rde i in ciehen Schoßgaſſe Lit A. Nr. 256. eih- und Tefe eſehedingungen. onenem der Bibliothek. Die Bibliother ſteht zur 6 is offen. Lesepreis. Bei R abe eines geliehenen Buches wird von ſeit Tag 5 Pf. bezahlt. ie Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe für tnun 2 Bücher: 4 ßücher: 6 Bücher: S Monat: 1. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mr.— pf. 2 Suriige Ahonnenten haben für Sin⸗ und Zurlickſen endung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und 2 i erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines n Werkes, ſo iſt der um Erſatz des Ganzen verpflichtet. eihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſeht und wird veſohders darauf aufmerkſam gemacht, daß das eiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. defecte Bücher(namentlich bei ſolchen“ mit Kupfern c.) muß der abe der Bücher jeden Tag von Morgens 6 welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet I wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus vezahlt werden und Der Erzähler aus der Peimath und Fremde. Originalerzählungen und Ueberſetzungen. Herausgegeben⸗ von Carl Spindler. Jahrgang 1 8 48. Zweiter Band. ————————— „Stuttgart, Franckh'ſche Verlagshandlung. ———— . Inhalt. Aufſchneidereien des Touriſten Langenſtrick: genannt: „Grand Fusil.“(Fragmente aus ſeinen Memoiren.) Von C. Spindler Die gefahrbolle Nacht. Nach dem Engliſchen. Die Kerzen des Teufels. Nach Louiſe Boyeldieu d'Auvigny. von K. Schmitt. Juan Moreda der Sklavenjäger. Nach dem Engliſchen Der Mexicaner. Nach Paul Dupleſſis von Auguſt Zoller Das Mädchen aus Creta. Novelle nach dem Engliſchen von Edmund Zoller Die beiden Spitzbuben. Erzählung nach dem Berberiſchen des Ahmed⸗ben⸗Abd⸗Ebn⸗Abu⸗Mehalli, aus der Wüſte Mlela Eine ungedruckte Liebe von Lord Byron. Nach Ar⸗ ſene Souſſahe Seite 4 45 7 102 13 163 3 267 291 2 304 — Aufſchneidereien des Touriſten Langenſtrick, genannt:„Grand-Fusil.“ (Fragmente aus ſeinen Memoiren.) 8 Von C. Spindler. — Abenteuer zu Flätz. ndem ich, geneigter Leſer, dieſe„Aufzeichnungen aus dem Leben eines nicht geborenen Touriſten“ beginne,*) fällt mir ein Witz ein, den ich gleich loslaſſen muß. Nämlich das Reiſen iſt ein wahres Alterthum von einer Gewohnheit, denn Adam ſchon iſt aus dem Paradieſe ausge⸗ riſſen!— Geneigteſter, wie gefällt Ihnen das? Hätten Sie, edler Leſer, dergleichen ſtolzen Humor hinter mir geſucht? Hinter mir, der ich ſo man⸗ ches Jahr hindurch in Herzeleid„gemacht,“ mit Traurigkeit gehandelt?— Ich bin alſo, deutſch geſagt, ein paar Jahre für ein Haus ) Das nicht⸗ wird für einen Druckfehler ausgegeben, iſt aber eine ſcherzhafte Entſtellung, ein Jur. Der Erzähler 1848. I. 1 2 gereiſt, das hauptſächlich„en articles de deuil“ Geſchäfte machte, und bin unter anderm auch einmal, mit meinem Muſterkiſtchen, in den Eilwagen geſtiegen, der von meiner Re⸗ ſidenz nach Flätz abzugehen pflegte. Wie der„Geneigteſte“ noch aus der Schule weiß, ſo liegt das Fürſtenthum Flätz unter dem Grade X des Aequators, zwi⸗ ſchen dem großen und kleinen Bären mitten inne, und die mitter⸗ nächtliche Abweichung der Magnetnadel iſt dort unbedeutend, das klimariſche Verhältniß gemäßigt. Das Land Flätz hat zwei Meilen in ſeiner ſüdlichſten Länge, und anderthalb Stunden in ſeiner nördlichſten Breite. Es wird abgetheilt in das Niederland und ins Hochrepier: das erſtere leidlich kultivirt und mit der Haupt⸗ ſtadt Flätz verſehen; das letztere eitel Gebirg und Wald, worin⸗ nen ein fürſtlich Jagdſchloß und ein paar im Forſt vergrabene Dorfneſter mit viel Schmutz und wenig Kaufmannsſinn. Der wilde Strom„Katzengang“ trennt das Nieder⸗ vom Oberland und vice versa; an welchem„Katzengang“ die⸗ jenige Vorſtadt von Flätz belegen, die ſowohl in Chroniken als im Volksmund unter dem bedeutſamen Namen„Bhüt' Gott“ bekannt iſt.— Ich nenne eben nur mißbräuchlicherweiſe, weil nach uraltem Brauch, das Land Flätz ein Fürſtenthum. Der berühmte Welt⸗ umſegler Jean Paul, geborner Richter von Wunſtedel, hat es als ein ſolches entdeckt und in die Geographie eingeführt.— — Seitdem aber Fürſt Irenäus, der Großvater des Fürſten Klaudius und nach demſelben der Fürſt⸗Enkel Klaudius ſelber mit tödtlichem Hintritt, aber ohne Nachtritt von directen Leibes⸗ erben zur ewigen Ruhe einzugehen allerhöchſt geruht haben, 3 ⸗ ſind zwei Reiche aus dem einen gemacht worden, und zwar unter ganz eigenen Vermittelungen und Betitelungen, Verhält⸗ niſſen und Geltniſſen. Der neue Beherrſcher des Niederlands Flätz und ſehr weitläufiger Neffe der verewigten Durchlaucht, der Fürſt Petrokis, war einmal in wallachiſchen oder moldauiſchen Staatsämtern geweſen, und hatte ſich, in dankbarer Erinnerung an jene glückſeligen Zuſtände, bei ſeinem Regierungsantritt zu einem „Hoſpodar“ von Niederflätz befördert. Der Regent des Hochreviers dagegen, zuſuf der Erſte, gleichfalls ein höchſt⸗ ja äußerſthöchſtweitläufiger Neffe der verewigten Durchlaucht, der einſt bei der Hohen Pforte als hoher Militär geſtanden, hat die Würde eines Dey und Beh von Oberflätz angenommen. Die Deh⸗ und Beyſchaft und das Hoſpodariat befinden ſich, was das Volk angeht, im beſten Einberſtändniſſe; nur die Fürſten mögen einander nicht riechen, wie man zu ſagen pflegt, leben trotzig geſchieden, einer hüben, der andre drüben, und thun ſich ſo viel Tort und Dampf an, als ſie nur kön⸗ nen, unbeſchadet der Völkerrechte und der Flätziſchen Conſti⸗ tution. 6 Ich habe dieſen kleinen Konkurs in der Erdbeſchreibung gemacht, um dem„Geneigteſten“ der vielleicht nicht viel gereiſt iſt, einen gewiſſen Vorſchmack von dem Lande zu geben, das ich bereiſen wollte, als ich, wie oben bemerkt, in den Eil⸗ wagen ſtieg, der die Gewohnheit hatte, von meiner Reſid denzſtadt nach Flätz abzugehen.— Ich war mißſtimmt, ſonſt nicht mein Fehler. Ich bin . 4 ſonſt mit Witz und Heiterkeit geladen, und in Geſellſchaft ſtets zum Losgehen bereit, woher mir auch der Cerevis⸗Name „Grand-Fusilé gekommen, den mir die Kameraden in Lyon beigelegt haben. Meine beträchtliche Leibeslänge hat daran keinen Theil, obſchon das von Leuten, die nur an der Ober⸗ fläche kleben, behauptet worden. Alſo ich war mißgeſtimmt, und das war begreiflich, da einige mit meinem Hauſe ſehr verwickelte Häuſer wankten, und von ihnen bereits Eines umgefallen.— In ſolcher Mißſtim⸗ mung denno“ hielt ich am Anſtand feſt, und grüßte, melan⸗ choliſch zwar„ indeſſen würdig und verbindlich— den jungen Mann, der ſchon im Coupé ſaß, und mein Reiſenachbar bis nach Flätz bleiben ſollte.— Wer auf meine Artigkeit kaum mit einem leichten Kopfnicken antwortete, war derjenige junge Mann, ein ſprechend Ebenbild des finſtern Verdruſſes und bärbeißiger Inſichſelbſtzurückgezogenheit.— Jedennoch dachte ich:„Unſer Herrgott hat allerlei Koſtgänger!“ und drückte mich, das Auge zumachend, in meine Ecke.— Nur kein Aer⸗ gerniß nicht, und keine Feindſchaft auch nicht. Das iſt mein Wahlſpruch. Dergeſtalt ſchlief ich ein,— eine meiner harmloſen Lieb⸗ lingsneigungen, die den Wermuth des Abſchieds, den Staub der Reiſe und die Erregung der Ankunft glücklichſt neu⸗ traliſirt. Mit ſolcher Lieblingsneigung verbinde ich indeſſen die Ge⸗ wohnheit, aufzuwachen, ſobald der Wagen ſtill hält; alſo 1 1* C wenigſtens immer auf der Station; was für allerlei ſehr zweck⸗ mäßig. 5 Ich habe jedoch nicht die Gewohnheit, auf jeder meiner Reiſeſtationen einen empfindlichen benagelten Stiefelabſatztritt auf die Zehen meines linken Fußes zu empfangen, wie mir auf jener Reiſe nach Flätz von Seiten meines Coupénachbars einer beim erſten Anhalten des Wagens zu Theil wurde. Potz Giulay! war das ein Tritt! Es war ein Glück, daß mein brummbäriger Nachbar gerade im Ausſteigen begriffen; ja noch mehr: daß ich, da er wiederum einſtieg, bereits kälter geworden. Es hätte anſonſt Unheil abſetzen könzen. Ich heiße nicht umſonſt Grand-Fusil, bin ſtets geladen, Keweil zum Losgehen. Dennoch hierauf betrachte ich mir den Compagnon ſo verſtohlen ein wenig näher, und zwar aus dem Winkel des Auges. Der Mann ſah aus. wie ſage ich nur? wie eine Alvepille, wie ein rebelliſcher Bandwurm, der in ſeinem tiefſten Verſteck moleſtirt wird... wie ein flüchtiger Bankerottirer— (NB wie einer, den man auf der Flucht ertappte; ſonſt ſind ſie gewöhnlich bei guter Laune, dieſe flüchtigen Herren)— wie ein Kerl, der zum Galgen geführt wird... grauslich, horribel, terribel, parole d'honneur. Das Geſicht jung, aber verzerrt; Zähne: knirrſchend; Schnauzbart: malitiös; Augen eines hungrigen Tigers; Haar: wild und ſchwarz unter der grauen Reiſemütze hervorſtarrend. — Hände: voll von Fingern, und dieſe voll von Ringen; etwas roth(die Hände). Anzug: fein, ſtaubfarbig mit ſchwar⸗ zer Weſte und Atlas⸗Shlip; geſprenkelte Bukskinbeinkleider, äußerſt modern, ja, das movernſte. Burnus, ganz ächt; Ka⸗ maſchen: engliſch. Stöckchen und Parapluie: erſte Sorte, das —z——————— 6 Neueſte im genre. Handſchuhe: Pistache, Fabrik von Annonay— ich kenne das. Der Mann hat etwas mir bekanntes, mir verwandtes.. dennoch iſt er grauslich; die ſtille Bosheit und Impertinenz in Fleiſch und Blut, kein Wort mit ihm zu ſprechen. Und deshalb, und während meiner Betrachtungen ſchlafe ich wie⸗ der ein.— Die zweite Station: Ich öffne die Augen... mir ahnt und ſchwant allerhand.. richtig ein dito Fußtritt auf mein Hühnerauge.„Himmelelement!“ fahre ich auf:„Glauben Sie denn, ich ſei ein Mann von Stein, von Holz, von Bronze, Sapperment? Glauben Sie, ich werde mich ſtationsweiſe von Ihnen treten laſſen? Mort de Dieu sang, de Dieu, tonnerre de Dieu!“ Der„Geneigteſte“ glaubts vielleicht nicht;.. aber wahr iſts: Der Kerl gab zur Antwort nur einen ſcheelen Blick und ging in's Wirthshaus und conſumirte— ein Glas Waſſer. Solche Frechheit kühlte mich ab.. ſolche Unverſchämt⸗ heit wurde mir merkwürdig, lächerlich. Ich erwartete den Grobian mit nobler Ruhe, und ſah ihn von oben herab an, da er vor dem Wagen ſtand, um wieder einzuſteigen.— Der Einſtieg ging ohne Tritt ab. Und, in ſeiner Ecke angelangt, that der Nachbar ſeinen Mund auf, und ſagte auf gut deutſch:„Wenn ich Ihnen beleidigt habe, ſo geb ich Ihnen Satisfarion; verſtanden?“ Nach einer ganz geringen Erſtaunung verſetze ich:„Hm, haben Sie Familie? eine Gattin? mehrere Kinder? Ver⸗ 7 wandte? Ich kann denſelben Trauerflöre und Pleureuſen an- ticipando billigſt, zum koſtenden Preis ablaſſen. Ver⸗ ſtanden?“ Er blitzte auf.„Reden Sie mir nicht von Familie, Kindern und Gattin, ſonſt ſchwör ich Ihnen zu, daß Sie morgen nicht mehr auf Erden zu Mittag eſſen.. Sie.. Sie Recht geſcheidt von ihm, daß ihm nicht eine paſſende Beleidigung einfiel, um dieſelbe dem„Sie“ ins Schlepptau zu hängen. So blieb ich doch kaltblütig wie zuvor, und redete den Menſchen an: Verzeihen Sie, Beſter, ich habe die Ehre Ihnen zu bemerken: Wenn Sie einen Handel machen wollen, ſo bin ich Ihr Mann, auf Ehre! Mit Händeln jedoch kann ich nicht aufwarten. Ich bin Langenſtrick, genannt Grand-Fusil, Reiſender ſeit manchem Jahr, für Jonas Heidelberger, Cerf⸗ beer& Comp., marchands de nouveautés à Lyon à Großſchnirchlingen; meine Specialität beſteht in articles de deuil von jeder Gattung: Krepp und niederländiſche Spitzen, ſchwarze Mailänderdamenſtrümpfe, und Trauerhandſchuhe von Rheims für Herren, ſchwere Stoffe in purerlaine, und leich⸗ tere von jeglicher Qualität, ertrafein, ausgezeichnete Waare; desgleichen blauangelaufene Schnallen& Ketten à la Pomaré und Degengefäſſe St. Simon; Trauerkokarden für Domeſtiken, und künſtliche Cypreſſen, um die Porträts geliebter Todten damit zu bekränzen; Haararbeiten, ächte Pariſer, mit Grab⸗ mälern& Trauerweiden und allen übrigen Ingredenzien, Acci⸗ denzien u. ſ. w., womit ich mich beſtens zu gefälliger Abnahme empfehle. Solidität, billige Preiſe, ſchnelle Erpedition— je ———— nach Befehl und Wunſch. Hier meine Karte und rekomman⸗ dire mich. Bei Beſtellungen, die blank bezahlt werden wollen, ein Fünftel Rabatt. Gehorſamer Diener.“ Jetzo ſah ich mit Befriedigung, daß an dem grämlich⸗ blutdürſtigen Nachbar das Stutzen war. Er beſah meine Karte von allen Seiten, und entgegnete dann, um einige Pro⸗ zent höflicher:„Freut mich, freut wich, Sie kennen zu lernen .. Herr... Herr Langenſtrick. Ich kann zwar vor der Hand keinen Gebrauch von Ihrem ſchätzbaren Anerbieten machen... ich gehöre zur andern Parthie.. wiſſen Sie? in Colonialwaaren, Stearinlichtern, Drogueries... ich habe mein eigen Geſchäft zu Trefunz.. ich bin Grauſam.. „Ei, das iſt ſchade.. ſo jung und angenehm. und dennoch.. alſo ſagte ich. Er aber fuhr fort:„Wie ich die Ehre habe, Ihnen zu berichten: ich bin Grauſam, Johann Friedrich Grauſam, hohe Straße, am Schneckenthor, Nummer 25; hier meine Karte: Johann Friedrich Grauſam... alte Firma, vom Großbater her.“ Und ſo hatten wir— Gott ſei Dank, in Lieb und Frie⸗ den unſere Karten ausgetauſcht. Der Himmel ſegne das deutſche beſonnene und gemeſſene Volk, das kein rauferiſches, wie die Franzoſen, denen der Duellkitzel ſchon angeboren wird. Sapristi was weiß ich davon zu erzählen! Wie — iſt mir's hundertmal ergangen zu Lhon, zu Beaucaire, zu Marſeille und Avignon! Da muß man ſich recht in Acht nehmen, daß man nicht, paisiblement Morgens ausgegan⸗ gen, todtgeſchoſſen oder durch und durch rappiert nach Hauſe kömmt! Beim geringſten Randal heißt's da: Mre votre cartel 9 voilà la mienne; à demain, nous verrons!— Und alsdann Mord und Todtſchlag. Ja, wenn ich's nicht ſo klug angefangen hätte...! mit meiner Hitze und Leidenſchaftlichkeit, mit meinem heißen Blut, première qualité. was wäre aus mir geworden? Aber Grand-Fusil war klug. Grand-Fusil verließ niemals in dem ſogenannten Frankreich ſein Haus und Com⸗ tvir, ohne alle Taſchen voll zu haben, von Korreſpondenz und Karten. Nemlich: ich war jung, und, mich beſtens zu empfehlen, ſehr verliebt. Ein niedlich Geſicht, ein ſchöner Fuß und ſo weiter brachte mich immer in Extaſe, auf Seele. Mit der Ertaſe allein war mir natürlich nicht gedient. Es mußte ernſthaft ſpekulirt werden in dem Artikel, und ſo richtete ich ein Privattrafikchen ein, eine Art von kleinem Börſengeſchäft, auf Gewinnſt und Verluſt, à la hausse& à la baisse, mit ſelbſt⸗ geſchaffenen und dito emittirten Papieren, die doch manchmal, fanden auch hin und wieder ganze Serien keinen Kurs, ihre hübſchen Procentchen rentirten. Der Geneigteſte verſteht mich nicht, und wenn er auch ſelber ein Papierſpekulant und Stockjobber wäre. Daher will ich ihm die Sache in Kürze erpliciren. Ich ging nemlich nie⸗ mals auf die Straße, ohne in der einen Taſche allerlei ſauber geſchriebene Briefe zu tragen, die entweder gelb oder brandroth, oder himmelblau geſiegelt waren. Kleine niedliche zum Ver⸗ ſteckenſpielen eingerichtete Briefchen. Die gelbgeſiegelten... nein doch, mit den blaugeſiegelten muß angefangen werden, 10 wenn ich metaphyſiſch verfahren will... alſo, die blauge⸗ ſiegelten hoben, wie folgt, an: „Himmliſches Mädchen, Ihre Reize haben— auf hon- neur— einen dergeſtaltigen, wenn auch unbekannter Weiſe frappanten Eindruck auf mein Herz gemacht, daß ich mich nicht halten kann, u. ſ. w.“ Die Brandrothen ließen ſich alſo vernehmen: „Himmliſche Frau! Ihre ganz ausgezeichneten Reizungen find von der Art, daß ich— auf Seele— den überglück⸗ lichen Gatten beneide, der in Ihrem Beſitz iſt. Möchte er doch, wie ich jedoch bezweifle, ſein Glück verdienen, oder mir im konträren Fall der angenehme Auftrag werden, als Aſſocié in Ihr charmantes Lebensgeſchäft eintreten zu dürfen, u. ſ. w.“—— Die gelbpetſchirten ſprachen endlich: „Himmliſches Weib! Welch ein paradieſiſches Gefühl muß es für einen ſeligen Leichnam ſein, von Ihnen beweint und betrauert zu werden! Aber um wie viel ſeliger der Lebendige, unwiderſtehliche Wittwe, dem die Gunſt zu Theil würde, Sie ſelbſt zu tröſten und dero gefühlvolle Herzens⸗Aktien zu dem Kurs notiren zu dürfen, deſſen ſie werth ſind u. ſ. w.“—— Auf den Promenaden, in den Schauſpielhäuſern, in den Kirchi auf den Dampfſchiffen, ja auf den Gemüſemärkten ſuchte ich meine Papiere anzubringen— entweder in eigner Perſon, oder durch Vermittlung gewiſſer pfiffiger Mäkler, die, aus Savoyen gebürtig, den Franzoſen die Stiefel putzen, wenn ſie nichts beſſeres zu thun wiſſen. Ich vergaß, dem„Geneigteſten“ zu bemerken, daß in einer 11 jeden ſolchen Promeſſe meine ächte aufrichtige Karte ſich be⸗ fand; die Damen mußten doch, beim Himmel, wiſſen, wo ich zu finden. Wie ſchon geſagt: die Geſchäftchen machten ſich recht leidlich, wenn ich ſchon in der Eile hie und da eine Demoiselle à marier für eine verehelichte Frau, oder dieſe letztere für eine pikante Wittwe gehalten. Das ſchöne Geſchlecht, wenn ſich's auch nicht im großen Buche eintragen ließ,— wenn es auch hie und da keine No⸗ tiz nahm von meinem Proſpectus, fand ſich dennoch ſo ſehr geſchmeichelt von der Huldigung, die ich ſeinen Reizen gebracht, daß es wenigſtens nicht zu der ſtillſchweigenden Verſchmähung das Laſter der Indiskretion geſellte.— Verluſte kann der Kaufmann ertragen— n'est pas marchand, qui toujours gagne— aber Indiskretion...? Pfui!— Nur ein einziger Fall dieſer Art kam mir vor, und er hätte zu ſchlimmen Zäu⸗ nen führen können... aber Grand-Fusil war klug, und hatte ſtets zum Ausſpielen eine Karte bereit. Ah; da ſind wir nun Gottlob wieder bei den Karten. Ich trug deren, außer den in meinen Liebesprogrammen ver⸗ borgenen, zwei Gattungen bei mir: offizielle mit meinem ange⸗ borenen und angetauften Namen, mit der Firma meines Hauſes, und was dergleichen. Dann aber in einem Extratäſchelchen an⸗ dere, pojetiſche... Grand-Fusil hatte Pojeſie im Leibe.. mit einem Worte: ſogenannte Duellkarten. So oft ſo ein Tolpatſch von ſchwarzbärtigem Kinderſchreck mich irgend an⸗ knurrte:„Votre carte Mr. 2“ ſchob ich ihm eine derſelben in die Zähne, und dann mochte er ſich damit ad lubitum herumbeißen. Auf ſelbigen Karten ſtand nicht:„Theophile 12 Langenstrick, dit Grand-Fusil,“ und was dem mehr, ſondern etwa:„Arthur Kercossac“ oder„Leon de Fres- sac“ oder„Jules Boissec,“ und daneben eine Addreſſe aus dem Monde. Der„Geneigteſte“ begreift jetzv das ganze Syſtem. Wenn der knurrende Raufbold am andern Tage den Herrn in„Sac“ oder„Seck aufſuchte.. nichts da, alles aufgeräumt, kein Quintelchen auf dem Lager. Und damit waren doch immer zwei Menſchenleben gerettet, das Chriſtenthum reſpectirt. und um auf die oben bemeldete Indiseretion zurückzukom⸗ men, ſo war die Geſchichte dieſe. Ein berteufelt ſchwarz⸗ und gluthäugiges Weib hatte mich in einer Kirche zu Abignon ſehr n eſprochen; das heißt: kein Wort hatte ſie geredet, ſondern mich nur angeſchaut, und ich war gleich à la hausse, wie . gewöhnlich. Ich ſchleiche mich um ſie herum, und ſtecke ihr einen„brandrothen“ in irgend eine Falte ihres Mantelets, poſtirte mich dann ihr auf Diſtance gegenüber. und ſiehe: ſie fand den Proſpect, ſie las ihn, und— mein Umkreiſen mußte nicht unbemerkt geblieben ſein— ſuchte mich mit ihren „dunklen Sternen,“ wie Jöthe einſt geſagt hat. Sie fand mich ich war entzückt, und gab als Einzahlung in's Geſchäft ein zärtliches Lächeln von mir, das ſich an meinem Inviduduum, von ferne geſehen, ſehr gut ausnimmt. Himmel! meine Aktien ſtanden 50% über pari, mein Boursométre wenigſtens 25 Grad über Null— von den Graden des Herrn von Raumer, der die Hohenſtaufen geſchrieben.(Ein ſehr ergötzliches Stück in ſechs Akten, nach der Berliner Cenſur.) Ich ſtreckte mich auf den Zehen, weil ſich eben ungeſchliffen Volk zwiſchen 13 mich und die göttliche Venuſia ſchob ich konnte das Ende der langweiligen Veſpermeſſe nicht erwarten, um hinzudringen, zu ihr, die mich an ſich zog, wie ein Magnet, wie eine La⸗ motte Fouqueiſche Calhpſoſyrene... Endlich, endlich...... iſts aus. ich ringe mit dem obigen Volk fußlings, fäuſtlings, rippenſtoßlings ich ringe der Theuern zu... was iſt das? Sie ſteht auf, kehrt mir den Rücken, geht fort in die Menge, und ſtatt ihrer begegne ich einem krausköpfigen Herrn mit fatalem Geſicht, der mich beim Arm packt, und mir, vor Wuth zitternd, laut, aber ſehr laut ſagt:„Sie waren impertinent genug, meiner Frau ein billet— doux zuzuſtecken..2 Das koſtet Ihr Leben, Berr. Hier meine Karte, die Ihrige habe ich.. noch dieſen kbend werde ich meine Zeugen ſchicken... Jetzt bitte ich den„Geneigteſten:“ mich„impertinent“ zu heißen, mir mit einem Duellattentat zu drohen.. und das Alles laut, in der Kirche, vor den vielen Leuten! Wen hätte das nicht im Innerſten empört, wem nicht die Milch der Drachenart in gährend Denkungsgift verwandelt, wie Freilig⸗ rath geſchrieben hat?—— Daher faſſe ich den plötzlichen Entſchluß, die ganze Ge⸗ ſchichte zu läugnen,.. und ich thu's, bei Gott ich thus auch. Anfänglich wird der Krauskopf böſer und hält mir meine Karte vor die Augen,... ich nehme ſie ihm ab— das wohl zu merken— leſe ſie mit Verwunderung, und ſage mit kaltem Spott:„Le plus souvent! Mre, l'on vous a tromps. Voici ma carte, la carte à moi, savez vous, à moä!“ Krrk! hatte er den„Freſſac“ in der Hand. Krrk! — 14 abſolut wie bei'm Döbler, verſchwand die im Billet gelegene Karte in der Rocktaſche eines vorbeiſtreifenden Betbruders.. und da der Krauskopf verdutzt, wie natürlich, mit einem „Diable!“ das Auge zu mir erhebt, und dabei ſpricht:„Ex- ecusez, Mr., mais la carte du billet doux...2“ entgegne ich ihm, kalt wie ein Eiszapfen: Mais, Mr., je vous l'ai rendue!“, Nun, das Suchen, das verlegene Umherſpähen des Kraus⸗ kopfs, der freilich den„Langenſtrick“ nirgends mehr fand... Das muß man geſehen haben, um es zu glauben, um ſich's vorzuſtellen. Kurz: der Mann war geſchmeidig worden, meinte, ſeine Frau müſſe ſich in dem Subjekt getäuſcht haben, und ich meinte es allerdings auch ſo, gab's noch ein bischen hoch, und Jener mußte froh ſein, daß ich nicht auf einer ernſthaftern Genugthuung beſtand. Und ſo ging ich als Sieger davon, packte ſchnell mein Kofferchen, und zog in ein anderes Gaſthaus. Dem Halb⸗ mohren hätte doch, zum Teufelsſpuck, das„Hokel de Rome,“ das auf Langenſtricks Karte geſtanden, wieder einfallen können, und bewahrt iſt immer beſſer als beklagt.—— Und ſo fuhr ich denn dahin— nicht von Abignon, ſon⸗ dern nach Flätz— und war mit meinem griesgrämigen Nach⸗ bar ein Herz und eine Seele geworden: wir ſchwiegen nämlich beide ganz einſtimmig, und philoſophirten oder kalkulirten be⸗ vächtig, und hatten jeder ſeine eigenen Gedanken. Da begab ſich, woran ich gewöhnt bin, ſeitdem ich als Voyageur reiſe: in meinem Nachbar, in dem Johann Fried⸗ 4 rich Grauſam, erwachte plötzlich ein unbändiges Vertrai mir, eben als ich wiederum einnicken wollte. Er ſtieß mich in die Rippen, und brummte, wie aus knirrſchenden Zähnen hervor:„Ich kann und mag's nicht verhehlen und vertuſchen, Sie ſollen mein ſchreckliches Schickſal wiſſen. Da ich mich nicht in den Stand geſetzt ſehe, Sie zu meiner Erquickung umzubringen, ſo will ich ſie wenigſtens in Mitleidenſchaft ziehen; auch das wird mich erfriſchen, und Sie werden zu⸗ geben müſſen, daß Ihre Muſterkiſte, ſo ſchwarz und traurig es darinnen ausſehen mag, ein luſtig glänzendes Juwelenetui zu ſein die Ehre hat, gehalten gegen mein in Leichenflor ge⸗ wickeltes Herz.“ „Es wird mir ein ſonderbares Vergnügen ſein,“ mache ich, und ſetze mich als ein aufmerkſamer Zuhörer zurecht. „Erlauben Sie nur,“ macht er,„daß ich mich noch ein paar Augenblicke faſſe „A piacere... es hat durchaus keine Preſſur;“ mache wiederum ich. Er ſchnupft eine Priſe, fährt ſich mit dem Sacktuch über die Augen, und fangt dann an, mir ſeine Geſchichte zu er⸗ zählen.— Ich kopire ſie, um nicht weitläufig zu werden, obenhin, aber ohne ein Dippelchen, das zur Sache gehört, zu vergeſſen. Johann Friedrich Grauſam hatte einen Großbvater, ja noch mehr, er hatte einen Vater gehabt,— oder noch beſſer: den Vater hatte er noch. Dieſer Vater hatte von dem frag⸗ lichen Großvater Peter Grauſam ſelig ein hübſches Material⸗ waarengeſchäft geerbt, und daſſelbe durch einige glückliche Spe⸗ Wnen in Roſinen, Leberthran und aufrichtigem Curagao noch mehr in die Höhe gebracht. Darum war er ſtolz ge⸗ worden auf ſeine ſolide Firma, und hatte dieſelbe ſeinem Sohn übertragen mit der ausdrücklichen Bedingung, den Namen des Hauſes untadelhaft und auf dem Glanz zu erhalten. Bis dahin war Alles recht gut. Johann Friedrich, der zu Ham⸗ burg und Bremen in der Lehre geweſen, und alſo in ſeiner Parthie perfekt geworden, trieb das Geſchäft commeé il faut, und der gegenüber liegende Konkurrent, ein ebenfalls bemittel⸗ ter Spezereihändler, fing an, über das koulante Weſen des jungen Geſchäftsmannes in Unruhe zu gerathen. Aergere Ver⸗ wicklungen ſtanden indeſſen noch bebor. Eines Tags nämlich, als Johann Friedrich eben ein paar Tönnchen Häringe ſortirt, und friſch angekommene Cigarren⸗ vorräthe prüft, fährt gegenüber ein Wagen an, und aus dem⸗ ſelben ſteigt die Tochter des fraglichen Spezereihändlers, die ein paar Jahre in einer fernen Koſtſchule zugebracht hatte, und nun wiederkehrt im vollen Wichs der Jugend und Schön⸗ heit und Liebenswürdigkeit. Es war Natur, daß Johann Friedrich Cigarren und Häringe vergaß über dieſem Mädchen, das in der That etwas Ausgezeichnetes und Feines war. Obendrein logirte ſich Mam⸗ ſell Sabine im erſten Stocke ihres väterlichen Hauſes ein, ſaß immer am Fenſter, hatte immer das Auge in Johann Fried⸗ richs Laden, und er hatte das ſeinige natürlich immer oben an ihrem Kreuzſtocke.— Bald redeten die Mägde am Brunnen davon, daß aus Binchen und Johann Friedrich ein Paar werden würde. ——— darauf haben. 17 Die beiden Alten, die ſchon an gar manchem Käſe ge⸗ rochen, waren nicht dümmer als die Mägde. Sie merkten, was vorging, und näherten ſich einander, wie die Jungen; denn im Ganzen war ihnen die Sache recht. Der da hüben hatte nur den einzigen Sohn; der dort drüben hatte nur die einzige Tochter. Die Kinder verheirathen, die Gewerbe in Eines verſchmelzen, vereint arbeiten und profitiren— das lachte den Vätern. Die Kinder waren damit einverſtanden. Die Heiraths⸗ beredung wurde entworfen. Man deliberirte darüber.. nimlich die Alten deliberirten. Einklang. „ Es ging muſterhaft im Es ſtellte ſich zum Beiſpiel heraus, daß der alte Speze⸗ reier von drüben auf ſeine Firma wenigſtens ſo viel hielt, als der Vater Johann Friedrichs auf die ſeinige, und daß ihm nicht genügte, wenn auf die Schildtafel das ordinäre„& Comp.“ geſetzt wurde. Er vollte ſeinen ganzen ausgeſchriebenen Namen Er wollte denſelben ſogar vorne dran haben. Dieſe letztere Zumuthung wies freilich Johann Friedrichs Vater mit Beſtimmtheit von ſich; gegen den Beiſatz des Namens überhaupt hatte er nichts, klug berechnend, daß der ſteigende Flor des Hauſes und die reiche Mitgift der Mamſell Sabina eine ſolche Nachſicht wohl verdienten. Der Vater von drüben ergab ſich darein; der von hüben hatte nichts weiter auszuſetzen. Der Handel war geſchloſſen, der Himmel voll Geigen.— Aber du meine Güte, was geſchah? Es geſchah, daß Vinchen in der Freude ihrer liebes⸗ Der Erzähler 1848. n. 2 . ——— 1 18 freudigen Seele in eine Soirée dansante ging, wohin Jo⸗ hann Friedrich ſie nicht begleitete, weil mit einigen Froſt⸗ beulen beſchäftigt.(O Geneigteſter! Froſtbeulen ſind traurige, ja bedenkliche Flecken am Geſchäftshimmel, wie überhaupt an allen Vieren des Droguiſten) Binchen war in Freuden gegangen, und in Leiden zu⸗ rück gekehrt, hatte die ganze Nacht hindurch geweint, am Morgen darauf bei'm Kaffee der Mutter geradezu erklärt, aus der Hochzeit mit ihrem Liebſten könne und dürfe nichts wer⸗ den, und wenn ſie— Binchen— rebelliren müßte gegen alle elterliche Gewalt, wie der Cireaſſienne⸗ Schlemihl gegen die Ruſſen. Vor Schrecken ließ die Mutter den Hafen fallen, Und der Vater, da er von der Rebellion hörte, ſchmiß das Tintenfaß über die Strazze, und einen Topf mit Maul⸗ beerſaft über die Korreſpondenz. Was war's? he,„Geneigteſter?“ Sie meinen ja wohl ſonſt, wenn Sie dergleichen wahrhafte Hiſtorien leſen, Sie könnten den ganzen Rebus und Humor ſchon aus den erſten Zeilen errathen? Rathen Sie jetzv zu. rathen Sie aber, ma foi, es hilſt Ihnen auch gar nichts, wenn ich nicht den guten Kerl mache, und Ihnen den ganzen Witz nach der Elle vormeſſe. He? Nun denn: Ein Spaßvogel, ein boshafter Geſellſchafts⸗ hanswurſt war der Vater alles Uebels; denn nachdem Bin⸗ chen in ihres Herzens Unſchuld und Gefühlvolligkeit auf der Soirée einem Zirkel von jungen Damen ihr Glück und den Namen ihres Bräutigams verrathen, und daß nun beide Firme 1 und beide Herzen vereinigt ſein würden in Seligkeit, ſo n 19 in der Syhropkachel zwei Fliegen, die ſelbander ſüßtrunken hineingefallen— da machte der Hanswurſt ſein Spottvogel⸗ maul auf, und krächzte:„Ah, grakulire recht ſchön zu der neuen Firma:„Grauſam und Biſſig!“ Weiß der„Geneigte“ ſchon, daß Binchens Vater Biſſig geheißen? Wenn er's noch nicht wußte, ſo wird ihm jetzo die Sache um ſo lächerlicher vorkommen.— Die jungen Damen verfielen in ein ſardiniſches Gelächter; arm Binchen jedoch fiel über die Leiter ihres Glücks herunter, als hätte ſie der Blitz getroffen. Noch niemals war ihr eingefallen, an ihrem oder ihres Liebſten Namen etwas Lächerliches zu finden... Und jetzt lachte ſchon die ganze Stadt über ihre unglücklich gepaarte Firma„Grauſam und Biſſig,“ und„was wird erſt geſchehen,“ dachte ſie, flammroth vor Scham,„wenn die fa⸗ tale Tafel wirklich einmal über unſern Zuckerhut- und Stearin⸗ kerzen⸗Guirlanden prangen wird? Die Schande würde ich nicht überleben.„Grauſam und Biſſig?“ Nie, nie, nie! mit Proteſt zurück! Den Poſten in den Büchern geſtrichen! Fort mit Verluſt!“* Hören Sie,„Geneigteſter“: wer war da im Pech ſtatt im Syrop? Der Grauſam, und zwar grauſam war er darinnen. Und es half da nicht Bitten, nicht Betteln. Binchen wollte nun einmal nicht lächerlich gemacht ſein. Der alte Grauſam hätte ſich noch erweichen laſſen... ja, ihm wäre recht ge⸗ weſen, wenn der„Biſſig“ auf der Tafel weg geblieben wäre; aber eben dieſer alte ſteife Stockfiſchkrämer ſagte„Nein... — Mein Mädel iſt eine Gans, ein Kameel,“ ſagte er,„Alles was man will,“ ſagte er;„aber ich bin im Hundel ſeit fünfzig 20 Jahren Biſſig geweſen, und will Biſſig bleiben, bis an mein Ende.“ Da war nichts mehr zu machen.. Alles rein aus. 2 Nun hätte freilich Johann Friedrich, um ſeinerſeits aus zu machen, ſich anderweitig verheirathen können, und zwar ſchwer, nämlich reich. Aber—„Geneigteſter“— wer da eines Kaufmanns Verliebnuß kennt, der weiß ſchon, wie viel es geſchlagen. Dem Kupido kann ein Materialiſte nicht wider⸗ ſtehen. Hat er einmal mit demſelben ein Geſchäftchen entrirt... er gibt's ſo leicht nicht auf. Grauſam hätte ebenfalls ſich mit Gift hinrichten können. Er hat deſſen vielerlei in ſeinem Gewölbe: Arſenik, Ratzen⸗ butter, ſpaniſche Fliegen, Nux vomica und ähnliche Dinge. Aber Grauſam iſt neben ſeinem Handel auch ein gewiſſen⸗ hafter Bürger, und weiß recht gut, daß ihm die Polizei ver⸗ boten, giftige Subſtanzen an Jemand auszuliefern, der einen mörderiſchen Gebrauch davon zu machen verdächtig iſt. Und bei ihm ſelber war ja der Vorſatz, ſich zu morden, quaſit ausgeſprochen. Und eben deßhalb lieferte er ſich die Gifte nicht aus, und blieb alſo zufällig am Leben. In der Verzweiflung kam ihm ein guter Gedanke. In ſeinem Vaterland iſt ein Miniſterium, und in demſelben Mi⸗ niſterium ein Winkel, wo die Leute, die mit ihrem Geſchlechts⸗ namen unzufrieden, ſich gegen eine kleine Taxe umtaufen laſſen können— wenn nicht Dritte einen Einſpruch thun. Wer demnach, zum Beiſpiel,„Narr“ oder„Lump“ oder„Mörder“ heißt, und will nicht mit andern Narren, Lumpen und Mör⸗ dern verwechſelt werden, läßt ſich„Gſcheitle“„Gutmann“ oder 21 „Lämmchen“ nennen; oder überhaupt, wie er will;'s koſtet ſo und ſo viel Thaler und Silbergroſchen, und damit punctum finis. Grauſam— der Junge— ging daher in obigen Winkel, und wollte ſich„Liebreich“ nennen laſſen; war ſchon dazu auf gutem Wege. Da erfuhr aber der alte Grauſam etwas von dem Handel, that Einſprache und ſo weiter, und Johann Friedrich war um ſeine Hoffnungen alle geprellt. Hierauf hatte er den Staub von ſeinen Schuhen ge⸗ ſchüttelt, von ſeinem Kommerz Reißaus genommen, und eine große Tour durch Europa begonnen, um darinnen zu verlieren ſeine Liebe und ſein Leben. Denn feſt entſchloſſen war er, in ſeinem Weltgroll mit allen Menſchen, die ihm begegnen würden, Händel anzufangen, bis ſich etwa Einer fände, der ſich die Mühe nähme, ihn per Degen oder per Pulver und Blei aus der Welt zu ſpediren. Bis dato war ihm, dieſen Zweck zu erreichen, noch nicht gelungen, aber in Flätz hoffte er etwas für ſeinen Blutdurſt und Lebensüberdruß, und mit einem brünſtigen Wunſch— ich möchte faſt ſagen„Gebet“— in dem ſogenannten Flätz ſein Grab zu finden, ſchloß er ſeine höchſt kurioſe Erzählung. Dieu merci,„Geneigteſter“ daß auch ich damit fertig geworden. Der Abend war da, und die mordſchlechten Flätziſchen Kunſtſtraßen waren ebenfalls da, und von Knüppel zu Knüppel, von Loch zu Loch torkelten wir in's Thor der Reſidenzſtadt des Hoſpodars, und in die vffenen Arme des glänzenden Hotels 22 zum„Flätzer⸗Diwan.“(Der Hoſpodar will nichts von einem deutſchen„Hofe“ wiſſen.) „Auf Wiederſehen morge agte zu mir der Grauſam: „ich will heute Niemand mehr ſehen, als meine vier Wände und ein ſteifes Glas Glühwein. Morgen bei Tiſche denn, und bleiben Sie mein Freund!“ Die Gewürzkrämer lieben den Glühwein ſehr, ich weiß das. Wie oft hab ich nicht in meiner Lehrzeit, obgleich einer andern Parthie angehörig, mit Spezereilehrlingen in ſtiller ver⸗ ſchwiegener Kammer, am ſpäten Abend Lotto geſpielt, Stroh⸗ halmzigarren geſchmaucht, und Glühwein getrunken! Unver⸗ geßliche Abende jugendlicher Unſchuld! Herrlicher Würzwein und Negus, bei dem alle Zuthaten ächt äus den Schubladen und Flaſchenkellern der feiſten Prinzipale von meinen Freunden unentgeldlich geſtellt wurden! Geſegnet jene Prinzipale ſelbſt, die ſo uneigennützig, ſo unbefangen uns traktirten, da wahrlich ihr Herz nichts davon ahnte, und alſo auch ihre Linke nicht wußte, was ihre Rechte that! Ich überließ den Grauſam ſeinem Glühwein und ſeinen vier Wänden, und machte mich unverzüglich auf, nach meinen wankelmüthigen Häuſern zu ſehen. Nun— Gottlob!— die Sachen ſtanden nicht ſo ſchlimm, als ich gefürchtet; und beträchtlich getröſtet, gleichſam mit grünem Zweiglein im Schnabel kehrte ich retour in meine Arche zum„Flätzer⸗Diwan,“ wo ich den Abend gottvoll verbrachte mit ein paar Kollegen, von denen Einer in Oel reiſtte, ein Andrer in Papier that, und ein Dritter in Leinwand machte. Lauter unverfängliche gut Kameraden, Keiner in Konkurrenz des Andern. Wir ſchmausten, plauderten, knöchelten etwas Cham⸗ pagner heraus; gingen dann zu Bette. „Stupideſter!“ ſagte dem Kellner, der mir d Licht gab:„daß morgen mi rüheſten der Bartphiloſoph komme. Verſtanden, Stupid?“— Und der Kerl ver⸗ neigte ſich geſchmeichelt, und wünſchte mir eine gutſchlafende Nacht.— Um der lieben Nacht nicht zu viel Arbeit zu ma⸗ chen, that ich ſelber gut ſchlafen, bis in den hellen Morgen hinein, nicht mir von ferne träumen laſſend, daß ich an eben dieſem Tage, in deſſen Morgen ich hinein geſchlafen, und am darauf folgenden einen ganzen Hexenkreis mit allen ſeinen Stationen würde durchmachen müſſen. Nehmen wir eine Priſe ächten Pariſer,„Geneigteſter“ und fahren wir dann fort.— Ich ſtand ſo weich geſtimmt auf,... Gott, ſo weich, als ſchiene der keuſche Mond und nicht die heiße Sonne in mein Bett herein. Ich kam mir ſelbſt ſo intereſſirt, ſo em⸗ pfindlich, ſo ſchwärmeriſch vor! Der Kaffeh, ſüßlich und weich⸗ lich wie ich ſelber, ſtimmte ſo ſehr zu meiner Gefühlung! ich ahnte bereits,„Geneigteſter,“ aber ich wußte noch gar nicht, daß ich ahnte.. Mit einem Brocken Butterbrod zwiſchen den Zähnen legte ich mich an's Fenſter, das eine ganz ausgezeichnete Aus⸗ ſicht über Vorſtadt, Katzengang, und Deh⸗ und Behſchaft Flätz zu offeriren in Stand geſetzt war.— Gott, wie ſchön.1 Döblers und Profeſſor Becker's Nebelbilder auf engliſche Fagon find wahrer Schund und Pavel gegen ſolch' eine Natur. Auf Seele ich war weg, ganz wie der Burgermeiſter von 24 Krähwinkel. Dieſe goldene Sonne, dieſer ſilberne Fluß, dieſer berlinerblaue Himmel, dieſer meer⸗ und immer mehr grüne Vor mir im Präzipiß rſtadt„B'hütgott“ und zwar deren ſchönſte Parthie: das ätzschen an der Brücke über'n Katzengig Ausſicht in das niedlichſte Haus der Vorſtadt, eine ſaubre Schnittwaarenhandlung, an der nichts auszuſetzen, als daß ſie nicht ſchon mit Jonas Heidelberger, Cerfbeer und Compagnie zu Lhon und Großſchnirchlingen Geſchäfte gemacht hat.(Doch was nicht iſt, wird noch werden. Nur nicht nachlaſſen, Grand-Fusil!) Dort ein Fenſterchen im Erker. am offnen Fenſter⸗ chen ein frühzeitiges Mädchen, eine morgendliche Bajadere, möcht' ich ſagen, von Beethoben in Muſik geſetzt, und kom⸗ ponirt vom göttlichen Lanner! O Zeit meiner Jugend, meiner Liebe, Du kehrteſt wieder in mein gereiſtes Herz ein, ſobald ich mein Frauenhoferchen(ein ächtes von München, koſtet mich dreißig Thaler in Gold) an's Auge gedruckt und mir das bajaderiſche Erkermädchen recht nahe herangezogen hatte. Da ſie von dieſem Heranziehen nichts wußte, blieb ſie von Geſicht ſo unſchuldig, ſo lieb und herzig wie zuvor, und ihre Roſenfingerchen krabbelten ſo anmuthig auf dem weißen Tuche herum, das ſie mit einer Broderie verſahen.... ſo appetitlich, ſage ich, daß ich ſie hätte fangen und ſpeiſen mögen, wie ich ſeiner Zeit in ſüdlichen Seehäfen„Crevetten“ oder Seekrebschen aus dem Teller gefangen und geſpeist habe. D. Marianne, Eliſe, Friederike, Amalie, Joſephine, Sophie, Bertrande, Eugenie, Charlotte, Babette Eins und Zwei, Ve⸗ 25 ronika und Scholaſtika, Ihr, meiner ſchönſten Jugend erſte Liebe was waren euere Lilien gegen dieſe Roſen! „Geneigteſter,“ es wird mir noch heute wunderlich, da ich an das Mädchen in„B'hütgott“ zurückdenke,.. um wie viel kurioſer alſo war mir damals, wo ich ſchwelgte in einem Liebesanflug, und in alten Liebesſouvenirs, und wo ich mir auf einmal vorkam, als wäre ich um zwanzig Jahre jünger, und wo ich mich freute, einer Parthie anzugehören, die eigentlich immer jung bleibt; der Parthie der reiſenden Voyageurs! „Ich bin überall zu Hauſe, ich bin überall bekannt!“ wie einſt der unvergleichliche Matthiſon hat drucken laſſen, der, wie ich glaube, ſelber Handlungsreiſender geweſen. Das Haus Matthiſon& Comp. in Bremen iſt ein altes Haus, und mir wohlbekannt. Auf einmal klopft es. Ich fahre mit dem Kopf in's Zimmer zurück, und ſchrie„Herein!“— Durch die halb⸗ geöffnete Thüre herein kömmt die ſchmetternde Anfrage: „Bar—r—r—r— rbier?“ „Als zu!“ mache ich, und der Bartphiloſoph ſteht vor mir. Ein unangenehmer Burſche, meiner Seel. Als wäre eine Blutwurſt(alva venia) in die friſche Buttermilch meiner Gefühlungen gefallen. Schäbiger, ſchieferfarbiger Rock mit unanſtändig gähnenden Taſchen, weiß⸗ und rothgeſtreifte Weſte mit Schmutzurabesken, blaugeſtärktes Vorhemdchen mit einem fauſtgroßen Kieſeldiamant, ein grün⸗ und blaukarrorirtes * 26 Halstuch voll von Ungeſchmack, ein wahrer Schandfleck, ſelbſt an dem lumpigſten„Tſchantlman.“ (Das iſt die einzig richtige Ausſprache von„Gentleman“ da bekanntlich im Engliſchen und in der Einzahl das E ein A, und umgekehrt in der Mehrzahl das A ein E wird.) Aus dieſem karrorirten Wulſt, Strick, oder wie man das Ding von einer Cravatte nennen will, glotzte ein rothes Pausbackengeſicht mit vorquellenden Augen und geſchwollenem Maule, wie man es ſonſt nur auf Weihnachtsmärkten oder in Maskenmagazinen zu ſehen kriegt. Die dicken rothen Fäuſte paßten recht gut zu dem Kürbiß. Ich war unangenehm auf⸗ geregt, ließ mich's aber nicht merken. „Schaumigſter!“ ſage ich zu dem Schabdenrüßel mit ge⸗ wohnter reiſiger Leutſeligkeit:„Sind wir mit warmem Waſſer und ſcharfer Senſe verſehen? Mein Bart ſteht ſchon drei Tage lang und hat neben dem Eiſendraht feil; verſtanden,. Schaumigſter?“ Der„Geneigteſte“ wird ſich wundern, aber's iſt ein Faktum, daß der Kerl die Augen verdrehte, und recht kar⸗ nifflich ſagte:„Bin ſchon mit andern fertig geworden!“— Schlug dabei die Seifenkugel im Becken umher, als ſpiele er Billard, und mache Ball auf Ball. 4 „Aha!“ denke ich:„iſt's ſo viel auf der Uhr? Warte, Burſche, Du ſollſt mir ſteigen.“ Und zu ihm ſage ich:„Wie's ſcheint, Schmierigſter, be⸗ lieben wir alterirt zu ſein? wollen uns daher ein wenig faſſen, nicht wahr, bevor wir an's Meſſer gehen? En usez vous?“ 27 Hielt ihm dabei die Doſe hin. Der Tropf ſagt verſtockt: „Schnupfe nicht.“— Hatte aber doch ſchon geſchnupft. um Ferneres war mir nicht bange; ich trage mein Bartkollier, und ſomit durfte mir der Kerl nicht das Meſſer an die Kehle ſetzen. Schon viel gewonnen gegen mögliche Böswilligkeit eines Bartſcheerers, der keinen Spaß verſteht. Jetzo begann ſtill und feierlich die Operation. Der Pausback ſchor beſſer, als er ausſah, und ſprengte nicht ein⸗ mal ein Haar. Ich dankte ihm das in meiner Seele, aber zu ihm ſprach ich:„Schleimigſter, hier ſteht ja, ſehen Sie, ein graues Büſchlein, tilgen Sie dieſe Gräulichkeit!“ Mit einem widerlichen Geſicht handthierte er am bezeich⸗ neten Platze umher. Ich trete vor den Spiegel. Noch grauer als zuvor blitzt es aus dem Rande meines dunkeln Halsbarts hervor.—„Graduirteſter,“ ſage ich:„Sie haben's nicht ge⸗ troffen; da ſteht's ja weißer, denn zuvor.“ Jetzo bricht der Kerl los, wie eine falſche Katze, und ſchreit:„Ei was,.. ich bin nicht ihr Schaumiger, Ihr Schmieriger, am wenigſten ihr Graduirter, oder was das für ein neues Schimpfwort iſt. Wir im„Hoſpitariat“ ſind nicht auf Schimpf und Schand abgerichtet, ſondern auf Menſchen⸗ würde und dergleichen. Ich muß mir daher alle ihre an⸗ ziehenden Reden verbitten, und das Weiterraſiren ebenfallé⸗ Ich kann nicht dafür, daß Ihr Bart ſchon durch und durch grau iſt, und wenn Sie es nicht haben und leiden wollen, ſo machen Sie's anders. Bitt' mir mein Geld aus, und Adje wohl.“ Der„Geneigteſte“ kennt mich jetzt ſchon hinreichend, um anſchnaubt. Und darum entgegnete ich dem rothunterlaufenen Dickſchädel von Barbier mit ruhmwürdiger, ja glorreicher Faſ⸗ fung, zugleich mit einem grabesſchauerlichen Tone: „Konfuſeſter! Sie haben Recht. Sein wir froh, daß ich bereits zu grauen Haaren gekommen bin, indem es nicht Allen, die jetzt herumgehen mit einer Runkelrübe oder einem Rothkrauthaupt auf den Schultern, ſo gut werden wird. Alte Leute müſſen, junge können, und zwar ſehr leicht, von Elfe bis Mittag, oder gäh über Nacht ſterben. Und von dieſen letzteren ſind Sie allerdings, Impertinenteſter! Sie glauben, eine recht ochſige Konſtitution zu haben, und das iſt auch wahr: ſehr ochſig. Allein... allein... ich habe ſchon manchem rothen Apfel den tief im Kern ſitzenden Wurm angeſehen, und ſo gehts mir auch mit ihnen, Seifigſter. Haben Sie nicht Herzklopfen dreimal, vier- fünfmal im Tage, von der Nacht ganz zu geſchweigen? Werden Ihnen die Glieder nicht taub und pamſtig, wenn Sie Ihre Schnittgänge abgethan haben? Wird Ihnen nicht oft ſo dumm vor'm Schädel, daß Sie ſchier Ihren eignen werthen Namen vergeſſen, und lieber ſchliefen wie ein Murmelthier, als ſich mit Wachen beſchäf⸗ tigen? Müſſen Sie nicht ſehr oft das Maul aufreißen aber wie! welches Maulaufreißen ausſieht wie Gähnen, iſt aber doch leider nur das Vorſchnappen zum Aufſchnappen? Sehen Sie jetzo geſchwind in den Spiegel, und bemerken Sie, Vollblütig⸗ ſter, wie Sie blaß und marmorirt werden, Schlag auf Schlag? Geh'n Sie hin und machen Sie Ihr Teſtament und denken Sie zu wiſſen, daß ich immer kälter werde, je heißer man mich 29 an mich. Nur zu, nur zu, mein lieber Chriſt. Für'n Tod kein Kraut gewachſen iſt!“ Des Kerls Hand, der mein Trinkgeld empfing, ſchlotterte, als wäre ſie dem Burſchen nur mit Zwirn angeheftet, und ſeine Zähne klapperten nicht übel. Meinen Zweck hatt' ich erreicht. Der Bartkratzer fürchtete ſich, wie noch kein Menſch auf Erden ſich gefürchtet hat. Mit ungeſchicktem„Servus“ glitt er aus der Thüre, und nahm den billigen Lohn ſeiner an meinen grauen Haaren ausgelaſſenen Unbverſchämtheit mit ſich. Dagegen ich kleidete mich ſauber an, gab meinem Colle⸗ gen in Oel, der heut weiter machte, noch ein bischen das Geleit, und beſuchte gleich nachher das hübſche Schnittwaaren⸗ und Erkerhaus im„B'hütgott.“ Ein feines und ſolides Haus, dieſes Haus„Gottlob Schäfle.“ Leider noch in Geſchäften damit nichts zu thun. Aber Rom wurde nicht in einem Tage gebaut; auf den erſten Hieb fällt nicht einmal ein Pappelbaum.— Uebrigens war mir diesmal weniger um Geſchäftchen, als um die Befriedi⸗ gung meiner Herzensneugier zu ſchaffen. Ich fragte hin, ich fragte her, ich ſpann den Prinzipal und den Kommis derge⸗ ſtalt unbefangen in meine Fragen ein, daß ich am Ende recht gut wußte, was ich wiſſen wollte. Leider war das nicht ganz befriedigend. Das Frauenzimmer mit den krabbeligen Roſen⸗ fingerchen war die Tochter des Hauſes, und— o ſüßer Name! — Albertine getauft. Sie hatte neunzehn Jahre und etliche Monate, zugleich ein Kapitälchen von ein zwanzigtauſend Thaͤ⸗ lerchen im Vermögen. Der Laden ſammt Geſchäft ſollte zwar auf einen gewiſſen einzelnen Bruder übergehen... aber derſelbige Bruder war als ein mauvais sujet ſchon vor ein paar Jah⸗ ren nach Nordamerika übergeſegelt, und hatte noch immer nicht geſchrieben, ob er geſund geblieben;— daher eine billige Hoff⸗ nung, daß im erwünſchten Fall eines amerikaniſchbrüderlichen Ablebens auch des guten mauvais sujet Vermögensantheil mit dem der holden Albertine ſich dereinſt vermiſchen dürfte! Dies Alles gut und ſchön, und meinem nicht übel ver⸗ liebten Herzen ein aufmunternder Balſam. Werben und erben geht Einem ſo leicht und fröhlich von der Hand...! Allein: da ich ſchon ſo zu ſagen den Mund aufthat, um vorläufig zu werben— was mußt' ich hören? Fichtre! Albertine war ſchon angeworben, verſagt, verlobt, verſprochen, vergeben, verkuppelt.. kurz verloren für den armen Grand-Fusil!— Ein Beamter des Hoſpodars, ein Finanzmann, ein Menſch von Herkunft und Protektion und hoffnungsvoller Karriere hatte dieſe Albertine bereits geangelt, dieſes niedliche Vieltauſendgül⸗ denkräutlein mit Beſchlag belegt! Dieſes vernehmen, meine Galle hinter ein ſüßes Lächeln verbergen und mich ſchnell empfehlen, war einiger Minuten Werk, und wiederum nach ein paar Minuten ſtand ich an einem Billard, forderte einige Flätzer heraus, und gab mit Todesverachtung zehn, fünfzehn, fünfundzwanzig vor, und ſpielte mit einem Chignon, das zum Verzweifeln war.— Zum Glück kam Einer daher, der mir im Verzweifeln vorgab. Derjenige war Johann Friedrich Grauſam. Der Menſch ſah auf Ehre heute ungemein anſchmachtend aus, kohlraben⸗ ſchwarz angezogen, wie er warz und in dem Schwarz darinnen 31 das mondſcheinfarbige Geſicht, das heute noch kläglicher und unheimlicher ſich präſentirte, als geſtern der Fall geweſen. An⸗ ſchmachtend, wie geſagt, und dennoch verzweifelt gefährlich. Ich hätte ihm nicht an einer Waldecke, nicht auf einem Kirch⸗ hof begegnen mögen. „Beſteſter! ſag' ich zu ihm: wie ſehen Sie heute aus, ich bitte Sie?“ Er ſchaut in den Spiegel, lächelt, wie Einer, der die Kolik hat, und verſetzt:„Schlecht? nicht wahr? ich ſchmeichle mir. Wiſſen Sie: der Glühwein hat mir nicht recht bekom⸗ men wollen. Die Beſtien haben geſchmierten Wein dazu ge⸗ nommen, und abſcheulich Gewürze. Ich habe die ganze Nacht fantasmagorirt, und heute ſchon an ein paar Orten mich nach Händeln umgeſehen. Die Leute hier laſſen ſich mit unerſchüt⸗ terlicher Ruhe Grobheiten ſagen... es verfängt nicht.“ „O dieſe Händel!“ mache ich darauf mit ängſtlicher Ahnung:„o dieſe Händel! Sind Sie noch immer in den blut⸗ würſtigen Vorſätzen des geſtrigen Tags befangen?“ „Ich habe geſchworen,“ ſagt Er,„meiner ungetreuen Bina geſchworen, nur als ein todter und begrabener Leichnam nach Trefunz zurückzukehren. Was ich acceptire, honorire ich auch.— Aber, Freund, mein Magen ſtellt ſich an, als müſſe er ſich inſolvent erklären. Ah! puh! pah! die Beſtien haben mich vergiftet mit ihrem Teufelsglühwein, und wenn ich nicht bald etwas zu eſſen bekomme, ſo 4. Da die bittern Zuckungen ſeines Mundes weitaus das ſchlimmſte befürchten ließen, ſchaffte ich dieſen Grauſam dienſt⸗ fertigſt von dannen, und in den„Diwan,“ wo uns mit feier⸗ lichem Geläute die Tiſchglocke empfing.„A la bonne heure!“ rief ich aus, indem ich meinen Mann hinſchob, wohin er ge⸗ hörte:„Faſſen Sie ſich jetzt nur ein Bischen... geniren Sie ſich nicht, und kommen Sie dann friſch und wohlgemuth an die Tafel, an meine treue grüne Seite.“ Ich trug damals wirklich einen grünen Reiſefrack, wie er in London nicht beſſer gemacht wird, chokoladefarbige Bein⸗ kleider, dito Kamaſchen, eine Fantaſieweſte, die mir ent⸗ zückend ſtand, und ein äußerſt patentes Halstuch„aux mille raies“ ein überelegantes Halstuch, warum mich alle Herren, die am Tiſche, beneideten; was ihre begierigen Blicke nur zu ſehr verriethen. Von den Blicken der wenigen Damen, die mit zu Tafel ſaßen, ſchweige ich natürlich. Prahlen R nicht meine Sache.— Dieſe meine äußere Erſcheinung— ſtets mit Geſchmack und Solidität kombinirt— iſt indeſſen Veranlaſſung, daß ich gewöhnlich an allen Tables-d'hote das Centrum der Con⸗ verſation zu werden die Ehre habe. Das hilft aber unglaub⸗ lich im Geſchäft vorwärts, und iſt auf Reiſen nicht genug zu empfehlen. Ich war alſo an der„Flätzer⸗Diwan⸗“ Tafel bereits in's allgemeine Geſpräch verwickelt, als mein Freund Grauſam ein⸗ trat, und neben mir Platz nahm. Ich hatte eben mit Be⸗ geiſterung von dem Appareil⸗Jaquard und von den Seebädern von Dieppe geſprochen, und gar nicht bemerkt, daß mein Nach⸗ bar eingetreten. Bald jedoch wurde ich auf ihn aufmerkſam, weil ein leiſes Flüſtern und Kopfzuſammenſtecken um die ganze 33 Hufeiſentafelrunde lief, und verſtohlen alle Finger auf den neuen Gaſt deuteten. Wenn ich ſage, daß er noch weißer— im Geſichte— ausſah, denn zuvor, ſo iſt das nur eine höchſt milde Andeu⸗ tung. Kecklich darf ich aber behaupten, daß er um hundert Prozent weißer und geiſterhafter ausſah, wiewohl weniger ge⸗ drückt, wiewohl etwas erleichtert. Eine auffallende Geſtalt im⸗ merhin, und leider ſehr aufgelegt zum Reden, was denn zu böſen Häuſern führen ſollte, wie gleich zu hören. „Ich muß Händel haben, aut oder naut!“ war das erſte, was er mir unter der Serviette hervor zu verſtehen gab. Mir wurde bedenklich zu Muthe.— Uns gegenüber ſaß ein junger Herr 1 blitzenden Augen und etwas von einer Adler⸗ naſe. Er trug ſich ſo halb preußiſch⸗türkiſchꝛengliſch⸗griechiſch, wie's der Hoſpodar gern hatte; ein Beamter ohne Zweifel. „Den Kerl kann ich für meinen Tod nicht leiden, nicht ausſtehen!“ war das zweite, das mir Grauſam hinter der Ser⸗ viette hervor zu verſtehen gab. Mir wurde nun noch bedenklicher zu Muthe.— Stu⸗ pideſter,“ frage ich heimlich den Kellner:„Wer iſt denn wohl der junge Herr da drüben mit den Seitenlocken à la grecque, dem Schnauzbart à la turque und dem Uniformsüberrock à la Berlin?“ „Er iſt von der Finanʒ⸗ gab der Kellner zurück: ſeinen Namen weiß ich nicht. Er ſpeiſt zwar ſchon lange im Hotel; ich bin aber erſt ſeit Kurzem im Hotel.—„Brab geantwortet, Marquis;“ ſage ich zu dem Burſchen. Indeſſen fragt Einer in unſerer Nähe:„Woher kommt Der Erzähler 1848. 1U. 8 34 wohl das Wort Budget, Gerr Finanzaſſeſſor?“— Das galt dem Halbgriechen oder Halbtürken, wie man will. Der Mann war verlegen, wußte nicht auf türkiſch noch auf griechiſch zu antworten, und ſagte deshalb auf Franzöſiſch allerlei daher, was auf die Frage als ſolche gar nicht paßte. „Nun, wenn Sie zum Finanzweſen gehören,“ miſchte ſich Grauſam deutſch und ſtoptiſch ein,„ſo ſollten Sie doch ſchan⸗ denhalber dieſe Kleinigkeit wiſſen.“ „Mein Herr.. hm! hm! ym!“ räuſperte ſich ſehr be⸗ troffen der Aſſeſſor aus:„Wie kommen Sie dazu, den ich gar nicht die Ehre habe, zu kennen, daß Sie hm! hm!“— Grauſam unterbrach ihn grauſam kalt mit den Worten: „Was halten Sie davon? Sollte das fragliche Wort„Budjet“ nicht aus dem Schweizeriſchen ſtammen, und zwar von„Putſch“ und ſo weiter?“ Wer das hörte, traute kaum ſeinen Ohren, horchte aber mäusleinſtille zu. Der Aſſeſſor wurde roth bis in den Stiefel hin⸗ ab, und ſtotterte:„Wie kommen Sie mir vor, mein Herr, den...“ Wiederum unterbrach ihn der verſtockte Grauſam, dem ich jetzo vergebens auf den Leichdörnern herumtrappelte, ſo wie er mir auf der Reiſe nach Flätz gethan. Käſeweiß, aber auch verzweifelt naſeweis fragte er ſeinen Feind:„Oder meinen Sie nicht, daß dieſes Wort„Budget“ etwa aus dem Kabhliſchen liſch und Atlaſſiſchen kömmt, nemlich vom Wörtlein„Boudſchu,“ was da heißt„Ein Thaler und ſechs Neugroſchen?“ „Herr, Sie treiben mit mir Spott!“ fiel der Andere, dem die Geduld riß, ein:„Was wollen Sie von mir? Wa ſollen Ihre Tratzereien heißen?“ 35 „Daß Sie nichts wiſſen, und nichts verſtehen; das ſollt' es heißen;“ verſetzte Grauſam immer einſchneidender. „Herr, Sie ſind ja ein impertinenter Burſche!“ ſchrie der Beamte. „Und Sie.. und Sie...? Sie ſind..“ gab Grau⸗ ſam zurück. „Was bin ich? was? Donner und Wetter.. was werd' ich ſein?“ „Ei was, ſoll ich mir lang den Kopf zerbrechen? Denken Sie ſich das Dümmſte, was auf Erden iſt, und nehmen Sie an, ich hätte Sie damit verglichen. So kommen Sie anf den Rebus, deſſen Wort ich ſelber noch nicht weiß, weil mir jetzo noch alles zu gering erſcheint, gehalten gegen Ihre Dummheit.“ Nun, das war deutlich genug, ſelbſt ohne ein eigent⸗ liches Slahtte— Der Aſſeſſor, der ſich ſeiner Studenten⸗ jahre erinnerte, ſtürzte dem Grauſam einen dito„dummen Jun⸗ gen“ und Grauſam— ſchauderhaft— war ſchon im Vegriff, ihm etwas ſchwereres zu ſtürzen, nemlich eine volle Flaſche an den Kopf— als mir Gottlob gelang, dem Wütherich das Wurfzeug zu entwinden. Ein dicker Herr und dicker Freund des Aſſeſſors ſchlug auf den Tiſch, und ſchrie:„Ordnung, Sapperment, Ordnung bei Tiſch. Wir wollen eſſen, trinken, luſtig ſein, Sapper⸗ ment. Wollen die Herren da ſich die Gurge abſchneiden, meinet⸗ wegen, aber hier im Saal wird ſichs verbeten, und nach Tiſch oder morgen früh iſt a uch noch Zeit für ſolche V Verrichtungen, Sapper⸗ ment. Darum, Aſſeſſor, Ruhe im Gemüth! Darum ruhig Blut, ſchwarzer SHerr, dort drüben. Wählen Sie ſich einen 36 Zeugen, ich diene als ſolcher meinem Freunde, und wir wollen ſchon die Parthie arrangiren, Sapperment. Aber jetzo's Maul gehalten. Muſik, Muſik und Fröhlichkeit.“ Die Schnurranten auf der Emporbühne pfiffen und kratz⸗ ten, und ſtellten mittelſt ihrer konfuſen Arbeit wieder das all⸗ gemeine Geſpräch und die Werkthätigkeit der ſämmtlichen Eß⸗ organe der Geſellſchaft her. Der Aſſeſſor ſchoß zwar Raketen aus ſeinen Augen, aber Grauſam war pudelbergnügt, und lachte ſogar, da er zu mir hinter der Serviette ſagte:„Gott im Himmel ſei Dank; jetzt hab' ich einmal ernſthafte Händel, und wenn mir das Glück wohl will, bin ich heut Abend oder Mor⸗ gen frühe ein todter und begrabener Leichnam, und der fal⸗ ſchen Bina bricht das Herz, wie eine Krachmandel mitten ent⸗ zwei. O, die Schlange, mit der ich ſo manch' Vielliebchen gegeſſen... o... o...! wollen wir ein Glas Wein trinken auf ihren Untergang? Sie ſind mein Sekundant, nicht wahr? Ich wichſe Ihnen deshalb eine kleine Flaſche Champagner.“ „Eine große!“ ermahnte ich.—„Nichts da, eine kleine.“ —„Aber doch wenigſtens einen ächten, franzöſiſchen.“—„Nichts da, einen deutſchen, vaterländiſchen; ein Unterſchied von 1 Thlr. fünf guten Groſchen, Herr.“— Dieſer bkonomiſchen Rückſicht mußte ich mich fügen. Doch kam mir mein Freund Grauſam ſchmutzig vor.— Zum Glück war das Miſerabelchen bald ausgetrunken, und das Mittageſſen bald beendigt, und der Saal bald geleert, weil Herren und Damen befürchteten, das Gurgelabſchneiden werde jetz an⸗ gehen. Zudem mußte ja die ungewöhnliche Geſchichte gleich in dem ganzen Reſidenzlein herumgetragen und ausgeklatſcht werden. 37 Die beiden Raufkandidaten und ihre Freunde— meine Wenigkeit und der dicke Herr waren die einzigen Perſonen, ſo im Saale zurückblieben, ungerechnet die paar Kellner, die mit angeſtammter Riepelhaftigkeit die Tiſche abräumten und angeb⸗ lich in Ordnung brachten, was in Unordnung gerathen war. Der Finanzaſſeſſor trommelte an einem Fenſter auf deſſen Scheiben den Todtenmarſch; mein Grauſam marſchirte auf und nieder, wie ein ſtolzer, ſchwarzer, weißgeſchnäbelter Hahn. Der dicke Herr hatte ſich mir genähert, der ich melancholiſch vom genvoſſenen deutſchen Schaumwein am Kamin lehnte, am uneingeheizten; denn— wie ſich der„Geneigteſte“ erinnern wird — es war im Sommer. Die Verhandlungen begannen, mit halblauter Stimme und mit ſchwalleriesker Nobilität; das muß ich ſagen. Der dicke Herr fing an:„Mein Herr— wie heißen Sie?“— „Langenſtrick, genannt Grand-Fusil.“—„Alſo— mein Herr Langenſtrick, Sie verſtehen, daß die Beleidigungen, die ſich Ihr Freund gegen den Berrn Finanzaſſeſſor erlaubt hat ℳ— „Um Vergebung, wie heißt der Herr Finanzaſſeſſor?“ —„Peter Mitzwitte, mein Herr!“— Ich meine, in den Boden zu ſinken. Der Mitzwitte war juſt der Bräutigam der roſenfingerigen Albertine!!! Der dicke Herr fährt fort:„ nicht ungerochen hin⸗ gehen koͤnnen.“(Ha! ich roch ſchon blutdürſtig das Blut des Nebenbuhlers, der mir bei Albertine zuvorgekommen 1) „Daher“ es iſt immer der dicke Herr, der da redet... iſt ein Duell unvermeidlich zwiſchen dem Herrn Aſſeſſor Mitz⸗ witte und dem Herrn.... wie heißt er?“—„Johann Friedrich Grauſam, Pribatthier.“—„Grauſam? Sapper⸗ ment, ein grober Name.... Sapperment! Indeſſen, um wieder auf das Duell zu kommen, ſo gebe ich mir die Ehre, im Namen meines Freundes Ihren Freund herauszufordern, auf Piſtolen, Sapperment! fünfzehn Schritt Diſtanz, Vor⸗ marſchiren bis ans Schnupftuch, Barriere, Feuer geben auf Kommando, bis Einer oder Beide todt ſind, und was denn ſonſt noch der Bedingungen und Anordnungen find, die bei Duellen auf Tod und Leben vorkommen.“ Darauf ich mit ruhiger Gemeſſenheit erwiedere:„Mein werther Herr... wie heißen Sie?“ „Paul Sturmhut, Ihnen zu dienen.... Rennthier ſchlechtweg.“ „Demzufolge— mein werther Herr Paul Sturmhut, zugleich Rennthier— befinde ich mich in Stand geſetzt, durch Verordnung meines Freundes Grauſam, deſſen Prokura ich vollſtändig habe, Ihre und Dero Freundes gefällige Offerte in jedem Punkte entgegenzunehmen, und deren Ausführung beſtens zu garantiren. Mich auf weitere Beſtellungen zu billi⸗ gen Conditionen zu empfehlen die Ehre habend, ſo bitte ich gefälligſt beſtimmen zu wollen, wann, wie und wo unſer Herr Johann Friedrich Grauſam Ihrem Herrn Mitzwitte zur Aus⸗ einanderſetzung von Dero beiderſeitigen Rechnungen und Diffe⸗ renzen gerecht werden möchte?