— „ — ———— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 3. Cduard Olkmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Ceſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Laution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 F.— Pf. 3„ 5 Auswärtige Abonnenten haben für der Bücher auf ihre eigenen Koſten u 6. Schadenersatz. 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Spindler. 1 Das Bild ohne Gnade; eine Stadtgeſchichte aus Madrid, itheln n 65 Der Kampf des Lebens. Liebesgeſchichte. Nach Char⸗ les Dickens von Auguſt Die Günſtlinge des Mondes. Nach Emanuel Gon⸗ zales von Auguſt Zoller Züge aus dem Leben des Tages. Von Clementi. Geſchichte aus der Hacienda de la Noria; nach Gabriel Ferry) Der Hexenmeiſter von Waldkirch. Von C. Spindler. —— 1. n dem Städtlein Waldkirch, drei Stunden etwa A von Freiburg im Breisgau entlegen, war an einem ſchönen Spätſommer ein luſtiges Gezech und Geſpiel, und zwar in der Herberge zum Blumenſtock. Heute ſteht freilich die ehemals ſo ſtattliche Zech⸗ und Zunftſtube nicht mehr aufrecht; die Zeiten ſchwinden dahin und es ſind wohl vierhundert, auch wohl mehr Jahre W verſtrichen, ſeit im Blumenſtock zu Waldkirch .„ der wohlweiſe Heinz Pfenninger Wirth und Herbergsvater geweſen iſt, und an ſeiner Seite ſeine zweite Ehefrau, die noch junge, wohlge⸗ rundete, dreiſte und goldhaarige Urſe, eine Simonswälderin, regiert hat. Der Rathsherr und Blumenſtockwirth Pfenninger war ſchon bei Jahren, aber rüſtig und wohlgemuth. Nur hatte Der Erzäßler. 1847. 1. 1 2 ihm Frau Urſe, wie das leichtlich von jungen zweiten Frauen geſchieht, das Neujahr abgewonnen. Wann ſie nicht guter Laune, war auch der Mann nicht mehr wohlgemuth, und vor ihrer Hitze und Drohung und Machtgeberde hielt ſeine Rüſtig⸗ keit nicht aus. Dafür hatte er eine Tochter erſter Ehe, das wunderſchöne Aenneli, das leibhaftige Ebenbild ſeiner erſten Hausfrau, das mit kindlicher und gehorſamer Zärtlichkeit an ihm hing, und ihn nach manchem häuslichen Kampf erquickte durch ſtille Lieb⸗ freundlichkeit.— Aenneli's Bruder, der ſchlanke Heigj, ein Faßbinder von Handwerk, liebte ſeinen Vater, wie däs Aen⸗ neli; nur konnte er das nicht ſo recht von ſich geben. Darinnen ſtimmten indeſſen beide Geſchwiſter überein, daß ſte die Stiefmutter nicht ſollig gern hatten,*) dieſes aber den Vater nicht merken ließen, damit ihm nicht zu Zeiten das Herz ſchwerer würde. Dieſes Schweigen wurde am läſtigſten dem ſchönen Aen⸗ neli; erſtens, weil es ein Mädchen, das die Zunge auf dem rechten Flecke hatte; zweitens, weil Aenneli unter der Willkür der Frau urße mehr litt, als ſelbſt ihr Vater. Nicht nur hatte die Simonswälderin gleich nach den Flitterwochen ihres Ehebundes angehoben, ihre Stieftochter recht eigentlich zu ver⸗ folgen und übel zu behandeln; ſondern auch war ſie alsſobald bedacht geweſen, ein Mittel zu finden, das arme Aenneli aus dem Hauſe zu entfernen. Da war im Ort ein gewiſſer Colman Brägenauer, ein Nföllig= ſehr. 3 Feilenhauer und Senſenſchmied, von ehrlichen Eltern geboren und von einigem Hab und Gut, ein hübſcher trutzig drein⸗ ſehender Burſche, aber leider frühzeitig verwaiſt, und ſowohl in Heimath als Fremde nicht mit den beſten Geſellen verkeh⸗ rend. Der wollte zu Waldkirch ſein Meiſterrecht antreten, und zur gleichen Friſt Hochzeit halten. Das Aenneli im Blumen⸗ ſtock hatte ihm trefflich in die Augen geſtochen, und war ihm, obgleich Heinz Pfenninger allerlei Bedenken gegen den vor⸗ geſchlagenen Tochtermann nicht verheben mochte, von Urſe ngch kurzem Vorſchlag zugeſagt worden. Der Wille der Frau wurde allerdings bald ihres Mannes Wile, und Aenneli ſchier nicht um den ihrigen befragt. War es nun der blinde Gehorſam gegen den lieben Vater, oder war's die Sehnſucht, die Freiheit einzutauſchen gegen das Joch der Stiefmutter, wo⸗ von Aenneli beſeelt war, da ſie, ohne dem Feilenhauer be⸗ ſonders günſtig zu ſein, ihr Jawort zu der Eltern Rathſchlag und Colman's Werbung gegeben? Colman war alſo Bräutigam, Aenneli ſeine Braut, und die wenigen Wochen, die noch zu vergehen hatten, bis die Zunft den jungen Mann als Meiſtergenoſſen aufnehmen, und am ſelben Tag der Prieſter über ihn und Aenneli den Segen ſprechen würde, ſollten möglichſt heiter hinfließen, und daher drängten ſich allabendlich im gaſtlichen Blumenſtock luſtige Freunde und Nachbarn, daß kein Tiſch leer blieb, und wer da wiſſen wollte, was in Waldkirch an Scherz und Si ſei, mußte eingehen in Pfenningers Haus. Der kühle Wein, benachbarter Rebenhügel töſriches Er⸗ zeugniß, der ſüße Meth, den Weibern beſonders wohlgefüllig, — 4 die dampfenden, Wohlgeruch duftenden Braten aus der Küche des Blumenſtocks waren nicht allein die Zauberdinge, die das Gedränge von Gäſten hinzogen; auch nicht war es der Reiz der ſchönen Kellerdienerin Aenneli, deren ſüßes Wort und holder Blick bald aufhören ſollten, ein Gemeingut zu ſein. Auch nicht die Gelegenheit des luſtigen Würfelſpiels lockte ſo mächtig an. Es war die Himmelstochter Muſika, im deut⸗ ſchen Volk ſtets wohlgelitten und vielgeſucht, die den Blumen⸗ ſtock in einen Bienenſtock voll fröhlicher Zecher und Zuhörer und Sänger verwandelte. Sie hatte in ſelbigen Tagen zu Waldkirch einen würdigern Dolmetſch gefunden, als nur den Singmeiſter an der Pfarr⸗ kirche, oder den Thurmbläſer vom Kaſtelberg, der hie und da mit ſeinen Trompetergeſellen und Stoßpfeifern herniederſtieg zur Stadt, um den Jungen und Alten einen Tanz aufzuſpie⸗ len. Es war nemlich vor einiger Zeit ein junger Mann in Waldkirch eingewandert, ein Stück von einem fahrenden Schü⸗ ler, der dahergekommen von irgend einer Hochſchule in deut⸗ ſchen oder wälſchen Landen. Sein Rock war ſchwarz, aller⸗ dings nicht ſorglänzend ſchwatz und weich wie ſein lockiges Haupthaar, wie ſein ſchmucker Bart, der ſo herzig paßte auf ſein wohlgefärbtes, wohlgeſchnittenes Antlitz von fünf und zwanzig Jahren, unter deſſen hoher Stirn ein paar Augen ſaßen, die noch ſchwärzer waren, als des Schülers Bart und Haupthaar, und leuchtend dabei, wie der koſtbare Stein Kar⸗ funkel leuchtet aus dem düſtern Schacht, worinnen ihn die wilden Bergmännlein hüten. Des Schülers, der Gottrath hieß, Gepäcke war ſchmal 5 und ring; ein paar Bücher und Wanderſchuhe zum Wechſeln waren all ſeine Habe, wenn man nicht von der köſtlichſten reden will, die er beſaß: von der Laute voll von Wohlklang, die an ſeiner Seite hing, und von der ſüßgeſchmeidigen Stimme, die ihm der Schöpfer in die Bruſt geſtiftet, damit er alle die des Sanges in Liebe pflegen, erfreue und beſelige. In Waldkirch eingehend, hatte Gottrath das Pfarrhaus aufgeſucht, und gemeint, darinnen ein holdſelig vaterfreund⸗ liches Geſicht zu finden: den wackern Pfarrherrn Claus Dietſchi der ſein Pfleg⸗ und Ziehvater geweſen. Aber leider ſtatt des wohlehrwürdigen Mannes war dem jungen Wanderer ein neid⸗ gelbes und gallengrünes Antlitz entgegengekommen: das des Pfarrverweſers Auguſtin Reitwohl, welcher Auguſtin dem An⸗ klopfenden mürriſch gemeldet, daß der Pfarrer auf einer Wall⸗ fahrt gen Rom begriffen und daß er, der Verweſer, nicht gewillt ſei, einem hergelaufenen Fremden, der ihm unbekannt, etwelche Gaſtfteundſchaft zu ſpenden. Worauf dem guten Gott⸗ rath mit einem unfreundlichen Gotthelf die Thüre vor der Naſe zugeſchlagen, und er ſich ſelber überl aſſen wurde.— Obgleich er ſolchen ſchnöden Empfang und Abſchied ſich übel zu Herzen nahm, ſo überlegte doch Gottrath, daß auf ſeiner weiten Fahrt durch vieler Herren Länder nicht ſelten ihm ähn⸗ liche Begegnung geworden; und immer wieder habe ihm der Herr alles Lebens aus Trüb⸗ und Drangſal geholfen. Darum werde er auch jetzo nicht ſtecken bleiben in Armuth und Hülf⸗ loſigkeit, und wohl noch mit Gottes Beiſtand die Zeit zu des Pfarrers Heimkehr überwinden können. Hierauf war er friſch und fröhlich in eine in— 6 getreten, die für arme Landfahrer Trank und Speiſe und einen Arm voll Stroh in Bereitſchaft hatte, und zu den Leuten, ſo darinnen hauſten, hatte er geſagt: Geld und Gut führe ich nicht, aber die Zither da und meine Lieder werden, denk ich, mein erſtes Nachtlager bezahlen, und vielleicht werd' ich be⸗ kannt in Stadt und Land, und vermag ich mir die Pfenninge zuſammenzufingen und zu ſpielen, deren ich bedarf, um bei euch zu leben ſchlecht und recht, bis der Pfarrherr wieder⸗ kehrt von Rom. Die Schenkleute ließen ſich's gefallen, und gleich am andern Tag ſchon trug gleichſam der Wind den Ruf und Ruhm des fahrenden Sängers in alle Häuſer der Stadt, in die Hütten der Dörfer, ja ſogar auf die Berge in die Veſten der adelichen Geſchlechter. Die ritterlichen Pfleger der Schlöſſer zu Waldkirch und Kaſtelberg ließen den Gottrath kommen, lauſchten ſeinen Liedern und beſchenkten ihn mit reichem Lob, mit reicher Gabe.— So thaten auch einige Klöſter in der Nachbarſchaft und ſelbſt die Genoſſen der Trink⸗ und Geſell⸗ ſchaftsſtube„zum Gauch“ in der reichen Stadt Freiburg. Dort wäre Gottrath gern behalten worden; immer aber zog es ihn zurück nach Waldkirch, ſeines Pflegevaters Heim⸗ kehr nicht zu verſäumen— und wo möglich noch deutlicher leſen zu lernen in den ſchonen Augen der Tochter in der Her⸗ berge zum Blumenſtock, woſelbſt, wie ſchon geſagt, fröhliche Zeit war, und der fremde Sänger nicht fehlen durfte, ſo oft der liebe Gott nach dem heißen Tag den kühlen Abend be⸗ ſcheerte. Adeliche und bürgerliche Frauenaugen insgeſammt pfleg⸗ — —— 7 ten dem ſchönen Lautenſchläger zuzuwinken:„Du biſt uns lieb!« Doch gab er nichts darauf, ſeit ihm Aenneli's Blicke daſſelbe ſagten, und vielleicht noch mehr. War ſie gleich ſchon einem Manne verſprochen, war ſie gleich für den armen land⸗ fremden Spielmann eine verbotne Frucht, dennoch gab er nicht auf, in ihre Gunſt ſich mehr und mehr hineinzuleben. Ein⸗ mal war er ein junger Mann, empfänglich und gefühlvoll und unterthan dem Reiz der Frauen; zum andern kann ein ächter Sänger nicht ohne eine Holdſchaft und verſteckte Liebe ſein, weil nur ſie der Tert ſeiner Lieder; und zwar ſelbſt dann, wenn er von Waffen ſingt und von des Bechers Freuden. Der Kriegsgott und der Gott der Reben können ohne die Frau Venus nicht beſtehen.( 2) 2. Die Stube in der Herberge zum Blumenſtock hatte eigent⸗ lich zwei Abtheilungen: den Zechgaden, wo alles durcheinan⸗ der ſaß, und im Hintergrund deſſelben eine breite Erhöhung, mit einem Geländer eingefaßt, woſelbſt, ein paar Stufen höher, die Auserwählten der Hausgäſte zechten und ſchwatzten und das heilige römiſche Reich deutſcher Nation zurecht legten, und den Kaiſer, der ihnen n, und die Nachbarn bis auf den Bettelmann herab, ſo K. nahe, durch die Hechel zogen. Dort ſaßen auch neben ihren Männern und Vätern die Wei⸗ ber und Töchter Waldkirchs, um den Sonntagsabend luſtig zu verbringen; dort verkehrte mit ſeinen Rathsgenoſſen der Herberger, Frau Urſe mit ihren Freundinnen; dort tummelte 8 ſich am liebſten Schön⸗Aenneli... denn dort, ſo zu ſagen, der weiblichen Zuhörerſchaft im Schvoße faß auch Gottrath, und zwiſchen ſeinen Liedern und Zitherweiſen gab's vollauf Gelegenheit, ihm ein freundlich Wort zu ſagen, ein freundlich Wort von ihm zu hören. Der kühlſte Trunk wurde ihm ge⸗ bracht, den leckerſten Wecken, den fettſten Biſſen reichte ihm dort bald Aenneli's, bald Urſen's Hand. Vater Pfenninger ging munter ab und zu, und dachte an nichts Böſes. Brachte doch der angenehme Spielmann der Freude Ueberſchwang in ſein Haus; machten doch ſeine Geſänge die Stirne der Simons⸗ wälderin heiter, und frohmüthig das in der letzten Zeit gar oft ſo ernſthafte Geſicht der geliebten Tochter! An jenem Spätſommer⸗Abend jedoch bei vollem Hauſe und Rundgeſang war's anders. Frau Urſe trutzte, und Herr Heinz fragte ſie verſtohlen:„Wo fehlt's denn, liebes Weib?“ — Schön⸗Aenneli ſeufzte, und heimlich fragte Gottrath, auf der Laute klimpernd, das Mädchen:„Wo fehlt's heute, herz⸗ liebſte Jungfer?“ Und ihm antwortete eben ſo heimlich im Vorbeihuſchen das Mädchen:—Ach, liebwerther Geſell, ich bin unglücklich zum Sterben!“— Und dem Herberger antwortete Frau Urſe erbittert:„Mit der Dirne iſt's nicht mehr zum Aushalten. Hat ſie nicht heute Abend wieder mit ihrem Hochzeiter gezürnt und geſtritten, ſo daß er jetzt ſich dort unten hinter die Thüre geſetzt hat, zu den böſen Nachtbuben, und trinkt im Groll und Jaſt den Wein hinein, und macht ſich ſchlimme Gedan⸗ ken? Wahrlich, an der Zeit iſt's„an der höchſten Zeit, das Weibsbild aus dem Haus zu ſchaffen. Darum ſo fördere bei — 8 der Zunft und bei dem Geſellprieſter, was dem Brautpaar frommt. Mit gutem Zuſpruch und etwas Geld richtet man viel. Sonſt— du wirſt ſehen— tritt der Brägenauer wie⸗ der zurück, und wir haben die Schande und den Spott.“ Heinz Pfenninger brummte etwas in den Bart, das wohl ſchwerlich er ſelber verſtand.— Indeſſen ſprach der Colman Brägenauer an ſeinem Zechtiſch zu ſeinen ſchlimmen Geſellen:„Ich will ſchwarz werden, wie die Mohren ſind, wenn ich das Aenneli auslaſſe. Sie meint, ſie werde mich abſchrecken, indem ſie mit mir thut, wie die Katze mit der Maus, bald falſch und freundlich, und bald grob und biſſig. Aber weit gefehlt. Ein rußiger Bruder, wie ich, iſt hart und zäh, und gibt nicht nach. Will ſie ſchon, wenn ich ſie einmal habe, mürb klopfen, wie mein Eiſen. Was mir je⸗ doch ſo nach und nach nicht gefällt, das iſt ihre Zuthulich⸗ keit zu dem Bänkelſänger. Da, ſeht ſelbſt einmal: ſie ftellt ihm einen Trunk auf, und ihr Geſicht iſt ſüß wie eitel Honig. Mir hat ſie noch niemals ein ſolches zugewendet. Der Schwarze hole den Landſtreicher!“ Einer der Geſellen lachte, und verſetzte:„Ein fremdes Lied, ein fremder Mann, ſteh'n bei den Weibern oben an. Ich hab' ſchon manche Klage von Biederleuten gehört, daß ihre Weiber nur von dem Abenteurer träumen. Sieh hin, Colman, ſieh' hin! da iſt ja auch Frau Urſe, die ſich hold⸗ ſelig zu dem Landläufer niederbückt, und mit ihren grauen Augen lieblichſt in die ſeinen güggelt, und mit ihrer fetten weißen Hand über ſeine Zither ſtreicht.“ „Ei, mag ſie's thun, zum Donner!“ fuhr, wiewohl mit 10 halber Stimme nur, der Feilenhauer auf:„Aber das Aenneli ſoll davon bleiben, oder 14 „Sei's gut Mannle!“ machte ein zweiter Geſell, zum Frieden redend:„Wie bald, und du haſt volle Gewalt über ſie; da wird ſie's ſchon laſſen. und zudem: wie lang wird's noch der Sänger hier treiben? Sobald er ſeine Kunſt ausgeleert bis auf den letzten Broſam, ſo wird's ihn hier nicht länger leiden, und weiter muß er wandern, um zu leben?“ „Das ſchlimmſte iſt ja, daß er etwa ganz und gar ſich hier anſetzt!“ rief Colman:„habt Ihr denn nicht von ſeiner Herkunft gehört? Er ſei, heißt es, des Pfarrers Dietſchi Pflege⸗ ſohn, und wartet auf die Rückkehr von der Römerfahrt, und auf eine Verſorgung von des Pfarrherrn Hand? Nun, mit dem Ziehſohn iſt's ſo eine Sache. Der Pfarrherr iſt auch einmal jung geweſen. man kennt das ſchon und eigen, wenn auch ſündlich Blut hat für den Sünder, der da alt geworden, ſeinen Werth, wenn er auch meinetwegen zur Zrünen Zeit deſſelben leichtſinnig vergeſſen hätte. Ich mache eine Wettung, daß der Strolch hier ſitzen bleiben, in Woll und Wonne lehen, und noch viel Unheil anrichten wird. Wilde Kinder, die zu ihren Tagen kommen, find verführeriſch und zünden überall das Feuer an, aus dem ſie ſtammen. Denn ſie regiert der Venusſtern.“ „Der Colman iſt ein gelernter Sterngucker!“ jubelten die Nachtbuben, deren Mühle jetzo anfing, tapfer zu gehen: „Wenn du iedoch, Colman, von Gottraths Stern ſo wenig Segen hoffſt, warum verweiſeſt du ihn nicht aus dieſem Hauſe?“ „Hab ich nicht ſchon gehandelt und berathen mit der Urſe?“ — 5 ———— 11 fragte Brägenauer tückiſch entgegen:„doch hat der Burſche an der Frau einen Rückhalt. Ihm iſt ſie Freund, der Tochter feind. Der Pfenninger dagegen hält's mit der Tochter und fürchtet die Frau, wie's Feuer. Was iſt da zu machen?“ „Geduld zu haben,“ rieth einer der Geſellen,„da's ohnehin nicht mehr lange währt; oder weißt du was, Col⸗ man? Schlage du aus eigner Macht den Liederſtrolch aus dem Hauſe. Seine weißen Spielmannshände richten nichts gegen deine ſchwarzen Pratzen aus.“ Colman ſchüttelte den Kopf, erwiedernd:„Hm, wenn er keinen Anhang hätte? Was aber jung im Städtlein iſt— euch, biderbe Freunde ausgenommen— iſt rein vertollt in ihn, und mit ſeiner Zither Klang könnte er ſo Buben als Dirnen bis in's Schlaraffenland verlocken. Und, was noch mehr zu betrachten: mit dem Heiri, meinem zukünftigen Schwa⸗ ger, iſt nicht zu ſcherzen. Der hängt mit Seel und Leib an dem wilden Venusſohn. Schau auf: dort ſitzt er neben ihm, und trinkt ihm zu, und wiſpelt ihm in die Ohren, und ſtoßt noch mal an. Mir iſt wie ein Traum, als könne er dagegen mich nicht leiden, und darum will ich ihm juſt nicht zu leid leben, bis ich einmal das Aenneli habe. Dann wächſt ein ander Korn auf meinen Aeckern.“— „Geduld alſo, Geduld und trinken wir eins rum!“ hieß es nun aus dem Munde der Gurgelhelden, und um ſo froh⸗ ſeliger ſtieß mit ihnen der Feilenhauer an, als er ſah, daß Gottrath von ſeinem Stuhle aufſtand, die Laute umhängte, das Piret feſter über den Kopf zog, und nach einer ſittigen 12 „ Verbeugung gegen Herren und Frauen, die Stube verließ.— „Mir fallt ein Gewichtſtein von der Bruſt!“ ſagte Colman. Es war ſchon ſpät am Abend, der Sänger etwas müde, unruhig ſein Herz, weil er vernommen, daß Frau Urſe in der Küche mit Aenneli grob Wetter aufgeführt, und das Mäd⸗ chen in deſſen Kammer eingeſperrt hatte. Heiri hatte dem Freunde das geſteckt, und mit ihm auf eine beſſere Zukunft für die Schweſter getrunken. Heiri hatte wohl bemerkt das Mitgefühl, das aus Gottraths Augen ſich kund gegeben, aber auch weiter nichts.— Gottlob, daß Niemand hinter das Geheimniß meiner Bruſt gerathen! dachte Gottrath: wie übel möchte das der geliebten Jungfer heimkommen und fie weiß erſt nicht, wie tief ſie mir im Herzen ſitzt, und darf's nie wiſſen, ſo gern ich's ihr auch geſtehen möchte! Da klapperte neben ihm ein kleiner Fenſterflügel an des Blumenſtocks Erdgeſchoß.— Iſts Aenneli? ſchoß dem Sän⸗ ger plötzlich durch den Kopf.— Richt doch; ein weiblich Weſen allerdirgs; hieß aber Frau Urſe„und nicht Aenneli. „Lieber Geſell,“ flüſterte Urſe recht inniglich dem Scheiden⸗ den zu:„Ihr geht ſo früh von hinnen?“„Liebe Frau, die Stund' iſt da;“ verſetzte leiſe der überraſchte Gottrath. „Doch iſt morgen auch ein Tag,“ fuhr die Frau fort,„und ich werde am Abend Euch wiederſehen, mein Augentroſt?“ „Gewiß, gewiß, ſobald der Mond kommt. Wie der Hauſe, liebe Frau.“ Hirſch nach kühlem Bade, ſo ſehne ich mich nach Eurem — 13 „Gebt Ihr mir auch darauf die Hand? Dem Wort der Mannen iſt ſchier nicht zu trauen?“—„Hier meine Hand!“ — Ei, ei, fuhr Gottrath, aber nur in ſeinem Sinn fort, da er fühlte, daß Urſe ihm weich und warm, ſo lind und doch ſo ſtark die Hand drückte. Frau Urſe, da ſie endlich mit einem Seufzer die gefaßte Hand losließ, flüſterte wiederum:„Ich will ihr glauben, der guten, ſanften und getreuen Hand!“ Hierauf ging der Fenſterladen wieder zu.— Ei, ei! ſagte noch einmal in ſeinem Sinn der Sänger, und ſchritt nachdenklich weiter und weiter vom Blumenſtock hinweg.— Nach ſeiner Gewohnheit klimperte er, ſeinen Gedanken nachhängend, auf der Laute, und ſobald die muntern Klänge in die Luft emporſchwirrten, öffneten ſich Fenſter und Fenſter⸗ chen und muſikluſtige Mädchen zeigten ſich in jedem Stockwerk der Häuſer, die an der Gaſſe ſtanden, und hie und da kamen die Mütter keichend hinzu, und zogen beim Ohrläppchen die tanz⸗ und fingfreudigen Töchter von dannen. An der Mündung aber einer finſtern kleinen Gaſſe in der Nachbarſchaft der Rathsſtube ſtand in tiefem Dunkel eine gebückte Mannsgeſtalt, die mit den Worten ſich an den vor⸗ beigehenden Gottrath wendete:„Traurige erquicken, Herr, iſt wohlgethan, und keine Stunde der Nacht dazu zu ſpät!“— Gottrath ließ die Laute, und neſtelte an ſeinem Gurtſeckel, dem vermeintlichen Bettler eine Gabe zu reichen. Der Letztere aber fuhr fort:„Mir fehlt es nicht an Speis und Trank, gelehrter Meiſter. Aber mein Herr leidet an Seel und Leib, und mich hat geſendet ſeine Hausfrau, Euch zu erwarten hier, und Euch 14 zu bringen, in unſerem Hauſe die Klage weiche dem Sai⸗ tenſpiel.— „Wie das?“ fragte Gottrath etwas hart:„Was ſoll mein Spiel in eines Juden Haus? Geſteht: Ihr ſeid ein Jude ſelbſt?“ „Werd' ich es läugnen? kann ich es?“ verſetzte der Andere: „warum auch ſollt' ich es? Sind uns nicht gegeben Brief und Siegel und Urkund' ohne Gefährde und alles Recht vom Kaiſer, vom Grafen zu Freiburg, von Stadt und Regiment und Zunft⸗ meiſter zu Waldkirch? Jpvel heiß' ich, ein alter Diener meines Herrn, der da iſt der ehrwürdige Jecklin Keſtenholz— Gott ſegne ihn auf Erden mit ſeiner Fröhlichkeit, wie ek ihn geſeg⸗ net hat mit Gut und nicht mit Kindern. Kommt mit mir, Meifterſänger. es ſoll Euer Schade nicht ſein. Wir zah⸗ len eine Stunde Luſtbarkeit mit ehrlichem Trinkgeld. „In ein Judenhaus gehen?“ fragte ſich Gottrath unſchlüſſig: „meine Lieder vor den Feinden Chriſti fingen? Kaum vermag ich das zu thun. Wenn jedoch ein Leidender nach Erquickung ſchmachtet ſoll ich nach ſeinem Glauben fragen?— Geh voran, Joel, ich folge dir;“ ſetzte er, aller Bedenklichkeit ſich begebend, laut hinzu.— Joel, ein bucklich und hinkend Männlein, ſtolperte waid⸗ lich voran und tief in der Gaſſenſchlucht hielt er vor einer ſchwarzen Thüre, hinter deren handbreitem Gitterfenſterchen ein rothflackerndes Oellicht brannte,— Poch, poch!—„Wer iſts?“—„Der Jul, der Jul und der Meiſter Spielmann, Frau Rachel.“—„Gott ſey gelobt und ſegne Euern Ein⸗ gang!“ 15 Flugs ſtand die Thüre offen und hineingleiteten die bei⸗ den Männer, hinter denen gleich Frau Rachel, des Jecklin Keſtenholz eheliche Hälfte, die Pforte ſtreng verriegelte. Dann ſchritt ſie, freundlich dem Gottrath nickend und winkend und ſo zu ſagen anmuthig lächelnd aus ihrem ſorgenrunzlichten Angeſicht, mit ihrer Leuchte voran durch den ſchmalen, ſchwarzen, feuchten Hausgang, über einen handbreiten Hof ohne Licht und Luft in das Hintergebäude. Dort that ſie ein Gemach zu ebener Erde auf, mit dunklem Holz vertäfelt und eingefaßt mit Bänken, worauf Polſter und farbige Decken lagen. Eine Meſſinglampe, hoch und viel verziert,— doch nicht die Schabbes⸗ lampe, well's an einem Chriſtenſonntag— erhellte mit ihrer Flamme das Zimmer. Von den Balken der Decke hingen zum Schmuck an paar Kürbiſſe und ein großes Ei— viel⸗ leicht das eines Straußen— an roth⸗ und goldenen Bän⸗ dern. In der einen Ecke, an den Ofen geſchmiegt, deſſen Kacheln jetzo Kühlung gaben, wie im Winter Wärme, ſaßen die beiden Töchter des Hauſes. Schönche, die eine, wohlbe⸗ leibt und rabenſchwarz gelockt, ein morgenländiſches Schbn⸗ heitswunder, Hände und Füße in läßiger Ruhe, das große Auge, unter dichten Brauen, ſchwimmend und gedankenlos; die andere, Edila, hellbraunen Haars und weiß von Haut nach deutſcher Art, beweglich auch und ſchlank, die Spindel handhabend und neugierig munter die Blicke umherſchießend nach dem fremden Sänger, der befangen und ohne Laut her⸗ einſchlich im Gefolg der Mutter Rachel; und nach dem Vater Jecklin, der in der Ecke gegenüber lehnte, ein feiſter blaſſer Mann, mit grauem zweigeſpitztem Bart, halbkahlem Scheitel 16 und tiefeingeſunkenen Augen, ein traurig Bild des Lebens⸗ überdruſſes, ein Abgeſtorbner bei geſundem und lebend'gem Leibe;— ein Aſchenhaufen, ausgelegt auf Teppiche von Sammt und Seide. 3 Mutter Rachel, deren weitausſtrahlende Haube wie eine Sonne prangte über ihrem Geſicht voll Kummer, deutete auf den feiſten blaſſen Ehgemahl, ſchob dem Meiſter einen Sche⸗ mel hin und bat mit flüſternder Stimme um ein heitres, mild anregendes Lied.— Gottrath, von mancherlei Gefühlen be⸗ wegt, theils mitleidig mit dem Kranken, der bewegungslos ihn anſtarrte, theils neugierig auf die Mädchen, die ebenfalls, ohne ſich viel zu regen, ihn betrachteten vom Kopf zum Fuß, theils wieder ſich heimlich ausſcheltend, daß er, ſeine chriſtliche Himmelskunſt der Muſik in ein Heidenhaug⸗(verführt, grif 5. einige Stimmungen auf ſeinem Spielgeräth, die einander ſo mild und freundlich, ja verſöhnlich folgten, daß Jecklin Keſten⸗ holz die Augen öffnete, und zu hören, zu begreifen anfing, ſogar dem weitern Verlauf des Spiels auf zartmurmelnden aiten mit Theilnahme entgegen zu harren ſchien. Gottrath⸗ſang das Lied„vom Abendſtern;“ dem ließ er as Lied„des Reißläufers an die Heimath“ folgen; dann 35 mit ihren reichbepantoffelten Füßen den Takt trat und Schönche das Haupt beifällig auf und nieder bewegte. Frau Rachel horchte nicht auf den Tanz, wohl aber beobachtete ſie an einem fort das Antlitz ihres Mannes, und ſobald ſie gewahr wurde, daß ſeine Wangen ſich leiſe rötheten und ſein Auge naß wurde — Gottrath ſang juſt„das Lebewohl des Pilgers auf dem pielte er den„Mägdetanz“ aus Böhmen, zu welchem Edila 5 4 5 Meere“— winkte ſie dem Spielmann ſorgſam, bald zu en⸗ digen, um dem aufgeregten Mann wieder Zeit zu laſſen, ſich zu beruhigen.. Daher ſchloß Gottrath auch nach dem zweiten Verſe, ſtand auf, grüßte ohne Worte, ſo wie ohne ein Wort zu ſa⸗ gen die Töchter ſich verneigten, und der Kranke ſelbſt ſeinen Kopf ſenkte und die Lippen rührte. Frau Rachel dagegen be⸗ gleitete den Sänger bis an die Hausthüre, ſagte dankbar zu ihm:„Ihr habt ihm wieder einiges Leben eingeflößt. Gott ſegne Euch dafür. Kommt jedoch morgen wieder um dieſelbe Stunde, die Heilung fortzuſetzen. Ich werde Euch erwarten.“ Dabei ſchob ſie dem jungen Mann ein namhaftes Ge⸗ ſchenk an Silbermünzen in die Hand. Er wollte ſich deſſen weigern, aber die Thüre, die zwiſchen ihm und der alten Rachel zufiel, ſchnitt ihm jede Silbe vom Munde ab. „Wenn's nur viele Juden mit Geſang zu arzneien gäbe!“ lachte Gottrath in ſich hinein;„da könnt' ich bald ſo viel be⸗ ſitzen, daß mir der Blumenwirth ſein Töchterlein zum Weibe geben dürfte!— Ei, des Jecklin Kalle hat tief in den Sack gegriffen, tiefer als die Herren vom„Gauch“ in Freiburg, der Stadt. Und beim Licht beſehen, bringt des ungläubigen Juden Geld auch Segen; die Herren vom Adel würden ſonſt nicht ſo viel von den Juden entlehnen.. und überhaupt Vivat das Haus Jecklin Keſtenholz hoch!“ Plötzlich unterbrach Gottrath ſeinen heimlichen Jubel und ſagte ſich ſelber in's Ohr:„Schäme dich ob ſolcher nichts⸗ würdiger Scherze, du landſtreicheriſcher Schulerbube! Dir, gerade dir ſteht's fein an, der Juden alſo zu gedenken; da zu Der Erzähler. 1847. 1 2 — 18 lachen, wo du weinen ſollteſt über ihre Verblendung und dich im Herrn ſittiglich freuen deines Glücks; des Segens, deſſen du vor Tauſenden gewürdigt worden biſt!“ Nach einer geraumen Friſt ſetzte Gottrath, immerdar heimlich, hinzu:„Und dennoch iſt mir gewiſſermaßen wohl im Judenhaus geweſen. Der kranke Alte hat juſt kein wüſt Geſicht, die Mutter, wenn ſchon verhutzelt, iſt freundſelig ge⸗ nug und die Dirnen könnt' ich gern haben und wohl leiden, die dicke, wie die ſchlanke. Nicht ſo, wie ich das Aenneli wohl leiden mag... nicht als mein Herzblatt und Liebes⸗ apfel aber ſchwatzen, Scherz treiben und zu ihrer Luſt mit ihnen zu der Laute ſingen und kurzweilen manche Stunde, das möcht' ich, denn gewißlich haben ſie ein klug Gehirn hin⸗ ter der weißen Stirne, und ſüße Rede in den Perlen ihres Mundes eingeſchloſſen!“ Vergnüglich dieſen Vermuthungen nachhängend, ſuchte Gottrath, auf ſeinem Saitenſpiele klimpernd, den nächtlich⸗ ſpäten Weg nach ſeiner Schenke bei den letzten Häuſern der Stadt, und der Nachtwächter hatte nicht das Herz, ihm das Spiel zu verbieten, weil ſelber ein großer Freund der Mufika und Hornbläſer. Die Töchter der Stadt ſchlummerten ſchon; dagegen huſchte manch ein Weiblein vom Bette, und ſchlug ihr Fenſter auf und lauſchte den Klängen der wohlbekannten Zither, und manch Eine wurde von ihrem Eheherrn dabei 3 überraſcht und übel angefahren mit Worten, wenn es nicht blaue Flecken ſetzte: denn Einer züchtigt mit der Zunge, ein Andrer mit der Hand. 4. „'s iſt ſchade,“ ſagte am andern Morgen der Herberger zu Gottrath,„daß Ihr nicht geſtern Nachmittags bei Hauſe ge⸗ weſen. Es war ein Mönch da, ein wälſcher, der gen Gengen⸗ bach zu reiſen von ſeinen Obern geſchickt iſt. Er hätte Euch vielleicht Kunde von unſerm Pfarrherrn, der zu Rom, geben können. Hat ſich nur wenig aufgehalten, iſt vor dem Bet⸗ läuten fürbaß gezogen. Kann nur ein paar Wörtlein deutſch, und da ich nicht wälſch und nicht Latein verſtehe, konnte ich nicht fragen und nicht antworten. Vielleicht aber, da der Mönch lang im Pfarrhof geweſen, möchte Euch der Kaplan Auguftin etwa Auskunft geben?“ Gottrath ſagte dem Manne Dank und lief fröhlich dem Pfarrhauſe zu, uneingedenk des ſchlechten Empfangs, der ihm vor Kurzem dort geworden war. Der Pfarrverweſer Auguſtin Reitwohl kam eben aus der Kirche.„Jetzt wird er ja wohl frommen und geduldigen Gemüths ſeyn;“ getröſtete ſich Gott⸗ rath und trat munter vor den Herrn und brachte ſeine mit ziemlichen Worten an. Allerdings hatte ſich bei ſeinem Anblick ſchon des Ka⸗ plans Geſicht etwas verſtellt in trutzige Erwartung und Un⸗ luſt; doch hörte er bis zu Ende den Schüler an. Dann ſagte er die Achſel zuckend und mit einem Tone, der nichts Gutes hoffen ließ:„Ich denke, du verſitzeſt ohne Noth deine Zeit und deine Pfenninge hier zu Waldkirch, mein Geſell. Wohl iſt der Mönch bei mir geweſen, doch war er nicht ein Bote 20 der Freude. Du magſt wiſſen, daß drüben im Wälſchland, namentlich zu Rom, ein großes Sterben regiert, das Gott um der Menſchen Sündigkeit willen über das Land Italien verhängt hat. Die Sage geht, als ſey unſer würdiger Pfarr⸗ herr Nikolaus Dietſchi demſelben Sterben als ein Opfer ver⸗ fallen. So eben habe ich gebetet für ſeine arme Seele. Requiescat.“ „Das wird Gott nicht wollen,“ verſetzte Gottrath be⸗ ſtürzt,„daß die Sage eine Wahrheit ſei, und daß der traute Biedermann rahin geſchieden, ehe noch einmal mein Auge ihn geſehen, ehe noch einmal ich ſeine väterliche Hand geküßt!“ Reitwohl's Augen verfinſterten ſich und ſeine Stirne drohte mit Sturm.—„Wärſt du ſo vermeſſen, an des Allmächtigen Rathſchluß zu deuteln und zu zweifeln?“ fragte er:„Wohl iſt das eines Landfahrers böſe Gewohnheit, nicht zu glauben an den Finger der ewigen Fürſicht, ſondern eher zu vertrauen dem Gaukelwerk des Leichtſinns, der vom Tag zum Tage lebt in Saus und Braus: unbekümmert um die eigene Seele, die ſchon verloren, und die Seelen Andrer, die er durch fündigen Schwank und Frevelmuth der Hölle in den Rachen jagt! Beuge dich, du liederlicher Spielmann, vor des Höchſten dunkler Führung! Weiche aber auch, weiche von hinnen und von meiner Heerde, lockrer Verſucher, der Jung und Alt zum Reigen der Verdammniß verlockt, den Triumph des Satans aufſpielt und mit ſeinen gottvergeſſenen heuchleri⸗ ſchen Geſängen der Jugend die Unzucht und den ewigen Tod in's Herz leiert! Schon ſingen die Sperlinge auf den Dächern deine Höllenweiſen nach, und Babels Verwirrung greift, te 21 duce, in dieſem Städtlein Waldkirch weit um ſich, wie ein boshaft heimliches und doch offenkundiges Gebreſten. Ich ſage dir: deine Zeit iſt da und die Obrigkeit wird erwachen aus ihrem Schlummer, denn nicht umſonſt will ich der Wächter ſeyn auf des Tempels Zinne. Weiche darum, da es Zeit iſt. Apage, Satanas! hebe dich von hinnen, böſer Feind!“ Ohne Umſtände erwiſchte Reitwohl den verſteinerten Gott⸗ rath bei der Schulter und ſtellte ihn vor die Thüre des Pfarr⸗ hauſes. Den ſchweren Riegel ſchob der Kaplan vor, und kehrte mit ſtolzen Schritten in ſeine Stube zurück, wo er mit den vier Wänden ein Geſpräch pflog, das ungefähr folgender⸗ maßen lantete: „Ich kann das heiße Feuer nicht leiden, und nicht die kalte Natter. Aber dieſer Landſtürzer Gottrath iſt mir mehr zuwider als Natter und Feuer. Sein Geſicht und ſeine Gegen⸗ wart bringen mir Unglück; das ſagt mir mein kleiner Finger an. Sieht er nicht aus, wie ein leibhaftig Konterfei des alten Dietſchi? Wer will mir einreden, daß er dem Pfarr⸗ herrn fremd, ein vom Himmel gefallener Ziehſohn deſſelben ſei? Lug und Trug; das kenn' ich beſſer. Der heilige Mann iſt nicht mit grauen Haaren auf die Welt gekommen. wer weiß, was er zu Rom dem Großpönitenzer gebeichtet? Wer weiß aber auch, was er von Rom mitbringt, vom Pabſt verbrieft, verſiegelt?'s wäre nicht das erſtemal, daß der Sohn dem Vater im Amt ein Nachfolger geworden. Fleißige Väter ſorgen für ihre Jungen, und Herr Klaus Dietſchi hat Gott und die Welt zum Freund!— Ich dagegen— ich habe Un⸗ glück.— Wie wohl ſtünde mir die hieſige Pfründe an! Und 22 ich bekäme ſie, wenn nicht der Pfarrherr dieſen Gottrath, die ſen verdorbenen Theologen, dieſen Wanderſtrolch, dieſe ſeine Sünde mir in den Weg flickte, wie ich ahne und befürchte. Schon ein paar Jahre quäle ich mich hier mit dem argen Bußprediger Claus herum und lecke ihm die Füße; in der Bürgerſchaft hab' ich mich eingefreſſen; die alte Frau von Hachenburg, ſo lange ſchon darniederliegend— ſie macht's aber noch länger— ſie wird auf mich vererben all ihr Geld und Gut,„ wenn ich nur Zeit gewinne, wenn ich nur hier zu Waldkirch bleibe!— Wer bürgt mir jedoch, daß der Pfarrherr, der nicht geſtorben, wie ich dem Gottrath ſinnreich auf die Haube log— der ſogar, wie's ſcheint, auf der Heimkehr begriffen, nicht meinen Abſchied in dem Zwerchſack bei ſich führt?— daß nicht der Biſchof mich hinſetzt, wo ſich die Füchſe gute Nacht ſagen, und wo es Winter iſt neun Monden lang im Jahr, und die übrigen drei Monate kalt?— Schon ſeh' ich im Geiſt den Gottrath an meiner Stelle walten.... wenn ich nicht dem Burſchen Waſſer und Feuer verbieten laſſe. Aber das will ich thun; den ſchläfrigen Burgermeiſter zu ſeiner 4 FPflcht aufmahnen, von der Kanzel donnern gegen den Spiel⸗ mann, den Herold des böſen Feinds!. fort muß er, fort in weite Ferne, ehe der Pfarrer heimkommt, eh' derſelbe nur ein Wort von ihm erfahren.. fort!“ Während der Kaplan Auguſtin des armen Lautenſchlä⸗ gers ſo freundlich gedachte, hatte dieſer wieder ſeinen Gleich⸗ muth, ſeine Faſſung gewonnen und ſich überredet, am tödt⸗ lichen Hintritt ſeines väterlichen Freundes könne kein wahres 23 Wort ſeyn.—„Der Pfarrverweſer iſt offenbar ein ſchlimmer Mann;“ tröſtete er ſich:„er wollte mir nur Schrecken ein⸗ jagen und mich vom Halſe haben. Ich weiß nicht, was ich übles an ihm gethan.. aber ohne Zweifel kann er mich nicht ausſtehen und denkt mir einen Stein in den Garten zu wer⸗ fen. Muth, Muth, mein lieber Geſell! Gott wird dich nicht verlaſſen!“ Wäre jetzo dem fahrenden Schüler ein ſchönes Dirnlein, etwa Pfenningers Aenneli, in den Weg getreten, er würde die Erſcheinung für eine Bürgſchaft froher Zukunft gehalten haben. Allein— in demſelben Augenblick ſtand wohl ein Weibsbild, aber ein gar altes und gar wüſtes, auf der Gaſſe vor ihm: die Petronilla Zablerin, ein verrufenes Weib, ſchon hoch betagt, mit triefenden rothen Augen und zahnloſem, aber ſchandfertigem Munde; von den Spöttern des Orts gemeinig⸗ lich die„Kandelher“ genannta Der Kandel iſt aber ein hoher Berg, der hinter Walbkirch aufſteigt und um deſſen Spitze zu gewiſſen Zeiten im Jahr die Hexen mit ihren hölliſchen Buhl⸗ ſchaften tanzen— wenn da wahr iſt, was davon der Volks⸗ 1 mund berichtet. Die Petronilla ſehen und ſich wie zur Flucht umdrehen, war bei Gottrath eins. Die Alte rief ihm jedoch zu „Halt an, jung Blut, halt an, und laß' dir etwas ſagen“ Gottrath hielt an und ſpitzte die Ohren. Mit ekelhafter Freundlichkeit ſprach zu ihm die Kandelhere:„Willſt du mir einen Gefallen thun, jung Blut?“—„Welchen, Frau Zab⸗ lerin??—„Ich habe heut zu Abend einige Nachbarinnen bei mir zum Vesperbrod. Sind wackre Weiber, luſtig ſo wie 24 ich. Wie, wenn du in der Dämmerung träteſt vor mein Haus und ſängeſt etwelche deiner ſchönen Lieder zur Zither, uns zur Heiterkeit und Freude? Wir möchten wohl von dei⸗ ner Kunſt etwas vernehmen, du krausköpfiger Schatz.“ Den Gottrath überlief's gleichſam kalt bei dieſem Antrag. —„Kann nicht,“ ſagte er kurz:„bin ſchon in den„Blumen⸗ ſtock“ beſtellt, und zur Nachtzeit vollends ſteh' ich nicht vor Euer Haus, um zu ſpielen.“ „Hm,“ entgegnete empfindlich die Alte:„gehſt doch wohl zur Nachtzeit in des Juden Haus, darinnen den Heiden zum Tanz aufzumachen?“ „Ihr träumt„Petronilla.“ „Was meine Augen ſehen, iſt kein Traum. Zudem hüte dich auch vor dem„Blumenſtock,“ mein junges Blut. Er wird dir keinen Segen bringen. Wenn du aber thun wollteſt nach meinem Verlangen..4 „Segen hin, Segen her, Frau Zablerin. Nehmt's nicht krumm; aber Ihr ſeyd doch ſchon viel zu alt, als daß ein junger Knab vor Euerm Hauſe zu Nacht ein Ständlein brin⸗ 6 gen möchte.“ „Wa— was? ei du frecher Bub, der hinterm Zaun zur Welt gekommen! fuhr die beleidigte Vettel mit Grimm und Galle heraus. Aber Gottrath horte nicht mehr, as ſie ihm nachrief, denn ſchon war er um die Ecke und verſchwunden. F 5. Wohin hätte Gottrath wohl ſeine Schritte gerichtet, als nach der Herberge zum„Blumenſtock,“ wohin ſein Herz ihn zog und die Neugier, zu erfahren, was denn aus dem armen eingeſperrten Aenneli geworden? Er ſtrich am Hoftaum vor⸗ bei, wo in der Küferwerkſtätte er den guten Freund Heiri zu finden vermeinte. Er gäggelte hinein zum kleinen Laden und richtig ſaß hinter demſelben nachdenklich mit verſchränkten Armen der genannte Heiri. „Heda, heda, mein Bruderherz, warum ſo traurig?“ rief Gottrath den Freund an, der ſchnell den Kopf erhob; und traulich halb und halb aufgeregt erwiederte:„Grüß Gott, und komm' herein. Ich hab' mit dir zu reden.— Sogleich, Heiri, ſogleich. Da bin ich ſchon.“ Der ſchlanke Heiri ſtellte ſich vor Gottrath hin, legte ihm die Hände auf die Schultern, ſah ihm getreu und bieder in die glänzenden Augen tief hinein, und da der feſte Blick auch tapfer ausgehalten wurde, hob Aennelis Bruder mit be⸗ wegter Stimme an, und dabei wurden ihm die Wimpern feucht: — „Mein guter Gottrath, wie verändern ſich doch der WMenſchen Gedanken über Nacht! Ich bin nicht gewohnt, lang Umnſchweif zu machen und rede von der Bruſt weg, friſch und frei, wie's einem jungen Kerl wohl anſteht. Sag mir heute, was du mir geſtern etwa verſchwiegen. Iſts wahr, daß du mein Aenneli lieb haſt? ſo recht von innen 26 heraus lieb, nicht nur mit den Augen, ſondern mit der Seele ſo, wie man nur Eine auf einmal auf Erden lieb haben kann?“ Der Schüler wurde roth; die Flamme in ſeiner Bruſt loderte über ſeine Wangen.„Läugne nicht,“ bat Heiri gut⸗ nüthig;„ſag mir friſch und wahr: hat das Aenneli recht ge⸗ 2 ſehen, wie ſonſt die Dirnen es wobl verſtehen? hat ſie Recht, wenn ſie drauf lebt und ſtirbt, daß du ihr zugethan mit Leib und Leben?“ „Hat ſie's errathen und geſagt, ſo will ich's auch nicht läugnen;“ venſetzte Gottrath gleichſam verſchämt:„nur fürchte ich, daß ſie mir zürnt und daß mein Geſtändniß mich aus dieſem Hauſe und aus Waldkirch verweiſen wird in Ewigkeit?“ „Das wolle Gott nicht;“ verſicherte Heiri, dem Freunde die Hand derb ſchüttelnd:„aber es iſt Zeit, daß Aennelis Leid ein Ende nehme. Sie mag den Feilenhauer nicht; ſie iſt vir gut,— ja doch, Gottrath— gut iſt ſie dir, wie Keinem auf der Welt; ſie hat mir's heut geſtanden... und ich ſetze meinen Kopf auf: Ihr beide müßt glücklich ſeyn, und gälte es mir den letzten Heller und das letzte Haar vom aupte und den letzten Athemzug.“ „Sie liebt mich? 4 ſtammelte Gottrath wie ver⸗ wirrt:„ſie will den Feilenhauer nicht? ſie denn mich? was ſoll denn daraus werden, Heiri?“ Heiri antwortete nicht, denn Heiri war nicht mehr da. Ehe jedoch Gottrath ſich lange nach ihm umgeſehen, mitten unter den Gebinden, Faßteifen und Hobelſpänen, die umher⸗ lagen und die Werkſtatt anfüllten, trat Heiri wieder ein und 27 zog ein läßig ſich ſträubendes Mägdlein nach ſich, und das Mägdlein war Aenneli mit verweinten Augen, zitternd vor Scham und Verlegenheit, jedoch umſtrahlt von einer derge⸗ ſtalt ſeligen Verklärung, wie ſie nur einmal hochſtens im Leben den ſterblichen Menſchen überkommt. „Da,“ ſagte Heiri mit gedämpfter Stimme, indem er des Mädchens bebende Hand in Gottrath's legte;„da, wie⸗ derhole ihm jetzo, was du mir geſagt. Wiederhole es ihm recht, daß ers begreift und glaubt; daß er auch dir geſtehe, was du gerne hören wirſt.“ Wunderwerk des ſüßeſten Augenblicks! Das leiſe Ohr eines Blinden würde nicht den heimlichſten Flüſterhauch von einem armen Wörtchen vernommen haben, denn Aenneli's Mund blieb ſtumm und über Gottraths Lippe ging kein Laut;.. und dennoch war im Nu dem Jüngling der Ge⸗ liebten Geſtändniß beſtätigt, im Nu die Geliebte verſtändigt von ihres zärtlichen Freundes Gefühlen. Dem Vermittler, dem guten Heiri, liefen die hellen Thränen über die Backen und ſchluchzend umfing er die Verliebten und ſagte, trotzig und kläglich zugleich:„Ihr müßt einander haben. Der Gottrath darf kein Pfaffe werden; nicht wahr, Gottrath? Das Aenneli muß dem Brägenauer ab⸗ ſagen, nicht wahr, Aenneli? Der Vater muß. der Stiefmut⸗ ter den Meiſter zeigen; nicht wahr, Schweſter und Schwager? Ihr müßt einander haben, oder, beim Eid, es lauft nicht gut ab mit mir und dem Colman und der Stiefmutter Jetzt geh' aber, Gottrath; die Frau Urſe möchte uns etwa in den Brei tappen. Laß' mich mit dem Vater reden 3 28 wird ſchon werden. Du kannſt als ein Meiſter der freien Künſte ſchon dein Brod verdienen und das Aenneli als eine ehrliche Hausfrau ehrlich halten. Und wo's nicht auslangen ſollte, hilft der Heiri aus; bei Gott, er hilft aus mit ſeinem letzten Plappert. Gebt euch noch mal die Hände, ihr Leut⸗ lein; dann geh', Gottrath, und komm' am Abend wieder. Es leuchten vielleicht alsdann ſchon andere Sterne!“ Sie thaten, die Liebesleute, wie Heiri geboten; nur wurde aus dem Händedruck ein„Bruſt an Bruſt“ ein„Mund auf Mund.“ Ueberglücklich floh Aenneli in des Hauſes Innre. Stolz, als wäre er zum Ritter geſchlagen worden, verließ Gottrath den„Blumenſtock,“ nachdem ſein Freund ihm zuge⸗ raunt:„Hörſt du? komm' heut Abend ein wenig ſpäter, als wohl ſonſt, damit ich Zeit habe, dem Vater in's Gewiſſen zu reden, ünd mit dem Colman und der Stiefmutter alle Töne durchzuſingen, von der feinſten Flautenſtimme bis zur gröbſten Baßorgelpfeife. Ho, ich bin auch ein Muſikus, der ſch gewaſchen und geleckt.“ Hoffürtig alſo, wie geſagt, umſchritt der heimliche Hoch⸗ zeiter Gottrath des Blumenſtocks Hofraithe und Garten. Im ſchönen milden Mittagsſonnenſchein arbeitete, grübelte und gräbelte dort ein Weib mit runden Armen und weißem Nacken. Frau Urſe wars„die da gärtelte und beinebſt ein Liedchen trällerte und herrlich guter Dinge zu ſeyn ſchien. Mit Feuer⸗ augen blickte ſie auf, da Gottrath am Zaun erſchien, und fragte raſch und freundlich:„Wollt Ihr zu mir„guter Ge⸗ ſell? Ich rath' es Euch, denn im Hauſe bin ich die Einzige, die bei Laune. Mein Alter brummt, das Aenneli iſt unleid⸗ lich— wie Hochzeiterinnen gemeiniglich ſind— und der Heiri hängt das Maul. Wollt Ihr mir helfen, Meiſter Gottrath?“ „Ich frage, ſcherzte Gottrath entgegen,„ob Ihr wohl geneigt wärt, mir zu helfen? Allerdings verlang ich nach Euch, liebe Frau. Mein Leben, Luſt und Glück liegt nur in Euren Händen.“ Frau Urſe, die Gottraths Scherz ganz anders zu ver⸗ ſtehen liebte, als er gemeint war, und die natürlich der Rede geheime Deutung nicht auszulegen wußte, entgegnete, die Hand verſchämt— aber nicht feſt— vor die Augen haltend, und mit det Rechten drohend:„Iſt's erlaubt, o Schalk und loſer Chriſt, einer ehrlichen Frau ſo verfänglich gute Zeit zu bieten? Wenn das mein Alter gehört hätte 2 „Ich getraue mich, ihm's in Eurer Gegenwart unter die Augen zu ſagen;“ verſetzte Gottrath muthwillig:„ja, ja, ich unterſtehe mich!“ Frau Urſe winkte ihm züchtig zu ſchweigen, und an den Zaun ſpringend, dem Schüler ein Röschen an's Piret heftend, ihn beim Ohrläppchen faſſend, tuſchelte ſie ihm zu:„Viel wiſſen macht Kopfweh; was Heinz nicht weiß, macht ihm nicht heiß.„„Finſtre Nacht und ſchweigen ſtill— das die Liebe haben will.““ Verſtanden, mein Herz? Vergeßt nicht, daß guch heute der Abend kommt, und daß Ihr hier im Gärt⸗ lein erwartet ſeyd, beim Kommen oder beim Gehen!“ Urſe lief, Gottrath ging dovon.„Ei, ei!“ murmelte er halb verdutzt, halb geſchmeichelt:„die Weiber, die Wei⸗ ber!“ 30 6. Colman Brägenauer ging indeſſen auf die Wege, die ihm gutdünkten; vorerſt in die Herberge zum„Blumenſtock,“ wo er eintrat mit Hoffnung im Herzen, mit friſchem Wangenroth; aus der er jedoch herauskam, blaß wie der leibhaftige Tod, zerſtörten Antlitzes, Rache kochend in der ſtürmiſchen Bruft. Er jagte hinaus zum Städtchen, um ſeines Zorns ledig zu werden auf grüner Flur, an duftender Halde. Allein dem Zornigen grünt keine Flur, duftet keine Halde. Darum zog Colman wieder ſchnaubend heim, und von da— in das Haus der Zablerin. Ein ſchräger Strahl der ſinkenden Sonne machte in der Spelunke, die Petronilla bewohnte, noch ein bischen hell, und die Alte ging darinnen auf und ab, in ihren Armen ihren kleinen ſchwarzen Kater wiegend, der„Teufele“ geheißen war, und im Zwielicht ſchier ſo ausſah, als wäre der Kandelſpitz ſeine Heimath und ein Herenabend ſchuld an ſeinem Daſein. — Die Alte war unwirrſch, wie der Kater, der nur zu mur⸗ ren und zu ratzen und zu beißen wußte.— Da geſellte ſich zu ihnen der Feilenhauer und Senſenſchmied.— „Ihr ſeid verrufen, Zablerin,“ ſagte er rund und rauh zur Alten,„als wüßtet Ihr der Künſte mancherlei, ob ſchwarze oder weiße, gilt mir gleichviel. Helft mir in meinen Nöthen; ich will dankbar ſein. Pfenninger's Aenneli hat mir heut kurz und trocken den Handel aufgeſagt; ſie will mich nicht mehr, und der Stierkopf, der Alte gibt dazu zweideutige Woyte. Was ſoll das heißen? Ich mag nicht ohne das Aenneli leben 31 will nicht der Narr der Dirne ſein, will nicht den Spott meiner Geſellen aushalten. Sagt mir ehrlich, Zablerin: was iſt der Grund, die Urſache von meinem Unglück und Schaden? Wo ſteckt der Butzen? Wer iſt der Schelm?“ „Wer andrer,“ erwiederte Petronilla giftig,„als der hergelaufene Fechtbruder und Bänkelfänger? Biſt du denn blind, Feilenhauer? Weißt du allein nicht, was da vorgeht im Blu⸗ menſtock?“ „Beim Donner und Strahl, ich hab' mir's alleweil ge⸗ dacht, Zablerin!“ rief Colman aus, grimmig die Fäuſte ballend: „Was ſoll ich aber thun dem Höllenbrand? Ihn todtſchlagen? Aber unſte Herren vom Gericht verſtehen nicht viel Spaß. Ich möchte nicht den Kopf hergeben für des Verführers Leben. Rächen möchte ich mich, doch ungeſtraft, und hinterher das Aenneli, ihr ſelbſt zu leid, und meines Glücks mich freuen. Wie nun, Zablerin?“ „Hm,“ ſprach die Alte wie ein altes heidniſches Orakel⸗ götzenbild:„laß Andern deine Rache über, aber hilf die Kohlen des Scheiterhaufens ſchüren. Gewiß iſt— das ſagen mir geheime Kräfte und Zeichen— daß der Wanderſänger mit böſen Din⸗ gen umgeht, ja mit übernatürlicher Kunſt. Schon ſchleicht davon ein heimliches Gerede in der Stadt. der Kaplan Auguſtin wird morgen zum Feſt die Predigt halten, und wie er mir heut' anvertraut, denſelben Gottrath von der Kanzel auf Haut und Haar anklagen der Gottesläſterung und Zau⸗ berei; die Vierundzwanzig des Raths wird er mit dem Kirchen⸗ bann bedrohen, wenn ſie noch ferner zögern, ihre Pflicht zu thun. Für ein halb Hundert Weiber„Lärm zu machen, will 32 ich ſorgen. Stelle du nur eben ſo viel Mannen dazu auf. Wir wollen ſchreien, daß die Thürme und Mauern wackeln. Entweder muß der Böſewicht fort, nackt und bloß, auf Nim⸗ merwiederkehr, oder's geht ihm ſchlimmer noch an Hals und Kragen, und was du alsdann vor der Gerichtsbank als ein Zeugniß vorbringen ſollſt gegen den Miſſethäter, das will ich dir ſagen Wort für Wort, und auf meine arme Seele ſchwör ich dir zu, daß wir ſeiner ledig und müßig gehen werden, ehe noch einmal der Sonntag kommt.“ Da Colman das böſe Weib alſo reden hörte, und leicht merkte, daß der Petronilla wenigſtens eben ſo viel als ihm ſelbſt am Verderben des Gottrath liege, beruhigte er ſich, und meinte „Mag meinetwegen der Kaplan der Katz die Schell anhenken! Ich werde thun, wie Ihr geſagt, Zablerin, und ſelbſt auf einen Meineid nicht anſtehen, wenn er uns frommt, und dem verwünſchten Spielmann den Hals koſtet.“—— So wird manch Einem Gift gemiſcht, und er ahnt es act, und ſein Herz iſt frohmüthig, während das Wetter auf⸗ ſteigt, ſeine grünen Saaten zu verwüſten. Gottrath hatte ebenfalls den Wald und die Flur heim⸗ geſucht, wie Colman. Aber ihm ſtand der Wald voll Blü⸗ then, und Balſam duftete ihm die Flur; ſo daß er, heitrer noch, als er hinausgezogen, heim ging und ſeine Laute reiner ſtimmte, nachdem er ſie mit neuen Saiten geziert. Hierauf verſuchte er noch einige wälſche Liederweiſen, die er von Bo⸗ logna mitgebracht, und dachte, damit große Ehre bei dem kranken Juden einzulegen.—„Da ich ſpäter als gewöhnlich im„„Blumenſtock““ erſcheinen ſoll,“ ſagte er,„ſo werd' ich 1 5 33 früher bei dem Keſtenholz ankehren, und, mein rundes Geld⸗ lein in der Taſche, noch einmal ſo vergnügt vor dem alten Pfenninger erſcheinen, um zu vernehmen, daß mein Aenneli jetzo wirklich mein geworden„und nicht eines Andern!“ Sobald es dunkelte, und die Gaſſen leer wurden, machte ſich Gottrath in's Freie, ſpähte auf ſeinem ſtillen Wege hin und her, ob niemand ſeinen Gang zum Juden beſchleiche und belaure, und da ihm alles geheuer ſchien, klopfte er getroſt an Jecklins Thüre. Pinter ihrem dunklen Fenſter ſtand jedoch die Zablerin, und ihrem ſcharfen Aug' entging des Sängers Thun keines⸗ wegs.—„Warte, warte!“ ſagte ſie:„ich will dir das Juden⸗ koch anbrühen, ſchlechter Bube, dem ich zu alt bin! warte nur, du bös Gewächs von Galgenholz!“ Diesmal wurde Gottrath nicht von der Hausfrau des Juden, ſondern vom Knecht Jpel empfangen, der nur nach manchem Hin⸗ und Herreden die Thüre geöffnet hatte. In des Knechts Benehmen gab ſich eine ſeltſame Unſchlüſſigkeit kund. Ihm war offenbar des Jünglings Ankunft nicht recht; und doch wollte er ihn, dem ſeinem Meiſter Freud' und Hei⸗ terkeit zu bringen beſchieden war, nicht von der Stelle laſſen.— „Jecklin iſt nicht daheim,“ ſagte er endlich,„und Frau Rachel erwartet Euch noch nicht zu dieſer frühen Stunde. In⸗ deſſen— wenn ihr fortginget, wer bürgte wohl für Eure Wiederkehr? Ich will Euch zu der Frau führen. Sie wird am beſten wiſſen, was zu thun.“ Nach dieſen ängſtlich hingeworfenen Worten kam dem Sänger das Haus des Juden noch einmal ſo geheimnißvoll Der Erzähler. 1847. 1 3 34 vor. Auf den paar Schritten über den ſchwarzen Hof ſchaute er empor zu der naſſen Mauer und bemerkte Lichtſchein hinter einem ſchmalen Fenſter; auch hörte er ein paar Männerſtim⸗ men eifrig reden.„Geſchwind, geſchwind!“ ermahnte Jpvel, 3 der des Fremden Aufmerkſamkeit zu ſtören beabſichtigte. . Einen Augenblick ſpäter ſtand Gottrath in der Stube, wo⸗ rinnen er am vorigen Abend geweſen, und der Frau Rachel, die allein war, gegenüber.— Nachdem der Knecht mit der Alten etwas weniges gedippert, ging er ab, und die Mutter des Hauſes blieb mit dem fahrenden Schüler allein. „Wie hätt' ich Euch jetzt ſchon zu ſehen gehofft?“ ſprach ſie unverkennbar kleinlaut:„Ihr müßt Euch ſchon gedulden, Meiſter. Mein Herr iſt ausgegangen „Doch war er geſtern noch ſo krank?“ warf Gotttuth mißtrauiſch ein. „Denkt! Euer Spiel und Kurzweil hat Wunder gewirkt;“ entgegnete Rachel, dankbarlich des Spielmanns Hand ergrei⸗ end:„kaum wart Ihr fort, und Er erwachte aus ſeinem 1 Trübſinn und fragte nach Euch, und wandelte,— er, der 2 ſeit einigen Tagen ſich nicht erhoben von ſeinem Sitz„.5 „Deſto beſſer; ich freue mich deſſen, liebe Frau. Doch heute „Um Geduld nur muß ich bitten;“ ſagte die Frau Ra⸗ chel leiſe:„ehe noch der Sand jener Uhr abgelaufen, ſind meine Leute wieder da: der Mann, und auch die Töchter, die ins Bad gegangen.“ Der Schüler ſchmunzelte; dann legte er auf Schönche's Platz ſeine Zither, ſetzte ſich bequem an den kühlen Kachelofen, Sea— bat die Jüdin, neben ihm ſich niederzulaſſen, und fügte hinzu: „Erzählt mir doch etwas von der Krankheit Eures Herrn. Ich hab' in der Arzneikunſt manches nebenbei gelernt auf der Schule zu Bononien und zu Paris. Vielleicht könnt ich auf⸗ warten mit Rath, wenn nicht mit That?“ Da athmete Rachel recht tief und ſchmerzlich auf,— eine Thräne ſtahl ſich über ihre tief gefurchte Wange— und leiſe ſagte ſie:„Mein guter Freund, hier kann nur der hoch⸗ gelobte Gott helfen— und eben dieſer ſtarke Gott, der Gott unſter Väter, hat meinen Herrn Jecklin verlaſſen, wie ich fürchte. Da iſt nicht Kraut, nicht Edelſtein von Nutzen. Aber in dem Saitenſpiele wohnt ein guter Geiſt, wie uns ſchon berichtet worden in der Hiſtorie vom König Saul, deſſen Schwermuth beruhigt wurde durch den Klang der Harfe und des königlichen Knaben David Geſang. Nicht wahr? das glaubt auch Ihr, ihr Chriſten? Ihr würdet ſonſt nicht ſingen in den Tempeln Eures Gottes?— Da ich jedoch verzweifle an der Geneſung meines Herrn Iccklin, ſo wünſche ich doch wenigſtens, ihn zu ſtärken durch Eure Kunſt, damit er muthi⸗ ger trage ſein tiefes Leid.“ Den Schüler freute die verſtändige und ſo herzgute Rede der alten Frau, und er fuhr theilnehmend und vertraulich fort: So nagt ihm denn ein Wurm am Kern des Lebens? ein großes Unglück. oder oder eine ſchlimme That?“ Rachel blickte ſeltſam forſchend den Frager eine Weile an und in ihr kämpften ſcharf die Klugheit, die da gebot, zu ſchweigen, und die weibliche Begierde, ſich endlich mitzutheilen einem freundlichen Ohr, einem mitleidigen Gemüth. „Ich weiß nicht,“ ſagte ſie endlich, da die Klugheit der Begierde den Sieg gelaſſen,„was mich bewegt, Euch, einem Fremden, der nicht einmal unſeres Glaubens, zu bekennen das Elend, das in der That wie eine ſchwarze Spinne in unſerm von Gold geſponnenen Lebensnetze ſizt, und jede Freude uns vergällt mit Wermuth und mit bitterer Aſche. Ich habe noch nie eine Stunde gehabt, wie dieſe, die mich reden macht, gleich⸗ ſam wider meinen Willen. So thu' ich's denn, als wärt Ihr mir verwandt⸗ Wenn Eure Züge mich nicht täuſchen, ſo werdet Ihr Ehrfurcht haben vor den Worten einer armen al⸗ ten Frau und ihren Kummer als anvertrautes Gut bewahren, daß nicht die grauſamen Spotter über uns kommen mit Ge⸗ lächter und Hohngeſchrei.“ Rachel rückte näher zu dem jungen Mann, der geſam⸗ melt und fromm ſich zu ihr neigte, wie ein Beichtiger, thut, und ſie hob an, heimlich, als ſtände ein Horcher draußen an der Wand: „Von S Krankheit meines Herrn Iccklin zu reden, ſo iſt dieſelbe, wie ſie jetzt ſich darſtellt, ziemlich alt; ein paar Jahre ſind ſchoß verfloſſen, ſeitdem er ſich abquält in Furcht und Schwermuth und Verdruß. Er zweifelt nämlich an dem Herrn der Welt und ſagt, mit uns Juden ſei's ganz anders gekommen, als uns der Hert in ſeinem Bund gelobt. Wir ſollten Meiſter ſein auf dieſer Erde, und nicht der Chriſten Knechte und Geſpött.— Ich unwiſſende Frau verſtehe von all dem nur ſo viel, daß wir leben, um Geduld zu üben, und den Himmel zu verdienen mit Schweiß und Müh' und Demuth; denn wahrlich: wenn's mit dem Himmel nichts wäre, das 37 Leben gälte keinen Heller, und Iccklin ſagt ferner, er ſehe ein groß Unglück im Geiſt daherziehen auf die Jüdiſchheit und Viele würden übel ſterben, andere von Grund aus verderben. Darum jammere ihn das Volk und ſein eigen Haus, daß Al⸗ les in den Wind gehen ſolle, was er mit Angſt und Plage verdient, und daß niemand von uns die Frucht und Rebe ge⸗ nießen dürfe, die er pflanzte.— So geiſtert er bei Nacht, wie ein klagender Prophet, gar oft im Haus herum, daß ich nicht ruhen und nur weinen mag, und bei Tagszeit ſitzt er hin auf einen Fleck und härmt ſich ab und geht mit Hirn und Mark zu Grabe, aus eitel kleinmüthiger Furcht vor Din⸗ gen, die da kommen werden, wie er ſich einbildet.— Und wenn wir ihm zureden, mit eitler Furcht ſei nichts geſchafft, als Elend und Ohnmacht, ſo einmal das Unglück wirklich käme, und ſelbſt das Unglück ſei des hochgelobten Gottes Satz und Schickung,— ſo fängt er an, bald höhniſch zu grinſen, wie ein böſer Engel, bald zu ſchluchzen, daß uns Allen das Herz ſchwach wird, und daß er in ſeinen Gliedern endlich Zuckungen verſpürt, und rechte arge Gichter, die ihn wie ei⸗ nen Siech auf's Lager werfen.— O, es iſt die helle Noth und Pein, den Jammer anzuſchauen!“ Rachel, die Hände auf den Knieen gefaltet, ließ den Kopf traurig hängen, und unterbrach den Bericht von Jeck⸗ lin's und ihren eigenen Leiden.— Gottrath gab dagegen ſeiner eifrigen Theilnahme Worte, und fragte:„Wie aber, wenn der Jammer ein Wink vom Himmel wäre, Eure Irr⸗ thümer fahren zu laſſen und der großen v Heerde Chriſti zu folgen?“ Frau Rachel fuhr entſetzt auf, und murmelte:„Der Herr verzeihe Euch dieſe Rede, Meiſter. Was würdet Ihr ant⸗ worten, ſo Ihr einmal zu Euern ſpäten Tagen gekommen wärt, und es wollte Euch Einer überreden, den treuen Stab hinwegzuwerfen, an dem Ihr fünfzig oder ſechzig Jahre ge⸗ wandert, um Eure Schritte einem neuen Stecken anzuvertrauen, von dem Ihr nicht wißt, ob er vom feſten Dorn, ob er ein ſchwaches Rohr? Nicht doch. Ein grauer Irrthum ſogar wird uns lieb und würdig, wie unſer eigen von des Lebens Sturm und Hitze gebleichtes Haar. Würde ſich Gottes Gnade endlich ſo gräulich und folternd in Jecklin's Seele ankündigen? Würde ſie nicht eher den Frieden mit dem neuen Lehrgebot in ſeiner Bruſt ſtiften, ſtatt der Todesangſt? Ach! ich kann Euch beſſer ſagen den Keim ſeines Siechthums, die Wurzel, aus welcher der Baum ſeines Uebels erwuchs. Wir haben kei⸗ nen Sohn, und was auch Ihr Chriſten vom Kinderſegen rüh⸗ men mögt, ſo iſt doch wahr, daß Iſtael unglücklich iſt, ſo ihm nicht ein Knabe geboren wurde. Wenn Iccklin einen Erben ſeiner Mühſal und ſeines Guts hätte, er wäre geſund. Nicht ſelten iſt, däß bei uns die Weiber von ihren Herren ver⸗ ſtoßen werden, wenn ſie nicht eines Knaben gentſen. Das hätte Jecklin freilich mir nicht gethan.... er hätt' es auch nicht gedurft. er iſt ja eines Sohns Vater geweſen geweſen, allbarmherzger Gott! Und von da ſchreibt ſich des Vaters Leiden her.. und der Mutter ſtiller aber gräßlich nagender Schmetz! „Ihr ſollt jetzt auch Alles, das letzte wiſſen ſagte Rachel, nachdem ſie ihre überwallenden Thränen getrocknet:„aber nur * laßt mich das geſchwinde abmachen.... eine lange Erzäh⸗ lung hielte ich jetzt nicht aus. Ihr ſollt erfahren, daß wir nicht aus dieſer Stadt ſtammen, wohl aber aus dem Elſaß.. wir ſaßen in einem Dorf bei Schlettſtadt, Jecklin und ich. Ein Jahr lang waren wir geheirathet... der Herr hatte un⸗ ſern Bund geſegnet, uns einen Knaben, unſ're Freude, geſchenkt. Ich lag noch krank und ſchwach dahin; das Knäblein war noch nicht in den Schvoß unſrer Gemeinde aufgenommen... da brennt in einer kalten Nacht unſer Haus an allen Ecken lichterloh. Vermuthlich hatte neidiſche Bosheit es angezündet. Jecklin, die Lohe gewahr werdend, ſchon halb erſtickt vom Rauch, hebt mich mit ſtarken Armen aus dem Bett, trägt mich hin⸗ unter, die Ohnmächtige, laßt mich in Pfleg und Obhut von Verwandten und von guten Weibern, jüdiſch, chriſtlich, durch⸗ einander. Dann fliegt er fort, um noch zu retten, was zu retten. und als ich aufthue die Augen.. iſt Alles, Alles da, nur nicht mein Kind, das umkam, von der Wuth der Flammen aufgezehrt, ſo daß uns nicht einmal der Troſt geworden, ein Beinlein von ſeinen Gebeinen aus der Aſche zu klauben!— Da, jetzt iſt Euch nichts mehr verborgen. Ich arme Mutter bin mit meinem Jammer alt geworden; von jener Stunde an iſt Iccklin's Friede dahin, wenn auch in viel ſpätrer Zeit ſein Breſten erſt recht ausgebrochem Der Knab' dahin, das Vaterland dahin, dem wir entflohen, um von der gräßlichen Erinnerung uns zu retten. Glück dahin, Ruhe fort, Geſundheit fort.... und alle Tage wird es ſaumer! Wo, ach wo und wie wird das werden?“ Rachel verhüllte das Geſicht, und bemerkte nicht, daß 40 ein Geſpenſt als ein lebend'ger Mann neben ihr ſaß, dem es bald den Hals abwürgte, ſchwach zu fragen:„Euer Dorf, Eure Heimath? wie heißt das Dorf?— Worauf die Alte hinter ihren Händen ſchluchzte:„Edlisheim... Edvlisheim hieß unſer Dorf.... und die Natter böſen Schickſals zehrt ſeit vier und zwanzig Jahren ſchon an unſerm Leben!“ — Worauf Alles im Gemach mäuschenſtill wurde.—— Draußen hingegen wurde es laut. Männerſchritte ſchlürf⸗ ten durch den Gang, und des Hausherrn Stimme ſagte: „Joel, thu' hinweg das Licht. Laß die Männer ſtill hinaus.“ „Gute Nacht, ihr Freunde, und geſegnet ſeien eure Thaten!“ — Mehrere Leute brummten ihr„Gut' Nacht“ entgegen und entfernten ſich auf leiſen Sohlen. Jecklin trat in das Gemach, und prallte vor dem Anblick des Sängers zurück.—„Was will der Menſch?“ fragte er ſcheu, wie das böſe Gewiſſen. Auch Gottrath erbebte vor des Iccklin Erſcheinen. Doch antwortete er nicht, der Rachel überlaſſend, zu ſagen:„Kennſt du den Spielmann nicht mehr, der geſtern dich fröhlich machte, und den ich zu heute Abend wiederum beſtellte?“ „So, ſo; ſa, ja.. hm, hm!“ entgegnete der Jude verlegen: „hm, hm, s iſt gut; doch ziemt ſich heut kein Saitenſpiel in die⸗ ſem Hauſe.... ich will's nicht, ich verbiet es. Auf ein an⸗ dermal.. heut iſt ein heil'ger, ein geweihter Abend! Geh' mit Gott, Spielmann. Ein andermal; dann wird's mit die⸗ ſem Hauſe beſſer ſteh'n. Geh' immerhin, geh' zu. Wir brau⸗ chen heute Deiner nicht.“ „Gottlob!“ ſlammelte Gottrath, der wie eine Bildſäule ſteif geworden war. Die Laute auf die Schulter werfend, ſchlich 41 er der Thüre langſam zu. Jecklin pflanzte ſich in ſeinen Winkel. Rachel, ob des ſeltſamen Benehmens ihres Gatten den Kopf ſchüttelnd, leuchtete dem Sänger über den Hof.