Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur on. 8 Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. pfangnohme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von 2 orgens ſ 7 Uhr is Abends 8 lihr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 2. Stun⸗ den angenommen. 4 3 Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme) eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.. 2 4. Wonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und b beträgt: für bchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: z S.—————— auf1 Monat TW 1W W 5 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung ß der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeibſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für e nuche. ſene verlorene und deſecte Bücher(namentlich bei ſer en mit Kupfern ꝛc.) müß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. S 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage ieſaeſehe und wird. beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen Bücher nicht ſtattfinden darf, indem welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Seih- und geſebedingungen. oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ lorene oder deferte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt 6 Der Erzähler 6 aus der PWeimath und Fremde. Originalerzählungen und Ueberſetzungen. Herausgegeben * von Carl Spindler. Jah rgan8 1 8 4 8. Erſter Band. 6 Stuttgart, Franckh'ſche Verlagshandlung. Jnhalt. Seite. Eine Werbergeſchichte.(Aus der guten alten Zeit) Von E Sinder 1 Die armen Leut' von Au. Von W. v. Ch6z9 20 3 Der Bilderſtürmer und ſeine Braut. Nach Emanuel Gonzales. Von Adrian Widerhorſt. e 55. Der Piſtolenſchuß. Nach Benedict Gallet... 163„ ℳ Der unglücklichſte Menſch. Nach Hawthorn. Von Auguſt Zoller 20 Erinnerungen aus dem Soldatenleben. Ein Abenteuer auf der Heerſtraße. Nach Kapitän S. d'A von Auguſt Zoller.* 0 Die Tochter des Reichskanzlers. Nach dem Schwediſchen des G. H. Meilin, von Edm. Zoller. 0 Eine Werbergeſchichte. (Aus der guten alten Zeit.) Von C. Spindler. 9—x 5—2— ie Sitzung eines edeln Rathes war ſchon wie⸗ der einmal um eine Viertelſtunde zu früh aufgehoben worden. Die Herren hatten keine Entſcheidung zum Beſten gemeiner Stadt fin⸗ den können, und waren jetzo doch ſo klug wie vorher. Vor allen Meiſter Jakob, der Schorn⸗ ſteinfeger. Weiſer Gedanken voll ging er ge⸗ meſſenen Schrittes ſeiner Behauſung zu, ehr⸗ würdig anzuſchauen im ſchwarzen Mäntlein, den friedfertigen Degen an der linken Hüfte, in der rechten Hand das minder friedfertige Meerrohr. Alle Leute grüßten ihn, wenn ſchon nicht ein Jeder um ſeiner Weisheit willen; Meiſter Jakob war der Va⸗ ter einer hübſchen Tochter, der hübſcheſten Jungfer vielleicht in der freien Reichsſtadt. Die Junker liefen, ritten und fuhren Nischens halber manchen Schritt, die jungen Gewerke nannten ſte den Granatſtein ihrer Stadt, und keiner wollte ſie dem Der Erzähler 1848. 1. 1 2 andern gönnen. Für dieſe Jugend war Jakob der Zaun, den ſie um des Gartens willen anſprachen; aber der Zaun war nicht von Holz, ſondern gab leutſelig Red' und Antwort, und blieb keinen Gruß ſchuldig, Vornehmen wie Geringen, Alten und Jungen. Ein runzliges Mütterlein vertrat in enger Quergaſſe ihm den Weg.—„Was wär' der Frau Trine lieb?“ fragte Jakob. wortete die Greiſin herb und ſtachelich. Der Rathsherr zuckte die Achſeln.„Dazu kann ich der Frau nicht helfen,“ meinte er und wollte vorüber gehen. Sie gab's nicht zu. „Wenn der Herr das nicht mag,“ ſagte ſie:„ſo muß Er wenigſtens etwas thun, um den Fluch der Wittwe in Se⸗ gen zu verkehren. Und vor Gottes Thron, merk' Er ſich das, fallen die Thränen der Armen und Gedrückten gar ſchwer ins Gewicht, und ihre Fürbitten auch.“— „Verſteht ſich,“ fügte Jakob erläuternd hinzu:„wenn die Thränen verſchuldet, die Fürbitten verdient ſind. Und das Regiment unſerer freien des Reiches Stadt iſt darauf einge⸗ richtet, die Armen und Verlaſſenen zu ſchützen, ſeit die Zünfte den Rath beſetzen.“— „Schöne Worte, Hofbeſcheid,“ ſpottete die Alte:„Regen am Charfreitag, Bohnen, die Ihr im Zeichen der Jungfrau ſtopft; kommt nichts heraus dabei. Wenn Ihr de werker 896 ſchwarze Mäntlein umhängt, wird er hochmüthiger als der erſte Geſchlechter. Um das Lächeln eines vornehmen Serrn iſt euch alles feil, wohlgemerkt, alles, was nicht aus „Wenn der ganze Rath auf's Raſpelhaus müßte;“ 3 euerm Säckel geht. Iſt es nicht ein Schimpf und eine Schande, daß ein edler Rath dem Herzog Clemens geſtattet, ſein Werb⸗ zelt in unſerer Stadt aufzuſchlagen? Wir ſind gut kaiſerlich und noch beſſer katholiſch; er iſt ein Calbiniſt und dem Reichs⸗ feind zugethan. Die Spatzen pfeifen's von den Dächern, daß der Herzog für den Franzoſen wirbt, und jeder Hund bellt dagegen, daß wir unſere Söhne und Enkel zu ſolchem Frebel und Verrath hergeben. Das unvernünftige Vieh hat mehr Herz und Verſtand, als ein edler Rath.“ Der Meiſter wagte nicht, die Alte mit ſchnöder Rede abzuweiſen. Ihre Freundſchaft war zahlreich in der Stadt, die neue Rathswahl ſtand vor der Thür, und er bedurfte der Leute, um ſeinen Sitz zu behaupten. Weshalb er ſauerſüß lächelnd Beſcheid gab:„Der Herzog hat Brief und Siegel, daß er in unſerer Stadt werben darf. Er muß dafür unſere Feldfrüchte und unſern Wein unberzollt durchlaſſen. Machen wir ihm ſein Recht ſtreitig, ſo legt er ſeinen Schlagbaum auf die große Straße, ſetzt ſeinen Mauthner an den Strom und drückt uns, daß uns das Blut unter den Nägeln hervorſpritzt. Was er mit dem geworbenen Volke beginnt, iſt ſeine Sache. Jeder von uns kümm're ſich um das, was ihn angeht: der KFaiſer um's Reich, der Rath um die Stadt, die Frau Trine um ihr Haus.“— „Um mein Haus red' ich eben,“ antwortete die Frau; „die Werber haben meinen Enkel, en Paul bethört und ver⸗ lockt. Jetzt ſoll er einen blauen Kittel tragen, dem Kalbfell folgen, und, Gott verzeih' mir die Sünde! für den Franzoſen ſein Blut verſpritzen, oder wohl gar ſeinen eigenen Bruder 4 todtſchießen. Der Herr hat etwa vergeſſen, daß mein Kaver bei den Kaiſerlichen dient?“ Verlegen rieb der Meiſter ſich die Hände, und es war ihm juſt zu Muth, als ſäß' er wieder im Rathſaal; er wußte nicht ein, nicht aus. Unter die Hausthüre tretend, aus welcher die alte Frau herausgekommen war, ſagte er:„Sie muß mir aus⸗ führlich erzählen, wie's zugegangen iſt. Vielleicht kann ich etwas für den Paule thun. Der herzogliche Hauptmann wohnt bei mir im Haus; ich will mit ihm reden.“ Trine nöthigte den Meiſter in die Stube, und begann zu weinen. Das freundliche Wort hatte ſie gerührt. Sie brauchte eine Weile, bis ſie mit der Schürze die überſtrömenden Augen getrocknet und ſich ein wenig geſammelt hatte. Doch zum Er⸗ zählen kam ſie vor der Hand nicht. Denn auf dem Flur raſ⸗ ſelten und klirrten beſpornte Tritte, raſch öffnete ſich die Stu⸗ benthür, und herein ſtürmte ein junger Mann, der ohne Um⸗ ſtände die alte Frau in ſeine Arme ſchloß. Trine ließ ſichs gern gefallen. War nicht der Jüngling ihr Enkel Kaver? Ein ſtarker und derber Reitersmann mit gelben Ringellocken und waſſerblauen Augen, im ſonngebräunten Angeſicht einen flachs⸗ gelben Schnautzbart. „Woher, Kaveri, wie vom Himmel gefallen? Ich meinte, daß Du Dich in der Türkei mit Janitſcharen, Ungarn und andern Mohren herumhau'ſt und ſeh' Dich plötzlich hier?“— „Das muß die Frau Großmutter nicht wundern. Der Krieg iſt ein ſtürmiſches Meer, der Soldat ein leichtes Boot ohne Tuch und Steuerruder. Noch iſt's nicht lange her, daß ich krumme Säbel blinken ſah, lange Albaneſerflinten knallen hörte; jetzt ſoll ich lernen, wie franzöſiſche Kugeln pfeifen.“— „Gott halte Sie Dir aus dem Leib, mein Söhnchen.“— „Wir nehmen's, wie's kommt, Frau Großmutter. Doch denk' ich, daß ich zu großen Dingen aufgehoben bin. Wie Sie mich da ſieht, bin ich wohlbeſtallter Cornet; wie lang wird's dauern, ſo führ' ich als Feldhauptmann Reiter, Fuß⸗ volk und Dragoner gegen den Feind? Glaubt Sie's etwa nicht? Morgen rückt mein Regiment hier ein, da kann Sie den Herrn Oberſt ſelber fragen.“ Die Großmutter drückte Theilnahme und Bewunderung aus. Sie war ſtolz auf den heldenmüthigen Enkel. Ihr An⸗ geſicht war eitel Sonnenſchein, doch folgte dem Sonnenſchein alsbald der Regen. Naver fragte nach ſeinem Bruder.„O weh mein Paul!“ ſagte Trine.—„Was iſt mit ihm? Hat er ein Unglück ge⸗ nommen?“—„Er kann's noch nehmen, der Gutedel. Nichts geht ihm über Zechen und Spielen, aber die Arbeit iſt ihm verleidet, bevor er ſie nur angerührt.“—„So ſteck Sie ihn unter's Volk, Frau Großmutter.“—„Das hat er leider ſchon ſelber gethan. Im Rauſch hat er Handgeld genommen.“— „Was weiter? Ueber's Jahr iſt er Cornet, wie ich. Doch jetzt, Frau Großmutter, laſſ. Sie einen Imbiß und vor allem einen wackern Schluck herwachſen. Ich habe meinen Knecht mit den Gäulen zum Adler geſchickt und bin ſpornſtreichs zu Ihr gerannt. Nun möcht' ich mir's auch ſchmecken laſſen, bin ſcharf geritten.“ Im Handumwenden vergingen dem Cornet Hunger und „ — 6 Durſt, ſobald die Großmutter geſagt, für wen der Paul ge⸗ worben worden. Faber wetterte alle Zeichen.„Wo iſt der Werber,“ ſchrie er zuletzt:„daß ich ihm fünf Zoll Eiſen zu verſchlucken gebe?“ Nun erhob Jakob die Stimme, um den Wüthenden zur Ruhe zu mahnen.— „Wer iſt der Herr? Wie kommt Er daher? Was thut Er hier?“ fragte Kaver, welcher des Dritten im Gemach bis⸗ her gar nicht wahrgenommen hatte. „Der Herr Pfettrich Jakob, des Rathes,“ belehrte Trine. Völlig umgewandelt reichte der Reitersmann dem Meiſter die Hand, fragte nach der Meiſterin und nach Nischen, ſeinem kleinen Schatz. „Beſuch' uns der Herr Cornet und ſchau' Er ſelber zu wie's bei mir daheim geht und ſteht;“ ſagte der Schornſtein⸗ feger:„dann mag Er auch gleich mit dem Herrn Hauptmann von Poſſow reden, der in meinem Hauſe wohnt.“—„Poſ⸗ ſow?“—„Hans von Poſſow; liegt im Namen des Herzogs Clemens auf Werbung hier, und hält den Paul in ſeinen Klauen.“—„Ich geh' gleich mit dem Meiſter,“ rief Kaber:„und wenn der Werber mir nicht das Brüderlein heraus gibt, ſo ſollen ihm alle Spahis auf den Schädel fahren.“ Auf der Gaſſe mußte Jakob mehr als einmal den unge⸗ ſtümen Knaben am Arm feſthalten, um nur nachzukommen. „Nur gemach, lieber Kaberi,“ mahnte er:„ich komme ſonſt lungenfaul oder todt in mein Haus. Das ſpringt uns ja nicht davon.“— Worauf der Cornet:„Das verſteht der Herr nicht. Die Welt ſteht keinen Augenblick ſtill, die Zeit wartet auf niemand; deshalb muß ohne Zaudern voran, wer gewin⸗ nen will.“—— Sie erreichten das Haus. Die Eintretenden empfing ein gellender Hülferuf aus dem obern Gaden.„Ein Weib kreiſcht!“ ſchrie Kaver und war mit zwei Sätzen droben. Im Zimmer ſträubte ſich Nischen in den Armen eines großen ſtarken Mannes von wildem Ausſehen. Der Hauptmann Hans von Poſſow ſah ſchon recht wie ein Kinderfreſſer und Jungfernſchreck aus mit ſeinen grim⸗ mig blitzenden Augen unter fingerdicken Brauen, mit dem ge⸗ waltigen Schnurrbart, deſſen Enden überlang und beſenförmig, wie drohende Kometenſchweife aus dem Geſicht hervorſtarrten. Daneben ſtand mit offenem Mund und verblüfftem Geſicht ein Rauchfangkehrer im Rufkleid. Mit behendem Griff erlöſte Kaver die Jungfer aus den Händen des bärtigen Ungethüms. Ein kräftiger Rippenſtoß hatte dem Raubauz ſo ziemlich den Athem verſetzt.—„He, holla! was iſt denn los?“ fragte eintretend der keuchende Hausherr. Nischen gab Beſcheid:„Der Herr will mich alleweil küſſen,“ klagte ſie.—„Das laſſ Er ſich vergehen,“ rief Kaver, ganz nah an den Hauptmann hintretend und ihm keck in die Augen ſchauend:„ſonſt reden wir mitſammen. Verſteht mich der Herr? Ich heiße Franz Kaver Rainmaier.“— In barſchem Ton antwortete Poſſow:„Ich verſteh deutſch, Gott Lob, und wollte dem Herrn ſchon gehörig Beſcheid geben, wenn der Herr ein Cavalier wäre.“— Der Cornet lachte mit ingrimmigem Hohn:„Cabalier heißt zu deutſch ein Reitersmann.“—„Ja, ein adeliger.“—„Ein kaiſerlicher Offizier iſt immer von 8 Adel, und ich bin Cornet bei Montecuculi. Will mir der Herr Genugthuung geben oder ſoll ich ſie nehmen?“ Der Raubauz zog nun andre Saiten auf.„Wenn ich den Herrn Cameraden beleidigt hätte,“ ſagte er geſchmeidig:„ſo würd' ich mir's zur Ehre ſchätzen, einen Gang mit Ihm zu machen. Doch einem erprobten Kriegsmann wie mir bringt's keine Schmach, ein Mißberſtändniß gütlich auszutragen. Wenn der Herr Anſprüche an die Jungfer hat, ſo hab ich ſogar Seinen Dank verdient.“—„Oho, das wäre?“—„Bin ich doch dazu gekommen, wie dieſer ſchwarze Rüpel vor ihr auf den Knieen lag, und ſie im Begriff ſtand„ihm in die Arme zu fallen. Sollt' ich zugeben, daß ſchnöder Ruß dieſe Lilien und Roſen beflecke?“ Der Meiſter kehrte ſich zornig zum ſchwarzen Geſellen, verſetzte ihm einen derben Streich mit dem ſpaniſchen Rohr und fragte:„Iſt's wahr, Schwab'?“—„Thu's Maul auf, Schuft,“ fuhr der Hauptmann den Rußigen an, froh, auf ſolche Weiſe vom Cyrnet loszukommen. Worauf der Schwab':„Ich bin des Herrn Schuft nicht. Mein Meiſter darf mich ſchlagen und ſchimpfen, ſoviel er will. Von einem Fremden laſſ' ich mir's nicht gefallen, und will Ihm ſchon den Ruß herunterkratzen.“— Nischen fiel ihm in die Rede: Und die Sache iſt ganz anders, als der Herr ſagt. Der Jörgel iſt gar nicht auf den Knieen gelegen, ſondern ganz ehrenfeſt auf beiden Füßen ge⸗ ſtanden. Aber der Herr ſchleicht mir überall nach, wie die Katz' dem Spatz, und weil die Mutter juſt nicht daheim iſt, ſo hat er gemeint, er könnte ankommen. Da hat's ihn denn —— gewaltig gegiftet, daß ich dem Schwaben willig zuhörte. Dem Herrn ſpring ich freilich immer davon.“ Der Hauptmann machte zu dieſer Auskunft eine krauſe Stirn; eine noch krauſere der Meiſter. Er brummte und murmelte etwas in den Bart, bevor er fragte, was der Geſell denn eigentlich zu ſagen gehabt, gleichviel ob ſtehend oder knieend? Nischen erröthete; der Feuerrüpel vermuthlich auch, nur daß unter dem Ruß nichts davon zu ſehen war. „Darf ich's nicht wiſſen?“ fragte der Meiſter. „Ja freilich,“ antwortete der Schwab':„es muß doch einmal zu Tag kommen. Drum ſoll die Rauchfangkehrerei zu Auſtädt vergeben werden. Der alte Meiſter iſt ohne Kind und Kegel geſtorben, und der Herr Syndicus will ſich verwenden, daß ich auf's Plätzle hinkomm'. Der Meiſter Kobus wird wohl auch ein gutes Wörtle einlegen?“ Jakob zuckte die Achſeln.„Mein Schweſterſohn Peter hat um die Stelle geſchrieben,“ ſprach er dazu:„auch müßteſt Du wenigſtens dreihundert Gulden beſitzen, um Haus und Gerech⸗ tigkeit antreten zu können, Du armer Schlucker.“ Jörgel lachte, blinzelte gegen Nischen hin und entgegnete: „Auch davon haben wir geſprochen..“—„Schon gut,“ unterbrach ihn der Meiſter, dem längſt ſchon ein Licht aufge⸗ gangen war,„wir wollen morgen mehr davon reden. Jetzt geh' in Deine Eſſe, und Du, Jungfer, in Deine Küche. Wir haben hier andere Dinge zu beſprechen.“ Gehorſam entfernten ſich die Beiden. Faver hatte zuvor kein Auge von der jungen Dirne verwendet, und nun ihr nach⸗ 10 ſtarrend, ſprach er vor ſich hin:„Wie ſchön iſt ſie in den paar Jahren geworden, und ich blöder Thor wagte nicht einmal, der Jugendgeſpielin Hand zu faſſen, die alte Bekanntſchaft zu er⸗ neuern? Ein Cornet und blöde! Gott beſſers.“—„Der Scha⸗ den iſt nicht groß,“ meinte Jakob:„komm' der Herr Nachmit⸗ tags zu einem Glas Wein. Meine Alte wird ſich freuen„Ihn zu ſehen, und da kann Er die Bekanntſchaft nach Lerzensluſt erneuern. Doch für jetzt wollen wir das Geſchäft zur Hand nehmen.“—„Fürwahr,“ rief Kaver:„ſchier hätt' ich's ver⸗ geſſen. Der Herr Hauptmann muß mir meinen Bruder her⸗ ausgeben. Auf der Stelle, ſag' ich, oder der Strahl erſchlag' Ihn!“ Poſſow ſah voll Erſtaunen den andern an, deſſen Rede er nur halb und halb verſtand.„Mach' der Herr nur keine Um⸗ ſtände,“ fu Kaber fort:„meinen Bruder heraus, ſag' ich, und zwar auf der Stelle. Ich will den Paul der Großmutter zum Mittageſſen mitbringen.“—„Weiter nichts?“ fragte der Hauptmann ſpöttiſch.—„Freilich ſonſt nichts,“ beſchied der Cornet.—„Nun denn,“ fuhr Jener fort:„ſo wird die Alte heut' faſten, und wär' ſie die leibhaftige Großmutter des Gott⸗ ſeibeiuns.“ Wenn der Hauptmann Trumpf ſpielte, ſo war der kaiſer⸗ liche Reiter ſeinerſeits zum Bekennen nicht faul. Die Herren geriethen mit ſpitzen Worten und groben Redensarten hart an⸗ einander, ohne auf Jakob zu hören, der immer drein ſprach: ſie verſtänden ſich nicht und möchten doch ihn zum Dolmetſcher an⸗ nehmen.— 3 11 Leder zu ziehen, als des Werbers Feldwebel hereinkam: ein ſtatt⸗ licher Burſch, aufgeputzt mit allerhand Flitter und Flunkerzeug, wie ein Schlittengaul, nach der Werber Gewohnheit.— „Blitz und Hagel,“ wetterte der Eintretende:„da komm' ich ja grad' recht, einen Kerl kalt machen zu helfen.“ Worauf Kaver:„Nur heraus mit der Fuchtel, und wenn Ihr euer ſechſe wärt.“ Jakob trat zum Fenſter.—„Die Leute laufen ſchon zu⸗ ſammen,“ rief er aus:„und wenn Ihr nicht Ruhe gebt, ruf' ich Bürgerhülfe. Zwei gegen Einen? Das wäre ſauber!“— „Laſſ ſtecken,“ wandte ſich Poſſow zum Feldwebel, und dann zu Kaver:„Der Herr Cornet ſoll heute noch von mir hören. Wo wohnt Er?“—„Im Adler.“—„Auch mein Koſthaus. Lafſ' Er ſich das Eſſen ſchmecken; es wird die letzte Mahlzeit ſein, die Er einnimmt.“ Geringſchätzig lächelnd kehrte Kaver dem Prahlhans den Rücken zu. Da flüſterte Jakob ihm in's Ohr:„Geh' der Kaberi nur ruhig heim; ich weiß ſchon, wie ich Seinen Paul loskriege. Der von Poſſow iſt nicht halb ſo bös wie er ſich anſtellt, und läßt mit ſich reden.“—— Der Hauptmann ließ allerdings mit ſich reden. Der Meiſter gab ihm gute Worte in Hülle und Fülle, reihte Vorſtellungen und Bitten aneinander und ſie wurden endlich handelseins. „Topp, es gilt;“ rief der Raubauz:„Der Meiſter ſchafft mir für den Paul einen geſunden ſtarken Kerl.“—„Soll nicht feh⸗ len,“ verſetzte Jakob:„aber morgen mit Tagesanbruch muß Er ſich auf und davon machen.“—„Weshalb ſo geſchwind?“ —„Morgen rückt das Regiment Montecuculi hier ein.“ 12 Der Officier und ſein Untergebener wechſelten die Farbe, und der Feldwebel ſagte:„Wenn's dem Herrn Hauptmann recht iſt, ſo will ich den Fuhrmann für die Geworbenen auf Mit⸗ ternacht beſtellen.“ Ein leichtes Kopfnicken Poſſow's ertheilte die gewünſchte Einwilligung.—— Nachmittags ſaßen in des Rauchfangkehrers Haus die Leutchen gar gemüthlich beiſammen. Naver hatte die alte Mutter mitgebracht. Unbekümmert um den bevorſtehenden Zweikampf mit dem Poſſow, ließ er ſich Wein und Veſper⸗ brod ſchmecken, und ſchäckerte ſorglos mit der Jugendgeſpielin. Nischen nahm ſeine Huldigungen mit unbefangener Freundlich⸗ keit auf. Er hielt ihr Plaudern und Lachen für ein günſtiges Zeichen, und ahnte nicht, daß hier das Erröthen und Ver⸗ ſtummen der Jungfrau ihm etwas Beſſrres hätte bedeuten konnen. Die alte Mutter war ebenfalls guter Dinge; der Gevatter hatte ihr Pauls Befreiung angekündigt. Doch ver⸗ ſtrich Viertelſtunde um Viertelſtunde, ohne daß der Erſehnte zum Vorſchein kam. Da wurde Frau Trine immer ſtiller, nachdenklicher und bektübter. Auch dem Rathsherrn kam nach und nach die Sache bedenklich vor. Wenn Poſſow ihn betrü⸗ gen wollte, ſo gab's kein Mittel dagegen. Mit Gewalt war gegen den Offizier des Herzogs nicht aufzukommen, weil kein Bürger keck genug geweſen wäre, den mächtigen Nachbar zu reizen; mit Liſt noch weniger. Die Angeworbenen ſaßen hinter Schloß und Riegel wohlberwahrt im Hinterhaus des Adlers, wo ein Wachtpoſten die eiſenbeſchlagene Thür und das ver⸗ gitterte Fenſter hütete. 13 „Seine Kunſt geht betteln, Herr Pfettrich,“ ſagte endlich die alte Rainmaierin, da ſie beim Eintritt der Dunkelheit ſich zum Aufbruch bereitete. Der Gevatter ſuchte ſie zu tröſten Der Hauptmann ſei ja ſelber noch nicht da und möge Ab⸗ haltung bekommen haben; doch werde er unfehlbar mit dem befreiten Paul erſcheinen.„Der Herr Hauptmann,“ ſchloß er, „iſt ein Biedermann.“ Worüber der Cornet zu lachen anfing. Juſt ſiel ihm bei, daß der genannte Biedermann ihm noch kein Cartel geſendet. Nischen kicherte, doch ſchnell ſollte ihr die frohe Laune vergehen. Draußen auf dem Gang rief's ängſtlich nach dem Meiſter. Der Lehrbub' ſtürmte ins Zim⸗ mer und ſchrie als ſtäcke er am Spieß. „Was gibt's, Peterlein?“—„Sie haben ihn, ſie hal⸗ ten ihn;“ kreiſchte Peter.—„Wer? Wen?“—„Die Wer⸗ ber den Schwaben.“—„In Gottes Namen,“ meinte Jakob: „kein Schad' um den Schlingel.“— Die Meiſterin blickte voll Erſtaunen auf ihren Ehewirth, der ſo ganz anders ſprach, als ſie erwartete. Er hatte doch immer große Stücke auf den braven Jörgel gehalten, und ſie konnte ſich ſeine Rede nicht reimen. Nischen verſtand ihn ſchon beſſer. Erbleichend ſtam⸗ melte ſie:„Gott im Himmel! Der Vater hat meinen Schatz den Werbern überantwortet!“— So fiel ſie zuſammen. Kaber fing ſie auf, ſetzte ſie auf einen Stuhl und war innerlich mehr erfreut als erſchrocken. Schadenfroh ſah er den Schmerz der Jungfrau, die es gewagt, den rußigen Jungen einem ſchmucken Reitersmann vorzuziehen; zuverſichtlich meinte er, den Abwe⸗ ſenden mit leichter Mühe auszuſtechen.„Zum Winter komm' ich in Urlaub hieher,“— ſprach's in ihm:„und Nischen 14 muß die Meine werden.“ Noch eine andre Stimme zwar rührte und regte ſich in ſeiner Bruſt; doch ſie wurde barſch und ſchnöde abgefertigt. Vor der Hand kam die Ehre ge⸗ gen die Begierde nicht auf.—— Nicht mit Perlen, ſondern mit geilem Speck fängt man Mäuſe. So erkohren von jeher auch die Kriegsherren zu ihren Werbern keine ſtillen, nüchternen und ehrbaren Leute, ſondern wildes lüderliches Volk mit weiter Gurgel und weiterm Ge⸗ wiſſen, von gelöſter Zunge und lockern Sitten. Des Herzogs Clemens Werber waren Ausbünde ſolchen Schlages, der Vor⸗ geſetzte wie ſeine Untergebenen. Der Unterſchied zwiſchen ihnen beſtand nur im Kleid; ſobald ſie Rock, Degen, Stock und Hut abgelegt, waren der Hauptmann, der Feldwebel uud der Corporal ein Kleeblatt trauter Brüderlein. An jenem Abend nach voll⸗ brachtem Tagwerk, ſaßen ſie im Oberſtüblein beim Adlerwirth beiſammen, ließen ſich gewohnter Maßen den friſchen Trunk und das Pfeifchen ſchmecken. Ein Vierter ſaß bei ihnen, ein junger Burſch, der trotz des verlüderlichten Ausſehens immer noch hübſch zu nennen war. Der Knabe war kein andrer, als Paul Rainmaier, für welchen der Feuerrüpel in das Aufbewahrungszimmer geſtoßen worden.—„Du biſt frei,“ hatte Poſſow geſagt:„geh' heim und ſag's der betrübten Al⸗ ten, Du goldiges Mutterſöhnlein.“— Worauf Paul:„Ich gehe nur, weil der Herr mich eingeſperrt hat wie einen wider⸗ ſpenſtigen Ausreißer.“—„Das geſchah zu Deiner eigenen Sicherheit, Närrchen; um Dich vor dem Zureden der Vettern und Baſen zu beſchirmen. Komm', laſſ, uns eins trinken, daß 4 — wir verſöhnt und als gute Freunde ſcheiden.“—„Gut. Doch wie iſt's mit dem Handgeld?“—„Das ſei Dir geſchenkt.“ Die Großmuth des Hauptmanns war nicht theuer, weil der Rathsherr das Handgeld ſchon wiedererſtattet hatte. Paul aber mochte nicht für einen Geizhals gelten, und nachdem er mit den Werbern getrunken, hatte auch er Wein beſtellt. Dann hatten ſie angefangen um den Trunk, hernach um's Geld zu ſpielen, und ſo war's Abend geworden. Der böſe Bube dachte ſo wenig an die beſorgte Großmutter, als an den Großmogul, und für ſeines Gleichen war der Grund triftig genug: er ge⸗ wann und gewann an einem Stück fort. Die Werber lachten nur dazu; ſie mochten wohl wiſſen, warum? Geld hatten ſie wie Heu, vor ihnen lagen Dublonen, Piſtolen, Dukaten und blanke Thaler haufenweis, und die paar Stücklein, welche Paul gewann, waren nicht der Mühe werth, auch wenn er ſte behielt. Das Behalten aber ſtand ſehr in Frage; der junge Laffe konnte nicht viel vertrggen und wußte die Karten zu handhaben. Die Frau Trine war indeſſen, ziemlich ſpät zwar, aber am Ende doch auf einen guten Einfall gerathen. Sie ſandte ihre alte Magd auf Kundſchaft in den Adler. Die Gretel kam mit der Botſchaft zurück: Der Vermißte ſitze zechend und ſpielend bei den Werbern.—„So heiß' ihn kommen,“ befahl Naver. Die Großmutter fügte hinzu:„Bring' ihn lieber gleich mit.“— Was leichter geſagt als gethan war. Paul ſtarrte die Votin aus verglaſten Augen an und hieß ſie zu allen Drachen gehen. Als ſie nach einer Viertel⸗ ſtunde wiederkam, wurde ſie noch übler empfangen. Pauls 16 Spielglück hatte ſich indeſſen gewendet; natürlich mußte das runzlige Angeſicht der Alten die Schuld tragen, und er hieß ſie alles in der Welt, nur nicht lieb und ſchön. Lange bevor er ausgeredet, ſuchte Gretel die Thür. „So; vor der Hexe hätten wir gute Ruh,“ meinte Paul: „es gilt das Reſtchen.“ Mit der Linken ſchob er ſeine zuſam⸗ mengeſchmolzene Baarſchaft vorwärts, mit der Rechten hob er den friſchgefüllten Humpen zum Mund. Während er in haſti⸗ gen Zügen trinkend die Augen verdrehte, fiel die Karte zu ſei⸗ nem Nachtheil.„Verloren, armer Schelm;“ bemerkte mit höhniſchem Mitleid der Hauptmann.„Schad', daß das luſtige Spiel ſchon zu Ende,“ fügte der Feldwebel ebenſo hinzu. Mit ſchwerer Zunge lallte Paul:„Wer leiht mir fünf Piſtolen?“ „Ich nicht. Wer noch?“ fragte Poſſow. Indeſſen ſchenkte der Feldwebel den geleerten Humpen wieder voll und ſprach dazu: „Trink, armer Schlucker.“—„Geld will ich, keinen Wein,“ ſchrie Paul, doch trank er, und ſeine umnebelte Vernunft ließ ihn auf den Vorſchlag eingehen, die kaum gewonnene Freiheit auf's neue zu verkaufen. Mit gierigem Finger langte er nach dem dargebotenen Handgeld; gedankenlos ſprach er dazu: „Vivat Clemens dux!“ 5 In demſelben Augenblick öffnete ſich die Thür und erſchien der Cornet Naver auf der Schwelle.„Brüderlein,“ rief er mit ſchallender Stimme:„was beginnſt Du, mein Paul? Komm an meine Bruſt, in meine Arme, daß ich Dich von dannen führe.“—„Kaveri!“ ſtammelte Paul, ein blödſinniges Lächeln auf den Lippen, erhob ſich vom Seſſel und ſtürzte alsbald, von der Gewalt des Rauſches überwältigt, auf den 17 Boden nieder. Kaver hütete ſich, ihn aufzuheben; ſein ſcharfes Auge ſah, wie die Werber Blicke des Einverſtändniſſes wechſel⸗ ten. Was der Hauptmann dem Feldwebel zuflüſterte, hörte er zwar nicht, doch beſaß er Welterfahrung genug, um es allenfalls zu errathen. Er war daher auf ſeiner Hut, über⸗ ſah jedoch das Wichtigſte dabei, nämlich die Thüre zu behaup⸗ ten. Daher, während er auf Poſſow zutrat, um demſelben die verdienteſten Vorwürfe zu machen, verrannten ihm die zwei Unteroffiziere den Ausgang. Der Hauptmann, im Bewußt⸗ ſehn der Uebermacht, gab ihm ſchnöde Antwort; der Ton in Kaver's Reden wurde dadurch nicht feiner geſtimmt. Die Wehr zückend trat er in eine Fenſterecke und ſchrie:„So komm' der Herr denn doch einmal heran, wenn Er ein Cavalier iſt!“ —„Cavalier hin, Capalier her!“ entgegnete Poſſow:„Nimm Deinen Spieß, Feldwebel, und renne mir den Schurken da durch und durch. Denn ich will des böſen Feindes ſein und leben⸗ dig mit Haut und Haar zur Hölle fahren,— ich ſage: der leibhaftige Satan ſoll mich zur Stelle holen, wenn nicht„ Die wüſte Rede ſollte nicht zu Ende gebracht werden. Ein furchtbares Raſſeln und Praſſeln ließ ſich plötzlich von oben vernehmen und durch den Schlot fuhr es nieder wie Hagel⸗ ſchauer und eine ſchwarze Teufelsgeſtalt polterte im Kamin zur Erde. Taver, wiewohl nüchternen Hauptes, erſchrak ſelber; noch mehr aber verwunderte er ſich, daß der Raubauz ſammt den Seinen vor der Erſcheinung ohneweiters Reißaus nahm. Es hätte ihn minder Wunder genommen, wenn er bedacht, daß Der Erzähler 1848. 1. 2 18 die Trunkenbolde eben im Begriff geſtanden, einen Mord zu begehen, und deshalb in ihnen ſich das Gewiſſen gerührt hatte. Selbſt der verhärtetſte Böſewicht ſchlägt ſein Gewiſſen nie ganz und gar todt.—— Der ſchwarze Gaſt war kaum minder erſchrocken, als die er in die Flucht geſprengt. Der Cornet erkannte den Schwa⸗ ben und errieth leicht den Zuſammenhang. Und er rief:„Die Werber waren Thoren, einen Schornſteinfeger einzuſperren, ohne den Schlot zu verwahren. Doch ich verdiente einen Tod ohne Ehre, wie er mir gewiß ſo eben bevorſtand, wenn ich mich undankbar erwieſe.“ Zu Jörgel gewendet und mit der Hand zum Tiſch deutend, ſetzte er hinzu:„Komm hervor, du rußiger Geſell, und nimm das Geld; ss iſt ehrliche Kriegsbeute. Du magſt damit zu Auſtädt Meiſter werden und Dein Nischen heimführen.“ Der Schwab' ließ ſich das nicht zweimal heißen. Mit behenden Griffen brachte er Gold und Silber hinter dem Bruſt⸗ fleck unter. Doch hätte er kaum nöthig gehabt, ſich ſo zu tummeln. Der Werber und ſeine Geſellen hatten lange noch nicht die Angſt vor dem Gottſeibeiuns verwunden, als ihnen ſchmetternder Trompetenklang neuen Schreck einjagte. Sie ließen vor dem einrückenden Vortrab des Regiments Monte⸗ cuculi Alles im Stich, um, wie ſie gingen und ſtanden, ſich in Hemdärmeln aus dem Staub zu machen.—— Und von dem Tage an war des Herzogs Werberecht in der freien Stadt zu Ende. Und von dem Tag an hatte Jörg ſein lieb Weibchen und ſein eigen Handwerk, und der Cornet ein gut Gewiſſen hinterm Lederkoller. Meiſter Jakob fügte 19 ſich mit Ergebung in's Unbermeidliche. Frau Trine allein war nicht am Ende ihrer Thränen; denn Paul, dem das ſchöne Soldatenlvos entgangen, mußte noch ein Jahr lang Teufelei auf Teufelei aufſpielen, bis ihm endlich der dürre Baum wurde, der ſich gern mit ſolchen Früchtlein ſchmückt. Die urmen Leut' von Anu. W. v. Chezy. ——— Art, daß Gott erbarm'. Der höchſtſelige Kaiſer Leopold I. mag damals noch am Leben ge⸗ weſen ſein; jedenfalls war er noch nicht lange bei den hochwürdigen Vätern Kapuzinern ein⸗ gezogen. Die Kriegsherrn entließen theilweis die geworbenen Völker, und der Söldner zückte, bevor er ſie ablieferte, noch einmal die Seiten⸗ wehr, um ſich vom erſten beſten Baum oder Strauch einen Stecken zu hauen, einen Wan⸗ derſpieß und Bettelſtab, wie er das Ding nannte; doch wars offenbar eine Waffe, wenn nicht zum Angriff, doch zum Einſchüchtern. Wenigſtens gab dem heiſchenden Söldner der einſame Wanderer auf dem Heer⸗ weg ohne Umſtände ſeine ganze Baarſchaft; den Silberling 21 warf ihm der Reiter zu, und ſetzte zugleich beide Sporen ein; die Bäuerin verſorgte ihn, als trüg er Wehrgehäng und Pa⸗ trontaſche. Dennoch flackerte zuweilen ein Gehöft, ward ein Fremdling mit zerſchmettertem Schädel gefunden, kaufte der Jud' ein Roß mit Sattel und Zeug, das herrenlos im freien Feld gefangen worden; der es brachte, hatte wohl auch ein paar Reitſtiefel, Lederhoſen und dergleichen mehr zu verhandeln, und nahm mit einem geringen Geldlein vorlieb, weil ſein Weg der weiteſte war. Die Raben kamen bei ſolchem Frieden am Be⸗ ſten weg; ſie brauchten der Atzung nicht mehr auf der Wahl⸗ ſtätte nachzuziehen, ſondern fanden ſie regelmäßig und reichlich auf der Vehmſtätte. Dagegen ging es dem Bauern juſt ſo ſchlecht, wie im Krieg; für einen Strolch, den die Raben ge⸗ freſſen, kamen zehn andre, die ihn brandſchatzten, während die gnädige Herrſchaft rückſichtslos Steuern und Gaben eintrieb. „Es iſt ja Frieden,“ ſagte der Junker:„und der Frieden er⸗ nährt.“ Während des Krieges hatte er geſagt:„Ich kann nicht Nachſicht üben, weil ich ſelber ohne Gnade zahlen muß.“ Unter allen Bauern im heiligen römiſchen Reich waren aber gewiß keine ſo übel dran, als die armen Leut' zu Au. Sie ſtanden zwar nicht in ſchlimmen Schuhen, weil ſie barfuß lau⸗ fen mußten, aber dafür waren ſie Hinterſaßen einer freien Reichsſtadt, und bekanntlich hat es niemals noch einen ſtrengeren Zwingherrn gegeben, als das freiheitſtolze Bürgerthum Das vielköpfige Ungethüm weiß nichts von den Regungen der Milde, der Großmuth, wie ſie zuweilen auch der ſtrengſte Selbſtherrſcher fühlt. Wo der König dich in das Verließ wirft, ſchleppt der Janhagel dich zum Fallbeil; wo der Junker 22 dir das Hemd läßt, nimmt der Spießbürger wohl gar noch die Haut. Die Höfe von Au ſtanden zerſtreut in der buſchigen wie⸗ ſenreichen Niederung zwiſchen des Stromes Thalweg und Alt⸗ waſſer, zwei Meilen weit von der Stadt. Ueber dem Altwaſſer hob ſich das Geſtade wohl an die hundert Klafter hoch ziem⸗ lich ſteil empor, mit dichtem Buchenwald beſtanden, durch wel⸗ chen auf der Höhe die Straße hinzog, eine Straße, wie ſie da⸗ mals ſchier alle waren, nämlich halsbrecheriſch für den, der ſich mit Wagen und Roß darauf wagte. Dort am wilden Weg ſtand mitten im Wald, gleichſam als Vorpoſten der Ortſchaft, der Wiederlejohanniſenhof, ein altes ſtarkes Gebäu, ſchier wie ein Burgſtall anzuſehen. Es war auch Jahrhun⸗ derte zuvor etwas dergleichen geweſen, ein Schlupfwinkel von Stegreifrittern, bis die Bürger das Neſt ausgehoben. Sie hatten damals Vernunft genug beſeſſen, nicht das Haus zu zerſtören, ſondern nur die Befeſtigungen zu ſchleifen, und einen halseigenen Mann hineinzuſetzen, daß er als Schmied und als Herbergvater ihnen doppelt zinſe. Seitdem war vom Vater zum Sohn der Hofmann zugleich Schmied und Wirth. So auch der alte Gervas, gewöhnlich der Holzwirth geheißen, ein wetterharter hagerer Burſch, feſt wie Stahl und Eiſen, rauh von außen, derb von innen wie ein Eichbaum, dabei unnah⸗ bar düſter wie neben ihm das Waldgebirg mit ſeinen hohen Bäumen, ſeinen wilden Schluchten und ſeinen unwegſamen Abhängen.—— Doch, was war heute mit dem Gervas? Seiner Augen ſtechender Blick zeigte ſich gemildert, wie wenn ein Wolken⸗ 23 ſchleier durchſichtig über den vollen Mond hinzieht, der trutzige Mund hatte die Spannung verloren, die hohe Geſtalt ſtand gebeugt, die harten Rieſenfäuſte drehten in krampfhaftem Spiel den Filz, der ſonſt ſo unbeweglich auf dem rauhborſtigen Haupt thronte. Vor ihm ſaß, bequem in den Großvaterſtuhl zurück⸗ gelehnt, die Beine behaglich ausgeſtreckt, neben dem mächtigen Ofen in der geräumigen Zechſtube ein Mann, welcher, obſchon im Aeußern das Gegenſtück des Sofmannes, doch zu dieſem paßte, wie auf den groben Klotz der grobe Keil und auf den Schelm die anderthalben. Das Angeſicht des Gaſtes war ſau⸗ ber geſchoren, auf dem Haupt bauſchte ſich eine wohlgepflegte Stutzperücke unter dem Treſſenhut; ein Reitrock von feinem Tuch, mit Seidenborden beſetzt, gelbe Lederhoſen, hohe Stiefel mit blanken Silberſporen machten die Hauptſtücke des Anzugs aus, und dennoch war der feingekleidete Städter ſchier eben ſo finſter und wild anzuſchauen, als der ungeſchorene Bauer im groben Tſchopen. Auch die Sprache des Herrn war rauh. „Der Bauer iſt ein Lauer,“ polterte er:„eure Ausreden ſind eitel Wind und Tand, um eure Pflichten zu umgehen.“— Worauf Gervas:„Ich will den geſtrengen Herrn Stadtſchrei⸗ ber von einem Hof zum andern führen, er wird in keinem Stall mehr ein Stück Rindvieh, in keinem Koben mehr ein Schwein antreffen.“—„Darüber bin ich ja erzürnt,“ ſchalt der Stadtſchreiber:„meine Herrn vom Rath meinen, daß ihr die fetten Weidetriften nur deshalb habt, um Viehzucht zu treiben, ſo wie Eicheln und Bucheln im Wald, um Schweine zu mäſten. Nun ſagſt du freilich, daß ihr durch das und jenes um Horn und Klaue, um Borſten und Wolle gekommen 24 ſeid, doch das geht uns nichts an, und ich ſage dir, als unſerer armen Leute erwähltem Stabhalter, ein für allemal: wenn ihr das eiſerne Vieh*) nicht förderlichſt wiederherſtellt, ſo wer⸗ den meine Herrn mit euch in's Gericht fahren. Die Mittel dazu find eure Sache. Still, kein Wort weiter. Ich kann meinen Herrn nichts verſchenken, und wenn ich's dürfte, ihr Lumpenhunde bon Au wärt fürwahr die letzten, denen ich meine Großmuth anhängte. Genug von der Gemeinde; der Stabhalter hat abzutreten, dagegen der Holzwirth, der Schmied und Hofmann Gervas zu erſcheinen.“ War der Stabhalter betrübt geweſen, ſo ging dem Holzwirth vollends das Grauſen auf. Er ſchuldete der Zin⸗ ſen und Gülten mehr denn einer, und Ulrich Gremmelsber⸗ ger, der Stadtſchreiber, führte ſeine Verzeichniſſe mit der uner⸗ bittlichſten Genauigkeit.„Vier Wochen haſt Du Friſt, Deine Schuldigkeit abzutragen,“ ſagte der geſtrenge Herr:„doch dann hat alle Nachſicht ein End'. Die Friſt verdankſt Du grade nur der Milde des Herrn Bürgermeiſters, der für Dich vorbat, weil Dein Großvater ſeinem Großvater einſt das Leben geret⸗ tet.“ Achſelzuckend antwortete Gervas:„Eine Galgenfriſt, zu nichts nutz, als die Angſt des armen Sünders zu verlängern. WGrad' ſo gut zückt ihr heut' die Hufe, als morgen oder über⸗ morgen, denn in vier Wochen kann ich ſo wenig zahlen, als ich's vor vier Wochen im Stand war. Ich werd's ebenzumehr *)„Eiſernes Vieh,“ ein Viehſtand der immer gleich erhalten werden muß. machen, wie mein großer Bruder,*) der vor vierzig oder fünfundvierzig Jahren verlaufen**) iſt...“—„Und Gott weiß an welchem Galgen hängt;“ unterbrach ihn der Grem⸗ melsberger:„es iſt eine ſchwere Sünde, wenn ein Leibeigener ſeiner Herrſchaft verläuft, und keinem hat's Segen gebracht. Diebſtahl iſt Diebſtahl, ob Du nun ein Stück Vieh oder Dich ſelber ſtiehlſt. Der's gethan, iſt immer noch elendiglich zu Grunde gegangen. Merk Dir's alter Schwed'...“— Während der Stadtſchreiber ſo ſprach, kamen drei Gäſte, wie ſie dem geſtrengen Herrn nicht behagten; mit leiſer Stimme fuhr er fort:„Die Kerls da im zerlumpten Aufzug ſind ab⸗ gedankte Soldaten. Es iſt nicht gut gethan, daß Du ſolches Volk hegſt.“— Gleichmüthig verſetzte Gervas:„Soll ich ſie bitten, zur Stadt zu gehen und ſich in den Adler oder in den Dreikönig***) zu legen? Der Herr ſorgt dann wohl dafür, daß meine Herrn vom Rath ihnen einen Ehrentrunk verab⸗ reichen und etwa noch einen Fiſch aus dem Karpfenteich.“ Gremmelsberger nahm den Seitenhieb hin.„Nur Geduld,“ ſagte er:„wenn ein ehrſamer Bürgersſohn erſt Holzwirth iſt, wird's hier ſchon an ders werden.“—„Ich denke wohl auch,“ fügte Gervas hinzu:„vermuthlich werdet ihr ein Fähnlein Reiter in den Wiederlejohanniſenhof legen.“ Der Stadtſchrei⸗ ber gab keine Antwort darauf. Sich vom Sitz erhebend, rief er nach ſeinen Knechten um heimzureiten. Der Holzwirth gab *) Der ältere Bruder. **) Entlaufen. *) Der Dreikönig: das Wirthshaus zu den drei Königen. 26 ihm das Geleit vor die Thüre, ohne aus der Faſſung zu kommen, wiewohl die Abſchiedsworte des geſtrengen Herrn nicht tröſtlicher lauteten, als was er die Zeit her geredet. Die Soldaten hatten ſich indeſſen ganz ſtill in der Fen⸗ ſterbrüſtung niedergelaſſen.—„Hört,“ flüſterte der eine, auf den Hof hinausdeutend:„der Reiter hat nur zwei Knechte bei ſich. Wenn wir unten beim Bärenloch durchſchlüpfen, können wir einen Vorſprung gewinnen und ſie im Hohlweg mit Stei⸗ nen todtwerfen.“ Die Andern ſchüttelten die Köpfe. Wer auf dem Anſtand des Hirſches harrt, ſagten ſie, der darf ſein Pulber nicht auf Amſeln verſchießen. Darüber kam der Holz⸗ wirth wieder herein.„Was wär' Euch lieb?“ fragte er.— „Eſſen und Trinken iſt unſer Leibgericht,“ lautete die Ant⸗ wort.—„Habt ihr auch Geld?“ forſchte Gervas weiter.— „Verſteht ſich,“ hieß es:„ſonſt wären wir demüthig au der Thüre ſtehen geblieben, wie's Bettelbuben ziemt. Da iſt ein blanker Kaiſergulden in einem Stück, wenn Du jemals ſchon ſoviel Geld beiſammen geſehen haſt.“—„Fällt ſelten vor,“ meinte Gervas:„beim Holzwirth gibt's gewöhnlich nur Heller oder Pfennige, und der Sechſer iſt weitaus das größte Stück. Doch, wie iſt mir denn?“ ſetzte er veränderten Tones hinzu, indem er ſich zu einem der Gäſte wandte:„biſt Du nicht des Lammwirths Klauſen⸗Barthel?“— Verlegen huſtend verneinte der Angeredete.„Vartholmä bin ich wohl getauft,“ ſagte er, „doch mein Vater hieß nicht Klaus, und ich bin in der Ge⸗ gend ganz unbekannt.“—„So, ſo,“ machte Gervas ungläu⸗ big:„ſelbiger Barthel war von Mittelbruch, Fuhrmannsknecht in der Stadt beim Laternenwirth, und iſt oft bei mir ange⸗ kehrt. Später ſoll er unter's Volk gegangen ſein. Schade, daß Du nicht er biſt;* wär' ſchon der Mühe werth.“— „Wie ſo?“ fragte der Soldat:„iſt meine Baſ' geſtorben und hat ſie mir was vermacht?“—„Behüte,“ verſetzte Gervas: „aber der Laternenwirth könnte juſt einen Fuhrknecht brau⸗ „—„Ich verſteh' nichts vom Fuhrweſen,“ brummte der andre, und meinte damit wieder gut zu machen, was er ver⸗ fahren. Der Holzwirth kümmerte ſich auch nicht weiter um ihn, ſondern ſteckte den dargereichten Gulden ein, ging zur Küche, um Weib und Tochter zur Bewirthung der Gäſte auf⸗ zubieten, und berfügte ſich dann in die Schmiede, wo ſein Sohn Dietrich tapfer drauf los hämmerte.—„Horch, Dietz, laſſ den Hammer ein wenig ruhen,“ ſprach der Alte:„ich muß Dir was ſagen.“—„Schwätz“ antwortete der Sohn, lehnte die ſehnigen Arme auf den Hammerſtiel, und ſtemmte auf die Arme den ſtruppigen Kopf. So vorgebeugt, des rauhbauzigen Vaters rußiges Ebenbild, reckte er neugierig das Ohr. Zuerſt erzählte Gervas von des Stadtſchreibers unliebſamen Eröffnun⸗ gen. Dietz knirſchte mit den Zähnen.„Können wir nicht bezahlen,“ ſchloß der Vater:„ſo nehmen ſie uns die Hufe.“ —„Und was wird aus uns?“ fragte Dietz:„müſſen wir nicht in die weite Welt ziehen?“—„Nicht doch,“ erklärte Gerdas:„wir fänden draußen etwa die Freiheit, doch keine bleibende Stätte. Meine Herrn werden uns eben zum Eiſen⸗ hammer ſchicken, und ihre andern armen Leut' von Au da oder dort verwenden, wozu ſie juſt taugen, zum Karrenſchieben, zum Pechkratzen, zum Kohlenbrennen, zum Holzfüllen oder im Berg. Zu Au geht's uns wohl ſchlecht, doch noch ſchlimmer 28 haben's die Arbeiter im Erzbezirk; auch können wir hier zu⸗ weilen einen Hirſch, ein Reh, oder eine Sau wildern, was dort drüben nicht möglich iſt. Drum bleib' ich Holzwirth, denk' ich.“—„Du haſt recht, Vater, wenn Du kannſt; ich mag auch nicht zum Hammerwerk.“—„Ich kann, wenn wir beide wollen. Schau, der liederliche Bartholmä iſt wieder hieſig und will doch nicht er ſein. Merkſt Du was?“—„Ha ja, das iſt noch zu merken. Er wird einen ſchlechten Streich vor⸗ haben.“—„Verlaſſ' Dich drauf, mein Büble; wozu hätt er ſonſt nöthig, mit mir Verſteckeles zu ſpielen? Wir wollen dem Barthel und ſeinen Geſellen ſcharf auf die Finger ſchauen. Vielleicht kriegen wir ſie dran, daß ſie uns miteſſen laſſen. Ich habe heut Nacht bei den Meilern zu ſchaffen. Drum mußt Du Dich an ſie machen, und ein Biſſel drum herum ſchwätzen von der harten Zeit, wie brave Kerls ſo übel dran ſind, und was des Dings mehr iſt.“— Dietz lachte wie ein Satan. „Ich verſteh' ſchon,“ ſagte er:„und wenn ein Anſchlag in der Umgegend vollführt wird, wer venkt dabei an uns, ſo lang es noch gartende Kriegsknechte gibt?“— Der Vater legte ihm die Hand auf die Schulter.„Du biſt mein echtes Fleiſch und Blut,“ ſprach er feierlich dazu:„und wirſt Deine Sache recht machen. Nur auf eins gib Obacht: daß Du ſie nicht ver⸗ ſcheuchſt. Wollen Sie nicht Farbe bekennen, ſo thu nicht weiter dergleichen, und wir reden ſpäter davon. Verſtanden?“ Dietz nickte, und zufrieden ging der Alte ſeines Weges, ſo zu⸗ frieden nämlich als einer ſein mag, der, weils mit der Ehr⸗ lichkeit nimmer gehen will, ſich in der Verzweiflung dem böſen Feind verſchreibt; er hat nach langem Schwanken ſeinen Ent⸗ 29 ſchluß gefaßt und gleicht nun einem, der unter Trommel⸗ ſchlag und Pfeifenklang der wehenden Fahne folgt. Der Weg zu den Meilern war weit und beſchwerlich, und der Schmied fand mehr dort abzumachen, als er ſich ein⸗ gebildet. Der helle Morgen brach an, bevor er den Heim⸗ weg antreten konnte. Rüſtig lief er anfangs bergan und bergab, doch nach und nach ſpannte die Müdigkeit ſeine Sehnen ab. Heiß brannte die Sonne, die Luft ward drückend ſchwül, und nach der durchwachten Nacht machte endlich die Natur ihr Recht geltend, ſo daß Gervas ſich niederthun mußte; er wäre ſonſt zuſammengebrochen. Die Stelle, wo ihn die Mat⸗ tigkeit dergeſtalt übermannte, war kaum eine Stunde Weges mehr von ſeinem Haus entfernt. Er ſah grad in eine Schlucht hinab, durch welche die Fahrſtraße ſich wand.„Das Plätzle wäre gut, ein Fuhrwerk anzugreifen, das aus der Stadt käme,“ ſprach er zu ſich ſelber:„aber die Reiſenden müßten todtge⸗ ſchlagen werden; ſicher iſt ſicher.“ Mit ſolchen Gedanken entſchlummernd, träumte er allerlei bunt durcheinander von Wegelagerei und reicher Beute, bis zuletzt aus den wirren Vor⸗ ſtellungen ſich ein klares Bild geſtaltete. Es war dem Holz⸗ wirth, als hab' er ſtundenlang feſt geſchlafen und öffne nun die Augen. Die Sonne ſenkte ſich gen Niedergang, leicht umflort von dunſtigen Nebeln, die einer ſchwarzblauen Wetter⸗ wand im Süden zuzogen. Kein Lüftchen regte ſich. Durch den Hohlweg ſchneckte ein Reiſewagen, mit vier Pferden be⸗ ſpannt, welche der Kutſcher vom Sattelgaul leitete. Zwei berittene Diener folgten dem Gefährt. Kaum hatte Gervas die Erſcheinung recht in's Auge gefaßt, als der Roſſelenker 30 plötzlich Zügel und Peitſche fahren ließ, um mit der linken Hand nach ſeinem Kopf zu greifen, mit der rechten nach der leeren Luft zu haſchen, dann zu wanken und zu ſtürzen. Im Augenblick drauf war der Hohlweg eines räuberiſchen Ueber⸗ falles Tummelplatz. Ein paar Kerls fielen den Pferden in die Zügel, andere packten mit Knitteln und Steinen die Diener und die Reiſenden im Wagen an, die ſich mit Schießen, Hauen und Stechen tapfer wehrten. Wie das Alles gekommen, wußte Gervas nicht recht, doch merkte er bald, daß die Erſcheinung kein Traum war. Das Blitzen und Knallen der Schüſſe, der Reiſenden jammervolles„Helſio“ und„Mordio“, das wüſte Geſchrei der Räuber brachten ihn zu ſich ſelber. Seine erſte Regung war, ſich den Buſchkleppern zu geſellen; da er aber, ſcharf hinlugend, ſeinen Sohn nicht unter der Bande gewahrte, dachte er bei ſich:„So geſcheit wie der Dietz bin ich wohl auch. Weshalb ſollte ich auch zu ihnen gehen, da ſie ohne⸗ hin zu uns kommen müſſen? Nach der Stadt dürfen ſie mit den großen Beuteſtücken, mit Roß und Wagen nicht zurück, alſo müſſen ſie vorwärts zur Holzſchenke. Ich will mich heh⸗ lings fortmachen und ſie dort erwarten.“ Er that's und ſein 3 guter Engel hatte es ihm gerathen. Daheim erfuhr er aus Dietrichs Munde, wie Barthel und ſeine Geſellen durchaus nicht hatten anbeißen wollen. Uebrigens habe ſich manches 2 Verdächtige zugetragen, ſchloß der jüngere Schmied, und er meine, daß irgend ein Streich ganz in der Nähe vorbereitet werde. Gervas zwinkerte mit den Augen, deutete mit dem Daumen über die Schulter und ſagte:„Deine Zeichen haben nicht gelogen, ein ſtolzes Stück Arbeit iſt verrichtet worden. Da aber die Strolche uns nicht zu Freunden und Helfern wollen, ſo ſollen ſie uns zu Feinden haben. Wir wollen ihnen die Beute abjagen. Doch find wir zwei zu wenig, um allein ihrer Meiſter zu werden. Wir müſſen Geſellen werben.“ —„Wo?“—„Ich denke unter den Heimbürgern; erſtens ſtecken ſie tief in Elend und Verzweiflung, wie wir ſelber, zweitens haben wir keine andre Wahl, und damit iſt ja Alles geſagt.“ Die Wegelagerer hatten inzwiſchen ihr grauſiges Werk vollführt. Die Leichname der Erſchlagenen lagen, bis auf's Hemd geplündert, in einer tiefen Schlucht, von Geröll und Reiſig überdeckt; in ihren Kleidern ſteckten die Räuber, um ſo verkappt als Herren und Diener die Reiſe bis zu einem Ort fortzuſetzen, wo ſie in aller Sicherheit unter ſchicklichem Vorwand Wagen und Pferde verkaufen könnten. Sie hatten die Schnauzbärte abgeſchnitten und ſich zum Theil durch die vorgefundenen Perrücken unkenntlich gemacht, ſo daß beſondre Eile nicht vonnöthen ſchien; doch ſei es gut, meinten ſie, noch deſſelbigen Tages über die Grenze zu fahren, namentlich aber nicht beim Wiederlejohanniſenhof zu verweilen. Barthel, der als Kutſcher die Roſſe lenkte, gab triftige Gründe dafür an. „Der Hofmann hat mich geſtern erkannt,“ ſagte er:„und ſein Bub' errathen, was wir im Schild führen. Der Teufel iſt ein Schelm. Wenn wir bei ihnen einkehrten, ſo könnt's eine theure Zech' geben; wir müßten etwa den Leuten die Pfoten verſilbern, damit ſie's Maul hielten, und das Geld können wir ja ſparen“ Friſch gings voran, ſo raſch als der holperige Weg ge⸗ 32 ſtattete. Das Fuhrwerk hatte bereits eine ziemliche Strecke zu⸗ rückgelegt, als die blaue Wolkenwand, vollends heraufgezogen, die erſten großen Tropfen ſprenzte,*) worauf bald ein Wirbel⸗ wind ſich erhob, dem unter Blitz und Donner ein Hagelſchauer folgte. Von den weißen Körnern geſchlagen, griffen die Pferde weit aus, und Barthel ließ ſie gewähren, wiewohl es ſtock⸗ finſter wurde. So erreichten ſie die einſame Schenke, und der Fuhrmann wollte ohneweiters vorbeifahren. Das aber war ſeit Menſchengedenken im Dunkeln oder beim Unwetter noch keinem ſeines Zeichens gelungen, und ſo gut der Barthel ſein Geſchäft verſtand, der Gervas verſtand das ſeinige noch beſſer. Rechts thürmten ſich ein paar Steinblöcke, links gab's ein Loch unter einem Dreiling, der nach Gefallen locker oder feſt lag; lag er locker, ſo mußte entweder vechts ein Rad brechen, oder links die Kutſche umfallen, wenn nicht beides geſchah. Auch diesmal ging's Krick und Krack! Dann gabl Geſchrei, Flüche, Rufen nach Licht und jämmerliche Verwirrung. Der Schmied übereilte ſich nicht, die Laterne anzuzünden, dann aber half er dienſtbefliſſen den Reifenden unter Dach und Fach, und that gar nicht dergleichen, als ob irgend ein Geſicht ihm an⸗ ders denn fremd ſei. Der Schalk ſpielte ſeine Rolle ſo un⸗ befangen, daß ſogar der argwöhniſche Barthel alle Sorge fahren ließ, und ruhig die Pferde zum Stall führte. Dennoch brauchte er die Vorſicht, die zwei Kameraden bei ſich zu be⸗ halten, welche mit ihm zu Nacht im Wiederlejohanniſenhof gelegen. *) Sprenzen: eine Flüſſigkeit verzetteln. 33 Derjenige aus der ſaubern Geſellſchaft, welcher den vor⸗ nehmen Herrn vorſtellte, fragte den Wirth:„Was hält er vom Wetter?“—„Ha,“ antwortete der:„wenn's nicht fort⸗ regnet, wird's hell.“—„Soviel ſagt mir mein kleiner Finger auch! doch was iſt Seine Meinung?“—„Ich denk',*s ſoll in einer Stunde hell werden.“—„Und bis wann kann das Rad hergeſtellt ſein?“—„Wir wollen morgen bei guter Zeit dran gehn.“—„Morgen? Warum nicht gar zu Allerheiligen oder zu Martini? In zwei Stunden muß Alles fir und fertig ſein, oder das Donnerwetter ſchlag' drein.“—„Ich pfeif' eins auf euer Donnerwetter.“—„Auch auf unſer Geld? Wenn Er thut, wie ich ſage, ſo erhält Er einen Duecaten Trink⸗ geld. Jede Minute weniger trägt Ihm einen blanken Fünfzehner.“ —„Gut, gnädiger Herr, doch was koſtet mich jede Minute mehr?“— Der fremde Herr lachte.„Er ſetzt das Tüpfelchen genau auf's J,“ hieß die Antwort:„doch geh' er lieber an's Geſchäft. Da leg' ich die Uhr auf den Tiſch! ſchau er ſelber nach, wie die Zeiger ſtehen.“—„Weiß ſchon ſo, was es geſchlagen hat,“ brummte Gervas in ſeinen Bart und ging hinaus; und bevor eine Stunde abgelaufen, wußten es die verkappten Reiſenden ebenfalls. Gebunden an Händen und Füßen lagen die Raubgeſellen im Kellergewölbe, und über ihr Loos hielten in der Zechſtube die armen Leute Rath. Dietz hatte die Gemeinde aufgeboten, den Ueberfall ſchlau und keck vollführt, und nur, nach Gervas, den einen Fehler begangen: der Theilnehmer zuviel herbeizuziehen. Die Sache hatte Lärm gemacht, und mit den Männern waren auch Weiber und Der Erzähler 1848. k. 3 34 Kinder herzugelaufen, die nun draußen des Ausgangs harrten. —„Wir machen's kurz ab,“ meinte der Holzwirth:„wir ſchlagen den Kerlen die Hirnſchädel ein, verſcharren ſie und theilen das Geld. Ein beifälliges Gemurmel ging durch die Verſammlung, doch wurden Stimmen laut, welche da äußerten: das Geld und die fahrende Habe ſeien unrecht Gut.—„Ihr Narren,“ rief Gervas:„die rechten Eigner ſind todt, Nie⸗ mand weiß, wer ſie geweſen. Liefern wir die Sachen ab, ſo erbt ſie das Spittel. Wir könnten's fürwahr beſſer brauchen, als die Pfründner in der Stadt auf ihrer faulen Haut. Die haben ihr Eſſen, Trinken, Dach und Fach, und nähren ſich, wie die Pfahlbürger insgeſammt, von der armen Leute Schweiß und Blut.“—„Der Holzwirth hat recht,“ meinten etliche: „doch wiſſen ihrer zuviel um das Geheimniß. Es könnte auskommen und uns an den Hals gehen.“—„Feige Brut,“ tobte Gervas unter Verwünſchungen. Da nahm ein uralter Mann das Wort:„Laßt mich auch ein wenig reden.“— „Nur zu, Vater Kilian,“ hieß es:„ſprich Du und entſcheide.“ — Der Schmied ſchrie dazwiſchen:„Wer iſt denn hier Stab⸗ halter?“—„Still, laß den Altvater reden,“ rief's von allen Seiten, und Kilian begann:„Ehrlich währt am längſten, liebe gute Heimbürger, und hier liegt ja der Vortheil der Redlich⸗ keit auf der Hand.“—„Oho, wie ſo?“ fuhr ihn Dietz an⸗ —„Gleich ſollſt Du's vernehmen,“ entgegnete Kilian:„der Herrgott ſelber hat uns die Räuber geſchickt, daß ſie uns er⸗ retten, doch müſſen wir's recht angreifen. Schlagen wir ſie todt, ſo beladen wir uns mit Blutſchuld; vertheilen wir das Geld und Gut, ſo wird's bald verklopft ſein. Bringen wir 35 aber Alles getreulich zur Stadt, ſo werden meine Herrn vom Rath ſagen: ſiehe da, welch' getreue Knechte wir in unſern armen Leuten von Au beſitzen; ſolch' große Frömmigkeit müſſen wir belohnen, darum ſeien ſie zu Gnaden aufgenommen, und fürderhin keine Rede mehr von Preſſen und Drängen wegen der Rückſtände. So werden, ſo müſſen ſie ſprechen, oder ich will nicht ſelig werden. Unſern Großvätern iſt im vierund⸗ fünfziger Jahrgang um geringerer Urſach' mehr geſchenkt wor⸗ den 4— Gervas und ſein Sohn, nur von wenigen Gleichgeſinnten unterſtützt, legten vergeblich Widerſpruch ein; ſie wandten ſich freilich an die Habſucht der armen Leute, aber Kilians Worte zeigten derſelben Habſucht einen noch größern und dazu ge⸗ fahrloſen Gewinn.„Meine Herrn vom Rath laſſen uns alle Steuern nach,“ ſchrieen die Bauern durcheinander: und ſchenken uns etwa noch die Beute dazu.“—„Verſteht ſich,“ höhnte Gervas:„auch verehren ſie Jedem noch ein Paar weiße Hand⸗ ſchuh.“—— Welch' ein Rennen durch alle Gaſſen? Wo brennts? Nur in den Köpfen, ſonſt brennt's nirgends. Es iſt übrigens ſchon der Mühe werth, daß die Nachbarn laufen und fragen. Schauerliche Geſchichten werden erzählt, von Mund zu Mund vergrößert, wie wenn ein Schneeſturz vom Bergeshang ab⸗ rollt. Geſtern iſt beim Rothmantelſchlag im Hohlweg die fremde Herrſchaft erſchlagen worden, welche zu Nacht im Dreikönig gelegen. Wer die Herrſchaft geweſen, darüber ſind die Stimmen getheilt. Die ſagen: ein Graf von Mannsfeld; jene: eine Fürſtin oder Herzogin aus Spanien; wieder andre; die Ge⸗ 36 ſandtſchaft des Großmoguls an den Prieſter Johannes; viele wollen ſogar wiſſen, der Unfall habe den abenteuerlichen Mos⸗ kowiter getroffen, der wie der ewige Jud' die Welt durch⸗ pilgere, um menſchliche Sitte und Kunſt kennen zu lernen und in ſein kaltes Reich zu verpflanzen. Schad' um den Peter, wenn er's war; ſchon hat er ſeine Ruſſen ſoweit gebracht, daß ſie Stutzperücken und Zwickelſtrümpfe tragen, mit der Gabel eſſen, und das Pulver nicht über die Kugel laden! Dafür ſoll's den ruchloſen Mördern ſchlimm ergehen. Schinden, mit glühenden Zangen zwicken, Viertheilen und auf Türkiſch Spießen ſind noch viel zu geringe Strafen für ſie. Die Mörder, eine ganze Bande, ſind von den Bauern niedergeworfen worden. Wieviel Mann ſtark? Zehn, fünfzehn, zwanzig, hundert. Hör auf zu fragen, ſonſt wächſt die Bande zu einem ganzen Heer, und mit einem Dutzend wird die ſaubre Geſellſchaft fürwahr groß genug ſein, um einander auf dem Rad gut' Nacht zu geben. Die Stadt hatte das Fieber, mit der Stadt„das platte Land,“ wie ſie's heißen, auch wo Berg und Wald den Namen Lügen ſtrafen. Die von Au waren Tag und Nacht auf den Beinen und unterwegs, bis die Unterſuchung geſchloſſen, das Urtheil geſchöpft war. Die Unterſuchung hatte die Angeklagten „denen Rechten nach“ des Raubmords überwunden, ihr„frei⸗ williges Bekenntniß“ durch die Folter erwirkt, im Uebrigen jedoch nicht herausgebracht, woher die Ermordeten gekommen, wer ſie geweſen. Das Urtheil verdammte die Mörder, je nach dem Grade ihrer Schuld, zum Rad von unten ohne Gnaden⸗ ſtoß, mit Gnadenſtoß, von oben oder zum Strang. So wurde 37 die Vollſtreckung zum feſtlichen Schauſpiel voll Wechſel und von ergreifender Wirkung. Der hellſte Sonnenſchein begünſtigte die ungezählten Schaaren der Zuſchauer. Ohnehin ſtand das Hochgericht auf dem luſtigſten Platz der ganzen Gegend, auf einem Hügel unfern des Waldes, mit der Ausſicht auf den breiten Strom und auf die ſtattliche Stadt mit ihrem doppel⸗ gethürmten Münſter. Die armen Sünder gingen muthig zum Tode, recht wie eiſerne Männer, die ſte waren. Wer„ein ganzer Kerl“ iſt und in ſeinem Beruf ſtirbt, der weiß ſich in's Unvermeidliche zu ſchicken. Wie Lammwirths⸗Klauſen⸗Bar⸗ thel von Mittelbruch eben das weiße Gewand mit den ſchwar⸗ zen Schleifen von ſich that, um ſich auf die Rahmhölzer zu legen, fiel ſein frech umherſchweifender Blick auf Gervas und Dietz, die ganz in der Nähe ſtanden. Da bläckte er grinſend das blanke Gebiß und rief ihnen zu:„Reißt nur die Augen tapfer auf und lernt an mir, wie ihr einſt ſterben werdet. Ich vermach's Euch, Ihr Schufte, die Ihr mich verrathen habt, weil Ihr mir zu ſchlecht zu meinen Geſellen wart. Um das Blutgeld ſollt Ihr geprellt werden, und dereinſt wird auch Euch einer verrathen, der noch ſchlechter iſt als Ihr.“ Alle Schauer des Gerichtes zogen in's Herz der Bedrohten, doch ließen ſie ſich nichts anmerken. Mit keiner Wimper zuckten ſie, und wandten auch kein Auge weg, als Barthels Glieder unter der Wucht des Rades krachten, wiewohl es ihnen war, als lägen ſie ſelber ſchon auf dem verhängnißvollen Roſt.—— Eine Abordnung der Auer begehrte vor Bürgermeiſter und Rath zu treten, der Stadtſchreiber allein empfing ſie; was im Ganzen wohl einerlei war, weil Ulrich Gremmelsber⸗ 38 ger ohnehin auf dem Rathhaus das Wetter machte, gutes wie böſes, doch ſah es der Stabhalter für ein übles Vorzeichen an, und ſogar der Altvater Kilian büßte viel von ſeiner Zu⸗ verſicht ein. Die ſchlimme Ahnung behielt Recht, die Abge⸗ ordneten waren willkommen wie das Schwein in des Juden Haus. Der Stadtſchreiber nannte ſie in ſeiner groben Weiſe alles, nur nicht fromme Biedermänner. Unter anderm ſagte er:„Ihr rechnet Euch zu beſonderm Verdienſt an, daß Ihr Eure Schuldigkeit gethan? Ihr wollt Euch zum Lohn dafür den Nachlaß der Erſchlagenen als gute Beute aneignen? Wißt Ihr nicht, daß ſelbiger Nachlaß als herrenloſes Gut der Käm⸗ merei verfallen iſt? Wir haben Euch bereits höhern Lohn ge⸗ währt, als Ihr mit der leichten Arbeit verdientet. Meine Berrn vom Rath ließen während der ganzen Zeit das Ver⸗ fahren gegen Euch ruhen, und erſtrecken von heut ab die Friſt auf vier Wochen, zwei Tage und zwölf Stunden. Dann aber gnad Euch Gott!“ Dabei blieb's trotz aller Bitten und Vorſtellungen, denen übrigens der Stadtſchreiber kein langes Gehör ſchenkte.„Fort Ihr winſelnden Hunde,“ ſchrie er:„oder ich laſſ' Euch peitſchen bis es genug iſt.“— Gervas lachte hell auf und kicherte dann in abgebrochenen Sätzen:„Thu's der Herr. Solche Stockfiſche wie wir gehören mit einer rothen Tunke zurecht gemacht. Luſſ uns der geſtrenge Herr nur tapfer mit Riemen kitzeln, bis das Blut mildiglich herabfleußt, wir haben's für unſere Thorheit verdient. Zwar nicht ich, denn ich rieth das Gut zu behal⸗ ten, aber mitgefangen, mitgehangen...“—„Was beginnſt Du, Holzwirth?“ unterbrach ihn Kilian, fielen ihm die an⸗ M 39 dern in's Wort:„Du wirſt den geſtrengen Herrn erzürnen.“ —„Ich hab' ihn noch gar nicht anders geſehen, als wie zor⸗ nig,“ verſetzte Gervas. Herr Ulrich aber machte gefährliche Augen und rief nach dem Büttel, daß er die frechen Bauern auspeitſche, einen nach dem andern, ſogar den alten Kilian nicht ausgenommen. Vergebens flehte der Greis um Schonung; er mußte an die Säule, wie ſeine Geſellen. Gervas zählte ſchadenfroh jeden Streich, der auf die Schultern ſeiner Beglei⸗ ter und auf die eigenen niederſiel, bedankte ſich grinſend im Namen aller für die eindringliche Lehre, und trat mit den andern den Heimweg an, ſie mit thränenden Augen und bit⸗ terböſen Mienen, er ſingend und pfeifend, für alle Vorwürfe taub, ohne Beſcheid auf alle Fragen, bis ſie zum Hohlweg am Rothmantelſchlag gelangten. Da blieb der Holzwirth plötz⸗ lich ſtehen.„Kennt Ihr den Platz?“ fragte er; und ohne eine Antwort abzuwarten fuhr er fort:„wir beſitzen in der Gemarkung noch mehr ſolche ſtille trauliche Plätzchen, auch wiſſen wir wozu ſie taugen, nur daß wir bisher zu ehrlich waren, ſie gehörig anzuwenden. Wohin hat die dumme Ehr⸗ lichkeit uns geführt? Ihr ſpürt es ju. Nun ſagt, Männer, was denkt Ihr weiter zu thun? Wollt Ihr dem Altvater Ki⸗ lian noch immer folgen...4— Kilian fiel ihm in's Wort: „Nicht doch, Holzwirth, mit meiner Anführung ſind wir alle angeführt. Zeig Du uns einen Ausweg.