deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur vo 3 Cdnard Ottmann in Gieſen, 8 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Biblipthek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. ie Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 6 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und für Wchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat:— Pf. 1 M. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt ſe der Leſer ſi Erſatz des Ganzen 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden var indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. der Erzöhler aus der Peimath und Fremde. Originalerzählungen und Ueberſetzungen. Herausgegeben von Carl Spindler. Jahrgang18 47. Zweiter Band. ——— 4 Stuttgart, Franckhſche Verlhs Jnhalt. Der Judenbrand an der Elz.(Zweiter Theil des„Heren⸗ meiſters von Waldkirch.“) Von C. Spindler. Die Tarantata. Nach Darien von Auguſt Zoller Liebesgluth und Prieſterweihe. Nach Mery von Adrian Widerhorſt. Eine Hochzeit unter Stürmen. S aus d'Ar⸗ lincourt's„Blutflecken“ Fünf Dolchſtöße. Nach Jules Lecomte von Rzzi Zoter Geſchichten aus der de la Rin Der Siebentödter. Seite 55 100 12 189 Der Zudenb rand an der Elz. (Zweiter Theil des„Hexenmeiſters von Waldkirch. ⁴) ——— 1. Wette laufend thaleinwärts, dem n Steinbo zum Trotz über die höchſten Berge, mit dem ſchnellen Roß Schritt haltend durch Ebenen und Haide⸗ ſteppen, plötzlich verlahmt und ſich ohnmächtig ſtrecken muß, auf das Siechbett genagelt;— das iſt ein Unglück. Wenn Einer, der gewohnt war, mit hellem, jugendkräftigem Auge den Tag zu genießen mit ſeinen Freuden und die Nacht mit ihren Stern⸗ wundern, plötzlich erblindet und in den Winkel hinſitzen muß 8 7 vereinſamt und gleichſam abgeſtorben für die blanke, ſchim⸗ mernde und ſtrahlende Welt; das iſt ein großes Unglück. Und dennoch findet der Lahme irgend einen mildthätigen Freund, der ihn auf ſeinem Rücken in's Freie trägt, wo er wieder ſehen mag die Berge, die er überklettert, die Thäler, die er durchſtreift, die weiten Fluten; die er am W gemeſſen, und ihm wird wiederum wohl um's Hetz. Der Erzähler. 1847. 1. 2 Und dem Blinden naht ſich etwa ein zartes Dirnlein und erzählt ihm von dem Licht des Tags und von der Mond⸗ helle der Nacht, und bringt ihm vielleicht eine Zitter, auf der er ſpielen kann die muntern Weiſen ſeiner Jugend, und deren Klänge ihm zu eben ſo vielen Lichtern werden, die gleich Fackeln ſein Gedächtniß erhellen und ihm verwichener Jahre Glück, als wie ein buntes Schauſpiel vorzaubern— denn jeder Ton iſt ein Sonnenſtrahl— und des Blinden Seele richtet ſich wiederum geſtärkt und muthig auf. Aber was bleibt dem Gefangenen in finſterer Kerkerzelle, deſſen Aug' und Ohr lebendig, deſſen Blut raſch und kreiſend wie zuvor, und dennoch iſt der Tag für ihn todt, und ſein Ohr hört nur ſeine eignen Seufzer und das Geraſſel ſeiner Kette, und zerbrochen iſt ſeine Zitter, dahin iſt für ihn jegliche Muſik? Wehe! wie ſo taub und blind und lahm fühlte ſich Gott⸗ rath in ſeiner Haft im Rabenthurm zu Waldkirch!„Was hab' ich nur gethan— fragte er ſich verzweifelnd— daß man mich geworfen in den ſchwärzeſten Keller, wo ich in Moder und Näſſe ſitze, angefeſſelt an die ſtinkende Mauer, ohne mich des Himmelslichtes zu getröſten, und ohne eine menſchliche Stimme zu hören? Was hab' ich verbrochen, daß meinen ban⸗ gen Fragen keine Antwort, meinen Klagen kein Mitleid wird? Iſt's denn in dieſem Städtlein Waldkirch ein Halsverbrechen, wenn man einer Dirne das Wort nicht hält, das man ihr im Liebesrauſch gegeben? So iſt's ja nicht einmal zur Zeit der alten römiſchen Tyrannen gehalten worden! O Vnnel, o Heiri, ie u und ſtrenge rächt Ihr Euch an mit, dem armen 3 Schelm, der ja gar zu gern ſein Verſprechen erfüllte, wenn nicht ſein Gewiſſen und die Furcht vor Schande ihn daran hinderte!“ Alſo redete er und ſeufzete er mehrere lange Tage hin⸗ durch, und in ſein Gefängniß kam nicht Rath, nicht Hülfe. Der Schließer brachte ihm mürriſch Brod und Waſſer, ohne einen Laut von ſich zu geben. Im ganzen Thurm war's ſtill und öde in der übrigen Zeit. Lebendig begraben moderte Gottrath in einer wüſten Todtengruft.— Doch bald glaubte er gar nicht mehr an ſein eigen Leben. Mit ausgebranntem Hirn gleichſam hockte er auf dem Steine, der ihm Bett und Seſſel und Tafel zugleich war„ und beneidete den dumpfen kalten Molch, der hie und da— ſein einziger Geſelle— über ſeine Füße kroch, um ſeine Freiheit, um ſein reges und wegliches Daſein. Und wiederum einmal raſſelte der Schlüſſel in der Thüre, und die Riegel klappten auf, und des Hüters ſtruppiges Haupt ſchaute wie ein geſpenſtiger Mohrenkopf in das Verließ.— Schon wieder ein Tag herum? fragte ſich Gottrath in Ge⸗ danken: ei der iſt mir kurz geworden! Schon wieder Waſſer und Brod zur Speiſe, und ich habe noch das geſtern empfan⸗ gene nicht angerührt?» Das machte: es waxen nur etwa ein paar Stunden ſeit dem letzten Beſuch des Wärters verſtrichen, und diesmal brachte 6 derſelbe nicht die Nahrung für den Eingekerkerten, ſondern ein paar Worte, die, wenn gleich ein rauher Befehl, doch wie eine Engelsrede in Gottraths Ohr fielen. „Steh' auf; geſchwinde auf!— 4 Gottrath gehorchte, und der dunkle Mann ſtand neben ihm und öffnete das Schloß ſeiner Kette, die er um die Fauſt wickelte.—„Wandle!“ hieß es jetzt:„der Richter wartet Deiner!“ „Gott ſei Dank!“ rief der Schüler freudig aus, und wollte dem Wärter die Hand drücken— aber grimmig entzog ſie ihm der Mann, und brummte:„Keine Berührung, Unſeliger, r „Bin ich denn mit dem Ausſatz geſchlagen, daß Du mich alſo zurückſtoßeſt?“ fragte Gottrath gekränkt; aber zur Entgeg⸗ nung wurde ihm nur ein abermaliger Stoß zwiſchen die Schulterblätter und der erneuerte Befehl:„Wandle, ſag' ich Dir. Der Richter wartet!“ Somit wandelte Gottrath, und tappte, an ſeiner Kette den Schergen nach ſich ziehend, durch halb dunkle Schlupf⸗ winkel, über düſtre ſchmale Wendeltreppen, bis vor eine ſchwere Pforte, die ſich gähnend vor ihm aufthat. Ach, dieſe Pforte führte nicht in die Freiheit; ſie öffnete im Gegentheil den Zugang zu einem Gemach des Jammers, das noch abſcheulicher erſchien, als Gottraths Kerker ſelbſt, da ſeine Armſeligkeit und ſeine Schreckniſſe nicht ſo gnädig, wie jenes, mit dicker Finſterniß verhüllt waren.— Ein kleines Gemach mit ſchwarzen Wänden, gewölbt, von einem ſtark ver⸗ gitterten Fenſterchen matt erhellt, und weil dieſe zweifelhafte Helle nicht zureichen wollte, nebſtbei von einer qualmenden Lampe erleuchtet. Dieſe trübe Fackel loderte auf einem kleinen Tiſche, hinter dem der Richter ſammt zwei Beiſitzern thronte. In der Mitte des Gemachs ragte ein ſtarker Pfahl bis zum Schluß⸗ ſtein des Gewölbes. Die allerlei Ringe, Haken und Kloben, eremias Hämpfle, dem peinlichen Rechte vorzuſtehen von der 5 ſo daran befeſtigt waren, wie auch die kleine Handleiter, die an dem Pfahle lehnte, zeigten deutlich ſeine Beſtimmung an. Das war die ſogenannte Stude, der Marterpfahl, das Folter⸗ gerüſte, das zur Einſchüchterung des verſtockten Verbrechers errichtet war, und mancherlei blutige Spuren häufiger Benützung an ſich trug. Zwei ungeheuerlich ausſehende Leute, der Frei⸗ mann und ſein Henkersknecht ohne Zweifel, lehnten mit ver⸗ ſchränkten Armen, müßig vor der Hand, an dem Baum der Schande und der Schmerzen. Jedoch auf einen Wink des Richters packten ſie unverſehens den eintretenden Gottratb bei den Schultern und um den Leib, und ſetzten ihn ohne Ver⸗ zug auf einen hohen und ſtarken Holzbock, der vor der Stude und dem Gerichtstiſch gegenüber ſich befand. Die Kette hak⸗ ten ſie am Marterpfahle ein, und alſo ſchwebte, in kümmer⸗ licher und zugleich lächerlicher Stellung, mit den Füßen ſchlen⸗ kernd in der Luft, der arme Schüler, und wußte wahrlich nicht, wie ihm geſchah. Umſonſt war's, daß ſein Mund ſich unterfing, eine Klage oder Bitte zu ſtammeln: mit wilder Haſt, ja ſogar mit einer gewiſſen ängſtlichen Wuth herrſchte ihm der Richter ein drohendes„Schweige ſtill“ zu, und bedeutete ihn noch ferner, daß Knebel und Peitſche ſchon bereit lägen, um jeden Ungehorſam des Gefangenen ſtreng zu züchtigen⸗ Gottrath, dem Unbermeivlichen ſich fügend, ergab ſich mit gefalteten Händen in ſein Schickſal, und muſterte ſtill, wenn ſchon mit Augen, die eine Thräne der Angſt umflorte, die Männer, die ſich anſtellten, über ihn Gericht zu halten. Der Richter war der wohlweiſe und hochgeachtete Herr 6 Stadt Waldkirch betraut. Von Geſtalt nicht groß, dagegen von bedeutendem Umfang, ſah er nicht übel einem Talgſtotzen gleich, worein muthwillige Buben allerlei Löcher, Augen, Mund und Ohren vorſtellend, zum Zeitvertreib gebohrt und in der Uebereilung die Naſe ſchier vergeſſen haben. Kein Tropfen Blut ſchimmerte auf Wangen und Stirne dieſes Talggeſichts, ſein Blick war ein im Erſterben flackerndes Feuerlein, ſeine Sprache hörte ſich an wie das dumpfe Knurren eines bös⸗ willigen Hundes. Die feiſten Hände des Richters waren auf dem mächtigen Bauch gefaltet, wenn ſie nicht am Schreibzeug und in den Papieren kramten, die auf dem Tiſch unordentlich durch einander lagen.— Die Beiſitzer waren ſchlechthin ein paar Zunftmeiſter aus der Stadt, ein Huterer der Eine, ein Riemer der Andere; beide im Beſitz der wohlgenährteſten Dick⸗ köpfe, die je auf eines Spießbürgers Schultern ſaßen. In die⸗ ſem Augenblick jedoch waren die Züge der genannten Herren gleichſam aus allen Fugen gewichen, und an die Stelle der gewohnten Behäbigkeit war eine furchtſame Verzerrung getreten, die ihnen, den gebietenden Richtern, dem wehrloſen, gefeſſelten Mann gegenüber ſeltſam anſtand. So auch rückten ſie ver⸗ legen auf ihren Stühlen hin und her, flüſterten ſich heimlich Worte in die Ohren, die Gottrath zwar nicht verſtand, die jedoch von einem großen Mangel an Zuverſicht Zeugniß abzu⸗ legen ſchienen. Dergeſtalt wurde die im Gemach eingetretene Stille lange nicht unterbrochen, und immer weniger begriff Gottrath, was man wohl mit ihm porhaben möchte.— Die zwei Schergen an der Stude, ſowie der Gefängnißhüter an der 7 Thüre ſtanden lautlos und ebenfalls etwas ängſtlich, der Dinge wartend, die ſich begeben ſollten. Endlich ermannte ſich Jeremis Hämpfle inſoweit, daß er langſam die Frage an Gottrath ergehen ließ:„Weißt Du wohl, Du ſündiger Menſch, warum Du vor unſern Verhör⸗ richterſtuhl geſtellt worden biſt? Leg ohne Uumſchweif, ich rathe Dir, ein reuiges Bekenntniß ab, welches Dir die Barmherzig⸗ keit des Allmächtigen gewinnen mag, wenn auch das Schwert des irdiſchen Richters nicht ruhig in der Scheide ſtecken bleiben darf. Willſt Du auf meine Mahnung hören? Willſt Du reden? Sprich?“ Auf dieſe Rede ſchüttelte Gottrath verwundert den Kopf, zuckte noch verwunderter die Achſel, und entgegnete ſanft und unbefangen, wie es in ſeiner Gewohnheit war:„ Ich weiß, ſo wahr ich geboren bin, Geſtrenger, nicht, was ich bekennen ſoll. Es ſei denn, daß Ihr mich büßen wolltet um eines Fehltritts willen, den ich nur mit ſaurer Miene zu thun mich überwunden habe. Wahr iſts: ich habe ein Mädchen, die Krone ihres Geſchlechtes, wie ich meine, hintergangen, und einen Bund mit ihm gemacht, den ich, wie ſich die Dinge jetzt geſtaltet haben 4 „Da habt Ihr ſchon den Bund;“ ſagte der Richter zu⸗ frieden, wenn gleich ein bischen ſchaudernd zu den Beiſitzern. „Dieſe verlorne Seele nennt einen Bund die Verlockung, die ſie mittelſt verborgner Gewalt und verbotner Künſte an dem unſchuldigen Mägdlein verſucht hat. Der Teufel findet ſtets gleißende Worte, um ſein ſataniſches Treiben zu beſchönigen.“ Worauf Gottrath im Bewußtſein ſeiner Redlichkeit; und von ferne nicht ahnend, worauf Herr Hämpfle abzielte:„O lieber Herr, ſcheltet doch nicht die Gewalt, die in einem jeden Sterblichen liegt. Liebe durch Liebe zu erwecken, eine ſataniſche Kunſt? Wenn Blumenwirths Aenneli mir armen Landfahrer ihre Zuneigung ſchenkte, ſo iſt der Trieb dazu gegangen von Aug' zu Auge, von Hand zu Hand, und auch von Mund zu Mund und wenn noch etwas andres dazu geholfen, als nur die dürftige Sprache, die ich rede, und die ich halb ver⸗ lernte auf der wälſchen hohen Schule zu Bologna und auf der zu Paris in Frankreich, ſo möchte es vielleicht die himmliſche Kunſt der Mufika ſein, die mir hie und da ein Lied gelehrt, das den Weibern gefällt.“ Und abermals hob zu den Beifitzern Jeremis Hämpfle an:„Da habt Ihrs, Ihr Männer. Jetzt läuft ihm der, von ſüßem Gift geſchwollne Mund über, und er wagt, ſeine Muſtka für eine himmliſche Kunſt auszugeben! Noch mehr, Ihr Männer: ſeht Ihr, wie ſeine zauberiſchen Augen ſich gleichſam im Feuer des Pfuhls verklären„ und wie er pfeil⸗ ſpitzige Blicke ſchießt, um an uns ſeine Macht zu erproben, oder über dieſes Thurmes Mauern hinaus ſein armes Opfer zu quälen? Haltet ihn nur feſt an ſeiner Kette„ ihr Diener der peinlichen Gerechtigkeit; erlaubt ja nicht, daß ſein Fuß die Erde berühre, denn mit dieſer Berührung würden ihm die Kräfte wachſen, und was Gott verhüte, zugleich ſeine Hexen⸗ fittige, die er nur zu regen brauchte, um uns alle zu ſchä⸗ digen und zu verderben.“* Von ſeinen Befürchtungen voreilig hingeriſſen, flüchtete ſich Herr Jeremis mit ſeinem Seſſel dicht an die Wind hinter 9 ihm; der Huterer wiſchte ſich den ſtrömenden Angſtſchweiß von der Stirne; der Riemer bekreuzte ſich; der Freimann und ſein Geſelle zogen Gottraths Kette feſter an, und der Gefangen⸗ wärter, ein entſchloſſener Mann von Geiſtesgegenwart, zeich⸗ nete ſchnell mit Kreide einen großen Trudenfuß auf die Schwelle der Verhörkammer. 2. Im Angeſicht von all' dieſen ſonderbaren Schutzmaaßregeln ſtieg allerdings dem bisher ſo unbefangenen Gottrath ein Licht⸗ lein zu Haupt, deſſen greller Schein ihm den ganzen Umfang von Schrecken der Wolfsgrube, worein er gerathen, anſchaulich machte.„Um Gott!“ rief er entſetzt aus:„Ihr treibt wohl euern Scherz mit mir, ihr Herren, denn ich will nicht glau⸗ ben, daß Ihr hier im Namen von Bürgermeiſter und Rath zuſammenſitzet, um mit Fleiß und Vorbedacht an Gott dem Herrn und einer von ihm erſchaffenen Kreatur zu frevlen. Was ſoll die Rede von der Zauberei? Warum ſucht Ihr in meinen Augen die Glut des hölliſchen Pfuhls, während ich nur von reiner Freude angewandelt wurde, weil ich auf ein⸗ mal in jener Ecke dort, zur Rechten des Geſtrengen, meine arme Zitter wieder ſah, das verlaſſene, meiſterloſe Spielwerk⸗ zeug, das mir ſo gut die ewig langen Stunden im Gefängniß verplaudert haben würde, wenn Ihr ſo barmherzig geweſen wäret, mich dieſes Sängertroſtes nicht zu berauben?“ Herr Jeremis gebot dem jungen Mann mit vielem Zorn⸗ aufwand, ſtraklich zu ſchweigen; dem Kerkermeiſter, die bezeich⸗ 10 nete Laute mit einem Tuche zu verhüllen, und äußerte ſich dann folgender Maaßen zu ſeinen Beiſitzern:„Ihr hört, wie ſich der Teufel, der in dem Burſchen ſitzt, trotz aller ſeiner Liſt und hölliſchen Gewohnheit, immerdar verſchnappt. Ja, freilich iſt dieſes vermaledeite Zitterſpiel des Böſen Wehr und Waffe, und der Menſchenunſchuld trügliche Umgarnung. Mit dieſer Saiten Hexenwerk hat der Bundesgenoſſe des Belial die Chriſten hier zu Waldkirch zum größten Theile genarrt, ver⸗ lockt, zum ſchwarzen Abgrund hingezügelt. Bedürfen wir jetzt noch eines näheren Geſtändniſſes aus dem Munde des Ver⸗ brechers, der ſich nicht ſcheut, auf ſeine Läſterzunge den Na⸗ men des Herrn zu nehmen, welcher doch gemeinhin allen Spieß⸗ geſellen des Erzfeindes verboten iſt? Wahrlich, ihr Männer, wir leben in einer Zeit, die aus allen ihren Angeln geht. Der Satan, der vordem an jedem heiligen Bildniß ein gerechtes Aergerniß nahm, und vor dem höchſten Namen ſich duckte und demüthig zur Hölle entfloh, dieſer ſelbige böſe Geiſt demüthigt ſich nicht mehr vor den Bildern, nennt ſelbſt mit unerhörter Frechheit, ohne zu verkommen, den Allmächtigen, und erdreiſtet ſich, ihn zum Zeugen aufzurufen! Nun denn, verſtockter Böſe⸗ wicht und Söldner des Vaters aller Sünden, ſo höre denn, da wir nicht weiter— für jetzn— auf Dein Bekenntniß dringen, das uns in ſeinem ganzen Umfang vorliegt, ſo höre alſo, ſage ich, die Zeugniſſe, die von unbeſcholtnen Chriſten gegen Dich aufgebracht worden, unter deren Laſt Du verfallen wirſt den zeitlichen und den ewigen Strafen.“ Feierlich aufſtehend, ſetzte der Richter mit erhobenem Zeige⸗ finger hinzu:„Unterſtehe Dich ja nicht, verlorner Miſſethäter, 11 durch einen Laut die Ausſagen der Zeugen zu unterbrechen, wenn Du nicht willſt, daß Dir der Knebel angelegt werden, und die Geißel auf Deinem Rücken arbeiten ſoll. Dieſes zu Deiner Warnung!“ Auf ein Zeichen des Herrn Hämpfle wurde eine laut⸗ tönende Glocke angezogen, und Richter nebſt Beiſitzern begaben ſich durch eine, in der Vertäfelung angebrachte Thüre, in ein Nebengemach, um die angekündigten Zeugen abzuhören. Da in der Holzwand ein vergittertes Fenſterchen, dem in einem Beichtſtuhle ähnlich, befindlich, von dem der Vorhang wegge⸗ zogen wurde, ſo verlor der gefeſſelte und mit geſpannteſter Auf⸗ merkſamkeit lauſchende Gottrath keine Shlbe von den Reden, die drüben fielen. Nach einer Pauſe ließ ſich der erſte Zeuge, Heinz Pfen⸗ ninger zum Blumenſtock, vernehmen, nachdem der Richter ihm, wie ſodann allen folgenden Zeugen, zweie ausgenommen, den ſchon geleiſteten Eid noch einmal in's Gedächtniß gerufen, und ihn ermahnt, ſeine ſchon abgegebene Ausſage deutlich und gründlich zu wiederholen.—„Ich bleibe,“ ſagte Heinz,„bei meiner Angabe von vorgeſtern in allen Stücken. Wahr iſt's, daß von der Zeit an, da der Zitterſpieler Gottrath unſer Haus heimgeſucht, Alles darinnen einen verkehrten Gang anſchlug. Meine ſonſt ſo vernünftigen Kunden wurden ausgelaſſen und wie thöricht, wollten nichts mehr als ſingen und tanzen; mein Sohn Heiri wich dem Lautenſchlager ſchier nicht mehr von der Seite und verſäumte ſeine Arbeit; meine Tochter Aenneli ge⸗ berdete ſich immer ſchwieriger mit ihrem verlobten Hochzeiter, und ſah und hörte faſt nichts andres, als den Schüler und ſeine Lieder; mit meiner Hausfrau Urſe gab's immer Späne und Händel; und wie der Urſe ſelber der Hexenmeiſter mitge⸗ ſpielt, wird ſie den Herren ſchon erzählt haben. Amen.“ „Ja wohl, ja wohl; entgegnete Jeremis Hämpfle mit dem Ton des Beileids:„Wollt alſo nur abtreten, Herr Raths⸗ herr. Die Reihe iſt am hochwürdigen Kaplan.“ Der wohlbekannte Auguſtin Reitwohl ſtand feſten Fußes, daß der Boden knarrte, vor das Gericht, und ſagte aus mit ſchmetternder Stimme:„Mir war allerdings ſeit lange bewußt, welch' fremd, gefährlich und verzaubert Weſen in unſrer chriſt⸗ lichen Stadt ſich aufgethan. Mir blutete das Herz, und in meiner Seele war ich ſchon lange von dem Verderbniß des von Gott abgefallenen jungen Sünders überzeugt; allein der Stand des Friedens, dem ich angehöre, machte mich ſchweigen, bis von ehrwürdigen Matronen und biderben Burgern dieſer Stadt ſowohl Bitten, als Ermahnungen, an mich einliefen, der böſen Wüſtenei von der Kanzel aus ein Ende zu machen. Da war nun hohe Zeit. Ohne Menſchenfurcht hab' ich ſo zu ſagen einen Kreuzzug gegen den Geiſt des Böſen und ſeinen verworfenen Abgeſandten gepredigt, und der Vater der Stadt, ſo wie geſammte erfahrne und ältere Bürgerſchaft, haben darauf gehört. Was ſich mit Pfenningers Aenneli begeben und auch mit ſeinem Eheweib, hat klar herausgeſtellt, daß das Recht auf meiner Seite, und der Gottrath vom Teufel als ſeinem Herrn und Lehrmeiſter beſeſſen iſt. Diri; und bitte, mich alſo⸗ gleich zu entlaſſen, da ſowohl Kranke als Andächtige auf mich, als den Boten himmliſ ſh Verheißung und Gnade inbrün⸗ ig warten.“ 13 „Fiat!“ erwiederte Herr Hämpfle, und der Kaplan trat geräuſchvoll ab, wie er gekommen, und ehe noch Gottrath, der im höchſten Grade entrüſtet, aller Verhaltungsbefehle ver⸗ geſſend, die lebhafte Anrede, die ſich ihm auf die Lippen drängte, gegen den Widerſacher loslaſſen konnte. Doch waren die erſten Worte derſelben ſeinem Munde in wilder Haſt entflohen, und ſchon donnerte drüben der Richter ſein zorniges„Silentium!“ und der Henker näherte ſich dem Jüngling drohend mit dem abſcheulichen Knebel.—„Ich will mir Gewalt anthun!“ ver⸗ ſicherte Gottrath erſchreckt, und gelobte ſich ſelber in der Stille, Wort zu halten, und ſeinen Kummer und Zorn zu verbeißen.— So kam für diesmal der gefürchtete Knebel noch nicht zur Anwendung. Frau Urſe ſtand nun drüben vor, und wiederholte guten Muths und ohne zu ſtottern Alles das, was ſie ſchon ihrem Eheherrn von Gottraths Zauberkünſten und teufliſchen Zumu⸗ thungen geklagt und angezeigt hatte. Die Verachtung, die der arme gefeſſelte Knabe für das ſittenloſe lügneriſche Weib em⸗ pfand, machte ihm das Schweigen unſchwer. Deſto qualvoller wurde ſeine Aufgabe, als der Frau Urſe drüben das ſchöne Aenneli folgte, die mit wehmüthißer ſchwacher Stimme und mit vielen Unterbrechungen Folgendes vorbrachte. „Ich weiß ſelbſt nicht, wie es gekommen iſt aber es iſt wahr, daß vom Tage, da ich den Spielmann zum erſten Male gehört und geſehen, die Welt für mich ganz anders ausſchaute, wie früher. Den Vater und den Bruder hatte ich nicht mehr ſo lieb, wie ſonſt, die Stiefmutter wurde mir verhaßt, meinen Verlobten konnte ich nicht mehr leiden. Das 14 Herz, das früher mir ſo leicht, wurde mir ſchwer, als wie ein Stein von vielen hundert Pfunden. Kein Fuhrmann hätte mich mit dieſer Laſt über'n Berg gezogen,— und nachdem ich erſt gar dem Gottrath in unſerer Herberge den Wein kre⸗ denzt hatte, war alle Demuth und Frömmigkeit in meiner Bruſt dahin... und ich konnte zu Tag und Nacht an nichts denken, als eben nur an den Gottrath. Er hätte mir befehlen dürfen, tauſend Meilen weit mit ihm in die Welt zu laufen— ich hätt's gethan. Er hätte von mir heiſchen dürfen... was er wollte... ich hätt' ihm nichts abſchlagen können! Mit jedem Lied, das er ſang, mit jedem Ton, den er anſchlug, mit jedem Wort, ſo er ſprach, und mit jedem Blick, den er mir ſchenkte, machte er die Sache ärger, und als er endlich mir— der Falſche— in's Geſicht log, daß er mich haben und mein ſein wolle— war ich die Seine auf immerdar. Aber Gott war gnädig, eben dann, als ich ihn ganz verlaſſen wollte, um mich dem böſen Feind zu ergeben. Er litt nicht meinen Untergang, und ich mußte gerettet ſein, wenn ich ſchon meinte, darüber den Geiſt aufzugeben.—“ Hier unterbrach Aenneli ihren Spruch und ſchluchzte laut. Welche Wehmuth ergriff aber den armen Gottrath! Er hätte ſich auf den Boden, auf ſeine Kniee, auf ſein Angeſicht, im Schmerz der Reue ſtürzen mögen,— aber da waren die Feſſeln, die ihn— ſtrammer angezogen— grauſam zurückhielten. Er wäre gern in laute Klagen ausgebrochen, aber da war die Geißel des Henkers und deſſen ſchreckliches Mundſperrwerkzeug, die ihm drohten! So verging er beinahe in lautloſer Pein, und von ſtarkem Stoffe war ſein Herz gemacht, da es nicht brach, während Aenneli ihre Ausſage fortſetzte und beſchloß: „Was am übelſten von meiner Seite, war, daß ich auch die Unſchuld meines guten Bruders faſt in die Stricke der Hölle verlockt hätte. Zwar hatte es ihm geradezu der Heren⸗ meiſter ebenfalls angethan, doch ritt ihn die Luſt, mir zu dienen, und mich, nach ſeiner Meinung, glücklich machen zu helfen, ſchier völlig in die ärgſte Todſünde.— Aber,.. da kam plötzlich, wie ich mir jetz für gewiß einbilde, der Zauberer auf den heilloſen Gedanken, meine frevelhafte und üppige Sehnſuchtspein noch zu ſteigern, damit ich mit meiner Schande vor allen Chriſtenaugen ein ſchmählich Zeugniß von der unwiderſtehlichen Gewalt des Verſuchers ablegen ſollte.— Er ſelber ſtellte fich an, als kündige er mir das von geſtern erſt geſchloſſene Bündniß auf... Gott vergebe ihm, wenn's möglich iſt, die Marter, die er mir anthat.— Ich habe... wie ſchäm' ich mich!— ich habe geweint, gebeten, gefleht und gebettelt, ach, ich hätte mich bald vor ihm in den Staub geſtürzt... er lachte meiner und entfloh mir..! O, daß ich nicht mehr wüßte, was dann geſchehen! wie ich irrſinnig wurde, und davon lief aus des Vaters Hauſe... und dem Verſucher nachlief bis in ſeine eigne Wohnung... wie ich dort zum Spott der Leute wurde... wie ich dann weinend, außer mir, wiedergefunden wurde auf offener Gaſſe von den Meinigen, die aus dem Tempel des Herrn kamen, des Herrn, den ich ſo ſehr beleidigt hatteſ.. Doch hörte die Pein ge⸗ mach auf, ſobald der Hexenfrevler in Banden war; am Nach⸗ mittag hat der Kaplan den Vater der Sünden von mir aus⸗ 16 getrieben. In Geſtalt einer ſchwarzen Roßmücke iſt er aus meinem Mieder gekrochen, und Herr Auguſtin hat ihn am Boden der Sakriſtei zertreten. Da war ich frei... Vater und Mutter haben mir verziehen, und Colman Brägenauer will mich wiederum zu Ehren bringen. Gott vergelt's ihm!.. Das war doch für Gottrath ein allzuharter Streich, als daß darauf der Sprudelquell des Zorns hätte aufgehen, oder ferner die heiße Thräne, verlorenem Glück geweint, hätte fließen ſollen. Wie! kaum waren einige Tage ſeit dem Handſchlag, ſeit dem Erſtlingskuß der Liebe vergangen, und ſchon dankte Schön⸗Aenneli mit„Gott vergelts“ dem Brägenauer, daß er ſie wiederum zu Ehren bringen wollte? O Weiber, Weiber, betrüglich Volk! dachte Gottrath grimmig in ſeinem heißen Ge⸗ hirn: pfui! wie ſchaudert mir vor Eckel..! ach, wie trocken werden mir vor Abſcheu die Augen! Indeſſen entließ der Richter drüben das Aenneli, und ein andres Weibsbild zog vor der Gerichtsbank auf: die Petronilla Zablerin, deren wüſte Stimme ſich alſobald kund gab. Jere⸗ mis Hämpfle unterbrach jedoch ſchnell den Fluß ihrer Anrede, und ſprach ſie ſelber dergeſtalt an, daß Gottrath ſich höchlich verwundern mußte, ſein eigen Schickſal bereits ſo klar im vor⸗ aus ausgeſprochen zu hören. Hämpfle ſagte:„Zablerin, Ihr ſeid ein übel verrufnes Menſch, und wenn Ihr gleichwohl recht gut begreift, warum ſich's bei Eurer Ausſage gegen den Teufelsbanner und Chriſten⸗ verderber Gottrath handelt, ſo kann man ſich doch bei Euch nicht unbedingt der Wahrheit verſehen. Es ſteht feſt, daß jener hölliſche Wehrwolf des Satans Abgeſandter und Schild⸗ 17 knappe; aber auch gegen Euch ſind verdächtige Inzichten ein⸗ gekommen. Ihr ſeid nicht ſauber um's Nierenſtück, Zablerin. Gegen Euch fehlt gerade nur eine Klage von Biederleuten, ſonſt ſäßet Ihr ſchon lang im Kotter, und was nicht iſt, wird ſchon noch kommen. So wahr der Landſtörzer Gottrath auf den Scheiterſtoß geſetzt werden wird, ſo wahr iſt's, daß es auch an Euch, Zablerin, rund herum brenzelt und gloſet, und Eure Aſche mag etwa auch noch einmal auf der Elz dahinſchwimmen, wie es der des Gottrath geſchehen wird.“ „Ach, geſtrenger Herr Richter..“ hob die Zablerin heuleriſch an. „Still da!“ befahl Hämpfle, und fuhr fort:„Es hat ſeine gewiſſen Urſachen, daß Ihr im Volke nur ſchlechtweg die Kandelher genannt werdet. Es ging auch dereinſt von Euch die Rede, als hättet Ihr auf dem Hörnleberg ein Donner⸗ wetter gemacht. Ferner hegt Ihr, wie es heißt, in Eurem Unterſchlupf einen gräßlichen Unhold in ſchwarzer Katzen⸗ geſtalt „Ach, mein armes Teufele!“ grinste das Weib. „Da hört Ihr's, ihr Männer: ſie hat's ſelber„Teufele“ getauft. Alſo verräth ſich das dem Böſen verſchriebene Weib. Wir wollen's uns hinter die Ohren ſchreiben, ihr Männer. Für jetzv haben wir's leider nicht mit der Kandelher zu thun, ſondern mit dem Höllenbränd Gottrath. Und nun ermahne ich Euch, Zablerin, ja nicht etwa in Eurer Ausſage dieſen Euern Sünd⸗ und Zaubergenoſſen ſchonen zu wollen, ſondern lediglich anzugeben, was Ihr von ihm Böſes wißt. Vergeßt ja, daß ſein Herr und Meiſter auch der Eurige, und ſagt Der Erzähler. 1847. n. 2— 18 wenn möglich, die irdiſche Wahrheit heraus, wenn Ihr gleich von der göttlichen abgefallen ſeid. Auf dieſe troſtreiche An⸗ und Zurede antwortete die Zab⸗ lerin heulend mit einem langen Glaubensbekenntniß, mit langen Gebeten und mit unendlichen grauenvollen Beſchuldigungen des Lautenſpielers Gottrath. Die abenteuerlichſten Dinge, die je in Spinnſtuben zuſammengelogen wurden, ſahen ſich über⸗ boten von dem Lügengeſpinnſt, das die Kandelher zu Markte brachte. All jene Schauerlichkeiten fanden gute Aufnahme beim Richter, der, nachdem Petronilla ihren ganzen Sack ausgeleert, dieſelbe weit gnädiger entließ, als er ſie empfangen hatte. „So bin ich denn alſo ſchon verurtheilt und gerichtet!“ ſeufzte Gottrath, immer noch ungewiß, ob er wache oder träume. 3. Aber— welche Stimme rief ihn zurück aus ſeinen träu⸗ meriſchen Gedanken zur Wirklichkeit des Daſeins? Wiederum ein Weib ſtand vor dem Richter Jeremis, und das Weib grüßte den Herrn mit großer Demuth, ja mit der größten Unterwürfigkeit. Und zu ihr ſagte Hämpfle:„Jüdin Rachel, Du biſt da, um vor Deinem Gott) wie vor'm Gott der Chriſten, die Wahr⸗ heit über den Hexenmeiſter Gottrath auszuſagen, verſtanden? Da eure heidniſchen Gewohnheiten, ihr Judengläubige, uns bekannt ſind, ſo darf ich Dir natürlich keinen Eid abnehmen, 19 denn von demſelben haltet Ihr nichts; aber mit der ſtrengſten Körperſtrafe bedrohe ich Dich, wenn Du auch nur einen ein⸗ zigen Umſtand verſchweigeſt, der dazu dient, des Hexenmeiſters Sünden darzuthun. Alſo: Du geſtehſt ein, daß Du den Gottrath bei nächlicher Weile in Dein Haus kommen ließeſt? Gut. Was ſollte er bei euch, wenn nicht ſchwarze Künſte treiben? Dein Vorgeben iſt, er hätte ſollen Deinen Juden ge⸗ ſund machen. Wie iſt's damit ergangen? Er iſt geſund worden, ſprichſt Du? Ei ja, da haben wir alſo das Zauberwerk, voll⸗ zogen auf der vom Teufel geſegneten Zitter, und angewendet zu Gunſten des Juden, der, wie ihr Alle, nicht rein iſt von dem Ausſatz hölliſcher Verknechtung.— Du ließeſt auch noch zum andern Male den Zauberer kommen? Läugne es nicht. Die Zablerin hat geſehen, wie er, von geſpenſtiger Glut im tiefſten Dunkel umſaumt, an Deines Heidenneſtes Pförtlein klopfte, und wie Du ihm öffneteſt. Der feurige Schein ſei noch lang vor der Thüre geſtanden, nachdem der Gottrath ein⸗ getreten. Iſt's wahr, daß unter Deiner Schwelle das Bildniß des Heilandes, den Ihr gekreuzigt, ruht, auf daß alle eure men und bei'm Gehen? Es iſt wahr, daß ſich unter Deiner Schwelle nichts gefunden hat; das kann aber ein Blendwerk geweſen ſein. Hatteſt Du nicht von Gottrath jenes Kruzifir empfangen, um es dergeſtalt zu mißhandeln? Die Zablerin ſagt's aus. Merke wohl auf!“ Von der Vergrabung eines Kruziſtres unter der Schwelle des Judenhauſes hatte nun allerdings die Zablerin nicht das Mindeſte geſagt; das war nur ein Fündlein des Herrn Jere⸗ 20 mis, der gar zu gern durch allerlei ſeltſame Buſchklopferei ſowohl die Angeklagten als die Zeugen einzuſchüchtern und zu verfänglichen Ausreden zu ſtimmen beabſichtigte. Damit ließ ſich jedoch Rachel nicht ſchrecken. Sie antwortete:„Wohl hat der Scherge geſtern an unſerer Schwelle ſich vergriffen, und iſt nichts darunter gefunden worden. Warum? weil eben nichts von der Art, wie Geſtrenger ſagt, darunter jemals verborgen geweſen. Die Kandelher iſt ein gottloſes Unkraut in dem ſchönen Erden⸗ garten. Mein Herr Jecklin und wir Alle in der Jüdiſchheit denken nicht von weitem daran, Euerm Gott Hohn und Schmach zuzufügen, und wollten nur, ihr Chriſten wäret auch ſo billig mit uns. Aber das iſt nicht. Was helfen uns der Kaiſer und der gnädigen Landvögte Gerechtſame, uns vor langen Zeiten verliehen, wenn immerdar mit uns ein muth⸗ willig Spiel getrieben wird?“ „Läſtre nicht, Judenweib!“ zürnte Hämpfle. Aber Rachel fuhr fort: „Doch wird einmal, denkt an mich, eine Zeit kommen, wo alle unſere Feinde frohſelig ſein würden, wenn ſie uns nicht hätten verfolgt, geplackt, geſchunden und gehetzt. Das Recht, das gute Recht ſitzt im Himmel, und einmal wird der hochgelobte Herr der Welt dieſes Recht zu unſern Gunſten loslaſſen, daß Freude ſei in Iſrael, und Trauer in Philiſtäa. Weiter ſag“ ich nichts. Was jedoch den armen Lautenſchlager angeht, ſo weiß ich nichts, die Zauberei betreffend, von ihm, und ich glaube, daß er, wo er ſei, nur Segen bringe, Luſt und Se⸗ gen, nicht Verderben. Sein Angeſicht erquickt, ſeine Stimme thut wohl, und ſein Wandel iſt des Herrn.“ 21 „Ei, Du abſcheuliches Schandmaul!“ fuhr Hämpfle auf: hab ich Dich rufen laſſen, ſein Lob zu ſingen? Gib Acht, gib Acht wären nicht die Briefe der Kaiſer und der Fürſten in der Welt, die Euch, aller Chriſtenheit zum Trotz, an Leib und Gütern ſchirmen, ich möchte Dich fürwahr in den Thurm ſetzen, als des Böſewichts Mitſchuldige. Jedoch— wer weiß, kommt nicht einmal noch an Dich und euch Alle die Reihe! Geduld. Wo iſt Dein Jude, Weib? warum gehorſamt er nicht unſrer Ladung?“ „Mein Eheherr iſt krank zu Bette; er bittet unterthänig, ihm noch für einige Tage das Erſcheinen vor Euern Schranken zu erlaſſen.“ „Sag' ihm, daß wenn er morgen um dieſe Stunde ſich nicht ſtellt, ich ihn aus dem Bette holen laſſen werde. Auch Du beſinne Dich bis morgen, und geſtehe dann die Wahrheit, daß der Hexenmeiſter Euer Haus geſalbt und geſegnet in des Erz⸗ feinds Namen, daß er durch verbotene Sprüche Deinen Juden geneſen machte, daß er, der darauf ausgeht, namentlich die Weiber zu verderben, auch Deine Töchter in ſein Höllenge⸗ ſpinnſt verlockt hat. Ja Dich ſelbſt hat er in Beſitz genom⸗ men, ſonſt träufelte nicht von Deinen welken Lippen ſein Preiſen und ſein Rühmen. He?“ „Wie ein Biedermann und unſchuldiger Knabe der Men⸗ ſchen Herz gewinnt durch frommen Blick, durch treue Rede und durch frohe Lieder, ſo hat er gethan allenthalben und auch in unſerm Hauſe;“ entgegnete Rachel mit gerüſter und zärtlicher Fürſprache:„o Herr, das kennen Tauſende nicht, und wird's auch nicht ſo bald gefunden auf Erden, wenn gleich 2 die Rechtſchaffenheit und Herzensgüte Zaubermittel ſind, die ſelbſt den Frevler und den Spötter überwinden. Ich kann nicht anders von dem Jüngling reden, Herr. Gott ſegne ſeine Mutter; ſie hat einen feinen Knaben zur Welt geboren. Gott richte auch Eure Weisheit auf den rechten Weg, daß Ihr der Bosheit zum Verdruß die Unſchuld ledig laſſet Eurer Bande, und daß Ihr verdient den heißen Dank der Mutter jenes armen Schülers. Verdient, ich wiederhol's, den Dank der Mutter und des Himmels Barmherzigkeit, denn vielleicht kommt bald eine Zeit, in welcher „Hinaus mit Dir, wahnſinnige Prophetin!“ loderte Hämpfle auf, und die Beiſtzer murrten. In dieſem Augenblick ſank Gottrath ohnmächtig von ſei⸗ nem Gerüſte, ſo daß er ſchier an ſeiner Kette ſich erdroſſelt hätte, und ein langes Stöhnen begleitete ſeinen Fall.— Rachel, im Forteilen begriffen, hielt an, und fragte aufſchreckend: „Herr, o Herr, iſt das nicht des armen Zitterſchlägers Stimme?“ Worauf Hämpfle wüthend:„Bald ſoll der Vogel an⸗ ders pfeifen, und Du nicht minder, alte Nachteule! Hinaus mit Dir, und komm' morgen mit geſunden Sinnen und mit redlicher Zunge wieder, oder ich will ſie Dir löſen, Deine Natterzunge, und mit glühenden Zangen die Wahrheit heraus⸗ zwicken aus Deinem heidniſchen Leichnam!—“ Gottraths wirkliche Beſinnungsloſigkeit rettete ihn von der Peitſche, die ihm Hämpfle gern zugedacht hätte. In ſeinem Kerker kam er wieder zum Bewußtſein, von kalten Waſſer⸗ güſſen aufgerüttelt.—„Gott, Gott! eine Mutter!“ ſchluchzte er, in tiefe Trauer verfallend:„hab ich denn noch eine Mutter? 23 O nein, nein ich darf ja nicht, ich varf ſie ja nicht haben! Erlöſe mich, o Herr, von dieſem Leben... ich halt's nicht aus, o Herr!“ Da ſprach zu ihm der Kerkermeiſter, der ſeiner dunkeln Worte Sinn nicht ahnte, mit ungewöhnlich mildem Tone: „Das Leben, Geſell, iſt kurz; wer weiß, wann es zu Ende. Stärke dich zu dem, was kommt. Die Jüdin ſchickt Dir da ein Eierbrod und eine Kanne Wein. Ich ſollte zwar Dir's nicht zukommen laſſen, aber Du fangſt mich an zu dauern. Trink und iß, denn Morgen wird es hart hergehen, und die „Stude“ wartet ſchon auf Dich.“ Der Schließer, deſſen Mitleid von einem reichlichen Trink⸗ gelde der Rachel in's Leben gerufen worden war, verließ den Schüler eiligſt, und riegelte die Pforte zu. Gottrath tappte nach dem Brod, nach dem Wein. Er war ſo matt, ſo zer⸗ ſchmettert!„Aus Mutterhänden!“ rief er voll Begierde aus, hob hurtig zum durſtigen Munde den ſtärkenden Trank; zu⸗ gleich wollte er das Brod brechen.— Da zuckte gleichſam ein rother Blitz durch ſein Gehirn; eine Donnerſtimme ſchien in ſein Ohr zu brauſen:„Gottrath, Du biſt getauft, Du biſt ein Chriſt“— Und ehe er noch einen Tropfen getrunken, einen Biſſen gekoſtet, ſchleuderte er ſo Speis als Trank von ſich, und murmelte dazu:„Verwünſcht ſei; was die Jüdin gebacken und gekeltert! Könnt' ich je den Leib des Herrn ge⸗ nießen, wenn ich— pfui! an dieſe Heidenkoſt die Zähne und die Lippen legte? Hebe dich weg, Verſucher! Ich habe nichts gemein mit jenen gottloſen Heilandsmördern!“ 24 4. Aber noch viel weiter wollte Gottrath gehen; er wollte auch ſeiner chriſtlichen Richter Brod und Waſſer nicht mehr anrühren.—„So viel ich mich— zu meinem Schrecken— aus⸗ kenne,“ ſagte er ſich zu Gemüth,„ſo bin ich verloren und abgeurtheilt, und ſo zu ſagen aus den Reihen der Lebendigen getilgt. Ich bin in der Gewalt einer unbegreiflichen Thor⸗ heit, aber dieſe thörichte Gewalt macht keinen Scherz: ſie wer⸗ den mich als einen Magus verbrennen! Iſts dann nicht beſſer, ich gehe freiwillig von hinnen, und verhungere und verdurſte, wie ſo viele tapfere Männer des Alterthums gethan, da ſie merkten, daß der Boden unter ihren Füßen wich, und keine Hülfe ihnen mehr werden mochte? Ich will ihrem Beiſpiel folgen. Sie werden mich foltern— ich werde in der Angſt und Marter alle Hexenſtreiche bekennen, die ſie mir anſchul⸗ digen.. immerhin! Um deſto ſchneller geht's zu Ende, und was ſoll mir das Daſein, da Aenneli ſo ſchmählich von mir abgefallen, und da ich— wäre ſie mir treu verblieben, doch nicht als Jecklin's Sohn.... o mein Gott! ich kann ja nicht mehr leben! Des geheiligten Jordans Taufwellen wür⸗ den ja nicht die Schthach meiner Herkunft von meinem Haupte ſpülen!— Aber doppelt, o gewiß doppelt wirſt du mir im Paradieſe vergelten, was ich hienieden ſo unſchuldig leiden muß!“— Gottrath hatte Muth und Stärke. Er beſchloß feſt, ſei⸗ nen Vorſatz auszuführen. Damit der Wärter ſein Trachten nicht merke, warf er das Brod den Nagethieren ſeines Kerkers 25 zur Beute hin, und goß das Waſſer in die ſtehende Pfütze des Kerkers aus. Seine Hoffnung war nun einzig der Tod — ob nun der des Hungers, oder der auf dem Holzſtoß, den die peinlichen Richterſtühle gewöhnlich mit außerordent⸗ licher Behendigkeit zu verhängen pflegten— gleichviel. Die barbariſche Schnelligkeit des peinlichen Prozeſſes in jenen Zeiten wäre dem Todesfreudigen ohne Zweifel zu Hülfe gekommen, wenn ſich nicht Dinge ereignet hätten, die Gott⸗ raths Handel für einen Augenblick in ſeinem Lauf aufhielten. Der Schüler wartete vergebens auf ein neues Verhör ſammt „Stude“ und Folterqual. Man ſchien ihn im Kerker vergeſſen zu haben. Die Urſach' war aber folgende. Schon vor längerer Friſt war mit der Metzgerpoſt, die von Baſel gen Frankfurt am Main ging, die Mähre gen Freiburg gekommen, daß das große Sterben in Wälſchland ausgebrochen, und ohne Fehl der Juden und anderer Ketzer That und Frevel an den Chriſten ſei. Zur gleichen Zeit kam Botſchaft übern Rhein aus dem Elſaß und dem Sundgau, daß dort das Gerücht gehe, die Juden hätten die Brunnen zu Kolmar und Schlettſtadt, wie zu Mülhauſen, nicht weni⸗ ger etwelche zu Straßburg vergiftet, um die Chriſtenheit zu tödten, ſo in deutſchen wie in wälſched Landen. Das Entſetzen war groß, der Verdacht, den auch im Breisgau die Juden auf ſich geladen, nicht geringer. Hie und da hatten ſich hebräiſche Wanderkrämer maulfertig gegen Obrig⸗ keit und Gemeinden ausgelaſſen, den Kaiſer gelobt, der ihnen einſt ihre Rechte zugeſprochen, geſchmäht die Amtmänner und Bürgermeiſter oder Schultheißen, die ihnen kaiſerliches Recht 26 verkümmert; und nicht ſelten trutziglich ſich verſchworen und vermeſſen, es werde ein Tag der Vergeltung kommen, da alle Chriſten inbrünſtig wünſchen würden, Juden zu ſein, um dem göttlichen Strafgerichte zu entrinnen. So wurde obendrein zu Freiburg auf Verzeigung von unbekannten Leuten, ein gewiſſer Meiger Naſe, ein herum⸗ ziehender Jude, aufgegriffen, und zum Bekenntniß gebracht, daß er ſich unterſtanden, in die Urſprünge(Brunnenſtuben) der Stadt, Gift zu legen in ſpannenlangen Säckchen, um Peſtilenz und wilde Seuche unter's Volk zu bringe, ſo daß Jeder ſterben mußte, der das Waſſer trank oder zu ſeinem Ge⸗ werb gebrauchte. Er ſei dafür beſchenkt worden von den rei⸗ chen Juden Marklin und Eiſelin„und unterſtützt vom Juden Swendewein aus Elſaß. An der Marter bekannte er ferner— der Meiger Naſe— das Gift ſei ihm geworden von Gotthild, der Jüdin, die es über's Meer aus dem Lande Kanaan gebracht, und eine andre ſtarke Gabe habe ihm der Jude Anſelm von Veringen gegeben, den er in Waldkirch kennen gelernt habe, und der auch mit dem Gift über's Meer gekommen aus dem großen Rath der Juden zu Jeruſalem mit der Weiſung, zu thun, wie geſchehen, damit die Jüdiſcheit erhöhet werde, dies⸗ und jenſeits dem Meere. Die Brunnen zu Baſel, Breiſach, Straßburg und längs dem Rheine ſeien vergiftet und früher oder ſpäter würde der giftige Tod aus⸗ brechen, und den Juden alle Gewalt über die Chriſtenheit geben. Das betheuerte freiwillig und an der Folter der Jude Meiger Naſe bei der letzten Fahrt, die er fahren werde aus dem irdiſchen Leben in's andre. M Allerdings wurden in Folge ſolcher Bekenntniſſe blitzſchnell die reichſten Juden zu Freiburg zuſammengefangen, und auf die Armen die ſchwere Hand des Peinigers gelegt. Und da von den letzten ein ſichrer Gottlieb, ein jüdiſcher Keßler und Landfahrer eingeſtand, daß auch Er den Anſelm und den Mei⸗ ger Naſe zu Waldkirch im Hauſe des Jecklin Keſtenholz kennen gelernt habe, allwo der große Mord beſchloſſen, und von wannen ſie, nachdem ſie zu Waldkirch den Brunnen am„Bu⸗ chenbühl“ vergiftet, ausgegangen ſeien in alle Welt zü gleicher Vertichtunß— ſo ſchickten Schultheiß und Rath von Frei⸗ burg an die zu Waldkirch einen geheimen Boten mit der ſchlimmen Poſt und der Mahnung, ohne Verzug vorzufahren, damit gemeines Weſen nicht Schaden leide. Dieſe Botſchaft war zu Waldkirch an dem Abend nach Gottraths Verhör angelangt, und in der Nacht wurden ſchon die Juden des Städtchens ſammt und ſonders, an ihrer Spitze der reiche Jecklin Keſtenholz, beim Kopfe genommen, und in die Gefängniſſe im Stadtgraben— ſchlimmer noch als die im Rabenthurm— geworfen. Unbekannt jedoch mit ſolch um⸗ faſſenden peinlichen Unterſuchungen, und den hohern Einſichten ihrer Nachbarn und Bundesgenoſſen zu Freiburg mehr ver⸗ trauend, als der richterlichen Uebung des Herrn Jeremis Hämpfle, hatten Bürger und Rath von Waldkirch um einen Verhör⸗ und Spruchrichter aus Freiburg angehalten, der auch vie dort abgehaltenen Judenverhöre und ihren Zuſammenhang mit den miſſethäteriſchen Giftmördern zu Waldkirch genau verſtehe und aufs Dipfele kenne.— Dem Wunſche der guten Nachbarn zu willfahren, war auch bald darauf der geſtrenge 28 Gerbot von Kentzingen, ein noch raſcher und hitziger Mann in beſten Jahren, gen Waldkirch entſendet worden, und nahm des Hämpfle Stelle an der Gerichtsbank ein, zu welcher er alſo⸗ bald andere Beiſitzer aufbot, die ſeinen Jahren und ſeinen Rechtsanſichten entſprechender waren, als des Jeremis Riemer und Huterer. Er hielt ſeinen Einzug in den Verhörthurm unter'm Zulauf alles Volks, umgeben von den Rathsverwandten der Stadt, worunter ſich der Herr von Falkenſtein, der Schirm⸗ herr von Kaſtelberg, gemiſcht, und gefolgt von bewaffneten Bürgerrotten, in deren Mitte ſchwer gefeſſelt die zur Haft gebrachten Judenhaushaltungen von Waldkirch, ſowie auch nicht wenige, als Zeugen und Angeber berufne Juden von Frei⸗ burg; die, bevor ſie ſelber zum Tode gingen, noch eine Menge von Glaubensbrüdern dazu reif machen ſollten. 5. Herr Gerbot von Kentzingen hatte bereits vierundzwanzig Stunden lang ſein Amt verwaltet, ſtreng und unermüdet— die angeſchuldigten Juden wußten davon etwas zu erzählen— und ſaß ſchon wieder am frühen Morgen in der Verhörkam⸗ mer, beſchäftigt, die vor ihm liegenden äußerſt kurz gefaßten Protokolle zu überleſen; die Beiſitzer, die mit ihm in verwich⸗ ner Nacht bis nach der zwölften Stunde verblieben, waren noch nicht zum neuen Tagwerk erſchienen. Gerbot war allein und freute ſich der ſo kräftig begonnenen Arbeit. Da trat vor ihn der Kerkermeiſter und berichtete, er habe 29 den Herenmuſikanten Gottrath ohnmächtig in ſeinem Gefängniß gefunden, und nachdem er denſelben mit Müh' und Noth wieder zu ſich ſelber gebracht, von ihm erfahren, daß er ſeit mehreren Tagen der Nahrung ſich enthalten, hoffend auf einen baldigen Tod und Ausgang ſeines leidenvollen Daſein's. Seine Natur habe wacker ausgehalten, bis eben in verfloſſener Nacht plötzlich ein wildes Geſchrei, als wie von Eulen und andern nächtlichen Klagvögeln, ihn bis in's Mark tief erſchüttert habe, worauf er, ſein Abſcheiden nahe vermeinend, in völliger Schwäche dahingeſunken. „Ich bitte um Chriſti willen,“ ſetzte der Hüter hinzu, „Ew. Geſtrengen wollen den armen Sünder, den ſogar ſein Herr und Meiſter, der Böſe, ſchnöde und treulos in ſolcher Herzensſchwäche verlaſſen, mit etwelchen tauglichen Worten wieder zur Vernunft bringen, und ihm in die Seele reden, welche Sünde es ſei, auf ſolche Hungerweiſe das von Gott verliehene Leben hinzuopfern, und der Gerechtigkeit in's Amt zu greifen. Ich richte ſchier nichts mit ihm, und nur mit ärgſtem Widerwillen hat der Zauberer die paar Tropfen Weins hingenommen, die ich ihm mit Zwang und Gewalt zur nöthi⸗ gen Stärkung einflößen mußte. Vielleicht daß er, auf Ew. Geſtrengen Zureden und Aufmahnung, dem Teufel, der ihn im Stiche gelaſſen, abſagt, und vor ſeinem Ende noch mit dem Allmächtigen ſich verſbhnt. Um Gotteswillen alſo, habt die Gnade, Herr!“ Der Richter lächelte in ſeinen Bart, und befahl, den Herenmeiſter vorzuführen. Nach einiger Zeit erſchien denn auch Gottrath, blaß und 30 abgefallen, vor Gerbot, und wunderte ſich, an der Stelle des Talgſtotzen Hämpfle einen rüſtigen wohlgefärbten Mann zu finden, dem die Lebensluſt aus den Augen lachte, und der ſich auch mit abſonderlicher Herablaſſung an ihn wendete. „Heda, guter Geſell,“ redete ihn, nachdem der Kerker⸗ meiſter abgetreten, der Richter an:„Was muß ich von Dir hören? Du willſt ſterben, bevor noch das Gericht Dein Ur⸗ theil fällte? Sieh da, wie niedergeſchlagen, Du luſtiger Zither⸗ ſchläger? Ganz anders ſtellteſt Du Dich dar, als Du zu Freiburg im Geſellenhaus„zum Gauch“ Deine Lieder ſangſt, und uns Allen einen vergnügten Abend machteſt? Ich war dabei, und muß Deine Kunſt loben und mich betrüben ob Deines jetzigen Zuſtands. Bei des Elias feuriger Himmel⸗ fahrt, wie konnteſt Du in die Stricke der Philiſter fallen?“ Dieſe Rede, heiter und gutmüthig vorgetragen, war für Gottrath ein ſtarker Balſam.„Endlich hör' ich doch wieder eines Menſchen Stimme!“ ſagte er dankbar bewegt und zitternd vor freudiger Hoffnung. „Homo sum, und ſo weiter, wie es bei dem Terenz heißt; fuhr Gerbot fort:„aber ich bin auch ein geſchworner Richter, der Geſetze Dolmetſch und ein Feind von ſchlimmen Thaten, und muß Dir unumwunden ſagen, daß Du ſchlecht handelſt, wenn Du Dir ſelbſt die Gurgel zuſchnürſt, an die Meiſter Hämpfle noch bis heute nicht getaſtet. Da liegt Dein Schuld⸗ und Verhörbrief, ich habe ihn geleſen. Unter meinem Rich⸗ terſtabe ſtehſt Du— merke wohl: wenn Du Dich deſſen würdig machſt— fortan, und auf Deine Aufrichtigkeit wirds ankommen, ob Du dereinſt noch als ein freier 3 31 Mann den blauen Himmel ſehen wirſt, oder nicht. Hörſt Du?“ „Ach Herr,“ entgegnete Gottrath, von ſolchen Worten ſtill beſeligt:„ich bin von Kindesbeinen ein aufrichtiger Knabe geweſen, und bin's auch vor dem Herrn Hämpfle geblieben. Wie ſoll ich mich aber, wie meine Ankläger und Richter for⸗ dern, zu Teufelswerken bekennen, an denen ich keinen Theil habe? Ich ein Hexenmeiſter? meine arme Laute ein ſatani⸗ ſches Spielzeug?“ Gerbot zuckte lächelnd und ſpöttiſch die Achſeln, dazu ſa⸗ gend:„Die Dummheit iſt eine Fürſtin dieſer Welt, und ewig wird die Mehrzahl des Menſchengeſchlechts aus bösartigen Narren beſtehen Das allein iſt der wahre Teufel auf Erden, der da geht wie ein brüllender Löwe, ſuchend, wen er ver⸗ ſchlinge. Der Aberglaube regiert, und die Pffaffen ſind ſeine Herolde. Das iſt eine alte Geſchichte, und man muß klug ſein, und gute Freunde haben, um ſich vor der Vergewaltigung des Unfinns zu erretten.“ Wie dem armen Gottrath das Herz aufging, obſchon er mit dem Ausfall auf die Prieſter des Herrn keineswegs ein⸗ verſtanden war! Der Richter ſchien ihm jetzo Einer von den ſeltenen Männern auf Erden, die ohne Vorurtheil die Augen offen halten, und mit Menſchlichkeit und Weisheit zugleich die Wage der Gerechtigkeit handhaben. Wie war's nur zugegangen, daß Gerbot ein ſolcher Aus⸗ bund von Freiſinnigkeit in jener finſtern Zeit geworden war? — Er war ein ſogenannter„Scheermüsler«“, der Anhänger einer gewiſſen kleinen im Verborgnen ſchleichenden Sekte, die 32 von ihrem Urheber, der ein verdorbner Straßburger Student, Namens„Scheermus“ geweſen, alſo genannt wurde. Dieſe Leute hatten in ihrer Begierde, der trocknen Vernunft die Ehre zu geben, das Kindlein mit dem Bade ausgeſchüttet. Es gab für ſie zwar keinen Teufel, der auf den Menſchen hätte einwirken können; kein Hexenwerk, keine Zauberei; aber dafür leugneten ſie auch ungefähr Alles, was der Welt von Alters her heilig und werth geweſen. Die Scheermüsler, meiſtens dem richterlichen und Fürſprech⸗Amte angehörig, ſehr wenig zahlreich und natürlich zu Geheimhaltung ihrer Grundſätze von der Nothwendigkeit angehalten, führten im Dunkeln einen harten Kampf der Schreiberei gegen die Kleriſei, die jene Ge⸗ walt im Volke beſaß, die den Schreibern ſelber höchſt anſtän⸗ dig geweſen wäre. Am hellen Tage, vor Aller Augen katz⸗ buckelten ſie vor der Pfaffheit; nächtlicher Weile, unverſehens, hinterrücks verſetzten ſie ihr mänchen Streich, der um ſo weher that, als meiſtens der Arm verborgen blieb, der ihn geführt. Gerbot, der Scheermüsler⸗Freigeiſt, war ein leidenſchaft⸗ licher Bruder, und lag daher, unbeſchadet ſeiner ſtillen Fehde mit der Kirche und dem Aberglauben, in manchen Stücken, wo ſich's um Neigung und Abneigung handelte, ſehr im Argen. Es mußte nur gerade die Weiſe aufgeſpielt werden, die ihm zuſagte, ſo konnte er noch heftiger in Feuer und Flamme ge⸗ rathen, als je der würdige Auguſtin Reitwohl auf der Kanzel oder der eifrigſte Ketzerrichter auf der Gerichtsbank. „Es iſt Dummheit, dementia maxima,“ rief er,„die mit Dir von den hieſigen Strobelköpfen getrieben wird. Wer ſich die natürliche Zauberei eines geſchickten Mufikanten nicht 33 den Fingern abzählen kann, iſt ein Eſel, der ſelber auf den Scheiterhaufen gehört. Aber was hilft das, Geſell? Die Dummheit hat das Heft in der Hand, und Du warſt, wie ich erſehen, nicht klug— ſonſt hätteſt Du nicht als ein lie⸗ derlicher wankelmüthiger Springinsfeld des reichen Pfenninger Töchterlein ſitzen laſſen, nachdem Du wahrſcheinlich von allen Kirſchen und Roſen in ihrem Garten gekoſtet— und Du hatteſt keine guten Freunde. bis zu dieſer Stunde. Jetzo ſitzt Einer vor Dir, und Du ſollſt in Freiheit und wiederum leicht die Welt durchwandernd meinen Beiſtand loben, wenn Du mir in einem Punkte ein kleines, armes, aber höchſt nöthi⸗ ges Geſtändniß ablegen willſt.“ Gerbot's Vertraulichkeit fing an, den Schüler zu befrem⸗ den.—„Was befehlt Ihr?“ fragte er zaudernd. Und Gerbot ging mit der Farbe heraus, mit grimmiger Heftigkeit ſagend: „Wenn's einen Teufel gäbe, er müßte die Juden geholt haben ſchon längſt. Jetzo hat aber ihre Stunde geſchlagen. Sie müſſen von Grund aus verbluten unter unſern Federn, unterm Henkerſchwerdt, unter dem rollenden Felſen des Volkszorns. Wohl mir, daß ich an dieſer reichlich beſetzten Tafel ein Vor⸗ ſchneider geworden bin. Sie haben's lang bei mir auf'm Kerbholz. Haben nicht die Hunde von Juden meinen Vater aus einem reichen zu einem armen Manne gemacht? Waren ſie nicht ſchuld an der Armuth meines jungen Lebens? Haben ſte mich nicht als Studioſen grauſam gebrandſchatzt? Donner und Hagel, ich will ihnen jetzv auf meine Art die Fecnu machen. Höre!“ Der Erzähler. U. 1847. 3 34 Er erzählte dem ängſtlich zuhorchenden Gottrath, was ſich in Baſel, Breiſach, Freiburg begeben, und was jetzo zu Wald⸗ kirch mit den Juden aufgeführt werden ſollte; er berichtete von den Ausſagen des Meier Naſe und des Gottlieb gegen Jecklin Keſtenholz.— Dem Gottrath ſank nach und nach das Herz und der Muth. „Geſtern habe ich ſie vorgehabt,“ fuhr Gerbot fort:„Hätteſt ſie an der Stude nach Gott ſchreien hören ſollen! Doch, wie ich meine, haſt Du ſie gehört. Des Iccklin, der Rachel, des Jul und der Judendirnen Gezeter war ja eben der mitternäch⸗ tige Eulenruf, der dich dem Tode nahe brachte. Ich ließ nicht nach, ich wollte mit Macht erzwingen, was ſie nicht frei be⸗ kennen wollten! Alles umſonſt! Sie ſchrieen, zeterten, male⸗ deiten, aber ihre Zunge wurde nicht locker. Was geſchah noch ferner? Die anklägeriſchen Juden ſattelten um, und, ihres Todes ohnehin gewiß, nahmen ſie gegen den Jecklin ihre Aus⸗ ſage zurück. Wer weiß, was die Hundeſeelen umgedreht hat, wie einen Handſchuh! Doch meine Geduld iſt lang; ich ſchneide langſam, aber bis auf den Knochen. Du ſollſt mir beiſtehen. Ich leſe hier, daß Du im Judenhaus geweſen, daß die Kandel⸗ her ausgeſagt, daß Du zur Nachtzeit nebſt mehreren Juden⸗ beſtien aus JIccklins Haus getreten. Du biſt hinter die Ver⸗ ſchwörung gekommen, Du weißt um die Brunnenvergiftung. Rede fröhlich Deine Sach' heraus, liefre mir den Jecklin und ſein ganzes Neſt mit Deinem Zeugniß friſch und ſchnell an's Meſſer, an den Feuerbrand. Sodann nehm' ich zum ſchuldi⸗ gen Dank,— mein Ruhm und meine Seelenfreude wär's, ſchon morgen die Sippſchaft lodern zu ſehen— Deinen ganzen i 35 Handel aus des dummen Hämpfle plumpen Fäuſten, und Du ſollſt ledig gehen der Klage, und noch in die Fremde mitneh⸗ men den beglaubigten Ausweis, daß Deiner treulichen Verzei⸗ gung das Lob gebühre, die Judenhetze hier ſchnell und ſiegreich zu Ende geführt zu haben. Geſchwinde, biſt Du bereit? Gleich ſollen die Beiſitzer hier ſein, Deine Ausſagen zu vernehmen!“ Auf dieſe Worte hin war Gottrath plötzlich geſcheidt geworden, und vor ihm lag klar das böſe Wollen des Gerbot, aber auch die Schuld des Juden Jecklin, die Verſchwörung der Hebräer, die der Schüler an jenem ihm ewig denkwürdigen Abend hatte aus Jecklins Hauſe gehen gehört. Das ſeltſame Benehmen des Jecklin nach ſelbigem Abſchied und ſeine noch ſeltſamern Reden, die ängſtliche Warnung der Rachel, da ſie ihm auf der Gaſſe begegnet und Lebewohl geſagt, all dieſes hatte jetz für ihn die rechte Bedeutung. Der Mordberſuch an der Chriſtenheit war kein Traum, kein Hirngeſpinnſt; die geknechteten jüdiſchen Thoren hatten den wahnſinnigen Verſuch gemacht, zu dem einige betrügeriſche nach Geld lechzende Aben⸗ teurer unter falſchen Vorſpiegelungen ſie verführt. Aber dieſe Wahrheit, durfte Gottrath ſie ſagen? dieſes pflichtgemäße Zeugniß, durfte er es ablegen? Wenn gleich dem Volke grollend, das den Menſchenſohn gemordet, durfte er frevelnd ſeinem Vater, ſeiner Mutter, ſeinen Schweſtern, die jenem Volke angehörten, den Holzſtoß bereiten? O nein, o nein! es koſtete ſeinem Glauben und ſeinem Herzen nur einen ge⸗ ringen Kampf. Mit zerſtörten Zügen, den Angſtſchweiß auf der Stirn, packte er krampfhaft den Arm des Richters, der ſchon nach dem Glockenſeil gegriffen, um Befehl zu geben, die 36 Schöffen zu beſcheiden.„Halt!“ rief Gottrath:„haltet ein, Ge⸗ ſtrenger. Ich habe nichts, gar nichts zu bekennen.“ „Was iſt das?“ fragte Gerbot ſtaunend:„Willſt Du mir Gewalt anthun? Viſt Du im Hirn letz, daß Du Dich ſträubſt, ein Wort zu ſagen, welches Dir den Kerker öffnet?“ „Herr!“ ſtammelte Gottrath, die Hände ringend:„Ich kann ja nicht.. ich darf ja nichts ſagen, und wenn ich alles wüßte!“ „Wie? Du darfſt nicht?“ fuhr Gerbot auf:„So ſtehſt Du alſo in Jecklins Solde, wie die verdammten Hunde, die ihre Anklage widerriefen? Warte, warte! mit Dir will ich bald fertig werden. Heda, Kerkermeiſter! den Freimann herauf, ſeine Schergen herauf! da iſt Arbeit für ſie!“ Während der Schließer beſtürzt davon eilte— er war auf den grellen Ruf des Richters hereingetreten— warf ſich Gottrath zu Gerbots Füßen, umklammerte in höchſter Seelen⸗ angſt ſeine Kniee, küßte den Staub von ſeinen Schuhen, und flehte inbrünſtig genug, um Steine zu erweichen, um Gnade und um Erlaſſung der fürchterlichen Probe.—„Ich kann und varf ja nichts auf den Juden bekennen!“ war aber ſein erſtes und ſein letztes Wort, wodurch Gerbot immer mehr in Zorn und Galle gejagt wurde, ſo daß von Gnade keine Rede ſein konnte.. Der Freimann und ſein Knecht erſchienen unverzüglich, befreiten den Richter von dem Schüler, der auf ſeinen Knieen ihm gefolgt war von einer Ecke der Stube in die andere, und banden den armen jungen Mann auf das Reck an der Stude. Alſobald hob die Marter an, und wiewohl die Schergen, müde . 37 noch vom vorigen Tage, ihr Handwerk läſſig genug betrieben, und dem Patienten gerade nur in ſoweit zuſetzten, daß ihre Lauheit dem Richter nicht auffallen konnte, ſo war doch ſchon der geringſte Grad der Folter hinreichend, dem Gottrath mer⸗ ken zu laſſen, daß er einen höhern nicht überſtehen würde, ohne zum ſchwachen ſchreienden Kinde zu werden, und Alles zu verrathen. Da wagte er, von innerer Pein übermannt und die äußere Pein fürchtend, dem Gerbot plötzlich von der Folterleiter zuzu⸗ rufen:„Domine! quo pacto tandem indicem, quum sacra sanguinis vincula Judaeo me conjungunt? Detegam tibi aliquid, si in perpetuum conticescere mihi promittis; nam alioquin maculam notamque ipse mihi inurerem!“ Und ihm antwortete Gerbot, der überraſcht der unver⸗ hofften Rede gelauſcht:„Loquere; tacebo; ita me Peus adjuvet, tacebo!“ Worauf Gottrath, dem Worte vertrauend, wenn ſchon dieſes Vertrauen gewagt war:„Jam audi: Judaeus est pater meus, mater mea est Rachel. Quid ergo mihi, quaeso, in eos indicare liceret?