Leihbibliothetk deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Vei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. S 3. Laution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Wr.— f. „ 5„„*„„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für S und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmützte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer Erſatz des Ganzen verpflichtet. . Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——— Der Baſtard. Eine . denſche Sieſchichte aus dem Zeitalter Kaiſer Rudolph des Zweiten C. Spindler. Dritter Eheil. . Der Mann und ſeine Rache. ——————— Stuttgart, Druck von C. F. Arnold. 1838. Ehret die Frauen! ſie flechten und weben Himmliſche Roſen in's irdiſche Leben, Flechten der Liebe beglückendes Band. Schiller. Die Frau von Herbenſtein ſaß, in trübe Gedanken ver⸗ tieft, an dem Fenſter ihres Wohnzimmers zu Burgau, das Haupt in die Hand geſtützt, mit der Linken ihren Sohn um⸗ faſſend, der ſich liebkoſend an die ſchöne Mutter ſchmiegte. Aber weder der kleine Hermann, der in die blaue Luft hin⸗ aus ſäh und die Schwalben, die zu Neſte trugen, nicht aus den Augen verlor, noch die Edelfrau bemerkten es, daß die Thüre aufging und der Hauptmann herein trat. Herben⸗ ſtein ſah bekümmert auf ſeine Gattin, ſchüttelte wehmüthig lächelnd den Kopf und griff dann, ſeine Gegenwart kund machend, mit ſchmeichelnder Hand in die Locken des Knaben. —„Was machſt Du denn in der einſamen Stube?“ fragte er milde.„Der Abend iſt ja ſo herrlich! Geh' und ſpiele im Hofe. Des Rüſtmeiſters Rupert, wie Pinzingers Mat⸗ thias, balgen ſich ſchon wacker herum!“—„Ich bin heut' zehn Jahre alt geworden,“ erwiederte der Knabe wichtig thuend, und balge mich nicht mehr! Ich bin Sohn eines 1 Edelmanns und will ein Ritter werden!“—„Ei, ei!“ lachte Herbenſtein,„ſeht einmal den Stolz des Buben! Er will ſchon vornehmer hinaus, als ſein Vater, der die goldenen Spornen ſelbſt noch nicht empfangen hat. Geh' indeſſen nur hinunter in's Freie. Die kühle Luft ſtärkt die heranwachſen⸗ den Knaben und ziehet ſie groß. Willſt Du Dich nicht mehr mit Matthias und Rupert raufen, ſo ſage dem Stallknecht, ich ließe ihm befehlen, Dir Dein kleines Braunrößlein zu ſatteln und mit Dir herumzureiten bis es zu dunkeln be⸗ ginnt.“— Da jauchzte Hermann hoch auf, kletterte an dem freundlichen Vater in die Höhe, drückte einen herzhaften Kuß in ſeinen braunen Bart und ſprang, ohne viel auf die Er⸗ mahnungen der Mutter zu hören, welche dem Tollkühnen Vorſicht und Beſonnenheit empfahl, auf und davon. Der Herr von Herbenſtein nahm hierauf, ſeinem Weibe gegen⸗ über, im Erker Platz, faßte ihre Hand, ſah ihr beſorgt in das Antlitz und ſprach mit dem ſanften Ausdrucke, der ihm ſo eigen war und ſo gut anſtand:„Was iſt's, geliebte Marie, das Dich verdüſtert? Vermag denn meine zärtliche Liebe, mein unabläſſiges Bemühen nicht, eine beſtändige Heiterkeit in Deine Seele, auf Deine Stirn zu zaubern? Wird es mir nie gelingen, Dir den Frieden zu geben, wie ich doch ſo gerne möchte?“ Vortrefflicher Mann!“ erwiederte die Gattin mit glän⸗ zendem Auge und tief bewegter Stimme,..„bedarf ich der Erinnerung, um zu wiſſen, daß ich Alles Dir verdanke? daß ich Deiner Liebe es ſchuldig bin? Du haſt ein Para⸗ dies um mich gepflanzt, als ich auf der öden Haide meines Lebens, troſtlos nach einem Obdach, nach einem Beſchützer und Tröſter die Hände rang. Der Herr der Welt möge O Dir einſt Deine Barmherzigkeit vergelten, meine heißeſte Liebe vermag es nicht!“ „Du ſprichſt von Liebe?“ verſetzte Herbenſtein mit zar⸗ tem Vorwurf.„Biſt Du auch wahr, indem Du dieſes ſagſt? Wohl bin ich verſucht, an dieſes Gefühl zu glauben, wenn ich von Deinem Arm umſchlungen, in Deinem Blicke mich ſonnend, ein ſtilles Glück genieße, deſſen Schatten ich in meinem erſten Ehebündniß nicht kennen lernte. Um ſo ſchmerzlicher ergreift es mich aber, muß ich ſehen, daß jede Mahnung an das Andenken eines Elenden, der Dich ſeiner Verworfenheit zum Opfer brachte, die Heiterkeit aus Dei⸗ nen Zügen verbannt, um den Schleier der Bekümmerniß varüber zu breiten. Wird denn dieſe Wunde nimmer zu bluten aufhören? Soll denn jener Menſch beſtändig, wie ein böſer Geiſt ſtörend und beängſtigend, zwiſchen unſere Herzen ſich drängen?“ „O mein Hermann!“ ſeufzte Marie an ſeiner Bruſt; „welch ein Verdacht!“ „Ich bin kein argwöhniſcher Spanier, der ſein Weib in eiferſüchtiger Angſt hinter Riegeln und Schlöſſern verwahrt,“ fuhr Herbenſtein fort,„kein tyranniſcher Zwingherr, der die Gedanken ſogar der Gattin zu meiſtern ſich anmaßt! Ich verkenne nicht die Rechte Deiner Empfindung. Du haſt geliebt, innig, wahr, mit unerhörter Hingebung und Auf⸗ opferung! Die erſte Leidenſchaft, die ſich mit Flammenzü⸗ gen dem jugendlichen Gemüthe einprägt, vergißt man nicht ſo leicht;.. hat aber nicht die Zeit eine lange Reihe von Jahren zwiſchen den Verrath, den der treuloſe Geliebte an Deinem Herzen beging, und dieſen Augenblick gepreßt? Haſt Du nicht in der Freundſchaft eines redlichen Gatten Erſatz gefunden für den Meineid jenes Ruchloſen?.. Du bewein⸗ teſt den Verluſt eines Kindes; ſchmerzhaft allerdings für ein. Mutterherz!... hat Dir aber der gütige Schöpfer nicht ein zweites geſchenkt? Der Sohn eines treuen Vaters und Gemahls? Wie erkläre ich mir alſo Deinen Kummer, deſſen Beginnen ich wohl bemerkt habe? Der Junkherr von Ehin⸗ gen, der vor einer Stunde erſt unſer Haus verließ, trägt die Schuld. Seine Erzählung von dem Nachbar Wernher, dem es ſo übel gehen ſoll, hat das Gedächtniß des Elenden in Dir aufgefriſcht. Iſt dem nicht alſo?“ „Ich läugne es nicht!“ antwortete die Edelfran mit offe⸗ ner Stirne, klarem Auge und über die Bruſt gefalteten Händen.„Allein ich beſchwöre Dich, mein Hermann, mich nicht mißzuverſtehen,.. meine Rede nicht übel zu deuten! Wie könnte ich Dich, meinen Retter und Freund, weniger lieben, als jenen Unglücklichen! Biſt Du denn nicht mehr derſelbe, der mich durch Zufall in jener Bauernhütte unfern Günzburg fand, kaum geneſen von einer ſchweren Entbin⸗ dung? der ſich einer Verlaſſenen, mit Schmach bedeckten Fremden gütig erinnerte? derſelbe, der mich tröſtete, als die alte Frau, die mich bisher ſorgfältig gepflegt hatte, meine wärmſte Freundin zu ſeyn ſchien, plötzlich mit meinem Kna⸗ ben verſchwunden und, aller Nachforſchung ungeachtet, nicht mehr aufzufinden war? Mein wundes Herz erkannte dank⸗ bar die zarte Theilnahme, welche Du der Troſtloſen weihe⸗ teſt. Bald hatten indeſſen Deine Vemühungen den Erfolg, den Du wünſchteſt. Ich ward ruhiger, allein die Zukunft ſchreckte mich. Ich konnte endlich meine Bangigkeit nicht mehr verhehlen. Da thateſt Du das Uebermenſchliche. Den Trauer⸗ flor des Wittwers abwerfend, mit den Dornen einer böſen Ehe vertraut, boteſt Du der Verfolgten, der Beſchimpften Deine Hand. Ich verweigerte das unſchätzbare Geſchenk, . ſprach von einem Fehltritt, von der Schande, die mich in Ulm zu Boden gedrückt hatte. Du ließeſt aber nicht ab; meinen Fall ſchriebſt Du auf die Rechnung der Jugend und der Verführung; meine Vertreibung aus Ulm ſchilderteſt Du mir als eine ſchändliche Gewaltthat einzelner Böſewichter, von der weder Bürgerſchaft noch Rath das Geringſte ge⸗ wußt.... Deine milde Tugend, das Gefühl, das in meinem Buſen für Dich ſprach, bas Liebe war, indem ich es nur Dankbarkeit nannte... meine Verlaſſenheit... alles vereinte ſich, meine Weigerung zu bekämpfen, und Deines Vaters Stolz zu ſchonen, ſegnete uns der gute Pfarrer Nikolaus heimlich ein, in jener Waldkapelle am Gebirge. Unter ſei⸗ nem Schirme habe ich ein Jahr verlebt, glücklich, ſelig in Deiner Zärtlichkeit und meiner ſtillen Einſamkeit;... dort wurde ich Mutter; dort ward unſers Hermanns Tauffeſt gefeiert; und nicht lange darauf, als Dein Vater geſtorben war, führteſt Du mich hier ein als Deine Gattin, in einen Ueberfluß, den ich nicht gewöhnt war, in ein unverdientes Glück!“ „Wozu dieſe ausführliche Schilderung?“ fragte Herben⸗ ſtein.„Meinſt Du denn, ich hätte vergeſſen, wie es kam, daß ich mein irdiſch Glück gefunden?“ „Geliebter Mann!“ entgegnete Marie mit Wonnethränen: „wohl weiß ich, daß Du mit anſpruchloſer Beſcheidenheit ſtets behauptet haſt, ich ſey die Urheberin Deiner Wohlfahrt, Du nicht der Stifter der meinigen;..— allein ich habe Dir vorgezählt, wie viel ich Dir verdanke, um Dir zu beweiſen, daß ich das herzloſeſte Geſchöpf ſeyn müßte, wäre ich im Stande, Deiner über einen Andern zu vergeſſen, Dir ein Gefühl zu heucheln, und es für einen Zweiten zu empfinden. O glaube das nicht! Du haſt zu edel, Philipp zu grauſam an mir gehandelt, als daß ich vermögend ſeyn könnte, nur durch einen Gedanken meine Pflichten zu beleidigen. Aber vergib der Schwäche des Weibes, das zum Mindeſten den⸗ jenigen nicht haſſen kann, den es einſt geliebt,.. das Mit⸗ leid mit ſeiner Lage fühlt. Im Ueberfluß erzogen, iſt Phi⸗ lipp durch eine unwürdige Ehefrau um ſeine Ehre und einen großen Theil ſeiner Habe gekommenz... die Verſchwendung ſeines Schwähers hat einen andern, nicht minder bedeuten⸗ den verſchlungen; die Schmeichelkünſte eines alten Wohldie⸗ ners haben ihn um den Reſt ſeiner Güter gebracht. Er lebt fern von der Heimath, vom väterlichen Erbe, einſam und verlaſſen. Ein Fremder erzählt eine Reihe von unglücklichen Begebenheiten, deren Opfer Wernher geworden iſt, und ſpottet ſeines verſchuldeten Elends. Das hat mich verdüſtert, das hat mich bekümmert! Philipp hat mich mißhandelt, mit Füßen getreten, ich liebe ihn nicht mehr; ich muß ihn verachten;... aber ſeine Verirrungen, ſein Unglück flößt mir Mitleid ein. Ich beklage ſein Schickſal!“ „Ja, Du biſt eine Heilige!“ rief Herbenſtein begeiſtert, indem er feierlich die Hand auf ihr Haupt legte und in ihr Auge, wie in einen Himmel ſah....„Du biſt ein mackel⸗ loſes Lamm, das, wie das göttliche, die Sünden der gan⸗ zen Welt auf ſich nehmen und mit übermenſchlicher Milde vergeben würde; ein Verſöhnungsengel, den eine preiswür⸗ dige Vorſehung mir zur Seite ſtellte, auf einer Bahn, in der ich früher mit dem Teufel Hand in Hand gingz... der koſtbarſte Edelſtein in dem Schmucke meines Lebens. In Deiner Nähe kann nicht Haß, nicht grollender Unmuth be⸗ ſtehen. Du warſt mir vom höchſten Herrn der Welt beſtimmt. Als Dich auf Deiner Pilgerfahrt nach Ulm, die Soldateske der Veſte, die ich damals für den Herzog von Würtemberg befehligte, vor mein Angeſicht brachte, da wurde mir's zu Sinne, bei Deinem Anblick und Deiner ſchmuckloſen Erzäh⸗ lung, als ſeyeſt Du ein guter Geiſt und nicht von dieſer Welt. Du verfolgteſt Dein Ziel; Dein Bild blieb mir aber getren vor der Seele; und hatte meine Ehefrau ſchon längſt durch ihre boshafte Nichtswürdigkeit mein Herz von ſich ge⸗ wendet, ſo entfremdete es ſich ihr nun gänzlich, da es gelernt hatte, ſie mit Dir zu vergleichen. Da ſtarb ſie plötzlich; ihr Vater, ein Hofherr des Herzogs, nahm Aergerniß an meinem Gleichmuth bei dem Trauerfall, ſchwärzte mich an und zwang mich, des Herzogs Kriegsdienſt zu verlaſſen und die Burgauiſchen Farben zu tragen. Alles um mich her batte ſich verändert,.. Dein Bild blieb aber feſt in meinem Gedächtniſſe, und der Tag, an dem ich, auf der Jagd er⸗ müdet, in jener Bauernhütte, die ich, einen friſchen Trunk verlangend, betrat, Dich gefunden, meine Marie, hat mir die Pforte des Paradieſes geöffnet!“ „Iſt es alſo,“ ſprach Marie mit holder Anmuth,„ſo führe nicht das böſe Mißtrauen und den beunruhigenden Zweifel in den Paradieſesgarten! Vertraue mir, und zürne mir nicht, wenn mein Auge hin und wieder trübe wird in der Erinnerung an die Vergehen eines Mannes, der mich entſetzlich getäuſcht hat, und in der Betrachtung ſeines gegenwärtigen Elends! Verzeihe auch der Mutter, die nach einer Reihe von zwölf Jahren ihres Kindes denkt, das von einer heuchleriſchen Wär⸗ terin ihr geſtohlen,.... gewiß mit Leib und Seele einem ¹0⁰ ſchändlichen Eigennutz zum Opfer gebracht wurde. Glaube, daß dieſe Erinnerungen, ſo quälend ſie auch ſind, nur die Zärtlichkeit, welche ich für Dich, für unſern Sohn empfinde, vermehren, ſtatt ſie zu mindern!“ Herbenſtein umarmte das treue Weib und drückte ſie feſt an ſeine Bruſt. Die naſſen Augen hob er gen Himmel, ihm für dieſes ſeltene Geſchenk zu danken.„Wie glücklich machſt Du mich!“ ſprach er entzückt...„Zierde der Weiber! Das Mißgeſchick Deiner Jugend kann Dich nur adeln, nicht beſchimpfen. Denn in der Schule der Widerwärtigkeit haben ſich die Blüthen Deiner Tugenden ſo üppig entfaltet, als die Blume Deiner Schönheit ihr Wachsthum erreicht hat. Ver⸗ gib Du mir, wenn ich in eitler Beſorgniß an Deiner arg⸗ loſen Seele gefrevelt. Nimmer ſoll Dich ein Wort des Zweifels mehr betrüben. Denn Du trägſt die Krone himm⸗ liſcher Reinheit, köſtlicher als Spbillens Fürſtenkrone, die ſchon längſt vom giftigen Hauch der Leidenſchaft erblindet iſt. Der Markgraf iſt zu bedauern, ich, ſein Knecht, be⸗ neidenswerth.“ „Böſer Mann!“ erwiederte Marie verſchämt, indem ſie dem Gatten einen kleinen Schlag auf die Wange gab. „Sprichſt Du alſo von Deiner Gebieterin.“ „Ich wiederhole, was Tauſende vor mir ſagten!“ ſprach Herbenſtein achſelzuckend. „Können dieſe Taufende nicht gelogen haben,“ fragte Marie ferner,„oder getäuſcht worden ſeyn? Verdamme doch niemals ohne Beweis.“ „Du forderſt Beweiſe?“ rief Herbenſtein eifrig.„Was ſoll der Prinz im Schloſſe? der zweideutige Hausfreund neben dem Gemahl?“ — 11 „Oft trügt der Schein?“ verſetzte Marie.„Die Mark⸗ gräfin verletzt den Anſtand, die Sitte; jedoch iſt es noch weit von da bis zur Verletzung ehelicher Pflicht.“ „Weit?“ fragte der Hauptmann, ungläubig lächelnd. „Ich denke: nicht weiter als vom A zum B, von Eins zu Zwei. Eine Frau von ſolchem Stande, die Brauch und Herkommen nicht achtet, iſt dem Fall näher, als ſie denkt, und hat ihn gemeiniglich ſchon lange gethan, ehe das Volk darauf aufmerkſam wird.“ „Schweige, Liebloſer!“ ſchalt die Erglühende. Herben⸗ ſtein fuhr aber fort:„Das Volk iſt ein ſchwaches Kind. Gleich einem ſolchen würde es den Sonnenaufgang nicht wahrnehmen, erfolgte dieſer nicht alle 24 Stunden einmal. Je älter indeſſen das Kind wird und je öfter er das Ta⸗ gesgeſtirn aufſteigen ſah, je weniger fällt ihm abermals die zur Genüge geſehene Erſcheinung auf. Du ſtaunſt mich lächelnd an? Die Menge iſt das Kind, und die Sünden der Gebieterin ſind zwar mit der Sonne nicht zu vergleichen, ſie erneuern ſich aber immer mit ihr, und bald wird das Volk, ihrer ſattſam gewöhnt, kein Wort mehr darüber ver⸗ lieren. Dir ſteht es aber wohl an, die Fürſtin zu verthei⸗ digen, und nur einer fleckenloſen Sanftmuth, wie der Dei⸗ nigen, iſt's gegeben, für die ſtolze Frau das Wort zu führen, die es hochmüthig verweigert hat, Dir den Zutritt zu ihr zu geſtatten, weil ich keinen Stammbaum Deiner Ahnen vorzuweiſen hatte.“ „Menſchliche Schwachheit!“ ſprach Marie entſchuldigend. „Eitelkeit unſers Geſchlechts. Zwar,...“ fügte ſie lächelnd binzu,„wer weiß, ob ich auch in der That von ſo geringer Herkunft bin, als man wohl zu glauben verſucht iſt. Die 12 Spanier ſind edeln Bluts! unter ihnen die Kaſtilier die edelſten. Wäre es eine Unmöglichkeit, das Geſchlecht des kaſtiliſchen Waffenſchmieds Miguel Verde von einem alten Fürſtenhauſe ſeiner Heimath abzuleiten? Vielleicht berichtet uns etwas Aehnliches die Antwort meines ſtolzen Vaters, dem ich vor Kurzem erſt, nach ſo langer, langer Zeit zu ſchreiben wagte, um ihm mein Glück zu ſchildern und Ver⸗ gebung zu erflehen.“ „Du erinnerſt mich ſo eben,“ verſetzte Herbenſtein,„daß der Vote, der heute dem Markgrafen ſeine Briefe überbrachte, auch ein Schreiben an mich abgegeben hat, in welchem mir der Rath von Antorff auf mein Erſuchen meldet, der Waffen⸗ ſchmied Miguel habe ſchon vor geraumer Zeit dieſe Stadt verlaſſen und ſich nach der neuen Welt eingeſchifft. Zugleich aber berichtet mir der Rath, der überſandte Brief ſey nach Oſtende abgeſandt worden, von dannen er auf einem Fahr⸗ zeug, das ſeinen Lauf gegen die amerikaniſche Küſte richtet, dahin abgegangen iſt, in der Hoffnung, ſeinen rechten Em⸗ pfänger zu finden.“ Die Nachricht von der Abreiſe ihres Vaters nach einem fernen Welttheil erſchütterte Marien ſichtbar, und Herben⸗ ſtein überließ ſie der Einſamkeit, die beſſer als jedes andere Mittel ihre Seelenruhe wieder herzuſtellen geeignet war. Bald hierauf aber läutete die Bekümmerte ihrer Kammer⸗ magd, die auch unverzüglich erſchien. „Komm' näher, Engeltrude!“ rief ihr die Gebieterin ent⸗ gegen.„Setze Dich zu mir, nimm die Arbeit zur Hand, und erzähle mir etwas, während Deine flinken Finger die ſchnee⸗ weiße Leinwand kunſtreich zuſammen fügen. Ich bedarf der Erheiterung; darum ſchwatze, mein Kind, wovon Du Luſt — haſt, und je luſtiger, je beſſer. Ein Mährlein, einen Schwank... was Du willſt.“ „Ach, geſtrenge Frau,“ antwortete die Zofe:„wie kann ich doch einen Schwank erzählen, da ich an allen Gliedern vor Angſt?“ Wahrhaftig!“ ſprach Marie Fiilüeßmnend.„Du biſt btaß und Dein Auge verräth viel Unruhe. Laß mich den Grund wiſſen. Was iſt Dir geſchehen, mein Kind?“ „Geſtrenge Frau!“ begann Engeltrude recht ſchmerzlich. „Als ich vor Kurzem in Euern Dienſt trat, habe ich Euch kein Geheimniß aus den Beweggründen gemacht, die mich veranlaßten, meine Vaterſtadt das liebe Ulm, mit dem Rücken anzuſehen. Ich entlief damals einem hartherzigen Vogt, der mich ſeit dem Tode meiner Aeltern gequält hat, wie nur ein Vormund quälen kann, und mir mit Gewalt zu⸗ muthen wollte, eines alten Mannes Weib zu werden, dem die Welt das Zeugniß eines reichen, aber grundboͤſen Menſchen giebt. Die zudringlichen Liebkoſungen des alten Simon, der weit eher an das Grab als an's Brautbett denken ſollte, wie die rohen Mißhandlungen meines Vogts Leonhard trieben mich fort und hieher, wo Ihr mich in. Euern Dienſt nahmt und ich Ruhe zu finden hoffte. Ach! ich habe mich getäuſcht.“ „Wie das?“ fragte die Fran von Herbenſtein aufhorchend. „Man hat meinen friedlichen Aufenthalt ausgekundſchaftet,“ antwortete Engeltrude betrübt.„Ich habe den abſcheulichen Simon vor Kurzem um das Schloß ſchleichen und mit dem Diener des Prinzen Bernhard, dem heuchleriſchen Nepomuk⸗ im Geſpräch verkehren ſehen. Nun habe ich keine Raſt und keine Ruhe.“ „Sey ohne Sorgen!“ tröſtete die Edelfran die Seufzende. „Du biſt ſicher an meiner Seite. Wenn nicht ein gewaffnet Heer das Schloß erſteigt, geben wir Dich nicht herans. Nur mußt Du wiſſen, ob Deine Feinde ſolcher Macht ge⸗ bieten können oder nicht. Wer iſt denn aber der böſe Simon, vor dem Du ſolche Furcht hegſt?“ „Ach, edle Frau!“ erwiederte Engeltrude:„der ſchlechteſte unter allen Schwaben. Ein nahe an die Achtzig ſtreifender eisgrauer Schelm, der alle Welt belogen, ſeinen ehemaligen Herrn aber betrogen hat, daß dieſem von großer Habe kaum ein ſchlechtes Bauerndach übrig geblieben iſt.“ „So?“ fragte Marie ahnend. „Nun ſitzt er, der Simon nämlich, in dem väterlichen Hauſe ſeines zu Grunde gerichteten Herrn,“ fuhr Engel⸗ trude fort,„ſo trotzig und patzig wie die Ratte im Käſe. Sein Geſchäft beſteht darin, Leute in's Elend zu bringen, die von ihm Hülfe hofften. Iſt irgend ein Bürger verſchuldet oder in's Unglück gerathen, ſo wende er ſich nur in ſeiner Drangſal an Simon, und er wird flugs noch tiefer darin⸗ nen ſtecken. Der Alte hilft ihm im erſten Augenblicke mit ein Paar lumpigen Thalern aus der erſten Noth; aber es dauert nicht lange. Iſt die Friſt der Teufelsverſchreibung abgelaufen, ſo wirft ihn Simon aus der Hütte und verkauft vor ſeinen Augen alles, was ſein war, zur Wiedererlangung ſeines Geldes und der unmenſchlichen Zinſen. Wenn der gute ſelige Rathsherr Wernher ſehen könnte, wie es in ſeinem Hauſe zugeht, im Grabe würde er ſich umkehren. Wenn ich Euch alles erzählen wollte, gnädige Frau, was ſeit dem Ab⸗ ſterben des alten Herrn ſich in dem Hauſe und dem 15 Geſchlecht begeben hat,... Ihr ſolltet ſtaunen und Euch wundern.“ „Laß es gut ſeyn,“ verſetzte die Frau von Herbenſtein bewegt.„Ich habe von den ärgerlichen Geſchichten gehört, und begehre nicht, ein Mehreres davon zu erfahren.“— Engeltrude ſchwieg gehorſam und bückte ſich zu ihrer Arbeit. Während deſſen zog aber luſtiger Hörnerklang zu dem Thore ein; denn die Markgräfin kehrte, im Geleit ihres Freundes Bernhard und ihres Marſchalls, von einem Luſtritte durch den Wald zurück. Fröhlich und guter Dinge ſtieg man von den Roſſen und eilte in die Zimmer. Der Markgraf ging mit großen Schritten im Saale auf und ab, als die Rück⸗ kehrenden eintraten. Die Becher waren aufgepflanzt; ein großer Brief mit kaiſerlichem Inſiegel lag dabei. Aus den Augen des Markgrafen glänzte Freude und Behagen.„Gut⸗ daß ihr kommt, meine Freunde!“ rief er ſeiner Gattin und ihren Begleitern entgegen.„Ich muß meine Freude mit euch theilen. Setzt euch um mich her und vernehmt!“ „Was mag denn wohl der Brief enthalten,“ erwiederte Sibylle ſpottend,„der meinen ernſten Gemahl in gute Laune zu verſetzen im Stande iſt?“ „Ihr mögt noch fragen?“ ſprach der Gatte in ähnlichem Tone.„Es iſt ein Gevatterbrief. Da Ihr mich der Mühe überhebt, ſelber welche zu ſchreiben, ſo muß ich dieſem Ein⸗ ladungsſchreiben zum mindeſten Folge leiſten.“ „Ein zarter, fürſtlicher Scherz!“ grollte die Markgräfin mit finſterm Blick und wollte ſich von ihrem Sitz erheben. Ihr Gemahl zog ſie aber wieder in den Seſſel zurück und fuhr fort:„Ei! ei! wie Ihr doch empfindlich ſeyd! Laßt es Euch ja nicht merken, daß es Euch wurmt, keine 16 Nachkommen zu haben. Macht es wie ich. Ich lebe unter Waffen und Becherklang, unter Jagdgetös und allerlei Kurzweil meine Tage hin, und gönne dem erlauchten Hauſe Oeſterreich, das mir und meinem Bruder, dem Cardinal, unſere Abkunft noch immer nicht vergeben kann, und ohne Zweifel an unſerm Hochzeitsabend mir die Reſtel knüpfen und Euch die Unfruchtbarkeit an den Hals heren ließ— die Freude nicht, zu merken, wie ich mich über den ausgebliebenen Kinderſegen betrübe. Deßhalb lebe ich auch in Frieden mit den Erzherzogen und Sr. Majeſtät) die mich gerade in dieſem Schreiben bittet, bei der Feuertaufe von Siebenbürgen und Ungarn, das wieder mit Spuck und Krieg droht, mit meinem Regiment Gevatter zu ſtehen. Eine Bitte, die ein alter Kriegsmann, wie ich, ſicherlich nicht abweiſet. Vivat Ro- dolphus!“— Der Markgraf ſchwang den Becher und klirrte mit den Andern an. Bernhard ſchielte ſeitwärts nach der Markgräfin. Sie verſtand ſeinen Wink, der ihr ſeine ganze Freude ausdrückte, den verhaßten und läſtigen Gatten bald entfernt zu ſehen. Der einfältige Marſchall ſchluckte den Wein in vollen Zügen, dem trinkluſtigen Gebieter ſeine Ergebenheit zu beweiſen. „So wollt Ihr mich denn abermals verlaſſen, beſter Markgraf?“ begann Sibylle mit einem Tone, der nicht undeutlich zu verſtehen gab,„welchen Verdruß es ihr ver⸗ urſachen würde, den Entſchluß des Gemahls geändert zu ſehen.“ „So iſt's, edle Frau!“ antwortete der letztere ſcherzend. „Leider muß ich Euch ein neues Bekümmerniß auferlegen. Ich weiß, wie ſchmerzlich meine öftere Abweſenheit Euch fällt, und wie Ihr alles hervor ſuchen müßt, Euch zu zerſtreuen. 17 Nicht mehr als billig; ich liebe meine Vergnügungen,.. Ihr die Eurigen. In unſern Abneigungen iſt dieſelbe Ueber⸗ einſtimmung. Ich kann Euer weibliches Prachtleben nicht leiden,.. Ihr haßt den kriegeriſchen Lärm, der mich um⸗ giebt. Ich verachte das Schranzenweſen, mit dem Ihr Euch ſo gerne behängt,.. Ihr verwünſcht meine Zechgelage und Trinkgenoſſen. Wahr iſt es, ich werde wohl ſchwerlich einen Mäßigkeitsorden ſtiften, und mich weder in den Arra⸗ goniſchen Lilienorden, noch in die Steiermarkſche Bruder⸗ ſchaft des heiligen Chriſtophori aufnehmen laſſen; denn ich liebe den Genuß und die derbe deutſche Rede, die nicht lange abwiegt, wie ſie ſich ausdrückt, und einen verzeihlichen Haus⸗ und Kernfluch nicht verdammt. Aber als Gegengewicht be⸗ trachte ich die harte Uebung des Kriegs. Dieſer drückt allein dem Manne den Stempel auf. Es lebe der Krieg!“ Die Becher klangen auf's Neue. Mit einem leiſen Achſel⸗ zucken gegen die Markgräfin ſetzte der Prinz den ſeinigen an die Lippen, und nippte, der Freundin zu Gefallen, gleich einer Jungfrau. Der Markgraf bemerkte aber, obgleich wohl bezecht, die Ziererei des jungen Mannes und ſchlug ein lautes Gelächter auf. „Nun wahrlich!“ rief er, den Becher mit luſtiger Geberde auf den Tiſch ſtoßend.„Da rathe einmal ein Menſch, ob das ein Prinz, ein Studioſus von Prag ſey, der mir gegen⸗ über ſitzt. Heißt das trinken, Vetter Bernhard? Schämt Euch. Ein Mann, ein deutſcher Fürſt beſonders, muß ſich anders zeigen. Laßt Euch nicht durch das Beiſpiel derjenigen verführen, die ſogar Bündniſſe gegen die Völlerei, wie ſie die deutſche Fröhlichkeit nennen, errichtet haben. Dergleichen Zwang riecht, mit Euerer S nach der 3 18 proteſtantiſchen Lehre und ihren Predikanten. Ein Mann, ein deutſcher Mann und deutſcher Fürſt ſey gerade, derb und bieder. Er bringe einen Fluch nicht in Anſchlag, er zähle ſeine Becher nicht, er halte aber ſein Wort, treu wie Gold. Er ſey wild in der Schlacht, mild gegen den Beſiegten; ernſt⸗ haft mit Weib und Kind, froh und heiter hinterm Zechtiſch. So hielten's unſere Vorfahren, ſo ſollen wir es halten, be⸗ gehren wir wieder der guten alten Zeit. Um Euch zu ſolchem Fürſtenleben den Weg zu zeigen, Vetter, habe ich bei kaiſer⸗ licher Majeſtät ſchon vor geraumer Zeit für Euch um eine Hauptmannsſtelle nachgeſucht. Der Kaiſer gewährt in dieſem Schreiben meinen Wunſch, und ſähe es gern, wenn Ihr in meinem Regiment Eure erſten Waffen trüget. Ich habe deßhalb ſchon Anſtalten gemacht. Ich laſſe den Herbenſtein, den ich dießmal als Feldgehülfe mit mir nehmen wollte, zurück, beſtelle ihn zum Hüter der Markgräfin und reihe Euch an ſeiner Statt den Offizieren meines Fußvolks an. Was ſagt Ihr dazu?“ Bernhard ſprach anfänglich kein Wort, ſo unverhofft war ihm dieſe Nachricht gekommen; ſein langes Geſicht, ſein verſtohlen auf die Markgräfin gerichtetes Auge und ſein verlegenes Lächeln ſprachen jedoch verſtändlich genug. Die Markgräfin, welche männlichem Muth nicht abhold war, warf ihm einen verweiſenden Blick zu, und wünſchte ſich heimlich Glück, den läſtigen und eiferſüchtigen Liebhaber los zu werden, deſſen ſie ſchon ſeit geraumer Zeit überdrüſſig geworden. Sie ſprach daher:„Wie könnt Ihr denken, mein Gemahl, daß der Prinz bei ſo ehrenvoller Ausſicht lange wählen werde? Er müßte nicht der Sohn ſeines Vaters ſeyn, könnte er zögern, Euern Antrag anzunehmen. Was ————————— —— 19 aber mich betrifft, Herr Markgraf, ſo danke ich für Eure Sorge. Ich bedarf keines Hüters.“ Der Markgraf wiegte ſich bequem in ſeinem Seſſel und lächelte.„Eines Beſchützers werdet Ihr Euch doch nicht erwehren?“ fragte er.„Der Herr von Herbenſtein wird dieſes Amt bei Euch verſehen, und damit iſt es gut. Der Prinz ſcheint mir jedoch nicht ganz zufrieden mit meinem Vorſchlage. Ihr habt Unrecht, Vetter Bernhard. Müßt dem Vaterland Euere Schuld abtragen; müßt im Feldlager Beſonnenheit⸗ Geiſtesgegenwart und die Kunſt lernen, wie man rüſtig bei dem Humpen aushalten möge. Sonſt müßt Ihr jedes Gelage fliehen wie den Tod, und werdet hinter dem Herrn von Keppenbach zurück bleiben, der, obgleich ein Damenhöfling ſeines Handwerks, mir zu Liebe den edeln Rheinwein ſchluckt und ſchlingt, wie der Wallfiſch in meinem Bilderſaale den Propheten Jonas.“ „Ihr rümpft die Naſe? Hört meinen letzten Grund, und ich wette, Ihr werdet geſchmeidiger. Der Kaiſer zählt auf Euere Einwilligung; ſie wird Euch ſeine Gnade erwerben, die Euch das tolle Betragen Euers Schwagers Kaunitz ent⸗ zogen hat, vielleicht auf immer, benutzt Ihr nicht die Gelegenheit. Baut vor, als ein kluger und geſcheiter Mann. Der jetzige Herrſcher lebt nicht ewig; Matthias, ſein Nach⸗ folger, kränkelt an unheilbarem Siechthum; kömmt der Ferdinandus an die Reihe, ſo gehts mit Feuer und Schwert an die Proteſtanten der Erblande. Mähren wird nicht die letzte Provinz ſeyn, die der Bekehrungswürgengel heimſucht, und ſchwer möchte dann an Euern Gütern Kau⸗ nitzens Rebellion und Aufwieglung der Stände wie Euere Weigerung im vorliegenden Falle tahaßt werden. Zieht 20 Ihr hingegen jetzo für den Kaiſer das Schwert, ſo iſt's gut. Werdet Ihr katholiſch obendrein, ſo iſt's noch beſſer.“ Bernhard runzelte die Stirne; einige Worte der Mark⸗ gräfin, die gar nicht an ſeiner Bereitwilligkeit zu zweifeln ſchien, beſtimmten ihn endlich, wiewohl gezungen ſein Jawort zu geben. Der Markgraf, der gewöhnt war, das Eiſen zu ſchmieden, ſo lange es glühte, und niemals etwas durch Zaudern verdarb, wie Kaiſer Rudolph, ließ den Prinzen alſo⸗ bald, in Beiſeyn mehrerer adelichen Zeugen, den öſterreichiſchen Fahnen Treue ſchwören und ſich alsdann zu Bette bringen, um den Weintaumel zu verſchlafen. Bernhard blieb bei der Markgräfin im Saale zurück. Sie waren allein, und der Prinz durfte ohne Scheu ſeinem heimlichen Unmuthd Worte leihen.„Kömmt mir's doch beinahe vor,“ ſprach er mit froſtigem Lächeln,„als ob Ihr meine Entfernung wünſchet, edle Frau, ſo gar angelegen unterſtütztet Ihr das Begehren Euers Gemahls, deſſen Wünſche doch in der Regel nie mit den Eurigen übereinſtimmen.“ „Und wenn es alſo wäre?“ fragte Sibylle kalt und einſylbig. Bernhard ſtutzte betroffen.„So hätte ich alſo Recht?“ begann er nach einer Weile.„Wenn Ihr mich Euerer Un⸗ gnade würdig hieltet, ſo wundere ich mich, daß Ihr den Strafbaren nicht auf kürzerem Wege entfernt habt. Auch ſuche ich vergebens nach der Urſache dieſer Verbannung, die mich in Todesgefahren ſchickt. Zum Mindeſten aber werdet Ihr den Gehorſam Euers Knechts beloben müſſen, der im Sterben noch ſeine Mörderin ſegnen wird.“ „Nicht doch!“ verſetzte Sibylle, ein verächtliches Lächeln kaum zurückhaltend.„Ihr malt das Bild zu dunkel und 21 zu ſchwarz. Schwärmt nicht mehr,... Ihr werdet ſchon zu alt dazu;„lernt von dem Markgrafen die ſchöne rohe Natur, mit welcher man ſich im Leben bewegen muß, und denkt ein wenig auf meine Lage. Unſere Freundſchaft iſt kein Geheimniß mehr für die Welt. Mein Gemahl allein iſt blind, wie es ſich ziemt. Wer ſteht mir aber dafür, daß nicht während ſeiner Abweſenheit ein beſoldetes Späherauge über meine Handlungen wache, und eine an ſich unſchuldige Gunſtbezeugung, die mir vielleicht gegen Euch entſchlüpfen dürfte, in Gift getränkt dem Eheherrn melde? Ich weiß es, wie leicht ein hartes Urtheil von dem Abweſenden gegen die Abweſende geſprochen wird; ich weiß,“ fügte ſie ſeufzend bei,„wie verlaſſen ein ſchwaches Weib da ſteht, ausgeſetzt dem Haß herrſchbegieriger Vaſallen⸗ der Wuth mächtiger Feinde, die vielleicht von ihr verſchmäht wurden; dem grauſamen Eifer eines allzu treuen Dieners endlich, der des Gebieters Wink nach ſeiner Willkühr deutelt, der die Ehre, das Blut ſelbſt ſeiner Fürſtin nicht in Anſchlag bringt gegen ein froſtiges: Ich danke Dir.. des geſtrengen Herrn. Meinem Rufe und meiner Wohl⸗ fahrt war ich's alſo ſchuldig, den Antrag des Markgrafen zu unterſtützen;... laßt mich hinzu fügen: auch meiner Eitelkeit. Ich liebe den Lorbeer des Siegs. Mit doppelter Begeiſterung werde ich den damit Bekränzten aus dem Kriege heimkehren ſehen; gerne alsdann den ſchönen Bund erneuen, dem ſpäter keine Gefahr drohen wird. Bereit⸗ willig, dem Wunſche des Kaiſers und meines Gemahls zu folgen, erwerbt Ihr des erſtern Vertrauen, die Freund⸗ ſchaft des zweiten. Die Freundſchaft trägt aber, gleich dem heidniſchen Lebensgott, eine Binde vor den Augen. 22 Nicht allein meinen Gemahl wird ſie blenden, ſondern auch die Welt, deren Gerede unſere jetzige freiwillige und fröh⸗ liche Trennung auf unbeſtimmte Zeit Lügen ſtrafen wird. Endlich werde ich auch ruhig ſeyn durch das Bewußtſeyn, in Euch, mein Prinz, einen vertrauten Fürſprecher bei dem jähzornigen Markgrafen, einen aufmerkſamen Beobachter aller ſeiner Handlungen zu beſitzen; ich enthülle Euch ſchließlich meine geheimſten Gedanken, und ernenne Euch zu meinem Rächer, wenn es ſich beſtätigt, was ein Gerücht uns zu Ohren brachte; wenn jener Baſtard, den wir beide verabſcheuen, noch lebt und eine gewiſſe Stufe unter dem Volke des Generals Baſta behauptet. Der Elende ſoll eine Befehlshaberſtelle erfochten oder erſchmeichelt haben. Sucht ihn auf; ſtoßt ihn nieder, wo Ihr ihn findet, in dem heiligen Umkreiſe des Geſchützes ſelbſt... der Kaiſer wird Euch begnadigen. Schämt Ihr Euch, Euern fürſtlichen Degen mit dem Blute eines Baſtards zu beflecken, ſo laßt ihn niederſchießen; ich verſchaffe Euch und Euern Helfers⸗ helfern vollkommene Freiheit und Amneſtie. Erſcheint aber nicht eher vor meinen Augen wieder, als bis Ihr mir ein Zeichen ſeines Todes vorzulegen im Stande ſeyd oder den Verräther auf dem Schlachtfelde den Geiſt aufgeben ge⸗ ſehen habt.“ Die Leidenſchaft hatte auf einen Augenblick über Sibyllens Beſonnenheit triumphirt; das überraſchte Staunen des Prinzen, das ſich kaum dieſe brennende Mordbegierde er⸗ klären konnte, führte ſie jedoch ſchnell in ihre Schranken zurück.„Seht hier, mein junger Held,“ ſchloß ſie mit wohl⸗ wollender Stimme und einem freundlichen Liebesblick:„ſeht hier den Grund, der mich bewog, Euere neue Laufbahn — 23 zu eröffnen, weil der Zufall ſo günſtig die Hände bot. Kämpft Euerer Vorfahren würdig, erringt Euch Ruhm und Ehre, kehrt als mein Ritter und Rächer aus dem Schlachtgetümmel wieder, und erwartet dann von meiner Liebe einen ſüßern Lohn, als Gnadenketten, Lorbeerkronen, ja ſelbſt des Papſtes Stocco und Berettone zu gewähren vermögen.“ Die Gaben des heiligen Vaters ſchätzte zwar der Ketzer gering; nach Lorbeerkronen und Ehrenketten ſtand hingegen des Ehrgeizigen Sinn. Höher jedoch achtete er den Minne⸗ ſold aus den Händen der gefährlichen Zauberin, die das Geheimniß entdeckt hatte, den Wüſtling ſeit Jahren in ihren Ketten zu führen. In früherer Zeit entſchloſſen, dem Kriegsglück zu folgen, war ihm Burgau ein Capua ge⸗ worden, in deſſen Wollüſten die Nerven und die Ent⸗ würſe des Jünglings ſich herabgeſpannt hatten, daß nur eine wie der Blitz vom Himmel fallende Gelegenheit ſie wieder mit einem Stoße aufzurütteln vermochte. Durch Sibyllens treuherzig dargelegte Beweggründe bezwungen⸗ fügte ſich der Halsſtarrige in ihren Willen. Die Geliebte geizte nach Ehrenkronen für den Erwählten.— Dieß war auch ſein Wunſch. Ihre Rache war ſelbſt die ſeinige. Begierig, mit Archimbald die eigene Rechnung zu ſchlichten, faßte er raſch das Mittel auf, ſeinem Haß und den For⸗ verungen der Liebe genug zu thun. Jedoch eiferſüchtig, wie er war, zog er nicht eher von dannen, als bis er ſeinen treuen Nepomuk als geheimen Hüter und Spion bei der Markgräfin beſtellt hatte. Alsdann erſt ſchied er beruhigter. —,— Bweites Kapitel. Windet um der Helden Haupt Eichenkränze, Lorbeerkronen, Die kein Winter je entlaubt, Die des Herbſtes Stürme ſchonen! Oswald. Der Pater Hubert ſaß zu Prag in ſeiner Zelle und las in Münſters Kosmographie, mit Fleiß und Mühe die Namen der Länder und Städte ſich einprägend, in denen wohl das Geſchick ſeinen Zögling Archimbald herumtreiben möchte, der ſeit ſeiner, vor mehreren Jahren erfolgten Entfernung aus der Hauptſtadt nicht das Geringſte von ſich hatte hören laſſen. Die Mühe, die ſich der gute Mönch auch gegeben, etwas von ihm zu vernehmen, war vergebens geweſen. Durch den Herrn von Wallenſtein allein war dem Pater einmal die Kunde zugekommen: Archimbald habe auf dem Schlachtfelde eine Auszeichnung erhalten, ſeines Verdienſtes und ſeiner Tapferkeit, wie auch der Billigkeit des Feldherrn würdig. Jedoch auch dieſe Nachricht blieb unverbürgt; Wallenſtein der neuen Glücksſonne des Matthias zufliegend, hatte Ar⸗ chimbalds Lehrer, vielleicht ſammt dem Zögling vergeſſen; kam nur dann und wann gen Prag, um die Schätze ſeiner ——— 5 1 — 25 häufig anweſenden alten Ehegattin zu brandſchatzen und flog hierauf nach Wien zurück, unbekümmert um Hubert und ſein Verſprechen, ihm alles mitzutheilen, was mit ſeinem Pflege⸗ ſohne Merkwürdiges vorgehe. Der bekümmerte Lehrer wußte alſo nicht, an welchen Anker er ſich zu halten habe, über⸗ trug ſeine ganze Liebe zu Archimbald auf den Pflegling deſ⸗ ſelben, der in Geiſtesanlagen und Lebhaftigkeit ſeinem Zieh⸗ vater ſo ähnlich war, und blätterte in müßigen Stunden in allen Werken, die auf Ungarn und Siebenbürgen Bezug hat⸗ ten, um ſich mit der Lage des Landes vertraut zu machen, in welchem, der Sage nach, ſein Sohn einen frühzeitigen Ruhm erfochten.. vielleicht ein frühes Grab gefunden hatte. Die letztere, traurige Vermuthung, die durch Archimbalds hartnäckiges Schweigen immer ein bedeutenderes Gewicht er⸗ hielt, legte ſich gerade jetzv, bei Durchleſung der Münſter⸗ ſchen Kosmographie, deren Verfaſſer man den Strabo des Mittelalters nannte, mit ihrer Felſenlaſt auf ſein Herz, als an die Thüre gepocht wurde, und auf des Paters: Nur herein! eine wohlbekannte Freundesgeſtalt,... der Stallmei⸗ ſter Pinzinger, in des Markgrafen von Burgau Dienſten, unerwartet, aber ſehr willkommen hereinkam.—„Der Segen des Herrn ſey mit Dir, geliebter Freund Amadeus!“ rief Hubert dem Beſucher entgegen und ſchüttelte ihm herzlich die Hand.“ Sehen Dich meine alt werdenden Augen wieder? Es iſt eine Ewigkeit verfloſſen, ſeit Du mich und dieſe Stadt verlaſſen haſt, um die Frau von Florenges nach dem Kloſter der Büßenden zu bringen!“ 3 „Mehrere Jahre, würdiger Herr!“ ermüevert Pinzinger, Huberts Hand küſſend und ihn in den Lederſtuhl zurück⸗ drückend.„Auch weiß ich mich wohl des Verſprechens zu 26 entſinnen, das ich Euch gab, bei meiner Ruckkehr eine Taſche voll Neuigkeiten mitzubringen; allein, Gott iſt mein Zeuge, daß es mir nicht möglich war. Auf andern Wegen gingen wir zur Heimath, und auch jetzo würde ich nicht die Freude haben, Euch zu ſehen, führte mich nicht meines Herrn, des Markgrafen, kriegsluſtiger Geiſt nach Prag, um kaiſerlicher Majeſtät Befehle einzuholen, und uns alsdann mit den auf⸗ rühreriſchen Ungarn oder Siebenbürgern oder Türken zu raufen. Mittlerweile aber ſind meine Neuigkeiten längſt alt geworden, und Ihr werdet ſie bereits ſeit geraumer Zeit vernommen haben, geordneter, weitläufiger und befriedigen⸗ der, als meine Zunge ſie Euch wiederzugeben vermöchte.“ „Zuerſt,“ fiel Hubert ein,„wie geht es Dir und den Deinen?“ „Herrlich, möcht' ich ſagen!“ antwortete Pinzinger.„Ich bin Gatte und Vater; in beider Hinſicht zu beneiden: mein Weib iſt geſund, blühend und zufrieden; meine Kinder ſind ihr Ebenbild. Vier reine und dankbare Seelen beten alle Abende zu Gott um Erhaltung ihres Vaters, um Segen für ihren unvergeßlichen Wohlthäter!“ „Pſt! pſt!“ unterbrach ihn der Mönch und wiſchte ſich, von ſeiner Begeiſterung bewegt, eine Thräne der Rührung aus dem Auge.„Das iſt vom Uebel! Ich fragte Dich nach dem Befinden der Deinen; ein einfaches:„ſie find geſund und froh!“ hätte zur Antwort hingereicht.“ „Vergebt meinem Gefühle die armen Worte!“ ſprach Pin⸗ zinger mit naſſem Blick.„Noch hat ſich aber die Gelegenheit nicht ergeben, Thaten an die Stellen der Worte ſetzen zu können, um Eure Menſchenliebe zu vergelten!“—„Doch, doch, Herr Stallmeiſter,“ verſetzte Hubert launig,„Ihr hättet 27 es gekonnt, wenn es Euch um Vergeltung zu thun geweſen wäre. Verhinderte Euch gleich die Pflicht, mündlich mir die Nachrichten zu geben, die ich bei Eurer Abreiſe wünſchte, fo bättet Ihr mir wohl in einem Schreiben mittheilen können, wie es meinem Zögling gehe. Sieh, Amadeus,“ fuhr er wei⸗ ter fort;...„ſieh! ich bin nicht mehr der Jüngſte; es hätte mir etwas Menſchliches begegnen können, und ich wäre dann hinüber gegangen, ohne zu wiſſen, ob mein Archimbald ſchon voraus oder noch zurück ſey. Jetzt aber erzähle, Freund Pinzinger; Du kömmſt nicht eher aus dieſer Zelle, als bis Du Alles ausführlich gebeichtet haſt!“ Pinzinger ſtaunte und konnte ſich nicht genug verwundern, als er erfuhr, daß Hubert von Archimbald's Schickſal bei⸗ nahe noch nicht das Geringſte wiſſe.—„Ihr werdet Euch nicht minder wundern,“ begann er hierauf lächelnd,„wenn Ihr vernehmt, was ich ſchon lange durch Wernher ſelbſt zu Eurer Kenntniß gelangt glaubte! So hört denn und mäßigt Euer Staunen, wenn Ihr könnt. Ihr erinnert Euch noch des Tages, an welchem Archimbald mit ſeinem Ohm und Erlwein von dannen zog?“ „Als ob es geſtern geweſen wäre!“ antwortete Hubert. „An demſelben Tage fand ich Eingang, unter irgend einem Vorwande, in der Markgräfin Haus, um der Gräfin Iſabelle Archimbalds letzten Gruß und Gedächtnißzeichen zu übergeben. Der Anſchlag gelang. Ich fand die Gräfin allein, in Thrä⸗ nen, die meine Botſchaft verdoppelte, von den Zurüſtungen zu einer nahen Reiſe umringt. Die ab⸗ und zulaufenden Diener verſtatteten mir nur einen Augenblick, meine Sendung zu vollziehen, und die Frau von Florenges mußte mich ent⸗ laſſen, ob ſie gleich etwas auf dem Herzen zu haben ſchien, 28 das ſie mir vielleicht anzuvertrauen wünſchte. Ich gab ihr daher den Segen eines Vaters und verließ die wunderſchöne Frau, in deren Nähe ich Archimbalds Leidenſchaft nachſichti⸗ ger beurtheilte, denn zuvor. Ich glaubte, ſie würde, ihrer Ausſage zufolge, am nächſten Tage reiſen..... „Ganz recht!“ unterbrach ihn Pinzinger lebhaft;„die Markgräfin hatte es ſo befohlen; aber der Krankheit konnte ſie nicht gebieten, welche die Gräfin auf das Siechenbette warf und einige Monate ſie darauf feſthielt. Dieß Gebrechen ſoll, wie man damals ſich insgeheim in die Ohren raunte, die Gräfin um eine Mutterhoffnung gebracht haben. Ein Pfand ihrer und Archimbalds Liebe ſoll daran zu Grunde gegan⸗ gen ſeyn. Ich will nichts beſchwören; indeſſen mußte ſich doch ein bedeutender Zwiſt zwiſchen die Markgräfin und die Frau von Florenges geniſtet haben; denn die Erſtere beſuchte die Letztere kein einziges Mal, ſprach kaum hin und wieder von ihr und beharrte feſtiglich auf ihrem Entſchluſſe, ſie nach ihrer Geneſung in's Kloſter der Reuerinnen brin⸗ gen zu laſſen. Mir brannte die Erde unter den Füßen. Schon längſt hätte ich bei meinem Herrn wieder eintreffen ſollen, der ſich dazumal tief in Ungarn gezogen hatte, allein die Markgräfin hielt mich zurück zu Prag, indem ſie mir allein die Gräfin anvertrauen zu wollen betheuerte, und ſandte in der That einen andern Voten an meiner Statt zum Herrn. Endlich, nach langem Harren und Ge⸗ dulden, kam der erſehnte Tag heran; die Frau von Flo⸗ renges beſtieg mit ihrer Geſellſchafterin die Sänſte, die von Maulthieren getragen wurde; zwei bepackte Saumroſſe folgten. Ich und zwei handfeſte und bewehrte Knechte mach⸗ ten die Bedeckung. Es war Sommers Anfang, das Wetter ſchön und beſtändig, die Reiſe angenehm. Aber die Gräfin weinte immer und konnte ſich nicht zufrieden geben, ſo be⸗ müht ich auch war, ihre Lage zu erleichtern. Indeſſen gebot mir die Klugheit, da ich mich einem von Feinden beſetzten Lande zu nähern hatte, die Fahrt zu beeilen und zu for⸗ dern, ſo gut es anging. Beklagte ſich aber die Gräfin über dieſe unwillkommene Eile, ſo erfreute ſich daran das Herz ihrer Begleiterin. Mit dieſer hatte es überhaupt ein ſeltſames Bewandtniß. Nach allem zu ſchließen, war ſie eine Türkin, aber ſchön wie eine Heilige. Ihr Name war Leila.“ „Leila?“ rief Hubert.„Wie kam dieſe zu der Frau von Florenges?“—„Auf ſeltſame und dennoch ſehr natür⸗ liche Weiſe!“ erwiederte Pinzinger.„Sie ſtand in den Dien⸗ ſten einer Fürſtin, deren Tochter ſich nach langem Wider⸗ ſtreben endlich an einen Mann verheirathen ließ, der auf das türkiſche Mägdlein früherhin ein Auge gehabt haben ſoll. Weder Braut noch Schwähermutter fanden es für gut, den Zankapfel im Hauſe des jungen Paars zu dulden, und bei der alten Fürſtin hielt es die Dirne nicht aus, die plötzlich von einem heftigen Heimweh befallen wurde; ſie war dem Tode nahe, und die Aerzte meinten, es gebe kein beſſeres Mittel, ſie wieder herzuſtellen, als ihr die Freiheit zu ertheilen, ſammt der Erlaubniß, nach ihrer Wiederher⸗ ſtellung nach Ofen ſich begeben zu dürfen, woſelbſt unter den türkiſchen Befehlshabern dieſer alten Königsſtadt, die leider noch in heidniſchen Banden liegt⸗ das Mägdlein einen Blutsfreund zu finden behauptete. Die Fürſtin, ihre Ge⸗ bieterin, befand ſich dazumal juſt mit ihr zu Prag, um den Heirathsbrief ihrer Prinzeſſin dem Kaiſer zur Unterſchrift 30 vorzulegen, und gab am Ende, wiewohl mit vielem Leid, ihre Einwilligung zu dem Gutachten der Aerzte. Ihr See⸗ lenberather, ein proteſtantiſcher Prädikant, gab den Aus⸗ ſchlag in der Sache, indem er meinte, es ſey beſſer, die Heidin, die ſich ohnedieß nie zur chriſtlichen Lehre hatte be⸗ kennen wollen, in ihr ſündiges Vaterland zurück zu ſenden, als ſie noch länger ungetauft in der Chriſtenheit umher⸗ laufen und ein Schauſpiel des Aergerniſſes geben zu laſſen. Nun war aber die Frage entſtanden, wie das einzelne Mägdlein den weiten Weg zu machen habe? Denn erholt hatte ſie ſich zuſehends, als man ihr die Heimkehr unter ihre Landsleute verkündigt hatte. Da kam plötzlich, wie gerufen, die Nachfrage der Gräfin von Florenges nach einer Dirne, die ſich unterſtehen wolle, eine Reiſe nach Ungarn mit ihr zu machen für große Belohnung. Es hatten ſich nämlich alle ihre Dienerinnen geſträubt, ihr zu folgen. Leila bot ihren Dienſt an und ward angenommen, um die Gräfin bis zu ihrem Kloſter zu begleiten und dann in den Kleidern eines Jünglings die Fahrt nach Ofen weiter fort⸗ zuſetzen. Die männlichen Gewänder legte jedoch die Dirne noch zu Prag an, und die fremde Tracht ſtand ihr reizen⸗ der als die ihres Geſchlechts.“—„Ei, ei, Bruder Ama⸗ deus!“ unterbrach ihn der Mönch ſcherzend.„Wer hätte wohl geglaubt...“ „Ohne Sorge, hochwürdiger Herr!“ fuhr Pinzinger fort.„Ich bin meinem Weibe treuer, als dem Kloſter. Doch weiter im Bericht. Die Folge bewies, daß meine Vorſicht nicht unnütz geweſen war. Auf jenen Grenzen, wo barbariſche Nationen hauſen und die Straßen durch ihre Räubereien unſicher machen, galt es, auf ſeiner Hut zu ſeyn; allein es geſchah uns, wie das Sprichwort don der Scilla und Charybdis ſagt,... wir kamen aus dem Re⸗ gen in die Traufe. Unſer Zug wurde durch niederträchtige Bauern, die uns im Beſitz von beträchtlichen Schätzen glaubten, an eine kriegeriſche Streifhorde verrathen, die, auf ihre eigene Fauſt den Krieg führend, bald den Kaiſer, bald Siegmund Bathori als ihren Herrn erkannten, je nachdem ſie ſich auf dem Gebiet des einen oder des andern befanden. Allein, mochten ſie gerade den Adler oder die Elephantenzähne im Panner führen,. wir ſchienen den Freibeutern immer ein guter Fang. Sie jagten uns vor ſich her, daß mein Knecht, welcher der Gegend völlig kun⸗ dig war, alle Mühe hatte, durch künſtliche Ausbiegungen und Querzüge uns ihren Klauen zu entführen. Wir hatten jedoch, trotz aller Vorſicht, nicht verhindern können, uns weit von unſerer Straße verſchlagen zu ſehen, und befan⸗ den uns auf einmal tief in Ungarn. Bis dahin war die Gräfin muthig und gefaßt geweſen. Kaum erblickte ſie je⸗ doch eines Tages auf weiter Haide von ferne einen Zug kaiſerlichen Volks, der mehrere Stücke von ſchwerem Ge⸗ ſchütz in's Innere zu geleiten ſchien; kaum war der Troß uns nahe gekommen, ſo erkannte ſie unter den Reitern, an deſſen Spitze, Euern Zögling Archimbald, und mit ſeinem Anblick drang die Liebe zur Freiheit wieder in die Bruſt. Sie ſchrie ſeinen Namen, ehe ich's verhindern konnte. Leila war vom gleichen Taumel ergriffen, vereinigte mit Iſabel⸗ lens Stimme die eigene. Die Tücher flatterten aus der Sänfte in die Luft, und die Knechte, überraſcht und den Blick fragend auf mich geheftet, hielten noch obendrein die Maulthiere an. Ich gab ſchnell den Befehl, umzukehren; die Wendung war jedoch noch nicht geſchehen, als ſchon, mit der Schnelligkeit einer Schwalbe, ein Häuflein Reiter gegen das unſrige heranſtürmte. Ich zog den Säbel; meine Knechte thaten daſſelbe. Ein Schuß warf den einen vom Gaule; ein wetterlicher Hieb ſtürzte den zweiten zu Boden, und Archimbald, von dem Hülfsgeſchrei der Geliebten in Feuer und Wuth gejagt, drang mit dem heftigſten Unge⸗ ſtüm auf mich ein. Im regelmäßigen Kampfe ungeübt, hatte ich alle Hände voll zu thun, um durch die gewagte⸗ ſten Seitenſprünge mit dem Gaule ſeinen Streichen zu entgehen. Meine Kunſt aber, wie meine abwehrende Klinge wären in Kurzem zu ſchwach geweſen, mich länger zu ver⸗ theidigen, wäre mir nicht ein Schutzengel zu Hülfe gekom⸗ men. Ein Reiter ſprengte nämlich zwiſchen uns ein, fing einen mörderiſchen Hieb, der meinem Haupte drohete, auſ und rief dem Angreifenden mit Löwenſtimme zu:„Halt ein, Archimbald! das iſt ein Ehrenmann! für den bürge ich!“ Archimbald bändigt ſein Roß; mein Retter ergreift das meinige beim Zügel und ruft mir zu:„Gebt Euch, Herr Stallmeiſter! was wollt Ihr doch ausrichten, der Einzelne gegen ein halbes Dutzend von Kriegsleuten! ſteckt ein! thut mir's zu Liebe!.. Ich betrachte den Vermittler for⸗ ſchend und erkenne in ihm einen Maler, dem ich, bei mei⸗ ner Anweſenheit zu Rom, woſelbſt ich mir vom heil. Vater die Losſprechung vom Kloſtergelübde holte, Gelegenheit hatte, einen geringen Dienſt zu erweiſen. Ich umarmte den Dankbaren, und da mir dabei der Hut vom Haupte fiel, ſo hatte auch Archimbald keine Mühe, die Züge des Bruders Amadeus zu errathen, die nun vollends ſeinen Zorn entwaffneten. Laßt mich ſchnell über das Folgende hinwegeilen. Die Frauen waren befreit. Iſabelle ſchwur, ſich nie mehr von ihrem Retter zu trennen; Leila ſchwur nicht, aber ſie that daſſelbe; und Archimbald, durch ihren Mund unterrichtet von dem, was vorgegangen, verlangte von mir, ich ſollte gegen die Markgräfin vorgeben, als ob Räuber meine Schutzbefohlenen entführt hätten. Meine Knechte waren getödtet; Archimbalds Leute begriffen nichts von der Sache, deren Zuſammenhang ihnen auch nicht er⸗ klärt wurde, und ich verſprach, was man verlangte. Ich folgte ſogar den Glücklichen zu Baſta's Heer, um von da aus unter ſicherm Geleit den zur Beobachtung der Türken aufgeſtellten Kriegshaufen meines Herrn zu erreichen. Ich wurde Archimbalds Freund; denn er hatte Antheil genom⸗ men an meinen ſchauderhaften Leiden in unſerm Kloſter, und hörte nicht auf, des Himmeis Segen Euch zu wünſchen, weil Ihr mich gerettet, weil Eure dringenden Vorſtellungen und Eure lebendige Schilderung meiner Pein, den Papſt vermocht hatten, mich von den Gelübden loszuſprechen, mir die Ehe zu erlauben nebſt der Wahl eines andern Standes. Ich lernte den wackern Degen Ehrenfried kennen; ich war Zeuge der feierlichen Handlung, in der ein Feldpater den prieſterlichen Segen über das beglückte Paar ausſprach, vom Generale dazu bevollmächtigt.“ Hubert ſchlug verwundert die Hände zuſammen. Pin⸗ zinger ſprach aber weiter:„Der Hochzeitstag, in dem wil⸗ den Gewühl des Feldlagers gefeiert, wurde noch feſtlicher durch den darauf folgenden, den dritten Anguſt, an wel⸗ chem die entſcheidende Schlacht von Goroszla geliefert wurde. Baſta's Tapferkeit und des wallachiſchen Woywoden Michael Sſ Beiſtand ſchlugen den Feldherrn Bathoris, den 34 erfahrnen Moſes Spekely in die Flucht und riſſen dem tren⸗ loſen Fürſten Siebenbürgens zum drittenmale gewaltſam die Krone vom Haupte, die er ſchon zweimal mit trügeriſcher Hinterliſt abgelegt hatte. Archimbald war an dieſem glän⸗ zenden Siegestage ein Engel der Schlacht. Der Tod hatte in der Schanze, worin ſich der Unerſchrockene befand,— an ſeiner Seite Iſabelle und Leila, die in wallachiſchet Mannstracht verborgen, keinen Augenblick von ihm wichen — alle Büchſenmeiſter niedergemacht unter den Säbeln und Kugeln der ſtürmenden Feinde. Das Geſchütz hätte ſchwei⸗ gen, die Schanze übergehen müſſen, wäre nicht Archimbald ein Fels im Meere geweſen. Aber mit kaltblütiger Uner⸗ ſchrockenheit, mit unerſchütterlichem Muthe beſorgte er, von einigen willigen Fußknechten handlich unterſtützt, die Feuer⸗ ſchlünde, und hörte nicht auf, Verderben und Tod auf die kecken Stürmer zu ſchleudern, bis die Schlacht entſchieden und, außer den zahlreichen Todten und noch zahlreichern Gefangenen, kein Feind mehr im Felde zu ſehen war.“ „Georg Baſta, von ſolchem Heldenmuth im Innerſten bewegt, und von der Ahnung durchdrungen, was dieſer junge Mann wohl in der Folge leiſten werde, da er ſeine Laufbahn ſo glänzend begonnen, belohnte die außerordent⸗ liche That mit einem außerordentlichen Preis und ernannte Euern Archimbald, da viele von den Anführern der Büch⸗ ſenmeiſter gefallen waren, zum Hauptmann in dieſer ehren⸗ vollen Waffengattung. Als er ihm im Angeſichte des Heeres die kaiſerliche Feldbinde umwarf und den Buſch aufſteckte, erſchallte der Jubelruf aller wackern Kriegsleute, die in, dem Beförderten die Tapferkeit und den Ruhm, ohne Rück⸗ ſicht auf Herkunft und Güter, gekrönt ſahen. Kurze Zeit 35 nach dieſer erhebenden Feierlichkeit verließ ich Euern Lehr⸗ ling im Arm der Liebe, auf dem Pfade der Ehre und kehrte bald hernach mit meinem Gebieter über Wien nach Burgau zurück. Dieſer Umſtand verhinderte mich, Euch dieſe Bot⸗ ſchaft zu bringen, die ich ſo ungerne einem andern überließ.“ „Für die ich Dir herzlich danke, wenn ich ſie auch um mehrere Jahre zu ſpät aus Deinem Munde höre!“ antwor⸗ tete Hubert.„Du hat mir eine frohe Stunde gemacht, und ob ich gleich befürchten muß, daß jetzo ein kühles Grab die Hülle des kühnen Kriegers decke, ſo freue ich mich dennoch nicht weniger über ſeine Erhöhung. Wenn nur ſeine Ver⸗ bindung mit Iſabellen ihn im Heldenlaufe nicht hemmt! Sie kam viel zu früh für Archimbalds Feuerſeele, viel zu früh für ſeine Jahre, für ſeinen Ruhm. Auch iſt die Frau von Florenges älter als mein Zögling, und ich fürchte, ſeine Liebe wird um deſto geſchwinder altern. Eine Ehe, nnter den Donnern des Geſchützes, im leichtſinnigen Wechſel der Lage geſchloſſen, trägt nur zu oft das Gepräge dieſer Umgebung. Indeſſen iſt es gut, daß Archimbald zum Schwerte gegriffen hat; im Soldatenleben bewegt er ſich frei in ſeinem Element... ſelten wird ihm wohl ſeine Ge⸗ burt hemmend in den Weg treten, und geſchieht es einmal, ſo ſteht es ihm frei, mit dem Degen in der Fauſt einen Comm ntar darüber auf das Geſicht ſeines Gegners zu zeich⸗ nen. Sonderbares, abenteuerliches Thun und Treiben des ſch wachen Menſchengeſchlechtes! In dem beſchränkten Kreiſe de Bürgerlebens wies ein ſchlechter Handwerker unſerm Archimbald die Thüre, als dieſer, einen Augenblick ſeine uneheliche Abkunft vergeſſend, um Aufnahme in die Zunft bettelte.... Auf dem Schlachtfelde i ihn ein kluger — Feldherr in das Kleid der Ehren! Hier würde man dem Baſtard Ehe und prieſterlichen Segen verweigert, die Kirche verboten haben.. unter den Pannern der Kämpfer für die Chriſtenheit fagt ihm die Religion ihre Wohlthat nicht! Nimmt man all das Schwankende und Ungereimte in unſern Einrichtungen und Sitten zuſammen, ſo dünkt uns faſt das Leben im Kloſter ſchöner als in der bunten, bald durch ein⸗ ander ſchwindelnden Welt, worinnen jeder Grenzſtein eine neue Geſetztafel aufſtellt, jeder buntgefärbte Schlagbaum einer andern Ordnung Herold wird,.. worinnen man heute lobt, was man geſtern tadelte, und hier für Tugend gehalten wird, was dort für ein Verbrechen gilt!“ Nitterweit⸗ ſtand der Markgraf von Burgau, begleitet von dem Prinzen Bernhard, vor dem Kaiſer Rudolph, der ſich endlich entſchloſſen hatte, den berühmten Namen der Audienzſuchenden ſeine Thüre zu öffnen. Nachdem der Mark⸗ graf ſeinen Geſellſchafter dem Monarchen vorgeſtellt und das Vergnügen gehabt hatte, ihn freundlich empfangen zu ſehen, bat er um die Verhaltungsbefehle, die man ihm ver⸗ ſprochen hatte, in Prag einzuhändigen. Der Kaiſer rieb ſich bei dieſem Anſinnen etwas verlegen die Hände, fuhr ſich in die Haare und antwortete:„Ew. Liebden finden uns in ſeltſamen Verwirrungen, und wir müſſen Euch und Euer Anſuchen an den Erzherzog Maximilian,.. oder beſſer, an den Erzherzog Matthias, unſern kriegskundigen Herrn Bruder, verweiſen. Wir haben ſo viel mit dem Frieden zu thun, daß wir uns unmöglich noch obendrein mit dem Kriegshandwerk befaſſen möchten, welches wir niemals geliebt haben.“ „Ohne Krieg keine Krone!“ meinte der Markgraf.„Das Schwert iſt der beſte Scepter.“ „Ihr ſeyd ein Kriegsmann,“ entgegnete der Kaiſer;„man muß Euch auf dem Glauben laſſen! Wir geben Euch indeſ⸗ ſen zu bedenken, daß man das Roß mit dem Zügel regiert, mit dem weichen, ſanſten Zügel.“ „Das mag Ew. Majeſtät ſagen!“ ſprach Markgraf Carl; „Ihr reitet ſanfte Thiere! Ein wildes Pferd bedarf des ſcharfen Sporns!“ Der Kaiſer ſchwieg, weil das trefende Gleichniß ihm den Mund verſchloß. Der Markgraf fuhr aber, etwas warm werdend, fort: „Mir ſcheint, als hätte Ew. Majeſtät beſchloſſen, nach obi⸗ gen Sanftmuthsregeln mit Ihren ſchwierigen Unterthanen zu verfahren; denn der Krieg iſt vor der Thüre und noch nirgends finde ich Rüſtungen und Anſtalten. Heer, Geſchütz und Pferde, alles ſteht nur auf den Regiſtern des Kriegs⸗ raths. Nichts von alle dem iſt wirklich da. Wo ſoll das binaus? Kaum erfahre ich, wo mein Regiment ſteht und welcher Erzherzog das ſchwache kaiſerliche Heer in Ungarn beſehligt!“ „Liebſter Vetter,“ antwortete der Kaiſer in vertraulichem Gleichmuthe,„zürnt deßhalb nicht mit Uns! Wir regieren ja aus allen Kräften, können aber nicht alles überſehen. Auch nimmt Uns die Verfertigung der Ketten für die. Frie⸗ densritter, deren Orden Wir zu ſtiften gedenken, allzu viele Zeit weg.“—„Ich verſtehe Ew. Majeſtät nicht!“ brummie der Markgraf finſter vor ſich hin.—„Weil Ihr kein fried⸗ liebender Fürſt ſeyd!“ lächelte der Kaiſer.„Da ſeht ber, wie unſere kaiſerlichen Hände von Ruß und Kohlenſtaub verſchwärzt ſind, wie unſer Gewand von den Funken und Metallſpänen zugerichtet iſt. Wir laſſen es uns aber auch ſauer werden, den ganzen Tag hindurch; haben ſelbſt die Ordensketten gezeichnet, ſelbſt geſchmiedet, gelöthet, ausge⸗ feilt und blank gemacht. Zweie derſelben ſind bereits fertig. Seht her, welche Pracht! Nicht wahr, das koſtet Mühe und Fleiß? Aber wir thun es gern wegen der Folgen. Wenn nämlich eine hinreichende Zahl von dieſen Ordensket⸗ ten vollendet iſt, ſo ſenden wir ſie an alle Potentaten Eu⸗ ropa's, die gegenwärtig alle mit Kriegsgedanken umgehen ſollen,.. si fabula vera,. unſer ängſtlicher Dietrichſtein hat es ſich alſo in den Kopf geſetzt. Riecht Ihr jetzt den Braten? Es wird wohl kein Fürſt ſo unhöflich ſeyn, und einen Orden anzunehmen ſich weigern, deſſen Zeichen wir eigenhändig entworfen und verfertigt haben; und jeder, der die Kette trägt, müßte ſich ja vor der Welt in's Herz hin⸗ ein ſchämen, wenn er als Friedensritter einen Krieg begin⸗ nen wollte! Ihr ſeht,... unſer Entwurf iſt leicht ausge⸗ führt und ſichert der Welt eine dauerhafte Ruhe, die ihr die Waffen nimmermehr erkämpfen würden!“ Unmuthig ſtarrte der Burgauer den Fußboden an.„Ver⸗ leiht Euern rebelliſchen Völkern zuerſt die Ordenszeichen, von denen Ew. Majeſtät ſo viel hofft, oder macht Ernſt mit Euern Rüſtungen!“ „Unſer geliebter Bruder Matthias hat den Oberbefehl des Heeres!“ verſetzte Rudolph mit einem Seufzer.„Sorgt nicht, daß er etwas Sachſites er wird ſchon das Reich für ſich bewahren.“ „Und wäre das auch!⸗ erwiederte der Markgraf unge⸗ duldiger„„vermag er denn Heere aus dem Boden 39 hervor zu zanbern? Bedarf er nicht der Hülfe Ew. Maje⸗ ſtät und des Reichs, um auszuführen, was man von ihm verlangt?“ „Des heil. römiſchen Reiches Stände bewilligen nichts!“ entgegnete Rudolph;„ſie begegnen uns, wie man einem zudringlichen Bettler zu thun pflegt. Wir vermögen es auch nicht, Armaden herzuzaubern, noch aus eignen Mit⸗ teln einen Krieg ferner zu beſtreiten, der das ganze chriſt⸗ liche Eurvpa angeht. Denn wenn die Siebenbürger und die Ungarn rebelliren, ſteckt alleweil der Großtürke unter der Decke. Mögen die ſich wehren, denen es am nächſten an den Kragen geht. Wir ſind Kaiſer und kein Fußſchemel deutſcher Nation, noch viel weniger der Pritſchmeiſter un⸗ ſerer Unterthanen, dem man nach Gefallen die Mütze beu⸗ teln und den Vart zerzauſen darf. Wir rufen die Fürſten auf; gehorchen ſie nicht, haben wir unſern Dienſt gethan! Wir ſchicken ſo viel Mannſchaft ſich vorfindet in's Feld.. viktoriſirt ſie nicht, ſo iſt es nicht unſere, ſondern lediglich des Feldherrn Schuld. Gebt Acht, wie flink die öſterreichi⸗ ſchen und mähriſchen Stände, die unſere Gebote beſtändig mit einem trockenen: Nein! beantworten, bei der Hand ſeyn werden, wenn es ihnen an die Kehle geht und man ſie türkiſch machen will. Noth iſt der beſte Sporn! Wir wollen uns nicht länger ärgern und an unſerm Friedens⸗ geſchäft verhindert werden, das all dieſem Unfug ein Ende machen ſoll, ſo Gott ſeinen Segen dazu gibt!“ „Euer letzter Beſcheid, Ew. Majeſtät,.. ſprach der Markgraf, der kgum mehr an ſich halten konnte,„lau⸗ tet alſo 2 „Geht zum Matthias, lieber Vetter:“ erwiederte der Kaiſer; wir miſchen uns nicht in's Kriegsweſen! Wenn unſer Kriegsvolk nur will und unſere Generale nur auf⸗ gelegt ſind, ſoll's den Rebellen doch nicht ſo leicht werden, das Feld zu halten. Sie wollen zwar einen Fürſten von Siebenbürgen wählen, wie wir vernehmen; wenn aber unſere Stände nur zuſammenhalten wollten, ſollte dieſe lächerliche Ceremonie wohl unterbleiben, die beihelfenden Türken brav geklopft werden und unſere Fahnen ſo weit in ihr Gebiet vordringen, daß das Sprichwort Lügen ge⸗ ſtraft würde, welches da behauptet: hinter Kronſtadt hätie das teutſche Vaterunſer ein Ende. Aber, daß ſich Gott erbarme! Thut man doch, als wäre gar kein Reich und kein Kaiſer auf der Welt! Na, Wir waſchen unſere Hände in Unſchuld und haben das Unſerige gethan! Lieber Vetter von Burgau,“ ſetzte er hinzu,„wollt Ihr nicht den Löwen ſehen, den man uns vor Kurzem aus dem Lande Afrika überſendet hat?“ „Ich mag keinen Loöwen im Käfig ſehen!“ antwortete der Markgraf trocken. „Ihr habt keinen Sinn für das Schöne und Nützliche!“ ſprach der Kaiſer mit ſanftem Verweiſe.