“—„Das will ich,“ rief Gervas:„wen Gott verläßt, dem hilft der Teufel. Tretet her und hört mich an.“ Die Männer drängten ſich nahe zu Gervas, der mit halblauter Stimme begann:„Wir wollen einen Bund errichten, an welchem die ganze Gemeinde theil⸗ 40 nehmen muß. Jeder Fremdling, deſſen wir mächtig werden, ſei uns zinsbar. Wenn wir alle zuſammenhelfen, können wir ohne Furcht vor Verrath ringsumher Beute machen; wir müſſen nur die Einheimiſchen ſchonen, ſonſt aber ohne Rückſicht und Erbarmen jeden todtſchlagen, mit dem wir einen Handel ſchließen. Die Todten allein wiſſen recht zu ſchweigen. Nun, Heimbür⸗ ger, was meint Ihr? Ich für mein Theil denke ſo: was einer thut, das thu' er recht. Wer auch ſo denkt, der reiche mir die Hand.“— Keines Lautes mächtig legten die verzweifelten Leute ihre Hände in einander zur frevelhaften Verbrüderung. Scheu ſenkten ſie die Blicke niederwärts, doch wagte keiner ein Wort des Widerſpruches oder nur der Bedenklichkeit, weil keiner von ihnen einen beſſern, oder auch nur einen andern Ausweg wußte. In jeglichem ſprach der böſe Geiſt: wen Gott verläßt, dem helfe der Teufel. Jahr und Tag war ſeitdem vorübergegangen. Der Stadt⸗ ſchreiber hatte mit dem ſchlimmſten Willen keinen Vorwand gefunden, die Höfe von Au zu Handen der Stadt zu nehmen⸗ Die Rückſtände waren bei Heller und Pfennig getilgt, in den Ställen wie auf der Trift Horn, Klauen, Borſten und Wolle nach altem Herkommen vollzählig. Die armen Leut' gingen, wie es ſchien, mit ſtarkem Schritt dem Wohlſtand entgegen; aber hierin trog der Schein, denn wieder und wieder vergingen Jahr und Tag, ohne daß die Auer vorhauſten.*) Mit Mühe nur hielten ſie ſich, doch waren ſie überaus liederlich geworsen. ³) Vorhauſen: an Vermögen zunehmen; verhauſen, oder zurück⸗ hauſen; abnehmen. 41 Kein Feſttag verging ohne Gelag und Tanz, und auch an Wo⸗ chentagen fehlte es der Holzſchenke ſelten an Gäſten aus der Gemeinde. Was ehedem unter der Linde ausgemacht worden, das dingten und tagten die Heimbürger jetzo beim vollen Krug. Was dabei den Berathungen an nüchterner Verſtändigkeit ab⸗ ging, das gewannen ſie an Länge, und wo überzeugende Gründe nicht ausreichten, wurden die Beweiſe handgreiflich und ſchla⸗ gend. Die Zeit, welche ſie dabei verloren, wußten ſie als gute Wirthe wieder einzubringen; ſie gingen um ſo ſeltener zur Kirche. Der Weg dahin war auch gar weit und unbequem; die von Au gehörten nämlich als Pfarrkinder in das Kirch⸗ dorf jenſeits des Stromes. Feiertag war's. In der Holzſchenke ging's überaus luſtig zu und hoch her, vielleicht luſtiger, denn je zuvor. Der Du⸗ delſack pfiff, die Bierſiedel ſchnarrte, das hölzerne Gelächter klap⸗ perte zu luſtigem Bauerntanz. Buben und Dirnen ſtampften den Boden, hüpften und ſprangen, drehten ſich wie toll und voll. Väter und Mütter ſaßen beim kühlen Trunk, der ihnen nach und nach weidlich heiß machte; manchen ſo heiß, daß ſie unter Tiſch und Bank kugelten. So wüſt in der Schenke, ſo heimlich war's draußen im friſchen grünen Forſt. Die alten Bäume neigten und beugten, ſchüttelten und wiegten Kronen, Aeſte und Zweige im Hauch des Windes, der von der Ebene dem Gebirge zuflog. Das ſäuſelnde Laub flüſterte allerhand wunderſame Mährchen. Die Finken und Zeiſige ſchlugen luſtige Weiſen; Grasmücken, Rothkehlchen ünd die ganze Sippſchaft der Langſchnäbel flötete dazu; der Pirol ſang dazwiſchen ſeinen einförmigen Doppelruf, dem gelegentlich ein Völklein vorwitziger 42 Nußhäher ſein kreiſchiges Gekrächz geſellte; zuweilen tönte auch aus hoher Luft der grelle Schrei des Weihes,*) begleitet vom furchtſamen Grugru der Wildtaube im hohlen Stamm. Durch das Grün der liederreichen Wildniß ritt eine Geſellſchaft aus der Stadt, an des Zuges Spitze Ulrich Gremmelsberger, mit einem fremden Cavalier, gefolgt von Schreibern und Dienern. Der Fremde war ein ſtattlicher Mann in den beſten Jahren, wohlgeſtalten Antlitzes und Wuchſes, aber zur Stunde ver⸗ wunderlichen Ausſehens. Sein Gewand vom feinſten Stoff war ſchwarz bis zu den geringfügigſten Einzelheiten, vom Hut bis zu den Sporen; ſo auch Roß, Reitzeug und Waffen. Schweigſam zog er ſeines Weges, und ſelten nur unterbrach Gremmelsberger die Stille. Im Hohlweg beim Rothmantel⸗ ſchlag zeigte der Stadtſchreiber auf ein ſteinernes Kreuz und ſprach dazu:„Hier kann der Herr Graf die Stelle ſehen, wo der letzte Raubmord im Twing und Bann unſerer Stadt ver⸗ übt wurde. Wie ich dem Herrn bereits berichtete, haben unſere armen Leut' von Au damals die Staudenhechte gefangen, und halten auch ſeitdem gute Wacht.“ Der ſchwarze Ritter zuckte die Achſeln, und erſt nach einer geraumen Weile gab er zur Antwort:„Der Herr Stadtſchreiber vergeſſe nicht ſeiner eige⸗ nen Worte. Verhieß Er nicht, mir ohne Liebe wie ohne Haß in meinen Nachforſchungen beizuſtehen?“—„Das thu' ich auch, gnädiger Herr,“ betheuerte Gremmelsberger:„der gnädige Herr hat keinen ergebeneren Diener wie mich.“ Worauf der Graf:„Ich erkenne des Herrn guten Willen gebührend an. *) Falco milvus(Linné.) 43 Jetzt aber laſſ. Er mich meines Herzens Meinung nochmals wiederhohlen. Als ich vor einigen Wochen zum erſtenmal zu ihm kam, um ihm zu ſagen, daß meines verſchwundenen Wei⸗ bes Spur bis in dieſen Wald führe und ſich dann verliere, ſo ſang Er mir die Weiſe von Euern frommen Bauern, die kei⸗ nen Räuber dulden. Ich ließ mich abſpeiſen, fragte fleißig weiter nach, mußte mich aber endlich wieder zu Euerer Stadt wenden, weil ich, gezwungen durch alle Umſtände, ſteif und feſt behaupte, daß mein unglückſeliges Weib hier ermordet wurde; der Herr müßte mir denn einwenden, daß die Gräfin in ihrer vierſpännigen Kutſche durch die Luft von dannen gefahren ſei.“ —„Wovor mich Gott bewahre,“ fiel ihm der Stadtſchreiber in's Wort:„ich müßte ja ſonſt die gnädige Frau des ſchwär⸗ zeſten Laſters der Zauberei beſchuldigen, die Frau Gräfin ſammt ihrem ganzen Reiſegeſinde.“ Der Graf zuckte abermals die Achſeln. Er war ein Freigeiſt, der nicht recht an Fahrten durch die Luft und derlei Herenwerk glauben mochte. Grem⸗ melsberger verſtand ihn falſch.„Der Herr Graf kann mir auf's Wort glauben,“ betheuerte er eifrig:„die Erfahrung hat herausgeſtellt, daß kein getaufter Chriſtenmenſch ohne ſeine bös⸗ liche und frevelhafte Einwilligung durch die Luft geführt wer⸗ den kann. Ich muß das wiſſen; hab' ich doch ſelber an die hundert Unholden befragen helfen.“ Der Fremde begnügte ſich mit der Gegenverſicherung, ſeine Frau ſammt ihrer geſammten Begleitung ſeien keinem Verdacht der Zauberei ausgeſetzt ge⸗ weſen, hätten weder Sonntags gefaſtet noch Freitags Fleiſch gegeſſen, oder ſonſt dem Erzfeind gedient. Als die Reiter ſich dem Wiederlejohanniſenhof näherten, tönte ihnen wüſtes Ge⸗ 44 ſchrei entgegen.„Merkt der Herr Graf nun„ daß ich recht hatte?“ fragte der Stadtſchreiber:„wir hätten wohl bis mor⸗ gen warten dürfen. Unter dem trunkenen Bauernvolk wird der gnädige Herr ſich nicht allzuwohl befinden.“—„Meine Sache,“ verſetzte der Fremdling:„ich hab' es ſelber nicht an⸗ ders begehrt und überhebe den Herrn aller Verantwortlichkeit. Nach meiner Bequemlichkeit pfleg' ich übrigens nie zu fragen. Zwölf Feldzüge hab ich als ein Dragoner in Ungarn und im Reich mitgemacht, und von Kindesbeinen auf war ich ein Waidmann mit Herz und Seele. Dabei wird einer nicht ver⸗ wöhnt. Ich ſtrebe nach dem Ziel und achte keiner Mühſelig⸗ keit.“— Gremmelsberger lobte des vornehmen Herrn ſtand⸗ hafte Sinnesart, und wiederholte einen Rath, welchen er ſchon vor dem Ausreiten ertheilt: den Holzwirth in's Geheimniß der Nachforſchungen zu ziehen, und des Mannes Ehrgeiz nicht minder wie ſeinen Eigennutz anzuſpornen.—„So denk' ich's allerdings zu machen,“ antwortete der Fremde:„laſſ' der Herr mich nur gewähren; vor der Hand wollen wir ſeinem Kautz mal das Weiße im Auge anſchauen.“ In der Schenke gab's juſt eine von den beliebten Erör⸗ terungen, und für dasmal ſo geſalzen und geſchmalzen, daß ſogar die tanzenden Paare davon geſtört wurden. Unter der Prügelei ſchrie eine rauhe Stimme:„Wir ſind ſchmählich über⸗ vortheilt worden... Sonſt heißt's wohl: gleiche Brüder, gleiche Kappen; aber ſelbige Theilung hat ungleiche Kappen gegeben Der Jud Oppenheimer hat für die Kutſche mit den vier Falben zweihundert Gulden bezahlt, Ihr habt nur neunzig ver⸗ rechnet... Drum müßt Ihr die Braunen herausgeben, daß * 45 wir uns dran bezahlt machen.“ Dieſe Vorwürfe richteten ſich gegen die Wiederlejohanniſenhofleute, und Dietz wollte eben, des Zuſchlagens müde, zur Abwechſelung einmal eine mündliche Antwort dazwiſchen werfen, als zufüllig ſein Blick durch's offene Fenſter fiel. Erbleichend hob er die Hand mit ausgerecktem Zeigefinger und ſtammelte:„Da, da!“ Betroffen von der ſelt⸗ ſamen Gebärde ſchauten alle nach der angegebenen Richtung, und erſchraken ebenfalls, da ſie des Stadtſchreibers anſichtig wurden. Der aber ſchien nichts vernommen zu haben, oder hatte die Verfänglichkeit der Rede nicht begriffen. Er zeigte ein leutſeliges Geſicht, das unbefangenſte von der Welt, und hob zu reden an:„Grüß Gott, Leut. Gibt's wohl noch ein Plätzchen für mich und meine Geſellſchaft?“— Natürlich waren der Hofmann und ſein Sohn alsbald zur Hand. Beim Abſteigen redete Gremmelsberger zum fremden Grafen in latei⸗ niſcher Zunge:„Ein Licht beginnt mir aufzugehen, und ich fange an, den Scharfſinn Eurer Herrlichkeit zu bewundern.“ Worauf jener in gleicher Mundart:„Noch liegt unſer Wild nicht, noch iſts zu früh, das Siegesſtücklein zu blaſen; wir fangen ja nur an, auf die Fährte zu kommen, und wiſſen nicht, wie weit ſie uns führen wird.“ „Platz da für die Herrſchaften,“ herrſchte der Holzwirth. Er hätte gar nicht vonnöthen gehabt, ſo unwirſch zu thun; dem Völklein war vorhin eine ſchlimme Ahnung in den Rauſch gefahren, und das böſe Gewiſſen machte die groben Schrollen für diesmal geſchmeidig, ſie wußten ſelber nicht wie und warum? Gervas ließ heimlich den Befehl ergehen, ſie möchten ſich nach und nach verlieren, um Mitternachts bei Mondesaufgang an 46 einer bezeichneten Stelle zuſammenzukommen. Sie gingen gern dem gefürchteten Gremmelsberger wie dem unheimlichen Trauer⸗ ritter aus dem Weg. Auch die Spielleute entfernten ſich beim Einbruch der Dämmerung, da Niemand mehr tanzte. Der Graf hatte deſſen nicht Acht, da er an die vier Falben dachte. Ein ſolches Geſpann hatte die Vermißte vor dem Wagen ge⸗ habt, und nun kam es darauf an, den Juden Oppenheimer aus⸗ findig zu machen. Als der Fremde deshalb eine Frage an den Stadtſchreiber richtete, antwortete der:„Ich kann mir ungefähr denken, wer damit gemeint iſt: ein gewiſſer Herz Mauſchel zu Neu⸗Rothenegg. Doch wird's ſchwer halten, an ihn zu kommen. Der Freiherr von Rothenegg hegt und pflegt auf ſeinem Grund das ungetaufte Gefindel gegen hohen Leibzoll und iſt für alle Klagen taub.“—„Wir wollen den Freiherrn ſchon von ſolcher Taubheit heilen,“ meinte der Graf:„ich fordr' ihn vor die Klinge, wenn er nicht gutwillig hört und Beſcheid ertheilt.“ Während ſie alſo ſprachen, kam des Grafen Reitknecht, gefolgt von Gervas und Dietz, tobend und wetternd in die Stube. —„Was gibt's?“ fragte der Gebieter:„ſchämſt Du Dich nicht, Hieſel,*) wie ein Unchriſt zu ſchelten?“—„s war völli aus,“ antwortete der Diener in ſeiner kernhaften Baher⸗ ſprache:„i kenn' die zwoa Bräundl, als ob i's ſelber g'macht hätt. DSchwanzen woll'n nit bſtehn, wo ſie's her hab'n, da hab i's halt bei'n Ohrwaſch'ln g'ndmmen und eini g'führt. Jetzt ſperrt d Vaterunſerloͤcher auf, ihr ſakriſchen Schwab'n⸗ ſchädl...— *) Matthias. 47 Die Wiederlejohanniſenhofleute wollten den eifernden Knecht unterbrechen. Der Graf hieß ſie ſammt dem Hieſel ſchweigen. „Ich verſteh' ungefähr, was mein Kerl meint,“ ſagte er dazu: „doch geb' ich nichts drauf. Ihr werdet ein paar Vraune im Stall haben.. 4— Gervas nickte bejahend, und Dietz fügte hinzu:„Vom Roßmarkt zu Bopfingen.“—„Ghleich⸗ viel,“ ſprach der Graf:„unter allen Arten von Pferden iſt keine ſchwerer wiederzuerkennen, als die Bräundl.“—„Aber i kenn's, i,“ betheuerte Hieſel:„auf dem van'n iſt der Kolo⸗ mann gritten..—„Schweig',“ herrſchte der Graf ihm zu mit einem ausdrucksvollen Drohblick; da ſprach Hieſel vor ſich hin:„Ja ſo, hätt's ſchier vergeſſen, i ſoll ja nir da⸗ von ſag'n.“ Mit welchen Worten er ſich zur Thüre hinaus trollte. Ein Pletz*) auf dem Ellenbogen zeigt die Stelle nur noch auffallender, wo das Loch geweſen; Niemand wußte das beſſer, als der fremde Herr, und darum gab er ſich weiter keine Mühe, Hieſel's Thorheit gut machen zu wollen. Als er mit dem Stadtſchreiber wieder allein war, ſagte er:„Ver⸗ ſchnappt iſt verſchnappt, wie die Kugel aus dem Rohr. Hat der Herr die Geſichter der beiden Leute betrachtet?“—„Ja wohl,“ verſetzte Gremmelsberger mißmuthig:„ſie wiſſen, wie ſie mit uns dran ſind, und wir mögen jetzt dichten und trachten, mit einem blauen Aug' davon zu kommen.“— „Schon recht,“ machte der Graf: ves, heißt halt: Hallunk, wehre Dich.“ *) FPletz: Flick, Fleck. 48 Der Hofmann und ſein Sohn ſpielten indeſſen die Be⸗ gleitung zu derſelben Weiſe.„Wir ſind verrathen und ver⸗ kauft,“ ſprachen ſie unter einander:„der Trauerritter und ſeine ſchwarzen Knechte gehören zu der Frau, die wir erſchlugen und beraubten. Jetzt gilt kein Zaudern und kein Zagen. Wir haben bisher immer vermieden, irgendwen aus der Nach⸗ barſchaft zu ſchädigen, und höchſtens einmal bei ganz geringen Leuten eine Ausnahme gemacht, doch diesmal muß der Grem⸗ melsberger dran glauben, wir mögen wollen oder nicht. Uebri⸗ gens hat er's längſt um uns verdient. Wir wollen das Ding den Heimbürgern recht beweglich vorſtellen, und den Teufel rieſengroß an die Wand malen, vorerſt aber zum Altvater Ki⸗ kian gehen, der etwa noch beſſern Rath weiß.“— Sie mach⸗ ten ſich auf den Weg. Unfern der Thüre ſtießen ſie auf einen halbgewachſenen Burſchen, der eilig daherlief.„Woher, Sepp, und wohin?“—„Schnurſtracks zu Euch,“ beſchied der Knabe: „hab' drunten zu Hirſchbach Einen verkundſchaftet.“—„Brav, mein Büble, ſchwätz' weiter. Wer iſt er?“—„Ein alter Bettelmann.“—„Pah, was thun wir mit Scheuernpurzler⸗ volk?“—„Seid nur zufrieden, der Alte führt einen blanken Bettelpfennig im Ranzen; hab' ihm zugeſehen, wie er die Thaler hinterm Hag zählte.“—„Aha, jetzt biſt Du brav, nur hätteſt Du ihn ſelber abthun ſollen.“—„Ich verſteh's noch nicht recht,“ meinte der Kleine:„bin erſt als Lehrbuh' auf⸗ gedingt worden.“ Der alte Römer ſagt„ daß der Wandersmann mit leerer Taſche ſingend am Räuber vorüberziehe.*) Daſſelbe gilt auch *) Cantabit vacuus coram latrone viator.(Horat.) 49 von Demjenigen, welcher danach ausſieht, als hätt' er nichts. Drum ſchritt der Bettler ſorglos beim Sternenſchimmer durch den Wald. Drei Geſtalten verrannten ihm den Paß.„Gib' Dich,“ hieß es.—„Ei ja, warum denn nicht?“ antwortete wohlgemuth der Wandrer: vich bin ja in den Tod froh, wenn mich einer nehmen will. Ich fürchte nichts, als daß Ihr mich bei Tag wieder laufen laßt, ſobald Ihr mich betrachtet. Bei Nacht freilich, da ſind alle Küh' ſchwarz, und alle Katzen grau.“—„Still, alte Plaudertaſche, Dein Geld heraus.“ —„Geld? Woher nehmen und nicht ſtehlen?“—„He, Dietz, ſchlag' ihm mal Eins auf die Kappe.“— Der Fremde ſank in die Kniee, hob flehend die Bände und jammerte:„Schlag' mich nicht, guter Dietz. Mein Geld ſollſt Du haben, aber ſchone meine weißen Haare. Bin ich doch getauft, wie Du, und wir ſind etwa Blutsfreunde. Ich bin vom Wiederlejo⸗ hanniſenhof, wenn Du hier herum bekannt biſt.“—„Nein, wir find ſtockfremd,“ ſchrie Gervas, eilig, um jeder andern Antwort zuvorzukommen:„gib Dein Geld heraus.“ Der alte Dietrich reichte mit zitternden Händen ſeinen Bettelſchatz dar und flehte nochmals um ſein armſeliges Leben.—„Wir ſollten ihn doch abthun,“ meinte Gervas:„wir haben noch keinen ſpringen laſſen.“—„Thu's, wenn Du kannſt,“ brummte Dietz indem er ſeinen Knotenſtock wegſchleuderte. Da dachte der Hofmann in ſeinem Sinn: wenn mein Bub' ſich ſcheut, den Vatersbruder todtzuſchlagen, wie ſollte ich an meiner Mutter Sohn die Hand legen? Auch iſt's wohl recht, wenn ich ein gutes Werk thue, das wird uns Glück bringen, da⸗ Der Erzähler 1848. 1. 4 50 mit wir der Fährlichkeit dieſer Nacht wohlbehalten entrinnen. Laut ſprach er:„Geh in aller Drachen Namen Deines Weges, Du Lump, doch laſſ Dich nimmer in der Gegend blicken, oder es iſt um Dich geſchehen. Verſprich mir das.“— Der Greis verhieß und beſchwor, was der Andre begehrte, und ging ſo fröhlich von dannen, als wär' er zu einem hoffnungs⸗ vollen Daſein neugeboren, der arme Tropf von ſiebenzig Jahren, ſchwach und krank und ſeines ſauer erſparten Nothpfennigs beraubt. Ein Jüngerer hätte ſich etwa aus Verdruß in's Waſſer geſtürzt oder gehenkt; der alte Dietrich ſuchte einen Heuſtadel, um einige Stunden zu ruhen, und dann, ſeinem Gelübde treu, von dannen zu pilgern. Bald entſchlummerte er. Ein Geräuſch weckte ihn wieder. Durch eine Klunſe der Bretterwand ſpähend erblickte er zehn oder zwölf Bauersleute, unter ihnen die zwei Männer und den Knaben, welche ihn Abends beraubt. Der Mond, im letzten Viertel, ſchien hell genug, um Geſtalten und Geſichter deutlich erkennen zu laſſen. Die erſten Reden ſchon ließen dem Bettler keinen Zweifel, wer die beiden eigentlich waren, zugleich aber nahmen ſie ihm voll⸗ ends jede Luſt, ſich ihnen zu nähern. Gervas und Dietz wurden mit den herbſten Vorwürfen überſchüttet, daß ſie den Fraubten gegen alle Satzungen des Bundes am Leben gelaſſen, bis endlich der Hofmann rief:„Es iſt ja noch nichts verloren. Der Alte ſchläft ſicherlich hinter irgend einer Hecke. Sobald wir mit den ſonſtigen Geſchäften fertig ſind, reiten wir, ich und der Dietz, rechts und links; wer ihn trifft, der ſchlägt dem Gau⸗ dieb das Hirn ein. Seid ihr nun zufrieden?“—„Wir ſind's, Holzwirth, Du biſt ein braver Kamerad, ſchonſt den 51 eigenen Bruder nicht.“—„Was Bruder im Spiel,'s heißt zahlen,“ meinte Gervas, und ging ſofort zu dem über, was ihm auf dem Herzen lag, worauf die Verſammlung nach aus⸗ führlicher und langer Beredung Rathes wurde: die ganze ſtreitbare Mannſchaft von Au aufzubieten, den Wiederlejohan⸗ niſenhof zu umſtellen und die Gäſte darin beim erſten Morgen⸗ grauen zu überfallen. Der Hercher merkte ſich Wort für Wort, und die Haare ſtanden ihm zu Berg ob all' der Schändlichkeiten, die er theils vernahm, theils aus den vermeſſenen Reden fol⸗ gern konnte. Als die Räuber ſich entfernt, ſprach er ein Stoß⸗ gebet für den Trauerritter, den Stadtſchreiber und die andern bezeichneten Opfer in der Herberge, und dachte auf ſeine eigene Rettung.„Ich brauche nicht zu verzweifeln,“ ſprach er zu ſich ſelber:„Weg und Steg ſind mir aus den Jugendjahren bekannt, und unſer Herrgott verläßt keinen Deutſchen.“ In den Thautropfen ſpiegelte ſich glitzernd die Morgen⸗ röthe, als der Bettler, aus dem Wald hervortretend, von unten her die Heerſtraße erreichte. Bevor er ſich auf's freie Feld wagte, ſtand er lauſchend ein Weilchen ſtill und duckte ſich hinter einen Buſch, weil's ihm war, als vernähm' er fernes Roßgetrappel. Das Geräuſch kam näher, und ſtatt der gefürchteten Verfolger zeigte ſich eine Schaar, in welcher Dietrich Diejenigen zu erkennen meinte, von denen er die Räuber hatte reden hören. Er irrte ſich nicht. Der fremde Graf und ſeine Begleitung hatten den guten Einfall gehabt, eine Stunde nach Mitternacht aufzu⸗ brechen, und waren unangefochten durchgekommen, wiewohl langſam genug auf dem holprigen Weg, der am Nachmittag ſchon die Roſſe ermüdet hatte. Der Bettler rief ſie an. Aus 52 ſeinen Reden entnahmen ſie erſt recht, welcher dringenden Gefahr ſie entronnen. Der Graf gebot einem Diener, den Greis zu ſich auf's Pferd zu nehmen, und wandte ſich zu dem erblaßten Gremmelsberger, der an allen Gliedern bebte:„Laſſ' ſich der Herr das Abenteuer nicht leid ſein; mit dem Bißchen Gefahr haben wir eine koſtbare Entdeckung erkauft..5— Ihn unterbrach der Reitknecht:„Gnädiger Herr, da ſchau' der gnä⸗ dige Herr mal her, da kommen ja unſre Falben.“ Der Poſt⸗ zug kam auf einem Feldweg daher, welcher die Hauptſtraße durchſchnitt; auf dem Sattelgaul ſaß Herz Mauſchel aus Neu⸗ rothenegg. Die Reiter wußten es einzurichten, daß ſie mit ihm — * zuſammentrafen, wo der Weg ſich kreuzte.„Wohin, Oppen⸗ heimer?“ fragte der Graf.—„Aß ich nicht haaß Oppenheimer,“ antwortete der Jud betreten:„aß ich bin Mauſcheles Herzche.“ —„Meinetwegen. Wohin reiteſt Du?“—„Gott, wohin ſoll ich reiten? Verkaafen will ich die Sußlich.“*)—„Auch recht. Komm mit nach der Stadt, wir wollen drum handeln.“ —„Wai geſchrieen, was thu ich in Mokum?**) Schofle Maſſematten.***) Der Herr kann handeln gach hier.“— Zu ſelbiger Zeit wurden mit dem verworfenen Volk nicht ſo viele Umſtände gemacht; der Stadtſchreiber ſchlug dem Oppen⸗ heiſter die Sattelpeitſche um die Ohren, worauf der ſich als⸗ bald bereitwillig zeigte, zur Stadt etn wiewohl ihm vom Teufel träumte. * Pferde.% **) Stadt. ) Schlechte Geſchäfte. Die Falben waren ein koſtbarer Fang, ein noch koſtba⸗ rerer der Hehler, der unter den Fäuſten des Büttels ſich nicht lange bitten ließ, die Sünden der armen Leute von Au zu beichten. Die Städter zogen aus mit Spießen und Stangen und fingen ihrer dreißig und mehr, darunter den Holzwirth ſammt ſeinem Buben. Die andern Mitſchuldigen flohen mit Weibern und Kindern von dannen. Die Sache nahm ihren natürlichen Verlauf. Die Schreiber und die Folterknechte erhielten alle Hände voll zu thun, und viele Unthaten kamen an den Tag. So auch die Ermordung der fremden Gräfin und ihres Gefindes, deren Gebeine nun in geweihte Erde gebracht wurden, zum trübſeligen Troſt des Wittwers. Was die armen Leut' zu Mördern und Dieben gemacht⸗ davon war keine Rede; ſie wurden eben kurzweg verurtheilt. Mit ihnen der Jud'. Zwar hatte ſich der Freiherr von Ro⸗ thenegg für ſeinen Hinterſaßen verwenden wollen, doch auf die Bitte des fremden Grafen war er als ein wohlerzogener Edel⸗ mann davon abgeſtanden.— So traf denn an einem hellen Morgen Barthels Prophezeihung vollends ein, aber der Hof⸗ mann und ſein Bube erinnerten ſich ſeiner, kaum mehr, und höchſtens nur, um ſeinem Beiſpiel zu folgen. Als verſtockte Sünder gingen ſie und ihre Geſellen zum Tode, ohne Reu und Leid. Ja, der Dietz lachte ſogar einmal im Angeſicht der Vehmſtätte laut auf.„Hier iſt mir ein prächtiger Schwank begegnet,“ ſagte er dann zum geiſtlichen Herrn an ſeiner Seite: „es iſt noch kein halbes Jahr her. Wie ich'ſo vorbei ſchlendre und an gar nichts denke, ſeh' ich einen Keſſelflicker liegen Rieſt zu geben? 54 und ſchlafen; neben ſich hat er ein kleines Feuer und einen Gießlöffel mit geſchmolzenem Blei. Ich nicht faul, nehm' die Gießkelle und ſchütte dem Bärenhäuter das Blei in's offene Maul. Was der für Bocksſprünge machte, bis er vollends hin war, iſt gar nicht zu ſagen; der hochwürdige Herr hätte ſelber mitgelacht.“—— Die Räder mit den zerſchlagenen Schelmen wurden längſt des Stromufers aufgepflanzt, und die Sage erzählt: die Ge⸗ räderten hätten ſich insgeſammt ſo„hartnäckig“ erzeigt, daß immer einer dem andern zugerufen, ob die Sonne noch nicht bald untergegangen und der Freiknecht käme, um ihnen den Der Bilderſtürmer und ſeine Nach Emanuel Gonzales. Von Adrian Widerhorſt. — 2— ls KarlV. dieſer ſo große Fürſt, noch regierte, waren die Niederlande und die ſpaniſche Monarchie durch eine Kette verbunden, der mehr Stärke inwohnte, als allen Siegeln der Verträge: durch das Herz. Der große Kaiſer war ein ächter Sohn Flan⸗ derns. Sein Hof war ganz flämiſch, ſeine Lieb⸗ linge Brabanter und Frieſen. Spanien war eiferſüchtig auf das Hennegau und auf Zeeland, wie Paris einſt auf Verſailles unter Ludwig XIV., und ſeinem Nachfolger. Karl hatte die kaiſer⸗ liche Krone ſeinem Bruder Ferdinand durch Wilhelm von Naſſau, Prinz von Oranien, überſchickt, den er liebte, während er die Neidiſchen verachtete, die dieſen Fürſten in ſeiner Werthſchätzung durch ihre Verleumdungen, nach dem naiven Ausdruck der Chronikſchreiber jener Zeit, aus dem 56 Sattel zu heben ſuchten. Vor Ingolſtadt gelähmt, erwartete er die Hülfe der Truppen von Holland, und ſagte oft:„Muth gefaßt! meine niederländiſchen Unterthanen werden bald konmen.“ Als ihm der Graf von Büren dieſelben zuführte, ſprach er⸗ indem er ihn umarmte:„Ah! nun haben wir unſeke Feinde beſiegt!“ Solche Worte rühren das Herz einer ganzen Nation wie das eines einzelnen Menſchen. Die Schmeichelei der Könige iſt ein unwiderſtehlicher Vogelleim. Doch Philipp II. war nicht ſobald König von Spanien und Graf von Holland geworden, als ſich Alles änderte. Er verachtete die Flamänder und verſtand ihre Sprache nicht. Während der königliche Mönch von Saint⸗Juſt ſich in Schulden ſteckte, um wie eine komiſche und zugleich traurige Schauſpiel⸗ ſcene die Ceremonie ſeiner zukünftigen Beerdigung zu pro⸗ biren; während der Kaſſier des Hofes demjenigen, welcher Karl V. geweſen war, das verfallene Quartal einer magern Penſion auszubezahlen vergaß, ſahen ſich die flämiſchen Pro⸗ vinzen als ein erobertes Land be handelt. Es war ihnen nicht geſtattet, ſich ſelbſt mit den alten, vom burgundiſchen Blut geroſteten Partiſanen zu bewachen. Der Flamänder tauchte nicht nur nicht mehr ſeine Hund in die Säcke mit ſpaniſchen Piaſtern, er ließ nicht nur die Hidalgos nicht mehr in den Vorzimmern warten, er empfing nicht nur die Grandeſſa der Halbinſel nicht mehr mit bedecktem Haupte, ſondern das Gold Flanderns machte die Reiſe nach Spanien, um die Schulden und die Trägheit der hochmüthigen Edelleute zu bezahlen und alle Stellen wurden den Letzteren zugetheilt. Man erlaubte den Leuten der Provinzen nur, ſich für den Ruhm Spaniens „ — 57 tödten zu laſſen. Der Graf von Egmont trug den Sieg bei Saint⸗Quentin davon. Zur Belohnung beauftragte man ihn, auf die Ketzer ſeines Gouvernement loszugehen und das Wild⸗ pret für die Kerker der Inquiſition zuſammenzutreiben, welche der König in Flandern gründen wollte.— Dieſe etwas langen Einzelnheiten ſchienen uns nothwendig zum Verſtändniß unſerer Erzählung, welche in dem Augenblick beginnt, wo die Refor⸗ mation die Stimme und den Geiſt ihrer Diener der Verfol⸗ gung gegenüber erhob und nach der Glorie des Märthrthums rang... Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne vergoldeten mit einer blaſſen Tinte die Höhe der Fagade eines alten Schloſſes in Weftfriesland und hoben den ſchwermüthigen Anblick her⸗ vor, den damals dieſes Plattland bot. Die ungeheuren Wies⸗ gründe, die ſich von den Dünen bis zu den Grenzen von Bra⸗ bant ausdehnen, waren bedeckt mit dem Gewäſſer, das die Winde und der Regen angeſchwellt hatten, ſo daß man nur da und dort Dämme, Kirchthürme und Häuſer mitten aus dem azurnen Meere hervorſtehen ſah. Man hätte glauben ſollen, die Dörfer ſchwämmen auf dem Waſſer. Einige Barken irrten auf der Oberfläche dieſer toſenden Wellen umher und vermieden es, ſich dem Hügel zu nähern, auf dem ſich das Schloß erhob. Plötzlich kam ein Fahrzeug, ſchmal und ſpitzig wie eine chine⸗ ſiſche Junke, gleichſam aus dem Schoyße der düſteren Wolken hervor, die ſich am Horizont in der Richtung von Alkmaar mit dem Waſſer vermengten, durchſchnitt die Wellen und ſchoß ge⸗ rabe wie ein Pfeil auf den Hügel zu. Vergeblich riefen die ſchwerfälligen frieſiſchen Schiffer, welche die Barke wie ein * 58 Geſpenſt vorübergleiten ſahen, den Ruderern zu, ſie ſollten ihre Richtung verändern, wenn ſie nicht zu Grunde gehen wollten; waren es junge Narren, welche verwegen auf eine Wette um ihr Leben ſpielten, waren es Ungeſchickte, die nicht zu ſteuern verſtanden und wider ihren Willen fortgeriſſen wurden,— unbeweglich und ſchweigſam wie Bildſäulen, nahmen die zwei Ruderer keine Rückſicht auf dieſe Warnung. Nur ihre Arme allein ſchienen mit Leben begabt, und ohne Zweifel erſchreckte ſie die Gefahr wenig, denn ſie gaben nicht einen Nothſchrei, nicht einen Hülferuf von ſich. Doch die Barke drang ſchon in den Strudel, den das Waſſer in ſchäumenden Spiralen um das Schloß her auftrieb, als eine Magd von etwa vierzig Jahren von dem Fenſter, an das ſie gelaufen war, zu den ſelt⸗ ſamen Schiffern hinabrief: „Nehmt Euch in Acht! Ihr guten Leute, nehmt Euch in Acht! Ihr werdet ſcheitern.“ Doch die Ruderer ſchienen nicht zu hören und hielten ihre Barke nicht an, welche durch den Windſtoß fortgetrieben und zitternd wie eine Nußſchaale über die Oberfläche v) Wellen hinſtreifte. „Jeſus Maria!“ rief die dicke Magd,„die armen Teufel ſind nicht aus der Gegend. Unſere Leute aus Friesland wären nicht ſo wahnſinnig! Ach! es läßt ſich nur noch ein Roſenkranz für ihr Heil ſprechen, wenn es nicht Ketzer ſind.⸗“ Und ſie verſuchte es, ihren Roſenkranz körnend, die Augen abzuwenden; doch ein Inſtinet unwiderſtehlicher Neugierde ans ſie wieder, zu ſchauen, was vorgehen würde. 3 Leicht wie ein Möbenflügel, kam die Barke, kaum ihm in 59 Kiel in die Wellen tauchend, heran; doch in dem Augenblick, wo ſie auf dem Sand des Hügels zerſchellen ſollte, machte ſie ein durch die Ruderer gegebener heftiger Impuls halb auf ſich ſelbſt drehen, auf ihrer Baſe erzittern, eine Secunde unbe⸗ weglich bleiben, dann wanken... und dieſen Augenblick des Anhaltens benützend, ſprangen die zwei Ruderer mit einem wunderbaren Satze an eine Stelle, wo ihnen das Waſſer nur bis zum Gürtel ging. Nun erſt ſahen ſie empor und ſchienen das erſchrockene Geſicht der dicken Thea zu gewahren. Sie ſtreckten ihre Arme gegen ſie aus und riefen mit kläglicher Stimme: „Gute Seele, habt Erbarmen mit uns!“ Die Alte ſchaute ſie mit einer mitleidigen Miene an. Nichtsdeſtoweniger erwiederte ſie trocken: „Die Frau Gräfin hat verboten, irgend Jemand, wer es auch ſein möchte, in das Schloß einzulaſſen, ſeit dem doppelten Unglück, das ſie betroffen; es gibt in unſerer Zeit zu viele fein⸗ ohrige Herumſtreicher, welche in den Familien die Worte, die Klagen behorchen, und die Schmerzensſchreie zählen!“ „Guter Gott, welches Unglück!“ ſagte der Größere der beiden Ruderer, als hätte er den zweiten Satz der Magd nicht gehört oder nicht begriffen. „Woher kommt Ihr denn, daß Ihr es nicht wißt?“ ent⸗ gegnete dieſe mit dem Ungeſtüm ſchwatzhafter Leute.„Gibt es einen ehrlichen Friesländer, der nicht weiß, daß der Graf von in Spanien in den Gewölben der heiligen Inqui⸗ ſitionsls der Ketzerei verdächtig, gefangkr gehalten wird! Geht nin nicht ſo weit, daß man behauptet, er habe an einem Freitag Fleiſch gegeſſen! Welch ein Grauſen! Ich, was mich betrifft, die ich ihn beinahe in meinen Armen aufgezogen habe, glaube es durchaus nicht. Und dann, ſeht Ihr, kaum hatte meine arme Gebieterin dieſe traurige Kunde erhalten, als ihre kleine Ketha krank wurde. Man hat Recht, wenn man ſagt: „„Ein Unglück kommt nie allein.““ Ketha! die Königin der Herzen, wie wir ſie nennen, ſo ſehr liebt man ſie im ganzen Land. Ein roſiges Kind, blaue Augen, bei ſchwarzen Haaren, welche die Hand nicht umſpannen kann, ein wahres Wunder für dieſes Friesland! Oh! wenn Ihr ſie hättet luſtig, toll, verwegen wie ein Knabe im Felde umherlaufen ſehen! Und nun liegt ſie in ihrem Bett, bleich wie eine Todte, die Augen eingeſunken und glänzend vom Fieber.. ein herzzerreißendes Schauſpiel, Ihr guten Leute!“ „Sie iſt alſo in ſo hohem Grade krank?“ unterbrachen ſie die zwei Männer, während ſie einander einen Blick des Erſtaunens und des Verdruſſes zuwarfen. „Ach! ju. Wenn Jemand ſie retten kann, ſo iſt es ihre — Mutter. Doch der Finger Gottes laſtet auf dieſer Familie. Das Schloß iſt nun ein Haus der Trauer und des Unglücks. 4 „Sie iſt ſchwatzhaft; wir haben ſie in unſerer Gewalt!“ ſagte mit leiſer Stimme der Kleinere der zwei Fremden; und der Andere ſprach, ſich an die Magd wendend: „Darf das Unglück ein Herz verhärten? Iſt das ein Grund, daß Ihr, eine Friesländerin, uns Gaſtfreundſchaft ver⸗ weigert? Hört! wir werden Euch und Euern gute Frau!“ 61 „Ich bin nicht verheirathet,“ entgegnete ſie mit bitterem Ton. „Nicht verheirathet! iſt es möglich? Ein ſo hübſches Mädchen, von dem Jeder im Lande ſprach, als ich vor zwanzig Jahren abreiſte!“ „Es ſind in der That zwanzig Jahre,“ murmelte Thea mit einem ſchwermüthigen Lächeln;„ich war damals die ſchöne Thea von Alkmaar, und wenn ich durch die Straße kam, um nach der Kirche zu gehen, ſchauten mich alle junge Leute an und folgten mir wie einer Königin; doch heute iſt Thea ver⸗ runzelt, und Niemand ſchenkt ihr mehr eine Aufmerkſamkeit.“ Die durch den Fremden hervorgerufene Erinnerung hatte der Eitelkeit der alten Jungfrau geſchmeichelt und ihr Herz ſanft bewegt. Sie ſchaute ſcharf prüfend den Mann an, der Thea nicht vergeſſen, und rief endlich: „Wartet! wenn mich mein armes Geſicht nicht täuſcht, ſeid Ihr Sagt, ſolltet Ihr nicht Nikoll von Enchuſe, der Sohn des Zimmermanns, ſein?“ Der Leſer muß wiſſen, daß Nikoll von Enchuſe der Traum oder vielmehr die beſtändige Reue des Lebens von Thea war. Zur Zeit, wo ihre blühende Schönheit ihr einen über⸗ triebenen Stolz einflößte, wies ſie die Liebe dieſes armen Teu⸗ fels zurück, der an einem ſchönen Morgen aus Verzweiflung auf und davon ging. Als aber durch das Alter dieſe glänzende Friſche, die ihr den Beinamen der Roſe von Alkmaar erworben hatte, welk wurde„als alle Freier wie Schatten ver⸗ ſchwanden, quälte die Reue dieſes ſo ſtolze Herz, und Nikoll wurde beklagt. Sein Bild erſchien oft in dem Gedächtniß von Thea, und ſie rief gern in ihren Geſprächen die Erinnerung an dieſe aufrichtige Liebe zurück. Es läßt ſich auch leicht ihr Erſtaunen denken, als der Fremde auf die Frage, die ſie mit bewegter, zitternder Stimme gewagt hatte, ruhig antwortete „Nikoll ſelbſt, gute Thea.“ „Nikoll! iſt es möglich?“ murmelte ſie. Und ſie fügte im Geiſte bei:„Früher hätte er geſagt: ſchöne Thea.“ „Nikoll, der als verlorner Sohn zurückkehrt, nachdem er die Welt durchlaufen und alle Gewerbe verſucht hat, ohne großen Nutzen daraus zu ziehen, wie Ihr an meiner Equipage ſehen könnt,“ ſprach der Fremde. Die arme Thea unterdrückte einen Seufzer. Als die erſte Regung der Freude vorüber war, ſah ſie ein, daß ihr Traum ſein Ende erreicht hatte, und, trotz ihres guten Herzens, be⸗ dauerte ſie es vielleicht, daß Nikoll nicht, wie ſie es geglaubt, in einem entfernten Lande geſtorben war. Sicherlich hatte ſie ihn aufrichtig beweint, denn ſein Tod ſchmeichelte ihrer Eitel⸗ keit. Der ſo ſehr beklagte Nikoll that dem lebendigen, armen, aber luſtigen Nikoll Eintrag, der zu ſpät, um noch verliebt zu ſein, zurückkehrte. Beinahe alle Frauen ſind ein wenig Schweſtern der Ma⸗ trone von Epheſus. „Nun! nun!“ ſagte nichtsdeſtoweniger Thea,„es wäre eine Gewiſſensſache, Euch vor Kälte vor unſerer Thüre ſchnattern zu laſſen; man ſieht an Eurem Anzug, daß die Reiſen Euch nicht bereichert haben.“ 4 „Und dennoch bin ich reich an Erfahrung geworden,“ entgegnete Nikoll.„Ich habe koſtbare Geheimniſſe, wunder 63 bare Mittel, um alle Krankheiten zu heilen, erlangt; ich habe...„ „Wäre es möglich!“ rief Thea mit einem Freudenaus⸗ bruch.„Ihr könnt alſo unſere kleine Ketha heilen, dieſen armen Engel, der zum Himmel aufzuſteigen im Begriff iſt? Ich werde ſie alſo nicht mehr leiden ſehen!“ „Ich ſchwöre Euch in der That bei meinem Patron, gute Thea, daß Ihr ſie nicht mehr leiden ſehen werdet.“ Und indem er einen beſondern Nachdruck auf die letzten Worte legte, wechſelte er mit ſeinem Gefährten einen Blick, in dem ein grauſamer Spott zuckte. „Ich glaube Euch, Nikoll, ich glaube Euch,“ ſagte Thea. Dann ſtieg ſie ſchwerfüllig die Treppe hinab und ließ die zwei Männer durch eine kleine geheime Thüre eintreten, deren Schlüſſel ihr anvertraut war. „Vorwärts! tretet ein, und ſeid willkommen,“ ſprach ſie. „Geht in mein Zimmer hinauf und trocknet Euch bei einem guten Feuer. In einer Stunde ſoll der Herr von Brederobe mit ſeinem Sohn, dem kleinen Henrik, ankommen, der mit der armen Ketha verlobt werden wird, als ob dieſes Band ſie an die Erde feſſeln könnte. Sie wiſſen noch nichts. Die gnädige Frau wird hinabgehen und ſie im Waffenſaal empfan⸗ gen, und während ich dann an ihrer Stelle bei Ketha wache, könnt Ihr Oh! welche Freude wird meine Gebieterin haben, wenn ſie erfährt, daß ſie mir, mir allein die Rettung ihrer Tochter zu verdanken hat.“ „Sie wird Euch ſicherlich belohnen, gute Thea,“ ſprach Nikoll mit einem harten, ſeltſamen Lächeln. 64 „He, he, he! ſicherlich wird ſie Euch belohnen,“ wieder⸗ holte ſein Gefährte mit einem näſelnden Tone, der die Magd beben machte. Sie ſchaute ihn aufmerkſam an und ſagte ſich, ohne die Gegenwart von Nikoll würde ſie einen ſolchen Gaſt nicht im Schloß eingelaſſen haben. Es war ein kleiner, ſchwäch⸗ licher, buckeliger Mann, der ſich krümmte wie ein Knecht, wenn er hinter dem ehemaligen Anbeter von Thea ging. Seine Haut war vergelbt und vertrocknet wie altes Pergament, und ſeine braune Kaſake mit Fettflecken bedeckt und geflickt. Der Durſt nach Gold glänzte in ſeinen gelben, ſcharfen Augen. Man errieth in ihm den Shhlock, fähig, als Disconto ein Pfund Fleiſch von ſeinem Feind zu fordern. Alle Bewegun⸗ gen dieſes wortkargen Menſchen offenbarten Mißtrauen und Verſchmitztheit, während Nikoll im Gegentheil einer von jenen entſchloſſenen Abenteurern zu ſein ſchien, bei denen der Rauf⸗ Pegen nicht in der Scheide hält und der kleine Hoſenſack die einzige Geldkaſſe iſt. Thea führte ſie alſo Beide ein und ſtieg mit ihnen auf einer Geheimtreppe in ein Zimmer hinauf, das durch ein ſchmales Cabinet mit der Wohnung der Kranken in Verbindung ſtand. Das Cabinet war offen und Thea zeigte ihnen mit dem Finger eine Glasthüre, von wo ſie, wenn ſie eine Ecke des Vorhangs aufhoben, Alles ſehen konnten, was in dieſer Wohnung vor⸗ ging. Es war ein großer Saal mit geſchnitztem Täfelwerk, ſtreng verziert mit Tapeten von Brügge, Spiegeln von Vene⸗ dig und Käſichen, welche auf Köpfen von meſſingenen Chimä⸗ ren und Drachen befeſtigt waren. 65 Ein Tiſch war mit Phiolen bedeckt. Neben dem Bett worin Ketha unter dem Baldachin ruhte, fand ſich ein Betpult. Der letzte Schimmer des Tages machte in der Dämmerung das bleiche Antlitz der Gräfin von Lemée glänzen, welche noch ganz geputzt war, wie ſie der erſte Schmerzensſchrei ihres Kindes überraſcht hatte. Unabläßig mit dem Blicke auf Ketha wei⸗ lend, beobachtete ſte ihren gepreßten Athem. Des Kindes lange Haare fielen vom Netz entfeſſelt auf das Kopfkiſſen herab und umrahmten und verſchleierten beinahe die beiden Geſichter, bei das der Mutter noch matter und ermüdeter das der Tochter. Doch die zwei Männer ſahen nichts von dieſem Schmerz. Nikoll neigte ſich an das Ohr des Juden und ſagte zu ihm: „Weißt Du, Jonquille, daß ſie ſehr ſchön iſt, die Grä⸗ fin, in ihrem geſtreiften Sammetkleid mit den geſchlitzten Aer⸗ meln?“ wo⸗ erſchien, als „Bah! es iſt Sammet von Alkmaar,“ erwiederte der Andere,„er nutzt ſich ab wie der dünnſte Stoff. Doch ſeht vielmehr das Kreuz von Edelſteinen, das auf die Bruſt der Gräfin herabfällt. Ich ſtehe dafür, ſie ſind nicht falſch.“ „Welches düſtere Feuer in ihrem Blick!“ ſprach Nikoll, ohne auf den Juden zu hören;„dieſe Frau muß ſehr lieben und ſehr haſſen.“. „Bei dem Ringe Salomo's! es ſind ächte Diamanten,“ ſeufzte Jonquille,„Diamanten vom ſchönſten Waſſer, und ge⸗ faßt vom alten Albrecht von Harlem; das iſt eine Proviuz werth.“ Der Erzähler 1848. 1. 5 66 „Sie hat meine Liebe verſchmäht,“ murmelte Nikoll;„fie wird es bereuen. Ihr Gatte liegt ſchon auf dem faulen Stroh eines Kerkers, der ſelten ſeine Opfer mehr herausgibt. Binnen Kurzem werde ich ihr Kind in meiner Gewalt haben und dann... Oh! dann wird ſie zu mir kommen, dann werde ich meine Vedingungen machen, und wir wollen ſehen, ob ſie immer noch ſo ſtolz iſt.“ „Der Gott Jakobs ſtehe Euch bei, gnädigſter Herr,“ ſprach Jonquille. „Es gibt keinen gnädigen Herrn unter der Matroſen⸗ jacke, Elender!“ erwiederte Nikoll ungeſtüm.„Ich bin Nikoll von Enchuſe, der Sohn des Zimmermanns, vergiß das nicht. Dieſe alte Elſter kann noch Alles ſcheitern machen, nachdem ſie uns ſo gut bedient hat!“ Thea trat in dieſem Augenblick in das finſtere Cabinet. „Seht,“ ſagte ſie,„ſo bringt meine arme Gebieterin, ohne ein Wort zu ſprechen, ohne eine Sekunde zu ſchlafen, ſchon zwei Nächte hin.“ „Ja,“ ſprach Rikoll mit ernſter, düſterer Miene,„ich habe oft ſolchen Scenen finſterer Verzweiflung beigewohnt. Jede Minute bringt dem Opfer ſo viele Zweifel und Leiven, daß ſie nur das Gedächtniß der Mutter vergeſſen und ihr Herz ſie ertragen kann, ohne daß eine Gottesläſterung auf ihre Lip⸗ pen kommt. Doch Eure Gebieterin iſt fromm, nicht wahr, gute Thea?“ In dem Augenblick, wo die Dienerin dieſe ſeltſame Frage beantworten wollte, gab das Kind einen ſchwachen Schrei von ſich, und alle drei ſchauten neugierig in das Zimmer der 67 Kranken. Die Gräfin kniete vor ihrem Betpult, und ihre Hände umſchlangen krampfhaft ein ebenholzenes Crucifir, das ſich vor ihr erhob. „Mein Gott! mein Gott!“ rief die unglückliche Mutter, „wer wird ſie mir retten? Mein Vermögen dem, der ſie ret⸗ tet! Dieſe Aerzte, die ihr Leben zu erhalten verſprochen, haben mich Alle belogen: hohle Worte, dieſe ganze Wiſſenſchaft! Oh! mein Gott, warum haſt Du Stunden wie Tropfen glühenden Bleis auf mein Herz laufen laſſen? Du ſiehſt, ich beklage mich nicht, ich mache Dir keinen Vorwurf! Doch zuweilen kommt es mir vor, als müßte meine Seele zwiſchen der Hoff⸗ nung und dem Zweifel wie in einen eiſernen Schraubſtock gefaßt durch die beſtändigen Schmerzen vernichtet werden!“ Langſam kehrte ſie zu dem Bett zurück, neigte ſich zu ihrer Tochter herab und ſprach: „Ketha! Ketha! mein Kind, hörſt Du mich? Ich bin bei Dir; es iſt Deine Mutter, die über Dir wacht, Deine Mutter!“ Und ſie hauchte ihr ſachte einen Kuß auf die Stirne. Doch Ketha erwiederte dieſen Kuß nur durch einen ſo ſchmerz⸗ lichen, ſo erloſchenen Seufzer, daß das Herz der Gräfin zu ſchlagen aufhörte und daß ſie mit einer Bewegung wilden, gräß⸗ lichen Zweifels in ihre weißen Hände die kleine, feuchte, ſieber⸗ hafte Hand von Ketha nahm. Das Kind erwachte. „Die Gräfin hat ſchöne Hände, Jonquille,“ ſagte der Sohn des Zimmermanns. „Und ſchöne Ringe, Nikoll,“ fügte der Jude bei. ½ „Ich Wahnfinnige!“ ſprach die Mutter zu ſich ſelbſt,„ich 68 quäle und tödte dieſes Kind durch meine Liebe. Oh! warum kann ich ſie nicht in meinem Herzen verbergen! Und wenn ich bedenke,“ fuhr ſie weinend fort,„daß ich ihr Uebel nicht in meine Adern zu nehmen und ihr mein Blut zu geben und für ſie zu leiden vermag! Oh! mein Gott, warum ſchlägſt Du ſie und verſchonſt Du mich! Bin ich nicht ſtärker gegen den Schmerz als ſie!“ Ketha hob ihren ſchon verſchleierten Blick empor, ge⸗ wahrte ihre Mutter, verſuchte es zu lächeln und flüſterte nur mit hohler Stimme die Worte: „Ich habe Durſt!“ Die Gräfin hielt an die Lippen ihrer Tochter einen ſilbernen Becher voll von einem ſchlafbringenden Trank. Ketha ſchloß die Augen wieder, doch ihr Körper bebte immer noch, geſchüttelt von krampfhaften Bewegungen. Da dachte, da betete ſie nicht mehr, da fühlte die arme Frau ihre Müdigkeit nicht mehr, ſie ſah nur wie ihre Tochter litt! Nikoll und Jonquille hätten dieſe Ruhe für Gleichgültigkeit halten können, denn die 6 Augen der Gräfin waren trocken wie die ihrigen. Doch wenn das Kind hätte ſterben müſſen, wäre die Mutter ſicherlich eine Secunde nach demſelben geſtorben. In dieſem Augenblick öffnete ein Diener die große Thüre des Saales und ſprach mit lauter Stimme: „Der gnädigſte Herr von Brederode iſt mit ſeinem Sohn, Herrn Henrik, im Schloſſe angekommen und verlangt die Frau Gräfin zu ſehen.“ Sie blieb verſunken, als ob ſie nicht gehört hätte; E ⸗ 69 Thea ſchob raſch ihre zwei Gäſte in einen Winkel des ſchwar⸗ zen Cabinets, öffnete die Glasthüre und ſagte halblaut: „Ich werde über Ketha wachen, gnädige Frau.“ Ketha! dieſer magiſche Name weckte die unglückliche Mutter aus ihrer Erſtarrung auf. Sie erhob ſich langſam, wandte ſich gegen Thea und ſagte zu ihr: „Verlaſſe ſie vor Allem nicht einen Augenblick.“ Nachdem ſie ſodann etwas Ruhe in ihre verſtörten Züge zu bringen geſucht, ging ſie, den Diener voran, in den Em⸗ pfangſaal hinab, wo die beiden Beſuche ihrer harrten. Der Herr von Brederode, ein Jugendfreund und Waffen⸗ gefährte des Grafen von Lemése, war einer von jenen edlen Frieſen, denen vor Allem die Ehre ihres Namens und die Vorrechte ihres Vaterlandes am Herzen lagen. Sein Name war ihm wie eine unveräußerliche Nutznießung, wie ein hinter⸗ legtes Gut, das er rein an ſeine Abkömmlinge übertragen mußte. Seiner Anſicht nach konnte die Leidenſchaft des Men⸗ ſchen nicht ohne eine Schändlichkeit eine Ehre beflecken, welche die von zwanzig Ahnen war und dem Vaterland gehörte. Keine Rückſicht eines Privatvortheils konnte ihn beugen, weil er ſeinen ganzen Stolz und ſeinen ganzen Ehrgeiz darein ſetzte, aus dem Namen ſeiner Familie den Wall und die Fahne der Freiheiten Frieslands zu machen. Er wußte, daß er, würde er zu Grunde gerichtet, durch eine fremde Tyrannei verurtheilt, darum doch nicht minder in den Augen ſeiner Landsleute der Herr von Brederode und der Freund von Wilhelm dem Schweig⸗ ſamen wäre; die Spanier fürchteten auch ſeinen Einfluß. Er 70 hatte die Seele ſeines Sohnes in der Quelle dieſes heilſamen Stolzes gehärtet. Als er die Gräfin erſcheinen ſah, deren Lippen zitterten und deren Augenlider ſich mit Thränen füllten, war er tief erſchüttert; doch er behielt ein ruhiges und kaltes Geſicht und wartete ehrfurchtsvoll, bis ſie das Wort nahm. „Ihr kennt unſer Unglück?“ fragte ſie mit jenem erha⸗ benen Lächeln, mit dem edle Herzen dem Schickſal zu trotzen ſcheinen. „Jedermann in Friesland iſt darüber entrüſtet, gnädige Frau,“ erwiederte der Graf voll Wärme. „Und Ihr ſeid trotz dieſer Ungnade gekommen?“ fuhr ſie bitter fort;„Ihr habt nicht befürchtet, das von Madrid aus⸗ gehende Gewitter könnte auch über Euch losbrechen?“ „Zweifelt Ihr an wir, edle Frau?“ entgegnete Brederode. „Iſt der Gefangene minder mein Freund, als der mächtige Graf von Lemée?“ „Ihr ſeht wohl, daß ich nicht einen Augenblick gezweifelt habe, da ich Euch ſchrieb, Ihr möget kommen. Doch Ihr wißt nicht Alles, Ihr könnt nicht wiſſen, wie weit ſie den Betrug und die Gewalt bei dieſem gräßlichen Gewebe getrieben haben.“ 3 „Nichts kann mich bei ihnen in Erſtaunen ſetzen,“ ſagte der Graf mit dumpfer Stimme. „Nun, Iht ſollt ſie kennen lernen,“ ſprach die Gräfin.* „Ich habe einen Brief von meinem Gemahl erhalten! Wie? durch eine arme kleine Bettlerin, welche Mitleid mit dem Grafen von Lemée hatte und baarfuß Spanien und Frankreich du wanderte, um mir ein paar Zeilen, geſchrieben mit Blut auf einige Fetzen Stoff, zu bringen, die ſie ſorgfültig unter ihren Lumpen verbarg; und dieſe Zeilen ſagen mir, daß die finſte⸗ ren Mönche ihn der Folter unterwarfen, daß ſie ihn zwei Tage lang des Gefängnißbrodes beraubt und endlich, um ihn zu Geſtändniſſen über ſeine angebliche Ketzerei zu zwingen, ſeinen Muth durch entnervende Getränke gebeugt haben.“ „Haben ſie das gethan, edle Frau?“ rief der Graf mit einem Beben der Entrüſtung.„In der That, ich hielt ſie für ſehr grauſam, doch nicht für ſo feig. So belohnen ſie alſo die Wunden von Saint⸗Quentin und das für ſie ver⸗ goſſene Blut!“ „Ja, ja, das haben ſie gethan,“ ſprach die Gräfin.„Doch mein Gemahl hegte noch eine Hoffnung. Er hatte dem Herzog von Alba das Leben gerettet, und der Herzog war allmächtig. Er ſchrieb an ihn. Wißt Ihr, was ihm der Herzog er⸗ wiederte?. Er bedaure, mit einem Mann in Verbindung geſtanden zu ſein, welcher der heiligen Inquiſttion verdächtig ſei, deren demülthigen Vertrauten er, Ferdinand von Toledo, ſich nur nennen könne, und bitte den Grafen, keine Briefe mehr an ihn zu richten, die ihn compromittiren könnten.“ „Der Elende!“ rief Brederode niedergebeugt.„Der letzte dieſer Dominicanermönche läßt alſo den Staub ſeiner Sandalen von dem ſtolzeſten dieſer Granden küſſen!“ Der kleine Henrik hatte bis jetzt geſchwiegen; doch ſeine krampfhafte Hand preßte den damascirten Griff ſeines ſtähler⸗ nen Degens, und mit der Spitze ſchnitt er in eine Tapete, 72 welche den Einzug von Karl V. und ſeinem Hof in Brüſſel darſtellte. „Was machſt Du?“ fragte ihn ſein Vater ärgerlich. „Ich befühle die Bruſt der Spanier, um das Herz und die Adern darin zu finden,“ erwiederte der Knabe mit einer harten Kaltblütigkeit, welche die Gräfin und Brederode in Er⸗ ſtaunen ſetzte.„Doch wo iſt Ketha? Ich will Ketha ſehen!“ fügte er mit dem entſchiedenen, herriſchen Ton eigenſinniger Kinder bei. „Warte!“ ſagte die Mutter;„ſie ruht.“ Und mit leiſer Stimme ſprach ſie, ſich an den Vater wen⸗ dend: 6 „Ich habe Euch noch nicht geſagt, warum ich Euch hier⸗ herzukommen bat, Herr von Brederode: ich habe eine zarte und zugleich grauſame Pflicht zu erfüllen. Die Abweſenheit meines Gemahls läßt mich und meine arme Margarethe allein und ohne Schutz, unſer Unglück hat Euch nicht erſchreckt, nicht von uns entfernt, und dennoch weiß ich nicht, ob ich Euch an den Wunſch des Grafen von Lemée.. in dem Augenblick erinnern ſoll... „Wo er das Opfer einer ungerechten Thrannei iſt,“ un⸗ terbrach ſie der Herr von Brederode mit einem Ton, welcher bewies, daß dieſes Unglück eine Glorie und ein Titel mehr in ſeinen Augen wax. „In dem Augenblick,“ fuhr voll Adel Frau von Lemée fort,„wo meine Tochter Margaretha, meine arme Ketha, ſtirbt.“ 73 Und erſchöpft durch dieſe Anſtrengung, ſank ſie halb ohnmächtig in einen Lehnſtuhl. „Ketha! ich will Ketha ſehen!“ rief Henrik, voll Zorn und Ungeduld mit den Füßen ſtampfend. Und als ſein Vater ihm durch einen gebieteriſchen Blick Stillſchweigen auferlegte, verſchwand er geräuſchlos, während der Graf ausrief: „Noch heute, edle Frau, ſoll die Tochter des geächteten Frieſen mit dem einzigen Erben des Hauſes Brederode ver⸗ lobt werden.“ „Ich erwartete nicht weniger von Eurem edlen Herzen,“ ſprach die Gräfin, indem ſie ihm die Hand reichte, die er mit der ritterlichen Galanterie jener Zeit küßte. „Die Verlobung ſoll öffentlich ſtattfinden. Vielleicht wird dieſe feierliche Kundgebung der Gefühle des Adels der unſeligen Politik des Escurial Einhalt thun. Die Verſprechungen von Philipp II. ſind insgeſammt Lügen geweſen. Die Schwäche der Statthalterin iſt eine Falle. Die arme Herzogin von Parma iſt eine Wetterfahne, die ſich nach allen Winden des ſpaniſchen Cabinetts dreht, ein unſchuldiges Aushängſchild, das uns kö⸗ dert. Wenn Ferdinand von Toledo hier wäre, ſo würde er allerdings ſeine eiſerne Ferſe in Wellen flämiſchen Blutes tau⸗ chen; doch er würde vielleicht auch darin ausglitſchen.“ „Meine Tochter leidet,“ flüſterte die Gräfin. „Verzeiht,“ erwiederte Brederode,„die Politik ließ mich die Familienangelegenheiten vergeſſen. Doch, wo iſt denn Henrik?“ Hartnäckig in ſeinem Willen, Ketha zu ſehen, war der Knabe muthig, ſeinen kleinen Degen an der Seite und die 74 Feder auf ſeinem grauen Filzhute flatternd, die Treppe hinauf⸗ geſtiegen, welche zu dem Zimmer der Kranken führte. Seine dicken goldenen Locken, welche auf ſeinen weißen zurückgeſchla⸗ genen Kragen herabfielen, ſein Wamms von Sammet, ſein Gürtel von rothem Safflanleder mit der ſilbernen ciſelirten Schnalle, gaben ihm ein adeliges Ausſehen, während ſeine feſte Haltung und ſein ſicherer Blick einen entſchloſſenen, eigen⸗ willigen, ungeſtümen Charakter offenbarten. Obgleich Kind den Jahren nach, liebte er doch Ketha mit jener unbegrenzten, eiferſüchtigen Liebe, welche für immer ihre Wurzeln in der tiefſten Tiefe des Herzens ſchlägt. Bei ihren Spielen mit ihren kleinen Nachbarn wußte er ſich in alle ihre Launen zu fügen, erfüllte er ihre Wünſche, beſchützte er ſie, ſchlug er ſich für ſie. Doch dieſe Liebesdienſtbarkeit, welche der Schild von Ketha war, machte ihn zum Herrn, oder vielmehr Mittelpunkt und Ziel aller Gedanken des armen Mädchens: ſie hatten Beide mit einander nur eine Seele. Henrik beſaß übrigens eine von jenen unbezähmbaren Naturen, welche ſich einen Zweck im Leben vorzuſetzen und ihn trotz aller Hinderniſſe zu erreichen wiſſen. Eine furchtbare S ⸗....... cene war unvermeidbar. Kaum hatte die Gräfin das Zimmer ihrer Tochter verlaſſen, als Nikoll voll Heftigkeit zu ſeinem Gefährten fagte: „Sie empfängt dieſen Brederode; ſie geht ihm entgegen ſie hat nicht bange, das Bett ihrer Tochter zu verlaſſen, um einen von dieſen ſchändlichen Patrioten zu empfangen. Sie liebt ihn vielleicht!“ „Ich bitte, beruhigt Euch,“ murmelte Jonquille. Dann entfernten ſie Thea, indem ſie ihr ſagten, ſie müßten allein ſein, um die geheimnißvolle Heilung, die ſie übernommen, zu einem guten Ziele zu führen. Die leichtgläubige Magd kehrte in ihre Stube zurück und fing an zu beten. Sobald die zwei Männer allein waren, näherten ſie ſich dem Bett, hoben die kleine Ketha heraus, banden ihr ein rothes wollenes Sacktuch um den Mund, und Nikoll, der ſie in ſeine Arme nahm, fragte Jonquille: „Haſt Du die Geheimtreppe wohl angeſchaut?“ „Ich habe Alles ſorgfältig wahrgenommen, Niemand wird uns ſehen.“ Sie wandten ſich hienach ſachte gegen die Thüre, doch wie groß war ihr Erſtaunen, ihr Schrecken! ſie wichen zurück, als ſie auf der Schwelle einen Knaben von fünfzehn Jahren, das Auge belebt durch den Zorn, einen ſtählernen Degen in der Hand, erblickten, der ihnen mit einer vor Wuth zittern⸗ den, dumpfen Stimme zurief: „Ich habe Euch geſehen und laſſe Euch nicht hinaus.“ „Lärmen!... wir ſind verloren,“ machte Jonquille, deſſen Geſicht leichenbleich wurde. „Ich bin unklug geweſen,“ murmelte Nikoll, indem er Henrik mit einem wilden Blick anſchaute.„Um dieſe Frau zu mir zu locken, ſteckte ich den Kopf in ein Weſpenneſt.“ Es trat nun von beiden Seiten ein Augenblick des Zo⸗ gerns wie eine geheime Berechnung der Kräfte ein. „Wirſt Du uns allein hindern, wegzugehen?“ fragte Nikoll. 76 „Ich werde genügen,“ erwiederte Henrik,„um Ketha gegen den feigen Burſchen zu vertheidigen, den die Angſt nieder⸗ beugt, und gegen Dich, Du falſches Geſicht! Du haſt es ge⸗ wagt, Ketha mit Deiner ausſätzigen Hand zu berühren, Zi⸗ geuner, Schurke, Kinderdieb! Ich haſſe Dich und werde nicht einmal nöthig haben, um Hülfe zu rufen, daß Du vor dieſem Degen um Gnade bitteſt!“ „Schwatzhaftes Kind! willſt Du denn gegen uns kämpfen?“ „Ich bin kein Kind!“ erwiederte Henrik voll Wuth mit dem Fuße ſtampfend;„ich bin Henrik von Brederode, der Bräutigam von Ketha!“ „Potztauſend! ich wundere mich nicht mehr,“ erwiederte. Nikoll, der nur Zeit gewinnen wollte.„Das Blut des Re⸗ bellen kocht ſchon in dem Kopfe dieſes kleinen Löwen; das Kind verſpricht etwas.“ Und er verſicherte ſich mit dem Blick, daß die Thüre von Thea gut mit dem Riegel verſchloſſen war. „Verloren! wir ſind verloren!“ ſagte Jonquille, der voll Angſt horchte, ob man nicht käme.„Laſſen wir das kleine Fräulein... Herr... Nikoll, und Graf Henrik wird zwei armen Leuten nicht Schaden zufügen, welche die Kleine im Ganzen nur heilen wollten.“ Und mit leiſer Stimme fügte er bei: „Wenn man uns entdeckte, welche Schande für Euch, und für mich der Strang!“ „No es nada. Es iſt nichts,“ entgegnete Nikoll mit hartem Ton „Der Strang, großer Gott, nichts!“ machte der Jude, ganz zitternd. „Ei, ei!“ verſetzte Nikoll, der ſich grauſam an der Angſt von Jonquille ergötzte,„wenn Du gehenkt wirſt, haſt Du es nicht geſtohlen. Doch beruhigt Euch, würdiger Schatzmeiſter. No es nada. Es iſt nichts, ſage ich Euch.“ Und er machte zwei oder drei Schritte rückwärts, um zu ſehen, wie weit das Fenſter vom Boden entfernt war. „Ah! Du weichſt zurück!⸗ rief Henrik mit wilder Ver⸗ achtung.„Feig wie ein Spanier! David hat Goliath be⸗ ſiegt.“ „Ei! ei! in der That, das Kind weiß ſeine Bibel ſo gut auswendig als Du, Meiſter Jonquille,“ ſagte Nikoll mit ſeinem ſchlimmen Lächeln.„Der Bräutigam iſt ſchon ſo ge⸗ lehrt wie ein Prediger. Luther hat ſeine Treſpe in dieſem Lande ausgeſät. Unſere heilige Inquiſition wird ſich darnach erkundigen.. Doch Dein Degen iſt nicht ſo viel werth als mein Arm, und ſeine Klinge iſt minder lang als die meines Dolches, ſtolzer Henrik. Vielleicht wirſt Du auch Deine theure Braut zu verwunden befürchten.“ Und während er mit dem linken Arm das kleine Mäd⸗ chen, deſſen bleicher Kopf mit den zerzauſten Haaten auf ſeine Jacke herabfiel, umſchloſſen hielt, rückte Nikoll auf den Erben von Brederode zu. „Ungeheuer!“ rief Henrik bebend. Sie ſchlugen ihre Waffen mit ſolcher Gewalt an einander, daß der Degen von Henrik zerbrach und er an der Hand ver⸗ wundet wurde, während die Spitze Nikoll in's Geſicht traf. 78 Dieſer ſprang wie ein Tiger, der einen Pfeil eindringen fühlt, fuhr mit der Hand ans Geſicht und ſtieß, als er ſein Blut ſah, ein heiſeres Gebrülle aus. In dieſem Augenblick warf ſich Hentik in Verzweiflung mit dem Degenſtumpf, der ihm blieb, auf ihn und entriß in dieſem Kampfe dem falſchen Nikoll den aufwärts ſtehenden ſpaniſchen Kragen und das rothe Haar. Da erblickte Henrik wie in einem ſchlimmen Traume ein gebieteriſches Geſicht, das nichts Gemeines oder Plumpes mehr hatte. Der Abenteurer Nikoll war verſchwunden, es blieben von ihm nur noch die Schifferjacke, aus der ein Ge⸗ ſicht, lang, mager und düſter, eine hohe Stirne, ſchwarze, von finſteren Blitzen flammende Augen, beſchattet von großen, ebenholzfarbigen Brauen, welche an der Wurzel einer wie der Schnabel eines Raubgogels gebogenen Nuſe zuſammen⸗ liefen, hervorkamen. Ein dicker Schnurrbart und ein ſpitzig geſchnittener Kinnbart verbargen, roth gefärbt, den Unter⸗ theil des Geſichtes; leichenbleich und hervorſpringend, wurde die Unterlippe von einem beſtändigen Schauer bewegt, der etwas Häßliches hatte und Blutdurſt anzudeuten ſchien. Henrik wich vor Erſtaunen, wenn nicht' vor Schreck zu⸗ rück. In demſelben Augenblick fühlte er ſeine Arme von Jonguille gepackt, der dieſe Bewegung benützt hatte, um hinter ihn zu ſchlüpfen. Er fiel auf die Erde und rief: „Ketha!“ Ketha ſchlief immer noch. „Wenn Du groß biſt, werden wir uns wiederſehen,“ ſagte Nikoll ironiſch zu ihm.„Du wirſt mich fortan erkennen, die Maske wird mich nicht mehr verbergen.“ ₰ » „Ich werde Dich an dieſem Mahle erkennen,“ ſprach Henrik mit einer Anſtrengung krampfhafter, verächtlicher Freude, indem er mit dem Blick auf die Stelle deutete, wo er ſeinen Gegner getroffen hatte.„Im Geſicht durch ein Kind gezeichnet, wie Du ſagſt!“ Und während Nikoll erbleichte, raffte er ſeine Kräfte zu⸗ ſammen und rief: „Zu Hülfe! zu Hülfe!“ Die zwei Männer warfen ſich auf ihn und knebelten ihn. „Fliehen wir!“ fagte Jonquille;„doch dieſes Kind, das wir zitternd vor Fieber fortſchleppen, wird auf der Fahrt ſterben. Wozu wird es Dich nützen, daß Du Dich mit dieſem Leibe beläſtigſt? Wirſt Du die Liebe der Mutter mit dem Leichnam des Kin des erkaufen?“ 3 „Gut geſprochen, Schatzmeiſter! Doch Du vergiſſeſt, daß die Erbin der Lemée ein koſtbarer Geißel ſein wird, daß dieſe Familie ungeheure Reichthümer beſitzt.... Und dieſes wäre eige ſchöne Mitgift für Federigo!“ Federigo?“ wiederholte mit dumpfem Tone Henrik, bei dem dieſer Name wie eine Erinnerung des Haſſes klang. „Bedeckt ſie alſo,“ ſagte Jonquille, und er nahm das Mäntelchen von Henrik und wickelte die arme leine Braut darein. In dieſem Augenblick erſchollen Schläge an der Thüre des Zimmers von Thea. Die Magd fing an unruhig zu werden: ſie hatte Lärm gehört und wollte herein. „Oeffnet! öffnet! Warum bleibt Ihr ſo lange einge⸗ ſchloſſen? Oeffnet!“ 80⁰ „Die Hexe ſchreit von dieſer Seite, und dort ſteigt man die große Treppe herauf,“ ſagte Nikoll.„Gott befohlen, mein Junge. Deine Braut wird wenigſtens ein Andenken von Dir haben; ſtirbt ſie, ſo wird ihr Dein Mäntelchen als Schweißtuch dienen.“ Sie legten Henrik auf das Bett, gegen die Vorhänge zu, und verſchwanden, während das arme Kind voll Wuth zu ſich ſprach: „Sie hat mich nicht geſehen! kein Abſchied! Und vielleicht werde ich ſie nie mir ſehen! Was wird ſie bei ihrem Erwachen ſagen? Bei ihrem Erwachen..„ und wenn ſte ſtirbt? Oh! ich werde dieſe Leute wiederfinden, und ſollte ich die ganze Welt durchwühlen. Ueberall, überall werde ich ſie ſuchen.