— ſelben v dentſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 3 Eduard Oltmann in Cießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 Pesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Vuches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersäatz. 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Es war um die Mittagsſtunde. Die Hof⸗ kirche war beinahe leer; die ſchoͤne Welt, die ſich darinnen zum Gottesdienſte zuſammen findet, hatte ſich auf die benachbarten Spaziergänge zer⸗ ſtreut. Nur zwei Frauen blieben zuruͤck, halb verborgen im Schatten eines koloſſalen Pfeilers. „Deine Mutter bleibt lange; liebe Cäcilic;« ſagte die Eine, Luiſe Theobald.—„Ich ſchoͤpfe Hoffnung aus dieſem langen Verweilen;“ ant⸗ wortete Cacilie:„Der Knig ſpricht nicht viel, wann er beſchloſſen hat, ein vor ſeinen Thron gebrachtes Geſuch abzuſchlagen. Ich uͤberlaſſe mich ganz der ſuͤßen Zuverſicht, meinen guten Vater recht bald wieder in dem Schvoße ſ Familie umarmen zu können.“«— „Gott ſchenke Deiner Sehnſucht einen will⸗ kommnen Ausgang;“ verſetzte Luiſe etwas heuch— leriſch:„Wie lange iſt ſchon der gute Mann von euch getrennt? Es duͤnkt mich eine Ewigkeit.“ „Wohl eine Eigkeit;« ſeufzte die Tochter: »Seit zwei unendlichen Monaten lebt er ferne, ein heimathloſer Fremder, in der franzoͤſiſchen Graͤnzſtadt. Zuruͤckgezogen von aller Ge ellſchaft, bograben in ſeinem Kummer„hat er ſogat ſeinen Namten verändert, um nicht von undelikaten Landslenten mit Briefen oder Beſuchen beſtuͤrmt zu werden. Ach, es iſt ſchlimm uid boͤſe, die Geſetze u üͤbertreten! Aber mein guker Vater hatte nichts Uebles dabei im Sinne“(Te „Das Geſttz richtet die Thaten, und beruͤck⸗ ſichtigt wenig die Abſicht;e predigte Luiſe in dem ſchneidenden T Tone, den ſie oft und“ gern annahm: „Das große ungluͤck! wäre doch n nie in euer Haus gekommen! 1 „Freilich, frellich ſeufzte Cäcilie wieder: „Ich kann Dir nicht beſchreiben, wie mir nach ſeinem Tode ſo wunderlich zu Muthe war. Bald kam mir's vor, als hätte ich einen ſehr theuern Verwandten verloren; dann erinnerte mich meine Vernunft, daß der Selige mir doch ſtets ein Fremder geweſen. Ich hatte mich nach und nach an ihn gewoͤhnt, und Gewohnheit macht viel.“ „Allerdings. Wer weiß, was noch daraus geworden wäre?“ bemerkte Luiſe argliſtig:„Ich glaube faſt, daß Deine Eltern im Sinne hatten, den Wandersheim mit Dir zu vermählen?7“ „Du ſcherzeſt wohl 2« fragte Cäcilie betroffen: „Sie haben mir ja kein Wort davon geſagt? Und... und, wenn Sie gewollt hätten, was Du behaupteſt, ich hätte nicht gerne eingewilligt.“ „Schoͤn, ſchoͤn, mein Kind. Dieſe Worte ehren Dich. Gerne einwilligen, wenn man ſich verhandelt, verkauft ſieht? Duͤrfen die Eltern ohne Einſtimmung der Kinder uͤber dieſelben verfuͤgen? Das beleidigt die Wuͤrde des Frauen⸗ geſchlechts. Nein, Du haͤtteſt gar nicht ein⸗ willigen muͤſſen. Die goldne Freiheit iſt edler, als die noch ſo glaͤnzende Sclaverci.« Cäcilie nickte zwar der Rede Auiſens Beifall, aber in der Tiefe ihrer Empfindung that ein räthſelhaftes Gefuͤhl Einſprache. Das Mädchen wurde ſich bewußt, daß nicht die Philoſophie der Freundin allein der Einwilligung widerſtrebt haben wuͤrde. Den Stoff des Geſprächs zu wechſeln, hob Cacilie an:„Die Mutter hat das Herz auf dem rechten Flecke, weil ſie ſich getraut, in Perſon vor den Monarchen zu treten, und ſeine Gnade anzuflehen. Ich vermoͤchte das nicht. Ich ähnle in der Schuͤchternheit dem Va⸗ ter, wie Mama oft zu ſagen pflegte. Ralph iſt dagegen muthig, wie dieſe.“ „Ein großes Wagſtuͤck, ſich dem Fuͤrſten zu naͤhern, deſſen Milde und Freundlichkeit allgemein geprieſen wird!“ ſpottete Luiſe:„Auch ich unter⸗ naͤhme es. Was ſollte ſie fuͤrchten im Geleite des beſonnenen Heckdey 2 Die helle Sonne trat auf Cäcilien's Antlitz⸗ Ihre Lippen fluſterten, gleichſam unwillkuͤhrlich: —— „Du ſprichſt ſehr wahr. Ich glaube, daß in ſeinem Schutze ich mich auch nicht allzufurchtſam geberden wuͤrde.“ Luiſens Mund, ſonſt ſo karg mit Lobe, oß uber von den guten Eigenſchaften des Weſtindiers, wie Georg häufig genannt wurde. Und dann der gewoͤhnliche Refrain:„Ja, das iſt ein Mann; der einzige, den ich leiden konnte, weil ich ihn nicht von Wahn, Duͤnkel noch Schwaͤche befangen glaube.“—„Die Eitelkeit mag wohl auch ein bischen aus mir reden;« ſetzte ſie ſcherzend hin⸗ zu:„denke Dir, daß er uns neulich auf dem Lande mit ſeinem Beſuch beehrte. Er, eine Haus⸗ haltung von Frauen beſuchen! Und dennoch eine ſo feine Artigkeit gegen meine Mutter, und— ich mochte ſagen, eine ſo zärtliche Aufmerkſamkeit fuͤr mich ich glaube„ daß ich etwas bei ihm gelte. 4 Caͤcilie hnb, ſch ſchnell von ihrem Stuhle ließ den Schleier vor's Geſicht fallen, und ſchritt nach dem Eingang der Kirche.„Wohin ſo ge⸗ ſchwinde 2« fragte die eiligſt folgende Luiſe.—„Es iſt ſo dumpfig unter den Gewoͤlben; ich erſticke faſt, und bedarf der friſchen Luft.«—„Aber Deine Mutter, die wir hier erwarten ſollten..24 —„Da tritt ſie ein, Gott ſey Dank k Cäcilie ſagte die letzten Worte mit erloͤſchender Stimme. Ihre Knice zitterten, und dennoch mußte ſie ſich kräftig aufrecht halten, da Eugenie, ſelbſt der Ohnmacht nahe, in ihre Arme ſank. „Verloren! abgewieſen!⸗ ſchluchzte die betrubte Gattin:„Komm', komm', mein Kind. Im Hauſe des Herrn muß man nicht erbitterten Herzens verweilen!«— Sie wankte am Arm der Tochter der Pforte zu. Dort ſtand Georg, finſter, in ſich gekehrt. Dennoch ſprach er zu dem Mäd⸗ chen ſanft:„Jetzt, Cäcilie, verwalten Sie bei Ihrer Mutter das Amt, dem der rauhere Mann nicht gewachſen iſt; das Amt des Troſtes. Sagen Sie ihr, daß ſie nicht die Vorſchung vergeſſe, und ſich erinnre, wie auch Koͤnige Menſchen ſind: zuͤrnende, aber auch verſoͤhnliche, wie gerade die Zeit ſie formt. Die heute verſagte Gnade wird ganz gewiß einſt, ohne daß die Trauernde es erwartet, Segnungen und Frende auf ihr Haupt traͤufeln. Weichen Sie nicht von der Mutter, verſprechen Sie mir's 2e Er druͤckte Caͤciliens Hand. Cäcilie nickte ſtumm, machte ihre Hand frei, und geleitete Eu⸗ genie an den Wagen. Die Frauen fuhren von dannen.— Heckdey, betroffen uͤber die ungewoͤhn⸗ liche Kaltſinnigkeit des Mädchens, ſah ihnen vom Portale der Kirche lange nach.„Welch ein Satan hat hier wieder ein Baſiliskeney gelegt?« mur⸗ melte er, indem er die entgegengeſetzte Straße einſchlug. Da kam ein Mann daher, den er einſt gekannt, gut gekannt, der ſich aber kaum mehr ähnlich ſah. Wo waren ſie hin, die Farben ruͤſtiger Geſundheit, wohin die kecken ſoldatiſchen Geberden? Die an den Haͤuſern wie verſtohlen ſchleichende Geſtalt war der Hauptmann Wirgenas. „Capitän! Guſiav! wo koͤmmſt Du her, Du, den ich auf der Feſtung glaubte?« fragte Georg, ſchuttelnd die Hand des gefuͤrchteten Schützen. Wirgenas verſetzte gleichgultig:„Ich ſteige aus dem Arreſt, der mich matt und krank gemacht —— hat, und habe eine Begnadigung in der Taſche, die ſchlimmer iſt, als die Feſtungsſtrafe ſelbſt. Auf Ehre!« „Armer Schelm; wie ſteht es nun mit Dir?“ —„Komm in meine Wohnung; denn ich will, meiner Seel', nicht auf der Straße von den Maulaffen beguckt werden. Ich ſchaͤme mich, wie ein Schneider. Geh' alſo mit mir, wenn Du etwas wiſſen willſt.— Heckdey folgte in das Quartier des Hauptmanns.— Indem ſich der Letztere auf dem Sofa ausſtreckte, rief er: „In welches Pech, in welche Patſche wär' ich ge⸗ rathen, wenn nicht des Feldmarſchalls Durchlaucht mein Freund wäre? Es war ein geſcheidter Ge⸗ danke, mich unter die Protektion des alten Herrn und ſreiwillig zum Arreſt zu ſtellen. Meiner Zeugen einer, der davon lief, weil man ihm verjährte Conduitenliſten vorhalten wollte, der Haſenfuß von Doktor, und dann Ederich, der zaghafte Bußprediger, werden ihr Theil um ſo viel beſſer kriegen. Aber Wetter! es iſt ſeit dem Mandat kein Spaß mehr bei'm Duelliren!“ ————— ——,—— „Das glaub' ich, das glaube ich, mein guter Hauptmann; aber... Dein Schickſal, ſage, wie geſtaltet es ſich?“ „In Folge gnädigſter Beruͤckſichtigung meines loyalen Verfahrens, und vieler mildernder Um⸗ ſtande hatte das Gericht mich mit einer maͤßigen Feſtungsſtrafe bedacht. Des Konigs Majeſtaͤt hat mir auch dieſe geſchenkt, aber mich dagegen zu dem Regimente verſetzt, das in den Wald⸗ neſtern der dſilichen Graͤnzprovinz garniſonirt, cantonnirt und begetirt. Ich werde mich in dem Sibirien zu Tode ennuyiren, wenn ich mich nicht etwa mit mir ſelbſt duellire und auf dem Platze bleibe! O Schickſal! das wird ein Leben werden! Der ſelige Wandersheim, aus den Wolken guckend, wird ſeinen Spaß haben!“ Kaum hatte Wirgenas den leichtfertigen Spott von ſich gegeben, ſo wurde er mit einem⸗ male ernſthaft, und zwar dergeſtalt, daß Georg mit Verwunderung erwartete, was er ſagen wuͤrde. Wie Zentnergewichte fielen ihm die Worte auf die Seele, als Wirgenas mit gefalteten Hän⸗ den, truͤb vor ſich hinausſchend, begann:„Und dennoch.. Gott berzeihe mir's,. thut mir's recht leid, daß ich den armen Jungen befordert habe! Weiß der Himmel! die ein oder zwei und zwanzig, ſo ihm vorangingen, haben mich nicht geruͤhrt.— Aber der Menſch war noch ſo ganz. Mutterkind,. und er hatte noch eine Mutter, der jetzo recht ſchlecht zu Muthe ſeyn mag!“— Der Hauptmann ſchwieg niedergeſchlagen. „Lieber Guſtav! was befällt Dich? das iſt ſchwarze Galleze verſuchte Heckdey ihm zuzu⸗ ſprechen. Wirgenas ſchuttelte den Kopf, und ſeufzte:„Ich gaͤbe doch die Gage von einem halben Jahre hin, wenn ich Dir an jenem wuͤſten Abend nicht begegnet wäre. Sich, ich bin ein grober Burſche, frank und frei und frech, wenn Du willſt. Ich war dazumal recht fidel, haͤtte viel⸗ leicht ein Glas Punſch uͤber den Durſt getrunken, oder zwei und drei; das hätte nichts auf ſich gehabt. Aber Dir begegnen. auf Deine Hetzreden hoͤren, und blutdürſtig werden, war eins.« „Willſt Du nicht etwa mir den ung uͤcklichen Zweikampf in Rechnung bringen, Undankbarer?“ ſchalt Heckdey:„hab' ich Dir nicht abgerathen, Dich nicht gewarnt*“ „Hm;“ verſetzte der Andere:„abgerathen, ge⸗ warnt mit zuckenden Achſel n mit der Miene, die Ja ſagt, wenn der Mund Nein..! Aber baſta, fertig, abgemacht! Ich hab's einmal ge⸗ than, und immer iſt mir's lieber, daß er hinging, als ich.— Leid that mir's indeſſen doch, denn ich habe nichts dabei gewonnen, ich Dummkopf! Ederich, den einmal das Ungluͤck mit hineinge⸗ zogen, wird mir ſpinnefeind bleiben ſein Lebelang, und was Cäcilien betrifft, kann ich mir fuͤglich den Mund wiſchen. Ach, Georg, wir haben uns verrechnet, ſchmählich verrechnet!“ „Wir, wir?“ entgegnete Georg unwillig: „Was ſoll mir die Sache? Ich habe immer nur Dein Beſtes gewollt, und zum Danke machſt Du mir Vorwuͤrfe? Huͤte Dich, daß ich nicht mich ganz von Dir losſage. Ich bin der beſte Menſch der Welt, aber, wer mich beleidigt Voa Conſtrictor. II. 2 — 15— —»Recht; gerade ſo und nicht anders bin ich;« rief der Capitain, der wieder etwas von ſeiner fruͤhern Energie gewann:„darum habe ich auch den Jungen nicht geſchont, der mich ſo ſchwer beleidigte; und darum dulde ich auch nicht, daß Du Dich von mir wenden willſt. Ich habe Nutzen und Vergnugen, Dein Freund zu ſeyn, und in dem Waldſibirien, das ich bald beziehe, bedarf ich Deiner wohl noch mehr, als in der Reſidenz. Darum keine Feindſchaft. Abgemacht, ſage ich. Lache mich aus, wenn Du willſt. Spotte meiner Grillen. Es iſt mir lieb, auf Seele. Es ſind wahrhaftig nur nichtswurdige Grillen, wie die ſchmale Koſt des Arreſts ſie in mir erzeugte, und das viele, viele Waſſer, das ich darinnen trinken mußte. Denn die alte Durch⸗ laucht hat mir aus Freundſchaft ſchier allen Wein abgeſchnitten. Es war wegen des Conduite⸗ Rapports an den Konig.— Ich bin ein ſchwach⸗ muͤthiger Menſch geworden; will mich aber wieder beſſern. Nimm die Hand darauf, lieber Georg.“ „Das heißt vernuͤnftiger ſprechen;« meynte — 19— dieſer beifällig:„Deinem Wort iſt zu trauen. Auch in der wandersheimiſchen Geſchichte hatteſt Du Dein Wort gegeben, und hieltſt es hart⸗ näckig.“ —„Das iſt mein Stolz, Georg. Das ver⸗ ſchafft mir Reſpekt, ſo gut, wie die vielen Duelle. Wer ſich nicht mit mir freundlich halten will, weicht mir wenigſtens aus. Eben ſo gut. Aber es iſt dennoch an der Zeit, daß ich meinen Gril⸗ len, meiner Melancholie davonlaufe. Laſſ' mich nur ausreden, lieber Finanzminiſter. Es iſt eine alberne Tollheit, aber der boshafteſte Teufel ſelbſt haͤtte mein Logis im alten Schloſſe nicht tuͤcki⸗ ſcher auswählen koͤnnen. Du weißt, welch herr⸗ liche Ausſicht aus den Fenſtern der obern Stock⸗ werke? Mein Arreſtſtuͤbchen war recht niedlich, recht ſehr artig, auf Ehre. Jedoch, drehte ich die Augen links, ſo blickte ich hinaus auf den Kirchhof, wo der arme Bube ſchlaͤft, und ſah ich rechts, ſo beſtrich ich die Promenade.“ „Nun, ſo mußteſt Du immer rechts ſchauen; das gewährte Dir Zerſtreuung.“ 2* —„Ich that's, mein Lieber; ich that's. Aber da kam gewoͤhnlich auf dem Fahrwege eine offene Kutſche daher, langſam, langſam, Schritt fuͤr Schritt, als gehöre ſie zu einem Leichencondukt. Und in der Kutſche ſaß..... lache, wenn Du kännſt, ſaß der Onkel des Wondersheim; der arme, alte, halbgelaͤhmte Mann. Der Schrecken uͤber des Neffen Ende hat ihn gelaͤhmt. Mit matten Augen betrachtete er das geraͤuſch⸗ volle Leben um ihn her; in ſeinen Zuͤgen lag der lauernde Tod, wie ein Scharfſchutze mit geſpann⸗ tem Hahn, im Hinterhalt. Ach! des traurigen Schauſpiels! Der arme Greis, um ſich zu er⸗ holen vom Todeskampfe, fährt Tag fuͤr Tag auf den Kirchhof; auf dem Grabe ſeines Neffen ver⸗ ſucht er friſche Luft zu ſchopfen.— und eines Tags war eine Frau bei ihm, eine ſilberhaarige Frau mit ſtarrem Geſichte und verſunkenen Au⸗ gen. Ich errieth bald, wer die ſchwarzgekleidete Dame ſeyn mochte. Bei der Ruͤckkehr von dem Got⸗ tesacker war ſie ſelbſt mehr eine Leiche, als eine Lebende Hole der Geyer die Empfind⸗ ſamkeit, aber ich glaube.... es wird mir noch jetzo feucht in den Augenwinkeln. Der Hauptmann ſchaͤmte ſich der menſchlichen Aufwallung ſeines Gefuͤhls. Um ſich zu zer⸗ ſtreuen, pfiff er.. einen Todtenmarſch. „Adieu!“ rief hier Georg gewaltſam:„Wenn Du heiterer geſtimmt biſt, magſt Du mich be⸗ ſuchen.“ Er droͤckte den Hut tief in's Geſicht, und entfloh nach Hauſe. Aber, entfliehe Einer dem Gewiſſen, reiße ſich Einer das Gedaͤchtniß aus dem Gehirne! Auf Erden ſtromt der Lethe nicht. Das Gewiſſen, dieſer finſtre Bote des Gerichts, donnerte dies⸗ mal mit harten Schlägen an die Herzenspforte des unglucklichen ſelbſiſuͤchtigen Menſchen:„Du haſt es veruͤbt, das Verbrechen, nur Du. Und wäre Guſtav mit Blut uͤberdeckt vom Scheitel bis zur Sohle, Du haſt es vergoſſen; haſt ein Mutterherz gebrochen, einen edeln Mann verſtuͤm⸗ melt, Deinen Freund in die Verbannung gejagt, die Seinen der tiefſten Betruͤbniß preisgegeben. Du haſt das ſchneidende Schwert zwiſchen ein — 2 liebendes Paar gelegt; haſt den Freund zur Schmach verfuͤhrt, in der Bruſt ſeiner Gattin die raſende Flamme der Eiferſucht, des Argwohns entzundet; Du haſt dem Sohne die Liebe des Vaters, der Tochter das Vertrauen der Mutter entzogen. Und Du wollteſt wagen, nach der reinen Jungfrau Deine beſudelte Hand auszu⸗ ſtrecken? Willſt Dir ein Paradies bauen, wo Du einen Pfuhl des Verderbens angerichtet? Wohinaus willſt Du? Wende die Angen zuruͤck uͤber das Meer; was haſt Du auf den Inſeln der Ueppigkeit und des Geizes, der Zuͤgelloſigkeit und der Sklaverei zuruͤckgelaſſen 26 — Heckdey ſtraͤubte ſich ſo heftig gegen dieſe ankrallende Frage, daß das Gewiſſen ſchwieg, um die kältere Vernunft fragen zu laſſen:„Wenn auch Alles ſo iſt, wie der unerbittliche Mahnbote klagt, was iſt zu thun, um zu entkommen dem Labyrinthe? Nur ein Mittel ſehe ich: die Flucht, eine verborgne Freiſtätte, eine vollige Trennung von den bedrohten Menſchen, die dem Ungluck entgegentaumeln. Noch iſt Cäcilie ſchuld⸗ los, noch erlag Ralph nicht den Streichen Deines Haſſes; noch moͤgen Leopold und Eugenie ſich wiederfinden. Entſchließe Dich, Georg.“ Der Entſchluß wurde gefaßt.. fuͤr einen Angenblick; verworfen im nächſten. Die Eitelkeit des reifen Mannes, das Herz eines jungen Mäd⸗ chens bezwungen zu haben, und die ſtolze Hart⸗ näckigkeit, ver Schiedsrichter von Leopolds Schick⸗ ſal ſeyn zu wollen, ſiegten unwiderruflich.— „Liebe ich ihn denn nicht? bin ich nicht bereit, Alles fuͤr ihn hinzugeben? Woher die weibiſche Furcht, daß ihn meine Herrſchaft verderben moͤchte? Ich habe eine gluͤckliche Hand. Das Verderben iſt nicht an meine Ferſen gefeſſelt. Was ſich bisher begab? Werke des Zufalls, des guͤnſtigſten. Soll ich dieſes Erbtheil verſchmähen? Thor von vierzig Jahren! jeder Deiner Momente iſt nur ein freundliches Geſchenk. der guͤtigen Zeit. Beruͤtze einen jeden. Wie lang, und es tritt die finſtre Nacht ein, entkleidet aller Freuden? Gelebt haben, ohne ſeine Zwecke zu erreichen? welch ein Jammer! Gelebt haben, wie das Thier an der 8 Krippe? das hieße an der Quelle verdurſten. Hinab mit euch, ſchwarze, neidiſche, warnende Larven, hinter die ſich die Furcht verkappt! Fort, voran in dem einmal betretnen Gleiſe«— Dieſe waren Georgs Betrachtungen, während der rohe Wirgenas ſeinen Gewiſſensbiſſen ſich als eine wehrloſe Beute uͤberließ. 2. Einige Wochen waren wieder vergangen. Georg ruhte mit halbgeſchloſſenen Augen auf der Ottomanne. Vor ihm ein Tiſch mit Briefen und Geldpaketen. An dem Kamin, worinnen eine wirthliche Flamme brannte, ſaß Diana auf niederm Tabouret, die Mandoline auf dem Schvoße haltend. Sie lockte mit dem Federkiel niedliche Liedchen aus den Saiten, und ſummte mit dem Munde die Melodie nach, wie eine Amme an der Wiege ihres Pfleglings. Ein weißer, dichter Herbſtnebel braute vor den Fen⸗ —— ſtern. Trauliche Einſamkeit herrſchte im Zimmer, die Ruhe unterbrochen von dem fluſternden Liede, und dem plotzlichen Aufkniſtern des Feuers. —„St! ſt!« fing endlich Georg an, aus tiefer Ueberlegung ſich aufrichtend:„Schlägt nicht die Thurmuhr?“—„Ja, Herr.“—„Wie viel iſt die Glocke26 —„Zehn Uhr, mein Herr.“—„Was die Zeit ſchleicht!—„Ach ja!“ Diana verhielt muͤhſam das Gaͤhnen. „Welchen Tag haben wir?“ begann Heckdey wieder, in die vorige Apathie zuruͤckſinkend.— „Freitag, Herr.—„Schon? ein häßlicher Tag.“ —»Freitag immer ein ſchlimmer Tag. Es gelingt nichts, was man an dem Tage auch be⸗ ginnt.“—„Aberglaube! Ich ſprach vom Wet⸗ ter.“—„Puh! das garſtige kalte Wetter!“— Das arme Geſchoͤpf ſeufzte nach der gluhenden Sonne ſeines Heimathlandes. „Es iſt nicht mehr auszuhalten!“ rief Georg aufſpringend:„Ich liege wie auf einem heißen Roſte. Das muß anders werden.“—„Biſt — 2 Du krank, Herr Georg 2« fragte Diana ziemlich gleichguͤltig. Er fuhr, auf und niederſchreitend, fort:„Was hat mich heruͤber gejagt in das farbloſe altfräͤnkiſche Europa? In dem langweiligen Winterlande kann man nicht fuͤr ſich allein beſtehen. Jenſeits der Meere habe ich nie die Geſellſchaft entbehrt, nie nach ihr verlangt. Jenſeits hat das Auge voll⸗ auf zu thun. Man lebt dort dreißig Tage in vier und zwanzig Stunden durch. Farbe, Glanz, Wechſel und Genuß! Selbſt die grellen Donner⸗ wetter der Inſeln, und ihre ungeheuern Regen⸗ ſtroͤme haben Reiz und Bedeutung. Hier iſt alles einformig, todt. Der Herbſt, der Winter jagt den Menſchen in ſich ſelbſt zuruͤck, und dieſe Geſellſchaft iſt nicht immer angenehm. Man ſehnt ſich nach Zeitvertreib, Mitgefuͤhl, nach einem Herzen der ärmſte Taglohner bedarf einer Gefährtin, die ihn unterhalte, einer Familie, die ihm diene. Ach! mir fehlt beides.« „Thu' ich nicht genug, Dir die Zeit zu ver⸗ kuͤrzen, Herr?« ſchaltete Diana mit gepreßter Stimme ein.— Georg blicb alſobald vor ihr, die ſich demuthig erhob, ſtehen. „Ja doch, freilich, was Du kannſt;“ ſagte er leutſelig und doch geringſchätzend:„Leider kannſt Du aber nicht viel, armer Schelm; und.. weil wir gerade davon ſprechen: Dein Dienſt wird bald bei mir zu Ende ſeyn. Sieh, das widerſtrebt den hieſigen Sitten. Ihr farbigen Leute ſeyd hier nicht an euerm Platze. Es wäre Grauſamkeit euch zwangsweiſe zuruͤckzubehalten; ihr geht zu Grunde in dieſen winterlichen Regionen. Ich will euch beide, ſo wie der Fruͤhling kömmt, wieder in's Vaterland ſchicken; trefflich belohnt, wie ſich's verſteht. Pluto iſt alt, und bedarf der Ruhe. Du biſt noch jung, und kannſt druͤben noch Dein Gluͤck machen.— Zudem.. wenn ich mich verheirathe, wie es leicht geſchehen kann, duͤrfteſt Du ohnehin nicht in meinem Hauſe bleiben. Du verſtehſt mich?“ „Ganz und gar, Herr, und es ſey, wie Du befiehlſt;« verſetzte die Mulattin eintonig und ſtarr, die Augen niedergeſchlagen. Heckdey ſtutzte —— ein wenig uber dieſe Ruhe, und fugte ſtrenge bei: „Sieh mich an.— Hm! in Deinen Blicken ſitzt des Trotzes und der Frechheit genug. Der Ab⸗ ſchied von mir wird Dich nicht umbringen.“ „Nein;e antwortete Diana, den trotzigen und frechen Blick feſt auf den Gebieter heftend, der das Geſpräch abbrach, und erſt nach einer Weile wieder anhob:„Ich ſprach von Pluto. Der Burſche konnte heute von ſeiner Reiſe zuruͤck⸗ kehren. Heute, Freitag, trifft die Poſt aus Frankreich ein.«“ Ein ältliches Huſten und das Scharren eines beſcheidnen Beſuchers wurde vor der Thuͤre ver⸗ nehmlich. Pluto, in Reiſekleidern, trat, gerade wie gerufen, vor ſeinen Herrn.„Wohl zu leben, einen ſchoͤnen Tag, Maſſa;« ſagte er, verſchnau⸗ fend:„Pluto ſtellt ſich wieder geſund ein; aber Pluto's Knochen ſind muͤrbe, und ſehr ermuͤdet von den Stoͤßen der Eilwägen.“— 30 —»Sollſt ausruhen duͤrfen, alter Bote. Was bringſt Du, außer Deiner werthen Perſon?« fragte Georg, auf deſſen Wink ſich Diana wegbegab. ——— — 029— „Zwei Briefe, Maſſa: einen roſenrothen und einen hellblauen.“— Mit beſondrer, beinahe aͤngſtlicher Sorglichkeit zog der Neger die Schrei⸗ ben aus der Brieftaſche. —„Der roſenrothe für Eugenie, der blaue fuͤr mich;“ murmelte Heckdey, erbrach das ihm zukommende Papier, und las deſſen Inhalt, bald kopfſchuͤttelnd, bald lächelnd und achſelzuckend. Er ſchob die Miſſive in ſeine Taſche, und fragte mit uͤbereinandergeſchlagenen Armen:„Wie fandſt Du meinen Freund?“ „Geſund, wie es ſcheiüt, und recht erfreut uͤber die Geſchenke, die Pluto ihm von Maſſa und der Frau uͤberbrachte. Tauſend Gruͤße, und das Andre ſtände auf dem Papiere.“ —„Das iſt nicht viel, und mir ſchon Be⸗ kanntes. Sprich aber, Plutv. Haſt Du genan den Auftrag ausgerichtet, den ich Dir gegeben? Biſt ſonſt ein pfiffiger Spitzbube, und ich wußte keinen Vertrautern, um endlich zu erfahren, wor⸗ uͤber mein Freund in ſeinen Briefen ſich ſo kurz und mangelhaft ausdruͤckt.“ 80 Pluto ſetzte ſich in Poſitur, und begann, agirend mit den Händen und dem Kinne, wie den Negern eigenthuͤmlich:„Ohne Sorge, Maſſa. Der alte Pluto hat nichts uͤberſehen. Der Herr, den man dort Flowers nennt— ich habe ihm bei Leibe keinen andern Namen gegeben— fuͤhrt ein viel eingezogen Leben. Kommt nicht an die Sonne, der Herr; immer zu Hauſe, immer truͤb⸗ ſinnig; iſt blaß geworden. Ach wohl; iſt er ja doch fremd, und ohne Weib und. —„Ohne Abſchweifung!“ befahl Georg ſtrenge:„Seine Wohnung, ſeine Umgebung, wie ſind ſie 2« „Hm: Wohnung iſt nicht ſchoͤn, wie hier; iſt klein und eng, in einer ſchmalen Straße, mitten in der Stadt. Pluto iſt zehnmal an der Gaſſe vorbeigelaufen, ehe er einmal hinein kam, und hätte Pluto nicht ein bischen Franzoſiſch ge⸗ wußt. alſo mitten in der Stadt. Ein im⸗ mer verriegeltes Hausthor, eine Galerie daruͤber, zwei Treppen hinauf, und in zwei kleinen Zim⸗ merchen wohnt der Herr Flowers. Still und einſam, wie geſagt. Wenn die Sonne nicht uͤber die Dächer zu ihm, er koͤmmt nicht zur Sonne.“ —„Wohl. Aber ſeine Geſellſchaft?“ „Ein Hund, ſchwarz wie Dinte, und zwei kleine weiße Kinder.“ —„Kinder? welche? ſo rede doch friſch her⸗ aus, was Du geſehen. Wem gehoren die Kinder?“ „Der ſchoͤnen Frau im Hauſe. Sie iſt Wittwe, aber blank wie Elfenbein. Ihrem Vater gehoͤrt das Haus, und ihrer Mutter. Sie wohnen eine Treppe tiefer, als der Herr Flowers. Doch iſt's, als wäre er auch ein Sohn im Hauſe, und als gehoͤrte es ihm wie den Andern. Alle Viertel⸗ ſtunde wird gefragt, ob ihm nichts fehle? Am Mittag ſpeiſt er mit den Leuten, die vermoͤglich ſcheinen. Nach Tiſche hoͤrt er, wie die junge Madame Clavier ſpielt. Dann ergotzt er ſich am Spiele ihrer Kinder, und Abends ſpielt er ſelbſt Karten mit der Familie, und plaudert mit ihr bis Mitternacht.“ —„Hätte ich ſein Schweigen oder ſein Aus⸗ weichen uͤber dieſen Punkt richtig gedeutet?“ ———— — fragte ſich Heckdey ſtill und uͤberraſcht.— Pluto fuhr fort:„Madame Eliſe iſt ein Engel. Sie hat dem Pluto erlaubt, ihr die Hand zu kuͤſſen, und hat ihn vieles uͤber Herrn Flowers gefragt: heimlich, ohne daß er dabei war. Als wie: Iſt er immer und gegen alle Welt ſo gut, wie er bei uns ſich zeigt?— Pluto hat geantwortet: Ja, Maſſa iſt gut zu allen Stunden.— Iſt er reich?— Ja; Maſſa iſt reich.— Iſt es wirklich ein Duell, das ihn vom Haus verjagte, und ihn ſo traurig gemacht hat?— Ja, Maſſa ſagt immer die Wahrheit.— Hat er keine Ver⸗ wandte?— Pluto weiß nicht.— Keine Ge⸗ liebte?— Nein.— Oder eine Frau?— Maſſa hat keine Frau.“ —„Ei, Schurke! Du haſt gelogen!« „Pluto hat gemußt lugen.“ —„Warum? willſt Du ſprechen 2« „Maſſa Flowers hat ihm befohlen, Nein zu ſagen.“ Der Neger ſchwieg nun verdutzt. Auch Heckdey ſchwieg. Ein unheimliches Lächeln flog uͤber ſeine Zuͤge.„Genug!“ befahl — er dem Schwarzen:„Ich weiß genug, und ge⸗ biete Dir, zu ſchweigen, zu ſchweigen, als waͤre Dir die Zunge ausgeſchnitten, wenn irgend jemand Dich im entfernteſten uͤber dieſen Punkt ausfra⸗ gen moͤchte. Schweigen. oder zittre!“ Pluto neigte ſich, wie unter ein Joch:„Maſſa befiehlt, Pluto gehorcht. Sogar die Braune ſoll nicht ahnen....4 „Am allerwenigſten ſie;« ſagte Georg, plotz⸗ lich die Thuͤre des Cabinets aufreißend, um ſich zu uͤberzengen, daß niemand dahinter gelauert. Diesmal hatte Diana nicht gehorcht, denn ſie ſaß in ihrer Kammer, bruͤtend uͤber ſchweren Gedanken. „Ich will nach Weiſſenbrunn;“ fuhr Georg beruhigter fort:„ſorge Pluto, daß ein Reitpferd geſattelt werde; alſobald, ohne Verzug!“ „Nebel iſt kalt; Maſſa wird frieren zu Pferde;“ bemerkte Pluto unterthaͤnig. Aber Heckdey er⸗ wiederte: Nichts da. Ich will's nicht beque⸗ mer haben. Heute thut mir Kälte und Nebel gut. Fort!“ Boa Conſtrictor II. 3 —— „Ja, ich will alſobald hinauf in die Berge, in die Reſidenz der trauernden Eugenie, und ihrer reizenden Tochter! die Depeſche Leopold's gibt einen Vorwand;“ ſprach Georg, wilde Genng⸗ thuung in Zuͤgen und Geberden:„ich will's auf⸗ geben, das Schmollen; will wiſſen auf's genaueſte, ob Cäcilien's Herz mir gewogen; will brechen mein Schweigen gegen die Mutter. Leopold iſt mein, ganz mein, wenn ich ſein Verhältniß dort recht uͤberſchaue, und Engenie, das ſchwache Weib...2 Pah!— He, Diana! Diana!“ Die Mulattin erſchien.„Ich werde Morgen erſt heimkehren!“ rief ihr der Herr entgegen: „meinen Hut, meine Handſchuhe, meine Reit⸗ gerte.“ Er ſchritt zum Schreibtiſch, um Leopold's Brief einzuſchließen, den er aus ſeinem Kleide gezogen. Dabei herrſchte er weiter:„Daß Du Dich ordentlich auffuͤhrſt, ſchwarze Fliege, oder.... — In dieſem Moment ging er am Spiegel vor⸗ uͤber, und fuhr zuruͤck. Seine Fantaſie hatte ihm plotzlich im Glaſe das Bild der Mulattin gezeigt, zähnefletſchend und mit einem Meſſer bewaffnet, auf ihn zuſturzend. Er drehte ſich auf dem Abſatze mit vorgeſtreckten Händen um. „Heda! was gibt's2« ſchrie er erſchreckt. Diano, auf ihrem Tabouret ſitzend, erhob unbefangen zu ihm ihre Augen:„Was willſt Du denn?“ fragte ſie ſtaunend. Da ſieckte er unwillkuͤhrlich den blauen Brief wieder ein, hielt beide Haͤnde vor die Augen, rieb ſich die Stirne, und entgegnete, ſich erho⸗ lend:„Ich fuͤrchte krank zu werden. Seit eini⸗ ger Zeit leide ich an Geſichten, die keinen andern Schbͤpfer haben koͤnnen, als meine geſtorte, ver— wirrte Einbildungskraft. Wenn ich wieder komme, will ich den Arzt um Rath fragen.“ „Soll Dich Pluto, oder der weiße Bediente nicht begleiten?“ ſagte Diana mit einem Anfluge fruͤherer Zärtlichkeit.— Heckdey ſchuͤttelte den Kopf, und ging, ohne ein Wort zu reden, hinaus. — Nach wenigen Minuten klapperte das Roß uͤber den gepflaſterten Hof. Pluto ſchlich ſich ſchen in das Zimmer, wo ihn das Mädchen neu⸗ gierig empfing.„Wie lebt er? was macht er? — 56— was läßt er mir ſagen? hat er bereut⸗ wie er mit mir verfuhr?“ So lauteten Diana's Fra⸗ gen. Mit dem Haupte wackelnd, antwortete Pluto:„Er lebt gut, iſt geſund. Da ihm je⸗ doch Pluto Deinen Gruß gemeldet, fuhr er auf: „Wos will ſie noch? Die Dirne laſſe mich in Ruhe!“ Dann wendete er ſich weg, und brummte, was Pluto nicht horen ſollte, aber dennoch hoͤrte. „Rede, ſage Alles!“ ſtotterte Diana vernich⸗ tet von Beſchaͤmung. Worauf Pluto bedächtig: „Ich wollte, daß ich ſie nie geſehen hatte Das ſagte er.“— Die Mulattin zuckte zuſam⸗ men; eine bittre Thraͤne rollte in ihrem Ange; ihre weißen Zähne biſſen ſich tief in die friſche Unterlippe ein. Plotzlich lachte ſie jedoch auf, wie ein boshaftes Ungeheuer:„Du ſiehſt, ich hatte Recht. Verruͤckt ſind hier zu Lande alle Männer. Dieſer kalte, wuͤſte Erdſtrich iſt nur ein Narrenhaus!“— Und ſie lachte immer hef⸗ tiger, während der Grimm ihre Bruſt zerſprengen wollte. — Pluto ſchrie aber mit den Verrenkungen eines Ganklers und Beſchwoͤrers:„Mumbo Jambo, Gott der ſchwarzen Maͤnner, große koͤnigliche Schlange, und Du, rother Fetiſch der Frucht⸗ barkeit und Geſundheit, ſteht mir bei! Weiſes Corramantiweib, ſieh herab von den ewigen Pal⸗ men, und fange den Geiſt Deiner Tochter auf, der davongelaufen iſt in Nebel und Wildniß! Denn ſie iſt thoͤricht, oder berauſcht vom thoͤrich⸗ ten Branntwein.“ „Meinſt Du, alter Schwachkopf?« fragte Diana, kaum dem grellen Gelächter Einhalt thuend:„Nicht der Wahnſinn, der Teufel lacht aus mir, der Kitzel des Hohns, die Wolluſt der Verachtung, womit ich dieſe kalte, vertrocknete Schneewelt angeifre. Begreifſt Du die Thaten dieſer Maͤnner? O Pluto, Dein Blut iſt auch ſchon zu Eis geworden. Warben ſie nicht um mich, wie eiferſuͤchtige Sieger? Und nun? Der Hauptmann dreht den Kopf auf die Seite, wenn er mich ſieht. Leopold, den ich geliebt, der mich gewonnen, ſpielt den Ungluͤcklichen, verwuͤnſcht — 38— den Tag, da er mich zum erſtenmal geſehen! Pluto! er kam.„ es war am Morgen des Zweikampfs... dieſer Morgen folgte einem ſchoͤnen Abende.. die Sehnſucht, glaubte ich, habe ihn hicher getrieben. Mein Mund, meine Blicke, meine Freude hießen ihn willkom⸗ men. Er war jedoch ein andrer Menſch geworden. „Dieſen Brief Deinem Herrn!“ ſagte er kalt und finſter. Und fuͤr mich?“ fragte ich zärtlich. Da antwortete er:„Hinweg von mir, Verfuͤhrerin, Du haſt mir mein Gluͤck geraubt!“— Alſobald ſturzte er fort; ich habe ihn nicht mehr geſehen; und heute, aus der Ferne, ſtatt eines Wortes ſehnſuchtsvollen Angedenkens, ſendet er mir ſeine Verwuͤnſchungen, ſeine Verachtung. In's Tollhaus mit den jämmerlichen Geſellen dieſes Welttheils!“ „Wann Schmetterling ſchwärmt, er ſtirbt bald;“ verſetzte Pluto:„ Liebe ſchafft Undank, wann ſie närriſch von einem zum andern gaukelt. Maſſa hat Dich viel geliebt. Du haſt Maſſa nicht gut belohnt. Fur ſeine Wohlthaten gibſt Du ihm Kälte, Gleichguͤltigkeit.“ — 3 „Nur das?“ brach die Mulattin aus:„Du kurzſichtige Eule! Sage das Aergere, das Aergſte. Nenne den Haß! Ja, ja, Pluto: Gelinderes darf der Herr von mir nicht erwarten, als den blutigſten Haß. Seine Wohlthaten? Pfui! ein jeder Andere wuͤrde die ſchoͤne Diana nicht haben verhungern laſſen. So viel Menſchlichkeit und Selbſtſucht beſitzt ein Jeder. Aber... daß der Herr mich jetzo herabwuͤrdigt und verachtet, daß er mich mit Kaltbluͤtigkeit an die thoͤrichte Lei⸗ denſchaft ſeines Freundes verſchenkte.... das verzeihe ich ihm nie, nie, und dauerte mein Leben tauſend Jahre. Er will mich fortſchicken? an meinen Abſchied ſoll er denken!“ „Die Drohung iſt immer bewaffnet, die Hand nur ſelten;“ bemerkte Pluto mißbilligend:„der Kopf eines wilden Weibes iſt ein ſiedender Keſſel; die Blaſen ſchlagen uͤber den Rand. Dein boͤs Gewiſſen fuͤrchtet Alles von Maſſa. Des Herrn Leopold unartiger Gruß macht Dir das Blut ſauer. Schlafe daruͤber. Der Schlaf hat weiche Streichelhände, und Du biſt noch jung, und ———— — 4— genießeſt ſeine Umarmung. Der arme Pluto kennt den rechten Schlaf nicht mehr. Es däm⸗ mert nur bei ihm, wird niemals mehr Nacht, wie in ſeiner Jugend.“ „Wahrlich: auch die Vernunft dämmert nur noch in Deinem Gehirne!“ fuhr Diana, wie vor⸗ hin, fort:„Ahnſt Du denn nicht, daß Dich das Schickſal erwartet, wie mich? Er verſtoͤßt Dich, und ſchickt Dich in die Heimath wie mich.“ Pluto ſchuttelte unglänbig den Kopf:„Das thut Maſſa nicht. Pluto muͤßte zu Grunde gehen.“ „Und er thut es doch;“ erwiederte Diana trotzig und ſchadenfroh:„Auch wirft er uns ein paar Gourden nach, die uns nicht ſterben, aber auch nicht leben laſſen. Zweifle nicht; er hat mir's ſelbſt geſagt.“ „Maſſa hat der Diana geſagt, was nicht iſt;e ſagte Pluto wieder, obſchon etwas ängſilicher. Worauf das Mädchen eifrig:„Schweige Du giftiger Nachtvogel. Wenn er jemals die Wahr⸗ heit geredet hat, ſo that er's heute. Wiſſe noch mehr: er heirathet, will eine frohliche Hochzeit —— halten, und bei dem bräutlichen Feſte darf das Geſindel aus der Fremde nicht tanzen.“ Da ſank nun auch dem Neger der Muth; er beugte die Stirn, und murmelte:„Wenn das iſe...freilich.. o weh.. dann muß Pluto aus dem Hauſe. Pluto wird der jungen Frau nicht gefallen. O weh, o weh!“ „Wimmre nicht, klage und verzweifle nicht;“ rief ihm Diana verächtlich zu:„Wird der Jam⸗ mer Dein Verhängniß wenden? Suche es zu verbeſſern. Sieh; ich fuͤrchte mich nicht; ich bin getroſt, und auch Du duͤrfteſt es ſeyn, wenn Du mir blindlings folgen wollteſt.“ „Was verlangſt Du?“ fragte der Neger begie⸗ rig. Das Maädchen lachte ihm in's Geſicht, mit den Worten:„Wie? daß Du hingingſt, mich anzuſchwaͤrzen bei dem Herrn, Du falſche Nacht⸗ geſtalt? Nein; Diana hat ſo viel gelernt, daß ſie eines Verraͤthers ſich nur dann bedient, wann er nicht mehr zuruͤck kann. Darum gedeiht nur gleich und gleich, alter Pluto. Heiße Lippen, heiße Kuͤſſe.“ Der Herbſt kann ſchoͤn ſeyn, wenn er guter Laune iſt, Bäume und Gebuͤſche mit rothen Far⸗ ben malt, die Matten mit dem blaſſen Schmelz der Zeitloſen beſtreut, und ſeine Rebenkrone mit blauen Trauben ausſtaffirt. Da jauchzet die Welt voll Luſt, das Wildpret ſpringt auf tauſend Fährten durch Wald und Flur, oder durchzieht die Luft, ſtreifend am Saume der Gehoͤlze, uͤber Bach und Sumpf. Die Strahlen der Sonne ſind alsdann metallner, und die Fluthen ſchwerer; der Strom, der ſie rollt, ſcheint muͤhſam zu ar⸗ beiten, und dampft wie ein angeſtrengtes Roß. Der Menſch, der nicht aufhoͤrt, ein Tyrann der Erde zu ſeyn, pluͤndert ſie dann mit gitriger Hand, vorausſehend die Zeit winterlicher Ent⸗ behrung. Der Winzer, der Jäger, der Holzfäl⸗ ler ſammeln, morden, verwuͤſten, und mit der klingenden Art um die Wette ſchallen die Triumph⸗ lieder der Rebenbezwinger und des Waidwerks. Wie ſpiegelt ſich des Herbſtes Segen und Ge⸗ ſundheit auf den Wangen ſeiner eifrigen Trabau⸗ ten! Des Jägers Autlitz ſchimmert rothbraun wie ſein Wald; des Rebmanns wie der Purpur⸗ ſaft ſeiner Trauben; des Fiſchers, wie das Abend⸗ voth auf ſeinen Gewäſſern. Aber, wemn er zurnt, der ſegenbringende Herbſt? wenn ſein ſturmiſcher Athem durch die Wipfel raſ't, und die Blätter niederjagt in den aufwir⸗ belnden Staub? Wenn er vorſchnell die weißen Dunen ſtreut, des Winters Bett zu ruͤſten? oder verdruͤßlich die graue Nebelkappe uͤber das Ge⸗ ſicht zieht, alle Herrlichkeit der Welt verſchleiernd, Ohr und Auge verſchäießend, und den furchtſa⸗ men Sterblichen vereinzelnd, als ſtände er auf des Himalaya Gipfel, in der Nachbarſchaft der Sternendecke, aber umgeben von ewigen Wolken? Das ſind boͤſe Tage, und recht gecignet, Geiſt und Koͤrper in eine Nußſchale zu bannen, während die Fantaſie ihre Ketten bricht, und ihre vegelloſen Maͤhrchen ungehindert auf die Nebel⸗ wände ſchreibt. Die Maͤhrchen ſind aber ſelten heiter, wenn die Sonne ſie nicht beſcheint. Die —— Fantaſie läßt bei ſchlechtem Wetter die Schmet⸗ terlingſchwingen zu Hauſe, und fahrt auf Fleder⸗ mausſittigen zum Schornſtein hinaus. Georg ritt, wie auf oͤdem Alpenpfade; er tappte durch die Falten des herbſilichen Leichen⸗ tuchs. Der See zu ſeiner Linken, das helle lieb⸗ liche Auge der Landſchaft, war blind; den präch⸗ tigen Forſt zu ſeiner Rechten ſchienen Kobold⸗ haͤnde von dannen getragen, oder abgeſchnitten zu haben, wie einen Grasbuͤſchel. Doͤrfer und Städte, die wirthlichen, ſtattlichen, verſunken; die unzählichen Landhäuſer, der Schmuck der Gegend, hinweggefegt von der Erde. Schnau⸗ fende Gäule tappten voruͤber, wie auf Filzſohlen; Fuhrleute und Reiſende wankten dahin, gleich den Schatten des Limbus.— Es war nicht die Stunde gluͤcklicher und frohlicher Gedanken. Eine wenig behagliche Un⸗ ruhe trieb den Reiter vorwaͤrts, und wenn dann und wann ein rieſelnder Schauder ſich an Georgs Wirbelſäule heraufrankte, ſah er ſich entſetzt um, ob nicht eine geſpenſtige Hand ſeinen Mantel packe. Noch nie hatte er ſich ſo verlaſſen, ſo allein gefuͤhlt. Einer war zwar immer auf ſei⸗ nen Ferſen, ging hinter ihm, das Roß mit Stacheln ſpornend. Der paßte aber nicht in die nordiſchen Nebelmaſſen. Leicht war ſein Kleid; geſtreift das Wamms, blank und duͤnn die Bein⸗ kleider; um die ſchmalen Huͤften flatterte eine rothe Binde, unter dem Kinn des mumienartigen Geſichts hing locker ein farbiges Hälstuch. Die ganze Geſtalt war nur Fantasmagorie; aber juſt dieſes Bild von Schaum und Traum los zu werden, hätte Georg viel geopfert.„Eine ſchlechte transatlantiſche Reminiscenz!“ murmelte Heckdey mit klappernden Zaͤhnen:„warum ſo eifrig ſeit ein paar Tagen? biſt mir getreuer als die Braut, als meine Diener? entferne Dich aber, zitternder Spuck; wandle in lauen Nachtluͤften unter den Tamarinden Deines Grabes. Allzuviel Unrecht iſt Dir nicht geſchehen; Du haſt verdient, tan⸗ ſendmal verdient, was Dir geſchah. Ruhe alſo, quaͤle nicht die Lebenden, die dem Gluͤck entge⸗ genreiten.“ — 46— Ploͤtzlich zeigte ſich die Geſtalt vorne, am Kopfe des Pferdes. Sie ſtreckte die Hand nach dem Zuͤgel.„Wer da?“ rief Heckdey erſchreckt. „Wollen Sie nicht abſteigen?“ fragte eine be⸗ kannte Stimme. Sie war die des Pfdrtners von Weiſſenbrunn. Beſchämt uͤbergab ihm Georg das Thier, und ſchritt in das Schloͤßchen ein. Silbertoͤne lockten ihn nach dem Geſellſchaftszim⸗ mer. Cäciliens Stimme ſang das Gebet der Desdemona. Das Fräulein war ſo vertieft in den Geſang, daß es nach einigen Sekunden erſt die Anweſenheit des Hausfreundes bemerkte.„Ach, Sie 2 rief ſie, verwundert, erfreut. —„Erſchreckt Sie meine unverhoffte Gegen⸗ wart? Zerreiße ich plump das bunte Senehe Ihrer Gedanken?“ „Wahrlich nein. Ich dachte an Sie, gerade nur an Sie. Ihre lange Abweſenheit machte mir Sorge. Und ſiehe: da ſiehen Sie vor mir. Seyn Sie willkommen.“ —„Sprechen Sie im Ernſte? Iſt der Da⸗ mon Ihrer Kaltſinnigkeit gewichen? Ich darf —— ſagen, daß ich nur vor ihm geflohen bin, und daß heute nur ein Brief Ihres Vaters mich hie⸗ herfuͤhrt.“ „Sie werden der Mutter eine große Freude bereiten: und mir nicht minder, Herr Heckdey. Seit wir die Stadt verließen, um Mama den quälenden Erinnerungen zu entreißen, ſind wir Einſiedlerinnen geworden. Die Tage ſchleichen unerträglich langſam, und bringen uns immer noch den Vater nicht wieder, und auch von Ihnen wähnten wir uns aufgegeben. Was Sie jedoch von Kaltſinnigkeit ſprachen, begreife, verſtehe ich nicht.“— Die Jungfrau errdthete vor der klei⸗ nen Luͤge. —„Ich ſehe ſcharf, Cäcilie. Laͤugnen ſie nicht. War es nun eine Laune, wie jungen Maͤdchen dfters begegnet, oder etwas ernſthafte⸗ res.. genug, ich habe mich gewiß nicht geirrt. Sie moͤgen wohl mit groͤßerem Rechte fragen, was Ihre Launen mich angehen und kuͤmmern? Aber wenn Sie annehmen, daß ich unter der Huͤlle des ſpätern Mannesalters ein friſches jun⸗ —6— ges Hetz trage, ein neugeſchaffnes Herz, verjungi, ich weiß, durch wen..... ſo traue ich Ihrem Geiſte zu, daß Sie verſtehen, wie ſehr die Ju⸗ gend mich anzieht, wie ſehr ihre Unbefangenheit mich erquickt, und wie mich daher der Gedanke ſchmerzen muß, ihr Vertrauen unverſchuldet ver⸗ loren zu haben.“ Dieſe Worte, ſo biederherzig geſprochen, wenn gleich von Liſt und gereizter Eitelkeit eingefluſtert, täuſchten Georgs Berechnung nicht. Das Maͤd⸗ chen, ſeines Betragens vor der Hofkirche wohl eingedenk, ſchwieg verduͤſtert und bereuend. Tau⸗ ſend Vorwuͤrfe waren's, womit Cäcilie ihre Un⸗ beſonnenheit uͤberhaͤufte.— Zufällig gerieth Heck⸗ dey alſobald in den rechten Text, da er plotzlich fragte:„Sie ſind alſo hier ſo ſehr allein? Theilt nicht Luiſe dann und wann Ihre Einſamkeit 2 „Sie war nur ein einzigmal hier;“ verſetzte Caͤcilie mit flammenden Wangen:„Ob die Kraͤnklichkeit ihrer Mutter, ob ein andrer Beweg⸗ grund ſie in der Stadt zuruͤckhalte, werden Sie mir wohl ſagen koͤnnen, Herr Heckdey.“ —— —„Ichn:“ fragte Jener verwundert:„wie ſollte ich? habe ich doch das Fraulein ſeit jenem boſen Audienztage nicht mehr geſehen. Fruͤher, — es iſt wahr— hab' ich ein und das andremal die Damen mit meinem Beſuche belaͤſtigt. Ich geſtehe, daß Selbſtſucht meine Viſiten beſtimmte. Da mir nicht vergoͤnnt iſt, Ihre Liebenswuͤrdig⸗ keit, Caͤcilie, Tag fuͤr Tag, Aug' in Auge zu genießen, ſo ſuchte ich einen Ort, wo ich von Ihnen ſprechen konnte, wo man das Intereſſe verſtand, das Sie mir einfloßen.“ „Herr Heckdey 1« ſtotterte die arme Caͤ⸗ cilie, und wußte nicht, wohin die Blicke wenden, weil Georgs Augen ſo beſonders feurig auf ihr hafteten. Der Bewerber, ein ſchlauer Fechter, der, obſchon nach dem Siege ringend, noch hoͤher achtete, ſich keine Bloͤße irgend einer Art zu ge⸗ ben, lenkte ſchmiegſam wieder ein:„Das In⸗ tereſſe eines Freundes, eines Bruders, wenn Sie wollen, obſchon 4 Mit vielſagendem, vertraulichem Lächeln er⸗ griff er Cäciliens Fingerſpitzen, die in ſeiner Hand Boa Conſtrictor 11. 4 50 unruhig zuckten, wie des Mädchens Wimpern, aus deren Schleier fuͤr einen Moment ein Stern feuriger Liebe ihn anſah. Das entſcheidende Wort ſchwebte auf ſeiner Zunge, als Cäcilie ſich unſtät zur Seite wendete:„Ich hoͤre die Mutter;“ ſagte ſie unſicher. „Wo? wo iſt Ihre Mutter?“ ſ Georg, ſich umſchauend. „Im Nebenzimmer; ſie koͤmmt;“ antwortete das Mädchen befangen, und ſchlug, vor ihrer Verlegenheit ſich zu retten, einen Accord auf dem Pianoforte an. „Sie hat Alles gehoͤrt!“ ſagte ſich Heckdey muͤrriſch. Dann richtete er ſich kalt empor, den⸗ kend:„Mag ſie. Hab' ich doch nicht das Letzte geſagt. Du ſchwiegſt zur rechten Zeit, ungedul⸗ dige Zunge.“ Eugenie erſchien wirklich. Durch die Freund⸗ lichkeit ihres Empfangs ſtach etwas Gezwungenes, Starres. Mit einer gewiſſen Heftigkeit erbrach ſie Leopold's Brief, uͤberlas ihn ſehr fluchtig. Dann:„Der Vater läßt Dich grußen, Cäcilic. —— Verlaſſe uns jetzv.“— Der Ton war kurz, be⸗ fehlend. Mit gebengtem Haupte und langſam, ohne ſich umzuſehen, ging das Madchen. Nach einigem Schweigen hob Eugenie zu dem Haus⸗ freunde an:„Ich weiß nicht, wie Sie mit den Briefen zufrieden ſind, die Leopold Ihnen ſchreibt. Ich bin nicht erbaut und befriedigt von den Ge⸗ meinplätzen, die er mir in Briefform ſendet. Fuͤr einen Mann, der ſo viel Kummer uͤber ſein Haus gebracht hat, ſchreibt er zu vornehm, zu gleich⸗ guͤltig. Das iſt Eis und Fälte. Die Feder ſpricht anders, wenn ihr das Herz die Worte diktirt.“ —„Sie machen vielleicht zu ſtrenge An⸗ ſproͤche;« bemerkte Heckdey.„Seine ſchwierige Lage entſchuldigt viel. Er, der nie allein in der Welt geſtanden, lebt nun unter fremden, untheil⸗ nehmenden Menſchen. Das macht ſchon ſchroff und ungenießbar. Wie gerne waͤre ich ihm in die Verbannung gefolgt, wenn mich nicht die Sorge fuͤr ſeine Habe, ſein Haus, und die Pflicht zuruckhielte, Ihnen meinen Beiſtand zu leihen! 4* — Hoffen wir indeſſen, daß dieſer ſchlimme Zuſtand bald aufhoͤren werde. Sie werden ſich dann leicht mit ihm verſtändigen, und kein Unrecht an ihm finden. Die Gelegenheit hiezu bietet ſich fruͤher, als Sie glauben, dar. Er ſchreibt mir, daß er nächſtens wagen wolle, im ſtrengſten Inkognito ſeine Familie zu beſuchen.— Auch iſt die Sache leicht, die Gränze ungehindert zu uͤberſchreiten, und in Weiſſenbrunn ſucht ihn kein Scherge.“ „Das wollte er?“ rief Eugenie frendig aus: „So denkt er doch an uns; an mich, an Sie, an ſeine Kinder! Und ich konnte waͤhnen 22 vergib, Leopold; vergeben Sie mir, Georg, in ſeinem Namen! Ja, Sie konnen Recht haben: ich fordre vielleicht zu viel, bin zu aͤngſtlich. Es iſt eine Krankheit, die mich peinigt, und Alles ſchwarz ſehen läßt.“— Doch verwandelten ſich ihre Zuge ſchnell. Furchtſam fuhr ſie fort:„Wenn er ſich nur nicht muthwillig in Gefahr begibt..! wenn ſie ihn nur nicht entdecken, feſtnehmen. 26 —„Ohne Sorge, beſte Frau. Ich will mit meinem Kopfe fuͤr ihn ſtehen. Ich hab' ihn 3 einmal hinausgebracht; das zweitemal ſoll's mir nicht minder gelingen.“ Worauf Eugenie:„Sie wiſſen vielleicht nicht...7 das Urtheil iſt ge⸗ ſprochen: fuͤnf Jahre Feſtungsarreſt! O, es waͤre zum verzweifeln, wenn er ſie aushalten muͤßte, waͤhrend der Moͤrder frei umhergeht! Dann aber noch eine ungeheuere Summe als Buße und Strafgeld, ein Kapital fuͤr die Koſten des Pro⸗ ceſſes..— Da leſen Sie ſelbſt. Dies kam uns geſtern zu.“ Georg las, und erſchrack vor der Strenge, womit die Richter gegen den Contumar verfah⸗ ren waren. Indeſſen ſetzte er troͤſtend bei:„Fuͤrch⸗ ten Sie nicht das Aergſte. Dem Abweſenden wird immer uͤbel mitgeſpielt. Der groͤßte Theil der Strafe wuͤrde dem Leopold geſchenkt werden, wenn er ſich heute freiwillig ſtellte. Aber wir beduͤrfen nicht dieſes demuͤthigenden Auskunfts⸗ mittels. Ich habe einen Canal gefunden, durch deſſen Vermittlung wir im Cabinet des Koͤnigs, wo moͤglich in kurzer Friſt, einen Gnadenbrief erlan⸗ gen werden. Verlaſſen Sie ſich auf meine Thätigkeit.« — 54— „Gott lohne ſie Ihnen. Was das Geld be⸗ trifft, ſo opfre ich's gerne. Leopold und ich, wir beide haben ein bedeutendes Vermoͤgen. Und was iſt alles Gold der Welt gegen ſeine Freiheit, ge⸗ gen ſeine Zufriedenheit? Ich uͤberlaſſe Ihnen alle Hände, die uns nuͤtzen koͤnnen, zu verſilbern, nach Ihrem Gutduͤnken. Ihre nneigennutzige Liebe kann allerdings nur unſre Freundſchaft in etwas vergelten. Was ſollten wir anders fuͤr Sie thun konnen. 2.— —„Nehmen Sie mich in Ihre Familie auf;“ ſagte Georg nach einigem Beſinnen. Er hatte ſich Gewalt angethan, den Angriff zu wagen. Eugenie, etwas betroffen, etwas argwoͤhniſch, firirte ihn eine Weile mit pruͤfendem Auge; dann erwiederte ſie, glatt ausweichend:„Sie gehdren ja ſchon jetzo zu unſerm Hauſe, lieber Georg. Ein Bruder waͤre uns nicht theurer.“ —„Muß ich denn jetzt ſchon deutlicher mit der Sprache herausgehen 26— fragte Heckdey, und nahm ein zweifelhaftes, doppeldeutiges Lächeln an:„Da ein unerforſchliches Schickſal nicht wollte, daß ich Ihr Gatte wurde, Euge⸗ nie 1 „Wir wollten ja nicht mehr von der Vergan⸗ genheit reden;“ unterbrach ihn Eugenie ſanft, obgleich ſehr verlegen. Sie ahnte.... Heckdey fuhr unerſchutterlich fort; denn er hatte beinahe die Furcht vor einem Korbe uͤberwunden. Seine läͤchelnde Maske ließ ihm jedoch immer noch den Ruͤckzug offen. Seinen Stolz zu retten, war er bereit, den Ernſt alſogleich in Scherz zu traveſti⸗ ren.„...„Da ein unerforſchliches Schickſal nicht wollte, daß ich Ihr Gatte wurde, Eugenie. wuͤrden Sie mir den Namen eines Sohnes ver⸗ ſagen, wenn ich Sie darum bäte 2“ Eugenie ſtarrte ihn wieder an:„Ich verſtehe nicht oder Sie ſcherzen?“ —„Wenn ich, noch immer fortſetzend die Hul⸗ digung, die ich Ihnen vor Zeiten geweiht, nach Ihrem Ebenbilde begehrte?“ „Sie ſcherzen ſicherlich, beſter Heckdey;“ ver⸗ ſetzte Eugenie, wie oben. In ihren verduͤſterten Augen malte ſich jedoch ein tiefer Schmerz der ——— Mutter, vereint mit einer ſchweren Kränkung des Weiberherzens. Denn es iſt ſiets eiferſüchtig, 2 ſelbſt auf das von ihm verworfne Gut. „Ich muß dieſes fuͤr eine Antwort nehmen;“ ſprach Georg dagegen, immer mit derſelben lächelnden Satyrmaske. Seine blitzenden Augen jagten der armen Eugenie plotzlich Schrecken ein. Sie glaubte, ihn nicht offenbar kränken zu duͤrfen. Darum fuhr ſie milder fort:„Ich bin nicht ge⸗ wohnt, meine Reden auf Schrauben zu ſetzen, vornemlich nicht gegen Sie. Ferne von mir ebenfalls, Sie beleidigen zu wollen. Allein: Sie ſehen mein Erſtaunen. Geſtehen Sie, daß es Ihr Scherz geweſen. Ich kenne Sie ja, Sie den Weiberfeind, den eigenſinnigen, der, weil Eine des Geſchlechts um hoͤherer Ruͤckſichten willen den Vorwurf des Leichtſinns auf ſich geladen, gleich den Fluch aber das ganze Geſchlecht geſprochen hat. Woher kaͤme die plotzliche Veränderung? woher im Ernſte ein Antrag, den Ihre ſiets wachſame Vernunft im naͤchſten Moment mißbilligen mußte? Niemand verſteht beſſer, als Sie, in die Zukunft zu ſchauen, und alle Verhaͤltniſſe zu berechnen. Was zoge Sie zu dem Kinde? Was duͤrften Sie von der Unerfahrnen, von der allzujungen Gefährtin er⸗ warten?— O gewiß: ich errathe aus Ihrem Laͤcheln, daß Sie mich zum Beſten haben wollten, boſer Mann! Wie konnte ich Ihnen doch zu⸗ trauen, daß Sie im Ernſte ſo grauſam ſeyn wuͤrden, von mir den Segen zur Ehe mit meiner Tochter zu verlangen!“ —„Erklaͤren Sie mir das Kapitel von der Grauſamkeit, beſte Frau. Ich verſtehe jetzo Sie nicht. Ich will mich nicht erklaͤren, ob ich ge⸗ rade in meinem Intereſſe oder in dem eines Andern beſcheiden angefragt habe. Der Werber mag ſeyn, wer da wolle,— dennoch glaube ich, aus Ihrer Aeußerung zu errathen, daß ein Mann von reifen Jahren Ihnen als Caͤciliens Gatte nicht angenehm ſeyn wuͤrde 2. „Ich laͤugne nicht. Die Ehe ſey ein Feſt der Jugend. Wenn zwei Jahrzehende oder mehr zwiſchen den Gatten liegen, iſt es ſchon zu viel. Das iſt meine unverholene Meinung. Zudem aber, lieber Freund, bedenken Sie, daß ich in ſo wichtigen Dingen gerade jetzt nicht entſcheiden kann. Levpold muͤßte jedenfalls zuerſt er⸗ fahren„ —„Natuͤrlich;« verſetzte Georg mit bewun⸗ dernswurdiger Faſſung:„wenn er jedoch zufrieden waͤre 26 „Er wird die Gattin hinlaͤnglich ehren, um ihr die gebuͤhrende Stimme nicht zu verſagen;“ fiel Eugenie ſtolz ein. —„Und die Gattin, wenn ihr bewieſen wurde, daß der Tochter Gluͤck, ihr eignes, von der Ge⸗ währung abhinge 24 „Sie werden plotzlich ſehr ernſthaft, Heckdey;“ ſprach Engenie nach einer Pauſe?„Ich entſinne mich jetzt wieder verſchiedner Worte, die zu meinen Ohren gedrungen ſind, da Sie mit meiner Tochter hier allein waren. Ihre Reden, Georg, klangen ſo innig! Sollten ſie die Einleitung zu der jetzigen Unterredung ſeyn?« Georg antwortete nicht, ſchaute zerſtreut durch's Fenſter. Die aͤngſtliche Mutter, wenig beruhigt durch ſein Schweigen, — 555— faßte plotzlich ſeine beiden Haͤnde, und fuhr fort mit der Dringlichkeit einer leidenſchaftlichen Seele: „Um Gotteswillen, Heckdey, achten, ehren Sie die Unbefangenheit Cäciliens! Sie ſind Leopolds Freund, haben edel an mir gehandelt, Sie ſind ein Schutzgeiſt unſers Hauſes! ehren Sie das jungfräuliche Gemuͤth meiner Tochter. Unſte Aufgabe war immer, die Ruhe ihrer Seele nicht zu ſiren... ach, die Leidenſchaft ſtuͤrmt ohnehin allzuſchnell den Friedenstempel! Selbſt zur Zeit, da ich hoffte, meinen ſchoͤnſten Wunſch erfuͤllt, den armen Wandersheim als meinen Eidam be⸗ gruͤßt zu ſehen, habe ich kein vorbereitend Wort zu Cäcilie geſagt. Noch hat, wie ich glaube und hoffe, keine Neigung, keine Liebe in dem Maͤd⸗ chen Wurzel gefaßt, als die Liebe zu den Eltern. Stoͤren Sie nicht den Frieden der Jungfrau. Sie iſt beweglich Wachs, ihre Fantaſie leicht er⸗ regt. Eines geſchickten Malers und Erfinders Blendwerk wuͤrde ſie leicht fur Wahrheit nehmen, eine bittre Tänſchung in ihrer Bruſt groß ziehen. Das Ungewoͤhnliche, das Sonderbare reizt die — 6— unerfahrnen Geſchoͤpfe. Alle ſind geneigt, einen Roman zu ſpielen, das einfoͤrmige Hausleben in ein Gedicht umzuwandeln..; aber nach der Täuſchung die Entzauberung, dann die Reue, dann das Ungluͤck o, mein Freund, ver⸗ ſprechen Sie mir, nicht einmal durch einen Scherz, durch eine Galanterie, die verderbliche Eitelkeit weckt, meine Cäcilie von der gluͤcklichen Inſel der ſchuldloſeſten Kindheit in das traum⸗ artige Treiben erregter und geſteigerter Empfin⸗ dungen zu ſchleudern!“ Nun erhob ſich Heckdey mit dem majeſtäti⸗ ſchen Selbſigefuͤhle, das er mitunter wirklich empfand, mitunter trefflich und zur gelegnen Zeit anzunehmen wußte, und antwortete, lächelnd, aber bitter, veräͤchtlich laͤchelnd:„Was die überſpann⸗ teſte Mutterſorge Ihnen in den Mund legte, Ma⸗ dame Ederich— ich will es uͤberhoͤrt haben; es ſoll nicht geſagt worden ſeyn. Wie Sie mich jedoch beurtheilen, haben Sie verrathen. Falſch, Madame; Ihre Anſicht iſt falſch. Ich bin kein Geck von abgetragnen Jahren, der liebelnd und ———————— adoniſirt, das laͤcherliche Schauſpiel eines ver⸗ lachten Corydon zum Beſten gibt; ich bin kein Schleicher, der unter den Fluͤgeln der gewonnenen Mama den Weg zur ſpaͤten Brautkammer ſucht; bin kein Dummkopf, der aufs Gerathewohl hin, Nelke und Diſtel zu einem Strauße verbindet;— aber eben ſo wenig ein Verfuͤhrer, ein Betruͤger an einem argloſen Kinde, ein herzloſer Spieler mit den lebendigſten Gefuͤhlen. Das moͤgen Sie wiſſen, und ferner errathen, ob uͤberhaupt hier von mir, oder einem Andern die Rede war. Aber von Ihnen haͤtte ich mehr Anerkennung erwartet. Sie wiſſen, welch ein Mann ich bin, Sie moͤgen ſich erinnern, was Sie mir ſchuldig ſind. Zeich⸗ nen Sie dieſe Stunde in Ihre Schreibtafel. Sie wird einſt zwiſchen uns wieder zur Sprache kom⸗ men. Undank traͤgt auch ſeine Fruͤchte.“ „Georg!“ rief Eugenie, von den zermalmenden Worten gaͤnzlich außer Faſſung gebracht. „Sie moͤgen ruhig ſeyn, ſage ich Ihnen;“ fuhr er mit merklicher Kaͤlte fort:„Cäcilien's Ruhe ſoll ungeſiort bleiben. Meine Zunge — 62— wenigſtens wird keine Schuld tragen. Ich werde Ihr Haus in Zukunft nur in Geſchäften betreten, und den Augenblick mit allen Kraͤften herbeizu⸗ fuͤhren trachten, wo mir erlaubt ſeyn wird, meine Interimverwaltung niederzulegen.— Alſo von Geſchäften jetzt. Das kleine Haus in der Tho⸗ masgaſſe, worauf Leopold ein Kapital geliehen, habe ich verſteigern laſſen wollen. Niemand war da, der auf die Huͤtte geboten hätte. Sie wurde Leopold zugeſchlagen. Es iſt Verluſt dabei, aber immer beſſer etwas, als nichts.— Ferner habe ich fur Ralph eine Stelle bei dem Bergwerk er⸗ halten. Er wird dort von einem hoͤchſt praktiſchen und gelehrten Manne lernen, was er braucht. Der Eintritt muͤßte jedoch unfehlbar in acht Tagen geſchehen. Ich lege Ihnen hier die darauf Bezug habenden Papiere vor. Es wäre zu weit⸗ laͤufig, erſt deshalb an Leopold zu ſchreiben, auch habe ich fuͤr dieſen Fall von ihm odllig freie Hand. Wollen Sie entſcheiden?“ „Ich bin geruhrt von Ihrer unermoͤdeten Theilnahme;“ antwortete Eugenie ſchuͤchtern und verbindlich:„ich willige in Alles. So leid es mir thut, den Sohn lange zu miſſen, ſo iſt doch heilige Pflicht der Eltern, fuͤr die Zukunft der Kinder zu ſorgen.“ Heckdey ſagte:„Allerdings.— Da indeſſen fuͤr heute meine Geſchaͤfte bei Ihnen beendigt, ſo geſtatten Sie, daß ich mich beurlaube.“ —„Wie? da ſchon der Abend naht? in die⸗ ſem boͤſen Wetter?“ fragte Eugenie beſtuͤrzt: „Warum wollen Sie mir dieſen Affront anthun? Warum verſchmaͤhen Sie die Gaſtfreundſchaft dieſes Hauſes? Wahrlich: Sie ſind unverſoͤhn⸗ licher, als ich dachte. Wenn ein unbedachtſames Wort, wenn meine Unbeſonnenheit, meine Grillen Sie beleidigten, warum hoͤren Sie nicht auf meine Entſchuldigung? Sind Sie denn nicht zufrieden, wenn ich Ihnen vorſchlage, die Sache vor der Hand noch unerledigt zu laſſen? Wir wollen beide ſie noch einmal äberlegen. Ich will nicht Ja, nicht Nein geſagt haben. Und wenn die Anfrage Sie betraf, und wenn Sie keinen Scherz getrieben haben, ſo vertrauen Sie doch —— ja unſrer aufrichtigen Freundſchaft. Was Leopold beſchließt, iſt mir dann wohl recht. Nur zurnen Sie nicht meiner Beſorgniß, die doppelt erwachte, weil mir die Frage ſo neu und uberraſchend vor⸗ kam.“ Worauf Georg ruhig und ohne vorſtechenden Groll:„Es iſt ſchon voruͤber, liebſte Frau. Ich bilde mir ein, etwas beſſer zu ſeyn, als Andere. Darum haben Ihre Zweifel mich erbittert. Ich bin jedoch nicht ſo boſe, als ich vielleicht ſchien. Ich weiß mich zu beherrſchen, und getren abzu⸗ waͤgen, was Gutes und was Schlimmes an mir iſt. Laſſen wir Alles ruhen. Mur erlauben Sie, daß ich Sie verlaſſe. Ich habe am Fuß des Gebirgs noch ein klein Geſchäͤft, und dann moͤchte ich Ihr Abendeſſen nicht mit meinen finſtern Geſichte verderben. Ich gebe mich immer, wie ich bin. Heute wuͤrde ich nicht mehr heiter wer⸗ den, und Cäcilie ſoll ja nicht errathen, daß unſer Geſpraͤch uns verſtimmte, noch daß ſie der Ge⸗ genſtand deſſelben geweſen.“ Der Abſchied war zogernd, ſchmollend. Die gegenſeitigen Verſicherungen ermangelten der Auf⸗ richtigkeit. Heckdey mißtraute der beſchwichtigen⸗ den glatten Weiberzunge; Eugenie verließ ſich nicht allzuſehr auf Georgs Bethenerungen. Un— erklärliche Befuͤrchtungen quaͤlten ihre Gedanken. Damit allein beſchaͤftigt, kehrte ſie in das Beſuch⸗ zimmer zuruͤck, wo eben die Lichter angezuͤndet wurden. Neben dem Stuhle, den Heckdey kaum verlaſſen, lag ein Brief, niedlich gefaltet, auf blauem Atlaspapiere, einem Billet-dour nicht unaͤhnlich. Engenie ſtutzte:„Sollte dieſer Zettel Cäcilien beſtimmt geweſen ſeyn? Haͤtte der ge⸗ fährliche Menſch damit den erſien Angriff auf Cäciliens unbewachtes Herz zu machen beſchloſſen 2e — Sie hob das Papier auf, näherte ſich raſch dem Lichte, und erkannte die Schriftzuͤge ihres Gatten. Das verwirrte ſie. „Ich habe ihm alſo abermals Unkecht ge⸗ than?“ Sie betrachtete den Brief aufmerk⸗ ſam, mit wachſendet Neugierde.„Iſt es wohl ein Vergehen, das ſchon erbrochene Schreiben zu leſen? Alles, was von Leopold kömmt, iſt mir Voa Conſtrictor. 1l. 5 wichtig, hat fuͤr mich Intereſſe. Ich liebe ihn ja; was ſeine theure Hand geſchrieben, iſt ja fuͤr mich kein Geheimniß.. es ſoll wenigſitens keins fuͤr mich ſeyn.“ Die ſo gefaͤllige Philoſophie, die ſie, ihre Neugierde zu beſchoͤnigen, in Anwendung brachte, ſiegte nicht alſobald uͤber ihre Bedenklichkeiten: „Wie aber, wenn der Brief von Heckdey's Ver⸗ hältniſſen handelte? von Dingen, die doch nicht mein Eigenthum ſind? Indeſſen... berechtigt mich nicht die kaum verfloſſene Stunde, einen Blick in des Mannes Innerſtes zu thun? Ent⸗ ſchuldigt nicht die Sorge der Mutter die Indis⸗ kretion einer Minute?“— Sie ſchlug das Blatt auseinander. Noch fluͤſterte ihr eine bleiche Ahnung zu:„Lies nicht!“— Sie hoͤrte nicht mehr auf die Stimme. Da ſie aber an die Stelle kam:„„.... Und „„doch, liebſter Freund, iſt in meiner traurigen Lage „„allein nicht mein großtes Ungluͤck zu ſuchen. Ich „„bin elend uͤber allen Begriff, denn ich habe be⸗ „„leidigt, was mir am theuerſten war, und ich — „„finde nicht Leichtſinn genug, mich daruͤber zu be⸗ „„ruhigen,— Da Eugenie an dieſe Stelle gekommen, ſtockte ihr Athem; begieriger oͤffneten ſich ihre Augen. Der giftige Zauber wirkte. „„ mit einem Worte: zwiſchen mir und „„Eugenie hat ſich eine Kluft aufgeriſſen, die ich „zu uͤberſpringen zu ſchwach ſeyn werde. Ich weiß „mnicht, wie es kam, daß ſie, bisher mein einziges „„Gluͤck, in meinen Augen ſich wie zu einem an⸗ »„dern Weſen umgeſtaltet hat. Einſt das alleinige „„Ziel meiner Gedanken, dringt ſie ſich jetzo nur „„manchmal meiner Erinnerung auf, und ich ver⸗ „„ſcheuche ſogar öfters ihr Bild, weil es mein „„ſtrenger Richter iſt. Ich weiß nicht mehr, wie „„es geſchah, daß unſer gegenſeitiges Vertrauen „entwich? Ich bin ihr, einer ſtrengen Hofmei⸗ „„ſterin, ſtets unterthan geweſen, und das beleidigt „„jetzt meinen Stolz. Ich habe viel von ihrer „eiferſuͤchtigen Unduldſamkeit zu leiden gehabt, »„und das empoͤrt mich jetzt, weil... weil ich dem „„feindlichen Argwohn nicht mehr, wie bisher, eine „freie, unſchuldige Stirne entgegen halten kann...! S „„Eugenie hat jetzt ein Recht, mir zu zuͤrnen, „nund. ſo ſchwer mir das Geſtändniß fällt... „„auch Du wirſt es, der theuerſte Freund, den ich F „„auf Erden habe. Denn ich furchte, Deine eig⸗ „„nen Rechte mißkannt zu haben! Diana..1 „„ach, erlaſſe mir das Weitere. Du verſtehſt mich. „„Aber ein boͤſer Abend war's, der in mir eine „„Leidenſchaft hervorrief, die kaum auf Deinen hei⸗ „ßen Inſeln zu entſchuldigen waͤre. Bedaure Dei⸗ „„nen Freund, und vergib ihm. Er iſt genug ge⸗ „„ſtraft, daß er nun Liebe heucheln muß, wo er ſei⸗ „„nen Fehler ſorgſam zu verbergen hat. Das Para⸗ „„dies hat auf ewig ſeine Pforte hinter mir ge⸗ Foſchloſſen. ch Mit einem dumpfen„Weh mir“ ſank Eugenic, wie aufgeldst, in die Kiſſen ihres Ruhebettes. Schaam Zorn, und Liebe kaͤmpften einen harten Streit in ihrer Seele.— Die Tochter, zu ihrer Huͤlfe herbeieilend, fand ſie außer ſich. Doch raffte ſie beſorgt den unheilvollen Brief zuſam⸗ men, und verbarg ihn dem Kinde. Kein Wort der Erklärung ging uͤber ihre Lippen. Verſchloſ⸗ ſen, ſtumm, thränenlos, rang ſie einſam die ganze lange Nacht hindurch mit peinigenden Ge⸗ ſpenſtern, die ihr in ſteter Wiederholung zukreiſch⸗ ten: Verlaſſen von Leopold! Georg hat ihn von Dir geriſſen! Aber Du haſt Georg verlaſſen! Undank trägt auch ſeine Fruchte!« 4. Gejagt vom eiligen Abendſturm trabte der Reiter zum Geſtade des weiten See's hernieder. Die Nebel ſchlugen eine geraͤuſchloſe Schlacht uͤber der Waſſerfläche. Auf den Hohen, bei der verwaiſt ſtehenden Waldhuͤtte, waren einige Mond⸗ ſtrahlen auf Georg's Pfad gefallen, wie eine karge Silberſpende in den Sack des Bettlers; tiefer unten hatten ihm gluͤhende Kohlenmeiler geleuchtet. Am Strande, wo ſchon Häͤuſer an Haͤuſer ſte⸗ hen, den See umrankend, als Vorpoſten des geſelligen Lebens, war die blinde Nacht voͤllig eingebrochen, kaum hie und da erhellt von den Fenergarben einzelner Schmiedewerkſtaͤtten. Die — Pulſe Georg's klopften hitzig, ſteigerten ſeine Fantaſie, daß ſie die getreue Copie eines Nach⸗ mittags entwarf, den ihr Herr und Meiſter vor Zeiten auf den Antillen verlebt hatte. Eine heitere Landſchaft; der Horizont an ſei⸗ nen Raͤndern in den ſchwuͤlen Dunſt getaucht, der ein baldiges Gewitter verheißt. In den Ka⸗ banen der dienenden Neger war Alles ſtill; ſie ſchliefen, die Muͤden. Der Mittag war unge⸗ woͤhnlich heiß, und kaum ſpielte ein ſchwaches Luͤftchen durch den Hangard, worinnen auf ſeiner ſchwebenden Matte der heimgekehrte glͤckliche Contrebandier ausruhte. Agrippina kraute mit den Fingern ſeinen Scheitel, um ihn ſchlafen zu machen. Die juͤngere Diana wehrte die Muͤcken ab, die von den Kronen der ſchlanken Bäume dann und wann herniederfuhren, ein ſummender, uberläſtiger Schwarm. Der Gebieter hatte nicht Luſt, zu ſchlafen, verſchmahte das Cigarrito, wies den Pulque, nach mexicaniſcher Art berei⸗ tet, von ſich. Ein Buch hing nachlaͤßig in ſeiner Hand; ein deutſches Buch, das ſich in jenen Erdwinkel, wer weiß, wie, verloren. Es waren zuſammengetragene Gedichte, gerade ſo kurz und ein⸗ fach, wie ſie ſeyn muͤſſen, um eines Weſtindiers Geiſteskraͤfte nicht beſonders anzuſtrengen. Darun⸗ ter befand ſich das Lied vom Erlkonig. Der Kaufmann las das Lied mit zuſinkenden Augen, und ſpottete herzlich ſeiner kalten und feuchten Heimath, die ſolche traurige Nebel- und Sturmſagen erzeugt. Was kuͤmmerte ihn der verzweifelnde Vater in dem Graus der ſchwarzen Tannen, oder auf der oͤden Haide? was ging ihn der bleiche Kronenträger des Waldes und des Moors an? Heute war ihm anders zu Muthe am ufer des nordiſchen See's, die Haare triefend von der Nebelfeuchte. Das ſchaurige Maͤhrchen fiel ihm ploͤtzlich wieder ein. In der Erinnerung lag etwas Sehnſuͤchtiges. Er wuͤnſchte beinahe eine Spuck⸗ geſtalt herbei, die ihm das Kind ſeiner Gedan⸗ ken entriſſe: einen wilden Racheplan, wie von Furien geboren.