„Wo wollten wir aber unſern Gram vergeſſen, als bei den Werken der Kunſt oder bei den Meiſterwerken der Natur? Beklagt Uns, lieber Vetter!“— Hierauf wendete er ſich zu Bernhard.„An Euch, lieber Prinz, haben Wir Freude!“ fuhr er fort.„Indem Ihr den Degen für Uns zieht, gebt Ihr dem Kaiſer was des Kaiſers iſt. Euerer Ergebenheit zu Liebe verzeihen Wir Euerm Schwager, dem Kaunitz, die Stänkereien, die er unter dem Adel von Mähren und Proteſtanten angezettelt 3 hat, und ſind Euch in Gnaden gewogen. Der Herr der Heerſchaaren ſey mit Euch, und auch mit Euch, liebſter Vetter!“ Der Kaiſer machte ein Vewegung mit der Hand, die Gäſte zu entlaſſen; an der Thüre jedoch rief er ſie zurück. „Was uns einfällt!“ ſprach er zu dem Markgrafen;„wir hätten beinahe, da unſer Gehirn mit Regierungsſorgen angefüllt iſt, vergeſſen, Euch einen Auftrag mitzutheilen, wie Wir Uns vorgenommen; allein, Dank ſey es der Nadel, die Wir, der leichten Erinnerung wegen, in Unſern Aermel ſteckten— Wir beſinnen uns noch zu rechter Zeit. Da plagt Uns der General Georg Baſta in jedem ſeiner Berichte mit der Empfehlung eines ſichern Büchſenhauptmanns Wernher, Archimbald mit Vornamen, wenn Wir nicht irren. Er thut gerade, als ob ohne dieſen Mann kein Heil in dem Heere ſey, als ob die Geſchützkunde große Verbeſſerungen von demſelben zu erwarten habe. Beſeht Euch doch einmal den Mann, liebſter Vetter. Sein Name iſt uns ſchon einmal vorgekommen,.. wir wiſſen nur nicht mehr, bei welcher Gelegenheit. Wir möchten aber gerne von ſeinen Gestis etwas Näheres erfahren, und empfehlen daher ſeinen Namen Euerm Gedächtniß. Lebt wohl, Herr Markgraf, und ſagt den Generalen unſers Heers, ſie möchten ſich zuſammen nehmen und bedenken, daß wir zu Hauſe auch nicht müßig find!“ Nach dieſer etwas ſeltſamen Audienz ging der Markgraf mit ſeinem Begleiter nach Ungarn ab, mißvergnügt, den weiten Umweg umſonſt gemacht zu haben. Bernhard brütete jedoch während der Reiſe über allerlei verderblichen Planen, die den Untergang des verhaßten, jetzt ſogar dem Kaiſer empfohlenen Archimbalds zum Zwecke hatten. Ni Wo ich ſey, und wo mich hingewendet, Als mein flücht'ger Schatten dir entſchwebt? Hab' ich nicht beſchloſſen und geendet? Hab'ich nicht geliebet und gelebt? Schittev. Dem Hauptmann Archimbald Wernher hatten indeſſen bisher Tage des Glücks und der Liebe gelächelt. Der Schlacht⸗ tag bei Goroszla ſchien die Sonnenwende ſeines Lebens geweſen zu ſeyn. Hinter ihm ſtiegen finſtere Jahre des Unglücks in die Gruft der Vergangenheit... vor ihm bauten ſich die Pforten eines unabſehbaren Paradieſes auf. Was fehlte auch zu ſeiner Wohlfahrt? Hatte er nicht mit dem glänzenden Bande der Ehre ſeine Stirne bekrönt in dem Siegesfeld der Helden? Liebten ihn ſeine Untergebenen nicht wie einen Vater, ſeine Mitbefehlshaber wie einen Bruder, ſein wackerer General wie einen guten Sohn? War nicht die zärtliche Iſabelle ſeine Gattin? die treue Leila ſeine Freundin? Durfte er nicht auf das Herz ſeines Ohms, auf die Anhänglichkeit Erlweins zählen? Das Schickſal ſchien ſeine Tücke erſchöpft zu haben. Die Ungeheuer des Haſſes, des Neides, der Bosheit ſchienen ſich an ſeiner Beharrlichkeit und ſeinem Glücke die Giftzähne ausgenagt zu haben. In Ehre und Ueberfluß lebend, hatte der Aufenthalt in dem romantiſchen Lande Siebenbürgen unausſprechliche Reize für den Glücklichen. In ſeinem Schooße genoß er ungetrübter Ruhe; ſeine Wälder, ſeine Berge ſchienen unüberwindliche Scheidemauern zwiſchen ihn und ſeine Feinde zu thürmen. Ehrenfried verjüngte ſich in dem wohlgerathenen Reffen, und dankte um ſo herzlicher dem wackern Kriegsmann, der ihn mit eigener Lebensgefahr unter den vor Sabalka liegen gebliebenen Leichen hervorgezogen, um ihn beſonders zu beerdigen und, eine ſchwache Bewegung an dem Todſcheinenden wahrnehmend, die Anſtalten zu ſeiner Rettung getroffen hatte. Auch dieſer edle, wenn gleich gemeine Kriegsknecht machte ein Glied des Archimbald'ſchen Hausweſens aus; denn dieſer hatte in ihm den alten Prapowick erkannt, Hagars Vater, den ihm das gute Weib ſo dringend empfohlen hatte. Er konnte für den Retter ſeines biedern Ohms, wie für den Erzeuger der Pflegemutter jenes ihm anvertrauten Kindes, nicht weniger thun, als das eigene Dach zu dem ſeinigen zu machen, an dem eigenen Tiſche ihm einen Platz zu be⸗ reiten, alle Rechte ſeiner Bluts⸗ und Herzensfreunde auf ihn übergehen laſſen. Das glücklichſte Verhältniß herrſchte unter den Bewohnern des Hauſes, das Archimbald unfern Hermannſtadt beſaß, wo ſich der Waffenplatz befand. Die Tage gingen und kamen in ungetrübter Heiterkeit. Die Abende vergingen unter den Erzählungen der Frauen, des Oheims und den Schwänken Erlweis. Oft erheiterte auch der General ſelbſt, der kluge und ſtarke Baſta, die Verſammlung durch die Schilderung der abenteuerlichen Begebenheiten, die ihn von der letzten Stufe des Soldatenhandwerks zu der höchſten emporgehoben hatten. Auch ſeinem Archihbald prophezeite er ein gleiches Loos. Die übrigen Männer ſtimmtem ein. Die Frauen aber, beſorgter für das Leben des Gatten, des Freundes, verwünſchten den blutbefleckten Stand.„Verſprich mir, Geliebter!“ ſprach öfters und ſchmeichelnd in vertrauten Stunden Iſabelle zu Archimbald,„..„verſprich mir,. wenn der Himmel unſere Wünſche erhören, uns ein Kind, einen Sohn ſchenken ſollte, niemals denſelben zum Waffen⸗ dienſt zu erziehen. Verſprich mir, dieſes Gewerbe ſelbſt zu meiden, wenn Dir es einſt die Ehre, die Freundſchaft für den tapfern Baſta erlauben wird.“ Archimbald hätte ein Herz von Stahl in der Bruſt tragen müſſen, wenn er der Anmuth ſeines Weibes, ihren Bitten hätte widerſtehen können. Er verſprach, vertröſtete, und war froh in ihrer Zufriedenheit. Dem ungeachtet aber ſchien der Himmel taub für das Flehen und die Wünſche des Paares zu ſeyn. Keine Hoffnung auf einen Erben ihrer Liebe. Mit der erſten Frucht ihrer Zärt⸗ lichkeit ſchienen alle Keime der Aelternfrenden für ſie abge⸗ ſtorben zu ſeyn, und dieſe von Jahr zu Jahr zur Gewißheit emporwachſende Ahnung verurſachte allein den Gatten eine vorübergehende Betrübniß. Bald aber lächelte wieder jene Ruhe auf ihrer Stirne, jene Zufriedenheit, die als ein Bürge für die Seelenruhe, für den Frieden des Gemüths angeſehen wird. Alle Glieder des Wernherſchen Hauſes trugen dieſe Farbe. Nur auf dem Antlitz eines einzigen derſelben war ſie Lüge. Leila heuchelte heitern Frohſinn, und barg im Innern einen unabläſſig nagenden Wurm, der an ihrem Leben fraß. Die Aermſte! das Heimweh, das ſie von Prag nach Ungarn trieb, war nichts als der Liebe Sehnſucht, ein 45 unendliches Verlangen nach dem Gegenſtande derſelben, nach dem geliebten Archimbald, deſſen Unglück ihn doppelt be⸗ gehrenswerth in den Augen der leidenſchaftlichen Morgen⸗ länderin machte. Eine leiſe Hoffnung, ihn wieder zu ſehen, hatte ſie zur Begleiterin der Gräfin gemacht, das endliche Gelingen ihrer Wünſche ihre Heilung vollendet. Ohne Neid, ohne irgend ein gehäſſiges Gefühl hatte ſie den Theuern einer Andern den Eid der Treue ablegen gehört. Sie gönnte ihm aus vollem Herzen das Glück, das er in Iſabellens Beſitz fand, ſie glaubte ſich ſogar ſtark genug, eine bleibende Zeugin deſſelben zu ſeyn. Hierin fand ſich aber nach einer geraumen Zeit das ſtarke Mädchen getäuſcht. Es iſt ein anderes, einem Geliebten zu entſagen und ihn großmüthig der Geliebtern zu überlaſſen, als die Wonne dieſer Beiden mit anzuſchauen, und mit jedem Tage mehr und mehr einzuſehen, welch ein Opfer man brachte, welch ein Kleinod man aufgegeben. Zu ſpät fühlte Leila die Wahrheit dieſer Behauptung! aber, gewöhnt, ihrem Willen, wenn ſie ihn einmal als recht erkannt, ſich blindlings zu unterwerfen, blieb ſie nichts deſto weniger in der geſährlichen Lage. Wenn ihre Vernunft auch hin und wieder zu einer Aenderung derſelben rieth, ſo kämpfte ihr Herz ſiegreich gegen den wohlgemeinten Rath, und Gewiſſenhaftigkeit wie eine gewiſſe Klugheit mußten der Leidenſchaft ihr Gewand leihen. Wie kann ich ihn verlaſſen, fragte die erſtere, ihn, dem ich einſt in feierlicher Stunde geſchworen habe zu dienen mit Blut und Leben? Ich muß meinen Schwur er⸗ füllen und aushalten, ſollte mir das Herz auch brechen. Die zweite flüſterte hingegen: Wie kannſt du dich aus der Gefahr retten, die deinen Gefühlen, vielleicht deinem Leben droht? Durch Entfernung, durch die Flucht; kein anderes Mittel bliebe. Iſt es aber zu wagen für ein ſchwaches Weib? Hier, umgeben von wilden, rauhen Völkerſchaften, die jeden Ausweg ſchwer, für ein Weib unmöglich machen; wo Schmach und Tod bei jedem Schritt der flüchtigen Dirne lauern würden? Sie vergaß den abenteuerlichen Entwurf, den ſie geſchaffen, von jenem Kloſter aus in männlicher Kleidung nach Ofen pilgern zu wollen, woſelbſt ſie auf gut Glück nach einem zu Haſſans Geſchlecht gehörigen Verwandten zu fragen ſich vorgenommen;... ſie wollte lieber von den Qualen einer hoffnungsloſen Leidenſchaft ihr Leben aufzehren laſſen, als ſich den Gefahren eines ſolchen Verſuchs preis geben.— Sie blieb; aber ihre Wangen wurden blaß, ihr Auge trübe, ihr Antlitz das einer aͤberirdiſchen Dulderin. Vergebens ſuchte Iſabelle, die dieſe ſeltſame Umwandlung wahr nahm, die Freundin zu zerſtreuen; vergebens bemühte ſich Erlwein, auf deſſen Herz ihre Schönheit wie ihre Güte einen tiefen Eindruck gemacht hatten, ihren Schmerz zu lindern, ihr verborgenes Leid zu errathen. Sie blieb mild und freundlich wie zuvor⸗ unterzog ſich, das Bedürfniß der Beſchäftigung vorgebend, allen Arbeiten des Haufes, trat freiwillig aus der Gemein⸗ ſchaft mit den Gebietern deſſelben in das Verhältniß einer Dienerin zurück, und betrübte durch ihre hartnäckige Weige⸗ rung, daſſelbe zu ändern, alle ihre Freunde. Erlwein, von einem Gefühle bedrängt, welches er bis jetzt noch nicht gekannt, entdeckte ſich endlich ſeinem Freunde Archimbald⸗ betheuerte ihm, Leilas Hinwelken nicht überleben zu können⸗ und beſchwor ihn, der jungen Türkin doch zu enidecken, wie ſehr er ſie liebe, wie glücklich es ihn machen würde, — 47 ſie die Seinige nennen zu dürfen. Archimbald hoch erfreut, den leichtſinnigen Mann zu ernſtern und beſſern Empfin⸗ dungen zurückkommen zu ſehen, gab ihm ſein Wort, und benutzte die nächſte Gelegenheit, in welcher er Leila ohne Zeugen ſprechen konnte, ſein Verſprechen zu erfüllen. Er ergriff die Ueberraſchte und Erröthende bei der Hand, fragte nach ibrem Befinden, beklagte ihren Eigenſinn, ſchalt ſie wegen des Mangels an Vertrauen zu ihren Freunden, das ſie allein verhindere, ihr verborgenes Weh zu entdecken, behauptete, den Urſprung nur in ihrem Herzen aufzufinden, das ſich nach einem Verwandten, nach einem Gatten ſehne, und malte ihr nach einem raſchen Uebergange Erlweins Verdienſte, ſeine Leidenſchaft, ſein Geſuch mit den leben⸗ digſten Farben. Er ſchloß mit der Verſicherung, Alles fuͤr für den Verliebten thun, die Gunſt des Generals für ihn aufbieten zu wollen, wenn Leila ihm das Jawort geben und nach abgelegtem chriſtlichen Glaubensbekenntniß mit ihm vor den Altar treten würde, und fügte noch hinzu, wie angenehm es allen ihren Freunden ſeyn würde, ſie dieſen Rath befolgen zu ſehen.— Am Ende ſeiner Frei⸗ werberrede bemerkte aber Archimbald erſt, daß die Er⸗ glühende blaß geworden und einer Ohnmacht nahe war. Er lließ erſchrocken ihre 2 los, und empfing die Schwankende, um ſie nicht auf den B Be eden gleiten zu laſſen. Die raſche Bewegung, der Druck ſeines ſtarken Armes ſchreckten die Vergehende zur Beſinnung ſchnell wieder auf. Sie entzog ſich dem Hülfreichen und ſprach mit leiſer, zitternder Stimme:„Zürne nicht, Achmet, wenn ich ver⸗ neinend antworte. Deine Selavin zu ſeyn, habe ich gelobt; kein Anderer ſoll mir gebieten. In Deinem Dienſte finde 48 ich keinen Zwang; er iſt meine Seligkeit. Willſt Du es aber ausdrücklich... ſetzte ſie mit heftiger Bewegung hinzu... beſichlſt Du mir's, ſo reiche ich dem unge⸗ liebten Freier die Hand und bin elend in meinem Gehor⸗ ſam; vergieb mir nur mein Widerſtreben, denn ich geſtehe, daß mir der Vorſchlag aus Deinem... gerade aus Deinem Munde unerwartet, kränkend ſchien.“ „Kränkend?“ wiederholte Archimbald befremdet.— Der innige, hingebende und beſchämt zur Erde fliegende Blick des ſonderbaren Mädchens beantwortete ihm aber die Frage auf eine Weiſe, die ihm das Geheimniß der Unglücklichen nicht allein enthüllte, ſondern auch einen gefährlichen Feind weckte in der Tiefe der eigenen Bruſt. Ohne ein Wort zu reden, ging er von ihr; allein ſelbſt in Iſabellens Nähe verließ ihn der Eindruck nicht, den Leilas letzter Blick auf ihn hervorgebracht hatte. „Freund!“ ſprach er ſchonend zu Erlwein,..„ich habe geredet— es war umſonſt.“— Der leidenſchaftliche Maler gerieth in Verzweiflung, drohte mit Selbſtmord, wurde aber mit jedem Tage ruhiger und ſprach endlich gar nichts mehr von der Sache. Um dieſe Zeit verkündete Iſabelle ihrem Gemahl, ihr beiderſeitiges Verlangen ſey erhört worden,.. ſie fühle ſich Mutter. Wer beſchreibt die Freude Archimbalds? Das ganze Haus mußte Theil daran neh⸗ men. Die Männer wünſchten theilnehmend Glück;... Leila warf ſich ſchluchzend in Iſabellens Arme und flehte den Segen des Herrn auf ſie herab. Dieſe beſondere Weiſe, ihre Freude kund zu thun, beengte Archimbalds Bruſt. Er tonnte um keinen Preis mehr allein mit dem Mädchen ſeyn⸗ in deſſen Seele ein Orkan widerſtrebender Empfindungen S4* 49 ſein Spiel zu treiben ſchien. Auch ſie vermied ihn ſichtlich; der ſchadenfrohe Zufall führte ſie dem ungeachtet einmal zuſammen. Leila arbeitete gerade an dem Linnenzeug, das für den erwarteten kleinen Menſchen gefertigt wurde. Sie hielt inne, ließ die Hand ſinken und heftete den thränenden Blick an die Decke der Stube. In dieſer Stellung über⸗ raſchte ſie der unbemerkt herbei gekommene Archimbald; er rief ihren Namen, ſie fuhr zuſammen. Er wagte, einige Worte an ſie zu richten; ſie horchte mit ſchmerzlichem Lächeln. Er fragte um die Urſache ihrer Thränen; ſie läugnete, geweint zu haben, klagte über Schwäche der Augen. Er warf ihr liebreich vor, daß ſie dieſelben ver⸗ derbe bei der angeſtrengten Arbeit.—„Und wenn ich blind würde!“ rief Leila begeiſtert:„ich arbeite ja für Dein Kind! für Dein Kind! Fühlſt Du, was ich empfinde bei dieſen Worten?“— Sie ſchwieg und richtete das leuchtende Auge wieder auf die Arbeit; aber Archimbald fühlte zu gut den Sinn ihrer Rede und zerfiel vollends mit ſich ſelbſt. Es war hell in ihm geworden; er liebte neben ſeiner Gattin eine Andere! Zwar war dieſe Liebe rein und heilig wie ihr Gegenſtand; allein hatte nicht ſchon zu wiederholten Malen ein böſer Augenblick die feſteſten Entſchlüſſe er⸗ ſchüttert? die dauerhafteſten Tugendſchlöſſer in den Staub geſtürzt? Iſabelle hatte ſich gleichſam mit Leilas Reizen gegen den Gatten verſchworen. Sie machte ihm Vorwürfe, daß er das arme Mägdlein vernachläſſige, ſie kalt und rauh behandle, forderte ihn auf, durch größere Freundlich⸗ keit und Güte dieſe Behandlung wieder gut zu machen. Die eiferſüchtigſte Frau hätte ihren ſtrafbaren Gemahl nicht Pinpuhe züchtigen können, als hier die Argloſe den 50 — Unſchuldigen auf die Folter ſpannte. Archimbalds Lage wurde eine der verwickeltſten, und würde ihn vielleicht in Gefahr gebracht haben, hätte nicht der Lauf der Zeit ſie in etwas verändert, als Archimbald es am wenigſten hoffte. Eines Tages trat Baſta, der ſchon lange jede frohe Verſammlung vermieden hatte und mit ſeinen Arbeiten unaufhörlich beſchäftigt ſchien, mit Verdruß auf Stirn und Mund bei Archimbald ein und nahm denſelben bei Seite. „Ihr mögt wiſſen, Hauptmann,“ ſprach er mit ſeiner ge⸗ wöhnlichen Kürze:„daß meine Lage ſchier verzweifelt zu werden beginnt, wenn ich nicht geſchickt vorbaue. Der ver⸗ dammte Pöbel gibt keine Ruhe. Man hat meine Art, das Land zu behandeln, in Wien tyranniſch geheißen; zu Prag hat nur der Kaiſer gut von mir geſprochen, und der iſt, wie bekannt, das fünfte Rad am Reichswagen. Das Volk endlich von Siebenbürgen, meutriſch und übel geſinnt, verfolgt mich mit bitterm Haß, nennt mich einen Caſtaldo, etnen habſüchtigen Land- und Leutverderber. Man rottet ſich zuſammen; ich wittere Verſchwörungen. Wir ſtehen auf einer Pulvergrube. Der nächſte Augenblick kann uns in die Luft ſprengen. Ich würde des wahnſinnigen Pöbels nur lachen, hätte ich hinlängliches Volk unter Waffen, ge⸗ nugſam Kraut und Loth, und nicht das mißvergnügte Un⸗ garn um mich her, deſſen unruhige Köpfe nur einen Anlaß erwartet haben, um loszubrechen. Wer gern tanzt, dem iſt leicht gepfiffen. Der Kaiſer hat ihnen ſchon Gelegenheit gegeben, hat ihre Geſandtſchaft zu Prag ein Paar Monate ſitzen laſſen und ihr keinen Beſcheid ertheilt; das hat die ſtolzen Herren verdroſſen, und aller Orten brennt es hell auf. Gegen Kaiſer und Reich kann ich mich vertheidigen. 5¹ Ich habe Siebenbürgen gedrückt, wie die kaiſerlichen An⸗ führer Ungarn drückten; aber wir wußten wohl, ſollten die Soldaten leben; denn niemals iſt gehalten worden, was auf den Landtagen zum Unterhalt unſerer Regimenter be⸗ willigt worden iſt. Was hilft aber das alles, wenn ich einem rebelliſchen Geſindel wehrlos preisgegeben bin? Beim erſten Rumor müſſen wir uns daher auf die kaiſerlichen Heere in Ungarn zurück ziehen, die ſich uns nähern. Haltet Euch bereit, denn lange dauert dieſe trügeriſche Ruhe nicht.“ Archimbald zeigte ſich bereit, dieſem Befehle nachzukom⸗ men. Der General fuhr aber fort;„Noch einen Liebes⸗ dienſt komme ich von Euch zu erbitten. Heute iſt ein vor⸗ nehmer Türke angelangt, mit wenig Begleitern, alle Wal⸗ lachen, aber mit vielen Reichthümern, wie es ſcheint. Er gibt vor, der ſeidenen Schnur entronnen zu ſeyn und in den kaiſerlichen Erblanden eine ſichere Zufluchtsſtätte ſuchen zu wollen. Da ich nun nicht wiſſen kann, ob nicht der Unbekannte ein türkiſcher Spion ſey, der mir das Volk aufzuwiegeln gedenkt, und ich ihn erſt nach erhaltenem Befehle vom Feldmarſchall oder dem Erzherzoge ſelbſt wei⸗ ter bringen laſſen darf, ſo möchte ich ihn Euch zur Ver⸗ wahrung übergeben, damit er nicht in der Stadt bleibe und einer unſichern Aufſicht unterworfen ſey. Thut mir die Freundſchaft.“ Archimbald verſicherte den General ſeines Gehorſams, und in der Abendſtunde, die alle Bewohner ſeines Hauſes verſammelt hatte, trat auch der vom General geſandte Türke in das allgemeine Gemach. Ein ſchöner Mann mit braunem unternehmendem Geſichte, kühnen augen 52 Schnurrbart, eine rothe griechiſche Mütze auf dem mit kurzen ſchwarzen und krauſen Haaren bedeckten Kopfe, in reicher Kleidung und einen koſtbaren breiten Säbel an der Seite. Kaum aber hatte er die erſten Worte in fränkiſcher Mundart geſprochen, als plötzlich Leila von ihrem Sitze auffuhr, wie eine Wahnſinnige auf den Fremdling zurannte, ſich an ſeinen Hals warf, mit ihm einige kurze Reden in ihrer Landesſprache wechſelte, worauf er ſie ebenfalls ent⸗ zückt umarmte. Es war Achmet, Leilas Bruder, Seraskier des Paſcha von Temeswar. Ein Sangiak des Paſcha von Bosnien hatte ihn bei dem Großherrn verleumdet, und der Statthalter von Temeswar mit aller Freundſchaft und Macht den Geächteten, für welchen der Hatiſcherif ſammt der Schnur ſchon auf dem Wege war, nicht ſchützen, nur den guten Rath geben können, ſich unter das kaiſerliche Panner zu flüchten. Achmet, der Liebe zum Leben nachgebend und zugleich den ſchwärmeriſchen Entſchluß faſſend, ſeiner gefan⸗ genen Schweſtern Spur in Europa aufzuſuchen, hatte ſeine Reichthümer, das Erbe ſeines Vaters ſowohl, der einſt in Bosnien befehligte, als auch ſeine eigene durch die Frei⸗ gebigkeit des Paſcha von Temeswar angewachſene Habe mit ſich genommen, und war durch das eiſerne Thor den Klauen ſeiner Feinde entgangen. Er hatte wahrlich nicht gedacht, daß der Himmel ſeinen abenteuerlichen Wunſch ſo bald, wenigſtens zum Theil, erfüllen, ihn Leila wieder finden laſſen würde. Das Entzücken der Geſchwiſter war unbe⸗ ſchreiblich. Doch bald wurden ſie ernſter; denn Achmet fragte nach Mermes, nach Zeniden.... Die erſtere war ſern in Eleonorens Hauſe,.. die zweite untergegangen in einem feindlichen Schickſal! Achmet war ſo bewegt, als 53 es ein Mann nur immer ſeyn kann, und noch ergreifender war dieſe Rührung auf dem ſo kühnen und männlichen Antlitz. Endlich aber verging die Aufwallung des Gefühls, und der liebenswürdige Fremdling ließ ſich in die Haus⸗ familie feierlich aufnehmen, ſchüttelte Allen die Hand, ver⸗ ſicherte Alle in ſchlechtem Deutſch ſeiner Freundſchaft, und gab auf die unzweifelhafteſte Weiſe ſeinen Entſchluß zu erkennen, den Islam zu verlaſſen und zu der chriſtlichen Kirche überzutreten. Um zu beweiſen, wie ernſtlich es gemeint ſey, hatte er den Turban ſchon bei Seite gewor⸗ fen, und verſuchte, wenn gleich linkiſch genug, die Ge⸗ bräuche der Katholiken nachzumachen, die ſeinem nach ſinn⸗ lichen Eindrücken haſchenden Gemüth am vorzüglichſten ſchie⸗ nen. Durch die Ankunft des gutmüthigen Fremdlings hatte ſich Archimbalds Haus um ein liebes Mitglied vermehrt; Leilas Kummer hatte ſich gelindert, und in der Unterhal⸗ tung mit ihrem Bruder vergaß ſie die Leiden ihrer Seele. Auch Achmet überſah in der Geſellſchaft ſo viel guter Men⸗ ſchen, daß er von Baſta wie ein Staatsgefangener gehalten wurde und unter Archimbalds freundlicher, aber gewiſſen⸗ hafter Obhut ſtand. Jedoch die Stunden reichen ſich die Hand, und nach einer Reihe von vergnügten, leichtbeſchwing⸗ ten ſchleichen auch die leidtragenden ſchleppend und ſchreck⸗ haft in das Leben. Noch nie hatte Archimbalds tückiſches Geſchick ſeine Qualen ſo lange ausgeſetzt. Endlich trat wiederum der Wechſel ein, der jedem Sterblichen ſo gewiß bevorſteht und dennoch den meiſten ſo unerwartet heran kömmt.— Der Aufſtand in Siebenbürgen brach los,. die mißvergnügten Ungarn vereinigten ſich zum Aufruhr. Stephan Boeskay, der Oheim des beſiegten ſiebenbürgiſchen . Fürſten Sigmund Bathory, der Anführer jener von dem ungariſchen Landtäge nach Prag geſandten, mit der Schil⸗ derung Lieler Landesbeſchwerden beauftragten Deputation, die Rudolph, von böſen Rathgebern verleitet, gleich frü⸗ hern, in derſelben Abſicht gekommenen, ſchnöde empfangen, hingehalten, ohne Beſcheid entlaſſen hatte, war die Seele der Rebellion. Nicht ſowohl die Bedrängniſſe ſeines Va⸗ terlandes, noch das Unglück ſeines wankelmüthigen Neffen jagten ihn in Harniſch, ſondern die während ſeiner Abweſenheit von den Völkern des Grafen Belgivjoſo auf ſeinen Gütern angerichtete Verheerung entflammte ſeine Wuth. Ein Manifeſt, das er, vom Geiſt der unver⸗ ſöhnlichſten Rache beſeelt, mit Flammenzügen niederſchrieb und unter das zum Aufruhr ſchon bearbeitete Volk von Ober⸗Ungarn ausſtreute, die Landsleute zur Ver⸗ theidigung ihrer Rechte und Freiheiten gegen die aus⸗ ländiſchen Plünderer und Mörder auffordernd, verfehlte ſeine Abſicht nicht. Ganz Ober⸗-Ungarn ſtellte ſich unter ſeine und Gabor Bethlens Fahnen. Baſta's kleines Heer, wie auch die übrigen Völker des Kaiſers in Ungarn, zogen ſich zuſammen wie eine ſchwere Wetterwolke; doch rings um ſie tobten drohendere Gewitter. Das Aergſte ließ ſich von den Türken beſorgen, deren Einverſtändniß die Rebel⸗ len läugneten, ohne den Verdacht zu mindern. Auf jeden Fall mußte die ſtrengſte Vorſicht herrſchen; ſie wurde zur Pflicht. Die Fahnen des Kaiſers näherten ſich einander hülfsbedürftig; allein die Eintracht war unter ihnen nicht heimiſch. Die Führer feindeten ſich an; die Soldaten, aus allen Ländern zuſammen gelaufen und geworben, konnten ihren Stolz, die Verachtung gegen die, die nicht ihre 35 Landsleute waren, nicht bezwingen. Sie wollten es nicht, da ſie die offene Fehde zwiſchen ihren Obern ſahen. Es konnte alſo nicht fehlen; des Kaiſers Waffen konnten nicht die glücklichſten ſeyn. Zudem fiel der Sold ſchlecht; das von frühern raubbegierigen Regimentern und Parti⸗ ſanhorden ausgeſogene Land konnte nicht aufbringen, was zu Erhaltung der Streiter nöthig war. Mangel und Miß⸗ vergnügen herrſchten in den Lagern, in den Standquartie⸗ ren.— Archimbald, der mit den Seinen ein Dorf beſetzt hielt, das ſeiner Gattin, ihrer Begleiterin und dem Bru⸗ der der letztern Sicherheit zu gewähren ſchien, litt an den gleichen Uebeln, wie das ganze Heer; allein er murrte nicht, gab das Beiſpiel der Entbehrung und der unerſchüt⸗ terlichſten Treue für den Kaiſer und ſeine Pflichten. Ein wackeres Vorbild wirkt ſtets auf die Menge. Archimbalds Schaar war die muſterhafteſte von allen und erndtete nur das Lob der Befehlshaber. Die verſuchten Krieger ver⸗ ſäumten kein Gebot, und wurden durch die beſtändige Uebung, in der ſie Archimbald zu erhalten wußte, mitten unter Noth und Mühſeligkeiten immer vollkommener in der kaum aus der Kindheit getretenen Geſchützkunſt. Muth⸗ Beharrlichkeit und Vertrauen zu ihren Führern ſprach aus ihren Zügen. Unter all' den heitern, unverdroſſenen Ge⸗ ſichtern befand ſich aber ein finſteres, das des alten Jo⸗ hannes Prapowick. Verſchloſſen, düſter und mürriſch ſchlich er ſeit Kurzem unter ſeinen Genoſſen herum, zeigte ſich faſt gar nicht mehr in Archimbalds Nähe, blieb oft. halbe Tage lang aus, ohne daß man von ihm etwas anders erfahren konnte, als; er ſey im Hauptquartier geweſen. Dieſe grelle Veränderung, von dem mit höhern Sorgen beſchäftigten Archimbald unbemerkt, hatte die Aufmerkſamkeit ſeines Lieutenants Erlwein erregt und denſelben bewogen, ſeinen Freund vor dem alten Kopfhänger zu warnen.„Er ſinnt auf Verrath oder will den Ausreißer machen,“ ſagte er zu wiederholten Malen zu Archimbald,..„wenn nicht etwas Schlimmeres ihm im Kopfe herum geht. Traut dem alten Betbruder nicht... er iſt ein heimlicher Huſſit und wäre er es auch nicht, ſo bleibt er doch ein Stockböhme. Seyd auf Euerer Hut.“—„Weißt Du nicht, daß Wohl⸗ thaten am feſteſten binden?“ fragte Archimbald ungläu⸗ big;„ich habe den alten Mann immer gehalten wie einen Freund. Laß ihn in Ruhe. Vielleicht peinigt ihn in der gegenwärtigen Noth die Erinnerung an ſein Weib, an ſeine Tochter.“ „Hättet Ihr geſagt: an ſeine Jugendſünden, würde ich's eher glauben,“ erwiederte Erlwein kopfſchüttelnd.„Ihr bringt mich juſt auf den rechten Tert, da Ihr von den Seinigen ſprecht. Ihr baut große Stücke auf den Prapowick, weil er Euerm Oheim das Leben gerettet hat, und ſolltet doch wiſſen, daß der ärgſte Schelm hin und wieder etwas Gutes thut; aber ich. kann einmal keinen Reſpekt vor einem Menſchen haben, der Weib und Kinder ver⸗ laſſen hat, um zweihundert Stunden von ihnen entfernt des gemeinen Soldaten Handwerk zu treiben, während die Seinen daheim am Hungertuche nagen.“ „Die Noth!“ ſprach Archimbald entſchuldigend.„Es ziemt uns nicht, ohne Grund zu verdammen. Prapowick hat meinem Oheim das Leben erhalten; dafür bin ich ihm verpflichtet, und würde mich der Sünde fürchten, wenn ich ihn übler behandelte als bisher, auf einen bloßen Verdacht hin, ohne Anlaß und Vergehen.“—„Thut, was Euch be⸗ liebt,“ antwortete Erlwein.„Ich waſche meine Hände. Verſchließt Ihr nur muthwillig Euere Angen; ich will aber die meinen aufreißen und, ſo Gott will, für Euch ſehen, wo uns Gefahr droht.“— Die Unterredung hatte ein Ende und ein jeder ging ſeine Straße fort. Prapowick blieb der Alte, und von Tag zu Tag mehrte ſich ſogar die ab⸗ ſchreckende Härte ſeines Blicks, die Scheu vor ſeinen Ge⸗ fährten, die ſich in all' ſeinen Bewegungen ausſprach. Da kam der Befehl an Archimbald, einige Stunden weit von ſeinem Standpunkte vorzurücken und an einem beſtimmten Platze eine Schanze aufzuwerfen, die einem heran nahenden Rebellenhaufen den Paß verlegen ſollte. Der Hauptmann verſammelte ſeine Leute und nahm herzlichen Abſchied von den Seinigen. Iſabelle hing an ſeinem Halſe. Leila küßte, Achmet drückte ihm die Hand.„In wenig Tagen ſehe ich Euch wieder,“ ſprach er voll Zuverſicht.„Wenn doch bei meinem Beſuche meine ſchönſte Hoffnung erfüllt wärez...“— Iſabelle fläſterte ihm verſchämt zu:„In Kurzem hat Gott unſere Bitte erhört!“— Ich bringe Dir Dein Kind ent⸗ gegen!“ fügte Leila bewegt hinzu— und unter Thränen des Gefühls ſchied er von ſeinen Lieben. Das Getümmel des Abzugs, der Ankunft und der raſch zu beginnenden Arbeit zerſtreuten ihn bald, und verhinderte ihn, zu be⸗ merken, daß Prapowick, der ſeit einiger Zei ihn abſichtlich zu meiden geſchienen, ſich heute immer an ſeine Ferſen heftete. Dem aufmerkſamen Erlwein entging hingegen dieſes auffallende Andrängen nicht.— Eine helle Mondnacht folgte auf den heißen Tag; die Schanzarbeiten wurden raſtlos fortgeſetzt, und Archimbald, in Träumereien und Gedanken 58 verſunken, wandelte, in der Kühle ſich ergehend, auf einem ſchmalen Damme, der zu einem kleinen See führte, dahin. An den ufern des letztern warf er ſich auf einen Baum⸗ ſtamm, und ſah in die Entfernung, wo auf kaum merk⸗ lichen Anhöhen die Wachtfeuer der Feinde brannten; horchte auf das, in der Nacht weit hörbarere Geräuſch der fleißigen Arbeiter, auf Schaufelſtoß und Hauenſchlag und das dumpfe Geſumme unter den Soldaten, denen lautes Reden, Schreien, Singen und Jauchzen auf's ſtrengſte unterſagt war. Prapowick ſtand indeſſen nicht weit von ihm hinter einer Erle, in dichtem Dorngeſtrüppe verſteckt, die Muskete in der Hand. Leicht und vorſichtig hing er die Lunte an einen überragen⸗ den Aſt, löste eine hölzerne Pulverbüchſe von ſeinem Ban⸗ doulier und lud das Gewehr ohne Geräuſch. Hierauf ſprach er ein Gebet über die Waffe, und war gerade im Begriff, auf Archimbald anzulegen, als Erlwein hervortrat, der dem Alten auf ſeinem einfamen Pfade von weitem gefolgt war und gerade noch recht kam, ein Unglück zu verhüten. Prapowick ließ entſetzt das Mordgewehr ſinken, und der Lieutenant, ohne Zeit zu verlieren, ſchleppte ihn aus dem Verſteck hervor, zu dem Hauptmann, der durch das Geräuſch aus ſeiner Nähe aufgeſchreckt worden war. Glühend vor Eifer und Zorn erzählte Erlwein des alten Schurken Vorhaben, und Archimbald ſtaunte vor der Ge⸗ fahr, in der er ſich befunden hatte.—„Prapowick,“ be⸗ gann er mit ernſtem aber mildem Tonne,.„Du haſt mich morden wollen?“— Der Alte ſchüttelte trotzig den Kopf.—„Der Schurke läugnet noch!“ brauste Erlwein auf. Archimbald gebot ihm Stille und fuhr dann zu 59 Prapowick fort:„Du verneinſt? wäre der Verdacht unge⸗ gründet?“ „Er iſt's!“ antwortete der Böhme keck und ohne Verzug. „Ich habe heute dieſe neue Muskete erhalten; ſie zu ver⸗ ſuchen ging ich an dieſen abgelegenen Platz, wo ich nie⸗ mand zu treffen gedachte. Euch ſah ich nicht!“ Es entſtand eine lange Stille. „Ihr wählt noch?“ rief Erlwein.„Ihr überlegt noch? Seht Ihr denn nicht die grelle Lüge ein, die Euch der Vurſche vormacht?“ „Ich will nicht unterſuchen!“ ſprach Archimbald mit angenommener Kälte.„Ich will nicht ſtrafen! Es wäre ja immer die Möglichkeit vorhanden, daß der Alte wahr geſprochen. Durch dieſe Schonung aber find wir mit einander fertig, Prapowick. Meines Oheims Rettung iſt bezahlt! Verſtehſt Du? In meiner Nähe kannſt Du nicht bleiben. Entferne Dich und gehe zu Deinem alten Hauptmann Ehrenfried zurück. Hüte Dich auch in Zukunft, Deine Musketen ſo nahe bei Deinen Hauptleuten verſuchen zu wollen; nicht ein jeder dürfte Dich mit heiler Haut hinweglaſſen, wie ich. Geh!“ „Iſt das Euer Ernſt?“ rief Erlwein betroffen.„Ihr wollt den Galgenvogel laufen laſſen?“ „Ich will's!“ wiederholte Archimbald feſt; und Prapo⸗ wick machte ſich ohne viele Worte davon. Erlwein ſchritt mißbilligend neben dem Freunde her⸗„Du haſt Unrecht!“ ſagte ihm Archimbald.„Denke an meine Lage zu Prag; um ein Haar wäre ich unſchuldig verbrannt worden. Die Unſchuld des Alten wäre nicht unmöglich, ob ich gleich, offenherzig geſagt, nicht daran glaube. Allein Du wirſt 60 ſehen, er weicht mir in Zukunft aus. Ein geheimer Feind nur könnte ihn verhetzt haben, denn er hatte ja zu eigenen Beſchwerden keinen Grund. Meine Großmuth entwaffnet aber ihn und meine Feinde.“ „Ich kenne Euch nicht mehr!“ erwiederte Erlwein barſch; „Ihr ſeyd zum ſchwachen, gutmüthigen Weibe geworden. Verdammt ſey die Liebe und Ehe, wenn ſie aus ſtarken Männerherzen die Kraft ſaugt und den Weichmuth einer empfindſamen Dirne hineinpflanzt! Junker, Euch thut ein grimmiges Blutbad Noth, um wieder zu geſunden!“ Archimbald hoͤrte kaum auf Erlweins harte, aber wohl⸗ gemeinte Rede, und ſchwelgte in den Hoffnungen eines Gatten, eines Vaters. Dieſe Gefühle, die ſchönſten der Menſchenbruſt, hatten ihn auch ſo verſöhnlich geſtimmt, daß er es in ſeiner geiſtigen Ueberſpannung nur für etwas Geringes anſah, dem alten Verbrecher verziehen zu haben. Er hätte den Bruder, den verhaßten Simon ſelbſt an die Bruſt gedrückt und ihnen vergeben. Mit Sehnſucht er⸗ wartete er den Tag, der ihm vergönnen würde, einige Stunden im Kreiſe ſeiner Lieben zuzubringen; allein ein unerwarteter Beſuch des vor einiger Zeit beim Heere an⸗ gelangten Markgrafen von Burgau, der als Befehlshaber dieſer Station auch den Schanzenbau zu beſichtigen kam, verſchob die Erfüllung ſeines Verlangens um eine kurze Friſt. Der Markgraf, von zahlreichem Gefolge umgeben, ritt allenthalben umher, und konnte nicht umhin, obgleich er eher gekommen zu ſeyn ſchien, den Tadler als den Lobredner zu machen, den Anordnungen Archimbalds Bei⸗ fall zu geben. Im Uebrigen behandelte er denſelben mit abſtoßender Kälte, richtete faſt alle Fragen an den Hauptmann —5. Ehrenfried, der in ſeiner Begleitung erſchienen war, oder an den Lieutenant Erlwein. Archimbald war über die unverdiente Geringſchätzung beſtürzt, und ging ſchweigend neben dem Markgrafen her; da drängte ſich ein bekanntes Geſicht zu ihm; mit Vergnügen erkannte er den Stallmeiſter Pinzinger.—„Mit Betrübniß ſehe ich Euern Unmuth!“ raunte ihm derſelbe eilig in die Ohren.„Laßt es Euch indeſſen nicht wundern! Man hat den Markgrafen gegen Euch eingenommen, und da begreift Ihr wohl, daß es nicht anders kommen kann. Euer ärgſter Feind.. Pinzingers Rede wurde durch den ſchnellen Abſchied unterbrochen, den der Markgraf plötzlich von den Offizieren des Poſtens zu nehmen beliebte. Archimbald mußte ſeine Befehle hören, Pinzinger ſeine Stelle hinter dem Gebieter einnehmen, der nach einigen günſtig klingenden, aber mit ungnädiger Miene geſprochenen Worten davon ſprengte, hinter ihm drein ſeine Begleiter.—„Ich habe auch nichts durch die Unterbrechung verloren!“ ſprach Archimbald vor ſich hin⸗ als er gedankenvoll der aus Baumzweigen leicht erbauten Hütte zuſchritt, in welcher ſein Pferd ſtand.„Mein ärgſter Feind. 2 wen verſteht der gute Amadeus wohl darunter, als die Markgräfin? Ich kann mir es wohl denken, daß ſie nicht gut auf mich zu ſprechen iſt; daß ſie alles auf⸗ bieten wird, mich im Geiſte ihres Gemahls herabzuſetzen. Ach! dieſer Markgraf kömmt mir zur Unzeit! Und wenn er entdeckt, daß Iſabelle mein Weib, daß ſie in meiner Geſellſchaft iſt...2 Ich muß eilen, meiner Gattin einen Zufluchtsort zu verſchaffen, wo ſie ſicher gegen die Ver⸗ folgungen einer Feindin und des bethörten Gatten derſelben ſep.“ Er gab ſchnell Befehl, den Gaul zu ſatteln, übergab in 62 ſeiner Abweſenheit dem Freunde die Vollmacht, an ſeiner Statt zu handeln, und ritt gegen ſein Dorf zurück. Schon ſah er von ferne das beſcheidene Dach der Hütte, die alle ſeine Schätze enthielt, im Abendſtrahl erglänzen! ſchon glaubte er innerhalb des von Weinlaub beſchatteten Fenſters ſeine Iſabelle zu ſehen, ihr flatterndes Tuch zu gewahren, ihren Willkommsruf zu hören, da donnerte mit Staub be⸗ deckt ein Reiter im angeſtrengteſten Laufe auf der Heer⸗ ſtraße ihm entgegen, ſprengte ihn an und ſtieß einen lauten Schrei aus. Es war Achmet, kaum kenntlich durch die Bläſſe ſeines Angeſichts, durch den Schweiß, der ihm von der Stirne rann.—„Gott ſey gelobt!“ ſtammelte er mit hochathmender Bruſt....„Ich finde Dich!... Geſchwind tomm mit mir! Faſſe Dich!.. ein Unglück... Deine B „Iſabelle?“ ſchrie Archimbald entſetzt.„Schweig, Un⸗ glücksbote! kein Wort! hier müſſen meine Augen ſehen!“— Und in unbeſchreiblicher Angſt ſpornte er ſein Roß, ließ den Bruder Leila's weit hinter ſich, und tobte wie ein Raſender vor das Haus, in welchem ihn ein Schauſpiel des Jammers erwartete. Iſabelle, ausgeſtreckt auf ihrem Lager, bleich, mit ver⸗ bundenem Arme, in bewußtloſem Todeskampfe dahin ſchwin⸗ dend. Archimbald ſtürzte an ihrem Bette nieder, überdeckte ihre herabhängende Hand mit Küſſen und Thränen, und achtete nicht auf Leila's Troſt, auf ihre Ermahnung. Seine Gattin war durch eine ſchändliche That hingeopfert worden. Unbeſorgt ſaß ſie daheim und unterhielt ſich mit Leila und ihrem Bruder, als auf einmal ſich der Hof mit Reitern anfüllte und plötzlich der Markgraf von Burgau in die Unerwarteten einige Schritte entgegen, und hatte kaum ihn bewillkommt, als er mit den heftigſten Schmähungen gegen ſie losbrach und ihr die entſetzlichſten Vorwürfe machte. Dieſer Sturm wurde um ſo heftiger, als die Erſchütterung Iſabellens ihr keine Worte der Erwiederung finden ließ. Der Markgraf ging endlich ſo weit, ſie eine Buhlerin zu nennen, die ihr Haus und ihre Blutsfreunde entehrt habe.— „Ich bin Archimbalds Weib durch Prieſterſegen!“ ſprach hierauf die Beleidigte im Gefühl ihrer Würde,„bin keine Buhlerin, und kenne des Weibes Pflichten beſſer als manche mit dem Fürſtenhut geſchmückte meineidige Frau.“— Der Markgraf verdoppelte auf dieſe Rede ſeinen Grimm und ſchmähte heftig auf Archimbald, deſſen uneheliche Herkunft und gab ihm die ſchändlichſten Beinamen. Vergebens ſeufzte die Bedrängte nach Hülfe. Leila weinte. Achmet begriff nichts von dem ſeltſamen Auftritte. Der Oheim Ehrenfried hielt zwar unten im Hofe unter des Markgrafen Gefolge; allein der gemeſſene Befehl des Fürſten hatte ihm unterſagt, ſich im Geringſten in das zu mengen, was oben vorgehen würde. Am ganzen Leibe bebend, mußte die Hülfloſe da⸗ her den ganzen Zorn des rauhen Markgrafen aushalten, der ſich am Ende mit der Drohung entfernte: er wolle ſchon der Welt ein Beiſpiel geben, welche Folgen die vor⸗ ſätzliche Beleidigung und Verachtung eines Fürſtenhauſes nach ſich ziehe. Nach dem Hinweggehen des Unbarmherzigen war Iſabelle, von einem heftigen Fieber befallem, kraftlos auf einen Stuhl geſunken. Leila, die Troſtloſe beſchwörend, ſich ihrem Schmerze nicht alſo hinzugeben, hatte ſie bewogen, ihr in die freie Luft zu folgen. In dem ſchlechten Garten 64 des Bauernhauſes ſtand eine hölzerne Bank unter einem ſchattigen Apfelbaume, umgeben von dichten und hohen Hecken. Auf dieſen Sitz geleitete Leila die kranke Freundin. Achmet kam langſam hinter den Frauen drein. Kaum hatten dieſe jedoch ſich niedergelaſſen und die erſten Worte gewechſelt, als ein Schuß durch die Hecke knallte und Iſabellens Arm zerſchmetterte, daß ſie bewußtlos zu Boden ſank. Achmet ſchwang ſich, dieſes ſehend und von Leila's Hülferuf ermuntert, über den Zaun und ergriff den Thäter, der, des ungewöhnlichen Angriffs nicht gewärtig und von Altersſchwäche aufgehalten, nicht ſo ſchnell flüchtig werden konnte, als er gewünſcht hätte. Mit Schaudern erkannte Achmet den ehemaligen Hausgenoſſen Archimbalds: Prapowick. Er überlieferte ſofort den greiſen Meuchelmörder den her⸗ beieilenden Knechten des Hauſes zu guter Verwahrung, und warf ſich auf ein Pferd, um nach Archimbalds Stand⸗ ort zu eilen und ihm Kunde von der gräßlichen Begeben⸗ heit zu bringen. Auf dem Wege dahin hatte er ihn getroffen, und ſeinen Ritt zum Hauſe der Trauer beflügelt. Den Bericht der Gräuelthat erhielt der unglückliche Gatte erſt dann, als er feſt überzeugt war, ſie habe ihm das Leben ſeines Kindes gekoſtet, ſie werde ihm noch der Gattin Leben koſten. Der Schreck war, als ein fürchterlicher Bundesgenoſſe der entſetzlichen Bewegung, welche von dem Beſuch des Markgrafen in dem Körper der Leidenden, wie in ihrer Seele verurſacht worden war, beigetreten. Er hatte das Kind in dem Leibe der Mutter getödtet, die Letztere an allen Geiſtes⸗ und Körperkräften gelähmt, daß ſie in ſinnloſer Betäubung noch einige Tage athmete, um dann zu verlöſchen und dem finſtern Grabe eines der ſchönſten „ Meiſterſtücke der Schöpfung zu überlaſſen. An ihrem Sterbe⸗ lager, als ſie ſchon eine kalte Leiche geworden war, er⸗ wachte endlich Archimbaid aus dem wirren Taumel, in den ihn der Verluſt ſeines ganzen Erdenglücks verſetzt hatte, und der oft für ſeinen Verſtand hatte fürchten laſſen. Er richtete ſich auf, aber nicht wie der gelaſſene, auf Gott vertrauende Mann, der ſich in des Himmels Rathſchluß ergiebt, ſondern wie der numidiſche Löwe aus ſeinem Lager ſich erhebt, um dem feindlichen Tiger den Kampf auf Leben und Tod anzubieten. Sein Auge funkelte, ſein blaſſes Angeſicht nahm den Ausdruck der Wuth an,. ſeine Ge⸗ berden verkündeten den Durſt nach gerechter Rache.— „Wo iſt Prapowick?“ fragte er, ſo mühſam ſeinen Grimm bezwingend.—„In Deinen Ketten!“ erwiederte Achmet.— „Man führe ihn herbei!“ befahl Archimbald.—„Willſt Du denn im Zorn ſein Urtheil ſprechen?“ fragte Leila mit rührender Bitte. Ein finſterer Blick und der erneuerte Befehl, den Verbrecher herbeizuführen, war die Antwort. Man gehorchte dem furchtbaren Hauptmann, und Prapowick ward, ſchwer gefeſſelt, herein gebracht. Kalt und tückiſch blieb er unter ſeinen Wachen ſtehen. „Tritt heran!“ herrſchte ihm Archimbald zu.„Kennſt Du dieſe Leiche?“ „Ja!“ antwortete Prapowick trocken. „Haſt Du ſie gemordet?“ fragte Archimbald ferner.— Dieſelbe trockene Bejahung. „Was hat Dir dieſe Heilige gethan?“ rief Iſabellens Gatte in ausbrechendem Schmerz.„Was habe ich Dir ge⸗ than, daß Du ſolch Entſetzliches an uns verübt? Du f 4 Uundankbarer, ungeheurer Böſewicht! Haſt 5 66 Du nicht alles in unſerm Hauſe genoſſen, was des Menſchen Leben erfreut? Habe ich nicht Deine Tochter glücklich ge⸗ macht? Habe ich Dich nicht geſpeist, getränkt, gekleidet, geliebt wie einen alten Freund, geehrt wie es Dein Silber⸗ haar gebot, das für Deine Tugend eine lügenhafte Bürg⸗ ſchaft ausgeſtellt hat? Rede, Abſcheulicher! Warum haſt Du nach ihrem Leben getrachtet? warum nach dem meinen? Du ſchweigſt noch immer? Bindet Reue Deine Zunge?“ Prapowick ſchüttelte den Kopf.„Ich bereue nichts,“ antwortete er kurz,„als daß ich die Frau nicht auf der Stelle durch's Herz getroffen habe; ſie hätte weniger ge⸗ litten! Indeſſen, ſie iſt dennoch geſtorben, und ihr ſeliger Geiſt mag meinen alten Augen vergeben, die um anderthalb Daumen breit das Ziel verſahen!“ „„Erlwein! Erlwein!“ rief Archimbald, in bitterer Erin⸗ nerung die Hände zuſammenſchlagend.„Erlwein, Du hatteſt Recht! warum traute ich Deiner Weiſſagungsgabe nicht mehr, als dem Glauben an dieſen Unmenſchen, deſſen Frevel ich nicht begreife!“. „Das glaube ich wohl!“ verſetzte der Mörder nicht ohne Rührung.„Hab' ich doch nichts als Wohlthaten von Euch empfangen; hatte ich mich doch ſeit einigen Jahren daran gewöhnt, in Euch meinen lieben Verſorger, in der Ver⸗ blichenen meine Ernährerin in der Wüſte des Lebens zu ſehen. Es that mir auch weh, Euer Herz brechen zu müſſen; aber was hilft's? Ich mußte Wort halten!“ „Wort halten?“ fiel Archimbald ein.„Du mußteſt?“ „Ich mußte!“ erwiederte Prapowick.„Ich habe viel gekämpft, aber endlich iſt die Gnade durchgedrungen, und ich habe mich freudig entſchloſſen!“ 67 Alle Umſtehenden ſchauderten.—„Biſt Du wahnfinnig?“ ſchnaubte ihn Archimbald an. Der Alte verneinte aber lächelnd und entgegnete feſten Blicks:„Das bin ich nicht, Herr! Einige Worte werden hinreichen, Euch Alles aufzu⸗ klären. Ich habe locker gelebt in meiner Jugend: im Mannesalter verſchuldetes Unglück erlitten. Ich gerieth in Verzweiflung, da meine Habe dahin war; ging aus der Heimath davon und ließ mein Weib und ihr unmün⸗ diges Kind am Bettelſtab zurück. Sie mußten ſich elend behelfen und von dem öffentlichen Mitleid leben, während ich ein wildes Leben führte, Sold und Beute verpraßte und verſchlemmte im flotten Soldatengewerbe. Ein durch Trunk und Ausſchweifung erzeugtes Fieber warf mich nieder, und war die erſte Mahnung zur Beſſerung. Darauf lernte ich Euern Ohm kennen; ſein Beiſpiel wirkte auf mich, ich wurde ordentlich und geſittet. Das Alter kam aber auch, und mein Gewiſſen wachte mit einemmale auf. Ich über⸗ ſah mein Leben und fand nichts Tröſtliches darin, und verzweifelte allgemach an der Möglichkeit, meine Vergehen abbüßen und ſühnen zu können. Ich grübelte nach, und ver⸗ fiel auf den Gedanken, durch irgend eine That mich dem Schwerte der Gerechtigkeit zu weihen, und alſo öffentlich, nach Vergebung aller meiner hienieden begangenen Sünden und Laſterthaten, unter den Fürbitten einer andächtigen Menge Volks, von dannen zu ſcheiden. Dieſe Vorſtellung ging lange mit mir um, und ich hielt es für Gottes Fügung, als ich erfüuhr, mein Kind ſey durch Euch verſorgt, ſammt ihrer armen Mutter. Nun war kein Hinderniß mehr da; ich wußte die Meinen gut aufgehoben, und konnte mich um mein Seelenheil bekümmern. Lange war ich aber unſchlüſſig, 6⁸ wie ich es anzufangen hätte, ein Opfer der Gerechtigkeit zu werden. Ein Diebſtahl hätte mich zum Strang geführt. Ich halte aber Verbrechen wie Strafe für ſchimpflich; ein Mord ſchien mir das ſchönſte und beſte. Ward ich doch dadurch der Retter einer ſündigen Menſchenſeele, weil die⸗ jenige eines unſchuldig Ermordeten gerade zum Vater ein⸗ geht. Auch hier waltete der Finger des Herrn und ließ mir den Antrag machen, Euch aus dem Wege zu räumen ſammt Eurer Gattin.“ „Verruchtes Bubenſtück!“ riefen alle Zuhörer entſetzt. „Es wurde mir ein ſtarkes Stück Geld geboten,“ fuhr Prapowick fort,„wenn ich den Streich verüben wollte; und nach mehrwöchentlichem Bedenken ſchlug ich ein, feſt in meinem Sinn entſchloſſen, Euch allein hinzuopfern. Gönnte ich Euch doch den Himmel und ſeine Freuden am liebſten! Gingen mich doch die Entwürfe Eurer Feinde nichts an, die darauf beſtanden, Euer Weib ebenfalls entſeelt zu ſehen; erreichte ich doch ſchon genugſam meinen Zweck durch Euer Hinſcheiden! Gedacht, gethan! Ich ſandte das bedungene Geld an mein Weib gen Czaslau und ging an's Werk. Der Lieutenant hat mir's verdorben! Ich ward ertappt und von Euch begnadigt!“ „Blutdürſtiger, ſchwärmeriſcher Thor!“ ſprach Archimbald. „War Dir's um den Tod auf dem Rabenſtein zu thun, warum geſtandſt Du nicht Dein Vorhaben? Auch der Ver⸗ ſuch des Mordes führt zum Schwert, und ein unſchuldiges Leben wäre gerettet geweſen.“ „Vergebt, lieber Herr!“ exwiederte der Greis.„Das heißt durch einen Kniff in das ewige Leben ſich ſtehlen! Nicht doch! Redlich und ganz muß die That gelingen, wenn 69 ſie zum ſeligen Ende führen ſoll! Auch hätte vielleicht mein weißer Kopf die Richter zum Mitleid bewegen können. Die Todesſtrafe wäre am Ende in harten, ewigen Kerker ver⸗ wandelt worden und ich wäre um all meine Hoffnungen geweſen!“ „Velch ein Gewebe von Freveln!“ rief Archimbald und ſtarrte einen Augenblick düſter vor ſich hin.„Weiter!“ fuhr er dann fort,„führe es zu Ende, Dein ſchauderhaftes Be⸗ kenntniß!“ „Ich hatte alſo meinen Streich gefehlt!“ ſprach Prapo⸗ wick weiter.„Ich war wieder frei! Einen zweiten Anſchlag wagte ich jedoch nicht auf Euch; ich glaubte Euch unter der unmittelbaren Obhut des allmächtigen Gottes. Dennoch mußte ich mein Geld und meine Seligkeit verdienen. Meine Wahl fiel auf Eure Gattin. Die vortreffliche Frau, in Begleitung ihres ſchuldloſen Kindes, fand den Weg zum Himmel offenz ohne Sünde kehrte das Kind zum Vater zurück. Zwei reine Seelen finde ich dort oben als meine Fürſprecher bei dem Richter, der mir gnädig ſeyn möge!“ Dicke Tropfen drängten ſich aus den Augen des alten Schwärmers, der mit inniger Bewegung ſein Geſtändniß endete. Der ganze Kreis der Zuſchauer verharrte in banger Stille. Archimbald hatte ſich mit beiden Händen das Geſicht verhüllt; nach einer Weile erhob er ſich und ſprach mit milderen Zügen und ſtillerem Ernſte zu dem Miſſethäter: „Johannes Prapowick, Du haſt das Leben verwirkt!“ „Ich weiß es!“ entgegnete der Alte. „Ich werde Dich dem peinlichen Gerichte des Königs 7⁰ übergeben,“ fuhr der Hauptmann fort,„es ſoll Dein Urtheil ſprechen!“ „Je eher, je lieber!“ ſagte Prapowick mit feſtem Muthe. „Ich ſehe freudig dem Tode entgegen.“ „Zuvor aber,“ ſprach Archimbald in größerer Be⸗ wegung„zuvor gieb der Wahrheit die Ehre und be⸗ kenne, wer Dich zu dem Frevel gedungen!“ „Fordert dieſes nicht!“ verſetzte der Greis nach einigem Beſinnen.„Die That iſt geſchehen, der Thäter in Feſſeln. Macht mit mir, was Ihr wollt; ich beflecke meine letzten Tage nicht mit einer Schurkerei!“ „Elender!“ zürnte Archimbald.„Die Wahrheit ſagen, nennſt Du Schurkerei?“ „Verzeiht, lieber Herr,“ erwiederte Prapowick;„jeder hat ſeine Weiſe. Hätte ich den Antrag nicht angenommen und ihn Euch verrathen, ſo wäre den böſen Mordſtiftern ſchon recht geſchehen; ich bot aber willig die Hand. Sie haben ein Recht auf meine Verſchwiegenheit. Es ſoll nicht mehr des Blutes fließen als nöthig; ich nenne ſie nicht!“ Archimbald trat hart an ihn, führte ihn zur Seite und fragte leiſe mit ſcharfem Blick:„Der Markgraf von Burgau, nicht wahr?“ Ruhig ſah ihm aber der Alte in's Geſicht und antwortete: „Nein, lieber Hauptmann, Ihr ſeyd auf falſchem Wege. Der edle Fürſt iſt unſchuldig an dieſem Verdacht!“ „Du willſt mich höhnen?“ rief Archimbald empört. „Niederträchtiger! Ich werde Dich foltern, mit den un⸗ ſäglichſten Schmerzen Dir das Geſtändniß Deiner Mitſchul⸗ digen abzwingen laſſen!“ 7¹ — „Hier bin ich!“ verſetzte der Verbrecher mit der Ruhe eines Tugendhaften.„Quält mich, wie Ihr wollt. Aber die Zunge beiße ich mir ab in den Schmerzen der Folter, um mich der Möglichkeit zu berauben, etwas zu geſtehen, und werde nichts bekennen!“ „Wer hält hier Verhör an Königs Statt?“ fragte ein raſch eintretender Offizier, dem eine ſtarke Wache folgte. „Der Prinz!“ rief Leila, das Schlimmſte ahnend, und umſchlang, ihrer nicht mächtig, den neben ihr ſtehenden Archimbald, welcher wüthend bei dem Anblick des Verhaß⸗ ten in die Höhe fuhr. „Se. Hoheit, der Herr Markgraf, legt es Euch nicht zum Beſten aus,“ begann Bernhard mit fremdem und ſchnei⸗ dendem Tone,„daß Ihr den alten Verbrecher hier ſeiner Gerechtigkeit ſo lange vorzuenthalten Euch erlaubt. Er iſt erzürnt über die Unthat, die hier begangen wurde und deren Urheber er fürchterlich ſtrafen wird; hat mir jedoch aufgetragen, Herr Hauptmann, Euch dieß Schreiben zu überreichen, das Euere Wegweiſung von dem Heere enthält.“ Verblaſſend nahm Archimbald das Papier, entfaltete es bebend, überflog es mit dem Blick, zerknitterte es dann heftig mit den Händen und wollte im höchſten Zorne auf⸗ brauſen, als Leila beſänftigend den Gekränkten gegen Iſa⸗ bellens Leiche kehrte.—„Störe nicht den Frieden dieſer theuern Verblichenen!“ rief ſie ihm mit entwaffnender Sanft⸗ muth zu; und der Folgſame, zur höchſten Rührung über⸗ gehend, ſtürzte auf ſeine Kniee neben der Entſchlafenen und vergaß Alles rings um ſich her. „Der Markgraf,“ fuhr Bernhard mit lauterer Stimm fort, um von allen Anweſenden verſtanden zu werden⸗ 72 begründet dieſen Abſchied auf folgende Weiſe:„Er bedarf keiner Hauptleute, die, wenn ein Trauerfall in ihrem Hauſe eintritt, in ihrer Betrübniß den ihnen anvertrauten Poſten meiden und durch Stellvertreter verwalten laſſen. Den zweiten Grund mögt Ihr Euch ſelbſt ſagen, Herr Haupt⸗ mann. Ihr müßt es ſelbſt fühlen, daß Eure Herkunft Euch keinen Platz in dem ehrenvollen Corps, in dem Ihr ſtehet, anzuweiſen im Stande iſt; daß Eure Geburt ein Aergerniß für Eure Mitbefehlshaber ſeyn muß; daß endlich die Män⸗ ner, die Euch ſo ſchnell und vortheilhaft dem Heer einzu⸗ verleiben wußten, übel daran gethan haben, und es des Markgrafen Pflicht iſt, dieſen Mißgriff abzuändern. Allein in ſeiner Gnade nimmt er Rückſicht auf Eure bewieſene Tapferkeit, ſtraft Euch bloß mit augenblicklicher Entlaſſung, läßt Euch alle erworbene Beute, und befiehlt Euch nur, ſo ſchnell als möglich abzutreten und Euch aus den kaiſerlichen Erblanden zurück zu begeben in das Reich, aus dem Ihr kamt. Habt Ihr mich verſtanden?“ „Ja, edler Herr!“ hieß die Antwort aus Archimbalds Munde. Er hatte faſt nichts von der langen Rede ver⸗ nommen.„Ich weiß, daß ich entlaſſen, verabſchiedet bin, weggejagt wie ein Troßbube. Erlaubt mir nur zuvörderſt, dieſen theuern Leib der Erde zurück zu geben, dann gehe ich gern und mache einem Würdigern Platz.“ Bernhard ſtutzte bei dieſer gelaſſenen Rede. Es ſprach aber die Gelaſſenheit der Verzweiflung daraus. Ein teuf⸗ liſches Lächeln zuckte um ſeinen Mund, als Ehrenfried und Erlwein zu gleicher Zeit herein ſtürmten.—„Iſt es wahr?“ riefen Beide.„Wahr, daß Du verabſchiedet, ausgeſtoßen biſt vom Heere?“—„Wahr!“ antwortete Archimbald wie 73 . oben.—„Grauſamer Befehl!“ jammerte der Oheim.— „Unglücklicher Mann!“ klagte der Freund.—„Warum ſo beſtürzt, meine Lieben?“ fragte Archimbald mit über⸗ menſchlicher Ruhe.„Dieſe Schärpe, die ich ablege, dieß Gewehr, das ich in den Winkel ſtelle, iſt kein Verluſt. Die Ungnade des Generals, die Verachtung der Thoren im Heere, ſie ſind kein Mißgeſchick für mich. Was hätte ich denn zu verlieren, nachdem man mir dieſe geraubt?...“ Er riß das Tuch von der Leiche...„Welch' ein Mißge⸗ ſchick gleicht dem meinigen? Wer kann mich unglücklicher machen, als ich nicht ſchon bin?“ „Die Schmach dieſes Abſchieds mitten im Kriege!...“ rief Ehrenfried, die Fauſt ballend. „Ruhig, Oheim!“ tröſtete ihn Archimbald.„Ich muß es ja noch der Milde des Feldherrn danken, daß er mich ſo glimpflich entläßt, daß er nicht den ehrloſen Baſtard durch den Rumormeiſter und die Steckenknechte vom Heere treiben, ihm nicht vor der Schlachtordnung, gleich einem der Felo⸗ nie Ueberwieſenen, den Ringkragen abreißen, den Degen über dem Haupte zerbrechen und mit geſchornem Kopfe den Elenden davon jagen läßt. Dieſe Gnade verdanke ich wohl nur dem trefflichen Boten, den der Markgraf zu dieſer Sen⸗ dung ausgeſucht, der mir ſchon manchen Dienſt im Leben erwieſen hat. Wahrlich, Prinz!“ ſetzte er mit ſchrecklichem Lächeln hinzu:„ich hätte Luſt, Euch noch mehr zu verdan⸗ ken, wenn ich auf dieſe theure Leiche ſehe,... könnte ich Euere Jugend einer ſolchen Gräuelthat fähig glaubdn.“ Prapowick ſchüttelte ſeine Ketten. Mit einem frechen Blick fragte Bernhard:„Was ſoll das? Wollt Ihr mich eines Mords bezüchtigen?“ — „Wenn ich es könnte!“ fuhr Archimbald wild auf.„Ihr läget ſchon ausgeſtreckt zu den Füßen dieſer Heiligen, wenn ich das Ungeheure wüßte. Aber, Ihr ſeyd der böſe Geiſt, der ſich allenthalben an meine Schritte heftet, der heute zum drittenmale erſcheint, mir Böſes zu thun. Ich betheure es Euch, Ihr ſeyd verloren, kommt Ihr noch einmal mir zu Geſichte. Der Himmel will Euern Tod, wenn er Euch zum viertenmale an meine Straße führt. Seht Euch vor und überhebt mich Eures ungelegenen Anblicks. Was will auch noch des Markgrafen Herold bei dem Ausgeſtoßenen?“ „Nun, bei Gott!“ fiel Erlwein ein:„wenn man die Tapferkeit alſo behandelt ſieht, ſo möchte ich mich faſt ſchä⸗ men, länger dieſen Rock zu tragen.“ „Lägen wir nicht zu Felde,“ fügte Ehrenfried hinzu,„ſo zöge ich wahrlich meinen guten Degen nicht mehr für den Kaiſer.“ „Euch ſteht frei zu thun, was Ihr begehrt,“ äußerte Bernhard ſchnell.„Ich bin bevollmächtigt. Euch auf der Stelle Euerer Dienſte zu entlaſſen, Ihr Herren, wenn's Euch Recht iſt. Es ſoll Euch keinen Schaden bringen; denn der Markgraf iſt zufrieden, um jeden Preis die tapfern Freunde los zu werden, die der Glücksritter Baſta in das Heer ge⸗ ſchoben hat, um mehrere Seinesgleichen um ſich zu haben.“ „Unerhörter Schimpf!“ donnerte Erlwein.„Ich nehme den Abſchied an.“ „Ich weigere mich deſſen auch nicht!“ rief Ehrenfried trotzig.„Aber genade Euch Gott, mein Prinz, wenn der Glücksritter, von dem Ihr ſpracht, von Wien zurück kehrt, Euere loſen Reden vernimmt und Euch vor die Klinge fordert.“ 5 „Sorgt nicht!“ verſetzte Bernhard verächtlich:„die Ver⸗ räther gehen mit Euch, und was das vor die Klinge for⸗ dern betrifft, ſo denke man an den Unterſchied des Standes. Ein Fürſtenſohn ſtellt ſich nicht gegen den gemeinen Klopf⸗ fechter.“ Er ging, hochmüthig den Kopf in die Höhe werfend, von hinnen. Die Wache nahm Prapowick in die Mitte und ſetzte ſich in Bewegung. Archimbald ſtand wie ein Bild der Trauer bei der Gemordeten. Die Freunde um ihn. Als der alte Verbrecher dieſes Schauſpiel ſah, zauderte er, mit tiefer Rührung zurück blickend, auf der Thürſchwelle. Einige Schritte that er auf's Neue in's Zimmer,.. wollte reden.. blickte gen Himmel und ſtürzte raſch wieder unter die Sol⸗ daten zur Thüre hinaus. Und als nun die Stube leer, die läſtigen Zeugen ent⸗ fernt, Trauer, Leid und Erbitterung ſtill geworden waren⸗, da erwachte Archimbald aus ſeinem Schmerze, ergriff die Hand ſeiner Freunde Ehrenfried und Erlwein, ſchüttelte ſie herzlich, drückte ſie an ſeine Bruſt und that mit Achmet und Leila deßgleichen. Dann trat er etwas zurück, heftete einen langſamen und bedeutenden Blick auf das kleine Häuflein der ſeinem Herzen verwandt gewordenen Menſchen, und ſprach mit ſanfter, gemeſſener Stimme: „Es iſt abermals ein hochwichtiger Zeitpunkt in meinem Leben vorüber gegangen. Ich ſtehe hier, der jüngſte unter euch Männern, und darf dennoch kühn fragen: Welcher von euch hat erduldet, was ich? welcher erfahren, was ich? Die Begebenheiten achtzigjähriger, verſuchter Greiſe ſind arm und trocken gegen meine Schickſale. Hier am Todten⸗ lager einer vortrefflichen Frau ſtehe ich, ein betrübter Gatte 76 und Vater. Mit meiner Beſtimmung bin ich fertig. Ich bin zum Unglück geboren. Bitter war mir das Leben,... laßt mich verſuchen, ob der Tod es minder iſt. Lebt wohl, meine Guten! ich verlaſſe euch, um zu meiner Gattin zu gehen.“ „Was willſt Du thun?“ riefen alle. „Von euch ſcheiden,“ antwortete Archimbald,„und fern von euch ſterben.“ „Feiger!“ ſchalt Ehrenfried.„Du willſt dem Geſchick muthlos weichen?“ 2 „Denke an Deinen Pflegeſohn!“ ſchmeichelte Leila. „An Deine Freunde, die Dir alles opfern!“ fügte Erl⸗ wein heftig bei. 6 „Denke an Deinen Eid und Deine Rache!“ ſprach mit funkelnden Augen der Orientale, Achmet, der die Leiden⸗ ſchaften des Menſchen am beſten verſtand. „Genug,“ rief Archimbald in den Sturm ihrer Rede. „Ihr habt die Stellen getroffen, wo mein Herz verwundbar iſt. Ihr habt mich, aus einem Freien, wieder zum Sclaven des Lebens gemacht. Ja, beim Lenker der Schlachten ſey es geſchworen, den Eid der Rache will ich erfüllen; auch ihr, der Gemordeten, will ich ein Sühnopfer bringen, wenn die ewige Gerechtigkeit die Mörder meiner Seligkeit vor den Richterſtuhl der Mitwelt ſchleppt; aber.. meine Freunde,.. laßt mich nicht vergebens bitten,. allein das Daſeyn zu ertragen, bin ich zu ſchwach; helft mir, verweigert mir euern Beiſtand nicht. Ihr habt alles weggeworfen, was euch an Stand und Heerd gefeſſelt hielt. Kettet euch an mich, oder beſſer: erlaubt, daß ich mich an euch kette, weil Unheil den verfolgt, der meinem Loos ſich anſchließt. Ich 77 habe keine Heimath, kein Vaterland, keine Geburt; auch Achmet hat ſein Haus auf ewig verlaſſen; auch Leila kehrt nimmer dahin zurück, und mein Ohm hat das Schwert weg⸗ geworfen, auch mein Erlwein ſein Glück meiner Schmach aufgeopfert. Laßt uns Eins ſeyn fortan, ein Wille, ein Muth, eine Kraft. Laßt uns vereint dem Verhängniß Trotz bieten, vereint der falſchen Glücksgöttin nachjagen, ob viel⸗ leicht die Buhlerin unſerer Zudringlichkeit gewähre, was ſie dem beſcheidenen Einzelnen verſagt. Seyd ihr meines Sinns, ſo ſchlagt ein. Ich weihe euch Blut, Leben, meine geringe Habe und alles, was ich je erwerben ſollte. Seyd meine Brüder, meine Freunde.“ „Dir gehört mein Degen, mein ſchlechtes Eigenthum!“ rief Ehrenfried. „Mein Arm, meine Kunſt ſteht Dir zu Gebot!“ ſetzte Erlwein feurig zu. „Meinen Schätzen gebiete! befiehl meinem Säbel!“ ſchloß Achmet mit ſtürmiſcher Geberde. „Und meine Schweſter Leila?“ fragte Archimbald nach langer Stille. „Mein Schwur, Dir mein Leben und meine Dienſte zu weihen, iſt noch nicht aufgelöst!“ erwiederte die Erröthende. „Und wäre er es, mein Herz würde ihn im Augenblicke er⸗ neuen!“ Alle hielten ſich umſchlungen und wiederholten das Ge⸗ löbniß, ſich nie zu verlaſſen. Archimbald rief begeiſtert: „O wahrlich! könnte Iſabelle vom Himmel herab ihre Hand mit den unſrigen verflechten, ſie würde unſerm Bunde ihren Segen zurufen. Mir iſt, als ob alle Fehltritte meiner Ju⸗ gend ungeſchehen, jede Verirrung mir verziehen wäre, und ₰ 78 wenn es wirklich alſo, wenn mein Schuldbuch dort oben vernichtet iſt,.. wem muß ich es verdanken, als dieſer Heiligen, die am Throne des Richters meine Sache führt? Auf! meine Freunde, laßt uns ihre Hülle in den Schooß der Erde beſtatten, und dann einer nicht minder heiligen Pflicht: meiner Rache, entgegen gehen.