“ Die Gräfin ſtieg eben die Treppe herauf, und ſie lächelte. Als ihre Unterredung mit dem Grafen von Brederode zu Ende war und ſie Henrik nicht mehr ſah, begriff ſie leicht den Grund ſeines Verſchwindens, und die Dame ſagte zum Vater: „Ich will unſern Neugierigen überraſchen, wartet auf mich.“ Als ſie in das Zimmer eintrat, war ſie ſehr erſtaunt, daß ſie weder Henrik, noch Thea erblickte. Dieſes Stillſchweigen machte ſie Anfangs lächeln. Es war ein Kinderſtreich, Ketha ſchlief ohne Zweifel. Henrik und Thea waren hinter den Vor⸗ hängen verborgen und lauerten auf das Erwachen der Kleinen. O erhabene, naive Freude mütterlicher Herzen! Sie blieb auf der Schwelle ſtehen und horchte auf den Athemzug ihrer Tochter. Kein Hauch ſtörte die Ruhe des Zimmers. Sie horchte 81 abermals. Nichts. Immer daſſelbe düſtere, furchtbare, ſeltſame Stillſchweigen. In dieſem Augenblick rüttelte Thea, nachdem ſie vergebens auf eine Antwort gewartet, an der Thüre des ſchwarzen Cabinets. Ihre Nägel klammerten ſich am Schloß an, und ſie rief mit erſtickter Stimme: „Oeffnet! öffnet! zu Hülfe!“ Es erfaßte die Gräfin wie ein Schauer, der ihre Glieder ſchüttelte und die Kälte des Todes durch das Mark ihrer Gebeine trieb. Ein. Blitz zuckte über ihren Augen hin und ſie wankte. Alsbald aber ſagte die arme Mutter zu ſich ſelbſt: „Ich bin verrückt! die Vorhänge erſticken das Geräuſch ihres Athems. Uebrigens werde ich ſehen... Wie will ich mit ihr lachen über meine Furcht! Henrik ſieht mich ohne Zweifel, verborgen hinter...“ Sie zitterte beſtändig, während ſie ſich ſo zu beruhigen ſuchte. Und nur mit großer Mühe ſchleppte ſie ſich bis zum Bett der Kranken. Ihre Hände packten krampfhaft die Vor⸗ hänge an, die ſie bei Seite ſchob. Gott allein konnte den Schrei, der aus dem Herzen dieſer Mutter hervordrang und ihr Inneres erbeben machte, begreifen und in der Hymne der irdiſchen Schmerzen aufzeichnen. Auf dem Bette lag Henrik, gebunden, geknebelt, in ſeinen Banden ſich wie eine verwundete Schlange krümmend, Blut im Blick, die Wangen leichenbleich. Die Mutter wollte weinen. Ihr Auge blieb ſtarr und Der Erzähter 1848. 1. 6 82 trocken auf das unſelige Lager geheftet, das ſie mit den Händen durchlief, denn in einer wahnſinnigen Hoffnung glaubte ſie, die entſchlummerte Ketha wiederzuſehen, wiederfinden zu müſſen. Sie wollte ſprechen, doch ihre Stimme erſtarb in ihrer Kehle. Als Mädchen hatte dieſes edle Geſchöpf an dem Todten⸗ bette ihrer Eltern gewacht. Als ſie Gattin war, wurde ihr Mann geächtet, eingekerkert, und eine verletzende Liebe verfolgte ſie mit ihren Drohungen, mit ihrer Wuth; doch in der That, dieſe Frau hatte nie gelitten, denn nun erſt fiel ſie auf die Kniee, ohne Thränen, ohne Gedanken, wahnſinnig, vernichtet. Plötzlich kehrte der Geiſt bei ihr zurück, und mit dem Geiſt eine wüthende Energie. „Die Minuten ſtehlen mir meine Tochter!“ rief ſie. Und ſogleich öffnete ſie Thea, welche in das Zimmer ſtürzte, und wie verſteinert vor der Gräfin ſtehen blieb. „Thea! meine Tochter 2“ ſprach die Eine. „Nikoll!“ erwiederte die Andere ganz verwirrt. „Was wollt Ihr damit ſagen, Unglückliche?“ rief die Mutter.„Seid Ihr toll oder blind geworden? Meine Tochter! was habt Ihr mit Ketha gemacht?“ Und ſie faßte ſie mit der größten Heftigkeit am Arm und ſprach voll Wuth, als die arme Magd ſchwieg: „Ich habe ſie Euch anvertraut! Die Zeit iſt koſtbar. Man beſtraft ungetreue Dienerinnen; wißt Ihr das, Unglückliche! Was habt Ihr mit Ketha gemucht, mit Eurer kleinen Ketha? Ah!“ fügte ſie mit herzzerreißendem Tone bei,„ich glaubte, Ihr liebtet ſie!“ Der Blick, den nun die zwei Frauen wechſelten, läßt ſich durch keinen menſchlichen Ausdruck wiedergeben. „Ich Elende! ich habe ſie verloren, Lerkauft, preisgegeben!“ rief Thea, welche Alles begriff, als ſie Nikoll und Jonquille nicht mehr ſah. „Ihr ſeid eine Elende!“ verſetzte die Gräfin mit einer gebrochenen, keuchenden Stimme, welche ſie kalt und hart machen wollte.„Doch Ihr müßt ſie wiederfinden, Ihr müßt ſie mir zurückgeben, hört Ihr wohl? Es gibt Richter in Friesland, um die Leute zu zwingen, den Müttern ihre Kindern zurückzugeben. Ketha kann übrigens nicht ferne ſein. Henrik muß Alles wiſſen. Auf! Fackeln, Böte! mein Schloß für ein Boot! Meldet es dem Herrn von Brederode!“ Und als die Magd, einer Stump nicht rührte und nur einfältig antworte Madame,“ da ſagte die Gräfin: „Nun, ſo will ich Henrik frei machen.“ Und mit den Händen und Zähnen löſte, zerbrach, zerriß ſie die Bande. Er ſprang auf wie ein Tiger und ſtürzte nach der Geheimtreppe. Frau von Lemée folgte ihm. Bald liefen Bedienten mit Fackeln, Stangen und Schwertern herbei; Laternen wurden an den Maſten der großen Barken aufgehißt und be⸗ leuchteten wie Wandelſterne die Ebene düſterer Wogen, welche das Schloß umgab. Doch vergebens durchſuchte man die ganze Umgegend und ſchickte die plumpen frieſiſchen Fahrzeuge der Junke der Räuber nach. Sie war unſichtbar. Der Herr von Brederode und Henrik kehrten mit der Mutter in das Zimmer von Ketha zurück, das nun leer und ffinnigen ähnlich, ſich te:„Ja, Madame, ja „und das edle Kind erzählte, was traurig war wie ein Grab vorgefallen. „Du hätteſt um Hülfe rufen ſollen. Dein Stolz hat Alles in's Verderben gebracht,“ ſprach der Vater mit ſtrengem Tone. Aber die Gräfin, welche unabläſſig nach dem Bette ſchaute, in welchem ſie zum letzten Mal ihre Tochter entſchlummert ge⸗ ſehen hatte, rief plötzlich: „Blut, Blut auf dieſem Bett, o mein Gott!“ „Oh! es iſt das meinige, edle Frau,“ unterbrach ſie Henrik. „Braves Kind!“ rief ſie. In dieſer Secunde heftete ſich ihr Blick auf den Boden und nahm ſogleich den Ausdruck des Schreckens an. Sie bückte ſich zur Erde, hob den gelben, zerknitterten Halskragen auf und fragte in unendlicher Erſchütterung: „Wie kommt dieſe Golilla hierher?“ „Ich habe ſie Nikoll entriſſen,“ antwortete der junge Brederode. „Nikoll! Du täuſcheſt Dich! das kann nicht Nikoll, das kann nicht ein Zigeuner, ein Kinderdieb ſein. Wie ſah dieſer Menſch aus? Oh! ich erſchaue ein gräßliches Geheimniß.“ Henrik ſchilderte nun das furchtbare Geſicht des falſchen Nikoll, und wiederholte mit dem Ton des Haſſes den Namen Federigo. 3 „Er hat die Worte geſprochen:„„Das wäre eine Mit⸗ gift für Federigo?““ 8. „Er hat ſie geſprochen, edle Frau.“ 85⁵ „Wohl, ſo ſeht, Herr von Brederode,“ rief die Gräfin, indem ſie auf das auf dem Halskragen angebrachte Wappen deutete,„erkennt Ihr dieſes Wappen?“ „Wäre es möglich!“ rief der frieſiſche Edelmann;„wohl erkenne ich es, denn nur ein einziges Haus in Spanien führt dieſes Schild! Ja, ich täuſche mich nicht, der Räuber iſt einer von den Leuten des Hauſes Alba.“ „Noch beſſer, Herr,“ erwiederte Frau von Lemée,„dieſer Nikoll, dieſer Kinderdieb, iſt kein Anderer, als Ferdinand Alvar von Toledo, Herzog von Alba Tormes und Grand von Spanien. Nein, es iſt nicht einer von ſeinen Leuten, er allein hat dieſes furchtbare, unbarmherzige Geſicht. Und dann hört: Ihr wißt noch nichts, erfahrt alſo, daß ich die Ehre gehabt habe, die Aufmerkſamkeit des edlen Kapitäns auf mich zu ziehen, und dieſe Ehre iſt für eine Familie das Elend und die Ernie⸗ drigung, für eine Frau iſt ſie die Schande. Ihr erbleicht, Brederode. Nun wohl! ja, dieſer Menſch hat meinen Gemahl angegeben; er iſt es, der mir mein ſterbendes Kind ſtiehlt. Begreift Ihr jetzt nicht, daß mich der Herzog von Alba liebt?“ fügte ſie mit einem bitteren Gelächter bei.„So weiß der Günſtling von Philipp einer elenden Flamänderin ſeine Liebe zu erklären.“ „Der Herzog von Alba hatte kein Recht, dieſe Gewaltthat zu begehen,“ erwiederte der Herr von Brederode.„Das iſt ein ſchändlicher Raub. Wir haben noch redliche, unbeſcholtene Behörden. Das Leben, die Ehre der Bürger find nicht ſo der Laune dieſer Hoflinge preisgegeben. Sie dürfen uns nicht ſo ohne Gründe, ohne gerichtliche Formen martern und quälen!“ 86 „Ah! Ihr glaubt noch an die Gerechtigkeit,“ ſprach die Gräfin;„ſeht Ihr denn nicht, daß mich dieſer Menſch gerade auf dem Boden bis zu den Knieen des Königs, oder vielmehr vor die Pforten des Palaſtes zu ſchleppen wünſcht? denn ſie werden ſich nicht für mich öffnen, und ich werde den König weder von Angeſicht zu Angeſicht ſehen, noch ſprechen können! Welches Mitleid kann die Frau eines Gefangenen der heiligen Inquiſition verlangen? Zwiſchen den König und mich wird ſtets die unſichtbare Gewalt des Herzogs von Alba treten. Er wird meine Klagen empfangen und ſie vernichten, denn er allein iſt im Stand, Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen.“ „Aber die ſpaniſche Politik hat kein Intereſſe, Euch von Eurer Tochter zu trennen. Das iſt gerade ein für ſeine Macht unnützes und zugleich ſchädliches Aergerniß.“ „Oh! es wird ihm in den Augen der Inquiſition nicht an Gründen fehlen, eins Tochter ihrer Mutter nicht zurückzu⸗ geben. Man wird ſagen, es geſchehe für das Heil ihrer Seele, um ſite der Sünde zu entreißen, man wird das arme Kind ſeinen Vater haſſen und ſeine Mutter als Ketzerin und Abtrünnige verachten lehren. Man wird es überreden, wir knieen vor einem andern Gott, als dem ſeinigen nieder; man wird es ſeinen kleinen Kameraden Henrik vergeſſen und Don Federigo von Alba lieben lehren.“ „Dieſer Don Federigo iſt ſehr groß, edle S fragte Henrik mit ernſtem Tone. „Er iſt achtzehn Jahre alt,“ antwortete die Gräfin. „Ich werde auch eines Tags achtzehn Jahre alt ſin 4 flüſterte Henrik. 87 „Mein ſüßer Jeſus, die Sterbende hat man entführt!“ ſagte Thea, welche in einem Winkel betete. „Ah! ſie haben Grundſätze, die ſo unbarmherzig ſind, als ihr ganzes Gemüth,“ ſprach die Gräfin;„ihrer Anſicht nach heiligt der Zweck die Mittel, und der Herzog von Alba würde ſich nicht ſcheuen, zu antworten, es ſei beſſer für Ketha, unter dem Mantel eines guten Katholiken zu ſterben, als von den Küſſen einer ketzeriſchen Mutter zu leben.“ „Und das Geheimniß,“ fügte der Herr von Brederode bei,„das Geheimniß dieſes frommen Eifers iſt kein anderes, als die Güter ſeines Retters, des reichen Grafen Lemée, Lehen des Hauſes Alba werden zu ſehen.“ „Ja,“ erwiederte die Mutter.„Uebernehmen wir alſo allein unſere Rache. Nicht das Geſetz müſſen wir anflehen, ſondern die Gerechtigkeit Gottes.“ „Ich werde Ketha wiederfinden!“ rief nun Henrik, aus ſeinem düſtern Nachſinnen erwachend.„Dir, mein Vater, und Euch, edle Frau, die Ihr meine Mutter werden ſolltet, ſchwöre ich es. Ich werde, wie Nikoll geſagt hat, groß werden, und dann ſoll mich ſein ſchöner Federigo an dem Altar erblicken, zu dem er Margaretha von Lemée ſchleppen wird. Wir wollen dann ſehen, wer zuerſt zurückweicht, der Frieſe oder der Spanier!“ Zehn Jahre nachher hatten ſich die Befürchtungen des Herrn von Brederode nur zu ſehr verwirklicht. Die Nieder⸗ lande waren zu Grunde gerichtet durch die Abgabe des zehnten Pfennigs, ſie waren geknechtet durch die Inquiſition, welch jeden Seufzer aufzeichnete und jeden Blick beſpähte, und wurden 88 regiert vom Herzog von Alba, deſſen eherne Bildſäule über dem Kopfe der Generalſtaaten und dem Adel des Landes hin⸗ marſchirte. Was die armen Geächteten betrifft, ſo durchfurchten die einen den Ocean auf elenden Fliboths; dies waren die Seegeuſen; die andern irrten in den Wäldern umher, wie die von Walter Scott in Jvanhoe geſchilderten QOutlaws: dies waren die Waldgeuſen. Die Kinder und die Weiber rauften das Gras der verheerten Triften bis unter den Füßen der ſpaniſchen Reiterei aus. Die Hoffnung auf eine beſſere Zukunft wuchs nicht mehr in den Hetzen; ſelbſt der Haß fügte ſich aus Müdigkeit darein, Alles von Seiten der ſiegreichen Fremden zu dulden. Dieſe Umſtände werden vielleicht die nachfolgende ſeltſame und dennch geſchichtliche Scene ſchärfer begreiflich machen. Eines Morgens im Monat April gegen zehn Uhr kamen zwei Männer zu gleicher Zeit von entgegengeſetzten Seiten vor das Thor des Schloſſes Lemée: das Thor iſt allerdings hier ein nicht ſehr genaues Wort, denn es war abgebrannt worden. Der Hof war ſchweigſam, grünliches Moos umrahmte die Pflaſterſteine und zog ſich über den Mauern hin; in der Mitte erhob ſich eine Art von ſchmutzigem Gerüſte, überzogen mit ſchwarzer Sarſche, woran man rothe, abgeſchoſſene Kre⸗ pinen erblickte; auf dem Gerüſte ſtanden ein altes Fauteuil mit ſtaubigen Franſen und einige Stühle, welche auch das gewöhnliche armſelige Ausſehen hatten, das allen materiellen Emblemen der richterlichen Gewalt eigenthümlich iſt. Die zwei Ankömmlinge, die ſich von fern einen mißtrauiſchen Blick zu⸗ 89 geworfen hatten, ſprachen ſich nichtsdeſtoweniger mit einer ſcheinbaren Herzlichkeit an. „Immer der Erſte, wenn es ſich um Geſchäfte handelt, Meiſter Jonquille,“ ſagte mit einem plumpen Gelächter der Frieſe, eine ungeheure Perſon mit aufgedunſenem Geſicht. „Ei! ei!“ erwiederte unſer alter Bekannter, deſſen Klei⸗ dung ſo elend war, als bei der erſten Scene dieſer Geſchichte, „die Trägheit iſt ein Laſter, das nichts einträgt. Dann iſt es gut, ſich zu verſtändigen, um ſich nicht zu ſchaden, würdiger Herr Gerichtsſchreiber. Die Concurrenz 4 „Oh! wer könnte ſich mit Euch in einen Kampf ein⸗ laſſen?“ ſagte der Frieſe mit einer ironiſchen Unterwürfigkeit; „der Verkauf iſt ſo ſpät angekündigt worden, und überdies ſind alle unſere ehrlichen Mitbürger ſo ſehr durch die letzten Steuern erſchöpft...“ „Glaubt Ihr?“ fragte Jonquille, indem er ihn feſt an⸗ ſchaute(der Frieſe ſchlug die Augen nieder).„Oh! ſie haben wohl noch da und dort ein paar mit Piaſtern vollgeſtopfte Säcke/ „Wenn auch,“ erwiederte der Gerichtsſchreiber verlegen, „Ihr allein, ein Fremder im Land, werdet es wagen, zu kau⸗ fen. Hier find Erinnerungen. Man liebte die Familie, und wenn der Graf je wiedererſchiene, ſo hätte man es viel⸗ leicht zu bereuen..“ „Ich verſtehe,“ ſagte der Jude beinahe ſtammelnd,„doch nicht wahr, man würde gern, wenn es ſein könnte, unter dem MNamen eines Andern kaufen? Man würde ſo bei dem Verkauf gewinnen und ſich nicht mit den Rebellen und den Patrioten 90 entzweien. Der Graf ſoll einen ziemlich hitzigen Kopf haben.“ „Hört, Jonquille,“ unterbrach ihn der Gerichtsſchreiber, „Ihr habt mich errathen, ich fürchte mich beſonders vor den Bilderſtürmern und Bosquels, die man, wie ich höre, in der Gegend hat umherſtreifen ſehen. Dieſe ausgehungerten Teufel riechen das Gold der guten Royaliſten, und wäre es hundert Fuß unter der Erde.“ „Ihr habt alſo Geld?“ fragte der Jude mit einem ſelt⸗ ſamen Blinzeln der Augen. „Ich habe das nicht geſagt,“ erwiederte der Frieſe un⸗ ruhig umherſchauend. „Das iſt etwas, was dem Präſidenten Juan de Vargas Freude machen würde, wenn er es erführe, ehrlicher Gerichts⸗ ſchreiber,“ verſetzte Tonquille. Der Gerichtsſchreiber erbleichte und fuhr mit der Hand an ſeinen Gürtel, woran nur ein herrliches hörnenes Tinten⸗ faß und eine Rolle Pergament hingen, und ſagte: „Solltet Ihr mich etwa verrathen wollen?“ „Geht doch! ein alter Freund!“ rief der Jude..„Aber hört mich: man hält mich für reich und täuſcht ſich. Der Serzog von Alba braucht ſtets Vorſchüſſe, und wenn er ſpricht, iſt nichts zu erwiedern. Auf alle Einwürfe antwortet er 5 trocken mit ſeinem ewigen: No es nada(das iſt nichts). Ich bin ein zu Grunde gerichteter Mann, ſo wie Ihr mich ſeht.“ „Aber,“ erwiederte der Frieſe, während er ſichsfragte, 91 wo der Jude hinaus wollte,„kauft Ihr nicht mit Recht alle Hinterlaſſenſchaft der Geächteten? „Lumpen, mein Lieber, gut um ſie ins Feuer zu wer⸗ fen. Die Schurken nehmen ſtets das Beſte mit fort, das Geld, die Juwelen...“ „Werden Euch nicht die confiscirten Güter ohne eine ernſtliche Concurrenz abgetreten?“ „Ein Irrthum, braver Gerichtsſchreiber, ein Irrthum! Hört, Vertrauen für Vertrauen: ich muß Euch geſtehen, daß ich beauftragt bin, das Schloß Lemée heute zu kaufen, und daß ich nicht den erſten Piaſter in der Taſche habe ich muß entlehnen, nicht wahr, und Ihr werdet Euch nicht wei⸗ gern, einem Freunde beizuſtehen?“ „Wie? ich brauche dieſes Geld für mich ſelbſt, um„ „Ihr weigert Euch? es iſt gut, ſprechen wir nicht mehr davon; und um Euch zu beweiſen, daß ich keinen Groll gegen Euch hege, werde ich Euch morgen dem Herzog von Alba em⸗ pfehlen, ich habe ſchon mit ihm von Eurer Ergebenheit ge⸗ ſprochen.“ „Wie gut ſeid Ihr!“ „Von Euch, als einem treuen Royaliſten.... „Ah! das iſt zu viel..“ „Als einem reichen Mann, der mit ſeinem Gelde in Verlegenheit ſei, *rief endlich Jonquille mit einem finſteren Gelüchter„Der Herzog braucht gerade ſehr nothwendig Geld, und Ihr werdet ohne Zweifel lieber ihm, al 8 Eurem unwürdigen Diener leihen.“ . * 92 Der Gerichtsſchreiber war ganz betäubt durch dieſen Streich. „Aber,“ fügte der Jude bei,„ich ſehe den edlen Vroet⸗ ſchap und den Doctor del Rio kommen. 2 „Das Mitglied des Bluttribunals,“ unterbrach ihn der Frieſe voll Angſt. „Eure Sprache iſt leicht, würdiger Gerichtsſchreiber,“ ſagte Jonquille.„Ihr meint ohne Zweifel den Rath der Unruhen?“ „Den Rath,“ ſprach eine ernſte und ſonore Stimme hinter ihnen,„den Rath, der zum Ruhme Gottes die in den Bethäuſern getauften Kinder wiedertaufen und in der römiſchen Kirche unter feierlicher Abſchwörung nebſt körperlichen Strafen und Geldbußen die armen durch die Geiſtlichen der Reformation verheiratheten Ketzer wieder verheirathen läßt, den Rath end⸗ lich, der, wenn es Noth thut, durch Schwert und Strang, durch Waſſer und Feuer, durch Galgen und Rad zu bekehren weiß.“ Jonquille und der Gerichtsſchreiber hatten ſich beide er⸗ ſtaunt umgewandt, und waren zitternd vor dem Feuerblicke eines jungen Dominicaners geblieben, den ſeine lange braune Robe wie ein Schweißtuch bedeckte, während ſein Kopf halb in den Falten ſeiner Kapuze verborgen war. Doch ehe ſie ſich von ihrem Erſtaunen erholt hatten, war der Mönch auf die Treppe zugegangen und die rothen ſteinernen Stufen hinaufgeſtiegen, welche in die inneren Gemächer führten. Ionduille folgte aufmerkſam mit dem Blick dem Unbekannten, deſſen Wort ſo 93 gut ſeine Intereſſen bei dem furchtſamen Gerichtsſchreiber unter⸗ ſtützt hatte, und ſagte dann zu dem letztern: „Wollt Ihr auch Bekanntſchaft mit dem Rath del Rio machen?* „Wartet! um Gottes willen, wartet!“ erwiederte der geizige Frieſe. Und zögernd fügte er bei:„Sprecht, wie viel braucht Ihr?“ „Zwanzig tauſend Piaſter.“ „Zwanzig tauſend Piaſter!“ wiederholte der Gerichts⸗ ſchreiber mit einem ſchmerzlichen Seufzer. „Und dabei,“ fuhr Jonquille fort,„wenn man das Pri⸗ vilegium von Utrecht forderte, müßt Ihr mir verſprechen, einzuregiſtriren und weiter zu gehen, ohne Widerſtand oder Verzug, auf die Einſchärfung des Doctor del Rio.⸗ „Doch.4 „Der Rath der Unruhen iſt geizig und verzeiht nie,“ erwiederte mit kaltem Ton der Jude. Der arme Gerichtsſchreiber ſchwieg. Jonquille ging, unterwürſig gebückt auf den Vrvetſchap(Gerichtsrath) und auf del Rio zu, die ihn mit einem Hochmuth empfingen, der wenig⸗ ſtens bei dem Letzteren geheuchelt war. Der Hof füllte ſich mit Leuten aus der Umgegend, welche die Verkündigung des Verkaufs unter Trompetenſchall herbeigezogen hatte Eine unſelige Traurigkeit lag auf allen Geſichtern und in keinem Blick prägte ſich Gierde aus. Dieſes Unglück von einer der erſten Familien, war es nicht das Bild des Schickſals, das ſie ſelbſt erwartete? Das Vißgeſchick ſteigt raſch von den Großen zu den Kleinen herab, und die armen Frieſen, die das 94 Schauerliche dieſer geſetzlichen Räuberei am Grabe von Fraun von Lemée, welche kaum ſechs Monate zuvor geſtorben, begrif⸗ fen, ſagten ſich, ohne Zweifel würde man ihnen bald Alles, bis auf die Wiege ihrer Kinder durch den Ausrufer verkaufen laſſen. Der Jude fragte ſogleich mit ſichtbarer Unruhe den Rath, wer der Mönch ſei, deſſen braune Robe in dieſem Augen⸗ blick hinter den Pfeilern oben auf der großen Treppe ver⸗ ſchwinde. „Das iſt der Fray Joſe, der Bruder des Inguiſitors Izquierdo,“ antwortete der Doctor lächelnd.„Haltet Ihr ihn für einen Ketzer, und habt Ihr etwa ein Gelüſte nach ſeinem braunen Gewand?“ „Es iſt ſeltſam!“ murmelte Jonquille,„ich habe ihn einmal im Cabinet Seiner Durchlaucht geſehen, er kam mir damals größer vor; ſein Blick war auch härter und minder ſtolz. Ich bemerkte bei ihm nicht dieſen ſo jungen und enthu⸗ ſiaſtiſchen Ton. Was will er hier?“ „Der Statthalter“ erwiederte del Rio,„hat ihn beauf⸗ tragt, Fräulein von Lemée beizuſtehen und ihr Herz durch weiſe Ermahnungen zu ſtärken... Dieſe Prüfung iſt vielleicht hart für ſie!“ Der Mönch war in der That geräuſchlos in das Zimmer eingetreten, in das man insgeheim das Fräulein geführt hatte. Geleitet durch irgend einen höheren Inſtinct, hatte er Niemand gefragt, um zu erfahren, welches dieſes Zimmer ſei, und er ſchien mit den Windungen und Gängen des Schloſſes ſo ver⸗ traut, wie ein alter Gaſt deſſelben. Die Thüre war halb ge⸗ glaubte, erwachen wieder bei dieſem Anblick. Ich ſehe glle 95 öffnet, und er blieb unbeweglich auf der Schwelle, um die junge Gräfin zu betrachten. Eine Thräne glänzte in ihren glühenden Augen, und ſie kreuzte mit Gewalt ihre Arme über ihrer Bruſt, als wollte ſie die Schläge ihres Herzens zurück⸗ drängen. Margaretha lag halb in einem großen Lehnſtuhl von Sammet mit goldenen Nägeln; ihr Antlitz, ſo bleich wie ihr weißes Novizengewand, war theilweiſe in ihren Händen ver⸗ borgen. Ohne Zweifel weinte ſie. Ihr gegenüber hing das Portrait ihrer Mutter, das die Gerichtsdiener noch nicht von der Wand abgenommen hatten, von ſo geringem Werthe war es. In einem von einem ein⸗ fachen goldenen Reife umgebenen Medaillon waren die ver⸗ welkten Blätter zweier weißer, mit einigen Blutstropfen be⸗ fleckter Roſen enthalten. Alles Uebrige hatte man wegge⸗ nommen... Man erblickte die grünen, feuchten Ebenen, welche das Schloß umgaben, von einem gerade offenen Balconfenſter, deſſen Geſimſe beinahe durch die blühenden Ranken und die launenhaften Verſchlingungen der Winden verborgen war. Plötz⸗ lich durchdrang die Sonne mit ihren goldenen Strahlen die Wol⸗ ken und beleuchtete ſo freudig die Landſchaft, daß das Mädchen mit ener gewiſſen Anſtrengung aufſtand, auf den Balcon trat und inen gierigen Blick auf dieſe Gegend warf, welche unter dem Hauche des Frühlings aus dem Schooße der Wellen her⸗ vorzutreten ſchien. „Oh!“ ſagte ſie leiſe ſchluchzend,„alle dieſe Erinnerun⸗ gen aus der Kindheit, die ich in meinem Herzen erloſchen 96 meine früheren Tage vor mir, ich erkenne wieder jeden Gegen⸗ ſtand, auf dem einſt meine Augen verweilten.. Dieſes erſte Leben, man hatte es mich vergeſſen laſſen. Ich wähnte bei⸗ nahe, es wäre ein ſeliger Traum! Doch nein, es war eine Wirklichkeit.“ Und zu dem Portrait zurückkehrend, das ſie ſchon ſo oft angeſchaut hatte, ſprach ſie mit bewegter Stimme: „Das iſt meine Mutter, diejenige, welche Gott ver⸗ flucht hat, und ſie ſchaukelte mich doch, als ich noch klein war, auf ihrem Schooße und wachte Nächte hindurch an mei⸗ nem Bette. Oh! ſie wird oft an mich gedacht haben, deſſen bin ich ſicher, ſie wird grauſam gelitten haben in der Stunde ihres Todes, daß ſie mich nicht in ihre Arme ſchließen, an ihr Herz drücken konnte. Welch ein ſchönes, ſanftes Antlitz! Oh! wer wird mir von meiner Mutter ſprechen!“ „Ketha!s ſagte eine unterdrückte Stimme, welche in dem großen, leeren Zimmer minder ſtark klang, als ein Hauch der Abendluft. Margarethe, die ſich allein glaubte, wandte ſich, Todes⸗ bläſſe auf dem Antlitz raſch um. Sie bebte, als ſie Frah Joſe unbeweglich wie eine Bildſaule erblickte; doch ſie glaubte das Wort, das er ausgeſprochen, ſchlecht gehört zu haben, denn Niemand hatte ſie mit dem Namen Ketha gerufen, ſeitdem ſie aus dem Hauſe ihrer Väter entführt worden. Ihre ſo ſüßen Erinnerungen ſtarben hin, als ſie das Gewand des Mönches ſah, und die düſtere Wirklichkeit kehrte in ihren Geiſt zurück. Auch der Dominicaner hatte geſchauert, als er das edle, ſchöne Antlitz von Margarethe erblickte, welche mehr dem Himmel 97 als der Erde anzugehören ſchien, denn ein göttlicher Ausdruck träumeriſcher Schwermuth herrſchte in ihren blauen Augen, ein trauriges Lächeln ſchwebte über ihren bleichen Lippen, und die Abgeſchiedenheit hatte ihre weiße Haut matt gemacht, wie die der Frauen des Norden. „Was wollt Ihr, mein Bruder?“ fragte ſie mit ſanftem Tone.„Ich habe mir einen letzten Augenblick der Einſamkeit erbeten, um mich auf das Opfer vorzubereiten, das man von mir fordert.“ „Ich komme,“ antwortete der Mönch mit hohler, beben⸗ der Stimme,„ich komme, um Euch zum letzten Male die Bitte Seiner Durchlaucht des Herzogs von Alba vorzutragen. Willigt Ihr ein, ſeinen Sohn Don Federigo, den glorreichen Beſieger der Ketzer, zu heirathen?“ „Nie! nie!“ erwiederte Margarethe kalt.„Ich habe dieſe meine unerſchütterliche Abſicht dem Statthalter ſchon er⸗ klärt.“. Und ſie ſchaute erſtaunt den ſeltſamen Boten des Herzogs an. Doch der Dominicaner hielt ſeine Kapuze ſorgfältig auf die Augen niedergeſchlagen. „Es iſt grauſam für einen Vater,“ ſagte er,„für einen Vater, der Euch Beide, Euch und ſeinen Sohn, mit gleicher Liebe umfaßte, der Euch Beide als ſeine Kinder betrachtete, einem ſolchen Widerſtand gegen ſeinen Willen bei einer guten Katholikin zu begegnen.“ ₰ „Meint Religion macht es mit zur Pflicht, die Ehre auzuſchlagen, die mir der Serzog von Alba erweiſen will,“ Der Erzähler 1848. 1. 7 . 98 erwiederte das Fräulein voll Adel.„Ich kann ſogar ſeinen Befehlen nicht gehorchen, da ich durch einen Eid meines Va⸗ ters gebunden bin „Eures Vaters! eines Rebellen! eines Ketzers!. „Dieſer Rebell, dieſer Ketzer, war mein Vater, würdiger Bruder, und vor Gott ſind alle Eide heilig. Der Graf von Lemée hatte feierlich geſchworen, ich ſollte mit dem Sohne ſeines Freundes, des Herrn von Brederode, getraut werden.“ „Sie hat das edle große Herz ihrer Mutter,“ dachte der Mönch, und wie von dieſem Gedanken fortgeriſſen rief er: „Ihr zieht alſo einen bettleriſchen Frieſen Don Federigo vor? Ihr verachtet nicht ganz und gar Eure Landsleute, welche die Caſtilianer als bestias und bellacos luteranos be⸗ handeln!“ In der Hitze det erſten Bewegung hatte er dieſe Worte in frieſiſchem Patois geſprochen, das er leichter als das Spa⸗ niſche zu ſprechen ſchien; aber er nahm ſeine Unvorſichtigkeit an dem Erſtaunen von Margarethe wahr, die ihm kalt und beinahe mit Verachtung antwortete: „Wißt Ihr nicht, Fray Joſe, daß ich dieſe Syrie nicht mehr verſtehe. Sprecht Srh wenn Ihr verſtanden ſein wollt.“ Die hohe Geſtalt des Mönches, der einen n Augenblich aufgerichtet hatte, beugte ſich abermals, die Flamme ſeines Blickes erloſch, ſeine Stimme, welche in einem wärmeren Tone geklungen, nahm wieder ihren ernſten Ausdruck an. „Verzeiht,“ ſagte er mit geheuchelter Demuth.„Ich ſprach in dem Patvis, das Ihr als Kind kanntet, das Euch 99 jedem Worte, wenn es von den Lippen Eurer Mutter kam, als eine Liebkoſung erſchien: ich wollte ſt ſagen, der Papſt könne Euch von dem vermeſſenen Gelübde entbinden, das Euch feſſelt.“ „Nein! nein!“ rief ſie. „Iſt es die Erinnerung an einen Rebellen, an jenen Henrik, was Euch hindert, den Eifer von Federigo von Alba für die gute Sache durch das Geſchenk Eurer Hand zu beloh⸗ nen?“ fragte Frah Joſe mit zitternder, immer ſchwächer wer⸗ dender Stimme. „Ich habe gewählt.“ „Henrik! habe ich dieſen Namen ausgeſprochen?“ berſetzte Margarethe.„Ihr täuſcht Euch, würdiger Fray. Ich würde mich den Erben der Vrederode wie den Sohn des Herzogs von Alba zu heirathen weigern. Ich will Gott allein mein Leben weihen. Glaubt indeſſen nicht, Ihr könnet mich täuſchen, mein Vater. Was der Statthalter begehrt, iſt mein Vermö⸗ gen, und dieſes wird Don Federigo ganz zufallen, indem ich zu Gunſten der Staaten feierlich darauf verzichte; und da mein Entſchluß bis zum vorletzten Augenblick nur dem Herzog von Alba bekannt geweſen iſt, ſo war er im Stande, alle noth⸗ wendigen Maßregeln zu ergreifen, um für einen geringen Preis ſämmtliche Güter meiner Ahnen zu erwerben.“ „Habt alſo den Muth, dieſes Opfer zu erfüllen, Tochter des Grafen von Lemée; fürchtet nicht, Eure Vüäter könnten den Deckel ihrer marmornen Gräber aufheben, um Euch dieſen Abfall vorzuwerfen Abraham opferte dem Herrn ſeinen Sohn Iſaak, ſeine Freude und ſeinen Stolz. Muth alſo!“ Und mit einem furchtbaren Ausdruck im Geſicht ergriff 100 er die kalte Hand von Margarethe, führte ſie an das Fenſter, das gegen den Hof ging, und ſprach, in ein bitteres Gelächter ausbrechend: „Seht hier hinab.“ Der Hof bot ein trauriges Schauſpiel. Er war voll von Allem, was lange Jahrhunderte in dem edlen Hauſe aufge⸗ häuft hatten; Geräthſchaften von geſchnitztem Holz lagen mit ihrer ganzen Schwere auf werthvollen Gemälden; Silbergeſchirr und eherne Prunkgefäſſe, deren Bewahrung der feudale Stolz ſich zur Pflicht gemacht hatte, erblickte man zerſtreut und mit Staub überzogen auf herrlichem Tapetenwerk von Brügge; dazwiſchen Spiegel, welche an den ſchweren, von ehrenvollen Beulen bedeckten und da und dort durchlöcherten Rüſtungen zerbrochen waren. Die Menge ſchaute bewegt und zitternd zu. Die ſpaniſchen Soldaten bildeten eine lebendige Mauer rings darum. Der Vrvetſchap del Rio und der Gerichtsſchreiber ſaßen auf dem Gerüſte. Schwarz gekleidet und die ſilberne Kette um den Hals, ſtanden die gerichtlichen Ausrufer auf beiden Seiten. Ein dumpfes Gemurmel erhob ſich aus allen Gruppen, während man die Vorbereitungen zum Verkauf be⸗ endigte. „Ich bitte, entfernen wir uns, ich kann dieſes düſtere Schauſpiel nicht länger anſehen!“ ſagte Margarethe, während ſie ihr Antliz mit den Händen bedeckte. „Bleibt und ſchaut!“ erwiederte der Dominicaner mit hartem Tone.„Man muß den Muth ſeiner Werke haben; man uuß den Kelch bis auf die Hefe leeren. Alle dieſe Reichthümer, geſtern noch heilig im Schloſſe Lemée, und jetzt — — 101 ſchon nur noch elende Trümmer. dies Alles iſt das Leben, es iſt die Vergangenheit Eurer Ahnen, die Ihr ohne Erbarmen in den Wind ſchleudert. Heute noch wird ein ge⸗ meiner Bauersmann aus dem ſilbernen Pokal trinkeg, den Adrian der Kreuzfahrer, dritter Graf von Lemée, von Sultan Saladin erhielt.„ „Oh! mein Gott! ſtehe mir bei!“ rief Margarethe. „Morgen,“ fuhr der unbeugſame Mönch fort,„morgen wird ein Jude auf den Teppichen gehen, worauf der Künſtler die Feier der Geburt Eurer Mutter dargeſtellt hat. Alle dieſe Familienportraits werden Gaſſenſche nken zieren. Dieſe alten Ritter, die man nicht feſt anzuſchauen wagte, werden Bier⸗ krüge an ihren grauen Bärten tragen.“ „Laßt mich! laßt mich!“ rief Margarethe voll Schrecken. Und ſie kniete ganz verwirrt vor dem Portrait ihrer Mutter nieder und ſprach:„Oh! verzeihe mir! derzeihe mir, meine Mutter!“ Das Geſumme der Menge hatte indeſſen aufgehört. Die Frieſen hatten bis dahin den Eintritt irgend eines ſeltſamen Ereigniſſes erwartet, das den ruchloſen Verkauf verhindern würde. Vergebens! die Stunde war gekommen. Der Gerichtsſchreiber las mit lauter Stimme das Protokoll der Verzichtleiſtung. Ein düſteres Stillſchweigen folgte auf dieſe Vorleſung, und ſchon ließ Meiſter Jonquille den Pokal von Sultan Saladin unter ſeinen dürren Fingern klingen, als eine kräftige Stimme mitten aus dem Volke ſich durch den Ausruf: 102 „Das Privilegium von Utrecht!“ hörbar machte. Und ein Donner von hundert Stimmen wiederholte als⸗ bald: „Das Privilegium! das Privilegium!“ „Wer hat ſo geſprochen?“ fragte del Rio, indem er, roth vor Zorn, auſſtand. „Derjenige, welcher das Privilegium von Utrecht fordert, trete vor!“ ſprach der Vroetſchap mit kaltem Tone. Niemand antwortete, Jonquille machte dem Gerichts⸗ ſchreiber ein Zeichen und dieſer ergriff raſch wieder das Per⸗ gament. Doch alsbald legte ſich ein ſtarker Arm auf den ſeinigen und ein kräftiger Fiſcher, genannt Peter van Verf, ſprach: k „Iſt das Geſetz heilig, oder genügt der Wille des Statt⸗ halters, um darüber wegzugehen?“ „Das Geſetz iſt heilig,“ antwortete der Vrvetſchap. „Nun wohl!“ ſagte Peter van Verf mit feſtem Tone, „ich rufe das Privilegium des Grafen als eines Bürgers von Utrecht an, ſo wie es von Seiner glorreichen Majeſtät Karl V. gegeben worden. Die Güter jedes Bürgers, der, wegen wel⸗ chen Verbrechens es auch ſein mag, durch die Hand des Scharf⸗ richters, öffentlich oder insgeheim, vom Leben zum Tode ge⸗ bracht worden iſt, dürfen nicht confiscirt werden. Die Erben haben das Recht, ſie gegen eine Buße von ſechs Pfund Flämiſch oder zwanzig Thaler franzöſiſche Münze wieder an ſich zu ziehen. Sind das nicht die Worte des Privilegiums„edler Vroetſchap?“ 103 „Es ſind die tertgetreuen Worte„ antwortete der Be⸗ amte. „Und Ihr werdet der Forderung dieſes Burſchen ent⸗ ſprechen?“ rief del Riv.„Vergeßt Ihr, daß der durchlauch⸗ tige Herzog unumſchränkter Herr iſt „Der Herzog von Alba iſt nicht Herr des Geſetzes, ſo lange Seine katholiſche Majeſtät Philipp II. es nicht wider⸗ rufen hat,“ entgegnete mit unempfindlicher Miene der Vroet⸗ ſchap.„Ich werde meine Pflicht zu erfüllen wiſſen, Doctor del Rio.“ Dieſer Vorfall belebte die Hoffnung wieder in vielen Berzen, und ein unruhiges Erwarten drängte alle Blicke und alle Gedanken bei dem Gerüſte zuſammen. „Ich widerſetze mich gewiß nicht dem Vollzug des Ge⸗ ſetzes,“ ſagte der Doctor mit einem verſchmitzten Lächeln,„doch mir ſcheint, da die Erbin Verzicht geleiſtet hat.... „Wer beweiſt das?“ unterbrach ihn der unerſchrockene van Verf.„Man hat ſie vielleicht eingeſperrt, um ihrem Willen Zwang anzuthun. Liſt oder Gewalt konnte ihr eine falſche Einwilligung entreißen. Die Gräfin Margarethe ſoll erſcheinen; ihr Mund kann vor uns nicht lügen, vor uns, die wir ſie, noch ganz klein, geliebt, und wir werden ihren Worten wie denen einer Heiligen glauben. Doch wir müſſen ſie ſelbſt erklären hören, ſie trete freiwillig das Dach ihrer Väter ab und laſſe ihre frieſiſche Habe verkaufen.“ „Dieſe Forderung iſt gerecht,“ ſprach der Vroetſchap. Der Doctor del Rio und der Gerichtsſchreiber ſchienen 104 ſich mit verlegenen Blicken um Rath zu fragen; Peter van Verf bemerkte es und rief mit dem Ausdruck des Triumphes: „Ohne Zweifel iſt ſie ſehr fern?“ „Ihr täuſcht Euch, ſie iſt hier,“ erwiederte trocken der Gerichtsſchreiber, der ſich vor dem kühnen Fiſcher fürchtete, denn er hatte ihn im Verdacht, er ſei ein geheimer Agent der Seegeuſen. Auf ein Zeichen des Rathes war Jonquille verſchwunden. Er begab ſich in das Zimmer, wo ſich Frah Joſe und Mar⸗ garethe von Lemée befanden, und theilte ihnen mit, was vor⸗ gefallen war. Alle drei ſtiegen ſogleich in den Park hinab, um geräuſchlos in den Hof durch eine kleine Thüre einzutreten, deren Anblick das Gerüſte beinahe maskirte. Sie kamen auf einen Fußpfad, der völlig von Gras und wilden Stau⸗ den bedeckt war, und als Margarethe junge Bäume erblickte, deren Zweige die ganz mit Schmarotzerpflanzen bewachſene Mauer überragten, ſprach ſie unwillkührlich ſeufzend: „Wie groß ſie geworden ſind! ſie verſchleiern nun die in der Mauer angebrachte Niſche der Jungfrau, in der ich mich verbarg, um meinem Bräutigam, dem kleinen Henrik, bange zu machen. Doch ſein Herz wußte ſtets zu errathen, daß ich hier war. Ach! die Niſche hat ſich nicht verändert, aber ſie würde mir heute kein Obdach mehr gewähren.“ Als ſie, ſich auf den Arm des jungen Mönches ſtützend, im Hofe erſchien, entſtand auf allen Seiten ein Geräuſch ſchmerzlichen Erſtaunens. Die Blicke der Menge hefteten ſich auf ſie zugleich neugierig und mitleidig. Sie zitterte, und der Mönch folgte allen ihren Bewegungen mit einem düſteren Auge, in dem ſich zuweilen eine ſeltſame Flamme entzündete. Jon⸗ quille allein beobachtete aufmerkſam den Dominicaner; er ge⸗ wahrte einen ſtolzen, geſchmeidigen Gang, der nichts von dem geheuchelten, feierlichen Ernſte der Inquiſitoren hatte; er ſah aus ſeinen langen braunen Aermeln weiße, nervige Hände her⸗ vorkommen, die, weit entfernt, ſich maſchinenmäßig zum Gebet zu falten, als er den Rath del Rio erblickte, zu beben und den Griff eines Schwertes zu ſuchen ſchienen. Er glaubte auch einen Blick des Einverſtändniſſes zwiſchen Frah Joſe und Peter van Verf zu bemerken. Margarethe fühlte indeſſen, wie ſie ihre Kräfte bei allen dieſen richterlichen Anſtalten verließen, und ſie ſank auf den Stuhl, der ihr borbehalten war. Der Mönch neigte ſich zu ihr herab und ſprach mit ſtrengem Tone: „Seid Ihr Eures Muthes ſicher, meine Schweſter? Der Herr will ſtarke Seelen vor der Prüfung. Alſo keine Schwäche!“ „Oh!“ ſprach ſie mit leiſer Stimme, indem ſie mit der Hand über ihre glühende Stirne ſtrich,„berzeiht mir, ich bin nur ein armes, ſchwaches, ſehr ſchwaches Mädchen. Hier habe ich als Kind gelebt, hier bin ich glücklich geweſen. Dieſes alte Schloß war mein Paradies. In dem traurigen Kloſter in Brüſſel iſt mein Herz im Gegentheil zu Eis geworden; ſogar die Sonne kam mir dort trüber und bleicher vor, als die von Friesland, und die Erinnerung, welche in allen meinen Träumen wiederkehrte, war die an dieſes Schloß und an das Zimmer, wo das Portrait meiner Mutter hängt; und als ich es ſo eben wiedekſah, oh! da fühlte ich mich zu glücklich 106 und befürchtete, es wäre auch ein Traum. Verzeiht mir alſo, mein Vater!“ In dem Augenblick, wo ihr der Fray antworten wollte, erhob ſich die Stimme des unempfindlichen Vroetſchap, um von Fräulein Margarethe von Lemée das förmliche Zugeſtänd⸗ niß ihrer Verzichtleiſtung zu fordern. „Ich bin nur noch die Schweſter Margarethe,“ antwortete ſte demüthig unter einem tiefen Stillſchweigen;„ich verzichte auf alle Güter dieſer Welt. Ich will dem Lauf des Geſetzes nicht widerſtreben.“ Die Menge hatte ſich noch nicht von dem Erſtaunen er⸗ holt, in das ſie die Worte des Fräuleins verſetzten, als der Gerichtsſchreiber den Huiſſiers zurief: „Beginnt den Verkauf.“ „Gut, meine Tochter,“ ſprach der Mönch zu Margarethe mit einem ernſten Tone, in dem ſich vielleicht eine bittere, verborgene Ironie hätte erkennen laſſen.„Die Kirche wird Euch Dank wiſſen für die fromme Entſchiedenheit, mit der Ihr Euerer Erbſchaft zu entſagen gewußt habt. Nichts hat Euer Herz erſchüttert; die Religion hat einen dichten, eiſigen Flor über die Zuneigungen Eurer Kindheit geworfen und ſie in Eurem Herzen wie in einem Sarge begraben. Muth! die Frieſin Ketha iſt todt für dieſe braven Leute, die ſie als Kind auf ihren Armen getragen haben.“ Sie ſchaute ihn ganz verwundert an. Die Stimme des Fray Joſe zitterte, als er dieſe Worte ſprach; doch ſchon hatten ſich ſeine Arme über ſeiner Bruſt gekreuzt, ſchon hatte ſich ſein Haupt in Demuth geneigt. Und überdies wurde die 107 Aufmerkſamkeit von Margarethe durch den Ruf des Huiſſier abgelenkt, der das Gebetbuch der Gräfin von Lemée ausbot, ein koſtbares Buch mit ſeinen goldenen Ausmalungen und ſeinen acht künſtlich gearbeiteten ſilbernen Beſchlägen, welche an einer Decke von blauem Sammet glänzten. Schon hatte der Jude ſeine Hand nach dieſem Meiſter⸗ werk der Kunſt ausgeſtreckt; doch er wich vor dem gebieteriſchen Blick des Mönches zurück, der auf das Gebetbuch deutete und Margarethe fragte: „Iſt dies nicht das Buch, in welchem Eure Mutter leſen und beten gelernt hat?“ Margarethe ſchauerte. „Werdet Ihr es an dieſen Juden verkaufen laſſen?“ fuhr er mit einem Hohnlächeln fort.„Ich denke, ein Gebetbuch iſt kein ketzeriſcher Gegenſtand und kann wohl Platz in der Zelle einer Nonne finden.“ „Ich kaufe es,“ ſprach ſie mit ſo ſchwacher Stimme, daß es nur der Mönch allein hörte. Er nahm das Buch aus den Händen des Gerichtsdieners, öffnete es und zeigte Margarethe die erſte Seite, worauf die Gräfin von Lemée gemalt war, und unter dieſem Bilde las ſie die mit zitternder Hand von ihrer Mutter geſchriebenen Worte: „Meiner vielgeliebten Tochter Ketha.“ Sie konnte der Erſchütterung nicht widerſtehen, und bren⸗ nende Thränen rollten über ihre Wangen. In dieſem Augen⸗ blick näherte ſich eine runzelige, ſchlecht gekleidete alte Frau dem Gerichtsdiener und ſagte mit einem einfältigen Lächeln: 108 „Mein guter Herr, ich will das Buch kaufen, ich will das Gebetbuch kaufen.“ „Geht, armes Weib!“ brummte der Huiſſier und ſtieß ſie zurück. Doch Margarethe hatte dieſe Stimme erkannt; ſie ſtand auf, ſtürzte auf die Unglückliche zu und rief: „Thea! Then! meine alte Amme, erkennſt Du mich? Ich bin Ketha, die Tochter Deiner guten Gebieterin. Oh! ſprich mir von meiner Mutter!“ Und leiſe fügte ſie bei:„Du haſt ſie nicht verlaſſen! Du haſt ſie ſterben ſehen!“ „Ketha iſt todt, todt; die Gräfin hat keine Tochter mehr! Warum ſollte ſte leben? Das Gras zerfrißt das Grab, Nie⸗ mand kommt dahin, um zu beten. Die alte Thea allein weint dort jede Nacht.“ 2 Dieſe Schauer erregende Scene zog aller Augen auf ſich. Die ſpaniſchen Soldaten rührten ſich nicht. Die Frieſen ver⸗ ſluchten in ihrem Innern den Herzog von Alba. Die Frauen weinten und die Kinder ſchrieen, als ſie ihre Mütter weinen ſahen „Das Gebetbuch!“ wiederholte Thea mit zitternder Stimme, indem ſie den Gerichtsdiener am Arm ſchüttelte. „Bezahlt es,“ erwiederte der Letztere voll Ungeduld. Bei dieſen Worten fielen die Hände von Thea kraftlos an ihrer Seite herab. Dann, als ob ihr plötzlich ein Gedanke gekommen wäre, lächelte ſie, machte mit einer naiven Geberde den vom Papſt geſegneten Roſenkranz von dicken Korallen⸗ kugeln, den letzten Schmuck ihrer Lumpen, los und reichte ihn 109 dem Gerichtsdiener, während ſchwere Thränen ihren Augen entſtürzten und über ihre gerunzelten Wangen liefen. „Dieſer Roſenkranz iſt keine drei Piaſter werth,“ be⸗ merkte Jonquille. „Stille, Jude!“ rief der Mönch.„Und Ihr, Ausrufer, gebt das Buch dieſer Frau; es iſt eine gute Katholikin; ſte behalte ihren Roſenkranz. Ich biete mehr auf das Gebetbuch.“ „Und ich?“ ſprach Margarethe mit ſchmerzlichem Tone und mit einem Blick des Vorwurfs zu dem Dominicaner. „Das iſt ein letztes Opfer des Herzens, das Ihr dem Serrn darzubringen habt,“ erwiederte der Mönch.„Der An⸗ blick dieſes Gebetbuches hätte zu viele Erinnerungen in Euch hervorgerufen und Euch in Eurem Glauben wankend machen können.“ „Oh! ich kann nicht mehr länger hier verweilen, ohne zu ſterben!“ rief Margarethe; und ſie erhob ſich mühſam, grüßte den Vroetſchap und den Rath, und entfernte ſich be⸗ gleitet von Frah Joſe. Als ſie wieder in dem Zimmer des Portraits waren, beobachteten Beide einige Minuten lang ein düſteres Stillſchweigen. Beider Geiſt ſchien von tauſend Ge⸗ danken beſchwert zu ſein, die ſie ſich nicht mitzutheilen wagten, und es fand ohne Zweifel ein furchtbarer Kampf in der Seele des jungen Mannes ſtatt, denn die Adern ſeiner Stirne ſchwollen an und ſeine Hände falteten ſich krampfhaft. Plötzlich wurde dieſe Stille durch ein langes, ſchrilles Pfeifen unterbrochen, das aus dem Zimmer ſelbſt zu kommen ſchien. Frah Joſe erbleichte und rief: „Ich bin verloren.“ 11⁰ „Großer Gott! was wollt Ihr damit ſagen?“ flüſterte Margarethe erſchrocken. „Daß ich nicht der Fray Joſe, daß ich kein Mönch bin,“ erwiederte der junge Mann mit einem wilden Gelächter, in⸗ dem er die Falten ſeines Gewandes in ſeinen Händen zer⸗ knitterte. „Wer ſeid Ihr denn?“ fragte Margarethe gegen den Balcon zurückweichend. „Wer ich bin, das fragt Ihr, Ketha?“ „Oh! ich habe bange, es zu errathen,“ ſprach ſie und legte ihre Hand auf ihr Herz, das ſie heftig ſchlagen fühlte. „Ja, ich bin Henrik von Brederode,“ ſagte der falſche Dominicaner,„Henrik, den Ihr an der Unruhe ſeines Tones und ſeines Blickes, welche die Lüge ſeiner Tracht verrieth, nicht erkannt habt, Henrik, der Euch liebt!“ „O mein Gott, das iſt die härteſte Prüfung!“ rief Mar⸗ garethe. „Ihr habt Recht, wenn Ihr ſagt, im Kloſter ſei Eure Seele in Eis verwandelt worden,“ fuhr Henrik fort.„Ihr habt alſo nie an mich gedacht? Dieſe Mönche haben mich alſo in Eurem Herzen ausgeſtrichen, wie fie die Erinnerung an Eure Mutter, die ſie vor Gram ſterben ließen, auslöſchten? Da Ihr ihnen zu Liebe Alles verleugnet habt, ſo verrathet mich heute. Ich werde mich glücklich fühlen, wenn ich durch Euch meinen Henkern ausgeliefert werde.“ „Ihr ſeid alſo ein Reformirter, S fragte Marga⸗ rethe voll Bangigkeit. „Oh! Ihr auch, Ihr habt auch bange vor nir?⸗ rief 111 Henrik mit einem furchtbaren Tone.„Der Name eines Refor⸗ mirten flößt Euch Furcht ein. Ja, ich bin einer von den verfluchten Söhnen Luthers... Und dennoch habe ich, um Euch zu ſehen, dieſes Gewand genommen, ich habe unter dem Kleide der Verfolger den Patrioten verborgen... Doch Ihr, Ihr habt nichts geahnet.“ „Ich werde Euch nicht verrathen, Henrik. Gott hat ſeiner Magd die Nächſtenliebe befohlen. Ich werde ſogar Eure Flucht unterſtützen.“ „Die Nächſtenliebe! Ich danke für dieſes Almoſen, doch ich bleibe, Ketha.“ „Oh! das iſt unmöglich!“ ſprach ſie. Und als er ſie mit einem höhniſchen Lächeln anſchaute, rief ſie bebend, als ob ſie der Donner Gottes rührte, um ſie für ihr Geſtändniß zu ſtrafen: „Weißt Du nicht, daß ich Dich liebe?⸗ „Du ſollteſt mich lieben!“ ſprach Henrik voll Entzücken. „Nein, nein, das iſt eine edle Lüge, durch welche Du mich zur Flucht zu beſtimmen und zu retten hoffſt. Komm mit mir, und ich werde Dir glauben.“ „Ich liebe Dich,“ ſtammelte ſie raſch.„Doch warum machſt Du gemeinſchaftliche Sache mit den Blutmenſchen, welche die Bilder Gottes und der Heiligen zertrümmern? Das ſind ruchloſe Verbrecher, Verworfene, die mich tödten würden, weil ich meine Religion liebe und fromm bin! Oh! ſage mir nicht, Du vermöchteſt mich zu beſchützen. Der Inquiſitor Vaquierdo hat mich wohl belehrt, wie die verruchten Anhänger Luthers die guten Katholiken marterten.“ 112 „Man hat Dich getäuſcht!“ rief Henrik. „Nein! nein! ich weiß Alles!“ entgegnete Margarethe mit einem ungläubigen Lächeln;„Einer beſonders von dieſen Menſchen iſt unbarmherzig und ſchrecklich,. eine Art von Zauberer, der allen Nachforſchungen entgangen iſt, der in ver⸗ ſchiedenen Orten zugleich und ſtets unter einer andern Tracht erſcheint. Dieſen Menſchen nennt man...4 Ihre Stimme ſank, ihr Blick wurde furchtſam, ihre Hände zitterten. „Man nennt ihn?“ fragte Henrik im höchſten Maße bewegt. „Ralf den Bilderſtürmer,“ flüſterte ſie beinahe unver⸗ ſtändlich. „Oh! die Feigen!“ rief Henrik, krampfhaft an der Schnur ſeines Mönchsgewandes zerrend, während Leichenbläſſe ſein Ge⸗ ſicht bedeckte. Man hörte zum zweiten Male pfeifen. Margarethe reichte dem Rebellen die Hand und ſprach mit würdevollem Tone: „Geht, Henrik, das Kloſter tritt zwiſchen uns, und wir dürfen nichts mehr auf dieſer Welt hoffen. Doch ich werde zu Gott für meine Mutter und für Euch beten, damit er Eure Augen dem himmliſchen Lichte öffne und Euch von der Verirrung zurückkehren laſſe.“ Henrik ſchaute ſie voll Liebe an, machte dann eine ver⸗ zweifelte Geberde, verließ das Zimmer und ſtieg raſch und kühn in den Hof hinab. In dem Augenblick, wo man zum zweiten Male hatte 113 pfeifen hören, erhielt der Doctor del Rio eine Botſchaft, die er mit tiefem Erſtaunen las und ſodann dem Vroetſchap übergab. „Ich erfahre,“ ſagte er ſich an das Ohr von Jonquille neigend,„ich erfahre, daß der ehrwürdige Fray Joſe bei Enchuſe von der Bande des hölliſchen Schurken Ralf des Bil⸗ derſtürmers feſtgenommen worden iſt. Wer mag der Menſch ſein, der es gewagt hat, hier die Rolle des Ehrwürdigen zu ſpielen und uns durch ſeine Liſt zu bethören?“ „Ein Ketzer; ich vermuthete es,“ erwiederte Jonquille. „Ein Bosquel!“ ſagte der Gerichtsſchreiber. „Man verhafte ihn, wer er auch ſein mag,“ rief del Rio auf den Mönch deutend, der unter das Volk geſchlüpft war. Doch dieſes Unternehmen war ſchwierig. Der Kreis der Soldaten löſte ſich, und die Caſtilianer ſahen ſich alsbald durch die unbewegliche Maſſe der Frieſen gehemmt, deren paſſiver Widerſtand Henrik vortrefflich unterſtützte, ſobald ſie begriffen hatten, daß der vorgebliche Mönch den Spaniern verdächtig war. Jonquille, den die Fäuſte von Peter van Verf nicht ſchonten, hatte ſich hinter den Vroetſchap geflüchtet. Die Menge, welche ſich unabläßig vor und hinter den Soldaten ſchloß, öffnete dem Dominicaner einen leichten Durchgang. Als der junge Mann bis zum Eingang des Schloſſes gelangt war, riß er ſein Mönchsgewand ab, und man ſah ihn in einem grünen Rock mit dem rothen wollenen Gürtel und dem langen Dolch der Seegeuſen. Er ſtieß einen Schrei aus, der um ihn Der Erzähler 1848. 1. 8 114 ein Dutzend ſeiner Parteigänger ſammelte, deren Schwerter unter der Menge flammten. Peter van Verf war verſchwun⸗ den. Einige Soldaten ſtürzten wie von unſichtbaren Händen getroffen nieder, und es entſtand ein furchtbarer Lärmen ge⸗ miſcht aus Schreien, Bitten und Drohungen. Luis del Rio zitterte bleich wie der Tod auf ſeinem Sitze, während der Vroetſchap ruhig ſeinen Gerichtsſtab aus⸗ ſtreckte, als wollte er dieſen Sturm beſchwören. „Rath, ſchau hinter Dich!“ rief nun Henrik. Ein röthlicher Schein fing an ſich über dem Schloſſe zu erheben. Der Tumult hörte einen Augenblick auf und aller Blicke richteten ſich nach dieſer Seite. „Feuer!“ rief del Rio erſchrocken. „Dieſer Brand läutere den ruchloſen Verkauf,“ ſprach Henrik mit feierlichem Tone;„die Hand der Spanier beflecke nicht die Verlaſſenſchaft der Grafen von Lemée!“ Und ſich auf ein Pferd ſchwingend, das man für ihn vor dem Thore des Schloſſes bereit hielt, verſchwand er wie ein Blitz. Eine Viertelſtunde nachher war der Hof leer und Jonquille ſah zu ſeinem Schmerz, wie das Schloß mit ſeinen Schätzen, ohne daß ſich ein Hinderniß entgegenſtellte, von den Flammen verzehrt wurde. Peter van Verf hatte, ehe er das Feuer angelegt, Fräulein Margarethe in den Park geführt. Der Doctor del Rio und der Vroetſchap brachten ſie in das Kloſter von Enchuſe, wo ſie ihr Gelübde ablegen ſollte. Da der Rath der Unruhen ein Opfer brauchte, das man für ein ſo ernſtes Ereigniß verantwortlich machen konnte, ſo zeigte der Jude den Gerichtsſchreiber an. Er ſchwur, dieſer 115⁵ Elende ſtehe in Verbindung mit den Bilderſtürmern, und er habe Zeichen des Einverſtändniſſes zwiſchen ihm und dem angeblichen Mönch wahrgenommen. Vergebens wollte ſich der arme Mann vertheidigen, vergebens betheuerte er, er ſei ein guter Katholik. „Biſt Du ein Katholik, ſo iſt das erſprießlich für Deine Seele,“ ſcheute ſich der Doctor del Rio nicht mit einem wilden Gelächter zu erwiedern. Und dieſe Antwort iſt berühmt gewor⸗ den in der Geſchichte der Thrannei des Herzogs Alba. Der Gerichtsſchreiber wurde zum Tode verurtheilt und in derſelben Stunde gehenkt. Jonquille behielt die zwanzig tau⸗ ſend Piaſter, die ihm der Geizige geliehen hatte. „ Drei Tage nachher wachte Fräulein Margarethe von Lemée allein in der Kirche des Kloſters von Enchuſe. Gegen ein Uhr Morgens warfen die grünen Kerzen, welche auf dem Altar brannten, und die am Gewölbe hängenden Lampen nur noch eine ſchwankende Helle auf die Zierrathen der Kapelle und auf die Tapeten und Teppiche, welche die zarte Architektur des heiligen Ortes verbargen. Ein rieſiges Crucifir erhob ſich mitten auf dem Altar, und der Blick des Mädchens konnte ſich nur davon abwenden, um wie ringsumher aufgeſtellte Schildwachen die Statue der Jungfrau, bedeckt mit reichen mit Edelſteinen geſtickten Gewändern, die heiligen Märtyrer, auf der Leinwand der Gemälde des Schiffes lebend, und die Engel des ausgemeißelten und gemalten Gewölbes, und die aus Eichen⸗ holz geſchnitzten Cherubim der Chorſtühle zu ſehen, welche ihre Gedanken und Geberden zu beſpähen ſchienen. Die Seele eines 116 Kindes konnte erſchrecken vor dieſem phantaſtiſchen Volke von Statuen und Bildern, denen die Schwankungen des Lichtes einen Anſchein von Leben gaben. Allein mitten unter einer todten Menge, fühlte ſie ſich lebendig bei den haſtigen Schlä⸗ gen ihres Herzens. Und dennoch wandte ſie ſich mehr als einmal um, da ſie ein unbeſtimmtes Geräuſch längs den Pfei⸗ lern hin laufen zu hören geglaubt hatte. Sie kniete auf den Stufen des Altars, prächtig ange⸗ than mit jenem trügeriſchen Putz, dem Emblem eines ſatani⸗ ſchen Gepränges, der am andern Tag zu ihren Füßen fallen ſollte, um für immer durch ein härenes Hemd und einen gro⸗ ben wollenen Rock erſetzt zu werden. Roſen blühten in ihren Haaren. Die Schminke röthete ihre Wangen. Ihr Leib von ſchwarzem Atlaß auf Goldbrokat ausgeſchnitten war mit großen Rubinen geknöpft. Sie trug enge Aermel mit Flügel⸗ ſpitzen um die Schultern, und andere hängende Aermel, welche Roſetten an der Seite feſthielten. Margarethe war göttlich ſchön in dieſer reichen Tracht. Doch vor ihr ſtand der mit ſchwarzem Tuch, worauf ſilberne Thränen, ausgeſchlagene Sarg, in den man ſie den andern Tag, bleich und bebend, legen ſollte; denn die Ceremonie dieſes Tags ſollte zugleich eine Beerdigung und eine Hochzeit ſein. Wird man mit Gott ge⸗ traut, ſo ſtirbt man für die Welt. Nichtsdeſtoweniger hätte ſie kurz zuvor dieſes Tuch, das ſie vor den Stürmen des Lebens bewahren ſollte und ihr beſtändig heitere Tage verſprach, mit Ruhe angeſchaut. Seit⸗ dem ſie Henrik wiedergeſehen, hatte ſich ihr Herz verändert. Sie begriff, daß viele Stunden der Unruhe und des Sturmes ———,ĩ.——————— ihre Seele in der Einſamkeit des Kloſters erwarteten, und ſie 3 betete zu Gott, dieſes Bild zu entfernen, das ſie bis in ihre Träume verfolgte. Doch das Bild verließ ſie nicht. „Oh! ich bin verdammt,“ rief ſie.„Das iſt der Dä⸗ mon, der mich verſucht. Das Kloſter wird für mich fortan nur ein Gefängniß ſein, und Gott wird meine Gebete wie Blasphemien verwerfen.“ In dieſer Minute glänzten zwei Augen hinter den Glas⸗ ſcheiben von einem der Fenſter der Kirche und ſchauten auf⸗ merkſam in das Innere. Als der Neugierige geſehen hatte, daß das Mädchen allein war, ſchwebte ein ſeltſames Lächeln über ſein fahles Geſicht, und er verſchwand. „Nun wohl, es ſei,“ fuhr Margarethe fort,„ich werde für eine Erinnerung leben und dieſe in meinem Geiſte tragen wie einen Schatz, den mir Niemand entreißen kann. Dieſer einzige Lichtſtrahl wird die Nacht meines Herzens erleuchten. Wenn ich ſchweigſam und barfuß auf den Platten des Kloſters zum nächtlichen Gottesdienſte ſchreite, werden meine Gefähr⸗ tinnen nicht wiſſen, was neben ihren eiſigen Herzen und ihren getrübten Blicken mein Herz ſchlagen und meinen Blick fun⸗ keln macht. Das Bild von Henrik wird mir ſtets gegenwärtig ſein, es wird mit mir gehen und mit mir beten. Oh! blind werde ich ihn noch durch das Herz ſehen. Mache nun mit mir was Du willſt, o mein Gott!“ Sie ſank erſchöpft durch dieſen Kampf der Liebe und der Religion an den Stufen des Altars nieder. Dann kam ihr der Gedanke, dieſe ſelbſtſüchtige Liebe ſei ein Verbrechen für eine Braut des Herrn, und wenn ſie dieſelbe ihrer Seele 118 nicht entreißen könnte, wäre es beſſer, auf das Kloſter Verzicht zu leiſten. Doch ſie fühlte wohl in ihrem Innern, ſie würde nie den Muth haben, nein! auf die feierlichen Fragen der Aebtiſſin zu antworten, die Stimme würde ihr fehlen vor allen den Fremden, welche eine Ablegung der Gelübde wie ein Schau⸗ ſpiel in die Kloſterkirche zieht. Nun erſt fühlte ſie, wie ſehr ſie allein und verlaſſen war; ſie ſagte ſich zu dieſer Stunde, wo ſie wachte, um zu leiden, ſchlafe Alles in der Welt um ſie her, von dem Kinde in der Wiege bis zu den Heiligen in ihren ſteinernen Niſchen. Doch ſogar in dieſem Augenblick falteten ſich ihre Hände durch eine erhabene Anſtrengung, und ſie ſprach mit lauter, glühender Stimme: „Nun wohl, ich werde die Braut des Himmels. Wohl werden meine Thränen häufig auf mein Scapulier fallen und Niemand wird mich beklagen. Henrik! ich werde ihn nicht mehr, nie mehr ſehen. Doch ich werde das Recht haben, für ihn zu beten und Gott zu bitten, er möge ihn zur Sühnung meiner Leiden glücklich machen.“ ann erhob ſie ſich. Doch plötzlich ſtand ſie, unbeweglich und die Augen ſtarr mit einer gewiſſen Angſt nach dem Hintergrunde der Kirche gerichtet, ſtille. Die Thüre war offen geblieben, nach dem all⸗ gemeinen Gebrauch katholiſcher Länder, damit zu jeder Stunde des Tages und der Nacht der Bettler eine Zufluchtſtätte, der Verbrecher ein Aſyl, und der Unglückliche Troſt in dem Tem⸗ pel des Herrn, deſſen Arme unabläßig über der Welt ausge⸗ ſtreckt ſind, finden könnte. Margarethe glaubte, ſie ſähe im Schatten ſeltſame Formen ſich bewegen, welche eine nach der 1¹9 andern geräuſchlos hinter den Pfeilern verſchwänden. Sie war auf dem Punkt, die am Hauptaltar mittelſt eines ſilbernen Ringes befeſtigte Lärmglocke zu läuten. Doch bei ihrer erſten Geberde des Schreckens wurde dieſe Menge ebenſo unbeweglich, als ſie ſchweigſam war. Kein Hauch, kein Wogen mehr in dem Tapetenwerk, nichts mehr. Margarethe erröthete über ihre Angſt und fragte ſich, ob es nicht eine Viſion ihres durch die Müdigkeit und die Pein eines ſo langen Wachens geſtörten Ge⸗ hirnes ſei. „Meine Furcht belebt alle dieſe ſteinernen Geſpenſter, die mich umgeben,“ flüſterte ſie mit dem Ende ihrer Lippen. Doch in demſelben Augenblick ſah ſie, wie aus der Erde kommend, vor dem Gitter des Chors drei Männer, welche an der Mauer hingeſchlichen waren, ohne daß ſie ihre Tritte hatte ſchallen hören. Sie wandte ſich raſch um. Drei andere ſtanden hinter ihr; nun hatten die Schatten Körper angenommen. Dieſe Menſchen waren mit Lumpen bedeckt, welche Margarethe weniger Mitleid als Schrecken einflößten, als ſie das furchtbare Arſenal von Piken, Senſen, Aexten und verroſteten Schwertern ſah, mit denen dieſe Leute bewaffnet waren. Sie blieben vor ihr ſtehen und ſchauten ſie mit roher Bewunderung an. „Eine Novizin, Ezechiel,“ ſprach der Eine. „Ein Opfer mehr,“ verſetzte der Andere. „Gut! wir werden ſie bekehren,“ rief der Erſte mit einem Hohngelächter. Der Schrecken hatte Margarethe wie verſteinert. Ihr Athem ſtockte. Ohne Lärmen, ohne Geſchrei, ſah ſie auf allen Seiten eine häßliche, zerlumpte Menge wirbeln, welche die Statuen 120 anfaßte, die Pfeiler umſchlang, ſich an die Gitter und Karnieße hing. Es war wie ein furchtbarer Traum. In welcher Ab⸗ ſicht kamen dieſe Menſchen? Waren es ruchloſe Diebe, welche die Kirche plündern wollten? Margarethe konnte dies einen Augenblick glauben, bald aber wurde ſie enttäuſcht. Die Zahl dieſer finſteren Geſellen vermehrte ſich raſch, und ſie umgaben das arme Kind mit einem gräßlichen Kreiſe. Man hätte glau⸗ ben ſollen, ein Engel wäre mitten in eine Truppe von Teufeln gefallen. Ihre auf die junge Gräfin gehefteten Blicke glänzten wie Flammen; doch keiner von ihnen ſchien keck genug zu ſein, um zuerſt Hand an die keuſche Jungfrau zu legen. Jeder erwartete von ſeinem Nachbar die erſte Geberde, das erſte Wort, jenem Funken endlich, der wie ein Laufpulver das elektriſche Fluidum entzündet, das ſtets bereit iſt, die Maſſen zu berauſchen, wie die Dünſte eines ſtarken Weines. Einer von ihnen endlich, der verwegener war als die Andern, berührte mit ſeiner ſchwüligen Hand, in einer Art von plumpen Galanterie, die mit den Haaren von Margarethe vermiſchten Roſen und ſprach: „Welch' ein ſchönes Kind! es wäre Schade, wenn man ein ſo hübſches Geſicht unter dem ſchwarzen Schleier vergraben würde.“ Die Röthe verletzter Scham übergoß mit ihrem Purpur die Wangen von Fräulein von Lemée, und der Freche hatte nicht ſobald dieſe Worte geſprochen, als Margarethe mit einer Geberde unſäglicher Verachtung die von ihm berührten Roſen aus ihren Haaren riß, ſie in ihrer vor Zorn zitternden Hand 121 zerknitterte und auf den Boden warf, während ſie dieſen Menſchen mit einem niederſchmetternden Blick anſchaute. „Die Beguine trotzt uns!“ rief er mit erſtickter Stimme, die Fäuſte ballend. Geblendet durch die Wuth vergaß er, daß er einer Frau gegenüberſtand. „Bruder Tobie! der Herr ſpricht: vergeltet das Böſe mit Gutem!“ rief hinter ihm eine ernſte, feſte Stimme. Die Arme von Tobie fielen nieder. Dieſe Stimme ſchien Margarethe nicht unbekannt. Der Kreis löſte ſich und gewährte einem Mann Durchgang, den ſie alsbald erkannte. Er unterſchied ſich von ſeinen Gefährten durch eine lange graue Sutanelle, welche mehr als eine katho⸗ liſche Kugel durchlöchert hatte. Unter dieſem gewöhnlichen Kleide armer reformirter Geiſtlichen war ſeine kräftig heitere Miene verſchwunden und hatte einem Ausdruck mhſtiſcher Be⸗ geiſterung Platz gemacht. „Peter van Verf hier unter dieſer Tracht, unter dieſen Menſchen!“ ſagte Margarethe.