen? War's nicht ein Köpferl mit Weiberhaar und Weiberaugen? mit rothem fingendem Mündlein? mit friſchen Wangen, glitzernd vom Schaum der auf⸗ und ab⸗ gehenden Woge? Wie? hätte der arme Wurſtl Recht gehabt? War ſie kein Mährchen, die Sage vom Weibchen im See? Und auch ein paar weiße Händchen wie von Elfenbein kamen neben den friſchen Wangen zum Vorſchein, winkten dem Lauſchenden zierlich ent⸗ gegen, plätſcherten fein im Waſſer, und heller funkelten die Augen der ſeltſamen Erſcheinung, und, den Geſang unterbrechend, fragte der rothe Mund:„Florl, fangſt mich?“ Und neckiſch tauchte das Köpferl unter und wiederum auf, und wie muntre Schlangen ſpielten ſeine ſchwarzen Haare auf der Fluth.—„Fangſt mich? fangſt mich, Flori?“ Begierig ſchaute Florian zur Seite. Schau, ſchau: da lag noch das Fangnetz des kropfeten Wurſtl im Sande, und ſchnell bemeiſterte ſich der junge Mann des Werkzeugs, und warf das Netz aus in die Bucht. Schäckernd floh das ſchwim⸗ mende Köpfchen, ſcherzend näherte es ſich wieder dem Netz, gaukelte wie ein muthwilliger Fiſch hin und her, kicherte wie ein zum Lachen gekitzeltes Kind... und endlich, endlich purzelte das Weſen in das Fanggeräthe hinein, und mit zitternden Händen zog haſtig der Fiſcher den Schatz aus der Tiefe an's Land.„Jetzt haſt mich!“ gackerte luſtig das Weiblein, denn es war in der That ein Weiberl von Haut und Haar, wenn gleich winzig, wie ein Kind iſt, mit einem Jahre.— Deck' mich zu, trag' mich heim!“ befahl aus „ 5 5 Luſtige Geſchichten 1. ¹9 — 290— dem Netze das Weiberl, und Florian that, wie ihm geheißen, und trug ſeinen Fang wie ein Dieb davon. Auf denſelben Schleichpfaden, die er zum See gegangen, kehrte er heim. Die Beute war, wie gefangen, eben ſo leicht zu vertragen. Wäre ſie aber auch ſchwer geweſen, viele Centner ſchwer, der Florian wäre ihrer Meiſter geworden, denn von Stund' an war ihm die Bruſt frei, auf der die Wucht der Hölle gelegen, und aufrecht trug er das leichte Haupt, das ſchon unter's Joch des Böſen geknickt geweſen. Seine Blicke ſchweiften wiederum heiter zum Himmel auf, und er konnte ſagen ohne Hinterhalt und Hinderniß: Gott, ich danke dir, daß du mich geſund gemacht! Indeſſen juſt vor ſeiner Hütte wollte ihm wie⸗ der bange und teufliſch zu Muthe werden. Denn da zog die ſchwarze Schmeißfliege brummend und ſchnurrend ihre Kreiſe, und ſtieß wie ein wüthiger aber ohnmächtiger Geier auf die Bruſt und in's Geſicht des Florian, und ließ ſich vernehmen, als wollte ſie ſagen:„Gehſt weiter, du dummer Kerl mit deinem ſaubern Fiſch da? Unterſteh' dich, — 291— und trag' das Geſchmeiß da in deine Hütte, die ſchon mein iſt, wie du ſelber, du meineidiger Bub!“ Schier konnte ſich Florian dieſer barbariſchen Fliege nicht erwehren, und ſchon wieder war er ſo toll im Hirn geworden, daß er drauf und dran das Netz ſammt Inhalt in's kalte Geſtein getragen und in den Abgrund geſtürzt hätte.. aber auf einmal wurde das Weiberl wach, das ſich bis dahin ganz ſtill gehalten, lupfte das Tuch ober ſeinem Köpferl, und drohte mit dem kleinen Fäuſtl heraus und mit den Worten, ſo ſilbertönig und doch ſo drohend:„Ksss! Ksss! Marſchirſt? machſt dich durch, Schwarzer? Ksss! Ksss! wart' wart', wenn ich über dich komm'!!“— Und mit einem Krächzer, gegen den der Rabengeſang nur eine Kinderei, entfloh der Fliegenteufel in's Weite. „Alloh, Alloh! befahl das Weiberl dem Florian: mach' auf die Thür, daß wir hineinkommen in's Häusl! Mach' fort, du damiſche Schlafhaub'n!“ Und, wirklich noch ganz damiſch, that Flori, wie das Weiberl geheißen, ſchloß auf, ſchloß wieder hinter ihm zu, legte das Netz ſammt Weiberl auf ————— —— — 292— die Ofenbank nieder, und ſetzte ſich ermüdet da⸗ neben mit klopfendem Herzen und in Schweiß ge⸗ badet, als hätt' er einen Kampf auf Tod und Leben abgerauft und kaum die Haut davongetra⸗ gen. So reitet der Teufel Einen in der Ge⸗ ſchwindigkeit matt und müd.