— Georg ahnte, daß Eugenie ihm als Feindin, offen oder geheim, von nun an entgegen ſtehen wuͤrde; und ſeinen Abſichten auf Cäcilie zu entſagen, widerte ſeinem natuͤrli⸗ chen Trotz, ſeiner ſchlau verborgenen, aber um deſto gluͤhendern Eitelkeit.„Und muͤßte ſie der Preis eines Verbrechens ſeyn!« tobte es von Mi⸗ nute zu Minute lauter in ihm. Sein Gewiſſen wehrte zwar ſchaudernd ab, jedoch tappte es zur gleichen Zeit nach einem gleißenden Rechtferti⸗ gungsgrunde fuͤr ein unerlaubtes, unedles Mittel.. —„Ich bin doch nicht boͤſe, bin kein Ungeheuer;“ fluͤſterte Georg in ſeinen Mantel:„warum denn entſetzliche Gedanken, wie die meinigen? Es la⸗ ſtet ja nur ein beſchämendes Gewicht auf meiner Seele; und ſelbſt jene That war nicht des Laſters Frucht, war Nothwehr eher zu nennen, als Ver⸗ brechen! die einzige ſchwarze That in einem Leben von vierzig Jahren! warum jetzo Empfindungen und Geluͤſte, unbeſtimmt zwar und regellos, aber die einen abſcheulicher als die andern? Welch' ein Räthſel“ Sein muͤdes Pferd hielt unter dem Schilde eines Gaſthanſes an, und ſtreckte die gierigen — 73— Nuͤſtern nach der offnen Stallthuͤre. Eine wilde Unruhe ſchallte aus der Gaſiſtube. Viele Leute horchten an den geſchloſſenen Fenſterladen, draͤng⸗ ten ſich in die Thuͤre. Kaum, daß ein Knecht des Hauſes erſchien, den Reiter zu empfangen. „Ich will hier uͤbernachten;« beſchloß Heckdey: „ich muß Menſchen ſi ehen, wenn auch laͤrmende, ſtrei⸗ tende. Das Alleinſeyn wird mir immer gefäͤhrlicher.“ Er trat in die Stube. Die Verſammlung darinnen machte dem vornehm Ausſehenden ehrer⸗ bietig Platz. Er ſchritt bis zu dem Ehrentiſche, wo die Honoratioren der Gemeinde zu ſitzen pflegten, und reihte ſich neben Pfarrer und Rich⸗ ter, die mit wichtigen Amtsmienen da ſaßen, begleitet von Polizeijägern. In deren Mitte ſtand ein kleines Maͤdchen, mit einem unſchuldigen Geſichte, ſo ruhig, als ſey nichts vorgefallen; als ſey es voͤllig fremd den Verhandlungen, die eben ſtatt fanden. Waͤren die kleinen, blinkenden Schlangenaugen nicht geweſen, man hätte das Kind fuͤr einen vom Himmel geſtiegenen Engel halten koͤnnen. Und dennoch war das ſchwache Mädchen eine Moͤrderin, eine Verbrecherin mit Vorbedacht. Die Leichen zweier andern Kinder, die Opfer ihrer Tuͤcke, lagen unfern von der kleinen Dirne, triefend und aufgedunſen, auf einer Tragbahre. „Warſt Du es wirklich, Hanne, die des Mehl⸗ bauern Soͤhnlein in den Brunnen geſtuͤrzt hat?“ fragte der Richter.— Und Hanne antwortete, ohne einen Zug zu verändern:„Ja freilich. Die Marianne habe ich geſtern hineingeworfen, und den Kilian wollte ich gerade nachwerfen. Aber er ſchrie, und ich hatte keinen Pfefferkuchen mehr, ihm das Maul zu ſtopfen.“ Gemurmel des Erſtaunens lief durch den Kreis der Umſiehenden. Ein kraͤftiger, hohed Mann, entſagenden Schmerz in dem Geſichte, trat vor, und ſprach:„Nehmen Sie das fruͤhreife Unge⸗ heuer hin, und machen Sie mit ihm, was Sie wollen. Alle meine Kinder, weiß es Gott, ſind ehrlich und chriſtlich, wie, ohne Ruhm zu mel⸗ den, ihre Eltern, aber dieſe Letzte muß uns der Vogel Greif in's Neſt gelegt haben. Sie war nie zu baͤndigen. Ich gebe ſie auf.“ Der ſtrenge Vater drängte ſich aus der Stube. Bei'm letzten Ruͤckblick an der Thuͤre wiſchte er mit der verkehrten Hand die Augen. Hanne war fuhllos, folgte ihm nicht einmal mit ihren Blicken. Ein ſelbſtzufriednes Laͤcheln zuckte um ihren Mund. „Aber wußteſt Du, meine Tochter, daß die armen Kinder ſterben mußten, ſobald Du ſie in den Brunnen geworfen?“ Das war des Pfarrers ſanfte Frage. Wieder verzogen ſich die Lippen der Kleinen zu einem unangenehmen Grinſen, und ſie ant⸗ wortete ohne Zogern:„Ja freilich; darum hab' ich's eben gethan.“ „Und du fuͤrchteteſt nicht den Zorn Gottes, und die Strafe der Menſchen?“ donnerte der empoͤrte Richter ihr zu. Auf die Fuͤhlloſigkeit des unſeligen Geſchöpfs machte der rauhe Ton des Beamten eben ſo we⸗ nig Eindruck, als die milde Stimme des Pfarr⸗ — herrn. Hanne verſetzte vor ſich hin lächelnd: „Daran hab' ich nicht gedacht. Es hat mir ge⸗ fallen; darum hab' ich's gethan.“ Der Anblick der jungen Moͤrderin that wehe, wie ihr tuckmänſeriſcher Scharfblick, der liſtig im Kreiſe umher fuhr, als ſuche er ein Haupt, das der That Beifall nicken moͤchte. Achſelzuckend wendeten ſich von ihr, die Mitleid gefuͤhlt hatten, und der Richter ſchickte ſie in Gewahrſam. Gleich⸗ guͤltig folgte ſie. Mit weit heftigerer Bewegung draͤngte ſich ihr das Volk nach.— Nur der Gaſtwirth, Georg, und ein hagrer, blaſſer Mann an einem Nebentiſche blieben zuruͤck. „Bin froh, daß ſie draußen ſind;“ puhſtete der Wirth:„dergleichen Spektakel ſind mir zu⸗ wider, und wäre nicht juſt vor meinem Hauſe das Ungluͤck geſchehen, ich hätte mich fuͤr die Unterſuchung bedankt.“ „Das Kind iſt wohl nicht recht bei Sinnen?“ fragte Heckdey, aus den Betrachtungen erwachend, die das ſeltne Schauſpiel in ihm veranlaßt hatte. Der Wirth verſetzte:„Ei, im Gegentheil, —— mein Herr. Die Hanne iſt die kluͤgſte von all ihren Geſchwiſtern, aber ſie hat ein grundboͤſes Hetz. Von ihrer fruͤheſten Jugend an war ſie der Henker aller Thiere, die ſie zu vernichten im Stande war. Luͤgen und heucheln und betruͤgen — die Kuͤnſte hat ſie mit auf die Welt gebracht; denn wahrlich: von ihren braven Eltern hat ſie dieſelben nicht gelernt.“ „Wie alt iſt ſie? fragte der Hagre mit meckernder Stimme heruͤber. und der Wirth hierauf, ohne ſich viel nach dem Frager umzuſe⸗ hen:„Neun Jahre, Herr Calculator.« „Ha, das dachte ich mir! entgegnete wieder derſelbe, und in ſein erloſchnes Auge brach ein heller Strahl der Zufriedenheit:„Neun Jahre! das hat nicht anders ſeyn konnen —„Wie ſo 2« fragte nun Heckdey neugierig. Der Wirth machte ihm verſtohlen eine Geberde, als ſey es nicht gar richtig in dem Gehirn des Andern. Dieſer bemächtigte ſich jedoch ſehr eilig des gebotnen Anhaltpunktes, trug ſeine Flaſche auf den Tiſch der Ehrengaäſte, und behann eifrig: —— „Zuvorderſt muß ich Ihnen ſagen, beſter Herr, daß ich durch die unbilligſten Cabalen von mei⸗ nem Calculatorpoſten entſetzt worden bin; es ſind beinahe drei Jahre her. Wenn Sie etwa in der Reſidenz Ihre hohe Protektion fuͤr den Franz Reiberling, der hier vor Ihnen ſitzt, verwenden wollten...2 es iſt mir himmelſchreiend Unrecht geſchehen.“— Als nun Georg verwundert den Mann be⸗ trachtete, ſagte der Wirth, halb unzufrieden:„Ei, Herr Calculator, was geht dieſes den Herrn an, der ein Fremder, ein Reiſender iſt 26 „Wenn auch?“ hob Reiberling wieder an: „wozu das Reiſen, wenn wir nicht allenthalben Wohlthat uͤben und Frieden verbreiten? Ja, mein beſter Herr Reiſender: Sie werden erfahren, daß die Behoͤrde mich auf's ungerechteſte verfolgt hat. Die Leute verlangen nur Kameele in ihrem Buͤ⸗ reau zu haben, Automaten, Rechenmaſchinen. Du gerechter Gott! das Einmal eins kann jeder Bube auswendig, aber Maͤnner von hoͤherm Geiſte, mathematiſche Koͤpfe, cabbaliſtiſche Pro⸗ — 59— videnzrechner gibt es nur wenige, und die lieben Vorgeſetzten heißen unſere Studien Traͤumerei und leeres Stroh. Darum jagen ſie uns aus ihren Kanzleien, als ob wir Nachtwandler waͤren. Beliebt?“ Reiberling bot ſeinem neuen Goͤnner eine ungeheure Doſe, woraus er bereits ſehr tief geſchoͤpft hatte. Dankend, wiewohl verſagend, bat Heckdey dagegen den Providenzrechner, auf die Wurzel des Geſprächs zuruͤckzukommen, und zu erklären, welcher Zuſammenhang zwiſchen ſeiner erſten Ausrufung und der kleinen boͤſen Hanne ſtattfin⸗ den mochte. Reiberling ſammelte ſich, machte ein tiefſinnig Geſicht, und verſetzte, viel und beftig mit den Fingern geſticulirend:„Das verhaͤlt ſich alſo: Die Zahl Drei iſt die heilige aller Zeiten. Warum? weil in ihr Alles enthalten iſt. Sie iſt der Jubegriff alles deſſen, was eriſtirt. Vier, Fuͤnf, Sechs, Sieben geben kein Produkt, das nicht eben ſo gut durch Zwei und Drei erlangt werden könnte. Dieſe heilige Drei, zweimal geſteigert, gibt die hochſie Potenz Neun. — Die hochſte, ſage ich, weil mit ihr die Reihe der Grundzahlen ſich erſchopft. Wie nun aber die Drei die reinſten Verhältniſſe in ſich faßt, und ſomit das Gute, Rechte und Richtige re⸗ präſentirt, ſo iſt die Neune uͤberladen durch die Vier, Fuͤnf, Sechs und Sieben, gleichſam wie mit unndothigen Schlacken, und ſiellt daher den Gegenſatz der Dreie dar. Bedeutet daher die Drei, als die Summe alles Nothwendigen und Uunwandelbaren, das Gute, ſo iſt die Neune das Symbol des Ueberfloſſigen: des Bdſen. So heiligt die Religion aller Zeiten die Dreizahl, und Beſchworer und Zanberer haben zu ihren Arbeiten die Neun kräftig erfunden.“— Nach dieſer ſehr geläufig gegebenen Einleitung ſchaute der Calculator ſeinen Zuhorer mit durch⸗ dringenden, begeiſterten Augen an, als warte er des verdienten Lobes. Heckdey dachte des Shak⸗ ſpear'ſchen:„In ſeiner Narrheit iſt Methode;“ und nickte nur. Reiberling fuhr fort:„Aber auch das Unrechte, das Boͤſe wird Geſetz, und dem Einfluß der Neun entzieht ſich Keiner, der — 36— da lebt. Dieſe Zahl iſt eine Kette, nimmer zu zerbrechen; ein Hohlſpiegel, worinnen ſich die Grundzahl Drei ſtets verzerrt und verneinend wiedergibt. Vermaͤhlen Sie in der kraͤftigſten Rechnungsformel, der Multiplicativn, die Neun mit einer Zahl, welche es ſey: immer haben Sie wieder, die Ziffern des Produkts zuſammenzaͤh⸗ lend, die Neun. Schreiben Sie die 18, die 27, die 36, die 45, die 54, 63, 72 und die 81 2 immer finden Sie wieder Neun, und alſo in's Unendliche. O, dieſe furchtbare Zahl iſt ein La⸗ byrinth, worinnen man freilich immer den Faden findet, aber dieſer Faden iſt eine nie abreißende Kette, die Schraube ohne Ende... ohne Ende« — Er ſtͤtzte den Kopf ein paar Minuten in ſeine Haͤnde. Dann richtete er ſich auf, und ſetzte, wie ermattet, hinzu:„Es ſollen über ſol⸗ chen Gruͤbeleien Menſchen wahuſinnig geworden ſeyn! Aber mein Gehirn iſt ein mathematiſches. Es hält feſt.“— 1 „Um ſo dringender muß ich bitten,. 4 hob Boa Conſtrictor. II. 6 nun Heckdey wieder an. Der Andre erwiederte: „Gleich, gleich, mein Herr. Ich bin ſchon dabei. Von dem boͤſen Kinde war die Rede. Sie ſehen, daß ich nichts vergeſſe.— Alſo, ich babe Stu⸗ dien uͤber die boſe Zahl gemacht, und ihre fatale Einwirkung auf die Geſammtheit gewiſſenhaft verglichen. Bittre Erfahrungen haben mir leider geholfen; gallenbittre, Sie duͤrfen mir glauben. Mit neun Jahren verlor ich meine Eltern; im fuͤnf und vierzigſten heirathete ich ein Maͤdchen, das gerade zweimal neun Jahre alt geworden war. O, mein Herr! ein reifer Mann ſollte nie eine junge Gattin freien! Die Liebe des Vier⸗ zigers iſt nur geſchmeichelte Eitelkeit, und das Weib, am Irrdiſchen klebend, trägt nie des Mannes Herzenstugenden zu Buch; vielweniger ſeinen Verſtand. Das meinige betrog mich, ver⸗ ließ mich, und da ich, vier und fuͤnfzig Jahre alt geworden, allein ſtand, dankten meine Vor⸗ geſetzten den träumeriſchen Calculator ab. Ich furchte nun, daß, wenn Sie mir Ihre Fuͤrſprache nicht angedeihen laſſen wollen, mein drei und ſechzigſtes Lebensjahr mein Hänge⸗ oder Hals⸗ abſchneidejahr werden duͤrfte.“ „Behuͤte uns doch der Allmaͤchtige in allen Guaden!“ ſeufzte der Wirth, das Käppchen ab⸗ ziehend:„Sie ſprechen ruchlos, Herr Calculatvr.⸗ — Worauf entgegnend Reiberling:„Lieber Mann; wem einmal der boͤſe Stern in's Leben ſcheint, dem iſt nicht zu helſen. Mich regiert einmal die boͤſe Zahl, und ſo regiert ſie die Haͤlfte der Men⸗ ſchenkinder; denn die Welt iſt halb gut, halb boͤſe. Mit neun Jahren entwickelt ſich das Ge⸗ muͤth und der Verſtand; in dieſem Alter quaͤlen die Kinder ihre Hunde und Katzen, aͤrgern ihre Eltern und Schulmeiſter, ſtehlen und luͤgen. Zweimal Neun, und ſie ſtehen vor dem Altare, wo ihnen ein grauſames Joch aufgeladen wird, oder reihen ſich unter die Fahnen, baldige Kruͤp⸗ pel oder Leichname. Sechs und dreißig iſt die Abſchiedszahl von Jugend und Freude. Fuͤnf und vierzig das Todesjahr der meiſten Maͤnner; drei und ſechszig der meiſten Weiber Hintritt; ein und achtzig das hoͤchſte Ziel des Menſchen: ein 84— blindes, taubes, lahmes, verruͤcktes Verdaͤmmern aus dem kurzen Erdenjammer in die Geheim⸗ niſſe der Ewigkeit! Wenigſiens ſind dort keine Zahlen mehr, woran die Materie gebunden iſt; alſo keine Furcht. Kein Raum mehr, alſo keine Sehnſucht. Keine Zeit mehr, alſo auch keine Hoffnung.“ In der weichern Betonung der letzten Worte lag doch der Beweis, daß ſelbſt dieſer muͤrriſche, uber⸗ ſpannte, faſelnde Gaſt ungern von der Hoffnung Abſchied nehmen wuͤrde. Es glaͤnzte etwas, wie eine Thraͤne, in ſeinem Auge. Feierlich ſetzte er hinzu:„Aber, was gut iſt, bleibt gut; was boͤſe, bleibt boͤſe. Da läßt ſich mit Stern, Zahl und Verhaͤngniß nicht maͤckeln.“—— „Das glaub' ich auch;“ bekräftigte Heckdey nachher ſich ſelbſt, da er wieder fuͤr ſich die ganze Unterredung mit dem Rechner durchgegangen hatte:„Man zuͤnde eine Sonne in dem Haupte jenes mordbegierigen Kindes an; man pflanze die theuerſten Liebes⸗ und Tugendblumen in ſeine Bruſt. Es wird die Sonne ausloſchen, die Blu⸗ men ausreißen und mit Fuͤßen treten. Der In⸗ ſtinkt behaͤlt die Oberhand, und ich denke, Rei⸗ berling hat hauptſächlich nur in dem einen Punkte gefehlt, daß er annimmt, die halbe Welt ſey gut, und nur die halbe boͤſe. Ich moͤchte be⸗ ſchworen, daß aller Menſchen Hang ein boͤſer iſt, und daß nur Muth oder Gelegenheit fehlen, wenn dieſer Hang nicht durchbricht, wie ein Tiger. Einzelne ſind beſonders den ſchwarzen Maͤchten verfallen, auch ohne ihre Schuld, und ſelbſt das Heiligſte, wie das Beſte, kann nur zu ihrem Untergang beitragen. Ungluͤckliche, unter deren Händen Alles zu kaltem Steine und Metall wird! Denen iſt die boͤſe Zahl gefallen. So viel ich ahne, bin ich unter jenen Elenden. Mein Da⸗ ſeyn iſt ein Krieg gegen das ſchlimme Geſtirn. Sogar die Menſchen, die ich liebe, erben von mir das Unheil. Leopold, mein Freund, Cäci⸗ lie, Kleinod meiner Fantaſie! moͤge doch nicht in eure Haͤuſer mein Ungluͤcksſtern ſcheinen! Eugenie und Ralph gebe ich dem Verhaͤngniſſe preis 1 Georgs Kopf war angegriffen von dem wil⸗ 86 den Beſtreben, die feindlichſten Elemente in ein gewiſſes, ihm paſſendes, Syſtem zu zwingen; ſo ſehr angegriffen, daß er nicht einmal ahnte, welch ein unſeliges Urtheil ſein Mund uͤber zwei Menſchen, die ihn ſidrten, geſprochen hatte. Aber in der Seele ſaß einmal der ſchwarze Fleck. Sie hatte ſchon beſchloſſen, wovor ſie noch zu ſchau⸗ dern ſchien. Waren doch Stern und Zahl vor⸗ handen, Alles zu entſchuldigen. Der Ungluͤckliche vergaß, wie der arme Reiberling, daß die Ge⸗ ſtirne am Himmel hängen, daß der Himmel hoch uͤber ihnen iſt. Der Fatalismus, dem ſich Georg nun ganz ergeben, ſchien ſich am nächſten Morgen zu be⸗ ſtätigen, als der Reiter ſeine Herberge verließ. Er hatte noch nicht eine Meile zuruckgelegt, als ihm eine jagende Poſichaiſe entgegen kam. Luiſe winkte heraus mit dem Tuche.„Halt, halt!“ rief ſie aus allen Kräften.—„Ihre Befehle?“ fragte Heckdey eifrig. In der groͤßten Beſtuͤrzung erwiederte das Fräulein:„Reiten Sie, was Sie konnen. Ederich's Haus liegt in Kohlen und —— Aſche. Ich eile, ſeiner Gattin das Ungluͤck an⸗ zuſagen, ſchonender, als der Bericht von fremden gleichguͤltigen Zungen!“— Schon war der Wa⸗ gen weit, und Heckdey wiederholte noch immer: „In Kohlen und Aſche? Schlag auf Schlag; das iſt uͤbernatuͤrlich. In Kohlen und Aſche!“ Endlich ermannte er ſich, und ritt, wie ein Be⸗ ſeſſener, von dannen. — 2. Der iſt ein Liebling des Himmels, dem er die Qual erſpart, von ſogenannten theilnehmen⸗ den Freunden und Freundinnen eine Ungluͤcks⸗ botſchaft zu vernehmen. Welche Stufenleiter von Pein, die Vorklagen und Vorbercitungen, bis endlich die Thatſache zu Tage ſteigt! Seuf⸗ zer und Sentenzen, halbverſtohlne Thraͤnen und bedeutſames Händedruͤcken, abgeriſſene Worte und melancholiſche Gemeinplätze ſind eben ſo viele Foltergrade fuͤr den Zuhoͤrer, der ſchon laͤngſt — 88— das Aergſte aus den Augen und Zuͤgen des Er⸗ zählers herausgeleſen hat, und vergebens durch ſeine Neugierde den bleiernen Gang des Berichts zu beſchleunigen ſucht. Denn unbewußt folgt der Menſch dem Drange, ſeinen Nächſten ſtufenweiſe zu quälen, wenn ihn einmal das Ungluͤck dem Mitleid preisgegeben. Und wenn wir dabei auch das eigne Herz zerfleiſchen, was kuͤmmert's uns? Wir ſuchen Erregungen und die Luſt des Schauer⸗ lichen. Das Schauſpiel, das Buch, das Pro⸗ ceßdrama, das mit der großten Spannung unſerer Erwartungen zugleich die Ausſicht auf den troſt⸗ loſeſten Ausgang vereinigt, iſt uns das liebſte. Von obiger folternder Art waren die ſchonen— den Eroffnungen des Fraͤuleins Theobald. Sie ſollte von zertruͤmmerten Penaten reden, die ſelbſt keinen Hausaltar beſaß; von den Gefahren eines geliebten Sohnes, ſie die Kinderloſe? Ihr eiſer⸗ nes Herz verlangte nach dem Schauſpiel eines blutenden; ihr Mund ſprudelte verwundende Pfeile. Zu ihrem Erſtaunen ſah ſie ſich getaͤuſcht. Eugenie — endlich nach tauſend Fragen erfahrend, was ſich begeben,— blieb wunderbar gefaßt. Ihre Faſſung war jedoch eher Fuͤhlloſigkeit zu nennen. Nach dem Schickſale Ralph's, der um ſeiner Studien willen in der Stadt zuruͤckgeblieben war, fragten ihre Lippen zitternd, und da es entgegen⸗ hieß:„er lebt, er iſt gerettet! ſo war die Mut⸗ terbruſt befriedigt, und dic Stirne der Chriſtin beugte ſich unter der Pruͤfung, die nur irrdiſche Guͤter betroffen.—„Sagen Sie mir das Naͤ⸗ here;“ ſprach ſie duͤſter, aber ruhig. Cäcilie erinnerte ſie ſchonend an ihre Unpäß⸗ lichkeit. Mit mißbilligendem Blick hieß Eugenie die Tochter ſchweigen.„Vollenden Sie, ich bin nicht ſchwach;“ lautete ihre Bitte an Luiſe, die ſich ihr zu gehorchen entſchloß. „Geſtern Nachmittag,“ erzählte ſie,„war die Mutter ſo unruhig, ünd wollte nicht mehr auf unſerm Garten bleiben. Du wirſt ſehen, wir haben ein Ungluͤck; mir ſo etwas; ſagte ſie beſtaͤndig.— Darum kehrten wir zur Stadt zuruck, und nahmen unſrer Wohnung Beſitz, ob ſie gleich noch nicht odllig aufgeraͤumt wor⸗ den. Wir legten uns fruͤh zu Bette, wurden aber gegen die Mitte der Nacht durch ein ver⸗ wirrtes Getdſe geweckt. Die Glocke laͤntete. Es iſt elf Uhr; ſagte die Mutter. Nein, ſagte ich: das iſt die Sturmglocke; und vor unſern Fenſtern wurde es hell. Wie ich hinſpringe, und ſie dffne, ſche ich Ihr Haus in Flammen. Das Dach brannte an allen Ecken und Enden. Aus meh⸗ reren Fenſtern des zweiten Stocks ſchlug Qualm und Feuer heraus. Wir waren verſteinert, aber auf der Straße ſetzte es einen Lärm, um die Todten zu erwecken. Trommeln, Geſchrei, das 3 Rollen der Feuerſpritzen, die Signale der Pom⸗ piers, das Geheul der Leute, es war ent⸗ ſetzlich. Aber Sie ſind von Ihren Nachbarn ge⸗ liebt. Aller Haͤnde griffen ruſtig zu, und waͤre der Brand nicht allzuverwuͤſtend geweſen, der groͤßte Theil des Hauſes haͤtte gerettet werden koͤnnen.“ „Wie war's mit Ralph, mit meinem Sohne?“ bat Eugenie dringend, und ſchob Cäciliens Hand, die ſie unterſtuͤtzen wollte, von ſich. ——— „Der gute Junge ſchlief, wie man in ſeinem Alter ſchläft. Er war den Tag uͤber mit ſeinem Profeſſor und andern Zoͤglingen im Forſt herum⸗ geſtreift, war muͤde und ſpaͤt nach Hauſe ge— kommen, war nicht einmal zu Mettner's gegangen, um zu Nacht zu eſſen. Er ſchlief, umwallt vom Dampf und Glut. Die Gefahr, zu erſticken, weckte ihn plotzlich. Er ſprang auf, verwirrt, geblendet, kaum mehr athmend. Er wäre gerade in's Feuer gelaufen; um Huͤlfe zu rufen, war zu ſpaͤt. Seine Stimme war erſtickt. Da ſpringt dic Thuͤre auf, eine Mannsgeſtalt erſcheint, ladet mit Rieſenkräften den Juͤngling auf die Schul⸗ tern, und ſchleppt ihn durch den lodernden Graus in's Freie. Verſengt, hie und da von der fal⸗ lenden Lohe beſchäͤdigt, aber am Leben ungefaͤhr⸗ det, athmet Ralph wieder auf an der Bruſt ſei⸗ nes Erretters.“ „Und dieſer Engel in der Noth war Heckdey?“ fiel Cäcilie etwas unbeſonnen ein.—„Heckdey 7 wiederholte die Mutter auffahrend:„nicht moͤglich!“ —— Luiſe verſetzte laͤchelnd:„Nein, wahrhaftig nicht moͤglich. Er befand ſich ja hier, zu Weiſ⸗ ſenbrunn. Nein: ein edler Feind hat Ihren Sohn gerettet. Der Chef der Polizei, Raimund iſt's geweſen. Die Frau von Mettner, nur mit ihrem Liebling Ralph beſchäftigt, hatte ſeinen Namen in die Luͤfte gerufen, hatte ſein Zimmer bezeich⸗ net. Raimund, da keiner von den Hunderten der verzweifelnden Frau Gehoͤr geſchenkt, iſt ſelbſt hineingedrungen, und ihm gelang die gute That.“ „Wolle ihn ſegnen, tauſendfaͤltig, großer Gott!“ betete Eugenie mit Inbrunſt.— „Er iſt verwundet, der liebe Ralph?““ fragte Caͤcilie ſorglich. Worauf Luiſe:„Ungefaͤhrlich, wenn nicht, wie zu befuͤrchten, ein Fieber dazutritt. Auch iſt er herrlich aufgehoben. Da Mettner's Wohnung allzu klein und unbequem, auch den alten Leuten ungeſiorte Ruhe zu goͤnnen, veranſtaltete Rai⸗ mund, daß der Verletzte in Heckdey's Haus ge⸗ bracht wurde. Da liegt er, wie in ſeines Vaters Schooße. Der Neger des Herrn iſt ſtets zu ſei⸗ — 55— nem Dienſte bereit, und auch weibliche Pflege fehlt ihm nicht, da eine im Hauſe befindliche Mulattin ſich ſeiner angenommen.“ „Eine Mulattin? in Heckdey's Hauſe 26 frag⸗ ten die zuhdͤrenden Damen, wie mit einer Stimme. „Hm! Sie wiſſen noch nicht?“ entgegnete Luiſe, ſpottiſch die Naſe ruͤmpfend:„was ſie im Hauſe bedeutet, weiß ich nicht: will's nicht ent⸗ ſcheiden. Aber eine ſchoͤne, große Perſon iſt ſie; ich habe ſie geſehen, weil ich, bevor ich in den Wagen ſtieg, mich mit eignen Augen von dem Zuſtande Ralph's uͤberzeugen wollte. Sie hät⸗ ſchelt ihn wie eine Puppe. Gehen Sie nur, ſagte ſie in ihrem ſremdartigen Deutſch: Diana wird ſchon Acht geben, bis der Herr koͤmmt.“ Caͤcilie hatte, erblaſſend, die Augen nieder⸗ geſchlagen. Aber Eugenie— kaum hatte ſie den Namen der Mulattin vernommen— ſchreckte auf, und rief, wie außer ſich:„Diana! Diana ſagen Sie. 2«— Dann ſank ſie ſchmerz⸗ erfuͤllt zuruͤck, und preßte beide Haͤnde auf die Bruſt, als ſey ihr die Luft ausgegangen. „Mein Gott, Mutter, was iſt Ihnen“ —„Madame Ederich, beſte Freundin, was iſt Ihnen zugeſtoßen?“ fragten, beſturzt herbeiſprin⸗ gend, die beiden Mädchen. Eugenie ſtohnte, auf die Stelle des Herzens druͤckend:„Hier„ hier und konnte kein Wort herausbringen, bis ein Strom von Thränen aus ihren Augen ſchoß, und ſie mit zermalmendem Tone ſchluchzte:„das iſt die Strafe des Himmels! ach, es konnte nicht an⸗ ders kommen, es konnte nicht!“— Plotzlich ſprang ſie auf, und rief zornig:„Aber in den Händen jener Creatur ſoll mein Kind nicht bleiben. Ich will hin, ich ſelbſt... ich bin Mutter.. den Wagen vor; ich will meinen Sohn retten!“— Die Arme! ihre Kraͤfte ver⸗ ſagten ihr den Dienſt. An der Thuͤre ſank ſie nieder, und mußte auf ihr Lager gebettet werden, ſtatt in den Wagen.—— Waäͤhrend zu Weiſſenbrunn kaum nach der Veranlaſſung des ſo plotzlichen Ungluͤcksfalls ge⸗ fragt wurde, bekuͤmmerte man ſich auf dem Schauplatze des Brandes ſehr darum. Es ſchien herausgeſiellt, daß einer Nachläßigkeit des neuen, von Heckdey eingeſetzten Hausmeiſters die alleinige Schuld beizumeſſen ſey. Der Unvorſichtige, wahr⸗ ſcheinlich betäubt in Folge einer abendlichen Schlemmerei, hatte Licht auf den Speicher ge⸗ tragen, und es dort zuruͤckgelaſſen, in der Mitte von vielen zuſammengehaͤuften brennbaren Stof⸗ fen. Die Unerſchrockenheit der zur Rettung her⸗ beigeeilten Mannſchaft hatte beinahe nichts von den werthvollen Gegenſtänden, die das Haus enthielt, in Sicherheit bringen koͤnnen. Geräth⸗ ſchaften, koſtbare Papiere, Geld und Gemaälde hatte die gefraͤßige Flamme verzehrt, der Schutt begraben. Von der Herrlichkeit des Gebaͤudes war nichts uͤbrig, die berußten, nackten Won ausgenommen. Georg war tief erſchuͤttert bei dem Anblick der rauchenden Brandſtätte.„Du trägſt auch hier die Schuld;“ murmelte ſein Gewiſſen:„den alten, erprobten Diener des Hauſes haſt Du vertrieben, um dem juͤngern, leichtſinnigen die — Habe Deines Freundes zu uͤberlaſſen!“ Dabei ging ihm der truͤbe Gedanke durch den Kopf, daß ihm Diana prophezeit, der Freytag ſey ein boͤſer Tag, an dem nichts gelinge; was ſich voll⸗ kommen auf ſein Geſchaͤft in Weiſſenbrunn bezog. Und da er in unſchluͤſſiger Zerſtreuung den Blick auf ſeinen Wandkalender warf, bemerkte er, daß der Tag des Unheils der Neunte des Monats geweſen. Seinen Schmerz erhoͤhte der Zuſtand des jun⸗ gen Ralph's, der ſich von Moment zu Moment verſchlimmerte. Der Schrecken und die Wunden des armen jungen Menſchen hatten in demſelben ein Fieber erzeugt, das ihm den Gebrauch des freien Bewußtſeyns verſagte. Er ſtraͤubte ſich wild gegen die Pflege der Mulattin, und ſchalt ſie eine haͤßliche Schlange. Da Heckdey vor ſein Lager trat, ſeine Hand ergriff, und einige tro⸗ ſtende Worte an ihn verſuchte, wendete er ſich entſetzt ab, entriß ihm die Hand, und ſchrie ohne Aufhoͤren:„Was will der Wolf? Der Wolf koͤmmt, mich zu zerfleiſchen. Rettet mich — 9 vor dem Ungehener!“— Verwirrte Fieberträume, worinnen ſich der Haß des Juͤnglings gegen Georg abſpiegelte, und die den Letztern von dem Bette des Kranken verbannten, um lange nicht wieder dahin zuruͤckzukehren. Nur langſam wich das Uebel den vorſichtigen Anordnungen des weiſen Arztes. Raimund's haͤufige Beſuche— der Leidende erkannte ſtets den Helfer in der Noth— trugen viel zur all⸗ mählichen Heilung bei. Endlich wandelte ſich die Raſerei um in die Ermattung der Geneſung. Ralph ſchlief viel und lange. Aber ſeinen Schlaf beſchuͤtzte nicht die muͤtterliche Liebe; denn auch Eugenie lag zu Weiſſenbrunn hart darnieder. Umgeben von der Sorgfalt Caͤciliens und Luiſens, fehlte ihr dennoch, was ſie ſchnell aufgerichtet haͤtte: ihres theuern Sohnes Umarmung. Sie rief, ſie ſeufzte nach ihm. Levpold's Name kam nicht ein einzigmal uͤber die Lippen der Zernich⸗ teten. Ihren Pflegerinnen blieb die Urſache ihrer ploͤtzlichen Erkrankung ein Räthſel.—— Voa Conſtrictor. U. 7 Zu den Häupten von Ralph's Lager ſaß Diana, finſter, lauernd, bruͤtend. Zu ſeinen Fuͤßen Pluto, ein ſtumpfſinniger Diener; bald kindiſch klagend, bald wieder dem Unruhigen zu⸗ redend, wie eine alberne Amme. Die ſilberhaarige Engelgeſtalt, Frau von Mettner, war eben von dannen gegangen. Der Juͤngling, nach vielem Seufzen und Stoͤhnen, ſank nach und nach in die Arme des bleiernen Schlummers. Da hob Diana in malayiſcher Sprache zu dem Schwarzen an:„Endlich gibt der boſe Bube Ruhe. In ihm fließt eigentlich des unſinnigen Vaters Blut. Auch er ſtoßt zuruͤck, was ihm gut iſt, was ihn liebt. Ein grimmiger Geiſt unter gleißender Huͤlle. Iſt ſeine Mutter ſchon, Pluto?“ —„Die Weißen ſagen's;“ antwortete Pluto gleichgultig:„Das Corromantiweib, Deine Mut⸗ ter, war tauſendmal ſchoͤner, Diana.“— „Sie iſt alſo ſchoͤn..2 wiederholte die Mu⸗ lattin nachdenkend:„Warum beſucht ſie nicht ihren Buben?“— Der Neger machte eine Ge⸗ — berde, Eugeniens Krankheit und ihre Entfernung bezeichnend. Diana laͤchelte boshaft, und klopfte in die Hände:„Hundert Lanzen in ihre Bruſt! recht ſo. Weißt Du, was ſuͤßer iſt als Zucker, Pluto?“ —„Ach, Zucker iſt nicht ſuͤß, denn daran klebt das Blut der ſchwarzen Maͤnner und Weiber. Honig, den die frommen Bienen machen, iſt ſuͤßer, und am ſuͤßeſten Friede und Ruhe. Du meynſt aber die Rache, Diana.“ „Wie Du meine Gedanken zu errathen ver⸗ ſtehſt!““ entgegnete die Mulattin frohlockend:„Dein altes Gehirn iſt aufgethaut an den Flammen des ſtolzen Pallaſtes meines Undankbaren. Und auch meine vertrocknete, erſtarrte Bruſt hat ſich daran gewaͤrmt, daß ſie wieder lebendig klopft. Das iſt die Rache, die der große zornige Geiſt aus den Wolken geſchickt hat. Ich hätte ein Rieſenadler ſeyn moͤgen, um mit meinen Fluͤgeln das Feuer anzuwehen.“ —„Die Fluͤgel haben geſchlagen, auch ohne Dich. Der Herr ſagt, ſein Freund ſey ein armer 7* 150— Mann geworden. Du lachſt deſſen, aber dem Pluto thut er leid, und der Junge, und die Frau, und die artige Tochter am allermeiſten. Ihre dännen Finger find nicht zum Spinnen gemacht. Eher wird der Junge da die Art fuhren koͤnnen.“ „Du biſt ein Tropf, Alter. Die reichen Leute hier zu Lande haben mehr Geld, als in ihren Haͤuſern ſteckt: unſichtbares Geld, das ſie aus⸗ leihen, und das ſich von ſelbſt vermehrt. Der Bube wird leider nicht hacken, und die Schweſter nicht ſpinnen muͤſſen. Wie iſts aber mit ihr? gleicht ſie dem Bruder, oder der Mutter?“ —„Aus dem da“— Pluto deutete auf Ralph—„ſchaut der Vater, wie hinter einer Larve hervor; die Tochter iſt dagegen die Mutter allein und unvermiſcht, wie Deine Augen ſich gleichen. Wenn Pluto ſagte, die Mutter ſey ganz allein auf der Welt geweſen, und habe vor einem Spiegel das Kind geboren, man muͤßte es glauben. Das Geſicht weiß, wie feines Papier, ein Roſenblatt auf jede Wange geklebt, Haare mit Seidenglanz, ſchlanke Glieder und Augen, — 10 wie die eines jungen Lammes... da haſt Du die Tochter Cäcilie. Die matten Geſichter ge⸗ fallen mir nicht, aber die Weißen haben einen andern Appetit.“ „Ja;“ fiel Diana heftig ein:„ſobald ſie wieder, ſchwer von Golde, in ihre kalte Heimath den Fuß geſetzt haben. Jenſeits, wo die Sonne ſcheint, da lieben ſie die Dirnen, die heiß ſind wie die Sonne, gelb wie ſie.“ —„Und die Tochter, ſchwarz wie Kohle oder Sammet;“ erinnerte der patriotiſch-eitle Pluto: „Denke Deiner ſchoͤnen Mutter, Diana.“ „Nein, nein;“ verſetzte dieſe erbost:„ich denke nicht an ſie, nicht an ihr ſandiges Vater⸗ land in der Wuſte, nicht an ihr Grab im feuchten Schatten des Felſens. Ich denke nur an Leopolds weiße Tochter; denn ich ſage Dir: der Herr be⸗ gehrt dieſe zum Weibe, und keine Andere.“ Pluto ſtutzte; beſann ſich ein wenig, und ant⸗ wortete:„Du biſt klug, wie eine Rabe. Er ſetzt ſich an keinen Tiſch, als an den ſeines Freundes; unſer Herr. Von allen Menſchen trennt er ſich, — 202— wie ein Muſchelthier, aber bei Herrn Leopold.. Du ſprichſt weiſe, Diana. Es wird nicht anders ſeyn.“ „Ja, ja! bei allen Sternen, es kann nicht anders ſeyn;“ triumphirte Diana:„ich habe ge⸗ hort, wie er ihren Namen rief. Mein Ohr klebte am Schluͤſſelloche ſeines Schlafgemachs, und er ging darinnen umher, mit dem abſcheulichen Namen im Munde. Er ſeufzte ihn, er hauchte ihn, er ſchrie ihn an die Waͤnde, der Thor. Ich kannte gleich die Stimme der Sehnſucht. Ich weiß noch, wie ſie einſt mich gerufen und gelockt. Verwuͤnſcht, verwuͤnſcht bis uͤber des Lebens Ende hinaus!““ —„Schweige doch. Wer gibt Dir ein Recht, den Gebieter zu verfluchen, Unbeſonnene?“ ſtam⸗ melte Pluto, feige um ſich ſchauend. „Er ſelbſt, der Grauſame, Unbarmherzige, der weiße Teufel!« fuhr Diana mit unterdruckter Stimme fort:„Er hat mich mit Fuͤßen getre⸗ ten, hat mich verkauft, will mich jetzt verſtoßen, um einer weißen, blutloſen Puppe willen! Wo — 103— faſſe ich ihn nur an, ihm weh zu thun, ihn auf⸗ zureiben? Sein Herz iſt nicht von Fleiſch, ſonſt wuͤrde ich's mit dem Mord ſeiner Braut zer⸗ reißen; ſein eigen Leben gilt ihm nichts, ſonſt wuͤrde ich es ihm rauben. Wer ſagt mir, wo er zu verwunden?“ Bei dieſen Worten ſtierte das wuͤthende Weib den Neger plotzlich ſo liſtig und fragend an, daß ſogar dem Schwarzen einleuchtete, ſie habe be⸗ reits ihren Entſchluß gefaßt, und warte nur auf ein Entgegenkommen von ſeiner Seite. Ab⸗ wehrend kehrte er ſich mit dem Geſichte nach der Ecke des Gemachs. Diana ſtieß einen Laut des Unwillens aus, und fiel wieder in ihren vorigen Ton:„Iſt es nicht ein Jammer, daß ich ein elendes Weib bin, und fremd in dieſem Lande, und von meinem einzigen Landsmann verlaſſen, weil er muthlos wie ein Hund? In meiner Bruſt flammt ein männlicher Zorn, der nicht ſchonen wuͤrde, was ihn reizt. Aber dieſe Klei⸗ der, meine Schwäͤche..! Selbſt die Natur ſtreitet hier gegen alle Gefuͤhle der Vergeltung. — 1— Die Erde iſt hier ein traͤger Klumpen, der nicht einmal Gift ſpendet, das auf unſern Inſeln in's Feuſter unſrer Cabanen waͤchst, eine Arznei fuͤr rachbeduͤrftige Geiſter. Glaubſt Du, daß um den ungetreuen Thoren Leopold zu belohnen, ich nicht ſchon laͤngſt dieſen Buben in einem Schluck Pomeranzenwaſſer vergiftet haben wuͤrde 2 „Wehe! was redeſt Du K ſioͤhnte Pluto, und duckte den Kopf in den Winkel, wie ihn ein Straußvogel im Sande begraͤbt. Diana fuhr, ohne innezuhalten, fort:„Ich weiß, wie man es macht, Pluto; Du darfſt mir glauben. Ich habe es einmal mit angeſehen, und zitterte dabei im Stillen. Es war ein Ungeheuer, dem dazumal der Tod zugetrunken wurde; es geſchah ihm recht. Aber, wenn der Herr wuͤßte, was ich ge⸗ ſehen, er ließe mich bezahlte Meuchelmdr⸗ der erwuͤrgen!« —„Uh, uh, halt ein!« kraͤchzte wid der Neger. Er ſteckte die Zeigefinger in ſeine Ohren, um nichts mehr zu horen. Diana beſann ſich indeſſen, daß ſie zu weit gegangen, veränderte — 105— ihr wildes Geſicht in ein freundliches, aber be⸗ truͤbtes, und tippte dem Alten beſcheiden auf die Schulter. Er wendete ſich um, fragend, ver⸗ wundert; und war ſchnell gewonnen von dem weichen Tone, womit die Mulattin zu ihm ſagte: „Wirſt Du mich wieder bei'm Herrn verrathen? wirſt Du ihm wiederſagen, was der Zorn aus Diana's Munde gefabelt 7«— —„Nein, nein, Diana; ich betheure es.“— Pluto ſchien diesmal vollkommen aufrichtig. Den⸗ noch ſprach Diana mißtrauiſch weiter: „Kannſt Du mir dieſes ſchwoͤren bei Deines Vaters Gebeinen?«— Worauf Pluto, ſich ehr⸗ erbietig neigend:„Bei den Gebeinen meines Va⸗ ters, die meine Mutter auf dem Schlachtfelde ſammelte, und in einen Beutel verwahrte. Sie ruhen, wo nicht das Meer, und nicht der Schakal ſie ſidren werden. Ach, meine Knochen werden nicht neben jenen ruhen. Armer Pluto!— Ich ſchwdre bei den Gebeinen des Kriegers.« „Wuͤrdeſt Du mich dem Herrn verrathen, wenn ich das ſchone Haus des weißen Betruͤ⸗ — 106— gers angezuͤndet haͤtte, und hätt' es Dir ge⸗ ſtanden 26— Pluto erſchrack. Eudlich verſetzte er:„Das haſt Du nicht gethan. Biſt geſtern nicht aus dem Hauſe gekommen.“— „Wohl; wenn aber Diana die Verbrecherin wäre?“— Pluto zoͤgerte ein bischen; dann ſchnell entſchloſſen:„Nein; auch dann wuͤrde Pluto ſtumm ſeyn, weil er Diana liebt, wie er ihre Mutter liebte.“ „Schwoͤrſt Du es mir?“—„Beim rothen Fetiſch und der heiligen Trommel; bei der großen Schlange und dem Gedaͤchtniß meiner Vorfahren, die von den ewigen Palmen auf ihren gebun⸗ denen Sohn herniederſehen!“ „Nun denn; ſo ſey getroſt.“ So ſprach Diana feierlich:„Die Zeit wird ſchnell da ſeyn;z bald werden wir ſelbſt uns den morgenden Tag ſchaf⸗ fen muͤſſen, und den vorigen vergeſſen, wie einen Traum. Pertraue mir. So Du mir gehorchſt, ſollen Deine Gebeine einſtens neben denen Deines Vaters zu liegen kommen. Geh aber jetzt dem — 107— Herrn entgegen. Er tobt wieder die Treppe her⸗ auf. Gib mir den Fächer her. Ich will mich ſtellen, als faͤchelte ich dem garſtigen Buben Kuͤh⸗ lung. Wenn aber nur die Hexe wollte, daß ſein Leib mit Honig uͤberzogen, und dann mit Brem⸗ ſen bedeckt wäre, jedes Fleckchen daran eine brennende blutige Wunde!“ 6. Ralph erwachte. Die Fautome der Krankheit waren voͤllig gewichen. Das klare Bewußtſeyn war Sieger geworden.„Wo iſt die Mutter? warum ſehe ich meine Mutter nicht?“ ſo laute⸗ ten die erſten Worte des Juͤnglings. Diana bot ihm Arzney. Er wies ſie zuruͤck, ſah Diana ſtarr an, und drehte ſich nach der Wand. Indem trat Georg ein, und hielt einen Zettel in ſeinen Haͤnden. Sein finſtres Geſicht war helle, zufrie⸗ den, geruͤhrt; die Zeilen, die er trug, waren — 108— von Cäcilien geſchrieben. Er war ſtolz auf den Beſitz dieſes Schatzes. „Wie geht es Dir, mein lieber Ralph ijn er freundlich. Der Juͤngling ſah ihn feſt an, wie vorhin die Mulattin, und antwortete trocken:„Ich fuͤhle mich wohl, aber nach mei⸗ ner Mutter ſehnt ſich meine Seele.“ 5 urtheile von ihrem Schmerze,“ verſetzte Georg, ſo ſanft als moͤglich,„Dich jetzo nicht beſuchen zu konnen, Dich, den ſie ſo zaͤrtlich liebt. Lies dieſen Brief Deiner Schweſter, und ſchdpfe daraus Geduld und Troſt. Oder ſoll ich Dir ihn vorleſen 2“ 3 Ralph ſchuͤttelte heftig das Haupt, griff be⸗ gierig nach dem Papiere, durchlas es mit ſun⸗ kelnden Augen. Dann ließ er die Hände ſinken, und ſeufzte wehmuͤthig:„Meine arme Mutter! ſo tief hat das ungluck ſie ergriffen?“ „Ermanne Dich;“ ſprach ihm Heckdey zu, „gib mir Deine Hand, und ſey getroſt. Wie Du, ſo wird auch ſie geneſen.“ Ralph verſagte den Haͤndedruck, und mur⸗ — 109— melte:„Wann werde ich dieſes Lager, dieſes Haus verlaſſen durfen 20. „Sobald der Arzt es geſtattet;“ antwortete der Andere, etwas empfindlich:„Iſt Dir meine Pflege ſo zuwider? Mangelt Dir irgend etwas?“ Ralph ſchwieg vorerſt, dann begann er wie⸗ der:„Ich will aus dieſem Bette, aus dieſem Hauſt.“ Heckdey runzelte die Stirn:„Du haſt es ſo eben vernommen. Sobald Du vollig hergeſtellt, magſt Du gehen, Deine Mutter beſuchen, und von ihr Abſchied nehmen.“ „Wie ſo? warum?“ Der Juͤngling richtete ſich erſtaunt in die Hohe.— Georg fuhr fort: „Du wirſt ſo bald als thunlich in die Huͤtte von Gruͤnan abgehen, und Dich dort dem Berg⸗ werk widmen. Deine Eltern haben das beſchloſ⸗ ſen, und Frau von Mettner beſorgt ſchon jetzt fuͤr Dich die Ausſtattung. Ich habe Dir die Stelle ausgemacht, und Du duͤrfteſt fuͤr meine Bemuͤhung mir etwas dankbar ſeyn.“ „Sie haben ſich bemuͤht?“ fragte Ralph mit einer Feſtigkeit, die uͤber ſeine Jahre war: „ich danke Ihnen, aber gerade dieſer Umſtand thut mir leid.“ „Leid? wie ſoll ich das verſtehen 26 „Ich will nicht mehr ein Bergknappe werden. Ich will nicht, daß Sie uͤber mein Schickſal verfuͤgen.“ Ralph entwickelte einen unbegreiflichen Trotz. Heckdey entgegnete ihm mit Entruͤſtung:„Ich verfuge nicht, ich kuͤmmere mich nicht um Deine Zukunft. Dein Vater befiehlt, und ihm haſt Du zu gehorchen. Das iſt zu Dir mein letztes Wort. Ich habe bisher Deine Unarten mit dem Fieber⸗ drang entſchuldigt; aber ich ſehe leider, daß dieſe Krankheit den Haß recht ausgebruͤtet hat, womit Du mich beehrſt. Adieu.“* Ralph ſchwieg hartnaͤckig. In der Thüre begegnete Frau von Mettner, dic abermals ihren Liebling zu beſuchen kam, dem Herrn des Hau⸗ ſes. Georg ſagte erzuͤrnt zu ihr:„Sie erſchei⸗ nen zur rechten Zeit. Setzen Sie doch dem Thoren dort den ſidrriſchen Kopf zurecht, und —.— erklären Sie ihm die Pflichten, die er gegen ſeine Eltern auszuuͤben hat.“ Frau von Mettner ſah ihm verwundert nach, naͤherte ſich dann dem Geneſenden, und entfernte mit einem geringſchätzigen Wink die Mulattin, die auch mit ſcheelen Blicken das Feld räumte. —„Was hat ſich denn zwiſchen Dir und Herrn Heckdey zugetragen?“ fragte die gute alte Frau. Ralph, ohne ſich lange zu beſinnen, erwiederte: „Er miſcht ſich in Alles, will mich aus dem Hauſe haben, will mich von der Mutter trennen, während ich ſchon ohne den Vater ſeyn muß. Die Mutter liegt mir aber mehr am Herzen, als der Vater, und ich will nicht in's Bergwerk, will keine Gnade und Verguͤnſtigung von Herrn Heckdey annehmen.“ „Ey, Du hatteſt Dich ja ſelbſt von freien Stuͤcken entſchloſſen... 24 bemerkte ihm die Matrone. Lebhaft nahm er wieder das Wort: „Ich nehme alles zuruck, weil Herr Heckdey die Hand in das Spiel geſteckt hat. Er beſchwatzt die Eltern zu Allem, und meynt es mit uns allen nicht gut.“ — 112— „Pfui! welche Behauptung! Du biſt bosar⸗ tig geworden, Ralph. Herr Georg iſt der beſie und edelſte Freund Deines Vaters. Warum ſchuttelſt Du den Kopf, und machſt ein verneinen⸗ des Geſicht? was gibt Dir das Recht, uͤber einen Mann, der auch Dich liebt, ſo feindſelig abzu⸗ ſprechen 2“ Ralph uͤberlegte; dann hob er ſehr ruhig an: „Ich weiß es nicht, meine gar liebe, zweite Mutter. Aber ich verabſcheue ihn, wie ich eine haßliche Raupe verabſcheue. Ich kann nichts dafuͤr; es liegt in meiner Natur, und was mich in dem Widerwillen beſtaͤrkt, iſt die Betrachtung, daß ſeit Herr Georg i in unſer Haus gekommen, nichts als Unfriede darinnen losgebrochen iſt. Glauben Sie, Frau von Mettner, meinen Worten. Ich luͤge nicht, am wenigſten Ihnen gegenuͤber, die ich ſo herzlich lieb habe. Ich bin ein dummer Bube, wie mich der Vater in der letztern Zeit ſo oft ge⸗ nannt hat; aber wenn ich im Winkel ſitze, mit geſpitzten Ohren, und hinhorche und blinzle, als konnte ich nicht fuͤnfe zahlen, dann ſehe und hore — 113— ich juſt gut. Damit Sie's nur wiſſen: die Ur⸗ ſache verſtehe ich freilich nicht; aber, bevor Herr Heckdey zu uns gekommen, hat meine liebe Mut⸗ ter keine Thraͤnen gekannt; der Vater hat kein Scheltwort fuͤr mich und die Mutter gehabt; Cäcilie hat mich immer wie eine zaͤrtliche Schwe⸗ ſter behandelt. Jetzv iſt das ganz anders. Muͤt⸗ terchen iſt oft von mir in Thränen uberraſcht worden; was ich anfing und that, ſchmaͤhte der Vater; und Cacilie iſt nicht mehr froͤhlich und vertraulich mit mir, ſondern zuruͤckgezogen, ſtumm, nachdenklich. Und obendrein verlangen ſie alle von mir, daß ich den Stdrefried liebe. Der Store⸗ fried iſt aber an all dieſen Veränderungen Schuld. Ich kenne ſein Geſicht. Wenn er mich noch ſo freundlich anlächelt vor den Leuten— kaum haben ſie den Ruͤcken gedreht, ſo wetterleuchten ſeine Augen mich gehaͤßig an. Daſſelbe habe ich auch erlauert, wenn er manchmal mit der Mutter geſprochen, und ſich dann von ihr wendete. Und ich ſoll ihn lieben, der unſern Vater beredet, wozu er nur will, uns zum Unheil? Der Vater wat, Boa Conſtrictor. 1. 8 — 114— als wie ſein Untergebner; er antwortete ihm gehor⸗ ſam auf die hoffaͤrtigſten Reden. Und nun vol⸗ lends ſeine Freundlichkeit mit Cacilien! Ach die thut mir unbeſchreiblich weh, ohne daß ich ange⸗ ben koͤnnte, warum. Aber ich muß immer die Augen abwenden, wenn er vor ihr ſteht, und wie ein Herr und Meiſter in ſie hineinredet.— Da haben Sie, was ich weiß und fuͤhle. Ich bin muͤde, ſonſt wäre ich noch nicht zu Ende.“ Er legte ſich in die Kiſſen zuruͤck, und ließ die Bewegung allmaͤhlich vertoben, zu der er ſich geſteigert hatte. Die Frau von Mettner ſah hin⸗ gegen in all ſeinen Beſchwerden nur krankhafte Verſtimmung, oder die gereizte Eitelkeit des Soh⸗ nes, der, von Vater, Mutter und Schweſter bisher gleich zaͤrtlich geliebt, jetzt eiferſuͤchtig ge⸗ worden, weil er ſich vom Hausfreunde um einige Beweiſe jener Zaͤrtlichkeit verkuͤrzt geglaubt. „Du biſt ein Träumer;“ lächelte die gute Dame ohne Falſch und Argliſt. Trotz des hef⸗ tigen Verneinens des Juͤnglings ſetzte ſie mahnend hinzu:„Jedenfalls biſt Du verbunden zu thun, was Deine Eltern verlangen, und wirſt alſo um einer Laune willen nicht den Stand von Dir weiſen, den Du ſelbſt gewaͤhlt, und Dein Vate genehmigt.“ 2 —„Wenn der Vater befiehlt, und die Mutter es wuͤnſcht, werde ich freilich folgen muͤſſen;e« ſagte Ralph niedergeſchlagen:„aber der falſche Weſtindier ſoll ſich nie mehr um mich bekuͤmmern! —— Zudem,«“ fugte er bei,„waͤre ich lieber Soldat geworden.⸗ »O, Du gottloſer Menſch! Du ſprichſt wie mein armer Salomon, der auch nicht ruhte, bis er im Felde ſtand, um vor den Kanonen der blutgierigen Tuͤrken zu ſallen! Du, ein Soldat? der einzige Sohn will ſolches Herzeleid uber ſeine Eltern bringen? Was brachte Dich auf den Gedanken, Du Schwindler 24 Ralph, zusor ernſt wie ein Mann, laͤchelte nun wie ein Kind, und ſprach von dem Vergnuͤ⸗ gen, in blinkenden Waffen zu gehen, ein Regi⸗ ment zu commandiren, und allenthalben, in Ernſt und Scherz, vorne dran zu ſehn mit wallendem — 116— Federbuſch. Plötzlich finſter werdend, endigte er: „Wer weiß, wozu es gut waͤre, wenn ich einen Degen truͤge? Ich koͤnnte ihn vielleicht einmal gegen einen gewiſſen Jemand ziehen, wenn dem Jemand beigehen moͤchte, einen Schurken⸗ ſtreich an Eltern oder Schweſter ausfuͤhren zu wollen.“ „Pfui noch einmal, Ralph, und hoͤre auf mit dieſen Redensarten, wenn Du nicht willſt, daß ich gehen ſoll, um Dich nicht mehr zu be⸗ ſuchen! Du biſt ein Fantaſt ohne Vernunft und Ueberlegung. Das ſind Poſſen, wie man ſie heutzutage in den Gymnaſien lernt, wo die Schuͤ⸗ ler ſchon den Studenten nachaͤffen; und in den Theatern, wo nur von Dolch, Gift und Degen gefaſelt wird; und in den neuen Buͤchern, die man gar keinem jungen Menſchen in die Hand geben ſollte, wie mein alter Mettner ſagt. Bleibe bei'm Rechten, lieber Ralph, und halte Dich an's vierte Gebot. Ehre deinen Vater und deine Mut⸗ ter, und gehorche ihnen. Denn ſie meynen's gut mit Dir, indem ſie Dir zu einer Laufbahn ver⸗ — 117— helfen, die Deine Zukunft und vielleicht einſt die ihrige ſichert.“ Der rechtſchaffenen Frau rollten Zähren in die milden Augen; ſie faßte den jungen Menſchen bei den Häͤnden, und predigte ihm vor:„Weißt Du, was das iſt, den Degen gegen Jemand ziehen, und deſſen Blut verlangen? Eine Suͤnde iſt's, und Du ſollteſt denken, daß auch der unſchul⸗ digſte Antheil daran ſich fuͤrchterlich beſtraft. Warum iſt jetzv Dein armer Vater von Haus und Familie getrennt? uͤberlege das. Ueberlege aber auch, welchen Aufwand es koſten wuͤrde, Dich in's Kadettenhaus und zum Offizier zu bringen. Wie lange wuͤrdeſt Du nicht einmal im Stande ſeyn, nur die Troddeln zu bezahlen, die Du auf Deine Achſeln hefteſt? Und denke nicht, daß Deine Eltern immer im Stande ſeyen, Dir mit ſchwerem Gelde auszuhelfen. Das Gluck iſt unbeſtändig, und bewaͤhrt ſeinen Unbeſtand an Deinem Vater. Es heißt, er habe viel, ſehr viel verloren; und es iſt am Sohne, zu dieſen bittern Verluſten nicht noch den Kummer hinzuzufugen, — S den ein muthwilliger Eigenſinn den Seinigen be⸗ reiten wuͤrde.“ „Ich will ja ein guter Sohn ſeyn!“ weinte Ralph, ſchnell uͤberwältigt, an der Bruſt der frommen Predigerin. Sie ging zufrieden von ihm. Da ihr Heckdey in den Vorgemaͤchern wieder auf⸗ ſtieß, wendete ſie ſich an ihn. In ihrer Rede, wie in ihren Blicken lag noch die Bewegung der letzten Viertelſtunde. „Zuͤrnen Sie dem armen Jungen nicht; ent⸗ ziehen Sie ihm in ſeines Vaters Abweſenheit nicht die Liebe des Freundes,“ bat ſie zutraulich:„er iſt zur Erkenntniß gekommen. Er iſt wenn man ihn zart behandelt. Die Haͤrte oder Gleichgultigkeit macht ihn trotzig. Verzeihen Sie ihm.“— Heckdey nickte mit gefaͤlligem Lächeln. Frau von Mettner fuhr nun geheimnißvoller fort:„Iſt es wahr, daß Ihr Freund ſo ſehr viel eingebußt?“ — Heckdey bejahte mit allen Zeichen des Be⸗ dauerns.„Wahr, daß er verurtheilt iſt, eine ungeheure Geldbuße zu leiſten, und die ſchweren — 4— Koſten des Proceſſes zu tragen 7«—„Mur all⸗ zuwahr, gnaͤdige Frau.“—„Der arme Mann!“ ſeufzte die Dame. Georg hob wieder mit unterdruͤckter Ruͤhrung an:„Zudem hat er in Papieren ſpeculirt. Die Operation fiel uͤbel aus. Sie koſtet ihn ſchweres Geld. Ich ſage es Ihnen nur in der Voraus⸗ ſetzung, daß Sie nicht einmal Leopold's Gattin vertrauen, was ich Ihnen offenbarte.«— „Glauben Sie das auf's Wort;“ ſagte die Patrizierin feierlich:„wenn wir Weiber etwas verſchweigen wollen, ſo iſt unſer Mund ſichrer, als der Maͤnner Schwur und Siegel.«— 3 „Ich weiß;“ verſetzte Georg, ſich verbeugend: „Um ſo leichter wird ſich ſchweigen laſſen, als der Helfer nicht ſerne iſt. Ich bin Leopold's Freund. Das ſey Ihnen vor der Hand genng. Was meine Kraͤfte aufbringen, gehoͤrt ſein. Damit erfulle ich nur eine Pflicht.« „Sie ſind ein edler, ein ſeltner Mann! lobte die Matrone mit Begeiſterung:„Gott ſicht in Ihr Herz, und wird um Ihrer Tugend willen abermals das Gluͤck in Ihres Freundes Haus zuruͤckfuhren.“—„Das geſchieht gewiß um Leo⸗ pold's Biederkeit willen;“ ſagte Heckdey beſchei⸗ den, und begleitete mit der feinſten Galanteric die geſchmeichelte Dame an die Pforte des Hauſes.— Freundlichkeit und Anmuth verließen ſein Ant⸗ litz, da er in ſein Kabinet zuruckkehrte. Denn auf ſeinem Tiſche lagen Briefe, von zierlichen Kaufmannshaͤnden geſchrieben; aber ſie trugen Trauerworte auf ihrer Stirne, die blaſſen Boten. Was er von dem unghͤcklichen Erfolg der Bor⸗ ſenſpeculationen zu der alten Freundin Leopold's geſprochen, befand ſich ganz der Wahrheit gemaͤß. Da lagen die Berichte, die kalt und vernichtend von Verluſten ſprachen, die ſowohl Heckdey's als Leopold's Habe betroffen.— „Verwuͤnſchte Idee!“ ſchalt Georg dieſen Briefen in's Angeſicht:„verwuͤnſchtes, blindes Vertrauen auf mein Gluͤck! Wie oft hat es mir gelächelt, und gerade jetzo, da ich aus Leopold's Caſſe die Haͤlfte zu den riskirten Geldern geſchopft — habe, gerade jetzo muß die Karte umſchlagen? Wie gerne wollte ich der Verlierende ſeyn, wenn ich nur ihn nicht mit hineingeriſſen haͤtte!“— Dann uͤberlegte er.—„Soll ich den Verluſt allein auf mich nehmen, und wieder in Leopold's Chatvulle legen, was ich daraus genommen? Nicht doch; ich hätte ja auch ehrlich mit ihm getheilt, wenn wir gewonnen haͤtten. Wahrlich, nicht um einen Pfenning haͤtte ich ihn verkuͤrzt. Darum iſi's billig, daß er bis zu beſſern Zeiten auch den Verluſt theile. Die Manipulation, die ich jetzt vorhabe, muß gluͤcken, oder die Hoͤlle haͤtte ſich gegen mich verſchworen. Und am Ende bin ich der Mann, vermittelſt fernerer Darlehen Alles gut zu machen, und wenn ich Cäci⸗ lie heimfuͤhre, zerreiße ich Leopold's Verſchrei⸗ bungen!«— „Cäcilie!« fuhr er fort?„welch ein himmli⸗ ſcher Klang durch das wuͤſte dumpfe Geklimper der Goldſäcke, die von unſerm Reichthum in die Abgruͤnde der Baiſſe kollerten! Cäcilie! wahr⸗ lich: die paar Zeilen, die ich von Dir beſitze, — 122— ſind wie ein Engelbrief gegen dieſe Teufelspapiere. Mammon, ſo gefaͤhrlich zu erringen; Gold, ſo belaſtet mit Fluͤchen, mit Schweiß und Blut beſudelt! hinweg mit Dir. Dieſe Zeilen wiegen Dich tauſendfaältig auf!“— Mit Begierde und Luſt unterſuchte er Buchſtabe fuͤr Buchſtabe in dem Billet.„Dieſe Zuͤge ſo zart und fein, wie ihre Finger, dieſe Worte ſo klar und jungfraͤu⸗ lich, wie ihre Angen, ihre Lippen! Ich werde, ich muß dieſe Haͤnde, Augen und Lippen be⸗ ſitzen. Dir zum Trotz, Eugenie, werde ich's! —— Wenn dieſes Briefchen nur von Liebe dik⸗ tirt worden waͤre! wenn es nut nicht ſo kalt, ſo foͤrmlich waͤre! Wie theuer es mir auch iſt, ſo finde ich doch darinnen nicht eine Sylbe, die nur errathen ließe, was— ſo ſchmeichle ich mir— ihr Geſicht ſo oft ſagte, mit der ſtummen Rede, die ein Liebender ſo ſchnell verſteht!“ Er verbeſſerte hier ſeine eigene Rede, indem er furchtſam hinzuſetzte:„Verſtehen? o, wer iſt unwiſſender als ich, in dieſer Sprache? Hab ich denn jemals gelernt, ein Herz verſtehen? Die — 3— leichtſinnige Heuchelei einer Braut, die mich be⸗ trog; die unterthaͤnigen feilen Liebkoſungen der farbigen Dirnen, die um des häßlichſten Weißen Gunſt buhlen, wie um einen Adelsbrief;..... dieſe waren meine Lehrerinnen. Ich verſtehe nichts von der Sprache der Liebe; ich wage nur Caͤci⸗ liens Freundlichkeit zu meinem Beſten auszulegen. Wer weiß, ob ich mich nicht betruͤge?«— Es draͤngte ihn, von dem unangenehmen Zweifel abzuſchweifen. Er gedachte Ralph's. Sein Mund verzog ſich teufliſch.„Dieſer Bube, welch ein Abſtand von dem Engel Caͤcilie! Die⸗ ſem Buben, trotzig und boͤſe, wie eine Hyaͤne, dieſem ſoll ich verzeihen? Nimmermehr. Mit ihm iſt meine Rechnung offen. Ich werde ſie ſchließen, wann Zeit und Gelegenheit will. Es iſt noͤthig, dem Ungeheuer das Gebiß zu nehmen. Hatte ich nicht, meinen Haß niederhaltend, mich gezwungen, freundlich ihm zur Seite zu ſtehen? Vor wenig Tagen ihm noch ſo feindlich, hatten mich ſeine Wunden, und ſeiner Eltern Ungluͤck umge⸗ ſtimmt. Ich wollte mich zwingen, ihn zu lieben. — 124— Und er ſioͤßt mich zuruͤck? Warte, Bube; in Dir liegt des Verderbens Keim, wie in der la⸗ ſterhaften Bruſt des kleinen Ungethuͤms vom Sec. Ich begegne Dir gewiß, wenn einmal die boͤſe Zahl in Dein Leben ſcheint!“ Mit raſchen Schritten naͤherte ſich ein Mann dem Cabinet. Ohne viele Umſtaͤnde trat Rai⸗ mund bei Georg ein.„Sie entſchuldigen“ war ſein erſtes Wort,„meinen ſo ungewoͤhnlich ſpäten Beſuch. Ich denke jedoch, daß eine froͤhliche Nachricht zu jeder Stunde, ſelbſt der Nacht, will⸗ kommen ſeyn werde.“ Worauf Heckdey, heiter aufathmend:„Eine froͤhliche Botſchaft? Will⸗ kommen; ich bedarf gerade einer ſolchen.“ Raimund plauderte mit einer gewiſſen Freu⸗ digkeit weiter:„Ich komme aus der Audienz. Der Monarch hatte ſeine liebenswuͤrdige, gnädige Stunde. Ich habe den guͤnſtigen Moment be⸗ nuͤtzt, um noch einmal Ederich's Sache zu ſeinen Fuͤßen zu legen. Das neueſte Ungluͤck des Fluͤcht⸗ lings war dem Fuͤrſten ſchon bekannt; er hatte vielen Antheil daran genommen. Der Unfall hat — 125— an Ederich's Schuld und Ungehorſam viel ge⸗ mildert, und des Koͤnigs erhabenes Herz wunſcht nichts lieber, als zu verzeihen. Was die Geld⸗ ſtrafe und die Koſten des unſeligen Duellhandels betrifft, will der Monarch, daß das Urtheil bei⸗ behalten werde; aber das Weitere wuͤrde erlaſſen ſeyn durch die koͤnigliche Gnade, wenn dieſelbe noch einmal angefleht wuͤrde.“ „Das ſoll geſchehen, ſchnell geſchehen:“ er⸗ wiederte Heckdey mit Eifer:„ich bin nicht ge⸗ wohnt, vor Herrſchern zu ſuppliciren, aber um des Freundes willen unternehme ich's gerne.“ „Ich werde Ihnen die Schrift aufſetzen, die Sie Sr. Majeſtät uͤberreichen wollen;“ fuͤgte Raimund hinzu, und machte ſich alsbald an Heckdey's Schreibtiſch an die Arbeit.— „Wie wird Ihnen aber, beſter Herr und Freund, Leopold jemals vergelten koͤnnen?“ fragte Georg honigſuͤß:„er, der Sie fuͤr ſeinen grimmigſten Feind hielt? Und gerade fuͤr ihn haben ſie Ihren Einfluß, ſelbſt Ihr Leben gewagt?“ Raimund ſah ruhig und offen zu dem Weſiin⸗ — 126— dier empor:„Da haben Sie wieder einen Be⸗ weis, daß haͤufig am unverſohnlichſten der, ſo beleidigt hat. Ich muͤßte lugen, wollte ich be— haupten, daß ſich mein Widerwille gegen Ederich in Liebe verwandelt habe. Nichts weniger als dieſes. Aber von dem Augenblick, als ich in mein jetziges Amt getreten bin, in dieſes Amt, das mir ſo viele Macht zu ſchaden gibt, habe ich mir ſelbſt einen theuern Eid geſchworen, gegen niemand nachſichtiger zu ſeyn, als gegen die, denen ich gegrollt habe. Unter dieſen ſieht Ederich oben an. Mit ihm pruͤfte mich vor Allen das Schick⸗ ſal. Ich habe die Pruͤfung beſtanden, weil ich feſter bin als meine Leidenſchaft. Wenn ſie wol⸗ len, iſt es Eigennutz, iſt es Schadenfreude. Ich ſammle mit Luſt feurige Kohlen auf ſein Haupt. Aber, mein Beſter, wenn wir bedenken, wie oft— geſtehen wir's uns— wie oft im Gehirn und Herzen des tugendhafteſten Menſchen Gedanken und Lüſte aufſteigen, ſo verwerflich, ſo boſe, daß wir ſie nicht in Worte uͤberſetzen moͤchten, ſo verdient die Pedanterie der Moral, die nach poſi⸗ — 127— tiven Regeln handelt, und davon nicht abgeht, allerdings etwas Lob. Nach dieſem Lobe geize ich, indem ich frei bekenne, daß Edrich wohl nie einen ſo unermuͤdlichen Warner und Helfer in mir gefunden haben wuͤrde, wenn ich ihm nicht die Ehre angethan haͤtte, ihn gruͤndlich zu haſſen.“ Der Polizeichef fuhr fort, den Entwurf zum neuen Gnadengeſuche niederzuſchreiben, und Heck⸗ dey verſtummte ſeinerſeits. In ſeinem Schwei⸗ gen lag viel Beſchaͤmung. Er fuͤhlte, ahnte— ihm wurde zur Gewißheit, doß er vor Ederich's Feinde ſehr untergeordnet erſcheine; daß ſeine Freundſchaft vielleicht in Leopold's Leben einſt mehr boͤſe machen duͤrfte, als der edle Haß Rai⸗ mund's jemals wieder zum Guten zu lenken ver⸗ moͤchte. Dieſen Ahnungen, dieſer Vorausſicht entgegnete er ein leiſes, aber aufſtrebendes:„Was kann ich dafuͤr? Er rechte mit dem Schickſal k« Und es waren ſeitdem nur wenige Sounen uͤber die Berge gegangen— wie die Rothhaͤute zu ſagen pflegen— als unbemerkt, wie vom Schnecwinde hergeweht, der Fluchtling den Boden betrat, der ihm verboten war. Eine Strecke von vielen Meilen hatte er mit eiligen Schritten durch⸗ pfluͤgt, um ſein Elend in der Naͤhe zu beſchauen. Und er ahnte nichts von dem Umfange deſſelben, ließ ſich nicht träumen, wie rieſenmaͤßig es vor ihm ſich aufthuͤrmen wuͤrde. Gnadig verſchleiert uns der Himmel den kommenden Tag. Wuͤßten wir, was ſo oft unſer wartet, wir hoͤrten frei⸗ willig auf zu leben, nachdem wir kaum unfrei⸗ willig das Leben empfangen. Denn der Menſch iſt ſehend kleinmuͤthig und flieht vor dem Tode in den Tod, während er, mit der Binde vor den Augen, an Abgründen mit der groͤßten Sicherheit taͤndelt, und mit der“ Sanduhr ſein Spiel treibt. Es war am ſpäten Nachmittage. Heftige — 129— Schneewirbel tobten uͤber die hohen Daͤcher der Stadt. Es dämmerte mächtig, und in der engen, ſchmutzigen Thomasgaſſe war ſchon vollige Dun⸗ kelheit eingebrochen. In dem kleinen Hauſe, das ein unglucklicher Schuldner dem Gläubiger Leo⸗ pold als letzte Beute hatte uberlaſſen muſſen, wartete Georg, im voraus benachrichtigt, des Freundes.— Es war ein trauriger Ort des Wiederſehens und des Empfangs. Georg harrte mit ſehnſuͤchtigem Verlangen. Leopold eilte nicht; und da endlich die in den Mantel gehuͤllte Geſtalt durch die oͤde Gaſſe huſchte, geränſchlos auf dem weißen Pfade; da endlich an die ſchmale Thuͤre geklopft wurde, und der Harrende raſch aufmachte, und den Langent⸗ behrten in die Arme nahm, erkannte er denſelben kaum mehr. Und nicht allein das falſche Haar und der trugeriſche Bart entſtellten den Verbann⸗ ten. Eine fahle Blaͤſſe hatte ſeine Wangen uͤber⸗ zogen, die Augen blickten ſchen aus ihren tiefen Hoͤhlen.„Biſt Du's wirklich, mein Leopold 2“ fragte Heckdey tiefbewegt.— Boa Conſtrictor II. 9 — 130— Veopold umarmte ihn ſtumm zu wiederholten⸗ malen. Endlich fluͤſterte er:„Freund.. Diana vergib mir!“— Worauf der andre: „Ich habe Dir nichts zu vergeben. Wer kennte beſſer als ich die Leidenſchaft der Sinne? Kein Wort hievon. Unſer Willkommen ſey das ge⸗ treuer und vorurtheilsfreier Maͤnner.“ Scchtlich erleichtert athmete Leopold auf. Dann ſank er wieder an die Bruſt des Freundes, ſtam⸗ melnd:„Welch ein Ungluͤck! Welche Pruͤfungen belaſten meine Schultern, und wie danke ich doch, ſelbſt in meinem Kummer, der Vorſehung, welche Dich zu mir ſandte, um mich zu ſtärken und zu erheben. Ohne Deinen Beiſtand... was waͤre aus mir geworden! was wuͤrde noch aus mir werden!«— Er ſchwieg. Georg ahnte, daß noch etwas ſeine Bruſt beſchwere. Doch drang er nicht in ihn, und Leopold hielt ſeine innerſte Seele verſchloſſen. Dann wiederholte er langſam alle Unfaͤlle, die ihm Georg's Briefe enthuͤllt hatten, und endigte:„Die wohlbekannte Stadt durchſchrei⸗ — 131— tend, worinnen ich ein Fremder geworden bin, habe ich auch die Stätte geſehen, wo noch juͤngſt der Palaſt meiner ſuͤßeſten Lebensfreuden erbaut geweſen. Wie traurig iſt jetzt die ſchwarze Staͤtte. Ach, wein Georg! einſt ſchmuͤckte die Mauerkrone des Gluͤcks mein ubermuͤthiges Haupt. Jetzt ſind ihre ſchoͤnſten Zinnen eingeſtuͤrzt, und der Bruch ihrer Thuͤrme läßt dem Unheil volle Gewalt, ver⸗ heerend in meine letzten Guͤter einzudringen.“ „Muth, Muth!« troſtete Heckdey, wie immer: „Nichts auf Erden iſt ewig verloren; Alles wieder zu gewinnen. Dieſe Wahrheit ſcy Deines Schif⸗ fes Compaß; ich will ihm ein tuͤchtiger Anker ſeyn. Sieh: ſchon beginnen Deine Sterne heller zu leuchten. Ich habe die Erlanbniß benuͤtzt, vor dem Throne Dein Gnadengeſuch niederlegen zu duͤrfen. Der Konig wird willfahren, und ich darf hoffen, daß, ſobald der Fuͤrſt von ſeinen Jagden zuruͤckgekehrt, Dein Freibrief ausgefer⸗ tigt werde. Geduld alſo; und leicht wirſt Du einige kurze Tage hindurch noch ertragen, was Du durch lange Monate ertrugſt. Der Verluſt, 9* — 132— der Dir und mir in unſern Speculationen erwuchs, wird— ich erwarte es zuverſichtlich— durch meine neuen Combinationen mit Zinſen einge⸗ bracht werden. Dein Haus brannte nieder; doch haſt Du nicht den Tod eines Weſens, das Dir theuer iſt, zu beweinen. —„Gott ſey Dank!« ſagte Leopold ſeinerſeits: „Dieſes ſtärkt auch meine Zuverſicht. Ich war auf dem Punkte, abergläubiſch zu werden. Das Ungluͤck erzengt den Aberglauben. Wenn ich— wie ſo oft in ſchlummerloſen Naͤchten— des ar⸗ men Wandersheim mich erinnerte, war ich geneigt, mir in ihm eines jener prädeſtinirten Dpfer eines ſchwarzen Verhängniſſes zu denken, deſſen Fluch ein Erbtheil Aller wird, die ihm die Hand zur Huͤlfe oder zum Bunde reichten.“ „Etwas Wahres mag wohl an dem Aber⸗ glauben ſeyn;“ bemerkte Heckdey duͤſter;„viel⸗ leicht iſt oft, was wir Wahrheit nennen, ein tauſendmal wiederholter Irrthum; aber gewiß iſt auch, daß wir nur durch ein Labyrinth von Irr⸗ thuͤmern zur Wahrheit gelangen. Immerhin iſt — 133— Wandersheim die Wurzel Deines Ungluͤcks gewe⸗ ſen, und ein ſchlimmer Tag war's, an welchem Du Dir vornahmſt, Deinen Hausaltar zum ſei⸗ nigen zu machen.“ —„Moͤge der Tag gluͤcklicher ſeyn,“ fuͤgte Leopold raſch hinzu,„der meine neue Wahl be⸗ ſcheint. Georg! ich habe mit Verwunderung Deinen Brief geleſen. Die Zeilen, die ich meyne, ſind nicht klar; ſie laſſen eine Doppeldeutung zu. Dennoch glaube ich, ſie verſtanden zu haben; und darum frage ich Dich gleich jetzt, vor allem Andern, Aug' in Auge, mit der zaͤrtlichſten Be⸗ ſorgniß eines Vaters: Habe ich recht verſtan⸗ den? begehrſt Du Cäcilien's Hand 2e Heckdey mit niedergeſchlagenen Augen, erwie⸗ derte nach einigem Schweigen eintoͤnig:„Du haſt mich verſtanden. Ich begehre die. Hand Deiner Tochter.« —„O Du raͤthſelhafter, verſchloſſener, un⸗ faßlicher Menſch! Welch Zauberwerk hat Dich umgeſchafſfen? Was Du verworfen, was Du verſchmäht— die Ehe, häusliches Glück— dar⸗ — 134— nach ſtrebſt Du heute? Und die Du verlangſi, iſt ein Kind, das Du unlängſt noch gehofmeiſiert? 2 Wahrlich, dieſer Antrag, dieſes Werben— es traf mich wie ein Strahl aus heiterm Himmel.“ Georg war in ſeiner vorigen Stellung unbe⸗ weglich verblieben.„Wie des Himmels Strahl? alſo verſengend, furchtbar, zerſidrend 2“ fragte er wie oben.— —„Deutle nicht an den Worten, die ich viel⸗ leicht ungeſchickt gewaͤhlt, um mein Erſtaunen zu bezeichnen. Meine Liebe zu 2 Dir iſt viel zu groß, als daß ich nicht wuͤnſchen ſollte, Dich immer enger mit mir zu verbinden; ich ſchaͤtze allzuſehr die Ueberlegenheit Deines Geiſtes, um nicht voraus⸗ zuſetzen, daß Du in Deiner Weisheit reiflich er⸗ meſſen, welchen Schritt Du zu thun begehrſi. Dein Alter und Cäcilien's, ihre Anſpruͤche und die Deinigen, das bisherige ſtille Leben der Un⸗ ſchuldigen, und Dein bewegtes, erfahrungsreiches Daſeyn—— Du wirſt die Ertreme beleuchtet, alle Verhältniſſe ſorgſam abgewogen haben. Wie ich Dich kenne und beurtheile biſt Du in ſtiller Ueberlegung mit Dir auf's Reine gekommen, und weißt nun genau, was Du Cäcilien zu bieten, was Du von ihr zu erwarten. Du, der Ver⸗ ſtändige, wirſt nicht hoffen, Dein Gluͤck da zu finden, wo mein Kind nur ſein Unglaͤck finden wuͤrde. Du mußt alſo Dir bewußt ſeyn, die Kraft und den Willen zu beſitzen, Cacilien's Le⸗ ben zu verſuͤßen. Dieſes vorausgeſetzt, und nicht minder als gewiß annehmend, daß, wie Du be⸗ haupteſt, das Mädchen Dir zugethan, wenn gleich bisher noch uber ſeine Gefuͤhle nicht im Klaren, — gebe ich meine Einwilligung von ganzem Her⸗ zen. Und moͤge der Tag eurer Verlobung gloͤck⸗ licher ſeyn, als Wandersheim's.« Georg hatte finſter und ungeduldig zugchort. Gegen den Schluß von Leopold's Rede kläͤrte ſich ſeine Stirne auf; er druckte des Freundes Hand: „Du begluͤckſt mich; Du retteſt'mich ſogar vor einer ſtuͤrmiſch wilden Zukunft. Wenn nur Eugenie in Deine Abſichten einſtimmte. doch fuͤrchte ich 14 Ein helles Roth flog uͤber Leopold's gebleichte — 136— Wangen.