— „Ei, ei,“ murmelte ſie vor ſich hin:„was muß dem Mann wohl heut begegnet ſein? Ein heil'ger Abend? daß ich nicht wüßte!.. und den guten Knaben da ſo ſchnöde fortzuſchicken!“ Dann wendete ſie ſich ſchnell an Gottrath, und flüſterte ihm zu:„Seid nicht böſe auf uns 14 „Böſe? ich, böſe?“ machte der Sänger, und unbe⸗ ſchreiblich wehmüthig verzog ſich dabei ſein Geſicht. „Ihr ſeid ſo bleich, wie ein Linnen!“ fuhr die Frau fort: „nun gibt es Menſchen, die der Zorn weiß wie Kreide macht, und darum hab' ich gefürchtet, daß meines Herrn Wunder⸗ lichkeit.. „Gute Nacht.. lebt wohl, Frau!“ unterbrach ſie Gott⸗ rath ſchier ängſtlich, und ſchlüpfte aus der Thüre.—„Der gute Menſch!“ ſeufzte Rachel ihm nach;„wie mein Herzeleid auch ihm zu Herzen gegangen iſt! Er muß ein wackrer Sohn ſein! Gott erleuchte und beſchütze ſeine Eltern, daß* lange ſich ihres Kindes freuen mögen!“—— Wie der Sturmfiſch durch die Nacht der Wogen, ſo ſchoß auch Gottrath durch die mond⸗ und lichtloſe Stadt. Nicht dachte er mehr an den„Blumenſtock« und ſein⸗Verſprechen, nicht an Aenneli und Heiri. nicht fiel ihm ein, ſeiner Laute Saiten ſchwirren zu laſſen, um Frauen und Mädchen an ihre Fenſier zu locken!. Eine unſägliche Wucht von Schreck und Leid war über ſeine Bruſt gewälzt. Vernichtet warf er ſich daheim auf ſein 42 Bett, und ſchrie nach Thränen, rief dem Tod. Der Knöchler hörte nicht, die Zähren kamen nicht, und die liebe lange Nacht hindurch war nur Stöhnen und Verzweiflung in Gott⸗ raths Gemach daheim, und tauſendmal hauchte er— damit man ſie nicht irgend vernahm— die Worte in ſein Kiſſen: „Gerechter Gott! der Jude mein Vater! meine Mutter das Judenweib! Heidendirnen meine Schweſtern! ich allein gerettet und geborgen vor dem hölliſchen Feuer, und die mich zeugten, ewiglich verdammt! Am Leben noch ſie, die ich längſt Diet⸗ ſchi's frommem Vorgeben zufolge für todt erachtete! Und ich darf ihnen nicht geſtehen, daß ich von ihrem Blut... ſie würden mir fluchen und ich darf die Ungläubigen nicht ſegnen. Ja, vor aller Welt muß ich verſchweigen die Schmach meiner Geburt, und doch wird ſie an's Tagslicht kommen, da mein Geheunniß nicht mit den unſeligen Aeltern begraben wurde! Dich alſo verlieren, Aenneli! Weichen müſſen aus dieſer Stadt und laufen, ſo weit mich meine Füße tragen!. das mein Loos.. Jenſeits das Paradies zu hoffen, und hienieden der Hölle Qual und Schande!“ 5. Wach' auf, wach' auf, o Morgenroth, du Freund der 3 Kranken und Beladenen, bei denen der Schlaf nicht einkehrt! Strecke deine feurigen Flügel aus über Land und Meer, peitſche mit dieſen deinen Fittigen die ſchwarzen Ungethüme, welche die Nacht gezeugt, hinweg von den Armen, die mit ihnen kämpfen mußten, ſo lang der Mond und die Finſterniß am Himmel regierten! Streue Freudenblumen auf den Pfad der Müden, daß ihnen wieder Hoffnung wachſe und Muth! Wo aber die Seele allzutief zerknirſcht, wo die Wunde allzutief geſchlagen, da hilft nicht Morgenroth, nicht Himmel⸗ blau und nicht der goldne Strahl der Sonne. Gleich den armen Seelen, die jenſeits keine Ruhe finden und in mitter⸗ nächtlicher Stunde wiederkehren müſſen zu den Gräbern ihrer Schätze, zu den Leibern der von ihnen Erſchlagenen, zu den Häuſern, die ſie geſtohlen und verwüſtet,— alſo ſchweift am hellen Licht des Tages troſtlos und ſchmerzenreich bis in den Tod der Unglückliche umher, der keine Rettung weiß aus dem Jammer; und kann nicht flüchten aus dem engen Bannkreis ſeiner Leiden und muß zurück und immer zurück auf die Stätte, die er gerne meiden möchte!—— So geſchah es auch dem unglücklichen Gottrath. Wil⸗ lens, flüchtig zu gehen aus der Stadt und vor der Schmach, die ihn bedrohte, wie er meinte, ſuchte dennoch ſein irrer Fuß den Weg zur Herberge bei'm„Blumenſtock.“ Noch war es frühe, hatte noch nicht zur Pfartmeſſe geläutet. Aus ſeinem Kammerfenſter hatte Heiri trüb und ver⸗ droſſen in die Welt geſchaut. Auf einmal jedoch klärte ſich ſein Antlitz auf, und mit einem Satze war er auf der Treppe, die zu Aenneli's Stübchen führte, und an ihre Thüre pochte ſeine Hand und durch's Schlüſſelloch rief er die Worte: „Schweſterlein! er kommt endlich, er kommt daher! freue dich und putze dich recht ſchön zur Kirche, und ſprich bei 44 uns, in der Unterſtube, ein, wenn du deinen Strauß ge⸗ pflückt haſt.“ „Gleich, gleich!“ antwortete Aennel's Stimme fröhlich, und Heiri lief dem Gottrath entgegen, bot ihm die Hand und zog ihn in die Unterſtube, wo um dieſe Zeit kein ungebetener Gaſt und Zeuge zu finden. „Nun, endlich, endlich doch!“ rief Heiri freundlich aus, des Freundes Hände drückend:„nun, endlich kommt der Leichtfuß doch! Wenn du wüßteſt, wie ſehnlich wir dich geſtern erwartet, wie Aenneli untröſtlich war ob deinem Aus⸗ bleiben, wie mich die Ungeduld ſchier verzehrte, und ich konnte doch nicht vom Platz! Wer hat dich abgehalten? Wir hatten uns ſo ſehr gefreut! Mit dem Vater hatt' ich ſchon geredet, und der gute Mann hatte nicht„Nein“ geſagt, doch ſich aus⸗ bedungen, noch für jetzo vor der Stiefmutter über den Han⸗ del zu ſchweigen. Er fürchtet ſie gar ſehr! Indeſſen aber auch hatte Aenneli dem Colman den letzten Trumpf ausge⸗ ſpielt und ihm dürr herausgeſagt, ſie wolle ihn nicht und werde ihn nicht wollen, ſo lang die Welt ſteht. So war denn alles vorbereitet. aber Du bliebſt aus! Sag' an, ſag' an: was brachte uns um die Freude?“ Wie in Verzweiflung deutete Gottrath ſtumm gen Him⸗ mel. Erſt jetzt bemerkte Heiri die Verſtörung in ſeinem Ge⸗ ſicht und ſeinen Geberden, die Unordnung in ſeinen Gewändern, den Reiſebündel auf ſeinem Rücken, den Wanderſtecken in ſei⸗ ner Hand. „Was ſoll das?“ fragte Heiri, auf das Reiſegeräthe zei⸗ gend:„was haſt du vor?“ Da fiel ihm Gottrath um den 45 Hals und ſtammelte mit gebrochner Stimme:„Laß uns Ab⸗ ſchied nehmen, Bruder, Abſchied auf immerdar.“ „Wie? was? biſt du beſeſſen?“ fuhr ihn Heiri an, und ſtieß ihn von ſich:„Beſeſſen oder betrunken mußt du ſein, daß du alſo ſchändlich und ehrvergeſſen redeſt! Abſchied neh⸗ men, fortgehen in die Welt? davonlaufen, und haſt geſtern dich verlobt mit meiner Schweſter? auf deinen Schwur hin hat ſie ihrem Bräutigam Urlaub gegeben bis zum Nimmerle⸗ tag, und jetzt, heute, willſt du zum Dank das Aenneli ſitzen aſſen? willſt mich mit Betrug und Falſchheit, mit Schand' und Spott belohnen für meinen guten Willen?— He, Gott⸗ rath, ſag' heraus, daß du nur Spaß mit mir treiben willſt, obgleich ich nicht zum Spaß dein Armeſünderantlitz reimen kann? Thu' auf den Mund und rede!“ Seine Rührung zurückdrängend und übel berathen, mit Verſtocktheit aufbegehrend, erwiederte Gottrath:„s iſt Ernſt, ich treib nicht Scherz, Heiri; es muß Alles zwiſchen uns aus ſein. Ich ziehe fort und keine Gewalt der Erde ſoll mich halten!“ „Ei, ſo ſchlage das böſe Wetter!„— Heiri konnte weder die Verwünſchung vollenden, noch den Fauſtſchlag füh⸗ ren, wozu er voreilig ſeinen Arm erhoben; denn Aenneli, ge⸗ putzt, mit Kirchenſtrauß und Roſenkranz, ſprang zwiſchen den Bruder und den Geliebten mit dem Ausruf:„Was habt Ihr denn, Ihr Mannsbilder? Steht alſo der Freund zum Freund? Bietet alſo der Schwager ſeinem Schwager den guten Morgen?“ 46 Unwillig über ſeine eigene Hitze, drehte ſich Heiri kurz ab—„Sieh ſelber zu, wie du mit dem Narren da fertig wirſt!“ rief er mürriſch dem Aenneli zu und ging aus der Stube. Nun iſt nicht wohl zu beſchreiben und wiederzuerzählen, was ſich zwiſchen den Verlobten begeben; es wäre ein gar trauriger Bericht von einer Jungftau, die voll Herzensangſt an ein Bild von Stein zuerſt ihre ſüßeſten Liebkoſungen, dann ihre Fragen, dann ihre Bitten, endlich ihre Thränen ver⸗ ſchwendete, um hochſtens dann und wann von dem grauſamen Bilde, wenn ihm auf einen Augenblick die Sprache wurde, zu horen:„'s iſt aus, Aenneli; es iſt mein Tod, aber ich kann dir mein Wort nicht halten!“ Und da ihm endlich das Geſtändniß:„Ich bin des Juden Iccklin Sohn!“ allzunah an die Lippe rückte, wußte der arme Spielmann nicht andern Rath, als daß er hart zurückſtieß das Mädchen, deſſen Arme ihn umklammert hielten, und hinaus floh er, der Länge nach durch Haus und Hof, mit dem Wunſch im Herzen:„O liefe ich doch dem Heiri in den Weg Und ſchlüge er mich doch todt mit ſeiner ehr⸗ lichen Hand! ich wollt's ihm danken.“ Aber juſt war der Heiri nicht zu finden; dagegen am Gartenthörle kam auf den Fliehenden Frau Urſe zu, wie Aenneli geſchmückt zum Kirchgang. Bei des jungen Mannes Anblick verließ die Andacht plötzlich die eitle und üppige Frau, und nicht die ehrlichſten Gedanken wurden Meiſter über ſie. Mit Haſt zog ſie den Sänger in den Schopf, der Gartenhag ſtand, und ſagte zu ihm: 47 „Kannſt du's verantworten, wie du mit mir ſpielſt, feiner Geſell? Ich ſehne mich nach dir wie der Thautropfen nach dem Sonnenſtrahl, und du weichſt der Liebe aus und deinem eignen Glück?“ „Ach, Frau, ach liebe Frau! ich hab' nicht Glück und Stern mehr in der Welt!“ „Du biſt ein Thor, Gottrath! So jung, ſo ſchön wie du, ein ſüßes Lied dein ganzes Leben, was kann Dir fehlen?“ „Ach Frau, ich ſteh' allein„muß meine Straße einſam geh'n. Mir fehlt ein Herz, mir fehlt die Liebe, Frau. Ich muß allein vergehen.“ „Wohl haſt du nur ein Hetz von Stein, böſer Geſell, und keine Lieb' im Leibe, falſcher Knabe. dich die Liebe, ſchlägt ein Herz für dich!“ Um des unempfindlichen Schülers Dankbarkeit zu ver⸗ dienen und einen Augenblick der Luſt zu haſchen, ſchlang Urſe ihre Arme um des Aufſchreckenden Nacken„näherte ihre Lip⸗ pen ſeinem Munde, und bemüht, den ſich ſträubenden Joſeph feſtzuhalten, hörte ſie nicht, daß das Pförtlein klirrte, und in Lebensgröße an ſie trat ihr Eheherr Heinz Pfenninger. „Mord und Tod, was muß ich ſehen!“ entfuhr dem Munde des Rathsherrn, der ſeinen Augen Trotzdem ſucht kaum traute.— Frau Urſe ſchrie auf und ließ den Schüler los; der Schüler entſprang, als ſei er der Schuldige. Pfenninger wurzelte im Boden, und dachte viel an ſchwere Rache und Vergeltung. Doch weil die Frau ihm allzulieb, zu ſeinem Unglück, ſo fiel ihm nicht ein, den Gedanken zur That werden zu laſſen, 48 und er begnügte ſich, die hinter ihren Händen das Antlitz bergende Gattin ſtreng zu fragen, was da vorgegangen und wie ſie in des Spielmanns Arme gerathen, oder beſſer jener in die ihrigen? Und weil er breit und lang fragte, hatte die Frau Zeit, ſich zu beſinnen, und endlich erbob ſie ihr Haupt wie aus tiefem Schlafe, und antwortete als eine Erwachende:„Kaum erinnere ich mich noch... der Lautenſchläger hat mich im Garten überraſcht... ſtellt Euch vor, mein Herr, wie ich erſchrak, da er mir von Liebe und von Unehre ſprach!... ich floh vor ihm unter dieſes Dach; er bewältigte die ſchwache Thüre, umfaßte mich, und ſprach ſo wunderlich in mich hin⸗ ein, daß ich wie trunken und bethört geworden, und in dem Schwindel wankend mich an dem Elenden feſtgehalten. Gott Preis und Dank, daß Ihr gekommen, Herr, und mich er⸗ rettet. Denn hier— ich leg' darauf die Hand in's Feuer— hier iſt der Teufel und die ſchwarze Kunſt mit dem Frevler im Spiel geweſen, und mit rechten Dingen ging's nicht zu. Ihr kennt mich ja, und wißt, wem meine Treue und mein Herz auf ewig verpfändet ſind?“ Das zu wiſſen, war ſchwer. Da er aber nicht wußte, was er auf die feierliche Rede wohl zu antworten hätte, da er im Grunde gern glaubte, was ihm die Frau betheuerte, da er ihr ſchon ſo gut wie verziehen, aber nicht gern ſeiner Würde etwas vergeben mochte, ſchwieg der Rathsherr mit ernſter Miene; und weil eben die Glocken zur Kirche riefen, winkte er ſeiner Ehehälfte, an ſeine Seite zu treten, und ſelbander wandelten ſie dem Gotteshauſe zu. 49 S. Nach der Gewalt, die Gottrath ſich ſelber gegen das Aenneli angethan, und nach dem Vorgang mit Frau Urſe, der ihm alles Blut in die Wangen getrieben vor Scham und Widerwillen, verließen ihn die Kräfte, und er bedurfte der Ruhe eines Augenblicks. Unfern vom Hinterhauſe des„Blu⸗ menſtocks“ war ein einſamer Platz„ wie Gottrath ihn gerade brauchte. Ein abdorrender Baum über einer zerfallenden Bank von Stein, Schierling und andres Unkraut ringsum maſtig aufgeſchoſſen— verwitterte Gartenmauern, umhängt von wilden Ranken, kein Fenſter weit und breit, wo die Neu⸗ gier hätte lauſchen können— die abgeſchiedene Stelle behagte ihm. Er ließ ſich nieder auf dem zertrümmerten Sitze unter dem verkümmerten Baum, der einſt grün geweſen wie ſein Leben und der jetzo trauerte„wie der Jüngling that. Die Natur machte ihre Rechte geltend. Gottraths Schmerz wurde weich, und löſte ſich in Thränen auf. „Was fang' ich an? Was hab' ich gethan? Mißhandelt hab' ich, die ich liebte, die ich noch und tiefer als je in mei⸗ nem Herzen verehre. Was werden ſie alle von mir denken? Kann ich denn noch ferner leben? Wärs nicht beſſer, wenn ich mich verſenkte in den erſten beſten Strom, der meinem Fuß begegnet? Keine Hülfe, kein Ausweg aus dieſem Wirrſal?“ Wie lang er unter dem abgeſtorbenen Baum gebrütet und geſeufzt? Welche Gedanken einer ſchwärzer als der an⸗ Der Erzähler. 1847. 1. 4 50 dere, ihn da belagert? Die Zeit verging, aber nach und nach erwuchs dem Armen aus der Fluth ſeiner Zähren der Jugend⸗ muth, die Zuverſicht der jungen Tage. „Ei was,“ hob er endlich an, die Augen trocknend und trotzig aufſtehend:„ich ſtreite mit Geſpenſtern, und mir wäre wohler ganz gewiß, wenn nur ein paar Stunden Wegs zwi⸗ ſchen mir und dieſer Stadt lägen! Iſt nicht Reiſen und Zie⸗ hen zugleich Vergeſſen? Was thu' ich noch hier? Ich will fort, ſo weit der Himmel hell; ich will vergeſſen, was mich dar⸗ niederdrückt. So weit die Welt offen, gibt es Men⸗ ſchen, Mädchen, Freud' neben Leid. Nimm dich zuſam⸗ men, Gottrath. Hilf dir ſelber— Gott wird das Seine thun!“ Er warf den Nacken auf, den Gram von ſich, und ging, den Ausweg aus dem Städtlein zu ſuchen. Er wußte ihn wohl, doch war's als könne er ihn nicht finden, hätt' er auch die hundert Augen des Argus zu Wegweiſern. Ehe er ſich deſſen verſah, ſtand er wieder auf dem Platze vor der Kirche, in der Nähe des Rathhauſes. Die Pfarrmeſſe und die Predigt waren vorüber; in einzelnen zahlreichen Gruppen ſtunden die Bürger hie und da beiſammen, das Volk lief ab und zu. Gottrath wollte ſchnell von dannen; da bemerkte er, daß nach ihm ſich Aller Augen drehten, daß auf ihn die Finger von Allen deuteten. Im Geſicht des Einen lachte Schadenfteude, auf dem Antlitz des Andern war Mitleid zu leſen. Die Weiber trippelten, ängſtlich ihn zur Seite an⸗ ſchielend, an ihm vorbei, die Männer wichen ihm aus, als 51 hätten ſie ihn nie gekannt, und dennoch ließen ihre Blicke nicht von ihm ab.— Eine wahre Todesangſt bemächtigte ſich ſeiner abermals.—„Es iſt heraus;“ ſagte er in ſich:„das böſe Geheimniß iſt verrathen; ſie wiſſen ſchon, daß ich der Sohn des Juden o weh, o weh; daß ich das Thor nur fände! aber gleichſam entführt, geſtohlen iſt's von einem ſchlimmen Zauberer!“ Ohne zu wiſſen, wie und warum— vielleicht nur um den Augen des Volks zu entweichen— warf er ſich in die finſtre Gaſſenſchlucht beim Rathhauſe. Ein paar Schritte, und ihm kam entgegen ein Weiblein, tief verhüllt in Schleiern, und vor ihm ſtand es ſtill, ihn eiligſt halblaut anredend mit der Stimme Rachels:„Der Herr ſei gelobt, der mich Euch finden läßt. Ich war ſchon ſelbſt in Eurer Herberge; es hieß, Ihr ſeiet über Feld. Wohl mir, daß ich Euch begegne, den ich liebe, ich weiß nicht warum„ wie nur eine Mutter ihren Sohn liebt.“— „Faſſe, ermanne, beruhige dich!“ ermahnte Gottrath ſein Herz, das zu ſpringen drohte vor heftiger Bewegung. Rachel fuhr geheimnißvoll fort:„Höre mich an, junger Freund. Verweile ja nicht länger in dieſem Orte, fliehe den Rhein hinunter. denn es wird Unglück geben im deut⸗ ſchen Lande, daß del Chriſten nicht mehr ein Tropfen Waſſer ſicher ſein wird ohne Gefährde. Du ſollſt nicht ſterben— eile darum von hinnen; trinke aber nicht aus der Quelle am Wege„trinke aus dem Rhein! Du ſollſt nicht ſterben, lieber Geſell; und in den Brunnen wohnt fortan der Tod. 52 Geh hin, geh hin und ſieh' nicht um. Du ſollſt nicht ſterben, ſag' ich. Darum merk' auf meine Worte; mehr kann ich nicht für dich thun!“ Mit unbeſchreiblicher Erregung drückte Rachel dem pein⸗ lich ergriffenen Gottrath die Hand, und verſchwand in dem nahen Judenhauſe. „Das fehlte noch!“ ſeufzte Gottrath tief auf:„meine Mutter ſehen und hören, wie aus ihr der Wahnſinn ſpricht! was muß ich erleben? Dieſe gräßlich verrückten Worte. und mein eigenener Verſtand, der nur an einem dünnen Fa⸗ den hängt! Gott ſchütze mich, und laſſe mich entkommen dieſer Peſtilenz des Unſinns und der höchſten Angſt!“ „Seht, ſeht, da geht der Böſewicht!“ kreiſchte aus ihrem Fenſter die Kandelhere Petronilla, und mehrere laut nachbel⸗ lende Weiber wiederholten ihren Ruf:„Da geht der Wehr⸗ wolf, der Trabant des Teufels! Auf ihn, ihr Chriſten! drauf und ſchont ihn nicht!“ Und von der andern Seite kam ein Haufe von Männern, Brägenauer laut fluchend voran:„Da iſt er!“ ſchrie die Horde nach, die Fäuſte ballend, die Wehren ziehend:„Schlagt ihn todt, den Teufelsbanner!“ Der Feilenhauer griff dem erſchrockenen Spielmann an den Kragen; zu Boden lag Gottrath im Nu. Es war um ihn geſchehen, wären nicht der Bürgermeiſter und der Waibel und einige Meiſter der Zünfte hinzugekommen. Der Waibel ſtreckte ſeinen Stab ſchützend und abwehrend über den Dar⸗ niederliegenden, und der Bürgermeiſter rief:„Bei'm Eid und 53 Stadtrecht befehle ich Euch Ruhe! Der Mann iſt des Raths Gefangener und angeklagt auf Leib und Leben. Seiner Strafe — ſeid verſichert deſſen— ſoll er nicht entgehen.“ „O Heiri, Aenneli, wie rächt Ihr euch ſo unbarmherzig an mir Armen!“ klagte Gottrath, der ſich keiner andern Sünde bewußt war.— Dann ſchwieg er troſtlos und ließ ſich ohne Widerſtand in's Gefängniß des Rathhauſes fuht— Wer Zeit verliert, hat Alles verſpielt. Ende des erſten Theils. Das Bild ohne Gnade; eine Stadtgeſchichte aus Madrid, von Wilhelm von Chézy. 1. zur Rüſte ging, und König dieſes gewaltigen Reiches wurde ein kindiſcher Knabe, welcher in ſeiner Einfalt die Laſt der vielen Kronen auf ſeiner hohlen Stirn gar nicht ſpürte, denn Kindern wie Trunkenen läßt ihr Schutzengel nichts Leides geſchehen. Dieſelbe Bürde, welche dem großen Ahnherrn einſt zu ſchwer gewor⸗ den, trug der kleine Enkel wie zum Spiel. mit Zwergen, Wachtelhündchen und allerlei koftſpieligen Spiel⸗ werken ſeine Kurzweil trieb, glich ſein Reich einer Kugel, die vom letzten Anſtoß her auf ebener Bahn noch langſam fort⸗ rollt. Spanien war wie einer, von dem wir ſagen: er iſt ſchon todt, und weiß es nicht! Und wie denn gar häufig über der verfaulten Wurzel und dem hohlen Stamm ein Baum Der Einfältiglichen iſt das Himmelreich. Wäh⸗ rend der Kbnig in glücklicher Unbefangenheit * 55 noch Laub und Blüthen treibt, ſo grünte und blühte auch Madrid, die Krone des erſterbenden Reiches, in ſorgloſer Be⸗ haglichkeit, und däuchte ſich die Hauptſtadt der Welt. Die ſtolze Ueberzeugung von ſeines Vaterlandes Hoheit und der Hauptſtadt unbeſtreitbarem Vorrang war für manchen armen Schelm beinahe die einzige Würze eines Daſeins voll Hunger und Kummer, und vielleicht für keinen in höherm Grade als für Don Arcangel de la Roca, einen edeln Valen⸗ cier, der, ein verdorbener Student, nun des Königs hartes Brod aß, und ſich ſelig pries, daß er zu Madrid ſeine Zähne daran üben durfte. Daß er ſie etwa verderben könnte, brauchte er nicht zu beſorgen, denn die harten Rinden waren karg ge⸗ nug zugemeſſen, und des Königs Soldaten ſchauten Mann für Mann wie die theure Zeit aus. Doch war Don Arcan⸗ gel, wiewohl blaß und hager, immerhin viel ſtattlicher anzu⸗ ſehen, als alle ſeine Kameraden; ſchön von Antlitz, wohlge⸗ ſtalt von Wuchs, gefällig in allen Bewegungen, wußte er ſein armſeliges Gewand ſtets in wunderbarer Ordnung zu halten, und immerdar das Anſehen eines Mannes von Stande zu behaupten. Was ſeit Menſchengedenken wohl keinem Sol⸗ daten vorgekommen war, geſchah ihm ſchier Tag für Tag: er mußte auf der Straße dem und jenem„Herrn Ritter“ die Verſicherung geben, daß er kein Geld bei ſich führe. Doch waren die Gaſſen nicht der Ort, wo er nach dem Beiſpiel ſeiner Kameraden ſeine Mußeſtunden zu verdämmern begehrte. In ſeiner Seele wohnte die edelſte Leidenſchaft, deren heilige Flamme ſich von der Liebe zum Vaterland, von Stolz und Ehre nährte; Arcangel war ein Dichter. Seine Waffenbrüder — 56 und Hungergenoſſen im Regime nt„Prinz von Aſturien“ wußten es, die übrige Welt aber noch nicht; das ganze Regiment ſang ſeine Lieder, das ganze Regiment bewunderte nicht min⸗ der ſein Trauerſpiel vom Grafen Alarcos, und die Kameraden redeten ihm heftig zu, dieſes Meiſterſtück der Schauſpieler⸗ truppe des Königs zur Darſtellung zu übergeben. Arcangel zögerte, es zu thun, aus Furcht, das Miffallen der Zuhörer ſich zuzuziehen. Aber die Kameraden ließen ſich nicht abwei⸗ ſen, wandten ſich endlich an den Feldwebel, und der ſagte eines Tages zu dem erſtaunten Dichter: „Don Arcangel, wir wünſchen alle, du möchteſt dein Trauerſpiel den Schauſpielern überbringen.“ „Ich hege ſelber ſchon lang den Wunſch, das zu thun, Don Francisco,“ verſetzte Arcangel:„und nur aus Rückſicht für meine Kameraden hab' ich's unterlaſſen.“ „Wie ſo?“ „Ganz einfach, Herr Ritter. Stünd' ich allein, ſo könnt' ich's getroſt wagen; die Schmach des Mißrathens würde nur mich treffen, mich zwar betrüben, doch im Grunde dem un⸗ bekannten Menſchenkind nichts anhaben, und die Scharte ließe ſich ſchon auswetzen. So aber iſt das Regiment mit mir be⸗ theiligt, denn es würde nicht heißen: Don Arcangel ſei aus⸗ gepfiffen worden, ſondern: ein königlicher Soldat vom Aſturi⸗ ſchen Regiment.“ Wir wollen ſchon ſorgen, Don Arcangel, daß ſie nicht pfeifen.“ „Dem Geſchmack läßt ſich nicht mit Gewalt gebieten.“ —, 57 „Wohl aber dir, Soldat. Ich befehle dir, ich, dein Vorgeſetzter, dein Stück den Schauſpielern zu geben.“ „Herr Ritter...“ „Kein Wort mehr, Soldat. Die Kriegsgeſetze bedrohen den Ungehorſam mit dem Tod. Ich gebe dir drei Tage Friſt und Urlaub, deinen Auftrag zu vollziehen. Gott be⸗ fohlen!“ Der Feldwebel ſtrich ſeinen Schnauzbart, zog ein gries⸗ grämiges Geſicht und wandte ſich zum Gehen. Betreten ſchlich Arcangel von dannen und holte ſeine Handſchrift, um dieſe nochmals an einſamer Stelle durchzugehen und ſtrengſtens zu prüfen. Welche Stätte aber konnte zu ſolcher Prüfung geeigneter ſein, als die liebliche Stille des Gartens von Caſa del Campo?— Dieſer Garten umgab am Geſtade des Man⸗ zanares mit ſeinen hohen Bäumen ein königliches Luſthaus und die Zellenkäfiche, worinnen Löwen, Tiger, Leoparden, Panther, Hyänen, Bären und andere reißende Thiere ein ge⸗ müthlich beſchauliches Leben führten. Im Schatten der alten Bäume rieſelten friſche Quellen„ die ſelbſt im heißeſten Som⸗ mer nicht verſiegend, anmuthige Kühlung ſpendeten. Dabei waren die Schatten dieſes reizenden Aufenthaltes wenig be⸗ ſucht. Hie und da zeigte ſich etwa ein Paar von Luſtwand⸗ lerinnen,— ob vornehmen oder geringen Standes, war nicht zu unterſcheiden, weil außerhalb des Hauſes die erſte Dame in ihrer Vermummung von ſchwarzem Taffet eben auch nicht anders ausſah wie die Tochter der Wäſcherin; zuweilen zeigte ſich auch wohl eine männliche Geſtalt, die ihre beſondern Gründe haben mochte, hier einſam zu wandeln, und da, wenn 58 zufällig zwei einander begegneten, ſie in ſtillſchweigender Ueber⸗ einkunft ſich auswichen, ſo konnte Arcangel darauf rechnen, ungeſtört ſein Weſen zu treiben. Er ſuchte ſein Lieblings⸗ plätzchen auf, den Schwanenteich inmitten des Kranzes ge⸗ waltiger Eichen. Hier ließ er ſich auf einem bemoosten Wurzelſtrunk nieder und begann ſein Stück mit heller Stimme vorzuleſen. Dieſe oft wiederholte Beſchäftigung hatte ihm bis⸗ her immer das größte Vergnügen gewährt; heut war das ganz anders. Seine Seele ſchien zu einer tauſendköpfigen Zuhörer⸗ ſchaft umgeſtaltet, welche die Gedanken arm und matt, die Handlung ohne Reiz und Leben fand. Von Auftritt zu Auf⸗ tritt ſank dem Vorleſer mehr das Herz, und am Schluß des erſten Aufzuges wurde ihm zu Muthe, als ſchrillten alle Pfei⸗ fen der ganzen Welt betäubend in ſein entſetztes Ohr. Doch horch! was war das? Nicht der dichtermörderiſchen Pfeife Ton, ſondern das Zuſammenklatſchen flacher Hände und aufmunternder Zuruf. Nur eine Stimme rief Beifall, nur ein Händepaar klatſchte, dennoch fühlte Arcangel ſich bis in den ſiebenten Himmel entzückt und wie ein Engel erſchien ihm der unvermuthete Hörer, der für einen Himmelsboten wenigſtens ſehr künſtlich verkleidet war, und dem wilden Ge⸗ fichte nach ſo ziemlich einem von jenen Rittern glich, über welche der heilige Nicolaus beſonders Buch führt.„Das Haupt im Schatten, die Füße in der Sonne,“ wie's der Spanier liebt, hatte der Mann im Graſe liegend mit offenen Augen geträumt, bis er, von des Dichters Stimme geweckt, ſich emporgerichtet, um zu lauſchen und dann einen Beifall zu ſpenden, der aus vollem Herzen kam. 59 Der geſchmeichelte Dichter erhob ſich, grüßte überaus verbindlich und ſprach in wohlgeſetzten Worten ſeinen Dank aus.—„Ich verdiene Euern Beifall nicht, Herr Ritter,“ ſagte er zuletzt:„doch um ſo wohler thut er mir, und ich nehme ihn für ein glückliches Vorzeichen in meines Lebens größter Bedrängniß.“ Der Fremdling warf ſich in die Bruſt. Seine aus⸗ drucksvollen Augen blitzten und funkelten im Schatten der breiten Hutkrempe, dem Abzeichen des freiſamen Edelmannes, der kein bürgerliches Gewerbe trieb.„Herr Ritter,“ ſprach er mit Würde:„wem ich Beifall ſpende, der verdient ihn ge⸗ wiß. Nach Don Urbano de los Rios bin ich der Kunſtrich⸗ ier, deſſen Urtheil am meiſten im Schauſpielhaus gilt. Ich bin Don Pablo de la Roca, wenn Ihr den Namen kennt.“ „Don Pablo?“ rief Arcangel:„der Sohn des vortreff⸗ lichen alten Don Alejo und der ſchönen Donna Felicidad im Haus zum Stieglitz neben der Börſe zu Valencia?“ Pablo nickte.„Ihr ſcheint in meiner Heimath ziemlich bekannt,“ bemerkte er. „Das will ich meinen,“ fuhr jener fort:„die größte Brille der Hochſchule trug mein Vater.“ „Dann biſt Du ja der kleine Arcangel,“ ſchrie Pablo, ihn umarmend:„der kleine von ehedem, jetzt groß und ein großer Dichter. Der Himmel grüße Dich, lieber Vetter. Die Freude iſt die größte, welche ich in langen Jahren erlebte. Ich werde unſerer lieben Frau im Buſch eine Kerze dafür aufſtecken. Wie geht's, wie ſteht's, haſt Du ſchon zu Mittag geſpeiſt?“ 60 Arcangel lächelte bitterſüß, als wollte er etwa ſagen: „Schon lang, am Sonntag oder vor vier Wochen;“ er ſagte aber nichts, und der Vetter verſtand ihn dennoch. „Ich Thor,“ fuhr Pablo fort:„zu dieſer Stunde hat noch kein Ritter geſpeiſt. Du wirſt mir alſo die Ehre nicht verſagen, mein beſcheidenes Mahl zu theilen. Ich lebe freilich ſehr einfach, weil ich für Weib und Kind zurücklege.“ „So werde ich alſo die Deinen heute bei der Tafel ſehen?“ fragte Arcangel voll verwandtſchaftlicher Theilnahme. „Gemach, mein Lieber,“ verſetzte lachend der Vetter „ſo weit ſind wir noch nicht. Ich werde ſpäterhin einmal heirathen, doch nicht hier. Die ich erwähle, muß eine Tochter der ſchönen Valencia ſein. Doch, daß wir nicht eins ins andre reden, Du ſprachſt vorhin von Deines Lebens größter Bedrängniß. Haſt Du Schulden? Biſt Du verliebt?“ Arcangel ſchüttelte das Haupt und berichtete ausführlich, was ihn quälte: die Angſt, mit ſeiner Dichtung vor der Hauptſtadt zu erſcheinen; wobei er nicht verſäumte, ſeine Schickſale zu erzählen. „Soldat biſt Du alſo?“ fragte Pablo„ nachdenklich und zerſtreut, und fügte dann hinzu:„wenn Du kein Dichter wäreſt, würd' ich Dir's kaum vergeben. Ein Valencier kann's zu Madrid zehnmal beſſer treffen, als wenn er der Trommel folgt.“ Arcangel zuckte die Achſeln.„Ich bin aus der Art ge⸗ ſchlagen,“ beſchied er halb wehmüthig, halb ſpöttiſch:„und da ich nur einen ſchlechten Bandolero abgegeben hätte, ſo zog * 61 ich's vor, lieber die Finger davon zu laſſen, um den Ruf meiner Landsleute nicht zu gefährden.“* Pablo legte ihm die Hand auf die Schulter, und ver⸗ ſetzte mit der gnädigen Miene eines Gönners:„Recht ſo, Vetter. Du biſt das Muſter eines Edelmannes. Dafür ſollſt Du auch durch meine Hülfe im Schauſpielhaus einen Triumph erleben, als wärſt Du der große Don Pedro Calderon ſelber .„Doch halt, erſt mußt Du mir Dein Trauerſpiel vollends vorleſen. Ich zweifle zwar nicht, daß die beiden andern Auf⸗ züge dem erſten an Werth gleichen, aber ich liebe die Ge⸗ wiſſenhaftigkeit in allen Dingen. Wir haben noch hinlänglich Zeit bis zum Eſſen.“ Der Soldat ließ ſich nicht lange bitten, ſeine Dichtung dem Bandolero vorzuleſen. Ihr aber verlangt zu wiſſen, was eigentlich das Wort Bandolero bedeute? Das iſt ſchnell ge⸗ ſagt. Vandolera heißt ein Wehrgehäng, und Bandolero wer eins trägt, wie im Franzöſiſchen von Bandoulidre der Ban⸗ doulier ſtammt, worunter ein Staudenhecht, Strauchjunker oder Bandit verſtanden wird. Wer in der berühmten Kö⸗ nigsſtadt Waſſer zu kaufen begehrte, der rief den Galicier; den Valencier, ſo es Blutvergießen galt. Das Geſchäft des Sold örders war beinahe ein ſo öffentliches, als das des Laſtträgers. Die Bandoleros bildeten eine förmliche Zunft, wenn ſchon nicht anerkannt von der Obrigkeit; ſie waren ge⸗ duldet, weil den beſtellten Handhabern des Geſetzes die Macht fehlte, dem Unfug zu ſteuern. Für ſie war die Gerechtigkeit blind und lahm, das Schwert der Vergeltung ſtumpf. Don 62 Pablo aber gehörte zu den Zunftmeiſtern der ehrenwerthen Gilde. Eine der geprieſenſten Zierden von Madrid iſt der große Platz, in der Landesſprache:„la Plaza mayor,“ kerühmt vor⸗ züglich als Schauplatz der volksthümlichſten Luſtbarkeit, des Stiergefechtes. Hier gab es Leben und Bewegung in Hülle und Fülle. Tagtäglich war Markt, und nicht bloß zum Schein oder zum Scherz. Alle Bedürfniſſe des häuslichen Lebens wurden vom Land hereingebracht, ſogar das liebe Brod; in Madrid gab es nicht einmal einen Bäcker„ wie* denn überhaupt in den langen Häuſerzeilen der Gewerbfleiß ein ſeltener Gaſt war. Schaaren von Landleuten mit ihren ſchwerbeladenen Eſeln drängten ſich zur Schattenſeite des Platzes, deſſen längliches Viereck Bogengänge umfingen, überragt von gleichmäßig hohen Häuſern„ den ſtattlichſten der Stadt mit ihren bunten Schildereien und dem künſtlich grarbeiteten Gitter⸗ werk. Zwiſchen den Bauern und ihren Laſtthieren bewegten ſich feierlichen Anſtandes die Käufer umher, Sivalgos ſchwarzen Mänteln, den Degen wagerecht an der lin k ü den Arm mit vorgeſtrecktem Ellenbogen in die Stite ge emmt, wie es die Sitte vorſchrieb. Die meiſten davon waren Haus⸗ väter, einige die erſten Diener vornehmer Häuſer. Die einen thaten ſo wichtig wie die andern, wiewohl faſt alle ihre Ein⸗ käufe bequem in der Manteltaſche bergen konnten. Der Spa⸗ nier von dazumgl verſtand ſich zu begnügen, was er ſeitdem 63 ſehr verlernt hat; der Einwohner von Madrid kannte kaum ein anderes unentbehrliches Bedürfniß, als Chocolade und Schnupftabak, und ſo beſchränkten ſich denn die meiſten Ein⸗ käufe beſcheiden auf Brod und Zwiebeln; die Ueppigeren be⸗ gehrten Eier und Speck; nur die Uebermüthigen oder die Reich⸗ ſten dachten an Geflügel, Fiſche und ſonſtige Erforderniſſe zu leckerem Schmaus. 3 Demgemäß mußte jener kleine alte Mann ein arger Schlemmer ſein; unter ſeinem Mantel blickten Schweif und Ständer eines Faſans hervor, und doch war dieſer Mantel abgetragen, ſchäbig gleich dem Hut, deſſen ſchmale Krempe den Eigner als einen Handwerker kundthat. Uebrigens ſtand der Aufwand, den er für ſeine Tafel machte, offenbar in richtigerm Verhältniß zum Anſehen, deſſen er genoß, als ſein armſeliges Gewand. Wie er, den Markt verlaſſend, durch die engen Gaſſen der Puerta del Sol zuſchlenderte, lächelten ihm viele ſchmucke Leute äußerſt verbindlich zu, und ſchienen glücklich, von ihm bemerkt und gegrüßt worden zu ſein.—„Gott er⸗ halte Euch tauſend Jahre, Don Urbano!“ ſagte faſt ein jeder. In der Jeſuitengaſſe traf Urbano auf einen Reiter, ſo vor⸗ ne m, als nur je einer auf hohem Sattel in kurzen Bügeln men Schrittes ſeines Weges zog, zuſammengeduckt wie uflein Unglück. Der Reiter hielt ſein Pferd an, bot dem Begegnenden die Zeit und fuhr dann fort:„Wie man mir ſagt, Don Urbano, ſeid Ihr mit dem neuen Luſtſpiel des jungen Don Feliz nicht ganz einverſtanden.“ Urbano zuckte die Achſeln.„Ich habe für das Stück gethan, was ich irgend nur vermochte,“ ſagte er:„nämlich 64 mein Pfeiflein in der Taſche behalten; nicht darum, Euer Gnaden, weil der Dichter vom Marquis von Toledo beſchützt wird, ſondern weil ich glaube, daß ſeine Begabung der Auf⸗ munterung würdig iſt. Don Feliz befindet ſich auf einem Irr⸗ weg und muß zurechtgewieſen werden; ihn ganz zu vernichten, wäre offenbare Uebertreibung.“ „Wie meint Ihr das, Don Urbano?“ fragte der Reiter, „welchen Irrweg hat er eingeſchlagen?“ „Mit Euerer Gnaden Erlaubniß will ich's ſagen,“ ver⸗ ſetzte der Fußgänger:„Don Feliz hat von ſeinen Reiſen im Ausland unter nützlichen Kenntniſſen auch einige unpaſſende Einbildungen mitgebracht, vorzüglich die: er ſei berufen, das franzöſiſche Luſtſpiel auf ſpaniſchen Grund und Boden zu ver⸗ pflanzen.“ „Ihr kennt auch das franzöſiſche Luſtſpiel, Don Urbano? Ich bewundere den Umfang Eueres Wiſſens.“ „Ich kenn' es nicht, Euer Gnaden, und Euere höfliche Vorausſetzung erweiſt mir zu viel Ehre. Dafür aber verſteh' ich auf's Haar, was ſpaniſch oder nicht ſpaniſch iſt. Ich bin ein einfacher Gewerbsmann, zu Madrid geboren und erzogen, daher durch und durch ein Kind der Stadt, und meiner gli⸗ henden aufrichtigen Liebe zur Heimath verdunt ich die Eh daß mein Urtheil nicht ganz ohne Erfolg zu bleiben „Ihr drückt Euch viel zu beſcheiden aus, Don Urbano,“ warf der Reiter ein:„Euer Urtheil iſt im Schauſpielhaus das allein entſcheidende; Alt und Jung, Vornehm und Gering blickt nur auf Euch, um zu wiſſen, ob ein neues Stück gefallen ſoll oder nicht. Euer Beifallsruf weckt den Widerhall aus allen 65 Kehlen, und wenn Ihr Euer gefürchtetes Pfeifchen nur aus der Taſche zieht, wehe dem armen Dichter, wehe den Dar⸗ ſtellern.“ Schmunzelnd fuhr Urbano fort:„Euer Gnaden iſt zu gütig. Allerdings gilt mein Wort etwas, aber nur darum, weil es ſtets unbeſtochen der Ausdruck volksthümlicher Geſin⸗ nung bleibt. Wehe mir, wehe meinem Anſehen beim erſten Fehltritt, womit ich aus der Wahrheit gerader Bahn wiche. Und darum beſteh' ich darauf, daß unſere Dichter vor allen Dingen Spanier ſeien. Don Feliz aber iſt in ſeinem Stück ein Ausländer. Er führt uns Leute vor, deren Luſt und Leid⸗ wir nicht mitzuempfinden vermögen. Dieſe Geſtalten reden mit ſpaniſcher Zunge kauderwelſches Zeug; was ſie bewegt und treibt, iſt nicht im Glanz unſerer Sonne gediehen und reif geworden. Ich wiederhol' es, Euer Gnaden, gin Dichter muß zu allererſt volksthümlich ſein, und dieſen Ausſpruch lernte ich keinem Geringern ab, als dem unſterblichen Cervantes ſelber.“ „Ich dank Euch für den Beſcheid, Don Urbano,“ ſagte der große Herr:„und werde nicht ermangeln, dem Marquis von Toledo Euere lehrreichen Winke für ſeinen Schützling mit⸗ zutheilen. Ich für mein Theil bin mit Euern Anſichten ganz einverſtanden. Schon die Lage unſeres Landes bezeugt, daß wir Spanier nicht berufen ſind, die Blüthen fremder Bildung zu genießen und in uns zu verarbeiten; wir werden daher am beſten thun, die weltbürgerliche Richtung gar nicht zu verfol⸗ gen. Gott erhalt Euch, Don Urbano.“ „Der Himmel behüte Euer Gnaden,“ verſetzte der Hand⸗ werker, und jeder ſetzte ſeinen Weg fort. Der Erzähler. 1847. 1. 5 66 Als Urbano in ſeine Gaſſe kam, war es ihm, als ſehe er eine Frauengeſtalt in ſein Haus treten.„Hoffentlich eine Kund⸗ ſchaft,“ ſprach er zu ſich ſelber:„ein ſeltenes Vögelein. Seit ich alle Köpfe in Madrid zurechtſetze, werden mir der Füße immer weniger anvertraut. Schauſpieler und Dichter laſſen nicht bei mir arbeiten; ſie pflegen Schuſter und Schneider ohnehin nicht zu bezahlen, und werden ſich wohl hüten, einen Mann zu ihrem Gläubiger zu machen, deſſen Zürnen ihr Ver⸗ derben ſein würde. Ich kann's den armen Schluckern wahrlich nicht verargen. Den andern Leuten aber verdenk ich's. Das Vertrauen, welches ſie meinem Verſtande ſchenken, entziehen ſie in gleichem Maße meinen Händen, und das iſt nicht recht, denn von der Ehre allein kann ich nicht leben. Dennoch.. 4 fügte er, ſich bedenkend, hinzu:„dennoch iſt es um Ruhm und Ehre eine ſchone Sache, und ich möchte meine Stellung nicht für die Reichthümer des Admirals von Caſtilien hin⸗ geben.“— Der Meiſter Schuſter hatte recht geſehen und falſch ge⸗ rathen. Eine weibliche Geſtalt war in ſein Haus getreten, und zwar in Schthen, die auf ſeinem Leiſten genäht worden; dennoch konnte er ſie nicht eigentlich zu ſeiner Kundſchaft rech⸗ nen. Catalina war es, Urbano's ſchöne Tochter, welche durch die Küche ſtürmend die Mantille losneſtelte und in die Schlaf⸗ kammer warf. Verwundert ſah Merced, die alte Magd, dem Ungeſtüm der jungen Herrin zu.„Was iſt Dir, Schätzchen?“ fragte ſie voll Sorge. Catalina's Augen flammten, ihre Wangen glühten lichter⸗ 67 loh, ihr Buſen wogte wie ein ſturmbewegtes Meer, und ſtolz aufgeworfen ſprach der Mund: „Ich wäre das unglückſeligſte Geſchöpf Gottes, wüßt' ich mich nicht zu faſſen. O der Treuloſe, der Verräther.“ „Was iſt geſchehen?“ „Ich ſag Dir's wohl noch ausführlicher, doch jetzt kommt der Vater juſt heim. Der flatterhafte Franzoſe hat mich auf offener Straße angeredet, mir ſein Herz zu Füßen gelegt. Ich hatte mit einer Viertelswendung nach ihm ungeblickt und im Nu flackerte er auf.“ „Er wird Dich erkannt haben, Närrchen,“ tröſtete Merced. „Dann mußte er mich mit Namen anreden,“ grollte Catalina:„und durfte nicht von meinen blauen Augen auf die helle Farbe meines Haares ſchließen. Der Elende, er pries beredten Mundes der Locken geſponnenes Gold.“ „Er hat Dich an den Augen erkannt,“ fuhr die Magd fort. Ungeduldig ſtampfte Catalina mit dem Füßchen.„Dann deſto ſchlimmer,“ rief ſie:„denn ich trage ſchwarzes Haar. Es iſt aus zwiſchen mir und dem Meineidigen, und wo in meiner Seele die Liebe hauſte, brütet jetzt finſtere Rache. Er ſuche Goldlocken jenſeits der Berge in ſeines Vaters nebliger Heimath.. wenn er,“ fügte ſie leiſer mit drohendem Seiten⸗ blick hinzu:„wenn er überhaupt ſo glücklich iſt, ſie jemals zu erblicken.“ „Liebe will gezankt haben,“ meinte Merced. Ein unheim⸗ lich vielſagendes Lächeln war Catalina's ganze Antwort. Gleich darauf trat der Hausherr in den Raum, der Küche, 68 Wohngemach und Werkſtätte zugleich, Alles in Allem war. Die Dienerin nahm ihm den Mantel ab und kramte die Vorräthe aus der Taſche, wohinein ſie dafür die Schwanzfedern ſammt den Ständern ſteckte, an denen der Faſan fehlte. Es gehörte nämlich zu Urbano's unſchuldigen Ergötzlichkeiten, die Leute glauben zu machen, daß er ein Geflügel oder ein Stück Wild eingekauft, weßhalb er, je nach der Jahreszeit, bei der Rückkehr vom Markt bald Vogelſtänder, bald Löffel oder Läufe eines Haſen oder Kaninchens, bald irgend einen Zipfel von rothem oder ſchwarzem Hochwild unter dem Mantel vorſchauen ließ. Sein einfaches Mahl ſchmeckte ihm hernach um ſo beſſer, und dieſe Würze war für ſeine Glücksumſtände nicht zu koſtſpielig. „Wo iſt Marcel?“ fragte der Meiſter mit einem ver⸗ drießlichen Blick auf den leeren Schemel in der Fenſterecke. „Er führt ſeine Langweile ſpazieren,“ verſetzte Merced ſchnippiſch. „Recht hat er,“ ſagte Urbano, mehr zu ſich ſelber als zu den Andern:„hier gibt's beinahe nichts zu thun, und ſein Vater hat ſich ein hübſches Vermögen erworben. Es iſt über⸗ haupt ſonderbar, wie alle dieſe Franzoſen bei uns reich wer⸗ den, ſeien ſie nun Schuſter, Schneider oder ſonſt etwas. Und dabei leben ſie erſt noch verſchwenderiſch, während wir bei aller Sparſamkeit nichts vor uns bringen.“ „Der alte Marcel hat Euch das Räthſel oft genug er⸗ klärt,“ fiel ihm Merced in die Rede:„der Franzos geizt mit der Zeit, ihr knauſert mit dem Geld, und ſo ſeid ihr die eigentlichen Verſchwender. Der Erfolg lehrt es.“ Urbano ſeufzte; nur allzu deutlich ſah er eine Wahrheit 3„ N 69 ein, die er nicht zugeben mochte.„Dieſe Franzoſen,“ ſagte er, vielleicht ſchon zum hundertſtenmal:„ſie ſind eben nicht von blauem Blut„ ſondern mauriſches Gefindel und neue Chriſten, geboren, ſich zu placken und zu ſchinden. Der edle Gothe iſt zu Höherem berufen...“— Die Magd machte ſich am Herd zu ſchaffen, um nicht das alte Lied ableiern zu hören, die Tochter aber ſtimmte dem Vater zu ſeiner höchſten Verwunderung bei.—„Beim heiligen Iſidor, Ihr ſprecht überaus weiſe,“ fiel ſie ihm lebhaft in die Rede:„dieſe Fremdlinge ſind gemeines Lumpenpack, verächtliche Laſtthiere.“ „Das iſt übrigens mit einem Körnlein Salz zu verſtehen, wie Don Hernando, der Baccalaureus, ſagt,“ verſetzte Urbano, über dieſe unerwartete Zuſtimmung nicht wenig betreten:„da haben wir zum Beiſpiel die beiden Marcels, Vater und Sohn, ehrliche wackere Leute. Der Alte hat immerhin ſeine tauſend Ducaten vor ſich gebracht.“ „Und drei Kinder,“ bemerkte Merced:„dieſe Fremdlinge hecken wie die Kaninchen.“ „Drei Kinder,“ beſtätigte der Schuſter:„und alle am Leben. Das gilt freilich für viel bei uns, weil die Spanierin, einer Löwin gleich, gewöhnlich nur ein Junges bringt. Der älteſte Knabe iſt ein Schneider und führt des Vaters Geſchäft; die Tochter iſt zu Toledo an einen Schenkwirth verheirathet; der zweite Sohn iſt Schuhmacher und wird mit einer guten Ausſtattung von ſeinem Vater ſich einrichten.“ „Da macht Ihr die Rechnung ohne den Wirth,“ ſagte die Magd, dazu aufgemuntert durch Catalina's geheimen 70 Augenwink:„der alte Geizhals ſchleppt ſein Geld hehlings nach Frankreich, trotz aller Zollwächter des Königs.“ „Nicht doch,“ verſetzte Urbano:„er iſt ſchon ganz zum Spanier geworden, und denkt ſo wenig an ſeine alte Heimath, als wir an San Domingv.“ „Er iſt in Frankreich, ſag' ich Euch,“ betheuerte Mer⸗ ced:„und hat ſein Vermögen in Goldſtücken mit ſich genom⸗ men, um es über die Grenze zu ſchmuggeln, der graue Dieb. Ihr aber in Eurer Gutmüthigkeit laßt Euch das Mährlein aufbinden, er ſei zu ſeiner Tochter nach Toledo gereiſt. Glaubt ihm nur auf's Wort, mein wackerer Don Urbano de los Rios, — iſt's doch der Glaube allein, der ſelig macht.“ „Das ginge mir über den Scherz,“ brummte der Schu⸗ ſter in den Bart, und wandte ſich zu ſeinem Leiſten, während Catalina, zufrieden mit dieſem erſten Erfolg, die Küche verließ. Sie hatte bisher des Vaters gute Meinung vom Reichthum Marcels gefliſſentlich genährt, weil nur in dieſer günſtigen Vorausſetzung die Hoffnungen ihrer Liebe wurzeln konnten; jetzt, da der Liebe holde Blüthe ſich zum Gift des Haſſes ver⸗ kehrt, mußte ihr rigenes Werk zerſtört werden, und Merced hatte meiſterhaft ihre hülfreiche Rolle geſpielt, die doch nicht eingelernt war. Weiber brauchen eben nichts, um ſich gegen⸗ ſeitig zu verſtehen, als ein Bischen guten Willen. 3. Marcel war ein hübſcher Junge, von franzoſiſchen Eltern in Spanien geboren, Franzos genug, um die Vortheile ſeiner „ 71 perſönlichen Gaben zu kennen, und deſſen kein Hehl zu haben. In allen andern Stücken ſchien er durch und durch Spanier. Er und Catalina waren einander ſeit Jahren mit iener Liebe zugethan, die keiner Erklärung bedarf; die Jung⸗ frau war aus dem Kindesalter in dieſe Liebe hineingewachſen, wie in den ererbten Sonntagsſtaat ihrer Mutter, und das Paar galt für verlobt, ohne daß irgendwer von den Bitheilig⸗ ten ein Wort darüber verloren hätte; die Sache ſchien ſich von ſelber zu verſtehen. Der junge Mann kam zur Tiſchzeit in der allervergnüg⸗ teſten Laune heim, zufrieden mit den Geſchäften, die er ver⸗ richtet, ſtolz auf eine neue geheimnißvolle Eroberung, die er gemacht. Eine Dame hatte auf der Straße den Kopf nach ihm gewendet; allen Bewegungen nach mußte ſie jung und hübſch ſein. Er war ihr gefolgt. Vom Angeſicht der Schönen hatte er freilich nichts erblickt, als die Augen, da ſie nach ihm umſchaute; den Ton ihrer Stimme kannte er nicht; aber ſie hatte ſeinen leidenſchaftlichen Erklärungen, Bitten und Be⸗ theuerungen lange zugehört, bevor ſie ihn mit einem Wink der Hand entlaſſen, und ſo war er feſt überzeugt, ſie würde nicht die gebotene Gelegenheit verſäumen, ihm noch öfter zu⸗ zuhören. Er hatte ihr nämlich geſagt, daß er zuweilen gegen Abend den Garten von Caſa del campo zu beſuchen, und ſich vor dem Behälter der Bären aufzuhalten pflege. Nachdem er von der Dame entlaſſen worden, war er ihr von weitem ge⸗ folgt, bis der Palaſt des Herzogs von Oſſunna ſie ſeinen Au⸗ gen entzogen. So ſelbſtzufrieden indeſſen Marcel nach Hauſe gekommen, konnte dennoch ſeinem Scharfblick der Umſtand 72 nicht entgehen, daß ſich irgend eine Veränderung in der Stimmung der Gemüther ergeben. Schwer und drückend lag etwas in der Luft, eine Gewitterſchwüle, wie ein unbefangenes Gemüth ſie ſelten bemerkt, wohl aber das böſe Gewiſſen unter Angſt und Sorge ſpürt. Solche brütende Schwüle iſt quä⸗ lender als der Sturm ſelber, denn im Sturm mögt ihr euch wehren und verantworten,— ob mit Erfolg oder nicht, gleich⸗ viel, ihr könnt euch wenigſtens doch regen. Bewegung gewährt den Troſt der Zerſtreuung. Marcel verſuchte alles Mögliche, ein Geſpräch Din zu bringen; vergeblich. Die Saiten, welche er anſchlug, klangen nicht, und wo er geradezu fragte, erhielt er den kürzeſten Be⸗ ſcheid. Endlich fiel's ihm ein, von Geſchüften anzufangen.— „Ich habe mit Eurem Gevatter Pedro geredet;“ ſagte er zu Urbano:„er zeigt ſich bereit, mir das Erdgeſchoß in ſeinem Haus zu vernünftigem Preis zu laſſen. Die Lage der Woh⸗ nung iſt vortrefflich für einen Gewerbsmann. Meint Ihr nicht, Don Urbano?“ Ein leichtes Nicken, des Spaniers träges„Ja,“ war die ganze Antwort, woran ſich keine Frage knüpfte, wie Marcel ſie zu erwarten ſchien, der nun mit ſchlechtverhehltem Aerger weiter ſprach:„Es iſt nämlich Zeit, daß ich einmal ſelbſt⸗ ſtändig werde und ein eigenes Geſchäft anfange. Meint Ihr nicht auch, Herr Ritter?“ Neues Nicken, wo möglich noch gelaſſener denn zuvor. Wodurch der arme Marcel dermaßen die Faſſung verlor, daß er, die Ungunſt des Augenblicks nicht beachtend„ mit der 73 Bemerkung herausfuhr:„Unter Geſchäft verſteh' ich Hauswe⸗ ſen.“ Urban ſtocherte ſich die Zähne, ſtreckte die Beine aus und blickte zur Stubendecke empor, als hätte er nichts vernom⸗ men; Catalina ſchnitzelte an einer Käſerinde; Merced aber lachte, und rief dann aus:„Heirathen will der Gelbſchnabel. Setzt doch den Punkt auf's J, Herr Franzos, wenn man Euch verſtehen ſoll. Nun, viel Glück zur Hochzeit. Werden wir bald die Ehre haben, die Jungfer Braut zu ſehen? Mir iſt, als hätt ich ſie leibhaftig ſchon vor Augen. Welch ein herziges Püppchen im Schmucke ſeiner Locken von geſponnenem Gold.“ Marcel erſchrak nicht wenig. Ihm wurde ſchier zu Muthe wie einem ertappten Dieb. Höhniſch in ſich hineinlä⸗ chelnd, ſtand Catalina auf, während die Magd ſich anſchickte, das Eßgeſchirr wegzuräumen. Inzwiſchen ſammelte ſich der junge Mann, und wandte ſich zum Hausherrn:„Die alte Trude hat mich mit ihrer verzwackten Rede zum Narren gemacht. Mir iſt doch wahrhaftig noch im Traume nicht eingefallen, um eine andre zu freien, als um Eure Catalina.“ Urbano gähnte. Ungeduldig fuhr Marcel fort:„Ich glaubte mich ſtets als Catalinas Verlobten betrachten zu dürfen. Bit Ihr es anders, Don Urbano?“ „Ich weiß gar nichts, mein guter Junge,“ verſetzte der Schuſter:„aber ich denke immer, daß ein Paar erſt verſpro⸗ chen ſein muß, um für verlobt zu gelten, und Du haſt mei⸗ nes Wiſſens noch nicht einmal angefragt.“ „So frag' ich jetzt! Wollt Ihr mir Catalina zum Weibe geben?“ „Das wird von den Unſtänden abhängen, mein wer⸗ theſter Herr. Zuerſt müßt Ihr wiſſen, daß ich nach meiner Tochter Verſorgung mein Geſchäft aufgeben und die Füße unter ihren Tiſch ſtecken will. Erſtens hab' ich genug gear⸗ beitet, zweitens läßt niemand mehr bei mir arbeiten, drittens fehlt mir die Zeit zum Arbeiten, weil das Vertrauen der Haupt⸗ ſtadt mir das Amt des Kunſtrichters übertragen hat. Die Tafel aber, woran ich zu ſpeiſen gedenke, ſoll wohlbeſtellt ſein.“ „Es gilt,“ ſagte Marcel, die Hand ausſtreckend. Urbano ließ die Hand wo ſie war, ohne einzuſchlagen. „Euer Wort in Ehren, Herr Marcel,“ ſagte er,„indeſſen“ möcht' ich nur wiſſen, mit welchen Mitteln Ihr's zu halten meint. Habt Ihr Vermögen?“ „Und das wißt Ihr nicht, Don Urbano? Mein gütiger Vater gibt mir elfhundert Realen zur Ausſteuer.“ „Was Ihr nicht ſagt, Herr Marcel? Ein ſchones Stück Geld, meiner Treu. Habt Ihr ſie ſchon, die hundert Du⸗ caten?“ „Es iſt ſo gut, als trüg' ich ſie in der Taſche. Mein Vater hat mir die Summe verſprochen, bevor er abreiſte.“ „Er wird Euch alſo das Geld ſchicken? Warum ließ er's nicht lieber hier? Wenn des Königs Zollwächter es ihm weg⸗ nehmen, ſo ſeid Ihr drum.“ Marcel fühlte ſich mit beiden Händen nach dem Kopf, und fragte dann erſtaunt, ob Urbano meine, daß der alte Marcel ſein Vermögen mit ſich in der Geldkatze herumtrage, und was auch in dieſem Fall des Königs Zollwächter zwiſchen Madrid und Toledo damit zu ſchaffen hätten? „Ihr ſeid wohl ein unſchuldiges Kind!“ ſprach der Schuſter:„Euer Vater pflegt zu ſagen, ein jeder ſolle mit eigener Arbeit ſeines Glückes Schmied ſein, und ſo iſt mir's ganz glaublich, daß er, wie das Gerücht geht, mit ſeinem Geldlein nach Frankreich entwichen iſt.“ „Unmöglich,“ rief Marcel, von ſeinem Sitz aufſchnellend. „Unmöglich,“ wiederholte er um ſo kräftiger, je möglicher ihm die Sache vorkam. Sein Vater liebte das Geld über alle Maßen, und da alte Leute zuweilen wunderliche Einfälle ha⸗ ben, ſo konnte der Greis plötzlich auf den Gedanken gerathen ſein, ſich mit ſeinem Vermögen aus dem Staub zu machen, um den Kindern nichts geben zu müſſen.„Unmöglich, be⸗ theuerte Marcel zum drittenmal:„und um Euch von ſo ſchnö⸗ dem Verdacht zu heilen, will ich ſelber gen Toledo reiſen. Haben wir heute nicht Montag? Richtig, da geſtern Sonntag war. Heute gegen Abend geht aus dem Kreuz von Burgund der Zug von Mauleſeltreibern mit Reiſenden und Waaren nach Toledo ab. Ich benutze die Gelegenheit. Doch möcht' ich wohl zuvor noch einen Beſcheid aus Catalinas Mund ver⸗ nehmen. Wollt Ihr mir vergönnen, daß ich ſie frage?“ „Fragt ſo viel Euch gefällig iſt,“ verſetzte Don Urbano ſich vom Stuhl erhebend:„ich will mich indeſſen zur Mittags⸗ ruh verfügen. Auf Wiederſehn.“— Mit dieſen Worten ging er, während Merced zu Marcel ſagte:„Das Fräulein hat ſich 76 ſchon niedergelegt, und Ihr habt volle Muße, desgleichen zu thun.“ Der junge Mann fühlte keine Neigung zum Schlummer, und zog es vor, ſich im Kreuz von Burgund eines Maul⸗ thiers zur Reiſe zu verſichern.„Indeſſen verſchläft mein Schatz die üble Laune,“ ſprach er zu ſich ſelbſt:„und ich erhalte einen guten Beſcheid auf den Weg. Ich trete ja diesmal als Freiers⸗ mann auf, und werde als ſolcher hoffentlich noch einen Stein im Brett mehr haben, zu den vielen, die ich ſchon beſitze.“ Er erhielt aber gar keinen Beſcheid, weder guten noch böſen, und das ging alſo zu. Nachdem der Bandolero ſeinen Gaſt in einer der Speiſeanſtalten auf offener Straße bewirthet, wo die Gäſte ſtehend ihre Mahlzeit zu verzehren pflegten, hiel⸗ ten beide eine kurze Mittagsruhe unter der Vorhalle einer Kirche, und verfügten ſich dann zu Don Urbano, mit welchem Pablo ſehr befreundet war. Der Schuſter Kunſtrichter nahm die zwei Valencier überaus leutſelig auf, hörte auf Pablos Bitte mit wohlgeneigtem Ohr, und da er im Verlauf des Geſprächs inne wurde, daß Arcangel einen ſo volksthümlichen Stoff, wie Don Alarcos, zum Vorwurf ſeines Trauerſpiels erwählt habe, ſo verlangte er zur Stelle eine Vorleſung, wo⸗ zu er noch Tochter und Magd herbeirief. Marcel fand bei ſeiner Wiederkehr die dichteriſche Unterhaltung bereits in vollem Gang, und konnte kaum während einer Pauſe ein hochſt nüchternes Fahrewohl gewingen. So daß er höchſt unwirrſch ſeinen Weg antrat, und, wie das ſo zu geſchehen pflegt, ſeinen Grimm vorzüglich gegen die unſchuldige Urſache ſeines Mißgeſchickes kehrte, nämlich gegen den guten Areangel. A. Das Schauſpielhaus wurde zum Erdrücken voll. Die ſchöne Welt hatte die erſte Reihe der Apoſentos beſetzt, im Patio*) unten, wie oben auf der Gallerie drängte ſich Kopf an Kopf. Schon war das Haus überfüllt, und dennoch wollte der Zudrang von außen noch kein Ende nehmen, wie es etwa bei uns heutzutage geſchieht, wenn„ein Rührei von Kunſt und Unſinn“ die Menge lockt; doch war es keine Oper, welche von der Truppe des Königs gegeben werden ſollte, ſondern nichts als das neue Trauerſpiel eines unbekannten Dichters.—„Wie heißt der Verfaſſer?“ fragte in den Reihen der vornehmeren Welt einer den andern, und unter hundert wußten keine zwei den Namen richtig vorzubringen.—„Wo iſt er her?“ hieß es weiter; hier wußten die meiſten ſchon beſſer Beſcheid.„Aus Valencia,“ lautete die allgemeine Antwort, doch theilten ſich dann die Stimmen wiederum; einige ſagten er ſei Bandolero, andre: Student, noch andre: Baccalaureus oder gar Licentiat, und die wenigſten: Soldat.—„Wer iſt ſein Gönner?“ hieß die dritte Frage.—„Rathet einmal.—„Der Herzog von Oſſunna?“—„Nein.“—„Die Gräfin von Oropeſa?“— „Wieder nicht.“—„Der Condeſtable von Caſtilien 2“—„Nein, ſo wenig als der Marquis von Toledo, der Herzog von Alba oder ſonſt ein Großer des Reiches. Des jungen Dichters Be⸗ *) Apoſento: Loge; Patio: Parterre. Die obere Galerie heißt auf Spaniſch: los Apoſentos ſuperivres. ſchützer iſt... der Schuſter.“— Die Auskunft hätte einem Fremdling ſpaßhaft klingen können, doch einem eingefleiſchten Madrider fiel nicht ein, ſie zu belächeln.„Don Urbano ſel⸗ ber?“ ſagte ein jeder:„wenn das der Fall, ſo muß das Stück vortrefflich ſein. Des Schuſters Urtheil iſt unbeſtechlichz der Marquis von Toledo hat es neulich erſt erfahren.“— „Seht nur den Meiſter Pechdraht an,“ flüſterte ein Stutzer ſeiner Schönen in's Ohr: ver ſitzt auf ſeinem gewohnten Platz ganz hinten im Patio, aber ſein gewohntes Geſicht hat er daheim gelaſſen. Helfe mir Gott, er lächelt ſogar, Hlaub' ich.“ —„Wer iſt die Frau neben ihm?“—„Vermuthlich ſeine Tochter.“—„Iſt ſie ſo hübſch wie die Dichter ſingen?“— „Ich habe ſie nie im Hauskleid geſehen, und das Urtheil der Dichter iſt offenbar nicht uneigennützig. Soviel ich weiß, hat ſie leidliche Züge, aber eine füllreiche Geſtalt.“—„Art läßt eben nicht von Art,“ meinte geringſchätzig die Dame, die ſel⸗ ber klapperdürr war, wie es die Mode vorſchrieb. In Deutſchland, Frankreich und England galt damals die Körper⸗ fülle für ſchön, zu Madrid dagegen die Magerkeit, ſo daß die jungen Töchter vornehmer Häuſer Bleiplatten auf der Bruſt trugen, um fein eben und glatt zu bleiben. So werden den ſchönen Kindern in China die Füße gewaltſam verkrüpelt; ſo den Mädchen unſerer Tage die Rippen durch die Schnürbruſt zuſammengezwängt. Zur Rechten des Schuſters ſaß ſein feines Töchterlein, zur Linken der Bandolero, umgeben von einigen Unteroffizierèn, worunter Don Francisco nicht fehlte. Die Offiziere und Unteroffiziere des ganzen Regiments waren zugegen und von 79 gemeinen Soldaten eine große Zahl. Die letzteren hatten nämlich nach gemeinſamer Uebereinkunft der Reihe nach ab⸗ wechſelnd an verſchiedenen Tagen ſich— je nach der Wahl des Einzelnen— den Tabak oder die Chocolade verſagt, Mann für Mann von ihrer kargen Löhnung einige Maravedis frei gemacht, und ſo den Betrag einer ziemlichen Anzahl von Eintrittskarten aufgebracht, um dieſe durch's Loos unter ſich zu vertheilen. Don Pablos Zunftgenoſſen hatten ebenfalls nicht verſäumt, der Aufforderung des Gildemeiſters genügend ſich einzuſtellen; was übrigens die meiſten von ihnen ohnehin gethan hätten, da die Valencier von jeher aufgeweckte Köpfe und Schöngeiſter waren. So hatte denn Arcangel mit Urbano, dem Tonangeber, ſchon zum Voraus das Heer der Stutzer gewonnen, deren Orakel der Schuſter war; mit den Stutzern mußte die ganze Beſatzung der Apoſentos ſtimmen; neidiſchem Widerſpruch und ſonſtigen Ränken in den untern wie in den obern Räumen des Hauſes legte die Gegenwart der Meiſter vom langen und vom kurzen Meſſer Zaum und Gebiß an; dennoch zitterte und zagte der Dichter hinter den Verſetzſtücken auf der Bühne wie ein Schulknabe, der ſeine Aufgabe nicht herzuſagen weiß, und als der Vorhang von einander rauſchte, mußte er vor Schreck und Schwäche ſich niederſetzen. Die Sorge war grundlos, wie ſich bald ergab, der Er⸗ folg ein ſo kräftiger, wie ihn kein künſtliches Mittel hervor⸗ gelockt hätte. Die künſtlichen Mittel ſicherten die Dichtung eben nur vor lauten Aeußerungen des Mißfallens, und konn⸗ ten hochſtens einen erlogenen Beifall hervorlocken; durch ihr 80 eigenes Verdienſt allein vermochte ſie die Herzen zu gewinnen, und das that ſie in einer Weiſe, welche ſchon während des erſten Aufzuges den Dichter tröſtete. Ihm wurde zu Muthe, wie dem blöden Schäfer, welchem ſeine Doris zum erſtenmal die Hand verſtohlen drückt, und von Augenblick zu Augenblick ſtieg mit ſeinem Glück auch ſeine Zuverſicht. Jedes urſprünglich eigenthümliche Volk hat im Schatze ſeiner Sagen und Geſchichten einige, die ihm als echteſter Ausdruck ſeiner Gedanken und Geſinnungen beſonders theuer ſind; die Spanier waren namentlich ſtets reich daran, und zu den Schoßkindern ihrer Gunſt gehörten juſt die Erinnerun⸗ gen, welche wir nur mit dem Verſtande begreifen. Dahin zählen, um nur ein paar zu nennen,„der Stern von Sevilla“ und„Don Alarcos,“ zwei Geſtalten, die wir ſo ziemlich ohneweiters zu den Rittern von der traurigen Ge⸗ ſtalt rechnen. Wir bedauern ſie, doch ohne jene tiefſinnige Theilnahme und Gleichſtimmung, worauf ſich der Reiz des Trauerſpieles gründet; wogegen der Spanier, ihr Loos bekla⸗ gend, ſie aus voller Seele als Helden anerkennt, oder, beſſer geſagt: anerkannke; denn heutzutage iſt auf der Iberiſchen Halbinſel der altſpaniſche Geiſt nicht mehr der vorherrſchende. — Somit hatte Arcangel für ſeine Zeit und für ſein Volk den rechten Stoff gewählt, den rechten Ton getroffen, und als nach der dritten Jornada*) der Vorhang fiel, war er, *) Jornada(wörtlich: Tagwerk) wird der Aufzug oder Act ge⸗ nannt, deren ein ſpaniſches Schauſpiel in der Regel drei haben mußte. Dieſe Eintheilung ſoll Cervantes aufgebracht haben. 81 der als ein unbekannter junger Menſch das Haus betreten, urplötzlich ein berühmter Dichter. So mindeſtens dachte die Verſammlung, und der Held des Abends theilte ziemlich dieſe Anſicht. Stürmiſch gerufen, trat er an die Lampen, und brachte ſeine Dankſagung in Verſen aus dem Stegreif vor, worin er ungefähr ſagte:„Scheu und niedergeſchlagen, eine wandelnde Leiche, betrat ich dieſen geweihten Raum, Euere Güte hat mir friſches Leben eingehaucht und mich mit einer neuen Seele begabt, die fortan alle Kräfte aufbieten wird, um zur Ergötzlichkeit ſo hochgebildeter Gönner und vaterlandslieben⸗ der Spanier zu wirken und zu ſchaffen. Sie ſtellt ſich die Aufgabe, durch Arcangel de la Roca, den armen Soldaten, das unſterbliche Regiment„Prinz von Aſturien“ im Frieden berühmt zu machen, und den Lorbeern blutiger Siege auch den Palmenzweig zu geſellen. Der König, unſer Herr, den Gott erhalte, kann dann mit doppeltem Recht behaupten, daß er die erſten Soldaten der Welt ſein eigen nennt; Kriegsleute, die mitten im Frieden und in ſeiner Hauptſtadt ſelbſt ſich Kränze der Unſterblichkeit zu erringen verſtehen. Eure Huld gewährt uns gern die Kränze, weil Ihr wißt, daß ſie uns einſt zu Großthaten gegen die Feinde des Vaterlandes begei⸗ ſtern werden.“ Hatte zuvor das Trauerſpiel die Gunſt der Menge ge⸗ wonnen, und des Verfaſſers perſonliche Erſcheinung allgemeine Theilnahme erregt, ſo ſteigerte dieſe Rede nun den Beifall zur Begeiſterung, zum Wahnwitz. So geſchah es, daß die Damen in den Apoſentos ſich alleſammt von ihren Sitzen er⸗ hoben, um ſtehend und mit geſchwungenen Taſchentüchern Der Erzähler. 1847. 1. 6 — 82 ihre Freude zu bezeugen, welche Ehre bisher kaum noch einem Matador*) widerfahren war, geſchweige denn einem Schauſpieldichter. Bald darauf machten ſich die Stimmen bemerkbar, welche verlangten, man ſolle„den großen Don Arcangel“ im Triumph durch alle Straßen tragen; welcher Ehrenbezeugung er indeſſen ſich durch ſchleunige Flucht ent⸗ zog, während die Alguazils mit ihren langen weißen Stäben er⸗ ſchienen, um zur Ruhe zu mahnen. Die unwillkommenen Mahner empfing Ziſchen und Pfeifen; ſie ließen ſich jedoch weder aus der Faſſung bringen noch abweiſen, und gelang⸗ ten endlich dahin, das Haus vom tobenden Schwarm zu ſäubern. 5. Don Urbano de los Rios trat ſtolz wie ein römiſcher Triumphator den Heimweg an. Mit dem glänzenden Erfolg ſeines Schützlings hatte ſein eigenes Anſehen einen neuen, nie geahnten Aufſchwung genommen. Was kümmerte es ihn nun, daß ihn daheim höchſtens eine Zwiebel erwartete, welche drei lebendigen Menſchenkindern zur Stillung des Hungers dienen ſollte; was focht es ihn ferner an, daß er noch nicht wußte, woher er das liebe Brod für den künftigen Tag neh⸗ men würde?— Die ſchöne Catalina theilte ihres Vaters ſtolze Luſt, und die bittern Sorgen der Armuth fochten ſie * ²) Matador älterer Ausdruck für den, welcher beim Stierge⸗ fecht den Stier erlegt; in neueſter Zeit ſagt man dafür Espada(Degen). 83 noch minder an, wie ihn; dennoch war ſie ſchweren Kum⸗ mers voll und ſenkte trübſelig das ſchöne Haupt. „Worüber grämſt Du Dich, mein ſüßes Herz?“ fragte Merced theilnehmend ihre junge Gebieterin:„hat Dich der Nachbarinnen eitles Geſchwätz betrübt?“ „Was wollen die Nachbarinnen?