“ Nicht des Verräthers braucht's, Iſt der Verrath vollzogen. Leben ein Traum. Calderon. Der ehrgeizige und rachdürſtige Bveskay ſchien den rechten Augenblick zu ſeinen rebelliſchen Unternehmungen gewählt zu haben. Die Flamme des Aufruhrs ließ in den davon ergriffenen Provinzen nicht nach; ſie fraß im Gegentheile immer weiter. Den weichenden kaiſerlichen Völkern zum Trotz wurde Boeskay unter dem Schirme ſeines mächtigen Freundes Bethlen Pabor zum Fürſten von Siebenbürgen gewählt. Die Pforte, deren Mitwirkung an dem Aufſtande von den Rebellen bisher hartnäckig geläugnet worden war, warf die Larve ab und fügte dem Anſehen und der, freilich ſehr zweideutigen, Macht des Kaiſers die bitterſte Beleidi⸗ gung zu. Denn dem ſchwachen Landesherrn zu Spott und Hohn, ernannte der Sultan, wenige Monden nach Bveskay's Wahl zum Fürſten Siebenbürgens, denſelben zum Könige von Ungarn. Um dieſer Ernennung ein größeres Gewicht * in den Augen der Welt zu geben, überreichte der Großvezier, im Namen des Padiſchah's und im Lager vor Ofen, dem kühnen Rebellen⸗Oberhaupte eine, wahrſcheinlich unterge⸗ ſchobene Krone der Paläologen von Goldblech, und Seepter und Fahne. Dieſe vor einer unzähligen Menge Volks, vor türkiſchen Kriegsſchaaren und vielen allda verſammelten un⸗ gariſchen und ſiebenbürgiſchen Edelleuten und Grafen aus⸗ geübte Handlung der Oberherrſchaft Achmets und der Pforte über das Reich der Magyaren blendete die Anhänger des neuen Königs, ſchüchterte ſeine Feinde ein; nur er ſelbſt, der kühne und ſcharfſichtige Stephan Boeskay ſah die Nich⸗ tigkeit dieſes Gaukelſpiels ein, deſſen Folgen er jedoch für ſeine eigene Wohlfahrt nach Kräften zu benutzen nicht er⸗ mangelte. Mit Widerwillen wartete er die Ceremonie ab, die ihn verdammte, dem Sclaven eines Fürſten, deſſen Volk und Glauben er im Innerſten verachtete, öffentlich zu hul⸗ digen, gleich einem Lehnsherrn; übergab ſeinem Verwandten und Feldherrn Hommonay die Zeichen des Königsamtes, und flog an die Spitze der Schaaren, die, ungeduldig auf Schlachten und Beute wartend, ſich unter ſeinen Panieren verſammelt hatten. Mit ſeinem Erſcheinen, mit der Gegen⸗ wart des Anführers, der in einem kränklichen Körper einen kriegeriſchen Heldengeiſt barg, trat ſein Heer erſt in das Leben, und entfaltete, den Kaiſerlichen gegenüber, die durch die Sorgloſigkeit ihres Monarchen und ſeiner Machthaber an Allem Mangel litten, eine furchtbare Uebermacht an Kräften, Muth und Zuverſicht. Ihrem Kriegsglück ſchlecht vertrauend, wichen des Kaiſers Fahnen allenthalben dem unwiderſtehlichen Angriffe ihrer Gegner, und Boeskay ver⸗ folgte unerſchütterlich ſein Vorhaben, ſie bis nach Preßburg, 8⁰ wohl noch weiter zurück zu drücken. Rudolphs Staaten boten beinahe keine Vertheidigung dar. In Unthätigkeit erſchlafft, lagen die Zügel des Regiments jedem Waghals preisgegeben; alle Räder des großen Staatsgetriebes ſtock⸗ ten. Religionsparteien ſtanden drohend einander gegenüber, das Signal erwartend, das Schwert des Bürgerkriegs zu zucken. Die Geſetze ſchwiegen, die Gerichtshöfe waren macht⸗ los, die Kaſſen leer, die Armeen ohne Mannszucht, des Nothwendigſten beraubt, die Führer unter ſich in Zwiſt und Fehde liegend, die Unterthanen ſo, wie ſie bei dieſer Lage der Dinge ſehn konnten: meuteriſch, unruhig, verdroſſen; die beſten unter ihnen gleichgültig, leidend, nach beſſern Zeiten ſeufzend. Doch der Kaiſer ſaß auf ſeiner Burg zu Prag und führte das Leben eines Merovingiſchen Königs. Von ſeinen Günſtlingen umringt und gefangen gehalten, nur für wechſelndes Vergnügen der Sinne, für die weichen Künſte des Friedens empfänglich, von denen ſich ein Fürſt, der ernſte Hausvater und Berather von Millionen niemals beherrſchen laſſen ſoll, am wenigſten in ſolch ſchwieriger Zeit,— war er todt für ſein Volk, todt für ſeine Ehre. Gleichgültig ſah er die drohende Fluth aus dem Oſten ſich gegen ſeine Staaten wälzen; die höchſte Noth war nicht vermögend, ihn aus ſeiner Apathie aufzuſchrecken, ihn zu Rettung ſeiner Länder, zur Rache der an denſelben verüb⸗ ten Unbilden zu bewegen. Die Stände ſeiner Lande und Provinzen ſtanden hie und da zuſammen in Klagen und Beſchwerden über die üble Verwaltung der öffentlichen An⸗ gelegenheiten. Der Druck der Zeit rechtfertigte diefe noth⸗ gedrungenen Berathungen. Aber wie bald mengt ſich nicht das Verbrechen, der Verrath in jene Verſammlungen, die, von der Schwäche des Herrſchers oder ſeiner Tyrannei berechtigt, anfänglich nur zuſammen treten, das Wohl des Vaterlandes zu ſichern? Die Edeln von Oeſterreich, Mäh⸗ ren und ſogar von Böhmen blieben nicht dabei ſtehen. Einige unter ihnen— die Mehrzahl verläugnete die ange⸗ borne Treue nicht— ſpannen Einverſtändniſſe mit den ungariſchen Rebellen an, bearbeiteten das gedrückte, auf's Aeußerſte gebrachte Land. Seine Siege in Oberungarn und die Bemühungen jener verborgenen Freunde öffneten dem argliſtigen Bveskay den Weg nach Mähren. Wie ein un⸗ aufhaltſamer Strom überſchwemmte er das Land mit ſeiner Völker Uebermacht. Die wilden Huſaren auf ihren geſchwinden Rennern, die kriegsluſtigen und räuberiſchen Stämme der Haiducken, die in leichten Banden auf flüchtigen Sohlen plündernd und ſengend das Land durchſtreiften, drangen, zahlloſe Schwärme bildend, unter der eigenen Führung ihres kecken Feldherrn in die unbewachten mähriſchen Grenzen und beſetzten den Hraidiſcherkreis mit Blitzesſchnelle. Ihre Grau⸗ ſamkeit vernichtete gar bald die Erwartungen derer, die beigetragen hatten, den Aufruhr in das Herz des Vater⸗ landes zu ſpielen. Auch Ulrich Kauniz, Ludmillens Gatte, war nicht ohne Antheil an dieſen Unternehmungen geblieben, trotz den Bitten und Ermahnungen ſeiner trefflichen Gemahlin. Allein die Worte eines Engels hätten ſein Herz nicht abge⸗ wendet von dem ſchweren Haß, den er gegen den Kaiſer hegte, und welchen zu nähren er die gegründeſten Urſachen zu haben glaubte. Er war der Fürſprecher der pröteſtan⸗ tiſchen Stände geweſen bei den Räthen des Kaiſers; an ſeines Thrones Stufen ſelbſt hatte er ſein keckes Wort ge⸗ f⸗ und war von dem Herrſcher ungnädig, von ſeinem 3. 6 3 8² Staatsrathe drohend abgewieſen worden. Es bedurfte nichts mehr, um dieſe rauhe Bruſt in Rache zu entflammen, und Bocskays Wageſtück ſchien ihm der beſte Anlaß, ſeinen Durſt nach Vergeltung zu ſtillen. Auch ſein Namewurde in jenen Unterhandlungen genannt; auch ſeine und der Seinigen Güter waren in denſelben unter den beſondern Schutz des Rebellenkönigs geſetzt worden, der alle Beſitzungen ſeiner Widerſächer der Flamme und dem Schwert zu weihen ge⸗ ſchworen hatte. Doch, man bedarf des Vercäthers nicht, wenn der Verrath vollzogen iſt. Auch Boeskay vergaß, was er ſeinen Freunden gelobt hatte. Die Habſucht und Plün⸗ derungsgier ſeiner Krieger machte keinen Unterſchied zwiſchen den Gütern des Freundes, wie des Feindes. Das vor Kurzem erſt neu aus der Aſche wieder erſtandene Schloß Worosdar wurde von den Ungarn niedergebrannt, die Fürſtin verjagt,.. gezwungen, mit ihrem wahnſinnigen Gemahl und ihren Dienern einen Zufluchtsort bei dem Eidam zu ſuchen, den ſie nicht liebte, von dem ſie nicht geliebt wurde. Kauniz tobte wie ein Wüthender bei der Nachricht, daß die Feinde ein ausbedungenes Schloß nicht verſchont hatten, und be⸗ reute nun erſt ſeinen Zutritt zu einer böſen Sache. Der Treubruch eines Aufrührers mußte erſt das Bedauern in ihm rege machen, ſeinem rechtmäßigen Herrn untreu ge⸗ weſen zu ſeyn. Ludmille war in frühern Anläſſen nicht unglücklich ge⸗ weſen in ihren Bemühungen, die Leidenſchaftlichkeit ihres Gatten durch ihre Milde zu beſänftigen; auch hier verſuchte ſie daſſelbe. Der Erfolg war aber nicht günſtig.„Wenn ich Euerm Rathe folgen wollte,“ rief er, da ſie nicht abließ, ihn um Mäßigung zu bitten:„müßte ich ſtillſchweigend die 83 Ruthe küſſen, die mich ſchlägt. Ich bin dieß nicht gewöhnt. Bei mir gilt das Geſetz: Aug' um Auge, Zahn um Zahn. Hätte ich die Macht. zehn Schlöſſer ließe ich dem raub⸗ gierigen Hunde niederbrennen für Worosdar. Nicht der Verluſt des Gebäudes allein kränkt mich, ſondern mich ärgerts, daß der verdammte Brand mir die werthe Sippſchaft auf den Hals ladet. Den wahnſinnigen König Sebaſtian, wie die geſpreizte Fürſtin Elevnore, Euere ſtolze Mutter.“— Ludmillen ſchoſſen die Thränen in's Auge. Er bemerkte es und fuhr in ſanfterm Tone fort:„Beruhigt Euch nur, ich meine es ja nicht böſe mit Euch trocknet Euere Thränen; Ihr macht mich immer ſo weich durch Euern Schmerz, als ob ich noch ein unmündiger Bube wäre. Ihr habt mich überhaupt ganz verkehrt und umgewendet in meinem Weſen. So lieb es mir iſt, Euch endlich nach langem Widerſtreben gewonnen zu haben, ſo möchte ich's doch öfters ſchier be⸗ reuen, denn ich bin in Euerm Umgang ein Anderer ge⸗ worden. Wie war ich doch ſo raſch, ſo keck im Thun und Laſſen; jedes Mittel zum Zweck, wie gleichgültig! Seitdem ich Euch meine Gattin nenne, bin ich gewiſſenhaft geworden. Mich plagt beſtändig der Gedanke: thuſt Du Recht, thuſt Du Unrecht?.. „Und dennoch konntet Ihr den Rebellen hold ſeyn!“ erwiederte Ludmille mit ſanftem Kauniz rieb ſich die Stirne und ſprach: „Ihr habt Recht; dennoch konnte ich mich auf des Ungarn Treue verlaſſen! Was habe ich davon? Worosdar liegt in Aſche, ſeine Bewohner mir auf dem Hals. Ich kann Euere Mutter nicht leiden. Beſtändig ſieht man ihr den Verdruß an, daß ſie Euch mir endlich um Friedens ——— 84 willen hat abtreten müſſen. Ihr habt beſſere Miene zum vöſen Spiel gemacht. Ich danke Euch dafür und habe Euch auch lieb. Euere Mutter haſſe ich, und wenn ſie mit dem verrückten Mann und dem ungeſchlachten Pfarr⸗ herrn Schönemann mit mir unter einem Dache ſitzt, ſo iſt's, als ob mich den Tag hindurch der Alp drückte. Es fehlt nur noch, daß auch der Taugenichts, der Bernhard, hinzu käme. Dann wäre es vollends nicht auszuhalten.“ „Wie kommt es doch, daß Ihr den Jugendfreund verachtet,“ fragte Ludmille,„den Ihr doch ſonſt geliebt?“ „Die Freundſchaft war niemals weit her,“ lächelte der Gemahl.„Sein Hochmuth und ſeine Rechthaberei haben mir niemals gefallen wollen. Auch widerſtand mir ſein Hang zur Ausſchweifung,.. denn, Ihr mögt mir's glauben— und die neueſte Zeit rechtfertigt mein Vorgeben: obgleich mir dazumal auf Worosdar der kleine Schimpf mit der verwünſchten Heidin begegnet iſt, ſo war ich doch zehnmal nüchterner, keuſcher und ſparſamer als der Bruder Bernhard, der nur ſeiner Heuchelei den guten Geruch verdankte, in dem ſeine Sitten ſtanden. Die Folge hat's gelehrt.“ Ludmille ſeufzte in banger Rückerinnerung. „Die unſinnigſte Verſchwendung,“ fuhr Kauniz fort, „war ſeine Leidenſchaft. Ich will nicht läugnen, daß ich ihn darin beſtärkte. Ich hatte ja das goldene Vließ vor Augen, Euern Beſitz nämlich, deren Wunderlieblichkeit und Reize das Gerücht und ſelbſt der Bruder vergebens ver⸗ ſuchten, in ihrem ganzen Umfange würdig zu ſchildern. Dieſem Ziele entgegen gehend und mit Grund den Fürſten⸗ ſtolz des Schulfreundes als meinen härteſten Gegner fürchtend, mußte ich ſeinen Nacken unter meine Herrſchaft beugen, * 85 nach und nach ſeinen Willen zu dem meinigen machen. Meinem geübten Auge entging das Mittel dazu keineswegs. Obgleich von Eleonorens Freigebigkeit reichlich ausgeſtattet, war der Beutel Euers Bruders immer leer. Die Verlegen⸗ heiten nahmen kein Ende, weil die tolle Geldverſplitterung keines fand. Da ſchoß ich vor, Summe auf Summe; Prinz Bernhard verpfändete leichtſinnig ein Stück nach dem andern von ſeinem Erbe, und als ich ihn hatte, wo ich wollte, und wohin ſeine Verirrungen ihn jederzeit gebracht haben würden, als er einmal auf dem Punkte ſtand, vor dem Senat der hohen Schule von ſeinen zahlreichen Gläubigern verklagt und beſchimpft zu werden... da half ich noch einmal, und das Pfand dieſes bedeutenden Darlehens war die Hand der Schweſter.. die Euerige.“ „Das konnte ein Bruder thun?“ ſeufzte Ludmille.„Welche Entartung!“ „Hierauf wurde das Fündlein geſchmiedet, nach welchem ich Bernhards Leben gerettet haben ſollte,“ ſprach Kauniz weiter. Es war jedoch kein wahres Wort daran. Die Lüge erreichte nichts deſto Heniger ihren Zweck. Ich fand einen ausgezeichneten Empfang in Euerm Hauſe, der mich meinen Hoffnungen gewiß nahe gerückt haben würde, wäre der verdammte ſogenannte Stumme nicht hindernd da⸗ zwiſchen getreten. Was ſeitdem geſchah, iſt Euch noch in friſchem Gedächtniß. Mein Wille, verbunden mit Bern⸗ hards Gewalt, der, von mir angeſpornt, um jeden Preis ſeiner Verbindlichkeit los ſeyn wollte, hat geſiegt. Des Kaiſers Schutzbrief, den Ihr Euch zu erwerben wußtet⸗ hatte den Erfolg wie die meiſten ſeiner Verordnungen. Er wurde nicht geachtet. Ihr wurdet die Meine. Nun hat 86 ſich aber erſt Euers Bruders Laſterleben entfaltet und mich ganz von ihm gewendet. In der Fremde, am Hefe einer Fürſtin, die mit den Männerherzen wie mit Würfeln ſpielt, hat er ſein Gut bei weitem zum größten Theil vergeudet. Ungetreue Verwalter, denen er nicht auf die Finger ſehen darf, weil ſie ihn auf alle Weiſe in ſeinen Ausſchweifungen unterſtützen, haben es vollends durchgebracht. So ſind ſeine Umſtände, wie ich genau weiß. Die letzten Ueberbleibſel ſeines Reichthums hat man ihm nach Ungarn geſandt, wo er beim Heere ſteht. Nichts iſt mehr von ſeiner reichen Habe übrig, als die Pfänder, die er mir ſtellte und längſt verfallen ſind, und Euere Mitgift, die er ohnehin mir nicht antaſten darf, und deren Haupttheil, Worosdar, die ungariſchen Schurken, die Gott verdammen möge, in Grund gebrannt haben.“ „Seine Wuth erneuerte ſich und Ludmille mußte den Sturm austoben laſſen. Die täglich erneuten Hiobspoſten von den Verwüſtungen im Lande waren nicht geeignet, ihn zu ſtillen, denn der Noth und des Drangs wurde zu viel⸗ Aber, wie es wohl allemal z gehen pflegt, wenn die Widerwärtigkeit auf's Höchſte ſteigt, findet ſich ein Retter. Mähren fand den ſeinen in dem wackern Cardinal von Dietrichſtein, der plötzlich Prag verließ und in der Mitte ſeiner Landeshauptmannſchaft und ſeines Bisthums erſchien. Ein würdiger Enkel erlauchter Ahnen, in der Kraft ſeiner Jahre, fühlte er, daß das gemeinſame Vaterland in eiſerner Zeit auch eiſerner Arme bedürfe, daß es Umſtände gebe, in denen es ſelbſt den Dienern der friedlichen Kirche er⸗ laubt ſey, die Wehre zu ergreifen gegen den allgemeinen Feind. Deßhalb an dem Faiſer verzweifelnd, verließ er 87 deſſen Hauptſtadt, flog nach Mähren, um die Ehre der ihm anvertrauten Statthalterswürde zu retten, legte Inful und Krummſtab aͤuf dem Altare der Cathedrale von Ollmütz nieder und umgürtete ſich mit dem Schwerte der Gewalt⸗ Er unternahm, auf eigene Koſten, ohne die mindeſte Unter⸗ ſtützung des unthätigen Hofs, eine zahlreiche und wohlbe⸗ wehrte Reiterei zu bilden, ſich an ihre Spitze zu ſtellen und ſie dahin zu führen, wo des bedrängten Vaterlandes Noth ihre rächende und rettende Gegenwart erheiſchen würde. Seine Aufgebote gingen durch das vom Feinde unbeſetzte Land; alle wohlhabenden Gutsbeſitzer wurden aufgefordert, durch ihren Beitritt die eigene und des Hauſes Oeſterreichs Sache kräftig zu unterſtützen. Arm und Reich ſtellte ſich nach und nach unter die Standarten des krie⸗ geriſchen Biſchofs.“ „Welch ſchöne Gelegenheit, den Flecken von Deinem Namen zu wiſchen!“ ſprach Ludmille zu ihrem Gemahl. „Vereinige Dich mit den Vertheidigern des heimiſchen Heerds; hilf Dein Volk retten!“ Kauniz ſtutzte einen Augenblick.„Wenn ich's auch wollte,“ ſprach er alsdann langſam und mit prüfendem Blick auf Ludmillen, um ihre Gedanken zu errathen.„muß ich nicht fürchten, aus ihren Reihen geſtoßen zu werden? von dem Cardinal behandelt zu werden als ein Verräther?“ „Nicht doch!“ entgegnete Ludmille mit ſchmeichelnder An⸗ muth und ſanfter Begeiſterung:„das allgemeine Unglück verſöhnt.“ Den bitterſten Feind umarmen wir als Bruder, wenn er in der Gefahr uns ſeine Hand zur Hülfe beut. Deine Landsleute werden Dich verehren, ſehen ſie Dich, nach einer augenblicklichen Verirrung, Gut und Leben für 88 ihre Wohlfahrt auf das Spiel ſetzen. Ihr ſchwankt, mein Gemahl?“ ffügte ſie dringender hinzu.„Ich verlange ja nur das Recht; ich ſpreche nur zu Euerer Ehre! Ueber⸗ hört nicht meine Stimme. In dieſer Stunde iſt ſie des Herrn Gebot!“ Kauniz zauderte, prüfte, verglich;. Ludmil⸗ lens reizende Beredtſamkeit trug über ſeinen Starrſinn den Sieg davon, und noch zur ſelben Stunde flog ein Eilbote an den edeln Dietrichſtein ab, ihm des Grafen Anerbieten, in Perſon ſeine Unterthanen in's Feld zu führen, zu über⸗ bringen. Ludmillens Herz ſchlug hoch, als dieß geſchehen war. Sie hatte ja den Frieden zwiſchen ihrem Gatten und einem Vaterlande geſtiftet. Kauniz gab ſich auch einer un⸗ glaublichen Thätigkeit hin, ſeine Landleute und Knechte für den ehrenvollen Zweck zu bewaffnen, ehe noch die Annahme ſeines Erbietens wieder in ſeine Hände gekommen war; denn dringender wurde die Noth. Die fremden Horden überſchwemmten ſchon den Brünner Kreis zum größten Theil, und drohten, gegen Oeſterreich durchzubrechen. In einer Nacht— Kauniz hatte ſo eben Wachen ausgeſtellt, um nicht einem Ueberfall zu unterliegen, und kehrte in ſein Schloß zurück— kam ihm Ludmille mit verſtörtem Geſicht ent⸗ gegen. „Kauniz!“ flüſterte ſie ihm zu:„bezähmt Euern Groll. Mein Bruder iſt gekommen dieſe Nacht.. er ſucht eine Freiſtätte bei Euch.“ „Bernhard?“ fuhr der Graf auf:„was will der lieder⸗ liche Wüſtling hier?“ „Um Gotteswillen!“ klagte Ludmille:„mäßigt Euch! Fühlt, was ich leide beim Anblick deſſen, den ich verab⸗ 89 ſcheuen muß, den die Mutter wie ein wildes Thier flieht. Ihr verachtet ihn;... mißhandelt ihn nur nicht.“ „Wo iſt er?“ fragte Kauniz nach kurzem Bedenken. „Auf Euerer Stube!“ antwortete die Gräfin.„Er ruht von den Mühſeligkeiten ſeiner gefährlichen Reiſe aus.“ „Laßt mich mit ihm allein,“ befahl der Gatte und ſtieg in ſein Gemach. Bernhard lag, in einen ſchlechten Kittel gehüllt, auf dem Teppich des Fußbodens. Das Geräuſch der zufallenden Thüre weckte ihn. Des Schwagers anſichtig geworden, erhob er ſich langſam von ſeinem Ruheplatz. „Was wollt Ihr hier?“ fragte Kauniz kurz und derb. „Schutz! Hülfe!. eine Freiſtätte!“ antwortete Bern⸗ hard auf dieſelbe Weiſe. „Wie kommt Ihr hieher?“ fuhr Kauniz fort. „unſtre Heere wurden geſchlagen...“ ſprach Bernhard finſter und mürriſch;„des Kaiſers Fahnen bis Preßburg zurück gedrängt. Meine Leute zerſtreuten ſich; ich mußte fliehen. Von einer Streifpartei gefangen, ward ich nach Mähren geſchleppt... des Landes kundig, entkam ich mei⸗ nen Feinden... und fordere Gaftfreundſchaft und Mittel, nach Ollmütz zu kommen., „Was wollt Ihr dort?“ fragte Kauniz ſchnell. „Mich unter des Cardinals Aufgebot ſtellen,“ antwortete Bernhard. „Einen Feldflüchtigen kann der Cardinal nicht brauchen!“ rief Kauniz mit Hohngelächter und innerm Verdruß, mit Bernhard ſich auf gleicher Fährte zu finden. „Schwager!“ drohte Bernhard.„Ihr erfrecht Euch 2. „Einem Feldflüchtigen gebe ich auch keine Freiſtatt!“ fuhr 905 8 Kauniz fort.„Ihr habt Euern Fahneneid gebrochen. Zieht Euere Straße!“ „So ſchnöde weist Ihr mich von Euerer Thür?“ fragte Bernhard bitter.„Iſt das mein Dank für die Dienſte, die ich Euch erwies?“ „Pocht nicht darauf!“ erwiederte der Graf trotzig.„Ich habe ſie theuer genug bezahlen müſſen, mit ungeheuern baaren Summen.“ „Für die ich meine beſten Güter Euerem Geize verpfän⸗ den mußte!“ murrte der Prinz unmuthig.„Ich bin zu Grunde gerichtet; Ihr ſeyd die Urſache meines Verderbens. Zahlt mir eine Summe aus, die mich nach Ollmütz bringe⸗ und ich will Euch Alles vergeben.“ „Der Groſchen ſey verdammt, den ich an Euch weg⸗ werfe, verſchwenderiſcher Ausreißer!“ rief der Graf mit Un⸗ geduld.„Reizt meinen Zorn nicht und befreit mich von Euerer Gegenwart und Zudringlichkeit!“ „Nun bei Gott!“ erwiederte der Prinz in heftigem Zorne, „ſo mag das Gräflein Gott danken, daß ich keine Waffen bei mir trage, ſonſt möchte es wohl den herben Spott übel niederſchlucken müſſen!“ Indem ſchlug die Sturmglocke im Dorfe an. Ludmille wankte todtenbleich herein.„Um des Himmelswillen!“ ſchrie ſie entſetzt.„Die Wächter ſind zurück; ſie bringen die Botſchaft, daß die Ungarn nahen, kaum eine Viertel⸗ meile noch vom Schloß entfernt ſeyn können!“ „Hat ihnen denn der Teufel ſeine Fledermausflügel ge⸗ liehen?“ ſtammelte Kauniz betroffen und wurde bald bleich, bald roth. „Entſcheidet, mein Gemahl,“ drang Ludmille in den Beſtürzten...„„was ſoll geſchehen? was beſchließt Ihr?“ „Ihr müßt gerettet ſeyn!“ antwortete er, ſich vom erſten Schreck erholend,„Ihr, Euere Mutter, Euer Vater! Jasneck ſoll anſpannen! Nehmet das Nothwendigſte zu Euch; flieht gen Brünn, immer auf der Straße gen Brünn!“ „Und Ihr, mein Gemahl, was wird aus Euch?“ jam⸗ merte Ludmille. „Ich erwarte die Rebellen ſtehenden Fußes!“ erwiederte er gefaßt.„Meine beſte Habe iſt in Sicherheit. Seyd Ihr erſt geborgen, ſchreckt mich nichts!“ „Fürchte die Wildheit der fremden Horden!“ ermahnte die ſorgſame Gattin. „Sey unbeſorgt!“ erwiederte Kauniz, ſie umarmend. „Noch einmal muß ich ſcheinen, was ich nicht mehr bin. Dieſe Briefe. er riß das Schubfach aus dem Schranke, in dem der Briefwechſel zwiſchen Bocskay, ihm und den übrigen Einverſtandenen aufbewahrt lag, und ſtreute die Papiere über die Tafel... dieſe Briefe werden mir Schutz verleihen! Dann verbrenne ich ſie, vertilge mit ihnen ihr Andenken auf ewig.“ Das Geſchrei der vorübereilenden Dorfbewohner ver⸗ kündete die herannahenden Feinde.—„Der Wagen iſt be⸗ reit!“ ſchrie Jasneck zur Thüre herein. Die Fürſtin eilte jammernd, von Mermes, die mit Koſtbarkeiten beladen war, geleitet, an die Schloßpforte; der wahnſinnige Fürſt, der in dieſer Unordnung bald kindiſch lachte, bald ſeine Portugieſen zum Widerſtande aufrief, folgte, geführt von dem alten Chriſtoph, der einen mit werthreichen Sachen gefüllten ledernen Sack hinten auf den Wagen warf. Kauniz 92 führte die zitternde Ludmille zuletzt an das Fuhrwerk und hob ſie hinein, ohne Eleonoren einen Gruß, einen Blick zu ſchenken.—„Seyd getroſt!“ ſprach er zu der bebenden Gattin;„fürchtet nichts! In Brünn ſehen wir uns wieder!“ — Jasneck und ſein Vetter Bogalew ſchwangen ſich auf die Gäule des Wagens und jagten mit ihrer ſchweren Laſt wie der Sturmwind davon.—„Gen Brünn! gen Brünn!“ rief ihnen der Graf nach, bis ſie in der Nacht verſchwanden, und kehrte dann in das Schloß zurück. Mittlerweile war Bernhard allein in des Grafen Stube geblieben. Die mit ihrer eigenen bedrängten Lage Beſchäf⸗ tigten hatten des fremden und überläſtigen Gaſtes vergeſſen. Auch ihn hatte die Nachricht von dem Anrücken der Ungarn beſtürzt gemacht; ungern wäre er wieder in ihre Hände gefallen. Die Flucht zu ergreifen, war ſein erſter Vorſatz. Das Andenken an Kaunizens Worte vor ſeinem Hinweg⸗ gehen mit Ludmillen, hielt ihn zurück. Er will ſcheinen, was er nicht mehr iſt! dachte er ſich und durchlief mit ſcheuer und eiliger Haſt eines jener auf dem Tiſch liegen gebliebenen Schreiben.„Verrath?“ flüſterte er, angenehm überraſcht, mit ſchadenfrohen Blicken. Einverſtändniß mit dem Feinde? Rache, du winkſt mir und ich folge. Geduld, ſtolzer Schwager, ich will Dir Deine Gaftfreundſchaft loh⸗ nen!“ Er packte ſchnell die Briefe zuſammen und barg ſie unter den Kittel, eilte an's Fenſter, riß es auf und wagte den Sprung auf den Vorplatz des Gartens. Der weiche Sand erhielt ihn unverletzt. Er rannte eiligſt zum Gitter, das längs der Heerſtraße hinlief, überkletterte es mit der Schnelligkeit eines Verfolgten und ward von einem Schwarm fliehender Landleute eine geraume Strecke mit fortgeriſſen. 93 Endlich rettete er ſich aus dem Getümmel und überlegte. „Wie verderbe ich Kauniz am ſicherſten?“ ſprach er für ſich.„Laſſe ich mich von den Ungarn fangen und gebe Kauniz als einen heimlich Kaiſerlichgeſinnten an, oder ver⸗ rathe ich ihn als Majeſtätsverbrecher an den Cardinal? Eine grauſamere Strafe erwartet ihn in Boeskays Händen; allein das Rebellenreich iſt nicht von Dauer, mein Lohn nicht gewiß. Ueber kurz oder lang behält der Kaiſer doch das Feld und muß meine Treue belohnen, die ſelbſt den Blutsverwandten verrieth! Auf denn, nach Ollmütz!“ — Ohne länger zu ſäumen, ſchlug er den Weg nach dieſer Stadt ein. Der Raub des Verräthers hatte die ſchrecklichſte Wir⸗ kung auf den Grafen hervorgebracht, der ihn ſogleich be⸗ merkt, auf der Stelle begriffen hatte, welch fürchterlicher Waffen ſein Feind ſich gegen ihn bemächtigt habe. Wüthend rief er nach einem Pferde, nach Fackeln, den Dieb zu ver⸗ folgen, nach Gewehr, um ihn auf offener Straße nieder zu ſchießen; allein ſein Toben war umſonſt. Schon brachen die Ungarn in's Dorf; ſchon drangen ſie an's Schloß, aus welchem alle wehrhafte Leute in Todesangſt entwichen wa⸗ ren, ihren Herrn, dem Sturme des Feindes preisgegeben, zurückgelaſſen hatten. Die raubgewohnten Banden umring⸗ ten den Grafen, der, allein und ohne Waffen auf dem Hofe ſtehend, ſie furchtloſen Auges erwartete.—„Was wollt ihr, meine Freunde?“ rief er ihnen freundlich entgegen. „Sprecht, was begehrt ihr?“—„Biſt Du der Kauniz?“ brüllte ihn ein trunkener Haiduck an, und ſetzte ihm das Feuerrohr auf die Bruſt. 94 8 „Ich bin's!“ antwortete Kauniz, faſt wie ein Held. „Kauniz, Euer Freund 1 „Stirb, Verräther!“ ſchrie der Feind und blies auf die Lunte, um den Grafen nieder zu ſchießen. Ein kräftiger Schlag jedoch, den ein Anführer der Horde dem Wütherich in's Genick verſetzte, ſtreckte ihn zu Boden.—„Hund!“ vonnerte der Befehlshaber dem Elenden zu, der ſich auf der Erde krümmte,„haſt Du vergeſſen, daß der Kauniz vor des Königs Gericht gehört, daß uns alſo befohlen wurde, ihn lebendig zu fangen? Bindet ihn!“ Die Ungarn fielen über den wehrloſen Grafen her, deſ⸗ ſen unmächtiges Widerſtreben die Barbaren nur deſto mehr erbitterte, ſo daß er bald ganz geplündert und ſeiner Klei⸗ der beraubt wurde. Während dieſes Vorfalls hatten die nebrigen ſich im Schloſſe zerſtreut und Feuer hinein gewor⸗ fen; allein eine herbeieilende Wache ſtörte ſie in ihrer Luſt; denn von allen Seiten naheten in dreifach ſtärkerer Anzahl die Bewohner der nächſten Dörfer, die vernommen hatten⸗ daß es nur eine fliegende Horde ſey, der es gelungen war⸗ bis hieher vorzudringen. Klug genug, den Angriff nicht abzuwarten, ſtieg der Anführer zu Pferd, ließ den Grafen an den Schweif deſſelben binden, befahl abzuziehen, und ritt ſo ſchnell als nur ſein athemloſer Gefangener zu laufen vermochte, von ſeinen Leuten umgeben, den Weg zurück, den ſie hergekommen waren. Die Nacht war kalt und reg⸗ neriſch; Kauniz, bis auf die Unterkleider entblößt, ſein Jammern aber fruchtlos und vergebens. Ein alter Ungar erbarmte ſich endlich ſeiner und warf ihm den eigenen rau⸗ hen Gerbeunik um die Schultern. Dieß war aber die ein⸗ zige Linderung, die dem Unglücklichen gewährt werden durfte, . und die Streifpartei ſetzte ſchier ohne Raſt den Weg viele Meilen weit fort, dem Standquartier ihres furchtbaren Feldherrn zujagend. Fünftes KRapitel. Leergebrannt iſt die Stätte, Wilder Stürme rauhes Bette; In den öden Fenſterhöhlen Wohnt das Grauen, Und des Himmels Wolken ſchauen Hoch hinein. Schiller. Indeſſen hatten vier raſche Pferde die vom Schloß Geflüch⸗ teten ſchnell von dannen gebracht. Der herabſtrömende Re⸗ gen verlöſchte aber plötzlich Bolgalews Fackel.—„Verwet⸗ tertes Unglück! hol' der Teufel Pech und Schwefel!“ fluchte der Vorreiter und ſchleuderte die unbrauchbar gewordene in den ſchlammigen Seitengraben.„Iſt's doch, als ob die ganze Hölle losgelaſſen wäre in der heutigen Nacht! Man ſieht keine Hand vor Augen. Die Peſt über die Gäule!.. Aber was machſt Du denn, Jasneck? Du machſt ſie ja mit Fleiß vom rechten Wege abgehen!“ „Nicht doch!“ brummte Jasneck und ſtieß den Vetter mit dem Peitſchenſtiel in die Rippen.„Ich ſage Dir, wir ſind auf dem rechten Wege!“— Und damit ging der Wagen rechts von der Straße ab, und Freund Jasneck ließ die Pferde über Feld und Moos hintraben, daß es nur ſo eine Freude 96 war. Bogalew wollte zwar noch etliche Einwendungen vor⸗ bringen, allein wiederholte derbe Stöße ſchloſſen ihm den Mund, und er ließ es geduldig geſchehen, daß auf Jasnecks Verantwortung die ſchnurgerad entgegengeſetzte Richtung von Brünn eingeſchlagen wurde. Es mochte ſchon längſt Mitternacht vorbei ſeyn, als die im Moraſt ſehr ermüdeten Gäule auf einer ziemlich trockenen Sandfläche ſtille hielten.— „Sind wir an den Thoren von Brünn?“ rief Chriſtoph aus dem Wagen heraus, in welchen die Noth und die Menſchlichkeit der Gebieter den alten Diener ſammt Mermes aufgenommen hatten. „Beim Sankt Veit!“ antwortete Jasneck.„Ich will keines natürlichen Todes ſterben, wenn ich weiß, wo wir ſind! Die verteufelten Beſtien müſſen uns vom rechten Wege abgeſchleppt haben. Ich kann nichts um mich her erkennen. Kein Sternchen flimmert; und wenn es auch hell wäre, ſo ließe doch der verdammte Regen nichs aus⸗ nehmen!“ „Um Gotteswillen! was iſt zu thun?“ jammerten die Frauen. „Nur den Muth nicht verloren!“ polterte Jasneck.„Ich glaube, ich ſollte mich doch zurecht finden. Die Gäule haben ein wenig geruht. Friſch weg, vom FPlatze!“ Die Peitſche knallte, und der Führer eintöniges Hoi! Hoi! trieb die Roſſe von dannen. In dem feſt vor dem Regen verſchloſſenen Wagen wurde es wieder ſtill. Müdig⸗ keit und das Bedürfniß des Schlafs behaupteten ihre Rechte. Draußen aber, auf den trabenden Gäulen, wurde es ge⸗ ſprächig, denn Jasneck zupfte Bogalew beim Aermel und eröffnete ihm, was er bisher in ſeinem Gehirne verarbeitet 97 hatte.—„Weißt Du,“ fragte er leiſe,„was ich im Sinn habe?“— Bogalew ſchüttelte den Kopf.—„Haſt Du Luſt, Dein Glück zu machen?“ fragte Jasneck ferner. Bo⸗ galew bejahte ſehr ſchnell. „So höre!“ verſetzte der Vetter, zog die pelzmütze über die Ohren, ſetzte ſich quer in den Sattel, um leichter von dem Nebenreitenden verſtanden zu werden, ſchnalzte mit der Zunge, um die Pferde geſchwinder gehen zu machen, und ſprach:„Die Gelegenheit, den höchſten Trumpf zu ſtechen, iſt vor der Thür. Die Ungarn wirthſchaften jetzv im Schloß, plündern alles aus, und es iſt kein Gedanke, daß der Herr Graf, der allein zurückgeblieben iſt, mit dem Leben davon komme. Unſer Dienſt hat dann ein Ende; denn die Weiber, die Betſchweſtern, werden katholiſch und gehen in's Kloſter. Sollen wir uns aber geplagt haben, um am Ende doch nichts davon zu haben? Sollen wir dem ungariſchen Diebsvolk nachſtehen, das ſich die Taſchen füllt und einem ehrlichen Diener das Nachſehen läßt? Nein! das läßt der heilige Veit, unſer Landespatron, nicht zu! Die Welt geht ohnehin um und um wie ein Spielball; was heute oben iſt, liegt morgen unten und umgekehrt. Wir wollen auch einmal oben liegen!“ „Ja, lieber Vetter! weiß es Gott!“ erwiederte Boga⸗ lew und that einen herzhaften Schluck aus der Kürbis⸗ flaſche, um ſich Muth zu machen das Folgende mit anzu⸗ hören,„wir wollen auch einmal oben liegen!“ „Was braucht man dazu?“ predigte Jasneck weiter. „Nichts als Geld und Gut! Das haben wir aber gleich zur Hand, wenn wir nur wollen. Dort, hinten auf dem . hat der Chriſtoph einen ledernen Sraufteb 3. 98 in dem leuchtet es von nichts als Gold, Silber und Edel⸗ geſteinen; denn des Herrn Schwähermutter, die alte Lore, hat einen Reichthum, als hätte ſie Conſtantinopel plündern helfen! Wir nehmen den Sack, reiten weit hinaus in's Sachſenland oder nach Polen, und ſind bis an unſer ſeli⸗ ges Ende glücklich und reich!“ „Alles gut, liebſter Vetter!“ antwortete Bogalew. „Meinſt Du aber wohl, daß die Leutleins uns den Reich⸗ thum gutwillig geben werden?“ „Dummer Teufel!“ lachte Jasneck.„Gutwillig freilich nicht; wir nehmen ihn aber mit Gewalt!“ „Stehlen, meinſt Du alſo?“ fragte Bogalew erſchrocken. „Aber, Jasneck, bedenkſt Du nicht, es iſt die Herrſchaft!“ „Der Blitz erſchlage die Herren!“ rief Jasneck.„Ohne ſie wären keine Knechte auf der Welt! Friſch, Bogalew! Du biſt auch ein katholiſcher Chriſt. Die drinnen ſind Lu⸗ theraner, ſchlimmer als Heiden. Wenn wir den reichen Ketzern ihren Ueberfluß abnehmen, um ein paar rechtgläu⸗ bige arme Teufel glücklich zu machen, iſi's ein gottgefälli⸗ ges Werk!“ „Nun, wenn Du meinſt, Vetter Jasneck!“ antwortete Bogalew nach einiger Ueberlegung;...„meinetwegen, ich bin's zufrieden; aber, ich bedinge mir's aus, niederge⸗ metzelt darf mir Keines werden; hörſt Du?“ „Wenn's nicht ſeyn muß,“ erwiederte Jasneck,„ſo ſoll's nicht geſchehen. Im ſchlimmſten Falle nehme ich That und Verantwortung auf mich.“ „Nun denn,“ ſprach Bogalew,„ſo ergebe ich mich varein.... Verdammte Pferde! da hätten ſie uns ſchier in den Sumpf geworfen! Und wie es herunterſchüttet und teufelt! Wo mögen wir wohl ſeyn, Vetter Jasneck?“ „Unfern vom Dörflein Racotz, wie mir däucht,“ ant⸗ wortete der Vetter.„Dort läuft der Bach, ſo viel ich am Rauſchen des Waſſers vernahm. Weiter oben links muß der Steg ſeyn. Richtig, da ſtehen die drei Eichen mit der Kapelle. Halt! Nicht weiter!“ Die Pferde ſtanden. Das Innchalten im Laufe weckte die im Wagen befindlichen Verrathenen. Chriſtoph ſprang heraus.„Sind wir endlich zur Stelle?“ rief er. „Beim Blitz“ antwortete Jasneck rauh und ſtieg vom Roſſe.„Fahre wer da will und kann. Ich weiß nicht, wo wir ſind, und bin ganz ſteif von Regen und Froſt; die Hände erſtarren mir am Zügel und die Pferde verſinken im Koth.“ „Wo hat man uns hingeführt?“ ſchrie Ludmille und wollte den Wagen verlaſſen; Chriſtoph hielt ſie aber zurück. „Bleibt, gnädige Gräfin!“ ſprach der alte treue Die⸗ ner.„Schont Euerer Geſundheit. Hier außen iſt's feucht und kalt, auch bleicht's kaum in Oſten. Wir ſind verirrt; find vielleicht viele Meilen weit umgefahren! Ich bin in⸗ deſſen der Gegend um Brünn etwas kundig. Ich will zu Pferde ſteigen und mit Gottes Hülfe ausſpähen, ob wir uns in der Nähe der erſehnten Stadt befinden oder nicht.“ Der wackere alte Mann ließ auch in der That ein Roß ausſpannen, ſetzte ſich auf daſſelbe, empfahl den ſaubern Vettern, ja pünktlich auf dem Flecke ſtehen zu bleiben, und ritt in den naßkalten Morgennebel hinein, um die Gegend auszukundſchaften. Bald war er aus den Augen der im Wagen ängſtlich harrenden Frauen verſchwunden, und Jasneck fand, daß es Zeit ſey, das mit dem Vetter beſprochene Vorhaben kurz und gut auszuführen. Die beiden Galgen⸗ vögel eilten, den Lederſack vom Wagen zu löſen, banden ihn behende auf den Rücken des ſtärkſten Pferdes, ſchwan⸗ gen ſich auf die beiden andern, hieben die Stränge ab und ritten unter hellem Hohngelächter von dannen, den Pfad verfolgend, den Jasneck angegeben hatte. Der ſchnelle Trab der Pferde, wie der laute Ausbruch des hämiſchen Spottes der zwei Diebe, machten die Auf⸗ merkſamkeit der Beſtohlenen rege. Mermes kletterte, ſo ſchnell ihre Leibesfülle und ihr Gleichmuth es geſtattete, aus dem Wagen, und ſah die Vollendung des Schelmenſtücks. Ihr Geſchrei, ihr Rufen, ihre Verwünſchungen unterrichte⸗ ten in Kurzem die Gebieterinnen von dem neuen Unfalle. Welche Angſt, welche Lage glich der ihrigen? Verlaſſen auf⸗ öder Haide, in unwegſamer, fremder Gegend, drei wehr⸗ loſe Frauen und ein wahnſinniger Greis; preisgegeben dem räuberiſchen Anfall und den Mißhandlungen der fremden Horden, deren wildes Lager vielleicht nur die Dämmerung des Morgens ihren Blicken entzog;. fern von aller Hülfe, abgeſchnitten von jedem noch ſo dürftigen Beiſtand! Sie umarmten ſich tröſtend, jammernd, verzagend. Ihre ein⸗ zige Hoffnung beruhte auf der Treue des alten Chriſtoph, den ſie ſich nicht überwinden konnten, im Verdacht einer Theilnahme an dem Bubenſtücke der Vorreiter zu haben. Ihr beharrliches Vertrauen täuſchte ſie auch nicht. Der Greis kam bald von ſeinem Späheritt zurück. Sein Ge⸗ ſicht zeigte die äußerſte Verlegenheit, und als er im heller werdenden Morgenduft ſah, was vorgegangen war und die Klagen der Verlaſſenen das Unheil beſtätigten, gerieth er ——— 101 außer ſich.—„Nun,“ rief er,„nun, meine edeln Frauen, ſind wir alle... leider Gottes, muß ich's bekennen. verloren, wenn uns nicht der ſtarke Herr dort oben in ſei⸗ nen beſondern Schutz nimmt. Die Buben haben uns fürch⸗ terlich hintergangen; weit ärger an uns gefrevelt, als ihr euch einbildet. Dort, jenſeits des Waſſers, ſtehen die Feinde; ich habe der Wachen Feldruf vernommen, und ſo viel ich in der dichten Dämmerung ausgenommen habe, kenne ich die Gegend. Wir ſind nicht weit von Worosdar. — Herr Gott! ſchrien die Frauen. Der Fürſt lachte dumpf in ſich hinein. Die Angſt der Troſtloſen ſtieg auf's Höchſtez allein das wachſende Morgenlicht ſowohl, als fernher, ge⸗ wiß aus dem Lager der Ungarn, tönender Trommel⸗ und Pfeifenklang mahnten an ſchnellen Entſchluß, zu fliehen oder zu bleiben, dem Allſehenden und ſeiner Güte oder der Laune eines barbariſchen Feindes zu vertrauen. Jede von den Frauen gab ihre Meinung; eine jede derſelben wurde von dem erfahrnen Chriſtoph als unausführbar verworfen, ob⸗ gleich er ſelbſt kein Rettungsmittel vorzuſchlagen wußte. Als aber alles bange verſtummt war und ängſtlich des kommenden Augenblicks harrte, da öffnete mit einemmale der ſinnverwirrte Fürſt den Mund.„Niederträchtige Hei⸗ den!“ ſprach er heftig...„warum haltet ihr mich in die⸗ ſen Ketten zurück, daß ich verzweifeln möchte beim Schall der Kriegsmuſik meines Heeres!“— Er verſank wieder in dumpfes Hinbrüten. Die ungariſchen Pfeifen und Schal⸗ meien in der Ferne gingen aber in einen luſtigen Marſch über, zu dem die Trommel hell und ſcharf den Takt ſchlug, und dieſe Töne belebten den Fürſten wieder.„Horch!“ rief er,„horch! Wie grauſam iſt's, mir meine Jugend 102 träumen zu laſſen, meine freie Jugend, während ich doch alt und gefangen bin! Dieſe Feldmuſik tönte bei Siſſek.. ſie führte uns in den Sturm auf Sabalka;“— Er fuhr ſchmerzhaft nach der Kopfwunde...„Hört auf!“ ſtöhnte er„muß ich euch denn immer hören, ihr vaterländi⸗ ſchen Töne? Oeffnet mir meine unterirdiſchen Gänge in meinem Luſtſchloſſe, die Gewölbe von Worosdar! dort bin ich ſicher, dort bin ich taub; denn ſtill und heimlich iſt's darinnen, wie im Grabe!“ Staunend und bedenklich ſahen ſich die Uebrigen an, bis auf Chriſtoph, der frohlockend ausrief;„Gott ſey ge⸗ lobt! der gnädigſte Herr gibt, ohne es zu wiſſen, den beſten Rath in unſerm Unglücke! Erinnert ihr euch, edle Frauen, des geheimen Ganges unter der Erde von einem Flügel zum andern, den wir erſt dann entdeckten, als der Herr, aus deſſen Gemach eine verborgene Thür hinabführte, in's Gewölbe, durch daſſelbe in die Bibliothek, von da in die Kapellengruft gelangt war? Es iſt daſſelbe Gewölbe, in welches beim erſten Brande der Herr, den wir in der Angſt vergeſſen hatten, ſich rettete, aus dem er durch einen verſteckten Ausweg in das Feld entkam und, weiß Gott auf welchen Kreuz⸗ und Querwegen, nach Böhmen gelangte, wo ſeine Erſcheinung die Straßen unſicher machte und ihn ſogar in den Kerker führte.“ „Erinnere uns nicht an die beklagenswerthe Begeben⸗ beit!“ unterbrach ihn die Fürſtin ſeufzend.„Worauf zielt Deine Rede?“ „Auf unſere Rettung!“ verſetzte der Diener eifrig. „Hier iſt die Kapelle an den drei Eichen. Hätte ich nur den Platz früher erkannt; aber der Satan finde ſich im 103 Dunkeln und im kahlen Winter ſo ſchnell zurecht;.. nun, eine kleine halbe Stunde von hier iſt der Ort, wo man in die Gewölbe von Worosdar eingeht... laßt uns dahin fliehen, ehe noch die Sonne den günſt'gen Nebel zerſtreut; dort ſind wir geborgen, bis der Himmel weiter hilft.“ Die Fürſtin ſprach Manches von den Gefahren eines Aufenthalts in verlaſſenen Gewölben, unter dem Schutt einer Brandſtätte; Ludmille fürchtete einen verſteckten feind⸗ lichen Hinterhalt; Mermes ſchauderte vor dem weiten Wege zu Fuße durch die naſſen, vom Regen aufgeſpülten Gründe und Moorflächen; Chriſtoph widerlegte aber alle dieſe Ein⸗ würfe mit dem einzigen Wörtlein: Nothwendigkeit; tröſtete, ermahnte, vereinigte endlich Alle. Er traf ſogleich alle An⸗ ſtalten. Der Wagen wurde zurückgelaſſen; der wahnfinnige Fürſt, der ſich wie ein Kind leiten ließ, auf das Pferd geſetzt⸗ deſſen Zügel der Diener ergriff. Die Fürſtin ſtützte ſich auf Chri⸗ ſtoph und Ludmillens Arme. Mermes folgte, beladen mit dem teberreſte der in der Eile mitgenommenen Habſeligkeiten. Mühſam und beſchwerlich für die Frauen war der Weg durch die Felder, aber Chriſtophs Leitung gut und ſicher; und noch war die Sonne nicht heraufgekommen am Firmament, als die Wanderer bereits die Kiesgrube erreicht hatten, die in ihrem verborgenſten Winkel eine enge Schlucht öffnete, welche die Leute der Gegend, immer nur für einen von der Natur gebildeten Abzug der Gewäſſer genommen, niemals unter⸗ ſucht hatten. Dieſe führte, Chriſtophs glaubwürdiger Ver⸗ ſicherung zufolge, in die Gewölbe des Schloſſes, und nach⸗ dem man das ledige Roß dem Zufall preisgegeben hatte, wagten ſich die Unglücklichen muthig in das dunkle Gewinde, der engen Erdſpalte. Der Erfolg beſtätigte Chriſtophs ⸗ 104⁴ Behauptung. Nachdem ſie geraume Zeit ſich mühſam in dem finſtern Stollen fortgeholfen hatten, erreichten ſie das Ge⸗ wölbe, das ihnen durch ſeine Größe ſchon mehrere Bequem⸗ lichkeit darbot. Sie drangen darinnen vor, bis unfern der Stelle, wo eine Treppe in den linken Schloßflügel führte. Die Stufen waren ziemlich zerſtört durch eine Menge von Steinen, die aus der Höhe darauf hinabgerollt, und un⸗ wegſam gemacht durch viele verkohlte Balken, die über der Oeffnung, welche zu Tage führte, zuſammen geſunken wa⸗ ren. Allein dem Lichte verſperrten ſie den Eingang nicht, und ſo ward alſo von den Flüchtigen beſchloſſen, hier zu verweilen, wo man in einer halben Dämmerung ſaß, die einer völligen Nacht weit vorzuziehen war. Dem alten Fürſten wurde von allem, was ſich vorfand, ein ziemlich bequemes Lager bereitet, auf dem er auch bald entſchlief. Die Fürſtin und Ludmille ſaßen neben einander auf einem Steine, drückten ſich die Hände und konnten vor Weh⸗ muth nicht reden. Mermes ſchluchzte, in einem finſtern Winkel kauernd. Chriſtoph, den ſeine Thätigkeit nicht ver⸗ ließ, tappte in dem ganzen Keller umher und ſchleppte Holzſtücke zuſammen, um den Bedarf eines Feuers für den nächſten Abend aufzuſchichten. An Mundvorrath war der größte Mangel. Das Bedürfniß des Augenblicks überwog aber die Furcht vor der Zukunft, und das Wenige wurde an die Hungrigen vertheilt. Der alte Diener ſteckte gut⸗ müthig ſeinen Theil der dicken Mermes zu, und machte ſich anheiſchig, gegen Mittag, wenn ſie alle von der tiefſten Ruhe in den Ruinen überzeugt ſeyn würden, aus dem Kel⸗ ler hervor zu gehen und im Dorfe Nahrungsmittel einzu⸗ handeln. So gewagt dieſer Schritt ſchien, ſo erregte dennoch 105 das edelmüthige und freiwillige Anerbieten des treuen Chriſtophs die ſchönſten Hoffnungen in der Bruſt ſeiner Gebieter. Sie gründeten ſich auf die Tugenden derſelben. Eleonore wie Ludmille waren in glücklichern Zeiten die Wohlthäterinnen, die Schutzengel ihrer Unterthanen geweſen; ſie waren gern aus ihrer Herrenburg herabgeſtiegen in die Hütten der Armuth: hatten gern unverſchuldetes Elend ge⸗ mildert, gern des Verirrten gnädig geſchont. Sie waren ſtets von ihren armen Leuten mit den Beweiſen der unzwei⸗ deutigſten Liebe aufgenommen worden, und durften auch im Unglück erwarten, nicht von ihnen vergeſſen zu ſeyn. Schon entzückte ſie die Möglichkeit, daß Chriſtoph unter jenen dankbaren Dorfbewohnern Freunde und Retter finden dürfte; ſie ſahen ſich ſchon durch die Hülfe derſelben ihrem Elend entriſſen, befreit, ſicher aus der gefährlichen Gegend geleitet. In dieſer ſchmeichelhaften Erwartung zählten ſie die Augenblicke, bis der Stand der Sonne, die ihre Strahlen endlich durch die Regenwolken bis in die Oeffnung des Gewölbes dringen ließ, ihnen verkündete, daß es ungefähr Mittag ſey. Der alte Chriſtoph machte ſich nun zu ſeiner Wanderung fertig, räumte behutſam, mit ſo wenig Geräuſch als möglich, die Hinderniſſe hinweg, welche die Treppe verſperrten, ſtieg eben ſo leiſe in die Höhe und durchſuchte vorſichtig die Brandſtätte. Da er ſie leer und unverdächtig fand, kehrte er noch einmal zum Kellereingang zurück, rief den darin Gebliebenen zu, gutes Muths und ohne Furcht vor einem Ueberfall zu ſeyn, und machte ſich erſt alsdann auf den Weg nach dem Dorfe.— Mit der Ungeduld armer Gefangenen, die von Minute zu Minute auf die 105 Votſchaft ihrer Befreiung oder ihrer Begnadigung hoffen⸗ harrten die Frauen der Rücktehr ihres Freundes. Sie ver⸗ zögerte ſich mehr, als ſie gedacht hatten. Von der Unruhe peinlicher Erwartung gequält, wagten ſie es endlich, ſich der Treppe zu nähern, ſie zu beſteigen, aus ihrem Verſteck einen Blick in die Trümmer zu ſenden. Es ſah wüſt und öde darinnen aus. Die von Brand geſchwärzten Mauern ſtarrten traurig in die graue Luft; die Sparren des Dach⸗ werks hingen drohend und des Sturzes gewärtig über die Brandſtätte herein. Ungeheure Schutthaufen thürmten ſich, wo die Wuth der Feinde die Wände niedergeworfen hatte; Balken und Bretter lagen übereinander geſtürzt, wo die Flamme hatte durchfreſſen können. Hie und da wallte noch Dampf aus dem Schutte in die Höhe; hie und da krachte noch langſam durchglimmtes Holzwerk zuſammen, und dann und wann ſtörte der Fall eines Steins die Stille der Trümmer. Seufzend wandten die Lauſcherinnen die thränen⸗ naſſen Augen von dem kläglichen Schauſpiel und zogen ſich wieder in ihren Keller zurück. Wie ſehnlich ſie aber auch den Diener Chriſtoph herbei wünſchten, ſo kam dennoch der ſpäte Nachmittag heran, und noch war er fern. End⸗ lich... ſchon wehten die Schauer des Abends in ihre Gruft... endlich hörten ſie näher kommendes Geräuſch... herannahende ſchwere Schritte.. gerade auf die Treppe zueilend;... herabkommend.. er iſt es. Mit Eifer und Haſt naht er ſich den Gebieterinnen... bedeutet ſie Gutes, dieſe Eile? Die Frauen leſen forſchend in ſeinen Zügen,... und ſie verkünden keine Freudenbotſchaft. Man umringt den Willkommenen ängſtlich, führt ihn zu einem Sitze, nimmt ihm den Korb ab, den er, mit Lebensmitteln — gefüllt, heimgebracht hat, und dringt in ihn, zu erzählen. Er thut es endlich mit bekümmerter Seele und ſchlägt un⸗ barmherzig jede Hoffnung in den Staub, vermehrt noch das allgemeine Unglück.—„Von den Bewohnern des Dorfs iſt kein Beiſtand zu erwarten,“ ſpricht er;„ſie liegen ſelbſt unter dem Druck der Zeit darnieder. Ihre Häuſer wimmeln nicht allein von ungariſchen Kriegsknechten, ſondern ihr Wohnort hat ſogar das Unglück, das Standlager des feind⸗ lichen Feldherrn zu ſeyn, der, obgleich an Leibeskräften ſich, wie ein Luchs ſeine Augen allenthalben hat und un⸗ menſchlich ſtraft, wenn er irgendwo ein Vergehen wittert. Es war kein Gedanke, hier nur ein Stück Brod zu erhalten, und ich entfernte mich bald aus der Nähe des gefürchteten Rebellenkönigs. Auf erbärmlichen Fußpfaden, bis an die Kniee oft im Sumpfe watend oder im Moor verſinkend, kam ich nach dem Weiler Hibaſch, wo der alte Lizeck wohnt, der einſt auf Worosdar Thürſteher geweſen war. Der Greis erſchrack, als er mich ſah; allein, er vergaß doch die alte Freundſchaft nicht, ließ mich ruhen und ſchaffte mir alle Lebensmittel, die in dem armen Weiler aufzutreiben waren. Noch herrſcht Ueberfluß daſelbſt, gegen unſer Dorf zu vergleichen, weil wenig Ungarn noch ihr Weſen dort ge⸗ trieben haben, und ich befand mich recht behaglich bei dem guten Lizeck; allein der Gedanke an euch ließ mir keine Ruhe noch Raſt. Ich machte mich zur Heimkehr fertig; aber welch ein Anblick wartete meiner, als ich an die Hausthüre kam! Die Straße gedrängt voll von Landleuten, die ſich neugierig auf die Zehen ſtellten, um eine, mit wilder Muſik heranziehende ungariſche Horde genau zu ſehen. Furcht erregend lärmten die betrunkenen Ungethüme 108 heran, unter Gebrüll, Gejauchze und Ohr zerreißenden Horn⸗ und Pfeifenklängen. Rechts und links warfen ſie mit ihren Lanzeſchäften und Musketenkolben die neugierigen Zuſchauer in den Koth, übten frechen Muthwillen und Spott an der ängſtlichen Menge. Wen die Rohheit dieſer Fußknechte verſchonte, den mißhandelten die darauf folgen⸗ den Reiter, die, unbedachtſam daherſprengend, manches Kind unter die Hufen ihrer Pferde warfen und zertreten haben würden, wären die unvernünftigen Thiere nicht barm⸗ herziger geweſen, als ihre Herren und Meiſter. In der Nitte aber dieſer Furchtbaren... o dürfte ich Euch doch verſchweigen, was meine Augen mit Entſetzen ſahen,.. in ihrer Mitte alſo erſchien ein Gefangener... der Graf, Euer unglücklicher Gemahl.“ Ein Laut der fürchterlichſten Ueberraſchung entfloh jedem Munde. Ludmille mußte ſich, da ihre wankenden Kniee ſie nicht mehr aufrecht erhielten, neben Chriſtoph niederlaſſen. „Kaum erkannte ich noch Euern Herrn und Gemahl,“ fuhr der Letztere fort,„ſo entſtellt hatte ihn der Zuſtand, in dem er ſich befand. Der Kleider beraubt, von einem ſchlechten Kittel, den ihm ſeine Henker um die Schultern geworfen hatten, nothdürftig gegen die rauhe Witterung geſchützt, mit bloßen Füßen, die, von Müdigkeit und Näſſe gepeinigt, ihn kaum mehr zu tragen vermochten, mußte er, mit den Händen an den Schweif eines Gaules gebunden, dem Zuge der Unmenſchen folgen.“ „Mutter! Mutter!“ jammerte Ludmille.„Mein Gemahl! Velche Schmach muß er erdulden!“— Die Fürſtin blieb mit finſterer Stirne unbeweglich. 109 „Bei jedem Schritt ſank er zuſammen,“ ſprach Chriſtoph nach kurzer Stille.„Seine grauſamen Hüter ſahen end⸗ lich ein, er könne nicht weiter. Ein Strahl von Menſch⸗ lichkeit überflog die wilden Geſichter. Der Anführer ſchrie nach einem Tropfen Wein für den Unglücklichen, der in den Moraſt der Straße niedergeſunken war. Ach, wie gerne hätte ich ihm dieſe Labung gereicht! Aber ich mußte fürchten, euch, wenn ich von dem Grafen erkannt würde, zu verrathen. Ich ſteckte daher einem alten Bauerweib dieß Fläſchlein zu und bat ſie, an meiner Statt den Liebesdienſt zu ver⸗ richten. Sie that es, flößte dem halb Bewußkloſen die Stärkung ein, die er, ohne umzuſchauen, annahm, und vielleicht von einem ſeiner Peiniger gereicht glaubte, während ſie doch von treuer Hand kam. Hierauf wurde er auf ein Pferd gebunden und weiter geführt. Ich fürchte.. zu keinem guten Ende. Denn als ich, lange nach dem Troſſe, weiter ging, ſo führte mich meine Straße an einer elenden, aus Lehm errichteten Wohnhütte der Feinde vorüber. Einer der Bewohner derſelben lehnte unter dem Eingange der Höhle; die übrigen ſchliefen darinnen. Er hielt mich an und fragte mich aus. Ich nahm das wenige Ungariſch, das ich ſpreche und verſtehe, zuſammen, und log ihm vor, ich brächte die Lebensmittel nach dem Dorfe und ſie ſegen für den Feldherrn beſtimmt. Der Heiduck lachte. Der König iſt krank, er kann nicht viel eſſen, meinte erz ich will mit ihm theilen! Mit dieſen Worten nahm er einen tüchtigen Theil der Nahrungsmittel aus dem Korbe. Ich mochte bei dieſer eigenmächtigen Einladung ein böſes Geſicht ge⸗ macht haben, denn er ſprach hierauf mit dem Finger drohend: Du? nicht gemuckſt! weigerſt Du Dich, mit einem braven 1¹0 Ungar zu theilen, ſo laß ich Dich vor den König bringen, und es geht Dir, wie dem Verräther, der da vorbeigebracht worden iſt. Er machte eine ziemlich deutliche Geberde des Kopfabhauens, und entließ mich, worauf ich denn ſo ge⸗ ſchwind, als meine ſechzigjährigen Beine es zugaben, davon lief, um euch die traurige Nachricht zu hinterbringen.“ Leblos, gleich Bildſäulen von Stein, ſtarrten die Zu⸗ hörerinnen den Hiobspoſtenträger an, und es dauerte lange, bis ſie Bewegung und Sprache wieder erhielten. Nun brach aber Ludmillens Schmerz um ſo heftiger aus. Liebte ſie gleich nicht den Mann, den ſie Gatte nennen mußte, ſo kannte ſie doch ihre Pflichten, und ehrte den heiligen Schwur, der ſie am Altare mit ihm verbunden hatte. Ihre Betrüb⸗ niß war daher unermeßlich, und von ihr mit angeregt, vergaß ſelbſt die Fürſtin den Widerwillen, den ſie gegen ihren Eidam empfand, um ſein hartes Schickſal aufrichtig zu bemitleiden, ſeine Peiniger von Herzen zu verwünſchen. Chriſtoph fühlte den Schmerz der Gebieter, als ob es der eigene geweſen wäre; aber ihm leuchtete die Nothwendigkeit ein, der einzige Beſonnene unter den Betrübten zu ſeyn. Er bezwang daher ſein Mitgefühl und ging an die Beſchäf⸗ tigungen, welche die neue, ſeltſame Haushaltung erforderte. Er machte nahe an der Treppe ein Feuer, um die feuchte Höhle zu erwärmen und die Speiſen zu bereiten. Denn der dunkle Abend war hereingebrochen und alles ſtille um die Verlaſſenen; der Luftzug blies in die Flamme und bald brannte ſie hell und gaſtlich. Der daneben kauernde Chriſtoph wollte ihr Aufflackern mildern, um nicht durch den Schein verrathen zu werden; allein ſchon war es zu ſpät. Sie ſchien bereits die Aufmerkſamkeit eines nächtlichen Wanderers 11¹ angezogen zu haben, denn raſche Schritte naheten der Treppe. Chriſtoph vernahm ſie mit Schrecken, bewaffnete ſich mit einem Feuerbrande, klomm einige Stufen hinan und rief aus ängſtlich athmender Bruſt ein unſicheres: Wer da? Der nächtliche Beſuch ſtutzte; allein nach kurzem Schweigen ſprach eine Stimme, die dem guten Diener nicht fremd vorkam:„Wer Ihr auch ſeyn mögt in dieſer Tiefe.„fürchtet nichts von mir. Ich will Euch nicht ſtören; vergönnt mir aber, an dieſer Stätte umherzuwandeln, die ich ehre und liebe.“ „Ich will nicht ſelig werden,“ rief Chriſtoph mit freu⸗ digem Schreck,„wenn das nicht unſers lieben Junkers Archimbald Stimme iſt!“— Von ſeiner Empfindung hin⸗ geriſſen, eilte er in die Höhe, und Archimbald, der beim Schein des flammenden Holzſcheits den ehrlichen, ihm an⸗ hänglichen Diener erkannte, lag an ſeinem Halſe. Des Wiederſehens Freude war heftig; in ihrem Taumel bemerkte es Archimbald nicht, daß ihn der Alte in den Keller herab ge⸗ zogen hatte. Der Anblick, der ſich hier ſeinen Blicken darbot, war überraſchend. Die bleiche Fürſtin, die verweinte Lud⸗ mille, eine auf die andere ſich ſtützend und den Kommenden entgegenwankend; Mermes, die Verwunderung ſelbſt, hinter ihnen; zur Seite der wahnſinnige Greis, der ohne Antheil und ohne Regung in die Flamme ſtarrte. Ein lauter Schrei entfuhr Ludmillen, als Archimbalds Geſtalt aus dem Dunkel trat. Das war nicht mehr der Jüngling, deſſen Züge die Weichheit und Anmuth des Früh⸗ lingsalters trugen, auf deſſen Wangen das Roth geſunder Kraft und fröhlicher Heiterkeit prangte. Das war ein Mann, ein ernſter Mann mit düſterm Blick und blaſſen Wangen. Ein bitterer Zug umgab den ſchönen Mund, den ein dichter 112 Bart beſchattete. Die Haltung allein, die nichts von ihrem Stolze verloren hatte, bezeichnete auf den erſten Blick den Geliebten. Seine Gewänder waren ſchwarz; keine Farbe der Jugend glänzte mehr auf ihnen. Ernſt und Trübſinn ſprach aus jeder Geberde; ſogar in ſeinem Staunen herrſchte eine gewiſſe Schwermuth.—„Was ſeh ich?“ rief er.„Iſt das nicht die Fürſtin Eleonore, die Prinzeſſin....“ hier hielt er finſter inne, und verbeſſerte alsdann langſam: „die Gräfin Ludmille von Kauniz? Was führt euch, edle Frauen, in dieſe ſchauerlichen Gewölbe?“ Ludmille lehnte ſchluchzend ihren Kopf an Mermes Schul⸗ ter und weinte laut. Eleonore nahm das Wort und er⸗ zählte... der Schmerz theilt ſich ja ſo gerne mit... in Kurzem alles, was ſie hiehergeführt, alles, was den Gatten Ludmillens betraf. Archimbald hörte gelaſſen zu, unver⸗ wandt den Blick auf Ludmillen heftend.—„Ich weiß,“ ſprach er gemeſſen,„ich weiß Kaunizens Schickſal. Der Tod erwartet den Unglückſeligen. Boeskay wird noch heute Abend ſein Urtheil ſprechen.“ „Wo? wo?“ fragte Ludmille heftig. „Dort im Dorfe haust der ungariſche Heerführer,“ wortete Archimbald...„Stephan Bocskay, deſſen Arzt ich ſeit einigen Tagen vorſtelle.“ „Ihr?“ rief die Fürſtin erſtaunt.—„Archimbald!“ rief Ludmille:„wie kommt Ihr zu dieſem Tiger?“ „Ich bin im Grunde ſein Gefangener!“ erwiederte Archim⸗ bald.„Auf dem Wege nach Mähren, um, mit mehreren Freunden vereint, dem Biſchof von Ollmütz unſere Dienſte anzubieten, halten wir unfern der Grenze in einer Schenke an. Die Wirthin hat ein krankes Kind, ich beſchäftige 4¹3 mich mit demſelben, verrathe meine Kenntniſſe... in einem Nu umlagen mich alle Kranke des Dorfs. Meine Gefährten, des Wartens und der übeln Geſellſchaft überdrüſſig, reiten voraus und beſcheiden mich, ſchnell nachzukommen. Allein, im Begriff, ihnen nach geraumer Zeit zu folgen, hält mich der Anführer eines Huſarenhaufens an, der wie eine Heuſchreckenſchar über das Oertlein herfiel; verſpricht mir goldene Berge, wenn ich mich dazu verſtehen würde, den kranken Feldherrn wieder herzuſtellen... den Tod, wenn ich Miene machte, zu widerſtehen, und alſo war ich in Kurzem an Bocskays Sänfte gebracht, dem ich bis hieher gefolgt bin. Ich habe ihn ſchon wieder zum größten Theil herge⸗ ſtellt; geſunden wird er niemals, und die Abnahme ſeiner Kräfte hat ihn, ſeiner Rohheit unbeſchadet, um ein ziemliches milder gemacht, und ich glaube...“ „Ihr glaubt, daß Kauniz gerettet werden könne?“ fiel Ludmille haſtig ein.„Archimbald! Ihr habt mir Alles er⸗ halten, erhaltet mir auch den Gatten durch Euer Fürwort und ich will Euch ſegnen!“ „Was verlangt Ihr von mir, gnädige Frau?“ ſprach Archimbald, glühend roth werdend.„Ich, ich ſollte Euern Gatten... 2 Fühlt, was ich bei dieſer Zumuthung leide.“ —„Eine Himmelskrone ſteigt auf Euer Haupt hernieder! rief Ludmille begeiſtert.„Seyd Ihr der Großmüthige, ſprecht ein Wort! Dem helfenden Arzt gehorcht der Wildeſte gern und dankbar. Fordert Euers Feindes Leben als Bezahlung ſeiner Schuld!“ „Wer kann Euch widerſtehen?“ entgegnete Archimbald mit einem leiſen Anklang ehemaliger Gefühle.„Allein, mein S iſt gering. Ihr könnt das Mächtigere verleihen. 8 114 Euerer Schönheit widerſteht der feſſelloſeſte Barbar nicht. Ein Wort aus Euerm Munde zu Bocskay, und Kauniz iſt. gerettet, wenn anders der Ungar verſöhnlich iſt.“ „Meint Ihr?“ jauchzte Ludmille. Die Fürſtin verſetzte aber mißbilligend:„Wo denkſt Du hin, Ludmille? in welche Gefahr willſt Du Dich ſtürzen? Weißt Du nicht, daß Tod, und was noch ſchlimmer iſt... Schmach Dich an ſeinem blutbefleckten Stuhle erwarten?“ „Mutter,“ entgegnete Ludmille:„Kauniz iſt mein Ge⸗ mahl. Was kümmert mich das Leben!“ „Und vor Schmach ſchützt ſie mein Arm!“ fügte Archim⸗ bald bei.„Ich trage Euern Dolch bei mir, edle Frau. Noch iſt er rein; denn nur für die Tugend oder die gerechte Rache ſchwur ich, mich ſeiner zu bedienen, und will eher zur Leiche werden, eher Ludmillen ſelbſt morden, ehe ich's zugebe, daß ein frecher Bube ihrer Ehre Schmach anthue.“ „Hört Ihr's, Mutter? hört Ihr's?“ frohlockte Ludmille. „Glaubt mir, er wird Wort halten. Er wird gewiß mich lieber ſterben, als Schande erfahren laſſen.“ „Dieſen Eid leiſte ich beim gerechten Gott!“ ſprach Archim⸗ bald.„Doch, wenn etwas gethan werden ſoll, ſo kommt. Die Zeit dringt. Kanniz ſteht vielleicht jetzt ſchon vor ſeinen Richtern. Ich entlief dem grauſenhaften Schauſpiel; denn es thut mir weh, ſelbſt den Feind in Ketten zittern zu ſehen. Ich bin nicht mehr der Alte. Eigenes Leid hat mich gebän⸗ digt, empfänglich gemacht für fremdes. Ich fühle, was es heißt, den Gatten zu verlieren, denn dieſe Trauergewänder trage ich für ein geliebtes... für ein ermordetes Weib.“ Er verhüllte ſein Geſicht. Die Fürſtin erhob ſich aber majeſtätiſch und ſagte mit bewegter Stimme:„Jetzt, geliebte ——— 115 Ludmille, jetzt folge getroſt dem Manne, den das Schickſal Dir ſendet. Ich, ich fühle es, wären wir alle gleich vor dem Herrn, keiner hätte beſſer Dich auf dieſes Lebens Pfad geleitet, als dieſer Mann. Geh' mit ihm; er hat eine Gattin verloren..„ er kennt den Schmerz des Zurückge⸗ bliebenen. Er wird den Deinen ehren und Dich ſchützen vor der Wuth des ergrimmten Boeskay.“ „Boeskay?“ fuhr der Fürſt auf und riß die Augen weit aus einander...„Stephan Boeskay? Waffenbruder, wo biſt Du? Fochten wir nicht zuſammen an der Palanka von Siſſek? Habe ich Dir nicht das Leben erhalten, als ein Maroklaner Dir den Schädel zu ſpalten gedachte? Portu⸗ gieſen, wo war damals Euer König?“ Der Jürſt ſank wieder in ſich ſelbſt zurück; der alte Chriſtoph flüſterte jedoch:„Gott im Himmel! das iſt Dein Fingerzeig! Boeskay hat neben unſerm Herrn gefochten, dantt ihm das Leben. Iſt er ein Menſch, ſo wird er ja ſchon um deſſentwillen Eure Bitte erhören, gnädige Frau! Der Herr der Himmel geleite und rede aus Euch!“ „Amen!“ rief Ludmille entſchloſſen und warf ihren Schleier um. Chriſtoph und Mermes küßten der Muthigen das Go⸗ wand; die fromme Fürſtin drückte ſie mit ſtummer Mutter⸗ angſt an's Herz. Archimbald fühlte Ludmillens Arm auf dem ſeinen, und erbebte in ſüßer, ſchmerzlicher Luſt.„Ach, mein Heiland!“ rief plötzlich Chriſtvph zwiſchen Lachen und Weilnen.„ſeht doch. ſeht den gnädigſten Herrn... ach, welche Freude!“— Die Scheidenden ſahen nach dem Greiſen zurück, und er, der ſeit Beginnen ſeines Wahnſinns weder Gattin noch Tochter gekannt hatte, er, der in Raſerei ausgebrochen war, ſo oft ſie ihm ihre Ti bezeigen 116 wollten,. er ſtand da auf ſeinen zitternden Beinen, mit' unausſprechlich mildem Angeſicht, und ſtreckte die Arme nach der Tochter aus, Ludmillen rufend, mit dem Gefühl der väterlichſten Liebe.„Ein Wunderzeichen des Himmels!“ ſchrie die Fürſtin.„Umarme Deinen Vater, Ludmille! Der Segen des armen Sinnloſen iſt eine Vorbedeutung des Gelingens Deiner ſchönen Abſicht.