*)“ *)„Herr! wie ſoll ich Zeugniß geben, da mich mit den Juden heilige Bande verbinden? Wenn Ihr mir verſprecht, ewig zu ſchweigen, will ich Euch etwas entdecken; wo nicht, würde ich mir ſelbſt ein Brandmal aufbrennen.“—„Rede; ſo Gott mir hilft, ich will ſchweigen.“—„So hört: der Jude iſt mein Vater, Rachel meine Mutter. Wie ſoll ich auf ſie 38 Der Richter fuhr mit allen Zeichen höchſten Entſetzens zuſammen, und wär' er nicht ein„Scheermüsler“ geweſen, er hätte ein Kreuz geſchlagen, wie die gewöhnlichſte Betſchweſter. Mit abgewendetem Geſichte und abweiſenden Händen ſagte er: „Quum ita est, tace! Sed taciturnitas tua mihi necessitatem injungit, ut te judici tuo legitimo permittam!“ Somit war denn freilich die ſtrenge Frage zu Ende, aber auch das gute Vernehmen zwiſchen Gottrath und Gerbot. Der Schüler wurde augenblicklich dem Richter Hämpfle überant⸗ wortet, der ſeinerſeits die größte Freude hatte, auch ſein Scherf⸗ lein zum großen Brandopfer, das ſich in Waldkirch vorbe⸗ reitete, zu liefern. Auf den Freiburger Richter grimmig eifer⸗ ſüchtig, that Hämpfle nicht den geringſten Zug, um zur völli⸗ gen Enthüllung des Judenfrevels beizutragen. Daher begnügte er ſich, in dem Schlußverhör des Gottrath blos auf die Zau⸗ berei hin zu fragen und zu forſchen, und zu ſeiner Verwun⸗ derung, wie auch zu ſeinem Vergnügen, ſagte Gottrath, län⸗ gerer Pein überdrüſſig und des Lebens müde, zu allem ein ungezwungenes„Ja.“— 6. Geſchwinde jetzo einen hurtigen Blic in den grünen Wald, der zwiſchen Freiburg und Waldkirch von Berg zu ausſagen?“—„Wenn es ſo iſt, ſchweige Du. Aber Dein Schweigen zwingt mich, Deinem rechten Richter Dich zu überantworten. 39 Berge ſtrich, und die Straße luſtig beſäumte. Da ſaßen — zwei Tage nach dem letzten Verhor des Gottrath— in dichtem Gebüſch zwei ehrwürdig ausſehende Herren auf einem Raſenhügel: der eine von ihnen ein ritterlicher Mann, grün gekleidet wie der Wald, den Jagdſpieß an der Seite, umlagert von weißen Rüden; der andere ein geiſtlicher Wandersmann im Pilgerhut, worauf ein Muttergottesbild geheftet, den Pil⸗ gerſtab mit der Kürbisflaſche in der Hand. Der adelige grüne Herr mit ſtolzen aber gütigen Zügen war der Ritter von Fal⸗ kenſtein, Schirm⸗ und Vogtherr auf Kaſtelberg und Schwarzen⸗ berg; der geiſtliche Pilger war der Pfarrherr Klaus Dietſchi, der noch mit dem Staub der Alpen auf den Schuhen da ruhte, ſo zu ſagen vor den Thoren ſeines Schafſtalls. Ach, welche Ruhe! Da war nicht Friede, denn in bitterm Gram verzogen war Dietſchi's Geſicht, und mit ſtammelnder Zunge fragte er den Ritter, der eben aufgehört zu reden: „Um aller Heiligen und Martyrer willen! iſt denn alles wahr, was Ihr mir geſagt? Ich glaube, ich faſte, und liege dahin in einem Fieber, in einer Trunkenheit von Wein? Mein Pflegſohn ein Zauberer, mein Gottrath zum Tod in den Flammen verdammt?“ „Wie ich Euch ſagte, Hochwürdiger;“ verſetzte Falkenſtein: „es hat ſich begeben vor meinen Augen. Was ich mir dabei dachte, errathet Ihr, frommer Meiſter; aber unklug wär's vor dem ganzen Volk von Raſenden auszuſprechen geweſen. Nach meinem Dafürhalten ſtirbt der arme Knabe morgen den Tod des Gerechteſten neben den verruchten jüdiſchen Schächern, die wo möglich noch mehr als den Scheiterhaufen verdient hätten.“ 40 „Morgen ſchon! mit den Juden? Herrgott! wie iſt das nur möglich? Wie konnte er nur bekennen, was nicht wahr iſt? denn er iſt gewißlich nicht des Teufels; mit meinem ge⸗ weihten Haupt bürge ich dafür!“ Und der Greis raufte ſich das Haar.— Dann hob er wieder an:„Ihr, Herr, den ich hier im Walde angetroffen zu haben dem Zufall danke, Ihr ſeid ſo grauſam, mir zu verbieten, in Perſon vor des Armen Richter zu treten, den häßlichen Reitwohl mit ſtrenger Rede zu demüthigen, und meines Gottrath Leben dem Henker ab⸗ zutrotzen?“ „Ich meine es zu Eurem Beſten;“ entgegnete der Ritter: „Ihr würdet unterliegen; das Gericht hat geſprochen, keine Fürbitte hat geholfen; Gott iſt jetzt hier allein Meiſter. Noch mehr: Ihr würdet Euch Schmach und Spott bereiten, frommer Herr. Der Kaplan hat tauſenderlei Gerüchte von Eurer Va⸗ terſchaft zu Gottrath den Leuten in das Ohr geblaſen. Man nimmt den armen Sünder allgemein für Euer in Schwäche und Unehren erzeugtes Kind.“ „Herr Ritter, meine Ehr' iſt rein und blank wie Euer Schild!“ rief der Pfarrherr mit offner Stirne, die Hand wie zum Schwur erhebend: Der Gottrath iſt ein Judenkind, das ich— damals ein Reiſender— zu Edlisheim im Elſaß, als ein vergeßnes und verlaßnes Geſchöpf aus den Flammen des Juden⸗ hauſes rettete, und gleich von dannen trug durch Nacht und Nebel, um in der nächſten Kirche es in aller Stille dem wahren Gott, dem Chriſtenglauben zu weihen. Sein heidniſch Volk hatte ihm noch kein Zeichen der Schmach aufgedrückt; völlig rein wurde er ein Sohn des Lebens„ein Erbe im Reiche 41 Gottes. Ich habe nie, nie nach ſeinen Eltern gefragt, ich hab ihn fern hinausgetragen in meinem Mantel, ich habe ihn aufgeäßt, wie einen Vogel, der aus dem Neſt gefallen, ich habe mit ihm mein Brod getheilt, damit er wachſen und ge⸗ deihen konnte.. und nun, da ich an ihm den Freund mei⸗ nes Alters und einen Nachfolger gewonnen zu haben ver⸗ meine— ſoll er, der in Flammen gleichſam geboren, dahin⸗ ſterben in Flammen und ein ruchlos Gedächtniß zurücklaſſen auf Erden?“ „Ich fühle Euern Schmerz, als wär's der meine;“ ant⸗ wortete der Ritter:„Beruhigt Euch indeſſen, und vernehmt, daß ich bereits für mich beſchloſſen habe, den Gottrath zu be⸗ freien mit Gewalt.“ „Mit Gewalt? Wie? o ſagt! o redet!“ „Mir brach das Herz, als ich an den Schranken das Urtheil ſprechen hörte. Kaum ſind ein paar Sonntage hin⸗ gegangen, ſeit Gottrath mit ſeinen trefflichen Meiſterliedern mein Schloß geziert, entzückt, mein Ohr in's Paradies verſetzt hat. Solche hohe Friedens⸗ und Freudenkunſt darf nicht alſo elend zur Grube fahren. Ich laß' den Gottrath morgen aus dem Armenſünderzuge rauben, über den Rheinſtrom füh⸗ ren und verbergen, bis eine neue Heimath, ein beſſres Loos für ihn gefunden.“ „O Herr.. mein Wohlthäter!“ ſchluchzte Dietſchi, und wollte des Ritters Hand küſſen. Falkenſtein erwies jedoch dem Prieſter ſelbſt dieſe Ehren⸗ bezeugung und fuhr fort:„Seht: ich hab' ein Dutzend Knechte auf'm Kaſtelberg, die ich ohnehin nächſtens entlaſſen hätte, 42 weil ſie am Heimweh leiden. Es ſind Franzoſen, die ich einſt geworben, da ich den Herren von Vlamont und Mümpelgard zu Hülfe ritt, und ſtammen von Waldenſern, von Ketzern allerdings, doch ſind's brave Leute, die mich ungern verlaſſen. Sie ſollen den Streich ausführen, der ihr Waldenſer⸗Gewiſſen nicht beſchweren wird. Ihr gewinnt dann wieder irgendwo Euern Pflegling, ich waſche meine Hände in Unſchuld, und— wie lang, und der Handel iſt vergeſſen? Nicht wahr? ſo geht's gut? Seid indeſſen aber mein Gaſt. Nicht gut wär's, wenn man von Eurer Anweſenheit im Land für jetzv was erführe.“ „Ihr gebt nicht nur meinem Sohn, Ihr gebt mir das Leben wieder!“ rief der Pfarrherr, den Ritter umarmend, der ihm lächelnd ſagte:„'s wird gehen, glaubt mir. Ich ver⸗ ſteh's, ein Reiterſtücklein anzugeben.“— Hierauf entfernten ſich Beide auf ſchmalen Pfaden ungeſehen von den Leuten, die im Walde hin und wieder ſtreiften, und näherten ſich allge⸗ mach dem Schloſſe, worinnen der Ritter hauste.——— Während dieſes ſich zutrug, ſaßen auch in der Stadt, in Heiri's Werkſtätte, Zweie einander gegenüber, und Einer ſah ver⸗ drießlicher wie der Andere, und am verdrießlichſten war Heiri's Gegenüber, der Feilenhauer Colman. Er biß grimmig in ſeine Fäuſte, und knirrſchte dabei:„Die Zablerin, die Kandelher iſt an allem ſchuldig. Sie hat mich aufgeſtiftet und verführt! Hätt' ich den Gottrath nicht aufgehalten und niedergeworfen, er wäre fort, kein Hahn krähte mehr nach ihm„ und Aenneli wäre bei Vernunft, und grämte ſich nicht ſchier zu Tode um den leichtfertigen Zitterſchlager!“ Heiri erwiederte trocken und brummig:„ Freilich wär's 43 alſo ergangen, aber die Leidenſchaft und eine alte Vettel ſind ſchlimme Rathgeber. Jetzo haſt Du die Beſcheerung. So der Gottrath morgen verbrannt wird, geht das Aenneli zu Grund, nicht aus Lieb', denn ſie müßte nicht ein Weibsbild ſein, um nach dem erſten Taumel der Angſt ferner noch den zu lieben, der ſie verlaſſen wollte— aber aus Gewiſſensangſt, daß Ihr Zeugniß ihm das Todesurtheil geſprochen haben möchte. Dann haſt Du jedoch eine Leiche zu umarmen und nicht ein lebendig Weib. Was willſt Du thun?“ Brägenauer gab ſich ein vaar tüchtige Kopfnüſſe und ſchrie„Ja, was ſoll er thun, der Stierkopf, der Steinbock, der Kerl mit den langen Eſelsohren?“ Heiri hieß ihn ſchweigen, und ſagte ihm vertraut:„Ich für meinen Theil laß' den Gottrath nicht auf den Brand und müßt' ich ihm mein Meſſer auf dem letzten Gang in's Herz ſtoßen.“ Colman entgegnete blöde:„So oder ſo,— das Aenneli geht mir doch drauf, wann der Landfahrer hin wird—“ „Nun, und was dann? Wollen wir etwas wagen?“ „Was?“ „Ein dreißig oder vierzig junge Geſellen auftreiben, die uns lieb und Freude an Gottraths Liedern haben 2 „Nun, und?“ „Während es zum Briel an der Eltz geht mit dem Judenpack, ſo gibſt Du mit den Geſellen Achtung... ich wollte ſchon gern den Heuſchopf hinten am Garten anzünden. Ihr ſchreit dann Feuer. in der Verwirrung macht Ihr den Gottrath los.. für das Entſpringen wird er ſchon ſorgen?“ 144 „Topp, wenn Du ſelher dabei biſt?'s braucht ja nicht natürlich zu brennen... wir ſchreien Feuerjo und Hilfio, bis Alles darunter und drüber.“ „Meinetwegen auch. Gelingt's, will ich Dich halten als meinen beſten Freund, Colman.“ „Geb's Gott, daß Aenneli mich dann von Herzen liebe, wenn ich ihr Gewiſſen mit dem Gottrath zugleich befreit habe.“ „Das wird ſie, Brägenauer. Jetzt mach' Dich auf mit mir, die Freunde zu werben.“ „Pah! ſind bald gefunden. Mit dreißig Burſchen unſers Schlags jagen wir all' die grauen Raths⸗ und Gerichtsherren ſammt ihren Schergen aus dem Feld. Aber— eins verſprichſt Du mir?“ „Was?“ „Die Zablerin muß eins abkriegen. Braun und blau, roth und grün.. Du verſtehſt mich ſchon? Denn die Her' iſt eben ſchon an allem ſchuld.— Jetzt laß uns gehen!“ 7. Ein blutig Morgenroth ſtieg als Herold des Schreckens⸗ tags auf, den das Städtchen Waldkirch erleben ſollte. Der Wind ſtöhnte aus Mittag, die Wolken jagten in rieſigen und furchtbaren Geſtalten, ſchwarz und traurig anzuſehen, am Him⸗ mel hin und her. In den Gaſſen fluthete das Volk ab und zu; draußen auf dem Briel an der Elz umwimmelten Tauſende von Menſchen aus allen Revieren des Waldes und des Rhein⸗ thals die ragenden Holzſtöße, die ihre Opfer erwarteten. Im Rabenthurm war viel Getümmel. Von dort ſollte 45 der Zug der zum Tode Verurtheilten ausgehen. Von einem Augenblick zum andern harrte man der Juden, die aus den Kerkern des Stadtgrabens herbeigetrieben werden ſollten. In⸗ nerhalb der Pforte des Thurms unterhielten ſich die Gerichts⸗ diener und Schergen, ſo wie die Bewaffneten, die zum Geleit der Miſſethäter beſtellt waren, von dem geſtrigen Urtheilsſpruch, von der Verſtocktheit des Jecklin und ſeiner Genoſſen, die da⸗ rauf geblieben, nichts zu bekennen, obſchon ihre Ankläger Gottlieb und Meiger Naſe nach kurzer Verweigerung ihrer Ausſage, dieſelbe ſtrenger als je erneut und wiederholt hatten. Geſprochen wurde ferner mit allgemeiner Theilnahme von der Sanftmüthigkeit, womit der Herenmeiſter Gottrath alle ſeine Sünden bekannt; von der Reue, womit er dem Teufel und allen ſeinen Werken abgeſagt, das Sakrament aus den Hän⸗ den ſeines bittern Anklägers Reitwohl empfangen; von ſeiner Gelaſſenheit und ächt chriſtlichen Geduld im Ange⸗ ſicht des ſichern Todes. Geredet wurde auch mit einiger Schadenfreude von der Krankheit, die den Richter Hämpfle in verwichner Nacht befallen, und ihm unmöglich gemacht, am heutigen Tage der Hinrichtung dabei zu erſcheinen. Indeſſen kam der Richter Gerbot mit Comitat heran, und übernahm den alleinigen Befehl des Juden⸗ und Zauberer⸗ Brandes.— Und da man von Ferne ſchon vernahm das Herannahen der Juden— das Volk pfiff und hohnjauchzte ihnen entgegen— fragte Gerbot:„Wo iſt der Schüler Gott⸗ rath?“— Der junge Mann wurde vorgeführt. Sein Antlitz ver⸗ rieth neben großer Bläſſe männliche Faſſung. 46 „Geſell,“ redete ihn Gerbot, dem das Herz doch mit⸗ leidig ſchlug, vertraulich an:„Sie werden gleich Dein letztes Stündlein läuten. Da Du jedoch mit ſo viel Ergebung dar⸗ auf Dich vorbereitet haſt, was wäre Dir lieb in dieſem letzten Stündlein?“ Beſcheiden antwortete Gottrath:„Ich bedarf ſchier nichts mehr, denn ich ſtehe ſchon jetzo in der Hand des Herrn, ders mit mir nach ſeiner Weisheit machen wird. Dürfte ich jedoch um etwas bitten, ſo wär's, daß man mir auf dem letzten ſauern Gang die Hände freilaſſen, und mir geſtatten möchte, meine arme Zither, die ja auch laut Urtheil in dem Feuer vergehen ſoll, ſelber auf den Scheiterhaufen zu tragen. Für ſolche Gnade wolle Gott allen denen vergeben, die ſo wiſſent⸗ lich als unbewußt an mir geſündigt haben.“ Nach kurzem Beſinnen gebot der Richter, menſchlich füh⸗ lend!„Man binde dieſen Jüngling los, und gebe ihm ſein Spielwerkzeug.“ Worauf Herr Reitwohl, der ſich eingefunden, und des Hämpfle Beiſitzer Bedenklichkeiten äußerten, denen aber der Richter derb und gebieteriſch erwiederte:„Ich nehm's auf mich. Wahrlich: Ihr werdet ſehen, daß der Teufel ſich nicht rühren wird, und ſäße er als eine Legion von ſchwarzen Unholden in dieſer Zither. Dieſes arme Stück Holz wird keinen Scha⸗ den anſtiften, ich bürge dafür; und mag meinethalben der Gottrath da ein frommes Lied in die Saiten ſingen, während er zur Strafe geht; da er ſich ja ohnehin bereits mit der Kirche abgefunden und der Hölle den Abſchied gegeben.— Da iſt die Laute, Geſell, und fahre wohl in's andre Leben.“— 47 Leiſe ſetzte Gerbot hinzu, zu Gottrath niederflüſternd: „Dort nahen Deine Leute. Wenn Du Dich getrauſt, und ſtark genug biſt, letze Dich mit dem Juden, mit der Rachel, mit den Dirnen. Ich will ein Auge zudrucken, ſo Du es kurz machſt. Das geb' ich Dir als ein Geſchenk mit auf die große Reiſe.“ Gottrath ſchauderte zuſammen, und war im Zweifel, ob er des gutgemeinten Raths ſich bedienen ſolle, oder nicht. Indeſſen aber wirklich zogen— jammerwürdige Geſtalten— die Weiber und Töchter der verurtheilten Juden, die mit ihren Vätern und Brüdern die letzte Fahrt thun ſollten, in die Pforte des Thurms ein, und Heulen und Wehgeſchrei war ringsum.— Mitten in dieſem Wettgeſang von Gebeten, Klagen und Verwünſchungen ſtand Mutter Rachel, die Gottraths Auge allerdings ſchnell geſucht und gefunden, wie ein unerſchütter⸗ licher Fels in ſalziger Fluth. Ihr Geſicht ein Spiegel aller erdenklichen Leiden, aber feſt und unveränderlich wie ein Spie⸗ gel. Rachels Schmerz, eine dürre Wüſte, die erhaben und großartig ohne Thau und Thränen ſich der Sonne preisgibt, hatte die kleine magre verrunzelte Frau zu einer ehrwürdigen und ſtolzen Erſcheinung gemacht. Ihrem Beiſpiel folgte Edila, die mit der Mutter an einer und derſelben Kette ſchleppte; Schoͤnche, ebenfalls an ſie gefeſſelt, war ſtill, doch zuckte hin und wieder ein Wetterleuchten von Qual und Kummer über ihre bleichen Züge. Da Rachel ihrerſeits des Schülers, der ſich ihr nähte, anſichtig wurde, veränderte ſich ihr Antlitz ein wenig. Ihre 48 hochgerdtheten Augen ſtrahlten Milde, ein wenig Freude, eine rührende Zärtlichkeit.—„Friede ſei mit Dir,“ ſagte ſie zu Gottrath:„Deine Zunge hat uns nicht beſchuldigt, nicht ge⸗ läſtert, nicht verurtheilt,— und wenn Du auch vergehſt mit uns, in gleicher Schmach, ſo werde Dir drüben eine ſchöne Krone der Vergeltung— drüben im Paradieſe, woran Ihr ja glaubt, Ihr Chriſten?“ Und mit aufwallender Empfindung verſetzte Gottrath: „O meine liebe, liebe.... Frau! Schon hier, auf dieſer letzten blut'gen Erdſcholle, wo unſer Fuß haftet, bevor er zu Kohle und Aſche wird, ſchon hier ſtände ich im Paradieſe, wenn Ihr.. liebe, liebe Frau, mir eine Bitte nicht verſagen wolltet?“ „Welche, mein Knabe?“ „Werft Euch mit dieſen meinen Schweſtern. denn wir find ja doch alle vor dem Herrn verwandt, in die Arme des Erlöſers, und bekennt euch ſchnell, ja recht ſchnell, be⸗ vor's zu ſpät ſein dürfte, zu ſeinem Wort. O ſeht, ich möcht euch alle da ſo gern im Himmel drüben wiederfinden!“ Worauf Rachel traurig:„O mein Knabe, wenn ich noch ein Leben zu opfern hätte, und möchte das Deinige da⸗ mit erkaufen ich opferte es, ſo groß iſt, ich weiß nicht warum, meine Freude an Dir; aber was Du begehrſt— es kann ſein und wird nicht ſein.“ ch,“ fuhr Gottrath dringender und bittend ſh„wür⸗ det nicht willfahren, wenn ich Euch bei'm Andenken Eures Sohns beſchwöre. 24 Rachels Augen leuchteten bell, da ſie den du 49 unterbrach:„Rede nicht von ihm. Daß ihn der Herr mir ge⸗ nommen im Feuer, war eine Weiſſagung. Der Unſchuldige ging uns voran, und wir mit Schuld Beladenen folgen ihm in die Flammen nach. Weiſe iſt der Herr, und dieſe Prü⸗ fung unſerer Treue gegen ihn ſoll uns aufrecht und beſtändig finden.“ „Und Ihr, Jungfrauen— Schweſtern“— wendete ſich Gottrath zu den Töchtern—„wollt Ihr mir nicht helfen, Eurer Mutter Widerſtand zu überwinden?“ Edila verzog verächtlich den Mund und kehrte ihr Ge⸗ ſicht ab. Schönche ſchlug ſchmachtend nach irdiſchein Daſein die Augen auf, und fragte:„Könnte, was Du ſagſt, uns das Leben retten?“ „Das himmliſche!“ verſicherte Gottrath eifrig; aber die Lilie, zu der er redete, ſenkte das Haupt, und ſchüttelte es ablehnend.— „Alles verloren!“ ſeufzte Gottrath, die Hände ringend. —„All' gewonnen!“ rief ihm Rachel entgegen und deutete wie im Triumph auf ein Leichenbrett, das vor der Pforte nieder⸗ geſetzt wurde. Darauf lag Jecklins todter Leib. Die Hand des Herrn hatte ihn während verfloſſener Nacht berührt.„Er iſt irdiſcher Pein entronnen, und uns, dem Volke ſeines Hau⸗ ſes wird die Nachfolge leicht werden. Er hat hienieden ge⸗ träumt einen kurzen Traum von Vergeltung an ünſern Hen⸗ kern!'s war nur ein Traum, das Thor zu ewigen Palmen⸗ hainen. Wir gehen ihm nach.. wir folgen ihm!“— „'s iſt Zeit!“ ſchnaubte ein Freimannsknecht den Schüler Der Erzähler. 1847. n. 4 50 an, und ſtieß ihn unſanft in die Mitte einer bewaffneten Schaar, die nach dem Richtplatz aufbrach. In der That läu⸗ tete auch ſchon die gellende Armefünderglocke„ und dumpf brauſend toſte das Volk vor der Kerkerpforte. „In Gottes Namen denn!“ ſprach Gottrath, der ſich vergebens nach der Mutter und den Schweſtern umſah. Eine Menge von Schergen und Brandſchürern hatte ſich zwiſchen ihn und die Weiber geworfen.— An der Leiche ſeines Vaters, die ebenfalls dem Zuge folgen ſollte, um in der Lohe zu ver⸗ äſchern, wankte Gottrath mit zugedrückten Augen vorüber.— Alsdann aber wurde ſeine Haltung männlich, ſein Schritt feſt, und nicht leicht hätte ein beſſter Führer den langen Zug zum Briel eröffnen können.. Vor dem Thore, das der Elz zuführte, erinnerte er ſich der Worte Gerbots und der Erlaubniß, die ihm der Richter gegeben, ſtimmte ſeine Laute, und ſchlug einen frommen feier⸗ lichen Geſang an„der auf die neben ihm laufenden Neugieri⸗ gen und auf die Bewaffneten„ſo ihn geleiteten„dergeſtalt be⸗ weglich einwirkte, daß ſie die Hüte und Mützen vom Kopfe nahmen, und gleichſam betend oder mit andächtiger Sammlung den kurzen Weg zum Briel dahinzogen. Auf der Richtſtätte war Alles gedrängt voll von Men⸗ ſchen, die mit blutdürſtiger Begier dem gräßlichen Schauſpiele entgegenharrten. Da— auf einmal verbreitet ſich— vor⸗ erſt leiſe, dann immer lauter— das Gericht, die Sage, die zuverſichtliche Betheuerung: der Herenmeiſter komme„ wie der König David weiland vor der Arche, einhergetanzt, ſeine Zau⸗ 51 berfidel in der Hand und ſpiele und finge eine ſeiner beliebte⸗ ſten Tanzweiſen! Und auf einmal— wer konnte ſagen, wie und warum, und wo zuerſt?— bildet ſich unter dem Volksgedränge ein jeder Kopf ein, er höre die Tanzweiſen klimpern, die ihm vordem vom Hexenmeiſter am beſten gefallen, und dem nach dem Takt wiegenden Kopfe geſellen ſich ſtracks die Füße bei, und treten den Schritt zum Takt, und der Mund lallt dem eingebildeten Saitenſpiel nach, und der Nachbar umfaßt die Nachbarin, der Wehrmann ſchließt ſeine Hellebarte in die Arme, und wiegend und hüpfend und tauchend und drehend tanzt endlich unverſehens, wie vom St. Veitstanz befallen, das ganze Volk der Jungen, als auf einer luſt'gen Kirchweih, und die Alten ſehen ſtaunend, glotzenden Auges zu, und ſchlagen die Hände über'm Kopf zuſammen, und wiſſen nicht, dem Unſinn zu ſteuern; die Kandelhere unter ihnen, und zwar glotzender und geärgerter, als alle Andere. Der Trupp, in deſſen Mitte Gottrath wandelt, macht Halt vor dieſem närriſchen Tanzvergnügen. Der Zug der Juden iſt noch weit zurück, und ſtockt ebenfalls, da Nachricht auf Nachricht von der ſeltſamen Drehkrankheit auf dem Briel an den Richter eilt, der ganz zuletzt, von ſeinem ſchwarzen Schwarm umgeben, reitet.— Plötzlich, um die Verwirrung noch zu mehren, ſchreit's bald da, bald dort:„Feuer, Feuer!'s brennt in der Stadt! Feuerjo! Brandjo, Mordjo!— Wo denn? wo?— Im Blu⸗ menſtock, in's Pfenningers! Hilfjo, hilfio! Wie das, wie das? — Der Herenmeiſter hat's gezaubert!— Die Kandelher hats 52 angezündet!— Wo iſt der Hexenmeiſter?— Wo die Kan⸗ delher?“ Und auf des Gottrath Geleit fallen, Heiri und Colman an der Spitze, ein paar Dutzend friſche Geſellen mit aller⸗ lei Gewehr. Aber verrechnet! Die aufgebotenen Bürger ver⸗ theidigen ſich mit Klauen und Zähnen, und den Stürmern gelingt's nicht, bis zu Gottrath, der gern ſein Haupt dem Meſſer ſtreckte— nicht wiſſend, daß es ſeine Freiheit gilt— durchzudringen. Indeſſen, aber jetzt von andrer Seite her, Gebrüll und * Nothſchrei:„Der Feind! der Feind in Waffen!“— und gleich hintendrein ein kleines Geſchwader, das wie blind und raſend um ſich herſchlägt mit Spießen und mit Schwertern und ein ſolch Geſpreng in's Bürgerwehrvolk macht, daß nach links und rechts alles davonſtiebt, die Tanzenden wie die Brand⸗ ſchreier, die Angreifer wie die Vertheidiger. Und eine der tapfern Pickelhauben„ lachend wie ein Schelm, ſchwingt den Gottrath, der verlaſſen, hurtig auf ein ledig Pferd, reißt's fort am Zügel, trabt eiligſt neben dem Schüler rheinwärts zu, und ruft von Zeit zu Zeit:„Sang-Dien, Croix-Dieu, corps-Pieu, trotte, trotte, pauvre ame du bon Dien! ga, ga, courons courons, la rosse!“ „Was geht mit mir vor?“ ſchrie Gottrath, wie vom Wind entführt, von Zeit zu Zeit:„wo iſt meine Mutter, meine Mutter?“ „Weiß nit, weiß nit, bon gargon!“ antwortete darauf zuweilen die Pickelhaube, auf deren Huffpuren das ganze Ge⸗ ſchwader nachkam:„Wirſt aber Deinen Väter find, und wir 53 unſer Vaterland„Vive la Bourgogne!— la Bourgogne 6 ſchallte es vom ganzen Reitertrupp nach.——— In dem argen Durcheinander, das nach den gemeldeten Auftritten über dem Briel verbreitet war, hätten die armen Juden vielleicht, mit etwas Muth und von Freunden unter⸗ ſtützt, ihr Heil in der Flucht ſuchen mögen; aber nach ſo vielen Leiden war ihnen das Herz ſchwach geworden, und Freunde hatten die Armen ohnehin nicht aufzubieten. Zudem umkreiſte Gerbot ſie auf ſeinem Pferde, wie eine ihm zur Hut befohlene Heerde, und ſchleppte ſie, nachdem in Folge der Ent⸗ führung des Gottrath aufm Briel einige Ruhe geworden, un⸗ erbittlichen Gemüths dem Brandtode zu.— Gottraths Holz⸗ ſtoß flammte ſchon.—„Wer hat da angezündet?“ fragte wild der Richter, und ihm antwortete vorerſt nur herzzerſchneidendes Geheul durch Dampf und Lohe.—„Wer hat den Herenmei⸗ ſter angeſchmäucht, ohne meinen Befehl?“ fragte wieder der Richter.— Da zertheilte der herſtürmende Wind die Flammen und ſtatt des Herenmeiſters brannte am glühenden Pfahl die Kandelhere, und ſank in Aſche, bevor noch der Judenbrand losging, der da anhielt bis über Mittag; denn drei und achtzig Menſchen waren's, die da ihr Leben verloren, und deren Staub der Elzfluß ſpeiste, bis die Nacht über die Flur kam, und mit ihr der Regen, der mitleidig die Spuren der großen Gräulthat hinwegſchwemmte. Im Volke hieß es: der Teufel in Perſon auf feurigen Roſſen habe den Gottrath durch die Lüfte geholt, und die Kandelher an ſeine Stelle auf'n Scheiterſtoß geſetzt.——— Und den Vater hat Gottrath richtig am ſichern Ort ge⸗ funden, den Pfarrherrn Dietſchi, der ihn mit zärtlicher In⸗ brunſt küßte, als einen verloren gegebenen und wieder gewon⸗ nenen Sohn.—„O warum habt Ihr mich gerettet, lieber Herr?“ erwiederte traurig dann der Schüler, und erzählte von Jecklin und von Rachel:„wär's nicht beſſer, Ihr hättet mich mit ihnen vergloſen laſſen aufm Briel? Ach, ſchier möcht ich Wnſchen„ Ihr hättet mich gar nicht aus dem Brand von Cvlisheim geholt— denn— Ihr ſeht's, nur Unglück iſt daraus geworden.“ Da ſprach Herr Klaus, demüthig ſich beugend vor dem Herrn:„Die ewige Fürſicht geleitet uns auf dunkeln Wegen. Aber wärſt Du noch einmal dem Heiland, der für uns ge⸗ ſtorben, zu retten, noch einmal thät' ich's.— Sofort vereinigten ſich wiederum beide in Lieb und Thränen.— Gottrath iſt lange Jahre darauf in der Karthauſe nächſt Freiburg geſtorben, und erſt auf ſeinem harten Sterbe⸗ lager ſeine eigentliche Herkunft offenbar geworden. Nach Darien von —— bs war am Abend eines ſchönen Tages. Der Meeres⸗ wind brachte die friſchen Düfte Calabriens und verlieh eine weiche Wellenform den weißen Pappelbäumen, welche Frescavalle beſchatten, einen bezaubernden Ort im Weſten des Apen⸗ nins, und in geringer Entfernung von Taranto und Oria gelegen. Auf einer offenen Eſpla⸗ nade auf der Seite des Golfs erhob ſich ein Gebäude, ganz neu, ganz weiß, und ſo kurz erſt gebaut, daß die Materialien und die Werk⸗ zeuge der Arbeiter noch in allen Richtungen zerſtreut auf dem Boden umherlagen. Dieſes Gebäude, ein wahres Muſter der Architektur, bildete ein Viereck um einen weiten Hof, den eine, im Mittelpunkte ſtehende, rieſige Eiche beſchattete. An dieſem Tage hatte man vollends die reichen gemalten Glasſcheiben eingeſetzt, welche zum Theil die ſteinerne Zackung und die ſchlanken Säulchen der großen Bogenfenſter der Fagade beſchützten. Eine überhängende Felsmauer von furcht⸗ 56 barem Anblick erhob ſich hinter dem Gebäude. Man ſah Fußpfade, die ſich Ziegen gebahnt hatten, und einen Weg für Maulthiere, der gleichſam zwiſchen Himmel und Erde hing, daran hinlaufen. Der Pfarrer des Ortes, der Abbate Manfredi, ein Greis von patriarchaliſchem Ausſehen, ſeine Schweſter, eine gute, dicke Haushälterin, und zwei Mönche, aus einem benachbarten Kloſter ruhten in verſchiedenen Stellungen auf Balken oder auf Mar⸗ morblöcken vor dem Hauſe. Um ſie her waren mehrere Be⸗ wohner des Fleckens, Kinder von jedem Alter und einige Haus⸗ thiere gruppirt, darunter Eſel, ein halbes Dutzend Hunde und Katzen in großer Anzahl, welche die Ueberreſte des Abendbrods der Arbeiter verzehrten. In einiger Entfernung davon tollte ein lachendes junges Mädchen mit einer Ziege, die es an einer Schnur hielt, welche an dem ledernen Halsband befeſtigt war. Neben dem Mädchen kniete ein Mann von etwa zwanzig Jahren und bot dem Thiere eine Handvoll friſch gepflückten Thymian. Doch mochte ſie nun geſättigt ſein, mochte ſie einen Widerwillen gegen dieſen Mann haben, Favilla(dies war der Name der Ziege) weigerte ſich hartnäckig, ihm aus der Hand zu freſſen, und erwiederte ſeine Liebkoſungen durch Hornſtöße. Bei jedem Beweiſe der Wider⸗ ſpänſtigkeit ihres Lieblings brach Lavinia in ein Gelächter aus und überhäufte mit ihren Spöttereien den jungen Mann, der immer mehr in Verlegenheit gerieth. „Laß ab, ſie zu locken, ſie wird eben ſo wenig als ihre Herrin etwas von Dir annehmen.“ „Durch Ausdauer kommt man zuweilen zum Ziele„mur⸗ 57 melte der junge Mann.„Wenn Du wüßteſt, wie ſehr ich Dich liebe!“ fuhr er fort, indem er ſich das Anſehen gab, als ſpräche er zur Ziege. Er bot ihr abermals ſeinen Strauß, der diesmal in einer ſeltſamen Laune angenommen wurde und in einem Augenblick verzehrt war. Lavinia erröthete vor Zorn, zog das Band, an welchem ſie die Ziege hielt, an ſich und rief: „Es gibt doch wahrhaft alberne Weſen!“ War der Pfeil des Beiworts gegen den Menſchen oder gegen das Thier abgeſchoſſen? das hat man nie erfahren. Giocondo ſtand jedoch auf und ſagte zu der Ziege, während ein Lächeln der Hoffnung ſein Antlitz ſchwach belebte: „Ich danke, artiges Thierchen, ich danke für das gute Vorzeichen.“ „Wünſche Dir noch nicht Gluck,“ entgegnete Lavinia mit einem Aerger, den ſie nicht zu bewältigen vermochte,„meine Ziege gehört zu denjenigen, welche nur einmal lieben.. und ihre Zuneigung iſt verpfändet.“ Dieſe letzten Worte wurden auf eine ſo herbe Weiſe be⸗ tont, daß dem verliebten jungen Mann das Herz beinahe darob brach. Er warf einen ſchwermüthigen Blick auf das Mädchen. Labinia machte wahrſcheinlich ihr Gewiſſen Vor⸗ würfe, denn mit dem Eifer eines verzogenen Kindes, dem man einen Verweis gegeben, ſchlang ſie bald ihre ſchönen Arme um den Hals der Ziege, küßte ſie wiederholt und ſagte zu ihr: „O meine Liebe! o mein Schatz! nicht wahr du liebſt mich? weil ich nur dich, dich, dich, und Niemand außer — 58 Dieſe Worte ſchienen die Eiferſucht des jungen Mannes nicht erregen zu ſollen. Doch er erbleichte völlig und ein Ausdruck der Verzweiflung zog über ſein gutes, redliches Antlitz. Dies geſchah, weil er die Augen von Lavinia auf einen Fuß⸗ pfad geheftet ſah, der ſich am Gebirge hinſchlängelte und ſich dann in den Windungen der Thälchen und unter dem Schatten der Wälder verlor. Der Fußpfad hatte nichts Merkwürdiges: es war der Weg von mehreren Dörfern. Man ging darauf auch nach Martino, nach Oſtini und nach Brindiſi, doch auf dieſem Wege kam und ging der ſchöne Falcone da Pietraccio, wenn er den Feſten von Frescavalle beiwohnte. Trotz ihrer Theilnahme am Geſpräch ließ des Pfarrers würdige Schweſter nicht ab, ihre Tochter Lavinia zu bewachen: ſie bemerkte bald das trübſinnige Weſen des Verliebten.„Die Tolle beluſtigt ſich abermals damit, daß ſie ihren Bräutigam neckt,“ ſagte ſie leiſe zum Abbate.„Labinia! kehre in das Haus zurück, Du haſt Dein Tagewerk noch nicht vollendet!“ Das junge Mädchen gehorchte; doch ſtatt zur Arbeit zu ſchreiten, wie es ſie die Mutter geheißen hatte, ſetzte ſie ſich auf eine Matte nieder, und ließ ihre Ziege alle Stücke wieder⸗ holen, welche ſie Falcone gelehrt hatte. Denn der ſchöne junge Mann von Pietraccio hatte das geſcheite Thier derjenigen, welche er liebte, geſchenkt. Lavinia war jedoch abermals ge⸗ nöthigt, zu andern Banden, als denen der einfachen Zuneigung ihre Zuflucht zu nehmen, um die behende Bewohnerin ab⸗ ſchüſſiger Felſen bei ſich zurückzuhalten. Es verlief eine halbe Stunde, in der Favilla zeigte, daß ſie mit ebenſoviel Geſchick⸗ lichkeit, als ein gelehrter Hund, einen Gegenſtand apportiren, 4 59 escamotiren, verbergen konnte. Sie ſprang dieſem oder jenem Menſchen nach, ſie bäumte ſich und tanzte nach dem Takt und ſpielte die Todte oder die Verwundete nach dem Befehle Gebieterin. Lavinia war bezaubert. Plötzlich ſprang die Ziege gegen das Fenſter, auf das* ihre Beine und ihre feine Schnauze legte. Lavinia bebte. „Er iſt alſo da, der Vielgeliebte?“ ſagte ſie.„Favilla ich muß mich deiner entledigen. Deine Gegenwart würde mich verrathen.“ Es war Nacht, als Lavinia, nachdem ſie ihre Ziege wieder eingeſchloſſen, hinten aus dem Hauſe ſchlüpfte und bis zu den großen Lorbeerbäumen lief, wo ſie Falcvne da Pie⸗ traccio fand. „Was erfahre ich?“ ſagte dieſer, das Mädchen beim Arm faſſend.„Deine Heirath mit Giocondo ſoll beſchleunigt werden? Dein Oheim, der Abbate, hat von Taranto Dein Brautgeräth und Deine Mitgift kommen laſſen, um dieſe Dei⸗ nem Bräutigam zu übergeben? Sprich, Unglückliche!“ Lavinia blieb einen Augenblick wie betäubt von dieſer Heftigkeit. „Wann wirſt Du endlich aufhören, eiferſüchtig zu ſein und an jede ungegründete Geſchichte zu glauben, Falcone?“ „Antworte auf meine Fragen, Verrätherin!“ Und er ſchüttelte ſie noch heftiger am Arm. „Ich verſtehe Dich nicht,“ ſtammelte das Mädchen. „Wie alle Frauen, fängſt Du damit an, daß Du leug⸗ neſt. Aber, Lavinia, ich ſchwöre Dir, ich werde mir hierüber Klarheit verſchaffen. Siehſt Du, mein Kopf iſt wie der Strom⸗ 60 boli, ſeitdem ich erfahren habe, welche Schuld man Dir bei⸗ mißt.“ „Man hat Dich getäuſcht, Freund.“ „Man hat wahr geſprochen, Undankbare! Treuloſe!! Meineidige!!!“ „Ah! ſo iſt es. Ich müßte wohl die Coquette ſpielen, um Dich zu beſtrafen, abſcheulicher Argwöhniſcher, der Du nur an Deiner Freundin zweifelſt!“ „Keine Scherze, Kind!“ rief Falcone mit äußerſter Hef⸗ tigkeit in Blick und Ton:„die Wahrheit! ich will die Wahr⸗ heit wiſſen!“ „Die Wahrheit, höre ſie. Ich bin von meiner Ver⸗ heirathung mit Giocondo nie weiter entfernt geweſen. Eher würde ich als Jungfrau ſterben, als ihn heirathen. Man hat weder Mitgift noch Brautgeräth kommen laſſen.“ „Aber die Kiſten, welche kürzlich angekommen, das Geld, das Dein Oheim erhalten hat?“ „Ach! nun weiß ich!“ rief das Mädchen in ein Ge⸗ lächter ausbrechend.„Armer Eiferſüchtiger! Dieſe Kiſten, es ſind die geſtickten Chorröcke, die ſilbernen Candelaber, die Altarvorderſeiten von Spitzen, die Räucherfüſſer von ciſelirtem Gold, kurz alle die Herrlichkeiten, welche die gute engliſche Signora für unſere Kirche geſchickt hat.“ „In der That!“ rief Falcone, der noch aufmerkſamer geworden war. „Du ſprachſt von Geld; Gold hätteſt Du ſagen ſollen und zwar in Menge, dafür ſtehe ich Dir.“ „Bah! Und warum dies?“ 61 „Um das Hoſpiz für Greiſe und Breſthafte, das an un⸗ ſere Kirche ſtößt, zu vollenden und zu dotiren. Es iſt aber⸗ mals die Signora..4 „Sie iſt alſo ſehr reich?“ fragte Falcone mit einem un⸗ ruhigen Blicke. „Sie beſitzt Millionen, wenigſtens ſagt man es.“ „Doch, was iſt der Grund ihrer ſo großen Freigebigkeit?“ fragte Falcone. Lavinia war betroffen von ſeinem zerſtreuten Weſen. „Du kennſt ihr Abenteuer nicht?“ „Nein... Ja.. das heißt, ich habe es vergeſſen.. Ich täuſche mich, ich war damals abweſend.“ „So iſt es wohl, denn Du hätteſt das Wunder nicht vergeſſen.“ Der junge Mann antwortete nicht: er ſchien zu träumen. Lavinia ſchaute ihn erſtaunt an. „Falcone!“ „Mein Engel!“ „Dein Geſicht hat einen ſeltſamen Ausdruck. Ich habe Dich nie ſo geſehen.“ „Meine Schöne,“ ſprach der junge Mann mit einer ge⸗ wiſſen Anſtrengung, um ſich zu beherrſchen,„ich kann Dir nicht verbergen, daß ich auf das Tiefſte unglücklich bin.. Du willſt nicht brechen mit dieſem Giocondo. Du weigerſt Dich, mir in das Gebirge zu folgen,“ fuhr er fort, indem er den Arm gegen die Bergkette ausſtreckte, welche ſich wie ein dunk⸗ ler Dunſt von einem von tauſend Feuern funkelnden, ſchwarzen Himmel abhob. 62 „Falcone, Du biſt grauſam!“ rief Lavinia erſchüttert. „Ich habe Giocondo geſagt, ich würde nie ſeine Frau werden. Du aber müßteſt mit meinem Oheim, mit meiner guten Mut⸗ ter reden; ich bin feſt überzeugt, ſie würden ſich nicht weigern, unſern Ehebund zu ſegnen. Sie lieben mich ſo ſehr!“ Eine Wolke zog über das ſchöne Antlitz des Gebirgers. „Lavinia, wir werden ein andermal hievon ſprechen.“ „Du antworteſt mir immer daſſelbe,“ ſagte das naive Kind im Tone des Vorwurfs. „Höre,“ entgegnete Falcone ungeduldig:„ſtatt daß wir uns ſtreiten, erzähle mir das Abenteuer der engliſchen Dame.“ Lavinia zerfloß in Thränen. Ihr weibliches Herz ahnete einen Abgrund hinter dem abſichtlichen Schweigen und Zögern ihres Geliebten. Aber bei der unendlichen Reinheit ihres Weſens vermochte ſie die Gefahren nicht zu begreifen, von denen ſie bedroht war. „Du weinſt nun... Dann gehe ich,“ ſprach ungeſtüm Falcone und machte einige Schritte, als wollte er ſich ent⸗ fernen. „Es iſt vorbei!“ rief das arme Kind. „So iſt es gut. Siehſt Du, Kleine, ich liebe den Donner eines Streites; die Blitze Deiner Augen verſchönern Dein rei⸗ zendes Antlitz. Doch Thränen..! pfui! mir graut vor dem Regenwetter!“ Lavinia trocknete raſch ihre Augen; dann zwang ſie ſich, zu lächeln, und ſprach: „Du fragteſt mich, warum die vortreffliche Dame ſich ſo —,———— 63 verſchwenderiſch gegen unſer demüthiges Dorf zeige? Ich will es Dir ſagen. Setze Dich hieher und höre!“ Falcone ſetzte ſich neben ſeine Freundin und küßte ihr zärtlich die Hände. Sie lächelte und begann ihre Erzählung. „Du ſollſt alſo erfahren, daß dieſe Lady für die Geſund⸗ heit ihres Sohnes reiſte, eines hübſchen, aber bleichen und ſchwächlichen Jungen, bei dem ſeine Mutter beſtändig kniete, um ſeine Leiden in ſeinen Augen zu leſen und um Gott zu bitten, er möge ihr Leben nehmen, damit das ſeinige erhalten bleibe. Eines Tags waren ſie gerade da oben über der Kirche an der Stelle, wo ſich der Weg über den Felſen hinzieht, der dem Einſturze nahe zu ſein ſcheint, ſo ſehr ſtreckt er ſich vom Berge vor. Die Signora ritt auf einem Maulthiere und wandte ihre Augen nicht eine Sekunde von ihrem Cherubim ab. Launiſch wie alle kränkliche oder verzogene Kinder— er war Beides— hatte der kleine Junge an dieſem Tage ein Pferdchen probiren wollen, das ihm ſeine Mutter geſchenkt. Durch Bitten hatte es jedoch die Signora dahin gebracht, daß er ſich an den Sattel binden ließe und daß ein Mann den Zügel halten und neben ihm gehen durfte... Aber Du hörſt mich nicht?“ ſagte Lavinia ſich unterbrechend. „Im Gegentheil, ich höre Dich mit reger Theilnahme. Du ſagteſt, meine Geliebte?“ Das junge Mädchen fuhr in ſeiner Erzählung fort: „In dem Augenblick, wo ſich das Kind mit ſeinem Thiere an der gefährlichſten Stelle befand, fing das kleine Pferd, als würde es vom Schwindel erfaßt, an, am Rande des Abſturzes zu ſpringen und ſich zu bäumen. Die unglück⸗ 64 liche Mutter hielt ihr Geſchrei zurück, um das Thier nicht zu erſchrecken. Doch ſie wurde bleich wie eine Leiche, als ſie die Hinterbeine des Pferdes ausgleiten ſah, das ſich nun nur noch durch ſeine Vorderbeine und durch den Zaum, an den ſich der erſchrockene Führer mit aller Gewalt anklammerte, behauptete. Zwei Männer ſtürzten zu gleicher Zeit herbei. Sie pack⸗ ten die Beine des Thieres und konnten es ſo einige Sekunden lang in dieſer gräßlichen Lage halten. „Widmet das Kind der Madonna della Quercia!“ rief einer der Bauern von Frescavalle, welche die Mutter um⸗ gaben. Sie erhob die Arme zum Himmel und ſprach mit dem begeiſterten Ausdruck der Liebe und der mütterlichen Ver⸗ zweiflung: „„ Mein Gott, rette ihn! Göttliche Mutter, erbarme Dich. 4 „„Widmet es der Mutter Gottes, die Ihr dort ſeht,““ wiederholte der Bauer mit kräftigem Nachdruck, indem er auf den Abgrund deutete. Wahnſinnig vor Schmerz, gräßliches Angſtgeſchrei aus⸗ ſtoßend, gehorchte die Mutter. „Santa Madonna della Quercia! nimm mein Kind unter Deinen Schutz, ich gebe es Dir.“ Kaum war die Anrufung geſchehen, als der Zügel brach und Pferd und Kind in den Abgrund ſtürzten. Die Mutter ſank bewußtlos nieder. Die Bauern und die Führer glitten am Berg hinab. Das Pferd lag unten durch ſeinen Sturz zermalmt. Das Kind war durch einen ſeltſamen 65 Zufall auf einem Kleide hängen geblieben und ſchwebte an einem Aſte einer ungeheuren Eiche. Abgeſehen von der Angſt, war ihm nicht das geringſte Leid widerfahren; nicht die geringſte Schramme durchfurchte ſeine weiße, durchſichtige Haut. „Moylady kam wieder zu Sinnen„aber ſie erlangte nicht ſobald das Gedächtniß, als ſie ihr theures Kind er⸗ blickte, das von den Bauern, welche nicht wenig über die Gewalt ihrer verehrten Madonna ſtaunten, im Triumphe auf den Schultern getragen wurde. „Sobald die erſten Bewegungen der Freude vorüber waren, kam die Reihe an die Dankbarkeit. Noch ganz ſchwach und wankend, wollte Mylady vor dem heiligen Bilde niederknieen, das in dem hohlen Raume der rettenden Eiche ſtand. Nichts führt wie der Schmerz zum Gebete, zu Gott. Doch wenn auf den Verluſt einer ganzen Hoffnung ein ſo ergreifendes Glück folgt, ſo gelangt man raſch zur Verleugnung jedes Stolzes. Der menſchliche Geiſt erkennt ſeine Schwäche in Gegenwart eines oberſten, unbegrenzten, ewigen Willens! man kann ſich nur noch niederwerfen und anbeten. Mylady nahm den Pfar⸗ rer und alle Einwohner von Frescavalle zu Zeugen und wie⸗ derholte das Gelübde, das ſie im Augenblick der Gefahr ge⸗ than hatte. Sie weihte feierlich der heiligen Jungfrau von der Eiche ihren Sohn, den ſie bis zu ſeinem zehnten Jähre weiß zu kleiden ſich anheiſchig machte. „„Doch das iſt noch nicht genug,““ ſprach die Mutter, indem ſie ſich an den Abbate Manfredi wandte.„„Auf dieſer Stelle ſollen eine Kirche und ein Hoſpiz erbaut werden, und ich werde eine fortwährende Rente zu ihrer Erhaltung ſtiften, und Der Erzähler. n. 1847. 5 66 die Armen und die Kranken jedes Alters und jedes Landes mögen in dieſem Aſyl ein Mahl und ein Bett finden.““ „Mylady blieb einige Zeit in Frescavalle, ſowohl um ſich von der furchtbaren Erſchütterung, die ſie erfahren, zu erholen, als um die Arbeiten, denen das Dorf ſpäter ſeinen Wohlſtand zu verdanken hatte, anfangen zu ſehen. Die gute Luft, eine einfache, aber genügende Nahrung, die Mineralwaſſer der Gegend bewirkten indeſſen die völlige Wiederherſtellung des ſchwächlichen Sprößlings eines ariſtokratiſchen Geſchlechtes. Es war ein Vergnügen, es zu ſehen, das ſchöne, roſige Kind in ſeinem weißen Gewande, mit einem Blicke ſo rein wie der ſeiner himmliſchen Patronin, wie es ſich mitten unter den Bauernjungen auf dem mit Blumen durchſäeten Graſe der Wieſen wälzte. Seine Mutter weinte vor Glück, und jeden Morgen und jeden Abend führte ſie ihr Kind zum Fuß der großen Eiche, wo Beide den Tribut der Dankbarkeit ent⸗ richteten.“ Lavinia hatte längſt zu ſprechen aufgehört, und Falcone hlieb immer noch unbeweglich. Endlich erwachte er aus ſeiner Träumerei und rief: „Und Du ſagſt, das Gold, die koſtbaren Geſchenke, welche die engliſche Dame geſchickt, ſeien in den Händen Dei⸗ nes Oheims?“ „Ja, bis die Kirche und das Hoſpiz zur Ausſchmückung fettig ind. Doch, Falcone, ich verſtehe Dich nicht ich kann mir gar nicht erklären.. es iſt Dir etwas begegnet. Sage mir, Freund, was Dich beſchäftigt — ——— —— wirſt Du die Tarantata ſein.“ 67 Der junge Mann ſchüttelte den Kopf und verließ, gleich⸗ ſam mit Bedauern, den Gegenſtand ſeines Nachſinnens. „Du begreifſt nicht, Du erräthſt nicht, meine Seele, warum ich traurig bin? Ich kann Dich nur von Zeit zu Zeit und insgeheim ſehen... und Du wunderſt Dich, daß ich nicht heiter bin. Nie konnte ich beim Tanze durch meine Aufmerk⸗ ſamkeiten beweiſen, daß Du die Schönſte unter den Schönen und meine einzig Geliebte biſt. Höre, hier haſt Du ein Kreuz und Ohrgehänge von feinen Perlen. Nimm ſie, aber trage ſie nicht, ich könnte Dich nie ſo geſchmückt ſehen. Doch, wenn Du wollteſt... „Wenn ich wollte?“ „Könnten wir miteinander einen zweiten Abend wie den, an welchem wir uns zuerſt getroffen haben, zubringen. Ich wäre abermals Dein bevorzugter Tänzer. Deine Mutter, Dein. Bräutigam. würden es nicht wagen, ſich zu be⸗ klagen. Erinnerſt Du Dich, Schöne, bei welcher Gelegenheit das Feſt des Dorfes Canono gefeiert wurde?“ „Könnte ich einen von den Umſtänden vergeſſen, welche fich auf dieſen ſchönen Tag beziehen? Es geſchah, um Tereſina zu heilen, welche von der Tarantel geſtochen worden war?“ „Sagte man nicht, Tereſina wiſſe ſich, wie viele Mäd⸗ chen, Zerſtreuungen für eine eingebildete Krankheit verordnen zu laſſen?“ „Ah! die Liſtige, ſie iſt wohl fähig dazu!“ „Nun wohl, Lavinietta meines Herzens, das iſt das Mittel, das ich gefunden habe, um uns zu beluſtigen. Morgen — 68 „Eine Lüge Falcone?“ „Nein, die Liſt eines Verliebten, und das iſt erlaubt wie der Krieg. Du wirſt die Schönſte ſein und ich bin dann der Glücklichſte. Die Ceremonie dauert mehrere Tage und während dieſer Zeit werde ich Deiner Mutter und dem Abbate zu gefallen mich bemühen. Die Trunkenheit des Feſtes wird ihre Herzen gemildert haben. Du wirſt ſehen, daß Alles nach unſern Wünſchen endigt. Und überdies,“ ſagte er, Lavinia, welche ſich weigern wollte, das Wort abſchneidend,„Du weißt, der Zweck heiligt die Mittel.“ Lavinia hielt nicht Stand gegen die Beredtſamkeit ihres Geliebten. Sie verſprach, zu thun, was er haben wollte. Es wurde verahredet, daß ſie ſchon am andern Tage die Rolle, die er ihr auferlegt, zu ſpielen anfangen, und daß an dem darauf folgenden Tage die erſte Probe von den Ceremonien, die man zur Heilung des Tarantismo für nöthig erachtet, ſtattfinden ſollte. Die Symptome dieſer geheimnißvollen Krank⸗ heit, welche die Einen dem Gifte einer großen Spinne, die Anderen dem Stiche eines Scorpions zuſchreiben, ſind ſehr häufig in Calabrien und in der Terra di Otranto. Doch das Inſekt läßt ſich ſelten ſehen. in der That ſo ſelten, daß viele Perſonen ſein Daſein bezweifeln, und den Opfern der Tarantel dieſelben Beweggründe unterlegen, welche Falcone da Pietraccio bei Tereſina vorausſetzte. II. Am andern Tage ſtand Lavinia frühzeitig auf, um ihre gewöhnlichen Geſchäfte zu verrichten. Sie führte die Kühe — 69 ihrer Mutter in das Gehege, wo ihnen frei zu weiden geſtattet war. Dann begab ſie ſich mit ihren Gefährtinnen in den Olivenwald, um Früchte zu pflücken. Sie ließ die Bedenklich⸗ keiten, die ſich noch in ihr regten, ſchweigen und ging mit düſterer Miene unter den Zweigen hin, von denen die jungen Leute des Dorfes die reichliche Ernte auf Tücher regnen ließen, welche auf dem Boden ausgebreitet waren. Sie ſammelte die Oliven in Körbchen und heuchelte in ihrem Gange und ihren Bewegungen eine auffallende Mattigkeit. Dieſe Veränderung bei dem luſtigen Kinde, das man gewöhnlich nur lachen und ſingen hörte, bemerkten ſogleich Alle, welche Zeugen davon waren. In einem Augenblick war Lavinia umgeben und mit Fragen beſtürmt. Ihre Mutter, der Abbate, Giorondo liefen in größter Unruhe herbei. Gerührt durch die Zärtlichkeit, die man für ſie offenbarte, des Betruges ſich ſchämend, zu dem ſie ſich erniedrigte, fing Labinia an zu weinen. Sie ſchwankte in ihrem Innern, ob ſie nicht auf die gehäſſige Rolle, die ſie angenommen, verzichten ſollte, als einer der Anweſenden, den Arm des Mädchens aufhebend, ausrief: „Ich wollte wetten, die Kleine iſt von der Tarantel geſtochen worden! Seht das ſchwarze Mahl, ſeht die Wunde!“ „Bah! es wird nichts ſein,“ ſagte ein Anderer;„man muß nur unſere Lavinietta gehörig tanzen laſſen.“ „Gut!“ riefen die jungen Leute, die Kinder und ſogar die Greiſe,„wir werden uns beluſtigen! Das iſt kein Un⸗ glück! Das begegnet uns nicht ſo oft!“ Dieſe Worte erſtickten die Offenherzigkeit von Lavinia. 70 Sie gelobte ſich, Falcone ihr Verſprechen bis zum Ende zu halten, und hütete ſich daher wohl, zu geſtehen, die leichte Wunde, die man ſo eben an ihrem Arme entdeckt, rühre da⸗ von her, daß ſie an einer Hecke von dornigen Acacien ange⸗ ſtreift ſei. Der Abbate Manfredi und ſeine Schweſter führten ihr geliebtes Kind nach Hauſe. Der ganze Tag verging für Lavinia in einer geheuchelten Niedergeſchlagenheit, zugleich aber auch in einem wahren Schmerz. Sie konnte nicht umhin, die Erfindung von Falcone zu ſchmähen, und der bis dahin ſo vollkommene Geliebte fing an in der Achtung des Mäd⸗ chens zu ſinken, bei dem eine natürliche Rechtſchaffenheit die Erfahrung erſetzte. Am Abend trafen die Einwohner von Frescavalle Vor⸗ bereitungen zu den Feierlichkeiten des andern Tages. Man benachrichtigte die Freunde und Verwandten in den benachbar⸗ ten Dörfern. Man brachte eine Bande der beſten Mufiker zuſammen. Das Gras wurde abgemäht, die Zweige wurden ausgeſchnitten an dem für die Verſammlung auserwählten Orte. Es war ein natürlicher Circus, der ſich an den Berg anlehnte, von dem ein Gießbach in ſchäumender Cascade herabſtürzte. Das reine, ſilberne Waſſer fiel auf Felſen und durchlief wie ein Pfeil das Kieſelſteinbett, das es ſich durch den Wiesgrund ausgehöhlt hatte. An dem Punkte, wo ſich der Circus dem Golf von Taranto näherte, den man durch eine ſchmale Fern⸗ ſicht erblickte, verbarg das Blätterwerk die aufeinander folgen⸗ den Fälle, die der Bach machte„ehe er in die Ebene ſprang. In der Ferne erblickte man ihn abermals, wie er mit großem Ungeſtüm dem Meere zulief, in das ſich ſeine durchſichtigen 71 Wellen ergoſſen. Dieſer Bach, über welchen man einige Bretter warf, ſollte als Gränze zwiſchen dem Tanzſaal und dem Feſtſaal dienen. Auf der einen Seite ſtellte man Bänke und lange Tiſche auf, auf der andern errichtete man eine Tribune für das Orcheſter. Am nächſten Tag bot Fresecavalle einen ungewohnten An⸗ blick von Lebhaftigkeit und regem Treiben. Angethan mit ihren ſchönſten Kleidern drängten ſich alle Gäſte auf dem Platze bei der Kirche, ſie traten bei ihren Freunden ein oder wandelten nach dem Schauplatze des Feſtes, der nur fünfzig Schritte entfernt war; die Hausfrauen überwachten ihre culinariſchen Vorkeh⸗ rungen; die jungen Mädchen beſchäftigten ſich mit ihrem Putz; die Alten empfingen ihre Gäſte; die jungen Männer übernah⸗ men das Gepäcke und die Maulthiere ihrer ſo eben angekom⸗ menen Nachbarinnen. Die Kinder beſorgten, in alle dieſe Gruppen gemiſcht, die Aufträge, die man ihnen gab, naſchten von allen Leckereien und begleiteten ihre Heldenthaten mit Luft⸗ ſprüngen und Freudengeſchrei. Gegen fünf Uhr war der größere Theil der Gäſte auf der ländlichen Scene der Feierlichkeiten verſammelt. Der ehrwür dige Abbate Manfredi hielt eine kleine Anrede, um daran zu erinnern, daß jedes Unternehmen, wenn es gelingen ſolle, des himmliſchen Segens bedürfe. Er bat die Anweſen⸗ den, durch ihr Gebet die Heilung zu unterſtützen, die man mittelſt der Mufik und des Tanzes zu erlangen hoffte. Alles Volk fiel auf die Kniee. In dieſem Augenblick erſchien Lavinia, umgeben und unter⸗ ſtützt von ihren jungen Geſpielinnen, am Eingang des Circus. 72 Sie war bleich, ihre von Thränen beſchwerten Augen ſenkten ſich unter dem Gefühle der Scham oder ſie irrten in der Ge⸗ gend umher, um denjenigen zu ſuchen, deſſen Gegenwart allein für ſie ein Feſt bildete. Sie trug ein weißes, mit grünen Weinranken verziertes Kleid. Ein zweiter ähnlicher Rock war aufgeſchürzt und hinten mit Vandknoten von allen Farben be⸗ feſtigt. Weinblätter und goldene Nadeln hielten auf ihrem Kopfe einen langen, durchſichtigen Schleier. Blendende Ro⸗ ſetten, koſtbare Schmuckſtücke, glänzten auf den Armen und am Leibe der ſchönen Tarantata. „Was macht man?“ fragte ſie unruhig, als ſie alle An⸗ weſenden auf den Knieen ſah. „Man betet für Dich, Lavinia,“ antwortete man ihr. „Für mich! Oh! ich verdiene es nicht!“ rief ſie und warf ſich nieder. „Fromme Jungfrau! demüthige, zarte Tochter!“ mur⸗ melte man auf allen Seiten. „Oh! Herr und Gott, erbarme Dich meiner, doch das iſt eine Gottesläſterung!“ wiederholte Lavinia, indem ſie ſich an die Bruſt ſchlug und in bittere Thränen zerfloß.„Nein, ich kann ſie nicht ſo belügen, ihre Gebete würden wie Flüche auf mich zurückfallen. Und mein ehrwürdiger Oheim„ meine zärtliche Mutter! es iſt unmöglich! ich will ihnen Alles ſagen.“ Sie ſtand auf und ſprang vor, bereit, ſich anzuklagen, denn ſie zog die öffentliche Schmach ihres Geſtändniſſes den Martern vor, welche ſie ihr empörtes Gewiſſen erdulden ließ, doch eine eiſerne Hand hielt ſie an ihrem Platze feſt. Falcone 73 war an ihrer Seite. Er heftete ſeinen gebieteriſchen Blick auf das junge Mädchen. Lavinia wurde wieder unthätig, unentſchloſ⸗ ſen und beugte ſich abermals unter der Herrſchaft ihres böſen Genius. Die Feierlichkeit begann. Man gab der Tarantata, um welche die Anweſenden einen weiten Kreis bildeten, ein bloßes Schwert in die Hand. Das Orcheſter ließ ſeine erſten Accorde vernehmen. Mehrere Melodien wurden ohne Erfolg geſpielt. Lavinia ſchien ſie nicht zu hören; ſie blieb ohne Vewegung, den Kopf geſenkt, und ſtützte ſich auf das Schwert, deſſen Spitze in die Erde eingedrungen war. Falcone wurde ungeduldig. Blitze ſchoßen aus ſeinen glühenden Augen, welche mit einer teufliſchen Beharrlichkeit auf die Tarantata geheftet waren; doch Lavinia ſah ſie nicht; ſie ſchien in eine Erſtarrung verſunken. Die Verſammlung murrte. Man ließ ſie zu lange warten. Falcone näherte ſich nun unmerklich dem Orcheſter und ſagte ein paar Worte zu den Mufikern. Dieſe unterbrachen plötzlich die Melodie, welche ſie ſpielten, und ließen nach einer Pauſe von einer Sekunde eine Melodie in Moll hören, eine Melodie ſo herzzerreißend, wie die Strophe von Dante, welche, ſich von den Lagunen erhebend und mit den Weheklagen der unglücklichen Des⸗ demona vermiſchend, den trüben Ahnungen eine neue Laſt bei⸗ geſellt: es war eine Gebirgscantilene, welche bis jetzt Falcone allein dem jungen Mädchen von Frescavalle vorgeſungen hatte. Bei den erſten Takten wechſelte Lavinia wiederholt die Farbe; eine außerordentliche Erſchütterung ſchien ſich ihrer zu 74 bemächtigen; ein Ausdruck gemiſcht aus Freude und Angſt ver⸗ breitete ſich über ihr Antlitz. Ihr Blick begegnete dem von Falcone, der ihr zulächelte und ſie ermuthigte. Sie machte einige Schritte zitternd, beſchämt, verwirtt. „Bravo! bravo!“ rief die Menge in die Hände klat⸗ ſchend. Eine langſame und feierliche Tanzmelodie ertönte nun. „Reiche Deiner Braut die Hand,“ ſagte die Mutter von Lavinia zu Giocondo. Der junge Mann näherte ſich der Tarantata, doch ſie wich raſch zurück und ſchaute umher, als wollte ſie fliehen. „Nimmſt Du mich zum Tänzer?“ ſagte Falcone zu ihr. „Würdeſt Du mir dieſe Beleidigung anthun?“ rief Giocondo mit einer Donnerſtimme. Er ſprach zu Lavinia, aber ſein Blick voll von einer Kraft, welche Lavinia nicht an ihm kannte, wandte ſich un⸗ mittelbar an den ſchönen Gebirger. Falcone antwortete ihm durch einen nicht minder kecken Blick. Jedermann ahnete ein Unglück, als Lavinia, wieder zu ſich gekommen, ihre Hand in die ihres Bräutigams legte und ihn mitten in den Kreis fort⸗ zog. Nun begann der Tanz. Das Tempo belebte ſich ſtufen⸗ weiſe; die Anweſenden ſchlugen den Takt mit den Füßen, mit den Händen, mit dem Kopf in übermäßiger Lebhaftigkeit, mit jenem den Völkern Italiens eigenthümlichen Reichthum der Geberden. Zuweilen verließ die Tarantata ihren Tänzer und ſetzte ganz allein, das Schwert in der Hand, die Windungen und Schwenkungen fort, welche als unfehlbares Mittel für ihr 75 geheimnißvolles Uebel dienen ſollten. Dann wählte ſie wieder einen andern Tänzer unter den jungen Leuten von Frescavalle oder den umliegenden Dörfern. Als es Lavina, nachdem ſie mit ihrem Bräutigam ge⸗ tanzt, wagte, mit den Augen den ungeſtümen Gebirger zu ſuchen, war er verſchwunden. Seine Abweſenheit verſetzte das junge Mädchen in jene unerträgliche Unruhe, welche man durch die Bewegung zu zerſtreuen hofft, und Lavinia fing wieder an, ſich mit einer noch fieberhafteren Erregtheit als zuvor im Kreiſe zu drehen. Sie blieb nicht einmal ſtehen, als ſie ihre ſchonen Hände in ein in ihrem Bereiche aufgeſtelltes Gefäß voll eiſig kalten Waſſers tauchte, und ſich ſodann das Geſicht be⸗ ſprengte. Das Orcheſter hatte ſein Tempo beſchleunigt, bis es die Schnelligkeit der Hirrica erlangte, auf welche die Tarantella, der ungeſtüme Nationaltanz, der dieſer Ceremonie ſeinen Urſprung zu verdanken hat, ausgeführt wird. Ueber die Maßen müde, war die Tarantata indeſſen ge⸗ nöthigt, zwei oder dreimal in langen Zwiſchenräumen auszu⸗ ruhen; die Umſtehenden nahmen nun ihren Platz ein, und ſie ſchienen ebenfalls von der ſeltſamen durch die Tarantata mit⸗ getheilten Wuth beſeſſen zu ſein. Es waren zwei Stunden ſeit dem Abgang von Falcone vergangen. Auf eine übermäßige Aufregung der Nerven folgte bei Lavinia eine nicht minder ſchreckliche Gegenwirkung: ihre Kräfte waren völlig erſchöpft. Die Gewißheit, daß ihr Ge⸗ liebter nicht zurückkommen würde, beſtimmte ſie, die Feierlich⸗ keit raſcher zu beendigen, als dies im Allgemeinen üblich iſt. Lavinia näherte ſich langſamen Schrittes dem Gefäße, 76 aus dem ſie ſich während des Tanzes erfriſchte. Auf ein ver⸗ abredetes Zeichen, welches darin beſtand, daß ſie ſich den ganzen Ueberreſt des Waſſers auf den Kopf goß, ſollten ſie ihre Ge⸗ fährtinnen nach Hauſe tragen und zu Bette bringen, indeß ſich die übrigen Gäſte an die wie für das Hochzeitmahl des Reichen beſiellten Tafeln ſetzten. Während dieſer Zeit ſoll nach des Volkes Glauben der Parorysmus der Krankheit ſich in einer völligen Erſchöpfung endigen, auf welche jedoch nach ein paar Stunden die Erleichterung eintreten müſſe. Die Behandlung wird gewöhnlich mehrere Tage fortgeſetzt, bis der Kranke gänz⸗ lich geheilt iſt. Doch die Scene, deren Heldin Lavinia war, ſollte nicht in einer ſo gewöhnlichen Entwickelung ihr Ende finden. Die Tarantata hatte ſchon das Gefäß ergriffen, als ein Kind in den Kreis gelaufen kam und heftig ſich geberdend ausrief: „Herr Pfarrer! Lavinia! Diebe, Räuber in Eurem Hauſe.“ Der Schrecken war auf dem Antlitz des Kindes ſo gut ausgeprägt, daß Niemand ſeine Wahrhaftigkeit bezweifelte. In weniger Zeit, als der Blitz währt, eilte die ganze Verſamm⸗ lung nach dem Hauſe des geliebten Geiſtlichen. Der Abbate Manfredi ſelbſt, ſeine Schweſter und ſeine Nichte folgten be⸗ ſtürzt der Menge. Die Gebirge vom ganzen Königreich Neapel ſind ſeit unfürdenklichen Zeiten der Zufluchtsort für Räuber pittoresker Art geweſen, von denen ſich heutigen Tages kaum noch eine Spur findet. Sie brachen häufig in die Ebenen ein, griffen aber gewöhnlich nur die Reiſenden an. Nie hat⸗ ten ſie die Bauern der armen Dörfer, wie Frescavalle, ge⸗ 77* plündert, und dieſes glaubte ſich beſonders vor ſeinen Räube⸗ reien beſchützt, weil es in der Nähe von Taranto lag, von wo man raſch hätte Hülfe erlangen können. Die Beſtürzung ſeiner Einwohner war alſo groß, als ſie auf den Platz vor der Kirche kamen und auf einer gewiſſen Höhe, ſchon auf dem Pfade, der nach Oſtini und Martino führte, eine Bande gut berittener und wohlbewaffneter Männer erblickten, welche mit den dem Abbate Manfredi für die Ausſchmückung und Unterhaltung ſeiner Kirche anvertrauten Reichthümern beladen waren. Es erfolgte ein langer Schrei der Entrüſtung. Die Räu⸗ ber wandten ſich um. Da ſie in dieſem Augenblick der im Zickzack emporſteigende Weg näher zu Frescavalle führte, ſo vermochte man auf den Sätteln ihrer Pferde die der Madonna della Querecia dargebrachten reichen Draperien zu unterſchei⸗ den. In den letzten Strahlen der untergehenden Sonne fun⸗ kelten auch die für den Altar der Jungfrau beſtimmten koſt⸗ baren Gefäße und Ornamente. Der letzte der Truppe zog vorüber: es war offenbar der Anführer. Er war hoch gewach⸗ ſen, ſeine Kleidung zierlich. Seine Haltung ſchien bekannt, denn Giocondo, der Abbate, ſeine Schweſter und noch andere Perſonen ſchauten Lavinia mit ſichtbarem Erſtaunen an. Auch ſie ſchien den Reiter zu erkennen, und ſie betrachtete ihn prü⸗ fend„während ſie an allen Gliedern zitterte. Ihre Unent⸗ ſchiedenheit war nicht von langer Dauer. Er ſchob den Man⸗ tel zurück, in den er gehüllt war, er nahm den Hut ab, und verbeugte ſich tief und mit einer Miene ironiſchen Ernſtes. Lavinia ſtieß einen herzzerreißenden Schrei des Schreckens 1 78 aus und ſiel wie eine Todte in die Arme ihrer Mutter. Sie hatte in dem Anführer der Banditen, von denen bei ihrem Oheim ein Kirchenraub begangen worden war, Falcone da Pietraccio erkannt. Nach Hauſe zurückgeführt, wurde Lavinia von einem hef⸗ tigen Fieber befallen: ſie rief ihren Oheim und ihre Mutter an ihr Lager und erzählte ihnen, wie Falcone ſie zu einem verabſcheuungswerthen und ſtrafbaren Betruge bewogen, der dem Verbrechen, das er beabſichtigt, zum Deckmantel dienen ſollte. Die Reue des armen Kindes war ſo groß, daß weder der Abbate noch ſeine Schweſter den Muth hatten, ihr Vor⸗ würfe zu machen. Der gute Geiftliche ſuchte ſie im Gegen⸗ theil zu beruhigen und verließ ſie mit den Worten: „Dieſe furchtbare Lehre wird Dir heilſam ſein, meine Tochter. Ich überlaſſe Dich Deinen Betrachtungen und will auf ein Mittel ſinnen, das Uebel wieder gut zu machen.