“ rief der Schuſter, der zufällig die leiſe Frage vernommen hatte. „Es iſt nicht der Mühe werth, davon zu reden,“ be⸗ ſchied die Magd. „Und weßhalb ſollt' es der Vater nicht erfahren?“ meinte Catalina:„da iſt nichts zu verheimlichen. Die Plau⸗ dertaſchen wiſſen in fremden Angelegenheiten immerdar beſſer Beſcheid, als in ihren eigenen. So hatten ſie mich längſt mit dem undankbaren Marcel verlobt, ohne daß ich etwas davon wußte.“ „Sollteſt Du im Ernſt gar nichts davon gewußt haben?“ ſagte Urbanv. Gelaſſen verſetzte die Jungfrau:„Es gab allerdings eine Zeit, worin ich ja geſagt, hätte Marcel mich begehrt; ich will's nicht leugnen. Ich war an ihn gewöhnt, wie an ein altes bequemes Kleid, und kannte ſeinen Unwerth nicht. „Doch war ich vor ſeiner Abreiſe zur klaren Erkenntniß ge⸗ kommen. Was kümmert's mich nun, daß ſie ſagen: er habe mich ſitzen laſſen?“ „Das ſagen die böſen Zungen?“ brauſte Urbano auf: „helfe mir Gott, es iſt etwas Wahres daran. Der Elende, er iſt ſeinem Vater, dem alten Dieb, nach Frankreich nach⸗ gezogen, ſo wahr ich lebe. Ich bin entehrt. Ja, wär er 84 hier, und hieß' es, wir hätten ihn abgewieſen, oder meinet⸗ wegen abgedankt, das ließ' ich mir gefallen. Aber er weiß, der Sohn eines Hundes, daß er, ein bettelhafter Lump, wie er iſt, Deine Hand nie erhalten hätte, und iſt deßhalb auf und davon gegangen, um einen guten Hidalgo und alten Chriſten an ſeiner Ehre zu kränken. Und Du, Catalina, Du kannſt Dich immerhin rüſten, in's Kloſter zu gehen, denn mit dem Heirathen haſt Du's für dieſe Spanne Leben verſpielt,— ſoll mich Gott.“ Catalina fühlte das Gewicht der Wahrheit in dieſen Worten. Mit verdoppeltem Haſſe gedachte ſie Marcels, der ſeit Wochen von Madrid verſchwunden war. Nahe daran, in Thränen auszubrechen, kämpfte ſie in ſich einen harten Kampf des Schmerzes und der Wuth mit dem Stolze; der aber wäre ſchwerlich Meiſter geblieben, hätte nicht ein ſpäter unerwarte⸗ ter Beſuch ihm Verſtärkung zugeführt. Erſtaunt, aber mit Vergnügen ſah der Schuſter einen alten und einen neuen Freund in ſeine beſcheidene Behauſung treten: Pablo und Arcangel, und ſein Vergnügen minderte ſich nicht, da er-bemerkte, wie der Bandolero einen gefüllten Schlauch und ein zugedecktes Körbchen auf den Herd nieder⸗ ſetzte. Urbanos ſchmachtende Seele ahnte Speiſ' und Trank. „Wir machen ſchon längſt keine Umſtände miteinander,“ ſagte Pablo:„und ſo bedarf ich keiner Entſchuldigung bei Euch, mein wackerer Don Urbano, daß ich mich und meinen Freund zum Abendeſſen bei Euch einlade. Ich ſetzte voraus, daß Ihr zu ſo ſpäter Stunde nicht auf Gäſte vorgeſehen ſein 85 würdet, weßhalb ich mir die Freiheit nahm, einen Zuſchuß mitzubringen. „Womit Ihr's gut getroffen habt, Don Pablo,“ ver⸗ ſetzte der Schuſter:„denn wir haben bereits zu Nacht geſpeiſt, bevor wir in's Schauſpiel gingen.“ „Deſto beſſer,“ meinte der Bandolero:„ſo könnt Ihr nach der großen Gemüthsbewegung wieder mit erneutem Hun⸗ ger einhauen, und hernach mit uns ein Stücklein auf dieſem trefflichen Dudelſack von Val de Pennas blaſen. Während des Eſſens will ich Euch auch einen Schwank erzählen, nagel⸗ neu, auf mein Wort, nichts kann neuer ſein, denn er iſt mir zur Stunde ſelbſt begegnet. Bitte, nehmt Platz, ſchönes Fräulein, und Ihr, ehrwürdige Duenna, laßt's Euch ſchmecken.“ Der Schuſter ließ ſich nicht lange bitten, zuzulangen; er war ein großer Freund des Wohllebens, wenn's zu haben war, nämlich ohne Koſten und ohne Demüthigung. Cgtalina und Merced zierten ſich eben ſo wenig. Sogar Arcangel aß einige Biſſen, wiewohl ſein Triumph ihm das Herz ſchwellte, und ſeine Blicke an der ſchönen Jungfrau wie auf einem hei⸗ ligen Leib hafteten. Indeſſen bereitete ſich der Bandolero, ſei⸗ nen Schwank zu erzählen, deſſen Anbeginn er jedoch ein we⸗ nig zu entſtellen für gut fand. Er hatte nämlich den Schmaus nicht eigentlich für des Schuſters Haushaltung beſtimmt ge⸗ habt, ſondern war Willens geweſen, ihn mit ſeinem Vetter und deſſen Feldwebel in der Kaſerne zu verzehren. Da nun Arcangel nach dem Schauſpiel verſchwunden, und in der Ka⸗ ſerne nicht zu finden geweſen, ſo hatte der feine Valencier ſich zuſammengereimt, wo er ihn etwa treffen könnte. — 86 „Denkt Euch, verehrteſter Urbano,“ ſprach Pablo:„ich verlor viele Zeit, dieſen Kreuzundquerkopf zu ſuchen, bevor ich mich entſchloß, allein den Weg zu Euch anzutreten. Ich hatte mir aber einmal in den Kopf geſetzt, bei Euch zu ſpeiſen.“ „Viel Ehre für mich, Euer Gnaden,“ ſchaltete Urbano ein. „Bitte ſehr, Herr Ritter;“ fuhr Pablo fort:„wie ich nun in die Gaſſe komme, wer ſteht gegenüber an der Mauer und ſtarrt Euer Haus an? Mein Vetter in Lebensgröße.— Gut, daß ich Dich treffe, ſag' ich: komm' mit herein.— Ich nicht, verſetzt er.— Warum nicht? Wenn Du ſchon vor dem Hauſe ſtehſt und die Mauern mit den Blicken zu durchbohren verſuchſt, ſo iſts am Ende beſſer, Du ſpazierſt leib⸗ haftig hinein, wo der Zimmermann das Loch gelaſſen hat.— Mein Arcangel aber weigert ſich fort und fort; ſo gibt ein Wort das andre, und nun rathet, was dadurch zum Vor⸗ ſchein kommt?“ „Nun?“ fragten Urbano und Merced zugleich. Catalina hätte vielleicht auch gefragt, wäre ſie nicht allzuſ hr mit einem Stückchen Schinken beſchäftigt geweſen, das ſich nicht zerſchnei⸗ den ließ, ſo ſtandhaft ſie mit dem Meſſerrücken darauf los⸗ ſägte. Wenn Mädchen ſolche Thorheiten begehen, ſoll's ein Zeichen ſein, daß ſie im Augenblick klüger ſind, als ſie ſchei⸗ nen möchten. „Ich will's Euch ſagen...“ hob der Bandolero wie⸗ der an. Arcangel unterbrach ihn:„Nicht doch, lieber Vetter, ich will mein Wort ſelber anbringen. Wiſſet, verehrteſter Herr 87 Don Urbano, ſeit ich Euere Tochter zum erſtenmal erblickt, bin ich ihr für zeitlebens unterthan geworden. Ich würde nicht ſo leicht gewagt haben, davon zu reden, wenn meines Vetters vorſchnelle Zunge mich nicht mit ſich fortriſſe. Was ich ſagen muß, damit Ihr nicht meint, daß mein heutiges Glück mich ſo übermüthig macht; verdank ich doch nur Eurer Güte dieſes Glück. Da aber der Schritt einmal geſchehen, ſo frag' ich Euch und die reizende Königin meiner Seele, ob Ihr meiner Vermeſſenheit zürnt, und ob Eure erregte Empfindlichkeit den⸗ jenigen auf ewig elend machen will, der ſein ganzes Heil von Eurer Güte hofft?“ „Was auf gut Spaniſch heißen will,“ ſchaltete der derbe Bandolero ein:„ob Ihr, Don Urbano, ihm das Fräulein geben wollt, inſofern das Fräulein ihn mag. Er beſitzt zwar weder Landgüter, noch Renten, doch mein' ich nach dem heu⸗ tigen Erfolg, daß er es getroſt wagen mag, einen Hausſtand zu gründen. Und wenn er nur gemeiner Soldat iſt, ſo be⸗ denkt, daß ſelbſt der große Cervantes es vor ſeinem vierzigſten Jahr auch nicht weiter gebracht hat.“ Die letzten Tropfen aus dem Weinſchlauch wurden zur Feier einer Verlobung geleert, wodurch es, nach Pablo's Art zu reden, geſchah, daß der Dudelſack von Val de Pennas zu guter Letzt ſein allerluſtigſtes Stücklein blies. 88 6. Die treuen Hände der alten Merced zitterten vor Freude, als ſie der Hochzeiterin das Brautkleid anlegten. Die ſchöne Catalina war wacker herausgeputzt; ihres Verlobten junger Ruhm hatte bereits die erſten goldenen Früchte getragen, und Arcangel zeigte ſich im Beginn ſeines Ueberfluſſes nicht karg. Wozu hätt' ihm auch der Geiz gedient? Für die Zukunft brauchte er nicht zu bangen. Alle Zeichen ſtanden gut. Im Heere durfte er auf Beförderung rechnen, wenn er ſchon kein Geld hatte, nur eine Fähnrichsſtelle zu kaufen; auch konnte nicht fehlen, daß ihn früher oder ſpäter wenigſtens ein hoher Gönner mit einem Jahrgehalt bedachte„ wenn nicht deren mehrere einen ſo erleuchteten Gedanken faßten.—„Wie biſt Du reizend, meine holde Taube,“ ſchmeichelte Merced:„wie biſt Du glücklich, ſüßes Kind. Ich alte Thörin! lange Jahre träumte ich für Dich kein beſſeres Loos, als Dich zum Kirch⸗ gang mit jenem Tölpel zu ſchmücken.“ Die Braut ſeufzte.„Erinnere mich nicht daran,“ ſagte ſie ſchwermüthig,—mit ihm wär' ich glücklich geworven.“ Die Magd erſchrak und murmelte dann bedeutſam:„Noch iſt's Zeit, aber die höchſte, wenn Du zurücktreten willſt.“ „Nicht doch, gute Merced, ich denke nicht daran.“ „Unglückliche, Du liebſt Deinen Verlobten nicht?“ „Doch, Merced; er iſt mir werth. Ich freue mich ſeiner Schönheit und ſeiner guten Erziehung, ich bin ſtolz auf ſeinen Ruhm. Fürwahr, ich hätte mir keinen andern ausſuchen mö⸗ gen, um mich aus der Schmach meiner Stellung zu erlöſen.“ 89 „So helfe mir die heilige Jungfrau,“ wimmerte die Alte, „Du liebſt ihn nicht.“ „Schweig,“ herrſchte Catalina ihr zu:„Don Arcangel wird eine ſorgſame und treue Hausfrau in mir beſitzen. Ich lieb' ihn, wie ich nur einen Mann noch zu lieben vermag.“ Merced ließ ſich nicht abweiſen.„Armes Herzlein,“ flüſterte ſie kaum vernehmbar:„Du biſt immer noch jenem neuen Chriſten, dem Franzoſen, zugethan.“ „Nein, und tauſendmal nein!“ betheuerte die Braut, vom Purpur des Zornes übergoſſen:„ich haſſ' ihn, ich mocht ihn unter tauſend Folterqualen ſterben ſehen. Ich haſſ' ihn, wie ich ihn einſt liebte, und mein Haß wird über's Grab hinaus währen; ich ſchwöre Dir's. Siehſt Du, Merced, trät' er zur Friſt auch vor mich hin, beladen mit allen Schätzen beider Indien, um nur ein Lächeln meines Mundes damit zu erkaufen, er würde vergeblich flehen, und könnt' ich ihn damit vom Tode retten.“ Marcel hatte fteilich nicht die Schätze beider Indien, aber etwas, das ihn in ſeinen Gedanken noch viel reicher machte: die ausdrückliche Einwilligung ſeines Vaters zur Verbindung mit der Geliebten. Und wie Catalina eben die letzten Worte ſprach, trat er haſtig zu ihr ein. „Da bin ich, Kleinod meiner Augen,“ rief er aus:„hier zur Stelle bin ich, und nichts ſteht meinem Glücke mehr im Weg.“ Mit weitaufgeriſſenen Augen ſtarrten ihn die Weiber gleich einem Geſpenſt an.—„Woher des Weges?“ fragte nach einer Weile erſt die Dienerin. 90 „Sporenſtreichs von Toledo,“ beſchied Marcel:„bei mei⸗ ner Ankunft dort fand ich den Vater ſterbenskrank, und mußte als guter Sohn ſchon bei ihm ausharren, trotz aller Liebes⸗ ſehnſucht. Ich hatte ihm in meiner Seele ohnehin ein Unrecht abzubitten, den ſchmählichen Verdacht, daß er eutwichen ſei. Jetzt iſt er außer Gefahr, Gott ſei dafür geprieſen, doch leider noch zu ſchwach zur Reiſe. In drei bis vier Wochen erſt wird er kommen... doch, was ſeh' ich?“ unterbrach der junge Mann ſich ſelber, indem er erſt jetzt Catalina's Aufputz be⸗ merkte:„was bedeutet der Flitterſtaat da?“ Die Jungfrau wandte ihm den Rücken und Merced an⸗ wortete für ſie:„Ihr habt wohl noch keine Brautkrone ge⸗ ſehen?“ Marcel ſtieß einen gellenden Schrei aus, wie einer, der unverſehens in einen Abgrund ſtürzt. Er war in der That ſo einer, wenn ſchon ſein Fuß auf ebenem Boden blieb. Auf den Schrei eilte Urbano aus ſeiner Kammer herbei, wo er eben beſchäftigt geweſen, ſein neues Wamms zuzuneſteln. „Heda, was gibt's?“ rief der Schuſter:„ei, ſiehe da, Herr Marcel? Schon von Paris zurück?“ Ohne auf ihn zu hören, ergoß Marcel ſich in herben Vorwürfen gegen die, welche er wortbrüchig und treulos ſchalt. Ihn beim Arm packend, fragte Urbano:„Wer hat Euch ein Wort gegeben?“ „Die verrätheriſchen Augen dieſer Falſchen,“ verſetzte Marcel:„in trügeriſchem Glanze verhießen ſie mir der Liebe Heil. O wandelbare Sterne, o wankelmüthiges Herz!“ „Gemach, mein feines Herrlein,“ rief der Schuſter,„die — 92 Sterne betrügen keinen, ſondern nur die falſche Deutung; Ihr ſeid eben ein ſchlechter Aſtrolog.“ Während Urbano ſo ſprach und Marcel ſich zur Antwort anſchickte, verſchwanden Catalina und Merced wie durch Zauber. „Ich bin betrogen!“ rief der unglückliche Liebhaber: „ſchändlich hintergangen. Darum alſo ließ't Ihr mich nach Toledo gehen?“ „Geh zum Henker,“ ſchrie der Schuſter, der, wenn er einmal in Zug gerieth, ſo grob ſein konnte wie der unge⸗ ſchlachteſte Galicier. Da nun Marcel ebenfalls ſeinem Zorn die Zügel ſchießen ließ, ſo kam's endlich zwiſchen beiden zu handgreiflichen Thätlichkeiten, deren Ende war, daß Urbano, ſeinem feinen Namen zum Trotz, den ungebetenen Gaſt zur Thüre hinauswarf. Racheſchnaubend ging der von dannen. 7. „Nueſtra Senora d'Atocha,“ Unſere Liebe Frau im Buſch*), hieß die vornehmſte Kirche von Madrid, vor der Stadt inmit⸗ ten grüner Bäume gelegen. Das wunderthätige Muttergottes⸗ bild darin war ſchwarz, welche Eigenheit es mit noch manchen andern Bildniſſen der heiligen Jungfrau in Frankreich, Deutſch⸗ land und Italien theilte, vermuthlich zum Gedächtniß eines Brandes, woraus es, ſein erſtes Wunder wirkend, angeraucht, *) Atocha ſoll, wie einige behaupten, eigentlich Ginſter oder Pfriemenkraut bedeuten, doch iſt die Ueberſetzung durch Buſch die einmal hergebrachte. 92 aber unverſehrt hervorgegangen war, und ſo die Gläubigen auf ſeine gnadenreiche Begabung aufmerkſam gemacht hatte. Das dunkle Haupt Unſerer Lieben Frau umgab eine Sonne von Gold, mit koſtbaren Edelſteinen beſetzt, ſtrahlend im Scheine von hundert goldenen und ſilbernen Lampen, deren Licht das Düſter der fenſterloſen Kapelle in ſtete Tageshelle verwandelte. Wie die Kapelle, ſtrahlte auch die Kirche ſelbſt in reichſter Pracht. Was ihr jedoch den eigenthümlichſten und anmuthig⸗ ſten Reiz verlieh, war der Luſtboden inmitten des Schiffes. Hier entſproßen dem friſchgrünen Raſenteppich die ſchönſten Blumen in mannichfacher Pracht, plätſcherten Springbrunnen in gewaltigen Silberbecken, zwitſcherten, flöteten und ſchmetterten gefiederte Sänger in den Kronen ſtattlicher Pomeranzenbäume und anderer Kübelpflanzen, von denen Wohlgerüche ausgingen. Dieſe prachtvolle und anmuthreiche Kirche verließ neuvermähltes Paar mit zahlreicher Begleitung, unter großem Zulauf des Volkes. Die junge Fray, über und über in weiße Schleier gehüllt, ſchwebte wie eine leichte Wolke einher, ge⸗ ſenkten Hauptes, wohl auch thränenden Blickes, wie ſich's für den Tag ziemte. Der Hochzeitsmorgen muß, wie ein Lenztag, nicht ohne Regenſchauer bleiben, ſoll's ein fruchtbares Jahr geben. Neben der reizenden Catalina trat der Hochzeiter ſtolz und kriegeriſch auf, geleitet von ſeinem Vetter Pablo und dem Feldwebel Francisco, der aus der Kirche tretend ſagte:„Mein ſtrenger Befehl hat Euch in dieſes Glück getrieben.“ „Ich verkenn' es nicht, Herr Ritter,“ verſetzte Arcangel, „und werd's Euch Dank wiſſen bis zum letzten Si ſchlag' es mir ſpät oder früh.“ 93 „Hoffentlich ſo ſpät als möglich,“ fügte der Bandolero hinzu:„wenn doch einmal am Hochzeitstag von den letzten Dingen geſprochen werden muß. Freuen wir uns lieber auf den Schmaus, wozu der hochedle Graf von Lemos die Hoch⸗ zeit ſammt dem ganzen Regiment„Prinz von Aſturien“ ein⸗ geladen hat. Hab' ich Recht, ſchöne Dame?“ Catalina nickte.„Es iſt nicht gut, in glücklicher Stunde Worte ſchlimmer Vorbedeutung zu reden,“ meinte ſie. „Du ſprichſt, wie Du's verſtehſt, Leben meiner Seele,“ wandte Arcangel ſich zu ihr:„im höchſten Glücke ſollen wir am erſten des Todes gedenken. Keiner von uns wird zum Himmel flehen, er möge ihn dereinſt in Schmerzen und unter Sorgen von dannen ſcheiden laſſen; jeder wird vielmehr wün⸗ ſchen, unter lieblichen Vorſtellungen hinüberzuſchlummern. So würde ich zum Beiſpiel mir kein beſſeres Ende wünſchen, als erfüllt von Stolz und Freude, unter Empfindungen, wie ich ſie eben jetzo hege.“ Sein Wunſch wurde erfüllt, bevor noch das letzte Wort verklungen. Was eigentlich geſchehen war, wußte keiner recht zu ſa⸗ gen, da Arcangel urplötzlich zuſammenknickte. Pablo und Fran⸗ cisco waren zur Seite geſtoßen worden; die hinter ihnen hatten geſehen, daß es durch einen jungen Menſchen geſchehen, der aus dem Haufen der Zuſchauer unverſehens hervorgebrochen war. „Mord!“ ſchrie einer, als er den Hochzeiter ſtürzen ſah. „Mord! Haltet den Mörder!“ fielen hundert Kehlen ein. Während die Nächſten ſich mit dem Erſtochenen und der erſchreckten Catalina beſchäftigten, ergriffen Andere den Mörder. Dieſer ſchien darauf gezählt zu haben, daß ihn die Menge würde durchſchlüpfen laſſen, was auch, wie gewöhnlich in ſol⸗ chen Fällen, wohl geſchehen wäre, hätte ſein Unſtern ihn nicht zwei Valenciern in die Hände geführt, welche den Fall ihres Landsmannes,„des großen Dichters,“ nicht mit gleichgültigen Augen betrachteten. Der Mörder war Marcel. Sein Stahl hatte des Geg⸗ ners Herz durchbohrend ſo ſicher getroffen, daß Pablo bei allem Jammer ſich einer Regung des Neides nicht erwehren konnte. —„Ein Stoß von Meiſterhand,“ rief der Bandolero mit einer Kennetmiene aus, und fügte dann ſchnell hinzu:„was voch der Zufall nicht alles thut.“ S. Mit ſtarkmüthiger Erg bung trug die jungfräuliche Wittwe ihr herbes Loos, zum Erſtaunen des gebeugten Vaters, zur Verwunderung der getreuen Magd. Zu Urbano ſagte Catalina: „Der Himmel Pürdet ſeinen Kindern nur auf, was ſie zu er⸗ tragen vermögen;“ zu Merced aber:„Mit dem Glück meines ganzen Lebens halt' ich die vollſtändige Rache nicht für zu theuer erkauft. Marcel, der Verräther, iſt dem Verderben verfallen.“ „Mir graut beinah vor Euch, Donna Catalina,“ pflegte die Alte dann zu antworten, und blickte ſeufzend in der Ge⸗ bieterin marmorbleiches und zugleich marmorhartes Angeſicht, worin das thränenloſe Augenpaar in kaltem Glanze ſtrahlte, ſtreng und ſtolz wie die keuſche Luna ſelbſt. So waren etwa acht Tage vergangen. Urbano kam un⸗ gewöhnlich ſpät und ſehr niedergeſchlagen vom Markte heim, dermaßen von ſeinen Gedanken befangen, daß er vergeſſen hatte, die prahleriſchen Geflügelpfoten unter dem Mantel her⸗ vorſchauen zu laſſen.—„Der alte Franzos war mir von jeher ein wohlgewogner Freund,“ ſagte er:„und den Sohn hab' ich ſo zu ſagen aufgezogen. Nun meinen die Ge⸗ vattern beim Sonnenthor*), die Sache des thörichten Jun⸗ gen nehme eine ſchlimme Wendung. Ich hatte mir gedacht, er ſolle mit ſechs bis neun Jahren Galeerenſtrafe ſeine Ueber⸗ eilung büßen. Weit gefehlt. Henken wollen ſie ihn, auf⸗ knüpfen wie einen Hund, ſo wahr ich lebe.“ Catalinas Augen flackerten in wilder Freude auf, wäh⸗ rend Merced ſeufzend die Hände faltete, und der Schuſter fort⸗ fuhr:„Der Corregidor hat zu allem Unglück neulich einen ſcharfen Verweis erhalten, und der König, unſer Herr, ihm aufgegeben, beſſer wie bisher für die öffentliche Sicherheit zu ſorgen, denn auf zehn Mordthaten komme kaum eine Beſtra⸗ fung. Nun meinen die Gevattern, der Herr Corregidor werde die gute Gelegenheit nicht verſäumen, um ſich wieder weiß zu brennen; deshalb auch den Gang des Verfahrens beſchleunigen, und um ſo lieber auf die höchſte Strafe erkennen, als er keinen Hidalgo vor ſich hat, ſondern einen von den Burſchen, die er hoch genug aufhenken darf.„4— „Wißt Ihr's ſchon?“ unterbrach des Schuſters Rede *) Die Puerta del Sol war von jeher der Sammelplatz der behoſten Fraubaſen von Madrid. 96 raſch eintretend der Bandolero:„Marcel iſt heute zur Kapelle gebracht worden.“ Urbano und Merced erbleichten vor Entſetzen. Catalina fuhr mit beiden Händen zum Herzen, wie um das freudig aufjauchzende zu halten, daß es die Bruſt nicht ſprenge; ein Blick, ausdrucksvoll wie wohlverſtanden, dankte dem Boten. Pablo ſprach weiter:„Das iſt ſchnell gegangen, nicht wahr? Kein Wunder! Der Thatbeſtand war ohne lange Unterſuchung hergeſtellt, die ganze Stadt iſt wüthend auf den Mörder, und das Regiment„Prinz von Aſturien“ hat zu allem Ueberfluß noch durch eine eigene Abordnung das Gericht zu kräftigem Einſchreiten aufgefordert. Ihr müßt nämlich wiſſen..0— Pablo wurde ſeinerſeits ebenfalls Wuigtrn unon durch einen jungen Mann in langem Gewand, der ſ als 2 einen Gerichtsſchreiber kund gab, und hoöflich zwar, aber über⸗ aus feierlich und ernſt„die Wittwe des Soldaten Arcangel de la Roca“ aufforderte, ihn zum verurtheilten ihres Ehegatten zu begleiten. „Ich habe mit dem Elenden nichts zu ſ n Catalinas ſchnöder Beſcheid.— „Doch er mit Euch,“ verſetzte der Schriber:„und der Wunſch eines Sterbenden iſt heilig.“ „Wer zwingt mich, ihn dafür zu erkennen?“ rief Ca⸗ talina:„wer nöthigt mich, ihn zu gewähren? Gibt es ein Geſetz oder eine königliche Verordnung darüber?“ „Nur ein göttliches Gebot,“ erklärte mit einem leichten Anflug von Spott der Schreiber:„doch geheiligt hienieden durch Sitte und Herkommen. Der verurtheilte Mörder nämlich * 97 kann die konigliche Gnade nicht anflehen, wenn er nicht zuvor die Verzeihung des nächſten Erben ſeines Opfers er⸗ wirkt hat. Dieſer Erbe ſeid im vorliegenden Fall Ihr, Sen⸗ nora. Der Verurtheilte beſitzt eine Art von herkömmlichem Recht, Euch ſeine Bitte perſonlich vorzutragen; ob Ihr dann willfahren wollt, iſt nur Eure Sache.„ Doch zweifle ich kaum,“ ſetzte er verbindlich hinzu:„daß unter ſo reizender Hülle auch ein mildes Herz ſchlägt.“ Ein vernichtender Blick aus Catalinas Auge wies den plumpen Schmeichler zurück; zähnefletſchend antwortete für ſie der Bandolero:„Das Gnadenbild im Buſch iſt kohlſchwarz und führt eine Stumpfnaſe.“— Indeſſen fragte Urbano: ob eer ſeihe Tochter zur Kapelle begleiten dürfe?—„Ihr, und wen die Dame ſonſt noch mitzubringen begehrt,“ beſchied der Schreiber. Da blitzte ein arger Gedanke in Catalinas Seele auf; ihre Züge überflog der Schadenfreude unverkennba⸗ rer Ausdruck, doch nur einen kurzen Augenblick, wornach ſie, gänzlich verändert, ſchmelzend ſanft zu Pablo ſagte:„Herr Ritter und theurer Vetter, ich bitte um die Ehre Eures Ge⸗ leites.“ Der Bandolero war nicht eben ein Weiberknecht, doch nichts weniger als unempfindlich, und Catalina hatte ihn mit einem Blick angeſchaut, in einem Ton angeſprochen, denen kaum der heilige Anton widerſtanden hätte. Sie verſtand ihre Waffen zu führen, die Kleine⸗ Der Erzähler 1847. 1. 1 98 9. Dem deutſchen Armenſünderſtübchen von ehedem entſpricht die ſpaniſche Kapelle, worin der Verurtheilte von der rechts⸗ gültigen Fällung des Spruches bis zum Vollzug aufbewahrt wird. In jenem düſtern Raum verzweifelter Gedanken und eiteln Troſtes befand ſich bei Marcel ſein Bruder Ypes„ der Schneider; ein Franciscaner kauerte„ſeinen Roſenkranz mur⸗ melnd, auf dem innern Sitz beim Eingang, mehr mit leiblicher Bewachung als mit geiſtlichem Zuſpruch beauftragt. Die übri⸗ gen Mönche hatten ſich für kurze Friſt zurückgezogen, damit der arme Sünder ſeine weltlichen Angelegenheiten ordne. Nachdem Marcel, gefaßter als ſein Bruder, dieſen ge⸗ nau von allem unterrichtet hatte, wie er es im Fall des Todes gehalten wiſſen wollte, ſagte er:„Hoffentlich haſt Du dem Vater und der guten Schweſter noch keine h zuge⸗ ſendet?“ „Wo hätt ich dazu den Muth hergenommen?“ ſchluchzte Ypes. „Sei kein-Kind, Brüderlein,“ fuhr der Verurtheilte fort:„bedenke zweierlei. Erſtens: wenn ich ſterben ſollte, ſo liegt die ſchwere Pflicht auf Dir, den Unſern zuerſt die Kunde meines Todes, dann die Art deſſelben beizubringen; das letztere Tränklein dürfte noch ſchwerer zu bereiten ſein, als das erſtere, und doch kannſt Dus nicht beim Apotheker machen laſſen.“ „Wie magſt Du auch noch ſcherzen,“ jammerte Mpes: „doch freilich, Dir geſchieht leichter wie mir, Du den Jammer n zu erleben.“ 99 „Ich ſtelle mir ihn genugſam vor,“ fuhr Marcel fort. „und darum ſag' ich, zweitens: noch bin ich nicht gehenkt. Mein Heil ruht in den Händen eines Weibes, dem ich zwei⸗ felsohne noch theuer bin. Wenn Catalina mir vergibt, iſt mir des Konigs Gnade ſicher. So mache mich denn nicht weichherzig, lieber Yes, damit ich meine Gedanken fein bei⸗ ſammen behalte, um durch wohlgeſetzte Worte meiner Schönen den Vorwand zu leihen, die Verzeihung auszuſprechen, die in ihrem Herzen fürwahr ſchon bereit liegt. Natürlich muß ſie den Schein wahren, beſonders da ſie vermuthlich im Sinne hegt, mich ſpäterhin noch mit ihrer Hand zu beglücken.“ Da Yves ſeinen Bruder ſo leicht und leichtfertig reden hörte, wurde ihm ſelber etwas freier um's Herz. Marcels Zuverſicht ſollte indeſſen bald einen harten Stoß aushalten. Catalina erſchien zwar, und es hätte nichts übles zu bedeuten gehabt, daß ihr Vater und der Schreiber ſie begleiteten; aber die Gegenwart des Dritten war kein gutes Zeichen. Ohnehin war Marcel dem Bandolero niemals beſonders zugethan ge⸗ weſen, und jetzo hatte dieſer vollends in ſeiner Art und Weiſe etwas, das nach Bewerbung um Catalina's Gunſt zu duften ſchien. Zu Bedenklichkeiten ſolcher Art war übrigens keine Zeit, noch minder zu thörichter Eiferſüchtelei. Der Verurtheilte warf ſich der Wittwe zu Füßen, wie der Gebrauch es ihm vorſchrieb, bekannte ſeine ſchwere Schuld, und blieb dann mit dem Angeſicht in beiden Händen am Boden. Cata⸗ lina's Blick glitt wohlgefällig über die Geſtalt auf dem Eſtrich hin.—„Vergebung,“ murmelte der Gedemüthigte:„Verge⸗ bung um der armen Seelen im Fegfener willen.“—„Ver⸗ 100 gebung,“ flehte knieend und mit erhobenen Händen des Un⸗ glücklichen Bruder:„nehmt Geld und Gut, ſchenkt ihm dafür das Leben. Sein Blut macht den Todten nimmer lebendig, unſer Gold aber kann Euch Linderung und Troft bereiten.“ Catalina und Pablo lächelten verächtlich, und tödtlich traf das Lächeln von den Lippen der Geliebten Marcels Seele. Der arme Knabe! als eine leiſe Hand ſein Haupt emporge⸗ richtet, hatte er ſchon gemeint, es ſei Catalina's Hand, und nun mußte er ſehen, wie ſie ſchnöd' und kalt ihm gegenüber⸗ ſtand. Urbano hatte ihn aufgehoben, und ſagte nun:„So muß ich Dich wiederſehen, Marcel?“ Marcel blieb auf den Knieen, indem er verſetzte:„Wenn Ihr Euch nicht meiner erbarmt, ſteht mir noch Schlimmeres bevor. Darum, Don Urbano, mein werther Lehrherr und anderer Vater, vereinigt Euere Bitten mit den meinen, um dieſe grauſame Gottheit zu milderer Geſinnung zu rühren. Schon habt Ihr meine Seele getodtet, Catalina; gönnt den Leib meinen Angehörigen. Es iſt wahrlich kein glückliches, noch weniger ein langes Leben, was ich von Euch. erflehe. Ich werde bald ſterben, Catalina. Der Gram verſchmähter Liebe hat mich der Vernunft beraubt, die Wuth des Wahnſinns zum Mörder gemacht, und nächſtens wird der Kummer mir das Herz abſtoßen. Mir wird der Tod als ein willkommener Erlöſer erſcheinen; nicht ihn fürcht ich, nur die Schmach, nur den Kummer meines guten alten Va⸗ ters. Gedenkt, Catalina, daß auch Ihr einen Vater habt. Erinnert Euch zugleich an die holdſeligen Tage der Kindheit, da wir noch Bruder und Schweſter waren 4 — Selber von ſeinem Gegenſtand hingeriſſen, erging ſich 104 Marcel in Erinnerungen an die gemeinſam durchlebte Zeit, und an die Frühlingsahnungen der erſten Liebe. Urbano hörte kaum darauf, weil er, mit Yves zur Seite getreten, ſich mit dieſem in eine angelegentliche Unterhaltung vertieft hatte. Aber der Gerichtsſchreiber, der Franeiscaner und ſogar der näher getretene Kerkermeiſter weinten vor Rührung. Der Bandolero ſtarrte ſeine Fußſpitzen an. Catalina kämpfte ſichtlich mit ſich ſelbſt. Vielleicht fiel ihr ein, daß Marcel nur aus leiden⸗ ſchaftlicher Liebe zu ihr ſein Verbrechen begangen; vielleicht ſchwirrte ihr die Vorſtellung durch den Sinn, daß er für die kleine Untreue, die er nur verſucht, nicht begangen, eigentlich ſchon genug gebüßt; kurz: ihre Feſtigkeit begann zu wanken; ein friſcher Anlauf, ein neuer Stoß und ſie ſtürzte in Trümmer! Doch das lag nicht in des Himmels Rathſchluß, und darum mußte Urbano mitten in die Rührung hineinrufen: „Tauſend Ducaten, das ſind juſt elftauſend Realen; meiner Treu, ein ſchönes Stück Geld. Wir wollen's dabei laſſen, denk ich, ſchon darum, weil ſie nicht mehr haben.“ Dieſe Worte übten die Wirkung eines Kübels voll kal⸗ tem Waſſer, der ſich über einen erhitzten Kopf ergießt. Marcel ſtockte, erſchreckt von der plbtzlichen Veränderung, die auf Ca⸗ talinas Antlitz ſich offenbarte. Ihre Züge hatten eben wie Metall ausgeſehen„wenn es über der Gluth in Fluß gerathen will; jetzt waren ſie wieder ſtarr, wie nur je, und wo mög⸗ lich noch kälter. Die Pauſe benutzend, welche Marcels Ver⸗ ſtummen ihr gönnte, wandte ſie ſich zu Pablo:„Laßt uns gehen, Herr Ritter. Euch, Marcel, gewähre der Himmel jen⸗ ſeits die Gnade, die hienieden ſich verſagt.“ ₰ 102 Wie vom Blitz getroffen, ſchlug Marcel auf den Eſtrich hin. Die Zeugen überlief ein kalter Schauer. Nur Urbano behielt die Faſſung, und rief mit gleichmüthigem Ton dem an allen Gliedern bebenden Mes zu:„Wir wollen's ſchon in's Gleiche bringen, aber baares Geld muß ich ſehen. Reitet mit Poſtpferden nach Toledo. Der Alte wird Euch nicht im Stiche laſſen und Ihr könnt zu rechter Zeit wieder hier ſein. Baar Geld lacht. Für's Uebrige laßt mich allein ſorgen.“ 10. Der verhängnißvolle Tag brach an, und ſein erſter Strahl beleuchtete den Galgen, der auf der Plaza mayor während der Nacht errichtet worden. Ganz Madrid war zur ungewöhnlich frühen Stunde ſchon auf den Beinen, die häuslichen und andre Geſchäfte zeitig abzuthun, um hernach mit Muße das Schau⸗ ſpiel zu genießen. Eine Hinrichtung war an und für ſich ſchon lockend genug, und die am lichten Galgen vollends eine Seltenheit, weil die meiſten Verbrecher ſich als Hidalgos aus⸗ zuweiſen pflegten, weßhalb ſie durch die Garota, im Würg⸗ ſeſſel hingerichtet wurden; noch vornehmere Edelleute hatten Anſpruch auf Beil oder Schwert. Die Haushaltung des Schuſters machte von der allge⸗ meinen Beweglichkeit keine Ausnahme, wohl aber vom allge⸗ meinen Behagen. Merced betete einen Roſenkranz um den andern und wollte von ſonſt nichts hören; Catalina verging vor Ungeduld, ihrer Rache Maß bis zum Ueberlaufen gefüllt, —, — 103 und ihren Vater zum Schweigen gebracht zu ſehen, der un⸗ aufhörlich in ſie drang, dem armen Sünder zu verzeihen, ob⸗ ſchon das Geld noch nicht zur Stelle ſei.—„Die Martels ſind mir lange gut genug„ wiederholte er fort und fort: „und Ypes iſt ein ehrlicher Junge. Er wird zu Toledo oder unterwegs aufgehalten worden ſein, aber dennoch wird er Dir das Geld bringen, verlaſſ' Dich drauf“ Eben kam der Bandolero„welcher verſprochen hatte, für die Wittwe ſeines Vetters ein Fenſter oder ſonſt einen be⸗ quemen Platz zum Zuſchauen zu miethen; beim Eintritt ver⸗ nahm er die Worte Urbanos und bemerkte drrauf:„Ihr wer⸗ det Euch ſchier verrechnen, edler Herr. Euer redlicher YMves zählt darauf, daß Ihr, ſeinem Wort vertrauend, die Begna⸗ digung erwirkt; und dann, guter Freund, ſeid Ihr ſo richtig geprellt, als zweimal zwei vier macht. Ihr werdet hoffentlich wiſſen, daß Euch auf die tauſend Ducaten ſo wenig ein Klagerecht zuſtehen würde„als auf eine Spielſchuld?“ „Das weiß ich, Herr Ritter,“ verſetzte Urbano ärger⸗ lich:„doch wie kommt Ihr dazu, den Sohn meines alten Freundes Marcel zu verdächtigen?“ „Ich will's Euch ſagen, ſo wenig auch der Ton Euerer Frage mir gefällt,“ ſagte Pablo:„ich habe den Meiſter Yves geſtern Nachmittags durch die Alcalaſtraße ſchlendern ſehen.“ Der Schuſter verſtummte, dankbar nickte Catalina dem Berichterſtatter zu. Darüber kam YMves ſelber zur Thüre her⸗ ein, welchem Urbano entgegenrief: 104 „Iſts wahr, daß Ihr ſchon ſeit geſtern wieder hier ſeid?“ „Ich verlor den Nachmittag und Abend um Münzen aufzutreiben,“ beſchied der Gefragte, indem et einen vollen Beutel auf den Herd niederſtapfte:„das baare Geld iſt ſelten, und ich würde mitſammt meinen guten Papieren keins bekom⸗ men haben, hätte ſich's nicht gefügt, daß der Hof, Gott weiß wie und warum? plötzlich große Zahlungen macht. Alle Be⸗ amte haben ihre Beſoldungen vollſtändig erhalten, und der ganzen Beſatzung von Madrid wird heute der Sold mit allen Rückſtänden ausgezahlt. Der König hat befohlen, reine Kerb⸗ hölzer zu machen. So iſt wieder etwas Geld unter den Leu⸗ ten, und ein ehrlicher Wechsler hat ſich herbeigelaſſen, mir dieſe tauſend Goldthaler anzuſchaffen. Hier find ſie. Zählt nach, ob keiner fehlt, und dann löſt Euer Wort.“ „Wenn's nur nicht zu ſpät iſt,“ jammerte Urbano, in⸗ dem er mit bebender Hand nach dem Lederbeutel langte. „Durchaus nicht,“ verſetzte Ypes:„und ftünde mein armer Bruder ſchon auf der Leiter oben, ſo würde das Flat⸗ tern eines weißen Tuches in Catalinas Hand ihn retten. Ich habe mich genau darüber unterrichtet, wie Ihr leicht denken mögt.“ „Tochter,“ wandte ſich Urbano zu Catalina:„wenn Dein weißes Tuch nicht wehen ſoll, ſo komme mir nur nimmer vor Augen; oder vielmehr: komme, um ſie mir zuzudrücken, denn ich ſchwöre Dir, wenn ich das Geld wieder herausgeben muß, ſo ſtürz ich mich in meinen Degen. Die Armuth hab' ich bisher geduldig ertragen, doch den Verluſt des Reichthums 105 konnt ich nicht überleben, und auf Dich allein würde die Schuld meines Todes fallen.“ Catalina ſchien die Antwort in Bereitſchaft zu halten: daß ſie Luſt hege, es darauf ankommen zu laſſen; Pablo, der hinter Urban ſtand, legte indeſſen mit ſo bedeutſamer Miene den Zeigefinger auf die Lippen, daß ſie verſtummte, bevor ſie nur geredet. Der Schuſter und Yves begannen nun die Gold⸗ ſtücke zu zählen, und ſelbſt Merced ließ von ihrem Roſenkranze ab, um ſich am Funkeln des gelben Metalls zu vergnügen, wodurch der Bandolero Zeit gewann, in geläufigen Zeichen der heimiſchen Fingerſprache ſich zu Catalina zu wenden. „Laß' ſie immerhin den ſchnöden Mammon zählen,“ ſag⸗ ten die wohlverſtandenen Zeichen:„widerſprich dem alten Geiz⸗ hals in keinem Stück. Vertraue Dich meiner Führung. Die Soldaten haben ihres Kameraden Triumph im Schauſpielhaus nicht vergeſſen, nicht die edle Art, womit er ſeine Ehre mit ihnen theilte. Schwerlich vergaß ihr Grimm auch das ver⸗ eitelte Feſt und den verfehlten Schmaus.“ Catalina verhieß Gehorſam, pries den Bandolero als ihren Retter, und nachdem ſie ſich mit ihm noch ferner ver⸗ ſtändigt, ſah ſie mit bewundernswerther Faſſung zu, wie ihr Vater den Beutel zuband, und in das Wandſchränkchen ſchloß, deſſen Schlüſſel er in Pes Hände legte.„Das Geld iſt noch nicht verdient,“ ſprach er dazu:„aber meiner Tochter kind⸗ liches Gemüth wird mir den Troſt des Alters nicht rauben. Müßt' ich jedoch den Hort wieder herausgeben,“ ſetzte er in die Kniee finkend hinzu:„ſo überleb ich nicht die nächſte Nacht; ich ſchwör's bei Unſerer Lieben Frau von Almunada.“ 106 Das war Urbanos höchſter Schwur, deſſen er ſich nur bei den ernſteſten Anläſſen bediente. Catalina wußt' es wohl; eiſiger Schauer durchrieſelte ſie bei dem Gedanken, ihr Vater könne ſich mit eigener Hand das Leben rauben, und gar durch ihre Schuld. Ihre Stimme klang überaus weich, als ſie, ihn aufrichtend, ſagte:„Das Geld ſoll Dir niemand nehmen, alter Mann, und mögeſt Du's in Freuden genießen.“ IMI. Der arme Sünder trat den ſchweren Gang zum Hoch⸗ gericht mit einer Faſſung an, welcher ſich nur darum die volle Bewunderung verſagte, weil ſich die Kunde verbreitet hatte er wiſſe, daß die Wittwe des Ermordeten im letzten entſcheidenden Augenblick das weiße Tuch würde wehen laſſen. Sie habe, hieß es ferner, nur darum die Anwendung ihres Rechtes zur Begnadigung hinausgeſchoben„ um den Mörder die ganze Stufenleiter der Galgenangſt durchkoſten zu laſſen. Welche Meinung der Verurtheilte allerdings theilte, nachdem er durch Yves erfahren, daß die Familie ſich an den Bettel⸗ ſtab gebracht, um ihn zu retten; aber er freute ſich dieſer Rettung allein um der Seinigen willen, erſtens weil ihm der Handel abſcheulich und verächtlich erſchien, zweitens weil die Eiferſucht auf Pablos offenbares Liebesglück ihn peinigte, und endlich weil er erwog, daß er Madrid fortan werde meiden müſſen, wollte er nicht zu ſeinem Nachtheil inne werden, wie * 107 eine Fauſt von Valencia und eine Klinge von Toledo mitein⸗ ander arbeiteten. Die Augen der Menge richteten ſich abwechſelnd auf Marcel und auf ein Fenſter an der langen Seite des Platzes, dem Hochgericht grad gegenüber, wo Catalina neben dem Ban⸗ dolero ſaß. Ihre Züge, vom Schleier verhüllt, waren nicht zu unterſcheiden, ihre Haltung ſchien ruhig und ſicher. Mit banger Erwartung ſah die Menge ſchweigend die Feierlichkeit Schritt für Schritt vor ſich gehen, bedächtig, lang⸗ ſam und dennoch wunderſam ſchnell, ſo daß im Widerſpruch mit der eigenen Ungeduld alle ſich verwunderten, wie es doch geſchehen ſei, daß Marcel oben auf der Leiter ſtand und der Henker ihm die Schlinge um den Hals legte. Jetzt erhob ſich Catalina. Lautlos ſtarrte die unabſehbare Menge zu ihr empor, ſo ſtill, daß die bangen Athemzüge Einzelner vernommen wurden. Die Wittwe ſtreckte die Hand aus; kein Tuch war darin zu ſehen, ſondern ein lederner Geldbeutel, der im nächſten Augenblicke gewichtig niederfiel. Unten ſtanden ſchon in wohlgeordneter Reihe Pablos Zunft⸗ genoſſen, welche das Geld auffingen und blitzſchnell von Hand zu Hand weiter reichten, bis die letzte es an den Fuß der Galgenleiter hinwarf. Marcel verſtand ſo gut wie alle andere die Bedeutung dieſes Wurfes.„Mir wäre beſſer,“ ſchrie er:„ich hätte mich dem Satan anvertraut, als dieſem Bild ohne Gnade.“ „Bild ohne Gnade,“ ſchrie das Volk, während der Henker den armen Sünder von der Leiter ſchnellte. 108 12.* Das Geld, welches Catalina hinabgeworfen, hatten die Gemeinen des Regimentes„Prinz von Aſturien“ zuſammen⸗ gelegt, um den Mörder ihres Dichters und Kameraden nicht der Strafe entrinnen zu laſſen. Das Volk lobte die ehrlichen Seelen darum, doch Catalina behielt den Beinamen des Bil⸗ des ohne Gnade, der ihr auch nach Valencia folgte, wohin ſie mit Pablo, ihrem zweiten Ehemann zog. Sie ſoll eine muſterhafte Hausfrau geweſen ſein, und es dem Bandolero nie vergeſſen haben, daß er ſie von der S erlöſt— das ſchnöde Blutgeld zu nehmen. Der dumme Pöbel nannte ſie nichts deſtoweniger in rohem Spotte: das Bild ohne Gnade. er K Kampf des Lebens. Liebesgeſchichte. Nach Charles Dickens von Auguſt Zoller. ——— Sor vielen, vielen Jahren,— was liegt am Da⸗ tum,— und im muthigen England,— was liegt am Orte,— wurde eine furchtbare Schlacht geſchlagen. Sie dauerte einen langen Sommer⸗ tag, zur Zeit, wo das ſchwankende Gras grün war. Mehr als eine wilde Blume, von der Hand des Allmächtigen gebildet, um der balſa⸗ miſche Behälter des Thaues zu ſein, fühlte an dieſem Tage ſeinen überſchmelzten Kelch ſich bis zum Rande mit Blut füllen und neigte ſich verwelkend auf ſeinem Stängel. Mehr als ein Inſekt, das ſeine zarte Farbe von harmloſen Blättern und Pflanzen entlehnte, wurde an die⸗ ſem Tage mit Blut beſchmutzt durch die auf den Tod verwundeten Männer und ließ, erſchrocken fliehend, außerordentliche Spuren ſeines Zuges zurück. Der buntſcheckige Schmetterling befleckte mit Blut in der Luft die 110 Ränder ſeiner Flügel. Der Bach wälzte rothes Waſſer hin. Der unter den Füßen zertretene Boden wurde zu einem Moraſt, wo ſich furchtbare Lachen in den Eindrücken der Tritte der Streiter und ihrer Pferde bildeten, und die einzige Farbe, welche die Blicke auf allen Seiten trübte, nahm eine noch düſterere Tinte an und glänzte in einem matten Schimmer in den Strahlen der Sonne. Gott behüte uns vor einem Begriffe von dem Schauſpiel, das der Mond auf dieſem Schlachtfelde gewahrte, als er ſich über der ſchwarzen Linie einer entfernten Anhöhe, deren Härte eine Franſe von Bäumen milderte, erhob, am Himmel aufftieg und ſeine Blicke auf die Ebene ſchleuderte, welche mit Todten bedeckt war, die das Geſicht dem Himmel zuwandten, während ſie, einſt auf den mütterlichen Schooß gelehnt, die Augen ihrer Erzeugerin geſucht, oder einen glücklichen Schlaf geſchlafen hatten. Gott bewahre uns, daß wir ſie kennen lernen, die Geheimniſſe, welche ſodann ganz leiſe dem verpeſteten Wind anvertraut wurden, wie er über dieſen Winkel der Erde hin⸗ ſtrich, der während dieſes Tages ein Zeuge geweſen von ſo harten Kämpfen, der während dieſer Nacht ein Zeuge war von ſo manchfachem Tode, von ſo vielen Leiden. Mehr als einmal beleuchtete ihn der einſame Mond mit einem lebhaften Glanze, und die Sterne bewachten ihn traurig; mehr als einmal ſtrichen Winde, von allen Seiten des Himmels kommend, über die Oberfläche hin, ehe die Spuren der Schlacht verſchwunden waren. Dieſe Spuren verbargen und verminderten ſich eine lange Zeit hindurch, doch ſie offenbarten ſich in kleinen Dingen; 111 denn hoch erhaben über die ſchlimmen Leidenſchaften der Men⸗ ſchen, nahm die Natur bald wieder ihre Heiterkeit an und zeigte ſich eben ſo lächelnd auf dem ſchuldbefleckten Felde der Schlacht, als ſie es einſt in den Tagen ſeiner Unſchuld geweſen war. Die Lerchen ſangen, dieſes Feld beherrſchend, in einer großen Höhe; die Schatten der Wolken, welche ſich in der Atmosphäre verfolgten, zogen raſch über Wiesgründe, angebaute Felder, Waldungen, über die Dächer der Häuſer und den Glockenthurm der Dorfkirche hin, der wie ein Vogelneſt mitten unter einer Baumgruppe ſtand; dann verſchwanden ſie an dem entfernten leuchtenden Horizont, an den Grenzen der Erde und des Himmels, wo die glänzenden Lichter der untergehenden Sonne erloſchen. Getreide wurde ausgeſät, es keimte, es reifte und man heimſte es ein; der Bach, deſſen Waſſer roth ge⸗ worden, ſetzte die Räder einer Mühle in Bewegung; die Männer pfiffen, während ſie den Pflug führten; die Schnitter und die Mähder arbeiteten ruhig in Gruppen; die Schafe und die Ochſen weideten; die Kinder ſchrieen auf den Feldern, um die Vögel aufzuſcheuchen; die Kamine der Cottages ſchoßen Rauchwirbel in die Luft empor; die Sonntagsglocken klangen friedlich; die Greiſe lebten und ſtarben; die ſchüchternen Ge⸗ ſchöpfe der Felder und die einfachen Blumen der Geſträuche und der Gärten wuchſen und verwelkten zu den vorgeſchriebenen Zeiten; und dies Alles fand auf dem furchtbaren, blutigen Schlachtfelde ſtatt, wo mehrere tauſend Menſchen am Tage des Kampfes umgekommen waren. Anfangs blieben jedoch gewiſſe Plätze mit einem dichten Raſen inmitten des emportreibenden Getreides bedeckt und die „ 112 Bewohner betrachteten dieſelben mit einem religiöſen Schrecken. Von Jahr zu Jahr wiederholten ſich dieſe Erſcheinungen und man wußte, daß unter dieſen Plätzen Haufen von Menſchen und Pferden durcheinander begraben worden waren und den Boden befruchteten. Die Ackersleute, welche dieſelben bearbei⸗ teten, wichen kei dem Anblicke ungeheurer Würmer, die ſich hier im Uebermaße fanden, zurück, und die Garben, die ſie hier ernteten, nannten ſie Schlachtgarben und ſtellten ſie bei Seite und nie, ſeit Menſchengedenken, wurde eine Schlachtgarbe zur Zeit der Ernte zuletzt eingeheimſt. Lange Jahre zeigte jede Furche, die man umpflügte, Spuren des Kampfes: lange Jahre bemerkte man verwundete Bäume auf dem Schlachtfelde und Trümmer von eingebrochenen Zäunen und umgeworfenen Mau⸗ ern, wo mörderiſche Kämpfe ſich entſponnen hatten, und der⸗ geſtalt feſtgetretene Stellen, daß weder ein Blatt, noch ein Grashalm darauf wachſen konnte. Lange Zeit wollte kein Mädchen des Dorfes ſeine Haare oder ſeine Bruſt mit den ſchonſten, auf dieſem Todtenacker gepflückten Blumen ſchmücken, und viele Jahre waren geboren worden und geſtorben, und man glaubte immer noch, der Saft der Beeren, welche auf dieſem Boden reiften, laſſe einen beinahe unvertilgbaren Flecken auf der Hand, die ſie ſammle, zurück. Obgleich die Jahreszeiten ſo leicht als die Sommerwolken vorüberzogen, verwiſchten ſie doch in ihrem Laufe mit der Zeit die letzten Spuren des alten Kampfes, und ſie trugen ſogar die traditionellen Erinnerungen mit ſich fort, welche die Be⸗ wohner der Umgegend in ihrem Gedächtniß bewahrten, bis ſie ſich zuletzt in die Erzählungen der alten Weiber flüchteten, 3 113 welche, jedes Jahr eine Veränderung erleidend, immer dunkler im Winter an der Ecke des Herdes wiederholt wurden. Auf dieſer Ebene, wo die Blumen und die wilden Beeren ſo lange auf ihren Stängeln und auf ihren Zweigen ungepflückt geblieben, wurden Gärten angepflanzt, erhoben ſich Häuſer, ſpielten die Kinder auf dem Raſen. Die verwundeten Bäume waren ſeit geraumer Zeit zu Weihnachtsſcheitern*) geſägt worden und hatten ſich kniſternd verzehrt. Die mit einem dichten grünen Raſen überwachſenen Plätze waren weit friſcher als das An⸗ denken der Todten, deren Staub ſie bedeckten. Der Pflug ſtieß noch von Zeit zu Zeit auf einige Ueberbleibſel von Lerroſtetem Metall, doch es war ſchwer zu ſagen, wozu ſie gedient hatten, und diejenigen, welche ſie fanden, betrachteten dieſelben mit Erſtaunen und es entſtanden lange Streitigkeiten darüber. Ein altes Bruſtſtück voll Beulen und ein Helm waren vor ſo lan⸗ ger Zeit in der Kirche aufgehängt worden, daß der breſthafte, beinahe blinde Greis, der dieſe Gegenſtände nun oben an dem mit Steinmörtel überzogenen Gewölbe unterſcheiden wollte, dieſelben angeſtaunt und bewundert hatte, als er noch ein Kind war. Wenn alle Männer, die auf dem Schlachtfelde geblieben, hätten für einen Augenblick ſo, wie ſte zur Stunde ihrer Hin⸗ ſcheidung geweſen, erweckt werden koͤnnen, und zwar jeder an dem Orte, der ſein frühzeitiges Todtenbett geworden, ſo wären benarbte Soldaten, bleich und blutig, zu Hunderten vor der *) Weihnachtsſcheit, ein großes Scheit Holz, das man am Weih⸗ nachtstage anlegt, damit es die ganze Nacht hindurch Feuer halte. Der Erzähler. 1847. 1. 8 114 Thüre und an den Fenſtern jedes Hauſes erſchienen, ſie hätten ſich an den Herden friedlicher Wohnungen erhoben; ſie würden ſtatt der Fruchtvorräthe die Speicher und die Scheunen gefüllt haben, ſie würden zwiſchen dem Kinde in der Wiege und ſei⸗ ner Amme aufgeſtanden, an dem Bache hinabgegangen ſein, ſie hätten ſich bei dem Rade der Mühle gezeigt, den Obſtgarten gefüllt, den Wiesgrund niedergetreten und mit Sterbenden bis zu einer großen Höhe den Hof des Pächters eingenommen, ſo ſehr hatte ſich das Schlachtfeld verändert, wo Tauſende von Menſchen von Tauſenden am Tage des großen Kampfes getödtet worden waren. Kein Ort hatte ſich vielleicht vor etwa hundert Jahren mehr verändert als ein kleiner Obſtgarten, der zu einem alten, ſteinernen Hauſe, woran eine mit Gaisblatt geſchmückte Laube, gehörte. In dieſem Garten vermiſchte ſich an einem ſchönen Sommermorgen ſchallendes Gelächter mit dem Geräuſche der Mufik, und zwei junge Mädchen tanzten auf dem Raſen, wäh⸗ rend fünf bis ſechs Bäuerinnen, welche auf Leitern ſtanden und Aepfel zu pflücken beſchäftigt waren, ihre Arbeit unter⸗ brachen, um ihnen„zuzuſchauen und ihre Freude zu theilen. Es war ein reizendes, belebtes, natürliches Gemälde: an dem herrlichen Tage, an dem einſamen Orte tanzten die jungen Mädchen, durch nichts beengt, um nichts ſich bekümmernd, in der vollen Freiheit und Heiterkeit ihres Herzens. Ich glaube— und ich hoffe, der Leſer wird meine An⸗ ſicht theilen, wenn wir nie in der Welt Effect zu machen ſu⸗ chen würden, ſo ginge Alles auf das Beſte, und wir wären für die Andern eine viel angenehmere Geſellſchaft. Es war 3 115 ein reizendes Schauſpiel, dieſe jungen Mädchen tanzen zu ſehen. Sie hatten keine andere Zuſchauer, als die auf den Leitern ſtehenden Dorfbewohnerinnen.... Sie waren ſehr glücklich, daß ſie dieſen gefielen, doch ſie tanzten, um ſich ſelbſt ein Ver⸗ gnügen zu machen,(oder Ihr hättet das wenigſtens vorausge⸗ ſetzt), und es wäre Euch ebenſo unmöglich geweſen, ſie nicht zu bewundern, als ihnen, nicht zu tanzen. Wie tanzten ſie! Sie tanzten nicht wie die Tänzerinnen der Oper, keines Wegs, ſie tanzten nicht wie die vollendeten Zöglinge von Madame So und So, nicht im Geringſten. Es war weder eine Quadrille, noch ein Menuett, noch ein Contretanz, was ſie tanzten; ihr Tanz hatte nichts vom antiken Styl, nichts vom modernen Styl, nichts vom engliſchen Styl, nichts vom franzöſiſchen Styl, obgleich er vielleicht ein wenig durch Zufall dem ſpaniſchen Style entſprach, der, wie man mir geſagt hat, ein freier, heiterer Styl iſt, dem die Caſtagnetten mit ihrem ſanften Geräuſche das köſtliche Ausſehen völliger Inſpiration verleihen. Während ſie unter den Bäumen des Obſtgartens tanzten, während ſie die Gänge hinauf und her⸗ abhüpften und leicht wirbelten, ſchien ſich der Einfluß ihrer behenden Bewegungen mehr und mehr auf dem von einer ſchoͤnen Sonne beleuchteten Gemälde auszudehnen, wie ein Kreis, der ſich, auf dem Waſſer größer werdend, vermehrt. Ihre zerſtreuten Haare, ihre flatternden Gewänder, das elaſti⸗ ſche Gras, das ihre Füße niedertraten, die Zweige, welche in der Morgenluft rauſchten, die funkelnden Blätter, ihre Schat⸗ ten, die den weichen, grünen Teppich befleckten, der balſami⸗ ſche Wind, der heiter über dieſe ſchone Landſchaft hinſtrich, * 116 gluͤcklich, den Flügel der entfernten Mühle in Bewegung zu ſetzen, alle Dinge, die zwiſchen den zwei jungen Mädchen und dem Bauern und ſeinem Geſpann begriffen waren, welche auf der Anhöhe arbeiteten, auf deren Gipfel ſie ſich vom Himmel abhoben, als ob die Welt hier ein Ende n ſchie⸗ nen ebenfalls zu tanzen. Am Ende warf ſich die jüngere von den beiden Schwe⸗ ſtern athemlos und luſtig lachend auf eine Bank, um aus⸗ zuruhen. Die ältere lehnte ſich an einen nahen Baum. Das Orcheſter, aus wandernden Muſfikanten, einer Harfe und einer Geige beſtehend, ſchwieg, aber es ſpielte zuvor am Schluſſe eine rauſchende Fanfare, als wollte es mit ſeiner noch friſchen Kraft paradiren, und dennoch hatte es, mit einem ſolchen Tempo begonnen und dergeſtalt mit den Tänzerinnen an Geſchwin⸗ digkeit gewetteifert, daß es nicht im Stande geweſen wäre, noch eine halbe Minute in dieſem Zuge fortzufahren. Die Bäuerinnen, welche, auf den Leitern ſtehend, Aepfel pflückten, ließen ein Hm und ein Gemurmel des Beifalls vernehmen, und ſttzten dann, Maaß haltend, ihre Arbeit wie Bienen wie⸗ der fort.— Sie arbeiteten vielleicht um ſo thätiger, als ein alter Herr, der kein anderer war, als der Doctor Jeddler in Per⸗ ſon— dieſer Obſtgarten gehörte dem Doctor Jeddler und dieſe Mädchen waren ſeine Töchter,— ganz geſchäftig herbei⸗ lief, um zu ſehen, was vorging und wer auf ſeinem Eigen⸗ thum vor dem Frühſtück Muſik machte, denn der Doctor Jedd⸗ ler war ein großer Philoſoph, und zwar ein i der die W nur wenig liebte. 7 „Wie! ſie muſiciren und tanzen heute!“ ſagte der Doc⸗ tor, indem er plötzlich ſtehen blieb, und mit ſich ſelbſt ſprach: „ich dachte ſie müßten bange gehabt haben, heute ſich ſolchen Spielen hinzugeben; doch dieſe Welt iſt eine Welt des Wider⸗ ſpruchs. Wie, Grace! wie, Marion!“ fügte er mit lauter Stimme bei:„iſt die Welt dieſen Morgeh närriſcher als ge⸗ wöhnlich!“ „Seien Sie nachſichtig gegen dieſe Welt, mein Vater, wenn dem ſo iſt,“ erwiederte ſeine jüngere Tochter Marion, die ſich ihm näherte und ihn feſt anſchaute,„denn es iſt heute der Jahrestag der Geburt von irgend Jemand.“ „Der Jahrestag der Geburt von irgend Jemand, Marion?“ entgegnete der Doctor.„Weißt Du nicht, daß dies alle Tage der Fall iſt? Haſt Du nie ſagen hören, wie viel neue Schau⸗ ſpieler in jeder Minute debutiren? ah! ah! ah!— es iſt un⸗ möglich, im Ernſte hievon zu ſprechen, bei der albernen, lächerlichen Poſſe, die man das Leben nennt!“ „Nein, mein Vater!“ „Nein, Du nicht, denn Du biſt eine Frau, beinahe eine Frau,“ ſagte der Doctor.„Per parenthesin,“ und er heftete ſeine Augen auf das hübſche Geſicht, das noch ganz nahe bei dem ſeinigen war ich denke, es iſt heute Dein Geburtstag?“ „Potz tauſend! denken Sie das wirklich, mein Vater?“ ſprach das geliebte Mädchen, und zog ſeine hübſchen rothen Lippen zuſammen, damit er ſie küſſe. „Hier! nimm meine Liebe mit dieſem Kuß,“ ſprach der Doctor, ſeine Tochter umarmend;„und möchte dieſer Tag,— 118 oh! welch ein Gedanke!— noch viele glückliche Jahrestage haben! Der Gedanke,“ ſagte der Doctor zu ſich ſelbſt,„der Gedanke, viele Jahrestage bei einer ſolchen Poſſe zu wünſchen, iſt in der That vortrefflich! ah! ah!“ Der Doctor Jeddler war, wie geſagt, ein großer Philoſoph und der Grund und das Geheimniß ſeiner Philoſophie beſtan⸗ den darin, daß er die Welt als einen rieſigen Scherz, als eine Sache betrachtete, welche zu einfältig ſei, um eine ernſt⸗ liche Prüfung von irgend einem Menſchen zu verdienen. Sein Syſtem, oder ſein Credo war im Princip ein Theil und ein Bruchſtück von dem Schlachtfelde, auf dem er lebte, wie ſich das ſogleich erklären wird. „Gut, doch wie haſt Du Dir die Muſt verſchafft?“ fragte der Doctor.„Es ſind wahrſcheinlich Landſtreicher? Woher kommen dieſe Spielleute?“ „Alfred hat uns das Orcheſter geſchickt,“ antwortete ſeine ältere Tochter, welche in den Haaren ihrer Schweſter einige einfache Feldblumen befeſtigte, mit denen ſie dieſelbe eine halbe Stunde zuvor geſchmückt hatte, während ſie zugleich dieſe wachſende Schönheit bewunderte. „Ah! Alfred hat das Orcheſter geſchickt?“ verſetzte der Doctor. „Ja, er begegnete dieſen Muſtkanten„ die das Dorf in dem Augenblick verließen, wo er ſich frühzeitig in dasſelbe be⸗ gab. Sie reiſten zu Fuß und hatten die letzte Nacht hier zu⸗ gebracht. Es iſt der Geburtstag von Marion und er dachte, es würde ihr Vergnügen machen; Alfred ſchickte ſie mit einem Billet, das er mit Bleiſtift unter meiner Adreſſe geſchrieben 119 hatte; er ſagte darin, wenn ich ſeine Anſicht theilte, ſo wür⸗ den ſie ihr ein Morgenſtändchen bringen.“ „Potz tauſend!“ ſprach der Doctor, ohne ein beſonderes Gewicht darauf zu legen, ver ftagt Dich immer um Deine Anſicht.“ „Und da meine Anſicht für die Sache günſtig lautete,“ fuhr Grace mit heiterem Tone fort,— ſie unterbrach ſich einen Augenblick, um, mit dem ihrigen ein wenig zurückwei⸗ chend, den hübſchen Kopf, den ſie ſchmückte, zu bewundern,— „und da Marion vortrefflich geſtimmt war und zu tanzen an⸗ fing, ſo machte ich es wie ſie, und ſo tanzten wir bei den Tönen des Orcheſters von Alfred, bis wir athemlos waren; und wir fanden die Muſik um ſo angenehmer und luſtiger, als ſie von Alfred geſchickt wurde, nicht wahr, liebe Marion?“ „Oh! ich weiß es nicht, Grace. Wie Du mich immer mit Alfred ärgerſt!“ „Ich ärgere Dich, wenn ich von Deinem Bräutigam ſpreche?“ ſagte ihre Schweſter. „Ich kümmere mich allerdings wenig darum, daß man mit mir von ihm ſpricht,“ ſagte die launenhafte Schönheit, während ſie die Blätter von einigen Blumen, die ſie in der Hand hielt, abriß und auf dem Boden umherſtreute;„ich bin beinahe müde, ſeinen Namen ausſprechen zu hören; und was den Punkt betrifft, daß er mein Bräutigam iſt „Stille! ſprich nicht leichtſinnig von einem treuen Her⸗ zen, das ganz Dir gehört, Marion,“ rief ihre Schweſter und geſchah es nur, um zu ſcherzen.„Es gibt kein treueres, liebe⸗ volleres Herz, als das von Alffred.“ 120 „Nein, nein,“ ſagte Marion, indem ſie ihre Augbrau⸗ nen mit einer reizenden Miene emporzog,„vielleicht nicht. Doch ich weiß nicht, ob hiebei ein ſo großes Verdienſt iſt. Meinetwegen braucht er nicht ſo liebevoll zu ſein. Ich habe es nie von ihm verlangt. Wenn er wartet, bis ich... Doch, liebe Grace, welches Bedürfniß haben wir, in dieſem Augen⸗ blick von mir zu ſprechen?“ Es war ein reizendes Schauſpiel, dieſe zwei ſo anmuthi⸗ gen, ſo friſchen Schweſtern, welche ſich gegenſeitig umſchlangen, ſachte durch die Bäume hingehen und mit einem der Leichtig⸗ keit ihres Alters entgegengeſetzten Ernſte, und dennoch mit einer zärtlich getheilten Liebe reden zu ſehen. Was aber beſonders die Aufmerkſamkeit erregte, waren die Thränen, welche die Augen der jüngeren Schweſter füllten, ein gewiſſes glühendes, tiefes Gefühl, das unwillkührlich die Sprache ver⸗ rieth, in der ſie ſich gegen ihre Schweſter äußerte, welche mühſam mit dieſer ſcheinbaren Laune des verwöhnten Kindes kämpfte. Die Verſchiedenheit des Alters der zwei Schweſtern mochte kaum mehr als vier Jahre betragen; aber Grace, wie dies häufig unter ſolchen Umſtänden geſchieht, wenn zwei Schweſtern ihrer Mutter beraubt ſind(der Doctor hatte ſeine Frau verloren), ſchien— ſo zart war die Sorge, welche ſie für Marion verſchwendete, ſo tief war die Ergebenheit, die ſie ihr bezeigte— viel älter, als ſie es in der That war, und viel mehr, als ihr Alter zu geſtatten ſchien, natürlich davon entfernt, in irgend einer Hinſicht mit ihr zu rivalifiren oder, wenn nicht durch Mitgefühl und Zuneigung, an den unbeſtändigen —————————— 121 Launen ihrer Einbildungskraft oder ihres Herzens Theil zu nehmen. Ein großer Muttercharakter, der ſelbſt in dieſem Schatten, in dieſem bleichen Reflere das Herz läutert und eine edle Natur zu den Engeln erhebt! Die Betrachtungen, welche der Doetor anſtellte, während er ſie anſchaute und ihnen zuhörte, beſchränkten ſich Anfangs auf einige ſpaßhafte Meditationen über die Thorheit aller Lei⸗ denſchaften und Neigungen und über die eitlen Irrthümer, zu deren Opfer ſich die jungen Leute ſelbſt machten, welche einen Augenblick glaubten, es konnte etwas Ernſtes in allen dieſen Kindereien ſein, indeß ſie doch immer, immer eine Täuſchung wären. Doch die reizenden häuslichen Eigenſchaften von Grace, ihre Verleugnung, ihr vortrefflicher, ſo ſanfter, ſo zurückhal⸗ tender und dennoch ſo beſtandiger und feſter Charakter ſchie⸗ nen ſich ihm durch den Contraſt geoffenbart zu haben, den das ruhige Antlitz dieſer guten Haushälterin und das viel ſchönere ihrer jüngeren Schweſter boten, und er betrübte ſich für ſie,— für alle Beide— daß das Leben ein ſo lächer⸗ liches Ding war. Der Doctor dachte nie daran, ſich zu fragen, ob ſeine zwei Töchter, oder wenigſtens eine derſelben, ſich auf irgend eine Weiſe ein ernſtes Ziel vorzuſetzen verſuchten. Gut und edelmüthig von Natur, hatte ihn das Mißgeſchick an den gemeinen Stein der Weiſen(der ſich viel leichter ent⸗ decken läßt, als der, welchen die Alchemiſten ſuchen), hatte ihn das Mißgeſchick, ſagen wir, an den Stein der Weiſen ſtoßen laſſen, der die guten und edlen Menſchen zuweilen fal⸗ 122 len macht und die unſelige Eigenſchaft hat, daß er das Gold in Schaum verwandelt und allen koſtbaren Dingen ihren Werth benimmt. „Britain,“ rief der Doctor,„Britain! hollah!“ Ein kleiner Menſch mit außerordentlich verdrießlichem, mürriſchem Geſicht kam aus dem Hauſe und erwiederte die⸗ ſen Ruf durch die vertrauliche Frage:„Was gibt es?“ „Wo iſt der Tiſch für das Frühſtück?“ ſagte der Doctor. „Im Hauſe,“ antwortete Britain. „Warum bringſt Du ihn nicht heraus, wie man es Dir geſtern Abend befohlen hat?“ fügte der Doctor bei;„weißt Du nicht, daß wir Gäſte erwarten? daß dieſen Morgen viel zu thun iſt, ehe die Diligence kommt? daß heute ein außer⸗ ordentlicher Tag iſt?“ „Ich konnte nichts thun, Doetor Jeddler, ehe die Frauen vollends die Aepfel gepflückt hatten; konnte ich?“ ſagte Bri⸗ 3 tain, deſſen Stimme, während er ſprach, ſich immer mehr ver⸗ ſtärkte, ſo daß er am Schluſſe ſeines Raiſonnement völlig ſchrie.- „Nun, ſind ſie jetzt fertig?“ fragte der Doctor, während er auf ſeine Uhr ſchaute und die Hände an einander ſchlug. „Vorwärts, beeile Dich! wo iſt Clemency?“ „Hier bin ich, Herr,“ ſagte eine Stimme, welche von einer der Leitern kam, indeß zwei dicke Füße behende herab⸗ ſtiegen.„Alles iſt beendigt, geht, Ihr Mädchen!— was Sie verlangen, Herr, wird in einer halben Minute geſchehen ſein.“ * 123 Während ſie dieſe Worte ſprach, ſchüttelte ſie ſich mit dem größten Eifer, und ſie bot in der That einen Anblick, der ſeltſam genug war„um einige Worte der Einführung zu ver⸗ dienen. Sie war ungefähr dreißig Jahr alt und hatte ein ſattſam volles und heiteres Geſicht, obgleich ein gewiſſes Zu⸗ ſammenziehen der Muskeln demſelben zuweilen einen ſeltſamen Ausdruck von Steifheit verlieh, der es komiſch machte. Doch die Sonderbarkeit ihrer Haltung und ihrer Manieren hätte bald jedes menſchliche Geſicht vergeſſen laſſen. Würde man ſagen, ſie habe zwei linke Beine und die Arme einer andern Perſon gehabt, dieſe vier Glieder ſeien dem Anſcheine nach ausgerenkt und, wenn ſie dieſelbe in Bewegung ſetzte, durch⸗ aus nicht an ihrem Platze geweſen, ſo hieße das eine ſo viel als möglich gemilderte Skizze bieten; würde man ferner ſagen, ſie ſei mit dieſer Anordnung der Dinge vollkommen glücklich und zuftieden geweſen, ſie habe ſich nicht mehr darum beküm⸗ mert, als wenn die Sache ſie gar nichts anginge, ſie habe ihre Arme und ihre Beine hingenommen, wie man ſie ihr gegeben, und erlaube ihnen, über ſich ſelbſt zu verfügen, ſo wie ſie es eben verſtünden, ſo ließe man dadurch nur auf eine ſchwache Weiſe ihrem heiteren Sinne Gerechtigkeit wider⸗ fahren. Ihr Coſtume beſtand aus einem ungeheuren Paar eigenwilliger Schuhe, welche nie nöthig hatten, dahin zu gehen, wohin ihre Füße ſie führten, nebſt blauen Strümpfen; aus einem verſchiedenfarbig bedruckten Rocke von dem abſcheulichſten Muſter, das man ſich um Geld verſchaffen konnte, und aus einer weißen Schürze. Sie trug ſtets kurze Aermel und hatte 124 fortwährend in Folge irgend eines Unfalls geſchundene Ellen⸗ bogen, und ihre Wunden flößten ihr eine ſo lebhafte Theil⸗ nahme ein, daß ſie dieſelben beſtändig, obgleich dies unmög⸗ lich war, umzudrehen und anzuſchauen ſuchte. Gewöhnlich ſaß eine kleine Haube auf irgend einer Stelle ihres Kopfes, übrigens ſelten auf dem Platze, den in der Regel auf andern Köpfen dieſer Theil der weiblichen Toilette einnimmt. Doch vom Kopf bis zu den Füßen entwickelte ſie eine ängſtliche Reinlichkeit, und ſie behauptete in ihrer ganzen Perſon eine gewiſſe verrenkte oder verrückte Ordnung. Ihre lobenswerthe Eitelkeit, immer reinlich und vollſtändig zu ſein und zu ſchei⸗ nen, veranlaßte ſie in der That, eine der erſtaunlichſten Evo⸗ lutionen zu machen, welche darin beſtand, daß ſie ſich zu⸗ weilen an einem hölzernen Stabe(einem Theile ihrer Kleidung, gewöhnlich Blankſcheit genannt) faßte und ihre Kleider heftig ſchüttelte, bis ſie in eine ſymmetriſche Ordnung zurückfielen. Dies war in Beziehung auf ihre äußere Form und auf ihren Anzug Clemency Neweome, welche, wie man muthmaßte, ihrer unbewußt, zu einer Verketzerung ihres Taufnamens Cle⸗ mentine Anlaß gegeben hatte, Miemand wußte es genau, denn die alte taube Mutter, eine wahre Erſcheinung langen Lebens, welche ſie beinahe ſeit ihrer Kindheit ernährt hatte, war ge⸗ ſtorben und ſie beſaß keine andere Verwandte), dies war Clemeney, welche ſich nun mit dem Decken des Tiſches be⸗ ſchäftigte, von Zeit zu Zeit inne hielt, ihre rothen, bloßen Arme kreuzte, mit ihren zwei Händen ihre zwei geſchundenen Ellenbogen rieb und ruhig die Tafel anſchaute, bis ſie ſich * 125 plötzlich eines noch fehlenden Gegenſtandes erinnerte, den ſie ſodann in kurzem Trabe holte. „Hier kommen die zwei Advocaten, Maſter,“ ſagte Cle⸗ mency mit einem Tone, der eben kein zu großes Wohlwollen für die Ankömmlinge bezeichnete. „Ah!