— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduurd Oftmuan in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr vffen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattèt wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: Iebe auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „„—„ 7 5 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.* 7. Ansleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — — ———— ———4 C. Spindler's sämmtliche WMerke. Zwei und vierzigſter Band. 3 Enthaält: p Boa Constrictor. I.* Rit Konigl. wurttembergiſchen und Königl. bayeriſchen aller⸗ gnädigſten Privilegien. —— Stuttgart, 6 Hallberger'ſche Verlagsbandlung. 1 8 36. Boa Constrictor. Von C. Spindler. ⸗ Erſter Band. Stuttgart, Hallberger'ſche Verlagshandlung. 1 8 3 6. „Heute und hler iſt das Reich der Luͤge aufrecht, wie es noch niemals geweſen. Die heilige Wahrheit ſelbſt wagt ſich nur in gleißende Fetzen vermummt, aus ihrem Winkel. Darum merke auf einen ſorglichen Freund.“ Heckdey.— l. 6. Boa Constrirtor. Erſter Band. 1. runke nicht mit Deinem Gluͤcke,“— njie die Alten—„ſondern ſperre es hinter Pforten und Riegel, daß die neidiſchen Gotter es nicht ſidren, daß die Eumenide nicht ihren Zoll fordre.“ Es gab eine Zeit, da die Maler ſelten waren, die Kunſt weißeres Brod aß, und der Pinſel den Meiſter veichlich nährte. Das iſt heute anders geworden: es ſind der Meiſter, aber auch b Pinſel allzuviele. Die mager gewordne vichhmr ſann auf Anskunft. Was die Goͤnnerſchaft Einzelner nicht mehr ſpendete, ſollte von der Maſſe errungen werden.„Aſſociation“ iſt ohnehin der jetzigen Welt Loſung und Wahlſpruch. Es entſtand eine der harmloſeſten Geſell⸗ ſchaftsſpielereien des Tages: die der Kunſt⸗ vereine, deren Theilnehmer gegen ein Billiges Unterhaltung fur's ganze Jahr finden, den Ruf des Kenners und Mäcen's wohlfeil erobern, und aus dem Verloſungen, wenn auch nicht Gewinn, 1 doch Hoffnung ſchöpfen. Was alsdann von ihrem Abonnement vielleicht noch nicht einge⸗ bracht wurde, deckt das verſoͤhnende lithographiſche Geſchenk der Geſellſchaft an die Geſellſchaft: ein kuͤhlendes Kohlblatt auf wundrothe Stellen. Welch ein Vergnuͤgen, in hellen Räumen zwiſchen den bunten Tafeln in flimmernden Rahmen, geputzt einherzuwandeln, und bei ſich zu denken: An dieſen Schätzen haſt Du Theil; einen derſelben bringt Dir etwa eine gluckliche Nummer in's Haus! zn Welch eine Befricdigung, vielleicht das eigne Portraͤt von der Wand laͤcheln zu ſehen, und von allen Zungen die geliebte Hand preiſen zu hoͤren, die es verfertigte! Das iſt ein Reiz, dem nicht leicht —— — Menſch widerſteht. Ein jeder hält etwas auf ſein Geſicht. Was den einzelnen Zuͤgen mangelt, meynt er, erſetzt wohl der Ausdruck des Ganzen. Verſtaͤndige, muthige, fromme Geſichter beduͤrfen ja nicht gerade der Schoͤnheit, und was des Häßlichen, oder Unangenehmen zu viel iſt, mag der Kuͤnſtler in ſeiner Schoͤpfung ausmerzen. Dergleichen Konterfeie auf Ausſtellungen ha⸗ ben vielfältigen Eindruck gemacht. Mancher lernte dort eine Schoͤnheit kennen, die er zuerſt im Bilde gewann, und dann in Perſon nach Hauſe fuͤhrte. Manche kamen aber nicht ſo gut da⸗ von. Sie behielten, ohne Gewinn, den Stachel im Herzen, und den Neid und den Verdruß, im Beſitz von Andern zu wiſſen, was ſie gerne ſelbſt beſeſſen haͤtten. Ein ſolches Gemaͤlde war vor mehreren Jah⸗ ren in dem Sale eines bedeutenden deutſchen Kunſtvereins aufgeſtellt. Es war nicht zu ver⸗ lvoſen, nicht zu kaufen. Der Maler, ſeines Werths ſich bewußt, hatte es, zur eignen Emnpfehlung, hier den Augen des Publikums er⸗ 5 laubt.— Ein gluͤckliches Beginnen. Das Werkt feſſelte die Aufmerkſamkeit Aller. Es ſtellte eine Mutter mit ihren Kindern, einem Sohne und einer Tochter, vor. Die anmuthigſte Gruppe in heller freundlicher Land⸗ ſchaft. Die Dame das Vorbild der edeln Schon⸗ heit; die Jungfran der trene jugendliche Abglanz der muͤtterlichen Reize; der Knabe, an den Juͤngling ſtreifend, der Erbe des muͤtterlichen Ernſtes. Alle, die des Weges kamen, ſtanden vor der Schilderei ſtille; die jungen Männer verloren im Anſchauen der bluͤhenden Tochter; Frauen und Maͤdchen, des Sohnes Apollokopf bewundernd; ältere Herren, mit Kennerblicken und erfahrungs⸗ reicher Sehnſucht muſternd das römiſche Antlitz der Mutter. Dauernder als die uͤbrige Geſell⸗ ſchaft hielt ein Mann vor dem Bilde aus, der, nicht mehr jung, obgleich älter an Leben als an Jahren, in Geſtalt und Kleidung das Gepräge eines Hageſtolzen, wie eines uͤberſeeiſchen Fremd⸗ lings nicht verlaͤugnete. Sein Blick brannte auf — 1— das Gemaͤlde: eine feurige Zunge, gierig leckend die Farben, die Formen, um nichts zuruͤckzulaſſen als die trockne bleiche Leinwand. Und doch war ſein Augenſtrahl nicht der eines ſinnlichen Celi⸗ bataͤrs, der, ſeine Luſte zu wechſeln, gleichfrevelnd nach Matrone und Peſtalin und Antinous die Hand ſtreckt.— Fromme Ruͤhrung, weiche Erinnerungen, finſtrer Schmerz und dann und wann ein Blitz ſchwer zu verſoͤhnenden Grolls ſpielten auf und nieder in dem Auge des Mannes, der mit der Linken um ſich taſtete, bis er das Kleid des neben ihm ſtehenden Malers erfaßte.— „Das iſt Porträt?“ fragte er durch die Zähne: „Dieſe Dame lebt? das ſind ihre Kinder? Wo aber lebt ſie, und wer malte dieſes Bild?“ „Es iſt meine Arbeit,“ ſagte beſcheiden der Andere:„die Arbeit, von der ich ſprach, da ich heute die Ehre hatte, Sie in der Galerie kennen zu lernen.⸗ „Brav gemalt, feurig, phantaſiereich; ſchon mit einem Worte! lobte der Reiſende mit verbind⸗ lich⸗gleichguͤltigem Tone, um mit der Form auf einmal fertig zu werden, waͤhrend der Stoff ihn begeiſterte:„Und die Perſonen? Wo leben ſie? Sie ſind wohl allzu diskret, um mir zu ſagen aber wenn Sie mir das Bild ver⸗ Fauften„ ich ſchnitte die Weibergeſtalten heraus und ließe Ihnen den Knaben, die Land⸗ ſchaft. Weſtindien, meine zweite Heimath, bietet ſchoͤnere Scenerieen. Und der Fünge Er verſchluckte, was er zu ſagen beabſichtigt, aber der wilde Ausdruck, womit er gewiſſe Zuͤge anſtarrte, die im Geſichte des Knaben ſich mit der muͤtterlichen Phyſionomie fremdartig ver⸗ ſchmolzen, erklaͤrte, was die Lippe verſchwieg. Indeſſen hatte der Maler, ein geſchmeidiger, chrgeiziger Kuͤnſitler, ſchon geantwortet: Das Bild koͤnnen Sie wohl nicht haben: es gehoͤrt nicht mein, und ich erbettelte es nur auf ein paar Tage, aber die Driginale zu ſehen, wehrt Ihnen Niemand. Die Familie wohnt in der Eiſenſtraße Nummer zwolf, und ihr Oberhaupt, zu deſſen Geburtsfeſte die Gattin das Bild be⸗ ſtellte, nennt ſich Ederich, Leopold Ederich, iſt einer der Gluͤcklichen ohne Sorgen, die Fortuna als Hebamme und Leichenfrau in die Welt und hinaus begleitet.“ Mit geſenktem Blicke hoörte der Fremde zu. Seine ſtarken Schultern zuckten jedoch mehreremale zuſammen, als fiele eine ſchwere und immer ſchwerere Laſt auf ſie. Mit einem kurzen:„Ich danke Ihnen verbindlichſt!“ nahm er von dem Kuͤnſtler Abſchied, und eilte auf die Straße. Da hatte die Mittagsſtunde Alles beweglich gemacht. Stutzer und Muͤßiggaͤnger, General⸗ ſtab und Kanzlei flogen zu Tiſch und Tafel. In den Hotels klangen die Eßglocken feierlich und zudringlich. Der bereits geſättigte Arbeiter ſprang wieder zum Tagwerk; nur der gemaͤſtete Bettler ſchlief.— Der Weſtindier draͤngte ſich durch das Volk. „Lauft und ſtoßt und ſtolpert Euch die Haͤlſe ab!“ brummte er in ſich hinein:„da haben wie⸗ der einmal Hunger und Durſt die Stadt mit Sturm genommen, und der Held der Schopfung wird alſogleich zur ſchnappenden Beſtie!— — Warum aber laufe ich denn? Treibt mich nicht auch der Hunger der Neugier, der Durſt nach Vergeltung, Rache und Triumph?e Er hielt inne und ſchritt dann langſam. Vor ihm dffnete ſich die Eiſenſtraße. Sein muͤrriſches Selbſigeſpraͤch dauerte fort:„Iſt der Menſch nicht ein boshaft, eitel und thorichtes Geſchoͤpf? Ich bin doch nicht der Schlimmſte, und vergeſſe demungeachtet den werthen Ingendfreund, um durch mein Auftreten eine ganz gewoͤhnliche Treu⸗ loſigkeit zn demuͤthigen?— Und was iſt dann? Entweder werde ich verlacht, und jenes Haus wird ein Capua meinem Schmerze, dem bittern Schmerz, der mein Leben verdarb, aber es noch in Hoffnung aufrecht hält;— oder ich treffe ein reuig ernſtes Herz unter jenen ernſten Augen, und toͤdte mich, und die Ruhe des Weibes, und das Gluck des Freundes? Iſt denn nicht ſchon genug an einem gebrochnen Herzen 26 Er klopfte auf ſeine verödete Bruſt. MNein,“ ſagte er:„ich will, ich ſoll jenes Haus nicht beſuchen!— Er kehrte ſich gegen den Markt, und in der dden Bruſt wurde es warm, wie in dem Herzen, dem eine gute That gelungen. Doch ziſchelte die ſummende, neckende Muͤcke der Neugier in ſein Ohr:„Wie iſt aber alles gekommen? Wie Eugenia vom Strande des nordiſchen Meers in den Kern von Deutſchland? Wie der Schulgefaͤhrte Leopold ſo weit von ſeiner Heimath Rebenhuͤgeln, von dem gewaltigen Strome und ſeinen Burgen nach den duͤrren Steppen der Hauptſtadt 2“ Und der Mann, der den Ocean durchſchifft, auf den Antillen ſein Gluͤck aus Gold und Negern zuſammengebaut, mochte nicht der Be⸗ gierde widerſtehen, zu erfahren, wie zwei Men⸗ ſchen, die er beide einſt geliebt, es angefangen hatten, ihm zum Verdruß zuſammen zu kommen. Lag doch Elbe und Rhein, lagen doch ſo und ſo viel achtzig Meilen zwiſchen ihnen! dachte der Transatlantiſche.—„Ich muß das wiſſen k« log er ſich als einen Vorwand vor, und pochte an die geſchloſſene Pforte des ſtillen Hauſes. Durch die weiten Hallen deſſelben drohnte — 6— der Klang, wie ein Donnerſchlag uͤber den Forſt fährt. Das Verbrauſen des Schalles dringt ſo beklemmend zu des Menſchen Ohr und Seele.„Das klopft wie das Ungluͤck!“ ſagt in Schloß und Huͤtte das Volk, das immer wahr und treffend bezeichnet.— Und wirklich: die Freude pocht nicht an unſtre Thuͤren, wie das ungluͤck. Die Frende iſt ein tändelnd oder an⸗ ſpruchslos kommender Gaſt; das Ungluͤck ſchon in ſeinen Vorklagen ein weinendes Geſpenſt, oder ein bleiern ſtampfender Gewaltsbote. Wer je⸗ mals in finſtrer Nacht als Fluͤchtling, geduckt im Verſieck wie ein Haſe, an die Pforte donnern hoͤrte, und den Ruf:„Im Namen des Koͤnigs«— Wer dabei geweſen, wenn der Stab des Ge⸗ richtsboten an den Kerker des zum Tode Verur⸗ theilten klopfte,— wer je vernahm, wie der rebelliſche Sclave an ſeiner Treiber Palläſte pocht,— der weiß, wie unerbittlich das boͤſe Verhaͤngniß ſelbſt des unbefangnen Menſchen Hand leitet, daß er ſchon in der Art ſeiner Mel⸗ dung ſein ganzes unheilvolles Geſchaͤft darthut. — Und wie Jene mit Flintenkolben, Stäben und Rennbalken immer zuerſt an das Schloß klopfen, das aufzuſprengen in ihrer Macht ſteht, und das ſie im nächſten Moment auch wirklich ſprengen, wenn die Inſaſſen nicht willig den Hals ſtrecken, ſo mahnt auch ſtets das Un⸗ gluͤck voraus, und meldet ſich an; aber keine Macht hilft mehr dagegen. Es kommt gewiß, erdruͤckend, erſtickend, und die Aufforderung an den freien Willen iſt nur bitterer Hohn des Schickſals. „Herr Ederich ſpeiſen heute nicht zu Hauſe⸗ Wenn es Ihnen den Abend gefällig wäre. 26— Der Portier eines reichen Hauſes endigt nie der⸗ gleichen Entſchuldigungsfloskeln. Die langſam aber decidirt zugehende Thuͤre iſt immerhin der paſſende Schlußpunkt einer Abweiſung. „Es ſoll nicht ſeyn!“ ſagte mit erleichterter Bruſt der Weſtindier zu ſich, und ging, ohne nach den Fenſtern aufzublicken, von dannen: 3 „Es ſoll nicht ſeyn; Gott ſey Dank. Daß ich am Abend nicht wiederkomme, verſteht ſich von Boa Conſtrictor 1. 2 ſelbſt. Daß ich gar nicht wiederkehre, will ich ſchon bewerkſtelligen.“ Da ſtand er vor ſeinem Gaſthofe. Um fuͤnf Uhr der Reiſewagen, die Poſtpferde“ rief er ſeinem alten ſchwarzen Diener unter dem Thor⸗ wege zu. Maſſa iſt ſchon, wir bedient;“ ver⸗ ſetzte der grauwollige, in der Farbe ſchon ſehr abgetragene Knecht.— Anders ließ ſich aber im Herrenzimmer die Mulattin vernehmen; die uppig geformte Begleiterin des Weſtindiers. „Wus willſt Du, mein Herr? Kaum zwei Tage in der ſchönen Stadt, und ſchon wieder von dannen« So bequem nun dieſe Rede aus dem Perlenmunde der Dienerin ſchlich, wie ein⸗ ſchlaͤfernder Geſang, ſo ängſtlich raſch flog ihr Blick hinüber in die Fenſter des gegenüberliegen⸗ den Hauſes, wo hinter klaren Scheiben und ver⸗ traulich ſchirmenden Gazebehängen eine Uniform Koketterie tricb. Und wieder hing feſt an des Herrn Munde das ſchweifende Schwarzauge, da er ſich um⸗ drehte, und hart ausfuhr:„Ich wills, Diana, ich wills, träge Plattnaſe. Rühre Dich, packe ein. Punkt fuͤnf Uhr, oder... Die drohende Geberde war nicht fein, aber auch nicht ungerecht. Diana, zuſammenfahrend wie ein Lamm, machte ein haͤßlich Geſicht und garſtige Tigerkrallen hinter dem Fortgehenden her, ſobald nur die Thuͤre zwiſchen ihm und ihr zu⸗ gefallen. Verdroſſen, gedankenvoll, zerſtreut, erſchien der Fremde im Speiſeſaale. Die Eſſer, alle ſchon beſchäftigt, achteten nicht auf ihn. Er nahm ſchweigend von ſeinem Couvert Beſitz. Als er jedoch einen flͤchtigen Blick ſeinem Nachbar zuſandte, uͤberraſchte ihn deſſen Geſicht dergeſtalt, daß er die Haͤnde zuſammenſchlug, und uͤberlaut rief:„Ach du mein Gott! Ederich, Leopold! Sehe ich Dich wieder? Dennoch ſehe ich Dich wieder! Wie er ſchaut, wie er ſich beſinut! Ver⸗ geßlicher Burſche! kennſt Du denn Deinen alten Georg! den Kameraden Heckdey nicht mehr 2— „Alle Donnerwetter! Heckdey! Georg! Gruß' Dich Gott, Du braungebeizter Vagabund!“— 23 95 Und ſie umarmten ſich, Leopold weinend wie ein Kind; Georg immer noch gerährt, aber ſchon im Stillen bereuend, daß er von der Ueberra⸗ ſchung ſich hatte hinreißen und aus der Faſſung bringen laſſen. 2. Jeder Menſch hat wohl ſeine prophetiſchen Augenblicke; ſolche nämlich, worinnen die plotz⸗ lich angeregte Einbildungskraft der Thatſache vor⸗ ausläuft, die ſich demnächſt zutragen ſoll. Dann gibt es wieder Momente der Verwunderung und des halben Hellſehens, in denen das korperliche Weſen verwirklicht ſchaut, was ſchon vor langer Zeit ſein Geiſt vorausgetraͤumt hat. Ein Haus, ein Zimmer, eine Gegend, die wir zum erſten⸗ male leiblich ſchen, iſt uns ſchon lange bekannt; eine von ſpielender Phantaſie im Schlafe zuſam⸗ mengetragene Geſellſchaft findet ſich plotzlich im Sonnenſchein des Lehens vereint, und redet von denſelben Dingen, wobon ſie dazumal im Traume —— ſprach. Und ſeltſam: beſtand das prophetiſche Geſicht aus zwei Begebenheiten, ſo folgt— hat ſich die erſte verwirklicht— ſicherlich die zweite ihr auf dem Fuße nach. Dieſe Wahrnehmung zu machen, hatte Leopold Gelegenheit gehabt.— „Ich habe Dich eigentlich erwartetz“ ſagte er leiſe und laͤchelnd zu Heckdey.—„Du? mich? mich, den Du eben ſo gut fur todt als fuͤr leben⸗ dig halten konnteſt? Mich, der nicht einmal Dei⸗ nen Aufenthalt hier vermuthen konnte?“ „Eben Dich. Um einen Bekannten zu finden, wollte ich hier ſpeiſen. Beim Eintritt bemeiſtert ſich meiner ein peinliches Gefuͤhl. Die Roſen⸗ und Katzenfeinde, die Neuſonntagskinder und Ge⸗ ſpenſterriecher haben ein aͤhnliches, wenn jene Blume oder ein Dach⸗Tiger, oder ein Schatz oder ein wandernder Geiſt in ihrer Nahe iſt „Wenn Du an dieſer zahlreich beſetzten Tafel Je⸗ mand fändeſt, deſſen Begegnen Dich peinigte?“ dachte ich bei mir. Und während ich mich auf einen Feind beſinne, und mir nur ein Einziger einfällt, richten ſich naturlich nicht minder meine 3 Gedanken auf den einzigen, älteſten, ſo lang vermißten Freund; auf Dich. Nun wuͤnſchte ich den Feind herbei, um des Freundes nicht ledig zu ſeyn, und ſiehe da: auf einmal erſcheint dort oben mein boͤſer Genius. Kaum von meiner Beſtuͤrzung erholt, hoͤre ich Deine, meines guten Daͤmons Stimme!“ „Hm! warum ich gut, warum der Andre boͤſe? Und welcher Andre?“ „Sieh dorthin: den Mann mit der ſchwarzen Vinde uͤber dem Auge. Du kennſt ihn nicht mehr? Raimund, unſer Schulkamerad iſts.“ „Ah! der, dem Du mit einem als Schneeball vermummten Stein das Fenſter einwarfſt? Hm, er iſt alt geworden; doch ſteht die Binde ihm nicht uͤbel. Sein rechtes Auge hat Dich dennoch gefunden. Er blickt zu uns heruͤber. Eben nicht gar freundlich. Nun, thut nichts. Warum nennſt Du ihn aber Deinen Feind 2 „Er iſts. Wir begegneten uns bfter auf dem Lebenswege. Er haßt mich ſeit jenem unſeligen Wurf aufs Heftigſte, und jeder Tag fuͤgt ſeinem — ₰ Haſſe mehr Bitterkeit hinzu. Er hat mips ein⸗ mal ſelbſt geſagt, mit duͤrren Worten geſagt. Wie er nur hieher kommt? Doch gleichviel. Ich habe dich wieder, und der Roſengarten unſrer Jugend ſoll wieder vor uns aufbluͤhen.“ „Zarte Bluͤthen welken ſchnell. Ich reiſe die⸗ ſen Abend.“ „Du? Du? Geh, Du biſt nicht mein Georg, mein herzlicher Freund, biſt nur ein ausgetrockne⸗ ter Jamaikakraͤmer, wenn Du nicht bleibſt. Du willſt mich nicht aufs Neue kennen lernen? Willſt mich in meinem Gluͤcke nicht ſehen? Freund, ich ſchwimme darinnen, behaglich wie der Gold⸗ fiſch in ſeiner ſtrahlenden Kugel. Ich bin der allerſeligſte Menſch auf Erden.“ „So? Ei? ich bin entzuͤckt.“ „Erinnerſt Du Dich noch des armen tyran⸗ niſirten Knaben Leopold? Der Mutter Verzaͤr⸗ telung hatte mich aufgeſaͤugt; des Vaters uner⸗ horte Strenge warf mich zu Boden, als die Mutter geſtorben. Mein weiches Gemuͤth— nun, ich war ja am Ende zu lenken, wie an einem * — — 24— Faden, hatte keinen Willen, kannte nur Furcht und Gehorſam— mein Gemuth kam nicht auf gegen des Vaters eiſerne Befehle. Welche Thraä⸗ nen, welche Schreckensſtunden! Du haſt mich manchmal tapfer vertheidigt gegen den Zwing⸗ herrn. da erkannte ich zum erſtenmal die Oberherrlichkeit Deines Muths, wie ſpäter dieje⸗ nige Deines Geiſtes.“ „Laß' dieſes. Mein angeborner Trotz und Eigenſinn verdient nicht Lob und Preis. Waͤh⸗ rend Du im Joch des Vaters ſeufzteſt, wuchs ich, frühe ſchon gin Elternloſer im ſteten Kampf mit meinen Vormuͤndern auf. Wenn jeder Tag nur Schmach und Leid von Fremden bringt, ſo härtet man ſich ab. Das hat mich ſelbſiſtändig gemacht, uber die Meere gefuͤhrt... das hat mich mit der Welt und mir ſelbſt entzweit. Einmal noch hoffte ich;— die K fnung hat mich betrogen⸗ Von Stund an wa mir der Wald nicht mehr gruͤn, der Himmel kicht mehr blau. Das ſchwarze Firmament wurde mir lieb, wie die goldne Mor⸗ genrdthe; das wilde Meer nicht verdrießlicher als das ſpiegelglatte. Waͤre Einer gekommen und haͤtte mir geſagt: Ich will den Tag ausloͤſchen, wenn es Dir recht iſt,— ich hätte geantwortet: Meinetwegen. Wozu die Sonne? Macht eine Wachskerze nicht auch die Kraͤmer- oder Puppen⸗ bude hell? Kann man nicht bei des Kerkers Thran⸗ lampe eben ſo wohl leben, eſſen, ſterben 26 „Ei, Georg, welche Sprache! Ich denke, Du redeſt nur von vergangener Zeit; nicht von der heutigen?“ Heckdey ſtrich mit der flachen Hand uͤber die Augen, und entgegnete milde: Freilich, mein Leopold. Es iſt mir ſeither wieder anders ge⸗ worden. Vergib, wenn ich in's Radotiren kam. Der Stachel der heißen Zone, der ſich in unſer Gehirn druͤckt, macht uns zu Schoͤnrednern und Hohldenkern, fuͤllt uns den Mund mit Blumen ſtatt mit Perlen. Vergib, und rede von Dir. Sage mir die Geſchichte der Roſen auf deinen Wangen; denn obgleich nur wenige Jahre älter als Du, bin ich ein Greis, Du ein Juͤngling.“ Leopold laͤchelte geſchmeichelt. Dann begann — 656 er mit der Offenheit, die ihm ſo gut anſtand: „Sieh; ich ſelbſt habe wenig gethan, um Kopf und Herz jung und friſch zu erhalten. Die Liebe war's. Mein Vater ſtarb, ich war kaum achtzehn Jahre alt. Ein ferner Oheim, fuͤrchtend füͤr meine Unerfahrenheit, rief mich zu ſich. Wir trafen uns im Nenndorfer Bade. Ihn begleite⸗ ten ein Freund und deſſen Tochter. Eugenie raubte mir das Herz, ſie ſchenkte mir das ihrige. Ihr Vater, krank und ſchwach, wollte ſie ſchnell verehlicht ſehen. Denſelben Herbſt wurden wir Mann und Frau. So kömmt es, daß ich in meinem fuͤnfunddreißigſten Jahre bereits eine bald zu verſorgende Tochter, und einen Sohn mein nenne, der im Alter iſt, einen Beruf zu wählen, den er auch ſchon gewählt hat. Ich aber, Georg, ich bin der gluͤcklichſte Gatte. Keine Wolke hat je meinen häuslichen Frieden bedroht. Die guͤnſtigſten Verhältniſſe, ein Daſeyn ohne Sorge, ohne Dienſt und Geſchäft, eine immer noch ſchone Frau, die mich innigſt liebt, zwei herrliche Kinder, der von uns bequem gewählte —— Aufenthalt in dieſer geraͤuſch⸗ und wechſelvollen Re⸗ ſidenz, viele Freunde, und..... nur einen Feind“ — er deutete nach Raimund—„der nicht ein⸗ mal in dieſer Stadt haust.... was begehre ich mehr vom Gluͤck und vom Himmel?— Du allein haſt mir noch gefehlt; auch Dich ſchenkt mir heute das Geſchick, und wahrlich, Du ſollſt nicht mehr von mir gehen.«“ Eine gewiſſe Aengſtlichkeit lief durch Heckdey's Zuͤge; er druͤckte krampfhaft Leopold's Hand, und ſagte leiſe:„Nun, nun, wir wollen ſehen. Ich werde ſchwerlich Deinem gutgemeinten Wunſche willfahren koͤnnen... aber.... „Komm, komm mit zu den Meinigen;“ ver⸗ ſetzte Levpold mit freundlichem Ungeſtuͤm:„ſieh uur einmal das Familienbild, Du vertrackter Hageſtolz, und bleibe, wo man Dich liebt, wo man Deinen Launen froh entgegenkommt, wo man Dich pflegt und haͤtſchelt, wenn Unpaͤß⸗ lichkeit oder Caprice Dich verſtimmen. Komm mit mir!“ „Ei, bedenke: in ein vollkommenes Familien⸗ — 28— vild gehort kein Fremder, waͤr's der beſte Freund. Laß' mich lieber davon, ehe ich erleben muͤßte, daß Deine Frau mit ſcheelen Blicken den betrach⸗ tete, der auch einen kleinen Anſpruch auf Dein Herz macht.“ „Meine Frau, Eugenie? Wo denkſt du hin? Was ich will, will auch ſie. Zudem haben wir ſchon oft mit warmem Antheil von Dir geſpro⸗ chen. Sie kennt Dich, kannte Dich ſpaͤter, als ich, kannte Dich vor Deiner Abreiſe nach den Kaffee⸗ und Zucker⸗Inſeln. Du erinnerſt Dich vielleicht: in Hamburg, im Hauſe eines ver⸗ teutſchten Engländers, des Maſter Flowers? Nun, Eugenie iſt deſſen Tochter.“ „Ich glaube wahrhaftig....“ meinte Georg langſam, und verhuͤllte nießend das Geſicht mit dem oſtindiſchen Seidentuche. Leopold fuhr unge⸗ ſtum fort:„Ich glaube.. ich glaube.. bei'm Wetter, von ſolcher Kälte und Abgemeſſenheit iſi mir noch nie ein Beiſpiel vorgekommen. Haſt gewiß einen Abſtecher nach China gemacht. He? Komm aber. Die Tafel iſt zu Ende, und ich entſchluͤpfe gern der naͤhern Begegnung jenes Menſchen.“ Abermals zeigte er auf Raimund, der ſich langſam erhob. Der Zufall wollte, daß Levpold, von dem Manne, den er im Hotel zu finden gehofft, an⸗ geſprochen, ſich einen Angenblick von Georg ent⸗ fernte. Dieſer ſtand unſchluſſig da; er wäre gern im Gewuͤhl verſchwunden, häͤtte hinter der Thuͤre den Abſchied genommen. Die Furcht, ſich un⸗ geſchickt und zwecklos laͤcherlich zu machen, hielt ihn feſt. Auf einmal kam Raimund auf ihn zu, blickte ihn ſcharf mit dem geſunden Ange an, und ſagte langſam:„Ich irre mich nicht. Wir haben das Gymnaſium mit einander beſucht.“ „Recht, mein lieber Raimund. Sahen Sie Ederich? Wir ſprachen von Ihnen.“ „Ich habe den Menſchen geſehen. Ich ſpreche nicht gern von ihm. Es war mir lieb, Sie zu ſehen.“ „Verbunden. Schade, daß wir uns nur im Voruͤbergehen begruͤßen. Ich reiſe heute oder morgen. Und Sie 26 „Des Konigs Gnade hat mich an die Spitze des Polizei⸗Departements berufen. Ein großer Sprung aus der Sphaͤre eines Landbeamten.“ „So? Sie haben alſo der Themis geſchworen 2* „Konnte ich anders, ſeitdem mir Herr Ederich ſo loval und grazids das Auge ausgeworſen? Ich wäre ein wackerer Offizier geworden. Damit war's aber voruͤber. Mit der Medicin gings eben ſo. Eine entfernte Couſine wollte mich ſtu⸗ diren, ſich dann von mir heirathen laſſen. Da ich jedoch kam, in Perſon zu unterhandeln, meinte ſie: ich ſey doch gar zu haßlich.— Alſo friſch weg in die Arme der Gerechtigkeit, die, ſelbſt blind, mit ihrem einaͤngigen Lehrjungen Mitleid hatte, ihm Freitiſch und Stipendien zuwarf, und ihn am Ende avanciren ließ.— Gott befohlen, Heckdey, und gluͤckliche Reiſe.“ Raimund hatte geſehen, daß Ederich näher kam, und entferute ſich; nicht, wie der Wolf vor dem Jäger, ſondern wie der grimmige Ketten⸗ Hund vor dem, den er gern zerreißen mochte, wenn es ihm erlaubt wäre: zogernd und murrend. „Willkommen! ein angenehmer Beſuch!“ riefen Mutter und Tochter, von ihrer Arbeit aufſprin⸗ gend, und der alten Dame entgegeneilend, die in's Zimmer trat. Ralph, der Sohn, der in einem Herbarium blätterte, verließ alſogleich ſeine Be⸗ ſchaͤftigung, und brachte freundlich einen Arm⸗ ſtuhl fuͤr den Gaſt herbei. Unter vielen Dank⸗ ſagungen ließ ſich die Geehrte in den Seſſel nie⸗ der, und klagte uber zunehmende Muͤdigkeit des Alters.—„Wie ſo?“ fragte die Hausfrau:„Sie ſehen ſo wohl aus, beſte Frau von Mettner? Sie verjuͤngen ſich, und ſchreiten viel ruͤſtiger einher, wie im vorigen Jahre.“ „Gott ſey Dank!“ entgegnete die Matrone: Von meiner ſchweren Krankheit bin ich ganz gut wieder aufgeſtanden; aber mit den Beinen will es doch nicht mehr vorwärts, wie in juͤngern kräftigern Tagen. Nun, ich bin doch immer beſ⸗ ſer daran, als mein armer Alter, den Rheuma⸗ — tismen und Gicht gewohnlich einen Monat um den andern ans Bett feſſeln. Ich muß auch beſſer daran ſeyn. Wer wuͤrde meinen guten Mettner pflegen, wenn ich ihm abginge?“ „Ja, das thun Sie auch mit Aufopferung Ihrer eigenen Kräfte;“ ſagte die Frau vom Hauſe beifällig. „Wuͤrden Sie denn weniger an Ihrem Manne thuu?“ fragte die Alte:„Liebe Madame Ederich, Sie wiſſen, was es heißt, ſeinem Gatten zuge⸗ than zu ſeyn, ſo recht mit Herz und Seele. Auch wuͤnſche ich Ihnen zum Lohne Ihrer Pflichter⸗ fuͤllung ein heiteres Alter, wie das unſrige. Und es wird viel heiterer werden; denn Ihnen bluͤhen Kinder im Hauſe.“ „Wir wollen von ſo trefflichen Nachbarn ler⸗ nen;“ lächelte Engenie:„Geduld und Liebe lernen.“ „Wie lange ſind Sie ſchon verheirathet, Frau* von Mettner?“ fragte Cäcilie, die Tochter. „Nun, wir haben noch zwei Jahre und ſieben und dreißig Tage bis zu unſrer goldnen Hochzit;⸗ ſchmunzelte Frau von Mettner:„wir halten ſchon eine ſchoͤne Zeit zuſammen, haben Wind und Wet⸗ ter, Hitze und Kälte mit einander ertragen; näm⸗ lich figurlich geſprochen. Haben viel Anſehen ge⸗ noſſen, und dennoch unſre Rechte mit denen der Vaterſtadt zu Grunde gerichtet geſehen. Haben Kinder gehabt, und Gott hat ſie wieder alle zu ſich genommen, verheirathet und ledig, ſo daß ſich jetzt nicht einmal mehr ein Enkelchen in irgend einem Welttheil vorfindet. Das wor recht ſchmerzhaft: wir haben uns aber chriſtlich ergeben in das, was einmal nicht mehr zu aͤndern war. Sind krank geweſen, vald das eine, bald das andre, und geſund geworden; ſind reich geweſen, und arm geworden, dann wieder leidlich wohlſtäͤndig, dann haben wieder ein paar Unfälle unſern Wohl⸗ ſtand vernichtet, ſo daß wir anleihen mußten, wo wir ſonſt ausliehen.— Dabei fällt mir ein, daß ich eigentlich komme, um die Zinſen der vier tauſend Gulden zu bringen, die Sie uns vor ein paar Jahren vorgeſchoſſen.“ „Hätte nicht geeilt, Frau von Mettnerz Boa Conſtrictor I. 3 — 36— ſprach Eugenie verbindlich:„s ſteht in den beſten Haͤnden.“ „Danke, danke fuͤr den Credit, Madame Ede⸗ rich;“ entgegnete die alte Dame:„nehmen Sie aber immerhin das Geld, das wir Ihnen zu zinſen haben. Damals war eine boſe Zeit; wir mußten froh ſeyn, daß Sie uns aus der Noth halfen. Das bischen Penſion ſtockte, ging endlich ganz ein; der Salomon, unſer Letzter, der gleich darauf vor den Tuͤrken blieb, mußte Uniſorm und Equipage haben,.. die Krankheit meines guten Mettner,... Na, es iſt voruͤber, und dem Him⸗ mel ſcy Lob und Preis, es iſt mit dem Gelde ganz vorüber. Mettner laͤßt dem Herrn Ederich freundlichſt vermelden, er moͤchte es nicht uͤbel nehmen, aber in drei Monaten wuͤrde er das ganze Kapital auf einmal abtragen.“ „Eine ſchöne Neuigkeit!“ rief Engenie mit freundlichem Vorwurft:„Was glanben Sie von uns, daß Sie uns ſo behandeln? Iſt es denn moͤglich, daß Sie um biligere Procente das Geld von Andern erhalten, um uns los zu werden, 1 — oder haͤtten Sie den Schmuck Ihres Hauſes, Ihre Bildergallerie verkauft 26 „Nein, nein!“ ſcherzte die Alte:„Wir zahlen nicht Schulden mit Schulden, und an dem letzten Reſt unſrer Patrizierherrlichkeit, an den Gemäl⸗ den, hängt doch unſer Herz allzuſehr. Denken Sie ſich jedoch: Waͤhrend wir immer grauer und bucklicher in die Erde wachſen, beſcheert uns der liebe Gott ein Gluͤck, weshalb uns viele Junge beneiden werden. Eine Schweſter meines alten Mettner ſtarb in Stralſund, und hinterließ ihm eine Erbſchaft von zwanzig bis fuͤnfundzwan⸗ zig tanſend Thalern.“ Die Zuhorerinnen klatſchten in die Haͤnde. Frau von Mettner fuhr indeſſen kopfſchuͤttelnd fort:„Was wir eigentlich noch mit dem Gelde ſollen, weiß der guͤtige Schöpfer, und nicht ich. Fuͤr unſre paar Lebenstage wars kaum der Muͤhe werth; oder wir wären etwa aufbehalten zu einem Alter wie Methuſalem, und ſähen noch einmal unter den Haͤnden verſchwimmen, was die un⸗ verdiente Guͤte des Herrn darinnen aufgeſchichtet?“ 3 6 „Ei nicht doch, beſte Nachbarin;“ troſtete Eu⸗ genie mit frommer Zuverſicht:„Das ſchickt Ihnen der Himmel, daß Ihr Abend ſchbn ſey, und keine Bequemlichkeit und Freude Ihnen mangle, deren Ihr Herz begehrt. Sorgen Sie nicht: mein Mann wird ſich Ihres Gluͤckes freuen, und keineswegs ubel nehmen, daß Sie ihm den Mammon zuruck⸗ geben, deſſen Sie nicht mehr beduͤrfen.“ „Da kommt er ſelbſt heim!“ rief Cäcilie, den Blick durch die Glasthaͤre werfend:„Wenn Sie ihm erzaͤhlen werden... „Ei, bewahre Gott!“ erwiederte die Mettner ſchuͤchtern, und ſich zum Fortgehen ruͤſtend:„s iſt ein Herr bei ihm, und ich ſage nicht gern vor Fremden, was unbedeutende Leute, wie Mettners, angeht.“ Indeſſen war ſchon die Thuͤre offen, Leopold in der Stube, und hinter ihm Heckdey, der mit den ſieifen Verbeugungen eines völlig Fremden ſich einfuhrte. Sprudelnd vor Freude ſtellte ihn Leopold mit wenig Worten ſeiner Frau vor, und ſeint Kinder jenem, und wendete ſich zu Frau von Mettner mit ſeiner gewoͤhnlichen Vertrau⸗ lichkeit:„Nun, lieb Muͤttäſchen, was bringen Sie? Unſtreitig etwas Gutes, denn Sie haben wieder lachende Augen. Heraus damit.“ »Ein andermal, Herr Ederich. Ich will jetzb nicht ſidren;“ ſprach die Dame ſchuͤchtern und verlegen. Ein paar Knire verſuchend, entfernte ſie ſich, von Eugenie begleitet.— Als dieſe mit ihr die Treppe hinabſtieg, wunderte ſich die Mett⸗ ner, ſagend:„Was thun Sie denn, Madame? Warum dieſe Ceremonien, die ich gar nicht an Ihnen gewoͤhnt bin? J, faſt ſollte ich glauben, die Stralſunder Erbſchaft habe Ihnen mehr Re⸗ ſpekt vor mir eingefloßt, oder wollen Sie mich als eine Fremde behandeln?“ »Nein, gewiß nicht es iſt mir eine Freu⸗ de beſte Frau von Mettner. ſo ſtammelte Eugenie abgeriſſen die Worte hin, die gewohn⸗ heitsmäßig ihren Lippen entſchloͤpften, waͤhrend der Geiſt nichts davon wußte.