„Diejenigen, welche Euch des Einverſtändniſſes mit den Rebellen bezüchtigen, haben alſo Recht?“ „Meine Ankläger,“ erwiederte er mit dumßfem Tone, „ſind die Menſchen, welche aus mir einen Diener der Refor⸗ mation gemacht haben, mein Fräulein. Einſt war ich nur ein luſtiger Fiſcher und meine Netze genügten, um mich und meine Frau zu ernähren; doch ſeitdem dieſer Jonquille, dieſer Blut⸗ ſauger, meine Barke und meine Netze verkauft hat, weil ich von dem Ertrage meines Fiſchfangs die Auflage des zehnten Pfen⸗ nigs nicht bezahlen konnte, ſah ich bald den Hunger ſich zwiſchen uns an die Ecke unſeres eiskalten Herdes ſetzen. Doch das war noch nicht Alles. Der Wucherer jagte uns aus unſerer Hütte; ich ſah Frau und Kinder unter dem Winde und der Kälte ſterben. Da ſchwur ich, ohne Unterlaß meine Feinde durch das Wort und das Schwert zu verfolgen, und verband mich insgeheim mit der Truppe von Ralf.“ „Ralf, dieſes Ungeheuer!“ rief die arme Margarethe unter ihrer Schminke erbleichend, denn jetzt erſt begriff ſie, daß ſie ſich in der Mitte der Bilderſtürmer befand. Ein dumpfes Gemurmel durchlief die Reihen der Letztern. Doch Peter ſtreckte die Hand über dem Haupte von Margarethe aus und ſprach mit lauter Stimme: „Ehret dieſe Frau, denn es iſt die Tochter eines Mär⸗ thrers, des edlen Grafen von Lemée.“ „Margarethe, die Abtrünnige!“ rief Tobie mit wildem Tone;„ſie ſei verflucht! verflucht!“ Und ſeine Gefährten wiederholten mit demſelben Ausdruck wilder Verachtung: „Verflucht! verflucht!“ „Dieſe Verwünſchung falle auf Euch zurück, Ihr Kirchen⸗ räuber!“ erwiederte ſie mit ſtolzer Miene. „Wir ſind keine Räuber,“ ſprach Peter van Verf mit ſanftem Tone.„Umſtellt und gehetzt wie das Wild in den Wäldern, auf den Wogen, in den Sümpfen, ſind wir glücklich, wenn wir einen Sandhügel als Altar haben, um das Wort Gottes hören zu können. Die Forſte dienen uns als Tempel. Seht,“ fügte er ſich allmälig durch das Feuer ſeiner eigenen 123 Worte begeiſternd bei,„ſeht! wie die Papiſten das heilige Ge⸗ ſetz befolgen! Sie haben in den Tempeln Bilder und Ge⸗ mälde aufgehängt und vergoldete Statuen errichtet, an die ſie Gebete ſprechen, die ſie mit Blumen bekränzen, denen ſie als ihren hölzernen und ſteinernen Idolen Weihrauch anzünden, während ſie die wahren und lebendigen Ebenbilder Gottes, nämlich die armen Menſchen, zu Ehren dieſer Götzenbilder ver⸗ brannten!“ Die Angſt ſchloß Margarethe die Lippen. Die Bilder⸗ ſtürmer hatten die Worte ihres Geiſtlichen mit feierlichem Stillſchweigen angehört. Dann ſah ſie, wie ſie ſich auf ein Zeichen von Peter van Verf in der Kirche zerſtreuten und wie die Scene der Entweihung mit einem Stillſchweigen begann, das noch ſchrecklicher war, als der ſchrecklichſte Lärm. Die Gemälde wurden von den Wänden mit einer zauberhaften Geſchwindigkeit und Geſchicklichkeit abgenommen. Die Rahmen wurden zerbrochen, die Leinwand der Gemälde durch Piken⸗ ſtöße zerfetzt und zerriſſen und dann mit Füßen getreten.„ Peter van Verf heatte die Kanzel beſtiegen, und als das gottloſe Werk beendigt war, ſprach er mit begeiſterter Stimme: „Die Papiſten haben Handel getrieben mit der Erlöſung der Seelen.“ „Stille! ſtille! Gottesläſterer!“ auszurufen fand Mar⸗ garethe die Kraft in ſich. „Das Kind hat noch den blinden Glauben,“ erwiederte ohne Zorn der Prediger.„Die Liebe und das Leiden werden 124 ſie vielleicht bekehren. Gott allein kennt alle Mittel, die Herzen zu rühren.“ Entflammt von neuer Wuth, zerſtreuten ſich indeſſen die Bilderſtürmer in der Kirche. Peter van Verf ſtieg raſch von der Kanzel herab, näherte ſich Margarethe und ſprach mit leiſer Stimme: „Ich bin gekommen, um Euch zu retten.“ Margarethe wich voll Schrecken zurück, drückte ihre Hände an ihre Stirne, als wollte ſie ihre Gedanken ſammeln, und rief: „Nie! nie werde ich den Gott meiner Väter verleugnen! Das Heil, das Ihr mir bringen wollt, iſt die Verdammniß. Alle Eure Martern ſollen mich nicht erſchrecken, und Mar⸗ garethe von Lemée wird dem Geiſt der Finſterniß zu widerſtehen wiſſen.“ „Ihr verſteht mich nicht,“ erwiederte mit ſanftem Tone Peter van Verf, gerührt durch den Irrthum, den dieſe Worte verriekhen.„Ich bin gekommen, um Euch vom Kloſter zu erretten.“ „Ich glaube Euch nicht, entgegnete ſie mit begeiſtertem Tone.„Und überdies möchte ich nicht, und wäre es von der Folter, durch Menſchen gerettet werden, welche Gott läſtern. Würden diejenigen, die den Himmel angreifen, ein armes Mädchen zu betrügen ſich fürchten?“ „Ich bitte, beruhigt Euch,“ rief der Geiftliche.„Wenn unſere Gefährten dieſe unklugen Worte hören würden. 4 „Nicht wahr, Ihr wäret nicht im Stande, ihre Wuth zu bezähmen?“ fuhr ſie mit einem Lächeln der Verachtung fort. 125 „Die Heiligthumsſchänder hören nur auf die Stimme ihres Führers, wenn er ihnen zur Gewaltthat räth und ihren häß⸗ lichen Leidenſchaften ſchmeichelt. Doch beruhigt Euch, die Bilderſtürmer ſind zu ſehr auf ihr Werk erbittert, um meine ſterbende Stimme zu hören. Seht, ſeht nur!“ Und ſie ſtreckte die Hand gegen das Innere der Kirche aus und zeigte Peter van Verf die Fortſchritte der Verwüſtung. Es war ein gräßliches Schauſpiel. Die marmornen Cherubim fielen mit dem Geſicht auf die Erde. Die Heiligen erhoben zum Himmel nur noch berſtümmelte Arme. Die Füße und die Flügel der Engel zerbrachen auf den Platten. Es lag etwas Feiges, Häßliches in dieſer rohen Schlächterei, welche an Feinden von Stein, ohne Blick, ohne Stimme, ohne Wehr verübt wurde. Peter van Verf ſchaute dieſe Scene voll Ruhe an, und die Freude des Triumphes prägte ſich in ſeinen Zügen aus. Plötzlich ſchritt er auf die prächtige Statue der Jungfrau zu, welche bis jetzt alle ſeine Geführten verſchont hattem, und ſeine Hand zerknitterte und zerriß das mit Gdelſteinen beſetzte 4 Gewand. Stumm und unbeweglich um ihn verſammelt, bebten ſelbſt die Bilderſtürmer in dieſer Minute, und ihre Augen wandten ſich inſtinetartig dem Gewölbe zu, als erwarteten ſte es auf die Stirne des Ruchloſen herabſtürzen zu ſehen. Doch der Himmel rächte ſich nicht, und das Stillſchweigen wurde nur durch einen Schrei des Abſcheus geſtört, der den Lippen von Margarethe entſchlüpfte, welche die Hände ringend auf die Kniee gefallen war. „Es iſt wahr,“ ſagte Tobie endlich,„es iſt nicht recht, daß man Diamanten in die Augenhöhlen dieſer hölzernen Bild⸗ ſäule einfügt, während es uns an Lumpen fehlt, um uns zu bedecken „Und daß,“ fügte Ezechiel bei,„daß ſich die Finger dieſer Bildſäule unter Ringen von maſſivem Gold biegen, während ein einziges von dieſen Juwelen die Truppe einen ganzen Monat lang ernähren würde...“ Dieſe Worte wurden mit großer Begeiſterung aufgenommen; die Bilderſtürmer fielen über die Bildſäule her, und beraubten und verſtümmelten ſie wie die anderen. Das Werk der Zer⸗ ſtoͤrung war ſeinem Ende nahe. Das rieſige Kreuz ſtand allein noch aufrecht, und an ihm vergriff ſich nun die Wuth dieſer Wahnſinnigen. Doch durch die ungeheuren eiſernen Klammern, die es un dem Haupt⸗ altar feſthielten, waren die Anſtrengungen der Bilderſtürmer beinahe fruchtlos, und die Aexte machten nur ärmliche Ein⸗ ſchnitte in das Holz. Da forderte in einem Wuthausbruch Tobie, der mit einer herkuliſchen Kraft ausgerüſtet war, ſeine Gefährten auf, ihre Anſtrengungen zu verdoppeln, und er ſtellte ſich auf die Schultern von Czechiel, klammerte ſich mit den Füßen und Händen an, und erhob ſich langſam, bis ſein Geſicht den höchſten Punkt berührte. Dann umſchlang er das Kreuz mit ſeinen nervigten Armen, ſein Geſicht zog ſich auf eine häßliche Weiſe zuſammen, und er rüttelte auf das Heftigſte an der ſchweren Maſſe, deren Baſe durch die Artſtreiche erſchüttert zu werden anfing. 127 Bald wuchs die Wuth von Tobie durch die körperliche Eraltation und ward zum berauſchenden Wahnſinn. Je raſcher das Schaukeln wurde, deſto mehr forderte er die Bilder⸗ ſtürmer auf, mit aller Gewalt zu ſchlagen. Plötzlich vernahm man ein furchtbares Krachen, das die Seele aller Bilderſtürmer in Eiſeskälte erſtarren machte. To⸗ bie hörte es und bekam jetzt erſt bange. Die Augen ver⸗ glaſt vor dem Kreuze, an dem er im Raume hing und das unter ihm ſchwand, die Haare geſträubt auf ſeinem Kopfe, rief er mit heiſerer Stimme um Hülfe. Es war zu ſpät, das berletzte Kreuz zog den Ruchloſen in ſeinem Sturze mit hinab und Niemand konnte ihm dieſe Beute entreißen. Tobie hatte Zeit, zu begreifen, daß für ihn keine Rettung mehr möglich war. Das Bild des Todes zog vor ſeinem Geſichte hin; der Abgrund blendete ſeine Augen, das Blut ſtockte in ſeinen Adern. War es Feigheit oder Reue, man hörte ihn mit gebrochener Stimme rufen: „Herr, Herr, vergib mir!“— Dann verſchleierten ſich ſeine Augen, er ſtreckte die Arme aus und fiel. Erſchrocken wichen die Bilderſtürmer zurück, denn ſie glaubten an eine Rache des Himmels. Schon ſchickten ſich Feige an, zu entfliehen, als Gzechiel mit wilder Stimme ausrief: „Es iſt die Abtrünnige, die unſerem Bruder Tobie Un⸗ glück gebracht hat.“ „Ja, ja, es iſt die Novizin,“ riefen alle Bilderſtürmer: „man muß Tobie rächen.“ 128 Sogleich ſah ſich die junge Gräfin von Lemée von der wüthenden Truppe umſchloſſen und bedroht. Vergebens wollte ſie Peter van Verf vertheidigen. Man hörte nicht mehr auf ihn. Das junge Mädchen aber ergab ſich in dieſes Märthr⸗ thum, das Herz befeſtigt durch die ſo eben borgefallenen Scenen, und, um dieſe Prüfung auszuhalten, auf den Schutz des Gottes zählend, der den ruchloſen Tobie beſtraft hatte. In dieſem Augenblick hörte man die Tritte mehrerer Pferde, welche vor der Thüre der Kirche anhielten. Aller Augen wandten ſich nach dieſer Seite, und bald ſah man drei Männer, in Mäntel gehüllt und das entblößte Schwert in der Hand, eintreten. „Haltet ein!“ rief derjenige, welcher an ihrer Spitze erſchien.„Die Soldaten des Herzogs von Alba folgen uns auf der Ferſe. Es iſt kein Augenblick zu verlieren. Ihr müßt fliehen... auf der Stelle fliehen.“ Der Name von Ralf durchlief die Reihen der Stürmer. Margarethe ſchauerte; doch ſie beruhigte ſich bald wieder, als ſie wie eine göttliche Erſcheinung den jungen Mann uf ſich zuſchreiten ſah. „Henrik!“ rief das arme Kind. „Ketha!“ rief der edle Rebelle. Und ſie warf ſich in ſeine Arme, glücklich, gerettet durch die Gegenwart und die Hülfe desjenigen, welcher Alles für ſie war— der geheimnißvolle Gott ihres Herzens. „Rette mich!“ flüſterte ſie ihm mit einem Blick zu, aus dem die Liebe hervorbrach. „Wer ſollte es wagen, Dich zu betrohen? 24 ſprach Len 129 mit ſtrenger Miene umherſchauend.„Seit wann greift Ihr Frauen an, Ihr Leute? Wenn Euch an Eurem Heil gelegen iſt, geht!“ Keiner von den Bilderſtürmern wagte es, etwas auf dieſe Worte zu entgegnen, welche Befehle zu ſein ſchienen. Peter van Verf verſammelte ſie in einer Truppe, und eine Minute nachher waren Henrik und Ketha allein noch in der verwüſteten Kirche. Kam der Einfluß von Henrik auf dieſe rohen Leute der jungen Gräfin auch ſeltſam vor, ſo hatte ſie doch keine Zeit, um ihn hierüber zu befragen, denn ſogleich ſprach er“ „Höre, Margarethe, die Soldaten Alhas werden kommen; folge mir, ich entreiße Dich dem traurigen Schickſal, das Dir vorbehalten iſt.“ „Un öglich,“ erwiederte ſie mit einem düſteren Lächeln. „Es iſt nüzu ſpät. Du haſt wohl daran gethan, meiner letzten Stunde des Lebens und der Freiheit beizuwohnen, Henrik; doch ich bin Gott verlobt, und wir können nur im Himmel vereinigt werden. Wohl hätteſt Du ein Recht, mich zu ver⸗ fluchen, würde ich dem Willen des Herzogs von Alba nach⸗ gegeben und ſeinen Sohn geheirathet haben..4 „Den blutigen Federigo! 44 rief der junge Brederode mit einem Beben des Haſſes. „Oh! beruhige Dich, fuhr ſie ihren Gedanken verfolgend fort;„ich liebte ihn nicht; doch ſiehſt Du, ich bin von einer entehrten Familie, mein Vater iſt als Rebell und als Ketzer verurtheilt worden. Ich muß ſein Verbrechen dadurch ſühnen, Der Erzähler 1848. 1. 9 * 130 vaß ich meinen Gütern und allen Freuden dieſer Welt entſage⸗ Der Inquiſitor Jquierdo hat es mir wohl erklärt.“ „Er hat Dich getäuſcht, Margarethe,“ erwiederte Henrik; „bedenke, daß Du auf das Leben Verzicht leiſten ſollſt. Morgen werden Deine Haare unter der kalten Scheere der Aebtiſſin fallen; morgen wirſt Du vom Leben wie ein vom Baume abgeriſſenes Blatt getrennt und in das Grab eingeſchloſſen werden, wo das Herz unabläßig blutet und nur unter dem eiſigen Finger des Schmerzes ſchlägt. Doch weißt Du wohl, Margarethe, daß ich Dich genug liebe, um Dich dem Kloſter ſtreitig zu machen, wie dem, der ſolche Opfer verlangen würde? Oh! folge mir, denn bald werden dieſe Männer kommen.“ „Die Bilderſtürmer!“ rief ſie voll Schrecken.„Doch nein, ich fürchte ſie nicht. Die Soldaten des Herzogs werden mich gegen das Ungeheuer Ralf beſchützen.“ Henrik erbleichte, ein Schauer ſchüttelte ſeine Glieder. Plötzlich erſchollen zwei dumpfe Schreie, um ihn zu warnen, um ihm zu verkündigen, daß die Zeit enteilte und die Gefahr nahte; doch die Worte von Margarethe ließen ihn Alles ver⸗ geſſen. „Du haſt dieſen Mann nie geſehen,“ ſagte er;„wer hat Dir von ihm geſprochen, daß er Dir einen ſo tiefen Schrecken einflößt? warum verurtheilſt Du ihn, den Worten ſeiner Feinde Glauben ſchenkend? Vertheidigt Ralf nicht ſein Vaterland? War er zuweilen grauſam, ſo gebrauchte er nur Repreſſalien. Und wer kennt übrigens die geheimen Beweggründe ſeines Ver⸗ fahrens? Vielleicht hat er eine furchtbare Rache gegen die Spanier zu üben?“ 131 „Du bertheidigſt ein ſolches Ungeheuer!“ rief Margarethe zurückweichend.„Wie! der Menſch, der der Anführer der Banditen iſt, welche die Gottheit beleidigen, nachdem ſie ihre Geſchöpfe gemartert haben, der Menſch, welcher weder mit der Witwe, noch mit der Waiſe Mitleid hat... Henrik lächelte bitter und erwiederte. „Man beurtheilt ihn ſtrenge in Brüſſel, wie ich ſehe. Es ſcheint, das Blut befleckt mit einer röthereren Farbe die Lumpen der Bilderſtürmer, als den geſtickten Mantel der Ca⸗ ſtilianer und die ſchwarze Robe der Inguiſitoren.... „Nichts entſchuldigt dieſen Ralf,“ unterbrach ihn Mar⸗ garethe. „Man behauptet nichtsdeſtoweniger, dieſer Anführer ſei edelmüthig, er habe Mitleid mit dem Schwachen, er theile das Almoſen unter den armen Familien aus..„ „Raub und Plünderung iſt ſein ganzes Geſchäft,“ rief Margarethe. „Man behauptet auch, er ſei tapfer,“ entgegnete Henrik. „Glaube es nicht; es iſt ein Feiger! Er iſt vor Federigo bon Alba geflohen.“ „Oh! der Schändliche! der Schändliche!“ rief der junge Brederode, krampfhaft nach dem Griffe ſeines Schwertes faſſend. „Mein Gott, wo werde ich ihn wiederfinden!“ „Hier!“ antwortete eine trockene, höhniſche Stimme. Die zwei Liebenden wandten ſich um und erblickten Don Fede⸗ rigo von Alba an der Spitze ſeiner Compagnie, welche wäh⸗ rend ihres Geſpräches geräuſchlos in die Kirche eingetreten 132 „Ah!“ rief Henrik, in deſſen Augen ein Blitz der Freude glänzte,„nun iſt die Reihe an uns, mein Herr.“ „Elender!“ erwiederte Don Federigo mit kaltem Tone; „denkſt Du, ich werde Dir die Ehre erweiſen, mein Schwert mit Dir zu kreuzen? Man kneble ihn und ſchleppe ihn fort!“ „Ihr täuſcht Euch, hoher Herr,“ ſprach Margarethe, indem ſie ſich zwiſchen Beide warf.„Er iſt es, der mich gegen die Bilderſtürmer beſchützt hat, er, Henrik.“ „Henrik!“ wiederholte der Spanier mit einem Lächeln grauſamer Verachtung.„Ihr vertheidigt dieſen Banditen, edle Margarethe?“ „Dieſer Bandit iſt ein hochherziger Edelmann,“ rief die junge Gräfin, während Henrik einen Finger auf ſeine Lippen vrückte, um ihr Stillſchweigen aufzuerlegen. „Er ein Edelmann!“ entgegnete Don Federigo, und brach in ein ſchallendes Gelächter aus.„Dann wäre ſein Wappen⸗ ſchild ſchändlich beſchmutzt. Es iſt ein unbekannter Bauer, dem ſein Recht durch den Strang widerfahren ſoll, einer von den Fanatikern, welche Flandern zum Aufruhr antreiben und mit ihrem Kriegsnamen eine Armee auf die Beine bringen. Doch endlich ſind wir ſeiner habhaft geworden, und unſern Händen ſoll er nicht mehr entkommen.“ „Wie nennt Ihr ihn denn?“ fragte Margarethe voll Angſt. „Ralf den Bilderſtürmer!“ antwortete Don Federigo. „Ralf den Vilderſtürmer!“ wiederholte Margarethe, in⸗ dem ſie den jungen Grafen mit irren Augen anſchaute.„Oh! Ihr lügt. Nicht wahr, ſie lügen, Henrik? Es iſt eine Ver⸗ 133 leumdung, ich glaube ihnen nicht. Aber ſag' ihnen doch, daß Du Henrik biſt.“ „Henrik iſt alſo ſein wahrer Name?“ fragte der Sohn des Herzogs von Alba.„Es iſt gut, Margarethe, Ihr könnt den Richtern, die man mit dieſer Angelegenheit beauftragen wird. Aufklärung geben 4 „Stille!“ unterbrach ihn Ralf mit ſtolzem Tone, indem er Margarethe ein gebieteriſches Zeichen machte.„Ich werde mein Leben nicht einmal um den Preis einer Lüge erkaufen. Ich bin Ralf der Bilderſtürmer und habe keinen andern Namen. Ich bin kein Rebelle, ſondern ein flämiſcher Patriot, den weder das Beil, noch der Scheiterhaufen zu erſchrecken ver⸗ möchten.“ „Ralf! er!“ wiederholte Margarethe, und ſie ſtürzte ohn⸗ mächtig, ſterbend zu Boden, als ſie dieſes Bekenntniß aus dem Munde von Henrik vernahm. Don Federigo ließ ſie in eine Sänfte tragen, Ralf wurde auf ein Pferd gebunden, und ſie brachen insgeſammt ſogleich nach Brüſſel auf. Bis der Prozeß gegen den furchtbaren Bilderſtürmer begann, ſchleppte man ihn in den finſterſten Kerker des Palaſtes. Eines Abends knarrte die Thüre von Henrik auf ihren durch die Feuchtigkeit verroſteten Angeln. Er glaubte, der Kerkermeiſter käme, um ihn zu holen, er hätte vor ſeinen Richtern zu erſcheinen, und dankte ſchon Gott, daß man ihn endlich aus der übelriechenden Atmoſphäre, die ihm den Athem hemmte, wegführe; doch er wurde in ſeiner Hoffnung getäuſcht. — 134 Seine Augen ſchloßen ſich wie geblendet durch das ſcharfe Licht einer Fackel, woran er nicht mehr gewöhnt war. Eine weiße Hand legte ſich auf die eiſerne Stange, welche die Thüre ver⸗ riegelte, und ein Schrei des Schreckens entſchlüpfte einer Stimme, die Henrik ſogleich erkannte: es war die von Margarethe. „Was macht die Adoptibtochter des Herzogs von Alba hier?“ fragte er mit bitterem Tone. Doch Margarethe beſaß nicht die Kraft, zu antworten. Die Flumme der Fackel hatte das Gräßliche der ſchwarzen, feuchten Wände des Kerkers beleuchtet. Die beiden Arme des Gefangenen waren wie eingerahmt in zwei ungeheure, an die Wand gelöthete eiſerne Ringe. Um nicht ſchmerzlich aufge⸗ hängt zu ſein, bogen ſich ſeine Beine auf einen Haufen Stroh, das von eiskaltem Waſſer durchnäßt war, welches von der Erde eindrang und von den Wänden ausgeſchwitzt wurde. Die Waſſertropfen, welche ſenkrecht von dem Gewölbe auf das Haupthaar von Henrik herabfielen, mußten dieſem grauſame Schmerzen verurſachen. „Nicht wahr, das erſchreckt Euch,“ ſagte der junge Mann.„Die Platten des Kloſters ſind minder eiſig, als dieſe nackte Erde. Das iſt die Leutſeligkeit der Diener des Königs!“ „Laßt dieſen ſpöttiſchen Ton, bei dem mir bange wird, Henrik, und faßt wieder Vertrauen,“ ſprach Margarethe zit⸗ ternd.„Ihr ſeid ſtrafbar geweſen, doch eine aufrichtige Reue kann Alles wieder gut machen...4 „In Euren Augen, armes Kind,“ unterbrach ſe der —,— ——————— ———————————.——————. 135 Gefangene mit ſanfterem Tone.„Aber dieſe Spanier haben ſtählerne Herzen und werden nur verzeihen, wenn ſie meinen Leib am Galgen haben hängen ſehen.“ „Ihr ſeid grauſam, Henrik. Ich kann Euch für Euer Leben ſtehen, denn ich komme im Auftrag desjenigen, deſſen Wille ſelbſt im Rathe der Unruhen gebietet.“ „Ja,“ erwiederte Henrik, indem er ſeinen Blick feſt auf das milde Antlitz von Margarethe heftete,„doch ohne Zweifel werden ſich die Räthe nicht mit einer moraliſchen und ſtummen Reue begnügen; man wird ihnen einige materielle Beweiſe geben müſſen.“ Getäuſcht durch den ruhigen und halb überz zeugten Ton des jungen Mannes, flüſterte Margarethe, die Augen nieder⸗ ſchlagend: „Sie verlangen eine feierliche und öffentliche Abſchwörung, Henrik!“ „Das iſt nicht viel... Aber ſollten dies wirklich alle ihre Bedingungen ſein?“ „Nein,“ antwortete ſie mit einem gewiſſen Zögern;„Ihr müßt auch erklären, wer Eure Witſchuldigen ſind, wo ſie ſich aufhalten, und welche Loſungszeichen ſie haben, um den Frieden den unglücklichen, durch alle dieſe Unordnungen mit Verwir⸗ rung und Blut heimgeſuchten Provinzen wiederzugeben.“ „Ja, eine Denunciation, ich begreife das,“ ſagte Henrik, „nur hiefür würde man mir das Leben zuſichern.. Oh! es iſt in der That ein ſchönes Ding um das Leben, Ketha!“ fügte er bei, während ſeine Bruſt von ſchmerzlicher Erſchütterung anſchwoll. 136 „Henrik, mit welchem Blick, mit welchem Ton ſagt Ihr mir das!“ rief Margarethe. „Doch wozu leben, wenn man jede Hoffnung auf irgend ein Glück verloren hat!“ fuhr der Gefangene fort.„Warum ſein Leben durch einen ſchändlichen Ruf erkaufen? denn was Ihr mir vorgeſchlagen habt, iſt ganz einfach die größte Feigheit, die ein Menſch begehen kann. Mein Vaterland verkaufen! alle diejenigen ausliefern, welche ſich mir anvertraut haben! und auch dieſer Vorſchlag iſt noch eine Falle, denn es gibt nur eine einzige Buße, die mich in den Augen der Inquiſi⸗ toren abſolviren kann, und dieſe Buße, Ketha, iſt der Tod!“ „Der Tod!“ wiederholte ſie voll Schrecken;„glaubſt Du denn das wirklich, Henrik?“ „Leiſer! leiſer!“ ſprach der Sh„Ich vergaß, Dir zu ſagen, daß im nächſten Kerker ein anderes Opfer liegt, das vielleicht in ſeinem Schmerz entſchlummert iſt. Es gibt heute wenig leere Plätze in den Kerkern. Doch dieſe gräß⸗ lichen Todeskämpfe ſind der Schmach vorzuziehen. Die Räthe haben ihre Zuflucht zu Dir genommen, weil ſie dachten, mein Herz ſei ſchwächer als mein Muth. Du ſiehſt nicht, daß ſie gern mit meiner Schande prunken möchten, daß ſie ſtolz darauf wären, wenn ſie mich bleich, zitternd, einen Abtrünnigen von meiner Sache, auf den Knieen vor dieſen Bildern, die ich verleugnet habe, ſehen würden! Doch ſtille! mein Unglücks⸗ gefährte erwacht.“ Sie horchten und hörten bald eine ſchwache, zitternde Stimme Pſalmen Dabids ſingen. „Wenn Du wüßteſt, wie die Schwäche des hohen Alters 137 dieſen Mann in der Kraft der Jahre niedergeworfen hat!“ ſprach Henrik.„Er iſt kahl geworden; durch gräßliche Martern gelähmt, iſt ſein Leib nur noch eine Wunde. Und dennoch beklagt er ſich nicht. Er betet, und das verleiht ihm Muth. Er iſt ſo hinfällig, daß man ihm ſeine Ketten abgenommen hat. Seit einem Jahr arbeitete er daran, einen Spalt in der Mauer, die dieſe zwei Kerker trennt, zu Wege zu bringen. Geſtern vollendete er ſein Werk; er ſprach mit mir, und als er meine Antwort hörte, rief er mit unausſprechlicher Freude: „„Oh! ich bin nicht mehr allein!“. „Wie ſanft iſt ſeine Stimme!“ ſagte Margarethe, welche Thränen am Rande ihrer Augenlider zittern fühlte;„ſie er⸗ ſchüttert das Herz“ Der Geſang hörte in dieſem Augenblick auf; doch als⸗ bald näherte ſich der fromme Gefangene der Mauer, welche die beiden Kerker trennte, und richtete mit einem beinahe feier⸗ lichen Tone an Henrik die Frage: „Gefährte, ſeid Ihr ein Flamänder?“ „Ich bin aus Friesland* antwortete der junge Bre⸗ derode. „Aus Friesland!“ wiederholte bewegt die Stimme des Gefangenen;„und welches Verbrechens wegen ſeid Ihr in Baft? Ohne Zweifel wegen des Verdachts der Ketzerei, wie ich?“ „Mein Verbrechen iſt größer,“ erwiederte Henrik.„Wißt Ihr denn nicht, welche Ereigniſſe ſeit einigen Jahren in Flandern vorgefallen ſind?“ „Ach! für mich haben die abgelaufenen Jahre nur einen einzigen Augenblick gehabt, und dieſer Augenblick hat ein⸗ — 138 Jahrhundert gedauert. Früher verſuchte ich es, die Tage und die Nächte meiner Gefangenſchaft zu zählen; doch hier iſt die Nacht ewig. Man hat mich vergeſſen, und ich habe unbe⸗ weglich, ſtumm, vergraben, wie ein bösartiges Gewürm in dieſen Eingeweiden von Steinen gelebt, das Herz zernagt durch die unabläßige Erinneruug an meine Familie und weinend über mein geknechtetes Vaterland... „Flandern hat ſich empört und wird bald frei ſein,“ ſprach Henrik voll Feuer.„Die Scheiterhaufen der Inquiſition haben Märthrer für die Reformation erzeugt. Der Graf von Barlaimont hat uns als Bettler*) behandelt, und wir haben uns durch dieſen Namen verherrlicht. Und den hoͤlzer⸗ nen Napf am Gürtel, den Zwerchſack auf der Schulter, den Bart geſchoren, in groben grauen Wollenſtoff gekleidet, Bettler um die flämiſche Freiheit, ſind wir durch Stadt und Land gezogen, um Feinde für Spanien zu rekrutiren.“ „Großer Gott! was ſagt Ihr?“ murmelte die erloſchene Stimme des Gefangenen. „Ich ſage, daß die Niederlande vom ſpaniſchen Joch be⸗ freit ſein werden!“ rief Henrik. „O mein Gott! die Träume meiner Jugend würden alſo verwirklicht! Man ſchlägt ſich für Flandern, und ich bin nicht frei, ich habe kein Schwert!“ ſagte der arme Gefangene „Sei geſegnet, o junger Mann, denn alle meine Leiden werden durch eine ſolche Kunde aufgewogen. Doch wer biſt Du *) Gueux, Bettler, wonach ſich ſodann der Bund der Geuſen nannte. 139 denn, Du, der Du Dein Vaterland ſo edelmüthig verthei⸗ digſt?“ „Ich heiße Henrik von Brederode,“ erwiederte der junge Mann mit ſanftem Tone. „Henrik! Henrik!“ rief der Gefangene mit einem Ausbruch des Erſtaunens und unſäglicher Freude.„Der Sohn meines Freundes, des Herrn von Brederode! Du biſt hier Gefangener, wie ich in ein Grab herabgeſtiegen! Oh! Du kannſt mir von ihnen ſprechen, die ich nicht vergeſſen habe, denn ſie haben ſtets an meiner Seite wie ſchweigſame geliebte Geiſter ge⸗ wacht!“ Henrik und Margarethe ſchauten ſich bleich, bebend bei dieſen mit der wilden Freude des Irrſinns ausgeſprochenen Worten an. Sie fürchteten zu begreifen. Henrik hatte nicht die Kraft, auf der Stelle zu antworten. Sie hörten das Schlagen ihrer Herzen in dem Schweigen des Kerkers, das nur durch das düſtere Gräupeln des Waſſers, das vom Gewölbe fiel, unterbrochen wurde. „Wer ſeid Ihr denn?“ fragte endlich Henrik. „Der Graf von Lemée,“ rief der Gefangene,„der Freund Deines Vaters!“ Ein furchtbarer Schrei entſchlüpfte den zwei jungen Leuten doch Henrik ſprach kräftig: „Unmöglich! Ihr wollt uns täuſchen. Er iſt todt, todt ſeit langer Zeit.“ „Todt für die Welt, es iſt wahr,“ erwiederte der Ge⸗ fangene mit dumpfer Stimme,„doch nicht für ſeine Henker, 140 welche lange Zeit an ihm die ihrer Martern er⸗ ſchöpft haben.“ „Gräßlich! gräßlich!“ rief Henrik. „Mein Vater! mein Vater!“ rief Margarethe, während ſie, von einem Nervenbeben ergriffen, ihre Stirne an die eiſige Scheidewand lehnte. „Welche herzerſchütternde Stimme habe ich gehört!“ ſagte der Gunf„Oh! mein Kopf verwirrt ſich; es iſt ohne Zweifel eine Täuſchung. Du biſt allein, Henrik! hintergehe mich nicht; ſprich mir von ihnen. Wenn Du fühlteſt, welche Tantalusqual es iſt, zu wiſſen, daß das menſchliche Leben ſich um Dich bewegt, ohne daß Dein Blick dieſe ſchwarzen Mauern durch⸗ dringen, ohne daß Dein Mund eine reine Luft unter dem Himmelsgewölbe einathmen kann, ohne vaß Deine Arme die Weſen, die Du geliebt, an Dein Herz zu drücken vermögen! Oh!“ fügte er mit einem Ausdruck der Verzweiflung bei, „wenn ich bedenke, daß ich ſicherlich in dieſem Grabe ſterben und nie mehr die theuren Stimmen meiner Frau und meiner Tochter hören werde! Doch Du antworteſt mir nicht, Henrik!“ „Ich bin nicht allein, Graf von Lemée!“ ſagte der junge Mann. „Ich täuſchte mich alſo nicht?“ fuhr der Gefangene fort. „Es kam mir vor, als hörte ich eine Stimme ſo ſanft wie 3 von Ketha! Oh! wenn ſie an mich dächte! Doch vielleicht lacht ſie, ſingt ſie, iſt ſie glücklich zu dieſer Stund⸗ Margarethe fühlte ſich ſterbend. „Sie iſt glücklich,“ ſprach Henrik mit hartem au — 141 „ſie hat ihren Vater vergeſſen, von dem ſie glaubt, er habe einen gerechten Tod unter dem Eiſen der Spanier erlitten. Sie iſt eine Novizin!“ „Gnade!“ murmelte ſie. „Die Adoptibtochter des Herzogs von Alba!“ rief er mit einer Donnerſtimme.. „Oh! Du lügſt, nicht wahr, Du lügſt?“ ſprach der Graf mit ſchmerzlichem Erſtaunen. 8 „Nein, nein! glaubt ihm nicht, mein Vater,“ rief nun Margarethe, ihr tödtliches Erſtarren abſchüttelnd. Und ſie preßte ihre weißen, ſchwachen Hände an den Spalt der Mauer, als wollte ſie die Oeffnung erweitern. Das Blut ſprang aus ihren roſigen Nägeln, ohne daß ſie darauf merkte.„Glaubt ihm nicht.. Eure Tochter liebt Euch, ſie hört Euch, ſie wird Euch retten!“ „Meine Tochter! o mein Gott! wäre es möglich? Sprich doch, Henrik; treibe nicht Dein Spiel mit einem armen Ge⸗ fangenen.“ Und ſeine Augen ſtrahlten wie belebt vom göttlichen Feuer der Jugend; ſeine gerunzelten Hände griffen krampfhaft nach der Maner. Sein Herz hing an den Lippen von Henrik. „Es iſt Eure Tochter Ketha, die mit Euch ſpricht, Graf von Lemée,“ ſprach ernſt der junge Brederode. „Meine Tochter!“ ſagte der Gefangene.„Wie! ſie iſt hier in meiner Nähe? Und ich kann ſie nicht ſehen, und ich kann ſie nicht an meine Bruſt drücken! Oh! Ihr Henker, zum erſten Male verfluche ich Euch! Doch daß ich wenigſtens Deine Stimme höre, Ketha, mein Kind! Sage mir, daß 142 Henrik gelogen hat, daß Du eine gute Patriotin biſt, daß Du das Verbrechen Deines Vaters theilſt.“ „Nein!“ flüſterte Margarethe mit peinlicher Anſtrengung; „ich werde meine Lippen nicht durch eine Lüge beflecken. Man hat mich den flämiſchen Patriotismus als eine Empörung be⸗ trachten gelehrt, und bis auf dieſen Tag mußte ich dem, was man mich lehrte, Glauben ſchenken. Heute ſehe ich, daß ich getäuſcht worden bin. Die Sache, der ſich zwei ſo edle Herzen geweiht haben, muß eine heilige ſein. Um den Preis meines Lebens ſollt Ihr Beide gerettet werden.“ In dieſem Augenblick trat der Kerkermeiſter ein und ſprach mit rauhem Weſen: „Mein Fräulein, die Stunde iſt vorüber, Ihr müßt gehen.“ Der Graf hatte nichts geantwortet, doch Margarethe hatte ein erſticktes Schluchzen in ſeinem Kerker gehört. Sie hob in ihren kleinen Händen die ſchweren Ketten von Henrik auf und drückte, das Herz voll von einer heiligen Begeiſterung, die Lippen darauf. Dann folgte ſte dem Kerkerweiſter, und die Thüre ſchloß ſich hinter dieſem edlen Kinde, das die Hoffnung mit ſich fortzutragen ſchien. Diesmal erſchrak ſie weder über die gekrümmten Treppen, auf denen ſie gehen mußte, noch über die langen ſchwarzen Gänge, welche mit Gräbern beſetzt waren, deren Gäſte lebten. Die Gefängniſſe bildeten in der That die unterirdiſchen Gewölbe des Palaſtes, und der Statt⸗ halter und ſeine Miniſter hatten beſtändig den Fuß auf ihren Opfern. Sobald ſie in den inneren Hof gekommen war, ſtieg Margarethe eine Geheimtreppe hinauf, welche an eine ——— eiſerne Thüre führte, die von einem jener ganz und gar dem Herzog Alba ergebenen Helebardiere bewacht wurde. Sie ſagte zu der Schildwache ein Wort, und ſogleich ſenkte ſich die Pike Sie drückte ſodann an einem meſſingenen Knopfe, der an der Thüre angebracht war, und die Thüre öffnete ſich und ſie be⸗ fand ſich in einem ſchwarzen Cabinet, das jenen engen, unſe⸗ ligen Gallerien fürſtlicher Paläſte glich, wo der Dolch eines eiferfüchtigen Königthums verdächtige Helden erwartete, oder wo der Strick von Stummen ſich geſchickt um den Hals zu glücklicher Paſchas oder zu volksthümlicher Weſſire ſchlang. Da erſt zitterte das Mädchen, das ſo muthig die verpeſtete Luft der Kerker eingeathmet und das Stöhnen und die Got⸗ tesläſterungen der Gefangenen gehört hatte Nur ein einfacher Vor⸗ hang von Lampas trennte die junge Gräfin von dem anſtoßen⸗ den Saal, und dennoch wagten es ihre Hände nicht, ihn auf⸗ zuheben. Dieſer Saal war der Verſammlungsort des Rathes der Unruhen. Von hier gingen die Sprüche aus, die ihm den Beinamen des Blutgerichts gegeben hatten. Margarethe hörte jedoch ruhige, gelaſſene Stimmen in dem unſeligen Ge⸗ much, und nun, da das Leben ihres Vaters und das ihres Bräu⸗ tigams auf dem Spiele ſtanden, erfaßte ſie die Neugierde im Herzen, und das, was ſie vernahm, war ſo gräßlich, daß ſie ohne Erbarmen für ſich ſelbſt horchte. In Erwartung der Ankunft des Statthalters gingen die Räthe Juan de Vargas, der Licentiat, und der Doctor Don Luis del Rio, vertraulich plaudernd, im Saale auf und ab. „Ihr behauptet alſo,“ ſagte Vargas,„wir haben noch fünfzehntauſend ſchwebende Prozeſſe..“ 144 „Das Beil wird ſtumpf werden an allen dieſen Perga⸗ menten, Senor Juan.“. „Zum Glück gibt es noch etwas Anderes,“ erwiederte Vargas,„wie unſer College Heſſels ohne zu erwachen ſagt: Ad patibulum! an den Galgen. Das iſt unſer Mittel. Ich empfehle Euch den Schurken Peter van Verf, der eine Rede gegen mich hat anſchlagen laſſen.“ „Und die Confiscation!“ fuhr del Rio fort.„Wir ge⸗ winnen dabei genug, um die Grandeſſa zu kaufen, denn es iſt nicht anſtändig, daß die Räthe des Herzogs von Alba einfache Ricos⸗homes ſind.. Ah! Senor Juan, ich empfehle Euch den geizigen Albrecht von Harlem, der ſeine Juwelen vergraben hatte, um ſie uns zu entziehen, der Verräther!“ „Ihr ſeid ein gewandter Richter, del Riv.“ „Man muß wohl leben, Senor Licentiat. Und Ihr, ſeid Ihr nicht der furchtbarſte Ketzerſpürer?“ „Ich rechne mir das zum Ruhme,“ ſagte Vargas.„Und ich bin ſogar hinreichend von meinen Pflichten durchdrungen, um Euch zu bemerken, daß Euch das Wohl des Staats nit t genug am Herzen zu liegen ſcheint, Doctor. Ja, die Habgier beherrſcht Euch zu ſehr, del Rio, und ich habe ſagen hören, Ihr laſſet einen eingeſtändigen Ketzer frei, wenn er Euch für ſeine Rettung das Doppelte der Summe biete, die Ihr durch ſeine Verurtheilung gewinnen würdet.“ Das ſind harte Worte,“ ſtammelte del Rio erſchrocken über dieſen Angriff.„Doch wer hat es gewagt, dies zu ſagen, Senor Don Juan? Wäre es etwa,“ fügte er mit einem bos⸗ 145 haften Lächeln bei,„wäre es der Unverſchämte, der Euch den Henker von Friesland genannt hat?“ „Es iſt ein Mann,“ erwiederte Juan de Vargas wü⸗ thend,„ein Mann, der ſich rühmte, er ſei der Juſtiz des Ra⸗ thes der Unruhen dadurch entgangen, daß er den Blutſau⸗ ger von Brabant mit Gold vollgeſtopft habe.“ Del Rio erbleichte, und der Streit war auf dem Punkt, ſich mit größerer Heftigkeit unter den beiden Collegen zu entſpinnen⸗ welche ſich gegenſeitig gehäſſige Blicke zuwarfen, als plötzlich ſich die Thüre öffnete und der Herzog von Alba in großem Coſtume, das goldene Vließ am Hals, erſchien. Seine Augen richteten ſich mit hartem, verächtlichem Ausdruck auf die erſchrockenen Räthe; ſeine Lippen waren zuſammengepreßt, als hätte er den Zorn bewältigen wollen, der ſchon die Adern ſeiner ſtolzen Stirne anſchwoll, und indem er ſich ihnen näherte, ſagte er mit kalt höhniſchem Tone: „Iſt dieſer Saal ein Vorzimmer, daß ſich darin die Diener in Abweſenheit des Herrn ſtreiten? Glaubt Ihr, meine Herren, Ihr könnet mit mir ſpielen und mich zum Inſtrument Eurer erbärmlichen Leidenſchaften machen? Für Euch, Doctor del Rio, der Ihr das Gold liebt, bin ich Eure Kaſſe. Für Euch, der Ihr die Rache und das Blut liebt, Vargas, bin ich Euer Schwert. Denkt Ihr denn, meine Herren, ich verurtheile und ſchlage Geld für Euren Nutzen? Die Politik des Herzogs von Alba thront höher, das ſchwöre ich Euch. Ihr ſeid nur ſeine Werkzeuge. Vergeßt das nie.“ „Und er ſelbſt, was iſt er denn, wenn nicht der Arm Der Erzähler 1848. 1. 10 146 von Don Philipp?“ flüſterte eine Stimme Margarethe zu, welche beinahe einen Schrei des Erſtaunens ausgeſtoßen hätte. Sie wandte ſich um und erblickte einen Mann, den ſie noch nicht bemerkt hatte, da er in einem finſteren Winkel des Ca⸗ binets verborgen war, wo er, wie ſie, Alles anhörte. Da trat dieſer Mann vor, nahm ſeinen Sombrero ab, deſſen breite Krämpe auf ſeine Stirne fiel, und ſie erkannte Don Federigo von Alba, der ihre Hand in die ſeinige nahm und mit ſanfter Stimme zu ihr ſprach: „Ich kenne Euren Plan, Margarethe, es wird Euch ſo nicht gelingen. Doch es bleibt Euch noch ein Mittel, ihn glücklich durchzuführen. Ich liebe Euch, Eure Weigerung hat meine Liebe nicht entmuthigt. Willigt ein, meinen Namen anzunehmen; um dieſen Preis können die Gefangenen fern, fern von hier fliehen...“ „Könntet Ihr,“ entgegnete Margarethe voll Adel,„könn⸗ tet Ihr die Hand einer Frau annehmen, deren Geiſt ſich mit dem Leben eines Mannes verbinden, deren Herz aber einem Unglücklichen in die Verbannung folgen würde?. 4 Don Federigo ſchien zu zögern; dann erwiederte er leiſe: „Ich liebe Euch mit einer ſo unbegränzten Liebe, Marga⸗ rethe, daß ich dieſe Schwäche, dieſe Feigheit, wenn Ihr wollt, begehen würde. Ich hätte die Hoffnung, es dahin zu bringen, daß Ihr dieſen Mann vergeſſen würdet.. 4 „Oh! nie wird man das Herz der Frauen kennen ler⸗ nen,“ ſprach Margarethe mit einem ſchwermüthigen Lächeln. „Glaubt mir, Don Federigo, eine edle Seele vergißt nie den, welcher leidet, für den, der mächtig und glücklich iſt. Das ———— 147 Unglück iſt hier ein Vorzug, den Eure Liebe Henrik nicht zu entreißen vermöchte.“ 1 „Die Zeit..„ flüſterte Federigo. „Die Zeit bringt keine Runzeln auf die Stirne abweſen⸗ der Geliebten,“ unterbrach ihn Margarethe, „und ſie vermöchte die Glorie nicht zu zerſtören, die mein Herz ihr ſtets leihen wird.“ „Selbſt da Ihr ſie retten könnt, weigert Ihr Euch„ „Margarethe von Lemée wird nie ihren Namen berän⸗ dern; doch Euer Vater wird meine Bitten erhören.“ „Das werden wir ſehen!“ ſprach Federigo Miene, indem er ihr einen Blick zuwarf. Sich ſtark fühlend durch ihren Entſchluß, hob Margarethe voll Ruhe den Vorhang auf, ſtürzte in den Saal und fiel bor Ferdinand von Toledo auf die Kniee. Der Herzog empfing ſie mit einem freundlichen Lächeln, denn ſie war das einzige Geſchöpf, für das er eine wahre Zuneigung hegte, ſei es im Andenken an die Mutter von Ketha, ſei es, weil das keuſche Kind, das nichts von ſeinen politiſchen Verbrechen wußte, ihn ſtets naid wie einen zweiten Vater geliebt hatte, und weil dieſe Zärtlichkeit der einzige Freudenſtrahl ſeines unruhigen und gewaltigen Geiſtes geweſen war. „Was willſt Du, Kind?“ fragte er ſie. Doch ſein gewöhnliches Mißtrauen gewann ſogleich wie⸗ der die Oberhand, und er fragte mit einem gewiſſen Ungeſtüm: „Warſt Du ſchon lange in dieſem Cabinet?“ „Seit einer Viertelſtunde, gnädigſter Herr.“ mit düſterer höhniſcher Serausforderung 148 „Du haſt alſo gehört...“ „Alles, meine Herren,“ ſprach ſie ſtolz, indem ſie ihre Augen auf die zwei Räthe heftete, welche ihr einen Schlangen⸗ blick zuſchleuderten. „Du biſt ſchuldig, die Staatsgeheimniſſe erlauert zu ha⸗ ben,“ ſagte der Herzog von Alba lächelnd; denn die demü⸗ thige Haltung ſeiner zwei Miniſter verſetzte ihn in gute Laune. „Erkauft alſo mein Stillſchweigen,“ erwiederte das Mäd⸗ chen mit einer ſcheinbaren Kaltblütigkeit, während ſein Herz gewaltig ſchlug und voll Angſt dem Spiele dieſer Scene folgte. „Um welchen Preis?“ fragte der Herzog von Alba. „Dadurch, daß Ihr mir eine Gnade bewilligt.“ Die zwei Räthe, welche gewohnt, ſich unter den Angele⸗ genheiten von Verbrechern oder von ſolchen zu bewegen, die das ſcharfe Geſetz der Willkühr mit ſchwerer Ahndung be⸗ drohte, einen ganz ſpeciellen Geruch beſaßen, um eine furcht⸗ bare Angſt in einem etwas berſchleierten Stimmtone oder im Zittern eines Augenlides zu entdecken, erhoben das Haupt. „Ich bin Ritter,“ erwiederte freundlich der Herzog„ der in ten Allem nur eine Kinderei ſah.„Was willſt Du, ſprich, Margarethe?“ Die zwei Räthe laſen im Verans ihre Bitte auf ihren zitternden Lippen. „Was ich will, Durchlaucht?“ rief ſie ſuce„nicht Euch anflehen, ſondern Gerechtigkeit von Euch verlangen.“ Der Herzog lachte nicht mehr. 149 „Ihr habt mich getäuſcht, Herzog. Mein Vater lebt noch.“. Vargas und del Rio lächelten; ſie waren gerächt. Der Herzog faltete die Stirne. Seine Augen ſchleuderten Flammen. „Wer hat Dir dieſe Tollheit erzählt?“ fragte er mit hartem Tone. „Das iſt keine Tollheit, Durchlaucht!“ erwiederte das Mädchen, indem es ſich zu ſeinen Füßen ſchleppte.„Ich habe ſeine Stimme gehört. Das Gefängniß hat ihn ſehr gealtert. Hört mich: er iſt Euer Freund geweſen. Hat er einen Fehler begangen, ſo mußte er ihn ſchwer büßen und Ihr habt keine Rache an ihm zu nehmen. Was hat er Euch gethan, Euch? Und überdies iſt es ein armer Mann, der nichts Anderes verlangt, 5, als nicht in dieſem Grabe zu ſterben.“ „Laß mich laß mich!“ wiederholte der Herzog. „Und Shr müßt Euer Ritterwort halten,“ ſprach Mar⸗ garethe;„Ihr habt mir ſo eben Euer Wort gegeben, dieſe Herren ſind Zeugen.“ „Mein Wort hat nichts mit Staatsangelegenheiten zu ſchaffen,“ erwiederte kalt der Herzog. „Aber Eure Ehre iſt dadurch verpfändet!“ rief das edle Mädchen mit der Energie der Verzweiflung.„Wollt Ihr Euer Wort bei Seite ſetzen, wenn es ſich um Staatsangelegenheiten handelt? Soll man fortan ſagen können, der letzte der Sol⸗ daten halte ſein Wort, aber der Herzog von Alba betrachte das ſeinige als ein Spiel? „Wer würde dies wagen?“ ſprach der ſtolze Caſtilianer. 150 „Euer Gewiſſen und diejenigen, welche Euch gehört haben,“ antwortete das unerſchrockene Mädchen. Der Herzog fühlte ſich beinahe bewegt bei dieſer Anru⸗ fung ſeiner Gefühle. „Du ſagteſt alſo,“ fuhr er fort,„der Graf von Lemée habe ſehr gealtert, er ſei leidend, unfähig einen Groll zu hegen?“ „Ich habe nur geſagt, ich bitte um ſeine Begnadigung.“ „Er wird ſchwach,“ murmelte Vargas.„Dieſe Begna⸗ digung wird eine ärgerliche Wirkung hervorbringen.“ „Von dieſer Begnadigung bis zur Zurückgabe der confis⸗ eirten Güter iſt es nur ein Schritt,“ bemerkte del Riv. Und er nahm eines von den Papieren, die den Tiſch be⸗ deckten, und ſagte mit lauter Stimme: „Durchlaucht, ich muß Euch mittheten, daß eine Armee von Proteſtanten im Hennegau vorrückt.“* „No es nada! ich wußte es,“ erwiederte ungeſtüm der Herzog, der voll Liebe das ſchöne, gewöhnlich ſo ſanfte, nun aber ſtolze, vor Begeiſterung funkelnde Antlitz von Margarethe betrachtete. „Der Schweigſame iſt an ihrer Spitze, gnädigſter Herr,“ ſagte Don Juan de Vargas. „Der Schweigſame?“ rief der Herzog erbleichend. Dann wiederholte er ruhig:„No es nada, mein Sohn wird genügen, um dieſe Krämerbanden zu ſchlagen.“ Die Räthe ſchwiegen, da ſie die Aufmerkſamkeit des edlen Statthalters nicht hatten ablenken können. „Du ſollſt befriedigt werden,“ ſagte er endlich zu Nar⸗ 151 garethe.„Doch ſprich, haſt Du den Muth dieſes ſtolzen Rebellen, dieſes Ralf gebändigt?“ „Nein,“ ſagte ſie,„denn auch ſeine Begnadigung erbitte ich mir von Euch.“ „Die Begnadigung bon Ralf dem Bilderſtürmer?“ rief Ferdinand von Toledo, in ein Gelächter ausbrechend, vein ſolches Geſuch iſt ein Verrath. Wer iſt denn dieſer Ralf?“ „Dieſer Mann, Herzog, iſt derjenige, welchen ich liebe, es iſt mein Bräutigam.“ „Sein Name! ſein Name!“ fragte gebieteriſch der Herzog. Vargas und del Rio näherten ſich neugierig. „Sein Name iſt der einer edlen Familie. Er heißt Henrik von Brederode!“ „Henrik von Brederode! Ah! wir mußten uns in der That wiederfinden. Ich habe ihm verſprochen, er ſollte mich eines Tags kennen lernen. Sprich mir nie mehr von dieſem Menſchen, Margarethe, oder ich müßte Dich als meine Todfein⸗ din betrachten.“ „Wohl, ſo kerkert mich auch ein, überliefert mich auch den Henkern, denn ſonſt werde ich, ich ſchwöre dies zu Gott vor ſeinem Altar, in dem Augenblick, wo ich mein Gelübde ausſpreche, vor Allen verkündigen, Ferdinand Alvar von To⸗ ledo, Herzog bon Alba, habe ſein Wort verwirkt.“ „Würdet Ihr das thun?“ fragte der Statthalter mit jener furchtbaren Stimme, welche alle Welt vor ihm auf die Erde beugte. „Ich werde es thun,“ antwortete Margarethe mit der ſanften Feſtigkeit des Märthrers. 152 Ein heftiger Kampf entſpann ſich im Innern des Her⸗ zogs von Alba. Endlich ſprach er langſam und ohne das Mädchen anzuſchauen: „Hört, was ſelbſt Gott nicht hätte thun können, habt Ihr vollbracht. Euer Muth hat die Seele von Ferdinand von Toledo gerührt. Unter der Bedingung, daß die zwei Männer nie die Waffen gegen Spanien zu tragen ſich verbindlich machen, ſollen ihnen Todesſtrafe und Gefängniß erlaſſen ſein.“ Margarethe benetzte mit ihren Thränen die Hand des Herzogs von Alba, nahm mit einer triumphirenden Miene ein Pergament vom Tiſch, warf einen verſtohlenen Blick auf das ſchwarze Cabinet und ſagte zu ſich ſelbſt:„Sie ſind gerettet!“ Es folgte noch eine Minute tödtlicher Erwartung, aber das Cabinet blieb ſtill. Ohne Zweifel war Don Federigo ber⸗ ſchwunden. Er verzieh und überließ den Sieg der armen Margarethe. Der Herzog von Alba kritzelte raſch auf das Pergament den Begnadigungsſpruch, als hätte er ſich eines Gewiſſens⸗ biſſes, einer Reue vielleicht wegen ſeiner Milde entledigen wollen! Endlich fehlte nur noch die Unterſchrift, als der Schna⸗ bel der Feder vertrocknete. Der Herzog reichte die Feder Mar⸗ garethe, um ſie ins Tintenfaß zu tauchen. In dieſem Augenblick wurde der Thürvorhang aufgehoben, und Don Federigo trat, ein Lächeln auf den Lippen, in den Saal. Margarethe fühlte, wie ihr Herz zu Eis erſtarrte. „Gnädigſter Herr,“ ſprach Don Federigo mit weicher Stimme. 5 153 „Wartet eine Sekunde, und ich gehöre Euch,⸗ ſagte der Herzog, der wieder die Feder genommen hatte. „Nicht eine Sekunde,“ entgegnete feſt der junge Mann. „Geronimo iſt in achtundſechzig Stunden von Madrid ange⸗ kommen.“ „Der Bote von Don Philipp!“ rief der Herzog von Alba, während er die von Tinte ſchwere Feder auf das Per⸗ gament fallen ließ, das ſie mit einem Regen ſchwarzer Tröpf⸗ chen beſpritzte. „Herr Herzog, ein Augenblick genügt..“ bemerkte Mar⸗ garethe ſchüchtern. „Geduld!“ entgegnete der Herzog;„Eure Angelegenheiten nach den meinigen.“ Und ſchon hatte ſich der Ausdruck ſeines Geſichts ver⸗ ändert, ſeine Stimme hatte den harten, unbeugſamen Ton der Selbſtſucht, welche Furcht hat, angenommen. „Er trete ein! er trete ein!“ rief Alba. Mit einem Zeichen hieß er die zwei Räthe weggehen. Sie bemerkten, daß die nervigen Hände des unverſöhnlichen Gene⸗ rals der Inquiſition von einer fieberhaften Ungeduld zitterten. Margarethe blieb hinter dem Lehnſtuhl des Statthalters, ohne daß er es bemerkte. Geronimo wurde eingeführt. Es war ein kleiner Mann mit bleiernem, ausdrucksloſem Geſicht, nur brlebt durch zwei verſtändige Augen„deren Blick eine Art von inſtinctmäßiger 3 Ergebenheit, knechtiſcher, aber unbeſtechlicher Treue bezeichnete. Don Philipp II., König von Spanien, vertraute ihm blind⸗ lings. Margarethe wurde bange, als ſie dieſen ſcheinbar unbe⸗ 154 deutenden Menſchen erblickte, der ihr wie ein lebendiges Ver⸗ hängniß vorkam. „Geronimo,“ ſprach der Herzog, der zu lächeln ſuchte, „Du mußt müde ſein.“ Geronimo machte ein verneinendes Zeichen mit dem Kopf. „Du haſt alſo Don Philipp geſehen?“ fuhr der Herzog mit einer gewiſſen Anſtrengung fort. „Ich habe ihn geſehen.“ „Und er hat von mir geſprochen? Vielleicht iſt er auf⸗ gebracht, daß ich mich weigere, die Statthalterſchaft abzutreten, meinen Nachfolger zu ernennen. Doch es iſt hier ſo viel für den Dienſt des Königs zu thun. Verbirg mir nichts, Gero⸗ nimo. Wir ſind alte Freunde und Beide ergraut in getreuer Erfüllung der Befehle Seiner Majeſtät. Hat er im Zorn von mir geſprochen, Geronimo?“ „Nein, er hat gelächelt,“ erwiederte der Bote.„Er hat ſein Wohlwollen für Euch geoffenbart, er würde, ſagte er, den Eifer eines Dieners anzuerkennen wiſſen, der ſich nie durch die Laſt der Geſchäfte ermüdet fühle, ſo lange es ſich um das Wohl des Staates handle...“ Ein kalter Schweiß bedeckte die Stirne des Herzogs, und auf ſeinem Geſichte traten bleifarbige Flecken hervor. „Er hat gelächelt, Geronimp?“ wiederholte er erſchrocken. „Er hat von Wohlwollen und Belohnung geſprochen... iſt das wahr?“ „Warum dieſe Angſt, Herr Herzog?“ fragte Margarethe, deren Mitleid die Niedergeſchlagenheit eines ſo harten und ge⸗ bieteriſchen Mannes erregte. — 155 „Warum, armes Mädchen? das Lächeln von Don Philipp iſt für mich der Tod. Iſt ſein Wahlſpruch nicht: Nee spe, nec metu! Iſt ſein unbeugſames Herz nicht ein Abgrund, den Niemand ergründet, ein lebendiges Räthſel?“ Dann ſich gegen Geronimo umwendend:„Hat er nicht beigefügt, er würde mir ſchreiben und ſeine Befehle ſchicken?“ „Später,“ erwiederte lakoniſch der Bote. „Ich ahnete es,“ ſagte der Herzog leiſe zu Margarethe. „Siehſt Du, Don Philipp weiß geſchickt in einen Brief jenes feine Gift zu träufeln, das den Menſchen tödtet, während er über die von der Hand ſeines Mörders geſchriebenen Compli⸗ mente lächelt. Doch, Geronimo, wiederhole mir die eigenen Worte Seiner Majeſtät.“ „„Ohne Zweifel,““ fügte Don Philipp in dem Augen⸗ blick bei, wo ich ſein Cabinet verließ,„„ohne Zweifel will mein getreuer Alba Andern nicht den Ruhm überlaſſen, Wil⸗ helm den Schweigſamen, der ihm ſo lange entkommen iſt, zu beſiegen und unſerer heiligen Inquiſition den ſchändlichen, von Gott verfluchten Parteigänger Ralf den Bilderſtürmer zu über⸗ antworten.““ „Oh! ich bin gerettet,“ rief der Herzog, der ſich mit freudigem Entzücken von ſeinem Stuhle erhob.„Ich habe meine Begnadigungsbriefe noch in meinen Händen. Ralf geht morgen mit Dir nach Madrid ab, guter Geronimv.“ „Ihr habt mir ſeine Begnadigung verſprochen, Herr Herzog,“ ſagte Margarethe den Statthalter beim Arm faſſend. „Er iſt gerettet durch Euer Wort.“ „Wahnſinnige, habe ich Dir meinen Tod vtrocheh 156 Durch dieſes treuloſe Geſuch würdeſt Du meinen Tod fordern. Uebrigens habe ich noch nicht unterzeichnet,“ fügte er mit einem krampfhaften Lächeln bei.„Haſt Du nicht gehört, daß mich Don Philipp zu ſanft und zu langſam findet? Sage nun, ich habe mein Wort gebrochen, Mädchen, und denjenigen, welche es wagen, Dich anzuhören, wird der Rath der Unruhen beweiſen, daß dies ein Verbrechen beleidigter Miit iſt. Ge⸗ ronimo, folge mir!“ Und heftig die Thüre ſchließend, zog er ſich in ſeine Ge⸗ mächer zurück. Beſtürzt, bleich, unbeweglich wie eine Marmorſtatue, das Herz gebrochen, blieb Margarethe mit Don Federigo, der ſich während dieſer ganzen Scene nicht gerührt hatte. „Der Henker iſt nicht ſo ſicher des Streichs ſeines Beiles,“ ſprach ſie endlich.„Ich begreife Alles, Ihr habt Geronimo ſeine Lection vorgeſagt.“ „Noch iſt die Lage der Dinge keine verzweifelte,“ erwie⸗ derte Don Federigo.„Will ſich Margarethe von Lemée mit mir verbinden, ſo rette ich die beiden Männer. Der Kerker⸗ meiſter iſt mir ergeben; ſie können entweichen.“ Gierig hörte ſie auf dieſe Worte. Ihre Augen ſtrahlten von einer himmliſchen Hoffnung. „Verſprecht Ihr mir das auf's Evangelium?“ „Auf das Evangelium verſpreche ich es.“ „Meine Hand gehört Euch.“ „Wir begleiten ſie Beide aus dem Palaſt, Margarethe.“ „Dieſen Abend, Don Federigo.“ An demſelben Abend trat Margarethe gefolgt vom 6 —— 157 fangenwärter und einem in einen braunen Mantel gehüllten jungen Mann in das Gefängniß von Henrik und vom Grafen von Lemée. Als ſie dieſes lebendige Skelett, das ihr Vater war, in ihre Arme ſchloß... oh! dieſe Scene vermag keine Feder zu ſchildern! S „Segnet mich, mein Vater,“ ſprach ſie endlich.„Das Glück iſt nicht für dieſe Welt geſchaffen, und wir ſehen uns nur wieder, um uns abermals zu trennen.“ „Nicht für immer, nicht wahr?“ ſagte der Vater.„Wir werden uns bald wiederfinden.“ „Vielleicht,“ erwiederte ſie mit einem ſchwermüthigen Lä⸗ cheln; und ehrfurchtsvoll küßte ſie die vertrockneten Hände und das magere Geſicht des Grafen und fügte dann bei:„Wenn Ihr für meine Mutter betet, betet auch für Eure kleine Ketha!“ „Die ſo groß, ſo ſchön geworden iſt!“ ſprach der Vater, der nicht müde werden konnte, ſie mit Bewunderung anzu⸗ ſchauen.„Du, die ich als klein verlaſſen, die ich mit ſo viel Wonne auf meinen Knieen ſchaukelte!“ „Wir müſſen aufbrechen, oder wir werden überraſcht,“ ſagte der Gefangenwärter. „Um welchen Preis habt Ihr dieſe ſeltſame Begnadigung erkauft?“ fragte Henrik. „Ihr ſollt es ſpäter erfahren, Henrik. Doch ſeid nicht ungerecht gegen mich,“ flüſterte ſie mit ſchwacher Stimme,„ſagt Euch, daß Ihr innig geliebt worden ſeid?“ „Ich werde es alſo nicht mehr ſein?“ rief der Bilder⸗ ———— gnaeeenn 158 ſtürmer, der den Mann im braunen Mantel hatte beben ſehen. „Wer iſt dieſer Menſch?“ fragte er unwillkührlich das Miädchen, als hätte ihn eine Ahnung errathen laſſen, der Ge⸗ genſtand ſeines ewigen Haſſes ſtehe vor ihm.„Wer iſt dieſer Menſch?“ ²„Euer Retter,“ antwortete Margarethe, indem ſie mit einem einzigen Worte eine unüberſteigbare Schranke zwiſchen dieſen zwei Leidenſchaften des Haſſes mit einer Zartheit fallen machte, welche nur die Frauen allein zu finden vermögen. „Geht nun, Henrik,“ fuhr ſie fort;„ich übergebe Euch dieſen armen Gefangenen, vergeßt nie, daß es der Vater derjenigen iſt, welche Ihr geliebt habt.“ Schweigend durchwanderten ſie das Irrſal der Gänge des Palaſtes. Die Loſungsworte wurden glücklich gewechſelt. Als die letzte Thüre geöffnet war, entfernte ſich Don Federigo einige Schritte; Margarethe reichte den beiden Frieſen ihre Hände. „Vergeßt diejenige, welche ihr Vaterland verleugnet, aber demſelben, indem ſie ſich mit der Race der Thrannen verband, zwei treue Diener zurückgegeben hat,“ ſprach ſie mit einer von Thränen befeuchteten Stimme. Und die Thüre ſchloß ſich wieder. „Was wollt Ihr damit ſagen Ketha? Oeffnet die Thüre!“ rief Henrik ſchon außen. „Stille! Ihr ſtürzt meinen Vater ins Verderben.“ Das war das letzte Wort von Margarethe. Der Kerkermeiſter aber ſagte zu Henrik:„Keine unnützen Worte, ich höre das Lärmzeichen.“ —— —— des Palaſtes, um den 159 Die Flüchtigen verſchwanden, und Margarethe kehrte in ihre Wohnung zurück, wo ſie die Nacht im Gebet zubrachte. Am andern Morgen erfuhr man die Flucht des Grafen und die von Ralf dem Bilderſtürmer, doch man konnte ihre Spur nicht entdecken. Der Kerkermeiſter allein wurde öffentlich an⸗ geklagt; Vargas und del Rio aber zeigten beim Hof von Ma⸗ drid insgeheim den Herzog von Alba als den wahren Schul⸗ digen an. Der Verluſt ſeiner Statthalterſchaft war die Folge dieſer Anzeige, und er reiſte in dem Augenblick ab Graf von Lemée und der jung Siege f „ wo der e Brederode zwei entſcheidende ür die Freiheit Frieslands davon getragen hatten. Margarethe hielt ihr Wort. Zwei Tage nach der Flucht ihres Vaters begab ſie ſich prachtvoll angethan in die Kapelle hochzeitlichen Segen zu empfangen. Sie hatte in ihrer Hand das Gebetbuch ihrer Mutter, an einem ihrer Finger den eiſernen Ring ihrer Mutter. hatte ſie das Ja auf die Frage des Prieſters ausgeſprochen, als Don Federigo bemerkte, wie ſie den Ring an ihre Lippen drückte; doch er ſchenkte dieſem Umſtand keine beſondere Auf⸗ merkſamkeit. Die Arme bezwang eine Zeitlang die ſcharfen Schmerzen, die ſie folterten, und ſuchte ſie unter einem Lächeln zu verbergen. Doch bald verrieth ſie die Schauder erregende Bläſſe ihres Geſichtes; furchtbare Convulſionen ſchüttelten Kaum dieſen ſo ſchwachen Körper unter ſeinem Feſiſchmuck, und mit einem tiefen Schrecken vernahm Don Federigo den Ausſpruch der Aerzte: „Die Herzogin iſt vergiftet!“ „Klagt Niemand wegen meines Todes an,“ ſagte ſie zu 160 Don Federigo.„Ich ſelbſt habe dieſes Gift, nachdem ich mein Verſprechen gehalten, in meine Adern berſetzt. Ich konnte weder eine würdige Gattin, noch eine fromme Nonne mit einer andern Liebe im Herzen, als der für meinen Gemahl oder für Gott werden. Ich konnte mich auch nicht mit demjenigen verbinden, welcher der Anführer der Bilderſtürmer geweſen iſt! Ich hoffe, Gott wird mir ein Verbrechen verzeihen, das mir allein Flandern zwei Helden zurückzugeben geſtattete. Bin ich ſchuldig geweſen, ſo wird er wenigſtens nur mich be⸗ ſtrafen.“ Dann ihren erloſchenen Blick auf den Statthalter heftend, ſprach ſie:„Verzeiht auch Ihr meinen Verrath; verzeiht ihn dem einzigen Weſen, das Euch auf dieſer Erde geliebt hat, dem einzigen vielleicht, das in der andern beim ewigen Richter für Euch vermitteln wird.“ „Wer hat Euch das Gift gegeben?“ ſprach mit ſtrengem Tone der Herzog von Alba, der ſich der Rührung ſchämte, die er zum erſten Mal in ſeinem Leben fühlte. Doch Mar⸗ garethe antwortete nicht; leichenbleich und zu Eis erſtarrt, ſtürzte ſie auf die Platten des Chors nieder... Sie war „Dieſer hat es gethan, Herr Herzog!“ ſprach del Rio auf Jonguille deutend. „Nein! nein! der Rath täuſcht ſich,“ rief Jonquille er⸗ ſchrocken. „Er hatte den Ring der Gräfin von Lemée vor der Eröffnung des Verkaufs geſtohlen,“ ſagte unberſöhnlich del Riv. 161 „Nein! nein!“ heulte der Jude in der Wuth der Ver⸗ zweiflung. „Der Burſche hat drei Millionen Dukaten,“ fügte del Rio hohnlachend bei. „Man bereite einen Strick!“ ſprach mit kaltem Tone Juan de Vargas. Der Erzähler 1848. 1. en Reiz darbieten, er Piſtolenſchußz. Nach Benedict Gallet. Das Unterpfand. owgorod liegt einhundert nnd„4 Werſte von Petersburg: ſeine Umgebungen haben weder die reizende Anmuth der Inſellandſchaft um die ebengenannte Hauptſtadt, noch jenen inter⸗ eſſanten, wilden Charakter der finniſchen Ge⸗ genden. Hier gibt es nur lange, dürre Straßen 3 durch einen kulturloſen, beinahe unbewohnten Landſtrich, ungeheure Birken⸗ und Tannen⸗ wälder, einen höchſt eingeſchränkten, einförmigen Horizont. Die Reiſe von Petersburg nach Now⸗ gorod würde daher dem Auge des Künſtlers oder des Touriſten gar kein Intereſſe, keinen wenn nicht von Zeit zu Zeit der Anblick weiß⸗ gekleideter Bauernmädchen, die man für flandriſche halten könnte, oder das heitere Spiel blondlockiger Kinder, die ſich —— —— 163 in Ermanglung der grünen Raſenplätze milderer Gegenden im Schnee erluſtigen, einigen Erſatz gewährte. In dieſem Theile Rußlands dauert der Winter acht Mo⸗ nate, und man könnte das gleiche von den dortigen Flüſſen und Seen ſagen, was Alexander von Sumboldt einmal in unſerer Gegenwart von der Newa ſagte:„Ich war dreimal in St. Petersburg, ohne die Newa zu ſehen.“ Wirklich bilden Flüſſe, Seen, Moräſte und Teiche während der Hälfte des Jahres förmliche Straßen, und es iſt ein höchſt origineller Anblick, die leichten Fuhrwerke, welche von fern einem mit Pelz ausgeſchlagenen Lehnſtuhle gleichen, über dieſe weißen Eisdecken mit wunderbarer Schnelligkeit hingleiten zu ſehen. Die Bewohner der Timorgruppe vergleichen ihre Nachen mit dem Winde; die ruſſtſchen Jswoſchiks*) könnten dieſes Bild mit ebenſopiel Wahrheit auf ſich anwenden. Nichts gleicht der unermüdlichen Kraft ihrer kleinen Pferde von meiſt röthlicher Farbe, magerer Poſtur, trockenem, aber energiſchem und feurigem Kopfe. Die kluge Gelehrigkeit dieſes Thieres wird vielleicht nur von der Anhänglichkeit ſeines Herrn übertroffen, denn die Bauern aus den inneren Theilen Rußlands, welche ihre Eltern, ihre Heimath verlaſſen, um in Petersburg, Woskau, Niſchneh oder Kaluga als Iswoſchiks zu dienen, tragen natürlichetweiſe ihre liebevolle Sorgfalt, die ſie den Ihrigen nicht widmen können, auf die ihnen anvertrauten Pferde über. Die Peitſche in ihrer Hand iſt ein ganz unnützes und unnöthiges Werkzeug, Die Iswoſchiks ſind in Rußland daſſelbe, was in Deutſchland die Lohnkutſcher, Fiaker und Droſchkenführer. 164 und ſollten die Pferde, nachdem ſie vielleicht eine Strecke von dreißig Werſten in athemloſem Rennen durchlaufen haben, etwa nachlaſſen und Ermüdung zeigen, ſo genügt beinahe immer ein liebkoſender Zuruf vom Kutſcher, um ihnen plötzlich und wie durch ein Wunder ihre muthige und ausdauernde Energie wieder zu geben. Es war im Jahr 1842: obgleich in der Mitte des April, herrſchte doch immer noch ſehr ſtrenge Kälte, und nichts ließ ahnen, daß das in dieſen Landſtrichen ſo lang andauernde und ſo gefürchtete Thauwetter bald jene waldigen Ebenen zwiſchen Borotzka und Nowgorod in einen ſchlammigen Sumpf um⸗ wandeln würde. Der Himmel war von einem tiefhängenden, bleigrauen Dunſte bedeckt, und auf den höchſten Spitzen der Birken erblickte man eine Anzahl Raben, die gewöhnlichen Gäſte in dieſen weiten Ebenen, deren düſtere, ſchwarze Farbe einen ſonderbaren Kontraſt gegen die blendend weiße Schneefläche bildete. Ein hölzerner, bemalter Schlitten, von einem Fuchspelz überzogen, glitt geräuſchlos über die Eisdecke hin; das einfache Geſchirr des einzigen Pferdes und die bleierne Nummer, welche am Kaftan des Kutſchers zu ſehen war, zeigten deutlich, daß dieß kein Herrenſchlitten, ſondern der eines Iswoſchik ſei. Der Kutſcher war noch ein ſehr junger Mann. Sein regelmäßiges Geſicht erinnerte an das reine, griechiſche Oval und zeigte nebenbei jenen eigenthümlichen, ausdrucksvollen Zug von Melancholie, welcher durch die, wo nicht angeborene, doch anerzogene Unterwürfigkeit und das einförmige, thatenloſe Leben wie ein unvertilgbarer Stempel jeder ruſſiſchen Stirne aufgedrückt —,.