“ Alle waren ergriffen, und Ludmille ſank als wie ein frommes Kind in die Arme des zum Kind gewordenen Vaters. Sechstes Rapitel. ein Rieſenſchlag, furchtbar anzuſchauen mit den langen verworrenen Bärten, um Bruſt und Nacken flatternden Zöpfen, und grinſenden Blicken. Hormayr. Vor dem Pfarrhauſe des Dorfs, in welchem Stephan Boeskay ſeine Herberge genommen hatte, flimmerte es von unzähligen Fackeln und Kienſpänen, die durch ihre dicken aufſteigenden Dampfwolken die Nacht noch ſchauerlicher mach⸗ ten, wie die Verſammlung, die von ihnen beleuchtet wurde. Die Anführer der in der Gegend gelagerten Ungarn hatten einen weiten Kreis gebildet, hinter ihnen die Fackelträger und in Menge herzugeſtrömte Krieger. Ganz im Hinter⸗ grunde drängte ſich eine zahlreiche Schar bleicher Zuſchauer, 117 die in banger Erwartung dem Schauſpiel, das ihnen gege⸗ ben werden ſollte, entgegen ſahen. Lautlos war der Kreis, und jeder Blick nach der Thüre des Hauſes gerichtet, aus der der furchtbare Meiſter treten mußte, blutiges Gericht zu halten. Auf denſelben Stufen, von welchen einſt der Pfarr⸗ berr Schönemann ſeine Gebieterin eine Jezabel ſchalt, war der Feldſtuhl aufgerichtet, von deſſen Höhe über den un⸗ glücklichen Kauniz, welcher gebunden, mit nackten Füßen, an allen Gliedern vor Froſt bebend, in des Kreiſes Mitte ſtand, ein ſtrenges Urtheil ergehen ſollte. Die feuchte Nacht theilte die Stille der Menge, und nureinige ſcheue Nacht⸗ vögel flatterten kreiſchend über die Pechlichter hin. Endlich erhob ſich ein leiſes Gemurmel, denn die Thür des Hauſes ſprang auf. Zwanzig Leibwächter mit rauhen Mützen, Wolfs⸗ felle um den Leib geſchlagen, lange Meſſer am Gürtel, breite Beile in der Fauſt, eilten voraus, um den Heeres⸗ fürſten zu verkünden. Er ſelbſt folgte ihnen, der gefürchtete Stephan Boeskay. Seine Geſtalt war hinreichend, aller Augen auf ihn zu heften. Eine anſehnliche Größe, ein ſtolzer Gang, ein ausgezeichnetes Geſicht ließen den Gebieter in ihm errathen. Seine Stirne war hoch, von ſchwarzen Haaren umdüſtert, ſeine Naſe gebogen, die Augen blitzend und finſter, ſein Mund trotzig, die Backenknochen weit vor⸗ ragend, der Schnurrbart lang und glänzend ſchwarz. Das Kinn trug endlich das Gepräge der kühnen Tapferkeit. Allein, dieſe hohe Geſtalt ging nun gebückt, ihr Gang war ſtols und dennoch ungewiß, das Geſicht blaß und etwas entſtellt. Dieſe Anzeichen, verbunden mit der außerordentlichen Mager⸗ keit des Körpers, verkündeten das Daſeyn eines hartnäckigen Krankheitskeims, der, jeder ärztlichen Hülfe ſpottend, an 118 dem Leben des kecken und argliſtigen Mannes nagte. Jedoch Bocskay, gewöhnt, in Schlachten dem wild angreifenden— Tode Hohn zu lachen, vertheidigte ſein Daſeyn kaltblütig und Schritt für Schritt gegen den ſchleichenden, gefräßigen Feind, zwang ſich zum Thun und Laſſen eines geſunden, und vergab auch heute der majeſtätiſchen Würde nichts, die er im Angeſichte des Volks und einem wichtigen Angeklagten gegenüber zu behaupten gewohnt war. Er trat aus dem ſchlechten Hauſe, wie ein König aus ſeinem Pallaſte, und ein jauchzendes: Vivat Stephanus, rex Hungariae! durch⸗ ſchnitt die ſchwarze Luft. Die Trommeln wirbelten, die Pfeifen und Cymbeln tönten, die Fähnlein wurden geſchwenit und alle Waffen blitzten hoch über den Häuptern der Krieger. Boeskay dankte ſchweigend, ſetzte die Mütze auf den kurz beſchornen Kopf und ließ ſich auf den Feldſtuhl nieder, worauf ſogleich eine allgemeine Stille erfolgte. Der Richter winkte, und ſeine Beilträger führten den Gefangenen näher an ſeinen Stuhl.„Kennſt Du mich, Abtrünniger?“ fragte Bocskay mit hohler Stimme und wildem Grimm in den Zügen.„Ich bin der Boeskay, dem Du Ergebenheit ge⸗ lobteſt mit Mund und Schrift, und den Du hintendrein boshaft zu verrathen im Begriffe ſtandſt. Läugne nicht. Deine Freunde ſelbſt haben mir alles entdeckt, und ich ließ Dich fangen, um Dich kennen zu lernen und den Uebrigen ein warnend Beiſpiel zu geben.“ Kauniz warf ihm einen finſtern Blic zu, zuckte die Achſeln und ſchwieg. „Es läßt Dir wohl, in Deinen Baührß mir zu trotzen!“ ſpottete der Heerführer, und zog raſſelnd den Säbel vor, der an einer ſtarken Kette ihm von der Hüfte hing.„Weißt 1¹9 Du, daß es nur einer Bewegung mit dieſer ſiegreichen Waffe vedarf, um zwanzig Beile nach Deinem Nacken zu kehren? Spiele nicht mit mir. Ich bin gewohnt, um Länder und Köpfe zu würfeln.“ „Ich weiß,“ entgegnete Kauniz dumpf.„Und weil ich Dein böſes Thun erkannt in dem Wüthen Deiner Knechte, ſo habe ich mich geſchämt, jemals Dein Werkzeug geweſen zu ſeyn, es ferner noch zu bleiben.“ „Verwegener!“ herrſchte ihm der Feldherr zu;„was be⸗ wog Dich zu dem Abfall?“ „Dein Treubruch,“ antwortete kühn der Graf.„Denke an Worosdar, an meine Güter, die ich ſammt meinen Un⸗ terthanen unter Deinen Schutz geſtellt hatte, und die nichts deſto weniger dem allgemeinen Schickſal der Verwüſtung nicht entgingen.“ „Ha! ha!“ lachte Bocskay wild auf.„Du Thor! Du willſt ein Vorrecht haben vor Deinen Landsleuten? Wie hieß der Vorwand, der meiner Völker Einbruch beſchönigen follte? Des Volkes Glück... des Landes Wohl! Heuchle⸗ riſche Schurken! So nehmt denn euer Theil hin vom Glücke euerer Mitbürger. Wir bedürfen des Vorwands nicht. Bei uns gebietet die Fauſt, befiehlt das Schwert, und der un⸗ getreue Bundsgenoſſe iſt nicht der letzte, der unter deſſen Schneide fällt. Der Meineidige hat ſich gegen mich kehren, hat ſeine Unterthanen gegen uns bewaffnen wollen. Wer wagt es, ihn zu vertheidigen?“ Es herrſchte lange Stille. Blutgierig ſtarrten tauſend glühende Augen das der Rache geweihte Opfer an. Boeskay ſtrich ſich behaglich den langen Schnurrbart und begann: „Dieſes Schweigen ſpricht Dein Urtheil. Strenge ſey es 120 und abſchreckend für diejenigen, die Deinem Beiſpiel zu fol⸗ gen Luſt haben ſollten. Den Verrath an Deinem Kaiſer ſtrafe ich zugleich an Dir in ſeinem Namen.“ „Ha! teufliſcher Böſewicht!“ knirſchte Kauniz;„Du er⸗ frechſt Dich, dieſe Schmach auf mich zu häufen? Du, ſelbſt Rebell, gegen Deinen rechtmäßigen Herren?“ „Ich bin König,“ verſetzte mit fürchterlich drohendem Ernſte der Heeresfürſt, und ſtand auf, den Arm über die Verſammlung ſtreckend.„Empor gehoben auf dem Schilde des Volks, habe ich die Krone von ſeiner Hand empfangen, und erobere ſie mit den Waffen in der Fauſt von dem, der mir ſie trotzig vorenthält. Du biſt ein gemeiner Hochver⸗ räther, der ſeine Schuld durch einen doppelten Verrath wie⸗ der gut zu machen dachte.“ „Ja, Du biſt gerecht, Allgütiger!“ rief Kauniz mit lauter Stimme und hob die gebundenen Hände hoch gen Himmel. „Du läſſeſt dem ungetreuen Knecht das Urtheil ſprechen durch den, für welchen er das Vergehen beging.“ „Was ſoll das thörichte Geſchwätz?“ fragte Boeskay un⸗ geduldig.„Mache Dich fertig, dem Herrgott mündlich Re⸗ chenſchaft zu geben von Deinen Thaten, denn Du haſt kaum noch ein Paar Vaterunſer lang zu leben.“ „In Gottes Namen!“ erwiederte Kauniz,„ich werde ſo⸗ gleich bereit ſeyn.“ Er knieete nieder, und dieſer Augenblick, in welchem die Beile der Henker ſchon über ſeinem Scheitel blitzten, gab ſeinem Herzen die Weihe, ſtreifte den Roſt eines vergange⸗ nen böſen Lebens ab und ein Strahl himmliſchen Lichts durchzuckte es mit reinigender Kraft. Da der Graf nun aber aufſtehen und ſeinen Hals darbieten wollte, entſtand ein 121 Lärmen und Rufen außerhalb des Kreiſes, und wohlbekannte Stimmen ſchlugen an ſein Ohr. „Laßt mich hinein!“ rief Ludmille, ſo laut ſie es ver⸗ mochte;„ich bin ſeine Gattin. Wenn es auch zu ſpät iſt,. laßt mich ſeine Leiche ſehen, ihn im Tode umarmen.“ Die Wache haltenden Krieger wollten die Flehende rauh und hart abweiſen; allein Archimbalds donnernde Stimme, die ſich jetzt vernehmen ließ, gebot ihrem Ungeſtüm Einhalt. „Seyd Ihr Ungarn?“ rief er:„gehört Ihr zu dem edelmü⸗ thigen Volk der Magyaren? Wo iſt die Großmuth, die Hoch⸗ herzigkeit, die man an Euch rühmt, wenn Ihr ein armes Weib mißhandelt, die ihren ſterbenden Gatten noch einmal ſehen will? Platz da! noch einmal Platz! Ich ſpreche in des tapfern Bocskay Namen, der Gerechtigkeit will und keine bunniſche Grauſamkeit.“ Der Feldherr, deſſen Ehrgeiz auf ſolch zuverſichtliche Weiſe in den Handel gezogen wurde, konnte nicht wohl an⸗ ders, als den Befehl ertheilen, die Einlaßbegehrende vor ſeinen Stuhl zu führen. Kauniz war vom Donner gerührt. Er glaubte zu träu⸗ men; denn ſo viel Liebe hatte er... ſein Bewußtſeyn ſagte es ihm.. nimmer verdient, und Archimbald.... ſein Feind, wie kam dieſer hieher? Dazu, ſeiner Gattin beizuſtehen in ihrem rühmlichen Vorhaben? Es mußte ein Traum ſeyn, allein Ludmillens Umarmung i ihn, daß alles, alles wahr ſey. „Was machſt Du hier?“ flüſterte er ängſtlich der Gattin zu.„Du ſetzeſt Dich der höchſten Gefahr aus und kannſt mich doch nicht retten.“ „Mit Dir ſterben zum mindeſten!“ rief die Begeiſterte, riß ſich von dem Gebundenen los, der ſie nicht einmal zu umfaſſen vermochte, und eilte auf den Heerführer zu, der, das unerwartete Schauſpiel in der Nähe zu beobachten, von den Stufen in den Kreis herabgelommen war. Sie that vor dem Gewaltigen einen Fußfall und flehte mit Schluchzen und Seelenangſt um das Leben ihres Gemahls. Boeskay war überraſcht. Er ſah im Kreiſe umher.„Wer hat das Weib hieher gebracht?“ fragte er kurz.— Archimbald trat muthig vor.„Ich, Herr, habe mich's unterfangen.“— Bocskay betrachtete ihn finſter und kopfſchüttelnd.„Du biſt kühn, Meiſter Arzt. Ich hätte dieß Wageſtück keinem meiner Hauptleute rathen mögen.“—„Wäre ich einer von dieſen,“ erwiederte Archimbald,„ſo hätte ich es nicht gethan. Ich bin aber ein Freund der Unglückſeligen hier.“ „Verdient der Menſch, der hier in Feſſeln ſteht, ſolche Freunde zu haben?“ fragte Boeskay forſchend. Archimbald ſchwieg eine Weile.„Ich will vor Dir nicht lügen,“ ſprach er.„Der Graf iſt nicht mein Freund, ich nicht der ſeinige. Wir haſſen uns ſogar. Jedoch dem Kum⸗ mer ſeines Weibes, das ich verehre gleich einer Geliebten, konnte ich nicht widerſtehen. Ich war ſo kühn, ihr des Gat⸗ ten Leben ſchon zu ſichern.“— Boeskay runzelte die Stirne. „Du haſt Dich erfrecht?“ rief er.„Wer konnte Dir er⸗ lauben..5 „Das Vertrauen zu Deiner Großmuth, o Herr!“ antwor⸗ tete Archimbald.„Die Zuverſicht auf Dein edles Fürſten⸗ herz.“ „Wer lehrte Dich es kennen und darauf bauen?“ forſchte Stephan weiter.—„Deine Krankheit, Herr, Dein Geneſen,“ 123 verſetzte Archimbald.„Der Arzt liest am beſten in dem Herzen des Menſchen; denn er ſieht nur ihn allein, ohne äußern Schmuck, ohne Leidenſchaft. Du biſt rauh, aber ge⸗ recht und edel.“ „Und wenn Du Dich dennoch irrteſt?“ ſprach der Feld⸗ herr mit ſchlauem Blick. „Dann würde ich als Pflicht von Dir fordern, was ich nun als Gnade von Dir begehre: Du möchteſt dieſe Un⸗ glückliche hören, ihr willfahren,“ entgegnete der Arzt. „Als Pflicht?“ rief Bveskay ſtaunend.„Du ſprichſt in Räthſeln.“ „Du biſt mir Dank ſchuldig,“ fuhr Archimbald fort,„ich habe Dir das Leben gerettet. Ich habe Dich geheilt.“ „Liſtiger Fuchs!“ lachte Bocskay ſpottend;„poche nicht auf dieß Verdienſt. Keinem meiner Tapfern würde ich ge⸗ währen, was Du verlangſt, und dennoch ſtehen viele hier im Kreiſe, die mir in heißer Schlacht das Leben retteten.“ „Nun denn,“ rief Archimbald muthig;„ſo werde ich zum mindeſten Deine Ehre gerettet haben, wenn ich Dich bewege, dieſer Frau ein gnädig Ohr zu leihen. Gnade iſt der Für⸗ ſten erſte Tugend, ihr ſchönſtes Recht. Du wirſt die Nach welt nicht zwingen, von Dir zu ſagen: Der ritterliche König Ungarns hat ſeinen Ruhm dadurch befleckt, daß er eine un⸗ glückliche Gattin grauſam von ſich ſtieß, die ſchon zu lange, um Gehör bettelnd, zu ſeinen Füßen liegt.“ Das Wort traf. Bocskay ſtutzte, biß ſich in die Lippe und hob Ludmille auf. Ihr Antlitz, wie ihre königliche Ge⸗ ſtalt, vom Fackelglanz umwebt, erregte ein allgemeines Gemurmel des Beifalls unter den Umſtehenden. Bocskah, der, für Frauenreiz nicht unempfindlich, gern ſein Leben 124 zwiſchen Schlachten und Schäferſtunden getheilt hatte, ward ergriffen von Ludmillens rührender Schönheit. Geſchmeidig, als ob er in der Burg der ſiebenbürgiſchen Fürſten auf einem Feſte irgend einer Dame ein ſüßes Wort zuzuflüſtern im Begriff ſtände, neigte er ſich gegen die Gräfin und ſprach: „Ihr konntet Euch keine beſſern Fürſprecher wählen, als die⸗ ſen Mann und Euern Liebreiz. Ich begreife es, wie Meiſter Archimbald ſeinen Hals für Euch wagen konnte. Für Euch, zu ſtreiten, macht Muth und Glück. Mir ſollte es nimmer fehlen, dürfte ich Euere Farben tragen.“ „Dieſer Spott, o Herr!“ erwiederte Ludmille beſchämt, „weiſſagt mir nichts Gutes. Ich kam nicht hieher, um des gefürchteten Feldherrn zierliche Rede, ſondern ſeine Gerech⸗ tigkeit auf die Probe zu ſtellen.“ „Wünſchtet Ihr, daß meine Gerechtigkeit die Probe hielte?“ fragte Boeskay, ernſt werdend.„Dann iſt der Ver⸗ räther dort verloren, und, wahrlich! nicht umſonſt ſoll man mich an die nothwendigſte Eigenſchaft eines Herrſchers erin⸗ nert haben. Packt den Meineidigen, Trabanten! haut ihn in Stücke!“ Der grauſame Befehl wäre in der Minute vollſtreckt worden, hätte nicht Ludmille in Todesangſt den Gemahl umſchlungen, ihn mit ihrem Leibe gedeckt, ſich ſelbſt den ge⸗ hobenen Mordäxten bloß geſtellt. Ein Schrei des Entſetzens und der Bewunderung ſchallte aus jedem Munde. Bocskay gebot inne zu halten. „Ihr opfert Euch für einen Gatten, den Ihr nicht liebt,“ rief er Ludmillen zu,„oder Ihr macht uns ein Blend⸗ werk vor. Laßt ab!“ 125 „Ein Blendwerk?“ antwortete Ludmille in großer Bewe⸗ gung.„Feldherr! Fürſt! haſt Du keine Gattin? würde ſie nicht ebenfalls ihr Leben an das Deine ſetzen? würde nicht ihre Pflicht ſie ſchon dazu beſtimmen, wenn auch das Herz ihr nicht dies Geſetz verkündigte? Höre mich an! höre mich! und möge ein Gott von Deiner Bruſt den Panzer nehmen, der ſie bisher meinen Thränen unzugänglich machte!“ „Redet!“ ſprach Boeskay nicht ohne Rührung. 3 Ludmille begann die Vertheidigung ihres Gatten, ſſchil⸗ derte ſeine Verirrung, die edle Reue, vie er über dieſelbe empfunden, ſeine Rückkehr zur Dreue gegen den rechtmäßigen Herrſcher, ſeinen Entſchluß, nicht durch Verrath den Ungarn zu ſchaden, ſondern ehrlich, den Degen in der Fauſt, ſich ihnen entgegen zu ſtellen. Sie forderte Boeskay's Gewiſſen auf, zu entſcheiden, ob nicht das Einverſtändniß mit den Ungarn in Kauniz ein Verbrechen, ſeine Reue eine Tugend zu nennen ſey. Sie machte ein herzzerreißendes Bild von dem Jammer eines Hauſes, dem der Vater, das Oberhaupt entriſſen würde; von der Trauer ſeiner Gattin, von ihrem brennenden Schmerze. Sie ſchilderte endlich das Unglück, das ihren Vater betroffen, welcher einſt ſo glücklich geweſen, Stephans Leben gegen einen mordluſtigen Feind zu erhalten, und ſchloß mit einem begeiſternden und rührenden Aufruf an die Menſchlichkeit des Feldherrn. Nicht Boeskay allein. hatte aufmerkſam der ſchönen Rednerin zugehört; alle Un⸗ garn hatten ſeine Achtſamkeit getheilt. Die ſcharfen und vorſpringenden Züge dieſer Haiducken milderten ſich ſchnell und auffallend. So furchterregend auch ihr Anblick anfangs geweſen war, ſo drohend auch ihre Geſichter mit den blitzen⸗ den Augen, den herabhängenden Schnauzbärten und den 126 — geflochtenen Zöpfen, um Stirne, Schläfe und Nacken,. ſo theilnehmend ſahen ſie jetzt auf die ſchöne Frau, die, einer Gottheit gleich, in ihre Mitte herabgeſtiegen zu ſeyn ſchien. Gerührt und ſchweigend lehnten ſie, auf ihre Tſcha⸗ kane und Feuerröhre geſtützt, und harrten des Ausſpruchs ihres Oberſten. Nachdenklich ſchwieg derſelbe lange und maß mit ſcharfem Blicke bald den Verurtheilten, bald ſeine Fürſprecherin, bald den unerſchrockenen Archimbald.—„Ihr ſprecht gut,“ ver⸗ ſetzte er endlich;„Euere ganze Beredtſamkeit jedoch vermöchte es nicht, das Geſetz des Krieges umzuſtürzen, wenn Euere Reize nicht mit Euch im Bunde ſtänden; ſie ſind gefährlicher denn Euere Zunge. Weil mein Arzt auch meint, es möchte guten Eindruck auf das Volk machen, ſo will ich's thun und ſeinen Rath befolgen, indem ich Euerm Wunſche willfahre. Jedoch laſſe ich ihn durch einen Herold nach des Kardinals Standquartier bringen, um dann dem Fürſten die Strafe des Verräthers zu überlaſſen.“ „Wie?“ rief Ludmille:„dem Fürſten?“ „Ja doch, dem Fürſten!“ wiederholte Bveskay argliſtig. „Der Kaiſer wird ihm wahrlich nicht verzeihen, mit mir un⸗ terhandelt zu haben, wenn er gleich auf dem Wege war, reuig umzukehren.“ „Ihr ſendet ihn alſo in den ſichern Tod?“ fragte Lud⸗ mille erſchrocken. „Seine angebornen Richter mögen über ihn entſcheiden!“ antwortete Bocslay achſelzuckend.„Ich begnadige ihn!“ „Die Gnade eines Liegers!“ rief Kauniz empört.„Mich gebunden an den Kardinal zu ſenden! noch bevor ich das Geringſte thun konnte, mir des Kaiſers Gnade wieder 127 zu erwerben, die ich Deinen meineidigen Verſprechungen aufopferte, ſammt meiner Ehre! Mein Tod wükde unaus⸗ bleiblich erfolgen. Darum laßt mich ſterben.. jetzt... hier vor Euern Augen, wilde Ungarn, fern von meiner Hei⸗ math, hier, wo kein Spott, keine Schmach meiner Aſche folgen wird. Richtet Euere Feuerröhre... laßt mich auf dieſem Flecke mein Leben aushauchen als ein Märtyrer der Reue; als ein Opfer meiner Dreue für den Kaiſer, den ich ſo lang verkannte. Rühmlicher iſt's, für ihn mein Blut zu verſpritzen, als dort zur Strafe des Verraths mein Haupt zum Block zu tragen.“ „Als ob es mir um Deinen Ruhm zu thun wäre!“ höhnte Bocskay.„Der Kardinal ſoll ſehen, wen er vor und welche Leute er um ſich hat!“ 4 „Du warſt auf ſo gutem Wege, Herr,“ ſprach Archim⸗ bald mit ſanfter Stimme;„was ſicht Dich an, daß Du mit einemmale dieſe himmliſche Frau zur Verzweiflung bringen willſt? Thue alles, was Dir gut dünkt; nimm nur dieſes Schmachurtheil zurück. Bedenke, daß Du den verdammten Verbrecher empfindlicher ſtrafſt, wenn Du ihn dem Leben wieder giebſt und ihn zwingſt, Deine Ueberlegenheit an Geiſtes⸗ und Seelengröße wider ſeinen Willen anzuſtaunen und zu bewundern. Er wird alles hervorſuchen, ſich bei dem Kaiſer wieder gut zu ſtellen; aber ewig es bereuen, Dir nicht treuer angehangen zu haben.“ „Ich weiß eine Strafe für den Wortbrüchigen, die ihm noch empfindlicher ſeyn wird!“ erwiederte Boeskay nach lan⸗ gem Beſinnen.„Und bei dieſer bleibt es,“ ſetzte er mit rollenden Augen hinzu, indem er an ſein Wehrgehänge ſchlug,...„das ſchwöre ich bei meinem Säbel!“ Erwartungsvoll rückte der Kreis enger zuſammen. Lud⸗ mille und Archimbald hingen an Bocskays Blicken. Kauniz horchte, finſter zur Erde ſtierend. „Sclave, der Du in meiner Gewalt biſt,“ ſprach Bocs⸗ kay mit verächtlicher Geberde zu dem Letztern,..„den ich tödten laſſen könnte durch das Zucken der Wimper meines Auges, ich ſchenke Dir Dein elendes Leben! Doch unter ei⸗ ner unerläßlichen Bedingung geſchieht es: ſieh dieſes herr⸗ liche Weib, die für Dich gebettelt hat, wie für ihr eigenes Daſeyn; Du verdienſt es nicht, dieſes Meiſterſtück der Natur zu beſitzen, Du haſt es nie verdient. Ich bin Dein Herr, bin Ludmillens Herr, denn ſie hat ſich freiwillig in meine Hand begeben. Ich will den Unverſtand derjenigen, die euch vereint haben, gut machen. Ich erkläre Dich geſchieden von Ludmillen. Mein Säbel, den ich zwiſchen euch lege, gilt für die bündigſte Scheidungsformel. Deine bisherige Gat⸗ tin, für welche ich, da ihr Vater mein Waffenbruder war, Sorge tragen will, ſey frei und ledig und mir gehöre ſie an.“ „Herr!“ ſtammelte Ludmille entſetzt Archimbald trat beſtürzt zurück. Kauniz ſtand niedergedonnert. Die rauhen Ungarn brüllten ein lautes Lebehoch dem Heerführer und der begünſtigten Gräfin. Boeskay winkte jedoch mit der Hand'“ daß es ſtille wurde, und fuhr fort: „Spart immerhin euern Jubel, Waffenbrüder! ſo war es nicht gemeint! Wie würde es mir, dem unheilbar Siechen, ziemen, dieſe Blume der Schönheit an meiner Bruſt dahin⸗ welken zu laſſen? Ich mache keinen Anſpruch auf ſie; jedoch vertrauere ſie nicht einſam ihre Jugend. Mit einer könig⸗ lichen Ausſteuer vermähle ich ſie auf's Neue. Welchem 129 3„ Würdigern könnte ich ihre Hand verleihen, als dem Manne, der für ſie das Wort führte, der ihr ſo kräftig zur Seite ſtand? Meiſter Archimbald, ſie werde Euere Gattin! Heute, hier vor meinen Augen will ich, daß die Vermählung vor ſich gehe!“ Wer malt Archimbalds Beſtürzung, Ludmillens Erblaſ⸗ ſen, Kaunizens wild ausbrechende Wuth? Die beiden Erſtern umfaßten Bocskays Kniee, beſchworen ihn, ſeinen Sinn zu ändern, den Scherz zu enden.* „Wehe euch!“ donnerte der Rebellenkönig,„wehe euch, wenn ihr an meinem Schwure zweifelt! Ich gelobte es bei meinem Säbel! Gott nimmt eher ſeinen Rathſchluß zurück, als ich meinen ſo heilig verpfändeten Eid! Ruft den Pfaffen her,“ ſetzte er, zu einem der Leibwächter ſich wendend, hinzu, „welcher geſtern aufgefangen wurde. Der Prädikant ſoll ſein Handwerk verrichten.“ „Ungeheuer!“ knirſchte Kauniz ſchäumend vor Wuth und riß an den Banden ſeiner Hände.„Laß mich kreuzigen, laß mich am Spieße den gräßlichſten Tod leidenz nur dieſe Oual erſpare mir, zu ſehen, wie mein Feind, den ich ver⸗ abſcheue, mein Weib als das ſeine umarmt!“ „Ha! ha!“ lachte höhniſch der Feldherr.„Das eben iſt härter als Tod! Ich ſchwur bei meinem Säbel! Man binde den tollen Menſchen feſter, damit er ſich nicht etwa ein Leid zufüge und die Hochzeitnacht der Neuvermählten nicht über⸗ lebe!“— Man warf Kauniz nieder, band ihn feſter an Händen und Füßen und ließ ihn, ohnmächtig wüthend, im Kreiſe liegen. Indem wurde Schönemann herbei geſchleppt⸗ der, aus Kaunizens Schloß entſprungen, Spfsſi in die 13 9 130 Hände einer Streifpartei gefallen war. Er zitterte an allen Gliedern und war todtbleich⸗ „Was bebſt Du⸗ Pfäfflein?“ lachte ihm Boeskay entge⸗ gen.„Es ſoll Dir nicht an die Gurgel gehen, mein Sohn. Es handelt ſich um ein geiſtlich Werk. Traue mir die bei⸗ den Leute da. Zum Scheiden hat mein Säbel die Macht; vereinigen kann nur die Hand des Prieſters.“ „Aber, geſtrengſter König⸗.. ſtotterte der gute Pre⸗ diger, der die Frechheit, mit welcher er ſeine nachſichtige Gebieterin behandelt hatte, von Seelenangſt gefoltert, in die niedrigſte Kriecherei umzuwandeln für gut fand,„ich weiß nicht. ob dieſer Mann ob dieſe edle Frau meine Vorſchriften verbieten mir.. „Was?“ fuhr Bocskay auf.„Widerſpenſtiger Schwarz⸗ rock! Du unterſtehſt Dich, mir nicht gehorchen zu wollen? Welche Vorſchrift gilt hier, als die meinige? Sprich den Segen über dieſe Beiden, oder ich laſſe Dir den Rücken blutig geißeln und die Wunden mit Pfeffer und Salz ein⸗ reiben, bis Dir ein neues Fell wächst. Wähle!“ Der erſchrockene Pfartherr willigte ſogleich ein. Ludmille warf ſich aber bei ſeiner Annäherung heulend neben ihren Gatten nieder. Man wollte ſie in die Höhe reißen; Archim⸗ bald trat aber dazwiſchen.„Zurück!“ rief er, ſeinen Dolch zückend.„Wer ſie berührt, iſt des Todes, wäre es Boeskay ſelbſt, der hier, einem Türken gleich, zu Gericht ſitzt! Hört meine Worte, Feldherr! Nur unter der Bedingung, daß Ludmille mein Weib werde, geht Kauniz frei davon?“ „Nur unter der Bedingung,“ antwortete Bocskay kalt. „Sie werde mit Dir getraut, feiere das Beilager mit Dir noch dieſe Nacht, und morgen, bei Sonnenaufgang, zerſchneide ich Kaunizens Bande und laſſe ihn frei ziehen. So befehle ich's; ſo wird es ſeyn!“ „Boeskay iſt heute in ſeltſamer Laune,“ verſetzte Archim⸗ bald finſter.„Er wechſelt ſeine Entſchlüſſe, wie ein ertappter Verbrecher die Farbe. Darf ich von ihm verlangen, daß er beſchwöre, was er ſo eben verſprach?“ „Ich ſchwöre es bei meines Vaters Bart!“ ſprach Boes⸗ kay feierlich.„Iſt Euere Hochzeitsnacht vorüber, laſſe ich Kauniz frei von dannen gehen.“ „Nun wohlan!“ entgegnete Archimbald mit gepreßter Stimme,„ſo ſey es!... Ludmille werde mein Weib. Ich bin's zufrieden.“ „Wir glauben's wohl!“ tobte ſpöttiſch der rohe Krieger⸗ haufen, und Mancher aus demſelben ſbeneidete den trüben Archimbald um die Faſtnacht in dieſes ſchönen Weibes Ar⸗ men. Ludmille ſprang aber verzweifeld empor, fiel Archim⸗ bald um den Hals, ſank ihm zu Füßen, ihn beſchwörend, zu dem entſetzlichen Despotenſtück nicht die Hand zu reichen.— „Soll Kauniz ſterben?“ fragte Archimbald dagegen kalt. Sie ſank bewußtlos in des Geliebten auffangenden Arm. „Friſch!“ rief Boeskay:„Pfaff, verrichte Dein Amt! Die Agenda fehlt; doch wird Dir die Trauformel geläufig ſeyn, hoffe ich. Sey flink und ſchnell; der Handel hat ſchon all⸗ zulang gewährt, und der Frühſchein muß mich zu Pferde finden.“ Schönemann ging demzufolge behende und ängſtlich zu Werk, ſprach unter den Säbeln der Ungarn ſeinen Segen über das widerſtrebende Paar, und Kauniz brüllte ſein Flüche dazwiſchen. Als die Handlung zu Ende war, nahm Archim⸗ bald die befinnungsloſe Ludmille in ſeine Arme und trug 132 ſie in das Haus, nach ſeiner Kammer, an deren Thüre Leila, in der Tracht eines wallachiſchen Jungen⸗ mit groben Lum⸗ pen bekleidet, die ſeltſam Vermählten erwartete. Sie hatte alles von fern mit angeſehen und gehört, und ſtand zitternd und mit den Zähnen klappernd da, um den Gebieter zu empfangen. „Was fehlt Dir, Leila?“ fragte Archimbald, ihre Er⸗ ſchütterung und ihr verſtörtes Angeſicht bemerkend, das trotz der braunen Farbe, mit der es überzogen war, ſeine Ent⸗ ſtellung nur zu deutlich zeigte. Leila's Antwort läugnete ihr Uebelbefinden, und ſie ſchob ihre Bewegung allein auf das Wiederſehen der geliebten Herrin in ſolch bedenklicher Lage. In der That war ſie auch ſogleich bereit, Ludmillen zu unterſtützen und alle Mittel anzuwenden, die ſchöne Ohnmächtige wieder zu ſich zu brin⸗ gen. Es gelang... Ludmille ſchlug die Augen auf⸗ ſchloß ſie aber mit einem leichten Schrei, da ſie ſich in Archimbalds Armen gewahrte. Dieſer, bereitwillig ſie ihrer grundloſen Angſt zu entreißen, wollte gehen; allein an der Thüre droh⸗ ten bärtige Wächter mit ihren Waffen und ließen ihn nicht hinaus. Der König habe befohlen, die Vermählten genau zu bewachen und ſie zu verhindern, die Hochzeitnacht ge⸗ trennt zu begehen, hieß die Antwort auf Archimbalds ſtau⸗ nende Frage. Gegen die Gewalt war nichts auszurichten Er verbiß daher ſeinen Zorn und kehrte in die Kammer zu⸗ rück, woſelbſt Ludmille unter Leila's Bemühungen eben erwacht war. Er erzählte in Kurzem, wie es ihm ergangen, und bat Ludmillen, ihn zu entſchuldigen, daß er nicht von der Stelle gehe und die Nacht an ihrer Seite zubringen 3 müſſe.—„So habt Ihr denn wirklich die fevelhafte Cere⸗ monie vollziehen laſſen?“ fragte Ludmille bitter. „Mußte ich nicht?“ entgegnete Archimbald.„Der Zorn des Bocskay kannte kein Maß. Die leiſeſte fernere Weige⸗ rung hätte Euerm Gatten das Leben gekoſtet. Ich ließ da⸗ her das Poſſenſpiel vor ſich gehen, und Ihr ſeyd ſo frei als zuvor. Lange kann der Aufenthalt der Barbaren in dieſem Lande nicht dauern. Sind ſie entfernt, gebe ich Euch dem Grafen wieder. Laßt es Euch ſo lange unter meiner und Leila's Obhut gefallen.“ „Guter Archimbald!“ klagte Ludmille und drückte dem neben ihrem Bette Sitzenden innig die Hand..„wie kann ich Euch vergelten?“ Archimbald ſeufzte.„Denkt meiner mit Liebe,“ ſprach er hierauf düſter,„und theilt niemals den Haß, den Euer Gatte gegen mich hegt.“ „Ich ſollte Euch haſſen?“ fragte die Gräfin auf's Neue, ihre Hand in der ſeinigen haltend;„nach ſo vielen Wohl⸗ thaten?“ „Die gnädige Frau wird meiner nicht mehr bedürfen,“ fiel Leila haſtig in's Geſpräch,„und ich will gehen.“ „Wie?“ fragte die Gräfin ängſtlich;„Leila, wohin?“ „Sie hat der Wittwe des Kammerdieners Erlwein ihr Geſchlecht entdeckt,“ erläuterte Archimbald,„und welch ein widriger Zufall ſie in meine Geſellſchaft hieher gebracht hat. Die Alte bot ihr eine Lagerſtelle in ihrem Hauſe an, wohin ſich Leila jeden Abend begiebt;.. jedoch heute wird es beſſer ſeyn, wenn ſie hier in der Kammer bleibt, um Euch zu beruhigen. Die Wächter haben ſie zum Glücke nicht ge⸗ ſehen; ſie bleibe daher als Euere Ehrenwache.“ 134 „Gern!“ antwortete das Mädchen ſchnell und nahm, um nicht das Geſpräch zu ſtören, in einen Mantel gehüllt, auf der Bank hinter dem Ofen Platz⸗ Archimbald ſtieß den Riegel vor die Thüre, ſetzte ſich dann unfern von Ludmille und ſprach:„Laßt uns jetzt ab⸗ wechſelnd plaudern, abwechſelnd ſchlummern, bis die ewig lange Nacht endlich ihren Meiſter gefunden haben wird.“ „Ja, guter Archimbald!“ verſetzte die Gräfin,„laßt uns durch die Wiederholung der Vergangenheit, durch die Erinnerung an ihre Freuden, die Leiden der Gegenwart vergeſſen!“ Sie fingen an zu plaudern, zu erzählen; und Leila, deren Herz allmählig ruhig geworden war, als ſie geſehen, wie ihr Gebieter Archimbald nicht geſonnen ſeh, auf unredliche Weiſe den Vortheil zu benutzen, den ihm Bocskahs tyran⸗ niſches Urtheil über Ludmillen eingeräumt hatte,— horchte anfangs aufmerkſam zu. Allein bald wurden ihr die Augen⸗ lieder ſchwer;... Schlaf und Müdigkeit ſiegten über den Willen des Mädchens, und ſie entſchlummerte ſanft. Plötz⸗ lich wurde ihr Schlaf unterbrochen. Sie blickte auf. Die Lampe brannte dunkel. Das Geſpräch, das laut begonnen hatte, war zum Geflüſter geworden. Leila horchte ängſtlich. Ein Seufzer Ludmillens ging den Worten voran:„Welche Frage, Archimbald? Ihr erinnert mich an eine Zeit, an welche zurückzudenken mir ſchmerzlich iſt. Wenn Ihr wüßtet, was ich dazumal gelitten... Ihr würdet meiner ſchonen. Von dem Tage, an welchem ich mit Kauniz vor dem Altare ſtand, war mein Glück dahin. Und doch darf ich mich rühmen, ich habe den wilden Mann gebeſſert. Er, der vor Zeiten unredlicher dachte und handelte als Bernhard, iſt jetzo tugendhaft im Vergleich mit meinem Bruder! Aber den⸗ noch... denkt an das heutige Schauſpiel und ſtellt mir nicht mehr die Frage auf, ob ich glücklich geweſen!“ Beruhigt, war Leila wieder im Begriff einzuſchlummern, allein eine wachſende Unruhe im Hauſe, die endlich zum Getümmel wurde, jagte ſie wieder auf. Die Wachen vor der Thüre ſprangen, ebenfalls ermuntert, von der harten Erde auf, die ihnen als Ruheſtätte gedient hatte. Heftiges Auf⸗ und Abrennen im Hauſe kündigten einen wichtigen Vorfall an... Lichtſchimmer ſchlug durch die Fenſter. Roſſe ſprengten an und jagten von dannen. Unaufhörliches Fluchen und Toben ſchallte allenthalben wieder. Archimbald und ſeine Geſellſchafterinnen waren in der größten Ungewiß⸗ heit. Da wurde es lebendig in der Nachbarſchaft. Trom⸗ petenſignale ertönten von fern. Die Trommeln raſſelten durch das Dorf. Die Haiducken liefen von allen Seiten zuſammen.—„Wo iſt der Verräther?“ donnerte Boeskays Stimme durch den Tumult.„Hier! hier!“ riefen hundert Stimmen.„Laß ihn ſterben, Feldherr! Er falle unter un⸗ ſerer Rache!“—„Ja! bei dem Barte meines Vaters ſchwöre ichs: er ſoll Euch preisgegeben ſeyn! Nichts ſoll ihn retten, den elenden Kundſchafter, der uns den Kardinal auf den Hals hetzt!“ „Gott, mein Gemahl!“ jammerte Ludmille, in Thränen zerfließend. Archimbald bemühte ſich umſonſt, etwas von dem Auftritte zu ſehen, der an der Ecke des Hauſes vor⸗ ging. Bveskays Stimme wurde bald wieder laut.—„Keine Gnade!“ rief er.„Hund, Du mußt ſterben! Waffenbrüder, die Zeit drängt. Schießt den Schurken vor die Stirne; aber wehe dem, der eine Hand an dieſe Beute legt, ehe 136 wir ſiegreich zurückgekehrt ſind. Es gilt keine Plünderung, wenn man in die Schlacht geht. Verkündet den Bauern, daß, wenn ein Stück aus dieſem Sack entwendet iſt, ſobald wir heimkommen, das ganze Neſt in Brand aufgehen ſoll! Jetzt tummelt Euch, Brüder! Der Trompeter blaſe zum Einhauen!“ Das Geſchmetter der Trompeten brach los; einige Schüſſe knallten kurz hintereinander. Schmerzgeheul, Jubelgebrüll ſchallte wild vermiſcht; und mit lautem Kampfrufe eilten die Horden zu Fuß und zu Roß aus dem Dorfe hinaus⸗ dem Feinde entgegen, der ſchon, nach fernem Schießen und Kriegsgetümmel zu ſchließen, mit den Vorwachen der Ungarn tüchtig angebunden hatte. Siebentes Rapitel. Er hat den Tribut Entrichtet der Natur, ſeine Verirrung Geſühnt, und jedes Anſpruchs iſt er quitt. Gebüßt hat er mit ſeinem Theuerſten. Anonymus. Archimbald ging auf Ludmillens Bitten, ſich über die Begebenheit der Nacht aufzuklären. Ihre Furcht war un⸗ gegründet; Kauniz, noch an Händen und Füßen grauſam gebunden, lag in einem Winkel des Stalles, ſein Geſchick und die Stunde ſeiner Geburt verfluchend. An der Ecke des Hauſes wand ſich in den letzten Zuckungen des Todes, von mehreren Schußwunden langſam hingemartert, ein frem⸗ der Mann, in welchem Ludmille, da ſie mit Archimbald das Haus verließ, um ihren Gatten zu befreien, den räuberi⸗ ſchen Jasneck erkannte, der mit erlöſchender Stimme ihre Vergebung erflehte. Die Rache hatte ihn ſchnell ereilt. Auf Schleif⸗ und Streifwegen hatten ſich die Diebe verirrt und von ihrer Richtung entfernt. Jasneck hatte hierauf den einfältigen Bogalew nach Kundſchaft ausgeſandt und ſich mittlerweile mit dem bepackten Roſſe aus dem Staube ge⸗ macht. Eine ungariſche Streifpartei hatte ihn alsdann gefangen und nach dem Standquartier gebracht. Zum Un⸗ glück für Jasneck mußte gerade bei ſeiner Ankunft auch die Nachricht eines von dem Kardinal und ſeinen Reitern ge⸗ wagten Ueberfalls bei den Ungarn eintreffen, und, für einen feindlichen Späher und Dieb gehalten, war er gräßlich nidergemucht worden. In dem Vorplatze des Hauſes lag der Sack voll Koſtbarkeiten, den Ludmille ſogleich als ihrer Mutter gehörig erkannte, und bei welchem ein alter trunke⸗ ner Haiduck als Wächter zurückgeblieben war. Was küm⸗ merten aber die Gräfin dieſe Schätze? Ihren Gemahl zu befreien gebot ihr die Pflicht. Auf den Flügeln der Unge⸗ duld begab ſie ſich nach dem unwürdigen Kerker, in dem die Kriegsknechte den armen Kauniz zurückgelaſſen hatten. Bei ihrem Eintritt knirſchte der Gefangene mit den Zähnen und verſuchte, ſich von ihr wegzuwenden. Die liebreichſten Er⸗ mahnungen, Bitten und Betheurungen mußten von Ludmillen verſchwendet werden, ehe ſie von dem argwöhniſchen Gatten die Erlaubniß erhalten konnte, ſeine Feſſeln zu löſen. Archim⸗ bald hatte ſich es auferlegt, Zeuge dieſes Auftritts zu ſeyn und mit keinem Zuge irgend einen Widerwillen gegen Kauniz auszudrücken. Es gelang ihm ſein Bemühen leichter, als er gefürchtet hatte, denn ſchon der jammervolle Anblick des Elenden gebot Mitleiden und Barmherzigkeit. Auf einen Wink des Gebieters ſchaffte Leila Kleider für den Grafen zur Stelle, wie ſie gerade Ort' und Gelegenheit darboten⸗ und erſt nachdem er ſich wieder in etwas erholt hatte, kam der Augenblick der Erklärung und Erläuterung. Lüdmille erzählte ihm, wie alles gekommen, wie ſich Archimbald für ihr beiderſeitiges Wohl aufgeopfert. Ihre natürliche Beredtſam⸗ keit, die Unſchuld, die aus ihren Blicken ſprach, ermangel⸗ ten nicht, endlich den Mißtrauiſchen, der an die unverletzte Dreue der Gattin anfänglich nicht glauben zu wollen ſchien, zu überzeugen und zu beruhigen. Mit Thränen der Reue, mit der aufrichtigſten Bitte um Vergebung, umarmte er die edle Gattin, die ihre Thränen mit den ſeinigen vermiſchte, und Archimbald wandte ſich trauernd ab. Kaunizens auf⸗ wallende Dankbarkeit ließ ihn indeſſen nicht lange mit ſeinen Betrachtungen ſich beſchäftigen. Der Graf nannte Archim⸗ bald ſeinen Retter, ſeinen Freund, und dieſer Augenblick ſprengte endlich die Rinde von ſeiner rauhen Bruſt, bewog ihn, das Vergangene zu vergeſſen, ſein Unrecht einzuſehen und dem verachteten Baſtard ſeine Hand, ſeinen Mund zu bieten. Allein Archimbald entzog ſich der ſtürmiſchen Wal⸗ lung und ſprach mit Demuth und Würde:„Verzeiht, edler Herr! Nicht mir,... dieſem Engel, Euerer edlen Gattin⸗ verdankt Ihr Freiheit und Leben! Was ich dabei gethan, war Schickung Gottes, denn ohne Euch zu lieben, ohne auf Dank Anſpruch zu machen, habe ich gehandelt. Unſere Gefühle waren von jeher zu widerſtrebend, um eine wahre, dauernde Freundſchaft für die Folge begründen zu können; darum laßt uns immer einander fremd bleiben, und hört nür auf mich zu haſſen, ſo wie ich gelobe, ferner nie des Gatten Ludmillens in Unehre zu gedenken. Wollt Ihr durch⸗ aus das, was ich gethan, ablohnen, ſo vergeßt nicht, daß Euer Weib die Krone der Frauen iſt, und daß Ihr mit aller Liebe, die Ihr in Zukunft an ſie verſchwinden mögt, doch nicht den kleinſten Theil der Leiden zu vergelten im Stande ſeyd, die ſie Euch verdankt hat; unter deren Gewicht ihr Körper hätte erliegen müſſen, wäre er die Wohnung einer ſchwächern Seele geweſen! Nun aber erlaubt, edler Graf und gnädigſte Gräfin,“ ſetzte er hinzu, da Kauniz betroffen ſchwieg und Ludmille erröthend zu Boden ſah,„erlaubt, Euch zu Euern Eltern zu begleiten, die in fürchterlicher Angſt, Euers Außenbleibens halber, ſeyn werden.“ Weit entfernt, den freimüthigen Archimbald um ſeinen Geſinnungen willen zu tadeln, dankte ihm Kauniz vielmehr in der Stille, ſie redlich geäußert zu haben. Denn, ſo wohlwollend er gerade jetzt für den jungen Mann ſich ge⸗ ſtimmt fand, ſo traute er ſich dennoch nicht Stärke genug zu, in der Folge nicht den geleiſteten Dienſt zu vergeſſen und auf ſeinen Retter von Neuem eiferſüchtig zu werden. Ludmille, von dem Verlangen, ihre Aeltern wieder zu ſehen, beſeelt, betrieb mit Eifer die Anſtalten zur Rückkehr nach Worosdar. Archimbald entfaltete ſeine Thätigkeit. Einige zurückgelaſſene Roſſe der Ungarn wurden für gute Beute ertlärt, dem betrunkenen Wächter mit Drohungen und Ge⸗ walt den glücklich wieder gefundenen Schatz abgenvmmen, dem vemüthig bettelnden Pfarrherrn Schönemann ein klingen⸗ des Andenken an die verwichene Nacht ertheilt, und unter 1⁴⁰ dem Jubel der Einwohner, bei welchem ſchon die Kunde von der Niederlage der Ungarn und von ihrer Flucht über Scalitz hinaus ſich verbreitet hatte, zogen die aus großer Bedrängniß Erretteten aus dem Dorfe. Allenthalben ſtiegen Feuer⸗ und Rauchſäulen empor, den Rückzug der Haiducken aus den mähriſchen Grenzen bezeichnend; nur um Worosdar ſchien tiefer Friede zu wohnen. Bald erblickten die dahin Ziehenden die Trümmer von Worosdar,„ noch einige Schritte„und ſie lagen in den Armen geliebter und in Angſt vergehender Menſchen. Das Unglück hatte ſelbſt Eleonoren und Kauniz verſöhnt. Die Fürſtin umarmte wie einen wieder gefundenen Sohn den ungeliebten Eidam; Kauniz drückte Eleonoren, die er gehaßt hatte, gleich einer Mutter an das Herz.— O gewiß, was Ueppigkeit und Pracht, Wohlleben und übermüthiges Glück durch weite Kluften von einander trennt, das vereinigt ſchnell gemein⸗ ſame Noth, gleiches Unglück. Der ſinnverwirrte Fürſt ſchien wieder für ſeine Familie empfänglich geworden zu ſeyn; er liebkoſete Ludmillen, er drückte Eleonoren die Hand, er bot Kauniz ſeine Rechte. Mermes lag in den Armen der wie⸗ dergefundenen Schweſter; dieſe zu den Füßen Elevnorens, die ihren etwas ſtrengen Empfang nur dann milderte, als ſie erfuhr, welch unglücklicher Zufall das Mädchen mit Ar⸗ chimbald allein unter dieſe Horden geworfen und von ihrem Bruder getrennt hatte; denn auch in den Verwirrungen der blutigen Zeit ſah niemand mehr auf Anſtand und Sitte, als die Fürſtin, die in ihrem Hauſe ein Beiſpiel ſtrenger Tugend und Zucht aufzuſtellen wußte. Ein Menſch fehlte jedoch in der fröhlichen Verſammlung, der alte Chriſtoph 141 aus dem Gewölbe hervor, gegen das Dorf zu gehen, um von dem Schickſal ſeiner holden Gebieterin etwas zu erfah⸗ ren; er war ſeitdem nicht heimgekehrt. Doch blieben die Zurückgelaſſenen nicht lange in Ungewißheit, denn Chriſtoph erſchien und zwar in bewaffneter Begleitung. Von den auf allen Straßen gegen den Feind ſtrömenden Ungarn fortge⸗ riſſen, war er von ſeiner beabſichtigten Richtung abgekom⸗ men, zwiſchen die feindlichen Parteien gedrängt worden. Sein gutes Glück ließ ihn aber in die Hände ſeiner Lands⸗ leute fallen, die bald, nach hartnäckigem Kampfe, das Feld behaupteten, und von welchen ein Trupp berittener Edelleute und Knechte abgeſandt worden war, die fürſtliche Familie aus ihrer unwürdigen Lage zu befreien, gegen fernere Un⸗ bilden zu ſchützen. Ladislar von Lobkowitz führte die dem Kaiſer ergebene Schar. Sein Anblick wirkte erſchütternd auf Kauniz; denn Ladislar war der treueſte Unterthan des Hauſes Oeſterreich und mit Kaunizens Winkelzügen nicht unvertraut. Des Grafen böſe Ahnung ward auch zur Wirk⸗ lichkeit. Nach den erſten Vegrüßungen, und nachdem Lobko⸗ witz die fürſtliche Familie ſeines Schutzes verſichert hatte, wendete er ſich zu Kauniz.„Herr Graf,“ ſprach er,„es thut mir leid, allein ich habe es dem Kardinal geloben müſſen, Euch in Haft zu nehmen, wo ich Euch fände, und vor ihn zu bringen. Ich bitte Euch demnach, keinen Wider⸗ ſtand zu leiſten, der vergebens ſeyn würde, und mir auf Euer Ehrenwort unverzügliche Folge zu verſprechen; widri⸗ genfalls wäre ich genöthigt, Gewalt zu brauchen.“— Kauniz erblaßte; ſeine Freunde zitterten. Archimbald, errathend⸗ was in des Grafen Seele vorging“ ſprach halblaut zu ihm: „Muth, edler Graf! Steht Euch nicht ein Engel zur Seite? Konnte ſeine Fürſprache Euch aus den Klauen der grauſamen Haiducken retten, ſo werdet Ihr nicht verderben vor der Gnade Euers Kaiſers und ſeines gerechten Statthalters. Reue verſöhnt, und Ihr habt dem Kaiſer mehr geboten als fruchtloſe Reue.“— Archimbalds unbefangener Rath fruch⸗ tete; Kauniz ergab ſich in ſein Schickſal und folgte ohne Widerrede dem Herrn von Lobkowitz, welcher ihn auf dem Wege zum Standquartier mit der Achtung behandelte, die man dem Unglücklichen ſchuldig iſt. Eleonore, der Fürſt, Ludmille, Archimbald und die Diener, Alle begleiteten den Grafen nach ſeinem Beſtimmungsorte. Archimbald hoffte nicht ohne Grund, unter dem mähriſchen Aufgebot ſeine Freunde zu finden, und ſeine Erwartung täuſchte nicht. Ehrenfried, Erlwein und Achmet ſtürmten ihm entgegen, noch von dem Staub der Schlacht bedeckt. Leila, Mermes hingen an des wiedergefundenen Bruders Halſe.—„Ich dachte, Euch erſt in Abrahams Schvoße wieder zu ſehen,“ ſprach Ehrenfried mit gutmüthiger Laune,„und wir haben tauſendmal bereut, als es ſchon zu ſpät war, Dich, mein Archimbald, mit dem ſchwachen Mägdlein da ſo weit dahin⸗ ten gelaſſen zu haben. Dafür iſt jetzt aber auch die Freude um ſo größer: denn Du biſt lebendig, ganz und ungeflickt wieder zu uns gekommen, und wirſt, ſo Gott will, mit hei⸗ ler Haut in unſerer Geſellſchaft wieder von dannen ziehen. So gut wird es jedoch Deinem Reiſegefährten, dem Kauniz, nicht hingehen. Wenn der Kardinal den nicht um einen Kopf kürzer machen oder auf Lebzeiten in irgend einen Thurm werfen läßt, muß ſich der Wind ſeltſam drehen; denn man munkelt viel von Verrath, von Einverſtändniß mit dem Feinde, und was dergleichen Felonien mehr ſind. Der ſaubere Schwager des Grafen ſoll dieſe Mährlein mitge⸗ bracht haben.“ „Iſt der Prinz hier?“ fragte Archimbald haſtig, und er⸗ wiederte auf die bejahende Antwort:„Freunde! ſorgt nur, daß der Böſewicht mir nicht vor Augen komme. Ich habe ihm Verderben geſchworen, ſo bald er ſich vor mir ſehen laſſen würde; und bei Gott, ich halte meine Schwüre!“ „Ei! ſo reite voraus, Tollkopf!“ rief Ehrenfried.„Freund Erlwein begleitet Dich. Nehmt Ihr den Weg über Prag; Achmet und ich, wir gedulden uns ſchon, bis Leila und Mer⸗ mes ſich von ihren Mühſeligkeiten erholt haben, und bis der ungariſche Rummel vollends aus iſt; dann nehmen wir Abſchied von Sr. Eminenz, empfangen den biſchöflichen Se⸗ gen für unſere freiwilligen Dienſte und folgen Euch auf dem kürzern Wege, längs der böhmiſchen Grenze hinziehend. Wir wollen ſchon zu rechter Zeit mit Euch in Augsburg zu⸗ ſammen treffen.“ Der Vorſchlag geſiel; und Archimbald, der im Ernſte Bernhards Begegnen ſcheute und ſeiner eignen Wuth nicht traute, ſeinem Gelübde unverbrüchlich Folge leiſtend, ver⸗ ließ, als kaum die Roſſe verſchnauft hatten, den Sammel⸗ platz des mähriſchen Aufgebots. Sein Abſchied von Eleonoren und von Ludmillen koſtete ihn Thränen der Rührung; er verließ ſie in der Angſt über den ungewiſſen Ausgang des Handels⸗ den der elende Bernhard ſeinem Schwager angezettelt hatte. Leila wollte durchaus dem Herrn folgenz allein Achmets Zureden, Archimbalds Bitten beſtimmten ſie, der Vernunft Gehör zu geben, ſich zu erholen, um die Freude des Wie⸗ derſehens deſto ungetrübter genießen zu können. — Ludmille fühlte nach Archimbalds Abreiſe, welch' ein Freund von ihrer Seite geſchieden warz ſie empfand es tief, welch' eine edle Rache der Mann an ihr und ihrem Gatten genommen hatte. Sie ſegnete ſein Andenken, liebte ihn im verſchwiegenen Herzen, und trauerte, daß er ihr nicht mehr beiſtehen könne in dem harten Kampfe, der ihr noch bevor⸗ zuſtehen ſchien. Der gnädige Gott lenkte es indeſſen beſſer, als kurzſichtige Sterbliche es hoffen durften. Kauniz wurde vor den Kardinal beſchieden. Erhaben in dem Gefühl ſeiner Würde und ſeiner Verdienſte, empfing der Richter den Schuldbewußten. Aber menſchlich war ſein Thun, ſeine Rede. Er hielt dem Zagenden die Briefe vor Augen, die ſein Vergehen beurkundeten, ihn verrätheriſcher Theilnahme an den feindlichen Entwürfen bezüchtigten. Kauniz konnte nicht läugnen, mußte alles geſtehen, um Gnade bitten. Der Kardinal ſchien ſein Haupt noch unbarmherzi⸗ ger belaſten, Beweiſe auf Beweiſe häufen zu wollen, um ihn niederzuſchlagen. Er führte ihm den Schwager, den Prinzen Bernhard, vor Augen, ſtellte ihm denſelben als ſeinen Angeber und Kläger vor, als denjenigen, der, um ſeine eigene Treue gegen den Kaiſer zu bezeugen, obige Briefe entwendet und dem Richter vorgelegt hatte. Bernhard mußte in des Grafen Gegenwart die Anklage wiederholen, und er entledigte ſich dieſes Geſchäfts mit beiſpielloſer Frech⸗ heit, die aber nichts deſto weniger ihm nicht erlaubte, die Augen aufzuſchlagen, Kaunizen gegenüber, der, obgleich der Strafbare, dennoch einem Könige gleich vor ſeinem Verrä⸗ ther ſtand. Der Kardinal beobachtete ſchweigend den Auf⸗ tritt, den er mit Vorbedacht herbeigeführt hatte, hörte aufmerkſam das unumwundene wiederholte Bekenntniß des 145 Grafen, wie die ſchlichte Erzählung deſſelben, in welcher er die Art und Weiſe, wie man ihm die verdächtigen Papiere geraubt hatte, kurz, deutlich und in der ſchwarzen Farbe, die jedes Bubenſtück in ſich trägt, dem Richter ſchilderte. Verachtung und Unwille malten ſich in den Zügen des edeln Dietrichſtein. Nach einigem Beſinnen nahm er die Briefe aus dem Schreine, in den er ſie gelegt hatte, nahte ſich dem Prinzen, ſah ihn ſcharf und durchdringend an und ſprach: „Ich danke Euch, als Landeshauptmann, für die Aufſchlüſſe, die Ihr mir gegeben, für die Dokumente, die Ihr mir über⸗ liefert habt, die erſtern zu unterſtützen; allein ich bedaure, daß ich keinen Gebrauch davon machen kann. Als Menſch muß ich ſowohl Euern ſchwarzen Verrath, den Ihr an Euerm Blutsfreund begingt, als auch die ſchändliche Weiſe, auf welche Ihr Euch in den Beſitz dieſer Papiere ſetztet, verach⸗ ten, und habe Mühe, in Euch den Sprößling eines vor⸗ trefflichen Stammes zu erkennen. Der Kaiſer, deſſen Stell⸗ vertreter ich bin und deſſen hochherzige Geſinnungen mir bekannt ſind, will nicht durch hinterliſtige Angeberei über ſeine Feinde triumphiren. Er will ſie durch ſeine über⸗ ſchwengliche Gnade bezwingen, erſt dann zum Schwerte greifen, wenn ſie ſeine Verzeihung übermüthig ausſchlagen. Darum hat er mir Vollmacht ertheilt, eine Amneſtie erge⸗ hen zu laſſen für alle, die, von den Ränken des Feindes bethört, ihr Unrecht gut machen und zum Gehorſam zurück⸗ kehren würden. Graf Kauniz befindet ſich unter dieſer Zahl. Mit größerm Recht— denn noch vor Bekanntmachung dieſer kaiſerlichen Huld hat er, ſein Leben und ſein Gut anbietend, ſich unterworfen— gebührt ihm des Kaiſers Gnade und Verzeihung. Aus ſeiner freiwilligen Rückkehr zu dem II. 3. 10 146 rechtmäßigen Herrn ſchöpft der Staat die ſchöne Hoffnung, die Kaunize einſt als die treueſten Stützen des Throns bewun⸗ dern zu dürfen, und ich ahne es, dieſe Hoffnung wird nicht Lüge ſeyn. Der Graf erhält daher ſeine Freiheit und ſeine Ehre wieder. Damit aber in Zukunft keine untreue und verrätheriſche Seele dieſe gefährlichen Waffen, dieſe mörde⸗ riſchen Briefe mißbrauchen möge, ſo vertilge ich ſie im Na⸗ men des Kaiſers, und erkläre denjenigen, der ihrer mit einem Worte mir zu erwähnen ſich unterſtände, für einen Schelm und übelgeſinnten Deutler und Verfälſcher des kai⸗ ſerlichen Worts. Geht nun, Herr Graf, die Euern zu beru⸗ higen,“ ſetzte der würdige Fürſt hinzu,„und verdient in Zukunft des Kaiſers Huld. Dieſe Flamme“— er warf die Schreiben in die lodernde Flamme des Kamins—„möge das Opferfeuer ſeyn, aus welchem die alten Poeten den Vogel Phönix verjüngt und glänzender denn zuvor hervor⸗ gehen laſſen. Euere Treue gleiche dem wiedergebornen Phö⸗ nix. Ihr, Prinz Bernhard, mögt gehen, wohin es Euch beliebt. Ihr war't feldflüchtig, und verdankt es nur der Nachſicht des Kriegsoberſten, nicht vor die Schranken des Rechts geſtellt zu werden. Der Kaiſer kann ferner Euere Dienſte nicht brauchen, die ihr ihm neuerdings angetragen. Wie könnte er ſich darauf verlaſſen, das Vaterland, unſere allgemeine Mutter, von demjenigen ohne Falſch vertheidigt zu wiſſen, der ohne Gewiſſensbiſſe und Scham ſeinen Bluts⸗ freund an das Henkermeſſer bringen wollte! Ihr ſeyd ent⸗ laſſen.“ Der Verräther floh, und die Geiſter der Schande und ohnmächtigen Wuth peitſchten ihn unerbittlich von dannen. Kauniz, von den Worten des vortrefflichen Statthalters V F 147 durchdrungen, Beſſerung und Treue gelobend, eilte, die Sei⸗ nigen zu beruhigen, die in namenloſer Angſt das Ende der wichtigen Verhandlung erwartet hatten. Unbeſchreiblich war die Freude. Der Kardinal hatte viele Glückliche gemacht, und ihr Gebet ſtieg gen Himmel, um Segen auf ſein ehrwürdi⸗ ges Haupt herab zu flehen. Kauniz führte Ludmillen abſeits und ſprach mit einer Rührung, die ihn im ganzen Leben noch nicht ergriffen hatte:„Gutes, edles, verkanntes Weib! ich habe Dornen auf Deinen Pfad geſtreut, aber fortan ſollſt Du nur auf Blumen wandeln. Der Himmel vergeſſe mein in der letzten Stunde, wenn ich jemals vergeſſe, was ich Dir verdanke, welche Opfer Du mir gebracht haſt. Unſer Haus ſey fortan kein Haus der Drauer, ſondern ein Pallaſt der Freude und der chelichen Glückſeligkeit; denn ich habe einſehen gelernt, daß ein treues, liebevolles Weib der Edel⸗ ſtein in der Schöpfungskrone iſt. Dein Pflichtgefühl— denn Vebe habe ich noch nicht verdient— hat die Feuerprobe ſiegreich ausgehalten. Die Binde iſt mir von den Augen gefallen. Nichts trenne uns mehr, als der Tod!“ „Nichts, als der Tod!“ antwortete mit Thränen die treue Ludmille, den Gatten, den reuigen Gatten umarmend. „Amen!“ rief eine wohlklingende Stimme.— Ein Or⸗ densgeiſtlicher ſtand hinter ihnen und breitete die Hände ſegnend über das verſöhnte Paar, das überraſcht zurück prallte.—„Beruhigt Euch!“ fuhr der Mönch mit ſanfter Würde fort.„Fürchtet nicht, daß der Segen eines Dieners fremnder Gotteslehre Euch Unglück bringen werde. Der Höchſte umfaßt ja jedes ſeiner Geſchöpfe mit unendlicher Vatergüte; und vorzügltch beſeligend uhti Auge auf 148 edeln, zu ihrer Pflicht zurück kehrenden Menſchen.— Ich be⸗ grüße ſonder Zweifel in Euch die Gräfin von Kauniz?“ Ludmille bejahte verſchämt und ſich feſt an Kauniz ſchließend. „Ja,“ ſprach der Mönch weiter, in Ludmillens Anblick verſunken:„ſelbſt ohne Euer Zugeben hätte ich Euch er⸗ kannt. Dieſe Schönheit, die nicht mit Unrecht weit berühmt iſt, und mehr als alles die Züge einer edeln Frau, die Ihr verjüngt in den Euern wieder gebt, mußten mich in meiner Vermuthung beſtärken, ſie rechtfertigen. Erlaubt jedoch, daß ich mich eines Auftrags entledige, den mir Se. Eminenz, der Herr Kardinal und Biſchof zu Ollmütz, Landeshaupt⸗ mann Sr. kaiſerlichen Majeſtät in Mähren, Fürſt von Die⸗ trichſtein, gnädigſt zu ertheilen geruht hat. Ich bin der unwürdige Diener und Begleiter des Fürſten, und überbringe Euch als ſolcher im Namen deſſelben dieſes geringe Zeichen ſeiner Hochachtung für Euere Tugend und heldenmüthige Aufopferung zum Heil Euers Gemahls, das Euch der Kar⸗ dinal als ein ſchlechtes Andenken zu behalten bittet.“— Er überreichte Ludmillen eine Roſe, von koſtbaren Steinen zierlich zuſammen geſetzt. Sie erglühte beim Anblick des unerwar⸗ teten Geſchenks und vermochte kein Wort der Erkenntlichkeit bervorzubringen. Der Graf übernahm dieſe Pflicht an ihrer Statt, dankte dem Boten in gewählten und herzlichen Aus⸗ drücken, und lud ihn ein, zu der Fürſtin einzutreten und auch ihren Dank zu empfangen. Der Ordensmann gerieth in ſichtliche Verlegenheit.„Werde ich der Fürſtin auch wili⸗ kommen ſeyn?“ fragte er, mit ſich ſelber kämpfend.. „wird mein Gewand es ſeyn?“—„Beſchämt uns nicht,“ erwiederte Ludmille.„Haltet Ihr uns für finſtere Menſchen⸗ haſſer? Meine Mutter iſt eine ſtrenge Proteſtantin; aber — 7— — —— 149 niemals ſah ich ſie der Lehre, welche unſer Herr und Kaiſer ſammt einer ungeheuern Menge unſerer Landsleute anhängt⸗ ihre Achtung weigern. Auch Ihr, ehrwürdiger Herr, werdet ihr nicht anders als angenehm ſeyn.“ „Nun denn, in Gottes Namen!“ verſetzte der Mönch in ſteter Unruhe und wechſelte die Farbe.„Es ſey gewagt... ich will ſie ſehen... zum letztenmale.“— Er ging raſch voraus, und ehe Kauniz nebſt ſeiner Gattin ſich ihr Stau⸗ nen über ſeine räthſelhaften Worte mittheilen konnten, ſtand er in dem Gemach der Fürſtin, vor ihrem Seſſel, in welchem ſie ruhte, dem neben ihr ſitzenden Fürſten durch allerlei kurz⸗ weilige Reden die Zeit vertreibend. Mit kindiſcher Aufmerk⸗ ſamkeit hörte der Greis zu, und bemerkte, ob er gleich kein Auge von Eleonoren verwandte, anfänglich nicht, wie ſehr ſich ihre Geſichtszüge veränderten, wie ſie bald blaß, bald roth wurde. Aber als ſie endlich mit einem Laut der Ueber⸗ raſchung aufſprang und ſich an der Lehne des Seſſels halten mußte, um nicht umzuſinken, da wurde der arme Wahnſin⸗ nige erſt gewahr, daß noch ein Dritter ſich in der Stube befinde, der, immer näher ſchreitend, kennbarer und kenn⸗ barer wurde. „Iſt es denn wahr?“ ſchrie Eleonore aufz„Heinrich!... Heinrich! Du... Ihr ſeyd es? Graf von Meltow! Ihr lebt!. wie kommt Ihr hieher?“ „Hat die Zeit mein Andenken nicht gänzlich verwiſcht?“ fragte Hubert mit ſanfter Stimme.„Iſt es alſo wahr, daß die erſten Gefühle herzlicher Neigung nicht abſterben in dem Herzen der Menſchen? daß ſelbſt die gealterten Züge des Antlitzes noch ihre frühern Jugendreize geltend machen? Vergebt es, gnädigſte Frau, vergebt dem armen * 15⁵⁰ Hubert, daß er Euch vielleicht unwillkommen heimſucht; allein, er glaubte nicht ruhig ſterben zu können, hätte er nicht Euch vorher noch einmal geſehen.“ „Dieß Gewand?“ fragte betreten Eleonore.„Ich wußte freilich längſt. ich war darauf vorbereitet... allein.. es überraſchte mich doch. Dieſes Gewand?“—„Es iſt das Kleid des Friedens,“ erwiederte Hubert beſcheiden.„Un⸗ ter dieſer groben Hülle fand ich Ruhe. Ich wäre Selbſt⸗ mörder geworden nach Euerm Verluſt; allein ein Mann, den ich leider nicht mehr Freund nennen darf, hat meine Seele beruhigt, mich zu dem Entſchluſſe gebracht, den ich, dieſe Kutte anlegend, ausführte. Ich habe ihn nie bereut. Dieſes Kleid, ſo dürftig es iſt, ſo widrig es Euerm Auge vorkommen mag, hat meine Wiedergeburt hervorgebracht, meine Schmerzen geſehen und meine tiefen Leiden.“—„Ar⸗ mer Heinrich!“ ſeufzte Elconore, einen Blick auf die gefurch⸗ ten Züge des Geliebten werfend. „Ach! ich hatte mir vieles vorzuwerfen,“ fuhr Hubert fort.„War ich nicht Schuld an Euerm herbſten Unglück? Wäre ich doch nimmer zurückgekehrt in leidenſchaftlicher Wuth und Begierde, um Euch zu zwingen, den heiligſten Schwüren zum Trotz, meine Sünde zu theilen und eine verbrecheriſche Flucht! Hätte ich doch nimmer die herrliche Tugend, mit welcher Ihr meinen Bitten und Drohungen widerſtandet, durch meine verbotene Gegenwart in Verdacht gebracht! Euer Gemahl hätte nimmer das Entſetzliche gethan, Euer Vater wäre ſanft und ruhig entſchlafen. Die unverbeſſer⸗ liche Zerrüttung Euerer Verhältniſſe zu dem Gatten wäre unterblieben o! wer berechnet die Folgen eines — „— v— Vergebens... wenn es auch gleich nur beabſichtigt... nicht verübt wurde!“ „Schweigt, o ſchweigt von jener kummervollen Zeit,“ unterbrach ihn die Fürſtin.„Erweckt nicht muthwillig Euern Schmerz und den meinen. Was Ihr.. leider Euerer angebornen Religion entſagend.... unter der Kutte des Mönchs gelitten.... tauſendfach hab' ich's erduldet im Glanz des fürſtlichen Lebens. Ihr trugt einen Dolch im Buſen... den meinigen durchbohrten tauſend Schwer er! Wenn unſer Jammer das Verbrechen nicht ſühnte, ſo giebt es kein verſöhnend Opfer. Seht hier dieſen Greis! ſinnlos Euch anſtarrend ſitzt er da.. wenn ſein Wahnſinn der Gottheit Zorn nicht mildert... was ſoll denn Höheres ihre Vergebung erflehen, und den drohenden Geiſt meines Vaters beſänftigen?— Ach... ſprach ſie unter Schluchzen wei⸗ ter...„indem ich Euch beſchwöre, Euch und mich nimmer an das vergangene Unglück zu erinnern, verwickle ich mich ſelbſt in das Labyrinth unſrer Leiden. Kann ich aber mich auch beruhigen? Bleibt dieſes Haus nicht ein Haus der Trauer? Kaum iſt ein Unheil abgewendet, ſo bricht ein an⸗ deres herein. Den Freund meiner Jugend ſehe ich wieder, und den Sohn, meine Hoffnung, mein Alles.. habe ich verloren, unwiederbringlich verloren!“ „Ihr habt Euch nichts vorzuwerfen!“ ſprach Hubert feier⸗ lich.„Ihr tragt an ſeiner Verderbtheit keine Schuld.“ „Laſtet ſie aber um ſo weniger auf dem Mutterherzen?“ fragte Eleonore in heftigem Schmerz.„Muß es nicht bre⸗ chen, wenn der eigne Sohn es zwingt, ihn zu verabſcheuen, ihm zu fluchen als einem ehrloſen Familienſchänder? Ihm, 4 der der Erhalter ſeines Geſchlechts ſeyn ſollte, deſſen edelſte Zierde? Welches Elend gleicht dem meinigen?“ „Hadert nicht mit den Rathſchlüſſen des Ewigen,“ ver⸗ ſetzte Hubert mit ſanfter Würde.„Mißkennt nicht die Ga⸗ ben, mit denen er Euch erfreut hat. Ihr jammert um den Sohn, als ob der Ausgeartete der einzige wäre, auf den ſich Euere Liebe übertragen dürfte? Habt Ihr aber nicht mehrere Kinder?“— Er wendete ſich zu Kauniz und Lud⸗ und führte ſie zu Eleonoren, zu deren ſie niederſanken.— „Seht hier dieſe Tochter,“ fuhr er fort,„einer Heiligen ähn⸗ lich durch ihre rührende Anmuth, durch ihre Tugenden das Ebenbild der edeln Mutter,„ſeht hier Eueren Eidam, der heilig und feierlich gelobt, durch die redliche Uebung aller Pflichten des Lebens im Mannesalter die Erinnerung trachtet dieſe nie gefallene Tochter, dieſen ſo ſchön aus dem Sehnſucht des Mutterherzens zu befriedigen, den Raum aus⸗ zufüllen, den ein verdorbner Bruder darinnen einnahm? Seyd gerecht, gut,.. mit einem Worte; ſeyd ihnen Mutter!“ „Bin ich es denn nicht?“ erwiederte die Fürſtin, ihre Kinder weinend in ihre Arme drückend.„Aber kann ich mein Gefühl bezwingen, wenn ich Bernhard mit offnen Augen dem Abgrund zueilen ſehe, der ihn auf ewig verſchlingen wird, den letzten männlichen Sprößling ſeines Stammes?“ Bei dieſen Worten ſchlug Eleonorens Gemahl, der kalt und untheilnehmend alles mit angehört hatte, von einer plötzlichen Ohnmacht angewandelt, mit hartem Fall vom millen, die hinter ihm lauſchten, ergriff ſie bei der Hand, an eine ſtürmiſche und verirrte Jugend zu vertilgen! Be⸗ Staube erſtandnen Sohn! ſind ſie nicht vermögend, die — 3 153 Seſſel auf den Boden nieder. Die Anweſenden ſprangen erſchrocken hinzu. Der Greis war bewußtlos, ſo daß man ihn für todt halten mußte.— Der erfahrnere Hubert indei⸗ ſen entdeckte ſichre Merkmale des fortdauernden Lebens in der gebrechlichen Hülle des Greiſen, und verordnete das Noͤ⸗ thige, um ihn zum Bewußtſeyn zurückzubringen. Eleonore⸗ Ludmille, die ſeit der letzten Gemüthsveränderung des wahn⸗ ſinnigen Vaters, ihn auf's Neue liebgewonnen, ihm verge⸗ ben hatten, ſpendeten alle Hülfe, die nur in ihrem Bereich lag; Hubert gab ſich ganz der Bemühung hin, denjenigen zu retten, der ſein Feind geweſen war; ſelbſt Kauniz war Menſch, und half in reger Theilnahme, wo er nur konnte. Das vereinte Beſtreben ward auch vom Erfolge gekrönt⸗ Der Fürſt kam zu ſich. ſtarrte die Umſtehenden lange an, und begann endlich, einen jeden erkennend, mit dem größten Bewußtſeyn zu ſprechen.„Es iſt mit mir zu Ende,“ ſprach er mit äußerſt ſchwacher Stimme,..„der Anfall⸗ dem ich unterlag, wird wiederkehren. Ich fühle es. Ich preiſe jedoch den Höchſten, daß er mich bei vollen Sinnen⸗ in dem Kreiſe der Meinen hinübergehen läßt.“ „Ihr werdet nicht ſterben!“ riefen alle wie aus einem Munde. Der Greis lächelte aber ungläubig, und verſetzte: „Verſucht es nicht, mich zu tröſten. Dieſer Mann,„ auf Hubert zeigend.„den ich haßte, gegen welchen ich den Säbel zog, und den ich ſehnlichſt um Erlaſſung meiner Schuld bitte, wird Euch beſſer, denn ich, ſagen können, wie es um mich ſteht.“ „Ihr ſeyd gefaßt, beſonnen;“ erwiederte Hubert, nach⸗ dem er den Zuſtand des Kranken unterſucht hatte;...„Euch darf man's nicht verhehlen.. Ihr werdet ſcheiden von der 154 Welt! Scheidet denn in Frieden, und wenn die Verzeihung eines argen Sünders Euch zu beruhigen vermag, ſo wißt... ich habe Euch längſt vergeben. Ich allein trage die Schuld jener That.“ „Und Du, Eleonore?“ ſeufzte der Greis mit wehmüthi⸗ ger Geberde.—„Wirſt Du dem rohen Manne vergeben, der Dein ganzes Leben vergiftet hat?“ „Ich nenne Dich wieder meinen Gatten,“ antwortete die Fürſtin feierlich;„und vergebe Dir von Herzen alles!“ „Dank Dir, himmliſche Seele!“ lächelte der Fürſt, und der Friede des Himmels legte ſich um ſeine Stirn und Schläfe.—„Deine Vergebung gibt meiner Seele Schwin⸗ gen, frei emporzuſchweben zu den Gefilden der Ruhe. Aus den Wolken winkt mir der Gemordete zu, freundlich, einla⸗ dend wo ſind meine Kinder, daß ich ſie umarme!“ Ludmille ſtürzte über den Sterbenden her, Kauniz küßte knieend ſeine Hand. Der Greis ſtrich ſanft mit der zittern⸗ den Hand über Ludmillens Stirne.„O meine Tochter!“ ſprach er.„warum lag ich in den Ketten des Wahn⸗ ſinns? warum lerne ich erſt ſo ſpät Dich kennen?. Thränen ſtiegen in ſeine Augen, er fuhr ergriffen fort: „nun, muthig! Gott hat es ſo gewollt.— Iſt das nicht Kauniz, der zu meinen Füßen kniet? Dein Gemahl, Lud⸗ mille? Habt Dank, edler Herr, für Euere Liebe zu einem alten verrückten Manne; macht aber mein Kind glück⸗ lich. Hört Ihr?“— Kauniz bejahte unter Thränen. Der Fürſt warf den Blick rings umher.„Wo iſt mein Sohn?“ fragte er endlich.„Wo iſt mein Bernhard? ihn kenne ich ſchon beſſer.. er muß groß und wacker geworden ſeyn.“ — „Ach... Bernhard!.. ſeufzte Eleonore, und ihre Thränen brachen unaufhaltſam hervor, ſo daß ſie nicht wei⸗ ter reden konnte. „Was iſt's mit ihm,“ fragte der Greis, und verſuchte mühſam, ſich aufzurichten.„Sprecht, laßt mich nicht heim⸗ gehen in der fürchterlichen Ungewißheit, die mich auf's Neue vor meinem Ende wahnſinnig machen könnte. Sprecht⸗ ſchont meiner nicht!“ Er ſprach's mit zitternden Lippen und wirr umherrollen⸗ den Augen. Hubert flüſterte der Fürſtin zu:„laßt mich reden, damit er in Frieden ſterbe.“ Schluchzend nickte Eleonore, und Hubert redete alſo zu dem Sterbenden:„Euer Sohn lebt in voller Geſundheit, und wird gewiß betrauern⸗ in dieſer Stunde nicht an Euerm Lager gegenwärtig geweſen zu ſeyn. Er iſt fern von hier, in fremden Landen, und die Seinen wiſſen nicht, wann er zu ihnen zurücktehren wird.“ „Iſt er wacker,.. treu und redlich?“ fragte der Fürſt mit größrer Anſtrengung⸗ „Wir wollen es hoffen,“ verſetzte Hubert tröſtend, und führte Ludmillen auf's Neue zu dem ſchwächer werdenden Vater, der ſie inbrünſtig umſchlang, und dann Eleonoren an ſeine Bruſt zog.