— Und ware auch nicht ihr Ange glaͤnzend geweſen, in ihrem Tone lag Weinen, das vft ſo plotz⸗ lich, wie ein Gewitterregen kommt.— Auf der letzten Stufe ſchwankte ihr Fuß. „Ach, was machen Sie doch?“ fragte wieder die Patrizierin:„iſt Ihnen nicht wohl, oder haben Sie ſich den Fuß vertreten?“ „Schwindel, Kopfweh.. nichts von Be⸗ deutung. Guten Abend, liebe Nachbarin.“ „Gleichfalls; gute Beſſerung. Verweilen Sie nicht auf der zugigen Treppe, da Sie unwohl ſind. Sie haben oben einen Gaſt: vergeſſen Sie ſicht. „Bewahre... niemals... Gute Nacht.“ Die Frau von Mettner ging auf die Straße. Auf der Treppe jedoch ſtand, weiß wie der Mar⸗ mor des Gelaͤnders, Eugenie, beide Hände con vulſiviſch uͤber den Buſen grefaltet und verſchlun⸗ gen, mühſam Athem holend aus der keuchenden Bruſt. Die Blicke waren nach oben gekehrt, und nach einer langen Pauſe des Schweigens und des Sammelns ſagte hin: Was wird das geben „Eugenie!“ —— „Mein guter Levpold?“ „Iſt es denn artig, meinen beſten Freund, den braven Georg, zu vernachlaͤſſigen? Komme, die Honneurs zu machen.“ „Ich komme, bin auf dem Wege!“ Sie wrocknete ſich die Augen, ordnete ihre Locken vor dem Spiegel des Vorzimmers.„In Gottes Namen!“ liſpelte ſie etwas gefaßt, und trat in den Salon. Heckdey erhob ſich bei ihrem Anblick vom Seſſel, ging ihr entgegen, und ſagte mit der liebenswuͤrdigſten Biederkeit:„Sie ſind die un⸗ umſchraͤnkte Gebieterin dieſes Hanſes, verehrte Frau. Wollen Sie den Fremdling dulden, ſo dankt er es Ihnen. Waͤre er Ihnen jedoch uͤber⸗ läſtig, ſo vergeſſen Sie nicht, daß es nur eines Wortes bedarf, ihm die Thuͤre zu weiſen.“ Mit niedergeſchlagenen Angen entgegnete Eu⸗ genie:„Die Freunde meines Leopold ſind keine Fremdlinge in dieſem Hauſe; und da wir ſelber a kannteh„ 0— „Ich bin recht glucklich, daß Sie ſich meiner noch erinnern wollen,“ fiel Heckdey ein:„es waͤre kein Wunder geweſen, wenn Sie mich vergeſſen hätten. Maſter Flowers ſah viel Geſellſchaft, und ein unbedeutender Burſche verliert ſich leicht unter der Menge.“ „Unbedeutend?“ rief Leopold:„mit Deinem Kopfe, mit Deiner Thatkraft unbedeutend? Nun wahrlich: du biſt die eingefleiſchte Beſcheidenheit. Ich ſage Dir, Eugenie: in dem Menſchen ſieckte Großes, und ich wundre mich noch heute, wie er auf der kaufmaͤnniſchen Tretmuͤhle aushalten konnte?“ „Das that ich,“ antwortete Georg mit fun⸗ kelnden Augen,„um Reichthum zu gewinnen, um eine goldne Bruͤcke bis zu meiner Braut ſchlagen zu koͤnnen. Geldſäcke ſollten die Kluft ebnen, die im buͤrgerlichen Leben zwiſchen ihr und mir lag. Unſre Herzen hatten ſich freilich ſtille und heimlich gefunden. Wer aber frägt nach Herzen? Und, uͤbrigens, verdienen ſie, daß man nach ihnen frage, die vnn Gauk⸗ 3 — ler? Meine Braut war wie ihr Schwur, wie ihre Treue: falſch, veraͤnderlich. Nicht ein halbes Jahr war ich auf den Inſeln, und ſchon hatte ſie mich vergeſſen.... einen Andern gewählt.“ „O weh, mein armer Georg!“ klagte Leopold gutmuͤthig:„Dein Herz dergeſtalt zu kranken! Deine ſiolze, aber liebevolle Seele zu täuſchen!“ Eugenie ſtand auf, und begab ſich ins Neben⸗ zimmer. Georgs Augen folgten ihr. Die Thuͤre blieb halb offen. Heckdey begriff, daß ſeine Rede nicht verloren ſeyn wuͤrde, und fuhr fort:„Wer ſie heimfuͤhrte, hab' ich nicht erfahren. Ob ſie gluͤcklich wurde—? ich weiß es nicht. Moge es ſeyn! So hat das Verhaͤngniß doch wenigſtens nicht vergebens mein Leben zerriſſen, und mein Herz zerfetzt.“ Heckdey hielt inne. Vor ihm ſaß Leopold geſenkten Hauptes, mit uͤbercinander geſchlage⸗ nen Armen. Caͤcilie, in der Ecke lauſchend, ver⸗ endete kein Auge von dem leidenſchaftlichen Er⸗ zähler. Im Nebenzimmer war's ſtill. Das un⸗ . geſtuͤme Klopfen in einer gemarterten Bruſt dringt nicht durch Wand und Thuͤre. „Du armer Burſche!“ begann Leopold gefuhl⸗ voll:„Und auf jenen Eilanden bluͤhte kein Liebes⸗ gluͤck fuͤr Dich? dort war kein Erſatz fuͤr deinen Verluſt?“ Heckdey lächelte ſpottiſch:„Kein Land der Erde iſt ſo arm an Liebe, als jene Kuͤſten. Aus dem Meeresſchaum, der ſich an ihren Felſen bricht, wurde Aphrodite nicht geboren. Alles wird dort berechnet, gewogen, gemuͤnzt. Alles feil fuͤr Muͤnze! Gunſt, Ehre, Leben, Blnt— Alles fuͤr Gold! Die Aemter, die Ehen, die Genuͤſſe, wo⸗ mit man ſeine Tage verkuͤrzt, der Himmel, den man den Sterbenden verſpricht— alle dieſe Dinge haben ihren Tarif. Alles gleißend, Alles farbig von außen; im Innern kein Kern. Was hatte ich gegeben fuͤr einen Freund, an ſeinem Halſe zu weinen! Umſonſt. Das entnervende Kli bringt dort Thränen und Menſchlichkeit um. iſt gezwungen, allein zu ſtehen. — und ich; die Welt nur ſuͤr mich— bald kannte ich nichts Anderes.“ „Ach, welch ein Leben!“ ſeufzte Leopold:„ein Leben voll Ueberdruß und Eckel!“ „Die fehlten auch nicht;“ bekraͤftigte Heckdey: „manchmal laſteten meine Verwaiſung, meine Einſamkeit ſo ſchwer auf mir, daß ich mich nach dem Tode ſehnte. O, welch leichte Vorbereitung, welche Studien fuͤr den Selbſtmord unter jenen Himmelsſtrichen! Dort verſtand ich dentlich den Spruch der Orientalen: Der Menſch iſt eine Blume, friſch am Abend, welk uͤber Nacht. Ob zu muͤhſeliger Arbeit, ob zum Feſtgelage vereint, — die Leute wiſſen nicht, ob ſie am nächſten Morgen ſich wiederſehen im Licht der Sonne. Ein ſchneller Trunk, ein leichter Düätfehler, eine Verkuhlung, ein kleiner Aerger, Anſtrengung oder Genuß— der Tod quillt aus allen dieſen Brun⸗ nen. Und dann— was liegt an einem Men⸗ ſchen? Sie kennen dort nicht das Alter; es iſt ein Unding. Ob einer in der Bluͤthe, der andre in reifen Jahren dahinfährt, was thuts?— Paſ⸗ ſirt, abgeldst! Der Hunger nach Metall, der galvaniſche Reiz, der doch einmal der Menſchen⸗ Natur inne wohnt, treibt jaͤhrlich ſo viele Rekru⸗ ten friſch und munter aus der alten Europa nach der neuen Welt, als das verwichene Jahr Invaliden in das Grab gelegt. Ich wollte mich an die Reihe bringen, wollte luſtig ſterben, die Schlange, die mich todten ſollte, mit Roſen kraͤnzen. Bald ſchien der Himmel mir hold zu ſeyn. Die furchtbare Fieberſeuche jener Zone packte mich mit raſender Gewalt. Das war keine Krankheit wie eine andere mit Schmerzen und Linderung, mit Wechſel von Pein und Wohlbefinden. Das wa⸗ ren zermalmende Donnerkeile; die gelbe Furie zerarbeitete mich, wie der vom Waſſer getriebene Hammer das glühende Eiſen blindwüthig hackt und dehnt und zerknirſcht. Der Geiſt, der trium⸗ phirende Geiſt unterlag zuerſt dem unbarmherzi⸗ gen Angriff, und ließ dem Korper freie Macht zum Leben,— das Todesurtheil zu vernichten ſo ihm der Geiſt geſprochen. Das Grabgeläute der halben Inſel war meine Auferſtehungsglocke. Unter ſo vielen Leichen richtete ich mich allein empor, und hatte als Preis meiner tapfern Gegenwehr den Freibrief in der Taſche. Ich war gefeit; in Zukunft mußte die Seuche vot mir fliechen, ich war ihr nicht mehr unterthan.“ „Welch' eine Lebenskraft, welch ein Gluͤck!⸗ ſagte Leopold frendig:„Und wie Du Alles ſo glaͤnzend, und dennoch ſo furchtbar zu ſchildern weißt! Sieh nur auf jener Schwelle meine Frau, wie ſie verſunken iſt in Deine Erzaͤhlung; wie ſie bleich und angegriffen iſt! Komm, Eugenie, komm und faſſe Dich, Du mitleidig Weiberherz. Es iſt ja voruͤber, und mit heiler Haut ſitzt der vielgereiste Freund vor uns.“ „Ein großes Gluck fuͤr uns, daß wir nicht Ihren fruͤhzeitigen Tod beklagen muͤſſen!“ ſtam⸗ melte Eugenie. „Die weichmuͤthigſte Frau, die mir je vorge⸗ kommen iſt;“ ſagte Leopold, ſie in ſeine Arme ehmend:„Sieh doch Georg, wie ſie jetzt noch zittert, als wie im Fieber. Gib mir einen Kuß, Fugenie, und erhole Dich.“ te ſich ihrer blaſſen Lippe⸗ Sein Mund näher angenheit flog unter den langen Wimpern Eugeniens Blick nach dem finſter ſitzen⸗ Georg. Dann verſagte ſie— zum erſten⸗ male— dem Gatten den Kuß. Mit einiger Befremdung ließ Leopold ſie von ſich; ſprach in⸗ deſſen zu gleicher Zeit mit ſeiner gewohnten Gut⸗ Du biſt nicht wohl, mein Kind. daß ſeine Erzůh⸗ Es ſoll der. NRit ſcheuer Bef den muͤthigkeit:„ Wie konnte aber Georg denken, lung Dich dergeſtalt erregen wuͤrde! Ralph, Ralph! horſt Du?“ Arzt gerufen werden. n dem Herbarium, das Ralph trennte ſich vo er, gleichgültig gegen Heckdey's Erzählung, bis⸗ her nicht verlaſſen hatte, und wollte gehen. Eu⸗ genie richtete ſich aber empor, und verſetzte: Nicht doch; er ſoil bleiben. Ich bin nicht krank war nur ein Uebergang⸗ ein Nervenreiz ich danke Dir fuͤr Deine Sorge, guter Leopold nun ruſt aber die Sorge fuͤr das Haus und den Abendtiſch die Wirthin. Die Herren wollen mich eine halbe Stunde entſchuldigen.“ das Unwohlſeyn — „Entſchuldigen Sie viclmehr, daß meine Un⸗ geſchicklichkeit.....“ ſprach Heckdey ſauft. Euge⸗ nie licß ihn aber nicht ausreden, ſondern empfahl ſich mit einer ſtummen Verbeugung. Ralph ſolgte ihr beſorgt und aufmerkſam.. Cäcilie ſaß dagegen unbeweglich, den Blick auf Georg geheftet, nicht von ihm laſſend voll Neugier und Theilnahme. Die arbeitſame Hand ruhte; die bisher ſo ruhige Bruſt arbeitete. Georg bemerkte dieſes; aber weder ſein Ange noch ſeine Rede richtete ſich an Cäcilie. Aufge⸗ fordert von dem Freunde, ſeine Geſchichte zu endigen, fuhr er munter fort:„Dem Leben wie⸗ der uufreiwillig gewonnen, behielt ich's bei mir, wie der Galcerenknecht ſeine Kette, wie der In⸗ valide ſein holzernes Bein, ein nothwendiges Uebel. Da es mir aber gleichguͤltig geworden, ſo achtete ich nicht ſehr darauf, und ſchuf mir ein wechſel⸗ volleres Daſeyn, als das hinter den Gittern des Comtoirs. Ich trieb einen gefahrvollen Handel in Waoffen; ich trieb ihn mit Kuͤhnheit und Gluͤck. Ha, das Leben eines Schmugglers, eines Eben⸗ holzhändlers, hat auch ſeinen Werth, ſeine Ge⸗ nuͤſſe, ſeinen Gewinn. Die Contrebandefelucke und das Negerſchiff ſind auch Ehrenfelder fuͤr den Muth und den Verſtand. Schuͤttle nicht den Kopf, Leopold. Ich trieb dieſe Handwerke mit Gerechtigkeit. Auf meinen Schiffen war Harte und Grauſamkeit nur ein Mährchen; dieſe Haͤnde haben ſich nie mit dem Blute eines Menſchen befleckt. Und welch einen Segen zollte das Meer, ſpendeten die Goldkuͤſten Afrika's, und Havan⸗ nah's Schaͤtze! Es war eine Lotterie, in der ich ſtets gewann. Alle Tage ſetzte ich Habe und Leben ein, und am Abend hatte ich das eine un⸗ verſehrt, die andre verdoppelt wieder im Beſitz.“ „Ich ſagte ſtets, daß etwas von einem Fuͤr⸗ ſten oder von einem General in Dirſtecke;“ ſchal⸗ tete Leopold nicht ohne Stolz ein:„Um Deinen Geiſt und Deinen Muth habe ich Dich immer beneidet. Wie lange dauerte das wilde Seeleben, und was iſt Dein jetzig Ziel?“ „Das Heimweh zog mich nach dem Pater⸗ lande;“ antwortete Heckdey:„Da ich die erſten Verluſte machte, gab ich gleich meine Specula⸗ tionen auf. Ich merkte, ſie ſeyen auf ihren Schei⸗ telpunkt geſtiegen, und das Ruͤckwaͤrtsſchreiten fange an. So ballte ich zuſammen, was ich beſitze, und ſegelte dem Feſtlande zu. Bin lange genug in Hamacs geſchaukelt worden; ging lange genug in rothen Flanell gehuͤllt. Ich habe Reich⸗ thum erworben; Weſtindien hat ſeine Schuldig⸗ keit an mir gethan. Jetzt will ich, daß Eurvpa mir gebe, was es geben kann: Ruhe, S und ein Grab.“ „Menſchenfeind! Zweifler!“ ſchalt Leopold: „ein Grab? Nur das? Es gebe Dir haͤusliches Gluͤck, eine Gattin, Kinder, Freunde.5.„1“ „O ſchweige!“ bat Heckdey:„Mit dem iſts vorbei. Leib und Seele des Heckdey ſind ge⸗ nennt, iſolirt von Allem. Ich bin eine morſche Weide, geſchmuͤckt mit gruͤnen Blättern; aber innen hohl. Laß mich vergehen, ohne noch ein Weſen in mein Verderben zu verflechten.“ „So verſuche wenigſtens, im Hanſe Deines Freundes zu leben!“ Voa Conſtrictor 1. 4 „Ich? in Deinem Hauſe?“ fuhr Heckdey auf: „Du weißt nicht, was du verlangſt!“ „Ei, wie heftig!“ entgegnete Leopold verwun⸗ dert:„Wie ſollte ich denn nicht wiſſen. 2 „Nein, nein; verſtehe mich recht;“ fiel der Andre ein:„Du wuͤrdeſt mir wehe thun, mir und Dir. Ich muß frei ſeyn, allein mit meinen Grillen und Launen. Ich könnte eben ſo wenig nach den Geſetzen Deines Hauſes mich beque⸗ men, als dulden, daß Ihr ench nach mir richtet. Das iſt nichts. Wie waͤre euch zu Muthe, wenn ich, ein eingeſperrtes Wildthier, in enrem Faͤfich unruhig tobte, und Wirrniß ſchaffte, an die Stelle der Ordnung? Nein, ſage ich noch einmal; vor Allem in Deinem Intereſſe. Merke Dir: ein Dritter, noch ſo werth als Freund, iſt im Hauſt überfluͤſſig. Laßt keinen Dritten in eure Liebe, laßt keinen Dritten in euren Streit.“ „Du haſt wunderliche Marimen. Indeſſen: es ſey wie Du es waͤnſcheſt. Nur bleibe hiet, in dieſer Stadt, in unſter Nähe, daß wir Dich taglich ſehen. Wir leben gar zuruͤckgezogen. Du ſiehſt hier nicht Menſchen, die Dir nicht gefallen, und uns iſt die Geſellſchaft eines ſo erfahrnen und ſo praktiſchen Mannes Erquickung und Be⸗ duͤrfniß. Willſt du 2* Heckdey beſann ſich lange, kaͤmpfend, ſtraͤu⸗ bend. Da hob er den Kopf und begegnete Cäci⸗ lien's Karen Angen, die an ihm hingen, wie mahnende Sterne. Zögernd ſagte er:„Ich möchte wohl einen Verſuch wagen;. aber— ich ſchame mich faſt, es zu ſagen: ich pflege immer den Zu⸗ fall um Rath zu fragen, wenn ich unentſchieden ſchwanke. Der Zufall iſt der Engel oder der Teufel dieſer Welt. Laß uns das Loös ziehen.“ »Auf der Stelle!“ rief Leopold mit herzlichem Gelaͤchter:„Sieh hier, zwey Stuͤcke Papier; das eine lang, das andre kurz. Das groͤßere Stuͤck will daß Du bleibeſt; das mindere laͤßt Dir noch freie Wahl und Bedenkzeit.— Ich verberge ſie in meinen Haͤnden. So. Ziehe jetzt.“ „Nein; ich will aus den Haͤnden der Unſchuld mein Loos ziehen;“ verſetzte Heckdey, auf Cacilie deutend. Das Madchen wurde flammenroth. Leopold rief: Prächtig! um ſo eher wirſt Du bleiben muͤſſen. Geſchwind, Cäcilie. Mache die Sybille.“ „Wählen Sie;“ lispelte die verlegne Jungfrau, und reichte an Georg die halbgeſchloßne Hand. Er zog das Lvos.—„Gewonnen!“ jubelte Leo⸗ pold:„Du bleibſt, und Cäcilie konnte ihre Sache nicht beſſer machen.“ „Sie bleiben bei uns!“ wiederholte das Mäd⸗ chen, während lautre Freude ſich auf ihrer Stirne lagerte.— Mit einem tiefen Athemzuge antwortete Heckdey:„Es ſey. Das Loos entſchied. Vergeſſen Sie aber nie, Cäcilie, daß Sie es waren, die mich bleiben hieß.“ 4. Oft, was wir verwuͤnſchten bei Tage, wird unſer Sehnen am Abend. Man ſagt, daß gegen Mitternacht die Geſtalt des Menſchen, einſinkend unter der Laſt des Werktages, ſich verkürze. Seine Gedanken werden aber zu Rieſen, und ———— nicht leicht kommt ihm in jenen Stunden etwas zu ſchwer und unerreichbar vor.— Der Morgen bringt freilich wieder Nuͤchternheit. In dem Hotel zum Ruſſiſchen Hofe, in Heck⸗ dey's Zimmern lag die fahrende Habe des Reiſen⸗ den zerſtreut umher; ein Chavs ohne Ordnung. Um die Verwirrung ſchwamm indeſſen eine bal⸗ ſamiſch duftende Atmosphäre von Roſendl. Auf dem rothbehangenen Tiſche brannten vier Wachs⸗ kerzen auf ſilbernen Leuchtern; auf den Purpur⸗ kiſſen der Ottomanne ruhte nachläſſig ausgeſtreckt das dunkelfarbige Kind des brennenden Erdguͤr⸗ tels: Diana. Ein enges Kleid von heller Seide, eine Art von Basquina, umhuͤllte ihre Glieder; eine leichte Wolke von ſchneeweißer Gaze ſpielte um die For⸗ men des Nackens, gelb, glänzend und glatt wie Bernſtein. Das ſchmachtende Auge halb geſchloſ⸗ ſen, die Haͤnde träge haͤngend, als ſeyen ſie zu vornehm, ſich zu ruͤhren. Putze die Lichter, Pluto!“ ſprach ſie, nur halbvernehmlich, durch die Zähne, zu dem alten ————————————— — Negerknecht, der auf den Zug der Klingel er— ſchienen war:„Das Wehen der Flammen macht meinen ſchwachen Augen Schmetzen.“. Pluto gehorchte.„Iſt Diana nicht geſund? leidet Diana?“ fragte er nicht ohne Spott.— „Diana iſt ſehr krank;“ antwortete die Mulattin in demſelben Tone. Der Neger ſah ſich verwundert im Zimmer um.„Maſſa wird ſchelten;“ ſagte er mit war⸗ nend aufgehobenem Finger:„Maſſa hat befohlen zu packen; Diana hat's nicht gethan. Schade um ihre zarten Wangen!“ Seine Geberde erlaͤuterte ſeine Rede. Das Maͤdchen zuckte hoͤhniſch die Achſeln, verſetzend: „Du redeſt, wie der duͤmmſte Schwarzkopf, alter Pluto. Des Weißen Kind iſt geſcheiter, und verſteht den Buccra zu lenken. Der Herr mag drohen. Auf dieſem Boden furchte ich ihn nicht.“ „Ich kenne, ich kenne das;“ bemerkte der Neger kopfſchuͤttelnd:„Iſt Pluto nicht etwa auch frei in dieſem Lande, wenn er nur will? Aber, ach, was wäre das? Freiheit zum Verhungern, Freiheit ohne Vater, der den alten Pluto ernaͤhrt, bekleidet und beſchenkt!“ „Diana verhungert nicht;“ meinte laͤchelnd die Leichtſinnige! Der Alte wurde immer ernſthafter und eifri⸗ ger: Nicht verhungern, aber verderben; verder⸗ ben, wie die ſchwarze Fliege im goldnen Weine, nach kurzem Rauſche! O hore mich, denn der alte Pluto iſt Dir gut und zugethan, weil er Dich kennt, da Du noch warſt ſo klein und ſo jung!“ Das Madchen murmelte etwas vor ſich hin, und ſetzte die Finger in langſame trommelnde Bewegung. Pluto fuhr fort: O Tochter eines edeln Cor⸗ romantiweibes! Du biſt ſchoͤn, weil in Dir das Blut der ſchwarzen Mutter fließt; aber Dein Haupt hat geerbt die Verſchlagenheit und Wild⸗ heit der Begier der Weißen. Der Uebermuth des blaſſen Geſchlechts iſt der Deinige; Du willſt Dich ſetzen neben die Buccra, aber ſie werden Dich verſtoßen, wenn Deine Lippen zu Veilchen — 6— werden. Halte feſt am Herrn. Maſſa iſt gut, Maſſa iſt boͤſe. Aber gegen Dich war Maſſa mehr gut als boͤſe. Hat er nicht das kleine ſchmutzige Kind genommen aus der Pfuͤtze, wo es ſpielte mit Schwein und Hund? hat er es nicht geſteckt in ſchoͤne bunte Gewander, und feuer⸗ rothe Seide um ſeinen ſpitzigen Kopf gewickelt? Diana hat nicht gearbeitet, ſondern nur geſchwelgt im Nichtsthun. Gold und Perlen waren fuͤr ſie, Schlaͤge fuͤr ihre ſchwarzen Bruͤder und Schweſtern.“ „Ei, Ihr ſeyd nicht meine Geſchwiſter! Ich bin des Weißen Kind.“ „Nun ja: Diana iſt vornehm; Pluto weiß nicht warum. Aber Diana iſt einmal vornehm, und ſie iſt auch dann und wann gut geweſen. Sie hat dem alten Pluto manch liebesmal von der Peitſche geholfen, wenn Maſſa recht wild war. Aber Maſſa war immer gut gegen ſie. Darum bleibe ſie bei ihm, und ſey ihm gehorſam. Heute wird Sturm, weil Diana nicht gefolgt hat. Und den⸗ noch iſt ſie nicht krank; ſie ſagt das Ding, was nicht iſt. Sie will nur nicht reiſen, weil der blaue Offizier dort druͤben nicht mitreiſen darf.“ „Altes planderhaftes Geſpenſt!“ ſchalt Diana heftig: Willſt Du ſchweigen? oder mochteſt Du nicht hingehen und dem Herrn verrathen...2* „Nein, nein, bei dem Andenken an die Hei⸗ math!“ ſagte Pluto feierlich:„Diana hat mir Gutes gethan, und ich bin ſtumm, wenn nicht Maſſa ſelbſt mich ausfragt.“ „Wenn er dich ausfragt, wirſt Du ſchweigen wie jetzt;“ herrſchte ihm Diana zu:„Denn es kommen immer Augenblicke und Stunden, wo ich Dir mehr ſchaden kann, als Du mir mit Deinem Bekenntniß zu ſchaden vermagſt. Wahr iſis: ich bin des Ziehens hin und her recht muͤde. Mir fehlt das Land im Meere. Dahin will ich zuruͤck; oder mindeſteus bleiben in dieſer ſchonen Stadt, und Einen freiwillig lieben, nachdem ich nur gezwungen bisher an den Herrn gefeſſelt hing.“ „Feſſeln von Gold, von purem Golde, Diana!“ ermahute wieder der Alte:„Der blaue Soldat iſt jung und ſchoͤn geung fuͤr einen Weißen, aber Maſſa iſt reich. Der Soldat betruͤgt Dich, und Maſſa ſetzt Dich vielleicht zur Erbin ein. Er iſt mehr fuͤr Dich als Dein Vater, der Dich verließ. Sey alſo klug, und verſcherze nicht Dein Gluͤck.“ Dieſe Worte erregten das Nachdenken des Maͤdchens. Mit geſenktem Kopfe uͤberlegte und pruͤfte es. Pluto uͤberließ die Eitle ihren Ge⸗ danken, und ging. Das Nachſinnen ermuͤdete aber das tropiſche Gehirn gar bald, und Diana entſchlummerte. Sie traͤumte von Palmen und Agaven; von Creolenheirathen, und von der Faſtnacht der Far⸗ bigen. Sie traͤumte auch von der Zeit, wo der Herr den Liebhaber bei ihr ſpielte, ihre Finger⸗ ſpitzen kußte, wann ſie ihm die Cigarre oder den Graveswein reichte; wo er freigebig mit Band und Coralle war, wann ſie ſeine Sieſta gehorig vor den Muskitos beſchuͤtzt, und ſein Hamac recht linde geſchaukelt hatte.— Das Alles war vorbei im Leben; um deſto ſchoͤner doch im Traume. Darum ſchlief Diana ſo feſt, daß ſie nicht hoͤrte, wie Heckdey heimkam.— Pluto leuchtete vor, und war beſtuͤrzt, da er den Schlummer des Mädchens inne wurde. „Was ſoll das 7« fragte Georg, auf Diana deutend. „Diana iſt viel krank; Maſſa wird verzeihen; die Reiſe, ein Fieber. ſie ſoll gleich ge⸗ weckt ſeyn. „Halt! Laß' ſie ruhen, ich will nicht, daß ſie geweckt werde. Laß' Alles liegen und ſtehen, wie es iſt. Wir wollen einige Zeit hier raſten. Ich bin nachgerade das Reiſen etwas muͤde, und Ihr ſollt auch nicht krank werden; nicht Du, nicht das Mädchen“ „Maſſa liebt Diana noch ſehr;“ murmelte der Neger in den Bart. „Alſo,“ fuhr der Andre lebendig, aber gleich⸗ gultig fort:„den Wagen in die Remiſe. Wir wollen morgen eine Wohnung ſuchen.— Iſt ein Arzt geholt worden? Nicht? o, es wird nicht von Bedentung ſeyn. Die Naͤrrin hat ſich gewiß mit Naſchwerk den Appetit verdorben. Und der Wohlgeruch in dieſem Zimmer! Es duftet wie in einer Apotheke. Pfui! jage die Creatur in's Bett, und ſperre alle Fenſter auf. Gute Nacht; niemand ſoll mich ſidren l« Da Heckdey in ſein Cabinett ging, und ſich einriegelte, brummte wieder der Alte vor ſich hin:„Iſt Pluto nicht wie eine Moͤve, die den Sturm anſagt? Freilich... woher er blaͤst, wer weiß?— Aber Maſſa.... Pluto iſt der duͤmmſte Knecht... Maſſa liebt die braune Diana nicht mehr.“ Drinnen ging mittlerweile Einer auf und nie⸗ der, der nicht Ruhe finden konnte. Was Heck⸗ dey's Blut bewegte, ſeine Nerven erſchuͤtterte, war nicht Angſt, Ahnung, Furcht. Ein Fieber der Ueberraſchung, ein wildes Behagen peinigte ihn. Bald blickte er finſter, bald machte ein ſanftes Lächeln ſein dunkles Geſicht angenehm. Dann ſteigerte ſich aber das Lächeln zum Spott, zum unſtaͤten Hohn, zum Siegesgelaͤchter. Die Bruſt wurde dem Manne zu eng. Er mußte ſeinen Gefuͤhlen Worte geben. Jedoch, indem er ſich bis zum Selbſtgeſpraͤch vergaß, fuͤrchtete er — noch, von den vier Wänden verrathen zu werden. Darum ſüͤtzte er ſich mit beiden Armen auf den Spiegeltiſch, beſchaute ſein Bild in dem von zwei Flambeaux erhellten Glaſe, und ſagte leiſe und abgeriſſen: „Iſt es denn moglich? Ich habe nicht ge⸗ ſchäumt in gerechtem Zorne, und habe auch nicht blutig gegeißelt mit Hohn und Verachtung? Nicht der Grimm ſchwellt meine Bruſt, ſondern die Freude? Ich habe die Beleidigung vergeſſen, in⸗ dem ich in dieſelben Stricke fiel, die fuͤrs ganze Leben meine Seele wund gerieben? Ich bleibe ein Gaſt des Weibes, das ich zerſchmettern ſollte! Iſt denn dieſes Weib durch irgend einen geheim⸗ nißvollen Zauber an mich gebannt, daß ich ihm als Beute nicht entgehen kann? Daß mein Herz der Tochter zinsbar wird, indem die Mutter es zertreten 266 Er beſann ſich auf eine andre Erklärung. „Oder wäle es eine Suͤhne, die mir das Ver⸗ hängniß bereitet? Wäre der Zorn des Schickſals todt, wäre es gerecht geworden 2 — 6 Immer heiterer laͤchelte ihm dieſe geheimniß⸗ volle Möglichkeit, und er ſprach langſam und zufrieden: Ja, ſo wird es ſeyn. Die Macht, die uns regiert, ſendet mir einen Erſatz fuͤr zwan⸗ zig kummervolle Jahre der Frohnarbeit, des Ueber⸗ druſſes und ohnmaͤchtigen Grimms. Die Tochter mache gut, was die Mutter ſo ſchndde, ſo unver⸗ antwortlich verdorben hat. So will es das Ge⸗ ſchick. Wer mag ſich dagegen ſtraͤuben?“ Er ging ein paarmal hin und her, dann warf er ſich wieder in die vorige Stellung: Und ich irre mich nicht. Cacilie folgt dem ſtummen Ur⸗ theile des Fatums. Sie war mir zugethan vom erſten Augenblicke, immer eifriger hing ſie an meinem Munde ſie liebt mich! Ja, ſie liebt mich! Ich will mein Haupt dem opfern, der mir das Gegentheil beweist.“ Der ſiegreichen Ueberzeugung folgten alſobald Zweifel; um ſo ſchwärzer, um ſo bitterer, als man dieſelben ſich nicht gerne geſteht.— Aufmerk⸗ ſamer betrachtete ſich Georg. Er hatte den Muth, ſeinen Bedenklichkeiten Worte zu verleihen:„Mant — 63— in reifen Jahren, an die Gränzen des vierzigſten ſtreifend, bei weitem hinaus uͤber die Hälfte der Lebensbahn, darfſt du wagen, zu hoffen, daß ein Kind, das eben durch die goldne Pforte des Jungfrauenalters ging, dich liebe? liebe, mehr als einen Vater oder erfahrnen Freund 2— Iſt nicht ſchon hie und da dein Haar gebleicht: iſt nicht dein Antlitz gefurcht, wie ein Ackerfeld, woruber eine wilde Jagd gegangen 2 Heckdey firirte ſich mit Wehmuth; dann faftte er ſich, lächelte wie uͤber einen kindiſchen Einfall, und ſprach:„Bin ich nicht ein Thor? werde ich denn meiner Braut das Geſicht voll Sorgen zei⸗ gen? die Spuren von Reue und Ueberdruß? die ſtrenge haͤßliche Larve eines wilden Pflanzers oder eines Sklavenhaͤndlers? oder die liederliche Fratze eines Contrebandiers? Weg damit; weg, und heiter ſey das Leben, dann wird auch die Stirne hell, das Ange klar, und voll und glatt die Wange. Ich habe meine Zuͤge in der Gewalt. Mein Ernſt ſoll ihr gefallen, ohne ſie zu ſchre⸗ cken. Hat mich die Luft, bas Meer, die Sonne gebräunt.. je nun, die Weiber lieben muthige gereiste Leute. Der Haarkrausler ſoll meine Locken verjuͤngen. Ich habe noch Gold, um ſil⸗ berne Haare zu tingiren. Nein, nein! mit mei⸗ ner Geſtalt, mit meiner Kraft und Gewandtheit bei meiner Ehre! Noch macht ſich ein Weib „ lächerlich, wenn es mich liebt“ Er rieb ſich triumphirend die Hände, zůndete ſein Cigarrito an, blies die Wolkchen frohlich durchs offne Fenſter, und duͤnkte ſich, Plane ſchaffend und Luftſchlöſſer bauend,— chrlich, tugendhaft, geadelt, verklärt. „Ach, wie will ich ſie halten, tragen, anbeten, vergottern! Wie ſollen alle Paradieſe des Lebens ihr zu Fuͤßen liegen! Ihr gehoͤre, was ich den Schachten der Erde abgerungen habe. Sie ſoll die Reichſten nicht beneiden um eine Perle, um einen Diamant. Ihre Wuͤnſche zu belanſchen, ihr geheimſies Sehnen zu verwirklichen ſey meine Aufgabe. Sie mache mich gluͤcklich, und was ich mein nenne, meine Habe, meine Ehre, mein Leben... Alles ſey ihr Eigenthum. Aber dafuͤr muß ſie mein, nur mein, ganz und allein die Meinige ſeyn, Eltern, Geſchwiſter, Freunde, die Welt verlaſſen; mir dienſtbar ſeyn, nur fuͤr mich athmen und fuͤr meine— Seligkeit! Der Arme wagte nicht, die Liebe mit in den Kreis ſeiner Verheißungen zu zichen. Unwillkuͤhr⸗ lich klopfte er an ſeine Bruſt. Aus dem duͤrren Felſen ſprang kein Quell. Der verſchenkt kein Paradies, dem es nicht im Buſen bluͤht.— Noch einige Minnten folternder Selbeſchauung, — dann ſetzte Georg ſich hin, und malte Caͤci⸗ liens Namen fort und fort in allen Schriften, bis der bleiche Morgen den Ermuͤdeten auf's Lager ſcheuchte. Er ſchlief, wie der armſte reiche Mann; ſchlecht. 5. Die neue Zeit iſt grauſam, mit ihrer poſiti⸗ ven Tendenz. Sie will alles analiſiren, alles handgreiflich nachweiſen, allen Irrthuͤmern, ſelbſt den lieblichſten, ein Ende machen. Die Poeſie Boa Conſtrictorl. 5 665— geht zu Grunde; nicht einmal der ſchaffenden und erhaltenden Natur erlauben wir mehr, dich⸗ teriſch, romantiſch, geheimnißboll zu ſeyn, ob⸗ ſchon ihre erſten Elemente uns ſtets Raͤthſel blei⸗ ben werden. Die Erde, die Erde, die ſchwere Materie iſt fuͤr uns der Acker, den wir nach allen Richtun⸗ gen bepfluͤgen. Aus ihr ſtammt fuͤr uns an der Kruſte klebende Geſchoͤpfe Alles, Freud und Leid, Schöpfung, Erhaltung. Aus der ſelbſiſtändigen Kugel entwickelt ſich Alles fuͤr uns, und dennoch kennen wir nicht die Hand, welche die Kugel halt; hoͤchſt unvollkommen die Geſetze, wonach ſie regiert wird. Ein Gnomengeſchlecht, das im Bauche der Erde nach Metallen und Steinkohlen, den Haupt⸗ kraͤften unſers Jahrhunderts, graͤbt und ſcharrt; ein Geſchlecht von kriegeriſchen, neidiſchen und geizigen Bergknappen, das, bei der Grubenlampe haämmernd, rechnend, ſchwelgend und toͤdtend, nur dann und wann das bloͤde Ange zum Himmel er⸗ hebt, um ihn zu verlaͤſtern, oder von ihm Zeichen und Wunder zu fordern, woran jedoch zu glauben, uns der Muth und die Frömmigkeit der Alten fehlt. Das Zeitalter der Vergeſellſchaftung? Sie verbünden ſich zu Schutz und Trutz, zu Handel und Wandel, gegen Feuer⸗ und Hagelnoth; das Schiff auf dem Meere; des Menſchen zweifel⸗ hafteſter Schatz, ſein Leben, ſie ſind verſichert; Alles in dem großen Bunde iſt Geld und Pfand, Alles nach ſeinem Werthe taxirt. Aber die Scho⸗ pfung reißen ſie in Stuͤcken. Sie preiſen die große Weitmaſchine, und iſoliren einen jeden Theil der— ſelben. Die Geſtirne gehen ſie nichts an, der Him⸗ mel iſt ihnen gerade uur die Schuͤſſel, worinnen das Ei der Erde ſchwimmt. Man hat uns erklaͤrt, daß die Wolken Duͤnſte der Erde, Blitz und Donner ihre Soͤhne ſind; viele behaupten ſogar, der Thau falle nicht aus den Himmeln, ſondern er ſchieße vom Boden auf, bis zu einer gewiſſen Hohe. Vielleicht iſt das Alles wahr; aber um wie viel ſchoͤner war dann unſer Aberglaube: daß zur 5* Nachtzeit, wo die muͤde Erde ruht, erfriſchende Lebenstropfen aus heiligen Fernen auf ihre er— ſchlafften Glieder fallen! daß zur Nachtzeit, wo alles Uebel wach iſt auf Erden, Engelthraͤnen als ein Balſam auf die Wunden der Menſchenmutter traͤufeln! Fuͤr die verſtorbenen Geſchlechter lebte der Himmel ſammt ſeinen Gewittern und Sternen im engſten Wechſelbuͤndniß mit der Erde. Wir wiſſen, daß hinter den geballten Wolken das Fir⸗ mament ſich ausſpannt, einfaͤrbig, gleichgültig, fremd. Von ihm kommt uns nicht Heil, nicht Strafe. Es gibt jedoch Menſchengemuͤther, die an ſolche Proſa ſich nicht gewohnen moͤgen, die ihre Religion beharrlich im Buſen tragen, und, ſelbſt dichteriſch geſchaffen, täglich von den Hohen, wo die Planeten kreiſen, einen heiligen Hymnus leſen. Es iſt auch eine Schule, worinnen der menſch— liche Geiſt dieſe Dichtkunſt lernt: die Schule der Schmerzen. Es ſucht manch feuchtes Auge bei Nacht und Morgenroth am Himmel den Stern, den Engelblick, der ihm eine heilende Thräne zu den ſeinigen ſchenke. Alſo irrte auch Eugenie im Thau des Mor⸗ gens durch die Gaͤnge ihres Gartens. Selten hatte der fruͤhe Tag die Dame im Freien belauſcht; noch niemals zagend, ſeufzend, weinend, wie heute.— Was war in vierundzwanzig Stunden geſchehen? Damals noch ſo heiter, die verkor⸗ perte Zufriedenheit; jetzt ein Bild des Grams? Sie eilte bald, als verfolge ſie ein Schatten; bald ſchlich ſie mit gebeugtem Haupte, ohne vom Fleck zu kommen. Dann ſtand ſie vor einer Blume, und ihre Thraͤnen fielen darauf; dann wieder zerriß ſie die bethaute Blume. Sie lauſchte, wie eine Verbrecherin, nach der Seite des Hau⸗ ſes, dann horchte ſie nach der Straße, als er⸗ warte ſie Jemanden. Und hob ſie die Augen nach oben, ſo ſpiegelte ſich vergebens darinnen der Aether; ſie ſah ihn nicht, und nicht die goldne Sonne, und nicht die lichten Woͤlkchen, deren Trabanten. Ein Geſicht, ein Menſchengeſicht malte ſich vor ihren Blicken aus, wohin ſie auch ſah; und da ſie die Blicke abwendete von dem Himmel, wo ſie dem drohenden Antlitze hatte entgehen wollen, ſtand daſſelbe doppelt finſter und koͤrperlich ihr zur Seite. „Georg!