“ „Sie ſind ein galanter Mann,“ ſprach Sturmhut ge⸗ ſchmeichelt,„und ich bin äußerſt ſatisfazirt, Ihnen ſagen zu können, daß es Mitzwitten und mir außerordentlich angenehm 39 ſein wird, mit Ihnen und Ihrem Freunde Grauſam Morgen früh ſechs Uhr im Katzengangwald am ſogenannten Kreuzweg, den Ihnen jedes Kind zeigen wird, mit den geeigneten Waffen verſehen, zuſammenzutreffen. Bitte um Ihren Handſchlag und wünſche indeſſen, beſtens zu leben.“ Der Handſchlag wurde ausgetauſcht. Sturmhut tuſchelte nun ein Weilchen mit Mitzwitte; ich tuſchelte eben ſo lang mit Grauſam. Endlich gingen Mitzwitte und Sturmhut fort, und Grauſam und Longenſtrick blieben nicht da.—„Ich will mich ſchlafen legen, um noch dieſen Abend recht munter zu ſein;“ meinte Grauſam, dem es wieder bitterlich um den Mund zuckte.— Und ich ſelber, ermüdet von ſo vieler Unruhe, um noch am Abend recht heiter zu ſein, legte mich zum Schlum⸗ mer nieder, und ſo oft ich zu träumen geruhte, ſah ich den Mitzwitte im Blut ſich wälzend vor mir liegen, und ich ſtand vor meiner Waarenkiſte und wählte für Albertine als ein Brautgeſchenk einen Traueranzug modernſter Fagon und ſolideſter Qualität. Ein wonniger Abendſtrahl, der mir juſt auf's Auge tippte, weckte mich zur rechten Zeit. Eins, zwei, drei, war ich wieder adoniſirt, und legte mich, grün wie der Wald, in's Fenſter, um von Albertine noch irgend ein Lächeln, ein Fingerchen oder ſo etwas zu ſehen. Holla doch, was ſeh' ich aber da wirklich und wahrhaf⸗ tig auf dem Plätzchen am Steg über den Katzengang, wo es geht in den Wald zum Katzengang und an den„ſogenannten“ Kreuzweg, den mir jedes Kind Morgen früh um ſechs Uhr zeigen wird? Darf ich meinen Augen Glauben beimeſſen? Frauenhoferchen mein für dreißig Thaler Gold, Frauenhofer⸗ lein fein, wirſt doch nicht ein Spitzbub' ſein? Der griechiſch preußiſche Türke, der da wandelt Arm in Arm mit dem ſchwarzen Herrn... iſt das nicht Mitzwitte? wandelt er nicht mit Johann Friedrich Grauſam auf dem Plätzlein auf und ab? thun ſie nicht, wie die innigſten Freunde, und lächelt nicht Albertinchen wie ein blauer Himmel auf dieſe Spaziergänger nieder? Himmel und Erde, Graf von Oerindur, erklärt mir dieſen Zwieſpalt der Natur, s'il vous plait?— Auf einmal— ich halte mich für toll, aber ich war doch bei Sinnen, bei Gehör, bei Gefühl, bei Geſicht— auf einmal geht das Fenſter ſperrangelweit auf, und Albertine neigt ſich, ein ganzes Beet Gicht béte) von Roſen, hernieder auf die ſpazierenden Herren, und nach der Art, wie ihr Mäulchen geht, redet ſie die hut⸗ abgezogenen reſpektvollen und reſpektiven Herren an. O ja, o ja, ich habe recht geſehen. Der angehende Glatzkopf iſt Mitzwitte unläugbar, und Grauſam unzweifelhaft der nach Ge⸗ wohnheit beim Kompliment die Achſel hoch aufzuckende Herr.— Und noch mal Eins, zwei, drei— Geſchwindigkeit iſt keine Bererei— die Herren berſchwinden im Haus Gottlob Schäfle die Thür klappt zu. ſie ſind fort, drinnen, weg.. disparais! „Oho,“ denke ich:„das iſt mir doch zu bunt; da muß ich doch auch dabei ſein, ich. Mich geht die Sache als einen 3 lohalen Sekundanten auch etwas an. Die Herren haben ſich verſohnt, ohne Zweifel;.. aber eine Verſöhnung ohne mein „ 41 Zuthun gilt nicht; das iſt elair wie Klösbrühe, Sapperment — mit dem Rennthier Sturmhut zu ſagen— und noch ein⸗ mal Sapperment, wer ſchießt mir denn den Nebenbuhler weg und den Weg frei, der zu Albertine führt, wenn's nicht jetzv Freund Grauſam thut?“ Ich erwiſche meinen Hut, meine Handſchuhe.... nur mein Foulard nicht, und indem ich nach demſelben herum ſuche, Sapperment, klopft's barſch an die Thüre.—„Herrrrrrein!“ rufe ich noch barſcher, und noch viel barſcher platzt der Thür⸗ flügel auf, und herein kommt ein hochwohlgeborner Herr Offi⸗ zier der hoſpodariſchen Truppen: kleiner aber rarer Mann, der längſte rothe Schnauzbart, den ich je zu ſehen die Ehre gehabt, lange Sporen, und ein gar langer Säbel, der immer heftig mit dem kleinen raren Mann davon wollte, und nur mit Mühe von dem letztern angehalten werden konnte. Die pure Wahrheit, auf Vohageurswort. Der Offizier, das Fes aufm Kopf, aber ſchön mili⸗ täriſch grüßend, ſteht vor mir und funkelt mir mit grauen Augen in's Geſicht; ich augenfunkle dagegen, ſo gut ich kann, und ſtottre dazu aus muthiger aber bewegter Bruſt:„Zu Be⸗ fehl? à votre service?—(Bewegt, ſage ich, weil ich dafür hielt, ich ſolle als ein ferner Mitberſucher zum Druell und Freund des Duellanten⸗Dilettanten in Verhaft genommen werden.) „Ich bin Flügeladjutant Seiner Hoheit;“ begann der Offizier endlich in einem gelind gebrochenen Deutſch:„extra abgeſandt. Seine Hoheit haben vernommen, daß Nummer 3 Neunzehn und Nummer Sieben im Diwan de Flätz ſich duelliren wollen?“ Aha, richtig. Auf Nummer Neunzehn logirte Grau⸗ ſam; in Nummer Sieben Ich. Da hatten wir alſo die Be⸗ ſcheerung. Ich ſtottre wieder... ich ſtammle... ich läugne — in Drellſachen muß der ehrliche Mann immer zum Lügen parat ſein— ich verwickle mich... ich ſchiebe endlich Alles anf Nummer Neunzehn...„Nummer Sieben iſt gerade zu der Kunde vom Duell gekommen, wie Jener zur Ohrfeige, ſage ich,... Nummer Sieben wünſchte ſehr die Sache bei⸗ zulegen, wenn nur... wenn eben die eigentlichen Kämpfer vernünftig ſein wollten... und... und... hm, hm!“ Da fährt mir der Adjudant vom Flügel Seiner Hoheit in die Parade, und ſpricht:„Ich muß bitten... nur nicht lügen, nur nicht läugnen... damit kommen Sie nicht aus— (das hatte ich ſelber ſchon gemerkt)— und darauf kommt's auch gar nicht an. Seine Hoheit haben nicht nur nicht das geringſte gegen das Duell, ſondern Höchſt Sie wollen es protegiren, da ſchon ſeit mehreren Jahrhunderten in Flätz kein ſolches Ereigniß vorgekommen iſt“ Jetzt ſperrte ich das Maul auf vor Verwunderung, daß der kleine rare Mann, erſchrocken, möcht ich ſagen, einen Schritt zurücktrat.— Das„Ah ſo!“ das nun meinem offnen Munde entfuhr, verſpätet, wie der Knall nach dem Blitz der Kanonen kommt, beruhigte ihn wieder, und er hatte die Ehre, fortzufahren: „Und ſomit hat mich Hoheit detaſchirt, um zu bewirken, daß das Duell nicht vorgehe in der Dey⸗ und Behſchaft, ſon⸗ 43 dern im Hoſpodariat, an der ſogenannten„Windmühle,“ ein hübſches Plateau, und zur Bequemlichkeit juſt nebenan das Wirthshaus zum„Frieden“ und das Spital für Unheilbare. „Sehr treffend,“ dachte ich ſo ganz für mich. Der Adju⸗ tant fuhr fort: „Zweitens wünſcht Hoheit, weil Duell doch eigentlich eine edle heldenmüthige, ja ritterliche und adeliche Motion iſt, daſſelbe mit allen Honneurs zu umgeben, die ſolche noble Leibesbewegung in Anſpruch nimmt. Mit Bedauern zum Beiſpiel gehört habend, die Herren Duellanten leider von ge⸗ bührender Extraktion nicht ſeiend, die Gnade Ihnen zu er⸗ weiſen, ſie beide vorerſt zu Phöniziern erſter Klaſſe mit Rubinen zu machen, Seine Hoheit beſchloß. Und darum ich hier... aber Nummer Neunzehn iſt nicht zu Hauſe. Wie nun?“ Die morgenländiſche Redemanier, die mir der kleine rare Mann in die Ohren ſtaubte, machte mich ſehr ſtutzig, äußerſt ſehre, auf Ehre. Dennoch errieth ich, begriff ich, merkte ich, daß der Herr vom Flügel dem Herrn auf Nummer Neun⸗ zehn einen Orden zu bringen beauftragt war. Ich erbot mich, mit Dank denſelben anzunehmen, und ihn entweder ſelbſt zu tragen, oder wenigſtens dem Freunde auszuliefern. Da aber nun der Offizier von einer Tare von ſo und ſo vielen Hoſpodard'or redete, die alſogleich zu erlegen, fühlte ich mich nicht aufgelegt, für Grauſam die Auslage zu machen, im Rückblicke auf den vaterländiſchen Champagner, wo er ſich ſo ſchmutzig herausgebiſſen. Ich entſchuldigte mich daher ſo gut ich konnte, bat den Offizier mit ſeinem Phönizier ein bischen ſpäter nachzufragen, warf auch einige Brocken von der Möglichkeit einer Verſöhnung und dergleichen ein. Der Herr vom Flügel ſah ein bischen unwillig, ein bischen dumm darein, und trat endlich, ſpät genug, klirrend ab, ſeinem Säbel den Lauf laſſend. Und nun will ich auch dem Leſer, dem geneigten, den Lauf laſſen, und hier den erſten Theil dieſer Abenteuer be⸗ ſchließen. Der andere Theil im dritten Band dieſes unver⸗ gleichlichen„Erzählers!!“ Die gefahrvolle Racht. Uach dem Engliſchen. ) wei Tage, ehe ich von der Inſel Mauritius ab⸗ S ſegelte, ſaß ich auf einem Ballen, der einen Theil meines Gepäcks enthielt, und frühſtückte. Die Wände waren aller Gemälde und Kupfer⸗ ſtiche leer, alle Lieblingsſpielereien und Pfeifen waren vom Kaminaufſatze verſchwunden„ und was ſich noch an Geſchirr in meiner Wohnung befand, um die unentbehrlichſten Bedürfniſſe zu befriedigen, war geliehen. Das Sarah⸗Fracht⸗ 3 3 ſchiff ſchwamm wie ein koloſſaler Schwan im Hafen und der Schweif des Verkehrs mit ihm reichte bis unter meine Fenſter. Die Sache war richtig, der Abſchied ſtand nahe bevor, und da die Beſtimmung nach Alt⸗England war, ſo hätte man meinen ſollen, daß meine Freude groß ſein müſſe. Aber es 46 gibt in menſchlichen Dingen keinen feſten, folgerechten Schluß, wie in der Logik. In den Angelegenheiten der wankelmüthigen Menſchen ſind Ebbe und Fluth ſo vielen Störungen unter⸗ worfen, daß es ſchwer wird zu beſtimmen, was zu einer ge⸗ gebenen Zeit gerade oben oder unten ſein mag. Ich für meinen Theil habe immer einen weltbürgerlichen Sinn gehabt und es als eine ſchlechte Politik betrachtet für ein dem Irrthum un⸗ terworfenes Weſen, wie wir Menſchen es ſind, den Begriff der Heimath an zu ausſchließliche Ortsbedingungen zu knüpfen. Wir beſchränken offenbar die freie Entwickelung unſrer Fähig⸗ keiten, wenn wir uns einbilden, daß daß das Schiff, dem wir unſer Lebensglück anvertrauen wollen, nur in einer be⸗ ſtimmten Landſchaft, oder gar in einem Dorfe, mit Sicherheit Anker werfen, und daß dieſer nicht gelichtet werden kann, ohne Schiffbruch befürchten zu müſſen. Wenn die Menſchenkinder nicht von Ehrgeiz geſtachelt würden, und noch dazi von Ge⸗ winnſucht— von den beiden Kräften alſo, welche ſie vom Pfühl der Heimath hinwegtreiben und einem chineſiſchen Still⸗ ſtehen der Geſellſchaft vorbeugen, ſo wäre eine dreifache Wehr gegen rohes Bedürfniß nöthig, um ihrer Lebensſtellung einige Kraft zu erhalten. Die Nothwendigkeit, dieſer unerbittliche Sendbote Jupiters, muß vom Himmel herabkommen und die Menſchen aus ihren Verſchanzungen heraustreiben, und wenn ſte dann nothgedrungen das Neſt verlaſſen müſſen, ſo thun ſie es mit Widerſtreben und bereiten ſich ſelbſt Kummer. Wenn der Menſch Wurzel treibt wie ein Tannenbaum und alſo hängen Ueibt, bis er durch mechaniſche Gewalt losgeriſſen wird, ſo muß er natürlicher Weiſe dabei Schmerz empfinden. So kommt 47 1 es denn, daß die geiſtige Zerriſſenheit, welche manche Aus⸗ wanderer als das Werk eines grauſamen Schickſals beſchreien, viel mehr erzeugt iſt von dem Eigenſinn, womit ihre parteiliche und beſchränkte Vorliebe ſich feſtklammert an einem Ort oder an irgend einem Gegenſtand von dem die Macht der ſoge⸗ nannten grauſamen Nothwendigkeit ſie getrennt hat. Solche Menſchen ſind Selbſtpeiniger und erregen das Mitleid derer, die ſich mit ihnen auf gemeinſchaftlicher Wanderſchaft befinden; ſie nähren ihren Schmerz, ſind blind gegen alles Andere und verläugnen die Bedingung, unter welcher allein der Geiſt auf Unſterblichkeit und Schrankenloſigkeit Anſpruch machen kann, die Fähigkeit nämlich, ſich allem Großen und Edlen zuzu⸗ wenden, wo immer es ſich zeigen mag. Die Welt iſt die Hei⸗ math des Menſchen, und die allgütige Vorſehung hat ſie über⸗ all ſo ausgeſtattet, daß, wohin wir auch geworfen werden mögen, ein weiſez Mann überall heimiſch und glücklich werden kann. Die heilige Idee der Heimath hat keine geographiſche oder ma⸗ terielle Begrenzung, ſie ruht auf Liebe, Glaube und Friede und dieſe können überall zur Blüthe kommen, weil ihre Saat im Geiſte liegt und von Weisheit entwickelt wird. Sei daher weiſe, Wanderer aus dem Lande Deiner Väter, öffne Deinen Sinn den neuen Erſcheinungen, die darum, weil ſie anders ſind, keinen geringeren Werth haben, als was Du bereits kennſt, Deine Arme neuen Brüdern und Schweſtern, und lebe nicht länger im Schlendrian, als hätteſt Du keine höhere Lebens⸗ fähigkeit als eine Auſter oder eine Stengelblume. Wo Du auch immer Dich befinden magſt, Du kannſt Gelegenheit finden oder ſchaffen, um Deine Kräfte zu üben, und mehr als das kann man diesſeits doch eigentlich nicht erwarten. Dabei will ich keineswegs etwa zu verſtehen geben, daß man mit beſonderer Anſtrengung die Philoſophie aufbieten müſſe, um ſich in einen Aufenthalt von einigen Jahren auf der Inſel Mauritus zu finden. Mancher betrachtet ſie als eine der reizendſten Inſeln auf der Welt. Die braven Kauf⸗ leute und Pflanzer wetteifern in Gaſtfreundſchaft und ver⸗ wenden alle Hervorbringungen des üppigen Eilands, um dem Fremden den Aufenthalt angenehm zu machen. Auf Ein⸗ wendungen in Betreff des Klima's lege ich geringen Werth, und ein kluger Wandersmann ſollte ſie eigentlich nicht hervor⸗ bringen, denn wenn man ſich nur überall ein Bischen nach den Verhältniſſen richtet, ſo werden im Grunde bald alle Klimate gleich, man kann ihnen nicht ungeſtraft Trotz bieten, aber ſie beläſtigen nicht, wenn man ſich ihnen fügt; man trägt ein warmes Kleid in St. Petersburg und hält ein paar Stunden Mittagsruhe in Calcutta. Was nicht geleugnet werden kann, iſt allerdings, daß Mauritius etwas zu übertrieben abſeits liegt, um von der Pfennigpoſt regelmäßig bedient werden zu' können; aber da ich nicht berliebt war, ſo hatte es damit nicht viel auf ſich. Wenn ich ſage, daß ich nicht verliebt war, ſo folgt daraus nicht, daß ich dem guten Rufe von Mauritius und ſeinen Hervorbringungen zu nahe trete. Bis ich ſeine zauberiſche Küſte betrat, galt ich mit gutem Fug für einen hartherzigen, unein⸗ nehmbaren Hageſtolz. Es würde wenig Unterhaltung gewähren, die Namen meiner Genoſſen am Offizierstiſche aufzuzählen, — — 40 die, Einer nach dem Andern, als Opfer gefallen waren der ſchönen Augen, die ihre blendenden Strahlen über mich ohne die beabſichtigte Wirkung ausgeſtrömt hatten. Drei Wo⸗ chen nachdem wir die neuen Quartiere bezogen, hatten die Mädchen die Bewältigung meiner Halsſtarrigkeit aufge⸗ geben als eine böſe und undankbare Arbeit, mit der keine Ehre einzulegen ſei. Nun hatte aber doch meine Stunde auch ge⸗ ſchlagen, ich hatte die Unabhängigkeit auf's Aeußerſte getrieben, und nicht gar zu lange, nachdem ich das romantiſche Eiland von Paul und Virginie betreten, hatte ich ſo ziemlich meine Freiheit eingebüßt. Wenn der Leſer alle dieſe Umſtände zuſammenrechnet, ſo wird er ſich ſchwerlich wundern, wenn ich ſage, daß ich gerade nicht außer mir war vor Entzücken über den Befehl zur Heimkehr. Ich befand mich in einem eigenen Falle von Liebesnoth, der, wenn auch ſonderbar, doch vorkommen kann. Nicht eine Flamme, ſondern mehrere hatten mein Herz entzündet— nicht ein Bild weiblicher Lieblichkeit, ſondern eine ganze Gallerie reizender Geſchöpfe hatte ſich in meine Phantaſie ein⸗ geniſtet und trieb dort tollen Spuk. Ich ging aus des Mor⸗ gens mit der feſten Ueberzeugung, daß Maria die rechte ſei, und wenn ich Mittags nach Hauſe zurückkehrte„ſo kam es mir vor, daß Luciens Augen ein noch hinreißenderes Feuer ausſtrahlten, dem ich nicht widerſtehen konnte, bis mir Abends einfiel, wie unverantwortlich es ſein würde, die ſanfte und in ihrer Anſpruchsloſigkeit entzückende Malbina den grauſamen Der Erzähler 1848. 1. 4 Qualen der Eiferſucht Preis zu geben; war ich alsdann mit ſolcher Bedenklichkeit eingeſchlummert, ſo kam im Traum ein ganzer Schwarm von lauter gleich anbetungswürdigen Schönen mir über den Hals, die ſich um mich ſtritten und mich ärger quälten, als wäre ein Schwarm afrikaniſcher Stechfliegen hinter die Gazevorhänge meines Bettes gerathen, auf dem ich Tanta⸗ luspein erduldete. War ich wankelmüthig vor Schlla in Charybdis gefallen, ſo rettete ich mich aus der Tiefe nur, um wie ein irrgewordener Komet am Firmament herumzufahren und gravitirte bald um dieſe, bald um jene Sonne, ohne bei einer ins rechte Gleis kommen zu können. Ich glaube ſicher⸗ lich, daß wenn damals Hymen in eigener Perſon mir den Tiſch gedeckt, ich mich über die Wahl der Gefährtin, die er mir zubringen ſollte, ſo lange beſonnen hätte, daß der Gott, der ja vielerwärts zu thun hat, vor Ekel die Fackel ausge⸗ löſcht haben würde. In ſolcher Stimmung ſaß ich am Frühſtück. Zu der heilloſen Verwirrung zärtlicher Gemüthserregung, die ich eben zu beſchreiben verſucht, geſellte ſich noch eine leiſe Entrüſtung über den Inhalt eines Briefs von meinem alten Freunde Hans Hardy. Er that mir zu wiſſen, daß er meine bevorſtehende Heimkehr vernommen und mir aufrichtig Glück wünſche zu meiner Abberufung, ehe ich regelmäßig eingefangen worden. Im ſchlimmſten Falle jedoch— und das war die Stelle ſeines Briefes, für welche ich ihn hätte peitſchen mögen— wenn nämlich ein Fang in Wirklichkeit ſtatt gefunden, gab er zu Bedenken, wie ich eigentlich darum mich nicht verloren geben dürfe, dieweil ich ja nunmehr eine günſtige Gelegenheit habe, . 5¹ * heimzukehren,„um mich mit meinen Freunden zu berathen.“ Ich erinnerte mich, wie oft ich mich dieſes matten alten Spaſſes bedient hatte, und es kam mir ſeltſam vor, daß ich damals mich ſo gar grimmig dagegen geſträubt.„Eingefangen,“ dachte ich bei mir ſelbſt—„wenn nur Hans, oder ſonſt wer mir ſagen wollte, von wem?“ Ich komme mir vor wie jener Hypochon⸗ driſt, der nicht wußte, in welchem von ſeinen fünfzig Leiden das Grundübel ſtecke, und demzufolge unheilbar blieb. Zu⸗ verläſſige Männer ſtimmen jedoch überein in der Annahme, daß man zu gleicher Zeit nur mit einer einzelnen Perſon in Liebe verbunden ſein kann, und ſo war ich, allem Anſchein zum Trotz, dennoch zu der Vermuthung berechtigt, daß irgend ein junges Frauenzimmer insbeſondere die anregende Urſache ſei der auffallenden Zerſtreuung, von der ich unleugbar be⸗ fallen ſei. Jetzt aber lag blutwenig daran, welche oder wie viele Mädchen dabei in's Spiel kommen mochten; ich ſollte ſte nun Alle verlaſſen. Mauritius mit ſeiner lieblichen Geſellſchaft werde ja bald für mich nur ein Traumbild ſein, deſſen Licht noch immer in Wahrhaftigkeit funkelte, bald jedoch von bar⸗ ſchen Eindringlingen in den Schatten gedrängt werden müſſe, bald werde ja das ſehr beliebte ſieben und vierzigſte Regiment fort ſein und erſetzt werden durch das nicht weniger beliebte drei und achtzigſte, und ich konnte mir lebhaft vorſtellen, daß es nicht übermäßig lange dauern werde, bis die Mädchen über p und über getröſtet würden von den neuen Ankömmlingen, die das verlöſchende Feuer auf eigene Rechnung anblaſen. Könnte man annehmen, daß es ganz Untröſtliche gebe, und welche von den Holden werde mit meinem Andenken einen verborgenen Götzendienſt treiben, ſo verborgen vielleicht, daß ich nie Kunde vavon bekäme? Gerade als ich im Begriff war, in meinem Gedächtniſſe Heerſchau zu halten über die Lieblinge meiner Phantaſie, um die am wahrſcheinlichſten Untröſtliche zu bezeich⸗ nen, wenn überall eine ſolche herauszufinden war, wurde meine Betrachtung durchkreuzt von einem Geſumme von Stimmen, die ſich in der wunderbar verunſtalteten franzöſiſchen Mundart der Inſulaner vernehmen ließen. Es war wahrhaft verdrieß⸗ lich, von einer aufdämmernden Hoffnung weggeriſſen zu wer⸗ den, aber ſicherer Erfahrung nach muß ja immer das Ideelle vor der Realität zurücktreten. Ich ging an's Fenſter und hörte dann deutlicher:„Gaitli done, gaitli! li grand mossien su li petit cheval!*)6 Der Veranlaſſer des Aufrufes erſchien in der Perſon meines Freundes Hamilton, der in dem Augenblicke als ich das Fen⸗ ſter erreichte, ſich einen Weg durch die Menge gebahnt hatte und vor meinem Hauſe vom Pferde ſtieg. Ich hätte eigentlich den Ankömmling errathen können, denn dazumal konnte er ſich nie auf der Straße in Bewegung ſetzen, ohne die öffentliche Ruhe zu unterbrechen. Er war ein ungewöhnlich großer und ſtarker Burſche, der die Grille hatte, den möglichſt kleinen Poney zu reiten, auf dem ſeine Füße nicht geradezu auf dem 1. *)„Seht doch, ſeht den großen Herra auf dem kleinen Pferde! Man wolle nicht vergeſſen, daß 1s1e de Frauce(Mauritius von den Engländern genannt) urſprünglich eine franzöſiſche Colonie war, die im Pariſer Frieden 1815 an England ab⸗ getreten werden mußte. — 53 Boden ſchleppten. Dieſer Anblick kitzelte ſtets unwiderſtehlich die Lachluſt der Straßenjungen und Tagediebe der Colonial⸗ reſidenz und ſie machten ſich ein Vergnügen daraus, ihm bei jedem Ritt eine nie fehlende Ehrenwache abzugeben. Bei dieſer beſondern Gelegenheit war der Lärm größer als gewöhnlich und erregte gleich meine Vermuthung, daß der Aufzug einen originellen Zuwachs haben müſſe. Sobald ich den zwergartigen Zelter genauer in Augenſchein nehmen konnte, fand ich, daß allerdings Aufzäumung und Bepackung keines⸗ wegs nach den gewöhnlichen Regeln der Stallmeiſterſchaft an⸗ geordnet waren. Am Sattel angebunden waren allerlei Päck⸗ chen, höchſt wahrſcheinlich mit Einkäufen, und einige davon begründeten ſtark die Vermuthung, daß ſie Eßwaaren enthiel⸗ ten, im Ganzen aber ſah der Sattel aus wie der eines Päch⸗ ters, der von einem Jahrmarkte heimkehrt; zum Ueberfluſſe hingen noch über den Hals der Mähne ein Paar Flaſchen. Hamilton, der unter allen dieſen Geräthſchaften wie ein Mei⸗ lenzeiger hervorragte, hatte noch einen ziemlich umfangreichen Korb am Arm und ſchien ſtattlich ausgerüſtet für einen Kreuz⸗ zug in irgend eine unbewohnte oder doch nicht mit erwünſchten Lebensmitteln verſehene Gegend. „Woher und wohin des Weges, Mann?“ fragte ich den Eintretenden, und zwar mit einer ſo unbefangenen Miene als möglich, damit meine verdrießliche Stimmung ſich nicht ver⸗ rathen ſollte, denn ich wußte aus Erfahrung, daß Hamilton ein verzweifelt ſcharfer Beobachter war. „Wo Du mit gehen wirſt, Jack,“ antwortete Hamilton— „Thue mir nur die Liebe, Deine Siebenſachen binnen einer Viertelſtunde beiſammen zu haben.“ „Ich kann aber nicht, Herr Bruder; Du weißt, ich gehe übermorgen unter Segel und habe noch vielerlei zu be⸗ ſorgen. Und dann, ehrlich geſtanden, ich bin eben auch nicht in der Laune dazu.“ „Schwermüthig, und ſo weiter“ antwortete mein Freund —„ich weiß ſchon, und gerade darum bin ich gekommen, Dich zu holen. Da, lies dieſen ſanften Zettel, und dann gib mir Antwort.“ Er reichte mir einen kleinen, hübſchen, dreieckigen, roſen⸗ farbenen, ſüß duftenden Brief, deſſen Ueberſchrift ſchon mir gewiſſermaßen Herzklopfen verurſachte. Es war die Handſchrift von Virginie G.— und das Schreiben war gerichtet:„An Alle, die es betreffen möge.“ Es enthielt die Willensmeinung einiger ſchönen Bewohnerinnen der Colonie an ſolche Herren, die davon Kenntniß nehmen wollten, und inſonderheit an die Offiziere des ſieben und vierzigſten Regiments Ihrer Majeſtät, ſich einzufinden an einem Orte auf der entgegengeſetzten Seite des Hafens, um dort ein ländliches Feſt zu begehen. Ich durchlief die Namen der huldreichen Despoten, und fand, daß unter ihnen Viele waren, die uns die letzten Jahre zu ver⸗ ſchönern nicht verſchmäht hatten. Virginie ſelbſt aber war ent⸗ ſchiedenerweiſe diejenige, an welche ich am meiſten dachte bei der Ueberlegung, daß ich nach zwei Tagen die Reiſe antreten ſollte nach dem entgegengeſetzten Punkte des Erdballs. „Lieber Freund“— ſagte ich nach Anblick der Namens⸗ liſte—„hier iſt des Verführeriſchen genug, aber „ 55 wie wir älter werden, müſſen wir mehr und mehr uns der Be⸗ ſcheidenheit befleißigen: Was werde ich haben von dieſem Feſte? nichts, als vermehrte Sehnſucht. Kann ich vergeſſen, daß ich in zwei Tagen mit Sack und Pack abziehe, und daß ein An⸗ derer die Nachfolge aller zärtlichen Empfindungen bekommt eben ſowohl als die des Quartiers.“ Hamilton hatte eine Cigarre angezündet und rauchte ſchwei⸗ gend fort, aber, wie ich bemerkte, beobachtete er mich auf⸗ merkſam. „Ich habe meinen Auftrag noch nicht ganz vollzogen“ ſagte er—„und kann es nicht, ohne ein klein bischen Ver⸗ rath zu begehen. Der Brief iſt von Virginie.“ „Das weiß ich wohl, dabei iſt kein Verrath zu üben.“ „Vielleicht aber darin, zu verrathen, daß ſie mir befohlen hat, Dir den Brief zu zeigen; und um ſo mehr, wenn ich be⸗ denke, daß ſie ganz übertrieben erröthen würde, wenn ſie es wüßte.“ Nun muß ich ſagen, daß ich allerdings eine ſo beſondere Theilnahme empfand für Virginie G—, daß ich mich nicht ganz ſicher fühlte unter dem forſchenden Blick meines Freun⸗ * des, ohne daß ich jedoch hatte ergrüuden können, ob ſie ihrer⸗ ſeits meiner Empfindung entſpreche. Einige Mädchen ſind ſo erſtaunlich zärtlich, daß ſie an einen Canarienvogel mehr Liebe verſchwenden, als ſie einem legitimen Bräutigam zuwenden wür⸗ den. Virginie war von dieſer Gattung, und wiewohl ſie aller⸗ dings einen gewiſſen Grad von Zärtlichkeit in ihrem Verkehr mit mir entwickelt hatte, ſo fehlte mir bis dato ein Beweis, 56 daß ich deßhalb mich eines Vorzugs vor einem Canarienvogel rühmen dürfe. Ich will daher nicht läugnen, daß ich einigermaßen ge⸗ rührt war über dieſen Beweis einer beſonderen Erinnerung. „Jack,“ ſagte mein Freund—„Du mußt mit mir ge⸗ hen, und wirſt es auch, denn ich will Dir nicht vorenthalten, daß ich die ganze Zeit über Deine inwendige Betrachtungen herausgeleſen habe wie in einem gedruckten Buch. Du biſt ver⸗ ſchoſſen in irgend eine von dieſen Mädchen, ohne recht zu wiſ⸗ ſen, wer die oberſte Gebieterin Deiner Gefühle iſt. So weit iſt nun Alles in Richtigkeit, manch ehrlicher Burſch war vor Dir in derſelben verzwickten Lage. Hier aber bietet ſich Dir eine günſtige Gelegenheit dar, um dahinter zu kommen, wie es eigentlich um dieſe Angelegenheit ſteht.“ „Freilich“ antwortete ich—„und eine Feſtſtellung der Sache wird mir ſehr wohl thun.“ „Eine Wohlthat wird es in der That ſein. Du haſt bei der Gelegenheit alle Deine Göttinnen auf einem Haufen beiſammen und jedenfalls gute Unterhaltung, wenigſtens wirſt Du einen vortheilhaften Eindruck hinterlaſſen.“ Ich kann nicht ſagen, daß ich beſonders aufgelegt war, mich einer luſtigen Geſellſchaft anzuſchließen, aber die Gewiß⸗ heit war indeſſen angenehm, noch einmal alle die liebenswür⸗ digen Geſchöpfe vereinigt zu ſehen, welche jedenfalls in meinen Erinnerungen keine untergeordnete Rolle ſpielten, wenn wir auch künftig um einen ganzen Erddurchmeſſer von einander ge⸗ trennt ſein würden. Ich konnte dabei doch auch ermitteln, ob in einigen von den ſchönen Augen, und in welchen, etwas 57 Wehmuth zu entdecken ſei beim Gedanken an den Abſchied von uns, die in ſo manchen heiteren Thaten ihre ſtets bereitwilligen Gefährten geweſen waren. Dezu kam, daß eine gute Portion in Abrechnung kam von den zweimal vier und zwanzig Stun⸗ den, welche ich ſonſt, nach dem Anfang zu urtheilen„ aller Wahrſcheinlichkeit nach in dieſer Art von alberner Niederge⸗ ſchlagenheit zugebracht haben würde, in der man ſich rathlos über ſeine eigene Unentſchloſſenheit ſo lange ärgert, bis die Stunde der Abreiſe ſchlägt„wo man dann bei einem verlege⸗ nen Abſchied eine trübe Figur ſpielt und eine erträgliche Ver⸗ gangenheit auslöſcht. Ein anderer Umſtand machte mich ohnedies bereitwilliger zur Theilnahme an dieſer Fahrt in's Grüne, und da er eine Hauptrolle ſpielt in dem Abenteuer, das ich beſchreiben will, ſo wird es rathſam ſein, hier davon Erwähnung zu thun. Es war nämlich der letzte Tag, an dem ich mich noch als Eigenthümer eines allerliebſten kleinen Segelbootes betrachten konnte, das ich mit dem Namen„die Woge“ getauft hatte. Meinen Klepper, eine Menge Geräthſchaften hatte ich verkauft, und ebenſo meine geliebte„Woge,“ die vom folgenden Tage an einem andern Herrn zugehören würde. Wer in den letzten fünf Jahren die Inſel Mauritius gekannt hat, muß nothwen⸗ diger Weiſe gehört haben von der„Woge,“ denn ſie ſtach jedes Fahrzeug aus das in ihr Fahrwaſſer kam. Nur allein der alte„Bucephalus“ konnte in einigen Beziehungen ſich mit ihr meſſen. Das war nämlich das Lieblingsboot des erſten Lieute⸗ nants, der nach manchen Verſuchen endlich ein zweckmäßiges Takelwerk ausſpeculirt hatte. Wenn der Wind gerade auf 58 ſtand, ſo konnte Bucephalus mich überholen, aber wenn man ſchräg gegen den Wind halten mußte, ſo überholte ich den Bu⸗ cephalus wie jedes andere Boot. Wir konnten indeſſen nie darüber einig werden, welcher von beiden der beſte Segler an und für ſich ſei, obwohl wir es an Probefahrten in Wahrheit nicht fehlen ließen. So wie ein friſcher Wind blies, konnte man ſicher ſein, die„Woge“ in die See halten zu ſehen und keck unter dem Steven des Bucephalus herumkreuzen, etwa in der Art einer herausfordernden Kokette, und der große Nebenbuhler machte ſich bald klar, um einen Wettlauf zu verſuchen. Es war mir oft prophezeit worden, daß mein ſchlankes und kleines Segelbvot mein Sarg werden müſſe, und einmal namentlich war es nicht weit davon, als ich nämlich vor einem ſchweren Windſtoß nicht Segel ſtreichen wollte. Es gefiel mir, in ſo guter Geſellſchaft noch einmal zum Abſchied einen Kreuzzug mit meinem Fahrzeug zu machen. Einwendungen wegen Mangel an Proviſion wurden von Ha⸗ milton zurückgewieſen, der ſich reichlich verſehen hatte. Er hatte ganz darauf gerechnet, als mein Geſellſchafter in meinem Boote die Reiſe zu machen. Segeln war ſonſt eben nicht ſeine Sache, aber er hatte einen ſehr vortheilhaften Begriff von meiner nautiſchen Geſchicklichkeit und von der Tüchtigkeit des Boots. Er war ein lieber Kamerad, aber weit angenehmer und nützlicher am Lande als auf der Sec. Wenn Alles einen ebenen Gang hatte, ſetzte er ſich ganz behaglich zurecht und rauchte ſorglos eine Pfeife; wenn wir aber den Wind fühlten und das Fahrzeug legte ſich nur ein bischen auf die Seite, ſo ſah er ſich um, wo ein Brett oder etwas Holz zu finden 59 ſei als Rettungsmittel im Falle eines Umſchlags. Aus allen dieſen Umſtänden ging hervor, daß mein Freund etwas Waſ⸗ ſerſcheu war. Bei Alledem war er ein zuverläſſiger Mann und namentlich fürchtete ich mich nicht davor, wenn er Zeuge einer romantiſchen Epiſode werden ſollte, die in dieſem Falle möglicherweiſe vorkommen konnte. Ich hatte ihm ſchon man⸗ ches Abenteuer anvertraut und er lachte mich nicht aus, ſon⸗ dern half nach wie er konnte. Es wurde alſo abgemacht, daß wir mit der„Woge“ noch einmal eine Fahrt anſtellen wollten, um gebührenden Antheil zu nehmen an der Geſellſchaft der Frauen. Es wäre ſchwer genug geweſen, zu beſtimmen, welche Hoffnung mir bei dieſer Gelegenheit lächeln ſollte, aber, wenn auch in ganz unbeſtimm⸗ ter Form und ohne mir ſelbſt Rechenſchaft geben zu können, es ſchien mir irgend etwas Gutes in Ausſicht zu ſtehen. Viel⸗ leicht war der Geſichtskreis meines Gemüths aufgehellt worden durch den unerwarteten Beſuch meines grillenhaften Freundes, der durch ſeine Ueberredung und die Nöthigung, welche in ſei⸗ nen Vorbereitungen lag, am meiſten vielleicht durch jenes Auf⸗ gebot Virginiens, wenn auch in Maſſe, einiges Leben hinein⸗ gebracht hatte in das trübe Morgengemälde meiner Phantaſie. Dieſer Freund war unbedenklich witziger und vor Allem un⸗ terhaltender geweſen, als meine ſauertöpfiſchen Selbſtbetrachtun⸗ gen. Da ich nun einmal den Vorſchlag angenommen, ſo legte ich mit gutem Willen und Eifer Hand an, um die Vorberei⸗ tungen, die ich auch machen mußte, ſo bald thunlich zu Ende zu bringen. Das Wetter war köſtlich und glücklicher Weiſe nicht zu heiß. Ein ſanfter Wind hatte ſich erhoben, grade vollkom⸗ 60 men geeignet, um uns aus dem Hafen zu bringen. Die ein⸗ zige Schwierigkeit lag darin, daß meine bisherige Bemannung des Boots, die freilich nur aus dem alten Pierre und ſeinem Sohne Antoine beſtand, aber mit dem Charakter der„Woge“, die ihren eigenen Kopf hatte, vollkommen vertraut, am Tage vorher abgelöhnt und zur Stunde bereits am Bord eines an⸗ dern kleinen Schiffs war. Beide Männer, mit denen ich manche halsbrechende Fahrt gemacht, hatten einen traurigen Abſchied genommen, denn Schiffer und Fahrzeug waren ganz nach ihrem Geſchmack geweſen. Ganz allein konnte ich zu gleicher Zeit Steuerruder und Segel nicht handhaben, wenigſtens nicht bei einem etwas ſteifen Winde, und ich ſchätzte aus guten Grün⸗ den die Fähigkeit meines Freundes Hamilton als Gehülfen nicht ſonderlich. Er ſtellte ſich indeſſen mit ſo gutem Willen zu meiner Verfügung und das Wetter ließ keine Gelegenheit erwarten, um die Schiffskundigkeit auf irgend eine bedenkliche Probe zu ſtellen, und ſo konnte ich hoffen, daß er die paar Handgriffe, die allenfalls vorkommen würden, leidlich zu Stande bringen würde. Es war übrigens zum erſten Mal, daß wir Beide allein in die See ſtechen ſollten, denn ſo oft er mich auch ſonſt begleitet hatte, immer war es nur als Gaſt ge⸗ weſen. „Diesmal, Hamilton, mußt Du Deine Ueberfahrt ſelbſt verdienen,“ bemerkte ich.„Du mußt Segel aufziehen oder das Steuerruder führen, wie es eben kommt.“ „Warum das nicht?“ meinte er.—„Nur nicht ängſt⸗ lich! Ich werde mich nicht ſo ſchlecht dabei anſtellen, Ich habe eine naſſe Jocke gehabt, ehe ich Deine„Woge“ ſah. Habe ich 61 Dir nie erzählt von meinem famoſen Kreuzzug auf dem Cam⸗ Fluſſe?“ „Nie, Tom!“ „Dann kannſt Du natürlicherweiſe keinen Begriff haben von meiner Seemannsfähigkeit. Darf ich fragen, wie oft Du in einem Tage mit einem Boote umgeſchlagen haſt?“ „Glücklicher Weiſe nur einmal, und das war damals, wo Pierre durchaus nicht Segel reefen wollte, um Bucephalus den Wind abzulaufen. Die„Woge“ ſetzte die Spitze tief in die Wellen hinein, er meinte aber, ſie würde die Naſe wieder heben, was ſie indeſſen nicht that, ohne uns etwas Seewaſſer in den Rachen gejagt zu haben, abgeſehen davon, daß wir ſo lange auf dem Kiel reiten mußten, bis man uns zu Hülfe kam, und es gehörten viele Leute dazu, um die„Woge“ wie⸗ der aufzurichten. So naß auch die Segel, und wir dazu waren, ſo liefen wir doch ſtolz in den Hafen zurück mit den ſchrecklichſten Racheentwürfen gegen Bucephalus, der das edle Vertrauen des guten Pierre zur Seefähigkeit der„Woge“ (das allerdings etwas hoch geſchraubt war) diesmal zu unſerer Demüthigung und zu ſeinem Triumph hatte brauchen können. Und es fehlte uns nicht an Rache, denn die„Woge“ ſchoß eine ganze Woche hindurch in die See mit einer Haſt, daß Bucephalus und alle die andern nur das Nachſehen hatten.“ „Ich“— ſagte Hamilton—„bin zweimal ſchon in die Fluth getaucht worden. Ich war auf Beſuch bei Bob in Magdalen, wo Segeln mit zu den Unterhaltungen des Aufent⸗ halts gehörten; ich muß jedoch ſagen, daß es damals ein unpaſſendes Vergnügen heißen konnte, denn es war bitter kalt. Wir ſtießen ab mit der Abſicht, bis nach Cly zu fahren. Nie⸗ mand von uns verſtand etwas vom Segeln, und ſtillſchweigend verließen wir uns auf die Tüchtigkeit eines Mannes, von deſſen nautiſchen Kenntniſſen wir freilich keinen anderen Gewähr hatten, als daß er ein merkwürdig lichtes Seemannskleid trug, wie die Lootſen es gewöhnlich haben in hartem Wetter, und daß er in ſeinem Gange hin und her ſegelte, wie Jemand, der wenig Uebung hat, ſich auf der Terra Firma zu bewegen. Er nahm den Oberbefehl in der natürlichſten Art, wie etwas, das ihm mit Fug und Recht zukam, und ſetzte ſo volles Vertrauen in dies ſtillſchweigende Urtheil, daß es ihm gar nicht einfiel, ſeine eigene Ungeſchicklichkeit in Anſchlag zu bringen. Wir waren kaum einigermaßen in der Ordnung unterwegs, ſo legte ein Windſtoß unſer Voot ſo auf die Seite, daß es mit dürſtigen Zügen eine Menge Waſſer verſchluckte, das wir nachher wie Galeerenſklaven wieder ausſchöpfen mußten. Das wurde als ein Unfall betrachtet, der auch der erfahrenſten Theerjacke be⸗ gegnen konnte, und wir waren in unſerem Vorurtheil ſo befangen, daß unſer Palinurus noch in unſerer Achtung ge⸗ wann, weil er das Abenteuer mit kaltem Blute beſtand und ruhig das Waſſer von ſeinem undurchdringlichen Tuche auf uns abſchüttete. Als er aber etwas weiter hin uns buchſtäb⸗ lich unter Waſſer brachte, ſo wurde unſre Einfalt doch etwas erſchüttert und wir begannen einige leiſe Zweifel zu hegen, ob er nicht mehr unternommen habe, als er in erfreulicher Weiſe zu Ende bringen könne. Bei dieſer Gelegenheit fragte uns der Mann mit außerordentlicher Leutſeligkeit, wohin eigentlich die Reiſe ginge und ob wir nicht einräumten, daß in Betracht 63 deſſen, daß er zum erſten Mal in ſeinem Leben ein Kahn be⸗ ſtiegen, die Sache nicht ſo übel ausgeführt werde. Nach die⸗ ſem Bekenntniß, das mit großer Unbefangenheit, wiewohl nicht ohne ein heimlich ſatiriſches Lächeln abgelegt wurde, konnten wir uns denn nicht ſonderlich wundern über das Lehrgeld, und dankten nur Gott, daß wir ſo ziemlich mit einem blauen Auge davon gekommen waren, obwohl er uns zuletzt noch an einer ſchlammigen Küſte ſo gründlich auf den Strand gebracht hatte, daß wir im Koth auf das feſte Land waten mußten und kein Gedanke daran war, vor dem nächſten Morgen flott zu werden; wie ſich von ſelbſt verſteht, hatten wir den Be⸗ ſtimmungsort nicht erreicht, ſondern nur ein ſchlechtes Dorf, wo man uns mit großen Augen anſah, als wir mehr verlang⸗ ten als Eier und warmes Waſſer. Das mag nun aller⸗ dings einem eingepöckelten alten Seehunde, wie Du einer biſt, nicht beſonders auffallend erſcheinen. Füge aber hinzu, daß wir bei einem Wetter, das uns eine gewiſſenhafte Miſchung von Regen und Eisflocken ins Geſicht peitſchte, ſieben bis acht engliſche Meilen zu Fuße nach Cly wandern mußten, und zwar vielfach ohne Schuhe, von denen manche im Schlamm ſtecken geblieben waren, der über ſie zuſammenſchlug, ehe wir ſie herausfiſchen konnten, ſo daß wir die Lehmerde Löllig knete⸗ ten wie in einem Backtrog— und Du wirſt begreifen, daß ich mich einiger gottloſen Flüche nicht erwehren konnte. Dieſe Erfahrung war nicht einladend und ich habe die edle Segel⸗ kunſt nicht weiter getrieben, ja bin ſeitdem mit Niemand aus⸗ gelaufen, als mit Dir.“ „Gut, ich werde Dir, wie Du weißt, nun allerdings 64 keinen ſolchen Streich ſpielen wie jener Mann mit der Boots⸗ mannsjacke, aber die See iſt ein tückiſches Element und die Wolken ſind verrätheriſche Wegweiſer.“ „Sie haben wohl ſelten ein ſo freundliches Geſicht ge⸗ macht wie heute— alſo vorwärts, denn ſonſt werden wir auf dem himmliſchen Antlitze Virginiens Wolken, und vielleicht ein Ungewitter zu ſehen bekommen.“ Wir ſammelten demnach alle unſere Siebenſachen zuſam⸗ men und machten uns auf den Weg. Die Strecke zwiſchen meiner Wohnung und dem Landungsplatze, wo die„Woge“ graciös ſich auf dem Waſſer wiegte wie auf der Bruſt einer ſchlafenden Nymphe, war bald zurückgelegt. Ich war immer noch unter dem Einfluſſe weit ernſterer Gefühle, als man hätte erwarten ſollen, und Hamilton ehrte ſie. Mit unver⸗ gleichlicher Gefälligkeit lief er neben mir her, zutſchelte an ſeiner Cigarre und ſagte nichts. Sein Zwergpferd war von einem von den Straßenbuben, der vorher am ärgſten den Auf⸗ ritt ausgepfiffen, nach dem Waſſer geführt worden und wartete dort mit Ungeduld, von der Laſt erleichtert zu werden, denn wir hatten das Thier bepackt, als wäre es ein Müllereſel ge⸗ weſen. Die arme„Woge“ war bisher nicht daran gewöhnt ge⸗ weſen, müßig im Hafen zu liegen, wenn alle ihre Kameraden ſich luſtig vor dem Winde taumelten. Man hätte meinen mögen, daß ſie ſich ihre jetzige Lage zu Herzen nahm, ſo traurig und matt wie eine Thränenweide hing der Wimpel herab und klebte an dem Maſt. Ich wurde bei dieſem Anblick von Reue ergriffen, daß ich ein ſo gefühlvolles Weſen, ſo ſchien ſie mir, 65 ſchnödem Verkauf Preis gegeben, und nur der Gedanke tröſtete mich, daß der Handel jetzt nicht mehr rückgängig gemacht und ich das Schiff an meinem neuen Beſtimmungsorte durchaus nicht verwenden konnte. Alle andere Boote, die am Zug Theil nahmen, waren voraus und bereits hinter dem felſenartigen Vorgebirge unſrem Anblick entzogen: Man ſagt, daß Seeleute oft abergläubiſch ſind und ſo konnte man es für eine üble Vorbedeutung ge⸗ halten haben, daß wir uns ſchrecklich abarbeiten mußten, um den Anker herauszuziehen, als wenn er uns eine Warnung geben wollte, das Land nicht zu verlaſſen. Als wir unter Segel gekommen waren, begann ich etwas nach den Sachen am Bord mich umzuſehen. Das Schiff war mit allem Zu⸗ behör verkauft, ſo daß allerdings die Einrichtung in den meiſten Hauptpunkten nicht geändert war; deſſen ohnerachtet war die pedantiſche Pünktlichkeit des alten Herrn nicht mehr vorhanden. Die Kiſte mit dem Leinen⸗Vorrath war leer, und es fiel mir auf einmal ein, daß der Beſitz der alten Reſerveſegel vom Kauf ausgenommen und als Erbſtück dem alten Pierre zugefallen war. Er hatte ſie mitgenommen und wir hatten demnach bei einem etwaigen Unfalle keine andern Segel als die, welche bereits aufgehißt waren. Dieſer Abgang beunruhigte mich in⸗ deſſen nicht im Geringſten, denn es war nicht die entfernteſte Wahrſcheinlichkeit vorhanden, daß wir bei dem Wetter andere Leinwand nöthig haben ſollten. Wir ſchwebten auch ganz ruhig dahin vor einem leiſe ſäuſelnden Luftſtrom, denn mein nunmehriger Steuermann hatte einen angebornen Abſcheu vor Der Erzähler 1848. I. 5 66 einem kühnen Strich. Es war von jeher eine ſtillſchweigende Uebereinkunft, daß, wenn er mich begleitete, die Fahrt mit ebenem Kiel ging, während ich auf meinen Einzelzügen ihn oft ſehr hoch hielt, ſo daß das Boot wie eine leichtfertige Operntän⸗ zerin in lauter Sätzen durch den Schaum der herantreibenden Wellen des Weltmeers hüpfte. Hamilton beſtand auf eine glatte Fahrt, weil er meinte, es drohe keine andere Gefahr, als das Umſchlagen wegen einer zu ſchweren Segelmaſſe. Er hielt mich in dieſem einen Punkte für leichtſinnig und war der feſten Ueberzeugung, daß ein Boot ohne Segel ſo wenig den Kiel nach oben bringen, als eine Schildkröte mit dem Bauch aufwärts ſchwimmen würde. Um auf eine anſtändige Weiſe den Hafen wieder zu erreichen und was ſonſt dazu gehörte, um ohne Havarie davon zu kommen, dafür ſetzte er ein blindes Vertrauen in meine Seemannskunſt. Wir hatten kaum Luft genug, um aus dem Hafen zu kommen, da der, wiewohl friedliche Andrang des Meeres uns etwas gegen einen Felſen trieb, der am Eingange des Hafens in die See läuft. Allein, wie ſchon bemerkt, wenige Böte konnten halb gegen den Wind ſo regelmäßig vor dem Steuer⸗ ruder laufen wie die„Woge“ und es gab vielleicht keines, das mit ſo wenig Verluſt den Strich hielt. So wurde es uns nicht ſchwer, den Vorſprung in kürzeſter Friſt aufzuarbeiten und bald waren wir in voller Sicht der kleinen Flotte, welche die bunten Reihen unſerer Freunde und Freundinnen in Fahr⸗ zeugen der verſchiedenſten Art und Größe am Bord hatte. Wir wurden begrüßt mit lautem Zuruf und Wehen der Damenſack⸗ tücher. Auf der größten Yacht war ein Ausſchuß der Damen, 67 der ſich ſelbſt die Befugniſſe des unbedingteſten Oberbefehls zu⸗ erkannt hatte. Das war die Bienenkönigin, deren Bewegun⸗ gen der ganze Schwarm folgen mußte. Grade als wir in Sicht kamen, ſetzte ſie alle Segel zu, um baldmöglichſt den gemeinſchaftlichen Beſtimmungsort zu erreichen, und alle an⸗ dern Böte, die bisher zurückgehalten hatten, um unſere An⸗ kunft abzuwarten, thaten desgleichen. Die Idee der Fahrt war, den Wind aus der See zu benutzen, um über die Bucht zu komten, wogegen wir gegen Abend ziemlich ſicher auf einen Landwind rechnen konnten, um in eben ſolcher Weiſe zurück⸗ zukehren. Alle waren in der heiterſten Laune und die Wimpel wehten ſo luſtig als wenn ſie die Freude empfanden, die Merk⸗ zeichen einer ſo ſorgloſen Geſellſchaft zu ſein. Dieſe Stim⸗ mung ſchien beſonders auf dem Admiralſchiff ihre Flagge auf⸗ gepflanzt zu haben und als wir eine halbe Stunde ſpäter ihm an die Seite kamen, ſo ſahen wir bald, daß hier die Blume der ganzen Geſellſchaft verſammelt war. Hier bemerkte ich auch Virginie, auf deren Gegenwart ich allerdings ſtark ge⸗ rechnet hatte. Sie ſtrahlte vor triumphirender Freude, ich meinte aber dennoch nicht, daß ſie grade ein beſonderes Ver⸗ langen an den Tag legte, um mich zu grüßen. Ich muß in der Erwiederung viel mehr Eifer gezeigt haben, denn ich be⸗ merkte, daß Aller Augen mit einer gewiſſen Verwunderung auf mich gerichtet waren; ſo kam es mir wenigſtens vor und ich ärgerte mich über meinen Fürwitz, empfand ſogar Verdruß, daß ich mich hatte beſchwatzen laſſen. Die Feſtlichkeit ſelbſt übergehe ich mit Stillſchweigen. Wenn unter den Gegenwärtigen außer mir ein Empfindſamer 68 war, ſo muß er ebenſo, wie ich, in gedrückter Stimmung ge⸗ weſen ſein, denn es herrſchte eine ſo gottloſe Fröhlichkeit als wenn gar kein Abſchied bevorſtünde. So kam es denn, daß ich immer trübſinniger wurde und mich mit thörichtem Ver⸗ dacht quälte. Ich ließ es mir nicht nehmen, daß die meiſten Fräulein mich bereits auf eine auffallende Weiſe vernachläßig⸗ ten, wie einen Mann, der fortan ihnen keinen Nutzen bringen konnte, da er auf dem Sprung ſei, einen, hochſt wahrſcheinlich ewigen Abſchied zu nehmen. War das der Fall, ſo mußte ich allerdings in der Stille einräumen, daß Virginie eine Aus⸗ nahme machte, denn ſie war nicht nur liebreich, wie immer, ſondern erkundigte ſich auch im Allgemeinen nach meinen wei⸗ tern Planen, ſprach ſogar von Wiederſehen als von einer Sache, die, wiewohl wenig wahrſcheinlich, am Ende doch nicht zu den abſolut unmöglichen Dingen gehörte. Aber ein trüber Geſell in ſolcher Gemüthsſtimmung iſt nicht leicht zu befrie⸗ digen und macht unverſchämte Forderungen. Mir kam es vor, als wenn ſie bei alledem ſehr zufrieden ſei, daß ich weg ſollte, und daß ſie gar nicht einmal von der Möglichkeit träumte, daß ich da bleiben könnte, daß nichts ihr gleichgül⸗ tiger ſei als das. Ich zürnte über mich ſelbſt, weil ich gekom⸗ men war, über die Heiterkeit des Himmels und noch mehr über die der Geſellſchaft, denn ſie ſchien meiner zu ſpotten, und weil ich keinen einigermaßen vernünftigen Grund für meinen Zorn auffinden konnte, ſo ſteigerte ich ihn bis zum ſchwärzeſten Menſchenhaß. Ich begann die in meinen Augen ſo veränderte Virginie der bitterſten Kritik zu unterwerfen; offenbar war ſie verdorben durch eine gedankenloſe Erziehung und zu frühen 69 Umgang mit gemüthloſen Gefährtinnen. Dazu kam die Ge⸗ wohnheit, Bekanntſchaften anzuknüpfen mit Männern, die nach wenigen Jahren Abſchied nehmen müßten, und dieſer beſtändige Wechſel mußte natürlich zur Folge haben, daß die Fähigkeit, wahre Freundſchaft zu empfinden, gänzlich in ihr erloſchen ſei; wie ſollte da Liebe aufkommen können, die ja eine noch unbe⸗ dingtere Hingebung verlangt. Aus Trotz ſetzte ich dieſe erbärmliche Logik ſo lange fort, daß mein inneres Elend ſichtbar wurde; ich wurde der Geſellſchaft ſo unleidlich wie ein naſſer Pudel. Einige der luſtigſten Mädchen neckten mich wegen dieſer unverkennbaren Shmptome von Herzeleid, und meiner Anſicht nach waren ſie eben ſo wenig witzig als zartſinnig; ſie wollten mich belangen bei einem weiblichen Geſchwornengericht, um herauszubringen, welche von ihnen dies Unheil in mir angerichtet habe. Dieſer Scherz aber entflammte meinen Zorn gegen ſeine Urheberinnen und hatte die Folge, daß ich gegen alle höchſt unliebenswürdig war. Ich fühlte, daß ich auf dieſe Weiſe das unvortheilhafteſte Andenken hinterlaſſen müſſe, aber mit aller Anſtrengung konnte ich es nicht zu einem geziemenden Benehmen bringen. So weit alſo hatte das Unternehmen, von dem mein Freund mich ſo viel Gutes hoffen ließ, den ſchlechteſten Er⸗ folg gehabt. Es ſollte aber noch weit ärger kommen, auf Aerger und Verdruß ſollte Schreck und Entſetzen folgen. Es wurde allmälig Zeit, an die Rückkehr zu denken. Das würde aller Wahrſcheinlichkeit nach eben ſo leicht ſich bewerkſtelligen laſſen, als die Ausfahrt, denn wir brauchten nur den Landwind abzuwarten, der faſt ohne Ausnahme ſich 70 gegen Abend erhebt. Der Wind hatte ſich während des Feſtes gelegt, und mehrere Stunden hindurch war es ganz ſtille. Es dauerte ungewöhnlich lange, bis der Abendwind ſich einſtellte. Die Schwärmer waren ſo glückſelig in ihrer feſtlichen Laune, daß Niemand an die Vorbereitung zur Rückkehr dachte, bis eine gleichſam ſeufzende Bewegung einer Zuckerrohrpflanzung in der Nähe uns verkündete, daß die Elemente uns nicht im Stich laſſen würden. Eine ſo zahlteiche und in Haufen ge⸗ theilte Geſellſchaft läßt ſich nicht ohne Schwierigkeiten ein⸗ ſchiffen, und der Aufſchub hatte zur Folge, daß es ziemlich ſpät geworden war, als wir endlich unter Segel gehen konnten. Das beunruhigte uns indeſſen keineswegs, denn die Nacht war hell, der Wind gut und im gleichen Druck, das Land lag deutlich grade vor uns; was mich betraf, ſo ſah ich keine andere Schwierigkeit, als daß einige von den Herren zu viel Wein getrunken hatten, um zuverläßig das Steuerruder führen zu können. Weil es auf das nachfolgende Abenteuer Bezug hat, ſo bemerke ich hier, daß keiner von den laut redenden Herren am Bord der„Woge“ war. Sie verſicherten, daß ſie durchaus keine Luſt verſpürten, ſich in einem Boote zu befinden, das unter dem Befehl eines ſo unwirrſchen Geſellen ſtehe, der einen ganzen Tag über mit einem ſo langen Geſicht umherlaufen konnte. Daher kehrten Hamilton und ich zurück wie wir ge⸗ kommen waren; wir beide machten die einzige Bemannung des Bootes aus. Rebenbei geſagt, war er ſo nüchtern wie ein Richter und eben ſo aufgelegt, um ſich nützlich zu erweiſen 71 und Hand anzulegen, wenn er nur wußte, wo und wie, was er von mir zu erfahren hoffe. Im Ganzen, meine ich, mußte unfre Flotte aus wenig⸗ ſtens zwanzig Booten beſtanden haben. Es war vorauszu⸗ ſehen, daß in dieſem Haufen einige Böte an einander gerathen würden, denn auf manchem wurde ſchlecht Wache gehalten. Einige von den Steuermännern waren überaus luſtig und die Mädchen lachten ſie aus, ohne im Geringſten ſie zur Ausſchau und Ordnung anzuhalten. Man kann im Allgemeinen ſagen, daß die Frauenzimmer in den Colonien auffallend furchtlos ſind. Möglicherweiſe kommt es daher, daß ſie in dem dort meiſt ſo wechſelvollen Lebensverkehr ſo an Ueberraſchungen ge⸗ wöhnt werden, daß eine plötzliche Wendung ſie nicht in Er⸗ ſtaunen ſetzt— und meiſt iſt es das Unerwartete, das plötz⸗ lich auftaucht, welches Schreck bereitet. Da ich meine Macht verkauft und den Preis ausgemacht hatte, ſo hielt ich mich für verpflichtet, ſie vor jeder Verletzung zu hüten, ſo daß nirgends auch nur die Farbe abgeſtoßen werde. Ich hielt da⸗ her an, bis der ganze Haufe von Böten vorbei war, und folgte dann, nicht grade in großer Entfernung, aber doch in ſolchem Abſtande, daß, wie ſie ſich auch tummeln mochten, ſie in keine Berührung mit mir kommen konnten. Heitere Lieder und lautes Geſpräch hallten herüber von den kleinen Kähnen, die mit ihrer köſtlichen Ladung auf dem großen Weltmeere ſchwammen. In guter Laune wurde mir manches„Glück auf“ zugerufen und man erbot ſich, mir ein Schlepptau zuzuwerfen, um in Reihe und Glied mit den an⸗ dern zu gelangen; auf einigen Schiffen ertönten Guitarren, die 72 ſich in zärtlichen und romantiſchen Serenaden vernehmen ließen und der Seefahrt in der Abenddämmerung den Reiz einer behaglichen Zufriedenheit gewährte. Gewiß, nie gab es eine Geſellſchaft, die glücklicher heimkehrte von einem der Freude geweihten Tagewerke und Niemand ſiel auch nur von Ferne die Möglichkeit einer Gefahr ein. So ging es ungeſtört fort gegen anderthalb Stunden, während welcher das Abendlicht allmälig in vollkommene Nacht überging. Der Wind fiel immer mehr, bis jeder Hauch gänzlich erſtarb. Mit den Segeln konnte nichts mehr aus⸗ gerichtet werden und die Böte ſtiegen auf und nieder auf der ſanft anſchwellenden See, ohne irgend einen Schritt weiter heim⸗ wärts zu kommen. Es war eine Lage, in der man nothwen⸗ dig:„die Ruder in's Waſſer!“ rufen mußte. Für uns Männer war es eine widerwärtige Störung unſers bequemen Vergnü⸗ gens, die Röcke ausziehen und rudern zu müſſen, aber wir hatten keine andere Wahl. Wir konnten nicht die Nacht über auf dem Waſſer bleiben und wenn wir den Hafen erreichen wollten, ſo mußten wir uns tummeln. Einige Schaluppen der Kriegsſchiffe waren von galanten Offizieren der Geſellſchaft entgegengeſchickt worden, dieſe griffen tüchtig aus wie nach dem Taktſtock und ſo kamen die erſten Böte ſo raſch vom Fleck, daß eine Trennung in der kleinen Flotte ſtatt fand, indem nicht alle ſo raſch folgen konnten. Die„Woge“ war unter den letzten, denn vierhändig, wie wir waren, konnten wir nicht viel ausrichten und Hamilton und ich waren nicht beſonders aufgelegt zu harter Arbeit. Allmälig machte ſich ein Boot nach dem andern voran, ſo daß ſie uns bald aus Sicht waren, 73 jedoch nur ſo, daß wir bisweilen ſie anrufen oder zum Ru⸗ dern ſingen hörten. Da wir keine Luſt hatten, uns ohne Noth abzuarbeiten, ſo nahmen wir Alles ſehr kaltblütig, wie es eben kam. Wir hatten alle Segel zugeſetzt, um jeden vortheilhaften Luftzug zu benutzen, und warteten nun ruhig ab, wie es ſich geſtalten würde. In dieſer Weiſe mögen wohl drei Viertelſtunden verſtrichen ſein, als eine Aenderung im Wetter eintrat. Die Wolken be⸗ gannen ſich landwärts zuſammenzuziehen und leichte Stoß⸗ winde ſpielten über das Waſſer. Nicht lange darauf ſtellte ſich der Wind ſo feſt, daß wir einen regelmäßigeu Lauf ein⸗ halten konnten, und bald ſchoßen wir dahin mit der Schnellig⸗ keit von fünf Knoten in der Stunde. So ließen wir laufen, bis ich urtheilen konnte, daß wir in der Nähe waren von dem garſtigen Riff, das ungefähr drei(engliſche) Meilen Süd⸗ Süd⸗Weſt von Port⸗Saint⸗Louis ſtreicht. Die Wolkendecke war dichter und ſchwärzer geworden und es war deutlich ein Wetter im Anzug. Meiner Erfahrung nach ließ ſich es nur an zu einem tüchtigen Regenguß, und jedenfalls ſchien es nicht ſo überhängend, daß Grund vorhanden war, die Segel einzuziehen. So machten wir raſch voran, und ich ging in das Vordertheil des Bootes, um nach dem Riff auszuſehen. während Hamilton das Steuerruder hielt. Ich muß geſtehen, daß ich zu keiner Zeit ihn gerne am Steuerruder ſah, allein jetzt hatte ich keine Wahl, denn er taugte noch viel weniger für eine Ausſchau bei Nacht. „Jetzt aufgepaßt, Hamilton,“ ſagte ich,„halte ſie in der Richtung genau noch eine Weile, hab aber ein Auge windwärts, denn es ſpinnt Unrath und in einer Handwendung wird es heiß und hart uns um die Ohren pfeifen.“ Indem ich vorwärts ging, blickte ich zurück, um zu be⸗ merken, ob die Ankündigung einer Gefahr ihn in Hitze bringe, freute mich jedoch zu ſehen, daß er ſo kalt war wie eine Salzgurke, zuverſichtlich ſeinen Platz einnahm und wie ein ächter Seehund windwärts ausſchaute. Wir waren jetzt auf den Punkt in unſrer Fahrt ge⸗ kommen, wo wir nicht mehr gerade vor dem Winde laufen konnten. Der hervortretende Küſtenpunkt nöthigte uns, ein Bischen ſeitwärts zu halten, um gegen das Hauptland hin zu laviren. Wir waren ganz wohl im Stande, es zu thun, und noch dazu einen oder zwei Striche zu erübrigen, aber freilich gehörte dazu ein gewandterer Steuermann als Hamilton war. Indeſſen waren wir eben im Begriff, am Riff hart vorbeizuſtreichen und in wenig mehr als einer Minute konnte ich auf meinen Platz zurückkehren. So lange ließ ich die Yacht in der bisherigen Richtung, bis ich ſelbſt die Wendung machen könne. Für einige Minuten war ich zu ausſchließlich als Lootſe beſchäftigt geweſen, um an das Wetter denken zu können, und verließ mich ganz auf meinen Gehülfen, der mir berichtete, daß es immer ärger ausſehe. Als ein feiner Regenſchauer mein Geſicht traf, ſah ich auf und erkannte, daß wir vor dem Aergſten hineinkommen konnten. „Seitwärts!“ rief ich. 75 „Wohl!“ rief Hamilton, und ſeitwärts liefen wir ab, als wenn eine gediente Blaujacke am Ruder geweſen. Das war aber auch die letzte Vorſorge, die ich treffen konnte, denn auf einmal packte der ſchauerliche Druck des Sturms die„Woge“ ſo ſchwer, als wenn ſie dabon berſinken ſollte. „Gib ihr Raum!“ rief ich,„hurtig, Mann, um Gotteswillen!“ „Wohl,“ tönte es wieder vom Stern zurück, aber leider geſchah das Entgegengeſetzte. War Hamilton von dem ſauſen⸗ den Winde betäubt, oder begriff er nicht den Sinn der Be⸗ wegung, er zog das Steuerruder mit Gewalt an, ſo daß die „Woge,“ ſtatt dem Winde nachzugeben, grade dagegen auf⸗ prallte, und einen Augenblick dachte ich, daß Alles vorbei ſei mit uns. Sie neigte ſich von dem wüthenden Sturme bis auf die Meeresfläche faſt, und ich war überzeugt, daß ſie um⸗ ſchlagen müſſe. In demſelben Augenblicke aber und ehe noch ein Gedanke ſich bilden konnte, fühlten wir einen Stoß, ver⸗ nahmen eine Exploſton wie von einem Piſtolenſchuß, und der Kahn hob ſich wieder. Das große Segel war vom Seil los⸗ geriſſen worden und flatterte in Fetzen vor dem Winde. Ein Blick genügte, um die Gefahr zu ſehen, in der wir ſchwebten. Der Windſtoß war der Vorläufer eines ſcharfen Luftdrucks geweſen, der nun ſchauderhaft vom Lande her wehte und Alles, was er faſſen konnte, vor ſich her in den Ocean hinaus fegte. Wären wir in guter Verfaſſung geweſen, ſo konnte es gelingen, der tobenden Windmaſſe die Stirne zu bieten, immerhin aber wäre es eine ſaure Arbeit geweſen, die 76 vor Allem einen geübten und klugen Steuermann verlangte. So aber, mit einer kahlen Stange, an der nur elende Fetzen herumhingen, durften wir uns derlei nicht träumen laſſen. Keine irdiſche Gewalt konnte verhindern, daß wir in das offene Meer hinausgetrieben wurden. Wenn irgend Jemand glaubt, daß er ſich vollſtändig die Empfindungen vergegenwärtigen kann, mit denen zwei menſch⸗ liche Weſen, wie wir, gänzlich verloren in das unermeßliche Weltmeer hinaus geſchleudert wurden, ſo halte ich das ge⸗ radezu für unmöglich. Ich will jedoch der Einbildungskraft des Leſers mit ein paar Betrachtungen zu Hülfe kommen. Das Waſſer vor uns kam unmittelbar und faſt ohne auf ein Eiland zu ſtoßen von den Eisfeldern des Südpols, und hinter uns lag bis an die ferne afrikaniſche Küſte eine unergründ⸗ liche Waſſerwüſte. So wie die Sachen ſtanden, mußten wir in wenigen Minuten ganz aus dem Bereiche des Landes ſein, von dem uns die Windsbraut mit unaufhaltſamer Eile hin⸗ wegführte, und das nächſte Land, an dem die Macht der Wellen ſich brechen konnte, war alsdann die Küſte von Indien. In ſo ſchrankenloſer Ausdehnung rollt die feſſelloſe Weltfluth in berghohen majeſtätiſchen Wellen daher, auf denen beim ſchön⸗ ſten Wetter die größten Schiffe wie winzige Nachen erſcheinen— und jetzt wurde das Meer von einem ächzenden Sturm ge⸗ peitſcht und erhob ſich wie ein gereizter Rieſe in zürnender Wuth, Luft und Waſſer kämpften zuſammen mit ungebun⸗ dener Elementarkraft in einem unermeßlichen Raume, und auf ein paar, zum Vergnügen leicht an einander gefügten Brettern fuhren zwei hülfloſe Menſchen mitten in das Gedränge 77 dieſes raſenden Vernichtungskampfes hinein. Und wäre auch unſer Schiff. kräftig genug geweſen, um einen Strauß mit den Elementen beſtehen zu können, ſo hätten wir zu Grunde gehen müſſen wegen Mangels an Lebensmitteln und die vielleicht nicht unmögliche Erhaltung des Schiffs würde nur einen gräß⸗ lichen Todeskampf verlängert haben. Ich kann indeſſen nicht ſagen, daß der gänzliche Mangel aller Mittel, um das Leben nur auf das Nothdürftigſte zu erhalten, in meiner Vorſtellung das Schreckliche unſrer Lage erhöhte. Der Tod durch Er⸗ trinken ſchien ſo unbermeidlich und überhängend, daß für wei⸗ tere Befürchtungen kein Raum blieb. Unmittelbar nachdem unſer Segel abgeſprungen war, ver⸗ loren wir alle Beide einige Sekunden hindurch, meine ich, die Beſinnung. Hamilton war wie betäubt vom Geräuſch ſo lange das Boot auf der Seite lag; wie es ſich jedoch wieder aufrichtete, ſchien er anzunehmen, daß alle Gefahr gehoben ſei. Meine bloße Miene machte ihn ängſtlich und er konnte nicht begreifen, warum wir mit ſo auffallender Eile vom Lande abliefen.