——— — 165 iſt. Seine halblangen Haare fielen rundgeſchnitten um Ohren und Schläfe; nach beiden Kopfſeiten hin geſcheitelt, zeigten ſie ſich, gleich dem fächerförmig zugeſtutzten Barte mit äußerſter Sorgfalt gekämmt und geglättet. Er trug, wie die meiſten ſeiner Standesgenoſſen, einen tunikaartigen Rock von hellblauem Tuch, der um die Lenden durch einen rothſeidenen Gürtel zuſammengehalten war; eine hohe polniſche Mütze von grünem Baumwollenſammt, der man aber die langen Dienſte anſah, bedeckte ſeine haarige Stirne; endlich reichten die weiten, faltigen Beinkleider bis in die eng⸗ anliegenden Stiefeln hinab, welche nur das halbe Bein be⸗ deckten und das, zwar alterthümliche, aber maleriſche Koſtüm vollendeten. Unſer Mann that einen eigenthümlichen Pfiff, und der Schlitten flog mit erneuter Schnelligkeit über die Ebene hin. ⸗ „Vorwärts, mein Täubchen,“ rief der Iswoſchik; „bald iſt das Ziel der Reiſe erreicht; noch eine kurze An⸗ ſtrengung, und wir ſind in Borotzka... Schon ſehe ich die weißen Thürmchen unſerer Kirche.. Nicht dahinein,“ fügte er mit einer leichten Wendung des Zügels hinzu, als das Pferd inſtinktmäßig einem links am Wege gelegenen Hauſe zueilen wollte.„Maſchinka*) erwartet mich jeden Abend, wann die Sonne hinter jenem düſteren Tannengehölze untergeht, auf der Schwelle ihrer Jöba Stepanow wird ihr ewig nur ein Beſchützer, Freund und Bruder ſein... Dorthin, liebes Pferdchen, ſchnell dorthin; eile mit Windesflügeln dorthin!“ *²) Vertraulicher Name für„Mariechen.“ 166 Dieſe vrientaliſche Sprache mag vielleicht in dem Munde eines ruſſiſchen Kutſchers ſonderbar klingen, namentlich für deutſche oder franzöſiſche Ohren, wo die Volksmaſſe im Ganzen dieſer Zartheit der Geſinnung, dieſes reinen, keuſchen Ausdrucks völlig entbehrt; aber keineswegs werden Leſer darüber erſtaunen, welche Gelegenheit hatten, den ruſſiſchen Bauern näher kennen zu lernen, die urſprüngliche, natürliche Poeſie ſeines Gemüthes zu ergründen. Trotz der Knute und der ſklaviſchen Unter⸗ würfigkeit rollen die Jahre ſpurlos über ſeinem Haupte hin und laſſen ihm eine ewige Jugend; ſein ganzes Leben hindurch bleibt er ein Kind, mit eben dieſem Aberglauben, eben dieſer Naivetät, eben dieſer unſchuldigen Freude und vertrauensvollen Hingebung. Die Unwiſſenheit, in der er lebt, bewahrt ihn vor dem Bewußtſein ſeiner Erniedrigung und iſt ſo gleich⸗ ſam ein Heilmittel gegen ſein Unglück. Bizarre Legenden, wunderbare Geſchichten bilden den Stoff ihrer nächtlichen Ge⸗ ſpräche, wenn es draußen ſchneit und der Wind ihre gebrech⸗ lichen Hütten erſchüttert, und nichts iſt für den Reiſenden, der die Volksſprache hinlänglich verſteht, intereſſanter, als zu hören, wie ſie von den Ruſſalki, den Nymphen der altſlaviſchen Wälder, von Hahmanak, dem Banditen Nowgorods erzählen, oder die ſchauerlichen Vampyrſagen ſich in's Ohr flüſtern, in denen der Damawoi, jener unergründliche und ungreifbare Dämon, der in allen ruſſiſchen Häuſern ſein Weſen treibt, eine Hauptrolle ſpielt. Endlich erreichte der Schlitten Borotzka. Dieſes Dorf beſteht, wie alle ruſſiſchen Dörfer, aus einer einzigen, aber langen und geraden Straße, die auf beiden Seiten mit kleinen, 8 tige Rolle in den ruſſiſchen Nationalliedern, und haben unſerm 167 hölzernen Häuſern beſetzt iſt; ganze„nur der Rinde beraubte Bäume werden ſchwalbenſchwanzförmig gehauen und an den„ Enden genau zuſammengefügt; die Zwiſchenräume zwiſchen den Balken füllt man ſorgfältig mit Moos aus„etwa wie die Schiffer ein leckes Schiff kalfatern. Das Innere dieſer Isbas entſpricht ihrem beſcheidenen Aeußeren. Gewöhnlich trifft man im Ganzen nur ein einziges Gemach, und auch hier würde man vergeblich nach den ſinn⸗ reichen Einrichtungen der freundlichen Bauernhäuſer in Holland und Deutſchland ſuchen. Da iſt keine Spur von Reinlichkeit; kein Fließboden, keine Küche„kein Schlafzimmer. Ein Brett, das rings an der Wand des Zimmers herumgeht, dient als Bettſtelle für die ganze Familie; von der Decke hängt ein Waſſergefäß herab„das den Tag über zu den öfteren Lere⸗ moniellen Waſchungen der ruſſiſchen Bauern gebraucht wird; einige grob gearbeitete Schemel, irdene Töpfe, hölzerne Teller und Löffel, Zangen und Schaufeln, Kienfackeln, etwelche Stangen, an denen die Kinderwiegen befeſtigt ſind, dies iſt die ganze Ausſtattung einer ſolchen Hütte, deren kleine Fenſter⸗ öffnungen meiſt mit geöltem Papier, und nur ſelten mit mos⸗ kauiſchen Glasſcheiben ausgefüllt ſind. Iſt der Bauer vermöglicher, ſo beſteht die Jsba aus zwei Gemächern, einem ſchwarzen, Tſchornaia Izb, und einem weißen, Gornitza genannt. Hie und da erhebt ſich ſogar über dem erſten Stock ein kleines Manſardenſtübchen, Terema, das jedesmal der Frau und den Töchtern des Bauern gehört. Auch ſpielen dieſe geheimnißvollen Gemächer eine wich⸗ 168 leider zu früh erblichenen Alerander Puſchkin*) zu manchem ſchönen Verſe Anlaß gegeben.* Sieht man aber eine ſolider gebaute, bequemere und elegantere Wohnung, ſo gehört ſie ſicher einem fremden Koloniſten, meiſt Schweizer oder Frieſen, der in dem ftemden, unwirthlichen Lande ſich ſo gut und bequem als möglich einzurichten ſucht. Am Eingang von Borotzka erhebt ſich die aus Holz ge⸗ baute Kirche, deren Dach mit einem eiſernen Kreuz und mit vier kleinen, blaubemalten Kuppeln aus Eiſenblech geſchmückt iſt, die aber damals mit Schnee bedeckt waren. Am anderen Ende des Dorfes ſah man ein geräumiges Schloß, von der Straße durch ein ungeheures Gitter getrennt und mitten in einem engliſchen Park gelegen, deſſen künſtliche Waſſerwerke, Brücken, Inſeln, chineſiſche Kiosks, geheimnißvolle Grotten und gewölbartig zugeſtutzte Alleen, trotz der allzuſichtbaren Künſt⸗ lichkeit, im Sommer einen hübſchen Anblick gewähren müſſen, jetzt aber den einförmigen und traurigen Eindruck machten, wie jede Schneelandſchaft. Dieſe Beſitzung gehörte dem Fürſten Nikolaus We⸗ ratſchin. Der Jswoſchik hielt vor einem Häuschen an, auf deſſen Schwelle ein blonder, rofiger Knabe ſpielte. Obgleich durch die zerriſſenen Schuhe wenig gegen Schnee und Kälte geſchützt, ſchien er doch nicht zu frieren, denn in Rußland ſterben die Kinder der niederen Volksklaſſen entweder bald nach der Ge⸗ *) Wurde in einem Duell erſchoſſen. 169 burt, oder aber erlangen ſie eine beinahe unerſchütterliche Ab⸗ härtung, und eben das erklärt auch, woher die Muſchiks dieſe eiſerne, jeder Anſtrengung und Entbehrung, ja faſt jedem Schmerz trotzende Geſundheit haben. Als der Knabe nun ſeine hellblauen Augen aufſchlug, ſchien unſer Iswoſchik ſichtlich bewegt; er hob ihn in die Höhe und betrachtete ſeine Züge mit aufmerkſamer, faſt ängſtlicher Haſt; plötzlich aber entwand er ſich den liebkoſenden Armen des Kleinen und ſtellte ihn, nicht ohne deutliche Zeichen einer unüberwindlichen Abneigung, wieder auf den Boden; ebenſo hielt er an der Schwelle des Hauſes plötzlich inne und ſchien einen heftigen Seelenkampf durchzumachen. Endlich ermannte er ſich, überſchritt die Schwelle und betrat das Zimmer. Seine erſte Sorge war, ſich dreimal vor dem Bogh,*) das in der Ecke unter Cypreſſenzweigen hängt und bei dem eine ewige Lampe brennt, zu bekreuzen. Gewiß vergißt das kein Ruſſe, und bei einer Feuersbrunſt wird immer zuerſt das Heiligenbild gerettet. Nach dieſem blickte der Iswoſchik umher und ſah nun ganz nahe bei ſich eine Bäurin, die mit geſenkten Augen daſtand: „Stepanow! „Daria!“ riefen Beide zu gleicher Zeit mit halb unterdrückter Stimme; ſie mit bittendem„er mit vorwurfsvollem Tone. —— * Heiligenbild. 170 „Dieſe Kinder gehören Euch?“ fragte finſter der Iswoſchik, indem er auf den obenerwähnten Knaben, welcher unterdeſſen auch hereingekommen war, und auf ein zweijähriges Kind, das eben in der Wiege ſchlief, deutete. Die junge Frau ſuchte ihre Thränen zu verbergen, zeigte auf ihre glattgeſtrichenen, im Nacken durch eine Haube zu⸗ ſammengehaltenen Haare und ſagte: „Meine Haare ſind nicht mehr geflochten;*) ſeht Ihr es nicht?“ „Möge mir der heilige Nikolaus mit ſeiner Hülfe bei⸗ ſtehen und Dir vergeben.. Du haſt alſo Alles ver⸗ geſſen?“ „Nichts vergeſſen; aber Alles erduldet!“ Daria hob bei dieſen Worten den Deckel eines ärmlichen Schrankes auf und zog einen rothen Rock, der vorn mit Me⸗ tallknöpfen beſetzt war, halb heraus.**) „Da,“ ſagte ſie,„erkennſt Du die Sarafane, welche Du mir vor vier Jahren gabſt, und die ich hätte als Hochzeitkleid tragen ſollen?“ Stepanow, hiedurch gerührt und erweicht, ſtreckte ſeine *) Offene, geflochtene Haare zeigen den jungfräulichen Stand an; das ungeflochtene Haar unter einer Haube tragen nur die Verheiratheten. *) Dieſe Sarafane iſt ein Theil der altſlaviſchen Frauentracht, wird aber nur noch von den Bäurinnen des innern Ruß⸗ lands, und an hohen Feſttagen von den kaiſerlichen Hof⸗ damen getragen. ———————————— 171 Hand gegen die Bäurin aus; dieſe aber wies ſie mit züchtiger Scham zurück. „Ich liebte Dich,“ ſagte ſie,„als den einzigen Mann, mit dem ich glücklich zu werden hoffte; mit Dir vereint hätte ich Armuth für Reichthum„ Elend für Glück gehalten; aber was konnten wir gegen den Willen unſerer Eltern ausrichten? Unſere beiderſeitigen Väter, Leibeigene des Fürſten Weratſchin, liebten leidenſchaftlich eine und dieſelbe Frau; Dein Vater war der Auserwählte; der meinige, verſchmäht, trug einen ewigen Haß in ſich, und ſo lernten wir uns ohne Wiſſen unſerer Eltern kennen.. Unſte Liebe blieb geheim wie unſre Schwüre; Gott allein hörte unſre thörichten Betheuerungen,— thöricht und ſündhaft, denn Du„Stepanow, warſt ſchon an Maria Petrowna verſprochen, die zwar damals noch ein Kind, jetzt aber zum hübſcheſten Mädchen in Borotzka und Now⸗ gorod herangewachſen iſt.— Da hier zu viel Leute waren, ſchickte Fürſt Weratſchin eine Anzahl junger Burſche als Is⸗ woſchiks nach Twer, Moskau, Petersburg... Auch Du mußteſt fort, und ich ſchwur Dir auf den Steinplatten unſerer Kirche einen heiligen Eid, Dich nie zu vergeſſen. ich habe es gehalten... Dich zu lieben,— Du weißt wohl, ob ich dem Schwur nachgekommen bin Dir treu zu bleiben; ich hätte es können, aber es wäre gegen meine Pflicht geweſen, und ſo wollte ich nicht.“ Stepanow fuhr auf und wollte ein Wort des Vorwurfs ausſprechen, als Daria einfiel: „Halte mich nicht gar zu ſchnell für ſchuldig, höre und dann richte!. Eines Abends,— etwa ſechs Monate . ——— 172 nach Deiner Abreiſe,— lag mein armer Vater todkrank auf jener Bank, neben welcher jetzt eben mein kleiner Gregor ein⸗ geſchlafen iſt; ein Mann trat in das Zimmer: es war der Bauer Fedor, deſſen Du Dich aus Deiner Jugendzeit noch erinnerſt. Er beſuchte uns häufig, aber nie war ein Menſch weniger mittheilend... Er ſprach höchſt ſelten ein Wort und begnügte ſich, ſeine durchdringenden Blicke, die meine geheimſten Gedanken ergründen zu wollen ſchienen, auf mich zu heften... An jenem Abend aber hatte ſein Geſicht einen ſo geheimnißvollen Ausdruck, daß mich ſogleich eine un⸗ willkührliche Angſt überkam. Fedor trat zu dem Kranken hin und hielt ihm zu meinem höchſten Erſtaunen eine geweihte Medaille vor Augen, die ich als kleines Kind einſt meinem Vater um den Hals gehängt hatte.“ „„Batucka,““ ſagte er,„„hier iſt das Unterpfand!““ Mochte mein Vater nun in meinem Herzen geleſen haben,— oder hatte er irgend eine andere Urſache,— ich ſah ihn einige Augenblicke unentſchloſſen: „„Schon gut, mein Sohn gib es mir.““ „Fedor drückte dem Kranken die Hand, verneigte ſich vor dem Bogh, und ging hinweg, nicht ohne noch einen for⸗ ſchenden Blick auf mich zu werfen. „Ohne Zweifel las mein Vater die Angſt, die mich ver⸗ zehrte, in meinem Geſicht;— er ſeufzte tief auf, rief mich an ſein Lager, faßte mit ſeinen von Fieberhitze glühenden Händen die meinigen, und ſprach: „„Vor vier Jahren verließ ich in einer Winternacht, während Du an der Seite Deiner Mutter ſchliefeſt, leiſe unſre 173 Hütte, um einen Bären aufzuſuchen, der etwa ſechs Werſte von hier ſein Weſen trieb, und auf deſſen Tödtung der Fürſt einen Preis von fünfzig Rubeln geſetzt hatte„. Fünfzig Rubel„ welch eine Summe für einen armen Leibeigenen!— Mit einem Gewehr, einem Hirſchfänger und meinem Beil be⸗ waffnet, hoffte ich unbemerkt das Dorf verlaſſen zu können; aber Fedor, der gerade herumſchlich, erkannte mich und fragte nach der Urſache meines nächtlichen Ganges: da ich keinen Hehl vor ihm daraus machte, ſo beſtand er trotz meines Sträu⸗ bens darauf, mich zu begleiten; ich verlangte aber, daß er ſich entfernt halten und an dem bevorſtehenden Kampfe keinen An⸗ theil nehmen ſollte. „„Wir gingen lange Zeit, ohne eine Spur von dem Bären zu finden. Endlich entdeckte ich eine friſche Fährte, gab Fedor das Zeichen, ſich verſprochenermaßen entfernt zu halten, und ging, mit einem Gewehr bewaffnet„allein vor⸗ wärts; plötzlich aber ſtieß ich einen Schrei aus, denn nur wenige Schritte von mir ſaß der Bär ruhig auf ſeinen Hinter⸗ beinen. Gedeckt durch den Stamm einer Tanne, legte ich auf das Thier an; aber bei dieſer allzuhaſtigen Bewegung ſtrau⸗ chelte mein Fuß an einer Baumwurzel, ſo daß ich zu Boden fiel. Der Bär, der ſeine Augen nicht von mir abgewendet hatte, kam auf mich zu: die Geiſtesgegenwart verließ mich ſo ſehr, daß ich weder Flinte noch Hirſchfänger, die rechts und links von mir hingefallen waren„ergreifen konnte, auch mich des Beils, das in meinem Gürtel ſtak, nicht mehr erinnerte, und ſo mich dem wilden, wuthſchnaubenden Thiere, deſſen glühenden Athem ich ſchon nahe an meinem Geſichte fühlte, 174 wehrlos Preis gegeben glaubte. Plötzlich ſtürzte Fedor herbei, ergriff den Hirſchfänger und ſtieß damit nach der Schulter des grimmigen Feindes, der ſich nun von mir ab gegen jenen wandte. Fedors bleiches Geſicht zeigte keine Sypun Angſt: er ſtemmte den Griff des Hirſchfängers gegen ſeine Bruſt, und erwartete ſo feſt und ruhig das auf ihn losſtürzende Ungethüm; jetzt vergingen mir die Sinne,— aber als ich die Augen wieder aufſchlug, lag der Bär röchelnd in ſeinem Blute... „„Wie hätte ich nach dieſer wunderbaren Rettung meiner Erkenntlichkeit Schranken ſetzen können? „„Fedor,““ ſagte ich zu meinem Retter,„„wie kann ich Dir je vergelten?““ „„Nächſten Winter wird Daria zwanzig Jahre alt, und ich dreißig;— ich liebe ſie!““ „Ich nahm die Medaille von meinem Halſe, reichte ſie Fedor und ſagte: „„An dem Tage, wo Du mir dieſes Unterpfand wieder⸗ bringſt, wird meine Tochter Deine Frau... Jetzt ſprich, armes Opferlamm,““ fuhr mein Vater fort,„„ſoll ich gegen den Mann, der mir das Leben gerettet hat, eidbrüchig wer⸗ den? „Sei überzeugt, Stepanow, Deine Abweſenheit hatte nichts in meinen Geſinnungen geändert; Dir gehörte mein Herz und kein Anderer konnte je darin Platz finden;— aber als ich die Worte meines Vaters vernommen, als ich erfahren hatte, welche große Schuld durch mich heimbezahlt werden ſollte, beugte ich mein Haupt und ſagte ſchluchzend: „„Ich bin bereit.““ 175 „Was ſoll ich weiter reden? Mein Vater iſt todt und mein Schickſal unwiderruflich erfüllt... Ich bin verheira⸗ thet, bin Mutter, und bin,“ fügte ſie mit bitterem Lächeln hinzu,„glücklich.“ Stepanow hatte die junge Frau ohne Unterbrechung ihre Erzählung vollenden laſſen: Thränen rollten über ſeine Wangen und verloren ſich in ſeinem dichten blonden Barte z er deutete auf einen ſilbernen Ring an Darias Hand und ſagte mit düſterer Stimme: „Wir hatten ſchon die Ringe gewechſelt!“ Ihre Augen begegneten ſich, und veilleicht hatten dieſe nie eine lebhaftere Zärtlichkeit ausgeſtrahlt. Verblendet von der Erinnerung ihres früheren Glückes, vergaßen ſie die jahrelange Trennung und dachten im Augenblicke nicht mehr an die trau⸗ rige Aenderung ihres Verhältniſſes. Aber das Knarren der Thüre, die haſtig geöffnet wurde, warf ſie augenblicklich in die trübe Wirklichkeit zurück. Ein dürrer Hund mit kurzen Ohren, von zweifelhafter Race und geſprengter, weiß und gelber Hautfarbe, ſprang freudig in das Zimmer, beim Anblick Stepanows jedoch ſtand er ſtill, und muſterte den Fremden mit größter Sorgfalt; bald mochte er in dem Iswoſchik einen alten Bekannten erkannt haben, denn er wedelte freundlich mit dem Schwanze und ſetzte ſich in Erwartung ſeines Herren mitten in das Zimmer. Fedor trat wenige Sekunden nach ihm ein: es war ein Mann von mittlerem Wuchſe, mehr klein als groß, jedoch ſeinen Schultern und ſeiner breiten Bruſt nach zu urtheilen, von außerordentlicher Stärke allein die hellgrauen Augen, die 6 176 weißlich⸗blonden Haare und die außerordentlich feine Haut ſtachen gegen den männlichen Ausdruck ſeiner Züge ſonderbar ab. Gewiß war ihm kurz zuvor etwas ſehr Unangenehmes begegnet, denn ſein Geſicht glühte noch von heftigem Zorn. Erſtaunt, einen Fremden in ſeiner Jsba zu treffen, heftete er ſeine düſteren, durchdringenden Augen bald auf Stepanow, bald auf Daria; die ruhige Sicherheit und der unſchuldige Blick ſeiner Frau benahmen ihm zwar ſchnell jeden Verdacht, aber dennoch ſtieß er die dargebotene Hand unſers Iswoſchik rauh zurück und rief: „Was ſuchſt Du hier? Haſt Du je am Hungertuche ge⸗ nagt? Weißt Du nicht, daß es dafür nur ein einziges Hülfs⸗ mittel, die Einſamkeit, nur einen einzigen Troſt, das geheim⸗ nißvolle Dunkel des Waldes, gibt? Sieh nur das lachende Schauſpiel! Meine Frau hat ſich abgehärmt, die Kinder find halbnackt, im leeren Zimmer trifft man keinen Tropfen Schnaps, keinen Biſſen Brod... Laßt mich,“ rief er bitter aus, indem er ſich von den beiden Kleinen, welche ſeine Kniee umfaßt hat⸗ ten, losmachte,„laßt mich; ich kann Euch kein Brod mehr ſchaffen; geht auf der Landſtraße betteln, oder ſterbt wie die jungen Vögel in ihrem Neſt; geht, denn der keckſte Muth, der kräftigſte Wille vermögen nichts gegen das Schickſal.. Der Aufſeher des Fürſten hat mich im Walde getroffen, mich be⸗ ſchimpft, geſchlagen, mit Spießruthen bedroht, wenn ich ferner wildre.. das heißt, man will mir auch das letzte Mittel, Euch am Leben zu erhalten, nehmen... Doch nur Geduld! auch der Leibeigene kann einmal Herr werden und wird dann mit feſter Hand die Knute ſchwingen!... das Geſetz, ich weiß 177 es beſtimmt, verpflichtet den Herrn, ſeine Bauern in Zeiten der Noth zu unterhalten; aber wo ſteht dieſes Geſetz geſchrie⸗ ben?.. wie kann man ſeinen Schutz anrufen? wie lange wird man warten müſſen, bis eine Klage gehört und Gerech⸗ tigkeit geübt wird?.. Fidelka,“ ſagte er zu ſeinem Bunde, der ihm mit ängſtlicher Spannung zuhorchte,„keine Abendjagd mehr im Schnee; kein Bär wird mehr aufgeſtöbert in ſeinem Lager, kein Rebhuhn mehr erlegt im Haidekraut! Suche Dein Heil anderswo, alter Kumpan!“ Anſtatt zu gehorchen, näherte ſich der Hund und legte furchtſam die lange Schnauze auf die Kniee ſeines Herrn. „Bruder,“ ſagte der Iswoſchik,„warum ſo muthlos? das Unglück währt nicht ewig und der heilige Nikolaus. Ein bitteres Lächeln flog über die Lippen von Fedor: „Der heilige Nikolaus da,“ ſagte er, auf das Heiligen⸗ bild in der Ecke deutend, iſt ein ſchmutziger, blau und roth bemalter Fetzen Papier„ Der Kutſcher und die Frau bekreuzten ſich voll gottes⸗ fürchtigen Schauders. „Weg mit den unnützen Worten! aſt Du übrig, ſo gib denen, die nicht genug haben; wo nicht, ſo laß uns einſam und ohne Zeugen weinen. Leb' wohl!“ 8 7 Ein ſanfter Blick Darias milderte bei Stepanow den her⸗ ben Eindruck dieſer Worte: er nahm ſeinen ledernen Beutel und zog fünf Silberrubel heraus: „Ich kam nach Borotzka, um dem fürſtlichen Intendanten meinen ſchuldigen Obrog zu zahlen: dieſe fünf Selkows machen Der Erzähler 1848. 1. 12 178 die Hälfte meiner Erſparniſſe aus; nehmt ſie unbedenklich, denn der Schlitten vor der Thüre iſt mein Eigenthum und ſoll mich, wenn ich mit Gottes Hülfe glücklich nach Petersburg zurück⸗ gekehrt bin, bald in den Stand ſetzen, Euch zu unterſtützen.“ „Du verſprichſt zu viel,“ erwiederte Fedor mit rauhem Tone. „Ich nehme Alles mit Dank an,“ flötete eine zarte, leiſe Stimme. Als Stepanow weggeeilt war, betrachtete Fedor ſeine Frau mit einem ſtarren Blicke, der jedoch von tiefer Aufregung zeugte. „Du verfluchſt den Tag, wo Du mein Weib wurdeſt, nicht wahr? Stepanow hätte Dich glücklich gemacht, und ich bin Dein Unglück... Er hätte für Deinen Hals Spitzen von Moskau, für Deine Finger Ringe von Tula und für Deine kleinen Füße Schuhe von Torjok gebracht; bei mir erwartete Dich nur Jammer und Elend.“ „Ich beſchwöre Dich bei dem Andenken Deines Vaters, bei Deinen Kindern, höre auf ſo zu reden. Fedor... habe ich mich jemals beklagt? Hat mir unſre Armuth je eine Thräne, hat mir Deine düſtre Laune je einen Vorwurf entlockt? War ich nicht immer Deine unterwürfige Frau, eine beſorgte Mut⸗ ter?... Sieh,“ fuhr ſie zitternd fort, indem ſie durch die offene Thüre auf eine ſchwarze Alſter deutete, welche mehrmals den Kirchthurm im Kreiſe umflog und ſich dann auf den Dachvorſprung der Jsba niederließ. „Nun?.4 179 „Eine Alſter mit glühenden Augen;*) das bedeutet ein unglück. „Es iſt ſchon eingetroffen,“ ſagte Fedor und ſchloß ſchnell die Thüre. I. Maria Prtrowna. Obgleich die Erſcheinung eines Schlitten zu Borotzka etwas höchſt Seltenes war, da in dieſem abgelegenen Dorfe außer dem Reiſewagen des Fürſten und den Bauernkarren kein Fuhrwerk zu finden geweſen wäre, ſo hatte doch keiner der Dorfbewohner ſein Haus verlaſſen, um zu ſehen, wer angekom⸗ men ſein könnte. Die Muſchiks haben trotz ihres eiſigen Klimas ganz die phlegmatiſche Ruhe des Orientalen: ein⸗ mal auf ihre Pritſche hingeſtreckt, ſind ſie höchſtens durch die Stimme des Popen oder durch die Peitſche des fürſtlichen Auf⸗ ſehers aus ihrer Ruhe, ihrem apathiſchen Hinbrüten aufzu⸗ ſtören; nur Maria Petrowna fühlte ihr Herz ſtärker pochen, als ein Schlitten über die glattgefrorene Straße hineilte. Wel⸗ cher andere Iswoſchik ſollte nach Borotzka kommen, als ihr Verlobter, ihr Jugendgeſpiele, ihr Stepanow, den ſie ſchon ſeit drei Jahren erwartete? In dieſem Alter gilt die leiſeſte Hoff⸗ 43 *) Ein Aberglaube der ruſſiſchen Bauern; in dem ſchwarzen Vo⸗ gel ſteckt eine Hexe(Weidna) und droht dem Hauſe Unglück. 180 nung als Gewißheit. Daher ſprang die kleine Marie freudig vom Schemel auf, küßte ihren Vater, einen braven, gemüths⸗ ruhigen Bauern, und rief, indem ſie nach der Thüre ihrer Isba eilte: „Er iſts!“ „Woher weißt Du es?“ „Mein Herz ſagt es mir!“ „Eine unſichere Bürgſchaft!“ „Die ſicherſte!“ „Du biſt eine Närrin!“ „Ich liebe ihn.. Maria Petrowna bekreuzte ſich vor ihrem Heiligen und verließ lächelnd die Hütte, nachdem ſie ein kleines, blaues Hals⸗ tuch über den Kopf geworfen hatte, deſſen eines Ende ihre Stirne bedeckte, während die andern dazu dienten, es unter dem Kinn feſtzubinden. Auf der Straße blickte ſie vergebens nach en Seiten umher: der Schlitten Stepanow's war nicht mehr zu ſehen. Laurlos ſtand ſie da; plötzlich aber erblickte ſie das leichte Fuhrwerk vor dem Gitter des herrſchaftlichen Schloſſes. Wirk⸗ lich war Stepanow, der in den früheren Jahren ſeinen Obrog zu St. Petersburg entrichtet hatte, zu dem Aufſeher ins Schloß gegangen, um da die jährliche Tare zu bezahlen, die jeder Guts⸗ herr von ſeinen Leibeigenen erhebt und die trotz des ver⸗ hältnißmäßig hohen Anſatzes doch Manchem derſelben erlaubt hat, ſich ein artiges Vermögen zu erwerben. Marie eilte ſo⸗ fort nach dem andern Ende des Dorfes, empfand es aber ſchmerzlich, daß Stepanow an ihrer Isba vorübergefuhren war, ſchinke, Eure Duſchinka, die Euch erwartete, Euch aufſuchte 181 ohne ſte zu beſuchen, ohne ſie zu grüßen. Bald erreichte ſie den Ort: ſie unterſuchte neugierig den Schlitten ihres Bräuti⸗ gams und ſetzte ſich einen Augenblick hinein; dann liebkoste ſie das ukrainiſche Pferdchen und gab ihm die ſüßeſten Schmei⸗ chelworte,— denn in zarten Liebesausdrücken kann mit der ruſſiſchen Sprache keine andere, nicht einmal die italieniſche, wetteifern.— Nach wenigen Minuten kam Stepanow die Freitreppe des Schloſſes herab und ging nachdenklich, mit geſenktem Blicke der Straße zu. Maria verſteckte ſich hinter einem dicken Birken⸗ ſtamme, der hart an dem Gitter ſeine entblätterten Aeſte ausbreitete: aber eben als der Iswoſchik die Zügel ergriff und ſich wieder in den Schlitten ſetzen wollte, legte unſte Kleine, die leicht wie ein Reh herangeſchlichen war, ihre zarten, runden Hände auf ſeine Augen und flüſterte ihm leiſe ins Ohr: „Rathe, Stepanow Jwanowitſch...“ „Maſchinka!“ rief der junge Mann erſchrocken und blaß geworden bei dieſer unerwarteten Begegnung. „Ja, ich bin es, mein Herr... Eure Maſcha, Eure Ma⸗ und nun feſthält, Ihr Undankbarer! Denn ſehet nur, wie ich alt und groß geworden bin: ſo ſeht mich doch an.. der Staroſt(Dorfälteſte) behauptet, ich ſey hübſch geworden, hat er Recht, Stepanow?“ Das liebliche Kind heftete ihre großen blauen Augen mit der naivſten, unſchuldigſten Koketterie auf ihren Geliebten; ihre ſonſt kaum merklich mit leichtem Roſa durchſchimmerten Wangen glühten jetzt von einem freudigen und doch ſchamhaf⸗ 182 ten Roth; ihre ſchönen Arme, ihr zierlicher Wuchs, den nicht einmal die häßliche, hoch hinaufgezwungene Taille der ruſſi⸗ ſchen Bauerntracht entſtellen konnte, ihre vertrauensvolle, keuſche Liebe gaben der mitten im Schnee herrlich aufgeblühten Roſe einen unwiderſtehlichen Reiz. Stepanow empfand dieß wohl und fühlte vielleicht inſtinetmäßig, aber um ſo gewiſſer, daß ihm in dieſer reizenden Erſcheinung ſein Glück winke, daß ihn nach der anderen Seite nur eine ſündhafte Hoffnung oder ein weſen⸗ loſes Traumbild locke;— doch war die Liebe zu Daria noch zu feſt in ihm gewurzelt, als daß ſie ſo ſchnell hätte verwiſcht und erſtickt werden können. So ſtand er längere Zeit unbeweglich vor Marie, wie Einer, der nicht die Wahrheit zu ſagen wagt und doch nicht heucheln will;— plötzlich aber ſchwang er ſich in den Schlitten, faßte den Zügel und rief dem wie vernichtet daſtehenden Mädchen zu: „Der Staroſt hat Recht, Maſchinka, aber Gott will es nicht!“ Längſt war das ukrainiſche Pferd aus dem Angeſicht des Dorfes hinter dem dunkeln Fichtenwalde verſchwunden, als Maria Petrowna noch auf den Knieen im Schnee lag und mit thränenden Augen voll tiefen Schmerzens zu dem Kirchthurm⸗ Kreuze aufblickend ſeufzte: „Gott will es nicht!“ — 183 Die Hoffunng. Der Fremde, der zum erſtenmal Petersburg beſucht, iſt ſicher Anfangs von der majeſtätiſchen Pracht und Schönheit dieſer Stadt höchſt überraſcht. Kommt er von Kronſtadt auf dem impoſanten Newaſtrom gegen die Stadt und ſteigt mitten in einem Wald von Schiffen jeder Art und aller Nationen an dem engliſchen Quai, der mit den ſchönſten Hotels beſetzt iſt und nach dem Iſakplatze zu der prächtigen Kathedrale und der bewundernswürdigen Statue Peters des Großen führt, aus;— oder iſt er durch die Tannenwälder, zwiſchen den felſigen Hügeln und den mit Moos bedeckten Haiden Finn⸗ lands hindurch gereist und kommt nun zu Lande an den In⸗ ſeln, an Waſfili⸗Oſtrom, an dem Fort vorbei, wo die Spitzen von Sankt Peter und Paul glänzen,— jedesmal iſt der erſte Anblick überraſchend, einzig. Bald aber macht dieſes Erſtau⸗ nen einem weniger günſtigen, ja betrübenden Eindrucke Platz. Ein platter Landſtrich, wie derjenige, wo Petersburg liegt, be⸗ darf hervorragender Punkte, die ſich am Horizont abheben. Deren ſind zu wenige, faſt gar keine dat man fieht nichts als die langen, einförmigen Reihen der weißen, ſymmetriſch abge⸗ meſſenen Häuſer mit ihren backſteinenen überputzten Kolonna⸗ den: Alles iſt großartig aber nicht vriginell. Außerdem ſieht. man auf dieſen ungeheuren Spaziergängen nirgends jene lieb⸗ lichen koketten Frauengeſichter, die heiteren belebten Phhſiogno⸗ mien, die von dem Daſehn einer geiſtig bewegten, gebilveten 184 Geſellſchaft Zeugniß ablegen: die öffentlichen Promenaden Pe⸗ tersburgs zeigen nur einzelne Spaziergänger, die langweilig und düſter umherwandeln; ſeine geräumigen Hotels ſind leer;— ein ewiger Winter herrſcht hier im geiſtigen wie im phyſiſchen Leben. Einem Reiſenden, der das geſchäftige bewegte Treiben von Paris, London, Wien, Florenz im Gedächtniß hat, iſt es kaum zu verargen, wenn ihn die Langeweile ſogar gegen die unleugbaren Schönheiten der ruſſiſchen Hauptſtadt ungerecht macht, und ihn vergeſſen läßt, daß hier vor noch nicht hun⸗ dert und fünfzig Jahren eine ſumpfige Einöde war, welche nur mit den größten Opfern und durch die bewundernswürdigſte Energie zu dem gemacht werden konnte, was ſie jetzt iſt. Aber derjenige, der eben jetzt die Newsky⸗Perſpektive hin⸗ abeilte, dachte gewiß nicht an die prächtigen Paläſte, die un⸗ zähligen Kaufläden, die vielen Kirchen, welche jene herrliche Straße ſchmücken; weder das zierliche Palais Stroganoff, das ſich an der Ecke der blauen Brücke erhebt, noch die bronzenen Pferde an der Aniſchkoffbrücke, die man ſchon von fern erblickt, konnten auch nur flüchtig ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich ziehen. Der unſichere Gang des Bauern, die düſteren Geſichtszüge, ſeine ſchlechte Kleidung zeugten nur zu deutlich von der Armuth, von dem hoffnungsloſen Elende, welchem er ſich preisgegeben fühlte. Er ging an der holländiſchen Kirche, an dem präch⸗ tigen Hotel, Adelspalaſt genannt, wo wenige Monate ſpäter Rubini Geld genug aber wenig Ruhm erndtete, vorüber, er⸗ reichte den hübſchen Platz, wo der Palaſt Michael ſteht, trat in das Hotel des Fürſten Weratſchin, und fand dort unter ——— — 185 dem Vorwand, eine wichtige und preſſante Botſchaft überbrin⸗ gen zu müſſen, ſogleich Zutritt bei dem Herrn. Fürſt Weratſchin genoß am kaiſerlichen Hofe großes An⸗ ſehen, das er nicht nut ſeiner allgemeinen Geſchäftskennt⸗ niß, ſondern auch beſonders hervorſtechenden Dienſten, die er dem Staat in manchen bedenklichen Lagen geleiſtet hatte, verdankte. Sein allgemein geachteter Charakter, den eine unbeugſame Gerechtigkeitsliebe und eine unantaſtbare Unbeſtech⸗ lichkeit zierte, zeigte jedoch als Kehrſeite eine eben ſo allgemein gefürchtete, faſt übermäßige Strenge; aber eben dieſe Strenge, die nicht ſelten in Grauſamkeit auszuarten drohte, ſchien ge⸗ wiſſermaßen durch den Erfolg gerechtfertigt. Obengenannte Eigenſchaften ſind auch wirklich an einem Adminiſtratib⸗ beamten doppelt zu ſchätzen in einem Lande, wo die Beſtechlichkeit zu einer unbertilgbaren Epidemie geworden zu ſein ſcheint; wo ein Fremder keine Nachweiſung, keinen Paß, kein Dokument irgend einer Art erhalten, nicht das einfachſte Geſchäft bei einer Behörde vollführen kann, ohne daß ſich begehrliche Hände ge⸗ gen ihn ausſtrecken; wo ſolche erniedrigende Einnahmsquellen dem allzu dürftigen Gehalt der Beamten aufhelfen müſſen. Das Zimmer, in welches der Muſchik geführt wurde, diente dem Fürſten als Arbeitskabinet: ein prächtiges Porträt von Krüger, das wohlgetroffene Bruſtbild des Kaiſers Niko⸗ laus, hing an der einen Wand, während die andere von einem zierlich gearbeiteten Bücherſchranke bedeckt war; durch eine halb⸗ offene Thüre bemerkte man am Ende des Nebenſalon einen kleinen künſtlichen Garten, wo mitten im Winter die ſchönſten Roſen und Tulpen blühten,— eine Sitte, die man in den 186 meiſten Wohnungen der Großen Petersburgs antrifft, und die ſehr viel zur Annehmlichkeit und Verſchönerung beiträgt. Eben als der Bauer eintrat, befand ſich Fürſt Werat⸗ ſchin in einem Zuſtand geiſtiger Abgeſpanntheit und un⸗ angenehmer Ermüdung, wie ſie einen Mann von ſo wichtigen und mannigfachen Geſchäften nicht ſelten überkommen mag. Seine Augen hafteten mit einer Art verachtungsvoller Neugier auf dem gemeinen Beſuche, der ſich tief verneigte. „Wer biſt Du,“ fragte der Fürſt, und was iſt Deine Botſchaft, welche Du ausrichten zu müſſen vorgibſt?“ „Ich bin einer Ihrer Leibeigenen; mein Name iſt Fedor und ich bitte vor Allem um Vergebung, daß ich mir durch eine Unwahrheit die Gnade zu verſchaffen geſucht habe, Sie ſelbſt zu ſprechen: ich habe keine Botſchaft auszurichten, keinen Brief zu überbringen, ſondern nur eine demuthsvolle Bitte vorzu⸗ tragen, die Sie gnädigſt anhören wollen. Ich wurde unter Ihren Leibeigenen zum Wildhüter in Ihren fürſtlichen Wil⸗ dern erſehen und führte dieſes Amt lange Zeit tadellos, glaubte auch, wenn ich je einmal eine Droſſel oder ein Rebhuhn auf Ihrem Grund und Boden erlegte und Abends nach Hauſe brachte, Ihrer Excellenz dadurch nicht zu nahe getreten zu ſein, denn Sie ſind unermeßlich reich, ich aber bin ſo arm, daß meine Kinder oft keine andere Nahrung haben, als ein Stückchen Brod aus Birkenrinde. Nun wurde ihr ehemaliger Gutsaufſeher, der gut und wenſchlich geweſen war, durch einen harten, grauſamen, ungerechten Mann erſetzt. Er ertappte mich eines Tages über einem ähnlichen Wilddiebſtahl und ſchlug mich ich ertrug es mit gebeugtem Haupte und verſprach, mich ———————— ———————— —— ——— 187 keiner Strafe mehr ſchuldig machen zu wollen. Allein der Hunger, unter dem meine Familie litt, ließ mich zwei Monate ſpäter wieder in denſelben Fehler zurückfallen. Ihr Aufſeher erfuhr es. Er nahm mir eines meiner Kinder und meinen Hund: ich bat um Gnade, er aber blieb taub; ich warf mich vor ihm auf die Kniee, er aber ſchlug mich wieder, wie das erſtemal. Sehen Sie, gnädigſter Herr, dieſe Narbe auf meiner Stirn iſt das Mahlzeichen ſeiner grauſamen Wuth Ich durfte nur die Hand ausſtrecken,— das Ungeheuer zermalmen aber ich war Gatte und Vater, ich war Sklave; es war meine Beſtimmung, mich unter einer ſo ſchimpflichen Behand⸗ lung beugen zu müſſen:— ich that es mit Thränen. Was ſoll ich weiter beiſetzen, gnädigſter Fürſt? Ich liebe mein Kind, wie nur die Armen ihre Kinder lieben: Sie ſind mein Herr und müſſen Gerechtigkeit üben, auf daß Gott, der Sie ſo hoch über uns geſiellt hat, nicht in ſeiner gewiß gütigen Ab⸗ ſicht getäuſcht werde: deshalb bin ich ohne Zögern abgereist, um Sie ſelbſt zu ſehen und zu ſprechen; ich habe mehr als ſechzig Werſte zurückgelegt mit ein paar Kreuzern und einem Stück Brod in der Taſche, aber in der gewiſſen Hoffnung daß Sie ſagen würden:„„Du ſollſt Dein Kind und Deinen Hund wieder bekommen; kehre in Deine Isba zu Deinem wei⸗ nenden Weib zurück, und denket in Eurem Gebet meiner.““ Fürſt Weratſchin hörte nicht ohne Erſtaunen aus dem Munde eines armen Muſchik dieſe einfachen Worte, in denen ſich trotz der ſcheinbaren Demuth ein Stolz offenbarte, wie man ihn bei ſeinen an knechtiſche, ja hündiſche Unterwürfigkeit gewöhnten Standesgenoſſen gewiß nicht oft fand. Einen 188 Augenblick zeigte ſogar das kalte Geſicht des Fürſten eine Spur von unwillkührlicher Theilnahme, die aber gar zu bald wieder verſchwand, da dieſe hoch geſtellten Staatsbeamten gewohnt ſind, Alles nur vom allgemeinen Standpunkte aus zu betrachten und ihr Herz gegen jedes Mitleid mit den Schmerzen der Einzelnen zu verſchließen. „Nein,“ ſagte er zu Fedor,„ich kann Dir Deine Bitte nicht gewähren; das Unglück entſchuldigt ein Vergehen gegen Pflicht und Geſetz keineswegs. Du haſt gewildert oder, was das Gleiche iſt, geſtohlen: mein Auſſeher hat Dich dabei betroffen; er hätte Dich feſtnehmen und ins Gefängniß ſetzen können, hat Dir aber nur Dein Kind und Deinen Hund genommen. Sollteſt Du nicht, anſtatt unvernünftig zu klagen, Dir Glück wünſchen, daß Du ſo gut davon gekommen biſt? Kehre da⸗ her nur ſo ſchnell, als Du kannſt, nach Borotzka zurück, und ſei froh, daß Du mich bei ſo guter Laune getroffen haſt.4 Fedor ſtand, während Fürſt Weratſchin alſo redete, ge⸗ bückt da; Schmerz und Wuth kochten in dieſem feurigen Her⸗ zen plötzlich nun erhob er das todtenblaſſe Geſicht gegen ſeinen Herrn und ſagte mit einem düſteren, durchdringenden Blicke: „Iſt das Ihr letztes Wort?“ „Mein letztes.“ „Nun... ich werde morgen wieder kommen.“ „Hüte Dich wohl,“ ſagte der Fürſt mit harter, drohender Stimme,„oder ich übergebe Dich der Polizei, und Du weißt wohl.4 „Ich weiß wohl, daß auf einen Wink von Eurer Excellenz der Quartalnik(Polizeiprofos) mich entkleiden und ſo lange 189 mit Ruthen ſchlagen wird, bis mir das Fleiſch in Stücken vom Leibe füllt.. ich weiß das gar wohl; thut aber nichts. Auf Wiederſehen morgen, mein Fürſt!“ Mit dieſen Worten öffnete Fedor raſch die Thüre und verſchwand in der Hausflur. Die ruſſiſchen Leibeigenen ſind ſo vollkommene Sklaven, ertragen ihre Erniedrigung ſo geduldig, werden ſo wenig als eigentliche Menſchen betrachtet, daß ihre Drohungen, ihre Kla⸗ gen weder Furcht noch Mitleiden erregen. So vergaß auch Fürſt Weratſchin unter ſeinen Staats⸗ und Hofgeſchäften die⸗ ſen Vorfall vollkommen und hätte vielleicht nie wieder daran gedacht, wenn nicht den andern Tag, eben als er in den offenen Wagen ſteigen wollte, ſich ein Menſch mit den Wor⸗ ten an ihn gedrängt hätte: „Hier bin ich, mein Fürſt. ich habe Wort gehalten, wie Sie ſehen.4 2— Wüthend über dieſe Frechheit, die er durch ſeine ver⸗ meintliche Nachſicht hervorgerufen zu haben glaubte, wollte Fürſt Weratſchin gerade den Bauern durch einen wachhaben⸗ den Offizier verhaften laſſen, als er mit Verwunderung be⸗ merkte, daß derſelbe nirgends mehr zu ſehen war. Wie aber Fedor drei Tage ſpäter, obgleich die Diener⸗ ſchaft auf ihn aufmerkſam gemacht worden war, ſich unbe⸗ merkt einſchleichen und bis in das Zimmer des Fürſten drin⸗ gen konnte, iſt unbegreiflich und nicht zu erklären. Aber gewiß iſt, daß er dort eintrat, die Thüre hinter ſich ſchloß und dann den Fürſten düſter ſchweigend betrachtete: „Zum letztenmal,“ ſagte er endlich mit gedämpfter Stimine, „ 190 mein Kind und meinen Hund: auf den Knieen bitte ich darum!“ Und als der Fürſt nicht antwortete: „Ich weiß es wohl, Sie ſind gewohnt, uns ſo zu ſehen .. Gunſt und Strafe empfängt der Sklave knieend von ſeinem Herrn: ich aber bin zwar von Geburt ein Leibeigener, im In⸗ nern aber ein freier Mann und kniee nur bei ganz beſondern Veranlaſſungen!“ Der Fürſt ſchauderte, denn der Ton, in welchem dieſe Worte geſprochen wurden, zeigte nur zu deutlich den drohenden Sinn derſelben; er betrachtete Fedor feſt und glaubte auf ſei⸗ nem Geſicht einen finſtern, rachgierigen Entſchluß zu leſen. Stolz, kaltblütig und muthig verachtete er die Gefahr: viel⸗ leicht hätte er ſich durch Bitten erweichen laſſen, aber gegen Drohungen blieb er felſenfeſt. „Fort! ſchnell fort, Elender!“ rief er mit gebieteriſcher Miene. „Noch nicht, noch nicht,“ erwiederte der Muſchik;„die Sache iſt ernſthaft, glauben Sie ſicherlich, ſehr ernſthaft... Zum letztenmal, ſchlagen Sie meine Bitte ab?.. „Ja, ich ſchlage ſie ab.“ „Sind Sie Ihres Lebens überdrüſſig?“ „Ich bin es überdrüſſig, Dich zu hören... kein Wort mehr; denn draußen erwartet Dich die Knute„ „Mir die Knute, Ihnen den Tod,— Gerechtigkeit für uns Beide!“ Während der Fürſt den Kopf nach der Klingelſchnur wandte, um ſeinen Leuten zu ſchellen, zog Fedor blitzſchnell 191 eine Piſtole aus ſeiner Bauernkutte, legte an und ſchoß. Mehrere Stückchen Blei und Eiſen, womit die Piſtole geladen war, tra⸗ fen den Kopf des Fürſten hinter dem linken Ohre: er wankte zweimal und ſtürzte dann zu den Füßen ſeines Mörders, in⸗ dem er röchelte „Sie hatte es mir vorausgeſagt!“ Fedor betrachtete ſein Opfer mit düſterer Miene und machte nicht den mindeſten Verſuch zur Flucht. „Da bin ich,“ ſagte er ohne ſichtbare Aufregung, indem er ſich den Dienſtboten und Soldaten, welche auf den Schuß herbeigeeilt waren, überlieferte.. Die Piſtole war der Hand des Mörders entfallen; als man ſie genauer betrachtete, fand man mit dem Meſſer die drei Worte eingegraben:„Meine letzte Hoffnung!“ „Sie hatte es mir vorausgeſagt,“ waren die letzten Worte des Fürſten geweſen. Fedor erzählte es nachher und man fand den Sinn derſelben bald: Im Jahr 1815 hatte der Fürſt als damaliger Gardeoffizier mit mehreren Kameraden die berühmte Lenormand zu Paris beſucht, und dieſe hatte ihm aus den Karten prophezeit, daß er durch den Schuß eines Gewehrs oder einer Piſtole ſterben würde. Nicht frei von Aberglauben und lebhaft von dieſer Nuchricht ergriffen, verzichtete er ſeitdem auf die Jagd, die er bis dahin leidenſchaftlich geliebt hatte, und fühlte beim Anblick der Feuerwaffen einen unüberwindlichen Schauer, wie ſeiner Zeit Jakob I. beim Anblick eines bloßen Degens. 192 W. Der treue Freund. Der Semenowskhplatz, nach der Kaſerne eines bekannten Infanterieregiments ſo benannt, liegt an der Südſeite von Pe⸗ tersburg. Von da aus fährt man während des kurzen Som⸗ mers in den eleganten Eiſenbahnwaggons nach Czarkojeſelo und Paulosk. Einſt der Wohnſitz der Kaiſerin Maria Feodorowna, jetzt aber dem Großfürſten Michael gehörig, iſt dieſer Park einer der ſchönſten in Rußland, reich an Baſſins, grünen Ra⸗ ſenplätzen, ſchattigen Alleen, ſeltenen Geſträuchen und roman⸗ tiſchen Ausſichten. Wirklich fehlten zu einem florentiniſchen Luſt⸗ park nur der Himmel Italiens und die bezaubernde Fernſicht der Apenninen. Fünf Tage waren ſeit dem Tode des Fürſten Weratſchin verfloſſen, ohne daß in der Stadt etwas Genaueres über das Verhör oder die dem Mörder beſtimmte Strafe verlautete. Doch ließ jetzt der Schall der Trommeln eine ungewohnte Truppen⸗ bewegung auf dem Semenowskhplatz vermuthen und eine Be⸗ kanntmachung der Polizei verkündete, daß die Regierung ein Erempel der Strenge ſtatuiren wolle. Zwei lange Reihen von Soldaten waren um den ganzen Platz her aufgeſtellt, und die weißen biegſamen Ruthen in ihrer Hand zeigten deutlich an, zu welchem Zweck ſie ſich hier ver⸗ ſammelt hatten. Ihre kalten, ehernen Geſichter zeigten eben ſo wenig Mitleiden, als wenn ſie zu einer Parade auf das Mars⸗ feld kommandirt geweſen wären. Die unbeugſame Kriegszucht 193 erſtickt jedes Gefühl, jede edle Regung in dem Herzen des ruſſiſchen Soldaten: Tödten iſt ein Frohndienſt wie ein jeder anderer, nur mit dem Unterſchied, daß dieſer eine doppelte Ra⸗ tion Schnaps einträgt. Junge Offiziere, welche mit eitelm Stolze ihre goldenen Sporen, gekrümmten Säbel, ſeidenen Schärpen und wallenden Federbüſche zur Schau trugen, galoppirten zwiſchen den Reihen auf und ab, wenig bekümmert über die Art des Dienſtes, zu dem ſie kommandirt waren, ſondern nur darauf bedacht, ihre Reiterkünſte zu zeigen. Von Zeit zu Zeit ſuchten ihre mit Lorgnetten bewaffneten Augen, ob ſie nicht unter der Zuſchauer⸗ menge den ſchönen ſpaniſchen Kopf von Vllle. Desgranges, den zierlichen Wuchs der Mdme. Allan, das feine Geſicht von Wlle. Louiſe Maher(Mdme. Alerandre), die intereſſanten geiſt⸗ reichen Züge von Mdme. Solowiova⸗Verteuil, oder die nied⸗ liche Polin Vernet, welche von dem trefflichen Miniatur⸗Maler Court verherrlicht wurde, erblicken könnten. Allein keine dieſer liebenswürdigen Damen, zu ihrem Lobe ſei es geſagt, war anweſend. In ihren freundlichen Wohnſitzen am Ufer der kleinen Newa erfuhren ſie nicht, oder vergaßen wenigſtens das blutige Drama Ernſter als jene, in denen ſie die Heldinnen zu ſpielen hatten), das auf dem Semenowskhplatze vor ſich ging, wo ein Unglücklicher, den das Elend toll und die Tollheit zum Verbrecher gemacht hatte, einer grauſamen Juſtiz und zwölf⸗ hundert Henkern gegenüber ſtand. Dagegen ſah man einige ruſſiſche Damen in unbedeckten agen und eine Unzahl von Bauernweibern mit Mannsſtiefeln, Der Erzähler 1848. 1. 13 194 gelben oder rothen Halstüchern, meiſt nicht ſchön, aber blond und friſch wie die Mädchen von Kopenhagen oder Amſterdam. Die ſchlecht gemachten Gerüſte brachen an mehreren Orten unter der übermäßigen Laſt zuſammen, wobei nicht wenige Bein⸗, Arm⸗ und Rippenbrüche vorkamen, die jedoch kein Auf⸗ ſehen erregten. Der Himmel ſchien eher zu einem Feſt als zu einer Exe⸗ kution geſtimmt: von keinem Wölkchen getrübt, ſtrahlte die Sonne eine brennende Hitze, wie ſie nur während der Hundstage in Italien zu finden iſt. Der unebene Semenowskhplatz glühte und kein Lüftchen fächelte die ſparſamen Blumenbeete, die der erſte kalte Septembermorgen nach kurzer Blüthe zerſtört. Ein dumpfer Trommelwirbel— und plötzlich wandte ſich die ganze Menge, von Neugier oder ängſtlicher Theilnahme ergriffen, gegen die Nordſeite des Platzes, wo man in der Ferne den traurigen Zug ſich heranbewegen ſah. Mit den Händen feſt an die Hinterſeite eines niederen Karren, dem einige Sol⸗ daten vorgeſpannt waren, gekettet, lief Fedor, der Bauer von Borotzka, der Mörder des Fürſten Weratſchin, bis zum Gürtel entkleidet, die Lippen, den Kopf, das Kinn glatt raſirt. So bart⸗ und haarlos ſchien dieſer Menſch noch außer⸗ ordentlich jung: ſeine weiße Stirn war nicht blaß, ſeine Wan⸗ gen hatten die Farbe, ſeine Augen ihre düſtere Gluth nicht verloren. Verdankte der Unglückliche dieſe Stärke einer Fieber⸗ hitze oder einem beinahe übermenſchlichen Muthe? Dieß ließ ſich nicht entſcheiden. Die erſten Ruthenſtreiche, welche ſogleich die ſtärkſten Furchen in dem nackten Fleiſch zogen, entlockten ihm keinen Laut des Schreckens oder Schmerzens. Die Haltung 195 ſeines Kopfes drückte im Gegentheil einen Stolz aus, der jeder Angſt zu ſpotten ſchien: nur die aufgeſchwollenen Adern ſeines Halſes und die übereinander gebiſſenen Lippen deuteten an, daß der Körper ſich gegen den Stvicismus einer Seele auflehnte, deren Stärke eine über menſchliche Kräfte gehende Probe auf⸗ erlegt war. Ich will das, was ich mit Indignation, mit Schauder, mit zerriſſenem Herzen habe mitanſehen müſſen, nicht genauer beſchreiben; es gibt Gemälde, die man nicht in ihrer ganzen Schreckhaftigkeit ausmalen darf, vornämlich wenn ſie wahr, wenn weder das Opfer noch die Strafe Gebilde der Einbil⸗ dungskraft ſind. Die Theilnahme war allgemein; die Meiſten wandten ihre Augen voll natürlichen Abſcheus ab, um nicht zuzuſehen, wie die langen Gerten die Luft durchſchnitten und dann in die Schultern des Armen tiefe Furchen riſſen: Andere konnten ihre Thränen nicht zurückhalten; doch gab es auch welche, freilich in kleinerer Anzahl, die der Exekution mit Aufmerkſamkeit, ja mit einem wilden Vergnügen zuſahen: ſcheußliche Geſichter, die man ſchon im Jahr 1831 mit Schrecken in den Straßen bon St. Petersburg wie aasbegierige Schakale hat umherirren ſehen! Ein Jwoſchik, der ſich durch ſein ſchönes, ſanftes Geſicht und durch die Reinlichkeit ſeines Kaftans auszeichnete, zerfloß in Thränen: es war Stepanow. Er hatte von der Perſpektive, ſeinem gewöhnlichen Standorte, mehrere bärtige Kaufleute nach dem Semenowskyplatze bringen müſſen und war dort durch das 196 fürchterliche Gedränge trotz einer gewiſſen unerklärlichen Bangig⸗ keit, die ihn forttrieb, feſtgehalten worden. Anfangs erkannte er das bart⸗ und haarloſe Opfer nicht, obgleich ihm die Aehn⸗ lichkeit auffiel, als er aber unwillkührlich durch die anderen Leute bis zu der erſten Reihe vorgedrängt war, durfte er nicht mehr an der Perſon zweifeln. Stepanow war wie verſteinert vor Schreck und Schauder: in demſelben Augenblick ſtürzte ein magerer, weiß und gelb gefleckter Hund mit langer Schnauze durch die dicht gedrängte Menge, riß wie ein Blitz durch die Soldatenreihe und ſchmiegte ſich mit lautem, herzzerſchneidendem Freudengeſchrei zu den Füßen ſeines Herrn, dem man eben einige Tropfen Brannt⸗ wein eingab, um ſeine beinahe unmächtigen Lebensgeiſter auf's Neue zu beleben. Fedor erkannte ſeinen Hund: „Mein Fidelka, mein Freund, mein alter Kamerad!“ rief er mit zitternder Stimme. Es mußten gewiß ſonderbare Umſtände zuſammentreffen, daß der Hund dem Aufſeher zu Borotzka entſprang und ſich auf dem weiten Weg von dort nach Petersburg zurecht fand. Wie man ſpäter erfuhr, hatte er in der Nacht von der Kette geriſſen, ſeinen Herrn zu Hauſe und in der ganzen Umgegend geſucht, und endlich wahrſcheinlich die Spuren deſſelben im Schnee gefunden. Vom Dorfe Jaſchery aus hatte er einige Bauern, die Leder von Torjok nach Petersburg führten, be⸗ gleitet, und war ſo halb vom Inſtinkt, halb vom Schickſal geführt, bis auf den Semenowskyplatz gekommen. Dieſer unerwartete Vorfall hatte unter den Soldaten wie 197 unter den Zuſchauern eine Aufregung hervorgebracht: der Hund ſollte fortgeſchafft werden und ein Soldat that einen kräftigen Hieb mit der Gerte nach ihm; dieſer aber ſprang auf den Karren, zeigte knurtend die Zähne und drohte den Nächſten anzufallen, der ihm oder ſeinem Herrn zu nahe käme. Ein Officier, der hinter dem Verurtheilten gehen mußte, hatte der Scene längere Zeit mit der Gedankenloſigkeit eines Pariſer Maulaffen zugeſehen; dieſer näherte mit gezogenem Degen ſich unbemerkt und ſtach den Hund in die Seite, ſo daß er röchelte. Obgleich durch die eigenen Schmerzen faſt ſinnlos und unempfindlich, hatte Fedor doch noch ſo viel Kraft, mit bittender Stimme zu ſagen: „Ach! Erbarmen! Tödten Sie ihn nicht! Warum ſtechen Sie nach ihm? Was hat er gethan? Erbarmen! Er⸗ barmen!“ Ein alter, mit der Denkmünze des Jahres 1812 deko⸗ rirter Feldwebel„ der entweder Mitleid fühlte oder der Sache überhaupt nur ein Ende machen wollte, ergriff den winſelnden Hund und warf ihn mit voller Kraft mitten unter die umſte⸗ hende Menge. Der Verurtheilte blickte dem treuen Freunde, der ihn früher ſo oft gegen die wüthenden Bären vertheidigt und jetzt zu ſeinen Füßen den Tod gefunden hatte, gerührt nach, und entrichtete nun der menſchlichen Schwäche„die er ſo lange auf eine faſt unglaubliche Weiſe überwunden hatte, durch einen rei⸗ chen Thränenſtrom ſeinen Zoll Der verhängnißvolle Zug aber begann von Neuem ſeinen Weg fortzuſetzen. V. Der letzte Wunſch. Das ſchaudervolle Drama kam nicht bis zum vollen Schluß: Fedor lag, noch ehe er die vom Geſetz beſtimmte Zahl von ſechstauſend Hieben erhalten hatte, bewußtlos auf dem Platze, und die Chirurgen erklärten, daß man nicht fortfahren könne, ohne nach den erſten Hieben eine Leiche in den Händen zu halten. Fedor wurde ſomit nach dem Hoſpital Abukoff ge⸗ bracht, wo er geheilt werden ſollte, um die noch fehlenden dreitauſend ſechshundert Hiebe ſpäter zu empfangen. Freilich hält das keine menſchliche Geſundheit aus und wir können bei dieſer Gelegenheit nicht umhin, auf die Unwahrheit der Be⸗ hauptung aufmerkſam zu machen, wonach in der ruſſiſchen Ge⸗ ſetzgebung ſeit der Regierung der Kaiſerin Eliſabeth die Todes⸗ ſtrafe abgeſchafft ſein ſoll, während es faſt täglich vorkommt, daß ein Verurtheilter unter der Peitſche oder unter der Ruthe ſein Leben aushaucht, und während wir beſtimmt wiſſen, daß ſchon oft vier oder fünf von einer geübten Hand geführte Knutenhiebe hinreichen, den Tod zu verurſachen. Trotz der getroffenen Vorkehrungen machte die ganze Sache doch einen merkwürdigen Eindruck in Petersburg: die ruſſiſchen Damen, denen ihre Indolenz ſo gut ſteht, hatten einen Stoff zum Plaudern gefunden, der in das tägliche Einerlei ihres ſonſtigen Lebens einige Veränderung brachte. War der Mörder blond oder braun, groß oder klein, hübſch oder häßlich, jung oder alt, ledig oder verheirathet, Pole, Liefländer, Finne, —————— 199 Georgier oder Ruſſe? Lauter Fragen von der höchſten Wichtig⸗ keit für dieſe müßigen Geſchöpfe! Die hohen Beamten, der Adel, die Diplomaten beſchäftigten ſich noch ernſthafter mit der Sache, da ſie ihr eigenes Intereſſe dabei im Spiel glaubten und die Beweggründe zur That noch in ein undurchdringliches Dunkel gehüllt ſchienen. Hatte nicht Fedor, indem er an einen der mächtigſten Beamten, an einen der älteſten und edelſten Namen des Reiches Hand legte, gegen die Ungerechtigkeit der noch beſtehenden Leibeigenſchaft, des ſocialen Zuſtandes über⸗ haupt, proteſtiren wollen? Hatte er Proſelhten, Meinungs⸗ genoſſen? Sollte er Nachfolger finden? Solche Fragen wurden, freilich mit leiſer Stimme, in den Salons des Winterpalaſtes, in den geheimen Gemächern von Aniſchkoff, Peterhof und Oranienbaum beſprochen. Man begreift leicht, daß die Re⸗ gierung ein großes Intereſſe dabei hatte, über die Beweggründe Fedors, die dieſer bis jetzt auf's Hartnäckigſte geheim gehalten hatte, Aufklärung zu erhalten. Daher ließ Graf Benkendorf, der Fouché Rußlands, dem Direktor des Hoſpitals die Weiſung zukommen, er möchte Jedermann, ſeien es nun Freunde oder Verwandte, Zutritt zu dem Verurtheilten geſtatten, und die Unterredung heimlich belauſchen laſſen. Man begreift das Erſtaunen und den Schrecken Stepanows, als er Fedor in einer ſolchen Lage ſah. Das Bild des ge⸗ marterten Jugendfreundes wich nicht aus ſeiner Seele, und ohne auch nur von ferne einem eigennützigen Gedanken an Daria's Beſitz Raum zu geben, eilte er aus reiner Theilnahme, ſich nach dem ferneren Geſchick des Unglücklichen zu erkundigen. Stepanow begab ſich in dieſer Abſicht den andern Tag 200 nach dem Hoſpitale, und war ſehr erſtaunt, ſogleich dort ein⸗ gelaſſen und durch mehrere lange Gänge endlich an die elende Lagerſtätte Fedors geführt zu werden. „Du hier, Stepanow!“ ſagte der Verwundete mit düſte⸗ rem Erſtaunen. Obgleich der Jswoſchik für ihn bisher ein Gegenſtand des eiferſüchtigen Haſſes geweſen war, lag doch etwas eigen⸗ thümlich Sanftes in dem Tone Fedors: man konnte denken, der Anblick des Jugendgefährten habe alle anderen Gedanken verſcheucht und den Leidenden in ſeine Heimath, zu ſeiner Frau, ſeinen Kindern zurückverſetzt. Er faßte eine Hand des Jswoſchik und drückte ſie heftig: „An der Pforte des Grabes iſt ewiges Vergeſſen,“ ſagte er mit leiſer, faſt unhörbarer Stimme;„warum ſollte man nicht diejenigen lieben, die bis zum Tode in der Treue aus⸗ harren?“ Stepanow ſchauderte, als er das gänzlich veränderte Antlitz des Leidenden erblickte: „Du haſt wohl große Schmerzen?“ ſagte er, und hielt mit Mühe die Thränen zurück. Fedor legte die Hand des Jswoſchik auf ſein Herz und flüſterte: „Nur hier; es iſt der letzte Schrei der Natur, und bald wird auch dieſes Leiden vorbei ſein; aber beklage mich nicht. Im Grabe findet der Ungeliebte Gegenliebe, der Arme Glück, der Sklave Freiheit! „Ach nein! Du wirſt nicht ſterben, Fedor; Gott erhört die Bitten der Demüthigen, und ich habe die ganze Nacht in 201 der heiligen Kirche von Kaſan auf den Knieen gelegen; Du wirſt Deine Heimath, Deine Lieben wiederſehen„4 „Still, Bruder! Warum willſt Du mir eine vergebliche Hoffnung vorſpiegeln? Wenn auch meine Wunden ſich ſchlößen, wenn das verzehrende Fieber aufhörte, wenn ich dieſes Haus des Elends verließe,— wäre es nicht, um nur von Neuem auf dem Semenowskhplatz die übrigen dreitauſend ſechs⸗ hundert Streiche zu empfangen, die ich dem Geſetz und dem Kaiſer noch ſchulde? Habe ich denn nicht ein Verbrechen zu ſühnen? darf ein Mörder je auf eine glückliche Zukunft hoffen? das Gewiſſen, ſeine böſe That folgt ihm überall hin, ein un⸗ ſichtbarer, aber ſchrecklicher Begleiter!“ Kraftlos ließ er ſeine Hand ſinken und ſchien mit ſtarrren Augen ein gräßliches Phantom ſeiner erhitzten Einbildungskraft vor ſich zu ſehen. „Ja,“ fuhr er ſort„„ſo grauſam die Strafe iſt, ſo war ſie doch gerecht! Aber mein Hund„ mein treuer, muthiger Gefährte, der durch ein Wunder in der Todesſtunde mich er⸗ freute, was verſchuldete denn dieſes Thier, daß man es ſo grau⸗ ſam behandelte?... Ach! vielleicht wurde er noch von ſchändlichen Straßenjungen in ſeinen letzten Todeszuckungen mißhandelt...4 „Beruhige Dich, Fedor„* ſagte Stepanow....„Ich ſtand nicht fern von Dir, ſah, wie ein Soldat Deinen Fidelka unter die Menge warf, eilte hinzu, nahm ihn unter meinen Mantel, und habe ſeine Wunde bei mir zu Hauſe ver⸗ bunden„ „Ich danke Dir,“ flüſterte Fedor glücklicher als ſein 202 Herr, wird er die Wälder wieder ſehen, wo wir ſo manche Nacht den Fuchs oder den Bären verfolgt haben. Aber jetzt höre mich, Stepanow, höre auf die letzten Worte eines Sterbenden, und laß ſie Dir heilig ſein... Ich war eiferſüchtig auf Dich; raſend, ja bis zur Wuth eiferſüchtig auf Dich... Daria heirathete mich nur aus Gehorſam gegen ihren Vater; ihr Herz bewahrte treue, ſtille Liebe zu Dir... ich wußte es.. der Gedanke an Dich folgte ihr an die Wiege ihrer Kinder, vor den Altar, wo ſie betete, überallhin. In meinen Armen liebte ſie Dich; auch die geheimſten Ge⸗ danken des Herzens verräth die Zunge im nächtlichen Schlafe! Wie oft hat ſie ihr innerſtes Geheimniß auf ſolche Weiſe ver⸗ rathen! Wie oft habe ich mit allen Qualen der Eiferſucht Deinen Namen von ihren träumenden Lippen behorcht!... Da wollte ich Dich tödten, durch einen Streich ihre Liebe zu Dir auslöſchen zitternd erhob ich mich vom Lager und betete vor dem Heiligenbild... die ſchwarzen Gedanken ver⸗ ſchwanden, die Ruhe kehrte wieder und ich hoffte durch treue, ſorgſame Liebe ihr widerſpenſtiges Herz zu beſtegen: uneingedenk meiner Armuth, wollte ich ihr die ſchönſte Sarafane verdienen, damit ſie, die ſchönſte Frau im Dorfe, auch die geputzteſte wäre... ſo, Stepanow, dies war mein höchſtes, ehrgeizigſtes Streben... aber ein dürrer Zweig treibt keine Blätter mehr.“*) Fedor ſeufzte tief auf, nahm einen filbernen Ring vom Finger und reichte ihn dem Jswoſchik: *) Ruſſiſches Sprichwort. ————— — 203 „Nimm,“ ſagte er,„bring Daria dieſen Ring zum Zeichen ihrer Freiheit. heirathe ſie, ich wünſche, will, befehle es: ſie war Deine erſte Liebe; Du warſt ihr erſter, einziger Gedanke; ich habe mich zwiſchen Euch und die ewige Vorſehung geſtellt... aber jetzt ſoll Euch mein Tod wieder vereinigen. Bitte ſie nur, in der Stunde des Gebets den Gatten, der ſie ſo heiß geliebt hat, nicht zu vergeſſen küſſe meine armen, unſchuldigen Knaben, ſei ihnen Vater und lehre ſie Schmach, Strafe„Armuth, Hunger zeitlebens er⸗ tragen, ohne Klage, ohne Gram, ohne Zorn und Rache⸗ luſt.„ Jetzt verwirrten ſich ſeine Gedanken; eine Viertelſtunde ſpäter hatte der Arme aufgehört zu leben, und ſo, wie er ſelbſt ſagte, das Geſetz und den Kaiſer um den Reſt ſeiner Strafe beſtohlen. VI. Wittwe und Verlobtr. Mehr als ein Jahr war ſeit dem Morde des Fürſten Weratſchin verfloſſen, und dieſes Ereigniß von allen außer dem Kaiſer, welcher der Wittwe des Mörders edelmüthig einen Gnadengehalt ausgeſetzt hatte, vergeſſen, als ich nach einem achtzehnmonatlichen Aufenthalte in Petersburg auch noch die Ueberreſte des alten Nowgorod, die Prachtgebäude Moskaus, die Kirchen von Twer und die Manufakturen von Kaluga zu 204 beſichtigen beſchloß. Dieſe Reiſe wurde mit dem jungen Re⸗ dakteur der nordiſchen Biene, Herrn W... S. ausgeführt, einem der fähigſten Rivalen von Bulgarin, einem feurigen Dichtergeiſte dieſes eiſigen Landes. Ohne unſere Reiſe zu unterbrechen oder zu verlängern, konnten wir Borotzka beſuchen, und ſomit den Schluß eines Dramas erkunden, deſſen Hauptſcene wir als Augenzeugen bei⸗ gewohnt, und deſſen geheime Triebfedern und Beweggründe wir aus den letzten Worten des Verurtheilten zu erforſchen Gelegenheit gehabt hatten.— Hatte Stepanow die Wittwe geheirathet, war er den armen Waiſen Vater geworden? Was war in dieſem Falle aus der kleinen Braut des Iswoſchik, aus Maria Petrowna geworden? Ueber dieſe zwei Hauptpunkte wollten wir ins Klare kommen, und es war dies nicht einer der geringſten Beweggründe zu unſerer Reiſe. Wir verließen Ende Juni 1843 die Hauptſtadt und trafen auf der ganzen Reiſe außer den koniſchen Erdhügeln(tumuli) und einem öden, von jeder Vegetation entblößten Sandboden nichts Merkwürdiges, bis wir Nowgorod erreichten, jene alte Re⸗ publik, die nur noch eine Stadt, jene Stadt, die nur noch eine Ruine ohne alles künſtleriſche oder ſonſtige Intereſſe iſt. Von Nowgorod nach Borotzka iſt die Entfernung kurz und der Weg nicht ohne eine gewiſſe wilde Originalität: eine armſelige Telege brachte uns dorthin, nachdem wir durch die unaufhörlichen Stöße beinahe gerädert waren. Bald erfragten wir die beſcheidene Wohnung von Daria, und nicht ohne Rüh⸗ rung betraten wir das Haus der ſchwer geprüften Dulderin. Unſer erſter Blick fiel auf den magern, gefleckten Hund, 205 deſſen Muth wir auf dem Semenowskyplatz bewundert hatten. Bei unſerem Eintritt war er ſchnüffelnd aufgeſtanden, wie wenn er ſeinen Herrn erwartete: aber nachdem er uns auf⸗ merkſam betrachtet hatte, gab er kein Zeichen von Achtſamkeit mehr, und legte ſeinen Kopf mit halb geſchloſſenen Augen traurig auf die vorgeſtreckten Füße. An der Wand ſaß eine Frau, deren natürliche, ſanfte Schönheit durch die maleriſche Tracht,— das langůrmelige Hemd, die kurze Jacke, die farbigen Strümpfe und das zierlich um den Kopf geſchlungene Halstuch,— nur erhöht wurde; ſie ſtand auf, blickte uns mit ihren großen, blauen Augen for⸗ ſchend an, und fragte nach unſerem Begehr. Ich verhehlte ihr nicht, daß ich ihre und Fedors Geſchichte kenne und ſeine letzten Worte erfahren habe. Daria ſchien es ungern zu ſehen, daß das Geheimniß ihres Lebens und Herzens noch anderen Leuten bekannt war; als ich ihr aber meine Verwunderung darüber bezeugte, daß ſie als Wittwe nicht den ſüßen Traum ihrer Jugend verwirk⸗ licht und Stepanow nach dem Willen Fedors geheirathet habe, fiel ſie mir raſch ein: „Ich bin keine Wittwe, ſondern,“ ſprach ſie mit einem, bei den ruſſiſchen Bauern nicht ungewöhnlichen, poetiſchen Ausdrucke,„an ein Grab vermählt.