„Laß mich machen;“ ſagte er aufge⸗ regt:„ich habe von Dir ſo viel Standhaftigkeit gelernt, daß ich dem Eigenſinn jenes Weibes zu begegnen wiſſen werde. Wenn nicht der Vernunft, doch meinem Befehle wird ſie gehorchen muͤſſen. Ich bin nicht beſonders gut gegen ſie geſtimmt. Ich weiß nicht: iſt es das Bewußtſeyn der eignen Schuld, das mich verblendet? aber in ihren Brie⸗ ſen finde ich nicht mehr die Liebe, das Vertrauen von ehedem. Die Entfernung, die Abweſenheit.... o, dieſe morden jedes Seelenbuͤndniß!“— Er ſeufzte; denn er hatte einen Blick in das eigne Innere geworfen.— Nach einigem Stillſchwei⸗ gen begann er wieder, beinahe ſchuͤchtern, zu dem Freunde:„Aber auch Du, Georg, mußt von früͤhern Gewohnheiten laſſen, und vor Allem ein Weib aus Deinem Hauſe entfernen, das einſt Dein und Cacilien's Satan werden koͤnnte.“ —„Sorge nicht, die Creatur ſteht ſchon auf der Verbannungsliſte. Sie weiß ihr Schickſal, iſt damit einverſtanden. An mir iſt's, ihre Entfer⸗ nung zu beſchleunigen. Wenn Du begehrſt,— — 137— und ich ſche ſelbſt die Nothwendigkeit ein— ſo muß ſie in den naͤchſten Tagen aus dem Hauſe.“ „Du thuſt wohl daran. Cäcilien's Bräutigam muß die Vorurtheile der Welt zu ehren wiſſen. Vertraute Maͤnner verzeihen ſich viel, nicht wahr, Georg? Indeſſen... Leopold ſtockte. Heck⸗ dey nickte laͤchelnd. Dann ſah er auf die Uhr: „Es iſt Zeit; um dieſe Stunde habe ich die Poſi⸗ chaiſe vor das Thor beſtellt;“ ſagte er:„Du wirſt Verlangen tragen, Dein Weib wiederzu⸗ ſehen?“ Leopold machte ein ſonderbares Geſicht. Er wollte ſchnell antworten; doch verſchluckte er das Wort, wie eine Uebereilung. Mit der Hand uͤber die Stirne fahrend, verſetzte er:„Beinahe moͤchte ich das Gegentheil behaupten. Ich bin von ſelt⸗ ſamer Ahnung befangen. Schon ſo lange ſah ich keine Zeile von Eugenien's Hand. Zuͤrnt ſie, oder iſt es die Krankheit, die ſie verſtummen macht? Mein Herz ſchwebt zwiſchen Angſt und Zweifel.“ „Ei, ſo nimm Dich zuſammen! Zürnen? —— warum? was ſollte dieſen Zorn erregen, und furchteſt Du das Schmollen eines Weibes?— Du zitterſt, Leopold? was iſt mit Dir vorgegan⸗ gen? Du biſt ja das Bild des boͤſen Gewiſſens? So wäre es nicht die Sehnſucht nach Deinen Lieben, die Deine Wangen bleichte, und Deine friſchen Augen verduͤſterte?* Mit einem Strome von Thränen umfaßte Levpold ſeinen Freund, und ſagte ihm leiſe in's Ohr:„Der unſeligſte Zwiſt mit mir ſelbſt raubt meinen Nächten den Schlaf, das Roth meinen Wangen. Ach, wie gebrechlich, ach wie boſe, wie leicht zu verlocken iſt der Menſch! Nur in ſeiner Blindheit, nur am Gäͤngelbande iſt er glucklich. Deine Reden, Dein Beiſpiel haben eine neue Welt vor meine bloͤden Augen geriſſen.. ich komme um, in dem ungewohnten Sturm meiner Em⸗ pfindungen!“ Während Leopold ihn ſchluchzend umklammerte, fuͤhlte ſich Georg von der Begeiſterung des jubeln⸗ den Abgrunds ergriffen. Er war an ſeinem erſten Ziele angelangt. Er hatte, wie ihm klar wurde, — 139— Leopold's Tugend und Grundſätze tief unter ſei⸗ nen Fuͤßen. Der Stern war aus ſeiner Bahn gewichen, um mit Georg's Geſtirne wild durch den Raum zu taumeln bis zum Falle.— Und dennoch wuͤhlte darob ein Schwert in Heckdey's Seele, obgleich ſeine Lippe lächelte. Triumphi⸗ rend, daß ihm der Freund gleich und ähnlich geworden, trauerte er um ihn. Denn er liebte wahrlich den Freund. Und ſo moͤgen wir uns oft ein Maͤhrchen er⸗ ſinnen von einem gefallnen Geiſte, der noch Edel⸗ muth genng behielt, einen Engel zu lieben, und dennoch vom Abgrunde ſchon ſo viel Dämonen⸗ begierde erbte, um den geliebten Engel aus den leuchtenden Reihen ſeiner Gefaͤhrten hernieder in die eigne Finſterniß zu zerren. Aber in dem Mährchen liegt eine Wahrheit, die ſich alle Tage vor unſern Augen begibt. Auf der Himmelslei⸗ ter ſind immer Fehr der Herabſteigenden, als der Hinanklimmenden.—— Georg wußte nun des Raͤthſels Sinn, wenn auch nicht das Wort deſſelben. Da Leopold nach dem Halbgeſtändniß ſchwieg, ehrte Georg ſein Schweigen. Er hatte laͤngſt erfahren, daß der Apfel fällt, ſobald er reif geworden.„Nimm Dich zuſammen!“ wiederholte er, und zog den Verbuͤn⸗ deten mit ſich fort. Sie ſchlichen an Heckdey's Wohnung voruber. Ein duͤſtres Licht ſchimmerte durch die Vorhaͤnge.„Willſt Du Deinen Sohn ſehen?“ fragte Georg.— Levpold zoͤgerte. Neinz ſagte er dann: vich betrete Dein Haus nicht, bevor das Weib nicht von dannen ging.“—„Recht.“ An der Ecke wartete Pluto.„Fuhr der Wagen ſchon aus dem Thore?“ fragte Heckdey.—„So eben. Maſſa iſt bedient.«—„Ich werde zwei Tage wegbleiben, Pluto fluͤſterte ihm der Herr zu, während der vermummte Leopold weiter ging: „Haltet gut Haus, ihr farbigen Unken. Eure Freilaſſung iſt vor der Thuͤre. Ihr ſollt den har⸗ ten Winter hier nicht aushalten. Vermuthlich kehre ich als Braäutigam zuruͤck, und dann ſeyd Ihr entlaſſen. Eine junge Frau will junge und neue Geſichter.«— Pluto verneigte ſich ſtumm.— Vor dem — 141— Thore ſticgen die Freunde in den Wagen. Raſche Pferde brachten ſie vom Fleck. Leopold beklagte ſein Schickſal, fluchtig ſeyn zu muͤſſen, auf hei⸗ mathlicher Erde. Georg ſprach wieder von des Koͤnigs Gnade. Leopold zuckte die Achſeln, und redete von den unmäßigen Summen, die Wan⸗ dersheim's Duell ihm koſten werde, und von der Entbloßung ſeiner Caſſe.—„Bin ich nicht da 24 — fragte Georg wie gewoͤhnlich. „Ei, wie tief bin ich nicht ſchon bei Dir ver⸗ ſchuldet!“ ſeufzte Ederich. Da drehte ſich Georg lebhaft zu ihm, und begann:„Ich haͤtte ſchier vergeſſen... Du bedarſſt meiner Huͤlfe am Ende nicht. Es kam ein Antrag von Deinen Bekannten, den alten Mettner's, an mich, ihn Dir vorzulegen. Die alten Leute haben wunder⸗ barerweiſe wieder ziemlich Geld erhalten. Sie wiſſen nicht, was damit beginnen, und ſchenen— wie gebrannte Kinder das Feuer— einen moͤg⸗ lichen nochmaligen Verluſt. Zu alt und unbe⸗ holfen, um ſich ſelber mit dem Betrieb der Capi⸗ talien abzugeben,— zugleich dankbar fuͤr Deine viclen Liebesdienſte, und wiſſend zum Theil, daß Dir jetzt gerade baare Summen willkommen ſeyn duͤrften, haben ſie ſich entſchloſſen, wenn's Dir gefällt, Dir ihr ganzes Vermoͤgen als Eigenthum gegen eine gewiſſe mäßige Leibrente auszuliefern.“ „Bewahre!“ rief Leopold:„noch eine Sorge mehr? eingetauſcht gegen eine Handvoll Goldes, die nicht einmal hinreicht... „Du ſchuͤtteſt wieder das Kind mit dem Bade aus;“ unterbrach ihn Heckdey:„Meinetwegen ſage zu, meinetwegen laß es bleiben. Aber ich, an Deiner Stelle, wuͤrde mich nicht beſinnen, zuzuſchlagen. Der Alte, aufgezehrt von Gicht, die Frau mit wankender Geſundheit— wie lange werden ſie noch leben? Die Sichel des nächſten Fruͤhlings mäht wohl das eine der wackelnden Haͤupter zur Ruhe, und da die beiden Leute, den Inſeparables gleich, von Anbeginn ſolida⸗ riſch gelebt bis auf dieſe Stunde, folgt gewiß in Kurzem auch das andere Haupt dem Vorgaͤnger in die Grube.“ „Puh! ich weiß nicht, warum Deine Reden — 143— mir heute ſo unheimlich und frech vorkommen 2 entgegnete Leopold:„aß' uns abbrechen.“ — Wie's Dir gefaͤllt. Du biſt gereizt, und weißt nicht zu unterſcheiden, nicht zu beurtheilen. Ich begreife nicht, wie meine Reden unheimlich oder frech geweſen ſeyn koͤnnen. Ich ſprach in Deinem Intereſſe, und pflege ſtets das Kind bei ſeinem wahren Namen zu nennen. Die Leiſtung einer Leibrente gegen den Empfang von ſogenann⸗ ten verlornen Fonds, iſt immer auf den Tod des Leibrentners baſirt; auf ſeinen vorauszuſehenden, nicht gar zu lange zoͤgernden Tod. Methuſalem wuͤrde ſchwerlich einen Narren finden, der ſich in einen ſolchen Pakt mit ihm einließe. Punktum aberz denn auch mir wird die Geſchichte langwei⸗ lig. Des Menſchen Wille iſt ſein Himmelreich. Jedenfalls bin ich in Noth und Tod zur Hand.“ 8. Von ſchwerer Krankheit erſtanden ſeyn, der Jugend, der Kraft und der Geſandheit wieder — 1 angehoͤren, iſt ein Vorgeſchmack der Seligkeit, wie wir Erdgeborne dieſelbe begreifen. Nichts vergißt ſich leichter, als des Koͤrpers Leiden. Vor Allen der Juͤngling läßt gern die Vergangenheit dahinten, um heißdurſtig nach der Zukunſt zu langen. In dem gluͤcklichen Alter läͤugnen wir ſogar den Tod. Wir glanben, mit ihm den Strauß beſtehen zu koͤnnen, und wir meynen oft, das Geſetz der Vergänglichkeit konne wohl fuͤr uns eine Ausnahme gemacht, uns die Unſterblich⸗ keit uͤbrig gelaſſen haben. Ralph genoß dieſe Wonne mit vollen Zuͤgen. Die ihm angeborne Ungeduld vermehrte ſeine un⸗ geſtume Aufregung; träge Erwartung, dulderiſche Sehnſucht waren ſeine Sache nicht. Leopolds Weichheit hatte er in geringerm Maße, als ſeiner Mutter kraͤftige Beharrlichkeit geerbt. Darum liebte er auch die Mutter ſo abgoͤttiſch, wie Cäcilie ſonſt am PVater gehangen; und darum zogen ihn allmaͤchtige, zauberiſche Gewalten zu ihr, die er ſo lange nicht geſehen. Der fruͤhe Morgen fand ihn ſchon aufrecht, — 145— beſchaͤftigt, ſeinen Torniſter zu packen. Pluto uberraſchte ihn bei der Beſchäftigung, und wunderte ſich hochlich.—„Was will junger Herr 26 fragte S wohlgefällig das blanke Ränzchen beſchielend. —„Fort;“ hieß die Antwort.—„Iſt ſo kalt draußen, junger Herr.“ —„Was kuͤmmert's mich! Der Schnee kniſtert ſchon, der geſtern fiel. Zur Mittagſtunde fahre ich mit dem Poſtwagen bis an den See. Dann tanze ich die paar Stunden weiter bis nach Weiſſenbrunn.“ „Junger Herr iſt krank geweſen; ſollte nicht fortgehen.“ So meynte der Neger. Aber Diana, die eben haſtig aus den innern Zimmern kam, ſagte unwillig:„Was haſt Du Herrn Ralph zu meiſtern? Er iſt geſund, und ſeiner Fuͤße Herr. Liefeſt Du nicht auch, bis Dir die Sohlen bluten, wenn Du Vater, Mutter und⸗Schweſier wieder⸗ ſeben koͤnnteſt 26 Pluto bejahte wehmuͤthig, und wendete ſich dann zum Juͤngling;„Sie hat recht. Auch Ihren Vater werden Sie dort ſehen; denn Pluto muͤßte Boa Conſtrictor. 1. 10 gar zu blind geworden ſchn, oder er hat ihn trotz Perruͤcke und Schnurrbart in dem Herrn erkannt, der geſtern mit Maſſa verreiſte.“ —„Deſto beſſer; obgleich Schade, daß Herrn Heckdey's Gegenwart mir die Freude, meine Mutter zu umarmen, ſehr verbittern wird. Ge⸗ wiß hat er den Vater verhindert, mich zu be⸗ ſuchen; denn— obgleich der Vater mich nicht mehr liebt, wie ſonſt— beſucht hätte er mich dennoch.“— Der junge Menſch wiſchte ſich eine Thräne aus den Augen.— Hierauf fuhr er fort: „Deſto beſſer, ſage ich noch einmal. So werde ich gleich wiſſen, woran ich bin. Die Mutter wird mir helfen.«* — An Heckdeys Bergwerke und ſeine eigne Soldatenluſt denkend, ſprach Ralph die letzten Worte vor ſich hin, und bemerkte nicht, wie Diana dem Neger ein Zeichen machte, ihn in ſeinem Vorſatze zu beſtaͤrken. Pluto huſtete verlegen.„Ja, ja; Pluto ſieht ietzt alles ein. Junger Herr iſt weiſe. Wann verreiſt junger Herr — 147— —„Punkt elf Uhr, Alter. Ich werde zu Mettners gehen, und meinen Beſuch machen. Du magſt den Torniſter nachbringen, und mich am Poſthauſe erwarten.“— Ralph pfiff ein frohliches Liedchen, und ſprang die Treppen hinab, ohne der Mulattin ein Lebewohl zu ſagen. Er war trunken von dem Bewußtſeyn, jetzo zum Erſten⸗ mal ſeinen freien Willen zu haben, und nicht erſt einer Erlaubniß zu beduͤrfen, ſeiner Laune nach⸗ zuhaͤngen.„Wie werden ſie in Weiſſenbruun uberraſcht ſecyn! wie werden ſie mich liebkoſen und mich loben!“ jubelte er in ſich hinein.— Dieweil begann Diana zu dem aufhorchenden Pluto:„Biſt Du nicht toll, alter Narr, daß Du den Wildfang aufhalten wollteſt? Pfui uͤber den groben Buben, pfui uͤber den läſtigen Aufpaſſer. Heute vor Allem iſt er uͤberfluſſig.« „Heute? warum?“ Pluto ſuchte verlegen in den Blicken der Mnlattin zu leſen. Sie funkelten, erhitzt, drohend, ſchadenfroh. Und Diana's Mund brach ebenfalls ſein Siegel. Er ſprach zu dem verdutzten Schwarzen:„Heute iſt's an der Zeit, — 148— einen Streich zu vollfuhren, der uns rächt, unſern grauſamen Herrn beſchaͤmt, und unſte Zukunft ſichert. Ich habe die ganze Nacht daruͤber nach⸗ gedacht. Der koſilichſte Augenblick iſt gekommen.“ —„Ja, Du haſt nicht geſchlafen;e beſtaͤtigte der Alte:„Pluto hat Diana's Licht nicht ver⸗ loſchen geſehen. Pluto hat auch nicht geſchlum⸗ mert, und immer das Auge an Diana's Fenſier gehabt. Aber was meinſt Du denn eigentlich, Tochter der ſchoͤnen Corromantifrau 2« „Du ſollſt auf Deine eigne Frage ſelbſt aus Deinem Herzen antworten;“ entgegnete Diana triumphirend, und hob alſogleich mit dem Verhoͤr an:„Iſt wahr, daß der Herr vor ſeinem Ab⸗ ſchiede den unſrigen verkundete 2—„Ja.“— „Hat Dir gefallen, was er ſagte?—„Nein, o nein. Iſt ein Ungluͤck fur uns.“—„War⸗ um?“ — Weil Maſſa uns ablohnen wird mit ein paar Gourden; zu verhungern der alte Pluto, zu verderben die junge Diana.“—„Warum haſt Du nicht geſchlafen 2* — 149— —„Vor Gedanken.“—„Welche 2.—„Ge⸗ danken an das, was Maſſa geſagt.“— —„Sieh: das war auch mein Fall. Aber biſt Du zu einem Entſchluß gekommen 7«— Pluto, betroffen:„Entſchluß, nein, welch ein Entſchluß 2—„Weshalb denkſt Du denn nach 2“ —„Gedanken bekuͤmmern mich. Sind wie die Schlange, die ſich in den Schweif beißt: rund, haben kein Ende.—„Nun: meine Gedanken ſind Schlangen, die an's Ziel ſpringen. Ich habe einen Entſchluß gefaßt.“—„Du?—„Ja; und zugleich gefunden, daß Du ihn theilen mußt.“ — Warum 7“— Weil unſer Zweck derſelbe iſt.«— Pluto ſchuttelte unglaͤubig den Kopf:„O, Diana! Viſt jung, Pluto iſt alt. Pluto kann nicht verlangen, was Diana.“—„Und dennoch, Ungläubiger. Sage mir: was wünſcheſt Du 2.— „Hm! in der Geſchwindigkeit mochte Plutv viel angenehm leben, bis an ſein ſpaͤtes Ende; im Ueberfluß, ohne Sorgen. Nicht von Almoſen, nicht unter der Peitſche, nicht im Gefängniß. Pluto fuͤrchtet Hunger und Pruͤgel, wie das Un⸗ — 150— geheuer, das dfters an den Himmel kommt, um den Mond zu verſchlingen.“ „Ich auch; ich wuͤnſche daſſelbe, was Du. Und von dem Hekrn erhalten wir nur ein Almo— ſen. Du wirſt am Mangel, ich im Meere ſterben. Und warum? weil der grauſame Gebieter uns verſtoͤßt; mich, ſeine Freundin, einer weißen Fratze aufopfert; Dich, ſeinen treueſten Diencr einem backenbaͤrtigen rothen Schurken. Wir haben keine Zeit mehr, durch Bitten und Flehen unſer Schick⸗ ſal zu wenden; denn Morgen ſchon etwa wirft der Herr uns aus dem Hauſe. Und, wenn wir nicht flehen, wenn wir klagen wollten, auf unſer Recht klagen,— wo iſt hier fuͤr Farbige ein Richterſtuhl 2.— Pluto bejahte wieder mit ſtum⸗ mer Betruͤbniß. Diana fuhr fort:„Da iſt nichts zu widerlegen. Wir muͤſſen ſelbſt handeln. Ich habe endlich den Fleck entdeckt, wo der granſame Geizhals zu ver⸗ wunden iſt. Am Gelde klebt ſein Leben. Wir wollen ihm ſein Geld nehmen, und flichen.“ Pluto erſchrack heftig.„Was redeſt Du? wo⸗ — 151— zu willſt Du mich beſchwatzen?“ ſeufzte er.— Diana, die wohl wußte, wie kraͤftig der Augen⸗ ſchein bei dem alten furchtſamen Suͤnder wirkte, hielt ihm plotzlich eine ſchwere Boͤrſe voll Gold vor.„Ich habe ſchon begonnen;“ ſagte ſie, und klimperte vor den Ohren des Negers mit den blanken Sovereigns, welche das gruͤne Netz frei⸗ heitbegicrig weiter zu zerren, und zu durchbrechen ſchienen.—„Gelbe Sperlinge von den Inſeln!“ lachte er albern, und tappte mit den knotigen Haͤnden darnach. Diana entriß ihm den Koͤder, und ergotzte ſein Ange mit dem Schauſpiel einer Handvoll brennendnen gemuͤnzter Thaler.„Mond⸗ ſchein zu Piaſtern geſchlagen!“ ächzte der Kindiſche voll Habſucht und Begierde: Plutv ſaß einſt mit Deiner Mutter in einer Laube, und zwiſchen den Blaͤttern hindurch ſtrente das Nachtgeſtirn ſolche Silberrunde auf den Boden. Aber Deine Mutter wäre dem Pluto theurer geweſen, als alles Silber.“— „Schweige, Du unkeuſches Geſpenſt!“ zurnte Diana;„Folge mir, wenn Du aus dem Gold⸗ und Silberbrunnen ſchoͤpfen willſt. Ich habe — 152— einen Schluͤſſel zu des Herrn Schreibtiſch gefun⸗ den, der viele Koſtbarkeiten verwahrt. Aber eine Caſſette widerſteht meinen Bemuͤhungen. Nimm ein Beil und folge mir. Denn Du mußt Hand anlegen, und ſchweigen. Du haſt es bei den Ge⸗ beinen Deines Vaters geſchworen.“ —„Wenn man uns uͤberraſchte, wenn man uns auffinge? wenn die Strafe 20— „Schweige, Erbaͤrmlicher. Thuͤren ſind zu; Du beſitzeſt einen Paß; und mit dem zauberiſchen Papier können wir gewiß ungehindert auf ſchneller Poſt reiſen. Sind wir einmal in dem Lande Frankreich, ſo ſind wir auch in Sicherheit. Das habe ich als gewiß vernommen. Geſchwinde, komm!“ Die Unerbittliche druͤckte dem Alten ein Beil in die Hand. Sie hatte ſchon fuͤr Alles geſorgt.— Der Neger ſah nur Geld, traͤumte nur von Gelde, lechzte nur nach Gelde. Aus den Nebeln der Vergangenheit ragten die Schiffe hervor, die einſt, ſeinen Herrn zu bereichern, in den weſtindi⸗ ſchen Häfen Anker geworfen. Auch auf ihnen — 153— war nichts als Geld geweſen. Pluto hatte die Silberſtuͤcke mit Schaufeln gemeſſen. Einen einzigen ſolchen Schaufelwurf ſein nen⸗ nen zu konnen, war die Begierde ſeiner juͤngern Jahre geweſen. Jetzo— im ſpaͤten Alter ſollte er ſie befriedigen, dieſe Begierde! Er widerſtand nicht mehr.— Gierig durchwuͤhlte er den offnen Schreibtiſch nach Schätzen. Luͤſtern ließ er Gold- und Sil⸗ berſtoße durch ſeine Finger rollen.„Wo noch mehr? wo noch mehr?“ ſchnaubte er.— Der Tiger hatte Blut geſehen.— „In der beſchlagnen Kiſte ſteckt das Beſteze antwortete Diana:„ich hab' einmal einen Blick hineingeworfen. Sie iſt des Herrn Heiligthum. Schlag' zu mit Deinem Beile l Der Deckel ſprang aus den Fugen, waͤhrend das Schloß Stand hielt. Die Geyeraugen der Diebe durchmuſterten den Inhalt. Papiere und wieder Papiere! Diana zerriß ſie in frevelndem Uebermuth.„Vielleicht haben die Dinger Werth ²“ bemerkte der Schwarze.—„Und wenn zehntau⸗ — 154— ſendfachen Werth!“ wuͤthete die Mulattin:„Wir konnen ſie nicht brauchen, aber zu Grunde, zu Grunde mit ihnen!“ „Hier eine koſtbare Uhr! hier Ringe die Menge! da ein Halsband, ei wie ſchoͤn!“ froh⸗ lockte Pluto, wie im Rauſche, und fuͤllte ſeine Taſchen.—„Nichts da, nichts da! das Beſſere!“ verſetzte Diana eifrig, beſtialiſch wuͤhlend. Endlich ſtieß ſie einen Laut der Freude aus. Ein Säck⸗ chen lag in ihren Haͤnden. In die Augen der Räuber ſtrahlte der Glanz des reinſten verkorperten Lichts: ein kleines Meer von Diamanten. „Das iſt's, das!“ jauchzte die Dirne, den Schatz in ihren Buſen verbergend:„Jetzt haben wir genug. Das Uebrige iſt kaum der Rede werth.“— Sie ſtarrte auf ein Päckchen feiner Papiere. Sie waren mit vielfarbigen Charakteren bedruckt und beſchrieben.„Was moͤgen wohl dieſe krausbemalten Zettel bedeuten?“ „Herengeld, Zauberzeichen“ rief Pluto lebhaft, und entriß ihr das Packet:„Pluto kennt dieſe tuͤckiſchen Dinger. Die Buccra machen ihrer viele, denn ſie ſind ihnen Goldeswerth; aber, wer nicht verſteht, damit umzugehen, kommt an den Gal⸗ gen. Zu Kingſton ſah ich Viele hängen, um dieſer Herenzettel willen. Laß ſie, ſie bringen Ungloͤck.“ „Ungluͤck? den Galgen? gib her!“ Diana be⸗ maͤchtigte ſich wieder der gefährlichen Papiere: „Ja, es muß ſo ſeyn; ſie glimmen farbig, wie Schwefelfeuer. Gib. Vom Ungluͤck des Herrn, den wir verwuͤnſchen, falle auch ein Theil auf Leopold und ſeinen Buben!“ Sie flog in das Gemach, wo ſich Ralph's Torniſter befand, ſchob in denſelben den verzau⸗ berten Talismann, und ſprach feierlich:„Geh hin, Du Teufel der Weißen, und ſtreue Deinen Fluch in das Haus des Ungetrenen. Falle auf ſein und der Seinigen Haupt, wie ſiedendes Pech, und doͤrre ſie weg von der Erde, die ihnen neunmal vermaledeit ſey. Darob walten alle boͤſen Geiſter der Welt bis in des Verruchten ſpaͤteſte Nach⸗ kommenſchaft.“ Diana zwang den Alten, den Fluch deutlich nachzuſprechen, und erfullte durch ihre Wuth den — 156— Helfershelfer ihres Verbrechens mit ſolchem Ent⸗ ſetzen, daß er ſich ſchaudernd mit dem Torniſter belud, ein finſtres Geſpenſt darin zu ſchleppen waͤhnte, und nur dann wieder ruhiger wurde, als er die Laſt auf den Poſtwagen gelegt, und geſehen hatte, wie Ralph damit von dannen fuhr, ——— 9. „Aspettar e non venire e— Die Italiner zah⸗ len mit allem Recht dieſe Pein zu den vorzuͤg⸗ lichſten des Lebens. Hoffen und harren, unge⸗ duldig hangen und verlangen!— Georg erprobte dieſe Qual, einſam auf und niederſchreitend in der Schenke zum gruͤnen Schutzen, wo er vor Kurzem Reiberlings Bekanntſchaft gemacht. Und doch war Leopold kaum einige Stunden abwe— ſend. Es war unter den Freunden abgemacht worden, daß Ederich allein das Haus ſeiner Fran betreten, daß der Dritte nicht Zeuge der Zuſam⸗ menkunft ſeyn ſollte. Sie hatten beide die Laſt — — 157— des Tages redlich getheilt. Uebernahm Leopold allein den vorauszuſehenden Kampf, ſo behielt Georg fur ſich die Angſt der Erwartung. Sein Schickſal war's, welches droben in Weiſſenbrunn entſchiecden wurde. Er fragte ſich in ſeiner Unruhe tauſendmal, ob der einzige gute Geiſt, der noch ſein mißgeſchaffenes Leben zu verklären vermochte, ſein werden wuͤrde. Auf alle dieſe Fragen antwortete jedoch die Ahnung, die innerſte: Nein. Georg's Leiden etwas zu zerſtreuen, erſchien der Calculator, ein täglicher Gaſt im Schuͤtzen. Er freute ſich, den vornehmen Gonner wieder zu begruͤßen, und erkundigte ſich alſobald, ob deſſen Bemuͤhungen in der Reſidenz etwas gefruchtet. Auf die verneinende Erwiederung ſenkte der Cal⸗ culator den Kopf, faltete die Haͤnde, und ver⸗ ſetzte:„Ja wohl; haͤtte mir's denken koͤnnen. Der heutige Tag iſt wieder ein boͤſer, und ſchon die Nacht verging mir in ſchlimmen Traumen.“ —„So? wie das, Herr Reiberling?“ „Ich habe ein Jagdabentheuer getraͤumt; von denen, wie der ſelige Muͤnchhauſen ſie zu erzählen verſtand. Aber es liegt ein tiefer Sinn in der Luͤge. Erfahren Sie denn, daß ich geſtern Abend hier geſeſſen unter einer Geſellſchaft von Waid⸗ männern, die ſich tauſend Stuͤcklein erzählten; daß ich ſpaͤt mein Bette geſucht, und, alſobald eingeſchlafen, ſelbſt das Leben eines Jägers im Traume zu fuͤhren begonnen habe. Da ſaß ich auf einer Halde neben einem wilden Bache, wor⸗ uber als Steg nur ein ſchmaler Baumſtamm lag. Ich traute mich nicht uber die naſſe ſchaukelnde Bruͤcke. Ich ſammelte meine Kraͤfte. Indeſſen kam ein Wolf aus dem Dickigt; aber ein gut⸗ muͤthiger Wolf, der ſich ſo manierlich zum Bache bewegte, daß ich die Flinte ruhen ließ, und ihm zuſah, wie er begierig trank. Die Sonne ſchien ihm freundlich auf den Pelz; aber auf einmal verfinſterte ſich die Sonne. Ich ſah empor zu der vnhoͤflichen Wolke; da gewahrte ich einen ungehenern weißen Adler, der vor der Sonne kreiſte, und wie ein Blitz dem armen Wolf auf's Genick fiel, ſeinen magern Ruͤcken mit gewaltigen — 350— Fängen packte, und ihn mit ſich hinaufriß in die Luft, ſo lang und ſchwer er war. Der Wolf hing zwiſchen Himmel und Erde wie das Lamm an der Kette des goldnen Vließes, und es iſt vielleicht das erſtemal, daß ein Wolf einem Schafe aͤhnlich geſehen.“ —„Vielleicht; wohl moglich, Herr Reiber⸗ ling. Sie benutzten nun die Gelegenheit, mit einem Prachtſchuſſe die beiden Ungeheuer aus der Luft zu holen 2« „Nicht doch. Ich lauſchte ganz friedfertig. Plotzlich, was begibt ſich? Der Wolf koͤmmt in der Luft zu ſich, beginnt ſich zu wehren, frißt dem Adler die Bruſt an. Der Vogelkbuig, hart⸗ näckig und kriegeriſch, läßt ſeine Beute nicht los. Der Wolf frißt immer weiter, frißt endlich den ganzen Adler auf, und behält nur die zwei Schwingen deſſelben im Rachen, mit deren Huͤlfe er ſich alsdaun, gleichſam an einem Fallſchirm, zur Erde wieder herablaßt. Da ſchuͤttelt er die blutigen Federn aus dem Maule„utd ſpaziert feierlich in ſeinen Wald zuruck. Und der Traum iſt aus.«— — 60— —„Ein perrlicher, poetiſcher Traum. War⸗ um halten Sie denſelben fuͤr boſe 2e— Geheim⸗ nißvoll ſpreizte Reiberling ſeine Finger, und ent⸗ gegnete:„Der Wolf bedentet das Haus der Erde, der Adler das Haus des Lichts. Wenn auch der Himmel noch ſo kraͤftig das Laſter packt, es hin⸗ aufzuzichen und zu läutern 4 cher verdirbt und mordet das Laſter den Himmel, als daß es ab⸗ ließe von ſeinem Schlamm und ſeiner Finſterniß. — Das Nachtgeſicht hat Schlimmes fur mich bedeutet. Die Wolfe in der Reſidenz ſind noch ſtets dieſelben, wenn auch meines Godnners Licht⸗ und Gnadenworte ſie auf beßre Wege zu bringen bemuͤht geweſen““ Noch laͤchelte Georg über die Nutzanwendung der in Traum verwandelten Jägerluge, als eine Dame mit einer Kammerfrau in die Schenke trat. Aus den Prlzen und Schleyern wickelte ſich Luiſe Theobald, und Heckdey bewillkommte ſie mit Verwunderung und Galanterie.—. „Ach, wie froh bin ich, ein befreundetes Ant⸗ litz in dieſem gemeinen Wirthshanſe zu erblicken“ — 161— rief die junge Dame, und ihre verdrͤßlichen Zůge wurden etwas angenehmer:„Wiſſen Sie, was mir begegnet iſt? Ein Rad meines Wagens de⸗ montirte ſich, ein paar Schritte von hier. Ich, die ſo gerne im Fluge nach der Stadt zuruck⸗ gekehrt wäre, muß hier eine todtliche halbe Stunde zubringen; denn unter einer halben Stunde geht es nicht ab, ſagt der Kutſcher und der Schmid.“ —„Gerne ſteht Ihnen meine geringe Geſell⸗ ſchaft zu Dienſten, mein Fräulein. Aber was in aller Welt konnte Sie vermoͤgen, gerade heute Weiſſenbrunn zu verlaſſen? Iſt das Familienfeſt des Wiederſehens nicht nach Ihrem Geſchmack? „Ich koͤnnte ſagen: Nein, wenn auch Alles dabei zuginge, wie es Herkommens iſt z ant⸗ wortete Luiſe mit ſpottiſch aufgeworfenen Lippen: „die obligate Zärtlichkeit eines Paars, das ſich nach einiger Trennung wieder umarmt, die ge⸗ bräͤuchlichen Redensarten der Kinder und Eltern ſind mir ein etwas fades ubertragenes Schauſpiel. Am ſchlimmſten iſt dabei der Dritte berathen, den man mit Vorbedacht im Winkel gaͤhnen laͤßt, Boa Conſtrictor. U. 11 waͤhrend man eine Comdoͤdie ſpielt, die einmal Convenienz iſt.— Aber, wie denn vollends aus⸗ halten bei einem Feſte, wo die Zwietracht ihre Fackel, die Furie ihr Schlangenhaar ſchuttelt 2 —„Ich begreife nicht... Fräulein Luiſe.. 20. — Die Dame ruͤckte dem Nichtverſtehenden nahe, bis unter das Weiße ſeines Anges, und verſetzte: „Sie? Sie nicht begreifen? Ich muß laͤcheln; lachen muß ich. Sie, der Menſchenkenner? In⸗ deſſen— weil Ihnen beliebt, die Larve des Unwiſſenden vorzubehalten, ſo vernehmen Sie, daß der Zufall es recht wohl mit Ihnen meynte, wenn er es war, der Sie hier zuruͤckhielt. Wäh⸗ rend wir hier davon ſprechen, iſt oben im Schloſſe gewiß ſchon der Krieg erklaͤrt; ſind gewiß ſchon Worte geſagt worden, die nicht mehr zukuͤckzu⸗ nehmen ſind.“ Georg fuͤhrte die Dame an's Fenſter, und bat leiſe um Mittheilung, um naͤhere Erlaͤuterung. Luiſe ließ ihn nicht lange bitten. Sie ſagte: „Welche auch die Urſache ſey, die Wirren geſtiftet hat, wo Friede geweſen— ich kenne ſie nicht. Engenie naͤhrt einen verborgenen Kummer. Leo⸗ pold muß die Schuld deſſelben tragen. Nicht ein einzigmal ſeit ihrem erſten Krankheitsanfall hat Eugenie ihres Gatten Namen genannt, nie ſeiner erwähnt; ſie hat die Tochter von ſich ge⸗ ſtoßen, wenn dieſe vom Vater ſprach. Heute war ſein plotzliches Erſcheinen ein Donnerſchlag fuͤr ſie. Finſter und kalt betrat er das Haus; finſter und kalt empfing ſie ihn. Aber ihre Bruſt hob ſich leidenſchaftlich, im drohenden und zorni⸗ gen Affekt, da ſie mir eilends und verſtohlen ſagte:„Geh jetzt, meine Freundin, geh' alſobald. Das wird kein Schauſpiel fuͤr fremde Augen werden.“— Levpolds Betragen, da er mich in den Wagen hob, bezeugte mir, wie gern er meine Entfernung ſehe, wie ſehr ich ihm zur Laſt ge⸗ weſen war.“— Luiſe ſchoͤpfte Athem. Betroffen ſtand Georg vor ihr. Mechaniſch fragte ſeine Zunge:„Was mag das Weib haben? welche Set wieder das Weib geſehen 2.— „Sie meynen Madame Ederich 2 entgegnete 11* Luiſe mit etwas ſpitzigem Verweis:„Das ge⸗ ſpenſterſehende Weib iſt wohl Leopolds Gattin? Ach, kein Wort der Entſchuldigung. Sie haben laut gelacht, und nun einmal verrathen, auf wel⸗ cher Stufe das Weib in Ihrer Achtung ſieht. O, es lag eine Geringſchaͤtzung in Ihrem Aus⸗ druck, die Sie mit allen Betheuerungen der Ga⸗ lanterie nicht mehr zuruͤcknehmen koͤnnen.“ —„Sie verurtheilen mich ungehort, beſtes Fraͤulein““—„Ich beurtheile Sie nur, mein Herr. Hätten Sie mir Rechenſchaft abzulegen? Sind Sie nicht Meiſter, Ihre Achtung nach Be⸗ lieben zu ſpenden? Warum ſollten Sie unſer Geſchlecht, warum das Weib ſchaͤtzen? Ei, ich bin ein ſchwaches Geſchoͤpf ohne maͤnnliche Kraft; aber man komme und befehle mir, einen Mann zu lieben! Sie duͤrfen mit mir offen ſeyn, Herr Heckdey. Damit ich Ihnen meine Unpartheilich⸗ keit um ſo beſſer beweiſe, will ich Ihnen ſogar zugeſtehen, daß Sie ein Recht, daß Sie das vollkommenſte Recht haben, Eugenie nicht zu lieben. Denn Sie— Sie werden von ihr ge⸗ haßt. Eugeniens Blicke, Geberden, ihre einzeln fallenden Worte, ſo oft wir von Iynen geredet haben.... Sie trauen mir zu, daß ich Eugenie kenne.“— Die Grauſame freute ſich innerlich, auf Heck⸗ deys Geſichte die Spuren des Verdruſſes und der Beſchämung zu leſen, die der Schmerz verwun⸗ deter Eitelkeit ſtets zuruͤck laͤßt. Es ſchmeichelte ihr, den Gekränkten geſchmeidig ſagen zu hoͤren:„Ich weiß noch nicht, womit ich mir Eugeniens Haß zugezogen; aber ein Troſt waͤre mir, zu wiſſen, daß nicht Sie, daß nicht... Caͤcilie...“— ſeine Zunge ſtockte faſt bei dieſem Namen—„ieſen Haß theilen, der mich nur alsdann betruͤben wuͤrde.“— Georg ſchwieg, eine Antwort hoffend, die lange zoͤgerte. Luiſe betrachtete ihn mit liſtigen Augen lange, bevor ſie ſprach:„Sehen Sie: die Jugend iſt unfähig, ihre Gefuͤhle zu verhehlen. Ich geſtehe Ihnen, daß wir ſiets, wir Mädchen, Ihre Parthie genommen haben, ſey es in Beiſeyn der Mutter, ſey es— und zwar dfters— in 466— unſern vertraulichen Geſprächen. Ich ſchätze Sie als einen vollendeten Mann, der zu hoch ſieht, um nicht allen Verhaͤltniſſen ihr Recht zu laſſen; der zu abgeſchloſſen iſt, um ſich feindlich einzu⸗ miſchen in Dinge, die ihm mehr als gleichgultig ſind, bei denen er nichts gewinnen koͤnnte. Gewiß: Intriguen ſind Ihnen fremd; Sie beduͤrfen ihrer nicht.— Eugenie jedoch— ich glaube und ver⸗ muthe nur— traͤumt von ſolchen kuͤnſtlichen Fechterſtreichen.“ —„Ihre Meynung, mein Fraͤulein, iſt mir beſonders ſchätzbar. Und die Anſicht ihrer Freun⸗ din 2 Georg wurde ganz leiſe bei dieſer Frage. Luiſe, mit vielem Vorbedacht, erwiederte: „Iſt ganz die Meinige, mein Herr. Cäcilie theilt meine Ideen immer. Sie iſt ein Kind, ein harm⸗ los unſchuldig Kind, verſunken in Verehrung fuͤr den Vater, der Mutter mit hinlaͤnglicher Liebe zugethan. Ich bin die Vertraute ihrer kleinen haͤuslichen Freuden und Leiden; bin's jetzt mehr als je geworden, da die Arme ſich unbegreiflicher⸗ weiſe von Eugenie mißhandelt, ich moͤchte ſagen, — 167— verachtet ſicht. Was von Geheimniſſen des Maͤd⸗ chens ſtille Bruſt enthalt, weiß ich, und nur ich.“ —„Geheimniſſe? Caͤcilie? der klare Spiegel 26 fragte Georg, beinahe bebend nach dem Schluͤſſel dieſer Geheimniſſe haſchend. Er ahnte, daß auch von ihm dabei die Rede geweſen. Luiſe becilte ſich, ſeinen Wuͤnſchen entgegenzukommen:„Der erſte dieſer verſchloſſenen Schätze iſt der feſie uner⸗ ſchuͤtterliche Wille des Mädchens, unbermaͤhlt zu bleiben. O, wie gluͤcklich iſt ſie in dieſem Ent⸗ ſchluſſe! Noch geſtern lag ſie weinend vor Freude an meinem Buſen und malte mit feuriger Bered⸗ ſamkeit die ſtille Wonne aus, die uns umſchlingen wird, die beiden Unvermählten.“ Georg mußte ſich wegwenden, um ſeine Be⸗ wegung nicht zu verrathen. Dann kehrte er die ſchnell geglaͤttete Stirne Luiſen zu, mit der Frage: „Das Mädchen hat ſeinen Willen; aber die Eltern haben auch ihre Rechte 26— Worauf Luiſe:„Der Mutter Einwilligung wird nicht fehlen. Vor einigen Tagen ſagte noch Eugenie weinend zu der Tochter:„Gib Deine Hand keinem — 168— Mann, binde Dich nicht durch einen Schwur. Bleibe Dir ſelbſt getreu und allein. Im Kranz der Ehe erſticken die ſpaͤrlichen Blumen unter den Dornen.“— Eugenie iſt aber die Hauptperſon. Sie hat Charakter, Beſtändigkeit, Ausdauer. Leopold iſt von jeher ſchwach geweſen, und liebt ſelbſt bis zur Verblendung ſeine Tochter. Sie wird keinen Widerſtand finden.“ Georg verſetzte langſam:„Wohl; wenn jedoch die Liebe ſich in die Sache miſchte? Cäͤciliens Herz ſcheint nicht gefuͤhllos.“—„Marmor, mein Freund. Kalter und keuſcher Marmor!“ hieß die Antwort Luiſens:„es iſt kein Mann von ihr ausgezeichnet worden, ihren Vater ausgenommen; und dann.. vielleicht Sie.«— —„Ich?«— Heckdey ſah das erſehnte Ziel leuchten. Sich bezwingend fuhr er laͤchelnd fort: „Erklären Sie ſich; wie ſollte meine Wenig⸗ keit.— 2— „Sie ſchätzt Sie als einen väterlichen Freund, als einen angenehmen Lehrer. Sie hatte dfters Ihren Namen den ganzen Tag im Munde. Das — 169— hat ſich nun wohl ſeit langem gegeben. Der kindiſche Eifer hat ſich beruhigt. Wir ſcherzten noch geſtern daruͤber.“—„Sie ſcherzten?“— —„Ei, ja doch. Ich ahmte Caͤciliens Manier nach, womit ſie ſich nach Ihnen erkundigte. Sie lachte dabei aus vollem Halſe. Es war mir an⸗ genehm, durch dieſen Spaß das Mädchen in dem traurigen Hauſe zu erheitern.“—„Sie lachte 2—„Ausgelaſſen, wie ich ſage. Sie wiſſen vielleicht, wie ſehr zwiſchen Maͤdchen Scherz und Vertraulichkeit obwaltet. So ſagte ich denn muthwillig zu der Kleinen: Weißt Du, was ich mir ſo manchmal gedacht, wenn Du von Herrn Heckdey und nur von ihm geſprochen? Du ſeyſt in ihn verliebt, habe ich gedacht.— Worauf Cäcilie noch einmal ſo heftig lachte. Wir waren ſo luſtig, ſo ſelig!— —„Ich glaub' es;ze ſprach Heckdey mit dem Tode im Herzen: Das ſind auch Geſpraͤche zum Lachen. Ich kenne Maͤdchenſcherze. Was ant⸗ wortete aber Cäcilie auf den luſtigen Schwank 26— Luiſe ſtutzte ein wenig; dann verſetzte ſie verlegen:„Hm; ich glaube, ſie antwortete nichts“— Nichts? Sie ſagen nicht die Wahr⸗ heit. Geſtehen Sie. Machen Sie mich auch des Spaßes theilhaftig. O gewiß, Sie wollen nur nicht mir die Antwort vertrauen.“—„Hm— ich weiß nicht, ob Sie nicht boͤſe werden, mein Freund 2«—„Boſe? ich, der ich auf der Hohe des Lebens ſiehe? Fuͤrchten Sie fuͤr meine Eitel⸗ keit? Ein Blick in den Spiegel uberzeugt mich zwanzigmal des Tags, daß ich nicht mehr eitel zu ſeyn brauche.“ „Nun denn; in dieſer Vorausſetzung alſo: Cäcilie antwortete: Verliebt? am Ende Herrn Heckdey heirathen wollen? Wo denkſt Du hin, Luiſe? Ich ehre den Herrn ungemein, aber bis zur Liebe, ſcheint mir, iſt noch eine ungeheure Strecke. Nein, Luiſe, wenn ich jemals meinen Vorſatz aͤnderte, wenn ich jemals mich verehlichen moͤchte, der Bräutigam muͤßte jung ſeyn wie ich. Nur die Jugend verſteht die Ingend. Ihre Freuden beſtehen nicht vor den finſtern Blicken eines alten Mannes. Der Herr Onkel —— Heckdey, das ließe ich mir gefallen. Aber mir koͤnnte eben ſo wenig zu Sinn kommen, ſeine Braut zu werden, als ihm, meinen Bräutigam vorzuſtellen.— Hierauf lief ſie zum Fluͤgel, und ſpielte des Bartolo Liedchen aus dem Barbiere.“ Zorn und Emporung lachten wild und grim⸗ mig aus Heckdey's Zaͤhnen. Luiſe ſagte ſchmei⸗ chelnd:„Nicht wahr, das iſt ſpaßhaft, und Sie ſind nicht boͤſe 7“— „Nicht doch: ich bin vergnuͤgt, mein Fraͤulein. Sie haben mich aufgeheitert, haben mich amuͤſirt. Cäcilie iſt ein Kind, aber Kinder ſagen die Wahr⸗ heit. Sie iſt klug, geſcheit, iſt berufen, unvermählt zu ſterben, wenn nicht ein Juͤngling 4 Der eintretende Kutſcher unterbrach Heckdey's Galimathias. Der Wagen ſtand bereit. Luiſe, die ſich an Georgs ſchlechtverhehltem Verdruß ge⸗ weidet, empfahl ſich freundlich.„Calculator!“ ſagte Georg, nachdem die Quälerin verſchwunden: „Sie haben ſchon wieder recht. Der Wolf hat nichts Gutes bedeutet.«“ ———— Wenn der Galeerenſclave von der goldnen Freiheit getraͤumt, und in ſeinen klirrenden Feſſeln erwacht,— wenn ein paar Tropfen feurigen Weins dem Greis die Jugend wieder vorgelogen, und ihm dann der Spiegel troſtlos ſein winterliches Haupt, ſeinen zahnloſen Mund vorhält,— wenn das Auge des Ungluͤcklichen ſich an der bunten Fata Morgana der Hoffnung geweidet, und plotzlich die Hand der Wahrheit— obgleich eine Franenhand— ohne Schonung die Feenpallaͤſte in Stuͤcken reißt, — wer bedauerte nicht die armen Enttauſchten? Das Mitleid hilft aber nicht; wie gewoͤhnlich. Erbitterung packt die aus ſchonem Traum Er⸗ wachten. Der Sclave beißt ſich die Lippen an der Kette blutig; der Greis ſchaufelt mit emſigem Groll ſein Grab; der Hoffnungsloſe zerreißt ſelbſt noch die letzten Lappen ſeiner Schattenherrlichkeit. — Wenn alles uns verlaͤßt, woran wir hingen, ſo ſchlagen wir die ſcharfen Klauen in die eigne Bruſt, hohnlachend unſter Schmerzen, aufreißend — 173— und zum Tage kehrend das Innerſie, zerfleiſchend das Heiligſte. Und nicht ein Jeder beruhigt ſich bei'm Anblick des eignen dahinſtroͤmenden Blutes. Ein Mancher trinkt ſich darinnen doppelte Wuth zu, und laͤßt ſich nur die Wahl zwiſchen Ver⸗ brechen und Wahnſinn. — Heckdey verlebte eine boͤſe, zerſchmetternde Stunde. Im Straͤuben gegen die Qualen, die ihn beſtuͤrmten, zerriß er das letzte Band, das ihn an die Menſchheit feſſelte. In ſich zuruͤck⸗ kehrend, trotzig und bruͤtend, wie der Wurm in ſeine Hoͤhle, fand er Kaͤlte und Hohn genug, um eines beruͤhmten Spruchs Anwendung zu ver⸗ ſuchen:—„Des Lajus ganzes Haus verderbe k ſagte er entſchloſſen zu ſich ſelbſt, und ließ ſich, auf Alles gefaßt, auf den Truͤmmern ſeiner Hoff⸗ nung nieder. Haͤtte er den Blick in das vermaledeite Haus werfen koͤnnen, wie haͤtte ſein Herz gepocht, wie hätte er triumphirt! Wohl war der Krieg dort erklärt, wohl waren Worte gefallen, die nicht mehr zuruͤckzunehmen ſind.— — 471— — Unſelige, kaltherzige, verſtockte Tyrannin!“ rief zuͤrnend Leopold der Gattin zu:„Du trägſt die Schuld meiner Leiden. Deine Laune und Ei⸗ telkeit hat den jungen Wandersheim in unſer Haus gelockt. O, haͤtte er es nie betreten!⸗ —„Nein;«“ eiferte dagegen Eugenie:„ſeit Georg bei uns eingeſprochen, war es mit dem Gluͤcke vorbei. Aber, hat er mir auch Dein Herz, hat er uns den Frieden geraubt— die letzten Guͤter meines zerſtoͤrten Lebens ſoll er nicht an⸗ taſten. Von den Kindern laſſe er ſeine Hand. Cäcilie ſoll nicht des Molochs Opfer werdén.“ „Du verläumdeſt ihn; Du verſuͤndigſt Dich. Wie dann, Engenie, wenn nur dieſe Verbindung unſer zeitliches Gluͤck erhalten koͤnnte? Ich bin dem Georg tauſend gewichtige Verbindlichkeiten ſchuldig. Wie, wenn ich in ſeiner Hand läge? wie, wenn nur Caͤcilie ausgleichen konnte, was ſich ſo unſelig verwirrte 26 —„Wenn Du Deiner Pflichten als Vater, als Haupt der Familie vergeſſen, ſo trage die Folgen Deines Leichtſinns. Mir ſind die Kinder — 175— der hochſte Schatz auf Erden. Ralphs Schickſal ſoll nicht von Georg abhängen; Cäcilie ſoll nicht gegen einen Schuldſchein ausgetauſcht werden. Dabei bleibt es, Leopold. Du kennſt meine Feſtigkeit.“ „Deinen Eigenſinn, Deinen Trotz kenne ich, der mich zur Verzweiflung bringt. Durch Dein verſtocktes Schmollen, durch Deine eiſerne Will⸗ kuͤhr reißeſt Du unſre Bande entzwei. Hoͤrſt Du, Eugenie? ich bin nicht mehr der knabenhafte Mann, der ſich in Allem Deinen Geſetzen fuͤgte. Ich kenne meine Wuͤrde und Gewalt, werde ſie zu behaupten wiſſen.“ —„Deine Wuͤrde, Deine Gewalt? Verſchwen⸗ der, wo iſt Deine Gewalt? Ungetreuer, wo iſt Deine Wuͤrde 24 „Eugenie! Du wagſt.2 was redeſt Du, wenn nicht ein boͤſer Geiſt aus Dir ſpricht..2 —„Georg iſt der boͤſe Geiſt. Aus Dir redet er. Er hat Dich verleitet, Deine Guͤter gepluͤn⸗ dert, Deine Grundſaͤtze verfuͤhrt, Deine Seele mir und dem Himmel entriſſen. Ich habe ge⸗ — 16— ſchwiegen, ich habe getragen, habe gekampft. Aber das letzte Opfer, das Du fuͤr das Ungeheuer ver⸗ langſt, bricht mir den Mund auf. Nimmermehr; der Mann, der Dich verdarb, ſelbſt verdorben bis in den Kern, ſoll nie mit Cäcilien's Unſchuld Frevel treiben. Meine Tochter ſoll nicht die Ne⸗ benbuhlerin einer Diana werden!“« Die Zuͤrnende, trotz ihres Grimmes, erſchrack beinahe vor der Blaͤſſe, vor dem Entſetzen des Gatten, der einen Schleyer zerriſſen ſah, welchen er ſo dicht gewoben waͤhnte. Wäre er noch der alte Leopold geweſen,— gerade jetzt hätte ein freimuͤthig Wort den Frieden wieder herbeigerufen. Er war jedoch nicht mehr der alte, nur bemaͤntelte er ſeine Scham mit Entruͤſtung.—„Wie 2« rief er:„welche Luͤgen, welche Abſcheulichkeiten? was bedeuten dieſe Anſpielungen, dieſe eckelhaften Räthſel?“ Da warf ihm Eugeuie den Ungluͤcksbrief zu, und ſtammelte außer ſich mit fieberhaft zitterndem WMunde:„Hier das Bekenntniß Deiner Schande! Sage Deinem Freunde, daß er ſeine Briefe beſſer — 177— verwahre, wenn er dieſen nicht vielleicht mit Vorbedacht verloren, um mir den Gnadenſtoß zu geben.“— Und während Leopold bebend und verſtummend den Brief in Haͤnden hielt, fuhr ſie fort:„Laͤugne noch, wenn Du vermagſt. Laͤugne, was Du geſchrieben. Ja, es hat ſich eine Kluft zwiſchen uns aufgeriſſen, die Du nicht mehr uͤber⸗ ſpringen magſt. Ja, Du mußt heucheln, wo Du ſonſt liebteſt. Dein Suͤndergeſicht bekennt es. Aber ich liebe nicht die Heuchelei; ihre Larven ſind mir zuwider. Laſſe mich in meiner Einſam⸗ keit, und geh', gehe weit von dannen. Ich halte Dich nicht mehr, will Deine Hofmeiſterin nicht ſeyn; die Mutter Heckdey's eben ſo wenig. Geh', und erfuͤlle wenigſtens die letzte Pflicht, indem Du Cäͤcilien verſchweigeſt, wie und an wen Du ſie verſchachern wollteſt. Sie waͤre gezwungen, Dich zu verachten, und das bringt keinen Segen.“ „Du weiſeſt mir die Thuͤre?« fragte Leopold, bedraͤngt vom ſchwerſten Kampfe:„Wohlan; ich gehe. Moͤgeſt Du nie mit blut'ggen, vergeblichen Thränen mich zuruͤckrufen!«— Er ſchwankte Boa Conſtrictor. U. — 178— hinaus. Er rief nach ſeinem Pferde. Cäcilie hoͤrte ihn, eilte herbei, umſchlang ihn.„Wie ent⸗ ſtellt Sie ſind? warum eilen Sie von dannen, lieber Vater?“ fragte die Unſchuld. Leopold um⸗ armte ſie weinend, ſprang dann in den Sattel, und verſchwand. Cäcilie ſuchte ängſtlich die Mut⸗ ter auf. Sie hatte ſich im Kabinette einge⸗ ſchloſſen.—— Ideale, welche die Jugend überdauern, be⸗ gluͤcken das Leben nicht. Wir klammern uns hartnaͤckiger an ſie, als an die Wahrheit. Wir verlangen das Unmoͤgliche von den Menſchen, die wir lieben und haben keine Verzeihung fuͤr ihre Fehler, keine Schonung fuͤr ihre Schwaͤchen. Nichts verkehrt ſich leichter in Haß, als die Liebe. Kein Streit iſt unverſoͤhnlicher, als der durch den Sturz einer Illuſion herbeigefuͤhrte. Recht haben, Recht behalten, und geh'n wir ſelbſt dabei zu Grunde! das iſt der Wahlſpruch, der Alles zerſtort, ein fanatiſcher Senſentraͤger. Er mordet alle Wohlthaten der Vergangenheit, alle Erwartungen der Zukunft, und die Reue der — 179— Gegenwart.— Die Reue! wohl iſt ſie ſchoner, als die unbefleckte Tugend. Aber, was vor dem Goͤttlichen Gnade findet, erſticken wir ſo oft in der eignen Bruſt.— Nur der Muthige, der im Glauben Starke bekennt ſeine Reuc. Engenie wollte an das Fenſter ſtuͤrzen, und Leopold zuruͤckrufen; Levpold wollte ſein Roß wenden, und wiederkehren. Die Selbſiſucht, die falſche Scham, die hartnaͤckige Begierde nach Vergeltung hinderte Beide.„Sey folgerecht; es iſt zu weit gediehen; es mag drum ſeyn k« ſagten ſie grauſam zu ihrer niedergeſchlagenen Seele. Und das Bewußtſeyn ihrer eignen Fehler ver⸗ härtete ſie noch. In ſolchem Streite iſt der Gegner Keiner ohne Schuld.—— Heckdey las den Auftritt von Weiſſenbrunn auf Leopolds Stirn, und ſchien ruhig. Er glaubte ſich auf Alles vorbereitet. Dennoch erbleichte auch er, da ihm der Freund den Brief zuruͤckgab. „Verwuͤnſchter Zufall« murmelte er zwiſchen den Zähnen.— Leopold brach aber los:„O Du Un⸗ beſonnener! Deine Nochlaͤßigkeit trägt bittre —— Fruͤchte. Wir ſind entzweit, Eugenie und ich, auf immer entzweit.“— Heckdey verſuchte einige verſoͤhnende Gemeinplätze. Leopold wehrte ſich wild dagegen, und ereiferte ſich immer mehr: „Du hätteſt ſie ſehen ſollen, wie ſie mir gegen⸗ uber ſtand, als ein hoffärtiger Seraph, mich dar⸗ niederſchmetternd mit ihrer Tugend, mich den Ge⸗ fallenen. Ich haͤtte vor Zorn weinen mogen, wie ein Kind. Und Du, mein armer Georg,— wie werde ich gegen Dich mein Wort loͤſen konnen? Eine Lowin vertheidigt nicht grimmiger ihre Jun⸗ gen, als Eugenie ihre Tochter. Im Grunde— weil es eben die Tochter gilt— hat ſie dazu ein gewiſſes Recht. Aber, wenn Du willſt, daß ich die väterliche Gewalt eutfalte,— Unglůͤckskame⸗ rad, befiehl, wuͤnſche nur, und es geſchieht!“ —„»Fern von nir ſolche Gewaltthat!« ver⸗ wahrte ſich Georg mit einer Kälte, darum ihn Leopold beneidete:„Ich dachte mir den Ausgang, und wahrlich: ich finde, daß es beſſer iſt, wenn ich mich zuruͤckziehe. Ich habe uͤberlegt, die Ver⸗ nunft zu Rath gezogen. Ich bin zu alt, zu ſior⸗ — 181— riſch, zu anſpruchsvoll fuͤr das Mädchen. Es war ein kindiſcher Gedanke, der mit mir ſeine Fa⸗ ſchingspoſſen hielt. Weg mit dem bunten Har⸗ lekin, der ſich nicht zu meinen ergrauenden Locken ſchickt. Sie tragen die Farben des Aſchermitt⸗ wochs; zuruͤck alſo, ihr Narren! Ich will den Armen etwas ſchenken, weil nur Cäcilie nichts von der Carnevalleidenſchaft und meiner Werbung vernommen. Ich ſchämte mich zu Tode vor dem ſchnippiſchen Mädchen.« „Deine Entſagung befreit mich von einer ban⸗ gen Sorge;e verſetzte Leopold, der ſeiner ehema⸗ ligen Abhaͤngigkeit von Eugenie gedachte:„Du kennſt nicht den ruckſichtsloſen Trotz des Weibes. Sie ließe es auf's Aeußerſte ankommen, um ihren Willen durchzuſetzen. Thorheit, Wahnſinn, wenn Du willſt; aber ein Wahnſinn, den man in Ket⸗ ten legen ſollte. Ich bin von jcher zu ſchwach, zu duldſam gegen ſie geweſen; ich habe ſie ver⸗ woͤhnt, verzogen. Und heute ſtehe ich, knirſchend gegen meine Bande, aber dennoch ſchuͤchtern wie ein Bettelbube vor ihrer Reinheit, vor ihrer Ma⸗ kelloſigkeit.“ —„Ermanne Dich, ſage ich zum tanſendſten⸗ male;“ erwiederte Georg mit der Miene, die einen gewiſſen Sieg verkuͤndet:„Nichts iſt erbaͤrmlicher, als ein Menſch, der ſich ſelber ſchmäht, ſich ſelber die Ehre raubt. Tugend, Makelloſigkeit? Sind ſie es, die Beſitzthuͤmer der Reinen, der Himmli⸗ ſchen, ſind ſie es, die ſo unbarmherzig den Strau⸗ chelnden ſchmähen und verdammen? Nimmer⸗ mehr. Das Gewiſſen, das ſich ſelber nicht rein fuhlt, faͤllt das härtſte urtheil uͤber eine bedraͤngte Seele. Was haſt Du begangen? Nichts, was Du nicht gut machen konnteſt. Wie aber, wenn Eugenie ſchlimmer waͤre, als ſie Dich verſchreit?“ Leopold ſtarrte zu Georg empor, fragend, neu⸗ gierig, aber im Voraus laͤugnend, was gegen die Gattin vorgebracht werden moͤchte. Heckdey, da⸗ durch gereizt, der Sache ein ſchnelleres Ende zu machen, riß entſchloſſen ein gelbes Papier aus ſeinem Portefeuille.„Kennſt Du die Schrift?“ fragte er, und entfaltete vor Leopold die abge⸗ 163 blaßten Zeilen, mit Blut geſchrieben.—„Gib; ſiotterte Leopold.—„Mein; Dein Zorn mochte dieſes koſtbare Dokument vernichten. Kennſt Du die Schrift?“—„Eugeniens;« ſtammelte wieder ihr Gatte.—„Schwoͤrſt Du mir, den Inhalt nur fuͤr Dich zu behalten, und nie zu forſchen, an wen er gerichtet.“—„Bei meiner Ehre.“— „Lies denn.“— Er las: „Mit allen Eiden der Liebe ſey Dir ge⸗ „ſchworen, daß ich nur in Dir, nur fuͤr „Dich leben will; daß nie ein Anderer mich „beſitzen ſoll, als Du, mein einzig Gluͤck. „Dieſes Verſprechen, beſchloſſen in der letz⸗ „ten ſeligen Nacht, die unſrer Schwuͤre „Zeuge war, habe ich mit meinem Blute „geſchrieben, und jedes Unheil treffe mich, „wenn ich ihm untreu werde.— Eugenie Flowers.« „Und mir log ſie Unſchuld; mir log ſie, daß ich ihre erſte Liebe le ſchrie Leopold auf, und tau⸗ melte in einen Seſſel, während Georg das Pa⸗ pier wieder ſorgfältig verbarg.— Einige Minu⸗ 4 ten ruhte Eugeniens Gatte, mit verhuͤlltem Ge⸗ ſicht. Dann richtete er ſich ſchaudernd auf, und ſagte leiſe, wie ein ſinnengeſtoͤrter Menſch:„Mir iſt ſo kalt. Ich friere in der feuchten Stube. Werft Holz in den Ofen, werft Holz in das Ka⸗ min!“ Damn ſetzte er ſich ſeufzend in den Lehn⸗ ſtuhl.— Der Wirth und ſeine Maͤgde kamen. In wenig Minuten brannte auch im Kamin, neben dem gewaltigen Ofen, ein hellflackerndes Feuer. Georg naͤherte ſich theilnehmend dem leiden⸗ den Freunde, und verſuchte, ihn zu beruhigen. Lange war es vergebliche Muͤhe. Leopold lachte manchmal auf, wie im bittern Hohne; dann drohte wieder heftiges Schluchzen, ihn zu erſticken. Der Name ſeiner Gattin entfloh dann und wann ſei⸗ nem Munde. Endlich brach er, vom Schmerze beſiegt, in die Worte aus:„Erlogen all mein bisheriges Gluͤck! O mit welchen Leiden kaufe ich meine eigene Schuld zuruͤck? Eugenie, Eu⸗ genie! was haſt Du mir gethan! Grauſamer Freund, mir ſo unbarmherzig die Schuppen von den Augen zu ſtreifen! mich auf einmal ſogar — um die Seligkeit der verwichnen Jahre zu brin⸗ gen! Und ich habe geſchworen, aus dieſem fluch⸗ beladnen Schreiben keine feindliche Waffe zu ſchmie⸗ den; ich habe verſprechen muͤſſen, nicht einmal nach Demjenigen zu forſchen, dem Eugenie ihr Herz verkauft!.. Bei dieſen Worten, von einem plotzlichen lich⸗ ten Gedanken ergriffen, durchbohrte er mit ſeinen Blicken Georg's Antlitz, ſprang auf, faßte ihn bei den Schultern und ſchrie:„Was frage ich noch? warum zermartre ich mein Gehirn? Dir— ja Dir— keinem Andern gehoͤrte jene falſche Seele! O ich Verblendeter! Der Tag Deines Erſcheinens vor Eugenie, Deine Weigerung, zu kommen, ihr Entſetzen,— die unbegreifliche Ver⸗ änderung in ihrem Betragen...2 ich Thor, wie konnte ich nur ſo blind ſeyn? Du, Du biſt es, an den jene Zeilen geſchrieben wurden! Du edler, ſeltner, hochherziger Freund, ſelbſt betrogen von der Ungetreuen, Du haſt geſchwiegen, Du haſt ihre Launen geduldet, haſt Dich nicht gewehrt ge⸗ gen ihre Verläumdung und ihre Feindſeligkeit. 86 Du wollteſt meinen Frieden nicht ſidren. Und Dein Edelmuth hat ſich nicht auf ſie vererbt. Sie hat Dich gezwungen, endlich.... o mein Freund, verzeihe mir Alles, wenn ich Dich je be⸗ leidigte. Umarme mich. Du biſt groß, ich bin ein ſchwacher Unglucklicher. Aber beide ſind wir von nun an Leidensbruͤder!“ Er weinte ſich aus an Georgs Buſen. Er⸗ ſchoͤpft ſank er in die vorige Niedergeſchlagenheit zuruͤck, murmelnd:„Dennoch haͤtte ich Dir ge⸗ dankt, wenn Du auch heute das Geheimniß nicht verrathen hätteſt! Noch leuchtete in mir ein Stern der Hoffnung, der Verſoͤhnung.. jetzt iſt alles aus.“ —„Allerdings iſt jetzo Alles aus:“ wieder⸗ holte Heckdey kalt und ſtrenge:„Weniger mein von Erbitterung ſchwatzhaft gemachter Mund, als vielmehr das Schickſal, das uns alle regiert, hat die Vergangenheit entſchleiert. Und wenn Du ein Mann biſt, ſo bewahre den edeln Unwillen, der Dich begeiſtert. Thue ferner keinen Schritt, der Dich demuͤthigen koͤnnte, demuͤthigen vor einer — 187— gleißneriſchen Tyrannin. Hätteſt Du nicht den Muth, ihr Auge in Auge maͤnnlich zu widerſte— hen, ſo fliehe von ihr und ſieh ſie nicht mehr wie⸗ der. Das Gaͤngelband, woran ſie Dich fuͤhrte, iſt unwiderruflich zerriſſen. Sollen euch je noch Bande verknuͤpfen, ſo muͤſſen ſie von ihrer Reue, von ihrem Bekenntniß und ihrer Unterwerfung gewoben ſeyn. Das muͤhevolle Leben eines Man⸗ nes iſt nicht dazu gemacht, das Spielwerk einer launiſchen doppelzuͤngigen Gebieterin zu ſeyn. Dir bleibt noch ein Freund, der mit Dir an's Ende der Welt fliehen will, um Hand in Hand mit Dir den Tod zu erwarten. Und wäre meine Sorge, meine Liebe Dir nicht genug, ſo haſt Du noch eine Tochter, Dein Leben zu verſuͤßen, ſo haſt Du einen Sohn, der, wenn gleich jetzt noch Deinen Erwartungen nicht entſprechend, dennoch vielleicht einſtens....„ „Halt ein, Georg! Cäcilie. ja, ſie iſt ein Engel des Lichts. Sie liebt mich, wie ich zaͤrt⸗ lich an ihr haäͤnge. Die reinſte Sympathie ver⸗ einigt unſre Seelen. Aber Ralph, der von der — 188— Mutter die Härte, den eiſernen Eigenſinn erbte.... er wurde ſicherlich nicht geboren, mich zu be⸗ gluͤcken 1. Der Zufall ſpielte bereitwillig die ſchlagend⸗ ſten Karten in Heckdey's Hände. Im Reiſege⸗ wande, den Torniſter auf dem Ruͤcken, erſchien Ralph haſtig vor den Freunden. Er hatte auf ſeiner Wanderung nach Weiſſenbrunn einen Au⸗ genblick im gruͤnen Schutzen einkehren wollen, ſich zu erfriſchen; er hatte die Stimme des Vaters gehoͤrt; er kam, friſch und unbekannt mit dem, was vorgefallen, im Selbſtvertrauen der geſun⸗ den Jugend, ſich an des Vaters Bruſt zu werfen. —»Sehe ich Sie endlich wieder“ rief er froh⸗ lockend; aber ihn empfing Heckdeys finſtres Ge⸗ ſicht, und des Vaters harte zuruͤckweiſende Frage: »Was willſt Du hier? was fuͤhrt Dich hieher 2e — Der arme Junge antwortete betroffen, aber mit Zuverſicht:„Ich will zur Mutter. Ich habe gehofft, Sie dort zu umarmen, mein Vater. Sind Sie boſe, daß ich ſchon hier dieſe Hoffnung ver⸗ wirklicht ſche 2«— — 189— „Lieber hier, als dort:“ entgegnete Leopold nach langem Schweigen:„es iſt mir recht, Dich zu ſehen. Was bedeutet aber dieſe uberromanti⸗ ſche Wanderung, nach kaum uͤberſtandener Krank⸗ heit? Mit weſſen Erlaubniß erſcheinſt Du vor mir 2 „Ei, die Krankheit iſt voruͤber,“ antwortete der junge Menſch, etwas ungeduldig;„meine Kräfte ſind neuaufgelebt, und ich dachte keiner Erlaubniß zu beduͤrfen, meine Eltern aufzuſuchen.“ — Er warf dabei einen ausdrucksvollen Blick auf Heckdey, einen Blick, der dem gereizten Vater nicht entging. —»Ralph hat ſchon längſt die Disciplin meines Hauſes, worinnen ich ihn pflegte, ſeinem Starrſinn und Ungeſtum untergeordnet z bemerkte Heckdey mit dem Tone, den man gewoͤhnlich einem Unverbeſſerlichen gegenuͤber annimmt. „Das hab' ich bereits gehoͤrt;« begann der Vater mißbilligend:„Deine rohe Widerſpenſtig⸗ keit iſt mir bekannt geworden. Du gehſt ver⸗ muthlich nach Weiſſenbrunn, um Huͤlfe und Un⸗ — 190— terſtuͤtzung in Deinen Unarten zu ſuchen? WVillſt Du auch noch einen Zankapfel zwiſchen Vater und Mutter werfen? Wiſſe jedoch, unmuͤndiger Re⸗ bell, daß ich uͤber Dein Schickſal zu entſcheiden habe. Treibe nicht Dein Spiel mit meiner Lang⸗ muth.⸗. Ralph horchte ſtaunend zu. Er begriff ſeine Stellung, ſeinen Vater nicht mehr; und der In⸗ ſtinkt, der ihn vermochte, in Allem, was ihm Un⸗ angenehmes begegnete, Heckdey's Werk zu ſehen, verleitete ihn zu der unbeſonnenen und kecken Aeu⸗ ßerung:„Mein Vater, Sie ſind aufgebracht ge⸗ gen mich? Ich weiß, wer mir Ihre Liebe ent⸗ zog, wer mich um Ihre Gunſt gebracht hat. Aber nur Sie haben mir zu befehlen, nur die Mutter und Sie. Pon einem Fremden, der Sie gegen Ihre Kinder aufwiegelt, laſſe ich mir kein Geſetz gefallen. Herr Heckdey hat keine Gewalt uͤber mich, und ich ſage frei heraus, daß ich ihm nicht gehorche, und wenn er zehnmal in Ihrem Namen mit mir geſprochen hat, wie ein Kerker⸗ meiſter zu ſeinem Gefangenen.“ „——— — 191— —„Unverſchämter!« murmelte Georg zwi⸗ ſchen den Zähnen, und wendete ſich ab. Dieſes Wort, dieſe Bewegung ſteigerte den Groll Leo⸗ polds noch mehr, ſo daß er ſich nach und nach in immer haͤrtern Worten Luft machte.„Du biſt ein ungerathner, undankbarer Bube z zuͤrnte der Vater:„Biſt falſch und uͤbermuͤthig, wie Deine Mutter. Noch eine ſolche Frechheit aus Deinem Munde, und Du ſollſt ſchen.. k⸗ „Wenn Sie meine Mutter ſchelten, darf ich nicht ſchweigen ze ſagte der Juͤngling trotzig. Wor⸗ auf Leopold auffuhr:„Wie, Boͤſewicht? Du willſt den Schiedsrichter zwiſchen mir und ihr vorſtel⸗ len? Deine Dreiſtigkeit uberſteigt alle Graͤnzen. Bildeſt Du Dir ein, Junge, daß meine Geduld kein Ende habe? Sie iſt zu Ende. Ich werde nicht dulden, daß Du Deinen Weg fortſetzeſt, daß Du noch mehr des Scandals dort anrichteſt, wo ſchon genug des Aergerniſſes ſeinen Sabbath hält. Du bleibſt hier, gehſt nicht nach Weiſſenbrunn. Du wirſt Herrn Heckdey Deine Beleidigung ab⸗ bitten, mit uns umkehren, und alſogleich Deine — 192— Reiſe nach dem Huͤttenwerke antreten. Wenn der junge Herr Kraft genug beſitzt, in der Winter⸗ kälte durch das Land zu ſtrolchen, ſo mag er auch endlich an die Arbeit gehen.— Da ſieht mein Freund, den Du beſchimpft. Bitte ihm Deinen Frevel ab, ſage ich.“ Ralph war wie an den Boden gewurzelt. Er verſetzte brummend und verſtockt, mit niederge⸗ ſchlagenen Augen:„Ich habe Herrn Heckdey nichts abzubitten.“ —„Ich erlaſſe gern dem Monſieur die ge⸗ zwungne Reue; kann mich ohne ſie behelfen;“ ſprach Georg wegwerfend.— Aber die Widerſetz⸗ lichkeit des Sohnes ſchlug wie ein Strahl in eine Pulvertonne. Der gutmuͤthige, geduldige Leopold wurde zum ſchnaubenden Loͤwen.„Den Torniſter herunter, Bube!“ rief er wild; und da Ralph nicht auf der Stelle gehorchte, riſſen Leopolds Hände ſelbſt die Laſt von ſeinen Schultern. Des Juͤnglings Widerſtreben verdoppelte die Gewalt⸗ chätigkeit des Vaters. Ein Tragband, mehrere Riemen des Ränzchens ſprangen auf. Ein Theil . — 193— ſeines Inhalts leerte ſich auf den Boden aus, wohin der Torniſter geflogen war.— Roth vor Zorn, die Augen voll von ſtarren Thraͤnen, be⸗ ſchaͤmt und niedergedonnert ſtand Ralph und wußte ſich nicht zu faſſen. Leopolds Grimm ſtieg, weil der Knabe ſich nicht auf gute Worte legte.„Wirſt Du dieſe Lappen auf der Erde liegen laſſen 2“ fragte er: »Willſt Du nicht ſo gefällig ſeyn, ſie aufzuraͤu⸗ men? Soll ich Dir mit Schlaͤgen zu Huͤlfe kommen 26 Ralph zitterte zuſammen bei der Drohung. Als Heckdey ſich vernehmen ließ:„Ungezogene Burſche verdienen auch nur Stock und Ruthe!“ brach der Juͤngling los:„Ich habe nie von mei⸗ nem Vater Schlaͤge bekommen, Herr Heckdey, das dürfen Sie mir glauben. Und auch heute brauche ich nicht damit bedroht zu werden, um zu thun, was der Vater mir befiehlt. Wenn Sie aber ein Herz und Ehre im Leibe haͤtten, wuͤrden Sie einen ſolchen Auftritt nicht veranlaßt haben.“ —„Immer beſſer;« ſpottete Heckdey, der Voa Conſtrictor 1. 13 — 194— ſich ſelbſt nut mit Muͤhe faßte. Leopold trat zu Ralph, der ſich buͤckte, den Torniſter wieder zu ordnen. „Wir ſprechen uns noch, wenn Du da fertig biſt, junger Trotzkopf;“ begann er mit erneuter Drohung:„Welch ein Chaos in dieſer Reiſetaſche! Was ſchleppſt Du Dich mit ſo vielen Papieren? Was ſollen dieſe Wiſche? faule Leute tragen ge⸗ ſchrieben bei ſich, was ſie nicht im Kopfe haben. Zeige, gib her.“— Zoͤgernd, denn er zitterte am ganzen Leibe, reichte der Sohn die geforderten Gegenſtände dem Vater: Mein Tagebuch,.. mein chemiſches Heft,.. Lieder, die ich abgeſchrieben... bota⸗ niſche Notizen... die Zeugniſſe meiner Lehrer. — Ralph ſtutzte und hielt inne, da ihm ein Päckchen in die Hand fiel, deſſen Inhalt er nicht alſobald angeben kounte. Um den dringenden, ihn ſo ſehr verwirrenden Fragen des aufgebrach⸗ ten Vaters fur den Augenblick auszuweichen, ſchob er das Paket unter die uͤbrigen Effekten. Leopold hatte es jedoch bemerkt.„Was iſt das? her da⸗ — 195— mit; warum verbirgſt Du es 2e herrſchte er dem Sohne zu.— „Ich.. ich wollte nicht.“ ich weiß nur gerade jetz nicht, was darinnen.. aber... ſtotterte Ralph, und ſchlug während deſſen die Papiere auseinander. Die Form, der Druck, die Farben derſelben erregten Leopolds Argwohn. Er riß ſie an ſich. Beſtuͤrzt betrachtete er ſie, mit wachſen⸗ der Beſtuͤrzung den jungen Menſchen„welcher, ermattet von dem Vorhergegangnen, und nicht verſtehend, welch neues Unwetter uͤber ihn loszu⸗ brechen drohe, das verlegenſte Geſicht von der Welt machte. Seine Angſt wuchs, da mit beben⸗ der Stimme der Vater ihn fragte:„Wie koͤmmſt Du zu dieſen Papieren 2— Keine Antwort. „Georg!“ rief mit herzzerreißendem Tone Leopold dem Freunde, der am Fenſter ſtand, mit dem Geſichte nach dem Freyen gekehrt:„Georg, komm' zu mir, und ſage mir, wenn Du's be⸗ greifſt, wie der Unſelige hier zu dieſen Banknotet gekommen?“ „Banknoten 24 fragte Ralph erſtaunt. Aber 13* 104— im ſelben Moment ſagte auch Heckdey erbleichend: „Banknoten? errathe ich's, mein Freund, mein armer Freund? Ich weiß nur, daß— ja wahrhaftig, es iſt ſo.. auf allen ſteht mein Zei⸗ chen daß dieſe Banknoten mir gehoͤren. Aerm⸗ ſter Vater.. ſie ſind mein Eigenthum. Er muß ſie aus meinem Pulte entwendet haben.“ Und die Banknoten entſchluͤpften Leopolds Fin⸗ gern, daß Georg ſie auffing, und mit gräßlicher Betonung donnerte der Vater dem erſtarrenden Sohne zu:„Dieb, Dieb, Beutelſchneider, Stra⸗ ßenraͤuber! Du haſt ſie geſtohlen...! wie, war⸗ um. 7 bekenne Deine Schandthat!“ Ralph faltete die Haͤnde, und ſtammelte kaum hoͤrbar, weil der Krampf der Angſt und des Un⸗ willens ihm die Kehle zuſchnuͤrte:„Vater,. ich ſage Ihnen, bei Allem, was heilig iſt...“ —„Geſtehe, oder ich erwuͤrge Dich mit eigner Fauſt!“ unterbrach ihn der Wuͤthende.— Ralph warf ſich vor ihm auf die Knie:„Und wenn Sie mich todtſchlagen, mein Vater..“„Ja, ja, ſtirb, Du Elender!“ ſchnaubte Leopold, und ſtuͤrzte ſich 55— uͤber ihn her. Heckdey, dem die Scene doch zu ernſthaft wurde, ſchleuderte das Paket blind von ſich, und warf ſich zwiſchen Vater und Sohn. Nur ſeine außerordentliche Kraft hielt den toben⸗ den Leopold zuruͤck. Ralph entzog ſich den Dro⸗ hungen des Vaters, und ſammelte ſeine Sinne wieder. Leider hoͤrte er Heckdey rufen, da er noch mit Leopold rang:„Laß ab, morde nicht Dein Fleiſch und Blut. Laß' den Dieb der Schande und der Reue!“— Das unendliche Unrecht, das ihm geſchah, ſteigerte nun den Trotz des Juͤng⸗ lings bis zum hoͤchſten Grade; ſo daß er, da endlich ſein Vater, ermattet in den Stuhl geſun⸗ ken, ihn wieder fragte:„Bekenne, Bube, bekenne, und ich will die Schande verſchweigen, die Du uͤber Deine Familie gebracht haſt!« demſelben entgegnete:„Ich geſtehe nicht, was ich nicht ge⸗ than. Ich weiß nicht, wie das Paͤckchen in mei⸗ ne Taſche gekommen; aber vielleicht...“ hier entflammte Zork und Emporung ſeine Wangen— „ielleicht weiß es Herr Heckdey um ſo beſſer. Mein Torniſter ſtand in ſeinem Zimmer, und da — 198— er mich bei Ihnen, mein Vater, zu verderben ge⸗ ſchworen hat...“ —„Schweige Elender!“ unterbrach ihn Heck⸗ dey beleidigt.—„Schweige Elender!“ wieder⸗ holte Leopold, aufſpringend, und nur muͤhſam von Georg gehalten; Willſt Du Unthat auf Unthat haͤufen? Nicht genug, daß Du Deinen Wohlthäter beraubt, aus niedriger Bosheit ihn beſtohlen, willſt Du auch noch Schmach auf ſein Hanpt bringen? Undankbarer„ Ungeheuer des Undanks! Sich Deine Haͤnde; noch tragen ſie die Narben der Wunden, die Georg geheilt, und mit dieſen Händen haſt Du ihn beſtohlen! Und Du findeſt kein Wort der Rechtfertigung? Wozu auch? kann ſich der Raub rechtfertigen laſſen?.. Fort, hinweg, aus meinen Augen! Er⸗ ſcheine nie vor mir, niemals mehr. Ich fluche Dir, Du biſt todt fuͤr mich. Geh hin zu der Falſchen, die Dich, den Falſchen geboren. Laß' Dich ſegnen von ihr, und bringe ihr meinen Fluch „Vater, Vater! um Gotteswillen! hoͤren Sie — 199— mich!“ ſchrie nun der Juͤngling, uͤberwaͤltigt von der graͤßlichen Entwicklung dieſes Auftritts. Aber ihn ſtießen Leopolds Arme zuruͤck, und ſein lau⸗ tes Flehen uͤbertaͤubte der wiederholte Fluch des Vaters.— Auſſer ſich entwich Ralph dem Zim⸗ mer, dem Hauſe.— Und als die Erſchoͤpfung den armen gehetzten Leopold umfing, als ſeine Wuth verſtummt, und ſein Herz eine Beute der Wehmuth geworden war, der Wehmuth, die nicht Zunge, nicht Ohr hat, ſah ſich Georg nach ſeinen Banknoten um. Nir⸗ gends eine Spur von ihnen. Doch im Kamin glimmten noch einige buntbedruckte Fetzen, die Heckdey haſtig der Glut entriß. Aber es waren nur die unbrauchbaren Ueberreſte der Summen, die die Flamme verſchlungen hatte.— Mit einer ſchweren Laͤſterung ſchlug ſich Georg vor die Stirne, drohte er zum Freunde hinuͤber, und rief:„Sieh, wie Dein Bube Schuld iſt, daß auch mein bischen Habe zerrinnt. O hätte ich nie meine Sohle auf Deine Schwelle geſetzt! —— Denn bei Dir iſt das Unheil, und ich hab' es von Dir geerbt, wie ein Fieber. Weh uns, Leo⸗ pold! was wird noch aus uns werden 7e 3 weite Abtheilung. 