„Halloh,“ rief er,„was ſiehſt Du ſo ernſt drein? wir ſind ja wohl jetzt im rechten Zuge, nicht wahr?“— Ich antwortete nicht mit Worten, ſondern überließ es ihm, mein Ausſehen nach Belieben zu deuten und lief zum Steuer⸗ ruder, um zu ſehen, ob einige Hoffnung vorhanden ſei, das Schiff ſo nahe an den Wind zu bringen, daß wir irgendwo an den Strand laufen konnten. Aber es war eitel Täuſchung, ich hätte eben ſo gut ver⸗ ſuchen können, dem Wind in's Antlitz zu halten. Ich konnte auch nicht die leiſteſte Aenderung in der Richtung bewerk⸗ 78 ſtelligen; wir brausten pfeilſchnell vor dem nicht zu bewälti⸗ genden Luftdruck dahin.„Hamilton,“ ſagte ich,„wir ſind auf einem heilloſen Wege. Mit der nackten Stange kann das Schiff nicht gegen den Wind aufkommen und, wie Du weißt, haben wir keinen Fetzen von Segeltuch im Vorrath.“ Sonderbar genug war es, daß Hamilton nicht ſogleich die Gefahr merkte, in der wir uns wirklich befanden. Er dachte immer nur an die Gefahr des Umſchlagens, und ſo lange wir im Gleichgewicht auf dem Waſſer waren, fühlte er ſich nicht beunruhigt. „Meinſt Du etwa,“ fragte er endlich ernſter,„daß Ge⸗ fahr vorhanden iſt?“ „Gefahr?“ antwortete ich,„hältſt Du es für gefahrlos, bei dieſem wüthenden Sturm in einem vffenen Boote auf dem indiſchen Ocean umherzutreiben?“ „Auf dem indiſchen Ocean?“ rief er mit aufdämmernder Aengiichtet—„was in aller Welt haben wir denn mit dem indiſchen Ocean zu ſchaffen?“ „Wie aber ſollen wir daraus entkommen? Unſre letzte Ausſicht war, das Boot drehen zu können und am Riff auf den Strand zu laufen— eine trübe Ausſicht, allerdings, aber dennoch der glücklichſte Wechſelfall, den wir uns träumen durften. Du ſahſt eben, daß es unmöglich war, die geringſte Wendung zu machen.“ „Demnach biſt Du der Anſicht, daß nichts uns davor retten kann, in die offene See hinaus zu treiben.“ Der arme Hamilton! Er war ein herzhafter Burſche in ſeinem Dienſte und ſcheute ſich durchaus nicht vor Allem, wie 60 bedenklich es ſein mochte, was auf dem gewöhnlichen Wege gegebener Verhältniſſe ſich darbot; aber die Idee, auf einer Piknikfahrt ertrinken zu ſollen, ſchien ihm ſo außer aller Ord⸗ nung, daß er zuerſt gar nicht wußte, wie er ſie in Rechnung bringen ſollte. Ich will damit nicht andeuten, daß er Furcht hatte, denn ich bin überzeugt, daß er bei jeder Probe ſich als Mann bewähren wird. Er machte aber auf mich den Eindruck eines Mannes, der ſich bemühte, eine, ſeiner Mei⸗ nung nach ganz unzuläßige Annahme nun doch als eine un⸗ vermeidliche Thatſache unterbringen zu ſollen. Zu ſeiner Aengſt⸗ lichkeit geſellte ſich eine Art von Unwille, als wenn er das Opfer einer verkehrten Handhabung des Unternehmens wäre, in dem er eigentlich aus reiner Gefälligkeit für Andere nun ſo verhängnißvoll ſich verſtrickt ſah. „Du wirſt doch nicht behaupten, daß Du ſie nicht um⸗ drehen kannſt?“— Der Ton ſchien beinahe anzudeuten, daß ich das unfehlbar konnte, wenn ich wollte. „Wenn ich gekonnt,“ antwortete ich,„ſo hätte ich ſie auf den Riff gerennt, wo ſie freilich zerſchellt worden wäre, aber, es war der einzige Ausweg, der uns noch blieb.“ „Nun damit hätte es nicht viel auf ſich gehabt, denn ich hätte gerne die Hälfte des Schadens bezahlt.“ 6 verletzte mein Gefühl ſehr, in einem ſolchen ſchreck⸗ lichen Augenblicke die Frage von unſerer Lebensrettung einer Berechnung von Pfunden, Schillingen und Pfennigen unter⸗ worfen zu ſehen. Dabei ärgerte mich die Betrachtung, daß ich hauptſächlich nur durch die Ungeſchicklichkeit meines Ge⸗ hülfen in dieſe troſtloſe Lage gerathen war. Ich überließ mich 80 dieſer Entrüſtung ſo weit, daß ich ſagte, wenn ich jemals wieder gerettet werden ſollte, ich mich hüten werde, öfter mit ihm unter Segel zu gehen oder überhaupt mich der Salzfluth anzuvertrauen mit einem Manne, der nicht wiſſe, was in der Seeſprache„Raumgeben“ bedeute und die Grille habe, während eines Sturmes dem Winde in den Bart ſegeln zu wollen. Hamilton, der nun das volle Bewußtſein bekommen zu haben ſchien von der Gefahr, in welcher wir ſchwebten, ſagte ziemlich verblüfft, daß ich mich darüber nur zufrieden geben dürfe, indem ich ſchwerlich jemals wieder vom Lande ſtoßen werde, weder mit ihm noch ſonſt mit Jemand. Die Wahrheit dieſer Behauptung wuchs ſo erſchütternd vor unſern Augen, daß die Zankluſt in uns beiden bald ſich verlor. Jeden Augenblick wurden wir weiter in die See hin⸗ aus gedrängt. So lange die Lichter auf Mauritius ſichtbar geweſen waren, hatten ſie uns eine Art von Troſt gewährt. Sie zeigten uns wenigſtens die Richtung, in welcher Rettung zu finden war, wenn wir vielleicht doch ſo glücklich ſein ſollten, etwas dafür thun zu können. Allein ſie zeigten uns auch die traurige Gewißheit, daß wir uns mit jedem Augenblick ſchnel⸗ ler von der Inſel entfernten und die Nacht hüllte ſich immer mehr in eine gräßliche Dunkelheit, bald darauf verſchwanden die Lichter vor unſerm Blick, als wären ſie auf einmal in die Tiefe verſunken, und wir waren nun allein und von aller Hülfe abgeſchnitten in grauenvoller Finſterniß auf dem weiten indiſchen Ocean, und buchſtäblich ohne die Möglichkeit, ergrün⸗ den zu können, wohin das Schickſal uns trieb. Die See hob ſich mit fürchterlicher Gewalt, der Sturm heulte gräßlicher als 81 je und man konnte keine Hand vor den Augen ſehen. Wie⸗ wohl das Schiff gerade vor dem Winde trieb, konnten wir dennoch das Waſſer nicht von uns abhalten; mit Zwiſchen⸗ räumen von wenigen Minuten brach die See über uns hinein und wir konnten uns nur durch fortwährendes Schöpfen flott erhalten. Glücklicherweiſe hatten wir ein Paar Eimer am Bord, die uns eine Zeit lang gute Dienſte leiſteten. Nur mit Schaudern kann ich an dieſen Theil der furcht⸗ baren Nacht zurückdenken. Später empfanden wir nicht ſo leb⸗ haft das Entſetzliche unſerer Lage, weil allmälig das Gefühl durch Ringen um das Daſein erſchöpft wurde. Zuletzt erloſch ſo gänzlich jeder Funke von Hoffnung, daß der Geiſt nicht mehr Spannkraft genug behielt, um ſich eines beſtimmten Lei⸗ dens bewußt zu ſein. Wir waren alsdann ſchon ſo abgeſtor⸗ ben, daß wir die Pein und den Schmerz lebender Weſen kaum empfanden. Aber im Beginne der Nacht, ſo lange ich noch nicht gänzlich aller und jeder Hoffnung entſagt hatte, erduldete ich eine Seelenqual, an die ich nur mit Grauen denken kann. Ich weiß, daß man im Allgemeinen annimmt, daß die Hoffnung nur mit dem Leben ſelbſt gänzlich verſchwindet daß Jemand, der mitten im Ocean verſinkt oder das Herabfallen des Beils einer Guillotine erwartet, es immer noch nicht für unmöglich hält, daß er entrinnen könne. Für dieſe Behauptung kann ich in⸗ deſſen nicht meine eigene Erfahrung als Beweis anführen. Frei⸗ lich klammert ſich der Menſch inſtinktmäßig ſo gierig an jede denkbare„Hoffnung, daß nur die äußerſte Noth ihm dieſen Se⸗ gen zu entreißen vermag. Allein am Ende kann dieſe Tren⸗ 8 nung doch ſtatt finden, wä ährend das Leben noch voll in ſeinen Der Erzähler, 1849. n. 6 82 Adern pulſirt. Ich bin vollkommen ſicher, daß mein Gefährte und ich, während eines Theils dieſer Nacht beide aller Hoff⸗ nung vollſtündig entſagt hatten und daß wir die Gewißheit eines unentrinnbaren Todes nicht deutlicher hätten empfinden konnen, wenn wir bereits die dunkle Grenzſcheide überſchritten hätten. Allein das war gegen das Ende der harten Prüfung, wenn unſere Kraft gebrochen war von nutzloſer Anſtrengung, wenn jeder Verſuch, etwas für unſere Rettung zu thun, ſich als eine bittere Täuſchung erwieſen hatte. Anfangs konnte ich mich nicht überreden, daß unſere Lage vollkommen hoffnungs⸗ los ſei, konnte ich mich nicht vertraut machen mit dem Ge⸗ danken an eine Annäherung des Todes. Mir ſchien noch im⸗ mer die Möglichkeit zu beſtehen, daß irgend etwas uns erlöſen konne, ich konnte mich damals noch nicht der Vermuthung er⸗ wehren, daß ein günſtiger Wechſelfall denkbar ſei. Unſer gänzlicher Untergang war, meiner Meinung nach, gleichſam ein abſcheulicher Verrath, zu arg, um verwirklicht werden zu ſollen. Es konnte nicht ſein, ſo meinte ich, daß ein ſo hei⸗ terer Tag in eine ſolche Schreckensnacht ſich verwandeln, daß wir von dem Genuſſe eines Verkehrs mit Jugend und Anmuth in die kalten Arme eines verzweiflungsvollen Todes geſchleudert werden ſollten. Aber während ich ſo den Eingebungen des natürlichen Inſtinets Gehör gab, erkannte ich doch klar und deutlich, daß wir immer ſchneller zu der verhängnißvollen Ent⸗ ſcheidung hingedrängt wurden. So lange noch Raum bleibt für irgend welche Thätigkeit, gewährt Arbeit einige Linderung. Die volle Bitterkeit unſers Unglücks wurde erſt dann empfunden, als wir vergebens Alles 83 verſucht hatten, als wir zur Unthätigkeit gezwungen und noch nicht zur vollen Ergebung gelangt waren. Die Verzweiflung allein konnte mich leichtgläubig genug machen, um bei unſerm letzten Verſuch einige Ausſicht auf mögliche Rettung zu nähren. Es ſchien mir nämlich, daß wenn wir den Anker auswarfen, ſo würde ſein Gewicht im Verein mit der Kette von achtzehn Faden Länge dem Schiffe einen Halt in den Wellen gehen. Ich bedauerte nur, daß wir keine Bretter hatten, um eine Art von Wellenbrecher zu machen„denn ich hatte feſtes Vertrauen in die Zweckmäßigkeit einer ſolchen Verrichtung für ein Boot, das während eines heftigen Sturms eine ſchwere See zu be⸗ ſtehen hat. Ich meinte noch immer, daß wir ſo den Lauf des Bootes hemmen könnten, ehe es zu tief in die See gerathen ſei, und vielleicht möchten wir dann bei Tagesanbruch noch im Angeſicht der Inſel ſein. Es gibt Verhältniſſe, unter denen das Unwahrſcheinlichſte wie eine Hoffnung ausgeputzt wird, und ich hatte mein beſtes gethan, um mich ſelbſt zu überreden. Wir ſuchten ſo gut als möglich den Augenblick zu erſpähen, wo wir an der glatten Wand einer Rieſenwelle herabglitten, um den Anker laufen zu laſſen. In dieſem Augenblick trat aber die höchſte Gefahr ein. Der plötzliche Ruck hemmte aller⸗ dings etwas die ſchwindelnde Schnelligkeit mit der wir dahin⸗ ſchoßen, wie wir es erwartet hatten, aber andere Folgen traten ein, die gänzlich außer unſerer Berechnung lagen. Das Boot drehte ſich zu plötzlich mit dem Vordertheil gegen den Wind, und mit dem Gewicht des Ankers und der Kette am Vorderbug bekam es mehr Neigung, in die Wellen einzuſchneiden, ſtatt ſich über ſie hinwegzuheben; das Boot wurde ſo herabgedrückt, 84 daß wir keine Minute verlieren durften, um das ſelbſigeſchaffene Hinderniß hinwegzuräumen. Dabei ſprangen wir beide zu glei⸗ cher Zeit nach der Seite hin wo die Spille der Ankerkette war, ſo daß wir bald umgeſchlagen wären. Es war klar, daß wir auf einmal das Gewicht uns vom Halſe ſchaffen mußten, und ſo kappten wir das Tau an der Spille und ließen Anker ung Kette in den Abgrund laufen. So wie das Boot davon befreit war, hob es ſich augenblicklich und war in einem Au⸗ genblick wieder mit dem Stern vor dem Winde. Wir waren der Gefahr knapp entronnen, unter die Wellen zu gerathen, und wohl nur darum, weil wir eine glatte Fläche benutzten. Dabei hatte das Boot eine Menge Waſſer gefangen, und wir mußten hart arbeiten, um es herauszubringen, und dann muß⸗ ten wir wieder von vorne anfangen, denn alle Augenblicke ſtürzte eine See über uns hinweg. Noch eine Weile arbeiteten wir, als wenn ein Zweck er⸗ reicht werden könnte. Bald aber wurde es offenbar, daß wir unterliegen mußten. Mit aller Anſtrengung konnten wir höch⸗ ſtens das Boot vom Waſſer klar halten; wie wir nur ein wenig ausruhten, ſammelte es ſich wieder in erſchreckender Menge. Das konnte ſo nicht lange dauern. Hamilton gab zuerſt den nunmehr unnützen Kampf für das Daſein auf. Ich beobachtete den Augenblick, in welchem er ſchlaff auf die Bank zurückſank und keine Theilnahme mehr verrieth an Allem, was vorging. Es war deutlich, daß in ihm die Spannkraft des Geiſtes erſchöpft war, er dachte nicht mehr nach, er warteten thatlos auf einen baldigen, unvermeidlichen Untergang. Ich kann nicht ſagen, daß ich glaubte, daß Alles mit uns aus und —.—————— 85 vorbei ſei. Ich bin weit entfernt, einen höheren Grad von Muth in Anſpruch zu nehmen oder mich ſelbſt für einen herz⸗ haftern Mann, als mein Gefährte war, ausgeben zu wollen. Vielleicht hatte ich noch eine regere Lebensluſt, jedenfalls hatte ich mich noch nicht aufgegeben wie Hamilton, von dem ich es weiß, weil ich darnach fragte. Ich danke Gott dafür, daß ich mich ſo aufrecht halten konnte, denn ich mußte nachher auch die Erfahrung machen, wie vernichtend eine ſolche Betäubung aller Empfindung iſt. Hätte ich früher einen ſolchen Anfall von Kleinmuth erlitten, wie mein Freund, ſo wäre wahrſchein⸗ licher Weiſe Niemand von uns übrig geblieben, um die Mähr zu erzählen. Was ich unternahm, wenn auch wenig und ge⸗ ring, iſt doch wahrſcheinlich gerade hinreichend geweſen, um uns etwa eine Stunde lang vor dem Unterſinken zu bewahren, und gerade auf einem ſolchen Aufſchub beruhte die Möglichkeit unſerer endlichen Erlöſung aus der Gefahr. Jeder Augenblick ſchob uns, ſo zu ſagen, weiter hinaus in die ſchreckliche Waſſerwüſte. Der Sturm krachte durch die Luft, das Waſſer ſchäumte in tobender Wuth und ſpülte über unſre Schiffsbrüſtung hinweg; mein Gefährte hatte ſich in ſein Schickſal ergeben und beantwortete weder mit Wort noch Zei⸗ chen den Troſt, den ich ihm zu geben verſuchte. Alle ver⸗ nünftige Hoffnung war allerdings von uns genommen; dennoch heßte ich wie einen Trotz, der ſich dem Ausſpruch des Gerichts, das über uns verhängt ſchien, nicht unterwerfen wollte. Ein ſelches Ringen mit einem feindlichen Geſchick, wenn es aus dem allgemeinen Gepräge eines männlichen Charakters ent⸗ ſpringt, berechtigt zur Anerkennung einer hochherzigen Geſin⸗ 86 nung; ich muß jedoch bekennen, daß es bei mir vielmehr Hals⸗ ſtarrigkeit war. Ein einziger Wechſelfall, der möglicher Weiſe zu unſern Gunſten ausſchlagen konnte, war noch denkbar; zu wenig freilich, um vernünftiger Weiſe eine Hoffnung darauf zu grün⸗ den, aber doch genug, um einen geiſtigen Widerſtand gegen völlige Hoffnungsloſfigkeit zu rechtfertigen. Wie der Wind wehte, ſo war es möglich, daß wir gegen die Inſel Bour⸗ bon hintreiben, oder ihr doch nahe genug kommen konnten, um vielleicht von einem ihrer Kauffahrteifahrer aufgefiſcht zu werden. Es war eine Ausſicht, die billiger Weiſe eigentlich gar nicht eingeräumt werden konnte, ich gebe das gerne zu, aber es war damals mein Alles, und ſo ſtattete ich ſie aus mit ſo viel Wahrſcheinlichkeit, als ich auftreiben konnte; ja ich raiſon⸗ nirte mich in eine ſolche Zuverſicht hinein, daß ich in vollem Ernſte mir einbildete, daß ich einen Hafen erreichen könne, wenn ich die Mittel zum Steuern gehabt hätte. Dieſen Vor⸗ ſpiegelungen gegenüber nahm ſich die Wirklichkeit traurig aus, denn ohne Segel, ohne Steuerfähigkeit noch Compaß, um das „Wo“ und„Wohin“ herauszubringen, trieben wir dahin über die endloſen Wogen, die in ſchauderhaftem Aufruhr ſich gegen die tyranniſche Herrſchaft des unerbittlichen Sturms auflehn⸗ ten. Aber die Zeit war gekommen, wo auch ich die grauen⸗ volle Pein kennen lernen ſollte, welche das Erſterben aller und jeglicher Hoffnung in uns hervorbringt. Dies betrachte ich als den ärgſten Abſchnitt in der Geſchichte der gefahrvollen Nacht auf dem indiſchen Ocean. Früher gewährte die ange⸗ ſtrengte Arbeit einige Linderung, hernach folgte die Gefühlloſig⸗ 87 keit der geſunkenen Lebenskraft. Die Periode der bitterſten Herzensangſt lag zwiſchen beiden. Der Gnadenſtoß wurde uns in folgender Weiſe zu Theil. Etwa eine halbe Stunde nach dem Abenteuer mit dem Anker ſahen wir ein Licht ſtich vor dem Vorderbug des Boots. Das mußte nothwendig am Bord eines Schiffes ſein, höchſt wahr⸗ ſcheinlich einer ſogenannten chasse-marée von Mauritius oder Bourbon. Es war kaum wahrſcheinlich, daß wir das Schiff erreichen könnten, aber bei dem Anblick dieſes Lichts wurden wir von der neu aufflammenden Hoffnung heftig erſchüttert. Hamilton ſogar raffte ſich auf und that, was er konnte„um uns flott zu erhalten, wiewohl es ſehr zweifelhaft war, ob wir lange genug ausdauern würden, um dem Fremden an die Seite zu kommen. Das uns entgegenkommende Schiff lavirte gegen den Wind und ich berechnete, daß es bei einer ſeiner Wen⸗ dungen in den Bereich unſers Anrufs kommen müſſe. Das er⸗ kennen, und von Verzweiflung zur zuverſichtlichſten Hoffnung hinüberſpringen, war Eins. Wir betrachteten uns nunmehr als gerettet und beachteten kaum die Zeit, welche nothwendiger Weiſe verſtreichen mußte, bis das Schiff in unſte Nähe gelan⸗ gen konnte, und die doch ſo voller Gefahr war in jeglicher Minute, daß jeder Augenblick uns der verheißenen Hülfe be⸗ rauben konnte. Als das Schiff herankam, hegten wir einzig die Befürchtung, daß es in der dunkeln Nacht vorbeiſegeln mochte, ohne uns zu bemerken, und mitten unter den thurm⸗ hohen Wellen bildeten wir einen ſo kleinlichen Gegenſtand, deſſen Gegenwart überdies an einem ſolchen Orte gar nicht vermuthet werden konnte, daß eine ſolche Befürchtung ſehr gegründet 88 ſchien. Als es näher kam, riefen wir ſo laut wir konnten, wiewohl die menſchliche Stimme im geräuſchvollen Kampfe der Elemente ſchwer zu vernehmen iſt. In einer Nacht wie dieſer war es indeſſen nothwendig, ſcharfe Ausſchau zu pflegen, und wir wußten, daß am fremden Bord mehr als ein wachſames Seemannsauge in die Finſterniß dringen werde. Ich hatte immer ein Paar geladene Piſtolen am Bord, die in einem Schiffskaſten trocken lagen. Als das Schiff uns ganz nahe war, feuerten wir zweimal hinter einander und es gelang uns, das Aufmerken der Deckwache zu bewerkſtelligen. Da unſer Auge ſchon ſeit mehreren Stunden mit der Finſterniß vertraut geworden war, konnten wir deutlich die Geſtalten von zwei Männern unter⸗ ſcheiden, welche an die Bruſtwehr des Verdecks liefen und ſich hinauslegten, um zu ſehen, was es gebe. Aber die chasse- marée ſtrich ihren Lauf fort, ohne uns zu beachten. Als wir unter dem Bauch des Schiffes waren, riefen wir ſie mit aller Kraft der Todesangſt an, uns aufzuheben und an Bord zu nehmen. Mit der äußerſten Beſtürzung ſahen wir ſie fort⸗ ſegeln, ohne uns anders als mit einem unverſtändlichen Zuruf zu beachten. Die chasse-marée verſchwand wie ein Nacht⸗ geſpenſt in dem Geräuſch des Sturmes und der ſchweren See, die ſeine Rippen peitſchten, als hätte ſie es von geringer Be⸗ deutung gehalten, daß ſie zwei menſchliche Weſen einem elenden Tode in dieſer gräßlichen Nacht überließen. Bis zu dieſem Augenblicke kann ich dieſen Vorgang nicht begreifen. Man kann ſich nur mit Mühe überreden, daß unter der Beſatzung irgend eines Schiffes von civiliſirten Nationen eine ſo abſcheuliche und barbariſche Geſinnung herrſchen 89 könne, um unter ſolchen Umſtänden einem, dem Untergange nahen Boote die rettende Hülfe zu verweigern. Es iſt voll⸗ kommen unmöglich, daß ſie uns für ſeefähig und geborgen halten konnten. Unſre Nothſchüſſe, das kahle Tackelwerk un⸗ ſerer kleinen Yacht, ſprachen laut genug für unſere Hülfs⸗ bedürftigkeit. Gewiß, das muß eine bittere Erinnerung für die Mannſchaft jenes Schiffes ſein, und nur in einem ſchlecht durchgeführten Leben kann ein ſolcher Vorfall unbeachtet vor⸗ übergehen. Der ärgſte Feind jenes Schiffers muß wünſchen, daß er unſere Rettung erfahren, damit an ſeinem Todeslager dieſe Unmenſchlichkeit die Qual des Abſchieds nicht erſchwere. Einen Augenblick ſahen wir uns wie verſteinert an. Wir konnten es nicht faſſen, daß die verheißene Rettung, die ſo leicht zu bewerkſtelligen geweſen, uns verſagte, daß man mit teufliſchem Hohn Mitmenſchen dem Verderben Preis gab. Aber Sturm und Wellen heulten mit zunehmender Wuth die ſchau⸗ derhafte Thatſache uns in die Seele. Von dieſem Augenblicke an ſchwand mir jede Hoffnung, der Geiſt hatte nicht die Kraft zum Gaukelſpiel einer Täuſchung, und ich empfand den Todes⸗ ſchauer eines Menſchen, über den der Stab gebrochen iſt. Ich verſank in eine ſtumpfe Gleichgültigkeit, ich fühlte mich gleich⸗ ſam abſterben bei lebendigem Leibe, und als endlich die erſte Verkündigung einer Ausſicht zur Rettung mein Bewußtſein erreichte, ſo erhob ich mich wie aus einem Grabe, um darnach zu greifen. W. Während dieſes marternden Zeitraums war ich willenlos einem dumpfen und blöden Erdulden anheimgefallen. Der ſchrecklichſte Augenblick war der, in welchem noch einmal die 90 Liebe zum Leben aufflammte in Erinnerungen an die Heimath und an die Menſchen, die meinem Herzen theuer waren. Die Gewißheit, ſie nie mehr ſehen zu ſollen, in der Blüthe der jugendlichen Kraft dem Untergang verfallen zu ſein, ſchnürte mir die Bruſt zuſammen. Dann drang ſich meiner Betrach⸗ tung die rein materielle Todesart auf, welche mir bevorſtand. Es mußte die der Erſtickung ſein, und ich dachte daran, daß man im Allgemeinen das Ertrinken für eine glimpfliche Todes⸗ weiſe anſieht. Ich fühlte aber mit ſchauderhafter Klarheit, daß das ein Irrthum ſei, daß ich einen bitteren Kampf zu beſtehen haben werde, wenn das Waſſer in Mund und Naſe dringe; mit krampfhafter Beängſtigung empfand ich leiblich die Erſtickung wie ein ſchweres Gewicht, das ſich mir auf die Bruſt legte, gegen deſſen Druck ich mit convulſiviſchen Athem⸗ zügen kämpfte. Am Ende jedoch verfiel ich, wie mein Ge⸗ fährte, in ein Hinbrüten, wie ich mir denke, daß narkotiſche Betäubung es erzeugt. Wir ſprachen nicht, noch rührten wir uns, weil wir nach einer ſtillſchweigenden Ueberzeugung es als rein überflüſſig betrachteten, weiter noch für ein Da⸗ ſein aufzukommen, das nicht mehr erhalten werden konnte. Das letzte Aufglimmen war, als wir uns die Hände gaben zum ewigen Lebewohl wie zwei Männer, die jeden Augenblick von einander getrennt werden konnten, und von denen ohnedies Jeder ſein ſchaudervolles Schickſal mit ſich ſelbſt berathen und beſtehen mußte. Keiner von uns hätte den Untergang des Freundes verhindern noch erleichtern können, wir trennten uns wie zwei Menſchen, die auf demſelben Schaukelbrette über dem Abgrunde ſchwebten, in den Jeder verfinken mußte, und wenn 91 auch Einer vor dem Andern, ſo doch darum nicht weniger gewiß; es war eine Frage der Zeit, aber auch der Ueber⸗ lebende hatte nur die kürzeſte Friſt. Alle Lebensthätigkeit, die uns noch blieb, wurde auf innere Läuterung verwendet, auf die Vereinbarung mit dem höchſten, in welchem eine Abrech⸗ nung mit dem Endlichen liegt, und von der ein geſcheiter Menſch keine vorlaute Mittheilung macht. Die Ereigniſſe, die ich bisher, und, wie ich fürchte, nicht mit beſonders zweckmäßiger Gruppiruug, ſondern mit der Un⸗ befangenheit eines Laien beſchrieben habe, hatten, wie ich meine, die Zeit bis etwas nach Mitternacht ausgefüllt. Es iſt nun zwar ungemein ſchwierig, unter ſolchen Umſtänden die Zeit zuverläßig abzumeſſen, allein nach meiner Schätzung mag es etwa eine halbe Stunde nach zehn Uhr geweſen ſein, als die chasse-marée an uns vorbei kam. Ich denke mir, daß etwa zwei Stunden verſtrichen zwiſchen dieſem Begegniſſe, das uns moraliſch, wenn auch nicht leiblich, in den Abgrund ſchleuderte, und dem Glücksfalle, dem wir unſere Rettung verdankten. Ich kann wohl verſichern, daß jeder Seemann, der unſern damaligen Zuſtand gekannt, es, eben ſo wie ich, als ein wahres Wunder betrachtet haben würde, daß wir noch vorhanden waren, ich kann noch heute nicht, und ich möchte ſagen, heute weniger als je begreifen, daß das Boot aufrecht blieb. Alle Augenblicke wurde es von einer Sturzſee über⸗ waſchen, und wir thaten nichts und konnten nichts thun, um das Waſſer abzuhalten. Jedenfalls iſt es richtig, daß unter allen Rettungsfällen, die zu meiner Kenntniß gekommen, in keiner die Rettung ſo hart vor der Vernichtung eintrat; nie 92 vielleicht wurde ein Boot, oder vielmehr die Menſchen, die es führten, ſo eigentlich dem Tode aus den Klauen geriſſen. Aus der Betäubung der äußerſten Verzweiflung wurde ich geweckt durch den Knall eines Büchſenſchuſſes; das war hinreichend, um den Bann zu brechen, und die Liebe zum Leben loderte wieder in uns auf. Irgend Jemand war in der Nähe, und vielleicht konnten wir gerettet werden— das hatte jedenfalls der Schuß verkündigt. Gleich darauf kam noch ein Schuß, und dann wieder einer, und nicht lange, ſo ſahen wir ein bläuliches Licht aufflammen. Wie mit magne⸗ tiſcher Gewalt wurde ich aus der Verſunkenheit emporgeriſſen, wenn auch nur, um mit zweifelhaftem Erſtaunen in die See hinauszuſtarren. Dort nun gewahrte ich in der Ferne ein Schiff, welches in mächtigem Zuge auf uns zu hielt, das ich bald als eine Brigg erkennen konnte, die— es war keinem Zweifel unterworfen— fort und fort Signale machte, denn in regelmäßigen Zwiſchenräumen fielen Schüſſe, und dann ließ ſie wieder ein blaues Leuchtlicht auflodern, deſſen Glanz die ſchäumenden Wellenhäupter wie mit einem Hoffnungsſchimmer krönte. Vor Freude bebend, richteten wir uns auf, um Le⸗ benshoffnung zu athmen. Unbegreiflich ſchnell bei unſern ab⸗ geſtorbenen Gliedern ladeten wir unſere Piſtolen und beant⸗ worteten die Signale des unerwarteten Erlöſers. Zu unſerer unſäglichen Wonne wurden unſere Schüſſe bald beantwortet, und wir ſahen die Brigg etwas mehr vor den Wind drehen und die Segel füllen, worauf ſie in ſteifem Zug— denn ſie mußte ein wackerer Segler ſein— auf uns zu die Wellen durchſchnitt, und bald konnten wir in dem Lichte der Laterne 93 am Bugſpriet den Schaum ſehen, der wie ein heller Nebel über ſeinem Vorderbug ſchwebte. Wiewohl eine Hoffnung unſer Inneres belebte, ſo war, eben weil wir zum vollen Bewußt⸗ ſein kamen, unſere Aufgabe dennoch hart genug. Allerdings waren wir noch über Waſſer, Hülfe war in Sicht, allein es war ſehr zweifelhaft, ob wir lange genug uns erhalten könn⸗ ten, um ſie zu nützen. Unſere Deckbrüſtung war bis auf hart an den Waſſerſpiegel herabgeſenkt und es konnte kaum mehr Minuten dauern, ſo würde ſie unter der Oberfläche des Waſſers verſchwinden. Wie gerne hätten wir Alles, was in Gewicht fiel, über Vord geworfen, aber wir fürchteten, uns zu rühren, um nicht weiter das Gleichgewicht zu ſtören. Still und re⸗ gungslos ſaßen wir Beide nun auf der Bank am Stern und maßen mit ſcharfem Blick die Entfernung, die glücklicherweiſe jeden Augenblick abnahm. Die Befürchtung, daß die Brigg uns niederſegeln könnte, wurde bald durch die gewandten Be⸗ wegungen ihres Schiffmeiſters beſeitigt. Sie lief mit etwas ſchlaffen Topſegeln an unſerer Seite und warf uns ein Seil aus. Hamilton war der Erſte, und nur mit einem gewöhn⸗ lichen Tauchbade, als er ſich aus dem Boote ſchwang, ſah ich ihn ſofort das Verdeck erreichen. Dann war die Reihe an mir, und ich wäre ganz gewiß unter keiner härteren Be⸗ dingung aus der Salzfluth gehoben worden, allein— ſonder⸗ bar genug— mit dem erneuerten Leben waren, ich möchte ſagen mir unbewußt, alle tagtägliche Empfindungen rege ge⸗ worden. Ich wollte nun nicht allein mit dem Leben davon⸗ kommen, ich wollte auch noch das Boot retten, das ich ja verkauft, aber noch nicht den Kaufſchilling empfangen hatte. 94 Ich konnte mich des Gedankens nicht erwehren, daß unſer Abenteuer nur ſiegreich beſtanden ſei, wenn auch das Boot mit uns in den Hafen zurückkehren könne. Das allein— nicht das Geld, war der Beweggrund zu dieſem, in Betracht der übeſtandenen Gefahr faſt frevelhaften Aufſchub. Ich rief aus, beizulegen, und uns heranzuſchleppen. Mit dem mir zugeworfenen Seilende in der Hand, lief ich dann zum Maſt, um es da feſt zu machen Allein ich ſollte noch eine War⸗ nung bekommen vor dem Lvos, das ohne die herangekommene Hülfe uns zu Theil geworden wäre. Die wackere kleine Yacht hatte das Aeußerſte, in Wahrheit Unbegreifliches geleiſtet, aber nun hatte ihre Stunde geſchlagen; ſie hatte uns das Leben erhalten, als wäre damit ihre Beſtimmung erfüllt, ſollte ſie nun verſinken in die Tiefe des Oceans, auf deſſen Oberfläche ſie ſo tüchtig uns gegen Sturm und Wellen geſchützt hatte. Mit einem heftigen Ruck erbebte die Yacht unter meinen Füßen und ich fühlte, daß ſie im Verfinken war. Keine Minute darauf tauchte der Vorderbug der„Woge“ unter eine heran⸗ brauſende Welle und dann ſank ſie plötzlich und ſchnell wie ein Stein. Das Waſſer kochte gleichſam um mich herum, die Welle ſpülte über mich hinweg, das Boot war unter mir verſchwunden, aber ich hielt feſt an dem Rettungsſeil. Nicht ohne Schwierigkeit wurde ich an Bord gehißt, meine Kraft war erſchöpft und ich hätte keine Minute länger das Seil feſthalten können. Jedoch gerettet waren wir. Als ich da ſtand auf dem Verdeck und zuſah, wie die Brigg Segel zuſetzte, um auf der Rückfahrt dem Winde Trotz zu bieten, deſſen vernichtender Macht wir eben entronnen waren, ſo kam 95 es mir vor, als wäre ich von dem Arm eines Engels aus dem Waſſergrabe gehoben worden. Ich frug nicht nach, wie die Brigg hieher gekommen war, für mich war ſie der Finger der Vorſehung. In Fällen, wo die Gefahr„wie drohend ſie ſein mag, in einem Augenblick vorübergeht, erſcheint die Ret⸗ tung auch wie eine unmittelbare That der Vorſehung. Der Eindruck iſt indeſſen nicht ſo tief, wenn die Gefahr nur wie ein Lichtſtrahl unſern Pfad durchkreuzt. Nur wer die Bitter⸗ keit des Todes in tiefen Zügen gekoſtet, kann das wonnige Gefühl der Erlöſung ganz in ſeine Seele aufnehmen. Am Bord wurden wir bald von mehreren unſter Freunde von Mauritius umringt, welche uns die Erzählung unſerer Rettung mittheilten. Wie ich ſchon berichtet, waren die an⸗ deren Boote unſerer Geſellſchaft uns voraus geweſen und ſchon eine gute Strecke landwärts am Riff vorbei, als das Unwetter losbrach Einige von ihnen waren zwar nicht ganz ohne Trübſal, und ohne von der See etwas überwaſchen worden zu ſein, vor Anker gekommen, aber ſie hatten alle ihre An⸗ gehörigen auf Terra Firma gebracht, und bei einer Geſammt⸗ muſterung fehlte Niemand als Hamilton und ich. Da man mich für ſeetüchtig hielt, ſo erregte unſre Nichtanweſenheit Anfangs keine Beſtürzung; das war erſt der Fall, als mehrere Stunden vergangen waren. Die volle Vermuthung des Un⸗ glücks, das uns wirklich getroffen, trat erſt ein, als ein Mann vom Vorgebirge in die Stadt kam. Er verſicherte, daß er geſehen habe, wie unſer Segel zerriſſen und das Boot in die See getrieben war, und unſte Abweſenheit bekräftigte ſeinen Bericht. Auf das hin wurden auf der Inſel die Sturmglocken 96 geläutet. Der Gouverneur, ein guter alter Herr, ſandte den Platzhauptmann aus, um nach uns zu ſehen und Wachmann⸗ ſchaft aufzuſtellen an der Küſte, ob man nirgends eine Kunde von uns erhalten könne; und ich weiß nicht wie viele Leute aller Stände freiwillig dem Unwetter Trotz boten in der Hoff⸗ nung, uns Hülfe bereiten zu können. Die Brigg war ein Kauffarteifahrer, deſſen Führer und Rheder ſich dazu verſtanden hatten, auf einen Kreuzzug auszulaufen, ein gefährliches Unter⸗ nehmen in einer ſolchen Schreckensnacht. Sie hatte wäh⸗ rend anderthalb Stunden in allen Richtungen fortwährend ſichtbare und hörbare Signale gegeben, und war nahe daran geweſen, alle weitere Forſchung einzuſtellen als ein vergeb⸗ liches und gewagtes Unternehmen, da man gegen den Sturm laviren mußte. Ein Glück für uns, daß ſie ſo lange beharr⸗ lich aushielt. Der Morgen graute, als der wackere Schiffer uns an's Land ſetzte, und ich könnte gar wohl den Faden unſers Aben⸗ teuers kurz abſpinnen und nur hinzufügen, wie wir mit dank⸗ barem Blick die Hand unſers Retters ſchüttelten, und wie ich dann in die Wohnung mich begab, die ich wiederzuſehen alle Hoffnung aufgegeben hatte. Allein mit der Gefahr war, für mich wenigſtens, das Abenteuer noch nicht zu Ende, und ſo mag ein kleiner Anhang noch folgen, damit Hamiltons Aus⸗ ſage vor dem Beginn unſerer Fahrt ſich bewähre, daß nämlich Gutes für mich daraus entſtehen werde. Ich erreichte mein Zimmer ohne irgend einem Menſchen auf der Straße oder im Hauſe zu begegnen. Müde, durchnäßt und erſchöpft von gei⸗ ſtiger Erregung noch mehr als von der körperlichen Anſtrengung, 97 warf ich mich auf mein Bett und ſchlief gleich ein. Was mich im Wachen ſo ernſtlich beſchäftigt hatte, wurde bald in Traum⸗ geſtalten lebendig. Ich war wieder auf der See und erduldete alle Beängſtigung vor dem Ertrinken. Meine Phantaſfie fügte jedoch auch die Klagen meiner Freunde über meinen Un⸗ tergang hinzu. Während der Gefahr hatte ich allerdings auch an ein Paar Menſchen gedacht, von denen ich annahm, daß ſie mein trübes Geſchick beklagen würden. Im Traum aber erklangen dieſe Klagen in beſtimmten Ausdrücken und wur⸗ den immer deutlicher, bis die Wirklichkeit den Zauber des Trau⸗ mes brach. Ich erwachte und hörte zu meinem Erſtaunen im Nebenzimmer, deſſen Thüre aufſtand, daſſelbe Geſpräch, das ich im Traume vernommen. „Der Aermſte! wie ſchrecklich iſt es, auf ſolche Art um⸗ kommen zu müſſen!“— äußerte eine Stimme.. Eine andere, die ich ſogleich erkannte als die meines alten Nebenbuhlers auf ſo mancher Segelfahrt, des erſten Lieutenants vom Bucephalus, erwiederte:„Schaudervoll iſt es! Ich habe oft geſagt, die leichtfertige Yacht werde noch ſein Sarg wer⸗ den, aber nie gedacht, daß es buchſtäblich ſo kommen werde.“ Der gutmüthige Mann ſagte das mit vor Thränen ge⸗ brochener Stimme. „Und Hamilton, ſein Kamerad, der kaum je ein Schiffs⸗ brett betrat!“ „Beide ſind hin, freilich— jedoch nicht ohne daß wir Alles gethan haben, was in unſerer Macht war, um ihnen Hülfe zu bringen, das iſt der einzige Troſt, der uns ge⸗ blieben.“ Der Erzähler 1849. 1. 7 98 Ich war nun vollkommen wach und zu der Ueberzeugung gelangt, daß ich wohlbehalten am Leben ſei, und daß jene Leute neben mir meinen vermeintlichen Untergang beklagten. Worte verlieren, um ihren Irrthum aufzuklären, wollte ich nicht, und ſo ſtolperte ich aus dem Bette und ſtand in der nächſten Sekunde vor ihnen. Sie ſtarrten mich an, als wäre ich ein Geiſt geweſen, als ſie aber zur Beſinnung kamen, rißen ſie mir ſchier die Arme vom Leibe mit glückwünſchendem Hände⸗ ſchütteln. Ihre helle Freude war mit dem höchſten Erſtaunen vermiſcht, und ſie ſchrieen über einander hinein, um eine Er⸗ klärung zu bekommen von dem Phänomen, welches ich in eigener Perſon darſtellte. Es kam dann heraus, daß ſie wäh⸗ rend eines großen Theils der Nacht herumgekreuzt hatten in der Hoffnung, mich zu finden. Sie vertrauten meiner zuver⸗ ſichtlichen Entſchloſſenheit und bauten darauf, daß ich nichts verloren geben werde, ſo lange noch irgend ein Ausweg offen ſei, daher hofften ſie, daß ich mich ſo lange flott halten werde, bis eines von den vielen Böten, die mit wahrhaft menſchen⸗ freundlichem Eifer in die Finſterniß des fliegenden Sturmes ausgelaufen waren, mit mir zuſammentreffen könne. Ich zweifle auch keinen Augenblick daran, daß ſie die ganze Nacht hindurch fortgefahren hätten, mich zu ſuchen, wenn ſie nicht einem Schiffe begegnet wären— der Beſchreibung nach grade die Chasse marée, welche uns ſo grauſam verließ— das ihnen zu verſtehen gab, daß es Zeuge geweſen von unſerm Untergang. Auf den Anruf meiner Freunde hätten die Männer auf der Chasse-marée kurz in den Sturm hinein gerufen: 99 Fin, Fin-allés 1*) begleitet von einem ausdrucksbollen Deuten in die Tiefe des Oceans. Mit ſchwerem Herzen waren ſie darauf zurückgekehrt und waren weder auf der See, noch nachher auf dem Wege vom Hafen bis heim, anderen Leuten begegnet als ſolchen, die uns eben ſo vergeblich geſucht hatten. „Und nun, Jock,“ ſagte mein Freund der Lieutenant, „da Ihr nun wieder mit heiler Haut in unſer Fahrwaſſer ge⸗ laufen ſeid, wer meint Ihr wohl, daß es geweſen iſt, der mich heute Morgen hier ins Haus geſchickt hat?“ „Euch die Wahrheit zu geſtehen, ſo hege ich den Ver⸗ dacht, daß Ihr einen kleinen empfindſamen Kreuzzug für eigene Rechnung unternommen habt.“ „Da ſeid Ihr auf dem Holzwege, Freund! Ein weit feinerer Kopf als der meine oder der Eure hat mich zum Auslaufen beordert. Virginie ließ ſich nicht nehmen, daß Kunde von Euch hier zu haben ſein müſſe.“ „Alſo ſagtet Ihr nichts zu ihr von dem Bericht über mein Scheitern?“ „Doch, das that ich, aber wer kein Wort davon glauben wollte, war ſie. Verlaßt Euch darauf, um einen feinen Inſtinkt iſt es eine ſchöne Sache. Ihr Inſtinkt hat ſich beſſer be⸗ währt als unſer Verſtand, denn ſie behauptete ſteif und feſt, Ihr wäret nicht ertrunken, und Nachricht von Euch müſſe hier eingetroffen ſein.“ *) Aus und vorbei! MnA————— 100 Und nun begann eine ausführliche Auseinanderſetzung aller Ereigniſſe der verwichenen Nacht auf Meer und Land. Ich erfuhr Alles, was der Gouverneur angeordnet hatte, wie bereitwillig viele wohlwollende Männer die ganze Nacht mit Fackeln herumgerudert, wie durchnäßt und kummervoll ſie zu⸗ rückgekehrt waren. Dann vernahm ich, daß die Frauen alle ſich unſer Unglück ſehr zu Herzen genommen hätten, keine aber ſo wie Virginie. Die ganze Nacht war ſie in Bewegung ge⸗ weſen, hatte mit Thränen in den Augen nach verabredeten Signalen ausgeſehen, um Nachricht zu bekommen, hatte athem⸗ los jeden Boten ſelbſt ausgefragt. Mein Segel⸗Kamerad, der Lieutenant, war in demſelben Boot mit ihr geweſen und hatte ſich der lebhafteſten Dankbezeugungen von ihr zu erfreuen ge⸗ habt wegen ſeines Entſchluſſes, die ganze Nacht zu verwenden, um mich aufzufinden. Noch könne ſie keine Kunde von meiner Rettung haben. Ich beſchloß, die Ankündigung einer ferneren Fortſetzung meines irdiſchen Daſeins in eigener Perſon zu übernehmen, und machte mich ſogleich auf den Weg zu der Wohnung ihres Vaters. Ich brütete eine ganz anſtändige Rede aus, in welcher ich nach dem ſchuldigen Dank für die mir erwieſene Theilnahme ganz verblümt und fein eine aufdämmernde Liebe, ſchüchtern und mit aller erdenklichen Schonung ihres Zartgefühls, wollte durchſchimmern laſſen, um vielleicht herauszubringen, ob bei ihr etwa Geneigtheit vorhanden ſein ſollte, aus derſelben Ton⸗ art mit mir aufzuſpielen. Was ich aber ſo klug erſonnen zu haben vermeinte, erwies ſich als ganz unnütz, meine Rede wurde kurz abgeſchnitten von dem lieblichen Mädchen ſelbſt. 101 Kaum nämlich hatte ſie einen Blick auf mich geworfen, als ſie, ohne alle Vorbereitung und Einleitung, ſich in meine Arme ſtürzte, allwo ſie auch auf's Beſte empfangen wurde. Es gibt nur eine Schlußfolge auf einen ſolchen Vorder⸗ ſatz. Wenig Zeit war mir zum Freien zugemeſſen, das muß wahr ſein, die Unaufhaltſamkeit war aber ſo ſehr nach meinem Geſchmack, daß ich in kürzeſter Friſt Hochzeit hielt und Vir⸗ ginie als meine Ehefrau heimführte. Die Kerzen des Teufels. Nach Louiſe Boyeldieu d'Auvigny von B. Schmitt. 16 nter den Studenten zu Toledo, die, wie ihre Brüder zu Sevilla und Salamanca, überhaupt N ſammt und ſonders einen ſchlechten Ruf ge⸗ noßen, gab es einſt einen rechten Ausbund von Taugenichts, Don Chriſtiano, der, ganz das Widerſpiel ſeines Namens, den berüch⸗ tigten Don Juan zu ſeinem Schutzheiligen er⸗ koren hatte. Nachdem er den Tag über mit ſeinen Zechbrüdern geſchlemmt, die Nacht hin⸗ durch geſpielt hatte, mußte er Morgens einige Degenſtöße zu wechſeln haben, ſonſt hielt er den Tag für verloren und fürchtete, ſeine Hand roſte ein; zwei nüchterne Tage hätten ihm unfehlbar den Spleen gebracht, drei Tage ohne ein neues Liebesabenteuer, und er hätte ſich für einen Heiligen gehalten. — 6 — 103 Die Familie Don Chriſtianos war ſehr darüber beküm⸗ mert; ſein Vater gab ihm die beſten Lehren, ſeine Mutter beſchwor ihn mit Thränen, allein nichts wollte fruchten: ſeine Ohren waren eben ſo taub für die Vorſchriften des Vaters, wie ſein Herz verhärtet gegen das Flehen der Mutter; er führte das ruchloſe Leben nach wie vor, richtete Leib und Seele fröhlich zu Grunde und machte Schulden auf ſeine künf⸗ tige Erbſchaft. Endlich wurde ein Familienrath gehalten und berath⸗ ſchlagt, wie das verlorne Schaf wieder auf den Weg der Tugend und Ehrbarkeit zurückzuführen wäre... Die Mutter wollte ſanftes Zureden, Thränen und Bitten, der Vater ſtrenge Verweiſe und im Nothfall Strafen zur Anwendung gebracht wiſſen, ohne jedoch zu bedenken, daß ſie beide ſchon ſeit zwanzig Jahren dieſe Mittel umſonſt verſuchten. Ein ältlicher Oheim, Malteſerritter, meinte, man ſolle den Neffen nur machen laſſen, die Jugend müſſe ausgetobt haben, und dann würde er ſchon von ſelber zu ſich kommen. Dieſer für die Ruhe der Familie ebenſo wenig tröſtliche als neue Grundſatz fand um ſo geringere Beiſtimmung in der verehrungswürdigen Verſamm⸗ lung, als man insgeheim den Oheim ſelbſt, trotz ſeiner fünfzig Jahre, noch im Verdacht hatte, daß er, ſo oft es ihm ſein Rheumatismus erlaube, unter dem Vorwande, ſeinen Neffen zu überwachen, an deſſen Ausſchweifungen Theil nehme. Eine griesgrämliche alte Jungfer, die wegen ihrer un⸗ liebenswürdigen Eigenſchaften keinen Mann gefunden hatte, verlangte, man ſolle den Studenten in ein Kloſter ſtecken, und 104 ſo ſeine Seele retten; zum Heirathen komme er doch nicht, folglich tauge er zu nichts weiter, als zum Mönche. Ein junges, recht hübſches Bäschen, das, unter welchem Vorwande kann ich nicht ſagen, ebenfalls dem Familienrathe beiwohnte, ſchlug ganz verwundert, aber hoch erröthend bei dieſem Vorſchlage die Augen auf, denn ſie hatte die Anſicht, als ob der Vetter noch recht gut zu einem Ehegemahle paſſe.— Ein anderer Vetter, welcher ſich in der Jugend exemplariſch betragen und ſehr bald geheirathet hatte, meinte, man ſolle⸗ den Leichtfuß im Gegentheil ſo bald als möglich zu einer Ehe bringen, wobei Dona Carmina, ſo hieß das niedliche Bäschen, noch viel mehr erröthete. Der Vater deſſelben, der ſehr reich und deßhalb ein ſehr angeſehenes Familienglied war, trat letzterer Anſicht bei, worauf ſie allgemein angenommen wurde. Die Anweſenden beſprachen ſich nun ferner über eine paſſende Wahl. Es ſollte ein ſchönes Mädchen ſein, um ſein flatterhaftes Herz einmal feſſeln zu können:— Dona Car⸗ mina beſchaute ſich im Spiegel, als ob ſie ihre Haare, die es nicht im Mindeſten nöthig hatten, in Ordnung bringen wollte; nur ein beſcheidenes, ſanftes Weib werde ihn der Tugend wieder gewinnen können:— die ſchöne Baſe ſchlug* züchtig die Augen nieder und faltete gleich einer heiligen Jung⸗ frau von Murillo die Hände. Der Vater blickte lächelnd auf ſeine Tochter und Alle trennten ſich höchſt zufrieden; nur die alte Veſtalin wollte nichts verſtehen und entfernte ſich mit den Worten:„Welches Mädchen wäre wohl im Stande, einen ſolchen Leichtfuß zu feſſeln?“ Dona Carmina konnte ſich, . — — —— 105 da ſie dies hörte, nicht enthalten, mit ungeduldiger Miene die Achſeln zu zucken. Am andern Tag ließ Don Chriſtianos Vater ſeinen Sohn zu ſich rufen und hielt demſelben eine lange Straf⸗ predigt; der Leichtſinnige hörte jedoch gar nicht darauf, ſon⸗ dern überlegte, wie er einen prachtvollen Degen, der im Zimmer hing, ſich aneignen könnte, ohne ſeinen Vater darum zu bitten. Plötzlich erhob dieſer ſeine Stimme ſtärker, indem er zum dritten Male dem Sohne auseinanderſetzte, daß man beſchloſſen habe, ihn zu verheirathen. Don Chriſtiano fuhr wie aus dem tiefſten Schlafe auf und fragte ſeinen Vater ganz verwundert:„Mich verhei⸗ rathen, und warum?...“ Der Alte rutſchte voll Aerger über dieſe einfältige Frage auf ſeinem Lehnſtuhle hin und her und wollte gerade von Neuem anfangen, als der Sohn, den ein Rendez⸗vous fort rief, kurz ab erklärte, wie er noch gar nicht geſonnen ſei, ſeine Freiheit aufzugeben; mit dieſen Worten eilte er hinweg, ohne ſich weiter um ſeinen Vater zu bekümmern. Der im Familienrathe gefaßte Beſchluß hatte ſomit nur dem Vater neuen Aerger, der Mutter größeren Kummer be⸗ reitet. Don Chriſtiano ſeinerſeits ſchien ſich nur um ſo rück⸗ ſichtsloſer ſeinem Leichtſinn zu überlaſſen, und bald ſprach man in der ganzen Stadt von nichts als von ſeinen täglichen Händeln und ſeinen Liebesabenteuern! Da Dona Carmina eines der ſchönſten Mädchen von Toledo war, ſo ſäumte der Student nicht, ihr zu verſichern, daß nicht ſowohl Abneigung gegen ihre Perſon, ſondern gegen die Feſſeln der Ehe es geweſen „ 106 ſei, was ihn zur Weigerung veranlaßt habe; ſie gab ihm je⸗ doch kein Gehör und er entfernte ſich voll Aerger über die Grauſamkeit ſeiner Baſe. Dona Carmina liehte und be⸗ weinte ihn in der Stille! II. Nach und nach aber fing ihm ſeine Lebensweiſe ſelbſt an zu entleiden: er hatte ſo viele Mädchen betrogen, ſo viele Fa⸗ milien in's Unglück geſtürzt, daß es allen Reiz für ihn verlor, neue Eroberungen zu machen. Er war ein ſo hüb⸗ ſcher, gewandter und liebenswürdiger Cabvalier, daß nur wenige Herzen ihm Widerſtand leiſteten und daß man beinahe hätte glauben können, die hübſchen Senoras machen ſich eine Ehre daraus, von ihm betrogen zu werden. Beinahe überdrüſſig dieſer leichten Siege, fühlte er ſich manchmal faſt verſucht, zur Abwechslung ein ordentliches Leben anfangen zu wollen: auch ſchien ihm Dona Carmina wohl 8 werth, ihretwillen etwas zu wagen. 8 Als Don Chriſtiano eines Tags in ſolche Gedanken ver⸗ ſunken allein ſpazieren ging, begegnete ihm eine junge Frauensperſon von auffallender Schönheit, die er noch in keiner Geſellſchaft ge⸗ ſehen hatte, obgleich ihre elegante Kleidung einen hohen Rang zu verrathen ſchien. Sie kam eben von einer Duenna be⸗ gleitet aus der Kirche und wollte allem Anſchein nach in ihre Wohnung zurückkehren. Im Vorübergehen blickte ſie Don Chriſtiano mit ihren großen, glänzend ſchwarzen Augen an, —— ————— ——— 107„ ſchlug ſie aber, von ſeinem durchdringenden, liebeglühenden Blicke getroffen, erröthend nieder. Wie zierlich, edel und be⸗ ſcheiden war ihre Haltung! Nur Dona Carmina könnte neben ſie geſtellt werden! Als Don Chriſtiano leiſe bei ſich dieſe Bemerkung machte, fühlte er wohl, daß er in ſeine Baſe ver⸗ liebt ſei;— aber Dona Carmina war leider nicht da, und ſo trug die Fremde, der er unwillkührlich folgte, den Sieg davon. Während er ſo ihr nacheilte, bewunderte er den zier⸗ lichen Wuchs und den leichten Gang des Mädchens; beim Ueber⸗ ſchreiten eines Kandels hob ſie den Rock ein wenig in die Höhe und zeigte dabei einen ſo niedlichen Fuß, ein ſo rundes Bein, daß Don Chriſtiano vollkommen den Kopf verlor. Gar zu gern hätte er ſich der Schönen genähert, allein die alte Duenna hielt zu gut Wache, und ſo konnte er nur das erreichen, daß er ihre Wohnung erfuhr. Den ganzen Tag und einen guten Theil der Nacht umſchwärmte er das Haus, ob nicht die Senora irgendwo zu erblicken wäre, aber Alles blieb todesſtill und verſchloſſen wie eine Feſtung; endlich den andern Tag erfuhr er von einer Frau, die Obſt zum Kauf in das Haus brachte, daß Dona Iſolina eine Waiſe und an Don Rodrigo verlobt ſei. Dieſer Don Rodrigo war ein vertrauter Freund von Chriſtiano und gerade abweſend. Einen Augenblick fühlte er Bedenken: ſollte er Verrath an der Freundſchaft üben, die Abweſenheit ſeines Nebenbuhlers feig benützen? Allein ſchon einmal war er gegen Don Rodrigo unterlegen: dieſer Sieg ſollte ihn rächen, allen bisherigen Triumphen die Krone aufſetzen, er ſollte, und dieß war vielleicht die Hauptſache, ſeine Langweile vertreiben. 108 Da Dona Iſolina während der Abweſenheit ihres Ver⸗ lobten ganz zurückgezogen lebte und nur das elterliche Haus deſſelben beſuchte, ſo hielt es ſehr ſchwer, ſich ihr zu nähern. Don Chriſtiano führte ſich, da er kein anderes Mittel ſah, als Freund Don Rodrigos in deſſen eigenem Hauſe ein und wurde als ſolcher von ſeinen Eltern und Dona Iſolina freundlich aufgenommen. Letztere war froh, wieder Jemand zu haben, mit dem ſie von ihrem Geliebten ſprechen konnte, und Don Chriſtiano war klug genug, ſich, obgleich er nicht deß⸗ halb gekommen war, einige Zeit dazu benützen zu laſſen. Er wußte bald die ganze Familie ſo ſehr für ſich ein⸗ zunehmen, daß man nichts dagegen hatte, wenn er Dona Iſolina die Zeit verkürzte, und dieſe muß wirklich eine große Anziehungskraft auf ihn ausgeübt haben, daß er es über ſich gewinnen konnte, ſich ſo lange Zeit zu bemeiſtern und zu ver⸗ ſtellen. Allein nach und nach wurde der Name Don Rodrigos in ihren Unterredungen ſeltener genannt und eines Tages ſah Dona Iſolina den zärtlichen Chriſtiano zu ihren Füßen, ohne gerade ſich zu ſehr zu erzürnen. Wie das Alles zuging, brauche ich nicht erſt lange aus einander zu ſetzen: kurz Don Chriſtiano ſah ſich in ſo weit am Ziele, als es die ſtrengen Grund⸗ ſütze der Dona und die wachſamen Augen der Duenna er⸗ laubten. In einem vornehmen Hauſe von Toledo wurde ein Feſt gegeben und Don Chriſtiano wußte ſeine Karten ſo gut zu miſchen, daß ſeine Geliebte dabei erſcheinen durfte, obgleich ſie ihrem Verlobten verſprochen hatte, in ſeiner Abweſenheit an nichts der Art Theil nehmen zu wollen.. 109 Iſolina fühlte Gewiſſensbiſſe— allein ſie ging doch, und Chriſtiano erſah ſich die Gelegenheit, ſeine Schöne in einen minder hell beleuchteten Theil des Gartens zu führen, den der Feſtgeber vielleicht gerade aus liebenswürdiger Theilnahme für ſolche zärtliche Pärchen ſo dunkel gelaſſen hatte. Zuerſt wollte Iſo⸗ lina jenes Verſteck nicht betreten, aber unſer Held bat in ſo rüh⸗ renden, achtungsvollen Ausdrücken, daß ſie im Anhören ſeiner Schmeichelworte ihm immer weiter folgte und ſich, ohne Zweifel aus Furcht vor den ſchattigen Laubgängen, etwas näher an ſeine Seite und etwas ſtärker auf ſeinen Arm lehnte, als ge⸗ rade nöthig geweſen wäre,— da brach plötzlich aus einer Seitenallee der helle Schein einer Fackel hervor— es war die Duenna, welche ihre Schutzbefohlene vergeblich im Tanz⸗ ſaal geſucht hatte. Sie prallten erſchrocken zurück, und als die Alte nach fruchtloſem Umherlaufen in den Saal zurück⸗ kehrte, verlangte Iſolina wegen übergroßer Müdigkeit und Hitze nach Hauſe. Noch bebte ſie nämlich in dem doppelten Bewußtſein ihrer Schuld und der Gefahr, in der ſie geſchwebt, und ſie nahm ſich vor, Chriſtiano nicht mehr zu ſehen. Den andern Tag aber beſchloß ſie, als dieſer kam, ihm Vorwürfe zu machen, und ihn zu bitten, ſie nicht mehr zu beſuchen. Nun zeigte ſich aber Don Chriſtiano ſo liebenswürdig, zärtlich und ver⸗ führeriſch, daß er nicht nur Verzeihung erlangte, ſondern ſo⸗ gar für dieſelbe Nacht das Verſprechen eines Stellvicheins be⸗ kam, wo er ſich für das frühere Mißgeſchick entſchädigen zu können hoffte. 11⁰ Um Mitternacht erſtieg unſer Cavalier den Balcon an Dona Iſolina's Hauſe und ſtürzte ſeiner Dame zu Füßen. Die junge Senora zitterte und bebte; er führte ſie auf ein kleines Sopha und ſuchte ſie zu beruhigen, was nach und nach gelang; aber plötzlich gab Dona Iſolina einen Schreckens⸗ ſchrei von ſich, bedeckte ſich das Geſicht mit ihren Händen und ſtieß Don Chriſtiano voll Abſcheu zurück... Ihr Blick war von ungefähr auf Don Rodrigos Bild gefallen, das im hellen Schein der Lichter dahing und eine drohende Miene zu machen ſchien. Der junge Wüſtling berfluchte das Bild und die Lichter; alle ſeine Beredtſamkeit war vergebens: er verſchwendete Bitten, Betheurungen, ja ſogar Thränen um⸗ ſonſt. Kaum glaubte er wieder einige Schritte vorwärts ge⸗ than zu haben, als ein neuer Blick auf das verhaßte Portrait die Gewiſſensbiſſe des Mädchens wieder erneuerte. Gern hätte er das Bild zum Fenſter hinaus geworfen, wenn er gedurft hätte, und auch gegen das Auslöſchen der Lichter proteſtirte die Schöne feierlichſt. Chriſtiano rief ſeinen Schutzpatron Don Juan zu Hülfe.„Die Lichter ſind doch eine heilloſe Er⸗ findung,“ ſagte er ärgerlich zu ſich ſelbſt;„wahrlich alle ſammt und ſonders könnte der Teufel holen!“... Kaum hatte er dieß gemurmelt, ſo verdüſterten ſich die Lichter, die Lampen gaben keinen Schein mehr und das Portrait entſchwand den Blicken Iſolinas. Kurze Zeit nachher hieß es, Don Rodrigo ſei im Duell getödtet wordin, Dona Iſolina aber ſei, wahrſcheinlich aus Schmerz über den Tod ihres Geliebten, ins Kloſter gegangen. —— 111 II. Don Chriſtiano tröſtete ſich bald und vergaß das Aben⸗ teuer, wie er ſo viele andere bergeſſen hatte. Während er Dona Iſolina den Hof machte, hatte er ſeine alten Freunde arg vernachläßigt: jetzt kehrte er mit neuer Luſt zu ihnen zurück, denn jene Neigung ſchien ihm nur wie eine vorüber⸗ gehende Abweſenheit die langgewohnten Freuden wieder lieber gemacht zu haben. So entſchädigte ihn eben jetzt eine neue Leidenſchaft für Iſolinas Verluſt. Eines Abends heatte er vergeblich auf das Erſcheinen ſeiner Dame bei einem verab⸗ redeten Stelldichein gewartet und kehrte etwas verſtimmt nach Hauſe zurück, als man ihm ein parfümirtes Billet brachte, in dem er eine beruhigende Erklärung zu finden hoffte. Schnell eilte er in ſein Kabinet und war erſtaunt, die Lichter nicht angezündet zu finden; er ſchalt ſeinen Diener, dieſer aber ver⸗ ſicherte, daß er gewohntermaßen die Lichter angeſteckt habe und nicht begreife, wer ſie habe auslöſchen können; damit ſteckte er die Kerzen wieder an und entfernte ſich auf ſeines Herrn Wink: kaum hatte er aber die Thüre hinter ſich, als auch ſchon wieder die Lichter plötzlich ihren Schein verloren, wie damals in Iſolinas Zimmer. Ohne an jenen Vorfall zu denken, machte unſer Cavalier Feuer, allein kaum brannte das Schwefelhölzchen, als ſich ein ſpöttiſches Kichern hören ließ und die angezündete Kerze nur einen glimmenden Docht zeigte. „Der Teufel ſteckt dahinter,“ rief Don Chriſtiano voll Aerger. Ein lautes Lachen erſcholl bei dieſen Worten. „Satan,“ ſchrie unſer Held in höchſter Wuth,„wenn Du es biſt, ſo zeige Dich, damit wir offen ſprechen können!“ „Da bin ich,“ ſagte Satan,„plaudern wir ein wenig.“ Und alsbald erblickte Chriſtiano auf dem Rand des Kamins eine kleine, ſpannenlange Figur, welche ein brennendes Stroh⸗ hälmchen in der Hand hielt, ſo daß man ſie ganz genau be⸗ trachten konnte: ſie trug ſich nach der neueſten Mode und man glanbte auf und nieder einen ſpaniſchen Cavalier durch das verkehrte Opernglas zu ſehen; jedoch zeigte eine Hand, an welcher der Handſchuh fehlte, etwas lange Nägel, und auf dem Kopf bemerkte man trotz der ſorgfältigen Haarfriſur den⸗ noch zwei kleine funkelnde Hörnchen, die freilich gar nichts Abſchreckendes hatten. Don Chriſtiano war zwar Anfangs ein wenig überraſcht, faßte ſich aber ſogleich und rief: „Wahrhaft, es iſt mir lieber, wenn ich weiß, mit wem ich zu thun habe... Aber ehe ich Auskunft über Dein ſonderbares Benehmen verlange, will ich nur ſchnell Dein Licht benützen, um zu ſehen, was in dem Billet ſteht, auf das ich ſehr neugierig bin.“ Mit dieſen Worten entfaltete er ganz kaltblütig jenes Billet⸗doux. „Wartet noch einen Augenblick, nur einen Augenblick,“ ſagte Satan, indem er ſeine hohle Hand vor das Licht hielt, & * „— N 113 es geht nicht ſo ſchnell und ich bin nicht Willens, nur Jeder⸗ mann ſo mein Licht zu borgen.“ „Nun,“ rief Chriſtiano voll Zorn,„willſt Du mir endlich ſagen, wie Du Dir erlauben kannſt, mich ſo zu höh⸗ nen?„ „Habe ich nicht das Recht dazu?“ erwiederte der Teufel. „Du haſt ein Recht dazu? Meinſt Du, ich gehöre Dir?“ „Ha! ha! ha!“ lachte Satan. „Willſt Du mir etwa meine Seele abkaufen?“ ſagte der Student.„Nimm ſie hin und laß mich mein Billet leſen.“ „Nicht ſo ſchnell, nicht ſo ſchnell, das iſt gar nicht meine Abſicht.“ „Nun gut,“ erwiederte Don Chriſtiano, ſchon etwas ruhiger.„Was weiter?“ „Ich bin ſicherlich,“ fuhr Satan fort,„nicht ſo ein⸗ fältig, etwas zu kaufen, was mir von Rechtswegen zugehört; warum ſollte ich auch Deine Seele kaufen, da Du ſie ſchon ohnedies an mich verloren haſt?“ „Wie ſo?“ rief Don Chriſtianv. „Ohne allen Widerſpruch. Haſt Du nicht hundertmal geſagt: der Teufel ſoll mich holen? ein einziges Mal hätte zu⸗ gereicht, denn ich nehme jedes Anerbieten an, das mir ſo freund⸗ lich gemacht wird.“ „Nun wohl, wenn Du alſo meine Seele ſicher haſt, was willſt Du mehr?“ antwortete der junge Mann mit ſtoiſchem Der Erzähler 1848. U. 8 114 Gleichmuth.„Ich mache keinen Anſpruch darauf, ſie einſt Deiner Gewalt zu entreißen, aber warum plagſt Du mich jetzt ſo?.. Warum duldeſt Du nicht, daß ich dieſen Liebes⸗ brief leſe? Wer gibt Dir ein Recht dazu?“ „Mir?“ rief Satan, ſich nachläßig ſchaukelnd. „Ja, Dir! Kannſt Du mich mein Leben nicht in Ruhe giehen laſſen? Wenn auch, wie ich kaum leugne, meine Seele Dir gehört, ſo bin ich doch jetzt Nutznießer und habe ein Recht auf ungeſtörten Gebrauch derſelben.“ „Du haſt, ſcheint es, gar kein Gedächtniß,“ erwiederte Satan.„Aber laß uns Platz nehmen, ich plaudere nicht gerne ſtehend.“ „So ſprich,“ ſagte der Student mit Reſignation, und warf ſich in ſeinen Lehnſtuhl, während Satan ruhig auf den Knieen einer bronzenen Nymphe Platz nahm, welche einen großen Standleuchter vorſtellte. „Du haſt alſo ſchon Deine geliebte Dona Iſolina und jenen Abend vergeſſen, wo... „Warum erinnerſt Du mich daran?“ rief Chriſtiano mit unſicherer Stimme.„Es thut mir leid um das arme Kind; aber was war zu thun? Es iſt vas einzige Mal, daß mich mein Sieg reute.“ „Dummer Spaß!“ rief Satan, indem er ſich vor Lachen kaum halten konnte;„hältſt Du mich für einen Tugendwächter, daß Du Dich bei mir entſchulvigſt, wie wenn ich Dein Beicht⸗ vater wäre? Meinſt Du, ich grolle Dir wegen Dona Iſolina? Sie iſt in's Kloſter gegangen,— wohl bekomm's ihr; um ſolche ſchwache, weiche Seelen kümmere ich mich ſehr wenig: „— 115⁵ kommt ſie vor meine Thür, nun ſo iſt ſie freundlich will⸗ kommen, aber wegen einer ſolchen Perſon rühre ich keinen Fuß; dafür werden ihre frommen Kamerädinnen ſchon ſorgen. Von Dona Iſolina iſt hier nicht die Rede.“ „Nun, aber was denn?“ fragte Don Chriſtianv. „Es handelt ſich um die Lichter, welche in dem Zimmer des hübſchen Mädchens waren, und die Du zu allen Teufeln gewünſcht haſt, wohin ſie auch kamen.“ „Wie?“ rief Chriſtiano, dem nun ein ſchreckliches Licht aufging,„Du haſt jenen einfältigen, unglücklichen Wunſch ernſthaft genommen?. „Ich nehme,“ ſagte der Teufel lachend,„Alles, was man mir anbietet.