“ III. „Ich habe den Weg gefunden, auf welchem ſich die Geſchenke der guten engliſchen Mylady wiedererlangen laſſen,“ ſagte am andern Tage Giocondo zum Abbate Manfredi, indem er zu ihm unter die Laube trat, welche die Facade des Hau⸗ ſes ſchmückte;„doch dieſer Weg iſt ſchwierig und gefährlich.“ „Sprecht immerhin.“ „Ihr wißt, Herr Abbate, daß die Ziege Favilla Lavinia von demſelben Falcone geſchenkt wurde, der zu der Räuber⸗ bande gehört, wenn er nicht gar ihr Anführer iſt?“ ———————— 79 „Nun!“ „Hört meinen Plan. Wir nehmen dieſe Ziege. Sie ſucht immer gegen das Gebirge zu entfliehen: ſie wird ſich ohne Zweifel des von ihrem Herrn bewohnten Ortes erinnern und uns dahin führen.“ „Der Gedanke iſt finnreich; doch Ihr habt nicht bedacht, mein Freund, daß wir dieſen Ruchloſen begegnen können.“ „Wir werden wohl bewaffnet ſein und nur zur Stunde gehen, wo ſie gewöhnlich abweſend find. Und dann überlaſſen wir uns der Obhut Gottes. Wer nichts wagt, gewinnt nichts.“ „Auch habe ich noch etwas Anderes einzuwenden: die Ziege iſt ſehr ſcheu, ſie kennt nur Lavinia, wird ſie mit uns gehen wollen?“ „Nein, gewiß nicht,“ antwortete eine ſchwache Stimme. Der Abbate und Giocondo ſahen am Fenſter Lavinia erſcheinen, welche ihr Geſpräch gehört hatte. Sie hieß ſie durch ein Zeichen warten und ging zu ihnen hinab. Ein tiefer Kum⸗ mer verzehrte ſie, ihre Augen waren von Thränen angeſchwol⸗ len, ihr Herz war voll von Seufzern. Sie küßte demuths⸗ voll ihrem Oheim die Hand und grüßte traurig den armen Giocondo, den der Schmerz ſeiner Verlobten auf's Tiefſte erſchütterte. „Ohne es zu wollen,“ ſagte ſie,„habe ich Euern Plan gehört. Er iſt gut, doch wenn er gelingen ſoll, müßt Ihr mich mitnehmen.“ „Dich!“ „Ich werde Favilla lenken, oder vielmehr halten, denn ſie wird mich führen. Sie gehorcht nur mir allein!“ „Dann müſſen wir auf den Plan verzichten,“ ſagte der Abbate. „Nie!“ wiederholte kräftig der junge Mann. „Wollt Ihr nicht einwilligen, ſo werde ich ſicher⸗ lich vor Schmerz ſterben,“ ſagte Lavinia.„Wenn Ihr wüß⸗ tet, wie mich die Reue martert, ſo hättet Ihr Mitleid. Ich 80 „Nie werden wir Dich der Gefahr ausſetzen.“ bitte, laßt es mich verſuchen, meinen Fehler wieder gut zu machen.“ „Aber, Unglückliche! wenn wir den Räuber treffen?“ rief der Pfarrer. „Dann tödtet mich Giocondo, und das wird eine Süh⸗ nung ſein,“ ſprach Lavinia mit einem Ausdruck von Ent⸗ ſchiedenheit, der einer Römerin Ehre gemacht hätte. „Meine Geliebte, meine Braut tödten!“ „Deine Braut, Freund! ich, die ich Dich verlaſſen wollte, um dieſen... Ein Schluchzen machte ihre Stimme zittern, Giocondo ergriff ihre Hände, küßte ſie voll Inbrunſt und ſchwur, ſie ſollte ſeine Frau werden. Lavinia warf ihm einen Blick der Dankbarkeit zu und fuhr fort: „Mein theurer Oheim! guter Givcondo, gewährt mir meine Bitte.4 „Aber Deine Mutter, mein Kind?“ „Oh! ſagt ihr nichts davon. Ich wäre nicht im Stande, ſie zu überreden.“ Der Abbate Manfredi und Giocondo, längſt gewohnt, 81 in Allem den Willen des Mädchens zu thun, vermochten ihr nicht zu widerſtehen. Sie willigten ein, ſie dem gefahrvollen Unternehmen beizugeſellen, und ihre Gegenwart veranlaßte ſie, die Vorſicht zu verdoppeln. Statt des nächſten Morgens be⸗ ſtimmte Giocondo ſchon den Abend deſſelben Tags zum Aufbruch. „Die Dunkelheit wird uns begünſtigen,“ ſagte er. Die Nothwendigkeit, zu handeln, zerſtreute bei Lavinia iede körperliche Schwäche: ſie war ſo glücklich, einen Fehler ſühnen zu können, den ſie bitter beklagte. Einige Stunden genügten, um Waffen und Proviant herbeizuſchaffen, denn man wußte nicht, wie viel Zeit man marſchiren mußte, noch wo⸗ hin der ungebahnte Pfad führen würde, den die Ziege ohne Zweifel wählte. Der Abbate übernahm es, ſeiner Schweſter ſeinen eigenen Abgang und den von Lavinia zu erklären. Er that es, ohne Verdacht zu erregen. Um zehn Uhr Abends war die kleine Truppe am Sam⸗ melplatze eingetroffen. Sie beſtand aus zwölf Männern von Frescavalle, die man aus den Stärkſten und Muthigſten aus⸗ gewählt hatte. Der Abbate, Lavinia und Giocondo kamen hinzu. Das Mädchen hielt ſeine Ziege an der Leine. Der Mond ſchien in ſeinem völlen Glanze, als ſie, ge⸗ führt von der Ziege, welche ſich wilder als je zeigte, den Weg zu erklettern anfingen. Gewohnt, zu dieſer Stunde zu ſchkafen, ſchien Favilla keine beſondere Freude an dem Spaziergang 6 unter den funkelnden Sternen zu haben. Launenhaft, eigen⸗ ſinnig, gehorchte ſie kaum ihrer Gebieterin. „Was hättet Ihr mit ihr gemacht?“ ſagte Lavinia zu Giocondo, indem ſie auf das kleine Thier deutete Der Erzähler. I. 1847. 6 82 „Ich hätte ihr den Hals umgedreht. Doch wie beſtimmſt Du ſie, Dir zu folgen, wenn ſie ſo widerſpänſtig iſt?“ ver⸗ ſetzte der junge Mann. „Das iſt mein Geheimniß“ Hätte Giocondo ſeine Braut angeſchaut, ſo würde er geſehen haben, daß die Röthe ihre Stirne bedeckte, und daß eine Thräne an ihren ſeidenen Wimpern zitterte. Es hatte die Neugierde des jungen Mannes erregt, daß Lavinia, ſo oft die Ziege, in einem Anfall von Aerger, ſich niederlegte, ohne wieder aufſtehen zu wollen, wie ein Gränzpfahl mitten auf dem Wege ſtille ſtand oder zu dieſer ungeeigneten Stunde graſen zu wollen Miene machte, ihr einen Gegenſtand darbot, den ſie in der Hand hielt. Sogleich ſprang und lief Favilla immer in einer gewiſſen Richtung fort, wodurch ſie ihre vollkommene Kenntniß der Oertlichkeit und des geſuchten Zieles zeigte. Sie ſtiegen auf Wegen empor, welche gleichſam keine Wege waren; ſie zogen durch beinahe undurchdringliche Gehölze; ſie ſetzten über gefährliche Klüfte und kletterten an ſchwarzen, unergründlichen Schluchten hin. Um zwei Uhr nach Mitternacht ließ die Ziege, welche immer raſcher b wärts eilte, zum erſten Male ſeit ihrem Aufbruch, ein Geblöke hören. Giocondo nahm ihre Schnauze in ſeine Hand. „Aufgepaßt!“ flüſterte er. Man hörte den abgemeſſenen Schritt einer Schildwache „Wir ſind an Ort und Stelle,“ ſagte Giocondo.„Nun, Lavinia, entferne Dich mit Deiner Ziege und verhinders ſie, Lärm zu machen. Ihr Vier,“ fuhr er fort, indem er einige Männer bezeichnete,„folgt ihr, ich vertraue ſie Euch für den 83 Fall der Gefahr. Flieht, wenn es ſein muß, und bringt ſie in Sicherheit.“ Dann befahl er dem Kern der Truppe, auf dem Platze zu bleiben, und ſchritt, an dieſem Orte durch dichtes Gebüſch beſchützt, bis zum Rande des Abſturzes fort. So ſehr er ſich auch anſtrengte, gelang es Giocondo doch nicht, die Menſchen, deren Stimmen er hörte, zu erſchauen, um ſo gut als mög⸗ lich ihre Anzahl und ihre Stellung zu erkennen. „He! il Biondo! mir ſcheint, ich habe Geräuſch gehört,“ ſagte die Stimme eines Halbentſchlafenen. „Bah!“ erwiederte eine andere, welche die der Schild⸗ wache zu ſein ſchien,„es war das Blöken einer Ziege.“ „Um zwei Uhr Morgens.“ „Wenn ſich ihr Junges verirrt hat, ſo ſuchen ſie das⸗ ſelbe eine ganze Nacht hindurch. Handelt es ſich um ihre Nachkommenſchaft, mein Lieber, ſo fürchtet eine Mutter weder Gefahren, noch Strapatzen, noch Schmerzen, noch den Tod. Das weibliche Geſchlecht iſt ſich überall gleich!“ „Welch ein Gefühlsaufwand für eine Ziege! Mit Recht hat man Dich den Philoſophen genannt.“ ſagte der Andere lachend. „Die Ziege hich auf den Gedanken an eine an⸗ dere Mutter. Sie wird in Wuth gerathen, wenn ihr Faltone, wie er es im Sinne hat, ihr Kind raubt.“ Bei dieſen Worten ſchlug das Herz von Giocondo ſo hef⸗ tig, daß ihn der Schwindel erfaßte „Corpo di Bacco! wir wollen hoffen, daß wir den Ka⸗ vitän von dieſem wahrhaft wahnſinnigen Plane abbringen“ 84 „Er kann ſich nicht eher damit beſchäftigen, als bis wir die Expedition nach Brindiſi beendigt haben, die mir teufel⸗ mäßig wichtig vorkommt Und bis dahin„ „Wie viel Zeit werden wir dazu brauchen?“ fragte il Biondo.„Wenigſtens zehn Tage „Ja,“ ſagte der Andere.„Doch wenn er hartnäckig iſt?“ „Er iſt der Führer, wir müſſen ihm gehorchen. Deſſon ungeachtet wird er uns in abſcheuliche Schwierigkeiten bringen.“ „Im Ganzen, meiner Treue! es lebe die Gefahr! das iſt das Salz des Lebens.“ „Ja, das iſt ſchön und gut im Geſpräch! Doch wenn es die reiche engliſche Signora ſich in den Kopf ſetzt, uns hängen zu laſſen, ſo kann ſie es; denn mit Gold würde man einen Lazzarone brav machen und den Wind in ſeinem Laufe auf⸗ halten.“ 4 Die zwei Räuber wechſelten noch viele, für den Verlobten von Lavinia unverſtändliche, Worte. Il Biondo wurde ab⸗ gelöſt, der Andere ſchlief wieder ein und die neue Schildwache ging ſtillſchweigend auf und ab. Giocondo erhob ſich geräuſch⸗ los und kehrte zu ſeinen Gefährten zurück. Er empfahl ihnen die größte Vorſicht und führte ſie in den Wald, durch den ſie gezogen waren, um in die Nähe der Räuber zu kommen. Dann hieß er ſie auf die buſchreichſten Bäume klettern und hier bis auf weiteren Befehl warten, Giocondo ging in das Innere des Waldes, um ſich mit dem Abbate und Labinia zu verſtändigen, als er in der Finſterniß geſtoßen und heftig niedergeworfen wurde. Alsbald erhob er ſich wieder und ſuchte den Urheber dieſes nicht ſehr höflichen Ueberfalls. Einen 85 Augenblick nachher erhielt er neue Stöße von zwei oder drei raſch an ihm vorübergehenden Perſonen. „Wer da?“ fragte die Stimme des Abbate „Giocondo. Doch wohin lauft Ihr?“ „Die Ziege iſt entflohen.“ „Diavolo! wir müſſen ſie wieder bekommen!“ rief der jünge Mann. Und er eilte mit den Andern zum Eingang des Waldes, denn Fabilla galoppirte in der Richtung des Schlupfwinkels der Räuber fort. Auf der Esplanade angelangt, welche die Strahlen des Mondes nicht mehr beleuchteten, hörten ſie die Ziege im Ge⸗ büſche am Rande des Abgrundes blöken. Ein Schuß erſcholl. Als die Schildwache die Ziege erblickte, dachte ſie an die auf dem Lande herrſchende Hungersnoth und ſchlug auf das arme chier an, doch ſie verwundete es nur. Unzufrieden über den Empfang der Freunde, denen ſie entgegenlief, kehrte die Ziege um und ſchlüpfte wie ein Aal zwiſchen die Beine von Gio⸗ condo und ſeinen Gefährten. Den Befehl ihres Anführers vergeſſend, jagte ihr indeſſen die Schildwache nach. Während dieſer Zeit glaubten die Räuber, plötzlich aus ihrem Schlafe erweckt, man wolle ſie angreifen. Alsbald waren ſie auf den Beinen; ſie folgten den Fußſtapfen der Schildwache und fielen über die Truppe von Frescavalle her, welche, mit Ausnahme von Lavinia, vollzählig war, denn die im Walde verborgenen Leute hatten ſich haſtig geſammelt und waren auf den Schuß herbeigeeilt. Obgleich muthig, waren Giocondo und ſeine Gefährten doch nicht ſtark genug, um mit einer Anzahl kampf⸗ gewohnter Menſchen zu ſtreiten. Der Abbate Manfredi wagte 86 es nicht einmal, ſich zu vertheidigen. Nach einem kur⸗ zen Feuern, nach einem Handgemenge, wobei man viele Püffe und einige Wunden austauſchte, wurden die kühnen. Dorfbewohner insgeſammt gefangen genommen und entwaffnet. Dies Alles war in weniger als zehn Minuten vorüber. Be⸗ ſchämt durch ihre Niederlage und voll Schrecken, indem ſie an das Loos dachten, das ihnen von der Rache der Banditen vorbehalten war, folgten ſie den Siegern. Dieſe verbanden ihnen die Augen und führten ſie auf eben ſo rauhen als ge⸗ fahrvollen Wegen bis zu ihrem Schlupfwinkel. Als der Abbate und ſeine Leute Erlaubniß erhielten, umherzuſchauen, befanden ſie ſich in einer von der Natur ge⸗ bildeten Grotte, welche jedoch die Hand des Menſchen befeſtigt hatte Die einzige ſichtbare Oeffnung war unter den Felſen in einer Höhe von ungeſähr fünfzehn Fuß angebracht. Man ſah hier eine Schildwache hin und hergehen, welche eine äußerſt zierliche Räuberkleidung trug, aber bis unter die Zähne be⸗ * waffnet war und die Gefangenen nicht aus dem Auge verlor. Von Zeit zu Zeit legte ſie, in Form einer ſcherzhaften War⸗ nung, auf einen von den ihrer Obhut übergebenen Unglück⸗ lichen an. Dann lächelte ſie mit väterlicher Miene, hob ihre* Stutzbüchſe wieder auf und ſetzte ihren Marſch bis zu dem Augenblick fort, wo ihre natürliche Heiterkeit ihr den Gedanken eingab, an einem andern Laͤndmann die Wirkung ihres un⸗ ſchuldigen Spieles zu verſuchen. Lavinia war indeſſen in einer tödtlichen Unruhe geblieben. Sie hatte auch den Schuß der Schildwache, ſodann den Lär⸗ men des Gefechtes und das Knallen der Feuergewehre, zurück⸗ 87 geworfen und verſtärkt durch die Wälder und Schluchten der Umgegend, gehört. Als die Stille wieder eintrat, verdoppelte ſich ihre Angſt. Niemand kam zu ihr. Was war vorgefallen? Offenbar hatte ein Kampf zwiſchen ihren Freunden und den Räubern ſtattgefunden. Doch wer war Sieger? Das Mädchen ſchauerte bei dieſer Frage. Der Abbate, Giocondo, einer von den Bauern würden gekommen ſein, um es ihr zu verkündigen, wenn ſie den Sieg davon getragen hätten. Was bedeutete dieſes düſtere Schweigen, das auf ein ſo geräuſch⸗ volles Zuſammentreffen folgte? Den Tod oder wenigſtens die Niederlage der Einwohner von Frescavalle. Das unterlag keinem Zweifel mehr. Die Einſamkeit, in der man ſie ließ, und die Stille, welche nur zuweilen durch das Aechzen des Waldes und durch das Geſchrei der über das ungewöhnliche Geräuſch, durch das man ihren Schlaf geſtört, erſchrockenen Vögel unterbrochen wurde, brachten auf Lavinia einen nicht zu ſchildernden Eindruck des Schreckens hervor; ſie konnte ſich nicht entſchließen, in dieſer gräßlichen Ungewißheit zu ver⸗ harren, und trat, mochte es gehen wie es wollte, aus dem Gebüſche, wo ſie ſich verborgen gehalten hatte. Ihre erſten Schritte waren langſam und unentſchieden: ſie blieb jeden Augenblick ſtehen und ſchaute umher; aus Furcht, von Andern gehört zu werden, wagte ſie es nicht, ihren Freunden zu rufen. Ihre Angſt nahm immer mehr zu, je weiter ſie ging, ohne das Echo einer Stimme oder den Schall eines Trittes durch den Schlag zu hören, in welchem ſie zitternd umherlief. Nachdem ſie mehr als einmal verirrt war, kam Lavinia auf den Schauplatz des Kampfes. Die Morgendämmerung verlieh 88 dem Horizont eine weiße Färbung. Das Blut war noch friſch. Zerbrochene Waffen, Fetzen von Kleidern lagen auf dem Boden zerſtreut umher; doch man erblickte keinen Ver⸗ wundeten. Kein Merkmal deutete die Richtung an, welche die Bauern oder ihre Feinde bei ihrem Rückzug genommen hatten. Sie näherte ſich dem Gebüſche, wo einige Zeit zu⸗ vor ihr Bräutigam die Stimmen der Banditen gehört hatte; nichts bezeichnete ihre Nähe. Erſchrocken über eine ſo finſtere Ruhe, von tauſend unſeligen Ahnungen ergriffen, kehrte ſie in den Wald zurück und ſetzte ſich nieder, um über ihre Lage nachzudenken und auf ein Mittel zu finnen, wie ſie ihren un⸗ glücklichen Freunden Hülfe bringen könnte. Welche Revolution war in ihrem Geiſte vorgegangen! Welche bittere Erinnerung, welche ſchmerzliche Gewiſſensbiſſe bemächtigen ſich ihrer zu glei⸗ cher Zeit! Sie, die beſcheidene, reine Jungfrau, die Nichte des ehrwürdigen Seelenhirten von Frescavalle hatte einen mit allen Verbrechen befleckten Anführer, einen Räuberhauptmann lieben können! Sie hatte ihn Giocondo, dem ſo ehrlichen, ſo guten Landmann vorgezogen, ihm, dem Edelmüthigen, der ihr in dem Augenblick, wo ſie ſich unter der Laſt der Schande beugte, abermals einen Namen bot, den ſie verachtet hatte! Ss blieb Lavinia nur ein Entſchluß übrig, und ſie zögerte nicht ihn zu faſſen: der Entſchluß, nach Frescavalle zurück⸗ zukehren und die Unterſtützung von Mylady anzuflehen, um die Befreiung des würdigen Abbate und ſeiner Unglücksgefähr⸗ ten, wenn es hiezu noch Zeit wäre, zu bewerkſtelligen. Der erſte Strahl der Sonne, der wie eine Rakete vom Horizont herabſprang, beleuchtete den Pfad von Lavinia, als 89 ſie die Richtung ihres Geburtsortes wiederfinden wollte. Sie ging ein Zeit lang gerade aus und überließ ganz der Vor⸗ ſehung die Sorge, ſie zu leiten. Der Himmel, den die Mu⸗ thige angerufen hatte, kam ihr bald zu Hülfe. Allmälig die grünen Laubmaſſen durchdringend, geſtattete ihr das Licht, auf dem Graſe und auf den Blättern des Geſträuches die Flecken eines friſchrothen Blutes dem ähnlich zu unterſcheiden, welches ſie auf dem Kampfplatze bemerkt hatte. Die Idee, ein Flüch⸗ tiger wäre hier durchgekommen, hätte ihr vielleicht Kraft ver⸗ liehen, doch ſie dachte, dieſe unſeligen Spuren könnten von den Wunden ihres Oheims oder von denen von Giocondo herrühren, und die Angſt verwandelte das Mark ihrer Gebeine in Eis. Aber, o Glück! während ſie neue Spuren ſuchte, ſah ſie den deutlichen Eindruck des Fußes einer ebenfalls mit Blut befleckten Ziege. Etwas ferner flatterten an den Zwei⸗ gen eines dornigen Strauches lange weiße Haare, welche La⸗ vinia wie die ihrer launenhaften Favilla vorkamen. Sie wan⸗ derte lange. Bald verlor ſie, bald fand ſie wieder die pur⸗ purnen Tropfen, welche wie die Granatkörner in dem orien⸗ taliſchen Mährchen abſichtlich auf den Weg geſtreut zu ſein ſchienen. Denn ſobald ſie die Gewißheit erlangt, daß ihre Ziege ihr vorangegangen, zweifelte Lavinia nicht mehr, ſie wäre unmittelbar nach Frescavalle zurückgekehrt. Um neun Uhr Morgens kam ſie ganz gelähmt von Müdigkeit an den Rand des Baches, der ſich in Cascaden durch die Wieſe ſtürzte, welche der Schauplatz des Tarantismo geweſen war. Obgleich allein, wurde ſie purpurroth vor Scham bei dem Gedanken an ihren Fehltritt, und dann erbleichte ſie wie⸗ 90 der, indem ſie ſich erinnerte, wie grauſam ſie, unmittelbar nachdem ſie ihn begangen, beſtraft worden war. Mit Hülfe einiger Tannenzweige, welche ſie quer überwarf, gelang es Lavinia, über den Bach zu ſetzen. Zehn Schritte jenſeits fand ſie ihre Ziege, welche leblos auf dem Boden ausgeſtreckt lag. Sie vergoß heiße Thränen über den Verluſt ihres Lieb⸗ lings. Dann ſetzte ſie ihren Weg fort und gelangte raſch in's Dorf. Mit wenigen Worten erzählte ſie ihrer beſtürzten Mutter, was vorgefallen war. Sie wollte weder ausruhen, noch Speiſe zu ſich nehmen, ehe ſie einen Eilboten an die gute engliſche Signora abgeſchickt hatte, um ſie von dem Un⸗ glück unterrichten zu laſſen, unter dem das ganze Dorf Fres⸗ cavalle ſeufzte. Der Bote kam bald als Ueberbringer guter Kunde zurück. Alles, was Geld und Protectionen zu bewirken vermöchten, ſollte zu Gunſten des ehrwürdigen Geiſtlichen und ſeiner Mit⸗ gefangenen angewendet werden. Wenige Stunden nachher rückte in der That ein von Taranto abgeſendetes Detachement Truppen in Frescavalle ein. Lavinia muße ſich entſchließen, daſſelbe nach dem Kampfplatze zu führen. Ihre Mutter wollte ſie begleiten, aber die gute Frau mußte auf ihr Vorhaben verzichten. Einige Bauern erboten ſich jedoch, die Nichte ih⸗ res geliebten Pfarrers zu geleiten. Da der von Taranto ein⸗ getroffene Officier der Anſicht war, man müſſe die Räuber zu überrumpeln ſuchen, ſo fand der zweite Aufbruch von Fres⸗ cavalle wie der erſte bei Nacht ſtatt. 91 IV. Zwei lange Tage und zwei tödtliche Nächte waren für die Gefangenen in grauſamer Angſt hingegangen. Ein ein⸗ ziges mageres Mahl, beſtehend aus Schwarzbrod und einge⸗ ſalzenem Kabeljau, war ihnen im Verlaufe dieſer Zeit bewilligt worden. Kein Ton drang zu ihnen, außer dem der in glei⸗ chen Zwiſchenräumen vom Felsgewölbe herabfallenden Waſſer⸗ tropfen oder dem nicht minder traurigen des Ganges der Schildwache, welche man von Stunde zu Stunde ablöſte. Giocondo ſtaunte, daß man ſie bis dahin hatte leben laſſen, und erwartete jeden Augenblick das Zeichen zu einer allgemei⸗ nen Schlächterei oben aus der Oeffnung herab, welche die Schildwache hütete. Die Räuber hatten leichtes Spiel in die⸗ ſer Höhle, wo ein Erkletterungsverſuch nur ſicher den Schüſſen der Mörder einen Zielpunkt bezeichnet hätte. Der junge Mann brauſte in ſeinem Innern vor Ungeduld. Die mythologiſchen Schwüre ſeines Geburtslandes entſtrömten ſeinen Lippen, ver⸗ miſcht mit frommen und demüthigen Gebeten. Der Name von Bacchus, das Blut von Diana und der Thron Jupiters klangen ſeltſam in der Luft, wo ſie mit anderen chriſtlicheren Ausrufungen zuſammenſtießen. Stets würdig und gefaßt, ſuchte der Abbate Manfredi ſeinen Gefährten die Re⸗ fignation einzuflößen, von der er ihnen ein Beiſpiel gab, und er betete mit ihnen oder für ſie. Die übrigen Gefangenen ſpra⸗ chen ihre verſchiedenartigen Gefühle je nach dem Eindruck des Augenblicks aus. Die Einen weinten in einer Ecke, die An⸗ 92 dern beobachteten ein ſtörriſches Stillſchweigen, und wieder Andere theilten das kochende Ungeſtüm von Giocondo. Der kleinſte Theil kniete um den frommen Pfarrherrn nieder. Ermüdet durch ein langes peinliches Harren, ſchliefen endlich Alle beim Ablauf der zweiten Nacht ihrer Gefangen⸗ ſchaft; plötzlich weckte ſie ein Geräuſch, das in dieſen langen Höhlen wie ein unterirdiſcher Donner wiederhallte. „Mein Gott, es iſt um uns geſchehen!“ riefen die Ge⸗ fangenen in ihrer Beſtürzung. „Meine lieben Kinder... Gott befohlen!“ „Meine arme Frau ich werde Dich nicht wieder⸗ ſehen!“ „Herr, erbarme Dich!“ ſprach der Pfarrer. „Santa Madonna della Quercia, ich gelobe Dir eine Kerze.“ „Oh! daß ich keine Waffe habe!“ rief Giocondo voll Wuth. Einige Sekunden lang waren die Unglücklichen feſt über⸗ zeugt, man wolle ſie in die Luft ſprengen mit ihrem ſchauer⸗ lichen Gefängniß, deſſen Wände wankten, deſſen Gewölbe dem Einſturz nahe zu ſein ſchienen. In den Winkeln des unterirdiſchen Raumes machte ſich noch ein dumpfes Brauſen hörbar, als eine ſanfte Stimme an das Ohr von Giocondo traf. „Mein Oheim!“ rief ſie in der Ferne.„Mein Oheim! Giocondo!“ Man konnte nicht daran zweifeln, es war die Stimme von Lavinia. Lavinia! ſie auch in der Gewalt der Banditen! 93 Giocondo hätte dieſem Gedanken die grauſamſten Foltern der Inquifition vorgezogen. Er fuhr wie wahnſinnig auf und ſchrie „Herbei, meine Freunde! Lavinia ruft uns, rretten wir ſie.“ Und ohne auf eine Antwort zu warten, ſtürzte er gegen die Mauer ſeines Gefängniſſes.... beinahe ſicher, tödtlich von der Kugel der Schildwache getroffen in die Tiefe hin⸗ abrollen zu müſſen. Doch keine perſonliche Furcht hatte mehr die Macht, den heißliebenden Jüngling aufzuhalten, der ſei⸗ ner Braut zu Hülfe eilte. Groß war ſein Erſtaunen, als er, mühſam den abſchüſſigen Felſen erkletternd und dann den Fuß auf den Rand des bis jetzt ſo ſcharf bewachten Ausgangs ſetzend, den unſeligen Knall nicht hörte und Niemand traf. In der Ferne beleuchteten in ungleichen Zwiſchenräumen ſchwankende Lichter die dunkeln Vertiefungen, die glänzenden Tropfſteinpfeiler und die ſchallenden Gewölbe der Höhle. Eine leichte Geſtalt lief, eine flammende Fackel in der Hand hal⸗ tend, durch die zahlloſen natürlichen Gallerien und rief mit herzzerreißender Stimme: „Mein geliebter Oheim! Giocondo..... mein Freund!“ Viele Soldaten, deren Bajonnete die Feuer der Fuckeln wrie Blitze zurückwarfen, unterſtützten Lavinia in ihrer Nach⸗ forſchung. Giocondo brauchte nur einen Augenblick, um ſich von dieſem unerwarteten Schauſpiel Rechenſchaft zu geben. Er wollte der Geliebten entgegenſtürzen, doch die Furcht, in den Windungen dieſes Irrſals den Ort zu vergeſſen, wo ſeine 94 Freunde ſeufzten, feſſelte ihn an ſeinen Platz Er hatte die Stärke, ſtehen zu bleiben, ohne ſich zu rühren, bis zu dem Augenblick, wo er abermals Lavinias geliebte Stimme hörte. Nun erſt antwortete er. Geleitet von ſeinem Rufe hatten das junge Mädchen und die von Mylady abgeſandte Truppe bald die Gefangenen entdeckt. Während Lavinia, vor Freude weinend, am Halſe ihres Oheims hing und ihre Hand dem vor Entzücken trunkenen Giocondo überließ, erzählten ſich die Gefangenen und ihre Be⸗ freier gegenſeitig ihre Abenteuer. Sobald dieſe den Boden er⸗ reicht, wo der Kampf ſtattgefunden hatte, machte es ihnen keine Mühe mehr, den Schlupfwinkel der Räuber aufzufinden. Sie drangen in der Stille ein und überrumpelten die acht Mann, welche in dieſem Augenblick allein die Höhle beſetzt hielten. Nach einem kurzen, aber kräftigen Widerſtand, an dem die Schildwache offenbar Theil genommen, ohne die Gefangenen länger zu hüten, waren die Banditen genöthigt, ſich zu er⸗ geben. Man band und knebelte ſie und ſchickte ſie unter ſiche⸗ rem Geleite nach Taranto. Es war nicht ſchwer, die Schätze der Madonna della Quercia unter vielen anderen Reichthümern zu entdecken, von denen der Officier im Namen des Staats Beſitz ergriff. Jeder belud ſich mit einem Theil dieſer Beute, um ſie vorläufig nach Fresecavalle zu bringen. Lavinia ſaß auf einer halb durchſichtigen Maſſe von Sta⸗ laktiten von bizarren Formen und erzählte von ihrer einſamen Rückkehr nach dem Dorfe. Doch ſie unterbrach ſich zuweilen, um ihre Ungeduld auszudrücken, und murrte über die Verzö⸗ gerung des Aufbruchs. 95 „Mein Gott! wenn die anderen Räuber zurückkämen!“ ſagte einmal das Mädchen. „Fürchte Dich nicht, meine Reizende,“ erwiederte Gio⸗ condo, der eben an ihr vorüberging,„ſie ſind auf wenigſtens acht Tage abweſend. Ich erkläre mir nun, warum ſie uns nicht ſogleich niedergemetzelt haben. Das iſt die Erpedition nach Brindiſt, von der einer derſelben, il Biondo, ſagte, ſie ſei teufelmäßig wichtig. Sie werden unmittelbar, nachdem ſie uns gefangen genommen, genöthigt geweſen ſein, aufzubrechen und uns der Bewachung von acht Männern ihrer Bande zu überlaſſen. Ohne Zweifel war es ihr Vorhaben, nach ihrer Rückkehr uns gegen Löſegeld zu entlaſſen oder uns in die an⸗ dere Welt zu ſchicken.“ Giocondo entfernte ſich und Lavinia fuhr in ihrer Er⸗ zählung fort. Der Bräutigam half dem Officier die Beute gleichmäßig auf den kräftigen Schultern der Soldaten und der Bauern vertheilen, als ein durchdringendes Angſtgeſchrei die Luft zerriß. „Was iſt das?“ fragte Giocondo ſchauernd. „Lavinia!“ rief der Abbate herbeilaufend,„Falcone!“ Er konnte nicht ein Wort mehr vorbringen. Doch der junge Mann hatte verſtanden. In zehn Sprüngen, denen des Pantherthieres ähnlich„ dem man ſeine Jungen geraubt, gelangte er zum Eingang der Höhle. In demſelben Augen⸗ blick erreichte der Anführer der Banditen, auf ſeinem linken Arme das ohnmächtige junge Mädchen ſchleppend, die aus dem 96 Felsgeſtein ausgehauene Plattform, wo il Biondo und ſein Kamerad das von Lavinias Verlobtem erlauſchte Geſpräch ge⸗ pflogen hatten. Mit der Stärke der Verzweiflung faßte Gio⸗ condo ſeine Geliebte an den Kleidern und brachte zugleich dem Räuber einen kräftigen Dolchſtoß bei. Falcone drückte eine Piſtole ab. Die Kugel ſtreifte die Schulter von Giocondo, der Falcone einen zweiten Stoß verſetzte. Der Bandit zog eine andere Piſtole, doch dieſe verſagte. Dann packte er das Gewehr beim Lauf, um ſeinem Gegner den Schädel zu zer⸗ ſchmettern. Zum Glück war der Frescavallano behende und kräftig. Nichts beengte ihn in ſeinen Bewegungen, während Falcone hartnäckig das Mädchen feſthielt. Bei dem Kampfe, der nun Leib an Leib erfolgte, zog Giocondo ſeinen Feind gegen eine Fichte, die, in die Spalten des Felſen gepflanzt, ſchräge über dem Abgrund hervorragte, vor dem nichts An⸗ deres diejenigen beſchützte, welche ſich auf der Plattform be⸗ fanden. Giocondo wählte geſchickt den Augenblick, riß ſeine Braut an ſich und ſtieß mit einer ungeſtümen Bewegung den Räuber rückwärts. Falcone verlor das Gleichgewicht, doch im Fallen traf er auf den Fichtenſtamm, an den er ſich mit den Beinen und mit einem Arm anklammerte, ohne das Mädchen loszulaſſen. Als er ſich auf ſeinem neuen Stützpunkte befeſtigt hatte, ſchleuderte der Anführer der Banditen Giocondo mit aller Gewalt ſeine Piſtole an den Kopf. In jedem andern Augenblick hätte der Schmerz den jungen Mann betäubt. Aber die Gefahr war ſo dringend, daß er eine übermenſchliche Energie erlangte. „Sie ſoll wenigſtens mit mir ſterben!“ rief der Bandit — 97 mit keuchender Stimme, indem er ſeine Anſtrengung verdop⸗ pelte, um die immer noch bewußtloſe Lavinia fortzureißen. Die krampfhaften Bewegungen der Kämpfenden mach⸗ ten den Baum, der ſie allein vor der Zerſtörung bewahrte, krachen und ſich biegen. Aber die Liebe und die Wuth verzehnfachten die Kräfte des Bräutigams. Mit einer her⸗ kuliſchen Stärke ſeine Geliebte an ſeine Bruſt preſſend, ſetzte Giocondo, welcher fühlte„daß er den furchtbaren Kampf ſo ſchnell als möglich beendigen mußte, ſeinen Fuß auf den Fich⸗ tenſtamm, bückte ſich raſch, und ſtieß ſein Stilet bis ans Heft in das Auge ſeines Feindes. Falcone wurde ſtarr und gab ein furchtbares Geröchel von ſich. Er ließ ſeine Beute los und verſchwand in eine ſchwindelerregende Tiefe hinabwirbelnd. Als Lavinia wieder zum Bewußtſein kam, lag ſie auf einem Mantel unter grünem Schatten am Rande eines rie⸗ ſelnden Baches. Ihr Kopf ruhte auf der Bruſt des Abbate Manfredi. Noch ſehr bleich, beſprengte Giocondo mit dem klaren Gebirgswaſſer das Antlitz des Mädchens„ und die be⸗ freundeten Geſichter der Einwohner von Frescavalle lächelten der Geretteten voll Zärtlichkeit zu. „Wo bin ich?... Ich habe einen gräßlichen Traum gehabt.. ſagte Lavinia aufſtehend. „Es war kein Traum„ erwiederte ihr Oheim.„Laßt uns nun die Vergangenheit vergeſſen und nur an die glück⸗ liche und friedliche Zukunft denken, die ſich unſeren Blicken bietet. Fühlſt Du Dich im Stande„den Weg nach unſerem Dorfe zurückzumachen?“ fragte der gute Prieſter mit einer wahrhaft mütterlich ſanften Stimme. Der Erzähler. 1847. n. 7 98 Mittlerweile hatte Lavinia ihren Blick auf Giocondo ge⸗ richtet und ſeine leidende Miene, ſowie die Binde wahrgenom⸗ men, in der er ſeinen Arm trug. Sie erbleichte abermals, doch bald erhob ſie ſich voll Feſtigkeit und ſprach:„Laßt uns gehen, mein Oheim. Komm, Giocondo.“ So verließ ſie den Wald, den ſie endlich wiedererkannt hatte, und ſchritt ſtets aufrecht und ohne ſich ein einziges Mal umzuſchauen vorwärts. Als ſie über die ländliche Brücke ging, bei der ihre Ziege verſchieden war, blieb Lavinia einen Augenblick ſtehen und ſchleuderte weit von ſich in das ſchäu⸗ mende Waſſer einen Gegenſtand, den Giocondo nur undeutlich unterſcheiden konnte. „Mir ſcheint, es war ein Kreuz und Ohrgeſchmeide von Perlen,“ ſagte am Abend der Abbate. Sich ſodann Giocondo nähernd, ſprach das Mädchen mit ernſtem Tone. „Willſt Du mich immer noch zur Frau?“ „Ich würde ohne Dich ſterben!“ antwortete der heiß liebende junge Mann. „Hier iſt meine Hand, und ich verſpreche Dir: die Gat⸗ tin wird den Fehler des Mädchens ſühnen.“ Einen Monat nachher feierte man in Frescavalle die Hochzeit von Giocondo und der ſchönen Lavinia. Mylady und ihr Sohn wohnten dem Feſte bei, das in der neuen Kirche der Madonna della Quercia am Tage nach ihrer Ein⸗ weihung ſtattfand. Lavinia erkundigte ſich nie nach dem Schickſal von Falcone und ſeinen Gefährten. Sie wußte, daß Giocondo ſie gerettet hatte, und das genügte ihr. Die 99 furchtbaren Ereigniſſe, welche, auf eine ſo geheimnißvolle Weiſe, für das Volk, mit der Ceremonie der Tarantata in Ver⸗ bindung ſtanden, hatten zur Folge, daß dieſer alte Gebrauch in der Gegend in Verfall gerieth, und ſeitdem übt die Ta⸗ rantola ihren ſchädlichen Einfluß nicht mehr auf die jungen Mädchen von Frescavalle aus. Liebesgluth und Prieſterweihe. Nach Mery von ——— Ich lernte im Seminar von Iſſy einen jungen Abbe kennen, den ich nur mit ſeinem Vornamen Armand bezeichnen werde; ſeine Familie iſt aus Compiegne und wohnt gegenwärtig in Paris; ſie iſt wohlhabend und genießt einen gewiſſen Nachbarſchaftsruf, den einzigen Ruf, nach dem gute Bürgersleute ſtreben können. Armand wurde unwiderſtehlich durch ſein Inneres zum geiſtlichen Stande hingezogen; er verließ das College Heinrich IV., und eilte, ohne einen Gang durch Paris zu machen, ſich in dem ruhigen, kühlen Seminar einzuſchließen, das man unter 3 Baumgruppen hinter dem Dorfe Vaugirard erblickt. Nichts lächelte ihm in dem Alter zu, wo ſogar das Un⸗ glück lächelnd iſt; voll Seele und Feuer täuſchte er ſich über die Natur ſeiner leidenſchaftlichen Empfindungen; er glaubte ſich orhäniſirt für 3 myſtiſchen Ertaſen, wo der Prieſter in Liebe 101 zu den Füßen des Altars verſchmilzt, wo ſein Herz ein be⸗ ſtändiges Feſt iſt; der arme Junge fagte ſich: ich will Paulus oder Hieronymus ſein, ohne wie ſie durch die Welt und die Gottloſigkeit zu gehen. Ich begleitete ihn oft bei ſeinen Spaziergängen in den Alleen des Parkes von Iſſy; wir ſtiegen zu der Brüſtung hinauf, welche die Wiesgründe der Seine beherrſcht; Paris brauſte zu unſerer Rechten wie eine im Sturm genommene Stadt; der Fluß ſtrömte hin, ſeinen Schatz an Leichnamen und Unrath fortſchleppend. Das war traurig. Armand ſprach zu mir:„Dieſes Paris, das wir erblicken, iſt das Bild der Welt; die Welt verbirgt uns ihre Wunden, ihre Schmerzen, ihren Jammer, um uns zu zeigen, was fie Liebliches und Heiteres hat. So entzieht uns dieſe große Stadt ihre Häuſer, ihre Paläſte, ihre Straßen: wir ſehen von ihr nur ihre Glockenthürme und heiligen Dome; laßt Euch von dieſem Kunſtgriffe der verbrecheriſchen Stadt fangen; tretet ein: Ihr werdet unter Euern Füßen ſo viele Schlingen, ſo viel Koth finden, daß Ihr nicht mehr Muße habt, aufzuſchauen und an Gott zu denken.“ Er hatte viele ſolche Gedanken im Herzen und ſagte ſie ſeinen Freunden in den Stunden des Erguſſes, am Abend nach der Vesper, vor der ſchwermüthigen Kapelle des Parkes, wenn der Dampf des letzten Weihrauchs mit dem Wind unter den Bäumen hinzog und das Pangue lingua noch in unſern Ohren vibrirte; eine hintißende, keuſche Melodie, welche den alten Menſchen in uns umwandelte unſere Schritte auf der Erde machte, und uns zu guten Handlungen rieth. 102 Eines Tags rief der Superior den jungen Armand und ſprach zu ihm: „Flehen Sie die Lichter des heiligen Geiſtes an; bei der nächſten Ordination in einem Monat werden Sie zum Sub⸗ diacon gemacht.“ Armand bebte vor Freude. Er ſollte das letzte Band brechen, das ihn noch mit der Erde verknüpfte, und das furcht⸗ bare Gelübde ausſprechen, welches man nicht zerreißen kann, ohne mit der Hölle zu prakticiren. Er wandte ſeine Blicke gegen Paris und ſprach: „Von heute an iſt nichts mehr gemein zwiſchen dir und mir, o Babylon, ich bin zum Gelübde bereit.“ Am nächſten Donnerſtag, am Tage des Spaziergangs, wanderten die jungen Seminariſten bis nach Verſailles; Ar⸗ mand hatte ſich von ſeinen Mitſchülern entfernt und meditirte allein auf dem Raſen, der nach Trianon führt. Seine Seele war ruhig, ganz von der Welt losgeſchält, rein wie die Seele eines Seraphim; aber er fühlte leider im Grunde dieſer reli⸗ giöſen Ruhe in Zwiſchenräumen eine unbeſchreibliche Gluth brauſen, welche ſich nicht an Gott zu richten ſchien. Der Tag war ſchön, die Luft lau, das Gebüſch balſamiſch; Trianon und Verſailles ſandten ſich ihre herrlichen Erinnerungen zu, unter⸗ hielten ſich mit ihren edlen, nie erlöſchenden Geſchichten. Die myſtiſche Einbildungskraft von Armand war ohne Zweifel weit entfernt von allen dieſen profanen Gedanken, welche noch mit dem Schloſſe von Ludwig XIV. in Verbindung ſtehen; nun wohl! der junge Seminariſt hörte es plötzlich wie eine Stimme der Verſuchung, welche die Namen Fontanges und La Voalliere — ſtaben und Frauennamen; unwillkührlich ſprach er dieſe Namen 103 in ſein Ohr flüſterte. Er ſchloß die Augen und blieb ſtehen, um ſich in Gott zu ſammeln; er pſalmodirte langſam das Abendgebet: Procul recedant somnia; er nahm ſodann ſeinen Roſenkranz, körnte ihn mit krampfhaftem Finger ab und ſprach die Worte des heiligen Bernhard:„Der Diener Mariä wird nie umkommen.“ Zum erſten Male konnte er einem leiſchlichen Gedanken keine fromme Zerſtreuung geben; er öffnete die Augen wieder, und begegnete mit dem erſten Blicke der Colonnade von Trianon, welche ſo wollüſtig in ihrem Gehölze ſteht, wie ein Tempel von Gridos oder Amathus; er drückte die Hände auf die Lippen, um ihnen zu verbieten, dieſe Luft ſüßen Schmach⸗ tens einzuathmen, welche in ſeine Bruſt eindrang wie ein ent⸗ zündendes Gift; dann öffnete er ſein Andachtsbuch, um ſich mit den Worten des Pſalmiſten gegen den Sturm ſeines Herzens zu ſtärken. Was hätte er nicht gegeben, wenn er plötzlich durch einen Engel in ſeiner ganz mit auserwählten Verſen aus dem Buch des Predigers tapezirten, ganz von Frömmigkeit durch⸗ dufteten Zelle im Seminar geweſen wäre! Keuſches Aſyl, unter den Schutz des heiligen Ludwig von Gonzaga geſtellt! Aber auf dem Raſen von Trianon, der ſo ſanſt für die Füße, wie der Sammet im Zimmer einer Königin, unter dieſen ſchö⸗ nen Bäumen, welche noch die Feſthymne des großen Königs zu ſeufzen ſchienen, in dieſem ſchmachtenden, von Vögeln und Springquellen wiederhallenden Parke gewährte nichts dem armen Seminariſten eine rettende Unterſtützung; auf den ge⸗ ſegneten Blättern ſeines Breviers erblickte er magiſche Buch⸗ 104 aus, und ſie ſchienen in ſeinem Munde in bitteren Thau zu verſchmelzen. Die Bäume von Verſailles, mit ihren klaren Harmonien, der Fall der Waſſergarben in den Kryſtall des Baſſins, die leichtfertigen Rouladen der Nachtigallen erfüllten die Gebüſche mit glänzenden Sylben; alle dieſe vermiſchten Stimmen ſchienen Fontanges, Montbazon, La Valliere, Main⸗ tenon, Montespan zu nennen, und in den Lichtungen des Parkes erſchienen die Statuen, von ſchwebenden Schatten ver⸗ ſchleiert oder von Strahlen gefärbt, in der Ferne mit For⸗ men, welche dieſen anmuthigen Frauennamen entſprachen; man hätte glauben ſollen, plötzlich in Götter verwandelt, empfingen dieſe königlichen Geliebtinnen auf ihren Piedeſtalen den Weih⸗ rauch und die Blumen an dem Orte„ wo ſie ſo viel geſeufzt, ſo viel gelebt, ſo viel geliebt. „Oh! wie ſchlimm iſt die Einſamkeit für denjenigen, welcher nicht mit Gott iſt,“ ſprach Armand, ſchauernd vor Angſt.„Die Weisheit hat ſehr Recht, die Menge iſt nicht zu fürchten, man ſieht nichts in der Menge; doch hier in die⸗ ſer Einſamkeit iſt Alles mit unreinen Bildern bevölkert. Oh! mein Gott, der Du mich ſo oft von den fleiſchlichen Geſpen⸗ ſtern der Nacht errettet haſt, errette mich von dem Dämon des Mittags, a demone meridiano!“ Und er eilte ſeinen Freunden nach, deren freudige Stim⸗ men er hörte; da erſchienen plötzlich zwei Damen vor ihm, als wären fie aus der Erde hervorgekommen. Die ältere von ihnen, ohne Zweifel die Mutter, ſprach zu ihm: „Ihre Geſellſchaft iſt nicht weit von hier entfernt, Herr 5 105 Abbe, Sie finden ſie, wenn Sie dieſer Allee folgen, bei dem großen Baſſin.“ Armand war ganz verblüfft. „Madame. ſagte er... Und er hielt inne, ohne fortfahren zu können. Die Dame ſchrieb ohne Zweifel dieſe Unruhe der Schüch⸗ ternheit des Geiſtlichen zu; ſie fügte bei: „Ich glaubte, Sie ſuchten Ihre Freunde, Herr Abbe Sie ſchienen unentſchieden in Ihrem Gange. Ich bitte Sie um Verzeihung, wenn ich Ihre frommen Betrachtungen unter⸗ brochen habe.“ Armand ſuchte etwas, das einer Antwort gliche. „Nein, Madame Ich danke Ihnen ſehr in der That ich folgte den Seminariſten, ich kenne dieſen Park nicht genau, und.4 „Sie ſind Sulpicianer, ohne Zweifel?“ ſprach die Dame. „Ja, Madame, Sulpicianer, wir machten einen Spazier⸗ gang in Verſailles.“ „Der Spaziergang iſt ein wenig lang,“ fagte die andere Dame mit einem himmliſchen Lächeln. Armand ſchloß die Augen„machte eine tiefe Verbeugung und entfernte ſich, ohne nur die gewöhnlichen Formeln ſtam⸗ meln zu können. Die Unruhe, welche ihn ergriffen hatte, war ſehr natür⸗ lich im Herzen des armen Abbe nie hatte er unter einem anmuthigen Strohhute ein ſchöneres Geſicht einer jungen Frau ſich runden und ſtrahlen ſehen; es war die blendende Car⸗ nation der glücklichen, reichen Geſundheit, der ideale Ausdruck 106 der Jungfrau von edlem Blute, die blonde, roſige, ſammet⸗ weiche, ſüße Jungfrau, geſchaffen für Trianon und Verſailles, wie Fontanges oder Monteſpan. Armand lief auf den Zufall auf dem Raſen fort, wie von einem inneren Sturme erfaßt; das Götterbild war noch vor ſeinen Augen, die melodiſche Stimme noch in ſeinem Ohr; er öffnete ſein Brevier und ſchloß es; er nahm ſeinen Roſenkranz und ließ ihn auf den Boden fallen; er zog aus ſeinem Buche das Bild der heiligen Catharina von Siena, das als Zeichen diente; er küßte dieſes Portrait mit Flammenlippen, und unter der fleiſchlichen Be⸗ ſeſſenheit, die ihn verzehrte, verwandelten ſich die inbrünſtigen Küſſe, die er dem Bilde der Heiligen gab, in profane Küſſe; er verſchlang das Portrait. Erſchrocken über ſeine Täuſchung und wankend, wie nach einer Liebeskriſe, ſtützte er ſich an einen Baum und warf dem Himmel einen Blick der Betrüb⸗ niß und der Bitte um Unterſtützung im Kampfe zu. und als ſein Auge vom Himmel wieder zur Erde herabfiel, erblickte er am Ende der Allee das weiße Kleid der jungen Frau, ihren Sonnenſchirm auf ihre geſchmeidigen Schultern gelegt, ihre linke Hand mit einem Blumenſtrauße belaſtet; Armand folgte ihr einige Minuten mit einem mit der Verzweiflung ringenden Blicke; ſie war hinter den Raſenſtücken verſchwun⸗ den; er verlor ſie und fand ſie wieder je nach den Launen der Allee; endlich ſchloß ſich das Gebüſch hinter ihr und er⸗ laubte den Lichtungen nicht mehr, eine einzige Falte von dem weißen Gewande vor den Augen des armen Armand glänzen zu laſſen. Die Seminariſten kamen zu Armand; einer von ſeinen 107 vertrauten Freunden ſah ihn unter einem Baume fitzen, die Augen ſtarr und gegen das Gebüſch gewendet, wo die Viſion verſchwunden war. „Wir ſuchen Dich, Armand,“ ſagte er zu ihm;„ſeit zwei Stunden behaupte ich eine Theſe gegen dieſe Herren; Du haſt uns gefehlt, Du, der Du der große Caſuiſt des Hauſes biſt. Du ſollſt erfahren, daß man mich als Ketzer behandelt hat; wir ſtreiten über die Gnade; ich habe behauptet, der Menſch ſündige nur durch die Unzulänglichkeit der Gnade; ich denke, wenn die Gnade hinreichend wäre, ſo würde der Menſch nie ſündigen. Bin ich ein Ketzer, Armand?“ Die Seminariſten umgaben Armand; er war bleich wie eine Leiche. „Meine Herren,“ ſagte er zu ihnen,„wenn Sie erlau⸗ ben, ſo wollen wir ein andermal über dieſen Gegenſtand ſpre⸗ chen; ich befinde mich unwohl... Er hatte nicht nöthig, eine andere Entſchuldigung beizu⸗ fügen, um ſich von der Abhandlung der Theſe über die unzu⸗ längliche Gnade freizumachen: ſeine Schwäche war ſichtbar; man verſchwendete an ihn die liebevolle, brüderliche Fürſorge, die man im Leben des Seminars findet. Doch er erröthete diesmal, weil die geheime Urſache, welche ſie nothwendig ge⸗ macht hatte, eine ſtrafbare war; er ſah ſich genöthigt, gegen Gott und ſeine Brüder zu lügen; er ſagte ihnen, ein plötz⸗ licher Uebergang der Hitze zu der Kühle der Bäume habe ihn beläſtigt; ein wenig Ruhe und das Gebet würden ihm ſeine Kräfte unzweifelhaft wiedergeben. Man fand dies ganz natür⸗ lich; ein Wagen wurde gerufen, zwei Seminariſten ſtiegen 108 mit ihm ein und man führte ihn auf dem Wege von Paris fort. Die Nacht, welche auf dieſen Tag folgte, hatte dem armen Armand keine Stunde Schlaf zu geben; nach der Abendandacht war er im Gebet in der Kapelle geblieben; hier war wieder etwas Ruhe in ſein Herz zurückgekehrt: der myſtiſche Wohlgeruch des Weihrauchs und der ausgelöſchten Wachsker⸗ zen, die Bilder von zwei mit ihren Flügeln verſchleierten Che⸗ rubim, das hochverehrte Gemälde vom heiligen Ludwig von Gonzaga, Alles führte ihn in dieſer Kapelle zu Gemüthsbewe⸗ gungen, die ihm theuer waren, zu ſeraphiſchen Erinnerungen zurück, die ſein Blut erfriſchten. Hernach ſah er wieder den Schlafſaal, wo er ſo oft in jenen ruhigen Schlummer ver⸗ ſunken war, welchen Gott den Gerechten verleiht. Kaum ſchloß der junge Seminariſt ſeine Augenlieder, als er heftig in ſeinem Bette erſchüttert wurde von einer Stimme ſanft wie die eines Engels, aber ach! dieſe Stimme kam nicht vom Himmel herab; er betete, und betete nur mit den Lippen, er drückte ſein Geſicht auf ſein Kopfkiſſen, um alle ſeine Gedan⸗ ken in einer Andacht zuſammenzudrängen; da erblickte er einen unermeßlichen, düſteren, unbekannten Horizont, woran Wogen von Funken wirbelten. Der Tag ſchien ſtufenweiſe auf dieſem Grunde eines ſchwarzen Gemäldes hinzugleiten. Auf unentſchiedenen, der Morgendämmerung ähnlichen Dünſten, unter Schatten, ſo durchſichtig wie das Blätterwerk der Akacien, ſchwamm ein luſtiges Bild, ein roſiges Geſicht mit blonden Haaren und Azurblicken; dann entfloh die Viſion, der Horizont nahm wieder ſeine erſte Tinte an, Myriaden von —— 109 bleichen Funken drehten ſich noch im endloſen Raume. Es war die Erſcheinung des Deliriums; das Gebet war ein todtes Werk, der Schlaf kam nicht. Eine Woche verging mit Tagen und Nächten, welche durch dieſelben Phantome beunruhigt wurden. Der Donnerſtag führte den Spaziergang herbei. Armand ſah wieder den Park von Verſailles; er entfernte ſich wie das erſte Mal von ſeinen Freunden; er ſetzte ſich in die Allee von Trianon in der müßigen Haltung eines Wartenden. Nichts erſchien. Der Raſen war ſanft, die Luft berau⸗ ſchend, das Licht heiter; doch dieſe ganze Landſchaft kam ihm bleich und todt vor. Sein Gewand legte ihm zu viel Zurückhaltung auf, als daß er es hätte wagen können„die Perſonen zu befragen, welche aus den kleinen, zierlichen, im Wald zerſtreuten Häu⸗ ſern herauskamen. Armand hatte ſich Anfangs dem Gedanken hingegeben, die zwei Damen hätten ihr Domicil im Parke, oder ſie wohnten wenigſtens in Verſailles, und dieſe mit allem Wohlgefallen gehegte Vermuthung kam jetzt für ihn einer Ge⸗ wißheit gleich. Er durchlief die langen Alleen, er durchforſchte den Park in allen ſeinen Richtungen, in ſeinen geheimſten Gebüſchen; er beſuchte die beiden Trianon im Wettrenner⸗ gange; die Gallerien waren leer und der Mann„ welcher die Bilder erklärt, hatte Mühe, Armand zu folgen, denn er hörte nicht und ſchaute nicht, er ſchlüpfte nur auf dem glatten Bo⸗ den fort. Als er auf die Terraſſe trat, hörte Armand eine Stimme ſagen:„Dieſer arme Prieſter iſt verrückt.“ Die Röthe ſtieg ihm ins Geſicht; er ſänftigte ſogleich ſeinen Gang, 11⁰ wandte ſich gegen denjenigen um, welcher geſprochen hatte, und ſagte mit vieler Weichheit zu ihm:„Ich habe nicht die Ehre, Prieſter zu ſein, ich bin nur ein einfach Tonſurirter.“ Eine Art von Verzweiflung bemächtigte ſich des armen Armand; er hatte alſo vor den Augen der Welt die geheimen Stürme ſeines Herzens verrathen; er hatte die Sutane der Beleidigung des Vorübergehenden preisgegeben; ſein Inneres war alſo entblößt; ſeine Leidenſchaft war ihm auf das Geſicht geſchrieben. Mit welcher Miene ſollte er es wagen, ſich vor ſeinen Oberen zu zeigen und zu lügen; denn nicht allein das doppelſinnige Wort macht die Lüge, das ſtumme Geſicht auch, wenn es einen dem Zuſtand der Seele und des Herzens ent⸗ gegengeſetzten Ausdruck annimmt. An dieſem Tag nach dem Abendmahle im Seminar nahm der Superior Armand beim Arm und führte ihn in die kleine Allee im Garten. „Nächſten Donnerſtag alſo, mein liebes Kind, treten Sie in den heiligen Orden ein,“ ſagte er zu ihm;„ich ſehe mit großer Freude, daß Sie ſeit einiger Zeit den Ernſt, die an⸗ ſtändige Haltung beſitzen, welche Ihr frommer Beruf erfordert. Ich beobachte Sie viel, Armand, weil ich Sie liebe, und wünſche Ihnen aufrichtig Glück, daß Sie das zerſtreute Weſen, das Sie einſt an die heilige Stätte brachten, von ſich geworfen haben. Nicht als ob ich unter dieſen dunſtigen Aeußerlichkeiten einen weltlichen Hintergedanken erblickt hätte; aber glauben Sie mir, der Refler eines frommen Gedankens ſteht beſſer zu dem Geſichte eines Leviten, als ein muthwilliges Lächeln, ſo unſchuldig es auch ſein mag.“ 11¹ Der Superior ſah Thränen über die Wangen von Ar⸗ mand fließen und fügte bei: „Ich mache Ihnen keinen Vorwurf, mein liebes Kind. Obgleich ein wenig unbeſonnen, iſt Ihr vergangenes Leben doch rein; Niemand weiß es beſſer als ich, der ich alle Ihre Bekenntniſſe vor dem heiligen Tribunal empfangen habe. Wenn ich Sie wegen Ihrer gegenwärtigen Entſchlüſſe lobe, ſo glau⸗ ben Sie nicht, daß ich Sie wegen Ihres vergangenen Beneh⸗ mens anklage. In der Veränderung, die ſich bei Ihnen be⸗ werkſtelligt hat, ſehe ich nur eine gute Eingebung von oben. Sie berühren die Epoche des Lebens„ wo ſie das abſtreifen müſſen, was an Sauerteig vom alten Menſchen in Ihnen übrig geblieben iſt. Sie wollen Gott ohne Wiederkehr Ihre Seele und Ihren Leib geben; Sie haben Ihre neue Lage, Ihre neuen Pflichten würdig aufgefaßt; hiefür danke ich Gott für Sie und für mich; Sie find rein vor den Menſchen und vor Gott.“ Armand umarmte den Superior und wandte ſich nach der Kapelle des Parkes, wobei er ſorgfältig jedes andere Zu⸗ ſammentreffen vermied, weil er kein Wort zu wechſeln hatte, das würdig ſeiner Oberen, ſeiner Freunde und der Heilig⸗ keit des Ortes geweſen wäre. Trotz ſeiner Vorſicht wurde er bei ſeiner Rückkehr aus der Kapelle von einem luſtigen Mitſchüler angeredet. „Haſt Du Deine Ornamente von Paris bekommen?“ fragte dieſer lebhaft Armand.* „Noch nicht,“ antwortete Armand zögernd. „Aber warum warten ſie denn ſo lange, um ſie Dir 112 zu ſchicken? Du mußt morgen an den Oekonomen von Saint⸗ Sulpice ſchreiben, ich habe die meinigen erhalten. Sie ſind herrlich, vielleicht zu ſchon für einen Subdiacon. Ich habe ſie anprobirt; meine Sutane genirt mich ein wenig unter dem Arm; das Tuch iſt prächtig: ich wollte ſie nach Paris zurückſchicken, um dieſen Fehler verbeſſern zu laſſen; doch wir haben keine Zeit zu verlieren. Ich werde ein wenig während der Ceremonie leiden! Weißt Du, daß die Ceremonie lange dauern wird? man ordinirt zweiundzwanzig Subdiacone, vier⸗ zehn Diacone, achtzehn Prieſter. Der Erzbiſchof hält das Amt. Du kennſt meine Stole nicht?“ „Deine Stole? Nein.“ „Herrlich, und ganz von weißer Seie, ich werde ſie Dir morgen früh zeigen. Meine Schweſter hat ſie geſtickt.“ „Du haſt eine Schweſter?“ Wie „Ach! ja, Du haſt eine Schweſter; es iſt richtig, ich hatte es vergeſſen.“ „Wie glücklich Du biſt, Armand, Du vergiſſeſt Alles, was der Welt angehört; Du denkſt nur an Gott; es wird Dir nicht ſchwer fallen, Dein Gelübde auszuſprechen, nicht wahr?“ „Oh! mit der Hülfe Gottes hoffe ich es.. Und Du, beklagſt Du irgend etwas in dieſer Welt, welche Du nächſten Donnerſtag verläſſeſt?“ „Ich, Armand was ſoll ich Dir ſagen?. ich weiß es nicht.“ 113 „Du beklagſt etwas, Du biſt nicht aufrichtig gegen mich; ſprich.„ „Nicht ſo laut! man kann uns hören... WMein Gott, wie Du mich anſchauſt, Armand!“. „Sprich, ſprich doch, was beklagſt Du?⸗ „Höre, ich kann dieſes Geſtändniß nur Dir machen. 3 Du weißt, daß ich leidenſchaftlich die Muſik liebe, Du weißt, 3 daß wir jeden Donnerſtag Quartette bei meinem Vetter in der Rue du Pot⸗de⸗Fer ausführen?“ „Ja, ja, und hernach... Nun? hei Deinem Vetter,“ 3 „Fanden ſich zwei andere Freunde von mir ein, welche im Conſervatoire ſind, und heute habe ich zum letzten Male meine Violoncellpartie mit ihnen gemacht. viel, als wir uns trennten.“ „Das iſt Alles, was Du beklagſt?“ „Iſt das nicht genug! Am Ende ſagte ich mir, ich müſſe Gott dieſes Opfer bringen. Nächſten Donnerſtag ſoll⸗ ten wir die Symphonie in C ausführen. Ach! wie Du glück⸗ lich biſt, Armand.“ Es war Nacht geworden, der unſchuldige junge Menſch ſah das Zuſammenziehen nicht, das die bleichen Wangen von Armand entſtellte. Einen Augenblick nachh her waren die bei⸗ den Abbes in den Ballſpielſaal zurückgekehrt, wo ſie die Recreation ſehr belebt fanden. Armand benützte den Lärmen und ſtieg in den Schlafſaal hinauf, um zu wachen. Es war abermals eine von den brennenden Nächten, wie ſie im Kloſter jene Menſchen kennen„ welche ſich über die Der Erzähler. 1847. 1. 8 Ach! wir weinten 114 Natur ihrer Organiſation täuſchen, welche Anfangs vor dem Altar die innere Flamme niederlegten, die ſie verzehrte, weil ſie dieſelbe für heilig hielten, und die ſie ſpäter erſtickten, um 5 ſie an einem profanen Heerde wieder anzuzünden, ſtets Kum⸗ mer, Bangigkeit und Reue mit ſich ſchleppend, wie der ruch⸗ loſe Verbrecher, der die Lampe des Allerheiligſten ausgelöſcht hat, um unter dem Schutze der Nacht die Gefäße im Taber⸗ nakel zu ſtehlen und ſodann die heiligen Kelche bei den welt⸗ lichen Orgien, über die ſich die Seligen betrüben, den Sinn⸗ lichkeiten einer gottloſen Lippe hinzugeben. Die unſeligſte dieſer Nächte bedeckte endlich Armand mit ihrer Finſterniß und hätte ihn beinahe erdrückt unter der dop⸗ pelten Laſt der Leidenſchaft und der Verzweiflung. Am Fuße ſeines Bettes hatte eine befreundete Hand mit einer gewiſſen Coquetterie die heiligen Gewänder des Subdiaconats ausgebrei⸗ tet: eine ſchöne neue Sutane, den Gegenſtand des Neides für die jungen Geiſtlichen, einen Gürtel von Seide, die Stole, die Armbinde, dieſe Infignien der reinſten, der heiligſten Func⸗ tionen. Armand betrachtete Alles dies, wie der Sklave die Feſſeln betrachtet, die man an ſeine Füße genietet hat. Am andern Tage ſollte er in Saint⸗Sulpice dieſe Uniform der Soldaten Gottes anlegen. Noch einige Stunden, und der Finger des Erzbiſchofs ſetzte zwiſchen die Welt und ihn eine eherne Schranke, welche keine Macht umſtürzen kann, ohne der Hölle Freude zu geben und die Engel zu betrüben. Armand entſchlummerte einen Augenblick; es war ohne 6 Zweifel der böſe Geiſt, der ihm dieſen Schlaf ſchickte. Ein 115⁵ bewegtes Wachen hätte ihn vielleicht gerettet! dieſer Augenblick der Ruhe ſtürzte ihn ins Verderben. Er hatte einen Traum. Es kam ihm vor, als befände er ſich im Parke von Verſailles„auf dem Raſen, der nach dem großen Baſſin führt, und als hörte er zu ſeiner Linken durch das Rauſchen der Blätter eine Stimme, die ihn bei ſeinem Namen rief, eine Stimme ſanft wie die erſte Liebesnote, welche die Lerche dem Morgenroth auf dem Gipfel eines italieniſchen Pappelbaumes gibt. Er blieb vor der Statue der Diana ſtehen„die ihn mit blauen, lebendigen Augen anſchaute. Ein noch nie gefühlter Eindruck ergriff mit hinreißender Macht den armen entſchlummerten Armand; er ſchämte ſich ſeiner; die Statue ſtieg von ihrem Piedeſtal herab und umſchlang ihn mit ihren marmornen Armen, welche ſo glatt waren, wie die Haut eines fünfzehnjährigen Mädchens. Die Springquellen der Rotunde ſpielten in kleinen, melodiſchen Garben; die Laube erklang von luftigen Geſängen, wie ein Vogelhaus mit tauſend Vögeln; der Raſen war ein Moſaik⸗ ſtück von Heliotropen, welche die Luft mit dem gefährlichſten, balſamiſchſten der Wohlgerüche erfüllten. Armand ſank ſchmach⸗ tend auf den Raſen hin; er hörte nur noch undeutlich das Spiel der Garben und den Geſang der Vögel; er verſuchte es, zu ſprechen; das Wort zerſchmolz auf ſeiner krampfhaften Lippe. Er erwachte voll Schrecken. Beim bleichen Schimmer ſeiner halb erloſchenen Lampe erblickte er ſeine Stole, welche kreuzweiſe am Fuße ſeines Bettes lag. „Nein, nein,“ rief er,„nie, nie! da Gott mich ver⸗ läßt, ſo verlaſſe ich Gott!⸗ 116 Es war der Tag der Tage, der feierliche Tag, das Feſt der Auserwählten; bei der erſten Helle der Morgendämmerung erwachte das Seminar. Ein freudiges Geräuſch füllte die f Gänge vor dem Schlafſaal. Die Emſigſten hatten ſich bereits der Wagen bemächtigt, welche ſie nach Paris führen ſollten. Betrübt durch dieſes ungewohnte Geräuſch, kleidete ſich Armand maſchinenmäßig an und antwortete nicht auf die Be⸗ ſchuldigungen der Trägheit, die ihm ſeine Freunde durch die Thüre und durch den dünnen Verſchlag zuſchleuderten. Bei der Abfahrt wurde das ſtrengſte Stillſchweigen von dem Superior empfohlen, was Armand die Sache etwas be⸗ haglicher machte. Die heilige Caravane durchzog Vaugirard und kam frühzeitig nach Saint⸗Sulpice, das ſchon ganz von Kerzen funkelte und von Weihrauch durchduftet war. Eine ungeheure Menge füllte die Kirche; eine zahlreiche und glänzende Geiſtlichkeit umgab den Thron, wo der Erz⸗ biſchof alle Blicke auf ſich zog. Die zur Ordinirung zugelaſ⸗ ſenen Geiſtlichen waren im Halbkreis im Allerheiligſten auf⸗ geſtellt; die Bildſäulen der Evangeliſten ſchienen ihnen von ihren Piedeſtalen herab zuzulächeln. Armand ließ ſein Haupt auf ſeine Bruſt ſinken und ſchickte ſich zur Reſignation an. Der Archidiacon erhob ſeine Stimme und ſprach: 3 „Diejenigen, welche zu Subdiaconen ordi⸗ nirt werden ſollen, mögen ſich nähern.“ Und er rief Jeden bei ſeinem Namen auf. Der aufge⸗ rufene Nevphyte antwortete: „Adsum“.*) ) Ich bin da. —— 117 Armand antwortete nicht. Der Archidiacon wiederholte den Namen; Armand antwortete: „Absum.