“ aͤchzte ſie, zuſammenfahrend. „Eugenie!“ verſetzte der Unwillkommne:„Eu⸗ genie hier? Ich will den Freund uͤberraſchen, und finde „Die Feindin?“ fragte ſcheu Eugenie, ohne ihn anzuſehen. Nach einer Pauſe des Triumphs entgegnete Heckdey:„Die Feindin muͤßte ich haſſen ich fand Dich wieder, und ſiehe, ich haſſe Dich nicht.“ „Sie verachten mich?“ ſchluchzte Eugenie mit verhuͤlltem Geſicht. „Ich kenne die Schwaͤche des Weibes!“ ſagte er mit erzwungener Faſſung:;„Du haſt mich un⸗ gluͤcklich gemacht, ohne es gerade zu wollen, ohne es fuͤr moglich zu halten. Du fandeſt Deine Seligkeit in den Armen des Mehrgeliebten, und glaubteſt, ich wuͤrde meinerſeits nicht ſchlimmer —1— daran ſeyn. Nein; ich haſſe Dich nicht, ich ver⸗ achte Dich nicht. Ich habe Dir vergeben.“ „Grauſame Milde!“ ſeufzte Eugenie, ohne vom Boden aufzuſehen:„Ihre Zunge verzeiht, während Ihre Seele grollt.— Ja,“— fuhr ſie muthiger fort:„ich habe den Muth, mich anzu⸗ klagen. Macht ja doch ein freies Bekenntniß einen Theil der Schuld wieder gut. Ich habe Sie ge⸗ tauſcht. ich hatte früher mich ſelbſt getauſcht „die Liebe, die wahre, die ächte, machte mich zur Meineidigen.“ »Die wahre, die aͤchte Liebe?“ wiederholte Georg bitter:„Nun; dann iſt ja alles gut. Wenn die Wahrheit ſiegt, muß jeder Irrthum, ſelbſt ein beſiegelt und beſchworner, zuruͤck in das Nichts. Es hätte dann nur eines Worts bedurft; einer Zeile von Deiner Hand... aber du ſandteſt keine Taube, und aus fremdem Munde zu erfahren, was geſchehen, ſchmerzte doppelt, unendlich. Du ſeyſt vermählt; weiter ſchrieb Jener nichts; nicht wie, nicht an wen. Was kuͤmmerte es ihn, den Uneingeweihten! Ich ſchrieb nicht mehr zuruck. Unter den Sternen waren nur zwei, die um unſern Bund wußten: wir ſelbſt. So ſollte es auch bleiben.“ „Ach, ſo iſt es auch geblieben!“ klagte Euge⸗ nie:„Obwohl mein Gewiſſen mich lange peinigte, dem Gatten zu geſtehen. ich durfte es nicht wagen. Er, der mir eine ganz freie Hand bot, deſſen Seele mich waͤhlte vor allen; deſſen erſte Liebe ich war,— er verlangte gleiche Freiheit, gleiches Erſtlingsgefuͤhl von der Braut. Nur einmal kann ich ein Weib lieben;“ ſagte er oft: „Wenn ich wuͤßte, wenn ich furchten muͤßte, daß Du ſchon einmal Dein Herz verſchenkteſt,... nimmer wuͤrde ich glucklich ſeyn— ich wäre oder wuͤrde der Betrogene!“— Ich konnte ihm nicht geſtehen, was mich belaſtete.“ „Beſſer war's, ihn nicht zu betruben;“ meinte Heckdey kalt:„es wuͤrde Dir und mir nichts mehr geholfen haben. Der Treubruch war geſchehen.“ „Das iſt das Wort;“ ſagte Eugenie dumpf vor ſich hin.— Heckdey ſetzte wicder hinzu; „Der Entſchuldigungen ſind Manche fuͤr Dich außufinden, wie ich aus Leopolds Erzählung ver⸗ nahm: Des Vaters Drängen, der ungewiſſe Er⸗ folg meiner Bemuͤhungen, Niemand, der mir das Wort geredet hätte. In Flowers goldnen Sälen wäre kein Vertrauter fuͤr den blutarmen Heckdey zu finden geweſen. Endlich und vor Allem Deine Neigung. Der Schoͤnere, der Beſſere, der Reichere kam zuletzt, und er ſiegte. Nichts natuͤrlicher.“ „Sie zerſchmettern mich;“ ſchluchzte Eugenie: „Ihre Vertheidigung meines Fehltritts iſt die ſchwerſte Anklage. Ich habe gebrochen, was wir uns gelobt. Der Eid, den wir am Abend vor Ihrem Scheiden abgelegt, iſt durch mich entweiht worden. Sie wagten Ihr Leben uͤberm Meer; in wenigen Monden wurde ich eines Andern Braut;... ſogar Ihre kleinen Geſchenke habe ich vertilgt, um ſie der Neugier meines Gatten zu entziehen. Nur dieſes Blatt,...“ ſie zog ein Papier aus dem Buſen—„dieſes Blatt ent⸗ ging der Vernichtung. Ein Aberglaube hinderte mich es zu vertilgen. Sie haben es mit Ihrem Blute geſchrieben... ich wollte es nicht verbren⸗ nen. Aber brennend blieb es auf meiner Seele liegen. So tief ich es verbarg; immer ſpielte ein Zufall es in meine Hände. Heute— nach ſchlafloſer Nacht und bitterer Reue mußte ich es finden wie durch Zauberei, mußte es leſen hun⸗ dertmal, und es gluͤht in meinen Fingern wie ein dämoniſcher Pakt.“ Heckdey entriß ihr das Blatt, und zerſtreute es in kleinen Stuͤckchen im Winde.„Welch ein Uebermaß von Angſt und Kummer,“ rief er,„um einer jugendlichen Kinderey willen! Denn ein Kinderſpiel mag wohl die Thorheit genannt wer⸗ den, mit dem eigenen Blute eine Verſicherung auszuſtellen, in der ganzen Welt gerade nur die zu lieben, die zu ehelichen, die im Beſitze des Zettels iſt. Verruͤckte Ueberſpannung ſentimen⸗ taler Mondnaͤchte! Vergiß das, Eugenie.“ „Sie haben,“ begann ſie zoͤgernd,„von mir ein gleiches Blatt in Händen.... 2 »Und es läge ſchon wieder in den Deinigen,“ fiel Heckdey ſchnell ein,„wenn nicht ein ungluͤck⸗ licher Fall in die See mir die Brieftaſche ſammt dem Papier entfuͤhrt hätte. Die ſalzige Fluth, noch beißender als meine Thränen, haben den Schwur zernagt, die ſtummen Fiſche haben ihn verſchlungen. Fuͤrchte keinen Verrath, Engenie.“ Die Aberglaͤubiſche that einen leichtern Athem⸗ zug. Mit wehmuͤthiger Vertraulichkeit legte ſie die Hand auf Georgs, und ſagte:„Meine Dank⸗ barkeit fuͤr Ihre Großmuth iſt unbegraͤnzt. Solch einen Ausgang durfte ich nicht hoffen, obgleich Ihr geſtriges Betragen das edelſte war. Ihr ploͤtzliches Erſcheinen brachte mich jedoch aus der Faſſung. Ich getraute mich nicht mehr, meines Leopolds Liebkoſung zu erwiedern. Ich dachte, Sie hätten noch ein Recht auf mich. Dieſen Zwieſpalt zu enden, der bei dem vorſchnellen Temperament meines Gatten von uͤbeln Folgen geweſen waͤre, hatte ich mir unter Thraͤnen vor⸗ genommen, Sie auf meinen Knieen zu bitten, unſer Haus, die Stadt zu verlaſſen. „Und ich wuͤrde gehorcht haben;“ unterbrach ſie Heckdey.„Aber die Sachen ſtehen jetzt anders. Der Pfeil, der ſo lange Jahre mich ſchmerzte, iſt 6 abgeſtumpft. Sie ſind Leopolds Gattin, Sie lie⸗ ben ihn,.. Sie ſind frei, ſo frei als jemals. Ich habe Eugenien heute zum letztenmale mit dem vertraulichen„Du“ begrußt; und nicmals ſoll ferner zwiſchen uns der Vergangenheit ge⸗ dacht werden.“ »Darum habe ich Sie anflehen wollen;“ er⸗ wiederte mit freundlichem Blicke Eugenie:„ich kanns nicht läugnen, ich war erregt, erſchuttert, zerfallen mit mir, mit Leopold, mit Ihnen. Ich ſcheute in Ihnen einen Verfolger. Und nun ſiehen Sie da, neben mir, als ein Freund. Bleiben Sie es, mir und meinem Leopold und meinen Kindern; und was zu Ihrem Gluͤcke in unſerer Macht.... „Genug, verehrte Frau;“ bat Heckdey mit gefalteter Stirne:„Der Zufall ſchenkt das Gluͤck; wir haben nur fromme Wuͤnſche. Kein Wort mehr von dem Ehemals. Geben wir uns darauf die Haͤnde. Kein Wort an Leopold. Ich kenne ſeine fanatiſche Schwaͤrmerei in der Philoſophie der Liebe. Muth und freien Blick. Der Muth bringt Gluͤck.“ — „Wo iſt Leopold?“ fragte er dann, um dem Geſpräch aufzuhelfen:„Wäre er noch in den Federn?“ Eugenie ſchuͤttelte den Kopf. Mit einigem Widerſtreben ſagte ſie:„Er iſt in aller Fruͤhe ausgeritten, um ſich zu zerſtreuen. Doch erwarte ich ihn bald zum Fruͤhſtuͤck. Sie ſind herzlich eingeladen.“ „Ich danke und nehme an;“ verſetzte er ver⸗ bindlich:„Doch erzeigen Sie mir einen Gefallen? Vertilgen Sie an der Toilette die Spuren Ihres Verdruſſes. Kommen Sie dem Leopold heiter und freundlich entgegen. Wollen Sie2« „Ihr Wunſch iſt der meines Herzens;“ ant⸗ wortete Eugenie voll Zuverſicht:„Ihr Edelmuth wird mir die Umwandlung leicht machen.“— Eilenden Fußes verließ ſie den Garten. Heckdey ſah ihr bewegt nach. Dann murmelte er, mit dem Kopfe nickend:„Um ſich zu zerſtreuen, iſt er aus⸗ geritten? So hat's Verdruß gegeben. Sie wollte nur nicht heraus mit der Sprache. Wackrer Leo⸗ pold! trotz Deiner gutmuͤthigen Prahlereien iſt Deine Ehe auch keine wolkenloſe. Der Unerfahrne, der nie Gelegenheit gefunden, Welt und Menſchen kennen zu lernen! Er iſt ſeines Herzens Sclav; das Weib hat ſich ſeiner ganz bemaͤchtigt. Schon um ihr Geheimniß zu bewahren, mußte ſie das uebergewicht zu erlangen ſuchen, und er hat ihr freies Feld gelaſſen.— Was geht es aber mich an? Ich will an Cäcilie denken.“ Er dachte jedoch weniger an das Maädchen, als an Eugeniens Angſt, an ihre Demuͤthigung, an die ſtolzedle Haltung, die er dabei behauptet. Das Schlußſtuͤck dieſer Bildergallerie des Ge⸗ hirns war ſtets Leopold, auf ſeinem weißen Pferde, dem Heere der ſchwarzen Grillen entflie⸗ hend. Und ein warmes Wohlbefinden beſchlich den Nachdenkenden. Die grauſame, aber wahre Maxime La Rochefoucaulds leuchtete ihm ein: „Im Ungluͤck eines Freundes iſt ſtets etwas, das uns wohlgefaͤllt.“ Der heimkehrende Reiter ſah uͤber das Garten⸗ Geländer. Im Nu war er aus dem Sattel, in dem Arme des Freundes.„Willkommen! ſo fruͤh?2 Haſt Du Jemand vom Hauſe geſehen?“—„Deine Frau.“—„So?“ Leopold runzelte die Stirn: „wie empfing ſie Dich?“—„Ei, ganz gut. Ich bin zum Fruͤhſtuͤck geladen.“—„Wirklich? eine große Gnade. Ich hätt' es kaum gedacht.“— „Wie ſo?“—„Weil.. weil.. doch laſſen wir's. Sie wird zur Vernunft zuruͤckgekehrt ſeyn.“ Leopold ging mit großen Schritten um den Roſenhuͤgel, vor dem ſie ſtanden. Georg betrach⸗ tete ihn eine Weile; dann hob er an:„Du thuſt nicht recht, gleich am erſten Tage unſers neuen Zuſammenlebens den Geheimnißvollen gegen mich zu ſpielen. Fern von mir, mich in Deine ehelichen Händel zu miſchen; aber hier geht die Sache mich an, das weiß ich nun. Darum fordere ich Dein Vertrauen auf.“ — 5 Nach einigem Kampfe begann Leopold:„Sieh, Georg, ich will Dir nicht verbergen, daß unter den tauſend guten Eigenſchaften meiner Eugenie ſich eine ſchlimme befindet. Mein Gott! wir ſind Menſchen allzumal. Dieſer Flecken iſt eine nie ſchlafende, aber vage Eiferſucht. Nun: Eifer⸗ ſucht iſt die Tochter der Liebe, und als ſolche zu entſchuldigen.... aber manchmal laſtet dieſe Lie⸗ beszudringlichkeit ſehr auf mir. Nicht genng, daß ich beinahe alle Geſellſchaft aufgegeben habe, um nicht mit Damen in einen Verkehr zu kommen, der— obgleich der allerunſchuldigſte— dennoch meiner Frau unaugenehm ſeyn koͤnnte.. ſie dehnt ihre Eiferſucht ſogar auf Männer, ja manchmal auf unvernuͤnftige Creaturen aus. Ein Hund, ein Vogel war ſchon oft in ihren Augen ihr Neben⸗ buhler in meiner Gunſt, und ich ſchaffte Hund und Vogel ab. Aber einen Freund, wie Du es biſt, reiße ich nicht aus meinem Herzen, wie ich einen Pudel verſchenke, oder eine Nachtigal flie⸗ gen laſſe. Und ich fuͤrchte, Eugenie iſt eiferſuch⸗ tig auf Dich; ſie beſorgt, daß Dein Einfluß den ihrigen beeinträͤchtigen werde.“ „Sagte ich Dir's nicht im voraus?“ fragte Heckdey laͤchelnd:„weiter aber; was geſchah?“ „O, die Scene von geſtern Abend.“ er⸗ wiederte Leopold heftig:„ein, ich kann mir nicht vorſtellen... das Weib kam mir ſo fremd, ſo ungewoͤhnlich vor; und da ich ihr die liebe⸗ vollſten Ermahnungen gebe, Dich zu behandeln als meinen beſten Freund, weint, ſchluchzt ſie, ſioßt räthſelhafte Reden aus, die ich nicht verſtehe, und verſchließt ſich in ihrem Zimmer mit den Worten: Du wirſt mich noch von Dir weiſen um des Mannes willen! Darum habe ich heute die Grillen vertobt, ohne ihr nur einen guten Tag zu wuͤnſchen.“ „Du thateſt wohl. Du wirſt ſie ganz berän dert finden. Panzre Deine Bruſt gegen die Pfeiie der Weiberlaune. Du haſt Dich vielleicht ge⸗ wohnt, ihren Wuͤnſchen ſtets zu huldigen?“ „Ich geſtehe es. Zank und Murren war mir unertraglich. Sie haßt ebenfalls den Streit. Darum befahl ſie ſanft, und ich gehorchte ſiets den milden Geſetzen. Eugenie und ich, wir haben nie die Welt gekannt, fanden ſtets unſer Gluͤck in unſerm Hauſe. Betrachte auch, wie ich es ſchmuͤckte, wie ich es unterhalte. Es geht faſt uͤber meine Kraͤfte, da bei dem Tode des Schwie⸗ gervaters ſich der Reichthum bei weitem nicht fand, wovon die Leute gefabelt. Auch trieb und treibe ich kein Geſchäft... ich habe eigentlich nie etwas Rechtes gelernt— und lebe nur von meinen Capitalien. Dennoch ſetze ich meinen Stolz darein, meiner Eugenie und den Kindern keinen billigen Wunſch zu verſagen; und unbil⸗ lige aͤußern ſie nicht. Ich bin in meiner Deli⸗ kateſſe ſo weit gegangen, daß ich Eugenien ver⸗ ſchwieg, wie Flowers Nachlaß ſtand. Sie haͤtte ſich gekraͤnkt, haͤtte ſichs nie verziehen, daß ich in der Vermoͤgensſache getäuſcht worden. So haͤlt ſie mich zwar fur reicher, als ich bin, aber Gott ſey Dank, ich beſitze hinlängliche Mittel, Alles auf dem einmal beliebten Fuße zu erhalten, und mei⸗ nen Kindern einſt meine Habe ungeſchmaͤlert zu — 83— hinterlaſſen. Wer weiß,“ ſetzte er lächelnd hinzu, „ob Fortuna nicht einmal ein Uebriges thut; denn— im Vertrauen— ich bin ihr lieber Sohn, da ich noch nie einen unglucklichen Fall erlebte.“ „Gib den geheimnißvollen Maͤchten ein Opfer, daß ſie nicht zuͤrnen;“ ſprach Heckdey halb im Scherz, halb im Ernſt. „Ich will einmal daran denken;“ lachte Leo⸗ pold, die Mahnung luſtig aufnehmend:„vor der Hand bin ich zufrieden, daß Eugenie ſich zum Ziele legte, Dir freundlich wurde, und. „Ohne Sorgen, Leopold. Ich weiß mit Da⸗ men umzugehen. Die mich haßten, konnten am Ende nicht ohne mich ſeyn. Meine rauhe Zuruͤck⸗ haltung war immer mein Talisman.“ „Eugenie haßt Dich nicht, Georg. Sahſt Du, wie ſie geſtern bei Deiner Erzaͤhlung ſich alterirte?“ Nein. Es iſt ein krankhafter Reiz... eine Son⸗ derlingſchaft ihres Gemuͤths... und ich habe den rechten Weg eingeſchlagen, ſie zu kuriren. Keinen Kuß, kein gutes Wort... das macht die Sonne wieder ſcheinen.“ „Brav. Das ſchoͤne Geſchlecht hat ſeinen an⸗ gewieſenen Platz. Den Mann ziert die Kraft, die Demuth das Weib.“ Leuchtende Gewaͤnder ſtrahlten durchs Gebuͤſch. Mutter und Tochter kamen, die Herren zum Fruͤh⸗ ſtuͤck zu rufen. Mit gewinnender Zärtlichkeit um⸗ ſchlang Eugenie ihren Gatten, reichte dem Haus⸗ freunde die Hand. Triumphirend und verſohnt erwiederte Leopold die Umarmung. Georg hatte dankbar hoͤfliche Worte fuͤr Eugenie, duͤſtergluͤ⸗ hende Blicke fuͤr Cäcilie, die in dem geſchmack⸗ vollen Morgenkleide reizender war, als geſtern. Das roſige Geſicht glich ganz den jungfräulichen Zuͤgen, die Heckdey im Herzen trug, als er einſt Europa verließ. Die Erinnerung, ſo ſchmerzlich und ſo theuer, erregte doppelt das Gefuͤhl, das Georg empfand und fuͤr Liebe hielt.„Ich will, ich muß Dich beſitzen!“ ſagte dem Mädchen ſein flammendes Auge, und als ob das Maädchen es verſtände, errothete und ſenkte es die Wimper. — — Waährend ſie in den Pavillon gingen, und Cäcilie voraus ſchwebte, zierlich wie eine Taglioni, fiel dem Hausſreunde ein, daß er wohl der Dä⸗ mon ſey, in deſſen Hand das Wohl und Wehe dieſes Hauſes liege, und Cäcilie das Opfer, wo⸗ mit ſich der Gluͤckliche von der Nemeſis loszu⸗ kaufen habe. Sie hielten ein Liebesmahl, voll ruhiger Freude, voll Vertrauen. Heckdeys Erzählung, ſein Humor, ſo rauh und ſonderbar, entzuͤckten die Zuhoͤrer; den juͤnglinghaften Knaben Ralph ausgenommen, der von einem gewiſſen Inſtinkt geleitet, mit fin⸗ ſtern Augen den Gaſt betrachtete, dem Aller Her⸗ zen ſich dffneten. Cäciliens ſtrafende Blicke ver⸗ wieſen manchmal dem Bruder ſeine verdroſſene Haltung. Dem Knaben wurde endlich die ſtumme Hofmeiſterei läſtig, und er ging hinaus. Georg, dem ſein widerwilliges Betragen nicht entgangen war, verlor kein Wort daruͤber. Um ſo mehr ent⸗ ſchuldigten ſich Eugenie und Cäcilie gegen den Freund des Hauſes. Levpold hatte nicht auf den Sohn geachtet. Was iſt dem Buben?“ fragte er unwillig, und ſchien ſeiner Frage ſtrenge Folge geben zu wollen. Verſoͤhnend entgegnete aber Georg:„Laß' ihn doch. Es iſt nur die rohe Ungebundenheit, die ſo eigenthuͤmlich eine gewiſſe Epoche des Knabenalters bezeichnet. Was haͤtte ich ihm denn gethan, das er mir mit Beleidi⸗ gung vergelten ſollte? Vielleicht findet er etwas an mir, das ihm nicht gefällt. Das Geſicht oder die Stimme, oder irgend ein Tic, ohne welchen der Menſch ſelten iſt, behagen dem Jungen nicht. Was thut es aber? meine Erſcheinung mag nicht die liebenswuͤrdigſte ſeyn, aber Ralph wird ſich daran gewoͤhnen, und mich ſpäter lieber haben, als jetzt.“ Leopold nickte zufricden; die Mutter dankte dem Freunde mit ſuͤßem Blick die Nachſicht, welche er dem Liebling angedeihen ließ.„Ein Engel der Geduld und Sanftmuth; ein großmuͤ⸗ thiger Loͤwe!“ lobte Cäcilie geheim in tiefſter Seele den Gaſt.— So eben trat Ralph wieder ein, und uͤbergab dem Vater einen Brief:„Von der Poſt! Es iſt etwas Wunderliches um dieſe kleinen mobilen Geheimniſſe; um dieſe Wanderameiſen, die nach allen Weltgegenden Schreck oder Freude, Verneinung oder Beruhigung bringen. Unverſehrt durchfliegen die maskirten Botſchafter einen Welt⸗ theil, ſchwimmen uͤber den Ocean. Ihr Siegel wird reſpektirt wie eine Flagge. Und doch treiben dieſe Schriftkobolde ein treulos Spiel damit, wie ein Korſarenſchiff mit den Farben aller Nationen. — Wie Mancher fand unter dem freudig rothen Siegel den Todesſtoß; wie Mancher unter dem Trauerwachs das große Gluͤcksloos ſeines Lebens! — Das Siegel des Brieſs, den Leopold empfieng, war roth. Der Wagen, der die Damen zur Morgenſpa⸗ zierfahrt abholen ſollte, ſtand vor der Thuͤre. Heckdey begleitete ſie an die Kaleſche. Leopold blieb zuruͤck, den Brief zu leſen.—„Wir ſehen Sie doch heute wieder?« fragte Eugenie bei'm Abſchied den Hausfreund. Er verbengte ſich⸗ „Gewiß? nicht wahr?“ lächelte Caͤcilie mit kind⸗ licher Unbefangenheit. Er richtete ſich auf, und legte die Hand auf die Bruſt. Der Wagen flog von dannen. Cäcilie ſah einmal nach Georg zu⸗ ruͤck. Der wehende Schleier warf ſich neidiſch zwiſchen ihren und Georgs Blick. „Sie liebt mich;“ fluͤſterte in Heckdeys Seele die Eitelkeit. Wie ein Juͤngling ſprang er die Treppen zum Pavillon hinan. Ralph ſchoß trotzig an ihm voruͤber. Er ſah dem Knaben gehäſſig nach, und ehe er ſich nur recht beſonnen, wußte er ſchon, daß nichts nothwendiger ſey, als den ihm Widerwärtigen aus dem Hauſe zu bringen, um ungeſtort darinnen den Meiſter zu ſpielen. Georg war weltklug, und im Stande, den beſondern Takt eines vernuͤnftigen Kindes ſehr wohl zu wuͤrdigen. Wos erwartete ihn jedoch im hellen Salon des Kiosk? Das war nicht ſein bluͤhender Freund, das war ein bebendes Geſpenſt, das am Tiſche ſaß, und in das Papier mit gebrochnen Augen ſtarrte. Und auf die Schrift deutete es mit zit⸗ terndem Finger, als Heckdey es mit Fragen be⸗ ſturmte; aber es vermochte nicht zu reden. Georg las die Hiobspoſt.„Gelder, die auf⸗ gekuͤndigt werden ſollten... Handelshaus von Hamburg, das fallirte im entſcheidendſten — 806— Augenblicke die Summen total verloren gegan— gen...— Es waren gewichtige Summen, die Georg auch gewichtig ausſprach. Dieſes gab der Zunge Levpolds wieder neues Leben.„Mein hal⸗ bes Vermoͤgen!“ jammerte er, und knickte aber— mals zuſammen, wie ein Halm im Winde.— Heckdey hatte Muße, zu uͤberlegen, welche Rolle hier zu ſpielen ſey. Die Wahl war nicht ſchwer. Er faßte den Freund bei den Schultern, ſchuͤttelte ihn heftig, und rief:„Kleinmuͤthiger! biſt Du ein Mann? Solche Troſtloſigkeit, woher? Laſſe doch die Entnervung denjenigen, die den Tod am Kopf⸗ kiſſen oder in der Seele haben; denen das Ende aller Dinge oder ihr boͤſes Gewiſſen den Athem kürzer, die Nägel blau macht. Nimm Dich zu⸗ ſammen, oder ich gehe von dannen.“ „Verlaſſe mich nicht!“ bat Leopold zerknirſcht. —„Die erſte Bedingung meines Bleibens iſt, daß Du ein Mann ſeyeſt!“« antwortete Heckdey ſtreng: Dein halbes Vermoͤgen, ſagſt Du, und verzwei⸗ felſt? Wos ſoll der beginnen, den der Stoß des Uungluͤcks vom Throne in die Bettlerlumpen ſtuͤrzt? — 05 Wirſt Du, weil ein landfluͤchtiger Wechsler dich um die Hälfte Deiner Habe betrog, verhungern, ſterben im Elend? Und endlich: wirſt Du nicht wieder erobern, was Du verloren? Sind mit Dei⸗ nem Silber alle Thaler aus der Welt gerollt? Hat ein Mann von fuͤnf und dreißig Jahren keine Hoffnung, keine Zukunft 26“ „Hoffnung, Zukunft?“ fragte Leopold aufge⸗ richtet:„ein ſchoͤnes Wort fuͤr hi und Arbeit gewoͤhnten Mann. Ich habe nichts gelernt.“ „So bleibt Dir noch immer die Spekulativn. Halte Dich an meine Erfahrungen. Ein Sonnen⸗ ſtrahl des Gloͤcks, und Alles iſt wieder eingebracht mit Zinſen.“ „Du glaubſt 2« fragte wieder Leopold mit hei⸗ term Angeſichte. Dann ſank er in den Seſſel zuruͤck, rang die Haͤnde, und ſeufzte:„Der Augen⸗ blick, der Augenblick qualt mich mehr als alle Zukunft k „Wie ſo? Heraus damit. Rede. Keine falſche Schaam. Ihr Leute mit Fortuna's Privilegien ſeyd gar uͤbermuthige Ritter, ſo lange eure Saat gedeiht; aber, koͤmmt eine ſchwarze Stunde, ſo iſt euer Muth dahin, und ihr wagt nicht einmal das Wort auszuſprechen, das euer Ungluͤck nennt. Sprich Du frei von der Bruſt.“ „So vernimm. Ich habe, meine Eugenie zu uberraſchen, ein angenehmes Landgut im Gebirge gekauft. Der Termin, den Kaufſchilling zu ent⸗ richten, iſt vor der Thuͤrc. In einigen Tagen wollte ich Eugenien die Schluͤſſel uͤberreichen. Ich rechnete auf den Eingang jener verlornen Capita⸗ lien. Wenn ich nicht zahlen kann mit baarem Gelde, wenn ich decken muß mit Pfand und Buͤrgſchaft, iſt mein Credit dahin. Die Leute zeigen mit Fingern auf mich.« „Aengſtlicher, ſchuͤchterner Menſchl« ſpottete Georg unbarmherzig:„Das ficht Dich an? An dem Achſelzucken irgend eines Einfaltspinſels haͤngt Dein Wohl und Wehe?— Aber, es wäre zu weitlaͤuftig, und dabei vergebens, Dich belehren und erkräftigen zu wollen. Wie Du einmal biſt, mußt Du Deinen Verluſt ſtreng in Dir verber⸗ — 9 gen, das Landgut behalten, es baar bezahlen, ohne Anleihe, ohne Verpfändung, ohne Burg⸗ ſchaft.“ „Wie? womit?“ fragte Leopold mit offnem Munde. „Aus meinem Beutel;“ antwortete Heckdey ſchnell:„Bei'm Satan, bin ich denn umſonſt Dein Freund, Dein Kamerad? Oder zaͤhlſt Du mich zu den Augendienern und Schmarotzern? Wie2 Ja oder Nein!“ „Bruder!“ rief Leopold, in ſeinen Armen lie⸗ gend:„Das Gewicht eines Felſens rollt von mei⸗ ner Bruſt. Du wollteſt... Du wagſt es 2. „Ich wage?“ lachte Georg hell auf:„Ich wage Nichts bei dem wohlhabenden Manne, der ſich zermartert, weil ihm ein Stuͤckchen Reichthum davon lief. Schaͤme Dich, und kein Wort mehr daruͤber. Du disponirſt uͤber mich, und Deine Unterſchrift genuͤgt mir. Du ſchweigſt aber gegen die ganze Welt von Deinem Mißgeſchicke.“ „Auch gegen Eugenie?“ ſagte Leopold langſam. „Auch gegen ſiez“ befahl Heckdey:„Du haſt — 133 hiezu alle Urſache, haſt ſie bisher uͤber Dein Vermoͤgen getäuſcht, mußt ſie jetzt ferner tän⸗ ſchen. Die Weiber ertragen nicht leicht den Wech⸗ ſel. Entweder ſind ſie gleichguͤltig, treiben's und fordern nach wie vor; oder Klagen und Vor⸗ wuͤrſe 4 ihr täglich Lied. Stdre nicht ihre Un— fangenheit. Ziehe ſie nicht in den Kreis buͤrger⸗ licher Sorgen; ſie horen auf, portiſch zu ſeyn.“ „Es wird mir ſchwer fallen, vor der treuen Seele meiner S6 nie dieſes Geheimniß zu ha⸗ ben;“ ſeufzte Leopold. mit ſpottendem„Di treue Bruſt hat auch gewiß noch Geheimniſſe vor Dir. In dem Herzen eines jeden Weibes i ein Winkel, wohin ſelbſt des Geliebteſten Nengier nicht zu dringen vermag.— Halt ein mit Dei⸗ nen Einwuͤrfen. Du biſt ein großes Kind, be⸗ gierig nach Taͤnſchungen, und einer jeden unter⸗ than. Entſcheide Dich. Nur unter der Bedin⸗ gung vollkommnen Schweigens miſche ich mich vermittelnd in Deine Angelegenheiten. Mir wäre unertraͤglich, und es muͤßte Dir noch zehnmal — verdrießlicher ſeyn, wenn man wuͤßte, wer und auf welche Weiſe Dir geholfen. Ja oder Nein 2“ „Ja!« Leopold ſagte das Jawort mit Be⸗ klemmung.— Nun wurde Georg wieder zu⸗ traulicher, fortfahrend:„Dann bereiten wir Alles vor. Ich werde ſuchen, ob in Hamburg noch etwas zu retten. Nach und nach, unvermerkt trittſt Du dann an meiner Hand in Speculatio⸗ nen ein. Glaub' mir: es ſind luſtige Spiele, die des Muͤßiggängers Zeit und Leidenſchaft zu thun geben, die dem Ehrgeiz ein willkommen Ziel ver⸗ heißen. Ich habe Praxis in ſolchen Dingen, mache Vorlagen und Ankaͤufe, theile mit Dir Gewinn oder Verluſt; und letzterer wird geringe ſeyn, da ich eine gluͤckliche Hand und Takt beſitze.— Sollte nun auf ſolchem Wege der naͤchſte Winter nicht hereinbringen, was Du jetzt verloren, ſo ſteht Dir's frei, mit Beginn der ſchonen Jahrszeit Dein Landgut zu beziehen, wo Du dann leben magſt, wie und ſo lange Du willſt, ſparend, ar⸗ beitend, und auf dieſe Weiſe wieder auſſpeichernd langſam, was Dir jener Deſerteur geſtohlen.“ „Ein ſchoͤner Plan; Dank Dir!“ entgegnete Leopold mit erleichtertem Gemuͤthe:„Wenn ich nur ſtark genug bin, die Sorgen von meiner Stirn zu verbannen. Aber ich fuͤrchte: ſo wenig, als ich je vor meinem ſtrengen Vater einen Fehltritt verheimlichen konnte, ſo wenig werde ich den Leu⸗ ten verhehlen moͤgen.. ſie leſen mir's vom Geſichte ab, denke ich.“ „Darum banne es in frohliche Mienen; ver⸗ ſteinere Deine Zuͤge. Was bezweckt die Schau⸗ ſtellung des Leids? Hohn oder Mitleid. Fluch dem Spotte, Pfui uͤber das Mitleid. Sie wuͤr⸗ den Dich condolirend belugen, und in's Fäuſichen lachen. Alſo Maske gegen Maske. Heute und hier iſt das Reich der Luge aufrecht, wie es noch niemals geweſen. Die heilige Wahrheit ſelbſt wagt ſich nur in gleißende Fetzen vermummt, aus ihrem Winkel. Darum merke auf einen ſorglichen Freund. Verſtelle Dein Antlitz. Laß' ſie platzen vor Aer⸗ ger uͤber Dein maſſives Gluͤck. Iſolire Dich, daß Du ſicher ſeyſt vor den Pfeilen der Neugier. Solche Vereinzelung iſt ein Zeichen der Zeit. Vor⸗ dem thaten ſie ſich zuſammen, daß dem Ganzen wohl werde, und ein Jeder bekannte, daß er ſich unter dem Ganzen verſtand. Heute hero den ſie die grandioſeſten Zwecke auf offnem Markte aus, und im Stillen ſucht allenthalben nur der Egois⸗ mus ſeine Befriedigung.“ „Ein klägliches Bild!“ meinte Leopold, noch nicht ganz gefangen von Georgs Theorie. Aber dieſer ſprach heftig weiter: „Das Bild einer kläglichen Zeit, und damit genug. Du begreifſt ſie nicht, biſt blind, bedarfſt eines Fuͤhrers. Bisher hat Deine Frau Dich geleitet. Sieh, wohin ſie Dich brachte. Verſtehſt Du jetzt ganz, warum Du ihr Dein Leid nicht vertrauen darſſt?„Du haſt boͤſe gehaust, haſt ſchlecht Sorge getragen fuͤr das Meinige, fuͤr das Unſrige!“ wuͤrde ſie ſagen. Und Du mäßteſt ver⸗ ſiummen vor Schaam, wenn auch bewußt, daß nur das Ungluck, nicht Deine Schuld Dich ge⸗ ſchlagen.— Nein, nein, liebe Dein Weib, aber arbeite mit dem Freunde; vertraue ihm, der Dich durch die Klippen des Geſellſchaftlebens bringen —— will. Glanbe mir: es iſt der hoͤchſte Beweis von Freundſchaft, den ich Dir gebe, indem ich Deinen Lootſen vorſtellen will. Ich bin im Grunde und fur jeden Andern zu traͤge, zu gleichguͤltig hiezu. Und nebſt dem Freunde, verlaſſe Dich auf den Zufall. Er hat Dich geſchlagen; er wird Dich ſiegen machen. Er iſt das Janusbild der Welt, bringt Krieg oder Frieden, je nachdem die finſtern Looſe fallen; Ariman und Ormuzd in einer Ge⸗ ſtalt. Reiche mir darauf, daß Du mir gehorchen willſt, Deine Hand.“ Leopold ſtreckte gedankenvoll ſeine Rechte dem Freunde hin, und ſprach:„Du druͤckſt meine Hand, als waͤren Deine Finger von Eiſen. Iſt mir doch, als wuͤrde dieſer Bund unaufloslich ſeyn, bis zum Grabe.« „Und warum dabei ſo kummervoll und nach⸗ denklich? fragte mit leiſem Vorwurf Georgs tiefe Stimme. Aengſtlich ſchreckte Leopold auf, rufend:„Ich erkenne mein Unrecht. Ich kraͤnke Deinen Edelmuth durch meine Kopfhaͤngerei. Ver⸗ gib aber meiner Schwaͤche. Es ging bisher Alles Boa Conſtrictor I. — nach meinen Wuͤnſchen, und ich kann mich noch nicht ſo ſchnell an die Widerwärtigkeit gewohnen. Du biſt ein energiſcher Menſch, du befiehlſt den Umſtänden; ich kann nur mit ihrem Strome ſchwimmen.“ Ralph trat lebhaft ein:„Die Mutter läßt Dich grüßen, Voter, und Dir ſagen, daß die Geheimeraͤthin ſie und Cäcilien auf ihr Landhaus entfuͤhrt habe. Sie wuͤrde alſo, ſo leid es ihr thue, vor Abend nicht zuruͤckkehren, und bitte da⸗ fuͤr um Nachſicht.“ „Sich da, ein herrlicher Zeitgewinn, Dein Selbſtbewußtſeyn zu befeſtigenze bemerkte Heckdey leiſe dem Freunde:„Sey bey mir den Tag uͤber, daß ich Dich vollig ruſte und bewaffne.“ Während Leopold noch ſchwankte, ſagte Ralph ſchnell:„Lieber Vater, er ſchwieg pldotzlich ſchen, aber ſeine hochrothen Wangen, und ſeine blitzenden Angen verriethen einen lebhaften Wunſch, der nur nicht wagte, ſich auszuſprechen.— Nun, was iſt? fragte gůtig der Vater. „Wenn ich duͤrſte.... ſtonterte der Knabe: — „das Landhaus der Räthin iſt nicht ſo weit, und im Lyceum haben wir Vacanztag... „Ich verſtehe,« antwortete Leopold lächelnd: „Setze Dich auf Dein Bräunchen, reite hinaus, melde Dich als den Kavalier der Damen, und geleite ſie nach Hauſe.« Jubelnd ſprang Ralph zur Thuͤre hinaus.„Ich bin jetzt frei, und Dir zu Dienſten;“ ſagte Leo⸗ pold:„Ich fuͤhle, daß Zerſtreuung mir nothwen⸗ dig. Laß' uns den Tag zuſammen verleben, laß' mich an der Bruſt des Starken vergeſſen, was meine Ruhe ſidrte.“— Sie verließen das Haus; Heckdey ernſtlich und nicht unangenehm, Leopold kuͤnſtlich aufgeregt. Zum erſtenmale war ihm lieb, daß ſeine Eugenie nicht zu Hauſe, und ein Tag ohne Zwang vor ihm. 7. Pluto trat mit bedeutſam lächelnder Fratze zu Diana, die ſich am Fenſter ſonnte.„Da wäre etwas fuͤr mein Tochterlein;«“ ſchmunzelte er, und — 100— drehte in den groben Fingern ein glattes Briefchen. Die Mulattin ſah gleichguͤltig darauf hernieder, fragend:„Von wem*“— Pluto blinzelte nach dem Vis-à vis-Hauſe.„Von dem Offizier ꝰe fragte etwas lebhafter das Mädchen.— Der Neger nickte. „Was ſoll ich mit dem Geſchriebenen?“ fuhr Diana geringſchätzend fort:„Was denkt der Mann von mir 26 „Beſſres als nothwendig;“ verſetzte Pluto: „Er glaubt, Diana ſey geſchickt, und konne leſen.“ „Und Pluto ſey ihr Lehrmeiſter geweſen?“ fügte die Mulattin ſpottend hinzu. —„Wos kann Pluto dafuͤr, daß Maſſa ihn nichts lernen ließ? Aber dennoch kann Diana erfahren, was auf dem blauſeidnen Papiere ſteht, wenn ſie anders will.“ „Nun?“ „Der kleine Kächenjunge hat mir's vorgeleſen. Der Soldat nennt Diana darinnen ſeine Sonne, und bittet um ein Stuͤndchen, es ihr ſelbſt ſagen zu duͤrfen.“ „Wahrhaftig 26 — 101— „Ja, ja, ſo iſi's. Der kleine Burſche hat mich nicht betrogen. Pluto's Augen laſth in ſei⸗ nem Geſicht. Die weißen Zuͤge der Buccra ſind leicht zu ergruͤnden.— Pluto hätte Dianen den Brief nicht zeigen ſollen, aber er iſt ſchwach gegen ſie, wie ein Großvater gegen ſeinen Enkel« „Gib!