1. Wozu der Mund zu ſtolz, zu ohnmächtig, zu hoͤflich, zu feige, das ſagt bereitwilliger die Feder, wenn gleich ihre Zuͤge haften bleiben, während das Wort verweht im Raume. Das verliebte Maͤdchen wuͤrde um die Welt nicht ausſprechen, was ſeine ſchuͤchterne Hand ſchreibt; mancher Tribun wäre allzuverzagt, von der Rednerbuͤhne herab zu ſchreien, was er der Welt mit Gänſekiel und Preſſe verkuͤndet.— Es iſt, als ob Ge⸗ ſtändniſſe, Reue und Schmach ſich beſſer auf dem Papiere ausnähmen. Das Sprichwort iſt wahr: das Papier errothet nicht: Eugenie hatte verſucht, an Leopold zu ſchrei⸗ ben. Die Liebe war mild und wehmuͤthig in ihren Buſen heimgekehrt. Sie ſchämte ſich des Zorns, ſie war nachſichtig geworden, wie ſie er⸗ 0 bittert geweſen. Eigner Fehler ſich bewußt, fuͤhlte ſie ſich geneigt, des Geliebten Maͤngel zu verge⸗ ben. Hatte doch wieder ſein Ange in das ihrige geblickt; hatte doch wieder zu ihr der Mund ge⸗ redet, der ſo oft mit Kuͤſſen und Liebesworten ſich ihr verſtändlich gemacht! Herzen, die ſich lange und tren geliebt, reißen ſich nicht ſo ſchnell aus⸗ einander. Es kommen immer noch Momente, die jede Beſchwerde wie einen Traum verwiſchen. Wohl denen, die ſie nicht verſtreichen laſſen, dieſe mahnenden Momente. Eugenie hatte ſich uͤberwunden, ſogar geſtan⸗ den, daß auch ſie nicht frei von Gebrechen. Der Brief lag halbfertig vor ihr. Ein ſchneller Bote ſollte damit den flichenden Gatten einholen. Da kam ein Bote neuer Angſt und Erbitterung: Ralph, den ſie liebte, die zärtliche Mutter, wie ihren Augapfel; deſſen Worten ſie unbedingt glaubte, deſſen Schmach ſie doppelt mitempfand. Aufbrauſend im Zorne zerriß ſie das verſohnende Blatt, und ſchob ein andres, drohendes, mit Vorwuͤrfen angefulltes an deſſen Stelle.— Aber ſelbſt die Thränen und vorſchnellen Kla⸗ gen des Sohnes hatten etwas Beſchwichtigendes fur die Seele der Gattin. Ralph hatte ja die Zuͤge ſeines Vaters; Leopold klagte, weinte, wie er.—„Ich will den Brief erſt morgen ſenden;“ beſchloß Eugenie. Die Nacht ſollte Rath, Milde⸗ rung, Ueberlegung bringen.— Und als die Nacht voruͤber, und nicht un⸗ genuͤtzt— denn Eugenie war zu einem verſtaͤndi⸗ gen Entſchluß gekommen— war die Mutter ruhig und gefaßt. Sie zerriß, was ſie geſtern aufgezeichnet. Sie wollte eine edle, uͤberzeugte Fuͤrſprecherin des Sohnes, aber auch Leopolds gefuhloolles Weib ſeyn. Alles ſollte vergeben, vergeſſen werden, Alles, Alles in die alte trau⸗ iche Liebe zuruͤckkehren. Nur eine Bedingung ſollte erfuͤllt werden, und ſie hoffte dieſes von Leopolds ehrlichem Gemuͤth; ſie hoffte es ſogar von dem Stolze eines feindlichen Mannes. Heck⸗ dey ſollte gehen, und wieder aufbluͤhen das Pa⸗ radies, das welkende. Der Takt des Weibes ſagte Eugenien, daß nur Georgs Hauch es ver⸗ giftet und erſtickt habe.— Wie wandelbar ſind jedoch, wie ſehr dem Verderben ausgeſetzt, die Beſchluſſe der Sterblichen! Mit weinenden Augen erſchien Cäcilie vor der Mutter, die ſich wiegte auf den Schmetterlingsſchwingen einer beſſern Zukunft.— „Ralph iſt fort!“ fluſterten ihre zitternden Lippen: „er kann die Schande, die auf ihm laſtet, nicht ertragen. Wir ſollen nie etwas von ihm hoͤren, bevor er nicht ein Mann geworden, an Herrn Heckdey den Fluch des Vaters zu rächen.“— Schrecken, Erſtaunen, Entſetzen, Verzweiflung bemeiſterten ſich nacheinander der gequälten Mutter. Verzweiflung, Ungluͤck, Armuth machen aber ungerecht, und Eugenie fuͤhlte ſich namenlos arm. Auf die Urheber dieſes neuen Unfalls fiel das ganze Gewicht ihres Haſſes. Heckdey und Lev⸗ pold,— Leopold und Georg— die Verbruͤder⸗ ten, die Verbuͤndeten, waren nun ein und derſelbe Gegenſtand ihrer Verachtung, ihrer Wuth. Zu ohnmaͤchtig, den entflohenen Liebling wieder zu fangen, zu feſſeln, zu halten, war ſie ſtark genug, die Verlaſſene, mit Leopold unwiderruflich zu — 207— brechen; und dieſes Manifeſt einer im tiefſten be⸗ leidigten Mutter ging ab an ſeine Addreſſe, ein Bannſtrahl, der Leopold's letzten Altar, der hauslichen Eintracht letzten Tempel niederbrannte. Vergebens hatte Cäcilie ein ſchwaches„Halt ein!“ gerufen. Auch gegen ſie kehrte ſich der Argwohn Eugeniens.„Du biſt des Vaters Bun⸗ desgenoſſin!“ zuͤrnte ſie ihr entgegen:„Du biſt Heckdey's Bethoͤrte und Schuͤlerin? Du heuchelſt Thraͤnen um Ralph's Verluſt, während Deine Seele frohlockt, des läſtigen Bruders ledig zu ſeyn. Du biſt auch verſchworen mit den Andern, mich elend zu machen. Was willſt Du? Dei⸗ nes Vaters liebſtes Kind, Heckdeys Freundin, ihm vielleicht noch mehr ſeyn? Umſonſt, um⸗ ſonſt, Du truͤgeriſche Schlange. So lange meine Augen offen ſtehen, wirſt Du dem Feinde meines Gluͤcks nicht angehdren. Du ſollſt, Du darſt nicht. Mein Befehl, des Gebote waff⸗ nen ſich dagegen.“— Wie erſchreckt von dem, was ſie Könr hielt Eugenie plotzlich inne, und ſchwieg, und — 66 redete nie wieder mit Cäcilie eine Sylbe von dem verhaßten Gegenſtand. Aber auch in dieſe fromme Bruſt hatte ihr heftiges Ueberwallen den verzeh⸗ renden Brand geworfen. Das Ungluͤck war ge⸗ ſchehen. Auf einmal wußte Cäcilie, wonach ihr Sehnen verlangte, wohin ihre dunkeln Gefuͤhle ſtrebten, und kein Rath, kein Troſt war da. Mutter und Vater, ihr fremd oder fern; Luiſe, der ſie ehedem ſo ſehr vertraut, ebenfalls weit von ihr, und nicht mehr dem armen Maͤdchen verwandt, wie vordem. Eine andere Empfindung beherrſchte jetzt Cäcilien. Plotzlich wußte ſie nur Einen auf Erden, ihr näher als Eltern und Freundin; aber— welch eine Qual— ſie zwei⸗ felte noch, ob er ihrer Liebe wuͤrdig oder nicht. Diana war, wie juͤngſt Luiſe ſelbſt, das Schreck⸗ geſpenſt ihrer jungen Lridenſchaft geworden.— Was von guten Keimen allenfalls in dieſer weiten Saat des Unheils aufgeſchoſſen wäre, zer⸗ trat der Huf des Boſen eiſern und allgewaltig. Die angſivolle Mutter war nach der Reſidenz gekommen, um dem Sohne nachzuſpuren, und — 209— von Raimund's Guͤte treue Beihuͤlfe zu erflehen. Ihr Weg fuͤhrte ſie an der Terraſſe des Hof⸗ gartens voruͤber, wo ſelbſt im haͤrteſten Winter die ſchoͤne Welt der Hauptſtadt ſich während der Mittagsſtunde zu ergehen pflegt.— Die Lei⸗ dende floh das Getuͤmmel der Frohlichen, der Geſchwätzigen. Die Traurigkeit iſt die ſtolzeſte Koͤnigin. Ihre Etikette duldet nur ihres Gleichen in ihrer Naͤhe.— Und wirklich war Einer, den das Leiden mit ſeinen Geißelhieben zu adeln verſuchte— wenn gleich vergebens— nahe bei Eugenie; und da ſie in eine ſiille Arkade einbog, die zum Ausgang des Gartens fuͤhrte, begegnete ſie dem wildſcheuen, ungluͤcklichen Manne. Ihre Kniee brachen bei ſeinem Anblicke. Ruhig und theilnahmlos, wie der Henker ſein taumeln⸗ des Opfer, richtete Georg die Wankende auf. „Faſſe Dich;“ ſagte er in ihr Ohr:„Du biſt eine Dame, und haſſeſt wie eine Wilde? Du biſt eine Tochter der Welt, und faͤllſt ohnmaͤch⸗ tig dahin vor Deinen Werken, wie eine ſchwach⸗ Boa Conſtrictor. 1I. 14 — 210— ſelige Nonne, die ihr feiges Gewiſſen in's Kloſter trieb? Sammle Dich, ſage ich, und betrachte mich genau. Es muß Dir Frende machen, mich kummervoll und gebeugt zu ſehen.“ Befremdet ob dieſer Anrede maß wirklich Eugenie mit ſtaunenden und verächtlichen Blicken den Sprechenden, und entgegnete:„ Sie, Sie, Georg, reden zu mir in dieſem Tone? Sie ſoll⸗ ten ſich vor mir in den Schacht der Erde ver⸗ kriechen, und prahlen mit einem Kummer, deſſen Urheberin ich ſeyn ſoll? Hätten wir unſere Rol⸗ len getauſcht? Sie, wortbruͤchiger Mann, haben Ihre theuern Eide nicht gehalten; Sie haben den Frieden einer unſchuldigen Familie gemordet, deren Gaſt Sie waren, Sie haben meinen Gatten⸗ meinen Sohn in's Elend getrieben, mich betrogen, meine Tochter bethort, und Sie, Sie verlan⸗ gen von mir Rechenſchaft?“ „Keine Scene!“ ermahnte Georg, und bemaͤch⸗ tigte ſich ihres Arms:„Dort kommt der Jagd⸗ zug des Konigs aus den Forſten zuruͤck. Die gaffenden Muͤſſiggänger ſtroͤmen in Schaaren — 211— herbei. Wenn Sie nicht heiter mit den Heitern ſeyn wollen und koͤnnen, ſo bemuͤhen Sie ſich wenigſtens, kalt und gleichguͤltig zu ſeyn. Betrach⸗ ten Sie die goldnen Herren, die dem Fuͤrſten entgegen gehen. Jener mit den weißen Haaren iſt der Juſtizminiſter. Gewiß hat er Leopold's Gnadenbrief in der Taſche. Freuen Sie ſich nicht 2e „Grauſamer!« ſchluchzte Eugenie hinter ihrem Schleyer:„Woran erinnern Sie mich! Alles iſt jetzt vorbei..— Sie hätte fliehen moͤgen, aber die Tyrannei der Convenienz hielt ſie an der Seite des Quälgeiſtes feſt. Er ſprach uner⸗ bittlich weiter:„Seyn Sie doch zufrieden. Alles ändert ſich. Warum mußte ich auch, ich Unge⸗ ſchickt, in Ihr Haus mit meinem plumpen Fuße ſchreiten? Leopold hat mein Vermoͤgen geborgt und verloren, Sie haben meine Gefuͤhle gemor⸗ det. Doch nein. Cäcilie ſelbſt hat es gethan. Ich weiß, daß ſie mich nicht liebte.“ —„Gott ſey Dank ſeufzte Eugenie aus be⸗ klommner Bruſt:„Ich danke auch Ihnen fuͤr dieſe Verſicherung.“ 14* — 212— „Sie paßt in Ihr Gewebe, nicht wahr?“ verſetzte er:„So luͤften Sie doch jetzt auch Ihren Schleyer. Wenn der Himmel weint, ver⸗ huͤllt ſich freilich die Sonne, weil ſie weiß, daß ſie dann nicht zum Beſten ausſieht; aber kaum iſt die Taufe der Wehmuth voruͤber.. hyuſch, fliehen die Wolken, und Frau Sonne verſucht wieder ein Laͤcheln.“. „Abſcheulicher Spoͤtter!“ ſagte Eugenie ent⸗ ruſtet; entſchleyerte ſich aber dennoch, indem der Monarch ſich näherte. Sein ſcharfes Auge ſpähte umher. Er erkannte Ederich's Gattin. Freund⸗ lich winkte er ihr und Georg mit der Hand, und ebenfalls, voruͤberziehend, dem ehrwuͤrdigen Mini⸗ ſter der Juſtiz. Des erlauchten Jägers Eichen⸗ laub verwandelte ſich in einen Helzweig. Eugenie verſtund, daß es ſich, wie Georg prophezeit hatte, um ihres Mannes Gnade handle, und ein Dolch fuhr durch ihre Seele. Sie freute ſich nicht mehr der koniglichen Gunſt, um die ſie emſig gebuhlt hatte.— Georg fuͤhrte ſie weiter, ſprechend:„Sie werden ihn wiederſehen, werden Ihren Sohn wie⸗ derfinden, und nicht minder einen Braͤutigam fuͤr Ihre Tochter. Damit nichts zu Ihrem Gluͤcke mangle, werde ich gehen. Meine Kaſſe und mein Gefuͤhl ſind die eines Bettlers geworden. Was ſollte ich noch hier 2“ —„Sprechen Sie die Wahrheit?“ ſagte, plotzlich von einem Hoffnungsſtrahle erwärmt, Eugenie, und ſtand ſtille:„Darf ich Ihren Ver⸗ ſicherungen endlich glauben? Wollten Sie gut machen, was Sie verdorben? Der Himmel ſegne Sie dafuͤr. Ich will mich nicht mehr ſchaͤmen, Sie einſt geliebt zu haben. Laſſen Sie ab von uns, und nehmen Sie Alles, was mir an Guͤtern verblieb, um Ihre Verluſte zu decken, wenn Sie nicht dieſelben ſcherzhaft vorgegeben. Ich will gerne darben, wenn nur Leopold ſeiner Schulden gegen Sie quitt und ledig wird.“ Heckdey's Augen flammten gehaͤſſig auf.„Lohnſt Du mich ab, wie einen Taglohner? Willſt Du zahlen, wie ein Wucherer, der noch an der Aecht⸗ heit des Wechſels zweifelt, den man ihm vorge⸗ — 5— legt? Deinen Bettelſchatz fuͤr mein zerſidrtes Leben? O, behalte ihn; lege ihn zu dem zer⸗ riſſenen Schuldbrief Deiner Treue. Was ich ge⸗ wann, um theuern Preis gewann, habe ich Dir und den Deinigen gewonnen, und was ich verlo⸗ ren habe, ſoll mir allein verloren ſeyn. Dennoch thue ich, was Du willſt. Ich laſſe ab von Dir, von Deinem diebiſchen Sohne, von Deiner ſchnip⸗ piſchen, undankbaren Tochter,— von dem ſchwa⸗ chen, bankrotten Leopold;... noch heute reiſe ich von hinnen; aber weißt Du, wen ich zuruͤck⸗ laſſe? meinen Fluch, meine Rache, das in den Sternen geſchriebene Verhaͤngniß. Gedenke deſ⸗ ſen, was ich einſtens Dir geſagt: Undank trägt Fruͤchte, und zu ſpaͤt wirſt Du bereuen, was Du an mir verſchuldet.“ —„Georg!“ ſchrie Eugenie, von der plotz⸗ lichen Verzagtheit befallen, die ſo oft der ſtärk⸗ ſien Weiber ſich bemaͤchtigt. Georg eilte davon, umſonſt ſuchten ihre Haͤnde ihn zu haſchen.— In dieſem Augenblicke nahm ſchon ſeine Rache ihren Anfang. Unſagliche Furcht begann, Eugenie — 215— zu qualen. Das ſtarke Weib ſieht oft uner⸗ ſchrocken der offnen Gefahr in das Auge; aber es zittert vor der geheimnißvollen Drohung. Nicht mehr ſo aufgeregt, wie ſie bei Mett⸗ ner's abgeſtiegen, jedoch um Vieles niedergeſchla⸗ gener fand ſich Eugenie, nach vergeblichem Be⸗ muͤhen, mit Raimund zu ſprechen, im Hauſe des Patrizierpaares ein. Die Mahlzeit erwartete ſie. Die Tafel war etwas ausgezeichneter als gewoͤhnlich. Eugenie machte ihren Wirthen freund⸗ liche Vorwuͤrfe uͤber die unndthigen Umſtaͤnde. Frau von Mettner antwortete indeſſen lächelnd: Laſſen Sie ſich dieſen Luxus nicht irren. Sie ſpeiſen ſo zu ſagen an Ihrem eignen Tiſche, und bezahlen ihn aus Ihrem Beutel.“—„Wie ſo, mein Muͤtterchen 26— —„Die Alte ſagt die Wahrheit;“— hob der trockne Mettner an:„Wir ſind eigentlich Ihre Koſtgänger geworden. Herr Ederich zahlt uns fur unſer Bischen eine Leibrente, und hat uns das Haͤuschen in der Thomasgaſſe fur unſre alten Per⸗ ſonen und Bilder abgetreten. Geſtern unterzeichnete — 26— ſein Bevollmaͤchtigter, Herr Heckdey, den Con⸗ trakt.“— „Schon wieder Georg?« Dieſe Worte ent⸗ ſchluͤpften Eugenien's Munde unwillkuͤhrlich.— Worauf der alte Herr:„Ja freilich; es haͤtte ſchlimm um Ihres Mannes Angelegenheiten aus⸗ geſehen, wenn der reelle, liebe Herr Heckdey nicht vorhanden geweſen waͤre. Seiner Fuͤrſprache ver⸗ danken wir jetzo auch die Anordnung, die unſer Leben, naͤmlich unſre paar Tage, ſorglos und muͤßig macht. Wie bald, und Herr Georg wirkt die Zuruͤckberufung ſeines Freundes aus, das niedergebrannte Haus wird wieder aufgebaut, und wir wohnen dann darinnen neben Ihnen, unter Ihrer Pflege 24 — Wir lieben Sie laͤngſt als eine Tochter;⸗ bekraͤftigte die alte Dame:„denken Sie ſich nun auch, als waͤren wir etwa Ihre Großeltern.“— Laut weinend umarmte Eugenie die wuͤrdige Matrone.—„Und ſtillen Sie Ihre Betruͤbniß;“ polterte Mettner gutmuͤthig:„Die heutige Lage der Sachen, und das Mißverſtaͤndniß mit dem — jungen Sauſewind, ſie werden aufhoͤren, und dann wieder ein Haus, ein Herz, ein Sinn.“— Die braven Leute wußten nicht um Eugeniens ſchwer⸗ ſte Betruͤbniß. —„Eſſen Sie doch,“ noͤthigte Frau von Mettner:„der Junge iſt gewiß nicht weit gelau⸗ fen, und kommt, nachdem der kindiſche Groll ver⸗ raucht, zuruͤck wie der verlorne Sohn. Die paar Tage vergehen bald, und Sie haben noch immer eine Tochter im Hauſe, die Sie troͤſtet.“ „Cacilie e ſeufzte Eugenie. Eine raͤthſelhafte Angſt umklammerte ſie, da ſie der Tochter, die allein auf dem Gute geblieben war, ſich erinnerte. Ihre Fantaſie träumte von einem Daͤmon, der ſeine gierigen Krallen nach der Unſchuld ausſtreckte. „Caͤcilie iſt ſo einſam; ich will noch heute fort;“ ſagte ſie zu ihren Wirthen, die ihr vorſtellten, bis morgen zu warten, um nicht unverrichteter Sache zuruͤckzukommen.“ Indeſſen rollte ein Wagen langſam durch die Gaſſe. Eine unbeſtimmte Erwartung trieb Eu⸗ genie an's Fenſter. Georgs Reiſekutſche fuhr vor⸗ — 218— bei, wie ein Leichenwagen. Heckdey ſaß darinnen, allein, in Gedanken verſunken.— „Da verreist der gute Herr!“ ſagte die Mett⸗ ner:„hat ſich geſtern bei uns beurlaubt, kömmt ſobald nicht wieder. Es iſt ihm recht ſchlimm gegangen. Haben Sie ihn noch geſehen, Mada⸗ me Ederich?“ „Ich habe;“ verſetzte Eugenie nachdenkend, aber erleichtert:„Wie geſchieht es aber, daß er al⸗ lein reist? wo hat er ſeine farbige Dienerſchaft gelaſſen 26 —„Ei, Sie wiſſen nicht, daß ihn die Mu⸗ lattin und der Neger beſtohlen, bedeutend beſtoh⸗ len? Auf und davon mit Poſtpferden, aber ſchnell war ihre Spur verloren. Es ſind ſchon geſtern Staffeten nach allen vier Winden. Gewißlich werden die dummen Diebe wieder erreicht.— Ich ſage dumm“— ſetzte die Mettner hinzu— „weil die Boͤſewichter vergeſſen haben, daß ſie ihren Steckbrief nicht vom Geſichte waſchen koͤnnen.“— Eugenie bedauerte Heckdey's Unfall aufrichtig, — 219— aber dennoch wurde ſie heitrer nach der Entfer⸗ nung des drohenden Feindes, und gerne willigte ſie jetz ein, noch bis zum Nachmittage des fol⸗ genden Tags in der Hauptſtadt zu verweilen. 2. Während Leopolds Gattin die dornigſten Wege, die einer Supplikantin, wandelte, ſiellte ſich auch bei Cäcilien ein demuͤthig Supplicirender ein: der arme Calculator Reiberling, der ſchon oft den Pfad zum Weiſſenbrunnerſchloͤßchen geſucht hatte, ſeiner Noth ein Almoſen zu erwirken. Frauen geben dfter und dreifach mehr als die Maͤnner. Reiberling hatte richtig gerechnet, da er ſich auf die Freigebigkeit der Damen von Weiſſenbrunn verließ.— Cäcilie vornehmlich hatte des Calcu⸗ lators Vertrauen gerechtfertigt, und ihre unbe⸗ fangne Kindlichkeit ſich dfter hergelichen, des Mannes Klagen, die ewig wiederkehrende Litanei, anzuhdren, mit Troſtungen aller Art die läſtige Vertraulichkeit zu vergelten.— — 220— Das Maͤdchen wunderte ſich nicht, den halb⸗ verruͤckten Gaſt wiederzuſehen, obgleich nur einige Tage ſeit deſſen letztem Terminirgang verfloſſen waren. Der Winter war ſtreng geworden, das Holz ein theures Beduͤrfniß, ſelbſt im Waldge⸗ birge; und daß der„gruͤne Schuͤtze“ ſeine Stamm⸗ kunden nicht beſonders wohlfeil zu entlaſſen pflegte, hatte auch Caͤcilie ſchon erfahren.— Sie hielt daher ohne vieles Saͤumen, dem Beſucher, als er nach beſcheidnem Klopfen eingetreten, eine Sil⸗ bermuͤnze entgegen, des Willens, ihn ſo ſchnell als moͤglich abzufertigen. Der Calculator nahm diesmal die Gabe nicht an, ſondern trat abwehrend einen Schritt zuruͤck. Sein Geſicht verrieth einen gewiſſen Stolz, eine Kränkung ſogar.„Erlauben Sie, verzeihen Sie;e⸗ ſagte er betreten:„ein Mann meines Gleichen weiß ſehr wohl, daß Zudringlichkeit unter die La⸗ ſter des buͤrgerlichen Lebens gehoͤrt, und daß der Unverſchaͤmte gewoͤhnlich ſeine Rechnung mit einem grundfalſchen Facit beſchließt. Ich wuͤrde mich ſchämen, heute wieder einen Beitrag einzuſtreichen, —— der erſt vorgeſtern ſaldirt worden. Stecken Sie daher gefälligſt dieſes freiwillige Darlehen fuͤr jetz in die Taſche. Ich komme heute nicht ſowohl in meei⸗ nen Angelegenheiten, als in denen eines Andern.“ —„So?“ fragte Cäcilie verwundert:„Neh⸗ men Sie nur indeſſen, und dann will ich gerne Ihre Fuͤrſprache fuͤr den Andern anhoren.“— „Deprecire;“ wiederholte Reiberling mit wach⸗ ſendem Unmuth:„Bitte, mich heute als einen Abgeſandten zu betrachten.— Ja: der Calcula⸗ tor Reiberling iſt heute ein Ambaſſador, ein au⸗ ßerordentlicher geworden; ſo außerordentlich, daß er nicht einmal zu Fuße die dreitauſend ſieben⸗ hundert und ein und dreißig Schritte zuruͤcklegte, ſo vom graͤnen Schutzen bis hieher zu zählen; wohl aber in der Caroſſe, die noch alldorten zu ſehen.“— Er zeigte durch die Scheiben uber die Gartenmauer auf eine ſehr moderne Kutſche, die einſam daſelbſt hielt, kaum hundert Schritte vom Schloͤßchen entfernt. „Ich gratulire, Herr Reiberling;“ entgegnete mit wehmuͤthigem Scherze die Tochter des Hau⸗ — 222— ſes. Sie hielt dieſes Vorgeben fuͤr einen wachen Traum des Calculators, und ſetzte hinzu:„Hat der Finanzminiſter endlich Ihre gerechten Klagen gehoͤrt, und Ihre Ruͤckſtände ſammt Gehaltzu⸗ lage bezahlt? oder beerbten Sie Ihren Vetter in Paramaribo 7 Des Calculators Augen leuchteten, aber nicht von Vergnuͤgen.„Der Miniſter?“ rief er:„Puh! Neunmal neun und neunzig Nullen werth ſey je⸗ des pro Memoria, das ich noch an ihn abſende. Und Paramaribo? die Erbſchaft wird einſt ſeyn ein Aggregat von Nichts und wieder nichts, oder eine Subtraction: Alles von Allem,— bleibt: wieder Null.“ —„Ei; ſo ſind Sie fuͤr mich ein Raͤthſel, ein Geheimniß, lieber Herr Calculator.“ „Das wohlfeilſte auf Erden ſind Räthſel und Geheimniſſe. Will man Nichts zu Etwas ma⸗ chen, braucht man das Nichts nur fein zuzudecken. Eline unbekannte Große ſcheint uns niemals dumm. Daher die Redensart: ein& fuͤr ein U machen, den Fuͤnfer zum Zehner avanciren. Ich freue — 223— mich, einmal etwas Geheimnißvolles an mir zu haben. Bettler und Findelkinder ſind am beſten daran. Von den einen weiß man nicht, wer ſie geweſen; von den Andern nicht, wozu ſie's noch einſt bringen werden.“— Er ſchwieg voll Erbit⸗ terung. Sein Gehirn kochte. Cäcilie bemerkte ihm:„Sie bringen mich um meine Zeit, lieber Herr Reiberling. Ich habe Geſchaͤfte, und wenn Ihnen nicht gefaͤllig wäre, ſich deutlicher zu erklaͤren. 2.— —„Richtig;“— Reiberling nahm ſich zu⸗ ſammen—„Die Zeit iſt koſtbar, wenn gleich nur aus Puͤnktchen zuſammengerechnet. Sechzig der⸗ ſelben eine Minute, ſechzig von dieſen eine Stun⸗ de, eintauſend vierhundert und vierzig ein Tag; ſechzig Tage ein Sechstel des Jahres, ſechzig Jahre ein Menſchenleben. Und dabei ſind noch die Naͤchte in Rechnung gebracht, und ein thaͤti⸗ ger Menſch wacht, d. h. lebt kaum fuͤnf und drei⸗ ßig Jahre. Alſo: wir wollen die Zeit nicht ver⸗ geuden. Alſo, mein Fraͤulein: Ihr Vater mochte Sie ſprechen.“ — 224— „Mein PVater?“ Caͤcilie ſprang freudig uͤber⸗ raſcht empor: Wo? wo iſt er? warum zogert er?“ —„Er hat, glaube ich, in dieſem Hauſe ſeine Rechnung abgeſchloſſen; hat nichts mehr hier zu thun.“— Caͤcilie ſeufzte tief, der ut gedenkend. „Ich bin allein, ganz allein; ſagen Sie ihm das.“ —„Er will nicht, daß man erfahre, daß er da geweſen..“— Cäcilie beſann ſich; dann ſagte ſe zu ſich ſelbſt:„Er hat Recht; die Mutter.... ihr Arg⸗ wohn... das waren boͤſe Stunden fuͤr mich.... zudem hat der Vater zu befehlen, und ich muß gehorchen.“—„Wo?“ fragte ſie den Calculator. —„In der Capelle des heil. Urſus.“—„Ich folge alſobald. Iſt er allein?“—„Ganz allein.“ — Caͤcilie ſtutzte. Sie konnte ſich jetzt den Va⸗ ter, von Heckdey getrennt, nicht vorſtellen. Sie ſehnte ſich nach Heckdey's, wie nach des Vaters Anblick.„Ganz allein?“ wiederholte ſie nieder⸗ geſchlagen.— Der gleichguͤltige Bote blieb bei der Ausſage.—„Gehen Sie voran; ich komme — 225— alſobald, ſage ich.“— Reiberling ging gehor⸗ ſam. Caͤcilie nahm ſich nur ſo viel Zeit, einen koſt⸗ baren Pelz umzuwerfen, und folgte den Schritten des geheimen Botſchafters. Die Strecke, die ſie zuruͤckzulegen hatte, war nicht groß. Nahe beim Schloͤßchen, am Eingang des Bergforſtes war ein Tempel erbaut, geweiht dem himmliſchen Fuͤrſprecher und Patron der Seegegend. Wo die Civiliſativn nicht Veranlaſſung gefunden, eine Schenke oder eine Lotteriebude zu errichten, auf den rauhen Halden des Gebirgs hatte die An⸗ dacht ihr Haus erhoͤht, damit die Sennen, die Koͤhler, die Jäger und Holzknechte auch eines Gottesdienſtes in ihrer Abgeſchiedenheit ſich er— freuen mochten. Alle Sonntage erſchien in der Wildniß ein uralter frommer Prieſter, der kaum noch die Kraft beſaß, die Alpenſtufen zu erklimmen, und verkuͤndete den verlaſſenen Bewohnern des Hoch⸗ gebirgs das Evangelium, vertichtete zu ihrer Er⸗ Voa Conſtrictor. U. 15 — 226— 3 bauung das heilige Opfer. Sogar im Winter dann und wann, obgleich die Mehrzahl der Berg⸗ bevolkerung zu Thal gefahren, erklang das Glock⸗ lein des heiligen Urſus uͤber Halde und See, und kuͤndigte dem fernen Volke an, daß hoch uͤber ſeinen Haͤuptern ein Seelenamt gehalten werde fuͤr diejenigen, die da verungluͤckt waren, ſowohl durch Schneefall, als durch die Wuth der Wildbäche und durch ſtuͤrzende Rieſenbäume; oder die umgekommen unter Raͤuberfauſt und in dem Rachen wilder Beſtien; oder die dahinge⸗ gangen, heimgeſucht auf ſtiller Wanderung von der Hand Gottes. Es hat manches Knie ſich wund geknieet an des heiligen Urſus Altar, manche Thräne, rieſelnd aus dem Auge einſam Betender, iſt auf den kal⸗ ten Steinboden der Kapelle gefloſſen. Denn die Sorgen ziehen mit zu Alp, und Mancher wohnt zu Zeiten nahe bei den Himmeln, ohne deßwegen deren Pforten finden zu können. Cäcilie kannte ſie wohl, die einſame Kapelle, die Vertraute ſo mancher geheimen Angſt.— Der Menſch ſperrt — 227— ſeine Klagen in Gewolbe ein, damit ſie ihr Ziel nicht verfehlen. Die Freude jubelt er lieber un— ter freiem Firmamente aus. Die Bitte faͤllt ihm ſchwer; den Dank macht er ſich leicht. In einen Mantel gewickelt, den Ellbogen geſtuͤtzt auf den ſchmuckloſen Altar, hielt ſich ein Mann ſtill in dem Kirchlein. Er kehrte dem Eingange den Ruͤcken.—„Sie koͤmmt;“ wis⸗ perte Reiberling ihm zu. Er nickte, ohne ſich ferner zu bewegen. Aber da Cä«ciliens leichter Schritt uͤber das Pflaſter glitt, und ihre be⸗ bende Stimme:„Wo ſind Sie, mein Vater 24 rief, drehte ſich der Mann raſch nach dem Maͤd⸗ chen um, und ſein Geſicht war nicht Leopolds. „Herr Gott! Georg!“ rief Cäcilic, verbeſſerte ſich aber ſogleich:„Herr Heckdey, wie kommen Sie an dieſe Stätte, wo ich meinen Vater zu finden dachte 26 Heckdey gab ihr ein Zeichen, zu ſchweigen, indem er auf Reiberling deutete. Der Calcula⸗ tor ſtand aber, ohne auf die Redenden zu mer⸗ — 228— ken, vor einer Votivtafel, und betrachtete eine Reihe von unfoͤrmlichen Zahlen, die wie auf's Gerathewohl darauf gezeichnet waren. Sein bis⸗ chen Geiſt gehoͤrte den Ziffern. Georg winkte dem Mädchen abermals, ſich zu nähern. Zaudernd gehorchte Cäcilie. Waͤh⸗ rend ihr Buſen dem Manne ihrer Wahl entge⸗ genpochte, furchtete ſich vor ihm ihr Auge. Der Ausdruck ſeines Geſichts war nicht der gewoͤhn⸗ liche. Es war etwas von boͤſem Gewiſſen darin⸗ nen, und dann die Bläſſe des Grams, und da⸗ neben die Bitterkeit des Menſchenfeindes; belei⸗ digter Stolz und Drang, ſich zu raͤchen, blitzte aus den Sehſternen.— Caͤcilie, unfaͤhig, dieſe mancherlei Gefuͤhle zu erkennen, und zu berech— nen, ſah in dem Antlitz nur ein tiefes Leiden, das ſich ihr furchterlich mittheilen wuͤrde. Georg ergriff ſie bei der Hand, und zog ſie in den duͤſtern Winkel, der an den Tagen des Gottesdienſtes dem Prieſter zur Sakriſtei diente. „Ich habe Dich getänſcht;“ ſagte er finſter: „Du waäreſt aber nicht erſchienen, wenn Georg — 229— Dich haͤtte darum bitten laſſen. Daher der Betrug.“— Cäcilie ſtaunte uͤber das vertrauliche Du, womit Georg ſie anredete, und antwortete:„Ich verſichere Ihnen, daß es der Täuſchung nicht be⸗ durft hätte. Meines Vaters Freund der Meinige. mein Lehrer, waͤre mir in Weiſſen⸗ brunn willkommen geweſen, zu jeder Stunde. Glauben Sie das, Herr Heckdey.“— Georgs Antlitz verzog ſich daͤmoniſch: Die Zeit der Beſuche und der Gaſtfreundſchaft iſt voruͤber. Ich werde da gehaßt, verlaͤumdet, ver⸗ folgt, wo mir Anerkennung, Ehrfurcht, Liebe gebuͤhrt hätte.— Ja, Cäcilie, Liebe; ich wieder⸗ hole dieſes Wort, auf die Gefahr, es lächerlich gemacht zu ſehen.“ „Was ſagen Sie?« ſtotterte das Mädchen. Ein Schatz von Liebe lag fuͤr den Undankbaren bereit. Er wußte nicht die Formel, ihn zu he⸗ ben. Mit beißendem Nachdruck fuhr er fort: „Ich betrete Deiner Mutter Haus nicht mehr. Ich fliche auf ewig ihre Nähe. Aber, wenn ich — 230— auch von der ganzen Welt ſcheiden koͤnnte ohne Lebewohl,— von Dir kann ich mich nicht trennen ohne Wort und Gruß. Es iſt der letzte Gruß, das allerletzte Wort; ſichrer, als das letzte Adien, das der Selbſtmoͤrder, bevor er die Piſtole los⸗ brennt, auf's Papier gekritzelt hat.“ Dieſe Verſtoͤrung Heckdeys zernichtete auch Cäciliens Faſſung. Geiſterbleich fragte ſie:„Ein Abſchied, Georg, ein ewiger Abſchied 24 „So iſts;“ verſetzte er kalt und grauſam: „darum wollen wir damit eilen. Ich muß mich mit Dir verſtaͤndigen. Du warſt, Du biſt noch umſchnuͤret von Schlangen. Die des Paradieſes waren nicht falſcher, nicht treuloſer. Du warſt mir zugeneigt; Du haſt Dich zuruͤckgezogen. Ei⸗ nes Weibes Tuͤcke, die Bosheit eines Weibes, das Dir leider ſo nahe ſteht, hat Dein leichtſin⸗ nig Gemuͤth umgeſtimmt. Du biſt mir fremd geworden, nachdem Du kaum mir verwandt ge⸗ weſen 4 Cäcilie wollte ihm haſtig in die Rede fallen. Herriſch verbot es ihr Heckdey, und fuhr dringend fort:„Mein iſt das Wort, und die Zeit ver⸗ rinnt, und vielleicht naht ſchon meine Feindin wieder.— Ich vergebe Dir, Cäͤcilie. Du haſt mich betrubt; ich will Dir verzeihen wie einem Kinde. Sie haben Dir viel Boſes von mir ge⸗ ſagt. Du biſt vor meinen Augen entſchuldigt, biſt rein, biſt ohne Tadel. Zum Lohn dafuͤr ſollſt Du mich kennen lernen.“— Er drehte ſich plotz⸗ lich zum Altar, und ergriff das einfache Kruzifir, das darauf zwiſchen verblaßten Papierblumen ſtand. „Was thun Sie, was beginnen Sie, Heckdey? was wollen Sie?e ſagte Cäcilie, durchwogt von ſchauerlichen Ahnungen.— „Daß Du mir ſchworeſt auf dieſes Heilig⸗ thum, als Dein eigen zu bewahren, was ich Dir jetzo vertrauen will;“« antwortete Heckdey furcht⸗ bar:„Er ſey kein Gaukelſpiel, dieſer Eid, und nur allein auf Deinem Sterbebette, oder an dem Deiner Mutter, darfſt Du mein Geheimniß of⸗ fenbar machen. Willſt Du 2.— „D mein Freund! welche Forderung! wird es — 232— mir frommen, was ich erfahren ſoll?“ lispelte das Maͤdchen aͤngſtlich. „Weh Dir, wenn dieſes Geheimniß Dich einſt unvorbereitet uͤberraſchen ſollte!“ ſagte Georg drohend:„Es wuͤrde Dich reiſſen von Leopolds und Eugeniens Sterbekiſſen, vom Hochzeitsaltar, aus des Bruders Armen— „Halten Sie ein!“ flehte das geaͤngſtigte Mäd⸗ chen:„Im Vertrauen auf Ihre Redlichkeit,— Ihre Gewalt uͤber mich iſt groß— gelobe ich, was Sie begehren.“— Sie legte die Finger auf das Zeichen des Heils. „Aller Meineide Fluch folge Dir, wenn Du Dein Geloͤbniß nicht haͤltſt!“ ſagte Heckdey feierlich.— „Neun und neunzig, elfmal Neun, eine Sa⸗ tanszahl!“ kraͤchzte Reiberling, der mit ſeinem Calcul fertig geworden war. Georg winkte ihm barſch, vor die Kapelle zu treten.„Ein confis⸗ cirtes Rechenexempel! die Algebra des Irrenhau⸗ ſes!“ murmelte Reiberling, und ſchob ſich in die Strahlen der Mittagſonne. 3 Georg faßte Caͤciliens beide Hände, und forſchte lange in ihren Augen. Die Purpurrdoͤthe der Scham und der Erwartung faͤrbte ihre Stirn und Wange. Sie flammte dem Geſtändniſſe: „Ich liebe Dich, Cäcilie;“ entgegen. Ein andres Geheimniß aus Georgs Munde zu vernehmen, erwartete ſie nicht. Und er ſprach endlich:„Wenn ich nur gehoͤrt haͤtte, was ſie in Deine Ohren gefluͤſtert! haben ſie Dir nicht geſagt, ich ſey ein verliebter Geck mit grauen Haaren, und haſt Du's nicht wieder⸗ holt? Schweige; hoͤre mich: Haben ſie Dir nicht zu verſtehen gegeben, ich wolle Dir mehr ſeyn als ein Freund?— Und ſie haben dann die Wahrheit geſagt. Ich will, ich darf, ich ſoll Dir mehr ſeyn. Statt des Haſſes und der Verfolgung hätte mir in Eugeniens Hauſe Liebe gebuͤhrt, Liebe von ihr, Liebe von Dir denn auf alle jene Ränke, auf die Lugen meiner Feinde, auf Deinen eigenen Spott, Cäcilie, habe ich nur eine Autwort: Ich bin Dein Vater!“ „Ach!“— Eine bleiche Lilie lag zu ſeinen Fuͤßen. Mit finſtrer Wolluſt betrachtete er ſein Werk, labte er ſeiner Rache Drang. Aber er wußte ſelbſt nicht, der Henker, wie ſcharf ſein Schwert in den reinſten Buſen gedrungen, wie es eine Welt von Leben, Liebe und Hoffnung niedergemaͤht! Er wuͤhlte in der todtlichen Wunde, da er mit heuchleriſcher Zärtlichkeit der Erwa⸗ chenden zuſprach:„So habe ich Dich nicht be⸗ trogen, meine Blume, da ich Dich zum Vater rief! Nein, mein Kind, es iſt nicht Täuſchung. Die Natur hat mich zu Deinem Vater geweiht. Der vor der Welt dieſen Namen fuͤhrt, iſt ein uſurpator der heiligſten Gewalt, des heiligſten Rechts.— Er weiß es jedoch ſelber nicht, betro⸗ gen, hintergangen, wie er es wurde, von Deiner mir und ihm gleich treuloſen Mutter. Sieh da, das Bekenntniß ihrer Liebe, ihrer Schwuͤre. Da ſie dieſe Zeilen ſchrieb, lagſt Du unter ihrem Herzen; ich ſchied— nach wenigen Monden trug ſie Ederichs Namen.“ „Gott! mein Gott! halte mich aufrecht!“ weinte Cäcilie, und ließ das Blatt fallen. Sie verbarg ihr Haupt in den Händen. Georg zog es an ſeine Bruſt. Nur zitternd vermochte es, daran zu ruhen. „Wie mir das Herz blutete,“ fuhr Georg fort, ſein Opfer zermalmend,„wie meine Seele im Schmerz ſich aufrieb, wenn ich ſah, wie Leo⸗ pold Dich herzte, wenn ich dabei war, wie Du ihn liebkoſteſt. Dieſe Liebkoſungen gehoͤrten mein; ich wußte das, und ſchwieg, um nicht Eugenie, nicht Leopold zu betruͤben. Aber heute, nachdem Deine Mutter noch den ſcheußlichſten Verrath an meiner Maͤnnerwuͤrde zu ihrer Untreue geſellt hat, heute mag fuͤr Dich der Schleier zerriſſen ſeyn. Heute magſt Du wiſſen, warum und wie ſehr ich Dich liebte, warum ich von Dir ſcheide, und wie elend mich dieſe Trennung macht.“— Die Arme weinte unaufhaltſam. Heckdey ſchuͤttelte ſie auf. Ihm war darum zu thun, die koſtliche Zeit nicht unbenutzt verſtreichen zu laſſen.„Leb wohl alſo; Du ſiehſt mich nie wie⸗ der;“ rief er Cäcilien rauh und unerbittlich zu: „Dennoch ſollſt Du von Zeit zu Zeit erfahren, — 236— wo ich athme, wo ich bin. Merke Dir: auf der weiten Welt nur mir gehoͤrt Deine Treue, Dein Gehor⸗ ſam. Das unſichtbare, nicht von den Geſetzen dieſer elenden Geſellſchaft anerkannte Band, das uns verknuͤpft, iſt das mächtigſte von Allen. Ich entfeſſle Dich von Deinen Pflichten gegen Deine Mutter. Sie verdient nicht Deine Liebe, wie ſie die Meinige nie verdient hat. Spiegle Dich an ihr. Untreue fuͤhrt zum Verderben, und das ihrige iſt gewiß, obſchon Du jetzt noch nicht den ganzen Umfang ihrer Strafe begreifſt. Und hore, vernimm, und merke weiter: Wenn je die Liebe Dich beſeligen ſollte mit ihrer Trunkenheit, die falſche Zauberin,— huͤte Dich, Dein Ja auszu⸗ ſprechen, ohne meine Einwilligung erhalten zu haben. Eine Ehe ohne meinen Segen wäre Dein Fluch, ſo wahr Gott uͤber uns lebt!“ Caͤcilie ſchauderte zuſammen.„Nie, nie!“ ſtdhute ſie:„Niemals eine Wahl, nicmals Liebe!“ Das Schluchzen erſtickte ihre Worte. „Nie!“ wiederholte Heckdey tyranniſch:„Es wird Dir niemals wohl ergehen, wenn Du luͤgſt, — 237— Cäcilie— Eine lange Pauſe. Endlich ſagte er:„Ich gehe jetzt, mein Kind. Denke mein.“— Das Mädchen fuhr auf, ſah mit unnennbarer Liebe und Wehmuth in ſein Geſicht, bis wieder niederſtuͤrzende Thräͤnen ihren Blick umſchleierten. Dann wieſen ihre Hände ihn von hinnen. „Du ſcheideſt von mir ſo kalt, ſo unempfind⸗ lich? ſprach er mit Hohn:„Du haſt kein Wort, keinen Kuß fuͤr Deinen Vater?“ Noch einmal flammte Cäciliens Auge zu ihm auf. Ihre Arme hoben ſich, ihn zu umfangen. Aber, als ob ein Geſpenſt dazwiſchen traͤte, fuhr die Jungfrau zuruck, wendete ſich ab, und wim⸗ merte, niederſinkend:„Ich kann nicht, ich darf nicht, o fordern Sie nicht dieſes Fuͤrchterliche von Ihrem Kinde!“ Und er ging, ſie verlaſſend ℳ dem Stein⸗ pflaſter der Kapelle. „Fahre hin!“ ſagte er gräßlich laͤchelnd fuͤr ſich, da er wieder in ſeiner Kutſche davonrollte: „Um Deine Liebkoſungen, eitle ſpottſuchtige Dirnc, iſt mir's nicht mehr zu thun. Genug, daß Dir — 238— der Pfeil in Hirn und Bruſt ſitzt, unheilbar und feſt. Genug, daß Du jetzt geſchieden biſt auf ewig von der Mutter, die Du verachteſt, von dem Vater, den Du von Stund an gering ſchä⸗ tzen wirſt. So gehe auch von Dir der Fluch uͤber Eugenie und Dein eigen Haupt aus. Ihr habt's Alle um mich verdient, und ſelbſt Leopold mag zu Grunde gehen, wenn er nicht an mich allein ſich haͤngt. Ich will einen Gefaͤhrten in meiner elenden Verlaſſenheit. Der Verluſt mei⸗ ner beſten Guͤter ſoll mir wenigſtens einen Schild⸗ knappen meines Jammers erkauft haben, oder. Die eiligen Räder walzten die ſchrecklichſten Ge⸗ danken, die einem Menſchen kommen moͤgen, hin⸗ unter in das Thal.— N 3. Wer kennt Lidenitz?— Eine troſtloſe Fläche von einigen Stunden in der Runde, aus Moor⸗ ſtreifen und Sandſtrecken beſtehend, umhegt von — 239— ſchwarzen Tannenforſten,— ein Tuͤmpſfel, worin⸗ nen ein paar Reihen elender Huͤtten eine kothige bodenloſe Gaſſe bilden; auf einer leichten Anwal⸗ lung des Bodens ein herrſchaftliches Schloͤßchen von alterthuͤmlichſter Bauart— das iſt Lidenitz. Traurig und verdroſſen, wie der ganze ver⸗ wuͤnſchte Erdfleck, iſt deſſen Einwohnerſchaft, ge⸗ bͤllt in duͤſterfarbige Zeuge, auf den ſtumpfen Geſichtern niedrig ſlaviſches Gepräge tragend. Hede und traurig, wie die Bewohner, ſind ihre Häuſer; auf der einen Seite derſelben ein Stall fuͤr das magere Vieh; auf der andern die Wohn⸗ ſiube, ärger noch, als ein Stall. Der Sumpf hinter der Huͤtte, worinnen Enten patſchen, und Froͤſche huͤpfen, heißt der Hofraum. Ragt aus ihm etwa irgend ein verkruͤppelter Obſtbaum, ſo wird ihm der Titel eines Gartens verliehen. Tugend iſt in Lidenitz wenig zu finden, aber des Geldes noch weniger als der Tugend. Manche Familien des Dorfs ſehen im Lauf eines Jahrs nicht einen Thaler, wenn auch nur aus Pfennin⸗ gen zuſammengeflickt. Sie kaufen ihre Beduͤrf⸗ niſſe und zahlen ihre Steuern mit den kärglichen Fruͤchten ihrer Felder, mit dem Ertrag ihrer Heerden, und es beginnt nur dann eine Aera des Wohllebens fuͤr die Gemeinde, wenn zur Herbſt⸗ oder Winterzeit irgend eine Soldatentruppe dort cantonirt, mandvrirt, oder auf die kuͤhnen Schleich⸗ haͤndler vigilirt. Alsdann belebt ſich der Markt; die Huͤtten wimmeln von Einquartirung; Trommel und Trom⸗ peten verbannen die Todesſtille aus der Gegend. Geigen und Hackbrett rufen am Abend zum Tanz, wo bei dunſtigem Talglicht der Kanonier ſein Mädchen ſchwenkt, der Fuͤſelier ſeinem Lieb⸗ chen den Hof macht. Denn in ſolcher Abgeſchie⸗ denheit ſind ſie nicht eckel, die liebebeduͤrftigen Krieger. Uebergroße Backenknochen und Kulmu⸗ ckenaugen ſchrecken ſie nicht ab, und gucklich noch der Gemeine oder Gefreite, deſſen Rang dergleichen Mißbuͤndniſſe erlaubt. Der Wacht⸗ meiſter, der Bombardier und der Feldwebel muͤſ⸗ ſen gravitätiſch an den Schoͤnen des Landes vor⸗ uberſchreiten, und die Offiziere vollends entbehren 241— aller Converſation mit Damen, wenn ſie nicht hie und da in das Schloß zugelaſſen werden, wo die Frau Adminiſtratorin hauſ't; oder wenn nicht dann und wann ein pilgerndes Harfenmaädchen ſeine klingenden Saiten neben den Karthaunen oder Jaͤgerhornern anſtimmt. Die verachtete Baja⸗ dere wird in Lidenitz zur geſeierten Prinzeſſin.— „Welche Luſt, Soldat zu ſeyn!“— Nur nicht in langweiligen Garniſonen, nur nicht in Lidenitz, wo die Langeweile den unumſchraͤnkteſten Thron aufſchlug. Hier iſt ihr Reich allgewaltig, und nicht der gefurchtetſte Stabsoffizier mag ſich ihrem Scepter entziehen. In Lidenitz lag alfo fuͤr diesmal ein Batail⸗ lon, dem Schmuggelhandwerk zu ſtenern, und die Befehlshaber des Bataillons haͤtten wahrlich lieber ſelber Contrebande getrieben, um ſich die Zeit zu verkuͤrzen. Ihre Ausdauer wurde nur durch den Troſt, den ſchon das Alterthum pries, durch den Troſt, Genoſſen im Elend zu haben, aufrecht erhalten.— Die Disciplin befand Boa Conſtrictor. 11. 16 . — 242— ſich nicht ſo wohl in der Cantonirung. Schärpe und Porte⸗6pée paßten nicht in die raͤucherigen Stuben, woraus der Offizier die Ariſtokraten von Lidenitz vertrieben; aber der Quartiermann ſelbſt bemuͤhte ſich, ſeine Individualität dem Quartier anzupaſſen. Er verbauerte allmählig, und legte auch noch den geringen Reſt von Schliff und Schick ab, den er ſich im Caſino ſeiner Stamm⸗ garniſon erworben. Der halbe Vormittag im Bette, die andere Haͤlfte bei Pfeife und Kaffee zugebracht, ein bischen Muſterung etwa, ein kleiner Spazierritt, wenn es hoch kam, und die Tafelſtunde war da. Die Frau eines Feldwebels machte die Wirthin der Herren Offiziere, die zu dieſem Endzweck ihr das geraͤumigſte Quartier des Orts, die Gemeinde⸗ ſtube, uͤberlaſſen hatten. Nach der oft ſehr ho⸗ meriſchen Mahlzeit ein Schlaͤſchen, dann ein Be⸗ ſuch in den nachbarlichen Cantonirungen, um ſich am Elend der Kameraden zu weiden, ſpaͤter ein Stuͤndchen Cour im Schloſſe; endlich wieder die Pfeife und der Bierkrug in der Offiziersmenage. — 243— War der beſcheid'ne Speiſczettel erſchopft, das Faß leer, der Branntwein zu Krambamboli ver⸗ braucht, dann flugs nach Hauſe, ein Donner⸗ wetterchen dem verſchlafenen Fourierſchutzen und Privatdiener, und nach dieſem militaͤriſchen Abend⸗ ſegen ein geſunder Nachtſchlaf.— So wechſelten freundlich und gefällig die Tage. Aber die Gewohnheit iſt ein herrlich Ding; denn man gewoͤhnt ſich an Alles. Es gab auch zu Lidenitz Leute, die ſich das Leben behagen ließen, und in einer ſchiefen Poſition fuͤhlten ſich am Ende nur diejenigen, die fruͤher der Reſiden⸗ zen, der Kaiſer- und Koͤnigſtädte Glanz, oder die unbedingte Wilffaͤhrigkeit der Buͤrger mittelmaͤßig⸗ großer Feſtungen gewohnt geweſen waren. Ein Leidender dieſes Schlags war es, der eines Abends im Caſino der Feldwebelin ſeinen Cameraden zur Beluſtigung diente. Seine Trauer war um ſo komiſcher, als ſie nur dann und wann in ziemlich bedentenden Zwiſchen⸗ räumen ausbrach, und ſich mit einer Naive⸗ 16* — 1— taͤt Luft machte, die nicht verrathen haͤtte, daß der Klagende ſich nach den Zirkeln der ſchonen Welt ſehnen mochte. „Ei, Capitän,“ ſagte Polawsky, der Oberlieute⸗ nant, und tippte mit der koloſſalen Bernſtein⸗ pfeifenſpitze die Schulter des ihm gegenuber ſitzen⸗ den Melancholikers:„Woher denn aufs neue der vermaledeite Spleen? Iſt der Gerſtenſaft nicht heller und kraͤftiger, als gewoͤhnlich? Kam nicht friſcher Knaſter an? Haben heute Mittag die Feld⸗ huͤhner nicht gut geſchmeckt?“ „Ich wollte, ſie wären, wo der Pfeffer wächst!“ murrte der Angeredete. „Bedanke Dich, verneige Dich, Manka!“ rief Sergy, der Bataillonsarzt, der Feldwebelin zu, die gleichgultig, die Arme in die ſeiſten Huͤften geſtemmt, antwortete:„Ich nehm's mit dem gnä⸗ digen Herrn Hauptmann nicht ſo genau. Er zahlt gut und prompt; dafuͤr darf man auch reden.“ Mit einer Verwuͤnſchung zog der Capitän eine ziemlich ſchwindſuchtige Borſe hervor, und hielt — 245— ſie in die Hoͤhe.„Hexe, was ſagſt Du nun 24 „Daß des gnädigen Herrn Hauptmanns Cre⸗ dit nnerſchoͤpflich iſt. Mein Buch hat auch Platz fuͤr Ew. Gnaden.“ „He da, Manka, Karten!“ ſchrieen vier Offi⸗ ziere, die in einem Winkel ſich an das ſogenannte Zupftiſchel lagerten.—„Gleich, gleich!« Manka brachte die ſchmutzigſten Karten, die noch je einen Lieutenantsfinger verunreinigten.— Das wußten jedoch die Spieler nicht anders. Fuͤr Lidenitz war Alles gut. „Bier, Feldwebel, Bier!“ jubelte der Adjutant, und klopfte beinahe das Ciment entzwei:„Schlechte Bedienung, keine Aufmerkſamkeit mehr! Manka iſt ſchon reich geworden, ſie vernachlaͤßigt uns!“ „O Gott!“ ſeufzte der geſtrenge Feldwebel, und gedachte des uͤbervollen Schuldbuchs. Wo bleibt denn heut der Commandant 2e fragte Einer.—„Er ſitzt auf dem Schloſſe, und verſucht des Adminiſtrators ſauern Wein;“ ent⸗ gegnete ein Andrer mit vollen Backen. — „Warſt Du auch ſchon oben?“ fragte wieder Polawsky den muͤrriſchen Capitaͤn. „Nein, nein, tauſendmal nein, wie ich ſchon geſagt;“ begann dieſer ungehobelt:„Aber morgen am Tage werde ich hinaufgehen, und mich in des Adminiſtrators Kraͤtzer vergiften, mauſetodt machen. Das Leben hier halte— auf die Laͤnge nicht aus.“ „Gluͤckliche Reiſe; Adien, Kamerad! lachten die Andern:„es war aber kaum der Muͤhe werth, zu uns heruͤber zu kommen, wenn Du jetzt ſchon Deinen Abſchied nehmen willſi.“ „Welch ein Faſchingsnarr hat mir den Wech⸗ ſel auch gerathen? Alle Donnerwetter, ich haͤtte nie meine Fahne vertauſchen ſollen. Aber ſo gehts: das Haͤtt' ich ſcheint uns immer beſſer als das Hab ich. Proſit, Wirgenas! Ich hätte bleiben muͤſſen, wo ich war, und nicht vom Re⸗ gen in die Traufe rennen.“—— „Das koͤmmt vom ewigen Raufen!“ mora⸗ liſirte ein älterer Hauptmann:„Waͤrt Ihr nicht mit dem Civiliſten herausgegangen — 245— „Wahrhaftig! Ich ſaͤße noch in der Reſidenz meines ehemaligen Potentaten, und ließe mir's wohl ſeyn. Gott ſtraf' mich! hab mich auch dort gelangweilt, aber vollends hier in dieſem Entenpfuhl... auf Ehre, meine letzte lumpige Grenzgarniſon war Gold gegen dieſes Neſt!“ „Beruhige Dich;“ troͤſtete Polawsky:„Es geht uns Allen nicht beſſer, und doch ſind wir ſtolz auf unſre Farben und unſern Rock. Wohin wir ſchauen, regiert unſer Degen, unſer Commando⸗ wort. Wie bald, und der Armeebefehl ruft einen nach dem Andern in die ſchonſten Standquartiere 2e „Hm!“ maulte wieder Wirgenas:„Vorgethan und nachbedacht, hat ſchon manchen im's Malheur gebracht. Wer weiß, ob mich nicht das naͤchſte Avancement an den Meerſtrand wirft, wo ſich in den verwitterten die S gute geben?“ ah, pah!⸗ lachte ein Fähndrich, und ſang recht wanderluſtig: „Von Schwedenburg her, „Nach Daͤnemark hin, — 6— „Iſt alles Land gruͤn, „Bis an's mittellaͤndiſche Meer, „Zu Frankfurt an der Oder!“ „Variatio delectat!“ bekräftigte ein alter Un⸗ terlientenant, der ein Zoͤgling der Jeſuiten gewe⸗ ſen. Dagegen neigte ein andrer gedankenſchwer das Haupt, blies heftig den Rauch ſeiner Pfeife von ſich, und ſeufzte:„Ach, nur ein einzigmal wieder in der lieben Heimath, in der Hauptſtadt, wo Alles im Ueberfluß zu haben! Nur ein ein⸗ zigmal wieder einen Solokrebs von Nußdorf!“— Er ſchnalzte mit dem Munde. Gleichſam ihn parodirend ſchrie ſein Nachbar uͤber den Tiſch: „He, Manka, Bier und eine Catalanizunge!“— Manka brachte einen etwas unreinlichen Käſe von laͤnglicher Form. „Was macht Graf Radja?“ riefen mehrere der Göſte dem Feldpater entgegen, der in der Reverende, aber den Offizierhut trotzig auf dem Kopfe, hereinſchwankte.—„Ihm iſt wohl;“ lallte der Seelentroͤſter:„Ich habe ihm ſo eben die Augen zugedruͤckt.“ — 249— „Brav!“ lärmte wieder der Chorus jungerer Leute, waͤhrend Mancher der Aelteren eine Thräne von den Wangen wiſchte:„Wieder einer dahin! Avancement! Und endlich zur Abwechslung ein Leichenbegaͤngniß. Richte Dich, Manka! dazu kommen auch die Uhlanen.“ „War der Graf doch auch ein wackrer Reiter⸗ offizier!“ bemerkte der Adjutant.— Und wie auf ein gegebenes Stichwort ſangen Mehrere mit bewegten Stimmen das Lied: „Der Reiter ſitzt auf ſeinem Pferd, „Und ſchaͤtzt ſich zehnmal noch ſo werth; „Das Pferd geht, wo der Reiter will, „Und haͤlt im Feuer mauerſtill; „Doch faͤllt der Tod in die Schwadron, „So koͤmmt der Beſte nicht davon, „Und ritt er tauſend Meilen weit, „Er find't ſein Grab, drei Spannen breit.“ „J, ſo ſchreit euch die Hälſe ab, ihr Kirch⸗ hofraben!“ brach Wirgenas los, und ſprang von ſeinem Stuhle auf, nach Muͤtze und Säbel. Ein ſchallendes Gelaͤchter antwortete ihm. Die Ka⸗ meraden kannten ſchon die Wirkung, die obiges — 250— Lied auf den Hauptmann machte. Er aber drehte ſich mit einem wahren Lowengeſichte um, und ſprach:„Ich verbitte mir das Gelaͤchter. Auf Ehre: iſt einer unter den Herren, dem mein Miß⸗ muth gar zu laͤcherlich vorkommt, ſo bitte ich ihn, es zu ſagen, damit ich mich mit ihm ver⸗ ſtaͤndige.“. Der Ruf des Hauptmanns als firer Schlaͤger war zu wohl begruͤndet, als daß nicht alle An⸗ weſende alſobald in die Schranken des Anſtandes zuruͤckgekehrt wären.— Erſt nach ſeinem Abzuge erlaubten ſie ſich, mit ihren Gloſſen auf's neue anzuheben.— Das kuͤmmerte jedoch Wirgenas wenig, der mit Goliathſchritten den Koth des Dorfs, der Länge und Liefe nach maß, gewiſſermaßen ſchwim⸗ mend bis zu ſeinem Lehmpalaſte.— Grimmig ſchritt er darinnen hin und her, warf Saͤbel und Rock in den Winkel, huͤllte ſich in einen Wolfs⸗ pelz, und lamentirte;„Kann es einen erbaͤrmlichern Kapitän in der Chriſtenheit geben? Welch ein Satan hat mich an dieſen Ort, in dieſe Geſell⸗ — 251— ſchaft gebracht? Ich hatte vordem wenig Reſpekt vor mir; aber meine Kameraden in Lidenitz ſind noch zehnmal ſchlimmer als ich. Und— Bom⸗ ben, Pech und Granaten! gehen meine Finanzen nicht zu Ende? und hat wohl mein Schatzmeiſter auf mein halbdutzend Briefe geantwortet? Lide⸗ nitz ohne Geld? das iſt das Uebel aller Uebel, und haͤtt' ich den Blauſtrumpf, der Schuld iſt, daß ich hier ſitze, haͤtte ich den Wandersheim nicht ſchon todtgeſchoſſen, jetzo, heute, in dieſer Sekunde ſchoſſe ich ihn zuſammen, ſo wild bin ich, und ſo des Teufels!“ Es wurde vor den Fenſterladen laut.„Wer da?“ ſchrie Wirgenas hinaus.—„Rekruten aus der Stadt, Ew. Gnaden.“—„Leute fuͤr meine Compagnie?“—„Ew. Gnaden zu dienen.“— Und hereintrat der Unteroffizier mit dem gewoͤhn⸗ lichen:„Ew. Gnaden, Hr. Hauptmann, gehor⸗ ſamſt zu melden, u. ſ. w.— Mutterſoͤhne aus der Stadt, Burſche vom Lande, uͤbelberuͤchtigte Subjekte und aͤhnliches Volk marſchirten auf. Ein junger Menſch ſtand, — 252— in unanſehnlichen Kleidern, am linken Fluͤgel.— „Wer iſt der Junge 2—„Ein Freiwilliger, hal⸗ ten zu Gnaden:“ ſcherzte der Unteroffizier:„er hat ſich angeſchloſſen, wollte nicht ablaſſen, und der Hr. Major meint, wenn Ew. Gnaden mit dem kleinen Vagabunden als Tambour zurecht kommen konnten und moͤchten.. 2 eine beſſere Schule waͤre es allemal, als das Strolchen auf der Landſtraße.“— „Tritt vor, Tangenichts“ befahl Wirgenas.— Der Juͤngling gehorchte, und betrachtete furchtlos den Capitän, jedoch nicht minder erſtaunt, als dieſer ihn ſelber betrachtete.—„Alle Donnerwet⸗ ter. auf Ehre... Buͤrſchchen, ich ſollte Dich kennen 2e hob der Offizier an. Das Buͤrſchchen ſchwieg. „Dein Name?“—„Ralph.“—„Recht, aber Dein Familienname?«—„Ich hieß einſt Ede⸗ rich, aber der Vater hat mir unterſagt, dieſen Namen zu fuͤhren.“—„Dein Vater iſt ein Fan⸗ taſt, oder haſt Du Lumpereien angeſtellt?“— Ralph ſchwieg verdrießlich. — 253— „Warum willſt Du, kaum ſiebzehn Jahre alt, Soldat werden?“—„Ich will's zum Offi⸗ zier bringen.“—„Hoho!— wenn ich dich aber zuruckſchickte?“—„Thun Sie das nicht, Hr. v. Wirgenas. Ich bin uͤber die Grenze gelaufen, damit ich Soldat werden darf. Daheim wollten ſie mich nicht annehmen. Sie erzeigen mir eine Wohlthat, wenn Sie mich einreihen.“— „Die kann Dir werden;“ ſagte Wirgenas bos⸗ haſt und argliſtig. Dann im veraͤnderten Tone: „Ich werde Ihm die Trommel aufhaͤngen laſſen. Fuͤhr' Er ſich aber gut auf, ſonſt ſollen ihm alle Gewitter auf den Schädel fahren. Dywoki, nehm' Er den Burſchen unter Seine Obhut. Er ſoll ihn abrichten, fir und ferm abrichten. Marſch.“ Nachdem der neue Tambour ſich entfernt hatte, ſchmunzelte Wirgenas in ſeinen Bart: „Der kdmmt mir grade recht. Wenn ich nur ſeinen Alten unter meiner Fuchtel hätte... ich wollte ihm weiſen, was es heißt, die Naſe unge⸗ buͤhrlich hoch zu tragen. Indeſſen mag der Bube fur den Papa aushalten. Mir hat ohnedies ſchon — 254— lang ein Eckſtein gefehlt, woran ich meinen Ver⸗. druß zu Zeiten hätte abreiben können. Der iſt gefunden, und mein Herz iſt mit einemmale wun⸗ derſam frohlich geworden; ſo daß es nichts ſcha⸗ den duͤrfte, wenn ich noch ein bischen in die Menage ginge, und ein Ecarté mitmachte.“— Was er denn alſogleich ausfuͤhrte. 4. Mag immerhin der Dichter ſingen, das groͤßte Uebel ſey die Schuld— dennoch iſt der Zweifel die ſchwaͤrzere Pein. Wer je die Verlockungen des Ehrgeizes und der Sinne, wer je die Qualen der Eiferſucht, oder des Haſſes Sporn empfun⸗ den, mag ermeſſen, ob nicht oft, nach geſchehener raſcher That, ſein Gemuth ruhiger geworden, als im Kampf und Sträuben des Wollens und Sol⸗ lens? Die Ruckkehr zu Pflicht, Reue und Buße iſt dem PVerirrten leichter, als der Sprung uͤber die Grenze. Nur die Beſtie thut das Boͤſe mit kaltem Vorbedacht, mit Stolz, ohne Ruͤcktritt.— Der Starke, der Gewappnete— der Seltne, der, um ſeine Tugend und Richtſchnur zu wahren, die meiſten Schaͤtze der Erde ſeines Blicks nicht wuͤrdigte, und alle Freuden des Lebens der Hoff⸗ nung auf ein reineres, edleres Daſeyn im Jen⸗ ſeits opferte, mag wohl unerſchuͤttert ſtehen, wenn ſich von ferne ein Sturm erhebt, der ihm ge⸗ fährlich werden moͤchte.— Die cherne Tafel der Gebote iſt ſein Talisman, der den kaum nahen⸗ den Daͤmon beſchwoͤrt; außer dem Geſetze kennt er nichts.— Aber die Schwaͤcheren, die große Maße der Sterblichen, dem Reiz, der Begierde, der Luſt, dem Zorne zugaͤnglich,— fuͤr ſie iſt der Kampf ein zweifelhafter, die Niederlage gewiß, wenn nicht ein Zufall oder ein Wunder das Unheil abwendet. Dafuͤr ſprechen die offenen, uns uͤberlieferten Archive der Menſchheit. Und welche Zeugniſſe fuͤr dieſe Wahrheit gehen, ungekannt von den Nachkommen, dahin? Melche Myriaden von Ge⸗ heimniſſen der Schwaͤche und Gebrechlichkeit ſter⸗ ben mit den Herzen, die ſie bewahrten? — 256— Es gibt wohl auf Erden einen rechten Fuͤhrer der Seelen: den Glauben. Es iſt wohl auf Erden eine Wegweiſerin der Strauchelnden: die Religivn. Wie ſelten jedoch werden die Himmliſchen erkannt? Der Erdenpoͤbel klammert ſich an ihre Symbole, und Symbole ſind kalt. Das ſchwache Volk der Menſchen ſingt am liebſten:„Aus der Tiefe ſchreie ich zu Dir!“— Nicht was uns vor dem Sturze behuͤten konnte, begehren wir. Iſt doch Zeit genug, wenn wir im Pfuhle liegen, die uner⸗ ſchoͤpfliche Barmherzigkeit zur Rettung aufzu⸗ fordern! Wenn aber auch der Wankende den Gott im Buſen und in den Himmeln laͤugnet, trunken vor Gier, ſeinen Begierden zum Opfer zu werden, ſo beſitzt er dennoch irgend einen Fetiſch, dem er vertraut.— Der Rohe zwingt dem Aberglauben einen Hrakelſpruch ab; der kluͤgere Zweifler ſucht ſein Heil im Schiedsurtheil eines Menſchen.— „Ich finde keinen Ausweg aus dem Laby⸗ rinthe, worein ich mich verſtrickt!“ klagte Leo⸗ pold, rathlos herniederſehend in die enge Gaſſe — der franzoſiſchen Stadt, die des Verbannten zweite Heimath geworden war:„Wenn Heckdey nicht erſcheint, um meine Bedenklichkeiten zu loͤſen..2 er ſoll mein Beichtiger ſeyn. Warum zaudert er jedoch? War nicht geſtern ſchon der Tag, da ich ihn erwartete, und draͤngt denn nicht die Zeit ſo ſehr?⸗ Er citirte auch ohne Hoͤllenzwang ſeinen fin⸗ ſtern Rathsherrn. Georg kam zur ſelben Stunde an, freudlos, aber auch ohne Leid, kalt und eiſern, wie noch nie. Er trug einen großen Siegelbrief in ſeiner Hand.„Da haſt Du Deine Gnade;“ war ſein erſtes Wort:„Um mehrere Tauſende ärmer, aber ohne Ehrenverkuͤrzung darfſt Du Dei⸗ nes Landes Boden wieder betreten“— Leopold ſchob ſeufzend das Patent zur Seite. Georg fuhr gemeſſen fort:„Jetzt, mein lieber alter Freund, iſt die Stunde gekommen, eine ernſte Frage an Dich zu thun. Was gedenkſt Du zu beginnen? Zwei Wege ſtehen Dir offen: zuruͤckzukehren in Dein Haus, und Dich mit den Deinigen zu verſoͤhnen.„ Boa Conſtrictor II. 17 — 258— „Das kann, das wird nicht geſchehen« unter⸗ brach ihn Leopold leidenſchaftlich:„es darf nicht, nach dieſem Beſcheid Eugeniens!« Er hob das Trennungsmanifeſt empor, das ihm Ralphs Mut⸗ ter geſendet:„Auch hab' ich vor wenigen Tagen darauf geantwortet. Ich nehm' es an, o ja, ich nehme an, was ſie mir vorſchlaͤgt. Sie uͤber⸗ hob mich nur der Muͤhe, den erſten Schritt ſelber zu thun.“ Heckdey uͤberflog ohne eine Miene zu verzie⸗ hen, die Erklaͤrung, zuckte mit den Achſeln, und fuhr alsdann in ſeiner obigen Rede fort:„Oder Du bleibſt dem Plan getreu, den wir gefaßt und beſchloſſen. Wir wollen uns zuſammen in eine Thebais, in ein Pathmos ſetzen, und erwarten, wann und wie der Tod uns fuͤr das elendeſte Le⸗ ben zu entſchädigen geneigt ſeyn duͤrfte.“ Ohne zu antworten, neigte Leopold den Kopf. Sein Verſtummen machte Georgs Empfindlich⸗ keit rege.„Du verſchiebſt Deine Antwort? Was hältſt Du hinter dem Berge? Wenn Dir plotz⸗ lich mein Vorſchlag nicht anſtände, warum ſagſt — 259— Du's nicht mir, Deinem Freunde, unver⸗ holen 2* Da warf ſich Leopold an Georgs Hals, und verſetzte langſam und ſchuͤchtern: Vergib mir, Du Alter, Du Guter— ich kann nicht mehr zu Deinem Vorſchlag Ja ſagen; ich kann und darf nicht mehr.“ „Du kannſt nicht? darfſt nicht?“ rief Heckdey mit heftiger Bewegung. Der aͤchteſte, vollwich⸗ tigſte Schmerz eines Mannes brach aus ſeinen Zugen. Der Schmerz war nicht Larve und Luͤge. Wer ihn geſehen hätte, wäre bis zum Weinen geruͤhrt worden.— Leopold wagte nicht, vor Be⸗ ſchämung, die Augen zum Freunde zu erheben. Lange ſiel kein Wort zwiſchen beiden. Die tiefe Wehmuth verzog ſich nach und nach aus Heckdey's Geſichte. Es wurde ſtarr und furchter⸗ lich ernſt, als er dumpf anhob:„Dein Beſcheid iſt zum Staunen; aber er kam mir nicht ganz unerwartet. Mein Compaß iſt zerſchlagen, der Cours meines Lebens ſteuert auf's Ungefaͤhr. Der 1 — 260— Freund, der am Bettler feſihielte, wäre ein Wun⸗ dermenſch. Du biſt kein Held, Leopold.“ „Ha! wenn Du glauben konnteſt, daß meine Liebe zu Dir einen Augenblick geſunken ſey...“ betheuerte Leopold. Aber er verſtummte vor dem zuͤrnenden Freunde:„Deine Liebe? ein Stamm⸗ buchblättchen uͤber weite Meere hinausgeworfen? denn je weiter ich zoͤge, deſto lieber wäre es Dir, nicht wahr? Laß' uns das elende Almoſen nicht erortern, Levpold. Ich beſcheide mich, bin re⸗ ſignirt, und laſſe Dir den freiſten Willen. Aber — wiſſen moͤchte ich doch, wem ich aufgeopfert werden ſoll? Sage mir's ohne Furcht vor mei— nem Tadel. Wäre Eugenien's Gewalt noch ſo uͤbergroß, daß 24 „Nichts von ihr, wenn Du mich ehrſt. Was ſie mir gemeldet, duldet kein Mann; und wenn ich unedel wäre, wie ſie... wenn ich meinen Vorwuͤrfen das Thor offnete.... „Vorwuͤrfe? einem Weibe? Pfui. Aber weine nicht, wie ein Hund, an Deiner Kette. Zerreiße ſie.« — 261— „Meine und Eugeniens Bande zerreißt unſte Kirche nicht;“ antwortete Leopold ſeufzend.— „Vergib. Ich erinnerte mich nicht mehr, daß... Aber, was iſt weiter? Was bindet Dich an die Scholle? Deine Kinder 2“ „Von dem Vagabunden Ralph ziehe ich meine Hand ab;„ſtotterte Leopold Cäcilie o ſie iſt ein gutes Maͤdchen. aber ich uͤberlaſſe der Mutter die Tochter.“ „So wärſt Du ja frei, frei wie ein Vogel; und dennoch willſt Du nicht mit mir gehen? Welches Weib hat Dich verzaubert? Ein Weib muß es ſeyn. Ja, jat nur um eines Weibes Reizen zu froͤhnen, trittft Du Engeniens Feſſeln — Dir ſo lieb geworden— zu Boden; nur an den ſeidenen Haaren eines Weibes haſt Du Deine Liebe zu mir, Deine Pflichten gegen mich er⸗ waͤrgt. Geſtehe denn.“ Leopold ſah ſich durchſchaut, und umarmte Georg mit Angſt und Dringlichkeit:„Statt mich zu zermalmen,“ bat er,„gib mir Deinen Rath⸗ Deinen Troſt, Deinen Beiſtand. Sprich, Grau⸗ — 262— ſamer: haͤtte ich mich in Dir getäuſcht? Wuͤrdeſt Du mich verachten, wenn ich, einer treuen Freun⸗ din Liebe bedurftig, mein Herz verſchenkte, nach⸗ dem es der Gattin feindlich geworden 2 „Nicht unbedingt;“ verſetzte Heckdey trocken: „Die Geſetze der Geſellſchaft ſchlagen uͤber alle Häupter daſſelbe Richtmaaß, und dennoch ſieht keines dieſer Haͤupter dem andern aͤhnlich. Md— gen jedoch die Satzungen der Menſchen die Ma⸗ terie regieren; immerhin. Ueber die Gefuͤhle des Herzens geſtehe ich ihnen keine Macht zu.“ „Du wirſt alſo nicht den Stein auf mich wer⸗ fen, weil ich neuen, beſeligenden Empfindungen nicht widerſtand 2 „Nein. Dieſes laͤutert die Begriffe, macht an Erfahrung reich. Wer nie ſeinen Gefuͤhlen nach⸗ gegeben, kennt ſich ſelber nicht, wird ſpät oder fruh die Beute ſeiner Unwiſſenheit.“ Wie entzuͤckt bin ich, daß Du, gerade Du jetzo billigſt, was mir ſo viel Kämpfe, ſo viele Marter verurſacht!“ „Waren es nur Vorurtheile, uͤber die Du den martervollſten Sieg errangſt, ſo belobe ich Dich. Aber wehe Dir, daß Du unſer Buͤndniß als Preis eingeſetzt, den eine Sirene eingeſteckt, da ſie vorgab, von Dir beſiegt zu ſeyn.“ „Sey nicht ungerecht. Ich weiß, Du achteſt Frauen nicht ſehr hoch, kennſt nicht den Zauber ihrer Treue, ihrer unbedingten Hingebung, läugneſt dieſe wohl gar.“ „Ich ſchaͤtze ein Pfund nicht hoͤher, als es wiegt. Die Sinne ſind die Beherrſcher des Wei⸗ bes, die Väter ihrer Laſter und Tugenden. Denk' an Eugenic. Die Bluͤthe ihrer Gefuͤhle war da⸗ hin, als ſie Dir, doppelt meineidig, den Schwur leiſtete. Und dennoch ſtandſt Du in der Tugend Pracht und Flor. Dein nagelneues Leben war eines beſſern Geſchenkes werth. Was darfſt Du jetzo hoffen, Mann auf der Sonnenhoͤhe Deiner Tage? Fuͤrchte den Betrug. Du biſt ſentimental. Sentimentale Leute ſind vor Allen zu taͤuſchen. — Ich weiß, daß ich jetzt einem Tauben predige. Die Leidenſchaft macht trunken. Zum Gluͤcke liegt die Arznei neben dem Gifte. Liebe denn —— — 264— und ſaͤttige Dich in Liebe. Ich will bis dahin zuruͤcktreten, Deiner Geneſung gewärtig.⸗ „Wo denkſt Du hin, Georg? War Licbe je mein Spielwerk? Von ganzer Seele lieben, ewig anbeten.. das iſt mein Verlangen. Ich bin zum Schmetterling zu ernſt, zu weich zum Leben eines Hageſtolzen.“ „Was willſt Du denn? Ich begreife Dich nicht. Du biſt wie eine Hieroglyphe geworden, obſchon nicht die heiligſte. Du... unaufloslich vor dem Altar gebunden, Du ein Vater erwach⸗ ſener Kinder. was kannſt, was darfſt Du anders wollen, als die Freuden eines Pilgers? Fuͤr Dich hat Liebe keinen Beſtand mehr. Heute finden, morgen meiden... das iſt Dein Loos.“ Niedergeſchlagen ſank Leopold in ſeinen Stuhl: „Du biſt unerbittlich, wie mein Gewiſſen, wie meine Furcht, meine Traͤume... Aus Deinem Munde hoffte ich Erquickung, und ſtatt ihrer... o mein Gott ich kann doch nicht mehr zuruͤck... ich habe verſprochen, ich habe gelobt... waͤre ich doch nie geboren! ſträubte ſich doch nicht — 265— mein Gefuͤhl gegen die Idee der Vernichtung durch meine eigne Hand.. Heckdey folgte mit ſchweren Ahnungen der Bewegung ſeines Freundes, deſſen Elend und Troſiloſigkeit ſein Mitleid aufforderte. Da ſprang Leopold plotzlich empor, horchte aufmerkſam nach dem Vorzimmer, nach einem ſich nahenden Ge⸗ raͤuſch. Heftige Rothe uberſtroͤmte gewaltſam ſein bleiches Geſicht. Krampfhaft packte er Heckdey's erſtarrende Hand.„Sie kömmt.. verrathe mich nicht.. um Gotteswillen nicht.“ fluͤſterte er.— Herein trat eine junge Dame, ſtolz und uͤppig wie eine Koͤnigin. Sie fuͤhrte zwei liebenswuͤrdige Kinder, die frohlich in Leopolds Arme huͤpften. Das Auge der Dame, den Fremden ſittſam be⸗ gruͤßend, lächelte vertraulich Eugeniens Gatten an.— Er faßte ſich, ſchritt auf das ſchoͤne Weib zu, und ſprach in abgemeſſenem Tone zu Heck⸗ dey:„Madame Eliſe Hubert, meine Braut!“ — 266— 5. Das Ceremoniel der Vorſtellung und Bewill⸗ kommung war laͤngſt voruͤber; Madame Hubert hatte ſchon lange das Zimmer wieder verlaſſen, und die Freunde ſaßen noch ſtumm einander ge⸗ genuͤber; Leopold mit geſenkten Blicken; Heckdey, ihn forſchend und verwundert betrachtend. Seine Verwunderung war aͤcht, Leopold hatte ihn uͤber⸗ flgelt. Der charakterſchwache Schuͤler hatte weit die kuͤhnſten Erwartungen des charakterſtarken Meiſters ubertroffen. „Erkläre mir nun endlich, was ich noch bis zur Stunde unvollkommen ahne;“ ſagte Georg nach langer Pauſe. „Ein paar Worte ſind hinreichend;e“ antwortete Leopold verlegen, wie das boſe Gewiſſen:„Du wirſt mir gerne jede Weitſchweifigkeit erlaſſen.“— „Sehr gerne. Rede nur.“— Nach einiger Sammlung und einem ſchweren Athemzuge hob Leopold an:„Die erſte Perſon, die mich in dieſem Hauſe empfing, war Eliſe. Ihre Reize bedurfen keiner Lobpreiſung. Du — 267— ſelbſt haſt ſie angeſtaunt. Ihre Anmuth und kryſtallreine Weiblichkeit wirſt Du noch kennen lernen. Sie hat lange die Schmach der ungluck⸗ ſeligſten Ehe getragen. Erſt vor einem Jahre iſt ihr Mann, ein brutaler Wuͤtherich, an den Folgen ſeiner Laſter geſtorben. Zu jung zwar, um nicht mehr einem Gatten angehoͤren zu wollen, aber genug gewitzigt, um nicht wieder dem blinden Ungefaͤhr ihre neue Wahl zu vertrauen, ſchlug ſie alle Bewerbungen aus. Da wollte der Zufall, daß ich ihr Herz errang, und dem Zauber ihrer Liebe konnte endlich meine Seele, trotz den hef⸗ tigſten Kämpfen, Mitgefuhl, Gegenliebe nicht ver⸗ ſagen. Ich ſah ein, daß ich mit Eugenie un⸗ gluͤcklich geweſen; die Erzaͤhlung von Eliſens uberſtandenen Leiden rief meine Sympathie auf. Ihrer Eltern, ihre eigne Furſorge und Pflege, die unſchuldigen Scherze ihrer Kinder feſſelten mich unaufloslich. Soll ich freudenlos meine Tage enden? Soll ich in den Stuͤrmen eines wil⸗ den Lebens untergehen, und nicht mehr die Freuden der Haͤuslichkeit genießen, weil ein hartes Geſetz — 268— ſein„tel est mon plaisir“ geltend macht?— Ich weiß nicht, wie ſich die Verwandlung in mir zugetragen.— Zu ſtolz und zu ehrlich, um Eliſe zu hintergehen, zu ſchwach, um meiner Empfin⸗ dung ſtrmiſche Forderungen tyranniſch zu un⸗ terdruͤcken... habe ich mich mit Eliſen ver⸗ lobt.“— „Verlobt? Und das ſprichſt Du ſo gleichgul⸗ tig, als verſtande das ſich von ſelbſt? Verlobt, und Du darfſt keiner Andern gehoren, ſo lange Deine Gattin lebt? Menſch, wo denkſt Du hin? Mich ſelbſt uͤberläuft ein Grauſen. Weißt Du, daß dieſe Verlobung gar leicht der erſte Schritt zu. zu einem groͤßern Verbrechen ſeyn kann?