“*) Niemand gab darauf Acht. Eine Frau zerfloß in Thränen an dem Geländer vor dem Hochaltar; es war die Mutter vor Armand. Am Mor⸗ gen in der Dämmerung von Compiegne angelangt, wollte ſie ſich über das Glück ihres Sohnes freuen, und ſie war auch ungemein freudig, die heilige Frau! ſie wich mit den Augen nur von dem Tabernakel, um ſie auf Armand zu heften; ihr mütterlicher Stolz hätte gern alle Anweſende in das Vertrauen ihres Glückes gezogen: ſie ſetzte auf dieſen angebeteten Sohn alle ihrem Alter verheißenen Tröſtungen; ſie ſah in naher Zu⸗ kunft den Tag unausſprechlichen Jubels, wo das Prieſterthum Armand übertragen werden würde; ſie folgte ihm zu ſeiner erſten Meſſe, zu ſeiner erſten Predigt; ſie betrachtete mit Wohlgefallen den Altar, wo ihr Sohn für die Mutter bei dem Memento der Einſegnung beten„die Kanzel, welche Armand beſteigen würde, um den Menſchen das heilige Wort Gottes zu verkünden. Die profane Welt begreift nicht den ganzen Schatz der Fröhlichkeit, der ſich im Grunde des Her⸗ zens einer Mutter findet, die ihren Sohn in die erhabenen Ceremonien, in die göttlichen Myſterien des Altars einweihen ſieht. Die Mutter von Armand verging vor Freude. Der Erzbiſchof warf ſich auf den Stufen des Altars nieder; der Chor ſtimmte die Litaneien der Heiligen an. Das iſt die glorreiche Aufzählung der triumphirenden Miliz; ſie *) Ich bin abweſend. 18 verleiht Muth denjenigen, welche noch in dieſem Thale der Thränen kämpfen. Armand horchte mit zerſtreutem Ohr auf dieſe ſchallenden Ausrufungen, die den Seligen eine fromme Gewalt an⸗ thun, damit ſie ſich für die Lebendigen verwenden. Man be⸗ tete zu Paulus, der vom Verfolger ein Märtyrer wurde, zu Johannes, der vor der lateiniſchen Pforte ſtarb, zu Stephan, der geſteinigt wurde, zu Lorenz, der Gott auf den glühenden Kohlen pries; zu Cosmus und Damian, zu Niſus und Eu⸗ ryalus, zur heiligen Thereſa, welche nur unter der Bedingung, zu leiden, leben wollte; zu Auguſtin, den ſeine Mutter Monica mit Gott verſöhnte. Bei dieſem Namen erhob Armand ungeſtüm das Haupt und warf einen raſchen Blick auf die Menge; er ſah ein von Thränen und Freude übergoſſenes Geſicht, ein wohlbekanntes, theures, verehrtes Geſicht; er ſah ſeine Mutter, eine andere Monica, welche ohne Zweifel für ihn, einen neuen Auguſtin, betete. Die fromme Frau grüßte ihren Sohn durch ihre Thränen lächelnd; Armand gab ihr ihren Gruß nicht zurück; er heftete lange ſeine Augen auf dieſes Antlitz, worauf ſo viel Glück ausgeprägt war, um ein wenig Muth für die furcht⸗ bare Prüfung dieſes Tages daraus zu ſchöpfen. Ach! die Hölle wachte! Die Litaneien waren beendigt; der Archidiacvn führte die Abbes vor den Thron des Erzbiſchofs und ſprach: „Die heilige Mutter, die katholiſche Kirche verlangt von Euch, daß Ihr das Subdiaconat dieſen hier anweſenden Eccle⸗ ſiaſtikern übertraget.“ 1¹9 Der Erzbiſchof.„Wißt Ihr, ob ſie hiezu würdig ſind?“ Ein erſtickter Seufzer ſtieg zum Gewölbe auf. Der Archidiacon.„So viel es die menſchliche Schwäche erlaubt, beſtätige ich, daß ſie alle dieſer Function würdig find.“ Der Erzbiſchof.„O Ihr, meine vielgeliebten Kinder, ſeid frei von allen fleiſchlichen Begierden„ welche gegen die Seele kämpfen; ſeid rein und keuſch, wie es den Dienern Chriſti geziemt.“ Dieſe Worte rollten harmoniſch in die Kirche, und der fromme Mund, der ſie ausſprach„ gab ihnen eine Salbung, welche in die Herzen drang und ſie von jedem irdiſchen Sauer⸗ teig reinigte; ſie verfehlten ihre Wirkung auf Armand. Sie erweckten ihn wie Stacheln. In der andächtigſten Sprache liegt eine geheimnißvolle Wolluſt, welche uns an die Welt denken läßt, wenn ſie uns nicht plötzlich zum Himmel empor⸗ trägt. Diejenigen, welche in den Mauern eines Kloſters vom Jünglingsalter zur Mannheit übergegangen ſind, wiſſen allein, was für eine unbeſchreibliche Bewegung ſich ihrer bemächtigt, wenn das Gebet in leidenſchaftlichen Tönen, in Worten der Liebe, in ſüßen, duftenden Verſen entſtrömt, auf die Stimmen von Jungfrauen, Stimmen ſo ſüß wie der Ton, der auf eine goldene Glocke fällt und darauf zittert, antworten. Die Seele zer⸗ ſchmilzt bei dieſen lateiniſchen Sylben, welche von myſtiſchen Roſen, von Lilien von Sarem„ von elfenbeinernen Thürmen, von der Platane am Rande der Bäche„von ſchönen braunen Jungfrauen, vom Vielgeliebten ſprechen, der die Tochter Sions 120 auf einem Lager von Balſam und Cinnamet erwartet. Bei allen dieſen keuſchen Emblemen der Kirche brennt der Neo⸗ phyte wie ein profaner Heerd; wenn er athmet, dringt die Verſuchung in ihn mit den Wohlgerüchen der Blumen, welche den Altar bedecken, mit dem reizenden Dufte des Wachſes und des Weihrauchs; wenn er die Augen öffnet, ſieht er junge Frauen auf den Knieen, welche noch gefährlicher ſind in ihrer heiligen Keuſchheit, als die Courtiſane in ihrem Gepränge; wenn er hört, vernimmt er ihre Stimmen; wenn er ſich ſammelt und die Augen ſchließt, oh! dann verwandelt die Hölle das Gemälde: es iſt ein ewiger Kampf zwiſchen einem ſtets ſchwachen Fleiſch und einem frommen Geiſte, der von Oben kommt und ihn nicht rettet. So hielt die Stimme der Welt, eine myſtiſche Sprache entlehnend, Armand auf den Stufen des Altars zurück. Er hatte nur ein Wort zu ſagen, um Gott zu gehören, wenn man überhaupt Gottes ſein kann, während man im Grund des Herzens ein Bild trägt, dem man insgeheim opfert. In dieſen entſcheidenden Tagen iſt der Gedanke ſo ſchnell, daß er in einem Augenblick alle Kämpfe Gottes und der Welt zuſammenzufaſſen vermag. Armand ſchaute umher, er ſah nur eine ſanfte, glückliche Reſignation auf den Geſichtern ſeiner Freunde; er ſchaute den Altar an und erblickte einen Abgrund; er erinnerte ſich der Formeln, der Gelübde, und wich vor einem unvermeidlichen Meineid zurück. Hinter ſich ſah er die Welt mit ihren Verführungen, mit ihrem Geräuſch, mit ihren Thor⸗ heiten.„Ein anderer Abgrund,“ ſagte er,„Verdammniß von beiden Seiten.“ Zwiſchen dieſen zwei Abſtürzen erhob ſich ein. 121 Engel, die blonde Jungfrau von Trianon, ein anmuthreiches Bild, einmal nur erſchaut und für immer ihm gegenwärtig. Armand liebkoſte dieſes Phantom ſelbſt am heiligen Ort; er fragte ſich, ob er es vergeſſen könnte: nein, nein, die ſtrahlende Erſcheinung wird ihm überall in ſeinem Prieſterleben folgen, auf die Kanzel, in den Beichtſtuhl, zur Einſegnung; ſie wird ihn mit einem Gewebe von Sacrilegien umhüllen. In dieſem Augenblick, wo er noch ohne Verbrechen an ſie denken kann, was vermögen die Stimme des Erzbiſchofs, der Geſang der Archidiaconen, die langſamen, frommen Pſalmodien ſeiner Freunde? Armand iſt in Trianon; er wandelt auf einem ſammetnen Raſen; er hört das Rauſchen eines Kleides, den Ton einer Engelsſtimme; er erinnert ſich des Traumes der vergangenen Nacht und ſchließt ſeine Augen, um ſeine Mutter nicht zu ſehen, ſeine über ihren Sohn ganz freudige Mutter. Der Erzbiſchof ruft Adrian bei ſeinem Namen auf. „Wer ruft mich?“ ſpricht der junge Mann. Er iſt bleich, ſein Geſicht krampfhaft zuſammengezogen; ſeine Freunde umgeben ihn und führen ihn vor den Prälaten. „Empfange,“ ſpricht der Erzbiſchof,„empfange dieſe weiße Stole aus der Hand Gottes.“ Ein gen Lärmen entſtand im Sanctuarium; die Ceremonie wird unterbrochen, der Schrei einer Frau ertönt in der Kirche; die Menge geräth in Aufruhr, ſchaut, fragt: Armand war vom Altar entflohen, wie ein Stier aus den Händen des Opferprieſters. Am andern Tage ſprach in einem kleinen Hauſe von Compiegne die Mutter von Armand alſo zu ihrem Sohne: 122 „Die Barmherzigkeit Gottes iſt groß, mein Sohn, er rief Dich zu ſich, Du widerſtandſt ſeiner Stimme; doch er wird Dir verzeihen. Man rettet ſich in der Welt wie in der Kirche, wenn man nach den Geboten Gottes lebt, Du kannſt doch ein heiliges Glück in der Ehe finden, mit Frau und Kindern: es iſt auch ein würdiger Beruf, der Beruf eines Familienvaters; Geſchöpfe erziehen, um Gott zu lieben und ihn zu ehren, iſt eine chriſtliche Sendung, welche der Herr be⸗ lohnt, wenn ſie fromm erfüllt wird; höre Deine Mutter, Armand; bete beſonders mit Glauben, Inbrunſt und Ver⸗ trauen, damit Gott an ſeiner Hand Dir die auserwählte Gattin zuführt. Ja, Du wirſt Deiner würdig diejenige fin⸗ den, welche in Deinen Wünſchen lebt, Ihr werdet Eure See⸗ len verbinden; weine nicht, Kind, umarme Deine Mutter, Deine gute Mutter, welche nur von Deinem Leben lebt, welche Deine Schmerzen leidet, welche ſo glücklich in Deiner Freude ſein wird.“ „Du weiß nicht, wie ſehr ich Deiner Worte bedarf, meine gute Mutter,“ ſagte Armand;„oh! ſprich nur immer ſo; wiederhole mir oft, daß wir dieſe himmliſche Frau ſuchen, daß wir ſie in irgend einem Winkel der Welt entdecken wer⸗ den, wenn ſie nicht einer von den Engeln iſt, welche Gott einſt zu den Menſchen ſandte, als ſie noch rein waren. Deine Stimme hat ſchon mein Fieber geheilt, mein Blut erfriſcht; ich fühle mich ſtark und heiter.... Oh! welch eine furcht⸗ bare Scene, geſtern in der Kirche! ſage, meine Mutter, welch ein Aergerniß!“ „Denken wir nicht mehr daran, mein Sohn. 4 — 123 „Ja, meine Mutter, denken wir nicht mehr daran... es iſt niederbeugend!“ „Willſt Du nicht lieber heute frei von jedem Vertrage mit der Kirche ſein, als durch Gelübde gefeſſelt„ welche Dich vielleicht zum Verbrecher gegen Gott gemacht hätten?“ „Oh! ja! ja! meine Mutter, ich bin ruhig, ich bin glücklich. Wir werden ſie entdecken, nicht wahr?“ „Wen, mein Sohn?“ „Den Engel„4 „Ah! ja, Armand, den Engel von Trianon, ſei ruhig Gott wird uns helfen: Gott geſtattet keuſche Liebe. Die Ehe iſt ein Sacrament.“ „Allerdings iſt ſie ein Sacrament man kann fich in jedem Stande heiligen, und nicht Jedermann kann Prie⸗ ſter ſein.“ „Gut, mein Sohn, Du haſt wieder gelächelt, das iſt ein Symptom der Geneſung. Gib mir Deine Hand, damit ich Dir den Puls fühle... Du biſt nur noch ſehr leicht auf⸗ geregt... Das iſt ein Wunder nach der ſchlimmen Nacht, die Du gehabt haſt„ „Die wir gehabt haben, meine Mutter.. Wohnt fie wohl in Verſailles?“ „Wer?“ „Die Frau 4 „Ah!.. ja, in Verſailles oder in Paris Wir werden ſie wiederfinden, mein Freund. Denke an Deine Wiederherſtellung, das iſt dringender.“ 124 „Ich bin ganz wohl, meine Mutter; ich kann aufſtehen, ich kann gehen; ich werde morgen nach Verſailles gehen.“ „Nein, mein Freund, warte, Du biſt noch nicht ſtark genug.“ „Nun wohl, übermorgen.... Glaubſt Du, daß ſie reich iſt?“ „Biſt Du nicht auch reich?: Meine Habe gehört Dir. Du haſt zwanzigtauſend Franken Rente; mit Deinem Vermö⸗ gen kann man auf eine Partie von Hof Anſpruch machen jung, reich und ſchön welche Frau würde Deine Hand ausſchlagen? wenn nicht... „Wenn nicht?“ „Wenn ſie nicht ſchon verſprochen iſt. „Nein, nein, das iſt unmöglich! eine junge Perſon von höchſtens ſechzehn Jahren.... O, meine Mutter, wie glücklich biſt Du, daß Du nicht eine Frau liebſt.“ „Kind, höre mich; Du haſt eine ſehr unruhige Nacht zugebracht; glaube mir, ſchlafe ein wenig; der Schlaf heilt; ich verlaſſe Dich nicht, ich bleibe an Deinem Bette, ich be⸗ wache Deinen Schlummer.“ „Meine gute Mutter! ja, Du haſt Recht, ich will eine Stunde ſchlummern. Wäre mein Schlaf peinlich, ſo wecke mich ich fürchte die Träume... Sprich für mich, während ich ſchlafe, die Hymne: Te lucis ante terminum; ſie vertreibt die ſchlimmen Träume.“ „Ja, mein Kind, Dein guter Engel bedecke Dich mit ſeinen Flügeln! ſchlafe, ich werde beten.“ — Einige Zeit nachher ſchmückte ſich ganz Sohnii auf —— das glänzte von Toiletten; der Park war ganz freudig von ge⸗ räuſchvoller Menge. Sehr ſchwermüthig, weil der Engel von Trianon wieder zum Himmel aufgeſtiegen war, wie er zu ſeiner Mutter ſagte, hatte ſich Armand in dieſe Menge ge⸗ miſcht, um ein wenig Sorgloſigkeit und Zerſtreuung von ihr zu entlehnen. Tauſend Gruppen von Neugierigen waren auf der Terraſſe des Schloſſes verſammelt, und alle Blicke ſchienen auf ſich auch von der Neugierde anſtecken, er ſchaute auch in der⸗ ſelben Richtung: Aller Augen folgten mit Bewunderung einer herrlich geſchmückten Dame. Armand fiel vor Schwäche auf die Kniee; ſeine Nachbarn beunruhigten ſich und reichten ihm die Hände, um ihn aufzuheben, denn er war bleich wie eine „Pier iſt ſie endlich!“ ſagte er. waren gegen die Erſcheinung ausgeſtreckt. ſon, was 125 Herrlichſte; es war ein großes königliches Feſt; das Schloß einem einzigen Punkte zuſammenzulaufen. Armand ließ ———— Man ließ ihn auf eine Raſenbank ſitzen.. ſeine Hände „Wiſſen Sie, wer jene Frau iſt?“ fragte er die Per⸗ die ihn in ſeiner Schwäche unterſtützt hatte. „Ja, mein Herr,“ antwortete ſie. „Sie wiſſen es?“ „Jedermann weiß es„mein guter Herr.“ „Der Engel von Trianon! oh! wie ſchön iſt ſie! macht ſie hier?“ „Sie hat ſich verheirathet.“ „Sich verheirathet!. und mit wem?“ „Mit dem König der Belgier.“ „ 126 Armand ſtieß einen ſchmerzlichen Schrei aus und ſtürzte mit dem Geſichte zur Erde nieder„Doch er war nicht todt, Gott und ſeine Mutter kamen ihm zu Hülfe. Armand iſt heute ein vorttefflicher Ehemann in Batavia; er hat die Nichte des Gouverneur geheirathet und unterrichtet die malaiſchen Sklaven im Katechismus. Eine Hochzeit unter Stürmen. GEpiſode aus d'Arlincourt's„Blutflecken.“ ————— . eit einigen Tagen war die franzöſiſche Garniſon von Saragoſſa den tödtlichſten Unruhen preisge⸗ dreißigtauſend Mann eingeſchloſſen. Man ſchlug ſich vom Morgen bis zum Abend an den Thoren, und der Marſchall Suchet erſchien nicht zum Ent⸗ ſatz des Platzes. Ein franzöſiſcher Officier, dem es gelungen war, aus Tortoſa herauszukommen und ſich mittelſt geſchickter Manveuvres durch die feindliche Linie zu arbeiten„ brachte die ärgerliche Nachricht. Der Herzog von Albufera war in ſeinem Marſche aufgehalten worden; er bevollmächtigte den General Paris, Saragoſſa zu räumen, wenn er nicht die Kräfte und Mittel beſüße, eine Belagerung auszuhalten, und wäre es auch nur vier bis fünf Tage. Sollte dieſer letztere Entſchluß nicht gefaßt werden, ſo würde der Marſchall, durch Catalonien nach Frankreich zurückkehrend, zu ſeinem großen Bedauern die Straße von Aragonien verlaſſen. 128 Umgeben von ſeinem Generalſtabe und den oberſten Offi⸗ cieren ſeines Heeres, berathſchlagte der General Paris über den Entſchluß, den man unter ſo kritiſchen Umſtänden neh⸗ men ſollte. Es war fünf Uhr Morgens. Man hatte in der Nacht erfahren, daß die Truppen des feindlichen Generals von Stunde zu Stunde neue Verſtärkung erhielten, und daß die großen Notabilitäten Spaniens in ſeinem Lager in geringer Entfernung von der Stadt eine Unterredung mit ihm gepflo⸗ gen hatten. Das ganze Land war Mina ergeben. Man feierte ſchon ſeine zukünftigen Siege. Die Bäume wurden auf ſeinem Zuge mit Fahnen geſchmückt, die Häuſer bedeckten ſich mit flatternden Tüchern. Die Guitarre und der Pandero*) trugen den Namen des Helden den Wolken zu. Wie einer ſolchen Macht trotzen? „Soll man aufbrechen? ſoll man warten?“ dies war die große Frage. „Hier kämpfen bis zum Tode!“ ſagte eine Menge Braver. Der Obercommandant theilte dieſe Anſicht. Er machte darauf aufmerkſam, daß die Verbindung der Heere von Tor⸗ toſa und Saragoſſa das Heil Aller ſicherte; aber der Cavalerie⸗ oberſte Colbert war entgegengeſetzter Anſicht. „Saragoſſa iſt eine offene Stadt“ ſagte er;„der Monte Torrero, der ſie beherrſcht, iſt geſtern in die Gewalt des Feindes gefallen. Bleiben wäre im höchſten Grade unklug.“ 3) Mohrentrommel mit Schellen. 4 9 Der Erzähler. 1847 n. 129 „Kann man ſich nicht fünf Tage wehren?“ entgegnete der General Paris;„der Marſchall Suchet verlangt nur dieſe kurze Friſt, um ſich mit uns zu vereinigen.“ „Die Sache kommt mir unmöglich vor: jeden Tag nimmt die Zahl unſerer Feinde zu. Der reiche Grundherr von Arascoza hat ſich mit Mina verbunden. Don Sebaſtian von Villareal, der kriegeriſche Dichter, deſſen Tapferkeit und Ta⸗ lente man gleich ſehr rühmt, wird ungeſäumt demſelben Bei⸗ ſpiel folgen, und wir werden dem Sturm nicht zu widerſtehen vermögen.“ „Doch die Citadelle „Sie iſt ohne Magazine, ohne Munition, ohne Lebens⸗ mittel, und uns darin einſchließen, während die ganze Studt ſich gegen uns zu erheben im Begriffe iſt, wäre ein wahrer Act des Wahnſinns.“ „In dieſem Fall müſſen wir noch heute Abend aufbrechen,“ verſetzte ſchmerzlich der Präſident des Raths. „Ja, ohne Widerſpruch, noch dieſen Abend,“ wiederholte Colbert.„Später gäbe es kein Mittel mehr zum Rückzug.“ Mehrere Officiere voll Energie und Erfahrung behaup- teten indeſſen noch kühn, man könne die Citadelle fünf bis ſechs Tage halten. Der Streit wurde hitzig, doch die“ Mehr⸗ zahl ſprach ſich leider für die Anſicht des Oberſten Colbert aus und dieſe trug den Sieg davon. „Um welche Stunde der Aufbruch?“ fragte einer von den Alten des Heeres. „Sobald es völlig Nacht geworden iſt um zehn Uhr,“ antwortete der Chef der Verſammlung. Sein Antlitz drückte tiefes Leiden aus. Er wandte ſich gegen einen ſeiner erſten Officiere vom Genie: „Sobald die Garniſon aus Saragoſſa abgezogen iſt, ſprengen Sie die große Brücke.“ „Ja, General.“ „Noch ein Wort. Sorgen Sie dafür, daß die Stadt bis zum letzten Augenblick nichts von dem Entſchluß des Heeres erfährt. So viel als möglich ſtrenge Geheimhaltung. Unſrer Aller Lvos hängt davon ab.“ Die Verſammlung ging auseinander; die Geiſter waren ſehr erſchüttert. Der General Paris rief einen ſeiner Adjutanten. „Wo iſt der Kapitän dEricourt?“ fragte er.„Seit mehreren Tagen habe ich ihn nicht mehr unter uns geſehen. Sollten Sie zufällig etwas von ihm wiſſen?“ „Nein, mein General! doch ich habe ſeinen vertrauten Freund, den Lieutenant dUrieur, darüber befragt, und dieſer antwortete mir auf eine beruhigende Weiſe. Es ſcheint, der Kapitän iſt durch eine leichte Unpäßlichkeit zu Hauſe gehalten worden.“ „Und nun geht es ihm beſſer?“ „Ich denke es, General“ „Sagen Sie dem Lieutenant dUrieur, er möge ſich in meinem Namen nach der Geſundheit ſeines Freundes erkundi⸗ gen. Sorgen Sie dafür, daß der Kapitän genau von dem, was wir beſchloſſen haben, und zu welcher Stunde wir ——— 131 abmarſchiren, unterrichtet wird. Sie wiſſen, daß eine Minute des Verzugs auf dieſem unbarmherzigen Boden über Leben und Tod entſcheidet. Mina macht keine Gefangene.“ „Es ſoll geſchehen, General.„ II. Der Abend des neunten Juli rückte heran; die Glocke ſchlug ſieben Uhr und die Sonne, welche den ganzen Tag die Wolken, die den Himmel bedeckten, nicht hatte durchdringen können, ſank unter dichten Dünſten gegen den Horizont. Es war, als trauerte die Natur, und ſo düſter als beim Heran⸗ nahen des Winters, ſchien der Abend vollkommen im inklang mit dem unheilſchwangeren Ausſehen der Stadt zu ſtehen, wo eine gräßliche Kataſtrophe zum Ausbruch zu kommen im Be⸗ griff war. Die Schatten ſollten ungeſäumt auf den Tag folgen. In dieſem Augenblick führte im Hintergrunde einer kleinen Kapelle von Nueſtra Senora del Pilar ein junger Officier von merkwürdiger Schönheit eine junge Spanierin zum Altar. Es waren Georges und Bianca. Der Pater Anaſtaſio ſtand in ſeinen prieſterlichen Ge⸗ wändern vor dem Altar. Dona Silvia de Gomez kniete neben ihrer Nichte und unfern davon ſtand ein Mitglied der Familie Arascoza, Don Sebaſtian de Villareal„der gekommen war, um der zukünftigen Gattin als Zeuge zu dienen. Man war⸗ tete nur auf den des Bräutigams. 132 Don Sebaſtian war ein junger Caſtilianer von hohem Urſprung. Man führte ihn in Saragoſſa als ein Muſterbild der Rechtſchaffenheit, der Tapferkeit und der Großmuth an. Er war zugleich Dichter und Krieger. Berühmt in dieſen beiden Laufbahnen, zwei und zwanzig Jahre alt, von reizendem An⸗ tlitz, hatte er, obgleich aufgezogen unter Empörungen, Bürger⸗ kriegen und Treuloſigkeiten, nicht aufgehört, im Grunde ſeines Herzens nur Gedanken der Aufopferung, des Enthuſiasmus und der Liebe zu nähren, zu befruchten und zu ſtählen. Wenn auch durchaus reiner Spanier und der fremden Herrſchaft ab⸗ hold, theilte er doch in keiner Hinſicht den Nationalhaß und die unverſöhnliche Wuth ſeiner Landsleute. Er bewunderte den franzöſiſchen Ruhm in Allem, was er Großes und Hel⸗ denmüthiges hatte. Er begeiſterte ſich bei jeder Erzählung, jeder ſchonen und edlen Handlung, wer ſie auch gethan haben mochte, und während er in der einen Hand das Schwert des Soldaten hielt, ließ er mit der andern die Leier des Barden erklingen. Ach! und er liebte Bianca!!! Georges betete beim Altar. Die Schatten breiteten ſich im Innern der Kapelle aus. Vier auf den beiden Seiten des Tabernakels angezündete Kerzen warfen nur ſchwache Lich⸗ ter auf den heiligen Umkreis. Zitternd wie das Blätterwerk des Baumes bei des Sturmes erſtem Sauſen, betrachtete Bianca mit einer gewiſſen Bangigkeit den Prieſter. Ihre äußerſt ein⸗ fache Kleidung hatte nichts von einem hochzeitlichen Schmucke. Keine Juwelsn, keine Perlen, keine Blumen; ſie trug die na⸗ 2 133 tionale Tracht der ſpaniſchen Damen, wenn ſie ſich auf den Speziergang begeben; Bianca war ganz ſchwatz. Doch wie ſchön war ſie nichtsdeſtoweniger unter ihrer ſeidenen Basquine mit Schmelzſtickereien und unter ihrer Spi⸗ tzenmantille mit den dunkeln Falten!. Don Sebaſtian ſchaute ſie verſtohlen an; er fühlte ſein Herz vor Liebe und Wehmuth ſchlagen. Ach! von den hohen Regionen der Be⸗ geiſterung und des Genie's wäre er ſo gern hingeſchwebt über die Verführungen und Freuden hienieden; aber wie ſchwierig iſt es für die menſchliche Natur, ſo mächtig ſie auch ſein mag, ſiegreich über die Lüſte dieſer Erde wegzuſchreiten, wie die Welle verächtlich über die Klippen des Oeeans hinzieht. „Es ſei! ein vollſtändiges Opfer!“ ſagte Villareal mit der gewöhnlichen Eraltation ſeines Geiſtes leiſe zu ſich ſelbſt. „Sie ſei glücklich mit demjenigen, welchen ſie liebt! und ich! ſuchen wir anderswo das Glück. Geſtirnte Träume des Dich⸗ ters, bemächtigt euch meiner ganz und gar! macht aus mir den ätheriſchen Adler, den der Hauch des Gebirgs gegen die Wolken, fern von den Menſchen, fortträgt!... Halten wir uns feſt und entſchloſſen in den Sphären der Harmonie, des Heldenmuths und der Inſpiration. Man ſagt, Gott wähle vorzugsweiſe ein keuſches, reines Herz, um daraus die Urne des Genie's zu machen: Gott der erhabenen Gluthem! dieſes keuſche, reine Herz werde ich haben.“ So tröſtete ſich dieſe auserkohrene Seele. So bereitete ſich Don Sebaſtian zu der Trübſeligkeit eines Lebens der Selbſt⸗ verleugnung vor„um ſich zu den Herrlichkeiten eines Daſeins geiſtigen Aufſchwungs zu erheben; er wiederholte ſich, die großen 3 134 Männer jeder Art ſeien ſtets erhabene Unglückliche geweſen, und er ſelbſt hatte auf die poetiſche Sammlung ſeiner Gedan⸗ ken geſchrieben: „Kinder der Unſterblichkeit! gewährt mir eure Palmen, und ich werde eure Martern hinnehmen! ſchenkt mir euer Le⸗ ben, und ich werde euern Tod empfahen!“ O Stunden der Jugend, des Fiebers und der Sonne, wo Alles ſich färbt und ſchmückt, ſelbſt der Schmerz und das Uebel! Stunden der Leidenſchaften und des Saftes, wo Alles brennende Empfindung iſt, ſelbſt eiſigen Horizonten gegenüber! Schiye Zeit blendender Dunkelheiten und finſterer Lichter! Entzückende Dichtungen, von denen die traurige Erfahrung der Menſchen noch nicht die Blüthe abgeſtreift hat! ach! warum währt ihr nicht fort? Wohl umgebt ihr euch die meiſte Zeit nur mit flüchtigen und geſchmückten Dünſten, mit lachenden und trügeriſchen Träumen: und wer hat nicht den⸗ noch im Grunde ſeiner Seele dieſe ſtrahlenden Stunden be⸗ weint... dieſe Stunden, welche nicht mehr ſchlagen werden!“ Dona Silvia ſchaute ihrerſeits den reizenden Caſtilianer mit einer ſchmerzlich bewegten Miene an. Sie las theilweiſe in ſeinen geheimen Gedanken. „Abermals einer, der liebt!“ ſagte ſie ſeufzend zu ſich ſelbſt„und der liebt, ohne geliebt zu werden.“ Sie näherte ſich dem Kapitän und ſprach unruhig zu ihm „Ihr Freund dMrieur zögert lange, zu erſcheinen.“ „In der Thät,“ erwiederte dEricvurt,„Alphonſe iſt doch benachrichtigt.“ 135 „Gewiß, Kapitän, ich habe ihm Ihre letzte Botſchaft zukommen laſſen; doch warum haben Sie ihm Ihren Aufenthalt bei Don Sebaſtian verborgen? er wäre ſicherlich herbeigeeilt, und Sie hätten mit einander in die Kirche kommen können.“ „Ich befürchtete eine Indiscretion. Die Verhältniſſe ſind ſo kritiſch, und es bedurfte großer Vorſicht! Sie wiſſen, Dona Silvia, daß meine geheime Verbindung mit Ihrer Nichte von meinen Oberen nicht geſtattet worden wäre. Man würde Hinderniſſe in den Weg legen, wenn man Kenntniß davon hätte. Tiefes Stillſchweigen und die ängſtlichſten Vorſichts⸗ maßregeln waren alſo unerläßlich.“ „Alphonſe iſt ein treu ergebenes Herz.“ „Ja, aber ein unbeſonnener Kopf... Er iſt gewöhn⸗ lich nicht ſehr umſichtig, und ein einziges Wort zu viel hat zuweilen ſo ernſte Folgen!“ „Sie erſchrecken mich, Herr Kapitän; aus Ihren Worten würde hervorgehen, daß dieſe Ehe eines Tages für nichtig er⸗ klärt werden könnte? ſie wäre nicht in der Ordnung vor dem Geſetze?“ „Sie iſt es vor Gott!“ Vom Schrecken erfaßt, hielt die Tochter von Don Pablo ihre Augen auf den Pater Anaſtaſio geheftet, und ſchien ſeine Unterſtützung anzuflehen. Der Prieſter rief die Brautleute auf, und die heilige Ceremonie begann, obgleich ein Zeuge fehlte. Welch ein Augenblick für die Verlobte! Sie wußte, was ihre Lage Unregelmäßiges, Feierliches und Gefahrvolles hatte Ihr Vater war im Lager von Mina und bereitete eine allgemeine Schilderhebung. Es war nicht unbekannt, daß die 136 Garniſon von Saragoſſa Aragonien zu räumen im Begriffe ſtand, und daß ihr Rückzug wahrſcheinlich von den zahlreichen Cohorten des Feindes abgeſchnitten werden würde. Sie hörte in der Ferne den Donner über ihrem Gatten und über ſich ſelbſt rollen. Die Zukunft zeigte ſich ihr von Stürmen ſchwanger, und dennoch ging ſie, weit entfernt, erſchrocken vor ihren Drohungen zurückzuweichen, kühn denſelben entgegen. Oh! hier waltete des Weibes ergebene Liebe glänzend und ſtrahlend unter den düſteren Nächten des Unglücks; ein zwei⸗ facher, hoher Glaube unterſtützte ihre Kräfte: der eine, ge⸗ gründet auf die Redlichkeit von Georges, der andere auf die Barmherzigkeit Gottes. Dabei vermiſchte ſich vielleicht auch Stolz mit ihrer muthigen Selbſtverleugnung; doch, es war der erhabene Stolz frommer Seelen, der Stolz der Märthrer ihres Glaubens. Georges und Bianca ſind vor dem Altar niedergekniet; der Pater Anaſtaſio hat den Trauring an ihre Finger geſteckt; das Ja iſt ausgeſprochen... Eilige Schritte werden hörbar; der Freund des Neuber⸗ mählten, der abweſende Zeuge, d'Urieur, läuft, das Ende der heiligen Ceremonie unterbrechend, in aller Haſt auf Geor⸗ ges zu. Er bringt eine beunruhigende Kunde, denn ſeine Züge ſind berſtört. „Schon verheirathet!“ rief er. Kaum vermochte er zu ſprechen, ſo ſehr hatte ihn ſein eiliger Lauf außer Athem gebracht. Seine Geiſter waren in völliger Unordnung; er warf einen erſchrockenen Blick auf den „ —— — 137 Prieſter und auf das junge Ehepaar. Die Sonne war auf dem Punkt, unterzugehen, und dumpfe Gerüchte fingen an Unruhe und Beſorgniß in der Stadt zu verbreiten; man ſprach von dem unmittelbaren Rückzug der Franzoſen. Man ver⸗ ſicherte, Pulberfüſſer ſeien unter die Brücke von Saragoſſa ge⸗ legt worden, und ein furchtbarer Aufruhr ſei dem Ausbruch nahe. „Ich ſehe, ich komme zu ſpät,“ ſagte Alphonſe in Ver⸗ zweiflung.„In einem ſo gräßlichen Augenblick konntet Ihr eine Ehe ſchließen! Ah! Georges, wenn Du mir den Ort. geſagt hätteſt, wo Du drei Tage lang verborgen geblieben biſt, wenn man mich zu Dir gerufen hätte, ſo würde ich Dich zu rechter Zeit gewarnt haben. Unſeliges Zuſammentreffen der Umſtände!“. „Was willſt Du damit ſagen?“ unterbrach ihn Georges. „Haſt Du Dich vermählt, Kapitän?“ „Ja, und ich danke dem Himmel dafür; es fehlt uns nur noch der hochzeitliche Segen.“ „Laſſen Sie die heilige Ceremonie vollenden,“ ſagte Silbia zu dem Lieutenant.„Sie werden ſich dann ſogleich erklären.“ „Nein, Ihr müßt mich vor Allem hören,“ erwiederte der Officier mit düſterem Tone, indem er ſich auf die Seite neigte, um beſſer auf das Geräuſch außen zu horchen.„Be⸗ reits Meiſter vom Monte Torrero, hat der Feind nun auch Caſa Blanca) in ſeiner Gemalt. Hört Ihr nicht *) Ebenfalls ein die Stadt beherrſchender Punkt. 138 in der Ferne drohendes Geſchrei? Es iſt der nahe bevorſte⸗ hende Aufruhr, es iſt das Volk, das ſich erhebt.“ „O Himmel!“ „Wir verlaſſen Saragoſſa.“ „Wie! der Rückzug iſt entſchieden?“ „Ja, Georges, ſeit dieſem Morgen. Traurige Meinungen haben den Ausſchlag gegeben und wir ziehen ab.“ „Wann?“ „Auf der Stelle. Schon iſt die Garniſon gerüſtet, die Stadt zu räumen; ſie muß den Ebro um neun Uhr paſſirt haben, und die Brücke wird um zehn Uhr ſpringen. Alle Officiere ſind ſeit Sonnenuntergang auf ihren Poſten und zum Aufbruch bereit. Wehe dem, der nicht zu rechter Zeit aus den Mauern von Saragoſſa hinauskommt! er wird ohne Er⸗ barmen erwürgt. Und Du, der Du nichts hievon weißt, biſt hier und heiratheſt!... Und ich, ich habe den Augenblick geſehen, wo meine Pflicht mich unter meinen Leuten zurück⸗ halten und verhindern würde, Dir zu Hülfe zu eilen! Ein kleiner Verzug mehr, Kapitän, und Du biſt ohne Rettung verloren, und Deine arme Frau mit Dir.“ „Laßt uns fliehen!“ rief Silvia. „Wohin wollen Sie gehen?“ ſagte Alphonſe. „Ueberallhin, wo mein Gatte ſein wird,“ antwortete die Tochter von Don Pablo, indem ſie ſich mit ruhiger, heite⸗ rer Stirne vom Fuße des Altars erhob;„ich verlaſſe ihn fortan nicht mehr; ich werde ſeinem Schickſal folgen, wie es auch ſein mag, denn ich gehöre ihm vor Gott.“ „Doch die Gefahren und Strapatzen des Rückzugs!“ 139 „Was kümmere ich mich in ſeiner Nähe um Gefahren und Strapatzen; da, wo wir mit einander ſein werden, gibt es für mich weder Unglück, noch Leiden. Auf, mein Georges, ich bin bereit!“ Dann ſich an Don Sebaſtian wendend, der von Schmerz und Bewunderung ergriffen dieſe rührende Scene mit ſeiner Dichterſeele betrachtete, ſprach ſie mit bewegter Stimme: „Meinen Dank, Villareal! Edler, hochherziger Retter! Ihr werdet einen dem meinigen entgegengeſetzten Weg einſchla⸗ gen, wir werden in feindlichen Lagern und unter Fahnen ſein, die ſich bekämpfen; wir werden uns viekleicht nie mehr ſehen. Bewahren wir wenigſtens in unſeren Herzen als ein unverletzliches Gut die erſten Zuneigungen unſeres Lebens. Mir Euer ſüßes Andenken! Euch meine ewige Dankbarkeit“ Neues Geſchrei erſcholl außen; es ſchien immer näher zu kommen. „Segnet Eure Kinder, mein Vater!“ ſagte Bianca zu dem frommen Prieſter,„und vollendet das unterbrochene Werk.“ Alphonſe dUrieur aber faßte ſeinen Freund, riß ihn vom Fuße des Altars auf und rief: „Georges, man wartet. Die Pflicht ruft Dich zu Dei⸗ nem General. Dort iſt der Poſten der Ehre.“ „Ich kann mich nicht von meiner Frau trennen,“ ent⸗ gegnete der Kapitän, indem er ſich heftig vor die Stirne ſchlug. „Was würde ohne mich in dieſem Augenblick aus ihr? Alphonſe, ich kann ſie nicht verlaſſen.“ „Es muß ſein“ 3N 140 „Unmöglich. Sie im Stiche laſſen, wäre eine Feigheit, ſie zurückſtoßen, ein Verbrechen.“ „Georges,“ ſprach Bianca mit feſtem Tone,„bekümmere Dich nicht um mein Loos. Gehe, wohin Dich die Pflicht ruft. Deine Ehre iſt nun die meinige, und ſie liegt mir eben ſo ſehr am Herzen, als Dir ſelbſt. Trennen wir uns, ich werde Dir folgen. Du triffſt mich binnen Kurzem auf Deinem Wege außerhalb der Stadt, und ich werde Deiner würdig ſein.“ „Ich habe ein Gefährt zu Ihren Befehlen,“ ſagte Alphonſe zu der jungen Frau. „Bieten Sie daſſelbe uns Beiden an?“ unterbrach ihn Dona Silvia. „Ja,“ erwiederte der Lieutenant mit einer gewiſſen Ver⸗ legenheit.„Doch es wird Ihnen vielleicht unbequem ſein; es wird ſich eine andere Frau darin finden— Inezilla de Bofarull.“ „Eine andere Liebe vor mir,“ ſagte die Schweſter von Don Pablo zu ſich ſelbſt,„eine andere Liebe an meiner Seite und nie eine andere Rolle für mich... nie eine andere, als die des Zeugen.“ „Wackerer Freund!“ ſprach d Ericourt,„ich vertraue Dir, was ich Theuerſtes auf der Erde habe.“ „Genug der Worte, gehe.“ „Aber der hochzeitliche Segen?“ ſluſterte Bianca mit lei⸗ ſer Stimme. Anaſtaſio war nicht meht da. ——— — * 141 „Gehe, mein Freund,“ rief Alphonſe,„es iſt keine Mi⸗ nute zu verlieren; ich ſtehe Dir für dieſe zwei Frauen.“ Don Sebaſtian näherte ſich Georges und fügte bei: „Und ich auch, ich werde da ſein, ich werde über ihnen wachen: Gott befohlen.“ „Villareal,“ ſprach Georges, dem hochherzigen Spanier mit vollem Erguß die Hand drückend„„Sie ſind der edelſte der Männer! Wie viel Dank bin ich Ihnen ſchuldig!“ Hätte er in ſeinem Herzen leſen können, er würde ihn noch viel mehr bewundert haben! III. Das Wetter hatte ſich gräßlich düſter geſtaltet, und ob⸗ gleich es kaum acht Uhr geſchlagen, war es doch ſchon völlig Nacht geworden. Zwei Frauen mit der ſpaniſchen Mantilla bedeckt und zwei Männer in den eaſtiliſchen Mantel gehüllt traten in das Hotel Arascoza. Die Frauen zitterten vor Be⸗ ſtürzung, denn ſie waren durch Straßen gekommen, wo ſich unheilvolle, drohende Verſammlungen gebildet hatten; ſie hat⸗ ten das Geſchrei des Haſſes und der Wuth gehört, das ſich von allen Seiten gegen die Franzoſen erhob. Der Zufall oder vielmehr die Vorſehung war ihnen beigeſtanden. Kein ürger⸗ liches Ereigniß hatte ihren Gang unterbrochen. Zwei Brave dienten ihnen als Führer, beſchützten ſie vor allen Gefahren, und kein argwöhniſcher Blick hatte ſich auf ſie geheftet. Dona Silvia und ihre Nichte hatten in ihre Wohnung zurückkehren wollen„ um dort verſchiedene werthvolle Gegen⸗ 142 ſtände zu holen und ſich mit den für ihre Lage nothwendig⸗ ſten Dingen zu verſehen; Don Pablo war auswärts und ſie hatten Niemand zu befürchten. Dona Silvia beſaß ein Portefeuille voll von Werthen, viele Edelſteine und Gold; die Frauen nahmen Alles zu ſich; ſie trafen raſch alle Vorkeh⸗ rungen zur Abreiſe und waren bald bereit. Der Dragoner⸗Lieutenant hatte während dieſer Zeit die Bianca angebotene Carriole geholt. Dona Silvia und ihre Nichte durchſchritten den Garten; ihr Wagen hielt vor der Thüre. Aber vergebens ſuchte man dUrieur. Der Cavalerie⸗Officier war genöthigt, an der Spitze ſei⸗ ner Schwadron zu marſchiren, und er mußte, wie der Kapitän d'Ericourt, auf ſeinem Poſten bleiben. Dies war wohl eher gut als ſchlimm: die Gegenwart eines franzöſiſchen Officiers, den man trotz aller möglichen Vorſichtsmaßregeln an der Kleidung erkennen dürfte, gefährdete die Carriole. Die Neuvermählte wird leichter durch die feind⸗ lichen Zuſammenrottungen kommen, wenn kein Fremder dabei iſt. Der Führer des kleinen Wagens iſt ein Arriero vom Gebirg, Namens Lorenzo Bias; allerdings iſt er der Sache der Franzoſen ergeben; aber mit ſeiner ſpaniſchen Tracht, mit ſeiner Haltung und ſeiner Sprache wird er keinen Verdacht erregen. Dann finden an der Gartenthüre von Don Pablo die zwei Flüchtlinge ihren getreuen Beſchützer Don Sebaſtian de Villareal wieder; redlich hält er ſein vb er iſt da und wacht über ihnen. Bianca und ihre Tante ſteigen raſch in die Carriole; 143 eine junge und hübſche Perſon ſaß ſchon darin, es war die Geliebte von Alphonſe, Inczilla de Bofarull. Silvia grüßt ſie kaum. Sie ſetzt ſich, ohne daß ſie jene geſehen zu haben ſcheint: ſie beſchäftigt ſich nur mit ihrer Nichte und ihr Blick wendet ſich von Inezilla mit dem ſorgloſen Ausdruck der Verachtung ab. Bianca hat ihr Beiſpiel nicht befolgt. Ihre nachſichtige Güte vermochte ſich bei keiner Veranlaſſung zu verleugnen; gegen Inezilla hat ſie nur artige und woblwollende Manieren; ihr Antlitz bleibt ruhig. Don Sebaſtian hätte gern bei ſeinen Schützlingen Platz genommen, aber der kleine nur mit einem Pferde beſpannte Wagen von Alphonſe konnte nicht mehr als drei Perſonen aufnehmen. Villareal trennt ſich von ſeiner jungen Verwandtin mit einem ſchmerzlichen Zuſammenſchnüren des Herzens. Er ahnet für ſie eine lange Reihenfolge von Unglücksfällen. Die Carriole fährt ab. Lorenzo Bias, ein kräftiger Gebirgsmann von etwa dreißig Jahren war franzöſiſchen Urſprungs. Seine Familie hatte lange Zeit in den baskiſchen Provinzen unfern von Bayonne gewohnt und er gehörte mit allen ſeinen Sympathien dem Lande ſeiner Väter an. Er war von athletiſchem Körperbau und beſaß zugleich die Liſt des Fuchſes und die Kraft des Löwen. Ohne einen feſten Grundſatz, um ſein Benehmen da⸗ nach zu richten, kannte er auch keinen Zügel, der ſeinen Ent⸗ ſchlüſſen Hinderniſſe in den Weg gelegt hätte. Wenn er nur ſeine Abſichten erreichte, die er immer für gerecht hielt, wählte 144⁴ er gleichgültig das Gute oder das Böſe, das Recht oder die Thatſache, das Verbrechen oder die Tugend, je nach der Nothwendigkeit des Augenblicks. Wenn er ſich zu etwas ent⸗ ſchied, dachte er nie über den moraliſchen Werth ſeiner Hand⸗ lung nach, fiel es ihm aber in der Folge ein, daß er ſchuldig geweſen, ſo warf er ſich demüthig auf die Kniee und flehte Gott um Verzeihung an. Raſch und ohne Ueberzeugung, ſich von einer wilden That in eine weiche, ſchmiegſame Seelen⸗ ſtimmung verſetzend, erſchien er als eine von jenen ausnahms⸗ weiſen, reichen, aber unangebauten, edlen, aber rohen Orga⸗ niſationen, welche die Unwiſſenheit und das Ungeſtüm, im Alter der Leidenſchaften, vor der Sittenloſigkeit beſchützten. Er war übrigens einer der ſchönſten Gebirgsmänner, die man ſehen konnte; er hatte die martialiſche Stirne eines Hel⸗ den; ſeine großen ſchwarzen Augen ſchienen an das Befehlen gewöhnt zu ſein, und in den mythologiſchen Tagen geboren, hätte man dieſen außerordentlichen Menſchen, unter ſeiner ſchlichten Kleidung des Arriero, für einen aus dem Olymp vertriebenen Gott gehalten. Nun zu Inezilla. Die Geliebte von Alphonſe war ausnehmend hübſch; doch ihr bewegliches, launenhaftes Geſicht bezeichnete einen phantaſtiſchen, leichten Charakter. Aus ihren coquetten, leb⸗ haften Manieren ließ ſich ſchließen, daß ſie ihrer Natur nach nicht geſchaffen war, im Leben auf dem Boden keuſcher Liebe einherzuſchreiten. Ihre Sprache war wie ihre Perſon ein funkelndes, keckes Prisma auf einem veränderlichen, zwei⸗ felhaften Boden. Sie überließ ſich zuweilen dem Zauber des —. —— 145 Gefühls, aber viel weniger als den Lockungen des Vergnügens. Sie trug die ſpaniſche Mantilla und die Basquine, doch Bei⸗ des bizarr verſchönert und auf die andaluſiſche Weiſe; man hätte ſie für eine Gitana*) halten können. Die Liebe war für Inczilla ein Zugvogel; heiter ſprach ſie darüber in folgenden Ausdrücken „Siedelt ſich die Schwalbe, welche vom Süden gekom⸗ men, je im Norden an? Iſt ſie vom Oſten oder vom We⸗ ſten? hat ſie irgendwo ein beſtimmtes Vaterland? Nein, ſie zieht hin, niſtet und geht wieder. Nun! die Liebe, eine fliegende Flamme, gleicht der umherſchweifenden Schwalbe: ſie hat offenbar nur Flügel erhalten„um die Räume zu durch⸗ eilen; ſie kommt herbei ſingt und verſchwindet. Die erſten Worte„welche die Frau des Kapitän d'Eri⸗ court und die Gefährtin des Lieutenant dUrieur wechſelten, waren nur unbedeutend geweſen, und dennoch ſah ſich Bianca ſchon im Klaren über Inczilla. eine ſeltſame Geſellſchaft für ſie. Die Carriole wandte ſich ſo ſchnell als möglich dem Aus⸗ gang von Saragoſſa zu. Mitten durch die Zuſammenrottun⸗ gen des Volkes fahrend„ſchien Lorenzo Bias nichts zu hören. Er trällerte einen Bolero, den er zuweilen mit Flüchen unter⸗ brach, welche er an ſein Pferd richtete. Seine Phyſiognomie hatte den Ausdruck der Sorgloſigkeit mit einer Beimiſchung von Verdruß, aber unter der ungeberdigen Haltung des Ge⸗ birgers drang die ſtarke Seele des Braven vor. *) Zigeunerin. Der Erzähler. 1847. II. 146 „Wie heißt unſer Führer?“ ſagte theilnehmend die Schwe⸗ ſter von Don Pablo. „Lorenzo,“ antwortete Inezilla.„Ein glühender Kopf und ein unerſchrockenes Herz.“ „Sie kennen ihn.“ „Keines Wegs; aber Alphonſe hat ſich für ihn verant⸗ wortlich gemacht; er hat ihn mir wiederholt gelobt, und er weiß die Männer ſehr gut zu beurtheilen.“ Dann fügte ſie, in ein Gelächter ausbrechend, indem ſie coquettiſch mit dem Fächer ſpielte, bei:„Er iſt viel weniger geſchickt in Be⸗ ziehung auf die Frauen. Von dieſem Artikel verſteht er nichts.“ „Sie ſetzen mich in Erſtaunen,“ ſagte Silvia ironiſch. „Sind Sie nicht der Gegenſtand ſeiner Wahl?“ „Ein Beweis mehr, daß er ſich täuſcht.“ „Aber Sie folgen ihm doch. Sie verlaſſen Saragoſſa um ſeinetwillen; es iſt dies nicht aufopfernde Liebe?“ „Oder Nothwendigkeit der Lage.“ „Wie dies?“ „Sprechen wir klar. Iſt man in der Welt je, wo man ſein ſollte? Ich reiſe mit dem franzöſiſchen Lieutenant dUrieur, weil er mich ſo ungeſchickt mit den ſpaniſchen Behörden com⸗ promittirt hat, daß ich in der That nicht weiß, wohin ich gehen ſoll. Ueberdies werden wir lebhafte Aufregung auf dem WParſche haben, und es iſt zu wetten, duß ich nicht da an⸗ ime, wohin man mich führte. Es geht beinahe immer ſo m Leben: das Unvorhergeſehene iſt der König aller Dinge und ich liebe dieſe M denn iſt ſie manchmal ſireng und —. 147 feierlich, ſo iſt ſie bisweilen auch luſtig und ohne Umſtände. Wenn Sie mir glauben wollen, meine Damen, nehmen wir dieſe Stunde heiter hin. Meiner Anſicht nach kann man auch im Unglück einen ſchönen Vortheil aus den Ereigniſſen ziehen. Ich bin überzeugt, wir bekommen piquante Abenteuer, und ich erwarte ſie feſten Fußes.“ „Welcher Ton!“ ſagte Bianca zu ſich ſelbſt. „Welch ein ſchamloſes Geſchöpf!“ murmelte Silvia mit Verachtung:„und ſolche Frauen liebt man!“ Inczilla fuhr heiter fort: „Wie ſich die Leute zuſammenſchaaren, Senoras! Sehen Sie rechts und links alle die Geſichter, welche hartnäckig in unſern Wagen ſchauen einige haben ſehr rauhe, wilde Mie⸗ nen, doch man bemerkt auch intereſſante daxunter. Das Ge⸗ mälde iſt originell, Sie müſſen geſtehen, man könnte ſeltſame Studien machen.“ „Ich zittere,“ unterbrach ſie Bianca. „Pfui doch!“ entgegnete Inczilla;„wenn man eine hüb⸗ ſche und junge Frau iſt, können einem nur freudige Vorfälle und galante Abenteuer begegnen. Haben Sie bange vor die⸗ ſen Männern, welche ſich hier verſammeln mit Waffen, die ſie unter ihren Mänteln verbergen? Es find ganz einfach Guerillas, die ſich bilden, und ſie haben, offenherzig ge⸗ ſprochen, hiezu ein Recht. Die ſchönen Kriegsgürtel! Oh! oh! Klingen von Toledo! Sehen Sie nicht dort durch den dichten Nebel in jenem Gäßchen Fackeln? man ſollte glauben, es wären laufende Sterne; und dieſer Tumult, dieſes Geſchrei! Dies Alles bringt eine große Wirkung hervor. Auf! meine 148 Fluchtgefährtinnen, tröſten wir uns über die Unordnung durch das Pittoreske, und über die Gefahr durch das Bizarre!“ Vernichtet, betäubt, gedemüthigt verhüllte ſich die Tochter von Bablo weinend das Geſicht. „Kind!“ ſprach die Geliebte von Alphonſe.„Thränen, Zeichen der Betrübniß! Sie werden machen, daß man uns verhaftet!“ „Ich!“ „Gewiß! meine Kleine. Man wird Sie für eine Afran⸗ cesada*) halten und mich in Folge davon ebenfalls, und Gott weiß, was daraus entſtehen könnte. Laſſen Sie Ihre kläglichen Geſichtsverzerrungen; keine Traurigkeit, ahmen Sie mich nach; Ihre Augen ſind reizend, öffnen Sie dieſelben; Ihre Zähne ſind herrlich, lachen Sie!“ „Ich, lachen!“ „Sie würden uns ins Verderben bringen! Zum Glück bin ich da.“ So ſprechend ſchlug Inczilla halb ihren Schleier zurück und grüßte das Volk mit der ganzen Anmuth einer Bahadere. Sie fuhr mit wahrhaft triumphirender Miene vorüber. Doch durch den cavalieren Ton ihrer Gefährtin verletzt, fühlte Dona Silvia de Gomez das edle Blut der Arascoza in ihren Adern kochen; ihre Stirne erbleichte vor Zorn und ihre Entrüſtung kam zum Ausbruch. „Inezilla! genug, ich bitte Sie, es ſcheint, Sie ver⸗ geſſen gänzlich hier, wer Sie ſind, und wer wir ſind.“ *) Der franzöſiſchen Sache ergeben. 149 „Ich bitte tauſendmal um Verzeihung, meine Gnädigſten,“ verſetzte Inczilla, die Stirne mit der ſpöttiſchſten Zerknirſchung beugend;„ich weiß ganz wohl, was die Stellung von uns allen Dreien iſt. Ihre hübſche Nichte hier galoppirt auf der Straße nach Frankreich ihrem guten Freunde, dem Kapitän dEricourt nach, wie ich meinem geliebten Lieutenant dUrieux. Die Aehnlichkeit ſcheint mir vollkommen. Was Sie betrifft, ehrenwerthe Tante, ſo wäre Ihnen, ich bin es feſt überzeugt, wohl nichts angenehmer, als ebenfalls irgend einem Liebhaber nachlaufen zu können, doch Keiner beißt in die Angel und Sie müſſen leider im leeren Raume traben!“ „Hat man einen Begriff von einer ſolchen Unberſchämt⸗ heit!“ rief Silvia außer ſich;„eine Hirnloſe vom unterſten Range, die ſich mit der edlen Gemahlin des Kapitän dEri⸗ cvurt zu vergleichen wagt!“ „Gemahlin!“ wiederholte Inezilla mit einem Hohn⸗ gelächter.„Ein guter Spaß, Senora! Ich weiß ſehr wohl, was in Nueſtra Senora del Pilar vorgefallen. Iſt man geſetzliche Gattin, weil man ſich begnügt hat, irgend ein ſchnelles Gebet in der Nacht, im Geſchwindſchritt, am Altar und vor irgend einem Prieſter zu verrichten? Dies ge⸗ nügt vielleicht für ein weites und ſchwaches Gewiſſen, das Geſetz aber verlangt etwas Anderes. „Mein Gott! was höre ich!“ ſagte Bianca. „Ich bin auch verheirathet,“ fuhr Inczilla fort,„unge⸗ fähr in derſelben Art und mit einem ähnlichen Mangel an allen vorgeſchriebenen Förmlichkeiten. Nur hüte ich mich, dies zur Schau zu ſtellen; es iſt in der That hiezu kein Grund 150 vorhanden, Senoras. Uebrigens hat dieſe Weiſe ehelicher Ver⸗ bindungen einen weſentlichen Vortheil: den, daß man nach Vergnügen brechen und nach Belieben erneuern kann. Ich ſagte es mir neulich, während ich den jungen Don Miguel, einen neuen Chef der Guerillas, anſchaute, den man insge⸗ heim meinem Vater empfahl. Er iſt ſo ſchön, dieſer Don Miguel! etwas ganz Anderes als Alphonſe!“ Dieſer Strom von Worten war mit einer ſolchen Zungen⸗ fertigkeit hervorgeſprudelt worden, daß Dona Silbia, wäre es auch ihre Abſicht geweſen, nicht das Mittel gefunden hätte, ihm den geringſten Damm entgegenzuſetzen. Vor Schmerz und Verwirrung einer Ohnmacht nahe, war Bianca nicht im Stande, ihre Thränen zurückzuhalten. „Werden Sie ſchweigen!“ rief Silvia, und ihr Auge bedrohte Inczilla. „Oh! oh!“ ſagte ein Mann vom Volke, die ſeltſame Seene betrachtend,„es herrſcht alſo überall Empörung. Die Meuterei iſt auch in dieſer Carriole?“ „Geht auf die Seite!“ rief Lorenzo, während er ſeinem Pferde einen kräftigen Peitſchenhieb gab.„Seht Ihr nicht, daß Ihr mir den Weg verſperrt!“ „Glaubſt Du, wir machen die Gänſe ſchnattern, welche Du in Deinem beräderten Geflügelſtall ſpazieren führſt?“ er⸗ wiederte ein Meuterer mit Piſtolen und Stoßdegen. „Nein, gewiß nicht,“ verſetzte der Arriero mit einem gutmüthigen Seufzer;„ich weiß nicht, wozu dieſe Rede; ich bin Niemand hier böſe und fange nie mit braven Leuten Händel an. Nur iſt es mein Grundſatz, daß ſich gute Jungen 151 unter einander nie hindern ſollen, ihres Weges zu ziehen. Habe ich Unrecht, Ihr Herren?“ „Je nachdem. Es hängt von dem Weg ab, den man nimmt; meiner Anſicht nach muß man die ſchlimmen Pfade ieder berdächtigen Perſon ſchließen. Woher kommſt Du, Freund?“ „Von Hauſe.“ „Und Du heißeſt?“ „Lorenzo Bias“ „Gut: das iſt ein Name, wie jeder andere; und wohin führſt Du Deine Hühnchen?“ „Nach dem Monte Torrero: hier in der Nähe.“ „Aber Du fährſt in entgegengeſetzter Richtung; dieſer Weg führt unmittelbar nach der Brücke von Saragoſſa.“ „Ei! bei Gott, jeder Weg führt nach Rom. Dort drehe ich links, dann wende ich mich nach der entgegengeſetzten Seite; ich wollte nur die Sackgaſſe vermeiden; ich befinde mich dann in der Calle Mahor; ich folge der Straße, welche ſich um das alte Kloſter wendet, und gelange vor die Kirche. Ihr ſeht das von hier aus, nicht wahr? Es iſt nicht mög⸗ lich, gerader zu gehen.“ „Du haſt mir das Ausſehen eines feinen Geſellen, Ka⸗ merad. Es ſcheint mir, Dein Geiſt wendet und dreht ſich eben ſo ſehr, als Deine Carriole. Gleichviel, vorbei, und glückliche Reiſe.“ „Wartet einen Augenblick,“ rief eine Perſon vornehmen Standes, die ſich durch die Menge Platz machte.„Ich glaube die Damen zu erkennen, die der Arriero führt; ja wohl, ich 152 täuſche mich nicht, Dona Bianca de Arascoza und Dona Silvia de Gomez! In einer Carriole zu dieſer Stunde!“ Und er hielt den Wagen an. „O Himmel! es iſt Don Jua de Rivaros!“ rief Diana beſtürzt. Der Neffe von Pablo näherte ſich den zwei Frauen. „Wohin wollten denn Eure Herrlichkeiten?“ fuhr er mit ſpöttiſchem Tone fort;„aus Saragoſſa hinaus ohne Zweifel? nach dem Lande, nicht wahr?“ „Platz Platz!“ ſchrie Lorenzo. Und ſeine Peitſchenhiebe verdoppelten ſich. „Nein! nein!“ rief Rivaros, das Pferd der Carriole am Zügel faſſend und mit kräftigem Arme feſthaltend,„man läßt Euch nicht ſo ziehen; ich bin vom Hauſe Arascoza und will wiſſen, wohin meine Baſe geht.“ „Mit welchem Rechte dieſer gebieteriſche Ton!“ ſagte ein junger Hidalgo, der ſich mitten in die Zuſammenrottung ſtürzte; „ich bin Don Sebaſtian de Villareal, und ebenfalls von dem Bauſe Arascoza; ich will, daß man die Frauen ehre über⸗ all, wo man ſie trifft. Freunde! meine Meinung iſt bekannt: zurück alle Unterdrücker! ich will die Freiheit des Landes!“ „Die Freiheit! die Freiheit!“ wiederholte die Menge. Don Juan ſteht ſich wirklich zurückgeſtoßen. Wüthend zieht er ſeinen Degen. „Spanier, die Ihr mich umgebt,“ rief er mit der größ⸗ ten Heftigkeit,„wißt Ihr, wer dieſe Frau iſt, welche Don Sebaſtian beſchützt? Es iſt eine Afrancesada, welche in 153 Abweſenheit ihres Vaters in dieſem Augenblick aus ihrem Hauſe entweicht„um einem feindlichen Kapitän zu folgen, um die ſpaniſche Sache zu verrathen„um ihre Familie zu ent⸗ ehren.“ „Haltet ſi auf! er hut Recht!“ rief alsbald die Menge. Der Wind drehte ſich für Don Juan, und die Wetter⸗ fahne des Volkes hatte ſchon ihre Richtung verändert. Eine wilde Stimme erhob ſich und ſchrie: „Sie verräth uns, die Schänvliche! Vollziehen wir an ihr die gewöhnliche Strafe! Sie muß vor uns entkleidet und ganz mit Ruß beſtrichen auf einem Eſel, den Kopf gegen den Schweif gekehrt, durch die Straßen geführt werden. 8 Doch der edle Vertheidiger von Bianca ließ ſich nicht durch das Geſchrei des Volks einſchüchtern. Mit ſeinem Sol⸗ datenmuthe und mit ſeiner dichteriſchen Begeiſterung hatte er ſich einen volksthümlichen Namen gemacht. Kühn das Haupt dem Sturm entgegenbietend, ſprach er kräftige Worte zur Menge, und es gelang ihm, ſie im Zaume zu halten. „Ah! welch ein bewunderungswürdiger Charakter!“ ſagte die Frau von Georges zu ſich ſelbſt,„welche unerſchütterliche Ergebenheit! ach! er wird ſich für uns ins Verderben ſtürzen!“ „Herr Dichter! genug der Phraſen!“ rief in dieſem Augen⸗ blick Rivaros.„Es handelt ſich hier nicht um theatraliſche De⸗ clamationen, ſondern um nationale Beſtrafung. Man gebe mir die zwei Schuldigen heraus!“ * Dies war wirklich die Strafe, welche man damals über die Afrancesadas verhängte. 154 Bei dem Schimmer einer Anzahl von Fackeln, welche eiligſt von allen Seiten herbeikamen und irgend ein Haus von Afrancesadas in Brand zu ſtecken beſtimmt ſchienen, hatte Don Sebaſtian auch ſeinen Degen gezogen. Er ſtürzte auf Don Juan los und rief: „Feiger!.. Du wirfſt auf ziwei wehrloſe Frauen, die Deiner Familie angehören, Schmähreden, welche vielleicht ihr Todesurtheil zur Folge haben!„. Daran erkenne ich Dich, Don Juan. Neulich traf ich Dich, wie Du einen braven Militär ermordeteſt; heute finde ich Dich ein Mädchen ent⸗ ehrend! Gehe! Du biſt nicht würdig, in der Reihe der ed⸗ len Vertheidiger Spaniens zu ſtehen; Du biſt nur ein elender Bandit.“ Ein furchtbarer Kampf wollte ſich zwiſchen den zwei Geg⸗ nern entſpinnen: das Volk widerſetzte ſich. Man trennte ſie mit Gewalt. Heftiges, ſich widerſprechendes Geſchrei erhob ſich um die Carriole; die Unordnung und die Verwirrung erreich⸗ ten den höchſten Grad; die entfeſſelten Leidenſchaften ſteigerten ſich immer mehr; die Dolche des Verraths funkelten beim Scheine der Fackeln der Meuterer und das Verbrechen rief nach Blut. Inezilla flehte mitten im Getümmel das Mitleid des Volkes an; ſie hatte ihre Mantilla aufgehoben und ſtieß, die Hände gefaltet, die Augen zum Himmel aufgeſchlagen, ſchmerz⸗ liche Schreie aus. Ihr reizendes Antlitz erſchien, durch die Aufregung belebt, in blendenderem Glanze als je. „Halt! ich erkenne dieſe,“ ſagte einer von den Barbieren der Stadt.„Es iſt Inezilla Bofarull, die Eroberung eines 155 Lieutenants von den franzöſiſchen Dragonern. Es ſcheint, dieſe Frauen ſind alle drei von derſelben Gattung: Courtiſanen vom feindlichen Lager!“ „Tod dieſen feilen Geſchöpfen!“ ſchrie eine zügelloſe Horde. Man wollte zur Niedermetzelung ſchreiten. „Nein, nein, kein Blut! kein Verbrechen!“ ſprach ein Guerillas⸗Anführer, der eine große Gewalt über die Seini⸗ gen zu haben ſchien.„Dieſe Senoritas ſind ſehr hübſch. Sie mögen ihre Herren wechſeln und dann iſt es gut; ich meinestheils nehme dieſe.“ Er deutete mit dem Finger auf Inczilla. Man lachte, man klatſchte in die Hände. „Ein guter Gedanke!.. Bravo! Don Miguel!“ „Don Miguel!“ wiederholte Inezilla mit einem Schrei des Erſtaunens und der Freude. Der junge ſpaniſche Anführer war auf eines der Räder der Carriole geſtiegen, welche ſich ſeit langer Zeit nicht mehr rührte. „Ich gehöre Dir, meine Gitana,“ ſagte er zu der Ge⸗ fährtin von Alphonſe, indem er ihr ſeine breite Hand reichte. „Sprich, willigſt Du ein, mir zu folgen?“ Don Miguel war ein ſchöner Aragonier, ein Kind der bürgerlichen Zwiſtigkeiten„von Raub und Mord lebend„ ſorg⸗ los und verwegen, abwechſelnd grauſam und erhaben, zugleich Held und Böſewicht„der Typus des Braven und des Ban⸗ diten, der vorzugsweiſe Guerillas⸗Anführer. Inezilla neigte ſich gegen ihn heraus. Ein Lächeln er⸗ 156 ſchien auf ihren Lippen und ſie nahm wieder ihre coquette Miene an. Don Miguel wiederholte ſeine Frage. „Entſcheide Dich! willſt Du mir folgen?“ „Von Herzen gernf“ antwortete Inczilla. Und aus dem Wagen ſpringend, ſank ſie in die Arme von Don Miguel. Während dieſer Zeit bemächtigte ſich Juan de Rivaros, nach dem Beiſpiel des Guerillero, der Frau von Georges. „Dieſe für mich!“ rief er mit einer Donnerſtimme. Und er ſuchte ſie mit feſter Hand aus dem Wagen zu reißen. Halb ihrer Sinne beraubt, ſetzte Mm die unglückliche Tochter von Don Pablo keinen unterſund entgegen. Der ſchändliche Räuber gewahrte Don Sebaſtian, der, durch die Menge von ihm getrennt, vergebens ſich anſtrengte, Bianca zu Hülfe zu eilen. „Villareal!“ rief er ihm mit dem frechſten und ſpottiſch⸗ ſten Tone zu, indem er mit dem Finger auf Dona Silvia deutete,„das iſt Dein Theil. Jedem das Seinige.“ Wüthend und in Verzweiflung, verdoppelte Don Seba⸗ ſtian ſeine Energie, um ſich einen Weg zu bahnen durch die aufgereizte, ſtürm iſche, tolle Menge, welche abwechſelnd von der Drohung zum Gelächter und von der. Ausſchweifung zur Per⸗ nunft überging. Ach! ſeine Anſtrengung blieb ohnmächtig. Bianca wurde ihm entführt, und durch die Unordnung beſchützt verſchwand Don Juan mit ihr. Aber während man die Bewegungen und Schritte des „ 157 unerſchrockenen Caſtilianers in Feſſeln hielt, ſchlüpfte ein Bäcker⸗ geſelle der Straße, ein Burſche von ſchofeligem Ausſehen, in die Carriole. „Ei! ei!“ ſagte dieſer mit munterem Tone, indeß er Silvia anſchaute, welche, nachdem ſie vergebens gegen den Räuber ihrer Nichte gekämpft hatte, kraftlos in die Carriole zurückgefallen war:„bei meiner Treue! ſie iſt nicht häßlich! ich bemächtige mich ihrer, ich nehme ſie für mich 4 „Halt!“ unterbrach ihn mit einer Stentorſtimme der Führer des Wagens.„Es iſt hier nichts für Dich zu nehmen.“ Und er packte den Bäckerknecht am Kragen, zog ihn aus dem Wagen, und ſchleuderte ihn auf das Pflaſter. Dann ſich an die Zuſammengerotteten wendend, welche auf ihn loszu⸗ ſtürzen ſich anſchickten„rief er, indem er einen Knittel, der einer Keule glich, über ſeinem Haupte ſchwang: „Ich behalte dieſe für mich, und ſage Euch zum Vor⸗ aus, daß ich dem Erſten, der ſich einfallen läßt, die Hand an ſie zu legen, den Schädel zerſchmettere. Hört Ihr mich, Kameraden?“ Und von ſeiner Carriole herab, wo er ſich, das Auge in Flammen, erhob, hielt er die Menge von ſich entfernt. „Das iſt ein Braver!“ rief das Volk. Der Bäckerknecht hatte ſich wieder erhoben; er ſchlich ſich in der Stille davon. Lorenzo peitſchte ſein Pferd„fuhr an Don Sebaſtian vorüber und machte dieſem ein ausdrucksvolles Zeichen. 158 „Folgt mir, Herr Caſtilianer,“ ſagte er leiſe;„es gibt noch Mittel.“ Dann ſich nach einer benachbärten Straße wendend, fuhr er mitten durch den Nebel fort, und das Volk verlor ihn aus dem Blick. Ein paar Minuten nachher fand folgendes Geſpräch in einer einſamen Sackgaſſe fern von allem Geräuſch und ohne Licht ſtatt. „Herr Caſtilianer! ſeid unbéſorgt und vertraut auf Lo⸗ renzo. Man kann das Unglück wieder gut machen.“ „Und wie?“ „Bleibt hier.“ „Du willſt alſo Deinen Wagen verlaſſen?“ „Ja, für einen Augenblick; ich habe meine Abſicht. Ihr werdet Dona Silvia hüten und in Geduld auf mich warten.“ „Du willſt?“ „Don Juan nacheilen, ich ließ mit dem Auge nicht von ihm und weiß, wo er eingetreten iſt. „Erkläre mir.. ₰ „Das wäre zu lang; der Senor Vilkareul hat Dona Bianca zu dem Gaſtwirthe Matheo Sanches geführt, der mit meiner Familie verwandt iſt. Sein Haus liegt zwei Schritte von hier und ich laufe dahin.“ „Was iſt Dein Plan?“ „Laßt mich machen.“ „Ganz allein?“ „Ich werde Euch wieder abholen, doch ich muß zuerſt den Weg bahnen, dann möget Ihr mein Werk vollenden.“ 159 „Werden wir Zeit dazu haben, Lorenzo?“ „Man hat die Brücke noch nicht geſprengt.“ „Aber jeden Augenblick„ „Gott befohlen!“ IV. Stolz auf den glücklichen Erfolg ſeiner That, floh Don Juan de Rivaros wie der Geier, der ſeine Beute entführt. Bianca, welche ihre körperlichen und geiſtigen Kräfte beinahe völlig verlaſſen hatten, fühlte nur unbeſtimmt das Gräßliche ihrer Lage, und ſie unterwarf ſich, ohne zu kämpfen. Die Taverne von Mathev Sanches lag unfern von dem Orte, wo die ſtürmiſche Scene vorgefallen war. Im ganzen Quartiere übelberüchtigt, galt dieſe Taverne mit Recht für ein mehr als zweideutiges Haus. Hier verſammelte ſich in jener Zeit Alles, was Saragoſſa Schamloſes und Gemeines unter den Raufern der öffentlichen Plätze und den Tänzerinnen des Theaters beſaß. „Sanches,“ ſprach Rivoros zu dem Wirth,„raſch ein Zimmer für dieſe Senora, eines von den am Beſten verſchloſ⸗ ſenen Zimmern.“ „Herr, man wird Euch nach Wünſchen bedienen.“ „Du haſt mich wohl verſtanden!“ „Vortrefflich. Ihr bekommt eine Stube mit vergitterten Fenſtern. Ohne Zweifel iſt es eine Erobetung erſten Ranges?“ „Ja, ein Fang vom höchſten Werthe.“ „Gut, wir werden unſere Maßregeln mit aller Geſchick⸗ lichkeit treffen.“ 1 160 „Zwei Unzen für Deine Mühe*). „Zwei Unzen, Senor Rivaros! Sie iſt alſo ſehr ſchön?“ „Schaue ſie an.“ „Sie ſieht beinahe leblos aus,“ verſetzte der Wirth mit leiſer Stimme.„Solltet Ihr ſie mit Gewalt entführt haben?“ „Der Aufruhr hat ihr bange gemacht. Und dann iſt es ihr erſtes Abenteuer.