“ „So nimm auch das,“ rief Don Chriſtiano voll Wuth, indem er ganz vergaß, mit wem er zu thun hatte, und ſtieß ſeinen Dolch der bronzenen Nhmphe ſo feſt in den Buſen, daß er nicht mehr heraus zu ziehen war. „Erhitze Dich nicht,“ ſagte Satan, indem er lächelnd aus dem Spiegel heraus ſchaute, hinter den er im Nu ge⸗ ſchlüpft war;„haſt Du nicht damals alle Lichter ſammt und ſonders zum Teufel gewünſcht?“ „Es mag ſo ſein,“ erwiederte unſer Held etwas ent⸗ muthigt. „Nun alſo.“ „Aber bis jetzt haſt Du...“ warf der Student ein. „Bis jetzt habe ich aus reiner Nachſicht keinen Gebrauch von meinem Rechte gemacht und Dich ein Gut, das mir 116 ⸗ gehört, benützen laſſen; heute mache ich mein Recht geltend: ich blaſe nur auf das Licht, und Du ſiehſt!.. „Aber das iſt abſcheulich,“ rief Chriſtiano;„wie kann ich ſo leben; ich müßte ja auf Bälle, auf das Spiel, auf Alles verzichten?“ „Durchaus nicht, das iſt nicht meine Abſicht,“ erwiederte Satan.„Ich bin ein guter Teufel und würde, ehrlich ge⸗ ſtanden, ſchlecht meine Rechnung dabei finden, wenn Du Dich von Allem zurückzögeſt und am Ende gar für einen Heiligen gehalten würdeſt... Ich will Dir Deine Genüſſe nicht rauben und habe Dich auch bis heute nicht beläſtigt.“ „Ja, aber eben heute,“ wiederholte Chriſtiano, indem er ſich ganz betrübt an den Brief erinnerte, der ihm in der Hitze des Geſprächs völlig aus dem Gedächtniß gekommen war. „Du kannſt daher ganz ungehindert das Licht genießen, wenn es mir nicht hie und da einfällt, bei Nacht Dir den Schein der Kerzen zu entziehen.“ „Und gewiß ſuchſt Du dann immer einen Augenblick, wo er mir gerade am nöthigſten wäre?“ „Soll ich etwa Deinen Narren ſpielen?“ „Sei doch vernünftig, Teufel;— läßt ſich denn kein gütlicher Vergleich treffen?“ „Eben einen ſolchen wollte ich Dir ja vorſchlagen, als Du mit Deinem Dolche die niedliche Kreatur da ſo abſcheu⸗ lich mißhandelteſt.“ Dabei ſtreckte er ſeine Hand aus dem Spiegel und zog das Stilet, an dem Chriſtiano alle ſeine Kraft vergebens ver⸗ ſucht hatte, mit Leichtigkeit heraus. —— 117 „Ich will Dir alſo,“ fuhr Satan fort,„den Schein der Lichter wieder geſtatten,— aber unter einer Bedingung.“ „Und dieſe iſt?“ „Ich verlange von Dir...“ der Teufel ſtockte und ſchien ſelbſt in Verlegenheit, das Wort auszuſprechen..„ich will nicht Deine Seele, denn die iſt ohnedieß mein, auch nicht Deine Geliebte; denn Du wechſelſt zu oft und würdeſt alſo nichts dabei verlieren; auch gelüſtet mich's nicht nach Deinem Vermögen, denn davon haben meine Geſchäftsträger, die Wu⸗ cherer, längſt ſchon Beſitz genommen...4 „Was willſt Du denn ſonſt, ins Himmels Namen?“ „Wenn Du ſolche Worte gebrauchſt,“ fuhr Satan mit einer abſcheulichen Grimaſſe fort,„ſo muß unſre Unterredung ein Ende haben; ich will aber Deiner Ungeduld etwas nach⸗ ſehen und Dir den unſchicklichen Ausdruck verzeihen. Ich verlange das Einzige, was Du beſitzeſt... Dein Leben!“ „Mein Leben,“ ſchrie der Student voll Schrecken. „Sei nur ruhig, ich will es ja nicht ſogleich haben, aber ſiehſt Du, obſchon Deine Seele jetzt ſchon mir gehört; ſo weiß man doch nicht, was ſich Alles noch vor Deinem Tode ereignen könnte, und ich möchte das Recht haben, ſie in Be⸗ ſitz zu nehmen, wenn ich Gefahr für mein Eigenthum fürchte. Die Gebete der guten Frau, Deiner Mutter, beunruhigen mich ein wenig.4 „Die gute, treue Seele!“ ſagte Chriſtiano. „Schon recht, ſchon recht, zur Rührung iſt immer noch ſpäter Zeit. Sprechen wir von unſerm Handel.“ „Mein Leben verſchreibe ich Dir nicht.“ 118 „Oh! ich will es auch nicht ſogleich: für jetzt habe ich nur das Recht und die Macht über den Schein Deiner Kerzen, die ich nach Gutdünken brennen oder ausgehen laſſen kann.“ „Das wäre aber eine ſehr ſchlechte Spekulation von meiner Seite?“ „Durchaus nicht; denn im Fall ich Dir den Schein Deiner Kerzen in einem ungeſchickten Augenblick entzöge, darfſt Du nur meinem Diener Feuerbrand rufen, und Du wirſt wieder ſehen; aber merke Dir, daß, nachdem Du ihn dreimal gerufen, Dein Leben mir verfallen iſt, wenn nicht,“ ſetzte der Teufel lächelnd hinzu,„Jemand Deinen Platz einnehmen will!“ Unſer Held trug ernſtliches Bedenken: er hing noch mehr am Leben als an den nächtlichen Vergnügungen, und dachte, der Tag habe auch ſeine Genüſſe... Aber endlich ließ er ſich vom Teufel bethören und unterzeichnete den Vertrag. Satan zündete eines der Lichter mit ſeinem Strohhalm an und verſchwand. Chriſtiano benützte den erſten freien Augenblick, öffnete das Billet und las: „Ein unvorhergeſehener Zufall ließ mich das feſtgeſetzte Stelldichein verſäumen; dagegen erwarte ich Sie heute Nacht drei Uhr unter meinem Balcon, wo Sie eine ſeidene Strick⸗ leiter finden werden.“ Chriſtiano nahm eilig Hut und Mantel. In demſelben Augenblick ſchlug es gerade vier Uhr. 4 119 „Verfluchter Satan!“ ſchrie Chriſtiano, indem er heftig auf den Boden ſtampfte. Nichtsdeſtoweniger rannte er jetzt nach dem Hauſe ſeiner Geliebten, aber da war Alles ſeſt verſchloſſen. Den andern Tag wurde er nicht vorgelaſſen und am Abend mußte er zu ſeiner Betrübniß mitanſehen, wie ſeine bisherige Geliebte ſich in ihrer Loge eifrig mit einem jungen Cavalier unterhielt und ſogar ſeine Hand drückte. „Wenn Du mir das Leben ſo verbitterſt, Satan, ſo werde ich Eremit und ſege mich nach Sonnenuntergang zu Bett.“ W. Satan, weit entfernt, die ſchlimme Meinung, welche Don Chriſtiano von ihm hatte, übel zu nehmen, hielt ſich im Gegen⸗ theil vortrefflich. Kaum daß er nach langer Zeit einmal eine kleine, vorübergehende Verfinſterung eintreten ließ, ja endlich war Don Chriſtiano geneigt, jene Unterredung mit dem Teufel nur für einen beängſtigenden Traum zu halten. Auf einmal jedoch ſah ſich unſer Held auf eine empfindliche Weiſe an die Wahrheit jenes Aktes erinnert. So befand er ſich eines Tages bei einem herrlichen Gaſtmahle, wo die aus⸗ gezeichnetſten Weine aufgeſtellt waren. Don Chriſtiano, von plötzlicher Finſterniß umgeben, tappte ungeſchickter Weiſe gerade an eine Waſſerflaſche, füllte ſein Glas und trank es zum großen Erſtaunen aller Gäſte und zu ſeinem eigenen beſonderen 120 Mißvergnügen auf einen Zug aus; er wagte nicht mehr, ſich ſelbſt einzuſchenken, und der Wirth, der eine beſondere Abſicht Don Chriſtanos dahinter ſuchte, rief ſeine Leute an, ihm nicht einzuſchenken, ſo daß ſein Glas die ganze Mahlzeit hindurch leer blieb und den andern Tag die Neuigkeit durch die ganze Stadt lief, Don Chriſtiano ſei entweder närriſch oder krank, denn er habe bei einem Gaſtmahle nichts als ein Glas pures Waſſer getrunken! Don Chriſtiano und Waſſer! dieß ſchien in der That etwas ſo Außerordentliches, daß ſich Jeder davon überzeugen wollte und unſer Held der Reihe nach mehrere Einladungen erhielt, die er aber, durch das ungewohnte Getränk wirklich unpäßlich geworden, ablehnen mußte. Ein ander Mal, nachdem er ſich für jenes unwillkühr⸗ liche Faſten ſchon wieder reichlich entſchädigt hatte, beſuchte er einen großen Ball, wo alle Schönen der Stadt verſammelt waren; aber auch wieder mit Blindheit geſchlagen, engagirte er mehrmals hinter einander alte, häßliche, aber reiche Mädchen, was ein allgemeines Staunen erregte und das Gerücht veran⸗ laßte, Don Chriſtiano ſei ruinirt und ſuche ſich durch eine reiche Heirath zu helfen. Don Chriſtiano, ganz wüthend über dieſe Schwätzereien, wollte den Läſterzungen beweiſen, vaß er noch Gold in ſeinen Taſchen habe, gab ſeinen Freunden ein glänzendes Mahl, wo zur Sühne für jenes böſe Glas Waſſer Weinflaſchen in Menge geleert wurden. Danach ſetzte man ſich zum Spiel und unſer Held ſpielte gewagter und höher, als alle Andern. Anfangs war der Kampf ungefähr gleich; aber bald umgab . 121 ihn dichte Finſterniß, er ſpielte wie ein Wahnſinniger, machte Fehler auf Fehler; ſeine Freunde umſtanden ihn ſtumm vor Erſtaunen und deuteten nur von Zeit zu Zeit an ihre Stirn, um anzuzeigen, was ſie von ihm dachten. Chriſtiano ſelbſt war in einer fürchterlichen Lage, große Schweißtropfen ſtanden auf ſeiner Stirn: umſonſt ſuchte er den Werth und die Farbe ſeiner Karten zu errathen, es fehlte ihm der feine Taſtſinn des Blinden. Schon hatte er alles Gold verlören, dann ſein Haus, ſeine Pferde, ſein Ameuble⸗ ment, ſeine Geliebte; nichts blieb ihm mehr, als ſein ſchöner guter Degen, den er halb aus der Scheide zog und gerne gegen ſeinen Gegner gezückt hätte, wenn es nur hell geweſen wäre. Doch wollte er nicht nachgeben und warf, als der Gewinnende noch eine Partie vorſchlug, voll Wuth den Degen auf den Tiſch... Doch wenn er wieder verlor! Entehrt, verloren für immer! Es gab wohl ein Mittel, aber das Leben war ihm lieb und er fürchtete ſich gar ſehr vor dem erſten Schritt zum Tode. Doch ſeine Ehre, ſein Degen mußten um jeden Preis gerettet werden. Er rief dem Diener Satans, und ſo⸗ gleich erſchien das kleine Teufelchen Feuerbrand mit einem Strohhalm und ſetzte ſich auf die Schulter Don Chriſtianos, der zwar anfangs etwas erſchrak, ſich aber bald erholte, fort ſpielte und gewann. Vielleicht waren die Rathſchläge, die der Kleine unſerm Ritter in das Ohr raunte, nicht wenig an deſſen Glück Schuld. Kurz er gewann, gewann fort und fort, und endlich zog ſich der Gegner, nachdem er Alles verloren, voll Schmach und Schande zurück. 122 Doch konnte Don Chriſtiano nicht faſſen, warum ihn Satan eben jetzt ſo beunruhigte;— endlich erfuhr er, daß ſeine Mutter nach Campoſtella gewallfahrtet ſei, um den Hei⸗ ligen für ihren Sohn anzurufen. Dieß gab ihm Licht; aber nun wähnte er ſich von zwei Seiten in Gefahr: entweder mußte er das gefährliche Mittel noch zwei Mal ergreifen und ſo ſein Leben enden, oder aber gewann es ſeine Mutter und er mußte ſich bekehren. Er ſah zwar letztere Möglichkeit noch nicht ein, aber ſie ſchien ihm ſo ſchrecklich wie die andere: die Gefahr dünkte ihm gleich auf beiden Seiten. Er nahm ſich daher vor, die ihm noch übrige Zeit luſtig hinzubringen und die Zukunft abzuwarten. Inzwiſchen kam ein fremder junger Mann, eine der beſten Klingen des damaligen Spaniens, nach Toledo; auch bewährte er den ihm vorangeeilten glänzenden Ruf, indem er mehrere junge Toledaner, die ſich an ihn wagten, trotz ihrer nicht ge⸗ ringen Gewandtheit und Stärke kampfunfähig machte. Der Fremde ſtolzirte durch die Straßen Foledos, lorgnirte mit frechen Blicken die Frauen und ſah die Männer verächtlich über die Achſel an. Ganz Toledo nahm es als Ehrenſache auf, ihm einen würdigen Gegner zu ſtellen, und die jungen Männer erklärten einſtimmig, indem ſie bei dieſer Gelegenheit ihre ſonſtige Eigenliebe bei Seite ſetzten, nur Don Chriſtiano ſei im Stande, den furchtbaren Fremdling zu beſiegen. Chriſtiano, ſtolz auf die ehrenvolle Auszeichnung, erklärte ſich gerne be⸗ reit, für die Ehre der Stadt ſein Heil zu verſuchen, erſchrak aber nicht wenig, als man ihm ſagte, der Kampf ſolle zu deſto größerer Feierlichkeit beim Kerzenſchimmer vor ſich gehen. — Umſonſt ſuchte er dieſen Beſchluß zu hintertreiben, und als er ſeine Furcht vor neuen ſchlimmen Umtrieben des Satans nicht ganz verbergen konnte, ließ ein junger Toledaner, der längſt neidiſch auf ihn war, ſich verlauten„als ob es ihm vielleicht an Muth gebräche, ſo daß unfehlbar ein Duell mit dieſem erfolgt wäre, wenn nicht die Umſtehenden die Sache vorläufig vermittelt hätten. Auf dieſe Weiſe mußte Don Chriſtiano ſich entſchließen, trotz der vorausſichtlichen Bosheit des Teufels den vorgeſchlagenen Kampf am Abend zu beſtehen. Der ungeheure Saal, in welchem Tauſende von Kerzen wahre Tageshelle verbreiteten, war von neugierigen Zuſchauern aus den höchſten Kreiſen der Geſellſchaft Toledos beſetzt: beide Gegner erſchienen, um den Kampf zu beginnen, der mit dem erſten Blut, das fließen würde, auch endigen ſollte. Anfangs ſchien es, als ob Chriſtia no überlegen wäre,— aber plötz⸗ lich verdunkelten ſich für ihn allein die Lichter und nur mit Mühe konnte er den Degen des Gegners ſo weit bemerken, um ſeine Bruſt gegen die drohende Spitze zu wahren. Nicht mehr an Angriff, kaum noch an Vertheidigung denkend, wich er zwei Schritte zurück,— ein allgemeines Murren erhob ſich— da vergaß Chriſtiano jede Rückſicht und rief Satan: ſogleich erſchien Feuerbrand mit ſeinem Strohhalme, Chriſtiano erneuerte ſeinen Angriff und in demſelben Augen⸗ blick ſtrömte das Blut aus des Gegners linkem Arm. Ein Beifallsſturm erhob ſich: alle Freunde Chriſtianos, die halbe Stadt umringten ihn mit Glückwünſchen, ohne Ahnung, was der Sieg ihn koſte und was die zerſtreute, düſtere Miene des⸗ ſelben zu bedeuten habe. Don Chriſtiano hatte auch in der That Urſache zu ernſtem Nachdenken: er durfte nur noch einmal die Hülfe Satans an⸗ rufen, und er fragte ſich leiſe, ob es nicht beſſer wäre, wenn † das Bekehrungswerk ſeiner Mutter gelänge. Jedenfalls be⸗ ſchloß er, ſich ſeiner Familie zu nähern, ſein Leben zu ändern und ſich ſogar, wenn es nöthig wäre, zu verheirathen! Bei Gott! ſich ſogar zu verheirathen! So viel vermochte die Liebe zum Leben über ihn! V Aber Satan ließ ſeine Beute nicht ſo leichten Kaufes ſich* entreißen, und die zahlreichen Feſte, die zu Ehren ſeines Siegs gefeiert wurden, machten unſern Helden gar bald ſeine klugen Vorſätze wieder vergeſſen. Eines Abends, als Don Chriſtiano mit ſeinen Freunden aus einer luſtigen Geſellſchaft kam und an einer Kloſtermauer vorüberging, drang plötzlich Grabgeſang zu ihren Ohren; die Ruchloſen antworteten, vom Satan berblendet, mit einem luſtigen Trinkliede auf die düſtere Pſalmodie; plötzlich ſtürzte ein in einen ſchwarzen Mantel gehüllter Mann auf Don. Chriſtiano, der voran ging, los und warf ihn auf die Kniee: „Achtung vor den Todten!“ rief er mit einer Donner⸗ ſtimme..„Don Chriſtiano, Achtung vor der durch Dich geopferten Todten!“ In demſelben Augenblick gab er unſerm leichenblaß ge⸗ 125 wordenen Cavalier einen Backenſtreich; die Anderen eilten herbei, wichen aber voll Beſtürzung zurück: es war Don Rodrigo!.. Allerdings hatte ſich dieſer Todtgeglaubte nach langer Krankheit wieder von ſeiner Wunde erholt und kam jetzt— zur Beerdigung von Iſolina. Nach jener blutfordernden Beleidigung erhob ſich Don Chriſtiano wie raſend, zog ſeinen Degen und rief: „Zurück, meine Freunde! ich allein darf dieſen Schimpf rächen.“ „Du wirſt den Lohn Deiner Schandthaten empfangen, argliſtiger Verführer,“ ſchäumte Don Rodrigo. Alsbald kreuzten ſich ihre Degen, und die Freunde Chriſtianos ſahen voll grauſer Erwartung dem Ausgang eines Kampfes entgegen, der durch den Rachedurſt der Streitenden und den düſtern Schein der Laternen einen beſonders ſchauerlichen Cha⸗ rakter erhielt. Aber nach kurzem Gefechte gab ſich unſer Held, ſei es vom Zorn oder von Satan geblendet, eine Blöße und ſtürzte von ſeinem eigenen Blut übergoſſen zu Boden, eben als das letzte requiescat in pace ertönte und das Grab ſich über Iſolinas Aſche ſchloß. Rodrigo verſchwand und ward nie wieder zu Toledo geſehen. Chriſtiano wurde ſterbend in ſeine Wohnung gebracht. Als man ſeinem kranken Vater die Nachricht von des Sohnes Anfall brachte, äußerte derſelbe, er danke Gott, wenn dieſer Chriſtiano ſterben laſſe, ehe er ſeiner Eltern Namen vollends an den Pranger bringe. Die Mutter war noch nicht von ihrer Pilgerreiſe zurückgekehrt, und die andern Anverwandten kümmerten ſich nichts um den berrufenen Vetter, ſo daß dieſer 126 der Pflege einer alten Lohnwärterin überlaſſen blieb, welche mehr auf ſeinen Tod als auf ſeine Heilung wartete, und der die Zeit gar bald zu lang däuchte. Der tödtliche Zuſtand Don Chriſtianos dauerte wirklich lange; ſeine traurige Verlaſſenheit, die Erinnerung an ſein vergangenes Leben, das troſtloſe Bewußtſein, im letzten Augen⸗ blick keine geliebte Seele um ſich zu haben, Niemand, der ihm eine Thräne an ſeinem Sterbebette weinte— dies Alles vermehrte nur ſeine Leiden. So krümmte er ſich einſt auf ſeinem Schmerzenslager und rief vergebens mit ſchwacher Stimme nach der eingeſchlafenen Wärterin, als ſich die Thüre langſam öffnete. Eine weibliche Geſtalt näherte ſich mit leichtem Schritt ſeinem Bette und betrachtete ihn ſchweigend. Chriſtiano ſeufzte leiſe:„Ich habe Durſt!“ Sie ſchaute nach der Wärterin hin, zuckte die Achſeln, nahm auf dem Nachttiſchchen eine Taſſe, beugte ſich über den Kranken, richtete ihn ein wenig in die Höhe, und ließ ihn einige Tropfen von dem verordneten ſtärkenden Tranke ſchlürfen. Don Chriſtiano fühlte ſich er⸗ leichtert, wandte ſeinen Kopf, um die hülfreiche Perſon zu be⸗ trachten, konnte aber ſeine Augenlider nicht öffnen; er ließ ſeinen Kopf zurückfallen und ſchlief nach wenigen Augenblicken ruhig ein.. Das weibliche Weſen entfernte ſich eben ſo ſtill wieder, wie es gekommen war. Als die Wärterin am andern Morgen erwachte, war ſie ſehr erſtaunt, Chriſtiano noch am Leben und ſogar beſſer zu finden; auch ſah ſie mit Verwunderung die Taſſe leer; doch beruhigte ſie ſich, und meinte ſich zu erinnern, wie ſie halb ſchlafend dem Kranken b —————— 127 dieſelbe gereicht habe. Der Arzt empfahl ihr, Don Chriſtiano ja gewiß kommende Nacht zur gehörigen Zeit den Trank zu reichen. Die Alte verſprach es, legte ſich aber, als es dunkel wurde, bequem in ihren Lehnſtuhl; auch dieſe Nacht erſchien die junge Dame wieder. Dießmal gelang es unſerm Leidenden ſchon beſſer: obgleich er die Züge ſeiner Pflegerin nicht unter⸗ ſcheiden konnte, ſo bemerkte er an ihrem zarten Wuchſe doch, daß es nicht ſeine alte Wärterin ſei; ihre ſeidenen, wohlrie⸗ chenden Locken berührten ſein Geſicht, und die Hand, welche leiſe ſeinen Puls fühlte, war klein und weich;— all' das erregte nur gar zu ſehr ſeine Neugier. Als ſie weggegangen war, dachte er lange hin und her, wer wohl ihm ſo zarte Pflege widme, und nahm ſich vor, das nächſte Mal ihre Ge⸗ ſichtszüge genau zu betrachten. Wirklich kam ſie folgende Nacht wieder; aber die Kapuzze, welche ihr Haupt bedeckte, verhin⸗ derte jede neugierige Forſchung. So ging es längere Zeit fort: die Alte legte ſich immer bequemer zum Schlafen nieder, die wohlthätige Fee verrichtete ihr Amt getreulich, und die Heilung machte die erwünſchteſten Fortſchritte. Der junge Mann, der nun ſein volles, ungeſtörtes Be⸗ wußtſein wiedererlangt hatte, fürchtete jetzt beinahe, zu ſchnell zu geneſen. Dieſe Unruhe und das Verlangen, ſeine Unbe⸗ kannte kennen zu lernen, verurſachten ihm einen neuen Fieber⸗ anfall; die junge Dame, welche dieß bemerkte, wollte ſeinem Kopf eine beſſere Lage geben und das Kopfkiſſen zurecht richten: dabei entfiel ihr die Kapuzze und Chriſtiano erkannte.. nein, er konnte nichts ſehen, denn die Lampe, welche das Zimmer erhellte, verlor plötzlich für ihn ihren Schein.. 128 Alles Frühere ſtand raſch vor ſeinem Gedächtniſſe: er durfte nur noch ein Mal Satans Hülfe anſprechen und war dann vollſtändig in deſſen Gewalt!... Nie fühlte er ſich weniger zum Sterben geneigt: er wünſchte zu leben, wenn auch nur, um der Unbekannten, die gewiß ſchön war, ſeinen Dank zu bezeigen; aber er wollte ſich vor Allem überzeugen, ob ſeine Vermuthung richtig ſei... das Verlangen darnach überwand jede kluge Vorſicht, und er rief ſeinem Feuerbrand. Sogleich erblickte er Satan, der mit dem brennenden Stroh⸗ halm auf dem Ende der Bettſtelle ſaß und ihn höhniſch an⸗ grinſte. Chriſtiano widmete dieſer häßlichen Erſcheinung keinen Blick, ſondern wandte ſich und ſah neben ſich ſeine ſchöne, liebenswürdige Baſe Carmina... Er ſtieß einen Ausruf des freudigſten Erſtaunens aus. Das liebliche Mädchen wollte erröthend ſeine Mantilla überwerfen, aber die Kapuzze gehorchte nicht und Chriſtiano konnte ſo nach Gefallen die ſchönen Züge ganz in der Nähe betrachten... Er entſann ſich, wie aus einem Zauberſchlaf erwacht, der beſtändigen, treuen Liebe ſeiner Baſe, ihrer Nachſicht, ihrer Sanftmuth und der tauſend anderen Tugenden, die ſie ſchmückten; er nahm ſich vor, wenn der Himmel ihn geneſen ließe, ihre treue Anhänglichkeit zu belohnen, ſich zu beſſern und Dona Carmina zu heirathen. Schon überließ er ſich den ſüßeſten Träumen über die Zukunft, als ein leiſes, trockenes, ungeduldiges Huſten ihn an die An⸗ weſenheit des Teufels erinnerte. „Fort,“ ſprach dieſer mit kreiſchender, nur ihm vernehm⸗ barer Stimme;„Du haſt Deine Baſe deutlich geſehen, nicht wahr? Aber betrachte ſie nur genau, damit ihr Vild Dir zu 3. ———————— 129 einer Zerſtreuung in Deinem neuen Aufenthalt dienen möge.. denn Du mußt jetzt mit mir von hinnen.“ „Ich mit Dir?“ ſtotterte der junge Mann in gräßlicher Angſt. „Natürlich; haben wir es nicht ſo Ich habe mein Wort gehalten, jetzt iſt es an Dir.“ „Noch nicht,“ ſtöhnte Chriſtiano mit erſtickter Stimme. „Soll ich etwa warten, bis Dich Deine Mutter bekehrt hat? He? Und bis ihre Gebete und die Liebe Deiner Baſe, denn Carmina liebt Dich treulich, mir mein Eigenthum rauben? Nein, nein! Du ſollſt mir nicht entgehen; Du mußt ſterben...“ „Sterben, jetzt ſchon ſterben!“ ſchrie Don Chriſtianv. Schon ſeit einiger Zeit hatte Dona Carmina ihren Vetter mit ſteigender Verwunderung und Furcht betrachtet; ſie begriff nicht, warum er ſo aufgeregt, ſo ängſtlich nach dem Fuß ſeines Bettes ſchaute. Als er aber jene Worte ausſtieß, fiel Carmina, von liebevollem Schmerz beſiegt, neben ſeinem Bett auf die Kniee und rief: „Nein, mein Chriſtiano! Ihr könnt jetzt noch nicht ſterben, denn Euch gehört mein Leben.“ Bei dieſen Worten fletſchte Satan grimmig die Zähne und zog ſeinen Arm, den er ſchon gegen Chriſtiano ausgeſtreckt hatte, mit einem Blick nach der Seite erſchrocken zurück, denn dort ſtand der Schutzengel des liebenden Mädchens, der Beide mit ſeinen leuchtenden Flügeln deckte. Satan ſchäumte vor Wuth; aber was war zu thun? Sein Strohhalm erloſch und er ſelbſt verſchwand nach und nach wie ein Schatten; das leichte Kniſtern Der Erzähler, 1848. IM. 9 130 von einem Funken bezeichnete ſein Verſchwinden und Dona Carmina erhob ihr Köpſfchen. Ich brauche kaum zu erwähnen, daß kurze Zeit nachher in der Kathedrale zu Toledo ein feierliches Hochzeitfeſt gehalten wurde, wobei Don Chriſtiano und Dona Carmina als die Brautleute erſchienen; das Weitere gehört nicht zu meiner Aufgabe, da ich nur den Beweis führen wollte, daß die Liebe einer treuen, ergebenen Frau das hochſte, koſtbarſte Gut ſei, das ein Mann beſitzen könne, ja ein Talisman, der ihn aus ſchwerer Noth und Gefahr zu retten im Stande iſt. 2% * 5 Sunn Moreda der Shlavenjäger. Nach dem Engliſchen. ie Sonne Afrika's goß einen Strom von glühen⸗ den Strahlen auf die langgedehnten Ufer des Sengo⸗Fluſſes, eines der hundert Waſſerarme, durch welche der mächtige Niger ſeine Flutheu in die Bucht von Benin ſendet. Längs des Ufers glitt eiligſt ein Boot über den Fluß, geführt von zwanzig ſchwarzen Ruderknechten, deren glänzende Haut eingeölt, deren Haar mit Binſen umwunden war, um der ſengenden Sonne widerſtehen zu können. Auffallender war es, daß ein weißer Mann, der im Stern des Bootes aufrecht ſtand, ſo wenig als die Schwarzen den lodernden Flammenhauch der Luft zu achten ſchien, deren Gluth wenige Europäer längere Zeit hindurch ertragen können. In 132 der einfachen Tracht eines Seemanns in der heißen Zone, ge⸗ ſtreiftes Callicohemd, weiße Jacke und weite Hoſen, trat ſeine kräftige Geſtalt, die etwas über Mittelgröße war, vortheilhaft hervor. Das ſonnenverbrannte Geſicht mit einem üppigen Bart, beſchattet von einem breiträndigen Palmhut, konnte man ſchön nennen, wiewohl der Blick heimtückiſch ſchien und ein düſterer Ernſt darauf gelagert war, der indeſſen auch von der Oual der gräßlichen Hitze erzeugt ſein konnte. Bei einer Biegung des Fluſſes, der hier die Geſtalt einer halbkreisförmigen Bucht bekam, wurde endlich das Boot gegen das Ufer geſteuert, deſſen Gürtel von dicht verſchlungenen Mangobüſchen eine ſchmale Oeffnung zeigte, wo man landen konnte. Der Seemann ſchwang ſich leicht auf das Ufer, und nachdem er mit wenigen Worten dem Neger am Steuerruder einen Befehl ertheilt, nahm er ſeinen Weg landeinwärts in weſtlicher Richtung. Bald erreichte er einen Hain von Kokusbäumen, deren ſchirmartige Kronen einen köſtlichen Schatten gewährten. Hier blieb er ſtehen und ſagte, indem er ein Piſtol aus dem Gürtel zog: „Ich will doch Tio Jorje(Onkel Jörgen) ein Zeichen geben!“ Er feuerte mit ſcharf ſonderndem Blick in einen Baum hinauf, und der Schuß brachte zwei junge Kokosnüſſe herunter, deren Milch einen kühlen und erfriſchenden Trunk gab. Der See⸗ mann ſchien davon erquickt, denn lebhafter ſetzte er ſeinen Weg fort über ein Feld, das mit Yams und rieſenhaften Kürbiſſen bedeckt war, bis er in eine Pflanzung von Bananen trat, deren ſaftiges und dichtes Hängelaub ſo vollſtändig die Licht⸗ ſtrahlen abhielt, daß man nur wenige Schritte vor ſich hin ſehen konnte. Darum bemerkte man auch nur allmälig ein 133 Gehoft, welches in dieſer Pflanzung lag, und aus mehreren Gebäuden beſtand, deren vorzüglichſtes faſt wie ein europäiſches Landhaus ſich anſah, von hellgelben Backſteinen gemauert, und mit Palmlaub gedeckt war. Unter dem Veranda, der ſich um den ganzen erſten Stock des Hauſes zog, ſtand ein Mann, der ohne Zweifel vom Schuß des Seemannes gemahnt, ſeine Ankunft erwartete. Er war klein, hager, und ſchien das mittlere Lebensalter überſchritten zu haben. Seine Geſichts⸗ züge waren unregelmäßig und unſchön, der ſtechende Blick der tiefliegenden Augen und die dünnen Lippen des breiten Mundes gaben ihnen das Gepräge von Schlauheit und Entſchloſſenheit. Er trug nur ein Hemd von feinem Linnen, deſſen Handkrauſe mit goldenen Knöpfen beſetzt war, und weiße Hoſen, die von einem gelben ſeidenen Gürtel gehalten wurden. Sobald der Seemann in dem engen Waldpfad ſichtbar wurde, rief ihm der Andere in ſpaniſcher Sprache zu: „Willkommen, Prinz der ſchmucken Steuermänner, Ihr kommt, Don Juan, um mir zu melden, daß Alles zum Auf⸗ bruch bereit iſt.“ „Nichts weniger als das, Kaiſer aller Schufte, Garſtigſter aller Guineahändler,“ erwiederte der Seemann,„Ihr wißt am Beſten, daß nachdem wir unſere letzte Ladung über Bord werfen mußten, um dem verdammten engliſchen Kreuzer aus den Klauen zu kommen, wir ſchon einen ganzen Monat zum Auslaufen klar ſind. Wenn wir hier ſchier geſotten werden in Eurem brühheißen Schlamm, der von giftigen Beſtien wimmelt, wenn die Hälfte unſrer Mannſchaft im Fieberwahn⸗ ſinn rast, ſo iſt es nur, weil Ihr mit der Lieferung zurück⸗ 134 haltet, und doch weiß jeder Händler von Camarum bis Badogrh was Tio Jorje vermag, wenn ihm der Sinn dazu ſteht.“ „Verſteht ſich, Tio Jorje kann das Unmögliche thun,“ antwortete der Angeredete kaltblütig.„Aber ſagt, mein Junge, werden die Boote morgen früh heraufkommen, wie ich es an⸗ ordnete?“ „Ja, Onkel,“ antwortete der Seemann,„alle Boote und neun von König Benji's größten Canves, außer dem, der mich hieher geführt.“ „Sehr wohl, Juan— hier iſt Alles bereit und ich werde Wort halten. Die Bande der Felata⸗Sklaven iſt heute Morgen eingebracht worden. Das iſt der beſte Wurf, den ich ſeit drei Jahren gethan; jeder Mann von ihnen iſt zwanzig Unzen Gold werth an dem Tage, wo er an's Land geht.“ „Ich habe nie einen Felata geſehen,“ ſagte der Jüngere, „wir wollen ſie doch einmal in Augenſchein nehmen.“ Auf einem Fußſteig hinter dem Hauſe gelangten beide Männer bald zu einer großen Hütte, welche von Bambusholz gebaut und mit einem Dache von Palmblättern verſehen war. In dieſer Hütte ſaßen und lagen in einer dichten Maſſe gegen dritthalb hundert Neger, welche am folgenden Tage an Bord gebracht werden ſollten auf den portugieſiſchen Schoner, deſſen zweiter Steuermann Juan Moreda war. Sie waren alle an Händen und Füßen gefeſſelt und meiſt waren immer zwei zuſammengekettet. Sie waren zuſammengebracht worden aus den verſchiedenen Landſchaften in einem Umkreiſe von mehreren hundert engliſchen Meilen, über welche der verwünſchte Sklaven⸗ handel ſein blutiges Netz gebreitet hatte. Außen hielten mehrere 135 Neger Wache; ſie waren Tio Jorje's Hausſklaven und voll⸗ zogen ihren Auftrag eifrig und mit augenſcheinlicher Befrie⸗ digung, ohne daß der Zuſtand ihrer gefeſſelten Brüder irgend einen Eindruck auf ſie machte, ja ſie waren ſtolz auf den Reichthum ihres Herrn, denn ſie kannten den Werth ſolcher Menſchenwaare und wußten, wie hoch die Häuptlinge der um⸗ liegenden Stämme den Mann achteten, der immer baares Geld bereit hatte, wie viele Sklaven man ihm auch brachte Juan Moreda hatte bei früheren Beſuchen in Tio Jorje's Niederlage bereits Bekanntſchaft gemacht mit den unterſcheiden⸗ den Merkmalen mehrerer Gattungen der Negerrace. Er kannte die immer lächelnden und verſchmitzten Jaribi— die kühnen Krieger von Borgu— die großen, gewandten und klugen Burſche aus Nufft— die düſteren, hämiſchen Strandräuber von Ebob— die demuthvollen, geduldigen, hündiſch unterwürfigen Cumbries— das unfläthige und verrätheriſche Volk von Ca⸗ lebar. Ueber alle dieſe glitt ſein Auge nachläßig hinweg, bis es die Neulinge herausfand. Kein Zweifel, eine Gruppe von zwanzig Männern in einer Ecke der Hütte beſtand aus den eben angekommenen Felata's. Sie waren alle Muſter männ⸗ lichen Körperbaues. Ihre Farbe war nicht ſchwarz, ſondern kupferbraun, und ihre Geſichtszüge, regelmäßig und edel, ver⸗ kündeten Geiſt und Kühnheit; ſie ſtammten offenbar nicht von Negern, ſondern ſchienen Abkömmlinge von Arabern. Sie hatten üppiges Haar, ſchwarz zwar, aber nicht wollig, und die Meiſten ließen es frei in geringelten Locken über die Schultern fallen. Einer jedoch, der unter ihnen einer höheren Klaſſe anzugehören ſchien, hatte ſein Haar in eigenthümlicher 136 Weiſe geordnet. Es war nämlich nach oben geſtrichen und zuſammengeflochten, ſo daß es eine feſte Maſſe bildete faſt in der Form eines Dragonerhelms. Dieſer Haarſchmuck, der ohne Zweifel einen Anführer oder Fürſt bezeichnete, war auffallend, aber keineswegs unſchön. Alle dieſe Felata's zeigten die ruhige Ergebenheit der überwältigten, aber nicht gebrochenen Kraft, während die meiſten Neger in ein leeres Brüten verſunken waren und nur die wilden Räuber von Ebo und Borgu wie gefeſſelte Thiere tobten. Juan, der mit bewunderndem Kennerblick die nervigen Arme der Felata's betrachtete, ſagte:„Das iſt allerdings ein köſtlicher Fang, Onkel Reinhold, wo habt Ihr ſie denn her?“ „Der alte König Fordy brachte ſie mit von dem großen 8 Sklavenmarkt in Bocquia, über Eboö hinaus, wo er ſie von einigen Menſchenhändlern aus Bornu erſtand. Seit einiger Zeit iſt Krieg ausgebrochen zwiſchen den Felata's und den Stämmen um Bornu und Funda; blutige Schlachten ſind ge⸗ fochten worden im Innern Afrika's von der großen Wüſte an bis in die Gebirge von Congo. Viele tauſend Männer ſind unberletzt als Gefangene in die Gewalt ihrer Feinde ge⸗ kommen; wenn alle Sklaven auf den Antillen an der gelben Peſt geſtorben wären, hier hätte man gleich Erſatz dafür ge⸗ funden. Da aber leider eine ſo wohlthätige Seuche ſich nicht gezeigt, ſo konnte man eine ſolche Menge nicht auf einmal auf den Markt bringen ohne den Preis zu verderben. Wir haben indeſſen doch einen Vortheil davon gezogen, denn die ſchwarzen Häuptlinge in Afrika haben ſich ſo verſchmitzt ge⸗ zeigt wie irgend ein weißer Börſenſpekulant in Europa. Sie 137 haben die größten und dem Anſchein nach kräftigſten Männer ausgeſucht. Um ſie aber noch genauer zu prüfen, haben ſie Leute feindlicher Stämme, die auch in der Sklaberei den glü⸗ henden Geſchlechtshaß nähren, auf einander gehetzt, und die Sieger, die mit graden Gliedern davon kamen, hat man ge⸗ wählt. Da es nun zu koſtſpielig geweſen wäre, die Uebrig⸗ bleibenden zu füttern, bis die Sklavenſchiffe zurückkommen, ſo hat man ſie erſchlagen, was ſehr geſcheit war, um den Werth des Menſchenpreiſes aufrecht zu erhalten. Die Schakals im Innern werden fett geworden ſein, denen wird nicht bald wieder ein ſolcher Leichenfraß geboten werden. Es ſind aber doch nur Wenige verkauft, das Rudel da haben ſie uns nur gebracht als Probe, um den Appetit zu reizen. Eine ſolche Gelegenheit, Juan, kommt nur einmal in einem Menſchen⸗ leben. Hier iſt gute Ausſicht für einen kühnen, entſchloſſenen, unternehmenden Mann, um in einem Jahre mehr zu erwerben, als die meiſten von uns mit tauſendfältiger Plage und Gefahr in einem ganzen Leben zuſammenbringen.“ Juan ſah den alten Sklavenhändler begierig an, deſſen Habſucht und kluge Beſonnenheit bekannt genug war, der nie von ſeinen Abſichten ſprach, außer wenn er zu ihrer Ausführung Hülfe brauchte, und ſagte:„Ihr macht Signale wie ein Schiff, das einen Lootſen an Bord haben will; wenn ſie mir gelten ſollen, ſo müßt Ihr die volle Flagge wehen laſſen, daß man die Farben erkennt, denn ich habe einen zu harten Kopf, um Anſpielungen und halb verquetſchte Redensarten zu deuten wie eine alte Jungfer den Kaffeeſatz.“ Der alte Fuchs hatte ſchon bemerkt, daß Juan ihn vor⸗ 138 läufig begriffen, das war ihm genug; er wollte lieber noch eine Weile mit der Erklärung warten, damit der Aufſchub die Begierde ſtachle. Er antwortete daher:„Schon gut, mein Sohn, wenn Du das Signal erkannt haſt, es hat eben nicht ſo große Eile. Wir wollen erſt vernehmen, was der Felata⸗ Prinz, wie ſie ihn nennen, uns zu ſagen hat. Er hat ſchon zwei oder drei Mal dieſen Morgen zu mir geſchickt, und ich ſehe ihm an, daß er etwas auf dem Herzen hat. Wo iſt der Dolmetſch? Wo iſt Diego Nuffie?“ „Hier, Meiſter,“ rief in erträglichem Portugieſiſch ein hübſcher Neger, der vortrat,—„will der Meiſter etwa wiſſen, was der Felata⸗Prinz ſagen will?“ „Ja,“ antwortete der Sklavenhändler,„aber wir haben nicht Zeit zu einem langen Schnickſchnack, mach uns einen kurzen und bündigen Bericht.“ „Er ſagt, daß ſein Bruder ein großer König iſt, der König von Kano, das eine große, große Stadt iſt. Der König hat mächtig viele Elephantenzähne, eine Menge Straußen⸗ federn und ganze Haufen von Goldbeeren Wenn Du ſeinen Bruder beſchicken willſt, ſo wird der Bruder für ihn und ſeine Gefährten ein weit größeres Löſegeld geben, als der Kauſpreis der Schiffer betragen kann.“ Tio Jorje antwortete mit einem Blick auf Juan:„Sage ihm, daß das nicht ſein kann. Niemand kann dafür ein⸗ ſtehen, daß das Löſegeld kommt. Beſſer zehn Barren von einem Kaufmann nehmen, als vielleicht ein Jahr auf zwanzig warten, die am Ende doch ausbleiben.“ Der Gefangene war ein großer, ſtattlicher Nann, deſſen —— 1 — — 139 Körper manche Narbe zeigte, welche darthaten, daß er ein kriegeriſches Leben geführt. Sobald er die Antwort verſtanden, brach er nicht in Klagen oder Verwünſchungen aus ſondern wie Jemand, der über ein letztes Mittel nachdenkt, heftete er die Augen auf den Boden und ſah nur dann und wann die beiden Europäer mitz zweifelhaften Blicken an. End⸗ lich richtete er einige Worte an den Dolmetſch, der ſie por⸗ tugieſiſch folgender Maßen erklärte: „Wird er losgegeben werden, wenn das Löſegeld jetzt gleich dem weißen Häuptling zu Füßen gelegt werden kann?“ Tio Jorje, ſehr überraſcht, antwortete bejahend, worauf der Gefangene, das vernehmend, die gefeſſelten Arme aus⸗ ſtreckte und durch Zeichen zu erkennen gab, daß man ihm die Handketten abnehmen möge. 7 „Er hat die Abſicht, ſich umzubringen,“ ſagte Juan haſtig, „ich habe oft gehört, daß Felata⸗Sklaven Selbſtmord be⸗ gehen.“ „Nein,“ antwortete Tio Jorje—„wenn er das wollte, ſo brauchte er ſich nur die Zunge in den Schlund zu ſtopfen, was er auch mit gefeſſelten Händen thun kann— er würde dann erſtickt ſein, ehe wir es hindern könnten. Wir werden bald hören, was er vor hat. Schnell, eine Feile!“ In wenigen Minuten waren die Hände des Felata's vom Eiſen befreit, und nun fand ein Auftritt ſtatt, der in ſeiner Art einzig war und hier in der Wirklichkeit den Zu⸗ ſchauern eine Ueberraſchung bereitete, wie in einem wohl er⸗ fundenen Bühnenſtück. Der Gefangene faßte mit ſeinen kraftvollen Fingern die —————————— 140 Haarmaſſe, welche ſich über ſeinem Kopfe wölbte, und mit großer Anſtrengung, die ihm bisweilen heftigen Schmerz ver⸗ urſachte, wie ſeine Geſichtszüge es verriethen, begann er die feſten Flechten, die wie in einander verwachſen ſchienen, auf⸗ zulöſen und blos zu legen. Alle Gegenwärtige ſahen ihm mit lautloſer Verwunderung zu— und ſeine eigene Lands⸗ leute nicht weniger als die anderen— als er endlich aus dieſem ſonderbaren Verſteck, einen um den andern, fünf und zwanzig flache Goldringe herauswickelte, jeder von drei Unzen Gewicht, die er auf die Erde zwiſchen ihm und dem Sklaven⸗ händler hinlegte. Als er geendet und ſein langes Haar ihm nun auch über den Nacken herabwallte, richtete er folgende Worte an den Dolmetſcher: „Sage dem weißen Häuptling, das ſei ein Schatz, den ich ſeit fünfzehn Jahren bei mir geführt habe, damit er mir helfe in der Stunde der Gefahr. Er möge das Geld hin⸗ nehmen und mich und meine Gefährten gen Kano ziehen laſſen.“ Tio Jorje lachte laut auf als dieſe Worte ihm portu⸗ gieſiſch wiederholt wurden. „Sage dem Unſinnigen,“ erwiederte er,„daß das kein Löſegeld iſt, denn das Geld gehörte mir ſchon im Voraus. Als ich ihn kaufte, kaufte ich ſeinen Kopf, und alſo auch das Haar mit ſeinem ganzen Inhalt, wenn ich auch nicht vermuthen konnte, einen ſo guten Handel zu machen, wie er ſich jetzt ausweist. Ein Sklabe hat kein Eigenthum, und hat er es, ſo verfällt es mit ſeiner Perſon dem Käufer. Für die 141 gute Lehre bin ich ihm aber doch Dank ſchuldig, denn künftig kann ich den Werth eines Felata⸗Prinzen beſſer berechnen.“ Der Blick einer verzweiflungsvollen Entrüſtung, womit der unglückliche Gefangene dieſen verrätheriſchen Beſcheid ver⸗ nahm, würde jeden Menſchen mit nur einem Funken von Gefühl erſchüttert haben. Aber die beiden Europäer wa⸗ ren über alle Bedenklichkeiten des Gewiſſens hinweg, und verlachten ſie als alberne Vorurtheile, mit denen ſchlaue Miſ⸗ ſionäre alte Weiber und junge Chriſten mit ſchwarzer Haut am Giängelbande führten. Tio Jorje ſammelte die Ringe des betrogenen Felata und zeigte mit lächelnder Zufriedenheit Juan, daß das Gold von auserleſen er Beſchaffenheit war. Letzterer bemerkte aber, daß einige andere Felata's auch geflochtene Haare hätten, die vielleicht ebenfalls Gold enthielten. Es wäre gerathen, meinte er, dieſe Krausköpfe etwas genauer zu unterſuchen, vielleicht hätten einige Andere unter ihnen auch ſo goldene Einfälle.„Laßt doch Allen die Haare abſchneiden, ſie werden darum nicht frieren in dieſem geſegneten Klima,“ fügte er hinzu. Die Felata's hatten bis jetzt ein ſtolzes und verächtliches Schweigen beobachtet. Als ſie aber begriffen, was der Steuer⸗ mann meinte, weil er ſeine Rede mit deutlichen Geſten be⸗ gleitet hatte, ſo erhoben ſie ein lautes Gelächter, deſſen Schärfe ſo verächtlich, durchdringend und höhniſch war, daß Juan Moreda's Wangen erglühten vor Scham und Wuth. „Schweigt, Ihr Gunde!“ rief er, indem er die Hand auf ſein Piſtol legte. Dieſe Drohung fügte zum bitteren Spott nur Verwün⸗ 142 ſchungen über die Treuloſigkeit und die unerſättliche Geldgier der weißen Männer. „Kommt,“ ſagte Tio Jorje,„Ihr ſeht, daß eine Schur uns nur kahle Schafsköpfe, aber kein goldenes Vlies bringen würde. Ich habe ſie vorhin bei der Foilette ihres Prinzen beobachtet und deutlich bemerkt, daß ſie über ſeine ſonderbare Schatzkammer ſo verwundert waren wie wir. Wie alt man auch wird, man lernt immer Neues. Schon an der Goldküſte hörte ich von allerlei Kniffen der ſchwarzen Canaillen, die bis⸗ weilen nicht dummer ſind als unſere Rekruten in Europa, und jedenfalls beſſer behandelt werden, denn die engliſchen Offiziere zerfleiſchen mit dem neunſchwänzigen Kat die weißen Sklaven der Königin, ohne darnach zu fragen, ob ſie darauf gehen; wir gehen weit vorſichtiger um mit unſrem ſchwarzen Eigenthum, weil wir es mit unſrem Gelde bezahlt haben. Ich glaubte nach einer fünfzehnjährigen Erfahrung jede Sklaven⸗ tücke ergründet zu haben, aber dieſe farbigen Felata's ſcheinen eigene Einfälle zu haben. Meinetwegen, es ſind prachtovolle Exemplare, wenn ich nur bald genug von der Sorte bekommen könnte; ſie mögen, wenn ſie gut bezahlt ſind, nachher ihren Herren das Leben ſauer machen wie ſie wollen, ich werde ſchon mit ihnen fertig werden. Es handelt ſich nur darum, geſunde Lieferungen zu bekommen und ſie geſund zu erhalten, denn die Schufte wollen auch eine Seele haben, leiden an Gemüthserregungen und kokettiren damit wie hyſteriſche Weiber. Kommt Zeit, kommt Rath, ich finde doch noch meinen Mann, um den Artikel in Gang zu bringen.“ So philoſophirte der alte Sklavenhändler auf dem Rück⸗ „ —— 143 weg zum Landhauſe. Er hatte die armen Menſchen verlaſſen in dem Aufruhr der erſchütterndſten Seelenleiden, deren pan⸗ tomimiſcher Ausdruck, auch ohne ihre Sprache zu verſtehen, ein menſchlich fühlendes Herz mit Entſetzen erfüllt haben würde; aber Tio Jorje wußte, daß er ſich auf das gut geſchmiedete Eiſen ſeiner Ketten verlaſſen könne, und beachtete das Ganze nicht mehr als ein europäiſcher Pächter ſeine brüllende Heerde. Juan Moreda warf noch einen Blick zurück und bemerkte, daß der Felata⸗Prinz nicht Theil nahm an dem Toben ſeiner Ge⸗ fährten, ſondern mit unterſchlagenen Armen und auf die Erde gehefteten Blicken an die Wand lehnend, ein verſchloſſenes und düſteres Schweigen beobachtete. Als die weißen Männer in die Stube des Sklavenhänd⸗ lers zurückgekommen waren, rückte Tio Jorje zwei Stühle an den Tiſch, nahm aus einem Schrank zwei goldene Becher und eine Flaſche mit Branntwein, deſſen feuriger Gehalt der Kraft der ſenkrechten afrikaniſchen Sonne entſprach und als homeo⸗ pathiſche Abwehr gegen ſeine Gluth gelten konnte; nur die Doſis war unverſchämt allopathiſch, denn der Sklavenhändler füllte beide Becher bis an den Rand und that ſeinem Gaſte Beſcheid mit einem Zug bis auf die Nagelprobe indem er ſagte:„ „Ich habe getrunken auf das Glück Juan Moreda's!“ Juan warf einen Blick auf das verſchmitzt lächelnde Ge⸗ ſicht des alten Spekulanten, und nachdem er mit nicht ge⸗ ringerer Fertigkeit den Becher geleert, erwiederte er: „Sagt mir jetzt, Onkel, worauf zielte Eure Rede auf dem Rückwege von der Sklavenhütte? Ihr brütet über irgend 144 einen Anſchlag, in dem ich wahrſcheinlich eine Rolle übernehmen ſoll. Heraus mit der Sprache!“ „Vor Allem, mein tapferer Don Juan, nicht zu hitzg. Ein glänzendes Lvos, um das ein europäiſcher Fürſt Euch beneiden könnte, wird Euch nicht entſtehen, vorausgeſetzt näm⸗ lich, daß Ihr Euch den altmodiſchen Bedenklichkeiten unſerer heuchleriſchen Prieſter daheim entſchlagt, und weiſem Rath Euer Ohr nicht verſchließt. Geſtattet indeß vorher eine Frage. Wie kommt es, daß Ihr, ein geborner Gallego, Dienſt genommen habt unter dieſen Portugieſen, die doch Ihr Spanier ſonſt ge⸗ ringſchätzt und verächtlich behandelt?“ „Aus denſelben Gründen,“ antwortete der junge See⸗ mann,„die Euch, Onkel Reinhold, als einen angeblichen freien Schweizer bewogen haben, hier an dieſer hölliſchen Küſte unter lauter ſchwarzen Teufeln zu leben. „Ihr meint demnach, daß meine Vergangenheit einige Aehnlichkeit darbietet mit der Eurigen, und daß ich mich auch einiger Unregelmäßigkeiten ſchuldig gemacht habe, mit denen es indeſſen, beim Lichte beſehen, nichts ſonderlich auf ſich hat, wie zum Beiſpiel, einen neugierigen Zollwächter kalt zu machen, oder einem Nebenbuhler, der einem ſchönen Mädchen beſſer gefiel als ich, mit ein Bischen Blei das Lebenslicht auszublaſen.“ „Was hat Euch der treuloſe Macarav da vorgeſchwätzt?“ ſagte Juan, deſſen Ueberraſchung ſeine Vorſicht zu Schande machte. „Er hat mir kein Wort geſagt, mein Sohn,“ antwortete lächelnd der Alte.„Hat man Euch denn nicht hinterbracht, 145 daß Tio Jorje im Geruch der Zauberei ſteht, vielleicht mit ſo gutem Fug, als mancher Heiliger. Nein, im vollen Ernſt, Juan Moreda, hört mir aufmerkſam zu. Es liegt mir ganz und gar nicht daran, zu erfahren, weßhalb Ihr mit dieſen Portugieſen gemeinſchaftliche Sache gemacht, und noch dazu in einer untergeordneten Stellung; eben deßhalb aber werde ich mich ſchwerlich darin irren, daß Ihr wünſcht, je eher ije lieber dieſer werthen Geſellſchaft überhoben zu ſein. Ihr habt mir geſagt, daß dies Eure erſte Reiſe nach dieſer Küſte ſei. Wenn Ihr wollt, ſo werdet Ihr keine zweite zu unter⸗ nehmen brauchen.“ „Ich muß Euch ſagen, Tio Jorje, daß ich ganz und gar nicht geübt bin in der Kunſt, Räthſel zu löſen,“ ant⸗ wortete der Seemann ungeduldig, indem er ein zweites Glas von dem gebrannten Feuerwaſſer hinunterſtürzte.„Wenn Ihr einen Vorſchlag machen wollt, ſo redet von der Leber weg wie ein ehrlicher Mann.“ „Wie anders? hier ſind ja nur ehrliche Leute bei⸗ ſammen,“ antwortete der Sklavenhändler mit einem zweideu⸗ tigen Lächeln, in dem eine höhnende Ueberlegenheit nicht zu verkennen war.„Wißt Ihr wohl, Juan, daß ſo kräftig Ihr ſeid, Eure Galle doch ſehr reizbar iſt? die feſte Geſundheit, die Ihr aus den Bergen und Thälern Galliciens in die tro⸗ piſche Zone gebracht, hat Euch bis jetzt erhalten, und eben deßhalb könnt Ihr nach dieſer fieberfreien Vorſchule noch eine Weile ausdauern. Aber eine zweite Reiſe hieher wird ſicher⸗ lich Euer Tod ſein.“ Dei Erzähler 1848. U. 10 „Seid Ihr deſſen ſo gewiß, Tio Jorje?“ fragte Juan, den die rückſichtsloſe Entſchiedenheit des ſchlauen Alten un⸗ heimlich berührte. „Verſteht ſich. Meine Erfahrung iſt nicht ſ nothwendig, um deſſen gewiß zu ſein, und ohne alle Zauberei kann ich es Euch vorherſagen; Ihr werdet meinen Scharfſinn loben, wenn Ihr ihn auf die Probe ſtellen wollt. Wie ich Euch ſage, Ihr müßt dieſe Küſte nur verlaſſen, um nie wiederzukommen.“ „Aber die glänzende Ausſicht, von der Ihr ſprachet?“ „Die müßt Ihr verwirklichen, ehe Ihr dieſes Land ver⸗ laßt. Ihr müßt morgen Abend Euer Schiff heimlich ver⸗ laſſen, eine Stunde ehe die Anker zum Auslaufen gerichtet werden, und graden Weges zu mir herkommen. Capitän Macarao hat zu große Eile und zu große Angſt vor den eng⸗ liſchen Kreuzern, zwiſchen denen er ſich nur bei dunkler Nacht hinausſchleichen kann, um die Zeit zu verlieren mit Suchen nach Euch.“ „Ich weiß doch nicht,“ antwortete Juan nachdenklich. „Unſre Bemannung reicht kaum aus, es fehlt an Handkraft an unſerm Bord. Geſtern noch ſtarben zwei unſerer beſten Leute am Fieber. Es iſt mehr als wahrſcheinlich, daß Macarav mich hier ſuchen wird, und wenn Ihr Euch weigert, mich auszuliefern, ſo hetzt er den König Benji mit ſeiner ganzen Rotte Euch auf den Hals.“ ⸗ „Ich werde mich nicht weigern, Don Juan. Ihr werdet mich doch weder für dumm noch kindiſch halten. Im Gegen⸗ theil, ich werde Alles thun, was in meiner Macht ſteht, um 147 Euer Verſteck ausfindig zu machen, aber unglücklicherweiſe ohne allen Erfolg. Wißt Ihr denn nicht, werther Freund, daß Königs Benji Herrſchaft aus iſt am Fluſſe Angra, kaum drei Stunden von dieſem Hauſe. Jenſeits der Angra ſind die Eingebornen, meine alten Geſchäftsfreunde, und Ihr könnt Euch darauf verlaſſen, daß ſie Niemand herausgeben, den ich ihrem Schutze anvertraut habe. So wie Ihr einmal über den Angra⸗Fluß gekommen ſeid— aber auch nur da— ſeid Ihr in vollkommener Sicherheit, wie viele Sengo⸗Tagediebe Macarav auch an ſeinen Ferſen haben mag, ſie wagen ſich nicht über den Fluß, haben auch keine Kähne um überzuſetzen, da Ihr den einzig vorhandenen, den meinigen nämlich, mit Euch nehmen werdet, und ſchwimmen? pah, es wimmelt dort von Krokodillen, die im Waſſer ſo treue Wächter ſind gegen Fürwitzige, als am jenſeitigen Ufer die Angra⸗Neger, und von beiden ſind König Benji's Knechte mehr als einmal ge⸗ witzigt worden. Nun denn, vernehmt meinen Plan. Am Tage, nachdem Euer Schoner abgeſegelt iſt, werdet Ihr die Quorra hinaufrudern nach dem großen Sklavenmarkte in Bocqua, und von dort nach Funda, Nuffie, Hauſſa und den übrigen Landſtrichen an dieſem großen Fluſſe. Binnen ſechs Monaten könnt Ihr alsdann zurückkehren und alle Eure Kanves werden volle Ladung haben, die beſten Sklaven wie jene Fe⸗ lata's, Elfenbein, Palmöl, Straußfedern, und, ich denke auch eine hübſche Zahl Fäſſer mit Goldſtaub. Kein Weißer hat je einen ſolchen Verſuch unternommen, weil bisher Keiner ſich der Vortheile rühmen konnte, die Ihr haben werdet. Ihr ſeid geſund, kräftig, umſichtig und entſchloſſen. Ich liefere 148 alle Mittel und die volle Ausrüſtung zum Zuge und verlange dafür nur die Hälfte des Ertrags. Der Erfolg kann faſt nicht ausbleiben, und in dieſem Falle iſt mit einem Schlage Euer Glück für immer gemacht.“ Dieſer wohl überdachte und gründlich vorbereitete Anſchlag war ſo ganz nach dem Geſchmack des kühnen und habgierigen jungen Spaniers, daß er ſich nicht lange beſann, um ſeine Zuſage zu ertheilen. Der übrige Theil des Abends wurde zu Beſprechungen des Plans in ſeinen einzelnen Theilen verwendet, worauf die Verbündeten bei Zeiten ſich zur Ruhe legten, da ſie eine harte Tagesarbeit vor ſich hatten. Früher jedoch, als ſie es erwartet hatten, wurden ſie im Schlummer geſtört durch Schreien und Rufen, das von der Sklavenhütte herübertönte. Sie ahnten, daß irgend ein Unfall vorgefallen ſein müſſe, kleideten ſich eilig an und er⸗ fuhren dann auch bald, daß Tio Jorje's Sklaben, welche die Gefangenen bewachen ſollten, auf ihrem Poſten eingeſchlafen waren. Dieſe Sorgloſigkeit hatte der Felata⸗Prinz, der un⸗ vermerkt die Feile, die unbeachtet liegen geblieben, an ſich brachte, und dem man ohnedies die Handketten anzulegen ver⸗ geſſen hatte, benutzt, um, nachdem er ſich auch der Fußketten entledigt, zu entſpringen. Sobald die ſchuldbewußten Wächter, vie bei dem Gedanken an den Zorn ihres Herrn zitterten, die Flucht bemerkten, hatten ſie das Geſchrei erhoben, um ſich das Anſehen zu geben, als wenn ſie mit Eifer ihrer Pflicht obgelegen. Dieſe Liſt täuſchte jedoch keineswegs Tio Jorje, der ſo wie er durchſchaute, was vorgeſallen war, eine Peitſche, die immer zur Hand war, ergriff und auf die nackten Glieder der 149 Berichterſtatter ſo jämmerlich loshieb, daß der Schmerz ihnen heulende Wehklagen entriß. Während dieſer Züchtigung hatte die Wuth des alten Böſewichts einen ſo dämoniſchen Ausdruck daß ſelbſt Juan Moreda davor zurückſchauderte. „Während Ihr die dummen Knechte hier peitſcht,“ rief er,„wird der Flüchtling ganz aus unſtem Bereich kommen.“ Sobald der Aerger des Sklavenhändlers etwas abgekühlt war, ſtellte er das Peitſchen ein und antwortete:„Damit hat es keine Noth, es bleibt immer noch Zeit genug, um ihn ein⸗ zufangen, ehe die Boote Eures Schiffs herankommen. Ihr ſeid ein leidenſchaftlicher Jäger, Juan Moreda, da will ich Euch denn die Beluſtigung einer Menſchenjagd gewähren, das iſt für einen Liebhaber des edlen Waidwerks bei Weitem köſtlicher als eine Jagd auf Löwen und Tiger. Ihr werdet ſehen und mir danken für den Genuß, den ich Euch bereite, und den man eben nicht alle Tage haben kann.“ „Aha,“ antwortete heiter der Steuermann,—„nun werden wir ſehen, was die Hunde„von denen Ihr ſo großes Weſen macht, im offenen Felde leiſten. Meint Ihr, daß ſie den Felata ſtellen werden?“ „Das wird ſich bald zeigen,“ antwortete Tio Jorje.„Bringt die Hunde her, Ihr lauernde Schurken!“ In ihrer Angſt, um die Gunſt des Herrn ſich wieder zu⸗ zuwenden, wollte jeder von den Sklaven der Erſte ſein, und ſie ſtürzten wie Thiere über einander weg. Hurtig brachten ſie aus einem kleinen Hundezwinger zwei Bluthunde von der ächten afrikaniſchen Race, welche für die beſte der Welt gehalten wird. Sie waren wenig über zwei Fuß hoch und in einem 150 ſo vollkommenen Ebenmaße gebaut, daß ein Kenner ſogleich ſah, daß ſie eben ſo ſchnellfüßig als ſtark ſein müßten. Sie waren lohfarben, etwas ins Röthliche, mit einem ſchwar⸗ zen Streifen am Rückgrad, beide hatten einen weißen Fleck am Kopfe, der voll und gewölbt, nicht flach war, wie es bei der Abart in Kuban der Fall iſt. Die kegelförmige Schnauze mit weißen Nüſtern bewies gute Abkunft und ſcharfen Geruchſinn. Die Behänge waren nicht lang aber weich herab⸗ hängend. In der Ruhe hatten ihre Augen einen milden und friedlichen Ausdruck, aber gereizt oder bei der Gier einer Jagd ſprühten ihre Blicke Feuer und waren wahrhaft ſchrecklich an⸗ zuſehen. Sie ſchmeichelten dem Sklavenhändler, der ſie am Strick nahm, leckten ſeine Hand und bezeugten in jeder Art ihre Freude beim Anblick des Herrn. Wie ſie aber Juan Moreda ſahen, ſprangen ſie unter lautem Murren und Bellen wüthend gegen ihn heran, ſo weit der Strick es geſtattete, den der Sklavenhändler glücklicherweiſe feſt um die Hand geſchlungen hatte. Der Ausbruch war ſo plötzlich und unerwartet, daß Juan erſchrocken zurückwich und dann verdrießlich ſagte: „Dreſſirt Ihr Eure ſ Jagdhunde dazu, Eure Freunde anzuvacken?“ „Das iſt mir nie in den Sinn getommen, mein wür⸗ diger Handelsgenoſſe, wiewohl man gegen Freunde mehr auf der Hut ſein ſoll als gegen Feinde,“ antwortete Tio Jorje unter ſarkaſtiſchem Gelächter.„Das iſt eine Originalidee der Beſtien ſelbſt und von ſchlechter Vorbedeutung für Euch, weiter nichts. Wenn die Hunde aus eigenem Antriebe einen Fremden 15¹ anpacken, ſo iſt das ein untrügliches Anzeichen eines böſen Abſchieds, das hat nach meiner Erfahrung noch nie gefehlt.“ Juan, der wie die meiſten Gottloſen ſehr abergläubiſch war, wechſelte die Farbe und ſagte dann:„Heute wie geſtern ſeid Ihr, wie es ſcheint, auf ſchlechte Witze verſeſſen. Es wäre beſſer, die Zeit nicht ſo jämmerlich zu verderben und die Hunde auf die Spur zu bringen.“ Der Sklavenhändler ließ ſich die Ketten bringen, die der entflohene Felata getragen, und warf ſie den Hunden vor. Nachdem die Thiere ſie eine Zeit lang eifrig beſchnüffelt hatten, wurden ſie in die Sklavenhütte gebracht, wo ſie ebenfalls das Lager des Gefangenen berochen, und da ſie hier ſchon mehr Eifer zeigten und zu erkennen gaben, daß ſie die Eigenthüm⸗ lichkeit der Spur aufgefaßt hatten, wurden ſie losgelaſſen. Mit der Naſe auf die Erde gerichtet, begannen die Hunde das Suchen in kurzen Kreiſen um die Sklabenhütte, Anfangs ſtets auf den Ausgangspunkt zurückkehrend, worauf ſie allmälig immer größere Kreiſe beſchrieben, bis das laute Bellen des einen Bluthundes anzeigte, daß die Spur des Flüchtlings in grader Linie gefunden war. Beide Hunde liefen dann einen Fußpfad hinan, der von der Pflanzung weſtlich abführte, ge⸗ folgt von Juan und einem Theile der Hausſklaven, während die anderen mit Tio Jorje bei der Sklavenhütte zurückblieben, um die Rückkehr der Menſchenjäger zu erwarten, die mit der⸗ ſelben Luſt dieſes teufliſche Waidwerk begannen, wie in Eu⸗ ropa eine Fuchshetze. Nach einer kurzen Strecke ſchien die Spur ſchwach zu werden, die Hunde liefen langſam und blieben bisweilen einige Augenblicke ſtehen, ehe ſie den Weg fort⸗ 152 ſetzten. Nachdem ſie jedoch eine Strecke von etwas über eine Wegſtunde zurückgelegt, kamen ſie über eine Wieſe in einen dichten Palmenhain, wo ohne Zweifel der Flüchtling ſich für hinreichend verſteckt gehalten und eine kurze Ruhe gehalten haben mußte, wahrſcheinlich weil ſeine Gelenke, die ſo lange gefeſſelt geweſen, ſteif geworden waren, denn ſonſt kann ein eingeborner Afrikaner meilenweit in einem Zuge laufen, ohne die Schnell⸗ kraft der Muskeln oder den Athem zu verlieren. Das Hunde⸗ gebell hatte ihn vermuthlich kurz vorher aus ſeiner Sicherheit aufgeſchreckt, denn von nun an wurde die Fährte friſch und lebhaft, die Hunde hoben die Naſe in den Wind und liefen bald ſo ſchnell, daß Juan und die Sklaven weit hinter ihnen zurückbleiben mußten. Endlich kam man in einen gerade⸗ linigten Verhau, wo der Felata, in großer Entfernung zwar, ſichtbar wurde. Die Hunde raſten auf ihn los mit einem durchdringenden, weithin hallenden Heulen, er ſah ſich er⸗ ſchrocken um und lief dann aus Leibeskräften vorwärts wie ein Mann, der ein Aſyl vor ſich ſieht und zu erreichen ſtrebt. „Rio Angra! Rio Angra! Er wird über den Fluß ſchwimmen und entkommen,“ rief athemlos auf Portugieſiſch der Dolmetſcher, der Juan zunächſt war.„Die Angra⸗Neger werden ihn behalten und ihn gegen ein Löſegeld nach Kano zurückſenden.“ So wie Juan dieſe Worte vernommen hatte, rief er den Hunden ein ſtachelndes Huſſa zu und ſprang jetzt vorwärts mit ſolcher Eile, daß ſogar die Neger hinter ihm zurückbleiben mußten. Als er das Stromufer erreichte, fand er zu ſeinem Verdruß, daß er dennoch zu ſpät gekommen ſei, denn der 153 Felata hatte bereits die Hälfte der Strombreite zurückgelegt und ſchoß durch das Waſſer mit den weit ausholenden Zügen eines kraftvollen Schwimmers. „Such! Such! Auf ihn los!“ rief Juan den Hunden eifrig zu, um ſie in's Waſſer zu bringen. Zu ſeinem größten Erſtaunen jedoch gehorchten ſie nicht und heulten ängſtlich. Als er ihnen wieder zurief, bellten ſie in pfeifenden Tönen, gingen einige Schritte rückwärts, kratzten vor Ungeduld mit den Hinterfüßen den Sand auf und glotz⸗ ten mit ſtieren Blicken und hängenden Zungen dem Schwim⸗ mer nach. „Zurück, Felata, zurück, oder ich ſchieße!“ rief Juan, indem er ein Piſtol aus dem Gürtel zog und anlegte. Der Felata blickte zurück, und als er aus der Stellung des Spa⸗ niers den Sinn der ihm nachgerufenen Worte verſtanden, ant⸗ wortete er mit einem höhniſchen Gelächter und ſchwamm weiter, denn er wußte ſehr wohl, daß ſein Leben dem weißen Manne zu viel werth ſei, um es zu vernichten. Allein das ſchreiende Gelächter des Felata's hatte den ſchrecklichen Herrſcher in der Tiefe des Fluſſes, deſſen Gegenwart der Inſtinkt der Hunde erkannte, aus ſeinem Schlummer geweckt. Die Neger, die nun auch das Ufer erreicht hatten, ſahen in der Strommitte den verhängnißvollen Streif auf der Oberfläche des Waſſers, der die Bewegungen des gefräßigen und nach Menſchenfleiſch gierigen Alligators verkündigt, wenn er unter dem Waſſer pfeilſchnell auf ſeine Beute losgeht.„Kaiman! Kaiman!