“ rief der Doctor, indem er ihnen bis zur Thüre ent⸗ gegenging,„guten Morgen, guten Morgen. Grace, meine liebe Marion, hier ſind die Herren Snitchey und Craggs. Wo iſt Alfred?“ „Er wird ſogleich zurückkommen, mein Vater,“ ant⸗ wortete Grace,„er hat dieſen Morgen ſo viel zu thun, um die Vorkehrungen zu ſeiner Abreiſe zu vollenden, daß er ſehr frühzeitig aufgeſtanden und vor Tage weggegangen iſt.“ „Meine Damen,“ ſagte Herr Snitchey,„für mich und für Herrn Craggs,“ Herr Craggs verbeugte ſich,„guten Mor⸗ gen. Miß,“ fügte er ſich an Marion wendend bei,„ich küſſe Ihnen die Hand,“ was er wirklich that,„und wünſche Ihnen,“ was er that oder nicht that, denn er ſah beim erſten Anblick nicht aus wie ein Menſch, der von zu lebhaften Her⸗ zensergüſſen für ſeines Gleichen ergriffen wird,„hundert glückliche Wiederholungen dieſes beſeligten Tages.“ „Ha! ha! ha!“ rief der Doctor, die Hände in ſeinen Taſchen und mit einer ernſten Miene lachend,„die große Poſſe hat hundert Acte.“ „Ich bin überzeugt,“ ſprach Herr Snitchey, während er einen kleinen blauen Sack, einen Advocatenſack,— an einem der Füße des Tiſches anlehnte,—„ich bin überzeugt, Sie möchten nicht gern, was auch die Zukunft bringen dürfte, 126 Doctor Jeddler, die große Poſſe für dieſe Schauſpielerin ab⸗ kürzen.“ „Nein,“ verſetzte der Doctor,„Gott bewahre mich! möchte ſie ſo lange darüber lachen, als ſie zu lachen im Stande ſein wird, und dann mit einem franzöſiſchen Schön⸗ geiſte ſagen: Tirez le rideau, la farce est jouée*).“ „Dieſer franzöſiſche Schöngeiſt,“ entgegnete Herr Snit⸗ chey, indem er einen durchdringenden Blick in die Tiefe ſeines blauen Sackes warf,„dieſer Schöngeiſt hatte Unrecht, Doctor Jeddler und Ihre Philoſophie iſt falſch, das dürfen Sie über⸗ zeugt ſein, wie ich Ihnen ſo oft geſagt habe. Nichts Ernſtes im Leben! Was iſt denn das Recht?“ „Ein Scherz,“ verſetzte der Doctor. „Haben Sie nie einen Prozeß gehabt?“ fragte Herr Snitchey, und er wandte die Augen von ſeinem blauen Sacke ab. „Nie,“ antwortete der Doctor. „Wenn Sie einſt einen haben, ſo werden Sie Ihre Anſicht vielleicht ändern,“ ſagte Herr Snitchey. Craggs, der von Snitchey vertreten und innerlich über⸗ zeugt zu ſein ſchien,-es gäbe keine getrennte Exiſtenz, oder keine perſönliche Individualität, wagte nun auch eine Bemer⸗ kung. Dieſe Bemerkung enthielt den einzigen Gedanken, den er nicht auf halbe Rechnung mit Snitchey theilte, aber ſie verband unter den Weiſen dieſer Welt hienieden eine gewiſſe Anzahl von Parteigängern. „Es wird viel zu leicht,“ ſagte er. *) Laßt den Vorhang herab, die Poſſe iſt beendigt. 127 „Das Recht?“ fragte der Dorctor. „Ja,“ ſprach Herr Craggs,„Alles, Alles ſcheint mir heut zu Tage zu leicht zu werden. Das iſt der Fluch dieſer Zeit. Wenn die Welt ein Scherz iſt(ich bin nicht darauf vorbe⸗ reitet, das Gegentheil zu behaupten), ſo müßte ſie wenigſtens ein Scherz ſein, der ſchwer zu machen wäre, ſie müßte ein ebenſo peinlicher, als nützlicher Kampf ſein, mein Herr. Das iſt die Intention. Doch man macht die Sache zu leicht. Wir ſchmieren die Thüren des Lebens. Sie müßten verroſtet ſein. Sie werden ſich bald mit einem ſanften Gemurmel öffnen. Sie müßten im Gegentheil auf ihren Angeln ächzen, mein Herr.“ Herr Craggs ſchien in der That auf ſeinen Angeln zu ächzen, während er dieſe Meinung ausſprach, welcher er einen großen Nachdruck gab, denn er war ein kalter, harter, trocke⸗ ner, grau und weiß gekleideter Menſch und ziemlich einem Flintenſteine ähnlich, inſofern kleine, glänzende Punkte in ſeinen Augen ſichtbar waren, als hätte man Funken daraus hervor⸗ ſpringen laſſen. Jedes der drei Reiche der Natur hatte einen idealen Vertreter in dieſem Trio von Streitenden; denn Snitchey glich einer Elſter oder einem Raben(nur war ſein Gefieder minder glatt), und der Doector hatte ein runzeliges Geſicht wie eine Winterreinette; die Grübchen, von denen es aller Orten gleichſam durchſtebt war, ſahen aus wie Schnäbelhiebe von Vögeln, und der kleine Zopf, der ihn von hinten ſchmückte, figurirte als Schweif.. In dieſem Augenblick trat ein hübſcher junger Mann in Reiſekleidern, gefolgt von einem Diener, der mehrere Felleiſen 128 und Päcke trug, mit raſchen Schritten in den Obſtgarten. Seine Miene war voll Heiterkeit und Hoffnung und ſtand in vollkommenem Einklang mit dem Morgen. Bei dieſem Anblick näherten ſich die drei Sprechenden wie Brüder der Parzen, wie die Grazien in einer vortrefflichen Verkleidung oder wie die drei Heren der Heide, und wünſchten ihm guten Morgen. „Glückliche Jahrestage, Alfred,“ ſagte der Doctor mit leichtem Tone. „Hundert glückliche Jahrestage dieſes beſeligten Tages, Herr Heathfield!“ ſprach Snitchey mit einer tiefen Verbeugung. „Jahrestage!“ murmelte Craggs mit dumpfem Tone. „Wie, welch' ein Lauffeuer!“ rief Alfred, und blieb plötz⸗ lich ſtehen,„einen, zwei, drei Wünſche, die mir nichts Gutes auf dem weiten Meere, das ſich vor mir öffnet, verkündigen. Zum Glück ſind Sie nicht die erſten menſchlichen Geſchöpfe, die ich dieſen Morgen geſehen; ſonſt würde ich ein ſolches Zuſammentreffen als ein ſchlimmes Vorzeichen betrachten. Ich habe Grace zuerſt geſehen, die gute, die liebenswürdige Grace, und ſomit trotze ich Ihnen.“ „Mit Ihrer Erlaubniß, Herr, mich haben Sie zuerſt ge⸗ ſehen,“ ſagte Clemency Neweome; oſie ging hier, wie Sie ſich erinnern werden, vor Sonnenaufgang ſpazieren; ich war im Hauſe.“ „Das iſt wahr, ich habe Clemench zuerſt geſehen,“ ver⸗ ſetzte Alfred;„doch ich trotze Ihnen auch mit Clemency.“ „Ha! ha! ha! welch ein Trotz, bei mir und Craggs,“ ſagte Sniichey. „Es iſt vielleicht nicht ſo ärgerlich, als es zu ſein ſcheint,“ 129 etwiederte Alfred, drückte dem Doetor, Snitchey und Craggs die Hände und rief dann, umherſchauend: „Aber wo ſind denn die guter Gott!“ Und er enteilte mit einer Lebhaftigkeit, welche zwiſchen Jonathan Snitchey und Thomas Craggs eine noch engere Aſſo⸗ ciation, als die, welche aus ihrem Vertrag hervorging, zur Folge hatte, lief an den Ort, wo die zwei Schweſtern waren, und— doch ich kann die Art, wie er Marion zuerſt und Grace hernach anredete, nicht beſſer begreiflich machen, als wenn ich zu verſtehen gebe, daß Herr Craggs dieſelbe wohl „zu leicht“ gefunden hätte. Vielleicht um eine Diverſion zu machen, wandte ſich der Doctor Jeddler eiligſt zum Frühſtück, und ſie nahmen Alle Platz am Tiſche. Grace hatte den Vorſitz, doch ſie ſetzte ſich mit ſo viel Disecretion, daß ſie Alfred und ihre Schweſter völlig von den andern Gäſten trennte. Snitchey und Craggs ſaßen an den zwei entgegengeſetzten Ecken von demſelben Ende, wobei der blaue Sack zu größerer Sicherheit zwiſchen ſie gelegt wurde; und der Doctor nahm ſeinen gewöhnlichen Platz Grace gegenüber ein. Einem dem Einfluſſe des Galvanismus unter⸗ worfenen Gegenſtande ähnlich, kreiſte Clemeney um den Tiſch, um zu bedienen, und der ſchwermüthige Britain ſchnitt, vor einem andern kleineren Tiſche ſtehend, feierlich ein Ochſenrund⸗ ſtück und einen Schinken auf. „Fleiſch?“ ſagte Britain, indem er ſich Herr Snitchey, das Meſſer zum Zerſchneiden und die Gabel in der Hand, näherte und ihm dieſe Frage wie eine Bombe zuſchleuderte. „Gewiß,“ antwortete der Rechtsgelehrte. Der Erzähler. 1847. 1. 9 130 „Wollen Sie auch?“ fragte Britain Herrn Craggs. „Mager und ſtark gekocht,“ erwiederte dieſer. Nachdem er dieſe Befehle vollzogen und den Doctor mäßig bedient hatte(er ſchien zu wiſſen, daß keiner von den andern Gäſten des Eſſens bedurfte), hielt ſich Britain ſo nahe, als es die Schicklichkeit erlaubte, bei den Advocaten und beſpähte mit ſtrengem Auge die Art und Weiſe, wie die zwei Verbün⸗ deten zu Werke gingen. Ein einziges Mal verloren ſeine Züge etwas von ihrem herben Ernſte. Dies geſchah, als Herr Craggs, der keine Zähne erſter Qualität beſaß, beinahe erſtickt wäre. Da rief er mit großer Lebhaftigkeit:„Ich hielt ihn für todt!“ „Nun, Alfred, ein paar Worte über Geſchäfte, während wir noch bei Tiſche find,“ ſagte der Doctor. „Während wir noch bei Tiſche ſind,“ ſprachen Snitchey und Craggs, welche in dieſem Augenblick nicht entfernt an ein Aufſtehen zu denken ſchienen. Obgleich Alfred noch nicht gefrühſtückt hatte und ander⸗ wärts ziemlich in Anſpruch genommen zu ſein ſchien, antwor⸗ tete er doch ehrfurchtsvoll: „Wie Sie wollen, mein Herr.“ „Wenn es etwas Ernſtes geben könnte,“ ſprach der Doctor,„bei einer ſolchen 4 „Poſſe, nicht wahr, mein Herr?“ verſetzte Alfred. „Bei einer Poſſe wie dieſe,“ ſagte der Doctor,„ſo wäre dies die Wiederkehr, der Vorabend einer Trennung, eines doppelten Jahrestages, mit welchem ſich für uns viele angenehme Gedanken verknüpfen und der uns an lange, liebe⸗ —— — 131 volle Verhältniſſe erinnert. Aber das darf uns nicht be⸗ ſchäftigen.“ „Doch wohl, Doctor Jeddler,“ rief der junge Mann, „das muß uns beſchäftigen, und zwar im Gegentheil viel, wie mein Herz dieſen Morgen bezeugt, und wie auch das Ihrige, ich weiß es, bezeugen würde, wenn Sie es ſprechen ließen. Ich verlaſſe heute Ihr Haus; ich höre auf, Ihr Mündel zu ſein, wir brechen zarte Verhältniſſe, welche fern in die Ver⸗ gangenheit zurückgehen und ſich nie ſo, wie ſie geweſen ſind, wiederherſtellen werden; wir leiſten auf einige Zeit auf andere Verhältniſſe, die ihrer Gründung nahe zu ſein ſcheinen, Ver⸗ zicht«— hiebei warf er einen Blick auf Marion, die an ſei⸗ ner Seite ſaß—„auf Verhäliniſſe, welche Betrachtungen in mir erzeugen, über die ich jetzt nicht zu ſprechen wage. Hören Sie,“ fügte er bei, indem er ſich von ſeiner Erſchütterung er⸗ holte und den Doctor zu ſeinem Steckenpferde zurückzurufen ſuchte,„es liegt ein ernſter Samen in dieſem ungeheuren Haufen unnützen Staubes, erlauben Sie uns, heute zuzugeben, daß ſich ein ſolcher darin findet.“ „Heute!“ rief der Doctor.„Hört Ihr! ha! ha! ha! von allen Tagen des tollen Jahres der tollſte Tag! Iſt nicht heute die große Schlacht auf dieſer Ebene geſchlagen worden! Auf dem Platze, wo wir in dieſem Augenblick ſitzen, wo ich dieſen Morgen meine Töchter tanzen ſah, wo meine Diener das Obſt, das unſern Tiſch bedeckt, auf den Bäumen pflückten, deren Wurzeln nicht in die Erde, ſondern in Menſchen ge⸗ pflanzt ſind, wutden ſo viele Streiter erſchlagen, daß, ich er⸗ innere mich deſſen nach einer Menge von Generatioren, ein ————— 132 ganzer Todtenacker voll von Knochen, Knochenſtaub und Stücken zerſchmetterter Schädel gerade an dem Orte, wo wir uns be⸗ finden, ausgegraben wurde. Und dennoch wußten von allen den Menſchen, welche an dieſer Schlacht Theil nahmen, kaum hundert, aus welchem Grunde und für welche Sache ſie ſich ſchlugen; unter denen, welche fich unbedachtſamer Weiſe über den Sieg freuten, wußten kaum hundert, warum ſie ſich freu⸗ ten. Das Verlieren oder das Gewinnen der Schlacht hat nicht fünfzig Menſchen genützt. Zu dieſer Stunde gibt es nicht ſechs lebende Weſen, welche eine und dieſelbe Anſicht über ihre Urſachen und ihre Reſultate haben, und mit einem Worte, nie hat irgend Jemand etwas Beſtimmtes hierüber erfahren, wenn nicht etwa die Verwandten und Freunde der Opfer. Und ein ſolches Syſtem ſollte ernſt ſein!“ ſagte der Doctor lachend. „Aber dies Alles kommt mir ſehr ernſt vor,“ entgegnete Alfred. „Ernſt!“ rief der Doctor;„wenn Du behaupteſt, alle dieſe Dinge ſeien ernſt, ſo mußt Du entweder die Vernunft verlieren, oder ſterben, dder auf den Gipfel eines Berges ſtei⸗ gen und Eremit werden.“ „Es iſt übrigens ſo lange her...“ verſetzte Alfred. „Lange?“ entgegnete der Doctor.„Weißt Du, was die Welt ſeitdem gemacht hat? Haſt Du erfahren, daß ſie etwas Anderes gethan hat? Ich meines Theils weiß es nicht.“ „Sie hat ein wenig prozeſſirt,“ bemerkte Herr Snitchey, ſeinen Thee umrührend. ————— 1 ——— — 133 „Obgleich der Prozeß ſich immer mehr vereinfacht hat,“ ſprach ſein Verbündeter. „Erlauben Sie mir beizufügen, Doctor,“ fuhr Herr Snitchey fort,„denn ich habe Ihnen meine Meinung mehr als hundertmal im Verlaufe unſerer Discuſſionen auseinander⸗ geſetzt, daß die Prozeſſe und das gegenwärtige Syſtem der Geſetzgebung heut zu Tage eine ernſte Seite bieten, in der That etwas Schätzbares bieten, wobei man einen Zweck und eine Abſicht zu erkennen vermag.“ Clemency Neweome ſtieß ſich an einer von den Ecken des Tiſches und die Taſſen bewegten ſich geräuſchvoll auf ihren Unterſchalen. „Nun, was gibt es denn?“ rief der Doctor. „Es iſt dieſer abſcheuliche blaue Sack,“ verſetzte Cle⸗ mency;„es muß immer Jemand darüber ſtolpern.“ „Einen Zweck und eine Abſicht, welche Achtung heiſchen,“ fuhr Snitchey fort.„Wie? das Leben wäre eine Poſſe, Doe⸗ tor Jeddler? Und die Juſtiz?“ Der Doctor lachte und ſchaute Alfred an. „Ich gebe zu, wenn es Ihnen angenehm ſein dürfte, daß der Krieg eine Thorheit iſt,“ ſagte Snitchey.„Ueber die⸗ ſen Punkt ſind wir einig. So wurde zum Beiſpiel dieſe rei⸗ zende Gegend,“ und er deutete mit der Gabel darauf,„einſt von Soldaten, welche alle Eigenthumsrechte verletzten, über⸗ ſtrömt und mit Feuer und Schwert verheert. Begreift man, daß ein Menſch ſich freiwillig Feuer und Schwert preisgibt! Das iſt eine alberne, tolle, poſitiv lächerliche Idee. Sie la⸗ chen über Ihres Gleichen, wenn Sie daran denken. Doch 134 nehmen Sie dieſe reizende Gegend, ſo wie ſie heute iſt. Den⸗ ken Sie an die, auf das unbewegliche Eigenthum bezüglichen Geſetze; an die Legate und teſtamentariſchen Schenkungen unbe⸗ weglicher Güter, an die Hypotheken und Wiederkäufe; an die verſchiedenen Formen des Eigenthums; denken Sie,“ ſagte Snitchey mit einer ſolchen Heftigkeit, daß er ſeine Lippen an einander klatſchen ließ,„denken Sie an die complicirten Geſetze, welche den Titel und den Beweis des Titels betreffen, an die ſich widerſprechenden Präcedenzien und an die vielen Parla⸗ mentsakte, welche ſich hierauf beziehen; denken Sie an die unberechenbare Zahl geiſtreicher und endloſer Prozeſſe, zu wel⸗ chen dieſe reizende Gegend vor dem Kanzleigericht Anlaß geben kann, und Sie müſſen anerkennen, Doctor Jeddler, daß es in dieſer Wüſte, auf der wir leben, eine Oaſe gibt. Ich glaube, daß ich in meinem Namen und im Namen von Craggs ſpreche,“ fügte Snitchey bei, indem er ſeinen Aſſoeie anſchaute. Nachdem Herr Craggs ein Zeichen der Beipflichtung ge⸗ macht hatte, erklärte Herr Snitchey, einigermaßen durch dieſe Verſchwendung an Berddtſamkeit geſchwächt, er würde noch ein Stück Fleiſch und eine weitere Taſſe Thee annehmen. Dann rieb er ſich die Hände und fuhr hohnlächelnd fort: „Ich nehme die Vertheidigung des Lebens nicht im All⸗ gemeinen, es iſt beinahe immer thoricht, um nicht etwa Schlim⸗ meres zu ſagen. Vertrauens-, Ergebenheitsbekenntniſſe und dergleichen! bah! bah! bah! wir ſehen, was das werth iſt; doch wir dürfen nicht über das Leben ſpotten. Wir haben ein Spiel zu ſpielen, und zwar ein ſehr ernſtes, wiſſen Sie? „——————— —— Die ganze Welt ſpielt gegen uns und wir ſpielen gegen die ganze Welt. Oh! das iſt eine ſehr intereſſante Sache. Es werden geſchickte Manveuvres auf dem Schachbrett ausgeführt. Sie müſſen erſt lachen, Doctor Jeddler, wenn Sie gewonnen haben, und dann noch nicht viel. Ei, ei, ei, und dann noch nicht viel,“ wiederholte Snitchey, den Kopf ſchüttelnd und mit den Augen blinzelnd, als hätte er beifügen wollen: „Ahmen Sie vielmehr mich nach.“ „Nun, Alfred, was ſagſt Du?“ rief der Doetor. „Ich ſage, mein Herr,“ erwiederte Alfred,„daß die größte Gunſt, die Sie mir und vielleicht auch Ihnen erwei⸗ ſen könnten, darin beſtünde, daß Sie zuweilen dieſes Schlacht⸗ feld und alle andere zu vergeſſen ſuchen würden, um nur noch an das viel ausgebreitetere Schlachtfeld des Lebens zu denken, das die Sonne jeden Tag beleuchtet.“ „In der That, ich befürchte, dies würde keine Verände⸗ rung in ſeinen Anſichten hervorbringen, Herr Alfred,“ ſagte Snitchey.„Die Streiter ſind ſehr hitzig, ſehr erbittert in dem Kampfe des Lebens, von dem Sie ſprechen. Es gibt dabei viele verwundete, von hinten erſchoſſene, niedergewor⸗ fene, mit den Füßen getretene Soldaten, Soldaten, deren Schädel man geſpalten, und das iſt ein trauriges Ding.“ „Ich glaube, Herr Snitchey,“ ſagte Alfred,„es gibt ruhige Siege und Kämpfe, große, uneigennützige Opfer, edle Aete des Heldenmuthes, ſelbſt unter einer bedeutenden Anzahl von Geringfügigkeiten und ſcheinbaren Widerſprüchen, welche nicht minder ſchwierig zu vollführen ſind, obgleich Niemand ſie erzählt, oder die Erzählung davon anhört. Sie ereignen 136 ſich täglich an einſamen, verborgenen Orten„in den kleinen Räumen des inneren Haushalts, in Männer⸗ und Frauenher⸗ zen, und jede ſolche Erſcheinung kann den miſanthropſten Menſchen mit dieſer Welt verſöhnen, ihm Hoffnung und Ver⸗ trauen zu ſich ſelbſt verleihen, obgleich die Hälfte ihrer Be⸗ wohner im Kriege und ein drittes Viertel im Prozeſſe be⸗ griffen ſind.“ Die zwei Schweſtern horchten aufmerkſam. „Gut, gut,“ ſagte der Doctor,„ich bin zu alt zu ei⸗ ner Bekehrung, und ſollte ſie auch von meinem mir gegen⸗ wärtigen Freunde Snitchey, oder von meiner alten Schweſter Martha Jeddler verſucht werden. Sie hat auch vor langer Zeit ihre häuslichen Prüfungen durchgemacht, wie ſie ſagt; ſeitdem verliebte ſie ſich mit einer ſympathetiſchen Zuneigung in alle Arten von Menſchen; und ſie theilt dergeſtalt Deine Meinung(nur iſt ſie minder vernünftig und mehr hartnäckig als Du, denn ſie iſt eine Frau), daß wir uns nicht verſtän⸗ digen können und uns nur ſelten ſehen. Ich bin auf dem Schlachtfelde geboren. Ich habe ſchon als Kind meine Ge⸗ danken der wahren Geſchichte eines Schlachtfeldes zugewendet. Sechzig Jahre ſind über mein Haupt hingegangen, und immer habe ich die chriſtliche Welt, welche doch Gott weiß wie viele wohlwollende Mütter und ziemlich gute Töchter, wie meine hier gegenwärtigen, zählt, für ein Schlachtfeld in Leidenſchaft gerathen ſehen. Dieſelben Widerſprüche ſind in allen Dingen vorherrſchend. So erſtaunliche Anomalien müſſen den Men⸗ ſchen ein ſchallendes Gelächter oder She entreißen; ich meines Theils will lieber lachen.“ —* 137 Britain, der allen Rednern mit der tiefſten und ſchwer⸗ müthigſten Aufmerkſamkeit zugehört hatte, ſchien ſich ganz und gar für den Vorzug des Doctors zu entſcheiden, wenn der ernſte, düſtere Ton, der ſeiner Kehle entſchlüpfte, als eine Kundgebung der Freude ausgelegt werden darf. Sein Ge⸗ ſicht blieb übrigens nach wie vor ſo vollkommen ruhig, daß, obgleich ein paar Gäſte ſich raſch umwandten und umher⸗ ſchauten, als wären ſie erſchrocken über ein geheimnißvolles Geräuſch, doch keiner von ihnen den Urheber ahnen konnte. Aber dem war nicht ſo bei ſeiner Kamerädin Clemeney Newcome, welche ihn mit einem ihrer Lieblingsgelenke, mit dem Ellenbogen ſtieß und ihn leiſe im Tone des Vorwurfs fragte, worüber er lache. „Nicht über Euch,“ ſagte Britain. „Ueber wen denn?“ „Ueber die Menſchheit,“ ſprach Britain.„Das iſt der Spaß.“ „Zwiſchen ſeinem Herrn einerſeits und dieſen Advocaten andererſeits hin und hergeworfen, geräth ſein Kopf von Tag zu Tag mehr in Verwirrung,“ ſagte Clemency und ſtieß ihn dabei mit ihrem anderen Ellenbogen, als wollte ſie ſeinen Geiſt aufſtacheln.„Wißt Ihr, wo Ihr ſeid? Wollt Ihr, daß man Euch den Abſchied gibt?“ „Ich weiß nichts,“ antwortete Britain mit einem bleier⸗ nen Auge und einem unempfindlichen Geſichte.„Ich bekümmere mich um nichts. Ich unterſcheide nichts. Ich glaube nichts. Ich wünſche nichts.“ Obgleich er in einem Anfall von Verzweiflung vielleicht 138 dieſes traurige Reſumé übertrieb, ſo hatte doch Benja⸗ min Britain— den man zuweilen Klein⸗Britain(Britan⸗ nien) nannte, um ihn von dem großen zu unterſcheiden, wie wir, wenn wir von dem alten England ſprechen, das junge England ſagen könnten, um einen Unterſchied herauszuſtellen, — ſo hatte doch Britain ſeinen wahren Zuſtand genauer definirt, als man vermuthen ſollte. Ein täglicher Zuhörer der zahl⸗ loſen Reden, die der Doctor an alle Diejenige, welche ihn anzuhören ſich herbeiließen, richtete, um ihnen zu beweiſen, daß ſein eigenes Daſein mindeſtens ein Irrthum und eine Albernheit ſei, war dieſer unglückliche Diener ſtufenweiſe in einen furchtbaren Abgrund von verworrenen und ſich wider⸗ ſprechenden, von perſonlichen und fremden Ideen gefallen. Die Wahrheit in der Tiefe ihres Schachtes fand ſich auf einem platten Boden, verglichen mit dem im Grunde ſeiner Unge⸗ wißheit verſunkenen Britain. Der einzige Punkt, den er klar begriff, war, daß das neue Element, welches Snitcheh und Craggs gewöhnlich in dieſe Discuſſionen brachten, nie dazu diente, dieſelben klarer zu machen, und ſtets dem Doctor eine Art von Vortheil zu gewähren und die Beweiſe zu Unter⸗ ſtützung ſeiner Schlüſſe zu liefern ſchien. Er betrachtete auch die Advocaten als eine von den Urſachen ſeines geiſtigen Zu⸗ ſtandes und hatte ihnen dem zu Folge einen tiefen Haß ge⸗ ſchworen. „Aber es handelt ſich nicht um dieſes, Alfred,“ ſprach der Doctor.„Du hörſt heute auf, mein Mündel zu ſein, wie Du geſagt haſt. Du verläſſeſt uns, da Du nun Alles weißt, was Du in der niederen Schule und in London lernen konn⸗ — — w 139 teſt, und überdies alle praktiſche Kenntniſſe beſitzeſt, die ein alter Doetor vom Lande, wie ich bin„ beizufügen vermochte; Du trittſt nun in die Welt. Die erſte von Deinem armen Vater feſtgeſtellte Friſt der Prüfung iſt abgelaufen; Du reiſeſt als Dein eigener Herr von hier weg, um ſeinen zweiten Wunſch zu erfüllen; lange ehe die drei Jahre, die Du in auswärtigen Medicinſchulen zubringen ſollſt, vorüber ſind, wirſt Du uns vergeſſen haben. Du wirſt uns leicht in ſechs Monaten vergeſſen.“ „Wenn ich Sie vergeſſe— doch Sie wiſſen das Gegen⸗ theil. Warum ſollte ich Sie zu überzeugen ſuchen?“ rief Alfred lachend. 2 „Ich weiß nichts dergleichen,“ erwiederte der Doctor. „Was ſagſt Du dazu, Marion?“ Marion ſpielte mit ihrer Theetaſſe und ſchien zu ſagen — doch ſie ſagte es nicht— es ſtünde ihm frei, ſie zu ver⸗ geſſen, wenn er es könnte. Grace preßte an ihre Wange die friſchrothe Wange ihrer Schweſter und lächelte. „Ich habe, wie ich hoffe, meine Pflichten als Vormund nicht ſchlecht erfüllt,“ ſagte der Doctor:„doch ich muß um jeden Preis förmlich der Verantwortlichkeit meiner Verwaltung überhoben ſein. Unſere Freunde, Snitchey und Craggs, haben auch einen Sack voll von Papieren, Rechnungen und Noten mitgebracht, um Dir den Saldo Deiner Rechnung und andere Erbärmlichkeiten derſelben Art vorzulegen, welche unterzeichnet, beſiegelt und in die Hände des Berechtigten übergeben werden müſſen.“ „Und gehörig beglaubigt, wie es das Geſetz verlangt,“ 140 ſagte Snitchey, indem er ſeinen Teller zurückſchob und aus ſeinem Sack Papiere zog, welche ſein Verbündeter auf dem Tiſche auszubreiten anfing;„und da ich und Craggs Ihnen, Doctor, bei der Verwaltung des Ihrem Mündel gehörigen Vermogens beigegeben waren, ſo bedürfen wir Ihrer zwei Dienſtboten, um die Unterſchriften zu bezeugen. Könnt Ihr leſen, Miſtreß Neweome?“ „Ich bin nicht verheirathet, Maſter,“ ſagte Clemency. „Oh! ich bitte um Vergebung. Ich dachte das nicht,“ murmelte Snitchey, während er einen verſtohlenen Blick auf ihre ſeltſame Geſtalt warf.„Könnt Ihr leſen?“ „Ein wenig,“ antwortete Clemency. „Das Heirathsgebet Morgens und Abends? Wie!“ ver⸗ ſetzte der Rechtsgelehrte mit ſpöttiſchem Tone. „Nein,“ ſagte Clemency.„Das iſt zu ſchwer. Ich leſe nur einen Fingerhut.“ „Einen Fingerhut leſen,“ wiederholte Snitchey,„was ſagt Ihr, junge Frau?“ Clemeney ſchüttelte den Kopf und fügte bei: „Und ein Muskatreibeiſen.“ „Wie! iſt ſie verrückt!“ ſprach Snitchey, und ſchaute Clemency ſtarr an. Grace ſchlug ſich in das Mittel und erklärte, die zwei fraglichen Gegenſtände wären mit einem gravirten Spruche verziert und bildeten die Taſchenbibliothek von Clemency New⸗ come, die ſich dem Studium der Bücher nicht viel hingab. „Ah! ſo verhält ſich die Sache, Miß Grace,“ vorſetzte Snitchey,„ha! ha! ha! ich hielt unſere gute Haushälterin für 141 eine Stumpffinnige! Und ſie ſieht wahrhaftig ſo aus,“ fügte er mit einem ſtolzen Blicke bei.„Doch was ſagt der Finger⸗ hut, Miſtreß Newcome?“ „Ich bin nicht verheirathet, Maſter,“ erwiederte Cle⸗ mency. „Es iſt gut, Newcome,“ ſprach der Rechtsgelehrte,„was ſagt der Fingerhut?“ Ehe ſie dieſe Frage beantwortete, öffnete Clemency eine von ihren Taſchen, und ſuchte mit dem Blicke in der Tiefe dieſes gähnenden Schlundes den Fingerhut, der nicht darin war. Dann ſuchte ſie in der anderen Taſche, und da ſie ihn, wie eine Perle von großem Werthe, zu erblicken ſchien, nahm ſie nach und nach Alles heraus, was das Exreichen deſſelben verhindern konnte: ein Sacktuch, ein Stümpfchen Licht, einen Apfel, eine Orange, einen durchlöcherten Penny, ein Vor⸗ hängſchloß, eine Scheere, ein paar Hände voll Korn, meh⸗ rere Spulen baumwollenes Garn, ein Futteral, eine Samm⸗ lung von Haarwickeln und einen Zwieback, und alle dieſe Gegenſtände übergab ſie Britain, einzeln oder untereinander — gleichviel. Um die Hand in ihre Taſche zu ſtecken und ſie am Umdrehen zu verhindern, nahm ſie und behauptete ſie ſodann eine ſcheinbar mit der menſchlichen Anatomie und den Geſetzen der Schwere unverträgliche Stellung. Endlich zeigte ſie mit einer triumphirenden Miene den Fingerhut am Ende von einem ihrer Finger, während ſie das Reibeiſen ge⸗ räuſchvoll ſchüttelte. Die in dieſe beiden Gegenſtände einge⸗ grabenen Sprüche ſchienen abgenutzt und durch übermäßige Reibung verwiſcht. 142 „Das iſt der Fingerhut! das iſt er, junge Frau!“ ſprach Herr Snitchey, auf ihre Koſten lachend.„Und was ſagt er?“ „Er ſagt,“ erwiederte Clemency, indem ſie langſam las und den Fingerhut umdrehte, als wäre es ein Thurm geweſen,„er ſagt: Ver. giß und ver.. gib.“ Snitchey und Craggs ſchlugen ein ſchallendes Gelächter auf.„Eine ſo neue Marime!“ ſagte Snitchey;„eine ſo leichte,“ ſagte Craggs;„ſie offenbart eine ſo tiefe Kenntniß der menſch⸗ lichen Natur,“ ſagte Snitchey;„ſie läßt ſich ſo gut auf alle Dinge des Lebens anwenden,“ ſagte Craggs. „Und das Reibeiſen?“ fragte der Vorſtand der Schreib⸗ ſtube. „Das Reibeiſen,“ antwortete Clemench:„Thut„ den Andern was Ihr wollt... daß man Euch thue.“ „Täuſcht, oder man wird Euch Wichet„ wollt Ihr ſagen?“ rief Herr Snitchey. „Ich verſtehe nicht,“ entgegnete Clemency, mit einer verdutzten Miene den Kopf ſchüttelnd.„Ich bin kein Rechts⸗ gelehrter.“ 2 „Wenn ſie es wäre, Doctor,“ ſprach Herr Snitchey, und er wandte ſich raſch gegen ſeinen Wirth um, als wollte er jede Discuſſion, welche dieſe Antwort veranlaſſen könnte, kurz abſchneiden,„wenn ſie es wäre, ſo würde ſie, ich befürchte es, bald erkennen, daß dieſe Marime die Regel des Beneh⸗ mens der Hälfte der Clienten iſt. Sie find ziemlich ernſt in dieſer Hinſicht, ſo ſpaßhaft auch die Welt ſein mag, und ſie wälzen dann den Vorwurf auf uns über. Im Ganzen ſind 143 wir Anwälte nur Spiegel; aber wir werden häufig von un⸗ zufriedenen und ſtreitſüchtigen Leuten um Rath gefragt, welche uns ihre ſchönſte Seite nicht ſehen laſſen, und es iſt eine Ungerechtigkeit, uns Vorwürfe zu machen, wenn wir keine angenehmen Dinge aushecken. Ich glaube, daß ich in mei⸗ nem Namen und in dem von Craggs ſpreche.“ „Gewiß,“ ſagte Craggs. „Und wenn nun Herr Britain die Gefälligkeit haben will, uns mit ein wenig Tinte zu beſchenken,“ ſagte Herr Snitchey auf ſeine Akten zurückkommend;„wir werden dieſe Papiere ſo bald als möglich unterzeichnen, ſiegeln und übergeben, ſonſt kommt die Diligence vorüber, ehe wir wiſſen, wie die Sache ſich verhält.“ Nach dem Anſchein zu urtheilen, wäre die Diligence wahrſcheinlich vorübergekommen, ehe Herr Britain gewußt hätte, wie ſich die Sache verhielt, denn er ſtand unbeweglich in eine tiefe Betrachtung verſunken, und gab im Geiſte dem Doctor gegen die Rechtsgelehrten, den Rechtsgelehrten gegen den Doc⸗ tor und ihren Clienten gegen ſie Recht; vergebens ſuchte er den Fingerhut und das Reibeiſen(eine für ihn neue Idee) mit irgend einem philoſophiſchen Syſteme in Einklang zu bringen; mit einem Wort, er blieb ebenſo unentſchloſſen, als es ſein exhabener Homonyme ſtets zwiſchen den Schulen und den Theorien geweſen iſt; aber Clemency, ſein guter Genius, kam ihm zu Hülfe, obgleich er einen äußerſt traurigen Begriff von ihrem Verſtande hatte, weil ſie ſelten ſeinen Geiſt mit abſtracten Speculationen plagte, und weil ſie ſtets bereit war, zu geeigneter Zeit zu thun, was geſchehen mußte.— In einer 144 Secunde hatte ſie das Schreibzeug vor Herrn Snitchey geſtellt, und dabei leiſtete ſie Britain den noch wichtigeren Dienſt, daß ſie ihn durch einige wohlangebrachte Ellenbogenſtöße zu ſich ſelbſt zurückrief; dieſe ſanften Erſchütterungen erweckten ſein Gedächtniß ſo gut, daß er die ganze Lebhaftigkeit wieder er⸗ langte, mit der ihn die Natur begabt hatte. In dieſem Augenblick ergriff ihn eine gewiſſe Furcht, welche bei Perſonen ſeiner Lage, bei denen der Gebrauch der Tinte und einer Feder als ein Ereigniß betrachtet werden muß, ſehr gewöhnlich iſt. Würde er ſich nicht, wenn er ſeinen Namen unter eine Urkunde ſetzte, welche nicht ganz von ſeiner Hand geſchrieben wäre, gefährden, ohne zu wiſſen wie, oder Verbindlichkeiten für ungeheure, unbeſtimmte Summen unter⸗ zeichnen? Er näherte ſich auch den Papieren nur mit ſicht⸗ barem Widerſtreben, unter Proteſtationen und indem er ein⸗ zig und allein den Befehlen des Doctors nachgab; er beſtand darauf, daß es ihm erlaubt ſein müßte, einen Blick hinein⸗ zuwerfen(die Schrift, um nichts vom Styl zu ſagen, war für ihn eine chineſiſche Schrift); er drehte die Papiere nach allen Seiten hin und her, um ſich zu verſichern, daß keine ſeinem Vertrauen geſtellte Falle darunter verborgen ſein könnte; und als er endlich ſeine Unterſchrift beigefügt hatte, war er ſo troſtlos, als ob er ſeine ganze Habe und alle ſeine Rechte verloren gegeben hätte. Von dieſem Augenblick an flößte ihm der blaue Sack, in welchen ſeine Unterſchrift geſteckt wurde, ein geheimnißvolles Intereſſe ein, und er konnte ſich nicht mehr entſchließen, ihn zu verlaſſen. Clemency Neweome ſchlug ein Gelächter auf, indem ſie an ihre Wichtigkeit und an ihre —— ——— Würde dachte, breitete ſich, auf ihre beiden Ellenbogen geſtützt, auf dem ganzen Tiſche aus, wie ein Adler, der in hoher Luft ſchwebt, und lehnte ihren Kopf auf ihren linken Arm als ein nothwendiges Vorſpiel zur Bildung gewiſſer kabaliſtiſcher Cha⸗ ractere, welche viel Tinte erforderten; als ſie aber einmal die Tinte gekoſtet hatte, wurde ſie ſo gierig darnach, wie die Tiger nach dem Blute, wenn ſie einmal ſolches geleckt; ſie fühlte das Bedürfniß, Alles zu unterzeichnen und ihren Na⸗ men auf Alles zu ſetzen. Kurz, der Doctor wurde ſeiner Vormundſchaft und ſeiner ganzen Verantwortlichkeit überhoben, und Alfred, der nunmehr die Verwaltung ſeiner Angelegen⸗ heiten übernahm, auf geziemende Weiſe in den Stand geſetzt, die große Reiſe des Lebens anzutreten. „Britain,“ ſagte der Doctor,„laufe vor die Thüre und erwarte die Ankunft der Diligence. Die Zeit eilt, Alfred!“ „Ja, mein Herr, ja,“ verſetzte lebhaft der junge Mann. „Theure Grace, hören Sie mich einen Augenblick! Ver⸗ geſſen Sie Marion nicht, die ſo jung und ſo ſchön, ſo rei⸗ zend und ſo bewundert iſt, vergeſſen Sie Marion nicht, die meinem Herzen theurer iſt als Alles in der Welt! Ihnen ver⸗ traue ich ſie an.“ „Sie iſt ſtets für mich ein heiliges anvertrautes Gut ge⸗ weſen, Alfred, und dieſes Gut wird mir nun doppelt koſtbar. Ich werde meinen Verbindlichkeiten entſprechen und treu ſein, deſſen dürfen Sie ſich verſichert halten.“ „Ich glaube es, Grace, ich weiß es. Wer könnte Ihr Antlitz ſehen, Ihre überzeugende Stimme hören und es nicht Der Erzähler. 1847. 1. 10 146 wiſſen? Ah! gute Grace, wenn ich Ihr feſtes Herz, Ihren ruhigen Geiſt beſäße, mit welchem Muthe würde ich heute dieſes Haus verlaſſen!“ „In der That?“ erwiederte ſie mit einem ruhigen Lächeln. „Und dennoch, Grace,— meine Schweſter, ſcheint mir das geeignete Wort zu ſein.“ „Gebrauchen Sie es,“ antwortete ſie raſch;„ich bin glücklich, es zu hören, nennen Sie mich nie anders.“ „Und dennoch, meine Schweſter,“ fuhr Alfred fort, „dennoch iſt es für Marion und für mich mehr werth, wenn Ihre guten, gediegenen Eigenſchaften hier bleiben, um uns zu dienen, um uns glücklicher, beſſer zu machen. Ich würde Sie, wenn ich auch könnte, nicht mitnehmen, um meinen Muth aufrecht zu erhalten.“ „Die Diligence erſcheint auf der Höhe des Berges!“ rief Britain. „Die Zeit eilt, Alfred,“ ſagte der Doctor. Marion hatte ſich mit niedergeſchlagenen Augen bei Seite gehalten, doch auf ein Zeichen führte ſie ihr junger Bräutigam zärtlich zu ihrer Schmiſter und ſchob ſie ſanft in ihre Arme. „Ich ſagte zu Grace, liebe Marion, daß ich Sie ihrer Sorge anvertraue,“ ſprach Alfred.„Ein koſtbares Gut, das ich bei meiner Abreiſe hier laſſe! Wenn ich wiederkehre, um es zurückzufordern, wenn ſich die glänzende Perſpective eines getheilten Lebens vor uns ausbreitet, wird es eines unſerer größten Vergnügen ſein, uns mit dem Glücke von Grace zu beſchäftigen, ihren Wünſchen zuvorzukommen, ihr unſere Dank⸗ barkeit und Zuneigung darzuthun, ihr einen Theil der unge⸗ 147 heuren Schuld zu bezahlen, die wir gegen ſie eingegangen haben.“ Marion hatte eine Hand in der Hand von Alffred, ihre andere Hand lag auf dem Halſe ihrer Schweſter. Sie tauchte in die ſo ruhigen, ſo durchſichtigen, ſo glücklichen Augen ihrer Schweſter Blicke, in denen ſich die Bewunderung, der Kummer, das Erſtaunen und beinahe die Verehrung vermiſchten. Sie betrachtete das Antlitz ihrer Schweſter, als wäre es das eines glorreichen Engels geweſen. Grace ſchaute ruhig, heiter, freu⸗ dig Marion und ihren Bräutigam an. „Und wenn die Zeit kommt, denn ſie muß kommen,“ ſagte Alfred—„ich ſtaune, daß ſie noch nicht gekommen iſt, doch Grace weiß, was ſich am Beſten zu thun ſchickt, denn Grace hat immer Recht,— wo ſie das Bedürfniß fühlen wird, einen Freund zu haben, dem ſie ihr ganzes Herz öffnen kann, und der ein wenig für ſie iſt, was ſie für uns geweſen ſein wird, welche Ergebenheit werden wir ihr dann beweiſen, theure Marion, wie glücklich werden wir ſein, zu erfahren, daß ſie auch, daß unſere theure, gute Schweſter auch liebt und geliebt wird, wie wir es wünſchen!“ Die jüngere Schweſter ſchaute unabläſſig die Augen ihrer älteren Schweſter an und wandte die ihrigen nicht davon ab, nicht einmal auf ihren Bräutigam. Doch dieſe redlichen, ſo ruhigen, ſo durchſichtigen, ſo glücklichen Augen ſchauten fort⸗ während die beiden Verlobten an. „Und wenn Alles dies vorbei ſein wird, wenn wir alt ſein, wenn wir mit einander leben werden, denn wir können nicht anders leben„ wenn wir in der größten Vertraulichkeit 148 mit einander leben und oft von der Vergangenheit ſprechen werden,“ ſagte Alfred,„ſo wird dieſe Epoche unſeres Daſeins diejenige ſein, von der wir uns am liebſten unterhalten; dieſer Tag hauptſächlich, wir werden uns der Gedanken und der Eindrücke, der Hoffnungen und der Befürchtungen erinnern, die uns im Augenblick der Abreiſe bewegten, wir werden uns fragen, wie wir die Kraft gehabt haben, uns Lebewohl zu ſagen.“ „Die Diligence fährt durch das Gehölze!“ rief Britain. „Es iſt gut, ich bin bereit. Wir werden wiederholen, wie wir uns Allem zum Trotz ſo gut vereinigt haben. Dieſer Tag wird für uns der glücklichſte des Jahres ſein, und wir werden ihn als einen dreifachen Jahrestag feiern, nicht wahr, Theure?“ „Ja,“ rief die ältere Schweſter raſch und mit einem ſtrahlenden Lächeln.„Ja, Alfred, zögern Sie nicht. Es iſt keine Zeit zu verlieren. Sagen Sie Marion Lebewohl, und der Himmel beſchütze Sie!“ Alfred drückte die jüngere Schweſter an ſein Herz. Als ſie ſich aus den Armen von Alfred losmachte, lehnte ſich Ma⸗ rion auf Grace, und ihre Augen, welche immer noch dieſelben Gefühle ausdrückten, ſuchten abermals die ruhigen, durchſichtigen, glücklichen Augen ihrer Schweſter. „Gott befohlen, mein Junge,“ ſagte der Doctor,„von ernſten Zuneigungen, von ernſten Verpflichtungen ſprechen.. in einer ſolchen..— ha! ha! ha!— Du weißt, was ich ſagen will— das wäre, es iſt Dir nicht unbekannt, eine Albernheit. Ich kann Dir nur bemerken, daß ich mich, wenn 149 Ihr, Du und Marion, auf demſelben tollen Gedanken beharret, nicht widerſetzen werde, Dich eines Tages zu meinem Schwie⸗ gerſohne zu nehmen.“ „Auf der Brücke!“ rief Britain. „Sie kann nun kommen,“ ſprach Alfred und drückte dem Doctor kräftig die Hand.„Mein alter Freund und Vormund, denken Sie zuweilen an mich ſo ernſthaft, als Sie es können. Adieu, Herr Snitchey. Adieu, Herr Craggs.“ „Sie fährt die Straße herab!“ rief Britain. „Einen Kuß, Clemency Neweome, zur Erinnerung an unſer langjähriges, freundliches Verhältniß,— einen Hände⸗ druck, Britain,— Marion, mein theures Herz, leben Sie wohl. Meine Schweſter Grace, vergeſſen Sie nichts!“ Grace antwortete ihm, indem ſie ihr heiteres Geſicht ge⸗ gen ihn umwandte; doch Marion behielt denſelben Blick und verharrte in derſelben Stellung. Die Diligence hatte vor der Thüre angehalten. Das Auf⸗ laden des Gepäckes veranlaßte eine gewiſſe ſtürmiſche Unord⸗ nung. Die Diligence fuhr ab. Marion rührte ſich nicht. „Er winkt mit ſeinem Hut, um Dir ein letztes Lebewohl zu ſagen,“ ſprach Grace,„der Gatte Deiner Wahl; ſchau' doch Marion erhob den Kopf und drehte ihn einen Augenblick; dann wandte ſie das Geſicht wieder um, begegnete zum erſten Male den ruhigen Augen ihrer Schweſter und warf ſich ſchluchzend an ihren Hals. „Oh, Grace, Gott ſegne Dich;.. ich kann dieſes Schauſpiel nicht aushalten, Grace; es bricht mir das Herz.—“ 2. Snitchey und Craggs hatten auf dem Boden des ehema⸗ ligen Schlachtfeldes eine hübſche kleine Schreibſtube inne, wo ſie hübſche kleine Geſchäfte machten und eine große Anzahl kleiner, für viele Prozeßführende geordneter Schlachten lieferten. Es iſt vielleicht verwegen, als Angriffe oder Verfolgungen ſolche Kämpfe zu bezeichnen, denn ſie gingen in der That ge⸗ wöhnlich einen Schildkrötengang; doch der Antheil, den die Herren Snitchey und Craggs daran nahmen, rechtfertigt dieſe allgemeine Benennung. Bald thaten ſie einen Schuß auf dieſen oder jenen Kläger, bald verſetzten ſie dieſem oder jenem Ver⸗ theidiger einen Stich, oder ſie griffen kräftig ein Eigenthums⸗ recht vor dem Kanzleigerichte an, oder ſie entſpannen leichte Scharmützel mit einem unregelmäßigen Corps kleiner Gläu⸗ biger, wenn ſich die Gelegenheit oder der Feind zeigte. Die Zeitung ſpielte eine wichtige und nützliche Rolle bei einigen von dieſen Kämpfen, wie bei den berühmteſten Schlachten, und nach den meiſten⸗Treffen, wobei die Herren Snitchey und Craggs den Oberbefehl geführt hatten, bemerkten die Kämpfen⸗ den, es ſei ihnen auf beiden Seiten ſehr ſchwierig geweſen, ſich herauszuziehen und ihre Lage mit einem gewiſſen Grade von Sicherheit zu ſchätzen, von ſo dichten Rauchwirbeln haben ſie ſich überall umgeben geſehen. Die Bureaur der Herren Snitchey und Craggs waren bequem auf dem Marktplatz gelegen; die Thüre, welche zwei kleine Stufen über dem Boden angebracht war, blieb beſtändig 151 offen; ein unzufriedener Pächter, der ſich zu ärgern geneigt war, konnte auch mit einem Sprunge im Innern ſein. Ihr Privateabinet, das zugleich als Converenzzimmer diente, war ein alter Salon im erſten Stocke nach hinten, deſſen niedrige und düſtere Decke, über die ſchwierigen Fragen der Rechts⸗ wiſſenſchaft nachſinnend, die Stirne zu falten ſchien. Das Zimmergeräthe beſtand aus einigen mit Leder überzogenen und mit großen runden Nägeln beſchlagenen Stühlen mit hohen Lehnen. Da und dort bemerkte man in der meſſinge⸗ nen Einfaſſung dieſer Stühle eine Auflöſung des Zuſammen⸗ hangs; von den fehlenden Nägeln waren die einen aus Alter ausgefallen, zerſtreute Clienten hatten vielleicht die andern herausgeriſſen, indem ſie ihren Daumen und ihren Zeigefinger maſchinenmäßig darunter drückten. An der Wand bemerkte man das eingerahmte Portrait eines großen Richters, der eine ſo furchtbare Perrücke auf dem Kopfe trug, daß jede Locke die Haare vor Schrecken hätte ſträuben gemacht. Aktenſtöße füllten die ſtaubigen Schränke und Fächer und bedeckten auch die Tiſche, und rings in der Stube umher, längs dem Täfelwerk, waren unverbrennbare, mit Vorlegſchlöſſern verſehene Kiſten aufgehäuft, die man außen mit den Namen ihrer Eigenthümer verziert hatte, wobei ein grauſamer Zauber die Clienten zwang, alle Lettern zu buchſtabiren, bald bei einem Ende, bald beim andern anzufangen, und Anagramme zu ma⸗ chen, während ſie vor den Herren Snitchey und Craggs ſitzend dieſen aufmerkſam zuzuhören ſchienen, ohne daß ſie auch nur ein Wort von ihrer Rede verſtanden. 152 Snitchey und Craggs hatten jeder einen Partner in ſei⸗ nem Privatleben, wie in ſeiner gewerblichen Exiſtenz. Snitchey und Craggs waren die beſten Freunde der Welt und hegten ein wirkliches Vertrauen zu einander. Aber in Folge von einer von jenen auf dieſer Welt hienieden gewöhnlichen Aus⸗ gleichungen mißtraute Miſtreß Snitchey aus Syſtem Herrn Craggs, und Miſtreß Craggs mißtraute ihrerſeits aus Syſtem Herrn Snitchey.„Deine Snitcheys,“ ſagte zuweilen Miſtreß Craggs zu ihrem Mann, indem ſie ſich dieſer Phantaſiemehr⸗ zahl bediente, als ob ſie über ein nicht ſehr anſtändiges Paar Hoſen oder über irgend einen andern Theil der Kleidung, der keine einfache Zahl hat, ſpotten würde,„ich ſehe meinerſeits nicht ein, wozu Du Deine Snitcheys brauchſt? Du gewährſt Deinen Snitcheys ein zu großes Vertrauen. Das ſage ich Dir, und ich hoffe, Du wirſt eines Tags genöthigt ſein, mir Recht zu geben.“ Miſtreß Snitchey ſagte zu Herrn Snitchey, wenn ſie von Craggs ſprach:„Wenn Du einmal hintergangen wirſt, ſo wird es durch dieſen Mann geſchehen; denn wenn je Augen Falſchheit ausgedrückt haben, ſo find es die von Craggs ge⸗ weſen.“ Deſſen ungeachtet lebten Alle die meiſte Zeit in gu⸗ tem Einverſtändniß, und Miſtreß Snitchey und Miſtreß Craggs waren innig verbunden gegen die Schreibſtube, welche ſie als einen gemeinſchaftlichen Feind betrachteten. Nichtsdeſtoweniger war es dieſe Schreibſtube, wo die Herren Snitchey und Craggs Honig für ihre Körbe ſammelten. Sie verſpäteten ſich hier zuweilen am Fenſter ihres Privateca⸗ binets, ſchauten das alte Schlachtfeld an und wunderten ſich 153 über die Menge der Menſchen, welche nicht im Frieden leben und auf eine comfortable Weiſe Prozeß führen konnten. So lebten ſie Tage, Wochen, Monate, Jahre; die Verminderung der meſſingenen Nägel an ihren ledernen Lehnſtühlen und die wachſende Vermehrung der Akten auf den Tiſchen dienten ihnen als Kalender. Es mochten ungefähr drei Jahre ſeit dem Frühſtück im Obſtgarten vorüber ſein, als ſie eines Abends, in dem Augenblick, wo unſere Erzählung wiederbeginnt, in Berathung beiſammenſaßen. Sie waren nicht allein, ſie ſpra⸗ chen mit einem Mann von ungefähr dreißig Jahren in nach⸗ läßiger Toilette und mit verſtörten Geſichtszügen, der jedoch groß, ſtark war und etwas Ausgezeichnetes ſowohl in ſeiner Kleidung als in ſeiner Haltung hatte. Dieſer Mann ſaß in dem großen Ceremonienlehnſtuhle, eine Hand auf ſeiner Bruſt, die andere in ſeinen ungeordneten Haaren, und ſann traurig nach. Die Herren Snitchey und Craggs ſaßen einander an einem nahe ſtehenden Schreibtiſch gegenüber. Eine von den feuerfeſten Kiſten ſtand offen auf dem Schreibtiſch„ein Theil der Papiere, welche ſie enthielt, lag auf dem Tiſche ausge⸗ breitet, und Herr Snitchey beſchäftigte ſich mit der Prüfung der übrigen, die er ſodann Herrn Craggs gab, wobei ſie abwech⸗ ſelnd oder gleichzeitig den Kopf ſchüttelten und zuweilen einen Blick auf den unglücklichen Clienten fallen ließen. Der Name von Michael Warden, Esquire, war auf den Koffer ge⸗ ſchrieben, und wir können aus dieſen Prämiſſen ſchließen, daß der Name und die Kiſte dem anweſenden Clienten gehörten, und daß die Angelegenheiten von Michael Warden ſich in einem ſchlimmen Zuſtande befanden. 154 „Das iſt Alles,“ ſagte Herr Snitchey, indem er das letzte Papier umwandte,„es iſt in der That keine andere Hülfsquelle mehr vorhanden.“„ „Alles iſt folglich verloren, ausgegeben, verſchleudert, verpfändet, verkauft, entlehnt?“ ſagte der Client die Augen aufſchlagend! „Alles,“ erwiederte Herr Snitchey. „Es iſt nichts mehr zu machen?“ „Durchaus nichts.“ Der Client biß ſich auf ſeine Nägel und verſank wieder in ein Nachdenken. „Und Sie glauben, ich ſei nicht einmal perſönlich in Sicherheit in England?“ „In keinem Theile des vereinigten Königreiches von Großbritannien und Irland,“ antwortete Herr Snitchey. „Ein verlorener Sohn, der kein väterliches Haus hat, um dahin zurückzukehren, keine Schweine, um ſie zu hüten, keine Eicheln, um ſie mit ihnen zu theilen?“ fuhr der Client fort. Herr Snitchey huſtete, als wollte er gegen die Voraus⸗ ſetzung, er ſpiele in ſemem Bekenntniß, auf die Bibel an, pro⸗ teſtiren. Um auszudrücken, er theile die Meinung ſeines Aſſocie, huſtete Herr Craggs ebenfalls. „Zu Grunde gerichtet mit dreißig Jahren!“ rief der Client. „Herr Warden, Sie ſind nicht zu Grunde gerichtet,“ ſagte Herr Snitchey,„Ihr Vermögen iſt zwar ſeltſam gefährdet, doch eine kleine Lebensordnung..4 „Ein kleiner Teufel,“ verſetzte der Client. 155 „Herr Craggs,“ ſagte Snitchey,„wuͤrden Sie wohl die Güte haben, mir eine Priſe Tabak zu geben? Ich danke, mein Herr.“ Während der unempfindliche Rechtsgelehrte ſeine Priſe, wie es ſchien, mit großem Vergnügen ſchnupfte und dieſer wichtigen Angelegenheit ſeine ganze Aufmerkſamkeit ſchenkte, lächelte der Client, deſſen Züge ſich entrunzelten, allmälig, ſchlug die Augen auf und ſagte: „Sie ſprechen von Lebensordnung.. wie lange müßte das ſparſame Leben dauern?“ „Wie lange?“ wiederholte Snitchey, indem er die Tabaks⸗ korner, welche an ſeinen Fingern kleben geblieben waren, auf den Boden fallen ließ und ſich im Geiſte einer langen Be⸗ rechnung hingab.„Um Ihr Eigenthum frei zu machen? in guten Händen, in den Händen von Snitchey und Craggs? Ich ſage: ſechs oder ſieben Jahre.“ „Sechs oder ſieben Jahre Hungers ſterben?“ erwiederte der Client mit einem ironiſchen Gelächter, während er ſ6 lebhaft auf ſeinem Stuhle geberdete. „Sechs oder ſieben Jahre lang Hungers ſterben, Herr Warden,“ verſetzte Snitchey,„wäre allerdings ein ungewöhn⸗ liches Phänomen, Sie könnten ein anderes Vermögen ge⸗ winnen„ wenn Sie ſich aus Curioſität während dieſer Zeit ſehen ließen. Doch wir glauben nicht, daß Sie eine ſolche Lebensordnung zu ertragen vermöchten, und rathen Ihnen nicht, ſie zu verſuchen.“ „Was rathen Sie mir denn?“ „Ehrlichen und geſchickten Leuten die Verwaltung Ihrer 156 Güter anzuvertrauen,“ antwortete Snitchey.„In wenigen Jahren werden wir die Breſchen, die Sie in Ihrem Vermö⸗ gen gemacht, völlig wiederherſtellen. Doch damit wir Anord⸗ nungen kreffen und unſere Verſprechungen halten können, ohne daß Sie ein Hinderniß entgegenſetzen, müßten Sie noth⸗ wendig reiſen und im Ausland leben. Um Sie vor dem Hungertod zu ſchützen, ſichern wir Ihnen eine Rente von eini⸗ gen hundert Pfund Sterling jährlich zu, und zwar ſogar wäh⸗ rend der erſten Jahre, Herr Warden.“ „Einige hundert Pfund Sterling? und ich habe tauſende ausgegeben!“ ſagte der Client. „Das unterliegt keinem Zweifel! Keinem Zweifel,“ wie⸗ derholte Herr Snitchey, mit ſich ſelbſt ſprechend und ſeine Be⸗ rechnungen im Geiſte fortſetzend. Der Rechtsgelehrte kannte wahrſcheinlich ſeinen Clienten. In jedem Fall übten ſeine trockenen, originellen Manieren einen heilſamen Einfluß auf ihn aus und nachten ihn geneigt, ſich offenherziger zu zeigen. Oder vielleicht kannte der Client ſeinen Mann und hatte ihm die Anerbietungen, die er von ihm em⸗ pfangen, nur entlockt„ um ihn geneigter zu Billigung der Vorſchläge zu machen, die er ihm thun wollte. Den Kopf allmälig erhebend, ſchaute er ſeinen unempfindlichen Rath⸗ geber Anfangs lächelnd und dann in ein S ausbre⸗ chend an. „Im Ganzen,“ ſagte Herr Warden indem er auf ſeinem Lehnſtuhle vorrückte und die Stimme ein wenig dämpfte,„im Ganzen kennen Sie nur die Hälfte meines Unglücks.“ Herr Snitchey und Herr Craggs ſchauten den Clienten ſtarr an. „„Ich bin nicht nur verſchuldet, ſondern ich bin auch 4 „Sie ſind doch hoffentlich nicht verliebt?“ rief Herr Snitchey. „Doch, meine Freunde, ich bin verliebt.“ „Und nicht in eine Erbin, mein Herr?“ „Nicht in eine Erbin.“ „Nicht in eine reiche Frau?“ „Sie beſitzt, ſo viel ich weiß, nichts als ihre Schönheit und ihre Tugenden.“ „Sie iſt hoffentlich frei?“ fragte Herr Snitchey mit einem „ ſeltſamen Ausdruck. „Gewiß.“ „Iſt es nicht eine von den Töchtern des Doctor Jeddler?“ ſagte Snitchey, indem er plötzlich ſeine Ellenbogen auf ſeine Kniee ſetzte und ſein Geſicht wenigſtens um eine Elle vor⸗ rückte. „Sie haben es geſagt,“ ſprach der Client. „Iſt es nicht ſeine jüngere Tochter?“ „Ganz richtig,“ antwortete Warden. 3„Herr Craggs,“ ſagte Snitchey, ungemein erleichtert, „wollen Sie die Güte haben, mir eine andere Priſe Tabak zu geben? Ich danke, mein Herr. Ich bin glücklich, Ihnen ſagen zu können, 1 Warden, daß dieſe Leidenſchaft keine Folge für Sie haben wird. Miß Jeddler iſt verſagt; ſie iſt verlobt. Wir ſind hierüber unterrichtet.⸗ „Wir ſind hierüber unterrichtet,“ wiederholte Craggs. * 158 „Ich weiß es auch, vielleicht,“ verſetzte ruhig Herr Warden.„Was iſt daran gelegen? Sind Sie von dieſer Welt und haben nicht von Frauen ſprechen hören, welche ihre Entſchlüſſe änderten?“ „Gewiß, man hat Prozeſſe wegen Verletzung von Hei⸗ rathsverſp.echungen gegen alte Jungfern und gegen Witwen anfangen ſehen; doch in den meiſten Fällen 4 „Sprechen Sie mir nicht von Fällen,“ unterbrach ihn un geduldig der Client. Der allgemeine Vorgang findet ſich in einem Bande, der dicker iſt, als alle Ihre Rechtsbücher. Denken Sie übrigens, ich habe meine Zeit während der ſechs Wochen, die ich im Hauſe des Doctors zugebracht, ver⸗ loren?“ „Ich denke,“ ſagte Snitchey ſich ernſt an ſeinen Aſſocie wendend,„ich denke, daß von allen ſchlimmen Streichen, welche die Pferde von Herrn Warden dieſem bis jetzt geſpielt haben,— und ſie ſind hübſch zahlreich und hübſch kofiſpielig geweſen, Niemand weiß dies beſſer, als wir drei,— der ſchlimmſte, wenn er in dieſer Sprache fortfährt, vielleicht der⸗ jenige ſein wird, deſſen Opfer er am Tage war, wo er mit drei gebrochenen Rippen, mit zerſchmettertem Schlüſſelbein und Gott weiß mit wie vielen Quetſchungen an die Gartenmauer des Doctors geworfen wurde. Wir überlegten uns das nicht zu ſehr zur Zeit, wo wir mit Vergnügen hörten, er werde durch die gute Pflege des Doctor Jeddler, der ihn in ſein Haus aufgenommen, völlig wiederhergeſtellt. Doch das wird beun⸗ ruhigend, ſehr beunruhigend, mein Herr. Der Doctor Jeddler iſt auch unſer Client, Herr Craggs.“ —— 159 „Herr Alfred Heathfield iſt auch gewiſſermaßen ein Client, Herr Snitchey,“ ſagte Craggs. „Herr Michael Warden iſt auch eine Art von Clienten,“ erwiederte der ſorgloſe Redner,„und zwar kein ſchlechter Client, denn er hat zehn bis zwölf Jahre lang Tollheiten ge⸗ macht. Doch die erſten Hörner von Herrn Michael Warden ſind abgeſtoßen. Sie liegen hier in dieſer Kiſte. Er hat die Abſicht, zu bereuen und vernünftig zu werden. Um dies zu beweiſen, nimmt ſich Herr Michael Warden vor, wenn er es kann, Marion, die liebenswürdige Tochter des Doetors zu heirathen und zu entführen.“ „Wirklich, Herr Craggs 2 ſagte Snitchey. „Wirklich, Herr Snitchey und Herr Craggs, würdige Ver⸗ bündete,“ unterbrach ihn der Client.„Sie kennen Ihre Pflichten gegen Ihre Clienten und wiſſen hinreichend, daß dieſelben Sie in keiner Weiſe verbinden, bei einer einfachen Liebesangelegenheit, die ich Ihnen anzuvertrauen gezwungen bin, in das Mittel zu treten. Ich gedenke die junge Perſon nicht ohne ihre Einwilligung zu entführen. Es iſt nichts Ungeſetzliches hiebei. Ich bin nie der innige Freund von Herrn Heathfield geweſen. Ich verrathe ſein Vertrauen nicht. Ich liebe das Mädchen, das er liebt, und will mir, wenn ich kann, die Liebe von derjenigen erwerben, von der er geliebt ſein wollte.“ „Es wird ihm nicht gelingen, Herr Craggs,“ ſagte Snitchey, offenbar unruhig und verdrießlich;„es wird ihm nicht gelingen, mein Herr.“ „Betet er ſie an?“ verſetzte der Client. 160 „Herr Craggs, er betet ſie an,“ wiederholte Snitchey. „Ich habe nicht vergebens vor einigen Monaten ſechs Wochen im Hauſe des Doctors zugebracht und vermuthete es bald,“ bemerkte Herr Warden.„Sie hätte ihn angebetet, wenn es von ihrer Schweſter abgehängt haben würde; doch ich überwachte ſie. Marion ſprach ſo wenig als möglich von Herrn Alfred und ſeiner Leidenſchaft. Die geringſte Anſpie⸗ lung auf dieſen Gegenſtand machte ihr offenbar Kummer.“ „Warum denn, Herr Craggs, wiſſen Sie es?“ fragte Snitchey. „Ich weiß es nicht, obwohl ich mehrere ſehr wahrſchein⸗ liche Gründe angeben könnte,“ ſagte Herr Warden.„Doch die Sache iſt gewiß. Sie war noch ſehr jung, als ſie dieſe Verbindung einging, wenn ſie überhaupt verbunden iſt, was ich nicht ſicher weiß— und vielleicht hat ſie es ſeitdem be⸗ reut. Sie beſchuldigen mich vielleicht der Eitelkeit, doch bei meiner Seele, ich verdiene einen ſolchen Vorwurf nicht— ſie iſt in mich verliebt, wie ich in ſie verliebt bin.“ „Ei! ei! Herr Wfred ſpielte mit ihr, als ſie noch ganz klein waren; Sie werden ſich erinnern, Herr Craggs,“ ſprach Snitchey mit einem unruhigen Gelächter;„er kannte ſie bei⸗ nahe ſeit ihrer Kindheit.“ „Es iſt alſo um ſo wahrſcheinlicher, daß ihre erſte Nei⸗ gung ihr zur Laſt iſt,“ fuhr der Client mit ruhigem Tone fort,„und daß ſie geneigt ſein dürfte, ſie gegen die ganz neue Liebe eines andern Anbeters zu vertauſchen, der ſich ihr unter romantiſchen Umſtänden präſentirte(oder ihr vielmehr von ſeinem Pferde präſentirt wurde), beſonders wenn der 161 Neue im Rufe ſteht, er habe ein luſtiges, ſorgloſes Leben ge⸗ führt, ohne ein böſer Menſch zu ſein, was einem jungen Mädchen aus der Provinz nicht ganz mißfällt, und wenn ſein Geſicht, ſeine Jugend und ſeine andern Vorzüge,— Sie wer⸗ den mich vielleicht der Eitelkeit beſchuldigen, doch bei meiner Seele, ich verdiene einen ſolchen Vorwurf nicht— im Stande ſind, unter Vielen ſelbſt einen Alfred zu verdunkeln.“ Dieſe letzte Behauptung war unbeſtreitbar, Herr Snitchey erkannte ſie an, nachdem er einen Blick auf Herrn Warden ge⸗ worfen hatte. Sein Sichgehenlaſſen hatte etwas Angenehmes, Liebreizendes. Wenn man ſeinen ſchonen Kopf, ſeinen zier⸗ lichen Wuchs und das Ausgezeichnete ſeiner Miene ſah, ſo errieth man leicht, daß er einen Peſſeren Vortheil daraus ziehen könnte, wenn er wollte, und daß er, wenn er je ſeine ſorg⸗ loſe Apathie abwerfen würde, um ſich mit ernſteren Dingen zu beſchäftigen, durch ſeinen Verſtand und durch ſeine Entſchloſſen⸗ heit ſich hervorthun müßte.„Eine gefährliche Art von Libertins,“ dachte der weiſe Rechtsgelehrte,„welche den Augen einer jun⸗ gen Frau den Funken ſtehlen, deſſen ſie bedürfen, um ſich zu entzünden.“ „Bemerken Sie nun, Snitchey,“ fuhr Herr Warden fort, indem er aufſtand und Herrn Snitchey an einen von den Knöpfen ſeines Rockes nahm,„und Sie auch, Craggs,“ in⸗ dem er Herrn Craggs ebenfalls an einem Knopfe hahm und ſich ſo zwiſchen die beiden Aſſoeies ſtellte, daß ihm keiner ent⸗ kommen konnte,„bemerken Sie, daß ich Sie nicht um einen Rath frage. Sie haben Recht, bei einem ſolchen Falle völlig neutral zu bleiben, denn das iſt eine von den Angelegenheiten, Der Erzähler. 1847. 1. 11 162 bei welchen ernſte Männer, wie Sie ſind, auf keiner Seite vermitteln müſſen. Ich will Ihnen meine Lage und meine Abſichten kurz zuſammenfaſſen; dann werde ich Ihnen die Sorge anvertrauen, mein Vermögen ſo gut als Sie können, zu verwalten. Denn wenn ich die reizende Tochter des Doc⸗ tors entführe, wie ich hoffe, und ich hoffe auch durch ihren heilſamen Einfluß ein anderer Menſch zu werden, ſo brauche ich mehr Geld, als wenn ich allein reiſe. Aber wenn ich mein Leben verändert habe, iſt auch bald mein Vermögen wiederhergeſtellt.“ „Herr Craggs, ich denke, wir werden wohl daran thun, ihn nicht zu hören,“ ſagte Snitchey. „Ich bin derſelben Meinung,“ verſetzte Craggs. Doch Beide horchten aufmerkſam. „Nach Ihrem Belieben, hören Sie mich nicht,“ ſprach der Client.„Ich will jedoch fortfahren. Es iſt nicht meine Abſicht, den Doctor um ſeine Einwilligung zu bitten, weil er ſie mir verweigern würde. Indeſſen glaube ich nicht, daß er mir wird einen ernſten Vorwurf zu machen haben, denn.. — und überdies gibt es, wie er ſagt, nichts Ernſtes bei ſolchen Späſſen,— denn ich hoffe ſeine Tochter, meine liebe Marion, einem Unglück zu entziehen, das ſie befürchtet, das ſie mit tiefem Kummer vorherſieht, ich errathe es. Ich will ihr den Kummer erſparen, ihren alten Anbeter zurückkommen zu ſehen. Bis dahin hat ſich Niemand über Etwas zu be⸗ klagen. Ich werde dergeſtalt von meinen Gläubigern verfolgt, daß ich das Leben eines fliegenden Fiſches führe. Ich ver⸗ berge mich in der Finſterniß; ich kann nicht in mein eigenes 163 Haus gehen; ich ſehe mich von meinen eigenen Gütern ver⸗ trieben. Doch dieſes Haus, dieſe Felder, welche mir gehören, und noch viele andere werden eines Tags in meinen Beſitz zurückkehren; Sie wiſſen es und geſtehen es zu. Marion wird dann,— nach Ihren Berechnungen, welche nie übertrieben ſind,— in zehn Jahren reicher ſein, wenn ſie mich heirathet, als wenn ſie die Frau dieſes Alfred Heathfield wird, deſſen Rückkehr ſie befürchtet und den ſie nicht mehr liebt, als ich. Wer würde alſo einen Nachtheil leiden? Alles iſt vollkommen ehrenhaft bei dieſer Angelegenheit. Mein Recht gilt ſo viel als das ſeinige, wenn ſie ſich zu meinen Gunſten ausſpricht, und ich laſſe ſie frei entſcheiden. Ich werde dem, was ich Ihnen geſagt habe, nichts beifügen. Sie kennen nun meine Pläne und meine Bedürfniſſe. Wann ſoll ich abreiſen?“ „In einer Woche, Herr Craggs,“ ſagte Snitchey. „Etwas früher, meiner Anſicht nach,“ erwiederte Craggs. „In einem Monat,“ ſprach der Client, nachdem er mit großer Aufmerkſamkeit die Phyſiognomie der beiden Aſſocies be⸗ trachtet hatte.„Von heute in einem Monat. Es iſt heute Donnerſtag: mag es mir gelingen, mag ich ſcheitern, von heute in einem Monat reiſe ich ab.“ „Es iſt eine etwas lange Frift,“ ſagte Snitchey;„viel zu lang, doch ich bewillige ſie Ihnen. Ich dachte, er würde drei von mir verlangen,“ ſprach er zu ſich ſelbſt.„Gehen Sie. gute Nacht, mein Herr.“ „Gute Nacht,“ erwiederte Herr Warden, den beiden Ver⸗ bündeten die Hand drückend.„Sie werden mich eines Tags 164 einen guten Gebrauch von meinem Vermögen machen ſehen. Fortan iſt Marion der Stern meines Schickſals.“ „Nehmen Sie ſich in Acht, daß Sie nicht auf der Treppe fallen, mein Herr,“ erwiederte Snitchey,„denn dieſer Stern beleuchtet ſie nicht.. gute Nacht.“ „Gute Nacht.“ Die zwei Verbündeten ſtanden, jeder eine Kerze in der Hand, auf dem Ruheplatze der Treppe, um ihrem Clienten zu leuchten, und als er weggegangen war, ſchauten ſie ein⸗ ander an. „Was denken Sie von allem dem, Herr Craggs?“ ſagte Snitchey. Herr Craggs ſchüttelte den Kopf. ⸗ „Am Tage, wo wir von der Vormundſchaft entbunden wurden, dachten wir, es ſei etwas Seltſames in der Tren⸗ nung dieſer zwei Verlobten; ich erinnere mich deſſen,“ ſagte Herr Snitchey. „Wir dachten das,“ ſprach Herr Craggs. „Vielleicht täuſcht ſich Herr Warden,“ fuhr Herr Snit⸗ chey fort;„doch ein bischen Unbeſtändigkeit und Treuloſigkeit iſt kein Wunder, Herr Craggs; ich hatte übrigens Zutrauen zu dieſem hübſchen Geſicht. Ich bildete mir ein,“ ſprach Herr Snitchey, während er ſeinen Ueberrock und ſeine Handſchuhe anzog und eines von den Lichtern ausblies,„ihr Charakter wäre ſeit einiger Zeit gediegener, entſchloſſener geworden. Es kam mir vor, als gliche er mehr dem ihrer Schweſter.“ „Miſtteß Craggs war derſelben Meinung,“ erwiederte Craggs. 165 „In der That,“ ſprach Herr Snitchey, der ein guter Mann war,„ich würde dieſen Abend eine Kleinigkeit geben, wenn ich ſicher wüßte, daß Herr Warden die Rechnung ohne den Wirth gemacht hätte. Doch ſo leicht, ſo phantaſtiſch er auch iſt, ſo kennt er doch ein wenig die Welt und die Leute der Welt(er hat dieſe Erfahrung allerdings ziemlich theuer bezahlt), und ich kann nicht gänzlich davon überzeugt ſein. Das Beſte, was wir thun können, Herr Craggs, iſt, daß wir ruhig bleiben, denn wit vermögen nichts.“ „Wir vermögen nichts,“ verſetzte Craggs. „Unſer Freund, der Doctor, legt kein Gewicht auf der⸗ gleichen Dinge,“ ſprach Herr Snitchey den Kopf ſchüttelnd. „Ich hoffe, er wird nie der Hülfe ſeiner Philoſophie bedürfen. Unſer Freund Alfred ſpricht von der Schlacht des Lebens 4 und er ſchüttelte abermals den Kopf,„ich hoffe, er wird nicht gleich am Anfang des Treffens getödtet werden. Haben Sie Ihren Hut genommen, Herr Craggs? Ich will das andere Licht auslöſchen.