— Eine Weile war's hierauf ganz ſtill in dem Gemach des Kratzer⸗ brunnenbauern. Aber leislich, leislich, wie aus einem Ei der junge Vogel, alſo ſchälte ſich das Weiberl aus ſeinem Netze, kampelte ſich zuvörderſt mit den weißen Fingerchen die kohlſchwarzen Haare glatt und glänzend, rieb ſich die muntern Augen noch munterer, und hupf hupf ſetzte es mit einem Sprung von der Bank hernieder auf die Diele. Da ſtand es in einem weißen flatternden Kleide, mit nackten Füßchen, eine ſaubre Schürze um den Leib, und witterte mit dem ſtumpfen Näschen nach allen Winkeln hin, und ſein erſtes Wort war:„Pfui, pfui, wie ſtinkt's da, und wie rußig ſind doch Stub'n und Kammerl in der Hütt'n da! Geh, geh Flori, und ſchaff' mir Waſſer bei, eine Butt'n voll aus dem Kratzerbrunnen! der iſt heilig, den hat nicht der Menſch gegraben, ſondern der Herr ſelber, und mit heil'gem Waſſer wird alles rein, und ſäß' der Spadifanker ſelber im Haus. Geh, geh Flori!“ Als wie ein Träumender ging der Bauer und holte ein Schaff voll Waſſer. Wohl ſah er dem Brunnen gegenüber auf dem Baum die ſchwarze Fliege ſitzen; doch ſchien ſie ſchachmatt zu ſeyn, und rührte ſich nicht. Dergeſtalt brachte Florian ſein Waſſer ohne Hinderniß in die Stube, wo ſchon das Weiberl herumlief, ein paar Fetzen in den Händen, um ſeinem Waſchgeſchäft ohne Säu⸗ men obzuliegen.— In einem Nu war der Boden, waren die Wände überſchwemmt, und das Weiberl putzte und ſäuberte emſig am Getäfel, an den Bänken, ja ſelbſt an der Stubendecke, zu wel⸗ cher ſie an der Wand und über die Fenſter hinan⸗ lief, wie eine Katze. Derweilen überkam den Florian ein ſanfter Schlaf, wie ſchon lange nicht, und da er denn doch endlich daraus wieder erwachte, war Alles — 294— um ihn rein und bereits trocken; ein paar Bucheln brannten hellauf in der Stube, die ſo freundlich darein ſah, wie am Niklausabend in den Häuſern, wo brave liebe Kinder ſind.— Auf dem Boden feiner weißer Sand, grüne Zweigerl allenthalben am Getäfer aufgeſteckt, dazwiſchen da und dort kleine Spiegel, aus denen Lebendigkeit und Freude ſtrahlten, daß nur alles ſo funkelte. Ach, mein Gott, wie ſchön! rief Florian als wie verklärt, und wollte überraſcht und gerührt die Hände falten. Seine Rechte war indeſſen feſtgenommen, und ſo wie er ſich darnach um⸗ ſchaute, war's das Weiberl, das an dieſer rechten Hand herumwaſchelte und putzte und ſeifte, aber das ſo lind und ſänftiglich betrieb, daß dem guten Burſchen unausſprechlich wohlich um's Bruſttuch wurde. Was machſt Du da, Weiberl?—„Ich mach' Dich blank, Flori.“— Das iſt recht, Weiberl, aber warum haſt Du die alte Hütt'n ſo aufge⸗ ſchmückt, wie einen Tabernakel?—„s iſt heut ein Geburtstag, Florian.“— Ei, ei, ſag' an: weſſen Tag?—„Der Deinige, Florian. Denn Du warſt dem Herrn geſtorben, und biſt ihm heute wieder neu geboren worden.“— Ach mein, ach mein! Das wird ſchon ſeyn, ſo's Gottes Will“ iſt. Weiberl, Du machſt ein Wunderwerk in mei⸗ nem Häusl!—„No, iſt's nicht beſſer, als wenn Du jetzt auf'm Grund des Sees lägſt, und hätteſt mit dem Leben Deine Seligkeit verſpielt?“— Ach, Weiberl, ſag', wer biſt Du denn?— Da machte das Weiberl ein muthwilliges Schnoferl, ſchlug ein Schnippchen, und ſprang davon, geſchäftig in der Stube, in der Kammer ſich umhertreibend. Und immer frohmüthiger wurde dem Florian um's Herz, da er das G'ſchaftln des Weiberls mit anſah, dem Anſchein nach das Spie⸗ len eines kleinen nudelfetten Kindes. Eines reinen heitern Kindes Nähe und Geſellſchaft äber iſt hei⸗ lig, und ein rechter Balſam für den Sünder, der noch etwas vom Menſchen an ſich hat. Um wie viel mehr nun für den Florian, der nur einer plötzlichen Verirrung und Verblendung unter⸗ legen war? [ Der gewiſſe böſe Wind hatte gut draußen vor den hellen Fenſtern herumzuſchnauben, und zu klöpfeln an Wand und Scheiben; die erquickende 5 Kühle in der Hütte wehrte alſobald dem heißen Dunſt, der herein wollte, und zum Ueberfluß trom⸗ melte das Weiberl dann und wann mit ſeinen Handerln, wo der Wind pochte, und rief ſein wohlklingendes aber ernſthaftes:„Wart, wart, ich will dir!