“ „Man ſieht wohl, daß es ein Neuling im Handwerk iſt,“ ſagte Sanches mit einem plumpen Gelächter.„Wie lange muß ſie bewacht werden!“ „Ich weiß es nicht; eine Stunde vielleicht.“ „Eine Stunde, das iſt ſehr wenig.“ „Schweige!“ Bianca hatte dieſes abſcheuliche Geſpräch nicht gehört; Sanches ſchleppte ſie trotz des Widerſtandes, den ſie ihm ent⸗ gegenzuſetzen anfing, durch einen ſchmutzigen, ſchwarzen Gang nach dem Innern ſeines Wirthshauſes. Dort fand ſich eine hölzerne Treppe; eine Magd half der Gefangenen die Stufen erſteigen, und die arme Frau von Georges gelangte in das Zimmer, das für ſie beſtimmt war. Welch ein düſterer Winkel! die mit abſcheulicher Farbe kärglich überſtrichenen Wände hatten als Zierrath elende Spie⸗ gel, von deren Rahmen die Vergoldung abgegangen, deren Gläſer meiſtens zerbrochen, und Bilder, welche mehr den Na⸗ men Schmierereien als den von Gsmälden verdienten. Im *) Eine Unze iſt ungefähr 80 Franken. 161 Pintergrund öffnete ſich ein Alkoven, die Vorhänge, die man daran angebracht hatte„waren von rother, durchlöcherter Sarſche. Weder Kamin, noch Täfelwerk; ein hohes Fenſter mit eiſernem Gitter, ein Fauteuil mit zerfetzter Seide über⸗ zogen, elende Strohſtühle, und in der Mitte auf dem Boden ein Braſero von Meſſing. Dieſer war ohne Kohle und ohne Feuer. Eine Lampe beleuchtete die Stube. Das Geſicht ganz verſtört, ſchaute Bianca mit ſtieren Augen umher ſie ſetzte ſich, ohne Anfangs das Gefährliche ihrer Luge ganz zu begreifen. Dann fuhr ſie plötzlich in einem Schauer des Schreckens mit der Hand über die Stirne... Ach! die Erinnerung und der Geiſt kehrten in ihr zurück! „Dorothea, bewache ſie,“ ſagte Rivaros zu der Magd. „Wie, Herr, Ihr entfernt Euch ſchon?“ fragte der Wirth erſtaunt. „Sehr ungern; doch es muß ſein.“ „Warum?“ „Man erwartet mich hier in der Nähe.“ „Wer?“ „Eine bewaffnete Truppe.“ „Von Euch zuſammenberufen?“ „Allerdings! Wir haben eine geheime Erpedition, wir müſſen ein Werk von hoher Bedeutung, ein Werk der Rache und der Beute vollführen. Ich dürfte nicht auf meinem Po⸗ ſten fehlen.“ „Doch Ihr werdet in dieſer Nacht zurückkommen?“ „So bald als möglich!“ „Und dieſe junge Senora2“ Der Erzähler. 1847. n. 11 162 „Sie wird Zeit haben, ihre Geiſter zu ſammeln und ſich in ihre Lage zu ſchicken.“ „Das iſt ganz einfach.“ Matheo Sanches und Juan de Rivaros ſtiegen mit ein⸗ ander die Treppe hinab und kehrten in den großen Saal zu⸗ rück, der auf die Straße ging, und wo ſich mehrere Spanier fanden, welche rings um Tiſche ſaßen und Wein tranken. „Herr! ein Gläschen Branntwein!“ ſagte der Wirth zu Don Juan. „Sehr gern!“ antwortete dieſer. Die Taverne war ſchlecht erleuchtet; ein Menſch von hoher Geſtalt, deſſen Züge man unter dem breitkrämpigen Hut, der ſein Geſicht zur Hälfte verbarg, nicht unterſcheiden konnte, beobachtete aufmerkſam Sanches und Rivaros; er horchte ihnen im Verborgenen zu. „Matheo!“ ſprach Don Juan zum Wirth, nachdem er hinter einander mehrere Gläſer Cognac mit ihm getrunken hatte,„es wäre möglich, daß ich in einer Stunde nicht in Dein Haus zurückkehren könnte.. in dieſem Falle würde ich meine Schöne durch einen meiner Vertrauten holen laſſen.“ „Warum ſie von mir wegnehmen?“ „Siehſt Du, mein lieber Matheo, ſie würde hier vor Angſt ſterben. Sie bedarf eines goldenen Lagers.“ „Habt Ihr ein ſolches?“ „Das iſt meine Sache.“ „Und wenn mir ein Bote von Euch zukommt, an wel⸗ chem Zeichen ſoll ich ihn erkennen?“ Don Juan zog aus ſeiner Taſche einen Briefumſchlag 163 unter ſeiner Adreſſe, riß ihn entzwei und übergab die Hälfte Sanches. „Ich behalte die andere Hälfte,“ ſagte er;„Du kannſt mit voller Sicherheit Deine Gefangene demjenigen anvertrauen, der Dir in meinem Namen das zerriſſene Papier übergibt, das ich mitnehme, und von dem ein Theil in Deinen Händen bleibt.“ „Ich begreife,“ ſagte Sanches;„doch laßt uns auch noch ein Loſungswort verabreden.“ „Du haſt Recht: Spanien und Mina. „Gut gewählt, Senor Don Juan. Alles wird auf's Beſte gehen.“ „Auf Wiederſehen.“ Don Juan verließ das Wirthshaus; doch der Unbekannte mit dem breitkrämpigen Hut, der nicht ein einziges Wort von der Unterredung verloren hatte, folgte ihm in geringer Ent⸗ fernung. Der Räuber von Bianca drang mit haſtigen Schritten in ein abgelegenes Gäßchen, vom Volke das Stiergäßchen genannt. Die Dunkelheit war hier groß; der Nebel wurde immer dichter; kein Geräuſch die Mauern entlang und keine angezündeten Straßenlaternen. Die Bevölkerung hatte ſich nach den Orten begeben, wo ſich die Zuſammenſchaarungen bildeten und die Aufruhre vor⸗ bereiteten. Nirgends ſonſt traf man Menſchen, und gewiſſe Quartiere der Stadt waren ſo völlig verödet, daß man ſie hätte für unbewohnt halten können. 164 Der Neffe von Don Pablo ſchlüpfte verſtohlen unter den engen Gang eines ſcheinbar ziemlich armſeligen Hauſes, wo ihn drei Parteiführer erwarteten. Er wird ſogleich mit ihnen abgehen, um mit den Freunden und Brüdern zuſammenzutref⸗ fen. Die Cohorte wird zahlreich und das Werk ihrer würdig ſein. Die Gangthüre hatte man offen gelaſſen; die Treppe lag ihr gegenüber. Rivaros ſetzt den Fuß auf eine der Stufen; er iſt im Begriff, im Finſteren tappend hinaufzuſteigen, da wird ihm plötzlich ein mächtiger Stockſtreich auf den Kopf verſetzt. Wie von der Keule des Hercules getroffen, hat er weder Zeit, ſich zu vertheidigen, noch einen Schrei auszuſtoßen. . Don Juan füällt rückwärts nieder: eine eiſerne Hand packt ihn... Dieſe Hand wird ohne Mitleid ſein.. Es iſt die Rache, es iſt der Tod. Kehren wir zur Frau von Georges zurück. Nach dem Abgang von Don Juan in einen dumpfen Starrſinn verſun⸗ ken, war ſie mit ſtierem Blicke auf dem Stuhle ihres Gefäng⸗ niſſes ſitzen geblieben. Ihre Glieder waren durch das Ueber⸗ maß des Leidens ſteif geworden. Ihre Augen waren furcht⸗ bar weit geöffnet und ihre ganze Erſcheinung ein Bild des Wahnfinns. „Senora,“ ſagte die Magd des Hauſes, mit einer eben ſo erſchrockenen, als mitleidigen Miene zu ihr,„habt Ihr mir keinen Befehl zu geben? Kann ich Euch nicht mit Etwas dienen?“„ „Wer ſeid Ihr?“ erwiederte Bianea, indem ſie die Fra⸗ gende mit einem krampfhaften Beben anſchaute.. 165 „Ich heiße Dorothea?“ „Und wo bin ich?.. wohin hat man mich ge⸗ führt?“ „Ihr ſeid bei Matheo Sanches, Senora.“ Bianca, welche allmälig ihre Kräfte und ihre Vernunft wiedererlangte, preßte ihren Kopf zwiſchen ihren Händen und rief: „O Georges! Georges!“ Eine Pauſe folgte auf dieſe Worte. Ach! das Ge⸗ dächtniß kehrte bei ihr zurück; ungeſtüm erhob ſie ſich. „Dorothea, oh! nun erinnere ich mich. Es war ein Volk in Wuth und Aufruhr: Fackeln, Geſchrei, Schwerter... Man hat mich aus dem Wagen geriſſen... Doch wo iſt Dona Silvia?“ „Ihr ſeid allein, Senora.“ „Und der Mann!... Wartet... S Der Mann, der ſich meiner bemächtigte! es war Don Juan, nicht wahr? Don Juan, ſo antwortet doch.“ „Senora!“ „Genug. Ich weiß Alles; ich bin in der Gewalt dieſes Ungeheuers. Er konnte Georges nicht ermorden und wird ihn in ſeiner Frau ſchlagen.“ Sie unterbrach ſich. Ein furchtbarer Gedanke erfaßte die Unglückliche. Ihre Lage war ihr klar, und bald ſollte die Stunde ſchlagen„wo die franzöſiſche Garniſon die Stadt ge⸗ räumt haben würde. Der Kapitän d'Ericourt iſt vielleicht ſchon über den Ebro gezogen, und die Brücke wird in weni⸗ gen Augenblicken in die Luft fliegen. 166 „Mein Gott! mein Gott! Alles iſt verloren!“ rief ſie in der hochſten Verzweiflung.„Don Sebaſtian vermochte mich nicht zu retten, und dennoch war er da. Georges weiß nichts von dem, was mir begegnet iſt, und Georges wird ohne mich aufgebrochen ſein! und nun ſind wir für das ganze Leben ge⸗ trennt.“ Sie lief an das Fenſter und öffnete es. Dieſes Fenſter hatte ein eiſernes Gitter wie ein Gefängniß; doch durch die Stangen hätte man einen Theil der Stadt ſehen können, wenn es die Finſterniß geſtattet haben würde. Bianca fiel auf die Kniee, hob ihre Hände flehend zum Himmel empor und rief: „Herr, gib mir den Tod, den Tod!“ Eine gräßliche Angſt erſtickte ihre Stimme nach dieſen Worten. Der Nebel fing an von ſeiner Dichtheit zu verlieren, das Firmament beſäte ſich mit Sternen. Unbeweglich und wie in Eis verwandelt, horchte Bianca aufmerkſam auf das fortwäh⸗ rende entfernte Geräuſch, das von den Ufern des Ebro kam. EFraltirt durch das Leiden und den Schrecken, hatte ihre Seele plotzlich übermenſchliche Fähigkeiten erlangt. Sie ſah ohne die Hülfe der Augen, ſie hörte ohne Unterſtützung der Ohren, und ſo verſetzte ſie ſich von ihrem furchtbaren Gefängniß aus in die Nähe von Georges. O ſeltſames Wunder der Seele! hören wir die unglückliche Gefangene. Die Nacht und den Raum durchſchreitend, unterſcheidet ſie das Unſichtbare, durch⸗ dringt ſie das Undurchdringliche. „Dorothea! der Befehl iſt gegeben. Die Franzoſen ver⸗ 167 laſſen die Citadelle. Ich höre ihre Pferde wiehern. Ah! hier ſind ſie. Welch ein langer Zug! Rechts und links Verräther. Ja; aber ſie halten ſich verborgen. Mein Gott! wie viele Frauen, welche weinen. Ah! das iſt ihr Lvos auf Erden, Friede! Wer kommt da? der General! und dann. der Generalſtab in ſeinem Gefolge.“ Bianca ſtößt einen Schrei aus und erhebt ſich— „Ah! Georges! Georges! hierher. Siehſt Du mich nicht hinter dieſem Gitter? Es iſt der ſchändliche Don Juan. Schau' mich an! Du kannſt mich retten! Wie? Du hörſt mich nicht? Georges! Georges!“ In ihrer Hellſichtigkeit ſchlang ſie die Arme um die eiſer⸗ nen Gitterſtangen ihres Fenſters. Sie ließ ihr Sacktuch flat⸗ tern, und überzeugt, ſie wäre im Angeſichte von Allem dem, was ihre Einbildungskraft ihr vorſtellte, machte ſie der fanta⸗ ſtiſchen Armee, welche an ihr vorüberzog, furchtbare Noth⸗ zeichen. „Ah! ſie ſehen mich nicht, ſie hören mich nicht,“ fuhr ſie mit leiſer Stimme fort.„Sie ziehen vorüber! man ſollte glauben, es wären Geſpenſter: das iſt ſo, weil ſie ohne Zwei⸗ fel in den Tod gehen. Der General ruft Georges: wohin ſchickt er ihn denn? Georges entfernt ſich. Ah! man legt Laufpulver unter die Pfeiler der Brücke. Gott! der Ebro ſchleppt Leichname in ſeinen Fluthen fort! Man fängt an dieienigen zu ermorden, welche nicht zu rechter Zeit abgezogen ſind. Und ich! ich muß zurückbleiben! Georges! Georges! zu Hülfe! herbei! zu Hülfe!“ Und ſie rang die Hände und die Arme in ihrer wüthen⸗ 168 den Verzweiflung. Ihre Haare fielen zerſtreut auf den Hals herab. Ihre Zähne klapperten im Froſte der Nacht; aber nichts unterbrach den Schauer ihres Irrwahns. „Die Trommel raſſelt, die Trompete erſchallt. Oh! doch hier ſind es nicht die Eroberungen und der Ruhm, es iſt eine Flucht, und das Unheil! Haltet! ich komme zu Euch, wartet auf mich. General Paris! hört: jener Officier, der auf die Brücke zugeht, iſt mein Gatte; ich bin ſeine Frau. Mich zurückſtoßen wäre grauſam. Laßt meine Carriole vorüber.. Aber wo iſt ſie?. wo bin ich ſelbſt?... ich ſehe nichts mehr„ich ſterbe... Georges! Georges!“ Bianca fällt gelähmt zurück. Vor ihr ſtehend betrachtete Dorothen ihre Qualen mit einem ſchmerzlichen Mitleid; ſachte neigte ſie ſich zu ihr herab, und indem ſie die Unglückliche aufzuheben ſuchte, wagte ſie die Worte: „Senora, was vermag ich für Euch?“ „Was Ihr für mich vermöget?“ rief Bianca, ſich un⸗ geſtüm auf ihre Füße erhebend, als würde ſie durch die Feder eines unbekannten Mechanismus emporgeworfen.„Ihr könnt mir das Leben und die Ehre retten! Ihr könnt für mich ein Engel, eine Abgeſandtin Gottes ſein.“ „Ich!“ erwiederte die Herbergmagd, indem ſie den Kopf mit der Röthe der Scham abwandte,„ich ein von Gott abgeſandter Engel! ach! wenn Ihr wüßtet, wer ich bin!“ „Ah! was iſt daran gelegen, was Ihr bis jetzt ſein mochtet!“ ſprach die Gefangene, vor Dorothen auf die Kniee fallend;„wenn nur die Kraft in Euch liegt, fortan einen 169 andern Weg zu wandeln! Niemand kann ſagen, woher der Stern kommt„ der über unſerem Haupte hinzieht, wohin der Wind fährt, den wir brauſen hören, wohin die Wolken ge⸗ hen, die wir fliehen ſehen; aber ich, ich fühle, ich weiß, ich ſage, es gibt keine Seele, welche dem böſen Geiſte zugefallen iſt, ohne daß ſie ſich wieder zu Gott zu erheben vermöchte. Ja, eine neue Bahn iſt vor Euch geöffnet, Dorothea. Kommt Ihr zu mir, ſo werdet Ihr geſegnet, weicht Ihr zurück, ſo werdet Ihr verflucht ſein.“ WMit einer unerhorten Miſchung von Schrecken, von Be⸗ geiſterung, von Weisheit und Wahnwitz geſprochen, waren dieſe Worte von einer hinreißenden Wirkung. Zugleich ſo ſchwach und ſo ſtark, übte Bianca in ihrer flehenden Haltung einen unwiderſtehlichen Zauber aus. Von Staunen und Be⸗ wunderung ergriffen, beeilte ſich Dorothea, ſte aufzuheben, und zitternd erwiederte ſie: „Ach! was ſoll ich für Euch thun?“ „Helft mir, daß ich von hier zu entfliehen vermag.“ „Durch welche Mittel? Man bewacht uns; alle Aus⸗ gänge ſind geſchloſſen. Wohin gehen?“ „Gott wird uns führen.“ „Doch 4 „Kein Wort mehr. Man wird ſogleich die Brücke ſprengen, und mein Georges wird abmarſchirt ſein! Und dieſer Georges ich bin ſeine Frau!... und es wird mir nicht mehr möglich werden, ihn einzuholen. und es wird mir nichts mehr übrig bleiben, als zu ſterben. Oh! laßt uns aufbrechen, gleichviel wie!“ 170 „Ohne Unterſtützung!“ „Fort von hier!“ „Aber die Gefahren!“ „Fort von hier!“ Dorothea fühlte ſich durch die Seelenmacht von Bianca unterjocht; aber trotz ihres Verlangens, ſie aus ihrem Ge⸗ fängniß entweichen zu laſſen, ſuchte ſie vergebens in ihrem Geiſte, wie ſie dies glücklich bewerkſtelligen könnte. Seit kurzer Zeit erſt in der Taverne von Sanches, kannte ſie nicht die geheimen Wege, des Hauſes Gelegenheit. Wohl hatte ſie meh⸗ rere Ausgänge im Hintergrunde des Hofes der Maulthiertreiber bemerkt, aber dieſe Ausgänge waren mit Thüren und Schlöſſern verſehen, und um ſie zu öffnen, hätte man der Schlüſſel bedurft. Dann beſaß die arme Wirthsmagd, auf den brutalen Pfaden der Sittenloſigkeit erzogen, einen beſchränkten Verſtand und einen kleinmüthigen Charakter. Sie war keiner Tugend fähig, obgleich ſie zuweilen die Inſtinkte dazu hatte. Die leb⸗ hafteſte Angſt war in ihren Zügen zu leſen. Bianca nahm ſie bei der Hand und rief: „Vorwärts! Dorothea! ich folge Euch.“ Und ſie zog ſie mit Gewalt aus der Stube. V. Die Magd des Taverners hatte weder den Muth, zu handeln, noch die Kraft, zu widerſtehen. Nach ihrem ver⸗ wirrten Blicke und ihrem ſchwankenden Gange hätte man 171¹ ſchließen ſollen, ſie wäre die Gefangene und Bianca die Be⸗ freierin. Die zwei Frauen durchſchritten einen düſteren Gang, an deſſen Ende eine Treppe war, welche in das obere Stockwerk führte; die Tochter von Don Pablo blieb ſtehen und ſchaute umher. „Müſſen wir hinauf, Dorothea?“ „Ja, wir ſteigen hernach wieder hinab.“ Bianca ſtieg raſch die ſteile Treppe hinauf. Sie kam in einen langen Corridor mit kleinen durch Nummern bezeich⸗ neten Thüren, ging langſamer und horchte. Mehrere Zimmer waren bewohnt, man hörte Geräuſch darin, und durch die ſchlecht zuſammengefügten Verſchläge erblickte man Lichter. Bald ſetzte Bianca ihre Flucht fort. Ihre Gefährtin folgte ihr mit einem Nervenzittern, das ihr alle Geiſtesgegen⸗ wart raubte. Von unendlich unentſchloſſener Natur und von einer oft bis zum Stumpfſinn geſteigerten Schüchternheit, vermochte ſich Dorothea noch nicht einmal einzubilden, ſie habe in Wahrheit den Plan, das Entweichen der Gefangenen zu begünſtigen; ſie folgte dieſer auf den Zufall. Die Frau von Georges befand ſich in dieſem Augenblic auf den Stufen einer neuen Treppe, welche diesmal in einen der Höfe der Taverne führte. Es war die größte Treppe des Hauſes. Dorothen blieb ſtehen und wollte zurückweichen. „Vorwärts!“ ſagte die Tochter von Don Pablo, indem ſie ſich gegen die Zitternde umwandte,„vorwärts! kommt 2 führt mich!“ „Nein!“ antwortete die Magd, eiskalt vor Schrecken und 172 ſich an die Mauer anlehnend.„Es iſt mir nicht möglich, weiter zu gehen, ich kann nicht, die Kräfte verlaſſen mich.“ Sie weinte heiße Thränen. „Dorothea!..7 ſprach die Gefangene. „St!“ unterbrach ſie die Herbergmagd.„Sprecht mei⸗ nen Namen nicht ſo aus: man könnte es hören, und ich wäre ohne Gnade und Barmherzigkeit verloren. Seht, Senora, Sanches iſt ein Mann, der mich umbringen würde. Wenn Ihr wüßtet, was hier vorgeht, wenn Ihr die ſchauerlichen Dinge, die ich geſehen, die Schreckniſſe, die ich erlebt, kennen würdet!. Glaubt mir: kehren wir um.“ Nun fiel ſie auf die Kniee und hob ihre Hände flehend zur Flüchtigen auf. „Gehe!“ ſagte Bianca.„Gehe, der Seele beraubte Sklavin. Ich werde allein zu fliehen wiſſen.“ Doch die ſchwache Dorothea hatte eben ſo wenig die Fähigkeit, zurückzukehren, als den Willen, vorwärts zu ſchreiten. „Wohin führt dieſe Treppe?“ fragte leiſe die Ge⸗ fangene. „Zuerſt in den Haupthof.“ „Ich werde ihn durchſchreiten. Und dann?““ „Dann kommt der der Maulthiertreiber. Ihr werdet zur Rechten einen Schoppen ſehen; ich glaube der Keller iſt links. Die Mauer gegenüber hat einen Ausgang....“ Dorothea unterbrach ſich mit einer Geberde des Schreckens. „Man kommt. Ihr werdet verfolgt.“ Und ſie warf ſich voll Angſt in eine Mauervertiefung und verſchwand auf der Stelle. 173 Von ihr getrennt, ſtieg Bianca haſtig die Treppe hinab. Sie gelangte wieder in den erſten Stock der Taverne, doch auf die ihrem Zimmer entgegengeſetzte Seite und in den andern Flü⸗ gel des Hauſes. Sie ſetzte ihren Lauf mit neuer Energie fort und war nahe daran, das Erdgeſchoß zu erreichen, als ein Mann gegen ſie heraufkam; ſie mußte nach wenigen Schritten mit ihm zuſammentreffen, doch haſtig wandte ſich Bianca um und eilte wieder die Stufen hinauf. Auf dem Ruheplatze des erſten Stockes iſt ein Saal ihr gegenüber. Nur wenig beleuchtet, ſcheint ihr dieſes Gelaß das Veſtibule einer großen Wohnung zu ſein. Sie durchſchreitet daſſelbe in größter Eile und ohne zu überlegen, wie die vom Jäger verfolgte Hiſchkuh. Bald glaubt ſie Tritte und ſogar Stimmen hinter ſich zu hören. Ihr Kopf geräth in Verwir⸗ rung, es flimmert und nebelt ihr abwechſelnd vor den Augen. Sie öffnet auf gut Glück die erſte Thüre, die ſich ihr bitet O Gott! welch ein ungeahnetes Schauſpiel! Eine reichlich beſtellte Tafel erhebt ſich mitten im weiten Raume. Mit Weinflaſchen in ungeheurer Anzahl beladen, wird dieſe Tafel von vielen Kerzen beleuchtet. Die Wände ſind mit Säbeln, Dolchen und Stutzbüchſen behängt. Im Kreiſe um⸗ her ſtehen breite Divans in aſtatiſcher Weiſe, worauf man nachläßig Schärpen, Fächer, Mohrentrommeln, Pfeifen ge⸗ worfen hat. Seltſamer Bankettſaal, Schauer erregende Orgie, von der wir das Auge abwenden, um uns an einen andern Schau⸗ platz unſerer Geſchichte zu verſetzen. 174 Wir haben Don Sebaſtian de Villareal bei der Carriole gelaſſen, in der Silvia de Gomez allein geblieben war. Der edle Caſtilianer, von dem ſich Lorenzo mit der Hoffnung, Bianca Beiſtand zu leiſten, getrennt hatte, näherte ſich der Schweſter von Don Pablo, um ſie in ihrem Leiden zu beruhigen: er theilte ihr die Hoffnung mit, die ihm der brave Arriero gegeben; aber ſein tröſendes Bemühen brach ſich an der furchtbaren Verzweiflung von Silvia. „Ich habe meine Nichte verloren: wehe mir!“ ſagte ſie die Hände ringend zu Don Sebaſtian. „Lorenzo wird uns Kunde bringen,“ ſprach der krie⸗ geriſche Dichter;„er wird mir ſagen, was aus ihr geworden iſt; er wird mich unterrichten, was ich thun muß„ und um Bianca zu befreien, habe ich hier noch mein Schwert.“ Eilige Schritte machten ſich am Ende der Sackgaſſe hörbar. „Es iſt Lorenzo,“ ſagte Sebaſtian. Ein Mann in einen grauen Mantel gehüllt, mit einem knotigen Stocke und einen breitkrämpigen Hut auf dem Kopf, näherte ſich der Carriole. „Biſt Du es, Lorenzo?“ „Ich ſelbſt.“ „Iſt es Dir gelungen?“ „Ja, Senor,“ antwortete der Gebirger mit rauhem, kurzem Tone.„Doch um den Preis eines Mordes. Ich war indeſſen darauf gefaßt: das liegt in der Ordnung meines Geſchickes, in den Gewohnheiten meines Lebens. „Don Juan iſt alſo?.4 „Todt.“ „Und wie? „Ich habe ihn niedergeſchlagen.“ „Wo denn.“ „Im Stiergäßchen, da wo ſich die Gauner und Raufer der Stadt verſammeln, da wo ſie die geheimen Unter⸗ nehmungen für den Verrath und den Mord anſpinnen...“ „Vollende! Dona Diana?“ „Iſt bei Sanches als Gefangene und ſcharf bewacht ge⸗ blieben. Genöthigt, ſie einen Augenblick wegen einer anderen Miſſethat zu verlaſſen, trat Don Juan in die Höhle des Ver⸗ brechens.. ich folgte ihm und habe ihn getödtet.“ „Getödtet!“ rief Dona Silvia mit einem Ausruf des Schreckens. Sie hatte die Erzählung angehört, denn die beiden Männer ſtanden ganz in der Nähe der Carriole. „Ja!“ ſprach der Arriero, indem er mit einer ſorg⸗ loſen Miene durch ſeine ſchwarzen Haare fuhr i Don Juan de Rivaros iſt unter dieſem Stocke gefallen; ſogleich riß ich aus ſeiner Taſche ein wichtiges Papier, ein Papier, das ich brauchte, um ſeine Gefangene zu entführen. Der Elende athmete noch; er ſtieß einen durchdringenden Schrei aus; er wollte ſich unter meiner Hand ſträuben eine Axt von Ciſterne oder Brunnen fand ſich ein paar Schritte von mir, ich ſtürzte den Verräther hinein, und er verſchwand in der Tiefe des Schlundes. Ich weiß nicht, ob ich mich getäuſcht habe, aber es kam mir vor, als hörte ich ſeine Knochen krachen, wie ſie an den Steinen in der ewigen Finſterniß 176 zerſchellten. Es war ein furchtbarer Augenblick... ſprechen wir nicht mehr davon... Gott mag richten!“ „Das iſt gräßlich!“ rief Silvia, einen erſchrockenen Blick auf den Gebirger werfend. „Und Bianca?“ fragte Sebaſtian. „Eilt Ihr nun zu Hülfe,“ erwiederte ungeſtüm Lorenzo. „Ich habe den Theil des Mordes übernommen; Euch kommt die Sendung des Befreiers zu Die Ruache„ die da oben ge⸗ ſchrieben war, habe ich hienieden vollſtreckt. Es war gewiſſer Maßen eine Pflicht, Don Sebaſtian; Jedem ſeine Aufgabe: der Bock hat Heil bringen.“ den Frevel übernommen, der Adler wird das Hiemit überreichte er Don Sebaſtian den zerriſſenen Um⸗ ſchlag, von dem Juan de Rivaros dem Wirthe die Hälfte ge⸗ geben hatte. Dona Bianca Er erklärte ihm, wie er zur Befreiung von dienen könnte, und theilte ihm das in der Taverne verabredete Loſungswort mit; und der edle Caſtilianer lief, nachdem er mit Lorenzo alle Maßregeln beſprochen hatte, nach dem Wirthshauſe von Sanches. Die Carriole folgt ſeinen Schritten. Sie wird ſich an der Ecke von einer der Straßen zunächſt bei der Taverne auf⸗ ſtellen, und hier, von der Nacht begünſtigt, auf die Rückkehr von Don Sebaſtian warten. Möchte er Bianca zurück⸗ bringen! Der kriegeriſche Dichter trat entſchiedenen Schrittes bei Matheo Sanches ein. Er fand ihn an einem Tiſchchen im Hintergrunde des erſten Saales ſitzend, wo er eine Flaſche 177 Wein mit einem Schlächter des Quartiers leerte. Sanches war halb trunken. Don Sebaſtian näherte ſich ihm. „Meiſter Wirth?“ „Senor!“ Mit dieſem Worte legte Villareal unter die Augen des Taverners den halb zerriſſenen Umſchlag von Don Juan de Rivaros. „Nun, und hernach?“ fragte Sanches. „Ihr habt den anderen Theil? zeigt ihn.“ Der Wirth ſtand vom Tiſche auf. „Man hat ihn aufbewahrt.. und Ihr ſeid?“ „Der Abgeſandte von Don Juan.“ „Und Ihr verlangt?“ „Das Mädchen.“ Der Wirth, welcher ſich kaum auf den Beinen halten konnte, ſetzte mit unſicherer Hand die Stücke des zerriſſenen Papiers zuſammen. „Das iſt in Ordnung,“ ſagte er.„Doch es gibt noch etwas Anderes.“ „Und was?“ „Das Loſungswort.“ „In der That.“ „Sprecht es aus.“ „Spanien und Mina.“ „Vortrefflich, Alles iſt in Ordnung.“ Hierauf wandte ſich Sanches nach der Treppe, welche zu dem Zimmer mit dem eiſernen Gitter führte„ und rief aus vollem Halſe nach Dorothea. Der Erzähler. 1847. n. 7 12 178 Keine Stimme antwortete. „Folgt mir, Senor,“ ſprach er,„ich will Euch die Frauensperſon ſelbſt überliefern. Unter uns geſagt, ſie gefällt mir nur ſehr wenig; ich habe nie etwas minder Liebenswür⸗ diges und mehr Ungelehriges geſehen. Das flennt wie ein Brunnen und iſt weiß wie eine Serviette. Mir iſt es lieb, wenn ich von ihr befreit werde, denn ſie würde das ganze Haus traurig machen.“ Sanches hatte einen Leuchter genommen, aber er ſtolperte bei jedem Schritte, und ſeinen Händen entfallend erloſch das Licht auf den Stufen. Don Sebaſtian konnte ſeine Ungeduld nicht bemeiſtern; er mußte zurückkehren, um die Kerze wieder anzuzünden, und während dieſer Zeit ſtieß der Trunkenbold, an eine Wand angelehnt, gräßliche Flüche aus. Ungeſäumt erſcheint Villareal wieder; er geht in Beglei⸗ tung von Sanches nach dem Zimmer von Vianca. Die Thüre iſt offen, er tritt ein. „Sieh da!“ rief der Wirth erſtaunt,„keine Katze ſollte der Vogel ausgeflogen ſein?“ „Was ſagt Ihr, Matheo?“ „Ich ſage, Senor, daß dies ſeltſam iſt; bei meiner Treue! ich begreife es nicht. Wer Teufels hätte uns die Povrecita entführen können? Ihr Verſchwinden kommt mir wie Hexerei vor, denn alle Ausgänge ſind verſtopft. Schaut nur dieſe eiſernen Gitterſtangen an: nur eine Natter oder eine Eidechſe konnte durchſchlüpfen... Aber wo iſt Dorothea?“ Don Sebaſtian war ganz beſtürzt. Die Flucht von Bianea unter den gegenwärtigen Umſtänden machte das Maß des Un⸗ „ ——— 179 glücks voll. Wohin konnte ſie allein und ohne Unterſtützung mitten unter den Gefahren des Augenblicks gehen? was mag aus ihr geworden ſein? wo ſie ſuchen?“ „Oh! die Weiber! die Weiber!“ ſagte Matheo mit wein⸗ ſchwerer Zunge,„welch eine flüchtige Waare! Man glaubt ſie unter der Hand zu haben und das ſchlüpft einem durch die Finger. Man bildet ſich ein, die Mauern und die Riegel ſetzen ſie außer Stand, ſich zu rühren, und das entwiſcht durch ein Schlüſſelloch oder durch einen Spalt im Täfelwerk. Aber was macht Dorothea?“ Der Trunkenbold durchſchritt, ſo ſprechend, alle Gänge, er ſtieg alle Treppen auf und ab, durchſuchte alle Winkel, ſpie tauſend Verwünſchungen gegen die Gefangene aus und ſchrie aus Leibeskräften nach ſeiner Magd. Plötzlich erblickte er im Hintergrunde eines dunklen Ganges eine weibliche Geſtalt. Sie war in eine Mauervertiefung ge⸗ kauert und ſchien halb ihrer Sinne beraubt. Matheo ſtürzte ſo raſch, als es ſein trunkener Zuſtand erlaubte„auf ſie zu und rief mit einer Donnerſtimme: „Gott ſei Dank, ich habe ſie. S i „Sie!“ unterbrach ihn der eaſtilianiſche Krieger, dem Taverner nacheilend.„Wer? die Senora Bianca?“ „Ah! ſie hieß Bianca! Für mich das erſte Wort hierüber! Dieſe iſt, wie mir ſcheint, Dorothea.“ Halb todt vor Angſt, glaubte die Wirthsmagd, ihre letzte Stunde habe geſchlagen. Sanches hatte ſie mit roher Hand gepackt, und ſein wüthender Blick maß die Arme vom Schei⸗ tel bis zu den Zehen mit einem unverſöhnlichen Ausdruck. 180 Die Haare geſträubt, die Lippen blau, und die Glieder ge⸗ lähmt, ſah Dorothea dem Todesſtoß entgegen. Sie lag auf den Knieen und preßte die Stirne auf den Boden. „Gnade! Gnade!“ murmelte ſie. „Elende, wo iſt die Deiner Sorge anvertraute Senorita?“ fragte der Taverner, indem er die Hand gegen ſie erhob, als wollte er ſie zu Staub zermalmen.„Was haſt Du mit der Gefangenen gemacht?“ „Sie iſt entwichen.“ „Wohin?“ „Ich weiß es nicht.. durch den großen Hof. Sie hatte den Verſtand verloren, wenigſtens glaubte ich es und bekam bange vor ihr. Doch ich bin unſchuldig an ihrer Flucht: Don Sanches tödtet mich nicht.“ „Aber wie iſt ſie entflohen?“ entgegnete der furchtbare Gaſtwirth, indem er das Mädchen mit einem unbarmhetzigen Gelächter ſchüttelte.„Sprich, ſprich! oder ich erwürge Dich.“ Und ſeine geballten Fäuſte aufhebend, war er im Be⸗ griff, ſeine verzagte Magd niederzuſchlagen, als ſich Villareal zwiſchen ihn und ſie warf und das Opfer dem Henker entriß. Ein Donner von Drohungen und Verwünſchungen erſcholl in dieſem Augenblick unter den Mauern des Wirthshauſes. Trotz der durch die Weindünſte in ſeinen Geiſtern verurſachten Unordnung, erkannte Matheo Sanches die Stimmen, welche auf der Straße ſtürmten und tobten. Er ließ Dorothea ſo⸗ gleich los; dieſe entfloh in aller Haſt, und es erſchollen meh⸗ rere Flintenſchüſſe. ₰ 181 Der Tumult wurde von den Wüſtlingen von Saragoſſa veranlaßt, welche in die Höhle von Sanches, den gewöhnlichen Schauplatz ihrer Orgien, ſtürzten. Mitten unter dieſen Tauge⸗ nichtſen und ihren entſittlichten Gefährten findet Don Seba⸗ ſtian Bianca wieder, welche, halb ihrer Kleider beraubt, eben von der Hand dieſer durch den Wein und den Haß gegen Alles, was die Franzoſen berührt, aufgeſtachelten Furien ge⸗ peitſcht werden ſoll. Don Sebaſtian zieht ſeinen Degen und beeilt ſich, die Unglückliche aus den Armen ihrer Henkersknechte zu reißen. „Zurück, meine Herren!“ ruft er mit einem Tone voll Adel und Würde.„Eure Späße ſind übel angebracht. Ach⸗ tung vor dieſer edlen Dame! Ihr ſeid in einer ſeltſamen Täu⸗ ſchung über ſie und über mich begriffen. Diejenige, welche Ihr mit einer ſo feigen Grauſamkeit verletzt, iſt die Senora Bianca dArascoza, die Erbin von Don Pablo, die Tochter von einem der erſten Eurer Häuptlinge.“ Bei dem in der öffentlichen Meinung in Spanien ſo hochgeſtellten Namen Arascoza erhebt ſich ein allgemeines Ge⸗ murmel des Erſtaunens in der Verſammlung; ja, eine gewiſſe Beſtürzung prägte ſich in den Geſichtern aus. „Die Senora d'Arascoza?“ wiederholten Don Alvar und ſeine Gefährten, während ſie von ihr zurückwichen;„wer hat ſie in dieſe Mauern geführt?“ „Unbegreifliche Umſtände,“ erwiederte raſch der gtie Caſtilianer.„Unverſehens mitten in den Aufruhr verſetzt, konnte ſie keine andere Zufluchtsſtätte finden, als die Tarerne von Sanches: ein Mitglied ihrer Familie war da; man be⸗ 182 nachrichtigte mich, und ich lief herbei. Meine Setin, ſie iſt meine Verwandtin, und ihre Ahnen ſind die meinigen. Wer ſollte es nun wagen, ihr Achtung und Ehrfurcht zu verwei⸗ gern! Tretet alſo bei Seite und gebt Raum! Entblößt Euch und grüßt!“ Der funkelnde Blick des kriegeriſchen Dichters, die Macht ſeines Wortes und die Energie ſeiner Haltung brachten einen unwiderſtehlichen Eindruck auf die Stammgäſte der Taverne hervor; ſie verbeugten ſich mit verwirrter Miene. Der Taverner Matheo erſchien nun. „Matheo,“ ſagte Villareal zu ihm, indem er ihm Zeichen des Einverſtändniſſes machte;„ich habe die junge Senora wiedergefunden, die Euch dieſen Abend anvertraut worden iſt. Ihr erkennt ſie, nicht wahr?“ „Gewiß,“ antwortete der Taverner. „Dona Bianca?“ „Ja, ſie iſt es.“ „Es iſt diejenige, welche Ihr mir zur Bewahrung über⸗ geben ſollt.“ „Nichts kann wahrer ſein; führt ſie raſch fort.“ „Helft mir ſie zurückgeleiten,“ fügte der edle Spa⸗ nier bei. Sanches gehorchte ohne Widerrede. Er ließ Dona Bianca und ihrem Vertheidiger Platz machen, und ſeinen Schützling unterſtützend, verließ Don Sebaſtian den Sagl. Doch Don Alvar und die Seinigen waren nach einigem Ueberlegen, und nachdem ſie ſich von ihrem ußerſten Erſtau⸗ nen erholt, wohl im Stande, eine erſte Bewegung der Ehr⸗ 183 furcht und der Rechtlichkeit zu bereuen. Don Sebaſtian be⸗ greift die Gefahren, die ihn noch umgeben, und wie koſtbar die Augenblicke ſind, um die Frau von Georges zu retten. Er zieht ſie mit immer wachſender Schnelligkeit fort. Er ahnet, daß er alsbald verfolgt werden wird. Aber Bianca konnte kaum gehen. Im Saale der Orgien verwundet, hat ſie ſtarke Quetſchungen am Bein. Don Se⸗ baſtian nimmt ſie in ſeine Arme; er trägt ſie mit der Stärke eines Athleten durch die dunklen Gänge der Taverne; er ge⸗ langt ohne Hinderniß in den großen Saal im Erdgeſchoß, der nach der Straße geht; er überſchreitet die Schwelle der letzten Thüre und iſt endlich außerhalb des Wirthshauſes. Gelächter und Verwünſchungen erſchollen nun auf der Treppe von Sanches. Don Alvar und ſeine Gefährten liefen ohne Zweifel den Flüchtigen nach. Villareal ſetzt auswärts ſeinen haſtigen Lauf fort. Aber wohin gehen? Die Carriole von Lorenzo iſt nicht mehr, wo er ſie gelaſſen hat. Da und dort muß er auf eine Menge von Gefahren ſtoßen; die Stadt iſt auf verſchiedenen Punkten im vollen Aufruhr begriffen⸗ Werden Bianca und ihr Beſchützer nicht vom Volk feſtgenom⸗ men werden! Wie zur franzöſiſchen Armee gelangen? Die Brücke von Saragoſſa wird im nächſten Augenblick geſprengt werden; die Glocken ſchlagen neun Uhr. Das Quartier, wo ſich Don Sebaſtian befand, war völ⸗ lig verödet. Das empörte Volk war auf der Villa Mayor, auf dem Monte Torrero und um die Citadelle. Bianca verſuchte zu gehen, es gelang ihr nicht. Don Sebaſtian fühlte ſeinerſeits, wie ſich ſeine Kräfte erſchöpften, und legte einen 184 Augenblick ſeine koſtbare Bürde auf die erſte ſteinerne Bank, die ſich ihm zeigte. Ach! nie wird er bis auf die Brücke von Saragoſſa zu gelangen im Stande ſein; der Weg bis dahin iſt zu beträchtlich. Bianca vergoß bittere Thränen. „Mein Gott! wirſt Du uns nicht zu Hülfe kommen?“ ſeuzfte ſie im Tone der Verzweiflung. Man vernahm ein entferntes Geräuſch. „Ach! wenn die Brücke in die Luft fliegen würde?“ ſagte Bianca von gewaltigem Schrecken ergriffen. Der Lärmen kam näher und verdoppelte ſich, er ging vom Ende der Straße aus: es war der eilige Hufſchlag eines galoppirenden Pferdes. Der Blick von Don Sebaſtian ſuchte durch die Finſterniß zu entdecken, wer der Reiter wäre, der den Raum mit ſolcher Geſchwindigkeit durchmaß; ſein Pferd mußte im Schweiß ſchwimmen. Villareal und Bianca drück⸗ ten ſich an einen Weichſtein an der Ecke eines Kreuz⸗ weges. Der Reiter jagte an ihnen vorüber, er trug fran⸗ zoſiſche Uniform. Ein Lichtſtrahl, der von einem benach⸗ barten Scheinwerfer herkam, fiel in demſelben Augenblick auf ihn. „Georges! Georges! mein Gatte!“ rief Bianca. Es war in der That d'Ericourt. Der Kapitän erkannte die Stimme ſeiner Geliebten; er hielt an, ſprang von ſeinem Pferde, und ſeine Frau lag in ſeinen Armen. „Hier iſt mein Befreier!“ ſprach ſie auf Don Sebaſtian deutend.„Ohne ihn war ich verloren.“*. 185 „Sie haben mir alſo zweimal das Leben gerettet,“ ſagte der Franzoſe zu dem Caſtilianer. Traurig das Auge auf die beiden Gatten heftend, denen er das Daſein und das Glück zurückgegeben hatte, freute er ſich über ihre Freude, während er zugleich ſeine Seele gebro⸗ chen fühlte. Ihnen die Liebe, ihm das Leiden! „Theurer Sebaſtian!“ ſprach Bianca. „Keinen zärtlichen Dank,“ unterbrach ſie raſch der Spanier, indem er ihr auf das Pferd ihres Gatten half. „Ihr würdet Euer Ziel nicht erreichen und mir nur wehe thun, Bianca. Gott befohlen, ich bin Euch nicht mehr noth⸗ wendig.“ „Oh! ich bedarf Eurer noch!“ rief die Tochter von Don Pablo.„Mein Herz hat ſeine Schuld noch nicht ab⸗ getragen.“ Ein ſchwermüthiges, ſchmerzliches Beklagen prägte ſich in dem bleichen Antlitz des edlen Caſtilianers aus. „Nein,“ ſprach er bitter,„ich bin nur etwas für Euch, wenn Georges nicht da iſt.“ Er reichte d'Ericourt die Hand. „Iſt Ihnen das Schickſal entgegen, ſo werden Sie mich hier wiederfinden. Gott wolle, daß dem nicht ſo ſei. Ein letztes Wort über mich, Kapitän. Mein Leben iſt von einem furchtbaren Schlag getroffen worden, und ich fühle, daß die⸗ ſer Schlag tödtlich ſein wird. Sie können Triumphe haben, mir werden nur Prüfungen zu Theil werden. Trennen wir uns! Ich habe meinen Entſchluß gefaßt. Für mich gibt 186 es fortan keine Träume mehr. Fahret wohl, ihr hohen Sphä⸗ ren des Ruhmes und des Genies. Ich glaubte einen Tabor zu erſteigen und wanderte nur einer Schädelſtätte zu.“ Don Sebaſtian war verſchwunden. Der franzöſiſche Officier hatte kaum ſeine Worte gehört. Wieder zu Pferde geſtiegen und ſeine Frau hinter ſich auf dem Kreuze haltend, jagte er im ſtärkſten Galopp fort. In dieſem Augenblick ſchlug es zehn Uhr. Sein Herz pochte, daß es die Bruſt beinahe zerſprengte. Ach! wie bebte er, nicht mehr zur rechten Zeit die Truppen ſeines Generals zu errei⸗ chen! In dieſem Augenblick war die Stadt beinahe völlig von der franzöſiſchen Garniſon geräumt. Die Partei von Mina wurde wieder Herr in der aragoniſchen Capitale! Die Brücke von Saragoſſa ſollte in die Luft geſprengt werden, und es ſchlug für die Spanier die Stunde der Rache! Deshalb bebte der heldenmüthige junge Mann. Das Pferd von Georges lief unter den Schatten und durch die Gefahren wie ein von den Winden fortgetragenes Sandkorn. Eine Trompete erſcholl in der Ferne. „Wir ſind gerettet!“ rief Georges. „Biſt Du deſſen ſicher?“ „Ja, Bianca.“ „Die Trompete, deren Klang ich höre...“ „Iſt franzöſiſche Muſik. Das letzte Regiment, das die Citadelle verlaſſen, hat den Ebro noch nicht paſſirt.“ „Glaubſt Du?“ „Noch iſt es nicht zu ſpät... X ————————— — ——— 187 „ Die Nüſtern in Flammen, verfolgt das Roß ſeinen ſtür⸗ miſchen Lauf... O Wunder der Vorſehung! Georges ver⸗ mag die Seinigen einzuholen... er erreicht die Brücke und zieht über dieſelbe. Hätte er drei Minuten gezögert... nur drei Minuten... ſo wäre er mit ſeiner Frau verloren geweſen. „Mein Gott und Herr! ſei geprieſen! Georges iſt ge⸗ rettet!“ rief die fromme Spanierin im vollen Erguſſe ihrer Dankbarkeit. Kaum hatte ſie dieſe Worte geſprochen, als ein leuchten⸗ der.. ungeheurer.. furchtbarer Blitz, ein Blitz zugleich die ganze Ausdehnung der Landſchaft, die ganze Region der Lüfte, die ganze Unermeßlichkeit des Himmels umfaſſend, ſich im Schooße der Finſterniß entwickelte und von einem Horizont zum andern floh. Dieſes Meteor eines Augenblicks verbrei⸗ tete gleichſam über der Erde ein glänzendes Flammenmeer. Bei ſeinem röthlichen Scheine konnte man die franzöſiſche Armee erſchauen, wie ſie im Dunkel ihren Rückzug nahm und ſich in einer Todesſtille auf der Ebene entrollte. Dieſes Licht des Unheils und des Untergangs, das nur die Dauer der Fackel des Gewitterſturmes hatte, warf blutige Reflexe auf die Colonne der Bedeckungsmannſchaft, welche wie eine ſchwarze, ſtumme Schlange aus Saragoſſa ſchlüpfte. Es war, als ob der Engel des Schluſſes der Zeiten, der das ſiebente Siegel öffnende Engel vom Aethergewölbe herab den erſten Funken zum Brande des Weltalls hervorſpringen ließe. Ein furchtbarer Donnerſchlag folgte auf die hölliſche 188 Helle. Alles zitterte, Himmel und Erde. Ein Regen von Steinen und Gemülle fiel vom Zenith und erfüllte die At⸗ moſphäre bis in die Ferne. Man hätte glauben ſollen, einer von den Planeten des Himmels wäre im Raume in Stücke zerſprungen. Die Brücke von Saragoſſa war aufgeflogen. verſteinert als Seitenſtück neben dem Werke von Praxiteles auf Fünf Dolchſtöße. Nach Jules Lecomte von A 1 t r. —2424— Quartieren von Rom einem hochgewachſenen Mäd⸗ chen von ſeltener Schönheit, Namens Ghita. Ich ſage von ſeltener Schönheit, doch verſtändigen wir uns. Ihre Schönheit war vom reinſten römiſchen Typus, das heißt ruhig, unbeweglich, elaſſiſch, wie das Antlitz der berühmteſten grie⸗ chiſchen Statuen, welche das Ideal der Bild⸗ hauerkunſt ſind. Um mein Gefühl über die G Sache unumwunden auszuſprechen, erkläre ich, daß ich die mit den verſchiedenen Venusnamen als da ſind: Anadyomene, Pudica, Kalliphge, geſchmückten Schafsgeſichter haſſe. Bei der Schön⸗ heit von Marmor liebe ich, wie bei der von Fleiſch, den Ausdruck, die Phhſiognomie.. So ſchön ſie nun auch war, dieſe Ghita, welche plötzlich durch ein Wunder 190 der Tribune von Florenz hätte aufgeſtellt werden können, ſo bot mir Ghita, ſage ich, doch nur die alberne Schönheit des griechiſchen Bildhauers, und ich glaube, daß ich, in dieſer Hinſicht weit entfernt von jenem Engländer, der vor der Statue der Gerechtigkeit beim Grabmale von Paul III. in Sanct Peter zu Rom in ſo lebhaftes Entzücken gerieth, vollkommen gleichgültig geblieben wäre vor dieſer ruhigen und impoſanten Schönheit, der ich den Platz abtreten mußte, als ſie kam, um im Atelier von S.. zu ſtehen; denn Ghita diente damals als Modell, wenn ſie einen ehrlichen Maler fand, der nicht zu viel von ihr forderte. Ueberdies war es ein Geſchöpf, in dem ſich, wie man ſehen wird, derjenige, welcher es nach der Phyſiognomie allein beurtheilt hätte, gewaltig getäuſcht haben würde. S bewunderte ſie als Künſtler und malte ſie zum dritten Male. Zu der Zeit, von der ich ſpreche, han⸗ delte es ſich um eine Cleopatra im Geſchmack von Guereino. Das Modell war bis zum Gürtel entbloßt und ruhte auf einem Divan unter Damaſtſtücken, welche zu Hervorhebung des Fleiſches geordnet waren. Seit mehreren Tagen verſuchte es S.„ Ghita zu bewegen, mich in das Atelier zuzulaſſen. Er wollte mich zur Bewunderung dieſer Frau bekehren und ſie bildete oft den Gegenſtand unſerer Diseuſſionen. „Sie ſind von der romantiſchen Schule,“ ſagte S. 4 „Sie lieben das Häßliche.“ „Vor Allem gibt es kein Romantiſches mehr,“ erwie⸗ derte ich;„ich habe mein Genre von Schönheit, in das ich verliebt bin. Ich bin nicht ſo wahnſinnig, daß ich den Kopf 4 von Sokrates dem von Apollo vorziehe, doch ich geſtehe, daß — — —— das Modell der Einbildungskraft ähnlich macht, gerade als ob Tiber, ſpaziert unter den Trasteberinnern umher; man ſagt, 191 Eure claſſiſch griechiſche Schönheit mich langweilt. Ich hätte es vorgezogen, wenn die durch Sicilien guillotinirte Venus von Milo uns ohne Kopf ſtatt ohne Arme aus dem irdenen Leichentuche, in dem ſie zweitauſend Jahre aufbewahrt geweſen, zugekommen wäre.“ „Die Arme, welche dieſer Venus fehlen, hat Ghita.“ „Es iſt möglich; ich bewundere die Vollkommenheit deſ⸗ ſen, was ich von ihrem Körper errathen konnte, doch ich ſage, daß dieſes Mädchen einen Mann anſchaut wie einen Weichſtein. Die Ochſen, welche man auf dem Felde trifft, ſchauen uns gerade auf dieſelbe ſtiere Weiſe an. Petrarca ſagt: l'occhio sensa sguardo ſo iſt es: das Auge ohne den Blick.“ Ich hatte nicht die beſtimmte Abſicht, die Meinung, die Gefühlsweiſe des Künſtlers zu ändern, aber es lag mir daran, ihm zu beweiſen, mein Gefühl wäre nicht unvernünftig und er könnte mich in meinen Anſichten über Schönheit„ welche aus einer von der ſeinigen verſchiedenen Organiſation ent⸗ ſprangen, ſchwer bekehren. Euch aber, die Ihr ohne Leiden⸗ ſchaft zu Werke geht, ſage ich offenherzig, daß Ghita, abge⸗ ſehen von der Unbeweglichkeit der Züge und dem Mangel an Ausdruck, Alles war, was die Natur dem Real Aehnlichſtes machen kann nicht wahr, eine ſonderbare Rede? welche man ſagen würde, ein Menſch gleiche ſeinem Portrait. Es iſt, um auf Ghita zurückzukommen„ ein ſeltſames Ding um die römiſche Schönheit. Geht auf die andere Seite 192 es ſei ein ſchlechtes QOuartier, doch es hat die Eigenſchaft be⸗ wahrt, welche am meiſten unſerem neunzehnten Jahrhundert fehlt: die Energie, denn in unſeren Tagen findet man das Mittel, brav zu ſein, durch den Willen und die Reflerion. Doch ſprechen wir nur von Ghita, von der uns auf jeder Zeile das Verlangen, gewiſſe Dinge zu erklären, wieder ent⸗ fernt: ſie war unter dem auf ſeinen Römertitel ſo ſtolzen Volke geboren, wo die beinahe allgemeine Schönheit dem Fremden gefährlich iſt, der ſie zu genau betrachten will. Man hat Meſſerſtiche geſehen, welche für Liebesblicke, die man an⸗ zubringen ſuchte, empfangen wurden, und das heißt, aufrich⸗ tig geſprochen, ſein Blut für gar zu wenig vergießen, denn die Römerin jenſeits der Tiber verachtet auf das Tiefſte den Fremden, der dem Dolche des Bruders oder des Liebhabers trotzt, um ihr unbewegliches Geſicht anzuſchauen. Doch dieſe Verachtung, dieſe Geringſchätzung drückt ihr Geſicht nicht ein⸗ mal aus. S.. mufßte eines Tages zugeſtehen, er wäre genöthigt, einen Schmerz, eine Verzweiflung mit den ruhigen, unſtörbaren Zügen von Ghita zu componiren, um auszudrücken, was Cleopatra von der Natter geſtochen leidet. Die Römerin ſchaut den Mann, der ihr eine glühende Erzählung vorträgt, an, wie man am Morgen einen Berg anſchaut. Ich habe ſie oft ſehr lange beobachtet, ohne daß ich dieſe ſculpturale Unbe⸗ weglichkeit ihrer Züge ſich verändern ſah. Nichts erhält darin ſeinen Wiederſchein, weder üble Laune, noch Langeweile, noch Strenge, noch Vergnügen; ſie drücken nichts aus. „Welch ein Vergnügen bei einer ſolchen Frau die Lei⸗ denſchaft entſtehen, ſie die Unruhe, die Trunkenheit, die 4 193 Eiferſucht ausdrücken zu machen rief S.. zu⸗ weilen. Die Eiferſucht! armer S..„ ſeine Wünſche ſollten eines Tags auf eine furchtbare Weiſe in Erfüllung gehen. Er brachte Ghita am Ende zur Vernunft. Sie ſtellte ſich, als glaubte ſie„ich wäre auch Maler und würde nach ihr zeichnen. Dabei gewann ich den Vortheil, daß ich von dieſer ſeltſamen Frau eine ziemlich ähnliche Skizze bewahrt habe, die ich eingerahmt, und die mich auf den Gedanken brachte, dieſe Zeilen zu ſchreiben. Ich hätte viel gegeben, wenn ich mir die nach ihr gemalte Cleopatra zu verſchaffen im Stande geweſen wäre. Doch die Kataſtrophe, welche ſich 3 durch das Gerücht überallhin verbreitete„ hat dieſem Gemälde einen ſolchen Werth verliehen, daß ein Giorgione oder ein Titian minder theuer wäre. Ein Lord hat es mit Gold be⸗ deckt. Das Werk des armen S. iſt in London; meine Skizze, die der Künſtler beinahe ganz überarbeitete, hat nun um ſo mehr Werth. Ghita hatte alſo eingewilligt, daß ich ſie, unter dem Vor⸗ wande, zu zeichnen, entblößt bis an den Gürtel ſehen könnte, doch mit der Bedingung, daß der Preis der Sitzung verdop⸗ pelt würde. Ich glaube, S... bedauerte ſchon bei der zwei⸗ ten Zuſammenkunft, daß er dieſe Vergünſtigung für mich nach⸗ geſucht hatte. Ohne Zweifel war er eiferſüchtig, und dieſe Prüfung ließ ihn entdecken, was in ſeinem Innern vorging. Ich wagte es nicht mehr, gewiſſe Schönheiten des Modells zu loben, und ſah klar ſein Mißvergnügen, wenn ich zu länge zwiſchen jedem Kreidenſtriche in Betrachtung verſunken blieb. Der Erzähler. 1847. n. 18 — 2 Um ihn zu beruhigen, war ich indeſſen bemüht, von Zeit zu Zeit auf die vollkommene Kälte zurückzukommen, in der mich die ausdrucksloſe Schönheit ließ, und von einem gewiſſen Au⸗ genblick trat mir der Künſtler über dieſen Stoff nicht mehr entgegen, als hätte er befürchtet, ſeine Meinung dürfte ſich in„ unſeren Streitigkeiten durch die Gegenwart von Ghita beſtärkt finden, und ich könnte meiner erſten Gefühlsweiſe entſagen, um ſein Nebenbuhler in der Bewunderung zu werden. Uebri⸗ gens zog ich meine Arbeit ſo viel als möglich hinaus, denn ich begriff, daß das ſcheue Modell, wäre ſie einmal vollendet, mir nicht geſtatten würde, eine andere Studie anzufangen. S. hatte von einer Andromeda geſprochen. Als ich eines Tags aufſtand, um eine in Unordnung ge⸗ brachte Haarflechte wieder zurechtzurichten, bemerkte ich zum erſten Male auf der rechten Bruſt von Ghita eine Narbe, welche von einer ziemlich tiefen Wunde herzurühren ſchien. Sie ſah mein Erſtaunen und zeigte mir eine zweite an der Seite. In dieſem Augenblick prägte ſich in ihrem unbeweg⸗ lichen Geſichte eine Art von Stolz aus, der ohne Zweifel für die Dauer eines Blitzes den Sieg über die Schamhaftigkeit, welche ſie ſtets bewahrte, davon getragen hatte. 4„Was gibt es?“ fragte der Maler. „Zwei Narben,“ antwortete ich,„haben Sie dieſelben geſehen?“ „Es ſind zwei Dolchſtiche,“ verſetzte S... „Das gefällt mir„das ſöhnt mich mit der griechi⸗ ſchen Schönheit aus.“ „Um ſo mehr, als ſich die Tigerin, wie es ſcheint, gut ———————————— 195 gerächt hat! ſie ſagte mir eines Tags, ſie habe ſie An⸗ dern zurückgegeben.“ „Und ſie erzählte die Geſchichte dieſer vier Dolchſtöße?“ „Ich habe ſie wiederholt ohne Erfolg darum gebeten. Sie behauptet, wir Franzoſen verſtehen nichts von ſolchen An⸗ gelegenheiten.“ „Sie muß uns die Geſchichte mittheilen Ich ſinne auf ein Mittel.. Laſſen Sie mich morgen reden. Ich verſetze mich ſo ſehr in die Denkweiſe der Schönen, daß ich ihr Vertrauen hervorrufe und verdiene.“ „Ich brenne ſeit langer Zeit vor Begierde, dieſes Drama kennen zu lernen, und weil Sie ein Mittel beſitzen, dazu zu gelangen 4 ſagte S verſchiedenen Gefühlen preis⸗ gegeben, unter denen eine durch die in ihm wachſende Leiden⸗ ſchaft vermehrte Neugierde obenauf ſchwamm. Am andern Tag gab ich vor Allem der Converſation den nöthigen Ton und wir ſprachen nur von der Vendetta, wie wahre Roman⸗Corſen. Ghita hörte uns zu, ich erzählte eine unmögliche Geſchichte, bei der ich in einem Liebeshandel in Venedig einem Nebenbuhler eine kleine Coltellata ²) gegeben haben ſollte. Als mich Ghita ſo ſprechen hörte, fühlte ſie wohl einige Achtung für mich in ihrem Innern entſtehen, denn vielleicht zum erſten Male, ſeitdem ich ſie ſah, ſchaute ſie mich an, und ihr Geſicht nahm ein wenig den Wiederſchein von jener Wildheit an, der der einzige Ausdruck der Röme⸗ rinnen von Trastevere iſt. Ich fand ſie in dieſem Augenblick, *) Meſſerſtich. ohne es S zu geſtehen, wahrhaft herrlich: es war Medea, wie ſie die zuckenden Glieder ihres Bruders Abſyrtos auf dem Wege ausſtreute. Es gelang uns ſo, ſie zum Sprechen zu bringen. Ich verdoppelte meine Prahlereien und erklärte, ich habe in dieſem Augenblick einem Vetter, der einen Spanier, welcher ihn belei⸗ Ich gab mir den Anſchein, als verabſcheute ich den Degen, die geſetzliche Waffe, welche ein anderes Eiſen berührt, ehe ſie die feindliche Bruſt erreicht, und ging ſogar ſo weit, daß ich einen gewiſſen tſcherkeſſiſchen Dolch zeigte, mit dem mir der Prinz Korſakoff wenige Tage zuvor ein Geſchenk gemacht hatte. Da ich einen ſtarken Vart und lange Haare trug, ſo war ich mit Hülfe einiger Geberden leicht im Stande, mir auch das äußere Anſehen der Dinge zu geben, die ich zu Markte brachte. Ghita bezeugte mir beinahe auf der Stelle viel Ehrerbietung und verſprach uns endlich, die Geſchichte der Wunden, die ſie gegeben und erhalten, zu erzählen.. unter der Bedingung, daß ich ihr, ſobald der Streich geſchehen, mein Abenteuer mit dem phantaſtiſchen Spanier erzählen würde. Der Handel wurde abgeſchloſſen, und am andern Tage, während S den benarbten Buſen modellirte und ich meinem Haupthaare und meinem Barte die ſchauerlichſte Zerzauſung gab, fing Ghita alſo an: „Ich zählte fünfzehn Jahre. Mein Vater war ſeit lan⸗ ger Zeit Witwer; er betrieb ein Fuhrwerk auf der Straße nach Neapel. Wir waren arm, doch ich hatte einen Oheim, der der Liebling eines Cardinals, und wir hofften etwas von ihm. digt, verſchwinden laſſen wolle, meinen Beiſtand verſprochen. 197 Mein Vater war oft ganze Wochen lang auswärts, und ich blieb allein mit meiner alten Tante, welche alles Geld, das im Hauſe vorräthig, in die Lotterie ſetzte. Wir zankten uns beſtändig. Es war eine alte Beſtie; ſie iſt geſtorben und verdiente nichts Beſſeres. Bei der Wahl von Pabſt Pius ViII. ließ ſie mich drei Tage lang ohne Speiſe, um die Nummern der ungültigen Stimmzählungen zu verfolgen. Sprechen wir nicht mehr davon. „In demſelben Hauſe, in dem wir wohnten, war eine andere Familie; ich kam oft mit der älteſten Tochter zuſammen, welche drei Jahre mehr zählte als ich. Sie nahm mich zu⸗ weilen mit ſich und ihrer Mutter zum Spaziergang auf die Piazza Navone oder auf den Corſo. Damals war bei der Porta del Popolo ein Theater von Zöglingen, wohin wir zu⸗ weilen gingen: das gefiel mir unendlich mehr, als die hölzer⸗ nen Geberden von Patacca und Caſſandrino, unſeren gewöhnlichen Schauſpielern. Was mir beſonders in dieſem Theater Freude machte, war, daß ich als Prinzeſſinnen junge Mädchen gekleidet ſah, von denen ich wohl wußte, daß ſie keine waren. Es iſt der Augenblick, Euch zu ſagen, daß unter dieſen Zöglingen einer war, der immer die Rollen der verlieb⸗ ten Herren ſpielte, ein hübſcher Junge, den man den Mon⸗ teggiano nannte, weil er aus dem Rione dei monti*). Es machte mir ſo viel Vergnügen, ihn zu ſehen, daß ich in der Nacht von ihm träumte und mir einbildete„er ſage mir alle die ſchönen Dinge, die ich nicht genau verſtand, deren *) Ein Quartier in Rom. Sinn ich aber errieth, wie er ſie ſo artig den Prinzeſſinnen vorſchwatzte, welche geſtickte Röcke trugen, wie auf den Por⸗ traits. Er war ein junger Menſch von etwa zwanzig Jahren, herrlich braun, und hatte Beine geformt wie man ſie auf den Basreliefs im Muſeo Pio⸗Clementino ſieht. Wenn er ein Schwert in der Hand hielt, wünſchte ich von ihm da⸗ mit verwundet zu werden!.. „So oft die Cecchina(dies war der Name des Mäd⸗ chens, das in unſerem Hauſe wohnte) in das Teatro della Porta del Popolo ging, ſuchte ich immer mit ihr zu gehen; man bezahlte drei Bajoechi. Und ich war ſo er⸗ freut, den Monteggiano zu ſehen! Eines Tags gab man ein neues Stück: man ſchießt auf ihn mit einer Piſtole und er ſtürzt, ſich die Seite haltend, nieder. Ich glaubte Einer, der ihn gehaßt, habe ihn getödtet, und ſtieß einen Schrei aus. Er erhob ſich ein wenig, um zu ſehen, woher das käme: die Cecchina ſagte mir, ich wäre eine Einfältige und das wäre zum Lachen. Ich ſah wohl, daß man ihn nicht getödtet hatte, denn er kehrte auf die Scene zurück und verbeugte ſich vor dem Parterre, das ihm Beifall klatſchte. Ich leugne es nicht, ich war dumm, mit einer Piſtole rächt man ſich nicht: das macht Lärmen. „Am andern Tage nähte ich an meinem Fenſter und dachte, glaube ich, an den Monteggiano, der am Abend zuvor ſo zierlich war, mit ſeinen rothen Stiefelchen und ſeinem klei⸗ nen geſtickten Mantel... da blicke ich zufällig auf die Straße und ſehe... den Monteggiano in Perſon, der langſam bor⸗ überging und das Haus anſchaute. Mein Herz ſchlug! oh! ———— —,— — 199 come un martello di campana*). Ich erkannte ihn ſogleich, obgleich er ganz einfach, mit einem etwas auf dem Ohre ſitzenden Beretto, gekleidet war. Doch er hatte Handſchuhe, ein Stöckchen und ich hätte gewettet, er müſſe auch Hoſenträger haben. Aber er war ein Künſtler. Er ging alſo langſam borüber und ſchaute empor... ich konnte es nicht aushalten und zeigte mich... ja, ich ſah ihn lächeln, wonach er ſich entfernte. Ein wenig ſpäter kam er wieder vor⸗ über, und am Abend, da ich die Cecchina hatte in das Theater gehen ſehen, wollte ich auch dahin gehen. Ich weiß nicht, ob ich mich täuſchte, aber es kam mir vor, als ſuchte er Je⸗ mand auf der Platea**), und als wüßte ich ſicher, ich wäre dies, bekam ich Luſt, abermals einen Schrei auszuſtoßen, um ihm meinen Platz zu bezeichnen. In den folgenden Tagen ging er regelmäßig unter unſern Fenſtern vorüber. Ich bemerkte wohl, daß er keine ſo lange Haare hatte, wie am Abend, doch was that dies? im Theater machte er mir das Fieber! Wenn ich ihn ſo gekleidet und ſei⸗ nen Degen ſo gut haltend hätte vorübergehen ſehen, ſo wäre ich ihm, glaube ich, nachgelaufen. Fragt einmal die Marcheſe, die Ihr kennt, wie man vor einem Jahre von dem Monteg⸗ giano ſprach, und Ihr werdet ſehen, daß ich nicht übertreibe, denn keine einzige Statue im Vatican hätte, gekleidet wie er, ſo herrlich ausgeſehen! „Ah! Carlino!“ Crief Ghita ganz begeiſtert bei der Erin⸗ *) Wie ein Glockenhammer. **) Parterre. 200 nerung an die Vorfälle, die ſie uns erzählte..„Seinetwegen habe ich doch aber wir ſind noch nicht ſo weit!“ „Sie geräth in's Feuer!“ ſagte der Künſtler franzöſiſch zu mir. „Es iſt wahr,“ erwiederte ich;„doch ich habe auf ihrem Geſichte noch keinen andern Ausdruck wahrgenommen, als den der Wildheit.“ „Hören wir die Fortſetzung,“ ſprach S...;„dieſer Monteggiano mißfällt mir. ich hoffe er iſt todt. Dun- que, Ghita?“ Die Trasteverinerin fuhr fort, nachdem ſie mehrere Male den Namen Carlino ausgerufen hatte, wie man einen Seufzer ausſtößt:. „Die Cecchina beſtimmte meine abſcheulich alte Tante, uns zuweilen am Abend nach den Plätzen zu begleiten, wenn kein Schauſpiel ſtattfand. Eines Abends, da gerade der Mond aufging, wandelten wir über den Ponte Siſto, als ich auf der entgegengeſetzten Seite einen Mann erblickte, der ſtehen blieb, uns anſchaute und dann folgte: ich erkannte den Mon⸗ teggiano! Er ging hinter uns, und ſein auf dem Boden aus⸗ gebreiteter Schatten zeigte ihn mir, ohne daß ich mich umzu⸗ drehen nöthig hatte. Dieſer Schatten vermiſchte ſich, uns näher kommend, zwei oder dreimal mit dem meinigen. ich mich ganz bewegt, ganz freudig.. da fühlte „So erreichten wir die Piazza Navon a, während er uns beſtändig folgte. Ich war glücklich und ging als ob ich Flügel hätte. Die Cecchina hatte ohne Zweifel bemerkt, daß wir ſo begleitet wurden, denn ſie wandte ſich wiederholt um;⸗ Augenblicke, nachdem ſie uns ertappt, ausgegangen. Am an⸗ 201 das machte mich am Ende wüthend, und ich war, glaube ich, im Begriff, ihr ein unkluges Wort zu ſagen, als mein theu⸗ rer Carlino an uns vorüberging, ſich umdrehte und uns ſchärfer anſchaute, als mir lieb war. Leider befand ſich ſein Geſicht im Schatten und ich konnte ſeinen Blick nicht auffaſſen.— Er ging weiter und verſchwand in einer der Gaſſen, welche nach dem Teatro Valle führen, wo dieſen Abend Oper gegeben wurde. „„Chiè questo biricchino?““ fragte meine Tante, ärgerlich, über dieſe Art, die Leute anzuſchauen. „Das iſt kein biricchino?““ erwiederte raſch die Cecchina;„„es iſt ein ausgezeichneter Schauſpieler der Porta del Popolo, der Monteggiano.““ „Dieſer Eifer, Carlino zu vertheidigen, ſetzte mich in Erſtaunen und mißfiel mir. Am andern Morgen trat ich ein wenig vor der Stunde, wo der Monteggiano vorüberzugehen pflegte, ans Fenſter, und bald ſah ich ihn kommen. In dem Augenblick, wo er vor dem Hauſe war, bemerkte ich, daß er ein Papier halb aus der Taſche zog. Ich begriff, daß es ſich um einen Brief handelte. Mein Herz ſchlug ſchlug ſo gewaltig. ich war genöthigt, zurückzutreten; doch ich hörte Geräuſch über meinem Kopfe, ſchaute empor und er⸗ blickte die Cecchina, welche lächelte... Die Maledetta hatte Alles geſehen. „Wie dieſen Brieß nehmen? ich blieb den ganzen Tag am Fenſter, Carlino kam nicht mehr, während er doch wie⸗ derholt vorüberzugehen pflegte. Die Cecchina war wenige 202 dern Tag kein Carlino, am zweiten Tag eben ſo wenig und ſo die ganze Woche. Endlich gerieth ich in einen Zuſtand um ſo heftigerer Eraltation, als die Cecchina ſagte, ſie hätte keine Zeit mehr, ſpazieren zu gehen, und da das Teatro della Porta del Popolo ſeine Vorſtellungen beendigt hatte, ſo be⸗ fürchtete ich, er wäre abgereiſt. Doch dieſer Brief? warum hatte er ihn mir gezeigt und keinen Verſuch gemacht, denſel⸗ ben in meine Hände zu bringen? Ich begriff es nicht und litt ſehr. „Eines Abends lehnte ich an meinem Fenſter, ohne Licht im Zimmer, meine Tante war ausgegangen. Ich dachte an Carlino, als ich ihn an den Häuſern hingleiten ſah; ich er⸗ kannte ihn, da er vor einer beleuchteten Bude vorüberging. Er ſchreitet weiter und immer weiter und ſchlüpft plötzlich in unſere Thüre. Ich fühlte mich ganz entzückt.. und ohne dieſen ſeltſamen Schritt zu begreifen, gehorche ich meinem Inſtinkt und öffne das Zimmer.. In dem Augenblick, wo ich nach der Treppe gehen wollte, bemerke ich den Monteg⸗ giano, der bei der Wendung des zweiten Stockes verſchwin⸗ det und mit ihm die Cecchina! „Ich fiel bewußtlos auf den Boden nieder. Meine Tante hob mich, als ſie zurückkam, ich weiß nicht wie lange nach⸗ her auf.