— „Ein Verbrechen? ich verſtehe nicht wovon Du redeſt? Die Geſetze nennen's freilich ein Vergehen, wenn ein Mann zu gleicher Zeit zwei Frauen eh⸗ licht. Aber wenn ich außer den Bereich des ungerechten Geſetzes fliche? Ich begehre nur, hier im Beiſeyn der Eltern meiner Braut die Ehe zu ſchließen; dann fuhre ich Eliſe nach Amerika, das ich fur meine Heimath ausgab, und in der neuen — 269— Welt ſind wir ſicher““—„Charmant.“—„Nun ja; Du weißt, daß wenn Meere zwiſchen einem Verbrechen, und einem neuen Daſeyn liegen 4 —„Schon genug;“ fiel Heckdey mit gerunzelter Stirne ein: Wie aber, wenn Eugenie erfuͤhre...2 —„Sie erfaͤhrt es nicht, da ein anderer Name...“ — Wie aber, wenn dennoch 2.—„Sie iſt zu ſtolz, um ihre Rechte geltend zu machen.“— „Und wenn Eliſe einſt horen muͤßte...— „Sie liebt mich zu ſehr, um mich deßhalb auf⸗ zugeben. Kurz— jenſeits des Oceans, oder nie und nirgends bluͤht mein Gluͤck.—„Du haſt in kurzer Zeit ausgelernt, ich gratulire. Habe jedoch die Guͤte, auch an mich zu denken. Du biſt mein Schuldner.“—„Ich weiß.“—„Eine be⸗ ſondere Fatalität verfolgte meine Speculationen, ſeit ich ſie mit Dir in Compagnie machte.“—„Lei⸗ der.“—„Dennoch wuͤrde ich Deine Scheine und Obligationen zerriſſen haben, aber ſeit die nieder⸗ traͤchtigen Sclaven mir Alles geraubt...“ „Und ſeit mein Sohn Dich beſtahl, der Land⸗ läufer 2 ich bin Dir Erſatz ſchuldig, werde — 270— Dir aber nicht Alles leiſten konnen.“—„Wir rechnen nicht ſo genau ab. Was uberlaͤſſeſt Du Deinem Weibe?“—„Weiſſenbrunn, und was noch mein in der Reſidenz; die Baraque in der Thomasgaſſe ausgenommen, wo jetzo Mettners wohnen.“—„Das Capital der alten Leute...“ —„Zum Theil verbraucht, wie Du weißt, zum Theil noch in meinen Haͤnden. Es iſt Dein.. —„Eine karge Abſchlagzahlung.“— „Sieh,“ begann nun Ederich im Tone der innigſten Ueberzeugung:„Um Deinetwillen ſchon muß ich vollfuͤhren, was ich Eliſen verſprochen. Sie hat ein ſehr bedeutendes Vermoͤgen, theils in Beſitz, theils zu hoffen. Die Kinder erben des Vaters Guͤter.— Sie weiß jetzt, daß ich nicht ſehr bemittelt, daß ich durch Ungluͤcksfälle herab⸗ gekommen; ſie wird mir den groͤßten Theil ihrer Habe verſchreiben, und dieſer ſey Dein.“ „Immer noch nicht genug, aber es läßt ſich hoͤren; erwiederte Heckdey uberlegend, mit falſchem Lächeln:“„Du biſt doch nicht ſo ganz verrucht geworden, daß Du Deines beſten Freundes ver⸗ — —— nen nicht zu reden.— Mit unerſchutterlichem — 271— gaͤßeſt. Ach, meine Diamanten, ach meine Bank⸗ noten! Des Himmels Donnerkeile auf die wolligen Schurkenkoͤpfe! aber wer weiß, ob je etwas von meinen Schaͤtzen wieder zu Tage koͤmmt? Ich habe die Schufte in allen Sechaͤfen ſignaliſiren laſſen. Umſonſt; bis heute nicht eine Spur. Ich bedarf gegenwärtig aller Huͤlfsmittel. Ich ſammle ein, was noch hie und da außen ſteht; ich er⸗ warte Briefe von den Antillen. Ich muß daher mit blutendem Herzen darauf dringen, daß Dn Deine Verbindlichkeiten erfuͤllſt. Ich muß daher mit Widerſtreben die verbrecheriſche Verbindung ſegnen, die Dich und mich wieder zu Gelde, d. h. zu Ehren bringt.— Und endlich.. weil Du Eliſe heurathen willſt— ach Freund, mit Dir allein in einem dͤden Erdſtrich haͤtte ich gerne Wurzeln gegeſſen, und klar Waſſer getrunken, mein Leben lang— aber weil Du Eliſe heura⸗ then willſt— ſo werde ich mich auch verehlichen, ſo will ich auch nicht mehr allein ſtehen.“— „Du?“ weiter vermochte Leopold vor Stau⸗ — 272— Gleichmuth fuhr Georg fort:„Ich habe, da ich nun mehrere Wochen in der Gegend Deines ehe— maligen Wohnorts herumvagabundirte, ein Maͤd⸗ chen mir näher beſehen; alt genug fuͤr meine Jahre, reich genug, um allen Launen froͤhnen zu koͤnnen, ohne meinen Beutel zu beläſtigen; fertig mit der Welt, wie ich es bin: Luiſe, die Tochter der Raͤthin Theobald. Was meinſt Du?“— „Was beginnſt Du?“ fuhr ihn Leopold er⸗ ſchreckt an:„Die kalte Männerfeindin, das Cha⸗ maͤleon, die herz- und geſchlechtloſe alte Jung⸗ frau? O, mein Lieber, thue das nicht, um mei⸗ net- und Deinetwillen nicht. Willſt Du denn nicht mit uns nach Amerika ziehen, willſt Du mir den Troſt Deiner Geſellſchaft verſagen? In⸗ dem ich mich weigerte, allein mit Dir zu gehen, wollte ich nicht unſern Bund zerreißen. O, nimm Eliſe darinnen auf. Laß' uns jenſeits der Meere werden, was wir hier nicht ſeyn konnten: eine Familie!“ Spott und Ruͤhrung ſtritten in Georgs In⸗ nern. Er verhoͤhnte den Mann, der im reifen —— —,—— — 273— Alter Knabenſtreiche unternahm, und vor deren moͤglichen ſchlimmen Ergebniſſen leichtſinnig die Augen ſchloß; er verachtete den Sclaven ſeiner Sinne, der ein Leben voll Zufriedenheit hinwarf, um ſeiner Leidenſchaft zu dienen; der noch vor einem halben Jahre faſt verzweifelte, da ein Theil ſeiner Habe ſchmolz, und der jetzo wie ein gewiſ⸗ ſenloſer Verſchwender Vermoͤgen, Ehre, Verhält⸗ niſſe und Familien uͤber den Haufen ſtieß. Aber Mitleid— mehr als dieſes: Liebe und Ruͤhrung zollte er faſt wider Willen dem, der ſich ihm ſo ruͤckſichtlos an die Bruſt warf, und nicht von ihm laſſen wollte; dem, deſſen Untergang er, nur allein er, herbeigefuͤhrt. Er reichte Leopold darum mit einer Art von Enthuſiasmus die Hand, ausrufend:„Meinetwegen. Wir halten zuſam⸗ men, wie bisher, zu Schutz und Trutz, und be⸗ fiehl, wie und worin ich Dir jetzo helfen ſoll.« — Mochte doch nun Leopold gluͤcklich werden auf ſeine Weiſe. Engenie, Caͤcilie und Ralph zu de⸗ muͤthigen, zu verderben, war Geg auf dem beſien Wege.. Boa Conſtrictor. 1I. 18 18 —— Mit dankbarem Ungeſtuͤm verſetzte Leopold: „Von Dir allein haͤngt das Gelingen meines Plans ab, mein Alter. Wenn Du Dich des ſo⸗ genanuten Namensbetters entſinnen wollteſt, von dem ich Dir bei meiner letzten Anweſenheit zu Hauſe ſagte..4 „Aha?« erwiederte Heckdey:„nach und nach kommt Alles an's Tageslicht. Du ſprachſt von einem Flowers, den Du hier gefunden? Der arme Teufel ſollte, um ſich zu etabliren, einen Geburtsſchein aus England vorweiſen? Die Ca⸗ price des Zufalls, die dem Beſagten gerade die Namen beigelegt, die Du angenommen, hatte Dich fuͤr ihn intereſſirt. Nicht ſo? Ich ſollte dem Quidam behuͤlflich ſeyn?— O Du dachteſt wohl, ich wuͤrde Deinem Vorgeben blindlings trauen? Verrechnet, Herr. Ich witterte dahinter faule Fiſche... allein— gewohnt wie ich bin, Dir alles zu Gefallen zu thun— habe ich mich bemuͤht, und bin nun ſo gluͤcklich, Dir das Ver⸗ langte zu überreichen.— Da.“— „Hexenmeiſter! wie konnte Dir gelingen. 24 — 275— „Ei, was wäre der Freundſchaft unmoglich? was unmoͤglich der gewandten Lebensklugheit? Hoͤre alſo, wie ich des Pſeudonymen Flowers Schickſal geordnet habe.— Es exiſtirt in Lon⸗ don ein geſchickter weitverbreiteter Mann, Mer⸗ chant mit Namen, der es zur Aufgabe ſeines Lebens gemacht hat, gegen billige Retributionen die ſchwierigſten— wohl gemerkt, die ſchwie⸗ rigſten Dokumente aufzutreiben, und herbeizu⸗ ſchaffen. Ich kenne den Mann. Ich meldete ihm, daß vor ungefähr fuͤnf oder ſechsunddreißig Jahren ein gewiſſer Leopold James Flowers, auf der Brigg S. Majeſtät, die Cybele, geboren, und vom Capitän nach herkoͤmmlichem Brauch getauft worden; daß beſagter Flowers zur See gedient, und eingetragen geweſen in der Schiffsrolle der Fregatte Triton.— Dieſer Triton iſt vor bei⸗ nahe zehn Jahren mit Mann und Maus und allen Regiſtern bei den Bermuden zu Grunde gegangen.— Flowers habe ſich auf wunderbare Weiſe gerettet, und lange in den Händen ſpani⸗ 18* — 276— ſcher Piraten herumgetrieben. Endlich— durch das gluͤcklichſte Verhaͤngniß auf Frankreichs gaſt⸗ lichen Boden verſetzt, beduͤrfe er, ſeine Identität zu beweiſen, eines Auszugs ſeiner Taufakte aus den Kirchenliſten derjcnigen Pfarrei, die alle zur See Geborne in ihren Regiſtern fuͤhrt. Ich bat den geſchickten Mann, das Dokument herbeizu⸗ ſchaffen, und verſprach ihm zwanzig Pf. Ster⸗ ling fuͤr ſeine Muͤhe.“— „Welch ein vortrefflicher Plan! Und er gluͤckte?.— „Umgehend erhielt ich Antwort. Er habe ei⸗ nen Freund von vielem Einfluß, meldete der will⸗ fahrige Merchant. Das Dokument werde ohne Zweifel gefunden werden, doch ſey die Nachſu⸗ chung ſehr ſchwierig, indem ſo lange Zeit ver⸗ ſirichen. Wenn ich indeſſen die Proviſion verdop⸗ peln wolle, ſo mache er ſich anheiſchig, u. ſ. w. — Ich ſagte ſchnell vierzig Pfund zu,— und— da haſt Du das koſtbare Papier. Der dienſtwillige Freund entweder, oder das Kirchenregiſter des Seeſprengels hat zwar den Namen des Fraglichen — 277— etwas verketzert: er heißt hier James Liverpool Flabers— allein das nehmen die unwiſſenden oberflächlichen Franzoſen nicht ſo genau, wenn es nur auf eine Heirath ankdmmt;— und dazu bedarfſt Du wohl des authentiſchen Wiſches 2 „Wie? Du haſt errathen 2 „Ich brauchte meinen Scharfſinn eben nicht ſehr dabei anzuſtrengen, ſeit ich weiß, was Du vorhaſt. Merke Dir alſo Deine Lektivn. Sie paßt vollig zu dem, was Du vorgegeben zu ha⸗ ben ſcheinſt; denn, obſchon auf einer brittiſchen Brigg geboren, und bedienſtet geweſen auf einer brittiſchen Fregatte, kannſt Du in Amerifa natu⸗ raliſirt worden ſeyn.— Nimm alſo dieſen Frei⸗ brief, Dir jetzo koſtbarer als das konigliche Gna⸗ denpatent, und ſey glucklich.“ „Laß Dich umarmen, laß Dich herzen und kuſſen, Georg. Ich bin beſtimmt, Dir Alles zu ſchulden, Alles, was mir im Leben Gutes be⸗ gegnet!“ Der Freund machte ein ſeltſames Geſicht zu dieſer begeiſterten Aeußerung, und erwiederte ernſt —— — 278— warnend:„Moͤge es Gutes ſeyn, und zum Guten ausſchlagen, was Du heute im Sinne haſt. Ver⸗ giß nicht, daß wir beide hier ein ſchwieriges Spiel unternommen haben. Die Nieten liegen neben den Treffern, und das Fatum, ſagt man, iſt blind.“ „Verbanne doch die Grillen; laß' mich nicht graͤmlich werden bei Deinen Vorausſagungen! Georg, ſoll ich denn jetzt Dich aufheitern? WMeerke auf, betrachte mich; bin ich nicht gewor⸗ den, wie Du wuͤnſchteſt? Ich habe bei meinen großen Verluſten aller Art Deine Philoſophie in Anwendung gebracht, habe mich der Zukunft an⸗ heimgeſtellt. Ich habe gelernt, die Muskeln mei⸗ nes Geſichts, wie die Erguͤſſe meiner Seele im Zaum zu halten. Ich habe mich vereinzelt; nur Du biſt mir vertraut, und Eliſe, ſo weit ich ihr mein Inneres offenbaren durfte. Wenn ein ſchwar⸗ zer Geiſt mit mir zu reden beginnt, wehre ich mich gegen ihn aus allen meinen Kraͤften, und Du hatteſt recht, als Du mir einſt ſagteſt, daß die Gewohnheit und ein maͤnnlicher Wille ſogar — 279— das Gewiſſen ſchweigen machen; um ſo cher ver⸗ ſtummen grillenhafte Befuͤrchtungen vor ihnen.— Wenn ich zuruͤckblicke auf mein fruͤheres Leben, ſo will manchmal die Wehmuth des ſchwachen Alltagsmenſchen,— des Philiſters, wie Du ſagſt — in mir auftreten. Die Erinnerung an einen Zuſtand, den ich unbegreiflicherweiſe werth hielt, obgleich er demuͤthigend fuͤr den Mann geweſen, druͤckt oft meine Bruſt wie ein Alp, daß meine Augen roth werden;— aber es gibt Huͤlfe und Arznei fuͤr ſolchen Drang: Eliſens ſuͤße Liebes⸗ worte, und dann. der Pokal, deſſen Zauber ich bei Dir erkennen lernte. Wie ſchäme ich mich dann, je in dem Leben einer Auſter mein Gluͤck gefunden, je mit der Gier eines filzigen Rechners am Gelde geklebt zu haben, um mir die Fort⸗ dauer des Auſterndaſeyns zu ſichern! Wahrlich: nur Liebe und Genuß der Erde machen des Menſchen Wonne aus, und nicht der Mammon. Wuͤnſchenswerther ſcheint mir jetzt, vom Tag zum Tage abentheuerlich im Wechſel bunten Lebens daſſelbe zu gewinnen, als auf Geldſäcken jeder — 280— neuen Sonne faul entgegen zu gähnen.— Ich verſtehe jetzt erſt die ſchoͤne Sage des Fauſt, und bemitleide herzlich den durch lange Jahrhunderte ſo ſehr verunglimpften Geiſt Mephiſtophel. Wie hab' ich meine Zeit verloren! Und wenn das ganze Paradies ſich plotzlich zur Erde ſenkte, und mich in ſich aufnähme,— wenn mir doppeltes Vermoͤgen zu genießen, zu lernen, zu ſchwelgen, zu wandern verliehen wuͤrde— nimmer braͤchte ich die Zeit wieder ein, die mir in Feſſeln, in laͤcherlichen Feſſeln verſtrich.“ Leopolds ſiroͤmende Beredſamkeit machte Georg beben. Er ſah ein geblendet Roß, uͤbermuͤthig dem Stall entronnen, ohne Aufenthalt dem Ab⸗ grunde zuſprengen.—„Du haſt Dir's leicht ge⸗ macht;e“ bemerkte er ſiutzig dem Freunde. Dieſer fuhr wie oben fort: „Warum auch nicht den Panzer, den beklem⸗ menden, von dem Leibe werfen? Warum nicht einmal die Schwingen der Lerche borgen? Vor Dir darf ich plaudern, in Deine Ohren darf ich mein neues Lied ſchmettern. Alle, die da leben, — 281— Dich und Eliſc ausgenommen, verſtehen mich nicht, und meine eigne ſpießbuͤrgerliche Seele, noch beſchwert vom alten Schulkram, weigert ſich, mich anzuhoͤren, wenn ich in einſamen Stunden ſie belehren moͤchte. Das Abendroth, ein Glo⸗ ckenklang, ein Kirchenfeſt, der Weihnachtstag,— dieſe ſo gewoͤhnlichen Dinge ſchneiden noch tief in die philiſterhafte Seele. Und dennoch iſt nichts kindiſcher. Scheint nicht täglich das Abendroth? iſt der Glockenton nicht ein Signal nur, wie das Schulklopfen der Inden, wie des Mueczzin's Ge⸗ ſchrei vom Minarete? ſind Weihnacht⸗ und Oſter⸗ feſte nicht von Menſchen aufgerichtet, und wuͤrde ohne dieſelben die Welt untergehen?— Aber wer kann gegen Vorurtheil und Macht der Gewohn⸗ heit? Wenn der Soldat die Trommel, wenn der alte Muſikant eine Orgel, der Fuhrmann eine Peitſche hoͤrt, ſo ſchwillt ihnen die Bruſt. Und in dem Augenblicke, da wir jetzv von den Vor⸗ urtheilen ſchwatzen, wird mein Auge feucht, weil ich mich erinnere, daß heute meine liebe Cäcilie mir geboren wurde.“ Leopold ſchwieg, den Blick auf den Kalender heftend, der vor ihm lag. Sein Finger beruͤhrte das roth unterſtrichene Datum. Er ſenkte den Kopf, hielt wie ein vom Lichte Geblendeter die Hand vor die Stirne, und wurde unbeweglich. Georg holte freien Athem bei ſeinem Schwei⸗ gen. Er hatte beklommen zugehoͤrt.— Es war um die Stunde, da des Menſchen Fantaſie auf— bluͤht, theils in ſchoͤnen Blumenbildern, theils in grellen peinigenden Arabesken. Dämmerung webte in dem Gemache. Draußen läutete die Abend⸗ glocke. Fruͤhlingsluͤfte trugen ihren Schall zu Leopolds Fenſtern, die leiſe, wie entfernte Harfen droͤhnten.— Georg unterhielt ſich mit ſeinen Gedanken: „Wie iſt es moͤglich,“ ſagten dieſe,„daß in ſo kurzer Friſt, zur Zeit des Winterſchlafs, alle Keime des Schlimmen, die in dem Buſen jenes Mannes ſchlummerten, zu einem Garten der Uep⸗ pigkeit und Frechheit aufſchießen konnten? So wäre denn der angebornen Wildheit des Menſchen nur das Gitter aufzuſchließen, damit ſie hervor⸗ ₰ ſchnaube, wie der Lowe aus ſeinem geſprengten Kerker? Jener Mann war, was man auf Erden tugendhaft nennt, und heute prahlt er mit ſeiner Verderbniß, und luͤgt ſich boͤſer, als er iſt! Ja; der Neid iſt der Feind, aber wenn des Menſchen Geiſt den fluͤſternden Verräther aufgenommen, und ſich ihm zu eigen ergeben, thut er ſich weher, als der Feind anfaͤnglich es begehrte.“—„Er hat nichts mehr vor mir voraus; er wird ſchlimmer als ich;“ troſtete ſich Georg zum Schluſſe.. Waährend deſſen war Leopold ſehr weich ge⸗ worden. Er breitete die Arme aus, und ſeufzte, als wäre er mit der Tochter allein:„Laß Dich umarmen, mein Kind; dulde meine Hand auf Deinen zarten Locken. Ich ſegne Dich, wenn ich Dich gleich verlaſſe. Ich ſegne auch die, welche Dich mir ſchenkte. Die Zeit iſt boͤſe geworden, aber der Tag Deiner Geburt iſt doch mein gluͤck⸗ lichſter geweſen, Caͤcilie. Denkſt Du denn noch mein? O gewiß; wie koͤnnteſt Du anders? Du weißt ja, wie unausſprechlich theuer Du mir ge⸗ 2 worden. Deine Mutter hat mich einſt geliebt; — 284— jetzw hat ſie mich verworfen, Du armes Lamm. Kein Friede mehr zwiſchen ihr und mir. Nur Deine ſanften Hände, nur Dein mildes Wort, mein Kind, wären im Stande, uns wieder zu vereinen„aber, es ſoll nicht ſeyn k „Was gibts, was willſt Du?« fuhr Georg wild auf, und ſtierte in die Ecke, wo ihm eine Geſtalt ſichtbar wurde, hell im tiefen Dunkel. Dießmal war es nicht der alte magre Deſcharpes vom jenſeitigen Eilande. Der fantaſtiſche Spuck glich Cäcilien, die ernſt und kalt in Georgs Au⸗ gen blickte. Ihr weißes Gewand ſchien in die Erde zu verſchwinden. Das weiße Geſicht ſchien den Mund offnen zu wollen.„Was willſt Du denn?« fragte Georg noch einmal, wie ein ge⸗ peinigtes Kind.— Weg war alſobald, was ihn er⸗ ſchreckte. An Cäciliens Statt antwortete Lepold, der ebenfalls voll Beſtuͤrzung aufgeſprungen:„Was ich will? Haſt Du denn nicht den Ton gehort? Er klang, wie ein zerſpringendes Glas.« „Ich habe nichts gehdrt. Aber ſahſt Du denn — 285— nicht die Figur in jenem Winkel?«—„Nicht doch. Ich habe nichts geſehen.“ Eliſe trat mit brennenden Kerzen in die Stube. „Verzeihen Sie, meine Herren,“ ſagte ſie mit der gewinnenden Artigkeit einer Franzoſin,„daß ich nicht fruͤher kam, Licht zu bringen. Schon war ich auf dem Wege, allein der Zugwind, der drau⸗ ßen das Fenſter eingeworfen, loͤſchte die Flammen. Jetzt iſt mir's beſſer gegluͤckt. Guten Abend, meine Herren.“— Die Maͤnner faßten ſich. Leiſe verwuͤnſchte Georg ſeine Neigung zu Viſionen. Leopold be⸗ ruhigte ſich uͤber den Klang, der ihn ſo ſehr er⸗ ſchreckte. Er umfaßte Eliſe, und ſagte ſchmei⸗ chelnd:„Du koͤmmſt zur guten Stunde, Eliſe. Mein Freund iſt mir ein Herold des Gluͤcks ge⸗ worden; denn er brachte das Papier, deſſen ich bedarf, um mit Dir vereint zu werden.“— Hohe Freude verklärte Eliſens Stirne, ob⸗ gleich ihre zarten Finger verſuchten, Leopolds in⸗ diskreten Mund zu verſchließen. Heckdey beſei⸗ tigte ihre Verlegenheit, indem er verbindlich an⸗ S. 266 hob:„Werden Sie mir erlauben, meine ſchoͤne Dame, ein Zenge des Frendentages zu ſeyn 2.— Eliſe verneigte ſich.—„Ich rechne darauf;« ſagte Leopold liebetrunken.—„Ich nicht minder;“ fuͤgte die Dame halblaut hinzu; dann rief ſie den an⸗ muthigen Scherz auf ihr Antlitz zuruͤck, ſpre⸗ chend:„Ich beſinne mich. Weil Sie uns ein gu⸗ ter Bote geworden, mein Herr, ſo wuͤnſche ich, Ihnen auch eine gute Poſt zu uͤberreichen. Dieſe Briefe kamen. Wenn ich nicht irre, ſo iſt die Addreſſe neben der des Herrn Flowers, die Ihrige.“— Heckdey empfing die Pakete:„Ich habe mich unterſtanden, meinen Correſpondenten mein Haupt⸗ quartier vor der Hand bei Dir zu beſtimmen. Erlaube, daß ich gleich nachſehe, ob nicht... Er muſterte die Briefe.„Der iſt eine Sol⸗ datenepiſtel, geſieg l mit dem Knopfe einer Uni⸗ form;“ brummte et, und ſchob die Epiſtel, unge⸗ leſen vör der Hand, in die Taſche.—„Der zweite, von Hamburg... Victoria, Freund, wir haben einen Gewinnſt gemacht. Fortuna iſt uns — — 287— wieder hold. Dieſe kleine Gabe ſey uns eine Buͤrgſchaft fuͤr weitere Gunſt.“— Er dffnete den dritten:„Noch einmal Victoria!“ rief er froͤh⸗ lich:„Man ſchreibt mir aus dem Havre, daß eine Perſon. wie Diana. ſie waͤre noch zu erwiſchen, wenn. ich muß ſelbſt auf dem Platze ſeyn. Ja, ich muß und ich will. Laß' mir geſchwinde Pferde beſtellen. Geſchwinde, je⸗ der Moment iſt Hunderttauſende werth.“ Auch Leopold war von den Hoffnungen ſeines Freundes begeiſtert. Eliſe ſendete alſogleich die noͤthige Dienerſchaft aus, Alles zu der improvi⸗ ſirten Reiſe zu bereiten.„Ich laſſe Sie ungern ſo ſchnell von hinnen;“ ſagte ſic mit Theilnahme: „Allein Hr. Flowers heißt Ihre Reiſe nothwen⸗ dig und unaufſchiebbar. Doch hoffe ich gewiß, zu rechter Zeit Sie wieder hier zu ſehen.“— „An Ihrem Hochzeittage unfehlbar;« verſicherte Heckdey, ſeine Ungeduld kaum bemeiſternd. Und Leopold ſetzte hinzu:„So zogre nicht allzuſehr. Die Aufbebote in Kirche und Mairie laſſen ſich abkuͤrzen, und der kurzeſte Termin iſt der beſte, der unſrige. Viel Gluͤck zu Deiner Entdeckungs⸗ reiſe, und fioͤhliches Wiederſehen!“ 6. Der Kurier, welcher fuͤr dießmal den Fruͤh⸗ ling aus dem tiefen heißen Suͤden nach dem Nor⸗ den zu bringen hatte, war unter den ausgelaſſen⸗ ſten Wetterbuben erwählt worden. Er hoͤrte auf ſeinem Wege hie und da von ſeinen ſchlaͤfrigen und ſaumſeligen Vorgängern, und beſchloß, daß unter ſeiner Regierung der Kalender eine Wahr⸗ heit ſeyn ſollte. Darum griff er herb und haſtig den alten Winter, ſogar in deſſen Privatdomaͤnen — auf den Alpen— an.—„Welche Mummtrei!“ ſchrie er dem Eiskoͤnig zu, und ſchlug ihm die zottige Muͤtze vom Haupte:„Iſt Carneval nicht ſchon voruͤber? Leg' Dich ſchlafen!“— Der vor⸗ eilige Bube fegte die Schneeballen von den Hd⸗ hen, daß ſie donnernd den Winter begruben, und ſchiffte tollkühn auf den ſreigemachten Wogen der — 289— Gießbäche hernieder. Dann und wann uͤbte er Knabenmuthwill, klapperte als vorfruher Storch auf den Thuͤrmen, ließ die Lerche los, am Him⸗ mel zu trillern, ſtreute mit freigebigen Haͤnden weiße Bluͤthen in die noch bereiſten Schlehdorn⸗ hecken, daß ſich die Leute wunderten uͤber den wohlduftenden Schnee, und erfullte Alles derge⸗ ſtalt mit Sang und Klang, daß ſogar die Sonne, die uralte Hausfrau am Firmamente, wohlgefällig und lächelnd die letzten Vorhaͤnge von ihrem gol⸗ denen Fenſter wegzog. Was kuͤmmerte es den tollen Vurſchen, daß Huͤtten und Doͤrfer vergingen in Waſſernoth? daß heute die Bluͤthen in Froſt erſtarben, die er geſtern geweckt?„Drauf und dran!“ war ſeine Loſung, und uͤber den Froſt ſtreute er immer friſche Blumen, und befahl den ergruͤnenden Mat⸗ ten, die Bergwaſſer einzuſchluͤrfen. So errang ſein Trotz die Gewalt, und weil ſeine Voͤgel ſan⸗ gen, und ſeine Blätter luſtig ſprießten, dachte er, jetzt ſey's gethan, und fuͤr weitre Kurzweil zu ſorgen ihm erlaubt. Boa Conſtrictor. U. 19 — Da ſchluͤpfte er zu den Menſchen in die engen Haͤuſer, loͤſchte in den Oefen den Brand, und machte dafuͤr die Herzen warm, die Augen klar, die Wangen roth. Alle Buben und Dirnen am See und uͤber dem See von Weiſſenbrunn wuß⸗ ten von ihm zu erzählen; eine Jungfrau ausge⸗ nommen, die kalt und unempfindlich ſeinen Lo⸗ ckungen widerſtand.— Weil ihr Antlitz weiß, und ihre Augen truͤbe geblieben, blies der Fruͤhling zudringlich ſeinen heißen Athem in ihre Bruſt.— Aber, was Andern Leben verleiht,— die Sehn⸗ ſucht, das Verlangen im Lenze— gab der Jung⸗ frau den Tod. Der junge täppiſche Viertelsmeiſter des Jahrs verſtand noch nicht, ein gebrochenes Herz zu heilen.— Arme Cäcilie, wo wäre der Arzt zu finden geweſen fuͤr Dein Weh? Vor Kurzem noch das glucklichſte Maͤdchen an den reichen Seegeſtaden, — jetzt das ungluͤckſeligſte; nicht ein Schatten mehr von Deinem fruͤhern Reichthum iſt Dir geblieben. Es war keine gemeine, keine gewohnliche Seele, — 291— die da unterging in ihren Schmerzen. Sie wuͤrde Segen und Heil verbreitet haben, wenn ſie geſund geblieben wäre.— Zu einer Koͤnigin der Liebe geboren und erleſen, mußte ſie gleichwohl in bit⸗ tern Sclavenſeſſeln erſticken; gehorſam dem, der ſie mißbrauchte, liebend den, der ſie verdarb, ſeg⸗ nend ihn, der ihr hoͤhnend fluchte.— Wo ihre Waffen gegen die alte Schlange? Wo ihre Verbuͤndeten? Ein fuͤrchterlicher Eid band ſogar die Klage auf ihrer Zunge feſt, und der Eid galt noch Alles der Unſchuldigen. Der Mutter Zärtlichkeit? Ach, ſie hing nicht mehr an der treuloſen Mutter, und dieſe war kalt gegen Iſie geworden im Jammer um den verlornen Sohn. — Des Vaters Beiſtand? Aber Leopold, der Fluͤchtling, war ihr jetzo ein Fremder.. und Georg? Wehe! Tauſendmal im Tage, in den ſchlafloſen Nächten ſchrie ihr das Gewiſſen zu: „Du liebſt Deinen Vater, Elende. Du liebſt ihn wie das Weib den Mann liebt. Suͤnde und Ver⸗ dammniß uͤber Dein Haupt!“ — Es gibt eine Liebe, die allmaͤhlig ſchwindet, die ſich nach und nach verbraucht. Aber die Liebe Cäciliens hoͤrte nimmer auf. Sie rang darnach, Georgs Gedachtniß zu erſticken; immer tauchte ſein Bild wieder vor ihrer gequaͤlten Ima— gination auf; immer farbiger, immer gluͤhender, ſo wie der Lenz des Jahres und des Lebens zu malen pflegt.— Die Seelenkranke erinnerte ſich der Heilmittel, welche die Kirche bietet. Sie erforſchte ihre Froͤm⸗ migkeit. Sie hatte aber von der Religion nur aufgefaßt, was Toͤchter eines guten Hauſes auf⸗ zufaſſen pflegen: die gebotenen Formen des Got⸗ tesdienſtes, Gehorſam und Demuth vor Eltern und Lehrern, die Achtung vor den zehn Geboten, und die Pflicht, Almoſen zu ſpenden.— Lropold und Eugenie waren, was den Punkt der hoͤhern Andacht betrifft, mit dem allgemeinen Strome fortgeſchwommen. Ein tieferes Eindringen in die Wahrheiten und die troͤſtende Moral des Chriſten⸗ tyums hatten ſie uberfluͤſſig erachtet. Das Beiſpiel ihrer eigenen Tugenden ſollte da genugend aushelfen. — 293— Dennoch lechzte jetzo Cacilie nach dem Troſte, nach der Vergebung der Kirche.— Im Viertel⸗ jahre einmal ſetzte ſich am Samſtag Abends der eisgraue Expoſitus, der die Urſuskapelle verſah, darinnen zum Beichthoͤren nieder, und von allen Alpen ſtroͤmten die Hirten, die Koͤhler und Wald⸗ bauern bußfertig zu ihm. Sie ruͤhmten ſeine Milde, ſein Eeſchick, die Kraft und Salbung ſei⸗ ner Ermahnung. Selbſt ein Kind des Gebirgs, bekannt mit allen Staͤmmen, die da wohnten, vertraut mit ihren Sorgen und Noͤthen, redend ihre rauhe, aber ſo herzliche Sprache, war ihm ein Leichtes, dieſe ſchlichten Menſchen, die er ge⸗ tauft und zur Ehe eingeſegnet, deren Vorfahren er begraben, ſchlicht und recht zu unterrichten, zu belehren, zu erheben.— Cäcilie dachte, er wuͤrde auch ihren Kummer verſtehen, und ſchlich ſich, da es daͤmmerte, an das Tribunal des Ge— wiſſens.— Sie uͤberwand die billige Schen; ſie beichtete, daß ſie das Ungluck habe, ihren Vater zu lieben, mehr als einer Tochter zuſteht. Sie bat um Rath, um Huͤlfe, um Losſprechung von — 294— dem, was ſie eine Suͤnde nannte. Mochte je⸗ doch die Schuͤchternheit der Jungfrau unpaſſende Worte gewählt, oder mochte ihre ſtädtiſche Sprach⸗ weiſe des Dorfprieſters Ohr zu Mißverſtändniſſen verleitet haben? Gewiß iſt, daß der Beichtiger die Abſolution verweigerte, und die Suͤnderin,— wie er die Arme nannte— vor den Stuhl des Biſchofs verwies.— Gewiß iſt, daß, von jenem Augenblicke an, die Verzweiflung von Cäciliens Leben Beſitz nahm.— Stumm und thränenlos welkte ſie hin, eine in Sand und Schlacken ver⸗ dorrende Blume. So nahte ihr Geburtstag. Sie ahnte nicht ſein Erſcheinen. Ihres Daſeyns Ende war's, wo⸗ mit ſich ihre Gedanken beſchäftigten. Den An⸗ fang ihres kurzen Lebens hatte ſie vergeſſen. Aber die Mutter hatte ſich den Tag gemerkt, der ihr ſchoͤnſter geweſen, und an ſeinem Sonnenſtrahle thaute ihre erkaltete Bruſt auf. Sie umarmte ſeit langer Zeit zum erſtenmale die Tochter wie⸗ der, und weinte Thraͤnen der Zaͤrtlichkeit auf Cäciliens trockne Augen, auf ihre marmorkuͤhlen Hände. „Ach, wie ſo bleich, mein Kind, wie eingefal⸗ len Deine Wangen! Was quält Dich? Sag' an. Schlägſt Du noch immer des Arztes Huͤlfe aus? Willſt Du nach der Stadt zuruͤck, um zu ge⸗ neſen 24 „Ach Mutter, laſſen Sie nur. Es wird vor⸗ uͤbergehen.“ „Und Dein Schweigen, beſte Tochter, Deine Schwermuth? ſollen ſie denn ewig dauern? Willſt Du mich denn unaufhoͤrlich betruͤben, mich arme Mutter? Schon finde ich keine Ruhe mehr, ſeit Ralph ſo räthſelhaft verſchwunden... und auch D „Geduld, Mutter. Auch Ralph wird wieder⸗ kommen. Das liebſte Kind wird Sie nicht ver⸗ laſſen immerdar.“ „Ach, waͤr' er hier, heute an Deinem Ge⸗ burtstage! Sonſt, meine gute Caͤcilie, erfreute ich Dich mit einer Gabe. Aber ſeit Dein Vater ſich von uns losgeſagt, weiß Deine Mutter kein — 26— Geſchenk fur Dich, weil ſein Segen, ſeine frommen Wuͤnſche es nicht mehr heiligen.“ „Der Vater?“ Cäcilie richtete einen langen, ernſten Blick auf Eugenie. Dann bebte ſie leicht, und ſetzte hinzu:„Ja, wohl iſt er fern und todt fuͤr mich. Aber nicht weniger danke ich Ihnen fuͤr die Erinnerung.“ Eugenie betrachtete das Maͤdchen mit Ver⸗ wunderung.„Du liebſt den Vater mehr als mich;“ ſeufzte ſie, und der Gedanke, daß ſie in der juͤngſten Vergangenheit eben nicht viel gethan, der Tochter Liebe zu verdienen, ſchmerzte ſie. „»O ſchweigen Sie davon, ich bitte;“ entgeg⸗ nete eiskalt Cäcilie.— Ihre Augen wendeten ſich nach der zauberiſchen Ausſicht, die vor den Fen⸗ ſtern des Gemachs ſich bruͤſtete.* „Bereite Dich,“ nahm wieder Eugenie das Wort,„Deine Luiſe zu empfangen, die kommen wird, Deinen Geburtstag mit uns zu feiern. Kleide Dich etwas ſorgfaͤltiger, mein Kind. Du vernachläßigſt ſeit einigen Wochen gaͤnzlich Deinen Putz. Thu mir's und Dir zu liebe. Der heu⸗ — 297— tige Tag iſt vielleicht wichtig fuͤr Deine Zu⸗ kunft.“ »Vielleicht, liebe Mutter. Ich will mich pu⸗ tzen.“ Die Eintonigkeit der Antwort ſchnitt in Eu⸗ geniens Seele. Kämpſend mit der Wehmuth, die ſie verbergen wollte, fuhr die Mutter fort: „Du trittſt in Dein achtzehntes Jahr, Cä⸗ cilie. Du biſt vollkommen ausgebildet. In der Bluͤthe Deiner Jugend ſtehend, befremdet mich und Alle die Abnahme Deiner Kraͤfte. Wir ha⸗ ben freilich ſchwere Ungluͤcksfälle binnen kurzer Zeit erlitten, und Gott vergebe ſie dem, der ſie uͤber uns brachte. Der Kummer um den Vater und den Bruder mußte freilich Dein zartes Ge⸗ muͤth erſchuͤttern; aber, liebes Kind, beachte Mä⸗ ßigung im Schmerze. Faſſe Dich endlich, um mich aufrecht zu erhalten. Iſt denn gar nichts auf Erden, das Dich erfreute? Vielleicht macht unſre Abgeſchiedenheit Dich traurig. Liebſt Du nicht Geſellſchaft? Du ſchienſt dem jungen Forſt⸗ meiſter, der dann und wann in den langen Win⸗ terabenden bei uus auf ein Stuͤndchen einkehrte, mit Theilnahme zuzuhdren? Der wockere junge Mann hat ſeinerſeits viele Neigung fuͤr Dich gefaßt. Er hat mich um die Erlaubniß gebeten, Dich oͤfter zu ſehen. Gefällt er Dir? wärſt Du abgeneigt, ihn naͤher kennen zu lernen? Er wuͤrde das hoͤchſte Gluͤck des Lebens ſein eigen nennen, betheuert er, wenn Du einſt ſein Lvos mit ihm theilen wollteſt 26 Eugenie beobachtete ſcharf und mit Herzens⸗ angſt, waͤhrend ſie redete, die Zuge ihrer Tochter. Das war die letzte, wenn gleich die gefährlichſte Saite, die ſie zu beruͤhren hatte, um uͤber Cäͤ⸗ ciliens Zuſtand einigen Aufſchluß zu gewinnen. Aber umſonſt. Zwar oͤffneten ſich Cäciliens Augen feuriger, zwar ſchimmerte ein leichtes Roth durch ihre Blaͤſſe: aber das Feuer erloſch, die Roͤthe ſchwand alſobald, und der Mund der Armen er⸗ wiederte kalt:„Ich werde nicht heirathen, liebe Mutter.“ Worauf Eugenie eifrig:„Verſchwoͤre nichts, Cäcilie. Des Weibes Beſtimmung laͤßt ſich nicht ungeſtraft verletzen. Es wird ein Tag kommen, an welchem Du bereuen wirſt, ein ſo unbeſonnenes Verſprechen Dir geleiſtet zu haben!“— Nach ei⸗ ner Weile fuhr ſie ſanfter fort:„Ja mein Kind; es wird auch fuͤr Dich der Tag der Liebe anbre⸗ chen. Wähle aber alsdann mit Klarheit und Vernunft. Verſchmähe nicht meinen Rath. Und haſt Du endlich Dein Herz verſchenkt, o meine Cäcilie, ſo bleibe treu, treu unter allen Verhält⸗ niſſen. Die Untreue, Cäcilie, iſt der erſte Fluch des Menſchen.“ Eugenie drehte ſich weg, ihrer Tochter die Thraäͤnen zu verbergen, die in ihre Augen ſchoſſen. Deßhalb ſah ſie auch nicht die Perlen, die Cä⸗ cilie zwiſchen ihren Wimpern zerdruckte, und ver⸗ nahm nur die von dem Maͤdchen mit Begeiſte⸗ rung geſprochenen Worte:„Ja, meine Mutter, das verſpreche, das gelobe ich: ich will treu ſeyn, ich will nicht wanken, und es ende dann, wie es wolle— Die feierliche Wendung dieſes Auftritts fuͤhrte nicht zum Ziele, denn der Beſuch aus der Reſi⸗ denz unterbrach die Herzensergießungen.— Die — 300 Geheimeräthin und Luiſe traten dazwiſchen. Luiſe kußte zärtlicher als gewoͤhnlich ihre Freundin, und opferte dem Feſttage einen prächtigen Strauß friſcher Foſen; die ſchoͤnſten, die des Hofgärtners Treibhaus zu liefern vermocht hatte.— Nach einigen Geſpräch⸗ und Gratulationsformeln lud Eugenie mit einem bedeutungsvollen Wink die Räthin ein, ihr zu folgen, und die Mädchen blieben allein.— Luiſe ſagte:„Meine gute Eilly, wie freue ich mich, Dein Ausſehen friſcher und freundlicher zu finden, als ich erwartete?“— In der That hatte Cäciliens Geſicht an Heiterkeit gewonnen.— „Das Fruͤhjahr ſcheint Dich neu zu beleben,“ fuhr Luiſe fort,„und der Gram des Winters wird ſich vollends abſtreifen laſſen. Ich bin gekom⸗ men, mich Dir einige Tage lang zu widmen, an Deiner Seite die herrliche Umgegend zu durch⸗ ſtreifen. Du ſollſt des Lebens wieder froh wer⸗ den, mein Schäſchen.« „Ich hoffe es, wie Du;“ antwortete Cäcilie ſchwärmeriſch. Luiſe plauderte weiter:„Du mußt mir jedoch verſprechen, dann mit uns nach der — 301— Stadt zuruͤckzufahren. Die Luſibarkeiten dauern noch immer, und Dir zu liebe will ich gern der haͤuslichen Clauſur entſagen.“— „Das verſpreche ich Dir nicht;“ ſagte Cäcilie ernſt:„Laß' mich, wo ich bin. Ich gehe nicht gerne nach der Stadt.“ „Ei was, Du Eigenſinnige! Die Erinnerun⸗ gen? O, peinige Deine Jugend nicht mit Dornen zu Tode. Was kuͤmmert Dich der Zwiſt Deiner Eltern? Die Zeit wird auch dieſe verſoͤhnen. Und des Bruders dummer Streich? Laß Dir ſagen, daß Herr Raimund eine Spur von ihm ergattert hat. Er glaubt, der Junge ſey in den Militar⸗ dienſt des Nachbarſtaats gelaufen. Dort moge er eine Weile bei Rechts⸗ und Linksum ſchwitzen. Dann holt Ihr ihn heim, und er wird zahm ſeyn, wie ein Lamm. Herr Raimund weiß das Nähere. Der Junge iſt nicht verloren, und wird, ehe man es denkt, den Schooß der Mutter, die ihn verhatſchelte, wieder aufſuchen.“ „Gott ſcy Dank. Dann wird ſie nicht allein — 302— ſeyn;“ ſprach, gleichſam unwillkuͤhrlich, Ralphs Schweſter. „Nicht allein? was ſoll das heißen, mein Kindchen? Willſt Du ſie verlaſſen? Wie ginge das an? Verlaſſen um eines Kloſters... oder⸗ etwa um eines Mannes willen 24 Cäcilie ſchuͤttelte den Kopf:„Ich bin des Kloſters nicht wuͤrdig. Und ein Mann..2 Nun freilich“— ſie ſagte es mit einiger Bitter⸗ keit—„Mama will mich verheirathen. Der Forſtmeiſter von Dollingen, meint ſie, waͤre ein Gatte, wie ich ihn nur wuͤnſchen koͤnnte. Denke Dir, Luiſe, ich des Forſtmeiſters Frau!« „Je nun“— Luiſe nahm einen lauernden Ausdruck an—„die Parthie wäre ſo ubel nicht, und vielleicht wäre es gut, wenn Du der Mutter folgteſt. Der Schutz eines biedern Mannes iſt von hohem Werth fuͤr ein verlaſſenes dädchen.“ „Das ſagſt Du? Ich ſtaune, Luiſe. Du koͤnnteſt mir rathen. xuiſe hob an, mit einer ſelbſtgefaͤlligen Ueber⸗ windung:„Ich wuͤrde es nicht, Cäcilie, wenn — 303— die Verhältniſſe ſich nicht neueſtens geaͤndert haͤt⸗ ten. Du weißt, wie ich mir noch vor Kurzem das Gluͤck ausmalte, Dir und nur Dir allein zu leben;— aber, da ſind mit dem ſchoͤnen Vorſatz meine Pflichten, meine Kindespflichten, in Streit gerathen. Die Mutter, ſchwach und krank, aber bei all dem eines langen Lebens gewaͤrtig, wuͤnſcht mich verſorgt zu ſehen, und dann in meinem Hauſe, gepflegt von mir und einem getreuen Eidam, vielleicht geliebkoſ't von einem lieben Enkel, ihr Ende zu erwarten. Ich wider⸗ ſtand, ſie drang in mich, und— ich will Dir nicht verbergen, daß ich einwilligte.“ Eine große Pauſe. Cäcilie war in ihren Ge⸗ danken verſunken. Dann ſagte ſie reſignirt:„Du legſt meine ſuͤße Hoffnung in's Grab. Aber— wir wollen uns deßhalb nicht entzweien. Nur vertraue mir, Du ſtolzes Fräulein, wie Du Einen gefunden, zu deſſen Gunſten Du Demer Freiheit und Deiner Jungfräulichkeit entſagen moͤchteſt 2 „Es iſt nur Einer in der Welt, dem ich dieſe Opfer bringen mag;“ entgegnete Luiſe prahleriſch und liſtig zugleich:„Herr Heckdey iſi's.“— „Ein lautes„Aché wollte ſich Cäciliens Bruſt entwinden. Sie bezwang ſich jedoch mit uͤber⸗ menſchlicher Kraft, und lispelte kaum vernehm⸗ lich:„Dieſer? dieſer, Luiſe 2 Die glatte Schlange ahnte längſt, was in Cäciliens Buſen vorging, und ihre meuchelmorde⸗ riſche Eitelkeit verſetzte triumphirend:„Er hat uns vor einigen Wochen beſucht; er hat mittel⸗ bar bei meiner Mutter um meine Hand gewor⸗ ben..; wir erwarten ihn alle Tage zuruͤck. Er will die Antwort holen, und... wuͤnſche mir Gluͤck. ſie wird eine guͤnſtige ſeyn.“ Cäcilie ſchluchzte lant auf, da ſie rief:„Ich ſegne Dich... Luiſe ſey gluͤcklich „Was haſt Du, närriſches Mädchen A fragte Luiſe, ſcheinbar befremdet.— Aber ſchon ſtockten wieder Cäciliens Thranen, und mit dem Gleich⸗ muth des letzten Opfers wiederholte die Arme: „Sey gluͤcklich, gluͤcklich, ſage ich Dir.“ Dann lehnte ſie ſich zum Fenſter hinaus. Ihre Blicke irrten uͤber den See nach den Bergen, nach dem Horizonte. Sie ſuchte ſich ein neues Va⸗ terland aus. Plotzlich erheitert, kam ſie dann auf die feindliche Freundin zu, und begann mit einer Scherzhaftigkeit, die um ſo natuͤrlicher klang, als dieſer Scherz ihr letzter ſeyn ſollte:„Du ge⸗ fällſt mir als Braut, Luiſe; und ich ſelbſt will, Deinem Beiſpiel folgend, eine Braut werden. Ich will gleich jetzt mich als eine ſolche ſchmuͤcken. Die Mutter wuͤnſcht es, und Du ſollſt mir helfen.“ „Ei, Du biſt nicht uͤbel in Deinem einfachen Gewande, Cäcilie. Schlinge einen friſchen Guͤr— tel um den Leib, ordne Deine Locken, ſtecke dieſen Roſenſtrauß an Deine Bruſt, und Du wirſt dem ſchlichten Forſtmeiſter doppelt gefallen. Den grd⸗ ßern Putz verſpare auf morgen. Erinnere Dich, daß ein Feſt vor der Thuͤre, das die ganze ſchoͤne Welt der Reſidenz an dieſe Geſtade zu locken pflegt. Da gilt es, ſchoͤn und geputzt zu ſeyn. Der Koͤnig ſelbſt will morgen den See in ſeiner Voa Conſtrictor. M. 20 — 306— goldenen Pacht befahren, und die große Waſſer⸗ meſſe mit ſeiner Gegenwart beehren.«“ „Die Waſſermeſſe? was iſt das?“ fragte Cä⸗ cilie zerſtreut. „Beſinne Dich. Das Seelenamt meine ich, das in jedem Fruͤhling einmal auf einem Schiffe mitten im See geleſen wird, zum ewigen Heil Derjenigen, die das Jahr hindurch in den falſchen Wellen umgekommen ſind. Die Meſſe gilt fur die Begräbnißfeier der Verungluͤckten, da doch Keinem von ihnen ein Grab in geweihter Erde zu Theil werden kann.“ „So? warum denn nicht, Luiſe 2 „Haſt Du nicht ſchon gehoͤrt, daß der ſtrenge See niemals ein Opfer wieder auswirft, das er auf ſeinem Grund gebettet?“* „Ja doch, ich hoͤrte davon;“ erwiederte Ca⸗ cilie mit beſonderer Ruhe und Heiterkeit:„Wohl ihnen, den Opfern des See's. Aber bei dem Seelenamte wird es ſich ziemen, ſchwarz zu er⸗ ſcheinen. Darum will ich mich heute putzen. Verſage mir nicht die Freude, und hilf mir.“ — 307— „Es macht mir zu viel Vergnuͤgen, daß Du wieder an den kleinen Herrlichkeiten des Weibes Dich ergötzeſt, als daß ich laͤnger widerſtreben moͤchte;“ antwortete Luiſe beifaͤllig, und dffnete alle Schraͤnke.— In kurzer Zeit, mit ungedul⸗ diger Haſt, war Cacilie in weißen Atlas, in falbe Blonden gekleidet...; Perlen ſchmuͤckten ihr Haar, ihren Hals. Der Roſenſtrauß prangte an ihrem Buſen, und aus einer Brieftaſche verpflanzte ſie halb verſtohlen ein vertrocknetes Stiefmuͤtter⸗ chen, das ſinnige„Gedenkemein“ in den friſchen Strauß. Luiſe bemerkte die unpaſſende Zuthat. Pfuik« rief ſie:„was ſoll die todte Blume unter den lebendigen?“—„Sie iſt von meinem Vater;“ verſetzte Caͤcilie mit Aufregung, und Luiſe ſchwieg. — Heckdey hatte einſt die Blume als ein Merk⸗ zeichen in des Maͤdchens Gebetbuch gelegt.— Die älteren Damen huldigten, Gutes hoffend, der ſonderbaren Putzgrille Caͤciliens. Sie iſt wie ein Engel;“ meinte die Raͤthin. Der Forſtmei⸗ — 308— ſier, der am Nachmittage ſich einſtellte, pries ſie entzuͤckt, wie eine Heilige.— Sie war auch nicht mehr von dieſer Welt, obgleich umgeben von Lob, von Liebe, von Geduld und Zerſtreuung.— Kaum fand ſie am Abend einen Angenblick allein zu ſeyn, und mit Bleiſtift auf einen Zettel zu kritzeln: „Meine Mutter; ich verlaſſe Sie, weil ich „muß. Ich liebe meinen Vater,— Sie verſtehen „mich,— meinen Vater liebe ich, und kann „nicht von dieſer Liebe ſcheiden. Vom Leben „trenne ich mich gerne, weil dieſſeits die Kirche „und mein Gewiſſen mich als Soͤnderin verdam⸗ „men,— weil ich dort,— wo alle Liebe gelaͤu⸗ „tert iſt, von dem Allmaͤchtigen Vergebung und „Barmherzigkeit hoffe. Sie haben mich etmahnt, „treu zu ſeyn. Ich bin's, Mutter, ſollte mir „auch die Welt deßhalb fluchen. Oben iſt Wahr⸗ „heit, iſt Verſohnung. Wir ſehen uns oben wie⸗ „der, meine Mutter k Sie ließ den Zettel auf ihrer Toilette. Spaͤ⸗ ter verſchwand ſie unbemerkt aus der Geſellſchaft. — 309— Durch den Forſt, ſeeniederwaͤrts rauſchte eine weiße Geſtalt. Koͤhler, die ihr begegneten, wichen ſcheu vor ihr, und ſchlugen ein Kreuz.——— Am Ehrentiſche im„gruͤnen Schuͤtzen“ ſaß, umgeben von Anwohnern des Sec's, und von Maulaffen aus der Reſidenz, den Vorlaͤufern der Menge, die am folgenden Tag mit Roß und Wagen herbeizupilgern gewohnt war, der Calcu⸗ lator Reiberling, und ergoͤtzte ſeine Zuhorer mit einem Sack voll bunter Scherze, Grillen und Raͤthſel. Er gab juſt die Charade auf:„Was iſt das? meine beiden Letzten.. nicht doch! meine beiden Erſten ſind in den beiden Letzten, und mein Ganzes macht die beiden Letzten?“— Die Zuhdrer uͤberlegten. Reiberling ſtrich ſich die Haare wohlgefallig hinter die Ohren, und rief:„He, ihr traͤgen Kopfe? zweimal zwei ſind vier Sylben, und es iſt ein Kirchhofräthſel, ihr Unken! Das hab' ich eigens wegen der morgigen Feierlichkeit losgelaſſen, weil's darauf paßt.“ Ein Profeſſor der Hauptſtadt machte ſein wichtigſtes Geſicht, und ließ ſich im Lehrton ver⸗ — 31— nehmen:„Lieber Mann, das iſt ein alter Witz von Todtengraͤbern und dergleichen; aber wenn Er wuͤßte, uns die allererſte Veranlaſſung zu dem Trauergottesdienſte zu ſagen, der morgen aus dem heitern Tage auch einen ernſten macht, wuͤrde Er uns ſehr verbinden.“ Worauf Reiberling flaͤmiſch:„Ich verbinde gern, darum hoͤr' Er nur zu; ich will Ihm die⸗ nen.— Alſo: es war einmal ein alter ſteifer Schulmeiſter, der hatte ein huͤbſches Maͤgdlein zur Tochter. Er war hoffaͤrtig, eine Quadratwurzel von Grobheit, und nannte Jedermann Er. Auch hätte er gerne ſeine Tochter recht nobel verheira⸗ thet, aber da er ein Lump war, wie die meiſten ſeines Gleichen, ſo wurde aus allen Parthieen nichts. Der Pfleger, der Landrichter, der Doktor und der Rentmeiſter lachten ihn und ſein Mädel aus.— Da ſaß aber dazumal ein dicker feiſter Nix im See; der hatte ein Auge auf die Dirne. Weil er von anſehnlicher Geſtalt war, die gruͤn⸗ lichen Haare abgerechnet, und die ſchuppigen Beine und die Floßen an den Fuͤßen— welche Maͤngel — 311— ein überaus langer Rock ziemlich verbarg,— ſo machte das Maͤdel keine Schwierigkeit, ihn zum Manne zu nehmen. Der Schulmeiſter bekam dagegen viel Geld, und viel Wein, denn er liebte beides ſehr.— Aber da die Nixenfrau in ihrem glaͤſernen Hauſe unter den Wellen ſaß, weit von allem Chriſtenthum, und aller Geſellſchaft, wurde ihr die Zeit lang, und ſie plagte den Mann um Zeitvertreib und Geſpielinnen. Der machte es mit dem gewiſſenloſen Schulmeiſter ab, und der Boͤſewicht fuͤhrte von Quartal zu Quartal ein reines Mägdlein aus ſeiner Schule an den See, oder in einem Kahne mitten auf den See, und da zog ſie der Nix hernieder, ſeiner Frau zur Genoſſenſchaft. So oft ein ſolches Opfer gelun⸗ gen, ſchwamm ein Strauß von Blumen anf der Waſſerflaͤche. Die armen Mädchen ſtarben unten bald, und wurden von dem Nir am Grunde feſt⸗ gebunden, daß lange die Unthat des Schulfuchſes nicht ans Licht kam. Endlich aber hat ein Fi⸗ ſcher, der zur nächtlichen Weile ſeine Netze ſtellte, ihn belauſcht, als er wieder ein Mädchen in das — 312— Waſſer ſturzte, und den Verbrecher bei'm Amte angezeigt. Wie billig wurde er verbrannt, und ſein ganzes Hexengeld zu einer frommen Stif⸗ tung verwendet, damit die Seelen derer, die der See nicht wieder zuruͤckgibt, zur Ruhe kamen. Als das Waſſer geweiht wurde, gerieth der Nir in die unbeſchreiblichſte Wuth, brachte ſein Weib um, und begab ſich durch ſeine unterirdiſchen Kanäle weit von dannen. Seit der Zeit iſt des Todes, wer mit unlautern Gedanken auf dem See faͤhrt, und ſein Gebet verabſäumt. Aber die Gnade Gottes erbarmt ſich derer, ſo da un⸗ ten liegen. Manchmal, bei recht heiterm Waſſer⸗ ſpiegel ſoll man ſie ſehen, Reihe an Reihe ge⸗ ſchichtet, wie im tiefen Schlafe liegend, aber odllig kennbar, und es geht die Sage, daß noch heutzutage, wenn eine Jungfrau in dem tuckiſchen See ſterben ſoll, Blumen aus dem Abgrund tauchen, wie ein Kranz, der auf den Sarg eines unſchuldigen Mägdleins gehort.“ Bis hieher hatte Reiberling erzählt, als ſeine Augen auf einen grellen Lichtglanz ficlen, der — 313— vor dem Hauſe am See auf⸗ und niederſchwankte: „Was iſt das 2« rief er:„Was bedeuten die Fackeln? Hat der See wieder einmal nach einer Beute geſchnappt?“ Draußen wurde nach Huͤlfe, nach einem Kahn, nach Rudern und Seilen geſchrieen. Alles draͤngte ſich vor die Thuͤre des„gruͤnen Schuͤtzen,« Alles an das ſeichte Ufer, wo die Schiffe ihren Anker⸗ platz hatten.„Was gibt's? was iſt geſchehen? riefen die Neugierigen.„Ein Weib ſoll verun⸗ gluͤckt ſeyn,“ antworteten hundert Stimmen, und man ſah den Forſtmeiſter von Dollingen, der, wie ein Verzweifelter, auf einem lecken Nachen in den See ſiach. Der bleifarbige Schlund hatte ſich aber bereits wieder geebnet,— auf der ge⸗ räuſchloſen Fläche ſchwamm ein zerriſſener Strauß von friſchen Roſen.—„Eine Jungfrau! Gott genade ihrer Seele!“ betete gläubig und entſetzt die Menge mit entbloͤßten Häuptern. „Es muß alſo jetzt ſeyn; Tereſa. Da Du nicht mehr den großen Fluß uͤberſchreiten magſt oder darfſt, muß ich von Dir ſcheiden; denn mich ruft die Heimath wieder, und der Geiz des Va⸗ ters, der meine Kaſſe nicht mehr, dem ſuͤßen RNichtsthun und Wanderleben zu Gefallen, mit Gold und Wechſeln ſtopfen will.“ So ließ ſich der junge faſhionable Ruſſe ver⸗ nehmen, der, an Frankreichs Grenze angelangt, mit blutendem Herzen die Feentage ſeiner großen Tour hinter ſich verſinken ſah. Er trdſtete ſich jedoch, wie ein galanter Mann, und bemuͤhte ſich, ſeiner Begleiterin die Nothwendigkeit und den Nutzen der Trennung recht begreiflich zu machen. Darum fuhr er, indem er ſeine Locken und ſeinen Bart zurecht ſtrich, auch vor dem Spiegel ſeine blanken Zähne unterſuchte, fort: „Es war ein recht huͤbſches Stuͤckchen Leben, das wir miteinander durchgemacht haben, Du Citronenpuͤppchen. Der Zufall hat es mit der Welt, vornemlich mit den Touriſten, väterlich im Sinne. In dieſer Stadt haben wir uns ge⸗ funden; in dieſer Stadt fuͤhren unſre Wege uns wieder auseinander. Sieh, mein rundes Muͤtter⸗ chen: ich haͤtte Dich doch nicht weiter bringen konnen, als bis nach Leipzig, wo mich Geld und Predigt erwartet. Daher iſt's eben ſo gut, wir trennen uns ein paar Tage fruher.“ „Du hatteſt mir mehr verſprochen, Gregor;“ bemerkte Tereſa, aber in ihrer Bemerkung lag nicht viel Kummer noch Leidenſchaft. „Und was, meine Gute? Ich hatte Dir ver⸗ ſprochen, eine große Dame aus Dir zu machen, und ſiehe, ich habe mein Wort geldst. Ein paar Monate hindurch iſt Dir zu Gebote geſtanden, was Du begehrteſi, und Du begehrteſt viel, mein Engel. Paris war wie ein großer Freudenthron fuͤr Dich hergerichtet worden, Véfour und Chevet beſorgten unſre Kuͤche; in der großen Oper hat⸗ teſt Du Deine Loge. Pferde, Equipage, Baͤlle, Soirées,— Herz, was verlangſt Du? Du ſchlummerteſt behaglich auf Deinen Atlaskiſſen — 316— in unſerm Hotel, Straße Caſtiglione, während ich am Ende vor den Wechſelſchergen fluchten mußte, die mich bei der heiligen Pelagia in Koſt und Wohnung geben wollten. Erinnere Dich, ich bitte Dich, an alle Herrlichkeiten der Haupt⸗ ſtadt. Wir haben ſie alle genoſſen, haben end⸗ lich im Havre Auſtern gegeſſen, und wären viel— leicht nach England gezogen, wenn nicht meines Vaters heidniſch gewaltſamer Brief mich aufge⸗ ſchreckt, und zuruͤckgejagt hätte, von wannen ich gekommen.“ „Und das Ende von der Winterpoſſe?“ fragte Tereſa geringſchätzig und kalt. „Iſt mein Lebewohl, und dieſe Note von fuͤnf⸗ hundert Franken;“ erwiederte der junge Knees, und blies das Papierchen grazids in den Schooß des Mädchens:„bei meiner Ehre: ich kann nicht nobler handeln. Ich ſelbſt behielt nur tauſend, die mich knapp nach Leipzig bringen werden.“ „Ich habe nicht gern mit Papieren, mit ge⸗ ſchriebenen zu thun;“ meinte Tereſa, und betrach⸗ tete die Note, ſie verkehrt in der Hand haltend.— — 317— „Weil Tereſa ein Dummkopfchen iſt;«“ entgegnete der junge Mann lachend:„doch verlangteſt Du ſehr nach einem geſchriebenen Paſſe, mein Muͤt⸗ terchen. Und ich habe auch dieſen herbeigeſchafft, und ſomit Deinen Dank verdient. Schmolle nicht, mein Kind, und denke, daß es nun ein⸗ mal in der Welt nicht anders geht. Es halt auf Erden nichts ewig, alſo auch nicht unſre Verbin⸗ dung. Doch will ich Deiner noch manchmal mit Liebe und Wohlwollen gedenken.“ Und eine Stunde darauf reiste der Fuͤrſten⸗ ſohn leichtſinnig und froͤhlich von dannen, und ließ ſeine Begleiterin im Beſitze ihrer Freiheit. Das Madchen war nicht boſe uͤber die Verande⸗ rung. Die Freundſchaft zwiſchen Nord und Suͤd war eben nicht allzugroß geweſen; und die Toch⸗ ter der heißen Zone hatte geahnt, daß ſich der weiße Gregor ſchämen wuͤrde, in ſeines Vater⸗ landes Prunkſälen mit einer Mulattin aufzutre⸗ ten. Dennoch war ſie der Hoffnung geweſen, einen groͤßern klingenden Nutzen zu gewiunen; aber der Beutel des verſchwenderiſchen Ruſſen gab leider einem Siebe an Undichtigkeit nichts nach. Wie klug warſt Du, Diana,“ ſagte ſich die braune Dirne ſelbſtgefällig,„daß Du ſo beharr⸗ lich vor dem lockern Menſchen Deinen Diaman⸗ tenſchatz verbargſt!— Sie nahm ihn behutſam aus einer Caſſette, und hing ſich den Beutel wie⸗ der um den Hals, in den Buſen ihn verſteckend. Des Goldes beſaß ſie auch noch viel, theils ein⸗ genaͤht in ihren Kleidern, theils wohl und tief verwahrt bei Gegenſtaͤnden, wo Geld ſonſt nicht geſucht wurde. Das Silber und die andern Kleinodien aus Gregors Beute hatte ſie verſchleu⸗ dert, vertauſcht, angebracht. „Was thu' ich aber nun?“ fragte ſie ſich ernſthaft: Fſchon glaubte ich am Ziele zu ſeyn, und Englands Boden zu betreten..„z; da warf mich des alten ruſſiſchen Griesgrams vaͤterliche Tyrannei wieder zuruͤck.— Aber dennoch muß ich endlich uͤbers Meer.— Waͤre ich nur nicht ſo furchtſam! Ein Weib, allein und einſam, iſt verrathen und verkauft in dieſen Ländern.— Wenn ich eine Herrſchaft ſuchte? es gibt ihrer viele, die nach England, oder nach einer uberſeeiſchen Kuͤſte äberſchiffen unter ſolchem Schutze wäre ich ſicher vor jeder Nachſtellung, die mich doch noch manchmal ängſtigt.— Ach, was gaͤbe ich darum, wenn mein alter ſchwarzer Schurke noch bei mir wäre! Aber der einfaͤltige Tropf wird ſchon läͤngſt unter den ewigen Palmen ſitzen.— Ich will hoͤren, was aus ihm geworden.“ Diana bedeckte ſich Kopf und Geſicht mit Hut und Schleier, und wandelte den wohlbekannten Weg zum Hoſpitale, wohin ſie den alten Pluto hatte bringen laſſen, da er, von einem gewaltſa⸗ men Blutſturze hingeſtreckt, nicht weiter gekonnt. Die letzte Strecke der flͤchtigen Reiſe, die von den Dieben, ihre Verfolger irre zu fuͤhren, nicht mehr mit Extrapoſt, unter dem Vorgeben zuruͤck⸗ gelegt wurde, ſie ſeyen das Gefolge einer reichen Herrſchaft, vorausgeſendet, um Quartier zu be⸗ ſtellen,— war dem Negergreis verderblich ge⸗ worden. Bald zu Fuße, bald auf Bauerkarren geſchuͤttelt, hatte Pluto der einbrechenden Krank⸗ — 320— heit nicht widerſtanden. Diana, barmherzig ge⸗ nug, ihn nicht auf offener Straße liegen zu laſ⸗ ſen, mußte dennoch allzuviel Ruͤckſicht auf ihre eigene Sicherheit nehmen. Sie war deßhalb weiter gereist, und hatte, plotzlich mit Gregor vereint, den Alten endlich ganz und gar vergeſſen. „Er wird todt ſeyn;“ ſprach ſie noch fuͤr ſich, als ſie bereits an der Glocke der Spitalpforte ſchellte, und die barmherzige Schweſter, die ſie empfieng, beſtaͤtigte gleich ihre Vermuthung.„Die arme Seele iſt bald hinuͤbergegangen;“ ſeufzte die Krankenpflegerin:„es hat nicht drei volle Tage gedauert. Unſer groͤßter Kummer war, daß wir nicht wußten, ob der Leidende getauft geweſen, oder nicht. Der Herr Almoſenier konnte nichts beſtimmtes aus ihm bringen, weil er ſo viel als kein franzoſiſch ſprach. Die letzte Wegzehrung ſchien der ungluͤckliche Heide gar nicht zu verſte⸗ hen; aber er fabelte immer von Geld und Die⸗ ben, und wollte einmal mit dem Procurator des Koͤnigs reden. Der Almoſenier meinte jedoch, das ſey nur ein Wahnwitz des Todes, und auf — 321— die Verwirrung ſeiner Sinne wurde auch geſcho⸗ ben, daß er die Sakramente nicht empfangen, der arme Neger. So wurde es moglich, ihm ein ehrlich Grab auf unſerm Spitalkirchhof zu ge⸗ währen. Sie koͤnnen es bald finden; es iſt hin⸗ ten an der Mauer, neben der abgeſtumpften Saͤule; ein Stück gelbes Holz ſteckt darauf, mit der In⸗ ſchrift:„Ein Neger, geſtorben den ſo und ſo viel— ten.“ Den Namen, womit er gerufen wurde, konnte man doch nicht auf ein chriſtlich Grab ſetzen, und einen andern hat er nicht angegeben.— —„Wo iſt der Weg zum Kirchhof? fragte Diana, aͤngſtlich bewegt. Die graue Schweſter bezeichnete ihn genau, und Diana ging dahin. Eine ſonderbare, ungewoͤhnliche Haſt belebte ihre ſonſt ſo tragen Schritte. Die naturliche Feigheit des ſinnlichen Weibes war erregt worden. Diana war begierig, den Huͤgel zu ſehen, deſſen Schol⸗ len den plauderluſtigen Mund des Negers ſtopf⸗ ten. Sie wurde ruhiger, da ſie ihn vor Augen hatte, ihn befuͤhlen konnte. Das Bewußtſeyn Boa Conſtrictor. I. 21 — 322— erneuter Sicherheit zog in ihre Bruſt ein. Den⸗ noch ſchlugen bald wieder die Flammen der Angſt empor.—„Wenn er dennoch geplaudert hätte? Wenn die Gerichte auf Dich lauerten? Wenn ſie den Raub bei Dir fänden? Wenn Leopold — damals fern— wieder in dieſer Stadt waͤre, und Dich dem Freunde verriethe 2«— Ohne ſich im Grunde genaue Rechenſchaft zu geben, was ſie that, nahm ſie— nachdem ſie vorher ſich ver⸗ gewiſſert, daß kein lebendiges Weſen auſſer ihr auf dem Gottesacker— die Edelſteine vom Halſe, und ſchob den Beutel in eine Blende der Mauer naͤchſt Pluto's Grabe; eine kleine Niſche, die ſchon vor Langem mit Steinen angefullt worden, aus denen Grashalme ſproßten und bereits Moys gewachſen war.„Da ſucht Niemand den Schatz: da werde ich ihn wieder finden, ſobald ich abrei⸗ ſen will. Die Juwelen allein konnten gegen mich beweiſen. Jetzt bin ich ruhig, auf Alles gefaßt.“ Mit dieſen Gedanken ging ſie nach ihrem Hotel zuruͤck.— Die Wirthin des Geſthauſes, die Lage der — Fremden, nach der Abreiſe des Beſchutzers der⸗ ſelben, auf ihre Weiſe begreifend und bemitlei⸗ dend, ſuchte ſie in dem Stuͤbchen auf, das ſie ſich beſcheiden hatte einraͤumen laſſen. Ein ga⸗ lanter Offizier, ihr Zimmernachbar, hatte ſo eben Dianen ſeine Viſite abgeſtattet, und entfernte ſich bei'm Eintritt der Frau vom Hauſe. Dieſe machte ein Kreuz hinter ihm her, und begann zu Diana:„Trauen Sie doch ſolchen Leichtfußen nicht, meine liebe fremde Mademoi⸗ ſelle. Ich denke, der aufgeblaſene Eisbaär, der Sie heute verließ, könnte Sie ſchon gewitzigt ha⸗ ben. Weil Sie ftemd ſind, erregen Sie meine Theilnahme. Kann ich Ihnen mit irgend etwas dienen? Sprechen Sie. Ich habe in meinem Le⸗ ben viel Unbilden von dem falſchen Mannsvolk erfahren. Ich kenne die Schlingen, die unſerm Geſchlechte drohen.— Was iſt denn Ihr Wunſch fuͤr die Zukunft 2 Diana erwiederte zerſtreut, und um die gute Meinung der Wirthin zu erhalten: Ich wuͤnſche 21* in einen Dienſt zu treten, Madame. Ich will zu der Ordnung zuruͤckkehren, die ich nie hätte ver⸗ laſſen ſollen.“ —„Recht, meine liebe Dame, Sie werden wohl dabei fahren. Und ein Dienſt ſollte nicht ſchwer zu finden ſeyn. Unſre Herrſchaften— Sie muͤſſen aber nicht boͤſe werden— ſind ganz ver⸗ narrt in fremdartige, braune und ſchwarze Ge⸗ ſichter. Sie meinen, das truͤge zur Vornehmig⸗ keit bei.— Ich werde mich bemuͤhen, daß „Liebe Madame,“ fiel Diana hier ein:„Ver⸗ ſtehen Sie mich recht Wenn ich eine Stelle bei irgend einer Herrſchaft annehme, ſo geſchieht es nur, ſobald ich dabei Gelegenheit finde, nach meinem Vaterlande, nach Amerika oder Weſtindien, zuruͤckzureiſen. Dort brauche ich nicht mehr zu dienen. Mein Vater hat Zucker- und Faffeepflanzungen die Menge, mehr als dreihun⸗ dert Sclaven aus Afrika, und blankes Gold mehr als der Gouverneur ſelbſt beſitzt.“ Der Wirthin Reſpekt vor der Mulattin mehrte ſich auſſerordentlich, da Diana mit dem groͤßten — 325— Phlegma ihre Luͤgen auskramte. Aber zugleich wuchſen die Bedenklichkeiten der gutmuͤthigen Frau. —„Was Sie da verlangen, wird freilich rar ſeyn;“ meinte ſie uͤberlegend. Doch auf einmal huͤpfte ſie empor, ein Schnippchen ſchlagend: „Da hab' ichs dennoch. Morgen iſt hier eine reiche Hochzeit; die ſchoͤne Madame Hubert ver⸗ maͤhlt ſich mit einem aus London oder Neu⸗York. Und ein paar Tage darauf reist das Pärchen nach Amerika. Geſtern ſagte mir erſt Madame Valmore, die Mutter der Madame Hubert, daß ihre Tochter eine Kammerfrau und Bonne ſuche, die bereit wäre, die weite Reiſe mitzumachen, und daß ſie hier in der Stadt keine Perſon fin⸗ den koͤnne, die ſich zur Ueberfahrt entſchließen moͤchte. Verſuchen Sie da Ihr Heil, meine Liebe. Sie ſprechen leidlich franzoͤſiſch— werden nicht ungeſchickt ſeyn kennen jene Gegenden und die Reiſe...!— O ja, eilen Sie, es iſt Ihr Gluͤck. Das erfuͤllt alle Ihre Wuͤnſche. Und gerade jetzo finden Sie die Dame zu Hauſe. Morgen iſt der Hochzeittag, wo mit der Braut 6 nichts zu ſprechen iſt, und uͤbermorgen vielleicht zu ſpaͤt. Gehen Sie, gehen Sie gleich, bequeme Creolin! Waͤhrend die ruͤhrige Wirthin Diana alſo avancirte, ſchob ſie dieſelbe beinahe gewaltſam zur Thuͤre hinaus, und Diana folgte mechaniſch, ohne recht zu wollen oder zu verneinen, der gege⸗ benen Richtung. 8. Braut und Bräutigam begegneten ſich, weil ſie ſich ſuchten— in dem Putzzimmer Eliſens. Leopold umfing die ſchoͤne Frau, und ſprach ent⸗ zuͤckt zu ihr: Nicht vier und zwanzig Stunden mehr, und Du biſt mein auf ewig!“—„Auf ewig;“ wiederholte ſie mit einem leichten Seuf⸗ zer, den der innige Kuß nicht gänzlich erſtickte. — Leopold, ſo argwoͤhniſch an den Vorrechten der Liebe haͤngend, fragte, indem er ſie forſchend an⸗ blickte:„Ein Seufzer, Eliſe? und— wenn ich — 3er— nicht irre— Spuren von Thraͤnen auf Deinen Wangen? Ei, meine Freundin, begehſt Du mit Thraͤnen den Vorabend unſres ſchoͤnen Feſtes 24 —„Schoͤpfe daraus nicht eine uble Ahnung, James;“ verſetzte ſie:„Am Vorabend meiner Verbindung mit Hubert war ich ausgelaſſen lu⸗ ſtig, und jene Froͤhlichkeit war nicht die Vorbe⸗ deutung einer gluͤcklichen Ehe. Eben ſo wenig bedeuten dieſe Thraͤnenſpuren eine ſchlimme Zu— kunft. Aber— ich laugne es nicht— ich habe geweint, bei einem ſchweren Opfer, das ich eben Dir und unſerer Liebe gebracht.“— „Welches Opfer 2 —„Ich muß mich von meinen Kindern tren⸗ nen. Der Bruder des ſeligen Hubert, der zu der Kinder Vormund ernannt worden, war hier, und hat eine fuͤrchterliche Scene veranlaßt. unſre Heirath iſt ihm ſiets zuwider geweſen, und da er ſich ihr nicht zu widerſetzen vermochte, verbie⸗ tet er mir nun, die Kleinen nach Amerika zu fuͤhren. Sie muͤſſen hier zuruͤckbleiben.“ „Um ſo ungetheilter wirſt Du an mir haͤn⸗ — 328— gen, Eliſe, und einſt werden unſre Kinder Dir den Verluſt erſetzen.« —„Du redeſt von einer ſchoͤnen Zukunft. Aber— nicht wahr, James?— unſre Abwe⸗ ſenheit wird nur von kurzer Dauer ſeyn? Je mehr ich mein Herz erforſche, je deutlicher merke ich, daß ich nicht auf ewig das ſchoͤne Frankreich und die Liebkoſungen meiner Eltern werde miſſen konnen.“ „Ei nun— Eliſe— wir werden ja ſehen. entgegnete Leopold mit nicht geringer Ver⸗ legenheit.— Eliſe fuhr eindringlicher fort: —»Nicht wahr, Du wirſt im Vaterlande Deine Geſchäfte abkurzen, Deine Göter verkau⸗ fen, und dann in Frankreich Dich anſiedeln? O, hoͤre die Bitten Deiner Braut wohlgefaͤllig an. Ich habe heute den Eltern verſprechen muͤſſen, wiederzukommen, ſo bald als moͤglich.— Was ſoll ich in dem fremden Lande, deſſen Sprache ich nicht verſtehe, deſſen Sitten ſo verſchieden von den unſrigen ſeyn ſollen? Ich habe Dir frei⸗ lich zugeſagt, mit Dir zu gehen; aber je naͤher — 329— der Augenblick ruͤckt, je unerfuͤllbarer kommt mir die Bedingung vor. Nur die Hoffnung, die Heimath wieder zu ſehen, gibt mir Staͤrke, aus⸗ zuhalten.“ Leopold ſank aus ſeinen Himmeln hernieder. Dieſer Wankelmuth im letzten Momente— die⸗ ſes Kleben an dem Boden der Geburt, an der haͤtſchelnden Umgebung der Verwandten, an den Kindern eines nie geliebten Mannes— der Flat⸗ terſinn ſchmerzte ihn ſehr. Eliſe bat freilich nun, ſie flehte wie ein ſchmeichelndes Kind,— aber in dieſen Bitten lag eine Willkuͤhr, ein Geſetz, wie es ſich niemals in Eugeniens ernſten Vorſtellun⸗ gen verrathen hatte.„Die glatten Liebkoſungen werden Dich abermals um Deine Willensfreiheit bringen,“ raunte dem Bräutigam ſein Vorgefuͤhl zu:„aber doch iſi's zu ſpät, und Verſtellung mag vor der Hand beſchwichtigen und helfen.“— Er ſagte Alles zu, und rechnete auf die Macht der Zeit, wenn einmal das breite Meer zwiſchen Frankreich und dem Paare liegen wuͤrde. Nun fand ſich Eliſe wieder in das Schaͤckein, — 330— und baute froͤhliche Luftſchloſſer: wie ſie ein pa⸗ radieſiſches Leben fuͤhren wollten, und zwar nicht in der Provinzialſtadt, ſondern in Paris, wohin die Sehnſucht der jungen Frau verlangte, und wo auch die Eltern mit Vergnügen ihre Tage beſchließen wuͤrden; wie ihrer Wohlhabenheit dort Alles zu Gebote ſtehe, und wie ſich Eliſe dort, und in den Armen ihres Gatten fuͤr alle Lange⸗ weile, Schmach und Elendigkeit der erſten Ehe entſchädigen wolle. Mit einer Zungengeläufigkeit, die Leopold entſetzte, wenn er an ſeine mißliche Lage und an Georgs Forderungen dachte, rechnete die Dame alle Beduͤrfniſſe des Luxus her, die nun befriedigt werden muͤßten; das Inventar von allen Haupt⸗ und Nebendingen, welche das aus⸗ machen ſollten, was man ein großes Haus nennt. Es war ein Feenmaͤhrchen, das die Leichtſinnige ihrem Bräutigam erzählte, und er hatte doch nichts vor Augen, als etwa eine zierliche Cottage an einem Rieſenſtrome der vereinigten Staaten; ein Beſitzthum, juſt groß genug fuͤr die anſpruchs⸗ loſe, einſame Liebe und Freundſchaft. — 331— „Das ſollte Georg hoͤren““ ſeufzte er heimlich: „wie wuͤrde ihm bangen um ſeine Vorſchuͤſſe! aber fur jetzv ſind die Worte und Begehrniſſe der reitzenden Genußſuͤchtigen kein Evangelium, noch nicht zur That geworden.“ Die ehrwuͤrdige Valmore, Eliſens Mutter, erſchien mit allem Anſtand einer feinhäuslich ge⸗ bildeten Matrone.„Soll ein Mädchen eingelaſ⸗ ſen werden, das ſich der Madame Hubert als Kammerjungfer oder Geſellſchafterin anbietet?“ fragte ſie lächelnd:„doch muß ich bemerken, daß die Perſon ein Stuͤck von einer Negerin zu ſeyn ſcheint.“ —„Von einer Negerin?“ fing Eliſe lebhaft an:„O gewiß, laſſen Sie das Maͤdchen herein. Ich liebe dieſe fremdartigen Geſchoͤpfe auſſeror⸗ dentlich. Wir wollen ſie uns wenigſtens beſehen. Man hat das in unſerm Provinzſtädtchen nicht alle Tage.“ Dagegen ſagte Leopold, etwas verdrießlich, eine Unterhaltung unterbrochen zu ſchen, die er gerne, ſeine Zwecke im Auge, weiter ausgeſpon⸗ — 332— nen hätte:„Muß es denn gerade jetzt ſeyn? Wäre nicht ein anderer Augenblick. 