“ Diana nahm das Billet, betrachtete es nengierig von allen Seiten, und wollte es im Buſen verbergen. Da hielt ſie inne, fragend: „Iſt es nicht etwa eine Zauberei 2 Pluto zuckte wichtig die Achſeln, beroch das Blatt, hielt es an Stirne, Auge und Ohr; dann ſprach er wie ein Hrakel:„Das Papier iſt todt; aber Maſſa's Blicke ſind ſcharf, wie Meſſer. Sie werden das Blatt aufſpuͤren, wenn Diana es bei ſich behält.“ „So will ich ſchnell darauf antworten, und es dann zernichten“— Diana ſprang damit ans Fenſter. Druͤben lauerte der Offizier. Mit Geber⸗ den des Entzuͤckens ſah er, wie das Madchen den Brief kußte, ihn an den Buſen druͤckte, dem Schrei⸗ ber winkte, und ihm mit gewandtem Fingerſpiel — 102 die dritte Nachmittagſtunde zu einem Stelldichein bezeichule— Dann drehte Diana ſich vom Fen⸗ ſter, und ſchleuderte das Blättchen von ſich, wie eine Schlange. Pluto zerriß es.—„Es zuckte mir ſchon wie gluͤhende Funken durch die Finger;“ ſagte das Maͤdchen. „Beſſer bewahrt als vergiftet;“ ſetzte Pluto beifaͤllig hinzu:„Diana hat den Liebhaber beſtellt?“ „Zur Zeit, da der Herr zu Tiſche ſitzt;“ ant⸗ wortete ſie leichtſinnig:„Er wird nicht ſidren, und Pluto muß aufpaſſen.“ „Pluto will nicht Wache ſiehen bei'm Boſen;“ ſagte der Schwarze, und wollte etwas Gewiſſen⸗ haftigkeit in ſeine garſtigen Zuͤge zwingen.— Diana nahm indeſſen ſeine Worte fuͤr das, was ſie waren; entgegnend: „Wer ſagt auch das? Pluto muß ſogar dafuͤr burgen, daß der Offizier nichts Boͤſes wolle und begehre. Ich will ſehen, ob er mich frei machen kann. Wenn nicht, wurde Diana nicht fur ihn geboren. Des Kerkermeiſters bin ich muͤde, und ſpähe nach einem Retter. Zuerſt Erldſung; dann — 103— Liebe. Das habe ich mir ſo ausgedacht und vorgerechnet.“ „O brav! o viel klug, Tochter des weiſen Corromantiweibes!« rief Pluto eben ſo überraſcht, als bewundernd:„Verſchuͤtte nicht das Waſſer, ehe der Branntwein in Deine Fäſſer rinnt! heißt das Sprichwort.“ Unterdeſſen hatte ſich Diana's Antlitz verfin⸗ ſtert; ſie ballte die Fauſt, ſtellte ſich vor den Spiegel, um die Haltung einer Medea anzuneh⸗ men, und knirſchte mit der ſprudelnden Wuth, ihrer Heimath eigen:„Warte, warte, Du ſtren⸗ ger, zorniger Herr! Sollſt mich nicht umſonſt eine Kreatur geſcholten haben, die ſich wie ein Hund in die Huͤtte jagen läßt! Haſt mich mit Zucker aufgefuͤttert? Deine Schuld. Nun verträgt Diana die bittre Rinde nicht mehr. Wapte, warte, Herr!« „Was geht meiner Tochter im Kopfe herum 24 „Schweig; ich bin Dir nicht verwandt, ſag' ich Dir tanſendmal. Ich bin des Weißen Kind, und mochte weiß, weiß ſelber ſeyn, wie der Schnee — 104— in dieſen kalten Ländern, um dem weißen Buͤttel recht vergelten zu konnen, was er an mir veruͤbt.“ „Hm! Diana iſt auch nicht ohne Schuld;“ bemerkte Pluto ſchuͤchtern. „Still! noch ein Wort, und ich zauſe Dir die graue Wolle, wie eines Schafes Vließ!“ zuͤrnte Diana mit aufgehobnen Händen: Grinſe nicht ſo boshaft, alter Wuͤſtenſohn. Du haſt mir zu gehorchen, denn Du haſt ſelbſt den Brief mir zugetragen, und Maſſa wird dir nie verzeihen.“ „Wehe, wehe!“ ſeufzte Pluto, noch mehr der Artigkeiten gewärtig; aber das Maädchen ver⸗ ſtummte auf einmal, denn in das Gemach ſtuͤrm⸗ ten die raſcheſten Kellner, bepackt mit Tiſchzeug, Silbergeſchirr und kryſtallnen Flaſchen. „Was iſt das? was ſoll dies?“ fragte Diana verwundert. „Der gnaͤdige Herr wird heute auf dem Zim⸗ mer ſpeiſen, und einen Freund mitbringen;“ lau⸗ tete die Antwort: Alles aufs Koͤſtlichſte; ſo be⸗ fahl er.“ Unter dem Tumulte der Diener ging die Wuth — 1 der Mulattin unbemerkt voruͤber. Sie ſtampſte mit dem niedlichen Fuße. Thränen rollten in ihren Augen. „Du weinſt?« fragte Pluto leiſe. „Weil dieſe Laune des Herrn mich wieder in meine Kammer verbannt. Sein Stolz erlaubt ihm nicht, mit mir vor Fremden zu Tiſche zu ſitzen, und als Dienerin mich zu zeigen, verbietet mir ſeine Eiferſucht. Und der Offizier...2 ich beſtellte ihn..; wenn er käme...2 Pluto, Du mußt ihm auflauern. Er ging aus... wenn er zuruͤckkehrt... entſchuldige mich; bitte, daß er zu einer andern Zeit.. „Will ſchon warten, aber Diana muß nicht vergeſſen, daß Pluto bei Tiſche ſerviren ſoll. Ich werde den Soldaten vielleicht nicht hindern konnen, daß. Diana war vorſchnell.„Bevor Du aber etwas thuſt, ſchlafe daruber, und noch einmal; ſagte Iſalamba, mein geſegneter Lehrer, und. Heckdey's Erſcheinen ſchnitt ihm die Rede vom Munde. Der Herr war verklärt von dem uͤppi⸗ gen Uebermuthe des Pflanzers; von der Munter⸗ * 06 keit, welche der Sclav an dem Gebieter nicht ſehr liebt.— Bedenklich brummte der Neger fuͤr ſich: „Maſſa hat gute Geſchäfte gemacht; Maſſa wird beute Champagner trinken....le« „Was befiehlt mein Herr?«“ fragte die Mulat⸗ tin geſchmeidig und falſch.—„Dir 2« fragte Georg entgegen:„Nichts, gar nichts, als daß Du, bei Strafe, Dir nicht beikommen läſſeſt, nur einen Schritt in's Zimmer zu thun, wenn wir hier tafeln.“ „Wohl, mein Gebieter.“ „Es liegt mir beſonders daran, daß mein Gaſt nicht eine Ahnung von der Naͤhe eines Wei⸗ bes habe. Darum richte Dich darnach. Sollſt nicht vergeſſen werden. Pluto wird fur Dich ſor⸗ gen, und es Dir an Näſchereien nicht fehlen laſ⸗ ſen, meine gelbe Roſe.“ „Mein Herr thut der armen Diana mit ſol⸗ chen Scherzen weh.“ „So? Wahrhaftig? Nun, mir iſt's leid; aber Diana wird ſich's gefallen laſſen muͤſſen.“«— Lä⸗ chelnd drehte ſich Heckdey auf dem Abſatze um: — 107— „He, Pluto! Zwanzig Hiebe Dir, wenn heute bei Tiſche nur ein Kruͤmchen fehlt! Dn wirſt der Naochläſſigkeit des Gaſthofs nachhelfen. Vor Allem beſorge die Weine in der Reihenfolge, wie ich ſie liebe. Verſiehſt Du? Wirſ Dich in Deine bor⸗ dirte Livree; ſetze mein Vermeilgeſchirr auf die Tafel; vergiß den Sherry nicht. Muſik herbey: die beſte Vande, die zu haben. Wohlgeruͤche an⸗ gezuͤndet! Die dummen Teufel hier zu Lande wiſſen nicht zu leben. Fort! in einer Viertel⸗ ſtunde ſey Alles bereit.“ Er war verſchwunden, und die beiden Diener ſahen ſich verwundert an.„Begreiſſt Du?“ fragte Diana.„So muͤrriſch bisher, und auf einmal ſo ausgelaſſen 2“ fragte Pluto.— Weißt Du noch?“ fuhr er behutſam ſort:„Als der alte Descharpes ſtarb, der Maſſa zum Erben eingeſetzt..? nach der Leiche war Maſſa gerade ſo luſtig“ „Und juſt ſo, da ihm Agrippina den garſtigen Buben geboren, der ſo bald darauf ſtarb;“ be⸗ merkte Diana hoͤhniſch. „Hm!“ ſagte Pluto:„bei'm Tode des Jun⸗ gen war er eben auch ſo tollfrohlich. Die Zähren kugelten ihm in den Wein, und dennoch ſiegte endlich der Wein uͤber die Thränen.“—„So ſchmauste er ſich Troſt in's Herz, da jenes Schiff, das er befrachtet, auf ſtuͤrmiſcher See unterge⸗ gangen;“ fugte Diana hinzu:„Vierhundert Dei⸗ ner Landsleute ertranken dazumal, und das Schiff ſelbſt war doppelt ſo viel werth, als die Fracht. Aber der boͤſe Geiſt half dem Herrn doch wieder auf.“—„Kurz: Maſſa hat etwas recht Gutes, oder was recht Schlimmes erfahren. Maſſa iſt eigentlich kein Schlemmer; aber wenn Maſſa ein⸗ mal Sherry und Champagner getrunken.o weh, armer Buckel!“— Pluto rieb ſich im Vorge⸗ fuhl den Ruͤcken. Diana verſetzte ſtolz lächelnd: „Hier darf er ſich nicht an mir vergreifen. Ich ſchreie Mord, ich ſchreie Feuer zum Fenſter hinaus. Ich ſteche nach ihm, ich kratze ihn blind!“ Plötzlich nachſinnend, murmelte ſie:„Wer denn wohl ſein Gaſt iſt? Ich habe ihn nie ſelig und vergnuͤgt mit einem Freunde geſchen. Er genießt ſonſt allein ſeine Freuden, und tragt ſeinen Schmerz . v — 109— allein. Wer iſt's, den er mitbringt? Ich muß den ſchen.... und wenn's mein Leben koſtete! Und mein Leben verwette ich wieder.. hier fuhr ſie in wilder Eiferſucht auf:„es iſt ein Weib, ein verkleidet Weib, das er zu ſich geladen!“ Mißbilligend ſchuͤttelte Pluto das Haupt, und ſummte die Stelle eines Negerliedchens:„Im ſtriem'gen und geſprenkelten Gras, ein kupfrig Schlänglein ſaß... do lo lo!“— Sodann ſchlich er weg, den Bortenrock anzuziehen, und den Ruͤcken zu wattiren. Diang, ſeine Entfernung kaum bemerkend, fuhr fort:„Es iſt gewiß ſo. In dieſen Laͤndern ſoll es nicht ſelten ſeyn, vermummte Dirnen mit lockern Männern anzutreffen...2? O, ich muß den Gaſt ſehen; ich muß von ihm geſehen werden; denn der Herr mag ſeine ganz beſon— dern Urſachen haben, juſt heute mir ſo ſtreng zu verbieten, mich zu zeigen.“ Sie horte Stimmen im Corridor, und fluch⸗ tete durch Georgs Gemaͤcher nach ihrer Kammer. — 110 Umwallt von den Flammen der Eiferſucht hatte ſie den Offizier, die ganze Welt vergeſſen. Heckdey und Levpold traten haſtig ein.„Es iſt keine Hoffnung mehr;“ ſagte der Letztere. „Kein Zweifel, kein blinder Laͤrm! Alles iſt richtig. Der Betruͤger iſt fort als ein boslicher Dieb. So eilt ihm nach, ihr ſteifen Geſetze Europa's! Jagt nach ihm uͤber den Meeresſpiegel! Die neue Welt iſt ſein neues Leben. Dort graben vielleicht einſt ſeine Enkel in ſeinen Leichenſtein die Worte:„Der beſte Menſch, der liebevollſte Vater, der edelſte Bürger!“ und hier, dieſſeits des Erbſenwaſſers ver⸗ diente er den Staupenſchlag, den Galgen!“ „Du treibſt Ironie?« lächelte Georg:„ich bin zufrieden. Dein Paroxismus iſt im Schwin⸗ den. Sobald wir einmal einſehen, daß die ganze burgerliche Geſellſchaft mit ihren Formen eitel Fantom und Lappalie iſt, ſteht die Heilung buͤr⸗ gerlichen unglůcks vor der Thuͤre. Comddie, lie⸗ ber Leopold; pure Comdoͤdie. Was wollen ſie mit ihren Geſetzen und Strafen? mit ihren Waffen und Millionen? Auf ein Obdach, auf Eſſen und — Trinken, läuft am Ende Alles hinaus.— Komm: anch wir wollen unſern Beduͤrfniſſen, unſerm Ap⸗ petit nachhaͤngen.“ Er deutete auf die trefflich geſchmuͤckte und trefflich beſetzte Tafel.— Leopold warf darauf einen ſchier erſchreckten Blick.„Was haſt Du vor?“ fragte er muͤrriſch:„Welch ein Aufwand? Willſt Du mich Deinen Reichthum aus den uͤp⸗ pigen Schuͤſſeln ſchmecken laſſen? Verlangſt Du von mir, in meinem Verdruſſe, Heiterkeit, Laune, Begierde nach Genuͤſſen des Gaumens 2« „Ei, wie Du ſprichſt!“ entgegnete Georg ſcher⸗ zend:„moͤchteſt Du Wurzeln und Kräuter ſpei⸗ ſen? oder im Staube ſitzend, faſten, das Haupt mit Aſche beſtreut? Sey doch Philoſoph, um Gottes⸗ willen. Entweder erwecke in Dir einen groͤßern Schmerz, und waͤr's ein phyſiſcher, daß er den aͤbern uͤberbiete, oder binde Dir einen Strauß von Genuͤſſen, und beſchaue ihn, wie ein Blumenbou⸗ quet, und waͤhle dann mit beſänftigter Seele Farbe und Form, die dich anzieht, und geneſen macht.“ Dabei fuͤhrte er den Freund yhne Umſtände N 12 zu ſeinem Stuhle, und noͤthigte ihn, ſich nieder⸗ zulaſſen:„Sieh da, koͤſtliche Gerichte; ſieh da den Traubenſaft, granat und goldig, perlend und ſchwer; ſieh Hortenſien und Nelken. Was willſt Du mehr? Buhlen nicht Parfuͤms aller Art um Deinen Bei⸗ fall? hoͤrſt Du nicht den Klang weicher Saiten und ſchmelzender Flöten? Wage nur zu genießen und Dein Herz wird froͤhlich ſeyn. Haſt Du nie er⸗ fahren, daß wir nuͤchtern feige, wohlgeſättigt aber tapfer ſind2“ „Ich muß Dir bekennen, Georg,“ ſagte Leo⸗ pold, indem er mit Mißtrauen die blinkenden Fla⸗ ſchen betrachtete,„daß ich wohl einigemal, vor Langem, dieſe Erfahrung machte. Ueber meine angeborne und anerzogne Schuͤchternheit und mein Verzagen, behielt der gute Wein ſtets die Ober⸗ hand. Aber ein Sanguiniker, wie ich, hat alle urſache, ſich vor dem truͤgeriſchen Labſal zu huͤ⸗ ten. Die Hoͤlle ſitzt im Becher, ſagt irgendwo ein Autor; und Engenie ſprach es ihm ſo lange nach, bis ich beinahe gänzlich den Wein mied.“ „Das Urtheil der Waſſertrinkerin gilt nicht;“ — 113— ſpaßte Georg,„und der Gelehrte hat einen Bock geſchoſſen, wie ſie alle thun, da er nur eine Seite der Medaille zeigte. Aber gewiß iſt, daß, wenn die Holle im Weine ſitzt, ſicherlich der Himmel auch darinnen ſchwimmen muß. Luſt und Un⸗ luſt, Tugend und Frevel, Engel und Teufel. alle eines Urſprungs. Die Arznei, die uns heute heilt, todtet uns Morgen. Du biſt im Falle, der heilenden Dich zu bedienen. Pluto, Madeira!“ Mit finſtrer Miene ſah Levpold ſein Glas fuͤl⸗ len, indeſſen Heckdey lebendig fortſprach:„Dieſer Odyſſeus der Weine, der dreimal die Meere durch⸗ fuhr, um Zutritt bei unſrer Tafel zu gewinnen, iſt das beſte Fundament, worauf wir die Him⸗ melsleiter unſrer Traubengenöſſe pflanzen moͤgen. Fuͤrchte Dich nicht, mein Freund.“ —„Ei, warum, wovor mich fuͤrchten?2“ fragte Leopold halb beleidigt entgegen:„Bin ich doch kein Kind; aber ich wundre mich uber Dich. Du, ſo ernſt und duͤſter im Leben, ſo menſchenfeindlich in deinen Reden.. Du wirfſt die Maske weg, wenn Comus ruft?“ Voa Conſtrictor. I. 8 — 114 Langſam antwortete der Andre:„Ich kdnnte ſagen, daß ich die Welt allzuſehr verachte, als daß ich meine Freude auf den offnen Markt ga⸗ loppiren laſſen mochte;.. ich konnte fragen, ob Du denn ſo ganz gewiß weißt, daß mein jetzig Geſicht nicht auch eine Maske?— Aber ich will wahr reden: ich bin heiter, ich bin froh, weil ich Dir einen Freundesdienſt leiſten darf, weil du ihn annimmſt, und weil es meine Pflicht iſt, durch mein Beiſpiel Deine Stirne zu entwoͤlken. Wenn ich von Geruͤſſen rede und vom Weine, und von deſſen trefflicher Wirkung auf Kranke und Be⸗ trubte, ſo empfehle ich nicht das Uebermaß. Wenn der Menſch frei, der Umſtände Herr ſeyn will, darf er nicht eigner Leidenſchaften Knecht ſeyn. Der Nuͤchterne iſt der Meiſter aller ſeiner Genoſ⸗ ſen. Aber, wie er Alles laſſen kann, ſo muß er auch Alles treiben konnen, um die Motive zu be⸗ greifen, die hienieden die Faͤden der Marionet⸗ ten vorſtellen. Du wirſt mich einſt verſtehen.— Pluto! Steinberger Kabinetswein! Kellner! die Muſik ſoll mit der abſcheulichen Huvertüre ſchwei⸗ gen! Eine Cavatine, einen Bolero oder dergleichen! Wir wollen uns wiegen auf ſchmeichelnden Ton⸗ wellen!“ „Die Muſik iſt eine goͤttliche Kunſt!“ ſagte Leopold aufthauend, und ſchluͤrfend den feurigen Rheinwein:„ſie beſchwichtigt den Gram, die Un⸗ ruhe! ſie heilt alle Wunden und reißt keine Nar⸗ ben auf.“ „Schon wieder nur die gute Seite, die Seite, die uns lächelt;“ warf Georg ein:„die Kunſt be⸗ lebt, die Kunſt zerſtort; Alles wirkt doppelt, freund⸗ lich und feindlich. Ach, der arme Patrik wußte davon zu erzaͤhlen, der in Kingſton an einem iri⸗ ſchen Liedchen ſtarb. Der Sohn der ſmaragdnen Inſel ſtarb unter tropiſcher Sonne an ein paar Takten mittelmaͤßiger Muſik! So die Kinder der Berge, wie die Kinder der Haide; ſie ver⸗ ſcheiden in der Fremde an ihren Alpenreigen, an den Sarabanden ihrer Heimath. Und weiter. Mordete nicht die Marſeillaiſe wie eine Tigerin Tanſende und Tauſende? Wurde Haydn nicht vor ſeinem:„Und es ward Licht!“ ohnmaͤchtig? — 116— Reiben ſich nicht ſo viele kuͤnſtleriſche Organismen auf in Geſang und Doͤnen? Tanzt ſich nicht bei'm Schall der Straußiſchen Gallopaden manche Un⸗ ſchuld zu Tode?— Heda, Pluto! was krebſeſt Du an der Thuͤre umher? dageblieben, Mund⸗ ſchenk. Bordeaur! den Freund der Menſchen, wie der gute Larrey ſagte.“ „Georg, Du gehſt ſchnell!“ bemerkte Leopold, wiewohl ohne Mißbilligung. Heckdey entgegnete: „Bei Gott, die Stunden laufen ſchneller, und ehe wir's uns verſehen, haben wir eine Runzel mehr im Geſichte. Pfni uͤber Falten und Runzeln, die Siegel des Alters! Wo blieb die ewige Ingend der Erde? Beiläufig: laß' uns von Deinen Kin⸗ dern reden, daß Dein Herz warm werde.“ Leopold hob das Kelchglas freundlich:„Auf das Wohl meiner Lieben!“—„Vivant;“ antwor⸗ tete Georg:„Brave, liebe, verſtandige Kinder. Wozu beſtimmſt Du den Ralph? He! Pluto, Donner und Wetter! was haſt Du mit der Naſe am Fenſter zu thun? Sieh auf uns und unſte Kelche.“ Wie der Blitz kehrte ſich der Alte um, und verſah ſein Amt. Doch war ihm nicht wohl. Die blaue Uniform hatte ihn mehr beſchäftigt, als die blaue Luft. nnt n „Du zitterſt, Du verſchuͤtteſi?“ fragte ihn Heck⸗ dey ſo dumpf, ſo gezogen, daß dem Alten der Ruͤcken juckte.„Maſſa verzeihe. Iſt viel heiß hier,“ ſtotterte er, und wiſchte ſich die Stirn. „Schwitzt Pluto vor Alterſchwäche?“ ſponete der Herr.—„Oh!“ brummte der Neger und ſchut⸗ telte den Kopf verdrießlich. Heckdey drohte au⸗ genblicklich mit dem Finger. Pluto fuhr zuſam⸗ men.„Sey gut;“ bat Leopold und hielt ſchmei⸗ chelnd des Freundes Hand:„Laß' uns weiter ſprechen. Von Ralph ſagteſt Du? Er will dem Bergbau angehdren. Ich hab's ihm zugeſagt. Es iſt ein tuͤchtig und geſund Geſchaͤft, erhält die Sinne friſch, und gut das Herz...“ „Nun, das iſt des Lobes uͤberfließend Maß!“ entgegnete Georg, etwas gereizt:„Man draͤngt ſich nicht umſonſt in Mammons Reich. Indeſſen: — 118— zugegeben. Doch wird der Junge hier nichts lernen.“— „Er ſoll bald fort, wo moͤglich; in den prakti⸗ ſchen Unterricht. Hoͤrſaͤle taugen da nicht viel.“— —„Wohlgeſprochen. Ich werde wahrſcheinlich eine Gelegenheit angeben konnen, die Du ergrei⸗ fen magſi.“—„Mit Freuden.“— —„Aber, was macht der ſchwarze Schurke wieder mit dem Ohr am Schluͤſſelloch? Pluto, wirds bald?“— Außer ſich vor Schrecken, ſtieß Pluto die Worte heraus:„Ich glaube,.. Pluto furchtet.. Maſſa werde Beſuch bekommen.“— „Wirf ihn die Treppe hinunter;“ lachte Heck⸗ dey. Pluto eilte, was er konnte, den unbeſonne⸗ nen Eindringling abzuweiſen, aber es war zu ſpät. Schon trat der Hffizier nach kurzem Klo⸗ pfen in's Gemach. — 119— 8. Manchen Menſchen iſt es gut, nicht allzunahe, ſondern aus einiger Entfernung geſechen zu wer⸗ den. Diana machte dieſe Erfahrung, da ſie, hin⸗ ter der Thuͤre des Tafelzimmers lauſchend, durch eine gefällige Ritze das Geſicht des Offiziers in der Nähe betrachten konnte. Die Zuge, die ſich in der Ferne, hinter den hellen Scheiben, ſehr gut ausnahmen, verſchoben ſich, näher geruͤckt, in's Unedle, in's Gemeine, und von allen Reizen, die ihnen die Phantaſie beigelegt, blieb nichts uͤbrig, als eine noch leidliche Jugend und eine derbe Ge⸗ ſundheit. Die Miſchlinge haben Sinn fuͤr Schoͤnheit des Angeſichts, obgleich dem ihrigen die Schonheit mangelt. Diana bereute faſt, ſich mit dem Sol⸗ daten eingelaſſen zu haben, und ihr Herz ſchlug vor Begierde, wie deſſen Beſuch ſich entwickeln moͤchte. Der Kommende und die Anweſenden betrachteten ſich freilich mit großen Augen; aber die Sache lief glucklich ab.— Leopold kannte den Offizier.„Ei, Herr von Wirgenas,“ rief er:„ſehr — 120— erfreut, Sie zu ſehen. Was fuͤhrt Sie hieher?“ Der Hauptmann wußte ſich zu faſſen:„Ein Be⸗ kannter wohnt in dieſem Hotel. Ich ging fehl.“ Mit der Urbanität eines vollkommnen Wirths ſchob Heckdey dem Dritten einen Stuhl hin, und noͤthigte ihn, zu bleiben.„Darf ich fragen, an weſſen Tiſche ich die Ehre habe...2.— Georg nannte ſeinen Namen. Der Offizier wurde roth, kaute an den Lippen, ſchlug die Augen nieder. Heckdey ſchuͤttelte ſeine Hand:„Seyn Sie mir als ein neuer Bekannter, und als der Freund meines Freundes willkommen!“ Dieſe Worte ga⸗ ben dem Hauptmann wieder einige Sicherheit. Er wurde ungenirt, ſprach von Pferden, als ein erfahrner Roßkamm, kritiſirte Leopolds Marſtall, worein er ſchon einige Roſſe geliefert, und kam nach und nach auf alle Lieblingsmotive von ſei⸗ nes Gleichen. Heckdey hing mit pruͤfendem Blicke an dem unerwarteten Gaſt, und ſeine Stirne wurde freund⸗ licher, je ſubordinirter des Hauptmanns Geiſt ſich ankuͤndigte in ſchaalen Floskeln, aufgeſchnapp⸗ — 121— ten trivialen Witzen, und ſtereotypen Gemeinplä⸗ tzen. Es war eine Soldlingsnatur, ein Menſch, zum Landsknecht geboren, der auf der Welt nichts Hoheres ſein nannte, als den phlegmatiſchen Muth ſeines Handwerks.—„Wie ihm der Wein ſchmeckt!⸗ dachte Diana, die Lauſchende, mit Widerwillen. „Auf Ehre!“ rief Wirgenas:„ich trank noch nie delicibſern Bordeaur, und wenn der Cham⸗ pagner ihm die Wage hält...— So eben knallte der erſte Pfropf.„Donnerwetter!... Du. Sie,— verzeihen Sie— Sie verſtehen Ihre Gaͤſte zu uberraſchen. Kaum der Wunſch gethan, und ſchon da, wie hergeblaſen.“—„Ei, wie koſtbar!“ ſchmunzelte Leopold, der endlich am Angelhacken hing.—„Aechteſter Sillery!“ bekräftigte der Ca⸗ pitän:„Ach, wie nobel und fleißig verrinnt heute die Zeit. Sonſt, wie langweilig! Der Dienſt iſt nicht ſchwer, die Stunden ſind ſo geſtreckt, und der muͤßige Offizier lebt in beſtändigen Nahrungs⸗ ſorgen. Wo und wie oſt wird er fruͤhſtuͤcken, wie theuer zu Mittag ſpeiſen? Dann das Kaffe⸗ haus, die Promenade, die Reſtauration, die Eis⸗ — 122—„ bude, das Weinhaus, das Nachtmahl..! uf! wir haben einen ſchweren Stand, meine Herren.“ —„Weltbekannt;“ meynte Georg launig, und Leopold lachte laut auf. Wirgenas bemerkte die⸗ ſes Lachen etwas ungnädig, hielt aber an ſich, und ſprach weiter:„Welcher ueberfluß an Mangel des Zeitvertreibs in der langweiligen Reſidenz! Das Theater? ſpottſchlecht. Das Caſino ſteif wie ein Ladeſtock. Die Bälle? puh! lauter haͤßliche Geſichter, die gerne geheirathet ſeyn moͤchten. Alſo reſtirt noch das Billard und Piſtolenſchießen nach der Scheibe. Da ich aber auf dem erſten ge⸗ wohnlich ſechs und dreißig vorgebe, und dennoch die Parthie gewinne, und beim Letzten das Schwarze nie fehle... will kein Satan mehr mit mir ſpie⸗ len, oder ſchießen.“ —„Bei meiner Treu!“ betheuerte Leopold: „Der Hauptmann iſt der beſte Schuͤtze. Seine Geſchicklichkeit ſtreift an's Wunderbare.“ „Alſo eine kaltbluͤtige, ſichre Hand?“ ſagte Heckdey. „Erprobt in zwei und zwanzig Duellen;“ ant⸗ — 198— wortete Wirgenas gleichguͤltig:„Ich gehe los, ſo ruhig, als ich eine Cigarre anbrenne.“ —„Recht. Muth ziert den Soldaten;“ rief Leopold:„Ich hätte es in meinem Leben nicht dahin gebracht.— Aber warum ſieht man Sie ſo wenig, beſter Hauptmann? Sonſt intereſſirten meine Pferde, auch dann und wann meine Fa⸗ milie Ew. Herrlichkeit.“ Wirgenas wurde wieder roth, und entgegnete nach einer Pauſe:„Wer angenehm bleiben will, muß ſich rar machen. Werde ſchon wieder vor⸗ ſprechen, und danke beſtens fuͤr die Erinnerung.“ „Dein Nektar macht mich wahrlich leicht und froh“: fluͤſterte Leopold dem Georg in die Ohren: —„Mein Unfall liegt hinter mir, wie ein ſernes Nebelgebirge.“— „Laß' es liegen,“ ermahnte Georg,„und ſonne Dich im Vordergrund an des Bacchus goldnen Strahlen.“ „Ich moͤchte dem ſchoͤnen, ſo adlich ausſehen⸗ den Mann den Becher kredenzen;“ ſagte fuͤr ſich die hinter der Thuͤre lauſchende Mulattin, von — 124— Leopolds freier Stirne und ſeinen bluͤhenden Wan⸗ gen nicht laſſend. „Bin untroſtlich,“ begann Wirgenas ſeinerſeits, „daß ich leider heute nicht die Zeit habe, dieſen Flaſchen mich gänzlich zu widmen. Es kommt die Stunde der Aufwartung bei'm Feldmarſchall. Der Alte haͤlt auf puͤnktliches Erſcheinen, und lie⸗ ber ſchwänzte ich eine Andienz bei Sr. Maje⸗ ſtät, dem Koͤnige, als einen Cercle bei der Durch⸗ laucht. Sie entſchuldigen daher.. Er hob die Sitzung etwas ſchwerfällig auf, und begann die Litanei von Complimenten und Adorationen, die in der guten Geſellſchaft unter neuen Bekannten gewdhnlich ſind. Galant beglei⸗ tete Heckdey den Hauptmann hinaus, und nahm auf dem Vorſaal dem Pluto eigenhändig den Leuchter ab. Auf einen Wink verſchwand der Neger. „Gute Nacht, Guſtab;e ſagte Georg ernſthaft zu dem Offizier. Dieſer druͤckte ihm die Hand, ſprechend:„Ich danke Dir fuͤr die Schonung, — 425— Georg. Jetzt, in dieſem Rock, nochte ich nicht die Art unſrer Verwandtſchaft ruchtbar wiſſen.“ „Begreiflich. Du haſt ein Von vor Deinen Namen geſetzt?“ „Dieſer Orden adelt mich.“ „Wie geht Dir's ſonſt 4 „Schlecht, was die Finanzen betrifft. Ich habe Alles, vom Gemeinen avancirend, zugeſetzt.“ „Hm; unſer Vater hatte Dich, dem Legitimen zum Trotz und Schaden, reichlich bedacht, und dennoch.. 24 „Sei mir nicht boͤſe, Georg. Du ſcheinſt ein reicher Mann zu ſeyn. Wirf mir nicht vor, wo— fuͤr ich ja nichts kann.“ „Ich weiß, ich weiß, alte Scele. Abgethan. Der Vater hat geliebt, und mein Erbe an ſeine Liebe geſetzt. Und im Grunde durfte er's. Ich finde nichts lächerlicher, als blos fur die, ſo nach uns kommen, zu ſammeln, und ſelber im Leben zu darben, ſich zu beſchräͤnken in Luſt und Be⸗ quemlichkeit. Nun, Guſtav, beſuche mich, und klopfe an, wenn ich Dir dienen kann.“ — 426— „Werde nicht fehlen, Georg;“ lachte der Haupt⸗ mann, und ging davon.„Wunderlich!“ brummte er auf der Treppe:„ich ſuche einen braunen Schatz, und finde meinen Herrn Bruder. Iſt ſein das gelbe Kleinod? und was ſoll ich thun? Spekulire ich ſichrer auf das wankelmuͤthige Weib, oder auf die ſoliden Geldſäcke des vornehmen Kraͤmers? Das Geld hat feſten Werth und Weiberherzen bieten keine Buͤrgſchaft. Ich will Georgs Eifer⸗ ſucht nicht reizen, aber ſeine Thaler auch nicht verweigern.“— Als Heckdey in den Saal zuruͤckkam, ſtand Leopold wie eine Bildſäule vor der Thuͤre des Nebenzimmers, und ſtarrte darauf hin, als wollte er ſie mit ſeinen Blicken zu Pulver brennen.„He, guter Freund, was iſt2“ fragte der Wirth. Leo⸗ pold deutete als ein Verzuͤckter nach der Thuͤre, und ſtotterte:„Eine Geſialt, wie aus dem Para⸗ dieſe.« ich offnete in der Zerſtreuung jene Pforte, und da ſtand ſie, uberraſcht, verſchämt, heraus⸗ fordernd, endlich entfliehend.“ — 127— „Wer? Alle Donner! waͤre Diana..20 fragte Heckdey mit gerunzelter Stirne. „Ein Zufall, Maſſa. antwortete Pluto zitternd. „Still. Ich kenne dieſe Zufaͤlle. Die Eitel⸗ keit, der Ungehorſam, die Zudringlichkeit des Halb⸗ thiers.. Warte, warte, gelbe Katze!“ Waͤhrend Pluto in Demuth erſtarb, nahm Leopold mit Begeiſterung das Wort:„Schaͤme Dich, ſo hart zu ſeyn gegen ein Meiſterbild der Schoͤpfung. Sie ein Halbthier? Einem Engel⸗ geſchlechte gehoͤren dieſe Formen. Wer iſt die Schoͤne, die zu ſchnell entfloh 2« „Meine Sclavin, meine Begleiterin, die Die⸗ nerin meines Hauſes;“ entgegnete Heckdey muͤr⸗ riſch. „So7« fragte Levpold halb ſchalkhaft, halb beſremdet. Der Ernſt gewann die Oberhand, daß er fortfuhr: Das haͤtt' ich nicht von Dir gedacht, Georg. Du, der finſtre, unerbittliche Stoiker? Du und jenes Weib.. 2.. „Und warum nicht?“ fuhr der Andre auf: — — W— „Denke von mir, was Du willſt. Ich verachte das Philiſterthum der Welt. Unſre Spanne Le⸗ ben iſt viel zu kurz, als daß man ſich vernuͤnfti⸗ gerweiſe etwas verſagen ſollte, einzig um der Frage willen:„Was werden die Leute denken 2* Baſta. Ich hätte gerne vor dem ſentimentalen Myraliſten Leopold das Geheimniß bewahrt; aber weil der Zufall es aufdeckte, ſo mag's darum ſeyn, und Diana ſoll Deine Mundſchenkin vorſtellen.“ Er drehte ſich zu Pluto:„Conſtantia! Diana erſcheine und präſentire uns den Capwein!“ Sie kam und las ängſtlich auf der Stirne des Ge⸗ bieters. Die Zuͤge deſſelben, waren eiſern, unbe⸗ weglich. Mit weicher Grazie verrichtete Diana ihren Dienſt. Erſtaunt, hingeriſſen, folgten Leo⸗ polds Augen allen ihren Bewegungen. Das Fremd⸗ artige, die Erregung des Weins wirkte heftig auf den Mann, der niemals eine Frauenhand geküßt, als die ſeiner Mutter und ſeiner Gattin. Heckdey errieth ohne Schwierigkeit, was in der Seele des Unerfahrnen vorging. Diana wußte es nicht min⸗ der. Ihr feuchtes Ange, ihre leicht bebende Hand.·· es war gerathen, die intereſſante Scene abzukuͤr⸗ zen. Eine ſtrenge Geberde, und die Mulattin entfernte ſich wieder.„Ein reizendes Geſchoͤpf, nicht wahr« fragte Georg unbefangen, und Leo⸗ pold nickte ſtumm, denn das Pochen in ſeiner Bruſt benahm ihm Athem, Sprache. Um Faſ⸗ ſung zu gewinnen, ſturzte er viel Wein hinunter. Heckdey wurde kalt wie Eis, je waͤrmere Gluth den Freund umfing.„Daß wir die Geſchaͤfte nicht vergeſſen;« fing er ruhig an:„ſtecke zu Dir, was ich Dir verſprochen habe. Sieh, ich hab' es gleich zur Hand;“— er dffnete ſein Pult und langte einen Pack Banknoten heraus:„Da, da, und dieſes noch. So; und nun einen kleinen Federſtrich, nur Deinen Namen.“— Er ſchob ihm ein Papier hin. Zerſtreut, und ohne lange zu leſen, unterſchrieb Leopold. Georg ſchuͤttelte den Kopf.„Du biſt kein Geſchäftsmann, mein Lieber; Du weißt nicht, was Du unterſchrieben. I„ch werde ſchon Deinen Beiſtand machen muͤſſen; oder biſt Du gerade nur heute ſo leicht und un⸗ beſonnen?6 Boa Conſtrictor 1. 9 — 130— Leopold warf die Feder hin, und lief im Ge⸗ mach auf und ab.„Ach!“ ſeufzte er:„Deine Weine, Deine Philoſophie, deine Goͤte gegen mich... Alles beſturmt mich, Alles iſt mir ſo neu! Ich war wie das Thier in der Muͤhlc; ein Schritt wie der andere. Jetzt oͤffnen ſich vor meinem Blicke neue Welten. Ich habe doch viel verloren in meiner chineſiſchen Ruhe und Einfor⸗ migkeit. Die ſchoͤnſten Jahre ſind voruͤber, und ich bin wie ein Kind, waͤhrend Du, Alles ken⸗ nend, auf der Hoͤhe des Lebens ſtehſt, und keine Freude zu nennen weißt, die Du nicht genoſſen, unabhängig, ein freier Mann!“— Auf Georgs Stirne thronte ſtolze Heiterkeit, während ſein Herz ſich bettelarm bekennen mußte; aber den Stolz hielt er feſt, und ſprach befriedigt: „Freiheit macht gloͤcklich. Ich bin's.“ Leopold ſeufzte wieder.— Sie hatten die Rollen getauſcht. Der Zerriſſene log ſich glͤcklich, der Zufriedene wähnte ſich unglucklich. Georg fuhr fort:„Doch kenne ich einen hoͤhern Grad von Beſeligung. Seit geſtern kenne ich ihn, — 131— Leopold! die Ruhe nach Fahrt und Sturm. Ein Weib hat mich betrogen; doch ſollen alle Weiber leben. Vor allen die Deinige.“—„Lange und froh!“ antwortete wieder Leopold, doch lag in dem Spruche mehr Convenienz, als uberwallende Liebe.—„Und Cäcilie!“ rief Heckdey:„einmal, zweimal, dreimal.“—„Nun, nun, zu viel Ehre fuͤr das Mädchen, das kaum erſt in die Welt guckt;« meinte der kuͤhlere Vater. „Ei,“ verſetzte Georg frivol,„die blanke Syl⸗ phide gefällt mir mindeſtens wie Dir meine Diana.“ „Pah!“ lachte Leopold, aber ſein Lachen verſtummte, da Heckdey weiter ſagte:„Du biſt ein Herenmei⸗ ſter, mein Lieber; ein ſtill Wäſſerchen mit uner— gruͤndlicher Tiefe. Du haſt auf die Braune einen Eindruck gemacht.... Nun, du ſollſt mir nicht zu eitel werden.“— Leopold war ganz Ohr, und blickte ſehnſuͤchtig nach der Thuͤre, als muͤßte Diana wiederkehren. Georg wendete das Geſpraͤch:„Da wir da⸗ von reden, ſo bitte ich Dich, ſage deinen Damen nichts von dem Tropenkinde. Sieh: die Weiber, — ſo barmherzig ſie ſind, kennen in ſolchen Artikeln, wenn nur der Schein da iſt, keine Naochſicht. Zudem gehe ich damit um, der Mulattin eine angemeſſene Verſorgung zu verſchaffen, oder ſie, mit einem kleinen Kapital bedacht, in's Vater⸗ land zuruͤckzuſenden. Wenn mir je einfallen konnte, zu heirathen.... Du begreiſſt ohne Muͤhe“... —„Ich verſtehe, ich ſehe ein;“ fiel Leopold dem Freunde in die Rede.„Du haſt vollkom⸗ men Recht, und fuͤr das Mädchen findet ſich auch noch eine Unterkunft,.... und ich werde gewiß gegen die Weiber davon ſchweigen.