“ riefen die Neger mit Entſetzen. Der dem Verderben Preis gegebene Flüchtling verſtand offenbar die Warnung, denn man 154 ſah, daß er eine verzweiflungsvolle Anſtrengung machte, um noch vor ſeinem Verfolger das jenſeitige Ufer zu erreichen. Es war indeſſen zn ſpät. Einige Augenblicke darauf ſahen die Zuſchauer dieſes ſchrecklichen Auftritts, wie der Felata plötzlich die Arme über den Kopf zuſammenſchlug mit einem Todesſchrei, der das Blut erſtarren machte in den Adern derer, die ihn vernahmen. Ehe ſie wieder athmen konnten, war er verſchwunden. Eine dunkle Blutmaſſe zeigte ſich auf der mit Blaſen bedeckenden Waſſerfläche, wurde aber bald von der Strömung hinweggeſchwemmt, und dann rollte der breite und eilige Fluß ſo ſpiegelhell dahin wie vorher. Juan Moreda brach in Flüchen aus über den dummen Eigenſinn des albernen Sklaben, der ſo unnöthigerweiſe— wie er es nannte— dem Ungeheuer in den Rachen gelaufen war. Der Spanier war beſſer vorbereitet für das mit Tio Jorje verabredete Unternehmen, als der Sklavenhändler dachte. In Juans Bruſt waren alle beſſere Gefühle ſo vollkommen er⸗ ſtickt, daß es ihm nicht einſiel, daß er ſelbſt es war, der einen aller Wahrſcheinlichkeit und ſeinem würdevollen Beneh⸗ men nach mit hochherzigen Eigenſchaften begabten Menſchen wie ein wildes Raubthier des Waldes mit Bluthunden in dieſen grauenvollen Tod gejagt hatte, daß er ohne eine Spur von Reue zu empfinden nur darüber ergrimmt war, daß die Beute einem anderen Ungeheuer zugefallen ſei. Höchſt ver⸗ drießlich wie ein Jäger, dem das verfolgte Wild in ein an⸗ deres Revier hinübergewechſelt iſt, kehrte Juan Moreda zu Tio Jorje zurück, dem er jedoch nur einen kurzen Bericht geben konnte, denn die Boote des Schoners und die Kanoes 155 des Königs Benji waren unter den Befehlen des erſten Steuer⸗ mannes bereits angekommen, und große Eile war vonnöthen, um die Sklaven an Bord zu bringen vor Untergang der Sonne. Kapitän Macarao wollte mit der Ebbe gleich nach Mitternacht die Barre paſſiren, da eben der engliſche Kreuzer, der bis jetzt die Flußmündung bewacht hatte, zur Verfolgung eines anderen Sklavenſchiffes in die See gegangen war. Man arbeitete daher unaufhaltſam, der erſte Steuermann ging mit einer Abtheilung voraus, und da Tio Jorje ſeine Peitſche nicht ſparte, um die Neger zur Eile anzutreiben, ſo brachte man es endlich dahin, daß Juan mit der letzten Abtheilung noch mit den letzten Sonnenſtrahlen abgehen konnte. Tio Jorje gab ſeinem Gaſte das Geleit bis an den Landungsplatz, wo die beiden Verbündeten Abſchied nahmen. Der alte Sklavenhändler war jedoch ein beſſerer Mimiker als er vielleicht ſelbſt wußte', er konnte ſich nicht enthalten, dem Steuermann mit einem ſo bedeutungsvollen und verſchmitzten Lächeln zu winken, als er vom Ufer ſtieß, daß es den por⸗ tugieſiſchen Matroſen auffallend war, obwohl ſie damals nicht errathen konnten, worauf es ſich bezog, ihnen aber doch klar wurde, daß zwiſchen Beiden ein Einverſtändniß beſtand. Kurz vor Tagesanbruch am folgenden Morgen wurde der Sklavenhändler aus dem Schlafe geweckt durch ein ſtarkes Klopfen an ſeiner Thüre und einen großen Tumult von vielen Menſchen vor derſelben. Da er die Veranlaſſung dieſes auf⸗ fallend frühen und lärmendeu Beſuchs ohne große Mühe er⸗ rathen konnte, ſo übereilte er ſich nicht, kleidete ſich an und machte dann gelaſſen die Thüre auf. Er fand vor derſelben — 156 ſeinen alten Freund Macarao mit einem halben Dutzend Ma⸗ troſen ſeines Schiffes und einer Bande von den dunkelhäutigen Unterthanen Königs Benji. Macarao in ausgemergelter, blaſſer Portugieſe, mit einem ſchlimmen Lächeln auf ſeinem gelben Geſicht, redete den Sklavenhändler mit Höflichkeitsbe⸗ zeugungen an, deren Jronie in ihrer Uebertreibung zu Tage kam. „Ich bedauere in der That ungemein, mich in die höchſt unangenehme Lage verſetzt zu ſehen„ Sie, Senor, zu einer ſo ganz ungeziemenden Stunde behelligen zu müſſen. Wenn Sie indeſſen mir die beſondere Gewogenheit erweiſen wollen, wo möglich ganz genau und der Wahrheit ſo nahe als Ihre diesſeits und jenſeits der Linie zur Genüge bekannte Gewiſſen⸗ haftigkeit es geſtattet, den Ort in Ihrem Hauſe anzugeben, wo Sie dem Schuften, der mein zweiter Steuermann iſt oder doch ſein ſollte, einen Verſteck gewährt haben, ſo könnte ich vielleicht der unangenehmen Nothwendigkeit überhoben werden, mit einer kleinen Ladung Kanonenpulber Ihr zierliches Dach in Brand ſtecken zu müſſen, um durch ein gelindes Röſten den bösartigen Windbeutel, der ſeinen großmüthigen, und wie ich je keinen Augenblick daran zweifle, eben ſo uneigen⸗ nützigen Gaſtfreund komprommittirt, ein Bischen herauszu⸗ nöthigen. „Sehr werther Herr und Freund,“ erwiederte der Sklaven⸗ haͤndler,„bei meiner armen Seele, ich kann Euch mein Wort darauf geben, daß ich von Eurem zweiten Steuermann nichts erfahren noch vernommen habe, ſeitdem ich ihn zuletzt ſah. Er brach auf nach Eurem Schoner kurz vor Sonnenuntergang. 157 Wenn Ihr indeſſen den geringſten Zweifel hegen ſolltet, ſo durchſucht das Haus, oder, Eurer freundlichen Andeutung gemäß, brennt es nieder, wie Euch gefällt. Nehmt dabei gar keine Rückſicht auf mich.“ „Ich danke verbindlichſt, Eure Zuvorkommenheit verdient unter allen Umſtänden die vollſte Anerkennung,“ ſagte der Portugieſe in demſelben Ton.„Ihr wollt demnach, wie ich annehmen muß, uns jeden Beiſtand, über den Ihr gebieten könnt, gewähren, um des verrätheriſchen Ueberläufers wieder habhaft zu werden?“ „Ohne alle Frage, Senor,“ antwortete der Sklaven⸗ händler,„ich hoffe nicht, daß Ihr daran zweifelt.“ „Dann erſuche ich um die Freundſchaft, Eure Hunde heranführen zu laſſen, die, wie man verſichert, manche Men⸗ ſchen, nur nicht ihren Herrn, durch Klugheit beſchämen ſollen.“ „Die Hunde?“— fragte Tio Jorje mit unverhehlter Verwunderung.—„Wollt Ihr ihn wie ein wildes Thier hetzen laſſen?“ „Warum nicht? Empört ſich Euer zart fühlendes Herz bei dem Gedanken? Beruhigt Euch, guter Freund, die lieben Thiere werden ihn nicht umbringen, ſondern ihn nur ein Vischen am Kragen feſthalten, bis ich ſie erreichen und ihnen alle weitere Mühe abnehmen kann.“ „Ich muß bezweifeln, daß ſie ſich damit begnügen,“ ſagte der Sklavenhändler mit ernſthafter Beſorgniß.„Sie ſprangen geſtern auf ihn los als ſie herausgebracht wurden. Sie haben 158 einen entſchiedenen Widerwillen gegen ihn und ich würde ſehr bedauern, ſie auf ihn loslaſſen zu müſſen.“ Das Alles wurde mit ſo unberkennbarem Ernſt und ſo aufrichtiger Beſorglichkeit geſagt, daß Macarao einen Augen⸗ blick Anſtand nahm; er beſann ſich jedoch gleich wieder und ſagte: „Der Schuft muß ſein Loos nehmen, wie es eben fällt. Er hat es ſelbſt verſchuldet, und wir haben keine Zeit zu ver⸗ lieren. Die Hunde her, Ihr Schurken!“ rief er Tio Jorje's Sklaven zu. Dieſe ſahen ihren Meiſter an, der es nicht wagte, einen Gegenbefehl zu geben, und ſo wurden die Hunde gebracht. Als ſie Macarao anſichtig wurden, wedelten ſie und bellten, wie um einen alten Bekannten zu begrüßen. „Wie wollt Ihr ihnen die Spur beibringen?“ fragte der Sklavenhändler.„Ich habe hier nichts, das Juan in Händen oder an ſich gehabt hat.“ „Ich werde mir nicht erlauben, Euch zu widerſprechen,“ antwortete Macarao mit einem ſchlauen Lächeln,„weil das ſehr unhöflich nare in einem Augenblicke, wo Ihr mit der lobenswertheſten Bereitwilligkeit uns das unfehlbare Mittel in die Hand gebt„den treuloſen Flüchtling zu ertappen. Glück⸗ licherweiſe war ich im Voraus darauf bedacht, dem Bedürf⸗ niß abzuhelfen.“ Nach dieſen Worten öffnete der Kapitän ein zuſammen⸗ gerolltes Tuch, nahm ein Paar Schuhe heraus, die Juan un⸗ mittelbar vorher getragen hatte, und warf ſie den Hunden vor, die, nachdem ſie ſie gehörig berochen, durch leiſes Bellen zu erkennen gaben, daß ihnen der Geruch bekannt war. Mit 159 der Schnauze auf der Erde machten ſie zuerſt einen weiten Bogen um das Haus und liefen dann ſchnell in weſtlicher Richtung unter frohlockendem Wimmern. Macarao und ſeine Bande folgten eiligſt, wiewohl die Hunde gleich einen großen Vorſprung hatten. Die Fährte führte zuerſt unmittelbar in den Palmenhain, wo der unglückliche Felata Zuflucht geſucht hatte. Der Skla⸗ venhändler hatte ſeinem Verbündeten dies Verſteck bezeichnet als den zweckmäßigſten Aufenthalt für ſo lange, bis man Ge⸗ wißheit hatte, daß der Schoner den Fluß berlaſſen und in See gegangen ſei. Für den Fall, daß Macarao ihn in der Pflanzung ſuchen ſollte, war verabredet, daß Tio Jorje ihm einen treuen Boten ſende, der ihn an den Angra⸗Fluß bringe, wo immer ein Kahn lag, den der arme Felata nicht benutzen konnte, weil die Hunde an ſeinen Ferſen waren; der Bote ſollte Juan an das jenſeitige Ufer bringen und mit dem Kahn zurückkehren. Keinem von Beiden war es eingefallen, daß Macarao auf den Gedanken kommen könnte, die Hunde auf ihn zu hetzen, ein Mittel, deſſen man ſich nar bediente zur Verfolgung von Sklaven, das aber bis jetzt nie gegen einen Weißen, was er auch verbrochen haben mochte, in Anwen⸗ dung gekommen war. Macarao war bei ſeiner Vorſorge auf der Pflanzung ſo inquiſitvriſch zu Werke gegangen und hatte den Sklavenhändler gleichſam an die Mauer geſtellt, ſo daß dieſer Keinem ſeiner Leute einen Wink geben konnte, und noch viel weniger einen Boten abſenden. So geſchah es, daß Juan die erſte Kunde von der gegen ihn begonnen Verfolgung durch das Bellen der Hunde erhielt. Der Spanier war mit einem 160 Sprung auf den Beinen und floh mit angeſtrengteſter Eile dem Fluſſe zu, wo, wie er wußte, ein Kahn für ihn in Bereit⸗ ſchaft lag. Man kann wohl annehmen, daß in dieſem Augen⸗ blicke die Erinnerung an die ganz ähnliche Lage des armen Mannes, den er am Tage vorher ſo unbarmherzig in den Tod gejagt hatte, wie ein Blitzſtrahl durch ſeine Seele fuhr, daß der ſchrille Ton der wüthend kläffenden Bluthunde wie eine zürnende Stimme der Vergeltung ſein Ohr zerriß, be⸗ ſonders als er am Ende des langen Verhaues zurückblickte und die Hunde ſah, die eben darein einlenkten. Sie erkannten ihn in demſelben Augenblick, und mit einem entſetzlichen Heulen raſten ſie in ſolchen Sätzen voran, daß Macarao ihnen nur mit den Augen folgen konnte. Als er das Ufer erreichte, ſah er die Hunde daſtehen, wüthend den Flüchtling anbellend, der im Vordertheil eines Kanves aufrecht ſtand, das er mit einem Ruder an der Seite unter der Strömung, welche ſo das Gleich⸗ gewicht herſtellte, ſchnell fortruderte und bereits die Mitte des Fluſſes erreicht hatte. „Komm zurück, nichtswürdiger Verräther,“ rief der Kapitän,„Ihr kennt mich, Juan Moreda, wenn Ihr nicht augenblicklich umkehrt, ſo werde ich Euch eine Kugel durch den Leib jagen.“ Juan blickte zurück und maß mit dem Auge den Abſtand, um zu beurtheilen, welche Gefahr die Verwirklichung der Drohung ihm bringen möge. „Schießt immer zu, lieber in die Hölle als mit Euren portugieſiſchen Waſſerratten über die Salzfluth fahren!“ Juan hatte kaum dieſe Worte, welche Macargo's Wuth 161 ſteigerten, im verächtlichſten Tone gerufen, als ein unerwar⸗ tetes Ereigniß dem Kapitän den Schuß, und vielleicht einen Mord erſparte. Ein großer Baum, der mit der Sommer⸗ fluth aus den höher liegenden Waldgegenden, wo die Angra durch ſchmale Bergſchluchten ſchäumend ihren Weg erzwingt, herabgeſchwommen war, mußte mit den Wurzeln mitten im Strombette vom Schlamm feſtgehalten worden ſein und ſich ſchräg aufgerichtet haben, ſo daß ſeine Aeſte bis auf die Ober⸗ fläche des Waſſers reichten, jedoch ſo, daß ſie davon bedeckt waren. Juan hatte, ohne zu rudern aufzuhören, ſo lange er ſprach, ſich halb gegen ſeine Verfolger gewendet, und ſo trieb er mit kräftigen Ruderſchlägen ſein Kanve auf den verräthe⸗ riſchen Baum, den er unter der Waſſerfläche nicht hatte be⸗ merken können. Der Anprall war ſo heftig, daß er wie von einer unſichtbaren Macht ins Waſſer geſchleudert wurde, und als er wieder auf die Oberfläche auftauchte, war er ſchon von der Strömung eine Strecke weit getrieben vom Kanve, das in den Aeſten des Baumes feſt ſaß. Man ſah, daß er ein guter Schwimmer war und alle Kraft aufbot, um das Kanve wieder zu erreichen, aber da der Fluß mit der vollen Gewalt der Ebbe dahinſtrömte, ſo war ſeine Anſtrengung ver⸗ gebens. Er nahm daher die Richtung nach dem entgegenge⸗ ſetzten Ufer, als quer über den Strom, von der Seite her, wo Macarao mit den Hunden ſtand, der ſchauerliche geriffelte Streif auf dem Waſſer ſichtbar wurde und die Neger in ſchneidenden Tönen den Schreckensruf:„Kaiman! Kaiman!“ erhoben. Der Erzähler 1848. n. 11 162 Nun begann eine genaue Wiederholung des gräßlichen Auftritts, deſſen Zeuge der verzweiflungsvolle Schwimmer am Tage vorher geweſen war. Daſſelbe Ringen in wahnwitziger Angſt, um das Land zu erreichen, daſſelbe Aufheben der Arme in raſender Todespein, wenn der Alligator— vielleicht der⸗ ſelbe wie am Tage vorher— mit den ſägeartig gezackten Zähnen ſeines fürchterlichen Rachens die Beine des Opfers gepackt hat, derſelbe jammervolle Schrei des der qualvollſten Vernich⸗ tung verfallenen Mannes, der gräßliche Todeskampf, über den die Wellen hinwegrollen, die aus der dunkeln Tiefe aufſtei⸗ genden blutigen Blaſen— dieſelben Gräuel alle wiederholten ſich vor den entſetzten Zuſchauern mit ſchaudervoller Genauig⸗ keit, die Vergeltung hatte dem mitleidloſen Sklavenjäger pünkt⸗ lich und in derſelben Reihenfolge alle Pein zugemeſſen, die ſeine verbrecheriſche That über das Opfer niedriger Habſucht verhängt hatte. Auf einen portugieſichen Seemann, der es mit angeſehen, machte dies Strafgericht der Vorſehung einen tiefen und blei⸗ benden Eindruck. Viele Jahre ſpäter erzählte er am Bord eines ehrlichen Kauffarteifahrers, bei dem er Dienſt genommen, jenes afrikaniſche Abenteuer, das ihn bewogen, auf alle Theilnahme zu verzichten an dem heilloſen Sklavenhandel, in welchem Juan Moreda einen ſo fürchterlichen, aber wohl ver⸗ dienten Tod gefunden hatte. Der Merxieaner. Nach Paul Dupleſſis von Anguſt Zoller. ohne Widerſpruch die des Spiels. Hat ein un⸗ glücklicher Lepero*) ſeine Trägheit den Sieg über ſeinen Appetit davon tragen laſſen, und N der Zufall wirft nach acht und vierzig Stunden W einer harten Enthaltſamkeit ein paar Reale zu ſeinen Füßen, ſo darf man berſichert ſein, daß ſer, wenn ſein Kartenſpiel abgenutzt oder un⸗ brauchbar iſt, hingehen wird, um ein anderes 5 im Vorzug vor Nahrungsmitteln zu kaufen. Ich bin ſehr geneigt, zu glauben, daß der Mericaner leben kann, ohne zu eſſen, aber ich bin feſt überzeugt, daß er nicht leben kann, ohne zu ſpielen. Uebrigens erklärt ſich dieſe Leidenſchaft ſehr leicht bei ihm —— *) Der Lepero iſt der mexicaniſche Lazzarone. 164 durch eine außerordentliche Trägheit, welche eine große S beſtändig beunruhigt, ohne ſie zu beſiegen. Als ich nach Coſala*) kam, war dieſe Stadt in zwei rivale Lager von Spielern getheilt, von denen das eine zum Haupte eine Art von Meſtizen⸗Indianer Namens Tecualtiche, und das zweite einen Vollblut⸗Me ricaner Namens Cota hatte. Dieſer Tecualtiche, der ſich in Ermangelung eines eigenen Namens mit dem ſeines Dorfes begnügte, war eines Morgens in Coſala auf einem mageren, hinkenden Eſel angekommen, wobei ſeine ganze Kleidung aus einer alten, durchlöcherten wol⸗ lenen Decke beſtgnd„welche den Neid des älteſten der Mäntel der Univerſität Salamanca hätte erregen können. Nachläßig in der Ecke eines baumwollenen Sackt uchs verſchloſſen, das ihm zugleich als Secretaire und als Hut diente, beſtand ſein Ver⸗ mögen aus einigen verdächtigen Realen und einem Piaſter, deſſen geſetzliches Gewicht man nur hätte in Zweifel ziehen können, da ſeine trübe Farbe ſchon auf eine unleugbare Weiſe beſtätigte, daß er von Zink oder Blei war. Was den Eſel betrifft, der ihm bei ſeinem Ein zug in die Stadt gedient hatte, ſo wurde er einige Tage nachher von einem Obſthändler, ſeinem rechtmäßigen Eigenthümer, in Anſpruch genommen. Durch einen ſeltſamen Zufall, den wir zu erfinden nicht das Verdienſt haben, ereignete ſich einige Stunden vor der *) Stadt im Departement Sinaloa, ungefähr 400 Meilen von Mexico.(Es ſind immer franzöſiſche Meilen oder Lienes gemeint.) 165 Ankunft des Tecualtiche in Coſala eine ziemlich ſeltſame Scene ein paar Meilen von dieſem Real. ²) Zwei Mexicaner, von denen der eine, bleich und ſchmäch⸗ tig, nur mühſam zu Fuß wanderte, und der andere, groß und ſtark, ein gutes Reiſepferd ritt, begegneten ſich, indem Jeder einer entgegengeſetzten Richtung folgte, auf einem ab⸗ ſchüſſigen, ſchmalen Pfad. Der Mann zu Fuß trug ein, wenn 1 nicht völlig abgeriſſenes, doch wenigſtens gänzlich der Harmonie entbehrendes Coſtume. Ein breiter Hut von peruaniſcher Schaf⸗ wolle, der ungefähr eine Unze**) werth ſein mochte, beſchat⸗ tete ſeinen kleinen platten, gelben Kopf; nur war die goldene Treſſe, welche einſt die Krämpe dieſes Hutes umgab, abge⸗ trennt worden: war dies Armuth rder ſchmutziger Geiz von Seiten ſeines Eigenthümers? das hätte ein Phhſiognomiker nur ſchwer unterſcheiden können, da der zugleich ſtolze und de⸗ müthige Ausdruck allen Spielraum zu Vermuthungen ließ. Seine übrige Kleidung beſtand aus einem ſo alten und abgetragenen Kamiſol aus Kattun, daß es ein Bettler nicht von der Straße aufgehoben haben würde, hätten ſeine Knöpfe nicht, ſtatt einfach aus Bein oder Kupfer zu ſein, aus durch⸗ löcherten Realen***) mit dem ſpaniſchen Wappen beſtanden. Die Hoſe war kaum mehr werth, als das Kamiſol; zweimal ——————— *) Man nennt Real die Städte, wo die Regierung Geld prägen läßt. **) 80 bis 85 Franken nach dem Curs. **) Der Real iſt gleich 62 Centimes. 166 zu weit und viel zu lang, kam ſie ſicherlich nicht von einem Credit oder Ankauf her und mußte eine ganze Geſchichte ſein. Unter dieſer Hoſe ſah man von den Knieen an ein herrliches Paar botas vaqueras, wunderbar mit Silber und Gold geſtickt, die, um ſich zum Beſitzer derſelben zu machen, in dem Gehirn eines techuguino oder Dandy den Gedanken eines Verbrechens hätte können entſtehen laſſen. Dieſe botas vaqueras, welche die Idee eines Pferdes in ſich ſchloßen, fielen jedoch auf ein ſchlechtes Paar zerriſſener und völlig der Sporen entbehrender Schuhe herab. Die bota vaquera des linken Beines wurde durch ein ſeidenes, in einer goldenen Franſe endigendes Knieband gehalten, die des rechten Beines, in welche die Mexicaner ihren Dolch ſtecken, damit ſie ihn ſtets bei der Hand haben, um ſich von einem feindlichen Lazo*) zu befreien, war mit einem Stück Bindfaden von Pita oder Alvefaſern befeſtigt und enthielt ein ziemlich ſchlechtes Küchenmeſſer. Obgleich ſchon der Anzug des Reiſenden Raum zu Vermuthungen gab, ſo war doch ſein Geſicht noch viel auffallender und mußte die Aufmerkſamkeit noch ganz anders erregen. Seine trüben, lebloſen Augen waren von einer ſeltſamen Starrheit: man hätte glauben ſollen, es wären die *) Der Lazo, von dem das mericaniſche Zeitwort lazar kommt, iſt ein langer, biegſamer und ſchwerer Riemen oder Strick, in einer Schlinge endigend, mittelſt der die Mexicaner mit einer großen Gewandtheit die wilden Pferde im Lauf ein⸗ fangen. Der Lazo dient auch als Angriffswaffe. In den Unabhängigkeitskriegen haben viele ſpaniſche Reiter das Leben durch den Lazo verloren. 167 Augen eines galvaniſirten Leichnams. Der Blick wäre für den Beobachter das ſichere Anzeichen eines völligen Blödſinnes oder einer unglaublichen, in ſich ſelbſt zuſammengedrängten Willenskraft geweſen. Seine Naſe war adlerartig, ſein kleiner Mund hatte ſehr dünne und durch den beſtändigen Ausdruck des Spotts oder der Verachtung an dem Ende leicht umge⸗ bogene Lippen. Der Reiter, der für einen Reiſenden ziemlich regelmäßig gekleidet war, bot nichts Außerordentliches in ſeiner Perſon. Es wäre unmöglich geweſen, ihm einen geſellſchaftlichen Rang anzuweiſen. Es war ganz einfach ein wahrer Mexicaner, mit ſchwarzen Augen, ſchwarzen Haaren und ſchwarzem Bart, und mit ſchwarzbraunem, ausdrucksvollem Geſicht. „Holla! Compadre,“ rief der Fußgänger dem Reiter zu, „wohin wollt Ihr?“ „Nach dem Hafen von Mazatlan,“ erwiederte der Reiter; „und Ihr?“ „Ich, Compadre*), ich beabſichtige, mich nach dem Real de Coſala zu begeben; aber ich befürchte, die Strapaze läßt mich todt auf der Landſtraße.“ „Gott behüte Euch hievor! Doch warum des Teufels geht Ihr auch zu Fuß?“ „Ich verſichere Euch, daß dies nicht aus reiner Phantaſie geſchieht, denn noch vorgeſtern hatte ich ein Pferd.“ *) Das Wort Compadre iſt in Mexico im Sinn von Kamerad, Gefährte ſehr gebräuchlich. 168 „Und man hat es Euch geſtohlen?“ „Nein, ich habe es verloren.“ „Ah bah!“ ſagte der Reiter mit vollkommener Gleich⸗ gültigkeit. Dann fügte er, während er ſeinem Pferd den Sporn gab, um weiter zu reiten, mit jener Höflichkeit bei, die den Mexicanern ſo natürlich iſt, daß ein plötzlich berei⸗ cherter Lepero in vierundzwanzig Stunden ein wahrhaft vor⸗ nehmer Herr wird:„Glaubt mir, Senor, was Ihr mir da erzählt, betrübt mich in der That“ „Ach, ja!“ wiederholte mit kläglichem Ton der Fuß⸗ gänger,„ich habe es verloren auf einen Coup im Monte.“ ²) *) Einige Zeilen der Erklärung ſind nothwendig, um das Monte⸗ Spiel begreiflich zu machen, da oft in dieſer Sittenſtizze da⸗ von die Rede ſein wird. Das Monte iſt eigentlich nichts Anderes, als ein geregeltes Lanzknecht: man bedient ſich näm⸗ lich nur eines einzigen Kartenſpiels, und bei jedem Coup werden die Karten auf's Neue abgezogen. Dem Ponteur ſteht es frei, eine beliebige Karte zu wählen und ſeinen Einſatz darauf zu legen. Die ungeheure Einfachheit dieſer. Combinationen könnte glauben machen, die Geſchicklichkeit ſei bei dieſem Spiel eben ſo unnöthig, als bei Gerade oder Ungerade, doch dies iſt nicht der Fall. Man findet Mexi⸗ caner, deren Scharfſinn ſo fehr entwickelt, deren Gedächtniß ſo raſch und wunderbar iſt, daß ſie, wenn es ihnen gelingt, die Kartenſpiele, deren ſich der Banquier bedient, vorher zu durchgehen, in Folge einer unglaublichen Macht der Ge⸗ wohnheit, ſelbſt wenn man abgehoben hat, der Ordnung nach alle Karten eines Päckchens, ohne ſich ein einziges Mal zu täuſchen, angeben können. Uebrigens iſt der Betrug im Spiel in Mexico erlaubt, wie der Diebſtahl in Lacedämon. Man iſt dort nur gegen die Ungeſchickten unbarmherzig. 169 Der Reiter, der ſchon einige Schritte vorwärts geritten war, hielt ſein Pferd wieder an, wandte ſich um und fragte voll Theilnahme: „Was für ein Coup war es?“ „Ich ſpielte auf den siete de bastos gegen die zota de copa.“ „Der siete de bastos iſt doch eine gute Karte!“ „Ich glaubte es bis auf dieſen Tag, aber es ſcheint, die zota iſt mehr werth. Doch ich bedenke Eines, Compadre: ich habe dieſen Morgen drei Unzen Gold dem Wirth abge⸗ wonnen, bei dem ich übernachtete, deſſen ungeachtet aber muß ich mich traurig zu Fuß fortſchleppen: wollt Ihr Euer Pferd an mich verkaufen?“ „Ich danke,“ erwiederte der Reiter und griff nach dem Zügel. „Oder wollt Ihr darum ſpielen? ich glaube, ich habe glücklicher Weiſe ein Kartenſpiel in meiner Taſche.“ Zum zweiten Mal hielt der Reiter ſein Pferd an. „Seht Ihr,“ ſagte er, ohne daß es ihm einfiel, einen ſo angenehmen Vorſchlag zurückzuweiſen,„ich glaube, ich habe aus Unachtſamkeit auch ein Kartenſpiel in meinem Hut mit⸗ genommen... und es iſt eine ſchlimme Gewohnheit von mir, daß ich nur mit meinen eigenen Karten ſpielen kann.“ „Das iſt mir ganz gleichgültig, lieber Compadre... wir bedienen uns Eurer Karten... nur werde ich ab⸗ ziehen.“ „Ihr ſeid ein Caballero voll Lebensart und von großer Zuvorkommenheit,“ erwiederte der Reiter, der ſogleich abſtieg, 170 und nicht nur aus ſeinem Hut das angekündigte Kartenſpiel zog, ſondern auch noch zwei weitere in den Holftern ſeiner Piſtolen fand. Die zwei Freunde von neuem Datum ſetzten ſich nun in den Schatten eines Felſens, und die Partie der drei Unzen gegen das Pferd nebſt Sattel und Zeug begann. Fünf Minuten nachher ſtand der ſchwächliche kleine Mexi⸗ caner auf und ſagte: „Compadre, Ihr habt verloren, und das Pferd ge⸗ hört mir!“ „Werdet Ihr mir nicht Revanche geben?“ „Wie, Compadre! was Ihr da von mir verlangt, iſt nicht mehr, als recht und billig! Um was wollt Ihr ſpielen?“ Dieſe doch ſo natürliche Frage ſchien denjenigen, an welchen ſie gerichtet war, in eine nicht geringe Verlegenheit zu verſetzen. „Ah! Teufel!“ ſagte er,„die ganze Habe, die ich bei mir trage, beſteht aus drei Päckchen Karten, einem Dutzend Cigarren und einem alten Roſenkranz.“ „Armer Compadre,“ ſprach der Gewinnende mit einer Miene tiefen Mitleids,„ſeid verſichert, daß ich an Eurem Unglück aufrichtigen Antheil nehme... Wir werden alſo, wie es Euch beliebt, Eure Revange auf das erſte Mal ber⸗ ſchieben, wo wir wieder zuſammentreffen.“ „Und nichts zum Spielen zu haben,“ wiederholte der Erreiter,„gar nichts! wenn ich nicht etwa um mich ſelbſt ſpiele!“ 171 „Halt... halt.. Compadre, Ihr öffnet mir da einen Gedanken?“. „Wie dies?. würdet Ihr mich als Einſatz an⸗ nehmen?“ „Warum nicht?“ „Eure Herrlichkeit ſcherzt in der That mit unendlicher Anmuth.“ „Keineswegs, lieber Freund, ich ſcherze nicht.“ „Wenn Ihr alſo nicht ſcherzt, ſo bitte ich Euch, wollt mich belehren, was Ihr mit mir machen würdet, ſollte Euch das Schickſal begünſtigen?“ „Mein vortrefflicher Compadre, ich würde aus Euch, un⸗ beſchadet der Achtung, die ich für Euch hege, einen herrlichen Bedienten machen, denn nun, da ich ein Pferd habe, wird mir ein Bedienter unerläßlich... Und dann bedenkt doch, wie demüthigend es für meine Eitelkeit wäre, wenn ich allein und ohne Gefolge, ganz wie ein armer Teufel von einem Abenteurer in Coſala einreiten müßte.“ „Meiner Treue, Senor, das iſt ein der mich entzückt, und ich willige ein.“ „Sehr gut; Ihr ſeid ohne Widerſpruch der artigſte Spieler, den man finden kann. Setzen wir uns auf meine Decke, Ihr werdet es bequemer haben, und fangen wir an.“ „Ihr ſeht mich ganz verwirrt durch Euer liebens⸗ würdiges Benehmen und durch die Beſchwerde, die ich Euch bereite,“ ſagte der Verlierende, indem er ſich auf den Za⸗ 172 rape*) ſeines Gegenſpielers ſetzte;„doch ehe wir dieſe zweite Partie beginnen, erlaubt mir eine Bemerkung.“ „Mit Vergnügen.. „Ihr begreift, trotz der Reize Eurer Geſellſchaſt, kann ich mich nicht für lebenslänglich verſpielen, und ich glaube, es wäre gut, eine Zeit zu beſtimmen.“ „Ihr ſprecht goldene Worte, theurer Compadre, und um Euch zu beweiſen, welchen Werth ich auf Eure Perſon lege, ſpiele ich mit Euch um zwei Monate Eurer Zeit gegen „ mein Pferd.. das ſetzt Euch auf anderthalb Unzen für den Monat.“ „Galant und großmüthig bis zum Ende!“ rief der große Merxicaner in vollem Erguß. Dieſe zweite Partie bewies, daß das Glück nicht immer ſo launenhaft iſt, als man behaupten will, denn der arme Reiter verlor abermals. „Dein Name?“ fragte ihn ſogleich mit anmaßendem Ton ſein Gegenſpieler, deſſen hinterliſtiges Sichgehenlaſſen ver⸗ ſchwunden war. „Joſe, Senor.“. „Verſtehſt Du es, Pferde zu warten?“ „Ja, Senor.“ „Verſtehſt Du Dich auf die Küche?“ *) Wollene Decke von einheimiſcher Fabrication, der ſich der Merxicaner in Form eines Mantels bedient. Es gibt Zarapes von bewundernswürdigem Deſſin, welche mehr als fünf hun⸗ dert Franken koſten. 173 „Ein wenig, Senor.“ „Biſt Du treu?“ „Ja, Senor?“ S „Sparſam, redlich, verſchwiegen und thätig?“ 4 „Ja, Senor.“ „Es iſt gut! Wenn ich übrigens alle dieſe Fragen an Dich richte, ſo geſchieht es, weil ich Dich theuer genug be⸗ zahlte, um auf gute Bedienung Anſpruch machen zu können. Bin ich während der Zeit, die Du in meinem Dienſt bleibſt, mit Dir zufrieden, ſo verſpreche ich Dir, noch um zwei weitere Monate mit Dir zu ſpielen. Doch es iſt ſpät und ich muß vor Abend in Coſala ankommen.. gehe geſchwinde. Ah! höre, Joſe, ich heiße Don Pedro Cota.“ Voll Reſignation verbeugte ſich Joſe, ohne zu antworten, und folgte, ohne ſich das geringſte Murren zu erlauben, ſeinem neuen Herrn und ſeinem alten Pferd. Während der paar Stunden, die nach dieſer Scene ver⸗ gingen, richtete Cota, aus Furcht, ſeine Herrenwürde zu ge⸗ fährden, nicht ein einziges Wort an den armen Joſe; erſt in dem Augenblick aber, wo er über den Bach ſetzen wollte, der am Fuß der Stadt Coſala hinfließt, brach er ſein ſtolzes Stillſchweigen und befahl ihm, ganz nahe an ſeinem Pferde zu gehen, damit Jedermann ſehen könne, er ſei ſein Diener. In Folge dieſer Vorſichtsmaßregel, ſo wie dadurch, daß ſich Cota vornehm auf ſeinem Sattel aufrichtete und in den Taſchen ſeiner Calzonera ſeine paar Unzen ein wenig klingen ließ, konnte er Gaſtfreundſchaft im ſchön ſten Hauſe der Stadt verlangen, und er wurde auch ſogleich auf dem Fuß der 174 Gleichheit zugelaſſen. Von dieſem Augenblick war ihm ſein Eintritt in die Geſellſchaft der Bergbauer von Coſala geſichert, von denen einige mit Recht für Millionäre galten. Mehr als vier hundert Meilen nordweſtlich von Mexico und ſechszig bis ſiebenzig Meilen nordöſtlich vom Hafen von Mazatlan gelegen, iſt die Stadt Coſala, eine der wichtigſten des Departement Sinalva, noch ſehr wenig bekannt, und verdient wohl einige Zeilen der Beſchreibung. Ich glaube nicht, daß ſie ſeit ihrer Gründung von mehr als fünf bis ſechs Franzoſen beſucht worden iſt. Vergraben in der Tiefe eines Thales und völlig umſchloſſen von einer Barriere unzu⸗ gänglicher Berge, verdankt ſie ihr Daſein nur den Gold⸗ und Silberbergwerken, welche die Flanken der Granitrieſen ihrer Umgebung enthalten. Die erſten ſpaniſchen Abenteurer, die es wagten, durch die unentwirrbaren Wälder von San Dimas bis zu dem Thal vorzudringen, wo ſich heut zu Tage Co⸗ ſala erhebt, bauten einige temporäre Hütten auf dieſer Stelle, um, wenn ſie aus ihren Bergwerken herauskämen, ein Obdach nach ihren Anſtrengungen zu finden; denn dieſe Abenteurer, denen es an den erforderlichen Mitteln und Werkzeugen zu einer ernſtlichen Ausbeutung fehlte, bekümmerten ſich natürlich ſehr wenig um die Zukunft. Die Forſchungen und Arbeiten dieſer Abenteurer wurden indeſſen mit einem ſo günſtigen Erfolg gekrönt, daß ſie allmälig ihre Hütten verließen und ſich Häuſer bauten. Sie hatten Gold zu bewachen und zu vertheidigen. Der Ruf von den wunderbaren Reichthümern, die man in Coſala gefunden, drang bald über die Cordilleren, und die ſpaniſche Regierung beeilte ſich, Agenten abzuſchicken, um den königlichen Zehnten zu erheben. Nun wurde die Stadt ge⸗ gründet und ihre raſche Zunahme ſetzte ſie beinahe in den Rang der Hauptſtädte. Nach der Vertreibung der Spanier ſah Coſala ſeine Größe von Tag zu Tag abnehmen; einige Jahre ſpäter kannte man kaum mehr ſein Daſein. Die Be⸗ völkerung dieſer Stadt belief ſich, als ich dort ankam, auf höchſtens acht bis zehn tauſend Seelen, in dieſer Zahl die Bergleute miteinbegriffen. Dieſe Bergleute, welche ihren Be⸗ ruf beinahe insgeſammt nur gewiſſen vorhergehenden Uneinig⸗ keiten mit der Juſtiz verdanken, geben der Stadt ein originelles Ausſehen und eine ganz beſondere Belebtheit. Kaum beſitzen ſie einige hundert Piaſter, ſo beeilen ſie ſich, von ihren Ge⸗ birgen in die Ebene herabzuſteigen. Es drängt ſie, ſich für ihre Entbehrungen zu entſchädigen, und Gott weiß, welche furchtbare Genugthuung ſie ſich dann verſchaffen. Ihre Lieb⸗ ſchaften, ihre zügelloſen Trinkgelage nehmen die Stunden ein die ſie nicht mit dem Spiel hinbringen. Doch das Spiel iſt bei ihnen die vorherrſchende Leidenſchaft; man hat geſehen, daß ein einfacher Vergmann, der am Abend zuvor mit mehr als tauſend Piaſtern angekommen, am andern Tag genöthigt war, einen Medio*) zu entlehnen, um zu Nacht eſſen zu können. Nur hat dieſer Bergmann, ehe er in die äußerſte Noth ver⸗ ſetzt war, alle Vorkommniſſe der Liebe und des Verbrechens durchlaufen, und ſelten geſchieht es, daß er zu ſeinen unter⸗ irdiſchen Arbeiten zurückkehrt, ohne mit dem Blute eines *) Ein Geldſtück von zweiunddreißig Centimes. 176 Freundes oder eines Nebenbuhlers bedeckt zu ſein. Findet der Bergmann nicht eine hinreichende Entſchädigung für mehrere WMonate harter Arbeit in einem einzigen Tag der Schwelgerei, ſo kehrt er auch zuweilen auf einem Umweg in ſein Gebirge zurück und beluſtigt ſich damit, daß er auf der Landſtraße die Reiſenden ausplündert. Dieſe Beluſtigung, an der er leider immer Geſchmack findet, verlängert ſich für ihn, bis man ernſtlich auf ihn fahndet, wonach er ſich entſchließt, zu ſeinem Bergwerk zurückzukehren, wo er eine unberletzliche Zu⸗ fluchtsſtätte zu finden ſicher ſein kann. Was die reichen Berg⸗ werkbeſitzer betrifft, welche in Coſala wohnen, ſo ſind dies meiſtens indianiſche Emporkömmlinge von großer Unwiſſenheit, welche ſich einbilden, ganz Mexico ſei ein Gebiet von hundert Meilen und Coſala die Hauptſtadt davon. Indem ſie bei un⸗ geheuren Reichthümern eben ſo einfach leben, als ihre Be⸗ dienten, welche häufig ihre Freunde ſind, erkennen ſie als ein⸗ zige Behörde nur den Geiſtlichen des Orts an, und bringen ihr Leben damit hin, daß ſie Chocolade trinken, Cigaretten rauchen und ein unbändiges Spiel ſpielen. Vom inneren Comfort haben ſie nicht den geringſten Begrif, und ich kann mich nie ohne ein Lächeln des erſten Beſuches erinnern, den ich einem derſelben machte, dem reichſten von Allen, Herrn Pablo Ir... Wir tranken, er, ſeine Frau, ſeine Töchter und ich, Chocolade im Salon, als man zweimal an die Thüre klopfte:„Ah! es ſind die Pferde,“ rief der Bergwerkbeſitzer, „wollt aufſtehen, Senor.“ Es war in der That kaum die Thüre geöffnet, als drei Pferde, geführt bon einem Diener, der ſie vom Bade zurückbrachte, durch den Salon gingen, um ———— 177 ſich in den Stall zu begeben. Dieſer edle Herr Ir.. wäre, wenn er ſein Vermögen mit Verſtand verwirklichen wollte, ſicherlich der reichſte Privatmann der ganzen Welt.. An demſelben Tag, an welchem Cota in Coſala ein⸗ traf, kam auch der Tecualtiche in dieſer Stadt an. Doch da ſein wahrhaft gar zu beſcheidenes Gepäcke nicht geeignet war, Vertrauen einzuflößen, ſo ſtieg der Meſtize ganz einfach mitten auf dem Platze ab, quartierte ſich unter dem Wetterdach einer kleinen Branntweinſchenke ein, und fing an, ohne Zeitverluſt, den Leperos, ſeinen Collegen, ſo bewunderungswürdige Spiel⸗ lectionen zu geben, daß man vierzehn Tage ſpäter nach ſieben Uhr Abends nicht mehr ausgehen konnte, ohne ein ganzes Arſenal bei ſich zu tragen. Es herrſchte die völligſte Hungers⸗ noth unter dem Pöbel, und die Leperos waren darauf ange⸗ wieſen, Maisblätter ſtatt Tabak zu rauchen. Noch einen Monat ſpäter ſtand der Tecualtiche an der Spitze einer großen Waaren⸗ niederlage, welche von beinahe allen Detailmagazinen der Stadt herrührte, die er eines nach dem andern ihren Eigenthümern abgewonnen hatte, und er war genöthigt, Commis anzu⸗ nehmen, um dem Verbrauchsbedarf von Coſala zu ent⸗ ſprechen. um dieſe Zeit wurde er durch ſeinen Titel als Handels⸗ mann in der hohen Geſellſchaft der Millionär⸗Berg⸗ werksherren aufgenommen, bei der ſchon der Mexicaner Cota zugelaſſen worden war, deſſen Glücksader ſich ſo fruchtbar ge⸗ zeigt hatte, daß er ein Kapital von vierzig Tauſend Piaſtern oder zweihunderttauſend Franken beſaß. Der Erzähler 1848. U. 12 178 Von der Spielwuth beſeſſen, folgte die ganze Stadt mit glühendem Intereſſe den verſchiedenen Wandelungen der neuen Spieler. Die Einen erhoben den Tecualtiche bis in die Wolken, die Andern waren bereit, ſich wie Ketzer verurtheilen zu laſſen, indem ſie laut erklärten, die Exiſtenz von Cota beweiſe die der Halbgötter des Alterthums. Sobald es Abend war, begab ſich jeder Mann, der einen Dolman von Tuch, einen Hut von peruaniſcher Schaf⸗ wolle und einen Säbel mit einer Klinge beſaß, nämlich Jeder, der ganz Caballero, unmittelbar nach der Abendpredigt oder dem Angelus in das Haus des Pfarrers von Coſala, Don Ignacio**s, der ſich dadurch, daß er von der Kanzel herunter gegen das Monte gedonnert, das Spielmonopol zu ſeinen Gunſten errungen hatte. Um einen langen, mit einem grünen Teppich bedeckten Tiſch ſitzend, gaben ſich die Reichſten der Stadt mit voller Wuth den Chancen des Monte hin. „Seht, welches Leben?“ ſagte zuweilen voll Stolz der brave Pfarrer Don Ignacio***;„nun, das iſt mein Werk. Früher ſpielten alle dieſe Caballeros zu Hauſe, düſter, unempfindlich, ſie ertrugen ihre kleinen Verluſte nur mit Hülfe von blutigen Hintergedanken, während ſie ſich heute, unter meinem väter⸗ lichen Auge verſammelt, beluſtigen wie Selige und nicht mehr Gefahr laufen, auf eine ſchändliche Weiſe betrogen zu werden.“ Die Beluſtigung koſtete zuweilen an einem Abend einen von den Seligen fünfzig tauſend Franken. Was die Ueberwachung betrifft, welche das väterliche Auge des braben Pfarrers Ignacio ausübte, ſo mußte ſie mit zwei Piaſter für 179 den Spieler bezahlt werden, wodurch er eine Einnahme von ungeführ vier hundert Franken am Abend hatte. Der vortreffliche Pfarrer Ignacio**, die einzige allge⸗ mein anerkannte moraliſche Behörde in Coſala, war das wahre Muſterbild des mexicaniſchen Prieſters. Jeder Ver⸗ führung zugänglich und in keiner Hinſicht ſich verbergend, beutete er ſeine Stellung auf die offenſte, unumwundenſte Weiſe aus. Man hat viel über den ſpaniſchen oder mexicaniſchen Prieſter und Mönch geſchrieben, und wir müſſen bekennen, daß ſein Thpus vortrefflich begriffen und durchaus nicht ent⸗ ſtellt worden iſt; nur hat man ihn mit einer gutmüthig heuchleriſchen Miene ausgeſchmückt, welche, wenn ſie auch zur claſſiſchen Malerei geworden iſt, darum doch nicht als minder falſch betrachtet werden muß. Der ſpaniſche oder mexicaniſche Prieſter trägt muthig ſeine Fehler und ſucht ſie nicht durch einen äußeren Heiligenſchein zu ſchminken, denn er weiß ganz wohl, daß ihn das Volk ſo, wie er iſt, hinnimmt und in ihm nur ein Princip ſieht. Als ich in Coſala ankam, verlangte ich Gaſtfreundſchaft von einem Landsmann„ Herrn Alerandre S...„denn es gibt kein einziges Wirthshaus in der Stadt, und dieſer vortreff⸗ liche Mann nahm mich mit der anmuthigſten Zuvorkommenheit auf. Herr Alerandre S..„ der einzige Franzoſe, der ſich in Coſala fand, betrieb ein kleines Detailgeſchäft und ver⸗ kaufte, in Ermangelung von Concurrenz, zu ſchmählichen Preiſen ſchlechte Waaren, unter dem äußerſt patriotiſchen Vor⸗ wand, er fühle ein unwiderſtehliches Verlangen, in Paris die Rue des Bourdonnais wiederzuſehen, wo ſeine Kindheit ver⸗ 180 laufen ſei. Getreu den Gewohnheiten eines ächten Pariſer⸗ Kindes, hatte es mein Wirth, ſtatt Spaniſch zu lernen, vor⸗ gezogen, eine unglaubliche, unmögliche, ihm eigenthümliche Sprache zu erfinden, welche nichts ähnlich war, nicht einmal dem Lateiniſchen der Apotheker von Molière, eine Sprache übrigens, der er ſich, in Folge des Verſtändniſſes ſeiner Zu⸗ hörer, mit ſolchem Glück bediente, daß er ſich zuweilen trium⸗ phirend die Hände rieb und mit einem ſtolzen Lächeln zu mir ſagte: „Wie werden meine Freunde in der Rue des Bour⸗ donnais erſtaunt ſein, wenn ſie mich Caſtilianiſch ſprechen hören.“ Beſonders wenn einige junge und hübſche Vancheras*) bei ihm Einkäufe machten, überließ ſich mein Freund S... ſeinen wunderbaren Improviſationen; er ſprach dann am Ende eine ſo ertravagante Sprache, daß er einen Dolmetſcher von ſich für ſich nöthig gehabt hätte. Ich meinerſeits verfehlte bei ſolchen Gelegenheiten nie, im Magazin zu bleiben, um dieſen ſeltſamen und räthſelhaften Geſprächen beizuwohnen, welche Sphinr vor Neid und Scham erröthen gemacht hätten. Ich brachte es ſo weit, daß ich alle Frauen von Coſala kannte. Unter ihnen bemerkte ich, und wer hätte es nicht eben ſo gethan? ein Mädchen von ſechzehn bis ſiebzehn Jahren, von Culiacan gebürtig und von einer unglaublichen Schönheit. Es war die Verwirklichung in Fleiſch und Blut von einer *) Pächterinnen, oder beſſer geſagt Landbewohnerinnen. —,— 181 jener idealen Erſcheinungen, die man nur in den alten ſpa⸗ niſchen Romanceros, den Zeitgenoſſen des Cid, findet, in dieſen glücklichen Dichtern, welche die bewunderungswürdigen, aus dem mauriſchen und eaſtilianiſchen Blut entſproſſenen Töchter vor ihren Augen hatten und die unmögliche und ab⸗ ſolute Schönheit beſangen. Dolores, oder beſſer geſagt Lola, dies war der Name der jungen Culiacanera, hatte Augen, die Schätze von Zärtlichkeit verſprachen, und eine Haltung, welche die Verſprechungen ihrer Augen Lügen ſtraften; ſie hatte den geſchmeidigen, wollüſtigen Wuchs von einer jener Bajaderen, welche die Reiſenden mit ſo viel Liebe und Wohl⸗ gefallen beſchreiben, um ſich dafür zu entſchädigen, daß ſie nie ſolche getroffen haben, und den beſcheidenen, ſchamhaften Gang einer Koſtſchülerin, die bei ihrem Eintritt in die Welt glaubt, Jeder errathe ihre Gedanken: mit einem Wort, Alles war an ihr Contraſt und Verführung. Lola hatte auch, wie dies ſein mußte, zahlreiche Anbeter, und wenn ſie ſich in der Abenddämmerung, nach dem Brauch, vor die Thüre ſetzte, um friſche Luft einzuathmen, ſo kamen dieſelben Reiter zu⸗ fällig zehnmal an ihr vorüber und ließen jedesmal ihre Pferde ſich bäumen, um wo möglich einen Blick von ihr zu er⸗ halten. Der Mexicaner hat eine ſehr originelle Weiſe, den Hof zu machen, welche in keiner Hinſicht unſerer Galanterie in Europa gleicht. Iſt er wirklich verliebt, ſo verwendet er auf ſeine eigene Perſon alle Aufmerkſamkeit und alle Delicateſſe, die ein Europäer für ſeine Geliebte hätte, und wird ſich ſelbſt gegenüber von einer unglaublichen Zuborkommenheit und Er⸗ 182 gebenheit. Der größten Opfer fähig, um ſeine geringſten Wünſche zu befriedigen, entäußert er ſich ohne Reue aller ſeiner zukünftigen Mittel für ſein augenblickliches Wohlbe⸗ hagen und führt heldenmüthig ein aus Seide und Gold ge⸗ wobenes Leben. Werthvolle Pferde, koſtbare Kleider, ſpitzen⸗ artige durchbrochene Sättel, üppige Mahle, nichts koſtet ihn zu viel, um die Aufrichtigkeit ſeiner Leidenſchaft darzuthun. Wünſcht er eine der Zone, die er bewohnt, fremde Frucht, ſo ſchickt er ſogleich einen außerordentlichen Courier ab, mit dem Befehl, ſie ihm durch Gold zu verſchaffen; kommt der Courier zurück, ſo iſt ſein Gelüſte vorüber, und er läßt ſich kaum herbei, mit dem Ende der Lippen die Frucht zu be⸗ rühren, deren Preis einem Lepero ein ganzes Jahr hindurch das Daſein gefriſtet hätte; endlich wirft er ſie verächtlich und beinahe unberührt vor ſeine Geliebte, und dieſe kann nicht umhin, auszurufen:„Ah! que caballero tan fino!“— Welch ein vollendeter Cavalier! Erfüllt den Mexicaner eine heftige, nicht getheilte Leiden⸗ ſchaft, ſo iſt er der glücklichſte der Menſchen, während ſich ein Europäer ganz naiv der Verzweiflung hingeben würde. Die Traurigkeit iſt bei ihm das Zeichen des Sieges. Seit Lola Culiacan verlaſſen hatte, um ihren Wohnſitz in Coſala zu nehmen, ſah man auch in letzterer Stadt nur junge Leute mit friſchen Farben und heiteren, Freude ath⸗ menden Geſichtern, denn, war es Gleichgültigkeit, war es Berechnung, Lola blieb unempfindlich gegen alle Bewerbungen und Wünſche, und wies jede Huldigung zurück. Dieſe Klugheit trat ſogar in Concurrenz bei den Abendgeſprächen ————— —, 183 mit den Heldenthaten von Cota und dem Tecualtiche. Der tägliche Dialog der acht bis zehntauſend Einwohner der Stadt Coſala beſtand nämlich nur aus den drei folgenden Fragen: Wie viel hat Cota gewonnen? Iſt der Tecualtiche immer noch glücklich? Iſt Lola immer noch vernünftig? Auf die zwei erſten erhielt man verſchiedene Antworten; auf die dritte erfolgte immer ein„Ja“ mit troſtloſer Monotonie; man hätte an der menſchlichen Schwäche zweifeln ſollen! So ſtanden die Dinge, als eines Abends gegen zehn Uhr, da die Stadt Coſala in Stillſchweigen und Dunkelheit ver⸗ ſunken war, zwei in weite Zarapes gehüllte Männer jeder von dem entgegengeſetzten Ende derſelben Straße hervorkamen und vor dem Hauſe von Lola zuſammentrafen. Durch den Inſtinet der Vertheidigung eingeflößt, war ihre erſte Bewegung, daß ſie die Hand an den Griff ihres Säbels legten, ihre zweite aber, von der mexicaniſchen Klug⸗ heit dietirt, daß ſie einen Schritt zurückwichen. Der Merxi⸗ caner vermeidet es gewöhnlich, einen Feind anzugreifen, der auf ſeiner Hut und im Vertheidigungszuſtand iſt. Im Allgemeinen ſind bei einem ſolchen Zuſammentreffen nur zweierlei Entwickelungen möglich: die Unterredung oder die Handlung, wenn nicht eine außerordentliche Liebe zum Frieden beiden Concurrenten die Flucht zu ergreifen räth. Diesmal wählten die nächtlichen Spaziergänger das erſte Mittel, nämlich die Unterredung. „Senor,“ ſagte derjenige von Beiden, welcher der Küh⸗ nere zu ſein ſchien, ein Koloß von ſechs Fuß:„Gott verhüte, daß Euch Schlimmes begegne!“ 184 „Ah! Ihr ſeid es, Tecualtiche?“ „Bei Gott!... nein, ich täuſche mich nicht, es iſt der edle Herr Don Pedro Cota ſelbſt,“ rief der Koloß mit einem Erſtaunen, das nicht von einer gewiſſen Unruhe frei war. „Was Teufels macht Ihr denn zu dieſer Stunde hier?“ fragte Cota. „Ich ich gehe ſpazieren,“ antwortete der Tecualtiche verlegen. „Es geht mit Eurer Migrine beſſer, wie ich ſehe?“ „Wie! mit meiner Migräne?“ „War denn dies nicht der Beweggrund, den Ihr vor⸗ hin angegeben habt, um Euren ſchnellen Abgang vom Padre Ignacio zu rechtfertigen?“ „Ah! ja, ich erinnere mich... Nun, es geht viel beſſer mit meiner Migräne. Sehr verbunden!“ Dann nach kurzem Stillſchweigen fügte der Tecualtiche bei:„Gute Nacht, Don Pedro, ich gehe nach Hauſe.“ „Gute Nacht, Tecualtiche!“ erwiederte Cota, indem er ſich in ſeinen Zarape hüllte.„Ich werde Euer Beiſpiel be⸗ folgen.“ Beide blieben unbeweglich. „Bei Gott!“ ſagte Cota lachend nach einem neuen Still⸗ ſchweigen,„ich halte Euch nicht zurück, theurer Freund, ich kenne meinen Weg.“ „Gedenkt Ihr die Nacht hier zuzubringen?“ fragte der Indianer. „Nicht gerade hier.“ S6 i — 185 „Aber in der Nähe vielleicht?“ ſagte der Tecualtiche mit einer nur wenig beruhigten Miene. „Wer weiß, lieber Freund? der Menſch denkt, Gott lenkt.“ „Sagt die Frau, Cota, denn Ihr ſeht in dieſem Augen⸗ blick aus wie ein Menſch, der Glück in der Liebe hat.“ „Ihr glaubt?“ „Ich würde darauf ſchwören.“ „Ah! ich ſehe, daß man Euch nichts verbergen kann, Tecualtiche, doch ſagt, wie ſteht es mit Euch?“ „Wie, mit mir?“ „Habt Ihr nicht auch Glück in der Liebe?“ „Teufel von einem Cota, nichts entgeht ihm!“ rief der Tecualtiche.„Nun ja, ich geſtehe, lieber Freund, Eure Ver⸗ muthung iſt richtig.“ „Und Eure Schöne wohnt in dieſer Straße, Te⸗ cualtiche?“ „Ich bin ein zu galanter Mann, um dieſe Frage zu beantworten, lieber Cota.“ „Ah! unter Freunden!...“ „Es ſei, doch unter einer Bedingung... Wir wollen ein offenes Spiel ſpielen.“ „Das iſt meine Lieblingspartie. Wo wohnt ſie?“ „In dieſer Straße. Und die Eurige?“ „Auch in dieſer Straße.“ „Das wird reizend!“ rief der Tecualtiche, der die Un⸗ ruhe, die ihn erfaßte, zu verbergen ſuchte. „Nicht wahr? So fahren wir alſo fort. Sagt mir, 186 Tecualtiche, welches von dieſen Häuſern iſt dasjenige, deſſen Thüre ſich ſogleich öffnen wird, ohne daß Ihr anzuklopfen die Mühe habt?“ „Welche genaue Frage, Cota! Doch ſpielen wir nicht ein offenes Spiel? Nun wohl!. es iſt dieſes,“ ſagte der Teecualtiche, indem er mit dem Finger auf ein Haus deutete, das links lag und die Ecke der Straße bildete.„Und Ihr, Cota, wo erwartet man Euch?“ „Dort!“ antwortete Cota, und ſtreckte die Hand nach der entgegengeſetzten Seite, nämlich nach der rechten aus. Der Indianer gab einen geräuſchvollen Seufzer der Be⸗ friedigung von ſich. „Ich wünſche Euch viel Glück und gute Nacht!“ ſagte er und ging nach links ab. „Ich danke,“ erwiederte Cota, indem er ſich nach der Rechten wandte. Kaum war eine Minute abgelaufen, als man nur noch das erlöſchende Geräuſch der Tritte der zwei Freunde hörte. Fünf Minuten ſpäter ſtanden ſie einander wieder von Angeſicht zu Angeſicht vor dem Hauſe von Lola gegenüber. „Das heiße ich ein offenes Spiel ſpielen!“ rief Cota lachend. „Ihr habt mich hintergangen?“ ſagte der Tecualtiche. „Nun! und Ihr?“ Der Indianer antwortete nicht und fing an mit der am Griff ſeines Säbels hängenden Quaſte zu ſpielen. „Es iſt Zeit, dieſer Komödie ein Ende zu chei. ſprach Cota.„Folgt mir, Tecualtiche.“ ——— — 187 Sogleich die Handlung mit dem Wort verbindend, durch⸗ ſchritt Cota die Straße und klopfte an die Thüre des Hauſes, wo Lola wohnte. Der Teecualtiche folgte ihm. „Wer iſt da?“ fragte, nachdem ſie einige Augenblicke gewartet hatten, eine Frauenſtimme. „Der Senor Cota,“ antwortete Tecualtiche. „Wer?“ wiederholte die Stimme. „Der Senor Tecualtiche,“ antwortete Cota. Die zwei Nebenbuhler warteten, die Thüre öffnete ſich nicht. „Meiner Treue, ich ſehe, daß wir einander nicht zu beneiden haben, theurer Freund,“ ſagte Cota. Dann fügte er die Stimme erhebend bei:„Wenn die Senorita Lola noch nicht zu Bette gegangen iſt, ſo ſagt ihr, der Tecualtiche und Cota wünſchen ſie zu ſprechen.“ „Ah! Ihr ſeid zu zwei!“ erwiederte die Stimme,„dann iſt es etwas Anderes; meine Gebieterin kann Euch em⸗ pfangen.“ Die Thüre wurde in der That ſogleich und die zwei Nebenbuhler traten ein. II. Nachdem ſie der jungen indianiſchen Dienerin, die ihnen geöffnet, durch einen Gang gefolgt waren, traten Cota und der Tecualtiche in ein Zimmer ein, das nur ſchwach durch 188 eine hinter einem großen Lichtſchirm verborgene Kerze be⸗ leuchtet war. In dieſem Zimmer befand ſich Lola. Halb in einer Hängematte von Alvefaſern liegend, war die junge Culiacanera in dieſem Augenblick von einer ver⸗ zweifelten Schönheit. In eine mexicaniſche Tunique von weißer Mouſſeline gekleidet, die Arme bloß, die Bruſt, nach des Landes Sitte, kaum bedeckt durch ein leichtes, beinahe durchſichtiges Hemd, das ihr bis an die Taille hinabging, löſte Lola, als ſie die zwei Nebenbuhler eintreten ſah, ihre langen ſchwarzen Haare, um den fehlenden Rebozo*) zu erſetzen, und machte ſich daraus einen ſchamhaften und reizenden Schleier. Hätte ſie ein Dichter ſo halb begraben in dem Schatten, der noch die Form ihrer Umriſſe milderte, und in dieſem anbe⸗ tungswürdigen jungfräulichen Schmuck geſehen, ſo würde er ſicherlich, das Ungenügende des Reims verfluchend, ein ſolches Gemälde bewundert haben, ohne es indeſſen zu wagen, auch nur das kleinſte Sonnet darüber zu machen. Die Wirkung, welche der Anblick auf Cota und den Tecualtiche hervorbrachte, war, wenn auch verſchiedenartig, doch darum nicht minder augenſcheinlich. Cota wurde furcht⸗ bar bleich und fuhr raſch mit der Hand an ſein Herz, als wollte er die ungeregelten Schläge deſſelben zurückdrängen; nach einem Augenblick des Zögerns und Erſtaunens machte der Tecualtiche, geblendet, bezaubert, außer ſich, die Augen von *) Eine ſeidene Echarpe von tauſend Deſſins, welche bei der Mexicanerin im Negligé die Mantille erſetzt. 189 Blut unterlaufen, ein Zeichen des Kreuzes und murmelte ma⸗ ſchinenmäßig:„Herr Jeſus! Herr Jeſus! wie ſchön iſt ſie!“ Obgleich Lola, wie man aus ihren niedergeſchlagenen Augen und ihrer unachtſamen Miene ſchließen konnte, nicht eines von dieſen Merkmalen der Bewunderung verloren hatte, ſo machte ſich doch kein Zittern, keine Veränderung in ihrer Stimme fühlbar; ſie brach zuerſt das Stillſchweigen und ſagte: „Ich bitte, ſetzt Euch doch, Senores.“ Dann mit einer 3 Geberde äußerſter Coquetterie ihre Haare auf ihre Schultern zurückſtreichend, fügte ſie bei:„Ich bitte Euch um Verzeihung, daß ich Euch ſo empfange; doch ich muß geſtehen, ich erwar⸗ tete noch vor einem Augenblick entfernt nicht die Ehre Eures Beſuches.“ Cota und der Tecualtiche nahmen jeder einen niedrigen Schaukelſtuhl, ein Meuble, das man ſehr häufig in heißen Ländern findet; dann ſetzten ſich der erſte links und der zweite rechts von der Hängematte. „Senorita,“ ſagte Cota, deſſen melodiſche, aber feſte Stimme mit der Bläſſe im Widerſpruch ſtand, welche die Ge⸗ müthsbewegung auf ſeinem Geſicht zurückgelaſſen hatte,„ich ging vom Pfarrer Ignacio mit der feſten Abſicht weg, mich ſogleich nach Hauſe zu begeben, als mein Freund, der Tecualtiche, der vor Eurer Thüre vorüberkam, den glücklichen Gedanken hatte, mir den Vorſchlag zu machen, Euch unſere Huldigung darzubringen. Erlaubt mir, als einem Selbſt⸗ ſüchtigen und Feigen, dieſe Indiscretion zu genießen und die Verantwortlichkeit dafür meinem würdigen und vortrefflichen Freund dem Tecualtiche zu überlaſſen.“ 190 Als der Teeualtiche ſeinen Namen nennen hörte, erhob er das Haupt, heftete einen glühenden Blick auf ſeinen Neben⸗ buhler und murmelte:„Herr Jeſus! ich wette, er hat ihr ge⸗ ſagt, er liebe ſie. Ich wußte gar nicht mehr, daß er hier iſt.“ „Ich bin dem Senor Tecualtiche Dank ſchuldig,“ erwie⸗ derte Lola,„doch mir ſcheint, Caballeros, Ihr habt heute Abend früher, als gewöhnlich, unſern würdigen und ehrenwerthen Pfarrer Don Ignacio verlaſſen?“ „Es iſt wahr, Senorita, wir hatten aber jeder einen Beweggrund: der Teeualtiche ſchämte ſich, zu oft zu gewinnen, und ich, ich fühlte mich ein wenig krank.“ „Krank?“ ſagte Lola mit mehr Artigkeit, als Theil⸗ nahme. „Oh! es iſt von keiner Bedeutung, eine kleine Unpäß⸗ lichkeit in Folge einer Unklugheit. Ich habe während der großen Hitze und einige Augenblicke, ehe ich meine Sieſta machte, ſechs Gläſer Gefrorenes zu mir genommen, und das erkältete mir den Magen.“ „Wie! Gefrorenes?“ „Ja, Senorita, und zwar vortreffliches.“ „Aber, Don Pedro, es hat nie Gefrorenes in Coſala ge⸗ geben.“ „Das iſt wahr, Senorita, aber es gibt Eis in Chihnahua und ſehr erfahrene Haushofmeiſter in Merico.“ „Nun?“ „Nun, nichts iſt leichter, als ſich von Chihuahun Eis umgeben von Salz, bedeckt mit Stroh und in dicken bleiernen Gefäſſen kommen zu laſſen, will man nicht lieber ſeinem 19¹ Correſpondenten in Merico den Auftrag geben, einen Haus⸗ hofmeiſter hieher zu erpediren.“ „Und Ihr habt das gethan?“ „Gewiß, und es iſt mir ſehr gut gelungen. Obgleich es von hier nach Chihuahua dreihundertfünfzig Meilen abſcheu⸗ licher Wege ſind und uns fünfhundert Meilen von Merico trennen, ſind mir doch mein Eis und mein Haushofmeiſter beinahe zu gleicher Zeit in vierzehn Tagen zugekommen; um die Wahrheit zu geſtehen, muß ich ſagen, daß mein Eis in beſſerem Zuſtand eingetroffen iſt, als mein Haushofmeiſter. Be⸗ klagte ſich dieſer Picaro nicht über Müdigkeit, weil er drei Pferde unter ſich getödtet hatte!“ „Drei Pferde!“ „Gewiß; ich war glücklicher Weiſe beſorgt geweſen, ihm Relais auf dem ganzen Weg bereit halten zu laſſen, ſo daß dieſer Unfall keine Zögerung veranlaßte. Geſtern angelangt, ſchicke Ach ihn übrigens morgen in kleinen Tagereiſen nach Merico zurück, und er wird ſomit Zeit haben, auszuruhen.“ „Ihr ſchickt ihn morgen zurück, Don Pedro.. bedenkt Ihr, nachdem Ihr ſolche Opfer gebracht habt?“ „Was wollt Ihr, Senorita? meine Laune iſt vorüber. Im Ganzen werde ich dieſen Burſchen großmüthig genug ent⸗ ſchädigen, daß es ihm nicht einfällt, ſeine Reiſe zu bereuen.“ „Und dies Alles für ſechs Gläſer Gefrorenes, Don Pedro?“ „Von denen mir die drei erſten vortrefflich mundeten, während mir das letzte mißbehagte.“ „Sie müſſen Euch eine gute Summe gekoſtet haben?“ 192 „Oh! ein Bagatelle,“ erwiederte Cota mit gleichgültigem Tone, indem er ſich auf ſeinem Stuhle ſchaukelte:„ungefähr tauſend Piaſter.“ Lola wandte ſich ganz gegen ihn um und ſchaute ihn mit einem reizenden Lächeln an. Der Terualtiche ſtieß einen ge⸗ räuſchvollen Seufzer, ähnlich dem Gebrülle eines verwundeten Büffels, aus. „Ihr habt übrigens ſo viel Glück im Spiel, Don Pedro, daß Ihr einen ſolchen Verluſt leicht wieder gut macht,“ ſagte Lola. Dann, nachdem ſie ein paar Sekunden geſchwiegen, ſigte ſie mit gleichgültiger Miene bei: „Seid Ihr dieſen Abend vom Monte begönſigtin worden?“ „Ja und nein„Senorita. Ich vernachläßigte das Spiel und beluſtigte mich damit, daß ich kleine Scharmützel lieferte, und ſo mußte ich nur ſehr wenig gewinnen. zwölf bis fünf⸗ zehnhundert Piaſter höchſtens. der Held der Geſellſchaft war mein vortrefflicher Freund der Tecualtiche... Was habt Ihr gewonnen, Tecualtiche?“ „Fünftauſend Piaſter.“ „Ah! fünftauſend Piaſter!“ wiederholte Lola, indem ſie ihre erſte Stellung wieder annahm,„das iſt ſehr ſchön für einen Abend!“ „Bah! Senorita,“ entgegnete Cota,„leider hat jede Münze ihre Rückſeite. Das Sprüchwort ſagt hier: Glück im Spiel, Unglück in der Liebe.“ 3 „Ihr ſeid unglücklich, Senor Tecualtiche?“ fragte Lola, den Kopf gegen den glücklichen Spieler drehend. — 193 „Ich weiß es nicht, Senorita,“ erwiederte der Tecualtiche, der ſich übermenſchlich anſtrengte, um ſeiner Stimme Feſtigkeit zu verleihen,„Ihr allein vermöchtet die Frage, die Ihr an mich richtet, zu beantworten.“ „Ich?“ „Ja, Ihr, Senorita, Ihr allein. Seht,“ fuhr der Tecu⸗ altiche fort, indem er ſeinen ungeheuren Kopf den dichten Haaren und dem friſchen Geſicht von Lola näherte,„das kann nicht länger ſo fortdauern. Ja, ja„hundertmal ja, ich bin unglücklich, furchtbar unglücklich, wie es Euch der edle Senor Cota geſagt hat, und ſollte ſich mein Unglück auch noch ſtei⸗ gern, ich kann nicht länger in dieſer Ungewißheit bleiben ich muß eine Erklärung haben.“ „Ihr ſeid mir vielmehr eine Erklärung ſchuldig, Senor Teeualtiche,“ entgegnete Lola;„denn ich muß Euch ſagen, daß ich Eure Reden nicht verſtehe und Eure Schmerzen durchaus nicht errathe. Doch ich erlaſſe es Euch, Caballero, ich bin gar nicht neugierig, und die Stunde iſt ein wenig vor⸗ gerückt.“ „Nein, Senorita, Ihr werdet mich anhören.. es muß ſein... die Stunde thut nichts zur Sache. Iſt überdies nicht der Senor Cota als dritte Perſon hier anweſend! Oh! ſeid unbeſorgt, er wird nicht ein Wort von unſerem Geſpräch ver⸗ lieren... und dann werde ich mich kurz faſſen.“ Nachdem der Tecualtiche dieſe Worte mit großer Heftig⸗ keit ausgeſprochen hatte, preßte er ſeine Stirne gewaltig zwiſchen ſeinen Händen und ſagte dann mit zitternder Stimme: Der Erzähler, 1848. n. 13 194 „Lola, ich liebe Euch wie ein Wahnſinniger... Man hat noch nie ſo geliebt... Nein, nie.. Das iſt unmöglich.. davon bin ich feſt überzeugt.. Ich bin reich.. wollt Ihr mein Vermögen?... Kühn! wünſcht Ihr, daß ich ein Ver⸗ brechen für Euch begehe? Seht, hier iſt Cota, der Euch auch liebt, der Euch früher oder ſpäter mit ſeinem Schlangenblick bezaubern und dann tödten würde.. befehlt, daß ich ihn er⸗ dolche, und ſein Leichnam ſoll zu Euren Füßen rollen; ſprecht, wollt Ihr es?“ Und ſchön vor Zorn, erhob ſich der Tecualtiche und fuhr mit der Hand nach ſeinem Gürtel. „In des Himmels Namen! haltet ein, Senor Tecualtiche!“ rief Lola, aus ihrer Hängematte ſtürzend. Unempfindlich auf ſeinem Stuhle, beobachtete Cota ſeinen Nebenbuhler mit einem ruhigen Blick, während er eine dünne Cigarette, ein Meiſterwerk der Grſchicklichkeit, zwiſchen ſeinen Fingern drehte.„Caramba! Tecualtiche“ ſagte er mit etwas mehr Erziehung und Anſtand,„Ihr würdet in der That einen ſehr guten Redner geben!“ Der Tecualtiche ſchleuderte ihm einen ſchiefen, duckmäuſeri⸗ ſchen Blick zu, in welchem Zorn und Furcht zu leſen waren, und ſetzte ſich wieder zu der Hängematte, in die ſich Lola abermals halb hineingelegt hatte. Die junge Mericanerin nahm nun das Wort und ſprach: „Senor Tecualtiche, und Ihr, Senor Cota, diesmal iſt eine Erklärung nothwendig, und ich bitte Euch um Erlaubniß, dieſe geben zu dürfen. Ich bitteEuch, wollt mich entſchuldigen, wenn ich mit mehr Feſtigkeit ſpreche, als ſich dies vielleicht für ein junges, unſchuldiges Mädchen geziemen dürfte; aber ich glaube, daß die Offenhetzigkeit der Gewaltthat vorzuzie⸗ hen iſt.“ „Jene iſt auch zuweilen gefährlich,“ erwiederte Cota mit kaltem Tone,„doch wir ſind zu Euren Befehlen, wollt Euch erklären.“ „Wenn Ihr Beide zu dieſer Stunde hier ſeid, Caballeros,“ ſprach Lola,„ſo iſt dies nicht aus den von Euch angeführten Gründen der Fall. Ich mußte mich mit der Krankheit des Senor Cota begnügen und an den Ueberdruß glauben, den eine zu glückliche Ader bei Senor Terualtiche zur Folge hatte, ſo lange Ihr in der Rolle einfacher Beſuche verharrtet; nun aber da eine Erklärung nothwendig geworden iſt, muß ich, ehe ich fortfahre, nicht mehr 5%n Vorwand, ſondern die wahre Urſache Eurer Anweſenheit bei mir wiſſen.. „Glaubt Ihr wirklich, Senorita, eine Erklärung ſei ſehr nothwendig?