— Wiſſet⸗ Kinder,“ flüſterte er ihnen mühſam zu;„wiſſet, daß der alte Evrardus mir jetzt ver⸗ ziehen hat, und daß von Euerm wie von meinem Haupt die Sünde genommen iſt. Auf ein trübes Leben wird eine helle Zukunft folgen, wie auf mein dunkles Grab der. glanz⸗ erfüllte Himmel. Behüte Euch Gott, meine Lieben.. die Stunde ruft.. es winkt der freundliche Engel.. ich erwarte Euch.. dort oben.. ein liebender Vater!...“ 156 Er lehnte ſein Antlitz an Elevnorens Buſen, das Haupt ſank in Ludmillens Arme zurück, die erkaltende Hand blieb in der Rechten Kaunizens ruhen, der an's Herz tretende Tod wollte das Zucken des bittern Schmerzens auf das Ge⸗ ſicht des Vollendeten prägen, aber der ſanftere Engel, ein Friedensherold, wehrte dem Gräßlichen, hauchte das Leiden von den Zügen des Fürſten, und drückte ihnen das weiche Lächeln des ſanft Schlummernden auf. Nie hatte das greiſe Antlitz im Leben ſo anmuthig geſchienen, als jetzt in den Armen des ewigen Schlafs. Die Betrübniß der Gattin, der Tochter war gemäßigt durch die Ueberzeugung, daß der Verblichne zum Licht des Herrn hinaufgegangen ſey; Huberts Tröſtungen, Kaunizens männliche Faſſung, obgleich ſein Gemüth von den Begeben⸗ heiten dieſer Tage heftig erſchüttert worden war, wirkten mächtig auf die Seelen der Frauen. Ernſt und milde er⸗ warteten ſie den Tag, der ihnen die theure, auf's Reue lieb gewordne Leiche entführen ſollte, und leiſteten dem Todten den letzten Dienſt. Als er in die Gruft geſenkt, die ganze traurige Handlung beendigt worden war, trat Hubert vor die Fürſtin, und redete mit weicher Stimme zu ihr:„Gott hat mir die Gnade geſchenkt, Euch noch einmal zu ſehen, Euch beizuſtehen in ſchweren Stunden des Lebens. Dieſe meine Sendung iſt vollbracht. Ihr zieht Euch auf die Gü⸗ ter Euers Eidams zurück, ich gehe wieder heim in mein ſtilles Kloſter. Dieſes Leben vereint uns wohl nimmer. Das Jenſeits wird es thun. So laßt uns denn Abſchied nehmen für die noch kurze Zeit der Trennung, uns gegen⸗ ſeitig vergeben und das Angedenken der Abgeſchiedenen in Ehren halten. Meine Wünſche für Euer Wohl mögen in — 157 Erfüllung gehen, Ludmillens häusliches Glück den Abend Eurer Tage verſchönern, und Ihr ein hoffnungsreiches Ge⸗ ſchlecht von Enkeln ſehen. Lebt wohl!“ Er ſchüttelte Elevnoren die Hand, küßte Ludmillen auf die Stirne, und ein jeder zog ſeines Wegs fort. Elevnore und ihre Kinder nach Kaunizens Gütern, Hubert im Gefolge des Kardinals, deſſen Vertrauter er geworden war, nach verrichteter glücklicher Vertreibung der Rebellen, gegen die koͤnigliche Hauptſtadt Prag. A ch R it Die guten Frauen viel beſſer als Engelein, Die vdͤſen ärger als Teufel ſeyn. Altd. Schwank. Es war eines Sonnabends in den erſten Tagen des Aprils. Vor dem Herrengebäude zu Burgau ſtand eine be⸗ deutende Menge von Bettlern und Siechen verſammelt, die ſehnſüchtig auf die Eröffnung der Pforte warteten, durch welche ihre wohlthätige Freundin heraustreten ſollte. Die Frau von Herbenſtein hatte nämlich eingeführt, am letzten Tage jeder Woche den Armen des Städtchens Allmoſen an Geld, Lebensmitteln und Arzeneien auszutheilen. Um jeder Parteilichkeit oder Mißgunſt von Seiten des Geſindes vor⸗ zubengen, und ihre Wohlthaten unverkürzt vertheilt zu wiſſen, hatte ſie ſich entſchloſſen, dieſes Geſchäft mit eignen Händen zu beſorgen. Der Neid war aber bemüht geweſen, dieſe Handlung der Billigkeit übel auszulegen, und ſie zur Tochter der Eitelkeit zu machen, die es angenehm finde mit dem Werk der Barmherzigkeit zu prunken. Die Markgräfin, welche, unter Aufſicht des ſtreng redlichen Herbenſtein ſtehend, den ſie vergebens ſelbſt in ihr Netz zu ziehen verſucht hatte, in Abweſenheit ihres Gatten und Geliebten die tödtlichſte Langeweile empfand, war die erſte, die über der Frau von Herbenſtein ſtilles Walten und Thun die giftigſten Reden ergehen ließ. Auch heute lehnte ſie im offenen Fenſter, er⸗ quickte ſich in der angenehmen Himmelsluft, und ſpottete über die hochmüthige Armenpflegerin, wie ſie des Schloß⸗ hauptmanns Gattin nannte. Ihre vorwitzige Zofe Jodole, ſtimmte in denſelben Ton ein, und fügte noch verſchiedene übel angebrachte Späße über die Gebrechen der im Hofe wartenden Bettler hinzu, als die Gebieterin plötzlich ausrief: „ſieh doch, Jodoke, wer iſt der Alte, der in den grauen Mantel gehüllt, die Pelzmütze auf dem Kopf, dort in der Entfernung herumſchleicht? Der Menſch ſcheint mir verdäch⸗ tig und dennoch bekannt, ſehr genau bekannt, ohne daß ich mich beſinnen konnte, woher. Erinnerſt Du Dich nicht, den Alten ſchon einmal geſehen zu haben?“ Die Zofe ſtrengte ihre Sehkraft wie ihr Erinnerungsver⸗ mögen anfänglich vergebens an. Nach anhaltendem Grübeln endlich, und da der Alte ihr den Gefallen erzeigte, faſt auf derſelben Stelle zu verweilen, und ſich genau betrachten zu laſſen, rief ſie lachend aus:„Woyl entdecke ich eine Aehn⸗ lichkeit mit einem Mann, den wir oft geſehen haben. Aber, Euere kaiſerliche Hoheit mag vergeben.. es iſt ſchon gar ———— fünfzigſten Jahre einfällt eiferſüchtig zu werden, und mir Simon ſeine Schwänke treiben und ſeinen Zehrpfennig ver⸗ FPreis vom Halſe ſchaffen, verſteht Ihr mich, Herr Markgraf?“ 1⁵9 zu lange her. ich war damals noch ein Kind und faſt unmöglich ſcheint es, was mir einfällt.“ „Nun, ſo rede doch,“ ermahnte die Markgräfin. „Der Alte,„ kicherte die Zofe...„ſieht gerade aus, wie der luſtige Rattenfänger Simon, der einmal... wie geſagt.. es iſt ſchon lange her... auf dem Schwanen⸗ berge zu Eleve das ganze Schloß von Mäuſen und Ratten reinigte, und deßhalb lang daſelbſt verweilte.“ „Sieh doch!“ fiel die Markgräfin ein...„ganz recht! der Gedanke iſt nicht ſo lächerlich! auch ich beſinne mich.. er iſt's wahrhaftig! was thut der alte Schäker hier? ſein Haar iſt wie Schnee geworden, aber ſeinem ſchlauen Geſichte ſehe ich's an, daß er ſeine Schnurren und Schwänke nicht vergeſſen hat. Er ſoll uns die Zeit verkür⸗ zen, die ohnedieß unerträglich auf mir laſtet. Geh, Jodoke, beſcheide ihn zu mir herauf. Ich will mich an ſeinem Er⸗ ſtaunen weiden, über ſeine Späße lachen, und den alten Narren mit einem anſehnlichen Geſchenk entlaſſen.“ Jodokc ſprang fort. Sibylle ſtellte ſich aber vor das Bildniß des Markgrafen, das in Lebensgröße ihr gegenüber hing, machte eine ſpöttiſche Verneigung, und fragte in demſelben Tone:„Ihr erlaubt doch, mein geſtrenger Eheherr, daß Euere Hausfrau ſich dieſes unſchuldige Vergnügen mache? Ihr zürnt doch nicht, durchlauchtigſter Markgraf, dem es im einen Hüter zu beſtellen? Laßt immerhin den alten Parren dienen.... Man kann ſich nicht einen jeden um dieſen 160 Indem prachte die Zofe den alten Simon herein, der ſich nicht einbilden konnte, wie eine Markgräfin darauf komme, ihn zu ſich zu beſcheiden. Sibylle redete ihn freundlich an, und erklärte ihm mit wenig Worten, daß ſie ſich ſeiner erinnere, und ihn deßhalb habe rufen laſſen. Nun war das Erinnern an Simon. Der alte Fuchs benutzte die günſtige Gelegenheit, um durch einige boshafte Späße und luſtige Erzählungen die Gönnerin, deren Ge⸗ müth ihm nicht unergründlich war, für ſich einzunehmen. Es gelang ihm auch. Die Markgräfin lachte, und verlangte vor der Hand nicht mehr. Sie griff hierauf in die Börſe und bot dem Alten ein nicht unbedeutendes Geſchenk. Der geizige Simon zuckte bereits mit der Hand; allein die Hoff⸗ nung auf einen beſſern Gewinn ließ ihn für dieſes Mal beſcheiden und uneigennützig ſeyn. „Ach, gnädigſte Frau,“ ſprach er mit einem ehrlichen Geſichte, dem man den Schalk nicht zutraute, welcher da⸗ hinter lauſchte,„ich danke Euch demüthigſt; allein ich bedarf zeines Geldes, weil mein letzter Herr gar überſchwenglich für meine irdiſche Wohlfahrt geſorgt hat, aus Rückſicht für meine langen treugeleiſteten Dienſte. Allein, wohl möchte ich, da mich doch einmal der Finger Gottes, der uns ja alle leitet, in meiner Unwürdigkeit vor Ew. fürſtl. Gnaden Augen gebracht hat⸗ denſelben eine Bitte und Vorſtellung an das Herz zu legen, deren Genehmigung lediglich nur von Euerer Gnade abhängt, welcher Ihr mich verſichert habt.“ „So?“ fragte die Markgräfin.„So laß doch hören, alter Rattenfänger.“ „Der liebe Gott hat mich auf dieſer Welt gar vielerlei erleben laſſen,“ fuhr Simon fort,„nur eines nicht, das — —,— 161 mir bis vor beinahe zwei Jahren unbekannt blieb, nämlich: verliebt zu ſeyn.“ Die Markgräfin lachte laut auf.„Wie alt warſt Du vor zwei Jahren?“ fragte ſie. „Sechsundſiebenzig⸗ gnädigſte Frau,“ erwiederte Simon, und ſtreckte ſich unmerklich, um eine kräftigere Haltung zu erzwingen.„Geſtern ward ich achtundſiebenzig.“ „Guter Freund,“ rief die Markgräfin ſpottend,„das iſt nicht das Alter der Liebe.“ „Ei, gnädige Frau,“ verſetzte Simon,„iſt nicht die Liebe von jedem Alter, und bin ich nicht rüſtig, wie einer? ch getraue mir wohl, in die Hunderte hinein zu leben, wenn nicht ein beſonderes Unglück mir den Garaus ſpielt.— Doch bin ich nicht der Thoren einer, die im Ernſte daran denken, noch in ihren alten Tagen eines Mädchens Herz berücken zu wollen. Ich bedarf nur einer Pflegerin für meine letzten Lebensjahre. Ein junges Mädchen iſt mitleidiger und raſcher als eine alte Frau; nicht ſo maulluſtig und boshaft wie eine alte Jungfer; folglich zu obigem Geſchäft am tauglichſten. Nun rechne ich aber ſo: nehme ich das Mägdlein als Pflegerin, Ausgeberin, Haushälterin oder Magd in's Haus, ſo dauert's nicht lange und die Welt wird ſchreien: Seht den alten ſittenloſen Mann, der ſich einen jungen Zeitvertreib in's Haus geſchafft!— Mein Ruf und des Mädels Ruf wären dahin. Um alſo obigem Ge⸗ ſchwätz ganz auszuweichen, und zu haben was ich will, iſt es am beſten, ich laſſe mich mit derjenigen, die ich meine, kurz und gut ehelich verbinden⸗ verſpreche meiner ſogenann⸗ ten Frau mein ganzes Um und Auf zu hinterlaſſen, wenn ſie gute Wartung leiſtet, drücke im ein Auge zu, und laſſe die Spötter lachen, und bin verſorgt bis an mein Ende.“ „Da rechnet Ihr nicht unvernünftig;“ meinte die Mark⸗ gräfin.—„Nun weiter!“ „Ich habe mich alſo umgeſehen,“ fuhr Simon fort,„und habe gefunden. Ein Mägdlein, jung, ſauber von Geſicht und Wuchs, flink, älternlos und arm.— Da ſie die Tochter eines guten Nachbars iſt, ſo dachte ich ihr Glück zu machen, ein gutes Werk zu thun. Ich klopfte alſo bei dem Vormund an, und flugs ward mir auch aufgethan. Vom Vormund, heißt das, denn die Mündel wollte nichts davon wiſſen. Das einfältige Ding hat ſich nämlich mit einem Burſchen eingelaſſen, der hier— in Ulm, wollte ich ſagen,— das Scherer⸗ und Baderhandwerk treibt, und dem Mädel den Kopf verdreht hat. Sie will den armen Schlucker mit Ge⸗ walt heirathen, und den reichen Simon nicht, und da der Vormund andere Saiten anziehen wollte, ging die Dirne auf und davon, und dient gegenwärtig hier im S bei der Frau von Herbenſtein als Kammermagd.“ „Bei der Frau von Herbenſtein?“ wieberholte die Fürſtin, ſpöttiſch den Mund aufwerfend. „Wie ich ſage,“ fuhr Simon fort;—„und es geht bald in's Jahr, ſeit ſie entwichen von daheim, und ich, obgleich ich öfters den Weg hieher gemacht habe um ihretwillen, noch nie Gelegenheit gefunden habe, ſie im Vertrauen zu ſprechen und auf andere Gedanken zu bringen.“ „Du biſt doch ſehr beſorgt um das Mägdlein,“ lächelte die Markgräfin.„Scheint mir's doch faſt, als ob Du, Deiner Klugheit zum Trotze, verliebt ſeyeſt in die Dirne.“ 163 „Man iſt ein Menſch,“ verſetzte Simon,„und es dürfte leicht möglich ſeyn, daß mein Herz etwas menſchlicher em⸗ pfinde, als ich glaube. Was ſchadet's auch? Iſt mir's doch nur um der Dirne Glückſeligkeit zu thun.— Sie wird nach meinem Ableben eine habliche Frau.. was will ſie mehr?... Schade iſt's, daß ſie nicht mit Vernunft zu ihrem Beſten zurückkehrt, weil ſie an der Frau von Herbenſtein einen Beiſtand hat, der ſie in ihrem Ungehorſam gegen Vogt und Blutsfreunde kräftiglich unterſtützt. Wenn nun meine hohe Gönnerin, die gnädigſte Frau Markgräfin hierin ein Einſehen haben, und das widerſpenſtige Geſchöpf zu ſeinem Heil unter ſeine von Gott geordnete Obrigkeit zurückführen wollte.... ſo wäre uns allen in dieſem Handel geholfen, dem Mädel, trotz ihres Querkopfes, am allermeiſten.“ „Es iſt meine Pflicht,“ ſprach die Markgräfin,„über der Diener Wohl zu wachen, und die Frau von Herbenſtein hätte mir die Anzeige machen ſollen, daß ſie eine Dirne unter ihren beſondern Schutz genommen, die unter fremde Gerichts⸗ barkeit gehört. Ich will das unterſuchen laſſen.“ Simon bemerkte, daß das Gift gewirkt habe, und dankte der Markgräfin mit heuchleriſcher Demuth. „Die Frau von Herbenſtein,“ fuhr Sibylle fort,„unter⸗ fängt ſich überhaupt manches in dieſem Hauſe, von dem ich mir nähere Rechenſchaft ablegen laſſen möchte. All' ihr Thun und Laſſen iſt ſo verſteckt, ſo lichtſcheu. Kein Wun⸗ der! weiß man doch auch nur halb, wer ſie iſt, Koher ſie ſtammt.“ „Da könnte ich wohl vielleicht ein wenig Aufſchluß geben,“ bemerkte Simon boshaft lächelnd,„wenn mir die gnädigſte Frau ihr Ohr ſchenken wollte. Zwar gebe ich meine 164⁴ unmaßgeblichen Muthmaßungen nicht als ein Wort Gottes; allein aus Vermuthungen und Zweifeln... „Spinnt man die Wirklichkeit;“ fiel Sibylle ein.„Recht, Meiſter Simon; kommt in mein geheimſtes Gemach, und vertraut mir, was Ihr von der hochmüthigen Dame wißt, die in meinem Schloſſe hauſend, ſich ſo wenig um die Ge⸗ pieterin deſſelben kümmert.“— Sie gingen in die innern Zimmer, und die Markgräfin ſchloß hinter ſich die Thüre. Nittlerweile hatte die fromme Frau von Herbenſtein die Armuth geſpeist, gekleidet und beſchenkt, einige Kranke beſucht, und kehrte aus einer entlegenen Hütte, wohin ihre Wohlthaten gedrungen waren, auf einem lieblichen Pfade zwiſchen Wieſen und blühenden Baumreihen gegen das Schloß zurück. Kaum hundert Schritte von demſelben ſtand unter einer Gruppe von herrlichen Kirſchbäumen eine Ruhe⸗ vank, verſteckt von dichtem Buſchwerk und einem grünen Raſenhügel, auf welcher ſie gewöhnlich von weiten Wande⸗ rungen heimkommend, zu raſten pflegte. Auch heute fühlte ſie Luſt dazu, und ſandte Trudchen voraus, mit dem Befehle, ihr den kleinen Hermann herauszuſchicken zu dem Ruheplatz⸗ Behaglich ließ ſie ſich auf dem traulichen Sitze nieder, und horchte auf das luſtige Gezwitſcher der Lerche, ergötzte ſich am Fall der Blüthen, welche die Kirſchbäume über ihrem Haupte, durch den Luftzug erſchüttert, freigebig auf ihren Schvoß ſchneiten, und feierte in dankbarem Gebet den Schöpfer des Lenzes und ſeiner herrlichen Gaben. Da trat ein Mann um die Ecke, ſtarrte ihr in's Geſicht, und bei ſeinem Anblick war es ihr, als ob eines Teufels Antlitz in die ſchöne Schöpfung grinſe. Sie wollte mit einem lauten . N — 16⁵ „Schrei die Flucht ergreifen... der Furchtbare hielt ſie aber mit gewaltiger Fauſt zurück. „Bleib!“ rief ihr eine Stimme in's Ohr, die einſt ihre Seligkeit geweſen war.—„Fliehe nicht, Dein Antlitz allein bringt Friede in meinen Buſen zurück, rettet den Elendeſten der Menſchen von einer neuen Sünde, von Selbſtmord.“ „Entſetzlicher, laß ab von mir!“ ſchrie Marie, vergebens widerſtrebend.„Willſt Du denn nach ſo langen Jahren nicht aufhören mich zu peinigen? haſt Du nicht ſchon genug der Leiden über micht verhängt?“ „Ja, Du biſt es!“ ſprach hierauf der unangenehme Gaſt, und ein Lächeln flog über ſein todtblaſſes Angeſicht.„Deine Worte verrathen mir es! Marie, Du biſt es wirklich! Du biſt nicht todt? nicht verſchlungen von den Wellen ſammt Deinem Kinde! Großer, barmherziger Gott! ich danke Dir; Du erlöſeſt mich aus der Nacht meiner Trübſal. So lange litt ich Höllenqualen, und die Heilung lag mir doch ſo nah! Unerforſchliche Vorſehung über den Sternen!“— Er warf herausfordernde Blicke gegen den blauen Himmel, der in unveränderlicher Klarheit die Tugendhafte wie den Verdor⸗ benen beſtrahlte. Die Frau von Herbenſtein hatte ſich in⸗ deſſen gefaßt, und ſprach ernſter als zuvor, und kürzer. „Was wollt Ihr hier, Herr Wernher? Sucht Ihr einen Genuß darinnen, meine friedliche Ruhe zu ſtören, mich theilhaftig zu machen der Folter, die, verſchuldet, Euere Bruſt und Euer Gehirn zerriſſen? Was verlangt— „Grauſame;“ entgegnete Philipp, ſie nnn hohlen Augen, und milder werdend in ihrer Nähe.„Welche Frage? Ich bin ein ſchwer Verwundeter, und ſuche den Arzt, der mich heilt. Vor wenigen Stunden glaubte ich 166 dieſen nur im Tode zu umarmen, und... ſiehe... daß ich Wahrheit rede.. dieſes ſcharfgeſchliffene Meſſer ſollte hier, unter dieſen Blüthenbäumen, verborgen vor aller Welt, meinem Leben und ſeiner Qual ein Ende machen. Ich habe vor einigen Tagen mein elendes Dach verlaſſen,... ich bin umhergeirrt in wilder Raſerei, wie Kain, nachdem er ſeinen Bruder erſchlagen... hier wollte ich enden! Ein geheimer Zauber riß mich zu dieſem Orte, und ich finde Dich, Dich, Du Heilige, Arzt meiner Seele! Dich, un⸗ ſchuldiges Lamm, das einſt bei dem ewigen Vater mein Ankläger ſeyn wird.“ Er warf ſich weinend zu Mariens Füßen, umſchlang ihre Kniee mit der Heftigkeit eines Wahnwitzigen, ſchluchzte, und ſtammelte unaufhörlich ihren Namen. Die edle Frau fühlte ſich bald entſetzt von der überſpannten Gluth ſeiner Geber⸗ den, ſeiner Reden, bald zum Mitleid hingeriſſen von ſeinem Ausſehen. Die verfloſſenen Jahre hatten jede Spur von Jugend aus ſeinem Geſichte vertilgt, das Haupt war zur Hälfte kahl, die übriggebliebenen Haare grau geworden. Aus dieſen Höhlen glühten in düſterm Feuer die Augen. Die ſchlaffen Züge, die faltenvolle Stirn, die eingefallenen Wangen, die Wildheit herrſchend im trotzig geklemmten Mund, in den keck überhängenden Braunen und dem ver⸗ worrenen Knebelbart, malten das Bild eines gänzlich mit ſich ſelbſt zerfallenen Weſens, einer bis auf die Wurzel zer⸗ ſplitteiten menſchlichen Natur aufs Vollſtändigſte aus. Die n höchſt vernachläſſigte Kleidung trug dazu bei, jeden unbefangenen und tadelloſen Menſchen aus der Nähe des Elenden zu ſcheuchen, der ſie trug. Marie zitterte, indem ſie ihn betrachtete, und der Gedanke an ihren Gatten, deſſen 167 ruhiges, heiteres und freundliches Antlitz der Spiegel ſeiner vortrefflichen Seele war, machte den Abſtand noch fühlbarer. „Steht auf,“ ſprach ſie befehlend..„macht mich zum mindeſten nicht zum Geſpött der Leute, die des Wegs kom⸗ men könnten. So darf Euch Niemand ſehen.“ Philipp ſtand verdüſtert auf, faltete die Hände auf der Bruſt, und verlor ſich in ihrem Anſchauen.„Welch ein Glück habe ich mit Füßen von mir geſtoßen,“ ſeufzte er aus tiefer Bruſt,.. „wie Du da ſtehſt mit der ewigen Jugendblüthe auf den Wangen. der ſtolzen, königlichen Geſtalt.. umwallt von Deinen blonden Locken, die..4 Er ſchwieg in ſchmerzlicher Erinnerung. Marie fühlte ſich aber verletzt, und erwiederte ſtrenge:„Wernher! ich muß Euch noch einmal bitten, mir in Kürze zu ſagen, was Ihr verlangt, oder mich von hinnen zu laſſen. Ich bin nicht geneigt, die Sprache Eurer Sinnlichkeit noch ferner zu ver⸗ nehmen, die Ihr längſt hättet ablegen ſollen, die für meinen Stand als Hausfrau und Mutter ſich nicht ziemt, und die vollends in Euerm Munde der Rede eines lüſternen Satans gleicht.“ „Ihr habt Recht,“ klagte Philipp, ſeine glühenden Au⸗ genlieder mit den Händen kühlend.„Ich bin ein ſchlechter Menſch geworden ſchlimmer als Ihr glaubt,. ver⸗ worfener als die Welt es ahnt. ich ſtaune ſelbſt, daß der Raſen, auf dem ich ſtehe, nicht unter meinen Füßen ver⸗ dorrt; daß mein Athem nicht die Luft verpeſtet. Ich weiß es, daß ich nicht werth bin, in Euer Auge zu ſehen, von Euch angeredet zu werden... aber ſeyd barmher⸗ zig... der Ewige verwehrt es ja nicht dem niederträchtig⸗ ſten Böſewicht, zu ſeinem wundervollen Himmelszelt empor 168 zu ſchauen, und ſich Troſt daraus für ſeine von Verbrechen wund gedrückte Bruſt herab zu holen. Aus Euerm Auge ſauge ich Muth, noch ferner zu leben... aus Euerer Rede Hoffnung, einſt Vergebung meiner Sünden zu erhalten.“ „Verzagt nicht an der Güte des Herrn;“ tröſtete Marie den Verzweifelnden.„Ich habe auch vergeben;.. ver⸗ geſſen kann ich aber nie, wie beiſpiellos grauſam man mit mir verfuhr.“ „Wenn Ihr mich hören wolltet,...“ ſtammelte Philipp. „Um aller Heiligen willen nicht!“ unterbrach ihn Marie, erbebend.—„Kein Wort von der Vergangenheit.. ich bin ja nur ein Menſch. Geht! beſſert Euch!„ Gott ſegne Euch! dieſer Wunſch iſt aufrichtig, und ich kann nicht mehr für Euch thun, oder bedürft Ihr thätigere Hülfe?“ Ein düſteres Roth übergoß Philipps Geſicht. Seſilg ſchüttelte er den Kopf.„Nimmermehr!“ ſtieß er haſtig her⸗ aus.„Ich bedarf keiner Hülfe. Der Tod iſt der beſte Helfer. Ach! nun ich Euch geſehen, darf ich ihn nicht her⸗ beirufen, den willkommenen Erlöſer. Die Hand würde mir zittern, die Waffe ſich abſtumpfen auf meiner Bruſt... ich muß dulden und tragen. bis an's Ende.— Aber, Marie, vortreffliches Weib. eine Bitte gewähre mir.. eine einzige Bitte! Du machſt mich glücklich für imner* t Ihr?“ fragte die Frau von Herbenſtein. „Dein Kind.. ſtammelte Philipp in außerordentlicher Bewegung;„mein Kind.„ laß es mich ſehen.. laß mich es einmal,„ ein einzig Mal nur umarmen.“ ¹6 „Menſch,“ rief Marie,„an welch' ſchreckliche Zeiten er⸗ innert Ihr mich da? Euer.. mein Kind? Ihr wußtet nicht doch, wie ſolltet Ihr auch? o laft mich ſchweigen.“ Sie ſank ſchluchzend auf die Ruhebank. Philipp fuhr aber ſtürmiſch fort:„Verweigere mir dies Glück nicht, das einzige, nach welchem ich noch geize;.. ich habe keine Kin⸗ der, ich kannte es noch nicht, das heilige Gefühl der Vaterliebe... laß mich es genießen, laß mich beſſer wer⸗ den mich heiligen in meines Kindes Nähe!“ „Unſeliger! willſt Du mich wahnſinnig machen?“ fiel ihm Marie mit allem Aufwand ihrer Kraft in die Rede. „höre auf, mich zu peinigen,. ſchonungslos mich zu quä⸗ len! wie ſollte ich erfüllen, was Du verlangſt?.. Dein Sohn.. „Mein Sohn?“ ſchrie Philipp freudig auf...„Wo, wo iſt mein Sohn?“ „Hier bin ich, beſte Mutter!“ rief der herbeieilende Her⸗ mann, und warf ſich fröhlich in Mariens Arme; doch ſtutzte er, als er den fremden Mann anſichtig wurde. Philipp⸗ von einer leicht verzeihlichen Täuſchung hingeriſſen, flog auf den Knaben zu, umarmte ihn heftig.. drückte ihm trotz ſeines Sträubens wilde Küſſe auf Mund und Stirne, und war kaum von ihm zu trennen⸗ als ſich Marie zwiſchen Beide drängte. „Hinweg.. Unglücklicher!“ rief ſie ihm in's Ohr, und ſtieß ihn von Hermann zurück.„Hinweg! man kömmt! wenn man Dich ſieht;.... wenn mein Gemahl Dich fin⸗ det biſt Du verloren!“ 170 „Was kümmert mich das Leben?“ entgegnete Philipp außer ſich. „Du mordeſt mich..“ fuhr Maria in unſäglicher Angſt fort.„Du entweihſt die Unſchuld durch Deine Nähe. Fliehe, fliehe, und rette Dein Leben, Deine Seligkeit.“ Philipp raffte ſich zuſammen, rollte die Augen;.. ein gewaltiger Entſchluß ſchien durch ſeine Seele zu gehen. noch ein verzehrender Blick auf Marien... auf Hermann, und fort ſprang er über Hecken und Felder, hinter den Häu⸗ ſern des Städtleins ſich verlierend. „Um Gotteswillen, gnädige Frau! was iſt Euch wider⸗ fahren?“ ſchrie Engeltrude, herbeilaufend.„Ihr ſeyd blaß⸗ wie eine Leiche„. ich hörte Euch heftig reden. Was iſt geſchehen? Niklaus und Burkhard ſind mir auf der Ferſe; ſie bringen dem Herrn Markgrafen Pferde entgegen. Hat ſich Jemand gegen Euch vergangen, werden ſie ihn bald beim Kragen haben.“ „Nicht doch,“ entgegnete Marie.—„ich bedarf der Leute nicht. Komm, laß uns dieſen Seitenpfad einſchlagen, damit ſie uns nicht begegnen. Dir aber, meine treue Magd, binde ich unverbrüchliches Stillſchweigen auf die Seele; und auch Du, mein Hermann, thu mir die Liebe, nichts von dem, was Du geſehen und gehört, auszuplaudern. Selbſt dem Vater hüte Dich das Geringſte zu entdecken. Er würde in Zorn gerathen, und Dr weißt es wohl,.. dann iſt er fürchterlich.“ Engeltrude und Hermann verſprachen gern, was Marie verlangte. Sie waren ja überzeugt, daß ſie nichts Uebles begehren konnte. Marie beklagte aber insge⸗ heim, gezwungen zu ſeyn, ein Geheimniß vor ihrem biedern Gatten zu haben. Sie glaubte es jedoch ſeinem Rufe ſchuldig — zu ſeyn, ihm einen Auftritt zu verheimlichen, der ſeine zärtliche Bekümmerniß auf's Neue hätte erregen können. Sie nahm ſich feſt vor, in Zukunft niemals ohne männliche Begleitung außer dem Schloſſe zu wandeln, um den kühnen Philipp die Möglichkeit zu benehmen, noch einmal ihre Ruhe zu ſtören. Die Markgräfin lächelte indeſſen noch einmal ſo vornehm und höhniſch auf die anſpruchloſe Frau herab, wenn ſie ihr einmal durch Zufall begegnete, und ein geübteres, argwöh⸗ neriſches Auge, als das der argloſen Marie hätte leicht errathen können, daß die Fürſtin etwas im Schilde führe.— Der Erfolg lehrte es. Nach Verlauf von einigen Tagen erſchienen Engeltrudens Vormund und ſämmtliche Verwandte zu Burgau, und forderten von der Frau von Herbenſtein die Ueberantwortung der Jungfrau. Sie wurde verweigert, alles dem freien Willen der Dirne anheimgeſtellt, die, erklä⸗ rend, über die vogtbaren Jahre hinaus zu ſeyn⸗ darauf be⸗ ſtand, nicht Gehorſam leiſten zu wollen, man nehme denn den Entwurf zurück, ſie an Simon zu verehelichen.— Die Blutsfteunde behaupteten dagegen, das Glück Engeltrudens allein zu beabſichtigen, und der Vogt kam plötzlich mit einem Befehl der Frau Markgräfin hervor, der Engeltruden gebot, das Schloß bei Leibesſtrafe zu meiden, und als eine reuige Tochter wieder unter die Gerichtsbarkeit, der ſie angehöre⸗ zurückzutreten. Dieſer gemeſſene Befehl der Fürſtin, den man in Abweſenheit des Landesherrn auf's Genaueſte berück⸗ ſichtigen mußte, ſchlug alles Widerſtreben, allen Schutz der Frau von Herbenſtein darnieder. Engeltrude, ohne Ausſicht und Mittel die Flucht zu ergreifen.... gezwungen, die einzige Freiſtätte zu verlaſſen, die ihr dieſer Schirm gewährt hatte, mußte wie ein geduldiges Lamm den Seelenverkäufern folgen, die ihr durch die ausgeſuchteſten Schmeichelworte den Zwang zu verbergen ſuchten, welcher in Ulm ihrer war⸗ tete. Ihr Abſchied von der Wohlthäterin war herzlich, und die Letztere betrauerte es, durch die boshafte Einmiſchung der hochmüthigen Gebieterin eine Vertraute verlieren zu müſſen, die ihr manche Freude, manche Unterhaltung gewährt hatte. Der Schloßhauptmann ſah den ganzen Verlauf dieſer Sache mit gleich mißfaͤlligen Augen an, und verkannte nicht die Quelle dieſer in den Mantel der Gerechtigkeit gehüllten Plackerei. Indeſſen, gemäßigt und friedliebend wie er war, ſchwieg er über die Begebenheit. Dem Haß der Markgräfin war aber damit nicht gedient. Sie ließ ihn rufen; ſo liebreich und gnädig ſie ſich auch gegen ihren redlichen Hüter benommen⸗ batte, als ſie noch den Entwurf hegte, ihn durch ihre Reize zu feſſeln, ſo vornehm und hart war ihr Betragen gegen ihn geworden, ſeitdem ihre Künſte an ſeiner Tugend ge⸗ ſcheitert waren. „Wie iſi's mit der widerſpenſtigen Dirne?“ fuhr ſie den Hauptmann an.—„Iſt ſie zu ihrer Pflicht zurückgekehrt?“ „Nach Euerm Befehl;“ antwortete Herbenſtein kalt und ruhig. 6 „Es iſt ein Unglück, daß meine Befehle erforderlich wer⸗ den, wenn es darauf ankömmt, Sitte und Zucht zu bewah⸗ ren;. fuhr Sibylle fort,..„daß nicht das eigne Gefühl hinreichend iſt, gewiſſe Frauen zu lehren⸗ verlaufene und ſchamloſe Geſchöpfe aus dem Hauſe zu weiſen, das einem fleckenloſen Fürſtenpaare zur Wohnung dient.“ Herbenſtein antwortete auf den Ausfall nur mit einem durchdringenden Blicke. Die Markgräfin wollte ihn aber * den ganzen Stachel ihres Grolls empfinden laſſen, und ſprach daher weiter: „Euere Hausfrau hat gewiß viele Thränen um den Ver⸗ luſt der Freundin vergoſſen? Nicht wahr?“ „Engeltrude war nie die Freundin der Frau von Her⸗ benſtein,“ entgegnete der Hauptmann ſtolz;...„doch be⸗ dauert dieſe mit Recht den Verluſt einer treuen Dienerin.“ „Und ſpeit wohl Feuer und Flammen gegen mich?“ fiel Sibylle ein.„Vortrefflich... läugnet es nicht ich kenne die Empfindſamen. Sie werden zu erzürnten Hexen, wenn man ihnen die Puppe raubt. Ich verarge es auch Euerer Hausfrau nicht im Geringſten, wenn der Dirne Ent⸗ fernung ihr zu Herzen geht. Gleich und gleich geſellt ſich ja ſo gerne.“ „Frau Markgräfin!“ rief Herbenſtein betroffen, und trat einen Schritt zurück.—„Frau Markgräfin! was ſoll das?“ „Was bedeutet dieſe Frage?“ entgegnete die Markgräfin ſpöttiſch.„Macht Ihr doch Miene, als ob ich mit dem Degen in der Fauſt Euch Rechenſchaft zu geben hätte. Gu⸗ ter Herbenſtein! vermochte eine ſo lange Ehe nicht, die Flammen Euerer zärtlichen Liebe zu mäßigen? Seyd Ihr noch immer der ſtreitbare Paladin für Euere Dame? Das nenne ich doch Liebe, das nenne ich Treue.“ „Wohl liebe ich die Dame meines Herzens inniger als Euch lieb iſt, gnädigſte Frau!“ verſetzte Herbenſtein; durch ihren Syott noch mehr gereizt,...„und darum noch ein⸗ mal: zu was Euer Hohn gegen eine Frau, die meine Gättin iſt?.. verſteht Ihr mich?... meine Gattin!“ „Iſt ſie es,“ antwortete die Markgräfin mit kalter Ver⸗ achtung,...„ſo werdet Ihr am beſten wiſſen, wie weit die Vergleichung treffend iſt, die ich zwiſchen ihr und einer ihrem älterlichen Hauſe entlaufenen Dirne anzuſtellen mich erkühnte. Noch mehr, mein ſtölzer Herr von Herbenſtein!... fuhr ſie triumphirend fort,..„ich erzeige Frau Marie noch viele Ehre und Schonung, wenn ich ſie mit Engeltruden in eine Reihe ſtelle, die doch weder einem Buhlen viele hun⸗ dert Stunden nachgelaufen, noch von einem Baſtard gene⸗ ſen, noch aus Ulm gepeitſcht worden iſt.“ Hohnlachend trat ſie an's Fenſter. Herbenſtein war ver⸗ nichtet von der hölliſchen Bosheit; den Ort vergeſſend, an dem er ſich befand, wie die Frau, die ihn ſo empfindlich beleidigt hatte, griff er wild an das Schwert. Sibylle zog jedoch kaltblütig die Glocke. „Laßt die Waffen ruhen, edler Ritter,“ ſprach ſie, ihren Sieg unbarmherzig benutzend,„und dankt Gott, daß keine Turniere mehr gehalten werden. Ich hätte ſonſt wohl noch das Leidweſen, meinen Ehrenwächter, ſeiner Verbindung wegen mit der unzüchtigen Bürgerdirne aus den Schranken weiſen zu ſehen. Bringt den Schloßhauptmann zu Bette, ſetzte ſie, zu den eintretenden Dienern gewendet, hinzu... „er redet irre, und ich fürchte für ſeine Geſundheit.“ Sie überließ, hinweggehend, den niedergedonnerten Her⸗ benſtein den Dienern, die ihn, der ſich bewußtlos leiten und führen ließ, todtenbleich und in den Schauern der heftigſten Bewegung nach ſeiner Wohnung brachten. Aengſtlich forſchte Marie nach der Urſache dieſer plötzlichen Unpäßlichkeit.. Herbenſtein winkte ihr aber, die Leute zu entfernen, und nachdem die Neugierigen hinweggegangen waren, warf er ſich troſtlos in einen Seſſel, verhüllte das Geſicht und über⸗ antwortete ſich dem lebhafteſten Schmerze.„Ich bin 175 beſchimpft, gebrandmarkt auf ewig!“ rief er außer ſich.. „meine Ehre iſt dahin durch die Bosheit eines verbuhlten Weibes, die ich beleidigte! Weil ich der Schlange nicht ſchmeichelte, verwundet ſie mich tödtlich, mich und Dich, meine arme Marie!— Warum iſt ſie kein Mann? Warum darf ich ihr nicht, den Degen an der Gurgel, den Widerruf. ihrer Schmähungen abpreſſen?„. Und doch.. iſt nicht alles Wahrheit, was die Elende ſagte? eine auf die giftigſte Weiſe mißbrauchte Wahrheit?“— „O meine gute Marie!“ fuhr er fort, die Wangen der neben ihm Knicenden liebreich ſtreichelnd...„warum biſt Du ſo tugendhaft, warum ſo ſtill und fromm? müſſen nicht die Teufel neidiſch Deine Unſchuld begeifern?“ Er ſprang auf, ſchritt heftig im Zimmer auf und ab.— „Beim Himmel!“ fuhr er fort,„es ſoll anders werden. Wir wollen fort! fort aus der Nähe dieſes böſen Weibes. Fort, nach der Schweiz, nach Helvetien, wo die Menſchen freier, ungebundener leben, weniger eingeſchnürt von Adelsproben und fürſtlichem Hochmuth. Bis zur Rückkehr des Markgra⸗ fen feſſelt mich mein Dienſt; heute oder morgen erwartet man ihn. Ich lege mein Amt nieder, und ungetrübte Hei⸗ terkeit ſoll uns folgen auf den friedlichen Meierhof, den ich im lieblichen Aargau beſitze, ein altes Erbe meines Ge⸗ ſchlechts. Trockne alſo Deine Thränen, Marie. Den un⸗ menſchlichen Gebräuchen und Geſetzen unſers Landes zum Trotz, fern von neidiſchen Verlcumdern, werden wir noch frei, noch glücklich ſeyn.“ Ein altes Sprichwort ſagt:„Kein Unglück kömmt allein.“ Es bewährte ſich hier. Kaum hatten die wackern Eheleute ihr Haupt wieder erhoben, das der böſe Geiſt des Haſſes 175 —— unter ſein Joch gebeugt, ſo brach auch ſchon ein neues Un⸗ heil herein.— Pinzingers Knabe, Matthias, ſtürzte in die Stube mit lautem Geheul und Geſchrei. Herbenſtein fragte nach der Urſache dieſes wahnwitzigen Treibens; und erſt nach langem Zögern und Klagen that der Unglücksbote die Nachricht kund, welche dem Hauptmann und ſeiner Gattin das Herz brechen ſollte. Wir ſpielten auf der Wieſe, berichtete der athemloſe Matthias, Rüſtmeiſters Bube, Euer Hermann und ich. Wir hieben tapfer auf einander los, mit unſern hölzernen Schwer⸗ tern, und hatten uns bereits tüchtig zerbläut, als Rüſtmei⸗ ſters Ruppert Euerem Sohne eins auf die Hand verſetzte, daß ihm die Waffe entſiel, und er die verletzte Rechte ſchlen⸗ lernd, wie man im Schmerz es zu thun pflegt, zu der Bank unter den Kirſchbäumen ſchlich. Dort ſtanden indeſſen zwei Männer, fremde Wandrer ohne Zweifel, die unſerm Gefechte zugeſehen hatten. Als nun Euer Hermann ihnen näher tömmt, tritt ihm einer derſelben entgegen, und Euer Sohn fährt mit einemmale zurück, als hätte ihn eine Otter geſto⸗ chen; er ſchreit und will gegen uns, die wir, über den hef⸗ tigen Streich, den er erhalten, beſtürzt, in der Wieſe zurück⸗ geblieben waren, heranlaufen, fällt aber unglücklicher Weiſe über einen Stein oder eine Baumwurzel, die ihm im Wege lag. Darauf erwiſcht ihn der eine Fremde wie ein Wolf beim Gürtel, ſchleudert den großen Jungen wie einen Ball dem Begleiter zu, und dieſer wirft ihn auf die Schulter. Wir laufen ſchreiend herbei. Indeſſen legt der Erſte eine Büchſe auf uns an, und während wir im Anfang verſteinert ſtehen, und darauf, für unſer Leben zitternd, abwärts in die Wieſe fliehen, trägt der Räuber unſern Hermann wie im Fluge davon, und der andere, der uns drohte, folgt ihm ſo ſchnell, daß er ſchon lang uns aus dem Geſichte war, als wir wieder auf die Heerſtraße gelangten.“ „Mein Hermann!“ ſchrie Marie mit Jammertönen.„Mein einziges Kind! Auch er dahin; auch er meiner Zärtlichleit entriſſen!“— Der Schmerz warf ſie ohnmächtig zu Boden. Herbenſtein empfand nicht minder lebhafte Erſchütterung von der Schreckensbotſchaft; allein ſein aufſteigender Grimm dämpfte das Leid. In wilder Haſt rannte er nach den Ställen, befahl den wenigen Knechten aufzuſitzen, ſein lieb⸗ ſtes Kleinod ihm zu retten, und eilte dann hinauf in das Gemach der Markgräfin, die er allein für die Urheberin der Frevelthat anſah. Die Fürſtin erſchrack, als ſie ſein leichen⸗ vlaſſes Geſicht, ſeine heftige Verſtörung anſichtig wurde.— „Weib!“ donnerte er ihr entgegen.„Teufel, in Purpur ge⸗ kleidet! gieb mir mein Kind wieder, das Du mir rauben ließeſt, Schändliche, um mich und meine Gattin, die Du verabſcheuſt, weil ſie eine Heilige iſt gegen Dich, mit Jam⸗ mer in die Gruche zu ſtürzen! Niederträchtige, ſchaffe mir den Sohn wieder, und ich will Dir alle Läſterungen verge⸗ ben, die Du gegen mich ausgeſtoßen; alle Schmach ſogar, die Du auf das Haupt meines unſchuldigen Weibes gehäuft haſt! Weigerſt Du Dich aber, ſo will ich meinen Degen in Deinem Herzen umkehren; denn ein ſchwärzeres, ruchloſeres als das Deine hat die Erde noch nicht getragen!“ Er riß auch wirklich in blinder Wuth die blitzende Klinge aus der Scheide und ſchritt drohend auf Sibyllen los. Al⸗ lein der Schreck gab derſelben, die von der unerwarteten Anklage verſteinert an den Boden gewurzelt geſchienen hatte, 1 3. 12 178 Flügel, und ſie entrann, eine Thüre nach der andern hinter ſich zuwerfend und verriegelnd, der drohenden Lebensgefahr. Unten im Hofe ward indeſſen Hufſchlag laut, und das haſtige Treiben der Dienerſchaft, wie das luſtige Geſchmetter der Trompeten verkündete die Heimkehr des Markgrafen von Burgau. Ueuntes Rapitel. Malet die Wollüſt.. Nur malet den Teufel dazu. Schiller. Der Markgraf, durch zahlreiche Wunden veranlaßt, dem Feldlager den Rücken zu kehren und einein Kampfe Valet zu ſagen, in dem keine Lorbeern zu ärndten waren, und welchem auch in der That kurze Zeit darauf der nicht ſehr ehrenvolle Wienerfriede, worinnen der Erzberzog Matthias, knirſchend vor Unmuth, durch des Kaiſers unbezwingliche Trägheit jedoch genöthigt, dem Hauſe Oeſterreich viel ver⸗ geben mußte, ein Ende machte, ſah ſich bei ſeiner Heim⸗ kehr von häuslichen Stürmen umgeben, von Herbenſteins Klage gegen die Markgräfin, die er, ihm ſein Kind entwen⸗ det zu haben, beſchuldigte, empfangen. Der Fürſt, ohnedieß nicht zum beſten gegen ſeine Gemahlin geſtimmt, hörte mit — — —,———— 179 Schaudern dieſe Anſchuldigung aus dem Munde Herben⸗ ſteins, den er für einen rechtſchaffenen Mann zu halten un⸗ umſtößliche Gründe hatte. Noch mehr Gewicht gab derſelben die Verzweiflung der Mutter, die ſchier von Sinnen gekommen war und unzuſammenhängend ſprach,. ohne indeſſen die urſache ihres Schmerzes zu vergeſſen... den Verluſt ihres Kindes. Die Ankunft eines unter jeden andern Umſtänden willkommenen Gaſtes ſogar vermochte nicht, ihre Betrübniß zu zerſtreuen, kanm ſie in etwas zu lindern. Miguel Verde nämlich, ihr Vater, war auf ſchnellen Schiffen zurückgekom⸗ men nach Europa, nachdem er Herbenſteins und ſeiner Toch⸗ ter Schreiben auf Cuba empfangen. Er glaubte, durch ſeine Ankunft in des Eidams Hauſe Freude zu verbreiten, und fand Trauer und Thränen darinnen heimiſch. Den ungeſtümen Caſtilianer empörte der Markgräfin Betragen, das ihm Herbenſtein mittheilte, die Schmähungen, die ſie gegen Marien ſich erlaubt hatte, und er entrollte vor des Tochtermanns Augen einen großen Stammbaum, welcher gründlich darthat, daß nur unverſchuldetes Unglück das Ge⸗ ſchlecht der Verde aus den Vorderreihen des zahlreichen Adels Caſtiliens verdrängt hatte.—„Ich war zu ſtolz,“ ſagte Miguel,„um, mein Wappen auf dem Kleid und den Degen an der Seite, wie meine Landsleute zu thun pflegen⸗ an der Feuereſſe und am Ambos zu ſtehen, und zog nach Antwerpen, meinen Adel verläugnend. Da ich mir nun aber ein anſehnliches Gut erworben durch meinen Fleiß und den Beiſtand der heiligen Jungfrau, und obendrein das Glück genieße, einen Mann von altem Stamm und Ehren und von der römiſchen, alleinſeligmachenden Kirche Eidam nennen zu dürfen, ſo verzeihe ich 6 meiner Tochter, 12½ 180 deren Verſtoßung ich oft bereut habe, und ſuche meinen Stammbaum wiederum hervor, damit Ihr, Herr von Her⸗ benſtein, Euch meiner Tochter nicht zu ſchämen habt, ſintemal ihr Stamm wohl noch älter als der Euere ſeyn dürfte. Um deſto weniger bin ich aber geſonnen, die Beleidigungen ge⸗ laſſen hinzunehmen, die eine deutſche Markgräfin der Donna Maria de Verderia 9 Menos zugefügt hat. Denn wenn es auch von Gott zugelaſſen wurde, daß meine Tochter ſich ver⸗ geſſen, ſo iſt doch ihre Ehre glänzend hergeſtellt durch die Verbindung mit Euch, und ihr erſter Sohn, der nach der Geburt geraubt worden, iſt, wenn er noch lebt, nach ſpa⸗ niſcher Sitte und Herkommen, ein tadelfreier Hidalgo von Rechtswegen. Dieſelben Gründe brachte er mit der Gravität und dem Adelſtolze, die ſeiner Nation angeboren ſind, vor den Mark⸗ grafen, und forderte dringend die Unterſuchung der Sache, die Ehrenrettung ſeiner Tochter.— Die Markgräfin wies jedoch alle Beſchuldigung von ſich, läugnete hartnäckig jede Theilnahme an dem Raub des Knaben, und forderte Rache für die Drohungen und Schmähreden, die Herbenſteins Wuth gegen ſie ausgeſtoßen hatte. Ihr Gemahl hatte jedoch ſo viel Mißtrauen und Argwohn gegen ihre Aufrichtigkeit ge⸗ faßt, daß er ſie mit rauher Geberde und Rede in ihre Kam⸗ mer wies und ihr noch einen halben Tag Bedenkzeit zuge⸗ ſtand, um zu bekennen, oder ferner auf dem Läugnen zu beharren; zu gleicher Zeit gebot er aber auch ihren Anklä⸗ gern, dieſe Zeit zu benutzen, um Beweiſe für ihr Vorgeben beizubringen, widrigenfalls ſie ihre Sache verloren geben müßten. Da ihm indeſſen Menſchlichkeit nicht fremd war, ertheilte er die nöthigen Befehle an alle Amtsleute und 181 Vaſallen ſeines Gebiets, die ſtrengſten Streifen anzuſtellen, um den geraubten Knaben ſo bald als möglich in die Arme ſeiner troſtloſen Eltern zurückzubringen. Die Markgräfin wüthete, in ihrem einſamen Cloſet ver⸗ borgen, gegen Herbenſtein, Marien und ihren eigenen Gat⸗ ten, den ſie von jeher als ihren ärgſten Feind betrachtet hatte. Weinend vor Grimm, der Gegenſtand einer Anklage zu ſeyn, die ihr völlig fremd war, und Entwürfe der Rache bildend, lag ſie auf ihrem Ruhebette, und glaubte nur die ſtille Dämmerung zum Zeugen ihrer Thränen zu haben,. da öffnete ſich leiſe eine Thür in dem Getäfel und ein mit den verborgenen, zum Gemach Sybillens führenden Treppen wohl und genau vertrauter Mann ſchlich durch dieſelbe herein. Die Markgräfin ſtaunte den Verwegenen an, den ſie Mühe hatte, zu erkennen. Prinz Bernhard war's, im Reiſegewand, bewaffnet. Scheu und lauernd flogen ſeine Blicke umher; eine auffallende Bläſſe deckte ſeine verfallenen Wangen, auf denen die Sünde das Regiſter ihrer ſchauder⸗ haften Folgen aufgeſchlagen hatte. Die Augen waren ver⸗ glimmend in ihre Höhlen eingeſunken; die Stimme klang heiſer und krächzend; keuchend hob ſich die Bruſt, und die ſtete zuckende Unruhe in den abgezehrten, fleiſchloſen Glie⸗ dern machte das Schreckbild der belohnten Ausſchweifung fertig. Der Markgräfin ſagte ein einziger Blick, der den Fremdling von dem kahl werdenden Scheitel bis zu den wankenden Füßen maß, welch abſcheulicher Gaſt ſich herein⸗ gedrängt hatte. Sie ſprang erzürnt auf und fragte mit Hoheit nach ſeinem Begehr. Bernhard ließ eine Zeit lang den wüſten Blick auf ihrer Geſtalt haften, lachte dann höh⸗ niſch, und ſprach, vom trockenen Huſten häufig unterbrochen: 80 „Ich bin's, Liebchen! kennſt Du mich nicht mehr?'s iſt doch nicht ſo lange, ſeit wir ſchieden!“ „O, daß Ihr nie wieder gekommen wär't!“ entgegnete Sybille, mit Eckel das Auge abwendend.„Menſch! was iſt aus Euch geworden? welche Hülle ſchleppt Ihr mit Euch herum, in der der Tod ſich eingeniſtet zu haben ſcheint? Ich kenne Euch nicht mehr.“ „Die Freundin kennt den Freund nicht mehr?“ wieder⸗ holte Bernhard hämiſch, die kalten Hände an einander rei⸗ bend;—„der Welt Lauf!— Das kümmert mich nicht. Doch unſere Neigung ſollte feſter halten,.. die Euere mir nicht zürnen, daß ich ein Opfer der Liebe gewor⸗ den bin.“ „Abſcheulicher!“ rief Sypbille.„Ihr wagt es. Euer ſchamloſer Mund erkühnt ſich, mich an eine Zeit zu mahnen, die mich ſchändet? den Namen eines Gefühls zu mißbrau⸗ chen, das Ihr nie gekannt habtz... Euch mit der Schmach zu brüſten, die Ihr mit Euch herumtragt?“* „Spart Euere Vorwürfe zu gelegener Zeit,“ lächelte Bernhard kalt und verächtlich.„Mir thut Hülfe Noth, keine Strafpredigt, die aus Eurem Munde mir nur lächerlich vor⸗ tömmt. Ich bin gezwungen, Deutſchland zu verlaſſen. Die Mißgunſt meiner Neider hat meine Ehre, die Niederträch⸗ tigkeit meines Schwagers und meiner Verwalter— mein Vermögen zu Grunde gerichtet. Unter Frankreichs Fahnen hoffe ich wieder emporzutauchen aus dem Strudel des Un⸗ glücks; in der mildern Luft der Provence mich zu erholen von dem Uebel, das Kummer und Widerwärtigkeit...“ hier verzog der Böſewicht den Mund zu giftigem Lächeln,.. „der Gram um Euern Verluſt mir zugezogen hat. Gedenlt 183 des alten Bundes, öffnet Euer Sparkäſtlein, theilt mir das Nöthige mit, die Reiſe unternehmen zu können. Mein Ge⸗ bet wird es Euch tauſendfach erſetzen“ „Weiß mein Gemahl um Eure Anweſenheit?“ fragte Sibylle ſchnell. „Bewahre der Himmel!“ antwortete Bernhard.„Er iſt mir Feind geworden, darf nicht ahnen, daß ich es gewagt⸗ auf dem, wie Ihr wißt, wohl bekannten Wege bis zu Euch zu dringen. Ich ſuchte auf einer andern Straße ihm zu⸗ vorzukommen; allein trotz aller Eile mußte ich ſeinen ſchnel⸗ lern Pferden den Vorſprung laſſen. Indeſſen fürchtet nichts. So leiſe, als ich kam, entſpringe ich auch wieder dieſem Hauſe, und Eure Ehre iſt gerettet.“ Nach einigem Beſinnen eilte die Markgräfin zu dem zier⸗ lichen, mit Elfenbein und Silber eingelegten Käſtlein, das ihren Spar⸗ und Nothpfennig enthielt,... nahm einen ſchweren Beutel heraus, reichte ihn mit abgewandtem Ant⸗ litze dem vornehmen Bettler, und winkte ihm, ſich zu ent⸗ fernen. Der entartete Sohn eines erlauchten Stammes, frecher als der gemeine, lumpenbedeckte Allmoſenjäger, warf einen geringſchätzenden Blick auf den goldſchweren Beutel, zuckte die Achſeln und erwiederte:„Mich dünkt, Frau Markgräfin, daß Ihr Euch nicht zu großmüthig bewieſen;... ich brauche mehr.“ Sibylle maß ihn mit ſtummem Erſtaunen, riß das Käſt⸗ lein wieder auf, warf dem Ueberläſtigen noch eine Börſe zu und bedeutete ihm heftiger zu gehen— Der Unhold ſchob aber langſam das Gold in die Taſche und ſprach mit grau⸗ ſamem Spott:„So wäre dieſes geſchlichtet, gnädigſte Frau⸗ 184 und ich gehe auf der Stelle. Wollet mir den Abſchiedskuß nicht verſagen?“ Die Markgräfin ſtutzte über die ungeheure Frechheit und drehte ihm den Rücken. Er ergriff jedoch mit ſeiner kalten, feuchten Hand die lebenswarme der ſchönen Frau, welche ſich wild von dem ſchauderhaften Zwang befreite, und ſpot⸗ tete:„Sperrt Euch doch nicht alſo, liebenswerthe Sibylle. Dieß Gemach war oft Zeuge unſerer Küſſe, und den letzten von Euern Kirſchenlippen zu rauben iſt mir mehr werth als dieſes Gold, als meine Seligkeit.“ „Weicht von mir, Unverſchämter!“ drohte die Markgräfin und bewegte die Hand nach der Schelle. Bernhard lachte laut auf. „Ruft doch Eure Diener!“ ſprach er tückiſch.„Verrathet Euch ſelbſt! Mit dem Degen in der Fauſt bahne ich mir einen Weg in's Freie; Ihr bleibt aber der Sbande über⸗ laſſen.“ „Gott im Himmel!“ klagte Sibylle.„Lohnt ſich alſo eine Verirrung? Geht von hinnen, Entſetzlicher!“ „Nicht ohne den letzten Kuß!“ erklärte der Prinz be⸗ ſtimmt und feſt...„Er ſey das ſchönſte Kleinod, das ich dieſem Hauſe entführe.“ „Um der heiligen Mutter willen!“ rief Sibylle mit Thrä⸗ nen der Angſt, beide Hände abwehrend vorſtreckend.„Seyd barmherzig! bedenkt was Ihr thut! Mit Euern verpeſteten Lippen wollt Ihr die meinigen berühren?“ „Ei! ei!“ erwiederte halb höhnend, halb ergrimmt der Prinz.„Gilt Euch der Geliebte weniger, weil ſeine Wan⸗ gen bleicher, ſeine Augen minder feurig geworden ſind? ziert Euch doch nicht! Trat auch Herbenſtein an meine Stelle...“ 185 „Schweige, Läſterzunge!“ fuhr Sibylle wild auf, und ihr Geſicht ward von hellen Flammen überzogen.„Nenne dieſen Namen nicht. Begeifere nicht meine Ehre und meinen Ruf!“ „Straft doch die Welt Lügen!“ verſetzte Bernhard raub. „Ihr war't mir untren mit Herbenſtein, habt ſeiner Gattin den Sohn ſtehlen laſſen, um ihr heim zu helfen. Läugnet das alles, wenn Ihr könnt. Ich ließ Euch nicht unbewacht zurück; mein treuer Nepomuk hat mir alles haarklein be⸗ richtet.“ „Wie?“ rief die Markgräfin ſchaudernd...„der alte Heuchler, der in Eurer Abweſenheit gehalten wurde, wie einer der Meinigen... er konnte ſich erfrechen... „Er ſprach die Wahrheit,“ fuhr Bernhard fort,„und ich will's behaupten auf Tod und Leben! Sträubt Euch daher nicht länger, und ſpendet mir den Verſöhnungskuß!“ Er umfaßte, durch den langen Widerſtand zu üppiger Luſt hingeriſſen, den ſchlanken Leib der Fürſtin und wollte mit Gewalt ihr den verſagten Kuß entreißen. Die Mark⸗ gräfin ſchrie heftig auf. Im gleichen Nu öffnete ſich die Thüre, durch welche Bernhard eingedrungen war⸗ und der Markgraf erſchien, wie ein zürnender Gott der heidniſchen Unterwelt, auf ihrer Schwelle. Sibylle floh an ſeine Bruſt. Er ſtieß ſie zurück, und hinderte den Prinzen⸗ durch die große Pforte zu entfliehen. „Bleibt!“ zürnte er ihm entgegen.„Euer Helfershelfer, der argliſtige Böhme, iſt ſchon in Pinzingers treuen Hän⸗ den! Im Begriff, die an den Tag gekommene Unſchuld meiner Gattin öffentlich vor aller Augen kund zu machen⸗ ging ich den Uebrigen voraus, die in Kurzem hier erſcheinen werden, um der Markgräfin das angethane Unrecht abzu⸗ bitten, und erblickte von ferne den als Wächter vor dieſer Thüre ſtehenden Diener. Von einer Ahnung beſeelt, änderte ich meinen Weg, kieß durch Pinzinger den Gehülfen Eurer Erbärmlichkeit verhaften und kam über die geheime Treppe hieher, wo ich fand, was ich vermuthete, wo ich. mein Ohr zum erſtenmale zum Lauſchen erniedrigend, Dinge hörte, die mein Blut zu Eis gerinnen machen und den Sanftmü⸗ thigſten der Menſchen in Grimm und Wuth jagen würden.— Sibylle, Du konnteſt mich ſo ſträflich hintergehen?“—„Mein Gemahl!“ wimmerte Sibylle zu ſeinen Füßen.„Dieſer Böſe⸗ wicht. er lügt, um mich zu verderben!“— Der Mark⸗ graf warf einen fragenden Blick auf den Prinzen und ſetzte erwartend den ſchweren Leuchter, den er in der Hand trug, auf den Tiſch.— Bernhard, kein Mittel ſehend, der ver⸗ zweifelten Lage zu entkommen, waffnete ſich mit der kühnen Frechheit ſeines verworfenen Gemüths. „Alles, was ich ſagte und was Ihr gehört haben mögt,“ erwiederte er trotzig...„das behaupte ich und lebe und ſterbe darauf!“ „Nun, ſo behauptet es auch vor dieſen Zeugen, die zum Theil mit in den Prozeß eines ſittenloſen Weibes gehören,“ verſetzte der Markgraf, während ſich die Pforte aufthat, und der Herr von Herbenſtein, den kleinen Hermann an der Hand, Miguel de Verderia, Pinzinger mit dem ſchneeblei⸗ chen Nepomuk, und ein Unbekannter in weitem ſchwarzem Gewande, mit dichtem Bart und langem Haarwuchs, ein kurzes Schwert an der Seite und einen breiten Hut auf dem Kopfe, begleitet von einigen Kerzen tragenden Dienern, hereinkamen. Nachdem die letztern ſich entfernt, der Markgraf 187 und Pinzinger alle Thüren und Fenſter geſchloſſen hatten⸗ nahm der Herr von Burgau das Wort:„Herr von Herben⸗ ſtein!“ ſprach er,„Don Mignel de Verderia! ihr habt großen Fehl begangen an der Markgräfin von Burgau, meiner Gemahlin. Sie iſt nicht ſchuldig des Raubs, deſſen ihr ſie vezüchtigt habt; Doctor Kynaedos, der hier gegenwärtig⸗ hat den Knaben aus Räubershand errettet, und ſeine Aus⸗ ſage ſpricht die Markgräfin frei.“ In dem Fremden erkannte die Markgräfin alſobald, trotz der großen Veränderungen, die in ſeinem Antlitz und ſeiner Geſtalt vorgegangen waren, eine gefürchtete Erſcheinung— „Archimbald!“ ſeufzte ſie ganz leiſe und niemand vernehm⸗ lich.„Ich bin verloren!“ ſetzte ſie hörbarer hinzu. „Das ſeyd Ihr nicht, gnädigſte Frau,“ antwortete Ar⸗ chimbald ruhig und mit bedeutendem Blick.„Ein Zufall machte mich zum Herrn dieſes Knaben. Ich habe ihn ſeinem Räuber, einem Zigeuner, glücklich abgejagt; der Burſche hat mir bekannt, daß nur die Hoffnung eines reichen Löſe⸗ gelds ihn zu dieſer Frevelthat bewogen. Ihr ſeyd gänzlich rein von ihr, und Fon habe ich Eure Ankläger hinreichend überzengt.“ „Wir ſind's!“ riefen Herbenſtein und Miguel, das Knie vor der Markgräfin beugend.„Wollet uns vergeben, daß wir in der Wuth unſers Schmerzes an Euch ſchwer geſün⸗ digt haben.“ Die Markgräfin, vernichtet und voll Angſt für die Zu⸗ lunft, winkte ihnen gnädig, ſich zu erheben, und ſprach mit ſchwacher Stimme:„Irren iſt menſchlich. Ich vergebe euch, evle Herren, und fordere euch auf, mit mir vereint Gott zu 188 bitten, alle meine Verleumder Lügen ſtrafen und meinen Richter ihre Lügen durchſchauen laſſen zu wollen.“ Der Prinz lächelte verlegen; denn Archimbalds Nähe, deſſen Stimme ihm denſelben verrathen hatte, war auch ein Gegenſtand ſeiner Furcht. Der Markgraf entgegnete finſter:„Euer Richter, Frau Markgräfin, war nie ungerecht. Verlaßt Euch darauf. Ihr aber, edle Herren, mögt wiſſen, von was hier die Rede ſeyn ſoll. Herbenſtein iſt mitbeſchuldigt, der Prinz iſt Kläger, wie ſein Diener Nepomuk. Don Miguel iſt Spanier, Pin⸗ zinger ein treuer Anhänger meines Hauſes! ihre Gegenwart bringt keinen Nachtheil... ſie werden ſchweigen. Der gelehrte Doctor Kyngedos mag der Markgräfin beiſtehen, wenn ihre Kräfte ſie verlaſſen ſollten während der Verhand⸗ lung, und Zeuge ſeyn, wie ein deutſcher Fürſt ſeine Ehre und die Ehre ſeiner Hausfrau wahrt und ſchirmt.“ Kynaedos trat zu der Markgräfin. Sie flüſerte ihm zu: „Schrecklicher, kömmſt Du, mich zu verderben?“—„Euch zu retten!“ entgegnete er ebenſo, und war wieder unbefangen aufmerkſam auf das Geſpräch.— Der Markgraf ſetzte in Kürze auseinander, welche Beſchuldi“ zen der Prinz, im Verein mit Nepomuk, gegen die Markgräfin vorgebracht hatte, und wie er ſich erboten, dieſelben gegen jedermännig⸗ lich zu behaupten. Herbenſtein erglühte von edelm Unwillen, und ſehnlich wünſchend, ſein Unrecht an Sibyllen wieder gut zu machen, ſchwieg er nicht allein von den Lockungen, die ſie an ihm verſchwendet hatte, ſondern erklärte ſich bereit, im Zweikampf für ihre Unſchuld zu ſtreiten.— Der Prinz, vom Markgrafen aufgefordert, raffte alle Frechheit, deren er fähig war, zuſammen, um mit Nachdruck zu antworten, allein“ 189 Kynaedos trat vor und bat den Markgrafen um Erlaubniß, einige vertraute Worte mit dem Prinzen und ſeinem Diener ſprechen zu dürfen, die dazu beitragen würden, die Sache aufzuklären. Der Markgraf bewilligte es ihm ſtaunend, und Archimbald wendete ſich zuerſt. an Nepomuk:„Unglücklicher!“ flüſterte er ihm ganz leiſe und drohend zu,„wagſt Du es, die Markgräfin mit einem Worte nur zu beſchuldigen, ſo ent⸗ decke ich dem Gatten derſelben, daß Du Morbdrand an Wo⸗ rosdar verübt haſt.... Läugne nicht! ich weiß es von Elias, daß Du in jener Nacht, als Ludmille entführt wer⸗ den ſollte, heimlich Feuer einlegteſt, um alle Schuld von Dir zu ſchieben,. und daß dieſes Feuer überband nahm, als Du gefeſſelt in's Loch geworfen wurdeſt und nimmer Gelegenheit hatteſt, es unvermerkt zu löſchen. Du wirſt verbrannt; denn der Markgraf wird Dir kein gnädiger Richter ſeyn. Widerrufſt Du aber, ſo rette ich Dein elendes Leben.“— Der zitternde Sünder gelobte Alles. Nun kehrte ſich Archimbald zu dem Prinzen, der ihn ſcheu von der Seite anſtarrte.„Schurke!“ raunte er demſelben in's Ohr,„Du biſt ein verlorner Mann, wenn ich meinen Schwur erfülle, Dich zu verderben. Deine Ehre ließeſt Du in Mähren; Dein Leben mußt Du hier laſſen, ſobald ich will; denn es iſt verwirkt. Prapowick hat vor ſeinem Ende bekannt, in Baſta's Gegenwart bekannt, wer ihn zu Iſabellens Mord gedungen. Ungeheuer! ſep auf Deiner Hut! Nimmſt Du nicht alles zurück, was Du gegen die Markgräfin zu klagen Dich un⸗ terſtanden haſt, ſo überliefere ich Dich dem Henkerbeil oder würge Dich mit eigener Fauſt. Bekennſt Du hingegen⸗ daß Du Dich übereilt, daß Du gelogen,..—.. ſo magſt Du 190 ungeſtört Deines Weges ziehen und fern vom Vaterlande Dein vergiftetes Daſeyn enden.“ Hierauf trat Archimbald zurück, und der Markgraf hörte mit ſteigender Verwunderung und Zufriedenheit, wie Nepo⸗ muk förmlich Widerſpruch leiſtete, und der Prinz, in der äußerſten Verwirrung, einen Schwall von Worten häufte, welche am Ende alle darauf hinausliefen, zu bekennen, er habe ſich übereilt, Eiferſucht habe ſeine Augen geblendet, und es ſey nur Ruhmredigkeit geweſen, die ihn von einem frühern Einverſtändniß mit der Markgräfin habe prahlen laſſen. Er betheuerte, nur der Zufall trage die Schuld die⸗ ſes, ſeines letzten Beſuchs bei der Fürſtin, welche nichts von ſeiner Ankunft gewußt,... und bat ſchließlich, der Mark⸗ graf möchte ihm und ſeinem Diener den freien Abzug be⸗ ſtätigen, den ihnen der Arzt verſprochen habe. Staunte der Markgraf, ſo war Sibylle noch weit mehr ergriffen von allem, was ſie ſah und hörte. Sie, die ſich verloren glaubte, war gerettet, von dem gerettet, den ſie verderben wollte! Kynaedos blieb kalt und ruhig und bat den Markgrafen, die falſchen Ankläger aus der Nähe zu entſernen, um nicht ihr Gemüth ferner zu erſchüttern und unangenehm zu bewegen. Der Fürſt wendete ſich ſofort zu dem Prinzen...„Ihr liefert den Beweis,“ ſprach er ver⸗ ächtlich, wie ſehr ein entarteter Sprößling berühmten Stam⸗ mes von der Ehre ſeiner Ahnen abzuweichen im Stande ſey. Dennoch verdankt Ihr dieſem Stamme, den Ihr ſchändet, wie dem Wort, das Euch der Doctor hier in meinem Namen gab, Euer Heil und Euer Leben. Denn nichts Geringeres gebührt dem frechen Verleumder eines fürſtlichen Haupts, als Todesſtrafe. Entfernt Euch aber, belaſtet mit meiner 191 6 Verachtung, unverzüglich aus meinem Gebiete, denn nicht zum Zweitenmale ſchützt Euch der Name Eueres Hauſes.“ Der Prinz ließ ſich die drohende Weiſung nicht wiederholen und entſernte ſich eiligſt mit dem Schelmen Nepomuk. Als die Böſewichter hinweggegangen waren⸗ holte der Markgraf leichter Athem, umarmte Sibyllen, vrückte allen nach der Reihe vergnügt die Hände und rief:„Die Luft iſt rein! dem Himmel ſey Dank! die Sache endete beſſer, als ſie be⸗ gann! Aber, mein gelehrter Doctor, durch welche geheime Künſte habt Ihr's bewirkt, daß jene Buben in ſich gingen? Und wie kann ich, wie kann mein Ehegemahl Euch dankbar ſeyn?“ „Ein Arzt kennt genau, welche Saiten er in des Menſchen Bruſt berühren muß, um zu ſeinem Zweck zu wirken antwortete Archimbald.„Darinnen liegt mein ganzes Ge⸗ heimniß. Eueres Danks bedarf ich nicht. Ich habe ihn nicht verdient, weil nur der Zufall und ein gewiſſes Vorurtheil gegen die Verleumder mir die Mittel an die Hand gaben, ihnen kräftig beizukommen.“ „So werdet Ihr doch zum mindeſten den dankbaren Hän⸗ dedruck eines deutſchen Fürſten und die Einladung nicht ver⸗ ſchmähen, mit mir und in Geſellſchaft des edeln Herbenſtein, ſeines Schwähervaters und des guten Pinzinger einen frohen Becher zu leeren und ein vergnügtes Nachtimbis zu halten?“ „Ich nehme ſie mit Freuden an,“ antwortete Archimbald. „So kommt!“ verſetzte der Markgraf luſtig.„Die Mart⸗ gräfin wird der Ruhe bedürfen, und ich möchte gerne⸗froh ſeyn nach all' den verdrüßlichen Händeln.“. „Ich folge,“ erwiederte Archimbald.„Laßt mich nur zu⸗ vor dieſen Knaben wieder in ſeiner Mutter Arme führen; ſie hat ihn lange entbehren müßen. Ihr erlaubt doch, Herr von Herbenſtein?“ „Gerne!“ bejahte der Dankbare; und während die Zech⸗ luſtigen hingingen, von dem griechiſchen Doctor ſich unter⸗ haltend, den keiner von ihnen erkannt hatte, den ehrlichen Pinzinger ausgenommen, welcher vorſichtig darüber ſchwieg, eilte Archimbald mit ſeinem kleinen Begleiter in den wohl bekannten getäfelten Saal, woſelbſt eine von ſchwerer Angſt erlöste Mutter unter Freudenthränen Dankgebete zum Him⸗ mel ſandte. Inbrünſtig drückte ſie den verloren geglaubten, nun ſo glücklich wiedergefundenen Sohn an's Herz.—„Wie ſoll, wie kann ich Euch vergelten, unbekannter, edler Mann,“ rief ſie, von der ſeligſten Wonne des Muttergefühls entzückt, was Ihr für mich ſo uneigennützig gethan?“ „Ihr nennt mich uneigennützig,.„. erwiederte Archim⸗ bald lächelnd,„und fragt, welcher Preis theuer genug ſey, meine That zu belohnen? Beſchämt mich nicht, edle Frau. Als ich den Knaben ſeines Entführers entriß, berech⸗ nete ich nicht, ob mir ſeine Rettung Fluch oder Segen bringen werde;... mein Herz ſprach laut für den Hülfs⸗ bedürftigen, und nur das eigene Bewußtſeyn belohnt Hand⸗ lungen der Menſchlichkeit.“ „Wenn Ihr wüßtet,“ verſetzte Marie,„welche Seligkeit Ihr mir bereitet habt!...“ „Leſe ich ſie nicht in Euern Blicken?“ fragte Archimbald. „Leider habe ich ſelbſt Mutterliebe nie kennen, niemals ſchätzen gelernt; allein ſie muß unendlich ſeyn,... zumal, wenn ein widriges Geſchick uns ſchon einmal ein Kind, einen Sohn, den Erſtling der Liebe, entriß.“ — — 193 „Ihr wißt bereits.. entgegnete Marie und ließ den eingeſchlummerten Hermann aus ihren Armen in die weichen Polſter des Seſſels ſinken, den ſie verließ, dem fremden Manne betroffen entgegen tretend.....„Wer hat Euch geſagt?“ „Nicht Euer Gemahl, der um alles weiß; nicht der treu⸗ loſe Buhle, der Euch verließ; nicht das tückiſche Geflüſter des boshaften Neides!“ antwortete Archimbald.„Das Ver⸗ hängniß, das Rache fordernde, hat zu mir geredet. Ihr ſtaunt? Ihr begreift nicht? Ha! wenn ich alle meine Künſte aufbieten wollte, Ihr ſolltet erſtaunenswürdigere Dinge ſehen!“ „Erklärt Euch!“ ſprach die Frau von Herbenſtein— ſehr aufmerkſam. „Ihr habt einen Sohn verloren, der in angſtvoller Stunde ſich aus Euerem Schooße wand,“ fuhr Archimbald fort.. „eine alte Frau von ſonderbarem Weſen und Gewand unter⸗ ſtützte Euch in der ſchweren Geburt, nachdem ſie mit der größten Schonung Euch nach einer abgelegenen Hütte hatte bringen laſſen, damit Ihr nicht in der Sonnenhitze, auf der offenen Heerſtraße„.. „Ja, ja,“ fiel Marie heftig ein„ſo war's könnt Ihr in der Vergangenheit leſen, wunderbarer Mann?“ „Als Ihr des Knäbleins geneſen wart,“ ſprach Archim⸗ bald weiter,„gebrach es an Leinzeug für den armen Kleinen. Die alte hülfreiche Frau ſchaffte auch dieſes herbei. Damit der Knabe jedoch nur etwas von der Mutter an ſich trage, hingt Ihr den Roſenkranz ihm um den Hals, den Ihr auf der Bruſt zu bewahren pflegtet und woran ein kupferner 1 3. 13 194 Denkpfennig mit den darauf eingeätzten Anfangsbuchſtaben Euers Namens: M. V., befindlich war.“ „Ganz recht!“ verſetzte Marie in ſteigender Spannung. „Welch ein Gott hat Euch entdeckt? o, dieſes geweihte Heiligthum war nicht im Stande, meinen Knaben vor Un⸗ heil zu bewahren! Das Ungeheuer, das entmenſchte Weib hat mir ihn geraubt! hat ihn vielleicht getödtet, vielleicht verſchmachten laſſen in hülfloſer Krankheit!“ „Beruhigt Euch!“ unterbrach ſie Archimbald.„Euer Phi⸗ lipp lebt!“ „Philipp.. 2 er lebt.. 2 rief Marie außer ſich und faßte Archimbalds Hände.„Gott im Himmel! Mann! woher wißt Ihr?“ „Bezähmt Euere Freude...“ ermahnte Archimbald. „Der Knabe, der dort auf dem Seſſel vor Müdigkeit ein⸗ geſchlummert iſt, darf nichts von dem, was wir verhandeln, vernehmen. Faßt Euch! Wenn dieſe Kunde Euch ſchon ſo heftig ergreift, wie werdet Ihr das Wiederſehen ertragen?“ „Das Wiederſehen?“ ſtammelte die Frau von Herbenſtein erbleichend.„Wollt Ihr mich tödten durch eine Hoffnung, die ſich nie verwirklichen wird?