— Das hatte er freilich ſchon im voraus beſchloſſen gehabt. Die Glocke ſchlug eine ſpäte Stunde, und da die Tochter der Antillen zoͤgerte, ſich wiedereinzu⸗ ſtellen, griff Levpold, ſeines Hauſes ſich erinnernd, nach dem Hute. Sein Schritt war etwas ſchwan⸗ kend, in ſeinem Innern das ſanguiniſche Element aufgeregt. Georg's Hand ſchuttelnd, ſprach er: „Meinen Dank fuͤr den ſchdnen Abend. Ich bin ein anderer Menſch geworden, und ſchäme mich der philiſterhaften Betruͤbniß von heute Morgen — 133— ſchr. Was du an mir gethan— nun das findet ſich. Aber entziehe mir nie Deine Leitung, Deine Erfahrung... niemals Deine Freundſchaft mei⸗ nem Hauſe. Du ſtehſt ſo hoch uͤber mir... ſieh, ich habe nur ein redlich Herz, aber Dein Khp „Laß' doch, und gute Nacht!“ unterbrach ihn Georg, aber der Redſelige war noch nicht zu Ende:„Und wenn es wahr wuͤrde, was Deine Worte andeuten, wenn Du ein Weib neh⸗ men, bei uns bleiben wollteſt.... wie glucklich waͤren wir! Wenn Du nicht gar zu ſehr Dich eilteſt, ſo konnteſt Du vielleicht mit unſerer klei— nen Cäcilie an einem Tage vor den Altar tre⸗ ten, aber pſt!“ Er hatte ſich im Eifer verſchnappt, und gebot ſich ſelbſt Stillſchweigen;. Georg ſah ihm ſtarr in's Geſicht, und ſagte lang⸗ ſam;„Sorge nicht. Auch ich weiß zu ſchweigen. — Wie's ſcheint, iſt Cäcilien ſogar unbekannt... 24 „Das iſt's eben;“ wisperte Leopold:„aber wir ſprechen weiter davon. Sollſt Alles erfahren. Schlafe wohl indeſſen, mein Guter, und verſprich — 134— mir, gegen Deine Diana nicht den Tyrannen zu ſpielen, weil vielleicht die Neugierde ſie bewo⸗ gen „Schon gut. Ich bin kein Tyrann. Auf Wiederſehen!“ verſetzte Georg ſehr trocken, und ſchob den Zogernden aus der Thuͤre. 9. Der Gebieter hatte ſich ſtumm in dem Lehn⸗ ſtuhl ſeines Cabinets gelagert. Pluto, ebenfalls ſchweigend, wie das boſe Gewiſſen, war beſchäf⸗ tigt, den Herrn auszukleiden. Dann und wann blinzelte er nach den Augen des Letztern, und fand dieſelben ſtets an ſeinen Zuͤgen forſchend haͤngen. Eudlich, in den ſeidenen Schlafrock gehuͤllt, erhob ſich Heckdey, verſchraͤnkte die Arme, und betrachtete ſeinen Diener.„Schau mich an;“ befahl er. Dann nach einer Weile:„Nun? wird's bald? haſt Du mir nichts zu ſagen?“— Pluto offnete erſchreckt den Mund weit; machte ihn aber wieder ſorglich zu, ohne eine Sylbe zu — 135— ſagen. Der Herr fuhr drohend fort:„Du weißt, daß ich verſtehe, in Seel' und Auge zu leſen. Wehe Dir, wenn ich Dir ſagen muß, was Du verſchweigſt. Heraus damit. Ich brauchte kein Prophet zu ſeyn, um zu begreifen, was in Dir heute Abend vorgegangen iſt. Deine Unruhe, Dein Zittern, Diana's Betragen eine Tucke, ein Verrath iſt im Werke, und Du biſt der ein⸗ verſtandene Unterhaͤndler, denn ſtets beruͤckt die Dirne den grauen Dummkopf.“ Pluto ſank wehmuͤthig in die Kniee:„Wenn Maſſa den Pluto nicht ſchlagen will. wenn Maſſa der Diana es ſchenken will... Alter Pluto fuͤrchtet ſich ſehr, und wurde gerne re⸗ den „Ohne Bedingung!“ murrte Georg finſter: „Gnade Dir Gott, wenn Du halsſtarrig waͤreſt! Nicht ſchlagen... nein: verhungern ließe ich Dich; aus dem Hauſe jagen in's Elend. Wer nähme ſich des alten Kruͤppels an? Bedenke dieſes.“ „O mein Herr!“ wimmerte Pluto;„O barm⸗ — 136— herziger Herr! Maſſa wird den alten Knecht nicht dem Hunger und Ungeziefer preis geben. Ach, Maſſa iſt gut und Pluto offenherzig.“ „Spurede—= „Nur dieſes?“ lächelte er, nach des Schwar⸗ zen ſtiller Beichte:„der Herr Hauptmann mochten alſo in meinem Hauſe ein verliebtes Soldaten⸗ abentheuerchen beſtehen? Koͤnnen ſich's immerhin vergehen laſſen. Wir haben Mittel, werden unſte Maaßregeln treffen. Du wirſt veranſtalten, alter Mops, daß der Hauptmann Morgen in's Haus, zu Diana komme, und von mir uͤber⸗ raſcht werde. Der Blitz auf Deinen Schädel, wenn Du der Dirne ein Wortchen trätſcheſt. Fort mit Dir!“ „Maſſa hat Diana gar nicht— lieb;“ philoſophirte der Neger, nach ſeiner Koje ſchlei⸗ chend, und dieſer Liebesmangel war ihm gerade recht. Hatte doch ſein Ruͤcken mehr als je dabei gewonnen! Hatte doch Maſſa einmal Champagner getrunken, ohne den Pluto mit Schlägen zu ent⸗ laſſen! 3 Heckdey war abgeſpannt, und darin lag das, fuͤr den Sclaven unergruͤndliche Geheimniß, warum er mit heiler Haut davon gekommen. Georg ſtreckte ſich lang aus, und ſagte vor ſich hin: „Zum Teufel mit der Larve! Den ganzen Tag machte ich ein ander Geſicht, als meine Laune es ſchafft. Die Unglucklichen, die gezwungen ſind, ein ganzes langes Leben hindurch, Tag fuͤr Tag dieſe entnervende Maskerade mitzumachen! Schein, Lug und Trug! Wie veraͤchtlich kommt man ſich dann vor, wenn man mit dem Spiegel allein iſt! Pfui, wenn ich das laͤnger ertragen konnte! Und warum hab ich's heute? Was bewog mich? Was anders als eine närriſche Herzensbegierde, deren ich mich gewiſſermaſſen ſchäme? An mein Ziel zu gelangen, muß ich krumm und langſam gehen. Meine Werbung um Cäcilie muß wie von der Natur herbeigefuͤhrt werden, muß ſich gleichſam von ſelbſt verſtehen. Ich koͤnnte nicht ertragen, daß Leopold achſelzuckend fragte:„Du und Cacilie?“ oder daß Engenie naſeru mpfend ſagte:„Wo denkt er hin?“— Nyn, mit Eu⸗ — 138— genien will ich ſchon fertig werden. Liegt nicht in meiner Hand der Zunder, der das Haus in Flammen ſteckt, ſobald ich nur will?“ Er ging an die Caſſette, zog aus dem geheim⸗ ſten Fach die Liebes⸗ und Eheverſchreibung Euge⸗ niens, die nicht den ſtummen Fiſchen zur Beute geworden, und betrachtete das Blatt mit grim⸗ migem Laͤcheln:„Nannte ſie dieſes nicht einen Pakt, einen eiſernen Pakt? Es hat wahrhaftig das Ausſehen eines Teufelcontrakts. Das vergelbte Papier, die halb erloſchenen, blutigen Zuͤge der Schrift.... ein werthvolles, intereſſantes Akten⸗ ſtuͤck, und daneben jetzo das Andere, kraft deſſen Er ſich in die Ketten meines Mammon ſchmie⸗ dete. Ihr Herz und ſeine Ehre ſind ziemlich in meiner Gewalt„ die Leute werden mir ihre Tochter nicht verſagen.“ Da ſtampfte er mit dem Fuße, und mur⸗ melte:„Komme ich denn nicht zu ſpät, ich thd⸗ richter Hageſtolz mit leichtſinnigen Begierden? Sagte er nicht von einem Verlobniß?— Aber zwiſchen Sonnen Auf- und Untergang ſpielt ſich — 99— manches Getriebe, manches Faͤdchen ab. Cäcilie weiß nichts von dem Verlobten; aber mich, mich liebt ſie, und das Verhängniß hat ſie zu meiner Braut geweiht. Was mein iſt, werde ich nicht laſſen, und koſtete es mich Klauen und Zähne.— Wiſſen muß ich jedoch, wer mir in den Weg kommen ſoll. Ein kluger Mann ent⸗ fernt bei Zeiten, was ihm gefaͤhrlich.“ Er ſchloß die Papiere wieder ein, und fuhr ſinnend fort:„Ja, ſie ſind alle mein, vder wer⸗ den es. Und ich verdiene, daß ſie ſich mir ergeben. Bin ich nicht die verſohnende Milde gegen eine Suͤnderin, die mich betrog? Ich vergebe ihr, die Schwaͤche des Geſchlechts in Anſchlag brin⸗ gend. Und wen liebte ich mehr als den guten Leopold? Er iſt mein einziger Freund. Ich koͤnnte nicht zugeben, und wenn's meinen letzten Heller koſtete, daß er vor der Welt ſich eine Bloße gaͤbe. Niemals ſoll er das. Ich will ihn halten, will uͤber ihn wachen, wie uͤber den Angapfel. Er hat's noͤthig, mit ſeinem Leichtſinn, ſeiner Uner⸗ fahrenheit, ſeinem weichen Gemuͤth.— Er iſt „ — 40— nicht ſelbſtſtändig, iſt nicht ein vollkommen aus⸗ gepraͤgter Mann. Leidenſchaften machen den Mann fertig, und Leidenſchaften kennt er nicht. Nicht den Ehrgeiz, nicht die Freiheit, nicht des Lebens Luſt, nicht einmal die Liebe!— Nein, nein, nicht einmal die Liebe.— Das Weib leitet ihn am Gängelbande. Das muß aufhoͤren. Es iſt eine Entwuͤrdigung männlichen Charakters. Mein Geiſt, ihm und ihr ſo uͤberlegen, begreift, was dem Manne gut iſt. Aber eine Doppelherrſchaft taugt nichts. Das Geſttz des Weibes weiche dem Meinigen. Das an und fuͤr ſich iſt ſchon dyna⸗ miſches Geſetz.“ Heckdey lächelte vor ſich hin. Er witterte den leichten Sieg. Wie ich's anfange? Ach, ich habe ihn in Haͤnden, der heutige Abend lehrte mich ihn kennen. Und Eugeniens Eiferſucht... dieſe allein bereitet mir den Triumph. Eiferſucht und die Macht der Gewohnheit.. anfaänglich behaup⸗ ten ſie ſich, aber ſie erliegen dem hartnäckigen Aushalten juͤngerer Kraͤfte. Nimm Dich in Acht, Eugenie. Ich werde Dir einen Theil meincs — 141— Kummers wett machen. Es wird Dich ſchmerzen, Deinen Einfluß ſchwinden zu ſehen; aber endlich.. die Zeit heilt nichts leichter, als den Verdruß eines Weibes.— Wohlan denn, ſie haben mich in ihren Kreis gezogen. Ein untergeordnetes Glicd des Hauſes will und kann ich nicht ſeyn. Alſo ſey ich der Koͤnig, Cäcilie an meiner Seite freue ſich des Gluͤcks, das der Mann ihrer Wahl um ſich verbreitet. Denn die Langeweile, die Leopold bisher ſein Gluͤck nannte, muß aufhoͤren. In ſol— chem Element kann ich nicht exiſtiren. Erſchuͤt⸗ terungen, Wechſel, Scheiden und Wiederfinden, das erfriſcht das Herz, erhaͤlt den Geiſt geſund und jung. Ich ärgre mich uber gluͤckliche Schlaf⸗ muͤtzen, kann ihre Ruhe nicht begreifen, mag ſie nicht theilen.“—— Mit dieſen Worten loſchte er zufrieden ſeine Lampe.—— In Leopolds Hauſe ſchuͤrte dagegen die Zwie⸗ tracht bereits ihre Kohlen, und blies ſie in Brand. Mit eiferſuͤchtiger Regung beobachtete Engenie den ſo ſpät heimkehrenden Gatten in all ſeinem Thun und Laſſen. Gloͤhend und unſtat ſeine — 142— Blicke, ſeine Geberden; vielplaudernd die Zonge. Aber, wenn das Wort an Eugenie gerichtet war, wurde es kalt wie Eis und gezogen und ſtotternd. Leopold hatte Verheimlichung, Luͤge und eine Lei⸗ denſchaft auf dem Gewiſſen; eine Leidenſchaft, deren Umfang er ſelbſt nicht ahnte. Sein Mund floß uͤber vom Lobe des Freundes, und je cifriger Cäcilie demſelben zuhoͤrte, je widerwilliger wen⸗ dete ſich Eugenie davon ab.— Leopold bemerkte ibr abſichtliches Verſtummen, und der Groll dar⸗ über ſtieg in ihm auf; doch bezwang mitten im Taumel der auſſerordentlichen Stimmung ſeine Gutmuͤthigkeit den ſchwarzen Dämon.„Friede halten, Friede!“ ſagte er zu ſich ſelbſt, und wuͤnſchte ſeiner Frau kaltſinnig eine gute Nacht. — Eugenie, ſchlaflos, ſuchte das ſonderbare Benehmen Leopolds zu ergränden, in der Zukunft zu leſen. Sie zerbrach ſich jedoch vergebens den Kopf. Was geſchehen war, ahnte ſie nicht. Ihr verletztes Gewiſſen forſchte nach Dingen an⸗ derer Art. Eine Indiskretivn von Heckdey? Hatte er jedoch nicht ſelbſt alle Indiskretion verſchwo⸗ ren? Hatte Eugenie eine Urſache, ihm nicht zu vertrauen? Wohin ſie auch ihre Gedanken rich⸗ tete, immer war Heckdey der Anfang und das Ende. Von ihm nur hoffte ſie zu erfahren, was den Gatten ſo plotzlich umgewandelt. Auch Cäcilie ſchlummerte nicht. Ein ſeltſamer Wechſel von Unruhe und Behagen beſtuͤrmte, be⸗ ſchwichtigte ſie dann wieder. Ihrer Phantaſieen Bild war Georg. Seine Aufmerkſamkeit, ſein zartes Zuruͤckhalten.....„Zeichnete er mich wirklich durch ſeine Vorliebe aus 2 fragte ſich die Unſchuldige, und ſpuͤrte nicht im eigenen Her⸗ zen nach Liebe und Leidenſchaft. Aber ihr innres Auge hatte in Heckdey einen ſeltenen Menſchen erfunden; im Aeußern ausgezeichnet, wie in ſeinen Eigenſchaften; und dieſes Mannes Beachten eines unbedeutenden Maͤdchens ſchmeichelte Cäcilien.. „Was wird Luiſe zu dem Manne ſagen 2« fragte ſie ſich, endlich entſchlummernd. Luiſens, der ältern Freundin blaſſes Geſicht, mit dem gepreß⸗ ten männerfeindlichen Munde, ſtörte ihren erſten Tranm. 10. „Kaufe Dir ein Pferd; die Braut findet ſich dann von ſelbſt;« ſagt ein mauriſches Sprich⸗ wort. Es gilt allenthalben, beſchränkt ſich nicht auf die Grenzen des Chalifats. Das edelſte Thier der Schopfung macht zum Gott den Menſchen, dem es zu dienen ſo gefällig iſt. Ein Eroberer läßt ſich nur im Sattel denken. Das Thier iſis, das ihm Kraft, Schnelligkeit, den Sieg verbürgt. Zertrete der ungeſchlachte Elephant im Fricden ſeine Reisfelder, im Kriege den Feind; trage das fleißige Kameel des Beduinen Haushalt und Ha⸗ rem durch den Staub der Wuͤſte; ſchleife der ge⸗ zahmte Lowe bedächtigen Schritts den Wagen ſei⸗ nes Bezwingers! nur das adliche Roß ſchwingt ſeinen Herrn zum äußerſten Ziel maͤnnlicher Ehre. Das hoͤchſte, was die ſo genau treffenden Alten erſinnen mochten, um die erhabenſte Eigenſchaft menſchlichen Geiſtes im Bilde darzuſtellen, iſt ein geflugeltes Pferd. Und wie das Fluͤgelroß den Sonnenpallaſt — 145— ſtuͤrmt, und wie, nach der Sage, Bajazets Ruͤcken dem glorreichen Timur als Sattelſchwelle dienen mußte, ſo unterwirft ſich ein muthiger Centaur gern und leicht die kleine wunderliche Welt eines Weiberherzens. Mancher, dem ein ſolches wider⸗ ſtand, gleich wie ein verriegelt Thor, ſo lange er als beſcheidener Fußgaͤnger klopfte, ritt ſpaͤter hinein durch eine Ehrenpforte. Die Natur hatte den Herrn von Wirgenas nicht ſo ſehr im Gehirne verwahrlost, daß er nicht gewußt hätte, was ein guter Reiter auf Erden bedeute. Daher ſeine Verklaͤrung zu Pferde und der hoffärtige Sicgerblick, der nach jedem Fenſter ſchoß, wo Locke oder Haube ſichtbar wurde. Er kam vom Marsfelde; beſtaubt— und das ziert den Krieger hoch zu Roß,— hungrig— und dieſes verlich ſeinem Antlitz eine gewiſſe ſchmachtende Nachdenklichkeit, die beinahe wie Verſtand ausſah.— 2 Diana ſah ihn mit erneutem Intereſſe.„Er iſt doch nicht ſo albern, wie er mir geſtern vor⸗ Boa Conſtrictor I. 10 — 146— kamze uͤberlegte die Schlaue:„Was kann mir wohl des Herrn Freund helfen, der Verheirathete, der Vater von erwachſenen Kindern? Seine Schon⸗ heit zoge mich an; aber ſeine Feſſeln? Wie ſoll der Gekettete mich frei machen?— Der Haupt⸗ mann koͤnnte es vielleicht.— Aber nicht ein Blick von ihm? Er iſt noch von geſtern boͤſe. Hat nicht Unrecht. Was kann ich jedoch dafuͤr? Er ſteigt ab, verſchwindet in ſeinem Hauſe....2 ich will ihm heute nicht winken.“ Sie ſetzte ſich am Fenſter nieder, und ſpielte gedankenlos mit dem bunten Krummſchnabek, der ſein rauhes Geſchrei durch's Zimmer gellte. Mittlerweile kam Wirgenas heruͤber, an die Pforte des Hotels. Pluto erwartete ihn da mit aufgeſpannten Netzen.„Maſſa nicht zu Hauſez“ ſagte der Neger demuͤthig.—„So? thut mir leid; werde wiederkommen.“— Im Begriff, zu gehen, ſielen dem Hauptmann die pfiffig blinzelnden Angen des Schwarzen auf.—„Nun fragte er. Pluto trat dicht an ihn heran, und fluͤſterte ihm in die Herzgrube— hoͤher reichte der arme —— —— — 147— Wollenkopf nicht an dem Koloß hinauf—:„Wenn Herr Offizier hinauf gehen wollen.... Diana iſt daheim.“— „Pah!“ lachte Wirgenas:„wieder eine Beſtel⸗ lung, wie geſtern? Danke.“— —„»O Verzeihung“ bat der Neger:„Verge⸗ bung, mein ſchoner Herr. Diana hat nicht ge⸗ wußt— iſt unſchuldig wie neugebornes Kind... trauert ſehr, daß ſie den Herrn betrogen, weil ſie ſelbſt betrogen wurde. Diang wird gerne gut machen.“ „Hm!“ dachte der leichtfertige Hauptmann: „ein guͤnſtig Rendez-vous iſt auch nicht zu ver⸗ achten. Der Herr Bruder ſteckt gewiß bei Ede⸗ rich, und kommt vor der Tafel nicht zurück.— Friſch, Guſtav.« Und er ſtieg hinan, leiſe klirrenden Fußtritts, und Pluto offnete ihm dienſtfertig das Gemach. Diana hatte ihn wohl gehoͤrt, ſtellte ſich aber taub, und fuͤtterte den Jaqnot emſig.— Ein Schnurrbart beruhrte ihre Wange, kuͤhne Hände umfingen ihren Leib. Sie ſchrie auf, und ſprang — 148— in einen Winkel.„Pluto, Pluto!“ rief ſie dann halblaut, und ihre Hand ſuchte nach der Klingel⸗ ſchnur, um ſie gefliſſentlich nicht zu finden.— Pluto lief indeſſen Courier nach Ederichs Hauſe, um den Herrn abzurufen. Was fuͤrchteſt Du, mein ſchdnes, fremdes Kind?« fragte Wirgenas, eine beſcheidene Galan⸗ terie affektirend:„hätten mich geſtern meine Au⸗ gen betrogen? Galten Deine Winke nicht mir? Bin ich Dir ſo verhaßt und widerwärtig, daß Du mich verabſcheuſt, wie... wie ein„24 Das Gleichniß blieb ihm aus. Um deſio be⸗ deutſamer wurde die Pauſe. Beide Partheien be⸗ obachteten ſich. Der Mulattin war das Lachen naͤher, als der Ernſt. Nun kannte ſie ihren Mann. Die holperige Formlichkeit ſimmte nicht mit ih⸗ rem Geſchmack. Der Anfang der Unterhaltung war nach der Sitte ihrer Heimath geweſen; die Fortſetzung kam der Tochter Jamaika's zu ſchaal und nuchtern vor. Sie wartete ſtumm ab, wie alles ſich geſtalten wurde, aber ſie langweilte ſich ſchon jetzt. Der Hauptmann dachte auf ſeiner Seite ganz eigene Gedanken. Wie er heute, den Gegen⸗ ſtand ſeiner Wuͤnſche in der Nähe, das unfreund⸗ liche, lauernde, hohnneckende Geſicht vor ſich hatte, ficlen ihm die Mäͤhrchen ſeiner Amme ein, die gar zu gerne von Teufelinnen und Hexen erzaͤhlte.— Unfähig, den hohen Reiz der korperlichen vollende⸗ ten Formen eines Weibes zu begreifen, zog er, der auf jedem Handwerksburſchenball ſein Ideal gefunden haben wuͤrde, ſich ſchen zuruͤck. Das Fremde in Diana's Perſon und Weſen uͤberwaͤl⸗ tigte ihn. Dennoch fuͤhlte er, daß er reden muͤſſe, und begann wieder mit ſteigender Verlegenheit:„Sie antworten durchaus nicht? Sie machen mich, auf Ehre, ungluͤcklich. Ich will nicht ſelig werden, wenn meine Abſichten nicht rein und lauter, wie ein. wie ein Kryſtall, oder wie der leuchtende Schnee Jd. n Diana lachte ihm in's Geſicht. Sie fuͤhlte das Unpaſſende, mit einer farbigen Dirne von Kry⸗ ſtall und Schnee zu plaudern.— Nun wurde der — 36— Hauptmann boͤſe.—„Auf Ehre, ich habe das nicht verdient;“ fuhr er auf:„bin ich denn ein Bube, der, nachdem er geſtern auf die unverant⸗ wortlichſte Weiſe hinter's Licht gefuͤhrt worden, heute ein Spott des Geſindels ſeyn ſoll?“ Er ſchlug an den Degen:„Heda, braunes Ge⸗ ſicht; rede oder ich ſteche Dich und Deinen ſchwar⸗ zen Helfershelfer todt darnieder!“ Der Zorn hatte die Zuͤge des Herrn von Wir⸗ genas belebt. Sein brutaler Ausfall machte Diana ſtutzig und ernſt. Sie faltete die Hände und bat: „Nicht boſe ſeyn, um Himmelswillen nicht boſe ſeyn. Geſtern hat der Zufall alles gemacht, und heute bin ich ja gluͤcklich, Sie bei mir zu ſehen.“ „Wahrhaftig? ſoll ich's glauben?“ fragte der Hauptmann wie umgewandelt, und ſchlang den Arm um das Mädchen. Diana nickte, und ſchenkte ihm einen Blick, der ſein Herz in Flammen ſetzt.„Du biſt eine nied⸗ liche Creatur des Abgrunds;e ſchaͤckerte Wirgenas: „es muͤßte, auf Parole, ein Spaß ſeyn, mit Dir verdammt zu werden.“ „Ei, mein Herr, ich bin eine gute Chriſtinze verſetzte Diana gekränkt. Sie machte ſich von ihm los, und fuhr fort:„Ich heiße eigentlich Tereſa Catharina, der Herr zog immer vor, mich Diana zu nennen.“ „Nun, nun, es iſt ja gut;“ beſchwichtigte ſie Wirgenas:„ich glaube Dir ohne Tauſſchein. Aber Dein Herr hatte Recht: Diana klingt huͤbſcher als Catharina. Beiläufig: iſt dein Herr ein reicher, ſehr vermdg licher Mann?“ „O, viel, ungeheuer reich!“ prahlte Diang Alles Goldſtangen und Diamanten, Silberbarren und Perlen!“ Dem Andern wäſſerte der Mund;„So biſt Du wohl recht gluͤcklich in Deinem Dienſie 2« Dianens Geſicht verfinſterte ſich: Nein, nein, und dreimal nein. Gold und Edelſtein ſind kalt. Ich verhungere unter Schaͤtzen. Ich habe keinen Freund.“ „Hier biſt Du am Herzen eines Freundes!“ rief Wirgenas.—„Du treibſt wohl Scherz, mein Guter 2* fragte Diana vertraut entgegen, indem — 152— ſie ihren Kopf an die Bruſt des Hauptmanns legte. „Ich will auf's Avancement verzichten, wenn's nicht mein Ernſt iſt;“ betheuerte der Letztere:„Willſt Du Liebe? Wir Soldaten verſtehen zu licben. Ehre und Liebe findet man bei uns vollauf.“ „Ein lockeres Band, die Treue der Maͤnuer klagte Diana:„Was nicht in der Kirche verknuͤpft wurde„ „Donnerwetter! eingelenkt!« brummte Wirge⸗ nas. Dann ſagte er lachend:„Je nun, mein huͤb⸗ ſches Kind: die zaͤrtliche Freundſchaft bedarf der Kirche nicht. Und dann, mein Schatz, ſechstauſend Thaler Caution.... wer bringt das auf? Meine Wenigkeit iſis nicht.“ „So? biſt Du arm?“ fragte Diana etwas ge⸗ ringſchätzig. „Wie eine Waldſchnecke, Beſte. Mein Degen und mein Pferd, zwei Uniformen, ein Ueberrock und ein Mantel, das iſt mein ganzes um und auf.— Schmolle aber deshalb nicht, mein Herz. In meinen Armen denkſt Du nicht an Hab und — 153— Gut und Zukunft; nur die Gegenwart wollen wir genießen.“ Er umſchlang ſie feſter, druͤckte einen Kuß auf den wenig widerſtrebenden Mund.—„ Diana!“ rief eine drohende Stimme hinter dem Pärchen. Es ſchreckte auf: Heckdey war da, aufrecht, mit funkelnden Augen.—„So belohnſt Du mein Vertrauen? Fort, Beſtie, in Deine Kammer!“ Heulend entfloh Diana. Wirgenas ſtand, wie mit Waſſer begoſſen. Heckdey lagerte ſich auf das Sofa, ihm gegenuͤber. Nach einer langen Pauſe hob er an:„Eine ſchoͤne Auffuͤhrung, Guſtav. Es iſt Schade, daß ich die Präliminarien eurer Her⸗ zensergießungen ſtoren mußte.“ „Ei.. zum Henker.... wenn einen ehrlichen Kerl der Satan blendet... nun, und was iſt denn vorgefallen? ein Kuß„. ein Schmätzchen... und darum den Spektakel... 26 Dieſe Worte murrte Wirgenas abgeriſſen und be⸗ ſchämt. „Du biſt noch der alte, lockre, verzogne Bur— ſche;“ verſetzte Georg. 154 „Wer ſagt das?“ polterte der Hauptmann, und griff wild zum Degen. Heckdey ſtreckte ru⸗ hig die Hand aus:„Laß die Klinge. Dein Zorn beweißt juſt, daß Du auf boͤſen Wegen gingſt; bei mir, in meinem Hauſe, im Hauſe Deines Freun⸗ des und Bruders!“ „Pah!“ entgegnete Wirgenas, der ganz con⸗ fus geworden war:„ich weiß nicht, was du willſt. Suchſt du Händel 2* Heckdey lachte hell auf. Dann erhob er ſich jedoch, und ſprach den Andern kalt an:„Spaß bei Seite jetzv: Du mußt den Kram bleiben laſ⸗ ſen, ſonſt ſind wir geſchieden, und ich muͤßte dir Haus und Caſſe verſchließen. Diana iſt als eine Waiſe meinen Haͤnden anvertraut. Sie ſoll nicht in Deinem Umgang unglͤcklich werden.“ „Nun meinetwegen;“ antwortete der Haupt⸗ mann:„ich will ja thun, was Du verlangſt. Hoͤre nur auf mit den Vorwuͤrfen um des Kaiſers Bart. Mein ganzer Verſtand begreift Dich nicht. Aber jedenfalls iſt mir Deine Freundſchaft lieber, als. und Du koͤnnteſt mich verbinden, wenn Du mir einen kleinen Vorſchuß machteſt. Ich bin etwas in der Klemme.... Gott weiß es, und hätte meinen Araber hergeben muͤſſen, wenn... —„Sorge nicht. Sollſt den Araber behalten. Ich helfe Dir.“ „Biſt ein guter Kerl, Georg. Nun, beim nach⸗ ſten Roßhandel erſetze ich Dir die Vorlage. Ich habe ein paar Kutſchpferde aufgetrieben.... Grauſchimmel, Stumpfſchwaͤnze.. eine Pracht! — Ich will ſie dem Ederich kuppeln; er zahlt gute Courtageproviſion.“ —„Biſt Du genau mit Leopold bekannt?“ Die Froge ſtellte Heckdey ſehr gleichguͤltig.— Wirgengs wurde roth, zuckte die Achſeln, wackelte mit dem Kopfe. Dann ſagte er, wie mit Ueber⸗ windung: „Mit ihm und ſeinem Hauſe. Ich waͤre ſogar mit beiden gerne recht nahe bekannt und ver⸗ wandt worden. Daß Dich tanſend Bomben er⸗ ſchluͤgen, mein boͤſes Schickſal! Bin ich nicht auf der Welt, um ſtets zu ſpät zu kommen? um ſtets meine Fluͤgel umgangen zu ſehen? Blitz und — 156— Sturm!“— Der Hauptmann war wild und giſ⸗ tig geworden. —„Nun? wie ſo? was war's? was paſſirte Dir?“ fragte Heckdey mit ruhiger, gewinnender Theilnahme den auf- und abſchreitenden Gu⸗ ſtav aus. „Gleich, gleich, wenn ich mich gefaßt haben werde!“ Wirgenas riß ſich die Halsbinde ab, ſchnappte nach Luft, ſchaute eine Minute lang durchs Fenſter, ſtellte ſich dann kerzengerade vor Heckdey hin, und begann eintonig, als machte er ſeinem Oberſt eine Meldung:„So bin ich denn einmal verliebt geweſen, in die Cäcilie verliebt. Das blutjunge Maͤdel mit ſeinem vielen Gelde wäre gerade fuͤr einen Capitän meines Schlags paſſend geweſen. Ich hatte mich eingeniſtet, wie das Kind vom Hauſe. Habe ſogar Boſton ge⸗ lernt, um in den Winterabenden dort ausharren zu konnen und zu duͤrfen. Aber mit allem dem war ich viel zu blod, zu ſchuͤchtern, ſagte nicht der Tochter, nicht der Mutter noch dem Vater ein Wort, und auf einmal iſt der junge Herr von — 157— Wandersheim aufgetreten, und er hat den Preis davon getragen. Er frequentirt das Haus, er macht Cäcilien den Hof, und hier und da wird gemunkelt, daß er ſie heirathen werde, daß Alles ſchon ſo gut als richtig. Tauſend Bomben! Alles richtig!““ Mit den Zähnen knirſchend lief der Haupt⸗ mann wieder hin und her.— Heckdey murmelte fuͤr ſich:„Wandersheim? der iſi's alſo, von dem Leopold gefabelt...2 hm!— Wir muͤſſen uns kennen lernen.“— Dann zu Wirgenas:„Wer iſt denn der ſogenannte Braͤutigam? Sage mir etwas von ihm.“ „Was iſt von der Miſere viel zu ſagen k« hoͤhnte der Kapitän:„Sein Onkel ein Liefländer, der ſeit langer Zeit hier ſein vieles Geld verzehrt; der Neffe, ein bloͤder, blonder, dummer Junge, der's indeſſen fauſtdick hinter den Ohren hat; ein ſchmaler, engbruͤſtiger Knabe, wie uͤber einen Lad⸗ ſtock gegoſſen. Der Burſche mit dem vorhängen⸗ den Kopfe hat etwas von der Trauerweide und von einem Talglicht. Pfui! Da ich ſah, wie er ſich bei Ederich einfraß, blies ich zum Ruͤckzug, und mied das Haus. Punktum. Es ſchien mir keine Ehre, mich mit dem Jungen um ein Mäd⸗ chenherz zu zanken.“ —„Richtig; wohlgedacht und geſprochen. Das ſchickte ſich nicht fuͤr Dich. Aber mich wundert, Guſtav, daß Du nicht ein Mittel fandſt, den Ne⸗ benbuhler mit einem Schlage aus dem Felde zu jagen. Deine Derbheit und Dein Degen.. ein kleiner Anlaß... du hätteſt ihn gezeichnet... und dann...4 „Ei, beim Wetter! konnte ich denn an ihn? hab' ich's nicht einmal, zweimal, wie von ferne an ihm geſucht? Nichts da. Mit der ausgeſuch⸗ teſten Hoflichkeit ſtets aus dem Sattel gehoben. Das langweilte mich, und ich ließ ihm das Feld. Aber ſo oft ich daran erinnert werde.. wahr⸗ lich, Georg— der Kopf moͤchte mir zerſpringen vor Blut und Glut.“ —„Ein verzweifelter Zuſtand, lieber Guſtav⸗ Aber beruhige, faſſe Dich. Ich finde etwa ein Mittel, Dich auf Deinen Poſten wieder zuruͤck⸗ — 159— zufuͤhren. Ich will mir bei Ederich den jungen Herrn beſehen, und ein Wort zur rechten Zeit reden.“ „Ha! wenn Du das wollteſt...! Millionen⸗ mal danke ich Dir. Schau, mit der braunen Diana war's nur ein Scherz... vergib, ich denke nicht mehr daran; aber in die Cäcilie bin ich wahrhaftig verliebt, vernarrt, geſchoſſen.... kurz—“ —„Wie iſt's aber mit Cäcilien ſelbſt? Er⸗ wiedert ſie Deine Neigung 2« „Ich zweifle nicht, wenn ich ihr nur einmal die Declaration machen koͤnnte und duͤrfte. Was ſoll uͤbrigens die Beiſtimmung des Maͤdels? der⸗ gleichen Friſchlinge werden verheirathet, und hin⸗ terher findet ſich die Liebe ein, wenn ſie mag. Wo nicht, ſo arrangirt man ſich. Hinter Geld⸗ ſäͤcken verſchanzt, ginge ich meinen eigenen Weg. Nur zuvor die Braut und die Ausſteuer. Dieſe ſind die Hauptſache.“ —„Du biſt ein praktiſcher, poſitiver Menſchk Heckdey lächelte ſardoniſch bei dieſen Worten. Gu⸗ ſtao nahm dieſelben fuͤr baare Muͤnze, und ver⸗ beugte ſich. Tiefer noch, als Georg mit der Lei⸗ ſtung des ſogenannten Vorſchuſſes Ernſt machte. „Ewig und immer zu Deinen Dienſten;“ ſprach er mit einer Art von Ruͤhrung:„fordre von mir, was Du willſt. Mit allen meinen Kräften und Fähigkeiten bin ich unwiderruflich Dir ge⸗ horſam.“ —„Wer weiß?« ſagte Heckdey, den Blick zer⸗ ſtreut zur Scaldecke emporrichtend:„Eine Hand wäſcht die andere. Das iſt das Geheimniß der buͤrgerlichen Geſellſchaft. Wie konnte ſich ſonſt dies feindſelige Geſchlecht nur einen Tag lang ver⸗ tragen? Sucht nicht einer dem andern den Rang abzulaufen? draͤngt nicht einer den andern von ſeinem Platze 2* „Ja wohl, ja wohlk“ ſeufzte Wirgenas:„o Wandersheim, o Cäcilie K⸗ —„Darum,“ fuhr der Andere fort:„darum ſind die kleinen Lignen aufgekommen, die ſowohl dem großen Verbande, als auch den einzelnen In⸗ triguen die Spitze bieten. Ohne dieſe Allianzen — 161— waͤre kein geſelliges Leben denkbar. Laß uns zu⸗ ſammenhalten, Guſtav.“ „Von ganzer Seele, Georg. Sind wir doch eines Vaters Sohne!« —„Rede von Dir, nicht vom Vater;“ ver⸗ ſetzte Georg ſchnell mit gerunzelter Stirne:„ge⸗ rade jetzo ſehe ich ihn vor mir, meiner fruͤhen Jugend Erinnerung er lag im Sarge; ich ſtand einſam dabei, die Kleidung ſchwarz, gleichgultig das Herz... Ach hätte ich meine Mutter kennen gelernt... haͤtte ich den Vater lieben konnen...! Von der Wiege an ſtand ich allein, allein... Er ſprang auf, ſtrich mit der verkehrten Hand uͤber ſeine Augen.„Adien, Guſtav, auf Wieder⸗ ſchen“ ſagte er zu Wirgenas, und drehte ihm den Ruͤcken zu. Der Hauptmann ging. In ſich ge⸗ kehrt fluͤſterte Heckdey: Wie elend, ſo ganz allein zu ſeyn! Ein langes Leben im Sande vertrocknen zu ſehen! O ihr taͤuſchenden Fantome der Hab⸗ ſucht, des Ehrgeizes! habt ihr alle Gewalt uͤber mich verloren? Ihr ſeyd dahin, fort, ab und Boa Conſtrictor I. 11 rodt! Fuͤr wen meine Schätze? fuͤr wen meine Ehre?“ Er warf den Kopf trotzig zuruͤck, und ſagte beſtimmt:„Ich will nicht mehr allein ſchn, und ſowohl der Herr Capitän von Wirgenas, als auch der blonde Junker von Wandersheim werden gefaͤlligſt nichts dagegen einzuwenden haben.“ „Doch, ich vergaß„.« erinnerte er ſich nach einer Minute der Beſinnung.—„He, Bella Diana! Mademoiſelle Diana, wo ſiecken Sie? hierher; geſchwinde, oder. Diana ſchluͤpfte aus dem Nebenzimmer, kroch beinahe zu dem Herrn, kuͤßte ihm ſchluchzend die Hand. Er affektirte ein grimmiges Loͤwengeſicht. „Wären wir auf der Inſel,“ ſprach er dumpf, „ſo heulte jetzo ſchon Pluto uͤber Deinem Grabe, treuloſe Verrätherin!— Stille! betheure nichts! Luge iſt, was aus Deinem Munde geht. Dein Urtheil iſt geſprochen. Ich verſtoße Dich.“— „Ah! ah! weh' mir!« kreiſchte das Mädchen auf. Mit grauſamer Kälte fuhr Heckdey fort: „Ich ſchicke Dich hinaus, wie Du gehſt und ſtehſt. — 163 Der Kopf ſchwindelt Dir von Freiheit. Nimm ſie, geh' zur Stunde, geh', uͤppige Thorin. Haſt nichts gelernt, biſt faul und traͤge, findeſt keinen Dienſt. Adieu; ob Du nun ſinkeſt in den Pfuhl der Schande, oder in den Staub des Bettels,.. binnen Kurzem wird das Zuchthaus Dein Lohn ſeyn.“ „Ach, ach, ich ſterbe! o verzeihe mir! v, Diana will ſich beſſern! ach, ach, ich erſticke in Thränen!“ So zeterte das braune, heuchleriſche Weib.— Georg ſah dieſen Qualen einige Minuten ruhig zu. Endlich hob er an:„Richte Dich auf. Mein gnädig Herz ſiegt uber den gerechteſten Zorn. Ich hatte Dich einſt lieb; das iſt vorbei, zwiſchen uns nichts mehr gemein.— Dennoch ſollſt Du in meinem Hauſe bleiben duͤrfen, ſo lange Du willſt, oder bis ſich eine Gelegenheit gefunden, Dich in die Heimath zuruck zu ſenden; aber uur unter einer Bedingung.“ „Welche, welche?“ fragte Diana begierig. „Suche meinem Freunde Leopold zu gefallen;“ redete Georg ganz kaltblutig, aber befehlend. 11 — 164— „Was verlangſt Du, Herr?“ Diana's Ver⸗ ſtand furchtete einen Fallſtrick; ihr Herz ſchlug frendig. „Daß Du vollendeſt, was Du geſtern ſo gluͤck⸗ lich begonnen. Gewinnſt Du ihn, ſo rechne auf meine Zufriedenheit.— Entſchließe Dich aber ſchnell. Dein Wohl und Wehe haͤngt davon ab.“ „Du kannſt mich ſo demuͤthigen, Herr2 „Noch der Bedenklichkeiten mehrere? He, Plu⸗ to! wirf den Buͤndel der Dirne auf die Straße!“ „Halt, halt, um meines Vaters willen! ich will verſuchen, was Du begehrſi.“ „Dein eigen Gluͤck. Welche Ueberwindung, dem ſchoͤnen Manne einen ſuͤßen Blick zu ſchenken! Hinweg jedoch. Ich will allein ſeyn.