“ ſagte Cota. „Ja, gewiß,“ rief lebhaft der Tecualtiche,„und ich will Euch ſogar das Ermüdende erſparen, Dona Lola. Hört mit zwei Worten, wie ſich die Sache verhält: Don Pedro Cota ſagt, er liebe Euch, und ich liebe Euch wie ein Wahnfinniger. Wir wollten Euch Beide heute dieſe Erklärung machen, und unſere gegenſeitige Eiferſucht hat den Einen wie den Anderen einer Unterredung mit Euch unter vier Augen beraubt. Wählt nun denjenigen von uns Beiden, Dona Lola, der Euch dieſer Gunſt am mindeſten unwürdig zu ſein ſcheint.“ Lola ſchaute Cota an, wie ſie anzuſchauen wußte, wenn 196 ſie einen Mann zu ihren Füßen fallen machen wollte; Cota aber blieb kalt und unempfindlich und ſagte nur zu Tecualtiche: „Ihr habt ſchöne Dinge mit Eurer Erklärung gemacht! wie kann man ſo ſeine Hand ungeſtüm und ohne alle Galanterie anbieten, nicht mehr, nicht minder als ein Lepero oder ein Emporkömmling Die Senorita muß Euch nun nothwendig verachten.“ „Ihr täuſcht Euch, Senor Cota,“ entgegnete Lola, welche vurch eine anbetungswürdige Röthe noch ſchöner wurde;„die Offenherzigkeit, das wiederhole ich Euch, iſt nicht lächerlich, im Gegentheil, ſie iſt eine Tugend in meinen Augen, und ich danke dem Senor Tecualtiche innig für ſein Vertrauen. Ich will es verſuchen, mit nicht weniger Aufrichtigkeit und Unbefangenheit zu antworten. Ein armes verlaſſenes Mädchen, habe ich als ganzes Vermögen und als ganze Habe nur mehe Tugend und meine Ehre, und ich bin nicht bexchtißt nen redlichen Mann zu⸗ rückzuweiſen, der mir ſeinen Namen und ſeine Hand anbietet. Ihr ſeid Beide edle und galante Caballeros; ich weiß es, und Euer doppelter Antrag ehrt mich, aber ich muß Euch geſtehen, Senores, daß, wenn nicht mein Geiſt, doch wenigſtens mein Herz bis heute jedem Vorzug fremd geblieben iſt. Seht nun, was Euch zu thun bleibt.“ „Laut zu geſtehen, daß wir Beide unwürdig find, von Euch geliebt zu werden, und in der Stille zu ſterben,“ ſagte Cota.. hoffe, Eure Reſignation wird nicht ſo tragiſcher Natur ſein,“ erwiederte Lola, indem ſie Cota mit einem ſo 197 unbeſtegbaren Lächeln anſchaute, daß ſich der Mericaner dies⸗ mal des Bebens nicht erwehren konnte. „Nein„nein,“ rief der Tecualtiche,„es bleibt uns, daß wir uns dieſer Liebe ſo würdig machen, als ſich ein Menſch derſelben würdig machen kann, und ſie dadurch zu verdienen, daß wir daran arbeiten, Euch ein reiches und geehrtes Leben, das Leben einer ſpaniſchen Vicekönigin zu bereiten... Oh! müßte ich zwanzig Millionen gewinnen, ehe ich geliebt würde, ich gewänne ſie, Lola... Oh! Ihr werdet ſehen.“ „Die Dankbarkeit, ſagt man, führt zur Liebe, Senor Tecualtiche, und eine Frau, der man ein Schickſal bereiten würde, wie das, von dem Ihr ſprecht, wäre ſchändlich, wenn ſie ſich nicht dankbar zeigte!“ antwortete Lola mit der Miene tiefen Gefühls. „Hört, Senorita,“ ſprach der Tecualtiche, der ſich immer mehr erhitzte,„wollt Ihr etwas Beſſeres thun und die Ent⸗ ſcheidung über Eure Zukunft nicht auf lange Zeit verſchieben? Beſtimmt dem Senor Cota und mir, da ſich der Senor Cota in die Reihe ſtellt, beſtimmt uns eine nahe Friſt, bis zu der Ihr uns zu warten geſtattet. Derjenige von uns, der ſodann reich, mächtig und glücklich zu Euch kommen wird, der ſoll Euer Gatte ſein!“ „Ich danke Euch unendlich für Eure guten Abſichten, Senor Tecualtiche, aber ſie laſſen ſich nicht verwirklichen,“ ſprach Lola mit bewegter Stimme. 7 „Warum dies, Senorita?“ „Aus tauſend Gründen.“ „Tauſend nicht genau angegebene Gründe ſind kaum ſo 198 viel werth, als ein einziger ſchlechter Vorwand; könntet Ihr nicht einen klar ausſprechen?“ „Wahrhaftig, Senor, Ihr treibt mich auf's Aeußerſte und macht mich ganz verwirrt,“ entgegnete Lola verlegen;„was Ihr von mir fordert, iſt ſehr ſchwer zu ſagen, beſonders für ein junges Mädchen, und dennoch muß es ſein..4 „Wenn Euch dies im Geringſten ärgerlich iſt, ſehe ich nicht ein, warum es nothwendig ſein ſollte, Senorita,“ ſagte Cota, deſſen Haltung ganz verändert war, ſeit ſein Nebenbuhler vom Heirathen ſprach. „Ja, ja, es muß ſein, Ihr habt es ſelbſt zugeſtanden, Senorita,“ rief der Tecualtiche,„ſprecht.“ „Nun wohl, Senores,“ ſagte Lola,„da Ihr durchaus einen von meinen tauſend Gründen fordert, ſo wähle ich ohne Mitleid den beſten, und hier iſt er: Ihr wünſcht, daß ich mei⸗ nen Namen gegen den von demjenigen von Euch tauſche, wel⸗ chem es gelingen wird, ſich ein großes Vermögen zu erwerben. Iſt das nicht Euer Vorſchlag, Senores?“ „Ja, Senvrita,“ antwortete der Tecualtiche,„nun?“ „Nun! und wenn es Euch Beiden gelänge?“ fragte Lola, ihre Worte mit einem köſtlichen Lächeln begleitend. „Das iſt meiner Treue wahr,“ erwiederte der Tecualtiche verblüfft,„daran dachte ich nicht. In der That, wenn wir Beide Millionäre würden 4 „Es gäbe nur ein Mittel, Euren Vorſchlag zuläſſig zu machen, Senor Tecualtiche,“ ſprach langſam Lola,„und dieſes Mittel, wenn Ihr Eure Zuflucht dazu nähmet, würde ein ewiger Gewiſſensbiß für mich werden.“„ 199 „Es gibt ein Mittel,“ rief der Tecualtiche vom Stuhl aufſpringend,„es gibt ein Mittel!... So ſprecht doch, ſprecht!“ „Unglücklicher!“ rief Lola mit einer gewiſſen Entrüſtung, „Ihr begreift alſo nicht, daß das einzige Mittel, zu ſiegen, das Euch bleibt, der Untergang Eures Nebenbuhlers iſt?“ „Ah! wie einfach iſt das!“ rief der Tecualtiche:„warum dachte ich denn nicht früher hieran?“ Dann, indem er Cota der ſeine achte Cigarette rauchte, mit einer herausfordernden„ und verächtlichen Miene feſt anſchaute, ſprach der Tecualtiche; „Iſt Eure Seele erhaben genug, Cota, daß Ihr vß Ausforderung annehmet?“ 7 „Theurer Freund, erlaubt mir, Euch zu bemerken duß Ihr mich ſeit einer Stunde immerwährend in Scene bringt; das wird in die Länge peinlich,“ erwiederte Cota. „Das heißt nicht antworten; Ihr habt Furcht.“ „Nein, nein, ich wünſche nur zuvor ein wenig vernünftig zu ſprechen.“ „Ihr habt Furcht!“ wiederholte der Tecualtiche, ſeinen Nebenbuhler unterbrechend. „Albernes Thier!“ murmelte Cota wiſchen den Zähnen. „Ihr habt Furcht!“ rief zum dritten Mal der Tecual⸗ tiche mit ſchallender Stimme. Cota zuckte die Achſeln und erwiederte: „Mein lieber Freund, Ihr habt eine äußerſt monotone Art und Weiſe, die Leute herauszufordern. Ihr ſeid mit viel Energie ausgerüſtet, aber es fehlt Euch weſentlich an Origi⸗ nalität. Ihr habt mir drei Beleidigungen angethan, jede Be⸗ 200 leidigung wird Euch hunderttauſend Franken koſten. Ich nehme dieſe Ausforderung an!“ Nach dieſen Worten ſtand Cota auf, nahm ſeinen Säbel, ſeinen Zarape, wandte ſich gegen den Tecualtiche und fügte bei: „Vorwärts, mein gefährlicher Feind, die Stunde iſt weit vorgerückt, und es wäre ungeziemend von uns, länger zu blei⸗ ben; gehen wir.“ „Nein, nein, Senores, Ihr werdet nicht ſo gehen,“ rief Lola;„gebt mir zuvor die Verſicherung, daß dieſe gehäſſige Aus⸗ forderung nur ein Scherz iſt, und nichts Anderes. Oh! wenn es wahr wäre, würde ich vor Scham und Verzweiflung ſter⸗ ben! Doch Ihr lächelt, Senor Cota, ah! deſto beſſer, dieſe Ausforderung war nur ein Spiel von Eurer Seite?“ „Ich bitte Euch um Verzeihung, Senorita,“ erwiederte Cota,„ich lächle immer nur, wenn ich im Ernſt ſpreche; das iſt eine Spielergewohnheit: die Ausforderung iſt wahr.“ Nach dieſer Antwort verbeugte ſich Cota tief und mit einer Miene voll Anmuth und Freundlichkeit und ging hinaus. Der Tecualtiche folgte ihm ſtillſchweigend. Kaum war die Thüre hinter den beiden Nebenbuhlern geſchloſſen, als Lola wie durch einen Zauber Haltung und Geſicht veränderte. Das Auge glänzend, ſtrahlend, das ganze Weſen zwanglos und ſtolz, ſprang ſie aus ihrer Hängematte und rief mit voller Bruſt athmend: „Endlich!“ Einige Augenblicke genoß die junge Culiacanera voll Be⸗ hagen die Freude ihres Triumphes; dann trat allmälig ein —————— 201 peinlicher, beunruhigender Gedanke an die Stelle dieſer Freude und rief eine Wolke auf ihre Stirne. „Ah! ich bin toll, daß ich mich durch ſo wenig beun⸗ ruhigen laſſe,“ ſagte ſie endlich mit halber Stimme, während ſie mit einer anmuthigen Bewegung des Eigenſinns ihre ſchönen Haare ſchüttelte.„Dieſes Stillſchweigen und dieſe Zurückhal⸗ tung beweiſen ganz einfach, daß Cota, merkwürdig als Spie⸗ ler, nichtig als Weltmann iſt.. Was den Tecualtiche be⸗ tifft Obgleich allein, flüſterte Lola doch kaum das Ende dieſer Bemerkung, aber das ſpöttiſche Lächeln, das in ihrem Geſicht hervortrat, zeigte, welche entſchiedene Anſicht ſie von dem edlen Senor Tecualtiche hatte. Während Lola, dem Zufall dankend, der nach ſo vielen unfruchtbaren Anbetungen und Exaltationen ihr diesmal einen Gatten geben zu wollen ſchien, die beiden Bewerber ſo charak⸗ teriſirte, hatten Cota und der Terualtiche die Thürſchwelle überſchritten und befanden ſich auf der Straße. „Welch ein Engel des Himmels!“ rief der Tecualtiche voll Begeiſterung. „Welch ein anbetungswürdiger Teufel!“— Cota leiſe. „Ich liebe ſie jetzt bis zur Wuth.“ Dann ſich an ſeinen Ne⸗ benbuhler wendend, der in eine tiefe Extaſe verſunken zu ſein ſchien, ſagte er:„Lieber Freund, ich hoffe, unſer Abgang wird einfacher und minder verwickelt ſein, als unſere Ankunft. Ich für meine Perſon lege mich ganz naiv zu Bette.“ „Ah! es iſt wahr,“ ſagte der Tecualtiche,„Ihr müßt mir ſchwören, daß Ihr ſogleich nach Hauſe geht.“ 202 „Mein lieber Freund, das wäre ein unfehlbares Mittel, ungerechten Verdacht in Euch zu erregen, und nach den hef⸗ tigen Gemüthsbewegungen, die Euch heute Abend erfaßt haben, liegt mir daran, daß Ihr die Nacht ruhig hinbringt. Gott befohlen!“ „Gut, auf Wiederſehen!“ ſagte der Tecualtiche,„ich gehe ebenfalls nach Hauſe.“ Die zwei Nebenbuhler grüßten ſich und entfernten ſich in entgegengeſetzter Richtung. Cota hatte noch nicht hundert Schritte gemacht, als er plötzlich ſtehen blieb.„Dieſes Thier von einem Tecualtiche iſt im Stand, wenn ihm das Blut in den Kopf ſteigt, ſich heute Nacht tollen, verwegenen Unternehmungen hinzugeben,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„und das wäre Schade, denn ich fühle ſeit dieſem Abend eine lebhafte Bewunderung für den Dämon Lola.. Wie viel Liſt und Verſchmitztheit!... Sie bietet mir daſſelbe Intereſſe, das mir eine Partie Monte bieten würde.. Welch eine würdige und glorreiche Geliebte für einen Spieler! Caramba!“ fügte Cota bei, der, während er dieſe Betrachtungen anſtellte, wie es jeder Mericaner thut, an welchem Ort er ſich auch befinden mag, mißtrauiſch umhergeſchaut hatte,„Caramba! der Himmel begünſtigt mich, das Wetterdach einer Bude ſteht hier gegen die Straße vor und bietet mir einen vortrefflichen Schutz gegen den Thau der Nacht.“ Nach dieſen Worten breitete Cota ſeinen Zarape an der Wand aus und legte ſich unverzüglich nieder. „Von hier aus überwache ich das Haus,“ ſagte er; dann fügte er, ſeine Beine und Arme nachläßig ſtreckend bei:„Ich 203 liege hier ſehr gut. Der Teufel hole den Wohlanſtand, der mir gebietet, ein Zimmer um drei Piaſter monatlich zu miethen, und mich veranlaßt hat, eine Büffelhaut um zwanzig Reale zu kau⸗ fen. Ah, bah! wenn man reich iſt, muß man ſich in die Re⸗ präſentation fügen.“ Einige Minuten nachher ſchlief Cota, wie die Mexicaner ſchlafen, nämlich ſo, daß ſie den Trab eines Pferdes auf die Entfernung einer Meile hören können. Hundert Schritte davon, auf der andern Seite des Hauſes von Lola, ſchlief der Tecualtiche, am Ende des Trottoir ausge⸗ ſtreckt, einen ähnlichen Schlaf. M. Als der Tecualtiche eine Stunde vor Sonnenaufgang erwachte, hielt er es für geeignet, nach Hauſe zurückzukehren, und ſogleich brachte er ſeinen Entſchluß in Ausführung. Cota, der vor dem Nachtthau durch das Wetterdach geſchützt war, unter das er ſich gelegt hatte, ſchlief eine Stunde länger und öffnete die Augen nur, als die erſten Flammen der Morgen⸗ röthe den Horizont beleuchteten. „Ah, Caramba!“ ſagte er, indem er dieſen lindernden Schwur mit einem furchtbaren Gähnen begleitete,„es war mir hier gar zu behaglich, und ich habe mich vergeſſen. Gehen wir raſch nach Hauſe, ehe man mich erkennen kann.“ Während Cota ſo ſprach, ſchüttelte er lebhaft ſeinen mit Sand überzogenen Zarape, warf einen letzten Blick auf das ſchützende Wetterdach 204 und entfernte ſich in der Richtung nach ſeinem Hauſe. Als er dahin kam, fand er die nach der Straße gehende Thüre weit offen und trat ein. Der Diener Joſe, der gewöhnlich im erſten Zimmer ſchlief, war in dieſem Augenblick nicht da. „Wohin des Teufels kann Joſe ſo früh gegangen ſein?“ ſagte Cota, indem er die Thüre öffnete, die in ſein eigenes Zimmer führte.„Halt, da iſt er!“ Joſe war wirklich im Zimmer ſeines Herren und zwar ganz und gar beſchäftigt, das dreifache Schloß einer eiſernen Kiſte zu ſprengen, in der Cota ſein Geld aufbewahrte. Der beharrliche Eifer und die glühende Aufmerkſamkeit, womit er bei ſeiner Arbeit zu Werke ging, nahmen ihn dergeſtalt in Anſpruch, daß er den Eintritt von Cota gar nicht bemerkte, und daß dieſer ihm zweimal rufen mußte, ehe er geſehen wurde. „Ah! Ihr ſeid es, Herr!“ ſagte Joſe, ſeine Arbeit unterbrechend. „Was machſt Du da, Schurke?“ „Teufel! dieſe Frage kommt mir ſehr naiv vor,“ erwie⸗ derte Joſe mit gleichgültigem Tone;„Ihr ſeht wohl, ich ver⸗ ſuchte es, Eure Kaſſe zu ſprengen.“ „Was willſt Du, Joſe?“ ſagte Cota lachend,„ich bin überzeugt, daß es nicht Dein Fehler iſt, und daß Du Dein Möglichſtes gethan haſt.... die Schlöſſer waren nur zu ſolid.“ „Ja, ſprecht von Euren berfluchten Schlöſſern,“ erwiederte Joſe verdrießlich,„ſie haben mir zwei Hartmeißel abgebrochen. 205 Mißfällt Euch übrigens mein ungezwungenes Weſen, ſo ſteht es Euch frei, mich aus Eurem Dienſt wegzuſchicken.“ „Wenn ich Dir Lohn bezahlen würde, Joſe, ſo ich mich über dieſes ungezwungene Weſen ärgern, da ich Dir 8 aber im Spiel zwei Monate von Deiner Zeit abgewonnen habe und Du mich nichts koſteſt, ſo behalte ich Dich.“ „So ſind die Emporkömmlinge,“ murmelte Joſe zwiſchen den Zähnen,„ſelbſtſüchtig und undankbar!“ „Höre übrigens, Joſe,“ ſagte Cota, nachdem er einen Augenblick nachgedacht hatte,„es hängt von Dir ab, wenig⸗ ſtens theilweiſe Deine Niederlage von dieſer Nacht wieder gut zu machen; ich kann Dich hundert Piaſter gewinnen laſſen.“ „Unmöglich!“ „Wie! unmöglich?“ „Wenn hundert Piaſter zu gewinnen wären, ſo würdet Ihr das für Euch ſelbſt beſorgen, ſtatt an mich zu denken.“ „Ich kann es nicht für mich thun.“ „Dann iſt es etwas Anderes... ſprecht.“ „Verſtehſt Du gut mit dem Meſſer zu ſpielen?“ „Bei Gott!“ erwiederte Joſe beſcheiden,„es iſt nicht ſchön, ſich ſelbſt zu rühmen, aber ich bin bekannt.“ „Biſt Du ſicher, einen Menſchen mit dem erſten Streich zu tödten, ohne daß Du ihm Zeit läſſeſt, einen Schrei aus⸗ zuſtoßen oder einen Namen auszuſprechen?“ „Je nachdem: iſt er muthig und gewarnt, ſo wird dies unausführbar; iſt er feig und auf ſeiner Hut, ſo iſt es ſchwierig Ueberfällt man ihn aber, ſo läßt es ſich leicht machen. Ich 206 1 wiederhole, man ſoll ſich nie rühmen, doch ich bin dafür be⸗ kannt, daß ich zu überrumpeln weiß.“ 7 „Immer beſſer... ich ſehe, wir ſind nahe daran, uns zu verſtändigen... Aber was Teufels haſt Du denn ſo hart⸗ näckig meinen Hut anzuſchauen, während ich von Geſchäften ſpreche?“ „Ich ſchaue nicht Euren Hut an, Senor, ſondern die Toquilla, die ihn umgibt. Ich habe immer eine Vorliebe für dieſe Toquilla gehabt... Iſt ſie von Gold?“ „Gewiß, aber...4 „Von welchem Gehalt, Senor?“ „Vier und zwanzig Karat. Unterbrich mich doch nicht mit ſo albernen Fragen.“ „Ehe ich Euch anhöre, erlaubt mir zwei Worte beizu⸗ fügen. Wenn mir der Handel von hundert Piaſtern, den mir Eure Herrlichkeit vorſchlägt, auch zuſagen würde, ſo erkläre ich doch, daß ich ihn nichtsdeſtoweniger nur unter der Bedingung annehme, daß Ihr den verſprochenen hundert Piaſtern das Geſchenk Eurer Toquilla beifügt. Iſt das abgemacht?“ „Ich willige ein; doch laß mich im Frieden fortfahren; ich liebe es, die Geſchäfte ehrlich und rund abzumachen, ohne Hintergedanken und ohne Umſchweife, und ich habe nur noch einige Worte zu ſagen. Du kennſt den Tecualtiche, den in⸗ dianiſchen Emporkömmling?“ „Den man mit Euch zu vergleichen wagt, obgleich er mir nicht mein Pferd abgewonnen hat.“ „Nun wohl! an ihm ſollſt Du Deine Geſchicklichkeit ent⸗ wickeln.“ 207 „Ah! Teufel, es handelt ſich um den Tecualtiche!“ er⸗ wiederte Joſe, indem er ſich mit verlegener Miene hinter dem Ohre kratzte. „Macht er Dir Angſt?“ „Es iſt wohl ſo, da ich ihn überfallen ſoll.“ „Was fürchteſt Du denn?“ „Den Alcade, Senor, den Alcade, und nach dem Alcade den Juez de letras.*) „Glaubſt Du, ſie werden ſich ein Vergnügen daraus machen, Dich zu verfolgen?“ „Sicherlich. Ich ſehe, daß ſich Eure Herrlichkeit nicht auf dergleichen Angelegenheiten verſteht. Hört, was in dieſem Fall ſtattfände: der Alcade finge zuerſt damit an, daß er den Nachlaß des Tecualtiche liquidiren würde... Dieſe Liqui⸗ dationen dauern ſo lange, als die Alcaden, welche damit be⸗ auftragt ſind.. das iſt bekannt... Dann würde der Alcade, um die öffentliche Aufmerkſamkeit ein wenig von dieſer Liquidation abzulenken, mich verfolgen, berhaften und in's Gefängniß werfen laſſen.“ „Ein großes Unglück! Du würdeſt vierzehn Tage darin bleiben!“ „Vierzehn Tage!„ geht doch... vierundzwanzig Stunden, das iſt die Tare: nur würde mich dieſer liebe Alcade nach den vierundzwanzig Stunden zu ſich rufen und zu mir ſagen:„„Mein Junge, ich will eine Frage an Dich richten; *) Criminalrichter. 208 wenn es Dir gleichgültig iſt, vb Du erſchoſſen wirſt, ſo ſteht es Dir frei, mir mit einer Lüge zu antworten. Wie viel hat man Dir für Deine Ermordung des Tecualtiche bezahlt?““ „„Fünfzig Piaſter, Herr Alcade.““ „„Das iſt mehr, als er hinterlaſſen hat,““ wird er mit einem Seufzer erwiedern.„„Nun, mein Junge, da das Ver⸗ brechen keinen Vortheil bringen kann, ſo wirſt Du mir dieſe fünfzig Piaſter geben, die ich dazu anwenden will, daß ich Meſſen für die Ruhe ſeiner Seele leſen laſſe. Ich verzeihe Dir diesmal und rathe Dir, um jedes Aergerniß zu vermeiden, Dein Verbrechen zu leugnen. Gib Deine fünfzig Thaler. Sehr gut... Gott befohlen!““ Ihr glaubt vielleicht, Senor Cota, ich werde dann frei ſein. Ihr täuſcht Euch: vor der Thüre des Alcade finde ich drei bis vier Dragoner, die mir ihnen zum Juez de letras zu folgen befehlen:„„Du kommſt vom Alcade,““ wird dieſer Veamte zu mir ſagen;„„wie viel hat er von Dir verlangt?““—„„Fünfzig Piaſter.““—„„Du biſt mir alſo hundert Piaſter ſchuldig.““—„„Wie, hundert Piaſter, Senor Juez?““—„„Gewiß, hundert Piaſter. Das iſt das Wenigſte, was man mir bezahlt, mir, der ich unantaſtbarer Beamter und von der Regierung ernannt bin, das Doppelte folglich von einem Alcade, der nur einfacher Vermittelungs⸗ richter iſt. Wenn Du übrigens lieber erſchoſſen werden willſt?““ —„„Mein würdiger Juez de letras, hier ſind Eure hundert Piaſter.““— Und das Reſultat von dem Allem wäre, daß ich, außer meiner Arbeit und meinem Gewerbsfleiß, einen Verluſt von hundert Piaſtern von meinem eigenen Geld hätte.“. 209 „Das heißt, Joſe, Du nöchteſt gern zwei hundert Piaſter haben?“ ſagte Cota. „Mein Gott, Senor, ich würde dieſe Summe annehmen, um Euch gefällig zu ſein; denn ſeht Ihr, ſie deckt kaum meine Auslagen.“ Cota blieb einige Augenblicke nachdenkend. „Zwei hundert Piaſter! zwei hundert Piaſter! Du ſprichſt von dieſer Summe, als ob es nur eine Bagatelle wäre,“ ſagte er;„das iſt ein Vermögen! Im Ganzen iſt die Sache nicht ſo dringlich, daß ich abſchließen müßte, ohne zu über⸗ legen; ſie kann ſogar ein ganz anderes Geſicht bekommen. Es iſt gut, Joſe, ich werde es mir bedenken und Dir meinen Entſchluß ſpäter zu wiſſen thun. Hole mir meine Cho⸗ colade.“ „Es iſt aber doch ein wahrhaft guter Handel für Euch, Senor, eine vortreffliche Gelegenheit. Doch reden wir nicht mehr davon. Ich will Euch Eure Chocolade holen.“ „Wie! ſie iſt nicht bereit?“ „Wann hätte ich denn Zeit gehabt, mich damit zu be⸗ ſchäftigen, da ich bis zu dieſem Augenblick durch meine Arbeit an Euren verfluchten Schlöſſern aufgehalten worden bin?“ „Es iſt wahr, ich vergaß das. Beeile Dich.“ „So ſind die Herren!“ murmelte Joſe, während er ſehr übler Laune wegging.„Man iſt mit Geſchäften überladen, und ſie nehmen keine Rückſicht darauf; wenn man ſie hörte, müßte man Alles zu gleicher Zeit thun.“ Als Cota allein war, ging er mit gedankenvoller Miene im Zimmer auf und ab. Der Erzähler 1848. n. 14 210 „Welch eine wunderbare Natur!“ ſagte er;„wie viel Verkehrtheit und Schönheit! welche glückliche Vereinigung von Verführeriſchem und Laſterhaftem! Zwei hundert Piaſter! zwei hundert Piaſter! Das iſt im Ganzen nicht zu theuer! Ich glaube jedoch, ich hätte Unrecht! Sie will vor Allem eine Lebensſtellung, eine Lage, das ſehe ich, und der Tod des Tecualtiche könnte mir nur ſchaden; ſie würde mir mit der Heirath auf den Leib rücken.“ Bei dieſer Stelle ſeines Geſpräches beſchleunigte Cota ſeinen Marſch; ſeine Augen waren glänzend; auf ſeiner Stirne zogen ſich tiefe Furchen. „Ich gäbe zehn tauſend Piaſter, um zu ſiegen“ mur⸗ melte er durch ſeine an einander gepreßte Zähne. In dieſem Augenblick bemerkte er den Reſt einer mageren gelben Kerze, welche an der Wand befeſtigt, wie dies beinahe in allen Häuſern in Mexico gebräuchlich iſt, brannte. „Verfluchter Joſe!“ rief er voll Zorn,„dieſer Menſch wird mich noch zu Grunde richten, wenn ich ihn machen laſſe.“ Und er löſchte raſch die Kerze aus. Es findet ſich im Mexicaner eine unglaubliche Miſchung von äußerem Gepränge, von Hochmuth, von ſchmutzigem Geiz und Verſchwendung; ganz aus Contraſten beſtehend, ent⸗ zieht ſich ſeine Natur dem Studium und der Analyſe in Folge ſeiner ungemein großen Beweglichkeit, die ihn ſelten unter einem und demſelben Geſicht erblicken läßt. Es gibt nur ein Nittel, den Mericaner zu beſchreiben; man muß ihn in Scene bringen und handeln laſſen. Nachdem Cota die kleine Taſſe Chocolade, die ihm Joſe brachte, getrunken und dieſem die geeigneten Vorwürfe dar⸗ — 211 über, daß er eine ganze Kerze verbraucht, gemacht hatte, nahm er ſeinen Hut und ſchickte ſich an, abermals auszu⸗ gehen. „Nimm, Joſe,“ ſagte er, etwas kleine Münze auf den Tiſch werfend,„das iſt für Deine Nahrung heute.“ „Sechs Reale!“ berſetzte Joſe erſtaunt über dieſe uner⸗ wartete Freigebigkeit,„ſechs Reale! Ah! ich wollte wetten, es müſſen ſeltſame Dinge vorgehen; mein Herr weiß nicht mehr, was er thut: deſto beſſer, das wird mich zerſtreuen.“ Der brabe Joſe nahm, während er dieſen kurzen Mo⸗ nolog murmelte, kluger Weiſe die ſechs Reale vom Tiſch, doch bald zog eine Wolke über ſeine Stirne hin. „Teufel von einem Cota!“ ſagte er,„er iſt im Gegen⸗ theil bei vollem Bewußtſein, und ich bin ein unſchuldiges Thier; ſtatt zweier guter Reale, die er mir gewöhnlich be⸗ zahlt, hat er mir heute allerdings ſechs gegeben, aber ſie ſind falſch.“ Joſe ſchaute nun aufmerkſam die Geldſtücke an, deren Falſchheit er ſchon durch ſeinen geübten Taſtfinn erkannt hatte, und ein verächtliches Lächeln trat auf ſeinem Geſichte hervor. „Kann man ſo ſchlecht falſche Münze machen!“ ſagte er mit Geringſchätzung;„das iſt ſchmählich. Ohne mich zu zu rühmen, verfertigte ich Münze, die dieſer weit vorzuziehen, als ich kaum zwölf Jahre alt war, und Gott weiß, ob ich ſeitdem Fortſchritte gemacht habe. Die Erziehung nimmt offenbar von Tag zu Tag immer mehr ab. Im Ganzen hat mich mein lieber Herr nur halb getäuſcht, denn ich kenne auf der Plaza einen braben Gaſtwirth, der Zutrauen zu mir hat 212 und mir Credit gibt; ich werde ihm leicht dieſe traurige Münze beibringen.“ Joſe ſchickte ſich nun an, ebenfalls auszugehen. Da er keinen Hut hatte, ſo nahm er ein Cota gehöriges Foulard und umwickelte ſich damit den Kopf ſo zierlich, als er konnte; dann ſteckte er zu Erhöhung ſeiner Toilette in ſeinen Gürtel ein ſehr ſcharfes und ſehr ſpitziges Küchenmeſſer und ging, nachdem er alle Thüren ſorgfältig geſchloſſen hatte, auf die Straße hinab, wobei er ſich auf eine ſehr galante Art wiegte, welche bewies, daß er mit ſeiner Perſon und ſeinem Anzug entfernt nicht unzufrieden war. Laſſen wir Joſe und begeben wir uns zu Cota. Der König der Coſaltecos⸗Spieler hielt nach einem Marſch von zehn Minuten vor der Thüre von einem der ſchönſten Häuſer der Stadt an und ſchien unentſchloſſen, ob er eintreten oder nicht eintreten ſollte. Seine Unentſchiedenheit währte indeſſen nicht lange, denn nach einigen Augenblicken klopfte er mit dem Griff ſeines Säbels an die Thüre. „Iſt Dein Herr ſichtbar?“ ſagte er zu dem Indianer, der ihm öffnete. „Je nachdem, Herrlichkeit,“ antwortete ihm dieſer;„es iſt ſchon ein Caballero in ſeinem Cabinet, und ich glaube ſogar, daß ſie über Geſchäfte mit einander ſprechen.“ Cota dachte einen Augenblick nach und fragte dann, ſich abermals an den Bedienten wendend: „Iſt dieſer Caballero nicht der Tecualtiche?“ „Er ſelbſt, Senor.“ — 213 „Ganz richtig, ich habe mich hier mit ihm zuſammen⸗ beſchieden, laß mich alſo hinein.“ Cota trat ſogleich ein; nachdem er raſch und wie ein Menſch, der des Hauſes Gelegenheit kennt, zwei Zimmer durch⸗ ſchritten hatte, drückte er an einer Thüre bon Cedernholz und trat in ein Gemach, deſſen Wände mit Chriſtusbildern aus Elfenbein und Buchs geſchnitten, mit blanken Waffen und Feuergewehren, mit Sporen, Cuartgs oder Reitpeitſchen, mit biegſamen Lazos, mit Portraits von heiligen Männern und Frauen, und endlich mit naiv erotiſchen, um nicht zu ſagen ganz obſcönen, Bildern überladen waren. Zwei Männer ſaßen in dieſem Zimmer an einem Tiſch von rohem Acajouholz: der Terualtiche, wie dies ſchon der Bediente gemeldet hatte, und der Herr des Hauſes, der ehr⸗ würdige und duldſame Pfarrer Don Ignacio*8*. Auf dem Tiſch ſtanden zwei ungeheure Gläſer Branntwein, neben den Gläſern lagen fünf Rollen Piaſter, jede aus zwanzig Piaſtern beſtehend. Die Erſcheinung von Cota brachte eine ganz ver⸗ ſchiedenartige Wirkung auf den väterlichen Ignacio und auf den rauhborſtigen Tecualtiche hervor. Der Erſte lächelte freund⸗ lich, der Zweite zog unwillkührlich ſeine dicken Augenbrauen zuſammen. Unempfindlich und ſtets ſeiner Herr, erwiederte Cota dieſe verſchiedenartige Aufnahme mit einem und dem⸗ ſelben anmuthigen Lächeln. „Meiner Treue,“ ſprach er, zuerſt das Wort ergreifend, vich muß anerkennen, daß mein Tag unter ſehr glücklichen Auſpicien beginnt, ich treffe meine zwei beſten Freunde bei⸗ ſammen.“ 214 . „Ich kann daſſelbe ſagen, Senor Cota,“ erwiederte Ignacio**, während er ein drittes Glas mit Branntwein füllte;„doch welchem glücklichen Umſtand darf ich Euren Be⸗ ſuch zuſchreiben?“ „Mein Gott! theurer und ehrwürdiger Padre, Eurem bekannten Wohlwollen, das ich in Contribution zu ſetzen ge⸗ denke.“ „Ich brauche Euch nicht zu wiederholen, Caballero, daß meine Perſon und mein Vermögen ganz zu Eurer Verfügung ſtehen, Ihr wißt das ſchon. Sprecht, womit kann ich Euch dienen?“ „Damit, daß Ihr gefälligſt dieſe zehn Unzen annehmt und jenem Geld beifügt,“ antwortete Cota. Und er zog in der That zehn Unzen Gold aus ſeiner Taſche und legte ſie neben die hundert neuen Piaſter, welche ſchon auf dem Tiſch waren. „Ah! ah!“ ſagte der vortreffliche Ignaciv, deſſen Augen beim Anblick des Goldes glänzten,„daran erkenne ich Euch, Senor Cota; freigebig mit Zartgefühl, großmüthig mit Geiſt; ich nehme Eure Gabe an.“„ 5 Don Ignacio fügte dann bei: „Ihr errathet ohne Zweifel, wie mir dies Euer Beneh⸗ men beweiſt, zu welchem Zweck dieſes Geld beſtimmt iſt?“ „Zu Unterſtützung der Armen, frommer Vater,“ er⸗ wiederte Cota. „So iſt es, für die Armen!“ wiederholte Ignacio voll Salbung. Während der Dauer dieſes Zweigeſprächs hatte der Te⸗ 215 cualtiche ſeine üble Laune durch mehrere ungeſtüme Bewegungen kundgegeben. Als Cota die Unzen aus ſeiner Taſche zog, ſprang er ſogar unwillkührlich auf und murmelte zwiſchen den Zähnen: „Zehn Unzen, und ich habe nur hundert Piaſter ge⸗ geben!... dieſer Cota wird dieſelbe Gunſt erhalten, wie die, welche man mir bewilligt hat; verflucht ſei der Tag, da er das Licht der Welt erblickt, denn dieſer Menſch iſt zu meinem Unglück geboren!“ Während ſich der Tecualtiche dieſem gehäſſigen Beiſeit⸗ geſpräch überließ, bot der ehrwürdige Don Ignacio, um die Großmuth von Cota anzuerkennen, dieſem mit dem gehörigen Nachdruck eine Taſſe Chocolade an und. guf ſeine Wei⸗ gerung, ſein Etui, deſſen er ſich bemächtigt hatte, mit vor⸗ geblichen Havannah⸗Cigarren. Seinen Hut in der Hand, ſchien Cota im Begriff, wieder wegzugehen. „Sollte ich mich getäuſcht haben?“ ſagte der Tecualtiche zu ſich ſelbſt,„ſollte ſich Cota zum erſten Mal in ſeinem. Leben von mir zuvorkommen laſſen?“ Die Hoffnungen des Indianers ſchienen ſich zu verwirk⸗ lichen, denn, nachdem er den Pfarrer Ignacio, dem Gebrauche gemäß, umarmt hatte, grüßte Cota den Tecualtiche mit ernſtem Geſicht, zog die Ausgangsthüre an ſich und ſchritt über die Schwelle. Der Tecualtiche athmete freier.„Er vermuthet nichts,“ murmelte der Tecualtiche. „Auf Wiederſehen, mein vielgeliebter Sohn,“ rief Ig⸗ 216 nacio**,„vergeßt nicht, daß ich ſtets zu Euren Dienſten bin und ſein werde.“ „Meiner Trene, mein Vater,“ ſprach Cota zurück⸗ kehrend,„dieſe Worte erinnern mich daran, daß ich Euch wirklich um eine Gefälligkeit zu bitten habe.“ „Sie iſt bewilligt, mein theurer Sohn, erklärt Euch.“ „Oh! es iſt nur wenig; ich wünſchte eine Dispenſation zu haben, die mich eintretenden Falles von allen vorhergehen⸗ den Förmlichkeiten frei ſprechen und mir erlauben würde, in vier und zwanzig Stunden zu heirathen.“ Dieſes Geſuch ſchien den guten Pfarrer ungeme in in Verlegenheit zu ſetzen. „Wenn es Euch indeſſen unangenehm wäre?“ fügte Cota bei. „Keineswegs, mein theurer Sohn,“ erwiederte Ignacio zögernd. „Und Euer Verſprechen, mein Vater!“ rief raſch der Tecualtiche.„Habt Ihr mir nicht geſchworen, Ihr würdet von heute an in vierzehn Tagen keiner andern Perſon, als mir, eine ſolche Dispenſation geben?“ „Ah! wenn Ihr dieſes Verſprechen geleiſtet habt, viel⸗ geliebter Padre, dann beſtehe ich nicht ferner auf meiner Bitte,“ ſagte Cota, indem er den Kopf ſchüttelte und die auf dem Tiſch aufgehäuften hundert neuen Piaſter be⸗ trachtete. „Ja, Caballero, ich hatte das verſprochen,“ erwiederte Ignacio, der dem Blick von Cota folgend abermals die zehn Unzen Gold bemerkt hatte,„aber gern will ich anerkennen, 217 daß ich Unrecht gehabt habe, denn die Religion ſagt, alle Menſchen ſeien gleich und Brüder; was man aber für den Einen thut, muß man auch für den Andern thun.“ Nach dieſer Erklärung nahm der Pfarrer Ignacio aus einer Tiſchſchublade Feder und Papier und ſchrieb raſch die von Cota verlangte Dispenſation. „Hier,“ ſagte er, indem er ſie ihm übergab,„habt Vertrauen, ſie iſt in Ordnung.“ „Ich danke, vortrefflicher Padre!“ antwortete Cota. Dann ſich gegen den Tecualtiche umwendend, fügte er bei: „Senor Tecualtiche, das Spiel iſt nun eröffnet... wann die Schlacht?“ „Dieſen Abend, wenn Ihr es wagt,“ erwiederte der Indianer ganz wüthend. „Dieſen Abend, abgemacht,“ wiederholte Cota und ging weg. „Nehmt Euch in Acht, dieſer Menſch iſt ſehr ſtark!“ ſagte Ignacio zum Teeualtiche,„ich möchte lieber zwei von meinen Collegen zu Feinden haben, als ihn allein.“ .. ⸗....—. Von meinem Freunde„Herrn Alerandre S., erfuhr ich, wenigſtens theilweiſe, die hier von mir geſchilderte Scene, denn als ein gewandter Mann hatte der Pfarrer Ignacio nicht ver⸗ fehlt, ſobald Cota und der Tecualtiche von ihm weggegangen waren, in der ganzen Stadt die Kunde von der Rivalität der zwei Spieler zu verbreiten. Dieſe Rivalität und die Aus⸗ forderung, welche eine Folge davon war, bildeten in der That 218 einen herrlichen Proſpectus für ſeine Abendunterhaltung lbeim Monte. „Ich hoffe, Sie werden es nicht verſäumen, dieſem ſelt⸗ ſamen Duell beizuwohnen?“ fragte mich Herr Alexandre S. „Gewiß, und ich rechne darauf, daß Sie mich be⸗ gleiten.“ „Sehr dern Nachdem die Oration oder der Angelus gliutet war, wan⸗ derten wir, mein Freund und ich, nach dem Hauſe des Pfarrers Ignacio. Es war eine ungeheure Menge von Menſchen in dem Saal verſammelt, in welchem gewöhnlich Monte geſpielt wurde; nicht eine einzige, auch nur ein wenig ausgezeichnete Perſon von Coſala fehlte, und dennoch herrſchte unter dieſer gedrängten Maſſe ein tiefes Stillſchweigen. Seine langen ge⸗ lockten Haare zurückgeworfen, das Geſicht belebt, das Auge glänzend, ſtellte der Tecualtiche das Bild der Ausforderung dar, während Cota, ſtets kalt und zurückhaltend, aber mit freundlicher, ſicherer Miene in ſich, wenn nicht die Reſignation, doch wenigſtens das Verhängniß perſonificirte. In einem der dunkelſten Winkel des Saales ſuchte ſich Lola der allgemeinen Neugierde zu entziehen; aber ihre Kleidung war ſo geſchmackvoll, ihre Schönheit ſo ſtrahlend und die Rolle, die ſie bei dieſem originellen Drama ſpielte, ſo wichtig, daß ſich beinahe alle Blicke ihr zuwendeten. Bald begann jedoch die allgemeine Partie, ohne daß eine einzige Anſpielung von einem der Zuſchauer gemacht wurde. Iſt der Mexicaner von großer Unwiſſenheit im Punkte der Redlichkeit, ſo beſitzt —— 219 er dagegen doch in hohem Grad die ſo ſchwierige Wiſſenſchaft der Lebensart und des Wohlanſtands. „Ich habe nie hier ſo viel Menſchen und ſo wenig Spieler geſehen,“ ſagte der Tecualtiche, als die erſte Taille beendigt war.„Beliebt es Euch, Senor Cota, daß wir ein wenig gegen einander ſpielen? das wird die Partie beleben.“ „Ihr wißt, theurer Caballero und Freund, daß ich ſtets zu Euren Befehlen bin,“ antwortete Cota;„aber damit wir gegen einander ſpielen könnten, müßte Einer von uns Beiden die Bank halten!“ „Ich übernehme das, Senor Cota,“ erwiederte der Te⸗ eualtiche,„mein Ausſatz beträgt fünfzig tauſend Piaſter, mein ganzes Vermögen; iſt das Euch genehm?“ „Wahrhaftig, ein ſehr ſchöner Ausſatz!“ ſagte Cota; „doch die Karten ſcheinen mir zu alt, um noch zu dienen.“ „Senor Cota,“ rief alsbald der Pfarrer Ignacio,„ich kann Euch mein heiliges Ehrenwort geben, daß dieſe Karten nie aus meinem Hauſe gekommen ſind.“. „Ich verlaſſe mich auf Euch, ehrwürdigſter Vater; überdies müſſen zu dieſer Stunde alle Magazine geſchloſſen ſein.“ „Ach! ja, alle.“ „Nun wohl, ſo werden wir uns mit dieſen Karten be⸗ gnügen.„„Alte Klingen, gute Wunden!““ ſagt ein eaſtilianiſches Sprüchwort. Ich bin bereit, beleben wir alſo die Partie!“ Der Tecualtiche nahm ſogleich den Platz des Banquier auf ſeinem hohen Stuhl ein und ergriff ein Päckchen Karten. Obgleich jede Bruſt beklommen war, herrſchte doch im 220 Saal ein tiefes Stillſchweigen, ähnlich dem, welches in den großen Einöden der Prairie und der Savanen herrſcht. Lola hatte ihren dunkeln Platz verlaſſen und ſchaute mit einer Angſt, welche ſtärker war, als ihr Wille und ihre Ver⸗ ſtellungsgabe, nach dem grünen Teppich, dieſem furchtbaren Kampfplatz, auf dem die Schlacht geliefert werden ſollte, deren Preis ihre Hand war. Ich muß geſtehen, daß die beſcheidene, um nicht zu ſagen demüthige, Haltung von Cota im Vergleich mit der ſtolzen Sicherheit, die ſein Rival zeigte, alle meine Sympathien für den Mexicaner erregte, und daß ich nicht ohne ein gewiſſes Herzklopfen den Indianer das erſte Paquet Karten miſchen ſah. Ich wandte mich gegen meinen Freund, Herrn Alexandre S., um, in der Abſicht, ihm meine Gemüthsbewegung mitzu⸗ theilen, und fand ihn gerade eben ſo unruhig und bewegt, als ich es ſelbſt war. „Mein lieber Freund,“ ſagte ich zu ihm mit leiſer Stimme, „Ihre Bläſſe belehrt mich, daß ich Ihnen das Geſtändniß der unerklärlichen und lächerlichen Furcht, die ich empfinde, ma⸗ chen kann. Dieſer Cota und dieſer Teeualtiche ſind, wie ich weiß, zwei Burſche, welche weder Mitleid, noch Theilnahme verdienen, und dennoch ergreift mich die Partie, die ſie ſpielen wollen, eben ſo ſehr, als ob ich bei ihren Einſätzen zur Hälfte betheiligt wäre.“ „Oh! oh! und ich, mein Puls ſchlägt zwei hundertmal in der Minute. Gott weiß aber, daß dieſe Abenteurer meine ſchlechteſten Kunden ſind. Sehen Sie übrigens die Mericaner um uns her an; ſie theilen alle dieſelbe Bewegung, die wir 221 empfinden, und doch iſt nicht ein Einziger unter ihnen, der nicht wiederholt auf eine Karte für ſeine eigene Rechnung ſein ganzes Vermögen geſetzt hat. Die Originalität ergreift immer.“ In dieſem Augenblick warf der Teeualtiche zwei Karten auf den Teppich und wartete auf die Sätze der Spieler; nicht ein Ponte zeigte ſich. „Zehn tauſend Piaſter auf den siete de oro,“ ſagte Cota unter dem allgemeinen Stillſchweigen, während er einen traurigen, ſterbenden Blick zum Himmel erhob. „Meiner Treue,“ flüſterte ich meinem Freund Alexandre S. zu,„ich will eine Cigarette vor der Hausthüre rauchen und komme in einigen Minuten zurück, wenn die Partie in vollem Gang iſt; die Erwartung des erſten Schuſſes iſt ſtets für die Zeugen das Peinlichſte bei einem Duell.“ Hienach ſchlich ich geräuſchlos bis zur Thüre, öffnete ſie ſachte und eilte nach der Straße. Ein kalter Schweiß perlte auf meiner Stirne. Als meine Cigarette geraucht und die fünf Minuten vorüber waren, kehrte ich zum Pfarrer Ignacio zurück; die Karten lagen durch einander auf dem Tiſch, die Partie hatte aufgehört. „Nun?“ fragte ich meinen Freund Herrn Alexandre, den ich bleicher fand, als ich ihn verlaſſen hatte. „Es iſt vorbei,“ erwiederte er. „Wie, vorbei? Sollten Cota und der S bange bekommen haben?“ „Bange!“ wiederholte Herr Alerandre S. ganz erſtaunt, 222 „gehen Sie doch! Sie haben allerdings nur fünf Coups ge⸗ ſpielt, aber jeder Coup hat zehn tauſend Piaſter oder fünfzig tauſend Franken betragen.“ „Iſt es möglich!“ „Und der Tecualtiche hat fünfmal gewonnen! das iſt für Cota ein Unterſchied von fünfmal hundert tauſend Franken. Ich zittere noch vor Aufregung. Man wird nie an die Wahr⸗ heit dieſer Geſchichte glauben wollen, wenn ich ſie in der Rue des Bourdonnais erzähle.“ Nachdem ich dieſe paar Worte mit Herrn Alerandre geſprochen hatte, war es meine erſte Sorge, mit dem Blick die zwei Nebenbuhler aufzuſuchen. Die Folgen ihres ſonder⸗ baren Zweikampfs waren eben ſo raſch geweſen, als der Zwei⸗ kampf ſelbſt, denn ich ſah Lola am Arm des Tecualtiche hängen, der ſie mit Augen glänzend von Leidenſchaft an⸗ ſchaute und ſeine dicken Lippen ihrem kleinen, zarten Ohr näherte, um leiſe mit ihr zu reden. Lola lächelte ihm ſanft zu. Auf der entgegengeſetzten Seite des Saales perorirte Cota unter einer Gruppe von Bergwerkbeſitzern; er erzählte ihnen, ie er der unglücklichſte Menſch ſei, weil er einen Schelm von einem Bedienten habe, deſſen Trägheit er ſehr freigebig mit anderthalb Unzen monatlich bezahle, was den genannten Schurken nicht abhalte, ihn auf eine ſchändliche Weiſe beim Einkauf von Chocolade, eingeſalzenem Fleiſch und Lichtern zu betrügen. Von der Partie aber, die er verloren, nicht ein Wort. Von allen Zuſchauern nachgeahmt, wurde dieſe Zu⸗ rückhaltung indeſſen vom Tecualtiche nicht beobachtet, denn bald 223 hörte man ihn mit ſeiner ſtarken Stimme alle Einzelngeſpräche über ſchreien. „Caballeros,“ rief er,„ich habe die Ehre, Euch Alle auf morgen zu meiner Hochzeit einzuladen; ich heirathe die Senorita Dona Lola... Senor Cota,“ fügte höhniſch der Tecualtiche bei, den ſein Sieg berauſchte,„da Ihr zu meiner Heirath beigetragen habt, ſo iſt es nur recht und billig, daß Euch der Platz eines Brautführers vorbehalten bleibt. Nehmt Ihr es an?“ „Es wird mir zum Glück gereichen, theurer Caballero und Freund!“ erwiederte Cota mit lächelnden Lippen, indem er ſich ſehr artig verbeugte. Einige Augenblicke ſpäter nahmen alle Spieler Abſchied vom ehrwürdigen Pfarrer Ignacio; denn Jeder wünſchte frei und abgeſondert ſich über dieſe ernſten Ereigniſſe unterreden zu können. Lola erblickte, als ſie wegging, unbeweglich bei der Thüre Cota, der ſein allerwohlwollendſtes Lächeln an ſie richtete. Die junge Culiac anera fühlte, wie ſie erröthete, und wandte erſchrocken die Augen ab. Der Tecualtiche aber war ſtolz wie Ajar und gab ſich nicht einmal die Mühe, ſein Glück zu verbergen. „Nun?“ ſagte ich zum ehrwürdigen Pfarrer Ignacio, der ſich eine Cigarette von mir erbat,„dies Alles ſcheint mir beendigt; was denkt Ihr davon?... Ich muß geſtehen, daß ich eine beſſere Meinung von Cota hatte, und daß ich auf eine andere Entwickelung zählte.“ „Der Senor Cota iſt ein ſehr feiner Caballero, und ein . 224 ſehr großer Geiſt,“ antwortete mir der Pfarrer Ignacio;„und dann,“ fügte er mit zweifelhafter Miene den Kopf ſchüttelnd bei,„wollt Ihr meine Anſicht wiſſen?“ Der Pfarrer Ignacio näherte ſeinen Mund meinem Ohr und ſagte ſo leiſe, daß ich Mühe hatte, ihn zu verſtehen: „Meine Anſicht iſt, daß wir bei dieſem Drama erſt beim Anfang vom Ende ſind.“ W Am andern Tag nach den von uns erzählten Ereigniſſen trat der Diener Joſe gegen ſieben Uhr Morgens in das Zim⸗ mer ſeines Herrn ein. Cota ſchien in tiefen Schlaf verſunken zu ſein, doch kaum hatte der treue Joſe einige Schritte ge⸗ macht, als er raſch die Augen öffnete und fragte: „Was willſt Du, Joſe?“ „Senor, ich will Eure Herrlichkeit um einen Gefallen bitten; ich erſuche ſie, mir für dieſen Morgen das zu leihen, das ſie mir abgewonnen hat.“ 4 „Wozu?“ „Um bei dem Stiergefecht, das der Tecualtiche der Stadt bietet, zu capotear und zu colear.“ „Ah! der Tecualtiche gibt ein Stiergefecht! und wem u Ehren?“ „Zu Ehren Eurer geſtrigen Niederlage,“ erwiederte Joſe mit freudigem Ton. 225 „Ah! Caramba! das iſt wahr, ich dachte nicht mehr daran.“ „Das verändert jedoch ganz und gar Eure geſellſchaft⸗ liche Stellung, und wer weiß...“ „Nun, Joſe, fahre fort... und wer weiß?“ „Bei Gott ich möchte Euch nicht gern beleidigen; doch ich bemerke Euch, daß ich, ehe ich durch einen Zufall Euer Bedienter wurde, Caballero war.“ „Sehr gut! Du hoffſt, wie ich ſehe, mich binnen Kurzem zum Gefährten zu haben.“ „Mein Gott! Senor, kann man für irgend Etwas ſtehen? Es iſt etwas ſo Poſſierliches um das Leben!“ „Joſe,“ erwiederte Cota phlegmatiſch,„ſei überzeugt, daß ich, wenn ich je Bedienter werde, um in meiner neuen Lage glücklich zu ſein, nichts Anderes verlange, als einen Herrn zu treffen, der dem ähnlich iſt, welchem Du zu dienen die Ehre haſt.“ „Euer Herrlichkeit bewilligt mir alſo meine Bitte und ich kann für dieſen Morgen über mein altes Pferd ver⸗ fügen?“ „Im Gegentheil, Joſe, ich widerſetze mich. Ich weiß, Du biſt ein vortrefflicher Reiter, aber ein Unglück iſt bald ge⸗ ſchehen, und ich lege großen Werth auf dieſes Pferd.“ „Gut,“ ſagte Joſe mit ungezwungenem Ton,„ſprechen wir nicht mehr davon. Ich habe im Ganzen dieſe Bitte nur in Rückſicht auf Eure Ehre und Euer Intereſſe an Euch gerichtet.“ Der Erzähler 1848. 1. 15 226 „Wie dies?“ „Mein Gott! ich wollte ganz einfach dem Publicum durch meine Gegenwart bei dieſem Stiergefecht, das der Tecualtiche gibt, um ſeinen geſtrigen Triumph zu feiern, beweiſen, daß Euch dieſer Triumph in keiner Hinſicht verletze. Dies ſchien mir von gutem Geſchmack zu ſein.“ „Dein Grund däucht mir ziemlich gut. Nimm alſo mein Pferd, ſei aber darauf aufmerkſam und ſetze es nicht Gefahren aus.“ Als ich mich an demſelben Tag, gegen acht Uhr Morgens, von Hauſe wegbegab, um meinen Spazierritt zu machen, fand ich die Stadt Coſala in Bewegung. Für einen Indianer⸗Emporkömmling hatte der Tecualtiche die Dinge glänzend geordnet. Corridas von toros und von gallos, öffentliche Fandangos, und allgemeine Austheilung von Branntwein, nichts fehlte bei dieſem, in einigen Stunden improviſirten, herrlichen Feſt. Der Pfarrer Ignacio, dem der Tecualtiche am Abend vorher in einem Augenblick der Begeiſterung zwei hundert Piaſter für ſeinen Segen am nächſten Tag verſprochen hatte, geſellte ſich auch der allgemeinen Freude bei und ließ alle Glocken ſeiner Kirche läuten; mit einem Wort, es war ein glänzendes und vollſtändiges Feſt, wie man ſeit Leperos Gedenken keines in dem traurigen Real Coſala geſehen hatte. Von zehn Uhr an umgab durch die unentgeldliche Mitwirkung von fünf hundert Bergleuten und Indianern eine ſtarke Pa⸗ liſſade den Platz mit einem Gürtel von Lianen und Palm⸗ 227 bäumen. Dieſe Paliſſade ſtellte eine Arena für die Stierge⸗ fechte vor. Um halb eilf Uhr ſchaarten ſich zehn tauſend Menſchen Yas heißt die ganze Stadt), der abſcheulichen Sonnenhitze trotzend, durcheinander auf dem engen Raume zuſammen, der zwiſchen den Schranken und den Häuſern frei gelaſſen war, und das Stiergefecht begann. Mehr als hundert Rancheros, ſehr abgeriſſen in ihrer Kleidung, dagegen aber meiſtens herrliche Pferde reitend, tum⸗ melten ſich in der Arena umher und forderten durch ihre Ge⸗ berden und ihr Geſchrei die ſechs wilden Stiere heraus, welche ſich hier beiſammen fanden. Ich verſäumte es, wie man ſich leicht denken kann, nicht, mich bei dem Feſte einzufinden. Ich lehnte mich an eine der Thüren der Baluſtrade an, als ein Reiter erſchien und Ein⸗ laß begehrte. 5 „Verzeiht, daß ich beläſtige, Don Pablos,“ ſagte er zu mir,„aber es iſt ſchon ſo lange her, daß ich die co la und den capote nicht mehr genoſſen habe, und ich brenne vor Verlangen, ein Pferd zu bearbeiten.“ „Ah! Du biſt es, 4 rief ich, als ich in dem Reiter den Bedienten von Cota erkann e„reite ein und nimm Dich in Acht, daß Du Dein Pferd nicht tödten läſſeſt.“ „Mein Pferd, Senor!“ wiederholte Joſe voll Bitterkeit, „ſagt doch das Pferd„ das mir mein Herr abgewonnen hat, als ich noch Caballero war. Was das Schonen betrifft, ſeid unbeſorgt,“ fügte er mit verſchmitzter Miene bei,„ich werde alle Achtſamkeit daxauf verwenden, wie es mir der Senor 228 Cota empfohlen hat; man weiß im Ganzen aber nicht, was ge⸗ ſchehen kann.“ Joſe, der mich kannte, weil er mir oft als Commiſſionär ge⸗ dient hatte, grüßte mich hienach artig, gab ſeinem Pferde beide Sporen und ritt in die Arena ein. Dergleichen Stiergefechte, welche, vom Zufall improviſirt, häufig in Merico vorkommen, haben nichts Regelmäßiges oder Verabredetes und gleichen ſich ſelten unter einander. Die Lieb⸗ haber, welche dabei auftreten, bedienen ſich zuweilen der Spieße, genannt garrochas, um den Stier zu reizen und zu ſtechen; ein großmüthiger Eigenthümer erlaubt von Zeit zu Zeit, das Thier zu tödten, doch dieſes Beiſpiel iſt ſehr un⸗ gewöhnlich. Man pflegt in der Regel, den Stier nicht zu tödten und nur mit ihm zu ſpielen, das heißt, ihn zu capotear, colear oder lazar. Die Gefahr für Roß und Reiter iſt darum nicht geringer, und oft habe ich ſolche Stiergefechte ſehr mörderiſch werden ſehen. Capotear heißt den Stier mittelſt eines zar ape oder Mantels reizen, ſodann wenn das wüthende Thier auf ſeinen Gegner losſtürzt, ſeinen Anfall durch eine raſche und geſchickte Wendung des Pferdes ver⸗ meiden. Um einen Stier zu colear muß das Thier, er⸗ ſchrocken durch das Geſchrei der Menge oder mit einem ſehr friedlichen Temperament ausgerüſtet, vor dem Reiter die Flucht ergreifen. Der Mexicaner ſprengt ihm dann zur Verfolgung nach, faßt ihn mit ſeiner rechten Hand beim Schweif, erhebt ſich auf ſeinen Steigbügeln und wirft mit einer combinirten Bewegung des Knies, der Hand und des Pferdes den Stier ——— 229 heftig auf den Rücken zu Boden; dieſer Sturz, wenn der co la gut gelingt, iſt ſo gewaltig und raſch, daß man glauben Fur der Stier falle von einer Kugel getroffen nieder. Laz ar heißt einfach ſich des lazo bedienen. Unter den ſechs in der Arena eingeſchloſſeneu Stieren erregten beſonders zwei die Aufmerkſamkeit der Menge. Der erſte muthig und verſchmitzt, das heißt zu der gefährlichſten Klaſſe gehörend, hatte eine ſchmutzig weiße Haut mit weinhefe⸗ farbigen Platten. Sein ſchiefer Blick, ſein Huf, mit dem er beſtändig die Erde aufwühlte, und beſonders ſeine unvorher⸗ geſehenen und zugleich überlegten Sprünge bezeichneten ihn vom Anfang der Corrida den Liebhabern als einen furchtbaren Feind; dieſe Diagnoſtik rechtfertigte ſich vollkommen, denn in kurzer Zeit hatte er vier Pferde verwundet. Der zweite Stier bildete einen Contraſt mit dem erſten. Seine prächtig ſchwarze Haut mit den blauen Reflexen glänzte in der Sonne. Unge⸗ ſtüm wie ein Löwe und behende wie ein Reh, ſtürzte er bei der Eröffnung des Kampfſpiels mitten ins Gemenge, und bald hatte er zwei Pferden den Bauch aufgeſchlitzt. Die anderen Stiere boten nichts Merkwürdiges. Obgleich die mexicaniſchen Rancheros ausgezeichnete Reiter ſind, bildete ſich doch bald, trotz des Pfeifens und der Auf⸗ munterung der Menge, ein leerer Raum um die zwei furcht⸗ baren Thiere. Aufgeſtachelt durch dieſe Kundgebungen, rückte ein Reiter vor, um den verſchmitzten Stier mit der weißen Haut zu capotear. Sogleich erſchollen wüthende Brabos um die Arena, und 230 die zehntauſend Zuſchauer erhoben ſich gleichzeitig auf die Fuß⸗ ſpitzen wie ein einziger Menſch, um den Kampf beſſer zu ſehen. Der Reiter, der ſich ſo hervorgeſtellt hatte, war, wie ich an meiner Seite ſagen hörte, ein wahrer hombre de a caballo, eine mericaniſche Periphraſe, die ſich ohne Uebertreibung mit einem einzigen Wort, mit dem Wort Centaur überſetzen läßt. Bei dem Anblick dieſes neuen Feindes, der ſich um ihn her bewegte und ihn mit ſeinem Zarape herausforderte, fing der Stier zuerſt an ſich langſam, den Kopf geſenkt, die Hörner drohend, das Auge halb geſchloſſen, zurückzuziehen. Dieſe Schein⸗ flucht machte den Reiter nachdenkend, und er drehte einen Augen⸗ blick ſein Pferd, als wollte er ſich auch zurückziehen; aber zehntauſend von den Zuſchauern ausgeſtoßene Schreie hielten ihn auf dem Platz. Die Unentſchloſſenheit des Ranchero währte nur einige Secunden, doch ſie genügte für den Stier, um mit einem Sprung auf ihn zu ſtürzen und ihn zehn Schritt von ſeinem Pferde auf die Arena zu ſchleudern. Da trat eine Todesſtille ein. Würde der Stier nun das Pferd angreifen, wie dies gewöhnlich geſchieht, oder würde er ſeine Wuth gegen den Reiter wenden? Leider geſchah es gegen den Reiter. Ehe es möglich war, dieſem zu Hülfe zu kom⸗ men, bohrte der Stier ſeine langen, ſpitzigen Hörner dem Rancherv in die Bruſt, hob ihn bis zu ſeiner Höhe auf, ſchüttelte ihn nach allen Seiten mit heftigen Kopfbewegungen und warf ihn endlich auf zwanzig Schritte in die Luft. Als der Ranchero herabfiel, gab ſein Körper einen matten Ton auf dem Boden von ſich es war nur noch eine Leiche. Dieſer unetwartete Tod veranlaßte bei den anweſenden 231 zehntauſend Zuſchauern eine Begeiſterung, die mir wie Wahn⸗ ſinn vorkam.„Bravo toro! que viva el toro!“ riefen die Männer ihre Hüte ſchwingend, während die Frauen ihre Rebozos oder ihre Mantillen flattern ließen. Dieſer tragiſche Vorfall unterbrach einen Augenblick das Kampfſpiel; an ihren vorſichtigen Evolutionen glaubte ich ſo⸗ gar zu bemerken, mehrere Liebhaber ſeien entſchloſſen, ohne weitere Schwierigkeiten entgegenzuſtellen, die Partie aufzugeben; aber durch den Geruch und den Anblick des Blutes berauſcht, bildete der Pöbel um die Arena eine feſt geſchloſſene, furcht⸗ bare Schranke, über welche kein Reiter hätte ſetzen können. In dieſem Augenblick der Begeiſterung für die Zuſchauer und der Lauheit für die Kämpfenden ritt ein einfacher Lepero, wenigſtens ſeiner Tracht nach zu urtheilen, durch den öden Raum, der ſich um den Stier gebildet hatte, und hielt ſtolz ſein Pferd in einer Entfernung von höchſtens einem Schritt von ihm an. Das Beifallsgeſchrei brach abermals mit voller Wuth los, denn dieſes kühne Manveuvre verſprach den Zuſchauern, nach der pittoresken und grauſamen Redensart der Mexicaner, einen zweiten Tod. Die wohlwollende Vorherſehung der Menge ſchien übrigens in Erfüllung gehen zu ſollen: der Stier wich in der That Anfangs den Kopf ſenkend zurück und kratzte langſam die Erde mit ſeinem Fuß auf. „Vamos cobarde! Auf, Feiger!“ rief der unkluge Lepero ſeinen Feind, nach dem Gebrauch der Toreadores von Gewerb, zu. Das Thier ſtürzte, als hätte es dieſe beleidigende Ausforderung 232 begriffen, ſogleich auf den Lepero los. Dieſer blieb eine Se⸗ kunde unbeweglich, und erſt in dem Augenblick, wo ihn die Hörner beinahe berührten, hob er ſein Pferd mit einer wunder⸗ baren Geſchicklichkeit in die Höhe, ließ es über den Stier ſetzen und vermied ſo ſeinen tödtlichen Anfall. Dieſes Wunder von Kaltblütigkeit und Reitkunſt wurde ſogleich mit unerhörtem, wüthendem Beifall begrüßt; der Lepero ſchien es nicht einmal zu bemerken und zündete eine Cigarre an. „Wer iſt dieſer verwegene Reiter?“ fragte ich meinen Nachbar. „Ich weiß es nicht, Senor; es iſt ein mir unbekannter Foraſtero,“*) antwortete der Mann, den ich fragte;„in jedem Fall aber reitet er ziemlich gut, und es fehlt ihm nicht an einer gewiſſen Kühnheit... Schön! nun wendet er ſich gegen den ſchwarzen Stier... Ah! diesmal könnte er wohl getödtet werden!“ fügte mein Nachbar bei, indem er ſich mit einer Miene freudiger Hoffnung die Hände rieb. Der unerſchrockene Lepero rückte wirklich, nachdem er ſeine halbgerauchte Cigarre weggeworfen hatte, gegen den zweiten Stier vor. Das wüthende Thier nahm den Kampf an und ſtürzte ſeinem Feinde entgegen. Wäre der Lepero nicht ein wahrer Ginete**) in der ganzen Strenge des Wortes *) Foraſtero bedeutet einen der Stadt, der Provinz, wo er ſich befindet, Fremden. *) Ginete bedeutet, ſtreng genommen, Stallmeiſter; aber die Mexicaner verbinden mit dieſem Wort den Begriff der Voll⸗ kommenheit. Ein Ginete darf in Mericb nur todt von einem wilden Pferd fallen. * 233 geweſen, ſo hätte ihn dieſer Angriff das Leben gekoſtet, denn die Hörner des toro prieto, wie ihn die Menge nannte, ſchoßen kaum ein paar Linien von ſeinem Körper vorüber. Nun entſpann ſich ein ſeltſamer und bewundernswürdiger Zweikampf zwiſchen dem Reiter und dem Stier. Einerſeits Liſt und Ge⸗ wandtheit bis zur Wiſſenſchaft entwickelt, andererſeits Alles, was die Wildheit und der Inſtinct der Zerſtörung an unbän⸗ digem und ungeordnetem Ungeſtüm zulaſſen. In weniger als zehn Minuten wurden zwanzig Angriffe mit einer unglaublichen Kaltblütigkeit, Liſt und Gewandtheit zum großen Erſtaunen der Zuſchauer vermieden. Ganz ſich einem namenloſen Ver⸗ gnügen überlaſſend, blieb die Menge lautlos und ohne ein Zeichen des Beifalls von ſich zu geben: die Aufregung er⸗ ſtickte ſie gleichſam. Mich erregte am Lebhafteſten bei dieſem ſeltſamen, wunderbaren Kampf die Kaltblütigkeit oder, um mich ſchärfer auszudrücken, die Gleichgültigkeit, mit der der Lepero zu Werke ging. Man hätte glauben ſollen, es ſei ein des Lebens überdrüſſiger Menſch, der den Tod ſuche, aber ihn dennoch bei ſeiner Annäherung, wie jener Holzbauer in der Fabel, in Folge eines Erhaltungsinſtinctes, der ſtärker als ſein Wille, fliehe. Dieſe Capotea⸗Steene konnte nicht länger währen, doch ich dachte entfernt nicht an den Vorfall, der ſie endigen ſollte. Bei die⸗ ſem Vorfall ſtieß die Menge einen ſo unwillkührlichen und gleich⸗ zeitigen Schrei der Bewunderung und des Erſtaunens aus, daß man ihn hätte für den Ausbruch des Donners halten ſollen: ſein Pferd während einer Wendung verlaſſend, war der Lepero dem Stier auf den Rücken geſprungen. Als das wilde Thier auf ſeinem Leib das Gewicht eines 234 Menſchen laſten fühlte, war ſein Erſtaunen ſo groß, daß es einen Augenblick unbeweglich und wie eine Bildſäule blieb. Der Lepero benützte dieſes Erſtaunen, um ſich ſo feſt als möglich zu ſetzen. Bald begann zwiſchen dem Thier und dem Menſchen ein neuer unglaublicher Kampf, den nur diejenigen, welche Aehnliches in America geſehen haben, für möglich hal⸗ ten werden. Es waren von Seiten des Stiers wüthende Sprünge, ungeſtüme Zuckungen, begleitet vom Brüllen eines Tigers, von Seiten des Menſchen eine ſolche Geſchmeidigkeit des Körpers, ein ſo vollkommenes Sichgehenlaſſen, eine ſo leichte Grazie, daß man hätte glauben ſollen, ein einfacher Pferde⸗ händler laſſe ein Luruspferd paradiren. Als der wüthende Stier an einer Eſtrade vorüberſchoß, die man für die Notabilitäten der Stadt errichiet hatte, ſtand ein Mann auf und rief dem Lepero zu: „Holla, Muchacho! ſteige immerhin ab; der Stier, den Du reiteſt, gehört mir, und ich geſtatte Dir, ihn mit einem Dolchfloß zu tödten, wenn es Dir gutdünkt.“ Der Lepero grüßte den großmüthigen Eigenthümer mit viel Artigkeit, zog aus ſeiner bota vnquera ein ſtarkes Küchen⸗ meſſer, das darin ſtak, und tauchte es mit einem Stoß bis an das Heft in den Schädel des Stiers, der ſogleich todt nieder⸗ ſtürzte. Der Lepero aber war mit einem geſchickt ausgeführ⸗ ten Sprung unverſehrt auf den Beinen. Da dieſe Entwickelung nur einige Schritte von dem Ort vorfiel, wo ich mich befand, ſo konnte ich das Geſicht des verwegenen Stierbändigers unter⸗ ſcheiden. Man denke ſich mein Erſtaunen, als ich Joſe, den treuen Diener von Cota, erkannte. 235 Der Tod des tapferen ſchwarzen Stieres endigte die Cor⸗ rida; daß Blut bei dieſem herrlichen Feſte gefloſſen war, ver⸗ ſetzte die Einwohnerſchaft von Coſala in eine erſchreckliche Hei⸗ terkeit. An allen Straßenecken ſpielte man mit dem Meſſer; es war ein allgemeiner Rauſch, ein vollſtändiges Glück! Als ich in der Menge Joſe erblickte, ging ich gerade auf ihn zu und fragte ihn, da ich auf ſeinem Geſicht den unver⸗ kennbaren Ausdruck von Traurigkeit wahrnahm: „Was haſt Du denn, Joſe?“ „Was wollt Ihr, Senor?“ erwiederte er,„wenn man kein Glück hat, gelingt einem nichts.“ „Mir ſcheint, es hat Dir während des Stiergefechts nicht an Glück gefehlt, denn Du hätteſt leicht getödtet werden können.“ „Gerade darüber beklage ich mich, Senor, ich habe zwan⸗ zigmal mein Leben vergebens und ohne Erfolg preisgegeben.“ „Was hoffteſt Du denn?“ „Bei Gott!“ rief er außer ſich und in ſeiner Verzweif⸗ lung jede Klugheit hintanſetzend,„ich hoffte es dahin zu bringen, daß dem Pferd meines Herrn der Bauch aufgeſchlitzt würde.“ Nachdem mir Joſe dieſes zarte Geſtändniß gemacht hatte, grüßte er mich und gab ſeinem Pferd beide Sporen, um an einer zweiten Unterhaltung Theil zu nehmen, welche in Mexico wenigſtens eben ſo populär iſt, als das Stiergefecht, ich meine das Spiel de los gallos. Die Liebhaber, ungefähr hundert an der Zahl und die⸗ ſelben, welche ſchon auf der Arena eine Rolle geſpielt hatten, theilten ſich in zwei gleiche Truppen. Die erſte Truppe wählte zum Chef einen Millionen reichen 236 Bergwerkbeſitzer, von dem ich ſchon geſprochen, den Senor Don Antonio J..., der ſeine Pferde durch den Salon nach dem Stall gehen ließ; die zweite bot nach einigem Hin⸗ und Herreden der Reiter, aus denen ſie beſtand, den Oberbefehl dem beſcheidenen Joſe an. „Senor,“ ſagte der reiche Bergbauer zu ihm, indem er ihm einen lebendigen Hahn bot, deſſen Füße an einander ge⸗ bunden waren,„Euch gebührt die Ehre, anzufangen.“ „Ich werde das mit Eurer Erlaubniß nicht thun, Senor,“ erwiederte Joſe achtungsvoll,„ich bin nur ein Bedienter und muß Eurer Herrlichkeit den Vorrang laſſen.“ „Wie! Ihr ſeid Bedienter, Ihr, der Held der Stier⸗ gefechte an dieſem Morgen?