“ Sie rief ihren beiden blondlockigen Knaben und umarmte ſie unter Thränen lächelnd. „Alſo iſt Stepanow„ „Stepanow iſt mein Freund, mein Bruder; kein Anderer aber hätte mir den Verſtorbenen erſetzen können!“ 206 Dieſe Worte rührten mich tief und ich bewunderte das Weib, das ihrem verſtorbenen Mann eine feſtere Treue hielt, als vielleicht dem lebenden. Wir hatten nun beinahe Alles erfahren, was wir wollten; ich ergriff Darias Hand, wünſchte ihr ferneres Wohlergehen und konnte nicht unterlaſſen, den treuen Hüter, der ſeinen verſtorbenen Herrn immer noch erwartete, trotz ſeiner wenig gewinnenden Phhſiognomie beim Weggange freundlich anzublicken. Als wir durch das Dorf gingen, bemerkten wir in der Nähe der Kirche einen graubärtigen Vuſchik, der mit dem kurzen, ſcharfen Beile, das die nordiſchen Bauern ſo geſchickt handhaben, einen alten, abgeſtorbenen Baum fällte. Er grüßte uns mit jener natürlichen, ächt graziöſen Höflichkeit, welche der ruſſiſche Leibeigene nicht minder beſitzt, wie der Edelmann; wir dankten ihm und fragten, ob er nicht einen jungen Bauern Namens Stepanow kenne, der längere Zeit hindurch als Is⸗ woſchik in Petersburg gedient habe. „Dies iſt mein Schwiegerſohn.“ „Und Eure Tochter heißt?“ „Maria Petrowna.“ ——— ——— Der und ſollte er habe ich ihn —— *) Aus den unglücklichſte Menſch. Nach Hawthorn von Auguſt Joller.*) in ungeheures Weihnachtsfeuer flammte im Ka⸗ Nmin des Bildhauers Herkemer und ließ an den“ Mauern ſeines weiten Atelier die phantäſtiſchen Schatten der Statuen tanzen, die daſſelbe be⸗ völkerten. „Ich habe es verſucht,“ ſagte der Maler und der ſchönen Roſine ſaß und, während er ſprach, die Blätter eines Manuferiptes entrollte, „ich habe es verſucht, auf einigen Seiten die Phyſiognomie eines Menſchen aufzufaſſen, deſſen Portrait ich ſicherlich nicht unternehmen würde, auch ein ganzes Leben vor mir ſtehen. Bis jetzt nur in der Geſellſchaft getroffen, wo er wie ein Mosses from an old manse(Mooſe eines alten Pfarrhauſes) des Americaners Hawthorn. Roderick, der zwiſchen dem Herrn des Hauſes . 208 Schatten an meiner Seite hinſchlüpfte. Meine traurige Lebens⸗ erfahrung hat mir, wie Sie wiſſen, mein lieber Herkemer, und auch Sie, Roſine, eine gewiſſe Scharfſichtigkeit verliehen, ich habe die Geheimniſſe des menſchlichen Herzens zu ergründen geſucht, auf die Gefahr, mich in ſeinen ſchwarzen Höhlen mit einer Fackel zu verirren, deren Schimmer jeden Augenblick zu erlöſchen drohte; doch dieſer Menſch, dieſe Menſchennatur iſt für mich ein unauflösbares Problem geblieben.“ „Vielleicht werden wir glücklicher ſein,“ erwiederte der Bildhauer,„legen Sie uns Ihr Räthſel vor: Wer iſt dieſer Menſch?2“ „Es iſt ein ſeltſames Weſen, ſo wie Sie eines aus Mar⸗ mor hauen könnten; doch vergebens hätte ihn Ihr geſchickter Meißel mit allen äußeren Attributen des Geiſtes bekleidet, es würde immer noch der göttliche Funke fehlen. Die Kunſt wäre Gott, wenn ſie das Leben geben würde. Der Menſch, den ich meine, gleicht den andern Menſchen; nur in plaſtiſcher Hinſicht betrachtet, gehört er vielleicht ſogar einem höheren Typus an. Er hat allen Anſchein der Vernunft; er iſt des Anbaus und der Verfeinerung fähig; aber ſein Bewußtſein iſt, wenn ich mich ſo ausdrücken darf, ganz äußerlich. Das, was die Seele von der Seele verlangt, vermag er gerade nicht zu geben. Keine Sympathie erweckt auch nur entfernt die ſeinige, wie ſich die Flamme an der Flamme entzündet; es genügt im Gegentheil ſeine Berührung, um Alles auszulöſchen. Was ſage ich, Berührung! ſobald Sie ſich ihm nähern und ſeine Sub⸗ ſtanz zu faſſen glauben, finden Sie nur noch einen kalten. Dunſt.“ 209 „Ich gewahre, was Sie ſagen wollen,“ ſprach Roſine. „Das iſt ein Beweis von Ihrem Scharfſinn,“ erwiederte Roderick lächelnd;„erwarten Sie jedoch keine andere Aufklä⸗ rung von dem, was ich Ihnen vorleſen werde. Ich habe ein⸗ fach angenommen, ein ſolcher Menſch könnte, was er ohne Zweifel nie hat, das Bewußtſein der Mangelhaftigkeit ſeiner geiſtigen Organiſation haben. Es würden meiner Anſicht nach daraus eine gewiſſe Zweifelſucht, eine kalte und beſtändige Ableugnung der lebendigſten Wirklichkeiten hervorgehen, und er müßte in Folge hievon die Welt mit einem fortwährenden Schauer durchwandern und unahlißig den Wunſch hegen, ſeine eiſige Bürde gegen den drückendſten Vettelſack, mit dem das Schickſal die Schulter eines Unglücklichen beladen haben mag, zu vertauſchen. Ohne eine andere Vorrede las Roderick folgende Ge⸗ ſchichte Das Teſtament eines alten Hageſtolzen enthielt unter an⸗ dern Verfügungen ein Vermächtniß, das in ſeltſamem Einklang mit einem langen Daſein voll von Launen von einer finſteren Ueberſchwänklichkeit ſtand. Er beſtimmte eine beträchtliche Summe für die Gründung eines jährlichen Banketts, bei dem ſeine Teſtamentsvollſtrecker am Weihnachtstag die zehn unglück⸗ lichſten Sterblichen, die man finden könnte, verſammeln ſollten. Der Zweck des Erblaſſers, eines raffinirten Menſchenfeindes, war keineswegs der, zehn traurige Herzen durch ein gutes Mahl zu erquicken; es ſollte im Gegentheil nach ſeinem Willen der höhniſche oder wilde Ausdruck der menſchlichen Empörung nicht einmal an dieſem Tag ameine Freudigkeit erlöſchen, an Der Siler 1848. 1. 14 210 dieſem Tag, an welchem die ganze Chriſtenheit ihre Dankgebete zu Gott emporſteigen läßt. Es war dies auch ein Mittel, ſeine eigene Proteſtation gegen die irdiſchen Ausſpendungen der Vorſehung, ſeinen bittern und verächtlichen Widerwillen gegen alle Shſteme der Religion oder Philoſophie fortzuſetzen, welche behaupten, die Sonne glänze für das Glück des Geſchöpfes und den Ruhm des Schöpfers. Die Aufgabe, die Gäſte einzuladen oder eine Wahl unter den Bewerbern zu treffen, blieb den zwei Verwaltern oder Vollſtreckern des Teſtaments überlaſſen, welche ſelbſt Menſchen von düſterer Gemüthsſtimmung waren und ſich darin gefielen, wieder und ſwieder die ſchwarzen Fäden im Gewebe des Lebens zu zählen, ſtets dabei bemüht, die goldenen Fäden, welche auf dem Einſchlag hinlaufen konnten, raſch aus dem Auge zu ſchaffen. Sie erfüllten das ihnen übertragene Ge⸗ ſchäft mit Gewiſſenhaftigkeit und richtigem Urtheil. Selbſt bei dieſem höhniſchen Feſte gab es mehr Berufene, als Aus⸗ erwählte. Die Würdigung der Anſprüche war nichts Leichtes. Der Anblick der bei dem erſten Bankett verſammelten Geſell⸗ ſchaft hätte vielleicht nicht genügt, um zu beweiſen, dies ſeien die würdigſten Vertreter der der menſchlichen Geſellſchaft auf⸗ erlegten Leiden; doch nach reiflicherer Prüfung mußte man zu⸗ geſtehen) daß die zehn Gäſte unter ſich eine hinreichende Ma⸗ nigfaltigkeit von ſehr ungleichmäßigen Urſachen herrührender Leiden vereinigten, welche eine nur um ſo lebhaftere Anſchul⸗ digung gegen die ſtiefmütterliche Natur und den rohen Mecha⸗ nismus dieſer Welt erhoben. Die Ausſchmückung des Bankettſaales anpuch ganz der . e 211 Art und Weiſe, wie der Erblaſſer ſtets das Daſein, das er den Tod im Leben nannte, betrachtet und erläutert hatte. Der Saal, wo ſich dieſe lebendig Todten verſammelten, war mit Fackeln beleuchtet, mit Draperien von dunklem Purpur ausgeſchlagen, mit Chpreſſenzweigen und Gewinden von künſtlichen Blumen geſchmückt, jenen ähnlich, mit welchen man die Särge ziert. Neben jedem Gedeck gewahrte man einen Rosmarinzweig. Der Wein war in einer großen ſilbernen Todtenurne enthalten, um hernach um den Tiſch her in kleinen Schalen vertheilt zu wer⸗ den, die eine genaue Nachahmung derjenigen bildeten, worein die Klageweiber der Alten ihre beſtellten Thränen vergoßen. Die Verwalter der Stiftung, wenn dieſe ſeltſamen Anordnun⸗ gen überhaupt ihnen angehörten, hatten ſich nach der düſteren Phanthaſte der Eghpter richten zu müſſen geglaubt, welche an alle ihre Bankette ein Skelett ſitzen ließen, damit die unſtör⸗ bare Grimaſſe eines Todtenkopfes eine beſtändige Sathre auf ihre ephemeren Vergnügungen wäre. In einen Trauermantel gehüllt, nahm der finſtere Gaſt das obere Ende der Tafel ein. Man ſagte ſich ganz leiſe, dieſes Knochengerüſte müſſe das des Erblaſſers ſelbſt ſein; um in der ſichtbaren Welt einherzu⸗ gehen, habe er kein anderes Geräthe der Fortbewegung gehabt, und er habe ſich durch ausdrückliche Satzungen ſeines Teſta⸗ ments den erſten Platz beim Weihnachtsbankett votbehalten. Dies war ohne Zweifel ein Nittel, ſeinen geringen Glauben an ein zweites Leben kundzugeben„das beſtimmt ſein ſollte, die wirklichen oder eingebildeten Uebel des erſteñ nuszugleichen; und wenn die Gäſte bei ihren Muthmaßungen über den End⸗ zweck des Daſeins in Verlegenheit geriethen und es ihne Vin⸗ 212 fiele, ſein Skelett zu befragen, ſo wären die Leere ſeiner Augenhöhlen und das Grinſen ſeiner Kinnbacken die einzige Antwort, die ſie erhalten würden, da er ſelbſt keine andere erhalten, als er vom Tod den Schlüſſel zu dem Räthſel des Lebens verlangt habe. „Was bedeutet dieſer Kranz?“ fragten diejenigen von den Gäſten, welche die Ausſchmückungen des Saales und die Verzierung der Tafel betrachteten. Sie meinten einen Chpreſſenkranz, den das Skelett in einer ſeiner Hände hielt, welche aus den Falten ſeines Man⸗ tels hervorſtanden. „Dieſer Kranz,“ antwortete einer von den Feſtordnern, „iſt nicht für den Würdigſten, nach der irrigen Schätzung der Welt, ſondern für den Unglücklichſten beſtimmt, wenn wir ihn einmal gefunden zu haben ſicher ſind.“ Der erſte Gaſt war ein Mann von ſanftem und harm⸗ loſem Charakter, dem es vielleicht nur, um glücklich zu ſein, an einer hinreichenden Energie gefehlt hatte, mit der er gegen die ſeinem Temperament eigenthümliche geiſtige Niedergedrückt⸗ heit zu kämpfen im Stande geweſen wäre. Ohne eine ſchein⸗ bare Urſache des Unglücks war ſein Leben eben ſo elend im Grunde, als ruhig auf der Oberfläche; ſein Blut ſtockte; im Wachen wie im Schlaf hemmte ein ſchwerer Alp die Schläge ſeines Herzens und das Spiel ſeiner Lungen. Dieſes unerklär⸗ liche Elend, das ſich am Ende mit ſeiner Natur identiſicirt hatte, war vielleicht nach ſeinem Urſprung nur eine Geiſtes⸗ krankheit. Bei einem andern argwöhniſchen Gaſt hatte im Gegen⸗ =—ꝛ 213 theil die Krankheit ihren Sitz im Herzen, einem geſchworenen Herzen, wo das geringſte Reiben der Welt an der Oberhaut des Kranken eine neue Wunde bluten machte. Es war bei ihm ſo weit gekommen, daß er den Händedruck eines Freundes fürchtete. Ein dritter Eingeladener, ein anderes Muſter der Hypo⸗ chondrie, dem die gallichten Dünſte das Gehirn verwirrten, ſchien den Stab eines ſchwarzen Zauberers zu haben, um alle Gegen⸗ ſtände der äußeren Welt und der inneren Welt in Ungeheuer zu verwandeln. Er ſah Gnomen an der Ecke ſeines Herdes hocken, feurige Drachen in den von der untergehenden Sonne vergoldeten Wolken, und in den hübſcheſten Frauen ebenſo viele finſtere Poltergeiſter. Es gab keine ſo glänzende Oberfläche, daß er nicht darunter irgend etwas Häßliches oder Unſeliges entdeckte. Einer von den Nachbarn des Letztern bei Tiſche war ein Philoſoph, der in ſeiner erſten Jugend ſich zu viel Ehren pro⸗ phezeit und naiver Weiſe an ihre endloſe Vervollkomm⸗ nungsfähigkeit geglaubt hatte. Eine Reihe unvermeidlicher Enttäuſchungen erfüllte ſein Herz nach und nach mit Bitter⸗ keit und werlieh ſeinem Geiſt am Ende eine ſolche Herbheit, eine ſolche Säure, daß er in ſeiner Vereinzelung ſeit einigen Jahren eine allgemeine Anklageakte gegen die Menſchheit ab⸗ faßte, worin er alle Beweggründe des Haſſes und der Verach⸗ tung anhäufte, welche ihre Verirrungen und ihre Uebelthaten geben können, als da ſind: Mord, Völlerei, Treuloſigkeit, Un⸗ dankbarkeit, Verrath unter Freunden, Laſter, die, weil ſie ſich von der Kindheit an zeigen„ Inſtinete zu ſein ſcheinen, 214 Unkeuſchheit der Frauen, unter einer frommen Larve verborgene Sittenloſigkeit, mit einem Wort, die abſcheulichen Wirklichkei⸗ ten, welche ſich mit einem anmuthigen oder mit einem glän⸗ zenden Aeußeren ſchmücken. So oft er eine grauſame Hand⸗ lung aufzeichnete, ſo oft er einen Schritt mehr in der Wiſſen⸗ ſchaft des Böſen that, brachen die natürlichen Impulſe eines einſt liebenden und vertrauensvollen Herzens durch und entriſſen ihm einen frommen Seußzer. Nach ihm trat, die Stirne gegen die Erde geneigt, ein von Natur von allen ſelbſtſüchtigen Leidenſchaften freier und höchſt wohlwollender Mann ein. Frühhzeitig hatte er das Be⸗ wußtſein einer hohen Sendung gehabt, doch ſobald er es ver⸗ ſuchte, ſie zu erfüllen, fand er weder Worte, um ſeine Gedan⸗ ken zu verdolmetſchen, noch Ohren, um das anzuhören, was er hätte ſagen können. Sein ganzes Leben ging damit hin, daß er ſich ſelbſt in Frage ſtellte.„Warum haben die Menſchen meine Sendung nicht anerkannt? Hatte ich wirklich eine? Bin ich nicht durch meine eigene Tollheit bethört? Was habe ich hie⸗ nieden noch Anderes zu thun, als mein eigenes Grab zu graben?“ Während des ganzen Mahles machte er mittlerweile zahlreiche Libationen, geſchöpft aus der Todtenurne und würdig, den Hausgöttern geboten zu werden, um die geheime Flamme zu löſchen, welche in Ermangelung eines Ausfluſſes ihn ſelbſt ver⸗ zehrte, ſtatt die Menſchheit zu rleuchten. Man ſah ſodann im Ballſtaat einen alten, etwas kurz⸗ ſichtigen Dandy erſcheinen, der, als er ſich zu nahe in ſeinem Spiegel betrachtet, zum erſten Mal vier bis fünf Runzeln auf ſeiner Stirne und mehr graue Haare erblickt hatte, als er zäh⸗ 215 len konnte. Mit natürlichem Verſtand und ehrenhaften Nei⸗ gungen ausgerüſtet, hatte er nichtsdeſtoweniger ſein Leben in Ausſchweifungen aller Art vergeudet; doch die feierliche Stunde hatte geſchlagen, die Stunde, wo die Thorheit zuerſt von uns ſcheidet und uns unſern Frieden mit der Weisheit ſchließen läßt, wenn wir uns zu verſtändigen vermögen. Es war alſo die Weisheit, was er bei dieſem Bankett ſuchte, und da er ſie in dem in einen Mantel gehüllten Todtengerippe gefunden zu haben glaubte, ſo wich er drei Schritte zurück, ſetzte ſich an das andere Ende des Tiſches und verſchob Abbitte und Ehren⸗ erklärung auf den andern Tag. Die Feſtordner hatten einen Dichter zugelaſſen, einen Lieb⸗ haber von Fluren und Hainen, der ſeit Jahren in einem Hoſpital eingeſperrt lebte, und einen Idioten, der gewöhnlich auf dem Weichſtein der nächſten Straße ſaß, nachdem er ſeine täglichen Ausflüge zu Aufſuchung ſeines mangelnden Geiſtes gemacht hatte. Der arme Teufel hatte ſtets gerade genug Kennt⸗ niß beſeſſen, um die Leere ſeines Gehirnes zu begreifen, und für ihn war der alte, widerſinnige wiſſenſchaftliche Grundſatz, die Natur haſſe das Leere, nur zu wahr. Hievon rührten ſein Unglück und das dumpfe Knurren her, das er hören ließ. Die einzige Frau, welche bei Tiſche ſaß, im Uebrigen eine vollkommene Schönheit, ſchielte ein wenig. Ihr Blick war darum nicht minder ausdrucksvoll, nicht minder verführeriſch; aber dieſer leichte, beinahe unmerkliche Fehler verletzte das reine Weal, das ſie ſich von der weiblichen Schönheit gemacht hatte, und ſie brachte ihr Leben in der Einſamkeit hin und floh die 216 Spiegel und die Augen der Männer. Sie ſetzte ſich auch v Teſtirer gegenüber, deſſen Augenglas ſie nicht zu befürchten hatte. Es bleibt nur noch ein letzter Gaſt zu beſchreiben, ein junger Mann mit glatter Stirne, regelmäßigem Profil, ruhigem Blick und eleganter, edler Haltung. Allem Anſchein nach war ihm ſein Platz bei freudigeren Mahlen angewieſen; ſein Anblick allein genügte, um das Gemurre der anderen Gäſte, Märthrer des Schickſals oder ihrer eigenen Einbildungskraft, aber unter einem unſeligen Geſtirne geboren, hervorzurufen. Dieſer erſte Eindruck verſchlimmerte ſich noch durch den forſchenden Blick, mit dem der Ankömmling im Saale umherſchaute. Was wollte er an einem ſolchen Ort? Warum erhob ſich nicht das Todten⸗ gerippe des Stifters, um dieſem Eindringling ſelbſt mit dem Finger die Thüre zu weiſen. „Sicherlich,“ ſagte der Mann, der ſich durch ſeine krank⸗ hafte Empfindlichkeit zu ſeinem eigenen Henker gemacht hatte, „ſicherlich kommt er, um unſer Elend zu verſpotten. Er wird aus uns den Tert zu einem Scherz in der ſchönen Welt ma⸗ chen, der er angehört; vielleicht wird er uns ſogar in einer Komödie in Scene bringen.“ „Das wäre ein großes Uebel!“ verſetzte der Hypochonder mit bitterem Lächeln:„will er Schlangenpaſtete und Scorpion⸗ fricaſſée koſten, was man uns unfehlbar vorſetzen wird, ſo mag er ſeinen Theil nehmen. Zum Nachtiſch gibt man ihm Aepfel aus Sodom, und wenn ihm unſer Weihnachtsküchen⸗ zettel behagt, ſo mag er im nächſten Jahr wieder kommen.“ „Warum ſollte man ihn nicht im Frieden laſſen 2* mur⸗ 217 melte der Melancholiſche.„Gleichviel, ob ihm das Bewußtſein des unſerem Geſchlechte anklebenden Elends ein paar Jahre früher oder ſpäter kommt. Iſt dieſer junge Menſch ſo einfältig, ſich heute glücklich zu glauben, ſo wollen wir ihn wegen ſeines zukünftigen Unglücks empfangen. Das iſt nur eine Zeit⸗ frage.“ Der Idiot näherte ſich dem Fremden, beſchaute ihn von oben bis unten, und roch gleichſam an demſelben„ was ihm jedoch noch nicht genügte; als ein Menſch, der ſich wenig ſeiner ſicher fühlt, rief er ſeinem Geſicht und ſeinem Geruch noch einen dritten Sinn zu Hülfe, befühlte den Gegenſtand ſeiner Neugierde, zog aber alsbald ſeine Hand wieder zurück, ſchüttelte den Kopf und murmelte ſchauernd: „Kalt! kalt! wie kalt iſt er!“ Dieſe Kälte ſchien anſteckend, denn auch andere Gäſte hatten eine ähnliche Empfindung; der Fremde lächelte. „Meine Herren, und Sie, Madame,“ ſprach einer von den Feſtordnern,„hegen Sie keine ſo ſchlimme Meinung von unſerem Urtheil, daß Sie annehmen, wir haben dieſen jungen Mann, Herrn George Haſtings, ohne eine vorhergehende Unterſuchung und ohne Prüfung ſeiner Titel zugelaſſen. Seien Sie überzeugt, daß Niemand, wenigſtens hier, beſſere Anſprüche hat, als er.“ Das Mahl begann; doch bald wurde es durch den Hh⸗ pochonder geſtört, der ſich in ſeinen Stuhl zurückwarf, die Bruſt mit den Armen durchſigte und ausrief, man habe ihm ge⸗ dämpfte Kröten vorgeſetzt und ſeine Schale mit ſchlammigem Waſſer gefüllt. Als dieſer vermeintliche Irrthum des Koches * 218 und des Kellermeiſters durch ein einfaches Wechſeln der Schale und des Tellers wieder gut gemacht war, fing er an zu eſſen und zu trinken. In demſelben Maß, in welchem ſich die Todtenurne leerte, ſchien der Wein, ſtatt die gewöhnliche Heiterkeit hervorzubringen, die Geiſter zu verdüſtern. Er vermehrte die Schwermuth eines Theils der Gäſte und regte bei den Andern das Gefühl ihres Unglücks übermäßig auf. Das tiefe Elend hat ſeine Begeiſte⸗ rung und ſeinen Rauſch. Die Unterhaltung war wechſelreicher, als man hätte glauben ſollen. Die Einen erzählten die Ge⸗ ſchichte von einer Menge von Lieblingen des Unglücks, welche würdig geweſen wären, am Bankett Theil zu nehmen. Die Anderen beſprachen die finſteren Annalen des Verbrechens, Annalen, deren Helden ihr Leben eher in Häuſern der Freude, als auf dem Rad oder auf dem Schaffot endigen würden, wenn ſie die kalte Vernunft richtete, denn die größten Miſſe⸗ thaten, diejenigen, welche am meiſten die Natur empören, ſeien gewöhnlich die Frucht einer Störung des Gehirns und des krampfhaften Zuſtands, in welchen das äußerſte Elend gewiſſe Organiſationen verſetze. Sie führten minder ſtürmiſche Exi⸗ ſtenzen an, bei denen aber jeden Tag ein ſchwarzer Kieſelſtein bezeichnet hatte: andere, welche unter dem Anſchein des Glücks von geheimem Jammer zerfreſſen wurden, und wieder andere, wo die Anfangs beſtändige Wohlfahrt ſich plötzlich unterbrochen ſah, wie ein freudiges Feſt durch die Erſcheinung eines un⸗ heilſchwangeren Geſichtes. Die Scenen des Sterbebetts, die Weiſſagungen, die man aus den letzten Worten eines Hinſchei⸗ denden entnehmen kann, waren einer von ihren Lieblingsterten; — ſolchen Haß hatte er am Ende gegen ſich ſelbſt gefaßt! 219 doch ſie verhandelten hauptſächlich das Kapitel vom Selbſtmord, über deſſen verſchiedene Arten ſie ſtritten, ohne ſich verſtändigen zu können; der Strick, der Dolch, das Gift, der Strom, das Erſticken hatten jedes einen Vertheidiger; der Tod allein„der Alle erſchreckte, war der, welchen langſam der Hunger her⸗ beiführt. Dieſe ſo unglücklichen Menſchen aßen der Mehrzahl nach mit einem gefräßigen Appetit, um den ſie viele Glückliche der Welt beneidet hätten. George Haſtings allein machte eine Ausnahme. In einer Selbſtſucht, welche ſich gewöhnlich bei Perſonen findet„deren Herz tief verwundet oder ſchwer krank iſt, ſprachen alle Gäſte gern von ihren eigenen Leiden und ließen nicht zu, daß es ein Unglück gebe, welches mit dem ihrigen zu vergleichen wäre. Der Menſchenfeind war der aus⸗ ſchweifendſte. Er hatte gründlich die Philoſophie des Böſen ſtudirt und gefiel ſich, in der dicken moraliſchen Finſterniß umherzuirren, ohne einen anderen Führer, als den bleichen Schimmer„der von Zeit zu Zeit Geſpenſter beleuchtete und dann ſogleich wieder verſchwand. Er raffte alle troſtloſe Gedanken zuſammen, welche von Jahrhundert zu Jahrhundert Steine des Anſtoßes für die Menſchheit geweſen ſind, wie man Edelſteine, Diamanten, Schätze ſammeln würde. Die leuch⸗ tenden Offenbarungen einer beſſeren Welt verletzten ſeine Augen, wie die Tageshelle die Augen eines Nachtvogels verletzt. Eine ſeltſame moraliſche Krankheit! er hätte das Loos, das er ſich gemacht, das Unglück in dieſer und das Nichts in der andern, nicht gegen das Glück und die Unſterblichkeit vertauſcht, einen 220 Hiob und alle diejenigen, welche im Verlauf der Jahr⸗ hunderte wie er den Becher des Elends geleert, hätten ihren Platz bei dieſem Bankett anzuſprechen gehabt. Ach! welche Söhne, welche Töchter der Menſchen, wie gut ſie auch vom Schickſal bedacht ſein mögen, haben nicht in der einen oder in der andern Zeit ihres Lebens das Recht erlangt, müſſen es nicht erlangen, auf dieſelbe Ehre Anſpruch zu machen?... Während der ganzen Dauer des Feſtes ſcheiterte George Haſtings in ſeinen Bemühungen, ſich zum Ton der übrigen Geſellſchaft hinauf⸗ zuarbeiten. Bei jedem ſtarken oder originellen Gedanken, der gleichſam den Tiefen des Bewußtſeins durch das unbeſtreitbare Genie des Schmerzes entriſſen wurde, ſchien er mehr mhſtificirt, mehr verwirrt, als ſelbſt der arme Jiot. Sein eigenes Ge⸗ ſpräch war kalt, höhniſch und glänzend, aber es fehlte ihm das kräftige Siegel der durch das Leiden entwickelten Natur. „Mein Herr,“ ſagte plötzlich der Menſchenfeind zu Haſtings, in Erwiederung einiger ſpöttiſchen und hochmüthigen Bemerkungen, vich bitte Sie, nicht mehr das Wort an mich zu richten. Wir haben kein Recht, mit einander zu ſprechen; unſere Anſichten haben nichts mit einander gemein; ich gehöre zu Ihren Gegen⸗ füßlern! Unter welchem Titel ſitzen Sie bei dieſem philoſophi⸗ ſchen Bankett, deſſen ernſte Bedeutung Sie nicht begreifen? Das vermag ich nicht zu enträthſeln; doch mir ſcheint, daß für einen Menſchen, der geſagt hat, was Sie geſagt haben, meine Gefährten und ich nur ein Schattenſpiel ſein können. Sie Ihrerſeits find für uns nur ein unfaßbares, ungreifliches Ding, weniger als ein Schatten, mein Hert.“ Der junge Menſch lächelte, verbeugte ſich, wich auf ſeinem 221 Stuhl zurück und knöpfte ſeinen Rock zu, als ob der Bankettſaal kalt zu werden anfinge. Dem Iioten, der ſeine Augen ſtarr auf ihn geheftet hielt, entging dieſe Bewegung nicht, und er murmelte abermals:„Kalt, kalt, kalt!“ Sobald das Mahl beendigt war, trennten ſich die Gäſte. Kaum hatten ſie die Thürſchwelle überſchritten, als die Scene des Banketts ihrem Gedächtniß nur noch wie die Viſion eines kranken Geiſtes erſchien; doch im Verlaufe des darauf folgenden Jahres erblickten ſich mehrere von dieſen ſchwermüthigen Per⸗ ſonen aus der Ferne und konnten ſich von zder Wirklichkeit ihres Daſeins überzeugen. Es geſchah ſogar, daß ſie ſich von Angeſicht zu Angeſicht begegneten, in der Abenddämmerung, welche ſie wie die Fledermäuſe ganz beſonders liebten. Drei oder vier fanden auch ein Vergnügen daran, ſich Nachts auf die Gräber in den Kirchhöfen zu ſetzen, das Geſicht dem Mond 3 zugewendet, wie auf den Tod verwundete Vampyre. Eines Tags, dies war der einzige„ſtießen zwei von den Gäſten am hellen Mittag in einer volkreichen Straße an einander; ſie waren aber mehr erſtaunt, ſich hier zu ſehen, als verirrte Geiſter, welche nicht, ehe der Hahn gekräht, in ihr Lager zurückgekehrt wären. Würden ſie das Gerippe des Teſtirers geſehen haben, das ſich in der Sonne gewärmt hätte, ſie könnten nicht mehr verwundert geweſen ſein. Nöthigten Geſchäfte den Einen oder den Andern auf gebieteriſche Weiſe, in die Geſellſchaft der Glücklichen dieſer Welt zu gehen„ſo waren ſie beinahe ſicher, Haſtings, die Stirne hoch, den Blick ſtolz, die Rede ſpöttiſch und ſorglos, hier zu treffen.„Der Verräther, der Betrüger, murmelten 222 ganz leiſe ſeine Bankettgenoſſen mit einer Entrüſtung, welche nur die Ariſtokratie des Unglücks zu entzünden vermag,„wie hat er ſein Spiel mit uns getrieben! Möchte ihm die Zeit, dieſer große Rächer, bald das Recht verleihen, an unſerem Tiſche zu ſitzen!“ Aber weit entfernt, die Augen niederzu⸗ ſchlagen, heftete der junge Mann dieſelben vielmehr auf dieſe traurigen Geſichter und ſchien mit einer Miſchung von Kummer und Hohn zu ſagen:„Erfahrt zuerſt mein Geheimniß und ermeßt ſodann Euere Anſprüche nach den meinigen.“ Die flüchtige Zeit brachte bald wieder den Weihnachtstag: alle chriſtliche Tempel erſchollen von frommen Hymnen; überall fanden Spiele, Feſtmahle, Tänze ſtatt; die Freude mit ſtrahlendem Geſicht ſetzte ſich an alle Herde. Zum zweiten Male wurde der mit dunkeln Draperien ausgeſchlagene Saal von Fackeln erhellt, welche ein unheimliches Licht auf die Decorationen des Banketts warfen; der Erblaſſer nahm, in ſeinen Mantel gehüllt und in ſeiner Knochenhand den Cypreſſen⸗ kranz haltend, abermals den oberſten Platz ein. Den Ver⸗ waltern der Stiftung, welche dieſe Welt für unerſchöpflich an Elend aller Art hielten und all dieſes Elend kennen lernen wollten, dünkte es nicht geeignet, die Gäſte des vorhergehenden Jahrs zu verſammeln. Neue Geſtalten ließen, wo möglich, noch trauriger ein Gemälde erſcheinen, das der düſterſten Compoſitionen von Holbein ſchon ſo würdig war. Einer von den Erſten, welche ankamen, ein Mann von ängſtlichem Gewiſſen, konnte auf dieſem Gewiſſen einen Blutflecken nicht tilgen. Der Tod von einem ſeiner Neben⸗ menſchen hatte unter einer ſolchen Zuſammenwirkung von Um⸗ 223 ſtänden ſtattgefunden, daß es ihm durch eine ſinnreich geſteigerte moraliſche Marter unmöglich wurde„zu beſtimmen, ob er die Urſache davon war. Sein ganzes Leben erſchöpfte ſich darin, daß er gegen ſich ſelbſt und vor ſeinem inneren Forum einen Criminalprozeß führte und unabläßig, um ſie einen nach dem anderen abzuwägen, vor ſeinem geiſtigen Geſichte die einzelnen Umſtände dieſer unwiederbringlichen Kataſtrophe vorüberziehen ließ. Sein Kopf hatte am Ende keinen andern Gedanken, ſein Herz keine andere Bewegung mehr. Dann kam eine Mutter, einſt eine Mutter„ nun aber die eingefleiſchte Troſtloſigkeit. Eines Abens verließ ſie ihren Säugling, um auf den Ball zu gehen, und als ſie nach Sauſe kam, fand ſie das Kind erſtickt in ſeinem Bette. Seit dieſer Zeit quälte ſie eine fire Idee: daß nämlich dieſes Kind aber⸗ mals in einem zu engen Sarge erſticke. Man bemerkte auch eine alte Dame, welche ſeit undenk⸗ licher Zeit mit einem allgemeinen Nervenzucken, einem wahren Sanct⸗Veitstanz behaftet war. Sie war furchtbar anzuſchauen, dieſe ſchwarze Silhouette, wie ſie an der Wand hintanzte. Bei der Verwickelung und Verworrenheit der Gedanken, welche aus ihrem Geiſte beinahe ein Chaos machten, war es nicht möglich, zu erfahren, welches plötzliche Unglück, welche heftige Erſchütterung ihrem ganzen Bau dieſe beſtändige Bewegung hatte verleihen können. Die grämliche Verſammlung offenbarte großes Erſtaunen, als ſie am Tiſche einen gewiſſen Herrn Smith Platz nehmen ſah, deſſen athletiſche Geſtalt, friſche Geſichtsfarbe und doppeltes Kinn einen grellen Widerſpruch mit ſo vielen hageren, dunſtigen 224 Silhouetten bildeten. Seine Wohlbeleibtheit verrieth den Gaſtro⸗ nomen und ein gewiſſes Blinzeln der Augen einen Lacher von Natur und aus Gewohnheit; ein trauriger Hang bei ihm, denn er litt gerade an einer Herzkrankheit, einer ganz körperlichen Krankheit, die ihn bei dem erſten ſtarken Gelächter, bei der erſten zu lebhaften Aufregung mit einem plötzlichen Tod bedrohte. Den Ernſt behaupten oder ſterben, dies war das von den Aerzten dem armen dicken Mann auferlegte Dilemma, und um bei dem Bankett zugelaſſen zu werden, hatte er geltend gemacht, eine ſolche Alternative ſei in der That etwas Troſtloſes. In⸗ dem er dieſem traurigen Mahle beiwohnte, war es ſein Haupt⸗ zweck, einen Fonds von Schwermuth für den Reſt ſeiner Tage zu ſammeln. Durch eine humoriſtiſche Eingebung hatten die Teſtaments⸗ vollſtrecker zwei Eheleute eingeladen, die ſich, wo ſie ſich zuſammen⸗ fanden, das Leben ſo ſauer machten, daß man ſie, um ihre Ge⸗ genwart bei dem Bankett zu rechtfertigen, nur neben einander zu ſetzen brauchte. Man hatte ihnen einen ſonderbaren Contraſt entgegengeſtellt, zwei Unverheirathete wider Willen. Nachdem ſie ihre Herzen im Frühling des Lebens ausgetauſcht, hatten ſich die Letzteren entzweit, und blieben durch Hinderniſſe ſo dünn, ſo ungreifbar wie die Morgendünſte getrennt. Nach Vereinigung trachtend und ſich einander fliehend, ohne eine neue Wahl treffen zu können, fühlten ſie die ganze Laſt ihrer Vereinzelung in der Welt und betrachteten ſogar die Ewigkeit nur als eine gränzenloſe Wüſte. Bei dem Todtengerippe ſaß ein geſunder Kapitaliſt, ein höchſt ſubſtantieller, höchſt poſitiver Mann, wohlbekannt in 225 der Börſe, ein Zuſammenraffer von Goldſtaub, deſſen Leben keine anderen Qualen hatte, als ſein großes Buch, und deſſen Seele in den Gewölben der Banque, wo er ſeine Schätze ver⸗ wahrte, gefangen blieb. Dieſer Mann wunderte fich ſehr, daß er eine ſolche Einladung bekam, denn er hielt ſich für einen der beneidetſten Menſchen der Stadt; aber die Feſtordner forderten beharrlich ſeine Gegenwart, indem ſie ihn verſicherten, er könne ſich nicht vorſtellen, in welchem Grad er unglück⸗ lich ſei. Die auffallendſte Erſcheinung des Banketts war abermals unſer alter Bekannter George Haſtings, deſſen Anweſenheit beim erſten Weihnachtsfeſte ſo viele Vermuthungen und Kritiken hervorgerufen hatte. Er nahm Platz hei Tiſche mit der Ent⸗ ſchiedenheit eines Mannes, deſſen Rechte in ſeinen Augen ganz unbeſtreitbar ſind, und der gar nicht denkt, man könnte ſie anfechten. Die erfahrenſten Gäſte, die beſten Phyſiognomiker, bemühten ſich vergebens, in ſeinen unempſfindlichen Zügen zu leſen, und ſchüttelten mit einer ärgerlichen Miene den Kopf. Vergebens ſuchten ſie den ſympathetiſchen Refler, das nicht zu verfälſchende Siegel der durch das Unglück geprüften Seelen. „Wer iſt dieſer junge Fremde?“ fragte der Mann mit dem geplagten Gewiſſen.„Sicherlich iſt er nie in die Tiefen des Unglücks hinabgeſtiegen. Ich kenne jedes Ausſehen, das das Geſicht der Sterblichen annehmen kann, welche das ſchwarze Thal durchwandert haben. Warum kommt er und ſetzt ſich unter die Auserwählten des Schmerzes.“ „Ja, was will er hier, wenn er nicht gelitten hat?⸗ Der Erzähler 1848. 1. 15⁵ 226 murmelte die alte Dame, deren ſchetternde Stimme das allge⸗ meine Zittern ihres Körpers theilte.„Das iſt ſchlimm von Ihnen; gehen Sie, junger Mann. Ihre Seele iſt nie wie ein Rohr durch den Wind des Mißgeſchicks geſchüttelt worden. Kehren Sie unter die Ihrigen zurück; ich weiß nicht, warum mich Ihr Anblick allein vereiſt und mein Zittern verdoppelt!“ „Er bringt dieſelbe Wirkung auf mich hervor,“ ſagte Herr Smith, der die Hand auf ſeine Bruſt legte und ernſt zu ſein bemüht war.„Wenn ich nicht zittere wie Sie, meine gute Dame, ſo fühle ich doch einen leichten Schauer. Ich kenne den Herrn wohl; keiner von den jungen Leuten unſerer Stadt hat eine ſchönere Zukunft vor ſich. Es kommt ihm nicht mehr das Recht zu, ſich an unſern Tiſch zu ſetzen, als dem neugeborenen Kind. Nie hat er gelitten und nie wird er ohne Zweifel leiden.“ „Meine Herren und Damen, geehrte Gäſte,“ unterbrach Herrn Smith einer von den Teſtamentsvollſtreckern, welcher vermittelnd eintreten zu müſſen glaubte,„ich bitte Sie, ſeien Sie nachſichtig; glauben Sie an unſere Ehrfurcht vor dem heiligen Charakter dieſer Verſammlung. Laſſen Sie dieſen jungen Mann zu, ich kann ohne Uebertreibung ſagen, daß Keiner von Ihnen ſein Herz gegen das von George Haſtings ver⸗ tauſchen würde.“ „Ein vortrefflicher Handel für mich, wenn er ſich ab⸗ ſchließen ließe,“ murmelte Herr Smith mit einer ſeltſamen Miſchung von Kummer und gedrängter Heiterkeit.„Genug der ſchlechten Scherze, meine Herren, mein Herz iſt das ein⸗ * 227 zige wirklich kranke hier. Früher oder ſpäter wird mich meine Pulsadergeſchwulſt tödten!“ Der Gaſt, deſſen Gegenwart ſo viel Widerwillen erregte, wagte es nicht mehr, ſich mit ſeinen Nachbarn in ein Geſpräch einzulaſſen; er hielt ſich für verurtheilt und begnügte ſich, auf⸗ merkſam auf die Reden der anderen Gäſte zu horchen. Er ſchien auf ein Wort zu lauern, das, vielleicht durch den Zufall in das Gemenge von Meinungen geworfen, ihm dazu dienen würde, ein lange geſuchtes Räthſel zu löſen. Die freien Er⸗ güſſe dieſer leidenden Seelen, denen der Schmerz wie ein Talisman für den großen Haufen verſchloſſene geiſtige Tiefen geöffnet hatte, boten einen reichen Stoff zum Nachdenken. In Augenblicken, mitten in der tiefſten Finſterniß, brach ein Schim⸗ mer hervor, ein Schimmer flüchtig, aber rein wie ein Kryſtall, funkelnd wie die Geſtirne des Himmels, und die Gäſte waren verſucht auszurufen: Das Räthſel wird gelöſt! In dieſen leuch⸗ tenden Zwiſchenräumen fühlten die Troſtloſeſten ihren Muth durch eine Art von Offenbarung wiederbelebt. Die Schmerzen des ſterblichen Menſchen zogen wie Schatten hin; die Dunkel⸗ heiten des irdiſchen Lebens konnten nicht länger die göttliche Wirklichkeit verſchleiern. „Es kam mir plötzlich vor, als ſähe ich das Jenſeits, und als ob mein beſtändiges Zittern aufgehört hätte!“ ſagte die arme Alte. „Warum kann ich nicht immer in dieſen Strahlen reinen Lichtes wohnen!“ fügte der Mann mit dem verwundeten Ge⸗ wiſſen bei.„Der Blutflecken wäre bald von meinem Herzen getilgi.“ 228 Der Ton, den das Geſpräch angenommen hatte, kam dem guten Herrn Smith, für den das Ideale ſtets ein verſchloſſenes Buch geweſen war, ſo albern vor, daß er trotz aller Vorſicht von einem heftigen Lachanfall ergriffen wurde. Diesmal er⸗ wieſen ſich die Aerzte als Propheten; er zuckte einmal auf und fiel auf ſeinen Stuhl zurück, ein plumper Leichnam, deſſen Geſicht noch den Ausdruck eines letzten unſeligen Hohngeläch⸗ ters behielt, während das Geſpenſt des armen Mannes, der ſo ungeſtüm zum Abzug aufgefordert worden war, vielleicht ſu Platz beim Bankett einnahm. „Wie! Sie zittern nicht?“ ſagte die in einem beſtändigen Tanze begriffene Alte zu Haſtings, deſſen Blick an den Leich⸗ nam genietet zu ſein ſchien.„Iſt es nicht etwas Furchtbares, ſo mitten im Leben dieſen Menſchen, der von Fleiſch und Knochen iſt wie wir, deſſen Blut noch warm ſein muß, den die Natur ſo ſtark und feſt gebaut hatte, erlöſchen zu ſehen? Ich, die ich fortwährend zittere, ſchaure in der Tiefe meiner Seele, und Sie verziehen kein Geſicht?“ „Geſiele es dem Himmel, daß dieſer Leichnam mir ant⸗ worten könnte,“ ſprach George Haſtings.„Wird ſtets eine Auflöſung des Zuſammenhangs zwiſchen den zwei Eriſtenzen ſtattfinden? Wird uns der Tod nicht das Geheimniß des Lebens ſagen? Dieſer iſt von der ſichtbaren Welt in die unſichtbare in unſerer Gegenwart übergegangen, und was wiſſen wir mehr, als zuvor? Ziehen die Menſchen ſo alle wie Schatten an der Wand hin? Sind ihre Gefühle, ihre Leidenſchaften nur Reflere eines phosphorescirenden Lichtes? Weder dieſer Leichnam, noch — 229 das Skelett des Erblaſſers, noch Ihr beſtändiges Zittern, gute Frau, können mich lehren, was ich gern wiſſen möchte.“ Die übrige Geſellſchaft hatte ſich ſchon zerſtreut. Es wäre zu lang, die verſchiedenen Umſtände dieſer ſelt⸗ ſamen Weihnachtsbankette zu erzählen. Nach dem Willen des Teſtirers ſollten ſie ſich ohne Unterbrechung folgen, bis man den unglücklichſten Menſchen gefunden hätte. Allmälig hatten die Teſtamentsvollſtrecker den Kreis ihrer Einladungen aus⸗ gedehnt. Sie beſchränkten denſelben nicht mehr auf das Weich⸗ bild einer Stadt, auf die Grenzen eines Landes; die Unglück⸗ lichen, welche kein Vaterland haben, ſind die wahren Bürger der Welt. Emigranten der franzöſiſchen Revolution, welche auf einem Lager von Roſen entſchlummert waren und auf der eiſigen Erde der Verbannung erwachten; alte Soldaten des Kaiſers, welche um eine Zufluchtſtätte bettelten, nachdem ſie Königreiche erobert hatten, ſetzten ſich zum Mahle; ein entthronter Monarch verſchmähte es nicht, daran Platz zu nehmen; mehr als ein von ſeiner Partei als ein unnützes Werkzeug weggeworfener Staatsmann trat hier zum letzten Mal, ehe er völlig von der Scene verſchwand, als armer, ſo bald vergeſſener Komödiant auf. Die Einladungen wurden oft durch die falſche Anſicht dictirt, das Unglück ermeſſe ſich nach dem Rang der Unglücklichen. Wenn große Mißgeſchicke mehr Mitgefühl erregen, ſo iſt dies nicht der Fall, weil ſie einen tieferen Schmerz verurſachen„ ſondern auf ein Piedeſtal geſtellt, ziehen natürlich die Mächtigen der Erde die Blicke auf ſich und ſind beſtimmt, als Beiſpiele zu dienen. George Haſtings erſchien bei allen Banketten. Er war .*„ von der bluͤhenden Jugend zu der männlichen Schönheit reife⸗ rer Jahre, zur ſtrengen Würde des Alters übergegangen. Er allein blieb der Verſammlung des Teſtirers treu, und ſtets erregte ſeine Gegenwart das Gemurre der neuen Gäſte, ſtets flößte er der myſtiſchen Verbrüderung denſelben Widerwil⸗ len ein. Was wollte denn dieſer Menſch von Erz oder Marmor, deſſen Stirne die Zeit kaum zu furchen vermocht hatte? Alles hatte ihm im Leben zugelächelt; ſein Schickſal war ein Gold⸗ gewebe geweſen. Hoffte er ſeine Genüſſe durch den Contraſt der Schmerzen Anderer zu vermehren? Das Daſein von Haſtings ſchien in der That glücklich und glänzend. Sein großes Vermögen entſprach ſeinen koſt⸗ ſpieligen Gewohnheiten, ſeinem prunkhaften Geſchmack für die ſchonen Künſte, ſeiner Freigebigkeit gegen die Dürftigen. Seine Bibliothek war die reichſte des Landes an Handſchriften und ſeltenen Büchern; ohne Zweifel ſuchte er darin auch den Schlüſſel zu dem Räthſel, das ihn beſtändig zu beſchäftigen ſchien. Eine ſchöne und keuſche Frau, Kinder, welche zu den größten Hoff⸗ nungen berechtigten, mußten ſein häusliches Glück ſichern. Als Bürger hatte er die Grenze überſchritten, welche die der Dunkel⸗ heit geweihten Menſchen von denjenigen trennt, die mit ihrer Stirne die Menge beherrſchen und ſich ſelbſt im Andenken der Völker überleben. Doch trotz des fleckenloſen Rufes, den er ſich in den öffentlichen Angelegenheiten erworben hatte, war er nichts weniger als ein beim Volk beliebter Mann; er beſaß keines von den für Erfolge dieſer Art nothwendigen Attribute: die anziehende Originalität, die mittheilſame und belebende Wärme ————————————— 231 des Gemüths, die Macht, ſein Bild den Gliſtern und Herzen einzuprägen. Selbſt die Perſonen, die er in das Innere ſeines Hauſes zugelaſſen, hatten es vergebens verſucht, ihn zu ver⸗ ſtehen und zu lieben. Man billigte ſein Benehmen, man be⸗ wunderte ſeine Uneigennützigkeit in allen Dingen, ſeine beinahe ſtviſche Feſtigkeit; doch wenn es einem gelang, den inſtinet⸗ artigen Widerwillen zu bekämpfen, den ein vertrauterer Umgang mit ihm einflößte, fühlte man bald die Enttäuſchung eines Kindes, das einem Schatten nachlaufend dieſen haſchen zu können glauben würde, weil er eine Annäherung geſtattet. Je mehr die oberflächliche Lebhaftigkeit der Jugend ver⸗ ſchwand, deſto empfindlicher wurde die eigenthümliche Wirkung des Charakters von George Haſtings. Seine Kinder, wenn er ihnen rief, näherten ſich ihm nur mit gezählten Schritten und wagten es nie, auf ſeinen Schooß zu klettern. Seine Frau vergoß insgeheim reichliche Thränen und machte es ſich beinahe zum Verbrechen, daß ſie ſich ſo kalt in ſeiner Nähe fühlte. Haſtings ſelbſt hatte das Bewußtſein der Eisatmoſphäre, die ihn umgab; er hätte ſich gern an irgend einem wohlthuen⸗ den Herde gewärmt, aber die Fortſchritte der Jahre erkalteten ihn immer mehr. Der Schnee des Alters bekränzte endlich ſeine ſtattliche Stirne; ſeine Frau ſank ins Grab und fand es ohne Zweifel minder kalt, als ihr Hochzeitbett; ſeine Kinder ſtarben oder zerſtreuten ſich. Unzugänglich für den Schmerz, llein, beſtändig allein, ohne daß er Freundſchaften anzuknüpfen ſuchte, verfolgte der Greis ſeinen eintönigen Gang durch das Leben und fand ſich jedes Jahr bei dem Weihnachtsbankett ein⸗ 232 wo ihm nunmehr der zweite Platz durch Verjährung zuge⸗ ſchieden war. Der luſtige Weihnachtstag, der ſo traurig in dem Saale mit den dunkel purpurnen Tapeten, mit den Leichenfackeln gefeiert wurde, war abermals erſchienen. Der unempfindliche Greis fand ſich an ſeinem Poſten wie der Teſtirer. Abgeſehen von der unvermeidlichen Spur, welche die Zeit auf der Stirne der kräftigſten Menſchen und ſelbſt auf dem Granit der von ihren Händen errichteten Denkmale zurückläßt, hatte ſie weder im Gu⸗ ten noch im Schlimmen, eine Veränderung bei George Haſtings herbeigeführt; er ſchaute beſtändig mit forſchendem Blicke um⸗ her. Vielleicht ſchmeichelte er ſich mit der Hoffnung, er würde unter den Gäſten einen Menſchen finden, der über dem Ge⸗ wöhnlichen ſtünde und ihn in das furchtbare Geheimniß des Daſeins, in das Leben im Leben, in jenes unbeſtimmte Etwas einführen könnte, das, mag es ſich durch die Freude oder den Schmerz äußern, einer Welt von Phantomen allein Weſenheit gibt. „Meine Freunde,“ ſprach George Haſtings, der ſich nun für berechtigt hielt, die Honneurs des Gaſtmahles zu machen und dem Erblaſſer als Dolmetſcher zu dienen:„ſeien Sie will⸗ kommen! Erlauben Sie mir beim Anfang dieſes Feſtes einen doppelten Toaſt auszubringen: Dieſer Verſammlung und ihrem ſtummen Präſidenten, dem Unglück und dem Tod.“ Unter den Neueingelade nen befand ſich ein Diener des heiligen Evangeliums, früher ein Enthuſtaſt ſeines Berufes und vielleicht von dem Geſchlechte jener alten Puritaner abſtam⸗ mend, deren thatkräftiger Glauben Stifter von Reichen machte. 233 Der ſteptiſchen und ſpeculativen Richtung des Jahrhunderts nachgebend, hatte er ſich von der feſten Grundlage der Religion entfernt und irrte ſeitdem in einer Region von Wolken um⸗ her, worin Alles Nebel und Täuſchung war. Jeden Augen⸗ blick ein Spielzeug von Luftſpiegelungen, ſtreckte er vergebens die Arme aus, um das zu haſchen, was er zu ſehen glaubte. Sein natürlicher Inſtinet, die unbertilgbaren Eindrücke der erſten Jugend ließen ihn glühend einen feſteren Boden wün⸗ ſchen, um den Fuß darauf zu ſetzen; aber er mochte immerhin ſeine Blicke nach allen Seiten wenden, er entdeckte nur aufge⸗ häufte Dünſte, und hinter ihm trennte eine Kluft die Vergangen⸗ heit von der Gegenwart. An dieſer Kluft ging er mit großen Schritten und vor Verzweiflung die Hände ringend auf und ab; der Parorismus des Schmerzes entriß ihm zuweilen höh⸗ niſches Gelächter. Es hätte wahrlich eines heiligen Paulus bedurft, um ihm die Vernunft und das Glück wiederzugeben. Dies war ſicherlich ein ſehr unglücklicher oder ſehr ſtrafbarer Menſch: als Seelenhirte hatte er ohne Zweifel einen großen Theil ſeiner Herde irregeführt. An ſeiner Seite ſaß ein großer Theoretiker, ein MWitglied eines heut zu Tage nur zu zahlreichen Stammes, obgleich er ſich für einzig in ſeiner Art hielt. Er hatte einen herrlichen Plan entworfen„der das phhſiſche und das moraliſche Uebel von dieſer Welt verſchwinden machen ſollte; ſobald es ſich aber darum gehandelt hatte, von der Theorie zur Anwendung überzugehen, waren alle ſeine Bemühungen durch die menſchliche Ungläubigkeit gelähmt worden. Natürlich verletzt in ſeiner utopiſtiſchen Eitelkeit, im Herzen beſonders, das bei ihm gut war, verletzt, bildete er ſich nun ein, er trage 234 allein die ganze Laſt des Elends, das er hatte heilen wollen, eine Bürde ſchwerer als die des Atlas. Ein kleiner Greis von einfachem und ernſtem Aeußern, von Kopf zu Fuß ſchwarz gekleidet, feſſelte bald die Aufmerk⸗ ſamkeit der Geſellſchaft, welche den Vater Müller in Perſon in ihm zu ſehen glaubte. Da er überall das Ende der Welt verkündigt hatte, ſo war er troſtlos darüber, daß Gott ihm nicht den Gefallen that, ſeine Weiſſagungen zu verwirklichen, Gott, der die Welt mit einem Wort wieder in das Nichts, aus dem er ſie hervorgerufen, hätte verwandeln können! Ein anderer Gaſt, ein Thpus von Hoffart und Selbſt⸗ ſucht, hatte noch einige Tage vor dem Feſte ungeheure Kapi⸗ talien und die oberſte Leitung von gewerblichen und Handels⸗ unternehmungen, welche ihr Netz über das ganze Land ausge⸗ breitet. Dieſe beinahe unbeſchränkte Gewalt übte er wie ein vrientaliſcher Despot aus; er ſetzte mit ſeinem goldenen Hebel die materielle Welt in Bewegung, dies jedoch zum Untergang der ſittlichen Welt, gehätſchelt von den Großen, verflucht an allen Herden der Kleinen, die er mit einem verſchlingenden Monopol auszulöſchen drohte. Plötzlich ſah ſich das goldene Idol mit den thönernen Füßen durch einen vielleicht vom Himmel gefallenen Stein, durch einen Meteorſtein geſtürzt! Dieſe Kataſtrophe mußte nothwendig bei einer ſelbſtſüchtigen, herrſchgierigen Natur eine ſolche Wirkung hervorbringen, daß er nicht nur beim Bankett des Erblaſſers, ſondern auch unter den Pairs des Pandämonium von Milton einen Platz einzuneh⸗ men würdig war. Man bemerkte auch einen Menſchenfreund aus der neueren 235 Schule, der ſich äußerſt empfindlich für das Geſammtunglück von Myriaden von Weſen zeigte, welche gleichſam vor der Geburt alles deſſen, was leben und das Leben lieben macht, beraubt und auf den Zufall auf der Oberfläche der zwei Hemiſphären ver⸗ breitet waren, ſo daß ſich unmöglich allen ihren Uebeln durch irgend eine große, auf Alle und überall anwendbare Combina⸗ tion der Nationalbkonomie begegnen ließ. In dieſer Ueberzeugung erſchien es ihm als das ünf⸗ tigſte, die Hand gar nicht ans Werk zu legen, er, indem er die ganze Menſchheit in ſeinem Herzen trug und keinen Platz mehr darin für das Unglück des Einzelnen fand, deſſen Heilmittel im Grunde ſeiner Börſe verborgen blieb. Ein anderer Gaſt war in einer Lage, für die es bis da⸗ hin keinen Vorgang gab, welche aber ſehr gewöhnlich zu wer⸗ den droht. Seitdem er eine Zeitung zu leſen verſtand, hatte er ſich einer Partei angeſchloſſen, ganz einer Meinung geweiht; doch da ſeit der politiſchen Verwirrung unſerer Tage ſeine Zeitung, ſein einziger Compaß, ihm den Weg, den er zu ver⸗ folgen hatte, anzugeben aufhörte, wußte er nicht mehr, in wel⸗ cher Richtung er ſteuern, noch gegen wen er ſeine Ladung ab⸗ feuern ſollte. eine troſtloſe Ungewißheit für einen Mann, deſſen Perſönlichkeit ganz und gar von dem Weſen von Ver⸗ nunft und Unvernunft, das man eine große Partei nennt, erfüllt geweſen war. Um eine ſolche Lage zu begreifen, müßte man ſie an ſich ſelbſt erfahren haben. Sein nächſter Nachbar war ein anderer politiſcher Invalid. Als Volksredner hatte 3 ſeine Stimme bei den Wahlverſammlungen verloren, und da 236 ihm nichts Anderes mehr zu verlieren geblieben, ſo war er in eine wahre Vernichtung verſunken. Die ſchönere Hälfte des Menſchengeſchlechts war auch bei dem Bankett anweſend. Eine arme Nähterin, kurzſichtig und bruſtkrank, ausgetrocknet wie eine Weinrebe durch eine chroniſche Hungersnoth, vertrat Tauſende derſelben undankbaren Arbeit, derſelben Dürftigkeit, derſelben Verzehrung geweihte Mädchen. Eine andere Frau von einer angeſeheneren Claſſe und perſönlich mit großer Energie ausgerüſtet, gefiel ſich im Gegen⸗ theil darin, daß ſie nichts auf dieſer Welt zu thun, daß ſie nicht einmal zu leiden hatte. Ihr Leben verging im Nach⸗ ſinnen über das Unrecht der Männer gegen ihr Geſchlecht, das ſie zur völligen Nichtigkeit verurtheilen, und die ſchwarzen Dünſte eines ohnmächtigen Grolles hatten am Ende ihre Ver⸗ nunft verfinſtert. Nicht allein die Gäſte der Haupttafel waren vollzählig, ſondern man hatte auch noch einen kleineren Tiſch für drei bis vier verdrießliche Bittſteller gedeckt, welche von den Feſtordnern in Rückſicht auf ihren Verdruß und aus Mitleid mit ihren faſtenden Eingeweiden zugelaſſen worden waren. Ein Hund ohne Zufluchtsſtätte mit eingeklemmtem Schwanz und geſenkten Ohren lauerte auf die Abfälle des Mahles und vervollſtändigte das Gemälde, einer von den enterbten Hunden, wie man ſie, einen Herrn und einen Knochen zum Abnagen ſuchend, auf den Straßen umherſchweifen ſieht. Alle dieſe Leute ſchienen gewiß nicht mehr zu beklagen, als die Gäſte der früheren Bankette, und der Unglücklichſte, nur vom materiellen Standpunkt aus betrachtet, war der Erblaſſer, 237 der keine Nerben hatte, um zu leiden. Er nahm wieder feinen alten Platz ein und hielt in der Hand einen Chpreſſenkranz. Neben ihm thronte George Haſtings, immer kalt und trocken, immer ſtattlich, aber bleich und mit Pelzen bedeckt. „Mein Herr,“ ſagte der Menſchenfreund zu dem Greis, „Sie ſind, wie ich höre, der älteſte und beſtändigſte Gaſt dieſer Mahle. Wie ich„werden Sie unſere arme menſchliche Natur ergründet haben, und Sie müſſen ganz beſonders in ihr Elend eingeweiht ſein. Es iſt nicht möglich, mein Herr, daß Sie ſich nicht von dem beſonderen Studium der Thatſachen zu einer großen Generaliſation erhoben haben. Ein glücklicher Mann wären Sie(verzeihen Sie mir dieſen Ausdruck, meine Herrn), wenn Ihnen dieſes Studium das allgemeine Geſetz, die univer⸗ ſelle Formel der Abhülfe des Unrechts der Natur hätte ent⸗ hüllen können, eine Formel, die ich vergebens ſelbſt geſucht habe, ich geſtehe es, denn ich war ſtets voll MWitgefühl für das allgemeine Unglück“ „Mein Herr,“ entgegnete mit kaltem Tone George Haſtings, vich kenne nur ein Unglück und das iſt das meinige.⸗ „Ihr Unglück!“ erwiederte der Menſchenfreund,„es hat kein glücklicheres und heiterers Leben gegeben, als das Ihrige. Wie können Sie auf die Ehre, der einzige Unglüchliche unſeres Geſchlechtes zu ſein, Anſpruch machen? Wenn Sie die Sta⸗ tiſit befragen...“ „Sie ſind nicht im Stande, dies zu begreifen,“ ſagte George Baſtings mit ſeltſam geſchwächtem Ton. Er artikulirte ſeine Worte ſchlecht, und trotz der Pelze, mit denen er bedeckt, war es, als klapperten ſeine Zähne vor Kälte.„Niemand hat es be⸗ . 238 griffen,“ fuhr er fort,„ſelbſt nicht diejenigen, welche es empfun⸗ den. Was ſoll ich Ihnen ſagen? Zu allen Zeiten meines Lebens habe ich eine unerklärliche Kälte gerade an dem Orte gefühlt, an den man den Herd der Lebenswärme ſetzt. Durch alle meine Poren entſtrömte irgend ein eiſiger Dunſt, der mich mit einem moraliſchen Nebel umhüllte und mir das Gefühl der Wirklichkeiten benahm. Scheinbar Alles beſitzend, was die Menſchen beſitzen können, Alles, wonach ſie trachten, habe ich fac⸗ tiſch nie etwas beſeſſen, nie etwas gefühlt, weder Freude, noch Kummer. Selbſt ein Schatten, lebte ich unter Schatten. Meine Frau, meine Kinder waren nichts Anderes für mich. Sie ſelbſt ſehe ich nur durch dieſen eiſigen Dunſt.“ „Und was denken Sie von dem zukünftigen Leben?“ fragte der ehemalige Diener des Evangeliums, der, von dem Reize ſeines erſten Berufes hingezogen, ſich nicht ungern in eine Controverſe eingelaſſen hätte. „Wie ſollte ich über das Grab hinausſehen, ich, der ich in dieſem Leben nur Phantome geſehen habe?“ erwiederte Haſtings mit immer dumpferer Stimme.„Ich ſterbe, wie ich gelebt, ohne Furcht und ohne Hoffnung. Oh! ja, mein Un⸗ glück iſt das einzige wahre! Das Verhängniß, das Ungeheuer in der phhſiſchen und in der moraliſchen Ordnung ſchafft, ließ mich ohne Herz geboren werden!“ Kaum hatte er ſo geſprochen, als die längſt vertrockneten Knochenbänder des Erblaſſers plötzlich nachgaben und das Skelett zuſammenſtürzte; es war nur noch ein Haufen menſchlicher Trümmer. 239 Der Cypreſſenkranz fiel auf den Kopf von George Ha⸗ ſtings in dem Augenblick, wo er ſeinen letzten Seufzer aus⸗ hauchte. Sein Herz hörte nicht auf zu ſchlagen, denn es hatte nie geſchlagen, aber eine Leichenfackel erloſch und ein Schatten horte auf an der Wand zu ſchweben. Erinnerungen aus dem Sol⸗ datenleben. Ein Abenteuer auf der Heerſtraße. Nach Kapitän S. dArpentigny 3 von 8 Auguſt Joller. E ie blühenden Mandelbäume und die ſchon mit leinen Blättern von zurtem Grün bedeckten Gebüſche verkündigten, bald würde ſich der Frühling erſchließen. Es war im Jahr 1823: N Frankreich war von der heiligen Allianz ver⸗ N urtheilt worden, nach Spanien ein Heer von hunderttauſend Mann zu ſchicken, um doh abſolute Regierung wiederherzuſtellen, Stelle kurz zuvor eine glückliche und f Revolution die repräſentative Regiert WMein Regiment gehörte zu dem Armeecorpe, das durch Irun in Cantabrien eindringen ſollte, und wir erwarteten in den kleinen Ortſchaften, welche in der Umgebung von Bahonne liegen und mit weißen Punkten das gekrümmte —— Band feſtonniren, das die blauen Waſſer der Adour entrollen, den Augenblick, wo wir ins Feld marſchiren ſollten. Wir befanden uns hier mitten unter den Basken: merk⸗ würdiger in phhſiſcher, als in moraliſcher Hinſicht haben dieſe weder in der Faſſungskraft die Schnelligkeit, noch im Urtheil die Feſtigkeit, noch im Geiſt die Geſchmeidigkeit und Anmuth, die man an ihren Gliedern und Bewegungen bewundert. Die Geſchichte ſpricht von ihren Füßen, deren Leichtigkeit ſie rühmt; ſie ſpricht aber nicht von ihrem Gehirn. Ihre Sprache iſt voll von langen, wohlklingenden, ſonoren Worten; ſie iſt bilder⸗ reich und ſteht in keinem Zuſammenhang mit irgend einer Sprache Europas. Da und dort auf den Feldern zerſtreut und einſam unter großen Bäumen gelegen, boten die Häuſer der Bauern kaum mehr Lurus, als die Hütte von Eumea; ſie hatten wenig Reiz für mich, der ich das geſchmückte Leben, den Wein in Krhſtall, die Frauen in Seide liebe. Trotz der begeiſterten Lobredner des Blökens der Lämmer und des heilſamen Einfluſſes der bukoliſchen Sitten ergriff ich auch voll Eifer jede Gelegenheit, in der Stadt die verdorbene Luft der Civiliſation einzuathmen. Reinlich und lachend, war Bayonne damals voll von ſpaniſchen Flüchtlingen, welche der Partei del rey netto an⸗ gehörten. Düſter und unbeweglich, wie die alten beſtaubten Cypreſſen der Alhambra, warteten ſie, bis an die Augen in ihre großen, braunen, in Fetzen gehende Mäntel gehüllt und in der Sonne Sterbelieder anſtimmend, bis ihnen der waht⸗ ſcheinliche glückliche Erfolg unſerer Waffen den Weg nach ihrem Vaterland wieder öffnen und ſie in den Stand ſetzen Der Erzährer 1848. 1. 16 242 würde, ſich an ihren politiſchen Gegnern zu rächen. Der Pfarrer in der Soutane, Moͤnche in der Kutte, mager, mit ſchwärzlicher Geſichtshaut und vom unheimlichſten Anblick, zeig⸗ ten ſich unter ihnen und beobachteten ein Stillſchweigen, das noch bedrohlicher war, als das Geſchrei der Mantelträger. Mehr leidenſchaftlich, als verſtändig, lieben die Spanier die Unternehmungen, wobei der Mord Zweck und Mittel iſt; ſie haben nicht die ſchaffende Initiative, und da ſie in Maſſe genommen nur zur Zerſtörung geeignet ſind, ſo hört man auf, von ihnen zu ſprechen, ſobald ſie zu tödten aufhören, was in⸗ deſſen dieſe ſeltſame Nation nicht abhält, einen Ueberfluß an reizenden Perſönlichkeiten zu beſitzen. Wenn unſere Soldaten ſpazieren gingen und, ihrer Ge⸗ wohnheit gemäß, in Banden die ganze Breite der Straße ein⸗ nahmen, warfen ſie auf dieſe finſteren Geſichter erſtaunte oder ſpottiſche Blicke; ſie bezeichneten ſich dieſelben mit dem Finger und gingen vorüber, indem ſie einander Späſſe mittheilten, über die ſie in ein lautes Gelächter ausbrachen. Ein beſtändiger Lärmen füllte die Stadt. Man ſah auf allen Seiten nur lange Reihen von Maulthieren, welche die Roßhändler mit weißem Beret, worauf eine rothe Quaſte, auf dem Markt verkaufen wollten, Herden von Ochſen, die von ſpringenden Hunden umgeben waren und von Bauern aus Poitou, mit hohlen Augen und verdrießlicher Miene, getrieben wurden, Gefährte von allen Formen, worunter man kleine Wagen aus der Zeit von Pigmaleon, dem Sohn von Belus, bemerkte, welche auf vollen, an der Achſe anſtoßenden Rädern ruhend, bei jedem Schritt der Ochſen, von denen ſie gezogen 243 wurden, lange und ſchrille Seufzer ausſtießen Die Bauern, die ſie führten, hatten rund geſchnittene Haare und trugen wie die Diacone, die man auf den gemalten Fenſtern ſieht, Röcke, Meßgewändern ähnlich von grobem braunem Tuch. Hier, während die Bataillons, Trommeln und Trompeten voran, zum Manoeubre auszogen, während die Handelsjuden, den ihrer Race eigenthüm⸗ lichen ſüßlichen Geruch ausathmend, uns mit dem Geräuſch ihrer Anerbietungen betäubten, folgten wir den Staffeten, welche im Galopp einherſprengten, in die Menge drangen und ſich in ihr verloren, wie die Vögel bei Sonnenuntergang im Walde. Dort wechſelten, ſteifen, vom Wind bewegten Maisſtängeln ähnlich, Rechnungsbeamte in Uniform, mitten auf dem Platze gruppirt, ernſte Begrüßungen mit einer Verbeugung in einem Stück aus. Ferner kreuzten ſich, in abgemeſſenem Gang einher⸗ ſchreitend und den Federbuſch im Wind, Officiere, welche die Wachen viſitirten. An allen Fenſtern endlich, in allen Buden rührten ſich lachend und wie berauſcht von all dieſem Geräuſch und all dieſer Bewegung junge Mädchen, die in ihren ſchönen ſchwarzen Augen leſen ließen, daß auch ſie, insgeheim vom Durſt nach dem Unbekannten geplagt, gern nach dem Lande der Serenaden entfliegen würden, um Abenteuer zu ſuchen. Am 22. März erhielten wir in unſeren Kantonirungen den Befehl zum Aufbruch: mein Regiment ſetzte ſich um Mit⸗ tag in Marſch. Unſer Armeecorps wurde befehligt vom Mar⸗ ſchall Molitor, unſere Diviſtun vom Generallieutenant Loberto, einem zornigen und äußerſt mürriſchen Griechen, unſere Bri⸗ gade vom Marechal de camp Corſin, einem Soldaten von 244 ehrwürdigem Ausſehen, und unſer Regiment vom Oberſten von Houdetot. Durch eine Frau den bepuderten Grazien theuer, iſt dieſer letzte, ſeit ihr in Vergeſſenheit gerathene Name ziemlich bekannt, geworden. Derjenige von ihren Abkömmlingen, welcher uns befehligte, war groß und mager; er hatte ſchwarze Augen, bleichen Teint und ein ovales Geſicht. Da er die geiſtigen Vergnügungen verachtete, ſo brachte er ſein Leben mit Rauchen und Jagen hin: es war ein verſchloſſener und langweiliger Charakter, eine unbeſtimmte und kärgliche Natur, ein trockener, verdrießlicher Geiſt ohne Blüthen und ohne Strahlen. Dem General Corſin war vor Allem daran gelegen, daß die Soldaten pünktlich an den zwei Rändern des Weges Schritt hielten. Der ſcharfe und zornige Funke, der unabläßig im Auge des Palikaren ſchwankte, zeigte ſich nie in dem ſeinigen. Er ſagte, der Sieg ſpiegle ſich gern in den glänzenden Patron⸗ taſchen und er wende ſeine Gunſt hauptſächlich den gut gepack⸗ ten, gut zugeknöpften, gut aufgereihten Truppen zu. Der Herr Marſchall von Molitor mochte etwas über fünf⸗ zig Jahre alt ſein; ſeine langen, ziemlich mageren Beine bilde⸗ ten einen Widerſpruch mit der außerordentlichen Dicke ſeines Kopfes. Nichtsdeſtoweniger noch ein ſchöner Mann, groß, ſchlank, von guter Haltung, wie die Paladine von fränkiſcher Race am Hofe von Karl dem Großen, hatte er ein volles und ſehr weißes Geſicht; er ſprach wenig und ſchaute mit einer Art von erſtaunter Aufmerkſamkeit die Perſonen an, die mit ihm ſprachen. Ich fragte nicht, was ihn antrieb, gegen die ſpani⸗ ſchen Liberalen das Schwert zu kehren, das er einſt im Dienſt 245 der Republik verherrlicht hatte. Ach! wenn wir alt werden, vergeſſen wir allmälig die Götter unſerer Jugend; die Worte Ruhm, Liebe, Freiheit kommen uns immer ſinnloſer vor, und in dieſem ſtrahlenden Weltall gibt es bald nur einen Gegen⸗ ſtand, der uns unſerer Wünſche würdig zu ſein ſcheint: das Glück. Der Himmel war grau und regneriſch, als wir Bahonne verließen; mit Lebensmitteln(ſie hatten für eilf Tage) und mit Geräthſchaften aller Art beladen, zeigten unſere Soldaten nicht alle die gleiche Laune. Dieijenigen, welche über widrigen Ahnun⸗ gen brüteten und, in ihrem Innern die Wildheit der Feinde, die wir bekämpfen ſollten, übertreibend, in der Perſpective nur hölzerne Beine und ſilberne Nuaſen ſahen, marſchirten, noch trauriger gemacht durch den Anblick des Himmels und die drückende Laſt ihrer Torniſter, mit ſorgenvoller und niederge⸗ ſchlagener Miene; Andere, und zum Glück war dies die Mehr⸗ zahl, offenbarten, dem Einfluß äußerer Erſcheinungen fremd, durch ihre Sorgloſigkeit und ihre Kaltblütigkeit die Kraft, die ſie aus der Trägheit ſchöpften; Einige lachten und ſangen, entzückt, endlich der Langweile des Kaſernenlebens, dem Corpo⸗ ralismus, den ewigen Inſpectionen, den ewigen Uebungen zu entgehen; wieder Andere gingen, die Augen der Seele auf die emaillirten Zierrathen eines eingebildeten Kreuzes geheftet, feſten Schrittes einher und ſchienen beſtimmt, Allem zu trotzen, um das Schickſal zu zwingen, ihren Traum in eine Wirklichkeit zu verwandeln. Dieſe jungen Nachfolger der alten Kämpen mit dem Ahler⸗ kopf oder dem Löwenmaul der Republik und des Kaiſerreichs 246 waren alle von kleiner Geſtalt, aber kräftig und beſonders von ſtarkem Gliederbau: der Mehrzahl nach ziemlich häßlich, entſchädigten ſie für dieſen Nachtheil durch keinen Ausdruck, der eine hohe Meinung von ihnen hätte geben können... Da man erſt am andern Tag die Bidaſſoa überſchreiten ſollte, ſo wurde beſchloſſen, ſo viel als möglich Leute in den zugleich am nächſten an der Straße und am nächſten am Fluß liegenden Dörfern einzuquartieren. Folge hievon war, daß lange Halte, deren man bedurfte, um Erkundigungen bei den örtlichen Behörden einzuziehen, in jedem Weiler, auf den man ſtieß, ſtattfanden, ſo daß mein Bataillon, das die linke Seite der Colonne bildete, von der Nacht überfallen wurde, lange ehe es das Dorf erreicht hatte, wo es einquartiert werden ſollte. Seit mehr als einer Stunde fiel der Regen in Strömen. Schwarz und ſchweigſam, wie Geſpenſter, richteten unſere Leute, nicht mehr unterſtützt von der Stimme der Sänger, ihren ſchwerfällig gewordenen Marſch nach dem dumpfen Geräuſch der Keſſel und Näpfe, welche immer an die Stiele der Lagergeräth⸗ ſchaften ſtießen. Es wehte ein Nordwind, und der Regen war ſehr kalt. Ich ging an der Seite des Soldaten, der unter dem hochtrabenden Titel eines Vertrauten ganz einfach mein Be⸗ dienter war; er hieß, oder man nannte ihn vielmehr Chan⸗ delle, ein Name, den er durch ſeine bleiche Geſichtsfarbe, ſeine weißblonden Haare und Augbrauen und ſeine von oben bis unten gleich dicke Geſtalt rechtfertigte. In der Gegend von Peronne geboren, war er mit einer ſtarken Doſis von jener den Picarden eigenthümlichen Unbeſonnenheit begabt, an der —— Beine helfen würden; nur iſt es mit meiner Stimme bei Nacht, 247 zu gleichen Hälften der boshafte Witz und die Dummheit Antheil haben. Leichtgläubig und von einem außerordent⸗ lichen Mißtrauen, ſtets auf der Hut gegen das Mögliche und von einem für das Uebernatürliche groffneten Gemüth, glaubte er entſchieden nur an die Geiſter; im Uebrigen war er ziemlich eitel, im Ganzen jedoch ein guter Menſch und von fröhlicher Laune. Wir gingen alſo neben einander, ernſt und ſchweig⸗ ſam wie alle Welt. Ich glaubte, es wäre gut, unſere Leute dieſer Erſtarrung zu entziehen, und rief zu dieſem Behuf: „Ah! Meiſter Chandelle, was iſt denn aus der ſo ſehr gerühmten Lebhaftigkeit geworden? Du würdeſt unter einem Regen⸗ ſchauer von Hellebarden fingen, ſagte man mir, und nun wirſt Du wegen ein paar Tropfen Waſſer ſtumm wie das Grab.