“—— „Die Schiffahrt beginnt gefährlich zu werden;« ſprach Heckdey mit verſchränkten Armen zu ſich ſelbſt:„ich muß die Segel anders ſtellen, um das goldene Vließ zu erjagen. Schwacher, aͤngſtlicher, kleinmuͤthiger Leopold! Ein Mann ſeyn, und nicht die kleinſte Orgie ertragen können? Aus dem bunten Taumel der Sinne aufzuwachen mit zer⸗ — 155— ſtortem Gemuͤth und niedergeſchlagener Seele?— Wie gelegen kam ich heute, um einem demuͤthi⸗ gen Bekenntniß vorzubeugen! Der Menſch bedarf einer fortgeſetzten Beaufſichtigung. Ich muß ihn nuͤchtern halten, denn der Ueberdruß des folgenden Tages weckt in ihm die Begierde des Schwachen nach Tugend. Der Ohnmaͤchtige greift dann nach ſeinen Ketten, wie nach einem Rettungsanker.— Und Eugenie ihrerſeits, wie ſchwankend, wie furchtſam! Die Beiden haben wahrlich einen Dritten nothig, der ſie uͤber den Fluthen abſpan⸗ nender Sentimentalitaͤt halte. Ich muß beider Vertrauen kuͤnſtlich feſſeln, bis ich am Ziele bin. Dann moͤgen ſie wieder in das Gleis der Alltäg⸗ lichkeit ſinken, meinethalben; aber bis dahin ſol⸗ len ſie ſich bewegen, wie ich fuͤr gut finde. Vor Allem ſoll Levpold meiner Bewerbung nicht das Bild der Diana entgegenhalten, wie den Kopf der Meduſe. Hat doch ſchon Mancher, der einen Schatz gefunden, das Geheimniß gerettet, indem er dem hinzukommenden Neugierigen ein kluges „Halbpart“ geſtattete! Gluͤck zu denn!“ — 166— Wer hat nicht ſchon Einen geſehen, der in Schlingen fiel, und durch ſeine Beſtrebungen, ſich aufrecht zu erhalten, immer mehr und mehr in die Stricke gerieth? Wer hat nicht von der rieſigen Anaconda ge⸗ hoͤrt, die in ihren machtigen Ringen ihr Opfer faͤngt, und immer enger es zuſammenſchnuͤrt, je heſtiger es ſich ſtraͤubt? Und ſo wahr das Opfer der Schlange un⸗ ſchuldig, ſo wahr iſts, daß das Ungeheuer nur in unſern Augen boͤſe erſcheint. Es verfährt nach dem Gebote ſeines Inſtinkts. Die Menſchen, die andern Menſchen unterliegen, werden von ihrem Verhaͤngniß eher bezwungen, als von den Fein⸗ den. Ein Jeder macht ſich aber ſein Verhaͤngniß ſelbſt, und der Gewaffneten ſind wenige; denn nur Wenige verſtehen aus den Himmeln oder aus dem Herzen ihr Wehrſchild zu holen. Die große Maſſe der Menſchheit iſt wie der tauſendjährige Laokvon verſteinert in den Ringen der alten Schlange. ——— —————— n * — — — — — — — — 7r 3 weite ————— — 169— 1. Holde Eintracht, Tochter des Friedens und der Liebe, wie ſchoͤn biſt Du, ſitzend am Herde der niedrigen Huͤtte, wie ſchoͤn, thronend auf dem erhabnen Stuhle des irdiſchen Gluͤcks! Wo Du herrſcheſt, iſt der Gedanke, der Wille, die That nur Eins, wenn auch hundert Kopfe denken, hun⸗ dert Arme ſich erheben. Du machſt das Unmdg⸗ liche lebendig; nur Du verkoͤrperſt hie und da die erhebende Fiktion eines friedlichen Bundes unter den Menſchen. Wo jedoch die Gedanken ſich trennen, und jedes einzelne Gehirn fuͤr ſich Rath pflegt, kann ferner die Eintracht nicht beſtehen. Das iſt nicht mehr das geheimnißvolle Gewebe der Spinne, deſſen Faͤden, nach allen Richtungen auslaufend, nur eben ſo viele Strahlen einer kunſtlichen und nuͤtzlichen Einheit vorſtellen. Und wenn noch die Wahrheit bliebe! Sie, die am Ende alles verſoͤhnt, die alle Augen erleuch⸗ tet, welche nicht gefliſſentlich vor ihrem Glanze — 170— ſich verſchließen!— Aber die Wahrheit flieht, der Schein bleibt, und aus der Larve entwickelt ſich der Feind. Wenn der Mund laͤchelt bei bitterm Herzen, wenn die Zunge nicht mehr den Dollmetſcher der Seele macht, wenn, die ſich liebten, einander ge⸗ genuͤberſtehen, wie lauernde Wachen, unglaͤubig uͤberhoͤrend, was ſie fruͤher nie bezweifelt, leicht⸗ ſinnig Eide ſchworend, die ſchon todtgeboren,. wehe dann dem Frieden! So noch hundert Jahre der Knoten geſchlungen bliebe, der einſt die Lie⸗ benden vereinte,— dennoch ſind und bleiben ſie getrennt mit haarſcharfem Schwertſtreiche. Und wenn noch der Haß die auseinander ge⸗ riſſenen Seelen beſchwichtigte; wenn noch die Ueber⸗ zeugung, gerade nur einem Feinde den Ruͤcken gedreht zu haben, die Oberhand behielte! Aber ſelten koͤmmt es ſo. Oefter iſt kaum das Opfer vollbracht, ſo fraͤgt ſich Jedes auf ſeiner Seite, — nicht:„Wie kam's, daß wir ſo lang zuſam⸗ menhalten konnten?“ ſondern:„Wie geſchah's, daß wir vergeſſen, daß wir ſcheiden mochten?“ —— —— Und dann die Eitelkeit, die unſelige Sucht, Recht zu haben und zu behalten, der angeborne irrdiſche Trotz, die falſche Schaam, das eigne Unrecht zu geſtehen...! O, die Erde traͤgt ein feindſelig unverſoͤhnliches Geſchlecht. Wahrlich: es mußte vom Himmel ſelbſt die Lehre der Ver⸗, ſohnung ſteigen, um dem allgemeinen Weltbrande zu gebieten. Aber wir glauben dem Himmel und ſeiner Lehre nicht; dem Zwang allein gehorchend, nicht der Weisheit.— „Sieh doch, Ralph, das ſchoͤne Portraͤt, das der Vater hier aufhaͤngen ließ! Das iſt Herr Heckdey, wie er leibt und lebt; nicht wahr?⸗ Cäcilie ſtellte die Frage. Der praktiſche Bruder erwiederte gleichgultig: „Ja doch; der Rahmen des Gemaͤldes iſt das beſte daran. Das Geſicht iſt des Schenkens nicht werth.“ „Du biſt ein alberner Menſch, Ralph. Der plumpe Bube weiß die Freundſchaft nicht zu ſchaͤtzen, die Herr Georg fuͤr ihn hegt und außert.“ 6 — 172— „Ich begehre ſeine Freundſchaft nicht;“ ant⸗ wortete Ralph trotzig:„er mengt ſich in meine Arbeiten, in meine Unterhaltungen und Spiele. Sein Ton klingt immer wie Befehl, und doch iſt nur der Vater mein Herr. Ich kann den finſtern Menſchen nicht leiden; werde ſchon um ſeinetwil⸗ len froh ſeyn, wenn ich aus dem Hauſe komme; brauche ihn dann ein paar Jahre nicht zu ſehen, und hm, in ein paar Jahren aͤndert ſich viel.“ Der Jungfrau ſchwoll die Bruſt von Ahnun⸗ gen. Sie ſagte halblaut:„Du haſt Recht, lieber Ralph. Aber mir thut es weh, daß Du ſo gleich⸗ guͤltig an den Abſchied von den Eltern und von mir denken magſi.“ Das verdrießliche Geſicht des Knaben erhei⸗ terte ſich zum ſanfteſten Antlitz. Er ſchlang die Arme um Cäcilie, kuͤßte ſie auf beide Wangen, und ſprach geruͤhrt: Ach, nicht doch. Wenn ich mir vorſtelle, die gute Mutter und Dich, mein vortreffliches Schweſterchen, verlaſſen zu müſſen, ſo wird mir bang um's Herz, recht bange, glaube mir.“ „Nun, und der Vater, Ralph?“ fragte Caͤ⸗ cilie mit einigem Vorwurf.— Ralph beſann ſich, wurde wieder ernſthaft, entgegnend:„Du weißt wohl, lieb Schweſterchen, daß ich ihn recht gern habe, recht, ſo von der Bruſt weg. Aber...“ hier ſchuttelte der Knabe den Kopf—„der Vater iſt nicht mehr, wie er fruͤher geweſen... und das weißt Du ſelbſt recht gut, und Du mußt es ge⸗ ſtechen.“ —„Hm, ich wuͤßte nicht...« ſagte die Schwe⸗ ſter mit ſchleppendem Tone, der das Gegentheil verſicherte:„ſeine Liebe hat nicht abgenommen, aber ich finde eher, daß die Mutter ſehr verän⸗ dert ſcheint. Sie, die vordem ſo zärtlich gewe⸗ ſen, iſt von Zeit zu Zeit ſo fremd, ſo kalt gegen mich. Ich habe ſie in Thraͤnen uͤberraſcht, bin hart von ihr zuruͤckgewieſen worden, und habe ihr doch nichts zu Leide gethan?“ „Sieh, mich uͤberhäuft ſie mit Liebkoſungen;« geſtand Ralph nachdenklich:„Und dennoch thun ſie mir nicht mehr ſo wohl, wie fruͤher. Ihre zärtlichen Angen ſchwimmen in Wehmuth.“ — 474— —„Dagegen,“ fuhr Cäcilie fort,„umarmt mich oft der Vater, als ware er ſchon alt und verlaſſen, und ich ſeine einzige Stutze, ſein einzi⸗ ger Troſt.“ „Und mich,“ eiferte Ralph, der in Zug ge⸗ kommen war,„behandelt er zuweilen entſetzlich ſtreng. Kaum, daß ich mich regen darf. Ich ſchweige freilich vor ſeinem Zorn, aber es ſchmerzt mich, ſchmerzt mich doppelt, weil ich weiß, wo⸗ her das alles koͤmmt.“ —„Woher 2* die unbefangenſte Neugier fragte dieſes. „Ei, mit einem Wort: von Herrn Heckdey;“ polterte der Knabe:„und daß Du mir nicht den Kopf ſchuͤttelſt, mich nicht auslachſt und ſchiltſt, Du Eigenſinn. Ich weiß das genau. Seine Freundlichkeit? ich danke dafuͤr. Die Katze macht auch Sammetpfoten, aber gleich darauf kratzt ſie. —„O pfui, pfui, Du grober unartiger Ge⸗ ſelle““ ſchalt Caͤcilie, und wendete ihm den Ruͤcken zu.— Er ſagte gleichguͤltig hierauf:„Du drehſt Dich um, weil Du in den Mann vernarrt biſt, — 175— und Alles an ihm ſchon findeſt, gerade wie der Vater. Aber wahrhaftig: ſo wie Du Dich jetzt von mir wendeſt, moͤchte ich jenes Bild umwen⸗ den, daß mir das fatale Geſicht aus den Augen kaͤme.“ Er ſchien ſehr geneigt ſein Geluͤſte zu befriedi⸗ gen. Da erſchienen Leopold und Eugenie im Salon. — Leopold deutete auf das Conterfey:„Da iſt das ſchoͤne, werthvolle Geſchenk. Findeſt Du nicht, meine Liebe, daß es ſehr aͤhnlich? In der That: dieſer Saal koͤmmt mir nun vor, wie eine Gal⸗ lerie mit Familienbildern in einem adelichen Schloſſe. Du, mit den Kindern in ſchoͤner Gruppe; meine Wenigkeit, Euch zulächelnd von der entgegenge⸗ ſetzten Wand; in unſerer Mitte der Freund! Sage, ſage, Eugenie, ob wir nicht gluͤcklich ſind?“— Er zog Cacilie an ſeine Bruſt; Ralph gab der Mutter die Hand. „Glucklich in unſerm ſtillen Kreiſe? Wohl iſt es ſo, mein Leopold;« antwortete Eugenie mit Bedeutung:„zufrieden auch im Umgang mit Dei⸗ nem Freunde. Doch ihn feſſelt an uns nur Wohl⸗ 176— wollen und perſoͤnliche Behaglichkeit, waͤhrend uns die Natur zum engen Bunde verknuͤpfte. Ich ſchwoͤre Dir, mein Lieber, daß ich nie einen lee⸗ ren Raum an jener Wand bemerkt habe. So wie wir vier Menſchen dem Hauſe genuͤgten, ſo genuͤgten auch unſre Bilder dieſem Saale.“ Leopold machte ſich langſam von Eugenia's Arme los. Ein Schatten der Unzufriedenheit ſlog uber ſein Geſicht.„Nun dennz“ ſprach er halb⸗ ſcherzend:„die Eiferſucht der Weiber geht in's Weite. Soll ich nicht dem guten Georg ſein gut⸗ gemeintes Geſchenk zuruͤckſchicken? Beſſer wieſe ich ihm ſelbſt die Thuͤre.“ „Du willſt mich wieder nicht begreifen, nicht verſtehen;“ antwortete Eugenie etwas betroffen: „Gewiß bin ich die Letzte. Du ſollteſt mich wahrlich kennen,. der es beikaͤme, Dir etwas unſchickliches zuzumuthen; viel weniger etwas, das Deinem Herzen ſchwer fiele. Glaubſt Du, daß irgend ein Vorurtheil gegen Herrn Heckdey mich beſeelte?... Ich bitte Dich, mir das nicht zuzu⸗ trauen.“ — „Ich halte Dich freilich fuͤr vernunftiger,“ er⸗ wiederte Leopold,„aber die Anſpielungen und kleinen Ausfaͤlle, wie ihr Weiber ſie vorraͤthig habt in Menge, kommen mir doch zu haͤufig, zu vorbedacht. Kein Augenblick, deſſen Du Dich nicht bemaͤchtigteſt! Und ich frage, warum? Stelle Dich, wie Du willſt. Ich weiß, daß auch Du dem Georg zugethan biſt, ſo recht von Her⸗ zen zugethan. „Wie meinſt Du das 2“ fragte Eugenie be⸗ treten.—„Je nun, wie ihm die ganze Welt zu⸗ gethan iſt;“ verſetzte Leopold leicht hin, waͤhrend die Frau ihn argwohniſch beobachtete.„Und des⸗ halb,“ fuhr Leopold eifriger fort,„deshalb iſt Deine Lanne, ihm ſtets etwas anzuhaͤngen, mir widerlich. Ich muß Dir ſagen, ein fuͤr allemal, daß ich nicht leiden kann, einen Mann verun⸗ glimpfen zu horen, der mein Zutrauen und meine Liebe beſitzt.“ „Mein Betragen iſt da, Dir zu antworten;“ ſagte Engenie edel. „Glaube ja nicht, daß er es nicht merken ſollte,“ Boa Conſtrictor 1. 12 — 178— ſprach der Gatte weiter:„aber er iſt viel zu de⸗ likat, um gegen mich ein Wort daruͤber zu ver⸗ lieren. Glaube auch nicht, daß ich mich nach Deinem hoflichen aber kalten Betragen richten werde. Meine Seele iſt ihm offen, und wenn ich hin und wieder ſo ſchwach war, gerade nach Deiner Laune meine Neigung zu modeln, ſo ſey uberzeugt, daß es nicht mehr geſchehen wird.“ „Leopold!“ „Ich reſpektire die Gewalt der Frauen über die Maͤnner: die ſanfte Herrſchaft, die zum Gu⸗ ten begeiſtert, und dem Gemeinen wehrt; aber immerhin ſollte die Herrſcherin Maaß und Ziel nicht verkennen, und denken, daß der Bevormun⸗ dete auch einmal muͤndig wird..“ „Willſt Du nicht die Kinder entfernen?“ „Es iſt nicht ndthig. Meine kleine Predigt iſt zu Ende, und ich bin nicht boͤſe, daß Maſter Ralph gegenwaͤrtig geweſen. Ich habe ſchon lange ſeine Unhoflichkeiten gegen Georg bemerkt, und er verlaſſe ſich darauf, daß ich die vaͤterliche Au⸗ toritaͤt zu gebrauchen wiſſen werde. Jetzt aber — 179— linis.— Geh hinunter Ralph. Kaspar ſoll die Kaleſche anſpannen. Ich fahre heute uͤber Land.“ Ralph entfernte ſich ſchweigend. Cäcilie ſetzte ſich ſtill an ihre Arbeit in der Ecke. Engenie, gegen das Fenſter gekehrt, betrachtete ihren Gat⸗ ten verſtohlen von der Seite. Sie kannte ihn nicht mehr, und dennoch war er in ſeinem Aeußern, eine gewiſſe Unſtaͤtigkeit abgerechnet, ſo ganz der Alte. Seine Lippen lächelten wieder. Mit ſorg⸗ loſer Koketterie arrangirte er vor dem Spiegel ſein Halstuch. Eugenie wollte nicht ſchmollen. Sie näherte ſich ihm, umarmte ihn leicht, und fragte recht zart:„Iſt es Dein Unwille, der Dich forttreibt, und den Tag uͤber vom Hauſe entfernen will? Gib mir die Hand. Bleibe und zuͤrne nicht. Du haſt mir Unrecht gethan, und wenn ich etwas ſagte, daß. Dich beleidigen konnte, ſo ſoll es nicht geſagt ſeyn, und nie wieder geſagt werden.“ Leopold drehte ſein Antlitz ihr zu; es war freundlich. Er kuͤßte ſie, ſprechend:„Ei, was denkſt Du? Ich bin nicht tuͤckiſch, trage meinen * — 180— Groll nicht nach. Der Verdrußi iſt ſchon vorbei, und ich will nicht aus Aerger davon laufen. Nein, es iſt ein dringend, wichtig, angenehmes Geſchäft, das ich nicht verſchieben darf. Du ſollſt bald davon hoͤren.“ „Ein Geſchäft? Darf man nicht wiſſen 2“— „Pſt! ein Geheimniß!«—„Ein Geheimniß vor mir 2.—„Es iſt ſchon nicht mehr das Meinige,“ verſetzte Leopold ſchalkhaft. „So? nun denn, in Gottesnamen;“ ſ Eugenie:„Doch kehrſt Du heute wieder? Gewiß heute 2 Er umſchlang ſie, antwortend:„Wie ſollte ich nicht? Der morgende Tag iſt ja ein Feſt, das ich nicht verſäumen mag.“ „Ach“ rief nach kurzem Nachſinnen Eugenie, ihres Geburtstags gedenkend:„Das iſt freilich nicht zu bezweifeln. Reiſe glucklich, Leopold, und kehre bald zuruͤck. Ich zähle die Stunden.“ „Ich nicht minder, meine Liebe.“— Der Ton war zärtlich; im Blicke lag ein Doppelſinn. Eu⸗ genie verſtand ſich auf Leopolds Blicke. Eiskalt —————— — 181— endigte ſie mit einem gewöhnlichen Lebewohl.— „ebewohl!« ſagte auch er kuhl.— An der Thuͤre, als ob er etwas vergeſſen haͤtte, hielt er inne, und rief mit zärtlichem Vorwurf:„Cäͤcilie! kein Adien fuͤr den Vater** Das Mädchen flog in ſeine Arme. Der Mo⸗ ment, ſo verſchieden von dem vorigen, fuhr der Mutter, der eiferſoͤchtigen, durch Mark und Bein. Sie druͤckte die heiße Stirne an die Scheiben des Fenſters, das in den Hof ſah. Leopold ſchwang ſich in das elegante Fuhrwerk; ſeine Zuͤge waren ſo heiter, er gruͤßte ſo freundlich mit der Hand zum Fenſter hinauf.—„Ich that ihm Unrecht;“ ſagte Eugenie zu ſich ſelbſt:„unſeliger Argwohn, ſo oft ſchon Lugen geſtraft, wann werde ich von Dir befreit ſeyn?— Ja, ja ich habe ihm abzu⸗ bitten. Verzeihe, mein Leopold!“ Dennoch redete ſie nicht mit Cäcilien, dem Herzblättchen Leopolds. Dennoch ſchloß ſie ſich in ihr Bondoir ein, und muſterte beharrlich die ſremdartigen Erſcheinungen, die ſich ſeit einiger Zeit in Leopolds Weſen veroffenbart hatten. Den⸗ — 182— noch kam ſie wieder auf die alte Klage zuruͤck: „Es iſt doch nicht mehr wie ſonſt.“ Und ſie weinte, ohne zu wiſſen, warum. Solche Thraͤnen ſind manchmal Ahnung, dfter Krankheit; meiſtens aber preſſen wir dieſe Tro⸗ pfen mit Gewalt und Fleiß aus unſerm Gehirne, weil es uns Behagen macht, in unſern Einge⸗ weiden zu wuͤhlen, und uns vor Geſpenſtern ab⸗ zuaͤngſtigen. Wehe jedoch, wenn dieſe widerna⸗ tuͤrliche Luſt uͤberhand nimmt, und die Vernunſt, wie das edlere Gefuͤhl, der Schwaͤrmerei unter⸗ liegt. Entnervung, Rathloſigkeit finden keinen Freund, und verkehren Liebe in Kaͤlte. Aus dem uͤberempfindſamen Spiele wird furchterlicher Ernſt. 2. Gleichſam um die Sorgen und Bedenklichkei⸗ ten Eugeniens zu zerſtreuen, und ihr truͤbes Ge⸗ muͤth zu erheitern, fand ſich am Nachmittage eine kleine Geſellſchaft in Ederichs Hauſe zuſammen. Der junge Herr von Wandersheim, mit den — 5 — — — 183— Manieren einer glaͤnzenden Erziehung; die me⸗ lancholiſche Luiſe Theobald, die Tochter der Ge⸗ heimenraͤthin und Cäciliens Freundin; der kaum vom Schmerzenlager erſtandene etwas rauhe Pa⸗ trizier Mettner; ſeine gutmuͤthig geſchwätzige Hausfrau. Auch Heckdey fand ſich endlich ein, freundlicher, als gewoͤhnlich, und beſonders auf⸗ gelegt zur geſelligen Unterhaltung; eine Stim⸗ mung, die ihn ſelten beſchlich. Die Neugierde der Gäſte, ſtumm aber hun⸗ dertaͤugig, beobachtete anfänglich den fremdarti⸗ gen Sonderling, der ſich heute herabließ, ein Menſch zu ſeyn wie ein Anderer. Wandersheim allein ſchenkte ihm nicht die uberlaͤſtige Aufmerk⸗ ſamkeit der Uebrigen. Seine Augen hatten ein anderes Ziel: die von ihm ſtill aber zaͤrtlich ge⸗ liebte Tochter des Hauſes. Sein Mund redete aber angelegentlich mit der Mutter; wie es ſchien von erfreulichen Geheimniſſen.— Heckdeys Blicke maßen ihn ab, wie eifrige Gendarmen den unbe⸗ kannten Reiſenden. Der Gegenſtand hielt die Probe. In den ſchoͤnſten Jahren des Juͤnglings, von ein⸗ nehmender Geſtalt, begabt mit der Sprache und den Geberden, die allein ſchon die Herzen gewin⸗ nen, war Wandersheim beſtimmt, ein ſchones Loos im Leben zu ziehen. Georg geſtand ſich's leiſe, obgleich mit Mißbehagen, und ſetzte ſeine Forſchungen weiter fort, in der Hoffnung, an dem Manne die Schattenſeite aufzuſpuͤren. Die Aufloͤſung des allgemeinen Geſpraͤchs in einzelne Converſationen ließ dem Eiferſuͤchtigen alle Zeit. Mettner und Frau betrachteten die Zeichnungen, die ihnen Ralph vorwies; Eugenie und Wandersheim vertieften ſich immer mehr in ihre Myſterien, Cäcilie und Luiſe hatten ſich ſogar unvermerkt in das Nebenzimmer verloren und ſchwatzten aufs Vertraulichſte, wie Mädchen zu thun pflegen, von den anweſenden Männern, die ſich entweder vorgenommen, intereſſant zu ſeyn, oder die wirklich den Damen intereſſant geworden. „Ich empfinde wahrhaftig, wie von Tag zu Tag meine Abneigung gegen den Herrn von Wan⸗ dersheim ſchwindet;“ ſagte Cäcilie ſehr unbefan⸗ gen:„Der Mann kam mir Anfangs ſo fade und — 185— weichlich vor. Aber alle die kleinen Untugen⸗ den der Stutzerei, wie ſie keinem jungen Herrn fehlen, verſchwinden vor ſeinem trefflichen Ge⸗ muͤthe. Er iſt gewiß ein guter Menſch.“ Worauf Luiſe ſpottiſch die Lippen verzog:„Du bleibſt doch wie ein Kind, haſt nur die Puppen gewechſelt. So iſt denn Erfahrung, ein reiferes Alter, eine beſſere Kenntniß der Welt, wie ſie einmal beſteht, nicht im Stande, die verblendete Jugend zu leiten? Geh denn hin, mein Schäf⸗ chen, und betrachte dieſes Maͤnnergeſchlecht in ällen ſeinen Repräſentanten. Sie ſehen ſich ähn⸗ lich wie ein Tropfen Waſſer dem andern, wenn es den Grund ihres Charakters gilt: Falſchheit, truͤgeriſche Bemaͤntelung angeborner Rohheit. »Dein alter Spruch;“ verſetzte Caͤcilie ſeuf⸗ zend:„Was zieht aber dieſe Falſchen, Ungeſitte⸗ ten an uns ſchuͤchterne Geſchoͤpfe?“ —„Die Luſt, die Laune, der Augenblick, oder wie am gewohnlichſten: Gewinnſucht. Sie feil⸗ ſchen um eine Braut, die ihnen helfe, bequem durch's Leben zu gehen; ſie markten um eine Wär⸗ — 186— terin, ihre Krankheiten und ihr Alter zu pflegen, ſie kauſen eine Nachkommenſchaft, um ſich in ihrem Eigenthum und ihren Rechten zu behaup⸗ ten. Da haſt Du's: eine Wirthſchaſterin, eine Dame, die Honneurs zu machen, eine Magd am Siechenbette— das iſt, was ein Weib in der Vereinigung mit einem Manne zu ſeyn erwarten darf; nichts weiter. Und dieſes muß das Weib ſich erſt noch zur Ehre ſchätzen, mag ſich gluͤck⸗ lich preiſen, ſo es nicht betrogen, verfuͤhrt und dann verlaſſen wird. O laß mich. Knechtſchaft oder Betrug; weiteres erlangen wir nicht vom Manne.“ „Du biſt ſtreng wie eine Menſchenfeindin, liebe Lniſe;“ lächelte Cäeilie. —„Ich haſſe die Menſchheit nicht; nur die ſchlechtere Hälfte verachte ich;“ verſetzte Lniſe mit kalter Beſtimmtheit:„das Weib iſt das Beſte, was die Schdpfung hervorgebracht. Aber Jahr⸗ hunderte der Erniedrigung haben unſer Geſchlecht gänzlich entſtellt. Was verlangen die Herren und Geſetzgeber von uns? Hingebung in alle ihre Lau⸗ — 187— nen, Duldung all ihrer Laſter, Zärtlichkeit im Augenblick, da ſie uns mißhandeln. Die Licbe machen ſie uns zur Pflicht; die ihrige— wenn man Wallungen ſo nennen darf— werfen ſie uns als ein Almoſen hin. Fi kKe „Etwas Wahres mag wohl an Deiner Anſicht ſeyn;“ ſchaltete Cäcilie nachdenkend und verglei⸗ chend ein. Sie gedachte der Scene des verwiche⸗ nen Morgens. —„Ich haſſe das Geld, ich kann es nicht leiden;“ ſuhr Luiſe lebhafter fort,„aber ein Ge⸗ ſchenk des Himmels erſcheint mir das beſcheidne Vermdogen, das meine Mutter und mich unab⸗ haͤngig erhaͤlt. Ich bedarf keines Mannes, der mich ernähre, kleide, und ſpazieren fuͤhre. Ich kann und will allein, einſam und ruhig, meine eigne Gebieterin ſeyn, und glͤcklich eine Jede, die daſſelbe zu thun vermag.— Du wirſt es einſt konnen, Cäcilie; folge meinem Beiſpiel.“ „Mit Dir vereint leben, o wie gerne!“ ſchwaͤrmte das Mädchen, Luiſens Hand an die Bruſt druͤ⸗ ckend:„ich gelobe Dir's, ich ſage Dir's zu.. 1« & — 188— Plotzlich ſtockte Caͤcilie, und ſetzte nach einer langen Pauſe bei:„Wenn aber meine Eltern mir beſohlen, zu heirathen... dann konnte ich mich nicht wei⸗ gern. Das vierte Gebot iſt heiliger, als eigenes Geluͤſte.“ —„Wie 2« fragte Luiſe:„der Tyrannei Dich fugen? Deines Lebens Freiheit und Gluͤck hinwerfen auf den Beſchluß anderer? Das wollteſt Du? ſind die Eltern geſchaffen, ihren Kindern Zwang an⸗ zuthun? Auch ſie konnen fehlen, auch ſie koͤnnen Sünder werden am Haupte ihrer Toͤchter und Sdhne. Widerſtand iſt Pflicht gegen verderbliche Zumuthung. Komm zu mir, wenn je Dir die Sterne feindlich ſtrahlten. Ich will Deine Leh⸗ rerin, Deine Unterſtutzerin ſeyn.“ „Horch!“ unterbrach ſie Cäcilie:„das Geſpraͤch iſt wieder allgemein geworden. Hert Heckdey fuͤhrt das Wort; er ſpricht eifrig und laut. Die Sache muß ihn beſonders intereſſiren. Laß uns horchen. Ich hdre ihn ſo gerne.“ —„Ich auch;“ antwortete Luiſe, und meinte es ernfilich:„Er kommt mir vor, wie ein Mann, 32 den unſägliches Elend zu Boden gebeugt, und der nun auf den Truͤmmern ſeines Kummers, entkleidet von den Schlacken des Gewoͤhnlichen, hoch und aufrecht ſteht. Wie mich das maͤnn⸗ liche Geſchlecht, ſo ſcheint ihn das unſrige anzu— widern, und ich ehre dieſes Gefuͤhl, obgleich uns feindlich. Es beweiſt eben ſo gut als das Mei⸗ nige, die Unvertraͤglichkeit des Maͤnnercharakters mit dem weiblichen.“ „Iſt das wahr 2« fragte ſich Cäcilie heimlich: „Haͤtte jener Mann wirklich kein Herz? Wuͤßte er nicht mehr, was Empfindung, Neigung... Liebe. 2. Sie dachte nur beſchaͤmt das letzte Wort, und wendete ſich davon ab; und wieder ſchlug„Liebe“ an ihr Ohr. Sie war das Thema von Heckdeys lebendiger Rede. „ Und im Gegenſatze zu dem, was Sie behaupten, Herr von Wandersheim,“ improvi⸗ ſirte Georg:„bin ich uͤberzengt, daß zu einem ächten und wahren Herzensbunde keineswegs die Aehnlichkeit der Neigungen und Gewohnheiten, die Sympathie der Geſuͤhle nothwendig ſey. Der — 190— Zuſall gefällt ſich, die widerſtrebendſten Elemente zu verknuͤpfen, und zwar mit dem engſten Bande. Der Kontraſt, der Widerſpruch, der Wechſelſtreit ſind Bedingung des Lebens uͤberhaupt; alſo auch des ſeeliſchen. Der rauhe Mann liebt ein ſanf⸗ tes Weib zu nehmen; die herriſche Frau bedarf eines milden Gatten. Zwei Unbeſtändige werden ſtets ſich fliehen; das treue Weib liebt oft am heißeſten den unbeſtäͤndigen Mann.— Das Alter thut ebenfalls nichts zur Sache. Ich habe Frauen in der ſchoͤnſten Bluͤthe ihrer Jahre, kaum dem Confirmationskleide entwachſen, geſehen, die ihres ergrauten Gemahls Winterzeit zum lächelnden Lenz verwandelten. Dagegen ſah ich, wie die Jugend treulos von der Jugend ſchied.“ Mit zu Boden gerichteten Augen nahm Eu⸗ genie das Wort:„Ich verſtehe die Lehre von dem Contraſte nicht, doch glaubt mein ſchlichter Verſtand zu begreifen, daß ein ewiger Streit jeden Vergleich ausſchließe. Wenn vielleicht dann und wann voreilig geſchloßne Buͤndniſſe ſich loͤſen, ſo geſchieht es etwa, weil einer oder der andre Theil — 151— gefunden, daß der Einklang nur ſcheinbar gewe⸗ ſen. Sie aber, Herr Hekdey, ſetzen den Krieg zum Wächter des Friedens, den Teuſel zum Huͤ⸗ ter des Paradieſes.“ „Und warum nicht, liebenswuͤrdige Frau?“ fragte Heckdey launig:„Entſpringt nicht aus dem Kriege der Frieden? Erhaͤlt ſich nicht derſelbe durch die Furcht vor dem Kriege? und der Teufel iſt gewiſſermaßen, wenn nicht der beeidigte Pfort⸗ ner des Himmels, doch der Wegelagerer, der uns die Herberge im Paradieſe wuͤnſchenswerth macht. So weit waͤre Alles in der Hrdnung. Aber die klugen Leute, von denen die Welt wim⸗ melt, wie bekannt, werfen dem wegelagernden ſchnappenden Dämon,— ihre Haut zu ſalviren— ein Stuͤck Paradieſesglauben nach dem Andern in den Rachen, wie weiland Cerberus mit Ho⸗ nigkuchen gefuͤttert wurde; ſo, daß am Ende fuͤr die Klugen vom Paradieſe nichts mehr uͤbrig bleibt, und ſie es Ehrenhalber gaͤnzlich laͤugnen muͤſſen.“ Eugenie verſtummte, aber Wandersheim, deſ⸗ —— ſen reines Juͤnglingsgemuͤth einigen Unwillen em⸗ pſand, die ſchoͤnen Schwaͤrmereien ſeines Alters unerbittlich verdammen zu hoͤren, ergriff fuͤr die Dame das Wort, indem er, bitter und hoͤflich zugleich, dem Gegner antwortete:„Beinahe ſollte man glauben, daß auch Ihr Paradies von dem boͤſen Feinde verſchlungen worden. Sie laͤugnen gewiß nur Ehrenhalber die Macht, Gewalt, und Beſeligung der Liebe, ſo wie die innige Seelen⸗ harmonie, die dazu erfordert wird? die ſich er⸗ zeugt ſelbſt dann, wenn nur in einer Bruſt die Flamme loderte, die heilige? Liebe ſchafft Ge⸗ genliebe.“ „Sie gehen zu weit, mein Herr;“ antwortete Georg mit ſchnoͤdem Blicke:»Was ich erfahren, oder nicht erfahren,— ob Enge Sinen Glau⸗ ben geſchuͤtzt, oder Satan ihn gemordet— das kuͤmmert Sie nicht, wie ich mir einbilde. Genug, daß jeder Menſch, wie Alles um ihn her, ſo auch die Liebe, nach ſeiner Weiſe ſich vorſtelle und anpaſſe. Die Beleuchtung der Welt wechſelt mit der Jahrszeit, die gerade uͤber unſer Haupt geht. Aber verſichert moͤgen Sie ſeyn, daß die gewal⸗ tigſte Leidenſchaft auf Erden nicht nach Catego⸗ rieen und Alterklaſſen rechnet. Koͤnnen Sie mir von dem ſchoͤnſten Modefetzen betheuern, daß er einem Jeden, einer Jeden gefalle? Das Geheim⸗ niß, zu gefallen, iſt das unaufloͤsbarſte der Welt, und die Grundlage der Liebe. Darinnen nach ge⸗ wiſſen Formeln verfahren, heißt die Liebe, wie täglich geſchieht, zur Mode herabwürdigen, einen edeln Loͤwen in einen ſchmarotzeriſchen Schvoß⸗ hund verwandeln. Die Liebe iſt unumſchraͤnkt, blind, wenn Sie wollen. Sie erobert, was ihr beliebt, und iſt ſo wenig zum Verſchmelzen ge⸗ neigt, daß ſie jede Bettelei unbedingt abweiſt. Liebe erzengte wieder Liebe? Das eifrigſte Werben bezwaͤnge endlich das feindſelige Herz? O, mit nichten, mein Herr. Liebe läßt ſich nicht befeh⸗ len, nicht erſchmeicheln. Selbſt mit dem beſten eignen Willen vermoͤgen wir nicht, die Empfin⸗ dung in uns zu wecken, und jede Maskerade die— ſer Art bringt am naͤchſten Morgen ſchon Eckel und Ueberdruß. Was iſt das Staͤrkſte auf der Boa Conſtrictor. 1. 13 — 194— Welt? Sagen Sie mir's, Herr von Wanders⸗ heim. Die Hingebung und Zärtlichkeit eines Wei⸗ bes; ſelbſt unerwartet, unbegehrt. Nun: ſogar dieſe unwiderſtehliche Gewalt mag wohl unſere Grundſätze todt ſchlagen, aber nicht uns zur Liebe begeiſtern.“ —„So waͤre denn,“ begann Wandersheim mit edlem Unmuth,“ ſo wäre denn das heiligſte Gefuͤhl der Sterblichen ein Spiel des albernen Zufalls, und das ritterliche Dienen eines Lieben⸗ den nur eine Thorheit ohne Ergebniß, ohne Krone, ohne Ziel? Die Wallung eines Augenblicks, ein voruͤbergehender Lichteffekt, ein perſonlicher Rap⸗ port ohne alle Buͤrgſchaft fuͤr die Zukunft muͤßte das Schickſal zweier Herzen beſtimmen? Welch eine troͤſtliche Lehre! Wohin fuͤhrt ſie? zum Grabe aller Tugend, aller Humanitaͤt. Verfuͤhrung, leichtſinniges Scheiden, Verlaſſenheit des Betrr⸗ genen Hekdey unterbrach den Juͤngling mit ſchnei⸗ dendem Tone:„Wer läugnet, das dieſes nicht Millionenmal das Ende vom Liede geweſen? Aber was beweiſt es? Daß alle buͤrgerliche Formeln und alle poetiſche Extaſe nicht vermoͤgen, die Menſch⸗ heit anders zu machen, als ſie gerade iſt. Das Leben iſt ein Strom, der zwiſchen Pedanterie und Poeſie mitten durch laͤuft, ſein eigner Herr. Ja, mein ehrenwerther Gegner, und ſollten Sie dar⸗ uͤber verzweifeln: die moraliſchen Guͤter des Men⸗ ſchen ſind vergaͤnglich, zerſtorbar, wie ſeine ir⸗ diſchen. Die Flamme frißt ſein Haus, die Fluth ſeine Felder, der Raͤuber ſtiehlt ſeine Habe; aber auch in ſeiner Seele Reichthum arbeitet ſich Flamme der Leidenſchaft, Fluth begehrlichen Wechſels, Diebſtahl und Verrath. Und die tauſend Fälle, wo des Beſitzers Laͤſſigkeit ſein koſtbarſtes Eigen⸗ thum preis gibt, es ſich ſelbſt entfremdet? Es gibt auch ſchlechte Haushalter in Herzensangele⸗ genheiten. Wir wollen uns das keineswegs zu⸗ trauen, ſind zu eitel hierzu, ſchreien alſobald uͤber Verrath! Und was iſt dieſer, was iſt Treuloſig⸗ keit am Ende, als nur der Inſtinkt, der Alles regiert? Mancher hat ſich zu Tode geblutet, da ihm ſeine Liebe untreu wurde. Wäre dieſe Liebe —— geſtorben, koͤrperlich geſtorben, er haͤtte geweint, und die Zeit ſeine Thränen getrocknet. Aber die Treuloſigkeit brachte ihn um. Seltſam! Iſt denn nicht ſie ſelbſt ſchon der Tod? Warum geht dem bleichen Wuͤrger Alles hin? Warum gilt ſein Spruch, als der entſcheidende, und der freie leben⸗ dige Wille in Sachen der Lebenden wird mißdeu⸗ tet, verketzert, geſteinigt? Predigt immerhin Ge⸗ dankenfreiheit, Toleranz in religioͤſen Dingen! Tanbe Nuͤſſe, ſo lang ihr nicht vom Herzen das Joch nehmt, ſo lang ihr nicht dem Gefuͤhle ſeine Feſſeln abſtreift!“ Mit Begeiſterung druͤckte Caͤcilie den Arm ihrer Freundin. Luiſe fluͤſterte ihr mit glaͤnzen⸗ dem Auge zu:„Der iſt ein Mann, der erſie Mann, den ich kennen lerne. Er ſteht hoher als die Welt mit ihrem Aberglauben und ihren Vor⸗ urtheilen. Er gefällt mir, er ſpricht aus meinem Herzen.“— Das arme Maͤdchen erinnerte ſich bittern Angedenkens der erſten Liebe, des Treu⸗ loſen, der ſie verlaſſen, und in ihre verworrenen Begriffe, muͤhſam zuſammengekauft, um ſich uber — 195— den Wogen des Schmetzes zu erhalten, drang ordnend ein Strahl des gefaͤhrlichen Syſtems, womit Heckdey prunkte. Cäcilie war beſtochen durch die Neuheit und die bruͤske Darſtellung dieſer Philoſophie. Fuͤr Wers war der Streit zu hoch geweſen.— Sie en ſich, indem der alte Patrizier auf län⸗ Abſchied nahm.„Sie wollen uns ver⸗ ß agte Eugenie beſorgt.—„Auf einige Wochen;« antwortete der alte Herr mit biederm Ausdruck:„Ich empfehle Ihnen unterdeſſen mein Hauskrenz hier. Wuͤrde mich ſchwerlich aus dem ſichern Hafen entfernen; aber es iſt Zeit, daß ich die Stralſunder Silberflotte herein convoyire. Be⸗ ten Sie fur den gebrechlichen Steuermann, ſchoͤne Frau, und bereiten Sie eine frohliche Tafel zur Feyer meiner glorreichen Heimkehr.