„ „„Die Schändlichen!““ rief ich,„„ſie haben mich hin⸗ tergangen, doch ich werde mich rächen.““ „Meine Tante, welche neugierig war wie ein Fratone*), *) Ein dicker oder großer Mönch. 203 wollte Alles wiſſen und ich erzählte ihr Alles, um mein Herz auszuleeren. Ich bekam ein heftiges Fieber und lag drei Tage im Bett. Mittlerweile erfüllte meine Tante das Quartier mit der Erzählung der Intriguen der Ceechina, welche ſie eben ſo wenig liebte als den Monteggiano, der ihr mehrere Male unter die Naſe geſchaut hatte, während die Cecchina ſo ge⸗ ſchickt war, ſich von ihr begleiten zu laſſen. „Die Geſchichte machte Lärmen, der Vater der Schönen ſchloß ſie in der Cantina*) mit dem Holz ein, damit ſie Carlino nicht ſehen könnte. „Eines Tags aber, meine Herren, als ich im Hofe war, um meine zwei Blumenſtöcke zu begießen, hörte ich hinter mir gehen. „„Biſt Du es, Ghita?““ ſagte man zu mir. „„Ja,““ antwortete ich, und als ich mich umwandte, erblickte ich unbeſtimmt den Schatten von zwei Perſonen„ und fühlte es wie einen kalten Stich in meiner Seite. „„Was iſt denn das?““ rief ich. „„Das iſt, um Dir die Zunge zu verkürzen,“ ant⸗ wortete die Cecchina. „Ich fuhr mit der Hand an die Seite und fühlte mich ganz benetzt. Madonna! die Verfluchte hatte mir einen Dolch⸗ ſtoß gegeben, wohin ſie gerade konnte.. Ich ſchrie. ich fiel nieder... man lief herbei. Ich konnte einen Monat das Bett nicht verlaſſen!“ „Und die Cecchina?“ fragte ich. *) Keller. 204 „Sie entfloh mit Carlino, nachdem ſie mich, weil ich ihre Intrigue erzählt, ſo zugerichtet hatte. Man beabſichtigte, Rachforſchungen anzuſtellen, doch was wollt Ihr? arme Leute! . Der Vater der Cecchina behauptete, Carlino habe mich geſtochen. Doch von ihm, dem Undankbaren, hätte ich nicht ſo viel gelitten, wie mir ſcheint; überdies habe ich die Cecchina wohl gehört. Mein Vater beklagte ſich. bah! das war wie ein Lied ein Fußtritt dem Hunde eines Cardinals gegeben hätte die Juſtiz mehr in Bewegung geſetzt. „Das iſt meine erſte Geſchichte!“ ſagte Ghita.„Das iſt nichts! da ich einmal dabei bin... denn es gefällt mir nicht immert, zu ſprechen.. ſo will ich dieſes Abenteuer beendigen, welches nicht hiemit ſein Bewenden hatte. Doch wenn es Euch langweilt, ſo denke ich lieber nicht mehr daran, denn ſeht Ihr, wenn man in der Tiber rührt, ſo ſteigt der Schlamm und trübt das Waſſer.“ Wir verſicherten Ghita des Vergnügens, mit dem wir ihr zuhörten... S... nahm wieder ſeinen Pinſel, ich meine Kreide und ſie fuhr fort. Zweiter Dolchſtoß(erhalten). „Es verging ein Jahr. Ich dachte beſtändig an den Monteggianv. Es kam mir vor, als ob durch ſein Beneh⸗ men, ſtatt ihn mir verhaßt zu machen, die Erinnerung an ihn noch hartnäckiger in mir geworden wäre. Oft, wenn ich ſpazieren ging, glaubte ich ihn in der Ferne zu ſehen doch ich täuſchte mich. Seitdem er die Cecchina aus ihrem Ge⸗ fängniß befreit, hatte man weder von ihm, noch von der Andern mehr etwas gehört. „Eines Abends gewann meine Tante ſieben römiſche Thaler in der Lotterie. Sie war ſo entzückt über dieſes Glück, das ihr nicht den hundertſten Theil von dem wiederer⸗ ſtattete, was ſie ſeit langen Jahren in das verfluchte Lotto ge⸗ ſetzt hatte, daß ſie mir(mein Vater war gerade in Neapel) eine Partie nach der Porta Panerazio vorſchlug. Ich ſagte ihr, ich würde es vorziehen, nach dem Teatro Argentina zu gehen, wo ſeit einigen Tagen eine komiſche Geſellſchaft ſpielte. Wir gehen, und einen Augenblick, nachdem ich mich geſetzt hatte, ſehe ich einen Türken in die Scene treten: es war Carlino! „Meine Tante erkannte ihn nicht, wegen ſeines großen Bartes aber ich erkannte ihn. „Am andern Tage ſtand ich unwillkührlich an meinem Fenſter. Die Stunde kommt. ich erblicke ihn! Diesmal gab es keine Cecchina, ihre Familie hatte den Wohnort ver⸗ ändert, und überdies wußte ich wohl, daß ſie nicht wieder erſchienen war, obgleich ſtreng genommen die Gerichte ſie hät⸗ ten aufſuchen und ihr übel mitſpielen können. Aber man weiß, wie man uns unter einander zurichten läßt, uns wahre Römer aus vergangenen Jahrhunderten! Im Augenblick, ja, wenn die Carabiniere da geweſen wären doch ich war nicht todt! „Er war es alſo wirklich der Verräther! immer hübſch, zierlich, ich fühlte, daß ich immer noch närriſch in ihn verliebt war. Unſerem Hauſe gegenüber lag eine Drattoria; er ſetzte 206 ſich vor dieſelbe und ſchaute mich an und ich, ſtatt zu⸗ rückzuweichen, blieb da, wie von Freude überſtrömt durch ſeine Blicke, mit denen er auf mich abzuzielen ſchien. „Als er ſah, daß ich mich nicht entfernte, wurde er ohne Zweifel beherzt, denn er machte mir Zeichen. Doch ich be⸗ griff nichts davon! Er ſchien einen Entſchluß zu faſſen, und ſtand raſch auf. Ich verließ ihn nicht mit den Augen, ſo lange ihn die Menge nicht in der Ferne verbarg. An dem⸗ ſelben Abend, bei Einbruch der Nacht, ſah ich ihn wieder er⸗ ſcheinen... er bedeutete mir durch ein Zeichen, ich möge herabkommen, und an demſelben Ort im Hofe, wo mir ein Jahr zuvor meine Nebenbuhlerin einen Stich verſetzt hatte, weil ich ihm folgte, hörte ich ihn von der Liebe zu mir re⸗ den, die er für mich zu fühlen behauptete. „Warum dieſer Umſchlag, nachdem er mich Anfangs ver⸗ achtet und ſo verhöhnt hatte? ich begriff es nicht; da ich ihn aber ſprechen hörte, fühlte ich mich ſo glücklich, daß ich wohl ſah, ich würde Alles glauben, was er mir ſagen wollte. Ich fragte ihn, was er mit der Cecchina gemacht habe, aber er vereitelte beinahe die Frage, und beſchränkte ſich darauf, daß er mir mit einem Tone, welcher andeutete, er erinnere ſich ihrer nicht mit Vergnügen, ſagte, ſie ſei mit einem Eng⸗ länder von Siena weggelaufen. Eine Römerin! eine Tras⸗ teverinerin! Ich erſuchte Carlino, nie mehr von ihr zu ſprechen. „Ich habe ſpäter erfahren, daß ſie ihm meinen Irrthum erzählte, wie ich die Bewerbungen des Monteggiano für mich genommen, während ich nur eine von der Cecchina bei den Fortſchritten ihrer Intrigue benützte Donna del ligno*) war. Ohne Zweifel war Carlino wieder nach Rom zurückgekehrt, neugierig, das Mädchen zu ſehen, das ſich ſo für ihn den Kopf erhitzt hatte, ohne daß er es bemerkt. Das Uebrige ſollt Ihr erfahren. „Er machte mir ſo ſchöne Betheurungen, daß ich ihm ſchon am zweiten Tag Alles geſtand, was ich früher für ihn gefühlt hatte, und was ich jetzt für ihn fühlte. Nicht um mich zu entſchuldigen, aber dennoch muß ich ſagen, daß der Monteggiano, den ich zehn oder zwölfmal auf dem Theater gehört hatte, keine neue Perſon für mich war; ich kannte den Ton ſeiner Stimme, ſeine Geberden, ſeine Manieren ſo gut als ſein Geſicht, und ſo war es mir das erſte Mal, als er mit mir ſprach, ganz behaglich bei ihm. Uebrigens haben wir vom römiſchen Volke unſere Weiſe, welche, glaube ich, nicht die der faden Cavaliere Eurer Salons und der mageren Her⸗ zoginnen iſt... Kurz, wir hatten uns bald verſtändigt und liebten uns. „Vierzehn Tage lang kam Carlino jeden Abend, an dem er nicht ſpielte, um im Hofe mit mir zu plaudern. Ein oder zweimal, da meine Tante nicht zu Hauſe war, wollte er zu mir hinaufgehen. aber ich wollte es nicht. An den Ta⸗ gen, wo er eine Rolle hatte, ſchickte er mir Billets für meine Tante und für mich. Caro! ich denke immer noch an das Stück von ich weiß nicht wem, worin er einen vornehmen Herrn — *) Wörtlich Holzfrau— wir haben im Deutſchen nur den ana⸗ logen männlichen Ausdruck: Strohmann. 208 vom ſpaniſchen Hofe mit einer Feder von wenigſtens zwei Tha⸗ lern ſpielte? Er ſchaute mich während des Spiels an... Ah! ich war ſo vergnügt! „Eines Abends ſagte er zu mir: „„Ghita, unſere Geſellſchaft muß Vorftellungen in Pe⸗ rugia geben... es fehlt uns eine Anfängerin im Schauſpiel, die ein Diplomat beſchützt; willſt Du mitkommen?““ „„Ich!““ verſetzte ich erſtaunt...„„ich ſollte Komö⸗ die ſpielen? aber ich weiß nicht 44 „„Du wirſt es lernen... Bei den Frauen iſt das keine Schwierigkeit... es genügt, hübſch zu ſein und ſchöne Kleider zu haben; hiemit, wenn man nur recitirt, was man auswendig gelernt hat, geht es immer gut!““ „„Aber mein Vater wird nicht wollen!““ entgegnete ich. „„Du ſagſt ihm nichts davon.““ „„Und meine Tante?““ „„Das iſt eine alte Närrin! kümmere Dich nicht um i „„Ich werde Stücke mit Dir ſpielen?““ „„Mit mir, immer mit mir! wir verlaſſen uns nicht! wir werden berühmte Komiker! Du kannſt Deinem Vater, der den Schnupfen dabon bekommt, daß er die Leute auf der Straße nach Neavel haudert, Geld geben!““ „Ich war erſchüttert. „„Von Perugia gehen wir nach Florenz, dann kehren wir nach Rom zurück... Du wirſt brav ſein!.. alle Leute des Quartiers werden ſtolz auf Dich.„ man wird von Ghita ſprechen, wie man von mir in meinem Rione dei 209 monti ſpricht... Ueberdies gewinnt man dabei mehr Zechi als ein Abbate, und man trägt am Abend, im Angeſicht ganzen Welt, nur von Gold glänzende Gewänder.““ „„Und Du wirſt mich lieben?““ „„Bundertmal mehr, wenn es möglich.““ „Was ſoll ich Euch noch ſagen. Eine Abweſenheit mei ner Tante benützend, welche ihr Lotto bewachte, ließ ich mich in der folgenden Woche von dem Monteggiano, der die Sache ſchon vorbereitet hatte, entführen. Es ſcheint, er war vom Impreſſario beauftragt, Alles für die Ankunft der Schauſpie⸗ ler zu ordnen. Wir reiſten Tag und Nacht, ſo daß wir bald in Perugia ankamen. Ich galt für ſeine Schweſter. Dies benützte ich, um ihn zu zwingen, daß er ſich in den Wirths⸗ häuſern und überall als Bruder benahm. Ich wollte vor Vollendung meines Fehlers der Geſellſchaft einverleibt ſein, meinem Vater wirklich eine Entſchuldigung geben können und einen Stand für die Zukunft haben.. dieſer geſiel mir ſo ſeh „Doch es ſcheint, Carlino hatte keine ſolche Entſchieden⸗ heit erwartet. Es vergingen einige Tage und Carlino ſprach ſeine Forderungen unumwunden gegen mich aus. Ich benahm mich nicht minder aufrichtig in meiner Weigerung. So weit waren wir, als er einen Brief von ſeinem Impreſſario erhielt, der ihm ankündigte, er habe ſeinen Reiſeplan verändert, und die Geſellſchaft begebe ſich auf der Stelle nach Florenz. Ich liebte ihn und begleitete ihn nach Florenz. „Hier gab es dieſelben Kämpfe, dieſelben Forderungen von ſeiner Seite, denſelben Widerſtand von der meinigen. Er Der Erzähler. 1847. U. 14 210 g in ſehr ſchlechter Laune aus und kam ſehr ſpät nach uſe. Ich weiß nicht zu ſagen, welche Ahnung ich hatte, er die Cecchina verlaſſen.. denn eine Römerin von astevere freiwillig von einem Engländer entführt.. das m mir wie ein Mährchen vor. Während ich Carlino liebte, glaubte ich doch jeden Falls gerecht zu ſein, wenn ich von ihm verlangte, was er mir verſprochen.. hatte er mich ge⸗ täuſcht, hatte er mit meiner Unerfahrenheit ſein Spiel ge⸗ trieben, um mich zu entführen und zu verderben, ſo verdiente er nicht, daß ich meine Ehre ſeinetwegen vergaß. Eines Abends fand eine ſehr lebhafte Scene zwiſchen uns ſtatt. Der Monteggiano war im höchſten Grade aufgebracht über meinen Widerſtand und hatte ohne Zweifel durch Gewalt zu ſiegen beſchloſſen. Doch es gelang ihm eben ſo wenig als durch die Berediſamkeit, die er auf eine ganz unnütze Weiſe ſeit Perugia angewendet hatte. Ich muß ſagen, daß dieſe Scene, welcher die Behendigkeit ein Ende machte, mit der ich mich in mein Zimmer flüchtete, wo ich mich einſchloß, meinem Gefühle für ihn Eintrag that. Ich hatte ihm die Finger zer⸗ quetſcht, indem ich die Thüre heftig an mich zog... Ich ließ ihn die ganze Nacht leiden und ſich beklagen, ohne daß ich ihn verband.„„Wenn er mir einen Dienſt leiſtet,““ ſagte ich zu mir ſelbſt, um mich zu verhärten,„„ſo werde ich dank⸗ bar gegen ihn ſein aber ſoll ich ihm den Preis zum Voraus bezahlen, damit er mich nachher verläßt, nach Rom geht und dort ſagt, ich habe mich von einem Ruſſen entführen laſſen?““ Der Impreſſario und ſeine Geſellſchaft kamen an. Ohne 21¹ Carlind ein Wort dabon zu ſagen, ſuchte ich an einem Tage, wo er auf der Probe war, die Frau des Directors auf und erzählte ihr Alles. Sie lachte mir beinahe in's Geſicht, als ich ihr mittheilte, was ich nach den Verſprechungen des Mon⸗ teggiano hoffte. „„Er hat ſeinen Spott mit Euch getrieben, meine Liebe,“⸗ ſagte die ehrenwerthe Dame;„„um Komödie zu ſpielen, muß man vor Allem reines Toscaniſch ſprechen, und Ihr, Arme, kennt nur Euren Dialekt... Dann bedarf es der Studien, der Vorbereitungen aller Art, und endlich muß eine Stelle unbeſetzt ſein. Mit Eurer Haltung könnt Ihr keine große Rollen übernehmen, denn dieſe verlangen gerade tiefe Studien.““ „„Er hat mir geſagt, ich würde die Prinzeſſinnen ſpielen, ich bekäme Kleider von Seide mit großen Schleppen und Fächer.““ „„Ach! dies Alles könnt Ihr auf einer andern Scene ſinden, meine Theuerſte. Doch auf dem Theater oder wenig⸗ ſtens ſo bald dürft Ihr nicht daran denken... Der Monteggiano hat Euch getäuſcht. Er ſpielt auch außer dem Theater Komödie, und zwar ſehr gut, wie es ſcheint... Das andere arme Mädchen, mit dem er Bekanntſchaft hatte..4% „„Die Cecchina... was hat er mit ihr gemacht?“ „„Ihr kennt ſie?“. „„Ja, es war meine Freundin... von ihr habe ich einen gewiſſen Stich bekommen... Doch ich denke nicht mehr daran. Wißt Ihr, wo ſie iſt, Signora benedettas Iſt es wahr, daß ein Mhlord.. 2%% 212 „„Sie iſt in den Lagunen von Venedig ertrunken!““ antwortete die Dame. Wie?“ rief ich;„„durch einen Unfall ohne Zweifel?““ „„Man weiß es nicht. Als wir Rom verließen, gingen wir nach Ancona, wohin uns der Monteggiano mit dem jungen Mädchen nachfolgte, das beinahe ſo ſchön war, als Ihr, la poveretta!““ Verzeiht, Signori mini, die Frau des Im⸗ preſſario ſprach ſo.„„In Ancona ging das Theater ſchlecht; wir ſchifften uns nach Trieſt ein und begaben uns von da nach Venedig. Nach Verlauf von acht Tagen erfuhren wir, daß das Liebespaar nicht mehr ganz einig war. Es vergingen abermals einige Tage und man hörte, es habe in einer Nacht ein heftiger Streit ſtattgefunden, in deſſen Folge man ein Fenſter geöffnet, wobei eine Frau in den Canal gefallen war oder ſich in denſelben geſtürzt hatte. Genaues konnte man nicht ſagen. Es iſt nur gewiß, daß der Monteggiano am andern Tage das Geſicht ganz gequetſcht und eine Hand umwickelt hatte. Er ſagte, um der Polizei keine Erklärungen geben zu müſſen, wolle er, obgleich ganz unſchuldig, abreiſen. Wir ließen ihn gehen, um nicht unſere Geſellſchaft durch einen ge⸗ richtlichen Scandal des Credits verluſtig zu machen.. Sechs Monate lang hörten wir kein Wort von ihm. Endlich, als wir in Parma waren, ſchrieb er meinem Mann und bat ihn, zu uns zurückkehren zu dürfen. Da es ihm im Ganzen nicht an Talent gebricht, und da ſeine Stelle ſchlecht beſetzt war, ſo willigte mein Mann ein, ihn wieder zu nehmen. und nun fängt er in Rom mit Euch eine andere Geſchichte an. Um Euch ein Unglück zu erſparen, wie das, welches der — — 213 armen Cecchina begegnet iſt, ſage ich Euch gerade heraus, was ich weiß... Er hat Euch getäuſcht, indem er Euch den Stand verſprach, der Euch verführte, Poverina, und Gott weiß, was er mit Euch macht, wenn er es dahin ge⸗ bracht hat, daß Ihr Eure Ehre vergeßt. Er iſt ein Bir⸗ bante*), das ſage ich Euch rund heraus. Wenn es noch Zeit iſt, entflieht ſeinen Klauen, ohne an ſeinen Nägeln das Gewand Eurer Unſchuld zu laſſen.““ „So ſprach die vortreffliche Dame, die mir die Augen öffnete über den Briccone**), dem ich ſo wahnſinnig ge⸗ glaubt hatte. „Ich dankte ihr ſehr und gelobte ihr, alle Pläne von Carlino ſcheitern zu machen. Wir wohnten in einem Wirths⸗ hauſe in der Nähe des Teatro della Piazza vecchia, wo die Geſellſchaft ſpielen ſollte. Als ich nach Hauſe ging, ſah ich einen Menſchen, der mir aufmerſam mit den Augen folgte. Er war gekleidet wie die Vetturini von Rom und auf unſeren Landſtraßen. Unten an der Treppe wandte ich mich um, in der Abſicht, zu ſehen, ob er mir noch folgte, ich erblickte ihn zwei Schritte hinter mir. „„Die Signorina wird mich entſchuldigen, wenn ich mich täuſche,““ ſagte dieſer Menſch;„„iſt es nicht Ghita Mala⸗ gorti?““ „„Und Ihr, ſeid Ihr nicht Gianpietro, Vetturino von Viterbo?““ erwiederte ich. *) Schelm, Leutebetrüger. *) Schurke. 214 „„Ich bin es.““ „„Nun wohl! erwartet mich in der Kirche Santa Maria Novella, auf dem Platze hier nebenan. Ich habe mit Euch zu ſprechen, Gianpietro!““ „„Ihr ſeid alſo wirklich die Tochter von Malagorti?.. ich täuſchte mich nicht?““ „„Ich bin es ganz und gar.. In fünf Minuten folge ich Euch.““ „Ich ging hinauf, um zu ſehen, ob Carlino meine Ab⸗ weſenheit nicht bemerkt, denn er hatte mir etwas verſprochen, wonach ich gar keine Gelüſte trug, und ich kannte ihn als den Mann, der es mir gab, wenn ich ihm irgend einen Vorwand zur Eiferſucht bot. Er war immer noch auf der Probe... Mit zwei Sprüngen befand ich mich in Santa Maria Novella. Nun, was gibt es denn?““ fragte mich Gianpietro. „„Mein braver Gianpietro, ich habe mich durch einen vollkommenen Birbante wie ein Gemälde entführen laſſen; ich kenne ihn nun und möchte gern meinen Fehler wieder gut machen!.. Das gibt es.““ „„Diavolo! was iſt da gut zu machen?““ fragte mich der brave Mann, der mich als ganz klein gekannt hatte und lange bei meinem Vater im Dienſt geweſen war. „„Mein unüberlegter Streich. und nichts weiter. „„Was kann ich für Euch Ghita?““ „Mich nach Rom führen, Freund, ehe ſich der Scandal im Quartier zu ſehr verbreitet! Wird mir das Glück zu Theil, daß mein Vater noch nicht wieder zu Hauſe erſchienen iſt, ſo / 215 hoffe ich es mit meiner alten Tante ſo zu ordnen, daß er nichts erfährt.““ „„Ich ſollte vier gute Reiſende nach Turin führen, aber ich will ſie einem Kameraden abtreten. Per San Francesco dAſſiſt, man ſoll nicht ſagen, die Tochter des guten Mala⸗ gorti ſei in der Verlegenheit ſtecken geblieben, während ihr Gianpietro helfen konnte... Vorwärts Ghita, eingepackt und ſo ſchnell als möglich auf den Weg... Doch ſoll ich nicht erfahren, wer der Schuft iſt?““ „Ich war dem guten Gianpietro die ganze Wahrheit ſchuldig, und ich erzählte ihm ungefähr das, was die Frau des Impreſſario ſchon von mir gehört hatte. Er fragte mich am Ende, ob ich nicht wünſche, daß er vor meiner Abreiſe den Monteggiano fühlen laſſe, von welchem Holze der Stiel ſeiner Peitſche gemacht ſei. „Ich ſagte nein.. Doch ich hatte Eile, fortzukommen, denn ich ſah vorher, daß es, wenn mein Amoroſo meinen Plan errieth, zwiſchen uns eine Scene nach Trasteveriner Art geben würde. „Als er nach Hauſe kam, hatte er ein heiteres Ausſehen, das mir nicht den Umſtänden angemeſſen zu ſein ſchien. Ich ſagte mir:„„Er hat ſeinen Plan!““ Am Abend ſpielte er: wir ſpeiſten mit einander zu Mittag. Da meine tolle Liebe für ihn dadurch entſtanden war, daß ich ihn im Theater ge⸗ ſehen, wo er in ſchönen Coſtumen Rollen ſpielte in denen et mehr werth war, als in der Wirklichkeit, ſo mißtraute ich nun ein wenig und nahm mir feſt vor, mich nicht in der Falle fangen zu laſſen. Ueberdies hatte ſich in der Vertrau⸗ 216 lichkeit unſerer Reiſe Carlino, der ſich ſeines Sieges ſicher glaubte, ein wenig vernachläßigt, und das war unklug von ihm. Schon am dritten oder vierten Tage nach unſerer Abreiſe fand ich ihn nicht mehr ſo hübſch und um über das, was ich gethan, nicht in Unruhe zu gerathen, klagte ich mich der Ungerechtigkeit an. Nachdem ich errathen, er habe zweimal ſein Spiel mit mir getrieben, bewirkten die Mittheilungen der Frau des Impreſſario und einige Scenen unſeres Liebes⸗ verhältniſſes eine raſche Abnahme der Illuſion. Wenn ich an das Schickſal der Cecchina dachte, zitterte ich.. Poveretta „ich verzieh ihr nun ihre kleine Aeußerung von Lebhaftig⸗ keit gegen mich! „Es war immer meine Anſicht, Carlino führe etwas Unheilvolles gegen mich für dieſen Abend im Schilde. Als er nach dem Theater gegangen war, fand ich unter ſeinen Sachen eine kleine Phiole, die ich nie geſehen und die er ohne Zweifel bei ſeiner Rückkehr nach Hauſe mitgebracht hatte. Ich hatte wahrgenommen, wie er ſie verborgen, als ich mich ihm näherte. Alles dies konnte mich nur in meinem Vorhaben befeſtigen. Ich wartete, bis die Stunde des Schauſpiels ge⸗ kommen war, und als ich dachte, mein Liebhaber ſei in Scene und mache ſeine Kratzfüße und Furen von der Platea*), ging ich mit meinem Päckchen in den Hof hinab; Gianpietro erwartete mich mit ſeiner Vettura. Ich glaubte dem Bir⸗ bante keine Art von Abſchied hinterlaſſen zu müſſen, nur ſtellte ich mitten auf den Tiſch die kleine Phiole, welche ohne *) Parterre. „———— 217 Zweifel ein narkotiſches Mittel enthielt, das ich beim Abend⸗ brod zu mir nehmen ſollte... „Ich hatte mit Gianpietro verabredet, Nachtlager in einem nahen Dorfe zu nehmen, das von der gewöhnlichen Straße etwas ſeitwärts lag, damit der Monteggiano mich nicht finden würde, ſollte es ihm in ſeiner Wuth einfallen„ mich zu verfolgen. Am andern Tag wandten wir uns ohne Hin⸗ derniß gegen Siena. „Fünf Tage nachher kam ich nach Rom. Ich wollte es nicht wagen, zu Hauſe abzuſteigen, da ich nicht den Muth hatte, dem Zorne meines Vaters zu trotzen, deſſen Heftigkeit ich kannte. Gianpietro ſetzte mich in einer Oſteria ab, von wo aus er, gehörig durch mich unterrichtet, einen Vetter von mir, der bei einem Cardinal angeſtellt war, aufſuchte, um ihm meine Rückkehr mitzutheilen. Dieſer Verwandte kam eiligſt zu mir und ſagte, ich habe ſehr wohl daran gethan, daß ich mich nicht ſogleich nach Hauſe gewagt, denn mein Vater ſei wüthend gegen mich und beſonders auch gegen den Mon⸗ teggiano, deſſen früheres Benehmen gegen die Cecchina er kenne. Ich glaubte zu begreifen, daß die Wahl meines Ent⸗ führers das war, was meinen Vater am meiſten aufbrachte. „„Wenn ſie wenigſtens derjenige, welcher ſie entführt, heirathen könnte, ſo wäre es nur halb ſchlimm,““ hatte er geſagt.„„Aber einem Lumpenkerl wie dieſem Monteggiano folgen! Oh! wenn ich ſie wieder erwiſche. 4. „Gianpietro hörte dieſe Erzählung. Als mein Vetter weggegangen war, ſagte er: „„Ghita, wollt Ihr Alles ehrlich wieder gut machen 218 und Euch die Verzeihung Eures Vaters verſchaffen, indem Ihr einem redlichen Menſchen ein glückliches Loos bereitet?““ „„Wie ſo, Gianpietro?““ fragte ich. „„Das iſt ganz einfach! Ich ſuche den Vater Malagorti auf und lade ihn zum Kaffee ein. Dabei begeben wir uns in ein kleines Cabinet ich ſehe, ob ſein Meſſer nicht zu weit aus ſeiner Taſche hervorſteht und ſage zu ihm:„„Vater Malagorti, ſeit langer Zeit bin ich in Eure Tochter verliebt.““ „„Nun! Du haſt Deine Flamme ſchlecht gewählt,““ antwor⸗ tet er mir mit einem Seufzer. Ich fahre fort, ſeine Geberden genau zu beobachten, des Meſſers wegen... und ich er⸗ wiedere:„„Nicht ſo ſchlecht, alter Vater, denn wer hat Ghita entführt?““ Hierüber ſehe ich ihn in Hitze gerathen und einen Strom von Schmähungen gegen den Monteggiano ausſpucken und da er gegen dieſen ſo furchtbar aufgebracht iſt, ſage ich zu ihm:„„Ihr habt Unrecht, dem Monteggiano zu grol⸗ len, Vater Malagorti er iſt es nicht, der Ghita ent⸗ führt hat.„„Wie, er iſt es nicht?““ verſetzt Euer Vater ungläubig.„„Du biſt verrückt, Gianpietro.““„„Wenn ich verrückt bin, alter Vater, ſo iſt es aus Liebe. Ja, ich bin wahnſinnig in Eure Tochter verliebt... ich hatte einen Au⸗ genblick der Verirrung.(Ich bewache beſtändig ſein Meſſer.) Ich bekenne mich als ſchuldig und Alles, was Ihr wollt, aber gebt mir Eure Tochter zur Ehe, und Alles ſei vergeſſen..4 „„Ich verſtehe Dich nicht,““ ſagt der gute Mann zu mir. „„Nun wohl! ich will klar und deutlich ſprechen. Ich habe Ghita entführt, und nicht der Monteggiano. Ich bringe ſie Euch ganz tugendhaft zurück und bitte Euch, uns mit einander 219 zu verheirathen.““ Wenn der gute Mann, deſſen Geberden ich bewache, mir bei dieſer Gelegenheit nicht die Haut durch⸗ löchert, ſo muß er trinken und mich ſeinen Schwiegerſohn nennen! entweder das Eine oder das Andere. Was denkt Ihr von meinem Mittel, Ghita?““ „„Wie, Gianpietro, Ihr wollt mich heirathen?““ rief ich. „„Ja, Ghita, ich werde mich bemühen, Euch glücklich zu machen!““ „„Aber das, was ich gethan habe?““ „„Da Ihr Euch nicht gegen die Tugend verfehlt habt, ſo wird Euch dieſe Kriſe als Lehre dienen, daß Ihr Euch in Zukunft vor ſchlimmen Leidenſchaften hütet. Eure Rückkehr tilgt für mich den Fehler Eurer Flucht.““ „„Gianpietro, ich ſchätze Euch, ich bewundere Euch, aber ich müßte lügen, wenn ich ſagen ſollte, ich liebe Euch.““ „„Nun, das wird kommen... Wenn Ihr ſeht, daß Euer Mann ein ehrlicher Mann iſt, der muthig arbeitet, um uns ſchönes Hausgeräthe und einigen Schmuck zu verſchaffen, ſo werdet Ihr ſagen:„„Ich muß dieſem die Belohnung be⸗ willigen, welche ich dem Verführer, der mich hintergangen, verweigert habe.““ Bis dahin werde ich Euer Bruder ſein, und nicht mehr. Iſt Euch das genehm, Ghita?““ „Statt jeder Antwort nahm ich ſeine Hand und drückte ſie von ganzem Herzen. Zwei Stunden nachher ſuchte er mei⸗ nen Vater auf, und es ging beinahe völlig, wie er es vor⸗ hergeſehen hatte.. Mit Einbruch der Nacht kehrte ich nach Hauſe zurück.. Mein Vater weinte, als er mich ſah, und ſagte, indem er ſich von mir küſſen ließ: 220 „„Ich verzeihe Dir, weil Du nicht, wie ich glaubte, von dieſem gemeinen Seiltänzer befleckt worden biſt. aber es iſt doch ganz ſonderbar 44 „Man ſah, daß der gute Mann nicht recht begriff, wie Gianpietro an die Stelle des Monteggiano gekommen, auf deſſen Rechnung das ganze Quartier die zweite in demſelben Hauſe vorgefallene Entführung geſetzt hatte. „„Ich gebe Dir einen braven Burſchen,““ fuhr mein Vater fort;„„er war einen Augenblick vom Schwindel befal⸗ len, da er es aber wieder gut macht, ſo grolle ich ihm nicht mehr und ich ſchenke ihm bei Eurer Verheirathung den neuen ſechsſitzigen Caleſſino, den ich auf der Iſola San Bar⸗ tolomeo habe machen laſſen, nebſt meinen zwei Grauſchimmeln. Hiemit wird er, wie ich hoffe, die Liebe in gutem Zuge er⸗ halten, und die Thaler werden in die Ehe regnen.““ „Meine Tante, welche wegen ihres Mangels an Aufſicht wüthend angefahren worden war, ſagte ganz leiſe zu mir: „„Es iſt doch nicht Gianpietro, dem zu Liebe wir in das Teatro Argentina gegangen ſind... Gleichviel, ich ſchweige, wenn Gianpietro die Sache ordnet... Aber ich muß dieſe Rückkehr auf jede Weiſe benützen. 4 „Noch an demſelben Abend ſetzte ſie mein Alter und den Monatstag in die Lotterie. „Ich ſollte Gianpietro vier Wochen nachher hetuthen 4 ſo viel war Zeit erforderlich, daß Jedermann glaubte, er habe mich entführt, und nicht der Monteggiano. „Aber ach! ſoll ich Euch Alles ſagen, Signori? Als der erſte Augenblick meiner Begeiſterung vorüber war, als ich 221 Gianpietro näher betrachtete, wie allmälig die blendende Glorie abfiel, welche ſein edles Benehmen um ihn verbreitet hatte, erblickte ich in ihm am Ende wirklich nichts als das, was er war, nämlich ein Burſche von ſechs und dreißig Jahren, klein, dick, mit rother Geſichtshaut und kurzgeſchorenen Haaren. des Straßenſtaubes wegen. Unwillkührlich ſah ich vor meinen Augen unbeſtimmt eine andere niedliche, leichte Geſtalt ſchweben, mit einem Stöck⸗ chen ſpielend, zierliche Handſchuhe über den Fingern.. Carlino, wie er unter meinem Fenſter vorüberging. Offenbar liebte ich dieſen Feigen nicht mehr; dennoch war es das verführeriſche Muſterbild, mit dem ich den Vetturino verglich, der, glaube ich, nicht einmal genug Haare auf der Oberlippe hatte, um einen Schnurrbart wachſen zu laſſen. Indem ich mich über meine Gefühle prüfte, fing ich an, traurige Be⸗ trachtungen anzuſtellen, und ich ſprach darüber mit meiner Tante. Sie ſtieß einen Schrei aus und rief: „„Wie! nach einem ſolchen Scandal noch einen zweiten veranlaſſen? Unſer Verwandter wird von Seiner Eminenz die Erlaubniß erhalten, Dich im Caſtello di Sant Angelo einſperren zu laſſen, und das haſt Du dann wohl verdient! Wenn Du dieſen würdigen Burſchen auch nicht ungeheuer lieben würdeſt, iſt das ein Grund, ihn nicht zu hei⸗ rathen? Ueberdies wird ihn das Gewerbe, das er treibt, Dir nicht überläſtig machen; er wird Wochen lang von hier ent⸗ fernt bleiben.““ „„Ich will eine ehrliche Frau ſein,““ erwiederte ich, „„und nicht die Großmuth von Gianpietro mißbrauchen. Ich werde mein Möglichſtes thun, daß er mir gefällt. Kann 222 ich es nicht, ſo ſage ich es ihm redlich und gerade heraus und laſſe mich heirathen, wenn er darauf beſteht.““ „Aber ich erwartete damals noch nicht, was mich be⸗ drohte. „Der für die Hochzeit anberaumte Tag nahte heran. Mein Vater vernachläßigte die Reiſenden, um ſich mit Gian⸗ pietro und den für die Feierlichkeit nothwendigen Schritten zu beſchäftigen. Ich, die ich jeden Tag von meiner Tante eine Predigt bekam, ſtand zwiſchen den verſchiedenen Anſprüchen und Forderungen meines Gewiſſens und meiner Selbſtſucht, während ich fühlte, daß jeder ablaufende Tag die Unmöglich⸗ keit eines Bruches vermehrte. Einmal wollte ich es verſu⸗ chen, zu ſprechen, aber der brave Gianpietro, als hätte er errathen, was ihn bedrohte, unterbrach mich ſcherzend, nahm mich bei den Händen und ſagte: „„Ah! meine kleine Ghita, Du weißt meine Bedingun⸗ gen ich habe ſie Dir angeboten. Du wirſt meine Schweſter ſein und nicht mehr... Vater Malagorti,““ ſprach er, ſich an meinen Vater wendend, der eben hinzukam,„„be⸗ ſchleunigen wir die Sache, denn ich habe dringende Geſchäfte in Neapel. Vielleicht muß ich ſchon am Tage nach der Hoch⸗ zeit abreiſen... mein Weibchen wird mir deshalb nicht grollen!““ fügte er mit einer traurigen Miene, die mir wehe that, bei. „„Das iſt Deine Sache,““ erwiederte mein Vater;„„in der nächſten Woche wird Alles bereit ſein, und wir fahren in dem neuen Caleſſino, das ich Dir ſchenke, in die. Kirche.““ — 223 „Es vergingen noch einige Tage, man war im Monat November, und die Abende wurden lang. Während Gianpietro und mein Vater im Kaffeehaus verweilten, um mit ihren Freunden zu plaudern, ging ich zuweilen in der Abenddämme⸗ rung aus, um Einkäufe zu machen. Mehrere Male glaubte ich zu bemerken, ein Mann in einem Mantel folge uns; doch inſofern ſich in dieſer Jahreszeit ſchon alle Männer in Rom in ihre Mäntel hüllen, merkte ich nicht beſonders darauf. Man hatte geſagt, ich wäre ſchön, und da dieſer Menſch ſich zuweilen im Schatten, dem Lichte gegenüber, das aus den Buden hervorſchoß, aufſtellte, um mich vorübergehen zu ſehen, ſo glaubte ich, es ſei ein Neugieriger, der mich gern an⸗ ſchaue, und ließ die Sache beinahe unbeachtet. Endlich erreichten wir den Vorabend des für meine Hochzeit beſtimmten Tages. Alles war bereit. Ich ging mit meiner Tante aus, um Bänder zu kaufen, die uns noch fehl⸗ ten. Als ich in den dunklen Gang unſeres Hauſes zurück⸗ kam, fühlte ich mich heftig geſtoßen, und in demſelben Augen⸗ blick empfand ich einen ſcharfen Schmerz im Buſen. „„Das iſt der ſe gezeichnet Carlino!““ rief eine Stimme. „Der Mörder entfloh, meine Tante niederwerfend. Ich hatte vom Monteggiano den Dolchſtoß oder den Meſſerſtich bekommen, von dem Ihr hier die Narbe ſeht. „Meine Tante erhob ein ſolches Geſchrei, daß zwanzig Perſonen herbeiliefen.. Beim Anblick dieſes Attentats eilte man in allen Richtungen fort, um den Ruchloſen zu ver⸗ folgen aber es war vergebens! Ohne Zweifel hatte er 224 vorher ſeine Maßregeln getroffen, um Rom zu bverlaſſen, denn alle Schritte meines Vetters, der vom Cardinal unterſtützt wurde, blieben erfolglos. „Ich, was mich betrifft, um hierauf zurückzukommen, wurde ohnmächtig auf das große Bett des armen Gianpietro getragen... ich ſchwebte hier mehrere Tage zwiſchen Leben und Tod, denn die Lunge war verletzt, wie die Doctoren ſag⸗ ten. Ihr könnt Euch denken, welches Aufſehen dies im Quar⸗ tiere machte! alle Commentare gingen auf den Helden meiner Entführung zurück. Sobald ich außer Gefahr war, gab Gian⸗ pietro ſeine Abſicht kund. Eines Morgens, während ich halb ſchlummerte, fühlte ich einen rauhen Kuß auf meiner Hand es war der erſte... der letzte, den mir mein Bräuti⸗ gam gegeben: er reiſte in derſelben Stunde nach Sicilien ab, um ſein Gewerbe zwiſchen Palermo und Meſſina zu treiben. . Rom hat ihn nicht wiedergeſehen!““ Bei dieſem Punkte ihrer Erzählung angelangt, äußerte die ſchöne Ghita den Wunſch, die Fortſetzung auf den andern Tag zu verſchieben. Wir dankten ihr und ſprachen das In⸗ tereſſe aus, das uns ſo dramatiſche Abenteuer einflößten; und nachdem wir Pinſel und Kreide niedergelegt, ließen wir ſie in einen Fiacre ſteigen, um ihr einen Theil des Weges zu er⸗ ſparen, denn das Atelier von S.. lag beinahe dem Mauſoleum des Auguſtus gegenüber. Beim Ponte Siſto ließen wir ſie wieder berabredeten die Stunde auf den andern Tag, und ſchickten uſere Equipage weg, um das Haus in Augenſchein zu nehmen, wo dieſe verſchiedenen Scenen vorgefallen waren⸗ und worin Ghita und ihre Tante noch wohnten. 225 „Nun! wie dünkt Ihnen dieſes Mädchen?“ ſagte S.. bei unſerer Rückkehr zu mir. „Mir ſcheint, Ghita hat ſchöne Gefühle in ihrer Art,“ er⸗ wiederte ich.„Alles dies wäre ſtreng genommen nicht ent⸗ ſprechend in einem Salon... doch es iſt mehr die Form, als der innere Grund, was zu wünſchen übrig läßt. Ich meine die moraliſche Form, denn die körperliche kommt mir noch ſchöner vor, wenn man einen Theil der Geſchichte dieſes ſeltſamen Mädchens kennt. Ghita belebt ſich zuweilen, und ihre Augen ſchleudern Blitze! Aber beharrlich finde ich in ihrer Phyſiognomie die Wildheit als den vorherrſchenden Ausdruck... Ich wette, daß mir das Ende ihrer Abenteuer Recht gibt!“ „Wollen Sie ein Vollblut⸗Römermädchen nach demſel⸗ ben Maßſtabe beurtheilen, wie unſere zarten Schönheiten der Oper?“ entgegnete S...„Warum bei unſeren Wanderungen durch die Nationen das verkehrte Verfahren der Gärtner, welche Pflaumen vom Apfelbaum, und vom Flieder Roſen verlangen? . Jede Frucht hat ihren Geſchmack, jede Blume ihren Wohl⸗ geruch... und zwar gleich vortrefflich an ihrem Orte.. Wenn bei ihrer Art der Schönheit Ghita dächte und ſich be⸗ nähme wie eine Schottländerin, ſo wäre ſie meiner Anſicht nach wenig gefährlich für gewiſſe Organiſationen, welche mit Leidenſchaft fühlen, empfinden„ „Und wie ich dergleichen kenne!“ ſagte ich lachend.„Ich bemerke, daß wir, im Grunde einig, nur in den Einzelnheiten von einander abweichen. Wenn ich geſehen hätte, wie Ihre ſchöne Römerin ihren Carlino zur Zeit, wo ſie in ihn ver⸗ Der Erzähler. 1847. n. 1415 „ 226 liebt war, anſchaute, ſo wäre ich vielleicht eben ſo enthufiaſtiſch, als Sie. Ich verlange, daß ich in ihr die Frau unter dem Panzer der Amazone finde, daß ihr Blick, wenn er ſich be⸗ lebt, etwas Anderes als den Stahl eines Dolches wiederſtrahle. Wenn dieſe Frau das Trasteveriner⸗Meſſer bei den kleinen Liebeskriſen ſpielen laſſen muß, wo fich bei uns die Liebende höchſtens bis zu einer Ohrfeige hinreißen läßt, ſo erkläre ich, daß ſie meinem Geſchmacke nicht entſpricht! per Bacco! das Meſſer iſt unverdaulich! Man kann es einmal wagen mit einer Frau, die uns zum höchſten Beweiſe ihrer Liebe tödtet, aber zu jeder Stunde die Perſpective eines Einſchnitts in die Seite oder in den Hals unker dem nichtigſten Vorwande haben, das finde ich äußerſt ungeſund!“ Dritter Dolchſtoß(gegeben). Am andern Tag war Ghita pünktlich bei der Sitzung. Sie richtete ſich auf dem Divan ein, ihre ungeheuren Haare auf den Schultern zerſtreut und die entblößte Büſte nur mit einigen Fetzen rother Seide umgeben, die der Künſtler nach ſeinem Wohlgefallen geordnet hatte. Lange betrachtete dieſer die Narbe vom Dolchſtoße von Carlino: die Schlange ſeiner Cleopatra ſollte an derſelben Stelle in den Buſen beißen, wo das Modell die ppetiſche Spur der Verwundung an ſich trug. Dann nahm er ſeine Palette, ich mein Album, und das Mädchen fuhr in ſeiner Erzählung fort: „Diesmal mußte ich mehr als ſechs Wochen das Bett hüten. Meine Tante gewann einige Thaler im Lotto, indem 227 ſie das Datum des Tages und die Stunde des Attentats ſetzte. Man beſchloß, mir eine kleine Ausſteuer zu machen, wonach ich das Haus verlaſſen ſollte. Von der Hochzeit war„ wohl verſtanden, nicht die Rede mehr; die Handlung des Monteg⸗ giano offenbarte, welche Rolle der gute Gianpietro bei dieſer ganzen Sache geſpielt hatte. „Mein Vetter, der Günſtling des Cardinal Berliotti, ver⸗ ſprach, ſich für mich zu verwenden, damit ich aus dem Quar⸗ tier entfernt würde, wo die Rolle, die ich ſeit einiger Zeit ſpielte, meine Lage unerträglich machte. Eines Tags, als ich in voller Wiedergeneſung begriffen war, beſuchte uns dieſer Vetter und ſagte, er habe einen guten Platz bei dem fran⸗ zöſiſchen Botſchafter gefunden. Es handelte ſich um die Stelle einer Ausgeberin, und nicht um einen einfachen Dienſtbotenplatz. Wenige Tage nachher wurde ich der Botſchafterin vorgeſtellt, und ich gefiel ihr offenbar, denn ſie behandelte mich gut. Später erfuhr ich, daß der Cardinal Berliotti meine Abenteuer der Gräfin erzählt und daß dieſe ſich für mich intereſſirt hatte. Kurz, ich trat meine Stelle im Palaſte der Botſchaft an und befand mich wohl daſelbſt. „Der Graf von D*ss hatte einen Sohn von ungefähr fünfundzwanzig Jahren. Dieſer junge Herr ſchweifte in den erſten Tagen meines Aufenthalts im Palaſte um mich her und ließ mehrere Male burch ſeinen Kammerdiener mit mir ſprechen. Da ich mich aber unumwunden gegen dieſen Bedienten er⸗ klärte, ſo gab der junge Graf ſeine Nachſtellungen auf und äußerte ſogar, weit entfernt„ mir zu grollen, werde er mir durch ſeine Mutter Gutes erweiſen laſſen. Ihr werdet ſehen 228 (dieſe Epiſode meiner Geſchichte will ich kurz faſſen), daß der junge Graf, trotz ſeiner Betheurungen, einen Aerger gegen mich bewahrte... denn er ſpielte mir einen Streich.. Ihr Franzoſen nennt das Geiſt, ſelbſt wenn ein Menſch dabei umkommt. „Ich war ungefähr drei bis vier Monate bei der Bot⸗ ſchaft. Alles ging gut, ich war mit meiner Stellung zu⸗ frieden; mein Vater und meine Tante beſuchten mich zuweilen und ich fühlte mich ziemlich glücklich. Da um dieſe Zeit der päpſtliche Hof einige Streitigkeiten mit der Türkei be⸗ kam, ſo war der Sultan genöthigt, ſeinen Botſchafter zu wech⸗ ſeln. Als der neue eintraf, gab er, da man eben mitten im Winter war, dem diplomatiſchen Corps und dem Adel der Stadt ein großes Feſt. Der franzöſiſche Botſchafter wollte dem prunkhaften Ottomanen ſein Feſt zurückgeben, und man traf im Pallaſte alle Vorbereitungen zu einem großen Ball „Die ganze römiſche Ariſtokratie und alle Fremde von Rom wurden eingeladen, eben ſo die Miniſter und Abge⸗ ſandten. Ich hatte nie ein Feſt der großen Welt geſehen, und freute mich, dieſes wenigſtens anſchauen zu können, das eines der prachtvollſten werden ſollte. Die Gräfin von welche oft mit mir plauderte, ſagte eines Abends zu mir: „„Ghita, ich wette, Du wäreſt ſehr glücklich, wenn Du Eintritt in die Ballſäle finden könnteſt...““ „„Ich geſtehe es, Signora Conteſſa, doch ich weiß wohl, daß dies nicht mein Platz iſt.““ „„Und wenn ich ein Mittel fände, Dich das Feſt in den Zalons ſelbſt genießen zu laſſen?““ ——— 229 „„Ich ſterbe vor Verlangen hienach; doch unter welchem Titel?“. „„Höre,““ erwiederte die liebenswürdige Dame,„„meine Tochter gibt Dir, was Du brauchſt, um Dich nach Deinem Geſchmacke zu kleiden, und Du ſetzeſt Dich an unſere Plätze, um unſere Echarpen, unſere Fächer zu bewachen, und, wenn es Noth thut, meine Befehle dem Intendanten, den Leuten des Vorzimmers zu überbringen... Sagt Dir dieſes Mittel zu 244 „Ich hatte ein ſo lebhaftes Verlangen, den Ball zu ſehen, daß ich den Vorſchlag unbedingt annahm. Dennoch glaubte ich einen Einwurf machen zu müſſen: „„Aber, Signora Conteſſa, wenn man mich zum Tan⸗ zen auffordert?““ „„So ſchlägſt Du es aus... man wird wohl ſehen, daß Du vom Hauſe biſt. Wenn jedoch am Ende der Nacht, nachdem die Botſchafter weggegangen ſind, ein liebenswürdiger Cabalier zu ſehr in Dich dringt, nun! ſo magſt Du es ma⸗ chen, wie Du willſt, ich ſtelle Dir keine andere Bedingung.““ „Ich dankte der Botſchafterin und dachte mit dem Fräu⸗ lein an mein Coſtume. Ich war ungefähr von demſelben Wuchſe wie die Tochter des Botſchafters, und ſo ordnete ſich die Sache ſchnell. Wie es ſich geziemte, wählte ich einen ein⸗ fachen weißen Anzug, und befeſtigte nur einige rothe Band⸗ knoten mittelſt dicker goldener Nadeln in meinen Haaren. Dies war beſcheiden und dennoch ſtand es mir gut, wie es ſcheint. „Die Ballnacht kam, Alles, was Rom damals an ge⸗ 230 feierten Schönheiten beſaß, war anweſend. Der Glanz der Toiletten, die blendenden Uniformen, eine herrliche Beleuch⸗ tung, prachtvoll ausgeſchmückte Säle... das war ein Schau⸗ ſpiel, wie ich nie etwas Aehnliches geträumt hatte. Gegen zwei Uhr Morgens war es, was man nur immer Glänzend⸗ ſtes in Rom ſeit langer Zeit geſehen. Beſonders erblickte man eine erſtaunliche Anzahl von hübſchen Frauen, welche insgeſammt mit der vollkommenſten Eleganz gekleidet waren... und entblößt! ſo viel ſie nur immer konnten. „Wiederholt begegnete ich, wenn ich dem Haushofmeiſter die Befehle der Votſchafterin überbrachte, dem jungen Grafen, der mir ſchmeichelhafte Worte zuflüſterte. Man bildete vor dem Abendbrod einen erſten Cotillon und die Circulation war beinahe unterbrochen im großen Salon. Ich holte Handſchuhe für die Gräfin, welche die ihrigen befleckt hatte, und ſah mich, als ich zurückkam, durch den Schwarm hinter einem großen, auf vrientaliſche Weiſe gekleideten, jungen Mann aufgehalten; er ſprach in dieſem Augenblick mit dem jungen Grafen u ſagte zu ihm: „„Bei uns nehmen wir uns nicht die Mühe, ſelbſt zu tanzen, da wir reich genug ſind, um tanzen zu laſſen... Was mich aber am meiſten in Erſtaunen ſetzt, iſt die großt Menge von Frauen, welche Ihr Herr Vater hat... Mehr als die Hälfte davon iſt hübſch.““ „Derjenige, welcher ſo ſprach, war der Sohn des türki⸗ ſchen⸗ Botſchafters, ein großer junger Mann von achtundzwanzig Jähren, der am Morgen erſt von Conſtantinopel angekommen⸗ glaubte— ſpäter erſah ich es aus dem, was geſchah— * 5 231 er glaubte, alle Damen des Balls gehörten zum Serail des Botſchafters von Frankreich. „Der junge Graf lachte wie verrückt, als er ihn ſo ſpre⸗ chen hörte. Ich mußte mich zu entfernen ſuchen, ſo gut ich konnte, denn der Türke hatte mich bemerkt, und ich begriff, daß er mich lobte. In dem Augenblick, wo es mir gelang, aus dem Ballſaal hinauszukommen, ſah ich, daß ihre Blicke mir folgten, und daß ſie ſehr lebhaft mit einander ſprachen. „Es verlief eine Stunde. Die Menge fing an, ſich zu zerſtreuen. Die Botſchafterin bat mich, ihren Frauen zu ſagen, ſie mögen ihr den Thee in ihrem Gemach bereiten. Ich fand Niemand in der Wohnung der Gräfin, dachte, die Kammer⸗ mädchen hätten ſich entfernt, um die ſchönen Damen weg⸗ gehen zu ſehen, warf einen Shawl auf meine Schultern, wandte mich nach dem Veſtibule und rief Francesca, Basca⸗ lina und die anderen Zofen. Als ich eine Geheimtreppe hinaufging, um nicht die Menge zu kreuzen, welche ſich auf den anderen Treppen drängte, mußte ich ein paar ziemlich dunkle und nur durch den Wiederſchein des Feſtes beleuchtete Zimmer durchſchreiten. Plötzlich fühle ich mich von vier kräf⸗ tigen Armen gepackt, von der Erde aufgehoben und wie eine Feder fortgetragen... Ich ſchreie... man antwortet mir in einer Sprache, die ich nicht kenne, und ſteigt nicht minder leicht die Geheimtreppe hinab, welche in einen Hinterhof führt. Hier ſetzt man mich in einen Wagen, der ſogleich wegfährt... und da mein Geſchrei nun zu nichts mehr genützt hätte, ſo entſchloß ich mich, zu ſchweigen und den Ausgang des Aben⸗ teuers abzuwarten, wobei ich mich für jedes Vorkommniß mit 6 232 einer von den goldenen Nadeln bewaffnete, die ich in den Haa⸗ ren trug. Der Wagen rollte ungefähr eine Viertelſtunde fort, kam in den Hof eines Pallaſtes und hielt an. Man ließ mich ausſteigen; da ich nichts von der Sprache der zwei ſeltſam ge⸗ kleideten Menſchen verſtand, die mich in das obere Stockwerk trugen, ſo verſuchte ich keine Frage und wartete, um zu er⸗ fahren, was man beabſichtigte. Ich hatte keine Angſt. Angſt, wovor? Ich vermuthete, man würde ſich nicht ſo artig beneh⸗ men, um mich zu tödten, und was die Ehre betrifft, ſo wiſſen wir Römerinnen und Töchter des Volks, wie wir uns zu benehmen haben. Man legte mich in einem ſehr reich aus⸗ geſtatteten Zimmer nieder, und hier machten meine Träger allerlei groteske Verbeugungen vor mir, wonach ſie ſich ent⸗ fernten. Beinahe in demſelben Augenblick trat eine Frau ein, welche ſchon alt, aber eben ſo ſeltſam gekleidet war, als die Anderen; offenbar waren es lauter Türken. Die alte Türkin beſchaute mich ſogleich prüfend wie eine Handelswaare, drehte ſich um mich her, und murmelte allerhand Zeug, wovon ich nichts verſtand. „Dieſe ganze Geſchichte fing an mich zu langweilen.. es mochte vier Uhr Morgens ſein, und es war Zeit, ſich zu erklären. Ich dachte, das beſte Mittel, meine Abſicht begreif⸗ lich zu machen, wäre, wenn ich mir das Anſehen geben würde, als wollte ich weggehen. Die Alte verſtand mich in der That, hörte auf mich zu beſchauen, und hielt mir eine ohne Zweifel ſehr eindringliche Rede, wobei mir aber nur die Pantomime klar wurde: ſie ſtellte ſich quer vor die Thüre. Mittlerweile —— — 233 öffnete ſich eine andere Thüre, und ein Diener brachte eine ganz mit Caraffen und Zuckerwerk bedeckte Platte, die er vor mich ſtellte; ich gab der Platte einen Fauſtſchlag, daß ſie auf den Boden rollte, und ſagte, es handle ſich nicht um dies Alles, ſondern darum, daß ich weggehen wolle, inſofern ich gar keine Luſt habe, bei Türken zu bleiben, die ich nicht kenne. Ich glaubte, die Alte hätte mich begriffen, denn ſogleich faßte ſie mich bei der Hand, öffnete die Thüre und führte mich hinaus, aber ich kam in eine Reihe von Zimmern, welche gar kein Ende nehmen wollten. Am Schluſſe fanden wir ein beim erſten Anblick ſehr ſeltſames Gemach; als ich es näher be⸗ trachtete, ſah ich, daß es ein Badeſaal war. In der Mitte war ein Becken von weißem Marmor, in das man auf Stu⸗ fen hinabſtieg, und es kam mir vor, als wäre darin Platz für vier Perſonen. Durch vergoldete Hahnen entſtrömte ein laues Waſſer, welches das Zimmer mit balſamiſchen Düften erfüllte. Ich ſtand ganz verwundert da, als ich eine Hand auf mich legen fühlte: es war die alte Türkin, die mich ent⸗ kleiden wollte. Ich ſtieß ſie ein wenig ungeſtüm zurück, was ſie in Erſtaunen zu ſetzen ſchien, denn ſie begann wieder ihre Reden und deutete dabei auf das halb mit Waſſer ge⸗ füllte marmorne Becken. Sie wollte mich offenbar bewegen, daß ich mich bade. „Am Ende erfaßte mich die Ungeduld, und ich lief nach der Thüre, um wegzugehen, doch die verfluchte Thüre war ge⸗ ſchloſſen, und die Alte, welche wohl daran verzweifelte, daß ſie mich zur Vernunft bringen würde„ war durch eine andere 234 entſchwunden. Ich entſchloß mich, niederzuſitzen und zu warten. „Ich wartete nicht lange. Die Thüre, durch welche die hartnäckige Alte weggegangen war, öffnete ſich wieder, und ein Mann erſchien: es war derjenige, welcher mich ſo auf⸗ merkſam auf dem Balle betrachtet hatte, derjenige, welcher glaubte, die ganze Geſellſchaft der ſchönen Damen wäre das Serail des Grafen von D**s, kurz der Sohn des türkiſchen Botſchafters! 3 „„Ah! wir werden uns alſo erklären,““ ſagte ich, als ich den Ottomanen erſcheinen ſah, den ich Italieniſch hatte radebrechen hören. „Der Türke ſchien ſehr erſtaunt, daß ich nicht im Waſ⸗ ſer war. Er fing an von ſeinen Kleidern abzulegen, als ob er hinein wollte. „„Adagio! Signor mio!““ rief ich,„„macht es Euch nicht ſo bequem. Wenn Ihr ein Bad nehmen wollt, ſo war⸗ tet, bis ich weggegangen bin, und ſagt mir ſogleich, durch welche Thüre man die Straße erreicht... Meine Toilette iſt nicht ganz den Umſtänden angemeſſen doch Bei ich bin dieſes Hauſes überdrüſſig.““ „Ich glaube, hätte man dem Türken ſeine Ernennung zum Botſchafter im Monde angekündigt, er würde weniger Erſtaunen kundgegeben haben, als er offenbarte, da er mich ſo ſprechen hörte, und gewiſſe ausdrucksvolle Geberden ſah, wie wir ſie machen, wenn wir von der Leber reden. „„Meine ſchöne Signora,““ ſagte er am Ende,„„Ihr gehort nun mir, das iſt abgemacht.““ 235 „„Ah! was ſoll dies Alles bedeuten? Iſt es eine Ko⸗ mödie? die Entwickelung dürfte häßlich ausfallen, das ſage ich zum Voraus. Machen wir ein Ende! ich will gehen.““ „„Vielleicht weiß ich mich nicht gut verſtändlich zu ma⸗ chen,““ verſetzte der junge Muſelmann;„„ich ſage Dir, daß Du mir nun gehörſt... Ich ſtelle Dich an die Spitze meines Serails in Conſtantinopel... Was der junge Graf D“** für Dich verlangt, ſoll er morgen haben. Vorwärts! in's Bad, la mia bella!““ „Und als der Türke dies ſagte, nahm er mich um den Leib und küßte mich... Ich ſträubte mich. Madonna! ich fühlte es in meinen Adern kochen„ faßte eine von den dicken Nadeln meines Kopfputzes und ſtieß ſie ihm in die Gurgel er ließ mich los... fiel und rollte in das Bad, welches ſich ſogleich mit dem Blute färbte, das er aus vollem Munde von ſich gab. „Da er keinen Schrei ausgeſtoßen, ſo ſprang ich auf einen Pelz zu, den er bei ſeinem Eintritt abgelegt hatte; ich rüttelte heftig an den Thüren, eine gab nach... Ich ſchritt, wie ich konnte, von Zimmer zu Zimmer und erreichte eine Treppe, die mich in den Hof führte; von da gelangte ich auf die Straße, und bald fand ich auch das Ufer der Tiber; ich eilte über den Ponte di San Bartolomeo und kam in kurzer Zeit nach Hauſe, wo ich Alles meiner Tante erzählte, welche zu träumen glaubte. „Es war nicht gut, da zu bleiben. Ich vertauſchte eiligſt meinen Ballſtaat gegen die Sonntagskleider meines Vaters, und begab mich, um mich zu verbergen, begleitet von einem 236 Vetturino, der gerade bei uns war, zu Freunden, welche auf dem Corſo wohnten; ſie nahmen mich gut auf und verſprachen mir, vorſichtig am Morgen Erkundigungen einzuziehen. „Ich habe ſeitdem erfahren, daß der Ottomane nicht todt war. Er hatte nur eine ſehr ſtarke Blutung erlitten, da durch den Stoß ich weiß nicht welche Gefäſſe zerriſſen worden waren. Doch es ſcheint, er hätte wohl in ſeinem parfumirten Bade ertrinken können, wäre nicht einer von ſeinen Bedienten hinzugekommen. In allen Fällen war die Luft von Rom ungeſund für mich, denn das Opfer hätte um ſo leichter Rache erlangt, als der neue Botſchafter vom heiligen Vater ſo em⸗ pfangen worden war, daß die Mißverſtändniſſe beſeitigt wur⸗ den, welche mit ſeinem Vorgänger obgewaltet hatten. Ich reiſte alſo insgeheim nach Neapel ab, wo ſich mein Vater damals befand: dies war überdies der Rath, den mir mein Vetter, der Günſtling des Cardinals, gab. „Soll ich Euch nun ſagen, was geſchehen war, wenn Ihr es noch nicht errathen habt, Signori miei? Es war ein Spaß des jungen Grafen D*s, der dies Alles veranlaßt hatte. „Es begab ſich, wie folgt: als der junge Muſelmann, der, wie geſagt, am Morgen in Rom angekommen war, auf dem Ball die anweſenden ſchönen Damen für den Stand des Se⸗ rails des Botſchafters hielt und ſich bei dieſer Gelegenheit ſo warm zu meinem Lobe gegen den jungen Frauzoſen ausdrückte, beluſtigte ſich dieſer mit dem Irrthum des Türken und er⸗ wiederte: 237 „„Dieſe Frau gefällt Euch alſo ſehr, Ben Ismael Tarik?““ „„Ungeheuer!““ rief der Ottomane aus...„„und wenn Euer Vater ſie mir abtreten wollte, ſo würde ich auf der Stelle zehn tauſend Zechinen geben.““ „„Mir ſcheint, die Sache dürfte nicht unmöglich ſein... Ihr müßt Euch, wenn es gelingen ſoll, nur mit ihr ver⸗ ſtändigen.““ „„Wie glücklich macht Ihr mich! Ich werde mit Eurer Erlaubniß ſogleich die nothwendigen Maßregeln nehmen.““ „„Verſtändigt Euch mit ihr, ich wiederhole es... das iſt das Beſte, was Ihr thun könnt. Zehn tauſend Zechi⸗ nen. wir werden das Mädchen nicht zwingen, bei uns zu bleiben, da ſie hiedurch eine ſolche Summe verlieren könnte.““ „Ganz nur von ſeiner Idee eingenommen, gab ſich der verliebte Muſelmann keine genaue Rechenſchaft von den Worten des jungen Grafen, der offenbar mit etwas Bosheit bei dem zu Werke ging, was er mit ſeinem franzöſiſchen Geiſte als einen Scherz betrachtete. Doch ſtatt daß er einfach mit mir zu ſprechen ſuchte, um die ſeltſame Unterhandlung anzuknüpfen, wie es ihm der Sohn des Botſchafters ohne Zweifel mit etwas Groll im Herzen gerathen hatte, benahm ſich Ben Ismael Tarik gegen mich, wie Ihr ſchon wißt... das heißt auf eine ganz türkiſche Manier! Man weiß auch, wie ich ihn darüber belehrte, daß es in Rom ſeit Nero keine Sklaven mehr gibt, die man wie eine gekaufte, bezahlte oder auf die Probe ge⸗ nommene Sache behandelt.. „Um dieſe Epiſode zu beendigen, ſage ich Euch, daß der 238 Scandal kluger Weiſe durch die Sorge des alten Grafen von Das unterdrückt wurde, da er wußte, welchen Antheil ſein Sohn an der Urſache dieſes Scherzes hatte. Er beruhigte den türkiſchen Botſchafter, indem er ihm vorſtellte, wie lächer⸗ lich ſein Haus durch dieſe ſeltſame Scene der Naivetät ſeines Sohnes werden würde, und inſofern dieſer am Ende eine mehr blutige als ernſte Wunde erhalten hatte, ſo ſchwieg man über die Sache; nur ließ die gute Gräfin meiner Tante ſagen, ſie rathe mir, einige Zeit entfernt zu bleiben, obgleich ich im Ganzen nichts zu befürchten habe; dem fügte ſie eine Summe Geldes für mich bei.“ Nach dieſen Worten ſchwieg die ſchöne Ghita, und ihr Geſicht nahm wieder jene ſeulpturale Unbeweglichkeit an, welche ſie zuweilen während ihrer Erzählungen verlaſſen hatte. „Nun! wie kommt Ihnen das vor?“ fragte mich fran⸗ zöſiſch der verliebte Maler.„Als ſie die Scene mit dem Bade erzählte, ſah da die griechiſche Schönheit ſo albern aus?“ „Sie hatte eine ſchlimme Miene, die mich durchaus nicht verführte,“ antwortete ich. „Ah! welche Frau!“ rief der Künſtler;„von einer ſol⸗ chen Seele geliebt zu ſein!“ „Das iſt keine Seele,“ ſagte ich,„es ſind Nerben?... „Langweilen Euch meine Geſchichten?“ fragte das Mo⸗ dell mit einem nicht gar zu liebenswürdigen Tone.„Beklagt Ihr zufällig den Muſelmann? In dieſem Fall könnte ich Euch mein letztes Abenteuer nicht erzählen?“ Wir betheuerten unſere innigſte Theilnahme und baten ſie, fortzufahren. 5 239 Sie wollte trinken; man ließ ihr Sorbet holen, und wir legten Kreide und Palette nieder. Seltſame Schamhaftigkeit! Sobald wir ſie nicht als Mo⸗ dell nahmen, ſchien ſie äußerſt verlegen über ihre Entblößung. Sie hüllte ſich in ihre Haare. Ich machte S. hier⸗ über eine Bemerkung. „Das iſt wie bei den Tänzerinnen,“ ſagte er;„ſie ver⸗ bergen ſich vor den Blicken, wenn ſie in den Couliſſen ein Knieband, eine Schleife zu befeſtigen haben, während einen Augenblick nachher tauſend Perſonen ihre Formen nach Wohl⸗ gefallen lorgniren. Ghita muß dies bei ihrem Charakter über⸗ treiben; ich könnte ſie beſtimmen, mir als Andromeda ʒu ſte⸗ hen, und wenn ich es in ihrem Hauſe wagen würde, ihren Ellenbogen zu berühren 4„ „So würden Sie von ihr erdolcht!“ rief ich lachend. Der Sorbet kam. S. war träumeriſch. Ich wußte, daß er in wenigen Monaten eine von ſeinen Coufinen heirathen ſollte, ſeine Familie ſollte ihn ſogar in Rom abholen. Dieſe Künſtlerleidenſchaft kam ſehr ungelegen; ich hätte gern den Enthuſtaſten davon abgebracht. Sich mehr enthüllend, unterjochte leider Ghita auch mehr den armen Maler, der die Einbildungskraft eines Dichters beſaß. „Ich beſchloß alſo mehr als je auf meinen Epigrammen über das ſeltſame Modell zu beharren und ſogar meinem ge⸗ heimen Gefühle entgegengeſetzte Meinungen auszuſprechen, wenn 240 vies einen guten Einfluß auf die lebhafte Phantaſie von S zu üben vermöchte. Nachdem ſie eine Viertelſtunde geſtanden hatte, ſetzte ſich Ghita wieder auf den Divan, der Künſtler gruppirte und ordnete das ſchwarze Haar, wie es ihm entſprach, und die Er⸗ zählung nahm ihren Fortgang. Vierter Dolchſtoß(gegeben). „Ich war ſeit ſechs Monaten in Neapel. Mein Vater vefand ſich in Folge des Dienſtes ſeiner Gefährte mehr in dieſer Stadt oder in der Nähe derſelben. Der gute Mann alterte und litt häuſig an Schmerzen, welche von einem ein paar Jahre vorher ſchlecht geheilten Sturze herrührten. Ich pflegte ihn nach meinen Kräften; wir bewohnten ein kleines Haus neben der Kirche San Domenico Maggiore, wo die Remiſe unſerer Caleſſini war. „Eines Tags ſah ich einen Lazzarone, der von Haus zu Haus kleine gedruckte Zettel austheilte, welche Jedermann mit Begierde las. Ich ging hinab, um auch einen zu bekom⸗ men. Es war die Ankündigung einer Beneficiata beim Teatro del Fondv. Da mich dies nicht intereſſirte, ſo wollte ich eben das Papier wegwerfen, als ein mit den dick⸗ ſten Buchſtaben gedruckter Name meine Augen auf ſich zog: es war der von Carlino. „Er befand ſich ſeit mehreren Monaten in Neapel, wie ich ſpäter erfuhr; ich aber hatte nichts davon gewußt; in Folge unſerer Angelegenheit in Florenz hatte er zum zweiten Male — — 241 mit ſeinem Impreſſario gebrochen und ſich bei einer anderen Geſellſchaft engagirt. Sein Talent hatte ſich mittlerweile ent⸗ wickelt und er erfreute ſich in dieſem Augenblick eines großen Beifalls in Neapel. Das Bulletin, das mich in meiner Ein⸗ ſamkeit aufgefunden, kündigte eine Vorſtellung zu ſeinem Vortheil an; er ſollte in drei Stücken erſcheinen und im Zwiſchenakt die Cavatine aus Sapho vom Maeſtro Paceini ſingen: „Eine ſeltſame Erſcheinung! nach Allem, was zwiſchen uns vorgefallen, verſetzte mich die Erinnerung an den Mon⸗ teggiano in eine außerordentliche Unruhe. Zwanzigmal las ich die Ankündigung, welche ſo unſeliger Weiſe in meine Hände gekommen war, und die Lobeserhebungen, die man al primo attore, l'egregio signore Carlino ſpendete, ſtiegen mir in den Kopf. Es war, als ob ich La⸗ erymä⸗Chriſti⸗Wein getrunken hätte, von dem ich einmal, wie ich mich erinnere, in Rom beim Botſchafter koſtete, wonach ich nicht mehr wußte, was ich dachte.. So oft ich dieſe un⸗ heilvolle Ankündigung wieder las, geriethen meine Gedanken aufs Neue in Unordnung, und dennoch wurde ich immer und immer darauf zurückgeführt. Ich ſah Carlino beklatſcht, her⸗ ausgerufen, Blumen empfangend, im Triumph fortgetragen.. ich faßte für ihn Alles zuſammen, was ich in Rom von den Tollheiten hatte erzählen hören, die das Publicum für die be⸗ rühmten Sänger des Teatro Valle begeht, und mir ſchien es, als müßte ich nun ſtolz ſein auf den Dolchſtoß, den er mir ein Jahr zuvor gegeben hatte... Ich war wahnfinnig!