“ Archimbald winkte ihr Schweigen zu, ergriff ſie bei der Hand und zog ſie nach der Thüre. Er öffnete dieſelbe be⸗ hutſam, und als Marie hinausgetreten, die Pforte hinter ihr geſchloſſen war, erblickte fie, beim Schein einer einzigen Kerze, in dem Vorzimmer einen alten Mann im Soldaten⸗ rock, der einen Knaben an der Hand hielt, größer als Her⸗ mann, in der Fülle blühender Jugend. Archimbald führte ihn der in ſüßer Ahnung wankenden Mutter entgegen.— —— 195 „Mutter!“ rief er,„ſieh' hier Deinen Sohn!“ und warf den Knaben in ihre weit geöffneten Arme. Die alten Künſtler malten die höchſte Betrübniß mit ver⸗ hülltem Angeſicht, unfähig, wie ſie ſagten, mit dem Pinſel den höchſten Grad der Schmerzen darzuſtellen, wie ihn wohl ihre lebhafte Fantaſie ſich dachte. Es verſuche auch hingegen keiner, die höchſte Freude im Bilde wiederzugeben, denn unter der Wirklichkeit wird jedes dieſer Gemälde ſeyn und dem gefühlvollen Zuſchauer immer kalt und geziert vorkom⸗ men. Den Ausbruch eines Vulkans zu ſchildern, iſt für den Maler eine unüberſteigliche Klippe, während die Flamme einer Feuereſſe vielleicht ſeiner Kunft trefflich gelingt.— In dem kleinen Vorgemache Herbenſteins fand einer jener Auftritte ſtatt, die groß und in der Darſtellung unerreichbar, als feſte Denkſäulen ſich aufbauen in das Leben des Menſchen. Der Augenblick ſchien ſelbſt von dem Zauber deſſelben berührt, mit ausgeſpannten Fittigen über dem Haupte der Glücklichen verweilen zu wollen. Allein das unerbittliche Geſetz der Zeit riß ihn fort, und ſo wie Herzſchlag auf Herzſchlag ſich drängt, und mit jeder Wiederkehr die Geſtalt unſerer Em⸗ pfindungen und Gefühle verändert, ſo mußte auch die hohe Begeiſterung Mariens, die Freude des jungen Philipps und der theilnehmenden Zeugen ſich nach und nach mäßigen, und gelaßnerem Verkehr, ruhigerer Rede ihr Recht gönnen. Sowohl der bekannte Roſenkranz, den der Knabe noch um den Hals trug, als die Aehnlichkeit ſeiner Züge mit denen des einſt geliebten Philipp ſetzten die Aechtheit ſeiner Geburt außer Zweifel; die frohe Mutter verlangte aber zu wiſſen, wie das alles gekommen ſey. Archimbald erwiederte hierauf:„Verlangt Ihr's zu erfahren⸗ ſp n Ihr Euch an dieſen wackern Mann, den Hauptmann Ehrenfried, wenden, welcher eine Zeitlang hier im Städtlein verweilen und Euch keinen Aufſchluß verſagen wird. Bereitet Euch aber jetzo zu vernehmen, was die Nothwendigkeit gebietet, wenn es Euch gleich ſchmerzlich fallen muß. Dieſer Knabe, mir an⸗ vertraut durch Gott, ſoll in mir ſeinen Vater finden, ſoll einſt, ſterbe ich kinderlos, mein Erbe ſeyn; ſollte ich mich aber je einer Nachkommenſchaft erfreuen, das Gut als Ei⸗ genthum erhalten, das man mir entriſſen hat, und das ich wieder zu erobern gehe. Euer Gemahl erfahre nie von die⸗ ſer Stunde. Euer Hermann höre nie von ſeinem Bruder. Hütet Euch, den Frieden Euerer Ehe zu ſtören durch eine, von Mutterliebe veranlaßte Aufnahme des unehelich Gebor⸗ nen, des Vaterloſen. Euer Gemahl, der beſte der Menſchen⸗ würde im Anbeginn Euere mütterliche Zärtlichkeit ehren, den Knaben dulden,.„ Hermann würde aber beſtändig der Erſte ſeyn in ſeinem Herzen, des Vaters Vorliebe wür⸗ digen, den Bruder zurückſetzen, das Haus in zwei feindliche Hälften theilen. Fürchtet den Zwieſpalt zwiſchen Brüdern; es iſt beſſer, ſie lernen ſich nie kennen.“ „O welch ein hartes Gebot legt Ihr einer Mutter auf!“ jammerte Marie, den jungen Philipp mit verdoppelter Liebe an die Bruſt drückend...„und dennoch... warum muß ich einſehen, daß Ihr Recht habt! Wenn Herbenſtein jemals mich, meinen Sohn zurückſetzen, feindlich behandeln könnte; wenn Hermann gegen den Bruder.. o, ich würde es nicht überleben!— Allein,... großmüthiger Mann... vergebt die Frage einer bekümmerten, ängſtlichen Frau, die ihren Sohn, kaum wiedergefunden, auf's Neue aus ihren Armen laſſen ſoll: Wer ſeyd Ihr? was bewegt Euch, an meines 197 Philipps Schickſal ſolchen Antheil zu nehmen? ihn zu Euerm Erben zu beſtimmen?“ „Das Vermächtniß einer Frau,“ erwiederte Archimbald ernſt,„welche viel, ſehr viel an mir gut zu machen hatte, und in der That gut machte; deren letzten Willen ich heilig befolgen würde, ſelbſt wenn mein Herz mir nicht alſo zu handeln beföhle! deren Andenken nicht mehr von Euch miß⸗ kannt werden muß. Mutter Lene raubte Euch das Kind, um Euch das Hinderniß einer ehelichen Verbindung, die Euere Schönheit, wie Euere Tugend über kurz oder lang herbeiführen mußte, aus dem Wege zu räumen. Sie gab es Euch nach Euerer Vermählung mit Herbenſtein nicht zu⸗ rück, um häuslichen Kummer zu verhüten. Mich hatte ſie von allem Anbeginn zum Erzieher, zum Vater deſſelben be⸗ ſtimmt; und wem gebührte dieſes Amt am meiſten? wer war von der Natur mehr zu der Ausübung ſeiner Pflichten berechtigt, als ich? Die Bande der Menſchlichkeit nicht allein ſind es, die mich zum Pfleger des Knaben aufrufen. Die Stimme des Bluts befiehlt mir es. Ein Vater hat den ſeinigen und mich erzeugt... ich bin Archimbald, Phi⸗ lipps Bruder!“ „Schutzengel meiner Kinder l„ rief Marie begeiſtert und wollte Archimbalds Hände küſſen;..„und ich habe Euch nicht erkannt? ich habe denjenigen für einen Fremden gehal⸗ ten, der beide Söhne mir errettet aus Tod und Gefahr? Und mein Gemahl ſoll nicht wiſſen.. 20 Archimbald legte den Finger auf den Mund.„Wenn Ihr mich achtet,“ ſprach er,„ſo ſchweigt. Mir liegt daran, daß keine Kunde vor mir hereile; denn ich gehe, mich zu rächen und mein Eigenthum zurückzufordern.“ 198 „Euch zu rächen? an dem Bruder?“ fragte Marie ſchaudernd. „Ich habe es zu dreien Malen bei meinem Haupte und Leben, bei meiner Seligkeit geſchworen!“ erwiederte er ent⸗ ſchloſſen.„Ich vollende es!“ „Und mein Sohn,... fuhr die Frau von Herbenſtein fort,..„mein Philipp! ſein grauſamer Vater... Ihr gebt ihn doch nicht in ſeine Hände?“ „Hab' ich ihn doch erſt daraus befreit?“ entgegnete Ar⸗ chimbald haſtig.„Er ließ Euch den Sohn ſtehlen.“ „Allgütiger Gott!“ ſeufzte Marie und umſchlang Philipp, als wollte ſie ihn ſchützen.—„Der Verwegene... wenn er es zum zweitenmale an dieſem Kinde verſuchte...25 „Unbeſorgt, edle Frau!“ verſetzte wild lächelnd Archim⸗ bald.„Er ſtiehlt mir eher das Auge aus der Höhle, als dieſen Knaben, den ich lieber dem Prieſter Johannes in Abyſſinien zum Sclaven überlaſſen wollte, als ſeinem unna⸗ türlichen Erzeuger!“ „Der Markgraf und der Herr von Herbenſtein laſſen Euch dringend bitten, ja ſogleich zu ihnen Euch zu begeben,“ ſprach der eintretende Pirzinger. Archimbald brach das Geſpräch ab, geſtattete der Mut⸗ ter, ohne daß Pinzinger, der beſcheiden hinaustrat, etwas davon vernahm, ſich mit dem Sohne zu ſetzen, bis das Auf⸗ bruchsgetümmel auf der Treppe die Beendigung des Gelags verkündigen würde, und trug Ehrenfried auf, den Knaben alsdann mit ſich zu nehmen. Er folgte ſodann dem Stall⸗ meiſter, der, den Armleuchter tragend, vor ihm herging. Auf dem Abſatz einer Treppe jedoch ſtand Pinzinger ſtill, drehte ſich zu Archimbald und flüſterte;„Ich habe einer 199 dankbaren Leidenden verſprechen müſſen, Euch auf eine kurze Zeit zu ihr zu bringen. Geht durch dieſe Thüre. Ich harre Euer.“— Archimbald weigerte ſich entſchieden, dem Zureden des mitleidigen Stallmeiſters zu folgen. Allein dieſer ließ ſich nicht irre machen. „Uebt doch Menſchlichkeit!“ ſprach er dringend.„Erfreut eine Verirrte, die Ihr gerettet durch ein freundlich Wort der Verzeihung.“ Mit dieſen Worten ſchob er den unſchlüſſigen in die Thüre und zog ſie hinter ihm zu, mit der Weiſung, kurz zu ſeyn. Kaum hatte aber Archimbald Zeit, zu erkennen, daß er ſich in einem düſter beleuchteten Vorgemach befinde, ſo ſtürzte auch ſchon eine Frau, in weißem Gewande und zer⸗ ſtreuten Locken, ſchluchzend zu ſeinen Füßen. Es war die Markgräfin, die ſeine Knice umfaßte. Erſchrocken bemühte er ſich, ſie aufzurichten; allein ſie rief mit einer von Thrä⸗ nen erſticten Stimme:„O nein⸗ nein! laß mich zu Deinen Füßen liegen. edelſter der Menſchen, damit ich Dir danke, damit ich Deine Verzeihung erbettle!... Ach, Du weißt es nicht, wie haſſenswürdig ich bin! wie abſcheulich, wie grauſam ich an Dir handelte! Ich bin ein verirrtes, ver⸗ dorbenes Weib, das zu Deinen Füßen liegen muß, Du Großmüthiger!“ Ihr ſteht in dieſem Augenblicke hoch aufrecht vor Gott in dem Prachtgewande Eurer Reue.. ſprach Archimbald mit der ſanften Würde des Mannes;„erniedrigt Euch nicht vor einem ſchwachen Menſchen, ver, ſelbſt der Vergebung bedürftig, gern verzeiht, und Euch von Herzen erläßt, was Ihr an ihm Uebels gethan.“ 200 Er richtete die troſtloſe Fürſtin auf, führte ſie zu einem Seſſel und fuhr lächelnd fort:„Bei alle dem iſt es doch gut geweſen, daß Prapowicks Kugel mich nicht traf.... ich hätte nicht Euere Feinde wehrlos machen, mich nicht an Euch rächen können.— Ich vergebe Euch alles... konnte ich doch den Niederträchtigen, der mir das geliebteſte Leben aus der Schöpfung ſtahl, noch athmend unter dem Gewichte ſeiner Schande und ſeiner Ausſchweifungen entlaſſen!... Keine Thränen, gnädigſte Frau! wegen meiner könnt Ihr ſicher in's Himmelreich eingehen; ich ſegne Euch, und meine Iſabelle, die Euch treu geliebt, wird Euch von oben entge⸗ gen kommen, vergebend, vergeſſend wie ich. Beſſert Euch, werdet Euerm Gatten eine treue Hausfrau, Euern Unter⸗ thanen eine liebende Mutter, und gedenket meiner in Euerm Gebete, meiner und meiner Sünden.“ Ehe die Markgräfin den Edelmüthigen aufzuhalten ver⸗ mochte, hatte er ſich ihrem Dank, ihren Betheuerungen ent⸗ zogen, und folgte in großer Bewegung ſeinem Führer. Allein noch ſtanden helle Thränen in ſeinen Augen, als er in dem Saale anlangte, wo ihm ſchon das Getümmel einer fröhlichen Zechgeſellſchaft entgegen jubelte. ZBehntes Rapitel. Die Bruſt des Boͤſen iſt ein tobeud Meer, Ein Strudel, der ſich ewig neu erzengt, Und ſelbſt verſchlingt!... Anonymus. In derſelben Nacht war auch unter Philipps baufälligem Dache Ungeduld und peinigende Erwartung Meiſter geweſen. Wernher konnte keinen Augenblick Ruhe finden; denn noch immer war derjenige nicht daheim, nach dem er ſo ſehnlichſt ausſah. Er ging, ohne inne zu halten, in der feuchten Stube des Erdgeſchoſſes auf und nieder, und riß von einem Augenblick zum andern das kaum im Rahmen hängende Fenſter auf, um in die Nacht hinaus zu lauſchen auf Schritt und Wort. Ein Kobold ſchien ihn aber zum Beſten zu haben, denn eine Stunde nach der andern verrann und brachte nichts Neues. Bei dem trüben Schimmer der Lampe, in dem verfallenen Meierhof allein mit ſeinen alten Hunden, Alba und Spaniol, welche, beinahe taub und kraftlos geworden⸗ wie geſpenſtige Ungeheuer unter der an der Wand. umher laufenden Bank ausgeſtreckt lauerten, glich Philipp ſelbſt dem Geſpenſte eines Selbſtmörders, das allnächtlich in einer gewiſſen Stunde ſich aus ſeiner Gruft windet, um die Stube, * . Wo iſt der Knabe?“ ſchrie Philipp beſtürzt, da er den 202 in der ſeine Hülle aufhörte zu leben, mit ſeiner furchtbaren Gegenwart zu erfüllen. Das rächende Gewiſſen hatte an Philipp ſein Meiſterſtück gemacht, hatte ihn zum Schatten umgewandelt, und dennoch ſpornte der Stachel des Böſen noch immerfort ſein Herz, dennoch ſchlug es in dieſem Augen⸗ blicke in banger Ungewißheit, ob ein neuer Frevel gelungen ſey oder nicht. Alle Qualen der Einbildungskraft verſuchten ſich an Philipps Gehirne, bis es im Oſten licht und der Morgennebel ſichtbar wurde. Auf den durch einander wogen⸗ den Wolken des letztern ſchien der Gott des Schlafs zu ruhen und von ſeinem duftigen Sitze herab den Mohnſtrauß über dem Haupte des Bedrängten zu ſchütteln. Das Bedürf⸗ niß des Schlummers fühlend und ſich ſeiner nicht erwehrend, ſetzte ſich Philipp an den morſchen Tiſch, ſtützte den Kopf in beide Hände und ſchlief in Kurzem ein. Alba war unterdeſſen auf die Bank am offenen Fenſter geſprungen und ſchnoberte nach Herzensluſt in die feuchte neblichte Luft hinaus. Plötz⸗ lich aber witterte ſeine Naſe die Annäherung eines Fremden, welche ſein ſtumpf gewordenes Ohr nicht mehr vernahm, und er bellte laut auf, getreu ſeiner Pflicht. Zu gleicher Zeit klopfte es am Fenſter; Philipp, durch Alba's Gebell geweckt, ſah, wie ein ſtruppiges Haupt ſich in's Zimmer neigte. Er ſprang fröhlich auf.„Biſt Du's, Bogalew?“ rief er dem Beſuch entgegen:„biſt Du's endlich? Du haſt Dich wetterlich verſpätet!!—„Macht auf!“ entgegnete der andere mit klappernden Zähnen:„ich triefe und der Morgen hat ſcharfe Luft gebracht.“— Philipp hätte der Ermahnung nicht bedurft, denn er ſtand bereits an der Thüre, ſie zu öffnen. Bogalew warf ſich in's Haus.— 203 Helfershelfer allein kommen ſah:„Unglücklicher! wo iſt er, den ich Dir anvertraute?... „Mein Seel,... Herr,... antwortete Bogalew ver⸗ dutzt:„wenn unſer lieber Herrgott das nicht beſſer weiß, denn ich, wird's ſchlecht um den jungen Menſchen ſtehen. Ich weiß nichts von ihm, als daß man mir ihn abgejagt hat.“ „Hölle und Teufel! valga me Dios!“ fluchte Philipp und rannte wie unſinnig im Zimmer umher.„Kerl! plagt Dich denn ein böſer Geiſt?“—„Nein, lieber Herr,“ verſetzte Bogalew gleichmüthig:„aber dem Freihard, der mir meinen Raub abnahm, muß ein ſolcher in den Rippen geſeſſen ſey⸗ Er war zu toll! Stellt Euch vor: als Ihr den Knaben mir übergeben hattet, ſammt der Weiſung, ihn auf einem weiten Umwege hieher zu bringen, damit er nicht bei Euch geſehen würde, trug ich den Zappelnden wie einen Fiſch in den Kaſten, nämlich auf den Gaul, der unter den Linden für mich angebunden ſtand. Ich verband ihm, dem Buben näm⸗ lich, mit meinem Wiſchtüchlein gar ſäuberlich den Mund.... hockte ihn vor mich hin und ritt ganz gemächlich ab. Als der Junge ſah, daß alles Weinen und Heulen nichts fruch⸗ tete, wurde er auch ruhiger, und ich nahm ihm, da er mir verſprach, recht ſtille und artig zu ſeyn, den Knebel ab; hatte auch gar nicht Urſache, es zu bereuen, denn er war wie ein Lamm. Nun aber traf es ſich, daß ich, in dieſer Gegend unbekannt, den Weg verfehlte, und ich befand mich mit einemmale mitten auf dem Felde; rechts⸗ links, vor und hinter mir führten Pfade zu Dutzenden in die Welt; ich wußte aber nimmer, wo hinaus. Der Kleine mochte meine Verlegenheit gemerkt haben; auch ließ ich endlich den Gaul raſten, um mich vom Sattel aus bequem umzuſchauen. Da ſagte mir der Bube:„Gewiß habt Ihr den Weg ver⸗ fehlt; wohin wollt Ihr mich denn eigentlich bringen?“—„Gen ulm und Ehingen, junges Herrlein!“ antwortete ich ihm. Philipp ſchlug ungeduldig auf den Tiſchz Bogalew, ohne es eben zu berückſichtigen, fuhr in ſeiner Erzählung fort: „Da lachte der Knabe, ſo daß ich mir ſchier ſchämte, und ſprach:“ „Ei! wo denkt Ihr denn hin? Ihr ſeyd ganz unrecht.. dort hinüber... gerade wo wir herkamen... liegt Ulm.“— Wißt Ihr das gewiß, Junker? fragte ich ihn, um meiner Sache verſichert zu ſeyn.—„So gewiß als ich getauft bin!“ antwortete mir der geſcheite Bube.— Da es nun nicht erlaubt iſt, an der Taufe eines Chriſten zu zweifeln, ſo war ich ganz wohlgemuth und ſiel auf den beſten Ausweg. Getrautet Ihr Euch wohl, fragte ich, uns auf de rechten . Weg zu bringen?—„Warum nicht?“ lachte der Bube; „s iſt eine Kleinigkeit.“— Nun ſchämte ich mich erſt recht, und bat den Kleinen, ſein Möglichſtes zu thun. Er iſt willig, zeigt mir bald hierhin, bald dorthin, und wir ar⸗ beiten uns richtig aus den Feldern heraus und gelangen auf eine breite Heerſtraße.— Iſt das der Weg gen Ulm? fragte ich einen vorbeilaufenden Bauer. Der Eſel lacht mir aber in's Geſicht, wackelt mit dem Kopfe und geht vorüber. Sollten wir doch unrecht ſeyn? ſage ich bedenklich; der Blitzjunge lacht mich jedoch abermals aus und zeigt mir auf's Neue, wohin ich reiten ſoll.“ „Wärſt Du doch zum Teufel geritten!“ fuhr Philipp auf. „Nein, lieber Herr,“ ſprach Bogalew weiter..„zum Teufel ritten wir nicht, aber er kam bald darauf zu uns. Denn mein junges Herrlein hatte ſich auch geirrt, wie ich. 205 Ich frage nämlich einen Reiter, wie das Städtlein heiße, das in guter Entfernung vor mir lag.—„Das iſt Burgau,“ antwortet mir der Kerl, und ich falle ſchier vom Pferde vor Schreck.— Wo liegt denn Ulm? frage ich kleinlaut als⸗ dann.—„Weit darüber hinaus!“ heißt es drüben.— Wo komme ich denn her? fahre ich fort.—„Von Zusmars⸗ hauſen, ſo Gott will, oder aus dem Tollhauſe!“ erwiederte der grobe Geſell, gibt ſeinem Gaule die Sporen und ſprengt weiter. Was war zu thun? Ich kehre um und thue des⸗ gleichen. Da erſcheint auf einmal, uns entgegenkommend⸗ ein Trupp Reiter, und mein Herrlein vorn am Sattelknopf fängt an zu ſchreien, daß man es eine halbe Meile weit hören konnte. Ich halte ihm den Mund zu und trabe auf gut Glück querfeld ein. Das Herrlein ſchreit aber noch immer, und ich erhalte plötzlich einen Stoß in die Seite⸗ daß ich im Nu auf dem Boden liege, die Beine gen Himmel ſtrecke und erſehen muß, daß einer von den Reitern... es waren ihrer zweie nämlich, die auf das Geſchrei herbei geeilt waren... daß Einer von ihnen, ſage ich, mein Pferd am Zügel ergreift und daſſelbe ſammt dem Buben mit ſich auf die Landſtraße nimmt, während der Andere von dem ſeinigen ſpringt und mir einen Dolch auf die Gurgel ſetzt.“ „Hätte er ihn Dir doch in die Kehle geſtoßen!“ tobte Philipp...„Valga me Dios! ich ſterbe darauf, daß der Einfaltspinſel haarklein vekannt hat. Rede, iſt es nicht alſo?“ Bogalew zögerte eine Weile, dann antworte er etwas trotzig:„Nichts hat er bekannt, trotz dem Dolche, der ihm auf der Kehle tanzte. Ich weiß auch zur Stunde nicht, wie es kam, daß mich die Leute gehen ließen, und eben ſo wenig, wo ſie hingerathen ſind. Mit einem Worte, ich war um den Buben und mein Pferd, das Ihr mir erſetzen müßt. Meine Kleider deßgleichen, denn ich bin in die Mindel ge⸗ fallen, und bin, trotz des ſcharfen Laufens, immer noch naß wie eine Katze.“ „Kein Heller ſoll Dir werden... feiger, tölpelhafter Burſche!“ rief Pilipp.„Du haſt nicht erfüllt, was Du verſprochen. Deine Dummheit hat Alles verdorben. Fort, Landſtreicher! aus meinem Hauſe!“ „Oho!“ erwiederte Bogalew.„Sprecht Ihr aus dem Tone? Ihr war't doch froh, da Ihr den Landſtreicher an der Straße fandet und er ſich bereitwillig zu dem Spitz⸗ bubenſtücklein hergab. Sieh' doch einmal an! Ich will doch einmal verſuchen, was Euere Obrigkeit für Augen machen wird, wenn ſie erfährt, daß Ihr im Lande herumzieht, den Leuten die Kinder zu ſtehlen. Glaubt Ihr etwa, wir in Mähren ſeyen ſo dumm? Glaubt Ihr, ich wüßte nicht, daß Ihr Philipp Wernher heißt und ohnedieß nicht im beſten Geruche ſteht? Entweder.. oder! Geld muß ich haben, ſonſt ſchreie ich Zeter und Mord über Euch!“ Philipp fühlte wohl, daß die Sache, ließe er ſie ſo weit kommen, zu ſeinem Nachtheile ausfallen müſſe, und gewährte dem drohenden Spießgeſellen das ungeſtüme Verlangen. Er theilte mit ihm die wenige Baarſchaft, die er noch beſaß, und eilte mit ſeinen Hunden in den Wald, um dort ſeinen Zorn an den Bäumen auszulaſſen. Bogalew wanderte hin⸗ gegen nach Ulm, um dort ein Unterkommen zu ſuchen.— „Ja,“ ſprach er auf dem Wege zu ſich ſelbſt,.„ich will ehrlich werden... es kömmt ohnehin bei der Schelmerei blutwenig heraus. Vetter Jasneck hat mich angeführt, hat die Schätze der Fürſtin für ſich allein behalten, und dennoch 207 mußte er eines ſchmählichen Todes ſterben. Ich nahm Reiß⸗ aus, mußte mich bis hieher durchbetteln, finde endlich einen Mann, der mich, mittelſt eines Schelmſtücks, in Nahrung zu ſetzen gedenkt; aber der Teufel hat ſein Spiel, und ich bin um Pferd und Lohn geprellt, muß froh ſeyn, von dem ſchä⸗ bigen Filz noch eine Hand voll Geldes gewonnen zu haben. Hätte Herr Wernher gewußt, daß mir in der Todesangſt das Bekenntniß entſchlüpft iſt, wie er's halb und halb ver⸗ muthet hat, er würde die paar Groſchen gewiß nicht her⸗ gegeben haben. Was kümmert's mich aber, da ſie in der Taſche ſind? Mag der bärbeißige Fremde, der mir den Buben abfing, das Stückchen dem Kinderdieb ſchenken, oder ihn dem Staupbeſen preisgeben,... ich waſche meine Hände. Ich habe mich aus der Patſche gezogen und will wieder ehrlich werden. Beim heiligen Sankt Veit! ich will's; denn zu Schelmſtücken bin ich wahrhaftig zu dumm.“ Voll von dieſem löblichen Vorſatze langte Jasnecks Vetter zu Ulm an und ſah ſich neugierig nach einem Wirthshauſe um, in dem er einzukehren wagen dürfe, ohne ſeinen Beutel zu ſehr in Anſpruch zu nehmen. Die Herberge zur Traube winkt ihm freundlich entgegen, nur ſchien ſie für ſeine Hab⸗ ſchaft zu vornehm; allein die Menge von Menſchen, die ſich um das Haus drängte, zog ihn an. Er ging deßhalb näher, ertundigte ſich, und erfuhr von einem ſprachſeligen Maul⸗ affen, daß vor einer Stunde etwa ein weltberühmter Arz aus dem Griechenland angekommen ſey, nebſt vielem türki⸗ ſchen und chriſtlichen Gefolge und vielen, vielen Pferden mit prächtigem Sattelzeug⸗ mit Sänften, von Maultbieren getragen, und was der Herrlichkeiten mehr waren.— Bren⸗ nend vor Sehnſucht, die beſprochenen Türken und Griechen 208 zu ſehen, drängte ſich Bogalew in die Thüre und in die untere Stube. Da war aber kaum ein Plätzchen zu finden, ſo gedrängt voll war das Gemach von neugierigen Bürgern. Hinter der Thüre allein gewahrte Bogalew ein Eckchen frei, und nahm es alſobald ein. Sein Verſteck gab ihm auch ſogleich Gelegenheit, das Geſpräch zu belauſchen, das hart neben ihm von zwei Männern, auf der Schwelle der Stube ſtehend, geführt wurde. Der Eine der Sprechenden war der Wirth des Hauſes, wie ſich aus Schürze und Mütze ſowohl, als auch aus den Reden ergab; der Andere hin⸗ gegen ein eisgraues Männlein, in ſchlichtem Rocke, gegen welchen ſeine hochmüthigen Züge, wie auch die Verſchmitzt⸗ heit derſelben ſeltſam abſtachen. „Ihr könnt mir's glauben, Gevatter Simon!“ ſprach der Wirth.„Ich würde den Vortheil gewiß nicht aus der Hand geben, und dem griechiſchen Doctor, der Geld und Kleinodien veſitzt, wie unſer gnädigſter Kaiſer ſie gewiß nicht hat, ſammt ſeinen Freunden und Dienern die beſten Gemächer meiner Herberge einräumen, um ſie nur im Hauſe zu behalten; allein erſtens iſt es dem ſteinreichen Mann um eine ganz ſtille Wohnung zu thun, und zweitens iſt der nächſte Johannistag das Ziel, an dem ich die Herberge dem Schlingel, meinem Stiefſohne, hinterlaſſen muß. Nun wäre es aber Thorheit⸗ dem Bengel, der mich, ſeines mütterlichen Erbes halber, vis auf's Blut gequält hat, noch einen ſo guten Rogen im Fiſchbehälter zu laſſen. Lieber will ich ſelbſt des Gewinns müßig gehen. Allein für Euch, Gevatter, wäre es ein Vorſchlag, der ſich hören ließe. Was meint Ihr?“ „Wie lange, ſagt Ihr, gedenkt der Fremde hier zu ver⸗ weilen?“ fragte nach einigem Beſinnen der ſteinalte Simon. 209 — „Zum mindeſten ein Jahr, hat er ſich verlauten laſſen,“ antwortete der Gaſtwirth.„Behandelt man ihn darnach⸗ vleibt er vielleicht bis an ſeines Lebens Ende ein Einwohner unſerer guten Stadt Ulm.“ „Na!“ fuhr der Erſte fort,„wenn Ihr meint, daß mein Haus nicht zu ſchlecht ſeyn Der Wirth lachte und verſicherte Simon, daß gar nichts daran auszuſetzen wäre. „Aber, meine Hochzeit...“ fuhr der Greis fort.. „ſie müßte aufgeſchoben werden; denn wenn man Türken im Hauſe hat, heirathet man nicht.“ „Das verſteht ſich!“ erwiederte der Traubenwirth... „Allein Euch kömmt's doch auch nicht darauf an, ein Jährlein zu warten, wenn es ſich verzieht. Ihr werdet doch Euere Hundert alt.“ „Meint Ihr,“ fragte Simon mit Begierde, die eine bejahende Antwort fordert. „Ganz gewiß!“ entgegnete der Gevatter.„Und mittler⸗ weile wird die Dirne auch immer älter und Euerm Tauf⸗ ſchein gerechter.“ „Hm!“ brummte Simon, den Kopf wiegend;„hm! hm! wenn ich es überlege... führt mich hinauf⸗ Gevatter;... wenn ſich der Grieche vernünftig und nicht knickerig finden läßt, ſo mag's d'rum ſeyn.“ Der Gevatter ergriff den Alten bei der Hand und zog ihn eilends mit ſich fort. Bogalew trank in langſamen Zügen ſein Schöpplein, und wünſchte ſich an die Stelle des überaus reichen griechiſchen Arztes. Er berechnete bei ſich, ungeſtört von dem Getümmel, das ihn umgab⸗ wie er alsdann an⸗ fangen wolle, das Leben zu genießen, und verträumte bei II. 3. 14 210 ſeinem Glaſe eine vergnügte Viertelſtunde, nach deren Ver⸗ fluß Wirth und Gevattersmann wieder zur Thüre herein kamen. Beide rieben ſich zufrieden die Hände. „Einen vortheilhaftern Handel gab es noch nie!“ jubilirte der Traubenwirth.—„Mein ſchlechter Stiefſohn wird ſich in den Haaren kratzen, wenn er erfährt, daß ich ihm den Goldſack aus den Zähnen geriſſen habe. Glück auf, Meiſter Simon! Dazu gehört ein Fläſchlein Muskateller!“— Wie ein Blitz wurde dieſer herbei gebracht, und der Zufall wollte, daß die Beiden gerade an dem Tiſche Platz nahmen, an welchem Bogalew ſaß, und es unterdeſſen Raum gegeben hatte. Es wurde angeſtoßen, getrunken, und auf dem ver⸗ ſteckten Geſichte Simons brach die mühſam verhehlte Freude hervor. Er ließ einige Worte der Zufriedenheit und des Danks fallen. Der Wirth hingegen prahlte:„Gelt! das war ein Gevatterſtückchen! Gelt, das hilft auf die Beine! Der reiche Schöps bezahlt Euch in einem Jahre das ganze Haus vom Keller bis zum Speicher, mehr als es werth iſt.“ „Nun, nun, nur nicht übertrieben!“ unterbrach ihn Simon.„Wahr iſt es, ich darf zufrieden ſeyn; allein er hätte auch in ganz Ulm kein Haus gefunden, das ihm alle die Bequemlichkeiten, die er verlangt, darböte, wie das meinige. Laſſen wir das gut ſeyn alſo! Rathet mir lieber etwas Geſcheites. Heute noch will die fremde Sippſchaft in mein Haus ziehen, in dem ich mich bisher allein beholfen habe, wie es einem ſparſamen Junggeſellen zukömmt. Nun aber bedarf ich eines Dieners, der redlich und treu mir das Haus verwalten und die Obſicht führen helfe. Wo jedoch einen ſolchen finden? Zu dem Ulmergeſinde habe ich kein Vertrauen. Man hat mich, ich weiß ſelbſt nicht warum, 211 verſchrien. Es drängt auch der Augenblick. Ein Fremder wäre meinen Wünſchen weit anpaſſender, und wenn er vol⸗ lends von dem barbariſchen Gewäſche der Dienſtleute des Doctors ſo viel verſtände, um ſich hin und wieder als Doll⸗ metſcher gebrauchen zu laſſen,... ſo wollte ich ihn auf den Händen tragen.“ „Ei, lieber Herr.. da könnt Ihr Euch an keinen Beſ⸗ ſern wenden, denn an mich,“ fiel Bogalew ein, der dem Geſpräch mit klopfendem Herzen zugehört hatte und ſich plötzlich einmiſchte, die Gelegenheit ergreifend.—„Ich bin ein fremder Burſche, ein Hannacke, der ſeit ſeiner Jugend im Herrendienſt ſich verſucht hat und gegenwärtig um einen ſolchen verlegen iſt, da ihm ſein gebietender Herr Graf, mit dem er gen Frankreich zu reiſen ſich vorgenommen, das ſchlechte Vergnügen gemacht hat, einige Meilen von hier zu ſterben. Ich bin treu wie Gold, verſchwiegen wie ein Stein, handfeſt und bereitwillig. Ich ſpreche außer der deutſchen und meiner Mutterſprache, wallachiſch, ein bischen polniſch, ein bischen ungariſch und will mich den Fremden ſchon ver⸗ ſtändlich machen, wenn's gilt. Ich bin auch gerade auf kei⸗ nen großen Lohn verſeſſen, wenn ich nur mein Unterkommen finde; nehmt mich darum als Euern Diener an, Ihr werdet zufrieden ſeyn.“ Der vom Himmel gefallene Antrag Bogalews ermangelte nicht, bei dem um einen Diener verlegenen Simon ein ge⸗ neigtes Ohr zu finden. Nach einigen unbedeutenden Hin⸗ und Herreden entſchloß ſich der Mißtrauiſche, es mit dem Fremdling zu verſuchen, ſchüttelte dem Tranbenwirth die Hand und führte den neuen Knecht ſeinem Hauſe zu. Engel⸗ trudens Vogt ſtand gerade unter der ſeinigen. 212 Er winkte dem grüßenden Simon zu, näher zu kommen.— „Wie ſteht's mit der Hochzeit?“ fragte er den alten Bräu⸗ tigam.„Verſchiebt ſie doch nicht von einem Tage zum an⸗ dern. Das Mädel zerfließt mir in Thränen, und wenn Ihr nicht bald dazu thut, ſo weiß ich nicht, was daraus werden wird.“— Simon erzählte und ſprach von einem jahrelangen Aufſchub. Der Vogt ſchlug die Hände über dem Kopfe zu⸗ ſammen.—„Nachbar,“ rief er,„was habt Ihr vor? Ge⸗ denkt Ihr denn, einen Methuſalem abzugeben, daß in Eue⸗ rem Alter ein Jahr Euch noch wie eine Stunde vorkömmt?“ „Es hat ſich kein Menſch um mein Alter zu bekümmern,“ antwortete Simon unwirſch;„ich muß doch allein damit fertig werden. Mit Euern Knochen, Nachbar, bengle ich noch die Nüſſe von den Bäumen; verſteht Ihr mich? Ueber's Jahr werde ich noch leben und heirathen, ſorgt nicht darum.“ „Sorgt Ihr aber für die Dirne, in's Teufelsnamen!“ polterte der Vogt.„Sie ha jetzt ſchon nicht übel Luſt, ſich der Obrigkeit in die Arme zu werfen. Ihr Liebſter, den ſie, trotz meiner Vorſicht, dennoch heimlich ſprechen muß, wird ſie ohne Zweifel aufſtiften. Ich komme am Ende in die ärger⸗ lichſte Geſchichte hinein. Wenn Engeltrude rappelköpfiſch werden... wenn ſie erfahren ſollte, daß 4 „Daß ſie nicht ſo gar arm geweſen, als Ihr beſtändig ihr vorgeſpiegelt?“ ergänzte Simon leiſe und argliſtig;.. „daß Ihr aber glücklich verwürfelt habt, was der ſelige Schreiner mühſam zuſammen hobeln mußte? Was wird alsdann?“ Leonhard hielt dem Alten den Mund zu. Simon ließ ſich aber nicht irre machen.—„Der habliche Freier allein — 2¹13 iſt im Stande zu helfen!“ fuhr er fort.„Ein anderer thut es nicht, und der elende Eſchenreuter vollends, der nichts im Vermögen hat, als Salbentöpfe und Pflaſterflecke; nicht einmal ſeine eigene Barbierſtube hält, ſondern das Lumpen⸗ geſindel für einen Pfennig ſchiert, der noch obendrein ſei⸗ nem Meiſter, dem rothnäſigen Sittig, in die Taſche fällt;... was ſoll mit dem herauskommen? Glaubt Ihr übrigens⸗ daß er Euch aus der Patſche zu ziehen im Stande ſey,. in Gottesnamen! Gebt ihm das Mädel. Ich mache mir nichts daraus!“ Leonhard kratzte ſich verlegen hinter dem Ohre.„Ihr wißt mich herrlich zu quälen,“ ſprach er;„und die mecklen⸗ burgiſchen Inſtrumente, der däniſche Mantel, die braun⸗ ſchweigiſchen Stiefeln, und wie alle die Marterwerkzeuge unſerer Folterkammer heißen mögen⸗ ſind nichts im Vergleich mit den hämiſchen Worten⸗ die aus Euerm Munde gehen. Ich habe mich Euch vertrauend in die Arme geworfen, helft mir!“ Simon lachte höhniſch.„Ich gebe niemals Geld im Voraus!“ antwortete er.„Auch muß ich es vorerſt verdie⸗ nen, ehe ich's dem ungetreuen Vogt in die Zähne werfe. Doctor Kynaedos bezahlt fürſtlich; zuerſt alſo ſein Geld⸗ dann das Mädchen. Euere Sorge iſt es, ſie mir aufzuhe⸗ ben, wenn ich Euch retten ſoll. Verſtanden 2 Hiermit ging er ſeines Wegs und führte ſeinen Diener Bogalew in die Behauſung des ſel. alten Wernher, wo alſobald die nöthigen Anſtalten getroffen wurden, die neuen Miethsleute zu empfangen⸗ welche verſprochen hatten, mit einbrechender Nacht von der Wohnung Beſitz zu nehmen. Sie kamen auch wirklich um die angeſetzte Stunde. Ein 214 ungeheurer Zulauf von Menſchen begleitete ihren Einzug, der durch das Abenteuerliche ihrer bunten Kleidungen, durch den glänzenden Schmuck ihrer Pferde und Waffen, den Bür⸗ gern von Ulm ein ſeltſames und prächtiges Schauſpiel ge⸗ währte. Noch lange nachdem die verriegelte Hofpforte eine Scheidewand zwiſchen die Fremden und Einheimiſchen gelegt hatte, ſtanden die Scharen der Neugierigen in der dunkeln⸗ den Straße und hoben gaffend die Köpfe nach den Fenſtern der obern Gemächer, die zur Wohnung des reichen Arztes und ſeiner Freunde beſtimmt waren, und in welchen nach und nach immer hellerer Lichtglanz ſichtbar wurde. Die Menge theilte ſich gegenſeitig die verſchiedenartigſten Bemerkungen über die Fremdlinge mit, und beneidete, miß⸗ gönnte ſogar dem Hauseigenthümer das Glück, ſolchen Reich⸗ thum in ſeinen Mauern zu beherbergen. Denn die Kiſten und Truhen, die in großer Anzahl von Wagen und Maul⸗ thieren geladen wurden, ſchienen mit den größten Koſtbar⸗ keiten oder mit vielem Golde angefüllt zu ſeyn, ſo ſorgſam gingen die zahlreichen Diener mit ihnen um, ſo ſchwer hat⸗ ten ſie daran zu ſchleppen. Die Neugier des Pöbels hatte einen weiten Spielraum zu Vermuthungen und Behauptungen aller Art vor ſich. Die Habſüchtigen berechneten die Schätze des fremden Gaſtes in's Unendliche; die Kranken wie die Starken im Glauben hofften auf wunderſchnelle Geneſung unter den Händen des Wunderarztes, zu welchem das dienſt⸗ fertige Gerücht den Griechen Kynaedos bereits erhoben hatte. Die Weiber ſeufzten im Stillen nach dem in ſeinem Ernſte ſo anziehenden Doctor; die Dirnen nach dem herrlichen Jüngling im türkiſchen Gewande, der zu ſeiner Seite ritt; die jungen Männer endlich nach dem ſchönen Frauenbilde, —————— 25 das der reich verzierten Sänfte entſtiegen war, und allge⸗ mein für die Schweſter des Griechen galt. Vom regierenden Bürgermeiſter bis zum letzten Scharwächter herab, wünſchte ſich die ganze Bürgerſchaft Glück, Gäſte von ſolchem Reich⸗ thum und Anſehen in ihrer Stadt zu beſitzen, und ein jeder Einwohner, außer Simon, haderte mit dem Geſchick, daß nicht ihm die Beherbergung derſelben zu Theil geworden war. Während aber die glotzende Volksmenge ſich in Muth⸗ maßungen und Lobpreifungen erſchöpfte, hin und wieder ſich auch nach Hauſe verlief, mit dem feſten Vorſatze, den näch⸗ ſten Morgen wiederzukehren, hatte Kynaedos mit den Seini⸗ gen die Stuben des alterthümlichen Hauſes betreten. Der dienſtfertig vorleuchtende Simon zeigte Alles mit jugendlicher Gewandtheit ſeinen neuen Hausgenoſſen, was ihnen nur einen höhern Begriff von der Wohnlichkeit ihrer Zimmer zu geben im Stande war. Kynaedos, der ſeiner geläufigen Zunge kein allzugünſtiges Ohr zu leihen ſchien, entledigte ſich, unter dem Vorwande außerordentlicher Müdigkeit, des veſchwerlichen Führers, veſchied ihn auf Morgen, und ließ hinter ihm die Thüre des Ganges verſchließen. Nachdem auch die Diener, lauter Wallachen und Ungarn von Geburt, unkundig deutſcher Sprache und Sitten, ihre Kammern ge⸗ ſucht, führte der Arzt ſeine Begleiter in das Gemach, das er zu ſeiner Schlafkammer beſtimmt hatte. Hier ſiel er mit allen Geberden eines im Innerſten tief gerührten Menſchen auf ſeine Kniee, küßte den Boden, und große Thränentropfen entperlten ſeinem Auge. Seine Freunde ſtanden um ihn her in theilnehmendem Schweigen. Er ſchien zu beten und erhob ſich bald darauf mit männlicher Faſſung. „Wundert Euch nicht, meine Lieben,“ ſprach er ſanft zu den 216 ihn Umgebenden;„wundert Euch nicht, mich dahin ſchmelzen zu ſehen, in einer Rührung, die einem Manne vielleicht nicht anſteht. Verzeiht es meinem von vielen Leiden erſchütterten Herzen, der neu erregten Kindesliebe, und meiner allzu ge⸗ treuen Erinnerungskraft, die mich binnen dieſen wenigen Augenblicken meine ganze Laufbahn auf's Neue durchleben ließ. Dieß iſt mein Vatershaus! Ach, ich hätte gerne ſeine Thürpfoſten umklammert, gerne ſeine heilige Schwelle ge⸗ küßt, hätte die Klugheit es erlaubt. In dieſer engen Kam⸗ mer hingegen, die mein Vater bewohnte, in Euerer Gegen⸗ wart allein, treue Gefährten und Begleiter eines verſtoßenen Baſtards, darf ich meinen Gefühlen wie meinen Thränen freien Lauf laſſen, mich ihrer nicht ſchämen. Hier neben des Vaters Bett ſtand meine Wiege; hier lernte ich Gang und Sprache. Hier ſtarb meine Mutter!“. Ein furchtbarer Blitz ſchoß aus ſeinem Auge. Er ſchwieg einen Augenblick, biß die Zähne zuſammen, drückte gewalt⸗ ſam die Fauſt auf's Herz und fuhr endlich mit bebender Stimme fort:„Hier ſchmückte ſich mein Vater zum letzten⸗ male, um aus ſeinem Hauſe in's Grab zu gehen. Hier, in dieſem Erker, ſahen meine Augen ſein Geſpenſt, das ſich mir zeigte, weil der zärtliche Vater im Sterben noch ſeines Sohns gedacht hatte. Hier endlich, in dieſem kleinen Gemach⸗ trat ein Bruder Menſchlichkeit und Pflichten des Bluts mit Füßen; hier beſchloß er den Brudermord! Wahrlich, meine Freunde! das Leben vieler hundert Menſchen faßt zuſammen nicht ſo viel Leiden in ſich, als dieſe vier engen Wände über mich brachten; zwiſchen ihnen fand ich Höllenqualen!“ „Beruhige Dich,“ ſprach Achmet mit funkelndem Blicke. „Ungeheure Rache für ungeheuern Frevel erquicktein edles Herz.“ 217 „Du haſt das Recht dazu,“ fügte Erlwein bei,„und die Opfer ſind unter Deiner Fauſt. Gott hat Dir die Macht verliehen, zu ſtrafen. Auch ſeine Langmuth hat Grenzen.“ „Rauhe Männer!“ rief Leila, die den Knaben Philipp zu Bette gebracht hatte und eben eintrat;„warum beruft Ihr Euch nur auf den zürnenden Gott? Iſt er nicht auch gnädig, unausſprechlich barmherzig? Reizt den Schwerbe⸗ leidigten nicht zur Rache auf, beſänftigt ſeinen Zorn.“ „Er iſt Mann,“ erwiederte Achmet;„er wird das Beſte wählen.“ „Er bedarf unſers Zuredens nicht,“ bekräftigte Erlwein. „Nein, wahrlich nicht!“ ſprach Archimbald mit erhobener Hand.„Ich habe geſchworen, und den dreifachen Racheeid hat das dunkle Verhängniß gehört; Gott hat dieſen Dolch⸗ den bis jetzo unbefleckten, in meine Hände gedrückt, der Zu⸗ fall, jener geheimnißvolle Diener ſeiner unbegreiflichen Fü⸗ gungen, mir zuvorkommend den Weg gezeigt. Einer der Verbrecher liefert ſelbſt, von ſeiner Beſtimmung dem Ab⸗ grund zugedrängt, ſein Haupt und den Schauplatz ſeiner Frevel in meine Hände. Der zweite ahnt ſein Verderben nicht. Der Himmel will ihre Strafe, und mir kommt es zu, ſie zu vollziehen „Zähle auf uns!“ gelobten die Freunde.— Leila wandte ſich in Thränen ab. „Bevor die Stunde der Vergeltung ſchlägt,“ fuhr Ar⸗ chimbald fort, ſey unſer Wandel, ſo wie wir es unter uns beſtimmten. Dir gute Leila, übertrage ich die Sorge⸗ genau zu wachen, daß der kleine Philipp keine Gelegenheit finde, 218 mit dem Herrn des Hauſes, ſeinen Dienern oder irgend jemand aus der Stadt Verkehr zu haben. Obſchon Namen und Hauptbegebenheiten ihm völlig unbekannt geblieben ſind, ſo iſt er doch alt genug, um nach ſeiner Weiſe vielleicht die Auftritte, deren Zeuge er geweſen, an einander zu reihen; zu unerfahren, um nicht am Ende durch ein unbe⸗ ſonnen hingeworfenes Wort den Argwohn des Spähers zu wecken. Laßt uns behutſam gehen; um ſo überraſchender trifft der Blitz die Unbeſorgten. Es wäre entſetzlich, dem Augenblicke, der vieler Jahre Schmerz vergelten ſoll, ſo nahe gekommen zu ſeyn, und durch ein einziges Verſehen von dem Ziele meiner Wünſche unbarmherzig zurückgeſchleu⸗ dert zu werden. Klugheit und Argliſt! dieſe gewaltigen Waffen ſchlagen den ſichern Böſewicht in der feſteſten Burg darnieder, und ſiegen immer da, wo des Himmels Donner ſchweigen und das Schwert der Gerechtigkeit auf Erden träge in der Scheide ſchläft. Eilftes Rapitel. Wohl dem, der frei von Schuld und Fehle Bewahrt die kindlichreine Seele! Doch wehe, wehe, wer verſtohlen Des Mordes ſchwere That vollbrachtz Wir heften uns an ſeine Sohlen, Das furchtbare Geſchlecht der Nacht! Schiller. Der empfangenen Weiſung getren, verfügte ſich Simon am nächſten Morgen nach der Schlafkammer des Doctors, dem Stüblein des alten ſeligen Herrn, welches er, ſeitdem er das Haus ſein nannte, aus Geſpenſterfurcht niemals be⸗ treten hatte. Auf ſein leiſes Klopfen wurde ein deutliches: „Herein!“ geantwortet, und er ſah ſeinen Gaſt, in einen weiten blauen Faltenrock gehüllt, am Tiſche ſitzen und emſig ſchreiben. Auf derſelben Tafel, wie auf einigen in der Nähe ſtehenden Seſſeln, ſtanden mehrere koſtbar eingelegte Käſt⸗ chen. Der Deckel des einen war geöffnet, und eine Menge blitzenden Goldes leuchtete daraus dem Späherblicke Simons entgegen. Das Waſſer lief dem Habſüchtigen im Munde zuſammen. Er bezwang ſich aber dennoch und ſtellte ſich demüthig dem reichen Hausgenoſſen zu veliebigen Befehlen 220 vor. Ein Sturm ſchien über das Geſicht des letztern zu fahren, als er den eisgrauen Simon von der Seite an⸗ ſchielte; ein Augenblick jedoch brachte alle Züge wieder in die gehörigen Gleiſe zurück. Er nickte dem Wirth zu und ſpritzte gelaſſen die Feder aus.„Ich habe wohl geſchlafen in Euerm Hauſe,“ ſprach er zu Simon,„und denke, es werde mir hier gefallen.“ Simon machte ſeinen Glückwunſch und erzählte dem ſo⸗ genannten Kynaedos eine derbe Fabel von der Art, wie er zu dieſem Hauſe gekommen ſeyn wollte. Kynaedos befragte ihn hierauf um ſeine Umſtände und erhielt denſelben gewiſ⸗ ſenhaften Beſcheid. Der Belogene drehte ſich verächtlich von dem Lügner und ſprach:„Ich habe Euch kommen laſſen, Meiſter vom Hauſe, um Euch für ein halbes Jahr im Vor⸗ aus den Zins für meine Wohnung zu entrichten. Ich pflege es auf meinen Reiſen immer alſo zu halten, wenn ich mich an einem Orte längere Zeit verweile. Dieſe Handlungsweiſe befördert das Zutrauen und meine Unabhängigkeit. Nehmt daher in Empfang, was Euch gebührt.“ Er zählte eine Summe Geldes auf den Tiſch, die Simon nach einiger verſtellter Weigerung einſtrich. Bei Gelegen⸗ heit des Zählens jedoch hatte Kynaedos nach der Reihe die Käſtchen, die vor ihm ſtanden, auf⸗ und zugeſchloſſen und dem habſüchtigen Hausherrn in das Innere derſelben einen Blick erlaubt. Dieſer eine Blick war indeſſen mehr als ge⸗ nügend, ſeine Begierden in Flammen zu ſetzen. Köſtliches Geſchmeide, Edelſteine, Perlen, gemünzte Goldſtücke und mattglänzende Goldſtangen füllten die ſchön verzierten Be⸗ hälter. Simon konnte ſich nicht erwehren, ein bewunderndes Wort über den nie geſehenen Reichthum fallen zu laſſen. 6 221 Kynaedos wies aber kalt auf einige eiſerne Kiſten, die an der Wand des Zimmers ſtanden.„Dieſe Käſtchen enthalten nichts,“ ſprach er,„in Vergleich mit den Schätzen, welche jene Truhen in ſich ſchließen. Und dennoch iſt all' der Reich⸗ thum, mit dem mich der Ewige ohne mein Verdienſt geſegnet hat, nicht mehr werth, als die Paar Heller des ärmſten Bettlers, wenn ich ihn gegen den einfachen Ring halte, der an meinem kleinen Finger ſteckt.“ Simon bückte ſich auf des Griechen Hand, um den ge⸗ prieſenen Reif näher zu betrachten,. entdeckte aber nur einen großen, ziemlich unanſehnlichen und trüben Stein, in ſchlechtes Gold gefaßt. Da er hierauf ſeine Verwunderung an den Tag legte, erwiederte Kynaedos:„Dieſer glanzloſe, ungeſchliffene Edelſtein iſt höhern Werths, als der beſte auf des Kaiſers Krone oder an der päpſtlichen Tiare, obwohl er ausſieht, als wäre er um einen Schreckenberger zu theuer verkauft. Allein, ſo wie man aus dem Antlitze des Menſchen nimmer abnehmen kann, welche Bosheit ihm im Herzen ſteckt, ſo erkennt Ihr ſicher aus dieſes trüben Steines Außerem nicht, daß er ein ſogenannter Spinnenftein iſt. Wenn man nämlich eine Kreuzſpinne binnen hundert Jahren in einem hermetiſch verſiegelten Käſtlein aufbewahrt, ſo verwandelt ſich das giftige Thier in dieſen Stein, der koſtbare Eigen⸗ ſchaften an ſich trägt.“ „Was Ihr nicht ſagt, gelahrter Herr!“ rief Simon. „Und dieſe Eigenſchaften beſtehen... „In Folgendem,“ fuhr Kynaedos fort:„Er ſchützt wider jedes Gift, das dem Beſitzer beigebracht werden ſoll; ſo wie ein ſolches ſich nur in der Nähe beſindet, verräth es ihm ein ſtechender Schmerz an dem Finger, woran er den Ring 222 trägt. Da nun ehrliche Leute nicht wiſſen können, wenn ein niederträchtiger Giftmiſcher ihnen mit ſeinen Höllenkünſten. in den Weg tritt, ſo iſt ein warnender Ring, wie dieſer, unbezahlbar. Nicht wahr, ehrlicher Hausherr?“— Simon bejahte ſtumm und bemeiſterte eine augenblickliche Verlegen⸗ heit, da Kynaedos weiter ſprach: „Ferner begünſtigt der Beſitz dieſes Ringes den wachſen⸗ den Reichthum, vor allem aber die Geſundheit und das Alter des Eigenthümers. Keine Kraniheit greift ihn an, tein Gebreſte verzehrt ihn, ſein Leben ſpinnt ſich weit, viele Jahre über das gewöhnliche Ziel der menſchlichen Tage hinaus; der Hundertjährige gewinnt dadurch noch eine Friſt von dreißig bis vierzig kerngeſunden Jahren, und endlich ſchließt ein ſanfter und ſchneller Tod die Bahn. Die Kraft des Ringes ſchenkt dem Leidenden wie dem ſchwerſten Ver⸗ brecher einen ſanften, tiefen Schlaf, übergiebt Kummer und Gewiſſensqual der Vergeſſenheit. Sie gewährt hin und wieder ſogar einen Blick in die Zukunft der Freunde des Beſitzers, obwohl niemals in die eigene, und wirkt, ohne Unterſchied für jeden, der ihn trägt, ſogar für den Dieb des Rings. Dem Herrn deſſelben bleibt übrigens der gewiſſe Troſt, daß das frevelhaft entwendete Kleinod ſtets wieder den Weg zu ihm zurückfindet... es müßte denn der Räuber zugleich den Lebensfaden des Beraubten durchſchnitten haben, in welchem Falle der Spinnenſtein bei ihm verbleibt, und wie vor dem für ſeinen rechtmäßigen Herrn, ſo auch alsdann für den unrechtmäßigen ſeine Wunderkraft ausübt. Nicht wahr, Ihr ſtaunt? Die Kräfte der Natur ſind aber uner⸗. ſchöpflich, nicht zu enträthſeln. Ich fürchte jedoch⸗ Euch Lan⸗ geweile verurſacht zu haben, denn Ihr ſchweigt ſo düſter?“ „Ich kann mich von meiner Verwunderung nicht erholen,“ erwiederte Simon mit heuchleriſcher Miene.„Nichts deſto weniger wünſche ich Euch Glück, ſolch einen Schatz an Euerm Finger zu tragen; mancher König würde Euch um dieſes Erbe eines ſorgſamen Großvaters beneiden.“ „Ihr rechnet gut, Meiſter“ ſprach der Arzt.„Der un⸗ ſchätzbare Stein ſtammt noch von meinem Großvater Spi⸗ ridion Kynaedos her, der in Athen verſtarb. Geht aber nun, mein guter, ehrlicher Hausherr, und ſucht es in der Stadt zu verbreiten, daß ich bereit ſey, dürftigen und ge⸗ fährlichen Kranken meine Hülfe angedeihen zu laſſen, ſo weit es in meinen Kräften ſteht.“ „Ein edelmüthiger Entſchluß!“ rief Simon lobpreiſend. „Gott hat Euch zum Beiſtande der Armuth und der Aufge⸗ gebenen in unſere Stadt geſandt. Erlaubt, daß ich der Erſte ſey„ „Seyd Ihr krank?“ fragte Kynaedos. „Nicht ſo eigentlich,“ erwiederte Simon,„aber alt! Ihr ſpracht vorhin von Blicken in die Zukunft. Wäre es Euch nicht vergönnt, in die meinige einen ſolchen Blick zu werfen?“ „Warum nicht?“ ſprach Kynaedos.„Den Puls befrage ich bei Kranken, die Linien in der Hand bei Geſunden. Gebt mir Euere Linke.“ „Wie? Könntet Ihr aus ihren Zügen erſehen ℳ fragte Simon. „Gebt her!“ verſetzte Kynaedos, ergriff die Dargebotene, betrachtete und verglich lang prüfend die ſich ſeltſam durch⸗ ſchneidenden Furchen derſelben und ſprach hierauf:„Ich darf Euch Glück wünſchen, alter Mann. Ihr werdet das hoͤchſte Lebensziel erreichen, das nur dem Menſchen erlaubt iſt. Euere Glücksumſtände blühen; allein eine reichere Saat ſteht Euch bevor; Ihr werdet ein kühnes Wageſtück ausfüh⸗ ren, das jetzt noch unentwickelt in Euerer Seele liegt. Eine ſchwere That fürwahr, denn Blut wird ſie koſten, doch nicht das Euere. Dieſe That ſetzt Euch jedoch in den Beſitz der höchſten Güter, eines langen, langen Lebens, ungeheuern Reichthums, und ein ſchneller, ſchmerzloſer Tod iſt Euer Ziel, Beneidenswerther!“ Simon hörte dieſe Prophezeihung nachdenklich an, und ein ſchlaues Lächeln, wie es um den Mund des Schurken ſpielt, der einen böſen, aber leicht zu vollführenden und reich belohnten Streich überdenkt, verzerrte ſeine Mundwin⸗ tel.„Ich danke Euch,“ ſprach er innig erfreut,„ich danke Euch für die Prophezeihung, obſchon ich ſie nicht recht be⸗ greife; denn Blut habe ich gefürchtet mein Leben lang. Verwirklicht ſich dieſer Segen nur zur Hälfte, ſo bin ich in der That ein beneidenswerther Mann. Jetzt will ich aber eilen, Euern Auftrag in Vollziehung zu bringen. Ich denke aber, es wird nicht nöthig ſeyn, Euern edeln Entſchluß lange kund zu thun, denn hier ſteht wieder eine Menge Volkes vor Euern Fenſtern, und die Kranken aus dem Pöbel warten ſicherlich nur auf ein Wort der Erlaubniß, um Euch mit allen Uebeln, die ſeit der Sündfluth das Menſchenge⸗ ſchlecht bedrängen, zu belagern.“ Simon hatte Recht; denn kaum waren die Pfortenflügel des Hauſes geöffnet, als auch ſchon ein Strom von Ge⸗ brechlichen aller Art die Gänge und Vorplätze anfüllte. Man glaubte in ein aufrühreriſches Spittel verſetzt zu ſeyn, ſo ſtürmiſch wogten die Blinden, Lahmen, Höckerigen und Ausſätzigen durch das Haus. Die Unverſchämten drangen ſogar in die Gemächer des fremden Arztes, von deſſen ge⸗ heimen Wiſſenſchaften ein jeder Heilung hoffte. Niemand wußte zu ſagen⸗ auf welche Weiſe das Gerücht von der großen Kunſt des gelehrten Kynaedos entſtanden ſey; aber geuug, es war einmal in Umlauf gekommen, und der Pöbel glaubte. Kynaedos führte jedoch ein ſcharfes Regiment un⸗ ter den Gläubigen ein und ließ ſie nur einzeln in ſeine Nähe, um ſie zu beſichtigen und entweder mitleidig zu tröſten oder zu heilen. Alles dieſes geſchah unentgeldlich, und das Volt jubelte, die Leidenden frohlockten, ward ihnen gleich teine Hülfe. Der erſte Tag, an welchem der weit gereiſete Türkendoctor, wie man ihn nannte, dem Einen ein Balſam, dem Andern eine Salbe, dem Dritten Pulver ausgetheilt, dadurch die Schmerzen des Erſten geſtillt, die Leiden des Zweiten beträchtlich gemindert⸗ die Uebrigen mit Troſt und Rath heimgeſchickt hatte, reichte hin, um den Namen des wohlerfahrnen und tief eingeweihten Arztes zu den Sternen zu tragen. Die wenigen Aerzte, die damals in der Reichs⸗ ſtadt gezählt wurden, zuckten die Achſeln bei den übertrie⸗ benen Lobpreiſungen, die das Volk der Siechen, die theils hergeſtellt wurden⸗ theils ſich hergeſtellt glaubten, dem Retter angedeihen ließen, konnten aber nach allen Nachfragen und unterſuchungen eben ſo wenig das Verfahren des fremden Arztes tadeln, als ſie den Taumel der Bürgerſchaft in's Geleis zu bringen vermochten. Der Ruf von dem Phönir unter den Heilkünſtlern, ver beinahe alle Leidenden heilte, hingegen von keinem das Geringſte annahm, niſtete ſich in die Häuſer der Vornehmen ein, und waren im Anbeginn Kynaedos Gemächer von Bettlern angefüllt, ſo wimmelte es jetzs darinnen von Dienern, Ladenburſchen Mägden, die 5 1 J. von ihren Gebietern geſandt waren, den Wunderthäter in Eile zu ihnen zu beſcheiden. Archimbald hatte eines Mittags all' die Zudringlichen abgefertigt und ruhte in dem weiten Sorgenſtuhle des Va⸗ ters aus, als Bogalew herein trat, um eine Meldung zu machen. Er hatte aber kaum die erſten Worte hervorge⸗ vracht, als er verdutzt verſtummte und das verlegenſte Geſicht von der Welt machte. Archimbald fragte um die Urſache ſeiner Beſtürzung.„Ach, Herr,“ antwortete der arme Teu⸗ fel, bald blaß, bald roth werdend:„ich ſehe Euch zwar zum erſtenmale hier in Ulm; aber leider kennen wir uns ſchon ſeit länger.“ „So?“ fragte der Doctor und betrachtete ihn aufmerk⸗ ſamer.„Wahrlich... ich glaube mich zu beſinnen.. „Beſinnt Euch nur herzhaft,“ erwiederte Bogalew:„Euer Gedächtniß wird Euch nicht irre führen, wenn ich Euch auch nicht ſage, daß mir die Rippen noch von dem Falle ſchmer⸗ zen, den Ihr mich vom Gaule machen ließt.“ „Ei!“ ſprach Archimbald:„nun hab' ich's. Du biſt der Kinderdieb von Burgau.“ „Herr! bei meiner armen Seele!“ rief Bogalew:„ich ſtehle keines mehr; Ihr habt mir das Handwerk ſattſam verleidet. Auch trieb ich's nicht auf eigene Fauſt⸗ wie ich glaube Euch geſagt zu haben. Aber.. „Was heißt das Aber?“ fragte Archimbald. „Das ſoll heißen,“ fuhr Bogalew fort:„Ihr habt mir verziehen und mich laufen laſſen. Damals ſagtet Ihr, ich cy zu dumm zum Spitzbuben, und beim heil. Veit! ich glaube es ſelbſt. Aber jetzo müßt Ihr mir dafür auch rei⸗ nen Mund geloben. Der alte ehrliche Herr vom Hauſe hat mich in ſeinen Dienſt genommen, in dem ich nicht viel zu thun, aber beträchtlich zu eſſen habe, ſo daß es mich recht ſchmerzen würde, wenn ich wieder heraus ſollte aus dem Neſt. Das würde jedoch unfehlbar geſchehen, wenn Herr Simon wüßte, was ich gar zu gerne niemals erfahren hätte. Bringt mich nicht um's Brod und um die Ehrlichkeit.“ „Behüte mich der Himmel!“ erwiederte Archimbald lä⸗ chelnd.„Ich werde nichts ausplaudern, guter Freund. Dein ehrlicher Hauspatron ſoll kein Aergerniß an Dir nehmen, obgleich ich nicht weiß, ob Du ihm nicht vielleicht in Deiner ehemaligen Eigenſchaft als Kinderdieb lieber ſeyn würdeſt, als hinter der Larve der Rechtſchaffenheit. Mein Wort darauf.“ Bogalew ſchüttelte ihm herzlich die Hand.„Topp,“ ſagte er:„es gilt! Ich bin ruhig, denn Ihr habt gar ein ehrlich Geſicht, und Euer alter Begleiter.. „Beſorge nichts von ihm,“ verſetzte Archimbald.„Er iſt fern von Ulm, und trifft nicht eher ein, als bis für Dich nichts mehr zu fürchten ſeyn wird. Verlaſſe Dich auf das⸗ was ich Dir ſage.“ „Wie auf's Evangelium!“ antwortete Bogalew.„Könnte ich Euch doch für die chriſtliche Schonung danken, lieber Herr! Seyd indeſſen verſichert, zeigt ſich mir eine Gelegen⸗ heit, Euch einen Dienſt,.. wollte Gott einen recht wich⸗ tigen, zu leiſten, ich werde gewiß zugreifen und weder faul noch dumm dabei ſeyn. Doch, was ich ſagen wollte... vorhin war eine Kammermagd unten, die ſich nicht getraute, mit Euch ſelbſt zu ſprechen, da Ihr ſehr beſchäftigt war't. Ihre Gebieterin liegt an einem ſchweren Gebreſte darnieder und läßt Euch bitten, ſie heimzuſuchen. Die Frau heißt 228 Barbara Wernher, eines Rathsherrn Tochter, deſſen Namen ich vergeſſen habe, und wohnt unfern des deutſchen Hauſes.“ Archimbald ſchwieg eine Weile, wurde bleich, rieb ſich die Stirne und ſtand auf.„Ich komme gleich!“ ſprach er endlich.„Das iſt eine Fügung des Allwächtigen,“ ſetzte er leiſe hinzu, belud ſich mit Arzneiflaſchen und Büchſen, machte ſich ohne Verzug auf den Weg und murmelte für ſich:„Muß ich denn mit allem, das mich anfeindet und das ich haſſe zuſammentreffen, um meiner Widerſächer Troſt, Helfer und Retter zu werden! Muß ich meine Feinde emporheben, wäh⸗ rend Freunde und geliebte wahlverwandte Menſchen an meiner Seite in des Unglücks Schlingen, in den Abgrund des To⸗ des ſinken! Und dennoch muß ich mein Schickſal vollenden, meine Sendung erfüllen. Edle Rache iſt des Mannes wür⸗ dig, und nur das Haupt der ſchwerſten Frevler erliege unter dem Schwert der männlichen Wiedervergeltung. Allein, das ſchwöre ich bei Gottes Himmel und ſeinen Geſtirnen! dieſe Häupter ſollen meinem gerechten Zorne nicht entgehen, ſo wahr ich Urſache habe, mit der Menſchheit zu grollen, ſo wahr ich verpflichtet bin, die drohenden Schatten eines Va⸗ ters, einer Mutter und einer Gattin zu verſöhnen.“ Nit ſeltſamen Gefühlen im Buſen überſchritt er die Schwelle des Hauſes, aus welchem ihn einſt die kaltblütige Grauſamkeit ſeines in Prunk und Ueppigleit dahin lebenden Bruders gejagt hatte. Wie ſehr hatte ſich aber in den lan⸗ gen Jahren alles geändert! Nicht mehr das Geräuſch jenes fröhlichen Kindtaufſchmauſes, nicht mehr das Schmettern der Trompeten und der Pauken Donner erfüllte das Gebäude. Es lag ſtill und geräuſchlos. Eine Dienerin, die die leicht⸗ fertigen Züge kaum mit Noth und Mühe in eine heuchleriſche 229 Trauer umzuwandeln vermochte, öffnete ihm die Thüre der öden Treppe. Die Baſe Laibingerin war die erſte, die ihm oben auf dem Gange entgegen kam. Sſcher, von den Verwandten nicht erkannt zu werden, da ſogar die ſcharfen Luchsblicke Simons teine Spur des verdächtigen Archimbalds mehr aus ſeinem Antlitz heraus fanden, fragte er ſie nach der Kranken. Falſche Betrübniß auf der Stirne, und mit niedergeſchlagenen Angen, die vom dienſtwilligen Wiſchtüch⸗ lein roth gerieben waren⸗ neigte ſich die ausgetrocknete Baſe⸗ ſchlich auf den Zehen neben dem ſogenannten Doctor her, liſpelte ihm einige Bemerkungen über die fürchterliche Krank⸗ heit ihrer Muhme in's Ohr, drückte die Klinke an der Thüre des Krankenzimmers auf, und drängte ſich unbemerkt hinter dem faltigen Gewande des Arztes wieder in daſſelbe ein. Ein mephitiſcher Dunſt ſchlug dem Eintretenden entgegen⸗ und eine Geſtalt, die Häßlichkeit der Sünde, wie die ent⸗ ſetzlichſte durch ihre Höllenleiden hervorgebrachte Entſtellung auf dem Geſſchte blickte aus den Vorhängen des Lagers, und ſtreckte dem Arzte die dürren abgezehrten. Arme entgegen. „Seyd Ihr der Mann Gottes?“ rief die Sieche mit heiſerm Tone und verwildertem Blicke;„ſeyd Ihr der, der mir hel⸗ fen wird in merner Betrübniß?“ Archimbald wollte eben antworten. Barbara gewahrte aber ſo eben die neuerdings hereingelommene Baſe und gerieth in die höchſte Wuth. Sie ſtieß ein fürchterliches Geſchrei aus, und winkte, in heftigen Zuckungen liegend, beſtändig mit den Händen, die ungebe⸗ tene Beſucherin zu entfernen, ſo daß Archimbald der Baſe mit Nachdruck gebieten mußte, zu gehen, um die Leidende nicht außer ſich zu bringen. Mit einem giftigen Blicke ge⸗ horchte endlich die Laibingerin, und ließ den Doctor mit der Hülfsbedürftigen allein. Die letztere kam bald wieder zur Beſinnung, und winkte Archimbald näher, ihn mit ihrem ſchauderhaften Zuſtand bekannt zu machen. Der Heilkundige erbebte, da er entdeckte, daß die entſetzlichſte Qual ſich in dem innerſten Leben der Unglücklichen entwickelt hatte; eine ver⸗ zehrende Natter, heimiſch in dem Kelche, worinnen Keim, Blüthen und Frucht der kommenden Geſchlechter ſich bildet, zerfraß unbarmherzig ihre Hülle. Kein Troſt, keine Hülfe ſah der Kunſtverſtändige; ſchneller einbrechend griff der gie⸗ rige Dod nach dem zuckenden Herzen, da bittere Gewiſſens⸗ qualen mit den ungeheuern Leiden des Weibes ſich augen⸗ ſcheinlich verſchworen hatten. Ihre Pulſe klopften, hochroth glühten ihre Wangen, wild rollten die Augen hin und her in den weitaufgeriſſenen Höhlen, ihre Hände griffen krampf⸗ haft in die Decke des Lagers und jede Geberde verrieth be⸗ ginnende Raſerei. „Was ſagt Ihr zu meinem Zuſtande?“ fragte ſie, mit Seelenangſt in den Blicken und zuckendem Lächeln um den vertrockneten Mund.—„Nicht wahr, die Aerzte zu Ulm ſind Quackſalber, dümmer und boshafter als ein trunkner Schä⸗ fer aus dem Dorfe? Sie ſprechen mir das Leben ab, und ich bin doch zu jung zum Sterben... und mein Gebreſte muß doch zu heilen ſeyn, denn Gott hat die Krankheiten werden laſſen und für eine jede hinwiederum ein Heilmittel. Das weiß ich... das müßt auch Ihr wiſſen, denn Ihr war't unter Türken, Juden und armeniſchen Ketzern. Ihr habt viel Geheimniſſe mit Euch gebracht, und werdet mich heilen, den Schafsköpfen von Ulm zum Trotz, damit die Baſe mir nicht in's Geſicht lache, wenn ich auf dem Brete liege, kalt und ſtarr wie Marmelſtein. Ja, Herr, ſie wird mich auslachen, und mir im Tode die Zunge herausſtrecken, weil ſie durchaus meine Erbin zu ſeyn begehrt, und doch keine redliche Thräne für mich hat. Ich kann ſie darum nicht ausſtehen, denn ſie iſt eine Schlange,.„ ich will leben! Gebt Arzeneien her.. ich nehme alles, um zu leben Archimbald ſtand erſchüttert vor der in Fieberangſt glü⸗ henden todtkranken Frau, und verſuchte vergebens dem Sturme ihrer Rede Einhalt zu thun; doch, was er nicht vermochte, gelang der Ermattung. Erſchöpft ſchwieg endlich die Ver⸗ zweifelnde, und ihr ſtarrer Blick ſuchte unter den Schauern der Furcht und der Hoffnung in Archimbalds Auge zu leſen. Da jedoch die Antwort zu lange ausblieb, keuchte ſie aus klangloſer Bruſt: „Nicht wahr, ich kann nicht ſterben? ich darf ja nicht; ich habe noch nicht Buße gethanz und dann bin ich noch jung... ach, ich war die Schönſte in ganz Ulm. ich kann noch nicht ſterben. Helft, gelehrter Herr!“ „Ich will's verſuchen,“ erwiedertè dieſer mit gepreßter Stimme.—„Gott zeigt ſich oft wunderbar und ſtark. Ver⸗ trauet ihm. Beruhigt Euer aufgeregtes Herz.“ „Ihr habt gut reden;“ murrte Barbara unter der Decke hervor;„kalter Rathgeber! wo ſoll ich Vertrauen, wo Be⸗ ruhigung hernehmen? Iſt nicht der Himmel für mich ver⸗ ſchloſſen, wenn ſich auch mein Grab aufthut? Helft, gelehrter Herr, daß ich lebe. Es muß doch ein Kraut, einen Balſam in der Welt geben, der mich zu heilen im Stande iſt; einen Tropfen nur davon, und ich werde geneſen. Ich ſpüre ja nicht die Kälte des Todes in meinen Adern, meine Glieder ſind ja nicht ermattet und kraftlos. Alle meine Sehnen 232 recken ſich auf gegen das Uebel, eine unverwüſtbare Flamme von Lebenskraft durchflackert meinen Körper. Ihr ſeht, ich kann nicht ſterben! Helft, gelehrter Herr!“ Die Todesangſt, die, der Leidenden unbewußt, aus ihr ſprach und tobte, theilte ſich dem ſchaudernden Archimbald mit, welcher um alles in der Welt gewünſcht hätte, weit von dem Schmerzenslager einesrlaſterhaften Weibes entfernt geblieben zu ſeyn. Jedoch, ſeine heilige Pflicht und einen andern Zweck vor Augen habend, ſchmiegte er ſich in die böſe Lage ſo gut er konnte, verordnete der Kranlen einige ſchmerzlindernde Medikamente, und entfernte ſich mit dem Verſprechen, bald wieder zu kommen. Der argliſtige Simon war indeſſen mit ſeinen Ränken zu Rath gegangen, und hatte eine Verſchwörung gegen die Sinne ſeines reichen Hausgenoſſen angezettelt, die nach ſei⸗ ner Berechnung für ihn zur Goldquelle werden ſollte, bis ein glücklicher Zufall, oder ein ſchwarzes Verbrechen, das ſich ſchon gleich einem dunkeln Ungeheuer im Hintergrunde ſeiner Seele regte, ihn in den Beſitz von erſehnteren Schätzen bringen würde. Der Clende, dem an ſeiner Ehre nichts lag, gab auch ohne Bedenken die Ehre Andrer Preis, und auf dieſe Grundſätze ſich ſtützend, machte er den Verſuch, ob nicht die im kräftigſten Jungfrauenalter blühende Engeltrude im Stande ſey, durch Libesnetze den ſonderlingshaften Grle⸗ chen zu feſſeln. Zu dieſem Ende hatte er die Leichtgläubige und Neugierige beſchwatzt, ſammt ihrem Vogte in ſein Haus zu kommen, um das Treiben und Leben der fremden Gäſte in der Nähe zu ſchauen. Der bürgerlich erzogenen Dirne waren die prächtigen Geräthſchaften nach morgenländiſcher Art, welche die Gemächer erfüllten, wie die Kleidung der Diener und ihre rauhe Sprache, nie geſehene, nie geahnte Dinge, und ſie gab ſich ohne Arg der Leitung des l'ſtigen Simon hin, der ihr heute zum erſtenmale nicht ganz ſo ab⸗ ſcheulich vorkam, als ſonſt, weil er ihr ſo viel herrliche Dinge zu zeigen wußte. Sie bemerkte die Abweſenheit ihres Vogts Leonhard gar nicht mehr, der unten bei der Flaſche ſaß, und fürchtete nur die Rückkehr der Fremden, die, auf einer Luſtwanderung vegriffen, es dem Simon möglich ge⸗ macht hatten, Engeltruden ihre Einrichtung ſehen zu laſſen, möchte zu bald erfolgen, ehe ſie alles geſchaut; da ſtand der Alte mit einemmale vor einer Thüre ſtill, lugte durch's Schlüſſelloch, drückte behutſam das Schloß auf, ſchob ſeine Begleiterin in das Gemach, rief ein ſüßliches:„meine Braut, gelehrter Herr!