“— Und alſogleich war's ſtill, bald gar nichts mehr von der hölliſchen Schildwacht draußen zu ſpüren. Sodann deckte das Weiberl mit ſchneeweißem Linnen den Tiſch, trug auf, was die arme Küche bot, führte den Florian zum Eſſen, und bediente ihn. Das Weiberl ſelber aß nicht, und trank nicht, aber neben dem Hausherrn ſaß es, und redete mit ihm. Das war nicht deutſch, nicht wälſch geredet, und doch verſtand Florian ein jedes Wort, ſo wie auch ihn das Weiberl ver⸗ ſtand, und es erzählte ihm die wunderlichſten aber herzigſten Geſchichten, und pflanzte ſeinen Abend voll mit Blumen und plauderte ſelige Ruhe und ſüßen Frieden in ſein vor Kurzem noch ſo un⸗ friedſames Gemüth. Es wußte ſo ſchön zu reden von der Weihe ſeiner Heimath, des Gewäſſers, das geweſen, bevor der Herr den Klos der Erde hineingeſetzt; und wie das von Ihm geſegnete Waſſer die erſten Straßen in die Hochgebirge gearbeitet, und wie von ihm alles Gute über die Welt komme: die Fruchtbarkeit, die Mildigkeit, ſo wie der Reichthum, der im Schvoße des Geſteins wächst, auch vom Waſſer zu Tage geſpült worden. Das Weiberl redete auch viel vom Regen, der die Erde düngt, vom Thau, der die Nächte kühlt, die anſonſt den böſen Feuergeiſtern verfallen wären; von den Thränen der Liebe und der Qual end⸗ lich, die noch koſtbarere Perlen, als jene die im Meer und in der Muſchel geboren werden.. und alſo verging die Nacht, und das Morgen⸗ roth kam, und noch immer war Florian nicht ſatt geworden, dem Weiberl zuzuhören.— Dieſes machte dann ſelber der Unterhaltung ein Ende, indem es ſagte:„Jetzt iſt's genug; die böſe Macht iſt um die erſte Nacht gebracht.— Leg' Dich zur — 298— Ruh', bald weck' ich Dich und putz' ich Dich. Noch iſt das Siegel vom Krampus an Dir zu ſehen, das geht nicht auf's erſte Waſchen weg, aber mit Geduld und Luſt und Lieb' wird Alles gut. Daß Du mir aber nicht arbeiteſt, ſo lang der Brand noch zu ſehen! Doch Kirchengehen, das magſt Du, das iſt eine brave Salbe gegen's Feuer.“ Hierauf trappelte ſie im Häusl auf und ab; in den Keller, in die Ställe, in die Kuchl und die Scheuer, und Alles ſpiegelte und glanzte, da Florian mit dem Auge des Herrn ſeine Wirthſchaft zu beſchauen kam. Das Weiberl that, als ob es ſchon hundert Jahre auf'm Kratzerbrunnenbauern⸗ häusl im Dienſt geweſen wäre, und war bei der ſtrengen Arbeit bodenluſtig, hat gejodelt, gelacht und g'liſnet, daß es eine Pracht. Und über all ihrem Tagwerken iſt der Florian richtig in die Kirche gegangen. Mit wehmüthigem Gefühl trat er an die Ka⸗ pelle heran; ihm war, als ſey er ſchon eine Ewig⸗ keit nicht dort geweſen, und als ſey er jetzo des — 299— Eintritts im höchſten Grad unwürdig. Scheu betrachtete er ſeine rechte Hand: der hölliſche Flecken war noch immer ſichtbar, wenn gleich blau ver⸗ dämmernd.— Ich will Buße thun wie ein rechter Spitzbub; ſagte er ſich endlich entſchloſſen, der ängſtliche Florian, und vor der Kapellenthür warf er ſich auf die Kniee, während drinnen der Prieſter an der Spitze der ganzen Genoſſenſchaft von St. Wolfgang dem Herrn diente. Den Büßenden kümmerte wenig, daß die verſpäteten Kirchgäſte verwundert ihn betrachteten, der ſich gedemüthigt hatte, wie einer, der in Bann gethan; wenig, daß endlich auch die Meiſten von der in der Ka⸗ pelle verſammelten Gemeinde neugierig nach ihm die Blicke richteten. Trotz all dieſer Störung und Beſchämung fand er ſich Gottlob wieder in's Ge⸗ bet, und ſo oft ihm die Gedanken oder Worte ausgehen wollten, erhob er die Augen nach den Sprüchen über den Kirchthüren, und war dann jedesmal friſch geſammelt, geſtärkt und geweiht. Neid und Mißgunſt, Verbitterung und Frevelmuth waren aus ſeiner Seele gewichen, und des Him⸗ ——— — 300— mels Gnade mit ihm.— Wie bat er da ſo in⸗ brünſtig in ſeinem Gewiſſen den ehrlichen Pfarrer um Verzeihung, daß er ihn einen faulen Schlem⸗ mer geſcholten, und des Huberbauern Dienſtleute, daß er ihnen die Lieb' mißgönnt, und den Forel⸗ lenhanſel und deſſen Familie, daß er ſie, ihrem häuslichen Glück zürnend, ein Lumpenvolk geheißen! Auf einmal jedoch redete Einer in ſeine An⸗ dacht hinein. Ueber das Mäuerl, von dem der Kapellen⸗ platz eingefangen, rief eine heiſere Stimme ihm halb heimlich zu: Was iſt, daß Du da auf den Knieen rutſcheſt, und dem heiligen Wolfgang die Füß' abbeißeſt, und derweilen verſäumſt Du da⸗ heim Dein Glück? Geh geſchwind nacher Haus. Das Glück wartet dort auf Dich, und bringt Dir Geld wie Heu! Florian drehte ſich um, und ſah da einen ziemlich ſchiechen und ſchielenden Buben, der über das Mäuerl zu ihm geredet. Das Ausſehen des Kameraden war verdächtig.