“ Auf die bejahende Antwort von Herrn Craggs löſchte Herr Snitchey das Licht aus, und die zwei Verbündeten ent⸗ fernten ſich, durch das Rathszimmer tappend, das nun ſo dun⸗ kel war, als es das Geſetz im Allgemeinen iſt. Die Scene unſerer Etzählung findet ſich jetzt in ein klei⸗ nes, ſehr ruhiges Cabinet verpflanzt, wo an demſelben Abend Grace, Marion und der Doctor„ dieſer trotz ſeines vorgerück⸗ ten Alters immer noch ſehr grün„ an der Ecke eines guten Feuers ſaßen. Grace arbeitete mit der Nadel, Marion las mit lauter Stimme in einem vor ihr offen liegenden Buch. Der 166 Doctor, im Schlafrock und in Pantoffeln, lehnte ſich, die Füße auf dem warmen Teppich ausgeſtreckt, in ſeinem Stuhle zurück, horchte auf die Lecture von Marion und betrachtete ſeine beiden Töchter. Sie waren ſehr reizend anzuſchauen. Nie verſchönerten und heiligten einen Herd zwei Geſichter, würdiger an einer Ecke des Feuers zu erſcheinen. Drei Jahre hatten den Unter⸗ ſchied, der zur Zeit der Abreiſe von Alfred zwiſchen ihnen ſtattfand, ſeltſam gemildert. Die reine Stirne der jüngeren Schweſter, ihre ausdrucksvollen Blicke, der bewegte Ton ihrer Stimme ließen denſelben ernſten Charakter errathen, den der Verluſt ihrer Mutter ſchon in ihrer Kindheit der älteren Schwe⸗ ſter verliehen hatte. Doch Marion erſchien immer noch als die ſchönere und ſchwächere von den beiden Schweſtern. Sie ſchien immer noch ihren Kopf an dem Buſen von Grace ruhen zu laſſen; ſie ſchien immer noch ihr ganzes Vertrauen in ſie zu ſetzen und in ihren Augen Rath und Schutz zu ſuchen, in dieſen göttlichen Augen, die ſo ruhig, ſo heiter, ſo glücklich waren wie einſt. „Und als ſie zü Hauſe war,“ las Marion in dem Buche, „machten ihr dieſe Erinnerungen ihr Inneres koſtbar theuer; ſie fing an zu begreifen, daß ihr Herz bald einer großen Prü⸗ fung unterworfen werden ſollte und daß dieſe Prüfung nicht lange verzögert werden konnte. Oh! der häusliche Herd, unſer Tröſter und unſer Freund, wenn uns alles Uebrige fehlt, ſich von ihm trennen, in welchem Augenblick des Lebens es auch ſein mag, zwiſchen der Wiege und dem Grabe. 4 „Marion, meine Theure?“ ſprach Grace. 167 „Nun, Marion,“ rief ihr Vater,„was gibt es denn?“ WMarion legte ihre Hand auf die Hand, die ihre Schwe⸗ ſter gegen ſie ausgeſtreckt hatte, und fuhr fort zu leſen; ihre Stimme zitterte noch, obgleich ſie ſich angeſtrengt hatte, um ihre Erſchütterung zu verbergen, als ſie auf dieſe Weiſe unter⸗ brochen worden war. „Sich von ihm trennen,“ fuhr Marion leſend fort,„in welchem Augenblick des Lebens es auch ſein mag, zwiſchen der Wiege und dem Grabe, iſt immer ein ſchmerzliches Ding! Oh! häuslicher Herd, du, der du uns ſtets ſo treu biſt, wäh⸗ rend du dich dagegen ſo oft verlaſſen ſiehſt, ſei gut gegen diejenigen, welche von dir gehen und verfolge ſie nicht zu ſehr mit deinen Vorwürfen bei ihrem Umherſchweifen! Wenn du ihnen erſcheinſt, laſſe keinen liebevollen Blick auf ſie fallen, zeige ihnen nie jenes freundliche Lächeln, deſſen ſie ſich ſo gut erinnern! kein Strahl der Zuneigung, der Güte, der Herz⸗ lichkeit, der Nachſicht glänze auf deinem weißen Haupte! Laß dieſe Ausreißer kein Wort hören, das ſie früher liebten, kei⸗ nen Ton, von dem ihre Ohren eine zarte Erinnerung be⸗ wahrt haben; doch wenn du dich hart und ſtreng zeigen kannſt, thue es aus Mitleid für diejenigen, welche bereuen!“ „Theure Marion, lies dieſen Abend nicht mehr weiter,“ ſprach Grace, denn Marion weinte. „Ich kann nicht leſen,“ erwiederte Marion S ſchloß das Buch.„Die Worte kommen mir alle vor, als wären ſie mit feurigen Buchſtaben geſchrieben.“ Dieſe Epiſode ergötzte den Doctor und er lachte, indem er ſeiner Tochter einen kleinen Schlag auf den Kopf gab. 168 „Wie! dergeſtalt angegriffen durch ein Mährchen,“ ſagte der Doctor Jeddler.„Eindruck und Papier! gut, gut, ganz einerlei. Es iſt ebenſo vernünftig, dies im Ernſte zu nehmen, als irgend etwas Anderes. Doch trockne Deine Augen, meine Liebe, trockne Deine Augen. Ich verſichere Dir, daß die Heldin ſeit langer Zeit ihren heimathlichen Herd wiedergefun⸗ den hat, und daß Alles auf das Beſte geht. Wenn nicht, ſo beſteht ein ſolches zu Hauſe in Wirklichkeit nur aus vier Mauern und in den Romanen aus alten Lumpen und Tinte. Was gibt es denn?“ „Ich bin es nur, Maſter,“ ſagte Clemency, welche den Kopf durch die Thüre ſtreckte. „Was haſt Du?“ fragte der Doctor. „Oh! Gott ſegne Sie, nichts,“ erwiederte Clemency, und ſie ſprach die Wahrheit, nach ihrem gut geſeiften Geſichte zu urtheilen, das einen ſo treuherzigen Ausdruck froher Laune hatte, daß ſie gefiel, trotz ihrer Häßlichkeit. Geſchundene Ellen⸗ bogen gehören allerdings nicht in die Kategorie der perſön⸗ lichen Reize, die man die Schönheitskörner nennt. Doch es iſt beſſer, wenn mar ſich mühſam ſeine Bahn auf dieſer Erde brechend, ſeine Ellenbogen dabei ſchindet, als ſeinen Charakter beſchädigt; und der Charakter von Clemency war ebenſo heilig und ebenſo abgeſchloſſen, als der von irgend einer anderen Schönheit Englands. „Es iſt mir nichts begegnet,“ ſagte Clemeney eintretend, „aber nähern Sie ſich mir ein wenig, Maſter.“ Der Doctor that, etwas erſtaunt, was ſie verlangte. 169 „Sie haben mir empfohlen, Ihnen nicht einen in ihrer Gegenwart zu geben, Sie wiſſen,“ ſagte Clemency. Wenn ein Fremder die ſeltſamen Blicke, welche Clemency ſchleuderte, während ſie dieſe Worte ſprach, und die ertatiſche Art geſehen hätte, wie ſie ihre Ellenbogen an ſich preßte, als ob ſie ſich ſelbſt umarmen wollte, ſo müßte er angenommen haben, das Wort einen bedeute in ſeiner günſtigſten Ausle⸗ gung einen keuſchen Kuß; der Doctor ſelbſt ſchien einen Augen⸗ blick beunruhigt, aber bald gewann er wieder ſeine Kaltblütig⸗ keit, denn Clemency zog, nachdem ſie eine Zeit lang in ihren Taſchen geſucht, einen mit der Poſt angekommenen Brief hervor. „Britain iſt weggeritten, um eine Commiſſion zu ma⸗ chen,“ ſagte ſie leiſe, während ſie dem Doctor den Brief gab; er ſah das Felleiſen ankommen und wartete auf die Austhei⸗ lung. Es ſteht ein A und ein H auf einer der Ecken. Herr Alfred iſt unter Weges, um zurückzukehren, darauf wette ich; wir werden eine Hochzeit im Hauſe haben. Es waren dieſen Morgen zwei Löffel in meiner Unterſchale. O Glück!.. Wie er langſam öffnet!“ Indeß ſie Alles dies zu ſich ſelbſt ſprach, erhob ſich Cle⸗ mency allmülig auf die Fußſpitzen, ſo ungeduldig war ſie, die Neuigkeiten zu erfahren. Als ſie endlich auf den Parorismus der Erwartung geſteigert war und ſah, daß der Doctor immer noch zu leſen fortfuhr, ſank ſie ſchwerfällig auf die Fußſohlen zurück und verſchleierte ſich den Kopf mit ihrer Schürze in einer ſtummen Verzweiflung, als wäre ſie unfüähig geweſen, dieſe Ungewißheit länger zu ertragen. „Kommt, meine Töchter,“ rief der Doctor,„ich kann 170 nicht ſchweigen, ich war in meinem Leben nicht im Stande, ein Geheimniß zu bewahren. Uebrigens gibt es nicht viele Geheimniſſe, bei denen es der Mühe werth iſt, ſie zu bewah⸗ ren, in einer ſolchen.. doch ſprechen wir nie hievon. Alfred wird ankommen, meine lieben Töchter!“ „Er wird ankommen!“ rief Marion. „Wie! iſt der Roman ſo bald vergeſſen,“ ſagte der Doe⸗ tor, Marion in die Wange kneipend.„Ich wußte wohl, daß dieſe Nachricht die Thränen trocknen würde.„„Laſſen Sie mich ſie überraſchen,““ ſchreibt er; doch ich kann ſeiner Bitte nicht willfahren; wir wollen ihm einen glänzenden Empfang bereiten.“ „Er wird ankommen,“ wiederholte Marion. „Er wird vielleicht für Deine Ungeduld nicht ſchnell genug ankommen; doch er wird bald hier ſein. Rechnen wir, es iſt heute Donnerſtag, nicht wahr? Nun wohl, er verſpricht auf den Tag in einem Monat hier zu ſein.“ „Auf den Tag in einem Monat,“ wiederholte Marion ſchwermüthig. „Ein Freuden⸗ und Feſttag für uns,“ ſagte ihre Schwe⸗ ſter Grace mit frohem Tone, und umarmte ſie zum Glück⸗ wunſche.„Er hat lange auf ſich warten laſſen, meine Liebe, dieſer Tag, doch er kommt endlich.“ Marion antwortete durch ein Lächeln, durch ein trauri⸗ ges, aber ſchweſterlich liebevolles Lächeln. Während ſie das Antlitz ihrer Schweſter betrachtete, während ſie auf die ſanften Töne ihrer Stimme horchte, welche ihr das Glück dieſer Rück⸗ „ 171 kehr ausmalten, ſtrahlten ihre eigenen Züge von Hoffnung und Freude. Sie verriethen auch ein anderes Gefühl„ deſſen Ausdruck immer ſichtbarer und ausſchließlicher wurde, und für das die Sprache keinen Namen hat. Es war nicht Trunkenheit, nicht Stolz, nicht Enthuſiasmus, dieſe verſchiedenen Gefühle äußern ſich nicht mit ſo viel Ruhe. Es war nicht einzig und allein Liebe und Dankbarkeit, obgleich Liebe und Dankbarkeit ſich da⸗ bei fanden. Es entfloß einem edlen Gedanken, denn die Ge⸗ danken, welche nicht edel ſind, erleuchten die Stirne nicht, ſpringen nicht auf die Lippen, bewegen nicht den Geiſt, wie eine ſchwankende Flamme, bis er dem ganzen Körper ein ſym⸗ pathetiſches Zittern mittheilt. Trotz ſeines philoſophiſchen Syſtems, dem er in der Praris immer widerſprach, doch dies haben die berühmteſten Philoſophen gethan, konnte der Doctor Jeddler nicht umhin, ſich für die Rückkehr ſeines ehemaligen Zöglings und Mündels eben ſo lebhaft zu intereſſiren, als ob es ein Ereigniß gewe⸗ ſen wäre. Er warf ſich abermals in ſeinen Lehnſtuhl, las den Brief wiederholt und kam noch öfters auf den Gegenſtand dieſes Geſpräches zurück. „Ach! es gab eine Zeit,“ rief der Doctor, in das Feuer ſchauend,„wo Ihr, Du, Grace und er, die Gewohnheit hattet, Arm in Arm während ſeiner Ferien umherzurennen, wie ein Paar Marionetten; erinnerſt Du Dich?“ „Ich erinnere mich,“ antwortete ſie mit ihrem liebens⸗ würdigen Lächeln, während ſie ihre Nadel behende laufen ließ. „Von heute in einem Monat,“ ſprach der Doctor mit 172 träumeriſcher Miene. Dann fügte er bei:„Es iſt mir, als wäre es erſt ein Jahr. Und wo war damals meine kleine Marion?“ „Nie fern von ihrer Schweſter,“ erwiederte Marion hei⸗ ter:„ſo klein ſie auch war. Grace war Alles für mich, ſelbſt in ihrer zarteſten Kindheit.“ „Das iſt wahr, Marion, das iſt wahr,“ ſprach der Doctor.„Sie war ſchon eine ernſthafte kleine Frau; ſie war Grace; ſie war eine gute Haushälterin, ſtets thätig, ruhig, liebenswürdig, unſere üblen Launen ertragend, unſern Wün⸗ ſchen zuvorkommend, und fortwährend bereit, ſich Andern zu opfern, wie heute. Selbſt damals, mein liebes Kind, haſt Du nie einen ſtark hervortretenden Willen geäußert, haſt Du nie Deine Meinung hartnäckig vertheidigt, abgeſehen von einem einzigen Gegenſtand.“ „Ich befürchte, mich ſeitdem ſehr verändert zu haben,“ erwiederte Grace lachend;„doch was für ein Gegenſtand war dies, mein Vater?“ „Alfred, bei Gott,“ ſprach der Doctor.„Um Dich zu⸗ frieden zu ſtellen, mußte man Dich die kleine Frau von Affred nennen; wir gaben aüch nur Deinen Wünſchen nach, und Du würdeſt, glaube ich, ſo ſeltſam dies auch heute ſcheinen mag, dieſen Titel dem einer Herzogin vorgezogen haben, wenn wir ihn hätten Dir verleihen können.“ „In der That?“ ſprach Grace ruhig. „Wie, Du erinnerſt Dich deſſen nicht?“ „Ich habe eine unbeſtimmte Erinnerung bewahrt, es iſt ſo lange her.“ Und während ſie zu arbeiten fortfuhr, träl⸗ lerte ſie den Refrain eines Liedes, das der Doctor lebte. 173 „Alfred wird bald eine wahre Frau finden,“ ſagte ſie, ſich unterbrechend,„und das wird für uns Alle ein glücklicher Tag ſein. Mein dreijähriges Mandat iſt ſeinem Ende nahe, es war ſehr leicht zu erfüllen; ich werde Alfred ſagen, wenn ich Dich ihm zurückgebe, Du habeſt ihn die ganze Zeit hin⸗ durch, welche ſeine Abweſenheit dauerte, zärtlich geliebt, und meine guten Dienſte ſeien nie für ihn nothwendig geweſen. Kann ich ſo zu ihm ſprechen, meine Liebe?“ „Sage ihm, liebe Grace,“ erwiederte Marion,„ſage ihm, nie ſei ein Mandat ſo hochherzig, ſo edel erfüllt worden, und ich habe Dich jeden Tag mehr geliebt. Oh! welche Zärtlich⸗ keit hege ich nun für Dich!“ „Nein,“ ſprach ihre Schweſter, indem ſie Marion heiter ihren Kuß zurückgab,„ich kann das nicht wohl ſagen. Wir werden der Einbildungskraft von Alfred die Sorge überlaſſen, meine Verdienſte zu errathen. Sie wird freigebig genug ſein, liebe Marion, gerade ſo freigebig wie die Deinige.“ Bei dieſen Worten nahm ſie ihre Arbeit wieder auf, die ſie einen Augenblick verlaſſen hatte, und ſang dann abermals das alte Lied, das ihr Vater ſo gern hörte. Der Doctor horchte, immer noch in ſeinem Lehnſtuhle ausgeſtreckt, aufmerkſam, ſchlug den Takt auf ſeinem Knie mit dem Briefe von Alfred, betrachtete ſeine beiden Töchter und dachte, unter den verſchiedenen Bagatellen dieſer Welt ſeien dieſe Bagatellen ziemlich angenehm. Clemency Neweome, welche ſich ihres Auftrags entledigt und mehrere Gänge durch den Salon gemacht hatte, bis ſie die Neuigkeiten wußte, ging mittlerweile in die Küche hinab; 174 ihr Gehülfe, Herr Britain, ruhte hier nach dem Abendbrod unter einem ſo vollſtändigen Aſſortiment von glänzenden Deckeln, von gutgeſcheuerten Caſſerollen, von funkelnden Keſ⸗ ſeln und anderen Beweiſen ſeiner induſtriöſen Gewohnheiten, welche mit einer vollkommenen Ordnung an den Wänden und auf den Fächern ausgebreitet waren, daß er im Mittelpunkte eines ganz mit Spiegeln ausgeſchmückten Salon zu thronen ſchien. Die Mehrzahl dieſer Spiegel gab in der That ſein Bild nicht auf eine ſehr ſchmeichelhafte Weiſe zurück, und ſie waren nicht einſtimmig in ihren Reflerionen: ſo ſtellten ihn die einen mit einem verlängerten Geſichte, die anderen mit einem unmäßig breiten Kopfe dar; dieſe gaben ihm ein leid⸗ liches Geſicht, jene machten ihn abſcheulich häßlich, je nach den verſchiedenen Arten ihres Wiederſtrahlens, welche ſo wechſelreich waren, als die Meinungen einer gleichen Anzahl von Men⸗ ſchen in Beziehung auf eine und dieſelbe Thatſache. Sie ſtimmten nur in einem Punkte überein: insgeſammt bewieſen ſie, daß mitten unter ihnen in aller Bequemlichkeit ein Menſch ſaß, der eine Pfeife im Mund und einen Krug Bier bei ſei⸗ nen Ellenbogen hattef und Clemency ein Zeichen mit dem Kopfe machte, als ſie ſich an denſelben Tiſch ſetzte. „Nun, Clemmy?“ ſagte Britain,„wie befindet Ihr Euch nun, und was für Nachrichten gibt es?“ Clemency theilte ihm mit, was ſie erfahren hatte, und er zeigte ſich ſehr zufrieden damit. Es war eine ſehr glück⸗ liche Veränderung in der ganzen Perſon von Benjamin vor⸗ gegangen. Er war viel dicker, viel röther, viel heiterer, und in jeder Hinſicht viel liebenswürdiger. Man hätte glauben ſollen, ſein früher zugeknüpftes Geſicht habe ſich nun auf⸗ geknüpft und erſchloſſen. „Abermals Geſchäfte für Snitchey und Craggs, denke ich,“ ſagte er, langſam den Rauch ſeiner Pfeife ſchlürfend.„Wir werden vielleicht wieder als Zeugen dienen, Clemmy?“ „Ah!“ ſprach ſeine ſchöne Gefährtin, indem ſie ſich ihre beiden Ellenbogen rieb;„ich wollte, ich wäre es, Britain.“ „Was ſoll der Ausruf: Ich wollte ich wäre es, be⸗ deuten?“ „Die ſich verheirathen würde,“ ſagte Clemency. Benjamin nahm ſeine Pfeife aus dem Munde und lachte von ganzem Herzen. „Ja, Ihr ſeid gut zum Heirathen, arme Clemmy,“ ſagte er. Clemency theilte ſeine Heiterkeit, denn dieſer Gedanke kam ihr ſo beluſtigend vor, als ihm. „Ja,“ verſetzte ſie,„ich bin gut zum Heirathen, nicht wahr?“ „Ihr werdet Euch nie verheirathen, Ihr wißt es wohl,⸗ ſprach Britain, und nahm ſeine Peife wieder auf. „Denkt Ihr?“ fragte Clemency mit vollkommenem Ver⸗ trauen. Herr Britain ſchüttelte den Kopf. „Es iſt nicht die geringſte Ausſicht vorhanden,“ erwie⸗ derte er. „Was wollt Ihr?“ ſagte Clemency.„Vielleicht,“ fügte ſie bei,„vielleicht werdet Ihr Euch eines Tags verheirathen, nicht wahr, Herr Britain?“ 176 Eine ſo ungeſtüme Frage über einen ſo ernſten Gegen⸗ ſtand forderte Ueberlegung. Nachdem er eine ungeheure Rauch⸗ wolke in die Luft geſchleudert und ſie von allen Seiten betrach⸗ tet hatte, als ob ſie die Frage ſelbſt wäre, antwortete Herr Britain, er habe keine ſcharfe Anſicht hierüber, doch er denke früher oder ſpäter werde er dazu gelangen. „Wer auch die Frau ſein mag, die Ihr heirathen wer⸗ det, ich wünſche, daß ſie glücklich ſein möge,“ rief Clemency. „Oh! ſie wird gewiß glücklich ſein.“ „Aber ſie wäre nicht ſo glücklich geworden, ſie hätte keinen ſo geſelligen Mann bekommen,“ ſprach Clemency, in⸗ dem ſie ſich halb auf dem Tiſch ausbreitete und den Kopf um⸗ drehte, um in das Licht zu ſchauen,“ wenn ich nicht da ge⸗ weſen wäre, nicht wahr, Britain?“ „Gewiß nicht,“ verſetzte Herr Britain. In dieſem Au⸗ genblick befand er ſich in jenem Zuſtand, wo ſich der Raucher nur ſchwer entſchließt, ſeinen Mund zum Sprechen zu öffnen, wo er ſich, unbeweglich in einer ſüßen Glückſeligkeit auf ſeinem Stuhle ſitzend, einzig und allein darauf beſchränkt, daß er ſeine Blicke einer andern Perſon zuwendet und dies mit einem ganz paſſiven Ernſte.„Oh! ich bin Euch zu großem Danke verpflichtet, das wißt Ihr wohl, Clemency.“ „Ihr ſeid ſehr gut, daß Ihr daran denkt,“ ſagte Clemency. „Während dieſer Zeit hatte ſie ihre Gedanken wie ihren Blick auf das Unſchlitt des brennenden Lichtes zurückgeführt und plötzlich, ſich ſeiner balſamiſchen Eigenſchaften erinnernd, ſetzte ſie eine breite Lage auf die geſchundene Stelle ihres lin⸗ ken Ellenbogens. „Meiner Zeit,“ fuhr Herr Britain mit der Feierlichkeit eines Weiſen fort,„machte ich zahlreiche Studien über ver⸗ ſchiedene Gegenſtände, denn ich hatte ſtets einen forſchenden Geiſt. Ich las viele Bücher über die Stärke und Schwäche der Dinge, denn ich verfolgte in meiner Jugend die literari⸗ ſche Laufbahn.“ „Wahrhaftig!“ rief Clemency voll Bewunderung. „Ja,“ ſagte Herr Britain.„Ungefähr zwei Jahre blieb ich hinter einer Buchhändlerauslage verborgen, bereit, aus mei⸗ nem Winkel vorzuſtürzen, wenn Jemand ein Buch in ſeine Taſche ſtecken würde. Dann war ich der behende Commiſſionär einer Arbeiterin in Schnürleiben und Kleidern; doch ſie ließ mich in ihren Cartons von Wachsleinwand nur Täuſchungen tragen, welche meinen Charakter erbitterten und mein Ver⸗ trauen zu der menſchlichen Natur erſchütterten. Seitdem habe ich in dieſem Hauſe eine endloſe Serie von Discuſſionen ge⸗ hört, die meinen Character noch mehr erbitterten. Endlich überzeugte ich mich, daß es nichts Beſſeres und Sichereres gibt, um ihn zu mildern und mich im Leben zu führen, als ein Muskatreibeiſen.“ Clemency wollte ihm einen Gedanken eingeben, doch er kam ihr zuvor. „In Verbindung mit einem Fingerhut,“ fügte er ernſt bei. „Thut Andern, was ihr wollt... Ihr wißt, u. ſ. w.“ bemerkte Clemench, indem ſie behaglich ihre Arme kreuzte und ihre Ellenbogen ſtreichelte.„Ein ſo kurzer Grundſatz, nicht wahr?“ Der Erzähler. 1847. 1. 12 178 „Ich bin nicht ſicher,“ ſagte Britain,„ob es das iſt, was man eine gute Philoſophie nennt, ich habe meine Zwei⸗ fel hierüber, doch ſie iſt gut in der Anwendung.“ „Seht, wie Eure Exiſtenz früher ganz anders war,“ ſagte Clemency. „Oh!“ ſprach Herr Britain,„doch das Außerordentlichſte hiebei iſt, Clemency, daß ich Euch für dieſe Veränderung zu Dank verpflichtet bin, und Ihr habt doch nicht die Hälfte von einem Gedanken im Kopf, glaube ich.“ Ohne ſich im Geringſten über dieſen Glauben beleidigt zu fühlen, ſchüttelte Clemency das Haupt, rieb ſich die Hände und ſprach: „Ich glaube es auch nicht.“ „Ich bin vollkommen davon überzeugt,“ ſprach Herr Britain. „Ah! ich wage zu behaupten, daß Ihr Recht habt,“ fügte Clemench bei.„Ich maße mir nicht an, einen Gedan⸗ ken zu haben.“ Benjamin nahm abermals ſeine Pfeife aus ſeinen Lippen und lachte bis zu Thränen. „Wie einfältig. Ihr ſeid, Clemmy,“ d er, den Kopf ſchüttelnd und ſeine Augen trocknend. Dieſer Scherz ſchien ihm ein unendliches Vergnügen zu gewähren. Clemency äußerte nicht entfernt die Abſicht, ihm zu widerſprechen, ahmte ihn nach und lachte eben ſo herzlich als er. „Aber ich muß Euch lieben,“ ſagte Herr Britain,„denn Ihr ſeid in Eurer Art ein vortreffliches Geſchöpf. Gebt mir einen Händedruck, Clemmy. Ich werde ſtets für Euch beſorgt ſein, was auch geſchehen mag, ich werde ſtets Euer Freund ſein.“ „Wahrhaftig,“ verſetzte Clemency,„das iſt ſehr gut von Euch.“ „Ja, ja,“ ſagte Herr Britain, und er gab ihr ſeine Pfeife, damit ſie die Aſche herausfallen laſſe;„ich werde Euch beſchützen. Doch hört, was für ein ſeltſames Geräuſch!“ „Geräuſch?“ wiederholte Clemency. „Ein Geräuſch von Tritten... man ſollte glauben, es ſei Jemand oben von der Mauer in den Garten herabgeſprun⸗ gen,“ ſagte Britain.„Sind ſie oben Alle zu Bette ge⸗ gangen?“ „In dieſer Stunde liegen ſie Alle im Bett.“ „Habt Ihr nichts gehört 2% „Nichts.“ Sie horchten Beide, doch kein Geräuſch ſtörte die Stille der Nacht. „Ich will eine Runde zu meiner eigenen Befriedigung machen, ehe ich mich niederlege,“ ſagte Benjamin, und nahm eine Laterne von der Wand.„Oeffnet die Thüre, während ich dieſes Licht anzünde, Clemmy.“ Clemeney zog eilig die Riegel zurück, doch ſie bemerkte ihm, er bemühe ſich vergebens„er habe geträumt u. ſ. w. Britain antwortete ihr, dies ſei ziemlich wahrſcheinlich; nichts deſtoweniger ging er mit dem Schürhaen⸗ bewaffnet hinaus und leuchtete mit ſeiner Laterne in allen Richtungen umher. „Der Garten iſt ſo ruhig als ein Kirchhof und eben ſo geeignet für Erſcheinungen„ ſagte Clemency, welche ihm mit den Augen folgte. 180 Als ſie ſich aber in der Küche umwandte, ſtieß ſie vor Schrecken einen Schrei aus, denn ein leichter Schatten regte ſich vor ihren Augen. „Stille,“ ſagte Marion mit leiſer Stimme.„nicht wahr, Ihr habt mich ſtets geliebt?“ fügte ſie bebend bei. „Ich glaube wohl,“ erwiederte Clemency. „Ja, ich weiß es. Ich kann mich Euch anvertrauen. In dieſem Augenblick kann ich mich nur Euch anvertrauen.“ „Ich gehöre Ihnen von ganzem Herzen.“ „Es iſt dort,“ verſetzte Marion auf die Thüre deutend, „es iſt dort Jemand, den ich dieſe Nacht ſehen muß. Michael Warden.“ Erſtaunt und zitternd wandte ſich Clemency raſch um und erblickte eine düſtere Geſtalt auf der Thürſchwelle. „Noch nicht,“ ſagte Marion,„man würde Sie über⸗ raſchen. Verbergen Sie ſich irgendwo und erwarten Sie mich, in einigen Augenblicken komme ich zurück“ Michael Warden grüßte Marion mit der Hand und ent⸗ fernte ſich. „Geht nicht zu Bette,“ ſprach Marion haſtig zu Cle⸗ mency,„ſeit mehr als einer Stunde lauerte ich auf einen gün⸗ ſtigen Augenblick. Oh! verrathet mich nicht.“ Marion nahm die Hand von Clemencyh in ihre beiden Hände, preßte ſie an ihr Herz, und ging hinaus nach dieſem ſtummen Flehen, das viel ausdrucksvoller war, als die be⸗ redteſten Worte. Einen Augenblick nachher kehrte Britain in die Küche zurück. 18¹ „Alles iſt vollkommen ruhig,“ ſagte er.„Ich habe Niemand geſehen. Das heiße ich,“ fügte er, die Thüre ver⸗ rammelnd bei,„das heiße ich eine glühende Ah! was gibt es noch?“ Außer Stands, ihre Unruhe zu verbergen, ſaß Clemench auf einem Stuhle und zitterte an allen Gliedern. „Ihr fragt mich das,“ ſagte ſie,„nachdem Ihr mich mit Eurem Geräuſch, mit Eurer Laterne und mit allen Euren Ideen beinahe habt ſterben gemacht.“ „Ihr erſchreckt über wenig, Clemmy,“ verſetzte Herr Britain, vorſichtig ſeine Laterne auslöſchend, die er wieder an ihren Platz hängte,„was iſt Euch in den Kopf gekommen? Eine Idee, wie?“ Doch da ihm Clemency ungefähr wie gewöhnlich gute Nacht wünſchte und zu Bett zu gehen geneigt ſchien, ſo wünſchte ihr Herr Britain nach einigen Betrachtungen über die unerklärlichen Launen der Frauen ebenfalls gute Nacht, nahm ſeinen Leuchter und verließ die Küche mit nachläßigem Gange, um ſich ſchlafen zu legen. Als Alles ruhig war, kehrte Marion in die Küche zurück. „Oeffnet die Hausthüre,“ ſprach ſie zu Clemency„„und bleibt an meiner Seite während der Unterredung, die ich mit ihm haben werde.“ Trotz ihrer natürlichen Schüchternheit, legte Clemency in dieſem Augenblick den Beweis von einer Geiſtesgegenwart ab, deren Einfluß Marion nicht widerſtehen konnte. Sie zog die 182 Riegel der Thüre zurück, doch ehe ſie den Schlüſſel umdrehte, warf ſie unruhige Blicke auf das Mädchen. Weit entfernt, verwirrt und niedergeſchlagen zu erſcheinen, ſchaute Marion im ganzen Glanze ihrer Jugend und Schön⸗ heit Clemency mit einem ruhigen und reinen Auge an. In⸗ ſtinktmäßig dachte Clemency, das glückliche Haus wäre mit dem Verluſte ſeines theuerſten Schatzes bedroht, und dieſer Gedanke erfüllte ihr Herz dergeſtalt mit Angſt und Mitleid, daß ſie ſich Marion um den Hals warf und in Thränen zerfloß. „Was ich weiß, iſt ſehr wenig, meine liebe Marion, ſehr wenig; doch ich weiß, daß Sie übel thun. Bedenken Sie „Ich habe bedacht,“ erwiederte Marion. „Bedenken Sie abermals,“ bat Clemench,„nur bis morgen.“ Marion antwortete durch eine verneinende Kopfbe⸗ wegung. „Im Namen von Herrn Alfred,“ flehte Clemency;„im Namen von demjenigen, welchen Sie ſo ſehr geliebt haben?“ „Laßt mich hinäus,“ ſagte Marion mit ſchmeichelndem Tone. „Soll ich für Sie mit ihm ſprechen?.. Ucberſchreiten Sie nicht die Schwelle in dieſer Nacht. ich bin ſicher, daß dies Ihnen Unglück bringen würde denken Sie an Ihren Vater.. an Ihre Schweſter.“ „Glaubt mir, ich habe an ſie gedacht,“ verſetzte Marion, „Ihr begreift nicht, was ich thue. Ich muß mit ihm ſpre⸗ chen. Ich danke Euch aus dem Grunde meines Herzens für 183 Gure ſo rührenden Ermahnungen und ſehe wohl, daß ich eine aufrichtige Freundin an Euch habe; doch ich muß mein Vor⸗ haben ausführen. Wollt Ihr mit mir kommen, Clemency, oder muß ich allein gehen?“ Schmerzlich entmuthigt, drehte Clemench den Schlüſſel und öffnete die Thüre. Marion ging, Clemency an der Hand haltend, in der düſteren, zweifelhaften Nacht mit raſchem, ſicherem Schritte hinaus. Er kam auf ſie zu und ſie ſprachen lange eifrig mit einander. Und Clemency fühlte die Hand, welche ſie in der ihrigen hielt, abwechſelnd zittern, kalt und heiß werden. Als die Unterredung beendigt war, ſchlugen ſie wieder den Weg nach dem Hauſe ein. Er folgte ihnen bis zur chüre, nahm hier nach einer kurzen Pauſe die andere Hand von Marion, drückte ſie an ſeine Lippen und verſchwand. Die Thüre wurde abermals geſchloſſen. Marion befand ſich wieder unter dem väterlichen Dache, und trotz des Geheimniſſes, das ſie dahin mitbrachte, trotz ihrer Jugend hatte ſie ihr Muth nicht verlaſſen. Nur ſtrahlte der Ausdruck, für den ich bei einem vorhergehenden Falle keinen Namen gefunden, auf ihrem Antlitz, unerachtet der Thränen, von denen es übergoſſen war. Sie dankte abermals ihrer demüthigen Freundin, und nachdem ſie ihr wiederholt hatte, daß ſie alles Vertrauen in ſie ſetze, kehrte ſie in ihr Zimmer zurück. Dann fiel ſie auf die Kniee und betete trotz des Geheimniſſes, das auf ihrem Herzen laſtete. Als ihr Gebet vollendet war, trat ſie ruhig und heiter 184 zu dem Lager, wo ihre geliebte Schweſter ruhte, und neigte ſich, um ihr ſanftes Antlitz zu beſchauen und ihm zuzulächeln. aller⸗ dings traurig, und während ſie Grace auf die Stirne küßte, Worte der Zärtlichkeit und des Dankes für die mütterliche Liebe flüſternd, die ihr dieſe Schweſter ſeit ihrer Kindheit bewieſen. Nachdem ſie ſich ſodann neben ihre Schweſter niedergelegt hatte, nahm ſie ihren Arm, um ihn um ihren Hals zu ſchlingen, und der gehorſame Arm ſchien aus eigener Bewe⸗ gung zärtlich und beſchützend, ſelbſt während des Schlummers, an dieſem Platze zu bleiben. Dann hauchte ſie auf die halbgeöffneten Lippen ihrer Beſchützerin die Worte:„Mein Gott! ſegne ſie!“ Nun verſank ſie ebenfalls in einen friedlichen Schlaf, der nur einmal durch einen Traum geſtört wurde, in welchem ſie mit ihrer rührenden, reinen Stimme ausrief, ſie wäre allein auf dieſer Welt und Alle hätten ſie vergeſſen. Ein Monat geht ſchnell vorüber, ſelbſt bei ſeinem lang⸗ ſamſten Gange. Der Monat, der dieſe Nacht von dem für die Rückkehr beſtimmten Tage trennte, hatte einen leichten Fuß und wanderte raſch.— Der Tag erſchien. Ein abſcheulicher Wintertag, an wel⸗ chem das alte Haus unter dem heftigen Sturmwinde zitterte. Einer von den Tagen, welche den heimiſchen Herd doppelt theuer machen und neue Genüſſe an die Ecke des Kamins bringen. Einer von jenen Tagen, wo man die geſchloſſenen Vorhänge, die freudigen Blicke, die Mufik, das Gelächter, den Tanz, das Licht und alle Vergnügungen des Lebens liebt. 185 Der Doctor hatte Alles herbeigeſchafft, um die Rückkehr von Alfred zu feiern. Man wußte, daß er nicht vor Abend kommen würde, und es ſollte die Melodie der Nacht bei ſeiner Annäherung ertönen. Er hatte alle ſeine Freunde eingeladen, um ſich zu ſeinem Willkomm zu verſammeln. Alfred ſollte nicht vergebens ein geliebtes Geſicht ſuchen. Die Freunde waren alſo feierlich eingeladen, die Muſi⸗ kanten beſtellt; die Tafeln waren gedeckt und alle Schätze der Gaftfreundſchaft zur Schau geſtellt. Denn es war Weihnachtsabend und die Augen von Al⸗ fred waren nicht mehr gewöhnt an die engliſche Stechpalme und an ihr grünes Laubwerk, aus dem man Gewinde zur Ausſchmückung des Ballſaales gemacht hatte. Das war ein arbeitſamer Tag für alle Leute des Hauſes und beſonders für Grace, welche ohne Haſt, ohne Ungeſtüm Alles leitete und allen Vorbereitungen Leben gab. Mehr als einmal während dieſes Abends, wie ſie es mehr als einmal während des entflohenen Monats gethan hatte, warf Clemency auf Marion Blicke voll Angſt und beinahe voll Schrecken. Sie ſah ſie bleich, vielleicht mehr als gewöhnlich, doch ihr Antlitz athmete eine Ruhe, welche ſie reizender erſcheinen ließ, als ſie je geweſen. Gegen Abend, nachdem ſie ihre Balltoilette angezogen und Grace auf ihr Haupt eine Guirlande geflochten aus Lieb⸗ lingsblumen von Alfred, wie ſich Grace derſelben bei ihrer Wahl erinnerte, geſetzt hatte, nahm ihre Phhſiognomie einen nachdenkenden, beinahe ſchwermüthigen Ausdruck an, der ſie noch ſchöner machte. 186 „Der erſte Kranz, den ich um dieſen reizenden Kopf ſchlinge, wird ein Brautkranz ſein, oder ich bin eine falſche Prophetin,“ ſagte Grace. Die Schweſter lächelte und ſchloß ſie in ihre Arme. „Warte, Grace, verlaſſe mich noch nicht. Biſt Du ſicher, daß ich nichts mehr brauche?“ „Meine Kunſt vermöchte nicht weiter zu gehen, theures Mädchen,“ verſetzte Grace,„und Deine Schönheit ebenſo wenig. Ich habe Dich nie ſchöner geſehen.“ „Ich bin nie glücklicher geweſen,“ erwiederte Marion. „Es iſt Dir jedoch noch ein größeres Glück vorbehalten. Alfred und ſeine junge Frau,“ ſprach Grace,„werden an einem andern nicht minder freudigen Orte wohnen, als es dieſer gegenwärtig iſt.“ Marion lächelte abermals. „Nicht wahr, dieſe zukünftige Wohnſtüt⸗ wird glücklich ſein?“ fügte Grace bei,„ich leſe in Deinen Augen, daß Du dies denkſt. Ja, Theure, ſie wird gluͤcklich ſein, ich weiß es, ich bin deſſen ſicher.“ „Nun!“ rief der Doctor, heiter eintenb,„wir ſind Alle bertit um Alfred zu empfangen, wie! Er kann nur ſehr ſpät am Abend kommen, ungefähr eine Stunde vor Mitter⸗ nacht; wir haben alſo Zeit, uns auf die Freude vorzubereiten. Lege Holz zum Feuer, Britain; die Flamme des Herdes ſtrahle auf dem Blätterwerk. Dieſe Welt iſt ein Unſinn, Marion; die Liebhaber und Alls, was daraus folgt, Unſinn; doch wir werden es machen wie die Welt, wir werden unſerem aufrich⸗ tigen Liebhaber einen ausſchweifenden Empfang bereiten.. 187 Bei meinem Worte!“ fügte der alte Doctor bei, indem er ſeine Töchter voll Stolz anſchaute,„unter allen anderen Al⸗ bernheiten habe ich beinahe dieſen Abend die Albernheit, daß ich mich für den Vater von zwei reizenden Töchtern halte.“ „Wenn Ihnen eine derſelben Kummer verurſacht hat, wenn ſie Ihnen.. eines Tags.. abermals verurſachen muß, ſo verzeihen Sie ihr,“ ſprach Marion.„ſagen Sie, daß Sie ihr verzeihen... Sagen Sie ihr, daß Sie ſie ſtets lieben werden, und 4 Sie vollendete nicht und verbarg ihr Geſicht an der Bruſt des Greiſes. „Tü, tü, tü,“ machte der Doctor mit liebkoſendem Tone. „Verzeihen! was kann ich Dir zu verzeihen haben? Stille, mein Kind, Du biſt eine kleine Närrin; umarme mich und verbanne alle dieſe häßlichen Gedanken... Man mache ein gutes Feuer, und Jedermann ſoll warm haben und luſtig ſein, ſonſt ärgere ich mich.“ Man häufte Scheiter auf Scheiter, man vermehrte die Lichter, und allmälig füllte ſich das Haus des Doctors mit Gäſten, mit Geräuſch und Fröhlichkeit. Die Augen von Marion ſchimmerten im lebhafteſten Glanze, und Jedermann wünſchte ihr Glück zur Rückkehr ihres Bräutigams. Die jungen Mädchen beneideten ſie, die jungen Männer fanden den erwarteten Liebhaber ſehr glücklich. Herr und Miſtreß Craggs kamen mit einander, doch Miſtreß Snitchey kam allein.* „Und Ihr Gatte?“ fragte der Doctor. Bei dieſer Frage bewegte ſich die Paradiesvogelfeder, 188 welche den Turban von Miſtreß Snitchey ſchmückte, als ob der Vogel ſelbſt lebendig wäre, und Miſtreß Snitchey antwortete, Herr Craggs wüßte ohne Zweifel, warum Herr Snitchey nicht gekommen wäre. „Die abſcheuliche Schreibſtube,“ ſagte Miſtreß Eraggs. „Ich möchte ſie brennen ſehen,“ verſetzte Miſtreß Snitchey. „Mein Aſſocie iſt durch ein kleines Geſchäft zurück⸗ gehalten worden,“ ſagte Herr Craggs, unruhige Blicke umher⸗ werfend. „Ja natürlich,“ rief Miſtreß Snitchey mit ironi⸗ ſchem Tone. „Wir wiſſen, was ſie unter Geſchäften verſtehen,“ fügte Miſtreß Craggs bei. Aber gerade vielleicht, weil ſie nichts wußten, geſchah es, daß ſich der Paradiesvogel von Miſtreß Snitchey ſo bedrohlich bewegte, und daß die Ohrgehänge von Miſtreß Craggs wie Glockchen erklangen. „Ich bin erſtaunt, daß Sie es nicht gemacht haben, wie Herr Snitchey,“ ſagte ſeine Frau zu ihm. „Ich begreife nicht, wie man ſich mit ſolchen Beſchäfti⸗ gungen verheirathen kann,“ verſetzte Miſtreß Snitchey und fügte dann in ihrem Innern bei, ihre Blicke haben die Seele von Craggs in Unruhe verſetzt, während Miſtreß Craggs ihrem Gatten verſicherte, ſein Aſſocie benütze ſeine Zeit, um ihn zu betrügen, und früher oder ſpäter werde er einen Verrath ent⸗ decken. Obgleich unempfindlich gegen dieſe Vorſtellungen, ſchien doch Herr Craggs ſehr unruhig, und er gewann ſeine Ruhe 189 erſt wieder, als er Grace erblickte, die er zu begrüßen ſich beeilte. „Sie ſind dieſen Abend reizend, Miß,“ ſagte er, auf ſie zugehend,„wie befindet ſich Ihre Schweſter, Miß Marion?“ „Vortrefflich, Herr Craggs.“ „Und wo iſt ſie denn?“ „Wie! ſehen Sie ſie nicht, dort unten? Sie ſchickt ſich eben an, zu tanzen.“ Herr Craggs ſetzte ſeine Brille auf, ſchaute einige Augen⸗ blicke in der angegebenen Richtung, huſtete, ſteckte ſodann mit zufriedener Miene die Brille in ihr Futteral, und das Futteral in ſeine Taſche. In dieſem Augenblick ließ ſich die Muſik hören, und der Tanz begann. Das glänzende Feuer kniſterte, ſetzte ſich in Bewegung, als ob es hätte ebenfalls tanzen wollen. Zuweilen trällerte es, gleichſam um ſich mit dem Orcheſter zu verbin⸗ den; zuweilen flammte, ſtrahlte es: man hätte glauben ſollen, es wäre das Auge des alten Gemaches; und zuweilen warf es, gleich einem klugen Patriarchen, ſchiefe Blicke auf die ganz leiſe in den Ecken plaudernden Gruppen. Am Ende des Contretanzes ſah Herr Craggs ſeinen Afſocié kommen und bebte, als ob er ein Geſpenſt erblickt hätte. „Iſt er abgereiſt?“ fragte er, indem er ihm haſtig ent⸗ gegenging. „St! er iſt mehr als drei Stunden bei mir geblieben,“ antwortete Snitchey.„Er hat äußerſt genau und in allen Ein⸗ zelnheiten alle Anordnungen unterſucht, die wir für ihn ge⸗ troffen. Er„ſtlle!“ 190 Snitchey unterbrach ſich, als er Marion an ſich vorüber⸗ kommen ſah; doch ohne den beiden Aſſocie irgend eine Auf⸗ merkſamkeit zu ſchenken, wandte ſie die Augen nach der Seite, wo ihre Schweſter ſich befand, und verlor ſich in der Menge. „Sie ſehen, Alles geht auf das Beſte,“ ſagte Herr Craggs. „Ich denke, er iſt nicht auf dieſen Gegenſtand zurückge⸗ kommen?“ „Keines Wegs.“ „Er iſt wirklich abgereiſt?“ „Er wird Wort halten; in dieſem Augenblick muß er ſich auf den Weg begeben. Ich meinerſeits bin entzückt, daß dieſe Angelegenheit beendigt iſt.“ Herr Snitchey trocknete ſich die Stirne. „Was denken Sie von 4 „Stille!“ ſagte Snitchey, ſeinen Aſſocié unterbrechend und gerade vor ſich hinſchauend.„Ich verſtehe Sie. Wir wollen nicht das Anſehen haben, als theilten wir uns Geheimniſſe mit. Beſonders keine Eigennamen. Ich weiß nicht, was ich denken ſoll, und beklümmere mich, offenherzig geſprochen, nur wenig um dieſe Angelegenheit. Ich bin um eine große Laſt erleichtert. Seine Eitelkeit wird ihn, glaube ich, getäuſcht haben. Vielleicht war die junge Perſon ein wenig gefallſüchtig. Das läßt mich wenigſtens der Anſchein vermuthen... Alfred iſt noch nicht angekommen?“ „Noch nicht,“ antwortete Herr Craggs,„doch man r⸗ wartet ihn jeden Augenblick.“. „Gut,“ verſetzte Herr Snitchey, der ſich abermals die Stirne 191 abwiſchte.„Ich bin unruhig ausgegangen, und gedenke nun den Abend angenehm zuzubringen, Herr Craggs.“ Kaum war dieſer Satz vollendet, als Miſtreß Craggs und Miſtreß Snitchey ſich ihnen näherten. Der Paradiesvogel fand ſich in einem Zuſtande äußerſter Aufregung, und die Gloͤckchen klangen geräuſchvoll. „Ihr Benehmen hat den Gegenſtand aller Geſpräche ge⸗ bildet, Herr Snitchey,“ ſagte Miſtreß Snitchey.„Die Schreib⸗ ſtube iſt hoffentlich zufrieden?“ „Zufrieden, worüber, meine Liebe?“ fragte Herr Snitchey. „Daß ſie eine harmloſe Frau den Bemerkungen und der Lächerlichkeit preisgegeben hat. Das gehört, wenn ich mich nicht täuſche, zu den Attributen der Schreibſtube.“ „Ich, was mich betrifft,“ ſagte Miſtreß Craggs,„ich bin ſeit langer Zeit daran gewöhnt, die Schreibſtube in offenbarer Oppoſition gegen die häuslichen Dinge zu ſehen, und fühle mich entzückt, zu erfahren, daß ſie der erklärte Feind meiner Ruhe iſt.“ „Nein,“ entgegnete Miſtreß Craggs, indem ſie ein wah⸗ res Glockenſpiel mit ihrem Ohrgehänge machte,„nein, ſie haben es nie zugeſtanden. Nein, ſie wären der Schreibſtube nicht würdig, wenn ſie die Unſchuld beſäßen, ein ſolches Ge⸗ ſtändniß zu thun.“ „Was meine Abweſenheit während eines Theils dieſes Abends betrifft,“ ſagte Herr Snitchey, indem er Miſtreß Craggs ſeinen Arm bot,„ſo war die Entbehrung ſicherlich auf meiner Seite; doch Herr Craggs weiß wohl 192 Miſtreß Snitchey ſchnitt dieſe Erklärung kurz ab, nahm den Arm ihres Gatten und zog ihn bei Seite. „Schauen Sie dieſen Menſchen an,“ ſagte ſie zu ihm.. „machen Sie mir das Vergnügen, ihn anzuſchauen.“ „Was für einen Menſchen, meine Liebe?“ „Ihren Aſſocic, den Mann Ihrer Wahl.“ „Nun!“ verſetzte Herr Snitchey, und warf ſeine Blicke auf Herrn Craggs. „Nun!“ ſprach Miſtreß Snitchey,„wenn Sie heute Abend dieſem Menſchen in das Geſicht ſchauen können, ohne ſich zu ſagen, daß Sie von ihm getäuſcht, hintergangen ſind, daß Sie unter der Herrſchaft eines von ihm ausgeübten, uner⸗ klärlichen Blendwerks von ihm bethört werden, trotz aller mei⸗ ner Warnungen, wenn Sie dieſe Wahrheit nicht anerkennen, ſo kann ich Ihnen nur noch ſagen, daß Sie mein Mitleid erregen.“ In demſelben Augenblick fragte Miſtreß Craggs ihren Gemahl, wie er unfinnig, einfältig, leichtgläubig genug ſein konne, die Ränke und Fallen von Snitchey nicht zu errathen, wie er nicht begreifer daß die Abweſenheit von dieſem während des erſten Theils des Abends die Anzeige eines offenbaren Verrathes ſei. Weder Snitchey noch Craggs verſuchten es, gegen den Strom zu kämpfen, Beide begnügten ſich damit, daß ſie ſich fortreißen ließen, bis die Heftigkeit des Sturms abnahm. Dies ließ indeſſen nicht lang auf ſich warten, denn ſobald man das Vorſpiel des Contretanzes vernahm, bot ſich Herr Snitchey 193 Miſtreß Craggs als Cavalier an, während Herr Craggs artig ſeine Hand Miſtreß Snitchey reichte. Die zwei Damen nahmen es mit reizendem Lächeln an. Es verging kein Tag, wo ſich nicht ähnliche Scenen zwiſchen den beiden Ehen wiederholten, welche übrigens in den freund⸗ lichſten, vertraulichſten Beziehungen zu einander lebten; doch die Frau des treulo ſen Craggs und die des betrügeriſchen Snitchey hätten ihre reſpectiven Intereſſen furchtbar gefährdet geglaubt, wären ſie nicht bemüht geweſen, durch unabläßig wiederholte Warnungen und Rathſchläge ihre Gatten auf⸗ zureizen. Der Paradiesvogel machte ſich indeſſen durch ſeine un⸗ geregelte Bewegung bemerkbar, und die Glocken klangen auf das Schönſte, indeß ſich Herr Craggs athemlos fragte, ob der Tanz, ſo wie das Geſetz, wirklich etwas zu Leichtes wäre. Der Doctor ließ ſein freudiges Geſicht von Gruppe zu Gruppe marſchiren, er verjüngte und vervielfältigte ſich, um würdig die Honneurs ſeines Hauſes zu machen. Nichtsdeſto⸗ weniger war er ungeduldig, Alfred ankommen zu ſehen, und zum zwanzigſten Male fragte er Britain: „Nun! haſt Du noch nichts geſehen, nichts gehört?“ „Zu dunkel, um in die Ferne zu ſchauen, Herr. Zu viel Geräuſch hier, um zu hören,“ antwortete Britain. „Das muß ſo ſein ſeine Rückkehr wird nur um ſo beſſer gefeiert werden. Wie viel Uhr iſt es, Britain?“ „Gerade Mitternacht, Herr, er muß bald kommen, Hert.“ „Der liebe Junge! vielleicht ſieht er ſchon die Lichter des Hauſes.“ Der Erzähler. 1847. l. 13 194 Alfred ſah ſie in der That, denn ſein Wagen wandte ſich in dieſem Augenblick um die alte Kirche. Er erblickte die Zweige der Bäume, welche ſich von den funkelnden Schei⸗ ben abhoben. Er erinnerte ſich, daß einer von dieſen Bäumen an Sommertagen harmoniſch unter dem Fenſter des Zimmers von Marion bebte. Seine Augen befeuchteten ſich mit Thränen. Sein Herz ſchlug ſo gewaltig, daß er ſein Glück zu ertragen Mühe hatte. Wie oft hatte er an dieſe Stunde, an alle Freuden dieſer Stunde gedacht, und wie oft hatte er befürchtet ſie würde nie kommen! Er ſieht jedoch die Lichter des Hauſes immer deutlicher. Er ſtreckt die Hände aus, er bewegt ſeinen Hut in der Luft, als ob dieſe Lichter ſeine Freunde ſelbſt wären„ als ob dieſe Freunde ihn ſehen könnten. Er ruft, als ob ſie ihn hören könnten! Endlich gelangt der Wagen zur Gartenmauer, und nach⸗ dem er dem Poſtillon zu halten befohlen, ſpringt er zu Bo⸗ den, erklettert die Mauer und befindet ſich in dem alten Obſtgarten.- Gefrorner Schnee bedeckte in dicken Lagen die Bäume und hing in traurigen Guirlanden von den Zweigen herab, welche bei dem bleichen Schimmer des Mondes ſichtbar wur⸗ den. Die dürren Blätter rauſchten unter den Tritten von Alfred, als er ſich langſam dem Hauſe näherte. Die Troſt⸗ loſigkeit einer Winternacht bedeckte die Erde und den Himmel, doch das rothe Licht der Fenſter drang freudig bis zu ihm. Geſtalten gingen hin uud her; das Gemurmel der Stimmen 195 traf an ſein Ohr und er glaubte ſchon die Stimme der Viel⸗ geliebten zu unterſcheiden. Er berührte die Thürſchwelle, als eine Frau ungeſtüm heraustrat; doch bei dem Anblick von Alfred wich ſie, einen Schrei ausſtoßend, zurück. „Clemency, erkennt Ihr mich nicht!“ „Treten Sie nicht ein,“ erwiederte ſie, Alfred zurück⸗ ſtoßend.„Fliehen Sie, fragen Sie mich nicht warum. Tre⸗ ten Sie nicht ein.“ „Was geht denn vor?“ „Ich weiß es nicht ich habe bange, daran zu den⸗ ken. Gehen Sie.“ In dieſem Augenblick entſtand ein gewaltiges Geräuſch im Hauſe. Ein durchdringender Schrei erſcholl, und Grace ſtürzte außer ſich und mit verſtörten Zügen nach der Thüre. „Grace, mein Gott, was geht denn vor?“ rief Alfred und faßte Grace bei ihren Armen; als ſie ihn aber erkannte, machte ſie ſich von ihm los und fiel ſterbend zu ſeinen Füßen nieder. Alsbald kam eine verworrene Menge aus dem Hauſe und Alfred erblickte unter dieſer Menge den Doctor, der, ein Papier in der Hand haltend, herbeilief. „Mein Gott! was geht denn vor?“ rief Alfred, der, neben dem ohnmächtigen Mädchen knieend, in den Geſichtern zu leſen ſuchte.„Will mich denn Niemand ſehen?“ fügte er in einem Kampfe der Verzweiflung bei.„Will denn Niemand mit mir ſprechen und mich erkennen? Iſt denn Niemand unter Euch, der mir ſagen will, was vorgeht?“ Die Menge murmelte:„Sie iſt fort von hier!“ 196 „Fort von hier!“ wiederholte er. „Sie iſt entflohen, Alfred,“ ſprach der Doctor mit ge⸗ brochener Stimme, indem er ſein Geſicht in ſeinen Händen verbarg.„Sie hat das väterliche Haus geflohen! ſie hat uns verlaſſen! in dieſer Nacht! ſie hat geſchrieben, um unſere Ver⸗ zeihung anzuflehen; ſie iſt fort!“ „Mit wem? wohin?“ rief Alfred, und ſtürzte vor, als wollte er Marion verfolgen. Da er aber die Menge vor ſich zurückweichen ſah, ließ er irre Blicke auf ihr umherlaufen, wankte, ſank zn Grare niecder, und nahm in ſeine Hände eine von den eiſigen Händen des Mädchens. Auf dieſe Scene folgten Lärmen und Verwirrung. Die Einen liefen da hinaus, die Andern dort hinaus. Die Einen ſtiegen zu Pferde, die Andern brachten Lichter, aber Niemand wußte, was zu thun war, denn die Flüchtige hatte keine Spur zurückgelaſſen. Einige Freunde näherten ſich Alfred, um ihm Tröſtungen anzubieten, und wollten Grace in das Haus tragen; doch er verhinderte ſie daran. Er blieb in derſelben Stellung, ohne auf ſie zu hören. Der Schnee fiel⸗dicht und ſchlagend. Einen Augenblick ſah er empor und dachte, dieſe weiße Aſche, welche ſich über ſeinen Hoffnungen und ſeinem Unglück ausbreitete, ſei ganz entſprechend. Er ſchaute die Erde an, welche mit einem weißen Tuche bedeckt war, und ſagte ſich, an Marion denkend, die Spur ihrer Tritte werde bald verwiſcht ſein und ihr Anden⸗ ken werde ſich ebenfalls verwiſchen. Doch er fühlte die Angriffe der Kälte nicht und verharrte in ſeiner unbeweglichen Stellung. 197 3. Die Welt war ſeit der Nacht der Rückkehr um ſechs Jahre älter geworden. An einem warmen Herbſtnachmittag hatte reichlicher Regen die Erde benetzt. Plötzlich zerriß die Sonne die Wolken und beleuchtete das alte Schlachtfeld, das ihre freudigen Strahlen auf den benachbarten Abhängen zurück⸗ warf, einem großen Leuchtthurme ähnlich, dem zahlloſe Statio⸗ nen antworten. Welch ein ſchöͤnes Schauſpiel bot die Landſchaft, als ſie ſich ſo unter dem vorübergehenden Blicke des himmliſchen Geſtirnes beleuchtete, das alle Dinge glänzen macht! Der Wald, kurz zuvor nach ſeinem Ausſehen nach eine düſtere Maſſe, zeigte ſeine ſo wechſelreichen Nuancen und die launenhaften For⸗ men der Bäume mit ihrem Blätterwerk, beladen von unzäh⸗ ligen, im Falle funkelnden Regentropfen. Der grüne Wies⸗ grund war übergoſſen von Licht. Man hätte glauben ſollen, er wäre eine Minute vorher blind geweſen und habe ſo eben erſt den Geſichtsſinn erhalten, um den ſtrahlenden Himmel zu betrachten. Die Getreidefelder, die Gebüſche, die Dächer der Häuſer, der Glockenthurm der Kirche, der Bach, die Waſſer⸗ mühle traten lächelnd aus der traurigen Finſterniß hervor. Die Vögel ſangen ihre ſüßen Lieder, die Blumen ethoben ihre hängenden Köpfe; friſche Wohlgerüche entſtiegen der verjüng⸗ ten Erde. Der blaue Himmel dehnte ſich in der Ferne aus⸗ Schon durchdrangen wie mit tödtlichem Geſchoß die ſchiefen 198 Sonnenſtrahlen den düſteren, zu langſam fliehenden Wolkenzug, und ein Regenbogen, der Geiſt aller den Himmel und die Erde ſchmückenden Farben, trat triumphirend hervor. Am Ende des benachbarten Dorfes bot ein kleines Gaſt⸗ haus, behaglich überſchattet von einer großen Ulme„ die man mit einer für die Müßigen zu ſchmalen Kreisbank geſchmückt hatte, dem Reiſenden ſeine friſche Fagade und verſprach ihm ganz leiſe einen freundlichen Willkomm. Das bäuriſche mit ſeinen in der Sonne glänzenden, goldenen Buchſtaben, mitten im Baume niſtende Schild belauerte den Vorübergehenden durch das Blätterwerk und lockte ihn durch ſeinen verführeri⸗ ſchen Anblick. Der mit friſchem, durchſichtigen Waſſer gefüllte Trog und das duftende, zerſtreut auf dem Boden umherliegende Heu machten, daß jedes Pferd, welches an der Herberge vorüberkam, die Ohren ſpitzte. Die rothen Vorhänge des Erdgeſchoßes und die ganz weißen Vorhänge der Zimmer darüber ſchienen, ſo oft der Wind wehte, zu ſagen: Tretet ein! Auf den grünen Läden las man goldene Legenden über Bier, Ale, edle Weine und gute Betten; man ſah darauf ferner das rührende Gemälde eines braunen, mit Moos be⸗ kränzten Kruges. Die Fenſter waren geſchmückt mit Blumen in hochrothen Töpfen, welche ſich heiter von der weißen Fa⸗ gade abhoben. Auf der Thürſchwelle erblickte man das ehr⸗ liche Geſicht des Wirthes, der hier mit den Händen in den Taſchen ſtand und die Beine hinreichend ſpreizte, um eine vollkommene Sicherheit in Beziehung auf die Mittel des Hau⸗ ſes darzuthun. 199 Die kleine Herberge hatte bei ihrem Urſprung ein ſelt⸗ ſames Aushängeſchild angenommen: ſie hieß das Muskat⸗ reibeiſen. Darunter war mit goldenen Charakteren der Name Benjamin Britain angeſchrieben. Wenn man das Geſicht des Wirthes, der hier auf ſei⸗ ner Thürſchwelle ſtand, von Nahem betrachtet hätte, ſo würde man ohne Mühe den durch die Zeit gehörig veränderten, aber zu ſeinem Vortheil veränderten Benjamin Britain erkannt ha⸗ ben. Es war in der That ein ſtattlicher Wirth. „Miſtreß Britain bleibt lange aus,“ ſagte Herr Britain, zu ſich ſelbſt:„es iſt die Stunde, den Thee zu nehmen.“ In Erwartung von Miſtreß Britain, ſpazierte er vor ſeinem Hauſe auf und ab, auf das er von Zeit zu Zeit einen Blick der Zufriedenheit warf. „Das iſt das Haus, in welchem ich beſonders gern ein⸗ kehren würde, wenn ich nicht der Eigenthümer davon wäre,“ ſagte Benjamin zu ſich ſelbſt. Dann ſchritt er auf den Gartenzaun zu und betrachtete ſeine Dahlien, die der Regen ermüdet hatte. „Man nuß ſich mit euch beſchäftigen,“ ſagte Benjamin; vich werde mit meiner Frau darüber ſprechen, doch ſie kommt ſehr lange nicht.“ Die Frau von Herrn Britain war ſo ſehr ſeine Hälfte, daß während ihrer Abweſenheit die andere Hälfte von ihm ſelbſt völlig niedergeſchlagen und entmuthigt blieb. „Sie hatte doch nichts Bedeutendes zu thun,“ ſagte Britain zu ſich ſelbſt.„Einige Einkäufe zu machen und ſonſt nichts. Ah! endlich kommt ſie.“ 200 Ein Charabanc, geführt von einem jungen Burſchen, er⸗ ſchien an der Wendung des Weges. Auf dem Vorderſitze ſaß eine dicke Frau, umgeben von Körben und Päcken aller Art. Ihr gutes, freudiges Geſicht drückte Zufriedenheit aus und ſchaukelte ſich nach dem Willen der Stöße des Wagens hin und her. Als das Gefährt vor der Thüre des Muskat⸗ reibeiſens angehalten hatte, ſtieg ein Paar Schuhe von dem Fußtritte herab, ſchlüpfte leicht in die offenen Arme von Herrn Britain und fiel dann auf das Pflaſter mit einer Schwere, welche nur den Schuhen von Clemeney Newcome gehören konnte. Es waren in der That ihre Schuhe, in welchen ſie mit ihrem ehrlichen, behaglichen Geſichte erſchien. „Ihr kommt ſehr ſpät, Clemency,“ ſagte Herr Britain. „Ihr ſeht, Ben, ich hatte eine Menge Dinge zu thun,“ antwortete ſie und überwachte dabei mit ſcharfem Auge die Ueberſchaffung der Päcke und Körbe in das Haus.„Acht, neun, zehn... wo iſt der eilfte... ah! hier iſt er. Harry, führe das Pferd in den Stall und wenn es noch huſtet, laß es etwas Warmes trinken. Wie geht es den Kindern, Ben?“ „Gut geht es den kleinen Herzen, Clemency.“ „Theure Kleine!“ ſprach Miſtreß Britain, nahm ihre Haube ab und glättete ihre Haare mit beiden Händen.„Nun, mein Alter, Ihr umarmt mich nicht?“ Herr Britain umarmte ſeine Frau. „Ich glaube,“ ſprach Miſtreß Britain, während ſie in ihren Taſchen ſuchte und aus dieſen eine ungeheure Menge 201 kleiner Bücher und zerknitterter Papiere zog,„ich glaube nichts vergeſſen zu haben. Alle Noten find bezahlt... die Steck⸗ rüben verkauft... die Rechnung des Bierbrauers iſt geord⸗ net.. Doch was die Rechnung des Doctor Heathfield betrifft... errathet, was geſchehen iſt„. der Doctor wollte nichts an⸗ nehmen, Ben.“ „Darüber wundere ich mich nicht.“ „Er ſagt, wenn Ihr auch eines Tags zwanzig Kinder hättet, er würde für ſie ſorgen, ohne daß es Euch einen Penny koſtete,“ ſprach Clemency. Die Phyſiognomie von Herrn Britain nahm einen ern⸗ ſten Ausdruck an und ſeine Augen hefteten ſich auf die Mauer. „Iſt das nicht großmüthig von ihm?“ ſagte Clemench. „Ja,“ erwiederte Herr Britain,„doch ich werde ſicher⸗ lich dieſe Großmuth nicht mißbrauchen.“ „Bei Gott, nein!“ verſetzte Clemency;„ah! ich vergaß ich habe den Pony um acht Pfund und zehn Schillinge verkauft. ſeid Ihr zufrieden damit?“ „Sehr zufrieden.“ „Wohl, ich bin auch zufrieden. hier, nehmt alle dieſe Papiere und verſchließt ſie... Ah! da iſt ein ganz neuer Zettel, den wir an die Mauer kleben ſollen.“ „Was für ein Zettel iſt das?“ „Ich weiß es nicht,“ antwortete Clemency,„ich habe kein Wort davon geleſen.“ „„Im Aufſtreich zu verkaufen,““ las der Wirth vom 202 Muskatreibeiſen,„„wenn ſich nicht ein Käufer vor der für den Verkauf feſtgeſetzten Friſt findet.““ „So ſchreiben ſie immer,“ ſprach Clemency. „Ja, aber ſie ſchreiben nicht immer das, was folgt,“ verſetzte Herr Britain, und las dann weiter:„„Haus und Zubehörde u. ſ. w. u. ſ. w. Die Herren Snitchey und Craggs u. ſ. w. u. ſ. w. Ein freier Theil des Eigenthums von Michael Warden, Esquire, welcher ſeinen Aufenthalt im Auslande zu verlängern beabſichtigt.““ „Seinen Aufenthalt im Ausland zu verlängern beabſich⸗ tigt,“ wiederholte Clemenchy. a „Wenn ich bedenke, daß ich heut erſt in dem alten Hauſe hörte, man würde bald Nachricht von Marion erhalten,“ ſagte Clemench, traurig ihren Kopf ſchüttelnd und ihre Ellen⸗ bogen ſtreichelnd, als ob die Erinnerung an die Vergangen⸗ heit ihrer unbewußt ihre ehemaligen Gewohnheiten wieder erweckt hätte.„Mein Gott! mein Gott! das Herz wird ihnen dort ſehr ſchwer werden, Ben!“ Herr Britain ließ einen gewaltigen Seufzer hören, ſchüt⸗ telte den Kopf und ſagte, er begreife nicht: ſeit langer Zeit hatte er auf jeden Verſuch zu begreifen Verzicht geleiſtet. Nach dieſer Bemerkung klebte er den Zettel an und Clemency ent⸗ fernte ſich, um nach den Kindern zu ſehen. Obgleich der Wirth zum Muskatreibeiſen eine leb⸗ hafte Zuneigung zu ſeiner vortrefflichen Frau hegte, ſo hatte doch dieſes Gefühl wie früher etwas Protectorartiges; Ele⸗ mency beluſtigte ihn ungemein. Er würde ſich ganz ſonder⸗ 203 bar gewundert haben, wenn es ſich Jemand hätte einfallen laſſen, ihm zu ſagen, ſeine Frau ſei es, die das ganze Haus im Gange erhalte, die durch ihre Beharrlichkeit, durch ihre gute Laune, durch ihre Ehrlichkeit und ihre Thätigkeit aus ihm, Benjamin Britain, gemacht, was er jetzt war. So be⸗ quem iſt es bei allen Lebenslagen, nur nach dem Werthe al⸗ lein, den ſie ſich beſcheiden zuſchreiben, dieſe treuherzigen Na⸗ turen zu ſchätzen, welche nie von ihren Verdienſten ſprechen, während wir die Ercentrieitäten gewiſſer Leute bewundern, die uns an Werth nicht gleichkommen und deren Geringfügigkeit wir fühlen würden, wenn wir uns die Mühe geben wollten, ſte von Nahem zu ſtudiren. Herr Britain bemerkte gern, er habe Clemency heirathend einen Beweis von Herablaſſung gegeben. Sie war in ſeinen Augen eine beſtändige Zeugſchaft ſeiner Herzensgüte und ſei⸗ nes edelmüthigen Charakters, und als er ſah, wie ſie eine ſo gute Gattin war, ſagte er ſich, die Tugend finde ſtets ihre Belohnung in ſich ſelbſt. Herr Britain hatte den Zettel vollends angeklebt und wartete, über dieſes Kapitel nachſinnend, bis Clemency den Thee auftragen würde. Sie kehrte bald zurück, nachdem ſie ſich verſichert hatte, daß die zwei kleinen Britain ruhig in der Remiſe, unter den Augen von Betſy, ihrer Wärterin, ſpiel⸗ ten. Dann ſetzten ſich Herr Britain und ſeine Frau zu Tiſche. „Das iſt heute das erſte Mal, daß ich mich behaglich ſetzen kann,“ ſagte Miſtreß Britain lang athmend, als ob ſie nichts am Abend ſthren ſollte, was ſie jedoch nicht abhielt, 204 einen Augenblick ſpäter wieder aufzuſtehen, um ihrem Mann Thee einzugießen und ihm Brodſchnitten mit Butter zu be⸗ ſtreichen. „Wie mich dieſer Anſchlagzettel an die alte Zeit erinnert!“ ſagte ſie ſeufzend. „Ah!“ machte Britain, indem er ſeine Unterſchale nahm, wie man eine Auſter nimmt, und den Inhalt nach demſelben Princip verſchluckte. „Dieſer Herr Michael Warden,“ fuhr Clemency fort, und ſchaute dabei mit einer Miene des Bedauerns den Zettel an,„er iſt Schuld, daß ich meinen Platz verloren habe.“ „Er iſt auch Schuld, daß Ihr einen Mann habt,“ ſagte Herr Britain. „Das iſt wahr, und ich danke ihm dafür,“ verſetzte Clemency. „Der Menſch iſt ein Gewohnheitsgeſchöpf,“ ſprach Herr Britain.„Ich hatte mich, ich weiß nicht wie, an Euch ge⸗ wöhnt, Clemmy, und fühlte, daß ich Eurer nicht entbehren konnte. Deshalb ſind wir Mann und Frau geworden. Ha! ha! ha! Wir! wer hätte das gedacht!“ „Ja, wer hätte das gedacht!“ rief Clemency.„Wie gut ſeid Ihr geweſen!“ „Bah!“ verſetzte Herr Britain mit beſcheidener Miene, „es iſt nicht der Mühe werth, davon zu ſprechen.“ „Oh! doch, Ben,“ erwiederte ſeine Frau mit großer Einfachheit,„ich verſichere Euch, daß ich voll Dankbarkeit daran denke. Ah!“ rief ſie, abermals den Zettel anſchauend; „liebe Marion! als ſie abgereiſt war und nicht mehr erreicht 205 werden konnte, mußte ich nothwendig ſagen, was ich wußte, in ihrem eigenen Intereſſe und im Intereſſe von Jedermann. Habe ich nicht wohl daran gethan, Ben?“ „Jedenfalls habt Ihr das.“ „Und der Doector Jeddler,“ fuhr Clemenecy fort, nachdem ſie ihre Theetaſſe auf den Tiſch geſtellt hatte,„der Doctor Jeddler jagte mich in ſeinem Zorn und in ſeinem Schmerz aus dem Hauſe. Wie glücklich bin ich, daß ich an jenem Tage nicht ein einziges Wort der Unzufriedenheit äußerte, und nicht ebenfalls gegen ihn in Zorn gerieth, denn er hat ſeit⸗ dem ſein Benehmen gegen mich oft bereut! Wie oft ſagte er mir hier in dieſem Zimmer, er bedaure, daß er ſo gehandelt habe. Noch geſtern wiederholte er es mir, indeß Ihr weg⸗ gegangen waret. Wie oft iſt er in dieſem Zimmer Stunden lang geblieben, um über Dinge mit mir zu ſprechen, die mich intereſſirten... Dies Alles in Erinnerung vergangener Tage und weil er wußte, daß ſie mich liebte.“ „Wie habt Ihr das Alles errathen?“ fragte Herr Bri⸗ tain erſtaunt, als er ſah, daß ſich ſeine Frau vollkommen Rechenſchaft von einer Wahrheit gab, die er erſt halb und halb im Helldunkel erblickte. „Verdammt! ich weiß es nicht,“ antwortete Clemenecy und blies auf ihren Thee, um ihn kalt zu machen.„Ich wäre ſehr in Verlegenheit, es Euch zu ſagen, wenn Ihr mir hundert Pfund Belohnung dafür bieten würdet.“ Herr Britain hätte vielleicht dieſen metaphhſiſchen Gegen⸗ ſtand verfolgt, wäre nicht gerade in dieſem Augenblick ein in Trauer gekleideter Gentleman erſchienen. Nach ſeinen beſporn⸗ 206 ten Stiefeln und ſeinem Mantel zu urtheilen, war der Fremde ſo eben erſt vom Pferde geſtiegen. Clemench ſtand ſogleich auf. Herr Britain ſtand ebenfalls auf und begrüßte ſeinen Gaſt.. „Wollen Sie die Güte haben, ſich die Treppe herauf zu bemühen, mein Herr. Wir werden Ihnen ein hübſches Zim⸗ mer geben,“ ſagte Clemench „Ich danke,“ antwortete der Fremde, indem er aufmerk⸗ ſam die Frau von Britain anſchaute.„Kann ich hier bleiben?“ „Gewiß, wenn es Ihnen Vergnügen macht, mein Herr,“ ſagte Clemency.„Wünſchen Sie etwas?“ Der Anſchlagzettel hatte die Blicke des Fremden ange⸗ zogen und er las denſelben. „Ein vortreffliches Gut, mein Herr,“ ſprach Herr Britain. Der Fremde antwortete nicht; als er aber zu Ende ge⸗ leſen hatte, wandte er ſich gegen Clemench um, ſchaute ſie mit neuer Aufmerkſamkeit an und ſagte: „Ich glaube, Ste haben mich etwas gefragt?“ „Ich fragte Sie, mein Herr, ob ich Ihnen mit etwas aufwarten könnte,“ antwortete Clemench und ſchaute ihn eben⸗ falls prüfend an. „Wenn Sie mir Ale hier auf dieſen Tiſch am Fenſter bringen wollten, ſo wäre ich Ihnen ſehr verbunden.“ Währen der Fremde ſo ſprach, ſetzte er ſich an den frag⸗ lichen Tiſch und ſchaute hinaus. Er war ein eleganter Ca⸗ valier im kräftigſten Alter. Sein durch die Sonne gebräuntes 207 Geſicht war überſchattet von dicken, ſchwarzen Haaren, und er trug einen Schnurrbart. Als man ihm das Ale gebracht hatte, füllte er ſein Glas„trank heiter auf die Wohlfahrt des Gaſthofes und fügte dann ſein Glas niederſetzend bei: „Iſt dieſes Haus neu?⸗ „Nicht ganz neu, mein Herr,“ ſagte Britain. „Es iſt vor etwa fünf bis ſechs Jahren gebaut worden,“ ſprach Clemency, ihre Worte ſtark betonend. „MWir ſcheint, Sie nannten den Namen des Doctor Jedd⸗ ler im Augenblick meines Eintritts,“ verſetzte der Fremde. „Dieſer Anſchlagzettel erinnert mich an ihn; ich habe meh⸗ rere Perſonen von ſeiner Familie ſprechen hören Lebt er noch?“ 3 „Ja, mein Herr,“ antwortete Clemency. „Hat er ſich ſehr verändert?“ „Seit welcher Zeit, mein Herr?“ verſetzte Clemench mit einem abſichtlichen Nachdruck. „Seit. der Flucht ſeiner Tochter.“ „Ja, er hat ſich ſeitdem ſehr verändert„ ſprach Cle⸗ mench;„aber obgleich er ſehr ſchwach geworden iſt, halte ich ihn doch gegenwärtig für glücklich. Er beſucht häufig ſeine ältere Tochter und das macht ihm Freude. In den erſten Zeiten war er ſehr niedergeſchlagen und es brach uns das Herz, wenn wir ihn ſo traurig in der Gegend umherirren ſahen. Doch nach Verlauf von zwei Jahren ſprach er von ſeiner Tochter mit Zärtlichkeit und nie wurde er müde, zu ſa⸗ gen, wie ſchön und gut ſie war. Er hatte ihr verziehen. 208 Dies geſchah zur Zeit der Verheirathung von Miß Grace. Erinnert Ihr Euch, Britain?“ Herr Britain machte ein bejahendes Zeichen. „Alſo iſt die andere Tochter des Doctors verheirathet?“ fragte der Fremde. Dann nach einer Pauſe:„Mit wem?“ Bei dieſer Frage wurde Clemency ſo bewegt, daß ſie bei⸗ nahe den Tiſch umgeworfen hätte. „Man hat es Ihnen nie geſagt?“ fragte ſie. „Nein; doch ich möchte es gern wiſſen,“ antwortete der Fremde, indem er abermals ſein Glas füllte und es an rie Lippen ſetzte. „Ah! da müßte man Ihnen eine lange Geſchichte erzäh⸗ len,“ ſprach Clemency mit einer träumeriſchen Miene „glauben Sie mir, eine lange Geſchichte.“ „Nun, ſo erzählen Sie mir dieſe Geſchichte mit ein paar Worten.“ „Was ſoll ich Ihnen ſagen, wenn nicht, daß wir mit einander ſie beweinten, wie man eine Todte beweint, und daß ſie mit Liebe von ihr ſprechen. Jedermann weiß das und ich beſſer als irgend Jemand,“ ſagte Clemench und trocknete ſich die Augen. „Und dann?“ „Und dann.. Herr Alfted heirathete endlich die Schweſter. Als er eines Tags mit Miß Grace im Obſtgarten ſpazieren ging, ſagte er zu ihr:„„Grace, ſoll unſere Hoch⸗ zeit am Geburtstage von Marion ſtatthaben?