2 Eliſe warf ihm einen ernſten Blick zu, wenn ſchon ihr Mund ſchmeichelnd ſagte:„Wie kaͤme morgen ein ſolcher Augenblick? Ich bitte, mein Freund, ich bitte ſehr, daß Du erlaubeſt..... Madame Valmore fiel entſchuldigend ein: „Mein geliebter Schwiegerſohn wird verzeihen. Ich wäre delikat genug geweſen, dieſen Zwieſprach nicht zu ſtoren; aber die Perſon bringt eine Empfehlung von Madame Lahaye... —„Eben deßwegen, beſte Mutter. Herein, herein mit ihr“— Die Mama ging, und ſtatt ihrer trat Diana, die Mulattin, in das Zimmer. Leopold dachte, vor Ueberraſchung und Scham in die Erde ſinken zu muͤſſen. Ohne ein Wort zu reden, ſaß er auf dem Sofa, und betrachtete nur verſtohlen die feindliche Erſcheinung, deren Annäherung kein gutwilliger Daͤmon ihm vorher angeſagt. Diana befand ſich gleichermaßen nicht allzu⸗ — 333— wohl in ſeiner Nachbarſchaft. Sie fuͤrchtete Ver⸗ rath an Heckdey. Die freche Dirne nahm ſich jedoch zuſammen, indem ſie bei Eliſe ihr Anlie⸗ gen zu Markte brachte. Ihre Bosheit gegen Leopold, und deſſen ſcheue Blicke, die der Lauern⸗ den nicht entgingen, machten ihr Muth. Der weiche mollige Ton ihrer Rede, und die unterwuͤrfige Demuth, welche die Mulattin, von Kindheit auf an Dienſtbarkeit gewohnt, anzu⸗ nehmen verſtand, entzuͤckte Eliſe, und ie ließ nicht undeutlich merken, daß es wohl ihrer Ei⸗ telkeit gefallen moͤchte, eine Dienerin an ſich zu feſſeln, wie ſonſt nur vornehme Familien ſie auf⸗ zuweiſen haben. Leopold ſtellte ſich indeſſen, als ob er ihre Seitenblicke nicht verſtaͤnde, und ant⸗ wortete auf ihre direkte Frage:„Nun, was meinſt Du, mein lieber Freund 2“ ein kurzes und muth⸗ loſes:„Wie es Dir gefällt, meine gute Eliſe.“ Dieſe Antwort aber, wie leiſe auch gegeben, war's, was die Unruhe der Mulattin gaͤnzlich ver⸗ ſcheuchte. So beſchraͤnkt und verwahrlost am Geiſte ſie auch war, ſo hatte Diana dennoch waͤh⸗ — 334— rend ihres kurzen Aufenthaltes in Europa zur Genuͤge erfahren, daß man daſelbſt keine Heira⸗ then ſchließe, wie der Coloniſt am Senegal: auf die Dauer einiger Jahre, und ob ſchon verehe⸗ licht im Lande der Weißen, oder nicht.— Diana wußte, daß unter Chriſten Bigamie ein Verbre⸗ chen, und ein holliſcher Jubel blitzte aus ihren Augen auf Leopold hernieder. Mittlerweile ſagte Eliſe:„Weil Du mir Dei⸗ nen Rath verſagſt, James, muß ich mich eben, wie gewoͤhnlich, an die Mutter wenden.— War⸗ tet ein wenig hier, mein Kind.“— Sie entfernte ſich.— Diana, am Fenſter ſtehend, betrachtete ihren Feind. Leopold konnte ſich nicht halten. Die Minuten, die ſein waren, benuͤtzend, ſprang er auf, und fragte halblaut:„Wie kantſt Du Dich unterſtehen, Ungluckliche, hier zu erſcheinen 2« — Worauf ſie trotzig:„Warum ſollte ich's nicht?“ —„Miſſethäterin, die meinen Freund beſtahl!“ —„Miſſethäter Du ſelbſt, der ein zweites Weib nimmt, während ſeine erſte Gattin noch lebt!“ —„Ha!“ Leopold ſchlug ſich wild vor die — 335— Stirne.— Diana fuhr drohend fort:„Nur eine Sylbe der Anklage, und ich mache Deine Nieder⸗ traͤchtigkeit offenbar.“—„Elende, Tochter des Satan! Wie kaufe ich von Dir mich los?«— „Nur ein Mittel: Du fuͤhrſt mich heil und ohne Gefahr uͤber's Meer, und entlaͤſſeſt mich dort mit einer namhaften Ausſteuer.“—„Dieſe Frech⸗ heit. 2.—„Sie iſt Nothwehr. Und mor⸗ gen muß ich Antwort haben, bevor zu eurer Trauung gelaͤutet wird; Antwort und Sicherheit, — ſonſt verrathe ich Alles.“—„Stille, um Gotteswillen. Man koͤmmt zuruͤck..—„Ant⸗ wort und Buͤrgſchaft, horſt Du?«—„Ja doch. Deine Wohnung?“—„Im rothen Hute, Nu⸗ mer 31. Man nennt mich Tereſa.“—„Gut.“ Hoch aufathmend warf ſich Leopold wieder auf das Sofa. So eben kam Eliſe wieder. Mit einigem Zoͤgern naͤherte ſie ſich der Mulattin: „Ich werde Euch Beſcheid ſagen laſſen. Fuͤr jetzt iſt mir's unmoͤglich.“— Diana zog ihr Ge⸗ ſicht lang und ihre Stirn in Runzeln.—„War⸗ um unmoͤglich?“ fragte Ledpold heuchleriſch: „Das gute Mädchen wartet auf eine Entſchei⸗ dung. Es waͤre ſo gluͤcklich, bei Dir zu ſeyn... und, wie mich duͤnkt, hatteſt Du auch Luſt, meine Liebe ℳ— Eliſe verſetzte aber trocken:„Es bleibt dabei; morgen oder uͤbermorgen. Adieu.“— Diana bemerkte mit bezeichnungsvollem Ac⸗ cent, den Leopold vollig verſtand:„Morgen alſo, Madame. Uebermorgen waͤre es zu ſpaͤt. Mor⸗ gen vor zehn Uhr, ſpäter bin ich nicht mehr zu finden.“—„Gut. Adieu noch einmal.“ Diana war kaum draußen, als Eliſe anhob: „Die Perſon haͤtte mich beinahe unwillig ge⸗ macht. Mir Geſetze, Tag und Stunde vorſchrei⸗ ben zu wollen! Jetzt wird gerade nichts aus der Geſchichte.“— Leopold erſchrack. Das paßte nicht zu ſeinen Befuͤrchtungen.„Du biſt ſehr wankelmuͤthig, Eliſe,“ ſagte er mit Zagen:„Du warſt ſchon entſchloſſen, und ich daͤchte doch ſelbſt... „Du haſt mir's uberlaſſen,“ fiel Eliſe trocken abſprechend ein,„und ich will nun einmal nicht mehr. Mama hat mir ein paar Einwendungen — 337— gemacht, die ich als wahr und richtig erkennen muß.“ —„Welche, wenn man fragen darf?« Lev⸗ pold wurde immer kleinlauter. Aber Eliſe nahm ihr niedlichſtes Geſichtchen vor, da ſie entgegnete: „Erſtens ſtehen dieſe Halbneger im Rufe, gern lange Finger zu machen,„ und zweitens,“— ſie fluͤſterte dieſes lachend in Leopolds Ohr:— „zweitens gehen ſie gewöhnlich darauf aus, dem Herrn vom Hauſe zu gefallen; und wahrhaftig, James, die Dirne iſt zu huͤbſch gewachſen, und Du haſt auf einmal viel zu eifrig ihre Parthie genommen, als daß ich nicht eiferſuͤchtig werden ſollte. Darum ſprechen wir nichts mehr von der Rauchſchwalbe. Es war eine Laune von mir, aber ich gebe ſie gern auf, um mir den unge⸗ ſchmälerten Beſitz meines geliebten James zu er⸗ halten: der fortan nicht mehr von meiner Seite kommen ſoll.“— Levpold duldete mit Widerſtreben den Kuß, der die ernſtlich gemeinte Predigt verſußen ſollte; Boa Conſtrictor. II. 22 — 338— ſo eingenommen war er von Diana's allzuleicht zu verwirklichenden Drohungen. Begierig, mit ſeinen Gedanken allein zu ſeyn, und einen Ent⸗ ſchluß zu faſſen, hoͤrte er gerne, als ihm Eliſe ankuͤndigte, daß ſie ſich jetzt auf eine Stunde ent⸗ fernen muͤſſe, um der Mutter in ihren Geſchäften zu helfen. Noch einmal,“ ſagte ſie,„werde ich die Pflicht der Haustochter erfuͤllen. Der Vater erwartet heute Abend die Herren zu Tiſche, die uns morgen als Zeugen dienen ſollen. Ich will noch einmal die Sorge der Mutter theilen.“— „Geh;“ antwortete Leopold:„ich hoffe Dich bald wieder zu ſehen. Wir wollen dieſen Abend recht vergnuͤgt ſeyn.“—„Wenn nur Dein Freund Wort haͤlt, lieber James. Da er noch nicht ge⸗ ſchrieben, erwarte ich ſeine Ankunft jeden Augen⸗ blick.“— Eliſe ging. Leopold blieb, wie vom Donner geruͤhrt, zuruͤck. „Georg!“ rief er: HGeorg und Diana! Faſt wuͤnſchte ich, er käme nicht. Seinem Intereſſe ſolgend, wuͤrde er das Meinige vpfern. Die Be⸗ ſtie wuͤrde ihrer Rachſucht Gehoͤr geben, und aus — 339— dem Kerker der Diebe mein Vergehen in die Welt ſchreien!— Aber— wie ſoll das enden? Wenn ich Eliſe nicht umſtimmen kann, bin ich verlo⸗ ren. und dann will nicht auch Georg uns begleiten? Werde ich die Elende vor ihm ver⸗ bergen koͤnnen? Im guͤcklichen wie im ungluͤck⸗ lichen Falle bin ich zu Grunde gerichtet... oder, ſie muͤßte ſich mit Gelde begnuͤgen? Ja, was ich habe, will ich ihrem Geize darbringen;— aber wie? darf ich den Gang zu ihr wagen? wuͤrde Eliſe nicht erfahren. 7 und ihre Eifer⸗ ſucht?— O welch eine Wildniß von Verkna⸗ pfungen und Troſtloſigkeit! Wer rettet mich aus dem Strudel 24 —»Gruͤß' Dich Gott!“ ſchrie Georg, der wie aus den Wolken in das Haus fiel:„Hab' ich nicht Wort gehalten? Hat mein dämoniſcher Fa⸗ mulus mich ſtecken gelaſſen? Alſo morgen die Hochzeit, wie Alles im Hauſe jubelt? Sieh da, hier bin ich. Umarme mich, denn Deine Liebe allein kann meinem Unwillen einen Damm ſetzen.“ — 340— „Sey willkommen!“ antwortete Leopold, ſeiner Verlegenheit kaum maͤchtig:„Warum ſo gries⸗ graͤmiſch? iſt Deine alte Hypochondrie wieder in Bluͤthen aufgeſchoſſen?* —„Der Teufel hole die Geſellſchaft,— die ganze buͤrgerliche, meine ich. Welch Geſchrei, wenn wir uns einmal an ihr verſuͤndigen, noch ſo gering! Aber verlange einmal von ihr Schutz, Huͤlfe, Erſatz—? eine fatale Rechnung ohne Wirth. Achſelzucken, Trägheit, Ungeſchick, Scha⸗ denfreude— damit baſta. Pfui.— Du glaubſt wohl, daß ich meiner Reiſe Zweck erreichte? Nichts da: Falſche Geruͤchte— man glaubte, in Havre eine Perſon geſehen zu haben, die jener Creatur ähnlich— aber nicht doch. Die Mai⸗ treſſe eines ruſſiſchen Furſten, verſchwunden, ver⸗ muthlich nach Paris zuruͤckgegangen.— Ich, hartnäckig wie ein Jagdruͤde, flugs nach Paris. Ha, welch ein Schlund, dieſe Babel! Der dritte Menſch auf der Straße ein Polizeimann; aber Alles vergebens. Ein blinder Lärm. Wer weiß, unter welcher Cocospalme die Schurken jetzt ſitzen — 341— und mein Gut verzehren! Schmach und Fluch auf alle buͤrgerliche Inſtitutionen!“ Leopold wurde angeſteckt von Georgs Grimm. Plotzlich machte ſich in ihm eine redliche War⸗ nungſtimme hoͤrbar. Sie predigte Flucht: ein feiges Auskunftmittel;— zuweilen bleibt indeſſen nur dieſes uͤbrig.— Bewegt warf ſich Leopold in Georg's Arme:„Ich ſtimme Dir bei, mein Freund und Bruder. Eine Wuͤſte iſt beſſer, als dieſer Cloak der Civiliſation. Gib mir einen Ausweg an die Hand. Ich bin im Begriff, eine Thorheit zu begehen.. ich werde nicht gluͤck⸗ lich werden... die Binde fällt von meinen Au⸗ gen.... Wenn Du mir beiſtehſt, laſſe ich Eliſe und den Altar dahinten, und folge Dir.“ Ueberraſcht und zornig ſtieß ihn Georg zuruͤck: „Menſch, biſt Du verruͤckt? Welch ein Wahn⸗ ſinn! in der letzten Stunde? Leopold ſeufzte dagegen entmuthigt:„Es wird ein ſchlimmes Ende nehmen, Georg— Du weißt nicht, was ſich begeben hat! Und es iſt doch wirklich ein Verbrechen, das ich begehen will. — 342— Die Strafe wird ihm aber auf dem Fuße folgen.“ —»Menſch, das waren ja meine Worte. Aber Du haſt Verbrechen und Strafe wegphilo⸗ ſophirt. Dir zu liebe habe ich alle Regiſter ge⸗ zogen, Dir geholfen, wo ich konnte. Warum jetzo dieſer Kleinmuth? Du biſt einmal uͤber den Ru⸗ bikon gegangen: harre aus. Warum, unter wel⸗ chem Vorwande mochteſt Du die Heirath bre⸗ chen? Jetzt iſts zu ſpät. Man wuͤrde ſich nicht begnuͤgen, Dich auszulachen; die beleidigte Eitel⸗ keit wuͤrde Deinen Thaten nachſpuͤren, Entdeckun⸗ gen machen; und das verfälſchte Papier bliebe als Reſt, und man weiß, daß ich es geliefert, und Du braͤchteſt mich etwa in's Zuchthaus, nach⸗ dem Du mir ſchon zum Bettelſtab verholfen! Nein, Menſch, ſo haben wir nicht gewettet. Zieh vorerſt an den Niagara, bemeiſtre Dich vorerſt des Vermogens der leichtſinnigen, nach neuen Flit⸗ terwochen duͤrſtenden Wittwe, und dann laß' uns weiter von einem zweiten ſchlechten Streiche reden.“ — 343— „Mein Gott, mein Gott!“ klagte Leopold, ſein Geſicht verhuͤllend. —„Graut Dir, weil ich die Nacht ſchwarz nenne 2* fragte Georg mit dem bitterſten Spotte: „Du haſt ſelber Deine Sterne herunter geriſſen. Lerne alſo im Dunkel tappen, und wenn es Dich ärgert, daß ich dieſe Ehe mit Eliſe einen ſchlech⸗ ten Streich genannt, und eben ſo den Plan, die Beraubte einſt zu verlaſſen, ſo nenne meinetwegen unſre Handlungen von der Pflicht der Selbſter⸗ haltung geboten. Wir wehren uns nur der eignen Haut. Ich habe Gold an Dich zu fordern; Du mußt mir Gold leiſten. Du haſt bei mir eine ewige Freundſchaft zu Gute; ich werde ſie Dir niemals verſagen. Was willſt Du mehr?“ „So erfahre denn, Unerbittlicher, was meine Lage ſo huͤlflos, meine Zuverſicht ſo lahm ge⸗ macht*“ fluͤſterte Leopold, an Georg geklammert: „Sie iſt hier.⸗ —„Wer?«—„Die Du ſuchſt.“—„Dia⸗ na2.—„Sie ſelbſt.“—„Ha! Triumph! Und Du verzweifelſt?“— — 344— Leopold erzählte nun mit der Haſt eines er— tappten Sunders, was ſich zugetragen, was Diana gedroht, was ſich befuͤrchten laſſe.— Heckdey war vor Wuth und Rachbegierde auſſer ſich.„Ich will die Polizei, die Gensd'armerie aufbieten,“ rief er. —„Um Gotteswillen“ bat Leopold:„oll ich Dich fußfällig anflehen, mich nicht durch ei⸗ nen ſolchen Schritt zu verderben?“ Heckdey uͤberlegte. Knirſchend wich er den Vorſtellungen des Freundes, obſchon er bitterboſe ſagte:„Wie trefflich waͤre unſte Lage, unſer Standpunkt, wenn nicht Deine Weiberliebe Dich beruͤckt, und ein begonnenes Verbrechen nicht unſre Haͤnde gefeſſelt hätte! Was ſoll jedoch geſchehen? Die Beſtie von Jamaica iſt weder Bitten, noch der Vernunft zugaͤnglich; ich kenne ſie. Hoffe eben ſo wenig ihr redliches Schweigen zu erkaufen. Je mehr Du bieteſt, je hoher wird ſie ihre Forderungen ſicigern. Und— eine Haupt⸗ ſache: Ich kann durchaus mir den Fang nicht aus den Händen ſchlupfen laſſen. Ich muß ihr die Beute abjagen, denn ſie hat ſie in den Klauen. Wo auch der ſchurkiſche Pluto jetzt weilen mag — ihm hat ſie gewiß nur den magerſten Brocken gelaſſen.“— Leopold ſaß wie vernichtet, ohne Rath. Heck⸗ dey ging murmelnd auf und nieder. Und ſchnell muß eingeſchritten werden, damit das heilloſe Ge⸗ ſchoͤpf nicht morgen die Infamie auf Deinen Kopf herunterzetre. Ich bin dabei auch betheiligt, Leo⸗ pold. Sprich Du ſelbſt. Weißt Du nur eine Spur irgend einer Auskunft 2« Levpold ſchuͤttelte ſtumm den Kopf. Georgs Ungeduld ertrug nicht lange den Zweifel. Er richtete ſich in die Hoͤhe, und ſagte ſtolz:„Ei nun, das letzte Mittel iſt, das cinfältige Halbthier zu verbluͤffen. Ohne Ränke und Schwaͤnke will ich ihr plotzlich unter die Augen treten. Gewiß iſt in ihr die Furcht vor meinem Zorne nicht ganz erſtorben. Sie kennt mich, ſie weiß, daß Mitleid nicht meine Sache. Ja; es iſt beſchloſſen: im Sturm will ich von ihr die Herausgabe ihres Raubes erzwingen, und dagegen meine Vergebung —, 346— in die Schale legen. Mein Schweigen und Par⸗ don, und auch ein Reiſegeld werde ihr, wenn ſie uͤber Deine Verhältniſſe ſchweigen und au⸗ genblicklich fortgehen will. Recht, recht. Ich werde es dahin bringen; ich traue mir das zu. — Beruhige Dich indeſſen, Freund, und zeige Deinen Gäſten einen lächelnden Braͤutigam. Ich rechne, noch zeiig genug zur Tafel zu kommen, und bitte um ein Couvert.“— „Ich lebe wieder auf in Deiner Zuverſicht!“« betheuerte Leopold. Georg ſchuͤttelte ihm die Hand: „Wo iſt die Hoͤhle des Unthiers 2. —„Im rothen Hut, auf der Koͤnigſtraße.“ —„Die Nummer?—„Ein und dreißig; der dritte Stock im Hinterhauſe.“—„Gut. Mehr brauche ich nicht zu wiſſen.“§ 6 — 347— * . *. 6 „Mademviſelle iſt bedient;« zirpte der blaſſe Kellner, indem er in dem kleinen Stuͤbchen des Hinterhauſes die Tafel beſtellte:„eine Julienne, ein Salmis von Gefluͤgel, zwei Teller Deſſert, eine halbe Flaſche Burgunder. Mehr haben Sie nicht befohlen?7«—„Nein, mein Lieber;« ver⸗ ſetzte Diana gaͤhnend.—. —»Ich werde ſpaͤter wieder abtragen;« fuhr der Gargon vornehm fort:„die Zeit iſt heute ein bischen knapp gemeſſen. Madame Lahaye fuhr in's Theater; wir haben einen Schmaus, der unſern Deputirten zu Ehren gegeben wird. Alle Hände voll zu thun. Wenn Sie etwas be⸗ noͤthigt waͤren.. 26— Der Menſch ſchwieg, indem ſeine Augen vergebens an den Waͤnden umherirrten, eine Klingelſchnur aufzufinden. Diana entriß ihn ſeiner Verlegenheit:„Es iſt ſchon gut: ich bin mit Allem verſehen. Sorgen Sie lieber, daß nicht meine Ruhe geſtort werde.“— Der Kellner ſchielte nach dem kleinen Alkoven, — 316— und läͤchelte vor ſich hin. Doch erwiederte er hoͤflich:„Ohne Sorgen, Mademoiſelle. Die Toaſt's im großen Saale dringen nicht zu Ihnen, und Sie wohnen in dieſem Gebaͤnde ganz allein — ſo zu ſagen. Denn der Offizier neben an— Herr Riblard— hat die Gewohnheit, nicht vor Mitternacht nach Hauſe zu kommen.“—„Deſto beſſer.“—„Auch beeilt er ſich dann, ſich zu Bette zu legen.“—„So 2«—„Er liebt den Wein ſehr;“ bemerkte der Gargon boshaft:„das Laſter iſt unter den Colonialtruppen ziemlich all⸗ gemein. Der Herr iſt wegen eines Prozeſſes ſeit drei Wochen hier anweſend, und ich habe ihn Abends nie ohne Frohlichkeit oder Schlaͤf⸗ rigkeit geſehen.“—„Dann wird er mich auch nicht ſidren.“—„Gewiß nicht.“—„Wenn jedoch, ob heute Abend, ob Morgen fruͤhe ein Herr aus der Stadt nach Demoiſelle Tereſa fra⸗ gen ſollte„.—„So werde ich nicht er⸗ mangeln, ihn hieher zu weiſen;“ entgegnete der Kellner mit verſchmitztem Lachen. Er hätte gerne auch etwas Vertrauliches hinzugeſetzt, wenn nicht — 349— zwanzig Stimmen unten und druͤben nach dem verſchwundnen Ludwig gerufen hätten. Er ſprang davon. Die Mulattin ließ ſich gedankenvoll an dem ſchoͤnſervirten Tiſchchen nieder, naſchte bald aus dieſer, bald aus jener Schuͤſſel, aber die ſchwere Silbergabel, der gewichtige Loffel entſanken nach einander ihrer Hand, und die Lippen glitten ver⸗ ſagend von dem Rande des Kryſtallbechers, wor⸗ innen der blutrothe Wein perlte. „Es hat ihn hart angegriffen;“ fluͤſterte ſie, ein Biscuit in den Becher tunkend:„ich habe ihm in einem Athemzuge mehr vergolten, als er gegen mich verbrach, und ich glaube, die gelun⸗ gene Rache hat mich bis an die Kehle geſättigt.“ — Mit dem ſcharfen Meſſer ſpielend, und haſtig das weiße Brod in Wuͤrfel ſpaltend, fluſterte ſie weiter:„Ach, leider iſt ſie nicht vollkommen, die Rache. Und wie beginne ich's, ſie zu vollen⸗ den? Wenn ich ſelber ſchuldlos wäre„. aber, wie ſollte er mir beweiſen? Nein, neinz er muß zittern, ich kann ihn verderben.“— 1 Nun uͤberlegte ſie, was ſie Alles von ihm verlangen wolle; wie hoch ihre Begehrniſſe zu ſchrauben ſeyen. Geld und Flucht! dahin zielten alle ihre Gedanken. Und mit ſeligem Behagen erfullte ſie die Aufſicht auf den entſcheidenden Moment. Mit gefullter Borſe, ausgeſchifft am ſichern Geſtade— dann erſt wollte ſie vor Eliſe hintreten, ihr zum Abſchied zurufen:„Du biſt betrogen“ davongehen, und beide, Mann und Weib, mit dem Todeseiſen in der Vruſt verlaſ⸗ ſen. Das ſollte ihrer Rache Schwelgerei ſeyn. Ihr ſchwaches Gehirn hatte ſich aufgeregt. Die Schlummerluſt, die Trägheit, die ſie em⸗ pfunden, war der Ungeduld, der Erwartung ge⸗ wichen. Ihr Ohr lauſchte unwillkuͤhrlich. Sie hielt es nicht fuͤr unmoglich, daß Leopold noch an ſelbem Abend erſchiene. Sie hoffte ſogar feſt auf ſein Kommen. Es muͤſſe ihn peinigen, ihm nicht Ruhe laſſen, bis er ſich mit ihr, der furcht⸗ baren Wiſſenden abgefunden, meynte ſie.— Da brachen druͤben im Saale die Trompeten und die Pauken los, und eine patriotiſche Hymne branste — 351— auf majeſtätiſchen Tonwellen aus den Fenſtern, uͤber die Daͤcher hinaus. Sie lauſchte wohlge⸗ fällig der lärmenden Muſik, und ſchaute durch ihre Scheiben nach dem jenſeits des dunkeln Hofs liegenden, brennend erleuchteten Saale. Die unerwarteten Akkorde verſchlangen ein ziemlich lautes Klopfen an ihrer Thuͤre. Sie ſagte nicht„Herein.“— Aber der Klopfende ließ ſich nicht irre machen, und oͤffnete, und trat zu ihr. Mit Verwunderung gewahrte Diana Herrn Riblard, der fuͤr gut gefunden hatte, hente vor Mitternacht nach Hauſe zu kommen. Wenn Louis auch uͤber die Stunde ſeiner Heimkehr im Irrthum geweſen war, ſo rechtfertigten des Lieu⸗ tenants Haltung und erhitzte Wange die fernere Behauptung des Kellners.„Darf ich bei meiner ſchoͤnen Nachbarin mein Licht anzuͤnden?« fragte er unſicher, zwiſchen Froͤhlichkeit und Schlafluſt ſchwankend. Um ihn ſchnell ſich vom Halſe zu ſchaffen, willfahrte Diana eilig dem albernen Geſuch. Aber Riblard ſetzte ſodann das Licht auf den Tiſch, — 352— ſich ſelbſt neben Diana.„Sie vergonnen mir etwas auszuruhen?“ ſagte er.—„Gernz“ er⸗ wiederte ſie, und maß ihn ängſtlich vom Kopf bis zu den Fuͤßen. Sie errieth bald, daß ihm wirklich nur um's Ausruhen zu thun war;z denn er beklagte ſich zuvorderſt ͤber das ſchlechte Pfla⸗ ſter, das ihn müde gemacht, ſodann uͤber einen Präſidenten, der ihn ſchmählich geärgert, und ferner uͤber ein Mittagsmahl, das herzlich ſchlecht geweſen.„Namentlich,“ meynte er,„taugte der Wein nichts. Ich habe drei Flaſchen davon ge⸗ trunken, ohne die Sorte unterſcheiden zu konnen, und einen doppelten Gloria darauf geſetzt, um nur meinen Magen in Ordnung zu bringen. Er⸗ lauben Sie,«— fuͤgte er hinzu—„daß ich meinen Schlaftrunk bei Ihnen einnehme.“— Er zog eine verſiegelte Flaſche aus der Rocktaſche: „Das iſt Ihr Landsmann, meine ſchoͤne Braune; das iſt Taffia, ächt und brennend, wie die afri⸗ kaniſche Sonne.“ Diana fuhr erſchreckt von ihrem Sitze auf; aber Riblard zog ſie wieder neben ſich nieder, mit — 353— den Worten:„Seyn Sie ohne Furcht. Riblard iſt ein guter Junge, und will ſich mit Ihnen nur vom Vaterlande unterhalten.“— Er ſchenkte ſich ein Glas des ſcharfen Getränks voll, und verſchlang es auf einen Zug.„So wie Sie mich hier anſehen, habe ich den groͤßten Theil meines Lebens auf St. Louis, auf Martinique und Ue de france zugebracht. Ach, Martinique iſt ein Paradies, nicht wahr?“ Als druͤben die Muſik wieder anhob, lallte er das bekannte Liedchen nach: „l'aime le son „Du tambour, du clairon, „De la trompette: „Mais mon ivresse est complète, „Quand j'entends le canon!“ „Le canon, bom bom. Die Stimme verſagte ihm. Sein Haupt neigte ſich.„Wie bringe ich den Menſchen von hinnen 2« fragte ſich Diana mit Beſorgniß.— Der Trunkenbold rich⸗ Boa Conſtrictor II. 23 — 354— tete ſich wieder auf, nahm ein zweites Gläschen, ſpeiste dazu ein Stuͤck Croquant, und ließ ſich ferner vernehmen:„Sieh, mein kleines Reh, wir Seeleute ſind einmal nicht anders. Druͤben uͤber'm Ocean trinken wir ſtarke Weine und Taffia, da⸗ mit wir aushalten. Ich bin Artilleriſt, muß manch liebesmal in's Blaue ſchießen, blos um den Beefſteaks eine Ehre zu erweiſen. Hole der Teufel alle Beefſteaks. Sie ſollen unſre Inſeln herausgeben, ſage ich. Jamaica obendrein ſollen ſie als Zugabe abtreten. Ich lechze nach Jamaica.“ —„Wegen des Zuckerbranntweins?“ fragte Diang ſpottend:„woher kennen ſie Jamaica 2.— Worauf Riblard, die Ellbogen auf den Tiſch geſtemmt:„In die Hoͤlle mit dem Rum; den hat man uͤberall; aber, mein niedliches Kätzchen, die Millionen, die ich auf der verdammten Inſel eingebuͤßt habe hu, ich werde mich doch noch einmal deswegen todtſchießen.“— —„Millionen, Herr Offizier?“ lachte die Mulattin unglaͤubig. Sie erinnerte ſich der drei⸗ hundert Sclaven ihres Vaters und ſeiner Plan⸗ — 355— tagen im Monde.— Aber ihr Zweifel machte den Seekanonier ſo aͤrgerlich, daß er pathetiſch anhob:„Meiner Treu, und bei meiner Ehre, die Millionen ſind nicht erlogen, und die Unge⸗ heuer haben mich mehr gekoſtet, als die zwanzig⸗ malhunderttauſend Franken, woraus ſie beſtanden. Denn ich habe mich darauf verlaſſen, und bin um ihretwillen ein Taugenichts geworden, der noch als Lieutenant vegetirt, während er bereits Oberſt ſeyn koͤnnte! Was Teufel machte ich mir aus Disciplinſtrafen, aus der Savatte, und als Offizier aus dem ſtrengen Arreſt? Stirbt ein⸗ mal dein Vetter, dachte ich mir, ſo haſt du zwei Millionen, ſo gut wie einen Sou, und lachſt dich todt uͤber die alten Schnarcher aus der Kai⸗ ſerzeit. Aber... nichts da. Eingetreten wie der Boden eines morſchen Faſſes. Durchgefallen wie eine Bombe! Pah!“ Die Beſchwerden des wuͤrdigen Helden ber⸗ klangen in unverſtaͤndliches Murmeln. Diana hatte ihre eigenen Gedanken bei dieſen Reden. Sie ſtieß den Hinbruͤtenden an, erweckte ſeine — 356— Geiſter durch ein neues Gläschen, und fragte neugierig:„Zwei Millionen? Sie ſollten einen Vetter beerben? Sagten Sie nicht ſo? Auf Jamaica lebte Ihr Vetter 24 Riblard ſtarrte ſie mit verglasten Augen an, und nickte:„War zuvor auf St. Domingo, iſt nach Jamaica uͤbergeſiedelt... ach, mein Gott, Du huͤbſche braune Jugend, ganz Weſtindien kannte meinen Vetter Jean Baptiste, den alten Suͤnder, den Pfannenkratzer, die duͤnnleibige Ra⸗ ketenſtange. Er hatte eine Rieſenwarze auf der Naſe, ſchnupfte wie ein Heide, während ich wie ein Templer trank. und der alte Filz, der tau⸗ ſendmal ſchlechter als ich, enterbte mich wegen vorgeblicher Nichtswuͤrdigkeit, und.. verdammt ſeyen die Beefſteaks, die ſein Teſtament vollſtre⸗ cken ließen. Ein ſchäbiger Kerl von einem Preußen oder von einem Irokeſen, kurz ein deutſcher Bär aus dem Norden hat bekommen, was mir, dem Neffen, gebuͤhrte.— Ach, wie regt mir das die Galle auf.“ Seine Augen fielen zu. Diana ſchuttelte ihn — 357— bei'm Arm:„Der Name des Erbſchleichers 2 — Aber mit dem Manne war nichts mehr zu reden.„Weiß nicht mehr;“ ſtammelte er mit betraͤchtlichen Pauſen:„ein vertrackter Name. in meiner Brieftaſche.. gute Nacht!“— Er taumelte auf, ſuchte richtig den Weg nach der Thuͤre, ſank aber auf das Ruhebett neben dem Kamin, und war plotzlich ſo tief entſchlum⸗ mert, daß ſein Athemzug nicht mehr gehoͤrt wurde. „Jean Baptiste? die Millionen? die Beſchrei⸗ bung? das träfe zu;“ dachte Diana ſchadenfroh bei ſich, und betrachtete den Schlafenden mit vieler Theilnahme. Der wildfremde Menſch war ihr vertraut geworden. Ihr raͤnkevoller Kopf hatte ihn auf der Stelle erkohren, in einem ge⸗ wiſſen Nothfalle ihr Vertreter, ihr Retter zu werden.— Aber das Schickſal war ihr näher, als der Retter. Obſchon ihr der Taugenichts in der Folge nutzlich werden konnte, wurde er doch jetzo unbe⸗ quem. Die nothwendigſte Schicklichkeit erforderte — 358— ſeine Entfernung aus der Stube. Diaua mußte Huͤlfe haben. Der Glockenſtrang war zerriſſen, abhanden. Die ſchmetternden Symphonicen des Feſtmahls erſtickten ihre Stimme, die zaghaft in den Hof nach Leuten rief. Sie machte ſich auf, um hinunterzugehen, und Beiſtand zu ſuchen. Da hoͤrte ſie auf dem Gange ein Gerauſch. Die Tochter des weiſen Corromantiweibes war Ahnun⸗ gen wohl unzugänglich, denn ſie glaubte, es komme jemand aus dem Hauſe heran. Sie oͤffnete halb die Thure, und wisperte:„Sind Sie es, Louis 2— Keine Antwort, aber ein knarrender leiſer Schritt naͤherte ſich. Diana nahm das Licht, und trat wieder mit der Frage:„Sind Sie es, Louis? Antworten Sie doch!“ auf die Schwelle. Da packte eine gewaltige Fauſt die Er⸗ ſchreckende bei der Bruſt, und ſchleuderte ſie in's Gemach zuruͤck:„Natterbrut, ich bin's; erkennſt Du mich?“ rief eine gedämpfte Stimme, und zu Diana trat der Feind.—„Ach, Herr!“ wim⸗ merte ſie, niedergedonnert, und ſank neben der — 359— am Boden flackernden Kerze in die Kniee.— Die maͤchtigen Haͤnde des betrognen Gebieters riſſen ſie wieder empor, pflanzten das Licht wieder auf den Tiſch, ließen mit einem Ruck die dunkeln Rollvorhaͤnge vor die Fenſter fallen. „Hab' ich Dich endlich in meiner Gewalt?⸗ hoͤhnte Georg dumpf die Mulattin an, die in einem Seſſel verzweifelnd die Hände rang:„Siehſt Du nun, daß Deine Schandthaten entdeckt, daß Du in den Haͤnden der Gerechtigkeit? „Barmhetzigkeit!“ heulte Diana.— MNein!“ klang die Antwort, und dennoch verſchloß Heck⸗ dey's Hand ihr den Mund. Dieſe Geberde ließ das Maͤdchen errathen, daß es vielleicht nicht unwiederbringlich verloren, weil der Verfolger, trotz ſeines Rechts, den Lärm vermied. Auf das Mitleid des Feindes rechnete ſie nicht; aber auf eine Huͤlfe in der Gefahr, welche es auch ſey.— „Hoͤre mich, Diana.»Ich weiß Alles, Du entkommſt mir nicht. Ein frei Geſtändniß allein kann Deine Lage mildern. Wo iſt Dein Spieß⸗ geſelle?“— — 360— —»Todt;“ murmelte die Dirne, welche von Wort zu Wort mehr Sicherheit gewann.—„Du luͤgſt, Schlange.“—„Todt, wiederhole ich. —„Und wo meine Schätze?“—„Ich weiß nicht. Pluto hat ſie geraubt, mich mit ihnen verlaſſen.“—„Du luͤgſt wieder heillos. Der Schurke war zu dumm, um nicht von Dir be⸗ trogen zu werden.“— Diana ſchwieg verſtockt. Mit falſcher Freundlichkeit begann wieder Heckdey, obgleich ſeine Augen furchtbar rollten: „Ich will nachſichtig mit Dir ſeyn; ich will nicht Deinen Tod. Gib nur die Diamanten heraus und die Papiere, die Du geſtohlen, und reiſe Morgen ab, nach dem naͤchſten Seehafen, nach Deinem Vaterlande. Ich will verſchmerzen, was Du noch beſitzeſt außer den Juwelen und Bank⸗ noten.“ —„Ich habe nicht die einen, nicht die an⸗ dern;“e antwortete Diana trocken, und ſtand auf, um die Thuͤre zu gewinnen. Georg vertrat ihr den Weg, und ſtieß ſie zuruck:„Unthier! Deine Frechheit beſiegt mein ſtrafbares Mitleid. Die — offenbare Luͤge iſt die Krone Deiner Suͤnden. Geſtehe, oder im naͤchſten Moment ſitzeſt Du im Kerker. Das Schaffot wartet Deiner k« Wie ſtaunte Heckdey, der von der blutigen Drohung die groͤßte Wirkung gehofft, als ihm Diana hoͤhniſch die Zaͤhne wies, und entgegen⸗ lachte:„Haͤliſt Du mich noch fuͤr ein dummes Thier des Waldes? Ich weiß, daß meine That mir hier nicht das Loben koſtet. Das Gefaͤngniß aber waͤre mir leicht zu ertragen, Deiner Grau⸗ ſamkeit gegenuͤber. Und iſt es ſo gewiß, daß die Richter dieſes Landes eine Handlung ſtrafen werden, die außer ihres Landes Graͤnzen geſchah?“ „Du wirſt ausgeliefert, Elende!“ drohte Heck⸗ dey wuͤthend. Die Mulattin trat ihm ſchroff und frech unter die Augen:„Verſuch's. So wahr Dein Freund mich an Deine Rachſucht verrathen, ſo gewiß richte ich ihn zu Grunde!“ „Hab' ich nicht deswegen, nur um zun len, mich herabgelaſſen, mit Dir zu unterhan⸗ deln?“ fiel Heckdey mit wachſendem Zorne ein: — 362— „Seiner beſondern Lage dankſt Du meine Nach⸗ ſicht. wenn Du nicht meine Bedingung erfuͤllſt.— „Ich ſabn Bedingungen zu machen, nicht Duze ſpottete Diana, die ſich nun gewappnet fuhlte. Heckdey ſchnaubte:„Meine Edelſteine! meine Papiere, heraus damit*« „Durchſuche mich, ohnmächtiger Gebieter. Kein Fetiſch wird Dir ſagen, wo ſie ruhen. Nur ich weiß die Stelle, und nenne ſie Dir nicht.“— „WVerruchte, die Folter... 1—„Sie gilt hier nicht.“—„Das Gefängniß, gleich auf der Stelle—„Denk an Leopold, und rufe die Schergen.“— Georg war außer ſich.„Wie ertrage ich ſolche Herausforderungen?“ rief er mit erſtickter Stinime: „Elende, Du zwingſt mich zum Letzten. Leopold fahre hin. Ich bin meinem Gluͤcke ſelbſt der Nächſte. Was kuͤmmert mich ein Andrer? Ge— ſtehe, gib heraus, oder beim allmächtigen Gott, ich laſſe Dich in Feſſeln ſchlagen.“ Aus Georgs Augen flammte bittrer, unum⸗ ſtoßlicher Ernſt. Diana ſah ſich ſchaudernd in ihre letzte Verſchanzung zuruͤckgedraͤngt. Die Hart⸗ naͤckige, nach der Weiſe von ihres gleichen, ſetzte Alles an ihren Widerſtand.„Huͤte Dich,“ be⸗ gann ſie eilig und unheilverkundend,„huͤte Dich, Deinen Freund zu opfern, denn Du opferſt Dich ſelbſt. Ich ſage aus, Du Wuͤtherich,“— ihre Betonung wurde immer graͤßlicher—„ich ſage aus, wie Deſcharpes geſtorben iſt.“ „Ha! was war das?“ ſtammelte Georg, zu⸗ ruͤckfahrend. Er empfand nichts; er horte nur: „Ich habe geſehen, wie Du ihm den Trank miſch⸗ teſt, der ihn toͤdtete.“ „Verdammte!“ ſchaͤumte der entlarote Ver⸗ brecher, und ſchloß ihr mit Gewalt den Mund. Sie ſtuͤrzte an's Fenſter, entriß ſich Georgs Fäu⸗ ſten:„Zu Huͤlfe! Louis, Madame Lahaye, zu Huͤlfe!“ „Es iſt aus mit Dir, wenn Du nicht ſchweigſt!“ donnerte Heckdey, und warf ſie unerbittlich zu Boden.— Druͤben tobte die Muſik. Koscius⸗ ko's Lied, damals verpoͤnt, beſchäftigte die Kehlen — 364— aller Tafelgäſte, die Ohren aller Hausbewohner. — Der huͤlfloſen Diana graute in ihrer Einſam⸗ keit. Aus dem Staube flog ihr Blick empor. Der Schlaͤfer auf dem Divan fiel ihr ein. „Herr Riblard! zu Huͤlfe, Herr Riblard le ſtohnte ſie. Der im Schlummer Liegende ruͤhrte ſich nicht, aber Heckdey, plotzlich aufmerkſam geworden, und nach dem Manne ſchauend, ließ Diana los. Sie ſprang nach dem Eingang des Alkoven, ſie be⸗ mächtigte ſich eines ſcharfen Meſſers. Und als Georg ſich abermals, von der Ohnmacht des Trunkenen ͤberzeugt, wild und heftig gegen ſie kehrte, ſchrie ſie mit allem Aufwand ihrer Lunge: „Unterſtehe Dich, mir naͤher zu kommen! Jener iſt Riblard, der Vetter Deines Todtgeſchlagenen. Zittre vor ihm und vor mir. Ihm gebuͤhren Deine Schätze und Diamanten, und nur ihm will ich ſie uͤberliefern. Fuͤr Dich ſind ſie dahin, verloren k Nicht ein geregeltes Wort, nicht eine nur halb verſtaͤndliche Sylbe des Entſetzens war es, was — — 365— Georg nun aus dem Munde ſtieß, ſondern ein kurzes dumpfes Bruͤllen. Und im Nu hatte er die Gegnerin bei der Gurgel gepackt.„Mordio« heulte ſie heiſer unter ſeinen Klauen, die, ſtarr wie Eiſen, ſie nicht losließen. Die Ungluͤckliche verſuchte, ihr Meſſer zu gebrauchen. Das Blut, das ſie damit vergoß, fiel ſchwer auf ſie zuruͤck.— Georg und Diana verſchwanden im Dunkel des Cabinets. Nach dem Geraͤuſche, das ein zuſammenbrechender Stuhl verurſachte, war kei⸗ nes mehr zu hoͤren. Es wurde ſtill. Riblard wand ſich in verdrießlichen Traͤumen. Heckdey huſchte an ihm voruͤber, blies das Licht aus, warf den Schluͤſſel in die Stube, ſchnappte das Schloß ab, druͤckte die Thuͤre zu.—— Die Tafel bei Valmore war beinahe zu Ende, da er eintraf. Seine linke Hand war mit ſeinem Taſchentuche verbunden. Er habe ſich bei einem Falle auf der dunkeln Gaſſe verletzt, entſchuldigte er ſich, und ging bald nach dem ihm angewieſe⸗ nen Zimmer. Leopold fand nur eine Sekunde, ihm zuzufloſtern:„Du bliebſt lange. Nun?“— — — 366— „Du biſi ſicher; heirathe morgen flugs und froͤh⸗ lich;“ antwortete Heckdey kurz und finſter.— „Tauſend Dank, mein beſter Freund! Wie aber ſteht's mit Dir?—„Schlecht; ich bin heute um Alles gekommen.“—„Wie? Du machſt mich zittern.“—„Schweige, geh', und laß' mich ſchlafen. Du ſollſt morgen Mehreres vernehmen, denke ich.“ 10. Die Welt iſt eine Schaubuͤhne, die nnaufhor⸗ lich von zwei Chdren umkreist wird: vom Hoch⸗ zeitschor, vom Leichenzug. Was ſich im Leben weiter begibt, gehoͤrt in dieſen froͤhlich-traurigen Doppelzirkel. Wo die Zuſchauer bei dem Schau⸗ ſpiel, das gewoͤhnlich mit einer Poſſe beginnt, und mit einer Tragoͤdie endet, und worinnen alles, was auf Erden lebt, mitagirt? Wir be⸗ volkern das Gewölbe uͤber unſern Scheiteln, die geheimnißvollen Hoͤhlen unter unſern Sohlen mit — 367— unzähligen Haͤuptern der ſchon zur Ruhe gegan⸗ genen Schanſpieler, die ſich jetzo nicht ſatt ſehen moͤgen an dem Einerlei, welches doch ſo bunt und mannichfaltig in ſeinen einzelnen Theilen. Wenn ſchon der Tod eine ſo vielfarbige Mas⸗ kerade auffuhrt, um wie viel glaͤnzender und ab⸗ wechſelnder ſchmuͤckt ſich nicht Hymens Fackel⸗ reigen? Wie viele Brautfuͤhrer in heitern und ernſten Larven hat er nicht gedungen? Denn nicht immer, bei weitem nicht immer, fuͤhrt die blinde Liebe den Freudentanz.— Da iſt der Sieg, mit ſchillernden Fluͤgeln und goldner Trompete, voraneilend dem Kaiſerwagen, worauf Held und Brant, mit Ruhmeskränzen an einander gefeſſelt, thronen.— Da iſt die Ehre im blanken Harniſch, welche edle Geſchlechter zum wappengeſchmuͤckten Dome geleitet.— Da ſind die Tugenden in ihren Strahlengewaͤndern, die den Paaren vorgehen. Aber zwiſchen dieſen Lichtgeſtalten ſchreiten and⸗ re Coriphaͤen an der Spitze des Hochzeitpomps: der Ehrgeiz, der ſich bemuͤht, das Laͤmpchen einer — 368— Familie wieder anzublaſen, die ſchon ſeit einem halben Jahrhundert auf dem Ruͤckzuge aus dem Leben begriffen iſt, verarmt an Subſtanz und Ehre;— der Mammon, der aus Goldklumpen Hochzeitfeſſeln ſchmiedet;— die Wolluſt mit ge⸗ ſchminkten Wangen, und von Nachtfalterſchwin⸗ gen befluͤgelten Fuͤßen;— das Geſetz, das mit eherner Ruthe zwei Widerſtrebende zum Altar peitſcht;— der Tod ſogar,— der blanke Kno⸗ chenmann,— der, mit ſpaͤten Roſen gekroͤnt, einen Sterbenden mit einer Lebenden vermaͤhlt. Wohl ſieht ſie traurig aus, die Feier, wobei nach abgelegtem Geluͤbde gleich des Braͤutigams Fackel geloſcht, und ſein Leib in den Sarg gebettet wird, verfallen dem finſtern Chore; aber noch viel unheimlicher iſt der Brautzug, den das Ver⸗ brechen fuͤhrt, den die Eumenide mit ihrem Brande beleuchtet.—— Leopolds Hochzeitmorgen war truͤb, das Wet⸗ ter molkig und regneriſch. Eine ſtille, nachdenk⸗ liche Geſellſchaft ſaß in den Kutſchen, die zur Mairie rollten, um vor dem Geſetze die buͤrger⸗ — 369— liche Ehe des Paares zu beſchworen, zu bezeugen. Leopold, ſehr blaß, Herr Valmore, geſammelt und bewegt, dann ein gleichgultiger Zeuge, und Heckdey, tief in ſich verſunken, eroffneten den kleinen Zug.— Die Kutſche kam am Chapeau- rouge vorbei. Die Straße war gedrängt voll von Menſchen, die an den Fenſtern des Gaſthofs maulaffig hinanſahen. Der Thorweg war ge⸗ ſperrt von Gendarmen und Polizeidienern. Schwarz⸗ gekleidete Herren gingen ab und zu, hinein, hin⸗ aus. Viele Offiziere der Garniſon ſtanden dabei, mit lebhaften Geberden plaudernd. Leopold fuhr zuſammen, ohne zu wiſſen, war⸗ um. Heckdey wiſchte ſich den Schweiß von der Stirne, und verbarg ſeine verbundene Hand. Der Zeuge riß neugierig das Wagenfenſter auf. Val⸗ more fragte einen Voruͤbergehenden.—„Es iſt dieſe Nacht ein Madchen im Hotel erſtochen wor⸗ den;e lautete die Antwort:„ein Offizier hat's in der Trunkenheit gethan.“— Heckdey holte wieder leichter Athem, und die Raͤder rollten langſam Voa Conſtrictor.. 24 — 370— weiter. Aber Leopold, einer Ohnmacht nahe, verwendete kein Auge von dem Freunde. Er ahnte.—— „Schame Dich;« raunte ihm Heckdey muͤr⸗ riſch zu, da er an allen Gliedern zitterte, wäh⸗ rend er die Braut aus ihrer Kaleſche hob.— Leopold faßte ſich wirklich, der Mahnung gehor⸗ ſam. Auch Eliſe war bleich und angegriffen; denn es ſcheint keine gute Vorbedeutung, wenn ein Ungluck oder Todesfall ſich in die Bahn der Braut waͤlzt.— Von dem Vorgang wurde na⸗ tuͤrlich nicht geſprochen. Der galante Adjunkt des Maire verrichtete ſeinen Trauungsdienſt mit Anſtand und Fluͤchtig⸗ keit. Man kann ewige Bande nicht mit großerm Savoir-faire, nicht mit decenterer Gleichgultigkeit ſchmieden. Heckdey ſchielte durch die Fenſter, ſtatt auf die Artikel des Geſetzes und auf die kurze Anrede zu horen, die der Adjunkt ekn paarhun⸗ dertmal des Jahrs, ohne eine Sylbe wegʒulaſſen, oder hinzuzuthun, zu halten pflegt. Was auf dem Hofe vorging, intereſſirte Heckdey mehr. Riblard — 371— wurde hereingebracht, von Waffen umgeben, uͤber⸗ naͤchtig, mit aufgedunſenem Geſichte; Blut klebte an ſeinen Kleidern. Die Straßenjungen pfiffen ihn aus. Unter dem graͤßlichen Halloh ging oben der Trauungs⸗Akt zu Ende.— Heckdey fand wie⸗ der ein Laͤcheln zum Abſchiede von dem Adjunkt⸗ Gentleman. Nun zur Kirche, in der Ordnung, wie zuvor. „Daß gerade heute die verzweifelte Hiſtorie im „rothen Hute“ vorfallen mußte!“ bemerkte Val⸗ more ſehr verdrießlich.—„Dergleichen kann alle Tage paſſiren;“ troͤſtete der Zeuge, indem er Ta⸗ bak nahm und anbot:„Zndem iſt der Lieutenant ein notoriſch ſchlechtes Subjekt, und an der Dirne gewiß kein gutes Haat geweſen.“— Valmore nickte zuſtimmend. Indeſſen erklangen die Glo⸗ cken vom Kirchenthurme.—„Finden Sie nicht, daß heute das Gelaͤute ganz beſonders dumpf und ſchwingend toͤnt?“ fragte der Zeuge.— „Das truͤbe Wetter macht's;« meinte Valmore einſylbig. 24* — 372— Leopold fand fuͤr richtig, was der fremde Hert geſagt. Die Glocken ſchienen ihm— wie einſt einem alten Lord⸗Mayor von London—„kehr' um, kehr' um!“ zuzurufen.— Sein Armeſuͤnder⸗ geſicht blieb von Heckdey nicht unbemerkt.„Zu ſpät, viel zu ſpaͤt, darum ſey ein Mann!“ warnte der Freund, die Mutterſprache gebrauchend.— „Zu ſpät, freilich, viel zu ſpät;e“ wiederholte Leo⸗ pold, und druͤckte einen Seufzer in die bewegte Bruſt zuruͤck. In den finſtern Hallen der Kathedrale wurde ihm nicht beſſer. Sein Brauttag mit Eugenie, — und dieſer? Indem er im Laufe der Meſſe das Abendmahl empfing, fiel ihm zum erſtenmale ein, daß er ſich wohl jetzo das Gericht und den Tod daran eſſen moͤchte, und die Hoſtie quoll in ſeinem Munde. Der Prieſter, ein ſchoͤner Mann, mit klaren verſtaͤndigen Augen, ſtutzte bei dem ungewiſſen Benehmen des Bräutigams. Die Sa⸗ che kam ihm vielleicht ſelbſt nicht geheuer vor, denn er zoͤgerte, ſo lang er konnte, mit der Schluß⸗Ceremonie, und fragte, bedeutender wohl — 373— als ſonſt, nach dem Ja der Brautleute.— Lev⸗ pold hielt inne; aber:„zu ſpaͤt“ klangs in ſeinem Innern, und der zweite Meineid war geſchehen. — Alles Andre begab ſich, wie gewohnlich. Der Geiſtliche ſagte einige Gemeinplätze, die Braut weinte, und Mutter und Brautfuͤhrerinnen ſtan⸗ den ihr darinnen bei; der Vater, mitten in ſeiner Ruͤhrung, berechnete, was ihm das Ja ſeiner Tochter koſten wuͤrde, die Zengen langweilten ſich, und das Bettelvolk an der Thuͤre balgte ſich um Almoſen und Dragée. Der junge Ehemann ſtieg mit ſeiner Frau nun in eine Kutſche, und Eliſen's erſtes Wort war:„Haſt Du auch gehoͤrt, was geſchehen? daſſelbe Maͤdchen, das geſtern.....—„Ich weiß bereits;“ antwortete Leopold befangen:„Laß' uns von der traurigen Begebenheit ſchweigen, und wenn es Dir gefällt, gleich nach der Tafel abreiſen.“—„Ich wuͤnſche das, lieber James, und die Mutter hat Alles dazu vorbereitet. Sie begleitet uns bis zur nächſten Poſtſtation, wo uns ländliche Ruhe und Stille umfangen werden. — 374— Morgen gehe es dann Deinem Vaterlande ent⸗ gegen.“—„Ja, je cher, je lieber!“ ſeufzte er aus voller Seele, und umſchlang krampfhaft ſein neues Beſitzthum. Auch kehrte nun ſeine Heiterkeit wieder, wenn auch nicht von ſelbſi, doch angeregt von der ſelt⸗ ſam aufflackernden Luſtigkeit ſeines Freundes. Heckdey war plotzlich ein andrer Menſch gewor⸗ den. Die Bajonnete, die uͤber Riblards Haupte drohten, die Blutſpuren an Riblards Kleidern waren die Talismane, die ſeine Ruhe wieder her⸗ ſtellten. Er ließ ſich bei Tiſche zehnmal nach einander die Geſchichte erzaͤhlen, wie ſie im Munde des Volks herumgetragen wurde; mit ſteigender Freude ſammelte er die Zeugniſſe von Riblards Sittenloſigkeit, die von allen Seiten beigebracht wurden. Er trank und lachte, wie nach dem Tode des alten Deſcharpes, wie nach dem Hinſcheiden des Buben, den die ſchwatze Agrippina ihm geboren, wie nach dem Schiff⸗ bruch, wobei ihm vierhundert Stuͤck Ebenholz — 375— verungluͤckt waren. Er beging nach ſeiner Art Hochzeit- und Leichenfeier. Die Zeiten ſind voruber, da Hochzeitſchmäuſe zu den erſehnten ſolennen Dingen gehoͤrten. Des Polterabends Luſt, die langgeſtreckte Tafel des Brauttags, der Ball hinterher, in's Ungebuͤhrliche verlaͤngert zum Verdruß des gefeierten Paars, die Schelmerei mit dem Strumpfbande der Braut, das feierliche Geleit zur Hochzeitkammer, die Se⸗ renade unter deren Fenſtern.. Alle dieſe Herr⸗ lichkeiten ſind fuͤr vornehme oder reiche Leute nicht mehr auf der Welt. Das ſchoͤnſte Feſt des Lebens wird am Schlage einer Poſtkutſche begangen. Ein Frohſtuck in aller Eile, ein paar Scherze, die lieber nicht geſagt worden wären, der Bräutigam in den Reiſeſtiefeln, die Braut im Mantel und Schleier, ein blaſender Poſtknecht, weinende Eltern, und ein Trupp von Fruͤhſtuͤcksgäſten, die von ganzem Herzen das Paar, das immer Abſchied nimmt, und immer noch verweilt, zu allen Teu⸗ feln wuͤnſchen, um nur in Ruhe und Frieden ih⸗ ren Champagner austrinken zu koͤnnen— das — 876— ſind die Beſtandtheile einer Hochzeit nach dem neueſten Geſchmacke. Und ſo waren ſie auch in Valmore's Hauſe. Eine Ausnahme von der Regel war indeſſen der Umſtand, daß— als gerade die Fuͤße ſcharrten, und der letzte Toaſt ausgebracht werden ſollte, ein Bedienter mit ziemlich langem Geſichte ein⸗ trat, und dem falſchen Herrn Flowers ein paar Worte in die Ohren ziſchelte. Blutroth werdend, ſtand dieſer auf, und folgte dem Diener. Ihm folgten dagegen Eliſens und ihrer Mutter neu⸗ gierige Augen, und Madame Valmore brachte nur der Convenienz das Opfer, einige Minuten noch am Tiſche auszuharren, bevor ſie hinaus⸗ ging, den alten Diener Michel ims Verhoͤr zu nehmen.— Heckdey war mit den Maͤnnern in ein Geſpraͤch vertieft, und merkte nichts von Leo⸗ polds Verſchwinden, nichts von der Entfernung der Dame Valmore.—— Nur einige Zimmer lagen zwiſchen dem Sa⸗ lon, und dem Gemach, wo ſich jetz Leopold be⸗ fand. Dort lehnte er, in einen Stuhl zuruckge⸗ —— worfen, die Haͤnde ſchlaff herabhaͤngend, die Au⸗ gen wie ein Sterbender im letzten Wahnſinn zur Decke aufgeſchlagen, und vor ihm ſtand eine Dame in Trauerkleidern, die mit einem unnach⸗ ahmlichen Schmelz der Stimme zu ihm redete, ernſt, aber auch freundlich, wie ein Engel:„Ver⸗ gib mir alſo, daß ich Dich ſo plotzlich uͤberraſchte, Leopold, und zuͤrne mir nicht um der ſchlimmen Botſchaſt willen, die ich bringen mußte. Aber zugleich bringe ich Dir wieder mein Herz zum ewigen Opfer. Nenne es, wenn Du willſt, ein Opfer reuiger Erkenntniß; ſage und glaube, wenn Du meinſt, daß ich im Irrthum geweſen. Aber, bei der nun im Himmel weilenden Seele unſrer Cäcilie beſchwoͤre ich Dich, laß uns wieder an einander halten. Der Tod des lieblichen Kindes, fuͤr uns ein ewiger Schmerz, ſey der Graͤnzſtein unſers Haders. Wir waren ſtrafbar beide; oder: ich will es allein geweſen ſeyn, ich will Dir⸗Un⸗ recht gethan haben. Ich bekenne es ſogar mit Ueberzeugung„ wenn ich meinen thraͤnenvollen Blick auf die letzten Zeilen unſrer Tochter werfe. — Sie hat Dich geliebt, Leopold;... und Du, Du haſt es gewußt, Du haſt deshalb,— nicht wahr, nur deshalb, mein Leopold— Dein Haus gemieden? Und wenn dieſes Meiden, wenn nur dieſe Flucht Urſache geweſen waͤre, daß Du fehl⸗ teſt,. daß ich grollte, der Nachſicht meine Bruſt verſchließend, meine Liebe zertretend. o ſo laß nns beiden vergeben ſeyn. Laß dieſe Verſoͤhnung, dieſen aufrichtigen Bund eine Suͤhne fuͤr Cäci⸗ liens Tod, eine Bürgſchaft fuͤr Ralphs Wieder⸗ finden werden!“ Sie bengte ſich mit reinchriſtlichen Thraͤnen, mit reinweiblicher Zaͤrtlichkeit uͤber ihn, und er— ſtieß ſie zuruͤck. Was bemächtigte ſich ſeiner Stim⸗ me, daß ſie nicht mehr ſchallte, wie eine menſch⸗ liche? Aus den Keuchen der Raſenden ſteigen zuweilen ähnliche Toͤne. Aber, was dort nur ein Gedicht uͤberreizter Thorheit, das war hier Wahr⸗ heit, nackte graͤuliche Wahrheit: die Verzweiflung, das Wuͤthen gegen ſich ſelbſt, der ruchloſe Fluch, gegen den Himmel geſchlendert, die Verwuͤnſchung, — 3— gegeifert gegen das Weſen, das dem Verzwei⸗ felnden Liebe bot, ſtatt des Haſſes. Denn der Verbrecher klagt den Himmel deſſen an, was er ſelbſt verſchuldete, und er zuͤrnt der Liebe, die feurige Kohlen auf ſein ſchuldiges Haupt ſammelt.— Was hätte Leopold in dieſem Angenblicke darum gegeben, von Eugenie gehaßt, glühend verabſcheut zu ſeyn? Ihr Haß wäre noch ein nothduͤrftiger Schild fuͤr ihn geweſen. Ihre Liebe ſtuͤrzte ihn bettelarm zu Boden; denn auch fur die ehrlichſte Reue war es zu ſpät, viel zu ſpät. Die arme Eugenie verſtand nicht ſeinen Schmerz. Seine Jammerwuth gelte Caͤcilien, dachte ſie, und duldete mit Ergebung die ausſchweifende Klage um ein allzugeliebtes Kind.— Da ſprang die Thuͤre auf, und herein ſtuͤrzte, wild und eilig, ein blaſſes verſtortes Weib: hinter ihm erſchien das ſorgenſchwere Haupt einer greiſen Mutter, und das betroffene Antlitz des Bedienten, der üur zu gut verſtanden, daß die fremde Dame nach ihrem Manne, dem Herrn Flowers, gefragt hatte. „Was muß ich hoͤren 2“ ſchrie Eliſe mit fran⸗ unnſerm Hauſe eine ſolche Scene vorfallen muß. — 380— zoſiſcher Leidenſchaftlichkeit:„was will, was wagt dieſe Unverſchaͤmte? Rede, James, mein Gatte, rede, was will ſie von Dir 2 „Ihr Gatte?“ Eugenie erſtarrte zu Stein. Leopold drehte ſich vernichtet weg. Noch immer harrte Eliſe auf eine Antwort. Die erſchuͤtterte Mutter faßte Leopolds Arm, und ſagte ihm hart: „Was bedeutet dies Alles, mein Schwiegerſohn? Wer iſt die Perſon, die nach Ihnen, wie nach ihrem Manne frägt? Sagen Sie ihr, daß hier Ihr rechtmäßig Weib ſieht, und weiſen Sie der Ränkemacherin die Thuͤre.“ „Madame!“ fuhr Engenie ſtolz empor, und trat der Valmore entgegen:„Sie unterſtehen ſich, mich zu beſchimpfen 2“ —„Die Niedertraͤchtige!“ knirſchte Eliſe mit vorquellenden Augen, mit geballten Faͤuſten. Die Mutter ließ ſich jedoch nicht irre machen, und fuhr derber fort:„Beſchimpfen, beleidigen? Wir kennen das. Leider ſind die Maͤnner keine Hei⸗ lige, und ich bin in Verzweiflung, daß gerade in — 381— Aber, Sic haben einmal nichts mehr zu hoffen, Madame. Er mag Ihnen verſprochen haben, was er will... heute iſt er Eliſens Mann, und Ihre Anſpruͤche werden doch noch um einen an⸗ ſtaͤndigen Preis zu heben ſeyn? Ich ſage Ihnen die⸗ ſen Preis zu, um nur den Scandal zu vermeiden.“ Worauf Eugenie mit dem edeln Zorne eines ungerecht gekraͤnkten Weibes erwiederte:„Genug der Beleidigungen. Was hier von entſetzlicher Schmach zu finden, falle auf das Haupt, dem ſie gebuͤhrt, die Schande eines graͤulichen Verbre⸗ chens. Jener rede ſelbſt. Bin ich nicht Dein Weib, Menſch, der da ſeige ſchweigt und zittert? Leo⸗ pold, bin ich nicht Dein angetrautes Weib?“ „Leopold?“ fragte die Valmore erſtaunt.— Der ungluͤckliche nickte bejahend, und auf dieſe Geberde zerraufte ſich die Mutter das Haar, und Eliſe ſtuͤrzte halb ohnmaͤchtig in einen Stuhl. „Heiliges, ſuͤßes Herz des Heilands! ſiteh' mir beil⸗ ſtammelten ihre blaſſen Lippen:„Unerhoͤrter Be⸗ trug! Michel, zieh die Glocke. Herr Valmore, mein Vater ſoll kommen, augenblicklich kommen!“ & — 3— „Werde ich nun endlich erfahren, welch ein Schauſpiel hier aufgefuͤhrt wird 2“ fragte Eugenie ſtolz, aber bebend vor der Wahrheit. —„Die Arme iſt heute mit dem Boͤſewicht getraut worden;« erwiederte Madame Valmore, ſchluchzend auf die Tochter deutend. Die Mutter begriff, verſiand und glaubte nun, was ſich Troſt⸗ loſes begeben. „So 2— Das kleine Woͤrtchen klang entſetz⸗ lich aus Eugeniens Munde. Waren gleich ihre Zuge, wie zu Marmor verſteint, ſo flog den⸗ noch ein hoͤchſt lebendiger Blick der tiefſten Ver⸗ achtung auf Leopold, und mit den Worten:„Dann hab' ich hier nichts mehr zu ſchaffen;“ ging ſie koniglich ſtolz und erhaben aus dem Zimmer. So bat Medea dem Hauſe des Jaſon, ſo Marie Antoinette ihren Henkern den Ruͤcken zugewendet. Wer hätte ſie aufgehalten? Ihres Zeugniſſes bedurften die Betrogenen nicht. Leopold verhehlte nichts mehr, und ſein Geſtaͤndniß ergriff ſogar den kraͤftigen Vater dergeſtalt, daß ſeine Knice wankten.— Dennoch behielt er noch die Achtung £ 83— vor dem Schicklichen im Auge, und ließ durch Michel die Gäſte unter dem Vorwande einer ploͤtzlichen Unpäßlichkeit der Braut beurlauben. Dann trat er mit tiefer Erbitterung vor den Suͤnder, und ſprach:„Du haſt die Galeere ver⸗ dient, Abſcheulicher, und wenn Dir die Ketten der Schande nicht werden, ſo danke es meiner zarten Sorgfalt fuͤr den Ruf meines Hauſes; fliche aber, fliehe weit von dannen: denn, was wir jetzo noch nicht thun, duͤrfte die Gerechtigkeit ſelbſt aus eigner Anregung beginnen. Geh noch dieſen Angenblick von dannen, und nimm Dein Erbtheil mit Dir: Deine Ehrloſigkeit, unſer Un⸗ gluͤck, unſern Fluch. Ruͤhme Dich in fernen Laͤn⸗ dern, eine ehrliche Familie beſudelt, zu Grunde gerichtet zu haben, und vergehe Dir Gott, wenn's moͤglich iſt. Hinaus von hier, und daß ich Dich nicht wiederfinde!“ Der gebengte Vater und die weinende Mut⸗ ter hoben Eliſe, die in Krämpfen lag, in die Hoͤhe, und verſchwanden in dem Schlafzimmer der Ungluͤcksbraut. Leopold, ſtier und kalt, ſtand — 384— wie angewachſen, fuͤhllos, ohne zu ſehen, ohne zu⸗ horen. Ein gewaltiges Rätteln bei ſeinen Schul⸗ tern brachte ihn zu ſich. Heckdey, deſſen er ganz vergeſſen, ſtand finſter und draͤngend hinter ihm. „Willſt Du die Ankunft des königlichen Prokura⸗ tors abwarten?“ fragte er:„oder willſt Du Dich zum Hauſe hinauswerfen laſſen? Komm, komm, noch iſt es Zeit!“— Mechaniſch, ohne Willen, folgte Leopold. Er bemerkte nicht die gaffenden Geſichter des Geſindes, das uber das ſonderbare Ereigniß noch nicht im Klaren war. Er waͤre beinahe unter die Raͤder der harrenden Poſichaiſe gerathen. Der Poſtillon klatſchte ungeduldig mit der Peitſche.„Wir fahren allein, Kameradz“ ſagte Heckdey, und hob den Freund mit Muͤhe in den Wagen. Er ſtieg zu ihm ein, und ein wohlangebrachtes Goldſtuͤck beſtimmte den Poſi⸗ knecht, die freigebige Herrſchaſt ohne viele Ein⸗ wendung auf eine andere Station, als die zuvor beſtimmte, zu fahren.. — 385— 11. Sie ſaßen einſam in ihrem Zimmer, als im Hauſe Alles bereits ſchlief, und ſtarrten ſich an, als waͤren ſie auf der Heerſtraße des Lebens ſich zum erſtenmal begegnet. Es iſt ſchlimm, wenn vertraute Bundesgenoſſen, in ihren Erwartungen getaͤuſcht, beginnen, unter ſich eine ſtrenge Abrech⸗ nung zu halten. Das verſchloſſene, lang gedämmte Bruͤten, die ſo lange verſchwiegenen und aufge⸗ ſchobenen Beſchwerden, brechen wie lodernde Flam⸗ men aus der ſtillen Glut. Diesmal war's nicht der heftige Georg, der das Schweigen unterbrach. Leopold, mit einem Blick ſeine ganze unheilbare Lage uͤberſehend, hob an:„So hat mein Vorgefuͤhl mich nicht betrogen! die Strafe iſt dem Vergehen auf dem Fuße gefolgt! O, Heckdey! ein Wort von Dir, und noch im letzten Moment hätte ich zuruͤckgenommen, was ich be⸗ ſchloſſen. Ich kann Dir's nicht verzeihen.“ „Verzeihe Dir ſelbſt;“ antwortete Georg rauh und ſchonungslos:„Dein Wahnwitz, Deine Aus⸗ Boa Conſtrictor. I. 25 —— ſchweifung haben das Ungluͤck herbeigefuͤhrt. Du haſt mich verlockt, und ſchreiſt nun Zeter uͤber mich.“ —„Wie, Georg? dieſe Sprache? Wer iſt denn meines Elends Schmied, wenn nicht Du? Soll ich zuruͤckgehen auf jenen Abend, wo Deine abſcheuliche Moral mein Gefuͤhl verpeſtete?“ „Ich habe einem jämmerlichen Kinde ein männ⸗ lich Schwert gezeigt; es hat ſich damit verwun⸗ det, da es leichtſinnig ſpielte, das jämmerliche Kind. Verwuͤnſchung uͤber Dich; Du haſt mich rninirt.“ —„Du klagſt mich an, Du, der meine Se⸗ ligkeit zernichtete? O hätteſt Du mich in meiner Beſchraͤnktheit gelaſſen! Fluch Deiner Philoſophie, die meines Hauſes Gluͤck gemordet!“ „Die Philoſophie, welche Du ſchmaͤhſt, iſt gut. Ich bin aufrecht, waͤhrend Du im Schlamm der Verzagtheit erſtickeſt. Hab' ich weniger, habe ich nicht mehr verloren, als Du? Du haſt mir Alles geſtohlen,— meine Braut, die mich gluͤcklicher gemacht haͤtte, als Dich; meinen Reichthum, der — 387— groͤßer war, als der Deinige;— Cäcilie, die mir Alles erſetzt haben wuͤrde... meine Gewiſſens⸗ ruhe, weil Du mich zum Helfershelfer an Dei⸗ nem Verbrechen geſtempelt. Das Alles iſt wahr, Dir bekannt, und ſiehe: ich verzweifle nicht.“ —„O, wer ein Herz hätte, eiſern wie Dei⸗ nes! eine Zunge, ſo keck, eine Stirne, ſo dreiſt wie die Deinige! Mich ſchandert bei Deinen Vor⸗ wuͤrſen, wenn gleich Deine Ungerechtigkeit mich erbittert. Du haſt mich in Diana's Netze gelie⸗ fert, Du haſt Engenie von meiner Bruſt, den Reichthum aus meinem Kaſten, den Sohn, den einzigen Sohn, mir aus dem Herzen geriſſen.. und Caͤcilie— ach, der Engel erlag meinem Jammer. Sie erlag, weil ſie mich liebte... o welch ein ſchwarzes Schickſal!« Leopolds Grimm ging in ſchmelzende Weh⸗ muth uͤber, und Heckdey verſank gleich ihm in den unbeſchreiblichſten Kummer. Seine Seele blutete aus todtlichen Wunden.„Dich hätte ſie geliebt?7“ fragte er in Gedanken:„Nein, nein; ich war's, den ſie liebte, ich blinder Thor, der 25* — 35— die helle Sonne nicht ſah, die Wunderſonne, die meine Geneſung bewirkt haben wuͤrde. So viele boͤſe Gedanken auch je durch meinen Kopf gezuckt ſind, ſo oft ich ihnen vielleicht meine Haͤnde zur That geliehen.... niemals bin ich weniger Menſch geweſen, als da ich Dich, herrliche Cacilie, mit einigen Worten der Luge ſo kalt, ſo tuckiſch ver⸗ derben, vergiften konnte. Ach, man ſage nicht, daß der Teufel nicht manchmal ſich verkorpre. Wer blies mir jene Luge ein, wenn nicht er? eine Luͤge, in's Unbeſtimmte, in's Blaue hinausgefabelt, und dennoch ein ſo richtig treffender, ein ſo unerbitt⸗ licher Pfeil? Sie hat mich geliebt, die einzige auf Erden! Ich habe nie die Liebe gekannt, weil die begehrliche Rachſucht mich ſo weit verblenden konnte. Und in dieſem Augenbicke lodert ſie hef⸗ tiger als je, und ich mochte die ſchändliche Ver⸗ raͤtherin, die feindliche Luiſe vor mir haben, ſie zu foltern, zu peinigen, mit meinen Zähnen zu zerfleiſchen! Ach, ſie kann nicht hundertmal ſter⸗ ben, die Elende. Ihr Tod waͤre kein genuͤgend Suͤhnopfer fuͤr Cäciliens entflohenes Leben!“ — 389— Er nagte wuͤthend an ſeinen Haͤnden, er weinte herbe Thränen ohnmaͤchtiger Wuth. Leopold ſah dieſe Zaͤhren, und ſtreckte ihm ermattet die Rechte entgegen:„Du weinſt, Georg? Du biſt alſo doch ein fuͤhlender Menſch? Du heiligſt durch Deinen Schmerz, was Du vielleicht verbrochen, und kommſt mir wieder naͤher, dem Troſtbeduͤrftigen? Komm; was geſchehen, iſt geſchehen. Kein Gott nimmt es mehr zuruͤck. Ich ſehe ein, daß wir nur ver⸗ eint noch leben können, oder daß ich ſterben muß.“ Heckdey ſchlug ſchweigend in Leopolds Rechte, die auf einmal zitterte, von Georgs Fingern ge⸗ druͤckt. Mit ſcheuem Ausdruck liſpelte Leopold: „Deine Hand... Georg. es klebt wohl Blut daran 7*—„Wie das 2“ fragte der Andere ſior⸗ riſch.—„Diana's 2«—„Bah, bah, welch ein Argwohn! Um Deine Schuld zu mindern, hefteſt Du mir freigebig eine groͤßere an?2“— „Das verhute Gott, Georg; aber.. ſage mir: wie war's mit der Mulattin?“—„Haſt Du ge⸗ hoͤrt, was die Leute ſagten? haſt Du geſehen, wie man den Thäter fing? Volkes Stimme, Gottes — 390— Stimme.“—„Wie gerne glaube ich Dir! aber das ſeltſame Zuſammentreffen... Deine Worte ſelbſt.. Du habeſt nun Alles verloren; ſagteſt Du?“ —„Und ſo iſts auch;“ rief Georg, haſtig hin und hergehend:„Das Thier hat geläugnet, end⸗ lich geſtanden, daß es die Juwelen vergraben, und deren Verſteck nicht angeben wolle. Was ſollte ich thun? Dein Wohl im Ange drang ich nur auf ihre Entfernung. Sie hat dieſelbe zugeſagt, und..— hier verzog ſich Georgs Mund zu einem häßlichen Lächeln—„ſie hat Wort gehal⸗ ten, wie Du weißt; uͤberſchwenglich Wort ge⸗ halten.“— „Hore auf mit dem moͤrderiſchen Scherze, der mein Grauſen errest!—„Wuͤnſche mir doch Gluͤck, daß ich ſpaßhaft bin;“ fuhr Heckdey fuͤrchterlich fort:„Nicht ein Jeder ertruͤge ſo ge⸗ laſſen ſein Schickſal. Kannſt Du Dir denn ein⸗ bilden, kurzſichtiger Menſch, wie elend mir zu Muthe iſt? Meine Schätze.. 7 o, waͤren ſie doch nur im Meeresgrunde verſunken! Aber nein: ſie eriſtiren, ſie ſchlummern nur, ſie liegen etwa in — 391— meiner Nähe verſcharrt, ich wandle vielleicht auf ihrer Grube, ich kann ſie vielleicht mit dem Ar⸗ me erreichen; aber ich weiß den Fleck nicht, wuͤrde ohne Gnade, zwei Schritte von ihnen, verhungern muͤſſen, und ſtatt des Beſitzes iſt mir nur die klägliche Hoffnung geblieben, daß einſt fremde lachende Finder von dem Reichthum zehren, den ich einſt theuer, ach, ſo theuer verdienen mußte! Verderben, Untergang, der ganzen heutigen Menſch⸗ heit! Die Tortur hätte mich zum Ziele gebracht, der Hyäne den Mund aufgebrochen ha, ha, ha! die Philantropie hat ſie abgeſchafft, die wohl⸗ thaͤtige Folter; ſie hat an die Stelle des Schaf⸗ fots fuͤr ſolche Diebſtaͤhle nur ein paar leichte Gefängnißjahre geſetzt. Die Philantropie hat mich eigentlich beſtohlen, den Strick um meinen Hals gelegt.“— Boshaft fuͤgte er bei:„Du haſt freilich gewonnen, Leopold. Vor Zeiten riskirte der Bigame ſeinen Kopf; heute nur den Pranger und die Galceren.“ —„Ha!“ rief Leopold gellend aus, und ver⸗ barg ſein Angeſicht:„Grauſamer, was redeſt Du 2 — 392— Iſt Infamie nicht graͤßlicher, als der Tod? Er⸗ niedrigt die Ehrloſigkeit mich nicht am allermei⸗ ſten? Haͤtte ich in Leidenſchaft Einen erſchlagen, ich waͤre ruhig, denn die Welt wuͤrde Mitleid mit mir haben. Jetzt hat ſie fuͤr mich nur Brand⸗ mark und Schande. Schande, weil ich ehrlos, um ſchnoͤden Goldes willen gefrevelt habe.“ Heckdey ſpottete ſeines Jammers:„Mitleid? o Du zaͤrtlicher Gimpel! Mitleid der Welt? Was iſt das fuͤr ein Ding, wenn es nicht eine ſchlim⸗ mere Strafe iſt, als der Pranger ſelbſt? Du glaubſt noch an Mitgefuͤhl, an Verſoͤhnung der Geſellſchaft? Thor, den ſelbſt die ernſteſten Er⸗ fahrungen nicht zu witzigen vermoͤgen! Die Welt verzeiht nie, und nichts. Schon die Armuth iſt ein Makel der Schande; man mag nicht gerne mit ihr uͤber die Straße gehen. Und nun vol⸗ lends ein Verſtoß gegen die Satzung der Gemein⸗ de? Wir ſind alle ſchlecht, durch die Bank; aber eben deshalb vergeben wir niemals. Iſt einem nur einmal paſſirt, mit dem Pferdefuß in den fein glaſirten Milchtopf unſrer geprieſnen ſittli⸗ — 393— chen Ordnung zu treten, ſo werden ihm in Ewig⸗ keit die Scherben nachgeworfen werden; darauf ſey er gefaßt. Wo iſt Mitleid mit dem Fehlen⸗ den, mit dem Verirrten? Steckt es in der Scheu, womit wir ihn fliehen? in der Härte, womit wir ihn verdammen? in der Verachtung, womit wir ihn vom Brode weiſen, wenn er nach ausgeſtand⸗ ner Buße wieder ſeinen Platz in der Geſellſchaft einnehmen will? in der Infamie, womit wir, ſogar uͤber das Leben hinaus, den Gerichteten in ſeinem Andenken, in ſeiner Familie, in ſeinen un⸗ ſchuldigen Nachkommen verfolgen? Und dennoch — hat nicht einer uͤberſchwenglich Alles bezahlt, wenn er ſein Blut hingab? Aber die Unverſohn⸗ lichkeit klammert ſich an Alles, was er zuruͤckläßt. Wo alſo Mitleid? wo Rehabilitirung? Nur eine Klaſſe von Suͤndern auf Erden genießt etwas, dem ähnlich: die Bankerottirer, die, vom Gluͤck und einer ſeltnen Rechtſchaffenheit begunſtigt, end⸗ lich ihren Gläubigern die Ruͤckſtaͤnde ſaldiren. Dafur hält ihnen auch die Welt doppelt Buch: mit Soll und Haben.“ — 3— —„Deine unbarmherzigen Wahrheiten neh⸗ men nicht die Schmach von meinem Haupte;“ ſeufzte Leopold. „Sie ſollen Dich aufrichten, den Muthlo⸗ ſen; Sie ſollen Dir wohlthun, zum Lohne fuͤr Deine gegen mich gerichteten Schmaͤhungen. Hore mich. Dein haͤrtſter Vorwurf lautet, daß Du um des Goldeswillen gefrevelt? Beruhigt es Dich etwas, wenn ich, zu deſſen Beſten Du das Gold begehrteſt, Dich losſpreche? Du wollteſt Deine Schulden tilgen, und Schulden ſind hienieden, was am wenigſten verziehen wird. Faſſe Dich, ſage ich. Sieh, wie Alle, ſo Dich verdammen, ſchlimmer ſind, als Du ſelbſt. Denke, Du hätteſt geſtohlen, einen winzigen Thaler geſtohlen.„Um einen Thaler, um eine ſolche Kleinigkeit beging er das Verbrechen!“ werden ſie alle ſchreien, die den Thaler, deſſen Du bedurfteſt, nicht gegeben haͤt⸗ ten, und räumen damit ein, daß ein großerer Raub wohl eher entſchuldigt werden duͤrfte, weil er mehr der Muͤhe werth.—„Er hat Einen in verbrecheriſcher Hitze todtgeſchlagen!“ zuͤrnen ſie, und ſchlagen den Hitzkopf dafuͤr mit aller Kalt⸗ bluͤtigkeit ab.—„Er hat eine Unſchuld verfuͤhrt, denn er ſtieg beim Kraͤhen des Hahns aus der jungfräulichen Kammer!“ klagen die Alten des Volks. Leugne nun, wie Du willſt; berufe Dich auf die Grundſätze der Moral, denen Du ſtets ge⸗ huldigt, auf die Lehren Deiner Eltern und des Catechismus— vergebens. Deine Richter ſelbſt, die 2 ernſten Leute, werden die Kopfe ſchuͤtteln, und lächeln, und unglaͤubig ſagen:„Das iſt nicht wahr, guter Freund. So ſtandhaft iſt kein Menſch, obſchon es einem Jeden vorgeſchrieben, und darum biſt Du ſtrafbar.„— Bei meinem Leben! Sie furchten ſich alle nur ſo gewaltig vor dem juͤngſten Gericht, weil ſie dem Herrn und ſeinen Engeln zutrauen, daß fie werden, wie Erden geſchieht.“ —„Ich zittre nicht vor dem Gerricht der Todten; aber vor dem Verdammungsſpruch, den mein Gewiſſen mir unaufhorlich zuheult!“— — 396— „Wenigſtens geſtehſt Du, daß Dein Gewiſſen ſpat, ſehr ſpät rebelliſch geworden. Es ſcheint ein phlegmatiſcher Greis zu ſeyn, der lange, lange die Unarten ſeines Kindes aus Bequemlichkeit er⸗ trägt, und endlich Bad und Kind zugleich ver⸗ ſchuttet. Laß uns ernſthaft und freundlich unter⸗ ſuchen, ob Du, ob ich, Dein Ungluͤck gemacht. Die Wurzeln deſſelben ſind zu finden in dem Bankrott von Hamburg und in Eugeniens unver⸗ zeihlichem Benehmen. Alles andre iſt nur die Folge des Anfangs; ſelbſt die Leidenſchaft fur Eliſe, die leider allzuernſthaft ausgeſponnen wurde. Der Bankrott raubte Dir das Vermoͤgen, das Weib Dein Gluͤck. Und konuteſt Du da helfen? Bezwang ich gleich das erſte Uebel, das zweite blieb dennoch Dir auf dem Halſe. Geſetz und Kirche hatten fuͤr Dich keine Aufloͤſung Deiner Eheketten. Der gemeine Burſche, der ſein Weib mit Schlaͤgen mißhandelt, wird von ihm getrennt; fuͤr die tauſendfach empfindlichern Leiden der Seele hat das Geſetz keine Arznei, und pflegt daher lieber in der Ehe peinigenden Schranken — 395— eine Pflanzſchule von Unrecht und Verbrechen, die endlich ſeine eiſerne Fauſt ohne Mitleid beſtraft. Das Geſetz, welch ein Popanz! es ſchmiedet fuͤr ſeine Unterthanen die ſchwerſten Feſſeln, und zer⸗ bricht ſelbſt eine jede ſo leicht, wenn es ſeiner Willkuhr frommt.„Fort in den Kerker auf ewigk“ ſchreit es manchem Diebe zu:„auf ewig geſchie⸗ den von den Deinen!!“ und der Dieb iſt vielleicht ein zärtlicher Gatte.—„Auf den Block mit dem Verräthet, mit dem Todtſchläger, mit dem Raͤn⸗ ber, dem Muͤnzer, dem Ausreißer!