“ Der Erzähler. 1847. U. 16 242 Hätte mich S in dieſem Augenblick auf mein Ge⸗ wiſſen gefragt, ſo wäre ich genöthigt geweſen, ihm zu antwor⸗ ten, Ghita ſei ſchön. Ihre Phyſtognomie hatte nun einen Ausdruck, daß ich begriff, man könnte ſtolz darauf ſein, ihn aus der gewohnlichen Unempfindlichkeit ihrer Züge hervorzurufen. Ihr Auge wiederſtrahlte von Leidenſchaft; der geſpannte Bogen ihrer Brauen drückte mehr die Begeiſterung, als die Grauſam⸗ keit aus, die ich zuweilen darin fand, und ihr Mund hatte ſeine gewöhnliche Verachtung verloren, um ſich beinahe wol⸗ küſtig hervorzuheben; ihr Buſen ſchlug unter den Haarflechten, die ihn nur ſchlecht verhüllten. Ich ſchaute den Maler an... er hielt ſich den Kopf wie ein Verzweifelter. „Sie liebt ihn immer noch,“ murmelte er. „Ja, dergeſtalt, daß ſie ihn ohne Zweifel getödtet hat,“ erwiederte ich;„das iſt eine nachgeborene Liebe.“ Ghita fuhr fort: „Das war ſtärker als ich; ſobald der Abend kam, klei⸗ dete ich mich, trotz aller meiner ſchönen Vorſätze, als Mann an und begab mich ins Theater. Mein Vater war mit Eng⸗ ländern abgereiſt, die er nach Salerno führte, und ich konnte frei mit mir ſchalten und walten! Ich kam etwas ſpät nach dem Fondo; denn unruhig, wie ich war, verirrte ich mich in den kleinen Gaſſen, da ich es in meiner Verkleidung nicht gewagt hatte, den Weg durch die Strada di Toledo zu neh⸗ men. Als ich in das Theater eintrat, zitterte der Saal von Beifallsgeſchrei. Es waren:„Bravo!“ und:„Evviva!“ daß man nicht mehr wußte, wohin man ſie thun ſollte! ein 243 betäubender Lärmen! Das Parterre war voll bis in den Gang und ich hatte furchtbare Noth, um durchzuſchlüpfen. Der⸗ jenige, welchem dieſer Beifallsſturm zu Theil wurde, war⸗Car⸗ lino. Er war prachtvoll nach der Weiſe der Albaneſer ge⸗ kleidet, denn man gab ein Stück über einen modernen griechi⸗ ſchen Stoff. Ich erblickte ihn nur einen Augenblick: er ging zum dritten oder vierten Male vor dem Vorhang vorüber, um das Publicum zu begrüßen und ſich zu bedanken, und hiebei benahm er ſich wie nicht einer von den vornehmen Herren, die ich bei dem Botſchafter geſehen hatte, obgleich er es nur mit Leuten aus dem Volke und aus den Buden zu thun hatte. „Ein Stück war geſpielt. Das zweite war eine Farce nach franzöſiſcher Manier; Carlino gab eine komiſche Rolle: einen Liebhaber, der ſeine Geliebte unter der Eiferſucht eines Ehemanns verfolgt. Er war gekleidet ungefähr wie zur Zeit, wo er in Rom lebhaft, munter, zierlich, reizend unter meinem Fenſter vorüberging. Man ſagte neben mir, er wäre eben ſo gut im Komiſchen als im Tragiſchen. Die Frau, auf welche er es im Stück mit ſeiner Leidenſchaft abgeſehen hatte, war eine hübſche kleine Brunette, die ſich Fiorentina nannte, weil ſie von Florenz war, wie ich ſpäter erfuhr. Sie ſpielte auch vortrefflich; ſie hatten ſo witzige Manieren, ſich anzuſchauen, daß man beſtändig applaudirte, wenn ſie eine Scene mit ein⸗ ander gaben; und das Publicum, das für ſie gegen den Eifer⸗ ſüchtigen Partei nahm, ziſchte und pfiff gegen dieſen dergeſtalt, daß der arme Schauſpieler, dem dieſe Rolle übertragen war, 244 ganz aus der Faſſung kam*). Ich geſtehe, daß mir dies eine Art von Zorn, eine Kälte im Herzen verurſachte, welche wie ein Vorgefühl wirkte. „Dieſes Stück bereitete mir zugleich Vergnügen und Pein, ich war glücklich und ich litt. In dem folgenden Zwi⸗ ſchenakt mußte Carlino fingen: dies war ein Talent von ihm, das ich kaum kannte, denn ich hatte ihn höchſtens ohne Folge trällern hören. Er trat in die Scene, als Römer gekleidet, wie Faone in der Oper Sappho. Der geſcheite Menſch wußte, daß er ein hübſcher Junge war, und ließ keine Gelegenheit vorübergehen, aus dieſer Naturgabe Vortheil zu ziehen. Er ſang.. und ich war erſtaunt, denn er beſaß wirklich eine ſchöne, weiche, ſympathiſche Tenorſtimme voll Ausdruck... Ah! der Birbante! Der Teufel hatte Alles für ihn gethan. Als er an folgende Verſe der Cabaletta kam: Mai piu, mai piu divi-i isero Ah! cara non saremo, no! Sola una tomba avre-e-eemo! (Ghita ſang das Motiv), da fühlte ich mein Herz aus mir entfliehen, als wollte es auf ſeine Lippen ſchweben und hier dieſe leidenſchaftlichen Worte auffaſſen, die mir die Zu⸗ kunft zu verheißen ſchienen. Sobald er geendigt hatte, ver⸗ nahm man wieder ein Klatſchen und Schreien, wie es nur Ronconi und Moriani allein gehört haben. Er wurde ich *) Dies liegt ganz in den Sitten des Volkes im Süden Italiens, ſo daß ſich häuſig kein Schauſpieler findet, der die Rolle des Verräthers übernehmen will. weiß nicht wie oft gerufen; als er zum letzten Male er⸗ ſchien, weinte ich... ich vermöchte nicht zu ſagen, wa⸗ tum.. es geſchah unwillkührlich... die Erſchütterung! Ich legte die Hand auf die Narbe der Wunde, die er mir beigebracht hatte, und es kam mir vor, als öffnete ſie ſich wieder, um meiner Seele und meinen Seufzern Durchgang zu laſſen. Ganz außer mir rief ich ein ſo ſcharfes, ſo ſchrilles Bravo! daß alle Anweſenden, nicht gewohnt, Frauenſtimmen mit ſolchen Kundgebungen ſich vermiſchen zu hören, mich mit den Augen ſuchten... und Carlino ſelbſt ſchien ſeine Blicke in das Parterre tauchen zu wollen, wo ich verborgen war. . Dieſer Schrei hatte ihm wohl Alles geoffenbart. „Man ſagte in meiner Nähe, die Dianora ſpiele im letzten Stücke.. Ich fühlte eine Art von Abneigung, ſie wieder zu ſehen... überdies war ich ſo bewegt, ſo erſchüt⸗ tert, daß es für mich ein Bedürfniß war, wegzugehen... Das war genug für einen Abend: ich entfernte mich. „Ich hatte eine Nacht voll der heftigſten Gemüthsbewe⸗ gungen: das Fieber ſchüttelte mich, ich konnte nicht ſchlafen, und wenn ich einen Augenblick entſchlummerte, wurde ich von den bizarrſten Träumen heimgeſucht. Vergebens wollte ich meine Vernunft zu Hülfe rufen, um das Uebel zu beſchwören. Unmöglich, das war ſtärker als ich. „Am andern Tage gelang es mir jedoch, ein wenig Herr⸗ ſchaft über dieſe Tollheit zu gewinnen, welche ich wohl als eine ſolche erkannte, und ich bemühte mich, alle Urſachen des Grolls aufzuzählen, die ich gegen denjenigen hatte, welcher eine ſo ſeltſame und geheimnißvolle Gewalt über mich ausübte. 246 Ich bekam einen ruhigeren Tag, als ich hatte hoffen können, denn die Erinnerung an die Cecchina leiſtete mir Beiſtand. Was ſeinen Mordverſuch betrifft, ſo konnte ich ihn leider nicht anders, denn als einen Beweis von Liebe und Leidenſchaft betrachten, ſtatt darin ein Werk der Rache für getäuſchte Hoffnungen zu ſehen. Als der Abend und damit die Stunde kam, wo ich ihn im Theater ſehen konnte, faßte mich mein Delirium wieder. Zum Glück kehrte mein Vater von Salerno zurück... Ich konnte nicht ausgehen. „Was ſoll ich Euch ſagen, Signori? Während der dar⸗ auf folgenden paar Tage war es eine beſtändige Abwechſelung von Irrwahn und Anſtrengungen der Vernunft, ſo daß ich am Sonntag, da mein alter Vater mit Reiſenden hatte weg⸗ fahren müſſen, in den beſuchteſten Straßen umherſchweifte, in der Hoffnung, ihm zu begegnen, ſo wenig hatte ich Geduld bis zum Abend, bis zur Stunde des Schauſpiels zu warten. Ich ließ mich von einer meiner Nachbarinnen begleiten, um nicht das Ausſehen einer Zingarella*), einer Straßenläuferin zu haben. So begab ich mich nach der Villa Reale, wo ganz Neapel am Nachmittag ſpazierenging. Müde, unter die⸗ ſem Gedränge umherzuirren, ſetzte ich mich mit meiner Ge⸗ fährtin und ſah in allen Richtungen dieſe wohlgekleideten Spaziergänger ſich durchkreuzen und vorüberziehen. Zufällig wandte ich mich halb um, ich erblickte„ eine Blendung befiel mich, daß ich glaubte, es tanze Alles in den Gärten ich erblickte, ſage ich, ein Paar, das ſtehen geblieben *) Zigeunerin. 247 war und mich kichernd anſchaute... Er war es! er hatte die Fiorentina am Arm, oder die Dianora, will ich ſagen 4 (Es entging mir nicht, daß Ghita von dem Augenblick, wo ſie zu dieſer letzten Phaſe ihrer Erzählung kam, es, wie es ſchien, abſichtlich vermied, den Monteggiano zu nennen, den ſie bis dahin offenbar mit einem gewiſſen Vergnügen auf eine vertrauliche Weiſe unter dem Namen Carlino bezeichnet hatte. Fortan erwähnte ſie ſeiner nur mit Partikeln, welche übrigens mit ſehr tiefem Ausdruck geſprochen wurden.) „Ich glaube, ſie bemerkten, daß ich ſie geſehen hatte, denn ſo viel ich bei meiner erſten Unruhe beurtheilen konnte, entfernten ſie ſich ſogleich... Doch kaum hatte ich mich von dieſem erſten Eindruck erholt, als ich unfern von mir lachen horte und Beide auf einer Bank in meiner Nähe ſitzen ſah. „Er ſchien ſich nicht ganz behaglich zu fühlen, und es war mir, als machte er ihr Vorwürfe. ſie, die Dianora, ſchaute mich lachend und mit einer ſo hohniſchen Miene an, daß mein Blut vor Zorn bei dieſem frechen Angaffen zu kochen anfing.. denn ſie nahm nun wirklich, und ohne ſich um meine wüthenden Blicke zu bekümmern, eine Art von Prüfung meiner Perſon vor. Ohne Zweifel harte er mit ihr von mir geſprochen... über den Schrei, den ich am Abend der Beneficiata ausgeſtoßen, vielleicht.. und ſie hatte in mir eine Nebenbuhlerin erkannt, die ſie demüthi⸗ gen wollte; eitel und ſtolz wie eine Tochter des Arno hatte ſie mit Eifer dieſe Gelegenheit ergriffen, um eine Römerin, eine Tochter des alten Volkes, wie ich eine bin, zu erniedrigen. Er, das begriff ich wohl, litt unter dieſem Benehmen, und . 248 als ich mich von miner erſten Unruhe erholt hatte, ſah ich ein, daß ſie es war, welche dieſe Gelegenheit geſucht, um mich zu verhöhnen Ich brauche Euch nicht zu ſagen, wie ſehr ich ſie mit einem Schlage haßte, und wie ich ihm im Gegentheil Dank wußte für das Unbehagen, das ihm dieſe Lage bereitete, welche nur für ihn erträglich geweſen ſein dürfte, wenn er wirklich ſo feig und unwürdig geweſen wäre, wie er mir Anfangs vorgekommen!“ „Nun vertheidigt ſie ihn!...“ unterbrach ſie S... der nicht mehr malte, ſeitdem Ghita wieder von dem Mon⸗ teggiano zu ſprechen angefangen hatte;„wie liebt ſie ihn!“ „Ja,“ erwiederte ich,„ſo daß ſie ihm am Ende die Haut durchlöchert haben wird.“ „Was wäre daran gelegen!“ murmelte der arme Künſtler. Ghita fuhr fort: „Ich that mir auch keinen Zwang an, wie Ihr Euch wohl denken könnt; ſobald ich wieder Herrſchaft über mich erlangt hatte, prüfte ich ebenfalls dieſe Dianora, der die Täu⸗ ſchungen und Mittel der Scene Schönheit verleihen konnten. Doch ich bin gerecht, es war am Tag wie am Abend ein hübſches Mädchen. Sie hatte braune Haare, blaue Augen und ſchöne Zähne. Vielleicht ein wenig fetter, als es ſich geziemt, um die Eleganz zu behalten, nach der Anſicht der Maler, die ich höre, ſchien ihr Körper weiß und friſch: es war im Ganzen, wie die jungen Leute vom Corſo ſagen, ein appetitliches Geſchöpf. Ich war wüthend, daß ich ſie ſo hübſch fand, denn das Theater ſchmeichelte ihr nicht: ſobald ſie mich ſo prüfend angeſchaut ſah, beſtrebte ſie ſich, gegen ihn Ma⸗ 249 nieren und Stellungen anzunehmeu, die mir keinen Zweifel über ihre Vertraulichkeit ließen. Als ſie weggehen wollte, nachdem ſie mich nämlich gehörig betrachtet und ſich von mir hatte als eine ihrer Sache ſichere Frau betrachten laſſen, ſtand ſie auf und gab einen Fächerſchlag auf die Schulter ihrem Cavalier, der ſich ſeit einigen Augenblicken ſtellte, als ſchaute er auf die Seite, welche der entgegengeſetzt war, wo Dianora und ich uns mit den Augen maßen; nach dieſem Zuge, der gleichſam die Sklaverei des Einen gegen das An⸗ dere bezeugte, entfernten ſie ſich. „Ihr begreift, daß ich Abends in das Theater zu gehen mich nicht enthalten konnte. Sie ſpielten Beide in einem aus dem Franzöſiſchen überſetzten Drama, und durch ein ſeltſames Zuſammentreffen der Umſtände hatte die Stellung, die er ihr gegenüber einnahm, große Aehnlichkeit mit unſerer wirk⸗ lichen Lage. Dianora gab die Rolle einer Frau, welche die Stelle einer Rivalin einnimmt und ſich von ihrem Geliebten heirathen läßt. Ich verſetzte mich ſo ſehr in das Innere der Perſonen dieſer Handlung, daß es mir vorkam, als ginge Alles, was das arme verlaſſene Mädchen ſagte, durch meinen Mund. Hiedurch fühlte ich meinen Haß nur um ſo mehr gegen dieſe Gräfin des Drama zunehmen, welche in Wirklich⸗ keit die Dianora war. Dagegen begeiſterte ich mich auch immer mehr für einen Chevalier, den er darſtellte, und ſeine Gewiſſensbiſſe ſchienen mir an mich gerichtet zu ſein. Als das Opfer der Intrigue ſich am Ende des Stückes vergiftete, rief ich: „„Sie muß zuvor getödtet werden!““ 250 „Zum Glück drang meine Stimme nicht bis zum Theater, und einige Perſonen in meiner Nähe nahmen meinen Ausruf für einen von den Scherzen, welche in Neapel an der Tages⸗ ordnung ſind. „Er hatte, wie mir dünkte, im Verlaufe des Abends mehrere Male ſeinen Blick unruhig auf der Platea umher⸗ laufen laſſen. Suchte er mich hier? ich wagte es, dies zu glauben. Da mich dieſe Ungewißheit, dieſe Hoffnung, ſelbſt unter einer Verbindung, die ihn ganz und gar in Anſpruch nehmen mußte, immer mehr exaltirten, ſo entſchloß ich mich, einen entſcheidenden Schritt zu thun. „Ich erinnere mich nicht, ob ich Euch erzählte, daß ich in der Nacht des Abenteuers bei dem türkiſchen Botſchafter, nachdem ich den Unverſchämten in ſein Bad geſtürzt, mich eines Kaftans bemächtigt hatte, um mich darein zu hüllen und zu entfliehen... In dieſem Kaftan fand ſich nun ein klei⸗ ner Dolch, den ich behielt, obgleich ſpäter das Kleidungsſtück dem Muſelmann zurückgeſchickt wurde. Dieſer Dolch, eine hübſche kleine Waffe, welche einen Theil der Nationaltracht von Ben Ismael Tarik bildete, hatte mich ſeit meiner letzten Kriſe nicht verlaſſen, da ich entſchloſſen war, mich deſſelben gegen mich zu bedienen, wenn mich der Zorn des fremden Geſandten mit einer Beſchimpfung bedrohen würde. Doch kommen wir auf meinen Plan zurück. „Was hatte ich mir in den Kopf geſetzt, um in den Augen meines Stolzes dieſen tollen Schritt zu rechtfertigen? Ich bildete mir ein, in Folge ſeines erſten Benehmens gegen mich von wahren Gewiſſensbiſſen berührt, habe er ſich nur —— — —— —. ——— 251 in eine zweite Intrigue geworfen, um ſich zu betäuben... und bei meinem Anblick ſeien in ihm die Gefühle reiner wieder⸗ erſtanden, welche er einſt durch einen Gedanken der Verdorben⸗ heit gebrandmarkt.„„Er wird die Kataſtrophe bei dem Tür⸗ ken erfahren haben,““ ſagte ich zu mir,„„er wird eingeſehen haben, daß ich ein tugendhaftes Mädchen bin, und brennt vor Begierde, das Böſe, das er mir zugefügt, und das in meinem Herzen ſchon beinahe verwiſchte Unrecht wieder gut zu machen. 44 Dieſe verſöhnliche Auslegung ſeines Be⸗ nehmens gegen mich, war mir übrigens zum größeren Theile durch das Drama eingeflößt worden, das ich hatte darſtellen ſehen, und deſſen Analogien meine getäuſchte Seele einen Augenblick im Ernſte genommen hatte. „Um in meinen Handlungen freier zu ſein, war ich ſo vorſichtig, mich als Mann zu kleiden. Es blieb mir übrigens ſehr wenig Zeit, den Verſuch zu machen, mein Glück oder das, was ich dafür hielt, wiederzuerobern, denn mein Vater ſollte jeden Augenblick ankommen, und er hatte mir ſagen laſſen, da er ſich nicht wohl fühle, ſo beabſichtige er, nach Rom zurückzukehren, wo ich fortan, wie er feſt überzeugt ſei, ohne Gefahr wiedererſcheinen könne. „Ich hatte in Erfahrung gebracht, wo er wohnte; ſie wohnte bei ihm und ſo blieb mir kein Zweifel über die Be⸗ deutung ihres Verhältniſſes. Ich gedachte um die Stunde, wo die Komödianten ihre Proben halten, zu dem Portier des Theaters zu gehen, und ihm ſagen zu laſſen, ein Mann ſei unten und wünſche ihn zu ſprechen. Es war nicht wohl an⸗ zunehmen, Dianora werde ihm folgen... wir würden alſo 252 Zeit haben, uns zu erklären, oder wenigſtens eine andere Zu⸗ ſammenkunft zu verabreden. „Ich machte es ſo, aber der Zufall trat mir entgegen. Er war mit ihr weggegangen, da er die Probe abgekürzt hatte, um einen Ausflug nach dem Paufilippo zu machen. Ich kehrte nach Hauſe zurück, als mir, ich weiß nicht wie, der Gedanke kam, ebenfalls nach Noſtra Donna del Parto zu gehen. Ich war ſo gekleidet, daß ich nicht Ge⸗ fahr lief, erkannt zu werden, und verbarg ſogar aus Vorſicht einen Theil meines Geſichtes unter meinem Faſſoletto; ich zögerte nicht und begab mich auf den Weg. Ich ging längs der Villa Reale hin und ſchritt entſchloſſen auf der Landſtraße fort, welche, wie Ihr wißt, ganz mit ſchönen Häuſern beſetzt iſt. Ich dachte wohl, meine Spaziergänger hätten ſich nicht der Grotte zugewendet, welche den Weg nach Puzzuoli abkürzt, ſtieg bis zum Grab von Virgil hinauf, und ſchritt, nachdem ich mich verſichert hatte, daß ſie nicht da waren, auf dem Berge fort. „Wohin ging ich? was ſuchte ich? was war mein Zweck? wahrhaftig, ich vermöchte es nicht zu ſagen. Eine Macht, welche von meinem Willen nicht zu überwinden war, eine Unüberlegtheit, welche meiner Vernunft Feſſeln anlegte, zog mich fort... WMeine Verkleidung vermehrte meine Kühn⸗ heit, ich wußte ihn dort und wollte auch dabei ſein. Ich hatte keine andere beſtimmte Abſicht, als ihn zu ſehen.. und ſie mit einander ſehen war nicht einmal ohne eine ge⸗ wiſſe Wolluſt für mich... unter dem, was ich dadurch lei⸗ den konnte. Hatte ich mich dabei nicht auch überzeugt, daß 253 ihm dieſe Verbindung peinlich, verhaßt war, ſeitdem er mich wiedergeſehen? Hatten ſich die Dinge nicht ſo in dem Drama er⸗ eignet, worin er die Hauptrolle ſpielte?... Ich hoffte, mich 6 nur von ihm erkennen zu laſſen, wenn es der Zufall ge⸗ ſtattete, während ich ihr unbekannt bleiben würde.. Sfelt⸗ ſame Gefühle würden mich erfaſſen, wenn ich ihnen folgte, ſie beobachtete.. Was wollt Ihr, Signori miei?... ich war halb wahnſinnig. „Ich wanderte lange ſo, ich glaube, ohne zu denken, aber nicht ohne zu fühlen. „Ich gelangte bis zum Gipfel des Paufilippo, als ich auf einem Fußpfade, der an der Seite des Berges nach dem Meere zulief, zwei ſitzende Perſonen erblickte, welche den Horizont anſchauten. Ich erkannte ſie auf der Stelle, trotz der Entfernung. Sogleich nahm ich dieſe Richtung. „Der Ort, wo ſie ſich befanden, war auf verſchiedenen Punkten durch Felsmaſſen beſchützt, welche von der Erde em⸗ porragten. Sie ſaßen unter einem dieſer Felſen, der gleichſam wenn ich vorſichtig gegen die Felſen vorrückte, könnte ich mich ihnen nähern und ſie hören. „Sachte ſchritt ich weiter, und nachdem ich, beſchützt durch das Gebüſch, einige hundert Schritte gemacht hatte, konnte ich wirklich die Felsmaſſen erreichen, unter denen ſie waren. Er beluſtigte ſich damit, daß er Steine in den leeren Raum warf, und ſchien zugleich auf Dianora zu horchen, die ihm lachend ich weiß nicht was erzählte. Ich glühte vor Verlangen, ſie zu hören. Hinter ihnen und nur durch die den Karnieß zur Böſchung des Weges bildete. Ich dachte, 254 Breite des Fußpfades von dem Punkte getrennt, wo ſie ſaßen, war ein Felsblock von großem Umfang: wenn ich dieſe Stelle erreichte, vermochte ich ihr Geſpräch zu belauſchen; zu dieſem Behufe mußte ich aber einen freien Raum durchſchreiten, wo man mich ſehen konnte, wenn ſich das Eine oder das Andere umwandte. Ich dachte jedoch, meine Tracht würde mich ſchützen, wagte es, dieſen Raum zu durchſchreiten, und es gelang mir. Ich war nun zehn Schritte über ihnen verborgen durch Gra⸗ nitblöcke von jeder Größe, welche aus dieſem, vielleicht von Banditen bereiteten, Zufluchtsort gleichſam eine von einem ein⸗ geſtürzten Baudenkmal gemachte Wache bildeten. „Behutſam den Kopf zwiſchen den Steinen vorſtreckend, horchte ich und vernahm Folgendes: „„Du wirſt alſo nicht eiferſüchtig ſein?““ ſagte er. „„Nein... doch unter der Bedingnng, daß Du mir Alles ſagſt. und daß Du ſie nur ein einziges Mal ſiehſt... Barbaja bietet Dir ein Engagement als Tenor bei einer von ſeinen Geſellſchaften an; Du machſt zum Vor⸗ aus eine Scritura und in der Nacht des Rendez⸗beus reiſen wir ab.““ „„Aber wie ſie dazu bringen?““ „„Kennſt Du die Weiber ſo ſchlecht? eine Römerin! eine Trasteverinerin beſonders! Ah! glaube mir, ich habe es neulich bei der Villa⸗Reale in ihren Augen geleſen. ſie iſt wahnſinnig in Dich verliebt... und gerade wegen deſſen, was zwiſchen Euch vorgefallen iſt, und mehr noch, weil ſie ſieht, daß Du einer Andern gehörſt.. Doch Du ſchwörſt mir wenigſtens, daß Du ſie nicht liebſt.““ „ 255 „„Das wäre eine ſehr verſpätete und ſehr unzeitige Liebe,““ erwiederte er, ohne daß ich, in dieſem grauſamen Augenblick mit einer wunderbaren Feinheit des Gehörs begabt, eine von den Shlben verlor, die mir bald eine um die andere wie Tropfen glühenden Bleis auf das Herz fielen...„„Habe ich Dir nicht erzählt, daß ich ſie nur, gereizt durch die Son⸗ derbarkeit des Quiproquo, das mir die... arme Cecchina mitgetheilt hatte, entführte? Ohne ihre Flucht aus Florenz am Abend der erſten Recita ſiegte ich mit Hülfe jenes nar⸗ kotiſchen Mittels.““ „„Und Du haſt Dich nicht gerächt? So von dieſer Ma⸗ ria di ligno hintergangen zu werden, wie wir ſagen!““ „„Vergiſſeſt Du, daß ich durch einen Meſſerſtich ihre Verheirathung mit dem verfluchten Gianpietro zu allen Teu⸗ feln ſchickte?““ „„Du ſchwörſt mir alſo, daß Du ſie nicht liebſt?““ „„Heute weniger als je... wenn das möglich iſt.““ „„Nach dem, was ſie Dir gethan hat, mußt Du ſie haſſen.“. „„Ich haſſe ſie.““ „„Denn ſie hat Dich hintergangen.““ „„Ich werde ſie gleichfalls hintergehen.““ „„Es iſt gut! doch ich haſſe ſie noch mehr als Du, denn ſie liebt Dich; und in ihrem Geſichte habe ich eine ge⸗ wiſſe Sicherheit geleſen, aus der man ſchließen ſollke, ſie halte mich nicht für ein Hinderniß bei ihren Plänen... ſie ſchien zu ſagen, es werde für ſie genügen, ſich Dir zu zeigen, da⸗ mit Du ihr folgeſt und mich verlaſſeſt... Wenn Du hät⸗ 256 teſt ſehen können, welche Blicke ſie mir zuſchleuderte!.. es lag darin zugleich Haß und Verachtung, Geringſchätzung und Mitleid... Ah! die Elende ſoll mehr noch durch die Schmach, als durch Deinen Dolch beſtraft werden.““ „„Schändliche!““ rief ich, unfähig, den Ausbruch mei⸗ ner Entrüſtung länger zurückzuhalten. Niederträchtige Ge⸗ ſchöpfe, ſeid vernichtet!!!““ „Und von einer unbändigen Wuth erfaßt, ſtieß ich auf ſie einen großen Stein hinab, der im Gleichgewicht auf der Felsſpitze lag. Die Dianora, welche ſich zuerſt umgedreht hatte, machte, als ſie mein Vorhaben wahrnahm, eine raſche Bewegung rückwärts, die ſie rettete... Er wurde dagegen ge⸗ troffen, oder führte er ſein Verderben durch das Ungeſtüm einer Bewegung des Schreckens herbei? ich vermöchte es nicht genau zu ſagen: es iſt nur gewiß, daß er unter dem Karnieß verſchwand. „Aber die ſchändliche Dianora, die verhaßte Aſpaſta der Couliſſen ſollte meiner Rache eitkommen; mit zwei Sprüngen war ich auf dem Weg, und ehe ſie Zeit hatte, ſich zu befin⸗ nen, tauchte ich ihr meinen türkiſchen Dolch in die Bruſt und ſtieß ſie in den Abgrund, wo ich ihren Körper von Vorſprung zu Vorſprung fallen, ſich an den Granitſpitzen zerreißen und in der Ferne im Schaume des einen Augenblick blutig geworde⸗ nen Meeres verſchwinden ſah. „Ich ſchaute umher. kein Zeuge dieſer Scene! ich entfloh. „Raſch kehrte ich nach Neapel zurück; mein Vater kam eben von der Reiſe an. Ich erzählte ihm mit kurzen Worten, daß ich mich an meinem Meuchler von Rom gerächt habe. An demſelben Abend reiſten wir ab. „Nach drei Tagen war ich wieder in unſerem beſcheide⸗ nen Hauſe jenſeits der Tiber. Abgelebt durch die Strapatzen ſeines rauhen Gewerbes, gab mein Vater einige Wochen ſpä⸗ ter in einem Huſtenanfall den Geiſt auf. Ich blieb allein bei meiner Tante, welche immerhin alle Data der Ereigniſſe unſerer Familie in die Lotterie ſetzen mochte... ſie gewann nichts. „Ein ungetreuer Vetturino, der ſich in Calabrien be⸗ fand, ſtahl mir, als er den Tod meines Vaters erfuhr, meine kleine Erbſchaft, indem er die Equipagen behielt, die man ihm anvertraut hatte. Er erſchien nicht wieder in Rom. Meine Tante und ich blieben völlig ohne Mittel. „Der franzöſiſche Botſchafter hatte ſeinen Poſten verlaſſen; mein Verwandter, der Günſtling des Cardinals„reichte uns einige Hülfe, aber er wagte es nicht mehr, ſich für mich zu verwenden, wie er ſagte, aus Furcht, mein überſpannter Charakter könnte ihn abermals und noch ernſtlicher compro⸗ mittiren als früher. „Da gab mir Einer aus dem Quartiere den Rath, den Malern als Modell zu dienen. Das war mir äußerſt pein⸗ lich; da ich aber erkannte, daß ich, nur für die Büſte allein ſtehend„ meiner alten Tante und mir Unterhalt verſchaffen konnte, ſo entſchloß ich mich! Ich war glücklich bei meinem Debut, denn der berühmte Director der Academie von Frank⸗ reich, Herr Ingres, wählte mich als Modell zu einer Stra⸗ tonike, die er für einen Prinzen vom franzöſiſchen Hofe Der Erzähler. 1847. u. 17 * 258 malte*); das brachte mich in die Mode, und da ich geſucht war, ſo konnte ich unter den Künſtlern ehrliche Leute wäh⸗ len, die meine Abenteuer nicht zu kennen brauchten, um mich zu achten. Heute bin ich beinahe glücklich, obſchon ich zuwei⸗ len wahrnehmen muß, daß mir die Geſellſchaft meiner alten Tante nicht immer genügt. Ich zähle zwanzig Jahre.„. ich gewinne zwanzig bis fünf und zwanzig Thaler im Monat ſo ſteht es mit mir.. Signori miei, Ihr kennt nun die Geſchichte und die Folgen dieſer Narben, welche meine Bruſt und meine Seite bieten.“ „Und Carlino?“ fragte S aus der nachfinnenden Aufmerkſamkeit heraustretend, mit der er den letzten Theil der Erzählung der ſtolzen Ghita angehört hatte. „Ah! meiner Treue, ich glaubte lange, er wäre todt... doch im vorigen Jahre kam mir ein Zweifel... denn ich fand in einer Theaterzeitung, die mir zufällig in die Hände fiel, einen Sänger ſeines Namens, der für Fenice in Ve⸗ nedig engagirt war; aber ich habe nie genau erfahren, ob er es geweſen iſt. „Und Ihr denkt nicht mehr an ihn?“ fragte der Maler. „Ich! ſo lange ich glauben konnte, er liebe mich, ge⸗ wiß! Doch Ihr ſeht, ich war nicht einmal ſo neugierig, mich zu erkundigen, ob ich ſeine Ermordung auf dem Gewiſſen habe.“ *) Für den verſtorbenen Herzog von Orleans, deſſen Verluſt die Künſte tief beweinten. 259 Letzter Dolchſtoß. Am Abend gingen wir, S.. und ich, auf der Piazza di Spagna ſpazieren. „Was denken Sie von dieſer ganzen Geſchichte von Ghita?“ ſagte er zu mir. „Ich denke, daß es eine Perſon iſt, die etwas von der Amme von Romulus und Remus hat und ich beharre mehr als je bei meiner Anſicht: die Liebe mit Dolchſtößen hat allerdings etwas Rührendes„iſt aber ſehr unverdaulich. In einem Salon von Paris geſprochen, würde die Erzählung von Ghita als eine Auferſtehung des Mittelalters, durch einen Irrthum im Datum unſerer Zeit zugeſchrieben, erſcheinen.“ „Aber Sie wiſſen, daß dies die Sitten des römiſchen Volkes von Trastevere ſind: hier finden alle Morde aus Liebe ſtatt; die Juſtiz iſt auch nachſichtig, obgleich ſie den Rück⸗ fälligen den Galgen auf dieſer Welt und die Hölle in jener verheißt. Ghita iſt durchaus keine Ausnahme. Eine Aus⸗ nahme würde ſie bilden, wenn ſie anders wäre, als ſie iſt. Sie erinnern ſich, was im vorigen Jahre dem jungen Deut⸗ ſchen begegnete, der, wenig vertraut mit ſolchen Manieren, als Künſtler ſtehen blieb, um die Schönheit eines Mädchens zu bewundern, das jenſeits der Tiber unter ſeiner Thüre ſtand. „„Passa o mai piu passerai!“«(Gehe Deines Wegs, oder Du wirſt nie mehr vorübergehen!) rief ihm ein Mann zu, der, die Hand in ſeiner Taſche, aus dem Hauſe ſprang. Im Rione dei Monti wäre ein Franzoſe vor einigen Monaten beinahe einem Dolchſtoße unterlegen, den er erhielt, 260 weil er einer Frau ein Billet zuwarf... Die Frau ſelbſt hatte den Galant verrathen, und ſie wußte ſehr wohl, um was es ſich für ihn handelte. Und dieſe Sitten haben ihren Wohn⸗ ſitz inmitten der ausgeſuchteſten Civiliſation der ſchönen römi⸗ ſchen Geſellſchaft wo die Männer häufig über etwas noch viel Geringeres als über ein galantes Billet in Wuth gerathen.. In Rom verändert die Breite eines Platzes die Sitten„4 „Nun! ich liebe mehr die nachſichtigen Fürſten und Gra⸗ fen, als dieſe ungeſchliffenen Burſche, welche die Dinge ſo ſchlimm aufnehmen!“ erwiederte ich getreu meinem Depoe⸗ tiſations⸗Syſtem. „Ich erſtaune, mein Lieber,“ ſprach der Künſtler,„daß Sie nicht mehr Gefallen an dieſer bewunderungswürdigen Wildheit finden, welche die letzte Zuflucht der edlen antiken Sitten iſt... Dieſe Menſchen ſind die letzten Italiener.“ „Ich bewundere ihre Energie, welche den gemeinen eng⸗ liſchen Fauſtſchlag und die ſchallende franzöſiſche Ohrfeige durch das Meſſerſpiel erſetzt. Doch ich erinnere mich, geleſen zu he⸗ ben, daß unter dem Pontificat von Pius VI. von 1775 bis 1800 im Kirchenſtaat achtzehntauſend Morde vorgefallen ſind, das macht zwei auf den Tag, was denn doch etwas zu mittel⸗ alterlich iſt. Napoleon wußte die Ordnung wiederherzuſtellen, und Gott wolle, daß Italien hier, wie in ſo vielen anderen Dingen, ſeine Traditionen bewahrt hätte. Ich weiß wohl, daß dieſes Volk ſehr unmittelbar von den alten Römern abzuſtam⸗ men behauptet, und daß ſie glauben, der Adel verpflichte ſogar, den Leuten, welche die Kühnheit haben, ſie im Vorüber⸗ 261 gehen anzuſchauen, die Haut zu durchlöchern. Ich wiederhole, ich bewundere dieſe Othello.. beſonders bei dem Wettrennen, da ripresade' barber i), das Horace Vernet gemalt hat, wobei die römiſche Canaille ſo lebhaft dargeſtellt iſt; aber ich treibe den Fanatismus nicht ſo weit, daß ich ihr unter die Naſe ſchaue, um zu ſehen, ob ſie den Büſten von Tiber und Nero gleicht.“ S führte das Geſpräch wieder beſonders auf Ghita zurück; offenbar wünſchte er die verlaſſene Frage von der Wild⸗ heit wieder aufzunehmen und mich von meiner Anſchuldigung hinſichtlich der Unbeweglichkeit der Phyſiognomie abzubringen. Da er jedoch keine Einräumungen von mir bekam, obgleich ich dieſe mit gutem Gewiſſen machen konnte, ſo verließ er mich, ohne Zweifel eine ſchlimme Anſicht von meinem künſtleriſchen Gefühle und etwas üble Laune mit ſich forttragend... Ich dachte an ſeine junge Braut, welche binnen Kurzem ankommen mußte, und an den beklagenswerthen Schaden, den Ghita die⸗ ſer ehrenwerthen Heirath zufügen konnte, welche die Freude zweier Familien bilden ſollte. S und ich trafen einige Tage nicht zuſammen. Zweimal begab ich mich nach ſeinem Atelier, fand aber jedes Mal ſeine Thüre geſchloſſen. Entweder war der Künſtler ausgegangen, oder er blieb unempfindlich für die Bitten ſeiner Kkingel. Später erfuhr ich, daß Ghita, nachdem die Cleopatra beendigt war, eingewilligt hatte, ihm als Andromeda zu ſtehen. Eine Andromeda!.. Die Bewilligung des ſtolzen Mädchens kam mir groß vor, denn man erräth alle die Reize, 262 welche Perſeus erblickte, als er die Nebenbuhlerin von Here von den Angriffen des Meerungeheuers befreite. Ich ſah einige Zöglinge der franzöſiſchen Academie der Villa Medici; alle waren betrübt über die jeden Tag zuneh⸗ mende Leidenſchaft des armen S. für ſein Modell. Als ich eines Tags an die Backſteinmauer der Thermen von Cara⸗ ealla angelehnt ſtand, hörte ich, daß man mich von den Ar⸗ caden aus rief: es war S... Wir blieben bis in die Nacht beiſammen, unterhielten uns aber nur über Kunſt und Geſchichte. Ich begriff, daß er es vermied, von Ghita zu ſprechen. Ein Monat verging. Ich traf ihn nur noch von Zeit zu Zeit. Er ſah glücklich aus. Das war in meinen Augen ein beunruhigendes Glück. Es waren tauſend Gerüchte unter den Zöglingen der Academie im Umlauf. Einige behaupteten, das Modell habe ſeiner Liebe gegen eine lebenslängliche Pen⸗ ſion für ſich und ihre Tante nachgegeben. Ich kannte die ſtolze Römerin hinreichend, um dieſer Sage keinen Glauben zu ſchenken. Andere verſicherten, er habe ihr verſprochen, ſie zu heirathen, ſobald ſeine Familienangelegenheiten von ihm in Ordnung gebracht worden wären. Das war noch mehr be⸗ unruhigend, denn die Anſchuldigung traf einen eraltirten und zu großen Tollheiten fähigen Kopf. In dieſer Kriſe beſchloß ich, Alles zu thun, um eine Unterredung mit S.. zu er⸗ halten; ich ſtand Schildwache vor ſeiner Thüre; ich lief überall⸗ hin, wo man ihn ſonſt traf. Unmöglich, ſeiner habhaft zu werden! Zwei Briefe, in denen ich ihn um eine Zuſam⸗ menkunft' bat, blieben ohne Antwort. Mein Verlangen, ihm —— 263 bei ſeiner Angelegenheit nützlich zu ſein, hob mich über jede Zudringlichkeit meines Benehmens weg. Ich war entſchloſſen, mich, ein neuer Ruſtan, quer vor ſeine Thüre zu legen, als ich erfuhr, ſeine Braut und ſeine Familie wären in Rom an⸗ gekommen. Nach einigen Tagen traf ich S. und ſeine Ver⸗ wandten(die junge Perſon war eine Muhme von ihm) in den Gängen des Vaticans. Ich fühlte mich theilweiſe beruhigt. Da ich jedoch kein großes Zutrauen zu dem hatte, was ich ſah, ſo entſchloß ich mich, am andern Tag einen Schritt zu thun, der geeignet wäre, meiner Ungewißheit ein Ende zu machen. Muthig trotzte ich dem furchtbaren Quartiere, wo die Abkoͤmmlinge der ſtolzen Römer des antiken Forum wegen einer leichten Aeugelei ſo gut mit dem Meſſer ſpielen, und ich befand mich bald mitten in Trastevere bei Ghita. Das Mädchen war auswärts, was ich nicht bedauerte. „Eure Nichte kennt mich,“ ſagte ich zu der Tante;„ich bin ein Freund von S..4 ich wollte ſie fragen, ob ſie mir demnächſt für den Kopf und den Arm ſtehen könnte; ich habe eine Arbeit in Eile auszuführen.“ „Wenn Ihr ein Freund von Herrn S.. ſeid, ſo müßt Ihr wiſſen, daß Ghita für Niemand mehr ſteht,“ ant⸗ wortete ſtolz die Alte. Erſchrocken über das, was mich dieſe Antwort errathen ließ, wollte ich es verſuchen, eine nähere Erklärung zu erhal⸗ ten.„ Aber Alles war vergeblich; die Alte behandelte mich nach dieſen wenigen Worten, wie einſt Agrippina den mace⸗ doniſchen Geſandten. Ich mußte mich hiemit begnügen. Am 264 Abend, wo im Teatro Valle die Corini und andere vortreff⸗ liche Künſtler ſangen, ſah ich S. in einer Loge mit ſei⸗ ner Braut. Ich begriff das nicht. Fräulein Anne Desmarets war ein hübſches Mädchen von achtzehn Jahren, blond, weiß, roſig, etwas puppenartig, aber ſo reizend, als man es in einem vollkommenen Gegenſatz zu der braunen Ghita ſein konnte. Vater und Mutter hatten vortreffliche Elterngeſichter und waren ſonntäglich aufgeputzt wie Portraits. Alles dies hatte ein gutes, ehrliches, gediegenes Aus⸗ ſehen; es war eine Heirath von ſieben⸗ bis achttauſend Fran⸗ ken Rente— die, Gott ſei Dank, noch ſehr geſunden, Hoff⸗ nungen nicht zu rechnen— alſo immerhin ſo viel, als ein Künſtler braucht, um den Bedürfniſſen des ehelichen Herdes zu entſprechen und dabei ſeine Kunſt zu treiben, ohne ſeine Zuflucht zum Handwerk nehmen zu müſſen. Ich weiß nicht, warum der Anblick des in der Loge mit den kleinen ſeidenen Vorhängen gut eingerahmten Familienge⸗ mäldes mir peinlich war. Es kam mir vor, als ſähe ich über Allem dem den Dolch von Ghita wie ein neues Schwert des Damokles ſchweben... S.. hatte jedoch ein zufriedenes, heiteres, glückliches Ausſehen.. Ich nußte glauben, meine Befürchtungen wären Chimären, und hörte auf die reizende Corini, welche Wunder der Weliſtn in der Polaca der Puritaner vollhrachte. Mehrere Tage ſah und hörte ich nichts von S.. und ebenſo auch nicht von den Desmarets. Man ſagte mir nur in der Villa Mediei, ſie liefen in Rom umher. Eines Tags Uuſtigen wiſſen. 265 erfuhr ich endlich zu meiner Freude, daß der Hochzeitstag anberaumt war. Der Vater Desmarets, welcher unter dem Kaiſerreich in der Bureaukratie gedient hatte, ſtand in Ver⸗ bindung mit dem Botſchafter und ein Cardinal ſollte die Trauung vollziehen... Rückſichten, welche die Familie be⸗ ſtimmten, die Hochzeit in der Stadt des Papſtes zu halten. Bis jetzt hatte man nur auf einen Bruder von S... ge⸗ wartet, welcher endlich angekommen, und Alles war für die Ceremonie bereit, die in der Kapelle und in den Salons der franzöſiſchen Ambaſſade ſtattfinden ſollte. Ich hatte S... nicht wiedergeſehen; er ſchickte mir nur zwei Tage vor der Hochzeit ein Einladungsbillet, worin er ſich entſchuldigte, daß er mich nicht ſelbſt beſucht habe. Diesmal glaubte ich vollkommen beruhigt ſein zu können und bemühte mich, als unvernünftig jede Ahnung zu vertreiben, die meinen Geiſt noch quälte. Endlich kam der erſehnte Hochzeitstag. Ich fand mich frühzeitig bei den Desmarets ein: S.. ſah etwas kummer⸗ haft aus. Leicht konnte ich wahrnehmen, daß er es ſorgfältig vermied, mit mir allein zu ſein... Es fand ein Frühſtück ſtatt, wozu ein Theil der franzöſiſchen Schule eingeladen wor⸗ den war... Die Einſegnung des Cardinals wurde gegen zehn Uhr gefeiert. Die bürgerliche Trauung war am Morgen in den Bureaur des Botſchafters geſchloſſen worden. Sämmt⸗ liche Gäſte brachen nach der Villa Coſini auf, wo man bis zum Abend blieb. Alles ging auf's Beſte.. man beluſtigte ſich, wie ſich liebenswürdige, geiſtreiche junge Künſtler zu be⸗ Das Perſonal der Votſchaft hatte nur den 266 Ball am Abend im Hotel des Marquis£. angenommen. Das Mittagsbrod unter den Schatten der Villa Coſini zer⸗ ſtreute ein wenig die Wolken, die ich mit Schrecken auf der Stirne des Bräutigams erblickt hatte. Der Ball beim Botſchafter war äußerſt elegant, ohne zahlreich an Gäſten zu ſein. Um ein Uhr Morgens zog ſich S.„den ich nicht aus dem Geſichte verlor, mit ſeiner Frau zurück. Bald löſte ſich die ganze Geſellſchaft auf. Ohne daß ich genau zu ſagen vermöchte, warum, nahm ich den Arm eines jungen Grabeur der Villa Medici und bat ihn, eine Stunde mit mir unter der Wohnung zuzu⸗ bringen, welche die Neuvermählten in ihrem Hotel inne hatten. Wir rauchten einige Cigarren, während wir vor dem Hauſe auf⸗ und abgingen. Alles blieb ſtille, ſchweigſam... Gegen vier Uhr verließen wir den Poſten; ich war beinahe beruhigt. Am andern Tage ſchickte ich mich gegen Mittag an, mich nach dem Stande der Dinge zu erkundigen, als der junge Graveur, mein Gefährte von der Nachtwache, ganz beſtürzt in mein Zimmer eintrat. „Nun!“ rief ich,„der arme S iſt in dieſer Nacht ermordet worden!“ Meine Ahnungen hatten mich leider nicht getäuſcht.. Doch die gräßliche Kunde traf mich wie ein Donnerſchlag. „Wiſſen Sie etwas Genaueres?“ fragte ich, nachdem ich mich ein wenig von meiner erſten Erſchütterung erholt hatte. „Hören Sie, was ich erfahren habe,“ erwiederte der Künſtler, nicht minder bewegt als ich durch dieſe gräßliche Ka⸗ taſtrophe.„Dieſen Morgen um zehn Uhr, als man kein Ge⸗ —————— 267 räuſch in dem Zimmer der Neuvermählten hörte, wagte man es, an ihre Thüre zu klopfen. Keine Antwort... Man kam wieder, verſuchte es abermals, jedoch eben ſo erfolglos. Nun wurde man unruhig... Die Thüre war von innen verſchloſſen. Der Herr des Hauſes ſagte aber, es gebe noch einen andern Ausgang, der auf eine Geheimtreppe führe: man lief dahin. Der Vater Desmarets war an der Spitze. Doch wie groß war der Schrecken von Allen, als ſie auf der weißen Wand der Geheimtreppe Spuren von blutigen Händen erblick⸗ ten, welche ſich ſtellenweiſe daran hatten halten müſſen... Voll Angſt gelangte man zu dem Zimmer... die Thüre war halb geöffnet... man trat ein; die Augen richteten ſich nach dem Bett und man erblickte neben dem blutigen Leichnam von S. ſeine junge Frau, welche entſchlummert zu ſein ſchien.“ „Ebenfalls todt!“ rief ich. „Nein.. wenigſtens hoffte man ſo eben noch... Eine tiefe Ohnmacht... eine Art von Lethargie ich weiß es nicht, doch wie geſagt, man hofft für ſie!“ „Und keine Spur von dem Mörder?“ „Keine... außer dem BVlute, das er auf ſeinem Wege an der Geheimtreppe zurückgelaſſen hat.“ „Eilen wir auf der Stelle zum franzöſiſchen Botſchafter, um ihm unſern Verdacht gegen die Ghita zu erklären!“ ſagte ich;„die Sitten der Trasteveriner gehen zu weit und diesmal müſſen der Tigerin die Klauen geſchnitten werden.“ Wir entfernten uns. Der Graveur ging auf Erkun⸗ digung aus, nachdem er mir in das Hotel des Votſchafters 268 nachzufolgen verſprochen hatte. Ich erzählte dem Marquis K. Alles, was ich von den Vorgängen des Modells und den un⸗ ſeligen Ideen des armen Malers wußte. Der Botſchafter zweifelte eben ſo wenig als ich daran, daß die junge Römerin den Mord begangen habe. Es wurden auf der Stelle Be⸗ fehle gegeben, um bei dem Cardinal Großjuſticiar ihre Ver⸗ haftung zu bewirken, wenn es noch Zeit wäre. Zur Erleich⸗ terung ertheilte ich jede Auskunft, die mir zu Gebot ſtand. Der Graveur kam und meldete, die junge Frau ſei endlich aus ihrer tiefen Ohnmacht erwacht. So viel man aus ihren erſten Erklärungen entnehmen konnte, befand ſie ſich mit ihrem Gatten nur einige Augenblicke im Bett, als ſie ein ſonder⸗ bares Geräuſch hörte und das Licht unter einem unſichtbaren Hauche erloſch. Nun ſprach der arme Gatte ein paar Worte, die ſie nicht verſtand, und ſchloß ſie in ſeine Arme, als wollte er ſie beſchützen; da ſie nichts von dem begriff, was vorging, ſo ſuchte ſie ſich loszumachen; doch alsbald fühlte ſie über ihren ganzen Körper warme Wellen fließen, welche einen Blut⸗ geruch verbreiteten... Das Lager erlitt mehrere Stöße... dann fühlte, wußte ſie nichts mehr.. ſie war ohnmächtig. Später entnahm man aus den Geſtändniſſen der Ghita, welche ohne Umſchweife Alles ſagte, daß ſie ſich, als Mann verkleidet, auf der Geheimtreppe verborgen hatte, daß ſie, auf⸗ merkſam auf die Stunde ihrer Rache lauernd, in dem Augen⸗ blick, wo ſich die Gatten zu Bette gelegt, in das Hochzeitge⸗ mach gedrungen war. Sie wollte den Mann ermorden und die Frau vor Angſt und Schrecken ſterben machen. Auf den Zufall in der Finſterniß ſtoßend, würde ſie ohne Zweifel 269 Beide getödtet haben, hätte der Mann nicht mit ſeinem Leibe einen Wall für ſeine junge Frau gebildet. Fünf oder ſechs Stöße auf den Zufall nach verſchiedenen Punkten des Bettes gethan, hatten übrigens bewieſen, mit welcher Wuth die Mör⸗ derin zu Werke gegangen war. Zu ihrer Entſchuldigung gab die Ghita an, S. habe ſie verführt und ihr die Ehe verſprochen. Doch ich habe ſeit⸗ dem erfahren, daß die erſte Hälfte dieſer Entſchuldigung eine Lüge war. Sie wurde indeſſen erſt lange nach dem an un⸗ ſerem Landsmann begangenen Verbrechen feſtgenommen. Als der Marquis K. die Verhaftung der Schuldigen for⸗ derte, verſchanzte ſich der Gouverneur hinter der Unmöglichkeit, ihrer habhaft zu werden. Doch der Botſchafter von Frank⸗ reich war ein unbequemer Mann, der ſich nicht gern mit ſchönen Worten von Menſchlichkeit und Geduld und Aufſchub abſpeiſen ließ. Ghita war durch ihren Verwandten, den Günſtling des Cardinals Berliotti, verborgen gehalten worden; wir hatten den Verdacht, und der Marquis K. leiſtete mittelſt einiger Louisdor, die er den Carabinieren ſchenkte, der Juſtiz den ſchlechten Dienſt, ihr Neſt ausnehmen zu laſſen. Man brachte ſie nach dem Caſtell Sant Angelo. Da legte ſie die von mir angeführten Geſtändniſſe ab. Trotz des lebhaften Verlangens der Behörde, Zeit zu gewinnen, betrieb der Bot⸗ ſchafter die Sache ſo gut, daß ein Urtheil geſprochen werden mußte, ſollte nicht ein Zerwürfniß des päpſtlichen Hofes mit der franzöſiſchen Regierung eintreten. Ghita wurde zum Strange verdammt, mit Hülfe des Marquis K., welcher nicht von der Stelle wich, was ihm in Rom den Ruf eines grau⸗ ſamen, abſcheulichen Menſchen zuzog.— Poveretta! ſagte man überall. Niemand aber, wenn man von dem in der Hochzeitnacht ermordeten jungen Gatten ſprach, ſagte: Pove⸗ retto! Ghita war verurtheilt, aber die Hinrichtung erfolgte nicht. Jeden Tag wechſelte der Botſchafter hierüber Noten mit dem Groß⸗ juſticiar. Man wußte, daß ſich der Cardinal Berliotti für die junge Römerin intereſfirte, und die Maleracademie be⸗ fürchtete eine Entweichung. Endlich auf's Aeußerſte gebracht, ging der franzöſiſche Repräſentant perſönlich zu dem Prälaten⸗ Staatsſecretär und forderte die Hinrichtung innerhalh vier⸗ undzwanzig Stunden, wobei er im Falle der Weigerung ſeine Päſſe zu verlangen drohte. Man verſprach, den Galgen er⸗ richten zu laſſen, und die Hinrichtung wurde auf neun Uhr Abends beſtimmt. Am andern Tage behauptete ganz Rom, ſie habe ſtatt⸗ gefunden. Ich hatte nicht Luſt gehabt, die Sache mitanzu⸗ ſehen. Kurze Zeit nachher reiſte ich ab. Die Desmarets waren längſt abgereiſt. Es vergingen ſeitdem vier Jahre. Vor acht Tagen kam ich durch Florenz. Bei der Pergola traf ich einen Maler, den ich während meines früheren Aufenthalts kennen gelernt hatte. Ich verabredete mit ihm, den andern Tag in ſein Atelier zu kommen, um Glasmalereien von Murano zu ſehen, die er kurz zuvor erſt erhalten hatte. Pünktlich beim Rendezvous betrachtete ich einige angefangene Arbeiten des Künſtlers. Plötzlich ſtellte er einen Kopf vor mich, bei deſſen 271 Anblick ich einen Schrei des Erſtaunens ausſtieß Das Gemälde ſtellte ein Medea vor. „Was haben Sie?“ ſagte er. „Dieſer Kopf,“ erwiederte ich,„Sie haben ihn vor eini⸗ gen Jahren in Rom gemalt?“ „Keines Wegs; ich habe ihn vor acht Tagen angefangen und arbeite eben daran.“ „Und das Modell?“ „Iſt hier. Es iſt eine herrliche Römerin, die wir ſeit einigen Jahren zu beſitzen ſo glücklich ſind.“ Es war die Ghita. „Sie kennen ſie?“ fragte mich der Maler. „Nein.. aber ich habe ſie in Rom von ferne geſehen und von ihr ſprechen hören... Sie erwarten ſie?“ „Sogleich. Doch ich bin troſtlos, daß ſie nur für den Kopf ſtehen will. Es iſt eine Tugend, ſie trägt einen kleinen Dolch bei ſich, der ſie nie verläßt.“ „Einen türkiſchen Dolch mit zwei Türkiſen am Griff?“ „Ganz richtig. Sie haben ihn geſehen.“ „Nein, ich habe nur davon ſprechen hören. Leben Sie wohl, ich will Ihre Sitzung nicht ſtören,“ ſagte ich, nicht ſehr begierig, in irgend einem Hinterhalt genaue Bekanntſchaft mit dem Dolche zu machen, unter dem die Dianora und der arme S umgekommen waren, falls die Trasteverinerin erfahren hätte, welchen Antheil ich an ihrer Verhaſtung ge⸗ nommen. An der Stelle der Ghita hatte man den Leichnam eines 272 Mädchens gehenkt, das an demſelben Tag im San Spirito Hospital geſtorben war. Der Monteggiano aber iſt unter einem Namen, den ich verſchweige, gegenwärtig einer der berühmteſten Tenore Italiens. Büge uus dem eben des Tages. Von Clementi. Zweite Geſchichte aus der Hacienda 1 de la Noria. eine unregelmäßig vertheilte Gruppe von Hüt⸗ ten den Peones oder Taglöhnern zum Auf⸗ enthalt. Das Aeußere dieſer Keuchen ſah aber nicht nach Jammer und Elend aus; die gütige Mutter Natur hatte ſie mit luſtigem Grün überzogen; üppiges Laubwerk, ſpinnende Kürbis⸗ ranken mit goldenen Blüthenkelchen verkleideten 6 die armſeligſte Dürftigkeit. Jede dieſer Hütten ſ ſtand in einer kleinen Umhegung hinter einer lebendigen Cactushecke, überſponnen von einer nn vielfarbigen Blüthen. Doch die Außenſeite froh⸗ müthig, war das Innere gar trübſelig anzuſchauen. Des Löhners Loos iſt hier das tiefſte Elend. Auf dem Stückchen Land, das ihm der Eigenthümer überläßt, kann er in der That nichts bauen, als etwas ſpaniſchen Pfeffer und Tabak, Der Erzähler. 1847. n.. 18 * 274 und dieſe Arbeit nur in den Feierſtunden vornehmen. Alle Lebensbedürfniſſe muß er ohne Gnade und Barmherzigkeit um Wucherpreiſe aus der Hacienda nehmen, und der freie Arbeiter in Merxico iſt, wie wir bereits in der früher mitgetheilten Geſchichte ſagten, übler daran als anderwärts der ſchwarze Sklave. Der weiße Sklave iſt unaufhörlich dem Herrn des Gehöftes als Schuldner verhaftet, und für ihn der Zahltag ſtets ein Jam⸗ mertag; denn wenn ſonſtwo an dieſem Tag der Arbeiter ſich irgend ein kleines Vergnügen geſtattet, ſo erfährt er hier nur, um wieviel ſeine Rechnung wiederum im Haben zurückbleibt und im Soll anſchwillt. Doch, um den mericaniſchen Taglöhner kümmert ſich kein Negerbefreier, denn vor der Hand iſt nur die ſchwarze Menſchen⸗ freundlichkeit an der Reihe. Der Neger hat geſetzmäßig ſeine Raſtſtunden ſo wie Zeit zu den Arbeiten des eigenen Haus⸗ haltes; der Herr füttert ihn reichlich mit geſalzenen Fiſchen, ſeiner Lieblingskoſt; wird er krank, ſo fehlt ihm nicht des Arztes Beiſtand. Dem Hacendero aber gilt es gleich, ob ein„ freier Arbeiter verhungert oder eingeht. Der Schwarze kann eines Tages ſich die Freiheit erwerben, mit welcher er freilich nichts zu beginnen weiß, an die aber der Gedanke ihm doch Vergnügen macht; der Weiße bleibt Zeitlebens ſeines Gläubi⸗ ₰ gers Knecht, ohne Hoffnung auf Erlöſung. So liegt das alt⸗ ſpaniſche Joch noch ſchwer auf einem großen Theil der meri⸗ caniſchen Menſchheit, die es unter den Geſetzen des Freiſtaates um kein Haar beſſer hat, als einſt unter der Willkür unum⸗ ſchränkter Herrſchaft. Ich richtete öfters meine Schritte nach dieſem Aufent⸗ halt des Elends. Inmitten des Dörfchens ſtand die Bude, woraus die Bewohner ſich mit Lebensmitteln und Waaren zu verſorgen haben. Hier blieb ich eines Morgens ſtehen, um Handel und Wandel zu beobachten. Jeder Arbeitsmann führte ein Stückchen Schilfrohr, etwa ſechs Zoll lang, worin er zu⸗ ſammengerollt zwei Stückchen Papier trug, das eine für ſein Haben, das andre für ſein Soll. Die Zeichen darauf waren von altfränkiſcher Einfachheit. Ein Querſtrich geht von einem Ende des Blättchens bis zum andern, und von dieſem aus der Länge nach wieder andere von verſchiedener Ausdehnung, die ſammt Nullen und halben Nullen ganze und halbe Piaſter und Realen angeben. Von dieſen Strichen heißt die Abrech⸗ nung ſelber Raya. Die Käufer handelten und mäkelten immerdar die längſte Zeit, bevor ſie mit dem Verkäufer han⸗ delseins wurden; unter ihnen bemerkte ich bald einen, der, noch viel bleicher und hohläugiger denn alle andern, etwas ab⸗ ſeits hin und her ging, und lüſterne Blicke auf die Bude warf. Er rauchte eine Cigarrette um die andre, offenbar um den bellenden Magen zu betäuben. Endlich faßte er ſich ein Herz, trat näher und verlangte einen Cuartillo Mais. „Eure Rechnung,“ verſetzte der Ladendiener. Der Peon zog ſein Hauptbuch aus dem Schilfrohr; da aber ſah es jämmerlich aus; auf dem Haben ſtanden die Zeichen gar dünn, aber das Soll ſtrotzte übervoll. „Ich muß erſt anfragen, ob ich Euch noch etwas verab⸗ folgen darf!“ ſagte der Diener, indem er die Rechnung zu⸗ rückgab. Der arme Teufel hatte zweifelsohne dieſe Antwott vorausgeſehen, und ſie konnte ihn daher nicht überraſchen; 276 dennoch malte ſich in ſeinen Zügen der Schmerz der Enttäu⸗ ſchung, und ſeine Hand zitterte, als ſie das krampfhaft zuſammen⸗ gerollte Papier in die Rohrhülſe zu bringen verſuchte. Von Mitleid bewegt bezahlte ich das Mäßchen Wälſchkorn, was den Peon dermaßen rührte, daß er mir zur Stelle noch einen Real(etwa fünfzehn Kreuzer rheiniſch) abborgte, und mich bat, ſein krankes Weib zu heilen. Auf dem kurzen Weg zu ſeiner Hütte vertraute er mir, wie die langwierige Krankheit des Weibes ihn dermaßen zurückgebracht, daß ihm ein Vor⸗ ſchuß verſagt werde, deſſen er mehr denn je benöthigt ſei. Das Elend der Haushaltung war nicht geringer, als ich erwartet hatte. Die Einrichtung beſtand aus einigen irdenen Geſchirren und etlichen gedörrten Ochſenkopfen, welche letztere als Stühle dienten. Zwei verwahrloſte nackte Kinder mit ge⸗ dunſenen Bäuchen und Spinnenbeinchen trieben ſich bei einer Frau herum, welche ſchon mit dem höchſten Grade der Schwind⸗ ſucht behaftet ſchien. Unter einem Wetterdach im innern Hof mehr liegend als ſitzend wiegte ſie, die entnervte Hand an einer Schnur von Aloöfaſern, in einer Hangmatte das ſchlum⸗ mernde Kleine. Der Anblick war zum Erbarmen. Ich ſuchte den Hausvater zu tröſten, und hieß ihn anſtatt der Pfeffer⸗ ſchoten und Cactusfrüchte den Seinen eine angemeſſene Nah⸗ rung reichen. Ich hatte gut reden, und wußte wohl, daß für ihn nicht zu haben war, was ich ihm anrieth. Dennoch hörte er mir ganz vergnüglich zu, rieb ſich die Hände und legte eine Zufriedenheit an den Tag, die nicht wohl die Frucht meiner Worte ſein konnte. Auf meine desfallſige Anfrage gab er die Auskunft: Die heilige Jungfrau habe ihm einen vor⸗ —— ———— 277 trefflichen Einfall geſchickt, und bald werde der Segen des Ueberfluſſes in ſeine arme Hütte einkehren. Er liebäugelte dabei mit einer alten Kugelbüchſe, die im Winkel roſtete. Vergebens begehrte ich zu wiſſen, was er mit der Waffe an⸗ zufangen gedenke? Ich brachte nichts weiter aus ihm her⸗ aus, als die Verſicherung: ſein Einfall ſei der beſte, den je ein offener Kopf gehabt. Ich mußte mich beſcheiden, und ging mit der Ueberzeugung, daß die roſtige Büchſe wohl Nie⸗ manden etwas anhaben könne, als höchſtens dem Schützen ſelber. Zwei Tage ſpäter kam ich frühmorgens zum Hacendero, und traf ihn juſt, wie er, roth und blau im Geſicht vor lau⸗ ter Zorn, einen armen Schelm herunterhunzte, der mit einem Gewehr unter dem Arm in arger Bedrängniß ſeinen Hut in den Händen drehte. Ich erkannte meinen Peon wieder. „Nun, Don Ramon?“ fragte ich,„was iſt Euch zu⸗ geſtoßen?“ „Was mir zugeſtoßen iſt?“ rief er:„meine Leute ver⸗ bünden ſich mit den Jaguars, um meinen Viehſtand zu Grunde zu richten. Der Eſel da koſtet mich wieder ein Fohlen!“ Dann fuhr er mit ſteigender Wuth fort: „Ihr wißt, daß dieſe verdammten Jaguars, Gott ver⸗ zeih mir die Sünde! jeden Abend wieder mir ein Stück reißen. Kommt geſtern Morgens der Tölpel und ſagt: die heilige Jungfrau habe ihm einen vortrefflichen Gedanken ein⸗ gegeben.“ 278 „Ich dachte ſo,“ ſchaltete der Peon ſchüchtern ein. „Ein Eſel denkt, geſcheite Leute handeln,“ rief Ra⸗ mon, und er fuhr gegen mich gewendet fort:„es handelte ſich darum, auf den Jaguar anzuſtehen und zu dieſem Behuf ein Fohlen an einem gewiſſen Platz anzubinden. Er ſchien ſeiner Sache ſo gewiß, und rechnete ſo feſt auf die zehn Pia⸗ ſter*) Schußgeld, daß ich thöricht genug war, ihm ein halb⸗ jähriges Fohlen anzubertrauen. Jetzt rede, Tölpel, was haſt Du mit dem armen Thierchen begonnen? Wie iſt die Geſchichte verlaufen?“ Schüchtern berichtete der Peon: „Hört nur, gnädiger Herr; ich lag ſchon zwei Stunden im Hinterhalt; zehn Schritte von mir ſtand das Fohlen an⸗ gebunden, am Strick zerrend und nach der Mutter bangend. Da ſah ich's im Dunkeln wie zwei Cigarren glimmen, hielt das Gewehr nach jener Gegend hin, empfahl meine Seele dem Himmel und feuerte...“ „Natürlich mit weggewandtem Geſicht,“ unterbrach ihn Ramon ſpöttiſch. „Ich bin feuerſcheu,“ verſetzte der gute Kerl unbefangen, als müßt es nur ſo ſein. „Und ſtatt des Tigers haſt Du das Fohlen erſchoſſen,“ ſchrie der Herr. „Nicht doch,“ antwortete der in ſeinem Stolz gekränkte Schütz:„ich hab' es nur verwundet.“ „Iſt das nicht gehupft wie geſprungen, Du Lump? Geh *) Ein Piaſter gilt etwa 2 fl. 20 kr. rheiniſch. — 279 zum Satan; nämlich, wohlverſtanden, auf acht Stunden in den Cepo.“ „Dennoch war's ein guter Gedanke,“ ſagte der aus allen Himmeln gefallene Peon, während er trübſelig hinausſchlich, ergeben in ſein Lvos; doch floßen zwei Zähren über ſeine hoh⸗ len Wangen, wahrſcheinlich galten ſie dem verflogenen Traum von den zehn Piaſtern. Mit leeren Händen mußte er in ſeine Hütte zurückkehren, und hatte acht Stunden Strafe damit ver⸗ dient, daß er ſein Leben gewagt. Ein Wunder ſchien's übri⸗ gens, daß er mit heiler Haut vom Anſtand zurückgekommen. Ich kannte des armen Schelms tiefes Elend, ich hatte an ſeiner Hoffnung theilgenommen, wiewohl er mir nicht mitge⸗ theilt, worauf er ſie eigentlich gründete. Sein Unſtern ging mir zu Herzen. „Wäre nur Bermudes hier,“ rief Don Ramon;„dann wäre der Jammer gleich zu Ende. Gebe Gott und der liebe heilige Joſeph, daß Bermudes bald wiederkomme.“ Dieſer Bermudes, genannt der Siebentödter,(el mata- siete) war mir auch bekannt; ich hatte ihn auf der Reiſe nach Bacuache mit einem Canadiſchen Jäger angetroffen, und er hatte mir geſagt, ich möchte ihn in der Hacienda de la Noria aufſuchen.*) Der Himmel erhört ſelten ein Gebet ſo ſchnell wie Don Ramons Bitte; kaum war ſie ausgeſprochen, als auch ein Mann in den Saal trat; der Ankömmling war der erflehte *) Vrgl. Band IV. des Erzählers für 4546 in der Geſchichte Die Gambuſinos. 280 Siebentödter. Ein gewürfeltes Tuch, mit geronnenem Blut reichlich geſättigt, war ſeine ganze Kopfbedeckung. Die Metall⸗ knöpfe und Silberlitzen an der Jacke und den Lederhoſen, deren letzten Schimmer ich noch gekannt, waren gänzlich verſchwun⸗ den. Durch die Löcher des Gewandes guckten einige Fetzen von einem Hemd, und die Zehen aus den zerriſſenen Schuhen. Das Geſicht trug noch den bekannten Ausdruck ritterlicher Unerſchrockenheit, und war nur noch etwas tiefer gebräunt. „Biſt Du's wirklich, Siebentödter?“ rief Ramon ihm ent⸗ gegentretend, wie um ſich zu vergewiſſern, daß ihn kein Trug⸗ bild täuſche. „Siebentödter? Neuntödter langt noch nicht,“ verſetzte der Jäger mit etwas ſchauſpielerhafter Geberde:„ich bin's, den jemals wiederzuerblicken Ihr ſchwerlich glaubtet.“ „Ich hätt' es ebenfalls nicht geglaubt,“ ſagte ich. Als ich vierzehn Tage zubor den Mexicaner mit dem Ca⸗ nadier im Walde traf, machte die Mannhaftigkeit und Ent⸗ ſchloſſenheit der zwei waglichen Abenteurer einen gewaltigen Eindruck auf mich; indeſſen konnte für ſie das Zuſammen⸗ treffen mit mir nur ein ganz gewöhnlicher Vorfall ſein, den ſie ſicherlich vergeſſen hatten. Ich erinnerte darum Bermudes an den Wald von Fronteras, an die Indianerfährten beim verlaſſenen Dorf und an die Abendmahlzeit bei meinem Feuer. Die räuberiſchen Indianer hatten ihm nebſt dem Ertrag ſeiner Mühen und Gefahren auch ſein Roß entführt; er hatte das Gelübde gethan, den Sattel des verlorenen Roſſes auf dem Kopf zu tragen, bis er denſelben einem der Spitzbuben auf⸗ gelegt; ferner hatte er geſchworen, ſie anzugreifen, wo er ſie 281 auch träfe, ihre Kinder als Sklaven zu verkaufen, und den Erlös den armen Seelen im Fegfeuer(animas benditas) zu widmen. Bermudes ſtand, wie man ſich erinnern wird, mit den armen Seelen in laufender Rechnung. Seine Antwort lehrte mich, daß er dieſe Rechnung für geſchloſſen erachtete; auch merkte ich daraus, daß er ſich meiner ganz wohl erinnerte. Das müſſe ein ſauberer Jäger ſein, meinte er, der nicht Jeden wiedererkenne, den er auch nur im Fluge geſehen. Für den Augenblick mußte ich übrigens darauf verzichten, etwas Näheres zu vernehmen; er hatte offenbar mit Ramon wichtige Geſchäfte, und ich konnte ihn nicht mit Fragen nach ſeinen Abenteuern aufhalten, ſondern ging meines Weges. Halb unwillkürlich ſuchte ich den Ort auf, wo die Ce⸗ pos und andere Strafmittel der Hacienda zu finden waren. Der Cepo beſteht aus zwei Querhölzern über einander, mit einer runden Oeffnung für den Hals, und ebenſo für die Füße, letztere mehr erhöht; der Eingeſpannte ruht dadurch faſt mit ſeiner ganzen Laſt auf dem Nacken, und dieſe Lage, An⸗ fangs nicht allzu beſchwerlich, wird im Verlauf der Stunden unerträglich. In einem kleinen Hof ſtanden etwa ein halbes Dutzend Cepos um eine Picota(Pranger), die nur bei be⸗ ſondern Anläſſen diente. Das Unglück des Peons hatte mich gerührt, und ich wollte ihm ein Geſchenk machen; aber die Vorſehung, die ſich ſtets der einfachſten Mittel bedient, um den Bedrängten zu helfen, war mir bereits zuvorgekommen, und hatte den Armen 282 noch reichlicher bedacht, als ich es hätte thun können, denn ſie hatte ihn auch vom Cepo erlöst. Der Mann, welcher, dem Sonnenbrand ausgeſetzt, im Blocke lag, und ſich bald auf die Ellenbogen ſtemmte, bald die Augen mit der Hand vor dem blendenden Licht ſchützte, war mein Freund Martingale. „Welch ein Abenteuer ſpannt Euch in den polniſchen Bock?