(Der alte Marx hätté auch wohl einen ſchönern Botengänger aufſuchen — S— können; wird aber wohl keinen andern bei der Hand gehabt haben.) Der Florian merkte das Verdächtige, und ant⸗ wortete dem Aufmahner: Entweder iſt, was Du ſagſt, wahr, oder's iſt erlogen. Iſt's erlogen, warum belügſt und ſtörſt Du mich? Und iſt's was rechtes mit dem Glück, daß es mit Ehren kommt, ſo wird's auch auf mich warten. Siehſt, was da oben geſchrieben ſteht?„Kirchengeh'n verſäumt Dir nichts!“ Urplötzlich verſchwand der ſchielige Bub.— Da kamen ein paar Bettelleut' über den Kapellen⸗ platz und Florian gab ihnen, was er hatte.— Auf einmal ruft ihm eine andre Stimm' über'm Mäuerl zu:„Wie kannſt der Bagage da was ſchenken, und haſt doch ſelber nichts, Du armer Schelm?“ Fahr' ab, Satanas! erwiederte jedoch Florian, und zeigte auf die zweite Inſchrift:„Armen Gut's thun, ſchadt' Dir nichts!“ Da ließ ſich die Stimme nimmer hören, und mitlerweile war der Gottesdienſt aus, und Florian — 302— begab ſich wohlzufrieden nach ſeiner Hütte. Siehe, da war alles luſtig und lebendig. Im Höflein lief ein Haufen Federvieh, in dem Stall muhten ein paar Kühe, blöckten ein paar Kälber.— Weiberl, Weiberl, was iſt das? rief Florian ver⸗ wundert, denn das Weiblein in ſeinem blanken Hemdchen regierte Alles, ſtreute Futter, melkte die Kühe, war überall, oben und unten. „Das hat Dir Alles die Vefi geſchickt; ant⸗ wortete das Weiberl: ſie heirathet über acht Tage den reichen Müller im Stadtl, und Du ſollſt zur Hochzeit kommen.“— Ach mein! das Glück! ſagte dankbar und be⸗ haglich der Kratzerbrunnenbauer, nahm das Weiberl um den Leib, ſetzte es auf den Tiſch, ſich ſelber davor, und fuhr fort: Weiberl, Du haſt mir's Glück gebracht. Wie ſoll ich Dir danken? was ſoll ich Dir zum Lohn geben? Das Weiberl hat geſchmunzelt und darauf ge⸗ ſagt:„Hörſt, weißt was? Nur nichts vom Lohn reden, ſonſt muß ich fort, und Du ſiehſt mich nimmer wieder.“ So, ſo? Wird nicht ſeyn, Weiberl? Du ſollſt ewig bei mir bleiben! Das Weiberl ſchmunzelte wieder, ſagend:„Das wird halt auch nicht ſeyn können. Ich bleib' nur, bis ich Dich und's Häusl ganz rein gewaſchen. Zeig' die Hand!“ Florian that, wie geheißen. Das Brand⸗ mal des ſaubern Urgroßvaters war weg, ohne eine Spur zu hinterlaſſen.— In ſeiner Freude umarmte Flori das Weiberl, und hätt' ihm wahr⸗ haftig ein Buſſel gegeben— aber im Nu ſaß das Weiberl hoch auf'm Ofen, drohte mit dem Finger und rief:„Du! brav ſeyn! Was ſoll das Geſchleck? Noch einmal, und ich laß den Krampus herein, der immer noch draußen auf Dich lauert!“ Nun, nun, verzeih mir, Weiberl. Will's nim⸗ mer thun.. aber ich möcht' ſchon, Du wärſt ein Erdenweiberl, und das meinige obendrein... wir wollten gut hauſen miteinander! Da krähte das Weiberl lachend auf, hielt 6 die Seiten vor eitel Gekicher, und entgegnete: „Wärſt mir ein lieber Bub, ſchau, ſchau! Biſt 2* —— ſchon verſprochen oder nicht? Du falſches Manns⸗ bild, wart, wart!“ Das war nun freilich ein Schuß gerad' in Flori's Herz hinein. Die Hedwig ſtand in Leibs⸗ und Lebensgröße vor ſeinem aufgeſchüchterten Ge⸗ wiſſen.— Ach, die Hedwig, die ſelber ſo falſch, ſelber ſo ungetreu! Und doch ſchämte ſich Florian nicht wenig. Hatte er nicht ſeit ein paar Tagen oft genug gedroht, die Hedwig ſolle ſich zu todt weinen, zu todt ärgern über ſein eigen Glück?— Daß er dem hölliſchen Glück aus dem Weg ge⸗ gangen, freute ihn jetzv, aber um ſo mehr ſchmerz⸗ ten ihn die Drohungen und Verwünſchungen, die er gegen ſeines Herzens erſte und einzige Lieb' ausgeſtoßen. So, daß ihm die Thränen aus den Augen rodelten, und er mit gefalteten Händen zum Himmel rief:„Ach Herr dort droben, ach Vater, ach Mutter, bittet doch ſchön, daß der Hedwig für ihre Falſchheit nichts geſchieht. Sie ſoll glücklich leben und geſund und fröhlich ſeyn und liebe Kinder kriegen! Ach, was kann der Menſch für ſeine Veränderlichkeit? Und bin ich * ⸗ — 305— nicht ſelber dran geweſen, ein grundſchlechter Kerl und Teufelshöriger zu werden?“ Darüber ſchlenkerte auf dem Ofen das Weiberl ſeine Beinchen vor Vergnügen, in ſich hinein⸗ wispernd:„Iſt doch ein rarer Bub, der Florian!“ — Saß auch auf einmal wieder vor ihn auf den Tiſch, ſtreichelte ihm mit ihren kühlen weißen Handerlu die Wangen, und redete ihm zu:„Weine nicht; Du haſt's nicht noth!