““ Und die Hochzeit wurde an dieſem Tage gefeiert.“ „Sind ſie glücklich?“ fragte der Fremde. 209 „So glücklich, als man nur immer ſein kann; ſie haben keinen andern Kummer, als den über den Verluſt von Marion.“ Clemench ſchlug die Augen auf, während ſie ſo ſprach, und ſchaute den Fremden an. Da dieſer in die Betrachtung äußerer Gegenſtände verſunken zu ſein ſchien, machte ſie ihrem Manne energiſche Zeichen, deutete auf den Zettel und be⸗ wegte die Lippen, als ob ſie ein ſehr bezeichnendes Wort aus⸗ ſprechen wollte. Inſofern aber dieſes Wort nicht ausgeſpro⸗ chen wurde und Clemench ihre außerordentliche Pantomine fortſetzte, begriff Herr Britain das Benehmen ſeiner Frau nicht und verfiel in einen Zuſtand unbeſchreiblicher Troſtloſigkeit. Er ſchaute abwechſelnd und mit verdutzter Miene den Tiſch, den Fremden, die Löffel und ſeine Frau an; dann folgte er mit wachſender Angſt den unbegreiflichen Geberden, welche ſie ohne Unterlaß machte, und erwiederte dieſelben durch andere, ſeine Verkegenheit und Beſtürzung ausdrückende Geberden. Des Krieges müde, verzichtete Clemency darauf, ſich be⸗ greiflich zu machen, näherte ihren Stuhl allmälig dem des Fremden, ſchaute ihn ſtarr an und wartete, daß er eine Frage an ſie richten würde. Sie hatte nicht lange zu warten. Er wandte ſich raſch gegen ſie um und fragte: „Was iſt aus der jungen Perſon geworden? Man weiß es vermuthlich?“ Clemench ſchüttelte den Kopf und ſprach: „Ich habe ſagen hören, der Doector Jeddler wiſſe mehr davon, als er erzähle. Miß Grace hat Briefe von ihr er⸗ halten, in welchen ſie ſich glücklich nannte, beſonders glücklich, Der Erzähler. 1847. 1. 14 210 ihre Schweſter mit Herrn Alfred verheirathet zu wiſſen. Doch es liegt in ihrem Leben und in ihren Abenteuern etwas, was bis jetzt noch nicht aufgeklärt worden iſt, und was. 4 „Und was..0 wiederholte der Fremde. „Und was, wie ich glaube, eine einzige Perſon aufzuklä⸗ ren vermöchte.“ „Wer iſt dieſe Perſon?“ fragte der Fremde. „Hert Michael Warden!“ rief Clemench, und ſchaute den Fremden feſt an. „Sie erkennen mich, mein Herr?“ fuhr Clemency zitternd vor Auftegung fort.„Sie erkennen mich! Sie erinnern ſich jener Nacht!.. ich war bei Miß Marion.“ „Ja, ich erkenne Sie.“ „Ich habe Sie wohl erkannt, ich.. Hier iſt mein Mann, Herr.... Ven, mein lieber Ben, lauft zuß Miß Grace!.. zu ihrem Vater!... wohin Ihr wollt, doch beeilt Euch, irgend Jemand hierher zu bringen!“ „Halt,“ ſagte Michael Warden, indem er ſich zwiſchen Britain und die Thüre ſtellte,„was iſt Ihre Abſicht?“ „Er wird ihnen ſagen, Sie ſeien hier, mein Herr, 6 antwortete Clemency in äußerſter Auftegung.„Er wird ihnen ſagen, ſie können durch Sie Nachricht von ihr erhalten, ſie werden durch Sie erfahren, ſie ſei nicht für immer für ſie * verloren, und ſie werde zurückkommen, um ihren Vater, ihre zärtliche Schweſter.. und ihre alte Magd glücklich zu machen. Lauft, lauft, Ben!“ Und ſie ſtieß ihn abermals gegen die Thüre. „Aber vielleicht iſt ſie hier,“ fügte ſie bei, als ſie Herrn Warden Britain durch die Macht ſeines Blickes allein zurück⸗ 211 halten ſah:„Vielleicht iſt ſie hier. ganz in unſerer Nähe! Oh! mein Herr, laſſen Sie mich ſie ſchauen! Ich habe ſeit ihrer zarteſten Kindheit über ihr gewacht ich habe ſie groß und ſchön werden ſehen. Ich lebte zur Zeit bei ihr, wo ſie die Braut von Herrn Alfred war. Ich wollte ſie von der Flucht abhalten. Wenn ſie das Haus damals, wo ſie die Seele deſſelben war, geſehen hätten und wüßten, wie ſehr ſich ſeit ihrer Flucht Alles verändert hat! Ah! laſſen Sie mich mit ihr ſprechen.“ Herr Warden warf auf Clemency Blicke des Mitleids, gemiſcht mit Erſtaunen, doch ohne ein Wort zu ſagen, ohne eine Geberde der Beiſtimmung zu machen. „Ohne Zweifel weiß ſie nicht, daß ſie ſeit langer Zeit Verzeihung erhalten hat,“ fuhr Clemency fort.„Sie weiß nicht, in welchem Grade ſie von ihnen geliebt wird, und wie groß ihre Freude wäre, wenn ſie Marion wiederfänden! Viel⸗ leicht wagt ſie es nicht, zu ihrem Vater zurückzukehren, doch wenn ſie mich ſieht, wird ſie Muth faſſen. Nur ſagen Sie mir die Wahrheit, Herr Warden; iſt ſie mit Ihnen gekommen?“ „Nein,“ antwortete Herr Warden mit traurigem Tone. Dieſe Antwort, ſeine Kleider, ſeine Manieren, ſeine un⸗ vorhergeſehene Rückkehr erklärten Alles.... Marion war hd Herr Warden ſuchte Clemency nicht eines Andern zu überzeugen. Clemeney verbarg ihren Kopf in ihren Händen und ſchluchzte. In dieſem Augenblick trat ein Greis mit weißem Haupte haſtig ein. Es war Snitchey der Advorat. 272 „Großer Gott!“ rief er mit erſchütterter Stimme, wäh⸗ rend er Herrn Warden auf die Seite nahm:„welcher Beweg⸗ grund veranlaßte Sie, zurückzukehren?“ „Ein ſchmerzlicher Beweggrund,“ antwortete Herr War⸗ den,„wenn Sie wüßten, was ganz neuerdings vorgefallen iſt, wenn Sie die Unmöglichkeiten kennen würden, die man mich zu vollziehen gebeten hat, wenn ich Ihnen ſagen würde, welchen Kummer, welche Betrübniß ich hierher bringe!“ „Ich ahne es nur zu ſehr,“ verſetzte Snitchey,„doch wa⸗ rum find Sie in dieſes Haus gekommen, mein lieber Herr?“ „Warum? wie hätte ich wiſſen ſollen, was für Perſo⸗ nen es inne haben? Nachdem ich meinen Bedienten wegge⸗ ſchickt hatte, trat ich in dieſes Gaſthaus, weil es mir unbe⸗ kannt war, und weil ich in einem Gefühle ſehr natürlicher Neugierde erfahren wollte, welche Veränderungen ſich in die⸗ ſer Gegend, ſeitdem ich ſie verlaſſen, ergeben haben. Uebri⸗ gens liegt dieſes Haus in einiger Entfernung von der Stadt, wo ich mich nicht zeigen wollte, ehe ich Sie geſprochen. Ich wünſchte auch zu wiſſen, was man mir ſagen würde, und aus Ihrer Miene entnehme ich, daß Sie mich befriedigen konnen. Ich wäre ſogar ſeit einer Stunde von Allem unter⸗ richtet, ohne ihre verdammte Unſicht.“ „Unſere Unſicht!“ verſetzte der Advocat.„Ich ſpreche für mich und für den ſeligen Eraggs,“ hier ſchaute Herr Snitchey den Flor an ſeinem Hute an und ſchüttelte den Kopf,„wie können Sie uns vernünftiger Weiſe tadeln, Herr Warden? Es war unter uns verabredet, daß dieſer Gegen⸗ ſtand nicht mehr auf das Tapet gebracht werden ſollte, inſo⸗ 213 fern die Frage nicht zu denjenigen gehört, wobei ernſte und kluge Männer wie wir in das Mittel treten können. Unſere Umſicht, ſagen Sie. Als Herr Craggs in ſein geehttes Grab ſtieg, nahm er die feſte Ueberzeugung mit ſich„ „Ich habe Ihnen feierlichſt verſprochen,“ unterbrach ihn Herr Warden,„das Stillſchweigen bis zu meiner Rückkehr zu beobachten, zu welcher Zeit dieſe auch ſtattfinden dürfte, und ich habe Wort gehalten.“ „Sehr gut, mein Herr,“ erwiederte Snitchey,„doch wir auch, ich wiederhole es, wir waren auch verpflichtet, dieſelbe Diseretion zu beobachten. Wir mußten ſchweigen, aus Pflicht gegen uns ſelbſt und gegen eine Menge von Clienten von außerordentlicher Zurückhaltung. Es war nicht ſchicklich für uns, ſie über eine ſo zarte Angelegenheit zu befragen. Ich hatte Verdacht, mein Herr, doch ungefähr ſeit ſechs Monaten kenne ich die Wahrheit und weiß poſitiv, daß ſie Marion ver⸗ loren haben.“ „Durch wen haben Sie es erfahren?“ „Durch den Doctor Jeddler ſelbſt, der mir dieſes Ge⸗ heimniß am Ende freiwillig anvertraute. Er allein mein Herr, er allein kannte die Wahrheit ſeit Jahren.“ 8, mein Herr. Mehr noch, ich habe alle Urſache, zu glauben, daß dieſes Geheimniß morgen Abend ihrer Schweſter geoffenbart werden wird. Man hat es ihr verſprochen; bis dahin werden Sie mir vielleicht die Ehre erweiſen, in meinem Hauſe zu wohnen, da man Sie in dem Ihrigen nicht erwar⸗ tet. Doch um nicht Schwierigkeiten von der Art derjenigen ausgeſetzt zu ſein, welche Sie ſchon erfahren mußten— ob⸗ 214 gleich Sie ſich ſo ſehr verändert haben, daß ich, glaube ich, an Ihnen vorübergegangen wäre, ohne Sie zu erkennen, Herr Warden— um nicht neuen Schwierigkeiten ausgeſetzt zu ſein, ſage ich, würden wir beſſer daran thun, wenn wir hier zu Mittag ſpeiſten. Am Abend gehen wir zu Fuße in meine Wohnung. Man ſpeiſt ſehr gut in dieſem Hauſe, das Ihnen gehört, Herr Warden. Ich ſelbſt und der ſelige Craggs kamen von Zeit zu Zeit hierher, um ein Rippchen zu verzehren, und wurden ſehr gut bedient. Herr Craggs, mein Herr,“ fügte Snitchey bei, indem er einige Secunden lang die Augen ſchloß,„Herr Craggs iſt zu frühe aus dem Buche des Lebens geſtrichen worden.“ „Der Himmel verzeihe mir, wenn ich Ihren Kummer nicht theile,“ verſetzte Michael Warden und fuhr mit der Hand über ſeine Stirne;„doch es kommt mir vor, als lebte ich in einem Traume und als hätte ich nicht mehr den vollen Ge⸗ nuß meiner Sinne. Sie ſprachen von Herrn Craggs. ja. es thut mir leid, daß wir Herrn Craggs verloren haben.“ Doch während er dies ſagte, ſchaute er Clemench an und ſchien mit Ben zu ſympathiſiren, der ſie zu tröſten bemüht war. „Herr Craggs,“ ſprach Snitchey,„hat das Leben, ich ſage es mit Bedauern, in der Praxis nicht ſo leicht gefunden, als es ihn ſeine Theorie gelehrt hatte; ſonſt wäre er noch un⸗ ter uns: er war mein rechter Arm, mein rechtes Bein, mein rechtes Ohr, mein rechtes Auge, dieſer arme Herr Craggs, ohne ihn bin ich gliederlahm. Er hat Miſtreß Craggs ſeinen Antheil an allen Geſchäften unſeres Hauſes, das bis auf die⸗ ſen Tag ſeinen Namen bewahrte, durch Teſtament vermacht. 215 Zuweilen habe ich die Kinderei, zu glauben, mein Aſſocie lebe noch. Sie können bemerken, mein Herr, ich ſpreche für mich ſelbſt und für den ſeligen Craggs. und den ſeligen Craggs,“ fügte der empfindſame Advoeat, ſein Taſchentuch entwickelnd, bei. Als Herr Snitchey ſeine Rede vollendet hatte, wandte ſich Michael Warden, deſſen Augen beſtändig auf Clemency geheftet geweſen waren, gegen ihn um und ſagte einige Worte mit leiſer Stimme zu ihm. „Armes Geſchöpf!“ ſprach Herr Snitchey, den Kopf ſchüttelnd:„Ja. denn ſie iſt Marion immer treu geweſen, ſie hat ſie immer zärtlich geliebt, reizende Marion! arme Ma⸗ rion!. Beruhigen Sie ſich! verzweifeln Sie nicht, Miſtreß... Ich kann Sie nun ſonnennen, Clemency, denn Sie ſind verheirathet.“ Statt jeder Antwort ſeufzte Clemency und ſchüttelte trau⸗ rig den Kopf. „Gut! gut! warten Sie bis morgen!“ ſagte der Advocat mit wohlwollendem Tone. „Morgen kann die Todten nicht aufwecken,“ entgegnete Clemeney ſchluchzend. „Nein; wenn es die Todten würde, ſo möchte es uns den ſeligen Herrn Craggs zurückgeben,“ ſprach der Advocat;„doch es kann mildernde Umſtände herbeiführen— es kann uns Tröſtungen bringen. warten Sie bis mor⸗ gen,“ fügte er, Clemency die Hand reichend, bei. Clemency preßte die Hand von Herrn Snitchey mit einem Ausdrucke der Ergebenheit im Geſicht, und Britain, der durch die Verzweiflung ſeiner Frau furchtbar erſchüttert worden war, 216 gab den liebevollen Ermahnungen von Herrn Snitchey ſeine Billigung. Dieſer ſtieg ſodann mit Michael Warden die Treppe hinauf, und Beide begannen mit leiſer Stimme eine Unterredung, deren Geheimniß indeſſen hinreichend durch das Geräuſch der Platten und Teller, durch das Praſſeln des Brat⸗ ofens, durch das Kochen der Caſſerolen und durch die mono⸗ tone Umdrehung des Bratſpießes, der jeden Augenblick einen durchdringenden Schrei vernehmen ließ, als ob er bei einem Schwindelanfall einen tödtlichen Stoß am Kopf erlitten hätte, kurz durch alle die Vorbereitungen, welche in der Küche für das Mittagsmahl dieſer Herren getroffen wurden, beſchützt ge⸗ weſen wäre. Der darauf folgende Tag war ſchön und ruhig, und nirgends zeigten ſich die Herbſitinten glänzender, als im fried⸗ lichen Obſtgarten beim Hauſe des Doctors. Der Schnee von vielen Winternächten war hier geſchmolzen, das dürre Laub von vielen Sommern hatte gerauſcht ſeit der Flucht von Marion. Abermals blühte das Geisblatt an der Laube; die Bäume warfen wechſelnde und wohlthätige Schatten auf das Gras; die Landſchaft hatze die ſanfte Heiterkeit der ſchönſten Tage; aber wo war Marion? Sie war nicht da. Ihre Gegenwart an dieſem Tage hätte in dem alten Gebäude eine größere Veränderung hervor⸗ gebracht, als einſt durch ihr Verſchwinden verurſacht worden war; doch an dieſem traurigen Orte fand ſich eine junge Frau, deren Herz ſtets die Erinnerung an Marion bewahrt hatte, eine unwandelbare, friſche, von Verſprechungen und Hoff⸗ nungen ſtrahlende Erinnerung. Dieſe junge Frau, welche 217 Mutter geworden,— ein angebetetes kleines Mädchen ſpielte an ihrer Seite,— hatte ihre ſo treu ergebene, ſo tiefe Zärt⸗ lichkeit für Marion bewahrt, und in dieſem Augenblick zitterte dieſer Name auf ihren milden Lippen. Die Seele des verlorenen Mädchens athmete in den Augen von Grace, der vielgeliebten Schweſter. Dieſer Tag war der doppelte Jahrestag ihrer Hochzeit und der Geburt von Marion, und Grace war mit ihrem Kinde und ihrem Gatten in den Obſtgarten gekommen. Alfred war weder berühmt, noch reich geworden; er hatte die Scenen und Freunde ſeiner Jugend nicht vergeſſen; mit einem Worte, er hatte keine von den Weiſſagungen des Doe⸗ tors gerechtfertigt. Doch durch ſeine wohlthätigen, beſtändigen und unbekannten Beſuche in der Wohnung der Armen, durch ſeine Wachen an Schmerzenslagern, durch die jeden Tag beſſer ergründete Kenntniß der beſcheidenen Tugenden, welche auf den unſcheinbaren Pfaden des Lebens blühen und, ſtatt durch den gewichtigen Fuß der Armuth niedergetreten zu werden, in Frei⸗ heit unter ihren Tritten wachſen und ihren Weg verſchönern, hatte er im Verlauf der Jahre die Wahrheit ſeines erſten Glaubens beſſer erfaßt und beſſer bewieſen. Die Gewohnheiten ſeines, obgleich ruhigen, zurückgezoge⸗ nen Lebens hatten ihm geoffenbart, daß die Menſchen ſehr häufig, ohne daß ſie es vermuthen, Umgang mit den Engeln pflegen, wie in alten Zeiten, und daß die am mindeſten ins Auge fallenden Geſtalten, ſogar diejenigen, welche den zurück⸗ ſtoßendſten Anblick bieten, ſtrahlend werden am Lager des 218 Schmerzes, der Dürftigkeit, des Leidens, und ſich in wohlthätige Geiſter mit einer Glorie über ihren Häuptern verwandeln. Sein Leben hatte ein edleres Ziel auf dem verwandelten Schlachtfelde, als wenn er es in den geräuſchvollen Kämpfen des Ehrgeizes hingebracht hätte, und er war glücklich mit Grace, ſeiner vielgeliebten Frau. 4 Und Marion! hatte er ſie vergeſſen? „Die Stunden ſind ſchnell vorübergegangen ſeit jener beklagenswerthen Nacht, liebe Grace,“ ſagte er,„und dennoch kommt es mir vor, als wäre es ſehr lange her. Wir zählen nicht nach den Jahren, ſondern nach den Veränderungen und Ereigniſſen, welche ſich bei uns ergeben haben.“ „Jahre ſind nichtsdeſtoweniger abgelaufen, ſeitdem wir Marton verloren,“ erwiederte Grace.„Sechsmal, theurer Freund, wenn wir den heutigen Abend zählen, ſind wir an dieſen Ort an ihrem Geburtstage gekommen, und haben von der ſo ſehnfüchtig erwarteten, ſo lange verſchobenen glücklichen Rück⸗ kehr geſprochen. Wann wird uns die Freude dieſer Rückkehr zu Theil werden?“ Der Gatte von Gracs beobachtete ſie aufmerkſam; als er die Thränen gewahrte, die ſich in ihre Augen drängten, nä⸗ herte ſich ihr und ſprach: 4 „Hat Dir Marion nicht in dem von ihr auf Deinem Tiſche zurückgelaſſenen und ſo oft geleſenen Briefe erklärt, meine Liebe, man müſſe Jahre abwarten„ehe dieſe Rückkehr möglich wäre, ſagte das nicht ihr Brief?“ „Ja, Alfred.“ ℳ 219 „Hat ſie nicht ſo in allen Briefen geſprochen, die ſie Dir ſeitdem geſchrieben?“ „Nur in dem letzten nicht, den ich vor einigen Monaten erhielt, worin ſie mir von Dir, ſo wie von Offenbarungen ſprach, welche mir dieſen Abend gemacht werden ſollten.“ Er ſchaute die raſch finkende Sonne an und ſagte, die Stunde wäre auf den Untergang des Geſtirnes beſtimmt. „Alfred!“ verſetzte Grace, indem ſie raſch die Hand auf die Schulter ihres Gatten legte,„in jenem Briefe, in jenem alten, wie Du ſagſt, von mir ſo oft geleſenen Briefe iſt etwas, wovon ich nie mit Dir geſprochen habe, doch dieſen Abend, mein theurer Gatte, während die Stunde des Sonnen⸗ untergangs herannaht, während ſich unſer ganzes Daſein zu mildern und mit dem ſcheidenden Tage ſtille zu werden ſcheint, kann ich dieſes Geheimniß nicht bewahren.“ „Was iſt das, meine Liebe?“ „In dem Augenblick, wo ſie uns verließ, ſchrieb mir Marion, Du habeſt ſie einſt mir als ein heiliges Gut anver⸗ traut, und nun, da ſie Dich verlaſſe, Alfred, vertraue ſie Dich mir ebenfalls an, wobei ſie mich im Namen meiner Zärtlich⸗ keit für ſie bat, anflehte, die Neigung nicht zurückzuweiſen, die Du auf mich übertragen würdeſt; ſie glaube, ſie wiſſe, ſagte ſie, daß dies geſchehen werde, ſobald Deine Wunde geſchloſſen ſei; und weit entfernt, dieſe Neigung zurückzuſtoßen, möge ich ſie im Gegentheil ermuthigen und erwiedern.“ „Um mich glücklich und ſtolz zu machen, Grace. Sagte ſie das?“ 220 „Sie wollte mich ſo geſegnet und geehrt in Deiner Liebe leben laſſen,“ antwortete Grace in den Armen ihres Gatten. „Höre mich, Theure, und bleibe hier, um mich zu hören,“ ſprach er, indem er ſie liebevoll an ſeine Bruſt gepreßt hielt. „Ich weiß, warum Du mir bis heute dieſe Stelle des Briefes nicht vorgeleſen haſt. Ich weiß, warum zur Zeit Deine Worte und Deine Blicke nichts davon verrathen haben. Ich weiß, Grace, warum ſie trotz ihrer wahren Freundſchaft für mich ſo viel Widerſtreben gegen eine Verheirathung mit mir geoffenbart hat. Und inſofern ich dies weiß, theure Freundin, kenne ich den unſchätzbaren Werth des Herzens, das an dem meinigen ſchlägt, und danke Gott für dieſen reichen Schatz!“ Grace vergoß Thränen, doch dieſe Thränen waren mild. Nach einigen Secunden ſenkte Alfred ſeine Blicke auf das Kind, das zu ihren Füßen mit einem Blumenkörbchen ſpielte, und ſagte ihm, es möge ſchauen, wie die Sonne roth und golden wäre. „Alfred,“ ſprach Grace, raſch bei dieſen Worten das Haupt erhebend.„Die Sonne ſinkt am Horizont. Du haſt nicht vergeſſen, was ich vor Sonnenuntergang erfahren ſoll.“ „Du wirſt die Geſchichte von Marion in ihrer ganzen Wahrheit erfahren, meine Liebe!“ „In ihrer ganzen Wahrheit,“ verſetzte ſie mit flehender Stimme.„Nichts wird mir mehr verborgen ſein. Das hat man mir verſprochen, nicht wahr?“ „Es iſt ſo, man hat es Dir verſprochen.. „Dieſes Verſprechen muß vor Sonnenuntergang am Ge⸗ burtstage von Marion erfüllt werden. Und ſiehe, Alfred, die Sonne ſinkt raſch nieder.“ 221 „Theure Grace, es iſt nicht mehr meine Sache, Dir das Geheimniß mitzutheilen. Es muß Dir durch andere Lippen geoffenbart werden.“ „Durch andere Lippen!“ wiederholte Grace. „Ja. Ich kenne die Feſtigkeit Deines Herzens und weiß, daß ein Wort der Vorbereitung genügen wird. Du haſt geſagt, die Stunde, Dir Alles mitzutheilen, wäre gekommen, und Du haſt wahr geſprochen. Gelobe mir, Kraft genug zu haben, um eine Prüfung.. eine Ueberraſchung einen heftigen Schlag zu ertragen, und auf der Stelle rufe ich den Boten: er iſt in unſerer Nähe.“ „Welcher Bote?“ fragte Grace.„Und was iſt ſeine Botſchaft? „Ich habe mich verbindlich gemacht,“ antwortete Alfred, indem er ſie feſt anſchaute,„ich habe mich verbindlich gemacht, nicht mehr zu ſagen. Glaubſt Du mich zu verſtehen?“ „Ich fürchte mich, dieſe Frage an mich zu richten,“ er⸗ wiederte ſie. Grace war erſchrocken, als ſie die Erſchütterung wahr⸗ nahm, welche das Antlitz ihres Gatten verrieth, ſo ſehr er ſich auch anſtrengie, ſeinem Blicke Sicherheit zu verleihen. Abermals verbarg ſie ihr Geſicht an der Schulter von Alffred und bat ihn zitternd, den Voten noch nicht zu rufen. „Muth, meine Freundin! Ich werde warten, bis Deine Feſtigkeit wiedergekehrt iſt. Doch vie Sonne geht unter, und es iſt der Geburtstag von Marion! Muth, Muth, Grace!“ Sie erhob das Haupt und blickte ihren Gatten an, und ſagte ihm, ſie wäre bereit. In dieſem Augenblick, während 222 ſie ihn weggehen ſah, bekam ihre Phyſiognomie eine wunder⸗ bare Aehnlichkeit mit der, welche man bei Marion in den letzten Tagen vor ihrer Flucht bemerkt hatte. Alfred nahm das Kind mit, doch Grate rief es zurück— es trug den Namen der verlorenen Schweſter. Grace preßte es an ihren Buſen; nach dieſer Liebkoſung eilte das Kind ſeinem Vater nach und Grace war allein. Ohne ſich von ihren Befürchtungen oder Hoffnungen Rechenſchaft zu geben, blieb ſie auf derſelben Stelle, unbeweg⸗ lich, die Augen ſtarr auf die Laube geheftet, durch welche ihr Töchterchen und ihr Gatte verſchwunden waren. Ah! wer war dieſe Geſtalt, welche aus dem Schatten der Laube hervorkam und auf der Schwelle ſtehen blieb? dieſe menſchliche Geſtalt mit ihren weißen, vom Winde bewegten Gewändern, und dieſer Kopf, den der alte Dogtor ſo leiden⸗ ſchaftlich an ſein Herz drückte... Großer Gott, war es eine Viſton, was ſich den Armen des Greiſes entwand, einen Schrei ausſtieß, die Hände ausſtreckte, Grace mit einem un⸗ widerſtehlichen Aufſchwunge der Liebe entgegenſtürzte und ohnmächtig in ihre Arme ſank.„O Marion! o Marion! o meine Schweſter! o theure Liebe meiner Seele! v Freude! o unausſprechliches Glück! ich ſehe Dich wieder!“ Es war weder ein Traum, noch ein durch die Hoffnung und die Furcht hervorgerufenes Geſpenſt.. ſondern Marion ſelbſt, die füße Marion, ſo ſchon, ſo glücklich, ſo frei von Sorgen und Unruhe, ſo glänzend in ihrer himmliſchen Schön⸗ heit, daß man ſie, während die untergehende Sonne ihr zu⸗ rückgebogenes Geſicht beſtrahlte, für einen Geiſt gehalten haben 223 konnte, der die Erde beſucht hätte, um eine Sendung der Gnade und Barmherzigkeit zu erfüllen. Sie hielt ihre Schweſter umarmt, welche auf eine Bank gefallen war und ſich auf ſie herabneigte; ſie kniete vor ihr und umſchlang ſie mit ihren Armen und lächelte ihr zu durch ihre Thränen, ohne daß ſie nur eine Secunde lang ihre Blicke von dem Antlitz ihrer Schweſter abzuwenden vermochte. Und während die letzten Sonnenſtrahlen ihre Stirne beleuchteten, und die Stille des Abends um ſie her eintrat, brach Marion endlich das Stillſchweigen mit einer ſüßen, klaren, köſtlichen Stimme, mit einer Stimme, die im vollkommenen Einklang mit dem Himmel ſtand.* „Zur Zeit, wo dieſer Ort meine theure Wohnſtätte war, Grace, wie er es wieder werden wird. „Sprich nicht, meine ſüße Liebe!... O Marion! bleibe einen Augenblick, ohne zu ſprechen.“ Im erſten Entzücken hatte Grare nicht die Kraft, dieſe theure Stimme zu hören. „Zur Zeit, wo dieſe Wohnſtätte die meinige war, Grace, wie ſie es wieder werden wird, liebte ich ihn von ganzer Seele. Ich liebte ihn ſo ſehr, daß ich, bei meiner Jugend, für ihn geſtorben wäre. Nie habe ich auch nur einen Augen⸗ blick ſeine Zuneigung in den Geheimniſſen meines Herzens leichtſinnig behandelt, denn ſie war mir über Alles koſtbar. Obgleich das lange, lange her iſt und Alles ſich gewaltig ver⸗ ändert hat, wäre ich doch tief betrübt, wenn Du, die Du ſo gut liebſt, glauben könnteſt, ich habe ihn einſt nicht auf⸗ richtig geliebt. Nie liebte ich ihn mehr, Grace, als da er 224 ſich an einem ähnlichen Tage von dieſem Orte entfernte. Nie liebte ich ihn inniger, theure Schweſter, als am Abend, wo ich dieſes Haus ebenfalls verließ.“ Beſtändig über ihre Schweſter herabgebeugt, konnte ihr Grace nur ins Geſicht ſchauen und ſie in ihren Armen halten. „Aber,“ fuhr Marion mit einem ſüßen Lächeln fort, „aber er hatte, ohne daß er es wußte, ein anderes Herz er⸗ obert, ehe ich erfahren, daß ich ihm eines ſchenken konnte. Dieſes Herz war mir, in ſeiner anderen Zärtlichkeit, ſo ganz und gar geweiht, ſo ſehr ergeben, daß es ſedne Liebe entwur⸗ zelte und ſein Geheimniß vor aller Augen, mit Ausnahme der meinigen, verbarg. Ah! was für Augen hätten eine ſo große Zärtlichkeit ohne den hellſehenden Blick der Dankbarkeit errathen können!... Und dieſes Herz war glück⸗ lich, ſich mir zu opfern! doch ich erblickte etwas in ſeiner Tiefe. Ich begriff den Kampf, den es ausgehalten hatte; ich begriff, von welchem unſchätzbaren Werthe es für Alfred war, der es trotz ſeiner Liebe für mich zu würdigen wußte. Ich begriff, was ich Alles dieſem Herzen ſchuldig war. Ich hatte jeden Tag ſein großes Beiſpiel vor Augen. Was Du für mich gethan hatteſt, Grace, ich fühlte, daß ich es für Dich auch thun köonnte, wenn ich wollte. Nie legte ich mein Haupt auf das Kiſſen, ohne unter Thränen zu beten, daß ich die Kraft zu einem ſolchen Opfer haben möchte, und ohne mich der eigenen Worte von Alfred am Morgen ſeiner Ab⸗ reiſe zu erinnern. Er ſagte, und Du haſt es mir wiederholt, jeden Tag trage man in den Kämpfen des Herzens Siege davon, vor denen die der Schlachtfelder erbleichen. Dadurch, 225 daß ich beſtändig an die großen Schmerzen dachte, welche muthig in der Stille und in der Vergeſſenheit ertragen wer⸗ den, mitten unter den glorreichen und beſtändigen Kämpfen, von denen er ſprach, ſchien mir meine Prüfung leicht zu 6 werden, und Derjenige, welcher in dieſem Augenblick in unſeren Herzen lieſt, theure Grace, und weiß, daß ſich in dem meinigen nicht ein Tropfen Bitterkeit oder Kummer mit meinem vollkommenen Glücke vermiſcht, gab mir die Kraft, zu ſchwören, ich würde nie die Frau von Alfred werden, er würde mein Bruder und Dein Gatte ſein, wenn der Ent⸗ ſchluß, den ich faßte, dieſen glücklichen Erfolg herbeiführen konnte, doch nie,— ich liebte ihn damals, Grace,— nie würde ich ſeine Frau werden.“ „O Marion! Marion!“ „Ich zwang mich, ihm Gleichgültigkeit kundzugeben.“ Marion preßte das Geſicht der Schweſter an das ihrige.„Doch dieſe Aufgabe war ſchwierig„ und immer vertheidigteſt Du ſeine Sache auf das Wärmſte. Ich verſuchte es, mit Dir von meinem Entſchluß zu ſprechen„doch Du wollteſt mich nie verſtehen. „Die Zeit ſeiner Rückkehr nahte heran. Ich fühlte, daß ich handeln mußte, ehe unſere tägliche Vertraulichkeit wieder beginnen würde. Ich wußte, daß eine heftige Kriſe Allen einen langen Todeskampf erſparen konnte. Ich ſagte mit, wenn ich von hier wegginge, würde geſchehen, was ſeit⸗ ₰ dem in der That zu unſerer Beider großen Freude geſchehen iſt, Grace. Ich ſchrieb an unſere gute Tante Martha, und Der Erzähler. 1847. 1. 15 ————— —— 226 bat ſie um eine Zufluchtsſtätte in ihrem Hauſe. Sie willigte gern ein, obgleich ich ihr damals nur einen Theil meiner Geſchichte mittheilte. Während ich dieſen Schritt mit mir ſelbſt, mit meiner Liebe für Dich und mit dem väterlichen Herde verhandelte, wurde Herr Warden, den ein Zufall hier⸗ her brachte, unſer Gaſt.“ „Im Verlauf der letzten Jahre dachte ich zuweilen zit⸗ ternd hieran,“ rief Grace, deren Geſicht ſich mit Bläſſe be⸗ deckte.„Du haſt ihn nie geliebt, und haſt ihn nur in Folge des Opfers, das Du Dir für mich auferlegt, geheirathet.“ WMarion zog ihre Schweſter an ſich und erwiederte: „Er war damals im Begriff, insgeheim eine lange Reiſe anzutreten. Nachdem er das Haus verlaſſen, ſchrieb er mir, um mir die Wahrheit in Beziehung auf ſeine Lage und ſeine Pläne mitzutheilen und mir ſeine Hand anzubieten. Er hatte, wie er ſagte, die Unruhe wahrgenommen, in die mich der Gedanke an die Rückkehr von Alfred verſetzte. Ohne Zweifel glaubte er, mein Herz habe keinen Antheil an dieſer beabſich⸗ tigten Verbindung, oder wohl, ich habe ihn zu lieben aufge⸗ hört... was weiß ich? Doch ich wollte Dich fühlen laſ⸗ ſen, ich wäre ganz für Alfred verloren.. todt ſürihn begreifſt Du mich, meine Liebe?“ Grace ſchaute ſie aufmerkſam und mit einer zweifelhaften Miene an. „Ich ſah Herrn Warden,“ fuhr Marion fort,„und ent⸗ hüllte ihm, mich ſeiner Ehre aavertrauend, mein Geheimniß am WVorabend unſerer doppelten Abreiſe. Er bewahrte dieſes Ge⸗ heimniß„verſtehſt Du mich nun, meine Theuere?“ ——,— 227 Grace ſchaute ſie mit unſicherem Auge an und ſchien ſie nicht zu verſtehen. „Meine Liebe, meine Schweſter!“ ſagte Marion,„rufe einen Augenblick Deine Gedanken zurück; höre mich. Wirf nicht dieſe ſeltſamen Blicke auf mich. Es gibt Länder, meine Vielgeliebte, wo diejenigen, welche eine unglückliche Leidenſchaft abzuſchwören oder gegen ein Gefühl ihres Herzens zu kämpfen wünſchen, ſich in eine tiefe Einſamkeit zurückziehen und eine ewige Schranke zwiſchen ſich und der Welt mit ihrer Liebe und ihren Hoffnungen befeſtigen. Wenn Frauen ſo handeln, ſo nehmen ſie den Namen an, der uns Beiden ſo theuer iſt, und nennen ſich Schweſtern. Doch, Grace, es kön⸗ nen ſich Schweſtern finden, welche in der großen Welt, in der wir leben, unter ihrem freien Himmel, inmitten der bewegten Menge, in dem Leben, wo ſie ſich liebenswürdig und nützlich zu machen bemüht ſind, es können ſich Schweſtern finden, welche in dieſer Welt die trefflichen Lehren befolgen und mit noch zarten und jungen, für jedes Glück, für alle Wechſelfälle des Glückes zugänglichen Herzen ſagen dürfen, die Schlacht ſei ſeit langer Zeit beendigt, lange ſchon haben ſie den Sieg davon getragen. Ich kann das ſagen! Verſtehſt Du mich nun?“ Grace heftete ihre Blicke auf ihre Schweſter und ant⸗ wortete nicht. „O Grace, theure Grace!“ fuhr Marion fort, indem ſie ſich noch zärtlicher, noch leidenſchaftlicher an den Buſen lehnte, von dem ſie ſo lang verbannt geweſen war,„wenn Du nicht eine glückliche Gattin, eine glückliche Mutter wäreſt, wenn 228 Alfred, mein guter Bruder, nicht Dein angebeteter Gatte wäre, woher käme für mich das Entzücken, von dem ich mich dieſen Abend ergriffen fühle? Doch ich kehre ſo zurück, wie ich weggegangen bin; mein Herz hat keine andere Liebe kennen gelernt; meine Hand gehört mir; ich bin, was ich einſt war, Deine ſtets jungfräuliche Schweſter, Deine ſtets liebende Ma⸗ rion, deren Zuneigung ungetheilt Dir gehört, Grare!“ Grace begriff nun. Ihr Geſicht dehnte ſich aus, Schluchzen erleichterte ihre Bruſt, ſie warf ſich ihrer Schweſter um den Hals, weinte und liebkoſte ſie, wie zur Zeit ihrer Kindheit. Als ſich ihr Entzücken ein wenig gemäßigt hatte, be⸗ merkten ſie, daß der Doctor und ſeine Schweſter, die gute Tante Martha, mit Alfred ganz in ihrer Nähe waren. „Dieſer Tag iſt nicht ganz ohne Kummer für mich,“ ſprach die gute Tante Martha durch ihre Thränen lächelnd, während ſie ihre Nichten zärtlich umarmte,„denn indem ich Euch Alle glücklich mache, verliere ich meine theure Geſell⸗ ſchafterin; und was könnt Ihr mir im Austauſch für meine ſüße Marion geben?“ „Einen bekehrten Bruder.“ „Das iſt allerdings etwas,“ verſetzte die Tante Martha, „bei einer Poſſe wie 4 „Oh! nein, ich bitte Dich,“ der Doctor mit reu⸗ Tone. „Nun wohl, es ſei,“ ſprach die Tante Martha.„Ich betrachte mich jedoch als in meines Herzens Intereſſen verletzt. — ——— 229 Ich weiß nicht, was ohne Marion aus mir werden ſoll, nach⸗ dem ich Jahre lang mit ihr gelebt habe.“ „Du wirſt bei uns bleiben,“ antwortete der Doctor, „wir werden keinen Streit mehr haben, Martha.“ „Oder Sie werden ſich verheirathen, Tante,“ ſagte Alfred. „Ei! das wäre vielleicht kein ſchlechter Gedanke, wenn ich Michael Warden heirathen ſollte, der, wie ich höre, in jeder Hinſicht zu ſeinem Vortheil verändert in das Land zu⸗ rückgekommen iſt. Doch da ich ihn als Kind gekannt habe und ſchon damals keine ſehr junge Frau mehr war, ſo würde er ſich wohl nicht viel um mich bekümmern. Auch werde ich mich entſchließen, Marion zu folgen und bei ihr zu leben, wenn ſie ſich verheirathet; bis dahin,— ich glaube nicht, daß ich lange zu warten habe,— bis dahin lebe ich allein. Was ſagſt Du dazu, Bruder?“ „Ich habe gute Luſt, Dir zu ſagen, daß dieſe Welt lächerlich iſt und daß ſich nichts Ernſtes darin findet,“ er⸗ wiederte der arme alte Doctor. „Du magſt es immerhin behaupten,“ ſprach ſeine Schwe⸗ ſter,„Niemand wird Dir glauben, wenn man ſieht, was in dieſem Augenblick um uns her vorgeht.“ „Ja, dieſe Welt iſt voll edler Herzen,“ ſprach der Döe⸗ tor, während er abwechſelnd ſeine beiden Töchter umarmte. „Es iſt eine ernſte Welt, trotz aller ihrer Tollheiten, die mei⸗ nigen mit in den Kauf gegeben, welche genügt hätten, dem ganzen Erdenrund den Schwindel zu machen; eine Welt, von der wir nur mit Vorſicht ſprechen dürfen, denn ſie iſt erfüllt 230 von heiligen Geheimniſſen und nur der Schöpfer allein weiß, was ihre Oberfläche bedeckt!“ — ⸗ ⸗ ⸗.— Der Leſer wäre wohl nicht entzückt über meine indiserete Feder, wenn ſie in allen ſeinen Einzelnheiten den Freuden⸗ rauſch dieſer lange Zeit getrennten und nun wiedervereinigten Familie beſchriebe. Deshalb werde ich dem armen Doctor nicht durch die Erinnerungen ſeines vergangenen Schmerzes folgen. Ich werde auch nicht ſagen, wie ernſt er die Welt gefunden hatte, in der eine tief eingewurzelte Liebe das Loos jedes menſchlichen Geſchöpfes iſt. Ich werde nicht ſagen, wie ſehr er vernichtet war durch die Abweſenheit einer kleinen Ein⸗ heit, welche einen Theil des ganz albernen Großen bildete. Ich werde endlich nicht ſagen, wie ſeine Schweſter Mitleid mit ſeiner Verzweiflung bekam und ihm die Wahrheit vor längerer Zeit und allmälig in Beziehung auf dieſe freiwillig verbannte Tochter mittheilte, die ſie ihm zurückgab und deren Herz ſie ihn kennen lehrte⸗ Ich werde mich ebenſo enthalten, zu erzählen, wie Al⸗ fred Heathfield vor einiger Zeit die Wahrheit durch Marion ſelbſt, die er geſehen, erfahren, und wie er dieſer verſprochen hatte, Grace ſollte an ihrem Geburtstage in der Abendſtunde dieſe Wahrheit aus ihrem eigenen Munde vernehmen. „Ich bitte um Verzeihung, Doctor,“ ſprach Snitchey an der Thüre des Obſtgartens erſcheinend;„iſt es erlaubt, einzu⸗ treten?“ 231 Und ohne die Erlaubniß abzuwarten, ging er gerade auf Marion zu und küßte ihr mit fteudiger Miene die Hand. „Wenn Herr Craggs noch von dieſer Welt wäre, meine liebe Miß Marion, ſo würde er einen lebhaften Antheil an dem heutigen Ereigniſſe genommen haben. Dieſes Ereigniß, Herr Alfred, hätte ihn gelehrt, daß das Leben nicht zu leicht iſt, und daß es die meiſte Zeit alle die kleinen Süßigkeiten erträgt, die wir ihm zu geben vermögen; doch Herr Craggs war ein Mann, der ſich ohne Widerſtreben überzeugen ließ; er war ſtets zugänglich für die Ueberzeugung, mein Herr. Wenn er nun noch für die Ueberzeugung zugänglich wäre, ſo doch ich vergeſſe mich... Miſtreß Snitchey, meine Liebe!“ Bei dieſem Rufe trat die fragliche Dame in den Gar⸗ ten.„Sie ſind mitten unter alten Freunden.“ Nachdem Miſtreß Snitchey ihre Complimente gemacht hatte, nahm ſie ihren Gatten bei Seite und ſagte zu ihm: „Ein Wort, Herr Snitchey. Es liegt nicht in meiner Natur, die Aſche derjenigen zu ſtören, welche nicht mehr ſind.“ „Nein, meine Liebe, ich weiß es,“ verſetzte Herr Snitchey. „Herr Craggs iſt 4 „Ja, meine Liebe, er iſt todt,“ unterbrach ſie Herr Snitchey. „Doch ich frage Sie,“ entgegnete Miſtreß Suitchey, vich frage Sie, ob Sie ſich jener bekannten Ballnacht erinnern, ich frage Sie nur dieſes? Wenn Sie ſich derſelben erinnern und Ihr Gedächtniß Sie nicht ganz verlaſſen hat, wenn Sie nicht ganz in ihrer gewöhnlichen Albernheit verharren, ſo —.—— 232 bitte ich Sie, einen Vergleich zu machen zwiſchen dem, was in der fraglichen Nacht vorgefallen iſt, und dem, was heute vosfällt, ſich zu erinnern, wie ich Sie auf den Knieen an⸗ gefleht habe „Auf den Knieen, meine Liebe?“ rief Herr Snitchey. „Ja,“ ſagte Miſtreß Snitchey mit großer Sicherheit. „Sie wiſſen es wohl.. ich flehte Sie an, dieſem Menſchen zu mißtrauen ſeinen Blick zu beobachten, und ich bitte Sie nun, mir zu ſagen, ob ich Recht hatte, und ob er Ihnen nicht ein Geheimniß verbarg?“ Miſtreß Snitchey antwortete ſeiner Frau in das Ohr: „Haben Sie je etwas in meinem Blicke beobachtet?“ „Nein,“ erwiederte Miſtreß Snitchey mit rauhem Tone, „ſchmeicheln Sie ſich nicht damit.“ „In jener Nacht, Madame,“ fuhr er fort„indem er ſie am Aermel zog,„in jener Nacht geſchah es, daß wir, Craggs und ich, ein Geheimniß beſaßen„ das wir nicht mittheilen wollten, und daß dieſes Geheimniß in einer Beziehung zu un⸗ ſerem Gewerbe ſtand. Je weniger wir von dieſem Umſtande ſprechen, deſto beſſer wird es auch ſein, Miſtreß Snitchey, und ich wünſche, daß meine Worte Sie ein andermal richtiger und wohlwollender ſehen lehren möchten... Miß Marion, ich habe Ihnen eine Freundin mitgebracht. Kommen Sie,“ ſagte er und machte der Frau von Herrn Britain ein Zeichen. Die arme Clemency trat, ihre Schürze vor ihre Augen haltend, langſam in Geſellſchaft ihres Mannes ein„ der ſich voll Traurigkeit ſagte, wenn er ſich ſeinem Schmerze überließe, ſo wäre es um das Muskatreibeiſen geſchehen. 233 „Nun, Miſtreß,“ ſagte der Advocat, indeß er Marion zurückhielt, welche Clemeney entgegeneilte,„was haben Sie denn?“ „Was ich habe?“ rief die arme Clemency. Bei dieſen Worten ſchlug ſie die Augen auf, um Erſtau⸗ nen und Zorn, hervorgerufen ebenſo ſehr durch die Frage von Herrn Snitchey, als durch eine Art von Knurren von Herrn Britain, kundzugeben; als ſie aber dieſes ſanfte, ſo gut in ihr Gedächtniß eingegrabene Geſicht vor ſich ſah, ſchaute ſie es mit verwirrtem Auge an, ſchluchzte, lachte, ſchrie ſie, umarmte ſie Marion, verließ ſie dieſe nur, um ſich auf Herrn Snitchey zu werfen, den ſie zur großen Entrüſtung von Miſtreß Snitchey ebenfalls umarmte, dann auf den Doctor, den ſie auch um⸗ armte, und dann auf Herrn Britain, welchem ſie daſſelbe an⸗ gedeihen ließ: endlich verbarg ſie ihren Kopf in ihrer Schürze, hinter der ſie ſich ganz und gar ihrem Lachen und krampf⸗ haftem Schluchzen hingab. Ein Fremder war hinter Herrn Snitchey in den Garten getreten und hatte ſich bei der Thüre gehalten, ohne von Je⸗ mand geſehen zu werden; denn Jeder war zu ſehr beſchäftigt und die ganze verfügbare Aufmerkſamkeit hatte die Ertaſe von Clemency in Anſpruch genommen. Es ſchien durchaus nicht der Wunſch des Fremden zu ſein, die Blicke auf ſich zu zie⸗ hen, er blieb im Gegentheil mit niedergeſchlagenen Augen im Hintergrunde. Seine traurige Miene contraſtirte ſeltſam mit der allgemeinen Freude. Tante Martha allein bemerkte ihn und ſprach auch ſo⸗ gleich mit ihm. Einen Augenblick nachher näherte ſie ſich ——— 234 Grace und Marion und ſagte der letzteren ein paar Worte in das Ohr. Sie bebte und ſchien ſehr unruhig, doch bald ge⸗ wann ſie wieder ihre Kaltblütigkeit, ging ſchüchtern mit Tante Martha auf den Fremden zu und ſprach ebenfalls mit ihm. Mittlerweile zog Herr Snitchey aus ſeiner Taſche ein Papier, das ganz das Ausſehen einer Urkunde hatte, und nä⸗ herte ſich Herrn Britain. „Hert Britain,“ ſprach er,„ich wünſche Ihnen Glück, Sie ſind nun der alleinige Eigenthümer des Hauſes, das unter dem Namen: das Muskatreibeiſen bekannt iſt. Durch den Fehler von Herrn Michael Warden, meinem Clienten, hat Ihre Frau einſt ein Haus verloren, ſie gewinnt heute ein an⸗ deres. Ich werde in den nächſten Tagen das Vergnügen ha⸗ ben, Sie um Ihre Stimme bei den Wahlen der Grafſchaft zu bitten.“ „Hätte meine Stimme denſelben Werth, mein Herr, wenn ich das Schild meines Hauſes verändern würde?“ fragte Britain. „Ganz denſelben Werth,“ antwortete der Advocat. „Dann, mein Herr,“ ſagte Britain, indem er Herrn Snitchey die Urkunde reichte,„dann fügen Sie die Worte bei: Und der Fingerhut. Wollen Sie die Güte haben? Was den auf den Fingerhut geſchriebenen Wahlſpruch betrifft, ſo werde ich ihn in das Wirthszimmer graviren laſſen.“ „Laſſen Sie mich die Wohlthat der fraglichen Grundſätze in Anſpruch nehmen,“ ſagte eine Stimme hinter Herrn Bri⸗ tain; es war die Stimme des Fremden, die Stimme von Herrn Michael Warden.„Herr Heathfield und Sie, Doctor —˖. 235 Jedvler, ich hätte Ihnen viel Schlimmes zufügen können, doch es iſt nicht mein Verdienſt, daß ich mich deſſen enthalten habe. Ich behaupte nicht, nach einer Erfahrung von ſechs Jahren weiſer oder beſſer zu ſein, aber ich habe wenigſtens während dieſes Zeittaums über mich ſelbſt geſeufzt. Ich bin nicht berechtigt, um Ihr Wohlwollen zu bitten, ich habe die Gaſtfreundſchaft dieſes Hauſes mißbraucht und erröthe über mein Benehmen; doch die Lection iſt mir nützlich geweſen, und ich muß einer Perſon dafür danken,“ er richtete einen Blick an Marion,„einer Perſon, welche ich, ihr Verdienſt und meine Unwürdigkeit anerkennend, demüthig um Verzeihung gebeten habe. In einigen Tagen verlaſſe ich dieſe Gegend, um nie mehr dahin zurückzukehren. Ich bitte Sie, mir zu vergeben.“ „„Thut, was Ihr wollt, daß man Euch thue! Ver⸗ zeiht und vergeßt!““ —...... Die Zeit, von der ich den letzten Theil dieſer Geſchichte erhalten, und die ich ſeit etlichen und dreißig Jahren zu kennen die Ehre habe, theilte mir mit, indem ſie ſich nachläſſig auf ihre Senſe ſtützte, Michael Warden habe die Gegend nicht verlaſ⸗ ſen, und ſtatt ſein Haus zu verkaufen, habe er es abermals gebffnet, darin eine glänzende Gafffteundſchaft geboten und eine Frau beſeſſen, die ſich Marion genannt und der Stolz und die Zierde der Gegend geweſen ſei. Doch da ich bemerkt habe, daß die Zeit zuweilen die Thatſachen verwechſelt, ſo weiß ich nicht genau, welches Gewicht ich auf ihre Autorität legen ſoll. Die Günſtlinge des Mondes. Nach Emanuel Gonzales Auguſt Zoller. —2 2— 1.— panien war dem Ende ſeines Heldenzeitalters nahe. Das Blut ſeiner Söhne hatte ſich mehr noch in inneren Kriegen, als in dem großen Kampfe gegen die Mauren erſchöpft, welche es täglich mehr gegen das Meer zurückdrängte. Durch den geduldigen, unverſöhnlichen Muth, der die Kraft der Spanier iſt, aus ihrem eroberten Vaterlande vertrieben, bildeten die Kinder des Propheten nur noch einen lebendigen Gürtel an den Seiten der Halbinſel, und die Maſchen dieſes Gürtels zerriſſen zu jeder Stunde. Der muthige König von Caſtilien, Don Alonzo IX, genannt der Rächer, hatte Valencin und Alge⸗ ſiras genommen. Dies hieß die zwei Ecken des Halbmondes abbrechen. Die Gefährten von Pelajo hatten die Pflugſchaa⸗ ren in Schwerter verwandelt, um ihr Land zu retten, und die Spitzen dieſer eiſernen Schwerter ſollten bald das Gewicht einer — — Krone ſtützen, welche über die halbe Welt hinſtrahlen würde. Doch die Stunde dieſes gewaltigen Triumphes wurde verzögert durch den Ehrgeiz der Großen und die feudale Zerſtückelung der Königreiche. Seit einem Monat feſſelten neue Unruhen den rächenden König an ſeinen Thron und nöthigten ihn, in ſeinem Herzen das glühende Verlangen, die Ungläubigen in ihrem Horſte zu Gibraltar zu beſiegen, vorläufig zu erſticken. Es ſchien indeſſen keine Gefahr Sevilla zu bedrohen. Die edle Stadt war ru⸗ hig; nur war das Stillſchweigen in ſeinen Straßen ein Grauen erregendes, wie in jenen furchtbaren Tagen, wo ſich alle Stir⸗ nen unter dem gelben Flügel der Peſt oder unter dem Joche der Knechtſchaft beußen. Der ſtumme Schrecken, der die Ge⸗ ſichter trübte, bezeichnete unſichtbare Gefahren. Nur in ſelte⸗ nen Zwiſchenräumen wagten es einige Pilger, welche von San Jago de Compoſtella zurückkamen und Sevilla als Wandervö⸗ gel durchzogen, ſich auf die Stufen des Palaſtes zu ſetzen, und nachdem ſie für den König gebetet, der ihnen Salz und Brod reichte, ſangen ſie mit kriegeriſcher Stimme das berühmte Lied des Cid Campeador: Vengan! Vengan los Mo- ros. Dieſe Hymne war ein bitterer Vorwurf, der einen Muth wiedererwecken ſollte, den ſie für eingeſchlummert hielten; doch die Bewohner von Sebilla wußten, daß der geſchworene Haß zwiſchen dem Sohne des Königs Don Pedro und Enrique von Transtamare, ſeinem Baſtard, in Verbindung mit de Noth⸗ wendigkeit, ein ſeltſames Geheimniß aufzuklären, welches die Ehre aller Familien intereſſirte, in dieſem Augenblick die beſte Schutzwache der Mauren war. 238 Am Tage, wo dieſe Geſchichte beginnt, lehnte der König auf dem ſteinernen Balcon ſeines Palaſtes, und ſeine gegen Afriea gewendeten Blicke ſchienen ſich an der Hoffnung des nahe bevorſtehenden Krieges zu entzünden. „O mein Heer,“ ſprach er,„deine Zelte ſind ſchon ſeit einem Monat bei dieſem Lerfluchten Felſen aufgeſchlagen, und während du mich erwarteſt, bin ich genöthigt, wie ein Weib in die Unthätigkeit und Weichlichkeit, welche meine Seele ent⸗ nerven, verſunken zu bleiben. Dieſer Arm, der das Schwert ſchwingen ſollte, bleibt nachläßig an meiner Seite hängen; dieſe Stimme, welche das Kriegsgeſchrei ertönen laſſen ſollte, mur⸗ melt Gebete und Liebeslieder, bis ſie das Urtheil über die ge⸗ heimnißvollen Verbrecher, deren unſere königliche Gerechtigkeit noch nicht habhaft werden konnte, ausgeſprochen hat.“ Während er ſo ſprach, zerdrückte er in ſeinen nervigen Händen die Kügelchen eines Roſenkranzes, der über ſeine Bruſt herabhing, und entblätterte er zerſtreut die Orangenblü⸗ then, welche den Balcon ſchmückten. Er ſchien nicht Acht zu geben auf eine ſchöne, große Frau, deren ſchwarze Augen allen ſeinen Bewegungen mit einem unruhigen, glühenden Blicke folg⸗ ten. Sie war in eine weiße Mantille gehüllt, wie ſie die ara⸗ biſchen Frauen tragen, und lag halb nach der orientaliſchen Sitte auf einem Haufen von Polſtern, worauf goldene Blätter geſtickt waren. Am Eingange des Saales, in 56 ſich der Balcon öff⸗ nete, ſtand ein Mann von hoher Geſtalt, in einem langen, braunen Gewande, um das ſich an den Hüften ein rother Gür⸗ 239 tel ſchlang, aufrecht und unbeweglich, zerknitterte Pergamente in ſeinen Fingern und ſchien in einen tiefen Gedanken berfunken. Zwei ſilberne Räucherpfännchen hingen am Gewölbe des Saales und die Wolken der Wohlgerüche, die ihnen entſtröm⸗ ten, zogen bis zur Stirne des Königs und entflohen in grauer Säule zu dem blauen Himmel. Die Hitze wurde unerträglich, denn man war im Frühjahr und nichts iſt treuloſer, als der Frühling Spaniens. Die Bäume ergrauen unter den kupfer⸗ rothen Strahlen der Sonne und unter den weißen Wirbeln des Staubes, der ſich an jeden Baum wie ſengende Gluth anhängt. Die Städte ſind Oefen, und auf dem Lande athmet man nicht mehr Luft, ſondern Feuer ein. Von der Mittags⸗ ſtunde bis um vier Uhr iſt Alles verlaſſen, Stadt und Land. Die Sieſta iſt die unumſchränkte Beherrſcherin dieſer müßigen Stunden. Die Augen des Königs ſchloſſen ſich auch allmälig, und man hätte glauben ſollen, er würde in einer trägen Extaſe entſchlummern, als er ſanft auf die Binſenmatte, welche den Boden bedeckte, hinſank und murmelte: „Wie ermüdet mich dieſe Einſamkeit!“ „Ihr ſindet Euch allein mit mit, Alonzo, und zählt mich alſo für nichts in Eurem Leben?“ ſprach die Frau in der Mantille mit einem Tone ſtolzen Vorwurfs. „Ich liebe Euch, Leonor,“ erwiederte der König lächelnd, „doch Ihr, ſolltet Ihr mich nicht mehr lieben, wenn Ihr mich glorreich und triumphirend aus dem Sturme zuruͤckkommen ſe⸗ hen würdet? Das edle Blut der Gusman, das in Euren Adern fließt, winde es Euch erlauben, einem Feigen zuzulächeln, der 240 e Tage damit hinbrächte, daß er zu Euren Füßen ſchmach⸗ en Glanz Eurer Augen beſänge? Wollt Ihr, daß ich in Schwert in eine Nadel verwandle?“ „Nein; ich vermöchte nur einen Helden zu lieben, und wenn keine andere Anforderung, als die meiner Liebe, Euch in Sevilla zurückhielte, ſo wäre Gibraltar zu dieſer Stunde eine chriſtliche Stadt und ich würde ſchon den Beſieger der Mauren an mein Herz drücken.“ „Ihr habt Recht, Leonor, nicht Euch darf ich ob der Schmach einer ſolchen Zögerung anklagen, ſondern meinen Großjuſticiar. Er hat bis jetzt noch nicht die Urheber der nächtlichen Streiche, welche alle Häuſer in Unruhe und Schrecken verſetzen, zu entdecken gewußt. Ich aber habe es bei meinem heiligen Patron geſchworen, ich werde Sevilla nicht eher verlaſſen, als bis die Schuldigen mit all ihrem Blute, das ſie unter der Sonne auf öffentlichem Platze ver⸗ gießen ſollen, die Schande gebüßt haben, mit der ſie ſo viele Familien gebrandmarkt. Ehe ich meine Völker gegen den äußeren Feind vertheidige, muß ich ſie gegen den Fains im Innern beſchützen.“ „Das ſind hochherzige Worte, erhabener ber,. Fc Leonor und ſchaute ihn voll Liebe an. „Was habt Ihr zu entgegnen, Diego von Meneſes?“ fügte der König einen ſtrengen Blick auf den Mann im Brau⸗ nen Gewande heftend bei. „Ich kann einen ſo gerechten Gntſchluß nur billigen,“ antwortete Don Diego mit unſtörbarer Kaltblütigkeit.„Nie⸗ mand wünſcht mehr als ich, die Tiefe dieſes Geheimniſſes zu 241 ergründen. Das iſt der Gedanke meiner Tage und der xrnum meiner Nächte. Doch je mehr ich in dieſer Finſterniß fort⸗ ſchreite, deſto dichter wird ſie um mich her, und ich frage mich nun, welche Hand lang genug ſein werde, um dieſe Menſchen zu erreichen.“ „Früher oder ſpäter entdeckt die menſchliche Gerechtigkeit diejenigen, welche kaum von dem Auge Gottes geſehen zu werden glauben; doch haſt Du neue Kunde? Was für Pa⸗ piere ſind es, die Dich ſo ſehr zu beſchäftigen ſcheinen?“ „Dieſelben Klagen, die ſich jeden Tag in der ganzen Um⸗ gegend von Sebilla erheben. Man beſchwört Euch, dieſer furcht⸗ baren Unordnung ein Ziel zu ſtecken. Eine Frau kann nicht allein mit ihrer Duenna in ihrer Wohnung bleiben, ohne Gefahr zu laufen, vor ihrem Fenſter bei dem erſten Strahle des Mondes einen von den kühnen Abenteurern erſcheinen zu ſehen. Das Volk hält ſie für übernatürliche Weſen und ſeine Leichtgläubigkeit hat ſie mit dem bizarren Namen: Die Günſtlinge des Mondes getauft. Sie ſind ſehr artig und begnügen ſich Anfangs damit, daß ſie ein ſchmachtendes Lied girren; doch wenn ſich das Fenſter nicht freiwillig vor ihnen öfſüet, ſo heben ſie es geräuſchlos mit einer wunder⸗ baren Geſchicklichkeit aus und durchſchneiden die Scheiben wie Pergament. Wollen die Duennen ſchreien, ſo nageln ſie ihnen. die Worte mit Goldſtücken auf die Lippen; wollen ſie noch ſchwatzen, ſo knebeln ſie dieſelben. Will man die Schuldigen ergreifen, ſo verſchwinden ſie wie Geſpenſter, und meine Bo⸗ genſchützen bringen mir nur ſehr geiſtreich angekleidete Glieder⸗ männer. Da ſie keine falſche Brüder haben, ſo kann man Der Erzähler. 1847. 1. 16 242 hn keinen Hinterhalt legen. Uebrigens hat man ihnen nichts vorzuwerfen, als dieſe verwegene Galanterie. Sie haben nie ein Marabedis geſtohlen und bezeichnen ſtets ihre Anweſenheit durch irgend eine ſeltſame, koſtbare Gabe. Keine Frau iſt vor ihren beleidigenden Huldigungen geſchützt, nicht einmal...“, „Diego!“ rief der König aufſtehend. „Keine, ich wiederhole es, gnädigſter Herr.“ „Keine,“ murmelte Alonzo der Rächer,„habt Ihr denn nicht eine Frau, jung und ſchön wie die Engel, Diego von Meneſes?“ „Jung und ſchön,“ erwiederte Diego, indem er ſich ver⸗ beugte, um die plötzliche Bläſſe ſeines Geſichtes zu verbergen, „aber ſie iſt keuſch und tugendhaft.“ „Ich glaube es,“ verſetzte Alonzo ernſt;„doch behauptetet Ihr nicht ſo eben,“ fügte er mit einem Lächeln bei,„daß keine Frau, keine, habt Ihr geſagt...“ Der Groß juſticiar bebte unter ſeinem langen Gewand. „Ruhig, hegt keinen Groll gegen mich, mein Meiſter,“ ſprach der König,„ich war nahe daran, aufzubrauſen, und wollte mich lieber durch zinen Scherz, als durch ein Wort des Zornes an Euch rächen.“ Don Diego drückte ſeine Lippen auf die Hand des Fürſten. „Man verſicherte mich jedoch,“ unnthrch ſie Leonor von Gusman,„der Großjuſticiar wäre ſehr eiferſüchtig auf ſeine junge Frau und hielte ſie unter Gitter und Riegel ver⸗ ſchloſſen, aus Furcht, ihre Tugend in der Sonne des Hofes verwelken zu ſehen.“ — — ich ſie weinen ſehe, und ich möchte gern in einem Kuß jede 243 „Und ich glaube, man hat Euch nicht getäuſcht,“ ſprach Alonzv.„Meneſes ſieht jedoch nicht aus, als befürchtete er die Unternehmungen der Günſtlinge des Mondes.“ „Eiferſüchtig!“ rief der Juſticiar, der zu lächeln ſuchte. „Seht Ihr nicht, daß meine Stirne ruhig, mein Antlitz freu⸗ dig iſt, während ich fern von Genoveva weile? Warum ſollte ich eiferſüchtig ſein? meine Frau iſt tugendhaft und mein Haus ſicher!“ Der König ſchüttelte den Kopf und ſprach: „Meine Frau iſt tugendhaft und mein Haus ſicher! Das iſt zu viel, Diego, und dieſes Wort verräth das Geheim⸗ niß Eures Herzens.“ „Nun wohl! warum Euch die Wahrheit verbergen,“ rief Meneſes,„Euch, Sire, den ich liebe, nicht wie ein Unter⸗ than, ſondern wie ein Freund; Euch, edle Frau, die Ihr eine Verwandte meiner Familie ſeid? Ja, ich bin eiferſüchtig, und eiferſüchtig ohne einen beſtimmten Gegenſtand, was meine Wunde unheilbar macht. Meine Liebe wacht über Genobeva, wie ein ewiger Argwohn; ich weiß nicht, ob ſie mich lieben kann, denn ich bin immer bei ihr düſter, unruhig, eiſig, die Stirne mit einer unſeligen Falte bezeichnet! Mein Herz öffnet ſich nicht für ſie, meine Lippen lächeln ihr nie.“ 2 „An ihrer Stelle würde ich Euch haſſen, mein Vetter,“ ſagte Leonor. „Und dennoch iſt meine Eiferſucht Liebe,“ verſetzte Don Diego.„Weil ich ſie liebe und mich ihrer unwürdig finde, zeige ich mich ſo kalt und ſtreng. Mein Herz blutet, wenn ———— 244 ihrer Thränen trinken.... Doch was wollt Ihr? Der Zweifel iſt in mir, und ich vermöchte ihn nicht zu verja⸗ gen... ich kann dulden, aber ich kann mich nicht bezwingen. Wenn ihre Duenna ihr ins Ohr ſpricht, zittere ich. Iſt die Arme traurig, ſo ſage ich mir, ſie leide unter meiner Thrannei, ſie haſſe mich und träume von ihrem Geliebten. Dann grolle ich ihr, daß ſie die tiefe Liebe nicht erräth, welche wie ein Sturm in meinem Innern brauſt, und bin unglücklich. Iſt ſie freudig, ſo glaube ich, ſie täuſche mich, ſie verſchwöre ſich gegen mein Glück und ihr Lächeln verberge eine Treulofigkeit, und dann bin ich noch unglücklicher. Den Mann, der es wagte, das Ende ihrer Finger zu berühren oder mit ſeinen Lippen den Saum ihrer Mantille zu ſtreifen, wenn ſie in die Kirche geht, würde ich tödten. Bei Tag be⸗ ſpähe ich ihre Schritte, bei Nacht beobachte ich die Bläſſe ihrer Stirne und die Gedanken ihrer Träume. Ueber ihr Lager gebeugt fange ich ihren Athem auf, aber auch dann ſogar macht mir zuweilen mein Schatten bange.“ „Armer Diego!“ ſprach der König. „Armer Diego!“ rief Leonor voll Entrüſtung,„ſagt vielmehr: arme Genobeva. Iſt es nicht unwürdig, daß dieſes junge, ſchöne Geſchöpf die Sklavin der Launen eines kranken Gehirnes ſein ſoll?“ „O Frauen!“ murmelte Alonzo der Rächer,„Ihr be⸗ greift niemals die Berzen, die Euch am meiſten in der Welt lieben. Der Mann, der ſich jeden Augenblick die Seele durch die ehernen Nägel der Eiferſucht zerreißen läßt, muß einen ungeheuren Werth auf dieſe Liebe legen, welche er mit ſo 245 viel Leiden erkauft und ſo ſehr zu berlieren befürchtet. In ſeinen Augen iſt die Frau, die er liebt, ein Wol, und um ihr eine Schramme zu erſparen, würde er tauſendmal ſein Leben hingeben. Eiferſüchtig ſein, heißt das nicht einfach ſich ſelbſt mißtrauen?“ „Gut,“ ſagte Leonor.„Alle Männer reichen ſich ſtets die Hand gegen uns, und ich erwartete nicht weniger von Euch, als dieſe Apotheoſe der Eiferſucht.“ „Armer Diego!“ wiederholte der König,„warum haſt Du geheirathet?“ „Oder vielmehr,“ fügte die hartnäckige Leonor bei, „warum, mein theurer Vetter, warum dachtet Ihr Euch die Liebe einer jungen, unſchuldigen, ſchüchternen Frau dadurch zu gewinnen, daß Ihr beſtändig ein Granitgeſicht ihr zeiget, ſtatt ein Muſter der Galanterie an Eurem edlen Herrn, Alonzo XI., zu nehmen.“ „Schont mich, edle Frau,“ ſprach Meneſes bitter,„ich bin nicht König von Caſtilien. Ein Großjuſticiar würde eine klägliche Rolle ſpielen, wollte er, eine Zither in der Hand und ein Lied auf den Lippen, vor ſeiner Frau niederknieen. Ich überlaſſe dieſe Rolle den Günſtlingen des Mondes.“ „Diego,“ ſagte der König,„Du mußt Deine Thätigkeit verdoppeln und alle Deine Leute ins Feld ſchicken. Die Günſtlinge ſind weder unſichtbar, noch unverwundbar.“ „Ja, doch mag es Zufall, mag es Zauberei ſein, ſie entgehen allen Fallen. Sie müſſen Einberſtändniſſe haben bis im Palaſte, Spione, die an unſeren Blicken und an unſerem Munde hängen, denn ſie wiſſen zum Voraus die Maßregeln, 246 welche vom Rathe genommen werden, und bvereiteln ſie mit einer hölliſchen Geſchicklichkeit. Doch ich werde ein Netz um ſie her ausſpannen, in dem ſie ſich am Ende fangen müſſen.“ „Dein Verdacht geht hoch, Meneſes,“ ſprach Alonzo, „wenn Du glaubſt, daß ſogar im Palaſt...4 „Die Zukunft wird Euch ſagen, ob ich mich täuſche, gnädigſter Herr.“ „Es iſt gut, Du kannſt Dich nun entfernen, wenn Du mir keine andere Klagen vorzutragen haſt.“ „Ich habe noch drei, welche nicht die Günſtlinge betreffen.“ „Nun wohl! Du magſt ſie laut vor meiner Gemahlin ausſprechen, ich habe häufig bei ſchwierigen Umſtänden Zu⸗ flucht zu ihrem Rathe genommen.“ „Ich gehorche, gnädigſter Herr“ Und Don Diego wechſelte mit der gebieteriſchen Leonor von Gusman einen Blick des Einberſtändniſſes voll düſterer, ſchlimmer Freude. „Die erſte wird von dem Rico home) Oſario geführt, welcher Gerechtigkeit für eine blutige Beleidigung verlangt. Er nahm ſeinen Sombreros*) vor dem Mann ab, den er vor Eurem Tribunal anklagt, und ſagte zu ihm:„„Ich küſſe Euch die Hände.““ Der Andere nahm ſeinen Sombrero nicht ab und antwortete nichts.“ *) Einer vom hohen Adel, nach der alten Benennung, ein Graf oder Baron. **) Hut. —— 247 „Und Oſario rächte ſich nicht auf der Stelle, wozu ihm das Herkommen ein Recht verlieh.“ „Oſario iſt brav und rächte ſich nicht, obgleich er das Stichblatt ſeines Degens berührte, weil der Schuldige der Infant Don Pedro war.“ „Don Pedro der Stolze!“ murmelte der König in tiefem Schmerz. Bald aber fügte er mit ruhigerem Tone bei: „Fahre fort.“ „Die zweite Klage iſt die des heiligen Mönches Dominico, der am Zaume ſeines Roſſes einen halbtrunkenen jungen Narren feſthielt und ihm die Thorheiten und Ausſchweifun⸗ gen ſeiner Jugend vorwarf. Dieſer ſchlug den Greis mit dem Knopfe ſeines Dolches auf die Stirne und der unglückliche Mönch blieb beinahe todt auf dem Pflaſter ausgeſtreckt.“ „Und das Volk hat den Gottloſen nicht feſtgenommen? Doch fahre fort. Das Verbrechen iſt ungeheuer, und es ge⸗ ziemt dem kirchlichen Tribunal, die Brutalität dieſes Wahnfinni⸗ gen zu richten und ihn zu verurtheilen. Nur ſeinen Namen?“ „Das Volk entfloh vor ihm. Das kirchliche Tribunal wird Euch das Recht, ihn zu verurtheilen oder freizuſprechen, überlaſſen, denn dieſer Schuldige iſt der Infant Don Pedro.“ „Abermals er, das unglückliche Kind! O welches Ver⸗ mächtniß hinterlaſſe ich meinem Volke!“ „Vielleicht,“ ſprach die Mutter von Enrique von Trans⸗ tamare,„vielleicht gefällt man ſich darin, die Unbilden von Don Pedro zu übertreiben.“ „Leonor, Ihr ſeid gut und edelmüthig gegen ihn, wäh⸗ rend er Euch haßt und gern ſeine Hände in das Blut 248 unſeres Sohnes, ſeines Bruders Enrique, tauchen möchte! Warum ſind Eure Kinder nicht meine geſetzlichen Erben!“ „Die dritte Klage,“ fuhr der unempfindliche Diego fort. „Genug, genug,“ ſprach Alonzo der Rächer mit ſchmerz⸗ lichem Tone.„Immer findet ſich der Name von Don Pedro am Ende dieſer furchtbaren Bittſchriften, nicht wahr?“ Der Großjuſticiar verbeugte ſich. „Oh!“ rief der König, indem er die Sand von Leonor von Gusman ergriff,„ſollte ich vor Gibraltar fallen, ſo mag Enrique von Transtamare mein Nachfolger ſein. Dies iſt mein Wunſch.“ 2. Das Haus des Großjuſticiar war unzugänglicher als eine Feſtung, und dennoch ſchien es, wie die Wiege der indiſchen Kinder, von einem Blumenkorbe getragen zu wer⸗ den. Umgeben von einem Pürtel großer Citronenbäume, hätte man es nur von dieſem balſamiſchen Walde, deſſen Früchte auf den grünen Blättern funkelten, wie die goldenen Aepfel der Hesperiden, beſchützt geglaubt. So verborgen hinter Baum⸗ gruppen und einer üppigen Vegetation von Blumen, war es das einzige Gebäude der kleinen Halbinſel Formoſa, deren Ufer die blonden Wellen des Quadalquivir eine halbe Meile von Sevilla beſpühlten. Dieſes grüne Cap war einerſeits beſchützt durch den Fluß, und andererſeits durch die ſchwarze, 249 furchtbare Zacke eines Felſen, der wie eine ewige Drohung über dem Hauſe hing. Und dennoch war, bei der ſtrengen Wachſamkeit der Diener von Diego, die einzige der Verwegenheit eines Lieb⸗ habers oder eines Diebes gesffnete Thüre dieſe kahle Fels⸗ ſpitze, welche über dem mauriſchen Balcon zitterte. Unter dem Balcon öffnete ſich, wie unter einem Brückenbogen, ein rauchender Schlund, deſſen weiße Schaumſäulen bis zum Fuße der Mauer wogten und toſten. Die verworrenen Stimmen, welche im Abgrunde brauſten, hätten allein das unerſchrockenſte Herz Lereiſt, den feſteſten Blick verwirrt und verſchleiert, und das kühnſte Gehirn mit Schwindel geſchlagen. Nichtsdeſtoweniger kauerten gegen eilf Uhr Abends zwei Männer, jeder nur mit einem Caban bekleidet, auf dem Gipfel des Felſen. Sie ſchienen ſehr ernſt damit beſchäftigt, auf die rauhe Granitrinde ein in einem Fläſchchen von maſſivem Gold enthaltenes ätzendes Waſſer zu gießen, das den Felſen beſſer auflöſte, als der Stab einer Fee. Sobald ſich der Granit wie ein Teig unter der Berührung dieſes Waſſers erweicht hatte, ſchüttelte eine von den zwei Perſonen den Stab, den ſie in der Hand hielt, und dieſer Stab ver⸗ längerte ſich mit einem Lanzeneiſen an ſeiner Spitze, das dazu diente, die Felſenaſche herauszuheben und ſo ſchmale Spalten auszuhöhlen, in welche ungeheure eiſerne Keile getrieben wur⸗ den. Dieſe ſeltſame Operation konnte nur mittelſt gewaltiger Hammerſchläge beendigt werden, deren Geräuſch zum Glück durch das klägliche Geheul des Gewäſſers übertäubt wurde. 250 „Das iſt eine härtere Arbeit, als wir je eine gemacht haben,“ ſagte endlich der kleinere von den beiden Männern, indem er eine Phramide von Stricken anſchaute, welche ſich neben ihm erhob. Er ſprach ſehr leiſe, als befürchtete er von anderen Ohren, als von denen ſeines Gefährten, gehört zu werden. „Ja,“ erwiederte der Andere,„doch die Belohnung wird ſchön ſein.“ „Beim Horne Beelzebubs!“ verſetzte der Erſte,„wir ſind noch nicht am Ende des Spiels; handelt es ſich darum, eine Reiſe wie ein Stern mitten am Himmel zu machen, mit der Ausſicht, ſeine letzte Taſſe aus einer Pfütze zu trin⸗ ken, welche unſern Leichnam nicht einmal mehr auf die Oberfläche läßt, damit man ihn in heiliger Erde begraben könnte, ſo iſt es wohl erlaubt, ſeine Vorſichtsmaßregeln zu treffen. Wenn uns noch der Tag unterſtützen würde!“ „Dummkopf!