“ „Leider! einfacher Bedienter, im Dienſt von Senor Cota.“ „Es iſt wahr, ich erkenne Dich nun und erinnere mich, Deine Geſchichte gehört zu haben. Sie iſt ziemlich originell, doch Eines ſetzt mich in Erſtaunen, daß es Dir, nachdem Du Dein Pferd und Deine Freiheit gegen Cota verloren, nicht eingefallen iſt, Dich, da Ihr Euch an einem einſamen Ort befandet, durch einen Meſſerſtich von Cota zu befreien.“ „Eure Herrlichkeit beleidigt mich,“ rief Joſe,„das war im Gegentheil mein erſter Gedanke... leider aber wäre dies ein Vergehen gegen die Ehre geweſen, denn Spielſchulden ſind heilig.“ „Das iſt wahr, Du haſt Recht, daran dachte ich nicht. Nun, mein Junge, dieſe Gefühle gereichen Dir zum Lob, und ich wäre entzückt, mit Dir, wenn Deine Bedientenzeit abge⸗ 237 laufen iſt, ein freundſchaftliches Bündniß ſchließen zu können. Mittlerweile nimm immerhin dieſen Hahn und eröffne ſelbſt. die corrida de los gallos, Dein ſchönes Benehmen heute Morgen verdient wohl dieſe Ehre. Der Excaballero Joſe war zu wohlerzogen, um ſich bitten zu laſſen; er beeilte ſich daher, den Hahn anzunehmen, ſchwang ihn über ſeinem Haupte und ließ mit ſchallender Stimme das den guten mexicaniſchen Pferden ſo bekannte Wort: San- tiago!*) vernehmen. Da entſtand ein ungeheures Getüm⸗ mel, ein Schlachtgeſchrei, ein Durcheinander, von dem nichts eine Idee zu geben vermöchte, eine Verwirrung, die das Chaos hätte begreiflich machen können. Die Pferde, welche von einem Schwindel, dem ähnlich, der ſich ihrer Herren bemächtigt hatte, befallen zu ſein ſchienen, ſprangen wie Tiger und ſlürz⸗ ten in voller Wuth gegen einander. Vor einem ſolchen Ge⸗ menge hätte Salvator Roſa ſicherlich an der Macht ſeines Pinſels gezweifelt. Ich gebe mit wenigen Worten die Erklärung dieſes Kampf⸗ ſpiels, das ein Europäer, der demſelben zum erſten Mal bei⸗ wohnte, nicht zu begreifen vermöchte. Es handelt ſich ganz einfach darum, dem unglücklichen Helden des Feſtes, dem ſchon erwähnten Hahn, den Kopf zu rauben, dann, einmal Herr dieſes Kopfes, zuerſt an einem zum Voraus beſtimmten Ziel anzukommen. Man bedenke aber, welche Anſtrengung es koſtet, ſich dieſer Trophäe zu bemäch⸗ *) Das beim Wettrennen für den Aufbruch gewöhnliche Wort. 238 tigen, welche in der Regel dem beſten Reiter anvertraut und von fünfzig Verbündeten vertheidigt wird. Ich erinnere mich nicht, daß ich bei den zahlreichen corridas de gallos, denen ich beiwohnte, den Hahn habe ganz am Ziel ankommen ſehen. Schon bei der Hälfte des Rennens war ſein Leib in Fetzen: der Reiter, der für ſich perſönlich am Sieg zweifelt, behält zur Entſchädigung einen Fuß des Thiers, ein Stück blutiges Fleiſch, eine Haut vom entfiederten Flügel; die An⸗ deren haben alle vom Blut geröthete Hände. Das Hahnenſpiel, das am Mittag begonnen hatte, dauerte um drei Uhr noch fort, wie es der Galopp der Pferde der Kämpfenden bewies, den man in der Ferne ſchallen hörte, als ein Käufer in den Laden meines Freundes, des Herrn Alexandre S. eintrat, wo ich mich eben mit einem Schachſpiel be⸗ ſchäftigte. Herr Alerandre S... und ich konnten uns einer Be⸗ wegung des Erſtaunens nicht erwehren, als wir den vor⸗ trefflichen Cota erkannten. „Nicht wahr, Ihr habt Karten zu verkaufen?“ fragte er, nachdem er artig gegrüßt hatte. „Ja, Senor, aber nur zwanzig Paquets, das iſt mein ganzer Vorrath.“ „Seid Ihr deſſen ſicher, daß Ihr nur zwanzig Paquets habt?“ „Man kann nicht ſicherer ſein.“ „Ich war gut unterrichtet. Laßt Euere Karten ſehen.“ Herr Alexandre nahm ſie aus einem Fach und legte ſie auf den Ladentiſch. 239 Cota ging bis an die Thüre des Magazins und ſchaute nach der Straße hinaus: es herrſchte hier die größte Verödung, denn es war Alles beim Feſt. „Mein Gott!“ ſagte er, indem er eines von den Päckchen auf den Zufall nahm und nachläßig von allen Seiten be⸗ trachtete,„Eure Spiele ſind gar nichts werth!“ „Warum nicht?“ rief Herr Alerandre voll Eifer, denn er dachte, ſeine Waaren verdienen es nicht, verſchrieen zu werden. „Weil alle dieſe Karten erkenntlich ſind, in Folge von Fehlern der Malerei oder des Papiers,“ erwiederte Cota.„Der Zufall hat ſie bezeichnet.“ „Bah! wahrhaftig? ich ſehe doch keinen Fehler daran!“ „Ihr glaubt,“ ſagte Cota, nahm das Paquet, das er ſchon betrachtet hatte, und miſchte es mit einer unglaublichen Schnelligkeit.„Ich will Euch ſogleich beweiſen, daß Ihr Euch irrt.“ Nach dieſen Worten nannte der Merxicaner, ehe er ſie umdrehte, alle Karten eine nach der andern, ohne ſich ein einziges Mal zu täuſchen.. „Nun!“ ſagte er, nachdem er ſehr natürlich dieſes uner⸗ hörte Kunſtſtück gemacht hatte, das uns, Herrn Alexandre S... und mich, ungemein in Erſtaunen ſetzte,„hatte ich Recht?“ „Meiner Treue!“ rief mein Landsmann voll Bewunde⸗ rung,„das überſchreitet alle Grenzen des Möglichen! Wie konntet Ihr geſtern Abend Euer ganzes Vermögen verlieren, indem Ihr gegen den Tecualtiche ſpieltet?“ 240 Cota antwortete einige Zeit nichts, endlich aber ſprach er: „Um die Handlungen eines Menſchen zu beurtheilen, müßte man in ſeinem Herz ſein. Es zeigt oft eine Perſon mehr Charakter und mehr Größe, wenn ſie ſtoiſch eine Be⸗ leidigung erträgt, als wenn ſie dieſelbe in Blut abwaſcht. Man muß auch zuweilen mehr Geſchicklichkeit entwickeln, um mit Sicherheit zu verlieren, als um durch den Zufall zu gewinnen.“ „Wie! ſolltet Ihr..“ „Der vernünftige Menſch muß ſich über ſeine Vergangen⸗ heit nur mit ſeinem Gewiſſen beſprechen,“ unterbrach Cota Herrn Alexandre,„was geſchehen iſt, iſt geſchehen. Seien wir weiſe und kommen wir auf die Gegenwart zurück. Was koſten Eure Karten?“ „Einen Piaſter das Paquet,“ antwortete unverſchämter Weiſe mein Landsmann, der wohl an die Rue des Bour⸗ donnais dachte. „Das iſt nicht genug,“ entgegnete Cota. „Wie! nicht genug!“ „Nein, ſie ſind mehr werth... Ich nehme die letzten zwanzig Paquets für zwanzig Unzen Gold.“*) „Wozu dieſe Mhſtificativn?“ fragte Herr Alexandre ganz verblüfft. „Und hier ſind ſie,“ fügte Cota bei und legte ſogleich die zwanzig Unzen auf den Ladentiſch. *) Die Unze Gold gleich 82 bis 85 Franken nach dem Curs. 241 Während mein braver Landsmann immer mehr erſtaunt, indem er ein Spaniſch ſprach, das ſeine Aufregung phantaſtiſch machte, eine Aufklärung über dieſes Geheimniß zu erlangen ſuchte, beluſtigte ſich Cota damit, daß er die Karten, die er ſo theuer bezahlt hatte, in kleine Stücke zerriß. Herr Alerandre glaubte einen Augenblick, Cota ſei ein Narr geworden, und betrachtete ihn mit großer Aufmerkſam⸗ keit, doch nie hatte der Merxicaner ſo kalt und ſo ſeiner Herr geſchienen. In weniger als zehn Minuten aber hatte er ſieben⸗ zehn Päckchen Karten zerſtört und es lagen nur noch drei un⸗ verſehrt vor ihm. „Nun, mein lieber Herr und Freund,“ ſagte er zu Herrn Alexandre,„ich bitte Euch, hört mich an. Ich laſſe dieſe drei Spiele bei Euch, und Ihr übergebt ſte nur der Perſon, die ſie heute im Auftrag des Pfarrers Ignacio holt. Da es unnöthig iſt, meines Namens bei dieſer Gelegenheit zu erwähnen, ſo verlangt Ihr von dieſer Perſon den Preis für Eure Karten. Mit einem Worte, Ihr verkauft ſie an dieſelbe, verſteht Ihr mich?“ „Ja und nein,“ antwortete Herr S... im höchſten Grad verwundert. „Wie dies?“ „Ich verſtehe ſehr gut, was Ihr mir ſagt, aber nicht, worauf das abzielt.“ „Der vernünftige Menſch ſoll, wie ich Euch das ſchon bemerkt habe, nie von der Vergangenheit ſprechen, doch ich habe vergeſſen, beizufügen, daß er ſich beſonders hüten muß, Der Erzähler 1848. I. 16 242 die Zukunft zu befragen. Da Euch dies jedoch zu gefallen ſcheint, ſo beſchäftigen wir uns mit der Zukunft. Befolgt Ihr Punkt für Punkt, und ohne ſie zu begreifen, meine In⸗ ſtructionen, ſo nimmt das Euer Gewiſſen durchaus nicht in Anſpruch; weigert Ihr Euch, ſo gedenke ich Folgendes zu thun: Ihr ſeid ein Fremder, übel angeſehen, beneidet und ohne Beiſtand, denn Eure Geſchäfte gelingen Euch und Ihr habt nicht einmal einen Schatten von einem Conſul, um Euch zu beſchützen. Sterbt Ihr durch einen Unfall, ſo würde die Liquidation Eures Vermögens von Rechtswegen dem Alcade zukommen. Nun wohl! ich geſtehe Euch ganz treuherzig, daß ich ſchon bedingungsweiſe fünf hundert Piaſter für Euren Tod verſprochen habe.“ Herr Alerandre bebte, Cota fuhr aber ruhig fort: „Da Ihr übrigens Franzoſe und Reiſender ſeid, und es Euch daher nicht an Muth fehlen muß, ſo mache ich Euch dieſes Geſtändniß nur in der Ueberzeugung, daß Ihr, wenn Ihr mich in Eurem Magazin tödtet, alsbald meinen o durch den Eurigen bezahlen werdet, und daß man Euch, wenn Ihr mich anklagt, als Verleumder ins Gefängniß wirft, denn es gebricht Euch an Beweiſen gegen mich. Ihr könnt es nun thun oder bleiben laſſen. Zwanzig Unzen Gold, wenn Ihr Euch in meine Wünſche fügt, einen Meſſerſtich, wenn Ihr ein Hinderniß entgegenſtellt.“ Dieſe chniſche Sprache machte einen tebhaſten Eindru auf Herrn S... und mich. Wir laſen gegenſeitig in unſeren Augen die ſhhriotenten Wünſche, die wir für Cota paenß aber der Mexicaner hatte wahr geſprochen. Griff Herr S. 243 an, ſo mußte er als Richter nur Feinde finden, und zwar Feinde, welche bei der Plünderung ſeiner Hinterlaſſenſchaft intereſſirt waren. „Nun?“ fragte Cota, den unſer Stillſchweigen ein wenig zu beunruhigen ſchien. „Es iſt abgemacht,“ antwortete Herr Alexandre mit kaltem Tone,„aber ſollte ich die Rue des Bourdonnais— das iſt eine Straße in Paris,— auch nie wiederſehen: wenn Ihr noch ein zweites Mal über meinen Willen verfügt, ſchieße ich Euch eine Kugel vor den Kopf, darauf gebe ich Euch mein Ehrenwort.“ „Gut,“ ſagte Cota, ohne ſich zu ärgern,„dieſes Mal genügt mir. Ich wiederhole Euch übrigens, daß Ihr meine Pläne wahrſcheinlich weit übertreibt, und daß Ihr, da Ihr nicht mein Vertrauter ſeid, auch nicht mein Genoſſe ſein könnt.“ 8 Nach dieſen Worten wickelte Cota die Karten ſorgfältig wieder ein, ließ am Feuer ſeiner Cigarre das bischen Wachs ſchmelzen, das am Papier klebte, und e ſodann die Päckchen wieder. „Wir ſind alſo ganz und gar mit einander übereinge⸗ kommen,“ ſagte er zu Herrn Alexandre,„Ihr übergebt die Karten nur der Perſon, die ſie im Namen des Pfarrers Ignacio holt. Täuſcht Euch vor Allem nicht, denn, ich kann es Euch nicht genug wiederholen, ein Quiproquo wäre unter dieſen Unſtänden tödtlich für Euch.“ 8 Als Cota weggegangen war, ſchmiedeten wir, Herr S... und ich, die furchtbarſten Rachepläne: wir wollten alle Wälder der Republik anzünden, die Herden erſchlagen, die Flüſſe aus⸗ trocknen, die Indianer der Prairie aufwiegeln, die Stadt Mexico endlich im Sturm nehmen und der Plünderung preisgeben. Nach einer Beſprechung von einer Stunde war das mexicaniſche Geſchlecht vernichtet, und wir beſchäftigten uns damit, es durch Colonien harmloſer deutſcher Bauern zu erſetzen, als wir unſeren rieſigen Projecten durch den gewaltigen Lärmen einer Muſik und durch Geſchrei, das man vom Platz aus vernahm, entzogen wurden. Es war Lola, die ſich im Brautgewand und begleitet von Terualtiche, ihrem glücklichen Bräutigam, zum Pfarrer Ignacio begab, wo der Hochzeitsball ſtattfinden ſollte. „Parbleu!“ ſagte Herr Alexandre zu mir,„Sie ſollten, während die mexicaniſche Race noch beſteht, an dieſem Feſt Theil nehmen, indeß der Wille dieſes verfluchten Cota mich an mein Comptvir feſſelt; es wäre mir ſehr lieb, wenn ich wenigſtens einen Menſchen hätte, der mir heute Abend er⸗ zählen könnte, wie ſich die Ereigniſſe zugetragen haben, bei denen ich eine Rolle zu ſpielen gezwungen bin.“ Da der von meinem Landsmann ausgedrückte Wunſch ganz mit meiner Neugierde im Einklang ſtand, ſo nahm ich meinen Säbel und meinen Hut und ſchloß mich alsbald der Menge an. Als der Zug zur Wohnung des Pfarrers ge⸗ ———— 245 langte, trennte er ſich in zwei Kategorien, das Publikum ging nämlich in den Hof, indeß die Caballeros in die Zimmer ein⸗ traten. Es gab übrigens im Hof, wie im Innern des Hauſes, Orcheſter, Ball und Refresco. Nur bot der gewöhnlich ſo gering meublirte Salon des ehrwürdigen Padre einen An⸗ blick ungewohnter Pracht: ein der Eingangsthüre gegenüber auf⸗ geſtellter Chriſtus von Holz, umgeben von etlichen und zwanzig brennenden Kerzen, forderte von den Eintretenden ein Kreuzes⸗ zeichen. Bis zur Manneshöhe nach mericaniſchem Gebrauch mit Waſſerfarbe angemalt, verſchwanden die Wände beinahe unter einer verworrenen Anhäufung von Ex⸗voto und Kir⸗ chenornamenten; Töpfe mit künſtlichen Blumen, mit mehr Ver⸗ ſchwendung als Ebenmaß im Zimmer umher vertheilt, vervoll⸗ ſtändigten endlich ein herrliches Ganzes. Die Bergwerkbeſitzer geriethen auch in die treuherzigſte Begeiſterung beim Anblick ſolcher Reichthümer, während der vortreffliche Pfarrer Ignacio, trotz ſeiner chriſtlichen Demuth, ein Lächeln des Triumphes nicht verbergen konnte. Neben dem Chriſtus waren auf einem langen, dicken Brett von rohem Acajouholz, das von Pfählen getragen wurde, etwa fünfzig Flaſchen Mescal oder einhei⸗ miſcher Branntwein aufgepflanzt, und neben dieſen Flaſchen ſtanden Trinkgläſer. Der furchtbare Spieltiſch, auf dem Cota am Abend vorher ſeine zweimal hunderttauſend Franken ver⸗ loren hatte, war mitten im Salon errichtet und mit ſeinem ſchönſten grünen Teppich geſchmückt. Die Helden des Feſtes, der Tecualtiche und Cota, waren natürlich der Zielpuſt aller Zuvorkommenheiten. Der In⸗ dianer hatte nichts von ſeiner Miene des ſiegreichen Ajar ver⸗ 246 loren: ſein ſtolz zum Himmel erhobener Kopf und das Lächeln des Triumphes und der Verachtung, das auf ſeinen dicken, an ihren Enden aufgeſtülpten Lippen hervortrat, bewieſen klar, daß er ſich wenig um die Götter bekümmerte und nicht einmal an die Menſchen dachte. Was Lola betrifft, ſo ſchien dieſe, obgleich ihre Geſichtsfarbe weniger roſig war, als gewöhnlich, und ein wenig Ermattung oder Schlafloſigkeit andeutete, doch ſehr ruhig und ſorglos. Die tägliche Monte⸗Partie kam bald zum Vorſchlag, und der Teeualtiche wurde, wie dies ſein mußte, gebeten, die Banque zu halten. „Bah!“ ſagte der glückliche Indianer,„es lohnt ſich nicht der Mühe, daß ich mir dieſe Beſchwerde auferlege, es iſt kein Spieler meines Wiſſens hier. Zur Zeit von Cota wäre ich gern Banquier geweſen, aber ſeit dieſer Unglückliche ſo theuer ſeine Anmaßung und ſeine Dreiſtigkeit bezahlt hat, bin ich ver⸗ einzelt in meiner Stärke und in meiner Größe.“ „Leiſer!“ ſagte mit halber Stimme ein Ranchero zum Tecualtiche,„wißt Ihr nicht, daß Cota da iſt und Euch hört?“ „Ah! der Senor Cota iſt da,“ wiederholte laut der In⸗ dianer,„nun! warum bleibt er ſo vorſichtig vom Teppich ent⸗ fernt? Er hat Unrecht, ſich vor mir zu fürchten. Ich bin ein gutmüthiger Sieger und verzeihe ihm ſeine Niederlage.“ Aller Augen wandten ſich ſogleich nach einem Winkel des Salon, wo Cota, ſo zu ſagen, in den Schatten gekauert war. 8* 247 „Ich danke, lieber Compadre,“ ſagte der kleine Meri⸗ caner,„ich ſpiele nicht mehr.“ „Aus Furcht oder aus Ohnmacht?“ „Aus Klugheit. Trotz der fünfzigtauſend Piaſter, die ich Cuch dieſen Morgen zu bezahlen das Vergnügen gehabt habe, bleiben mir immer noch ungefähr zehntauſend, und es iſt mir daran gelegen, dieſe zu behalten.“ „Wie! Ihr habt noch zehntauſend Piaſter?“ fragte der Tecualtiche mit gereizter Miene. „Ja, theurer Freund, und das iſt die Quelle, durch die ich eines Tags Millionär zu werden gedenke.“ Dieſe Offenbarung von Cota traf, wie es ſcheint, den Neuvermählten gerade in's Herz; denn ſogleich legte er ſeine anmaßende Miene ab und überhäufte ſeinen Ernebenbuhler mit den freundlichſten Zuvorkommenheiten. Während aber Cota dieſe Höflichkeit äußerſt artig aufnahm, wich er nicht, weigerte ſich hartnäckig, abermals die Zufälle des Monte zu verſuchen. Es kam iedoch ein Augenblick, wo er ſich, wenn er nicht für eine ſchmutzige und kleinmüthige Natur gelten wollte, ergeben mußte. „Da Ihr es durchaus verlangt, theuerſter griiits ſo werde ich ſpielen,“ ſagte er;„aber bei meiner Ehre, es ge⸗ ſchieht ganz wider meinen Wunſch.“ „So beginnen wir alſo!“ rief der Tecualtiche.„Ja, nun halte ich die Banque mit Vergnügen.“ Alle Ponteurs machten ſich bereit, den Kampf zu beginnen, und der Indianer nahm, als er Cota am grünen Teppich ſitzen ſah, ein Kartenſpiel und ſchickte ſich an, abzuziehen. 5248„ „Ah Fvetzeih Fene ln 4 ſagte Cota, indem er ihn zurückhielt, ih habe allerdings. Kingtillizt, zu ſpielen, aber nicht mit disſen. ali Karten, denn ſis haben mir ſchon 6 genug Unglück grbtachte eberdies hat uns der ehrwü ürdige Vater Ignacio geſtern ſprochen, ſie durch neue zu erſetzen.“ „Was der Senor Cota verlangt, iſt ganz billig,“ ſprach der Pfarrer Ignacio, der ſcho ſeinen Beobachtungspoſten ein⸗ genommen hatte,„und wenn Ihr mir erlauben wollt, Ca⸗ bulleros, ſo werde ich Bedienten bſi um neue * Spie kaüfen zu aſſen⸗. 3 Dieſer Voiſchu angenommen, die vat aufge⸗ S iu und die Geſpräche begannen wieder. Lola, dir ſchöne Lola, welche, ſeitdem Cota uib der Fe⸗ ⸗ einander gegenüber ſtanden, durch ihr S läſſe dem Meiſterwerk eines Bildhauers glich, benützte pieſen Ven der Verwiprung, um ſich ihrem Gatten zu nähern. „In des Himmels Namen! geliebter Tecualtiche,“ ſagte ſie mit ihrer unwiderſtehlichen Stimme,„ſpielt nicht mehr! Warum wollt Ihr das Schickſal verſuchen, da alle unſere Wünſche erfüllt ſind?“ „Weil er nur verwundet iſt und, wenn ich nicht ſeine Schwäche benütze, um ihn zu tödten, glänzender und gefährlicher als je wieder erſcheinen und mir dann Deine Liebe ſtehlen wird,“ Cota bezeichnete, der einige Schritte von ihm ſtand. „Nein, nein, ich werde ſtets nur Euch lieben,“ ſprach die junge Frau;„aber ich beſchwöre Euch im Namen der Zärt⸗ erwiedette der Tecualtiche, indem er mit einer Kopfbewegung lichteit⸗ die Ihr jür Fhrui laßt uns gehen, führt mich von hier i „Wißnnnige an eiche, der wieder ſeine ſtolze Miene annahm,„was niſt 3 befürchten?“ „Ja, ich weiß, Ihr ſech fin Füdt, mächtig. aber ich habe bange„Oh! komnit, kot „Das wäre eine Schande,“ S der Indianer. Und da er ſich dem Nachgeben nahe ſitu⸗ verließ er Lola und ſchloß ſich einer Gruppe von Giſten an. Es war eine gute halb Stunde verlaufen, und den der Pfarrer abgeſchickt hath kam nicht zurück. Ich ſchaute. undſchien durchaus nicht unruhig. 3. Endlich öffnete ſich die Lhir pin der Bediente trat ein. unns Thier!“ rief ihm der ehrwürdige Ignacio in ſeinem Zorn zu,„konnteſt Du Dich nicht mehr beeilen, da Du wußteſt, daß alle dieſe Caballeros auf Deine Rückkehr warten?“ „Ah! Senor Cura,“ antwortete der Bediente,„es iſt nicht meine Schuld. Ich bin vergebens in allen Magazinen der Stadt geweſen und konnte nirgends Karten finden.“ Cota, den ich nicht aus dem Blick verlor, wurde bleich, als er dieſe Worte hörte, und ich bin überzeugt, ohne die große Herrſchaft, die er über ſeinen Willen ausübte, wäre er ohn⸗ mächtig niedergeſunken. „Du kommſt alſo mit leeren Händen zurück, Vieh?“ rief Ignacio wüthend. ten zu kaufen, üm neue Kñ 250 „Beinahe, Herr, abgeſehen von drei Kartenſpielen, die ich mir bei dem franzöſiſchen Kaufmann verſchafft habe.“ Cota konnte ſich eines Seufzers der Befriedigung nicht erwehren, und das Blut kehrte in ſein Geſicht zurück. „Nun, mehr brauchen wir für den Augenblick nicht,“ ſagte der Pfarrer,„wir werden uns morgen anderswo zu ver⸗ ſehen ſuchen.“ „Beginnen wir alſo die Partie,“ rief der Tecualtiche, der abermals vom Banquierſtuhl Beſitz ergriff und ſeine Augen von denen von Lola abwandte, deren ſtumme und zärtliche Sprache ihn wegzugehen aufforderte. „Ich muß mich unterwerfen, mein theurer Compadre, da Ihr es ſo gebieteriſch verlangt,“ ſagte Cota mit kläglicher Miene; „doch ich wiederhole Euch, es geſchieht wider meinen Willen.“ Diesmal intereſſirte mich das Drama im höchſten Grad, aber ich dachte nicht mehr daran, wie mir dies am vorher⸗ gehenden Tag begegnet war, feige die Gemüthsbewegungen zu vermeiden, welche die Darſtellung bei mir verurſachen ſollte, und blieb muthig auf meinem Poſten in der erſten Reihe. Die Partie wurde unter einem feierlichen Stillſchweigen eröffnet; Jedermann erwartete ein Ereigniß. „Iſt das Spiel gemacht?“ fragte der Terualtiche nach einigen Augenblicken. „Ja, vorwärts!“ antwortete einer von den Ponteurs. „Wie viel haltet Ihr, Senor Cota?“ der Indianerz; „ich ſehe Euren Satz nicht.“ 251 „Verzeiht, lieber Compadre, ich habe zehn Piaſter auf den König geſetzt.“ „Zehn Piaſter!“ rief der Tecualtiche laut lachend.„Zehn Piaſter! Ah! ein ſchöner Spaß! Ich ſehe, armer Cota, daß Euch die Lection von geſtern von Nutzen geweſen iſt.“ Cota erhob ſich alsbald und erwiederte mit einer zugleich würdigen und verdrießlichen Miene: „Senor Tecualtiche, ich finde Eure Scherze, wenn nicht geſchmacklos, doch wenigſtens gewagt. Ich glaube, daß es mir frei ſteht, zu ſpielen, wie es mir gut dünkt.“ „Gewiß, gewiß, armer Junge, Ihr habt zu beſtimmen!“ ſagte der Indianer;„aber zehn Piaſter!“ „Nun, ſo verwandeln wir die Einheiten in Tauſender,“ rief Cota die Augen glänzend vor Zorn.„Ich ſetze zehntauſend Piaſter. Vorwärts!“ Der König kam bei der zweiten Karte heraus. „Ihr habt gewonnen, Cota,“ ſagte der Tecualtiche. „Ah, Ihr beleidigtet mich!“ rief der Mericaner, den ſein Gewinn wüthend zu machen ſchien;„ah, Ihr beleidigtet mich, weil Euch der Zufall geſtern albern begünſtigte... Nun wohl! Teeualtiche, ich werde mich rächen, und ſollte ich hier auf dem Platze ſterben.“ Die Anweſenden ſchauten ſich ganz erſtaunt an, denn das Aufbrauſen beim Spiel iſt etwas Unerhörtes in Mexico, und Cota beſonders hatte, wie man weiß, einen großen Ruf als guter und ſchöner Spieler. Der kleine Mexicaner, den die Wuth beinahe zu erſticken ſchien, fuhr noch heftiger fort: ℳ 252 „Um dieſer edlen Geſellſchaft zu beweiſen, daß ich Euch nicht fürchte, daß ich Euch ſogar trotze, daß Ihr Angſt habt, Tecualtiche, ſpiele ich gegen Euch um meine zwanzigtauſend Piaſter auf einen Satz.“ „Ich, Angſt!“ brüllte der Tecualtiche,„immerhin: es gilt die zwanzigtauſend Piaſter!“ Die Stille nahm noch zu, während der Indianer die Karten abzog, was er übrigens mit außerordentlicher Sorgfalt that. „Sieben iſt herausgekommen, und ich habe gewonnen,“ ſagte Cota nach einigen Secunden.„Ihr ſeid mir vierzigtau⸗ tauſend Piaſter ſchuldig... Ah! ah! Senores, ſeht doch, wie der Tecualtiche erbleicht.“ Uum ſo wüthender, als er genöthigt war, ſeinen Zorn zu verbergen, rief der Teeualtiche durch ſeine an einander gepreß⸗ ten Zähne: „Ich halte die vierzigtauſend Piaſter.“ „Ich nehme es an,“ ſagte Cota. Die Stille in der Verſammlung wurde wahrhaft furcht⸗ bar; der ehrwürdige Vater Ignacio weinte vor Rührung, daß er eine ſo ſchöne Partie ſah. Ehe er dieſen entſcheidenden Coup ſpielte, warf der Te⸗ eualtiche das Päckchen Karten, deſſen er ſich bedient hatte, weit von ſich und nahm ein anderes. „Fl tres de espadas y el as de oro!“*) rief er, *) Die Drei in Pique und das Aß in Carreau. 253 indem er mit zitternder Hand die für das Spiel nothwendigen Karten umſchlug. „Ich halte das Aß,“ ſagte Cota. Bei der dritten Karte erſchien das Aß glänzend wie eine Unze Gold. „Ich gewinne achtzig tauſend Piaſter,“ ſprach Cota, in⸗ dem er wieder ſeine gleichgültige Miene annahm.„Ich rathe Euch, Senor Tecualtiche, bei dieſem Verluſt ſtehen zu bleiben“ „Es bleiben mir noch zwanzig tauſend Piaſter, und Ihr könnt mir die Revanche nicht verweigern.“ „Gut,“ erwiederte Cota,„aber wahrhaftig, Ihr über⸗ häuft mich.“ Eine Minute nachher gehörten die zwanzig tauſend Piaſter Cota. Trotz des ſtrengen Wohlanſtands, der in Merxico bei einer Spielpartie herrſcht und jedes Zeichen der Billigung oder Mißbilligung verbietet, elektriſirte dieſer Schlag vollends die Verſammlung, und eine dreifache Salbe des Beifalls brach plötzlich unter dem Stillſchweigen los; man hatte Cota wieder⸗ gefunden. Der Pfarrer Ignacio ſchluchzte aber vor Freude und wiederholte unabläßig voll Begeiſterung: „Oh! welche Partie! welche Partie! mein Gott, wie ſchön iſt das!“ Einem in einem eiſernen Käſich eingeſchloſſenen Tiger ähnlich, ging der Tecualtiche wüthend mitten im Zimmer auf und ab und ſchien nicht zu ahnen, daß ihm hundert neu⸗ gierige Blicke folgten und ſeine geringſten Bewegungen beob⸗ achteten. Endlich blieb er vor Cota ſtehen und ſagte, wäh⸗ rend ein Blitz in ſeinem ſchwarzen Augenſtern zuckte: „Nun! Senor, ſetzen wir die Partie nicht fort?“ „Gern, lieber Compadre; aber... was habt Ihr noch zu ſetzen?“ „Das Haus, das ich gekauft und für Lola habe ein⸗ richten laſſen,“ antwortete der Indianer. „Es ſei. Wie hoch ſchätzt Ihr es?“ „Zu ſo viel, als es mich koſtet, zu zwölf tauſend Piaſter.“ „Ich glaube Euch auf Euer Wort. Bleibt Ihr Ban⸗ quier?“ „Ja,“ erwiederte der Tecualtiche, der wieder auf ſeinen Platz zurückkehrte, das Päckchen Karten, mit dem er verloren, wegwarf, wie er es mit dem erſten gemacht hatte, und das dritte entſiegelte. Wie durch einen Zauber trat wieder ein allgemeines Stillſchweigen ein, und es wurde nur unterbrochen, als Cota kurz nachher ausrief: „Bei meinem Ehrenwort! ich ſchäme mich, daß ich ſo vom Schickſal begünſtigt werde. Mein Glück rechtfertigt übri⸗ gens das Sprüchwort: Glücklich im Spiel, unglücklich in der Liebe.“ In dieſem Augenblick ſtieß Lola, an die Niemand mehr dachte, ſo ſehr hatte das Intereſſe der Partie die ganze Ver⸗ ſammlung in Anſpruch genommen, einen e Schrei aus und fiel bewußtlos nieder. Bei dieſem Schrei und bei dieſem Fall drehte wa Te⸗ 255 eualtiche nicht einmal den Kopf um. Der Menſch war ver⸗ ſchwunden, der Spieler allein blieb.. VI. Einige Stunden nachher war es Nacht geworden und man hatte den Angelus geläutet, als Cota und ſein eifriger Diener Joſe, Beide zu Pferde, aus dem Hofe ihres Hauſes herauskamen. Der Herr und der Diener ſchienen— eine ſeltene Sache — in vollkommenem Einvernehmen zu ſein. „Ah! Senor,“ ſagte der Letztere,„ich grolle Euch nun nicht mehr, daß Ihr meinen Handel geſtern ausgeſchlagen habt. Welch eine ſchöne Partie! Man wird noch in zehn Jahren in Coſala davon ſprechen. Wahrhaftig, Senor Cota, wenn mich nicht der Ehrgeiz plagte, ich wäre ſtolz darauf, mein ganzes Leben einem Herrn, wie Ihr ſeid, zu dienen.“ „Deſſen ungeachtet aber wäreſt Du, hätten meine Schlöſſer nicht ſo feſt gehalten, heute fern von mir...“ „Ich leugne das nicht, Herr,“ erwiederte Joſe, deſſen Stirne ſich verdüſterte.„Doch ich bitte, ſprechen wir nicht mehr von dieſen verfluchten Schlöſſern, es macht mich zu ſehr traurig, wenn ich bedenke, welch ein ſchönes Geſchäft ich verfehlt habe.“ Während ſie ſo mit einander plauderten, verließen die zwei Reiter die Stadt: dann ließen ſie ihre Pferde einen Hügel erklettern, hielten vor einem hübſchen einſtockigen Haus in „ 256 Azoteas an, was hier lag, und ſtiegen ab. Dieſes Haus hatte die Ausſicht nach der Straße, welche zum Hafen von Mazatlan führte. „Sind Deine Piſtolen geladen?“ fragte Cota, während er ſich nach der Thüre des kleinen Hauſes wandte. „Ja, Senor, zwei Kugeln in jedem Lauf.“ „Ich kann auf Dich rechnen?“ „Es muß wohl ſo ſein, da mich das Lvos zu Eurem Diener gemacht hat,“ erwiederte Joſe mit einem Seufzer. „Es iſt gut; Du wirſt es übrigens nicht zu bereuen haben,“ ſagte Cota, der nun an ein Fenſter des Häuschens klopfte. Der Tecualtiche erſchien alsbald auf der Thürſchwelle. „Ich erwartete Euch, Senor Cota,“ ſprach er,„Ihr kommt ohne Zweifel, um von Eurem Haus Beſitz zu er⸗ greifen?“ „Ihr habt es errathen, lieber Compadre.“ „Wollt alſo eintreten.“ „Joſe, folge mir,“ ſagte Cota, ſich an ſeinen Diener wendend,„der Nachtthau iſt ſehr nachtheilig für die Geſund⸗ heit, mein Junge... Ah! nimm doch Deine Piſtolen mit Dir, das Wetter droht mit einem Sturm, und nichts ſchadet den Waffen ſo ſehr, als wenn man ſie dem Regen aus⸗ ſetzt.“ Der Tecualtiche machte eine Grimaſſe des Aergers und folgte Cota und Joſe in das Haus.. Uebrigens muß ich hier bemerken, da ſich gerade eine Gelegenheit bietet, daß es die unredlichſten, übelberüchtigtſten 257 Merxicaner für eine Gewiſſensſache halten, für den Augenblick ihre Treuloſigkeit abzuſchwören, wenn es ſich um eine Spiel⸗ ſchuld handelt. Ein Menſch, der ſeinen Gegner auf das Schändlichſte zu betrügen geſucht hat, wird ihn doch ganz redlich und ohne ſich zu beklagen bezahlen, wenn dieſer Geg⸗ ner, noch ſchlimmer als er ſelbſt, am Ende den Vortheil über ihn erringt. „Senor Cota,“ ſagte der Tecualtiche, indem er eine von den ungeheuren Kaſſen öffnete, welche alle mericaniſche Spieler von einiger Bedeutung ſtets in ihren Wohnungen beſitzen, „hier ſind hundert Talegas*), die ich ſo eben gezählt habe: wollt Ihr ſie unterſuchen?“. „Ah! theurer Compadre,“ rief Cota entrüſtet,„für wen haltet Ihr mich, in des Himmels Namen? Ich bin ein Caballero und kein Handelsmann.. Euer Wort genügt mir.“ „Nun, Senor,“ ſagte der Tecualtiche, bleich und zitternd in Folge der übermenſchlichen Anſtrengung, mit der er ſeine Aufregung zu verbergen ſuchte,„nun habe ich mich nur noch zu entfernen.“ „Einen Augenblick Geduld,“ entgegnete Cota, ſeinen Nebenbuhler zurückhaltend„„man berläßt ſich nicht ſo, und ich habe noch ein paar Worte mit Euch zu reden... Nicht wahr, Ihr ſeid zu Grunde gerichtet?“ ——————————— *) Säcke von Alvefaſern, gewöhnlich tauſend Piaſter enthaltend. Der Erzähler 1848. 1. 17 258 „Es bleiben mir kaum zwanzig Piaſter, doch ich ver⸗ zweifle deshalb nicht an der Zukunft,“ antwortete der Te⸗ cualtiche, beſtändig ſich bezwingend. „Und Ihr habt um ſo mehr Recht, als ich ſchon an Eure Zukunft dachte,“ ſagte Cota, der dieſe Worte mit einem freundlichen Lächeln begleitete. „Ihr!“ rief der Tecualtiche ſehr erſtaunt. „Ja, ich. Wollt mich alſo anhören. Schon ſeit einiger Zeit habe ich den Gedanken, einen Aſſocié nach dem Hafen von Mazatlan zu ſchicken, wo man, wie Ihr wißt, ein Höllen⸗ ſpiel ſpielt. Ich gedenke, dieſen Aſſocié mit zehntauſend Piaſtern auszurüſten, damit er ſchon vom erſten Tag an ſeinen Rang als Caballero behaupten kann, und ich verlange nicht mehr von ihm, als vaß er mit mir ſeinen Gewinn vom erſten Semeſter theilt. Das iſt ein Geſchäft, durch das man, ehe ein Jahr vergeht, Millionär werden kann. Was haltet Ihr davon, Tecualtiche?“ „Das Geſchäft kann ſicherlich ſehr ſchon werden!“ er⸗ wiederte der Tecualtiche mit kaltem Ton, um ſeine Aufregung zu verbergen. „Das iſt unſtreitig, lieber Compadre,“ ſagte Cota.„Ich dachte Anfangs an den armen Joſe,“ fuhr er ſeinen Bedienten bezeichnend fort,„denn dieſer Burſche iſt über ſeine gegen⸗ wärtige Lage erhaben und es fehlt ihm durchaus nicht an Geſchicklichkeit... doch, meiner Treue, lieber Compadre, Euer Unglück ſpricht für Euch, und ich gebe Euch den Vorzug.“ „Erlaubt, Senor,“ rief Joſe, deſſen Augen ſich er⸗ 259 leuchteten,„ich bitte Euch um ein Wort..„ nur ein einziges Wort... Ehe ich Euer Bedienter wurde, hatte ich oft ſelbſt Bedienten... Es iſt wahr, ich habe gegen Euch mein Pferd verloren und zwar mit meinen eigenen Karten, doch Ihr ſeid ein ausgezeichneter Mann... Nun aber laßt mich Euch, ehe Ihr Euch für den Senor Tecualtiche entſcheidet, denn es handelt ſich hier nicht um einen Wettſtreit der Beſcheidenheit, die Bemerkung machen, daß ich viel beſſer ausſehe als er, daß meine Miene viel mehr cavaliermäßig iſt und wenn es ſein muß, geſtattet auch, daß ich an meine redlichen Dienſte und an meine Ehrlichkeit erinnere.“ „Und meine Kaſſe, Joſe?“ ſagte Cota lächelnd. „Ich habe ſie nie öffnen können, Senor, und es fehlt darin nicht ein Piaſter. Zählt, und Ihr werdet ſehen,“ er⸗ wiederte Joſe ſtolz auf ſeine unfreiwillige Unſchuld. „Es iſt unnöthig, daß Du weiter ſprichſt, Joſe,“ ſagte Cota, indem er ſich gegen den Tecualtiche umwandte, den dieſe Debatte ungemein zu beunruhigen ſchien.„Lieber Com⸗ padre, nehmt Ihr meinen Vorſchlag an?“ „Ja, edelmüthiger Freund„ erwiederte voll Eifer der Indianer, der jedoch ein gehäſſiges Lächeln zu verbergen wußte. „Nun wohl, hier iſt ein Wechſel nach Sicht von zehn tauſend Piaſtern auf das Haus des Chineſen M.. in Ma⸗ zatlan. Das iſt ſo gut als baares Geld. Wann wollt Ihr nun abreiſen?“ »Morgen, wenn es ſein muß,“ antwortete mit einem 260 gewiſſen Zögern der Tecualtiche, den dieſe Frage aus der Faſſung zu bringen ſchien. „Morgen!“ rief Cota.„Dieſen Abend oder nie!“ „Aber meine Frau?“ „Was iſt mir daran gelegen!“ erwiederte Cota mit hartem Ton.„Sie wird leben, wie ſie früher lebte.. ihre Arbeit wird für ſie genügend ſein; doch eilen wir, ich habe ſchon zu lange gezögert, Jemand nach Mazatlan zu ſchicken.. Entſcheidet Euch alſo, ja oder nein?“ „Ich reiſe auf der Stelle ab!“ rief Joſe. „Schweige. Nun, Teecualtiche, wen ſoll ich abſchicken, Euch oder Joſe?“ Der Indianer ſchien unentſchloſſen, doch der Spieler trug abermals den Sieg über den Menſchen davon. „Gebt Euren Wechſel und ſeid verflucht,“ rief er voll Wuth;„wir werden uns wiederfinden.“ „Wer weiß?“ murmelte Cota. Der Tecualtiche fuhr raſch in ſeine Reiterſtiefel, ſchnallte ſeine Sporen an, nahm ſeine Cuarta oder Reitpeitſche, gür⸗ tete ſeinen Säbel um und warf ſeinen Zarapa auf die Schultern. „Ich bin bereit,“ rief er ſodann;„doch ich brauche ein Pferd.“ „Das meines Bedienten iſt vor der Thüre, nehmt es.“ „Auf Wiederſehen alſo,“ ſprach der Tecualtiche, indem er Cota wüthend die Hand ſchüttelte,„auf Wiederſehen, theurer und würdiger Freund... wir werden uns wiederſehen, das ſchwöre ich Euch bei der Hölle.“ 261 Der Tecualtiche ſtürzte hinaus, beſtieg das Pferd von Joſe und ritt im Galopp weg. „Armer Junge!“ ſagte Cota ſich an Joſe wendend,„ſein Säbel iſt die einzige Waffe, die er mitnimmt, und die Straße iſt durchaus nicht ſicher. Ich befürchte ſehr„ man wird ihn plündern.“ „Oh! oh!“ wiederholte zweimal ſich vor die Stirne ſchlagend der traurige Joſe, der über die Abreiſe des Tecual⸗ tiche ganz verblüfft war, durch die Betrachtung ſeines Herrn aber plötzlich erweckt zu werden ſchien; dann wandte er ſich tückiſch, ſeine Piſtolen unter dem Arm, nach der Thüre, ſchwang ſich auf das Pferd von Cota und jagte in größter Fie dabgn. Cota, der allein blieb, hielt es nicht für geeignet, das nn zu verbergen, vns ihm dieſe zwei Abgänge be⸗ reiteten. „Gut! gut!“ murmelte er, indem er ſich freudig die Hände rieb,„die Angelegenheiten fangen an ſich hervorzuheben und eine gute Wendung zu nehmen. Dieſer Tecualtiche hatte einen Vorrath roher und ungeordneter Energie in ſich, der eines Tags alle meine Rechnungen beſiegt hätte... Sein Abſchied verſprach mir eine traurige Zukunft.“ Cota machte hienach einige Gänge durch das Zimmer und blieb dann wieder ſtehen. „Und ich werde wenigſtens keinen Genoſſen haben,“ mur⸗ melte er, einen Gedanken vollendend, der ſchon ein Lächeln auf ſeine Lippen gebracht hatte.„Das wird mich allerdings 262 zehntauſend Piaſter und zwei Pferde koſten, doch bah! ſie iſt ſo ſchön, ſo treulos, und ich liebe ſie ſo ſehr.“ Cota war ſo weit mit ſeiner Betrachtung, als ſich die Thüre des Zimmers öffnete und Lola, immer noch im Braut⸗ gewand, eintrat. Eine über den Zügen der jungen Culiacanera verbreitete leichte Bläſſe machte ihre Schönheit noch rührender: ihr Aus⸗ ſehen war traurig, niedergeſchlagen, aber es lag ſo viel Schwer⸗ muth und ſanfte Reſignation in dieſer Niedergeſchlagenheit, daß ſie an eine von jenen idealen, himmliſchen Erſcheinungen er⸗ innerte, von denen die Legenden ſprechen, „Senor Cota,“ ſagte ſte anmuthig grüßend,„meine Ge⸗ genwart in dieſem Hauſe iſt eine Unbeſcheidenheit von meiner Seite, denn dieſes Haus gehört nicht mehr mir. Ich erwarte nur meinen Gatten, den Senor Tecualtiche, um mich wegzu⸗ begeben.“ „Senora,“ erwiederte Cota mit einer höflichen Verbeu⸗ gung,„Eure Gegenwart in dieſem Hauſe iſt nur eine Ehre für mich und nichts Anderes. Was den Senor Tecualtiche hetrifft, ſo hättet Ihr Unrecht, wenn Ihr auf ihn zählen würdet er iſt für den Augenblick abweſend und wird erſt ſehr ſpät zurückkommen.“ „Dann muß ich meine Zuflucht zu Eurer Höflichkeit nehmen und Euch bitten, mich gefälligſt bis zu meiner alten Wohnung begleiten zu wollen.“ „Ich bin ganz zu Euren Befehl⸗ Fenora; doch dieſer Donnerſchlag weiſſagt uns einen heſt turm, und es wäre 263 nicht klug, ſich bei einem ſolchen Wetter in der Kleidung, die Ihr tragt, hinauszuwagen.“ „Ihr habt Recht, Senor.. ich werde warten.“ Lola ſetzte ſich auf einen gefirnißten Rohrſtuhl, und Cota ſtellte ſich an's Fenſter. Der Sturm entfeſſelte ſich alsbald mit größter Wuth; haͤufige Blitze beleuchteten den Horizont, der dem Krater eines in Flammen ſtehenden Vulkans glich, und der Donner, da er mit jener majeſtätiſchen, furchtbaren Stimme rollte, von der nur diejenigen, welche unter dem Aequator lebten, einen Be⸗ griff haben können, ließ die Echos von ſeinem gräßlichen Ge⸗ brülle erſchallen. Cota, der am voffenen Fenſter ſtand, ſchien unempfindlich für das erhabene Schauſpiel, das er vor Augen hatte. Bei jedem neuen Blitz tauchte ſein Blick in die Krümmungen der von Coſala nach Mazatlan führenden Straße, die ſich Anfangs an den Seiten des Gebirges hinrankt und dann in die tiefen Thäler verſenkt. Plötzlich beugte Cota ſeinen Leib weit zum Fenſter hinaus; beim blendenden Schimmer eines Blitzes hatte er zwei Reiter erblickt, die im dreifachen Galopp ihrer Pferde hinjagten, wobei der Eine den Andern zu verfolgen ſchien. Beide hatten den Säbel in der Hand. Der Horizont kehrte wieder in ſeine Finſterniß zurück, dann nach einigen Secunden hörte man einen Schuß„ und unmittelbar darauf erfolgte ein klägliches Geſchrei. Cota konnte ſich eines Zitterns nicht er⸗ wehren, und in ſeinem gewöhnlich ſo unempfindlichen Geſicht prägte ſich ein wahres Gefühl der Angſt aus. Es vergingen abermals einige Sekunden, der Blitz erhellte auf's Neue die — 264 * „ Landſchaft, und Cota ſah, daß ſtatt der zwei Reiter nur einer ſeinen Weg fortſetzte. Da nahm ſein Geſicht wieder ſeinen ge⸗ wöhnlichen Ausdruck der Gleichgültigkeit und Demuth an, und er näherte ſich Lola und ſprach: „Senora, ich muß nun befürchten, zur Laſt zu fallen, wenn ich länger bleibe, denn, offenherzig geſtanden, glaube ich, daß der Senor Terualtiche eine ziemlich lange Reiſe an⸗ getreten hat.“ „Auf Euren Befehl?“ fragte Lola, die dieſe Nachricht nicht zu überraſchen ſchien. „Ja, Senora, doch in Eurem Intereſſe.“ „Oh! Senor Cota!“ rief Lola, während ſie mit einer Geberde von reizender Coquetterie ihre weiße Mantille über ihre Schultern gleiten ließ,„oh! Senor Cota, Ihr ſeid ſtark, unberſöhnlich und unüberwindlich wie das Verhängniß. Oh! warum habe ich Euch nicht früher verſtanden!“ fügte ſie bei, indem ſie den kleinen Mexicaner mit Augen anſchaute, welche, wenn nicht Liebe, doch wenigſtens Hoffnung und Furcht aus⸗ drückten. „Senora!“ rief Cota, der ihre Hände ergriff, ohne daß ſie Widerſtand leiſtete,„vierundzwanzig Stunden früher ausgeſpro⸗ chen, wären dieſe Worte für das Glück meines ganzen Lebens genügend geweſen. aber leider kann ich Euch heute meinen Namen nicht mehr anbieten, und dennoch iſt meine Liebe glühen⸗ der als je.“ Die junge Culiacanera ſchlug die Augen nieder, ohne zu antworten, und Cota, der ihre Hand losließ, welche ſie der ſeinigen nicht entzog, trat an's Fenſter, und ſchloß es ſorg⸗ 265 fältig, nachdem er noch einmal nach dem flammenden Horizont hinausgeſchaut hatte. „Dieſer Sturm iſt ſchrecklich,“ ſagte er, ſich wieder zu Lola umwendend,„und nun bin ich es, der Euch um Gaſt⸗ freundſchaft bitten muß... denn dieſes Haus gehört Euch mit Allem, was es enthält. Werdet Ihr mir dieſe Gunſt nicht bewilligen?“ „Senor Cota,“ erwiederte Lola, immer die Augen nieder⸗ geſchlagen und mit einer Stimme ſo ſanft wie die einer Sirene, „dieſe Gunſt iſt in der That zu gering, als daß ich ſie Euch verweigern ſollte, beſonders nach Eurem großmüthigen Be⸗ nehmen.“ „Ich danke,“ ſprach Cota, der nun ſeinen Säbel los⸗ ſchnallte, dieſen in eine Ecke warf, einen Stuhl nahm und ſich neben die Neuvermählte ſetzte. „Ah! Senor, Senor!“ rief Lola, indem ſie ſich gegen den Merxicaner umwandte, den ſie diesmal anſchaute, ohne die Augen niederzuſchlagen,„welchen Fehler habe ich begangen, und wie ſehr habe ich mich getäuſcht!“ „Bah! Lola,“ entgegnete Cota mit ruhigem Tone, ob⸗ gleich ſeine Augen funkelten und die Schläge ſeines Herzens ſeine Bruſt hoben.„Der Fehler iſt minder groß, als Ihr glaubt... Ihr ſeid ſchön wie ein Engel.. ſchlau wie ein Dämon kaum den Kinderjahren entwachſen... und,“ fügte er, ihre Hände ergreifend, bei,„wenn man jung, ſchön und geiſtreich iſt, bleibt einem dann nicht noch die Zukunft?.. die Zukunft, deren Geheimniſſe Niemand zu ergründen vermag!“ *. ⸗* ⸗*..* ⸗. ⸗.— 266 Hier muß ich dieſe Skizze raſch endigen: bei wahren und ächten Geſchichten gibt es ſelten völlige Entwickelungen und Ausgänge. Was ich indeſſen beifügen darf, ohne der Wahrheit dieſer Erzählung zu nahe zu treten, iſt, daß ich weder mehr von dem treuen Joſe, noch von Lola habe ſprechen hören; daß der Tod des Tecualtiche, deſſen Leichnam man auf der Landſtraße fand, einem Selbſtmord zugeſchrieben wurde, obgleich der Indianer zwei Kugeln in den Rücken bekommen hatte, und daß ich achtzehn Monate, nachdem dieſe Ereigniſſe vorgefallen waren, in Mexico Cota wiederfand, der als Aufwärter in dem faſhio⸗ nablen Kaffeehaus, das hier Velory eröffnet hatte, angeſtellt war. Seit dieſem Zuſammentreffen ſind abermals mehrere Jahre abgelaufen: was iſt nun aus Cota geworden? ich weiß es nicht; vielleicht iſt er der ärmſte der Leperos der Hauptſtadt oder einer ihrer reichſten Einwohner. Hat er ſich nicht in einen Lepero verwandelt, ſo würde ich nicht ſtaunen, ſeinen Namen in den Zeitungen unter den Mitbewerbern von Santa Anna um die Dictatur figuriren zu ſehen, denn Eines muß ſtets die Bewunderung erregen, wenn es ſich um Mexico han⸗ delt: die Verwirklichung des Unglaublichen, wenn es nur immer in den Grenzen der Möglichkeit liegt. Das Mädchen aus Creta. Novelle nach dem Engliſchen von Edmund Zoller. eißig Jahre find ſeit der Geſchichte verfloſſen, die wir zu erzählen gedenken; und obwohl dieſe Periode ganz Europa eine veränderte Geſtalt zu geben und Millionen Menſchen von der Erde zu vertilgen vermochte, auf der ſchönen Inſel M Creta hat ſie keine oder nur geringe Ver⸗ änderungen hervorgebracht. Damals, wie jetzt, ſtand dieſe herrliche Blume des Meeres unter der Oberherrſchaft der Türken, und der einzige edle, aber unglückliche Verſuch, den die unter⸗ jochten Creter vor wenigen Jahren machten, ihre Freiheit wieder zu erringen, hat keine Spur hinterlaſſen, wenn nicht in den Herzen der bekümmerten Wittwen und Waiſen der Märthrer einer edlen Sache. Es mag ſich deßhalb heutigen Tages noch oftmals für die Bewohner von — „ 268 Canea, der Hauptſtadt Cretas, eine Scene wiederholen, wie ſie ſich vor dreißig Jahren eines ſchönen Sommermorgens er⸗ eignete. Es war kurz nach Sonnenaufgang, in dieſem Klima die günſtigſte Stunde für jegliches Geſchäft: die Bazars, wo die Waa⸗ ren aller Art aufgeſtapelt lagen, waren gefüllt von Käufern und Verkäufern, die in ächt vrientaliſcher Weiſe durch ſtumme Pan⸗ tomimen mit einander handelten. Sie beſtanden hauptſächlich aus Griechen und Türken, doch war auch eine große Menge von Juden und Armeniern, ſowie ägyptiſche Soldaten zugegen. Ein großer Theil dieſer gemiſchten Geſellſchaft befand ſich in einem viereckigen Raume, wo ein eigenthümlicher Handel vor ſich ging, der Aller Intereſſe rege zu machen ſchien. Es war der öffentliche Verkauf von Sklaven, der jede Woche an einem beſtimmten Tage Statt hatte. Die Sklavenhändler waren zu⸗ meiſt alle Afrikaner, und die unglücklichen Gefangenen ſelbſt ſchienen den verſchiedenen öſtlichen Nationen anzugehören, und einzig mit Rückſicht auf den Werth, den ſie auf dem Markte haben möchten, ausgewählt zu ſein. Sehr biele jedoch waren Creter, durch die Fourage holenden Truppen der türkiſchen Aga aus den Bergen herbeigeſchleppt, welche nach einer da⸗ mals, wie jetzt noch herrſchenden Sitte, gewohnt war, kleine Abtheilungen von Soldaten auf der Inſel umher zu ſchicken, um zu ſengen und zu brennen, wenn es bei Aufbringung der jungen und kräftigen Einwohnerſchaft nöthig wäre, die als Sklaven verkauft werden ſollte; auf dieſe ſpekulirten dann wiederum die Kaufleute, die jeden möglichen Gewinn aus ihnen zogen. 269 Der Handel hatte vor ungefähr einer Stunde mit großer Lebendigkeit begonnen, doch ging es dabei ſehr geordnet zu. Endlich kam die Reihe an einen alten bäuriſch ausſehenden Egypter, ſeine Waare auszuſtellen; und nachdem er zwei ſchwarze Sklaben verkauft hatte, brachte er den ſeiner Anſicht nach koſtbarſten Theil der Waare herbei. Es war dies ein junger Mann und eine Frau, deren Haltung und äußere Er⸗ ſcheinung bezeugte, daß ſie nicht nur Creter waren, ſondern auch, daß ſie in ihrer Heimath einen gewiſſen Rang behauptet hatten. Es war ſichtlich Mann und Frau, und die hülflos ſchweigende Verzweiflung, in der ſie ſich befanden, zeugte davon, daß die Gefangenſchaft ihnen neu war: denn obwohl die Be⸗ wohner der ſonnigen Inſel Creta wirklich Sklaven ſind, ſo war doch nur ein geringer Theil derſelben zu der unnatürlichen Schande verurtheilt, verrathen und verkauft zu werden. Das große Unglück ſchien jedoch auf das junge Ehepaar von ſehr verſchiedener Wirkung zu ſein. Die Gedanken Beider, als ſie zum Verkauf ausgeſtellt wurden, waren gewiß in der theuren Heimath, wo ihnen der Morgen einer glücklichen Che ſo herrlich aufgegangen war, um ſo bald wieder in dunkle Nacht zu ver⸗ ſinken. Das nette Hüttchen, das am Buſen des großen Ida niſtete, mit den grünen Weinbergen ringsumher, in welchen ihr ganzer Reichthum beſtand, die Myrthenbüſche, die es vor dem Bergwind beſchützten, all das ſtand vor ihrer Erinnerung. Aber die Bitterkeit des Verluſtes äußerte ſich nicht auf gleiche Weiſe bei Beiden. Das Geſicht des jungen Mannes zeugte nur von verzweifeltem und hoffnungsloſem Verzagen. Denn er war keiner von denen, die tief innerlich zu fühlen ſo un⸗ 270 glücklich ſind: ja er gehörte jener verweichlichten Racke von Menſchen an, die wir unter den üppigen Nationen des Orients ſo häufig finden. Sehr verſchieden davon war der Ausdruck in den großen ſchwarzen Augen ſeines Weibes. In ihnen lag die volle Kraft einer Dulderin, ſie war das äußerſte Maß des Elendes zu ertragen fähig. Ach, es gab etwas, was ihrem Herzen näher lag, als die Freiheit und das Glück, dem ſie entriſſen worden; und von dieſem Schatze, der Gabe des Himmels, glaubte ſie, ſei die unbarmherzige Hand des Afri⸗ kaners im Begriffe, ſie für immer zu trennen. Feſt an ihre Bruſt gedrückt, mit all' der Kraft ihrer ſchwachen Arme, hielt ſie ihr einziges Kind, ein kleines Mädchen mit ſchönen Haaren, deſſen freundlicher Blick aus den zarten blauen Augen ſeit drei oder vier Jahren die Sonne ihres Lebens geweſen, und ſie wußte— die junge Mutter wußte wohl— daß es nicht die letzte Grauſamkeit der ſchändlichen Seelenverkäuferei ſei, daß der Käufer die Kinder nicht mit der Mutter in den Kauf nehmen will, wenn Erſtere nicht ein Alter erreicht, um ſelbſt ſchon Sklavendienſte leiſten zu können, und ihm ſomit nicht mehr zur Laſt zu fallen. Ihr kleiner Liebling konnte aber nicht zu den Letzteren gezählt werden: ſie fühlte, — denn ſie war zu unglücklich, um irgend einer Hoffnung Raum zu geben,— ſie fühlte, daß, wenn ſie verkauft wäre, man ſich kein Gewiſſen daraus machte, ihr das zu entreißen, an welchem alle Gefühle ihres Herzens hingen. Der Handel nahm ſeinen Fortgang. Ein türkiſcher Kaufmann von Gallipoli, verſtand ſich endlich dazu, nachdem er lange gefeilſcht, das junge Paar zu kaufen, indem er ihre 271 Jugend und Kraft in Anſchlag brachte und varaus auf ihre Fähigkeit zu ununterbrochener Arbeit ſchloß, die ihm für die Erſprießlichkeit des Handels garantirte. Wie gewöhnlich wollte er jedoch das Kind nicht mit in den Kauf nehmen. Der äghptiſche Verkäufer hatte, als er die junge cretiſche Mutter aus ihrer glücklichen Heimath geſtohlen, ſie von ihrem Kinde zu trennen verſucht, um ſich und ſie von einer unnöthigen Laſt zu befreien, da er die Reiſe nach der Hauptſtadt zu Fuß zu machen gedachte; aber ſie klammerte ſich an ihren Schatz mit einer Verzweiflung, die ihn nachgeben hieß, um ihr Leben nicht auf das Spiel zu ſetzen; er ſagte ihr deßhalb mit ſpöt⸗ tiſchem Lachen, ſie ſolle die Laſt nur auf ſich nehmen, wenn ſie Luſt hätte, er werde aber Mittel finden, ſie zu zwingen, gleichen Schritt mit ihm zu halten, mit was ſie ſich auch beladen haben möchte. Sie entgegnete nichts, und trotz Mü⸗ digkeit, Erſchöpfung und Hunger trug ſie ihr Kind über Berg und Thal, ohne daß eine Klage über ihre Lippen gekommen wäre, nicht murrend, wenn die Peitſche ſie berührte, und ſie unter ihrer koſtbaren Laſt zuſammenſinken zu müſſen glaubte. Jetzt aber zeigte der Sklavenhändler nicht einmal ſo viel Erbarmen mehr; ihr neuer Herr mochte ſie behandeln, wie er wollte; um jedoch ſeine Pflicht bei dem Handel ganz zu erfüllen, trat er plötzlich auf ſie zu und riß mit aller Gewalt ihr das ſchreiende Kind aus den Armen, das er auf die Straße ge⸗ ſchleudert, wo es hätte umkommen müſſen, wenn nicht ein mitleidiges Herz unter der ſchmutzigen und gefühlloſſen Maſſe geweſen wäre. Kein Wort vermag den Schmerz zu ſchildern, der ſich in dem herzerſchütternden, durchdringenden Geſchrei * 272 der Mutter ausſprach, als ſie vergebens gegen die grauſame Hand ihrer Quäler ankämpfte, die ſie zurück hielten, als ſie zu ihrer kleinen Tochter eilen wollte. Kein Wort kam über ihre Lippen, nur„mein Kind, mein Kind!“ rief ſie; aber Bände würden nicht ausreichen, die tiefe Verzweiflung zu ſchildern, die in dieſen Worten lag. Unter den Zuſchauern war ein Mann, der dem ganzen Vorgang mit all' dem Abſcheu angewohnt hatte, der ein ge⸗ ſundes und edles Herz bei ſo tiefer Verletzung der göttlichen und menſchlichen Geſetze ergreifen muß. Es war dies ein braver amerikaniſcher Miſſionär, der mit einer Frau, die eben ſo gut und gottergeben wie er, Heimath, Freunde und Fa⸗ milie verlaſſen, um mit ſeinen beſten Kräften dem großen Werke der Verbreitung des Chriſtenthums im Oſten zu dienen. Er war zu dieſem empörenden Verkaufe einzig in der Abſicht gekommen, irgendwie zu helfen; und fand auch jetzt Ge⸗ legenheit, zu erfahren, daß eine gute Abſicht in dieſem Leben ſelten ihren Zweck verfehlt, ſondern ſicher immer ein Leiden findet, dem Linderung Noth thut. Sein weiches empfindſames Herz wurde bis in's Innerſte ergriffen bei dem Schmerzens⸗ ſchrei der unglücklichen Mutter; und bewegt von einer jener edeln Triebfedern, die, wenn öfter gefühlt und öfter wirkend, das düſtere Zwielicht, in das der Kampf des Guten und Böſen uns gehüllt, in helles Tageslicht verwandelten, ſtürzte er her⸗ vor und hob das hülfloſe Kind zärtlich in die Arme; dann ſo nahe, als es die türkiſchen Diener ihres neuen Hertn geſtatteten, zur Mutter tretend, ſagte er in der Sprache ihrer Heimath zu ihr:„Es diene zu Eurer Beruhigung, armes gefangenes Opfer, 273 daß Euer Kind eine glückliche Heimath und einen unermüd⸗ lichen Verſorger finden wird. Ich ſchwöre Euch im Ange⸗ ſichte des Himmels, deſſen Gnade mich Euch zugeſandt, dem Kinde nicht allein jetzt, ſondern ſo lange ich lebe, Alles ſein zu wollen, was die Eltern, die es verliert, ihm hätten ſein können.“ Er hatte nicht Zeit, mehr hinzuzufügen, denn der Türke gab ein Zeichen, und die andern Sklaben ſchleppten ihre neuen Kameraden hinweg; aber ſie hatte ihn verſtanden; es lag etwas in dem zum Himmel erhobenen Auge und dem ernſten, wahrheitserfüllten Tone des Amerikaners, was ſie unwillkührlich mit vollem Vertrauen zu ihm erfüllte, obgleich er ihr durchaus fremd war. Es liegt in der wahren Natur der Mutterliebe, uneigennützig zu ſein; und obwohl ſie fühlte, daß das Leben ohne ihren Liebling nur traurige und düſtere Tage haben könnte, ſo lohnte ſie doch den Miſſionär mit einem Blick voll inniger Freude und Dankbarkeit, da ſie fühlte, daß, wenn auch die Verzweiflung ſie verzehren müſſe, ihrem Kinde doch wohl ſei. Einen Augenblick ſpäter war ſie in den volkreichen Straßen verſchwunden, ihrem Herrn mit den übrigen Sklaven folgend, unter denen ihr Gatte, vom Unglück ſtumpf gemacht, ſtumm einherſchritt. Der gute Amerikaner ſtand allein noch auf dem Markte mit ſeinem neuen Beſitzthum in den Armen; aber er bereute den feierlichen Eid nicht, den er um ſeinetwillen geſchworen, als ſich das arme kleine Kind feſt an ihn anſchloß und den vertrauensvollen Blick ſeiner un⸗ ſchuldigen Augen zu ihm aufhob. Er nahm es heim zu ſei⸗ nem Weibe und dieſes, gewöhnt, den Eifer des Gatten zu Der Erzähler 1848. l. 18 274 mäßigen, war etwas erſtaunt über die großen Pflichten, die er durch ſein Verſprechen übernommen. Das Weib müßte jedoch ihre wahre Natur verleugnen, das dem Jammergeſchrei eines hülfloſen und verlaſſenen Kindes widerſtehen könnte, und kaum fühlte ſie die kleinen weichen Arme um ihren Nacken, als ſie das Kind an ihr Herz drückte und es ſo freundlich in ihrem Hauſe willkommen hieß, als ihr Gatte. Sobald ſich die Hitze des Tages etwas gemäßigt hatte, ging der Miſſionär aus, ſich von der Beſtimmung der neu gekauften Sklaven zu unterrichten, damit er die Eltern des armen Pfleglings nicht aus dem Geſichte verliere. Aber es war bereits zu ſpät: man erzählte ihm, daß der Türke ſich früh am Tage mit all' ſeinen Gütern, belebten und unbe⸗ lebten, eingeſchifft und abgeſegelt ſei, kein Menſch wiſſe wohin. Alles, was er erfahren konnte, war, daß es ein reicher Kauf⸗ mann aus Gallipoli ſei, einer Stadt, die nahe am Marmoraſee und gegenüber vom alten Lampſakus liegt. Er kehrte deshalb nach Hauſe zurück, überzeugt, daß das arme Kind, das eine Waiſe war, obgleich die Eltern noch lebten, eine Gabe vom Himmel ſei, von der er ſich nicht mehr trennen dürfe. Monate und Jahre vergingen, und die kleine Stamata (mit welchem Namen der Miſſionär ihre Mutter ſie hatte rufen hören) wurde größer und gedieh unter der ſorgenden Hand. Kurz nachdem ſie ein Glied der Familie geworden, hatte dieſe ihren Wohnſitz nach einer der joniſchen Inſeln verlegt, wo er die Oberaufſicht der Schulen übernahm, die von der amerikaniſchen Miſſion dort eingerichtet wurden. Er hatte ſich hier noch nicht lange niedergelaſſen, als er ſeine 4 2 — 275 Frau berlor, und von jetzt an reiften die Früchte ſeiner guten Handlung. Stamata wurde ihm, was nur immer eine er⸗ gebene und anhängliche Tochter dem Vater ſein kann; ſie war ein ſo liebenswürdiges und einnehmendes Kind, als je eines gelebt hat. Gedankenboll, ernſt und mit einem Geiſt von un⸗ gewöhnlicher Schärfe, unterſtützte ſie den Miſſionär in Allem, was er that; und es war ſein Vergnügen, ſie zu unterrichten und ihren feinen Geiſt, ſoviel er konnte, weiter zu bilden. Sie war eine ſehr geſchickte Schülerin und machte beſonders in dem religiöſen Theile ihrer Studien bedeutende Fortſchritte; er hatte allen Grund zu hoffen, daß ſie ihn einſt, wenn er älter würde, in der Beſorgung der Schulen unterſtützen könnte; es war dies ſein ſchönſter Traum, ſeine ſüßeſte Hoffnung. Er hielt es für ſeine Pflicht, wenn ſie einmal größer geworden, ſie von den Umſtänden ihres erſten Zuſammentreffens in Kennt⸗ niß zu ſetzen: er fand jedoch, daß, ſo jung ſie auch damals noch geweſen, ſie ſich doch genau bis ins Einzelne der ganzen Scene des ſchändlichen Verkaufes ihrer Eltern erinnerte, und man ſah, daß jenes Ereigniß einen ſo tiefen Eindruck auf ſie gemacht, daß es von dem größten Einfluß für ihr ganzes Leben blieb. So tief und ſchmerzlich war die Bewegung, die ſie zeigte, wenn man ihres Vaters und ihrer Mutter ewähnte, daß er beſchloß, nie mehr dieſen Gegenſtand zu berühren, in der Hoffnung, die Erinnerung an das Schickſal derſelben werde dadurch nach und nach aus ihrem Gedächtniß verſchwinden. Ob dies wirklich der Fall war, konnte er nicht ſagen, da er es nie mehr wagte, ſie daran zu erinnern und eine gewiſſe unüberwindliche Zurückhaltung zu den herborſtechendſten Eigen⸗ 276 ſchaften ihres Charakters gehörte, als ſie zur Jungfrau heran⸗ gereift war. Flüchtige Anzeigen enthüllten ihm bisweilen, daß ſie Tag und Nacht über Gedanken brütete, die ſie vor allen verborgen hielt; da aber, während mehrer Jahre der Name ihrer Eltern nie mehr über ihre Lippen kam, konnte er nicht anders denken, als daß ſie, wie er, glaubte, ſie ſeien längſt der Laſt ſo vieler Qualen und unaufhörlicher anſtrengender Arbeit erlegen und hätten deßhalb entweder längſt ausgerungen oder die Hoffnung auf eine beſſere Zukunft für immer aufgegeben. Stamata war noch ſehr jung, als die Schulen durch den bedeutenden Zuwachs, den ſie erhielten, es dem Adoptivvater unmöglich machten, ohne eine Hülfe ſeinem ſchweren Amte vor⸗ zuſtehen. Zu ſeiner großen Freude entſchieden die Directoren des Inſtitutes, daß Niemand der Aufgabe gewachſener ſei, als das Kind, das er ſich ſelbſt zu einer ſo tauglichen und ge⸗ ſchickten Stütze herangebildet; denn ihr eigenthümliches Talent und ihre große Bildung war allgemein bekannt. Durch dieſe neue, ehrenvolle Stelle erwarb ſich Stamata ein nicht unbe⸗ deutendes Einkommen: dieſer Umſtand jedoch ließ einen neuen Zug ihres Charakters hervortreten, der den Miſſionär ſehr be⸗ unruhigte. Jtde Zepta(die kleinſte griechiſche Münze), die ſie auf irgend eine Weiſe bekommen konnte, war ein Gewinn für ihr Vermögen, das ſie mit einer Umſicht und man könnte ſagen mit einer Habſucht zu vermehren ſuchte, wie ſie nur dem er⸗ bärmlichſten Geizhalſe eigen. Obwohl in dem Alter, in wel⸗ chem junge Mädchen alles zu ihrem Schmucke zu verwenden pflegen, ſparte ſie ſich auch das Nöthigſte ihrer Kleidung ab, 277 die grob, man konnte beinahe ſagen, ärmlich war; doch was das ſchlimmſte, ſie benützte nie eine der vielen Gelegenheiten, die ſich ihr boten, wohlzuthun. Stamata, obwohl mit gieriger Hand Summe auf Summe häufend, war weit verſchwenderiſcher mit einem andern Schatze, den ſie beſaß, nämlich den erſten heißen Gefühlen ihres jungen Berzens: dieſe hatte ſie, ehe ſie deſſen gewahr wurde, einem Manne zugewandt, der ihrer glücklicherweiſe werth war. Es war dies ein junger Jonier, der all ſein Vermögen bei einer unglücklichen Speculation verloren und ſich als Dolmetſcher der Fremden, die die Inſel beſuchten, eine precäre Exiſtenz ge⸗ ſchaffen hatte. Aber obwohl arm und unglücklich, war Petrachi doch ein edler, hochherziger und gebildeter Jüngling und von dem Augenblicke, da er ſie zum erſten Male geſehen, fühlte er eine innige und uneigennützige Neigung zu der ſanften, melan⸗ choliſchen Stamata. Sie ſelbſt, zurückhaltend in gewiſſen Punk⸗ ten, war doch wieder zu unſchuldig und natürlich, als daß ſie ihre ſtumme Liebe den wachſamen Blicken des Adoptivbaters hätte verbergen können; und als der junge Mann kam, um ihm ſeine innige heiße Zuneigung zu bekennen, gab ihm der würdige Miſſionär nicht nur ſeine Einwilligung, ſondern verſprach ihm ſogar ſeinen Beiſtand„um die Heirath zu Stande zu bringen. Dies konnte jedoch nur dann der Fall ſein, wenn Stamata ſich eine hinreichende Summe zur Exiſtenz zuſammengebracht hätte, da Petrachi gänzlich ohne Vermögen war. Sie wollte früher ſchon, als ſie gehofft hatte, zum Ziele ihrer Wünſche gelangen. Die Directoren der Schulen waren mit ihrer Ge⸗ ſchicklichkeit und ihrem Fleiße ſo außerordentlich zufrieden, daß 278 ſie das Honorar zu verdoppeln beſchloßen: und etwas mehr als ein Jahr, nachdem Petrachi dem Vater ſeine Gefühle geſtanden, ſah ſie ſich im Beſitze einer Summe, die in dieſem Lande ſchon für ein kleines Vermögen gelten konnte. Der junge Mann war zu verſchiedenen Malen in ihren Adoptivvater gedrungen, ihn von dem Verſprechen des Schweigens in Bezug auf das ſeinem Herzen am nächſten ſtehende Weſen zu entbinden und erhielt endlich auch wirklich die Erlaubniß, förmlich um ihre Hand zu werben, da der gute Miſſionär glaubte, daß es jetzt beſſer ſei, je eher die Verbindung zu Stande käme. Petrachi eilte zu Stamata, heiter und voll ſüßer Hoffnung, die auch der alte Mann für wohlbegründet hielt; aber wie groß war ſein Erſtaunen, als kurz nachher der junge Mann im Zuſtande der äußerſten Verzweiflung in ſein Zimmer ſtürzte und ihn erſuchte, zu Stamata zu gehen und ihr Vorſtellungen zu machen; ſie habe ihm, ſagte er, auf's Beſtimmteſte ſeine Bitte abgeſchlagen, während ſie ihm doch geſtanden, daß ſie ihn von ganzer Seele liebe.