“— Rieb ihm auch mit ihrem Schürzl die Augen und die Naſe rein von Zähren, die Stirne trocken vom Angſtſchweiß. Dann ſagte das Weiberl mit Freundlichkeit, aber ſo gewiß mit argliſtigen Blicken aus ſeinen ſchwarzen Guckern:„Biſt brav, Florian, biſt doch ein Extramannsbild. Weißt? für Deine Brav⸗ heit will ich Dir was ſchenken?“ „Mir?“ fragte Florian aufmerkſam werdend, und dachte, dabei ſich an des kropfeten Wurſtl Erzählung erinnernd, das Weiberl werde ihm alſo⸗ gleich ein paar Handvoll Perlen, einen Hutkopf voll von Demanten über den Tiſch regnen laſſen. — Das Weiberl hupfte aber auf'n Boden, winkte Luſtige Geſchichten 1 20 —— E 2* — — dem Bauer geheimnißvoll, und flüſterte:„Folge mir! Laß Dir Zeit; komm, komm fein langſam und red' kein Wort!“ Der Florian mußte ſchon in Allem thun, was das Weiberl begehrte; und ſo folgte er ihm denn voll von Erwartung. Es glitt vor ihm her in den ſchmalen Hausflur, durch die Kellerthür, die Stiege hinab, in den finſterſten Winkel des Kellers. Wo es aber ging und ſtand, war's hell und hei⸗ ter wie vom ſanften Morgenſchein. Draußen hob plötzlich ein Wind an, als wäre das gröbſte Wetter aus dem„kalten Geſtein“ im Anzuge, und im Hauſe oben knarrte und krachte und knackte es in allen Sparren.—„He, was gibt's denn da?“ fragte Florian mit verhaltner Stimme.— Das Weiberl hierauf:„Stat ſeyn,'s iſt nichts, ſtat ſeyn! Und heb' einmal den Stein da auf!“ „Auweh, heiß, heiß!“ ſeufzte Florian, nach⸗ dem er zugegriffen. „Kuraſchi!“ ermahnte das Weiberl,— und richtig ging's ſchneller und beſſer, als Florian gedacht. Der Stein wich, putzelte zur Seite, — 307— und eine ſchöne Beſcheerung lag nun vor den Augen des Kratzerbrunnenbauern. Ein Schatz; ein ächter und rechter Schatz, goldig und ſilbern durcheinander funkelnd, zum Heben üppig einladend. Aber— aber, es hatte damit ſein Hackl. Nicht der Sturm, der um's Haus herumtobte, als wolle er das Dach weg⸗ führen, und die Mauern auseinander blaſen wie Spreu,— nicht der Sturm war's, der vom Ein⸗ ſackeln des Schatzes abhielt;— das war nur eitel Spektakel, und nichts dahinter. Aber im Neſt des Gold⸗ und Silberſchatzes ſelber ſaß ei⸗ gentlich der hölliſche Nagel, der teufliſche Butzen. Es war in der That ein Neſt— aber ein feuri⸗ ges aus blauen züngelnden Flammen gewebt; ein Vogelneſt, aber eines wunderlichen, ja grauslichen Vogels, der zwar da ſaß, wie der aus dem Feuer neugeborne Phönix;.. aber ein ſauberer Phönir, das!! „Weiberl, das Vich wird mich beißen!“ ſtot⸗ terte Florian, zurückfahrend vor der Beſtie mit Greifenflügeln, mit Geierkrallen und mit dem bos⸗ — 308— haftigſten rothbartigſten Hahnengeſicht, das ſich ein Fieberkranker in ſeinen Angſtträumen vorſtellen mag. „Das Vich iſt der Baſilisk, ein Drach' aus dem FF!!“ antwortete drauf das Weiberl:„ich will ihm aber ſchon den Gift nehmen.— Da, Rothkopfeter!“— Bei dieſen Worten zog das Weiberl ein kleines Schaffl unter der Schürze hervor, und ſchüttete den Baßilisk an. Puh! wie ſprühten ſeine Hörner, wie pfausten ſeine Teufels⸗ federn., wie ſchwoll da an ſein blutrother Kamm! Den Schnabel, den glühigen, ſperrte er auf, um ſein hölliſches„Kikeriki“ herauszugrillen, während ſein Leib Funken ſtäubte, mehr als genug.— Aber:...„Willſt die Goſchen halten?“ eiferte das Weiberl, und ſpritzte ihn dergeſtalt an, daß er ſich duckte, ſein Feuer in Dampf ausgehen ließ, und mit den Flügeln wachelte, wie im Ver⸗ enden, ſo daß auch das Neſt abglühte und deſſen Flammen in dickem Rauch wurz auslöſchten.— „Jetzt ſchlag' dem Heidenvogel eins über'n Schädel!“ befahl das Weiberl, und mit einem — 30 herzhaften„Hilf Gott!“ bediente Florian, den Stein ſchwingend, dieſen ſonderbaren Phönir der⸗ geſtalt, daß er ſich bald wälzte im Sand und Aſche, und endlich that, was er gleich anfangs hätte thun ſollen: er verſchwand;— in einem heftigen Platzer verrollte auch draußen das Wetter, und nur der Schatz— kein Blendwerk, ſondern braves ausgewachſenes und ausgemünztes Gold und Silber, blieb zur Stelle zurück. „Da ſchau,“ ſagte nun das Weiberl:„das iſts, warum Dein Altvater Marx ſeine Seligkeit dem Böſen verſchrieben. Gold haben, um es zu vergraben, und ſich am Anſchau'n deſſelben zu laben, das war ſeine Dummheit. Jetzo iſt's mit dem Teufelsbann aus und vorbei. Ich ſchenk Dir den ganzen Plunder da!“ „Wie, was?