“ ſprach der Zweite,„glaubſt Du, die Diener von Meneſes, welche Dich ruhig über ihrem Haupte herabſteigen ſehen würden, dürften Dich für eine Fliege oder für einen Abgeſandten desHimmels halten? Uebrigens wür⸗ deſt Du Dir den Hals noch leichter bei Tag als bei Nacht brechen.“ „In der That, ich würde lieber weder bei Tag noch bei Nacht den Vogel auf dieſe Art ſpielen.“ Zu gleicher Zeit beugte ſich unſer Mann über den Rand des Felſen und wich erſchrocken zurück. „Sicherlich laufen wir unſerem Tod in den Rachen,“ rief er;„auf einem ſo wahnfinnigen Vorhaben beharren, 251 heißt Gott verſuchen. Ein aus Luft beſtehendes Weſen würde durch den Abgrund angezogen; was für ein verfluchter Lärm brauſt in der Tiefe dieſes Teufelsſchlundes!“ „Feigherziger,“ ſagte lachend ſein Gefährte,„Deine Stimme zittert und Deine Zähne klappern, als ob alle ver⸗ dammte Seelen der Opfer des Meneſes ſich hier zuſammen⸗ beſchieden hätten, um Dich zu erſchrecken und Dich dafür zu beſtrafen, daß Du ihr Urtheil unter dem Dictate dieſes Dä⸗ mons geſchrieben haſt. Auf, Muth gefaßt; die Keile ſind gut in den Granit eingetrieben, wir müſſen nun die Strick⸗ leiter feſt daran anhaken.“ Der kleine Mann gehorchte mit beſtürzter Miene, er ſah, daß alle ſeine Bemerkungen vergeblich ſein würden, und half ſeinem Gefährten die Leiter feſt anbinden. In dieſem Augenblick drang der Mond mit ſeinem ſilbernen Horne aus den Lämmerwolken hervor, welche den Himmel bedeckten, und er rief mit einer beinahe ſicheren Stimme: „Gott ſei gelobt! unſere himmliſche Beſchützerin er⸗ ſcheint zu gelegener Zeit. Ihre Helle iſt zu zweifelhaft, um uns zu verrathen, doch ſie wird uns nichtsdeſtoweniger den Raum, der uns vom Balcon trennt, zu meſſen ge⸗ ſtatten.“ Und er ſchleuderte die Leiter mit ſo großer Geſchick⸗ lichkeit, daß ſich die eiſernen Schlingen auf eine unent⸗ wirrbare Weiſe an der getriebenen Arbeit des Geländers vom Balcon anhingen; Beide verſuchten es nun, die Strick⸗ leiter an ſich zu ziehen, doch ſie rührte ſich nicht, der 252 Raum war ſo geſchickt mit einem Blicke errathen worden, daß die Leiter ſteif blieb, wie ein geſpannter Bogen. Unſere Abenteurer ſetzten einen zitternden Fuß auf die erſten Sproſſen und ſchloſſen die Augen, ſich der Gnade Gottes anheimgebend. Fünf ſehr lange Minuten verliefen mit dieſer furchtbaren Reiſe, während ihnen die Ohren ſauſten bei der kläglichen Stimme des Schlundes, der ſie zu“ rufen ſchien. Endlich berührten ſie den Balcon, und derjenige, welcher be⸗ fahl, ſprach mit triumphirender Stimme: „Den Kühnen der Sieg! Nun ſind wir vor der ſo gut bewachten Schwelle, während mich Don Diego fern von hier in einen ruhigen, ſüßen Schlaf verſunken glaubt. Er hofft mit ſeiner, des Juſticiars, Hand die Günſtlinge Mondes zu zermalmen. Wohl! nun iſt die Reihe an ihm, nun hat er es mit ihnen zu thun. Die Günſtlinge des Mondes kommen ſelbſt, um ihn aufzuſuchen, und will er ſie verderben, ſo hat er wenigſtens einen gerechten, geſetzlichen Beweggrund.“ Und er ſtieß das Fenſter des Balcon auf, das er halb geöffnet fand, und ſprang in das Zimmer: es war das der ſchönen Genoveva, doch in dieſem Augenblick war es finſter und ſchweigſam. „Sie iſt nicht hier,“ flüſterte der junge Mann,„ich werde warten.“ Er befahl ſeinem Gefährten, ſich mit dem platten Leibe auf den Balcon zu legen und ſich nicht eher zu rühren, als bis er ihn rufen würde. Dann kreuzte er ſeine Arme über ſeiner Bruſt, bedrohte mit wildem Auge das Allerheiligſte 253 der Frau von Don Diego, und ſprach mit einem Lächeln der Wuth: „Ah! Ihr ſeid eiferſüchtig, edler Meneſes. Ah! Ihr rühmt Euch, der Verwandte von Leonor von Gusmann zu ſein, welche die Frucht ihrer ehebrecheriſchen Leidenſchaft auf den Sammet des Thrones zu ſetzen hofft. Ah! Ihr glaubt Euch allein vor unſerem Haſſe beſchützt, weil Eure Hand mit dem Schwerte der Gerechtigkeit bewaffnet iſt und man Euch weder in Eurer Macht, noch in Eurem Reichthum verwunden kann; aber wir wiſſen in Eurem ehernen Herzen eine Wunde zu öffnen, für die es kein Heilmittel gibt, und wir werden Euch in der Ehre Eurer tugendhaften Genoveva treffen!“ 396„Genoveva!“ fügte er in eine ſanfte, traurige Träumerei verſinkend bei,„reizender, angebeteter Name! ſo oft ich ihn höre, fühle ich mein Herz beben und ſich in ſeinem fleiſchenen Gefängniß empoören, als wollte es dieſer edlen Jungfrau, die ich ſo ſehr geliebt, entgegenſtürzen. Sie allein vermochte die Liebe in meinem Herzen zu erregen! Seitdem die argliſtige Leonor das Kind, von dem ſie ſagte, es wäre Gott geweiht, hat verſchwinden laſſen, ſuchte ich vergebens mich der in mei⸗ nem Herzen entzündeten Leidenſchaft zu entſchlagen: ich konnte ſie nicht begraben unter den Liebſchaften einer Nacht, die mir Gott als eben ſo viele Verbrechen auftechnen wird. Das Bild von Genoveva bleibt ſtets rein und verſchleiert im Grunde meines Herzens. Oh! wenn ich ſie je wiederſehen würde!“ In dieſem Augenblicke erſchollen Tritte in der Gallerie, welche in das Zimmer von Genoveva führte. Der Günſt⸗ ling des Mondes hatte kaum Zeit, hinter die rothen Vor⸗ 254 hänge des Alkoven zu ſchlüpfen, und unter dem Walle ihrer unbeweglichen Falten wartete er, den Athem an ſich haltend. Die Thüre öffnete ſich, doch es trat nicht die junge Frau ein, ſondern der Großjuſticiar. Er hielt in einer Hand ſein mäch⸗ tiges Schwert, mit dem ſtets durch ſchwarzen Flor verſchleier⸗ ten goldnen Griffe, und in der andern eine Pechfackel. Er ſchaute voll Mißtrauen umher und ging gerade auf das Fen⸗ ſter zu. Der Mond hatte ſich hinter Wolken verſteckt, doch die Helle der Fackel beleuchtete mit einem röthlichen Schimmer das Ende der Leiter. „Ich täuſchte mich nicht,“ ſagte Diego zu ſich ſelbſt, „als mich der Zufall aus dem Grunde der Barke, in der ich lag, die Augen zu dieſer Granitſpitze aufſchlagen ließ; ich konnte Anfangs nicht begreifen, was für ein ſonderbarer Schat⸗ ten in der ſchwankenden Durchſichtigkeit der Luft vom Felſen zum Balcon herabſchwebte Der Verdacht, der ſich ſogleich in mir regte, iſt begründet. Das iſt der hölliſche Weg, den ſich die Günſtlinge gebahnt haben, um in mein Haus zu ge⸗ langen. Sicherlich iſt einer in dieſem Zimmer verborgen; doch er wird nur todt von hier wegkommen und der Schlund ſoll ihm als Grab dienen.“ Er ſchloß ungeſtüm das Fenſter und durchſchritt dann langſam das Zimmer. „Sollten dieſe Günſtlinge wirklich unſichtbar ſein, wie das Volk glaubt?“ dachte der Juſticiar. Doch bei dieſer Frage, welche beinahe eine Gottesläſterung war, bekreuzte ſich der fromme Katholik. Er ſtand vor der Draperie. 255 Als er den Vorhang aufzuheben im Begriffe war, flürzte der Günſtling aus ſeinem Schlupfwinkel hervor, entriß ihm die Fackel und löſchte ſie unter ſeinen Füßen aus. Doch die Hand des Juſticiars klammerte ſich raſch an dem Wamms des jungen Mannes an, und mit dumpfer Stimme fragte ihn Diego: „Dein Name?“ Der Abenteurer antwortete nicht. Das geringſte ſeinen Lippen entſchlüpfte Wort wäre das Geſtändniß ſeines Namens geweſen. Er hoffte ſich von ſeinem Gegner loszumachen, ehe er genöthigt wäre, ſich zu erkennen zu geben, und drückte krampfhaft mit ſeinen Händen an der Feder des furchtbaren Stockes, der an ſeinem Gürtel hing. Doch Diego hatte dieſe Bewegung wahrgenommen, und ehe ſich der Stock in einen Degen verwandelt, preßte er die zwei Hände des jungen Man⸗ nes im Schraubſtocke ſeiner eiſernen Hand zuſammen. Der Zorn machte alle ſeine Glieder zittern ſein Geſicht war bleich und eiskalt wie das eines Todten, und dennoch hegte er noch eine zweifelhafte Hoffnung im Ofen ſeines Gehirnes. „Nicht wahr, Du biſt ein Dieb?“ ſagte er.„Antworte doch, Elender, oder ich beſtrafe Dich, wie Deines Gleichen.“ O menſchliche Feigheit! in dieſem Augenblick war er nichtsdeſtoweniger weit entfernt„ die Diebe in ſeinem Innern zu ſchmähen. Hätte der Günſtling des Mondes zu ihm ge⸗ ſagt: Ich bin ein Dieb, laßt mich gehen, Don Diego Meneſes! ſo würde der Großjuſticiar ihm zugelächelt, ihm ſeine Börſe und ſeinen Ring von maſſivem Gold gegeben, ihn um Verzei⸗ 256 hung gebeten, und ihm die Thüre der Ehrentreppe ſeines Hauſes, unter Segnungen in ſeinem Herzen, weit geöffnet haben. Bei der Drohung von Diego war der Abenteurer auf dem Punkte, zu antworten. Doch auch diesmal erſtarb ſeine Stimme auf ſeinen Lippen. Der Schwertknopf von Meneſes ſtreifte nun die Schulter des Lieblings vom Monde. Er ſtieß einen furchtbaren Schrei aus und rief: „Stoß mit der Spitze, wenn Du es wagſt, Diego, denn ich bin der Geliebte Deiner Frau.“ Der Juſticiar erkannte die Stimme und bebte unter der Beleidigung wie ein auf der Arena vom ſcharfen Eiſen ge⸗ troffener Stier. Doch er hatte ſeine Rache in der Hand, und ein furchtbares Lächeln zog ſeine Mundwinkel zuſammen. „Du lügſt. Du biſt nur ein Dieb,“ antwortete er, und er ſchlug abermals den jungen Mann, der ſich vergebens unter ſeinem mächtigen Drucke ſträubte und:„Verrath, Verrath!“ rief. Auf dieſen Ruf hob ſich das Fenſter vom Balcon ruhig auf ſeinen Angeln und die Thüre des anſtoßenden Ge⸗ machs öffnete ſich. Das Fenſter flürzte in die Tiefe des Ab⸗ grunds und ſechs ſchwarz gekleidete Männer mit verlarvten Geſichtern blieben unbeweglich auf den Platten. Die junge Frau von Don Diego erſchien, gefolgt von zwei mit Fackeln verſehenen Duennen, auf der Thürſchwelle. Bei dieſem Anblick fühlte der Günſtling ſein Herz auf das Heftigſte ſchlagen, ſeine Hände zittern, ſeine Augen ſich 257 verſchleiern. Er ſah den Großjuſticiar nicht mehr, vergaß jede Gefahr und rief: „Genoveva, Ihr ſeid es!“ während unendliche Freude ſein Antlitz verklärte. „Der Infant Don Pedro!“ flüſterte Genoveva, als ſie das edle Antlitz, die blauen Augen, die geſchmeidige, zierliche Geſtalt des jungen Prinzen erkannte, den ſie in einer keuſchen, frommen Liebe geliebt hatte, ehe ſie ihre Vormünderin, Leonor von Gusman, Don Diego zu heirathen gezwungen. „Die Komödie iſt gut geſpielt und die Erkennung rüh⸗ rend,“ ſagte Meneſes. „Sprich, Genoveva!“ rief Don Pepre,„ſprich, damit ich den Ton Deiner ſo ſüßen Stimme höre. Du warſt alſo nicht in einem der lebendigen Gräber eingeſchloſſen, welche ſie Klöſter nennen! Man hatte mich getäuſcht. Ich dachte wohl, Gott könne nicht ſo grauſam ſein, Dich zu ſeiner Liebe zu nehmen.“ „Ich bin die Frau von Diego von Meneſes,“ ſprach mit erloſchener Stimme die arme Genoveva. Bei dieſem Keulenſchlage fiel der Infant von der Höhe ſeiner Täuſchung auf die Erde nieder. „Ich begreife, warum ich dieſen Menſchen ſo ſehr haßte, dachte Don Pedro.„Er war mehr als ein Feind für mich. Ich könnte Dich ihm entreißen,“ ſprach er dann laut. „Ihr ſtürzt mich ins Verderben,“ ſagte die unglückliche Frau. „Vergeßt Ihr, daß Ihr Beide in meiner Gewalt ſeid?“ rief Don Diegv. Der Erzähler. 1847. 1. 17 ——————— —— 258 „Ich habe hier ergebene Freunde, welche ſich eher tödten ließen, als daß Ihr eines meiner Haare berühren dürftet,“ erwiederte mit ſtolzem Tone Don Pedro, indem er die Hand nach dem Fenſter ausſtreckte, wo die ſechs verlarvten Männer unbeweglich geblieben waren. „Gott behüte mich, daß ich je die Hand an den Infan⸗ ten von Caſtilien lege,“ entgegnete der Juſticiar mit einem grauſamen Lächeln.„Doch das Geſetz befiehlt mir, die Frau zu beſtrafen, welche ihre Pflichten verrathen hat.“ „Sie hat ſie nicht verrathen,“ ſprach Don Pedro.„Ich glaubte ſie dem Dienſte Gottes geweiht. Ich wußte nicht, daß ſie Eure Frau geworden, Don Diego, und erwartete entfernt nicht das Glück, ſie wiederzuſehen. Der Zufall hat Alles gethan.“ „Ich muß geſtehen,“ verſetzte der Juſticiar mit bitterem Tone,„es iſt ein ſehr gefälliger Zufall, der ſo wunderbar dieſe Strickleiter aufgehängt, gegen mein Verbot dieſes Fenſter geöffnet, Eure Hoheit unter dieſen Vorhängen verborgen, Eure Lippen für alle meine Fragen verſchloſſen, und meine Fackel unter Eurem Fuße ausgelöſcht hat.“ „Don Diego!“ xief der Infant, indem er die Hand an ſeinen Degen legte. „Ihr ſtürzt mich ins Verderben!“ wiederholte Genoveva erſchrocken; und für das Leben von Don Pedro befürchtend, wenn er ſie beharrlich durch ſeinen Schutz bedecken wollte, entnahm ſie ihrem Herzen das einzige Wort, das ihn zwingen konnte, die Vielgeliebte zu verlaſſen:„Geht, wenn Ihr mich retten wollt.“ 5 259 Der Infant begriff, daß alle ſeine Bemühungen die un⸗ glückliche junge Frau in den Augen ihres Gemahls nur ſtraf⸗ barer machen würden, und ging maſchinenmäßig gerade auf die Thüre der Gallerie zu. Doch hier fand er vor ſich den wilden Juſticiar, der ihm, auf ſein langes Schwert geſtützt, zurief: „Wer in mein Haus durch die Thüre gekommen iſt, ſoll es auch durch die Thüre verlaſſen; wer durch das Fenſter her⸗ eingekommen, ſoll auch durch das Fenſter hinaus.“ Bei dieſer Demüthigung, welche den Stolz von Don Pedro in Gegenwart von Genoveva traf, durchlief ein Schauer ſeinen ganzen Leib und ſein Geſicht bedeckte ſich mit einer Leichenbläſſe. Doch Genoveva ſchaute ihn mit einem Ausdrucke der Bitte an, und dieſer mit Thränen benetzte Blick verjagte den Zorn von ſeiner Stirne und drängte ihn in ſeine Seele zurück. Er ſtieg auf den Balcon und begab ſich mit einer wil⸗ den Freude wieder auf den gefahrvollen Weg, auf dem er ge⸗ kommen war. Diesmal ſchloß er die Augen nicht. Die Stimme des Schlundes ſcholl in ſein Ohr wie eine geliebte Harmonie. Die Windſtöße, welche ſeine Haarlocken in die Höhe hoben, erſchreckten den Verwegenen nicht mehr. Tödtliche Schmerzen erwecken in energiſchen Seelen eine ſeltſame Kühn⸗ heit. Statt euren Muth niederzuſchlagen, hauchen ſie in euer ganzes Sein einen Geiſt der Empörung. Ihr ſchlürft mit Entzücken euer Unglück ein, und die Stürme der Natur ſym⸗ pathiſiren mit dem vereinzelten Sturm eures Hetzens. 260 3. Am andern Tage erfuhr der König aus dem Munde von Don Diego alle Einzelnheiten der ſchrecklichen Scene, die wir hier erzählt haben. Mit Abſcheu, mit einer tiefen Entrüſtung lernte er das Geheimniß der Günſtlinge des Mondes kennen. Meneſes machte ihm leicht begreiflich, wie unklug es wäre, eine furchtbare Verbindung, mit dem Thronerben als Haupt, nicht zu vernichten. Don Diego, welcher ſolche blindlings ſeiner Sache ergebene Arme und Geiſter hätte, könnte wohl an dem Tage, wo der Ehrgeiz die Ausſchwei⸗ fungen der Liebe aus ſeinem Herzen vertreiben würde, den Scepter den Händen ſeines Vaters entreißen und das Diadem auf ſein Haupt ſetzen. Dieſe Entdeckung unterſtützte noch die Intereſſen von Leonor von Gusman, denn ſie befeſtigen Alonzo den Rächer in ſeinem Entſchluß, Enrique von Trans⸗ tamare zu ſeinem Nachfolger zu wählen. Don Pedro wurde auf der Stelle vor ſeinen Vater ge⸗ fordert. Er erſchien vor⸗ ihm, ohne die Stirne zu beugen,⸗ ſo ſtolz, als ob keine Anklage auf ſeinem Benehmen laſtete. „Don Pedro,“ ſprach Alonzo mit ſanftem Tone,„warum müßt Ihr vor Eurem Vater als Strafbarer erſcheinen? Warum will mein Sohn nicht meine Freundſchaft bewahren?“ „Weil Ihr ſie ganz und gar Eurem Baſtard geſchenkt habt, mein Vater, und weil ich nicht gern ein Lächeln, auch nur ein Lächeln von Euch dem Sohne dieſer Buhlerin Leonor von Gusman ſtreitig machen möchte.“ 261 „Don Pedro!“ rief der König mit furchtbarer Stimme, „Ihr beleidigt mich auf eine feige Weiſe. Ich bin zu nach⸗ ſichtig gegen Eure Laſter geweſen. Doch wenn Ihr meine Freundſchaft verachtet, ſo werde ich Euch vor meinem Zorne zittern zu machen wiſſen; auf die Kniee„undankbares, meute⸗ riſches Kind!“ „Nie!“ erwiederte der Infant. „Nie!“ wiederholte Alonzo hohnlächelnd;„ehe Du Dich ſo empörſt, ſollteſt Du Deiner Kraft ſicher ſein, armes Rohr, das ich in meinen Händen zerbreche.“ Und er faßte Don Pedro mit aller Heftigkeit und beugte ſeinen zarten Körper auf die Erde nieder, daß die blonden Haare des Infanten die Kriegerſtiefeln des Königs ſtreiften. „Sei geſtraft in der einzigen Neigung Deines Herzens,“ fuhr Alonzo mit feierlichem Tone fort.„Ich habe Don Diego von Meneſes erlaubt, ſeine Frau zu tödten, weil ſie das Ver⸗ brechen, Dich zu lieben, begangen.“ Bei dieſem Worte vergaß Don Pedro Alles, ſeinen Zorn, ſeine Schmach, ſeinen Stolz. Er erhob ſich, ſtreckte die Hände flehend gegen den König und den Großjuſticiar aus und rief: „Verzeiht ihr, ſie iſt unſchuldig.“ Der König und der Juſticiar blieben ſtumm. „Verzeiht ihr,“ wiederholte Don Pedro, den Blick zit⸗ ternd, die Lippen bleich.„Sie tödten und warum? Weil ich ſie geliebt? Weil ich ſie mit meiner wüthenden, wahn⸗ ſinnigen Liebe verfolgt habe? Iſt Jemand ſtrafbar, ſo bin ich es. Iſt Jemand zur Sühnung dieſer Liebe zu tödten, ſo bin 262 ich dies! Und mit welchem Rechte würdet Ihr zum Opfer die⸗ jenige wählen, welche unſchuldig iſt und mich mit Abſcheu zurückgewieſen hat? Denn ſie liebt mich nicht. Die Men⸗ ſchen, welche Euch geſagt haben, ſie liebe mich, haben gelo⸗ gen. Ich bin ein Mann, ich beſitze Muth und Kraft und kann ſterben; doch ſie. das Gift ſoll ihre Lippen berüh⸗ ren, der Dolch ſoll ſich gegen ihren keuſchen Buſen erheben! Das wird nicht ſein; iſt ſie ſtrafbar, weil mein Blick auf ſie gefallen iſt, ſo gehört all mein Blut Euch, um ihr Verbrechen zu ſühnen.“ „Genoveva wird ſerten,*ſagte mit ſeiner harten Stimme Meneſes. „Ihr wollt ſie ſterben laſſen, mein Vater?“ rief Don Pedro voll Angſt. „Ich bin nur noch Euer Richter, Don Pedro,“ ent⸗ gegnete Alonzo mit kaltem Tone. „Nun wohl, ſo laßt mich zu Euch as zu meinem Rich⸗ ter ſprechen. Laſchließt Euer Ohr nicht für meine Worte, Euer Herz nicht für meine Thränen. Dieſe Frau ſterbe nicht, und ich werde ſie vergeſſen und nie wiederſehen, und wenn Ihr es verlangt, drückt meine Hand die Hand des Grafen von Transtamare meines Bruders,“ fügte er mit einer An⸗ ſtrengung gegen ſich ſelbſt bei.„Ich werde mich endlich vor Frau Leonor von Gusman beugen; doch Ihr müßt Genoveva retten.“ „Don Diego!“ unterbrach ihn der König,„werdet Ihr unbeugſam ſein.“ Und als der Inſticiar düſter und ſtumm blic: 263 „Dieſen müßt Ihr bitten, Don Pedro.“ „Dieſen Menſchen ſoll ich bitten!“ verſetzte der Infant mit einer Geberde der Verachtung;„doch habt Ihr nicht die Gewalt, mein Vater? Seid Ihr nicht der Herr? Hat er ſeine Frau auf dem Markte gekauft, wie die Tuneſen, um das Recht über Leben und Tod bei ihr zu haben? Oh! wenn ich König wäre!“ „Don Diego iſt Herr in ſeinem Hauſe,“ verſetzte Alonzo gereizt durch dieſes letzte Wort,„und ich kann ihn nur be⸗ ſchwören, Euch Gnade angedeihen zu laſſen.“ „Doch wenn er ſich weigert, iſt es eine Beleidigung, und ſeinen König beleidigen iſt ein Verbrechen.“ Dann ging der unglückliche Infant auf Meneſes zu und rief: „Werdet Ihr ſie tödten! Oh! laßt mich nicht in dieſem furchtbaren Zweifel.“ „Dieſer Zweifel rächt mich ſchon an Euch, Hoheit,“ ant⸗ wortete ſtolz Don Diego und zog ſich mit langſamen Schritten zurück. „Oh! daß ich nicht König bin,“ murmelte abermals der Infant, als er ſah, wie Diego ſich mit ſolcher Geringſchätzung entfernte;„ich würde befehlen, ſtatt zu flehen.“ Und dieſer ſechzehnjährige Prinz warf auf ſeinen Vater einen Blick der Verachtung und des Haſſes. Doch es war nur ein Blitz; denn er kniete demüthig vor Don Alonzo nie⸗ der, dankte ihm für ſeine Milde und verſprach ihm, ſeine Hand küſſend, am andern Tage mit ihm gen Gibraltar auf⸗ zubrechen. 264 Sie brachen in der That am andern Tage, gefolgt von einer Escorte von Ricos homes und Edelknechten auf. Sobald die Fürſten ankamen, wurde die Belagerung auf das Kräftigſte betrieben. Don Pedro verließ ſeinen Vater nicht einen Schritt. Sein Schatten ſchien an den Schatten des Königs befeſtigt zu ſein. Man bewunderte ſeine unermüdliche, kindliche Ergeben⸗ heit. Er ging ihm voran und bedeckte ihn beſtändig mit ſei⸗ nem Leibe. Es wurden zwei Pferde unter ihm durch vergiftete Pfeile getödtet, welche für Alonzo den Rächer beſtimmt waren. Sein Muth entflammte den Eifer der Soldaten. Bis dahin düſter und ernſt, hatte er nur wenig Liebe im Volke genoſſen. Nun war er ſo beliebt, als der König ſelbſt. Alle Geſuche gingen durch ſeine Lippen, um zu den Ohren von Don Alonzo zu kommen. Die furchtbaren Zweifel, welche der letztere gefaßt hatte, verſchwanden allmälig aus ſeinem Geiſte. Fern von dem Einfluß von Leonor von Gusman, wurde er wieder ein Vater für den muthigen und ergebenen Don Pedro. Ach! das Herz des Infanten war nicht ſo ruhig, nicht ſo rein von jeder Falte wie ſein Antlitz. Am Tag bezähmte er wohl ſeinen Geiſt durch Die ermüdenden Strapatzen der Be⸗ lagerung; doch am Abend, wenn er auf ſeinem Lager aus⸗ geſtreckt lag, beugte ſich ſtets eine weiße Erſcheinung über ihn und rief ihn um Hülfe an. Es kam ihm vor, als ſähe er das Haus von Meneſes in Kerker und Grab verwandelt. Herzzerreißendes Geſchrei drang an ſein Ohr. Die weißen Arme von Genoveva ſchlangen ſich krampfhaft um ſeinen Häls⸗ um ihn in den Abgrund zu ziehen, und wenn er voll Schrecken erwachte, befeuchtete kalter Schweiß ſeine Schläfe und ſeine 265 blonden Haare klebten an ſeiner Wange. Doch Niemand hätte am Tage dieſen Todeskampf jeder Nacht errathen. Er war geduldig wie ein Menſch, der ſicher iſt, daß ihm die Zukunft nicht entgehen kann. Der König ritt eines Tags, durch die Hitze ſeines Pferdes fern von ſeinem Gefolge fortgezogen„auf eine kleine Gruppe von Oliven⸗ und Citronenbäumen zu, deren mageres Blätter⸗ werk durch ſeinen Schatten Zuflucht gegen die glühenden Sonnenſtrahlen des Mittags bot. Am Eingang fand ſich ein großer, rother Mantel auf dem Staube des Weges. Alonzo wollte ſein Pferd über den Mantel ſetzen laſſen; doch dieſes wich erſchrocken zurück, bäumte ſich und trug den König trotz aller Anſtrengung in einen wüthenden Galopp, der ihm das Leben koſten mußte, fort. Die Augen blutig„ Feuer in den Nüſtern, die Mähne in Schweiß gebadet, flog das wilde Thier dahin, wie die Zuckung eines Blitzes durch den Raum. Alonzo klammerte ſich verzweifelt an vie Flanke des Pferdes an und erwartete, erſtarrt in dieſer Haltung, ohne Blick, ohne Athem den Tod. Zum Glück hemmte ein elender Stein, ohne Zwei⸗ fel von Gottes Hand auf dieſe Stelle gelegt„ den zügelloſen Lauf. Das Pferd ſtürzte mit gebrochenem Kreuz nieder, und ſein Reiter fiel auf dasſelbe. Zwei Stunden nachher fand man den König ohnmächtig, halb todt, doch das Pferd war verſchwunden. Man ſuchte nach dem rothen Mantel, es war keine Spur davon übrig. Alle Einzelnheiten dieſer Scene hatten ſich zerſtreut wie phantaſtiſche Viſionen, die man vergebens wieder hervorruft. Keines von den Pferden des Königs fehlte. Ein Unbekannter, dem Niemand Aufmerkſamkeit geſchenkt, und 266 den Niemand wiedergeſehen, wurde als derjenige bezeichnet, welcher vor der Ankunft des Oberſtallmeiſters das Pferd des Königs beim Zaume gehalten hatte. Dieſe Begebenheit erweckte wieder im König das ganze Mißtrauen, das nach und nach in ihm entſchlummert war. Er fing an, ſich vor Allem zu fürchten, vor dem Lächeln, vor den Schmeicheleien, vor den gleichgültigſten Worten. Es kam ihm vor, als wären die Geſichter ſeiner Höflinge mit einer Larve oder mit einem Schleier bedeckt, den er gern ge⸗ lüftet hätte, um ihre geheimen Gedanken zu entdecken. Er fühlte um ſich her den Einfluß unſichtbarer Feinde, welche ſeine ſo feſte, ſo große Seele wirklichen Gefahren gegenüber er⸗ ſchreckten. Sobald er ſich von ſeinem furchtbaren Sturze wieder er⸗ holt hatte, wollte er eine Spazierfahrt auf dem Meere mit ſeinen Ricos homes Oſario und Ponce von Leon machen. An dieſem Tage war nicht das mindeſte Wolkenfloͤckchen am Him⸗ mel ſichtbar. Die Sonne brach alle ihre Strahlen auf dem Rücken der Wogen und machte jede Welle tauſendfarbig wie die Facetten eines ungehenren Demants glänzen. Ein ſanftes Lüftchen flüſterte in den Segeln der königlichen Barke. Plötz⸗ lich hörten der König und die beiden Herren ein dumpfes Rauſchen unter ihren von der Welle beſpühlten Füßen. Ein Brett hatte ſich losgemacht, die Barke war geöffnet, und das Meer nahe daran, ſie mit der durchſichtigen Oberfläche ſeines Gewüſſers zu bedecken und wie eine Beute tief in ihre Ab⸗ gründe zu ziehen. Diesmal war es Ponce von Leon, der Alonzo XI. durch ſeine wunderbare Stärke rettete. Er ſchwamm 267 wie ein Delphin und erreichte, Alonzo den Rächer auf ſeinem herkuliſchen Rücken tragend, nach Verlauf von zwei Stunden das Ufer. Der König begriff, daß die mörderiſchen Geſpenſter die Maſchen ihres Netzes enger und enger um ihn zuſammenzogen, und die Erinnerung an die Günſtlinge des Mondes kehrte in ſeinen Geiſt zurück. Es ſchien ihm, als hörte er die Stimme dieſer auf ihn erbitterten böſen Geiſter in dem Rauſchen der Wogen und in dem unheilvollen Wiehern des verfluchten Pferdes. Auch faßte er alsbald einen entſcheiden⸗ den Entſchluß und ertheilte Enrique von Transtamare in einem Schreiben den Befehl, ſich ſogleich nach Empfang ſeines Brie⸗ fes in das Lager zu begeben. Doch als der Graf nach zwei Tagen in der Stunde, welche für den Sturm feſtgeſtellt war, vor dem königlichen Zelte erſchien, fand er es von drei Hellebardieren auf den Befehl von Don Pedro bewacht, der ſich darin mit dem Arzte des Königs eingeſchloſſen hatte. Das Lager war ſtumm und öde; ein plötzliches Uebel hatte den Korper von Don Alonzo gelähmt. Der Graf beſtand auf ſeinem Willen, in das Zelt zu dringen, und ein Soldat benachrichtigte den Infanten. „Transtamare hier!“ rief er,„es war Zeit, doch ich erwartete ihn. Kann man ihn ſchon eintreten laſſen?“ fragte ſein Blick den Arzt. Dieſer beugte ſich auf die geſchloſſenen Augen und die bleiche Stirne des Königs, als wollte er die Heftigkeit des Uebels befragen, und machte ein verneinendes Zeichen. Doch Alonzo hatte die gewaltige Stimme des Soldaten 268 gehört und ſein Geiſt war dadurch aus ſeiner Erſtarrung er⸗ weckt worden. „Iſt Enrique gekommen?“ murmelte er mit einer An⸗ ſtrengung.„Warum wacht er nicht bei ſeinem Vater„ ſollte man ihn verhindern, zu ihm zu gelangen? Ein König muß bei offenen Thüren, mitten in ſeinem Lager ſterben, wenn kein Verrath dabei obwaltet. Wer befehligt denn jetzt hier?“ Und ſein Blick ſtrahlte, und ſeine Stimme befahl noch. Doch er ſträubte ſich unter der eiſigen Hand des Todes, ſeine Gedanken ſchweiften umher, und er fügte ſchwach bei: „Oh! wie leide ich! mein Gott, laß mich in Gnaden ſterben.“ Don Pedro wollte den erſchöpften Körper in ſeinen Ar⸗ men aufheben; doch Alonzo ſuchte ihn zurückzuſtoßen und ſprach voll Schrecken: „Warum mich berühren! bin ich denn krank! Oh! wel⸗ ches Feuer brennt in meinen Eingeweiden! Ich habe Durſt! Luft! Luft! Habt Mitleid, öffnet die Thüre des Zeltes.“ Er wollte ſich von ſeinem Lager erheben, doch dieſe An⸗ ſtrengung ermüdete ihn, und er fiel noch bleicher als zuvor zurück. Don Pedro hielt einen ſilbernen Becher an ſeine Lippen und ſprach mit ſanfter Gewalt zu ihm: „Trinkt, Herr, trinkt, ich will es.“ Einige Tropfen des Trankes ſchlüpften durch die ge⸗ ſchloſſenen Zähne des Sterbenden. Der Arzt öffnete die Thüre. Enrique von Transtamare ſtürzte in das Zelt und rief: „Ich will meinen Vater ſehen!“ „Geduld!“ ſprach Don Pedro, indem er die Hand des 269 jungen Grafen ergriff.„Ihr werdet Zeit haben, das gelbe, verwelkte Geſicht Eures Vaters zu ſchauen, Ihr werdet den Schmerz haben, ſeine wahnwitzigen Worte zu hören, doch ehret ſeinen Schlummer; es geht beſſer, er ſchläft.“ „Er ſchläft,“ wiederholte Enrique, indem er Don Pedro bis in den Grund der Augen ſchaute. „Seht!“ verſetzte ruhig der Infant, und ſtreckte die Hand gegen den armen, unbeweglichen König aus, der nicht mehr zu athmen ſchien. „Mein Gott!“ rief Enrique,„er ſtirbt! er ſtirbt!. ſein Geſicht iſt eiſig.“ Zu gleicher Zeit neigte er ſich über das königliche Lager und ſeine Lippen berührten die von Don Alonzo, den dieſer Kuß aus ſeinem unſeligen Schlummer zu erwecken ſchien. „Wer hat vom Tod geſprochen?“ ſagte er, indem er mit ſchon trüben Augen umherſchaute.„Was bedeutet dieſe Traurigkeit, dieſer Arzt zu meinem Häupten? Nein, ich muß nicht ſterben; meine Kräfte kehren zurück; das Blut ſteigt wieder zu meinem Herzen; ich bin ſicher, daß ich lebe. Iſt nicht heute der Sturm? Man bringe mir meine Waffen. Ich will heute ſiegen. Du wirſt an meiner Seite fechten, Enrique. Oh!l ich muß dieſen Abend die Fahne Caſtiliens auf die Mauern von Gibraltar gepflanzt haben.“ Don Pedro erbleichte. Thränen floßen über die Wan⸗ gen des Grafen. Der König bemerkte es, und ſeine Stirne verdüſterte ſich. „Du liebſt mich und Du weinſt, da Du mich beinahe 270 geheilt ſiehſt; das iſt ſchlimm. Gib mir mein Schwert, glaubſt Du, ſein Gewicht ſei zu ſchwer für meinen Arm?“ Er erhob ſich ſchwankend, und mit Hülfe des Arztes und ergriff das Schwert, das ihm Don Pedro reichte; doch ſtatt es zu ſchwingen, mußte er ſich darauf ſtützen, wie auf einen Stab. Dieſe Schwäche war für ihn eine ſchreckliche Offenbarung. „Begreifſt Du das, Enrique,“ ſagte er, eine zitternde Hand auf die Schulter des Grafen legend,„meine Beine wanken, mein Körper beugt ſich? Gleichviel! ich werde noch Kraft genug haben, um aufrecht, als Soldat, an der Spitze meines Heeres, auf der Breſche, im Angeſicht des Feindes zu ſterben. Mein letzter Athem ſoll mit einem für die Mauren unheilſchwangerem Kriegsgeſchrei entſtrömen; unter dem Helme werden ſie mein durch das Leiden, aber nie durch die Furcht erbleichtes Geſicht nicht ſehen. Ich will in meinem Todes⸗ kampfe den Sturm befehligen. Man wird mich dahin ſchlep⸗ pen, wenn es ſein muß, doch mein Leichnam wird den Sieg davontragen.“ Er fiel entkräftet auf. ſein Lager zurück. „Hülfe!“ rief der Graf,„Hülfe!“ Und den Arzt anſchauend, der unbeweglich blieb: „Wie, Euer König ſtirbt und Euer Mund iſt ſtumm? Und Ihr ſucht ihn nicht durch die Geheimniſſe Eurer Kunſt ins Leben zurückzuxufen!“ Er weinte. Don Pedro war ruhig. „Geduld!“ ſprach der Infant mit ſanftem Tone,„Ge⸗ duld, mein guter Bruder, Ihr beunruhigt Euch zu raſch. 171 Die Lage unſeres Vaters iſt keine verzweifelte. Ihr ſeht, ich bin ruhig und ich liebe ihn doch wie Ihr, Enrique. Zu viel Schmerz auf Eurem Antlitz wäre alſo eine Beleidigung für mich.“ „Gehorcht!“ ſprach der Graf zu dem Arzt, ohne auf dieſe heuchleriſchen Worte zu hören.„Stirbt der König, ſo werde ich bezeugen, daß Ihr ihn retten konntet und nichts verſucht habt.“ und ich, unterbrach ihn Don Pedro„„ich behaupte, daß er als ein guter Diener handelt, der den Todeskampf ſeines Herrn nicht durch unnütze Verſuche ſtören will. Der wahre Schmerz, Graf von Transtamare, verbirgt ſich im Ge⸗ müthe und bricht nicht in einem Sturme von Thränen und Schluchzen aus.“ Enrique ſchaute den Infanten mit Verachtung an. „Ihr habt mich gehört,“ ſagte er zu dem Arzte. „Ihr vergeßt, mein Bruder,“ rief jetzt Don Pedro, „wenn Jemand das Recht hat, ſeinen Schmerz hier zur Schau zu ſtellen, ſo bin ich es. Dieſer Arzt wird Euch nicht ge⸗ horchen. Mehr noch, ich verbiete es, daß man das Heer in Schrecken ſetzt, und die Freude bei den Belagerten durch das Schauſpiel einer feigen Niedergeſchlagenheit verbreitet, welche das Bekenntniß des verzweifelten Zuſtandes des Königs wäre.“ Der Graf hob ſeine Hände voll Entrüſtung zum Himmel empor. Eine ſchwache Stimme murmelte nun mit einem zu⸗ gleich zärtlichen und peinlichen Ausdruck die Worte:„Meine Kinder!“ Transtamare kniete, das Geſicht in Thränen gebadet, 272 vor dem gelähmten Körper des Königs nieder, Don Pedro neigte ſich mit einem ſanften Lächeln auf ſeine Stirne. Don Alonzo ſtreckte ſeine zitternde Hände aus, um ſeine zwei Kinder zu ſegnen; ſie berührten die Haare des Grafen, und als der König ſchmerzlich ſeine erloſchenen Augen unter ihren kalten Lidern erhob, um den Blick von Don Pedro zu ſuchen, da glitt der letzte Hauch des Lebens lau über ſeine Lippen. Transtamare allein war geſegnet worden. „Oh! mein Vater,“ ſprach der Graf mit gebrochener Stimme,„ich nehme die letzte Erinnerung Deines Herzens mit mir fort.“ „Und ich,“ ſagte der Infant,„ich nehme ſein Schwert und ſeine Krone: Euch die Erbſchaft ſeines Segens, mir das Königthum! Mein Bruder Enrique, weint für Euren Vater, doch begrüßt vor Allem Don Pedro I., König von Caſtilien und von Leon.“ Der Tod des edlen Alonzo, am 26. März 1350, wurde durch den Waffenſtillſtand verherrlicht, den die Mauren den ſpaniſchen Truppen bewilligten; die Bewunderung für den König, mit dem dieſe Truppen den entſeelten Leib umgaben, tilgte ihren Haß auf einige Tage, ſie ſagten, nie habe Spa⸗ nien auf ſeinem Sande einen⸗ muthigeren, hoch⸗ herzigeren Fürſten getragen. Sie ehrten im Tode denjenigen, welchen ſie im Leben gefürchtet hatten. Der Leich⸗ nam von Don Alonzo wurde in der königlichen Kapelle von Sevilla beſtattet; unter der Regierung von Enrique brachte man ihn zufolge einer Clauſel des Teſtaments nach Cordova. Während des Waffenſtillſtandes reiſte Don Pedro nach 273 Sevilla. Er erfuhr, Meneſes ſei ſeit einem Monat verſchwun⸗ den, und hoffte Genoveva zeitig genug wiederzuſehen, um ſie vok der Rache ihres Gatten zu beſchützen. Einer von ſeinen Lieblingsvogelſtellern war ſein einziger Gefährte; bekanntlich war die Vogeljagd das große Vergnügen von Don Pedro während des Kriegs, ſeine große Beſchäftigung während des Friedens, und der gewöhnliche Vorwand ſeiner plötzlichen und häufigen Abweſenheiten. 4. Er kam gegen Abend vor die Halbinſel. Die Sonne erloſch langſam in einem Purpurbett und eine weißliche Abenddämmerung verſchleierte ihre Strahlen. Dieſem Vogel⸗ neſt unter einem Meere von Blumen entſtrömten tauſend Wohlgerüche. Die Stille wurde belebt durch tauſendfaches, verworrenes Geräuſch, durch das Gemurmel der Wellen, durch die Liebkoſungen des Windes, durch das Geſumme der Inſek⸗ ten, welche ſich in den roſigen Dünſten des Fluſſes badeten. Alles athmete die ſanfte, heilige Wolluſt der Natur, die den Himmel mit einer letzten Hymne begrüßt. Don Pedro fühlte ſeine Seele erweitert und von ſchlimmen Ahnungen be⸗ freit. Er vergaß den Sarg, worin ſein Vater unter dem Schweißtuch ausgeſtreckt lag, und die Gewiſſensbiſſe beunruhig⸗ ten ſein Herz nicht. „Ich bin zur rechten Zeit gekommen,“ dachte der junge Der Erzähler. 1847. 1. 18 274 König.„Eine Stunde ſpäter vielleicht fand ich hier nichts als die unſelige Einſamkeit und die Verwüſtung des Todes. Nun kann ich wohl Genoveva zur Flucht beſtimmen, und ich werde ſie vor Aller Blicken zu verbergen wiſſen.“ Eine Barke lag halb auf dem Sande des Ufers, inmit⸗ ten der Waſſerlilien, welche ihr gelbes Haupt aufſchwellten und im Winde ſchaukelten; man rief vergebens den Schiffer, er kam nicht. Die Gefährten von Don Pedro gingen nun ſelbſt an das Werk und die Barke war bald flott gemacht. Sie ſtiegen alle ſechs mit dem Fürſten ein, der während der Fahrt mehr als einmal eine weiße Mantille unter den Zwei⸗ gen der Citronenbäume hinſchlüpfen zu ſehen glaubte. Plötz⸗ lich, als ſie ſich der Halbinſel näherten, erblickte Don Pedro einen Reiher, der unbeweglich auf einem Fuße ſtand und den Hals verlängert, die Flaumfedern emporſtehend, den Schnabel über dem Faden der Welle ausſtreckte, bereit, einen ſorgloſen Goldfiſch zu haſchen. Da rollten ſich die feuchten, gefleckten Ringe einer Waſſerſchlange mit aller Wuth um den armen Reiher und er ſträubte ſich, erſtickt unter dem giftigen Drucke des Gewürmes. In dieſem Augenblick berührte die Barke das Ufer. Don Pedro verſank in eine Träumerei, die er nicht eher aus ſeinem Geiſte zu verbannen vermochte, als bis er vor das Haus von Meneſes kam; doch hier harrte ſeiner eine ſeltſame Ueberraſchung. Die Thüre des Hauſes war verſchwunden: dieſes war zugemauert. Don Pedro ſtieß keinen Schreckensſchrei aus, er begriff plötzlich, daß die Leichtigkeit, mit der er auf die Inſel ge⸗ 275 langt war, irgend ein gräßliches Peheimniß verbarg. Und weit entfernt, vor einem Unglück zurückzuweichen, das er ver⸗ worren ahnete, ſagte er mit kurzem Tone zu ſeinh Ge⸗ fährten:. ö „Die Hand von Don Diego hat hier gewirkt. Muth, meine Günſtlinge, wir müſſen dem Juſticiar beweiſen, daß wir in der Rache erfahrener ſind als er, und daß wir vor einem Hinderniſſe nicht wanken.“ 8 Als er dieſe Worte ſprach, drang gein fupghtbarer Schrei aus dem Innern des Hauſes hervor, und eine Frau ſtürzte mit zerzauſten Haaren, leichenbleich, wahnſinnig vor Schmerz, auf den Balcon. Ihre gelben, abgezehrten Hände klammerten ſich an dem Geländer an; ſchon war ſie halb über den Schlund vorgeneigt, als ein nach der Weiſe der Mauren gekleideter Mann ſie um den Leib faßte und nach einigen Augenblicken eines heftigen Kampfes auf die Platten des Balcon nieder⸗ warf. Sobald dieſer Mann nun Don Pedro und die Gruppe ſeiner Freunde erblickte, zwang er die unglückliche Frau, ihre irren Augen gegen ſie zu wenden. Sie ſchaute lange, bevor ſie ſah; doch als ſie den Infanten erkannt hatte, konnte ſie nur ihre Arme gegen ihn ausſtrecken und alsbald ſank ſie auf die Platten nieder. Don Pedro und die Günſtlinge des Mondes ſtürm⸗ ten voll Wuth die Mauern ohne Breſche und ohne Ausgang, welche dieſes unſelige Haus umgaben. Die Rache von Don Diego hatte denſelben Weg der Heuchelei verfolgt, wie die des Infanten. Nur war der Groß⸗ juſticiar ſeinem Nebenbuhler um einige Stunden zuvorgekom⸗ 4 276 5 men; er hatte ſeine Zufllcht nicht zu den gemeinen Mitteln des Biftes oder des Dolches genommen, denn Don Pedro ſollte& zweite Opfer ſeines Haſſes ſein; doch er achtete das königliche Blut zu ſehr, um nicht eine mittelbare Rache gegen ihn zu erſinnen. Einen Monat lang war er entfernt geweſen; bei ſeiner Rückkehr ſchmetterte er nicht mit einem einzigen Worte, mit einem einzigen Blicke die arme Genoveva zu Bo⸗ den. Er war ſanft cgegen ſie, als ob ſich jede Erinnerung Qn die Vergaggenheit in ſeinem Geiſte verwiſcht hätte. Eines Tages bat er ſie, ſich für ihn und eine hohe Perſon zu ſchmücken, welche ſie ohne Zweifel ungeſäumt beſuchen würde. Alles dies wurde mit einem ſo liebevollen, ſo freudigen Tone geſprochen, daß Genoveya nicht den geringſten Verdacht ſchöpfte. Don Diego fügte bei, er habe von der Reiſe Schmuck⸗ ſachen mitgebracht, die ihr nicht mißfallen würden, und wenn ſie einige davon an dieſem Tage, tragen wollte, ſo würde er glauben, daß ſie ihn wahrhaft liebe. Dieſe Bitte war ein Befehl für die arme Frau. Während ihre Criadas*) ſie an⸗ kleideten, verſammelte Meneſes alle ſeine Diener, bezahlte ihren Lohn und entließ ſie. Dann gab er demjenigen, welcher ihn auf ſeiner geheimnißvollen Reiſe begleitet hatte, mit leiſer Stimme einige Befehle. Genoveva erſchien wieder, ſchön zum Blenden, in ihrer tuneſiſchen Tracht. Den Rock kurz und beinahe ohne Falten, große Aermel von ſehr feiner Leinwand „ mit verſchiedenfarbigen Streifen, und den Leib eng angeſchloſ⸗ ſen mit einer Binde von carmoiſinrothem Sammet mit golde⸗ *) Dienerinnen. 277 nem Grund, welche an der Seite durch Schnallen und Knöpfe von Silber befeſtigt war. Don Diego ſchickte die Criadas weg und küßte ihr zart die Hände, ſobald er mit ihr allein war. Dann ſprach er, ein Lächeln auf den Lippen: „Nicht wahr, es iſt ſchön, zu leben, wenn man jung, hübſch, reich und geliebt iſt, wie Ihr; nicht wahr, es iſt gräß⸗ lich, den Tod eine ſo ſchöne Zukunft bedrohen zu ſehen?..4 „Warum ſo traurige Gedanken, hoher Herr?“ erwiederte die junge Frau. „Oh! wie würdet Ihr gezittert haben, hättet Ihr, wie ich, dem furchtbaren Schauſpiele einer verworrenen Menge bei⸗ gewohnt, welche vor dem Tode floh, ohne ihn vermeiden zu können, ihn überall auf ihrem Wege fand, in der Luft einathmete, an der Ecke der Straßen auf ihn ſtieß, ihn auf der Schwelle der Häuſer, vor der Thüre der Moſcheen, auf dem Ufer des Meeres, im Grunde der Gärten gekauert traf... eine Bevölkerung, welche in ihrem Schlafe und in ihrem Ge⸗ bete, wie in ihrer Freude und ihren Gottesläſterungen geſchla⸗ gen wurde, ohne daß ſie etwas retten oder ihr nur beiſtehen konnte!“ „Und Euer Blick iſt nicht in Unruhe gerathen, hat ſich nicht getrübt vor einem ſolchen Schauſpiel?“ rief Genoveva. „Es gibt Gedanken, welche das Herz wie in ein mar⸗ mornes Grab einſchließen und es taub und blind machen, Sennora! Es war indeſſen ein gräßliches Elend, die Ster⸗ benden krümmten und entfleiſchten ſich auf dem Sande, ohne daß ein Verwandter oder Freund ſie in ihren letzten Zuckun⸗ gen mit einem abſcheulichen Tuche bedeckte, mit einer Thräne 278 benetzte, oder mit einem Fahrewohl tröſtete. Wenn ein Menſch aus der Menge fiel, ſo entſtund eine ſelbſtſüchtige Leere um ihn her; man floh ihn mit Schrecken und verurtheilte ihn, zu ſterben, und wenn er es wagte, ſich ſeinen Brüdern zu nähern, ſo tödteten ſie ihn wie einen Verbrecher. Die Mütter ver⸗ jagten fern von ſich ihre halbnackten Kinder„ um ihnen nicht den Tod in einem Kuſſe zu geben.“ „Gräßlich! gräßlich!“ rief die junge Frau, indem ſie die Augen mit ihren weißen Händen bedeckte, als wollte ſie die furchtbare Viſion verbannen, welche die Erzählung von Don Diego hervorgerufen hatte. „Das iſt es,“ fuhr Meneſes fort,„was ich in der Stadt geſehen habe, wo ich für Euch dieſen zierlichen Schmuck kaufte, der Euch ſo ſchön macht, und den Ihr mit ſo viel Anmuth tragt.“ „Woher kommt er denn, hoher Herr!“ rief Genoveva, welche ſchlecht gehört zu haben glaubte und mit zitternder Hand ihren geſtreiften Rock zerknitterte. „Von Tunis, Sennora,“ antwortete Don Diego mit kaltem Tone.— „Von Tunis!“ wiederholte die arme Frau, bleich wie. eine Todte, und Don Diego konnte das Beben ihres Herzens hören, das ihren Leib von carmoiſinrothem Sammet emporhob. „Von Tunis,“ fuhr er fort,„von Tunis, über dem der ſchwarze Tod drei Wochen lang geweht hat. Von Tunis, wo die Reichthümer der Levante die Straßen pflaſter⸗ ten, ohne daß die gekrümmten Finger der Juden ſie aufzuhe⸗ ben wagten. Ich war kühner. Ich athmete dieſe Luft ein, 279 die ein tödtliches Gift enthielt. Ich ließ durch Leute, welche zum Tode verurtheilt, die Ringe von den violetten Fingern der Peſtkranken, das Halsgeſchmeide von ihrem blauen Nacken, die goldenen Kleider, welche nur noch als Leichentücher dien⸗ ten, von den ungeſtalten Leichnamen reißen.“ „Gnade,“ ſprach Genoveva, welche endlich begriff und vor Meneſes auf die Kniee fiel. „Ich habe dieſe Waaren nicht verbrennen laſſen,“ fuhr Don Diego fort.„Die Ballen ſind unverſehrt hierher gekom⸗ men. Alles dies gehört mir rechtlich, weil die Eigenthümer todt ſind. Ihr ſeht, welchen Gefahren ich mich ausſetzte, um Euch dieſen Schmuck zu bieten, Genoveva. Die Arme einer ſchönen Tuneſerin erſtarrten und vertrockneten unter dieſen Aermeln von ſo feiner und ſo weißer Leinwand, welche Schmet⸗ terlingsflügeln gleichen.“ Die junge Frau ſtieß einen Schrei des Schreckens aus. Sie hatte dieſe Reden nicht länger ertragen können, denn jedes von den höhniſch grauſamen Worten zerriß ihr Herz. „Das iſt alſo Eure Rache, Don Diego,“ ſprach ſie,„Ihr haltet mich alſo nicht für unſchuldig?“ „Was iſt daran gelegen,“ erwiederte er mit düſterem Tone.„Unſchuldig heute, werdet Ihr morgen ſchuldig ſein. Der Verdacht allein iſt ein Flecken für die Frau eines Meneſes. Doch ſeht, Genoveva, ich will nicht, daß Ihr je die Frau eines Andern ſein ſollt, und ich bin eiferſüchtig auf die Zu⸗ kunft.“ „Auf die Zukunft!“ wiederholte Genoveva maſchinenmä⸗ 280 ßig und den Blick auf die Lippen von Don Diego geheftet, als ſuchte ſie ihn zu begreifen. „Ja, auf die Zukunft,“ ſprach der Juſticiar.„Die Zu⸗ kunft iſt Don Pedro, welcher regieren wird und den Ihr liebt, Don Pedro, der in dieſer Stunde im Begriffe iſt, ſich zum König zu machen, denn ich habe geſtern das Lager von Gibraltar durchzogen, und der König war krank. Die Krank⸗ heiten der Väter ſind aber kurz, wenn ſie Söhne haben, wie Don Pedro.“ „Das iſt ein ſchändlicher Verdacht, Don Diego,“ unter⸗ brach ihn ſchmerzlich Genoveva;„ein Verdacht, den Euch Gott nicht verzeihen wird.“ „Und Euern Tod, Sennora, glaubt Ihr, daß er ihn mir verzeiht?“ verſetzte der Juſticiar mit einem bittern Lächeln. „Vielleicht, Don Diego, wenn er mein Gebet erhört,“ ſprach Genoveva, deren Antlitz ſich in einem erhabenen Aus⸗ druck der Reſignation verklärte, während ſie ihre Hand zum Himmel erhob.„Es iſt meine Chriſtenpflicht, Euch zu ver⸗ zeihen, und ich werde dieſe Pflicht zu erfüllen wiſſen. Ich biete Gott mein Leben zur⸗Sühnung der unwillkührlichen Liebe, die ſich in mein Herz geflüchtet hatte, und die ich nicht für ſtrafbar hielt; vielleicht habe ich mich getäuſcht. Ich unterwerfe mich ohne Murren meinem Schickſal; ich habe nicht das Recht, Euch meinen Tod zum Vorwurf zu machen; da Ihr Euch für beleidigt haltet, ſo iſt Euch die Rache erlaubt. Was Gott betrifft, ſo kann er mir mit Recht das Leben neh⸗ men, das er mir gegeben hat, meine Liebe aber, das fühle ich, wird nur mit dem Leben erlöſchen. Die Heuchelei iſt mir 281 zu ſehr verhaßt, als daß ich Euch in meiner letzten Stunde zu täuſchen ſuchen ſollte.“ Während ſie dieſe Worte ſprach, fühlte ſie eine ſchwere, ſeltſame Erſtarrung ihr Blut vereiſen und auf allen ihren Gliedern laſten. Die chriſtliche und ergebene Gattin wurde wieder eine arme Frau, ohne eine andere Kraft gegen das Leiden, als die Energie ihres Herzens, und ſie fiel ohnmäch⸗ tig auf eine der Binſenmatten, welche in jener Zeit als Teppiche dienten. Seltſamer Weiſe wurde nun Meneſes von Angſt ergrif⸗ fen. Die Sanftmuth von Genoveva hatte den tiefen Groll, den er lange Zeit in ſeinem Herzen gebrütet, wenn nicht ent⸗ waffnet, doch wenigſtens verwirrt. Sobald er ihn nicht mehr unmittelbar gegen das Opfer ſeiner Wuth ausbrechen und überſtrömen laſſen konnte, fühlte er ihn minder heftig in ſei⸗ nem Innern toſen. Er hatte ſeine ganze Thatkraft in den Einzelnheiten ſeiner Rache zuſammengedrängt„er hatte ſich in dem Gedanken an ſeine Schmach begeiſtert und gewiegt, und nun, da er das erſehnte Ziel berührte, fühlte er ſein Herz ſchwach werden vor der gehäſſigen Entwicklung, die ihn inſpirirt hatte. Er war auf Thränen, auf Schluchzen, auf verzweifelte Ver⸗ wünſchungen gefaßt geweſen, und hatte ſich zum Voraus gegen dieſe elende Vertheidigung gepanzert. Die Thränen, er wollte ſie nicht ſehen; das Schluchzen, er wollte es nicht hören; die Verwünſchungen, er wollte darüber lachen. Er war erſchüttert durch die Reſignation von Genoveva. So gefährdet immer die Schwäche des Menſchen die angemaßte Unbeugſamkeit ſeines Willens und macht ihn von 282 zufälligen Umſtänden abhängig. Wer iſt der Adamsſohn, der ſich nicht mehr für einen Teufel ausgibt, als er in der That iſt, und der nicht gern die ſataniſche Wildheit ſeines Gemüthes übertreibt? Der gutmüthigſte Aguador*) von Sevilla wird ſeinen Geiſt durch einen angenehmen, ſtolzen Gedanken geſchmeichelt fühlen, wenn er ſich einen furchtbaren und unverſöhn⸗ lichen Mann durch den Dieb nennen hört, den er am Kra⸗ gen packt, weil er ſeinen Eſel zu dienſtfertig um drei bis vier Krüge entlaſtet hat. Man macht ſich kühn, wie man ſich brav macht: aus Gewohnheit. Der Menſch iſt nicht von einem hinreichend göttlichen Stoffe geknetet worden, um völlig gut oder völlig böſe zu ſein, und was er auch thun mag, um ſich bis zur Geſtalt Satans zu erheben, es wird ihm doch nicht gelingen, böſe zu ſein, nur aus Vergnügen, es zu ſein. Er muß ſich befriedigt ſehen, wenn er in der Hierarchie des Böſen einige ehrenvolle Specialitäten erfüllt, und ohne Unter⸗ ſchied durch das Verbrechen oder die Tugend, durch den Haß oder die Verzeihung die Befriedigung einiger Intereſſen und zuweilen auch einiger ſelbſtſüchtigen Leidenſchaften erkauft. Die Geſchichte jedes Menſchen diſt fruchtbar an Beiſpielen dieſer ſeltſamen Ironie des Zufalls, der durcheinander in die Herzen die widerſprechendſten Gefühle wirft. Eine alte Jungfer wird in Ohnmacht fallen über die kalten Federn und die ſtarren Füße eines Papagei, während ſie nicht ihren alten abgetrage⸗ nen Mantel von Berkan hergeben würde, um den Leichnam einer Nichte, welche einen Fehltritt begangen hat, darein zu *) Waſſerträger. 283 hüllen. Ein Vater wird unbarmherzig ſeinen Sohn ſchlagen, der ſich einen Oelfleck auf dem Rande ſeiner Montera*) hat zu Schulden kommen laſſen, während er ſeine ganze Garde⸗ robe mit einem unſtörbaren Lächeln auf den Lippen von ſeiner Enkelin zerreißen läßt und das ſchelmiſche Mädchen für dieſe Verwüſtung noch mit einem Kuſſe belohnt. Rauhe Krieger weinen über eine Schramme ihrer Geliebten, nachdem ſie einen Feind in Stücke gehauen haben. Matroſen zittern auf den ſchwankenden Balken eines brennenden Hauſes, und Taurea⸗ dors, welche, die Stirne gebadet in dem glühenden Hauch des Stiers, auf ſeine blutigen Augen ihren unerſchrockenen Blick hefteten, fühlen ihren ganzen Muth auf der Höhe eines Maſtbaumes ſich in Schauer und Angſt verwandeln. Wüthende Raufer fallen, zum Tode verurtheilt, zu Eis geworden auf das Stroh des Kerkers nieder, wenn ſie ihr Urtheil geleſen haben, und junge Frauen, die der Glanz eines bloßen Schwertes er⸗ bleichen macht, trinken mit herviſcher Lippe menſchliches Blut, um das Leben ihres Vaters zu retten, und erſteigen mit feſtem Fuße die ſchmutzigen Stufen des Schaffots. Nach dieſem Geſetz der Widerſprüche war die Verwir⸗ rung von Don Diego etwas Natürliches. Sobald er nicht mehr durch die Energie des Zornes aufrecht gehalten wurde, ſobald er nicht mehr durch den glühenden Gedanken, der eine Binde über ſeine Augen und ſeine Seele gelegt hatte, eraltirt war, ſah er kalt die ganze Abſcheulichkeit und Ungerechtig⸗ keit ſeines Verfahrens ein. Bei den dramatiſchen Kriſen des *) Mütze. 284 Lebens muß die Handlung unmittelbar auf die heftigen Ent⸗ ſchlüſſe folgen. Wenn die Helden ſo vieler bürgerlicher Tra⸗ gödien„ deren Erzählung uns mit Schrecken erfüllt, gewartet hätten, bis die Gießbäder der Ueberlegung das Blut ihres Herzens kalt gemacht haben würden, um ihre grauſigen Erxecu⸗ tionen zu vollführen, ſo wären ſie uns albern und gehäſſig vorgekommen. Die Rache, welche durch einen Rückprall trifft, iſt lächerlich. Dies begriff Meneſes verworren. Die Wuth der Verhöhnungen, mit denen er ſeine arme Frau überhäufte, hatte ihn, ſeinen Grimm abſchwellend, bereits beſänftigt. Ge⸗ noveva hatte ſich durch ihre unvorhergeſehene Reſignation über ihn, ihren Richter, und über ſeine gemeine Rache erhoben. Sie ſchmetterte ihn mit all ihrer Demuth nieder. Sie hatte ſich nicht in ihrer Unſchuld empört; ſie hatte ihm die Ehre des Triumphes nicht ſtreitig gemacht; ſie hatte ſeine Beſchuldi⸗ gung angenommen und ſich ihr als Sklavin unterworfen. Sie geſtand mehr als ihren Fehler, und der ganze Sturm von Bitten und Drohungen, auf ten er gerechnet, um ſich im Grimm zn erhalten und in ſeinem Entſchluß zu befeſtigen, war ausgeblieben. Sie war es, welche verzieh. Ohne wahn⸗ ſinnig brutal zu ſein, konnte er ſeine Frau nicht länger durch Worte verletzen, welche fortan nur hohle, plumpe Declama⸗ tionen geweſen wären. Dann rührte Don Diego ihr Schickſal. Nun, da er weniger begriff, warum er Genoveva ihr Leichentuch um die Hüften gewunden hatte, beklagte er plötzlich das Leben in voller Wuth. Wie jene in der Lethargie erſtarrten Menſchen, welche auf ihrem Sarge die Todtengebete ſeufzen, die Begräbnißglocken 285 ſchallen und dumpf die Erde in das Grab niederfallen hören, ohne daß ihre ſteifen Arme den ſchweren Deckel der verfluch⸗ ten Kiſte aufzuheben vermögen, ſo ſträubte ſich der Juſticiar gegen das unerbittliche Geſchick, das er ſich gemacht hatte. Die ganze Vergangenheit des Lebens durchzog in ſtrahlenden Farben ſei⸗ nen Geiſt, und dieſer Mann, der keine Zukunft mehr beſaß, der den Lauf ſeiner Tage gehemmt hatte, wie man den Zeiger einer Uhr hemmt, fühlte Thränen am Rande ſeiner Augen⸗ lider zittern, indem er an ſo viele unfruchtbar vergeudete ſchöne Stunden dachte, welche nicht wiederkehren ſollten. Er ſah ſich auf dem Stuhle des oberſten Tribunals, wie er die Verbrecher nur mit ſeinem Blicke in peinliche Unruhe verſetzte und zum Tode ſandte, während er den Gürtel ſeiner braunen Toga zu⸗ recht richtete und mit einem von den Räthen über Jägerei plauderte. Ein ſanftes, friedliches Gewerbe, wobei er nur ein Wort zugleich auszuſprechen hatte: Galgen, Folter, Brand⸗ markung, Staupbeſen oder Tod! einfache, harmoniſche Worte, welche mit einem wohlwollenden Lächeln von ſeinen Lippen fullen konnten. Denn er, der edle Meneſes, war es nicht, der auf den Schultern des Gehenkten ſchaukelte, der die Glieder des Verurtheilten auf dem Rade viertheilte„ oder ſein Fleiſch unter einem glühenden Eiſen rauchen machte, der ſein ſchönes Gewand durch Blutſpritzer befleckt ſah und den Hieb mit der Art ertheilte. Der Richter liefert die Arbeit, der Henker ver⸗ richtet ſie. Und die göttlichen Abendſtunden, wo er, Diego, wollü⸗ ſtig in einer Barke liegend, welche über die Wogen des Qua⸗ dalquivir hinſchwamm, die weißen Segel wie die Flügel einer 286 Möve ausgeſpannt, langſam aus den Schatten der Nacht den Schwarm der Geſtirne hervortreten ſah. Damals hielt er in ſeiner Hand die Hand von Genoveva; damals heftete er ſeinen Blick auf das träumeriſche Lächeln der jungen Frau„ welche jetzt ſtarb ohne eine Klage, ohne einen Schrei„ohne eine Ge⸗ berde der Verzweiflung. Er hätte ſie für entſchlummert halten können, ohne das krampfhafte Schauern, das er ihren ganzen Körper durchlaufen ſah. Don Diego fühlte ſich plötzlich halb gelähmt durch eine bleierne Erſtarrung. Er wollte zum letzten Male den Quadal⸗ quivir und die Sonne ſehen, deren Strahlen dem Verſchwin⸗ den nahe waren, und ſchleppte ſich bis zum Sas des Balcon. Er ſah die Barke von Don Pedro das Ufer berühren. Da ſtieg der Haß wieder zu ſeinem Herzen und verlieh ihm eine neue Kraft, um gegen den Schmerz zu kämpfen. Er lief auf Genoveva zu, ergriff ihre eiſige Hand und rief: „Meine Rache kommt, Sennora.“ „Laßt mich ſterben, Don Diego!“ erwiederte mit einer gebrochenen Stimme die arme Frau, welche in ihrer furcht⸗ baren Erſtarrung, die Lippen hängend, den Blick trübe„ die Arme träge, auf dem Boden kauerte.„Laßt mich ruhig und die Gedanken bei Gott ſterben. Wir ſind ſchon aus dem Leben geſtrichen und es iſt zwiſchen uns nichts mehr gemein⸗ ſchaftlich.“ „Daß ich Euch ſo ſterben laſſe! nein, Sennora,“ ver⸗ ſetzte Meneſes.„Hier kommt Euer Geliebter und Ihr müßt ihm Eure Arme entgegenſtrecken. Er muß noch einmal dieſe 287 Schönheit bewundern„die er ſo ſehr an Euch geliebt. Er ſoll ſtolz ſein auf ſeine Geliebte. Um ihn würdig zu empfan⸗ gen, habe ich Euch ſo zierlich geputzt.“ „Don Pedro!“ rief Genoveva, ſich erhebend,„Don Pedro? ah! er hat mich nicht vergeſſen, er hat mich nicht verlaſſen, das war meine ganze Angſt. Was iſt mir am Tode gelegen! was macht mir die Verachtung der Welt! Ich liebe ihn, und wenn ich ihn wiederſehen kann, ſo werde ich glücklich ſterben. Doch er wird mich retten! er wird mit ſei⸗ nen Küſſen meine kalten Lippen wieder erwärmen. Oh! ich will ihm entgegengehen.“ „Ihr ſeid wahnſinnig, Sennora,“ ſprach Meneſes mit hohler Stimme;„die Thüren ſind zugemauert, dieſes Zimmer iſt ein Grab; ich habe alle meine Diener entfernt. Hört mich wohl, Genoveva,“ fügte er mit einer ſpöttiſchen Süßigkeit bei,„die Liebe von Don Pedro iſt Eure Verdammniß geweſen; Eure Liebe wird ihm dafür den Tod geben. Er kann nun kommen; wenn er hier eintritt, wird Euer Geſicht zerſetz, werden Eure langen Haare gefallen, Eure Hände gelb und verwelkt ſein, und wenn er es wagt, mit einem Kuſſe Eure ſchwarzen, aufgeſchwollenen Lippen zu ſtreifen, ſo wird das Gift des Todes alsbald ſein Blut in Eis verwandeln. Wollt Ihr den König Don Pedro immer noch wiederſehen?“ „Ich hielt Euch für eine Tigerſeele,“ entgegnete bebend Genoveva, deren Blick ſich mit einer ſeltſamen Flamme erleuch⸗ tete;„doch ich dachte nicht, daß Ihr ſo feig wäret! Aber was Ihr auch thun möget, ich werde allein zu ſterben wiſſen.“ 288 Und alle ihre erſchöpften Kräfte zuſammenraffend, ſtürzte ſie mit einem furchtbaren Sprunge nach dem Balcon; da ge⸗ ſchah es, daß Don Pedro ſie erblickte, wie ſie ſich über den Schlund neigte und ſodann dem Tod durch die unbarmherzige Hand von Diego entriſſen wurde. Der Juſticiar lächelte mit einer düſteren, ſchrecklichen Miene. Er hatte noch ein Mittel gefunden, das Herz dieſer Frau bluten zu machen. „Ihr ſeht wohl, daß Ihr mir nicht entkommen könnt,“ ſprach er,„doch ich will Euch zeigen, Genoveva, daß ich im Grunde nicht böſe bin. Eure Angſt erregt mein Mitleid; hört mich. Dadurch, daß Ihr Euch in den Abgrund geworfen, hättet Ihr Don Pedro nicht gerettet, ich würde ihn hier er⸗ wartet haben; doch ich erlaube Euch, ihn zu retten. Macht, daß er ſich entfernt.“ Sie war in einer Falle gefangen. Sie erhob ſich auf ihre Kniee, ſtreckte ihre Arme gegen die Günſtlinge des Mondes mit einer verzweifelten Anſtrengung aus und ſuchte ihnen zuzurufen, ſie ſollen fliehen; doch ihre Arme ſanken unter Zuckungen des Todeskampfes an ihrer Seite herab und ſie mußte endlich den hölliſchen Plan von Meneſes begreifen. Er hatte ſich ihrer als eines Magnets bedient, um den Untergang desjenigen, welchen ſie retten wollte, zu beſchleunigen. Dieſer Gedanke fiel wie eine Keule in ihr Herz; ihr Blick heftete ſich unbeweglich und ſtier auf das Antlitz von Don Pedro, und als der junge König unter dem Gewölbe der von den Günſt⸗ lingen des Mondes in der Mauer bereiteten Breſche ver⸗ 289 ſchwunden war, wurde das Leben in ihren Adern zu Eis und ihre Stirne ſchlug auf die Platten. Der ſchwarze Tod ſchmetterte den Großjuſticiar in dem Augenblick nieder, wo Don Pedro auf der Schwelle des Gemaches erſchien. Bei dem Anblick der zwei Leichname wichen der König und ſeine Gefährten bleich vor Schrecken zurück. Sie hatten die Symptome der Peſt erkannt; der kühne junge Mann, der Genoveva lebendig den Armen ihres Gemahls ent⸗ reißen wollte, wagte es nicht, ſie todt von ihm zu reißen. Er mußte ſie in dieſer äußerſten, grauenhaften Umarmung vereinigt laſſen. Zwei Stunden nachher legten die Günſtlinge des Mondes, deren Macht ſich vor einer geheimnißvolleren und höheren Macht gebeugt hatte, Feuer an das Haus von Don Diego Meneſes, dem Großjuſticiar von Eaſtilien und Leon. Doch die Miasmen des ſchwarzen Todes reinigten ſich nicht in dieſem Brand; alle Gefährten von Don Pedro wur⸗ den von der Anſteckung ergriffen. Sie richtete eine furchtbare Verheerung in den zwei Königreichen an... Man hörte nicht mehr von den Günſtlingen des Mondes ſprechen. Das Andenken an Meneſes wurde öffentlich gebrandmarkt als das eines Verräthers an König und Vaterland; ſein Wappen⸗ ſchild wurde durch die Hand des Henkers zerbrochen. Der. König confiscirte ſeine Güter zum Nutzen des Staates; die ſpaniſchen Lieder jener Zeit weihten in einem emphatiſchen Style, wovon wir einige Züge erhalten haben, die Erinnerung an die Rache von Don Diego dem Fluche der Nachwelt. Der Der Erzähler. 1847. 1. 19 290 ſchwarze Tod machte aus dem Lager von Gibraltar ein Hoſpital und einen Kirchhof; die Trümmer des Heeres kehrten nach Sevilla zurück. Leonor von Gusman, welche den Charakter von Don Pedro kannte, ſchloß ſich in einer von den Feſtungen ein, um ſich dem Zorne des neuen Königs zu entziehen. Man weiß, wie ihr Sohn Enrique ſpäter den Thron von Caſtilien beſtieg. Büge aus dem Leben des Tages. Von Clementi. Geſchichte aus der Hacienda de la Noria; D6 nach Gaßriel Ferth. Der Roſſebändiger. ——— vein wackerer und getreuer Führer Anaſtaſio konnte mich nicht bis zum Preſidio von Tubac be⸗ gleiten, das ich um jeden Preis zu ſehen be⸗ ( gehrte, um ſagen zu können, daß ich die 665— Wiüſtenei bis zur äußerſten Grenze durchzogen. 8 Von Bacuache, wo ich die Gambuſinos,(Gold⸗ ſucher), heimgeſucht, ſind nur noch zwanzig 2 Stunden bis zum Preſidio. So eilig jedoch der gute Kumpan auch ſein mochte, den Rück⸗ weg anzutreten; da er meinen feſten Entſchluß erkannte, meinen Plan zu verfolgen, wollte er mich wenigſtens auf den rechten Weg bringen. Dafür ver⸗ hieß ich ihm meinerſeits, ſeinen Vorſchriften genau zu folgen, 292 und mich vom„gebahnten Weg“ durchaus nicht zu entfernen. Was in Mexico ein gebahnter Weg übrigens heißt, das iſt dem Himmel bewußt. Dennoch hätte ich gar zu gern die Hacienda de la Noria beſucht; aber der Umweg, hieß es, ſei zu weit und zu gefährlich, namentlich für einen Fremdling. Wir mußten diesmal wieder vor Tag aufbrechen. Das Goldſucherdorf lag noch in tiefſter Ruhe, als wir den Bach durchritten. Eilends ließen wir das Gebirge hinter uns, und als der Morgen aufdämmerte, umgab uns ein durchaus neuer Schauplatz: trockene waſſerloſe Haiden. Anaſtaſio hatte ſeinen Sack mit Pinola,(Mehl mit Gewürz, um mit Waſſer einen Brei davon zu machen,) jeder von uns noch ſeinen vollen Schlauch; das waren alle unſere Vorräthe, wie ich meinte. Doch ſah ich, ſobald es hell wurde, auch noch den Kopf eines friſchgeſchlachteten Hammels an Anaſtaſio's Sattelbogen hängen, und fragte: was er damit vorhabe? „Zum nächſten Frühſtück?“ erläuterte er:„zum Abſchieds⸗ ſchmaus. Ihr ſollt eine Tatemada ſpeiſen, wie kein Fürſt ſie beſſer hat. Was eine Tatemada ſei, fragt Ihr? Ein ge⸗ dämpfter Hammelskopf mit. rothem Pfeffer und Branntwein angemacht. Ich habe alles Nöthige bei mir in einer meiner Mochilas.“*) Wie wir vorrückten, je mehr veränderte ſich die Land⸗ ſchaft. Bisher hatten ſchmale Pfade uns noch geleitet, jetzt verloren ſie ſich in ungeheure Graswüſten„wo kein Baum, 6 3 Art Ledertaſchen am Sattelzeug. 