“— ihr nach, und zog die Thüre wieder hin⸗ ter ihr zu. Engeltrude glaubte vor Scham in die Erde ſinken zu müſſen, da ſie gewahrte, daß der Herr aller dieſer Herrlichkeiten ſelbſt in dem Stüblein gegenwärtig ſey. Ihre erſte Bewegung war, zu fliehen; allein Archimbald, der aus tiefem Nachdenlen erwacht war bei dem Eintritt der hohen und füllreichen Geſtalt, welche eine ſanfte Empfindung aus vergangenen Zeiten in ihm erregte, hatte bereits ihre Hand ergriffen, hielt ſie mit liebreicher Gewalt zurück, und fragte mit milder Stimme nach ihrem Begehr. Thränen der Ccham und des Zorns gegen den heimtückiſchen Simon, deſſen An⸗ ſchlag ſie zu durchſchauen begann, waren anfänglich die Antworten, die Engeltrude auf Archimbalds Fragen gab. „Ich glaube zu verſtehen,“ ſprach er endlich,„daß man Uebles mit Dir und mir vor hatte, mein Kind. Beruhige Dich indeſſen, der Zufall hat uns vielleicht nicht umſonſt zuſammengeführt. Für's erſte will ich den Lauſcher, der 234 vermuthlich am Schlüſſelloche ſitzt, blind machen. Die ſchwere eichene Thüre verſtopft ihm überdies die Ohren, wenn wir nicht übermäßig laut werden.“— Er that wie geſagt, ſteckte kaltblütig den Schlüſſel in das Schlüſſelloch, an welchem Simons Auge von Neuem Platz genommen hatte, öffnete raſch die Thüre, und ſah den ertappten Horcher mit dem verächtlichſten Blicke an.„Ei, Meiſter Simon!“ ſprach er, „was macht Ihr hier? Der Alte wollte Entſchuldigung ſtammeln.„Hebt Euch hinweg!“ erwiederte ihm Khnaedos mit ſtrengem Blicke und gerunzelter Stirn. Führt Ihr die Dirnen zu mir in geheimer Berathung, ſo will's nicht ziemen, daß Ihr Zeuge ſeyet!“— Vor der Naſe ſchloß er ihm die Pforte, zog dann die zitternde Engeltrude in die Fenſterbrüſtung, ergriff ihre beiden Hände, und ſah mit ſeelenvollem Auge in die ihrigen, als müßte er in der Seele der Jugendgefährtin die Erinne⸗ rung wecken an ihren fröhlichen Geſpielen; allein vergebens. Aus dem fremd gewordenen Antlitz ſprach keine heimliche Ahnung; ſein Bild lebte nicht mehr in dieſer Bruſt; dieſe Hände, die er ſo zärtlich liebte und ſo oft gedrückt hatte— in heiterer Kinderzeit, zogen ſich ſcheu aus den ſeinigen;— herabgeſtimmt in ſeiner Aufwallung fiel er endlich auch wie⸗ der in den Ton des Fremden zurück, und fragte:„iſt es denn wahr, meine holde Jungfrau, was der alte Simon ſagte? Du wärſt ſeine Braut?“— Engeltrudens Wangen glühten, als ſey es ein Schimpf für ſie, zu denken, ſie könne freiwillig den alten boshaften Menſchen zu ihrem Bräutigam erkohren haben. Sey es Eitelkeit der Jungfrau, ſey es ein plötzliches Vertrauen zu dem wohlgebildeten und ernſten Frager,.... genug: ſie 235 ſchloß ihm mit wenig Worten und vielem Eifer ihr Herz auf, und er wußte bald, daß ſie von böſen Menſchen be⸗ ſtimmt ſey, ein Opfer der Willkühr zu werden, und ihre Tage, an einen Achtzigjährigen gefeſſelt, zu vertrauern. Archimbald ſchüttelte mißbilligend den Kopf.„Liebe Dirne,“ ſagte er ſodann:„das iſt ein Fall, in welchem ein gewöhn⸗ licher Arzt nicht zu helfen vermag. Wahrſcheinlich haſt Du mir auch nur die Hälfte Deines Kummers vertraut; denn ohne Zweifel hat eine Jungfrau Deinesgleichen bereits einen Mann gefunden, der ſich glücklich ſchätzen würde, ihr die Hand zu reichen, und deſſen Gattin ſie mit weniger Wider⸗ ſtreben ſeyn würde, als die des alten Simon. Hab' ich's errathen?“ Engeltrude nickte ſtumm mit dem Kopfe.—„Wer iſt der Beneidenswerthe?“ fragte Archimbald hierauf. „Ach, lieber Herr,“ ſeufzte Engeltrude,„es iſt der Bader Eſchenreuter, unfern des Gänsthors, ein gelehrter junger Mann, der etwas Beſſeres verdiente, als den Leuten den Bart putzen und die Köpfe ſcheren zu müſſen.“ „Eſchenreuter?“ wiederholte der Doector etwas ungeſtüm, faßte ſich aber ſchnell.„Iſt der junge Mann ein Bürgers⸗ ſohn von Ulm?“ „Nicht doch, gelehrter Herr!“ antwortete Engeltrude. „Er iſt ein Straßburger, hat viel ſtudirt und mit unſerm gnädigſten Kaiſer zu Prag am Schmelzofen gearbeitet, hat alsdann einen dummen Streich gemacht und Reißaus' ge⸗ nommen, iſt aber hier ein frommer ordentlicher Menſch ge⸗ worden, ſteht in ſeinen beſten Jahren, und hätte mich gewiß ſchon zur Frau genommen, hätte er ſo viel Geld erſchwingen 236 Jongen um dem Meiſter Sittig ſeine Badſtube abzukaufen, und das Handwerk auf eigne Fauſt zu treiben.“ Der Doctor ſann eine Weile nach, lächelte alsdann, und ſprach:„wie geſagt, meine gute Maid, helfen kann in ſol⸗ cher Plage kein Arzt;z allein, ich will Dir wahrſagen und aus der Hand prophezeihen, wie es weiter mit Dir gehen wird. Willſt Du?“ Engeltrude warf einen ſchnellen Seitenblick nach der Thüre, und da ſie dieſelbe feſt verſchloſſen,„ dem neu⸗ gierigen Simon alle Gelegenheit zum Lauern benommen ſah, reichte ſie die weiße Hand dem lächelnden Propheten hin. „Sey ohne Sorgen, liebes Kind,“ tröſtete dieſer nach kurzer Unterſuchung. Das Schickſal will Dir wohl, und der böſe Simon bekömmt Dich nicht in ſeine Klauen. Wohl aber werden des blonden Eſchenreuters Arme Dich als Gat⸗ tin umſchlingen, ein wohlgeſinnter und verſöhnlicher Feind ihm Sittigs Barbierſtube kaufen, und Euch beide glücklich machen.“ „Ach!“ rief Engeltrude mit gedämpfter Stimme, und hüpfte luſtig auf den Zehen...„wenn das alles einträfe... wenn Ihr wahr geſprochen hättet!“ „Die Hoſfnung auf die Seligkeit iſt Deinem reinen Her⸗ zen nicht gewſſer,“ antwortete Archimbald.„Traue meinen Worten. Ich will Dein Glück. Doch empfehle ich Dir Schweigen gegen Jedermann, Deinen Geliebten ausgenom⸗ men; denn dem geſchwätzigen Munde der Weiber, ihrem Herzgefpielen gegenüber einen Zaum anlegen zu wollen, wäre ohnehin vergebene Mühe. Nur daß Simon nicht das Geringſte erfahre. Verſtelle Dich; es fällt Euch ja ohnedieß nicht ſchwer, und mache dem alten Schelm weiß, ich hätte W Dir unziemliche Anträge gemacht, die Du erzürnt ausge⸗ ſchlagen. Sey freundlich mit ihm; bezwinge Dich! Deine Erlöſung... glaube mir.. ſie iſt vor der Thüre.“ Engeltrude hatte ihn kaum verlaſſen, ſo ertappte er ſich auch ſchon auf einer Regung ſeltſamer Eiferſucht. Es dünkte ihn, als ſey es Unrecht, daß Eſchenreuters Beld in der Bruſt Engeltrudens herrſche, die er in ſeinen kindiſchen Spielen ſeine Frau genannt hatte, für welche noch eine ſüße Theil⸗ nahme in ſeiner Seele zurückgeblieben war. Doch genügte ein lurzes Bedenken, um ihm ein Lächeln über die kindiſche Eiferſucht abzunöthigen.„Was will ich denn?“ ſprach er zu ſich ſelbſt.„Wäre ich thöricht genug, mir einzubilden, Archimbald gelte noch etwas in Engeltrudens Augen? Ach! ſie hatte ja ſchon damals kein Herz mehr für mich, als ich von allem entblößt, ein Bettler, ein Baſtard, zur Heimath wiederkebrte. Das Stück Brod, das ſie mir kalt und ſcheu in die Mütze warf, war der Felſen, der ewig ſcheidend zwi⸗ ſchen unſere Herzen fiel. Kann ich ſie auch tadeln? Mußte mich nicht die kaum den Kinderſchuhen Entwachſene dem 3 Auswurf der Menſchheit beizählen, da Freunde und Ver⸗ wandte ſchaudernd vor mir flohen, wie vor einer Schlange? 3 mich anfeindeten, wie ein reißendes Thier?— Und hätte ſie mich auch mit kaltem Blute beleidigt, mißhandelt. kann ich nicht jetzt vergelten? muß ich nicht meine Rechnung til⸗ gen? Ja, die Mißhandlungen ihres rohen Vaters, jenes Stück trockenen Brods, und Eſchenreuters mörderiſchen Schuß will ch auf einem Bret bezahlen, und in meiner ausgeſuch⸗ ten Rache glücklich ſeyn!“ B wölftes Rapitel. Was rennt das Volk? was wälzt ſich dort Die langen Gaſſen brauſend fort? Schiller. „Hörſt Du den Lärm auf dem Münſterplatze?“ rief Erl⸗ wein in's Gemach. Archimbald fuhr aus ſeinen Dräumen in die Höhe.—„Dachte ich mir's doch,“ fuhr der Freund fort;—„er ſitzt da, in finſteres Hinbrüten verſunken, wäh⸗ rend es dort um ſeinetwillen blutige Köpfe ſetzt.“ „Blutige Köpfe? um meinetwillen?“ fragte der Erſtaunte. „Ja doch;“ rief Achmet, der ſo eben herbeikam.„In der Herberge, dort am Eck iſt ein Fremder angekommen, ein Quackſalber vermuthlich ſeiner Zunft; denn er unterfing ſich, Deine Kunſt zu läſtern, da man in der Trinkſtube davon ſprach, und ſich ſelbſt den erſten Arzt der Welt zu nennen. Die Gemüther der Gäſte, deren einige von Dir geheilt wor⸗ den, erhitzten ſich durch Wein und Schmähworte dergeſtalt, daß die Mücke zum Elephanten wurde. Einige der Ver⸗ nünftigern nahmen den Läſterer vor der Wuth ſeiner Gegner in Schutz; allein der Pöbel belagert jetzt das Haus, und 239 fordert mit dringendem Geſchrei den Unbeſonnenen vor ſein Gericht. Unmöglich können Pforten, Riegel und die weni⸗ gen Beſchützer des vorlauten Mannes lange dem Anlauf der Menge Widerſtand leiſten.“ „Gott im Himmel!“ verſetzte Archimbald mit Schaudern. „Steuert denn Niemand dem Unweſen, das am Ende durch ſeine böſen Folgen meine Entwürfe zu nichte macht? Wo iſt der Magiſtrat, wo ſind die Stadtwachen?“ „Der Magiſtrat traut dem Pöbel nicht, und hält ſich zu Hauſe,“ entgegnete Erlwein.„Die Wächter ſchützen die Si⸗ cherheit der ihnen anvertrauten Mauern und Thore vor, und halten dieſelben ſcharf beſetzt, um nur nicht mit dem raſen⸗ den Volke anbinden zu müſſen.“ „Gütiger Gott!“ rief Archimbald.„Wird dem Fremden nur ein Haar gekrümmt, ſo müſſen wir eiligſt weiter ziehen, und meine Vorfätze, meine Rache, meine Gelübde, alles bleibt unerfüllt. Wer mag den Sturm beſchwören?“ „Niemand vermöchte es beſſer, denn Du ſelbſt,“ meinte Achmet.„Das Volk ſtreitet für Deinen Ruhm, es wird Deine Stimme hören.“ „Der Einfall iſt gut!“ antwortete Archimbald ſchnell entſchloſſen.„Mein Pferd!“ „Ich begleite Dich,“ jubelte Erlwein.„Solch kleiner Aufruhr ſchüttelt das träge Blut zuſammen.. „Du bleibſt,“ befahl ihm Archimbald. iſt hier. Du fühlſt, daß Du nicht von ihm erkannt werden darfſt, und daher immer auf der Hut ſeyn mußt, um ihm nicht in den Weg zu laufen. Achmet wird mich geleiten, und wir beide ſind ſtark genug, meinem beprsugi Ver⸗ leumder aus der Noth zu helfen.“ 240 Während nun, aller Vorſtellungen Leila's ungeachtet, Achmet und Archimbald ſich bereiteten als Ruheſtifter unter das empörte Volk zu treten, bot der Münſterplatz das bun⸗ teſte, wechſelndſte Schauſpiel dar, beängſtigend und beluſti⸗ gend zu gleicher Zeit. Die Herberge an der Ecke war um⸗ 6 lagert von einem unabſehbaren Gewühl, das ſich bis in die 5 vom Platze auslaufenden Gaſſen erſtreckte. Die Beleidigun⸗ . gen in der Trinkſtube hatten bedeutende Flammen geworfen, einige ehrſame Altmeiſter, beſorgt für den Ruhm desjenigen, der ihnen von Zahnweh oder Gichtſchmerzen geholfen, die Zünfte zuſammengerufen. Der Handwerlspöbel, gierig nach Stürmen und Tumult, hatte freudig die Werkſtätlen ver⸗ laſſen, um für einen unbekannten Mann gegen einen Unbe⸗ kannten zu wüthen. Der Fremde ſah bei dem Anlauf des Volks zu ſpät ein, daß ihn ſeine Klugheit für dieſesmal verlaſſen, und forderte Hülfe von dem Wirthe der Herberge. Dieſer wackre Mann hatte jedoch den Kopf verloren, und hätte den Unruhſtifter lieber vor der Thüre als im Hauſe geſehen, welchem von der brauſenden Menge ein unwillkom⸗ mener Beſuch drohte. Das Gebäude war überdieß angefüllt von Friedliebenden, die der Zufall in den Strom der Auf⸗ wiegler geführt hatte und ihnen bloß dieſen einzigen Zu⸗ fluchtsort, den gefährlichſten von allen, erlaubt hatte. Bis jetzt hatten die Handwerker ihrem Zorn bloß durch Schelten, Fluchen und tobendes Geſchrei Luft gemacht; ein geringer Zufall jedoch gab den Ausſchlag. Oben in der Trinkſtube, woſelbſt Kopf an Kopf ſich drängte, wurde von den er⸗ ſchrockenen Flüchtlingen ein Fenſter hinausgedrückt. Die zerbrochenen Scheiben regneten auf die Köpfe und Hände der Selagerer, der nachſtürzende geplatzte Rahmen ſchlug einige 24¹ der Nächſtſtehenden blutrünſtig. Ein Büchſenmeiſter, unbe⸗ deutend verletzt, beging die Unvorſichtigkeit, eine geſpannte Muskete, die er in der Hand trug, gegen das Fenſter ab⸗ zufeuern, und dieſer Knall gab das Zeichen des Ausbruchs, öffnete die Schleußen der Volkswuth.—„Man will uns ermorden!“ ſchrie. brüllte der rohe Haufe.„Leiden wir das? Leitern her! ſtürmt das Neſt! deckt das Dach ab... zündet die Kneipe an! ſchlagt das ausländiſche Läſtermaul nieder, ſammt ſeinen Spießgeſellen!“— Nun gab es Raum und Platz; Feuerleitern ſchwankten durch die Menge; Gärtnersweiber und Taglöhnersbuben ſchleppten verdor⸗ bene Gartenwaare herbei, ſie in die Fenſter zu ſchleudern, eine Stelle des Pflaſters wurde aufgeriſſen, und die Steine zum beliebigen Gebrauch aufgeſchichtet. Balken und große Böcke wurden herzugeſchleift, um die Thüre einzurennen. Während unter Schreien, Pfeifen und Toben alle Fenſter zerſchmettert herabſtürzten, allenthalben die Leitern angelegt wurden, auf welchen kecke Waghälſe, Beile und Knüttel in der Hand, furchtlos hinanklimmten;.. während die Thüre erbebte von der donnernden Erſchütterung der Balkenſtöße gegen ihre ſtarkgefügten Flügel,. hatten beſonnenere Sturmläufer den Weg über die Nachbarshäuſer auf die Dachung der Herberge geſucht, und ihn glücklich gefunden. Wie Eichhörnchen kletterten ſie am ſteilen Giebel auf und nieder, tauchten einige durch die Schornſteine und Dach⸗ lucken in das Innere der Speicher, krallten ſich andere an die jähen Dachwände an, und riſſen die Ziegel von den Sparren, daß ſie wie Hagelſchlag niederſchmetterten, und die müßigen Zuſchauer des Sturms auf eine weite Strecke von dem erſtiegenen Hauſe zurückſchreckten. Ein raſendes 13 16 Jubelgeſchrei verkündigte indeſſen den Einſturz der Thüre, wie die Eroberung der Fenſter der Trinkſtube. Tiſche, Becher, Kannen und Römer flogen auf die Straße, Zunftzeichen, Rechentafeln, Schwenkkeſſel und zerriſſene Karten folgten in der tollſten Unordnung. Stühle und Bänke, Bretſpiele und Würfel, Viertelskrüge und Tropfkübel machten den Beſchluß. Der Wirth, mit ſeinen ſtämmigen Knechten, hatte alle Mühe die wüthenden Geſellen vom Weiterdringen abzuhalten, und gab ihnen gerne den Vorrath an Wein Preis, der ſich in der Stube vorfand. Die Erhitzten ließen ſichs nicht zweimal bieten, ſchlugen den Deckel des vorliegenden Faſſes ein, und ſchöpften mit Hüten und Mützen aus der geiſtigen Fluth. Einige gewandte Brauknechte benutzten den Stillſtand, und eilten, die Dachſtürmer abzutreiben, die ſich bemühten, die feſt verſchloſſenen Thüren der Bodenkammern einzuſtoßen und ſich über's ganze Haus zu verbreiten. Indeſſen war von den durch die Hauspforte Eingebrochenen mitten unter einem Schwarme von Flüchtigen und an dem Handel gänzlich ſchuldloſen Bürgern und Weibern der Zankapfel ſelbſt er⸗ griffen worden, und unter gräßlichem Gebrüll ſchleppten die Rächer beleidigter Doctorwürde den Halbtodten unter Schlä⸗ gen und empfindlichen Mißhandlungen auf den Platz heraus. Im ſelben Augenblick erſchienen endlich die Wächter der Stadt, gewöhnt, immer zu ſpät zu kommen, auf der Wahl⸗ ſtatt. Ein Rathsherr und der Rottmeiſter, beide an der Spitze der Söldner, machten Miene, als wollten ſie mit einem Gewaltſtreich dem Auflauf zum Ende verhelfen; denn als ihr mafeſtätiſches Ruhegebieten ungehört, unbefolgt ver⸗ halt war im Getümmel, befahlen ſie, die Haken auf das Volk loszubrennen. Das mörderiſche Gebot war jedoch kaum 243 erlaſſen, als die Anführer es ſchon bereuten; denn ehe die furchtſamen Knechte ſich fertig machen konnten, hatte ſie auch ſchon ein dichter Knäuel von verwegenen Raufern umwickelt, ihnen Waffen, Gabeln und Pulverbüchſen entriſſen, und die Kolben fielen, wie Dreſchflegel auf der Tenne, auf und nieder auf die Häupter der Friedensſoldaten. Der heran⸗ wachſende Straßenpöbel bewarf des verdutzten Rathsherrn ſchneeweiße Krauſe mit Koth, und ſchonte dabei ſogar ſeines Antlitzes nicht; freche Höckerweiber trommelten mit ihren Pantoffelabſätzen auf dem Bauche des niedergeworfenen Schnepfinger, während muthwillige Schuſterjungen mit ihren Knieriemen die Kehrſeite des Umhergewälzten bearbeiteten. Das Schreien, das Fluchen der Empörer, das Wehgeſchrei der Mißhandelten nahm überhand, den ungeheuern Lärm zu vermehren, ſtiegen hunderte von berußten und weinrothen Geſichtern aus den Sparren des entziegelten Dachs hervor, und erſchütterten die Luft mit wieherndem Spottgelächter; in dieſes raſende babyloniſche Getöſe ritten aber ſo eben Archimbald und Achmet ein. Man machte allenthalben ihren Roſſen Platz, allein der Unfug dauerte fort. Archimbalds ſcharfes Auge ſchweifte lange unter dem Gewühl umher, bis es einen feſten Gegenſtand gewahrte in einem armen hülftoſen Manne, der, blutrünſtig und zerkratzt im Geſichte, mit zerriſſenen und von Unflath beſudelten Gewändern von einer Rotte roher Burſche zu einem Seitengäßchen unter die Pumpe eines Brunnens geſchleppt wurde, deren Waſſerſtrahl ohne Erbarmen auf den Mißhandelten niederſtürzte. Sein gräß⸗ lichſtes Angſtgeſchrei konnte der Folter kein Ende ſchaffen. Empört ritt daher Archimbald näher, und ſchauderte zuſam⸗ men, als er des Gepeinigten Antlitz, trotz ſ Todtenbläſſe 1 244 und der Schmerzverzerrung in den Zügen deutlich wieder kannte.—„Das iſt der Fremde, der Dich, ohne Dich zu kennen, verunglimpfte!“ raunte ihm Achmet zu.—„Sieh das tückiſche Geſicht, in der Qual des Augenblicks noch boshaft zu nennen; das rothe Haar, der falbe Fuchsbart... wahr⸗ lich den hat der Herr gezeichnet. Miſche Dich nicht hinein; dem Schurken kann die Prügelſuppe nicht ſchaden, ſelbſt nicht ein Strick um den Hals!“ Archimbald, mit ähnlichen Gedanken beſchäftigt, hielt das Pferd an. Er wählte. Schadenfreude und Rache an einem argen Feind hätten ihn faſt bewogen, den Unglück⸗ lichen ſeinem Schickſale zu überlaſſen; allein, ſchon im Be⸗ griff umzukehren, lenkte ein ſchöneres Gefühl ſein Herz. „Laßt doch den Mann los, Ihr Bürger,“ rief er den Muthwilligen freundlich zu.—„Was hat er Euch gethan?“ „Uns?“ fragte ein Grobſchmied hierauf.„Nicht das Geringſte, aber Euch um deſto mehr. Der Salbenſchmierer hat kaum die Naſe in die Stadt geſteckt, und ſchimpft auf Euere Geſchicklichkeit, die wir gar wohl kennen und gebüh⸗ rend verehren. Deßhalb iſt er auch auf gut Ulmeriſch durchgewalkt worden, und ſoll noch in der Donau ſchwim⸗ men lernen, will's Gott!“ „Nein, das will Gott nicht,“ entgegnete Archimbald.„Er hat mich beleidigt. Verſteht Ihr? mich allein; ich danke Euch für Euere Theilnahme an dem Ruhm eines Fremden; allein ich vergebe ihm, und bitte Euch, daſſelbe zu thun.“ Die Geſellen ſtanden umher, und ſperrten die Mäuler auf.„Hm!“ begann der obige Grobſchmied...„wenn's Euch gerecht iſt... uns kann's wohl recht ſeyn, wenn 245 nur..“ er kratzte ſich dabei hintet den Ohren und ſah verlegen auf das erſtürmte Haus. „Das mögt Ihr mit dem löbl. Magiſtrat ausmachen,“ erwiederte Archimbald achſelzuckend.„Unterdeſſen häuft nicht Euere Schuld und laßt den Mißhandelten los. Befindet ſich ſeine Habe noch in der Herberge?“ „Ach,“ gelehrter Herr!“ ächzte der Wirth, der ſich athemlos herangedrängt hatte,„der Fremde hat einen kleinen Ranzen bei ſich gehabt auf dem Gaule; allein ſein Knecht hat ſich mit beiden davon gemacht während des Tumults. Wollte Gott, Herr und Diener hätten mein Haus verſchont mit ihrer Einkehr.“ „Nun, ſo hebt in Gottes Namen den armen Mann auf,“ rrief Archimbald.— Die Bürger griffen zu, und richteten den Erſchöpften in die Höhe. Er wurde angewieſen, zwiſchen die Pferde zu treten, Archimbalds und Achmets Steigbügel zu halten, und nicht loszulaſſen. Auf dieſe Weiſe gelang es auch, den Ermatteten aus dem dichten Gedränge zu ſchaffen und in Sicherheit zu bringen. Seine Entfernung hatte auch die Wiederherſtellung der Ruhe zur Folge. Es war aber die höchſte Zeit geweſen. Der alte Mann hätte die Mißhand⸗ lungen nicht länger ausgehalten. Er verfiel, auf ein weiches Lager gebettet, in einen todtenähnlichen Schlummer, und erwachte erſt kurz vor Abend. Der wachhabende Diener meldete dieſes an Archimbald, der ſich bereitete, zu dem Geretteten ſich zu begeben.„Was thuſt Du?“ fragte Erk⸗ wein.„Deinen Feind haſt Du errettet, wärmſt eine Schlange in Deinem Buſen. Der Wendepunkt Deines Lebens iſt ge⸗ kommen. Du ſtehſt oben, und alle die Dich haſſen ſind tief 246 unter Deine Füße geſunken. Du willſt vergelten... ver⸗ gilt auch hier!“ „Und thue ich's nicht in dieſem Angenblicke?“ fragte Archimbald.„Du kennſt nicht die Wolluſt, denen, die unſer Verderben wollen, Gutes zu thun.“ „Recht, mein wackerer Sohn,“ fil Hubert ein, der bei dieſen Worten auf der Schwelle des Stübleins erſchien. „Alſo handelſt Du nach Gottes Befehl und Wille! Seyd gegrüßt, weiſer Kynaedos!“ Mit einem Freudengeſchrei lag Archimbald am Halſe des Lehrers. Seine Genoſſen traten ein. Achmet, Leila und der kleine Philipp lagen zu den Füßen des Mönchs; Erl⸗ wein ſchüttelte ihm traulich die Hand zum Willkommen.— „Du fiehſt, mein Sohn, daß ich Wort halte,“ ſprach Hubert mit vieler Rührung.„Auf meiner Fahrt nach Rom, der letzten meines Lebens, ſpreche ich bei dem Zögling Kynaedos ein, der mich zu ſich beſchieden hat. Hören will ich, was er von mir begehrt, ihm willfahren, wenn ich kann, ihn ſegnen, und meine Kinder hier, meinen Sohn Achmet, meine Tochter Leila zu Chriſten weihen, wenn ſie noch auf dem Vorſatz geblieben ſind, der in dem Hauptquartier des Kar⸗ dinals ihr Herz entflammte;... dann ziehe ich meine Straße allgemach, bis mich das letzte dunkle Haus auf⸗ nimmt zur Ruhe.“ „Herzlich willkommen!“ rief Archimbald.„Werther Lehrer, fühlt an meiner Umarmung, wie ſehr es mir Ernſt iſt mit dieſen Worten. Vergebt jedoch, wenn ich mich in der Stunde Euerer Ankunft von Euerer Seite entferne. Sobald es an⸗ geht, kehre ich zurück.“ „Ein wichtiges Geſchäft wird Deine Gegenwart erfordern, mein Sohn,“antwortete Hubert,„und ich beſcheide mich gern.“ „Ein wichtiges Geſchäft!“ lachte Erlwein unmuthig. „Das will ich meinen. Er geht, um wieder ſeine Groß⸗ muth an einen verſtockten alten Sünder zu verſchwenden, der ihn beinahe auf den Scheiterhaufen, oder doch wenig⸗ ſtens an den Galgen gebracht hätte. Der rothe Satan Dee iſt hier, wäre ſeines verdammten Brodneids halber faſt todt geſchlagen worden; aber unſer Freund Kynaedos ſchlägt ſich in's Mittel, und rettet ihn aus den Klauen der handfeſten Angreifer.“ „Das war recht,“ erwiederte Hubert feſt und ruhig. „Nun ja doch,“ brummte Erlwein.„Menſchenliebe, Nächſtenpflicht, ich kenne dieſe Nothbehelfe wohl, und will gerne erlauben, daß man ihrem Gebote nachlebe; allein man dürfte denn doch hin und wieder eine Ausnahme davon machen, wenn man mit einem Ausbund von Spitzbuben zu thun hat. Nun wette ich aber, er gibt ihm noch alle Mittel an die Hand, ſeine Reiſe auf des Retters Koſten fortzuſetzen.“ „Daran thut der edelmüthige Retter wieder recht,“ ant⸗ wortete Hubert.„Auf eine oder die andere Weiſe muß man ſich ſeine Feinde vom Halſe ſchaffen, wenn man ſie nicht an ſich binden kann durch Wohlthaten und Verzeihung. Geh' mein Sohn, ſchaffe ihn fort, den Unverbeſſerlichen, damit dieß Haus frei ſey von ſeiner unheilbringenden Gegenwart! Wir wollen Dich erwarten.“ Trübem Nachdenken Preis gegeben, lag Dee auf ſeinem Bette. Bei Archimbalds Erſcheinen zuckte er in die Höhe, warf ſich dann wieder in die Kiſſen, und heftete den ſtarren Blick an die Decke. Der freundliche Gruß aus dem Munde 248 des Erſtern hatte nur ein ſtummes Kopfnicken zur Folge. ieſes verſtockte Schweigen ſtimmte den Beſuchenden ernſt⸗ hafter und ſtrenger.—„Doctor Dee,“ ſprach er:„wir yaben uns lange nicht geſehen. Es thut mir leid, daß wir alſo wieder zuſammen gekommen ſind. Hätte ich früher um Euere Noth gewußt, ſie wäre nicht ſo weit gediehen. Wie befindet Ihr Euch nun?“ „Beſſer, Herr Doctor;“ antwortete Dee ſarkaſtiſch. Archimbald verbiß die Beleidigung.„Euer Wunſch,“ fuhr er fort,„kann nicht ſeyn, länger hier zu verweilen.“ Dee ſchüttelte den Kopf. „Ich werde für Euere ſchnelle Weiterreiſe ſorgenz“ ſprach Archimbald weiter.„Beſtimmt nur, wohin man Euch brin⸗ gen ſoll.“ „Gen Mainz,“ hieß die kurze Antwort. „Patrik hat Euern Gaul und Mantelſack aus dem Wirths⸗ hauſe entführt.“ „Ich weiß.“— „Erlaubt, daß ich mit dieſem Beutel Euern Verluſt zum mindeſten in etwas erſetzen darf.“ Dee betrachtete die ſchwere Börſe, und ließ ſie langſam auf ſeines Bettes Decke ſinken. „Der Unfall, der Euch heute begegnete,“ fuhr Archimbald fort,„hat Euere Gewänder zu Grunde gerichtet. Ich wage es, Euch von den meinigen anzubieten, was Euch gefällt und bequem iſt.“ Dee biß die Zähne über einander, ſtrich ſich den Bart. „Verdammtes Schickſal;“ murrte er verdroſſen vor ſich hin.— „Warum ſoll ich dieſem Menſchen Dank wiſſen! ich nehm Euere Gaben an, Herr... wie nennt man Euch hier?. 249 ich muß ſie annehmen, aber„ſeyd verſichert.. Gott verdamme mich, wenn's nicht lautre Wahrheit iſt hätte ich gewußt, daß Ihr, Ihr der ſogenannte griechiſche Doctor ſeyd, ich hätte mich eher todtſchlagen laſſen von den Schmiedehämmern und den Küferſchlägeln, ehe ich mich Euch ergeben hätte.“ „Ihr kennt mich alſo?“ fragte Archimbald. „Leider!“ verſetzte Dee.„Trotz Euerer Bläſſe und Eue⸗ res dichten Barts erkannte Euch nur zu gut. Aber es war zu ſpät.“ „An dieſer traurigen— ſeyd Ihr Schuld,“ ſprach Archimbald.„Ihr ſeyd der Schöpfer aller meiner Schickſale. Doch vergebe ich Euch.“ Der Doctor preßte einen unverſtändlichen Fluch durch die Zähne.„Brüſtet Euch immerhin!“ ſprach er tückiſch, „Ihr habt den größten Sieg über den Britten Dee davon getragen. Der Zufall oder mein böſer Geiſt.. ſie zwin⸗ gen mich, Euch verpflichtet zu ſeyn; Euch, den ich aus dem Staube des Elends und der Unwiſſenheit zog. Das iſt das höchſte Unglück, das mich treffen kann.“ Archimbald ſchwieg eine Zeit lang, denn die frechen und rohen Ausfälle des Engländers hatten alle Gefühle in ihm empört. Er faßte aber ſchnell das Geſpräch wieder auf, und verſetzte mit verächtlichem Ton und Blick: „Mäßigt immerhin Euern Schmerz, Herr Doctor. Ihr mögt es wiſſen, daß ich es nicht darauf anlege, Euch zu meinem Schuldner zu machen. Im Gegentheil, ich bin der Euere, und löſe in dieſem Augenblick meine Verbindlichkeit gegen Euch. Ihr findet in jenem Beutel ein ſtattliches Koſtgeld für meine Lehrzeit⸗ die Euch keinen Heller gekoſtet 250 hat. Ihr habt mich gekleidet, da ich in Euere Dienſte trat; ich kleide Euch wieder und ſchlage Euere Rettung vom Tode dazu. Rechnet Ihr das alles zuſammen, ſo ſeyd Ihr bezahlt, und werdet meine Derbheit verzeihen, die dem Böſewicht, den Wohlthaten ſelbſt nicht zu beſſern vermögen, meine Er⸗ ziehung mit Geld aufwiegt, die unſchätzbar geweſen ſeyn würde, hättet Ihr nicht ſelbſt auf unwürdige Weiſe Euer Werk in den Koth getreten. Ihr ſeht, daß Ihr mir nichts zu danken habt, ſo wenig als ich Euch mehr das Geringſte ſchul⸗ dig bin. Vir ſind wett; und wenn ich meiner Handlung noch die Gefälligkeit beifüge, Euch durch einen vertrauten Freund weiter ſchaffen laſſen, ſo erweiſe ich auch nur mir allein einen Liebesdienſt. Ich reinige mein Haus um ſo ſchneller von einem böſen Geiſte, der nur Unheil um ſich her erſchafft. Lebt wohl; ich frage nicht um die Abſicht Euerer Reiſe. Sie kann keine gute ſeyn; denn aus Euerm Kopfe entſprang ſie ohne Zweifel. Möchtet Ihr nur endlich auf Euern vie⸗ len Irrfahrten der Tugend näher kommen und dem Recht.“ Er entfernte ſich von dem Verſtockten und ging zu den Seinen zurück. Dee blieb lange Zeit in tiefem Hinbrüten liegen. End⸗ lich ſprang er auf.„Und ich ſoll erliegen unter der Laſt ſeines verfluchten Edelmuths?“ rief er.—„Bietet mir denn kein Teufel die Hand, mich hülfreich aus ſeinen Schlingen zu führen?“ Simon trat wetiie ein Licht in der zitternden Hand, in die Kammer. Der Spürhund, neugierig, den fremden Aufgenommenen zu ſehen, hatte, vor der Thüre lauernd, einige Worte aus dem Zweiſprach Dee's und Kynaedos 251 vernommen, die, ohne im Geringſten eine Aufklärung zu geben, dennoch ſeine Begierde, mehr zu wiſſen, nur erhöhten. „Wer ſeyd Ihr?“ ſchnaubte ihn Dee trotzig an.—„Der Herr vom Hauſe,“ antwortete demüthig der alte Simon.— „Und Euer Haus ſteht noch auf dem Grunde?“ fragte Dee heftig.„Euer Dach hat noch kein Blitz verzehrt?“— Si⸗ mon ſtotterte ein„Warum?“—„Weil Ihr ſolche Ungeheuer beherbergt;“ fuhr Dee wie oben fort.„Wer iſt der Arzt?“ —„ein Grieche... Kynaedos, glaube ich, nennt er ſich;“ erwiederte Simon verlegen. „Den Teufel nennt er ſich!“ verſetzte Dee wie oben.„Er iſt ein Verbrecher! Selig derjenige, der den Böſewicht einmal aus der Welt ſchafft in glücklicher Stunde. Gerne gönne ich ihm die Schätze, die der Elende beſitzt. Aber einen Mörder wünſche ich dem Herrn Doctor, der ihn zehnfach ſterben laſſe.“ „Ihr ſeyd außer Euch, Herr,“ erwiederte Simon. „Wer hat auch größere Urſache, es zu ſeyn, Herr?“ fragte Dee wild.„Wäre ich nur in Wälſchland, in Venedig oder Napoli, Gift oder Dolch ſollten dem verhaßten Leben ein ſchnelles Ende machen. Seht, dies Stilet...“ er zog ein blan⸗ kes, von Stahl verfertigtes, hervor, und warf es auf den Tiſch.„ich würde es demjenigen ſchenken, der es gegen ihn gebrauchen wollte. Doch hier zu Lande giebt es keine Banditen.“ „Zum mindeſten könnte nur die Hoffnung auf eine große Beute ſie ausfündig machen,“ entgegnete Simon lauetnd. „Die Hoffnung,“ rief Dee;„pah! die Gewißheit iſt da. Der Herr Doctor aus Abyſſinien ſoll ja gewaltig viel Gold und Silber beſiten.. ein guter Stoß, ein tüchtiger Griff 252 in den Geldkaſten... das Meſſer und die Dhat einem An⸗ dern untergeſchoben. kein Hahn kräht nach dem heimath⸗ loſen Burſchen. Denn Ihr müßt wiſſen, daß er...“ „Was macht Ihr da, Meiſter Simon?“ unterbrach der raſch eintretende Erlwein Dee's leidenſchaftliche Rede, die den vor dem ſo kalten Mann dermaßen in Harniſch gebracht hatte, daß die Tropfen ihm auf der Stirne ſtanden. Simon fuhr zuſammen, und zur Thüre hinaus, als eine ausdrucksvolle und deutliche Geberde Erlweins ihm den Abzug anrieth.—„Der Teufel ſoll Euch das Licht halten,“ brummte dieſer,„wenn Ihr, zum Dank für meines Freundes Wohlthaten aus der Schule geſchwatzt habt. Macht Euch aber jetzo fertig zur Reiſe, der Abend iſt hübſch dunkel, und Ihr werdet mit heiler Haut von hier wegkommen, wenn gleich nicht in erwünſchter Geſellſchaft. Denn, wagt Ihr's, mir entſpringen zu wollen, um hier Unrath anzuzetteln, ſo kitzelt Euch mein Dolch das Blut aus der Kehle, ſo wahr als er bereits zu Prag ſchon nahe daran ſaß.“— Mit dieſen Worten trieb er den Doctor zur Eile an, ließ ihm kaum Zeit, die nöthig⸗ ſten Dinge zu ſich zu ſtecken, und geleitete ihn am Arme zu dem bereitſtehenden Karren. Er ſetzte ſich dicht neben den ihm Anvertraueten, ein gewandter Wallach huckte als Fuhr⸗ mann auf, und die Roſſe zogen den Judas von dannen. Hubert ſaß indeſſen im Stüblein bei ſeinem Zögling, von der Vergangenheit und von der Zukunft ſchwatzend. Da er aber merkte, daß immer trübere Wolken die Stirne Archimbalds überzogen, und er, in tiefes Nachdenken ver⸗ fallend, nicht mehr auf des Lehrers Worte hörte, ſo änderte er plötzlich den Lauf des Geſpzichs⸗ und begann mit ernſter „ 253 „So ſage mir denn endlich, geliebter Sohn und Freund, aus welchem Grunde Du mich durch Deinen Ohm haſt hieher beſcheiden laſſen? Wie lieb es mir auch iſt, Dich, wahr⸗ ſcheinlich zum letzten Male, geſehen zu haben, und wie gerne ich ſchon deshalb dieſen Umweg genommen, ſo möchte ich dennoch vor unſerm Abſchiede Dir den Dienſt erweiſen, den Du beabſichtigt haſt; und da meine Zeit gemeſſen iſt, ſo bitte ich, mit dem Auftrage nicht zu ſäumen. Was kann ich thun, Dir Freude zu machen?“ Archimbald ſtützte einen Augenblick den Kopf in die Hand, gleichſam, als wollte er den Anfang ſeines Vortrags mühſam im Gehirne zuſammenleſen; darauf erhob er ſich und ſprach mit gedämpfter Stimme:„Ihr habt mir ſelbſt in früheren Jahren geſagt, mein ehrwürdiger Lehrer, Vater und Freund, daß in dem Leben Fälle eintreten können, worin eine ſchwere Sünde, verborgen vor der Welt, auch ungeſtraft bleibt; Fälle, in welchen der Menſch, wenn Gott und Ge⸗ rechtigkeit zu ſchlummern ſcheinen, auf ſeine eigene Verant⸗ wortung hin das Racheſchwert zu ergreifen berechtigt ißt, beſonders wenn ein Gelübde ihn bindet, beſonders wenn abgeſchiedene Geiſter gemordeter Freunde Strafe und Süh⸗ nung verlangen. Die Vehmgerichte ſind leider längſt in Verfall gerathen und abgeſchafft worden. Mit ihnen fiel der einzige Zaum der Gewaltigen, die vor dem nächtlichen verhüllten Richterſpruche gezagt hatten; mit ihnen erloſch die Möglichkeit, längſtbegangene Verbrechen zu vergelten, deren Klage kein anderes Gericht mehr annimmt vor ſeinem Stuhle. Ein ſolches Freiding wird aber in dieſem Hauſe gehegt werden, wiewohl unter andern Formen; ich werde der Richter ſeyn. Zwei elende Frevler werden vor mir 2 erſcheinen, um ihr Urtheil zu empfangen, das nicht anders als blutig ausfallen kann und darf. That, Sünde, Schwur und Todtenrache fordern es. Auf Euere Tugend und Ver⸗ ſchwiegenheit bauend, habe ich Euch erkohren, die Verbrecher zum Ende ihres Lebens vorzubereiten.“— Er ſchwieg. Hu⸗ bert ſaß betroffen auf ſeinem Stuhle, und eine dumpfe Stille herrſchte lange Zeit im Gemache. „Habe ich Dich recht verſtanden?“ fragte hierauf Hubert mit bekümmerter Miene.„Du willſt Rache üben an Deinen Feinden?“ „Ich will und muß,“ erwiederte Archimbald feſt. „Ich ahne, welche die beiden Opfer ſeyn mögen,“ fuhr Hubert fort.—„Der Eine iſt Dein Bruder. Haſt Du das bedacht?“ „Ich habe alles überlegt,“ verſetzte Archimbald.„Mein Entſchluß iſt unwiderruflich.“ „Nur die Beſchlüſſe des Herrn find es,“ antwortete der Mönch mit frommem Eifer.„Haben meine Lehren den Stachel des wilden, rachedürſtenden Bluts nicht abgeſtumpft, hat denn die Zeit nicht das ihrige gethan?“ „Und wenn ich tauſend Jahre lebte, mein Wille wäre immer derſelbe.“ „Gab nicht der Heiland ſelbſt das ſchönſte Beiſpiel der Gnade und Vergebung?“ „Ein Gott mag dieſe Stärke beſitzen; ich bin nur ein ſchwacher Menſch.“ „Sagteſt Du nicht ſelbſt, in der Stunde meiner Ankunft, Gutes zu thun denen die uns verderben wollen, ſey das hoͤchſte Gluͤck?“ „Ich ſagte es; an allen meinen Feinden thue ich Gutes, wo ich kann. Zwei von ihnen nehme ich aus.“ „Die Vorſehung macht keine Ausnahme in ihrer Gnade. Die Sonne leuchtet Guten und Böſen.“ „Macht der Herr Ausnahmen in ſeinem Zorn? Sein Blitz trifft ohne Wahl; ſein Hagelſchlag verwüſtet das Ei⸗ genthum der Tugend wie des Laſters. Noch einmal: Ich bin nur ein Menſch, und wähle die Mittelſtraße.“ „Dein Gewiſſen.. 2 „Iſt vollkommen ruhig.“ „Die Gerechtigkeit.. wenn es kund wird. „Ich verlache ſie, und werde der Zögernden ſammt mei⸗ nen Angehörigen entgehen. Ich würde mich zur Rechtferti⸗ gung vor ihren Schranken ſtellen, wäre ſie nicht zu blind, um meine Gründe einzuſehen.“ „Das Blut eines alten Mannes.. eines Bruders. „Dieſer alte Mann iſt der größte Schurke, den die Erde trägt. Denkt an Lenens Vermächtniß. Dieſer Bruder... jeder Fremde hat mehr Anſpruch auf mein Mitleid. „Sein armes Kind. „Findet einen beſſern Vater an mir, als in dem Unna⸗ türlichen, der es vor der Geburt verläugnete.“ „Archimbald! Archimbald! Du verläugneſt Dein Ge⸗ fühl, Deine Tugend, und hüllſt Dich in Ränke, um Dein Herz zu belügen.“ „Soll ich an unſerm Herrgoit zum Lügner werden? Dreimal habe ich ihm unter fürchterlichen Eiden Blutrache geſchworen. Es iſt Zeit, endlich den Schwur zu erfüllen.“ „Der gräßlichſte Schwur, den uns ein Feind mit dem Schwert in der Fauſt abzwingt, gilt nicht vor dem ewigen 256 Richter. Iſt aber der Zorn, die Rachſucht nicht unſer ärgſter, wildeſter Feind? Dürfen wir ſeinem Zwange ge⸗ horchen?“ Archimbald ſchwieg, wie überraſcht. Hubert glaubte auf dem Wege zum Siege zu ſeyn, und fuhr beredt fort: „Folge mir nur diesmal noch, mein Sohn! Laß den Groll in Deiner Bruſt verſtummen, öffne der Bruderliebe, der Menſchenpflicht Dein Ohr. Ueberlaſſe einer höhern Hand die Sorge der Vergeltung. Laß Deine Feinde in Deiner Barmherzigkeit die ſchwerſte Strafe fühlen. Laß ſie erliegen unter der Bürde Deiner Gnade, und Dein Vater, Deine Mutter werden von dem Wohnſitze der ewigen Freuden herab Dich ſegnen!“ „Haltet ein!“ fuhr Archimbald auf.„Ihr konntet mir keine Namen nennen, die mich gewaltiger aufgefordert hät⸗ ten, das Beſchloſſene zu vollführen. Mein Vater, der Ver⸗ rathene, Hintergangene? meine Mutter, die Gemordete? Ihr zehnfacher Fluch müßte mich treffen, könnte ich noch länger zaudern, ſchwanken, überlegen. Umſonſt iſt alles, was Ihr gegen meinen Willen vorbringen möchtet. Der Löwe in Afrikas Wüſten ſchont die Raubthiere, die mit ihm erzo⸗ gen wurden... hier hat ein Bruder den andern gemordet! Der wildeſte Osmane verſchmäht es, mit ſeinem Feinde hinterliſtig in den ungleichen Kampf zu gehen.. hier hat ein grauer Böſewicht ein ſchwaches Weib, das nichts ver⸗ brochen, hingerichtet auf meuchelmörderiſche Weiſe. Ange um Auge! Blut um Blut! Leben um Leben! Das Wort Gottes belehnt mich mit dem Rächeramte, und ſpricht das Urtheil!... Ich habe beſchloſſen, und vollführe es, was ich gelobt, bei den Haaren meines Hauptes, bei dem Seelenheil meiner Mutter! Gott wende ſein Auge von mir in der Stunde der letzten Angſt, wenn ich meineidig werde, wenn ich nicht bis zum geringſten Buchſtaben halte, was ich ſchwur.“ Hubert hatte ſich das Haupt verhüllt, um nicht in Ar⸗ chimbalds fürchterliche Züge zu ſchauen, die den Ausdruck einer ſchreckenerregenden Begeiſterung trugen. Die Worte aber, welche die gepreßte Bruſt des zürnenden Mannes ge⸗ dämpft, und grauſend ihm ins Ohr raunten, verfehlten ihre Wirkung nicht. Hubert wurde ganz von ihnen niedergeſchla⸗ gen, und ſeufzte mit erhobenen Händen:„Nun! ſo möge der dort oben Dein Herz lenken in der fürchterlichen Stunde, in welcher Du Dich vermeſſen auf Gottes Richterſtuhl zu erheben wagſt. Er möge Deine Augen öffnen durch einen Strahl ſeiner Gnade, damit Deine Blindheit nicht den ſchauderhaften Streich führe, der Dich mit ſündigen Seelen vereint in die Verdammniß ſchleudert.“ Archimbald lächelte bitter und zuckte die Achſeln.„Das ſteht bei Gott!“ ſprach er.—„Bedenkt Euch, würdiger Vater, die nächſte Nacht bringt die Frucht zur Reife„... wählt, ob Ihr die Ketzer vor ihrem Ende bekehren wollt, oder ob ſie in Irrthum und Sünde befangen zur Hölle fahren ſollen. Betet zugleich für mich zu dem Ewigen, nicht daß er mich erleuchte und wankend mache in meinem Entſchluß, ſondern daß er mir Stärte verleihe und drei⸗ faches Erz um die Bruſt, das Werk der Rache auszuführen, deſſen Keim der Knabe in den Schooß der Zukunft legte, deſſen Blüthe der Jüngling unter tauſend Leiden pflegte⸗ dem der Mann endlich die Krone aufſetzen will.“ II. 3. 17 Dreizehntes Rapitel. Heute roth, morgen todt? Trinkt Euch über alle Schranken, Stehlen ſich in Weinesluſt Auch die heimlichſten Gedanken Aus der ſtill verſchwiegenen Bruſt: Hat's doch keine Noth! Altes Lied. An demſelben Abende waren auch zwei Liebende verſtoh⸗ len zuſammengeſchlichen, um von ihren Leiden und ihren Hoffnungen zu plaudern. Der arme Eſchenreuter war heim⸗ lich zu ſeinem Trudchen gekommen, um ihr wieder fehlge⸗ ſchlagene Erwartungen und den Entſchluß von dannen zu gehen, und irgendwo ein beſſeres Glück zu ſuchen, anzuver⸗ trauen. Er fand ſich aber ſehr angenehm überraſcht, als die Geliebte ihm nach und nach, zögernd, wie man ſo gerne Freude und Leid mittheilt, ihren Zweiſprach mit dem frem⸗ den berühmten Meiſter Arzt wiederholte. Ihre Liebe, neu erglühend in Hoffnung und Zuverſicht, malte ihm des Doetors fröhliche Weiſſagung und Verſprechung ſo täuſchend aus, als ob die Erfüllung wirklich ſtatt gehabt hätte, und Eſchen⸗ reuter theilte gern ihre goldnen Träume. Es waren zwar . nur Träume, des Doctors Prophezeihungen und Worte ʒ alleim der Sehnſüchtige, wie der im Unglück Verlaſſene greift nach einem Strohhalme, der im weiten Weltmeer ſchwimmt, weiß er gleich, daß die nächſte Welle ihn ſammt ſeinem geringen Rettungsanker verſchlingen werde. „Ach, Trudchen!“ ſprach Eſchenreuter, und zog die Freun⸗ din zu ſich auf die ſteinerne Bank hinter dem gothiſchen Spitzpförtchen des Hauſes.„Wenn ſich doch endlich unſere Wünſche der Erfüllung zuneigen wollten; wenn es mir doch endlich vergönnt ſeyn möchte, in Deinen Armen eine ſtür⸗ miſche und nicht tadelfreie Jugend zu vergeſſen! Deine Nähe hat den Wüſtling geheiligt, Dein Beiſpiel ihn zum Bereuen, zur Erhebung begeiſtert; Deine Liebe beglücke endlich den Mann, der Deiner werth zu werden wußte, durch unabläſſi⸗ gen Eifer in der Beſſerung.“ „Faſſe Muth,“ tröſtete Engeltrude.„Haſt Du denn nicht zur Genüge gehört, welchen Freund uns der Himmel in hoher Noth geſendet hat? Sey ruhig; der gelehrte Kynaedos hilft uns gewiß.“ „Ich wünſche, ich hoffe es, wie Du,“ verſetzte Eſchenreu⸗ ter.„Allein, wer bürgt uns dafür, daß es nicht ſein Scherz geweſen, daß vielleicht die Sterne unſer Schickſal anders beſchloſſen haben? Der Doctor iſt ein reicher, reicher Mann. Je mehr Schätze aber in ſeiner Kammer ſich häufen, um ſo weniger fühlt der Reiche die Leiden ſeiner Mitmenſchen; um ſo leichter unterliegt er der Verſuchung, ihrer nur zu ſpot⸗ ten. Des Doctors Weiſſagung ſcheint mir um ſo mehr im Scherz aus der Luft gegriffen zu ſeyn, als ich mich durchaus nicht beſinnen kann, irgend einen Feind in der Welt zu haben, 17 der, wenn er auch wollte, im Stande wäre, mich aus meiner unglücklichen Lage zu reißen.“ „Man muß die Sprüche der Propheten nicht deuteln,“ lächelte Engeltrude.„Der Glaube bringt Glück.“ „Ach! wie gerne wollte ich zum Gläubigen werden,“ rief Eſchenreuter,„um des Glückes Frucht zu brechen; noch zehn⸗ fach lieber jedoch alles irdiſchen Glücks entbehren, könnte der Doctor, der ein halber Hexenmeiſter ſeyn ſoll, nur einen einzigen Menſchen wieder aus dem Grabe rufen, deſſen Schreckgeſtalt ſo oft den Schlaf von meinem Lager ſcheucht, und die Ruhe aus meinem Gewiſſen.“ „Beruhige Dich doch,“ erwiederte Engeltrude, ihm zärt⸗ lich die Hand drückend.„Die raſche That im Feuer des Zorns wird Dir der Herr vergeben, und der über unſere Hände geſprochene prieſterliche Segen, Friede und Stille in Dein Gemüth zurückführen.“ „Wollte es doch die ewige Vorſehung!“ ſeufzte Eſchen⸗ reuter betrübt.—„So lange ich bei Dir bin, ſchweigt das peinliche Murren meines Gewiſſens, wie die Unruhe des wilden Sauls unter Davids Harfenſpiel. Denke ich aber an jene Begebenheit, oder bin ich fern von Dir, ſo beſchleicht es mich mit grauenhafter Angſt, und mir iſt wie auch gerade jetzt im Augenblicke, als ob der Teufel ſelbſt heran⸗ geſchlichen käme, mich ohne Erbarmen in ſein ausgeſpanntes Netz zu ziehen.“ Er hielt inne, denn der Kopf eines Mannes bog ſich plötzlich in die vom Mondlicht erhellte Hauptpforte herein, und erſchreckte Engeltruden. Seine höckerige Naſe durch ſcharfe Umriſſe im weißen Mondſchimmer ausgezeichnet, ſein hervorragendes Kinn, an deſſen Spitze dürftige weiße Bart⸗ haare flatterten, die wunderlich verſchobenen Zipfel ſeiner Mütze, die nicht undeutlich ſich wie Hörner geſtalteten, das lange Gewand endlich, das bis auf die Erde ſchleppte und den Pferdefuß zu verbergen ſchien...; der Satan ſelbſt ſchaute in das Haus. Zum mindeſten war es ein ihm nahe Verwandter: Simon. Trudchen wollte davon laufen, ihr muthiger Freund hielt ſie jedoch zurück, und flößte ihr durch ſeine Kälte und Faſſung Muth ein. Ihm bangte keineswegs vor dem Sturme, den der eiferſüchtige Alte vielleicht zu erregen Luſt hatte; allein eben ſo wenig war er Willens, ohne angegriffen zu werden, den boshaften Heuchler zu be⸗ leidigen. Er erwartete daher ſtille, was erfolgen würde. Engeltrude zitterte wie Espenlaub, jedoch ganz ohne Noth, denn wider Vermuthen klang Simons Anrede nicht bös und rauh; man hätte ſie eher milde und ſcherzhaft nen⸗ nen können.—„Was muß ich ſehen?“ rief er trippelnd und den Kopf ſchüttelnd.„Die Teufelskinder ſtecken ſchon wie⸗ der beiſammen; während ich dienſtfertig herankomme, um die Hausthüre anzuziehen, damit Niemand mein Bräutlein ſtehle, wird hier im Winkel geküßt, und der alte Bräuti⸗ gam ausgelacht. Wartet, wartet nur, loſes Gezüchte, das Ihr ſeyd!“ Engeltrude und ihr Geliebter ſaßen wie verſteinert vor dem Alten, den ſie ſich ganz anders gedacht hatten. Er pflanzte ſich noch zum Ueberfluß mitten zwiſchen ſie hinein, rieb ſich die Hände, klopfte der ſcheuen Nachbarin auf die Wange, zog den Nebenbuhler am Ohrläppchen, ſchlenkerte mit den Füßen.. kurz, betrug ſich äußerſt ſeltſam, und wie ein wunderlich gelaunter Menſch.—„So ſprecht doch, 262 — Kinderleins,“ nahm er nach einer kleinen Weile das Wort. „Plaudert eins, und laßt ſehen, ob Ihr mich auch luſtig machen könnt durch Euere Schwänke über einen geprellten achtzigjährigen Freier.“ Die Liebenden ſchwiegen immer, von Ueberraſchung gefeſſelt. „Habt Ihr Euch vielleicht ſchon ſatt gelacht?“ fragte der Alte, und ſchlenkerte die Füße heftig vor ſich hin;„dann iſt es freilich Schade; ich will Euch aber keine Urſach geben,... verſteht Ihr mich? Ich will das Heirathen ſeyn laſſen; die Flaſche ſoll mein einziges liebſtes Weiblein werden.“ „Ach, wenn Ihr das wolltet!.../ rief Engeltrude freu⸗ dig; denn des Doctors Weiſſagung ſchien in Erfüllung zu gehen. Eine Geberde Eſchenreuters hingegen, der hinter Simons Rücken auf Stirne, Augen und Mund deutete, da⸗ mit anzeigend, der Alte ſey von Trunkenheit befangen, machte ſie plötzlich verſtummen. „Freilich will ich das!“ antwortete Simon auf Trudchens Frage.„Ich will Weiber Weiber, Lrudchen Trudchen ſeyn laſſen, und keines Andern Glück mehr in den Weg treten. Sogar dem Badergeſellen zu meiner Linken nicht.— Weiß es Gott!... Der Wein iſt für alte Sündenknechte wie ich bin, ein willkommener Gaſt; ein alter Mann iſt keiner für eine junge Magd. Gelt, Engeltrude?“ Ein roher Scherz veranlaßte die Dirne, in Eſchenreuters ſchützenden Arm zu fliehen. Simon hielt ſich den Bauch vor Lachen, und kramte noch einige pöbelhafte Zweideutigkeiten aus, die Engeltruden das Blut in die Wange trieben, und zugleich den gültigſten Zeugen für die ſinnliche Verworfen⸗ heit des greiſen Schurken abgaben. Eſchenreuter wollte losbrechenz allein Trudchen flüſterte ihm zu, den Worten des Doctors eingedenk zu ſeyn, und dem Alten, der auf gu⸗ tem Wege ſcheine, freundlich um den Bart zu gehen. Der aufbrauſende Liebhaber fing an, dieſen Rath zu befolgen, und ſo linkiſch er ſich dabei benahm, erreichte er dennoch bald ſeinen Zweck. Der Alte, der einen guten Theil ſeines Miß⸗* trauens auf dem Boden des Bechers zurückgelaſſen hatte, wurde immer freundlicher gegen ihn, und rief endlich aus: „Bei meiner armen Seele! ich habe Euch immer verkannt, liebſtes Eſchenreuterlein; Ihr ehrt das Alter trotz Einem, wie'ich vermerke, Ihr ſollt die Dirne da haben! Nehmt ſie hin, ich ſtehe ab von ihr, und der Leonhard ſoll ſehen, wo er ſein Geld bekömmt, nämlich das, was er Dir geſtohlen hat, Trude.“ „Geſtohlen?“ fragte die Dirne verwundert. Eſchenreuter ſprach aber:„Ei, lieber Herr, was hilft es denn, daß Ihr mir heute das Maul fett macht mit Euerem Verſprechen, das mich freilich zum glücklichſten Kerl machen würde? Morgen widerruft Ihr's doch, und ich habe nur eine Hoffnung von ein Paar Stunden gehabt.“ Der Alte lachte dumpf in ſich hinein, zog alsdann den Wundarzt in das helle Licht des Monds, ſah ihm bedächtig in's Geſicht, zwinkerte ſpottend mit den Wimpern, und er⸗ wiederte ſofort:„Faſt hätte ich Luſt, Euch zu beweiſen, daß ich Ernſt machen will,. wenn Ihr nämlich ein herzhafter Mann ſeyd.“ „So herzhaft als Ihr einen findet,“ entgegnete Eſchen⸗ reuter;„und mein Lieb zu beſitzen, würde ich der erſte ſeyn im Sturm auf Ofen, das die Türkenhunde durchaus nicht aus den Krallen laſſen wollen. Sprecht alſo: Was meint Ihr? Iſt's was Ehrliches, das Ihr verlangt, ſo rechnet 264 darauf, daß ich's ausführe, und müßte ich des Todes ſeyn auf der Stelle.“ „Was nennt Ihr ehrlich?“ fragte Simon höhniſch.— „Kommt, Freundchen! die Nacht iſt lau, der Mondſchein hell. Es braust mir im Hirne, und kribbelt mir in den Beinen. Der Schlaf käme doch nicht an mein Kopfkiſſen. Laßt uns eine Wanderung durch die Gaſſen machen. Blut und Gedanken bewegen ſich freier, und ich will Euch etwas erzählen.“— Er wickelte ſich feſter in ſeinen weiten Ueber⸗ wurf, und trat wankenden Fußes aus der Hausthüre.—„Um Gotteswillen!“ flüſterte Engeltrude dem Geliebten zu, wel⸗ cher ſich anſchickte, ihm zu folgen;„Du willſt doch nicht mit dem Alten gehen, allein, zur Nachtzeit?...„Ei, was ſoll ich denn von dem trunknen Männlein fürchten?“ antwortete Eſchenreuter....„ein Stoß mit dem kleinen Finger wirft es um, wenn es Böſes im Schilde führen ſollte. Gute Nacht, Trudchen. Ich bin recht neugierig, zu hören, was er will.“ Simon war vorangegangen mit unſicherm Schritte, und wartete, an der Ecke lehnend, des verſpäteten Begleiters. „Führt mich ein wenig...“ rief er demſelben zu.„Ich habe meinen Schwindel wieder bekommen. Die Nachtluft greift, ſo ſcheint es, meinen alten Schädel an. Thut nichts... ich könnte doch nicht ſchlummern. Kommt alſo nur mit... wir wollen am Luginsland uns ein Plätzlein ſuchen, um hinauszuſchauen in's weite Feld.“— Sie gingen mitſam⸗ men, und fanden richtig, was ſie ſuchten. Eine vorragende Schanze deckte ſie vor jeder Annäherung, und der Blick ſchweifte hinaus in die mit Silber belegte Landſchaft, deren Umriſſe ſich in grauem Nebel verloren. Simon ſchlug die 265 Hände zuſammen, die Füße übereinander,... die Bruſt hob ſich unruhig ſchnaufend, der Kopf ſenkte ſich immer tie⸗ fer auf die Bruſt. Eſchenreuter wurde ängſtlich ob der langen Stille und dem ſeltſamen Betragen des Alten, rüt⸗ telte ihn und rief:„Was iſt's, Meiſter Simon? iſt Euch nicht wohl, oder ſchlummert Ihr?“—„Weder eins, noch das andere,“ lallte der Greis, deſſen Stimme verrieth, daß die kühle Nachtluft ſeine Trunkenheit geſteigert hatte.„Ich überlege blos.. und„gehe mit mir zu Rathe.“— Die vorige Unruhe begann wieder, dauerte indeſſen nur kurze Zeit, und Simon erhob ſich plötzlich, ſich ſteif auf⸗ ſetzend. „Habt Ihr ſchon den Teufel geſehen?“ fragte er mit weit aufgeriſſenen Augen.— Eſchenreuter ſah ihn an, und verneinte endlich lächelnd. „Schade!“ murmelte der Alte, den Kopf wiegend.„Er iſt ſo eben bei mir geweſen. Seht Ihr, wie er dort hinaus⸗ ſchreitet? dort den rieſengroßen, geſpenſtigen Mann, mit den Fledermausflügeln, und dem ſchleppenden Fuße? Seht! juſt jetzt ſteigt er mit einem Schritte über die Waſſergra⸗ ben. ſein Schweif zerrt ſich noch über den Wall. dort plätſchert er in das Waſſer ha! ſchaut den leuch⸗ tenden Streif! jetzt ſchwingt ſich der Furchtbare mit einem Satze auf jene himmelhohe Pappel... droben ſitzt er, klopft mit dem herabhängenden Pferdefuß die Erde, und ſpießt den Mond auf ſein Horn! Wie er mir zunickt!“ „Laßt uns gehen, alter Herr!“ ſagte Eſchenreuten, dem angſt und bange um den Verſtand des Begleiters wurde. Allein dieſer wollte nichts vom Scheiden wiſſen, und hielt ihn heftig zurück. 266 „Macht doch keine dummen Streiche!“ brummte Simon. „Wie würde er denn unſer Fortgehen aufnehmen? Ich kenne ihn ja nicht erſt ſeit heute. Es mögen ein Paar Tage ſeyn, da er das erſtemal in meine Stube kam, und mir befahl, dem Doctor Kynaedos die Gurgel abzuſchneiden, damit ich ſein Erbe würde. Fahre nicht zuſammen, mein Sohn; es iſt gut gemeint, denn der Grieche iſt reich Edelſteine und Gold ſtrahlen in Hülle und Fülle aus ſeinen Kaſten. Zwei von ſeinen Kleinodienſchachteln würden hinreichen, uns auf ewig glücklich zu machen. Was meint Ihr dazu, Mei⸗ ſter Philipp?“ Eſchenreuter ſchauderte vor der entſetzlichen Trunkenheit des alten Mannes zurück, der ihn auf einmal für ſeinen ehemaligen Herrn hielt. Er getraute ſich jedoch noch nicht, durch eine Antwort die Täuſchung zu ſtören, indem er hoffte, noch auf wichtigere Dinge zu kommen. „Ihr antwortet nicht?“ fuhr Simon fort, den Nachbar vertraulich bei den Achſeln faſſend;—„kann's Euch juſt nicht verdenken, daß Ihr noch beſtändig grollt.. aber... laßt's gut ſeyn. Wie lange werden meine Knochen noch halten? Dann iſt Alles hin mit mir. Alles, was ich Euch zu Leide gethan habe, als ob es nie da geweſen wäre. Um Euch aber wieder auf die Beine zu helfen, ſchlage ich Euch das Stückchen vor; wir theilen brüderlich; denn der Ky⸗ naedos muß ſterben. Der Teufel predigt mir's alle Tage vor. Er läßt nicht mit ſich ſpaßen. Ihr wißt's wohl. Darum weg mit dem reichen Filz, mit dem griechiſchen Arzte. Was meint Ihr, Philipp?“ „Hm! ja;“ brummte Eſchenreuter in den Bart.„Ver⸗ ſuch „Da ſteckt der Knoten,“ erwiederte Simon wie oben.— „Giftmiſcherei geht nicht an... er hat einen Ring.... ein koſtbares Kleinod...„ um deſſentwillen ich ihm die Gurgel aufſchneiden will;... der Ring verräth ihm jedes Gift. Darum muß er abgekehlt werden..„könnten wir ihm auch ſeine Schätze ſtehlen.. den Ring, worauf mir's ankömmt, giebt er nicht lebend heraus... und wäre es, ſo kehrt doch der Talisman immer durch Zauberkunſt zum rechtmäßigen Herrn zurück. Darum weg mit ihm! Der haarſcharfen Schneide widerſteht ſein Hals nicht. Und weil mein Arm zu ſchwach geworden iſt und zitternd, ſo mögt Ihr das Meſſer führen.“ Hier reckte er plötzlich dem kuuninden Gefaͤhrten den hellglänzenden Stahl entgegen, den der Doctor auf ſeinem Tiſche zurückgelaſſen, und er ſich zugeeignet hatte. „Das iſt ein Geſchenk von dem dort auf der Pappel,“ fuhr Simon fort.„Einen beſſern Dolch hat die geſammte Meſſerſchmiedzunft nicht hervorgebracht, ſeitdem ihr der brave Springenklee zu dem ſchönnen Wappen verholfen hat. Seht⸗ noch hat der Stahl keinen Dienſt gethan, und ſchimmert doch ſo roth im Mondenlicht. Das Erz blutet, darum muß der Grieche auch bluten. Friſch auf! Philipp! Ihr ſollt wieder reich werden. Kommt.. einen Schlüſſel habe ich!... ich halte die Lampe, Ihr führt den Stoß bis auf's Leben, nehmt alles Geld und Edelſteinwerk, überlaßt mir nur den Ring. Das blut'ge Meſſer ſtecken wir in das La⸗ ger eines Knechts, und auf unſre freche Stirn dürfen wir uns verlaſſen. Nicht wahr?“ Er erhob ſich, um dem Nachbar in's Geſicht zu ſehen. Eine ſchwarze Wolke zog aber ſo eben über das Geſtirn 268 der Nacht; und vom Rauſche übermannt, ſank Simon wie⸗ der auf den Raſen zurück. Es war gleichſam als hätte die Neige des Bewußtſeyns, die bis jetzt dem Brauſen des Weins widerſtanden hatte, einzig und allein in der Erläuterung eines Bubenſtücks Stich gehalten, um alsdann völlig zu verſiegen. Verwirrte Reden folgten auf den ziemlich in Ordnung gebrachten Mordanſchlag. Der Berauſchte fabelte von Teufelsbeſuchen, von blutigen Wunden und von uner⸗ meßlichen Schätzen; ſtreckte ſich endlich und entſchlummerte, ehe Eſchenreuter ihn noch hatte aufrichten und zum Fort⸗ gehen ermuntern können. Alles Rütteln war umſonſt; jedes Leben ſchien aus der morſchen Hülle entwichen zu ſeyn. Eſchenreuter, ohnedieß empört von den Vorſchlägen des Ent⸗ ſetzlichen, überließ ihn, ohne viel zu wählen, auf ſeinem be⸗ thauten Lager der nächtlichen Einſamkeit. Es dünkte ihm gerathener, ihn ſeinem Schickſal anzuvertrauen, als den be⸗ rauſchten Mordgeſinnten nach Hauſe zu führen, wo er viel⸗ leicht in Verſuchung gerathen dürfte, im Weintaumel die Unthat zu verüben, von der ſein Gehirn überlief. Er wollte ihm auch den furchtbaren Stahl entwenden, aber die breite Klinge blitzte ſo ſchreckhaft in ſeiner Hand, daß es Eſchen⸗ reutern vorkam, als ſey der Mord bereits durch einen Bannſpruch an das Werkzeug gekettet. um keinen Preis bätte er dieſelbe zu ſich geſteckt; er wickelte den Dolch ſorg⸗ ſam in das Ueberkleid des ſchnarchenden Simon, und eilte ſchnellen Fußes von ſeiner Schlafſtätte hinweg.„Wenn er doch ſtürbe! ſchnell und leicht, getödtet von der Feuchtigkeit des Bodens und der kältenden Nachtluft,“— dachte er, im Nachhauſegehen begriffen,—„oder wenn er, vom Teufel gerüttelt, nachtwandelnd die Schanze erkletterte, und ſich von ihrer Höhe in des Grabens Abgrund ſtürzte, das Ge⸗ nick bräche! Die Welt wäre von einem argen Ungeheuer befreit, das vielleicht noch viel Jammer anrichtet in der Welt, ehe es einmal der Natur ſeine Schuld bezahlt.“ Während der ſchlafloſen Nacht, die er dieſer Begebenheit verdankte, gelang es ihm gar bald, den Entſchluß feſtzu⸗ ſetzen, der unter ſolchen Umſtänden der dienlichſte war. Er hielt es nämlich für ſeine Pflicht, dem Doctor, der es ſo gut mit ihm uud Engeltrude zu meinen ſchien, von Allem Nach⸗ richt zu geben. Zwar war das Geſchwätz eines berauſchten Mannes nicht hinlänglich geeignet, eine gerichtliche Klage darauf zu gründen. Simon konnte ſie ja heute rein ver⸗ geſſen haben. Allein, wenn einmal in den Dünſten des Rauſches ſolch ein gräßliches Vorhaben zur Sprache ge⸗ bracht wurde, ſo konnte man ziemlich ſicher daraus ſchließen, auch im nüchternen Zuſtande müſſe es in dem Gehirn des Alten geſpukt haben. Es war daher nicht unräthlich, den Bedrohten aufmerkſam zu machen, und ihn zu warnen, auf ſeiner Hut zu ſeyn. Seinem Entſchluſſe zufolge, nenn Eſchenreuter am nächſten Morgen in einem nahgelegenen Hauſe, auf eine günſtige Gelegenheit, ohne Simons Vorwiſſen zu Kynacdos dringen zu können. Er ſah bald, daß ſein chriſtlicher, in vergangener Nacht geäußerter Wunſch: Der Alte möchte den Hals brechen, nicht in Erfüllung gegangen war. Simon erſchien in Hemdärmeln unter der Hausthüre, ſah nach dem Wetter, ſchielte zu den Fenſtern ſeiner Hausgenoſſen hinauf, und ging wieder hinein. Bald darauf kam er abermals in ſeinen Mantel eingeſchlagen zum Vorſchein, den ſpitzen Hut auf dem Kopfe und den Korb am Arm, um auf dem Markte 270 den Einkauf zu beſorgen. Eſchenreuter fand es für gut, ſeinen Weg eine Gaſſe lang zu verfolgen. Plötzlich aber. ſtand Simon ſtille, und indem er etwas vergeſſen zu haben ſchien, machte er ſich eilig auf den Rückweg, auf welchem Eſchenreuter, ſo unangenehm es ihm war, dem Alten nicht ausweichen konnte. Geſchäftig kam Simon heran, Eſchen⸗ reuter zog die Mütze, der Begrüßte blickte aber nur ein Bischen zur Seite, und lüpfte mit dem gleichgültigſten Ge⸗ ſichte den Hut.„He! Geſell!“ rief er dem Bader zu, als er ſchon faſt vorübergegangen war:„Seht doch nach, was meines Knechtes Fuß macht. Er hat ſich vorgeſtern mit der Axt verwundet, und die Verletzung erſchwert ihm das Ge⸗ hen.“— Eſchenreuter verſprach hinzugehen.—„Und weil wir denn gerade mit einander reden,“ fuhr Simon fort,„ein welches nicht oft geſchiebt,.... ſagt mir doch einmal: War't Ihr vielleicht geſtern Nacht bei meiner Braut zum Beſuch?“ Eſchenreuter fühlte ſich mit einemmale bewogen, ein un⸗ bedenkliches Nein als Antwort zu ſpenden, und die lauern⸗ den Züge des Alten verklärten ſich zu zufriedenen.—„Seht doch;“ ſprach er lächelnd,..„verwichene Nacht hab' ich's geträumt, und da meine Träume häufig ſich verwirklichen, habe ich gefürchtet es ſey dem alſo. Ich hoffe indeſſen, Ihr werdet es niemals wagen, meine Engeltrude hinter meinem Rücken zu ſehen, denn ſie wird ganz unwiderruflich meine Frau. Gott behalte Euch geſund!“— Hiemit drehte er dem Eſchenreuter den Rücken, und ging gegen den Markt. „Richtig und rein vergeſſen!“ frohlockte Trudchens Freund. „Der Rauſch hat den grauen Schelm an der Naſe geführt. Er hat mir ſelbſt den unverdächtigſten Weg in ſein Haus 271 gebffnet, und ich will ihn auch, ohne mich lange zu befinnen, betreten.“— Er flog der Wohnung des Doctors zu. Eine feierliche Handlung war gerade darinnen vorgenommen wor⸗ den. Hubert hatte mitten in der proteſtantiſchen Stadt, unter dem Siegel des Geheimniſſes die Geſchwiſter Achmet und Leila in den Schooß der chriſtlichen Kirche, in das römiſche Glaubensbekenntniß, deſſen Gebräuche und Feſt⸗ lichkeiten der finnlichen morgenländiſchen Natur am Beßten zuſagten, aufgenommen. Nicht ohne Anſpielung auf Ar⸗ chimbalds grauſames Vorhaben, hatte der Mönch in Gegen⸗ wart deſſelben, der als Taufzeuge der heiligen Handlung beiwohnte, die Tugenden des ächten Chriſten den Neophyten mit hinreißender Beredtſamkeit vor Augen geſtellt: Gnade, Barmherzigkeit, Milde und Duldung als die preiswürdig⸗ ſten von allen anempfohlen. Allein wie ſehr auch ſeine ge⸗ wählten und tiefergreifenden Worte das Herz der neuen Chriſten erſchütterten.... Archimbalds Blick blieb finſter, ſeine Stirn gerunzelt, und nur, als er den Aufgenommenen den Kuß brüderlicher Liebe auf Stirn und Wangen drückte, glänzte Rührung in ſeinem Auge, in ſeinen Zügen. Eſchenreuter erſchien, als die ſtille Ceremonie beendigt war, und begehrte, Kynaedos allein zu ſprechen. Archim⸗ bald, obgleich nicht angenehm bewegt durch den Anblick des⸗ jenigen, der ihm den Tod hatte geben wollen, ſtand nicht an, in das dringende Begehren zu willigen. Eſchenreuter, ohne zu wiſſen zu wem er ſprach, berichtete in gedrängter Kürze, treu und wahr, Simons Reden und Drohungen, äußerte ſeine Beſorgniſſe. Wie erſtaunte er aber, als er ſah, wie Archimbalds Mienen heitrer wurden, und ein flüchtiges Lächeln ſie überglänzte.„Ich danke Euch, lieber Herr,“ erwiederte der Unbegreifliche ruhig und zufrieden;„Ihr ſollt ſehen, daß ich mit Euch und Engeltruden, Eurer Braut, es gut und redlich meine. Wollt Ihr jedoch, daß Eure Ent⸗ deckung mir nütze, ſo verſchweigt nicht nur allein alles was ihr gehört, ſorgfältig jedem fremden Ohre, ſondern findet Euch dieſe Nacht gegen eilf Uhr an der Thüre dieſes Hauſes ein. Ein Diener wird Euch daſelbſt abholen, und Ihr ſollt Zeuge ſeyn, entweder wie ſich ein alter Fuchs ſelber fängt, oder wie wir ihn im eigenen Baue erwiſchen. Eins von beiden muß geſchehen.“ Hierauf gab Archimbald, nachdem er Eſchenreuter ent⸗ laſſen, an Achmet den Befehl, in's Geheim packen zu laſſen. Mit der größten Stille und Behutſamkeit wurde dieß Ge⸗ ſchäft in den innerſten Gemächern betrieben. Kein Geräuſch war hörbar; Alles ſchien ruhig, wie zuvor. Hubert wieder⸗ holte auf Leila's Kammer mit dem jungen Philipp, was er denſelben gelehrt hatte, und Archimbald ging unruhig und erwartungsvoll von einer Stube zur andern. In einem Fenſter fand er Leila lehnend, trübe durch die Scheiben ſtarrend. Er näherte ſich ihr, umfaßte ſie ſanft, und redete ſie freundlich an.