“ rief Florian aus, und ſchlug die Hände wie außer ſich über'm Haupt zuſam⸗ men:„Das viele Gold und Silber da ſoll mein ſeyn?“ „Ja doch, ja! Pack's ein; da liegt ein Sack. oder wart', wenn Du Dich nicht trauſt, — 310— ich bin ſchon ſo keck!“— Alſo redend ſtieß das Weiberl den Schatz rüſtig in den Sack, und ging damit, gleichſam als trüge es nur eine Feder hinweg, vorauf in's Haus und in die Stube, wo es den ganzen Schmarr'n auf den Tiſch warf. Mit begierigen Augen ſah ihm Florian zu. Und das Weiberl hob wieder an:„Da, zähl' und freue Dich des Lebens, Flori. Frag' jetzo den Kaiſer, was ſein Land gilt; Du kannſt es bezahlen. Und in einem fürſtlichen G⸗ſchloß kannſt jetzt wohnen, und— Herz, was begehrſt Du— Alles iſt Dein, wenn Du nur willſt?“— Schaute dabei den Florian von der Seite an, und ſchmun⸗ zelte argliſtig. Aber der gute Kerl bedachte ſich nicht lange, und verſetzte:„Das werd' ich wohl bleiben laſſen, Weiberl, und mich wundert's, daß Du mir alſo rathen magſt. Das ungerechte Gut da würde mir nur zu Teufels Dank gedeihen. Nein, nein; die Hand von der Butt'n; daraus wird nichts. Arm, aber ehrlich ſeyn, das will ich. Das wär' ein Freſſen für den Halbbrandler, wenn ich da . ——— — 311— zugriffe. Nichts da; das Geld muß aus'm Häusl, ſonſt kehrt der Friede nicht darinnen ein.“ „So?“ ſtellte ſich das Weiberl ganz einfältig an:„Was willſt denn mit dem Schatz anfangen, Du heiklicher Bettelmann?“ „Das ſoll mir der Pfarrer ſagen; dem bring ich das Diebs⸗ und Wuchergeld. Und wenn auch diejenigen, denen der alte Marx es geſtohlen, nicht mehr bei Leben und ihre Erben unbekannt, ſo gibt's doch noch Leut', denen dieſes Gold zum Segen ſeyn wird, ſo wie mir es zum Verderben wäre!“ Da ſchnackelte das Weiberl hellauf, und ſchrie: „Biſt doch ein rarer Bub!“ hupfte an dem Flo⸗ rian in die Höhe und gab ihm ein rechtes Schmatzerl; hielt ſich dann geſchamig das Schürzl vor die Augen, und lief, was es konnte, davon. Das Buſſerl aber war dem Kratzerbrunnen⸗ bauer ein rechter Baldrian und Enzian, der ihn froh und ſtark machte. Zur Stund' nahm er die goldne Teufelsbeſcheerung auf den Buckel, und trug ſie in den Pfarrhof.— Dort wurde ihm — 312— Lob und Segen, und den Armen der Umgegend eine reiche Spende; denn heute ſteht wohlgegrün⸗ det bei St. Wolfgang ein Spital für dürftige und breſthafte Leute, die aus dem Sündengeld des Marx verpflegt werden. Und auch der„kropfete Wurſtl“ hat ein hübſch Stück Geld bekommen, da er dem Florian zu allererſt vom Waſchweiberl erzählt, und da mit ſeinem Retz es gefangen worden. Und von ſelbem Tag war Florian an Ehren reich, und genannt als des Landes Wohl⸗ thäter.— Wie er nun vom Pfarrhof, ſeines Schatzes ledig, aber voll von edelm Bewußtſeyn, heimwärts ging— die Sonne machte ſich ſo mild und freund⸗ lich zum Untergehen fertig— blieb er vor der Hütte des alten Wamsler ſtehen, und guckte durch's Fenſterl in die Werkſtatt. Der Wamsler war ein gelernter und gereister Schuſter, und fleißig ſaß er noch auf ſeinem Pechſchemel. „Guten Abend, Kratzerbrunnenbauer!“ rief er heraus:„ſchaffſt was? Wär' Dir was lieb?“ „Was haſt denn da für ſchöne ſchöne rothe — 313— Schücherl?“ fragte Florian entgegen:„die glan⸗ zen und blitzen ja wie die ſchönſten Hetſche⸗ petſch.. 7*) „Die ſind für des Mayerhöflers jüngſtes Dirndl, ein herzigſaubres Wutzerl von noch nicht zwei Jahren; hat Fußerln, ſo klein, als wär's juſt erſt auf die Welt gekommen.“— „Du, Wamsler, Lieberl, Du: gib mir die Schücherl; kannſt dem Mayerhöfler ein paar an⸗ dere machen, weißt? Willſt?“ „Hm, wozu brauchſt Du ſchon die Waar', Florian? Oder— willſt Kindtauf' und Hochzeit zur gleichen Zeit halten?“ „Geh' weiter, Pechvogel, halt's Maul, ich bitt' Dich. Aber meine Schweſter, die Wabi hat ein Madl kriegt, merkſt was? g'ſpürſt was? und übermorgen iſt die Tauf', und ich möcht' die Schücherl einbinden?“— „Nun, ſo nimm ſie halt in Gott'snamen mit, Flori. Der Mayerhöfler kann noch ein biſſel war⸗ *) Hagebutten. — 314— ten. aber neun Silberzehner macht's... da kann ich kein'n Haller ablaſſen.“ „Sollſt ſie haben, ſchon am Sonntag, und ollt' ich ſelber Schuh' und Strümpf' verkaufen!“ ſagte Florian luſtig, nahm die rothen Schuhe vom Fenſterbrett, und wanderte ſingend ſeiner Hütte zu.— Unterwegs wandelte ihn eine rechte Sehn⸗ ſucht nach der Hedwig an.