“ fragte ich voll Erſtaunen. „Ach, Herr Ritter, mein gutes Herz und mein böſer Stern; nebenbei auch die Güte des neuen Haushofmeiſters Benitv. Da Ihr aber zufällig meiner Schmach Zeuge ge⸗ worden, müßt Ihr auch meine Rechtfertigung anhören, damit kein Flecken auf meiner Ehre hafte.“ Ich war begierig, die Erklärung zu vernehmen. „Der Grund kann mir nur zur Ehre gereichen,“ fuhr er fort.„Als ich vernahm, daß ein meiniger Gevatter acht Stunden hier brummen ſollte, dacht' ich, es wäre nicht unge⸗ ſchickt, ihn ein Bischen zu unterhalten. Ich kam mit etlichen Piaſtern und einem Kartenſpiel. Der Gevatter hatte unglück⸗ ſeliger Weiſe nichts, als ſeine acht Stunden Cepo. Ich kenne ihn aber als eine ehrliche Haut und trug ihm an, um zwei Realen auf ſein Wort zu ſpielen. Ich verlor die zwei Rea⸗ len, und trotz meiner unfehlbaren Martingale noch all mein andres Geld. Darauf bot er mir an, ſeine Strafe gegen den Gewinnſt zu ſetzen, und ich verlor wieder. Wir hatten eine gute Stunde geſpielt, und ich hatte mir alſo ſieben Stunden Cepo zugezogen. Doch bedurfte ich der Erlaubniß des Haus⸗ hofmeiſters, um ſie anzutreten. Er iſt, wie Euch bekannt, 283 mein dicker Freund; es war für mich eine Ehrenſache, die Erlaubniß von ihm einzuholen, umſomehr als...4 „Als Ihr dachtet, er würde ſie verſagen,“ unterbrach ich ihn. „Nicht doch,“ verſetzte er im Ton eines gekränkten Biedermannes;„er, mein Freund, und mir das verſagen zur Kränkung meiner Ehre? Wo denkt Ihr hin? Er hatte gar nichts Eiligeres zu thun, als mir zu willfahren, mit einer Bereitwilligkeit.. die ich ihm gedenken werde.“ Die letzten Worte verriethen mehr als ſie wohl ſollten. Ich tröſtete Juan in ſeinem Leid mit dem Piaſtar, den ich für den Peon beſtimmt gehabt hatte. Als der reuige Spieler mir eben freiwillig und feierlich gelobte, den Thaler für eine außerordentliche Gelegenheit zu ſparen, kam Bermudes. „Ihr vergebt wohl,“ redete der mich an,„daß ich vor⸗ hin ein Bischen gar zu viel Zurückhaltung gegen Euch an den Tag legte; ich hatte aber Wichtiges mit Don Ramon zu bereden. Es handelte ſich um die Verwerthung gewiſſer Waa⸗ ren, die für mich von hoher Bedeutung ſind, denn um ſie zu gewinnen, hab' ich mein Leben auf's Spiel geſetzt.“ „Schau, ſchau,“ ſagte Martingale:„das iſt ein Ding, warum ich noch nie ſpielte; muß meiner Seel' eine hübſche Partie ſein.“ „Wie Ihr ſie wohl nie ſpielen werdet, Vortrefflichſter,“ verſetzte der Siebentödter, und wandte ſich dann wieder zu mir:„ich habe Euch eigens aufgeſucht, Herr Ritter, um Euch zu fragen, ob Ihr noch immer begierig ſeid, meine Abenteuer zu vernehmen? Für dieſen Fall könnt Ihr mich zur Zeit des 284 engliſchen Grußes beim Ojo*) de Agua finden wo ich Geſchäfte habe. Ich verſäumte das Stelldichein nicht. Der Ort, welcher Dio de Agua heißt, iſt eine kleine Waſſerquelle in der ma⸗ leriſchſten Lage, eine Viertelſtunde vom Gehöft entlegen. Am Fuß einer ziemlich niedrigen Böſchung unter kleinen Hügeln fiel die Quelle in ein rundes Becken, auf deſſen Oberfläche Waſſerpflanzen mit ihren breiten glänzenden Blättern ſchwam⸗ men. An der Böſchung hob ſich eine Ceder; ihre untern Aeſte dehnten ſich über den Waſſerſpiegel hin, wohinein fie ihre Franſen von ſchmarotzendem Moos tunkten. Knorrige Acajou's, Sumaks, und auch der gefährliche Palo mulato mit der birkenartig ſich häutenden Rinde drängten ſich in dich⸗ ten Gruppen oberhalb der Ceder. Gegenüber umgab der Hoch⸗ wald eine Lichtung von etwa dreißig Schritten im Durchmeſſer. Ich traf den Merikaner auf weiches Moos hingeſtreckt am Ein⸗ gang eines ſchattigen Durchganges, der in die Lichtung aus⸗ mündete. Seine ſtahlblaue Büchſe lag neben ihm. Ich lobte die Wahl des maleriſchen Ortes, deſſen wilde Schönheit den Reiz der Erzählung nur erhöhen könne. Mit einem Lächeln, deſſen Bedeutung ich ſpäter erſt be⸗ griff, verſetzte Bermudes: „Es freut mich, daß ich Euern Geſchmack getroffen; Ihr werdet übrigens bald inne werden, daß der Ort noch viel beſſer gewählt iſt, als Ihr Euch einbildet.“ *) Oijo(Auge) entſpricht in ſeiner Anwendung dem deutſchen Wort: Mündung. Waſſerauge alſo bedeutet hier die Aus⸗ mündung einer Quelle. 285 Ich fragte, was denn aus dem Canadiſchen Jäger ge⸗ worden ſei? „Er wird gleich zur Stelle ſein,“ beſchied Bermudes: „ſobald er mit den Vorbereitungen für unſere Abendunterhal⸗ tung fertig iſt.“ Die ſinkende Sonne ſchien ſchräg durch die Stämme, als der Waldmann zu uns kam. Der Canadiſche Schladodt 3 trug in einer Hand ſein gelbes Geſchoß, mit der andern zog er am Koppelſeil ein widerſpänſtiges Fohlen, das erbärmlich hinkte; mir fiel des Peons Meiſterſchuß dabei ein. „Guten Abend,“ ſagte Bermudes, und wenn er den Geſellen etwa bei ſeinem franzöſiſchen Namen Dupont nennen wollte, ſo klang es doch ungefähr wie Bratwurſt oder Stiefel⸗ knecht. „Guten Abend,“ verſetzte der Canadier:„die Feuer bren⸗ nen rings um's Gehöft.“ Er ſchleppte das Fohlen zur Ceder, wo er's feſtband, und ließ ſich dann bei uns auf dem Mooſe nieder. Ich konnte nicht begreifen, was die Feuer um die Hacienda herum ſoll⸗ ten? Auf meine Frage beſchied Mataſiete:„das geſchehe, um die wilden Thiere zu verſcheuchen.“ Die Auskunft genügte mir nicht. Lachend rief der Jäger: „Wie, Ihr merkt immer noch nichts?“ „Nein.“ „Caramba! Ihr befindet Euch auf dem Tigeranſtand.“ *) Schlagetodt. „Ihr habt mich zum Beſten.“ „Schaut ſelber zu, wenn Ihr mir nicht glauben mögt.“ ſagte Mataſiete, ſich erhebend. Ich folgte ihm, und er führte mich zu einer Stelle am Rande des Waſſers, wo ich auf dem feuchten Boden im Dämmerſchein des ſchwindenden Tags die Fährte des furchtbaren Thieres erkannte. „Die Fährte iſt von vorgeſtern,“ ſagte mit Zuverſicht der wohlerfahrene Waidmann:„der Jaguar hat alſo ſeit vier⸗ undzwanzig Stunden nicht getrunken. Da es nun im Um⸗ kreis von zwanzig Stunden nirgends Waſſer gibt, als hier und beim Gehöft, ſo iſt die Rechnung leicht gemacht. Zur Noria kann er nicht wegen der Wachtfeuer; hieher treibt ihn der Durſt, lockt ihn die Witterung des Fohlens.“ Mir kam dieſe Berechnung äußerſt folgerichtig vor. So war ich denn unverſehens ein Tigerjäger geworden, aber ohne Wehr und Waffen. Etwas verblüfft nahm ich wieder meinen Platz auf dem Moos ein. Mir war's einen Augenblick lang, als hätte ich in der Hacienda ein dringendes Geſchäft; indeſſen ſchämte ich mich, den Verdacht der Feigheit auf mich zu laden, und blieb, ſo wunderlich mir's auch vorkam, mit den Händen in den Taſchen auf der Tigerjagd zu ſein. Die beiden Herrn Waldmänner machten ſich's bequem unter einem Baum, als verließen ſie ſich auf meine Wachſam⸗ keit und meinen Schutz. Der Canadier reckte und ſtreckte ſich überaus behaglich, und in ſeinen gewaltigen Formen bewun⸗ derte ich einen der wenigen Ueberreſte des kecken Geſchlechtes von Abenteurern, das bald verſchollen ſein wird. „Nehmt Platz bei mir,“ ſagte Bermudes:„wenn Ihr 287 vernehmen wollt, was wir ſeit unſerm Zuſammentreffen am Feuer bei Fronteras erlebten. Wir haben Zeit und Muße; die wilden Thiere werden erſt wach, wann der Menſch ſchläft, die Dunkelheit ſteigert ihre Stärke wie ihren Grimm. Kaum iſt's ſieben Uhr, und vor elf werden Seine Gnaden, der Herr von Jaguar ſchwerlich zu ſprechen ſein.“ Ich hatte alſo vier Stunden der Erwartung vor mir; was mir zwar durchaus nicht angenehm war, aber doch nicht eine Wißbegierde unterdrückte, deren Quelle nicht eitle Neu⸗ gier, ſordern wirkliche Theilnahme für die zwei irrenden Ritter war. Auch ſollte des Siebentödters Bericht mir ein anziehen⸗ des Zwiſchenſtück aus dem Kampf der Grenzbewohner mit den Indianern geben, aus jenem endloſen Kampf, worin ſie, ab⸗ wechſelnd Angreifer und Angegriffene, nicht ahnen, daß ſie den Sieg der Geſittung vorbereiten helfen. Wie bald wär es um die Anſiedler der Grenzen geſchehen, wenn nicht die Vor⸗ ſehung von Zeit zu Zeit in ihrer Mitte jene furchtbaren Brü⸗ der von der Büchſe und vom Meſſer erweckte, welche den Schrecken des Europäiſchen Namens bis in die Hütte des Wilden tragen. Zwei ſolcher Brüder hatte mir ein günſtiger Zufall in den Weg geführt. Hatte Mataſiete ſein Gelübde erfüllt? Durch welches Wunder von Liſt und Keckheit war das möglich geweſen? Ich ſollte es ſoeben vernehmen, und zwar unter ſeltſamen Umſtänden; um ſich einen kleinen Scherz zu erlauben, hatte der Jäger für die Erinnerung an überſtandene Fährlichkeiten keinen beſſeren Rahmen finden können, als eine noch zu beſtehende Gefahr. Ich war nur zum Hören gekom⸗ men, und konnte von Augenblick zu Augenblick zum Handeln gezwungen ſein. Der Erzähler begann: „Nachdem wir Euch verlaſſen, brachten wir zwei Tage damit zu, die Fährte der Apachen zu verfolgen, was trotz der mannichfachen Widerſprünge nicht allzuſchwer war; ich fand ſogar die Spur meines Pferdes heraus, und glaubte zu erkennen, daß das arme Vieh über Macht zu ſchleppen hatte. Dieſe Bemerkung ſteigerte noch wo möglich meine Wuth. Bald vermehrten ſich die Huftritte von Roſſen und Mäulern, wor⸗ aus wir auf neuen Raub ſchloſſen. Endlich verloren wir die Spur ganz und gar am Rande eines Armes vom St. Peters⸗ Strom. Es war am dritten Tag nach unſerer Begegnung. Wir ſuchten vergebens beide Ufer des Fluſſes ab; die breiten Striche Kiesboden verriethen auch nicht das Geringſte. So waren wir denn zum zweitenmal von der Fährte gekommen. Abſeits vom Waſſer überraſchte uns die Nacht müd und matt. Die Reihe zu ſchlafen war an mir; ich ſtreckte mich aus und träumte ſüß, als mein Geſpann mich weckte. „Was gibts?“ fragte ich:„Habt Ihr etwas entdeck?“ Seiner löblichen Gewohnheit treu, im Wald nur das Allernöthigſte zu reden, verſetzte er:— „Aufgeſchaut!“ Ich rieb mir die Augen und ſah den Himmel geröthet. „Flammenſchein von einer brennenden Hügelwieſe,“ ſagte ich. „Ihr träumt noch,“ verſetzte mein Freund. 289 „Abermals rieb ich mir die Augen. Der Schein kam nicht von einer wogenden Flamme, ſondern offenbar von mehreren ruhigen Feuern nebeneinander. Der Rauch wirbelte nicht ſchwarz, wie ihn die grünen Gräſer färben, die mit den dür⸗ ren verbrennen, und die Säulen ſtiegen abgeſondert von ein⸗ ander aufwärts. Dann umhüllte den Untertheil des Feuerſchei⸗ nes etwas wie ein Nebelſchleier, mithin brannten die Feuer auf einer Inſel im Fluß. „„Voran alſo,““ ſagte ich. „„Voran,““ wiederholte er. „Natürlich wandten wir beim Vorrücken jede mögliche Vorſicht an, denn wir befanden uns vor dem Feind, und durften wohl vermuthen, daß die Indianer Poſten ausgeſtellt hatten, obſchon ſie, wahrſcheinlich im Vertrauen auf ihre An⸗ zahl, ſich bisher keine Mühe gaben, die Fährten hinter ſich zu verwiſchen. Wir hatten in der Reihe zwanzig unterſchievliche Füße herausgefunden; da nun, wie Ihr wißt, die Indianer immer in die Fußſtapfen ihres Vormannes treten, ſo konnten wir ſchließen, daß ihrer mindeſtens dreißig waren. Wir er⸗ reichten ungehindert das Geſtade. Unſere Vermuthungen erwie⸗ ſen ſich als ganz richtig. Auf einer kleinen, mit Bäumen be⸗ ſtandenen Inſel brannten die Wachfeuer, und zwiſchen den Stämmen ſahen wir die rothen Leiber dieſer gierigen Hunde im Wiederſchein der Flamme glänzen. Soviel ich bemerken konnte, trugen ſie alle am linken Handgelenk die Lederbinds*), *) Das Armband am Gelenk und eine Art von Fäuſtling dienen dazu, zu hindern, daß der Schlag der Bogenſehne und das Der Erzähler. 1847. 1. 19 290 das unterſcheidende Abzeichen des indianiſchen Kriegers. Wir hatten alſo mit würdigen Gegnern zu thun, und nicht etwa mit jenem feigen Diebsgeſindel, das ſich zuweilen auch in den Wäldern umhertreibt.“ Der Jäger ſchoͤpfte Athem und ich vernahm das Schnar⸗ chen des Canadiers, der während der Erzählung ſanft ent⸗ ſchlummert war. Welch ein Gegenſatz! Dort der ſchwerfällige Normann, hier der reizbare, ſpöttiſche Sohn des Südens, der ſeinen, übrigens probehaltigen Muth recht gern in's hellſte Licht ſtellt. „Wohl zwanzig mal hob ich die Büchſe, voll Begierde, einem von den rothen Sakermentern das Lebenslicht auszubla⸗ ſen, und zwanzig mal drückte mein Geſpann die Mündung wieder abwärts. Endlich ergab ich mich ſeinem vernünftigern Rath, wenn ſchon nicht ohne Widerſtreben. Bedenkt auch ſeit ſiebenzehn Tagen verfolgten wir ſchon die Racker. Vom Auf⸗ geben des Angriffes war natürlich keine Rede, denn wozu wa⸗ ren wir denn nachgezogen? Aber es war klug, erſt die Oert⸗ lichkeit zu unterſuchen, bevor wir angriffen, zwei gegen dreißig. Wir ſahen uns alſo um. Ringsum waren, bis auf einen Hag von Weiden und Baumwollenſtauden, die Geſtade abwech⸗ ſelnd mit Holzungen beſtanden und von offenen Stellen oder Lichtungen durchſchnitten. Zwei Büchſenſchüſſe weiter abwärts im Strom zeigte ſich, vom Nebel halb verhüllt, eine andere kleine Inſel. Unſere Schelme hatten mithin ihren Platz gut Geſieder des Pfeils den Schützen nicht an der linfen Hand beſchädigen. Sie ſind zugleich das Abzeichen des Kriegers. 5 291 gewählt; ſie unverſehens im Lager zu überfallen, ſchien un⸗ möglich. Der Mond beſchien die Waſſerfläche ſo hell, daß noch die kleinſten Wirbel zu erkennen waren, wo ſich die Wogen an emporragenden Steinen brachen; wir unterſchieden auch deutlich die Blätter von Waſſerpflanzen, und hier alſo war eine Fuhrt zum Durchwaten. Auf dieſem Weg mußten die Rothhäute zur Inſel gegangen ſein, und wahrſcheinlich wähl⸗ ten ſie ihn auch zur Rückkehr. Wir zogen uns alſo etwas davon zurück. „Nun hielten wir Kriegsrath. Wir kannten die Gewohn⸗ heiten der Indianer hinlänglich, um zu wiſſen, daß ſie das ſichere Lager nur darum ausgeſucht hatten, um einen Tag lang zu jagen. Wir durften alſo vermuthen, daß ſie ſich ver⸗ theilen würden; was uns eine Möglichkeit des Erfolges an die Hand geben konnte. Da ich ein wenig geſchlafen hatte, hieß ich den Canadier desgleichen thun, und ich ſetzte mich zu ihm. Er ſäumte nicht zu ſchnarchen, wie grade jetzt, und ich äugelte durch das dichte Laub nach dem Feind hinüber. Beim ſanf⸗ ten Gemurmel des Waſſers wär' ich ſelber ſchier eingeſchlafen, hätte nicht von Zeit zu Zeit das Geheul der Indianer die Stille unterbrochen. „„Jubelt nur immer zu, Schufte;““ ſagte ich:„„Euer Freu⸗ dengeheul wird ſich bald in Schmerzgeheul verkehren, be unſer Blei euch zwiſchen den Rippen ſitzt.““ „Endlich legten ſie ſich auch ſchlafen, und kein guut ließ ſich vernehmen, als das Rauſchen des Laubes im Nachtwind und das Murmeln der Wogen. Die Stunden ſchlichen lang⸗ ſam dahin. Der Anbruch des Tages ſollte die Entſcheidung 8 unſeres Geſchickes bringen. In ſolchen Augenblicken, Herr, iſt es ein tröſtliches Gefühl, niemand hinter ſich nachzulaſſen. Ich konnte mich eines traurig unheimlichen Gefühles nicht er⸗ wehren beim Schreien der Käuzlein und beim Krachen und Kniſtern der Stämme und Aeſte im Walde hinter uns. Ich begann unter dem ſich verdichtenden Morgennebel ein wenig Fröſteln zu empfinden, als mirs in der Dämmerung vorkam, wie wenn ſich drüben auf der Inſel etwas regte. Ich bat Gott, die heilige Jungfrau, die armen Seelen im Fegfeuer um Beiſtand, und weckte meinen Geſellen. „Einige Raben begrüßten krächzend das Nahen des Mor⸗ gens. Bald unterſchieden wir ein Geplätſcher im Waſſer, und erkannten ein Schiffchen mit einem, mit zwei, mit drei Rothhäuten, die leiſe und vorſichtig nach unſerer Seite ruder⸗ ten. Der Canadier drückte heftig meinen Arm; wir ließen uns jeder auf ein Knie nieder, ſchütteten friſches Zündkraut auf, und hielten uns gefaßt. Unſere Spannung war groß...4 Bermudes wurde hier unterbrochen; das Fohlen zerrte ängſtlich am Halfterſtrick, und durchs Gebüſch brach es mit unheimlichem Lärm, daß ich zuſammenfuhr. „Habt Ihr kein Gebrüll vernommen?“ fragte ich. Der Siebentödter ſchüttelte lächelnd das Haupt. „Wenn Ihr einmal, ein einziges Mal nur einen Tiger habt brüllen hören,“ ſagte er:„ſo wird es Euch nimmer be⸗ gegnen, das Sumſen der Mücken damit zu verwechſeln. Doch nur Geduld, noch vor Mitternacht werdet Ihr wiſſen, wo Barthel den Moſt holt.“ — 293 Es war in der That nur ein blinder Lärm geweſen, und der Jäger erzählte weiter: „Wurden wir jetzt entdeckt, ſo waren wir geliefert, das begreift ſich, denn wir hätten auf einmal die ganze hölliſche Geſellſchaft auf dem Hals gehabt. Es war alſo ein ernſthafter Augenblick für uns, als ſie landeten. Wir wagten kaum zu athmen, während ſie einige Minuten lang mit einander zu Rathe gingen; zum Glück ſchlugen ſie eine andere Richtung ein, als auf uns zu. Die drei Apachen gingen ſtromaufwärts. Ich hatte immer noch den verdammten Sattel bei mir, den ich in meiner Wuth einem ſolchen Schuft, lebendig oder todt, auf den Leib zu legen geſchworen; ich verbarg ihn in die Aeſte, dann ſchlichen wir, von Buſch und Baum bedeckt, den Indianern nach. Der Canadier, ſo groß und breit er iſt, glitt wie eine Schlange geräuſchlos auf dem Boden dahin; ich kroch ihm nach ſo gut ich konnte. Wir waren noch nicht gar weit gekommen, als wir einen ſtarken Hirſch aufſprengten, der nach der Seite unſerer Feinde floh. Wir hörten eine Bogenſehne ſchnellen; zwanzig Schritte von uns ſtürzte das Wild nieder, vom Schützen gehetzt, der es abzufangen eiligen Laufes folgte. Indem der verwundete Hirſch ſich vertheidigte, warf er den Verfolger zu Boden. Ich wunderte mich noch über den Vorgang und wähnte den Canadier neben mir, als der ſchon den Indier mit ſeinem Meſſer an den Boden ſpießte, und mit der andern Hand ihm die Kehle zudrückte, um kein Geſchrei aufkommen zu laſſen. „„Das war einmal einer,““ ſagte der Canadier. Wir lauſchten mit Herzklopfen; von fern riefen die Rothhäute ihrem 294 vermißten Geſellen. Mein Freund ahmte, ſo gut er konnte, den Schrei des indianiſchen Jägers nach, der einem angeſchoſſenen Hirſch folgt. Ein neuer noch entfernterer Ruf belehrte uns, daß die anderi ihrem Kameraden Waidmannsheil wünſchten, dann warts ſtill. Das alles war beinahe ſchneller geſchehen als geſagt, und es war inzwiſchen noch nicht Tag geworden. Im Halbdunkel allein konnten wir hoffen, die zwei Apachen noch zu überraſchen, und es galt kein Säumen. Da wir uns von der Inſel entfernten, wo das Lager war, und nur zwei Gegner vor uns hatten, ſo brauchten wir nicht gar ſo arg vorſichtig zu ſein, und konnten raſch der Richtung zueilen, von wo wir die Stimmen vernommen. Wir erreichten einen kleinen Bach, der ſich in den Strom ergießt, und gingen unhörbar aufwärts ſeinem Lauf entgegen. Wir dachten wohl, daß die Rothhäute wenigſtens eben ſo viel von der Jagd verſtänden als wir, und daher zum Waſſer kommen würden. Wir ver⸗ rechneten uns darin nicht, und es lohnt wohl der Mühe, zu erzählen, was ſich nun zutrug; Ihr werdet ſehen, wie pfiffig dieſe Schlingel ſind. „Der Bach, woran wir hingingen, bildete bei ſeinem Ur⸗ ſprung eine Art von Teich zwiſchen Büſchen und dicht bei⸗ ſammenſtehenden Stämmen. Wir hatten ſo leiſe das Dickicht hier erreicht, und das allenfallſige Geräuſch unſerer Schritte glich ſo täuſchend dem Raſcheln des Morgenwindes im Laub, daß wir nicht im mindeſten zwei ſtarke Lirſche ſtörten, die ſich luſtig im hohen Gras umhertummelten, woraus nur ihre Ge⸗ weihe und zuweilen die Köpfe zum Vorſchein kamen Bald erblickten wir auch noch zwei andere Hirſche, welche dieſe beiden 295 mit Neugier und doch nicht ohne Scheu betrachteten; wenn ſie ſich einen Schritt näher gewagt hatten, prallten ſie wieder um zwei zurück. Trotz des zweifelhaften Dämmerſcheins ſiel uns auch ein gewaltiger Unterſchied zwiſchen den zwei Paaren auf. Die einen, die unſern, wie ich ſie nennen will, hatten etwas ſonderbar Starres im Blick, etwas Eckiges in den Bewegun⸗ gen, was die Scheu der andern allerdings rechtfertigte. Doch wurde ihre Neugier nach und nach der Furcht Meiſterin; ſie wagten einige ſcheue Schritte vorwärts. Da wichen die unſern zurück, und kamen uns ganz nah, die wir, jeder ſein Meſſer zwiſchen den Zähnen, uns nicht rührten. Plötzlich krachte das Gebüſch, worin wir ſtacken; des Canadiers mächtige Fauſt hatte den einen Hirſch gepackt, und der verkappte Indianer ſtieß ſeinen letzten Schrei aus. Ich hatte meinen Sattel nicht bei mir; ſo dacht ich:„du mußt ihn eben ohne Sattel und Zeug reiten,“ ſchwang mich auf den Rücken des andern, preßte ihn gewaltig feſt und dachte ihn ſo abzufangen. Er wich be⸗ hend dem Stoß aus, warf den entlehnten Kopf von ſich und ſchüttelte mich ab. Vergebens erhaſcht' ich ihn beim Bein; er riß ſich mit ſo verzweifelter Kraftanſtrengung los, daß ich beinah glaubte, ſein Fuß müſſe in meiner Hand geblieben ſein. Er hatte mich dabei zu Boden geworfen und war mit Einem Satz aus meinem Bereich. Ich verfolgte ihn zwar, aber er war mir zu flüchtig und außer mir vor Wuth fuhr ich mit der Büchſe zur Wange auf.— Da lag er, um nim⸗ mer aufzuſtehen, aber der Knall des Schuſſes weckte ringsum den Widerhall.—„„Jetzt haben wir's,““ rief der Canadier:„„der Lärm ruft das ganze Lager her.““ 296 „„Das hätte der da auch gekhan, wenn ich ihn entrinnen ließ,““ verſetzte ich. „Zu ſolchen Erörterungen war übrigens keine Zeit. Weß⸗ halb der Canadier nicht antwortete, ſondern nachſchaute, ob der Geſchoſſene auch ganz todt ſei. Nun, der hatte ſein Theil. „„Jetzt,““ ſagte er:„„jetzt gilts. Auf jeden Fall thun uns die drei nichts mehr. Im Sprichwort heißts ein todter Hund beißt nicht.““ „Er hatte ſeit langem nicht ſo viel hinter einander geredet; † es war daher auch eine Art Siegeslied, das er damit in ſeiner Weiſe ſang. Wir hielten neuen Kriegsrath, deſſen Ergebniß lautete: es wäre gut, wenn wir uns bis zum Abend verbergen könnten, um dann erſt die Jagd wieder aufzunehmen. Wir hätten uns wohl im Gehölz verſtecken können, aber wenn wir auch darin nicht leicht zu finden waren, ſo konnten wir doch umzingelt werden; was kam es auch den Apachen darauf an, den Wald anzuzünden? Wir ſprachen noch, als ſich ein ent⸗ ſetzliches Gebrüll vernehmen ließ, ein Brüllen, wogegen das der Tiger ein Mückengeſums iſt. Der Schuß hatte die India⸗ ner herbeigelockt; leicht hatten ſie unſere Fährte entdeckt, die zu verwiſchen wir gar nicht bedacht geweſen. Ich habe gewiß Muth wie einer, aber mir wurde bei der Höllenmuſik doch ganz eigen um's Herz. Zu zaudern war jetzt nimmer. Aus den Stimmen unſerer Feinde entnahmen wir, daß ſie weit ge⸗ nug vom Ufer entfernt waren, und wir möglicher Weiſe alſo im Schutz des Dickichts ungeſehen das Waſſer erreichen konnten. Wir flogen mehr, als wir gingen, der Stelle zu, wo wir den Kahn der drei erſchlagenen Krieger noch zu finden hofften Ein⸗ 297 mal verdoppelte ſich das Geſchrei; vermuthlich hatte die Rotte meinen Sattel im Gezweig entdeckt. Dann hörte plötzlich aller Lärm auf, und eine Stille trat ein, die noch ſchwerer laſtete als das toddrohende Geheul. Dreimal nur wurde das Schweigen durch einen Trauerruf unterbrochen; zweifelsohne galt es jedesmal einem Krieger, den ſie todt fanden; wir hatten hierin geleiſtet, was möglich war. Gott ließ unſere Hoffnung nicht zu Schanden werden. Der Nachen war noch zur Stelle, neben ihm ein größerer Kahn, worin wahrſcheinlich die andere Abtheilung an's Land gefahren war. Dieſer war für uns zwei allein zu ſchwer; wir bemächtigten uns des kleineren Fahrzeuges, und wollten das andre vom Ufer mit uns wegnehmen, als neues Geſchrei uns belehrte, daß wir entdeckt ſeien. Ein Hagel von Pfeilen fiel bei uns nieder. Wir ſtießen ab, und ruderten aus Lei⸗ beskräften der zweiten Inſel zu, wo wir allein uns vertheidi⸗ gen konnten. Wir erfreuten uns eines artigen Vorſprunges, und das Waſſer war breit genug, uns vor den Pfeilen der Feinde zu ſichern. Unſer Schiffchen flog wie ein Vogel unter dem kräftigen Ruderſchlag des⸗ Canadiers dahin. „„Ach,““ ſagte mein Freund mit Bedauern:„„wenn Ihr Euch auf's Ruder verſtändet, wie ich, ſo wollten wir mit den Hallunken eine Waſſerjagd anſtellen, die ihnen einen Krieger nach dem andern koſten ſollte; doch ſo würden ſie uns entern.““ „Wir waren der kleinen Inſel bereits ganz nahe, als die Indianer in ihren Kahn ſprangen und uns nachfuhren. Der Canadier hörte zu rudern auf, und ſagte: 298 „„Sucht Euch einen Augeublick hier zu halten; ich muß ein wenig Pulber verbrennen.““ „Ich nahm das Ruder, er ſein Gewehr, und paff! ſtürzte einer kopfüber in's Waſſer, ſo daß ſchier das Schiff umge⸗ ſchlagen wäre. Die Wuth der Feinde zu ſchildern, will ich gar nicht verſuchen, die ihrerſeits auch die Ruder hängen ließen, um uns ihre ohnmächtigen Geſchoße nachzuſenden. Mit ein paar Ruderſchlägen erreichten wir die Inſel; wir ſtiegen an's Land, nahmen unſer Schifflein mit und bargen es im Dorn⸗ geſtrüpp. Unſern Standpunkt wählten wir auf einem Hügel, der unfern von da, wo wir gelandet, ſteil zum Waſſer abfiel, vom Land aber ſanft anſtieg und mit hohen Bäumen beſtan⸗ den war. „Inzwiſchen ſchienen die Ruderſchläge nicht näher zu kom⸗ men; einer Kriegsliſt gewärtig, näherte ich mich hinter einem gewaltigen Acajou vorſichtig dem Geſtade, und ſah richtig, wie das Fahrzeug abwärts glitt. Der Feind wollte ſich alſo außer Schußweite an's Land begeben, und im Schutz des Dickichts uns in Maſſe über den Hals kommen. Unſere Stellung hielt uns zum Glück den Rücken frei. „Nach der Landung der Rothhäute blieb einige Augen⸗ blicke lang Alles ſtill. Menſchlicher Vorausſicht nach hatte unſer letztes Stündlein geſchlagen, und wir konnten nichts mehr thun, als, unſere Seelen dem himmliſchen Vater em⸗ pfehlend, das Leben möglichſt theuer verkaufen. Unſere Pulberhörner waren voll, Kugeln brauchten wir auch nicht erſt zu gießen; wir hatten hinlänglich Pinole und Cecina, um eine Belagerung von vierundzwanzig Stunden auszuhalten, 299 und mein Freund zählte mit feſter Zuverſicht auf mich, wie ich mich auf ihn verlaſſen konnte. „Nach einer Weile, die wir mit gutem Rechte lang fin⸗ den durften, zeigte ſich ein Dutzend etwa dieſer Schakals am Waldrande, einen guten Büchſenſchuß weit entfernt. Mit ihren roth und gelb bemalten Fratzen, ihren Zöpfen, den aus⸗ geſchnittenen Riemen an Armen und Beinen ſahen ſie ganz verteufelt aus. Namentlich war ein großer Schlingel unter ihnen, den ich von Anfang gleich beſonders nicht ausſtehen mochte. Sie hielten Alle auf einmal ſtill und ſchienen ſich zu berathen, worauf der große Teufel einige Schritte vortrat und uns mit gebieteriſchem Winke zu ſich rief. „„Soll ich ihm Eins auf den Pelz brennen?““ fragte ich⸗ „„Das hat noch Zeit,““ meinte er:„in unſerer Lage ſchießt man nicht eher, als bis man das Weiße im Auge ſieht.“ „„Gut, ich warte,““ ſagte ich. „Eine zweite Aufforderung blieb erfolglos wie die erſte. „Die Indianer rückten vor. Mein Canadier ſchoß einen nieder, ich den zweiten; ich hatte eigentlich den langen Schlingel auf's Korn genommen; aber juſt im Abdrücken war mir ein anderer dazwiſchen gekommen und fing die Kugel auf, wahr⸗ ſcheinlich nicht mit Fleiß. Unſere Feinde warfen ſich⸗ auf den Bauch und warfen Staub auf, ſo daß wir nichts mehr ſahen; einige Pfeile ſausten uns an den Ohren vorbei oder ielen zu unſern Füßen nieder. Wir feuerten in die Staubwolke, wahr⸗ ſcheinlich mit Erfolg, aus dem Geheul zu ſchließen. Der Staub wurde immer dichter und breitete ſich aus, ſo daß es thöricht geweſen wäre, nochmals hineinzuſchießen. 300 „Endlich ſahen wir ein Dutzend Rothhäute auf unſern Hügel Sturm laufen. Ihre wüſten Geſichter berührten ſchier die unſern, wir fühlten faſt auf unſern Stirnen ihren heißen Athem. „Einen erſchoß der Canadier vor dem Lauf, eines andern Hirnſchädel zerſchmetterte der Gewehrkolben; dann kollerte er, von drei Wilden umklammert, den Hügel hinab. „„Feuer!““ riefer mit halberſtickter Stimme:„„träf's mich ſelber auch, Feuer!““ „Nun hatte ich ſelber genug zu thun, mir die andern mit dem drohenden Geſchoß vom Leibe zu halten; mit Beklemmung ſah ich den Canadier, allein gegen drei, wie von Schlangen umwunden; vergebens ſuchte er ſein Meſſer frei zu machen; einmal hob er ſich mit Rieſenkraft vom Boden auf, doch ſtürzte er mit dem Knäuel wieder nieder. Bald krachte die Hirn⸗ ſchale des Einen zerſchmettert auf einem Stein, der Zweite ließ los, ich wollte mich mit gezücktem Meſſer auf den Dritten ſtürzen, aber ein Keulenſchlag entriß mir einen Schmerzens⸗ laut und mein Meſſer fiel zu Boden. Mich wendend ſtand ich vor dem langen Apacho, der mir ſchon ſo ſehr mißfallen hatte. Mein Gewehr, hochgeſchwungen wie eine RKeule, ſchreckte ihn einen Schritt zurück, ich raffte mein Meſſer auf und zog mich nach der Höhe zurück, um Raum zum Feuern zu ge⸗ winnen. Er mir nach, ſchnell wie der Blitz, und eh' ich es wehren konnte, ſaß mir ſeine Macana am Schädel. Be⸗ täubt, verwirrt, verlor ich das Gleichgewicht und ſtürzte be⸗ bewußtlos nieder. Ein Gefühl angenehmer Kühlung brachte mich wieder zu mir ſelbſt; ich war in den Fluß geſtürzt.“ So ſehr mich gerade jetzt die Erzählung anſprach, mußte ich Bermudes doch unterbrechen; das überaus ängſtliche Gewim⸗ mer des Fohlens rief meine Sorge wach. „Sind das wieder die Mücken,“ fragte ich:„vor denen das arme Vieh ſich ſo fürchtet?“ „Wir wollen ein Bischen aufhorchen,“ verſetzte er:„mög⸗ lich iſt möglich.“ „Da ſchaut einmal hin,“ ſagte ich, auf eine junge Pappel deutend, die über das Grün der Hügel emporragte;„iſt es der Wind, der die Pappel ganz allein ſchüttelt, während er die andern alle ruhig läßt?“ Der Jäger horchte und ſchaute. Die Pappel bebte in regelloſen Schwingungen, und durch das Rauſchen der ge⸗ ſchüttelten Blätter hindurch war das Anprallen eines ſchweren Körpers gegen den Stamm nicht wohl zu verkennen. Es hätte allenfalls ein wilder Stier ſein können; aber die Zeichen ſtanden anders. Ich erkannte jenes gewiſſe Schnurren und Knurren des Katzengeſchlechtes, und das ihm eben ſo eigen⸗ thümliche Wetzen der Krallen an einem Stock oder Stamm. „Es iſt richtig die große Katze,“ ſagte der Siebentödter. „Soll ich den Canadier wecken?“ fragte ich. „Noch nicht. Der Jaguar thut freilich Gott weiß wie wild, aber ſeine Stunde iſt noch nicht gekommen, und er hat uhr Furcht als Ihr für den Augenblick.“ Darüber hätte ſich reden laſſen; indeſſen machte ich eine ſo ſtolze Miene, daß Vermudes ſich bewogen fand zu äußern: „Unſere Tigerjagd iſt nicht ſo gefahrlos, als Ihr viel⸗ leicht meint. Ihr werdet alsbald merken, wie eine weitere Stunde Durſt unſern Jaguar boshaft macht. Bei'm Brüllen des Tigers hab ich ſchon manchen beherzten Mann die Farbe wechſeln ſehen. Habt Ihr ſchon einer Jagd auf Tiger bei⸗ gewohnt?“ „Nein,“ ſagte ich:„heut geſchieht's zum erſten, und, wie ich aus guten Gründen mir einbilde, auch zum letzten Mal, wenn Ihr überhaupt die Art, wie ich dabei bin, einer Jagd beiwohnen nennen wollt.“ „Seid nur zufrieden,“ tröſtete der Jäger„zu rechter Zeit ſollt Ihr eine Waffe erhalten, deren unfehlbare Wirk⸗ ſamkeit ich ſelbſt ſchon erprobte.“ Dieſe Rede gefiel mir, und mit erleichtertem Herzen hörte ich den weitern Verlauf des Abenteuers mit den Apachos. „Was mein Tod ſein ſollte, rettete mich,“ hob der Siebentödter wieder an:„das friſche Waſſer gab mir die Be⸗ ſinnung wieder, die ich beinah' ganz eingebüßt hatte. Als ich nach einigen Augenblicken wieder zur Oberfläche kam, ſah ich meinen hartnäckigen Verfolger am Ufer ſtehen, in einer Hand ſeine Keule, in der andern mein Meſſer, das ich zum zweiten Mal hatte fallen laſſen. Er dachte ſich an meinem Todes⸗ kampf zu weiden. Wie er mich dem Ufer zuſchwimmen ſah, ſtieß er einen Wuthſchrei aus und ſtürzte mir nach. Ich ſtrengte alle Kräfte an, ihm zu entrinnen, aber geſchwächt vom Blutverluſt konnte ich nicht ſo ſchnell ſchwimmen, wie er. Einigemal ſchaute ich nach ihm um, und jedesmal näher er⸗ blickte ich die Teufelsfratze, zwiſchen zwei Reihen ſpitziger Zähne das Meſſer, das mich abthun ſollte, und obendrein noch mein eigenes war. Ich warf einen verzweiflungsvollen Blick zum Geſtade, das vor mir zu weichen ſchien. Mein guter Kamerad war dort in bedenklicher Lage. Er hatte ſich zwar losgemacht, und, wie ich merkte, ſogar wieder geladen. Seine Büchſe, im Anſchlag, hielt die Apachos noch allein im Zaum, die ihn, wie bellende Hunde den Stier, umringten. „Ich hatte nicht Selbſtverleugnung genug, zu ſchweigen. „„Wollt Ihr mich abſchlachten laſſen?““ ſchrie ich. „Der Freund ſchielte ſeitwärts nach mir hin, ohne jedoch den Lauf ſeiner Büchſe von den Indianern wegzukehren. Wie er aber ſah, daß der Lange den Arm nach mir ausſtreckte, vergaß er der eigenen Gefahr, wandte ſich, ſchlug an und ich hörte die Kugel pfeifen. Das Waſſer färbte ſich roth. Der todeswunde Indianer verdrehte die Augen und plätſcherte wie eine ertrinkende Katze. Ich entriß ihm das Meſſer, ſtieß es ihm ein paarmal in die Gurgel, und dachte nun meinem wackern Geſellen zu Hülfe zu kommen. Er war verſchwunden. Doch, das mag er Euch ſelber erzählen, da er nun ausge⸗ ſchlafen hat.“ Der Canadier war wirklich inzwiſchen erwacht, und ſagte gähnend: „Was iſt da viel zu berichten? Nachdem ich meinem Freund den kleinen Liebesdienſt erwieſen und meinen Schuß ausgegeben hatte, dachte ich wohl, daß er ſich zu mir heran⸗ machen würde. Die Indianer waren durch den Tod ihres Häuptlings etwas verblüfft; dennoch konnte ich mich jetzt nicht mit dem Laden befaſſen, ſondern ſchwang mein Gewehr ver⸗ kehrt um den Kopf und ſprang durch die fünf Kerls mitten durch, die vom ganzen Trupp der Angreifer noch übrig waren. Bevor ſie ſich recht beſannen, war ich ſchier aus dem Bereich ihrer Pfeile. Jetzt ging ich rückwärts wie ein Krebs dem Ufer zu. Ihr wißt wohl ohnehin, daß ein Pfeilſchuß ſich ab⸗ wehren läßt. Die Spitze fliegt grad zum Ziel, aber die be⸗ fiederte Seite beſchreibt ſchwirrend einen kleinen Kreis, der ſchillernd und blitzend den Gang des Geſchoßes anzeigt, dem einer dann ausbeugen mag, wenn er's nicht gar mit der Hand wegſchlägt. So erreichte ich die Stelle, wo mein Ge⸗ ſell an's Geſtade kam. Ich hatte nur drei oder vier leichte Verletzungen; die Bäume hatten meinen Rückzug ſchützen hel⸗ fen.. Und jetzt mag Bermudes Euch das Uebrige ſagen,“ ſchloß der Canadier, ſchier erſchrocken, daß er ſoviel hinter einander weg geredet und legte ſich wieder zum Schlafen zu⸗ recht. Bermudes nahm abermals das Wort: „Als die Indianer uns wieder beiſammen ſahen, hielten ſies für klug, ihre Rache zu verſchieben. Der Verluſt ihrer Genoſſen mochte ſie wohl auch entmuthigt haben. Es gilt bei ihnen für keine Schmach, bei ungünſtigen Ausſichten den Platz zu räumen, ſelbſt wenn ſie dem Feind an Zahl über⸗ legen ſind. Ich rieth, ſie bis in ihr Lager zu verfolgen, wo wir erwarten konnten, noch ein gutes Dutzend ihrer Krieger anzutreffen, die vermuthlich als Wache beim Gepäck geblieben waren; mein Freund jedoch wollte nicht darauf eingehen. Wir brauchten keine Sorge zu hegen, daß ſie uns etwa entliefen; ſie hätten glühenden Durſt nach unſerm Blut und würden in verſtärkter Anzahl wiederkommen; wir aber befänden uns in vortheilhafter Stellung, hätten ein Fahrzeug zur Verfügung, 305 und wenn ſie nicht kommen wollten, ſtünd' es uns ja am Ende frei, zu ihnen zu gehen. Noch halb betäubt vom em⸗ pfangenen Streich, und weil ich mein Blut immer noch häu⸗ fig hervorquellen fühlte, ſtand ich vom Vorhaben ab. Wir ließen die Indianer ungehindert wieder zu Schiff ſteigen, und beſchäftigten uns ausſchließlich mit uns ſelbſt. Nachdem wir die Wunden verbunden, muſterten wir unſere Vorräthe; es fanden ſich noch ein paar Schnitten gedörrtes Fleiſch, und wenn auch mein Pulver durch's Waſſer verdorben war, ſo hatte der andre deſſen für uns beide noch genug, und wir konnten immerhin der Belagerung entgegenſehen. „Wir hielten gute Wacht, und der Tag verging ohne Angriff; ſchweigſam und ruhig kam die Nacht. Es iſt kein Kinderſpiel, wenn in einer Lage wie die unſere die Dunkel⸗ heit gefällig den Mantel über die Anſchläge ihrer blutlechzen⸗ den Kinder breitet. Kein Feuer wurde diesmal angezündet. Die große Inſel ſchien verlaſſen wie am erſten Schöpfungstag. Einige entwurzelte Bäume, welche auf den Wogen einhertrie⸗ ben, brachten allein ein Bischen Abwechſelung in das ein⸗ tönige Bild unſerer Umgebung. Dieſe ſcheinbare Ruhe machte mich natürlich nicht ſicher, ſondern im Gegentheil ſehr beſorgt; kein Zweifel, die Indianer führten irgend eine Hinterliſt im Schilde. Von der Ungewißheit halb todt gepeinigt, beſchloſſen wir auf Kundſchaft auszugehen. Mit äußerſter Vorſicht brach⸗ ten wir den Kahn in's Waſſer und fuhren gegen die Inſel hinauf. Nichts war zu ſehen noch zu hören. Wir waren die einzigen lebenden Weſen auf dieſer weiten Waſſerfläche. „„Was bedeutet das?““ fragte ich. Der Erzähler. 1847. 1. 20 306 „„Es bedeutet,““ erklärte der Canadier,„„daß die Wilden den Untergang des Mondes erwarten; doch kann ich immer noch nicht herauskriegen, was ſie eigentlich brüten.““ „Wir horchten wieder mit geſpannteſter Aufmerkſamkeit, um wenigſtens einen Ton zu erhaſchen, und in der That, wir vernahmen auch etwas, wie wenn etwas im Waſſer ein Bis⸗ chen lauter und unregelmäßiger plätſcherte, als das Anſchlagen und Zurückprallen der Wogen ſelbſt. Das Geräuſch kam von der Inſel her und näherte ſich uns. „„Laßt uns umkehren,““ ſagte der Canadier. „Wir kehrten ſo leiſe zu unſerer Au zurück, als wir ab⸗ gefahren waren. Das Plätſchern war immer noch zu ver⸗ nehmen. Wir nahmen wieder unſere Poſten ein, mehr denn je eines Ueberfalls gewärtig. „„Wenn wir ein Feuer aufzündeten,““ ſagte ich:„„ſo wür⸗ den die Teufelsbraten merken, daß wir uns nicht verſiecken, und wir kommen vielleicht dabei hinter ihre Schliche.““ „Bald beleuchtete die grelle Flamme eine Strecke des Fluſſes, ohne unſere hoͤchſt verzeihliche Wißbegierde im Min⸗ deſten aufzuklären. Das Harren und Bangen brachte mich ſchier zur Verzweiflung, und ich dachte vor Ungeduld aus der Haut zu fahren. „Wir beide, der Canadier und ich, lehnten uns an den⸗ ſelben Baum, doch von verſchiedenen Seiten, ſo daß wir den ganzen Umkreis beherrſchten; ich hatte die Ausſicht nach dem feindlichen Lager, mein Freund in's Innere unſerer Inſel. Ich glaube, der Tag war mühevoll genug geweſen, um unſere Wimpern etwas ſchwer zu machen. Ringsumher ſchien alles 307 zu ſchlummern, das Laub in der Höhe, die Käfer im Nacht⸗ thau, das Gewäſſer unter dem Duft. Um mich munter zu erhalten, unterhielt ich mich mit Beobachtung des Treibholzes auf dem Fluß. Bald kam ein entaſteter Stamm, dann wie⸗ der ein ganzer Baum mit der Laubkrone; und ſie alle liefen an der Spitze unſerer Inſel auf den Strand. Unbermerkt verlor ich das klare Bewußtſein; ich ſchlief mit offenen Augen. Mit einem Mal war mir's, als ſchwimme die ganze Inſel der Feinde auf uns zu. Ich ſchrieb dieſes wunderliche Geſicht dem Schwindel, der Schläfrigkeit zu, und ſchüttelte mich, um die Mattigkeit zu vertreiben. Jetzt aber ſah ich deutlich eine dichte, dunkle Maſſe auf uns zuhalten; es war kein Traumge⸗ ſicht, ſondern in der That ein ganzer Haufe von Bäumen, Zweigen und Laub 4 Hier wurde die Erzählung abermals unterbrochen. „Horch!“ ſagte Bermudes flüſternd. Ich vernahm ein fernes Knurren. „Eine erſte Ankündigung,“ ſagte der Mexicaner. Ein zweites Gebrüll, doch noch dumpf und undeutlich, ließ ſich vernehmen, klagend und drohend zugleich. „Ich habe mich geirrt,“ ſagte Bermudes. „Wie ſo?“ „Ich meinte, es ſei ein Tiger.“ „Nun?“ „Nun ſind's gar ihrer zwei.“ Ich weckte den Canadier. „Zwei Tiger!“ flüſterte ich ihm in's Ohr. „Alſo zwanzig Piaſter,“ gähnte er gelaſſen. 308 Der gemüthsruhige Waidmann dachte alſo in der ganzen Angelegenheit grade nur an's Schußgeld. „Schlaft nur weiter,“ ſagte ſein Kamerad zu ihm:„vor der Hand drücken die zwei Viecher nur ihr Mißvergnügen aus, ihre Tränke beſetzt zu finden; noch iſt der Augenblick nicht da, wo der Hunger, vornehmlich aber der Durſt ſie zum Angriff ſpornen.“ „Alſo glaubt Ihr wirklich,“ fragte ich:„daß ihrer zwei zur Stelle ſind?“. „Es iſt noch eine Möglichkeit vorhanden,“ entgeg⸗ nete er. „Etwa daß ſie ſelbdritt ſind?“ „Wir ſind ja auch unſer drei. Aber nein? Iſt das Pärlein nicht Er mit Ihr, ſo macht ſich einer davon. Zwei Männchen ziehen nicht miteinander. Im andern Fall werden wir gehörig gewarnt werden; Gott hat der gefährlichſten der Schlangen die Klapper angehängt, um den Menſchen vor ihrer Nähe zu warnen; nicht minder ſteckte er dem Raubthier zwei glühende Lichter in den Kopf, die durch die Finſterniß leuch⸗ ten, und gab ihm die brüllende Stimme als Vorboten des Angriffes.“ Man begreift, wie tröſtlich der Beſcheid mir klang. In⸗ deſſen war ja die Gefahr noch weit, und noch nicht der Au⸗ genblick gekommen, worin der Durſt die angeſtammte Scheu des Wildes vor der menſchlichen Nähe zum Schweigen zwingt. Alles wurde ſtill im Gehölz, das der Mond mit ſeinem Schein erhellte. Die zwei Jäger machten ſich's wieder bequem, doch ſchlief der Canadier nicht mehr ein, ſondern lehnte ſich, die . ſ. 309 Büchſe zwiſchen den Knieen, an einen Stamm und ſtopfte ſich eine Pfeife, um die Schläfrigkeit vollends zu überwinden. Ich beſaß hinlängliche Erfahrung, um am Stand der Geſtirne zu erkennen, daß die Stunde nahte, wo die Wüſtenei ihre Ge⸗ heimniſſe feiert. Mir war's gar nicht unlieb, in der feierlichen Stille eine Menſchenſtimme zu vernehmen, und ich bat Bermudes fortzufahren, inſofern er nämlich meine, noch Muße dazu zu haben. „Zeit im Ueberfluß,“ verſicherte er:„eine gute Stunde, und die brauch' ich nicht, um mein Geſchichtchen zu Ende zu bringen.“ Er nahm den Faden wieder auf. „Ich rannte zum Feuer, nahm einen Brand und ſchleu⸗ derte ihn in den Fluß. Bevor er ziſchend aufs Waſſer fiel, verbreitete er eine blitzartige Helle, wobei ich etwas wie menſch⸗ liche Formen zu erkennen meinte. Ich eilte zum Canadier zurück, den ich bereits auf den Beinen fand. „„Fort, zu Schiff!““ flüſterte ich ihm zu. „Er zögerte einen Augenblick unſchlüſſig. Ein Pfeil fuhr ihm durch die Mütze. Ohrenzerreißendes Geſchrei weckte den Widerhall der Geſtade. Wir eilten dem Strande zu, drei Wilde uns nach. Zwei davon ſtürzten unter unſern Meſſern; der dritte wollte zu den Seinen zurückſpringen, ich ſchickte ihm eine Kugel nach, die ihn auf den Boden bettete. Im Hui waren wir zu Schiff auf dem Waſſer. Nachgeſchnellte Pfeile fehlten im Dunkel des Zieles; wir hörten ſie ſchwirren und fallen. „Sobald wir aus dem Bereich der Geſchoße waren, er⸗ 31⁰ klärte ich meinem Geſellen, wie ein Theil der Feinde mit dem Treibholz an die Inſel gekommen, und deutete auf das Floß, womit die andern kamen, langſam genug, weil hier die Strömung ſehr gelinde war. können nicht halb ſo ſchnell zu Berg ſchwimmen, als wit rudern. Voran zu ihrer Inſel, zu ihrem preisgegebenen Raub.““ „„Nur eine kleine Geduld,““ verſetzte er:„„denen im Laub⸗ werk müſſen wir ein Wörtchen in's Ohr flüſtern.““ „Er hielt auf das Floß zu, bis auf Schußweite; dann ließ er die Ruder los und feuerte. Wir hoörten etliche Kör⸗ per ſich in's Waſſer werfen. Ich nahm einen auf's Korn, der in der Finſterniß kaum zu unterſcheiden, näher ſchwamm. Wir fuhren ihnen entgegen und ſchoßen mehrmals. Dann war nichts mehr zu ſehen; ſie waren theils untergetaucht, theils wohl auch an unſerer Inſel gelandet. Ein lautes Geheul verkündete bald von dort ihre Wuth und unſern Sieg. Sie hatten kein Fahrzeug, und die Partie ſchmählich verloren. „Mein Freund ruderte haſtig ihrer Inſel zu. „Ausgeſtiegen, lauſchten wir einen Augenblick unſchlüſſig; wir mußten erſt wiſſen, wo die Lagerſtätte der Apachos war. Da ich nun mir einbilden konnte, daß mein Roß ſich dort befand, rief ich mit meinem beſondern Zungenſchnalzer:„„Sant⸗ Jago!““ und auf den bekannten Laut antwortete das Wiehern des getreuen Thieres, und zwar ganz nahe. Ich der Stelle zu! Gleich traf ich zuſammengekoppelte Pferde und Maulthiere, daneben einen ganzen Verg von Sätteln, Päcken von Stoffen „„Gewiß ſind ſie alle unterwegs zu uns,““ ſagte ich:„„und“ „— 311 und Rauchwerk, Decken und anderm geſtohlenen Gut. Mit einem Fußtritt ſtieß ich den Haufen um, worin ich auf den erſten Blick das uns entwendete Rauchwerk erkannte. Wie ich mich bückte, es aufzuheben, ſah ich etwas wie eine kaum merk⸗ liche Bewegung unter einer Decke. Richtig ein wilder Knabe, wahrſcheinlich der zurückgelaſſene Wächter, ſtak darunter. Die gefangene Wolfsbrut zeigte in den böſen Augen mehr Grimm als Furcht, und ließ ſich lautlos in die Decke wickeln. „Ich rief den Gefährten, der als Beobachter am Strand zurückgeblieben. Ein Schuß gab mir Antwort. „Der trinkt bis er vollauf hat, und ſtört uns nicht,““ ſagte der Canadier:„„aber lang dürfen wir doch nicht zappeln; die Kerls ſchwimmen wie Forellen.““ „Ich gab ihm meinen Gefangenen, kappte die Bande mei⸗ nes Gaules, und im Nu waren zwei Roße, wohl oder übel geſattelt und aufgezäumt. „„Nehmt unſere Felle,““ rief ich dem Genoſſen zu:„„ich belade mich mit dem Knaben, der ſich nicht träumen läßt, daß ihm die Ehre bevorſteht, arme Chriſtenſeelen aus dem Fegfeuer zu erlöſen.„„Seid übrigens unbeſorgt, mein Pferd kennt meine Stimme, und das andre wird ihm willig folgen.““ „Während ich ſo ſprach, zerſchnitt ich die Bande der an⸗ dern Thiere, wohlberechnend, daß der Eigennutz auch im In⸗ dianer ſtärker wirkt, als die Rachſucht. Die Zeit, deren ſie bedurften, um ihre Beute wieder zuſammenzufinden, mußte uns zu ſtatten kommen. „Wir ſaßen auf und ritten der Fuhrt zu. Die befreiten Roſſe und Mäuler wieherten laut vor Luſt; die Wilden heul⸗ 1 6 312 ten wie ein Rudel Wölfe, das vor dem Jaguar flieht; wir antworteten mit Siegesgeſchrei; kurz: es war ein Höllenlärm. „Am Ufer angelangt, machten wir voran ſonder Raſt und Ruhe, und ſind heute Morgen wohlbehalten zur Hacienda gekommen. Wir haben unſere Biberfelle und mein Pferd wieder erobert, und ich habe einen jungen Indianer erbeutet, den ich theuer zu verkaufen gedenke. Man wird ihn mir ab⸗ nehmen, um ihn zum Chriſten zu erziehen, und der Kauf⸗ ſchilling meine Rechnung mit den armen Seelen vollends in Richtigkeit bringen.“*) Die Erzählung hatte ihr Ende erreicht. Nach einer kurzen Pauſe, worin zweifelsohne der Mericaner erkannte, daß ſeine überſtandene Gefahr mich weniger beſchäftigte als meine bevorſtehende, hob er an: „Jetzt müſſen wir an Euch denken.“ „So iſt's alſo Zeit?“ fragte ich. „Noch nicht ganz, aber bald,“ verſetzte er,„merkt Ihr nicht, wie dieStille rings umher immer tiefer wird? Spürt Ihr nicht, daß ein faſt ganz anderer Duft von den Pflanzen ausgeht? In der Wildniß hat jegliche Stunde der Nacht wie des Tages ihre eigenen beſtimmten Kennzeichen. Zu jeder Stunde ver⸗ ſtummt eine Stimme, erhebt ſich eine andere. Jetzt kommen gleich die reißenden Thiere, um die Finſterniß zu grüßen, gleich⸗ wie der gefiederten Sänger Schaar den jungen Tag willkommen *) Die Sklaverei iſt in Meriko abgeſchafft, doch erlaubt das Ge⸗ ſetz, Heidenkinder zu kaufen, um ſie zu bekehren; welche Er⸗ laubniß zu manchen Mißbräuchen führt. ——— Sc 313 heißt. Zur jetzigen Stunde hat der Menſch ſein göttliches Vorrecht verloren; ſeines Auges gebieteriſcher Glanz erliſcht, während das der Beſtie glüht und leuchtet. Der Menſch iſt des Tages König, König der Finſterniß aber der Jaguar!“ Der Mexicaner hatte dieſe Worte mit altſpaniſcher Würde im erhabenſten Vortrag geſprochen. Jetzt erhob er ſich, nahm von ſeinem Platz zwei Widdervließe, zog ſein Meſſer aus der Scheide und ſprach: „Hier Eure Waffen, Herr.“ „Was zum Satan ſoll ich damit?“ verſetzte ich:„ich meinte zum wenigſten eine Büchſe zu erhalten.“ „Eine Büchſe? Glaubt Ihr denn, ich führe einen ganzen Büchſenmacherladen in der Taſche? Ich beſitze nur das eine Gewehr. Ich zweifle freilich durchaus nicht an Eurer Fähig⸗ keit, aber zu allen Dingen gehört Uebung; ich kenne alſo mein Geſchoß beſſer, als jeder andere; auch jagt Ihr ja, wie Ihr ſelber bekennt, zum erſtenmal auf Tiger.“ Der Siebentödter that es eben nicht anders; ich war ein Tigerjäger, ich! „Hört mich übrigens an,“ fuhr er fort:„die Sache iſt gar nicht ſo uneben. Ihr wickelt die Vließe um Euern linken Arm, nehmt das Meſſer in die rechte Hand, ſtemmt das rechte Knie zu Boden, und ſtützt den linken Arm auf's linke Bein. So ſchirmt der umwickelte Arm Kopf und Bruſt, das Knie, den Bauch, was ſehr nützlich iſt, weil das Bauchaufſchlitzen eine ganz beſondere Liebhaberei des Tigers iſt. Wenn er nun auf Euch einſpringt, werden ſich ſeine Tatzen in die Widder⸗ felle ſchlagen, und ſtatt daß er Euch den Bauch aufreißt, fahrt 314 Ihr ihm von unten nach oben mit dem Meſſer durch den Wanſt.“ „Ich halte das Mittel für äußerſt zweckmäßig,“ entgeg⸗ nete ich:„aber es iſt, offen geſagt, mir viel zu umſtändlich. Zwei Schützen, wie Ihr, werden den Tiger nicht fehlen, und ich will meine Jägerei enden wie ich ſie begann, die Hände in den Taſchen.“ „Wenn aber ihrer zwei kämen?“ „Ihr ſeid ja auch ſelbander; ein Mann, ein Vogel! Nach Euerer Lehre können nicht mehr kommen, alszwei Stück: Er und Sie. Hoffentlich wird der Jaguar doch nicht in aller Geſchwindigkeit ein Türk geworden ſein, und mehrere Weibchen ſich angeehelicht haben?“ Der Mericaner hieß mich wenigſtens ſein Meſſer nehmen, was ich auch that; es hatte eine lange zugeſpitzte Klinge mit hörnernem Griff, der mit Meſſingnägeln beſchlagen war. Die Jäger ſetzten ihre Gewehre in Bereitſchaft, und geredet wurde vor der Hand nichts mehr. So lange der Mond noch niedrig ſtand, konnten ſeine Strahlen ſchräg durch die Stämme in den Wald dringen; allmählig aber ſtieg er auf, und das dichte Laubdach ließ kaum einen Schimmer mehr durch, wogegen die Quelle und die Lichtung in ſeinem Scheine faſt hell wie am Tage erglänz⸗ ten. Wir waren unter den überhängenden Zweigen unſeres alten Baumes ganz verborgen. Zwanzig Schritte von uns entfernt, hatte ſich das angebundene Fohlen neben das Waſſer gelagert. Bald nahm ich wahr, wie es den Kopf hebend neue Zeichen von Unruhe gab. Dann ſtieß es einzelne bange Laute aus und zerrte am Strick, bis es, die Vergeblichkeit des Ver⸗ — — — 315 ſuches erkennend, ſich nicht mehr bewegte, aber am ganzen Leibe zitterte und ängſtlich ſchnaufte. Es war überhaupt als laſtete ein unheimlicher Luftdruck auf der ganzen Umgebung. Plötzlich bebte die Luft von einem hohlen Gebrüll, das von der nächſten Höhe kam. Das arme Thier barg ſein Haupt im Graſe. Dem furchtbaren Zuruf folgte tiefe Stille. Ge⸗ duckt verließen die Jäger ihren Schlupfwinkel, und ich hörte zwei Hähne knacken.—„Bleibt zurück“ flüſterte mir der Cana⸗ dier zu. „Ich bin lieber bei Euch, mit Euerer Vergunſt,“ ant⸗ wortete ich eben ſo leiſe:„glaubt Ihr, daß ihrer zwei ſind?“ Der Canadier zuckte die Achſeln; da erbebte ein Baum bei der Quelle von der Wurzel bis zur Krone. „Zwei,“ ſagte der Mexicaner. „Nicht mehr?“ fragte ich. „Für den Augenblick nicht,“ beſchied er. Ein Gebrüll, das gewaltig wie ſchmetternder Dromme⸗ tenklang mein Gehör erſchütterte, hieß mich verſtummen. Eine Maſſe, falb und weiß, ſtürzte ſich auf das niedergeduckte Fohlen, deſſen zerbrochene Knochen krachten und knackten, während zu⸗ gleich ein Schuß knallte; der Mericaner hatte Feuer gegeben. Zum Canadier zurückſpringend, ſagte er:„Euer Meſſer!“ und fügte in die Höhe deutend hinzu:„Dort gilts.“ Ich ſah in die Hohe. Oben im dunkeln Geäſt der Ceder leuchteten zwei bronzene Augen; von dort faßte uns der zweite Jaguar ſcharf in's Auge, während ſein Schweif das Moos von den Aeſten ſchlug. Der Canadier verwandte keinen Blick von den zwei wilden Lichtern, deren Bewegungen er mit 316 dem Rifle zielend folgte. Inzwiſchen war der geſchoſſene Tiger auf ſeinen Schützn losgeſprungen, und der Mond be⸗ leuchtete das furchtbar ſchöne Thier. Ein Lauf hing ihm loſe nur am Bug, und der Schweiß quoll in vollem Strom aus der Wunde. Die letzte Kraft zuſammenraffend, ſuchte es den Jäger anzugreifen. Seine glühenden Augen dehnten ſich un⸗ natürlich weit aus, und es konnte kaum mehr von der Stelle. Bermudes ſtand unbeweglich und ließ nur ſeine Klinge blitzen. Endlich ermannte ſich der Jaguar noch einmal zum Satz, und fiel dann kraftlos auf der Stelle nieder, wo ſein Feind eben geſtanden, der behend ausgewichen war. Die Beſtie kam ganz nahe zu mir, als ſie des ſtarken Mataſiete Klinge traf; noch ein Gebrüll, dann war ſie verendet. Der Fang hatte das Herz getroffen. „Dummheit,“ brummte der Siebentödter:„das Fell iſt meiſt zerriſſen; ich ſpreche nicht von meinem eigenen!“ Er zeigte mir dabei ſeinen von oben bis unten zerkratzten Arm. Kaum hatte er's geſagt, als ſich wieder ein Brüllen vernehmen ließ, gefolgt von einem Knall; dann krachte es im Gezweig und eine ſchwere Maſſe plumpſte zu Boden. Ein Schuß war ge⸗ ſchehen, wie ihn nur ein nordiſcher Rifleman zu thun weiß. Der Canadier hatte den Tiger„nach Ermeſſen“ zwiſchen bei⸗ den Augen in den Kopf geſchoſſen, und richtig den Fleck ge⸗ troffen, wie bald das Jubelgeſchrei der Waidleute mich belehrte. Ich näherte mich nicht ohne Bedauern dem andern Opfer der Menſchen und des Tigers: dem Fohlen. Es lag regungs⸗ los am Boden. Ein blutiger Griff auf der Stirne, ein zweiter auf dem Widerriſt und die ſichtliche Verrenkung der Hals⸗ 317 wirbel zeigten, daß der Tod augenblicklich geweſen. Kalt und ſteif, wie das Fohlen, lag der erſte Jaguar neben ihm, und ich betrachtete ihn noch, doch in ehrerbietiger Entfernung, als die Jäger das erlegte Weibchen herbeiſchleppten. Die Kugel hatte ſein Haupt zerſchmettert und das Fell alſo geſchont. „Ihr ſeid ein ausgemachter Tigerjäger,“ ſagte Vermudes. „Wenn ich muß.“ „Ihr habt ja nicht gemußt.“ „Nicht? Was hättet Ihr mir nachgeſagt, wenn ich mich fortgemacht hätte?“ „Wir hätten Euch für feig erklärt.“ „Und was ſagt Ihr jetzt?“ „Daß Ihr Muth habt.“ „Fehlgeſchoſſen! Ich habe Furcht genug ausgeſtanden.“ Die beiden ſchienen die Nacht bei ihrer Jagdbeute zu⸗ bringen zu wollen. Ich ſehnte mich eben auch nicht nach den Steinplatten meiner Schlafkammer und zeigte mich zum Blei⸗ ben bereit, wenn ein Feuer angezündet würde. Meinem Ver⸗ langen ward entſprochen. Die luſtige Flamme beleuchtete bald die Bäume ringsum, und gut ſchlief ſich's ein unter dem grünen Dach. Als ich erwachte, ſah ich meine Gefährten mit aufge⸗ krämpelten Hemdsärmeln in voller Arbeit, die Jaguars abzu⸗ ſtreifen. Sie vollbrachten das Werk mit geübter Hand, warfen die Felle auf ihre Schultern und wir traten den Weg zur Hacienda an. Glückwünſche ohne Zahl empfingen uns, auch aus dem Munde der ſchönen Maria Antonia ertönte freundlicher Lob⸗ 318 ſpruch, den ich, wie ſichs von ſelbſt verſteht, nicht allzuſehr auf mich bezog. Ramon gab Bermudes die zwanzig Piaſter für die zwei Tigerköpfe, und ſagte dann: „Horch, Söhnlein, jeder will das junge Heidenbieſt, das Du mitgebracht. Wir wären alle begierig, uns eine Staffel in den Himmel zu bauen, und den Böſen um eine Seele zu prellen. Du wirſt alſo billig ſein.“ Bermudes kraute ſich hinterm Ohr, fuhr ſich mit den Fingern etliche Male durch den dichten Haarſchopf und ver⸗ ſetzte: „Der Erlös gehört den armen Seelen. Da wir alle⸗ ſammt nun ein gottgefälliges Werk vorhaben, ſo kann ich nicht zu viel verlangen, ſo könnt Ihr nicht zu viel geben, um Euch eine Staffel in den Himmel zu bauen.“ Dieſe Folgerung brachte den guten Ramon einigermaßen in die Klemme, ſo daß er's für's Beſte hielt, die Unterhand⸗ lung auf einen geeigneteren Zeitpunkt zu verſchieben. Er zog ſich zurück und überließ den ſchlauen Waidmann dem Sturm und Andrang der neugierigen Frager. Unter dem Haufen war nur einer, der nicht die allgemeine Wißbegierde zu theilen ſchien. Er hielt ſich abſeits, indem er mit einem Piaſier Fangball ſpielte und in den Bart murmelte: „Ich habe noch nie um Indianer geſpielt, und das müßte erſt eine hübſche Partie ſein, vorzüglich mit meiner Martingale.“ Dann trat er zu mir und ſagte leiſe: „Das iſt noch Euer Piaſter, Herr Ritter, den ich für eine feierliche Gelegenheit aufzuheben verhieß. Ich halte Wort.“ 3¹9 Abends in meiner Kammer überlegte ich eben, daß ich eigentlich weiter gehen könnte, da ich in der Hacienda nichts mehr zu ſchaffen hatte, als es an meine Thüre pochte, und der Mericaner mit trübſeligem Angeſicht zu mir herein trat. „Herr Ritter,“ ſagte er:„da Ihr ein ſo ausgemachter Tigerjäger ſeid, wär's Euch vielleicht recht, auch das Waidwerk auf Biber und auf Indianer kennen zu lernen?“ „Darüber ließe ſich manches ſagen,“ entgegnete ich:„rei⸗ zende Genüſſe muß man nicht übertreiben. Mit meiner Tiger⸗ jagd bin ich ungemein zufrieden, auch die auf Biber muß gar nicht übel ſein, aber von den Rothhäuten mag ich ein für allemal nichts wiſſen.“ Bermudes ſeufzte ſchwer. „Ich wollte, ich könnte daſſelbe von mir behaupten, Herr Ritter,“ hob er wieder an:„aber ich muß ſchon wieder hinter dieſe Heiden gehen. Ich habe geſpielt und meinen Indianer an dieſen verwetterten Meiſter Martingale verloren, ſo daß die armen Seelen ſchon wieder warten müſſen.“ Ich ſuchte den wackern Knaben zu tröſten, und verſprach dann mit ihm und dem Canadier am andern Morgen das Gehöft zu verlaſſen; dann entließ ich ihn mit der Bemerkung, daß meiner Anſicht nach die armen Seelen im Fegefeuer wohl am Beſten thun würden, ihre Forderung an den Siebentödter mit Kohle in den Rauchfang zu ſchreiben. B.. G. Farbkarte 613