„Wie kömmt es, Jukunde,“ ſprach er, „daß an dieſem feſtlichen Tage das Auge der jungen Chri⸗ ſtin ſo düſter in die Ferne ſchweift? Was iſt's, das Dich verſtimmte? Welcher Wunſch blieb unerfüllt, meine Schwe⸗ ſter? Rede; Dein Bruder, Dein Archimbald wird gerne Alles, was er beſitzt, ſein Leben ſogar opfern, um Dich zu⸗ frieden zu ſehen.“ „Du irrſt;“ antwortete die neugetaufte Jukunde.„Mein Herz iſt heiter und ſelig, allein mein Gefühl mag ſich fin⸗ ſterer Ahnungen nicht erwehren, erzeugt von dem geheim⸗ 273 *— nißvollen Treiben, das ich um mich her wahrnehmen muß. Was iſtes, das ſich hier vorbereitet? Antworte Du auf meine Fragen: Achmets Schweigen, Dein trüber Ernſt, Huberts ſtille Bekümmerniß, Erlweins Abweſenheit.. was bedeu⸗ tet dieſes Alles? Man bereitet ſich zur Reiſe, und dennoch darf Niemand erfahren, daß— wohin wir ziehen! Wäre es wahr, was einzelne Worte,.. Sylben, darf ich ſagen, die ich erbettelt habe, mir weiſſagten? Wäre es möglich, daß Du ſo unbiegſam ſeyn könnteſt, auf dem Entſchluſſe zu beharren, den Du vorlängſt geäußert? Wärſt Du hart ge⸗ nug, die edelmüthige Art, mit der Du bisher Dich an denen rächteſt, die Dir Uebels gethan, mit einer weniger edeln zu vertauſchen? Vollteſt Du in der That wie eine ſchwarze Donnerwolke in öder Nacht Deine Blitze flammend nieder⸗ ſchießen, tödten, verderben und weiterziehen, ehe die Ver⸗ wüſtung noch die Nachbarn aufſchreckte vom Schlummer. Rede, o rede! beruhige mich. Stille meine Angſt.“ „Biſt Du nicht kindiſch?“ verſetzte Archimbald.„Du ſchaffſt Dir ſelbſt Qualen und Sorge. Ich rechnete mehr auf die Standhaftigkeit Deiner Seele, die nicht iſt wie jene des ſchwachen Weibes. Willſt Du durch unnütze Furcht mei⸗ nen Handlungen Feſſeln anlegen, ſo wünſchte ich beinahe, ich hätte Dich bei dem Ohm Ehrenfried zu Burgau zurück⸗ gelaſſen, der ebenfalls nicht Zeuge meines Waltens ſeyn wollte, obgleich er es nicht mißbilligen konnte. Ich allein habe meine Thaten zu rechtfertigen; Jukunde! ich ganz allein; und keine derſelben wird ein Haar auf Deinem Haupte krümmen.“ „Grauſamer Mann!“ rief Jukunde heftig.„Peinige mich nicht mit dem Verdacht der eigennützigen Sits Nicht 1 K 3. für mich fürchte ich, ſondern für Dich, für Dein Leben, für Deine Seligkeit! Wenn Deine Unternehmungen zu böſem Ende führten! Wenn Deine Rache ich fürchte Du finnſt auf blutige.... Dich dem Arm der ſtrafenden Rich⸗ ter überlieferte.... dieſe Vorſtellungen quälen mein Herz mit unnennbarer Folter; alle Rückſichten auf mich, auf die Welt, was ſind ſie in meinen Augen, gegen die Gefahr, die Deinem Haupte drohen könnte!“ Archimbald umſchlang die Leidenſchaftliche inniger.— „Du fürchteſt für mich?“ fragte er zart und liebreich.— „Du nimmſt alſo innigen Antheil an meinem Looſe, liebſt mich, wie Deinen Bruder.“ Jukunde ſah ihn bedeutend an, und ſchlug die Augen zu Boden. „Wie glücklich bin ich,“ fuhr Archimbald fort!„in Dei⸗ nem Herzen zu leben! Du biſt die reinſte, tugendhafteſte der Frauen. Ich kenne keine vortrefflichere. Eine Einzige nur kam Dir gleich, reitzende Blüthe aus dem Orient! Doch ſie ruht im Schvoße unſrer Mutter, geknickt vom rauhen Sturme, während Du hell erglänzeſt im Strahl der ſegnenden Sonne, und eine ſchönere Zukunft erwarteſt.“ „Du ſpotteſt einer armen Magd;“ entgegnete Jukunde ſchamhaft.„Dieſe Blüthe, wie Du im Scherze ſie nennſt, ſteht allein in der Welt, einſam, verlaſſen, ſobald ihr wei⸗ ches Gefühl ſie abſchreckt von der rauhen Gewalt ihrer Freunde.“ „Ihrer Brüder;“ verbeſſerte Archimbald.—„Achmet. „Iſt ein Jüngling, der, mit Rieſenarmen die Welt gierig umfaſſend, kein Zartgefühl für die Schweſter übrig hat;“ ſiel Jukunde ein. 75 „Schmiege Dich an die Ulme, ſchlanke Rebe!“ ſprach Archimbald, und ſein Auge glänzte hell aus ſeiner vorigen Nacht heraus.—„Beglücke einen Mann; finde in ſeinen Armen Ruhe, Schutz und Mitgefühl.“ „Ich darf nicht;“ erwiederte Jukunde kalt und feſt. „Wer hindert Dich, die Beſtimmung des Weibes zu er⸗ füllen?“ fragte Archimbald mit gepreßter Bruſt. „Mein Schwur;“ verſetzte das Mädchen, und legte die Hand feierlich auf ihre Bruſt.—„Deine Magd zu ſeyn mein Leben lang habe ich gelobt; dieſes Leben iſt nicht mehr mein.“ „Selavin!“ ſprach Archimbald prüfend.„Unter dem Worte verſtehe ich viel. Das Leben ſchließt nichts aus.“ „Nichts,“ antwortete Jukunde ohne Bedenken. „Ich könnte Deine Hingebung mißbrauchen,“ fuhr er fort wie oben,„und dennoch nur fordern, was dem Gebie⸗ ter gebührt.“ „Es iſt wahr,“ erwiederte das Mädchen etwas leiſe. „Deine Liebe!“ „Liebe läßt ſich nicht befehlen.“ „Den Genuß Deiner Schönheit!“ „Das wirſt Du nicht,“ ſprach Jukunde ernſt, den zu⸗ verſichtlichen Blick auf ihn geheftet. „Du vertrauſt mir unbegrenzt?“ fragte Archimbald langſam. „Unbegrenzt,“ hieß des Mädchens Antwort. „Willſt Alles verlaſſen, wenn ich Dir's befehle? die Freunde, den Bruder, den Welttheil, den Deine Schweſter bewohnt, der Deine Heimath in ſich ſchließt, um mir zu fol⸗ gen in eine Wüſte... voll Gefahren, z Entbehrungen.“ 276 „Ich will;“ erwiederte Jukunde. „Du willſt mich pflegen,“ ſprach er weiter,„wenn ich erkranke; nicht von meiner Seite weichen, wenn ich den Todeskampf beſtehe; der Erde meinen Staub wiedergeben, und ihm eine Thräne weihen?“ „Hat es Gott alſo beſchloſſen,“ entgegnete Jukunde,„ſo will ich's vollenden, wie ich es geſchworen.“ „Wenn ich Dich aber Deines Schwurs entbinde?“ „Nicht der Eid allein, ein heiligeres Gefühl feſſelt mich an Dich.“ „Wenn ich, auf ſchnellem n in's Weite ſegelnd, Dich am Strande zurückließe?“ „Durch die brauſende Fluth würde ich Dir folgen, in den Wellen ſterben, oder am Strande mit den Nägeln mein Grab kratzen, und darin verlöſchen in unendlicher Wehmuth.“ „Nein, beim Himmel!“ rief Archimbald begeiſtert, und umfaßte Jukunde zärtlich auf's Neue,„„eine Blüthe beßrer Welten ſoll nicht im Staube, ſoll nicht verlaſſen verwelken und vergehen. Holdes Mädchen! edle Jungfrau aus dem Morgenlande, von himmliſcher Vorſehung geſandt meinen Kummer zu lindern, ſey meine Gefährtin wie Du es ge⸗ lobt; aber nicht im Joch der Dienſtbarkeit ſchleppe Dich an meiner Seite durch die Irrgänge des Lebens. Hand in Hand als meine Gattin begleite mich zum Ziele.“ Halb lächelnd, halb weinend, in der ſeligſten Ueber⸗ raſchung mit gefalteten Händen, ſtarrte ihn Jukunde an. „Staune nicht,“ fuhr der Begeiſterte fort.„Deiner Tu⸗ gend gebührte eine von den Kronen dieſer Welt.. genügt aber Deiner anſpruchloſen Demuth die Mittelſtraße des Le⸗ bens, kannſt Du ihn lieben, den Mann, der ſchon einer — 277 Andern Gatte war, fühlſt Du Dich ſtark genug, ihn, den Schwergeprüften, auch in fernern Leiden nicht zu verlaſſen, o ſo gieb Deinem ſüßen Munde Worte, ſprich ein freudig Ja!“— Mit einem Rufe des Entzückens wollte ſich Jukunde zu den Füßen des Geliebten werfen. Er hob ſie aber ſanft empor in ſeine Arme, an ſeine Bruſt.—„Die Sclavin,“— ſprach er mit unendlicher Liebe,—„in türkiſchen Sitten aufgezogen, mochte wohl zu des Gebieters Füßen liegen, ihr Haupt unter ſeine Sohle beugen; der Chriſtin, der Freigewordenen, ſteht ſolche Unterwürfigkeit nicht zu, und an dem Herzen ihres Gatten findet die Hausfrau ihren Platz.“ In den Freuden dieſer Umarmung geſtand Jukunde unter Freudenthränen, daß ſie ihm ſtets mit der glühendſten Liebe zugethan geweſen, und daß ſie ihm in dieſem Augenblicke das höchſte Erdenglück verdanke. „Du haſt mich hoch erhoben,“ ſprach ſie mit verſchämten Wangen;„die Gattin des Mannes ihrer Liebe zu ſeyn, iſt des Weibes größter Stolz, die Frende ihres Lebens. Laß mich dieſelben auf andere, auf Unglückliche vererben. Laß mich keine Fehlbitte thun. Bezähme Deinen gerechten Zorn. Vergieb Deinen ſchwerſten Feinden, und verherrliche durch Deine Großmuth dieſen Tag.“ Aber finſter ſchüttelte Archimbald das Haupt.—„Alles gewähre ich, nur dieſes nicht,“ verſetzte er entſchloſſen.— „Schweige davon.— Dir ſind Deine Eide heilig; die mei⸗ nigen ſind es mir nicht minder. Du weißt noch nicht, wie hoch die Verbrechen ſtehen, die ich ſtrafen will, ſtrafen werde. Genug!“ „Soll ich für Dein Schickſal zittern?“ ſeufzte Jukunde. „Nein, Geliebte,“ entgegnete er gleichmüthig.—„Alle Anſtalten ſind getroffen; wir ſind fern von hier, ehe der Löwe der Gerechtigkeit aus ſeinem ſchläfrigen Taumel erwacht.“ „Wir fliehen wie ſcheue Verbrecher?“ „Um uns einfältiger Unterſuchung zu entziehen. Der irdiſche Richter iſt zu kurzſichtig, um meine Rechte zu beur⸗ theilen, und wie ſehr es mir zuſteht, eigenmächtig zu ſtrafen, wo er nicht mehr hilft.“ „Wo ſind die Opfer Deines Zorns?“ „Iſt es vollbracht... wirſt Du ſie ſehen.“ „Himmel! welch ein Schauder durchläuft meine Gebeine!“ rief Jukunde ängſtlich und rang die Hände.„Du willſt am Altare mir die blutige Hand reichen?“ Archimbald beſann ſich eine Weile.—„Nein, wahrlich;“ entgegnete er hierauf;„das will ich nicht. Noch heute, jetzt ſollſt Du mein Weib werden. Die reine Hand lege ich in die Deine. Rachher geſchehe was Gott gefällt.“ Hubert vereinigte das Paar. Bräutigam, Braut und Prieſter waren von widerſtrebenden und kämpfenden Gefüh⸗ len beſtürmt. Achmet allein theilte ſeines Schwagers Ge⸗ ſinnungen; deſſen Anſichten waren von jeher die ſeinen ge⸗ weſen; darum hatte er auch in der Taufe, ſeinem Vorbilde ähnlicher zu werden im Aeußern, den Namen Archimbald angenommen, mit Entzücken ſeine Beiſtimmung zu Jukundens Vermählung gegeben, und mit der aufrichtigſten Seele den Wunſch geäußert, ſich nie von ſeinem Schwager und Freunde zu trennen. Der Segen der Kirche, der dem ehrloſen Ba⸗ ſtard nur im Gewühl des Feldlagers, oder in der Stille von Freundeshand ertheilt werden konnte, wirkte indeſſen 279 nicht mildernd auf ſein Gemüth, und feſter als je, je näher die Ausführung rückte, ſtand ſein Vorhaben. „Ich werde Morgen eine große Reiſe unternehmen,“ ſprach er gegen Mittag zu dem herbeigerufenen Simon. „Sorgt, daß das Haus ganz frühe offen ſtehe, ich reite ganz allein hinweg, und will vor meinem Abzuge Niemanden, gar Niemand von meinen Leuten und meinen Freunden ſehen. Ich haſſe das Abſchiednehmen.— Ich empfehle Euch aber, mein lieber Wirth, die Meinen wohl zu pflegen, bis ich heimkehre, welches ſich vielleicht lang verziehen dürfte. Sollte mir aber auf meinem Zuge Menſchliches begegnen,.. ein natürlicher oder gewaltſamer Tod, wer iſt vor einem und dem andern ſicher?„. mich hinwegraffen, ſo habe ich ſchon auf dieſen Fall Befehl gegeben, Euch unverkürz zu zahlen, was Euer iſt, und ein Geſchenk obendrein für Euere große Mühe.“ Hiermit entließ er den Alten, der kopfſchüttelnd und lä⸗ chelnd in ſein Kämmerlein zurückſchlich, und es feſt verrie⸗ gelte. Er ſtemmte dort die beiden Hände auf den Tiſch, ſah ſtarr auf die große darin eingelegte Schiefertafel, und überlegte, bis flüſternde Worte über ſeine Lippen ſchlichen. „Dieſe Gelegenheit, die günſtigſte, die ſich denken läßt, fin⸗ det ſich nicht wieder;“ ſagte er leiſe vor ſich hin.—„Er verreist, ohne Abſchied zu nehmen. Könnte er nicht eben ſo gut aus der Welt verreiſen? Würden die Seinigen wohl Unrath merken, wenn ſeine Hülle, ſtatt lebendig auf dem Pferde davon zu reiten, blos bis in den Keller oder in die Fluthen der Dono gelangte? der wundervolle Ring wäre alsdann mein. Ein derber Griff in die Schatzkäſtlein, die des Doctors Schlafzimmer zieren, käme auf deſſen eigene 280 Rechnung. Entdeckung iſt unmöglich, indem er, gewöhnt, ſein Pferd eigenhändig zu ſatteln, keines Dieners bedarf, und in ſeiner thörichten Menſchenfreundlichkeit allen geboten hat, ruhig in ihren Betten zu bleiben. Sie fürchten ihn alle, gehorchen ihm aber auch pünktlich.— Es wäre alſo wohl zu wagen. Darf ich aber meinem Arm trauen? O, wenn es doch nur mehr geweſen wäre, als ein bloßer Traum, deſſen ich mich noch erinnere aus meinem geſtrigen Taumel? Wenn mein ehemaliger Herr, wenn Philipp hier wäre... die Noth müßte ihn dazu bringen, mein Werkzeug abzuge⸗ ben. Aber das war nur das Hirngeſpenſt eines alten be⸗ rauſchten Tölpels, den die Trunkenheit ſtatt im Bette, auf dem Raſen des Walls ſein Nachtlager finden ließ. Mein Kopf wird noch gerade ſo ſchwach, daß er ſelbſt Schelmereien zu erfinden bald nicht mehr im Stande ſeyn wird. Ich muß daher eilen, mein Werk zu krönen, und dieſe That bietet ſich am gelegenſten dar. Die Leiche könnte ich im Keller begraben, in einen Sack verhüllt. Ein Pferd des Doctors ſende ich in der Nacht mit meinem dummen Bogalew aus der Stadt, unter einem Vorwande, es in der Ferne zu ver⸗ kaufen; dem Einfaltspinſel mache ich weiß, was mir beliebt. — Aller Schein wäre ſofort gerettet, und wenn Kynaedos nicht mehr wiederkehrt, glaubt man ihn in der Ferne er⸗ ſchlagen; ich bin ſicher vor Verdacht. Aber, die That ſelbſt... wie ſie vollführen?... Schlinge oder Dolch? Die erſte hinterläßt keine blut'ge Spur,. die zweite ſagt meinem ſchwachen Arm beſſer zu, der einen Stich in's Leben wohl zur Noth dem Schlafenden beibringen kann. Welches Mittel von beiden wähle ich?“ Er zog die Schublade des Tiſches auf, nahm den breiten Dolch heraus, und betrachtete nachdenkend ſeine ſcharfe Schneide, ſeine ſichere Spitze. Da trat der Teufel zu ihm... Vierzehntes Rapitel. Nimmer triumphirt das Böſe, Wachſen kann's im Glückesſt Bis zur ungeheuern Größe; Doch der Rächer iſt nicht fern. Hell. Barbara lag in den Schauern des beginnenden Todes⸗ kampfs; erwachend aus dem zerſtörenden Wahnfinn fiebriſcher Hitze, erſchöpft und ruhig geworden durch zunehmende Kraft⸗ loſigkeit, gewahrte ſie ſich verlaſſen. Alle ihre Blutsfreun⸗ dinnen, die Erbſchleicher ſogar ſammt dem Prediger hatten die Flucht ergriffen, entſetzt von der fürchterlichen Krankheits⸗ wuth, wie von den gräulichen Geſtändniſſen, die der in das Leben der Sünderin hereinſtürmende Feind ihrem zuckenden Munde entpreßt hatte. An ihrem ſtillen und einſamen Ster⸗ belager ſtand allein der mitleidige Arzt und beobachtete for⸗ ſchend die dahin ſchwindende Leidende. Sie ſtreckte ihm die abgezehrten Hände entgegen, und ein bitteres Lächeln verzog ihr Antlitz.—„Sie ſind Alle fort?“ fragte ſie kaum hör⸗ bar.— Archimbald nickte ſtumm. Sie ſeufzte. „Immerhin,“ ſprach ſie hierauf;„mögen ſie doch gehen, wenn nur Ihr mir beiſteht im letzten Stündlein; denn ich muß wohl ſterben... nicht wahr? verhehlt mir's nicht!“ *. 282 Der Arzt zuckte die Achſeln. „Sprecht es aus, das Ja!“ fuhr ſie ergeben fort.„Ich hatte zwar die Hoffnung, am Leben zu bleiben, allein. ich fühle es.. jede Sehne ſpannt ſich ab und der Brand frißt mir an's Herz. Ihr ſeht, ich bin jetzt ruhig und matt; geſteht mir alſo, ob ich ſterben muß.“ „Ihr müßt,“ antwortete Archimbald ſo ſchonend als mög⸗ lich.„Und weit entfernt, dieſes Lvos zu beklagen, mögt Ihr es preiſen; denn Euere Geſtändniſſe. während Ihr bewußtlos ſpracht, was Euch das peinigende Gewiſſen ein⸗ gab erlaubt mir, zu ſchweigen...“ „Hab' ich Alles bekannt?“ fragte Barbara, ſich etwas aufrichtend.„Darum iſt mir auch ſo leicht... da ich das entſetzliche Geſtändniß endlich von meiner Seele gewälzt habe. Ihr glaubt alſo, daß man mich ruhig ſterben laſſen wird, daß man mich nicht auf den Rabenſtein.. „Schweigt!“ bat Archimbald, während Thränen über ſeine Wangen rieſelten.„Quält Euch nicht mit dieſen Furchtge⸗ danken. Euere Sterbbuße ſoll Niemand ſtören. Ich will mit Euch beten.... da auch der Pfarrherr Euch verlaſ⸗ ſen hat.“ „Dröſter des Himmels!“ ſeufzte Barbara dankbar.„Wie ſoll ich's Euch danken, was Ihr für mich thut?“ „Denkt, ein Bruder liege an Euerm Halſe!“ rief Archim⸗ bald und neigte ſich gerührt über die erbleichende Sünderin⸗ „Und wenn Ihr dankbar ſeyn wollt, ſo grüßt mir den Va⸗ ter, da Ihr doch eher hinüberkommt, als ich.“ „Den Vater?“ wiederholte Barbara, ihn mit ihren ver⸗ glasten Augen anſßtarrend. Archimbald fühlte, daß er zu viel geſagt habe.„Den Vater unſer Aller,“ erläuterte er daherz„den langmüthigen, den barmherzigen Richter!“ „Möchte er mir barmherzig ſeyn!“ ſtöhnte die Leidende aus mühſam arbeitender Bruſt.„O mein Kind, mein ge⸗ mordetes Kind!“ „Er wird Euch nicht verlaſſen,“ entgegnete Archimbald, „um Eueres Kindes willen. Verſöhnt Euch mit ihm!“ „Ich will eine fromme Stiftung machen,“ ſprach die Sterbende haſtig.—„Ich habe meinen letzten Willen noch nicht verfaſſen laſſen... die Baſen, denen ich Alles be⸗ ſtimmte, verlaſſen mich in der letzten Noth;. laßt einen Schreiber holen.. ich vermache Alles dem Spittel. Man ſoll für meine Seele beten.“ „Habt Ihr keine nähern Angehörigen, als die Baſe?“ fragte Archimbald vorſichtig. Barbara ſchüttelte den Kopf. „Euer Gatte oder Vruder„ ſuhr Archim⸗ bald fort. „Schweigt!“ ſchrie ſie mit aller Anſtrengung....„er hat mich vergiften wollen. Er hat mich blutſchänderiſch um⸗ armt. Ihm verdanke ich vielleicht den Tod... Nichts von ihm... ſonſt kann ich nicht ruhig ſterben!“ „Er hat einen Sohn... der Knabe iſt Euer Neffe,“ ſprach Archimbald, muthig ſein Ziel verfolgend, weiter; „laßt ihn nicht in Dürftigkeit ſchmachten... gebt ihm, Euerm Blutsverwandten, was Ihr undankbaren Fremd⸗ lingen hinwerfen wollt. Um Euers Kindes willen,. verſtoßt dieſes Kind nicht.“ dann ich's nimmer zu.“ „Er kennt ihn nicht,“ entgegnete Archimbald.„Niemals wird er bei ihm leben; niemals ihm das Gexingſte ver⸗ danken.“ „Gebt Ihr Euer Wort darauf?“ ſie auf's Neue. „Mein heiligſtes!“ verſetzte er und berichtete von des jungen Philipps Geſchichte, was er ihr wiſſen zu laſſen dien⸗ lich erachtete. „Es ſey!“ ſprach die Kranke—„Wie lange kann ich noch leben?“ Archimbald ſah nach der ſinkenden Sonne. „Ich verſtehe!“ liſpelte ſie.„Es hat Eile.— Laßt einen Tabellion kommen.“ „Für den iſt geſorgt!“ antwortete Archimbald und öffnete die Thüre, den Beſtellten einzulaſſen. In einer Viertelſtunde war der letzte Wille aufgeſetzt, der den jungen Philipp Wernher zum Erben der Frau Barbara Wernher unumſtöß⸗ lich beſtellte. Barbara unterzeichnete mit einem Kreuz. Dieſe Anſtrengung koſtete ihr eine Ohnmacht, während welcher der Notarius ſich entfernte. „Ich glaubte hinüber zu gehen....“ ſeufzte die Er⸗ wachende.* „Im ſchönſten Augenblicke!“ ergänzte der mitleidige Arzt; „unter den Flügeln einer guten That!“ „Wird der Knabe ſie ſchätzen?“ fragte Barbara ſchwächer werdend;„mir im Grabe danken, was ich für ihn gethan?“ „Ich verbürge mich für ihn.“ „Ihr?“ * „Mann!“ fragte ſie ſtaunend,„wie ſoll ich mir deuten, 8 was iſt dieſer Knabe bei ſeinem Vater? liebt er in? „Ich trage für ſeine Erziehung Sorge. Er wird dankbar ſeyn und Euere Aſche ehren.“ „Wer ſeyd Ihr aber, ſonderbarer Mann, fragte Bar⸗ bara mühſam,„daß Ihr Euch des Knaben annehmt?“ „Sein Ohm!“ raunte er ihr in's Ohr.„Archimbald, Philipps Bruder und der Deine!“ „Ach! Jeſus!“ ſeufzte die Sterbende auffahrend, und ihr Geſicht erſtarrte. Der Engel des Todes legte ſie entſeelt auf ihr Kiſſen. Groß war ihr Leiden... ſüß und leicht ihr Ende. „Grüße mir den Vater!“ rief ihr der treugebliebene Bruder nach und betete zu den Füßen der Leiche, bis die Dämmerung eintrat. Darauf ging er zu Hauſe, nachdem er den letzten Willen der Todten bei dem ehrlichen Notarius niedergelegt hatte. Jukunde küßte ihm die Falten von der Stirne und fragte nach der Urſache ſeines trüben Ernſtes.— „Vergib,“ antwortete er;„ich komme von dem Sterbebette meiner Schweſter und werde bald an das meines Bruders treten. Heute gilt es, Muth und Kraft zu beſitzen. Iſt Erlwein zurück?“ Jukunde verneinte, und Archimbald, ihre Geſellſchaft wie die des Pater Hubert meidend, ging in ſein Stüblein, um ſeine Ungeduld daſelbſt zu verbergen. Nicht lange dauerte es, ſo pochts es ganz leiſe an die Thüre, und Bogalew, den er in der Dämmerung kaum erkennen konnte, ſchlich leiſe, wie eine Katze, herein. Auf die Frage nach ſeinem Begehr, antwortete der furchtſame Gaſt mit gedämpfter Stimme, daß er nach langem Kampfe komme, den Doetor auf verdächtige Dinge aufmerkſam zu machen, die nichts Gutes bedeuten könnten. Er habe bisher ſeinen Herrn für ein Muſter von 286 Ehrlichkeit gehalten; es komme ihm aber jetzt vor, als ſeye dem nicht alſo. „Warum?“ fragte Archimbald. „Hört ſelbſt, lieber Herr,“ ſprach Bogalew,„und ent⸗ ſcheidet hinterher. Vorhin ruft mich der Meiſter Simon auf ſeine Kammer und befiehlt mir, in dem Keller eine Grube zu machen, als ob man Winterfrüchte einzulegen hätte. Ich gehe und haue die Grube auf, wie er befahl⸗ ſechs Schuhe lang, eben ſo tief und ungefähr zweie in der Breite. Darauf gehe ich wieder zum Herrn, um ihm Bericht zu geben. Wie ich nun an ſeine Thüre komme, höre ich ihn laut reden... das heißt, halb laut, ſo als ob er mit jemand leiſe ſpräche.“ „Und da haſt Du dann gehorcht?“ unterbrach ihn Archimbald. „Mit Euerer Erlaubniß, ja,“ antwortete Bogalew zö⸗ gernd.„Aber es war dießmal ein Glück, denke ich. Ich höre alſo, wie er, auf⸗ und abgehend, zu ſich ſelber ſagt,.. warte, du reicher Kynaedos, von dem niemand weiß, wo er her⸗ oder hingeht; warte nur! dein koſtbarſtes Kleinod iſt bald in meinen Händen.— Ich werde zu Stein und merke gleich, daß er Euch das Geld ſtehlen und gewißlich in die Grube im Keller verſtecken will; um aber geſcheit zu ſeyn, thue ich das Maul nicht auf und gehe in die Kammer, wo der Alte eine Kanne Wein vor ſich ſtehen hat, von der er mir zwar keinen Tropfen anbietet, mir aber wieder Befehle gibt, aus denen ich wieder abnehme, daß mein Verdacht gegründet iſt und ich ſelbſt ihm das geſtohlene Geld in den Keller tragen, wohl gar vergraben ſoll, ja, daß er Euch ſogar noch ein Pferd aus dem Stall ſtehlen will. Denn er gebot mir, das Haus heute Nacht offen zu laſſen; nach zwölf Uhr in meiner Dachkammer auf ſeinen Ruf zu paſſen, ihm alsdann einen Sack mit Früchten in den Keller tragen zu helfen, und endlich ein Pferd davon zu reiten, das er mir übergeben wollte, um es morgen in der Umgegend ſo theuer als möglich zu verkaufen, weil es den Anſatz einer Seuche habe und man es daher gerne um jeden Preis los zu ſeyn wünſche. Schließlich band er mir auf die Seele, keinem Menſchen ein Wort zu ſagen und ſogleich in's Neſt zu gehen, um auszuſchlafen bis Mitternacht. Hierauf hat er mich ſelber in der Kammer eingeſperrt; ich bin aber zur Lücke hinaus geklettert und auf allen Vieren hieher gekrochen, um Euch, den ich liebe, weil er mich nicht verräth, vor einem falſchen Grauſchimmel zu warnen, der Euch Geld und ein Pferd ſtehlen will.“ Die Erzählung von der Grube, dem Sack und dem Pferde⸗ verkauf anders zuſammenreimend, als es der kurzſichtige Bogalew vermocht hatte, ſchauderte Archimbald vor der planmäßigen Bosheit, mit welcher der Alte in die Falle ging, die er ihm geſtellt hatte. Er dankte dem ehrlichen Warner, verhieß ihm reichen Lohn und ſchärfte ihm ein, nach ſeinem Lager zurück zu ſchleichen, nach eilf Uhr jedoch ſich vor die Hausthür zu machen, woſelbſt er einen Warten⸗ den finden würde; ſich mit demſelben ruhig zu verhalten, bis Simon zwiſchen Eilf und Mitternacht ſeine Kammer verlaſſen haben würde, um ſeine That zu verüben; ihn un⸗ geſtört an die Hauspforte vorüber, die Treppe hinan ſchleichen zu laſſen, und erſt wenn er ſich im Stüblein des Doctors verloren hätte, vorſichtig nachzukommen, nicht eher jedoch in ——= 288 die Stube zu dringen, als bis er, Archimbald, ſelbſt ihnen die Thüre geöffnet haben würde. Bogalew verſprach, alles pünktlich zu befolgen und begab ſich hinweg. Noch nie war das Geſpräch beim Abendtiſch ſo einſylbig, ſo gezwungen geweſen, als heute. Archimbald vermied jedes Wort, das Anlaß hätte geben können, ſich über die Begebenheiten der kommenden Nacht heraus zu laſſen, ſon⸗ dern ſah mit ſteigender Unruhe auf die Uhr, horchte auf jeden Hufſchlag von der Straße und konnte ſeine Ungeduld nicht unterdrücken. Jukunde war traurig, Hubert ſchwieg vedenklich, Achmet theilte ſeines Schwagers Unruhe; der kleine Philipp allein, deſſen Vater doch der Hauptgegenſtand der Gedanken, der Furcht, der Erwartung aller Anweſenden war, trug demungeachtet in ſeiner glücklichen Unwiſſenheit die Farbe der Unbefangenheit auf dem Geſichte. Ein dumpfes Schweigen nahm die Stelle des geſelligen Scherzes ein, der ſonſt an der Tafel der Freunde herrſchte, und wie ſcheue Vögel vor dem Sturme ſich in ihre Felſenſchluchten verbergen,... ſo eilten auch Jukunde und Hubert nach ihren Gemächern, als das Mahl beendigt war. Achmet und Archimbald blieben noch einige Augenblicke zuſammen und wechſelten wenige Worte; dann ſchieden auch ſie. Die Diener waren ſchon längſt in ihre Kammern geſendet wor⸗ den. Archimbald, der Dinge harrend, die da kommen ſollten, warf ſich halb angekleidet auf das Bett, verdeckte die Lampe mit einem Schirm und legte den Dolch aus Worosdar zu ſeiner Rechten. Noch einmal las er die Stelle aus dem geſchriebenen Vermächtniß der alten Lene, das er in ihrer Schatztruhe zu Augsburg gefunden hattef die Stelle, die ſeine 289 ganze Wuth auf's Neue entflammte, und lauerte ungeduldig auf den Glockenſchlag Eilf, der ihm das Wild in das Netz liefern ſollte.— Nicht minder unruhig erwartete Simon denſelben. Mit einigen Bechern Weins hatte er ſein Herz geſtärkt, ſein Gewiſſen eingeſchläfert, ſeine Sinne betäubt. Die Vorſtellung von dem wunderbaren Ringe hatte ihn verzaubert, und ihn zu erringen, hätte er den Kaiſer erwürgt. Die ſtarke Schlinge lag vor ihm auf dem Tiſch, der Pre⸗ diger des Mords, der blinkende Dolch, daneben, der im Nothfall den Ausſchlag geben ſollte. Die Blendlaterne ſtand angezündet bei der Waffe. Ihr volles Licht fiel auf den blutgierigen Frevler, dem das weiße Haar verſtört um das Geſicht hing, deſſen Augen ſcheu an der Wand herumſchweif⸗ ten und fürchterliche Bilder in dem Schatten derſelben zu ſehen vermeinten. Endlich brummte die Glocke vom hohen Thurme, ſeine Kniee ſchlotterten zuſammen und unwillkürlich griffen ſeine zitternden Hände nach dem letzten Becher Wein. MWit jedem Schlage der Uhr ſaugten ſeine bebenden Lippen einen Schluck des Feuertranks in ſich, der, angenehm bele⸗ bend, die Knochen des morſchen Sünders zum Verbrechen ſtärkte. Noch ein tiefer Seufzer... ein leiſer Fluch zur Ermunterung... und Schlinge ſammt Dolch hingen am Gürtel, die Blendlaterne am kleinen Finger der linken, der Nachſchlüſſel in der rechten Hand. Behutſam ſtreifte er die Schuhe von den grauwollenen Strümpfen und ſchlich vor⸗ ſichtig auf die weite Hausflur. Alles ſtille... die Haus⸗ thüre unverriegelt, ſo wie er es befohlen... auf der mondhellen Gaſſe keine Seele.... die Zeit war günſtig. Er forderte ſeine Schritte bis zum Fuß der Treppe. Hier mußte er aber inne halten und, die Fauſt gewaltſam auf II. 3. 19 290 die Bruſt gepreßt, tiefen, tiefen Athem holen. Wie eine Schlange huſchte er alsdann über die Stiege in den obern Theil des Hauſes, den er noch niemals um dieſe Zeit beſucht hatte, ſeit er im Beſitze deſſelben war. Noch einmal horchte er in die Ferne, an dem Schlüſſelloche des Stübleins.... nirgends ein Geräuſch. Eben ſo vorſichtig ſchob er den Schlüſſel ein; ein leichter Druck, und der Weg zur Gräuel⸗ what ſtand offen. Da kam ihm plötzlich vor, als dränge ſich zwiſchen ihn und die Pforte daſſelbe geſpenſtige Bild des alten Wernher, das ſeine Angen ſchon einmal in demſelben Zimmer wahrgenommen hatten. Drohend, warnend, ängſt⸗ lich ſchien es die kalten Hände gegen die Bruſt des alten Mörders zu ſtemmen; ſein lautloſer Mund ſchien Worte der Drohung und des Zorns ihm in das verzerrte Geſicht zu hauchen. Doch über ſeine Schulter beugte ſich die dunkle Geſtalt des Verſuchers, zeigte ihm lockend den lebensverlän⸗ gernden glückbringenden Ring, und der Reiz dieſes Talismans überwand ſogar das vom böſen Gewiſſen hervorgezauberte Schreckgeſpenſt. Simon drückte die Augen zu und ſchritt wie ein Geiſt über die Schwelle. Es war dunkel im Gemach. Das weiße Mondlicht fiel auf das Bett. Kynaedos lag darinnen ausgeſtreckt und ſtill wie eine Leiche. Simon ließ einen Strahl der Laterne in das Gemach zucken. Sein beuteſüchtiger Blick entdeckte die Käſichen, die ſchon längſt ſeine Habgier reizten. Die Leuchte auf den Boden ſetzend, neſtelten ſeine Hände den Strick vom Gürtel. Das Haupt des Schlummernden war in einer Lage, die das Geſchäft des Erwürgens erleichterte. Wit ſicherm Handgriff legte der alte tückiſche Bube die Schlinge um den Hals des Verrathe⸗ uen ſchon frohlockte der Teufel in ſeinem Buſen S ſchon zerrte die mordgewohnte Fauſt den Lodesknoten zu⸗ ſammen.„doch fein ſchwarzes Verhängniß ſiegte.. er ſtand an den Marken ſeiner Verbrechen. Der Schlum⸗ mernde riß ſich gewaltſam auf vom Bette, packte mit Löwen⸗ kraft den Meuchelmörder beim Halſe, und ein Fußſtoß ſchleuderte ihn zu Boden.—„Herr! erbarme dich meiner!“ ſeufzte der läſternde Mund des Ertappten, als der Rächer rieſengroß über ihm ſtand, und plötzlich, beim Scheine der des Schirms beraubten Nachtlampe, bekannte, wenn gleich um viel veränderte Züge in ſein Antlitz ſtarrten. Er las fein Urtheil in dieſen düſter glühenden Augen, und das fliegende röthliche Haupthaar wie der volle Bart in unzählige Locken um das drohende Geſicht hängend, leuchteten dem Sünder entgegen wie die Flammen eines Cherubſchwerts. „Kein Wort mehr!“ herrſchte dem Knieenden der Furcht⸗ vare zu.„Dein Gebet wird zur Läſterung, Dein Stoß⸗ ſeufzer zum hölliſchen Fluche. Das Maß Deiner Sünden iſt voll!“ „Schonung! Gnade!“ wimmerte der Alte, ſich am Boden krümmend. „Ich heiße Archimbald!“ donnerte ihm der Rächer in die Ohren.—„Erwarte keine Schonung! Meiner Mutter Todes⸗ angſt ſchreit nach Vergeltung, Giftmiſcher! Lene hat bekannt, Verworfener! Dein Ziel iſt da!“ Mit einem verzweiflungsvollen Schrei fuhr der Alte zu⸗ ſammen, riß mit der letzten Anſtrengung den Dolch aus dem Gürtel und führte von Unten einen Stoß gegen den Baſtard. Dieſer gewahrte es jedoch, trat die frevelhafte Fauſt ſammt der Waffe zu Boden und rannte den Türken⸗ dolch dem greiſen Ungeheuer zwiſchen den hindurch 19* 292 in den Schlund, daß, als er die Klinge zurück riß, ein Strom ſchwarzen Bluts dem gewaltſam aufgeriſſenen Halſe ent⸗ ſtürzte. In Zuckungen wälzte ſich der Böſewicht in die trübe, ſchaurige Fluth. „Fahre zur Hölle, Abſchaum der Menſchheit!“ rief ihm Archimbald in jene Betäubung nach, in welcher alle Sinne ſchwinden.—„Gott verzeihe Dir! Ich thue daſſelbe, wenn Du im letzten Augenblicke aufrichtig bekennſt. Hatte Philipp Theil an Hedwigens Mord?“ Simon wollte ſprechen, doch das aufquellende Blut hemmte die Sprache; er ſchüttelte hierauf heftig den Kopf, faltete krampfhaft die Hände. und machte eine Bewegung gegen den Hals, als flehte er, durch einen neuen Stoß ſeinem Sterben ein Ende zu machen.“ Erbleichend wandte ſich Archimbald von dem gräßlichen Anblick nach der Thüre, auf deren Schwelle Eſchenreuter und Bogalew in ſtummem Entſetzen lauſchten. Er winkte ſie herein. „Ihr war't Zeuge der That, meine Freunde,“ ſprach er. „Ihr wißt, durch welch' Verbrechen ſie zunächſt veranlaßt wurde. Seyd ferner auch Zeuge zwiſchen mir und den Gerichten, die von dieſer blutigen Handlung Rechenſchaft begehren werden.“— Er zog eine Glocke. Achmet und Hubert traten ein.—„O, ſo iſt das Entſetzliche geſchehen!“ jammerte der Zweite und eilte auf den Röchelnden zu.— „Er hat mich meuchlings morden wollen!“ antwortete ihm Archimbald.„Das beruhige Euch, mein Lehrer. Betet jetzt mit dem Sterbenden, und zu Gott, daß er die nächſte Stunde lenken möge; denn das Geräuſch am Hofthore ver⸗ kündet mir die Ankunft des unnatürlichſten Verbrechers. —5— —— 293 Geh', Achmet, laß das Haus ſchließen und führe Alle herauf!“ Hubert kauerte ſich neben Simon nieder, um mit ihm zu beten; allein der Alte war ſtumm und ſtill geworden. Kein Athem hob mehr die blutleere Bruſt; erſtarrt ſtreckten ſich alle Glieder. Als Archimbald einen neuen Blick auf ſein Opfer warf, auf die weißen Haare deſſelben, die von düſterm Roth befleckt, um das wilde Antlitz hingen, auf die gebro⸗ chenen Augen, auf den frech mit den Zähnen blekenden Mund, der ein Leben voll Abſcheulichkeiten ausgeſpieen hatte;... da ſtieg eine Rührung, wie er ſie noch nie empfunden, an ſein Herz. Der auf ſo entſetzliche Weiſe zum erſtenmale gebrauchte Dolch entſank ſeiner Fauſt. Die Leiche, die, wie auf einem Purpurteppich liegend, in ver⸗ zweiflungsvoller Verzerrung gen Himmel ſah, hinweggerafft mitten in ihren Sünden, ließ er mit einer Decke verhüllen. Wäre ſein Bruder in dieſem Augenblicke der tiefſten Be⸗ wegung vor ihm geſtanden, er würde Vergebung erlangt haben. Aber ſein herannahender Schritt rüttelte den ein⸗ ſchlummernden Durſt nach Rache wieder gewaltſam auf und rief dem zürnenden Bruder ſein fürchterliches Gelübde in's Gedächtniß zurück. Fünfzehntes und letztes Rapitel. Vergib unſre Schuld, 8 Wie auch wir vergeben unſern Schuldigern! Geführt von Erlwein und Achmet kam ein Mann in die Stube, in deſſen kummervollen Zügen Archimbald den Bru⸗ der nimmer erkannt haben würde. Doch war es ſeine Stimme, mit welcher ſich der Ankömmling vernehmen ließ. Denn beſtürzt zurückfahrend rief er aus:„Wohin hat man mich gelockt? Was geht hier vor?“— Eine Unglück weiſſagende Stille, bloß durch das Geräuſch, das der zuraſſelnde Riegel der Thüre verurſachte, unterbrochen, war die Antwort auf dieſe Frage. Erſchrocken ſah ſich Philipp im Kreiſe um und wiederholte:„was geht hier vor? Man kommt mich in meiner Einſamkeit zu ſtören; man lügt mir vor, der krank gewordene Simon begehre, von Gewiſſensqualen belaſtet, mich an ſeinem Sterbebette zu ſehen; halb durch Ueberre⸗ dung, halb mit Gewalt zerrt man mich auf einen bereit ſtehenden Wagen... und führt mich um Mitternacht in die Stadt, durch die bewaffneten Wächter des Einlaſſes hindurch.. zur Schlachtbank; denn Gelinderes kann ich — ge——— — ncht denken, weil ich Waffen und drohende Blicke um mich blitzen ſehe.... Wie kommt Ihr in dieſes Haus, Geſtalten der Nacht? Wo iſt Simon?“ Schweigend hob Archimbald den Teppich von der Leiche. „Sieh' hier Deinen Freund...“ ſprach er dumpf...„ihn lebendig zu umarmen, kommſt Du zu ſpät; ihm nachzu⸗ folgen in das unbekannte Land immer zeitig genug. Be⸗ ſtelle Dein Haus und Deine Seele. Du kömmſt nicht mehr athmend von hier!“ „Heiliger Gott!“ ſchrie Philipp beim Anblick der Leiche und dem Vernehmen des gräßlichen Urtheils.—„In welche Hände bin ich gefallen?“ „In die beſten,“ höhnte Archimbald;„in die Hände des Bruders! Kennſt Du mich nicht mehr? Hat ſich das Geſicht des Baſtards, den Du aus dieſem Gemach jagteſt, ſo ſehr verändert? iſt Dir die Stimme ſo fremd geworden, die vergebens zu Deinen Füßen um Hülfe, um Barmherzigkeit bettelte? Sieh' dieſe Hände an, wenn Du den Zügen und der Stimme nicht trauſt. Sieh' ihre Narben, und zittre; denn Gott hat Dich in meine Gewali gegeben, Ungeheuer!“ Mit einem Geheul der Verzweiflung und der Angſt ver⸗ hüllte ſich Philipp das Geſicht, zerraufte ſich das Haar.— „Schändlich überliſtet!“ ſtöhnte er.„Hätte ich mir doch eher den Tod gegeben, als in ſeine Macht mich liefern laſſen!“ „Danke dafür dem Ewigen!“ verſetzte Archimbald.„Durch Reue und Buße vor Deinem Ende, von meiner Hand kannſt Du noch den Himmel erwerben; verloren wäre auf ewig Deine Seele, hätteſt Du Dich ſelbſt gewürgt. Biſt Du denn nicht müde, Miſſethaten auf Miſſethaten zu häufen? Soll ſich ihre Reihe bis über Deines Lebens Ziel hinaus 296 verlängern? Unſinniger, höre, welche Verbrechen Dich an⸗ klagen; höre, welche Frevel Deinen Tod verlangen: Du haſt das Gebot, das den Vater zu ehren befiehlt, ſchändlich übertreten; Du haſt den unmündigen, unſchuldigen Bruder mißhandelt, verhöhnt, mit Füßen getreten, mit Deinen Sporen verwundet, mit der Peitſche geſchlagen, von Deinen Hunden aus dem Hauſe hetzen, mit Lumpen bedeckt auf die Straße werfen laſſen! Du haſt ein edles Mädchen, das Dich Elenden liebte, ſammt ihrem Kinde an den Rand des Gra⸗ bes gebracht; Du haſt durch Zauberkünſte den Bruder morden wollen und ein Teſtament zurückgehalten, das ihn in den Beſitz der Hälfte Deiner Habe ſetzte. Du haſt denſelben Bruder, als er zum zweitenmale Deine Barmherzigkeit zu erbetteln kam, auf's Neue in's Elend hinaus geſtoßen; Du haſt, wenn auch nicht Theil genommen an Hedwigens Morde, doch aus ſeinen Folgen Genuß gezogen. Du haſt in blut⸗ ſchänderiſcher Ehe gelebt mit Deiner Schweſter,... Du haſt ſie vergiften wollen..... Du haſt einer betrübten Mutter ihr Kind ſtehlen laſſen!.... Ungeheuer! drei⸗ faches Scheuſal! das ſind die Thaten, die Du begangen, das die Früchte Deines niederträchtigen Lebens! Dieſe Auf⸗ zählung Deiner ruchloſen Handlungen hat Grauſen in dem Herzen der Zuhörer,... ſelbſt in dem Deinigen, erweckt. Bedarf es hier noch einer Frage, ob Du des Todes ſchuldig ſepeſt oder nicht? ob ich das Recht habe, Dich zu richten oder nicht, da vor den Schranken eines weltlichen Stuhls Deine Sünden verſchollen ſind? Du haſt mich verderben wollen, und ſiehe! der Herr hat es wohl gemacht mit mir; hat mir die Gewalt verliehen, zu vergelten und den Stamm Deiner Laſter zu vertilgen von der Erde. Bereite Dich zum Ende.“ ——— 297 Langes Schweigen folgte auf die heftige Rede. Aller Augen waren auf den zitternden Verbrecher gerichtet, der, eine Beute nagender Schlangen, vernichtet vor ſeinem Rich⸗ ter ſtand. Die höchſte Zerknirſchung hatte ihn ergriffen, das lebendige Gemälde ſeiner Vergehen, von dem Bruder mit Flammenworten geſchildert, ſich mit Flammenzügen in ſeine Seele gebrannt. Er konnte die Unverſöhnlichkeit Archim⸗ balds nicht verdammen; hatte er nicht das Beiſpiel deſſelben gegeben? Er ſchauderte aber vor ſeinem ſtrengen Spruch zurück. Der Menſch, und hätte er es ſelbſt verſucht, ſich den Tod zu geben, bebt vor der gewaltſamen Hinrichtung durch die Hand eines Fremden. Es war auch keine leere Drohung, die Archimbalds Mund geſprochen, denn er hatte ſchon einen blutigen Anfang gemacht. Simons kalte Reſte weiſſagten dem Verurtheilten ſe in Schickſal. In heftiger Bewegung rief er aus: „Unbegreifliche Vorſehung! wie bewundere ich deinen Schluß, ſchleudert er auch das Henkerbeil auf meinen Nacken! Der mich zuerſt verführte zum Verbrechen, der mir willig ſeine Hand zur Vollſtreckung lieh, der mich endlich auf die ſchändlichſte Weiſe betrog und zu Grunde richtete.. vor meinen Augen liegt er niedergemetzelt! der Tugend und mir zur Genugthuung! Vor meinen Augen habe ich die Freude, den Böſewicht belohnt zu ſehen!— Was Dich betrifft, mein Bruder, dem ich in meinen Lebensjahren unzählige Mal die Unbilden, die ich an ihm verübte, abgebeten habe, ſo will ich nicht unterſuchen, ob Du ein Recht haſt, mich zu richten oder nicht. Du erretteſt mich zwar vom Blutgerüſte, das meiner wartet, wenn Du mich gebunden dem Halsgerichte überlieferſt; allein, willſt Du die Sünde auf Dich häufen, die Du in mir verdammſt? willß Du den Bruder morden, weil er, vom Satan geblendet, Dich zu morden gedachte?“ „Ich habe einen theuern Eid darauf geleiſtet!“ entgegnete Archimbald kurz und ernſt.„Dein Blut zu trinken habe ich geſchworen.“ „Tiger!“ ſchrie Philipp entſetzt. „Bin ich's, wer hat mich dazu gemacht?“ fragte Archim⸗ bald fürchterlich losbrechend.„Haſt Du mich nicht überant⸗ wortet den Raubthieren des Waldes, den Vögeln der Luft? mich nicht gezwungen, den Menſchen abzulegen, ein blutdür⸗ ſtiges Ungeheuer zu werden? um eines elenden Pergaments willen, dem noch obendrein die Unterſchrift des Vaters mangelte „Nein! nein!“ ſtammelte Philipp,„mein Fehl war größer. Denn in jener fürchterlichen Nacht ſeines Todes kam ſein abgeſchiedener Geiſt in dieſe Stube zurück und unterzeichnete das verhängnißvolle Blatt, welches mir Simon bei meiner Ankunft, ohne noch von der Unterſchrift zu wiſſen, feſt ver⸗ ſiegelt überreichte.“ „Ich verſchmähe es, mich eines Betrugs zu bedienen, um noch mehr Uebergewicht zu erhalten,“ antwortete Archim⸗ bald verächtlich und zog das Teſtament aus dem Buſen. Kalander hat mir's geſtanden, wie es damit zuging; denn von ihm rührt die falſche Unterſchrift. Mein Vater hat ſich in jener Nacht gezeigt, das iſt wahr, ich hab' es ſelbſt ge⸗ ſehen; doch der Magiſter, der die Urkunde geſchrieben hatte, betroffen über den Verluſt des Freundes, und bedauernd, mein Geſchick nicht geſichert zu ſehen, hat mit geſchickter Hand, während dem man die Leiche hier in's Haus brachte und der Verwirrung allzuviel war das Blatt entſiegelt, den —— — 2 nachgemachten Namenszug des Verſtorbenen hinzugefügt und wieder alles feſt petſchirt. Da Deine Habſucht aber dem ungeachtet das Teſtament unterſchlug, welches zu vernichten Deine Geſpenſterſcheu nicht zuließ, ſo mußte Kalander davon ſchweigen, um ſein gefährliches und verpöntes Stücklein nicht unvorſichtig an den Tag zu bringen. Hier, abergläu⸗ biſcher, geiziger Böſewicht, iſt dieſes Blatt. Dieſes Haus... alles was dem elenden Simon Deine Großmuth oder ein gezwungener Vertrag hingeworfen, iſt mein durch des Vaters Wille, der es wohl wußte, daß Du ein neues Gebäude an Dich kaufen würdeſt. Um dieſe Habe haſt Du mich ſchändlich betrogen. In dieſem Gemache haſt Du an dem ſchwachen Knaben Deine unnatürliche Grauſamkeit geübt; in dieſem Gemache magſt Du auch Deinen Lohn empfangen!“ Er ſchwang den, den Rachegeiſtern geweihten Dolch; Erlwein und Achmet ergriffen Philipps Arme, um ſeine Bruſt wehrlos dem Stoße darzubieten, während ſein Ge⸗ ſicht in Todesſchreck erbleichte... da warf ſich Hubert hef⸗ tig zwiſchen die Brüder und hielt den drohenden Arm auf⸗ der nach Philipps Herzen zielte. „Halt ein, um Gotteswillen, Archimbald!“ rief er begei⸗ ſtert für Menſchlichkeit und Milde.„Du wirſt nicht Ernſt machen; Du wirſt nicht Deinen Namen zu den Ungeheuern ſchreiben, die die Nachwelt mit Schande brandmarkt. Er iſt der Sohn Deines Vaters; er hat nie aufgehört, vor Gott Dein Bruder zu ſeyn, hat er Dich auch vor der Welt verläugnet. Er hat viele Unthaten begangen, aber⸗Gott hat ſie alle gnädig gewendet. Du lebſt, biſt glücklich unter den Deinen; er aber, der Dich zu morden, zu berauben dachte, ſteht jetzt halb todt, ein Bettler vor Dir. Seine 300 Hände ſind rein an dem Morde Deiner Mutter... Marie lebt ſammt ihrem Kinde.. ſie ſind Beide glücklich... Barbara, die er unwiſſend, daß ſie ihm ſo nahe verwandt, umarmte, entging ſeinem Gifte.... der geraubte Knabe ward ſeiner Mutter zurück gegeben!.. O ſieh',. über⸗ lege. preiſe die Weisheit des Lenkers der Dinge. Sie ſtumpfte alle Pfeile ſeiner Bosheit ab und warf den ſchmerz⸗ lichſten Widerhaken in ſeine eigene, immer blutende Bruſt. Maße Dir nicht ein größeres Recht an.— Philipp iſt elend, verlaſſen, verachtet, verabſcheut von ſeinem Bewußtſeyn. Hier hat Gott ſelbſt gerichtet. Verfolgſt Du Dein Vorha⸗ ben, ſo kannſt Du wohl Deine Seele zu den Verdammten werfen, ſeine Qual aber um keinen Grad erhöhen. Sieh⸗ doch in Deines Bruders Verbrechen nicht bloß ſeine Luſt zu Sünde und Frevel! Blicke tiefer in das Labprinth von La⸗ ſtern, das in Deinem Hauſe ſich bildete. Nicht ſowohl die Neigung der Verbrecher.. die Unſittlichkeit des Vaters legte hier den Keim, der, üppig fortwuchernd! zum krebsar⸗ tigen Geſchwüre wurde. Da wo des Hausvaters Sitten⸗ verderbniß den rechtmäßigen Sohn verbannt, das Kind der Luſt einführt unter das Dach, das der keuſchen Zucht geweiht ſeyn ſollte, in fremde Geſchlechter ſich ſchamlos drängt, fremde Ehebetten mit ſeinem anſteckenden Gifte befleckt,.. da wendet ſich der Segen des Herrn ab von der verunrei⸗ nigten Schwelle, und in den Mauern, verbotenen Freuden geweiht, zeugt ſich die Sünde fort, bewegt ſich des Verbre⸗ chens Mißgeburt auf einem durch wilde Luſt der Tugend abgetrotzten Tummelplatze. Da lockern ſich die Bande der Gewohnheit, des Herkommens, der Treue und Liebe; da löſen ſich die Knoten der heiligſten Blutsfreundſchaft. Des —— —, laſterhaften Beiſpiels eingedenk, treiben die Söhne, was der Vater trieb, treten die Töchter in die Fußſtapfen zucht⸗ loſer Mütter. Der Deckmantel, den das Blendwerk erheu⸗ chelter Ehre um die Lenden des Laſters wirft, iſt nicht ge⸗ räumig genug, um alle Schande zu verhüllen. Wie man ihn auch zerre und dehne, bald hie, bald da ſieht die Blöße hervor, bis die zerriſſenen Fetzen zu Boden fallen und das nackte Ungethüm da ſteht im ſcheußlichen Lichte;— bis end⸗ lich das Geſchick hereinbricht, wie ein Sturm in das alte Gebäude, und nur unter ſeinen krachenden Trümmern die Verbrechen begräbt, die des Ahnherrn Ruchloſigkeit zu frei⸗ gebiger Saat ausgeheckt.— Darum, mein Sohn Archim⸗ dald, ſchreibe nicht auf Rechnung Deines Bruders, alles was er that, ſondern auf das Schuldbuch böſer Folgen von böſen Handlungen; wälze ſeine Vergehen jedoch auch nicht auf Gottes Rathſchluß, der nicht will, daß der Menſch ver⸗ derbe in ſeinen Sünden, weil ſein Vater ſtrauchelte und fiel, ſondern auf das vom Herrn ſelbſt geſchaffene Natur⸗ geſetz, nach welchem alles in der weiten Schöpfung, von ſeinem Entſtehen an, die Bahn von Folgen und Verknüpfun⸗ gen durchlaufen muß, die unſere Augen zwar nicht zu ver⸗ folgen im Stande ſind, deren Ziel jedoch immer ein klares, der ewigen Güte und Huld angemeſſenes iſt. Dränge Du Dich nicht in dieſe Bahnen ein, wie ein dunkler, zerſchmet⸗ ternder Körper, der regellos durch den Raum rollt, von einem Pole abgeriſſen, zermalmt, was ſich ihm entgegen ſtellt und dennoch den eigenen Sturz nicht aufhalten kann;. hebe nicht den erſten Stein auf;... verzeihe den Gefallenen, auf daß Du ſelbſt einſt gnädig gerichtet werden mögeſt!“ Von den herrlichen Worten des ehrwürdigen Redners ge⸗ rührt, hatten Erlwein und Achmet Philipps Arme losgelaſ⸗ ſen, ſo daß er frei ſtand und die heißen Thränen abzutrock⸗ nen vermochte, die ſtromweiſe über ſeine Wangen floſſen. Derjenige allein, auf deſſen Sinnesänderung es hier am meiſten ankam, hatte zwar den Dolch ſinken laſſen, behaup⸗ tete jedoch ein Unheil verkündendes Schweigen. „Ich danke Euch, würdiger Herr,“ begann nach einer Weile Philipp,„für die Wärme, mit der Ihr mein Wort geführt. Ich vermag es nicht, meine Frevel zu ver⸗ theidigen! ach, ich habe ſie ja ſeit langen Jahren ſchon be⸗ reut; mein Bruder übt ſtrenges Vergeltungsrecht an mir, und ſeine Unerbittlichkeit gleicht der meinigen. Ich bin alſo bereit zu ſterben. Der Tod macht alle Qualen meiner Seele quitt, und da ich meinen, Mariens Sohn nicht mehr umarmen durfte, iſt er mir willkommen. Ich hatte nie die Gefühle eines Vaters empfunden... der Anblick des Kna⸗ ben lehrte mich ein nie geahntes Paradies kennen mein Leben zu verſchönern, zu beſſern, zu heiligen, faßte ich den raſenden Entſchluß, den Sohn zu rauben, den mir freiwillig die Mutter nicht überlaſſen haben würde. Ach, ich follte nicht glücklich ſeyn!“ „Verblendeter!“ entgegnete Archimbald ſpöttiſch.„Der böſe Geiſt, der Dich in dieſem falſchen Knecht, in Deiner Gattin, in dem Erfolg aller Deiner Rathſchläge hinterging, betrog Dich auch garſtig mit Deinem letzten Frevel. Der Sohn, den Du raubteſt, in welchem Deine blinde Begierde den Unterſchied des Alters nicht erkannte,„ er iſt nicht der Deine; er iſt Herbenſteins Sohn, des Mannes, der * —C 303 die edle Marie ſo glücklich macht, als Du, Elender, es nim⸗ mer vermocht hätteſt!“ „Herbenſteins Sohn?“ fragte Philipp auffahrend;. „hölliſches Trugwerk!... In meinen Hoffnungen äffte mich ein höhniſches Geſchick.... Wie konnte ich auch glau⸗ ben 2“ ſetzte er weicher hinzu;...„Mariens Elend... ihr Kummer.. unmöglich konnte unſer Kind des Lebens erſte Wonne ſchmecken.. es mußte ſterben.... ich war ſein Henker!“— Seine Thränen hinderten ihn, weiter zu ſprechen. „Du irrſt!“ antwortete nach einigem Bedenken der Bru⸗ der mit milderer Stimme, ſteckte den Dolch in die Scheide, zog die Glocke und ſandte Achmet hinaus.—„Du haſt einen Sohn er lebt“ „Er lebt?“ wiederholte in freudiger Wallung Philipp und ſchlug die Hände zuſammen; iſt es wahr?.. täu⸗ ſcheſt Du mich nicht?“ „Ich lüge nicht,“ erwiederte Archimbald wie obenz;... „Du wirſt mich nicht mehr unmenſchlich nennen, wenn ich Dir erlaube, vor Deinem Ende den Knaben noch einmal zu ſehen.“ „Ihn ſehen? Mariens.. meinen Sohn?“ rief Philipp außer ſich vor Entzücken, und überdeckte, ſich auf den Boden werfend, Archimbalds Füße mit Küſſen,„Uebermenſch⸗ licher! Gnädigſter aller Sterblichen! Dich konnte ich verläugnen, Dich mißhandeln!... laß mich dieſe Füße küſſen, die ich zwang, mit blutenden Sohlen auf dem Eiſe in's ungewiſſe Elend hinaus zu ſchreiten; dieſe Hände, deren Narben meine unmenſchliche Grauſamkeit beurkunden!... Du kanuſt mir nicht vergeben; aber preiſen will ich Dich * Dich ſegnen, wenn ich an Deinem Dolche verblute, weil Du mir den Sohn nicht vorenthältſt; weil Du mir erlaubſt, in ſeinen Umarmungen den Tod zu erwarten!“ Erſchüttert verſuchte Archimbald ſich von dem Stürmiſchen los zu machen; doch gelang es ihm nicht. Das Geräuſch der Eintretenden hatte beſſern Erfolg, denn ſeine gewalt⸗ ſamen Bemühungen. Philipp blickte auf. Wenige Schritte vor ihm ſtand ſein Sohn, geführt von Jukunde und ihrem Bruder. Mit einem Schrei des Entſetzens ſtürzte der Vater auf den Knaben zu, riß ihn an ſeine Bruſt, benetzte ſeine Wangen, ſeine Hände mit Thränen, und die Natur ſchien vollkommen zu ſiegen, denn auch der Kleine ſchmiegte ſich innig an den Umarmenden. Die rauhen Männer umher fühlten warme Tropfen in ihren Bart fallen; Hubert betete ſtill und eifrig; Jukunde lag in den Armen ihres Bruders, und Archimbald, zwar uneins mit ſeinen Gefühlen, ließ den⸗ noch langſam den Teppich über die Leiche ſinken, um durch den gräßlichſten Gegenſtand die Feier des rührenden Auf⸗ tritts nicht zu ſtören. Mit den ſanfteſten Worten, die ſeinem Munde ſeit Jah⸗ ren fremd geworden waren, bat der unglückliche Philipp ſeinem Knaben all' die Leiden ab, die ſeine Härte ihm verur⸗ ſacht haben möchte; ermahnte ihn, zum Himmel zu beten um Vergebung für ſeinen Vater, und recht brav zu werden, öfters auch an ſeinen ſterbenden Vater zu denken. „Sollſt Du denn ſterben, Vater?“ fragte der Kleine er⸗ ſchrocken. „Ich ſoll!“ antwortete Philipp ſeufzend.—„Verzeihe mir, Archimbald, dieſen Seufzer. Du haſt mir durch Deine 305 — Gnade das Leben wieder lieb gemacht. Aber ich will den⸗ noch nicht mit einem unwürdigen Tode ein unwürdiges Leben krönen. Ich bin Vater! dieſer Gedanke wird mich ſtärken, mich erheben. Gott laſſe nur dieſen Knaben tugendhaft und glücklich werden! Dieſe Umarmung noch„dieſen Kuß.. Nun, Archimbald, hier iſt meine Bruſt!“ Philipp riß ſich das Wamms auf. Sein Sohn klammerte ſich weinend an ihn. Archimbald, an einen Tiſch gelehnt mit übereinandergeſchlagenen Armen, warunbeweglich. End⸗ lich ſprach er: „Philipp Wernher! Deine Standhaftigkeit und, was noch mehr iſt, das tiefe Geſühl, das Du bei dieſem Anlaß ent⸗ wickelſt, und deſſen ich Dich niemals fähig geglaubt hätte,.. ſie haben. ich läugne es nicht,„meine Bruſt be⸗ wegt. Die Lehren jenes Prieſters, die Bitten meiner Ge⸗ mahlin, die Rührung meiner Freunde ſprechen für Dich. Es erbarmt mich, Dich, den ältern Bruder, vor mir zu ſehen, bebend gleich dem Miſſethäter unter dem Beil des Schergen; meine Pflicht wird mir ſchwer, und mein Gewiſſen zu be⸗ ruhigen, lege ich Dein Loos in Deine eigenen Hände. Dein Blut zu trinken, habe ich geſchworen. Der Eid iſt uner⸗ läß lich, ſoll er mir nicht ſelber Fluch bringen!— Auch Dei⸗ nes Sohnes Blut iſt das Deine.“ „Entſetzlicher!“ ſtammelte Philipp, den Knaben feſt an ſich ziehend.„Willſt Du ihn morden an meiner Statt?“ „Nicht doch,“ antwortete Archimbald kalt und gleichmü⸗ thig.—„Wähle! Zwei Wege ſtehen Dir offen, Dich zu retten over wenigſtens mir die ſchwere Pflicht zu erlaſſen, eigenhändig Dein Leben zu enden⸗ Entweder Du behan⸗ delſt dieſen, Deinen Sohn, in dieſer Stunde vor unſern II. 3. 20 306 Augen gerade und genau alſo, wie Du mich behandelt haſt, oder. 6 „Was verlangſt Du?“ fragte Philipp, bleich werdend wie der Schnee. ⸗ „Du ſollſt thun an dem Buben, wie Du an mir ge⸗ than!“ erwiederte Archimbald mit erhabener Stimme.„Ihn mißhandeln, mit Fußtritten zu Boden werfen, mit den Spo⸗ ren blutig hauen, die Hetzpeitſche an ſeinem Rücken und Schädel verſuchen und mit Hunden ihn zum Hauſe hinaus⸗ jagen, ſeinem Elend ihn überlaſſen und der Mildthätigkeit fremder Menſchen.“ Philipp erſtarrte.—„Das iſt nicht Dein Ernſt!“ ſtam⸗ melte er hierauf, ängſtlich in ſeinen Augen leſend. „Mein vollkommener Ernſt,“ entgegnete Archimbald trocken.„Warum zweifelſt Du? welchen Grund haſt Du zu zweifeln? Iſt der Knabe beſſer als ich? Iſt er nicht auch ein Baſtard, ein ehrloſer Bube, der nur Schande, Verach⸗ tung und aimſeligen Tod verdient? Oder meinſt Du, weil er Dein Sohn iſt, verdiente er Rückſicht? O, mit nichten, auch ich bin Dein Blut; Dein Vater war auch der meinige. Friſch! mit Sporen iſt Dein Fuß bewaffnet, dort hängt die Peitſche, Deine Doggen heulen vor der Thüre friſch an's Werk! daſſelbe Gemach, derſelbe Tyeiber, daſſelbe Wild was zauderſt Du? Du wirſt noch das Verdienſt haben, uneigennütziger als damals Deine Jagd zu halten!“ „Grauſamer!“ heulte Philipp, vom bitterſten Schmerz bedrängt.„Stoße mich nieder, ehe Du mich langſam durch verdienten, aber allzu abſcheulichen Spoti hinopferſt. Deine Marter verfehlen das Herz nicht. Lieber ſterbe ich, ehe ich thue, was Deine unmenſchliche Rache verlangt.“ 307 „So ſtirb!“ antwortete Archimbald und ſchleuderte ihm mit dem Fuße Simons Dolch zu, der vor ihm auf dem Bo⸗ den lag.„Morde Dich ſelbſt; bei meinem Haupte, eins von beiden muß geſchehen!“ „In Gottes Namen denn!“ ſchrie Philipp in der höch⸗ ſten Verzweiflung und riß den Dolch in die Höhe. Unwill⸗ kührlich aber fielen Achmet und Erlwein ihm in den Arm; Hubert entwand ihm das Meſſer; Jukunde warf ſich aber mit dem kleinen Philipp vor Archimbald nieder. „Ohm! geliebter Ohm!“ jammerte der Knabe, unter einer Fluth von Thränen ſeine Kniee umklammernd.„Sey barmherzig: ſchenke dem Vater das Leben! Peitſche mich zu Tode, ſchone nur den Vater!“ Gleich wie nach tobenden Gewitternächten der Morgen⸗ ſtrahl ſiegend hervorbricht durch das ſchwarze Gewölk, mit allgewaltigem Druck die gährenden Maſſen hinabdrückt in den Raum und des Schöpfers mächt'gen Spruch: Es werde Licht! mit Himmelsbläue und Strahlengold an das präch⸗ tige Firmament ſchreibt,.. alſo drang das Sonnenlicht der Gnade in Archimbalds wild kämpfende Bruſt, und wie in einen reichgeſchmückten Siegestempel zog der Engel der milden Menſchenliebe und der Verſöhnung darinnen ein. Mit einem Friedenskuſſe öffnete er den Mund des Grollen⸗ den und das Wort der Barmherzigkeit floh von ſeinen Lippen. „Es ſey!“ rief die Engelsſtimme laut unter die beſtürz⸗ ten Anweſenden.—„Das Flehen der Unſchuld hat die Rache bemeiſtert. Lebe, mein Bruder! Ich vergebe Dir!“ Dieſe Worte hören,.. wanken... zu Boden ſinken, war für den Begnadigten das Werk eines Augenblicks. Die Laſt der Leiden hatte der Unglückliche mit und Muth 20 308 getragen; dem Uebermaß unverhoffter Freude erlag er. Eine tiefe Ohnmacht umfing ihn, die alle Beſorgniſſe der Herbei⸗ eilenden weckte. „Er erſtickt!“ rief Hubert, um ihn beſchäftigt.„er ſtirbt, wenn man nicht augenblicklich hilft.. eine Ader muß geöffnet werden! Iſt kein Werkzeug vorhanden?“ Eſchenreuter ſprang dienftfertig herbei, ſein Amt ou ver⸗ richten. Die kleine Wunde wurde geſchlagen das Blut ſprang. Aber Staunen bemeiſterte ſich aller Zuſchauer, als Archimbald einen noch halb mit Wein gefüllten Becher vom Tiſche nehmend, ſich herzudrängte, einige Tropfen des fallen⸗ den Bluts darin auffing und, mit dem Weine vermiſcht, mit einem Zuge verſchluckte.—„Gelobt ſey Gott!“ rief er hier⸗ auf mit fröhlichem Blicke.„Mein Gelübde iſt gelöst! i habe des Bruders Blut getrunken! In dieſen Tropfen gehe meine Rache unter rnd ein neuer Bund entſtehe aus ihnen! Freuet euch mit mir, und Du, kleiner Philipp, behalte die⸗ ſen Becher zum Andenken.“ „Guter Mann!“ jubelte Jukunde an ſeinem Halſe.— „Ich danke Dir, mein wackerer Zögling!“ rief Hubert, ſeine Hand ſchüttelnd. Erlwein und Achmet fanden keine Worte, ihre Gefühle zu ſchildern. „Was thut ihr, meine Freunde?“ fragte er heiter und ruhig wie ein Gott.—„Glaubtet ihr denn, ich hätte ihn morden können, nachdem ich ihm den Sohn gezeigt? Wähn⸗ tet ihr, ich hätte weniger Empfindung in meiner Bruſt für den Verwandten, als für den Fremden? Ich ſtellte ihn nur auf eine harte Probe.. er hat ſie würdig beſtanden. Meine Rache iſt vollendet.“ —— —— . ——— 309 „Aber, Arch'mvald!“ ſprach Hubert, ernſt mit dem Finger drohend.„Dieſe fürchterliche Rache..4 „Sie war grauſam, mein Lehrer, ich geſtehe es,“ ent⸗ gegnete Archimbald.„Aber ich bin auch nur ein Menſch⸗ ein leidenſchaftlicher Menſch, und jahrelanger Schmerz mußte ſeine volle Sühnung finden. Darum guälte ich mein Opfer⸗ ob ich gleich keiner der Schlimmſten bin, wenn gleich kein Vortrefflicher des Geſchlechts.“ „Der Vater kömmt zu ſich!“ ſchrie der Knabe. Alles eilte hinzu.—„Er möge erwachen an der Bruſt des ver⸗ ſöhnten Bruders!“ rief Archimbald und kniete neben dem Aufathmenden nieder, der in ſeinen Armen die Augen auf⸗ ſchlug. „Archimbald!“ ſeufzte er mit wehmüthigem Lächeln,„Du nennſt mich Bruder? Du vergiebſt?. „Ich verzeihe Dir im Namen Aller, die Du gekränkft haſt,“ antwortete Archimbald feierlich.„Marie verſöhnte ſich mit Dir; die ſterbende Barbara hat Dir nicht geflucht. Sie hat Deinen Sohn zum Erben eingeſetzt. Nimm dieſes Teſtament, mache es geltend. Iſt gleich die Unterſchrift nicht des Vaters, ſo war ſie doch ſein Wille. Dieſes Blatt macht Deine Schenkung an Simon, deſſen Mord gerechte Noth⸗ wehr war, zu nichte, zieht die Güter aus den Klauen des Raths und vereinigt wieder unſers Vaters Habe, die ich Dir vollſtändig jammt Deinem Sohne überlaſſe. Du wirſt aber nicht hier verweilen, unter den quälenden Erinnerun⸗ gen einer böſen Vergangenheit; Du magſt alſo die Güter zu Gelde machen und namentlich dieſes Haus an den ge⸗ ſchickten Eſchenreuter hier verkaufen, für welchen ich den 310 Preis bezahlen werde. Er liebt Engeltruden, und ein glück⸗ liches Paar ſoll das Vaterhaus wiederum durch den Zauber ſeiner reinen Liebe heiligen.“ „Lieber Herr!“ rief Eſchenreuter überraſcht...„Wie verdiene ich dieſe Großmuth?“ „Seyd ruhig, Eſchenreuter!“ antwortete Archimbald, den Arm um ſeinen Bruder ſchlingend.„Ich bin Euch die Klei⸗ nigkeit ſchuldig. Hättet Ihr zu Prag beſſer getroffen, ſo würde ich nie dieſes Kleinod, den verirrten, reuigen Bruder, an mein Herz geſchloſſen haben.“ Eſchenreuter war ſprachlos vor Beſtürzung. Von einer großen Laſt befreit, verſuchte er vergebens ſeinen Dank zu äußern, und fiel heftig weinend in ſeines Freundes Erl⸗ weins Arme. „Kommt aber nun, meine Freunde!“ fuhr Archimbald fort;„laßt uns dieſen Ort verlaſſen, den der erblaßte Teu⸗ fel hier verunſtaltet. Der Morgen bricht an, und in wenig Stunden ſtelle ich mich vor die Schranken, um des Elenden Mordanſchlag und ſeine Strafe kund zu thun. Augenblick⸗ lich nachher ziehe ich mit Gattin und Freunden nicht nach der neuen Welt, ſondern in ein abgelegenes Hirtenthal der Schweiz, von den Stürmen des Lebens zu raſten. Dort gilt Freiheit, Unſchuld, Natur; nur der Böſewicht wird ein Ba⸗ ſtard des Menſchengeſchlechts genannt. Dort will ich in einem kleinen Eigenthum meinem häuslichen Glücke leben und der Erziehung meines Pflegeſohns Philipp, den Zufall und Gottes Fügung meinet Hand vertrauten.“ „Du nimmſt mir ihn wieder, den Sohn?“ fragte Philipp ſchmerzlich.„Wohl fühle ich, daß ich nicht werth bin, ihn 3¹1 zum Manne zu bilden... aber auf immer von ihm zu ſcheiden. das iſt hart!“ „Ei, Philipp! Bruder Philipp!“ erwiederte Archimbald herzlich.„Wer verwehrt es Dir, zu uns zu ziehen in unſere neue Freiſtatt? Gute, ſo Gott will, glückliche Menſchen wirſt Du in uns kennen lernen, unter ihnen gut, vielleicht glück⸗ lich ſeyn. Biſt Du dann in einem Raume von zehn Jahren derſelbe, der Du heute wurdeſt, ſo mag immerhin Dein Sohn unter Dein Dach eingehen, als vollendeter Mann, als guter Sohn; Dir eine wackere Schwieger in das Haus brin⸗ gen, Dich in ſeinen Armen ſterben laſſen.— Den Gegen⸗ ſatz.. nun, den wollen wir zu Gott nicht hoffen. Philipp hat in jedem Falle einen Vater, auch wenn ich ſterben ſollte. Achmet, Ohm Ehrenfried, Erlwein, der Reffe iſt das hei⸗ ligſte Vermächtniß, das ich euch hinterlaſſe! Willſt Du alſo, Bruder Philipp, wie ich Dir ſagte, ſo ſchlage ein, und werde der Unſere, uns folgend ſo bald Du kannſt.“ „Valga me Dios!“ rief der Erfreute und ſchlug in die dargebotene Rechte. Da blickte er aber mit einemmale in des Bruders leuchtende Augen. auch die ſeinigen füllten Thränen.. die lang getrennten Herzen ſchlugen an ein⸗ ander. „Herr der Himmel!“ betete Hubert und breitete die Arme ſegnend über die Brüder.„Abgeſchiedene Geiſter ihrer Lie⸗ ben! ſehet huldvoll auf die Vereinten! Wer weiß, welche Gewitter noch für dieſe hier Verſammelten im Schvoße der Zukunft ſchlafen... laßt ſie aber wenigſtens durch eine Spanne Glück und frohe Zeit auf das künftige Leiden ſich vorbereiten. Auf den krummen Wegen des Lebens hat euch das Geſchick zuſammengeführt, meine Freunde; gute und böſe 312 Fäden wirkten euer Daſeyn; gute und böſe Handlungen hat euch freier Wille und das Verhältniß abgenöthigt. Darum richtet nicht zu ſtrenge euern Bruder. Reine Tugend, die tein Flecken trübte, iſt ein ſeltener Vogel in der Menſchen⸗ welt; Sterbliche, die ſtets aufrecht ſtanden, reihen ſich an die Schar der Engel. Möge aber einem Jeden ſein erfahrungs⸗ reiches Leben zum Leitſtern werden, der ihn führe durch das verworrene Treiben, an dem er endlich, nach manchen Irr⸗ fahrten, die Ehrenkerze anzünden könne, bei deren Schimmer der Cherub ſeinen Namen in das goldene Buch der Seligen einträgt! Das Leben des Menſchen gleiche der Fluth eines großen Stromes: gering ſey die Quelle; ſtürmiſch und reißend, Ueberſchwemmung drohend die wachſende Wogez gewaltig und eben dahinrollend der gebildete Fluß; ſanft und wohl⸗ thätigen Segen verbreitend auf der benachbarten Flur ſtröme der Vollendete hinaus in das ewige Weltmeer, aus dem er entſprang.“ 6 —