„Ja,“ dachte er, „wenn ſie daheim ſäße, und wär' mein Weiberl, und hätt' ein Kindl auf'm Schvoß, und ich brächt' dem Madl die herzigen Schuh'... das wär' frei⸗ lich viel feiner! Prrr! weiß nicht, was das Waſch⸗ weiberl in ſein Buſſerl gethan hat, das mich ſo kurios lebig macht? Ich möcht' beim Eid, ſingen und tanzen, jodeln und fenſterln gehn, weiben und Vater ſeyn! Das Waſchweiberl verſteht's, und wenn's ein paar Spanw'lang größer wär.. 2 aber nein, pfui ſag' ich: das ißt nicht und trinkt nicht, und treibt Zauberei...! ach nein, das wär' nichts für einen braven Chriſten.... damit Punk⸗ tum!— Die Hedwig... ach die Hedwig! ach, ich hab' noch keine ſo lieb gehabt, als ſelbiges — 315— falſches Madl, und werd's auch nicht, und werd's nicht, in Ewigkeit nicht!“ „ Nicht, nicht, nicht!“ zwitſcherten ihm die Schwalben unter ſeines Hauſes Vordach im vollen Chor hinundherſchwirrend nach. In der Hütte ſelbſt ſah es aber wo möglich noch feſtlicher und ſauberer aus, als am Morgen, und das Weiberl zwirbelte, alle Hände voll zu thun, wie eine luſtig und lebendig gewordene Dockn in Mitten all' der Herrlichkeit herum. Der Florian auf das Weiberl zu, dankbar, froh, ſeelenvergnügt, und ſtreckt ihm die rothen Schücherl entgegen, und ruft:„Da ſchau, was ich Dir mitbringe als ein Geſchenk! Sollſt Dir nicht Deine herzigen Fußerln ſo ewig verkühlen auf dem kalten Sand da, oder gar einmal in einen Dorn oder Glasſcherben treten! Da nimm zum ringen Lohn, aber mit meinem heißeſten Dank die ſchöne rothe Waar' und trag' ſie mir zum Angedenken!“ Da floh aber, ſtatt heranzutänzeln, wie es ſonſt im Brauch hatte, das Weiberl vor dem glücklichen Schenker zurück, und rief ihm zu:„O weh, o weh! ſo hat ſchon mein Dienſt bei Dir ein Ende, und ich muß ſchon fort von Dir, gleich jetzt, gleich jetzt?“ Der Florian war vertattert von ſolcher Ant⸗ wort, und jetzo erſt erinnerte er ſich der ſchon gehörten Verwarnung, ja dem Weiberl nichts zu Geſchenk und Lohn anzutragen. Zu ſpät jedoch. „Ade! Ade! haſt mir den Abſchied gegeben, darf länger nicht mehr bei Dir leben! Ade, Ade, mein Florian! ſchaff' Dir ein andres Weiberl an!— Noch dieſes und nicht mehr!“ rief das Weiberl aus, und da es kein Binkerl zu ſchnüren brauchte, um reiſefertig zu ſeyn, ſo war's auch alſobald der Hütte entlaufen, und wutzelte von dannen, wie ein Blatt, getrieben vom ſpielenden Winde.—„Halt auf, halt auf!“ ſchrie dagegen Florian, und ſetzte, ohne recht zu wiſſen, was er that, dem Weiberl nach Das hat nun eine wunderſeltſamliche Jagd gegeben, und mit natürlichen Dingen iſt es dabei jedenfalls nicht hergegangen; denn ſo viele Leute auch auf Wegen und Stegen dem fliehenden Wei⸗ berl und ſeinem Verfolger begegneten, ſo mußten ſie doch ſämmtlich mit Blindheit geſchlagen ſeyn, weil ſie ganz unbekümmert, ohne nur den Kopf umzudrehen, ihre Straße hingingen.— So hatte Florian alle Freiheit, ſein Wild zu jagen, und wurde dabei tüchtig genarrt. Denn vielmal hat ſich das Weiberl ein paar hundert Schritte weit von ihm niedergeſetzt, gleichſam um zu rraſten, und wenn er bis auf Klafterlänge ihm nahege⸗ kommen, und ihm bis tief in die Augen voll Schelmerei geſehen, vermeinend, ſeines Fangs ſicher zu ſeyn, hat ſich's plötzlich wieder aufgeſchwungen, und heidi über Staub und Laub davon gemacht, auch allerlei ſpöttiſche Redensarten dabei ausge⸗ ſtoßen, wie:„Haſt mich bald?“—„Fangſt mich?“—„Ach mein Flori, ſo komm' doch!“— Und das Geföppel dauerte fort und fort, bis die bewußte Seebucht erreicht war, und mit einem gellenden„Ade! Ade!“ das Weiberl ſich jubelnd hinabſtürzte in die Fluth. Da ſtand Florian wie ein Bild ohne Gnad', — 318— mit langer Naſe und wildklopfendem Herzen, und wartete nur, daß ihn der Boden verſchlinge; denn das Weiberl dahin, ſeine Freud' dahin! Das war ſein einziger Gedanke.