“ —„Soll geſchehen, Herr von Mettner;. ſprach Eugenie:„Mein Gebet ſoll nicht man⸗ geln, aber es bedarf deſſen nicht. Es gibt ſo wenige Gerechte auf der Erde, daß ſie gewiß un⸗ ter der beſondern Obhut irgend eines Engels — 198— ſtehen, und daher bangt mir nicht fuͤr Ihr Wohl und Heil.“— — Nach dem greiſen Ehepaar beurlaubte ſich Wandersheim, ſichtbar verſtimmt. Ein paar ver⸗ trauliche Worte in Eugenien's Ohr, eine chevale⸗ reske Verbeugung und ein zartes Lebewohl der Tochter— verſchwunden war er. Ralph zuͤndete die Lichter des Salons an; die Madchen klim⸗ perten, um nicht gerade muͤßig zu ſtehen, am Fluͤgel. Eugenie winkte Heckdey, ihr in's Nben zimmer zu folgen. Er gehorchte. Die arme Frau ſtrich hier die Farbe und Freundlichkeit der Convenienz von Stirn und Wangen, um eine bekuͤmmerte Miene anzuneh⸗ men. Mit großer Vewegung faltete ſie die Hände, und hob an:„Sie ſind ein tiefer Kenner des menſch⸗ lichen Herzens, mein Freund, und wenn gleich Ihre Anſichten nicht immer die meinigen ſind, ſo bewundere ich doch Ihren Scharfſinn, Ihren Takt. Was ich Ihnen ſonſt noch ſchulde, wiſſen Sie. Wir haben uns ja gelobt, nie wieder da⸗ von zu reden.“ ——— — 199— — Georg nickte ſtumm.— Eugenie ſprach weiter:„An den Herzenskundigen, an den ver⸗ ſohnlichen Freund richte ich jetzo die innigſte Bitte. Moͤgen Sie aufrichtig derſelben antworten, mei⸗ nem Vertrauen mit Offenheit entgegen kommen!“ „Ganz gewiß; was begehren Sie 26 —„Aufſchluß uͤber das mir unbegreifliche Benehmen meines Mannes. Er iſt oft bei Ihnen. Sie kennen ihn gewiß durch und durch. Erklaͤ⸗ ren Sie mir, was ihn binnen wenigen Tagen ſo auffallend veraͤnderte. Seine Freundlichkeit iſt allzuoft erzwungen, ſein Lächeln allzuoft Verſiel⸗ lung. Der ſonſt ſo offne Blick iſt manchmal ſcheu, wie der eines Verbrechers; unſtäte Heſtig⸗ keit, eine unbegreifliche Reizbarkeit bemeiſtert ihn hanfig in Reden und Geberden. Ich finde ihn oft in tiefem Nachdenken: manchmal niederge⸗ ſchlagen, manchmal widerlich aufgeregt.... was iſt das? Hat ihn ein Ungluck betroffen? Warum legt er es nicht in meinen Buſen nieder? findet er an irgend etwas im Hauſe Mißfallen? es koſtet ihn ja nur ein Wort, und ich aͤndre, oder räume — 200— weg, was ihn ſtort. Aber er ſchweigt, und ich bin zu ſtolz, zu ſelbſibewußt, um ihm mit Muͤhe und Angſt die Worte abzubetteln. Endlich: ſeine haͤufigen Abweſenheiten in der letzten Zeit. Was bedeuten dieſe? Seit wir verheirathet ſind, hat er ſich nicht ſo oft von Hauſe entfernt als in den letzten vierzehn Tagen. Das aͤngſtigt mich, das raubt mir die Ruhe. Sie, unſer Freund, muͤſ⸗ ſen mir Licht geben konnen. Sie ſind faſt taͤglich um ihn. Er hat zu Niemand auf der Welt ein großeres Zutrauen als zu Ihnen,. Sie muͤſſen wiſſen.. und was Sie wiſſen, ſagen Sie es mir.“ Nach langem Beſinnen verſetzte Heckdey:Wahr⸗ lich: Sie ſetzen mich in nicht geringe Verlegen⸗ heit. Ich moͤchte gerne Ihnen die klare Wahr⸗ heit ſagen; allein ich muß bekennen, daß Leopold mir ſelbſt ein Räthſel iſt. Zum Theil; fuͤge ich noch hinzu, denn ein Stuͤck des Geheimniſſes, womit er ſich vor Ihren Augen zu umgeben ſcheint, iſt fuͤr mich kein Geheimniß mehr.— Das Ganze betreffend, weiß ich ſeine veränder⸗ — 201— liche Stimmung nicht zu deuten, wenn ſie nicht das Symptom irgend einer Koͤrperkrankheit iſt. In der That: was kann ſeinem Innern mangeln? ſein Chakter iſt vortrefflich; ſeine buͤrgerliche Lage behaglich, ſogar glaͤnzend, und Sie, meine werthe Freundin, Sie und Ihre Kinder machen ihn gluck⸗ lich. Ja, ja, gluͤcklich; das hoͤrte ich ſchon tau⸗ ſendmal— erſt geſtern noch— aus ſeinem eignen Munde. Koͤrperliche Verſtimmunng, nichts weiter, meine Liebe; ich gebe Ihnen mein Wort darauf. Eine Reiſe etwa mochte ihn zerſtreuen, kräftigen. Die Unthätigkeit iſt die Mutter alles Uebels.« „Und die Abweſenheit das Grab der Liebe;“ antwortete Engenie heftig und etwas unbeſonnen. „Sehr richtig;“ betonte Georg ſo ernſthaft, daß Eugenie erroͤthete. Er ſetzte hinzu:„Nicht immer jedoch ſtehen die Aktien ſo ſchlimm. Sie haben den Leopold bisher in naher, allernaͤchſter Aufſicht gehalten. Laſſen Sie ihn einmal ausflie⸗ gen. Ich ſiehe dafuͤr: er kehrt gerne und mit verdoppelter Zärtlichkeit zu ſeiner liebenswuͤrdigen Kerkermeiſterin zuruͤck. Ihre Feſſeln ſind von — 202— Roſen, und er wird den Honig, den Sie ihm ſpenden, nicht miſſen wollen.“ —„Gut: ich danke verbindlich fuͤr die unver⸗ dienten Complimente; aber ich beſchwoͤre Ihnen, daß ſchon die letzten paar Wochen eine fortgeſetzte Abweſenheit und Reiſe zu nennen waren. Dabei welche Geheimniſſe, welche Ausfluͤchte auf meine Fragen! Gott! Leopold hat Geheimniſſe vor mir! Leopold antwortet nicht redlich auf meine Fra⸗ gen? Das bin ich nicht gewohnt, das ertrag' ich nicht!“ Die Lebhaftigkeit verkehrte ſich in Thraͤnen. Troͤſtend ruͤckte Georg der Klagenden naͤher, und fluͤſterte ihr zu:„Nehmen Sie ſich zuſammen, Selbſtquälerin. Laſſen Sie doch den jungen Da⸗ men nicht merken ſie moͤchten Wunder den⸗ ken, was wir hier einſam verhandeln. Und er⸗ lauben Sie mir, Ihnen gerade uͤber den letzten Punkt, den Sie beruͤhrten, eine Erlaͤuterung zu geben. Dazu habe ich den Schlͤſſel.“ 3 —„Gott ſey Dank! ich wußte es ja;“ ſeufzte Eugenie und bezwang neugierig und geſpannt das Schluchzen. „Ich verderbe durch mein Ausplaudern mei⸗ nem Freunde eine große, vielleicht die großte Freude ſeines Lebens;“ fuhr Heckdey fort:„aber, wie koͤnnte ich vor meinem Gewiſſen verantworten, Sie nur eine Nacht laͤnger Ihren Zweifeln zur Beute zu laſſen? Auch Ihnen verkuͤmmere ich eine angenehme Ueberraſchung.. allein: Sie woll⸗ ten es. Die Sache iſt einfach dieſe: Leopold, be⸗ gierig, jeden Ihrer Wuͤnſche zu erfuͤllen, hat den geheimſten Ihrer Seele errathen.“ „Den geheimſten? Welchen? Sprechen Sie.“ —„Sie wollen ſich gefaͤllig erinnern, daß Sie im verwichnen Fruͤhjahr eine kleine Luſtreiſe in das Gebirge machten? und zwar in Geſell⸗ ſchaft Ihres Gatten? Was gefiel Ihnen auf die⸗ ſer Fahrt am Beſten? War's nicht, auf der Schwelle des Hochgebirges ein zierliches „halb in Buchenſchatten verſteckt, halb ab⸗ — in dem See zu ſeinen Fuͤßen, den es beherrſcht?⸗ — „Ach ja; das wunderſchoͤn gelegene Weiſſen⸗ brunn. So iſts.— Nun, wie hat jene Erinnerung einen Bezug auf... 6 —„Das erklaͤre ich Ihnen eben. Die Be⸗ ſitzer deſſelben waren nicht gluͤcklich, gezwungen es zu veraͤußern. Ein nobler, freigebiger Kaͤufer hat ſich gefunden, und das Schloͤßchen alſobald verſchenkt, verſchenkt an die Dame ſeines Her⸗ zens. Sie, beſte Frau, ſind jetzt die Eigenthuͤ⸗ merin von Weiſſenbrunn, und das Gut iſt ein An⸗ gebinde Leopolds zu Ihrem Geburtstage.“ „Mein Gott! und ich konnte glauben. k rief Eugenie frendig uͤberraſcht, und ihren Arg⸗ wohn tief bereuend. Georg ſchmiedete das Eiſen:„Daher alſo ſeine haͤufigen Entſernungen; daher auch ſeine heutige geheimnißvolle Fahrt. Der Menſch verſteht nicht, ſich zu verſtellen. An mir wuͤrden Sie nichts gemerkt haben. Leopold fließt uͤber von Auf⸗ richtigkeit, und glaubt dabei, ſeine Sachen vor⸗ trefflich gemacht zu haben. Gerade jetzt, zu die⸗ ſer Stunde ſitzt er ruͤckkehrend im ſtillen Wagen, — —— und freut ſich ſchon des morgenden Tags, und der Freude, die er anrichten wird. Er ahnt nicht, daß der allzuwillfaͤhrige Freund aus Mitleid mit der Geſpenſterſeherei einer argwoͤhniſchen Frau einen Verrath begangen hat, den ihm jetzt wohl beide Theile nicht danken werden.“ „Nicht danken? Sie machen mich glůcklich da⸗ durch, graͤnzenlos gluͤcklich, beſter Georg. Und Leopolds Freude ſoll vollkommen ſeyn. Nicht ein Lächeln, nicht ein Zucken meiner Wimper ſoll ver⸗ rathen, daß ich um die Sache weiß.“ —„Jedes Weib iſt etwas Schauſpielerin; es wird ſchon gelingen;“ ſagte Heckdey trocken.— Eugenie uͤberhoͤrte den Ausfall, und ſchwatzte immer vertraulicher weiter, waͤhrend die Damen am Fluͤgel Spontiniſche Maͤrſche raſen ließen. „So wird der kommende Tag der ſeligſte mei⸗ nes Lebens;“ ſagte ſie eilig und leiſe:„Nehmen Sie Theil an meiner Zufriedenheit, unſer Aller Freund. Das praͤchtige Geſchenk Leopolds, das in der That meiner Wuͤnſche kuͤhnſten erfuͤllt, iſt nicht allein, was mich entzuͤckt. Hoͤren Sie: mein — 206— Mutterherz ſchwimmt in Wonnc. Der junge Wan⸗ dersheim hat heut in aller Form, von ſeiner Fa⸗ milie Beiſtimmung unterſtuͤtzt, bei mir um Cä⸗ ciliens Hand geworben. Leopold und ich, wir wußten ange um ſeine ſtille Neigung. Aber die Jugend iſt veraͤnderlich. Es konnte ein Hinder⸗ niß eine anderweitige Beſtimmung des Juͤng⸗ lings Vorhaben melſtern, zu nichte machen. Wir haben darum nicht einmal durch einen Fingerzeig unſrer Tochter Ruhe geſioͤrt, wir haben ſie gaͤnz⸗ lich ihrer jungfraͤulichen Unbefangenheit uͤberlaſſen. Sie hat Gefallen an den Sitten, an dem Geiſte des jungen Mannes, das war uns vor der Hand genug. Nun aber iſt die Zeit gekommen, da ge⸗ redet werden ſoll und muß. Ich habe daher mit Wandersheim die Verabredung getroffen, daß Morgen bei'm ſchlichten Abendeſſen er ſelbſt dem Mäaͤdchen ſeinen Antrag mache. Sie wird er⸗ rdthen, verſtummen, an der Bruſt der Mutter einwilligen, dem Freier verſchämt die Hand reichen, und Leopold ſoll hieranf vor der ganzen kleinen Geſellſchaft die Verlobung proclamiren.⸗ — 207— 5 —»Werbung auf der Eilpoſt;“ ſtotterte Heck⸗ dey mit tiefem Athemzuge. Worauf Eugenie: „Ich liebe das, kurz, ſchnell und beſtimmt. Dabei iſt keine Zeit zu verlieren. Schon in ein paar Tagen ſoll Wandersheim ſeine große Tour antreten, die ihn ein ganzes Jahr entfernt halten wird. Nach Verlauf deſſelben wird er mit Cä⸗ cilie vor dem Altar eingeſegnet. Das Mädchen iſt noch ein halbes Kind, und mag ſich waͤhrend der Friſt auf die Pflichten einer guten Hausfrau vorbereiten.«“ —»Allerdings; ein Jahr iſt lang.. ein Jahr iſt kurz: wie man's nimmt. Nun: ich wuͤnſche Gluͤck, viel Gloͤck“« Heckdey erhob ſich etwas gewaltſam vom Seſſel. „Die Parthie iſt trefflich;« plauderte die Mut⸗ ter fort:„großer Reichthum; der einzige Sohn, brav, wacker und feingebildet; jung, geſund und lebensfroh. Selten wird ein Paar unter ſo gluck⸗ lichen Auſpicien vereinigt.— Sie ſind zum Ver⸗ lobungsſchmauſe eingeladen, beſter Heckdey. Sie kommen doch? nicht wahr? das wird ein Schau⸗ — 206— ſpiel ſeyn, wuͤrdig eines Beobachters, wie Sie es ſind.“ —„Ich danke, danke ſchoͤnſtens. Ich werde dabei ſeyn; ich muß ſogar dabei nicht fehlen;“ murmelte Georg. Seine Zaͤhne klapperten; er biß ſie knirrſchend zuſammen. Eugenie bemerkte ſeine Unruhe nicht; denn Ralph trat ſo eben ein: „Gerade iſt der Wagen in den Hof gefahren. Der Vater iſt jedoch am Steinthore ausgeſtiegen, hatte noch einen Gang in der Stadt zu thun.“ Georg horchte dem Knaben mit Begierde zu. Ein Gedanke wirbelte in ſeinem Kopfe, der ſeinen Verdruß ziemlich erſtickte. Nach der Reihe zuckte, von nun an, bald Unmuth, bald Vergnuͤgen auf ſeinem Geſichte. „Der gute Leopold!“ raunte ihm Eugenie zu: „er goͤnnt ſich nicht Ruhe nicht Raſt, um die Sache zur gehorigen Zeit in's Reine zu bringen. Gewiß gilt dieſer ſpäte Gang noch der Angele⸗ genheit, von der Sie ſprachen.“—„Gewiß“ verſetzte Georg. Er fuͤhlte, daß er durch ſein Ge⸗ ſtaͤndniß einen feſten Fuß in Eugeniens Vertrauen — 209— gefaßt. Die meiſten ihrer Zweifel gegen ihn ſelbſt waren geſchwunden, obgleich nicht alle und jede. So hatte, zum Beiſpiel, Eugenie nicht die min⸗ deſte Unruhe uͤber Leopolds Ausbleiben, das ſich von Stunde zu Stunde verlaͤngerte. Wußte ſie doch, daß er nicht in Georgs, des Verehrten und Gefuͤrchteten, Geſellſchaft. Endlich zur ſpäten Stunde— Georg hatte ſchon den Hut ergriffen, um zu gehen— kam Leopold nach Hauſe, zuruͤckgeworfenen Hauptes, glaͤnzenden Auges, eine ſonderbare Miſchung von Genugthuung und Unluſt im Geſichte. Die Fa⸗ milie umringte ihn, Engenie ſchloß ihn, zum vor⸗ aus dankbar, in ihre Arme. Mit verſchwenderi⸗ ſcher Zärtlichkeit, mit einem Lurus von Worten, begrußte er die Gattin; mit gezwungener Luſtig⸗ keit antwortete er den Fragen ſeiner Kinder. Bei'm Anblick Heckdey's, ihm ſonſt ſo angenehm, verbreitete ſich dunkles Roth uͤber ſeine Stirn, mit einer gewiſſen Scheu reichte er ihm die Hand; er verſchluckte halb die Antwort auf Georgs Abend⸗ Boa Conſtrictor. 1. 14 — gruß. Der Freund ſtellte ſich, als merke er nicht die Veraͤnderung. Nach kurzer Unterhaltung ging er weg. Aber auf der dunkeln Straße murmelte er, wie ein Rechner, vor ſich hin:„Seine Au⸗ gen, ſeine Schamtoͤthe, ſeine Aengſilichkeit vor mir. facit: Diana hat gehandelt, wie ich wuͤnſchte. Die Mulattin ſoll belohnt werden.“ 3. Es iſt eine gleißneriſche Wohlthat des Zufalls, wenn er dann und wann an einen ſchweren Ver⸗ druß, und einen bittern Kummer einen Ableiter knuͤpft, der fuͤr Augenblicke den Truͤbſinn des Leidenden oder Zuͤrnenden zerſtreut. Schwaͤrzer und quälender kehrt die Sorge wieder, ſobald das Palliativ ſeine beruhigende Kraft verloren. „Die Mulattin ſoll belohnt werden!“ hatte Heckdey mehreremale froͤhlich wiederholt. Aber plotzlich ſtand wieder vor ihm das drohende Ge⸗ ſpenſt: Wandersheim, Caͤciliens Verlobter, ihr Braͤutigam. Georg brummte wild:„Was hilft „ — 211— mir alles, wenn dieſe altväteriſche Geſchichte zu Stande koͤmmt? Papa und Mama gewonnen, dann erſt das Mädchen gefragt Verlobung bei'm Deſſert, die Komdoͤdie vom Ringwechſel... uͤber ein Jahr die Hochzeit..2 Wie ſpießburger⸗ lich, wie eckelhaft! Und dennoch raubt mir dieſe Spießbürgerlichkeit mein Gluͤck, die einzige Karte, die mich gewinnen machen kann! O Verdamm⸗ niß! Freilich: wer verlobt wurde, iſt noch nicht verehlicht. Ein Jahr kann Vieles anders geſtal⸗ ten Die Abweſenheit... Aber man darſ ſich nicht allzuſchr auf das Sprichwort verlaſſen. Oefter entzuͤndet die Abweſenheit Flammen, die vorher nicht brannten; und ferner: habe ich denn ſo uͤberfluͤſſig Zeit, um zu warten? Mein Leben geht raſch von ſeinem Scheitelpunkt thalwärts, — ich muß die Gelegenheit am Schopfe faſſen. — Dennoch: was will, was werde ich thun? Ich bin nicht der Held eines Romans, dem alle Kräfte, die der Dichter ihm zuzuwenden fuͤr gut findet, zu Gebote ſtehen. Waͤre ich mit Jenem allein in den Savannen Amerika's, in den Eindden der Antillen, 14 b — 212— auf leichter Barke im weiten Meere.„ wo nur der Himmel zuſieht..2 Da flog ihm der Gedanke durch den Kopf er wolle ſich dem jungen Mann als Reiſegefährte anbieten, ihn in eine ferne Gegend verlocken. Ein Unglucksfall ſey ja ſo leicht erfunden, das tuͤcki⸗ ſche Klima ſo triftig zu beſchuldigen. Selbſt in tiefſter Ruhe, im beſten Comfort wuͤrde ja ein Trank von Limonien und....— Georg ſchau⸗ derte zuſammen.„Brr!“ fuhr er auf:„fort von mir, Deſcharpes.. fort, was willſt Du hier 2« — Um ein unangenehmes Bild heftig von ſich ab⸗ zuwehren, ſchlug er mit ſeinem Stocke nach einer doͤſter brennenden Laterne. Sie klingelte in Stuͤ⸗ cken zu Boden. „Halt da, Nachtſchwaͤrmer!“ rief eine wohl⸗ bekannte Stimme. Wirgenas hielt lachend den Arm ſeines bruͤderlichen Freundes auf. Georg ſammelte ſich. „Woher kommſt Du, gerade Du zu dieſer Zeit 2« fragte er verwundert, aber ſich bernhigend. „Eher hätte ich das Recht, Dir die Frage zu 5 — 213— ſtellen?“ entgegnete der Andere:„Späte Spazier⸗ gänge ſind gegen Deine Gewohnheit. Ein Haupt⸗ mann unſrer ſiegreichen Armee hat dagegen die Befugniß, zu jeder Stunde der Nacht uͤber die Straße zu gehen, wenn ihm einfaͤllt, noch ein Glas Punſch als Schlaftrunk zu genießen.“ —„Lockrer Zeiſig! Biſt ſchon luſtig uͤber Ge⸗ buͤhr. Geh ſchlafen und verpraſſe nicht Dein Geld.“ „Sage: das Deinige. Deine Freigebigkeit zu feiern, mache ich mich ein bischen munter; nichts weiter. Und hoͤre meinen Vorſchlag. Wir ſind an der Thuͤre der Punſchbude. Tritt ein mit mir; bevormunde mich. Ein Viertelſtuͤndchen, und ich gehe heim, wie ein Laͤmmchen ſo ruhig. Habe Dir ohnehin zu erzählen; wichtige Dinge, auf Ehre. Unaufſchiebbare Dinge, weiß Gott!“ —„Wohlan, geſchwinde denn;“ antwortete Georg argliſtig. Sie gingen ein in das bacchiſche Heiligthum. Ein Trupp von Studenten, die letzten Beſucher des Orts, nahmen Abſchied von den Arrak- und —— Citronenduͤften und von den aromatiſchen Tabaks⸗ wirbeln, womit ſie ihrer Gottheit geraͤuchert.— Georg und Guſtav waren die einzigen Herren der Stube, ſie ſetzten ſich an ein Nebentiſchchen, von Niemand belauſcht; denn fern von ihnen am Comptvir ſchlummerte behaglich der Kellner, der ſeine Mundſchenkgeſchaͤfte in der Regel nur in der Eigenſchaft eines Nachtwandlers zu verſehen pflegte. „Auf Dein Wohl!“ ſagte Wirgenas, und hauchte ſo zu ſagen, das erſte Glas aus. Dann fullte er aufs neue aus der vergoldeten Bowle, legte mit bärenhafter Theilnahme ſeine gewaltige Hand auf die des Freundes, und ſeufzte;„Ich meine es ſeelengut mit Dir. Du biſt aber auch ein guter Knabe, nur zu gut, nur zu nachſich— tig, auf mein Wort.“— Er verdrehte wehmuͤ⸗ thig die Augen, und ſtrich den Schnauzbart. —„Das mag wahr ſeyn, Guſtav. Aber wo⸗ her dieſe Vermuthung? warum dieſer poſſierlich⸗ ſeierliche Eingang?“ Der Hauptmann legte nun die Hand auf's Herz, als wie beleidigt fragend:„Poſſierlich, — 215— während ich ſo cordial bin? Oder glaubſt Du etwa, daß der Wein aus mir rede? Pfui: Du haſt ein ſch'immes Vorurtheil. Pfui noch einmal. Ich bin nicht ein Trinker von Profeſſion, auf Seeligkeit. Aber die Feldzuͤge, ſichſt Du, die Feldzuͤge im Suͤden und Weſten... die haben uns ruinirt. Carracho! meine Leber iſt ſehr an— gegriffen worden von der Hitze und den Strapa⸗ tzen. Darum verlangt ſie immerwaͤhrend nach Kuͤhlung.“— Wieder auf einen Zug war der heiße Punſch durch die Kehle des Offiziers. —„Es ſey; gut. Was aber verlangteſt Du von mir? Was wollteſt Du mir vertrauen?“ fragte Georg, etwas ärgerlich. „Nichts auf der Welt, als daß Du betrogen biſt;“ platzte Guſtav heraus, und hielt inne, die Augen weit aufreißend, als beabſichtige er, die Wirkung zu ermeſſen, die ſein Kernſchuß gethan. Heckdey fuhr ruhig fort:„Betrogen? moͤglich. Wie ſo? von wem*“ „Von dem, der ſich fuͤr Deinen beſten Freund ausgibt. Der Teufel hole alle ſiille Waſſer. Gelt, — 216— mein Alter, ich war ein guter Kerl, und folgte Dir aufs Wort? habe nie wieder eine Sylbe mit Deiner Pflegetochter, der Braunen, gewechſelt? habe nie wieder einen Blick nach ihr gewagt? Nun, das verbot ſich von ſelbſt, ſeit Du das einſame Haus in der Eliſabethenſtraße gemiethet haſt, wo ſchier Niemand aus und eingeht, und ſtets die Vorhaͤnge herabgelaſſen ſind.“ —„Nun? heraus endlich mit der Sprache. Du wirſt mich ungeduldig machen.“ „Ich bin gleich fertig; hoͤre nur. Zufällig liegt Deinem Hauſe quer gegenuͤber ein Haus des Trinkens, wo ich Credit und gute Aufnahme habe. Ich komme gerade dabvon her. Die Schenke iſt wenig beſucht, und ich kann ganz ungenirt darin⸗ nen ſeyn. Da iſt nun oft mein Hauptvergnuͤgen, daß ich mir von der Wirthstochter etwas auf dem Claviere vorſpielen laſſe, und ich liege waͤhrend deſſen am Fenſter, und ſchaue recht zufrieden in die Luft, oder beſſer, in die Welt hinaus.“ —„Eine ſehr geiſtreiche Beſchäftigung. Nun, was haſt Du geſehen, das mich beträfe 26 — Der Hauptmann, geheimnißvoll und vertrau⸗ lich naͤher ruͤckend:„Den Ederich, im blauen Rei⸗ ſemantel, der heute in der Dämmerung kam, be⸗ ſcheiden an Deine Thuͤre klopfte, und dahinter verſchwand. Du warſt nicht zu Hauſe; ich hatte Dich ausgehen geſehen. Dennoch blieb der Tuck⸗ maͤuſer zwei volle Glockenſtunden in Deiner Woh⸗ nung. Ich habe Wacht gehalten; das Ding war mir auffallend, und dann, ein bischen verroſtete Eiferſucht,— wer weiß? Punktum: ich ſah ihn wieder aus der Thuͤre ſchluͤpfen. Eine Laterne brennt juſt daneben. Er wars. Obſchon die Per⸗ ſon, die ihn an die Pforte geleitete, mit Sorg⸗ falt ihr Licht verbarg, ſo bemerkte ich doch eine feine volle Hand, die der Weggehende mit In⸗ brunſt druͤckte. Merkſt auch Du jetzt etwas 2“ —„Das wäre! wunderbar! faſt nicht glanb⸗ lich!—— „Nun, ſo ſollen mich doch neun und neunzig Donnerkeile....“ Wirgenas verſchluckte plotzlich die grobe Betheurung, um gelaſſener beizuſetzen: „Ich will vom Regimente gejagt werden, wenn's S nicht die buchſtaͤblichſte Wahrheit iſt. Was kum⸗ mert's denn mich? Hätte ich etwas davon, Dich zu belügen, Dich, meinen Finanzminiſter? Pfui doch! Und es iſt nicht das erſtemal, daß der Herr Dich hinter Deinem Ruͤcken beſucht, wie ich mit dieſen meinen Augen geſehen,„... und jetzt, mache damit, was Du willſt;... und wenn er Dir's ablengnete, ſo bin ich da mit Säbel und Piſtolen. Ich habe ſchon einmal mein Leben an einen Wachtelhund geſetzt; um ſo vielmehr wuͤrde ich's an eine Sache von ſolcher Wichtigkeit ſetzen. Pah!— laß' Dir doch die Geſchichte von dem Wachtelhund erzählen; ſic iſt zum Todtlachen, und brachte wirklich dem Lacher ein ſeliges Ende. Alſo: es war im Jahre....* —„Verſchone mich,“ befahl Heckdey:„und habe Dank fuͤr Deine Nachricht. Ich will die Sache uberlegen.— A propos: weißt Du, daß Ederich jetzt in der That ſeine Tochter verhei⸗ rathet?“ Die ſchnelle Frage ſchlug wie ein ſengender Blitz in Guſtav's Seele. Sein Geſicht verzog — 219— ſich krampfhaft. Er ſtieß das Glas in tauſend Scherben, und rief:„So ſollen doch...! Nun, auf Ehre, das hätt' ich nicht erwartet. Ein fri⸗ ſches Glas, daß ich den Groll erſaͤufe!“ —„Brab!“ ſpottete Georg:„Ein herrlicher Schlag von Leuten, die im Weine oder im Punſch alles untergehen laſſen koͤnnen!— Gute Nacht, Guſtav!“ Wirgenas hielt ihn zuruͤck, mit jener Dring⸗ lichkeit, die einem exaltirten Menſchen eigen, und mit der Frage:„Du willſt gehen? Verach⸗ teſt Du mich? Nur ein Wort: Gehſt Du aus Verachtung von mir?“ —„Warum ſollte ich Dich verachten? ſage mir;«“ antwortete Heckdey geringſchätzig. „Weil ich nicht gleich von Mord und Tod geſprochen habe? Laß mich aber immerhin trin⸗ ken. Der Zorn macht mich nuͤchtern, und wenn ich in der Nacht nicht ſchlafen kann, faͤngt die Beleidigung erſt an, mich zu wurmen. Gib Acht: Morgen wache ich boshaft auf.“ —„Zorn? Beleidigung? Bosheit? Warum — 220— denn all dieſen Aufwand? Wer hat Dich belei⸗ digt 2 »Ederich, weil er mir ſeine Tochter nicht gab. Ich zuͤrne, daß ich dieſe Sache, die mir ſo ſehr am Herzen lag, nicht durchſetzen konnte!“ —„Du fauler Werber! haſt Du denn nur den Mund aufgethan? haſt Du nicht, im Gegen⸗ gentheil, dem Nebenbuhler das Feld geräumt 2 „Auf Ehre, ſo iſts.— Aber, glaube mir, Deine Nachricht hat mich dennoch ſo erſchuͤttert, dergeſtalt gereizt. ich kann nicht leiden, wenn ein Anderer beſitzt, was ich gerne haben moͤchte! und nun vollends jener Menſch iſts doch der Wandersheim?“ Georg nickte. Der Hauptmann fuhr auf: „Rede doch, winke nicht, ſondern ſprich. Ich werde immer tuͤckiſcher, wenn mir nicht geantwortet wird. Mochte ich doch jetzt ſchon zerſtoren und reißen, wie ein Thier! Wann,.. wann ſoll denn die Hochzeit ſeyn 7 —„Morgen.“—„Morgen ſchon 2.— Mor⸗ — 221— gen Abend der Verſpruch, bald darauf der Se⸗ gen.“— Wirgenas lachte auf, gleich einem Kobold. —„Warum lachſt Du?“ fragte Heckdey trocken. „Mir faͤllt die Geſchichte von dem Wachtel⸗ huͤndchen ein;“ entgegnete Wirgenas, wie ein con⸗ fuſer Menſch:„Du willſt ſie aber nicht hoͤren. Da will ich Dir eine kurzere erzaͤhlen. Es war in Frankreich, wir ſtanden im Lager, und faul⸗ lenzten. Ich ſpielte, ich trank juſt nicht, und wollte doch Zeitvertreib.„Wie viel Uhr, Herr Kamerad 2e fragte ich Einen.„Drei Viertel auf Zehn.“—„Sie verzeihen; es iſt ſchon zehn.“— „Dreiviertel.“—„Zehn.“— Und da kam's zu Händeln. Ein jeder nahm fur ſeine Uhr Parthei. Und im naächſten Fruͤhroth lag der Dreiviertel⸗ mann ſauber todtgemacht auf dem Raſen.“— Der Hauptmann hob wieder an, conbulſiviſch zu lachen. Heckdey hielt ſich die Ohren zu, und ſchalt: „Hdre auf mit Deinem forcirten Wahnſinn. Ich kann die ſchlechten Spaͤße nicht leiden. Ich ſehe ſchon kommen, daß Du ein Glas zerbeißeſt oder Alles Geſchirr zu Boden ſchlenderſt. Was ſollte „ — 2— die troͤſtliche Lagerhiſtorie? erklaͤre mirs, oder laß mich fortgehen.“ Der Hauptmann erhob ſich, etwas unſicher zwar, aber mit einer fatalen Conſequenz im Ge⸗ ſichte. Er murrte wie eine grimmige Katze dem Andern in's Ohr:„Das ſollte bedeuten, daß ich mir nichts daraus mache, fur Cäcilie vom Leder zu ziehen, da ich's fuͤr meine Uhr gethan. Mor⸗ gen fordere ich den Jungen.“ —„So? um Dich lächerlich zu machen? Laß es bleiben!“ Der mitleidig⸗ſchlaue Widerſpruch erboſte den Wilden noch mehr:„Alle Donnerwetter! warum? Hab' ich nicht Courage etwa, um dem Flachs⸗ kopf Mores zu lehren? Du bekommſt Haͤndel mit mir, wenn Du's laͤugneſt K —„Wenn noch irgend ein Anlaß vom Baum zu brechen waͤre.. 2e bemerkte Heckdey eiskalt: „Da Dich die Sache dergeſtalt angreift, ſo waͤre ein ſolides Duell fuͤr den Offizier, der ſich belei⸗ digt wahnt, die beſte Auskunft. Wuͤrde die Ge⸗ ſchichte Dich weniger aͤrgern, ſo muͤßteſt Du ſie freilich lieber ignoriren.“ „Nein, nein, und zehntauſendmal Nein!“ ſchäumte Wirgenas wie ein eigenſinniges Kind: „Davon kann die Rede nicht ſeyn; und wenn ich auf die Feſtung käme mein Lebelang. Ich bin wild, ich bin tuͤckiſch; Blut muß fließen.“ —„So ſey doch vernuͤnftig! Ich billige die Hauptſache. Der Gelbſchnabel gefällt auch mir nicht. Ich hatte gehofft, zu Deinen Gunſten ein Wort mit Ederich reden zu koͤnnen. Da tölpelt mir der blaſſe Bube in's Gehege. Eine Lektion konnte ihm nicht ſchaden. Aber der Vorwand? Du kannſt ja nicht vor ihn treten, und ihm ſa⸗ gen: Sie heirathen, und das gefaͤllt mir nicht. Darum, und ſo weiter? Die ganze Welt wuͤrde Dich verhoͤhnen, denn die ſchlechteſte Rolle ſpielt immer der vom Weibe Verſchmähte.“. Wirgenas legte den Kopf in ſeine beiden Haͤnde, und ſchwieg. Nichts ruͤhrte ſich in der Stube, als der Pendelſchlag der Schwarzwaͤlder⸗ uhr.„Ein Thier, das ſchlaft mit vollem Wanſte!“ — 224— dachte Heckdey bei ſich, und wollte achſelzuckend von dännen, als der Capitän aufſprang, und mit einer furchterlichen Beſtimmtheit ſagte:„Ich will ſchon einen Anlaß vom Baume brechen, und Niemand braucht ja zu wiſſen, warum der Tanz losgeht? Der junge Herr ſelbſt ſoll's nicht erra⸗ then. Morgen die Verlobung? Na, den Abend will ich ihm verſalzen.“ —„Nur bitte ich, mich nicht in die Sache zu meliren;“ bemerkte Georg mit vornehmer Gleich⸗ guͤltigkeit.—„Verſteht ſich.“—„Ich ſekundire nicht; hoͤrſt Du, Guſtav 2—„Werde mich, ſo lange es noch Offiziere gibt, nach Civiliſten nicht umſehen;“ antwortete der Hauptmann grob. Worauf Heckdey:„Und hoffentlich verſchläfſt Du das Ganze, und wirſt Dich Morgen erſt be⸗ ſinnen muͤſſen, wie die Glasſcherben, die Dich blutig geriſſen, an Deine Haͤnde gekommen ſind.— „Hm! ich zweifleze verſetzte Wirgenas mali⸗ tids:„ich kenne mich darauf.“—— Und wahrlich: kaum war in Heckdey's Zim⸗ mern Tag geworden, als ſchon der Hanptmann 3 6 8 vor ſeinem Bette ſtand, und kaltbluͤtig ſagte:„Ich habe mich die Nacht ber ſchmählich geaͤrgert, und kann dem Burſchen die Beleidigung nicht hingehen laſſen. Eile iſt nothwendig, ſo ich ihm noch vor der Hochzeit einen Denkzettel anhängen will. Darum mag heute die Bombe platzen.“— Es uͤberlief den Aufhetzer doch ein bischen grauſig.„Du ſpaßeſt?“— ſagte er etwas be⸗ ſtuͤrzt.„Auf Ehre, nein!“ hieß die ruhige Ant⸗ wort.—„Aber wie willſt Du's beginnen?«— „Meine Sache; Du wirſt von mir hoͤren.“— Damit war Guſtav ſchon wieder aus der Stube. „Miles gloriosus!“ ſcherzte Georg vor ſich hin; dann ſagte er ernſter:„Ich fuͤrchte, daß er Wort hält.— Fuͤrchten? Warum? die Urtheile des Verhängniſſes ſind geſchrieben ſeit Ewigkeit. — Ich will's abwarten. Der Kluge pfluckt die Kirſchen, wenn ſie reif ſind⸗“— Er wickelte ſich wieder in die ſcidenen Decken:„Die Verlobung durfte geſtort werden. ein dummer Schläger iſt gefaͤhrlich. Er findet die Händel, die er ſucht; und Guſtav. hat eine ſeſie, ſichre Hand Voa Conſtrictor 1. 15 Heckdey entſchlummerte wieder. Die Fittige eines Engels wehten nicht uͤber ſeinen Träumen; denn nicht Cäcilie wandelte darinnen vor ſeiner entzuͤckten Phantaſie. Dagegen ſchob ſich die Ge⸗ ſtalt eines alten hektiſchen franzoͤſiſchen Pflanzers immer vor ihn, und kraͤchzte:„j'ai deus mil- lions! tu auras un jour mes deux millions!e —„Brr!“ knirſchte hierauf der Schlafende:„weg mit Dir, Deſcharpes! Abgeloͤſt, paſſirt! was weiter 2* 4. Wer die Brille faͤnde, die in das Innre der Seelen zu ſchauen vergoͤnnt, wie das Maͤhrchen erzaͤhlt! Wie viele Gäſte gaͤbe es in großen und kleinen Geſellſchaften, deren Gemuͤth im Einklang mit der Maske? Verſtellung, durch den Augen⸗ blick herbeibeſchworen, Verſtellung, die zur andern Natur geworden, meiſtert jede Verſammlung. Sie druͤcken ſich die Haͤnde und koͤnnen ſich nicht —— leiden; ſie lächeln ſich in's Angeſicht, und trauern im Herzen. Ein Gloͤck, wenn noch die Illuſion mit im Kreiſe ſitzt, die einen Jeden uͤberredet, er habe den Andern getäuſcht und gewonnen; denn das groͤßte Ungluͤck iſt, wenn keiner hoffen darf, den Andern zu uͤberzeugen; wenn Jeder weiß, daß ſein Nachbar auf ſeiner Hut. Welche Gollerie an der kleinen Tafel, die in Ederichs Hauſe zur Feyer von Eugeniens Ge⸗ burtsfeſte bereitet wurde! Ein Doppelfeſt ſoll es werden, denn auch Myrthen ſchmuͤcken den ſilbern und goldig glänzenden Tiſch. Die wenigen Ein⸗ geweihten erwarten mit Sorge und Sehnſucht die Hauptperſon des Abends: den Braͤutigam. Leopold heuchelt Heiterkeit und Frohſinn, wäh⸗ rend bereits der Geyer der Reue an ſeinen Ein⸗ geweiden zehrt. Engenie tragt das Gluck des Fe⸗ ſtes auf ihrer Stirn, und ihre Zweifel ſind ſchwär⸗ zer geworden, als je. Caͤcilie, verſtimmt durch die mancherlei Anſpielungen, die während des Ta⸗ ges die Eltern ſich nicht verſagen konnten, ſieht erſtaunt dem Treiben zu. Sie ahnt ein Geheim⸗ — 228— niß, das ſie betrifft, doch erhebt ſich ihre Unbe⸗ fangenheit nicht im entfernteſten zur voreiligen Ld⸗ ſung des Raäthſels. Der Oheim des jungen Wan⸗ dersheim, als Vertreter ſeiner Familie, zwingt ſich, von gleichguͤltigen Dingen zu reden, da er doch vor Begierde brennt, den herkoͤmmlichen Se⸗ gen zu ſpenden. Die Geheimeräthin, von korper⸗ lichen Leiden bedräͤngt, ſaͤße lieber in ihrem einſa⸗ men Kabinet, als in dem hellen Salon, wohin ſie die Convenienz gerufen. Luiſe, ewig verbittert, hat ihr Balllaͤrvchen vorgenommen. Die Frau von Mettner langweilt ſich lächelnd, nur mit dem nach Stralſund abgereiſten Gatten beſchäftigt. Ralph hat ſich aus Furcht vor des Vaters Vor⸗ wuͤrfen in die Rolle knabenhafter Sorgloſigkeit verſetzt, obgleich Heckdey's Gegenwart ihn miß⸗ launig macht. Und Heckdey ſelbſt? Er ſcheint der Froͤhlichſte von Allen, weil er die Unruhe ſeines Innern zur Luſtigkeit vermummte. Ein prachtvolles Geſchenk hat ihm die Freundſchaft der Dame vom Hauſe errungen. Dieſes Pfand der volligſten Verſohnung ———— erregt die Bewunderung der Gaͤſte, wohl auch ihren Neid. Es ziert die Tafel, und hat dem Geber den Ehrenplatz an der Seite Eugeniens ge⸗ ſichert. Darum hilft er, ſo zu ſagen, die Hon⸗ neurs des Hauſes machen, indem er den kleinen Zirkel unterhält und beluſtigt; aber hinaus uber den zuhdrenden Kreis fliegt oft ſein unſichrer Blick nach der Thuͤre, durch welche der Verlobte Cä⸗ ciliens kommen ſoll. Er koͤmmt nicht, und die Pendeluhr klingt doch eine Viertelſtunde nach der andern. Er koͤmmt nuicht, und die Liebe zu dem Braͤutchen ſollte ihn doch ſchon längſt zu ihren Fuͤßen gezogen haben. Selbſt in der Kuͤche wuͤnſcht man ſehnlichſt ſein Erſcheinen herbei. Die koſibarſten Gerichte ver⸗ derben am Feuer, ohne den wachſenden Appetit der Gaſte zu befriedigen. „Ich begreife den Ferdinand nicht;“ ſagt der Onkel:„ſonſt ſo puͤnktlich, und heute...7 Ge⸗ wiß hat die Toilette ihn feſtgebannt. Er war auf das Muſeum gegangen, um einen Freund zu ſprechen. Moͤglich hat dieſer ihn aufgehalten.