— Der Miſſionär war außerordentlich erſtaunt und überraſcht bei dieſer Nachricht, denn nichts konnte in die Augen ſpringender ſein, als die innige Liebe, die der junge Mann ihr eingeflößt; er wußte es deßhalb kaum zu faſſen, wie ſein Kind plötzlich ſo launenhaft und unbeſtändig geworden ſein ſollte. Bald jedoch wurden ſie über dieſen unbegreiflichen Um⸗ ſtand aufgeklärt. Stamata theilte ihrem Adoptivvater mit, daß ſie, weit entfernt, je ihre Eltern vergeſſen oder ihre Ge⸗ fühle für ſie durch die Zeit habe erſterben zu laſſen, im Gegen⸗ theil, Monat um Monat, Jahr um Jahr nur einer einzigen 279 tief im Herzen begründeten Hoffnung gelebt— ſie aus der Sclabverei zu erlöſen. Dieſer Plan war ihr einziger Traum bei Nacht und ihr einziger Gedanke bei Tage geweſen. Sie hatte von einem Türken, der auf der Inſel wohnte, erfahren, welches der gewöhnliche Preis ſei, der für einen männlichen und einen weiblichen Selaven gefordert werde; und um dieſe Summe zuſammenzubringen, hatte ſie gearbeitet, ſich geplackt und ſich nicht nur jeden perſönlichen Genuß, ſondern auch die ſüßeſten der Erdenfreuden,... die Linderung des Leidens, verſagt, ſich verſagt um eines Zweckes willen, der ihr wichtiger und heiliger war, als jeder andere. Im Stillen, und ohne irgend Jeman⸗ den um Rath zu fragen, hatte ſie mit einer ſeltenen Miſchung von ſorgloſem Muthe und Scharfſinn ihre Pläne erſonnen und war augenſcheinlich entſchloſſen, dieſe allen Hinderniſſen zum Trotze durchzuſetzen. Sie ſchien nie auch nur einen Augenblick den Gedanken gehabt zu haben, ihre Eltern möchten ihrer Hülfe nicht mehr bedürfen: ſie war im Gegentheil der feſten Ueberzeugung, daß ſie noch lebten,— und danach han⸗ delte ſie. Sie hatte ſorgfältig ihre Hoffnungen und Wünſche vor dem Miſſionär verborgen gehalten, da ſie ſein edles Herz zu gut kannte, um nicht zu wiſſen, daß, ahnte er, wie ſehr ihr ganzes Glück von dem Erfolge abhänge, er ſogleich auch ſich eines Theils ſeiner kleinen Erſparniſſe berauben würde, um ihr die Summe zu verſchaffen, der ſie benöthigt war; und gegen ein derartiges neues Opfer von ſeiner Seite ſträubte ſich ihr edles Herz. Er hatte wahrhaftig bereits genug für ſie ge⸗ than— mehr als ſie je wieder vergüten konnte: und ihrer Selbſtaufopferung und unermüdeten Thätigkeit allein ſollten die 280 Eltern ihre Freiheit zu danken haben. Aus ihrer Liebe zu Petrachi mochte ſie kein Geheimniß machen; aber anfangs war ſie ſo feſt entſchloſſen, ſich und ihr Glück ihrem frommen Be⸗ ſtreben zu widmen, daß ſie hoffen gelernt, ſein Schweigen ſei eine Folge ſeiner Gleichgültigkeit; jetzt aber, obwohl es ihr das Herz zerriß, daß auch er verurtheilt ſei, unter ihrem achtungs⸗ werthen Entſchluſſe zu leiden, wollte ſie, als ſie der Miſſionär zur Berathung herbeirief, ihm doch feſt erklären, daß er ſich nie Hoffnung machen dürfe, ſeine Wünſche je erfüllt zu ſehen, da die Befreiung ihrer Eltern all' das kleine Vermögen auf⸗ zehren würde, und ſie ihn nicht bitten könnte, zu warten, bis ſie ſich ein neues erworben, da die ſchönſte Zeit ſeiner Jugend darüber verflöße. Petrachis Augen ſagten ihr, er werde war⸗ ten, ob ſie es wünſche, oder nicht; und ſein theilnahmvoller, inniger Blick ſchien ſie zu genauerer Auseinanderſetzung ihrer Plane aufzufordern. Was ſie ihnen bereits mitgetheilt, ſagte ſie, ſei nur ein Rückblick auf die Gefühle, die ſie beſeelt, während ſie geduldig gearbeitet, um das nöthige Geld zu beſchaffen; aber jetzt ſei die Zeit für ſie gekommen, zu handeln, und das Einzige, was ihr bittere Thränen entlockt, ſei der Gedanke geweſen, ohne Verzug Alles, was ihr auf Erden theuer, verlaſſen zu müſſen, um den Plan, der nun zur Ausführung reif ſei, zu verfolgen. Durch einen glücklichen Zufall, ſagte ſie, ſei eine Familie, mit der ſie befreundet, im Begriffe, nach Conſtantinopel zu reiſen und dieſe habe ihr angeboten, ſie bis Gallipoli mitzunehmen, wo ihre Eltern, wenn ſie noch am Leben, aller Wahrſcheinlich⸗ keit ſich aufhalten müßten. Sollten ſie jedoch anderswo ſein, 281 ſo wollte ſie ihnen auch dorthin folgen; ja ſie hatte bereits für alles zur Reiſe Nöthige geſorgt, und den größeren Theil ihres Geldes in den Zipfel ihres rothen Feß(Mütze), um ganz ſicher zu ſein, genäht. Petrachi und der Miſſionär ſahen wohl, daß es vergebens ſein würde, ihr von der Ausführung des ſo lange gehegten Planes abzurathen; beide aber machten ihr Vorſtellungen, doch nicht allein die gefährliche Reiſe zu unter⸗ nehmen. Stamata jedoch war feſt entſchloſſen und vertheidigte dieſen Entſchluß auf's Hartnäckigſte, ſo daß man einen geheimen Grund darunter verſteckt vermuthen mußte; ſie leugnete auch nicht, daß ſie wirklich aus einem ganz beſtimmten Grund ſich die Begleitung ihrer Freunde verbitten müſſe; außerdem deutete ſie mit gewohntem Tacte an, daß dies jedenfalls unmöglich ſei, da Petrachi kein ſchicklicher Begleiter wäre; und das Glück der ganzen Familie hänge vielleicht davon ab, daß der alte MWiſſionär die Schulen beſorge, damit ſie nicht in andere Hände fielen. Envlich nach einer langen und peinlichen Verhandlung entſchied der Alte, daß ſie ganz nach Gutdünken handeln möge; denn er gehörte zu denen, die es lieber ſehen würden, wenn die, die ſie lieben, in der Ausführung einer guten That zu Grunde gingen, als wenn ſie in der Vernachläßigung ihrer Pflicht ihr Glück fänden. Die Familie, unter deren Schutz ſie die theure Heimath und die noch theureren Freunde zu verlaſſen gedachte, wollte bereits in wenigen Tagen mit einem Schiffe auslaufen und der alte Miſſionär bedauerte nicht, daß dem ſo war; denn obwohl er ſah, daß Stamata feſt entſchloſſen ſei, bemerkte er doch zu⸗ gleich, daß der Gram an ihr zehre, da ſie die Trennung für 282 eine Trennung auf ewig zu betrachten ſchien, während er nicht entfernt an eine ſolche dachte. Hätte er gewußt, welcher Ent⸗ ſchluß ſie auf dieſen Gedanken brachte, und den Grund gekannt, der ſie jede Begleitung abzulehnen beſtimmte, er wäre ſicher geſtorben, ehe er ihr geſtattet, ihn zu verlaſſen. Sie war näm⸗ lich entſchloſſen, wenn die Macht des Goldes nicht ausreichte, wie das hie und da der Fall, oder wenn die Summe, die ſie beſaß, zu gering wäre, um Vater und Mutter die Freiheit wie⸗ derzuſchenken, die mit ihnen geboren, ſo wollte ſie ein Mittel anwenden, von dem ſie ſicher war, wenigſtens Eines von Beiden befreien zu können,— ſie wollte ſich als Arbeiterſelavin*) an ſeiner Statt anbieten. Dieſer Entſchluß war nicht minder ſchrecklich für ſie, als er es für ein frei⸗ geborenes engliſches Mädchen geweſen; denn es iſt zu erinnern, daß ihr Geiſt nicht allein außerordentlich gebildet war, ſondern daß ſie ja von einem Amerikaner erzogen worden, der nicht verſäumt hatte, ihr all' ſeine liberalen Ideen einzupflanzen; obwohl er ihr freilich auch daneben ſo hohe und edle Grund⸗ ſätze beigebracht, daß ſie mit der gleichen Ruhe allen Schrecken und der Schmach der Sclaverei entgegenging, wenn es galt, die zu befreien, die ihr, wenn auch nur dem Namen nach, Eltern waren. Der Tag des Scheidens kam. Begleitet von den Thränen und Bitten derer, denen ſie ſo theuer war, verließ die ergebene Tochter ihre glückliche Heimath; aber gerade die, die ſie am *) Es iſt ein Unterſchied zwiſchen dieſen und denen des Harem. 283 meiſten liebten, konnten die Heftigkeit ihres Schmerzes am wenig⸗ ſten begreifen, denn ſie wußten nicht, daß ſie in ihrer Auf⸗ opferung keine Grenzen kannte. Die bitterſte Prüfung war endlich vorüber; ſie ſah die Geſtalten des guten alten Miſſionärs und Petrachi's, der verſprochen hatte, ihm ein Sohn ſein zu wollen, nur noch in der Ferne, und bald konnte ſie auch dieſe nicht mehr unterſcheiden; ſie blieb allein mit dem Schmerze, ſie wohl nie wieder zu ſehen. Unter den Paſſagieren, die mit ihr auf dem Boote waren, fand Stamata zu ihrer großen Freude einen Griechen, der gewöhnlich in Gallipoli wohnte, wohin er in Geſellſchaft ſeiner Mutter, einer fein und ange⸗ nehm ausſehenden Alten, zu fahren im Begriffe war. Mit dieſen Leuten machte Stamata raſch nähere Bekanntſchaft, da ſie es für hochſt wahrſcheinlich hielt, durch ſie etwas von dem Türken erfahren zu können, der ihre Eltern gekauft hatte und deſſen Namen ſie ſich noch genau erinnerte. Sie täuſchte ſich nicht; ſie kannten ihn genau, da er ein ſehr angeſehener Kauf⸗ mann jener Stadt war; und was noch wichtiger, die alte griechiſche Dame war oft in ſeinem Harem geweſen, wo ſie der erſten Frau deſſelben Henna für die Nägel, ſchwarze Farbe für die Augbraunen und dergleichen verkaufte. Sie war glück⸗ licherweiſe ſogar mit der Lage und den Namen der einzelnen Sclaben bekannt. Daß der Vater Stamata's unter dieſen war, konnte ſie aufs Beſtimmteſte verſichern, denn ſie behauptete, ſich noch genau der Umſtände des Kaufes zu erinnern, da der Türke äußerſt aufgebracht geweſen, als er ſeinen Handel ſo unglücklich ausfallen ſah; denn die arme Mutter, die ihres Kindes beraubt worden, härmte ſich ab und ſtarb nach wenigen 284 Monaten. Bei dieſer Nachricht kannte Stamata's Schmerz keine Grenzen; denn die Erinnerung an den Jammer der Mutter bei ihrer Trennung hatte ihr Herz gegen alle Freuden des Lebens abgehärtet, das ſie allein ihrer Sache geweiht. Als jedoch die alte Frau ihr erzählte, daß der Türke geſchworen, den Ueberlebenden für beide arbeiten laſſen zu wollen, und daß die Qual und die Schmerzen, die ihr Vater ſeit Jahren erdul⸗ det, nicht zu beſchreiben ſeien, ging ihr Kummer um die, die ſie verloren, ganz in der Sorge um den, der ihr geblieben, auf. Stamata war trotz all' ihrer Klugheit doch arglos und offen, wie ein Kind, und ſie öffnete ihr ganzes Herz ihren neuen Bekannten, indem ſie ihnen all' ihre Hoffnungen und Pläne und ſogar die Summe mittheilte, die ſie zur Ausführung der⸗ ſelben mit ſich führte. Bei dem letzten Puncte der Eröffnung ſtrahlten die Augen der Mutter und des Sohnes in einer Weiſe, die Stamata hätte Verdacht faſſen laſſen müſſen, wenn ſie die Welt etwas beſſer gekannt, oder auch nur die Gegenden, in denen ſie bisher gelebt hatte; denn ſie würde dann gewußt haben, daß man im Orient die niedrigſten Charaktere zumeiſt unter denen findet, die, wie ihre neuen griechiſchen Freunde, ihr Vaterland und ihre Familie verlaſſen, um in ein anderes Land zu ziehen, wohin ſie ihr Intereſſe lockt. Wirklich würde auch Jeder, der nur etwas mehr mit dem Schlechten in ſeinen verſchiedenen Schattirungen bekannt geweſen wäre, als die arme Stamata, Urſache gefunden haben, an der Aufrichtig⸗ keit ihrer neuen Bekanntſchaft zu zweifeln, da ſie in allzu auf⸗ dringlicher Weiſe ſie plötzlich jetzt ihrer Theilnahme und Freund⸗ ſchaft verſicherten. Aber ſie urtheilte anders; denn im vollen 285 Bewußtſein, daß ſie ebenſo handeln würde, wenn der Fall umgekehrt wäre, fand ſie es ganz natürlich, als ſie ſie, mit dem Scheine der größten Uneigennützigkeit, einluden, bei ihnen zu wohnen, wenn ſie nach Gallipoli kämen, bis ſie zu dem Palaſte des reichen Kaufmanns Zugang erhalten würde. Sie nahm das Anerbieten dankbar an, da ſie verſprachen, ihr ohne große Schwierigkeiten Gelegenheit zur Abſchließung des Handels verſchaffen zu können, beſonders da ſie die Frau des Türken, der gerade auf einer Reiſe von großer Wichtigkeit abweſend war, ganz genau kannten. Nach einer glücklichen Fahrt landete Stamata mit ihren Freunden in Gallipoli und begab ſich ſogleich mit ihnen nach Hauſe. Ihre Ungeduld war ſo groß, daß die alte Grie⸗ chin es ihr nicht abſchlagen konnte, ſogleich den Harem des Türken zu beſuchen, um Stamata den Weg anzubahnen. Sie war einige Stunden abweſend, kam jedoch mit der be⸗ friedigendſten Nachricht zurück. Sie hatte Stamata's Vater geſehen, der die Nachricht von der ihm bevorſtehenden Befreiung aus den Sklavenketten mit einer ſo wahnſinnigen Freude auf⸗ genommen hatte, daß dieſe jedes andere Gefühl, ſelbſt das des Glückes, ein Kind, das man lange verloren glaubte, wieder gefunden zu haben, ausſchloß. Sie hatte auch die Herrin des Harem geſehen, die die Vollmacht hatte, in der Abweſenheit ihres Herrn und Meiſters, in Angelegenheiten, wie dieſe, zu handeln und von dieſer das Verſprechen erhalten, die Summe, welche Stamata für die Befreiung des Vaters anbot, annehmen zu wollen. Die alte Frau hatte verabredet, daß der Beſuch in einer Frühſtunde des folgenden Tages ſtatt haben ſollte. 286 In der ſüßen Gewißheit, ihre lang gehegte Hoffnung bald er⸗ füllt zu ſehen, genoß Stamata nach langer Zeit wieder zum erſten Male der Wohlthat eines ruhigen Schlafes, und ob⸗ wohl ſie das Zimmer mit ihrer Wirthin theilte, ſchlief ſie doch ſo feſt, daß ſie auch nicht die geringſte Bewegung während der Nacht bemerkte. Am folgenden Morgen begab ſich das Mädchen aus Creta allein zu der Wohnung des Türken, und jetzt, da ſie auf dem Gipfel ihrer Wünſche angekommen ſchien, jetzt erſt ſollte ſie die bitterſten Täuſchungen erfahren. Die erſte bereitete ihr der Vater. Auf das Gemüth dieſes Mannes, das ſich nie durch ein beſonderes Zartgefühl ausgezeichnet hatte, wirkte die Skla⸗ verei wie ein freſſend Gift, das Ich war ſein IJdol und das einzige, was ihm am Herzen lag, war ſeine Befreiung. Jahre der Qual und der Gefangenſchaft hatte jeden andern Ge⸗ danken, jedes andere Gefühl aus ſeiner Seele verwiſcht; dieſer heiße Wunſch allein beſeelte ihn. Als er hervortrat, im ſeine edelmüthige Tochter zu empfangen, ein elender, vom Alter ge⸗ beugter und zuſammengefallener Mann, äußerte er kein Wort der Freude über das Wiederfinden oder des Dankes für ihr großes Opfer, ſondern rief laut in ſchwachem, jammerndem Tone, ſie ſolle doch keinen Augenblick verlieren, ihm die Frei⸗ heit wiederzuſchenken, und die nöthige Kaufſumme zu be⸗ zahlen,— er habe lange genug gewartet. Man kann nicht leugnen, Stamata fühlte eine gewiſſe Reue, als ſie die ſchönſten Träume ihrer Vergangenheit, in welchen ſie ſo oft ſich das erſte Wiederſehen mit ihrem Vater ausgemalt hatte, zu Nichte werden ſah; glücklicherweiſe war dieß Unternehmen aus dem 287 Gedanken an die Pflicht entſprungen und die Pflicht blieb dieſelbe, wie wenig auch der Vater ihrer zärtlichen Sorge werth war. Sie folgte ihm zu der Frau des Kaufmanns, und er⸗ hielt von ihr den Beſcheid, daß ſogleich nach Ausbezahlung des Kaufſchillings dem Vater und der Tochter freier Abzug ge⸗ währt ſei. Des alten Mannes Augen glänzten bei dieſem Worte, und Stamata, raſch ihr Feß abnehmend, zog in der Haſt, mit der ſie das Geld hervorholen wollte, beinahe auch das Futter heraus. Wie groß war aber ihr Erſtaunen, als ſie fand, daß das Geld nicht mehr vorhanden und ſtatt ſeiner einige Steine eingenäht waren, damit ſie beim Aufſetzen der Mütze den Verluſt nicht bemerken ſollte. Einen Augenblick lang wankte Stamatas feſtes Vertrauen auf den Himmel, als ſie an die Unerſetzlichkeit des Verluſtes dachte; in ihrer Arg⸗ loſigkeit ließ ſie es ſich auch nicht entfernt träumen, ihre Wirthin von der vergangenen Nacht im Verdacht zu haben, ſondern ſie glaubte, während ſie an Bord des Schiffes ge⸗ ſchlafen, müſſe ihr das Geld geſtohlen worden ſein, und ſo ſtand ſie wie berlaſſen da, ohne die geringſte Hoffnung, je wieder die Summe ſchaffen zu können, um die ſie ſich ſo lange gequält hatte. Das Maß ihres Unglücks voll zu machen, wurde der Vater, als er den Becher der Freude vor ſeinen Lippen zerſpringen ſah, halb wahnſinnig und ſtieß einen fürch⸗ terlichen Fluch über ſeine unglückliche Tochter aus. Das Blut drang ihr zum Herzen zurück, als ſie dies hörte; aber ihres Schmerzes ſich bemeiſternd, wandte ſie ſich wieder an die Frau des Kaufmanns und machte einen neuen Verſuch, ihre Pflicht zu erfüllen. Sie bot ſich ſelbſt als Arbeiterſklavin an ihres 288 Vaters Statt dar. Das Anerbieten wurde angenommen: das kräftige geſunde Mädchen war ein guter Tauſch für den alters⸗ ſchwachen Mann; er wurde ſogleich freigeſprochen und konnte das Harem verlaſſen, ſobald ſeine Tochter an ſeiner Statt zu⸗ rück blieb. Bei dieſer Nachricht ſtieß er einen wilden Freuden⸗ ſchrei aus und eilte nach der Thüre, als ob er keinen Augen⸗ blick länger die Gefangenſchaft ertragen könnte, in der er ſeit Jahren gelebt; nicht durch ein einziges Wort oder einen Blick verſüßte er Stamata den bittern Kelch, den ſie zu trinken hatte; er hielt zwar plötzlich inne, jedoch nur, ſie um den kleinen Schmuck zu bitten, den ſie von ihren geliebten Freun⸗ den, die ſie jetzt mehr als je verloren, erhalten, um damit die Reiſe von Gallipoli zu bezahlen. Eine einzige Bitte richtete ſie noch an ihn, die er ihr für das große Opfer, das ſie ihm gebracht, erfüllen ſollte: ſie erſuchte ihn, zu ihrem Adoptivvater, der ihr jetzt erſt ihr wahrer Vater krſchien, zu gehen; und nachdem er ihr das Verſprechen gegeben, dies thun zu wollen, ſah ſie ihn ſcheiden und hörte die Thore des Gefängniſſes, denn ein ſolches war es ihr, ſich hinter ihm ſchließen, um ſie auf immer zur Gefangenen zu machen. Stamata ergab ſich ſtumm und ohne Klage in ihr neues und mühevolles Geſchick. Sie war in allen ihren Ideen und Gefühlen ſo ſehr Chriſtin und Europäerin, als es nur je ein Mädchen ſein könnte, das Großbritannien nie verlaſſen; man kann ſich daher denken, was es für ſie geweſen ſein muß, Sclavin türkiſcher Selaven zu werden, was in der That jetzt ihr Schickſal war und noch dazu ohne alle Hoffnung auf je ein⸗ tretende Aenderung; denn ſie war keineswegs verſichert, daß 289 ihr unwürdiger Vater je ſein Verſprechen erfüllen würde, ihre Lage ihren Freunden mitzutheilen. Darin wurde ſie ge⸗ täuſcht: er war nicht ganz abgeſtorben für menſchliche Gefühle und richtete pünktlich ihren Auftrag aus, für welchen er durch die Aufnahme in dem Hauſe des Miſſionärs belohnt wurde. Der Amerikaner und Petrachi wären bei dieſer Nachricht ſicher⸗ lich verzweifelt, hätte nicht die Vorſehung dem Mädchen aus Creta in der Stunde der Noth Freunde erweckt. Unter den Fremden, welche die ſchöne Inſel zuletzt beſucht hatten, wo der Miſſionär ſich aufhielt, war einer ſeiner Landsleute, ein Mann von ungeheurem Vermögen, und was noch weit ſeltener, ein Mann, den es freute, ſein Vermögen zum Wohlthun be⸗ nützen zu können. Er nahm den innigſten Antheil an Sta⸗ matas Geſchichte und theilte ihrem Adoptivater und Petrachi ſeine Abſicht mit, das Opfer, das ſie gebracht, durch eine reiche Mitgift zu belohnen, und dadurch die Heirath des jungen Paares möglich zu machen. Als deßhalb der eretiſche Selave die Nachricht von dem unglücklichen Schickſale ſeiner edeln Tochter brachte, dankte der gute reiche Mann dem Himmel, daß er ihn gerade um dieſe Zeit nach der Inſel geführt. Noch ehe eine Stunde verfloſſen, war er bereits auf dem Wege . nach Gallipoli; dort bot er der Frau des Kaufmanns jegliche Summe, die ſie für ihre neue Sklavin Stamata forderte; und nachdem er freudig den ungeheuren Preis bezahlt, den ſie verlangte, brachte er das edle Mädchen in die geliebte Hei⸗ math zurück, um dort den Lohn für ihr der kindlichen Pflicht geweihtes Leben zu empfangen. Damit aber war ſeinem guten 10 Der Erzähler, 1848. n. 290 Herzen noch keine Genüge geſchehen; er ſetzte ihr eine hin⸗ reichende Summe aus, um Petrachi heirathen und von nun an ein glückliches Leben führen zu können.— Für ihren wirklichen Vater zwar mit aller ſchuldigen Achtung ſorgend und ihn pflegend, fühlte ſie von jetzt an doch eine weit innigere Liebe zu dem guten alten Miſſionär, dem ihr Herz und ihre Seele gehörte. Die beiden Spitzbuben. Erzählung nach dem Berberiſchen des Ahmed⸗ben⸗Abd⸗Ebn⸗Abu⸗Mehalli, aus der Wüſte Mletla. Hacen, der andere Hafid⸗Aziez hieß. Abul⸗ Hacen wohnte an den Ufern des Uad⸗Botma, in einem Lande, das viele Gerſte erzeugt; die großen Wäldereien von Sbit laa Zrbit, die reich an Dattelbäumen ſind, waren das glück⸗ liche Vaterland des Hafid⸗Aziez. Durch einen jener unerklärlichen Zufälle, wie ſie ſo häufig im Leben vorkommen, ver⸗ ⁰ fielen dieſe Beiden zugleich, ja beinahe im nämlichen Augenblick, auf denſelben Gedanken. Der Uad⸗Botma entbehrt der Datteln und man weiß ſie ſich nicht anders zu verſchaffen, als durch eine Reiſe nach 292 dem Lande von Sbit laa Zrbit, einer waldigen Gegend, die in ihrer ganzen Ausdehnung nicht ein einziges Gerſtenkorn hervorbringt. Durch den Tauſchhandel, den die beiden Völker ununterbrochen mit einander treiben, verſchaffen ſie ſich gegen⸗ ſeitig die Lebensmittel, deren ſie zu ihrem Unterhalte be⸗ dürfen. Abul⸗Hacen ſollte nothwendig wieder Datteln haben, und es war nichts leichter für ihn, als ſich vermittelſt ſeiner Gerſte einigen Vorrath zu verſchaffen; aber er war außer⸗ ordentlich geizig, und um nun doch zu ſeinem Ziele zu ge⸗ langen, dabei aber den Schatz ſeiner Vorräthe nicht zu ſehr anzugreifen, erſann er den Plan, einen großen Tellis(Sack) von Wolle, mit Kleerſteinen zu füllen, die zu nichts nütze ſind, und dieſe mit einer ziemlich dicken Lage goldgelber Gerſte zu bedecken. Hafid⸗Aziez war zum Mindeſten eben ſo geizig als Abul⸗ Hacen. Er bedurfte gleichfalls nothwendig eines Vorraths an Gerſte; aber er konnte denſelben nicht anders, als mit dem Verluſte eines Theils ſeiner Datteln bekommen, und eine ein⸗ zige Dattel war für ihn, was für einen König die Krone und für einen Reiter das Pferd. Nicht minder Spitzbube, als Geizhals, hatte er zu derſelben Liſt ſeine Zuflucht genom⸗ men, wie Abul⸗Hacen, nur mit dem Unterſchiede, daß er ſeinen Tellis mit Meharrfrüchten füllte, die man weder eſſen, noch zu irgend etwas Anderem benützen kann, und dieſe mit einer anſtändigen Lage ausgezeichneter Datteln bedeckte. Dieſe Beiden, die zur ſelben Stunde von zwei entgegen⸗ geſetzten Punkten ausgegangen waren, begegneten ſich am linken 293 Ufer des Izzer⸗Idjdi(des Sandfluſſes). Nach gegenſeitigen heuchleriſchen Begrüßungen theilten ſie ſich den Zweck ihrer Reiſe mit und Abul Hacen, der den Haſid⸗Aziez zu hinter⸗ gehen hoffte, ſagte zu dieſem Letzteren:„Ihr geht an die Ufer des Uad⸗Botma, um Euch Gerſte zu holen, und ich bringe ja grade Gerſte mit mir; ich begebe mich nach Sbit laa Zrbit in der Abſicht, mir dort Datteln zu kaufen, und Ihr habt, wie ich ſehe, die allerſchönſten Datteln. Nun, wär' es nicht am beſten: unſere Tellis ſind beide von Wolle und von der⸗ ſelben Größe; die Qualität meiner Gerſte iſt ausgezeichnet; Eure Datteln ſind wirklich reizend; es bleibt uns alſo nichts, als die Tellis zu tauſchen und der Handel iſt zu beider Vor⸗ theil geſchloſſen.“ Hafid⸗Aziez, der ſicher darauf zählte, Abul Hacen be⸗ trügen zu können, ging mit größter Freude auf den vorge⸗ ſchlagenen Tauſch ein. Er ſchlug zum Scheine eine Muſterung der Sorte der beiden Produkte vor, und da es für beide Theile vom gleichen Intereſſe war, ſich nur mit der Oberfläche der Säcke bekannt zu machen, ſo öffnete man einfach die Säcke, und der Handel war ohne das mindeſte Hinderniß abge⸗ ſchloſſen. Als Jeder ſich ein hundert Schritte etwa von dem Andern entfernt hatte, hielten die beiden Spitzbuben plötzlich an und dachten ſo:„Wer weiß, ob die Qualität unten der oben entſpricht?“ Die Tellis wurden geöffnet und die Augen Abul⸗ Hacens und Hafid Aziez' erblickten mit großem Erſtaunen Me⸗ harrfrüchte ſtatt Datteln und Kleerſteine ſtatt Gerſte.„Der, den ich beſtehlen wollte, hat mich beſtohlen!“ riefen Beide 294 wüthend; und kehrten plötzlich um. Bald waren ſie wieder bei einander. Anfangs bedienten ſie einander mit Schimpfworten, neben denen das Sabujandeh und das Sabujamamatendeh der Neger für allerliebſte Schmeicheleien gelten konnten. Doch nachdem ſich der erſte Zorn gelegt hatte, ſagte Abul⸗Hacen zu Haſid⸗ Aziez:„Du haſt mich beſtohlen, ich habe Dich beſtohlen; wir ſind ſomit quitt. Mit unſern beiderſeitigen Eigenſchaften kann es uns nicht fehlen, daß wir, wenn wir wollen, große Reich⸗ thümer mit einander erwerben. Laß uns deßhalb von dieſem Augenblicke an gemeinſchaftliche Sache machen, und ohne Prophet zu ſein, wie unſer Herr Mohammed(Heil ihm!), kann ich Dir doch voraus ſagen, daß wir zu fabelhaften Reſultaten kommen werden.“ Die Handelsgeſellſchaft Abul⸗Hacen und Hafid⸗Aziez wurde alsbald begründet und ſetzte ſich ohne länge⸗ res Verweilen in Bewegung. Die beiden Verbündeten reiſten den ganzen Tag; ſie zogen über den Uad⸗Fdala, der gen Norden fließt, und den Uad⸗ Manſura, der vom Süden kommt. Sie ſahen in der Ferne die ſchrecklichen Berge von Kifan⸗Mſakhta(die Felſen der Verwünſchung) und folgten den Ufern des Uad⸗Jozer, der zweimal ſo breit iſt, als der Uad⸗Ulad el Kheluf, einer der Hauptnebenflüſſe des Uad⸗el⸗Kſab. Gegen Abend kamen unſre beiden Abenteurer in ein Dorf mit Namen Mila, das an den fruchtbaren Ufern des großen Bookoorſees liegt. Eine Karavane von zwölf mit Korntellis beladenen Eſeln kam beinahe im nämlichen Augenblicke, aber auf einem andern Wege, vom Uad⸗Zuii an. Abul⸗Hacen ſagte zu Hafid⸗Aziez: 295 „Willſt Du, daß wir uns dieſer zwanzig Tellis mit Korn bemächtigen? Die Eſel, die ſie getragen, freſſen ihr Gras in größter Ruhe, und die Leute von der Karavane ſcheinen weit mehr mit den langen ſchwarzen Augen der jungen Mädchen, als mit ihren Waaren beſchäftigt. Wenn Du mit meinem Vorſchlag zufrieden biſt, ſo haben wir das Korn, ehe zwei Stunden vergehen, in unſter Hand.“ „Wie ſoll man das angreifen?“ fragte Hafid⸗Aziez lebhaft. „Suche mich wohl zu begreifen und folge meinen Vor⸗ ſchriften in jedem Punkte,“ antwortete Abul⸗Hacen.„Von ihrer genauen Ausführung hängt der Erfolg des Geſchäftes ab. Sobald es ganz Nacht iſt, ſetzt Du mehre Feuerbrände von Pkkeenſtroh in Bereitſchaft; während dieſer Zeit ſteige ich im Dunkel der Nacht auf die dicke Allenda, die in der Mitte der Stadt ſteht, und nach allen Seiten die Feuerbrände wer⸗ fend, die Du für mich in Bereitſchaft gehalten und die ich indeſſen angezündet, rufe ich mit der ganzen Macht meiner Lungen:„Rettet Euch, rettet Euch, Ihr Leute von Mila, denn Allah, der Gott der Rache und des Schreckens, wirft auf Eure Hütten das brennende Feuer ſeines Zornes!“ Bei einbrechender Nacht war Abul⸗Hacen auf ſeinem Poſten: Hafid⸗Aziez rüſtete in Eile die Feuerbrände, und die drohende Stimme, die mit ihrem Fluche das Dorf treffen ſollte, erhob ſich hell und klar in der friſchen Luft der Nacht. Was unſte beiden Spitzbuben vorausgeſehen, geſchah. Die Bevölkerung von Mila, erſchrocken über dieſe fürchterlichen 296 Mahnungen, die ihnen Allah, ſicherlich durch den Engel ſeiner Befehle verkünden ließ, floh zitternd und bebend nach allen Seiten; die Leute von der Karavane, die nicht minder erſchrocken waren, zögerten nicht, ihnen zu folgen und überließen ihre Eſel und ihre Korntellis der Gerechtigkeit des Allerhöchſten. Und die Bewohner der Stadt ſchrieen, indem ſie ſich retteten:„Ver⸗ flucht ſeien die reiſenden Kaufleute, denn ſie ſind es, die auf unſre ruhige Stadt das ſchreckliche Unglück herabgerufen, das ſie betroffen! Und die Leute von der Karavane, die noch raſcher liefen, heulten ihrer Seits:„Verflucht ſeien die Bewohner von Mila! Denn ihre Ungerechtigkeit hat den Zorn Allah's gereizt und beraubt uns unſerer Eſel und unſeres Korns.“ Dieſe Unordnung und Verwirrung, die ſie in Mila an⸗ gerichtet, zu benützen, ſtieg Abul⸗Hacen von von dem Baume herab, nachdem er den letzten Feuerbrand von ſich geſchleudert; Hafid⸗Aziez und er bemächtigten ſich jeder eines Korntellis und ſie auf die Schultern ladend, eilten ſie mit ihnen nach dem Gehölze von El⸗Fuara, das nur zwei oder drei Kaweirr (200 Schritte) von Mila entfernt liegt; ſo brachten ſie nach und nach auch die Uebrigen dahin. Erſchrocken wie die Men⸗ ſchen, hatten ſich auch die Eſel geflüchtet, und weder Abul⸗ Hacen, noch ſein Geſellſchafter konnte ſich eines derſelben be⸗ mächtigen. Als ſich alle geſtohlenen Tellis in Sicherheit be⸗ fanden, ſchlug Abul⸗Hacen dem Hafid⸗Aziez vor, ſich neben den Säcken niederzulegen und den Anbruch des Tages zu erwar⸗ ten, um dann gemeinſchaftlich zu berathen, welche Richtung zu nehmen wohl am klügſten wäre. Abul⸗Hacen dachte ſeiner Seits: ſobald Hafid⸗Aziez feſt eingeſchlafen iſt, erhebe ich mich leiſe und bringe die geſtohlenen Tellis wiederum ein paar Kaweirr weiter fort und verberge ſie hinter einem undurchdringlichen Gehölze von Lheeharri. Hafid⸗Aziez ſeiner Seits beſchäftigte ſich mit dem nämlichen Plane. Die beiden Verbündeten legten ſich nieder. Da aber jeder von Beiden entſchloſſen war, den Augenblick zu erwarten, wo der Schlaf endlich die Augen deſſen ſchließen würde, den er zu beſtehlen gedachte, ſo geſchah, was wir leicht ahnen, daß weder der Eine noch der Andere ſeinen Zweck erreichte. Denn wenn Abul⸗Hacen ſeinen Genoſſen fragte:„Schläfſt Du?“ ſo ant⸗ wortete ihm Hafid⸗Aziez:„Ich wollte an Dich dieſelbe Frage richten, denn was ich auch beginne, ich kann nicht einſchlafen.“ Als Abul⸗Hacen ſah, daß die Liſt, die er ſo klug aus⸗ gedacht, zu nichts führte, ſagte er zu ſeinem Genoſſen:„Höre, es ſiel mir juſt etwas ein: wir ſind nicht ſicher, denn wenn der Zufall Einen von der Galfa(Karavane), die wir beraubt, hieher führte, er würde leicht ſeine Säcke wieder erkennen, die wir hier, offen geſtanden, ohne große Vorſicht über einander geworfen. Ich wohnte als junger Menſch in Mila und weiß, daß ſich in der Nähe dieſes Ortes, wo wir jetzt gerade liegen, ſich ein Haci(Brunnen) der ausgetrocknet und tief iſt, finden muß. Dort hinein werfen wir die Tellis, die wir dadurch jedem zudringlichen Blicke entziehen und einige Zeit vor Auf⸗ gang der Sonne ſteigſt Du in die Tiefe des Hoti hinab, von wo wir, mit Hülfe eines Strickes, den ich Dir zuwerfe, ſie wie⸗ der heraufſchaffen können. Natürlich haſt Du nichts anderes zu thun, als Dich an den Strick zu hängen, an dem ich Dich zuletzt heraufziehe. Während er dieſe Worte ſprach, beſchloß 298 Abul⸗Hacen bei ſich, ſobald Hafid⸗Aziez ſich in der Tiefe des Haci befände, und ihm den letzten Korntellis heraufgeſchaffen hätte, ſtatt ihn wieder herauszuziehen, wie er ihm verſprochen, den Haci auszufüllen. Dadurch kam er in den alleinigen ſicheren Beſitz der geſtohlenen Tellis. Bald war auch wirklich ein ausgetrockneter Brunnen ge⸗ funden; dort warf man die Säcke hinein und kam beim An⸗ bruch des Tages wieder, ſie zu holen. Hafid⸗Aziez, der ſicher keinen Betrug ahnte, ſtieg ruhig mit Hülfe des Strickes, den Abul⸗Hacen hielt und langſam aus der Hand gleiten ließ, in die Tiefe hinab. Dieſer empfahl ſeinem Genoſſen, ihm doch gewiß heraufzurufen, wenn ſie am letzten Tellis ſeien, da er, wie er ſagte, beabſichtige, den Strick zu verdoppeln, um ihn deſto ſicherer heraufziehen zu können. Hafid⸗Aziez ſah aber bald hinter dieſen Sicherheitsmaß⸗ regeln eine neue Liſt verſteckt, und war von dieſem Augenblicke auf ſeine Vertheidigung bedacht. Als er am vorletzten Tellis war, ſchrie er aus der Tiefe des Haci ſeinem Genoſſen zu, daß dieß der letzte ſei, und er ihn bitte, ihn doch baldmöglich her⸗ auszuziehen. Zu gleicher Zeit hatte Hafid⸗Aziez das Korn ausgeleert, das in dem Wollſacke war und mit dem Stricke eine Schleife um den Tellis gemacht, in den er ſich wahrſcheinlich ſtecken wollte. Abel⸗Hacen, der immer noch im Dunkeln arbeitete und große Eile hatte, da er den Anbruch des Tages fürchtete, be⸗ merkte nichts davon, daß ſein Genoſſe in dem Sacke ſteckte. Er legte ihn im Gegentheil raſch zur Erde nieder und ſammelte dürre Aeſte von Allendas und Betoms, um den Haci zu be⸗ 209 decken, in deſſen Tiefe er ſeinen Genoſſen glaubte. Da dieſe Arbeit einige Zeit dauerte, benützte Hafid⸗Aziez das Intermezzo, um ſeiner Seits alle Tellis in eine ziemliche Entfernung hinter einen dichten Azirſtrauch zu tragen. Als endlich der Haci ganz ausgefüllt war, kam Abul⸗Hacen freudig zu dem Orte zurück, wo er die heraufgezogenen Tellis gelaſſen hatte.„Gott!“ rief er,„der, den ich begraben zu haben glaubte, hat mich ſogar noch beſtohlen! Was nun thun, um wenigſtens zum einen An⸗ theil an der Beute zu kommen?“ Der Tag brach an und es war keine Zeit zu verlieren. „Gut,“ ſagte er plötzlich zu ſich:„wer eine ſo große Quanti⸗ tät Korn beſitzt und allein iſt, wird ſich gewiß freuen, einen Eſel zu finden, der ihm ſeine Laſten forttragen hilft.“ Und alsbald begann Abul⸗Hacen zu ſchreien wie ein leibhafter Eſel. Bei dieſem Geſchrei rief Hafid⸗Aziez:„wär' es möglich! Sollte Gott ſich erbarmen! Ich wüßte nicht, wie die große Quantität Korn fortſchaffen, die ich hier habe, und nun ſchickt er mir, in ſeiner unerſchöpflichen Güte einen Eſel, der es mir tragen wird.“ Und nach der Seite hin gehend, woher das Geſchrei kam, rief er, wie es die Berbern thun:„buru, buru!“ Der vermeintliche Eſel lief ſo ſchnell er konnte in der Rich⸗ tung der Stimme. Als er aber Abul⸗Hacen ſtatt des Thieres erblickte, auf das er gehofft, rief Hafid⸗Aziez:„Abul, das heißt ſich gegen⸗ ſeitig zu arg betrügen, werden wir wieder ehrlich und endigen wir den treuloſen Handel, der uns noch Leib und Seele in's Unglück bringt. Höre mich an, ich will Dir dießmal den Vor⸗ 300 ſchlag zu einem ehrlichen Handel machen, der, wie ich hoffe, unſere Streitigkeiten zu Ende bringen wird. Von dieſen Korn⸗ tellis gehört, nach allen Geſetzen der Natur, ein Theil dein, der andre mein. Gib mir um den Preis von vier Shblairs Datteln den Theil, der Dir zukömmt, und um Dich bezahlt zu machen, komme am fünfzehnten des nächſten Monats Red⸗ jeb⸗zil⸗hadja zu mir nach Sbit⸗laa Zribt und Du wirſt mich bereit finden, Dich zufrieden zu ſtellen.“ Sie berührten ſich die Hand und küßten einander auf die Schulter des Burnus, wie es zwiſchen Berbern üblich iſt und der Handel war zu gegenſeitiger Zufriedenheit abgeſchloſſen. Abel⸗Hacen half ſogar Hafid⸗Aziez die Tellis bis zum Kſur von Toohujura tragen, wo ſich der Käufer um geringes Geld einige Eſel kaufen konnte; und die beiden Genoſſen ſchieden von einander als die beſten Freunde. Als der vierzehnte Tag des Monats Red⸗jeb⸗zil⸗hadja angebrochen, verſammelte Hafid⸗Aziez im Stillen ſeine Kinder und ſeine Familie und ſagte ihnen:„Ein Berber wird morgen von den Geſtaden des Uad⸗Botma kommen, um vier Shbairs Datteln an Zahlungsſtatt für Korn zu verlangen, das ich ihm abgekauft. Wenn es Abend wird, fangt Ihr an zu weinen, zu ſchreien, zu jammern. Denen, die ſich nach der Urſache Eurer Verzweiflung erkundigen, ſagt Ihr:„„Ach! der beſte der Gatten, der beſte der Väter, der beſte der Freunde iſt uns ſo eben durch den Tod entriſſen worden. Unſer Schmerz iſt groß, wie die Wüſte!““ Ich werde den Todten ſpielen; Ihr bedeckt mir das Geſicht und den Leib mit einem weißen Bur⸗ nus und einem Haik von derſelben Farbe. Dann am andern 301 Tage tragt Ihr mich in das Begräbniß, wenn ich, wohlge⸗ merkt, zuvor gefrühſtückt und für vierundzwanzig Stunden ge⸗ ſpeiſt habe. Ihr müßt aber Sorge tragen, daß die Erde, in welche man mich legt, nur einige Zoll tief ausgegraben und das Einſtürzen durch einige Ararzweige verhindert wird, und daß man ja nicht vergeſſe, ein kleines Loch an der einen Seite des Grabens offen zu laſſen, damit ich athmen kann. Iſt all das genau geſchehen, ſo erwartet Ihr Abul⸗Hacen und benach⸗ richtigt ihn mit Thränen und Jammern von dem ſchrecklichen Ereigniß, das Euch in ſo große Beſtürzung verſetzt.“ Kaum war Hafid⸗Aziez zwei Stunden begraben, als Abul⸗ Bacen, den man ſo ungeduldig erwartet hatte, kam: „Dus Erbarmen Allah's und der Segen des Propheten ſei mit uns Allen!“ „Ach! ehrenwerther Fremdling, daß Ihr nicht Zeuge des Todes unſres Familienoberhauptes geweſen, das wir geſtern Abend verloren und dieſen Morgen begraben haben. Sein letzter Gedanke wart Ihr. Weder wir ſeine Kinder, noch wir ſeine Frauen, noch wir ſeine Verwandten, noch Ihr ſein Freund werden ihn jemals wieder ſehen.“ „Ach,“ antwortete Abul⸗Hacen,„obwohl Hafid⸗Aziez gerade jetzt geſtorben, wo er mich hätte bezahlen ſollen, bedaure ich ihn doch von ganzem Herzen und verſichre Euch, daß ich Euren Schmerz im Innerſten meiner Seele mitempfinde; könntet Ihr mir nicht das Grab zeigen, in welchem mein armer Freund ruht. Ich möchte auf ſeine ſterblichen Reſte den Segen des Himmels herabflehen!“ „Unſer Schmerz erlaubt uns nicht, das Grab zu beſuchen. 302 Der Anblick des Grabes ſchon, in welchem unſer angebeteter Vater ruht, müßte uns tödten.“ „Gut denn, ſo will ich wenigſtens Theil an Eurem Schmerze nehmen; erlaubt mir, den Tag mit Euch zuzubrin⸗ gen und meine Thränen und Gebete mit den Euren zu ver⸗ einen.“ Abul⸗Hacen, der dabei ſeinen Plan verfolgte, heuchelte einen tiefen Schmerz und Niemand bezweifelte ſeine Theilnahme an dem vorgeblichen Unglück der Familie. Sobald es Nacht wurde und der Mond ſich an dem weſtlichen Horizonte erhob, ſchützte Abul⸗Hacen Geſchäfte vor, die ihn nach Hauſe riefen und nahm von der in Thränen ſchwimmenden Familie Ab⸗ ſchied. Eines der Kinder Hafid⸗Aziez, Milud⸗Kuider⸗Moham⸗ med⸗ben⸗Hafid⸗Aziez, um ſich zu vergewiſſern, daß Abul⸗Hacen wirklich wegreiſe, und nichts mehr für Hafid⸗Aziez zu fürchten ſei, begleitete ihn bis zur Aui der Kfar⸗el⸗Luz(die Quelle der Mandelbäume). Kurz, nachdem ſie von einander geſchieden waren, kehrte Abul⸗Hacen um und begab ſich geraden Weges nach dem Friedhofe von Sbit laa Zribt.„Das Grab, das am friſcheſten aufgeworfen iſt,“ ſagte Abne⸗Hacen zu ſich ſelbſt, „muß das meines alten Genoſſen ſein. Der Tod kam zu raſch und zu erwünſcht, als daß dahinter nicht eine neue Liſt verborgen wäre. Ich werde mich deßhalb von dem Thatbeſtande ein wenig überzeugen!“ Und er fand eine Grube, deren Erde friſch aufgeworfen ſchien. Im ſilbernen Schimmer des Mondes ſah man eine glänzende Feuchtigkeit daraus aufſteigen. Abul⸗ Hacen näherte ſich auf allen Vieren der Grube, wo er den Leichnam Hafid⸗Aziez' vermuthete. Dort angekommen, ſcharrte 303 er mit den Fingern die friſch aufgeworfene Erde auf und ahmte das Geſchrei der Hyäne nach:„Gruñ, Gruß.“ „O weh! o weh! o weh!“ rief es aus dem Grabe Hafid⸗Aziez hervor. „Gruñ, gruß, gru,“ murmelte Abul⸗Hacen wieder. „O weh! o weh! o weh!“ rief abermals der vermeint⸗ liche Todte.„Ich bin verloren!“ „Nein, Du biſt nicht verloren, ſondern gefunden,“ ſagte Abul⸗Hacen zu ihm, indem er die Erde wegräumte, die ihn bedeckte und ihn an ſeinem Burnus ergriff. Ahmed⸗ben⸗Abd⸗Allah⸗Ebn⸗Abu⸗Mehalli, aus der Wüſte Mleila, der Verfaſſer dieſer Geſchichte, fragt alle ſeine Leſer, wer der größere Spitzbube geweſen, Abul⸗Hacen oder Hafid⸗ Aziez? Wird der Letztere bezahlen oder nicht bezahlen?— Eine ungedruckte Liebe von Lord Byron. Nach Arſine Houſſayt. —— enedig, die goldne Stadt Petrarcas, die Kö⸗ nigin der Meere Byrons, beginnt mit Attila und endigt mit Napoleon;— Attila, dem Zer⸗ ſtörer; Napoleon, dem Zerſtörer.— Attila ſchuf ſie durch den Schrecken, der vor ihm herging: man ſtürzte ſich ins offene Meer, dem wilden Sturm in die Arme, nur um der Gottesgeiſel zu entfliehen; Napoleon bernichtete Venedig, in⸗ dem er es eroberte. Die Dichter haben Venedig beſungen, die Novelliſten verlegen dorthin ihre reizendſten Aben⸗ teuer, die Touriſten haben alle ſeine Merkwürdig⸗ keiten, alle ſeine Sitten und Gebräuche beſchrieben, die Maler alle Paläſte und Kirchen abkonter⸗ feit; aber weder die Dichter, noch die Nobelliſten, weder die Maler, noch die Touriſten haben ein vollkommenes, getreues Bild dieſer wunderbaren Zauberſtadt geben können. — 5 305 zu geben. Vor Venedig verſtummt ſogar das vierte Buch des Child Ha⸗ rold, verbleichen die Farben eines Canaletto, dieſes Landſchafts⸗ malers einer Gegend ohne Land. Nur Venedig ſelbſt iſt im Stand, eine genügende, entſprechende Vorſtellung von Venedig 1 Beim Anblick dieſer Stadt fühlt man fich verſucht, mit den Hallen deiner Paläſte zurückfließen ſehen!“ dem Propheten vor Thrus auszurufen:„Wie ſeid ihr unter⸗ gangen, ihr, die ihr das Meer bewohnet! O du Stolze! die Inſeln werden erſchrecken, wenn ſie nur die leeren Wogen aus Wer könnte ſich beim erſten Eintreten in dieſe berühmte Stadt eines melancholiſchen, ſchmerzlichen Gefühles erwehren? Der Löwe von St. Markus wird von nordiſchen Barbaren in einem eiſernen Käfig gefangen gehalten; das adriatiſche Meer, das Meer der Dichter, welches einſt in jenen ſchönen Zeiten koſend die Marmorſtufen der ſtolzen Paläſte beſpülte, die Wiege der reizenden Violante, iſt düſter und mürriſch geworden, ſeit⸗ dem es nur noch verlaſſene, öde, lieb- und luſtloſe Paläſte zurückſpiegelt. Volk der Republik, wo biſt du? Biſt du jener muthloſe, feige Haufe, der auf den verwaisten Stufen des Do⸗ genpalaſtes ſchlummert? Volk der Republik, was haſt du aus deiner Mutter gemacht? Du haſt die ſchöne, lieblichduftende Tochter des Adria⸗Meeres der brutalen Zudringlichkeit fremder Eindringlinge überlaſſen; dieſe haben ihr keuſches Bett be⸗ ſchimpft, ſie mit frebelnder Hand in Ketten geſchlagen, mit Ruthen gezüchtigt wie eine feile Dirne. Und du Volk der Repu⸗ 3 blik haſt dich nicht erhoben, um zu ſterben, wie der Dichter ſagt: Wer überlebt, wird frei, wer aber ſtirbt, iſt frei! Der Erzähler 1848. I. 20 306 Niemand wundert ſich mehr, wie einſt, daß die Gondeln nur mit ſchwarzem, goldbeſterntem Tuch ausgeſchlagen ſind: Es war dieß die Farbe der Republik, und bezeugt jetzt die Trauer um die verlorne Selbſtändigkeit. Nur die Todten haben das Vorrecht, ſich in rothen Gondeln zum Kirchhofe führen zu laſſen; roth iſt die Farbe des Blutes,— es iſt die letzte Fahrt, um die ſich Niemand ſtreitet. Die Malibran haßte die ſchwarze Farbe als einen Vor⸗ boten des Todes: einſt erſchien ſie in grauer Gondel an der Piazetta,— Alles kam in Aufregung,— zum erſtenmale in ihrem Leben mußte ſie ſich auspfeifen hören. Es gibt nichts angenehmers, als eine ſolche zweckloſe Fahrt in dieſem Labyrinth, das den Namen Venedig trägt. Der Gondolier hält den Faden der Ariadne. Dieſes behag⸗ liche Schaukeln erweckt die ſonderbarſten Träumereien: man iſt nicht mehr auf dieſer Erde,— man iſt in einem Eliſium und wird nur hie und da durch die melodiſchen Ausrufungen des Gondoliers: castellani— nicolotti aufgeſtört, ſonſt könnte Charon ſelbſt ſeine acherontiſche Reiſe nicht ſtiller und ſchweig⸗ ſamer fortſetzen. Vor allem Anderen aber verſäume Niemand nach Chioggia zu fahren, denn dort ſchlägt noch das Herz venetianiſch, dort hat mehr als ein Mitglied der ſchrecklichen Zehnerkommiſſion ſeine Bluturtheile beim Liebesgetändel vergeſſen, dort hat Titian Origi⸗ nale für ſeine ſchönſten Gemälde geſucht, dort Leopold Robert ſeine Schiffergruppe ſkizzirt, dort Goldoni ſeine beſten Witze für die gare chiozotte geſammelt. Auch verſäume Niemand — 307 die Inſel des St. Lazarus, wo Bhron bei den Armeniern Un⸗ terricht nahm. Das Kloſter dieſer arbeitſamen Mechitariſten iſt vielleicht das würdigſte unter allen dieſen mönchiſchen An⸗ ſtalten. Die modernen Reformfreunde ſollten berufsmäßig nach St. Lazarus reiſen, denn dort würden ſie nicht wie in andern Klöſtern Europas eine unfruchtbare Entſagung der Welt, ſon⸗ dern ein thätiges Leben, ein herzſtärkendes, geiſtbelebendes Stu⸗ dium, ächte Frömmigkeit finden. Ich kam eines Abends an den Lido, ohne daß ich es dachte. Mein Gondolier hatte dort ein Stelldichein, und ſo brachte er mich dahin. Es war gerade Bacchanalientag. Jeden Monat begrüßt der Venetianer den Neumond mit einem Feſt auf dem Lido, wo die groteskeſten, wildeſten Tänze beim Schalle einer verzweiflungsvollen Muſik aufgeführt werden. Alles trinkt, ſchreit, tobt im Uebermaße; ein Ball im pariſer Opern⸗ haus, ja die Rückkehr von der Courtille iſt kaum entfernt da⸗ mit zu vergleichen. Die ganze Volksmaſſe Venedigs iſt da mit all' ihrem Schmutz und all' ihrer Fröhlichkeit. Wenn die Mädchen auf dem mit Wein benetzten Raſen ausſchlafen, tan⸗ zen die Männer unter ſich fort, bis auch ſie umſinken. Noch hat ſich kein Maler gefunden, der dieſen Bacchanalien den Weiheſtempel der Kunſt aufgedrückt hätte. Heut zu Tage iſt der Lido zu Venedig ungefähr das, was die Barriere Mont⸗Parnaſſe zu Paris, nur daß der Himmel ein ſchöneres, tieferes Blau zeigt und das Meer dieſen Feſten einen eigenthümlichen Reiz verleiht. Die Venetianer nennen dieſe Feſte Bacchanalien, wie ſie 308 die Treppe am Dogenpalaſt Rieſentreppe nennen.... dieſe Meiſter in der Kunſt des Aufſchneidens! Mein Gondolier rieth mir, ein wenig die Bacchanalien mit anzuſehen, während er nach dem Judenkirchhof eilte, wo ihn ein galantes Stelldichein erwartete. Ich folgte einer Truppe von tollen Mädchen, welche tanzluſtig ihren weinſeligen An⸗ betern riefen, die einige Korbflaſchen tapfer im Ring herum kreiſen ließen. Die armen Verlaſſenen hatten gut rufen: ihre treuloſen Galans hatten nur noch Küſſe für ihre Flaſche; und doch waren ſie ſchön, denn ſie waren jung und fröhlich. Paul Veroneſe und Varotari hätten ihre Augen an dem herrlichen Anblick der wallenden Haare, der blitzenden Augen, der kecken Schultern geweidet. Welch' eine Fülle von Leben und Wolluſt! Es fehlte ihnen nur der Epheukranz. Ihre Kleidung beſtand in einigen koketten Lumpen; am Halſe und an den Fingern trugen ſie Glasſchmuck von Murano; Jugend und fröhliche Luſt war ihre größte Zierde. Plötzlich wurden ſie von einem Schwarm anderer Tänzer zerſtreut, die als über eine neue, friſche Beute über ſie her⸗ fielen, wie etwa die römiſche Jugend ſich der Sabinerinnen be⸗ mächtigte. An eben dieſem Abend befanden ſich etwa zwei⸗ bis drei⸗ tauſend Venetianer auf dem Lido, um die Bacchanalien theils mitzumachen, theils anzuſehen. 3 309 Dieſe ganze Volksmaſſe war äußerſt lebhaft und maleriſch. Gegen Venedig hin war die Inſel mit Barken umlagert, ge⸗ gen das Meer hinaus ſah man das Ufer mit Badenden be⸗ veckt. Ich hielt nicht weit von San Micheli, jener in Fels gehauenen Feſtung, vor einer Auſternbude und wollte zum erſtenmale verſuchen, ob die Auſtern des Adriameeres einen ſo guten Geſchmack hätten, wie die von Oſtende. Die Auſtern ſchmeckten vortrefflich; die Verkäuferin zeigte Reſte einer aus⸗ drucksvollen, erhabenen Schönheit, namentlich hatten ihre Augen einen ganz eigenthümlichen Glanz bewahrt. * Als ich meine Auſtern verzehrte, trat Graf F.. den ich im Palaſt Barberigo kennen gelernt hatte, zu mir und fragte: „Hat ſie Ihnen ſchon ihre Geſchichte erzählt?“ —— Das Schickſal hat ſich alſo den Spaß gemacht. „Si war ſechs Wochen lang die Geliebte des— Dichters.“ „Die Geliebte Bhrons?“ Sie hatte jenen magiſchen Namen gehört. „Lord Byron,“ ſagte ſie mit einem ſchmerzlichen, melan⸗ choliſchen Lächeln. „Wie,“ rief Graf F..., Herzählen Sie uns die Sache kurz. Wir eſſen ſo lange, als Ihre Erzählung dauert. Sie ließ ſich Anfangs ein wenig bitten. „Es war eine Thorheit,“ flüſterte ſie und ſchlug ihre Augen zum Himmel auf, als ob ſie den längſtbergeſſenen Roman ihres Lebens dort leſen wollte. 310 „Es war hier, vor langen Jahren; ich tanzte dort wie jene Mädchen; er ritt zuerſt unten am Ufer und kam dann auf dem herrlichen Thiere, deſſen Hals ich oft geküßt habe, mitten unter die Tänzer. Ich war die tollſte, ausgelaſſenſte, in ſeinen Augen die ſchönſte. „lleberlaßt mir das hübſche Mädchen,“ ſagte er zu meinem Tänzer,„„überlaßt ſie mir, ich will ſie zu Pferd tanzen laſſen.““ „Mein Tänzer warf mich dem Lord zu, der mich an ſeine Bruſt drückte und ſein Pferd ſpornte. Ach! was für ein ſchreck⸗ licher Tanz! Ich fürchtete mich ſo ſehr, zu fallen, daß ich keine Furcht mehr für meine Tugend hatte und mich an meinen Reiter anſchmiegte wie ein Kind an die Mutter. „Ich ſaß zum erſtenmal zu Pferd: ich glaubte mich von einer brandenden Woge getragen und zitterte jeden Augenblick, ins Meer zu ſtürzen. Alles war wie in einem Feenmährchen. „Es war Abend, die Sonne war hinunter, ich hörte die fröhlichen Lieder zwiſchen dem Galopp des Pferdes und dem Brauſen der Wogen. Ich ſtieg endlich vom Pferde und wurde in eine von Sammet und Seide ſtrotzende Gondel gebracht. Ah! dieſe Fahrt! Sie eſſen nicht mehr, meine Herrn?“ Wirklich verſchlangen wir dieſen prächtigen Roman, den ſie uns in ächt venetianiſchem Dialekt erzählte, als ob er aus dem Munde des Dichters ſelbſt käme. Sie fuhr nun fort: „Wir landeten an dem Palaſt Moocenigo. Ich zitterte wie Espenlaub; ich war ſelig, beſtürzt, außer mir. Hier ein Palaſt, ein großer, vornehmer Herr, Bediente, während mich meine Mutter, eine Fiſchverkäuferin, in unſrer Hütte zum Nacht⸗ N 311 eſſen erwartete. Die Bedienten ſchauten mich mit weitaufge⸗ riſſenen Augen an und ich ſchämte mich vor ihnen; er aber, der mich noch liebte*), nahm meinen Arm und führte mich in ſein Zimmer. „Sobald er die Thüre hinter uns geſchloſſen hatte, gab er mir einen türkiſchen Kaſchmirſhawl und hieß mich meine Kleider zum Fenſter hinauswerfen; er wollte mit mir zu Nacht eſſen, aber meine armſelige Kleidung war ihm nicht feſtlich genug. „Ich war ſehr in Verlegenheit. Meine lumpige Mantille ließ ich ſogleich fallen; ich verſteckte mich hinter einen Vorhang, häkelte meinen Rock auf und war entſchloſſen, nicht weiter zu gehen; aber er ſchien ungeduldig zu werden und ich ließ meinen Rock auf den Boden fallen.„„Eilt Euch ein wenig,““ rief er,„„denn ich erwarte Euch zum Nachteſſen.““ Nie wäre ich fertig geworden, wenn nicht er ſelbſt mir ein wenig gehol⸗ fen hätte. Nur zu, meine Herren, eſſen Sie noch ein paar Auſtern. „Den andern Tag,“ fuhr die Auſternverkäuferin fort, „benachrichtigte er mich, daß ein Gondel unten halte, um mich zu meiner Mutter zu bringen.—„„Ich gehe nicht,““ rief ich. Er bat, befahl— ich blieb unerſchütterlich.— „„Nie könnte ich mich am hellen Tage auf dem Rialto zeigen; meine Mutter würde mich ſchlagen;— aber nicht meine Mutter ſcheue ich, ſondern den hellen Sonnenſchein.““—„„Nun, nun,““ ſagte er, indem er mich küßte,„„ſo geht Ihr dieſen Abend, wenn die Sonne untergegangen iſt.““—„„Nie!“. rief ich voll Angſt. *) Es liegt in dieſen Worten, der mich noch liebte, eine unbeſchreibliche Naivetät. „. 312 „Wir verlebten den Tag in Luſt und Trauer. Was wollen Sie? er unterhielt ſich und langweilte ſich mit mir. Ich wußte nichts mit ihm zu reden, außer daß ich ihn liebte und für ihn ſterben möchte. Als der Abend da war, nahm er mich freundlich bei der Hand und ſagte:„„Adieu! die Sonne iſt verſchwunden! Adieu! Auf baldiges Wiederſehen!““ „Ich konnte nicht widerſtehen und ließ mich wie ein Kind von ihm führen. Als wir an der Treppe waren, be⸗ deutete er mir, ich ſollte in ſeine Gondel ſteigen; der Gondo⸗ lier wartete meiner, das Ruder in der Hand.—„„Leb' wohl,““ rief ich mit entſchloſſener Miene und ſprang in den Kanal... „Meine Herren, ſchmecken Ihnen meine Auſtern nicht? „Sie begreifen wohl,“ fuhr die Frau fort, daß ich nicht zu lange im Waſſer blieb. Er ſelbſt rettete mich. Als ich wieder zu mir kam, lag ich in ſeinem Zimmer; ein Arzt war zugegen⸗ und er ſelbſt hielt mir den Kopf mit der Zärtlichkeit eines Bruders. Mein Sprung ins Waſſer hatte ihn bis zu Thränen gerührt.—„„Margarita,““ ſagte er voll Empfin⸗ dung,„„Du bleibſt immer bei mir.““—„„Immer,““ flüſterte ich traurig. Das Immer des Lords dauerte ſechs Wochen, ſechs Jahrhunderte freilich, wenn man unſer Glück in Anſchlag bringt. Was für ſchöne Tage! Wie zärtlich, wie luſtig, wie toll waren wir! „Alle Tage fuhren wir in meiner lieben Gondel, in der ich mein Glück verborgen genießen konnte, nach irgend einer entfernten Inſel, häufig nach dem Lido, wo wir jenes ſchöne Pferd wiederfanden, das uns jedesmal mit freundlichem Wiehern 5 —. 3 ½ 313 grüßte. Ah! wie liebte ich das Meer! das Meer, das mir von Liebe und Tod ſprach. „Wenn er mit mir ſprach, verſtand ich ihn ſelten, und doch hörte ich ihm mit Wonne zu. Ich glaube noch ſeine Stimme zu vernehmen. Es war, als ob er meinen Sprung in den Kanal für etwas Schöneß hielte, denn er ſagte mir oft, in ganz England wüßte er keine Frau, die dies ſo gut machen würde. „Doch habe ich es nicht wieder gethan und möchte lieber verdammt ſein, drei oder vier hundert Jahre lang Auſtern und Fiſche zu verkaufen, als noch einmal ſo Waſſer ſchlucken. „Soll ich Ihnen das End vom Lied ſagen? Es iſt meiſtens ſo, der Anfang iſt ſchöner als der Schluß. Nach ſechs Wochen bat er mich, wieder zu meiner Mutter zu gehen, und ver⸗ ſicherte mich, ſein Palaſt werde mir immer offen ſtehen; er erwarte einen Geſandten, den er nicht bei ſich aufnehmen könne, ſo lange ich bei ihm ſei. Diesmal ging ich allein zur Gondel hinunter und... ſprang nicht in den Kanal!. „Ich ſah ihn dann nur von Zeit zu Zeit; er ſh zärtlich geliebt, vergaß mich aber bald. Eines Tags verweigerte man mir den Eintritt in den Palaſt Movcenigo, den andern Tag ſchickte er mir eine Börſe voll Gold. Ich ſtand gerade bei meiner Mutter vor dem Palaſt Grimani. Ich warf die Börſe in den Kanal, lief nach Hauſe, riß das ſeidene Kleid, die Spitzen herunter, zog einen alten Rock von meiner Mutter an. und verkaufte von nun an Auſtern und Fiſche. Ich habe das goldene Buch an der ſchönſten Seite zugemacht.. wie ſollte ich nicht? Ich konnte ja nicht leſen.“ 314 Wir hörten immer noch zu.—„Meine Herren, Sie haben nur drei und fünfzig Auſtern verzehrt. Das Stück zu einem halben Zwanziger, macht ſieben und zwanzig Zwanziger.“ Dieß waren ihre letzten Worte. Wir fanden zwar die Auſtern ein wenig theuer, rechneten aber eins ins andere und bezahlten ohne Widerrede. Dieſe Auſternverkäuferin hatte ihren pvetiſchen Lebens⸗ moment gehabt. Byron ſelbſt, der erhabene Dichter, hatte nie einen ſo ſchönen Einfall, als Margarita mit ihrem Lebe⸗ wohl und ihrem Sprung ins Meer. Die Liebe macht den Dichter Byron ſelbſt hat einige Nachrichten über Margarita ge⸗ geben, die aber nicht überall mit Obigem übereinſtimmen; ſo z. B. berichtet er nicht, daß er ſie ſelbſt gerettet habe.. doch mögen hier noch einige Züge aus Bhrons eigener Be⸗ ſchreibung folgen: „Sie behauptete eine Herrſchaft über mich, die ich ihr zwar oft ſtreitig zu machen ſuchte, aber immer ohne Erfolg. Dieſe Herrſchaft verdankte ſie ihren ſchwarzen Augen, ihrer ernſten, ausdrucksvollen Phyſiognomie; ſie war eine ächte Venetianerin in ihrer Sprache, ihren Gedanken, ihren Manieren, ihrer tollen Ausgelaſſenheit. Da ſie weder leſen noch ſchreiben konnte, ſo war ich auch vor einer langweiligen Korreſpondenz ſicher. Doch erhielt ich, als ich einmal krank war, zwei Briefe, die ein Notar*) geſchrieben hatte. Stolz, herrſchſüchtig, eigenmächtig und anmaßend, that ſie nur das, was ihr gut *) In Venedig halten die Notare Buden, wo auf Verlangen Briefe geſchrieben werden. — — —— 6 ————— 315 dünkte, ohne ſich um Ort, Zeit und anweſende Perſonen zu kümmern; wenn aber die weiblichen Dienſtboten des Palaſtes zu widerſprechen wagten, ſo ſchlug ſie dieſelben. Eben damals hatte ich ein Verhältniß mit Signora welche, da ſie Margarita einmal zufällig traf, ſich beigehen ließ, dieſer zu drohen; ſie hatte früher ſchon von unſerem Spazierritt gehört und es übel vermerkt. Margarita aber riß ihr den Schleier ab und rief:„„Sie ſind ſo wenig ſeine Frau als ich! Sie ſind ſo gut wie ich eben auch nur ſeine Geliebte! Was haben Sie alſo für ein Recht, mir Vorwürfe zu machen? Wenn er mich mehr liebt, als Sie, ſo iſt das nicht meine Schuld. Wenn Sie ihn ſicher hüten wollen, ſo dürfen Sie ihn nur an Ihr Rockband feſiſchnüren. Glauben Sie ja nicht, daß Sie, weil Sie reich ſind, mir Vorwürfe machen dürfen, ohne daß ich etwas darauf erwiederte.““ Und nach dieſer Zungenprobe ließ ſie die Signora umringt von Leuten, die der laute Zank herbeigerufen hatte, ſtehen. „Sie hatte hundert widerſinnige Einfälle und Launen. Ihr Faziolo ſtund ihr zum Entzücken, aber dennoch wollte ſie durchaus einen Hut mit Federn: ich mochte ſagen und vor⸗ ſtellen, was ich wollte, es half Alles nichts. Dann wollte ſie ſich als vornehme Dame kleiden; ſie mußte ein Schlepp⸗ kleid haben und ſchleppte den verdammten Schweif überall mit ſich herum. „Sie liebte mich bis zum Uebermaß. An einem Herbſt⸗ tage war ich zum Lido hinausgefahren und beſtand auf der Heimkehr einen gefährlichen Sturm. Die Gondel war voll Waſſer, das Ruder zerbrochen, der Sturm' in vollem Raſen, . 316 der Regen goß in Strömen, und ſchon überfiel uns die Nacht, als wir endlich doch Venedig erreichten. Schon von fern ſah ich Margarita, wie ſie mit aufgelösten Haaren und roth geweinten Augen im hellen Regen auf den Stufen des Mo veenigo ſtand. Mit ihrem blaſſen Geſicht und ihren über das tobende Meer hinſchweifenden Augen glich ſie nicht übel einer Medea oder einer Sturmgöttin. Kein anderes Weſen begrüßte uns bei unſrer Ankunft. Als ſie mich ſah, ſprang ſie nicht, wie ich erwartet hatte, auf mich zu, ſondern ſie rief: „Ah! can della Madonna, no esta il tempo per andar al Lido,“ und ſchlug nun auf Alle, Gondoliere und Bedienten los.“ Bhron ſagt nicht, ob er ſelbſt auch geſchlagen wurde, doch zweifle ich kaum daran. Im Theater, ſagt Voltaire, wird Mancher ausgepfiffen, ohne es zu wollen. Mancher bekommt Schläge, der es nicht will, konnte Bhron ſagen. Wir kehrten in der Nacht, beim ſchönſten Mondſchein, zurück. Redet mir nicht vom Colliſeo in der Mondſcheins⸗ beleuchtung. Den ſchönſten Anblick bei Nacht bietet Venedig dar mit ſeiner ernſten, vrientaliſchen Stille, mit ſeinen Paläſten, die ſich im Waſſer ſpiegeln, ſeinen ſilbernen Kuppeln, dem feierlichen Geläute ſeiner Glocken. Der Mond iſt die Sonne der Ruinen; nur nach Sonnenuntergang darf man dieſe untergegangene Stadt noch betrachten. ——— 3