— Horch aber... wie ſchön ſingt es heraus aus den ſilberflimmern⸗ den Kreiſen, worinnen das Weiberl auf⸗ und nie⸗ dertaucht? Wie hell klingt das Stimmchen des Seefräuleins, zugleich wie troſtreich, was es ſingt, wenn ſchon dem Florian noch vor der Hand ein Räthſel? Traure nicht, wenn ich von Dir geſchieden, Erhalte Deinen neugebornen Frieden! Was ich gethan mit treuen Händen Wird eine Andre ſchon vollenden! Und mit den triefenden getreuen Händen deutete das Weiberl in den vom Abendſonnengold widerſtrahlenden See hinaus. Dort ſtrich ein Schiff daher, das Botenſchifflein aus der Stadt, und es kam heran, ſchnell wie der Wind. Das Weiberl ſang luſtig, hin und herſchaukelnd, dazu: Denk' mit Freud' an mich zurück, Das Schiffl, Flori, bringt Dir Glück! — 319— Schnackelte und almerte noch einmal lebendig, das Weiberl, wurde dann plötzlich mit dem Ruf: „Wart, wart, Du Landſtreicherin, biſt mal wie⸗ der da?“ von ſeinem Waſſermännlein unter die Wellen gezogen, und fürder nicht mehr geſehen — das Weiberl.— Dafür kam mächtig das Schifflein heran, und vorauf zwiſchen den Ruderern ſtand in wehenden Gewändern eine Frauengeſtalt und wedelte mit ihrem Tüchl in die Luft, dem Strand entgegen. Lange meinte Florian, der Abendglaſt blende ſeine falkenſcharfen Augen... aber nein, nein! Kaum war er bis zur Lände hinabgeſprungen, ſo war er auch ſeiner Sache gewiß: Hedwig, die rechte Hedwig, ſein' Lieb', ſein Leben, ſtand vorn auf dem Einbaum, und ſo betroffen Er herausſtaxte: „Ach mein! biſt Du's denn wirklich!“ ſo wild⸗ fröhlich ſchrie ſie ihm entgegen:„Flori, mein Florl, grüß' Gott! Da haſt mich, und für alle⸗ zeit!“—— Sie heraus an's Land, Er, weinend, und lachend in ihre Arme. Da war keine Zeit zu — 320— Vorwürfen, zum Abrechnen, aber der Buſſerln ſo viel viele! Die Jungen unter den Schiffleuten klopften tapfer in die Hände, und juchezten, daß Berg und Wald rebelliſch wurden und mitmach⸗ ten; die Alten ſpürten, wie ihnen die Augen über⸗ gingen, und ſchnupften herzhafte Priſen Taback, und konnten ſich dito herzhaft ausnießen, bis end⸗ lich die Umarmung ein Ende nahm. Da fragte Hedwig:„Gelt, lieber Bub, Du verzeihſt der Frau Mahm ihre Dummheit, und was ſie Dir geſchrieben vom Schwaben-Dresl, und was ſie Dir gemeldet durch den Schlankl, den Schieferjackl?'s hat ein Spaß ſeyn ſollen, um Deine Treu' auf die Prob' zu ſtellen, und ob Du ſelber kommen würdeſt in's Landl hinaus mit brinnrothem Kopf, und's Herz voll Eiferſucht. Schau, mir haben ſie davon nichts geſagt, ich hätt's nicht gelitten, denn mit der rechten Lieb' ſoll man nicht Scherz treiben.... aber geſtern hat die Mahm in ihrer Herzensangſt, weil nichts von Dir zu ſehen und zu hören, die Dummheit aus⸗ geplauſcht, und ich bin, wie ich geh' und ſteh' ausgeriſſen, um Dir Troſt zu bringen, und Dein Bräutl ſelber, wie's gewachſen iſt! He, Florl? biſt gut, biſt brav, nicht wahr? Ich kann ja nichts dafür, und es iſt Alles, ja Alles verlogen!!“ Na, der Florian! wie aber der jetzt dageſtan⸗ den iſt! Zuerſt als ein Salzſtock wie ſchon ein⸗ mal, dann wie ein Benebelter, dann wie ein Eſel, und endlich— nachdem er erſt Alles begriffen, verſtanden— als wie ein ſeliger Geiſt! Na, das Vergnügen, die Frend'! Gott ſegne Dir's, Flo⸗ rian!—— Da war nur mehr eins möglich: das Hoch⸗ zeitmachen. Und weil der Flori ſo brav war und ſo brav die Hedwig, und ſo gar brav der geiſt⸗ uche Herr, ſo haben die Leutln frei gleich nach der Veſi ihren Ehrentag gehabt, und von dem Tag an allen Segen, und bald haben des Wams⸗ ler rothe Schücherl wiſſen können, auf wen ſie eigentlich zu warten hatten. Aber noch eins: In der Nacht vor'm Hoch⸗ zeittag, wer klopft beim Flori an das Fenſter, und ſagt:„Bitt' ſchön, komm ein biſſel heraus?“ Luſtige Geſchichten I. 21 4— Niemand anders als der alte Marx.— Iſt jetzo ganz weiß geweſen bis auf den linken Fuß, hat nur wenig g'lammelt und Feuer gepfutzt. Und geſagt hat er:„Gott vergelt' Dir's und alle Heiligen, was Du an mir gethan! Ich hab' an Dir den ſchlechten Kerl machen wollen, und Du haſt mich, weil Du das Teufelsgeld den Armen geſchenkt, zu drei Viertel ſelig geſprochen. Jetzt kann ich alter Schippl noch hoffen, in's himm⸗ liſche Spital zu kommen! Darum Gratias! und bet' nur brav für mich!“ „Amen!“ hat der Florian geſagt, und der Viertelsbrandler iſt verſchwunden ohne ſonder⸗ lichen Stank, und nimmer wiedergekommen; denn die Hedwig hat brav ausgeführt, was das Waſch⸗ weiberl angefangen, und hat keinen Teufel mehr in des Kratzerbrunnenbauern Hütte eingelaſſen; dagegen ſchöne und gute Kinder grad genug, und alle Morgen die alte Lieb', ſo über Nacht immer wieder jung geworden.—— H8