“ und der ſo gräulich von Allem, was ihm thener, geriſſene Muͤnzer oder Ausreißer iſt vielleicht der liebe⸗ vollſte Vater! Warum ihn mit dem Schwerte ſcheiden?— Die Zwecke, die hoͤhern, verlangen's. — Warum nicht durch ein gelaſſen Artheil zwei Menſchen trennen, die ſich gegenſeitig das Leben verbittern?— Es verlangt's keine hoͤhere Ruͤck⸗ ſicht.— Punktum; abgeſchlagen, zur Ruhe ver⸗ wieſen. Und daraus der Ehebruch, der Verrath. der Mord...! nrin, Leopold, Du biſt nicht allein ſchuldig deſſen was Du begangen.“ — 398— Leopold hoͤrte ſchon aufmerkſamer zu. Die Sophismen einer ſolchen Apologie verfehlen nie gaͤnzlich ihren Zweck bei dem Betheiligten.— Heckdey merkte ſeinen Erfolg, und wurde feuri⸗ ger:„Dein Leben muß jetzt ein andres werden, denn zuvor. Du kannſt ſeine Wunden nicht mehr heilen; ſuche ſie zu vergeſſen. Laß Alles hinter Dir hinunterſinken. Ich bleibe Dir getreu; wir wollen uns vereinzeln von dem uͤbrigen Menſchen⸗ ſchwall, wollen der Geſellſchaft mit Verachtung lohnen fuͤr die Unbilden, die uns ihre Tollhaͤusler⸗ gebote, oder ihre tyranniſchen Dekrete zugefuͤgt ha⸗ ben. Wir wopen uns in Belagerungsſtand ſetzen, und Ausfälle thun, ſo derb und gänſtig, als ſie in unſrer Macht ſtehen. Unſer Pakt ſoll, wie Du einſt ſagteſt, ewig währen, und wir wollen verſu⸗ chen, finſtere Gewalten in unſern Bund zu zichen.“ —„Wie meinſt Du das 7« ſagte Leopold ſehr ängſtlich.— Hoͤhniſch verſetzte der Andere:„Der Zufall, der Herr der Erde, ſoll uns zu Dienſten werden; nichts weiter. Ich will erproben, ob uns — 399— beiden vereint nicht gelingen ſollte, was mir allein einſt gluͤckte: dem Schickſal ſeine Gunſt abzutrotzen.“ —„Und wenn nicht?“—„Dann find die Elemente noch vorhanden, unſern Staub aufzu⸗ nehmen.“— —„Ein traurig Ende!“ Leopold verſtand ſei⸗ nen Freund, aber dieſer zog die Brauen zuſam⸗ men, ſagend:„Fuͤrchteſt Du? Geächteter, Zerriſ⸗ ſener, furchteſt Du eine Todesminute?““—„Nein! da iſt meine Hand fuͤr immer. Du wirſt mir ſagen, wann der letzte Anker brach, wann es Zeit iſt.“—„Ja, Levpold.“ —„O Caͤcilie! Dein ungluͤcklich Beiſpiel!“ ſchluchzte Leopold.„Du glaubſt an ein Wieder⸗ ſehen jenſeits?“ fragte Heckdey duͤſter, und, als Leopold eifrig bejahte, ſetzte er bei:„Du Gluͤck⸗ licher! ſo darfſt Du niemals die Tochter verloren achten. Darum ſtille Deine Thränen. Noch lebt auch Ralph, wie ich hoffe.“— Leopold zuckte ſchroff die Achſeln. War doch ſein liebſtes Kind dahin.„Ich mochte ihn jetzt nicht wiederſehen;“ murmelte er.—„Er iſt zu — 400— den fremden Truppen gelaufen;“ ſagte Heckdey, dem des Vaters Gleichguͤltigkeit wohlgefiel:„ein Freund hat mir's von Lidenitz geſchrieben.“— Er zeigte den von Wirgenas verfaßten, mit dem Uniformknopfe geſiegelten Brandſchatzungsbrief.— Leopold wies ihn, wie zu erwarten geweſen, zuruͤck:„Der Bude mache ſeine Schule durch, und werde ſeiner Mut⸗ ter eine Stutze.“— Dann brach er weinend aus: „Seine Mutter! Eugenie! O Georg, ich habe ſie doch unſaͤglich geliebt. Ich denke an ſie mit bittrer Seelenqual, waͤhrend Eliſen's Andenken jetzt ſchon, nach wenigen Stunden, zu verbleichen beginnt!“ —„Laß die Schwaͤrmereien!“ brummte Heck⸗ dey:„da iſt nicht mehr zu helfen. Aber fliehe anch ſchnell die Naͤhe der betrognen Eliſe. Wer buͤrgt Dir, daß nicht der ſtolze Edelmuth des Vaters in Verfolgung ausarte? Wird die Sache nicht ruchtbar werden? wird Eliſe nicht wieder frei ſeyn wollen? Eine Klage, wie bald erhoben? ein Proceß, wie bald inſtruirt? Gensd'armen und Steckbriefe, wie ſchnell? Laß' uns eilen, den Ka⸗ nal zwiſchen uns und Frankreich zu ſpreiten!“ — 0— „Nach England?“ fragte Leopold. Und Heck⸗ dey entgegnete mit diaboliſcher Frohlichkeit:„Lon⸗ don und Paris muͤſſen unſre Heimath werden, bis das Gluͤck ſich gewendet. Heute iſt jedoch Paris uns gefährlich; alſo friſch in die Haupt⸗ ſtadt Englands, in die ungeheure Weltſtadt, in den Strudel, der Alles verſchlingt, in den Schlund, der Alles verbirgt. Wenn uns gelingt— und ich ahne dieſes Gelingen— wenn uns gluͤckt, dort den Reichthum abermals an unſern Wagen zu feſſeln, dann iſt Zeit genug, auf Amerika's Kuͤſten wieder ehrlich zu werden.“ —„Wenn der Segen mit uns waͤre, Georg! Aber verdienen wir ihn?“—„Halte Du es mit dem Gebet; ich wills mit kuͤhnen Unternehmun⸗ gen halten. Ich will dreiſt ſeyn, wie die Natur den Menſchen geſchaffen: daß er Theil nehme an allem, was die Welt fuͤr Alle hervorgebracht. Ich will ſehen, ob ich noch etwas Grundnatuͤr⸗ liches an mir habe. Ich ſpuͤre einen Reſt davon, denn ich habe lange frei, von der Schulſtube Eu⸗ ropa fern, gelebt. Welch eine Exiſtenz in dieſem Boa Conſtrictor. IU. 26 — 402— geknebelten Heuchlerwelttheil, wo die zwanzig er⸗ ſten Jahre unſers Daſeyns gleich benuͤtzt werden, Alles zu vertilgen, was die Schopferin uns einge⸗ pflanzt! Zwanzig Jahre ſogenannter Bildung, um uns eine Larve zuſammenzukleben, und uns daran zu gewohnen! Deshalb: wenn im Verlauf der Zeit einmal die zuſammengeleimte Miſere herab⸗ und unſer Blick in den Spiegel fällt, entſetzen wir uns nicht ſelten vor uns ſelbſt, und der Pobel ſchilt uns„Ungeheuer«... Es iſt, um ſich aufzuhängen. Sag' aber Du nun, Menſch mit der durchlöcher⸗ ten Maske: biſt Du bereit, von dannen zu eilen?“ —„Ich bin's; in... Gottesnamen!“—„Wohl; ſchon zieht der Morgen herauf. Die Diligence wird bald hier anhalten! Wir beſteigen ſie, da wir zu ſparen haben, und Extrapferde jetzo fuͤr uns ein übertriebener Lurus waͤren. Nur geſchwin⸗ de; nur gefaßt, und eine lederne Stirne ange⸗ nommen! Binnen ſechsunddreißig Stunden ſind weder Marechauſſee, noch Code pénal fuͤr uns mehr vorhanden.“ — 403— 12. Bideniz, wie arm an Freude, wie verlaſſen von geſelligem Leben, hat doch ſein Paradies.— Das iſt ſein Schloß auf dem Sandhaufen, um⸗ geben von einem Froſchgraben, uͤber den eine morſche Brucke fuͤhrt, und von einem Zwinger mit ſieben Zwetſchenbaumen, der Hofgarten ge⸗ ſcholten wird. Das Schloßchen iſt gaſtfrei, ein angenehmerer Aufenthalt als ſelbſt das Caſino bei der Feldweblin, in der Gemeindeſtube, wo zu andern Zeiten„Buglamaſta“(Burgermeiſter) und Rath das Budget von Lideniz beſprechen.— Der Gutsherr, ein Graf oder Freiherr, lebt in der Reſidenz, und ſteht unter Adminiſtration.— Der Regent oder Adminiſtrator bewohnt alſo das Stammſchloß, und ſeine Gattin, die Frau von Platuwa, macht deſſen Honneurs. Sie war eine ſchone Dame, zu ihrer Zeit, die gnaͤdige Frau von Platuwa, da ſie noch Herr⸗ ſchaftskinder erzog,— naͤmlich die unmuͤndigſten — 404— — ihre Gebieterin friſirte, und ſich von dem Schreiber des Amtmanns den Hof machen ließ. Am ſchoͤnſten ſtrahlten ihre Reize, da ſie mit demſelben Schreiber, der indeſſen Amtmann ge⸗ worden, nachdem er zwiſchendurch Kammerdiener geweſen, vor dem Altare ſtand.— Und da ſie endlich als gebietende Adminiſtratorin im Schloß Lideniz einzog, war ſie einer Herbſtroſe, aber einer recht wohl erhaltenen, zu vergleichen; immer noch berechtigt, von einem alten Bataillonscom⸗ mandeur mit zarter Ruͤckſicht ausgezeichnet zu werden. Sie verdiente jede Huldigung. Ihr Anſtand vefugte ſie, den ſelbſtverliehenen Adel keck beizu⸗ behalten; ihre Herzensguͤte ſicherte ihr das Privi⸗ legium, trotz mancher Schwaͤchen und Laͤcherlic keiten, freundlich beachtet und geehrt, von den Grundholden des Guts ſogar geliebt zu werden. Der Herr Regent war dagegen— ſeines ſtol⸗ zen Titels ungeachtet— noch wie vordem die ausgeprägte Bedientennatur; anmaßend und tyran⸗ niſch gegen die Untergebnen; unterwuͤrfig und — 405— kriechend vor den Hoͤhern; mit ſeinesgleichen ein Spitzbube. Der adminiſtrirte Graf oder Baron wußte freilich nicht, wo ſein Geld hinkam, und warum ihm dann und wann der theuerſte Wein der Hauptſtadt nicht ſchmeckte.— Sein Regent gab ihm jedoch von den Revenuͤen nur ſein aͤußerſt ſchmal beſchieden Theil, den Glaͤubigern noch weniger, und den Reſt ſeiner eignen Taſche; auch ließ er ſeinen Grafen oder Freiherrn ſtets den ſauern Wein mittrinken— naͤmlich bezahlen, den er zur Ehre des Hauſes den Offizieren der Lide⸗ nizer Garniſon vorſetzte. Und die gnädige Frau traktirte dfters, und buck dfters mit eignen Haͤnden Kolatſchen und Puchteln, um ihre vornehmen Gaͤſte zu erfreuen. Aber, im Gegenſatze zu ihrem Tyran-domes- tique— ein ſchlechtes Wortſpiel nebenbei— vergaß ſie auch die Armen nicht, die da hunger⸗ ten, und re chte ihnen die erklecklichen Broſamen, die von dem Tiſche des Maiors und ſeiner leute fielen. — 406— Sie hatte ſich zur Mutter der kranken Sol⸗ daten aufgeworfen, die in dem von aller Civili⸗ ſation entlegenen Derfe vergebens nach Pflege und Arznei ſchmachteten. Es gab ihrer viele, zum Verdruß des Arztes und ſeiner Gehuͤlfen. Viele lagen auch nicht darnieder, und waren doch nicht weniger krank, als die am Fieber litten. Hunger, Mangel an Kleidungsſtucken, Ueberdruß und das furchtbare Heimweh wuͤhlten an der Ge⸗ ſundheit von Vielen. Die Frau von Platuwa war einmal ausge⸗ gangen, und durchſchnitt nach der Queer die ſo⸗ genannte Gänswieſe. Der Bataillonstrommler unterrichtete auf dieſer ſumpfigen Matte ſeine Schuͤler und Subordinirte. Er war gerade be⸗ ſonders guter Laune, der Herr, und ſchickte alle Tambours heim, bis auf einen, der die Uebung unter ſeinen Augen noch fortſetzen ſollte.— Der arme junge Menſch arbeitete ſich ſehr ab, aber ſeine plan-plan—ran-flan blieben dennoch weit unter dem Mittelmäßigen.— Die Dame war eben in der Nähe des ungeſchickten Schuͤlers, als — 407— der Groſitambour mit weichem Bedauern zu ihm ſagte:„Laß' die Arme ruhen, mein Sohn. Du wirſt es doch nicht dahin bringen, die Schlägel taktfeſt, kraftvoll und majeſtätiſch zu fuͤhren. Haſt keinen Sinn fuͤr Muſik, und der Herr Hauptmann wouͤrden gut thun, Dich anders zu verwenden. Doch unter Gewehr, armer Schelm, biſt du vielleicht noch um einen Zoll zu klein 2“ Dem Jouͤngling ſtanden Thränen in den Augen. Sie galten nicht ſeiner Ungeſchicklichkeit; denn fuͤr ſein Leben gern hätte er ein Loch in die Trom⸗ mel getreten, und ſie weggeworfen; aber ſie floſ⸗ ſen der Elendigkeit ſeiner jetzigen Stellung, und der Erinnerung einer ſchoͤneren Zeit, die er, ob⸗ ſchon gereizt, dennoch ſelbſt von ſich gewieſen.— Weiber haben fuͤr dergleichen ſcharfe Augen. Die Adminiſtratorin errieth, was die Betruͤbniß des jungen Tambours zu bedeuten. Sie ſprach ihn guͤtig an. Er antwortete kaum, und uͤber ſeine hagern, gelbgewordnen Wangen zogen ſich Fulten des Unmuths. „Ew. Gnaden bringen nichts aus dem Trotz⸗ * — 08— kopf;“ begann der Bataillonstambour, und ſchob ſich verſtohlen ein Pfoͤtchen Kautabak in den Mund:„er iſt ein braver, lieber Burſche, aber eigenſinnig, wie ein Diviſionär. Waär' er nicht guter Leute Kind, wie man ihm anſieht, und haͤtte ich nicht eine ellenlange Geduld und eine vaͤterliche Neigung zu dem Jungen, er hätte ſchon einigemal ein Fruhſtuͤck, wie man's nennt, gefaßt; denn Herr Hauptmann ſind ihm nicht gruͤn.“ Ein zorniger Blick des Tambours fuhr zu dem Vorgeſetzten empor. Er ſchämte ſich ſeiner Niedrigkeit vor der Dame vom Schloſſe. „Wenn dem jungen Manne erlaubt wuͤrde, mich einmal— Morgen zum Beiſpiel— auf dem Schloſſe zu beſuchen.. 24 fragte Frau von Platuwa. —„Haben zu befehlen, Ew. Gnaden. Er wird hinauf gehen, Ralph; gleich nach dem Er⸗ erciren.“— Ralph machte eine unwillige Miene. —„Er wird Ordre pariren;« verſicherte der — 409— Großtambour, und erhob, wie zu einer Betheue⸗ rung, ſeinen Stock. Und Ralph ſtellte ſich wirklich ein. Die Frauen haben die Gabe, Vertrauen und Gchorſam, ſelbſt in den Widerſpenſtigſten, zu erwecken, ſobald die Widerſpenſtigkeit nicht argliſtige Berechnung oder Brutalität.— Die Adminiſtratorin beſiegte die Hartnäckigkeit des jungen Menſchen, der ein weiches Herz in harter Bruſt trug. Er entdeckte ihr ſein Schickſal. Sie ſchalt ihn aus; ſie weinte mit ihm; ſie wollte ſeiner Mutter ſchreiben; er bat ſie ſo dringend, es nicht zu thun, daß ſie es unterließ. Sie bot ſich ihm als der Mutter Stellvertreterin an; er wollte ihre Gaben, ihre Wohlthaten nicht umſonſt. Sie ſchlug ihm vor, ihre Kinder dafuͤr zu unterrichten; er ging den Handel ein, und war frugal auf dem Schloſſe, wie im Quartier. Sie wollte den Capitain fuͤr ſeine Lage intereſſiren. Der wollte nichts davon hoͤren. Sie bat fuͤr Ralph um Erleichterung des Dienſtes, um Befreiung von der Trommel; Wir⸗ genas ſchlug das ab. Sie wendete ſich an den — 410— Chef; der Major war willfähriger, und diſpen⸗ ſirte den Juͤngling. Der Hauptmann ſchwieg unzufrieden, und machte hoͤhern Orts ſeine Meldung. Da ſchienen plotzlich die Conſiellationen der Zeit ſich anders zu geſtalten. Des Friedens Er⸗ haltung wurde zweifelhaft, ein Krieg ſtand zu erwarten. Die Cantonirungen wurden nicht auf⸗ gehoben, die Truppenabtheilungen verſtärkt, alle auf Kriegsfuß geſetzt. Die alten Kriegsartikel fuͤr den Felddienſt wurden erneut; die ſchärfſte Disciplin trat ein; die locker gewordnen Bande der Fahnenpflicht zogen ſich enger zuſammen. Ralph war zufrieden mit den Kriegsgeruͤchten. Noch traumte ſeine unſchuldige Secele von Waf⸗ fenthaten, von Befoͤrderung auf dem Schlacht⸗ felde, von einem Rang, mit Blut und Tapfer⸗ keit errungen. Ob ſich gleich die Donnerwolken auf der Stirne ſeines Hauptmanns haͤuften, be⸗ ſuchte er dennoch täglich das Schloß; nicht um zu ſchmauſen, ſondern um ſeinen Unterricht fort⸗ zuſetzen, und die Zeitungen zu leſen, wonach er jetzt begieriger als je geworden. — 411— So kam er auch eines Tags. Ein Pack von neuen Blättern war eingetroffen. Nicht einmal der Regent hatte dieſelben noch geleſen. Nengie⸗ rig durchſtoberte ſie der Juͤngling. Er ſuchte eifrig nach dem Artikel aus dem Vaterlande.— Da ſtand er; da ſprang dem Leſer der wohlbe⸗ kannte Name„Weiſſenbrunn“ in die Angen. Aber dieſe wurden ſtarr und gluhend, da ſie fan⸗ den, was ſie nie zu finden erwartet hatten:„ein liebliches Mädchen— die Hoffnung ihrer Eltern — Cäcilie E.— in einer Anwandlung von un⸗ begreiflicher Melancholie— vom See verſchlun⸗ gen— der Koͤrper nicht gefunden„ „O himmliſche Barmherzigkeit!“ ſchrie der Bruder auf, und hielt bebend der eintretenden Platuwa das Blatt entgegen. Sein Antlitz war das eines Todten:»Dieſe war meine Schweſter k“ ächzte et:„und meine Mutter in Verzweiflung, die ärmſte Mutter! Und ich bin nicht dort, ſie zu troͤſten! Ich muß fort augenblicklich hinweg von Lideniz! Leihen Sie mir etwas Geld, gnä⸗ dige Frau— nur einige Gulden; ich muß wahr⸗ — 412— haftig unberzuͤglich zu meiner betruͤbten Mut⸗ ter—. Die Adminiſtratorin war überraſcht; es uͤber⸗ lief ſie kalt. Sie, ſelbſt Mutter,— wie gerne haͤtte ſie den jammernden Juͤngling mit Fluͤgeln verſehen, nach ſeiner Heimath durch die Wolken zu ſchiffen. Aber ein Blick auf ſeinen Rock gab ihr zu verſtehen, daß hier nicht des Unglucklichen Wille Geſetz ſey.„Sie konnen ohne Urlaub nicht von dannen!“ ſagte ſie. —„Was kuͤmmert mich Urlaub und Permiſ⸗ ſion 2 entgegnete er heftig:„ich trage ſchon lange mit Ungeduld dieſe Montur und den Dienſtzwang. Jetzt ruft mich die heiligſte Pflicht. Der Sol⸗ dateneid ſoll mich nicht binden.“ „Sie duͤrfen nicht fort;“ ermahnte die Frau mit Beſorgniß:„Wollen Sie aufgefangen, als Deſerteur behandelt werden? Welch ein Loos wuͤrde Ihrer warten? Nein, nein, verbannen Sie dieſe unhaltbaren Gedanken. Vertrauen Sie Ihren Obern. Sie ſind auch Menſchen, und werden Ihren Gram verſtehen.“ — 413— —„Von dem Hauptmann hoffe ich Nichts;“ ſagte Ralph duſter und kopfſchuttelnd:„Er quält mich, wo er nur darf, und in den gegenwaͤrti⸗ gen Verhältniſſen, wo der nächſte Tag uns einen Marſchbefehl bringen kann, hilft auch des Com⸗ mandeurs Protektion nicht.“ Wer weiß, wer weiß, ungläubiger— Ich will ſelber mit Herrn von Wirgenas reden. Er wäre hochſt ungalant, wenn er mir abſchluge, was ich begehre. Gehen Sie unterdeſſen und be⸗ ruhigen Sie ſich. Ich werde Ihnen wiſſen laſ⸗ ſen, was ich ausgerichtet habe.“ Selbſt von den beſten Hoffnungen erfullt, entließ ſie ihren Schuͤtzling. Ralph uͤberlegte im Fortgehen, ſo viel ſeine Bewegung es zuließ, daß es unziemlich fuͤr einen Mann ſey, von eines Weibes Fuͤrſprache das zu erwarten, was ihm von Rechtswegen werden muͤſſe; und beſchloß, zur Stunde ſelbſt dem Hauptmann ſein Geſuch vorzutragen. Ein Korporal, der vergebens um einige neue Monturſtuͤcke gebeten, kam ihm an der Thuͤre des — 414— Herrn v. Wirgenas entgegen.„Wenn Er was zu begehren hat, Tambour, ſo bleib Er heute weg;“ ſagte der Soldat gutmuͤthig:„Der gnaͤ⸗ dige Herr Hauptmann ſind nicht zum Beſten aufgelegt.“—„Er iſt's nie fuͤr mich;« ant⸗ wortete Ralph eilig:„darum iſt mir's auch jetzo einerlei.“— Alſobald ſtand er in der Stube des Geſtrengen.. Wirgenas lag auf dem Bette, die lange Pfeife im Mund, und einen Brief in der Hand, den er langſam durchbuchſtabirte. Seine Laune war wirklich die glänzendſte nicht. Heckdey kuͤn⸗ digte ihm einen ſehr geſchmälerten Wechſel als den letzten an, und ließ ihn, in der Folge etwas mehreres zu erhalten, nur dann hoffen, wenn er den Sohn Leopold's, den ihm Georg mit drei Kreuzen recommandirte, in der ſtrengſten und unaufloslichſten Zucht behalten wuͤrde.— Unter dieſen Umſtänden kam ihm Ralph gerade ſchr ungelegen; und auch gelegen, wie man will. Nachdem er ihn eine Viertelſtunde hatte war⸗ ten laſſen, fragte er barſch nach ſeinem Begehr. Ralph entwickelte es in wenig Worten. Er bat um Urlaub von mehreren Tagen, um ſeine Mut⸗ ter nur eine Stunde lang zu ſehen.— Abſcheu⸗ liche Schadenfreude lachte aus dem Geſichte des Capitäns. So 2. ſpottete er:„hat das Puͤpp⸗ chen ſich den Garaus geſpielt, weil kein Mann an ihre Angel beißen wollte? Na, ſie ruht jetzt ſanft und kuͤhl. Was will aber Er bei der Mutter?“ —„Ich habe ſie zu troͤſten;“ ſagte Ralph muͤrriſch.—„Nun, Er wird ihr auch nicht den Himmel voll Geigen haͤngen, und das Gänschen wieder lebendig machen. Drum bleib Er huͤbſch, wo er iſt, und laß' Er ſich die butterweichlichen Narrenspoſſen vergehen.“ Ralph's Blut wallte ſchon haſtiger. Dennoch ſagte er gemäßigt:„Ich bitte gehorſamſt, Herr Hauptmann wollen mir's nicht abſchlagen.“ Worauf Wirgenas lebhafter:„Was heißt das? was ſoll die Thraäͤnencomdͤdie? iſt das die Schule eines Soldateu? Kaum iſt er als boͤſer Bube zum Regiment gelaufen, und ſchon moͤchte — 416— Er Urlaub, wie im Lyceum Seine Vacanzen? Ich will Ihm aber beſſer ſagen, was in Seinem Kopfe ſteckt. Ausreißen, deſertiren, das will Er. Ich weiß, daß eine Behoͤrde von dort ſich bei uns fuͤr Seine Entlaſſung verwendet, aber, er⸗ ſtens, entlaſſen wir nicht ſo geſchwind uͤberhaupt, und zweitens iſt jetzt das Feldregiment an der Reihe. Wann der Krieg vorbei, dann läßt ſich von der Sache reden; heute nicht.“ —„Ich weiß, daß Sie mir nicht wohlwol⸗ len, Herr Hauptmann...6 begann Ralph trotzig. Wirgenas fuhr dagegen auf:„Es ſoll Ihm das Wetter in den Kragen fahren, wenn Er nur noch einmal ſolche Verlaͤumdung auf's Tapet bringt. Nicht gemuckſt, ſage ich. Oder, will Er ſich beſchweren? So wiſſe Er, daß, wie die Sachen jetzt ſtehen, Ihm keine Protektion mehr hilſt, und wenn Er an deu Proprietaͤr ſelbſt ginge.“ —„Da ich Ihnen die Ehre anthat, hoffte ich, Sie wuͤrden menſchlich ſeyn, Herr Haupt⸗ mann...* ſagte Ralph mit Bitterkeit. Da — 411— ſtand jedoch Wirgenas kerzengerad vor ihm, und ſchrie ihn an:„Die Ehre? menſchlich ſeyn? Er raͤſonnirt noch? Er braucht das Maul? Weiß Er, daß ich Ihn durchhauen laſſen werde? Ein Wort noch, und der Haslinger wird Ihn Mores lehren. Fort, Marſch, che mir die Sns uͤber⸗ läuft!“ ine Ralph wich dem Grimmigen 5 ef nach ſeinem Quartier. Dort weinte er ſich ſatt, und verſchmaͤhte jede Nahrung, die ihm ſeine Kameraden mitleidig anboten.„Ich will nicht mehr Soldat ſeyn,“ rief er:„und mag Eure Koſt nicht mehr. Dieſe Nacht gehe ich auf und davon, und wenn ich das Leben S ſetzen muß!“ 10 10541 Die Neulinge entſetzten ſch vor S virhb Drohung; die Aelteren lachten daruͤber.„Daſſelbe haben wir auch ſchon oft geſagt, da wir an das Kommisbrod ſchmeckten, und haben uns wohl gehoͤtet, es auszufuͤhren;“ bemerkte einer von den letzten:„Wer macht gern die Promenade ſechs⸗ oder zwolfmal auf und ab durch eine Allee von Boa Conſtrictor. II. 27 — 218— vierhundert Mann, die da iſt, wie gerade jetzo im Fruͤhling, wo die Bäume ausſchlagen? Nein; lieber hielten wir den Dienſt, als die Ruthen aus, und Du, wirſt Rſar Beiſpiel gen.“— Sie ſangen im Chorus nach der Melodie des Zapfenſtreichs: „Wenn Einer deſertiren will, „Und weiß kein'n Weg, „So bleibt er bei der Compagnie, „Und kriegt auch keine Schlag'.“ „Ei ja;“ fuhr der Trommelveteran fort:„Ein wunder Ruͤcken, das wär' mir eine Gnad'! Zu⸗ dem gings alleweil gar nicht damit ab. Wir ſtehen ſo zu ſagen vor dem Feind, und: wips! heißt's dann: wie hoch der Galgen?“ Während die Kameradſchaft lachte, fiel Ralphs Muth vor dem gräßlichen Bilde ſchmählicher Hinrichtung darnieder. Sein Leben, obſchon wel⸗ kend in ungewohnter Sphaͤre, war noch allzu⸗ friſch, als daß er ohne Schaudern an den Tod der Schande hätte denken können. Er beſchloß — 419— alſo, muthig auszuharren, und mindeſtens noch abzuwarten, ob die Bemuͤhungen der muͤtterli⸗ chen Freundin einen Erfolg haben wuͤrden.—— Die Gelegenheit war gunſtig. Ein Avancir⸗ ter, der vom Regimente ſchied, gab ſeinen Ab⸗ ſchiedſchmaus, und der Adminiſtrator hatte ſei⸗ nen Saal dazu geliehen, ſeine Kuͤche dem Gaſt⸗ geber zur Dispoſitivn geſtellt. Was drei Meilen in der Runde ein Porte⸗epée trug, war bei der Solennität. Die heiterſte Laune beſeelte die Gäſte, und um ſie zu erhohen, wurden die Flaſchen nicht geſpart. Ein zierlicher Pole, von den Uh⸗ lanen, ließ ſeine ſilberne Tabatiere auf dem Por⸗ zellanteller kreiſen, und planderte einen Schwank nach dem andern. Ein Italiener ſang Venedigs luſtige Liedchen, ein geſchickter Bohme braute koſt⸗ baren Punſch, ein andrer den berauſchenden Tſchay. Die älteren Offiziere ſchwatzten von den verlau⸗ fenen Kriegszeiten; die jungen freuten ſich der neueſten Kriegshoffnung. Sie wetteten, ſie han⸗ delten, ſie ſpielten, ſie neckten ſich. Mitten unter 2 — 420— dem froͤhlichen Getuͤmmel hatte ſich des Herrn v. Wirgenas ſaures Geſicht merklich verklärt. Die Frau von Platuwa wartete nur auf dieſen Moment. Kaum hatte der Capitaͤn zum zwan⸗ zigſtenmal gerufen:„Auf Ehre, ich bin heute ſo fidel, daß ich meinen ärgſten Feind kuͤſſen mochte!“ ſo winkte ihm auch ſchon die Adminiſtratvrin, ihr unbemerkt ins Nebenzimmer zu folgen.— Er gehorchte. „Was iſt zu Ihrem Befehl, allerliebſte, aller⸗ ſchoͤnſte Frau von Lideniz,— von Platuwa, wollt' ich ſagen?— Beſehlen Sie unumſchränkt uͤber Ihren Knecht. Auf Seele: Ihre Ordres ſind mir reſpektabler, als die mir einſt die alte Feldmarſchalldurchlaucht gegeben.*— „Dieſe Betheuerung floͤßt mir vielen Muth ein, Herr Hauptmann. Allerdings habe ich von Ihnen etwas zu erbitten, und es wird ſo leicht, ſo leicht. „Heraus damit, gnadige Frau. Soll ich Sie lieben? Soll ich mich fur Sie ſchlagen? das iſt mir alles weniger als Kinderſpiel. Zudem haͤtte — 421— ich Luſt, den alten Major aus dem Sattel zu heben, der ſo gluͤcklich iſt, Ihr Vertrauen zu ge⸗ nießen. Auf Ehre: ich habe Luſt.“ „Pfui doch, Herr Capitän. Ich hoffe, daß Sie ſowohl mich, als auch Ihren Commandeur hoch genng ſchätzen, um nicht Dinge vorauszuſe⸗ tzen, die mir empfindlich ſeyn muͤßten 2 „Paperlapapp, gnädige Frau: ich kann dis⸗ kret ſeyn, ſoll mich der und jener.. ja wahr⸗ lich, das kann ich, und wenn Sie wollen, ſchweige ich von dem Major, wie das Grab; wie bisher die Zeitungen von ihm geſchwiegen haben. Na; was ſoll ich aber? gegen wen ſoll ich zu Felde ziechen? Es iſt die hoͤchſte Zeit; wir mist vielleicht morgen ſchon.“ „Nicht doch; Sie ſollen Niemanden wehe Sie ſollen einem armen Menſchen Gutes erweiſen.“ „Ach, ſo2“ fragte Wirgenas argwohniſch, und machte ein langes Geſicht!„ich denke zu verſte⸗ hen, was Sie meinen 4 „Nun? deſto beſſer; ſo brauche ich Wie nur den Namen des braven aber ungluͤcklichen 422— Ralph zu nennen;“ verſetzte die Frau von Pla⸗ tuwa ſchmeichelnd:„Sehen Sie: die Sache ver⸗ haͤlt ſich, wenn Sie mir Gehoͤr ſchenken wollen, alſo:. „Ich weiß, ich weiß;“ fiel Wirgenas trocken ein:„Thut mir aber, auf meine Ehre, leid. Kann nichts daraus werden. Das iſt das einzige, was ich Ihnen abſchlagen muß.“ „So? Sie konnen das uͤber Ihr Herz bringen?“ fragte die Adminiſtratorin ſchmelzend. „Schwer, verdammt ſchwer, ſchoͤne Frau; aber der Dienſt, die Umſtaͤnde, des Burſchen abſonder⸗ liches Enrolement.. liebe Frau, Sie wiſſen gar nicht, fuͤr wen Sie das Wort fuͤhren. Der junge Kerl iſt das ſchlechteſte Subjekt im Batail⸗ lon, und haͤtte man gewußt, was ich jetzt weiß, er waͤre gar nicht zugelaſſen worden. Er iſt ein Dieb, auf meine Ehre; hat krumme Finger ge⸗ macht, einem meiner liebſten Freunde“— er griff nach dem Wechſel in ſeiner Taſche—„einen gan⸗ zen Sack voll Banknoten geſtohlen, comme il faut geſtohlen.4 — 423— „Herr Gott! iſt das moͤglich? ich wage nicht, es zu glauben!“ ſeufzte die Frau von Platuwa ſehr erſchreckt, und abgekuͤhlt. Worauf der Haupt⸗ mann ziemlich grob:„Ei, das muͤſſen Ew. Gna⸗ den. Bin ich fur des Teufels Dank ein Offi⸗ zier? Gilt meine Parole Ihnen nichts? So muͤſ⸗ ſen Sie mir nicht kommen, ſchdne Frau.“ Die Dame winkte ihm, zu ſchweigen, ging raſch nach der Thuͤre, und rief hinaus:„Ralph. kommen Sie doch herein.“ Aus der Menge von Soldaten, die ſich⸗ muͤßig dem Jubel ihrer Obern zuhorchend— in dem Schloſſe lag eine Wache— auf dem Gange ver⸗ ſammelt hatten, trat Ralph furchtlos dem Haupt⸗ mann entgegen⸗ „Sprechen Sie, ungluͤckſeliger!“ redete ihn die Platuwa heftig an:„iſt es wahr, daß Sie mich getäuſcht haben? wahr, daß wirklich ein Dieb⸗ ſtahl und nicht ein Streit, die Haͤrte Ihres Va⸗ ters, Sie von Hauſe weggetrieben?“ Ralph ſtand ſprachlos. Wirgenas donnerte — 424— ihm zu:„Wirds bald? Sagt Er ja oder nein? Bekennt, oder läugnet Er 2 „Ich läugne;“ erwiederte Ralph mnerſchüttert: vich bin unſchuldig, glaube aber uh nich hier verantworten zu muſſen.. „Er glaubt nicht? hat ein Menſch, wie Er, etwas zu glauben? Er will ich Schuüt, der Luͤge zeihen?“— Die Dame wollte ſich beſänftigend ins Mit⸗ tel ſchlagen.„Um Gotteswillen! kein Aufſehen!“ ſeufzte ſie: eeb Sie* S um Got⸗ teswillen!“ „Das thue ich gerne, gnaͤdige Frau verſetzte der Tambour verächtlich:„nur begreife ich nicht, wie Sie mich zu einem ſolchen einladen konnten. 36 „Ach, ich bereue es ſelbſt. Gehen Sie nüt.“— Ralph wollte gehen. Wirgenas ſchnaubte ihm wuͤthend zu:„Er wird augenblicklich in Arreſt gehen.“—„Ich? warum? ich habe nichts ver⸗ brochen.“—„Er haſelirt noch, wo Er ſtumm — 425— gehorchen ſoll? Auf die Wache, ſage ich, Diebs⸗ geſicht!“ „Herr Hauptmann!“ fuhr Ralph nun em⸗ por, und ſeine Faͤnſte ballten ſich, und ſein Blick funkelte den Bedrucker furchterlich an:„Sagen Sie das Wort noch einmal!“ „Kanaille!é“ ſchalt der Andre:„zehnmal, tau⸗ ſendmal!“—„Um Chriſtiwillen, hinweg!““ rief die Platuwa, und wollte den Juͤngling hinaus⸗ dräͤngen. Er widerſtand, dem Hauptmann drohend. Wirgenas ſchrie hinaus:„He da! Unteroffi⸗ ziere, Wache, herein!«— Soldaten traten in's Zimmer.—„Schleppt den Burſchen da er nicht gehorchen will!“— „Wer ruͤhrt mich an?“ tobte Ralhh und ſprang zuruͤck, an ſeine waffenloſe Seite greifend. Die Wache ſtand unſchluͤſſig.— „Tauſend Bomben! ſoll ich mit eigner Hand den Buben bei'm Kragen nehmen?“ Mit dirſen Worten ſtreckte der Hauptmann den Arm nach ſeinem Opfer aus. Mit einem Fluche zog er ihn zuruͤck. Der ungluͤckliche Ralph hatte einem — 426— Soldaten das Bajonnet von der Seite geriſſen und in blindem Zorn dem Capitän einen Stoß verſetzt.„ Ein Schrei des Unwillens und des Schreckens wurde ringsum laut. Die herandringenden Offi⸗ ziere umgaben den verwundeten Kameraden. Die Wache ergriff nun ungeſtuͤm den Verbrecher, und mißhandelte ihn mit den Flintenkolben. Als er — von nun an wehrlos— von dannen geriſſen wurde, ſchluchzte die Platuwa voll Seelenangſt: „Er iſt verloren!“— „Ja, Gott ſey Dank, das iſt er unwiderruf⸗ lich;“ entgegnete mit teufliſcher Kälte der Haupt⸗ mann:“ Verbindet mir die Schramme, und gebt mir ein Glas Tokayer. Der Schurke hat mich alterirt, auf Ehre!““ 13. Ungeheure Hauptſtädte ſind ein Ausſatz fur das Land, ein freſſender Krebs, der alles Geſunde 3 — 27— um ihn her aufzehrt, und nach und nach in eine und dieſelbe breite verdorbene Wunde verwandelt; von der Tyrannei aller Arten zu ſchweigen, die ſie uͤber die Provinzen ausuͤben, die Weltſtaͤdte. — Dieſe Polypen ſchluͤrfen Alles ein, und geben's nach einer Weile abgenutzt und verderbt wieder heim. Wer ſich in ihre Arme geworfen, wird fruh oder ſpät ein Apoſtel ihres ſittlichen Elends, ihres Deſpotismus, ihrer Lächerlichkeit, ihrer Ver⸗ worfenheit. Paradieſe der Abentheurer, der losgelaſſenen Diebe, der entſprungenen Moͤrder! welches Auge, als nur des Hoͤchſten, dringt in eure dädaliſchen Straßen, Winkel und Haͤuſer? Kein Augenblick des Tags und der Nacht, wo nicht in euerm Bereiche die Schwelgerei ihre ſcheußlichſten Or⸗ gieen beginge, nicht Dietriche arbeiteten, nicht Meuchlerwaffen blitzten, nicht Verbrechen jeder Gattung beredet, beſchloſſen, vorbereitet, vollzogen wuͤrden! Ihr ſeyd die wahren, ſtets von Gräuel durchfurchten Schlachtfelder des großen unerbitt⸗ — 8— lichen Krieges, den die Kinder der Erde unter⸗ einander fuͤhren. 3 Tempel ſtreben empor aus den gewaltigen Maſſen der Gebände; Kreuze flimmern auf ihren Kuppeln; von ihren Thuͤrmen ſchallen Glocken, die zum Gottesdienſte rufen. Doch koͤnnten dieſe chriſtlichen Kirchen eben ſo gut heidniſche Pago⸗ den ſeyn. Sie ſtehen blos des Herkommens we⸗ gen in den Städtechloſſen. Fortuna allein iſt die Goͤttin, die zu Babel verehrt wird. Alle ſirdmen hin, um das Gluͤck zu ſuchen; Alle bekennen dieſen Zweck laut und offen. Doch fuͤhrt redliche Arbeit ſeltner zum erſehnten Ziel, als Liſt und Betrug es thun. Die erſten Beduͤrf⸗ niſſe der Bemitteltern waͤren bald erſchwungen, bald befriedigt. Was ſollen aber die Hundert⸗ tauſende beginnen, die, ſelbſt hungernd und gierig, ein Recht auf die Boͤrſe ihrer Nächſten zu haben vermeinen? Sie klammern ſich an deren Gefuhl⸗ Albernheiten und Leidenſchaften. Die ernſte Wiſ⸗ ſenſchaft, die heitre Kunſt laſſen ſich herab, der Thorheit fuͤr Sold zu dienen. Die Handlanger — 429— der Narrheit, die vielen Tauſende, ſind uͤbrigens noch ſehr ehrliche und reſpektable Leute. Aber denen, die da wirklich hungern im An⸗ geſichte voller Tafeln, und kein Geſchick beſitzen, den Launen der Welt zu froͤhnen, und keine Ge⸗ duld, vom Zufall ihre Broſamen zu erwarten, und keine Luſt, auf einem andern Punkte der Erde, der Menſchheit nuͤtzlich zu werden,— de⸗ nen, die in Legionen Morgens ſich vom Stroh erheben, ohne zu wiſſen, ob ſie Abends nur einen Stein finden werden, ihr Haupt darauf zu legen; — denen bleibt nur ein Quell des Lebens: die⸗ Miſſethat. Wie jedoch alle Stufen und Claſſen civiliſirter Menſchheit ſich unmerklich verſchmelzen, ſo ſteckt der Miſſethaͤter nicht immer in Lumpen, iſt nicht allemal ein dem Bagno entſprungener Boſewicht. Es trifft ſich nur zu oft, daß feine Kleider ſeine Glie⸗ der decken, daß feine Sitten ihn in beſſere Cirkel ſchmuggeln, daß die Gewohnheit fruͤherer, beſſe⸗ rer Tage noch den Nimbus des Gentleman um ſein geſunkenes Haupt webt. Dieſe amphibiſche — 430— Claſſe, vielleicht die ſchlechteſte von allen, macht den Uebergang von der guten Geſellſchaft zu de⸗ nen, die ſchon mit aller Geſellſchaft fertig geworden. Heuchleriſch verborgne Noth, und unverſchäm⸗ tes Schmarotzerthum,— hierauf ſchamloſe Dienſi⸗ barkeit gegen Luͤſterne, und ſträfliche Gefälligkei⸗ ten des Maklers und Kupplers,— dann des Lägners und Spielers Gewerbe, um ſich vom undankbar belohnten Handwerk eines Ruffiano wieder aufzuhelfen,— alsdann Betrug in Karten oder Papieren— Gaunerei und Diebſtahl;— endlich. der Raub und.— Die Beſtie von Haus aus, die da herumgeht mit dem Teufelgeſichte, blutduͤrſtigen Augen und gekrallten Fingern, und unflätigem Munde, iſt nicht ſo ſchlimm, als der nach und nach vom Beſſern Herabgeſunk'ne, deſſen Gewiſſen nur all⸗ maͤhlich ſchwieg, wie eine Lampe an Oelmangel dahinſtirbt. Man kann ſich vor der Beſtie huͤten; vor dem maskirten Verbrecher nicht.— Von Paris nach London, von London nach Paris iſt eine ewige Kreuzfahrt der Gauner. Die — 431— Zunft verſteht ſich beſſer, als jede andere. Fuͤr ſie macht Krieg oder Friede keinen Unterſchied, und jede Nation Europa's hat ihre Repraͤſentan⸗ ten in dieſer Zunft. Gleich den Normannen fa⸗ belhaften Angedenkens, gleich den Barbaresken, die auch bald eine Fabel ſeyn werden, erſcheinen ſie plotzlich an dieſer oder jener Kuͤſte, je nach⸗ dem der Aufenthalt am jenſeitigen Geſtade fuͤr ihre Zwecke geheuer oder nicht.—— Es war Hochſommer. Es befand ſich, nach dem Sprachgebrauch der faſhionablen Welt, Nie⸗ mand in Paris; als zwei ſehr eilfertig reiſende Herren im Hotel de Tours am Vorſenplatze abſtiegen. In aller Geſchwindigkeit wählten ſie ein Zimmer, und tilgten in einem warmen Bade die ungeheuern Staubſpuren der haſtigen Fahrt von ihren Individuen.— Nachher ein— Fruͤhſtuͤck auf dem Zimmer. Nachdem das bedienende Mädchen verſchwun⸗ den, holten beide tief Athem, und betrachteten ſich zufrieden laͤchelnd, wie nach glucklich uͤber⸗ ſtandener Todesgefahr. Es war auch etwas der⸗ — 432— gleichen geweſen, wie ihre Reden bald an⸗ zeigten. „Es ſey geprieſen zt guter. lieber Leopold;“ hob der aͤltere, Georg, an:„den engli⸗ ſchen Schurken wären wir entronnen. Nun laß' uns erwarten, wie Paris uns anſchlagen wird.“ Leopold verſetzte, wacker kauend und ſchluͤr⸗ ſend, mit verächtlichem Ausdruck:„Gut anſchla⸗ gen? nein. Schlecht bekommen? viel cher. Lie⸗ ber Freund, mit unſerm Sterne iſts vorbei. Er⸗ wiſche einmal Fortuna's Schopf, wem ſie das kahle Hinterhaupt weist! finis Poloniae! Wer⸗ den uns bald ſchlafen legen moͤſſen.“— Ein unangenehmes Gelächter begleitete die gu⸗ lich troſtloſe Rede. Georg ſah betreten auf ſeinen xcher; d der Biſſen quoll in ſeinem Munde. Das ſtarre Ver⸗ neinen ſeines Gefährten ſchlug jede Saat der Hoffnung in ſeinem fruchtbaren Geiſte darnieder. Verſtohlen, gleichſam ſchuͤchtern, beobachtete er den Freund. Sie beide waren andere Perſonen geworden. Erfindung, ſchnelles Auffaſſen des — 433— Augenblicks, unerſchutterliche Ausdauer waren frei⸗ lich Georgs hervorſtechende Eigenſchaften geblie⸗ ben; aber in der Ausfuͤhrung ſeiner Plane ſtand er gegen Leopold zuruͤck, der ſich angewoͤhnt hatte, ohne Wahl Alles zu ergreifen, Alles zu vollzie⸗ hen, was ihm Georg anbot oder befahl; der auf die Folgen gar nicht mehr achtete, und weder Bedenken, noch Zaudern, noch Zartgefuͤhl mehr kannte. Die auffallende Aenderung der Perſonen ſprach aus ihren Zuͤgen deutlich. Heckdey war blaß, nachdenklich, verſtort geworden. Die Mundwin⸗ kel hingen ſchlaff, die Augen waren zuruͤckgeſun⸗ ken, Naſe und Backenknochen ſchroff hervorge⸗ treten. Die Schwindſucht des Gewiſſens redete aus jeder Falte, trotz des männlichen Anſtrebens gegen die Ermattung, die aus den Blicken leuchtete. Leopold dagegen ſchien eine Roſe der Ver⸗ ſunkenheit. Uebermaͤßig gefärbt, mit vorquellen⸗ den Augen, voll von truͤgeriſchem Irrlichtglanze; — um die Naſe, um die Lippen die ziemlich Bos Conſtrictor. I. 28 — 434— ausgepraͤgten Linien der Frechheit; verwilderten Haars und vernachläſſigten Anzugs hatte er ſich zum wohlbeglaubigten Herold ſeines Lebens und ſeiner Leidenſchaften geſtempelt. Aus ſeiner Phy⸗ ſiognomie leuchtete nicht mehr die Vergangenheit, und keine Zukunft mehr. Sie trug die grellen Zeichen des Einverſtändniſſes mit einer eyniſchen Gegenwart, und von Zuverſicht und Hoffnung nichts, als etwa die Entſchloſſenheit des am Pran⸗ ger ſtehenden Verbrechers. Leopold ließ ſichs ſchmecken, während Georg hungerte; er lachte, waͤhrend der Andere ſich mit Sorgen quälte; er ſprach zu jeder Minute vom letzten Akt der Tragoͤdie, waͤhrend der Andere noch auf einen gluͤcklichen Ausgang derſelben ſann. — Georg fuͤrchtete ſich beinahe vor Jenem, und wenn ihm einfiel, daß Leopold ſein Zoͤgling, daß er durch ihn geworden, was er jetzo war, ſträub⸗ ten ſich ſeine Haare und Grauen uͤberlief ſeinen Koͤrper, und er vergaß die Qualen ſeines Innern, um ſeines Opfers Untergang zu beweinen.— Ein Beſeſſener in der uͤppigſten Bluthe ſeines — 435— Satanwahnſinns, und an ihn gekertet Derjenige, der ihm ſeinen Ausſatz vererbte, und nun dahin⸗ ſiecht in toͤdtlicher Erſchlaffung! „Ich gebe zu,“ antwortete Georg den Bemer⸗ kungen ſeines Freundes,„daß Du Dich uͤber mich zu beklagen haſt. Alle meine Combinationen, alle meine Anſchlage ſind auf die erbaͤrmlichſte Weiſe vereitelt worden.“ —„Pah, Georg, pah! wozu das alte Leier⸗ ſpiel? Du nicht, der Zufall, das leidige Ver⸗ haͤngniß hat es ſo gefuͤgt. Pah! uber ſolche Thor⸗ heiten nur ein Wort zu verlieren! Die Comddie geht zu Ende; das iſt Alles. Das drolligſte an der Sache iſt, daß es mir zuweilen leid thut. Ich moͤchte mir's noch ſo recht wohl ſeyn laſſen, Georg. Aber es kömmt nicht dazu.“ „Verdammt! die ſchoͤnen Speculationen! daß aber auch Merchant zu Grunde gehen mußte! Der Handel mit den nord⸗ und ſuͤdamerikaniſchen Ländereien ging ſo vortrefflich! Wir hatten ſchon eine ſo erkleckliche Anzahl von Aktionärs fuͤr dieſe Beſitzungen im Monde. Und juſt, da unſte Ernte liquid werden ſollte.... —„Ich ſage es ja: kein Gloͤck, baſta. War's denn anders mit den ſo prächtig fabrizirten ſpa⸗ niſchen Coupons? Die Auslagen haben unſern Reſt aufgefreſſen. Die ungluͤckliche Bouillotte, das vertrackte Ecarté auf der andern Seite... Wenn ich nicht auf meine Weiſe Rath geſchafft hatte,— wir ſäßen jetzt in Newgate in Erwar⸗ tung der geſegneten Votany⸗bai, oder gar des „Pfui! hore auf mit dieſen Schilderungen!“ rief Georg aufſpringend:„Was haſt Du davon, mich zu ärgern? Du gffällſt Dir vor ſolchen graͤßlichen Bildern. Laß ab.“ — Ei,“ begann Leopold mit ſardoniſchem Lächeln:„unſer Ausgang wird nicht glänzender ſeyn, wenn wir uns nicht ſelbſt in's Mittel ſchla⸗ gen.“— Eine duͤſtre Pauſe folgte dieſen Worten; endlich fuhr Levpold fort:„Was verſprichſt Du Dir in Paris? was ſoll ich mir beſonders davon verſprechen, nach dem, was wir heute bei unſter Einfahrt geſehen?“ — 437— „Hm! Du meinſt Eliſe ſammt Sippſchaft?“ fragte Georg mit erzwungener Gleichguͤltigkeit: „Was ſoll das bedeuten, wenn nicht, daß die Familie ſich in Paris eingebuͤrgert hat, um der Provinzklatſcherei zu entlaufen**“ Leopold verſetzte, bitter lachend und nickend mit dem Kopfe:„Sie ſcheint ſich hier zu gefal⸗ len, meine Wittwe? Ein ſchoͤner langer Menſch, der ihr zur Seite ging. Gewiß ein Liebhaber, ein Freiersmann. Sie war ſo ſelig, ſie lachte ſo herzlich. Sie hat mich einſt eben ſo herzlich an⸗ gelacht,.. und kaum ſind ein pagr Monden ver⸗ ſtrichen marſch, vorbei, ihr Gedanken. Sie hat mich vergeſſen, wie ich jenſeits des Rhei⸗ nes vergaß. Poſſi enſpiel, nichts als Poſſenſpiel.“ Georg, um das Geſpräch nicht fortzuſetzen, hatte einen Brief aus der Taſche gezogen, und denſelben erbrochen. Levpold bemerkte es.„Kor⸗ reſpondenz?“ fragte er mit geringer Neugier.— „Ich erhielt den Brief im Moment der uͤbeteilten Abreiſe, hatte bis jetzt vergeſſen, ihn zu erbre⸗ chen;“ entgegnete Heckdey:„er iſt aus Deiner — 438— Heimath, von Luiſen, der ich nach Deinem Wun⸗ ſche ſchrieb, mich nach Deinen Angelegenheiten zu erkundigen.“ —„So, ſo!“ äußerte Leopold gleichguͤltig, und griff ſeinerſeits nach einigen Journalen, die nebſt dem Fruͤhſtuck aufgetiſcht worden waren. Nach einem langen Stillſchweigen hob Georg mit ſchuͤchterner Stimme an:„Willſt Du hoͤren, was Dich betrifft?“—„Nun 2e fragte Leopold kaltſinnig, ohne die Angen viel von einem Blatte zu verwenden, das ſeine volle Aufmerkſamkeit er⸗ regt zu haben ſchien. „Deine Frau iſt abweſend„hat Rai⸗ mund zum Verwalter Habe beſtellt, Alles zu Gelde gemacht— —„Sie wird den Einaͤugigen noch heirathen, wenn ich einſt eine gemeine Bewegung der Hand erklaͤrte Leopolds Intentivn. Seine Worte verriethen nicht mehr eine Spur von Zaͤrt⸗ lichkeit vder Erinnerung.„Wo mag ſie jetzt ſeyn?“ fragte er noch. „Da kömmts. Sie iſt bei Deinem Sohne, — 439— der.. aber, Du wirſt vielleicht zornig werden?“ —„Nicht doch, nein, mein Alter. Friſch heraus, denn ich leſe hier eben etwas, das mich intereſſirt.“ „Auch dieſes wird Dich intereſſiren;“ meinte Georg mit důſterm Nachdruck:„Dein Sohn hat ſich, die Waffen in der Fauſt, gegen ſeinen Offi⸗ zier vergangen, iſt zum Tode verurtheilt wor⸗ dens* Leopold hob endlich den Kopf empor:„Den Muth haͤtte ich dem Ralph kaum zugetraut.— Ja,“— ſeine Stimme wurde weicher—„es war beſchloſſen, daß meine Kinder nicht auf die ehr⸗ lichſte Weiſe umkommen ſollten. Sie erfullten im Voraus des Vaters Schickſal.— Iſt er we⸗ nigſtens geſtorben wie ein Mann?“ „Sie haben ihn begnadigt. Der Innhaber hat ihn auf die Feſtung geſchickt. Die Mutter, von Raimund unterrichtet, lebt dort, den Sohn in ſeinen Ketten zu pflegen.“ —„Das wird ihr wohl thun. Sie hat den — 440— Jungen immer ſehr geliebt. Sie behauptete, mich in dem Sohne zu lieben. Nun, einmal mag es wahr geweſen ſeyn. Tempi passati.— Er lebt alſo doch? Ich hätte ihm eher eine Ku⸗ gel, als die Karre gegdnnt. Beiläufig prophezeit er mir mein eigen Lvos.— Da, ſieh zu, lieber Freund, wie Eliſe und ihre Familie, und die Richter mit mir verfahren ſind.“ Seine Hand zitterte doch ein wenig, da er Georg das Journal reichte. Es war die Gazette des tribunaux. Ein Artikel handelte von den Aſſiſen der Grenzſtadt, wo Leopold ſein Verbre⸗ chen begangen.— Als Contumar war er zu einer zehnjährigen Galecerenſtrafe verurtheilt, und die Ehe mit Eliſe als nicht ie unguͤltig er⸗ klaͤrt worden. Heckdey's Blicke umflorten ſich, doch wurden ſie heitrer, da er las, wie von ſeiner Perſon, als einem Mitſchuldigen, gar keine Rede geweſen. Ein herzliches„Gottlob“ wand ſich aus ſeiner Bruſt empor. Indeſſen fuhr Leopold, tuͤckiſch und gekränkt zu gleicher Zeit, fort: 2 — 441— —„Der Vater im Bagno, der Sohn in der Karre, die Tochter eine Selbſtmoͤrderin,— ein ſaubres Kleeblaͤttchen. Was ſagſt Du hiezu, Al⸗ ter? Und ich mußte nach Paris kommen, um meine Haͤnde den Feſſeln darzuſtrecken 2“ „Wer ſagt das 2“ brauste Georg auf:„hier biſt Du ſichrer als auf den Haiden des Suͤdens, ſichrer, als in der Wuͤſte.“ Leopold verneinte: „Und wenn tauſend Verbrecher in dieſem Schlunde ungeſtort hausten,— ich bin gewiß, verrathen zu werden, denn ich habe Ungluͤck und ſpuͤre ſchon im Geiſte die Eiſenringe an meinen Knocheln.“ Georg umarmte ihn mit leidenſchaftlicher Weh⸗ muth.„Du ſollſt nicht in den Pfuhl der Schande ſteigen, mein Leopold. Ich werde Dich begleiten, wie Dein Schatten, und wehe dem Schergen, der uns anzugreifen wagt. Eine Kugel fuͤr ihn; zwei dann fuͤr uns.“ „Wenn Du ſo willſt, bin ich ruhig, Georg;“ ſagte Leopold gefaßt, und griff nach dem Doppel⸗ terzerol in ſeiner Taſche, lächelnd hinzuſetzend: „Jetzt iſt die gute Waffe geladen, und im Stande, — 112— einen Dienſt zu leiſten. Als ich vor einigen Ta⸗ gen bei Windſor das abgekommene Metier des Highwayman erneute, und den Wollhändler um ſeine ſchwere Borſe leichter machte, wäre ich in Verlegenheit gekommen, ſo er vielleicht Ernſt ge⸗ macht haͤtte“ „Dein kuͤhner Entſchluß hat uns von dem vermaledeiten Kreidegeſtade weggeholfen, Leopold. Verläugne hier Deine Kuͤhnheit nicht, und trotze mit offnen Augen der Gefahr.“ —„Das will ich, bei meiner Seele. Doch was ſollen wir hier? Die Saiſon iſt nicht gůn⸗ ſtig; die trefflichſte Maske ſchuͤtzt uns nicht lange. Du wirſt ſpielen, in nobeln Geſellſchaften Dich herumtreiben wollen. Ich habe Alles dieſes ver⸗ ſchworen. Ich vereinzle mich gerne, verſchwinde am liebſten in Haͤuſern, wo man den exreichen und erhonetten Mann nicht ſucht. Die Hefe des Volks iſt mir lieb geworden. Sie zwingt mich nicht, die Augen niederzuſchlagen, ſie dringt mir keine Parallele auf. Die Genuͤſſe jener Claſſen ſind roher, aber wohlfeiler; ihre Kleidung ſchlecht, — 143— aber wohlfeil; und ich darf nicht vergeſſen, daß ich jetzo wieder ganz allein von Deiner Freigebig⸗ keit eriſtire.“ „O mein Gott!“ ſeufzte Georg verſtohlen, dem jedes Wort des Freundes gleich einem Meſſer durch die Seele ging. Leopold, nach einer Weile, ſeiner grimmigen Bitterkeit Sieger geworden, re⸗ dete weiter:„Du wirſt indeſſen thun, wie Dir beliebt. Es kann doch nur bis zum vorher be⸗ ſtimmten Ziele fuͤhren; und wir werden Latium niemals zu ſehen bekommen!“ Er ſtuͤtzte mit einiger Betruͤbniß den Kopf in die Hand.„Was gibts weiter in meinem ſoge⸗ nannten Vaterlande?“ fragte er. —„Das Gänschen faßt ſich ſehr kurz in nich⸗ tigen Dingen;“ verſetzte Heckdey:„mit Bombaſt und Schwulſt iſt Fräulein Luiſe freigebiger. Sie hofft, wie es ſcheint, noch auf meine Ruͤckkehr, und iſt jetzv manntoll, wie ſie ehedem maͤnner⸗ ſcheu geweſen.“ „Das macht das Alter;“ tt Leopold ſchadenfroh:„Wer nicht in der Ingend die See⸗ — 444— krankheit des Lebens uͤberſtand, wird beim gering⸗ ſten Anlaß ein ganz Anderert kalt, wenn fruͤher warm; heiß, wenn vordem lau; bos, wenn ehe⸗ mals gut. Punktum; das iſt ein alter Satz. Was mehr 2 „Die Mettners, ſchreibt ſie, wären ängſi⸗ lich um ihre Rente, weil dieſelbe ſo untgelmiis bezahlt wuͤrde. Das iſt Alles.“— „Ich glaub's, daß ſie nicht regelmäßig ent⸗ richtet werden mag;“ verſetzte Leopold mit roher Aufwallung:„kann ich ſie zu jeder Stunde auf⸗ bringen, und iſt mein Agent nicht ein Inde, der, ſelbſt zoͤgernd und knauſernd, ſein Profitchen zieht? Die Rente wird bald gar nicht mehr entrichtet werden, fuͤrchte ich, wenn die Quellen ferner ſtocken, wie bisher. Das verwuͤnſchte zudringliche Vertrauen der Leute! Welch ein Leichtſinn, ohne Garantic einem Fremden ihr Vermoͤgen aufzu⸗ hängen! Welch ein thöricht Spiel, ihr Leben auf den Markt zu bringen! Da ſitze ich nun, ſelbſt darbend in dem ausgeleerten Neſte, und bin ver⸗ dammt, zwei Kuckucke zu füͤttern, die ſich's Wort gegeben haben, nicht zu ſterben. Ihre paar Tha⸗ ler? wo ſind ſie? aber ihre werthen Perſonen? Immer gegenwärtig beim Apell. Zum Wetter! hab' ich der Meinigen auf ewig mich entſchlagen, um den Säcularkruppeln den zahnloſen Mund mit einem geſtohlnen Brode zu fuͤllen?“ In der gränlichen Verwilderung, die aus dem Eifernden tobte, lag dennoch eine ſchneidende Klage, ein wühlender Schmerz, der jedem Ange Thraͤnen entlockt haben wurde. Georg ftuͤrzte haſtig ein Glas Burgunder hinab, und ſagte:„Genug von Familienſachen. Laß' uns einen Spaziergang ma⸗ chen. Es iſt die Stunde der Gallerie⸗Orleans.“— Bewaffnet und reſolut, den Hut trotzig in's Auge geſchoben, gingen ſie durch die Richelieu⸗ ſtraße nach ihrem Ziele. Der Uebermuth des Wohllebens brauste ihnen auf jedem Schritte entgegen. Die Raͤder der Reichen beſpritzten ſie mit Koth oder huͤllten ſie in Staubwolken. Der bataillenähnliche Andrang der Fußlaͤufer ſtuͤrmte die Ankdmmlinge beinahe uͤber den Haufen. Das Geſchrei und Gewuͤhl erregte in Leopold eine wil⸗ — 446— dere Stimmung, in Georg den alten menſchen⸗ feindlichen Trotz. In der glänzenden Gallerie des Palais⸗royal geſellte ſich zu dem feindſeligen Triebe die quä⸗ lende Begier nach den Schätzen, die ſie um ſich her aufgeſtapelt fanden; die unbeſchreibliche Sehn⸗ ſucht, Alles zu beſitzen, was ihre Augen ſahen: eine Welt von Ueppigkeit und Reichthum.— Sie hatten einſt den Schlſſel zu dieſen Paradie⸗ ſen beſeſſen, und wären etwa, denſelben in der Taſche tragend, gleichguͤltig an den Lockungen vor⸗ uͤbergezogen;— aber heute, verarmt, herabge⸗ kommen an Guͤtern und Bewußtſeyn, lechzten ſie nach den Genuͤſſen und Beſitzthuͤmern, die ihnen verboten waren. Es iſt ein eigener Blick, der begehrliche und verzauberte eines ehrlichen Armen, wenn er die Kuͤche einer Speiſeanſtalt oder das Kabinet eines Geldwechslers muſtert. Duͤſtrer und dringender, und noch abgezogner von allem Irdiſchen iſt das Auge des Hungernden, deſſen Gewiſſen nicht mehr rein iſt. Fuͤr den Erſten wird eine Fenſterſcheibe, —— eine hoͤlzerne Barriere, wenn noch ſo duͤnn und leicht, hinreichend, die Gränze zwiſchen ihm und dem Reichthum zu bezeichnen. Der Andre jedoch ſinnt bereits darauf, wie er wohl das Fenſter oͤffnen, die Eiſenſtäbe und Drathgitter brechen konne. Georgs und Leopolds Späherblicke waren von der letztern Gattung. Die Gefuͤhle hatten ſie hin⸗ ter ſich geworfen; ſie kanuten nur noch Gold und den Lebensgenuß eines Thiers. Und ein Jeder von ihnen ſchliff ſich, dumpf hinbruͤtend, aus dem Vorwande, daß die Welt ihn betrogen und ge⸗ plundert, eine Waffe gegen die Welt und die ei⸗ gene Bruſt. Georg ſchuͤttelte endlich den Begleiter bei'm Aermel.„Komm,“ fluͤſterte er ihm zu:„wir ſtehen wie eingewurzelt vor dieſen Schachteln mit Goldſtuͤcken. Das ſchickt ſich nicht fuͤr unſte ab⸗ gefegten Fracks, und in jenem Winkel lauert wirk⸗ lich ſchon ein Stadtſergent. Laß' uns weiter ge⸗ hen.“ Leopold folgte wie im Traume. Sie ſchritten — 448— an dem bärtigen Chodruc-Puclos voruͤber, der in ſeinem entſetzlichen Aufzuge unbeweglich ſtand, wie ein Santon auf den Straßen von Alexan⸗ dria.„Unſre Zukunft!“ lachte Leopold in holber Verzweiflung, und Georg antwortete:„Nicht doch. Wir werden Courage haben, wenn's gilt. Jetzt aber gilt es, unſer Diner nicht zu verſäu⸗ men. Wo willſt Du, daß unſer Tiſchlein ſich decke 2.— — Nur nicht vor rGrignr oder Véfours Spiegeln und Gaslampen!“ entgegnete Leopold, wiedererwachend zum gewohnten Groll: Die gute Socictät widert mich an. Mein Rock und meine Manieren,— und mein Leben— paſſen nicht mehr dahin. Eine Taverne, eine duͤſtre Garküche ſchließe mir auf, wo bei ſchlechter Beleuchtung die vereinſamten Eſſer einander nicht das Weiße im Ange ſehen; wo kein Polizeiſpion uns be⸗ lauſcht; oder wo man zum mindeſten auf anſtän⸗ dige Weiſe arretirt werden mag, ohne Auſſehen zu machen, und ohne ein Kion“ des Scandals zu werden.“„ — 449— „Ich weiß, wie Du es liebſt, und anſtaͤndig iſt der Ort, wohin ich Dich fuͤhren will, auch noch ſo ziemlich.“— Sie eilten quer uͤber die Straße Valvis, und traten in die Reſtauration zum Boeuf à la mode. 14. Der niedrige Salon im Erdgeſchoß erfullte die Wuͤnſche Leopolds. Dunkel und wenig beſetzt, er⸗ laubte er den Freunden, ſich nach Gefallen zu iſoliren. Die ſpärlichen Gäſte, die da erſchienen, verſchwanden beinahe alſobald. Die Mahlzeit war fur ſie eine Arbeit, die nicht ſchnell genug abzu⸗ thun war; Genießer und Feinſchmecker fanden ſich nicht, einige Provengalen ausgenommen, die nach ihren heimiſchen Knoblauch- und Zwiebelgerichten verlangten, und trefflich bedient wurden. Die Lebendigkeit der Leute jagte ſie indeſſen ebenfalls fruͤhe von dannen; am laͤngſten blieb ein Dilettant Boa Conſtrictor. U. 29 — 450— der Malerei, der die Meerkatze zeichnete, welche im Hoſe angefeſſelt zu ſchauen.— Sie waren ungeſtort, die Freunde, und ſagten ſich dennoch beinahe nichts. Von den Tagen, die geweſen, wollte Keiner reden; von denen, die da kamen, wußten ſie nichts zu ſagen; das Heute war ihnen zu ſchal. Sie waren daran, die Mahlzeit zu beſchließen. Ein Toaſt ſollte das Ende der Tafel und den Aufbruch der Gäſie bezeichnen.—„Wen laſſen wir leben?“ fragte Georg, den Kelch erhebend. Leopold fuhr zuſammen, wie im Mährchen der Satan, wenn der Name Gottes genannt wird. Er winkte abwehrend mit der Hand.„Die ſind alle todt, die wir einſt bei Deinem Schmauſe im Ruſſiſchen Hofe leben ließen;“ murmelte er.— Und Georg, ebenfalls verduͤſtert:„Mir fällt nie⸗ mand ein.“ entſtand eine fatale Pauſe unter denen, die ſich ſelbſt geächtet hatten, und in ihrem Gedächtniſſe keine Seele mehr auftrieben, der ſie ein heitres Glas haͤtten weihen moͤgen. Ungeduldig indeſſen, das marternde Schweigen — 451— bei erhobenen Bechern zu unterbrechen, plauderte Leopold einen rohen Scherz, der ſeiner bemakelten Lippe ſogar mit Widerwillen entfloh:„Auf die Geſundheit des chrlichen Wollhaͤndlers von Roſe⸗ hill, der uns dieſen Schmaus nach eigner Diskre⸗ tion bezahlte!“— Mit forcirtem Gelächter nahm Georg den abſcheulichen Toaſt auf, und ſagte ſei⸗ nerſeits:„Wenn Du mit ähnlichen Individnen anruckſt, ſo erlaubſt Du mir wohl, auch den tapfern Riblard hoch leben zu laſſen, der mir einſt einen Dienſt geleiſtet hat, wie.. Das Wort ſtockte auf ſeiner Zunge; denn die Glasthuͤre ging auf, und, in einen blauen Ober⸗ rock gehuͤllt, das Baͤndchen der Ehrenlegion im Knopfloche, trat der ebengenannte in den Salon, und nahm, zu Heckdey's groͤßter Verwirrung, ohne irgend ein Bedenken, an dem Tiſche der beiden Deutſchen Platz.— Ja; das war jenes Geſicht, das Georg in Diana's Zimmer geſehen, und im Hofe der Mai⸗ rie mit Hohnlachen begruͤßt. Der Mann war etwas ſchmächtiger geworden, doch im uͤbrigen — 452— in jedem Zuge unverändert geblieben. Die Wan⸗ gen waren roth unterlaufen, der Athem ungleich und erhitzt, die Finger und der Mund oscillirend; kurz: Riblard im Normalzuſtande.— Leopold, der im Begriff war, vor der wenig gefälligen Er⸗ ſcheinung zu entweichen, fuͤhlte ſich zu ſeinem Er⸗ ſtaunen von der unter dem Tiſche ausgeſtreckten Hand ſeines Freundes zuruͤckgehalten. Ein ver⸗ traulicher Wink deſſelben machte ihn bleiben und erſtickte ſeine Frage. Er horchte nun, und beſah ſich mit Muße ſowohl den einen als den andern ſeiner Tiſchgenoſſen. Riblard war nicht von denen, die von der Natur die Zunge umſonſt empfingen. Er ſpann alſobald ein Geſpraͤch an, ſo albern und abge⸗ droſchen, wie moͤglich, und ſteigerte dadurch die Ungeduld Leopolds auf's hoͤchſte; denn zum Ver⸗ wundern ſchien dem Letztern die Nachſicht, womit Georg die Albernheiten aufnahm, und die ausge⸗ ſuchte Hoflichkeit, die der naͤmliche in verſchiede⸗ nen kleinen Dienſtleiſtungen gegen den Artillerie⸗ offizier an den Tag legte. * — 453— Wie ſtaunte Leopold erſt, da er ſeinen Freund die allerverbrauchteſte Anrede eines Gluͤcksritters anbringen hoͤrte:„Mich duͤnkt, mein Herr, daß ich ſchon einmal irgendwo das Gluͤck gehabt habe, Sie zu ſehen?“— Worauf Riblard mit der zu⸗ täppiſchen Gefälligkeit kopfſchwacher Leute:„Mei⸗ ner Treu, es waͤre wohl moglich. Auf den In⸗ ſeln? was meynen Sie? Sind Sie ein Lands⸗ mann 2—„Ich bin ein Engländer, mein Herr.“ — Riblard zog eine Grimaſſe; aber dieſe erſtickte unter der Convenienz.„Ein Englaͤnder? Sehr charmirt. Aber, wenn ich Sie fragen duͤrfte.2 Wo waͤre denn.. ja, bei Gott, ich erkenne Sie deutlich. Ich muß Sie auf Jamaica geſehen haben?“—„Sehr moͤglich, mein werther Herr. Ich habe dort gewohnt, wohne noch daſelbſt.“— „So? Tauſend Donner! ich war gern auf Ja⸗ maica, obſchon... Na, ein andermal. Aber Ihr Name, wenn ich fragen darf?“—. „Lewis Bottom;“ ſagte nach einigem Beden⸗ ken Heckdcy mit vielem Aplomb.— Der Name machte den Andern vollig treuherzig.„Bei der — 454— heiligen Barbara! ich wußte es wohl; ich kenne Sie laͤngſt. Sind ein Nachbar meines Onkels, des alten Deſcharpes geweſen; einer von den Soh⸗ nen des weißhaarigen Francis Bottom. Ja, ja, das iſt es. Kennen Sie den Riblard nicht mehr, den Neffen des alten Pfannenkratzers? Er ſitzt leibhaftig vor Ihnen.“— Leopold bebte bei die⸗ ſen Worten zuſammen. Georg ſaß jedoch ſteif, wie ſeine Rolle erheiſchte, und ſprach feierlich: „Wahrlich, Herr Riblard, ich kenne Sie wohl, und bitte mir die Ehre aus, mit Ihnen ein Glas Wein zu trinken.“ Der Vorſchlag wurde ſiuͤrmiſch auf- und an⸗ genommen. Herrlicher Bordeaur blitzte, wie her⸗ gezaubert, in den Gläſern. Sie ſtießen an auf neue Bekanntſchaft. Der gluͤcklich geangelte Rib⸗ lard fragte nun ſeinen Mann nach allen Fami⸗ liengeſchichten der Bottom aus; und Heckdey, lange Zeit deren Nachbar, befriedigte ihn völlig. Der Umſtand, daß der alte Francis neun Soͤhne hatte, die der vergeßliche und meiſtens trunkne Riblard wohl alle geſehen, aber nie unterſcheiden gelernt, beguͤnſtigte Heckdey'é improviſirtes Luͤgengewebe ungemein. „Wiſſen Sie denn noch,“ fragte Deſcharpe's Vetter,„wie wir an dem neblichten Morgen auf die Jagd gingen, und ſchier den ganzen Tag mit den langen Flinten im Waſſer lagen? Es war ein vertenfelt Abentheuer, als das Wetter los⸗ brach, einen Strahl neben unſerm Boote in's Waſſer ſendete, und uns dann auf dem Lande beinahe erſäufte im Regen. Das kann man nur dort, erleben: erſaufen zu Lande, zu Waſſer brennen. Alles iſt dort conträr; auch die Men⸗ ſchen, wenn Sic's nicht uͤbel nehmen. Ein Frem⸗ der, Herr Bottom, wird uns dort verwandt, und der Blutsfreund dagegen ſpinnefeind. La, la; Sie wiſſen, wie mich mein Vetter behandelte, der Gurkenkrämer. Daß er mich nach ein paar Wo⸗ chen des Beſuchs nicht aus dem Hauſe warf, war Alles. Er war dazumal ſchon wie ein Narr in einen verdammten Hannoveraner, in einen MRord⸗ kerl verliebt, der juſt auf einer Sclabentrite ab⸗ weſend war, wie man munkelte. Haͤtte den Pa⸗ — 456— tron fuͤr mein Leben gern geſehen; aber es ging. nicht, und dann ſtarb der Vetter und ich bekam auf Martinique keinen Urlaub, weil ich im Arreſt ſaß; und da hatte der Menſch von Berlin oder Potzdam Alles, ſage Alles, geerbt, und jeder Ru⸗ derſchlag waͤre vergebens geweſen; darum blieb ich weg, blieb ein armer Teufel, und... ſo iſt es, mein Herr.“ —„Tioͤſten Sie ſich;“ ermahnte Georg ernſi⸗ haft, und nicht ohne in den eignen Buſen zu grei⸗ fen:„Wer weiß, ob dem fremden Erben des alten Deſcharpes Nachlaß Segen gebracht und Fruͤchte getragen hat!“— Riblard läͤchelte miß⸗ muthig antwortend:„Segen? Alfanzerei. Fruͤchte? Wozu? Zwei Millionen ſind ſchon an und fuͤr ſich eine ganz artige Frucht.“— Heckdey laͤchelte hier ebenfalls, und ſagte:„Die Herren von Ja⸗ maica werfen ſo freigebig mit Millionen um ſich, daß es eine Freude iſt: und auch der Erblaſſer that gerne ruhmredig. Doch hat ſein Vermoͤgen kaum die Hälfte betragen.“— Riblard ſchuͤttelte zweifelnd den Kopf; meynte aber, daß ihm auch die eine und einzige Million genug geweſen ſeyn wuͤrde. Er fuͤhlte ſich wenig erquickt von der Ver⸗ ſicherung, die ihm Georg in den Kauf gab: der fremde Erbe ſey bereits mit dem Gelde fertig ge⸗ worden. Da aber Georg hinzufuͤgte, daß, nach allen Berichten von glaubwuͤrdigen Correſponden⸗ ten, der Verarmte auch ſchon das Zeitliche geſeg⸗ net, that Riblard einen heftigen Athemzug, und murmelte etwas, wie:„Gott ſey Dank!“ Dieſe Aeußerung uͤbergehend, griff Georg ſei⸗ nen Gegner und Geſellſchafter auf der ſchwaͤchern Seite an, indem er ihn fragte, wie es komme, daß er auf ſeiner Heimath Boden hagrer und bleicher ausſehe, als auf dem Meere, das der Reiſenden Fett aufzehrt; als an der Gluthſonne, die einen Teint wie Riblards, bis in's Purpurrothe ſteigert. — Da ſchlug nun die Wuͤnſchelruthe an, und Rib⸗ lard antwortete bekuͤmmert:„Das hat ſeine eigne urſache, und ich will ſie Ihnen wohl erzählen, da ſie mir keine Unehre bringt, indem ich ſo rein und unſchuldig bin, wie ein Kind, das eben zur Welt kommt.“— Er lenkte nun in den Civilproceß — 458— ein, der ihn nach der Departementsſtadt gefuͤhrt, um ihn in einen Kriminalproceß zu verwickeln. Als er vom Hotel zum rothen Hute, und von der Mulattin anhob, wurde Leopold hald roth, bald weiß, ſo daß Georg, dem ſelbſt der Zenge uͤberlä⸗ ſtig war, ihn fortzuſchaffen ſuchte.—„Wollen Sie erlauben, daß mein Freund ſich entferne2“ fragte er den Offizier verbindlich:„Er hat ein Geſchaͤft in der Nähe, das ſich nicht wohl auf— ſchieben läßt.“ Riblard bejahte gerne.—„Ich erwarte Dich hier in einer Viertelſtunde;“ ſprach Georg ſcharf betont zu Leopold, und dieſer, ſeine Rolle begreifend, trat zuſagend ab. Riblard fuhr vertraulich und fleißig ſchluͤrfend in ſeiner Erzaͤh⸗ lung fort: „Ich war muͤde von vielem Rennen, etwas angegriffen von ſchnell genoſſenem Weine, und da paſſirt dem armen Sterblichen oͤfters etwas Be⸗ ſondres. Ich hätte nun auf das, was mir begeg⸗ nete, gern Verzicht geleiſtet; ſo gewiß, als ich vermeynte, mich nach dem Beſuch bei der Mulat⸗ tin ſehr beſcheiden in mein Zimmer und in mein Bett zuröckgezogen zu haben. Was geſchieht aber? Ich woche plotzlich auf, als hatte mich ein Piſto⸗ lenſchuß geweckt, und wie ich langſam zum Ge⸗ brauch meiner Glieder und meines Kopfs komme, finde ich, daß Alles um mich her rabendunkel, und mein Leib auf ein hartes Canapé gebettet.— Noch war ich der Meinung, ich befaͤnde mich auf meinem Terrain, und ging, ſo wie ich war, nach meinem Cabinet. Tappend ſuchte ich mein Bett, fand eines unter der Hand, und legte mich darauf. Zwar beſinne ich mich, aber nur wie im Traume, daß ich uber einen Gegenſtand ſtol⸗ perte, und daß im Straucheln mein Geſicht einen naſſen Fleck am Boden beruͤhrte, aber ich hielt mich dabei nicht auf, und— wie ſchon geſagt, entſchlief.— Was gilts, Sie ahnen ſchon die verherte Geſchichte, und ſind ein bischen eckel und ſchreckhaft, weil Sie die Farbe wechſeln, und das Glas ſo haſtig zu Huͤlfe nehmen? Mein Wort darauf: es geht mir ebenſo, denn ich war mitten in dem Gräul, und hab' Alles geſchen. Stoßen wir an!“ Georg trank mit Riblard um die Wette. „Tränke ich doch ſo viele Jahre hinein, als dieſer Wein zählt! ich wuͤrde vergeſſen!“ ſeufzte er in die Blume des Nektars. Der Audre ſetzte endlich ab, um die Rede wieder aufzunehmen;„Und entſchlief, ſchlief gut, trefflich, königlich. Wer ſollte das denken? Plotzlich empfinde ich nnan⸗ genehme Rippenſidße, ſchlage die Augen auf, und bin in einem fremden Zimmer, auf einem frem⸗ den Bette. Die Kiſſen, mein Geſicht, meine Hände und Kleider ſind blutgefärbt, und neben meinem Lager am Boden iſt ein brauncs Weib ausgeſtreckt, todt, ſieif und kalt, ein Meſſer in der Bruſt. Und rings ſtehen Menſchen von allen Conditionen, Polizei, Gensd'armen, Soldaten von der Linic; und Alle deuten auf mich, und ſchreien oder denken: Der hat's gethan; der und kein andrer hat das Verbrechen begangen!— Iſt das nicht eine Lage, um den Verſtand zu verlieren, um raſend zu werden, wie eine tolle Bombe? Ja— wenn nur der Pobel mich angeklagt hätte! ich hätt' es ertragen. Was mache ich mir aus dem Poͤbel? Aber ſogar die Kameraden, und dann die Perruͤcken, und dann Alles, was einen ſchoͤnen Rock trug; und die Weiber vor Allem! Es ging weit uͤber das babyloniſche Bedlam!“ —„Das geſtehe ich;“ ſchaltete Georg ſehr verlegen ein. Riblard eilte nun zum Schluſſe: „Was half mir alles Läͤugnen? was half mir der unverholene Abſcheu, den der jaͤmmerliche Auftritt in mir erzeugte? Jede Miene auf meinem Ge⸗ ſichte wurde zu meinem Nachtheil gedeutet. Die Erzählungen von meinem Beſuch bei der Schwar⸗ zen, dic ich frank und ehrlich von mir gab, wurde nur als Einleitung zu wichtigern Geſtaͤndniſſen betrachtet. Wer ſchildert die Pein des einſamen Kerkers? Wer die Entbehrungen, die mich nieder⸗ druͤckten? Und dennoch war ich ſicher, freigeſpro⸗ chen zu werden; und auch die Richter erwarteten nichts Andres. Aber der ſogenannte ſchlechte Ruf, den man mir zur Laſt legte, machte, daß ſich die Leute bis zum letzten Augenblicke an mich klammerten, und mich nur nach dem verneinen⸗ den Verdict des Jury in Freiheit ſetzten. Sie — 16— wußten aber längſt zuvor, daß derjenige der Mor⸗ der ſeyn mußte, der auf der Treppenwand die blutigen Spuren hinterlaſſen. Der Kerl iſt offen⸗ bar im Raufen mit der Dirne in die linke Hand verwundet worden, und tappte, mit bleſſirter Klaue ſich anhaltend, die finſtre Treppe hinunter.“ Georg verbarg unwillkuͤrlich ſeine Linke ſchnell unter dem Tiſchtuche. Es war ihm, als muͤßte ſeine Wunde wieder aufbrechen in Gegenwart deſſen, der ſo lange unſchuldig gelitten.