“ „Verdammt! mein Lieutenant,“ erwiederte Chandelle, indem er ſeinem Sack eine Bewegung gab, die ihn unten von ſeinen Hüften auf ſeine Schultern hinaufſchob,„Sie werden zugeſtehen, daß das Wetter keine ganz ſcherzhafte Miene ange⸗ nommen hat.“ „Einverſtanden; doch Du zählſt unter unſeren Knaſterbärten, und in dieſer Hinſicht mußt Du unſern jungen Leuten das Beiſpiel des Muthes und der frohen Laune bei der Ungunſt des Geſchicks geben. „Das iſt die Wahrheit, mein Lieutenant.“ „Du wirſt Dich alſo nicht zu ſehr an den Ohren zupfen laſſen, um uns ein Lied zu fingen.“ „Ich ſinge Ihnen eines, ich ſinge Ihnen zehn; ich kenne deren, welche einem Krüppel mit lahmem Fußgeſtell auf die 248 und beſonders wenn es regnet, wie mit einer Säbelklinge, ſie eingeroſtet, wenn ich nicht ein Bewußtes habe.“ „Ein Glas Branntwein wahrſcheinlich?“ „Ganz richtig.“ „Darauf ſoll es mir nicht ankommen, ruft eine Marke⸗ tenderin.“ „Welche ſoll ich rufen? denn wir haben zwei, eine dicke kurze und eine große magere. Die kurze hat immer etwas Luſtiges auf der Zunge und verkauft Caſſis; die große iſt verdrießlich, mürriſch und verkauft nur Branntwein.“ „Teufel! Meiſter Chandelle, Du biſt ſehr auf dem Lau⸗ fenden über den Charakter dieſer Damen, rufe die Raſchere.“ „Das wäre die Marengo, die magere; Ihre Leute lieben ſie nicht, wegen der Fouine.⸗ „Wie, wegen der Fouine! was willſt Du damit ſagen?“ „Ah! mein Lieutenant, das iſt der Kriegsname, den wir dieſem Frauenzimmer gegeben„das die Marengo in Bahonne rekrutirt hat; ein Zieraffe, ſteif und dünn wie ein Ladſtock, lacht nie, ſpricht mit Niemand und ſchaut einen, wenn man Miene macht, mit ihr tändeln zu wollen, von oben herab an; ſie iſt jedoch erſt fünfzehn Jahre alt.“ „Zum erſten Male höre ich von ihr ſprechen. Iſt ſie ſchon lange bei der Marengo?“ „Acht Tage, Lieutenant.“ „Weiß man, woher ſte iſt?“ „Der Fourier Machepain von den Grenadieren be⸗ 249 hauptet, ſie ſei eine Spanierin, wegen ihres Rothwälſch und ihrer Farbe.“ „Sie hat alſo eine außerordentliche Farbe?“ „Nein, ſie iſt nur zur Welt gekommen, als Rußſchwarz in der Blüthe war.“ „Du haſt heute Abend viel Wit. Es gelüſtet mich, das Mädchen zu ſehen; rufe die Marengo.“ „Nur die Pomarel hat Caſſis, mein Lieutenant.“ „Geh' zum Teufel mit Deinem Caſſis! Ich befehle Dir, die Marengo zu rufen.“ Chandelle glaubte nicht mehr widerſprechen zu dürfen; er machte aus ſeinen beiden Händen einen Trichter, wandte ſich nach der Seite, wo er vermuthete„daß die Frauensperſon ſein könnte, und rief wiederholt ihren Namen aus. „Sogleich! ſogleich!“ antwortete eine Stimme, welche von ziemlich fern herkam und nichts Weibliches hatte, aber nach der Verſicherung von Chandelle die der Marengo war. Ich drehte mich und erblickte durch die Dunkelheit einen Punkt, leuchtend wie das Auge eines Luchſes, der auf uns zukam. In kurzer Zeit hatte er beinahe den ganzen Raum durchlaufen, der uns trennte. „Nun, hier bin ich,“ ſagte die Marengo,„wer hat mich gerufen?“ „Noch ein paar Schritte„ Mutter, und Ihr werdet ſehen, mit wem Ihr ſprecht,“ rief Chandelle;„im Geſchwind⸗ ſchritt, Marſch.“ „Ja! ja!“ brummte die Marketenderin„indem ſie ſich 250 in Marſch ſetzte,„ſpiele doch den Courmacher, abſcheulicher Schmerlaib.“ „Faß', Chandelle!“ riefen einige Soldaten lachend. Der leuchtende Punkt kam von einer Laterne her, welche die Marengo in der Hand hielt. „Gebt mir dieſe Laterne,“ ſagte ich,„ich werde ſie halten, während Ihr jedem Soldaten von meiner Compagnie ein Glas Branntwein einſchenkt.“ „Schon gut, Lieutenant.“ Die Marengo, welche erſt ſeit einigen Monaten bei uns war, mochte ungefähr ſechszig Jahre alt ſein. Es war eine große Frau von ſcharf ausgeprägten Zügen und einer zurück⸗ ſtoßenden Miene. Ihre Geberde war ungeſtüm und ihr ſchlaffer Mund drückte Bitterkeit und Verachtung aus; ſie trug einen Halten Soldatenmantel und einen runden Hut von geſottenem Leder. Ihre langen grauen Haare, welche wie Döchte grup⸗ pirt waren und von Waſſer troffen, hingen an ihren Schläfen und an ihrem Hals herab wie todte Blindſchleichen. „Lieutenant,“ ſagte Chandelle zu mir,„wenn Sie die Fouine ſehen wollen, ſie ſteht hinter der Marengo.“ Nur durch eine Kopfbewegung antwortend, drehte ich raſch das Glas der Laterne nach dem Mädchen um, deſſen ganze Perſon ich mit einem Blick überſchauen konnte. Es war ein mageres, zierliches, ſchlankes Geſchöpf. Unbeweglich die Ellenbogen am Lib und die Vorderarme in den Händen, ſchien ſie unempfindlich für Regen und Wind. Ihre Geſichts⸗ haut war braun, ihr Mund fein, ihre Naſe gerade. Ihre ſchwarzen, dichten Haare glänzten„in feuchten Bändern um 251 ihren Kopf gelegt, wie polirtes Ebenholz. Ihre ſchönen, großen, flammenden Augen hatten etwas Wildes. Ich war wie geblendet durch dieſe Erſcheinung. Das Mädchen hielt meinen Blick mit der ſtolzen Gleichgültigkeit der großen Raubvögel aus. „Ei! Lieutenant,“ ſagte die Marengo,„wie ſoll ich Ihre Leute bedienen, wenn Sie mir nicht beſſer leuchten?“ „Ihr habt Recht; doch warum laßt Ihr Euch nicht durch die Fouine unterſtützen?“ fragte ich, indem ich die Lichtſtrahlen auf die gute Frau zurücklenkte. „Ihr Fäßchen iſt ſchon lange leer; die Jugend hat Glück.“ „Sie iſt Eure Verwandtin?“ Die Alte ſchaute mich argwöhniſch an und ſchien zu ſuchen, worauf ich abzielte. Dann aber ſprach ſie mit hartem Ton: „Wenn man Sie fragt, ſo antworten Sie„Sie wiſſen es nicht.“ Hienach, und ohne das Geld zu fordern, das man ihr ſchuldig war, wandte ſie uns den Rücken zu und ging ihres Wegs. „He! Marengo! alte Marengo!“ riefen einige Soldaten, welche nicht bedient worden waren. Vergebliches Rufen; die Marengo hatte im Weggehen ihre Laterne ausgelöſcht, und es wäre in einer ſo ſtockfinſtern Nacht verlorene Zeit geweſen„ihr nachzulaufen. Die Fouine war ihr gefolgt. Zuerſt, als wir wieder in die Finſterniß verſanken, hatte „ 252 ich Luſt, die Alte zu allen Teufeln zu wünſchen; doch ich be⸗ zwang mich, ihr Elend berückſichtigend. In der Nacht, in ihrem Alter, bei einem ſolchen Wetter im Feld herumlaufen müſſen! das konnte doch wohl ihre ſchlimme Laune rechtfertigen. Ueberdies gab, wenn ich mich nicht täuſchte, eine Art ron ſtolzer Würde, welche über ihre ganze Perſon ausgebreitet war, von ihrem Charakter und ihren Gefühlen eine Idee, die weder die Niedrigkeit ihres Standes, noch die vielleicht affectirte Rohheit ihrer Sprache zu ſtören vermochten. Ich blieb bei dieſer Bemerkung ſtehen; was ich Roman⸗ haftes in meinem Geiſte hatte, fing alsbald Feuer, und ich verlor zugleich das Gefühl der Müdigkeit. „Was bedeutet das im Ganzen?...“ ſagte ich zu mir. „Dieſe Frau hat offenbar nicht immer in der Niedrigkeit gelebt, in die ich ſie verſunken ſehe... Offenbar hätte ſich eine wahre Marketenderin weder ſo unverſchämt gegen einen Officier, noch ſo ſo vergeßlich gegen einen Schuldner gezeigt... Ja, das iſt klar; doch was daraus ſchließen?.. wie, was daraus ſchließen?. Ziehen wir morgen nicht in Spanien ein? Gibt nicht dieſes wunderbare Mädchen, das Niemand kennt, das mit Niemand ſpricht, und deſſen Fäßchen ſtets leer iſt, aus dem guten Grund, weil Niemand etwas hineinthut, gibt nicht dies Alles etwas zu denken?... Ich ſage, darunter ſteckt ein Geheimniß, ich ſage, daß wenn die von der ihrem ſcheinbaren Stand anklebenden Gemeinheit ſo weit entfernten Manieren dieſer Frauen noch Niemand aufgefallen ſind, dies nur von der Gleichgültigkeit oder von der Plumpheit der Leute herrührt, welche mit ihnen in Berührung kommen. Ich ſage, 253 daß ſie einen großen Plan hegen und, um dieſen Plan leichter und ſicherer ins Werk zu ſetzen und durchzuführen, ihre ent⸗ lehnten Kleider angezogen und ſich unter uns eingereiht haben.“ Hiebei gewann meine Einbildungskraft einen neuen Auf⸗ ſchwung. „Es iſt eine Thatſache,“ fügte ich bei,„daß es in un⸗ ſerem Leben Augenblicke gibt, wo uns nichts verborgen bleibt. Wahrhaftig, die Geſchichte dieſer jungen Perſon ſcheint mir leichter zu errathen, als die der Marengo. Vor Allem fließt edles Blut in ihren Adern; man iſt nicht vom Volk mit ſol⸗ chen Augen. Sodann iſt ihr Vaterland, wie der Fourier Machepain richtig errathen hat, das ſchweigſame und verſengte Land, nach dem wir marſchiren. Dann hat ſie offenbar das Tageslicht zuerſt in einem von jenen alten Paläſten mit kahler und gräulicher Fagade erblickt, deren Eingang zwei Granitrieſen bewachen. Wenn ich mich auch in einigen Einzelnheiten täuſche, ſo täuſche ich mich doch im Grunde der Sache nicht Eines Abends, als ſie noch ganz klein unter den Orangebäumen und bei dem Springquell im Hofe tollte, werden ſie Zigeuner geſtohlen haben, um zu ihren Gunſten die Anmuth und Zier⸗ lichkeit des Mädchens auszubeuten.. Solche Abenteuer kommen häufig in Spanien vor.. Inmitten ihrer ſchmutzigen Horde wird ſie die Erinnerung an die Ehrfurcht und die Herr⸗ lichkeit, womit ihre glückliche Jugend umgeben war, bewahrt haben. Daher der unvergleichliche Stolz ihres Blickes, der frühzeitig von einem mauriſchen Balcon herab über der Menge hinzuſchweben gewohnt war; daher ihre Verachtung gegen das junge Soldatenvolk, unter dem ſie lebt. Gewiß, dies „ 254 Alles iſt äußerſt wahrſcheinlich. Nach fruchtloſen Verſuchen gelingt es ihr endlich, ihren Räubern zu entkommen, welche der Köder des Pferdehandels nach Bahonne gelockt hat.. Dieſe Schurken find es vielleicht, die gerade unſer abſcheuliches Diviſionsmaulthier an uns verkauft haben; doch darüber wollen wir weggehen. Sie wird ſich ſodann der Marengo anvertraut haben wegen ihrer Verbindung mit den Soldaten, dieſen Werkzeugen der Kraft und des Schutzes. Das Uebrige gibt ſich von ſelbſt. Die Marengo, welche ſich durch großen Muth, durch eine gediegene Erfahrung, durch eine feuerfeſte Ver⸗ ſchwiegenheit empfiehlt und auf ihrer ernſten Stirne das Siegel dieſer verſchiedenen Attribute trägt, hat ihr ſodann das Aner⸗ bieten gemacht, ſie in ihr Vaterland zurückzuführen, unter der einzigen Bedingung, eines Tags durch ihre reiche und edle Familie in den Stand geſetzt zu werden, ein Gewerbe auf⸗ geben zu können, das ſie mit Widerwillen erfüllt. Wäre ohne dieſe Umſtände die zugleich zarte und ängſtliche Theilnahme, die ſie für die Fouine kundgibt, wie das Mädchen von den böſen Jungen genannt wird, erklärlich? Offenbar, nein... Die Hauptſache iſt im Augenblick für die junge Perſon, durch⸗ aus keine Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen, damit, wenn ſie in den Palaſt ihrer Väter zurückgekehrt iſt, Niemand errathen kann, in welchen niedrigen Gründen die erſten Blüthen ihrer Schönheit ſich erſchloſſen haben. Man mißt oft dem Ver⸗ brechen die Ungerechtigkeiten des Schickſals zu; dieſe Ungerech⸗ tigkeiten ſoll nach ihrem Willen Niemand erfahren, denn das Unglück hat ſie mit einer frühreifen Weisheit ausgeſtattet. Das Gerzuſch, das auf der Chauſſee eine Flinte machte, 255 die ein Soldat hatte fallen laſſen, entzog mich in dieſem Au⸗ genblick meiner Träumerei. Sogleich ver ſchwand mein kleiner Roman wie eine leichte Blaſe. Ich blieb indeſſen überzeugt, dieſe Frauen wären durchaus nicht das, was ſie ſcheinen wollten. „Sicherlich,“ ſagte ich zu mir,„ſicherlich iſt etwas Wahres an dem, was ich ſo eben mir ſelbſt erzählt habe. Ei, mein Gott! iſt Spanien nicht das Land der unverhofften Glücksfälle und der raſchen Kataſtrophen? Welche Myhſterien in dieſen ſchweigſamen Städten, worin ſich die Mönche und die Chpreſſen gefallen, in dieſen Auen mit den azurnen Fernſichten, wo der Wind unter dem Zelter der braunen Infantinnen in den Strahlen einer glühenden Sonne kleine Wolken von Goldſtaub auf⸗ wühlt!.. Wir werden ſehen, daß dieſes ſeltſame Paar plötzlich verſchwindet, wenn wir die Bidaſſoa überſchritten haben. Uebrigens werde ich ſchon morgen die genauſten Er⸗ kundigungen über ſie einziehen. Erſchüttert nichts die gute Meinung, die ich von ihnen habe, ſo behalte ich mir vor, ſie auf's Wärmſte zu unterſtützen. Zu viel Ehrerbietung von meiner Seite könnte ſie beunruhigen, denn ſie dürften errathen, ich habe ihr Geheimniß(wenigſtens theilweiſe) durchſchaut; ich werde ihre Sicherheit dadurch nähren, daß ich eine Sprache mit ihnen ſpreche, welche mit dem Aeußeren, unter dem ſie ſich verbergen, im Einklang ſteht. Nichtsdeſtoweniger ſoll die junge Perſon erfahren, daß ich ſie errathen, obgleich ich nicht den Anſchein haben in; ſie ſoll ferner dieſes Land nicht ver⸗ laſſen, ohne eine günſtige Meinung von mir mit ſich fort⸗ zutragen. Wer weiß! Spanien nimmt im Ganzen nur einen Punkt auf der Weltkarte ein; auf dieſem Punkt können ſich 6 256 zwei Menſchen eines Tags treffen, und es wäre ſüß.. Hollah!“ ſagte ich zu mir ſelbſt,„genug des Romans für heute Abend.“ Ich näherte mich Chandelle und rief ihm zu: „Wie ſteht es mit Deinem Lied, Taugenichts?“ „Ich erwarte Ihre Befehle, Lieutenant.“ „So beginne.“ Wie ein Gaukler, der einen Stuhl auf ſeiner Naſe ba⸗ lanciren laſſen will, legte Chandelle ſeinen Kopf zurück, ſtimmte einen Ton an, als ob er jenſeits der Pyrenäen gehört werden wollte, und bewirthete uns mit folgendem Lied: „Geh' ich in die Kathedrale, Iſt's Poſaunenſchall zu hören; Domherr ſteht„ So weit war er, als der Regen, der ſeit einem Augen⸗ blick aufgehört hatte, wieder mit aller Wuth herabzuſtrömen anfing und ihn abzubrechen nöthigte. Diesmal traf uns der Sturm gerade ins Geſicht; wie ein mächtiger Athlet ließ uns der Wind nur vorwärts ſchreiten, indem er uns mit allen unſern Kräften gegen ihn zu kämpfen zwang. Ganz gelähmt vor Müdigkeit, ſuchten unſere jungen Soldaten ihre Entmu⸗ thigung nun nicht mehr zu verbergen. Einige machten Halt, traten aus den Reihen hervor, ſanken nieder und erklärten mit zugleich kläglichem und entſchloſſenem Tone, ſie würden warten, bis die zur Aufnahme der Hinkenden und der Kranken be⸗ ſtimmten Wägen vorüberkämen. Andere, welche glaubten, man habe das Dorf, auf das man uns angewieſen, verfehlt, vr 257 über die Gräben, die ſich an der Straße hinzogen, und ſuchten ein Obdach im Felde umher. Bald bemerkte ich, daß man nichts mehr von dem Geräuſch der Feldflaſchen und Keſſel vernahm, ich ſchloß daraus, daß von dem langen Zuge an dem Kappzaum des paſſiven Gehorſams befeſtigter Menſchen nichts mehr beim Poſten übrig war, als Chandelle und ich. Ich machte dieſen würdigen Mann hierauf aufmerkſam. „Das iſt meiner Treue wahr,“ ſagte er, nachdem er einen Augenblick geſchwiegen, den er ohne Zweifel dazu an⸗ wandte, den Raum mit dem Ohr und den Augen zu befragen. „Und was werden wir nun machen, Lieutenant? Vor Allem erkläre ich Ihnen, daß ich Sie nicht verlaſſe. Mit meinen Albinosaugen, wie Sie ſagen, ſehe ich beinahe ebenſo gut bei Nacht, als bei Tng; ich will Ihnen aus dieſer Ver⸗ legenheit herauskommen helfen.“ Indem Meiſter Chandelle, dem die Finſterniß bange machte, ſo ſprach, hatte er wenigſtens ebenſo ſehr ſeine Sicher⸗ heit, als die meinige im Auge. Ich wollte ihm begreiflich machen, daß ich ihn errathen hatte, und ſagte: „Gut; doch ehe wir weiter gehen, wollen wir eine Ver⸗ abredung treffen. Deine Sache iſt es, einen Weg zu finden, der uns zu einem Pachthofe führt, deſſen Thüre ſich uns öffnen ſoll; an mir iſt es, auf die Geiſter zu lauern, die uns in unſerer Einſamkeit zu überfallen verſucht ſein dürften. Habe ich nicht ſchon den Ruf der Nachteule gehört?“ „Im Namen Gottes! mein Lieutenant,“ ſagte der Picarde, indem er ſich mir raſch näherte,„ſprechen Sie nicht ſo bei Nucht von Geiſtern, das lockt ſie herbei.“ Der Erzähler 1848. 1. 17 258 „Das heißt,“ erwiederte ich,„Du glaubſt nicht nur an Geiſter, ſondern Du haſt obendrein auch furchtbar Angſt vor ihnen. Unter uns geſagt, das iſt bei einem Soldaten eine Schwäche, die nur Eines zu erklären vermag: Du wirſt einen Mord begangen haben! Du biſt dem Trunk ergeben; Du haſt Dich eines Tags berauſcht und einen Schenkwirth... einen Schenkwirth oder einen Bäckerknecht getodtet, ich weiß nichts doch Du haſt irgend Jemand umgebrachet.“ Ich ſah das Geſicht des Angeſchuldigten nicht, ſo daß ich die Wirkung meiner Worte nur nach der Heftigkeit beur⸗ theilen konnte, mit der er mir erwiederte:„Tod und Teufel! Lieutenant, ſind Sie im Stande, mich eines Mords zu be⸗ ſchuldigen? Ein Mord! nicht mehr! wiſſen Sie, daß ich nie einen Menſchen getödtet habe? Einen Schenkwirth, einen Bäckerknecht! Ei! was ſollte ich mit der Haut dieſer Leute thun? Wenn ich an Geiſter glaube, ſo glaube ich daran, weil ich geſehen habe, weil mein Vater, weil meine Mutter geſehen haben, und weil es hoffentlich wohl erlaubt iſt, an das zu glauben, was man ſieht.“ „Schon gut! nimm an, ich habe nichts geſagt, und ärgern wir uns nicht. Wenn ich auch nicht zugebe, daß man einen Menſchen nur tödtet, um ſeine Haut zu bekommen, ſo ehre ich doch einen Glauben, der auf das Zeugniß der Sinne ge⸗ gründet iſt. Du haſt Geiſter geſehen, Du biſt deſſen ſicher; ich ſchließe daraus, daß Du mir ſagen kannſt, ob es wahr iſt, daß dieſe Weſen, die ſo vielen Leuten bange machen, ſich immer nur mit einem großen weißen Tuch über den Knochen 259 und das Geſicht von einem unheimlichen Licht beleuchtet zeigen.“ „Ja.. 4 antwortete Chandelle mit ſo leiſer und ſo banger Stimme, daß ich ihn kaum hören konnte. Seine Zähne klapperten ihm vor Angſt. Nicht ohne Mühe unterdrückte ich eine gewaltige Luſt, zu lachen.„Ah! ah! Meiſter,“ ſagte ich,„Zittere nicht, ich ge⸗ höre zu denjenigen, gegen welche die Geiſter nichts vermögen, ich trotze ihnen und ſtehe Dir dafür, daß ich Dich vor ihren ſchlimmen Abſichten ſchütze. Du ſiehſt, daß Du nichts Beſſeres thun kannſt, als Dein Glück mit dem meinigen zu verknüpfen. Doch einen Augenblick Geduld; der Wind trifft uns nicht mehr, obgleich er immer noch weht; ſchau, ob wir nicht zu⸗ fällig durch ein Haus vor ihm geſchützt werden.“ 2 Chandelle ſchaute und ſprach„Ich erblicke eine ſchwarze Maſſe, das muß ein Haus ſein. Rücken wir vor. In einem Augenblick werden wir wiſſen, wie ſich die Sache verhält.“ Wir gingen weiter und erkannten zu unſerer großen Freude, daß wir uns nicht getäuſcht hatten. „Nimm einen Stein,“ ſagte ich,„und bediene Dich des⸗ ſelben wie eines Klopfers, um den Herrn vom Hauſe zu wecken.“ „Warum einen Stein, Lieutenant? habe ich nicht den Kolben meiner Clarinette? Laſſen Sie mich nur machen.“ Er nahm mit beiden Händen ſeine Flinte(dies war es, was er unter Clarinette verſtand), und gab ihr eine horizon⸗ tale Vewegung. „Hollah! hollah! hollah!“ ſchrie er aus vollem Hals, 260 während er mit jedem Schrei einen Kolbenſtoß an die Thüre verband. Eine Mumie aus der Zeit der Pharaonen wäre bei dieſem Lärmen erwacht, wenn er bei ihrer Phyramide ſtattge⸗ funden hätte. „Wer iſt da?“ fragte im Innern eine un⸗ ſichere Stimme. „Zwei Soldaten,“ antwortete ich,„die der Regen, der Sturm und die Nacht zwingen, Gafffreundſchaft von Euch zu verlangen; Ihr müßt den ganzen Tag Militär vor Eurer Thüre haben vorüberziehen ſehen.“ „Das iſt wahr,“ erwiederte die nun feſter gewordene Stimme.„Wartet einen Augenblick, ich kleide mich an, zünde eine Lampe an und ſtehe zu Dienſt.“ Nach zwei Minuten öffnete ſich die Thüre. „Seid willkommen in meinem armen Hauſe,“ ſprach ſich verbeugend ein als Bauer gekleideter Mann,„Alles, was es enthält, ſteht Euch zu Gebot.“ Chandelle, der zuerſt eintrat, ſchloß die Thüre. Wir befanden uns in einer großen Stube, welche ge⸗ ſchlagene Erde zum Boden und Dachziegel zum Plafond hatte. Ein Backtrog, ein tannener Tiſch und eine lange Kiſte, welche als Bett diente, bildeten das ganze Mobiliar. Zwei Schinken hingen an einem Balken, ein kleiner Spiegel mit rothem Rah⸗ men war über dem Kaminmantel zwiſchen zwei fächerartig aufgeſteckten Pfauenfedern angebracht. Auf dem Tiſche ſtak ein Strauß von wilden Jonguillen umgeben von Veilchen in einem ſchönen Kryftallglas, neben 261 dem eine Turteltaube, welche unſer Lärmen erweckt hatte, an⸗ muthig ihre Federn glättete, während ſte uns von Zeit zu Zeit mit einer ſanften und neugierigen Miene anſchaute. Dieſe Umſtände, die Reinlichkeit des Ortes, der Duft beſcheidener Zufriedenheit, den man hier einathmete, gaben mir den günſtigſten Begriff von unſerem Wirth. Ich reichte ihm die Hand und ſagte, nachdem ich ihm für ſeinen guten Em⸗ pfang gedankt hatte:„Ihr ſeht, in welchem Zuſtand wir uns befinden; ein gutes Feuer iſt unſer erſtes, unſer dringendſtes Bedürfniß. Wollt dieſem Soldaten angeben„ wo Euer Holz liegt, und verzeiht mir, daß ich mich ſo ohne Umſtände be⸗ nehme; doch die Zeit drängt, es iſt mindeſtens Mitternacht, und wir müſſen uns bei Tagesanbruch auf den Weg begeben. Wenn das Feuer angezündet iſt, werdet Ihr die Gefälligkeit haben, an unſer Abendbrod zu denken. Nehmt dieſes Geld.“ Unſer Wirth machte eine Geberde der Weigerung. „Nehmt,“ wiederholte ich,„oder wir ſuchen anderswo ein Unterkommen. Es iſt großmüthig genug von Euch, daß Ihr uns Eure Unterſtützung gewährt und uns Eure Ruhe opfert. Hier ſind Schinken, Ihr habt ohne Zweifel Eier, Wein, Nüſſe, Branntwein. Wir legen Alle Hand an. In einer Stunde müſſen wir, geſtärkt und vom Koth gereinigt, alle drei ſchlafen, Ihr in Eurem Bett, wir auf dem Stroh vor dem Feuer.“ Der Bauer verbeugte ſich. Es war ein Mann von mittlerer Geſtalt, mit breiten Schultern, gewölbter Bruſt und von ſchlankem Wuchs. Seine WMiene war beſcheiden, ein Ausdruck ſanfter Schwermuth offen 262 barte ſich in ſeinem Geſicht, das, ein ächter Typus des bas⸗ kiſchen Bauern, knochig und breit war, ohne dick zu ſein. Seine Hütte gehörte zu einem Dorf, das eine halbe Stunde davon entfernt lag. Die Soldaten, die er im Quar⸗ tier aufnehmen ſollte, hatten es ohne Zweifel vorgezogen, in der Schenke zu bleiben, ſtatt ihre Strapazen durch den Marſch zu ihm zu vermehren. Seine Frau war in Bahonne. Auch ſie liebte die Vögel und die Blumen. Sie hatten keine Kinder. Er arbeitete bald auf dem Feld, bald an der Landſtraße. Er war nicht reich; doch dieſe Hütte nebſt einem Garten voll von Kirſchbäumen und Johannisbeerſträuchen gehörte ihm. Er theilte mir dieſe Umſtände mit, während er das Feuer anzündete. Chandelle, der ſich ſeiner kriegeriſchen Rüſtung entledigt hatte, half ihm. Als das Feuer loderte, machte uns unſer Wirth den Vorſchlag, unſere Uniformen auszuziehen und aus ſeinem Schrank Kleider von grobem Tuch zu nehmen, die er uns, wenn uns an unſerer Geſundheit gelegen wäre, ſogleich anzuziehen empfahl. Chandelle hatte in ſeinem Sack Wäſche zum Wechſeln. In einigen Minuten war die Ver⸗ wandlung vollſtändig. Ein graues Wamms, ein weißes Beret und eine kaſtanienbraune Hoſe gaben mir das Aeußere eines baskiſchen Bauern. Chandelle mit ſeinem bleichen Geſicht hatte in dem braunen Ueberwurf, der ihm zufiel, das drolligſte Ausſehen der Welt; er verdrehte die Augen, lachte bald, nahm bald eine gottſelige Miene an. Wir wanden das Waſſer aus unſern Kleidern und hingen ſie zum Trocknen auf; nachdem dies geſchehen war, ſchritten wir zur Bereitung des Abend⸗ brods. Unſer Wirth bewaffnete ſich mit der Bratpfanne mit 263 der Miene eines Mannes, der geneigt iſt, ſeine Sache gut zu machen; ich richtete den Tiſch und ſchnitt Suppe ein. Bald verbreitete ſich ein ſtarker Zwiebelgeruch in der Hütte. „Ei, ei!“ rief Chandelle, deſſen Naſe ſich bedeutend aus⸗ dehnte,„Lieutenant, mir ſcheint, man kocht uns da eine tüch⸗ tige Suppe.“ „Ja, und an deren Bereitung Du keinen Antheil gehabt haben wirſt. Du blähſt Dich auf wie ein Prälat, ſtatt mir decken zu helfen.“ Wie die Landleute in der Picardie und in der Nor⸗ mandie, ſo haben die baskiſchen Bauern eine große Vorliebe für Weißzeug. Chandelle fand im Schrank des Bauern etwas graue, etwas grobe, aber äußerſt reinliche und nach Lavendel riechende Tiſchtücher und Servietten. Wir wählten, was ſich Beſtes für unſer Mahl fand, ſtellten den Jonquillenſtrauß wieder auf den Tiſch und warteten. Unſer Wirth ſchaute uns zufrieden an.„Das geht gut,“ ſagte er.„Nun brauche ich die große Fahenceplatte mit rothen Blumen.“ Dieſe Platte, auf der ſich das Licht der Lampe ſpiegelte, nahm die Mitte des Anrichttiſches ein, deſſen Stolz und Zierde ſie war. Man brachte ſie ihm und er legte einen Pfannkuchen darauf, bei dem er die Zwiebeln eben⸗ ſo wenig geſpart hatte, als bei der Suppe. Dann ſetzten wir uns zu Tiſch. Die Gerichte waren zahlreich vorhanden, und von einem Wolfshunger unterſtützt ſpeiſten wir wie die Könige. Unſer Wirth hielt wacker Stand. Man that ſeinem Wein, ſeinem Schinken, ſeinem Branntwein Ehre an. Seinem Geſchmack getreu, hätte Chandelle Caſſis 264 vorgezogen. Dies wäre vielleicht der Augenblick geweſen, ihn zu fragen, wie es ſich mit dem Domherrn verhalten habe, deſſen Geſchichte er begonnen, oder wenigſtens ihn über die Fouine und die Marengo plaudern zu machen; doch der Schlaf überwältigte mich, meine Augen ſchloßen ſich unwillkührlich und ich befahl ihm, unſer Nachtlager zu beſorgen. Unſer Wirth bezeichnete ihm einen Winkel, wohin er einige Armvoll Stroh trug, aus dem wir eine Streu beim Feuer machten. Es mochte ein Uhr Morgens ſein, als wir uns nieder⸗ legten. Fünf Minuten nachher ſchliefen wir alle drei wie voll⸗ geſtopfte Boas. Doch es war einmal in den Sternen geſchrieben, dieſe Nacht ſollte für uns eine Nacht der Prüfungen und der Ar⸗ beiten ſein. Noch war es keine halbe Stunde, ſeitdem unſere körper⸗ lichen Kräfte frei vom Sporn des Geiſtes ſich in der befruch⸗ tenden Vernichtung des Schlafs wieder erneuerten, als eine klägliche Stimme, herbeigetragen vom Wind, der die Thüre und die Läden der Hütte erſchütterte, bis zu uns drang. Ich war der Erſte, der es hörte; ich ſetzte mich auf und horchte, um mich zu überzeugen, daß ich mich nicht getäuſcht habe. Es war nur zu wahr; ein menſchliches Geſchöpf irrte bei die⸗ ſem abſcheulichen Wetter auf dem Felde umher und ſchrie um Hülfe. Sogleich ſtand ich auf und rief: „Chandelle! he! Chandelle! wach' auf, wach' auf, mein Freund!“ Es beliebte ihm nicht, aufzuwachen. „Es iſt nicht möglich, daß Du mich nicht hörſt,“ fügte 265 ich bei, indem ich ihn kräftig ſchüttelte„Alle Tenfel! wach' auf!“ Er erhob ſich halb, rieb ſich die Augen und fragte:„Nun! was will man von mir? was gibt es? Iſt es ſchon fünf Uhr? Brennt etwa das Haus?“ „Nein, aber Du mußt aufſtehen und mir folgen. Ein Wanderer, einer unſerer Kameraden vielleicht, irrt im Felde um⸗ her und läßt Nothſchreie hören; es iſt unſere Pflicht, ihm bei⸗ zuſtehen. Horch', horch'! hörſt Du nichts?“ „Zu Hülfe!“ rief die Stimme,„zu Bülfe!“ Dieſe kläglichen Schreie waren ebenſo ſehr geeignet, Schrecken, als Mitleid in der Seele zu erwecken. Chandelle erbleichte, ſeine Haare ſträubten ſich auf ſeinem Haupt. Der Schlaf, den ich ihm zu entreißen ſo viel Mühe hatte, verließ ihn plötzlich.„Sind Sie ſicher, mein Lieutenant, daß dies eine menſchliche Stimme iſt? Bemerken Sie wohl, ſie beherrſcht die des Sturmes. Ehe wir uns hinaus⸗ wagten, wäre es gut... Sagten Sie nicht vorhin, Sie haben den Schrei der Nachteule gehört?“ „Ah! nun verfällſt Du wieder in Deine Altweiberangft. Genug der Narrenpoſſen. Setze Deine Mütze auf, zünde die La⸗ terne unſeres Wirthes an und beeile Dich, mir zu folgen. Lei⸗ den die Geiſter vom Wind„leiden die Geiſter vom Regen? Bedürfen ſie des Beiſtandes der Menſchen? Sei doch ver⸗ nünftiger.“ Chandelle ſchüttelte den Kopf, als wollte er mir begreif⸗ lich machen, er wiſſe mehr als ich über dieſe Materie „Wirſt Du endlich aufſtehen?“ 3 266 Er antwortete nicht; den Hals ausgeſtreckt, in eine unruhige Träumerei verſunken und bei dem geringſten Geräuſch bebend, ſchien er entſchloſſen, nicht hinauszugehen. „Ich werde alſo allein gehen,“ ſagte ich, indem ich ihm einen Blick der Verachtung zuwarf.„Als ich Dich in meinen Dienſt nahm, vermuthete ich entfernt nicht, ich habe ein Haſen⸗ herz angenommen.“ Chandelle war mit einem Sprung auf ſeinen Füßen und rief:„Nein, Lieutenant, ich bin kein Haſenherz; nein, ſage ich, hundertmal nein; Sie wiſſen es auch wohl! Doch es gibt Gefahren, denen zu trotzen ein wahrer Wahnfinn iſt. Gleich⸗ viel, ich zünde die Laterne an und folge Ihnen.“ Ich trat zu dem Bauern, den dieſes Geſpräch geweckt hatte. „Ihr wißt, was vorfällt,“ ſagte ich;„bleibt hier, um das Feuer zu unterhalten, in einer Viertelſtunde werden wir wahrſcheinlich zurück ſein.“ Der Regen hatte nicht nachgelaſſen, doch der Wind wehte nur noch in Zwiſchenräumen. Da die Stimme von ſeiner Seite kam, ſo hielt ich es für logiſch, gegen ihn zu mar⸗ ſchiren. „Hebe die Laterne in die Höhe und ſenke ſie wieder,“ ſagte ich zu Chandelle,„wenn es die verirrte Perſon bemerkt, wird ſie vielleicht begreifen, daß ihr dieſes Manveuvre einen Retter bezeichnet.“ Wir befanden uns auf einem Ackerfeld; bald machte uns die Erde, die ſich an unſere Schuhe anhing, das Gehen äußerſt beſchwerlich. Chandelle, der, durch ſeinen Ueberwurf nur halb 267 beſchützt, ſich Anfangs über Kälte beklagt hatte, fing an zu heiß zu bekommen. Die Stimme ließ ſich nicht mehr hören. „Bei Gott!“ ſprach der Piearde,„ich könnte leicht vor⸗ herſagen, was geſchehen wird. Sie werden ſehen, daß wir in einen Sumpf gelockt oder von einer unſichtbaren Hand in ein Torfmoor getrieben werden. Wenn uns übrigens die Kröten und die Irrlichter entgegenkommen.. „Dann werng wir ſehen, was zu iſt,“ unterbrach ich ihn;„mittlerweile immer vorwärts“ Wir machten noch einige Schritte, wonach Chandelle, der Müdigkeit unterliegend, ſtehen blieb. Er hielt die Laterne in der Höhe ſeines Geſichtes, um mehr Raum zu beleuchten, und ſo konnte ich ihn nach Belieben betrachten: er hatte das zugleich ſchüchterne und entſchloſſene Ausſehen des jungen Sol⸗ daten bei ſeinem erſten Treffen, den die Angſt zugleich eiskalt durchläͤuft, während ihn der Ehrgeiz anſtachelt. Plötzlich ſah ich, wie ſeine Augen ſich erweiterten und ganz rund wurden; ſein Mund öffnete ſich halb, er blieb ohne Athem und wie verſteinert: das war die Wirkung des Schreckens, den er jedoch diesmal nicht ohne Urſache empfand. Eine kleine, zarte Hand, feucht und mattweiß, hatte ſich ſchweigſam und leicht auf ſeinen Vorderarm gelegt. Der Anblick einer Natter würde ihm keinen ſo heftigen Schrecken eingejagt haben, wie der dieſer Hand. „Wer da?“ rief er. „Ich,“ antwortete die Fouine und ftellte ſich raſch aus 268 dem Schatten, den ihr Chandelle machte, hervortretend, vor die Laterne zwiſchen ihn und mich. Das Rauſchen des Windes in den großen Bäumen hatte uns verhindert, ihre Schritte zu hören. „Heilloſe Zauberin,“ rief der Picarde,„Teufelszigeunerin! Ihr hättet mich bald vor Angſt umgebracht.“ „Es iſt wahr,“ ſagte ich mit einer Stimme, welche bei⸗ nahe ebenſo ärgerlich klang, als die meines Gefährten,„konntet Ihr uns nicht durch irgend ein Zeichen f Eure Ankunft aufmerkſam machen? Wie kommt Ihr hie er? Die Schreie, die man vorhin hörte, habt Ihr ſie ausgeſtoßen oder die Marengo?“ Während ich ſo ſprach, ſchaute ich ihr ins Geſicht, und ich fühlte mich immer mehr erſtaunt über ihre wunderbare Schönheit, ſo daß meine Stimme, ohne daß mein Wille irgend einen Antheil daran hatte, ſich allmälig bedeutend milderte. Sie fühlte, daß ſie an mir einen Beſchützer hatte; ihre Augen verloren ihre Strenge; ſie nahm mich bei der Hand und zog mich, ohne mir zu antworten, auf einem Fußpfad fort, der das Feld, wo wir waren, ſchräge durchſchnitt: ich ließ ſie ge⸗ währen. Chandelle ging an meiner Seite.„Dieſer alten Wetter⸗ hexe,“ murmelte er,„dieſem verwünſchten Weibsbild mit dem Hut von geſottenem Leder müſſen wir nun nachlaufen. Ich wette, ſie hat ſich betrunken, und wir finden ſie in einer Lache patſchend. Müſſen nicht brave Leute ihre Betten verlaſſen, um Madame aufzuheben und in ihre Gemächer Oh! wenn nur ich allein wäre!“ 269 „Chandelle, Du biſt ein Tölpel.“ Er ſchwieg. Plötzlich tauchte bei dem Licht unſerer Laterne ein Baum, deſſen dürre Zweige klapperten wie die Knochen eines Todten⸗ gerippes, vor uns auf. „Hier iſt es,“ ſagte die Fouine. Sie ließ meine Hand los und ging leicht wie eine Bach⸗ ſtelze auf die andere Seite des Baumes. Hier lag im Koth ausgeſtreckt und des Bewußtſeins be⸗ raubt die Marengo. Die Fouine deutete auf ſie und machte ein Zeichen des Befehls. Dieſe Geberde ärgerte Chandelle. „Wen meint die Dirne?“ ſagte er,„glaubt ſie, wir ſeien ihre Bedienten? Ah! entſchuldigt, mein Herzchen, und wißt, daß wenn wir Euch einen Dienſt leiſten, dies nur geſchieht, weil es uns gerade ſo beliebt. Das iſt denn doch zu ſtark, beim Teufel! Ihr ſeid nicht gar zu beſcheiden, mein Kind, für eine Marketendermagd.“. Das Mädchen ſchaute ihn mit erſtaunter Miene an und wandte dann ſeine Augen gegen mich, als wollte es meine Vermittlung in Anſpruch nehmen. So viel Takt bei einem ſo zarten Alter beſtärkte mich in dem Gedanken, den ich mir über die Geburt und die Er⸗ ziehung des Mädchens gemacht hatte. „Die Fouine hat Recht,“ ſagte ich;„ſie verſteht unſere Sprache; doch ſie verſteht ſte nur unvollkommen; ſie macht uns durch ein Zeichen mit dem bekannt, was ſie nicht wörtlich 270 auszudrücken vermag. Was verlangt ſie denn im Ganzen? daß wir dieſe Frau forttragen. Wohl! tragen wir ſie fort und ſtreiten wir uns nicht um Erbärmlichkeiten.“ „Schon gut,“ ſagte Chandelle mit der verlegenen Miene eines Menſchen, der nicht mehr begreift, was er ſieht und was er hört. Die Marengo mußte ſich, ehe ſie ſich am Fuß des Baumes ausſtreckte, gleichſam zu ihrem Vergnügen im Koth gewälzt haben, denn ſie war buchſtäblich vom Scheitel bis zu den Zehen damit überzogen.— Der Picarde machte eine Geberde des Ekels.„Wie wer⸗ den wir es anſtellen,“ ſagte er,„daß wir dieſes Weib, ſchmutzig und ſchmierig, wie es iſt, packen, ohne daß es unſern Händen entſchlüpft?“ „Wir müſſen mit Geſchicklichkeit zu Werke gehen. Die mühſeligſten Arbeiten ſind zugleich auch die verdienſtlichſten; abgeſehen davon, daß das Kleid, welches Du trägſt, Dir Ideen der Aufopferung eingeben muß. Sollteſt Du zufällig zu nichts nütze ſein? Wenn ich mich nicht täuſche, gehörſt Du nicht zu denjenigen, welche zum Geſchäft laufen wie die Weſpen zu den reifen Früchten. Erinnere Dich, daß Du vorhin nicht einmal eine Zwiebel geſchält haſt. Vorwärts, angegriffen! Sie, meine Schöne, nehmen Sie dieſe Laterne und machen Sie eine halbe Wendung rechts: Sie werden ein Licht vor ſich ſehen; es rührt von einer Lampe her, die ich an ein Fenſter geſtellt habe, deſſen Laden offen iſt. Auf mein Commando marſchiren Sie gerade auf dieſes Licht los; dort wohnen wir.“ 21 Nachdem ich ſo geſprochen, nahm ich die Marengo beim Kopf und Chandelle faßte ſie bei den Füßen. „Tauſend Bomben! wie ſchwer iſt ſie!“ rief der Picarde, „ein Gabelpferd hätte ſeine Laſt mit ihr.⸗ Ich konnte mich des Lachens nicht erwehren:„Haſt Du ſie denn je für eine Sylphide gehalten, und glaubteſt Du ſie aufheben zu können wie eine Feder?“ „Nicht gerade.“ „Worüber beklagſt Du Dich dann? Kann es etwas Süßeres geben, als einer Frau nützlich zu ſein?“ „Einer Frau, das leugne ich nicht, doch einem Koth⸗ haufen! 4 Trotz der Ungereimtheit ſeines Geſchwätzes, war ich ver⸗ ſucht, ihm die hohe Meinung mitzutheilen, die ich von dieſen Frauen gefaßt hatte; doch nach kurzer Ueberlegung enthielt ich mich, überzeugt, es würde mir nie gelingen, ihn in dieſer Hin⸗ ſicht auf meine Seite zu bringen. Hatte der Tölpel die Fouine nicht in meiner Gegenwart als Zigeunerin behandelt, und war nicht die Marengo ſeitdem der Gegenſtand ſeiner Verhöhnung? Ueberdies war bei ihm das Organ der Ehrerbietung nicht zu ſehr entwickelt, und ich brauchte ihm nur einen guten Vor⸗ wand zu liefern, um über die Autorität zu ſpotten, eine Sache, die wir unfehlbar in die Reihen der ehrwürdigſten aufnehmen, wenn wir ſie üben.„Dieſer Menſch,“ ſprach ich zu mir ſelbſt, „hat nur Augen im Kopf und keine in der Seele Ein rother Rock nebſt großen Federn würde ihn beſſer vom hohen Rang dieſer Heren, wie er ſie nennt, überzeugen, als Alles, was ich ſagen dürfte. Die Art und Weiſe, wie ich mich gegen ſie be⸗ 272 nehme, macht ihn nicht einmal aufmerkſam, und eher als er vermuthen würde, ich habe gute Gründe, ſie mit Rückſicht zu behandeln, will er lieber glauben, es beſtehe in meinen Augen kein Unterſchied zwiſchen einer Sultanin und einer Aepfel⸗ händlerin. Das Beſte iſt alſo, dieſe zarte, vertrauliche Mitthei⸗ lung zu vertagen.“ Hienach erhob ich die Stimme und fragte: „Sind Sie bereit, Mademviſelle?“ „Si Seßor.“ „Dann vorwärts!“ Wir kamen in die Hütte, triefend vor Schweiß, gelähmt vor Müdigkeit und mit Koth bedeckt. Unſer vortrefflicher Bauer half uns die Marengo auf eine Streu legen; er kauerte ſich zu ihr nieder, wuſch ihr die Hände und das Geſicht, und wartete, die Augen auf ſie geheftet, bis ſie wieder zum Bewußt⸗ ſein käme. Die Fouine ſchnatterte; man ſetzte ſie auf einen Strohſtuhl beim Feuer.- Chandelle und ich mußten die Waſchungen wieder be⸗ ginnen, mit denen wir bei der Ankunft bei unſerem Wirth debutirt hatten. Leider waren unſere halbgetrockneten Uni⸗ formen die einzigen Kleirer zum Wechſeln, die wir bei ihm fanden. „In dieſem Schranke finden Sie Wäſche und Weiber⸗ kleider, die ich gern dem Mädchen zur Verfügung ſtelle,“ ſagte unſer Wirth.„Was dieſe arme Frau betrifft, ſo wäre es gut, wenn man ſie auskleiden würde, denn ohne dieſes kann ſie unmöglich wieder Wärme erlangen.“ ₰ 273 „Gut,“ brummte Chandelle,„nun werden wir auch noch ihren Kammerdiener machen müſſen.“ „Nein,“ entgegnete der Bauer;„Sie ſind müde, ruhen Sie aus, ich übernehme dieſes Geſchäft allein.“ Bei dieſen Worten begriff die Fouine, daß ihre Sorge nothwendig wurde, erhob den Kopf und wandte ihn langſam gegen die Marengo. Sie war ſehr bleich, und es gelang ihr nur mit Mühe, von ihrem Stuhl aufzuſtehen. Als ſie ſtand, nöthigte ſie eine Art von Schwindel, mit der Hand nach der Stirne zu fahren; dann ſchien ſie ſich mit Kraft und Entſchloſ⸗ ſenheit zu waffnen. Ein wenig wiedergeſtärkt durch die Macht ihres Willens, ging ſie langſam und ſtolz auf den Schrank zu. So groß war, trotz ihrer ſchmutzigen Kleider, die Grazie ihrer Haltung, daß man ſie für eine noch von dem Glanz des Himmels ſtrahlende, unter der häßlichen Tunique einer Sudra verborgene, junge indiſche Göttin hätte halten ſollen. Selbſt Chandelle, der proſaiſche Chandelle, konnte ſie nicht ohne Be⸗ wunderung betrachten. Ich ſah den Augenblick vorher, wo er nach meinem Beiſpiel auf ſie zueilen würde, um ſie beim Gehen zu unterſtützen; doch er hatte keine Zeit hiezu, denn die Alte ſtieß mittlerweile eine Art von Seufzer aus, der ihre Rückkehr zum Leben verkündigte. 3 Wir näherten uns ihr alle mit dem größten Eifer. Ach! nie hatte ich ein verſtörteres Geſicht geſehen. Sie war zugleich ein Gegenſtand des Abſcheus, des Mitleids und des Ekels. Sie öffnete die Augen, ſetzte ſich auf, ſtützte die Arme auf ihre Kniee und ſchaute uns eine Zeit lang mit ſtierer Der Erzähler 1848. 1. 18 274 Miene an. Ihr Geiſt ſchien einen Augenblick unentſchloſſen zu ſchwanken, wie die Flamme einer Lampe, der es an Nah⸗ rung fehlt. „Wie komme ich hierher?“ fragte ſie endlich;„was wollt Ihr von mir? was habt Ihr mich ſo anzuſchauen?“ Ich erzählte ihr mit wenigen Worten die letzten Ereigniſſe ihrer eigenen Geſchichte. „Ah!“ ſagte ſie, ohne ihre Stellung zu verändern,„Sie ſind der Officier, mit dem ich geſtern Abend zu thun hatte. Es ahnete mir, Sie und dieſer Dummkopf würden zu meinem Unglück beitragen.“ Chandelle erröthete und machte einen Sprung rückwärts. „Warum habt Ihr mich nicht gelaſſen, wo ich war? Mit Hülfe dieſes ſchändlichen Wetters wäre ich vielleicht nun todt;.. und iſt der Tod beim Alter und bei der Armuth nicht eine Wohlthat?... Und Du, abſcheulicher Galgenvogel, Du ſtaunſt nun ſehr, daß Du ſo ſchlecht für einen Dienſt bezahlt wirſt, den Du mir ohne Zweifel wider Willen geleiſtet haſt; doch wiſſe, daß mich Dein freches vertrauliches Weſen ſtets geärgert hat. Gehe mir aus den Augen, Dein Geſicht mißfällt mir.“ Chandelle war nicht der Mann, bei einer ſolchen Sih den Mund geſchloſſen zu halten. „Ah! gut!“ rief er,„das iſt eine hübſche Manier, den Leuten zu danken! Wie! Ihr alte, ſtetige Mauleſelin, Ihr erkennt uns und wagt es, ſo hinten auszuſchlagen! Nehmt Euch in Acht vor der Bremſe, graues Stück! Was ſoll das beden⸗ ten? Man ſagt Euch, wir haben Euch mehr als eine Stunde 275 weit hierhergeſchleppt! Ah! ah! das geht nicht mit natürlichen Dingen zu, Ihr ſeid krank, und in Eurem alten Hirnſchädel fängt der Auszug an. Jedenfalls beleidigt mich nicht mehr; Ihr ſeht, daß ich artig mit Euch ſpreche.“ Die Fouine, welche neben der Streu ſtand, verbarg ihr Geſicht in ihren Händen. Ich ſagte zu der Marengo:„Dieſe Heftigkeit erſchwert nur Euer Uebel und betrübt Eure Gefährtin. Ihr habt viel⸗ leicht das Fieber; überlaßt Euch unſerer Sorge; Ihr ſeid um⸗ geben von mitleidigen Herzen. Jedermann hier möchte Euch gern erleichtern, ſelbſt dieſer Soldat, dem Ihr nicht Gerechtig⸗ keit widerfahren laßt.“ Sie antwortete mir nicht, ſtand auf und fing an mit großen Schritten in der Hütte auf und ab zu gehen. Durch den Regen und den Koth beſchwert, gaben ihre Kleider, an die Beine ſchlagend, einen matten Ton von ſich. „Ich bin weder krank, noch toll,“ ſagte ſie, nachdem ſie einen Augenblick geſchwiegen;„ich werde nur vor Müdigkeit ohnmächtig geworden ſein. Uebrigens begreife ich durchaus nicht, warum Ihr ein ſolches Intereſſe an mir nehmt oder vieliehr doch, ich begreife es,“ fügte ſie bei, indem ſie die Fouine von der Seite anſchaute.„Wie dem auch ſein mag, ich ſage Euch zum Voraus, daß ich keines Mſchen Mitleid verdiene. Ah! wenn Ihr wüßtet!. gier ſtellte ſich die Fouine vor ſie und legte einen Finger auf ihren Mund. „Es iſt richtig,“ murmelte die Vaherg mit düſterer Miene und ſchwieg. 276 „Was für eine Teufelspoſſe ſpielen uns denn dieſe Crea⸗ turen?“ fragte Chandelle, dem die Geberde von Fouine nicht entgangen war. Während dieſer Zeit hatte unſer Wirth mit ſeiner ge⸗ wöhnlichen Zuvorkommenheit die Ueberbleibſel unſeres Abend⸗ brods wieder auf den Tiſch geſtellt. Ich machte meine Schütz⸗ linge darauf aufmerkſam. „Ich will nichts,“ rief die Marengo,„man laſſe mich in Ruhe; das Geräuſch Eurer Stimmen beläſtigt mich; habe ich Hunger? Noch einmal ſage ich Euch, ich bin unwürdig der Aufmerkſamkeit ehrlicher Leute, ich haſſe ſie, die ehrlichen Leute; mein Platz iſt nicht unter Euch; in den Hundeſtall, alte Straßenläuferin, in den Hundeſtall!“ „Oho!“ ſagte ich zu mir ſelbſt,„das iſt nicht die Sprache, die ſich für die falſche Marketenderin geziemt, die ich vorhin in meinem Roman habe auftreten laſſen. Es träumte mir von einer etwas herben, aber anſtändigen und ehrlichen Heldin, und nun habe ich eine Weibsperſon vor mir, welche das Be⸗ dürfniß, uns ein Verbrechen zu geſtehen, peinigt.“ Ich führte Chandelle in eine Ecke und ſagte zu ihm: „Höre, was denkſt Du von dieſen Frauen? Die Marengo mit ihrer Verachtung gegen Dich gibt mir viel aufzurathen. Einige von ihren Ausdrücken offenbaren einen angebauten Geiſt; übrigens hatte ich geſtern eine beſſere Meinung von ihr„als heute.“ „Wohl! Lieutenant, das iſt es, was mir in umgekehrter Richtung gerade in Beziehung auf die Fouine geſchieht. Ich vermöchte Ihnen nicht zu ſagen, wie ſehr ſie ſeit einigen Augen⸗ — 2 — blicken in meiner Schätzung gewonnen hat. Es däucht mir nun, daß ſie nie in ihrem Leben Magd geweſen iſt: ſie Magd, ah, ja wohl! ihr Fäßchen ſteht ihr gerade wie eine lederne Schürze einem Biſchof ſtehen würde. Bemerken Sie wohl, die Tochter eines Goldſchmieds könnte nicht ſtolzer ausſehen. Das kommt von Geburt, Lieutenant ich hatte es Anfangs nicht wahrgenommen; doch nun ſpringt es mir in die Augen.“ „Ich täuſchte mich alſo nicht,“ ſagte ich in der Freude meines Herzens zu mir ſelbſt;„einige Zweifel regten ſich in mir; ich befürchtete, mich von meiner Einbildungskraft bethören zu laſſen, doch dieſe Sanction beruhigt mich und befeſtigt mich in meinem Glauben. Ja! es iſt mir erlaubt, in der Fouine die Tochter eines Herzogs zu erblicken, wenn dieſer Menſch, in deſſen Augen ein reicher Bürger das Shmbol aller Größe und Auszeichnung iſt, ſie eines Goldſchmieds Tochter zu ſein für würdig erachtet.“ Als Chandelle ſah, daß ich ihm das Wort ließ, fuhr er folgendermaßen fort: „Was die Marengo betrifft, Lieutenant, ſo ſage ich Ihnen offenhetzig, daß es meiner Anſicht nach eine ſchlimme alte Vettel iſt. Ich weiß nicht, ob Sie mich verſtehen?“ „Du bedienſt Dich durchaus keiner zweideutigen Ausdrücke, und ich verſtehe Dich vollkommen.“ „Ah! ihre Geſchichte iſt drollig. Sie müſſen vor Allem wiſſen, daß ſie Trompete bläſt und, ehe ſie Marketenderin wurde, auf den Märkten umherzog und Säbel verſchlang.“ „Alle Teufel! von wem weißt Du dieſe Umſtände?“ 278 „Von Machepain. Das iſt kein Aufſchneider; er hat ein Chevron.“ „In der That, ſobald er ein Chevron hat, kann er kein Aufſchneider ſein.“ „Sehen Sie, Lieutenant, die Alte hat den Faden, den Faden und das Zeug; doch ich fordere ſie heraus, mich darin zu fangen. Man weiß, daß ſie früher in Spanien umherge⸗ wandert iſt: ich wette, daß ſie in dieſem Land, und als die Fouine noch eine kleine Guckindiewelt war, ſie ihren Eltern geſtohlen hat, um ſie beim Schall der großen Trommel Karpfen⸗ ſprünge machen zu laſſen und Sous auf den öffentlichen Plätzen mit ihr einzuſammeln. Das kommt Ihnen drollig vor, nicht wahr, Lieutenant, nichtsdeſtoweniger verhält es ſich ſo.“ Ich ſchüttelte den Kopf mit zweifelhafter Miene:„Wie erklärſt Du Dir die Traurigkeit, die ſie niederbeugt, bei dem entſchiedenen, kecken Charakter, den die Rolle vorausſetzt, die Du ſie ſpielen läſſeſt?“ „Sie iſt naß geworden, und das macht ſie phantaſtiſch. Meine Großmutter ſchwatzte den ganzen Tag vom Regen. So⸗ dann dürfte ihr Inneres nicht ſehr ruhig ſein, nachdem ſie ein Kind geſtohlen hat. Ich bin feſt überzeugt, ſie ſenkt die Naſe, ſobald ſie einen Gendarm erblickt; doch ſie allein weiß, wo und wem ſie die Fouine geraubt hat; deshalb nimmt ſie dieſe, die ſie anzeigen könnte, mit ſich in ihr Vaterland. Dort werden ſie ihre Rechnung mit einander ordnen; es gibt dann für die Marengo Stockſchläge oder Piſtolenſchüſſe, je nachdem die Kleine, welche ohne Zweifel ſchöne Verſprechungen geleiſtet 279 hat, ihr Wort hält, oder nicht hält. Dieſe Ungewißheit iſt für die Alte eine weitere Urſache zum Ohrenbrauſen, und. „Genug, genug,“ ſagte ich;„Teufel, Meiſter Chandelle, ich wußte nicht, daß Du ſo ſcharffinnig biſt; nichts entgeht Dir. Erlaube mir jedoch, Dir zu bemerken, daß Du Dich⸗ wenn Du, allem Anſchein nach, in Beziehung auf die Fouine Recht haſt, ſicherlich hinſichtlich dieſer armen Frau irrſt. Mag ſie auch, wie Du behaupteſt, Säbel verſchlingend auf den Märk⸗ ten umhergegangen ſein, ſo iſt ſie darum doch nicht ſo bös⸗ artig, als Du annimmſt. Deine Abneigung gegen ſie entſpringt ohne Zweifel den zahlreichen Wunden, die ſie Deiner Eitelkeit beigebracht hat. Meine Anſichten über ſie weichen bedeutend von den Deinigen ab; ich habe von ihrer Schwermuth geſpro⸗ chen. Wenn man ſie hört, ſagte ich, ſollte man glauben, ſie wäre eines Verbrechens ſchuldig; doch erfahre, wenn Du das Glück haſt, es noch nicht zu wiſſen, daß es für Jeden von uns Tage der Niedergeſchlagenheit und eines allgemeinen Wi⸗ derwillens gibt, wo uns nichts unſerer Verachtung und unſeres Haſſes würdig ſcheint, als wir ſelbſt. In dieſer ärgerlichen Stimmung unſeres Gemüths übertreiben wir unſere geringſten Fehler, und in dem ungeheuren Durſt nach Sühnung, der uns verzehrt Ich konnte nicht vollenden, unſer Wirth unterbrach mich und ſagte mit erſchrockener Miene: „Herr Officier, bei dieſer Frau geht es immer ſchlimmer; ſie verdreht ihre Augen, ihre Arme werden ſteif; ſie iſt einer Ohnmacht nahe; doch ſie will ſich weder auskleiden, noch nieder⸗ 280 legen. Die junge Perſon hat ſie vergebens gebeten; vielleicht würde ſie mehr Rückſicht auf Ihre Befehle nehmen. „Friede!“ rief die Marengo mit einer furchtbaren Stimme. Sie ſtand aufrecht, den Rücken an den Schrank ange⸗ lehnt, als ob ſie der Fouine ſich ihr zu nähern hätte verbieten wollen. Unmäßig aufgeſperrt, glänzten ihre Augen in einem fieberhaften Feuer. Ich machte einige Schritte gegen ſie. „Was willſt Du von mir?“ rief ſie mit anmaßlichem Ton;„meinſt Du mir etwa befehlen zu können, wie den ge⸗ brandmarkten Schnapphähnen, die ihr Unglück Deiner Zucht unterworfen hat? Erfahre, daß ich keinen anderen Herrn habe, als mich ſelbſt. Ah! Teufel, ich habe wohl gegen ſchlimmere Burſche, als Du biſt, Stich gehalten„ Chandelle ſchaute ſie mit grimmigen Augen an.„Wenn wir ſie unter die umgeſtürzte Kiſte des Basken ſtecken würden?“ ſagte er;„ſie könnte dann nach Belieben blöken, ohne uns den Kopf zu zermartern.“ „Wie?“ rief die Alte;„was murmelt Ihr dort?.. Ich erkläre Euch, daß ich mich nicht eher niederlege, als bis ſie ihr Lied geſungen hat.“ „Was für ein Lied?“ „Schon genug, ich weiß, was ich meine“ Die Fouine lief auf ſie zu und ſagte ihr ein paar Worte ins Ohr. „Nein, Du wirſt ſingen, oder ich ſpreche.“ 281 Dieſe Drohung brachte die Fouine in Verzweiflung. Ihre Geberden drückten einen heftigen Aerger aus. Die Andere hatte ſchon die Augen geſchloſſen, als wollte ſie mit mehr Sammlung des Gemüths das Vergnügen genießen, das ſie erwartete. Es vergingen zwei Minuten. Nichts. „Ah! iſt es ſo! Nun wohl, ſo hört, Ihr Leute.“ „Nein!“ rief die Fouine die Hand erhebend,„ich fange ſchon an.“ Während ſie noch unentſchloſſen und erröthend die Augen⸗ lider bewegte, um die Thränen zu trocknen, welche dieſe grau⸗ ſame Forderung ihrem verletzten Stolz auspreßte, ſagte Chan⸗ delle leiſe zu mir: „Auf was Teufels wartet ſie? Sie weiß doch, daß dieſe alte Wetterhere nicht aufhören wird, zu kreiſchen, bis ſie ihr irgend eine kleine Dummheit geſungen hat, um ſtehend ein⸗ ſchlafen zu konnen.“ „Wie! ſie iſt alſo ſolchen Kriſen unterworfen„ und die Lieder der Fouine ſind ihr gewöhnliches Mittel?“ „Bei Gott! man ſagt es.“ Die Fouine, als ſie die Marengo ungeduldig mit dem Fuß auf die Erde ſtampfen hörte„ fing an mit ſchüchterner Stimme und mit einem unverkennbaren ſpaniſchen Accent ein bekanntes Lied folgenden Inhalts zu fingen: Der kleine Gott, der hold dir lächelt, Dir freundlich deine Haare fächelt, Was nicht zu ſprechen. 282 Hier verließ ſie das Gedächtniß, ſie ſchwieg einen Augen⸗ blick und fuhr dann zögernd fort: Was nicht... was nicht zu ſprechen... „Wagt Dein Mund,“ murmelte die Marengo, welche ihre Hand mit einem Ausdruck wahnfinnigen Glücks an ihr Herz gelegt hatte. „Wagt Dein Mund,“ wiederholte die Fouine. Thut dieſer Gott durch deine Augen kund. „Ah! ich danke, ich danke,“ ſagte die Marengo;„Deine Stimme, mein Kind, ruft mich in's Leben zurück, ſie öffnet mir den Himmel, ſie zerſtreut die Wolke, mit der meine Seele umhüllt war. Muth gefaßt, bedenke, wie wohl Du mir thuſt, und wiederhole dieſes Lied.“ Die Melodie, auf welche dieſe Verſe geſungen wurden, athmete Zärtlichkeit und Freude. Sie ſtand im Einklang mit der klaren, geſchmeidigen Stimme des Mädchens, ſowie mit dem Sinn der Worte. Die Fouine wiederholte, indem ſie ihrer Stimme mehr Aufſchwung verlieh: Der kleine Gott, der hold dir lächelt, Dir freundlich deine Haare fächelt, Was nicht zu ſprechen wagt dein Mund, Thut dieſer Gott durch deine Angen in½ Nachdem ſie die zwei letzten Verſe dieſer Strophe wieder⸗ holt hatte, kam die Turteltaube, welche unſer Geräuſch längſt in 283 die Flucht geſchlagen hatte, als wäre ſie durch die ſanfte Mo⸗ dulation dieſes Geſanges wieder beruhigt worden, von dem luftigen Balken herab, wo ſie ein Aſhl geſucht hatte, und ſetzte ſich auſ die Schulter der Fouine. Als dieſe, Anfangs etwas erſchrocken, raſch ihren Kopf umwandte, erhob ſich der Vogel auf ſeine roſigen Füße und ſteckte ſeinen Schnabel zwiſchen ihre halb geöffneten Lippen. Wir ergötzten uns Alle an dieſem anmuthigen Schauſpiel. Erſtaunt und gerührt, erwiederte die Fouine die Liebkoſungen der Turteltaube, und ein heiterer Schimmer verbreitete ſich endlich über dem kurz zuvor noch ſo düſteren Antlitz der Marengv. Um ihr Werk zu vollenden, ſang die Fouine noch einige Strophen, die mir nicht im Gedächtniß geblieben ſind. Mit einer leidenſchaftlichen Aufmerkſamkeit horchend, hatte ſich die Marengo allmälig dem Feuer genähert. Sie ſetzte ſich in den Lehnſtuhl, ließ ihre Augenlider fallen, hob ſie wieder auf, ſchloß ſie abermals, und entſchlummerte endlich. Die Fouine hörte auf zu ſingen. Wir begriffen, daß der Augenblick der Ruhe gekommen war, und gaben im Chor einen Seufzer der Erleichterung von uns. Mit friſchem Stroh und an einander gerückten Stühlen improviſirten wir leidliche Betten. „Schlafen Sie im Frieden,“ ſagte unſer Wirth zu mir, „ich übernehme es, Sie bei Tagesanbruch zu wecken.“ Es war zwei Uhr.„Morgen alſo,“ antwortete ich. Und wir warfen uns auf das Stroh. Die bläulichen Tinten der Morgendämmerung beleuchteten ſchwach die Hütte, als er ſein Verſprechen hielt. 284 Nach einer ſo traurigen Nacht drängte es mich, das Tageslicht wieder zu ſehen. Ich ſtand auf und lief an das Fenſter, das nach dem Garten ging. Der Sturm hatte längſt aufgehört; doch die Lorbeerbäume, als hätten ſte eine Erinne⸗ rung an den Kampf bewahrt, den ſie gegen ihn ausgehalten, bebten noch von Zeit zu Zeit ohne eine ſcheinbare Urſache. Symmetriſch aufgereihte Pappelbäume erſtreckten ſich, unbe⸗ weglich wie Fußvolk unter dem Gewehr, die Felder entlang. Banden von Raben zogen am Himmel hin und erregten, den Geiſt an das unerſchütterliche Geſetz der Inſtinete erinnernd, Gedanken des Unglücks und der Schwermuth. Ich bemerkte, daß ſie ſich alle nach den ſumpfigen Ufern der Bidaſſoa wandten: wollten ſie ſich ſchon zum Voraus wie Schmarotzer, angelockt durch die Zurüſtung zu einem Mahle, auf den Feldern nieder⸗ laſſen? denn bald ſollten wir menſchliche Hekatomben⸗ dem düſteren Genius der abſoluten Gewalt opfern! man hätte dies nach dem freudigen Todtengeſchrei, das ſie in der Luft aus⸗ ſtießen, glauben ſollen. R Ein Ausruf von Chandelle lenkte meine Aufmerkſamkeit auf das zurück, was in der Hütte vorging. „Was gibt es,“ fragte ich,„und warum ſiehſt Du ſo erſtaunt aus?“ „Unſere Weiber haben ſich aus dem Staub gemacht.“ „Wäre es möglich?“ „Ja, Herr,“ ſagte der Bauer,„vielleicht habe ich Un⸗ recht gehabt, ſie ohne Ihre Erlaubniß gehen zu laſſen?“ „Nein,“ erwiederte ich mit einem geheimen Aerger;„doch 285 warum dieſer ſchnelle Aufbruch? Haben ſie Euch keinen Auf⸗ trag an mich gegeben?“ „Nichts; ſie ſprachen nur mit Dankbarkeit von Ihrer Güte gegen ſie; mehrere Male hat ſogar das Mädchen ſeine Augen nach Ihnen gewendet und dabei die Hand auf ſein Herz gelegt; ſie haben ſtillſchweigend gegeſſen, die Wäſche gewechſelt, und mir dieſe Hand voll Thaler als Preis für ein paar Frauen⸗ kleider zurückgelaſſen, die ſie mich mitnehmen zu dürfen baten. Ich habe kein Recht auf eine ſo große Summe und nahm ſie auch nur überwältigt durch ihr Drängen an, indem ich mir vorbehielt, ſie Ihnen zu geben, damit dieſelbe den Frauen wieder zugeſtellt würde. Sie werden ſie, wie ſie mir geſagt haben, in Irun finden; wenn ſie nicht auf Sie gewartet haben, ſo iſt dies der Fall, weil ſie Ihnen wegen ihrer Müdigkeit nicht hätten folgen können. Meiner Anſicht nach haben dieſe Frauen etwas Seltſames.“ „Um welche Stunde ſind ſie abgegangen?“ „Gegen drei Uhr, als ſie glaubten, Sie ſchliefen feſt.“ „Aber ich ſah ſie ſelbſt einſchlafen.“ „Nein, mein Herr; ſie geſtanden mir, ſie haben ſich nur ſchlafend geſtellt, und ſie bewogen mich, mein Bett zu ver⸗ laſſen, um ihnen Wäſche zu geben.“ Ich dachte einen Augenblick nach und ſagte dann:„Das Geld, das ſie Euch gegeben haben, gehört Euch; überdies iſt es beinahe gewiß, daß wir ſie weder in Irun, noch irgend ſonſtwo treffen werden. Sie ſind erſt ſeit einiger Zeit unter uns, und wie Ihr haben wir ſtets etwas Außerordentliches an 286 ihnen gefunden. Wer weiß, vielleicht ſind es verkleidete Prin⸗ zeſſinnen.