293 kein Strauch die Einförmigkeit unterbrach; das übermäßig hohe Gras warf Wellen im Hauch des Windes und glich, von fernen blauen Hügeln umgürtet, einem wogenden Meerbu⸗ ſen. Streckenweis erhoben ſich hie und da Sandhügel wie die Dünen. Manchmal überragte wohl auch ein ausgedörrter Baumſtamm die Pflanzenwellen, wie der Maſt eines Schiffes mit eingerefften Segeln. Vergebens ritten wir darauf los; wir erreichten eine Hügelreihe nur, um wieder eine andere vor uns zu erblicken, bis der ſcheidenden Sonne Strahl auf den Gräſerſpitzen erglühte. Jetzo glich die Savane vollends dem Meer im Dämmerſchein. Ein verſpäteter Büffel, der ſeiner fernen„QOuereneia“ zueilte, zeigte im Auftauchen ſeinen braunen Rücken, wie der Wallfiſch; ein Damhirſch ſetzte von Düne zu Düne, wie der fliegende Fiſch ſtreckenweis aufſteigt, hinſtreift und wieder verſchwindet. Als endlich der Mond am klaren Himmel erglänzte, zitterte ſein Licht in Sil⸗ berblicken zwiſchen bewegten Schatten, worüber Schaaren von Glühwürmern hinzogen, wie auf den Meereswogen oft der ſpielende Phosphorſchein geſehen wird. Uns nach den Geſtirnen richtend, verfolgten wir unſern Weg. Die Grasfläche vereinzelte ſich in Abtheilungen, die immer kleiner, immer ſeltener wurden. Nach der Graswüſte kam nun die ſandige Haide; auch zeigten ſich wieder Bäume, und wir machten Halt in einem dichten Gehölz. Unſere ein⸗ fache Nachtkoſt war bald bereitet und verzehrt, und Anaſtaſio machte ſich an die Vorbereitungen zum nächſten Frühſtück. Sein Thun und Treiben ſcheint einer beſondern Erwähnung werth; vielleicht daß ein Feinſchmecker etwas daraus lernt! 294 Zuerſt höhlte er mit dem Meſſer ein Loch in den lockern Bo⸗ den aus, etwa einen Schuh breit und tief; dieſe Höhlung füllte er mit trockenem Reiſig, das er anzündete und von Zeit zu Zeit mit neuer Nahrung verſah, bis er zuletzt größeres Holz darüber legte. Als das Holz brannte, überdeckte er den ganzen Brand mit Kieſeln, die nach und nach, wie der Brennſtoff abnahm, bis zum Grund der Höhlung hinabſanken, wo der ſandige Boden unter und neben ihnen glühte wie ſie ſelber. Anaſtaſio legte den Hammelskopf unabgezogen auf die Kieſel, überdeckte ihn mit grünem Holz, und dieſes mit Erde, die er feſtſtampfte. Und nun behauptete er, hätten wir nichts zu thun, als zu ſchlafen. Bei Sonnenaufgang ſchirrte Anaſtaſio noch einmal unſere Roſſe auf, und holte die Schläuche aus den Brombeeren her⸗ vor, wohin er ſie gelegt, um den, leider ſchon ziemlich ver⸗ minderten, Inhalt etwas kühl zu halten; dann gings an die geheimnißvolle Grube, worin die Hoffnung nnſeres Frühmah⸗ les ruhte. Kaum begann das Meſſer die Erde aufzuſcharren, als auch ſchon ein herrlicher Duft emporſtieg; der Anblick je⸗ doch der zu Tag kommenden Tatemada ſah bei weitem nicht ſo einladend aus, da ſie einer unförmlichen verkohlten Maſſe glich. Mit geübter Hand löste Anaſtaſio die verbrannten Stücke ab, unter der ſchwarzen Hülle kam das röthliche Fleiſch zum Vorſchein, und wir hielten ein Göttermahl— von ganz Homeriſchem Zuſchnitt. Nach dem Abſchiedsſchmaus kam der Abſchied. Bis zum letzten Augenblick ſeiner Dienerrolle ge⸗ treu, hielt mir Anaſtaſio den Steigbügel. Ich drückte ſeine Hand wie die eines Freundes; ſtumm, aber ſchweigend 295 nicht eine ſehr erklärliche und menſchliche Anwandlung zu ver⸗ rathen, gaben wir uns mit Geberden Lebewohl. Ich wandte mich nordwärts, er nach Süden, und ſeines Roſſes raſcher Lauf hatte ihn mir bald aus dem Geſicht gebracht. Anaſtaſio's genaue und deutliche Anweiſungen ließen keine Beſorgniß in mir aufkommen, als könne ich mich etwa doch noch verirren. Mein abgehärtetes Mericanerpferd konnte ganz wohl die Tagreiſe bis zum nächſten Bach ohne zu trinken überſtehen, und für mich hatte ich noch einen halben Schlauch voll Waſſer. Es war kaum acht Uhr, und ich hatte noch zehn Stunden Tageshelle vor mir, doch leider war das leuchtende Geſtirn auch ein Sengendes und Brennendes. Je höher die Sonne ſtieg, um ſo heftiger ſchlug die Widerhitze vom Boden empor; von oben gedrückt, beugte ich das Haupt, von unten her zog die Hitze das Leder meiner Stiefel immer feſter um meine ſchwellenden Füße. Der Hauch von Mittag dörrte meine Bruſt aus, ich athmete Gluth ein, keine Luft mehr. Dürres Holz krachte ſeitwärts wie auf einem Glühofen. Nach zwei Stunden überkam mich ein ſonderbares Miß⸗ behagen; ein Schauer überlief mich, dann ſchüttelte mich grim⸗ miger Froſt. Was half mir's, mich in meinen Mantel zu wickeln? Ich erkannte einen Anfall des Fiebers, das ich mir zu San Blas geholt, wo die Wechſelfieber überhaupt ſo übel wirthſchaften. Ich bemühte mich vergebens, mich aufrecht zu halten, und mußte endlich abſteigen, um mich niederzulegen. Ich befand mich inmitten eines dichten Gehölzes auf einer Art von Pfad; der heiße Sand, hoffte ich, würde mich etwas 296 erwärmen. Die Wärme blieb nicht aus, dem Froſt folgte Hitze, und in der Fiebergluth trank ich meinen Waſſervorrath bis zur Neige leer, ohne der Zukunft zu denken. Die Sonne ſtieg immer höher. Der Durſt mit ſeiner Höllenqual peinigte mich auf's Neue beim Wehen des trockenen Windes, der trau⸗ rig durchs Laub rauſchte; aber ich war ſchon ſo herunterge⸗ bracht, daß mein Bewußtſein im Leiden unterzugehen begann, und ich horchte mit kindiſcher Theilnahme auf das Rauſchen der Blätter, das mich an das Gemurmel eines Baches mahnte. Dieſe Vorſtellung linderte zum Theil meinen Durſt. Der An⸗ fall ſchien etwas nachzulaſſen, und ich fühlte nach einer Weile nichts mehr als die entſetzlichſte Abſpannung. Ich verſuchte aufzuſtehen, um zu Pferd zu ſteigen und weiter zu reiten; unmöglich, ich fiel zurück wie ein Sack auf den glühenden Sand. Nun kam auch der Durſt wieder mit verdoppelter Wuth. Neben mir lag der geleerte Schlauch, ſchon zuſam⸗ menſchrumpfend vor Trockenheit. Neue Verſuche mich aufzu⸗ raffen führten zu nichts„als mich immermehr von meiner Ohnmacht zu überzeugen. Ich verfiel nach und nach in ein Hindämmern, das ſich ſchon mit ſtarken Schritten der völligen Bewußtloſigkeit näherte, als ich ein fernes Geräuſch vernahm, wie wenn eine metallne Säbelſcheide gegen eiſerne Sporen ſchlüge. Richtig ein wohlbewaffneter Reiter auf ſtattlichem Roß hielt vor. Ich ſchlug die Augen auf. „Hollah, Freund,“ rief er mit rauher Stimme„was gibts, was macht Ihr da?“ Mein langer Bart, mein verwahrloſtes ſtaubiges Gewand N konnten dieſe allzuvertrauliche Anrede ſchon entſchuldigen, den⸗ noch nahm ich ſie übel auf und entgegente ziemlich trotzig: „Seht Ihr nicht, daß ich beſchäftigt bin... zu verlechzen.“ Der Fremde lächelte. An ſeinem Sattel hing ein voller Schlauch. Dieſer Anblick vermehrte meinen Durſt und ſtimmte meinen Trotz herab. Ich nahm wieder das Wort„ um fein höflich einen Trunk zu erbitten. „Gott verhüte, daß ich ihn Euch verweigre,“ ſagte er mit gemildertem Ton. Begierig ſtreckte ich die Hand nach dem geſegneten Schlauch aus; der Reiter aber, dem wohl ſchwanen mochte, daß ich geneigt war, den Inhalt bis zum letzten Tropfen zu leeren, füllte wohlweislich davon in eine Kürbisflaſche, die er mir darreichte, und die ich in einem Zuge austrank. Als ich ſo ein wenig erquickt war, fragte mein Wohlthäter nach meiner Reiſe Ziel. Ich gab ihm Auskunft. Voll Erſtaunen verſetzte er: „Wie, zum Preſidio de Tubae? Nun, Gottlob! dem kehrt Ihr ſchier den Rücken zu.“ In der Befangenheit des Fiebers war ich von meiner Richtung abgekommen„und hatte mich, wie ich nun an der Sonne ſah, gen Niedergang grwendet. Der Unbekannte gab mir nochmals eben ſo ſparſam wie zuvor zu trinken, und ſagte dann: „Hört! is Sonnenuntergang mögt ihr wohl die Hacienda de la Noria erreichen. Folgt meinem Rathe, geht zur Hacienda, Ihr werdet dort gut aufgehoben ſein.“ 298 Ich bemerkte ihm, daß ich vollſtändig erſchöpft ſei. Er dachte nach, und ſprach dann weiter: „Ich kann hier nicht bei euch die Zeit verlieren; wichtige Gründe treiben mich zur Eile. Nicht minder triftige Gründe befehlen mir zwar auch, mich in der Hacienda nicht zu zei⸗ gen; da jedoch mein Weg mich ſo nahe daran vorüberführt, will ich dennoch ankehren, um Euch ein friſches Pferd und Waſſer zuzuſenden, denn ſchwach und matt, wie Ihr offenbar ſeid, und mit Euerm Thier könnt Ihr ohne Führer nicht mehr ankommen. Wer aber in dieſer waſſerloſen Einöde unter dem Brand einer ſolchen Sonne heute nicht zum Ziele kommt, der erreicht es morgen auch nicht. Rafft Euch indeſſen zuſammen und ſucht ein Stückchen vorwärts zu kommen. Ich will mei⸗ nen Lazo ſchleifen laſſen, daß ſeine Spur auf dem Sand Euch den Weg zeige.“ Ich dankte ihm für den guten Willen. „Noch Eins,“ ſagte er:„verſäumt ja nicht, in der Hacienda ausdrücklich zu betheuern, daß Euch nur der Zufall hingeführt.“ Mit dieſen Worten entrollte der Reiter die lange Schlinge von geflochtenem Leder, und von dannen trabend, ließ er hin⸗ ter ſich eine leichte Furche auf dem Sandboden. Die Hoffnung, bald eine Menſchenwohnung zu erreichen, ſo wie die mir gewordene Erquickung durch den Trunk, hatten mich inſofern zu Verſtand gebracht, daß ich meine Lage deut⸗ lich erkannte und den Muth fand, mein Pferd zu beſteigen. Doch dem armen Vieh hatte keine milde Hand einen Tropfen Waſſer gereicht; hängenden Kopfes und erloſchenen Auges 299 ſchleppte es ſich mühſelig nur vom Fleck, fühllos für den trei⸗ benden Sporn. Vergebens gruben ſich die Stahlräder in ſeine blutigen Flanken, es ging darum um keinen Schritt raſcher. Von Zeit zu Zeit hielt ich an, um die ſchwache Spur des Lazo zu erforſchen, und um zu horchen, ob niemand mit ent⸗ gegenkäme. Alles blieb ſtill; nur manchmal ſeufzte der Hauch des glühenden Windes. Da ſetzte ich dann meinen mühſeligen Weg wieder fort, unwillkürlich die Worte wiederholend: Wer heute nicht zum Ziele kommt, der erreicht es morgen auch nicht! Schon verlängerten ſich die Schatten des Eiſenholzes auf dem Sande, von welchem die Widerhitze in verſtärktem Maße aufſtieg. Die Vorboten der Dämmerung, Mücken⸗ ſchwärme, ſurrten von weitem; ein Zeichen vom Nahen der Nacht tauchte nach dem andern auf: aber kein hülfreicher Bote wollte kommen. Körperlicher Schmerz geſellte ſich der Seelenangſt; die Zunge klebte am Gaumen, mein Hals war ausgetrocknet. Urplötzlich wieherte mein Roß, und als käme geheimnißvolle Kunde ihm durch die Luft zugeflogen, förderte es ſeine Schritte; ſeine Gangart wurde ſchier zu einer mun⸗ tern. Auch mir kam's vor, als vernähm' ich fernes Heerden⸗ gebrüll. Kein Zweifel, ich war in der Nähe eines Ranchv. Eben ging die Sonne zur Rüſte, und nach einer halben Stunde erreichte ich den Waldesrand. Eine unermeßliche Ebene öffnete ſich vor meinem Blick, und ich genoß eines Schauſpiels, deſſen Zauber nur begreift, wer Qualen des Durſtes inmitten einer unbekannten Wildniß litt. Den Boden bedeckte ein grüner Raſenteppich, mannichfach 300 durchzogen von geſchlängelten Wegen, der eingeprägten Spur menſchlichen Wandels. Zahlreiche Gummibäume in dichten Gruppen, durch ihre Menge den Mangel dichtbelaubter Blätter⸗ kronen erſetzend, gaben dem Graſe Schatten. Die friſche Feuchtigkeit der Luft, welche mich nach dem trockenen Durſt des Waldes ſo erquicklich anwehte, ſie verrieth das Daſein eines waſſergetränkten Erdreichs. Und richtig: inmitten der koſtbaren Oaſis füllte eine reichſprudelnde Quelle einen kleinen Teich im Schatten herrlicher Eſchen. Ein gewaltiges Rad, von vier paar Maulthieren getrieben, füllte und leerte im Umſchwung lederne Eimer in ausgehöhlte Baumſtämme von rieſiger Größe. Der ſcheidenden Sonne Abſchiedsblicke ver⸗ klärten die kriſtallene Fluth„die in funkelnden Geſchmeiden überfloß, die Wurzeln der Gummibäume tränkend, daß die Labung ihnen ſichtlich bis zur Krone drang. Ungezählte Heer⸗ den aller Art tränkten ſich aus den Rieſentrögen, ohne die Maſſe des wohlthätigen Elementes zu verringern. Weiterhin wirbelte goldgelber Staub auf unter den Hufen eines wilden fröhlichen Getümmels von Roſſen in vollem Ungeſtüm unge⸗ zähmten Feuers. Das war-ein tolles Rennen, ein wüthen⸗ des Ausſchlagen, ein wahnwitziges Springen und Setzen, daß den Zuſchauern ſchwindelte. Das Getrappel klang wie ferner Donner. Das dröhnende Wiehern der Hengſte, das Brüllen der Stiere beherrſchten hie und da den furchtbar fröhlichen Lärm. Einzelne Truppe löſten ſich von der Menge ab„um flammenden Blickes der Tränke zuzueilen. Scheu drängten ſich die Hämmel zur Seite, während die Stiere mit triefender Schnauze ſich rüſteten, die ungebetenen Gäſte mit Hornſtößen 301 zu empfangen. Schakals und andere Nachtſchwärmer ſchienen vergeſſen zu haben, daß noch der Tag ſchien und des Menſchen Auge wachte; vom Durſt getrieben, konnten ſie die Ankunft ihrer Schirmerin, der Dunkelheit, nicht erwarten, ſondern zeig⸗ ten ihre ſpitzen Schnauzen; ihre glänzenden Augen in den Um⸗ gebungen der Noria. Noria heißt auſ Spaniſch das Waſſer⸗ rad, womit aus Brunnen, Teich oder Regenfang die Flüſſigkeit zur Höhe gehoben wird; und vom Rade wird auch der Waſſer⸗ behälter ſelber mit dieſem Namen bezeichnet. Die Noria iſt in dieſer Wüſte für alle Weſen ohne Unterſchied die belebende Nährmutter; ſie mahnt an die Brunnen, bei denen die Erz⸗ väter ihre Zelte aufſchlugen und Engel in Pilgergeſtalt gaſt⸗ lich bewirtheten. 3 Im Nu waren wir beide, Roß und Mann, an der QOuelle, und tranken als könnten wir nimmer genug bekommen. Ich ſetzte nur ab, weil mir der Athem fehlte. Während ich Luft ſchöpfte, war mir's, als hörte ich in der Nähe reden, ich begann zu horchen, und vernahm, von der Eſchengruppe ver⸗ borgen, folgendes Geſpräch. „Hör' auf, Juan, ich denke wohl, daß ich endlich fort muß. Seit vier Stunden zerrſt Du mich von einem Spiel zum andern, und indeſſen kann der Reiſende, welchen ich ſuchen ſoll, längſt verſchmachtet ſein.“ „Du biſt nur darum ſo eilig, Joſe, weil Du gewonnen haſt, und mitleidig, weil Du den Leimſieder machen willſt. Dein Reiſender iſt ohnehin ſchon todt und wird ganz ſtill auf Dich warten.“ 302 „Du nimmſt auch gar keine Vernunft an, Juan. Ich komme daher, um Waſſer für einen armen Schelm zu holen, der halbtodt am Wege liegt; Du hältſt mich auf, um mir eine untrügliche Martingale zu zeigen, weil Du ſeit vier Stunden nichts als verlierſt. Alles hat ſeinen Anfang und ſein Ende. Soll ich, um noch Deinen Dolman zu gewinnen, einen getauften Chriſten vor Durſt ſterben laſſen?“ Im ſelben Augenblick traten die beiden aus dem Gebüſch heraus. Den Verlierenden erkannte ich alsbald am Dolman, den er in der Hand hielt, wie der Trödeljude die angeprieſene Waare. Der andere führte ein Pferd am Zügel und fragte mich, ob ich nicht einen am Wege habe liegen ſehen? „Wenn er todt wäre, wird er auf Euch warten,“ verſetzte ich:„aber er trinkt ſich im Augenblicke ſatt, und Ihr mögt in aller Seelenruhe dem Tropf da auch noch den Dolman ab⸗ gewinnen.“ „Gott Lob und Dank„ das freut mich!“ rief der unglück⸗ liche Spieler aus:„und jetzt, Benito, haſt Du keinen Vor⸗ wand mehr, das Spiel abzubrechen.“ Benito zog ein verdrießliches Geſicht; er hätte mich lieber todt gewußt, um nach mir ausreiten zu können, als mich wohlbehalten zur Stelle zu ſehen, und ſeinen Vorwand dadurch zu verlieren, ſeinen Gewinn in Sicherheit zu bringen. Wo⸗ gegen Juan vor Vergnügen ſtrahlte. Ein dunkles Geſicht ſagte mir, daß ich einen Feind und einen Freund zur ſelben Friſt gewonnen hatte; mein Freund war der, welcher mich kurz zuvor ohneweiters hätte verſchmachten laſſen, mein Feind der kaum noch ſo gefühlvolle Helfer. 303 Ich ließ die beiden bei ihrem Spiel, und führte mein Pferd am Zügel dem Gehöfte zu. Ich war noch ein Streck⸗ chen davon entfernt, als mich der Weg zwiſchen weitläufigen Einzäunungen(toriles) durchführte. Das eine Gehege war leer, im andern wirbelte Staub auf und ließ ſich halberſticktes Gebrüll vernehmen. Durch die Ritzen des Pfahlwerkes erblickte ich einen Stier, der ſich gegen einen Reiter auf ſeinem Halſe ſträubte, während ein Gehülfe die Füße des widerſtrebenden Thieres mit Stricken umwand, um es feſtzuhalten. Der auf dem Stier hielt ein Meſſer in der Hand, womit er, wie mir vorkam, die Hörner zuſpitzte, ohne ſich vom Bäumen und Springen der Beſtie irren zu laſſen. Zuletzt ergab ſich der Stier in ſein Geſchick; da tauchte der Reiter mit ſichtlicher Vorſicht eine Art Tupfballen in eine Kürbisflaſche, und be⸗ netzte die zugeſchnittenen und zugeſpitzten Hörner mit der Feuch⸗ tigkeit. Sobald das geſchehen, ließen die beiden den Stier los und entſchlüpften mir gegenüber durch einen Ausgang, den ſie hernach ſorgſam verwahrten. Bevor das ergrimmte Thier nur innegeworden, daß es nicht mehr gebunden war, kam es mit jedem Angriff zu ſpät. Ich hatte im Mann auf dem Stier meinen Wohlthäter wieder erkannt, und konnte mir ſein Er⸗ ſcheinen nicht mit der Aeußerung zuſammenreimen, daß er an der Hacienda ſchnell vorübereilen müſſe. Eine neue Ueber⸗ raſchung veränderte die Richtung meiner Gedanken; in geſtreck⸗ tem Lauf ſprengte ein Reiter an mir vorüber, deſſen Geſtalt und Weſen mich an Cahetano, den Schmuggler, und an ein furchtbares Abenteuer erinnerten, deſſen Augenzeuge ich vor ſechs Monden erſt geweſen. Hatte ich auch wirklich recht ge⸗ 304 ſehen? Mich grauſte bei der Erinnerung an den kaltblütigen Mörder und ſeine ſtraflos gebliebenen Miſſethaten*). In tiefen Gedanken erreichte ich den Hof der Hacienda, worauf zu meiner Verwunderung keine Seele ſich blicken ließ. Bevor ich erzähle, was ich hier ſah und erfuhr, wird es am Platze ſein, vorläufig anzudeuten, was ſolch ein mexi⸗ caniſches Gehöft eigentlich vorſtellt. In den innern Gegenden von Merxico ſind die Haciendas wahre Veſten, wiewohl ohne Zugbrücke, Graben und Thurm. Von gehauenen oder gebrannten Steinen feſt gefügt, mit ſtar⸗ ken Fenſtergittern und derben Thüren verwahrt, ſind ſie wohl zu vertheidigen. Mexico's neuere Geſchichte weiß von förm⸗ lichen Belagerungen ſolcher Edelſitze in bürgerlichen Fehden. Das Wort Edelſitz iſt hier mit Vorbedacht gewählt, wiewohl Merico ein Freiſtaat: Die Grundholden der Haciendas ſind mindeſtens Lehensleute, wenn nicht gar Hörige. Um das Ge⸗ höft inmitten der Wildniß ſiedeln ſich wandernde Haushaltun⸗ gen an, um des Glückes theilhaftig zu werden, zur Zeit der Noth Schutz und Schirm hinter den feſten Mauern zu finden, ſonſt aber Arbeit auf dem Feld und den Troſt des Zöttlichen Wortes in der Capelle zu erhalten. Die Stellung dieſer Arbeiter iſt wohl ſchlimmer noch als die der Schwarzen in den franzöſiſchen Pflanzungen, denn ſie können nicht wie die Neger durch Fleiß zur Freiheit gelangen. Freilich werden ſie *) Die Geſchichte Cayetano's findet ſich im 3. Bande des Erzählers(für 1846.) Seite 285. 305 Geld bezahlt; doch genöthigt, alle Lebensbedürfniſſe vom Brod⸗ herrn um Wucherpreiſe zu nehmen, wird der freie Arbeiter zum Sklaven einer erdrückenden Schuldenlaſt, von der ihn zu erlöſen ein ganzes Leben voll Arbeit nimmer ausreicht, ſo weit bleibt der Verdienſt hinter dem Bedürfniß der täglichen Nahrung zurück. Was hier vom Innern des Landes geſagt wurde, gilt auch von den entfernteſten Grenzbezirken„ worin die Hacienda de la Noria liegt. Nur daß die neueren Gehöfte„welche nicht von den Spaniern herrühren, nicht das großartige Gepräge tragen, wie es die Eroberer Mericos ihren Werken aufdrück⸗ ten. Die Hacienda de la Noria„oder der„Brunnenhof“ iſt von Lehm aufgeführt und weiß getüncht. Das Hauptgebäude iſt ein länglichtes Viereck von bedeutendem Umfang, mit ab⸗ ſeits liegenden Wohnungen für das Geſinde. Von Stallungen iſt natürlich keine Rede. Schafe und Ziegen übernachten in Hürden von Pfahlwerk; Pferde, Mäuler, Rinder wo ſie mö⸗ gen. Die Landwirthſchaft wird mit gleicher Sorgloſigkeit be⸗ trieben, und der menſchliche Fleiß hilft wenig nur die Matten fruchtbar machen, worauf die Heerden ſich nähren. Bevor die Regenzeit eintritt, zündet der Beſitzer das welke Gras der Wieſen an, um dem friſchen Nachwuchs Raum zu machen. Dann ſieht der Wanderer Abends den Himmel von Gluth ge⸗ röthet. In jedem Jahre findet einmal die Recogida, der große Zuſammentrieb ſtatt, wobei Tauſende von Pferden, Maul⸗ thieren und Stieren in die Gehege der Hacienda getrieben werden. Füllen und junge Stiere, der Zuwachs des Jahres, Der Erzähler. 1847. 1. 20 ——— —— werden da von den Vaqueros,(wörtlich: Rinderhirten, aber dem Gebrauch nach: Reiter zu überſetzen,) mit Hülfe des Lazo niedergeworfen und mit dem Zeichen des Beſitzers gebrannt. Fünfiährige Füllen werden gebändigt,(quebrantados,) nämlich zwei bis dreimal geritten; alsdann Novillos eilen junge Roſſe und Rinder ihren Querencias,(den gewöhn⸗ lichen Standorten,) zu, um die Schmach zu vergeſſen, welche Sattel und glühendes Eiſen ihrem freigebornen Leib zufügten. So harren ſie der Stunde, die ſie in die Sklaverei bewohnter Landſtriche entführe. In den Städten erſt müſſen die Pferde auf Gefahr des Käufers oder auch der Begegnenden ſich an den Anblick der Menſchenmenge, der Häuſer, des lebendigen Verkehrs gewöhnen. Dieſe zweite Erziehung wird eben ſo ſchnell und rauh vollzogen, als die erſte; die Mexicaner ſind herbe Reiter und tragen ihre übergroßen ſcharfen Sporen nicht zum Staat. Darum iſt die oben angeführte Bezeichnung tref⸗ fend genug; quebrantado Jahren noch hat inmitten der freien Wildniß das muthige Roß ſeine Bändiger, die furchtbaren Vaqueros nicht vergeſſen. Von Kindesbeinen guf wird der Vaquero, gleich dem ungariſchen Cſikos, zum Reiter erzogen; ſein Vater bindet ihn mit dem Schnupftuch an den Sattelbogen, und ſo geht's in geſtrecktem Lauf über Stein und Stock. So wächst er auf. Eines ſchönen Morgens ſchmiegen ſich die Beine lang genug an des Roſſes Flanken, und er hat Sitz. in die Kreuz und Quer lernt der Vaquero den Lazo werfen und das Erdreich verſtehen,(Saber la tierra,) das 306 heißt gebrochen. Nach drei Auf ſeinen Ritten heißt * 307 dem menſchlichen Unterſcheidungsvermögen den dunkeln Drang geſellen, womit das Pferd auf viele Stunden Weges am Duft der Pflanzen ſeine Querencia wittert, und unaufgehalten durch Berg und Schlucht und Waldſtrom in grader Linie darauf zuſtürmt. Inmitten unbewohnter Wüſteneien ohne Weg und Steg, wohin ihn auch der Eifer der Verfolgung geführt habe, iſt der Vaquero nie verlegen wegen der Richtung, die ihn zum Ziele führe; das Moos an den Bäumen, der Lauf der Ge⸗ wäſſer, die Neigung der Kräuter, die Stellung der Sonne, alles wird zur Zunge, womit die Wüſte zu ihrem Sohne ge⸗ ſchwätzig ſpricht, um ihm Beſcheid zu geben. Mit der Schärfe aller Sinne vereint der Vaquero die unglaublichſte Mäßigkeit; ein Brocken Maisbrod, ein Biſſen Dürrfleiſch, eine Granate, eine Pfefferſchote, eine Cigarette reichen für eines Tages Nah⸗ rung hin; ein Bischen abgeſtandenes Waſſer in der Hufſpur eines Pferdes oder im Büffeltritt löſcht ſeinen Durſt. In der Verfolgung eines Thieres hemmt ſeinen Lauf kein Hinderniß, nicht Fels, nicht Forſt, nicht Waſſer. Vom Haupt zur Sohle in Leder gehüllt, ſprengt er unerſchrocken durch Wald und Steppe. Zur rechten oder zur linken Flanke ſeines Pferdes niedergebogen wie ein knochenloſer Körper, vorn auf dem Sat⸗ tel liegend oder ſich zurückwerfend, weicht er den Aeſten aus ohne die Schnelligkeit des Laufes zu mindern. Sobald ſein ſicherer Lazowurf das Thier erreicht, welches er bändigen will, geſellt ſich kühne Entſchloſſenheit der Kraft und Gelenkigkeit Hier wird ſeine Aufgabe bedenklich und gefährlich. Nach höch⸗ ſtens zwei Stunden iſt der Wildling im harten Kampf ge⸗ zähmt, hat ſeinen Herrn und Meiſter erkannt und trabt de⸗ . 308 müthig heran. Zuweilen bringt es den Reiter wohl auch todt, aber er iſt in ſeinem Beruf geſtorben ohne die Bügel zu ver⸗ lieren. 5 Auf meinen Irrfahrten durch Mexico hatte ich wohl ſchon einzelne Vaqueros begegnet, und mich an ihrer unbefangenen Unterhaltung höchlich ergötzt, niemals aber ſie beim Werk ge⸗ ſehen. Doch nach dem Brunnenhof war ich zu guter Stunde gekommen, und mein langgehegter Wunſch ſollte ſich er⸗ füllen. Ueber den öden Hof war ich zur Vorhalle beim Haupt⸗ eingang gelangt, als ich eine Stimme eintönig vorbeten und in Zwiſchenräumen andere mit andächtigem Gemurmel ant⸗ worten hörte. Es war Samstagabend und die Angehörigen der Hacienda beſchloſſen nach altſpaniſchem Brauch die Woche mit dem Beten des Roſenkranzes. Ich band mein Pferd an einen Pfeiler und trat ein. Eine zahlreiche Verſammlung lag auf den Knieen. Der Vorbeter war der Caplan des Gehöftes, der Burgpfaff, wenn ihr wollt. Bei meinem Eintritt verbeugte ſich ein Mann von etwa fünfzig Jahren, vermuthlich der Hausherr, und winkte mir, mich der Andacht anzuſchließen. Was ich that, doch nicht ohne verſtohlener Weiſe die beteüde Verſammlung zu muſtern. Ich befand mich in einem großen viereckigen Saal mit geweißten Wänden, in Waſſerfarben mit Randbildern bemalt, womit die ungeübte Hand und die ausſchweifende Einbildungs⸗ kraft irgend eines wandernden Künſtlers ſich verewigt hatten. Das Deckengebälk war ſo ſorgfältig behauen, als die Zähigkeit 309 des Palmenholzes es zugegeben hatte. Beim Schein einer ein⸗ zigen Kerze war im Halbdunkel wenig von den metallfarbigen Geſichtern der kecken Abenteurer zu erkennen, die an den letz⸗ ten Grenzen der geſitteten Welt ſich zu Nachbarn der wilden Indianer gemacht; doch was meine Aufmerkſamkeit am meiſten feſſelte, waren zwei Frauengeſtalten. Zum Unglück verhüllten neidiſche Rebozos von blauer und weißer Seide die Schönen bis zum Gürtel, nur die Augen freilaſſend. Rebozo heißt der landesübliche Ueberwurf von Seide oder von Wollenzeug, ein Erzeugniß einheimiſchen Gewerbfleißes. Die Augen, welche ich ſah, waren echt mexicaniſche, groß und ſchwarz. Nun ſind freilich in ganz Merico die meiſten Weiberſtimmen mit be⸗ ſonderm Wohlklang geſegnet; dennoch tönte eine im Gemur⸗ mel des Gebetes ſo anmuthig, daß ich auf der Beſitzerin Jugend ſchließen durfte. Jugend iſt Schönheit im Sonnen⸗ glanz der Wendekreiſe. Wie ich die Frauen noch forſchend betrachtete, traten zwei Männer leiſe auf den Fußſpitzen in den Betſaal: meine zwei Spieler hinter dem Brunnentrog. Juan mochte gewonnen haben; wenigſtens trug er noch den ſtolzen Dolman mit den blanken runden Knöpfen. Auch grüßte er mich huldreichſt, während Benito mich keines Blickes würdigte. Trutzte er mit mir? Möglich, wahrſcheinlich ſogar, doch ſei nicht verſchwiegen, daß ſein Auge vom Eintritt an auf einer der Frauenge⸗ ſtalten haftete. Nachdem ich alle dieſe Beobachtungen ange⸗ ſtellt, wünſchte ich nichts ſehnlicher, als das Ende des Roſenkranzes, das lang auf ſich warten ließ. Mir ſiel ein — 310 Stein vom Herzen, als das letzte„ora pro nobis“ verklang und die Beter ſich erhoben. Diener zündeten einige Kerzen in Glasglocken an, und ich unterſchied nun, wie hübſch eine der Frauengeſtalten ge⸗ wachſen war; ſie brachte eine äußerſt niedliche Hand zum Vorſchein, um den Schleier zurechtzuzupfen. Mehr bekam ich nicht zu ſehen; die beiden, vermuthlich Mutter und Tochter, entfernten ſich unverzüglich. Meine Aufmerkſamkeit wandte ſich nothgedrungen auf's Neue wiederum den übrigen Umgebungen zu. Der Zufall hatte mich in eine merkwürdige Verſammlung geworfen. Was mir bisher hier vor Augen gekommen, hatte nicht nur das mittelalterliche Gepräg bäuerlicher Lehensherrlichkeit und Sit⸗ teneinfalt, ſondern auch etwas Geheimnißvolles, wie ich's ganz beſonders gern habe. Auch das Nachtmahl, wozu ich einge⸗ laden wurde, verleugnete nicht den gleichen Zuſchnitt. Eine lange Tafel, ſo ſchmal, daß man bequem vom Teller ſeines Gegenüber hätte eſſen können, war mit allen Schreckniſſen der mexicaniſchen Küche überladen. Am oberen Ende ſaßen Don Ramon, der Hausherr, der Caplan und ich. Die zwei Frauen ließen ſich bei der Mahlzeit nicht ſehen. Knechte und Mägde ſaßen am unteren Ende. Außer einer wohlbeſtellten Schüſſel mit Wildpret flößten mir die meiſten Gerichte Abſcheu ein, andere erregten mir ſogar Ekel. Ueberall waren Hühner dabei, hier in Stücken in einer endloſen Brühe mit rothen Pfefſerſchoten, die ein Unerfahrener für eine Brühe von Paradiesäpfeln genommen hätte, dort vergraben in einem ſafranduftenden Reisberg, aus 311 dem lange grüne Pfefferſchoten hervorragten.*) Weiterhin ließ ein Hahn das ſcheußlichſte Gemiſch von ranzigen Oliven, getrockneten Weinbeeren, Zwiebeln und Gott weiß was noch als Füllſel ſehen. Grünes Korn in weißer Tunke ſtand ge⸗ röſteten Maiskolben**) gegenüber. Gezuckerte Kürbiſſe, Gar⸗ banzos, Portulak, Gemüſe ohne Namen und Farbe umgaben großartige Stücke von Rindfleiſch, ſchon halb kalt. Don Ramons Tafelgenoſſen betrachteten dieſe Herrlichkeiten mit lüſternem Auge. Bemerkenswerth war auch noch der Mangel jeder trinkbaren Flüſſigkeit; der Mexicaner trinkt erſt nach dem Eſſen. Meine Neuigkeiten aus Arispe waren für Don Ramon in ſeiner Abgeſchiedenheit immerhin anziehend und von Werth, trotz ihrer Bedeutungsloſigkeit. Wir, die wir zu Hauſe Tag für Tag die Allgemeine Zeitung leſen, begreifen das eben nicht. Nachdem ich die Neugierde meines Wirthes befriedigt, hielt ich auch von meiner Seite einige Fragen für erlaubt. Ich hätte nämlich gar zu gerne gewußt, ob es wirklich Cahetano geweſen, den ich vor dem Gehöft geſehen hatte? Die Anweſenden aber wußten insgeſammt von keinem dieſes Namens. Die zahlreiche Tiſchgenoſſenſchaft mochte endlich genug gegeſſen haben. Ein Diener brachte zwei Glasbecher von *) Bis daher möcht' ich ſchon mithalten;„Hühndel“ und„Pa⸗ prica“ ſind eine gute Zuſammenſtellung. Doch davon verſteht der Franzos nichts. Anm. des Ueberſ. **) Jetzt mag der auch feine Kukuruzkolben! A. 9 312 ritterlichem Umfang, welche die Runde machen mußten. So⸗ bald jeder getrunken, wurde die Sitzung aufgehoben, um die Leute zur ganzen Nacht kommen zu laſſen, denn der nächſte Morgen ſollte einen großen Tag voll mühſeliger Luſt bringen, einen Herradero; ſo nämlich heißt der Tag des großen Zu⸗ ſammentriebes, deſſen ich oben bereits erwähnte. Dem Feſt zu Ehren war die große Abendtafel zugerichtet worden, wäh⸗ rend das Nachteſſen gewöhnlich nur aus einer Schale Choco⸗ lade beſteht. Jetzt konnte ich mir auch die Abweſenheit der Frauen des Hauſes erklären. Als ich beim Eſſen des Namens Cahetano erwähnt, war aus Benito's Augen ein Blick finſtern Mißtrauens auf mich gefallen, weßhalb ich es für räthlich erachtet hatte, nicht weiter zu forſchen und zu fragen, ſondern geduldig von der Zeit die Löſung zu erwarten. Meine Hoffnung betrog mich hierin nicht. Als ich den Speiſeſaal verließ, wurde ich von meinem Gönner Juan angeredet, oder von„Martingale,“ um den treffenden Spitznamen beizubehalten, womit ſeine Kameraden ihn belegten. 5 „Benito,“ ſagte er,„meint, daß Ihr vorhin vom Mann mit der Narbe reden wolltet.“ 2 „Wie kennt ihr!denn Venito?“ fragte ich entgegen. „Das kümmert mich nicht. Doch, ſeid Ihr etwa Cahe⸗ tano's guter Freund?“ „Mit nichten.“ „Deſto beſſer! Dann ſeid Ihr vielleicht ſein Feind?“ „Noch weniger.“ „Deſto beſſer!“ wiederholte Juan. 313 Ziemlich ärgerlich bemerkte ich nun, ich müſſe alſo dem Zufall danken, der mich weder zum Freund noch zum Feind Cahetanvo's gemacht. „Wer weiß?“ ſagte Martingale geheimnißvoll.„Gewiſſe Leute, wenn ſie einen ſo recht aus Herzensgrund haſſen, ſehen ſeine Feinde ſo ungern als ſeine Freunde; der Haß kann eiferſüchtig ſein, wie die Liebe ſelber. Ich ſage das übrigens nur Euch zum Nutzen; Ihr ſeid hier fremd, allein, und es ſollte mir leid thun, wenn Euch etwas widerführe. Für jetzt Gott befohlen! Ich muß mein gutes Glück benützen. Benito iſt außer ſich vor Zorn gegen Euch. Ich habe einen Aermel meines Dolmans ſchon zurückgewonnen. Wie dank' ich dem Himmel, daß Ihr von ſelber den Weg gefunden habt.“ Der Burſch machte ſich ſo raſch davon, daß ich keine Muße fand, noch eine Frage wegen des ehemaligen Schild⸗ krötenfiſchers zu ſtellen. F* Ich verfügte mich in die mir angewieſene Schlafkammer, ein Gemach mit kahlen weißen Wänden. Ueber die Begeben⸗ heiten des Tages nachdenkend, lauſchte ich dem Geräuſch, deſſen immer weniger wurde, in dem Maße, wie die Dienerſchaft ihre Schlafſtellen erreichte. Endlich war nichts mehr zu ver⸗ nehmen, als von Ferne, wie ein Murmeln, die Stimmen der Heerden, welche aus der Nähe der Tröge wichen, um den wilden Thieren Raum zu geben. Ich wollte eben einſchlafen, als es durch meine Fenſtergitter wie Tritte hereinklang. Mein Zimmer befand ſich im Erdgeſchoß, und von meinem Lager aus ſah ich deutlich zwei Geſtalten vorübergehen; was ſie miteinander flüſterten, konnte ich nicht verſtehen, doch unter⸗ 314 ſchied ich deutlich mehreremale das Wort endemoniado (vom Satan beſeſſen), dann ein grelles Lachen, wobei ich keinen Zweifel mehr hegte, daß einer von den Beiden Cahe⸗ tano war; ich wußte von einer gewiſſen Nacht her, daß nur einer hienieden ſo zu lachen vermochte, und dieſer eine hieß Cahetano. Seine Gegenwart ſchien mir von keiner guten Vorbedeutung. Die Beiden gingen, ich entſchlummerte. Kaum war es Morgen, als ich mich erhob, völlig erholt von den Mühſelig⸗ keiten des vorigen Tages. Ich verfügte mich in den Saal (asistenzia), wo Abends der Roſenkranz gebetet worden; Don Ramon, ſeine Tochter Maria Antonia und der Caplan waren ſchon zugegen. Ich konnte jetzt den vollen Glanz der Schönheit bewundern, wie ich ſie Abends zuvor nur errathen hatte. Der Rebozo ruhte jetzt nachläßig übergeworfen auf den Schultern. Ihre Kleidung beſtand oben nur aus einem ge⸗ ſtickten Hemd mit kurzen Aermeln, das ſammt dem Reboz nur zur Hälfte unter ſeinem Spitzenbeſatz den Buſen und die Schultern barg. Die ſchlanke, nie von einem Schnürmieder beläſtigte Mitte umſpannte reine Schärpe von ſcharlachrothem Chinakrepp. Der ſeidene Rock wallte bis zu den Knöcheln nieder, maleriſch den ſtattlichen Hüften angeſchmiegt. Der Fuß mit dem durchbrochenen Strumpf war eines der Füßchen mit hohem Leiſt, wie ſie geſchaffen ſcheinen nur auf Teppiche zu treten, und keine Hülle als von Atlaß zu tragen. Streng genommen war Maria Antonia nur eine Vauerndirne; aber in Friaul iſt der Caſtell⸗Conegliano auch nur Landwein. Die ſtolzeſte Edelfrau hätte mit den Zügen, den Händen, den 315 Füßen, der Geſtalt dieſet Vollblut⸗Andaluſierin zufrieden ſein dürfen. Als ich eintrat, ſpielte ſie juſt mit den Goldtroddeln an einem Männerhut; ich ſchloß daraus, daß ſie ausreiten 13 würde. Ich hatte es errathen. Im Hofe harrten unſer ſchon die Roſſe. Wir frühſtückten Chocolade und ſtiegen zu Pferd. Draußen vor dem Hofe erblickte des Herrn wachſames Auge im Gehege den Stier, welchen ich Abends zuvor hatte maß⸗ regeln ſehen. „Was ſoll der da?“ fragte Don Ramon. „Es iſt der Stier des Haushofmeiſters,“ beſchied Martingale, den ſein Dienſt in unſerer Nähe hielt. Wir umritten die Einfaſſung und gelangten an ein dichtes Gehölz. Hier ſollte die Recogida durchkommen. Wir hielten am Waldrande. Dichter Nebel lagerte noch auf den Wipfeln; Stille und Schatten herrſchten im Forſt. Das Schweigen brach bald ein ferne gellendes Getöſe; dann ein dumpfer Lärm, worunter die Erde erbebte; das Toben wuchs und kam immer näher; aus allen Büſchen ſprengten Vaqueros in die Ebene beraus; kaum daß wir Zeit hatten, zur Seite zu weichen. Wie eine dichtgeſchaarte Heerſäule brauste es hinter ihnen mit Donnergepolter, wiehernd, brüllend und in flüchtiger Eil einher vor etwa zwanzig andern Reitern mit hochgeſchwungenen Lazos.⸗ Dieſe Reiter ſchleuderten ſich gleichſam in den tollen Strudel, die langſamen Thiere antreibend, zornig die widerſtrebenden voranſtoßend; in den Staubwolken, welche die Heerden auf wirbelten, ſahen ſie aus, als wären ſie von Sinnen. Unſere Roſſe bäumten ſich unter uns, von Lärm trunken und aufge⸗ 316 regt. Der Caplan warf ſeine Kapuze auf die Schulter zurück und ging, oder ritt uns vielmehr mit gutem Beiſpiel vor; wir folgten ihm und der wilden Jagd. Maria Antonia, eines Hacendero würdige Tochter, die einſtige Gattin eines dieſer Centauren„ ſprengte mit verhäng⸗ ten Zügeln hinter dem Geiſtlichen einher. Die Flechten ihres reichen Haares löſten ſich, und mit den wehenden Locken auf flüchtigem Roß war ſie herrlich anzuſchauen in wildſchöner Eigenthümlichkeit. Der Tochter folgte Don Ramon, dieſem ich. Mein Pferd hätte mich wohl auch gegen meinen Willen dazu gezwungen. In kurzer Friſt erreichten wir die Schranken der Gehege, die ſich hinter den Heerden ſchloſſen. Unter den Gefangenen herrſchte ein Weilchen die namenloſeſte Verwirrung. Die Ver⸗ pfählungen erbebten unter den furchtbarſten Stößen; ein un⸗ aufhörliches Wiehern und Brüllen wiederhallte vom Wald her. Endlich legte ſich die erſte Wuth„erſchöpft durch ſich ſelber, und der Herradero konnte beginnen. Auf Dreifüßen war indeſſen trockenes Holz angezündet worden, das Eiſen glühte in der Flamme, und nach kurzer Raſt gingen die Vaqueros an das mühſelige gefährliche Geſchäft. Ich weiß nicht, ob reiner Zufall Maria Antonia in die Nähe eines Vaquero geführt, der, nachdem er vor Allen ſich durch ſeinen Eifer hervorgethan, nun Athem ſchöpfte. Der Vaquero war kein andrer als Benito. Tags zuvor hatte üble Laune ſein Angeſicht entſtellt, jetzt aber fiel mir die edle Unerſchrocken⸗ heit des Ausdruckes auf. Des ſpaniſchen Blutes Stolz ver⸗ 317 einte ſich in ihm mit der wilden Kraft der Indianer, die einſt auf dieſem Boden herrſchten. Die olivenfarbige Haut, der etwas dünne Bart, das leichtgekräuſelte Haar, der ſchlanke gerade Wuchs zeigten in ihm eine Art, welche durch Kreuzung vorzüglicher geworden. Benito bemerkte alſogleich das junge Mädchen, das unter ſeinen Feuerblicken erbebte. Maria An⸗ tonia erröthete; ſchnell zog ſie den Rebozo über die gelöſten Locken und die blanken Schultern, doch wich ſie nicht von der Stelle. Mich zog dieſe ſtumme Zwieſprache ungemein an; voll Theilnahme ſah ich das herbe Schäferſpiel zwiſchen dem halbwilden Manne, unbeugſam und hart wie Eiſenholz, und der kecken Reiterin, der nichts Weibliches geblieben, als die Schönheit und die verſchämte Jungfräulichkeit. Neben den Schranken verbreiteten zwei Sumachs mit dichten Blüthendolden kühlen Schatten; zwiſchen ihnen war eine höchſt einfache Bühne aufgeſchlagen. Don Ramon fragte, wem er dieſe unerwartete Aufmerkſamkeit verdanke. „Benito Goya hat es ſo angeordnet,“ erklärte Juan, die Hand am Hut. Don Ramon runzelte wie mißbilligend die Stirn, denn er mochte fühlen, daß die Aufmerkſamkeit ihm ſelber nur ſo nebenbei galt, doch nahm er mit ſeiner Tochter und dem Ca⸗ dahin aus, um der freieren Bewegung willen. Die Vaqueros trieben ſich außen an den Schranken um⸗ her. Sobald ihr geübtes Auge ein Füllen oder junges Rind erblickte, die noch nicht gezeichnet waren, ſchwenkten ſie den Lazo, der mit ſicherm Wurf inmitten dieſes Meeres von Häup⸗ plan nichtsdeſtoweniger den Platz ein; ich ſchlug die Einladung. 318 tern und Hörnern nie des erkorenen Zieles fehlte. Vor dem herausgezerrten Thier öffnete ſich's dann wie eine Gaſſe im Waſſer, die ſich im Augenblick wieder ſchloß. Vor der Schranke nahte ein zweiter Reiter, warf nachläſſig ſeine Schlinge zur Erde, zog ſie dann raſch empor, ſpornte ſein Roß, und das gefangene Thier, plötzlich ſo von zwei Seiten gezerrt, ſtürzte zu Boden. Im Nu ziſchte das heiße Eiſen auf ſeinem Fleiſch, eine kleine Wolke wirbelte auf von der Flanke des ſchmerzlich zuckenden Geſchöpfes, das, losgelaſſen, aufſchnellte und gebrand⸗ markt zur Wildniß floh. Bald umgab uns dicker Dampf, worin nur undeutlich die zappelnden Körper, die Metallgeſichter und die rothgeglühten Eiſen ſchwammen. Hie und da brachte ein wunderſamer Satz alles ringsumher in Unordnung, wenn irgend ein ungebändigter Wildfang im Schmerz der Brand⸗ wunde ſich unter eines Vaquero ſtählernen Schenkeln wehrte. Ich habe bereits angeführt, daß der Augenblick des Bändigens dem Vaquero verderblich werden kann. Die Sache verhält ſich ſo: wenn das Füllen niedergeworfen und gebrannt iſt, wird es, je nach der Heftigkeit ſeines geleiſteten Widerſtandes auf dem Boden feſtgehalten, oder man läßt es ſich aufrichten. Eine Lederhülle wird ihm über die Augen geworfen. So des Lichtes beraubt, läßt es ſich gemeiniglich mit ziemlicher Geduld ſatteln und gürten. Eine Schnur von Roßhaar wird um die Nüſtern feſtgemacht,(nach ſüddeutſchem Ausdruck: gebremſt), und dieſer Kappzaum(bozal), dient zu⸗ gleich als Zügel. Nachdem der Vagquero ſorgfältig den Sat⸗ telgurt geprüft, macht er ſich, die langen Sporen an den Füßen, ſattelfeſt, indem er ſich, je nach der Lage des Thieres, 319 von ihm aufheben läßt oder ſich aufſchwingt. Die Lederbinde fällt. Einen Augenblick ſteht noch das Roß wie zaudernd und zweifelnd; aber der Wildniß wohlvertrauter Anblick, der heimiſchen Wälder Duft, die ungewohnte Laſt entlocken ihm ein Wiehern der Wuth; alles Zweifeln hört nun auf. Zu⸗ erſt verſucht es den Sattel abzuſchütteln, doch der Gurt ſchnei⸗ det fich tief in den aufgeblähten Leib. Es will des Reiters Beine mit den Zähnen faſſen, aber der Bozal reißt ihm das Haupt unſanft zur Seite. Mit allerlei abenteuerlichen Sätzen und Sprüngen ſucht es den Reiter abzuſchleudern, bäumt ſich ſchier ſenkrecht empor, um hernach deſto heftiger hinten auszu⸗ feuern; alles vergeblich. Bis dahin hat der Reiter das Thier ſo ziemlich gewähren laſſen, aber nun fängt er an. Er drückt dem Thier die Sporenräder tief in die Weichen, daß es vor Schmerz aufſchreit. Außer ſich vor machtloſer Wuth und ver⸗ letztem Stolz, ſetzt ſich das Roß auf die Hanken, und ſchnellt ſich in unglaublichem Sprunge vorwärts, um dann unerwar⸗ tet ſtehen zu bleiben. Der Vaquero hat ſich aber, kaum daß er es ſelber weiß, zurückgelehnt, und ruhig ſitzt er da, als wäre nichts geſchehen. Aufs Neue beginnen die Sporen ihre blutige Arbeit, bearbeitet die Cuarta des Thieres Hintertheil, und nun geht's fort. Nach ſtrengem Lauf fährt aus den ge⸗ bremſten Nüſtern der Athem wie aus ziſchenden Pfeifen, die Flanken dampfen und bluten. Der letzte verzweifelte Verſuch des gehetzten Thieres zielt gewöhnlich dahin, ſich ſammt ſeinem Peiniger an irgend einem Baumſtamm zu zerſchellen; dann erſt bekennt es ſich für überwunden, folgt gelehrig dem Druck der Wade und dem Zuruf der Stimme; es iſt, mit einem — 320 Wort: gebändigt. Der Vaquero ſteigt ab, raucht eine Ci⸗ garre, dann legt er den noch feuchten Sattel einem andern Wildfang auf und der Tanz beginnt auf's Neuc. „Habt Ihr bei Euch daheim viel ſolche Kerls?“ fragte mich Don Ramon, indem er auf ein halbes Dutzend Vaqueros deutete, die ſich nach gethaner Arbeit den Schweiß von der Stirn wiſchten, um dann gleich wieder von vorn anzufangen. Ich umging die Antwort. Unſere franzöſiſche Reiterei mocht' ich gar nicht erwähnen. Ich fragte ſtatt deſſen, ob's nicht oft Unfälle abſetzte. „Ei freilich,“ verſetzte er, vom Zweifel ſchier gekränkt:„die ſchönſten Unfälle, Mord und Tod. Da haben wir zum Bei⸗ ſpiel den Endemoniado; den bringen meine Bürſchlein gewiß nicht zum Herraderv.“ Die Vaqueros lehnten den Vorwurf von ſich ab; der Endemoniado ſei es, der ſich trotz allen Suchens nicht habe finden laſſen. „Wer iſt denn der Verteufelte?“ fragte ich Don Ramon; mir fiel ein, daß ich in der vergangenen Nacht den Namen aus Cahetano's Munde ſchon vernommen. „Ein Roß,“ lautete der Beſcheid:„das nur zweimal gerit⸗ ten wurde, und das kein dritter beſteigen mag.“ „Weshalb?“ „Das geht ganz natürlich zu. Der erſte iſt in Stücken zerriſſen worden; der zweite hat einen zu weichen Schädel gehabt für den aſtloſen Baum, den Ihr dort erblickt.“ „Und Ihr ließt die Beſtie nicht umbringen?“ 321 „Warum nicht gar? Das Roß iſt mein, die Reiter ſind J meine Leute, und alles bleibt unter uns Meine Buben und meine Gäule ſollen zuſchauen wie ſie mit einander fertig werden.“ Ein rohes Lachen ſpendete ringsumher dieſer ſeltſamen Unparteilichkeit vollen Beifall; der Spaß war herzlich gut für Leute, die ihr Leben ſo leicht wagen, wie eine Bohne. Aber 8 die Heiterkeit nahm ſchnell ein Ende, um dem Erſtaunen zu 3 weichen, das ſich auf den rauhen Geſichtern dieſer Vaqueros 3 malte, als ſie eines Mannes anſichtig wurden, wie er mit entſetzlicher Anſtrengung ein Roß herbeiſchleppte; die beiden waren: Cahetano und Endemoniado. Wilde Freude ſtrahlte . auf dem hagern Antlitz des ehemaligen Schmugglers, der wie ein bösartiges Geſpenſt inmitten derer erſchien, deren Genoſſe er ſeit Kurzem unter erborgtem Namen war. Halb unbewußt zog ich mich ein wenig zurück, ſo daß mich Cahetano nicht ſehen konnte, während ich ihn nicht aus den Augen verlor. Er hatte, Gott weiß wie, vermittelſt einer Schlinge die Ober⸗ lefze des Roßes gepackt und es ſo mit ſich geſchleppt. Die geſchwollene Lefze zeigte, daß dies nicht ohne heftiges Wider⸗ ſtreben geſchehen war Endemoniado verdiente ſeinen Namen in der That; er war ein Fuchs, und die Rothen find bekannt⸗ 4 lich alle mehr oder minder falſch, Menſchen wie Pferde. Des Thieres Auge, vom herabfallenden Haarbüſchel halb verhüllt, ⸗ blitzte in düſterm Glanz. Die Ohren ſpitzten ſich nach vor⸗ wärts; die lange Mähne flatterte verwirrt; die harten ſcharfen Hufe klangen wie Metall auf dem Kiesboden, ſo oft Ende⸗ moniado ſich auf Cahetano werfen wollte, der ihn dann ſtets mit der bleibeſchwerten Reitpeitſche zurückwies. Der Erzähler. 1847. 1. 21 322 „Euere Vaqueros werden mirs Dank wiſſen, daß ich ihnen das ſaubre Stück Vieh heimbringe, nicht wahr?“ ſagte Cahe⸗ tano zu Ramon, während ein wildes Lachen ſeine Züge krauste „habe mir auch rechtſchaffen Muhe gegeben, laufe dem Teufels⸗ braten ſchon zwei Tage nach.“ „In der That,“ ſagte Don Ramon:„ich vermißte Dich zu meinem Befremden. Nun, meine Jungen, wer will den Endemo⸗ niado reiten? Es wäre fürwahr eine Schande für die Hacienda, wenn der Fuchs ſich rühmen könnte, er habe uns das Neu⸗ jahr abgewonnen.“ Niemand regte und rührte ſich, keiner hegte Luſt, das Unmögliche zu verſuchen. Der Hacendero ſchien etwas ver⸗ ſtimmt. Cahetano ſuchte inzwiſchen mit den Augen einen, den er nicht gleich fand; doch nicht lange, und der Zauber der Bühne zog Benito herbei, der ſich in ſtumme Betrachtung verſenkte. „Don Ramon,“ rief Cahetano:„da haben wir unſern Mann. Benito fürchtet den Teufel ſelber nicht, noch weni⸗ ger einen verteufelten Fuchs.“ Er warf dem junger Mann einen ſtechenden Blick zu, welcher nicht unerwiedert blieb. „Wenn Ihr meint,“ ſagte Benito, auf Ramon zuſchreitend: „wenn Ihr glaubt, daß ich mich für die Ehre des Gehöftes ſoll umbringen laſſen, Don Ramon, ſo bin ich bereit Euere Befehle zu vollführen.“ Benito verbeugte ſich bei dieſen Worten aufs Zierlichſte; mir fiel der altrömiſche Fechtergruß ein:„Cäſar, Dich grüßen, die zum Tode gehen!“ 323 6 „Ich habe kein Recht, das zu befehlen,“ rief Ramon:„doch wenn Du das Abenteuer verſuchen willſt, ſo haſt Du meinen Segen dazu.“ „Gut,“ verſetzte Benito:„ich werde den Fuchs reiten.“ „Wenn Ihr indeſſen Scheu tragt,“ höhnte Cayetano:„ſo will ich's ſtatt Euerer thun.“ „Jedem das Seine,“ beſchied Benito;„nach der geſtrigen Abrede habt Ihr dem Stier, den uns Don Ramon leiht, den erſten Stoß mit der Garrocha zu verſetzen.“ (Die Garrocha iſt eine Lanze mit ganz kurzer Spitze und breitem Rand darunter, ſo daß das Eiſen nicht tief genug ein⸗ dringen kann, um den Stier tödtlich zu verletzen.) Lautauflachend verſetzte Cayetano: „Meinetwegen auch den letzten Degenſtoß.“ „Mich ſchönſtens zu bedanken,“ rief Don Ramon:„ich gebe den Stier zur Unterhaltung her, nicht ihn zu tödten.“ Endemoniado zu ſatteln war keine leichte Aufgabe; er ſchien das Vorhaben zu merken und feuerte unaufhörlich nach allen Seiten aus. Eine Wurfſchlinge fing den linken Hinter⸗ fuß über der Feſſel, und zog ihn gegen die Bruſt hinauf; in ähnlicher Weiſe ward der rechte Vorderfuß aufgebunden, und ſo mußte der Fuchs wohl ſtillhalten. Benito nahm ſeinen ſchweren Sattel beim Knopf, warf ihn auf des Thieres Rücken, das unter der Laſt zuſammenſchauerte, und mit Beben den Schlag der weiten Steigbügel von Holz an ſeinen Flanken ſpürte. Der Gurt wurde mit aller Gewalt feſtgezogen, dann ſetzte der Vaquero ſich auf den Sand nieder, um die Sporen anzuſchnallen. Jetzt blickte ich zur Bühne hinauf. Maria Antonia rührte ſich nicht; doch ihre ſchwarzen Augen, weit⸗ aufgeriſſen, ſtarrten aus einem todesbleichen Angeſicht, und der ſtürmiſch wogende Buſen verrieth die innere Aufregung. Don Ramon ſelber ſchien etwas beängſtigt, und ich hoffte ei⸗ nen Augenblick, er würde die Erlaubniß zu einer Wagniß zurückziehen, deren trauriger Ausgang ſchier nicht zweifelhaft ſein konnte. Ich täuſchte mich hierin. Als Benito ſeine Spo⸗ ren angeſchnallt, wurden Endemoniado's Füße aus den hal⸗ tenden Schlingen entlaſſen und ihm dafür das Leder vor die Augen gebunden. Aber die Blendung und die Bremſe reich⸗ ten nicht hin; das wüthende Thier ließ ſich nicht beſteigen. Es mußte auf die Kniee niedergeduckt werden, zwei Vaqueros hielten es mit den Zähnen feſt; nur einen Augenblick zwar, doch lang genug für Benito, in den Sattel zu ſpringen und: los! zu rufen. Die beiden Vaqueros flogen zur Seite, Endemoniado ſchnellte mit furchtbarer Gewalt empor. Doch dank der Augenbinde blieb er bebend ſtehen. Benito machte ſich im Nu vollends ſattelfeſt und riß, vorgebeugt, die Binde weg. Jetzt begann zwiſchen-Mann und Roß ein wahrhaft be⸗ wundernswerther Wettſtreit. Geblendet von der plötzlichen Helle ſchüttelte das feurige Thier die verwirrte Mähne, ließ ein furchtbares Gewieher vernehmen, und ſprang in verſchiedenen Sätzen, ſich beinahe zuſammenrollend, nach allen vier Weltge⸗ genden hin, wie um den Wind zu nehmen. Unerſchüttert von den ungeſtümen Bewegungen, hielt ſich Benito noch ruhig, und ſtieß mit dem Fuß das ſchnappende Maul zurück, deſſen Zähne ihn zu faſſen und zu zerfleiſchen meinten. In dieſer Hoffnung 325 getäuſcht, hob Endemoniado ſich bäumend auf die Hinterfüße. Vergeblich gruben ſich die Sporen in ſein Fleiſch und entpreß⸗ ten ihm einen Schmerzenslaut; er ſtieg, ſtieg und überſtürzte ſich. Die Zuſchauer ſtießen einen Schrei des Entſetzens aus; nur der Sattelknopf ſtapfte die Erde und guetſchte den Wider⸗ riſt des Gauls. Benito hatte ſich zu rechter Zeit noch hinab⸗ geſchwungen. Endemoniado ſchnellte auf, nicht minder raſch und gewandt flog Benito gleichſam in den Sattel, und ſelbſt ein alter Stallmeiſter würde ihn diesmal nicht geſcholten ha⸗ ben, daß er regelwidrig von der rechteu Seite her aufſaß. Der Fuchs wieherte, und der Vaquero wüthete, daß er, zum erſten⸗ mal im Leben, ſich hatte bügellos müſſen machen laſſen. Die Sporen hackten wie toll, die Fäuſte ließen nur die Bremſe fahren, um einen Hagel von Peitſchenhieben auszutheilen. Der Vortheil war indeſſen noch auf keiner Seite, und nach dieſem harten Strauß ſchöpften die zwei Widerſacher ein wenig Athem. Von allen Seiten tönte Beifallklatſchen, und wahrlich, vor ſol⸗ chen Zuſchauern Beifall in Reiterkünſten zu erwerben, das heißt wohl nicht weniger als Uebermenſchliches leiſten. Sei es nun, daß unſer Vaquero zu denen gehört, welche der Beifall berauſcht, ſei es, daß in der That ſeine Zuverſicht in die eigene Kraft keine Grenze kannte, kurz er zog ein fei⸗ nes Meſſerlein aus dem Stiefel. Don Ramon wurde unruhig, denn es handelte ſich um das Leben eines ſeinigen Pferdes.—„Er wird doch nicht?“ rief er. Ein verächtlicher Blick aus der Tochter ſchönen Augen gab dem Vater Beſcheid; wie konnte er auch vorausſetzen, daß ein Mann, dem Maria Antonia im Herzen zugethan war, ein 326 Feigling ſein könnte. Dann überzog ein ſtolzes Lächeln ihre Züge. Benito, von der Nähe der Geliebten wie verzückt, kappte die Bremſe, und gab ſich ſomit ohne Zaum und Zügel dem unbändigſten aller Roſſe preis. Des Bozals ledig, der ſeine MNiüſtern gepreßt, athmete Endemoniado mit Geräuſch die freie Luft, ſchüttelte die goldene Mähne, und eilte dem verhängniß⸗ vollen Baum zu, mit ſolchem Ungeſtüm, daß niemand zweifelte, er werde ſich ſammt dem Reiter zerſchellen. Dieſer ſchien mit⸗ hin unrettbar verloren. Schon war Endemoniado nur wenige Schritte noch vom Stamm entfernt, als eben ſo plötzlich wie unverſehens Benito ſeinen breitkrempigen Hut vom Kopf riß, und juſt, da das Roß zum letzten entſcheidenden Sprung ſich hob, ihm denſelben vor Augen hielt, ſo daß es voll Schrecken zurückprallte. Jetzt hatten wir ein ſelſames Schauſpiel vor Augen: der Reiter, der das ungebändigte Pferd ohne Zügel lenkte, indem er, den Hut als Scheuleder benutzend, das rechte bald und bald das linke Auge blendete. So mußte Endemo⸗ niado wuthſchnaubend vor Maria Antonia vorüberſprengen, die ihres Ritters glückliche Keckheit mit einem Lächeln lohnte. Ein ſtolzer Ausdruck verklärte Benito's männlich ſchöne Züge, leuch⸗ tete auf der von wehenden Locken umwallten Stirn, und die Wahl der Schönen ſchien mehr als gerechtfertigt. Nun ver⸗ änderte Benito die Richtung ſeines ſchnaubenden Roſſes und eilte in ſtrengem Lauf dem Walde zu. Wir ſahen ihn wie ein ſchwankes Rohr auf dem Sattel von dannen fliegen und verloren ihn bald aus den Augen; einige Reiter wollten ihm folgen, aber die Haſt ſeines windſchnellen Laufes ließ ſie bald vom eitelſten aller Verſuche abſtehen. langte er einen friſchen Spieß. 327 Ich übergehe mit Schweigen die mannichfachen Bemer⸗ kungen der Zuſchauer. Den einen galt er für berloren, trotz ſeines erſten Sieges; eines der Opfer Endemoniado's war auch dem aſtloſen Baum entronnen, um fern im Wald zerriſſen und zertreten zu werden. Die anderen hatten beſſeres Ver⸗ trauen zu des jungen Vaquero Glück und Schick. Dem Streit machte Martingale ein Ende, der ein Bündel Lanzen brachte und daran erinnerte, daß der Haushofmeiſter das Stiergefecht eröffnen ſollte; Cahetano war es, welcher die Würde eines Mahordomo bekleidete. Die Toriles waren leer, nur ein Stier darin zurückgeblie⸗ ben, derſelbe, den ich Abends zuvor ſchon geſehen hatte. Cahe⸗ tano, auf dem Angeſicht noch den Ausdruck eiferſüchtigen Nei⸗ des, verfügte ſich mit einer Garrocha in die Schranken. Der Stier ward vom Pfahl losgebunden, und bedurfte nicht des Hetzens, um gegen den Feind loszuſtürzen. Mit der Sicherheit eines ausgelernten Reiters wich Cahetano dem erſten Anprall aus, um eine günſtige Gelegenheit zum Angriff auszuerſehen. Die Gelgenheit kam bald. Der Stier ſenkte das Haupt zu neuem Anlauf; da bohrte ſich das Eiſen in den Bug und ein ſtarker Arm ſpreizte die Lanze feſt. Cahetano ſah ſiegpran⸗ gend umher; da brach in ſeiner Fauſt das treuloſe Holz, und er konnte in der Ueberraſchung dem Stoß nicht ganz auswei⸗ chen. Zuckend fuhr er mit der Hand zur Hüfte, und einige Blutstropfen rötheten die Calzoneras von weißem Linnen Ein Fluch wetterte von ſeinen Lippen, mehr aus Beſchämung als dem Schmerz zulieb, und zur andern Seite ſpringend, ver⸗ 328 Darüber vergingen mehrere Minuten. Aufs neue bewehrt, ſprengte er gegen den Stier an, doch mit einer Zurückhaltung, die mich in Erſtaunen ſetzte; ich konnte ſein Betragen nicht der Furcht zuſchreiben, denn ich hatte ganz andere Proben ſei⸗ nes feſten Muthes geſehen. Dem Zögern folgte bald eine ſicht⸗ liche Erſchlaffung,„ein Nachlaß der Natur,“ und ſein Blut ſchien in den Adern zu ſtocken. Wie im Taumel hob er ſchläfrig die Garrocha zur Bruſthöhe des Stiers, und als ſein Pferd zu ſcheuen begann, ließ ihm Cahetano zu allgemeinſter Ueberraſchung den Willen, und ſich aus den Schranken tragen. Geſchrei, Pfeifen und Ziſchen begleiteten die Flucht des Toreador der unbekümmert um Spott und Schande wie ein Trunkener im Sattel ſchwankte, ein Bild des bleichen Todes. „Den Caplan, den Caplan,“ höhnte es:„ein getaufter Chriſt will ſterben!“ Neues Pfeifen und Ziſchen! Der Haushofmeiſter war ohnehin allgemein verhaßt. Der Caplan hatte mit großer Theilnahme tem Stiergefecht zugeſehen und zeigte nicht ſonder⸗ liche Luſt, ſein bequemes Plätzchen zu verlaſſen. Vielleicht hielt er den Ruf nur für Scherzz- doch ein Wink Ramons beſtimmte ihn, Folge zu leiſten, und brummend ritt er dem Flüchtling nach. Die Schranken waren in der Verwirrung nicht wieder geſchloſſen worden, und der Stier entſprungen. Was den Zuſchauern nicht ſonderlich zuſagte, die auf ein längeres Ver⸗ gnügen gezählt hatten. Doch faßten ſie ſich kurz und unter⸗ hielten ſich mit allerlei Reiterkünſten, die mir viel Vergnügen gemacht hätten, wäre nicht mein Sinn unaufhörlich mit dem „ Helden des Tages beſchäftigt geweſen. Vielleicht bezahlte Be⸗ nito die kurze Freude mit grauſamem Tod, aller menſchlichen Hülfe fern. Noch viel ſchmerzlichere Sorge malte ſich auf einem hol⸗ den Antlitz. Vergebens forderte der Hacendero ſeine Tochter auf, die Bühne zu verlaſſen, da alles vorüber ſei; ihre Blicke ſtarrten in die Ferne hinaus, während ihre Hand krampfhaft die Sumachblüthen zerdrückte. Allmälig ſtieg die Sonne empor und brannte heiß auf die Ebene nieder, ohne daß auch nur das geringſte Zeichen auf Benitos Rückkehr deutete, der ſchon über eine Stunde fort war. Endlich entrang ſich ein langer Seufzer der Jungfrau Lippen, die alsbald ihre Farbe wieder gewannen; unnennbare Freude ſtrahlte von ihrem Angeſicht, denn von ferne wirbelte ein Staubwölkchen auf, und ihr Herz ſagte: in dieſer Wolke naht er, der lang Erſehnte. So war's auch. Der Roſſebändiger kam windſchnellen Laufes herbei. Die Vaqueros unterbrachen ihr Kampfſpiel, um zum Empfang des ſiegreichen Genoſſen eine Gaſſe zu bilden. Ein Blick genügte, um zu erkennen, daß Endemoniado nicht länger vom böſen Feind beſeſſen war. Athemlos, niederge⸗ ſchlagen, erloſchenen Auges, mit Staub und Schweiß bedeckt, hatte das bisher unbändige Thier ſeinen Meiſter erkannt. Dem aber war anzuſehen, daß er ſeinen Sieg rechtſchaffen verdient hatte; das Geſicht roth und mit Riſſen gefurcht, die Kleider in Fetzen. Im Augenblick, als Endemoniado, vom Sporn getrieben, mit dem letzten Kraftaufwand in Sätzen zur Bühne kam, lehnte ſich Benito plötzlich zurück und ſtieß einen Schrei aus; das Pferd ſtand wie eine Mauer, und ſo genügte denn 330 die Stimme des Reiters, es zu meiſtern. Der Jubel der Va⸗ queros kannte keine Grenzen mehr. Mit ritterlichem Anſtand, wie er einem Königsſohn noch( Ehre gemacht hätte, verbeugte ſich Benito im Sattel, als wolle er ſinnbildlich ſeinen Sieg zu den Füßen der Schönſten nieder⸗ legen. Neues Geſchrei ringsum; holde Röthe der Verwirrung, des Stolzes und der Freude zugleich färbte der Jangfrau Wange, und eine Blüthendolde des Sumach fiel in Benitos Hand. Der junge Mann konnte hier eine heftige Gemüths⸗ bewegung nicht verhehlen; bleich und ſtammelnd ſchwankte er im Sattel, und die Blüthe aus zarter Mädchenhand traf er⸗ ſchütternder als ein Lanzenſtoß. Ich trat glückwünſchend zu ihm hin. In dieſem Augenblick war mein Leben für ihn von 4 unſchätzbarem Preis: war ich nicht Zeuge ſeines glorreichſten, ſeines ſüßeſten Triumphes? Im Rauſch des Entzückens, zum „ Theil wohl auch um ſeine Befangenheit zu bergen, ſchloß er mich ſtürmiſch in ſeine nervigen Arme. Benito Goya hatte mir verziehen! Einige Stunden ſpäter, als ich allein zum Gehöft zu⸗ rücktehrte, ſtieß ich auf einen der untergeordneten Helden vi⸗ ſes Tages, auf Juan, den glücklichen Beſitzer ſeines wieder⸗ gewonnenen Dolmans. Er ſchien aber ſeines Glückes nicht. ſonderlich froh zu werden und ſah ſehr niedergeſchlagen aus. Da ich zögerte, ihn anzureden, nahm er zuerſt das Wort: „Sagt ſelber, Herr Ritter, iſt Benito Goya nicht ein glückliches Menſchenkind? Ich müßte mich arg täuſchen, oder wir haben nächſtens noch einen Herrn auf dem Hof. „Nicht mehr wie recht und billig,“ ſagte ich zu Mar⸗ 331 tingale:„er iſt ſchön und muthig genug dazu. Das alſo macht Euch ſo traurig“? „Behüte! aber der arme Haushofmeiſter.“ „Cayetano?“ mehr.“ „Mein Gott! Die Wunde ſchien nicht der Rede werth.“ Juan machte ein wichtiges Geſicht „Habt Ihr nie vom Palo mulato*) gehört?“ ſagte er halblaut:„vom giftigen Sumach? Alle Zeichen deuten darauf hin, daß die Hörner des Stiers mit dem Saft dieſes Baums beſtrichen waren. Schwerlich habt Ihr den Mann vergeſſen, der Euch verlechzt am Wege fand und Benito zu Eurer Hülfe ſandte. Nun denn, dieſer Mann iſt Feliciano; ſein Bruder war einſt Cayetanos Freund. Dieſer Freund vertraute ſeinem Bruder ein böſes Geheimniß, das Cayetano betraf, und ſprach dazu: wer weiß, wie bald der Furchtbare es mit mir begräbt? Der Mann hatte mit ſeiner Sorge wohl Recht. Er fuhr eines Tages mit Cayetano zur See, und kam nimmer heim. Feliciano begriff alsbald, daß ſeines Bruders Tod nicht der Zufall war, wofür er gelten ſollte. Unabläßig verfolgte er die Fährte des Mörders, der verſchwunden war; endlich fand er ſie, und kam grade noch zurecht, unſern armen Haus⸗ hofmeiſter ſterben zu ſehen. Er ſprach mit dem Verwundeten *) Der Palo mulato(eine Sumachart), iſt ein großer Baum mit gelber Rinde und einer rothlichen Oberrinde, die, wie bei un⸗ ſern Birken, beſtändig ſich abhäutet. Der milchige Saft iſt ätzend und liefert ein ſchnellwirkendes Gift. „Nennt ihn wie Ihr wollt, er hört auf keinen Namen 332 von allerlei alten Geſchichten, deren Erinnerung wie Gift wirkte. Cayetano ſtieß Flüche und Gottesläſterungen aus und gab unter Zuckungen den Geiſt auf. So iſt er ohne Beicht' und Losſprechung von dannen gefahren, vor welchem ſchauer⸗ lichen Ende die Gnade Gottes jeden getauften Chriſten be⸗ wahre!“ „Amen!“ ſagte der Caplan, der während dieſer Rede ſich zu uns gefunden hatte:„der Herr ſpricht: wer das Schwert zeigt, der ſoll durch den Stier umkommen!“ Dieſe Worte ſtehen freilich ein Bischen anders in der heiligen Schrift, dennoch verfohlten ſie ihre Wirkung nicht. Demüthig beugte ſich Martingale, und murmelte: „Doch möcht' ich wohl wiſſen, wie das Gift an die Stierhörner gekommen?“ Ich hatte Abends zuvor Feliciano mit dem Stier be⸗ ſchäftigt geſehen, und reimte mir den Zuſummenhang ohne Müh' zuſammen; doch gab ich natürlich keinen Beſcheid auf die Frage„ worunter Juan vorſichtiger Weiſe ſeine Mitwiſſenſchaft verbarg. Hier galt wie ſelten der arabiſche Spruch: Reden i Silber, Schweigen Gold. „ *- E SLA SEMde