— Rib⸗ laͤrd ſeufzte, trank wieder ein Glas, und ſagte ſchwermuͤthig:„Der Boͤſewicht iſt nicht entdeckt worden, und mir wurde fuͤr meine Plage die Retraite und der halbe Sold zu Theil. Ich ſol⸗ licitirte hier um ein Aemtchen, habe jedoch außer Verſprechungen nichts erhalten. Indeſſen bluͤht mir noch ein Schimmer der Hoffnung, wenn es wahr iſt, daß der vermaledeite Preuße,„wie heißt er geſchwinde 2.— er blätterte in ſei⸗ nem Portefenille„ah! da ſteht ſein Name; der ſaubere Eckdé oder Heckdé— daß der das Zeitliche geſegnet hat. Denn Herr Biſſette, der —,— Agent der farbigen Leute von den Inſeln, hat mich kennen gelernt, und mir in dieſem Briefe zu wiſſen gethan, doß ſeit drei Vierteljahren zwei Schiffsladungen von Colonialwaaren, die noch meinem Vetter Deſcharpes gehoͤrten, verkauft wurden, deren Ertrag fuͤr den Erben zu Kingſton bereit liegt. Wenn ich Geld hätte, die Reiſe zu unternehmen, und dem Erbſchleicher, der richtig todt ſeyn wolle, den Rang abz nlaufen, fielen etwa die anſehnlichen Ruͤckſtände in meine, des Ver⸗ wandten, legitime Taſche. Da; leſen Sie ein⸗ mal ſelbſt, Herr Bottom.“ Begierig ergriff Georg die Notiz, prägte ſie tief in ſein gutes Gedächtniß, und antwortete: „Die Soche ſcheint richtig, und meine Borſe ſollte Ihnen zu Dienſten ſiehen, wenn ich nicht ſelbſt auf einer großen Rriſe durch den Continent be⸗ griffen wäre. Indeſſen weiß ich Jemand, der vielleicht helfen wuͤrde; eine Dchne von den beſten Dispoſitionen, die nur nicht genannt ſeyn will, denn ſie iſt von Extractivn und Einfluß.“— Riblard verſetzte ebhaft:„O mein Beſter; von — 464— meiner Discretidn läßt ſich gar keine Beſchreibung geben. Aber, wenn Sie mir behuͤlflich wären.. ſehen Sie: dieſe Summen, obgleich nur ein Ab— ſchnitzel des großen Vermogens, wuͤrden mich zum reichen Manne machen.“— Georg lächelte geheimnißvoll zdann begann er plotzlich:„Wie war's denn mit der Mulattin? hat man nicht erfahren, wer und woher die Per⸗ ſon? fand ſich in ihrem Nachlaß nichts, das auf eine Spur hätte helfen konnen 2«— Riblard be⸗ ſann ſich ein wenig; dann erwiederte er:„Es wurde dazumal ſo vieles geſchwatzt, und natuͤr⸗ lich war ich der Letzte, der es erfuhr, und dann nur durch die hundertſte Hand. Die Habe der Dirne beſtand nur aus ein paar Faͤhnchen, aber man hat viel Geld gefunden: eine ſchoͤne Summe an Gold, eine Banknote von einigen hundert Franken... „Und Kleinodien, das Spielwerk ſolcher Wei⸗ ber 7. fragte Georg lauernd. Riblard verneinte; dann ſagte er, wie einer aufblitzenden Erinnerung ſich hingebend„Da fäͤllt mir eine ſonderbare Hiſtorie ein, die ſich zutrug, da man die Dirne begrub. Sie hatten mich hinausgeſchleppt, um Zeuge da⸗ von zu ſeyn. Die Einfaltspinſel dachten, mich am gedffneten Sarge, mit dem Anblick der Leiche zu erſchrecken und zu fangen. Nun, das war umſonſt; eine vergebliche Komoͤdie; aber„ Eein plotzlich herandringendes Getuͤmmel un⸗ terbrach den Erzaͤhler. Im Nu war der Hof des Hauſes mit Menſchen angefullt, die einigen Beutelſchneidern nachſprangen. Polizeiinſpektoren und Municipalgardiſten folgten, arretirten, ſchrie⸗ ben auf den Tiſchen der Reſtauration ihren Ver⸗ balprozeß nieder. Eine aͤngſtliche Stimme wis⸗ perte in Georgs Ohr:„Komm geſchwinde von dannen. Ich bin hier nicht mehr ſicher. Komm, und laß' den albernen Tropf im Stiche, wenn's meine Rettung gilt.“— Es war Leopold, blaß und verſtoͤrt. Die lär⸗ mende Verſammlung draͤngte ſich ohnehin zwiſchen Riblard und Georg. Wir ſehen uns morgen wieder 2“ fragte der erſtere.—„Hier, zur ſelben Stunde. Ich will mit der Dame reden;“ hieß Boa Conſtrictor. U. 30 — 466— die Antwort, und die beiden Freunde ſtrichen leiſe und gewandt durch das Heer von Schergen aller Farben, die hier ihren Spionblicken oder ihrer Brutalitaͤt zu thun gaben.— „Nun, was iſt?« hob Georg im Hotel de Tours an.—„Stelle Dir vor,« erklärte ihm Leopold:„daß alle Individuen, die mir gefähr⸗ lich werden koͤnnen, hier zuſammenſtroͤmen. Um mich zu zerſtreuen, hatte ich wieder die Gallerie Orleans aufgeſucht. Wen ſeh' ich plotzlich dort, und wer erkennt mich alſobald mit fuchsſchlauer Miene? Eliſens Schwager, mein geſchworner Feind. Ich eilte, mich ſeinen Blicken zu entziehen, aber ich bin rein verloren, wenn ich länger auf diſſem brandenden Meer verweile. Laß uns entſliehen, oder laß' mich ſterben; denn das Vagabundenleben widert mich an, und ich trage es nicht mehr lange.“ Das ſollſt Du auch nicht;“ entgegnete Georg tiumphirend:„aber ſterben? pfui. Unſte Saa⸗ ten bluhen wieder. Nur Geld herbei, daß ich — 467— nach Jamaica ſegeln kann, und ein artiger Reich⸗ thum faͤllt uns zu. Vernimm.“ Leopold hoͤrte ziemlich gleichguͤig Riblards Geſchichte an.—„Ich laſſe den Menſchen hier zuruͤckhalten, damit er in keiner Weiſe meine Plane durchkreuze, und nicht einmal mit einer Advokatenchikane mich beläſtige;“ ſchloß Georg ſeinen Bericht:„komme ich ihm zuvor, ſo er⸗ ringe ich auch den Beſitz dieſer Nachbuße, und wir bauen uns in einem Winkel der Tropenlaͤnder unſre letzte, friedliche Huͤtte.“ Leopold zuckte die Achſeln.„Sanguiniſche Hoffnungen!“ lächelte er:„ſie ſcheitern am Noth⸗ wendigſten. Woher das Gelo nehmen 2. Worauf Georg, ganz von ſeinen Ausſichten hingeriſſen: „Es ſind mir abſonderliche Gedanken durch den Kopf gefahren. Schnell muß gehandelt werden; denn, käme mir Niblard mit ſeinen Anſpruͤchen zuvor... ich kenne die Speculationswuth. der Pariſer. Es fände ſich einer bald, der ihm Vor⸗ ſchuſſe leiſtete. Und dann kenne ich dir Gerichte der Colonieen! Gott behuͤte uns davor, ob ich — 468— gleich einmal vor ihnen gewann. Ueberdieß,— ſetzte er dumpf hinzu— moͤchte ich nicht gerne dort mit dem Vetter des alten Deſcharpes zu⸗ ſammengerathen.“— Nach einer Pauſe fuhr er fort:„Du mußt jetzw— ich kann nicht helfen— die Summen herſchaffen.“ „Wie an der Parkmauer zu Windſor« fragte Leopold hoͤhniſch:„Nein, Alter. Nicht den Tod, die Galeeren fuͤrchte ich. Ich muß von dieſem gluͤhenden Boden hinweg, und ſollte ich allein von dannen gehen.“ „Das wirſt Du, das ſollſt Du; morgen, mit den erſten Wagen, die Paris verlaſſen, lieber Leo⸗ pold. Und wohin wirſt Du reiſen? Nach Deiner Heimath. Dort incognito eingetroffen, wirſt Du Geld machen, und an der Grenze mit mir zu⸗ ſammentreffen. Dann fort uͤbers Meer; Europa lebe wohl auf ewig dann!e“ „Du machſt eines Harlekins fade Poſſen; ſpottete Leopold:„Wo iſt der Schatz, woraus ich ſchoͤpfen ſoll? Das bischen Habe meiner Frau, — 469— das in Raimunds Haͤnden liegt? Verflucht ſey ich, wenn ich nur einen Heller davon anruͤhren konnte, laͤge es auch verlaſſen und preisgegeben zu meinen Fuͤßen!“— Georg verneinte. Er ſprach mit abgemeſſenen Worten: „Hier gil's, mein Lieber, uns mit einem Schlage frei und flott zu machen. In unſrer Lage helfen nur die großen Mittel, oder keine. Darum proteſtire ich im voraus gegen jedes Vor⸗ urtheil, gegen jede unmännliche Schwäche, die Deine manchmal ſo bizarre Laune mir entgegen⸗ halten konnte. Dein Intereſſe, ſo wie meines, erheiſchen einen entſcheidenden Schritt, eine durch⸗ greifende That. Laß' uns dabei logiſch zu Werke gehen. Setze Dich gefaͤlligſt, und ſchreibe.“ Leopold gehorchte, nengierig und erwartungs⸗ voll. Georg, ſeines ganzen Planes maͤchtig und kalt, diktirte in franzöſiſcher Sprache:„Mein „Herr; die Verzweiflung und die Ungerechtigkei⸗ „ten der Regierung haben mich zum Aeußerſten „gebracht. Ihre Anhaͤnglichkeit an das Syſiem „des Gouvernements bringt mich auf die Ver⸗ — 4— „muthung, daß Sie gerne deſſen Schulden abzu⸗ „tragen bereit ſeyn duͤrften. Um ſo bercitwilliger „werden Sie ſeyn, meine Bitten zu erfuͤllen, „wenn Sie vernehmen, daß Ihrem Leben und „Ihrem Vermoͤgen die unausbleiblichſte Gefahr „droht, inſofern Sie unterlaſſen moͤchten, morgen „um ſechs Uhr Abends am Canal St. Martin, „unter dem Steine neben dem Laternenpfahle „Nro. 79. die Summe von zehntauſend Franken, „in Golde oder in guten Papieren niederzulegen. „Ich gruͤße Sie hoͤflich.“ „Du unterzeichneſt jetzt mit einem R.— So. — Die Addreſſe an einen der erſten Banguiers der Hauptſtadt; welchen Du willſt, nur nicht an Lafitte, der die Aufforderung ſtillſchweigend ver⸗ achten wuͤrde. Etwa an Aguado, oder an Rou⸗ gemont, wie Du willſt.“ „Alſo Rougemont. Aber ich begreife gar nicht, welchen Nutzen wir uns von dieſem Wiſch verſprechen ſollen, und wie das mit Deinen Ab⸗ ſichten zuſammenhängt?— Georg lachte, wic ein eitler Erfinder, und verſetzte:„Das Verſtänd⸗ — 471— niß kann Dir nicht fehlen, wenn Du mit Deinem Billet dasjenige vergleichen magſt, das ich unter⸗ deſſen ſchrieb. Anonymus zeigt darinnen dem Polizeipraͤfekt an, daß ein gewiſſer Riblard, Ex⸗ offizier der Marineartillerie, ein Menſch des ſchlech⸗ teſten Rufs, gewagt habe, den Bangquier ſo und ſo unter gefaͤhrlichen Drohungen zu dem und Jenem auſzufordern; und daß beſagter Riblard nebenbei das Band der Ehrenlegion trage, ohne dazu berechtigt zu ſeyn.— Merkſt Du nun? Eine Anzeige von Rougemont wird ebenfalls auf der Polizeipraͤfektur nicht fehlen, und Herr Rib⸗ lard ſoll auf dem Platze ſeyn, und vom Cangl St. Martin nach dem Depot von St. Martin gebracht werden. Dann moͤgen die Leute ſehen, wie ſie auseinander kommen; aber fuͤr einige Wochen habe ich den Tropf vom Halſe, und gewinne Vorſprung; denn die Polizei läͤßt ihre Verdaͤch⸗ tigen nicht ſo bald aus den Fäaͤngen.“ Georg ſiegelte die Briefchen, und nach einigen Minuten lagen ſie ſchon auf der kleinen Poſi, um zu gleicher Zeit im Faubourg Poiſſoniere, — und in der Jeruſalemſtraße einzutreffen.— Als Heckdey von ſeinem Gange zuruckkehrte, ſaß Leo⸗ pold mit uͤbergeſchlagenen Armen auf dem Sofa, und ſagte finſter:„Nach dieſen Vorbereitungen bitte ich nun, im Texte fortzufahren.“ Georg ſetzte ſich vertraulich zu ihm, und be⸗ gann in dem befehlenden Tone der Ueberzeugung und der unausweichbaren Nothwendigkeit, welchem Leopold leider immer gehorcht hatte:„Du biſt vogelfrei, mein Guter. Es iſt Deine Pflicht, eine Bahn zu gewinnen, wo Du ſicher ſeyſt vor Kerker und Riegeln, vor Schmach und Körper⸗ leiden. Zugleich biſt Du mir verpflichtet, mir, der ich Alles fuͤr Dich opferte. Einen Weg gibt es, uns allen Labyrinthen zu entreißen. Mache bei Mettners eine gezwungene Anlcihe.“ Leopold richtete ſich beſturzt auf:„Bei Mett⸗ ners, die mir ſchon Alles gaben, und die ich um ihr Geld zu bringen im Begriffe ſtehe? Was ſollten dieſe mir noch leihen? und— wenn ſie etwas beſaͤßen— wuͤrden ſie mirs anvertrauen 2e. „Ein Ja und ein Nein auf Deinen Einwurf:“ — 473— entgegnete Georg zögernd:„Was ſie Dir leihen ſollen?— Das, was ſie vor Dir geheim hielten; womit ſie eigentlich von Anbeginn ihren Contrakt mit Dir beuntreuten. Es iſt notoriſch— Luiſe ſagte und ſchrieb es mir— daß ſie wenigſtens noch ein fuͤnf bis zehntauſend Thaler Dir ver⸗ ſchwiegen. Sie haben das Geld in ihrem Haäus⸗ chen— in Deinem Eigenthum— verborgen. Sie wachen daruͤber, wie uͤber einen Schatz das Greifenpaar des Mährchens.“ „So?“— Ein Strahl der Hobſucht fuhr uͤber Leopolds Antlitz. Er ſetzte hohniſch bei: „Sie werden den Nothpfenning vielleicht brau⸗ chen konnen. Die Vorſicht kann ich unredlich, aber nicht unnutz heißen. Laß das, Georg. Wenn ich von ihnen auch das Geſtaͤndniß erpreßte... rechtfertige ich denn nicht ihr Mißtrauen, und werden Sie aufgelegt ſeyn, es gut zu machen, und die Summe mir zuzuwenden? Es iſt zum Lachen.“ „Du haſt uberhort, daß ich von einer unfrei⸗ willigen Anleihe geſprochen;“ bemerkte Georg — 474— langſam, ohne mit dem finſtern Blicke von Leo⸗ polds Geſicht abzulaſſen. Und je abgeſpannter dieſes, je verzehrender wurde des Verſuchers Auge. Da Leopold nicht antwortete, war es an Georg, ſeiue Gedanken weitläufiger auszuſpinnen. Da⸗ her ſagte er trocken:„Machen wir uns keine Täuſchung mehr vor. Wir ſind beide auf dem Punkte, wo eine falſche Delikateſſe unzulaͤſſig er⸗ ſcheint. Es gilt die Selbſterhaltung. Welche Ruck⸗ ſicht käme auf, gegen dieſe? Ich auch habe der Ty⸗ rannin meinen Tribut eutrichtet. Jetzt iſt die Reihe an Dir.« „Entwendung? Raub 2e fragte Leopold ein⸗ toͤnig.—„Du nimmſt, was Dein iſt. Nenne die Operation, wie Du willſt. Sie verheimlich⸗ ten Dir Dein Eigenthum? Du bemächtigſt Dich deſſelben, um die Mittel zu gewinnen, ihnen Deine Verbindlichkeiten ferner abzutragen.“—„Und wenn ichs demungeachtet nicht kann?“—„Das Schick⸗ ſal fugt alles.“—„Und wenn ſie in Duͤrftigkeit verſinken, ſtatt ihre hohen Jahre ruhig und ge⸗ maͤchlich abzuleben?—„Bleibt ihnen nicht der Schatz ihrer Bildergallerie? Sie werden nicht hungern, Leopold.“ Die Bemerkung leuchtete dem Juͤnger der Suͤnde ein. Er nickte; aber im nächſten Mo⸗ mente flogen ſchon wieder die Schatten des Zwei⸗ ſels uͤber ſeine Stirne.„Wenn's mir nicht ge⸗ länge? Wenn der Rächer mich ergriffe? Du weißt: mein Feind hält dort den Stab der Ge⸗ walt! Gewiß iſt mein Name ſchon dort gebrand⸗ markt; gewiß iſt mein Verbrechen dort kein Ge⸗ heimniß mehr. Soll auch noch die groͤßere Miſſethat mich in's Angedenken der Leute zuruͤck⸗ bringen, die mich einſt geehrt und hochgeſchaͤtzt?“ Georg zuckte die Achſeln.„Deine Schuld lediglich, wenn ſie Dich ertappen. Du kennſt die Localität. Die Mettners wohnen allein, und ſenden alle Abende ihre Dienſtmagd aus dem Hauſe. Du haſt noch einen Schluͤſſel zu der Baracke; ich weiß es. Du kannſt mit einiger Geſchicklichkeit Deinen Plan ausfoͤhren, ohne daß die Leute merken, wer ſie leichter gemacht. Luiſe ſchrieb, daß ſic das Geld in Goldſtuͤcken beſitzen. — 476— Das Säckchen ruht immer unter dem Kopfkiſſen des Alten Hier ſprang Leopold haſtig auf.„Wenn ich auch bis zu ihm dränge... wenn ich auch meine Finger.. ach, ſie ſind ſchon eines Raͤn⸗ bers Finger geworden— wenn ich ſie nach dem Gelde ausſtreckte.. wird er nicht erwachen?“ —„Vielleicht;“ antwortete Heckdey kaltbluͤtig.— „Mich nicht erkennen?“—„Du biſt bermummt.“ —„Mich nicht anhalten 2“—„Der ſchwache gichtbruͤchige Greis 2«—„Und wenn dennoch 26 —„Hm; ja dann waͤre noch das letzte Mittel.—„Ich verſtehe;“ ſchloß Leopold niedergeſchlagen. — Die tiefſie Stille trat ein. Man hoͤrte nur den Pendelſchlag uͤber dem Kamine. Georg zog aus der Bruſttaſche ein elegantes Stilet, und reichte es ſtumm ſeinem Freunde. Dieſer ſchau⸗ derte.„O, es iſt nur zu wahr, daß Du es ge⸗ weſen, der die Mulattin getodtet!“ murmelte er, die Waffe zuruckweiſend.—„Du biſt ein Kind;“ verſetzte Georg unwillig, und verſtummte wieder. — 477— — Dann ſchritt er ein paarmal hin und her, zundete plotzlich, von heimlichem Grauen ergrif⸗ fen, die Spiegelkerzen, und die des kleinen Luͤſtre an, daß es ringsum hell wurde, zog den Freund neben ſich auf den Divan, und begann leiſe und zutraulich:„Ich will Dir etwas entdecken.— Ich habe von jeher die äußerſten Gewaltsſchritte gehaßt; bin aber doch einmal in meinem Leben gezwungen worden, einen ſolchen zu thun. Es war nicht anders zu helfen, und— noch bis auf den heutigen Tag hat mich die That wenig⸗ ſtens nicht gereut⸗ Es gibt Menſchen, die nicht beſſer ſind, als ein giftiges Gewuͤrm, das den Inſtinkt des Verderbens in ſich trägt. Wer macht ſich ein Gewiſſen daraus, eine Schlange zu todten, ſelbſt wenn ſie uns nicht verwundete? — Aber der Pflanzer Deſcharpes, der gräuliche Jean Baptiste Pescharpes, der von Hayti nach Jamaica uͤbergezogen war, und mich in ſein Comptvir aufgenommen hatte, war giftiger als die Schlange des Sumpfes, und hatte mich toͤdt⸗ lich in der Seele verletzt, indem er mir Befehl — 478— und Ermunterung und Anleitung zu trugeriſchen Dingen und teufliſchen Geſchäften gab, denen ich mich, verzweifelnd wie ich damals war, getaͤuſcht in meiner erſten, einzigen Juͤnglingsliebe, mit Begierde gewidmet. Deſcharpes lehrte mich den verbotnen Negerhandel, lehrte mich Betrug, Un⸗ redlichkeit und den Traſik mit Contrebande, lehrte mich den Umgang und die Vertraulichkeit mit den ſpaniſchen Seeräubern. In den kurzen Friſten, die ich auf der Inſel zubrachte— Zwiſchenräume meines unruhigen Seefahrerlebens— weihte er mich ein in die ſchmachvolle Kunſt, die Sclaven zu quaͤlen, Silber- und Goldmuͤnzen zu beras⸗ peln, falſche Handelsbucher auſzuſtellen.— Mein Eifer entſprach ſeinem Vertraen. Der unſelige Dualismus, der im Menſchen ſo häufig auftritt, machte, daß ich den Verderber, das eingefleiſchte Laſter, verabſcheute, und dennoch ihm gehorchte, weil nur ein Streben mich begeiſterte: das Stre⸗ ben nach Reichthum. Um meiner Liebe zu dienen, hatte ich fruher dieſe Leidenſchaft in mir groß⸗ gezogen. Als mich Engenie betrogen hatte,— — 479— als die Liebe geflohen war, iſt nur die Habſucht in meiner Bruſt lebendig verblieben.“ Da ſich Georg unterbrach, nickte Leopold, mit verſchränkten Armen und geſchloſſenen Augen daſitzend, ihm Beifall; denn auch vor ſeiner Fan⸗ taſie geſtalteten ſich, ſeitdem er liebeleer geworden, nur die Träume von großen anſchwellenden Gold⸗ haufen, von Diamantenſtrahlen und Perlſchnuͤren ohne Ende.— Nach einem fluͤchtigen Blicke in alle Winkel, redete Heckdey weiter: „Deſcharpes lernte mich lieben; aber wie ein Wolf etwa ſein Junges liebt, es leckend mit blu⸗ tiger Zunge, es ſtreichelnd mit krallbegieriger Pfote. Stets war ſein Wohlwollen bereit, in Bosheit ſich zu wangeln; oft begann er ſchmeichelnd eine Rede, und endete ſie im Geiſer des Haſſes. Er hätſchelte mich, weil ich um all ſeine Nichts⸗ wuͤrdigkeiten wußte; er koͤderte mich mit der Ausſicht auf ſein Erbe.„Tu auras un jour mes deux millions;“ kraͤchzte er hundertmal im Tage, und drohte wieder hundertmal, mich zu verſtoßen. Bei mir ſetzte ſich indeſſen die Idee feſt, nach — 480— ſchweren Dienſten einſt die Millionen zu haben, um jeden Preis zu haben.— Die Begebenhei⸗ ten in der Familie des Hageſtolzen Deſcharpes wurden mir plotzlich ſehr guͤnſtig. Todesfall auf „Todesfall. Riblard, der liederliche Kanonier, blieb allein uͤbrig, der praͤſumtive Erbe. Seine Ver⸗ ſchwendungen und ſeine Trunkenheit jedoch mach⸗ ten den Vetter von ihm abwendig; ſein Beſuch auf Jamaica entfremdete ihn dem Pflanzer vol⸗ lig. Deſcharpes wies ihn aus dem Hauſe, und errichtete ein Teſtament, das mich zum Univer⸗ ſalerben ernannte, und bei den Gerichten nieder⸗ gelegt wurde.— Ich war meiner Zukunft um einen großen Schritt naͤher gekommen, aber lange noch nicht am Ziele. Ein Teſtament iſt ein gebrechlich Ding; jede Laune des Teſtators zertruͤmmert es. Zudem wurde ich ſchlecht gehal⸗ ten. Die Millionen waren noch unzeitige Fruchte, und in der Gegenwart ließ mich der geizige Deſcharpes beinahe verſchmachten. Ich ſollte gezwungnerweiſe das Gegenſtuck zu dem ausge⸗ laſſenen Neffen werden. Ich, der deſignirte Erbe — 481— eines reichen Mannes, war ärmer als ein Tag⸗ lohner. Ich borgte oft von Sclaven, ich fuͤhrte kleine Betruͤgereien mit den Aufſehern des Alten aus, um nur in meiner Taſche ein paar Piaſter klingen zu machen. Um ſo eifriger genoß ich, was ſich mir heimlich darbot: Vergnuͤgungen und Schwelgereien im Uebermaaß.— Da wurde ich krank; und während meiner Krankheit kam De⸗ ſcharpes hinter ſo manches, das ihm nicht lieb war, und mir gefährlich wurde.„Noch einen Fehltritt,“ ſagte er,„und ich caſſire das Teſta⸗ ment.“— Seine Verſicherung war ſo kalt und buͤndig, daß ich ihr mehr vertraute, als tauſend Eiden. Mit meiner Geneſung begann aber wie⸗ der die alte Lebensweiſe. Ich knuͤpfte mit dem Buchhalter einer fernen Plantage an. Wir trie⸗ ben Unterſchleif im Einverſtaͤndniß. Ich furchtete keine Entdeckung; denn niemals war Deſcharpes freundlicher mit mir geweſen. Der falſche Schurke Georg ſchluckte muͤhſam den Grimm nieder, der ihn bei der Erinnerung beſchlich; um ſo ſelt⸗ Boa Conſtrictor. I. 31 — 18— ſamer, als der Pflanzer ſich doch eigentlich in ſeinem Rechte befunden hatte.— Eilig fuhr Heckdey dann fort:„Wie er mir ſchmeichelte! wie er mir unaufhoͤrlich ſagte, er wuͤrde jetzo al⸗ len Handel auſgeben und mir uͤberlaſſen; ſich nur dem Grundbeſitz widmen, und mir die rohen Produkte zum Vertrieb fuͤr eigne Rechnung lie⸗ fern; mich in den Poſſeß ſeines halben Vermd⸗ gens auf der Stelle einfuͤhren!— Zur ſelben Zeit kam Agrippina zu mir; ein junges Neger⸗ maͤdchen, eines Marronnegers Tochter, die ich auf einem Streifzuge gegen die Widerſpenſtigen im Gebirge verlaſſen gefunden, wie die ver⸗ ſchleppte Brut eines Wildthiers, und vor der Grauſamkeit meiner Begleiter gerettet hatte, ein acht⸗ oder neunjähriges Kind. Agrippina liebte mich, und vertraute mir, ſie hätte gehoͤrt, daß der Buchhalter der genannten Plantage davonge⸗ jagt werden ſolle, und daß Maſſa im Sinne habe, ſchon am naͤchſten Tage nach Kingſton zu reiſen, und das Teſtament zuruͤckzunehmen. Meh⸗ rere Angeſtellte des Hauſes, die mich haßten, — 483— hatten ſich von meinem Unſtern unterhalten.— Er wußte alſo um meine Heimlichkeiten abermals. Die Gefahr war alſo die dringendſte; denn, wenn nie im Leben,— hier haͤtte der wuͤſte Geizhals Wort gehalten. Nach der ſchwerſten Dienſtbar⸗ keit war ich auf dem Punkte, Alles einzubuͤßen. Das durfte nicht geſchehen. Ich wollte leben, ich war berechtigt dazu; ich wollte mich nicht auf⸗ knuͤpfen in Verzweiflung, ich wollte nicht verhun⸗ gern an der Schwelle einer mir verheißnen Schatz⸗ kammer. Wenn Einer fort mußte aus der Welt, ſo durfte ich,— der junge Mann, der Hoff⸗ nungsvolle,— ich durfte es nicht ſeyn.«“ Heckdey dämpfte in etwas die Begeiſterung der entſetzlichſten Selbſtſucht, und trieb, was ihm zu ſagen blieb, eintoͤnig und eilfertig zu Ende:„Der Zufall war mir hold. Deſcharpes, der ver⸗ ſchwiegene Heuchler, wurde unwohl. Er legte ſich zu Bette, um zu ruhen, und am naͤchſten Morgen ruͤſtig zu ſeyn.„Ich habe Geſchäfte in Kingſton;“ ſagte er mit feiner Verſtellung:„ich — 484— werde Dir eine Ueberraſchung vorbehalten. Wie, wenn ich Dir eine Schenkung meines halben Ver⸗ mdgens mitbraͤchte, Du Schelm?“— Er lachte ſo ſuß, ſo hämiſch zugleich, der Teufel! Ich haͤtte ihn vergiften moͤgen!.. Ich hab' es gethan.— In ſeiner Limonade hab' ich's ihm gegeben. Agrippina hatte mir lange zuvor die Kraͤuter gezeigt, womit die Marronneger ihre Waffen und die Speiſen vergiften, die ſie an ab⸗ gelegene Orte niederſetzen, um ihre hungrigen Verfolger luͤſtern zu machen. Binnen zwei Tagen war's aus mit Deſcharpes.“ —„Fuͤrchterlich!“ ſeufzte Leopold:„Wenn der Greis jedoch ſein Loos errathen, wenn er den⸗ noch das Vermächtniß umgeſtoßen hätte?“ „Daß er in den letzten Stunden errieth, was mit ihm vorgegangen, leidet keinen Zweifel;z“ ſagte Georg mit bebender Stimme:„die hoͤlli⸗ ſchen Blicke, die er mir zuſchoß, haben es be⸗ wieſen. Doch war er ſchon ſprachlos und keinem Fremden geſtattete ich zu ihm den Zutritt, bis er — 485— erlegen war. Das Teſtament wurde erffnet; ich nahm mein Erbe hin.«“ „Hat Dir den Fluch gebracht, der Mammon k murmelte Leopold:„konnte Dir nichts bringen, als Fluch!«— — Georg widerſprach eifrig:„So rechneſt Du denn die Freuden dieſes Erdenlebens fuͤr einen Bettel, Du Blinder? So gilt Dir fuͤr nichts der Zug eines Nababs durch dieſes elende Da⸗ ſeyn? Iſt denn die nackte Tugend der Elephant, der das Gemeine in den Schlamm tritt? Nein; das Gold, die Wucht der Materie ſtampft fuͤr den Gluͤcklichen alle Bahnen glatt und eben. Pah! ich habe mich gewiegt im Palankin des Wohlle⸗ bens; ich habe geſchlummert, geſchäckert, gefaul⸗ lenzt auf den Thronen des Paradieſes. Ich bin ſatt bis an die Kehle, und moͤchte nicht,— wenn gleich jetzw beraubt, gepluͤndert, geſunken,—— nicht tauſchen mit dem Maulwurf im Staube, mit dem hungernden Heiligen, mit der Tugend auf dem gluͤhenden Kohlenroſte! Leopold ſchlug ſich vor die Stirne, und knirſchte: — 486— „Du haſt Recht, bei Gott Du haſt Recht. Ich war, ich bin noch immer ein Thor. Ein Jeder nehme ſeine Parthie, ein Jeder fulle ſeinen Platz. Was hienieden gut, was boͤſe, wer weiß, wie es jenſeits der Sterne genannt wird? Der Boſe ſogar gehoͤrt zum Ganzen, wie der Gute, und ſo wenig wir wiſſen, was auf Erden eigent⸗ lich hoch, und was tief, ſo wenig ſteht uns zu, hier auszumachen, wer dort den Preis erringen werde. Deine Erzählung hat mich gewaltig er⸗ ſchuttert, Georg, aber zugleich hat ſie mich er⸗ quickt. Du mußteſt handeln, wie Du gethan, Georg. Und ich, ich muß jetzo auch, wie Du befiehlſt, und wuͤnſcheſt. Es iſt billig, daß auch ich mein Scherflein leiſte fur unſre Gemeinſchaſt. Ich will nicht zuruͤckbleiben, und wenn es das Aeußerſte koſtete.“ Mit dem Wuthblicke, den gewoͤhnlich diejeni⸗ gen annehmen, die ſich ſelbſt mit Gewalt in den Harniſch der Feindſeligkeit jagen— ein Blick des Haſſes auf die Welt und auf das eigne Innere— packte Leopold das Stilet, und ſteckte es zu ſich. — 487— —„Bravo; und meinen Dank voraus;“ ſagte Georg langſam:„Ich werde Dich mit Sehnſucht erwarten. Deine That wird uns beide retten.“— —„Beide!“ wiederholte Leopold, plotzlich wie⸗ der verſinkend in Nachdenken:„wenn mir nur mein Verhängniß das Aergſte und Aeußerſie ſchen⸗ ken wollte! Ich weiß wahrlich nicht, wie ich mich neben dem Blute geberden wuͤrde, das meine Hand vergoſſen haͤtte! Und jene ehrwuͤrdigen, alten, kahlen Haͤupter, die ich atzen ſollte, wie ein Pelikan, ſtatt ſie zu verderben wie koͤnnte ich ſie mit dem Purpur des Mordes be⸗ ſudeln? Ach, ſie ſind ja nicht zu vergleichen den giftigen Gewuͤrmen; ſie ſind nicht ähnlich der Suͤnderfratze eines Deſcharpes, der den Tod mit jedem Athemzuge verdiente! Wehe, nur vor die⸗ ſem letzten Graͤuel behuͤte mich der Engel, der ſich vielleicht noch nicht ganz von mir gewen⸗ det!“— In dieſe Gebete einer halbverlornen Seele ſchnitt Georg's widerliches Gelaͤchter. Er ſuchte damit der eignen Bruſt uberwallende Wehmuth — 468— zu bezwingen.„Welche Jeremiade um eines Dings willen, das noch nicht iſt! Schlägt eine Moͤg⸗ lichkeit ſchon todt? Und wenn es ſeyn muͤßte... was dann? Zwei Gebote regieren die Welt: —„Suͤndige nicht! oder: gib kein Aergerniß!“ halte Dich an das letztere, da Du mit dem erſten fertig geworden biſt. Oſft iſt man gezwungen, zu einer That zu ſchreiten, um eine fruͤhere ſchwei⸗ gen zu machen. Die alten Häupter! freilich ſind ſie nicht Schlangenhaͤupter, aber wohl uͤberläſtige Koͤpfe, die in der Welt nicht mehr am Platze. Gicht und ſicbenzig Jahre gehoͤren in die Grube. — Zudem“— ſetzte Georg mit Heimtuͤcke hinzu —„bleibt Dir noch Zeit genug, Dein Vorhaben zu befeſtigen, oder zu bereuen. Die Reiſe, mein Zuruͤckbleiben Deine Schwäche es ſollte mich nicht wundern, wenn Du mich im Elend ſitzen ließeſt, woraus ich Dir ſchon manch⸗ mal geholfen“ —„Georg!“ rief Leopold wild aus. Mit gefliſſentlicher Kälte fuͤgte aber Heckdey hinzu: „O, nicht dieſe Heftigkeit, mein Guter! Um's — 489— Himmels willen keine Declamationen und Betheu⸗ rungen! Die Zunge mag redlich ſeyn, und doch endlich das Thun ſie Luͤgen ſtrafen. Ich will Dir darob nicht gram ſeyn, ſondern denken: fahre wohl. Wir werden aber ſehen, ob Du alsdann Dir ſelbſt genug zu ſeyn vermagſt, wie ich es kann.“— Dieſem Fechterſtreich begegnete Leo⸗ pold mit den entſchloſſenen Worten:„Ich weiß, daß an mir zu handeln iſt. Verlaſſe Dich darauf: ich werde handeln.“ 15. Georg fuhlte ſich von einer fieberhaften Un⸗ geduld ergriffen, ſobald von ihm Leopold Abſchied genommen hatte. Dieſe Stimmung ſteigerte ſich immer mehr, und war auf ihrem Gipfel, als Georg wieder in den Reſtaurant der Straße Vabvis trat. Er fand ſchon ſeinen Mann daſelbſt vor, der von gleicher Unruhe beſeelt zu ſeyn ſchien.— „Ich dachte bereits, Sie wuͤrden nicht Wort hal⸗ — 490— ten;“ rief ihm Riblard, hinter einen Auſternberg verſchanzt, entgegen.—„Ich halte immer Wort;“⸗ troſtete Heckdey ſeinen neuen Freund:„und zum Beweis, daß ich Ihre Angelegenheit mir zu Her⸗ zen genommen habe, moͤge Ihnen die Nachricht dienen, daß die bewußte Dame ſich darauf ein⸗ laſſen will, mit Ihnen zu unterhandeln. Wie geſagt: ſie iſt eine Speculantin, eine Borſenheldin, aber eine accreditirte Supplikantin; eine Frau, die ihre Entrées ſogar in den Tuilerieen hat, und die Ihnen ſpaͤterhin ein niedliches Aemtchen mit runder Beſoldung verſchaffen wird, wenn Sie ihr in dem vorliegenden Geſchaͤfte billige Proviſion goͤnnen.“— Riblard lächelte einverſtanden, und meynte, niemand in der Welt ſey beſſer gewohnt, die hoͤchſten Procente zu accordiren, als juſt er, der mit Heiden und Chriſten, mit Juden und Wiedertaͤufern in geldlichen Verbindungen geſitan⸗ den.„Ich habe ſogar,“ ſchloß er mit einer ge⸗ wiſſen Ruhmredigkeit,„inmal bei einem Kriegs⸗ commiſſaͤr eine Anleihe zu Stande gebracht: aber freilich vegetirte dazumal mein Vetter noch, der — 491— mein Leben hindurch ſtets mein Ungluͤck geweſen; der aber jetzt der Eckſtein meines Gluͤcks werden ſoll.— Wollen Sie mir nicht ſagen, wie viel Uhr es iſt?“ —„Auf dem Schlag fuͤnf Uhr. Um ſechs Uhr muͤſſen Sie neben der Laterne, Nummer 79 am Canal St. Martin ſich einfinden. Die Dame wird voruͤberfahren; ihr Lakai wird Ihnen den Schlag oͤffnen, und die Verhandlung auf der weitern Promenade ihren Verlauf haben, was Ihrer Geſchicklichkeit und Discretion uͤberlaſſen bleibt.“—„Ohne Sorge; will ſchon reden. Aber ein Schluck vorher, ein guter Schluck waͤre nicht zu verwerfen; he? das gibt Haltung, Gleich⸗ gewicht; wie?“—„Allerdings; obgleich Ihre natuͤrlichen Vorzuͤge einer kuͤnſtlichen Steigerung nicht beduͤrfen. Auf mein Wort: Ihr martiali⸗ ſches Aeußere, Ihr ſcharfer Accent, der Orden in Ihrem Knopfloche 4 propos, wo haben Sie das Ehrenkreuz erobert?«— Der arme Riblard wurde violett bis unter den Schopf, lehnte ſich mit einer Freimuͤthigkeit, — 492— die ausſah wie eine Niederlage, auf die Schulter ſeines Goͤnners, und wisperte ihm zu:„Eine blinde Rotte, mein Freund, ein Stratagem. Die Viertelelle Band iſt ein Hauptſchluͤſſel der Vor⸗ zimmer, ein Talisman bei geringen und vorneh⸗ men Protectoren, und eine Art fliegender Hypo⸗ thek fuͤr jeden Buͤrgerluͤmmel, dem ich die Ehre, von ihm etwas zu leihen, erzeigen will. Wenn ich bei dem Kriegsminiſter, oder bei dem der Marine antichambrire, verberge ich freilich be⸗ ſcheiden dieſes Kreuz der Tapfern.“ —„Gut; ich begreife;“ verſicherte Heckdey hierauf, belobte heimlich ſeinen Takt und ſeine Ahnung, und rechnete noch einmal ſo zuverläſſig auf die Denunciation, die er in den w.. der Polizeipräfektur geworfen. Während dieſer ſtummen Verhandlung ſeines Nachbarn hatte Riblard Wein commandirt, und ſich tapfer dahinter gemacht. In den Pauſen, die er von einem Becher zum andern ſtatuirte, beluſtigte er ſich mit der Erbanung der ſchonſten Auftſchloſſer. Er bewies ſeinem neuen Freunde — 493— ſonnenklar, wie die Paarmalhunderttauſend Fran⸗ ken, die er als Ertrag der bewußten verſpateten Schiffsladungen in Anſchlag brachte, hinreichen wuͤrden, ihn zum gluͤcklichſten Manne Frankreichs zu machen.— Dann ſchimpfte er plotzlich wieder auf die falſche Fortuna, die ihn ſtets mißhandelt; und lamentirte um die Millionen, die ihm ſo zu ſagen durch die Finger geſchluͤpft waren.„Wie mancher Eſel, Tartuffe oder Kopfhaͤnger findet im Schlafe, auf der Straße, ſein Gluͤck, einen Schatz, ein Amt, einen Marſchallſtab, und oft noch mehr!“ ſeufzte er, und ſetzte dann mit einen begeiſterten Blick in die juͤngſte Vergangenheit hinzu:„Da koͤmmt mir ein Fund in's Gedaͤcht⸗ niß, Herr!. ein Fund! Hätte ich ihn ge⸗ macht, ich ſchenkte Ihnen auf der Stelle die Schiffsladungen des alten Deſcharpes; meinet⸗ wegen ganz Kingſton und Jamaica. Ein Fund... tauſend Donner!... es hat ſich nicht einmal Je⸗ mand dazu gemeldet, und der Staat wird ihn ſchlucken, wie ſo vieles Andre!“ —„Nun? zur Sache!“ fragte Heckdey neu⸗ —— gierig, obſchon er die Zeiger der Uhr nicht aus den Augen ließ.— Riblard begann mit verzuͤck⸗ ten Mienen:„Alſo: ſie hatten mich auf den Kirch⸗ hof gebracht, um die Mulattin noch einmal im Sarge zu ſechen. Die Chineſen wollten mich ver⸗ bluͤffen; was?“—„Gehen Sie uͤber die verdrieß⸗ liche Hiſtorie weg;“ bat Georg, dem ein bischen unheimlich bei der Erinnerung wurde.—„Im Gegentheil, mein Herr; ich muß dabei ſtehen bleiben. Denn, ſtellen ſie ſich vor: ſo wie der Sarg hinunterrumpelt in die Grube, ſo ſturzt auch ein Brocken von der verwitterten Kirchhofs⸗ mauer dicht daneben ein, weil eine Maſſe von Zuſchauern auf der wankenden Ruine ritt. Ein Gaſſenjunge fällt mit dem Schaͤdel in eine Ni⸗ ſche der Mauer, krallt ſich an ein paar Steine, die darinnen aufgeſchichtet lagen, mit Verzweif⸗ lung an; die Steine geben nach, und hinter ihnen drein kollert ein weißer Beutel von Bocksfell auf die Erde. Ein Polizeiwaͤchter ſteht ungluͤcklicher⸗ weiſe daneben, und erwiſcht den Fund, der ſofort bei'm Gerichte deponirt wird. Jetzt frage ich — 495— Sie: was war in dem Beutel? Eitel Diaman⸗ ten, wie es heißt. Und der Eigenthuͤmer? Herr Niemand. Noch liegen dieſe Juwelen im Depot, und ſollen einen ungeheuern Werth haben.— Hätte ich nun dieſen Reichthum nicht finden konnen? Mußte er denn juſt dem offentlichen Schatze be⸗ ſcheert ſeyn? fuͤr die talentreichſten Kopfe ſorgt For⸗ tuna, wie eine Stiefmutter. Dem Dummkopf gehoͤrt die Welt, habe ich einmal geleſen.“ Riblard ſtuͤtzte die Stirne auf ſeine beiden geballten Faͤuſte, und ſtarrte vor ſich hin. Heck⸗ dey's Lage war unbeſchreiblich folternd. Daß nur von ſeinem Eigenthum hier die Rede ſeyn konnte, war ihm gewiß, und vor Freude klopfte ſein Herz, waͤhrend die entſetzlichſte Angſt, daß viel⸗ leicht der kommende Tag ihm Schaͤtze und Hoff⸗ nung wieder rauben moͤchte, ſeine Glieder durch⸗ bebte. Es lag ihm wie Flor vor den Augen; er war mit ſeinen Gedanken nicht mehr zu Paris. Das ſtuͤrmiſche Blut brauste ihm vor den Ohren; ſo daß Riblard, in der Meinung, ſein Nachbar ſey eingeſchlafen, ihn haſtig ſchuͤtteln mußte, um — 496— ihn zum Anſtoßen und Beſcheidthun zu bewegen. —„Ein Toaſt?« fragte endlich Heckdey, ſich er⸗ munternd von ſeiner Verwirrung:„Meinetwegen, welchen? ich trinke alle mit.“—„Der alte Gur⸗ kenhändler, der Cichorienfabrikant Deſcharpes ſoll alſo leben!“ rief Riblard vorwitzig, und Georg that ihm Beſcheid, wenn ſchon ein boͤſer Froſt durch ſeine Wirbelſäule rieſelte. Sodann jedoch, begierig, die Unterhaltung zu endigen, und mit ſich allein zu bleiben, ſagte er zu dem Erxartille⸗ riſten:„Noch zehn Minuten bis ſechs, und der Weg iſt weit.“—„Ich begebe mich auf meinen Poſten!“ antwortete Riblard auffahrend.—„Sie muͤſſen einen Fiaker nehmen.“—„Gut; aber Sie muͤſſen mir dann die Gefalligkeit eines Hun⸗ dertſouſtuͤcks nicht verweigern, Herr Bottom. Mein kleiner Schmaus hat meine Taſche geleert.“— „Ei warum nicht? das weigert man keinem Freunde, Herr Riblard.“— So viele Thaler auch Georg in der Welt ver⸗ braucht, verſchenkt, verſchleudert hatte,— keiner war ſo leicht und glatt aus ſeinen Haͤnden in die — 497— eines Andern gefallen. Riblard in ſeiner wein⸗ launigen Dankbarkeit ahnte nicht, daß er in dem Fuͤnffrankenſtucke das Handgeld des Teufels oder vielmehr des Unglucks empfing. Von roſenfarbi⸗ gen Träumen geſchaukelt, flog er im leichten Ca⸗ briolet ſeinem Ziele zu, und ſchlief, Dank der Sorgfalt der Sicherheitsbrigade, die nächſte Nacht hindurch in einer ſchwarzen Zelle der Polizeiprä⸗ fektur.— Was kuͤmmerte aber jetzo ſein Lvos den gluͤck⸗ lichen Heckdey? Seines Bleibens war nicht mehr in der Hauptſtadt. Die Hoffnung, wieder den groͤßten Theil des Reichthums zu erringen, dem er Gewiſſen und Seligkeit geopfert, machte ihn zum Lobredner ſeines Geſchicks, obgleich er wieder den Zufall verwuͤnſchte, der ſo lange mit ſeinen Offenbarungen gezoͤgert hatte. Angſt um das Schickſal ſeines Leopold, den er— jetzo ſo un⸗ nothig— einem Verbrechen entgegengeſchickt, wie einſt der Alte vom Berge ſeine Aſſaſſinen dem Tode—; Mitleid und Bedaueri mit der Lage Vod Conſtrictor 1. 32 — 4 1— worein er— ebenfalls unnoͤthigerweiſe— den ar⸗ men Riblard verſetzt, dem er jetzo beinahe mit Freuden die Broſamen des Reichthums ſeines Vet⸗ ters gegoͤnnt haben wuͤrde;.. tauſend Empfin⸗ dungen marterten ſeine Bruſt.— Und dazwiſchen warnten wieder Zweifel und Unſchluͤſſigkeit, und die ſo verzeihliche, ſo natuͤrliche Furcht des Ver⸗ brechers.— Sollte er ſich wieder in jene Grenz⸗ ſtadt wagen, ſein Eigenthum zu fordern, wo er zu Leopolds verbrecheriſcher Ehe geholfen, wo Diana von ſeiner Hand gefallen? Allein ſein klarer Verſtand— gewoͤhnt, jede Befuͤrchtung mit den zu Gebot ſtehenden Sicher⸗ heits- und Vertheidigungsmitteln abzuwaͤgen— beruhigte bald den Sturm ſeiner Sinne, und ſammelte ein, was fuͤr das Gelingen ſeiner For⸗ derung eine Buͤrgſchaft leiſten mochte.— Er uͤberlegte, daß in Leopold's Proceß die Anklags⸗ kammer des Gerichts ihn von jeder Klage frei⸗ geſprochen, und nur ſeine Zeugſchaft erlaubt hatte, daß bei den Behoͤrden jener Stadt noch die Po⸗ lizeianzeige der deutſchen Autoritäten ſammt den — 499— Steckbriefen der Diebe jener Diamanten vorliegen muͤſſe; daß er als Eigenthuͤmer der Juwelen ſie auf's genauſte zu beſchreiben im Stande ſey; daß endlich nur die ſchweigende Nacht, und der vor Trunkenheit halbtodte Riblard die Zeugen jener Scene in dem Chapeau⸗Rouge geweſen, deren er ſo oft mit Entſetzen gedachte. „Ich werde kommen, ſehen, ſiegen!“ rief er ſich ermunternd zu, und machte ſeine Anſtalten zur ſchnellſten Abreiſe. Er ſah bereits im Geiſte ſeine Sterne wieder leuchten, ſah ſich dahineilen wie ein rettender Cherub, um Leopold's Hand von vorſchneller umuͤtzer That abzuhalten. Sie hatten Alles verabredet; er wußte ihn zu ſinden, und wenn er ſich in's ſtrengſte Incognito ver⸗ mummt haben ſollte. Den Unmenſchlichen erhob ein menſchlich Gefuͤhl. Er wollte den Freund nicht muthwillig, nicht ganz und gar in's mora⸗ liſche Verderben rennen laſſen. War doch ſthon an dem Blute genug, das uͤber ſein eigen Haupt gekommen war! Er traͤumte auf ſeiner Eilfahrt von einer Weihe der Zukunft, von einer ſtillen Abgeſchie⸗ denheit jenſeits der Meere, von der Wiederkehr zum Leben eines ehrlichen Mannes, vom Tode im Arme ſeines Freundes, von der Fuͤrbitte eines Engels, den Georg's Phantaſie mit Cäciliens Antlit, mit Cäciliens Liebe ſchmůcktt. Die Larve des Materialiſten wurde ihm unbequem. Er haͤtte ſich all dieſen Erwartungen und Hoff⸗ nungen zutrauensvoller hingegeben, wenn er ſchon gewußt haͤtte, daß ſein Pluto in der letzten Stunde dem Almoſenier des Hoſpitals von dem Diebſtahl und namentlich von den leicht kenntli⸗ chen Diamanten geredet, und ſomit die letzte Schuld ſeines Sclavenlebens an den Gebieter ab⸗ getragen; ferner: daß der Almoſenier nicht ge⸗ zaudert, von dem ihm bekannten Geheimniſſe der Gerichtsſtelle eine vertrauliche Mittheilung zu machen.— Die Mulattin und die Diamanten, — damals verſchwunden— waren jetzt wieder zum Vorſchein gekommen, und die in jener Zeit der Ver- und Entpuppung Frankreichs gerade * — 501— neu inſtallirten Gerichtsbehoͤrden der Provinzial⸗ ſtadt brannten vor Begierde, ein leuchtendes Ex⸗ empel unbeſtechlicher Rechtſchaffenheit zu geben, ſobald ſich nur der rechtmäßige Eigenthumer der wunderbar wiedergefundnen Juwelen melden wuͤrde. —— „Geh' doch vom Fenſter, lieber Alter! Du ſiehſt, daß ein Wetter im Anzuge. Der heiße Wind peitſcht den Staub uͤber die Dächer der Straße, und wirft die ſchoͤnen Bilder voll Sand. Komm, Vater. In der Stube iſt heimlich und gut ſeyn.“— Der brummige Herr von Mettner trennte ſich ungern von dem Schauſpiel, das am Himmel die ſchwarzen hin und wieder ſtuͤrzenden Nacht⸗ wolken auffuͤhrten. Die falbe Helle, die zuwei⸗ len durch die Wettermaſſen zuckte, beſtätigte die Ahnung der Patrizierin, daß der Sturm am — — 502— Himmel aufwachen wuͤrde. Der Greis machte klirrend das Fenſter zu, und ſchlich, unverſtänd⸗ liche Worte in den Bart murmelnd, zu ſeinem traulichen Sorgenſtuhle. Die Frau näherte ſich ihm, bedeckte ſeinen Kopf mit der Sammetmuͤtze, ſtrich ihm die verdrießlich gefaltete Stirne glatt, und fragte:„Warum ſo finſter und krakeelig, alter Herr? Zupft Ihn wieder die Gicht, oder macht Ihn das Wetter ſo unwirſch?“— Mettner runzelte die Brauen noch mehr, da er antwortete:„Laß' Deine Poſſen, alte Suſanna.. Du gemahnſt mich, wie die Gurli in des ſeligen Herrn von Kotzebue Luſiſpiel. Das Stuͤck hat mich vor vierzig Jahren aus dem Theater gejagt, und ich bin ſeitdem nicht mehr hineingekommen. Willſt Du mich mit Deinen Spaßmachereien jetzo aus dem Hauſe jagen 26 Die Frau ſtammelte verblufft fuͤr ſich:„O weh! wieder ſchwarz im Kalender!« Dann ſagte ſie laut und wehmuͤthig:„Ach, lieber Vater, ich wollte, ich konnte es dahin bringen, daß wir dieſes Haus wieder verlaſſen. Seit wir„ — 2503— hereingezogen, haſt Du keine zufriedne und heitre Stunde gehabt.“— Mettner ſchwieg. Erſt nach einer Weile hob er mit milderm Tone an:„Magſt recht haben, Du gute, ehrliche Suſe. Betrachte aber ſelbſt die enge, oͤde Gaſſe, die himmelhohen Giebel, uns gerade gegenuͤber, das Handbreit Firmament, das wir genießen, die finſtern Stuben, den engen Raum... ach, der Kaͤfich iſt wohl geeignet, den Bewohner melancholiſch zu machen, und es haͤtte uns nie einfallen ſollen, daher zu ziehen.“ — Die Fran ſeufzte.„Wir haben uns Alles an⸗ ders vorgeſtellt;“ meynte ſie dann:„es kam uns Alles huͤbſcher vor, und zudem der Hauptgedanke, der uns beſeelte.. unſer Alter zu ſichern, und zugleich dem. dem Andern fuͤr ſo manche Gefaͤlligkeit eine Erleichterung in der Noth des Augenblicks zu gewähren.....“ „Ja, ja, und hundertmal ja;“ fiel Mettner mit der Verhoͤhnung ein, die man ſo oft gegen ſich ſelbſt richtet:„wir waren eben einfältige gute, ſimpelhafte Leute, wie immer und von jeher. 9 — 504— Wir ruhten ja ſelbſt nicht, bis wir die Schlinge um den Hals hatten. Der brave Herr Heckdey hat immer gezoͤgert. hätte doch der Ederich nimmer ja geſagt. Wir hätten manche Lebens⸗ freude mehr genoſſen, und die Sorge, unſer Geld umſonſt aufgevpfert zu haben, nicht auf dem Halſe.“ „Nun, nun; das wird wohl nicht geſchehen;“ troͤſtete Suſanna. Mettuer unterbrach ſie aber heftig:„Ei, warum denn nicht? haben wir denn Brief und Siegel? Was hat mir heute der Wechsler, der Freudenthal, geſagt? Daß er zahlen wurde, ſobald Rimeſſen einlaufen. Wenn aber keine einlaufen? wer weiß denn, wo der Monſieur, von dem ſich die Leute allerlei Häß⸗ liches unter der Hand erzählen,— wer weiß denn, wo er herumſtreift, das Ränzchen auf dem Ruͤ⸗ cken? Und wenn es wahr iſt, was man von ihm munkelt, ſo hat er ſchon Aergeres gethan, als ein paar arme, alte Kruͤppel betrogen.“ —„Wer wird denn ſtets das Aergſte glau⸗ ben 7«—„Wer? ich, Suſanna; weil ich weiß, — daß an den Veſchuldigungen eines Feindes immer etwas wahres iſt. Wenn Madame Eugenie nichts verlauten ließ, ſo iſt das kein Beweis dagegen. Die arme Frau wuͤrde ſich eher zu Tode grämen, als daß uͤber ihre Lippen ein Unglimpf gegen den Mann käme. Der Patron verdient das Weib nicht; aber wir verdienen auch nicht der Schlech⸗ tigkeit des Patrons zu unterliegen. Wir ha⸗ ben indeſſen keine Buͤrgſchaft als ſeine Unter⸗ ſchrift und dieſes Recept zu einem ſchlechten Hauſe; damit holla. Niemand gäbe uns darauf einen Heller.“ „Hm! Eugenie wuͤrde uns nicht ſtecken laſſen.“ —„Ei, zum Wetter! wuͤrden wir den Pfenning der Wittwe annehmen? Iſt die arme Frau nicht ſchon ungluͤcklich genug? welch ein Schickſal hat die Familie betroffen! Der Mann verloren, ver⸗ ſunken, verdorben; der Sohn auf der Feſtung, kaum dem Tode, dem ſchimpflichen, entronnen; die Tochter.„ ach, laß mich ſchweigen. Und wenn wir noch einmal Alles verloren, was wir beſitzen, wuͤrde unſer Verluſt an Eugenien's rei⸗ — 506— chen? Blieben wir uns nicht noch immer in Liebe und Treue? Die Armſelige hat nicht ein⸗ mal ihre Freunde behalten, wie ſich am Beiſpiel der Theobald's ergibt, die ſich von ihr entferuten, geheimnißvoll, wie denn uͤberhaupt die ganze Ge⸗ ſchichte jenes Familienungluͤcks noch in des Ge— heimniſſes Dunkel gehuͤllt iſt.— Pah, reden wir nicht mehr davon. Das bringt mir Saͤure in das Blut. Unſer Troſt iſt allein das Suͤmmchen, das ich weislich zuruͤckgelegt habe, und unſer Bilderkram. Vertraue immer nur dem, was Du beſitzeſt, und nicht Deinen Mitmenſchen; das iſt mein Evangelium.“ —»Ei Vater, das iſt vielleicht klug, aber nicht chriſtlich—„Wie Du willſt. Gebrann⸗ ten Kindern ziemt die Klugheit, und Du ſollteſt die meinige nicht ſchelten. Stelle Dir vor, Suſe, wenn ich plbtzlich ſtuͤrbe? die lahmen Gebeine halten gewiß nicht lange mehr, und wie ſollte ich dem Tode frohlich und munter folgen, muͤßte ich fuͤrchten, daß Du, die Ueberlebende, darben, Mangel leiden werdeſt?“ — 507— Er umarmte die Frau recht herzlich. Sie ſagte ihm halbweinend:„Schweige doch mit dem frevelhaften Geplauder. Wir haben uns immer ſo ſehr geliebt, daß uns der liebe Gott die Gnade, miteinander ſterben zu duͤrfen, gewiß nicht verſa⸗ gen wird.“— „O Du aberglänbiſche, confuſe Perſon!“ lä⸗ chelte der Alte, und ſtreichelte die Wangen Su⸗ ſanna's, ſanft und heiter, wie in den Flitterwochen. — Dann verlangte er ſein Glas Wein und die Abendſuppe. Das Muͤtterchen trippelte hin und her, Alles zu beſorgen, und nachdem die ſchmale Tafel be⸗ ſchickt, trat die Magd in's Zimmer.„Haben Sie nichts mehr zu befehlen?“—„Mein, Lieſe. Sie kann gehen. Morgen komme Sie etwas ſpaͤter als gewohnlich, daß wir nicht geſtort wer⸗ den. Das heranziehende Gewitter duͤrfte leicht unſern Schlaf unterbrechen. Man thut wohl, auf den Beinen zu ſeyn, wenn der Himmel mit Feuer droht. Nehme Sie den Hausſchluſſel mit. —— Ich will Sie— und das Schloß zu⸗ ſchnappen.“ „ Lieber Mettner, enit Dich doch nicht muthwillig im Zugwinde des we Ich will ſtatt Deiner gehen!“— Der eigenſinnige Alte ſchuͤttelte den Kopf, ſchob ſein Weib auf die Seite, und ging die zwei Treppen hinunter.— Nachdem er die Magd hin⸗ ausgelaſſen, und den Himmel etwas von ſeiner Schwelle aus obſervirt, ſchob er den Riegel vor die Hausthuͤre, und machte ſich auf den Ruͤck⸗ weg. Ein Geraͤuſch, wie das eines Stolpernden, ließ ſich vom Winkel der erſten Treppe ver⸗ nehmen.— Mettner horchte; das Geraͤuſch ent⸗ fernte ſich nach dem kleinen Hintergebaͤnde, als ob es dort die Speichertreppe hinan ſich verldre. — Verdammte Katzenbrut!“ brummte der Greis, mit der Fauſt nach dem Dache drohend:„ich will Elias heißen, wenn ich nicht Morgen mein Blaſerohr wieder hervorſuche, um euch einen Bol⸗ zen auf den Pelz zu brennen!“— Dann wieder ſpottete er ſich, emporſteigend, ſelber aus;„Wo⸗ — 509— her denn die Lunge nehmen, alter Narr? Vor Deinem Zorn fuͤrchtet ſich hochſtens nur die alte Suſe noch; aber außer ihr kein Maͤuschen, noch ſo ſcheu.“ So kam er wieder im zweiten Stockwerk au. „Warum ließeſt Du mich nicht gehen?“ fragte ſeine Frau:„ich habe gehort, wie Du auf der Treppe ſtolperteſt. Deine armen ſteifen Fuͤße konnen das Klettern zur Nachtzeit, wo die Augen außer Dienſt gehen, nicht mehr vertragen. Oder iſt Dir Nachbars Dachhaſe zwiſchen die Beine gekommen?“ „Paperlapapp, Du Plaudertaſche. Du biſt gewiß erſchrocken, wie gewoͤhnlich? Um Deiner Furcht zu Huͤlfe zu kommen, bin ich mit der Lieſe gegangen. Weißt Du noch, wie Du geſtern meinteſt, Du haͤtteſt einen geſpenſtigen Mann un⸗ ten an dem Hofthuͤrchen geſehen? Ich habe mich in Dein Herz hinein geſchämt.“—„O Du gar⸗ ſtiger Menſch!“—„Laß gut ſcyn. Wir wollen vald ams Schlafen denken. Ich glaube doch, das Wetter zieht voruͤber. Der Mond ſieht — 510— bereits ſchief wie ein Schielender in unſer Hoͤf⸗ chen, und die Hitze hat ſich gelegt.“— Der Mond beleuchtete wirklich das Gebäude, und ſtahl ſich in den winzigen Hofraum, der einer ſchwarzen Ciſterne, nicht von den geraͤumig⸗ ſten, zu vergleichen geweſen waͤre. Das Haus war in ſeinem Ganzen, wie jener Schriftſteller des Mittelalters ſich die Reſidenzen der däniſchen Koͤnige gedacht haben mag, da er behauptete, der geringe Buͤrger von Nuͤrnberg wohne beſſer als jene. Von uralter Bauart, auf einer aͤußerſt geringen Raͤumlichkeit errichtet, hatte es kaum Platz fuͤr zwei Familien der geringen Claſſen, die ſich zu behelfen wiſſen. Ein ſchwarzer ſchmaler Gang fuͤhrte von der niedern Hausthuͤre, an ei⸗ nem Gemach und einer Kuͤche voruͤber, die jetzv nur als Rumpelkammern dienten, der ſieilen Wendeltreppe zu. Auf der Hoͤhe derſelben, in dem erſten Stockwerke, lief eine enge Gallcrie um den ſogenannten Hof, an dem Hintergebaͤnde vorbei, das unten aus Ställen fur Gefluͤgel, oben nur aus einer Kuͤche und daruͤber befindlichen * — 511— Speicherkammern beſtand⸗ Ein einzig Zimmer ſammt einem dunkeln Vorgemach, das auf die Gallerie und Treppe muͤndete, ſtellte den erſten Stock vor. Darinnen lagen, hingen und ſtanden ubereinander geſchichtet die Bilderſchätze des Mett⸗ ner'ſchen Paars, wovon mehrere Stuͤcke auf die Gallerie verwieſen werden mußten, wegen Mangel an Raum im Muſeum ſelbſt. An einer rieſigen Judith voruͤber, die den Holoferneskopf in der Fauſt trug, wie auch neben verſchiedenen, Blu⸗ menſträuße haltenden Prinzeſſinnen hinweg, ge⸗ langte man zur Treppe des zweiten Stockwerks, das in allen Stuͤcken dem erſten glich, und das Wohn⸗ und Schlafzimmer der alten Leute abgab. — Die Mettnerſchen Eheleute, auf jeder Seite von zuverläßigen Nachbarn umgeben, hatten die Gewohnheit, ihr Zimmer, war cinmal das Haus zugeriegelt, nicht zu verſchließen.— Heute ſtanden ſie nicht unter des beſten Nach⸗ bars Obhut. In einer der Speicherkammern lag Einer verborgen, der dem neugierigen Mondſtrahl ängſtlich auswich.— Schon einmal, in der ver⸗ vt — 5125— gangnen Nacht, hatten die unbefangenen Bewohner des finſtern Hauſes in der gefährlichen Nachhar⸗ ſchaft geſchlummert; ruhiger, als der Lauernde wachte. Ein Ungefähr hätte ihn beinahe der Frau von Mettner verrathen. Dieſes Ungefaͤhr war ihm vorgekommen wie ein Wink, ſein Vor⸗ haben aufzuſchieben. Kämpfend mit dem boſen Wollen, mit einem Reſt von Ehrlichkeit und einem Anflug von Aberglauben, hatte ihn der Morgen uͤberraſcht, der einer Nacht folgte, die fur jeden Andern kurz geweſen, nur nicht fuͤr den zweifelnd ſchwankenden Verbrecher, dem eine Minute zur Ewigkeit wird.— l n Haͤtte der Mond auch dicsmal bis zu dem Geſichte des Verborgenen dringen konnen, er hätte ein Antlitz voll Verzweiflung beſchienen, die Zuͤge eines Verdammten, der ſich windet in Qualen; der ſich ſträubt, ohnmaͤchtig ſträubt gegen die heranwallende, das Herz aufzehrende Glut. Und wenn er uͤberwältigt in den gefolterten Buſen griff, ſo begegneten ſeine heißen Hände dem kal⸗ ten Dolche, den er von Georg empfangen, und — 513— durch die Flammen, die vor ſeinen irren Augen umher tanzten, nickte hoͤhniſch Georgs Kopf, und grinſte ihm zu:„Es ſollte mich nicht wundern, Schwächling, wenn Du mich im Elend ſitzen ließeſt, woraus ich Dir ſchon oft geholfen!“— Die ewige Antwort auf alle Mahnungen des Ge⸗ wiſſens, auf alle Bedenklichkeiten des voranſchrei⸗ tenden Miſſethäters! Er hatte verſprochen; er hatte gelobt; und die Eide der Suͤnde ſind dem Fallenden die heiligſten. In dieſes ſchauerlich ſtille Weben blutdurſtiger Gedanken ſchlug die nahe Glocke wie mit Keulen elf langdroͤhnende gewichtige Schläge. Der Ver⸗ brecher hoͤrte nicht mehr das Kehr' um, kehr' um!“ des alten Lord⸗Mayor und des Tages, an dem er die Furien ſich hatte antrauen laſſen. Die Glocke forderte ihn jetzv auf, nicht länger zu zoͤgern und zu raſten: „Warum ſo dumm und ſtumm? die Stunde iſt gleich um!“—„Ich komme;“ ſagte er dar⸗ auf, und erhob ſich. Er hatte nur zwei Schritte Boa Conſtricter. u. 33 — 511— bis zu der Thuͤre der Schlafkammer.— Aber... wie er juſt den Fuß vorſtreckte, aus dem Schlupf⸗ winkel zu ſchreiten, dffnete ſich das Schlafgemach. Mettner erſchien abermals mit einem Lichte. Er ging hinab, ſchloß die Bilderſtube auf, machte die offen gebliebenen Fenſter derſelben zu, und kam zuruͤck. An der Treppe zum Speicher blieb er ſtehen.„Was klafft denn auch die Huͤhnerſteige 2“ fragte er ſich rauh, und druckte den Flugel zu.— Dann verſchwand er wieder im Gemach.— Su⸗ ſanna betete darinnen die Abendgebete laut und andächtig. „Wenn mich der Alte nur eingeſchloſſen hätte!“ ſtufzte Leopolds Gewiſſen in den letzten Zugen. Aber keine Arznei half dem erſterbenden auf. Er hatte Niemand mehr auf der Welt, an den er ſich hätte klammern konnen; Niemand als ſei⸗ nen finſtern Dämon, und deſſen Schutz mußte er durch einen tapfern Tribut verdienen. Er machte ſich auf zur That.— Leiſer als die Katze ſchlich er zum Gemach der Alten. Su⸗ ſannas Stimme hatte ſchon ſeit einer Weile ge⸗ — 515— ſchwiegen. Ihr Gatte ſchnarchte. Einige Uhren, die hin und wieder ſtanden, pickten wie unregel⸗ mäßig fallende Erbſen.— Noch zauderte Lev⸗ pold.„Wenn noch jetzo jemand käme! Ich wollte des Himmels Wink verehren, und ihm nicht aus⸗ weichen im hellen Mondenſchein— Da ver⸗ hollte ſich der Mond, und es wurde Nacht.— Ehe er ſichs bewußt geworden, ſtand er in der Vorkammer. Ein matter Schimmer drang durch die Ritzen der wohlverhuͤllten Glasthuͤre.— Dieſe Pforte— wie leicht wich ſie unter den tappenden Händen des Verräthers! Ein altväteriſch moblirtes Gemach, die Fen⸗ ſter mit Läden verwahrt, im Hintergrunde das weite Himmelbett mit halb zugezogenen gruͤnen Vorhängen. Hinter dem Schirm des Kamins brannte die Nachtlampe. Durch die Stube wehte der dumpfige Geruch, die eigenthuͤmliche Atmosphäre ſteinalter Leute.— Und doch war Alles in der altfränkiſchen Stube ſo ehrwuͤrdig!.. und vor Allem die Kopfe, die ſo friedlich neben einander — 516— auf den weißen Polſtern lagen, ſchienen geheiligt in der Ruhe ihres Schlummers. Man erzählt ſich fromme Geſchichten von Engeln, die den Schlummernden zu Häupten und zu Fuͤßen ſitzen, abwehrend den Tod, den Teufel und die Suͤnden. Der Strahl von den Fittigen eines ſolchen uͤberirdiſchen Wächters mußte Lev⸗ polds Augen beruͤhrt haben, denn er ſchloß ſie ploͤtzlich, und griff, gleichſam blind, unter den Pfuͤhl des alten Mettner, um den Preis der Schurkenthat zu entwenden.— Doch galſobald fuhr er zuruͤck. Die Anzeige war falſch geweſen; das Geld lag nicht unter dem Nacken des alten Mannes, aber deſſen Hanpt richtete ſich empor, erwachend, drohend und finſter, daß Leopold ſeines ſtrengen Vaters Antlitz wieder aus dem Strome der Vergeſſenheit tauchen zu ſehen glaubte. „He! holla! was gibts? wer iſt da 26 pol⸗ terte der Greis, da er den Unbekannten vor ſich ſah; einen Mann in den Kleidern eines Hand⸗ arbeiters, das Geſicht mit Schnurrbart, Mutze und einem ſchwarzen Tuche vermummt, das er — — um die Wangen gebunden.—„Einer, der Dein Geld will!“ antwortete dieſer mit heiſ'rer Stimme. —„Spitzbube! mein Geld? zu Huͤlfe! hinweg, Du Spitzbube l“ Suſanna ruͤhrte ſich, und ſtotterte, noch im Schlafe:„Was ſagſt Du, Vater? warum ſchreiſt Du, Vater?“— Das Geſchrei des Alten war auch wirklich laut genug, um ſelbſt Voruͤbergehende aufmerk⸗ ſam zu machen; darum fuhr Leopold in hoͤchſter Angſt dem Huͤlferufenden an die Kehle, daß er ſchweigen mußte, und ſchwang den blinkenden Dolch:„Ihr ſeyd des Todes alle beide, wenn Ihr Euch ruͤhrt!“ Schon war jedoch die Frau wach, aufrecht, und zu den Fuͤßen des Raͤubers.„Barmherzig⸗ keit! nur meinen Alten laßt am Leben! Nehmt, was Ihr wollt, nur ſchont meinen Mann, den Eure Fauſt erwuͤrgt« Der arme Mettner war dem Erſticken nahe. Sein Ausſehen entſetzte den Morder ſelbſt. Er ließ ihn heftig los. Die Bewegung machte, daß — 518— ſeine Vermummung zur Erde fiel. Das ſchnell beſonnene Weib erkannte ihn, und rief ſeinen Na⸗ men. Der Alte, aus ſeiner Bewußtloſigkeit er⸗ wachend, richtete die Augen auf den Räuber, ſeufzte tief, und hob die Arme gen Himmel, wie im hoͤchſten Schmerze hinauflangend. Suſanna ſchluchzte laut. Leopold war verſteinert. Er ſtand am Eide ſeines Werks. Er mußte flichen, von Schande gebrandmarkt, oder die Zunge, die ſeinen Namen genannt, das Ohr, das ihn vernommen, auf ewig ſtumm und todt machen.„Schweigt!“ ſchnaubte er voll Wuth und Beſchämung:„Euer Geld! ich bedarf ſeiner.“— Ein Blick Suſanna's auf ihren halb ohn⸗ mächtigen Mann;— er nickte. Sie oͤffnete ſchnell ein Schraͤnkchen in der Wand, woran das Bett ſtieß; ſie reichte einen ſchweren Beutel dem Diebe. Er ſtreckte eine Hand darnach aus; mit der andern druͤckte er den Greis, der ſich aufrich⸗ ten wollte, in die Betten zuruͤck:„Ruhe, ſage ich, oder Du biſt verloren!“— Noch einmal zuckte er das Meſſer. Da erwiederte Mettner heftig, alle Kräfte zuſammennehmend, und ſeine nackte Bruſt weiſend:„Todte uns! ſo todte uns doch, Du Unmenſch. Dein Dolch iſt ſchneller als der Hunger. Doͤdte, Ehrloſer, nachdem Du uns alles geſtohlen!“ Die Laſt der Infamie, die der zuͤrnende Greis mit dieſen Worten auf den Nacken des Verbre⸗ chers geworfen, war zu ſchwer fuͤr Leopold. Mit einem Schrei des Entſetzens warf er Meſſer und Geld von ſich, und entfloh henlend, wie vor ci⸗ nes Cherubs Flammenſchwerte.— Dem feigen Miſſethäter folgte Mettner auf dem Fuße, und ſchleuderte ihm den ſchweren Beutel voll Verach⸗ tung nach. Aber ſchon war Leopold nicht mehr da, ihn aufzuheben. Aufgegeben, angeſpicen von ſich ſelbſt, ſprang er aus dem Hauſe, uͤber die Straße, hinaus vor das naͤchſte Thor, das ins Freie ging, und ſchrie zu den Sternen empor: „Mein Maaß iſt voll, und vorhanden das Ende meiner Tage! Verdamme mich, Georg, mein Freund, mein Teufel, mein Verfuͤhrer, fluche bewegen konnen, Blut zu vergießen“ — 520— mir; aber nimmermehr werde ich dieſe Hände 17. Und damit er nicht einſt breche, was er ge⸗ ſchworen, kam, als kaum der Morgen tagte, ein verſtorter Mann in Raimunds Haus, und lie⸗ ferte ſich ihm als Räuber und ehrloſer Verbre⸗ cher ein.— Der Chef der Polizei empfing ihn mit ſichtlichem Schrecken, aber auf jede ſeiner menſchenfreundlichen Fragen antwortete ihm Lev⸗ pold ſtets:„Ich habe geſtohlen, habe geranbt, habe bei Mettners eingebrochen, bin eine ſträf⸗ liche Doppelehe eingegangen! ſtrafen Sie mich. Nur im Kerker werde ich ruhig ſeyn! Nur nicht mehr in die Welt, nur zu Georg nicht mehr zuruͤck! Mettner, von ſeinem Entſetzen wieder herge⸗ 3 ſtellt, gab nur dem Edelmuthe Raum, und läug⸗ nete rund, was Ederich, wie ein Wahnſinniger— tauſendmal, mit jedem Athemzuge bethenerte. — 1— Raimund konnte ſeinen traurigen Triumph uͤber den Feind ſeiner Jugend nicht ertragen. Er ſen⸗ dete den Ungluͤcklichen nicht in die Ketten, ſon⸗ dern in ein Haus, worinnen ein ſorgfältiger Arzt gefährliche Kranke und Geiſtesirre verpflegte.— Reiberling war ſeit Kurzem in dem Hauſe auf⸗ genommen, und wurde als Wärter dem in ſchwere Fieberhitze verfallenden Leopold zugeſellt. und ſo oft der Kranke in ſeinen bunten Traͤu⸗ men einen Leichenzug ſah, und ausrief:„Schon wieder begraben ſie Dich, meine Caͤcilie!“— ſo antwortete Reiberling trocken:„Cäcilie iſt nicht todt, mein Herr. Ich weiß, wie zweimal zwei Viere iſt, daß eine Bauerndirne in den See geſprungen, und nachher fuͤr das Fräulein aus⸗ gegeben worden iſt. Cäcilie lebt gewiß, und wär' es die im Himmel, die Clavier ſpielt, und von den Poſaunen der Engel ſich begleiten läßt.“ — Worauf eines Tags der arme Levpold mit ſeligem Lächeln:„Du haſt mich nicht belogen. Sie lebt, dort neigt ſie ſich in's Fenſter, und ſtreckt die Haͤnde nach mir, daß ich zu ihr komme! — 522— —„Weg, garſtiger Georg!“ ſetzte er mißmuthig und wild hinzu, veranderte aber ſchnell ſein Ge— ſicht wieder in ein lächelndes, und übergab ſich dem letzten Kampfe ſeines Lebens— dem To⸗ deskampfe.—— Am ſelben Tage donnerten druͤben im fremden Lande Kanonen und alle Thuͤrme erklangen von Feſtgeläute; denn ein Herrſcher, der ſo eben den Thron beſtiegen, trat unter ſein Volk, ihm ſeine Gnade zu ſpenden.— Sein Wort befreite aus den Ketten einen edeln verirrten Juͤngling; machte ſeine Mutter zur glͤcklichſten auf Erden. Die arme Eugenie fand noch auf dem Grunde ihres Leidenbechers die Wonne; eine ſchmerzliche, aber nie verſiegende; ein Juwel, heller glaͤnzend auf der Folie ihres ewigen Kummers, als unter den Sternen, die einſt ihren vergänglichen Freuden⸗ himmel beſtrahlten!— und als der Schein des Abends dort auf zwei Begluͤckte, am dden See auf ein ſtummes Grab⸗ mal, und hier auf ein Sterbebett ſich lagerte, fuhrte Raimund ernſt und ſchweigend den mit — 523— Kurierpferden angekommenen Heckdey an dieſes Sterbebett.— Vernichtet ſtand vor demſelben der Mann, der eine Million wieder gefunden hatte, und ſie mit ſeinem Opfer zu theilen be⸗ gierig war.— Erſt, als Leopold, ohne den Ver⸗ ſucher mehr zu ſehen, den letzten Athemzug gethan, brach Raimund das Schweigen.„Das iſt Ihr Werkz ſagte er ſtrafend und verächtlich zu dem Weſtindier, und verließ ihn bei der Leiche. So war es auch. Das Experiment war fer⸗ tig. Der Selbſtling, der freche Glucksſpieler, hatte ſeine Parthie, unterſttzt vom Zufall, ſei⸗ nem Gotzen, glänzend geendigt. Vier auf ewig gebrochne Herzen hatten ſeine Erfahrung bereichert. — Wie ein Unthier des Waldes hatte er aus einer zahmen Brut einige zum Spielwerk erkohren, als Spielwerk aufgehätſchelt.— Sein Bedauern war auch nur das des Unthiers, welches bei'm Erwachen ſein Spielwerk, täppiſch todtgedruckt, in ſeinen Klauen findet. Sobald Leopold's Auge und Mund erſtorben und ſeine Klagen verſtummt, loſchte Georgs Mit⸗ — 524— leid ſich, zur todten Kohle ab. Der erregende Kitzel ſchwieg, wie bei Caͤciliens Untergange ge⸗ ſchwiegen, was der Egoiſt frevelnd Liebe genannt. — Jeden Schein von beſſerm Gefuͤhle in ihm uͤberwucherte das eitle Behagen, daß um ſeinet⸗ willen ein unſchuldig Mädchen geſtorben, und daß an Eugenie die Rache obdllig gegluͤckt. Denn von dem Jammer ihres Falls, und von dem Stachel, den Cäciliens räthſelhafter Scheidebrief in ihrem Buſen zuruͤckgelaſſen, erloste ſie kein Gott.— Das wußte der grauſame Vergelter.— Und dennoch blieb ihm der Makel einer reue⸗ vollen Erbitterung. Der Geyer hatte ſich nicht im Blute der Lämmer verjuͤngt; aus den Gluthen des Verbrechens ſtieg er nicht, ein ſtrahlender Phoͤnir, empor. Die Welt war fuͤr ihn nicht weniger einſam geworden.— Was ſollte ihm noch frommen? Buße? Er läugnete aber den Himmel, und doch verzeiht nur der Himmel den Glaͤubigen, wo die Menſchen nie vergeben.— Selbſtmord? fuͤr den Unterthan der Erde war aber dann Alles aus, und die troſtloſe Nacht des — 525— Grabes ſchreckte ihn jetzt— weil er auf's neue eine Million beſaß. Heckdey ſprach ſich das ſtrengſte Urtheil. Er verdammte ſich, zu leben. Entweichend dem Kreiſe, der ihm unbequem, den Erinnerungen, die ihm beläſtigend geworden, kettete er den Zu⸗ fall an ſein Steuer, und ſchwamm zuruͤck an die Geſtade, wo Deſcharpe's Geiſt unter Tamarinden irrt, und Diana's drohende Stimme aus jeder Palme in das Ohr ihres Moͤrders ſtohnt; an die Geſtade, wo vielleicht einſt Riblard's plumper Degen denjenigen rächen wird, der ſich nicht von ihm beerben ließ.—— Somit lehrten die Alten nicht mit Unrecht den ſchwachen, eiteln Gefuͤhlsmenſchen: Prunke nicht mit Deinem Gluͤcke, ſondern ſperre es hin⸗ ter Pforten und Riegel, daß die neidiſchen Got⸗ ter es nicht ſtoren, daß die Eumenide nicht ihren Zoll fordre!“ Ende des zweiten und letzten Bandes. In unſerem Verlage iſt erſchienen: Die deutſche Literatur. Von Woltgang Menzel. Zweite, ſehr vermehrte Auflage. 4 Theile; jeder an 20 Bogen und drüber. In Lieferungen von 6 Bogen. Die Lieferung 12 ggr. oder 48 kr.„ Hievon iſt die 4. bis 14. Lieferung bereits verſendet und das Werk von 14— 15 Lieferun⸗ gen, welche dann 4 Bände ausmachen, wird in wenig Wochen vollendet ſeyn. Jugend-Wanderungen. Aus meinen Tagebuͤchern fuͤr mich und Andere. Vom Verfaſſer der Priefe eines Terstorbenen. 8. 2 Thlr. oder 3 fl. 36 kr. In dieſem Werke bietet der geiſtreiche Ver⸗ faſſer Erinnerungen, Auszuge aus Tagebuͤchern, Notizen aus Itineraire's u. m. mit ſeinem anerkannten glänzenden Talente, und es bedarf daher keiner weitern Empfehlung. S t 8. Hallberger'ſche Verlagshandlung. — * 1 1 4 —