“ Der Bauer lächelte, ich drückte ihm die Hand, und wir trennten uns. Es liegen in dieſer Gegend an der ſpaniſchen Grenze in geringer Entfernung von einander, aber ſehr verſchieden in Geiſt und Sitten, zwei Städte: Irun und Fontarabia. Irun iſt ein Ort des Durchzugs und der Bewegung, der Schmuggelei und des Haders. Man lebt hier von rothem Oel und von Zwiebeln; man hört hier Tag und Nacht die Schellen der Maulthiere klingen. Auf den Gewinn erpicht, ſchweigſam, raſch bei Händeln, zeichnen ſich ſeine Einwohner durch ernſte Manieren, durch eine harte Phyſiognomie und einen kräftigen Körperbau aus.. Fontarabia iſt im Gegentheil eine müßige und ſchläfrige Stadt. Kein Geräuſch, öde, ſtaubige Straßen, Dachkammern ohne Scheiben, hölzerne Balcons, worauf Frauen in zerriſſenen Mantillen mit dem Fächer ſpielen; da und dort ſchäbige Ca⸗ puzen, welche in der Sonne ſpazieren getragen werden; dabei iedoch etwas Stolzes, was an gewiſſe Eindrücke erinnert, die man bei dem Leſen alter Romane geſammelt hat. In Irun waren im Jahr 1823 unſere Schritte, um Er⸗ kundigungen nach den zwei Frauen einzuziehen, alle vergeblich; 1826 war ich glücklicher in Fontarabia. Der Bürger, bei dem mich mein Quartierbillet einführte, war ein Wirth. Ich ſagte ihm auf gut Glück von meinen zwei Heldinnen.„Sie fragen mich,“ erwiederte er mit ernſtem und gewichtigem Ton,„Sie fragen mich, ob ich von ihnen 287. habe ſprechen hören? Erfahren Sie, daß dieſelben gerade zu der Zeit, welche Sie nennen, bei mir gewohnt haben. Ich geſtehe, daß ich ſie nicht mit großer Begeiſterung über meine Schwelle ſchreiten ſah; ihr Aeußeres war ſo elend! Doch als⸗ bald erkannte ich, daß ich Unrecht gehabt hatte, ſie nach dem Anſchein zu beurtheilen, denn die Nothdurft, welche ihre Tracht andeutete, wurde durch das Vornehme, durch das Ausgezeich⸗ nete ihrer Manieren Lügen geſtraft. Auch fehlte es ihnen nicht an Geld, ſo daß ſie bald ihre Lumpen durch anſtändige und ſelbſt zierliche Kleider erſetzt hatten. Die Jüngere von Beiden hatte in ihrer ſchwarzen Basquine mit den Schmelz⸗ franſen das Ausſehen einer Infantin. Es ließ ſich leicht be⸗ merken, daß dies die Kleidung war, die ſie immer hätte tragen müſſen. Man ſchwatzte jedoch viel von ihrer plötzlichen Ver⸗ wandlung. Sie gingen nur Abends aus; wenn ſie zurück⸗ kamen, fragten ſie mich, ob ich nichts für ſie von Madrid erhalten habe; meine Antwort war ſtets dieſelbe:„„Nein, meine Damen.““ Dann ſchakkten ſie einander traurig an und gingen die Treppe hinauf: dies dauerte wohl drei Wochen. Eines Tags hält eine ſchwere, maſſige Carroſſe vor meiner Thüre. Ich eile an den Schlag, ein vornehmer Mann ſteigt aus. „„Mein Herr,““ ſagte er zu mir,„„eine franzöſiſche Dame wohnt mit einer jungen Spanierin bei Nr wollen Sie mich in ihr Zimmer führen?““ „Welches Alter mochte dieſer Herr haben?“ fragte ich ſogleich. „Oh! wenigſtens ſechszig Jahre; es war ein Mann von edler, aber gebieteriſcher Miene. 288 „Die Zuſammenkunft, die er mit den Damen hatte, dauerte mehr als zwei Stunden. Als ſie beendigt war, rief er mich; ich bemerkte, daß die Damen heiße Thränen geweint hatten.„„Ich führe dieſe Damen nach San Sebaſtian,““ ſagte er zu mir;„„wollen Sie ihr Gepäck hinten auf meinem Wagen befeſtigen laſſen.““ Das Mädchen ging bei dieſen Worten mit ausgeſtreckten Armen und mit flehender Miene auf ihn zu:„„Genug!““ rief er mit hartem Ton. Dann mich anſchauend.„„Beeilen Sie ſich, ich habe keine Zeit zu verlieren.““ „Man erzählte mir, es haben ſich die zwei Frauen, ſo⸗ bald ſie in San Sebaſtian angekommen waren, auf einem Fahrzeug eingeſchifft, das nach der Havanna unter Segel ging.“ So ſprach der Wirth.. Und nun, da der Leſer ebenſo viel als ich über dieſe Frauen weiß.. werden ihm die Ereigniſſe, welche ich als die muthmaßliche Urſache, die ſie auf die Bahn der Abenteuer getrieben, bezeichnet habe, wahrſcheinlicher vorkommen, als die von Chandelle erſonnenen? Ich weiß es nicht. Vielleicht habe ich die ritterlichen Geiſter für mich; die anderen werden unfehlbar die Meinung des Picarden theilen, wenn ſie nicht noch tiefer hinabſteigen und ſich der des Wirthes anſchließen, der in der Fouine nie etwas Anderes ſehen wollte, als ein frühreifes Mädchen, das ein Franzoſe verführt und in ſein Vaterland mitgenommen hätte.„Bei Liebſchaften,“ ſagte er zu mir,„haben Ihre Landsleute einen teufelmäßig ſcharfen und entſchloſſenen Geiſt. Nach einigen Wochen, nach einigen — 289 Tagen vielleicht, wird dem Verführer die Liebe oder das Geld ausgegangen ſein, und er hat ſeine Geliebte kurzweg im Stich gelaſſen. Ei! mein Gott, ärgern Sie ſich nicht, dergleichen Ereigniſſe kommen jeden Tag vor. Dieſe plötzliche Trennung hat übrigens ohne Zweifel in Bahonne ſtattgefunden. Sie be⸗ greifen die Verzweiflung der jungen Perſon. Da hat ſie wohl die Marengo getroffen, eine Frau, geprüft durch die verſchiedenen Wechſelfälle von Glück und Unglück, eine Frau, die dabei zu gut Spaniſch ſpricht, um nicht lange in unſerem Land gelebt zu haben. Nach den Geſtändniſſen hat man in aller Eile herzzerreißende Briefe nach Madrid geſchrieben. Die Verwandten, Leute von Stand, nach dem Muſter zu urtheilen, das wir geſehen, haben ſich am Ende erweichen laſſen; man hat der ehrwürdigen Beſchützerin Geld mit der Einſchärfung zugeſchickt, die Flüchtige nach Spanien nur unter einem falſchen Namen und in entlehnten Kleidern zurück⸗ zubringen, und in Fontarabia auf weitere Befehle zu warten. Dieſe Befehle ſind von einem unempfindlichen Oheim exöffnet worden und die Marengo, die bei dem Handel ohne Zweifel nur gewinnen kann, hat ſich mit ihrem Schützling nach Porto⸗ Rico zu verbannen eingewilligt. Dieſer Erklärung fehlt es offenbar nicht an Wahr⸗ ſcheinlichkeit. Doch ſie wird mir verleumderiſch vorkommen, ſo lange der ſtolze und keuſche Blick dieſes Mädchens in meiner Erinnerung lebt, in meiner Seele ſtrahlt. Der Erzähler 1848. 1. 19 Die Tochter des Reichskanzlers. Nach dem Schwediſchen des G. H. Mellin von Edmund Zoller. er Hunne⸗ und Halleberg erheben ſich wie zwei von der Hand der Natur aufgebaute Burgen ge⸗ gen die Wellen des Wenern Der austretende See würde das niedere Land überſchwemmen, wenn dieſe hohe Mauern nicht eine feſte Wehr bil⸗ deten, an deren ſchroffem Fuße ſich die Wellen, wie beſtürzt durch dieſen Widerſtand, brechen und einen Ausweg durch den Götafluß ſuchen. Schönere Ausſichten, als dieſe ſchroffen und gewaltigen Höhen bieten, öffnen ſich dem 4 Auge nur an wenigen andern Stellen des Nordens. Man kömmt am Fuße des Hunne⸗ bergs an. Eine unüberſehbare Maſſe durcheinandergeſtürzter Granitblöcke, die von einer Lorzeitlichen Ueberſchwemmung hie⸗ hergewälzt worden, oder von den hohen Vergzinnen herabſtürz⸗ ten, und nun, nach unberechenbarer Zeit, mit Moos bedeckt 291 von Fichten überſchattet werden, bilden einen Wall, über dem der Berg ſeine Mauer lothrecht erhebt. Dieſe Bergmauer beſteht aus lauter Baſaltſäulen, die da und dort freiſtehend aus der übrigen Maſſe hervortreten. Man fühlt ſich von Staunen und Bewunderung hingeriſſen bei dem Anblicke dieſes Wahlplatzes, auf dem einſt ſo mächtige Naturkräfte gekämpft. Man ſteht unter den Ruinen nach einem wilden Streite, den die Natur ſelbſt geführt, ehe das Menſchengeſchlecht aufſtand und ſeine Kämpfe begannen. Aber obgleich die Menſchheit ſich ihres Reiches, der Natur, bemäch⸗ tigt, ſind doch die früheren kämpfenden Geiſter nicht ganz aus⸗ geſtorben. Noch ſchleudern die Höhen bisweilen ungeheure Fels⸗ blöcke hernieder; mit einem ſchrecklichen Krachen, das die Nahe⸗ wohnenden mit Schauder erfüllt, reißt ſich eine Felſenmaſſe mit ihren Tannen los und ſtürzt in die Tiefe, daß die Erde ringsumher erbebt. Betrachtet man die lothrechte Felſenwand nahe an ihrem Fuße, ſo glaubt man ſich überall von einem ſolchen Bergſturze bedroht. Man naht ſich ihr mit banger Furcht. Der kleine ſchmale Steig, den man betritt, ſchlängelt ſich zwiſchen den durcheinandergeſtürzten Felsblöcken hin und führt zu einer Stelle, an deren Zugänglichkeit man verzweifelt. Aber ein Riß im Berge, von des Ortes Einwohnern Klef(die Steige) ge⸗ nannt, eröffnet einen ſchmalen Weg, auf welchem man zur Höhe hinanklettert. Hat man den Bergrücken erreicht, ſo erſtaunt man, eine Natur wiederzufinden, die man bereits kennt. Nach den Ein⸗ 292 drücken, die man auf der Wanderung hieher empfangen, hatte man erwartet, ein verzaubertes Land, eine Unterwelt, zu fin⸗ den. Aber unter dieſen mooſigen Felsblöcken, dieſen ſtolzen Fichten, empfängt die Phantaſie, obwohl dem Nordländer das alles ſo bekannt iſt, doch ſo wunderbare Eindrücke, daß ſich der Betrachter der ſeltſamſten Gefühlsſtimmung nicht erwehren kann. Man vermißt die Ebene, die man verlaſſen, man wendet ſein Auge dorthin und tritt bis an den Rand der Tiefe vor, wo ſie unter den Füßen des Betrachters liegt. Gleich einer Karte breiten ſich Land und See, Aecker, Wieſen und Wälder vor dem erſtaunten Blicke aus. Aus den kleinen Hainen er⸗ heben ſich die weißen Kirchen. Auf dem Wenern ſieht man da und dort ein entferntes Segel. In der Ferne zeigt der ſchöne Kinnekulle ſein ſtolzes, von Wolken gekröntes Haupt. Man glaubt ſich über die Erde erhoben und die Seele durchſtrömt ein Gefühl des höhern Lebens, von dem man in den qualmi⸗ gen Thälern keine Ahnung hat. Der Reichskanzler, Graf Magnus Gabriel de la Gardie hatte hier ein Beſitzthum, das er nach ſeinem Namen Magnus⸗ berg nannte, wie ein anderes, das er bei Stockholm beſaß (aber von Carl XI. in den Carlsberg umgetauft wurde). Bezaubert von der Schönheit der Gegend, hatte der kunſtlie⸗ bende Magnat den kühnen Plan erdacht, am Rande des Berges ein Schloß zu bauen, deſſen Lage die romantiſchſte im ganzen Norden werden ſollte. Er hatte bereits an der beſtimmten Stelle eine Mauer angelegt Eine Kirche, die nicht weit vom Fuße des Berges belegen wat hutte er zur Mutterkirche für 293 mehre Filiale beſtimmt, und ſie bedeutend vergrößert und ver⸗ ſchönert. Von Lindholm, Höjentorp und Lekö, den prächtigen Be⸗ ſitzthümern, wo er Hof hielt, kam er oft mit ſeiner fürſtlichen Gemahlin nach dem Magnusberg, um die Ausſicht zu genießen und zu jagen. Damals traf man noch häufig Bären, welche in den ein⸗ ſamen Klüften und Höhlen, die man auf allen Orten des Berges findet, ihren Aufenthalt hatten. Noch vor nicht gar langer Zeit wurde einer dieſer ſchwediſchen Waldesfürſten geſchoſſen. Was jedoch damals das Hauptvergnügen ausmachte, war die Hirſchjagd. Sie wurden in reichen Thiergärten mit großen Koſten gehalten. Der edle Reichskanzler hatte gleichfalls aus den Thier⸗ gärten bei Höjentorp und Kallandſö ſolche Thiere hieher bringen laſſen. Kein Bauer wagte es, eines zu ſchießen, da die ſtreng⸗ ſten Strafen darauf geſetzt waren. Er mußte ſich ſeine Aecker von dieſen ſchädlichen Thieren verwüſten und zuſammentreten laſſen. Wenn er am Tage gearbeitet hatte, mußte er die Racht⸗ ruhe aufopfern, um ſeine Saat zu bewachen, die außerdem noch in den Vögten der reichen Adeligen einen ebenſo großen Feind hatten, als in den Hirſchen, und wenn er es wagte, ein Thier zu tödten, ſo wartete ſeiner das ſchrecklichſte Gefängniß auf dem Ritterſitze. Die Königin Chriſtine hatte ſogar die Todesſtrafe auf dieſes Vergehen geſetzt. Mehrere Bauern wurden deshalb zur Deportation nach den damaligen überſeeiſchen Beſitzungen Schwe⸗ dens verurtheilt. Durch dieſe grauſamen Geſetze verſchaffte ſich freilich der Adel jener Zeit ein großes Vergnügen, ſo ſchwer er auch das gesrückte Landvolk damit belaſtete. Kein Wunder 294 deshalb, daß durch dieſe und manche andere Veranlaſſung der Haß entſtand, den der Adel durch die wachſende Macht auf ſich lud, die er mißbrauchte, und durch den Hochmuth, der durch die reiche Beute aus dem Kriege und die Verſchwendung der vorigen Regierung genährt wurde. Dieſer Haß war tief ge⸗ wurzelt bei dem Volke und einzig und allein der beſſere Geiſt der folgenden Zeit vermochte ihn zu mildern. Eines Sommertags des wichtigen Jahres 1676 hatte der Reichskanzler, obwohl man glaubte, er hätte weit wichtigere Geſchäfte, nämlich die ihm von dem jungen König anbvertraute Vertheidigung Weſtgötlands gegen den Einfall der Dänen, be⸗ ſchloſſen, mit den Seinigen auf dem HBunneberg eine Jagd zu veranſtalten. Auf den ſteilen Wegen bei Magnusberg rollten bereits die ſchweren Wagen, in welchen die hochgräfliche Fa⸗ milie mit ihrem zahlreichen Gefolge ſich nahte. Am Rande des Berges, wo prachtvolle Zelte aufgeſchlagen waren, wartete die Schaar der Jäger, Hunde, Pferde und alles, was zu ſolch' vornehmem Schauſpiele gehört. Eine Jagd, wie ſie der Reichskanzler nun veranſtaltet, war für den Jäger keine ſo mühſame Arbeit, als die des ein⸗ zelnen Streifenden, der vorſichtig und mit Erwägung aller Vor⸗ theile, ſich das Wild aufſuchen und erlegen muß, ohne das geräuſchvolle Treiben, das uns wie eine Flucht der ſonſt an die ſtrengſte Hofetikette gebundenen Vornehmen in die zwang⸗ loſen Waldfreuden erſcheint. Die ſonſt ſo empfindlichen Da⸗ men ließen hier, ſtatt der gezwungenen und regelrechten Haltung im Reithauſe vor dem Stallmeiſter, dem Roſſe die Zügel ſchießen, bald von einem Büchſenſpanner, bald von einem muthigen 295 Mädchen begleitet, oder gar, wenn der Zufall günſtig war, ganz allein. Als die reichbeſpannten Wagen des Reichskanzlers bei der Zeltgruppe hielten, wo ein Haufen neugierigen Volkes ſich zu verſammeln nicht verſäumt hatte, eilten die galonnirten Kam⸗ merdiener und Lakaien an die Wagentritte, um den Damen und vornehmen Herren das Ausſteigen zu erleichtern. Einen Blick auf die bedeutendſten Glieder der Familie de la Gardies! Zuerſt ſtieg aus dem Wagen der Reichskanzler ſelbſt, ein hoher, kräftiger Mann, mit einem großen Geſichte, voll Würde, ganz Stolz. Sobald er einen flüchtigen Blick um ſich geworfen, gleichſam die Anordnungen zu überſehen, wandte er ſich um, und reichte ſeiner Gemahlin, des Königs Tante, der edlen Pfalzgräfin Maria Euphroſyna, die Hand. Obwohl ſie bereits fünfzig Jahre alt war, und durch den mit den Jahren zuneh⸗ menden Embonpoint einen gewiſſen Schein von Schwerfällig⸗ keit bekommen hatte, ſo ſtrahlten doch ihre lieblichen Augen noch in unverändertem Glanze. Sie nahm die Artigkeit ihres Gemahles mit Zufriedenheit und Stolz auf. Man konnte ſehen, daß die Fürſtin gewohnt war, ſich Artigkeiten von den vor⸗ nehmſten Perſonen erweiſen zu laſſen und daß der Graf die Hoflichkeit gegen das weibliche Geſchlecht mit ſeiner ſonſt ſo hohen Würde ſo gut zu vereinen wußte, daß er ſogar gegen ſeine Gemahlin die Aufmerkſamkeit nicht verſäumte, die zu den Sitten jener Zeit und den Forderungen der Bildung gehörte. Während der junge Graf ſeine Gemahlin zu einem der Zelte führte, ſtiegen aus dem folgenden Wagen ſeine beiden erwachſenen Töchter. Beide waren ausgezeichnete Schönheiten, 296 die gefeierten Zierden des Hofes und der Gegenſtand der ein⸗ ſchmeichelndſten Bemühungen der vornehmſten Herren, die ſich ihre Aufmerkſamkeit und ihr Wohlwollen zu gewinnensſuchten. Die ältere, Fräulein Karin, einundzwanzig Jahre alt, kämpfte mit ruhiger Entſchloſſenheit gegen die liebſten Wünſche der Eltern und das eifrigſte Beſtreben des durch große und ehren⸗ volle Thaten ausgezeichneten jungen Generals Otto Wilhelm Königsmark, der ihre Liebe und ihre Hand zu gewinnen wünſchte, während ihre neunzehnjährige Schweſter, ohne Zö⸗ gern, ihr Jawort dem ſchönen Carl Guſtav Orenſtjerna, dem Enkel des größten Staatsmannes Schwedens, des unſterblichen Arel, gegeben. Als nun die beiden Schweſtern eilten, ihren Eltern zu folgen, ſo zeigte die Gruppe zwei ſtrenge Gegenſätze: die feſte, weibliche Entſchloſſenheit mit ihrem ſichern, elaſtiſch unbeugſamen Schritt, und die freudige, kindliche, muthwillige, ungebundene, beinahe tanzende Art, ſich zu bewegen, die die glückliche, unſchuldige Liebe auszeichnete. In den folgenden Wagen ſaß die Hofmeiſterin der Fräu⸗ lein, eine alte Frau Litja, deren Gatte unter Carl X. wäh⸗ rend der Reichskanzler Gouverneur in Eſthland war, gegen die Polen gefallen. Neben ihr ſaß eine Geſellſchaftsdame. Sie hieß Fräulein Papegoja und ihr Vater war Gouverneur in Neuſchweden geweſen, wo die blühende Colonie, die ſich bereits die Achtung der ſie umgebenden amerikaniſchen Wilden erwor⸗ ben hatte, von den neidiſchen Holländern zerſtört wurde. Die Blume Weſtgotlands, das heißt die Töchter der Reichen, mit ihren Müttern oder älteren Verwandten, die ſelbſt im gräflichen Hauſe ihnen zum Schutze beigegeben waren, obwohl die ſtrenge — 297 Pfalzgräfin das Scepter der Sittlichkeit mit würdigem Ernſte führte, folgten in den nachkommenden Wagen. Alle ſammelten ſich unter dem weit ausgebreiteten Zelte, wo der Reichskanzler und ſeine Gemahlin als Wirth und Wirthin auf dieſem Land⸗ ſize ihre Gäſte höflich empfingen und ſie zu einer glänzenden Mahlzeit einluden, die den heiteren Mühen der Jagd voran⸗ gehen ſollte. Während die gräflichen Muſikanten vom Rande des unge⸗ heuren Berges die ſchallenden Jagdhörner über die tiefen Ebenen ertönen ließen, und die üppigen Draperien auf der Nord⸗ ſeite des Zeltes aufgezogen werden, wodurch ſich dem Auge die herrlichſte Ausſicht über die Sommerlandſchaft und das Grüne vom Fuße des Berges bis zum Wenern eröffnete, wo das Blau des Wellenſpiegels mit dem des Himmels zuſammenſchmilzt, — eilen wir von dem lärmenden Jubel auf die andere Seite des Berges. Dort finden die Freunde der Naturſchönheit nicht minder wunderbare Bilder, voll jenes unerklärlichen Reizes, welchen die Natur wie unbewußt auch auf gewiſſe Punkte unſres Vaterlandes ausgeſtreut und die auf der ganzen übrigen Welt ihres Gleichen ſuchen. Dort ſtand ein Jüngling, ohne Ahnung des Feſtlärmes, der auf der andern Seite begann. Sein Auge überflog das Thal, das den Hunne- und Halleberg trennt, und nachdem er es mit einem Blicke freudigen, aber liebevollen Abſchiedes be⸗ trachtet, denn er wußte, daß er es bald wiederſehen würde, trat er in den Wald, des Kanzlers Thiergarten. Auf des Jüng⸗ lings Schultern hing eine Büchſe und bei dem erſten Anblicke des leichten Ganges, des ſcharfſpähenden Blickes, des feſten, 298 Ausdruckes der feinen Lippen konnte man ahnen, daß es ein Jäger ſei, aber nicht einer der Theilnehmer am lärmenden Feſte, ſondern ein einzelner,— vielleicht aus Noth, ſei es nun äußere oder innere, die auch bisweilen in der Begierde nach Mühe, nach Streit, nach Blut ſich kund gibt,— zur verbotenen Jagd gelockter Mann. Keine Hunde umwedelten ihn, kein friſcher Jagdruf von ſeinen Lippen weckte des Waldes ſchlum⸗ merndes Echo, aber in dem ſcharfen Auge, dem fertigen Ge⸗ wehre ruhte ein ſicherer Tod für jeden Gegenſtand, der ſeiner fliegenden Kugel werth war. Bei einem Binnenſee auf der Mitte des Berges, in deſſen klarem, aber kohlſchwarzem Waſſer ſich die ſtolzen Fichten ſpie⸗ gelten, hielt der Jüngling inne. Er war von des milden Thales Schönheit zu einem wilden, düſteren, aber immer noch ſchönen Bilde gekommen. Mitten vor ihm, quer über dem kaum einen Büchſenſchuß breiten See, ſtand zwiſchen den Fich⸗ ten ein kleines Dach, ein Hirſchſtall„für die edlen Thiere erbaut, um ſie in der Zeit des Jahres mit Futter zu berſehen, wo derttiefe Schnee ihre gewöhnliche Weide bedeckt. Nun ſtand zwar der Stall leer, aber des Jünglings Blick unterſuchte mit geſpannter Aufmerkſamkeit die nächſten Umgebungen. Da kein lebendes Weſen ſichtbar war, ſtellte er ſich ſtumm an den Stamm einer hohen Fichte und überließ ſich den heimlichen Träumen, die einer wartenden Seele das Schauſpiel des Wechſels von Liebe und Hoffnung eröffnen. Die Sonne hatte ihre Mittagshöhe noch nicht als der Jüngling aus ſeinen Träumen durch ein unerwartetes Hundegebell erweckt wurde, das tief aus dem Walde hinter 290 dem See erſcholl. Bei dem kleinen Stalle zeigten ſich im ſelben Augenblicke die ſchlanken Formen eines Hirſches, der mit ſcheuem Sprunge durch die Bäume eilte. Im Augen⸗ blicke lag das ſichere Gewehr an dem Kinne des Jünglings und das tödtliche Rohr zielte auf das fliehende Thier; als ſich aber das erneuerte Gebell mehrer Hunde auf einmal im näm⸗ lichen Augenblicke hören ließ, bezwang der Schütze ſein Ge⸗ lüſte und horchte. Ein raſcher Gedanke ließ ihn das Gewehr ſenken. Da eilten im nächſten Momente mehre Rehe vorüber, das Jägerhorn erſcholl aus der Ferne und der Lärm der Jäger⸗ ſchaar traf ſein Ohr; er eilte, fliehend wie ein Reh, zurück zum Thale, ſprang den Weg hinunter, der an der Ber⸗ geshöhe hinführte und wollte ſich verbergen in der Furcht, auf der verbotenen Jagd ertappt zu werden. Aber gerade an der Stelle, wo der Weg zu einem kleinen Hofe, dem„kleinen Walde“ führt, kam ein Reiter im vollen Galopp auf dem Weg von Wenersborg herangeſprengt. Die Kouriertaſche lag auf ſeiner Bruſt und das Klatſchen ſeiner Peitſche ſcholl luſtig durch die Berge. Der Jüngling konnte ſich nicht verbergen, ehe der Rei⸗ tende ihn eingeholt. Beide betrachteten einander mit erſtaunten Blicken. Der Reiter hielt an, ein Ausruf gegenſeitigen Wieder⸗ erkennens und ſie reichten einander die Hände, wie alte Be⸗ kannte grüßend. „Wo in aller Welt kommſt Du her?“ rief der Kourier. „Ich t⸗ wahrhaftig nicht, Dich hier zu treffen, Guſtav—— „Lilje heiße ich hier am Orte,“ war die Aniwort.„Ich — 300 hoffe, Du reiteſt nicht ſo raſch vorbei, denn der kleine Hof dort zwiſchen dem Laubholz iſt meine Wohnung.“ „Ich habe Eile, Guſtav,“ antwortete der Andere.„Du ſiehſt meinen Kouriersaufzug: ich komme von Seiner Majeſtät ſelbſt und meine Botſchaft gilt dem alten Reichskanzler; wo werde ich ihn treffen? Er hat ein Regiment Freiſchützen auf die Beine gebracht, die ſein Sohn anführen ſoll; und es iſt von nöthen, daß er je eher je lieber in's Feld rückt. Es iſt leider nicht ſeine ſchwache Seite, zu eilen; doch wäre es unbillig, ſeinen guten Willen zu mißkennen. Aber Du, Guſtav, Du kannſt mir doch ſagen, weßhalb ich Dich hier finde?“ „Ich brauchte einen Zufluchtsort, Wilhelm,“ antwortete dieſer,„ich habe Stürme erlebt, ſeit wir uns zum letzten Male ſahen, Stürme, in welchen mein Inneres Schiffbruch litt. Mit Verluſt meines Vermögens und meiner Gemüthsruhe habe ich mich hieher gerettet. Ich kaufte dieſen kleinen Hof, den Du dort ſiehſt. Während ich im Wald und auf dem Feld umher⸗ ſchweife, um meinem unruhigen Sinne Beſchäftigung zu ſuchen, wartet meine Schweſter des kleinen Hauſes, wo ich Ruhe ſuche, obwohl ich ſie ſo ſelten finde.“ Ueber die ſonnverbrannten Züge des Reiters flog ein Aus⸗ druck tieferer Bewegung.„Wir haben viel,“ ſagte er,„mit einander zu beſprechen, aber die Zeit erlaubt es jetzt nicht. Auf dem Rückwege von Lecks, wo ich jedoch höchſtens einen Tag verweilen kann, beſuche ich Dich.“ Nach einem Augenblicke ſagte Guſtav zögernd:„Kaum möchte ich glauben, daß Du den Reichskanzler auf Lecks triffſt. Wenn mich nicht der Lärm einer großen Jagd auf dem Hunne⸗ 301 berg getäuſcht hat, ſo muß er ſich, mit den Seinen, auf jenem Berge drüben befinden. Ich will ihn nicht treffen, und entziehe mich deshalb ſeinem Anblicke.“ „Du?“ rief der Reiter mit dem Ausdruck geſpannter Erwartung. „Lebewohl, willkommen auf dem Rückweg!“ antwortete der Jüngling, indem er durch die Heckenthüre in ſeinen Hof ſprang. Der Reiter ſah ihm einige Augenblicke nach, faßte ſich dann raſch, gab ſeinem Pferde die Sporen und flog im ſchnell⸗ ſten Galoppe dem Hunneberg zu. Ein ſchönes Thal ſtreckte ſich zwiſchen den beiden Bergen hin: es ſcheint als ob ſie früher als ein Berg zuſammengehangen hätten, aber durch eine heftige Naturerſchütterung auseinander geriſſen worden wären. Man wandert in dem“ Thale wie in einer Säulenhalle des Tempels der Natur. Auf beiden Seiten erheben ſich die ſtolzen Bergwände mit ihren Säulen und tra⸗ gen auf hohen Kapitälen einen Wald, der ſtolz in das Thal niederblickt, das voll von fruchtbaren Wieſen iſt, nur da eund dort unterbrochen von Brachfeldern und Hainen. Ein brauſen⸗ der Bach ſtürzte von dem Abhange des Hunnebergs zwiſchen einer Reihe von Mühlen herab, die, eine über der andern er⸗ baut, einen Anblick von eigenthümlicher Schönheit gewähren. Auch von der Spitze des Hallebergs ſchäumen einige Quellen in hohen Kaskaden über den Abhang. Das Geräuſch der Quellen miſcht ſich mit den Tönen der Kuhhörner, die einan⸗ der im Thale und auf den Bergen antworten, und von einem langen Echo zwiſchen den Klippen wiederholt werden. „ * 302 Mitten im Thale iſt die höchſte und abſchüſſigſte Stelle des Hallebergs, die noch heute ihren uralten Namen trägt, Aetteſtupan.*) Dort ſieht man das lange Thal zu ſeinen Füßen und ſogar der Hunneberg öffnet die Ausſicht über ſeine Seen von dieſem hohen Standpunkte aus. Zur Linken ſieht man, wo ſich das Thal ſchließt, den Spiegel des Wenern, in der Ferne vom Himmel begränzt. Zur Rechten, wo das Thal die Ausſicht frei läßt, liegen die fruchtbaren Ebenen Troll⸗ hätta's und die noch entlegeneren Berge, wo der Götaſee majeſtätiſch ſeine blaue Bahn ziehend, zwiſchen den ſchönen felſigen Ufern dahinrauſcht. Guſtav war kaum einen Augenblick in ſein Haus getreten, als er wiederum hervortrat, und nach dem andern Berge, dem Halleberge eilte. Er hatte bald den Felſenriß erreicht, der zur Aetteſtupa hinaufführt. Nahe bei demſelben hielt er an einer Kaskade, die über den Bergabhang herabrauſcht. Eine klare Quelle, oft überſtrömend, gießt einen feinen, prachtvollen Waſſerſtrahl hernieder, der brauſend und aufgelöſt in Schaum, zwiſchen den Felſen an des Berges Fuß verſchwindet. Bei dem Anblicke dieſes herrlichen Waſſerfalles hielt Guſtav inne und verſank in düſtere Betrachtungen. Keine Ruhe, keine Raſt— dachte er— die eine Welle drängt die andere in die ſchäumende Tiefe hinab, Wogen fliehen vorbei und verſchwinden: es ſind die Blitze des Waſſers. Ich ſehe *) Ein hoher ſchroffer Felſen, von welchem ſich die alten Bewohner des Nordens herabſtürzten, wenn Alter oder andere Schwach⸗ heiten ſie hinderten, im Felde zu ſterben. 303 ein Bild meines ſtürmiſchen Lebens; freudig und ſtolz in den Hoffnungen meiner Jugend flog ich der Zukunft entgegen. Meine Träume waren kühn, ſie eilten wie die klare Woge, und gewiß war es der Himmel, wenigſtens meines Lebens Himmel, der ſich in ihnen ſpiegelte, denn ſie waren ſo rein, ſo klar. Aber plötzlich öffnete ſich ein Abgrund. unter meinen Füßen, ich ſah mich in die Tiefe geſtürzt. Da wurde mein Inneres aufgelöſt, denn es war zerſchmettert. Und wieder zur vorigen ſtillen Höhe zurückzukommen, iſt ebenſo unmöglich, als für den ſchäumenden Waſſerſtrahl, den Weg zu ſeiner Quelle zurückzufinden. Vielleicht ſchwebt noch ein Tropfen in den Wolken und kennt die kleine Quelle nicht; da ſtürzt er ſich wie eine Himmelsthräne in ihre Tiefe. Iſt das auch für ein zernichtetes Herz möglich, eine Hoffnung, die uns nicht heilen, aber in einer Liebe wieder aufleben laſſen könnte? So ſtand der Jüngling in ſeine Träume verſunken da, als man den Jagdruf vom Hunneberg herüber immer deutlicher vernahm. Er wandte ſeine Augen dorthin. Am Rande des Berges zeigte ſich bald die Geſtalt eines Rehes, bald die eines Jägers. Die Hörner ſchmetterten, da und dort blitzte ein Schuß, deſſen Hall von dem vielfachſten Echo der Felſen wiederholt wurde. Endlich zeigte ſich da, wo der Weg ſich herabſchlängelte, die glänzende Schaar der Damen, für welche die Jagd haupt⸗ ſächlich veranſtaltet worden. Die Maſſe der ſcheuen Hirſche wurde allmählig an dem Rande des Berges zuſammengetrieben. Ihre Flucht war nach dem Walde zu von den verfolgenden Hunden abgeſchnitten. Von der einen Seite näherte ſich die Jägerſchaar am Bergrande hin unter 304 unaufhörlichem Schreien und Lärmen, von der andern Seite kamen die Damen mit den leichten Jagdgewehren in der Hand, allmählig näher und näher. Vor ſich hatten die erſchrockenen Thiere den gähnenden Abgrund. Aber ein Kronhirſch, der Anführer der ganzen Heerde, der, als er jeden Ausweg ab⸗ geſchnitten ſah, ſchnaubte und ſtampfte und das äſtige Haupt ſenkte, um ſeinen Verfolger zu erwarten, entdeckte im ſelben Augenblicke zwiſchen den Felſen eine ſchroffe Kluft. Mit einem leichten Sprung flog das ſchöne Thier vom Felſen an den ſchroffen Steg und eilte bergab. Die übrigen Thiere folgten inſtinetmäßig ihrem Führer, und gerade als die Jagdgeſellſchaft das Wild umringt und in ſeiner Gewalt zu haben glaubte, ſtürzte die ganze Schaar in verzweifelter Haſt quer durch das Thal und verſchwand am Fuße des Hallebergs. Sobald der Jüngling dies ſah, ſprang er den Felſenriß zur Aetteſtupa hinauf, von wo er am beſten das Thal und die Jagdgeſellſchaft überſchauen konnte. Bald ſah er, daß die Damen ſich vertheilten, ein Theil ritt über den Hunneberg, ein anderer eilte den Berg herab; ſie vertheilten ſich im Thale, wohin die Hunde und die Jäger folgten. Es dauerte nicht lange, bis der Aufenthalt des flie⸗ henden Wildes entdeckt wurde. Aber ſobald die Hunde ſie zwiſchen den Felſen am Fuße des Hallebergs angriffen, rauſchte die Schaar einen neuen, ſchmalen Riß hinauf, ſo daß ſich der Schauplatz der Jagd nun auf die Höhe des Hallebergs zog, die Reitenden mußten indeſſen einen Umweg machen, um hinauf zu kommen. Ein erfahrner Jäger führte ſie an. So ſah der junge Mann von ſeinem erhöhten Stand⸗ 305 vunkte aus die kleine Reiterſchaar ſüdwärts durch das Thal reiten und er ſtrengte ſein Sehvermögen an, um die ſchönen Jigerinnen zu unterſcheiden und einzelne herauszufinden. Sein Herz klopfte hoch in der Bruſt, als er in der vorderſten des Reichskanzlers älteſte Tochter erkannte, die mit einer gewiſſen Wildheit, mit flammenden Wangen und des reichen Haares Locken unter dem Federnhute wehen laſſend, ſich den Freuden des Tages ganz und gar überlaſſen hatte. Aber ſobald er ſie wieder erkannte und bemerkt hatte, daß nur die Unermüdetſten, und ſomit nur Wenige von der Geſellſchaft nach dem Halle⸗ berg hinaufritten, zog er ſich tiefer in den Wald zurück. Fräulein Karin war die eifrigſte Jägerin. Die feſte Ent⸗ ſchloſſenheit und die romantiſche Kühnheit, die ihren Charakter auszeichnete, hatte ſie bei ſolchen Gelegenheiten, wie dieſes Tages Feſt, zur Königin derſelben gemacht. Vielleicht wollte ſie den Gefühlen, die durch ihre Bruſt ſtrömten, in dem Genuſſe ſolch' blutiger Freude Luft ſchaffen, um dadurch Kraft zu beſitzen, eine Ruhe und Würde zu bewahren, welche in den Sälen des Hofes wie in den fürſtlichen Gemächern des elterlichen Hauſes ſich bei ihr nie verleugnete. Sie hatte ſich, gefolgt von wenigen Begleiterinnen, von ihren Eltern und deren Umgebung getrennt. Ein Gefühl der Freiheit durchſtrömte ihre Bruſt, als ſie auf dem ſchnellen Renner durch das Thal flog, und an all' den Naturſchönheiten vorbei auf dem Wege, der ſich an des Berges Südſeite hinzog, in den tieferen und wilderen Weg hinein ritt. Da hörte man in weiter Entfernung das Gebell der Hunde. Der Erzähler 1848. 1. 20 306 Es kam immer näher und näher, und bald konnte man an dem Geräuſche merken, daß die Jägerſchaar ſich hinter einem großen, dichten Geholze herumzog. Da ſchwang ſich Fräulein Karin raſch von ihrem Pferde, nickte den übrigen Damen zu, ſprang mit der Büchſe in der Hand raſch in das Gehölz, und drängte ſich durch die Bäume und Zweige, bis ſie nach und nach verſchwand. An dem Rande des Hunneberges war indeſſen der Reiter, der durch das Thal kam, mit der ganzen übrigen Jagdgeſellſchaft zuſammengetroffen. Bei dem Anblicke des Reichskanzlers hielt er an, und nach einem ehrfurchtsvollen, aber ziemlich ver⸗ traulichen Gruße, näherte er ſich ihm, während die wenigen von den Gäſten, welche eigentlich in Weſtgotland zu Hauſe waren, ihn mit Erſtaunen und Neugierde betrachteten. „Willkommen, Graf Königsmark!“ rief der Reichskanzler, und reichte ihm die Hand.„Das haben wir wahrhaftig nicht erwartet, dem Grafen in ſolcher Tracht zu begegnen.“ „Ich habe mir dieſe Gnade eigens ausgebeten,“ ſagte der Graf lächelnd,„um mit Eurer Excellenz bei Gelegenheit dieſer Sendung Seiner Majeſlät zuſammenzutreffen. Es ſind ja bereits zwei Jahre, daß ich draußen im Kriege bin, und ich ſah keine andre Möglichkeit, einen Beſuch hier abzuſtatten, als indem ich den freien Augenblick benützte, und um den Auftrag an Euer Excellenz bat.“ Der Reichskanzler lächelte mit einem Ausdruck väterlichen Wohlwollens auf den ſtolzen Zügen.„Der Graf wäre mir in ſeinen eigenen Angelegenheiten ebenſo willkommen geweſen,“ ſagte er„Ich werde indeſſen Seiner Majeſtät danken, die —— —— 6) 307 mir ein neues Zeugniß ihrer Gnade gegeben, indem ſie dem Grafen geſtattete, obwohl in einer Verkleidung, die ſich nur aus den unruhigen und gefährlichen Zeiten erklären läßt, uns zu beſuchen. Die Befehle des Königs ſind mir doppelt willkommen, da ſie mir von dem Sohne eines meiner beſten Freunde über⸗ bracht werden.“ Der Graf verbeugte ſich höflich und ſah ſich darauf um, als ob er Jemand ſuchte.„Wenn die Jagdpartie geſchloſſen iſt,“ äußerte er,„können wir von den Befehlen des Königs ſprechen. Sie ſind für den Augenblick nicht von Gewicht, aber ſie fordern eine geheime und ungeſtörte Unterredung. Darf ich fragen, wie ſich die Fürſtin und die Fräulein befinden?“ „Meine Gemahlin erwartet uns am Magnusberg,“ er⸗ wiederte der Reichskanzler.„Ebba reitet dort unten, wie ich ſehe, aber Karin iſt wohl, wie gewöhnlich, der Jagd voran⸗ geeilt. Sie iſt ſicher bereits auf der andern Seite des Berges, wohin die Hirſche ſoeben ihren Lauf genommen.“ „So erlauben mir Ew. Excellenz!“ fiel der Graf ein, „daß ich an der Jagd Tyheil nehme und dem Fräulein nach⸗ reite. Ich habe an Ew. Ercellenz und die Fürſtin, beſonders aber an Fräulein Karin Grüße von Graf Guſtav Adolph. Er bat mich, ſie ſelbſt ſeiner Schweſter auszurichten. Ich möchte gerne das Fräulein damit überraſchen, wenn ich das Glück hätte, ſie zu treffen.“ Der Reichskanzler lächelte und nickte zuſtimmend, worauf der Graf, ohne ſich Ruhe zu gönnen, durch das ſchöne Thal nach dem Halleberg hinaufeilte, und die Spur der jagenden Damen verfolgte. 308 Fräulein Karin hatte während dieſer anſcheinend ſo un⸗ bedeutenden Unterredung zwiſchen ihrem Vater und dem Grafen, die jedoch für ſie weit wichtiger war, als ſie ahnte, ſich immer tiefer in den Wald gewagt. Es war ein eigener, ſeltſamer Zauber, der ſich der Sinne des jungen Mädchens bemächtigte. Wieder ein Mal ſich einſam draußen in der freien Natur zu befinden, war für ſie ein ungewöhnliches Gefühl. Und ſobald ſie ſo weit von ihrer Geſellſchaft entfernt war, daß ſie nichts mehr von ihr hörte, überließ ſie ſich ohne Zwang dem neuen Vergnügen. Sie wollte die leichte Büchſe von ſich werfen, als ſie dieſe erinnerte, daß ſie nicht ohne eine verfolgende Ge⸗ ſellſchaft war: ſie benützte ſie deßhalb, um da und dort die verſchlungenen Zweige aus einander zu reißen, und tiefer in das Gehölz dringen zu können. Im ſelben Augenblicke, als ſie am Ende des langen und ſchmalen Hallſee, der auf dem Halleberg noch ein See iſt, den Bach überſchreiten wollte, der aus demſelben herabſtürzt, und bereits einen Steg betreten hatte, der darüber gelegt war, gewahrte ſie einen Jäger, der gerade vor ihr ſtand. Es war ein kräftiger junger Mann, der eine ganz andre Tracht als die gräfliche Suite trug. Das Fräulein ſtutzte bei ſeinem Anblick; da er ſich aber nicht rührte und ſie nur ſchweigend betrachtete, ſchritt ſie, ob⸗ wohl mit zunehmendem Herzklopfen, über den Steg. Bald ſtand ſie ganz nahe bei dem jungen Mann und heftete auf ihn ſeltſam feurige Blicke. Er war ihr keineswegs unbe⸗ kannt.— — —— 309 Nach einem Augenblicke gegenſeitigen Schweigens brach ſie zuerſt in das Wort„Guſtav!“ aus. Es war, als ob der Ton ſeines Namens elektriſch auf ihn wirkte. Er warf ſein Jagdgewehr von ſich, und ſtürzte auf ſie zu.„Endlich!“ rief er:„endlich nach eines ganzen Jahres Warten und Verzweiflung!“ Mit einer leichten Ausbeugung wich ſie der Umarmung aus, zu welcher er geeilt war. Eine Bläſſe überzog ihr Ge⸗ ſicht und ſie ſagte:„Vielleicht wäre es beſſer geweſen, daß wir einander nie wieder geſehen hätten. Aber wie konnte ich ahnen, Dich hier zu finden!“ „Ich wohne unter einem fremden angenommenen Namen in dem ſchönen Thale,“ ſagte er,„Seit Deines Vaters bitteren Vorwürfen und Deinem eigenen Erkalten, Karin, habe ich mich aus der Welt zurückgezogen. Ich will einſam mit meinem Schmerze ſterben.“ „Drr haſt Unrecht, Guſtav!“ unterbrach ſie ihn.„Du haſt tauſendfach Unrecht. Warum ſollte mein Guſtav ſich ſelbſt und mich alſo quälen? Wir haben ja bereits auf ewig Abſchied genommen. Es war bitter; aber da wir Recht gethan, warum ſollten wir uns nicht tröſten, gerade mit dem Gefühle, daß es Recht war?“ „Du ſprichſt ſo kalt von unſerer Trennung,“ fiel er ein, „als ob es für mich nur eine Kleinigkeit geweſen. Ich bin nicht ſo leichten Sinnes, daß ſich mein Herz von dem los⸗ reißen könnte, das es einmal gewonnen, ohne daß zugleich meine Seele blutete.“ „Guſtav! ſprich nicht ſo harte Worte!“ bat ſie.„Brau⸗ 31⁰ chen wir nicht beide Stärke und ſollten wir uns nicht lieber ermuntern, zu ertragen, was nun einmal nicht geändert werden kann, ſtatt in ſolchen Worten von unſerem Unglücke zu reden? Du haſt mir ja verſprochen, den Schmerz wie ein Mann zu tragen! Ich habe meinem Vater das heilige Verſprechen ge⸗ geben, ſchweigend ihm zu folgen, ſobald ich meine Ruhe wieder gewonnen.“ „Bah!“ brach der Jüngling heftig aus:„deßhalb biſt Du ſo kalt gegen mich! Du haſt beſchloſſen, einem Andern anzugehören. Und ich, der ich glaubte, Dein warmes Herz ſei treu!“ Ein Ausdruck ſtrengen, blaſſen Ernſtes fuhr über das Geſicht des Fräuleins.„Guſtav!“ ſagte ſie,„Du haſt nicht das Recht, mir irgend einen Vorwurf zu machen. Ich fühle tief, daß ich keinen ſolchen verdient, und Du weißt ſelbſt, wie Unrecht Du mir damit thuſt. Oder, ſprich, Guſtav, habe ich denn je etwas verſprochen?“ „Dein Herz hat es!“ antwortete er.„Du kannſt nicht leugnen, daß Du früher als ich erkannt, daß Dein Herz mir gehörte. Oder war auch das eine Lüge, die bei jedem Kuß auf Deinen Lippen lag? War es nur eine Heuchelei, daß Du mich liebteſt?“ „Haſt Du vergsſſen, Guſtabv?“ rief das Mädchen.„Sind alle Worte, die Du damals ſo wohl verſtandeſt, nun aus Deinem Gedächtniſſe verwiſcht?“ „Es gibt kein anderes Geſetz für das Herz, das aufrichtig liebt, als der Liebe eigenes Geſetz!“ fiel er ein.„Alles, was wir in unſerer kindlichen Unkunde von andern höheren Rechten — ſprachen, war eitel Kindlichkeit. Das Recht, das Gott ſelbſt in unſre Herzen niedergelegt, iſt weit früher, als all dieſe menſchlichen Geſetze von Standesunterſchied, Rang und Geburt. Man muß Gott mehr gehorchen, als den Menſchen.“ „Guſtav!“ ſagte ſie, auf einmal ſtolz und bitter:„ſprich nicht ſo. Verleugne nicht, was wir früher, in edleren Stunden, ſo klar wußten und einſahen. Ich wollte ſo gerne mich des Stolzes freuen, Dich einzig und rein geliebt haben zu können, ohne eine Pflicht verletzt zu haben; und wenn Du fühlſt und denkſt, wie ich, ſo glaube ich, daß wir das Geheimniß unſerer Liebe mit und in uns tragen können, als unſers Lebens ſchönſte Erinnerung.“ „Das wäre eine Erinnerung, die mit allzu bitterer Ent⸗ ſagung erkauft werden müßte,“ erwiederte Guſtav.„Eine ſolche Erinnerung iſt nichts anderes, als eine unaufhörlich zehrende Sehnſucht. Sie iſt ſchrecklicher, als der Tod!“ „Du haſt Unrecht, tauſendmal Unrecht,“ rief ſie.„Er⸗ innere Dich, daß wir unſere Herzen kennen und ohne Vorwurf — an einander denken mögen. Ich wenigſtens, wem mich auch mein Vater geben mag, werde Deiner immer mit Liebe und Zärtlichkeit gedenken. Ich habe kein Gelübde gebrochen, indem ich meiner Eltern Willen gehorchte, und gerade Deinetwegen, Guſtav, weiß ich mich ſtark genug, alle Pflichten, die mir ob⸗ liegen, zu erfüllen. Du ſollſt nie ſagen können, daß Deine erſte Liebe ein unwürdiges Weib war.“ Ihr Auge glänzte von den Eingebungen eines höheren Gefühles, und es kam ihm vor, als ob eine andre Macht als die frühere Liebe, aus ihrem ganzen Weſen ſpräche. Aber ———— —— ſie gewann immer mehr Stärke über ſich ſelbſt, und obwohl das Wort ſüß und mild war, ſo war doch ihre ganze Er⸗ ſcheinung feſt und beſtimmt. Sie faßte entſchloſſen ſeine Hand. Er eilte, die dargebotene zu ergreifen, während er mit einer Rührung, worin ein gewiſſes Gef fühl des Verdruſſes all⸗ mählig in eine hohe Bewunderung umſchmolz, die Worte ſprach: „Es gab eine Zeit, wo Fräulein Karin nicht zögerte, ihr Herz an das des unbekannten Jünglings zu ſchließen, der einſt ſeinem Vater in ihres Vaters Haus aus unſchuldiger Neugierde folgte, obwohl es ihn ſeine Ruhe koſtete.“ „Guſtav!“ ſagte ſie,„ich erinnere mich jener Zeit noch mit unendlicher Liebe. Ich vergeſſe nie, wie Dein Vater, der Dichter, zu uns kam, den jüngſten Sohn an ſeiner Hand, und ihn auf ſeine gewöhnliche freundliche und heitere Art vor⸗ ſtellte. Du warſt damals neunzehn Jahre, und mich nahm das offene, unverſtellte Weſen alsbald für Dich ein. Du warſt nicht wie die andern jungen Herren in unſerem Hauſe, ein kriechender, ſchmeichelnder Narr. Deßhalb kam ich Dir, als wir uns im Baumgarten bei Magnusberg trafen, ohne Verſtellung und offen entgegen. Ich ſah, daß Du mich lieb⸗ teſt, und da ich wußte, daß ich vor einer ſo edlen Denkweiſe und einem ſo reinen Gefühle wie dem Deinen nicht zu fürch⸗ ten brauchte, geſtand auch ich Dir offen, daß Du mir theuer ſeiſt. Ich glaube nicht, daß ich mit dieſer Liebe ein Verbrechen beging. Ich dachte uns Beide durch die unſchuldigen Ver⸗ gnügungen glücklich zu machen, die ich Dir gewährte; deßhalb verdammt mein Gewiſſen mich nicht. Ich that niemals das Gelübde, Dir anzugehören und Dein zu bleiben; ich habe im ————— Gegentheile Dich gebeten und Dir gerathen, nie ein Verſprechen mir zu geben oder abzunehmen, das uns einſt in Zukunft un⸗ glücklich machen könnte.“ „Ich verſtehe Dich nicht, ſo klar Du auch ſprichſt,“ wandte er ein.„Du haſt mit meinem Herzen geſpielt; glaubſt Du, daß ein warmfühlender Jüngling, der auf Deine Liebe baute, ruhig Dein Herz verlieren kann?“ „Aber Du verlierſt ja mein Herz nicht!“ rief ſie.„Ich verſichere Dir heilig und theuer, daß ich Dich ewig lieben werde, denn Du biſt meine erſte Liebe. Aber meine Hand erhältſt Du nicht. Meine Hand gehört nicht mir ſelbſt. Ueber ſie befiehlt mein Vater und mein Stand und die mancherlei anderen Verhältniſſe. Aber mein freies Herz, meine erſte Liebe hab' ich ja Dir geſchenkt. Sei zufrieden, Guſtav! Begehre nicht anderes und mehr, als ich Dir geben kann und darf!“ „Unbegreifliches Mädchen!“ ſagte er,„Du ſprichſt von Liebe, Du ſagſt, daß Du mich liebſt, und doch— Karin! Eine ſolche Liebe, die ſich ganz kalt verleugnen kann, die ſich nur in Worten, nie in einer Handlung äußert, die das Wort beſtärken würde, die verſtehe ich nicht. Ich verwerfe ſie. Weißt Du, wie ich liebe!“ „Ja, ich weiß es,“ antwortete ſie.„Aber ſage mir auch, wie Du es machſt. Obwohl ich feſt beſchloſſen, mich meinem Schick⸗ ſale zu unterwerfen, ſo wird es mich doch freuen, zu hören, wie Du liebſt, Guſtav. Du ſchenkſt meinem Herzen eine heimliche wunderbare Befriedigung, wenn Du mir das ſagſt. Es iſt zum Letztenmale, ich weiß es.“ „Wohlan, Karin,“ begann er wieder.„Ich will es 314 Dir ſagen, wie ſeltſam es Dir auch dünken mag. Beſchuldige mich nicht, daß ich anders von Dir ſpreche, als mein Herz fühlt. Ich liebe Dich, Karin, von ganzer Seele, obwohl Du ſo gut als eine Fürſtentochter biſt und ich nur der Sohn eines ſchwediſchen Dichters. Ich liebe Dich ſo ſehr, daß ich nicht einmal den Gedanken ertragen kann, Du möchteſt einem Andern angehören, wenn Du auch den Gedanken mit ſo feinen Worten vertheidigſt, als Du willſt.“ „Du liebſt mich alſo nicht um meinet⸗, ſondern um Deinetwillen!“ unterbrach ihn Fräulein Karin.„So iſt meine Liebe nicht: gerade um Deinetwillen, gerade um Dich als den edelſten und beſten Menſchen betrachten zu können, deßhalb verlange ich, daß Du Kraft zu entſagen habeſt. Du ſiehſt ſelbſt allzugut ein, daß wir Beide mit unſerem warmen Herzen uns der äußern Welt und dem Geſetze der Nothwendigkeit unter⸗ werfen mußten. Was fragt die Welt darnach, ob wir leiden? Aber woran uns ſelbſt liegen muß, iſt, daß wir ſo leiden, um ohne Scham einander ſehen, und wenn es gelten ſollte, ohne Furcht vor die Welt treten zu können.“ „Es mag wirklich bewunderungswürdig ſein,“ fiel er ein, „daß Du, als Weib, bereit biſt, Dich unter den Zwang der äußeren Umſtände zu beugen. Aber das iſt nicht des Mannes Art. So kenne ich die Liebe nicht. Deßhalb, Karin, iſt es mein Entſchluß, von dieſem Augenblicke an keiner äußern Macht zu weichen. Es iſt ein wunderbares Geſchick, das uns ſo unerwartet zuſammenführte; ja, daß Du ſo unbermuthet gerade zu meiner einſamen Freiſtatt gekommen und ich Dich ferne von allen Zeugen und Verfolgern treffen mußte, iſt ein Ereigniß, * —————— 315 das ich wie einen Wink vom Herrn des Schickſals betrachte. Ich werde ihm folgen. Von heute an ſollſt Du mein ge⸗ hören.“. Die Wangen des jungen Mannes glühten, ſeine Augen flammten, und der Druck, mit dem er ihre weiche Hand feſt⸗ hielt, wurde immer ſtärker. Aber ſie erblaßte, und in den ſonſt ſo ſtolzen Zügen malte ſich eine zunehmende Angſt. Sie zitterte, als er endlich ſogar ſeinen Arm um ihren Leib ſchlang und ſo mit der kühnen Ueberlegenheit eines liebenden Jüng⸗ lings ihre Gefangennehmung vollendete. „Wiſſe, meine geliebte Karin,“ fuhr er fort,„ich kenne dieſen Berg mit all' ſeinen ſeltſamen Grotten und Gängen beſſer als irgend ein anderer Menſch auf der Erde. Folge mir! Ich werde Dich an einen Platz führen, wo uns die ganze Welt nicht finden ſoll. Laß die Jägerſchaar uns ſuchen. In einer Grotte mit der Ausſicht über den Wenern, wohin kein Menſch außer mir den Weg weiß, dort wollen wir warten, bis ſie alle Hoffnung, Dich zu finden, verloren haben. Sie mögen Dich für alle Zeiten verſchwunden glauben, und nach einiger Zeit, wenn ſie das Suchen aufgegeben, bringe ich Dich auf meinen kleinen Hof, wo wir ganz für einander leben wollen. Niemand kennt hier meinen Namen, und eben ſo wenig den Deinen. Gerade hier wird man Dich am Wenigſten ſuchen. Unſer Leben ſoll ein ungeſtörtes Glück ſein. Meine Geliebt„ Sie ſuchte ſich aus ſeiner Umarmung los zu machen und unterbrach ſeine eifrige Rede:„Du weißt nicht, was Du ſagſt, Guſtav!“ rief ſie.„Es iſt eine Unmöglichkeit, was Du vor⸗ 316 ſchlägſt und begehrſt. Glaubſt Du, daß wir ihren Nachfor⸗ ſchungen entgehen würden? kannſt Du Dir denken, daß nicht jede Ritze durchſucht werden würde? Und wie lange ſollten* wir uns dort verbergen? Sie würden nie aufhören, uns zu ſuchen und zu verfolgen.“ „Ich fürchte ſie nicht,“ rief er.„Wir ſind ja bewaffnet für den erſten Fall. Kein Lebender ſoll den Eingang der Grotte betreten, ſo lange wir darin ſind. Folge mir, meine Geliebte!“ Auf ihren blaſſen Lippen ſchwebte ein Lächeln.„Mein guter Guſtav!“ ſeufzte ſie,„Du bergißt, daß wir wohl ſterben müßten, wenn nicht anders, ſicher vor Hunger. Das wäre doch ein Tod, dem Du mich wohl nicht ausſetzen möchteſt?“ Guſtav entließ ſie nicht aus der feſten Umarmung. Aber es war ein gewiſſer kalter Stolz, der in ihm zu erwachen be⸗ gann. Mit einem bittern Lächeln ſagte er:„Du ſiehſt wirk⸗ lich ruhig und klar. Eigentlich wollte ich Dich nur verſuchen: denn ich ſehe die Unmöglichkeit, dieſen Vorſchlag zu bewerk⸗ ſtelligen, wohl ein. Aber ich muß Dir geſtehen, Karin, Deine kalte Verſtändigkeit erſchreckt mich. Ich hatte wohl ein⸗ geſehen, daß unſere unvermuthete Begegnung die letzte Ab⸗ ſchiedsſtunde wäre; aber ich hoffte, daß ſie milder, freundlicher in all' ihrer Vitterkeit ſein würde.“ Nun wurden die Augen des Mädchens naß.„Guſtav!“ rief ſie und drückte ſich feſter an ſeine Bruſt:„Guſtav! ſo wollte ich Dich ſehen und finden. Mild und freudig, wie Du — 66 — 317 ſagſt! So wollte ich mich von Dir trennen in einer milden und freudigen Stunde.“ „Aber meine Karin kam mir nicht mit Milde und Freudigkeit entgegnen!“ rief er.„Willſt Du einen Troſt über unſere Trennung in Stolz und hohem Range finden, ſo habe ich Dich mißkannt. Aber ich hatte Recht, denn in allen Deinen Worten liegt kein Herz. O wenn ich nur wüßte, daß Dein Herz mein gehört, glaube mir, ich möchte nicht mit einem bittern Worte den Trennungsſchmerz vermehren.“ Das Fräulein heftete einen erſtaunten Blick auf ihn.„Du wollteſt mich prüfen!“ rief ſie. „Ja,“ antwortete er.„Sobald Du unſer Geſpräch be⸗ gannſt, empfand ich ſogleich ein Gefühl, das meines Lebens tiefſter Schmerz geweſen ſein würde, hätte ich ihn nicht bereits gekannt und vorausgeahnt. Ich weiß und kenne nun, Karin, Dein großes Geheimniß. Du haſt mich und Dich betrogen. Du liebſt mich nicht mehr!“ „Guſtav!“ rief ſie in vorwurfsbollem Tone, und wollte ſich aus ſeiner Umarmung losreißen. Aber er hielt ſie immer noch feſt und rief:„So war Deine Liebe, Karin, daß Du aufhören konnteſt, zu lieben. Deßhalb will ich Dir ſagen: eine ſolche Liebe habe ich Recht und Kraft zu verachten. Du, Fürſtentochter! Du biſt meiner nicht werth, des großen Dichters Stjernhjelms Sohn. Ich ſtehe als Dein Richter vor Dir. Du biſt meine Gefangene, biſt in meiner Gewalt.“ „Du thuſt mir Unrecht!“ ſtammelte ſie beſtürzt.„Du 1 318 biſt ja mein Jugendfreund, mein Geliebter! Sei es immer für mich.“ Er führte ſie ſachte einige Schritte näher an das Ufer des Hallſee. Der kohlſchwarze Waſſerſpiegel, einem ungeheuren geſchliffenen Agate ähnlich, ſpiegelte dennoch die wechſelnden Wolken des Himmels auf ſeinem dunkeln Boden. Das Fräulein ſchauerte vor dem Anblicke des ſeltſamen Schauſpieles zurück. Plötzlich hörte man am Strande des ſchwarzen Waſſers ein Hundegebell. Die erſchrockene Schaar der Hirſche war gerade dorthin getrieben worden. Auf einmal ſtürzten ſich die Hirſche in das Waſſer und ſchwammen mitten durch den See.— Da zeigten ſich Jäger zwiſchen den Bäumen. Karin wollte ſich losreißen. „Fliehe, Guſtav!“ flüſterte ſie.„Daß Dich Niemand ſieht.“ „Willſt Du, daß ich mich in der ſchwarzen Tiefe ver⸗ berge?“ fragte er.„O wie gerne würd' ich es thun, wenn Du mir folgteſt.“ Sie ſchauerte.„Verſuche mich nicht mehr, Guſtav!“ bat ſie.„Die Gefahr ſchwebt über uns. Verbirg Dich, wenn Du nicht Dein und mein Unglück willſt.“ „Und wenn es auch Dein und mein Unglück gälte,“ fiel er ein,„müßte es nicht eine um ſo größere Freude für mich ſein, weil es uns Beide mit einander träfe?“ „Verbirg Dich, verbirg Dich!“ rief ſ ſie angſtvoll und wollte ſich losreißen. 319 Ein höhniſches Gelächter ſchwebte auf ſeinen Lippen. Er antwortete ſtolz:„So lebe wohl, Karin, Du meiner Fu⸗ gend Geliebte! Du, die früher mein junges Herz beſaß, um es in ſeinen ſchönſten Hoffnungen zu täuſchen. Aber mitten in meinen Vorwürfen will ich, ob es auch bitter ſchmecken mag, den letzten Abſchiedskuß mit mir nehmen.“ Haſtig küßte er die Angſtvolle, die in ihrer Verwirrung ſich ſeinen Liebkoſungen überließ und ihn nicht zurückſtoßen wollte, da ſie zwiſchen Furcht vor ſeinen Drohungen und einem Gefühle wiedererwachender Liebe hei ſeinen Küſſen ſchwankte. Aber es ſchien, als ob er die Gefahr wenig ſcheute. War es vielleicht die Rache, die in des gereizten Jünglings Herz glühte, ſeit die Liebe ihre letzten, bittern Erklärungen ausgeſprochen? Er ſtand feſt und hielt ſie in ſeinen Armen. Von den Ufern des ruhigen See's konnte die Gruppe der bei⸗ den Liebenden geſehen werden und das ſchwarze Waſſer ſpie⸗ gelte ihre Geſtalten in ſeiner Tiefe wieder. Plötzlich ſtreifte ein Schuß ganz nahe an ihnen vorüber. Da erſt ließ Guſtav ſie los und faßte ſein Gewehr.„Lebe wohl, Karin!“ rief er noch einmal.„Fürchte Dich nicht vor mir! Lieber, als daß ich mich von Deines Vaters Diener⸗ ſchaft ergreifen und wegen der verbotenen Jagd in's Gefäng⸗ niß werfen laſſe, will ich mit ihnen Allen kämpfen Mein Gewehr iſt ſicher und lebendig ſoll mich Keiner in die Hände bekommen.“ Eine düſtere, niederhängende Fichte, ein hundertjähriger, mooſiger Maſtbaum ſtand gebeugt über dem See mit ſeiner 5* 320 dichten Maſſe. Weich und geſchmeidig, das Gewehr in der Band, ſchwang ſich der Jüngling durch die Aeſte. Um ihn dort zu entdecken, mußte man wiſſen, daß er dort war, während er ſelbſt alles um ſich her überſehen konnte. Kaum war Fräulein Karin allein, als ſie mit kluger Ueberlegung ihr Gewehr wieder aufnahm, ihre Tracht ordnete und wie eine ruhige Jägerin am Ufer ganz in der Nähe des alten Baumes ſtand, der ihren erzürnten Freund verbarg. Es kam ihr ſonderbar vor, als ſie daran dachte, daß ſie ſich beide bewaffnet einander gegenüber ſtanden, als ob ſie ſich wie Feinde bewachten, ſtatt wie Liebende mit einander zu koſen. Bald blies das Jägerhorn ſeine Signale. Man gab ſich zu erkennen, daß man das Fräulein wiedergefunden. Die Da⸗ men, welche der Jägerſchaar folgten, eilten zu ihr, als ſie einen kleinen Weg gefunden, auf welchem ſie durch den Wald zu ihr kommen konnten. Sie grüßte ſie freundlich, als ob nichts vor⸗ gefallen wäre, und bald ſtand die ganze Gruppe in ſtummer Verwunderung über den ſeltſamen Anblick des dunkeln Berg⸗ ſees da. Aber ganz unbermuthet für das Fräulein ritt ein ſchöner ſtolzer Reiter an ihre Seite. Es war Graf Königsmark. Nach⸗ dem er mit der ihm eigenen Grazie gegrüßt, ſagte er:„Der Reichskanzler hat mir durch dieſe Jagd das unſchätzbare Glück verſchafft, Fräulein Karin wiederzuſehen. Ich wagte kaum dieſe Hoffnung zu hegen, obwohl ich allein um das Fräulein zu finden, die Reiſe zum Reichskanzler unternahm.“ Karin beantwortete erröthend dieſen Gruß. Sie wandte ſich gegen ihn, um der großen Fichte den Rücken zu bieten und ——— ————————————— 321 ihr Antlitz den Blicken zu entziehen, die, wie ſie wohl wußte, jeder Bewegung auf ihren Zügen folgen würden.„Der Herr Graf hat alſo meinen Vater bereits getroffen?“ fragte ſie. „Ja, mein Fräulein,“ erwiederte er mit einem eigenen Ausdrucke.„Erlauben Sie, meine Damen,“ fügte er mit lauter Stimme hinzu,„daß ich Sie daran erinnere, die Fürſtin wartet hier in der Nähe.“ „Ah, da will ich meine Mutter hieherbringen! Sie muß den merkwürdigen See ſehen!“ rief Fräulein Ebba freudig. „Folget mir. Ich gehe ihr entgegen.“ Alle Damen beeilten ſich, ihr zu folgen, aber der Graf hielt Fräulein Karin mit einer ehrerbietigen und bittenden Miene zurück. „Die Fürſtin iſt bald hier,“ ſagte er.„Meine Zeit iſt koſtbar und bitte deßhalb Fräulein Karin, mir einen einſamen Augenblick zu ſchenken.“ Sie zauderte. Ein Blick voll Angſt und Unruhe flog nach dem ſchattigen Baume, wo ein beſonders ſchrecklicher Schat⸗ ten ſie bewachte.„Graf Otto!“ flüſterte ſie leiſe:„Hier iſt eine gefährliche unheimliche Stelle. Laſſen Sie uns von hier fort⸗ tiem“ „Nein, mein Fräulein,“ ſagte er mit der Enſchloſſenheit eines Soldaten.„Ich habe ein Wort auf meinem Herzen, in ihm liegt alle Ruhe meines Lebens; warum ſollte ich nicht die Gelegenheit benützen, es auszuſprechen. Nennen Sie dieſe Stelle nicht unheimlich! Sehen Sie den ſchönen, klaren See! Er iſt dunkel, wie die Zukunft, aber der Himmel ſpiegelt ſich in ſeiner Der Erzähler 1848. 1. 21 322 Tiefe, wie nächtlich ſie auch ſein mag. Karin, bin ich Ihrem Herzen gleichgültig? Ich begehre eine Antwort, ſo beſtimmt, daß ich meines Lebens Schickſal entſchieden weiß.“ Verlegen wandte das überraſchte Fräulein ihr Geſicht ab. Sie fühlte ſich ſo tief gedemüthigt bei dem Gedanken, daß gerade ſie, die vor ihrem betrogenen Ingendfreund ſo ſtolze und ſchöne Aeußerungen gethan, nun in ſeiner Nähe genöthigt ſein ſollte, ihres Herzens heimliche Treuloſigkeit zu offenbaren. Aber der feſte Blick des Grafen ſagte ihr, daß ſie dießmal auf keine Weiſe einer beſtimmten Antwort auf ſeine Bewerbung ausweichen konnte, was ſie bisher mit ſo großer Klugheit zu thun gewußt. Sie fühlte, daß ſie einen liebenden Jüngling beleidigt und gereizt, ſie zitterte davor, noch einen zu verwunden. Aber er faßte freimüthig ihre Hand.„Ich fordre nun, in dieſem Augenblicke Fräulein Karins Antwort auf meines Herzens Bitte um Liebe und Huld. Ich komme hieher aus dem Kriege, um in wenigen Augenblicken über mein Schickſal entſcheiden zu laſſen, und ich kehre zurück, um ſpäter nach Venedig zu gehen. Die Republik hat ſich meine Perſon von dem Könige zum Befehls⸗ haber ihrer Heere gegen die Türken erbeten. Will Fräulein Karin mir als meine Frau folgen, oder ſoll ich allein ein ehrenvolles Ende meines Lebens ſuchen? Hier, Fräulein Karin! Jetzt gilt kein Zaudern mehr. Ich biete Ihnen, als ein ehrlicher Soldat meine Hand. Nehmen Sie ſie und es erwarten uns die Segnungen der Eltern, oder wollen Sie, daß ich hier einen ewigen Abſchied nehme?“ Fräulein Karin verbarg ihr Geſicht in ihren Händen. mit einem Gefühle innerer Befriedigung umarmte der Reichs⸗ 323 Ihre ſchöne Geſtalt zitterte, und der Graf betrachtete mit Rüh⸗ rung in Miene und Blick das geliebte Weſen. Endlich ſah Karin auf.„Dieſe düſtre Stelle,“ ſagte ſie mit zitterndem, doch beſtimmtem Tone,„dünkt mir wie geſchaf⸗ fen zu einem ewigen Abſchied. Hier hat gewiß die Natur geahnt, daß liebende Herzen ſich trennen ſollten. Wohlan, Graf Otto! auch ich nehme hier Abſchied von dem, was mir früher theuer war,— von Ruhe und Glück im elterlichen Hauſe, von meiner Kindheit und Jugend Freuden und— der Liebe.— Ich — ich— folge Ihnen nach Venedig.“ Der Graf blickte ſie mit dem Ausdruck freudiger Ueber⸗ raſchung an.„Es war eine ernſte Art, über mein Glück zu entſcheiden. Aber ich erkenne mein Glück und werde unſre Sorgen zu verſcheuchen ſuchen, ſo weit ich vermag. Dank, meine Geliebte, für die offne und redliche Antwort!“ Mit glühender Heftigkeit drückte er ſie an ſeine Bruſt und küßte ſie, obwohl ſie ſich bebend zurückzog. Man heatte indeſſen den Lätm der Jägerſchaar ringsumher vernommen, und bald trat die ganze Jagdgeſellſchaft aus dem Walde. Der Reichs⸗ kanzler ſelbſt und ſeine fürſtliche Gemahlin ritten an das Ufer heran, wo ſie ihre Pferde verließen und ſich dem Platze näher⸗ ten, von welchem der Graf das Fräulein durchaus ſich entfernen laſſen zu wollen ſchien. 2 „Hier haſt Du mir Deine Antwort gegeben,“ ſagte er: „laß uns hier auch den Segen und die Wünſche empfangen, die uns erſt vollkommen glücklich machen werden!“ † Die Eltern eilten herbei. Mit hoher Würde, doch zugleich „ 324 kanzler beide. Die Fürſtin vergoß Thränen der Freude, und verſicherte, daß ihre geliebte Karin nun ihre innigſten Wünſche erfüllt habe. Der Kreis der ganzen Geſellſchaft, welche von des jungen Paares neugeſchloſſener Verbindung unterrichtet wurde, drängte ſich glückwünſchend um ſie her, und die Töne des Jagdhornes, die durch Wald und Felſen erſchollen und überall ein helles Echo fanden, riefen die entfernteſten Jäger zurück, daß auch des Berges Wild für, dießmal Schonung und Friede zu Theil ward. Im ſelben Augenblicke hörte man einen Schuß aus der dunkeln Fichte. Eines Jägers Geſtalt ſtürzte aus den herab⸗ hängenden Aeſten und fiel plötzlich in den See, deſſen dunkel⸗ ſchwarze Wellen aufziſchten, um ihren Raub zu verſchlingen. Alle Anweſenden eilten beſorgt zum Ufer. Karin ſchwin⸗ delte, aber der Graf eilte, ſie in ſeinen Armen aufzufangen. „Wer war das?“ fragte der Reichskanzler. „Es muß ein Schütz auf dem Anſtand geweſen ſein,“ äußerte ein alter Jäger. Ein ſolcher hat ſich auf dem Berge umhergetrieben, das weiß ich. Aber von da kommt er nimmer wieder, das iſt ſicher, denn hier iſt der See bodenlos.“ Fräulein Karin kam nach und nach wieder zu ſich. Aber ihre Ruhe war für immer dahin. Als die Jagdgeſellſchaft, die vergebens das Räthſel des unbekannten Jägers zu löſen ſuchte, der ſich erſchoſſen und im See berſchwunden war, durch das ſchöne Thal nach dem Magnusberg zurückzog, hatte Fräulein Karin ſo viel Macht über ſich, daß ſie mit ihrem Bräutigam über die Zukunft ſprechen konnte Sie war nicht 325 fröhlich, aber er war doch zufrieden mit ihrer Freundlichkeit. Die Gewiſſensqual, die ſie fühlte, nicht weil ſie die erſten Bande gelöſt, die ihr Herz geknüpft, ſondern die Art, wie ſie ſie gelöſt, hörte nie auf ſie zu verfolgen. Als ſie einige Jahre ſpäter wieder aus dem venczianiſchen Kriege kam, der ſie zur Wittwe gemacht, beſuchte ſie den Magnusberg und befahl bei einer Fahrt auf den Halleberg, daß ein Denkſtein, auf dem kein Name eingegraben werden dürfe, und deſſen Veran⸗ laſſung die Sage in dem Selbſtmord t unbekannten Jägers Guſtav ſuchte, bei dem ſchwarzen Hal ee errichtet werden ſollte. Moos und Gebüſch verhüllt jetzt den Denkſtein, aber noch findet der genaue Forſcher ſeine Spur.