“ „Wenn wir nach ihm ſchickten.. 2* fragte Eugenie. „Seine Gefuͤhle werden ihm Flaͤgel geben, nicht unſer Bote;“ antwortet Leopold halblaut. „Warum machen ſie denn heute ſo gar viele Umſtände mit dem Wandersheim 24 fluͤſtert Luiſe der Freundin zu.— Die Braut wider Willen zuckt die Achſeln; kann aber ihre eigne Beklom— menheit nicht verſtehen. „Nur Geduld;“ troͤſtet Heckdey mit ſchalkhaf⸗ ten Lippen:„Was lange währt, wird gut.“— Die Mettner gaͤhnt, die Raͤthin murmelt etwas vom Nachhauſefahren.— Endlich ein ſchnelles Klopfen am Thore.„Er iſt's!“ rufen Alle; nur Georg ſchweigt. Der Lärm des Thorhammers droͤhnt uͤbel in ſeinem Gehirne nach.— Es laſſen ſich Schritte vernehmen. All⸗ gemeine Bewegung der Damen, um des Eintre⸗ tenden Gruß mit Wuͤrde und Anmuth zu erwie⸗ dern. Die Thuͤre ſpringt auf: der Bediente er⸗ ſcheint mit tiefem Buͤckling. Das Murren ge⸗ taͤnſchter Erwartung empfaͤngt den Diener. — — 231— „Ein Herr iſt da, der Herrn Ederich alſogleich, nur auf einige Minuten, allein zu unterhalten wuͤnſcht.“—„Gewiß mein Notar;“ entgegnete Leopold verdroͤßlich:„fatal, daß er gerade zu die⸗ ſer Stunde die Herren haben auch manch⸗ mal nicht den mindeſten Begriff von Schicklich⸗ keit. Entſchuldigen Sie, nur fuͤr einen Moment.“ Heckdey holt tief Athem. Waͤhrend Leopold hinausgeht, winkt Engenie dem Bedicaten: Sag' Er, Bernhard. Wer iſt der Herr, der gekom⸗ men 2 Bernhard fuͤhlt den Dukaten, der ihm als Preis des Schweigens gegeben worden, Centner⸗ ſchwer in der Taſche, und antwortet ſehr natuͤr⸗ lich:„Ich kenne ihn nicht, Madame.“ „Alſo noch geſchwinde ein kleines Reiſe⸗Aben⸗ theuer!“ rufen die Damen dem in ſich verſunke⸗ nen Georg zu, und er holt gehorſam neues Futter fuͤr die Neugier aus dem Schatze ſeiner Eriüne⸗ rung. Doch iſt ſein Vortrag zerſtreut; abgeriſſene Worte, nichts als Worte, der Geiſt abweſend. Indeſſen tritt Leopold unten in das Gemach, das er mit der Benennung„Arbeitszimmer“ de⸗ — 232— corirt hat. Mit leidenſchaftlichem Ungeſtuͤm wirſt ſich ihm ein junger Mann an die Bruſt. Kaum iſt er im Stande, in ihm den Herrn von Wan⸗ dersheim zu erkennen. Tief in die Hoͤhlen geſun⸗ kene Augen, feurige Roͤthe auf den Wangen, heftiges Zittern durch alle Glieder entſtellen Fer⸗ dinands Geſicht und Haltung. Seine Haare ſchei⸗ nen ſich zu ſträuben. „Ferdinand? um Gotteswillen? was haben Sie? warum dieſer Auſtritt?«— Wandersheim verſucht zu reden. Seine Bruſt keucht, ſeine Stimme ſchluchzt. Verzweifelnd ruft er kaum verſtaͤndlich:„Ich bin beleidigt, verhoͤhnt, entehrt. Aehnliches iſt noch nie geſchehen, und ich kann in ſolchem Sturm der Seele nicht in Ihrem Zir⸗ kel erſcheinen.“ Neue Fragen, tauſende gegen eine Antwort. Endlich ſtammelt Ferdinand:„Kurz: hoͤren Sie. Ich trete in's Muſeum, gehe durch die Spielzim⸗ mer in das Billard. Am Buffet ſtehen mehrere Offiziere, unter ihnen befindet ſich der Hauptmann Wirgenas. Dieſer ſagt juſt bei meinem Eintritt: — — — 233— „Ich will euch weiſen, wie ich einem Gelbſchna⸗ bel, den ich nicht leiden kann, das Muſeum ver⸗ biete.“— Wie konnte ich denken, daß die gemeine Rede mir galt?— Ich ſuche unbefangen den Bekannten, der mich dahin beſtellte, und kehre ohne ihn zu finden wieder um. Der Drang mei⸗ ner Empfindungen trieb mich, nach Ihrem Hauſe zu gelangen. Am Buffet vorubergehend, hore ich meinen Namen rufen. Wirgenos iſis, der, einen Becher Gluͤhwein in der Hond, mir freundlich winkt.„Wollen Sie dieſes Glas mit mir trinken, Herr von Wandersheim 2« fragt er. „Ich danke; gewuͤrzte Weine trinke ich nicht;“ lautet meine Antwort. Darauf Er:„Wollen Sie mir einen Korb geben?«— Da ich ſein Geſicht ſtark erhitzt ſah, gebe ich nach, und naͤhere mich ihm, ganz verwundert ob der Familiarität, womit der Kapitaͤn ſich gegen mich betraͤgt. Wir haben, denke ich, keine hundert Worte fruͤher zuſammengeredet. Je⸗ doch— indem ich die Hand ausſtrecke, um ſein Glas zu empfangen, ruft er mit ganz — 234— verändertem Tone, wie ein Raſender:„Mir einen Korb, Burſche?“ und ſchleudert mir den Wein verächtlich in's Geſicht.“ „Alle Donnerwetter! iſts moͤglich? um des Himmels Willen! Die Urſache? die Folgen? wie ging es aus 2« Wie es ausgehen mußte;e antwortet Ferdi⸗ nand gefaßter:„Die grobe Beleidigung war ge⸗ ſchehen, und der Tumult ging an: ein babyloni⸗ ſches wirres Geheul. Die Offiziere nahmen blind⸗ lings die Parthei des Kameraden; die Civiliſten hetzten mich in die großte Wuth. Vorſätzlich war die Schmach veruͤbt worden; den Beweggrund zu ſagen, weigert ſich der Hauptmann. Ich reiße ihn vor die Thuͤre; nur ein paar Offiziere folgen. Ich fordre ihn. Er acceptirt. Morgen ſchießen wir uns auf der Feldmatte. Ich bin hieher ge— laufen, bevor ich zu Hauſe meine Angelegenhei⸗ ten ordne. Seyn ſie mein Secundant.« Das Begehren machte den Freund ſtutzig:„Ich bin wenig geſchickt in ſolchen Dingen;“ ſagt er ſchuͤchtern;„allein die Ehre gebietet mir, den An⸗ 6 trag anzunehmen, hauptſächlich in der Hoffnung, die Sache beizulegen.“ „Beilegen?“ fragt der Andre bitter:„Solche Beleidigung vertraͤgt keinen Vergleich.“—„Ich vermag viel uͤber den Hauptmann;“ meint Lev⸗ pold:„die Glut des Weins trägt oft die Schuld ſolcher Rohheiten.— O das bdsartige Geſchenk des Bacchus!“ ſetzt er, wie von einem boͤſen Nebengedanken bedraͤngt, hinzu. „Ich bin auf Alles gefaßt:“ beginnt Ferdi⸗ nand wieder:„Aber unter ſolchen Umſtänden— Sie begreifen— muß ich Ihre Abendgeſellſchaft meiden. Ich koche jetzt nur Gift in meinem In⸗ nern, und will, daß den Damen bis zum Aus⸗ „gange der Sache alles verſchwiegen werde. Nicht minder meinem Oheim, der der Mann wäre, die Polizei zur Hinderung des Kampfs aufzurufen. Entſchuldigen Sie mich: ich ſey krank, liege ſchon zu Bette...„ o welche ſuͤße Augenblicke vergaͤllt mir der brutale Wahnſinn eines Halbmenſchen k« „Ich werde verſuchen, meine Rolle zu ſpie⸗ len;« gutwortet Leopold duͤſter und wehmuͤthig. — 236— „Adien denn! auf Wiederſehn. Sie holen mich um fuͤnf Uhr ab; nicht wahr?«—„Gewiß.“— „Kein Wort an Cäcilie, kein Wort an ihre Mut⸗ ter. Ich erſuche Sie nicht vergebens darum? nicht wahr, mein väterlicher Freund?“—„Ver⸗ laſſen Sie ſich darauf.“—„So; jetzt bin ich gefaßter. Nun, nach Hauſe. Ruhe werde ich nicht haben, aber der grauſame Schimpf wird meine Fibern ſtählen, um dem Schurken feſt nach dem Leben zu zielen.“ „O weh;“ ſeufzt Levpold:„Warum waͤhlten Sie Piſtolen? Wirgenas, der furchtbarſte Schutze.. „Ich furchte ihn nicht;“ erwiedert Wanders⸗ heim heftig:„meine Geſchicklichkeit iſt nicht klein, und dann.. im Himmel iſt unſer Richter. Es fällt kein Vogel aus der Luft ohne den Wil⸗ len des Ewigen. Gute Nacht!“ „Gute Nacht;“ ruft ihm Leopold nach, und erſchrickt dann vor dem alltaglichen Wunſche: „Schlafen, Er? eine gute Nacht hinbringen? und Morgen 7 Aber, ſo wenig ich von der Sache begreife, ſo gewiß iſt, daß ich ſie beilegen werde. — Wirgenas iſt nicht boͤsartig, und wird ſich zu al⸗ ler Satisfaktion verſtehen, wenn ich ihm auf dem Platze in's Gewiſſen rede. Es ahnt mir, daß alles gut ablaufen werde.“ Dieſe Ahnung des gutmuͤthigſten Leichtſinnes richtete Leopold wieder auf. Mit ziemlicher Faſ⸗ ſung trat er vor ſeine Gäſte, und ſagte den ein⸗ gelernten Spruch. Dieſer wurde allgemein ge⸗ glaubt, nur nicht von Heckdey. Der Hausfreund ſchwieg auch mitten unter dem Geſammthedauern der kleinen Geſellſchaft. Wandersheims Onkel be⸗ gab ſich voll Beſorgniß ſchnell nach Hauſe, und der Schmaus der Zuruͤckbleibenden war kurz. Mißſtimmung herrſchte in Allem vor. Cäcilie allein fuͤhlte ihr Herz erleichtert; ſie wußte nicht, wie es kam. Bei'm Scheiden ſagte ſie dem Bu⸗ ſenfreund ihres Vaters ein herzliches Lebewohl. „Sie ſind ſo heiter 2“ fragte Heckdey argwoh⸗ niſch ſcherzend:„Wären Sie etwa recht vergnuͤgt, den Ueberlaͤſtigen gehen zu ſehn 2“ —„O wie boshaſt!“ autwortete das Maͤd⸗ chen:„Sie wiſſen es nur nicht,„aber viel — 238— heiterer iſt der gute Morgen, den ich täglich Ih⸗ rem Bilde zurufe.“ Erſchreckt blickte Cäcilie um ſich, ob nicht die Eltern das naive Geſtändniß ge⸗ hoͤrt. Aber dieſe waren mit den Ceremonien⸗ Knixen der Räthin beſchaͤftigt. Luiſe huͤpſte auf die Freundin zu, ſie zu umarmen. Heckdey hatte juſt nur ſo viel Zeit, daß er Cäciliens Hand feurig druͤcken konnte. Sie uͤberließ ihm die zarte Hand ohne Straͤuben. 5. „Nur ein Billet?“ fragte Georg am naͤchſten Morgen, die Addreſſe von Leopolds Schriſt leſend. Pluto antwortete:„War ſelber da, der Herr; in aller Fruͤhe iſt er da geweſen, wollte Maſſa Diana begoß die Blumen am Fenſter, nach dem Garten zu.“—„Hm! und Herr Ederich half ihr nicht bei der Arbeit?“— Der Neger lachte wie ein Dieb:„War ſehr eilig, habe ich geſagt. nicht ſtoren.“—„So 7—„War recht preſſirt. —— — 239 Diana iſt unzufrieden, und ſchalt auf den Herrn, da er ſich ſchnell aus dem Staube machte.“— „Wie koͤmmt aber dieſes? ich hoͤre, daß er ſonſt gern und lange mein Haus beehrt?“—„Maſſa hat mir befohlen....“ Pluto hielt mit einer gewiſſen Verſchämtheit die auseinander geſpreiz⸗ ten Finger vor die Augen. „Richtig.“— Auf einen Wink ließ der Schwarze den Gebieter allein, der ſich beſchaͤftigte, die eilig gekritzelten Zeilen des Briefchens zu leſen und zu commentiren. Leopold meldete ihm den Auftritt von geſtern, und den Ehrendienſt, der ihn heute in Anſpruch nahm. Sehr beifällig nickte Heckdey, indem er ſcherzend dachte:„Ein drolliger Gedanke, wenn dem Wandersheim eingefallen wäre, mich zu ſeinem Zeugen zu erwählen! Alſo Leopold in die Sache verwickelt? Das kann gut, aber auch boſe ſeyn; je nachdem Wandersheim ſich be⸗ nimmt. Wäre er feige.... das wuͤrde ihm bei dem Vater Cäciliens ſchaden. Aber, wenn er ſich brao hielte...2 das knuͤpft die Bande feſter. Und ich fuͤrchte faſt, daß er als Mamn ſich zei⸗ — 240— zen werde, wenn nicht Wirgenas ſo tuͤckiſch wäre, daß er nicht blos nach dem Arme zielte 7.. D pfui, ich mag dieſe Idee nicht verfolgen.“ Er wendete ſich mit Gewalt von der grauſa⸗ men Hypotheſe, und forſchte weiter:„Es iſt doch etwas an den Kuͤnſten, die aus den Formen des Geſichts, aus den Beulen des Hirnſchädels und aus den Zuͤgen der Schrift Elemente ſchoͤpfen, um dem Charakter eines Individuums auf die Spur zu kommen. Man ſehe dieſe Schrift; dieſe verworrenen, ungleichen, geſchleuderten, inconſe⸗ quenten Buchſtaben und Zeilen! Du biſt eine ſchwanke Rebe, Leopold; bedarſſt einer tuͤchtigen Stutze.— Ein ſeltſamer Menſch!“ fuͤgte Georg nach einer Weile läͤchelnd hinzu: Seit ihn Diana gefeſſelt, ſchaut er mir kaum in's Auge. Das boͤſe Gewiſſen, die Idee, an mir einen Raub begangen zu haben, martern ihn. Ich glaub's, daß ſeine Frau ihn durchſchaut, und jede ſeiner Mienen zu deuten weiß. Das muß ſich ändern; er muß lernen, hoch uͤber ſolchen un⸗ bedeutenden Schwaͤchen zu ſtehen; ſonſt verdiente — 241— er nicht, von mir geſchaͤtzt und geliebt zu ſeyn.“— In dem Zimmer auf und abgehend, hielt Heckdey an vor einem Plan der Reſidenz und ihret Umgebungen, der die Wand ſchmöckte. „Die Feldmatte?“ fragte er:„Hm; andert⸗ halb Stunden von hier.— Ja, um ſieben Uhr auf dem Platze acht, neun, halb zehn 7 ja um zehn Uhr kann alles vorbei, konnen die Partheyen wieder eingetroffen ſeyn. Ich will den Levpold in ſeinem Hauſe erwarten. Gebe der Himmel, daß die Sache ohne Geraͤuſch abgehe. Das neueſte konigliche Mandat gegen Duellanten iſt ſtrenge, und den Buͤrgerlichen namentlich ſehr gefährlich.“ Unter dieſen Betrachtungen hatte ſich Georg vdllig angekleidet, und da ſeine Uhr bald zehn zeigte, den Weg nach Ederichs Hauſe angetreten. Mit meiſterhafter Unbefangenheit fragte er nach Leopold. Eugenie ſagte bekämmerten Geſichtes: „Mein beſter Freund? es ſcheint, wir theilen ein und daſſelbe Schickſal. Wir ſind vergeſſen und Boa Conſtrictor I. 16 — 242— verlaſſen. Koͤnnen Sie es verſtehen? Mein Mann iſt ſchon um fuͤnf Uhr aus dem Hauſe gegangen, 6 Niemand weiß wohin; Niemand weiß, wann er zuruͤck ſeyn wird. Erklären Sie ſich das? O, Sie haͤtten ihn geſtern beobachten ſollen.1 Wenn er ſonſt mir eine Blume ſchenkte, wie gluͤcklich war ich, wie herzlich er! Und geſtern, als er mir den Kaufbrief von Weiſſenbrunn uͤborreichte... wie ſo anders, wie ſo ſchmeichelnd und declami⸗ rend! Das war nicht Natur, das war erlernte, eingeuͤbte Kunſt. Das reiche Geſchenk belaſiet meine Seele mit Kummer. Das Vergißmeinnicht, das ich in meiner Brieftaſche bewahre— eine Er⸗ inncrung an Leopold's Herzlichkeit von ehedem— wiegt tauſendfaͤltig das Rittergut auf.“ „Wie aber, wenn Sie ſich tänſchten?“ ver⸗„ ſetzte Heckdey warnend;„Da Sie um das Ge⸗ ſchenk bercits wußten, haben Sie es kaͤlter em⸗ pfangen, und glaubten in dem Geber Kaͤlte und Zwang zu entdecken? Hft ſchreibt man den eig⸗ nen Fehler einem Andern zu“5 Eugenie ſchuttelte unglaͤnbig das Haupt. Cã⸗ — 243— cilie trat raſch in die Stube. Ihr Geſicht, ziemlich finſter bei'm Eintritt, erheiterte ſich ſchnell, dem Hausfreunde gegenüber. Sie verneigte ſich freund⸗ lich, aber zu der Mutter ſagte ſie eilig: Haben Sie gehoͤrt? Die Frau von Mettner erzaͤhlte mir eben ein fatales Geruͤcht läuft in der Stadt umher: der Herr von Wandersheim habe geſtern im Muſeum einen garſtigen Streit gehabt; er ſey auf eine hoͤchſt nichtswuͤrdige Art beleidigt worden „Wie 26 rief Eugenie:„das erſte Wort, das ich hore! Wandersheim, der ruhigſte, gelaſſenſte Menſch! Wer konnte ſo grauſam ſeyn, ihn zu kränken? Wiſſen Sie vielleicht, Heckdey 2 „Ich weiß nichts;“ antwortete dieſer kalt: »Wohl aber iſis moͤglich. Der junge Mann aͤußert ſeine Anſichten ſo unverholen, ſo despotiſch und ſchneidend, daß nicht ein Jeder die Geduld beſitzen mag, die ich neulich gegen ihn entwickelte.“ „Vielleicht iſt er um der Geſchichte willen geſtern nicht gekommen?“ ſagte Eugenie nachſin⸗ nend:„Sobald Ralph aus dem Lycrum da iſt, — 244— ſoll er zu Wandersheim gehen, nach ſeinem Be⸗ finden ſich erkundigen.“ „Ich mag nicht ſagen, was die Frau von Mettner von den Folgen des Streits erzaͤhlte;“ fluͤſterte Cäcilie dem Freunde zu.— Georg ſah ſie ſtarr an. Er beruhigte ſich; auf Cäciliens Angeſicht war nicht die Angſt einer Liebenden zu leſen. In voller Carriere rollte ein Wagen vor das Haus. „Die Kaleſche der Räthin!“ riefen die Damen⸗ Einen Augenblick darauf flog Luiſe in's Zimmer. Ihr Schritt war haſtig, ihre Augen funkelten. „Wiſſen Sie ſchon?“ keuchte ſie faſt athemlos, und warſ ſich erſchopft auf das Sofa:„Wanders⸗ heim hat mit einem Offizier Zwiſt gehabt. Sie haben ſich geſchlagen, auf der Feldmatte geſchla⸗ gen. Blut iſt gefloſſen. Leute, die an unſerm Gartenhauſe voruͤber der Stadt zuliefen, berich⸗ teten es in Eilc. Mein Gott! welch ein Schrecken!“ „Blut!“ ſchrie Engenie auf: wer iſt verwundet worden? 2. „Mehr als Wunden!“ verſetzte Luiſe ſchau⸗ dernd:„Der Tod, der Tod! Der Offizier iſt ge⸗ blieben, ſagen die Leute.“ „Ach!“ war der Ruf des Entſetzens der Zu⸗ horerinnen.„Und doch Gottlob!“ fuͤgte Eugenie erblaſſend bei:„fuͤr uns iſt Wandersheims Leben das koſtbarere!“ „So gäbe es dennoch eine Vergeltung? eine Gerechtigkeit uͤber den Wolken?“ fragte ſich Heck⸗ dey, bis in die Seele erſchuͤttert. Da ſtand, unbemerkt hereingetreten, Leopold vor ſeiner Familie. Er war das treuſte Bild des vleichen Schreckens.„Mein Gatte!“ ſchrie Euge⸗ nie; Vater!“ jubelte Cäcilie.— Frau und Toch⸗ ter hingen am Halſe des Geliebten; denn in bei⸗ den war plotzlich die Ueberzeugung aufgeſtiegen, Leopold muͤſſe bei der morderiſchen Scene gewe⸗ ſen ſeyn, und nirgends anders. Auf alle Fragen der Beſorgniß und der Theil⸗ nahme fand er keine Antwort, als die abwehrende troſtloſe Geberde. Nach dem Himmel deutete er, da ihn Eugenie beſchwor, zu ſagen, was vorge⸗ — 246— fallen. Schweißtropfen ſtanden wie Perlen auf ſeiner Stirne, in ſeinem Ange rollten klarere Per⸗ len, da von allen Seiten in ihn gedrungen wurde; und das erſte Wort, das ſeiner geaͤngſtigten Bruſt ſich entwand, als die Frauen fragend und zagend den Namen„Wandersheim“ genannt, war das furchterliche:„Dahin! dahin!“ „Dahin2˙“ kreiſchte Eugenie und ſank unter den Truͤmmern ihrer Hoffnung und Entwuͤrſe ohn⸗ maͤchtig zu Boden. Luiſe und Cacilie, an allen Gliedern zitternd, ſuchten ſie wieder zu ſich zu bringen. Leopold ſtand unbeweglich, eine Hand vor dem Geſichte, die andere nach Heckdey aus⸗ ſtreckend, wie nach einem Retter. Georg gab ihm ſeine Rechte. Sie war kalt wie Eis, daß Leopold zuſammenfuhr, und ſtam⸗ melte:„Wehe! biſt Du auch nur ein todter Leich⸗ nam, wie der ungluͤckliche Ferdinand 26 Georg erwiederte nichts. Es brauſte vor ſei⸗ nen Ohren. Seine Bruſt erſtarrte unter der Wucht des grauſamen Sieges, den er errungen. Er hatte das Fuͤrchterliche gewollt, begehrt, und die Er⸗ — 247— füllung ſeines Begehrens entſetzte ihn. Der Sä⸗ mann ſaet, und betet, daß ſeine Suat gedeihe Aber nicht allein das auch die Schierlingſaat geht uuf.— Leopold flüchttte ſich vor ſeinen Erinnerungen an das Herz des Freundes.„O hätteſt Du ge⸗ ſchen, wie es ſich begab!“ klagte er mit wanken⸗ den Knieen:„die Bäume ſo grun, die Vogel hell⸗ zwitſchernd auf den Eichenäſten.. die Sonne la⸗ chend, der Raſen von Sammet, durchwirkt mit Blumenſternen, tauſendfarbig! Und uͤber dieſen Roſen ſtrdmend das edle warme Blut eines treff⸗ lichen Juͤnglings ſein zerſchoſſener Kopf ge⸗ bettet auf wilden Narciſſen, beſchattet von den breiten Federboͤſchen des Farrenkrauts! O des Jammers uͤber dieſe troſtloſe Vergänglichkeit! Ju⸗ gend, Edelſinn und Reichthum, die Buͤrgen einer herrlichen Zukunft, liegen wtrt im auf immerdar dahin.“ „Wie, wie konnte das geſchehen 2 fragten die Damen. Sb hatte ſich— und — 248— Leopold erzaͤhlte in heftiger Beſiuͤrzung die Veranlaſſung des Zweikampfs, ſeine vergeblichen Verſuche ihn zu hintertreiben: Wirgenas,“ ſprach er,„war wie von einem Satan beſeſſen, der ihn eigenſinnig in ſeinen Schlingen hielt. Der mord⸗ gierigſte Pirat haͤtte ſich durch meine Worte, durch meine Ermahnungen entwaffnen laſſen. Der teuf⸗ liſche Starrkopf gab nicht nach. Er duͤrſtete— wie ich leider nicht mehr bezweifeln darf— nach dem Leben des unſchuldigen Juͤnglings. Das Motiv davon? Gott allein kennt es, auſſer dem Hauptmann. Aber ſelbſt auf dem Terrain wie⸗ derholte Wirgenas ſeine Schmaͤhungen, und ſtei⸗ gerte ſie; daß endlich dem edeln und gerechten Zorn des Beleidigten ſelbſt nicht mehr zu ſteuern war. Wandersheim begehrte wild die vollſte Genug⸗ thuung. Wirgenas antwortete kalt, trocken wie ein Steinbild.— Wandersheim ſchoß zuerſt; ſeine Kugel fuhr hart an des Hauptmanns Rippen voruͤber.„HGute Nacht, Kioͤte!“ murmelte Wir⸗ genas zwiſchen den Zaͤhnen, und zielte lange auf den unerſchrocknen Gegner. Eine folternde Mi⸗ nute. Ploͤtzlich, des Spieles ſatt, druͤckte der Unbarmherzige los,.. das Gloͤck der Schelme war ihm hold, und der Rechtſchaffene ſein Opfer.“ Hier folgte eine lange Pauſe der Betruͤbniß. „Weiter 2“ bat Engenie niecdergeſchlagen. Leopold fuhr langſam fort:„Der Athemzug, mit welchem der Arme die Kugel empfing, war auch ſein letzter. Gleichguͤltig gegen Alles, wae hienieden ſein wackrer Geiſt geliebt, ſank der Koͤr⸗ per zuſammen.„Todt!“ ſprach der Arzt, und befahl, den Leichnam in die Kaleſche zu bringen. Mit einem kaltſinnigen Gruß an mich ſchwang ſich Wirgenas aufs Pferd, und ſprengte mit ſei⸗ nen Zeugen nach der Stadt. Am Thore nahm ich von dem Todten Abſchied. Ich war zu kraft⸗ los, ihn in des Oheims Haus zu bringen. Ach, der alte Mann, und Ferdinands Mutter, ſo viele Meilen von hier entfernt! Welch ein Ungluͤck!* —„Was macht der Hauptmann in der Stadt? wie kann er's wagen... nach dieſem blut'gen Vorfall?“ fragte Georg dringend. „Ich begegnete ihm gerade vorhin;“ ſagte Leopold:„die Galle ſtieg mir zu Kopfe, da ich ſeiner anſichtig wurde. Er aber, ſchadenfroh und frech, ſagte mir im Voruͤbergehen:„Ich eile, mich unter den Schutz des Feldmarſchalls zu ſtel⸗ len. Die Sache muß jetzt offenkundig werden. Es thut mir leid, aber die Ehre hat es ſo ge⸗ wollt.“ Ich antwortete 6— nicht, 8 ſchwankte hieher.“ vnigitichen ke brach Heckdey anſch los, dem das Duell⸗Mandat beifiel:„Du ſtehſt hier, ſo ruhig, als ob mit Wandersheim's Tode Alles aus wäre2 Du verlierſt die koſtbare Zeit? Weißt Du nicht, daß Du fliehen mußt? Seit der Ver⸗ kundigung des geſchärſten Mandats iſt dieſes Duell das erſte. Fuͤrchte Alles von dem— des Monarchen!“ ni mi ndi de „Heiliger Gott!“ ſchrieen die Damen:„Was kann ihm widerfahren? Iſt er nicht unſchuldig an dem ganzen Handel? Strafe dem Thäter, aber nicht dem Zeugen des Gemordeten!“ Leopold fügte ſtolz hinzu:„Ich ſtelle mich ſelbſt vor Gericht; es muß meine Unſchuld ſanktioniren.“ — 251— — Wie 2 zuͤrnte Georg:„durch Deine ſtraf⸗ bare Indolenz willſt Du die groͤßte Gefahr her⸗ ausfordern? Jahrelanger Arreſt, Feſtungsſtrafe, Verluſt der buͤrgerlichen Rechte erwartet Dich. Haſt Du fuͤnf oder zehn Jahre Deines Lebens in Ketten zu vergeuden? Willſt Du Dein Haus und die Deinigen zu Grunde gehen ſehen? Das Gluͤck iſt falſch; verlaſſe Dich nicht auf guͤnſtige Sterne.“ „Ich weiß;“ antwortete Leopold kleinmuͤthig: „Aber flichen in dieſem Wirrwarr —„Nicht eine Stunde darfſt Du mehr in Deinem Hauſe bleiben!“ draͤngte Heckdey. „Wohin? wohin, um Gotteswillen?“ rief Eugenie, ſich an den Gatten klammernd. —„Nach Frankreich, nach der Schweiz, nach England.. nur fort, fort mit ihm!“ „Aber wie?“ warf Leopold ein:„Wenn Wir⸗ genas ein Ehrenmann iſt, und die Wahrheit ſagt? Wenn er unter dem Schutze des Feldherrn..— —„Der alte Degen wird ſeinem Offizier viel⸗ leicht durchhelfen, aber Du wirſt in dem Geſpinnſte gefangen zuruͤckbleiben. Den Hauptmann ſchickt — 252— der Marſchall in eine ferne Garniſon; Dich ſiößt aber die Kriminaljuſtiz in's Gefängniß.“ „Was nutzte mir aber die Flucht? Getrennt von Allem, was mir theuer aus dem Vater⸗ lande verbannt„e —„Nicht doch. Die Zeit beſänftigt des Fuͤrſten Unwillen; ſeine Gnade wird Dir bald die Ruͤckkehr erlauben.“ „Wer wird bei ihm zu meinen Gunſten ſprechen? —„Deine Gattin und ich, Dein Freund.“ „Wer wird mein Haus, meine Guͤter ver⸗ walten, die Meinigen ſchutzen?““ —„Ich, ich, bei Gott! Ich, Dein Freund Georg! iſt das eine Frage? Gech' aber, eile! Muth, liebe Frau, Muth, Cacilie! Es wird nicht ein Vierteljahr in's Land gehen, und Ihr habt den Gatten, den Vater wieder!“ „Wenn es ſo iſt, in Gottes Namen!“ ſeufzte Eugenie:„Beſſer eine Trennung von ein paar Monden, als Jahrelanger Kerker! O, ich wuͤrde verzweifeln. Leopold wuͤrde ſterben; ohne Freiheit * konnte er nicht athmen. Freiheit iſt Licht und Lebem“ „So ſey's;“ ſprach Leopold bekuͤmmert:„ich will in's Exil, der Gattin und dem Freunde meine Ehre, meine Kinder und meine Habe ver⸗ trauend „Ich folge Dir, wenn Du es wuͤnſcheſt;“ be⸗ theuerte Eugenie. Georg wehrte dieſer Begeiſterung:„Soll das Haus, ſollen die Kinder verwaiſt ſeyn? ſoll der beredteſte Mund nicht fuͤr den Fluͤchtling vor dem Throne des Monarchen ſprechen?“— Eugenie fugte ſich nur widerſtrebend der Nothwendigkeit. Ralph ſprang erhitzt herein, wie vom Ungluͤck gejagt: Vater, Mutter, was iſt mit Wanders⸗ heim? Vor ſeiner Wohnung ein ungeheurer Auf⸗ lauf, Wachen an der Thuͤre. Wandersheim ſey im Duell erſchoſſen, ſeinen Onkel habe der Schlag geruͤhrt, ſchreit das Volk.“ „Kein Ungluck allein!“ ſchluchzten die Weiber. Georg und Leopold waren wie verſteinert. „Sie werden Beſuch erhalten, Vater;“ fuhr * 3 3 — 254— Ralph fort: Da ich hicher ſprang, begegnete mir der Polizei⸗Direktor mit zwei ſchwarzgekleideten Herren, und fragte nach unſerm Hauſe.“ „Raimund!“ ſchrie Leopold auf.„Ha, Dein Feind hat nun Gewalt uͤber Dich!“ rief Georg: „Und Du haſt ſo lange gezoͤgert? Fort mit Dir!“ „Sie kommen!“ ſagte Leopold vernichtet, ohne ſich zu ruͤhren. Man vernahm ſchon die Stimmen der unwillkommnen Gäſte.—„Verbergen Sie ihn!“ fluͤſterte Georg Eugenien zu.— Mit maͤnn⸗ licher Kraft zog ſie den unſchluͤſſigen Gatten in ihr Bondoir; Da ſie heraustrat, war ſie ſchon dem gefurchteten Beamten und ſeinen Begleitern gegenuber. 1 „Es iſt die Anzeige an die Behoͤrden gekommen, ſogar in's Schloß iſt das Geruͤcht gedrungen, daß ein Zweikampf vorgefallen, und einer der Duellan⸗ ten auf dem Platze geblieben. Se. Majeſtät haben auf der Stelle den eigenhändigen Befehl an mich ergehen laſſen, in Perſon den Thatbeſtand zu un⸗ terſuchen, und diejenigen gravirten Individnen, die der Civilgerichtsbarkeit unterthan ſind, zu ver⸗ — 255— nehmen. Herr Leopold Ederich iſt einer der Se⸗ cundanten geweſen. Ich bitte, mir denſelben vor⸗ zuſtellen.« So lautete die Anrede des Polizei⸗ Chefs. Die Familie ſtand ſchweigend im Kreiſe. Aller Augen waren auf die Thuͤre des Seitenzimmers, und auf Eugenie gerichtet, die ſo zu ſagen, nicht von der Schwelle ihres Toilettenzimmers wich. Weil ſie eine Antwort zu geben nicht gefaßt war, entgegnete Georg fuͤr ſie:„Vergoͤnnen Sie mir der Dollmetſcher einer Frau zu ſeyn, die eine Beute des Schreckens geworden iſt. Aus dem Munde fremder Leute hat ſie vernommen, was ſich begeben, welchen Antheil ihr Gatte an dem Vorfall genommen haben ſoll. Aber Ederich iſt nicht mehr in der Stadt.“ —„Schon auf floͤchtigem Fuße? Sonderbar. Ein ſehr ſchlimmes Gewiſſen. Doch behauptet der Portier, der Herr ſey nach Hauſe gekommen.“ Alle Lichter und Schatten der Angſt, der Er⸗ wartung, der Beſchämung ſpielten auf den Ge⸗ ſichtern der Familie. Raimund's durchdringendes — 256— Ange bemerkte, nach welcher Ecke die Blicke der Betroffenen ſchielten. Eugenie ſprach muͤhſam:„Der Portier kann ſich getaͤuſcht haben. Mein Gatte iſt fort. War⸗ um? weiß ich Ihnen nicht zu ſagen.“ Sie licß den Kopf auf die Bruſt ſinken. —„Meine Herren,“ wendete ſich der Direktor an Commiſſär und Aktuar:„Belieben Sie den Thuͤrſteher in's Verhor, ſeine Ausſagen zu Proto⸗ koll zu nehmen.“ Die Begleiter entfernten ſich⸗ Feierlich hob nun Raimund zu Eugenie an:„Ich habe noch nie einen Auftrag erhalten, der mir ſchmerzlicher ge⸗ weſen waͤre, als der heutige. Gerade dieſes Haus hätte ich nie betreten moͤgen. Es iſt die Wohnung eines Mannes, dem ich feinbſelig bin. Aber ich habe uͤber die Pflichten, die mir meine Stellung vorſchreibt, nachgedacht, und verbanne jeden Groll als einen verjaͤhrten.— Wollten Sie nicht die Damen hier, und den jungen Menſchen auf einen Augenblick entfernen? Lieber Heckdey: ich habe mit Madame Ederich ein Wort allein zu reden.“ — 257— Heckdey verbeugte ſich, und zog ſich mit den Kindern und Luiſen in's Vorzimmer zurkck. Vor⸗ her fand er noch Mittel, Eugenien zuzufluͤſtern: „Trauen Sie dem Fuchs nicht. Standhaft ge⸗ leugnet!“— Eugenie war allzuſehr aus der Faſ⸗ ſung gebracht, als daß ſie nicht der Lehre gemäß ſich benommen hätte. Nein, iſt ſo leicht geſagt, und hilft ſo oft, wenn die äußern Umſtände ſich gunſtig geſtalten, wie gerade hier. Aber die ärmſte Wahrheit iſt dennoch reicher in ihren Folgen, als die prunkvollſte hoffärtige Lüge. „Betrachten Sie mich als Ihren Vater;“ ſagte Raimund milde:„es gilt Uebertretungen der Ge⸗ ſetze, die zu ahnden eine ſchwere Pflicht iſt, unſerm Herzen widerſtrebend. Ich erſcheine hier nicht als Scherge, um zu fahen und zu peinigen; nicht als Richter, um zu verurtheilen. Ich biete mich Ihnen eher als einen berathenden Mittelsmann an. Seyn Sie daher aufrichtig. Waͤre Ihr Gatte wirklich bereits fluͤchtig?“ „Ich weiß nicht, ob fluͤchtig 2 entgegnete Eu⸗ BVoa Conſtrictor 1. 17 genie kurz und errbthend:„aber verreiſt, das iſt er. Ich habe es geſagt.“ „Und ich will Ihnen glauben, bis etwa eine Hausſuchung das Gegentheil ergibt;“ ſprach ſeiner⸗ ſeits der Direktor kalt. „Eine Hausſuchung?« rief Eugenie erſchreckt und emport zugleich. Raimund ſah nach der Uhr:„In einer halben Stunde wird der beauftragte Commiſſaͤr hier ſeyn. Wenn vielleicht Herr Ederich noch nicht fort waͤre, ſo wuͤrde er gut thun, ſich ſelber zur Haft zu ſtellen.— Sie haben Unrecht, ſich vor dem Wort zu entſetzen. Es kann nur ein ſchlimmer Rath ſeyn, der ihn von hier entfernen mochte.“ „Schlimm? Wie das?« fragte Eugenie heftig. Raimund zuckte die Achſeln:„Die Abweſenden haben immer Unrecht. Halten Sie es nun, wie Sie wollen. Der Unwille des Konigs iſt groß, aber noch groͤßer ſeine Gnade, wenn der Schuldige ihr zuverſichtlich ſein Wohl vertraut. Ein Mehre⸗ res ziemt mir nicht zu ſagen, noch zu thun. Wäre Ihr Mann noch in der Stadt, noch in dieſem —— —————————— Hauſe, ſo bleibt ihm eine halbe Stunde frei, zu uͤberlegen. Was er auch beſchließe... die Folgen, gut oder boſe, darf er lediglich nur ſich ſelbſt zu⸗ rechnen.— Somit glaube ich meiner Pflicht, und meinem ganz beſondern Standpunkte, Ederich gegenuͤber, Genuͤge geleiſtet zu haben.“ Mit einer foͤrmlichen Verbengung nahm der Polizeidirektor von der bekuͤmmerten Eugenie Ab⸗ ſchied. Sie eilte zu ihrem Leopold.„Du haſt gehoͤrt, was Raimund ſprach?“—„Ich habe;“ entgegnete er mit ſteigender Bangigkeit:„ich habe, und fliehe zur Stelle. In meines Feindes Falle mag ich nicht gehen.“ „Dabei bleibe es;« ermahnte der hinzukom⸗ mende Georg:„er hat Uebles mit Dir im Sinne; er will, daß Du wehrlos Dich dem Kerker uͤber⸗ lieferſt. Fliehe; die Zeit iſt koſtbar. Noch iſt Dein Haus nicht mit Wachen umſiellt. Eile, und der Wagen der Raͤthin bringt Dich unentdeckt aus dem Thore. Draußen erwarte ich Dich, und— mit meinem Kopfe hafte ich dafuͤr— bringe Dich mit heiler Haut in Sicherheit.“ Alle Bedenklichkeiten der Damen mußten vor dem feſten Entſchluſſe der Männer ſchweigen. Die Abſchiedsſtunde war kurz, aber voll von Bitterkeit und truͤber Ahnung.—— Ende des erſten Bandes. 78 L1LA Sneqe