Leihbibliothek Eduard Ottmann in Gießen. 6 ————— Leſepreis für ein deutſches S 1 Kr. E franz. od. engl.,„ E Das Abonnement n 8 für wöchentlich 6 Bücher: 4 Bücher: 2 Bücher: auf 6 Monat: fl. 30 Kr. 2 fl. Kr. 3* Kr. F „„„— [2.— rurarurhtnunhrurhrnhrunhrururhnunhrunhrhhnnhnhnhht . — Der Baſtard. Eine deutſche Sittengeſchichte aus dem Zeitalter Kaiſer Rudolph des Zweiten von C. Spindler. Zweiter Theil. Der Jüngling und ſein Kampf mit dem Leben. Stuttgart, Druck von C. F. Arnold. 1838. — Erſtes Rapitell. Es prüfe, wer ſich ewig bindet, Ob ſich das Herz zum Herzen findet; Der Wahn iſt kurz, die Reu' iſt lang. Schiller. Am Abend des Tauftages fand ſich der Arzt in Philipps Kammer ein.„Es hat dem Herrn gefallen,“ ſprach er,„den kranken Simon wieder zum Leben zu berufen. Er hat die Kriſis überſtanden, und ich kann für ſeine gänzliche Herſtel⸗ lung haften.“ Der erſte zufriedene Blick ſtrahlte wieder aus Wernhers grämlichem Anlitze. Der Arzt fuhr aber beſorglich fort: „Mein freundſchaftlicher Rath wäre indeß: Ihr ſuchtet den alten Menſchen irgendwo unterzubringen, und bis an's Ende zu verſorgen; denn ich befürchte mit der Zeit große Ver⸗ drüßlichkeiten für Euch.“—„Wie ſo?“ fragte Philipp.— „S iſt bald erklärt;“ verſetzte der Arzt...„Simon ſcheint grobe Vergehen... ſo was man Verbrechen nennt.. auf dem Gewiſſen zu haben. In ſeiner Fieberhitze entſchlüpf⸗ ten ihm Reden, unzuſammenhängend im Se indeſſen übereinſtimmend genug, um daraus auf viel Böſes folgern zu können. Beſorgt nicht, daß ich das Gehörte jemals aus⸗ plaudere. Der Arzt und der Beichtvater haben einerlei Pflich⸗ ten Zürchtet hingegen, daß der zunehmende Hang zur Trunkenheit, den Simon äußert, und welchem er ſeine ge⸗ fährliche Krankheit verdankte, einſt ſelbſt zum Verräther werde, und lichtſcheue Thaten an den Tag bringe.“ „Was kümmern mich meines Dieners Handlungen?“ brummte Philipp ärgerlich.„Oder meint Ihr vielleicht, ich könne ſelbſt wohl Theilnehmer an den Unthaten ſeyn, wel⸗ cher Ihr den Simon beſchuldigt, deſſen ganze Sünde wahr⸗ ſcheinlich nur in ſeinen Fieberträumen liegt 2. „Behüte mich der Allmächtige in Gnaden, dergleichen Arges von Euch zu denken, Herr Rathsherr,“ erwiederte der Arzt.„Ich habe Euch gewarnt, weil ein unehrlicher Diener dem wackerſten Herrn Unehre bringt. Salvavi animam, und damit Punctum.“ Der Rathgeber und Warner entfernte ſich. Philipps Beklemmung ließ demſelben keine Ruhe, und er floh auf Simons Kammer. „Alles gewonnen!“ keuchte ihm der Kraftloſe entgegen.. „ich werde geſunden.“ „Alles verloren!“ raunte ihm der Herr vorſichtig zu. „All' unſere Mühe, unſere Sorge, unſer Verbrechen waren umſonſt. Archimbald lebt!“ „Lebt?“ ſtotterte Simon erſchrocken, und faltete die ab⸗ gezehrten Hände. „Er war hier„ fuhr Philipp fort,„vor einigen Stunden, bettelnd, flehend um Aufnahme und Brod. Ich habe ihn zurückgewieſen, habe ihn verläugnet vor dem ganzen 5 Gaſtgebot. Mit fürchterlichen Drohungen verließ er das Haus, bald darauf die Stadt.“ „Gottlob!“ ſeufzte Simon beruhigter. „Den Teufel auch,“ verſetzte Philipp...„kann er nicht wiederkehren? wird er nicht wiederkehren? fürchterlicher, zu⸗ dringlicher, drohender als zuvor? ich ſchaudre bei dem Ge⸗ danken. Das Geſetz ſpricht mich zwar los, aber ich fühle es die Menſchheit wird mich verfluchen. In die⸗ ſem Augenblicke läuft das Gerücht des ärgerlichen Auftritts durch die Stadt; denn die meiſten Gäſte glaubten, was Archimbald vorbrachte. Er hat das Mitleid rege gemacht. Nur die Furcht vor mir,. oder eigentlich vor meinem Schwähervater hielt die Zungen gefeſſelt, die den Landſtrei⸗ cher zu vertheidigen bereit waren.“ „Verdammt!“ murrte Simon unwillig,„daß mich auch gerade im wichtigſten Augenblick der Knöchler bei den Haa⸗ ren haben mußte! Ihr handelt ſtets voreilig, unzweckmäßig, wenn ich Euch nicht am Faden regiere. Sobald Ihr merktet, wie die Leute für den Baſtard geſtimmt waren, mußtet Ihr in daſſelbe Horn blaſen, den großmüthigen Bruder ſpielen, den Bettelbuben für eine Zeitlang aufnehmen, und dann bei Gelegenheit ihn entfernen oder ſtumm machen.“ „Wie?“ fragte Wernher entſetzt...„wie? Du kannſt mir den Rath geben, meinen Bruder.. mit eigener Hand 2...„ „Nun, nun, ereifert Euch nicht ſo ſehr,“ erwiederte Si⸗ mon mit verächtlichen Mienen....„Mit ſolchen Redens⸗ arten wird nichts gerichtet, die arme Seele nicht weiß ge⸗ brannt. Denn, ob Ihr dem Buben mit eigener Hand ein Pülverchen miſcht, oder ihn von einer Hexe todt beten laßt... ich denke, es kömmt auf Eins heraus.“ „Recht getroffen, Satan!“ knirſchte Philipp..„Kaum dem Rachen des Todes entronnen, ſinne nur auf neue Sünde.. wälze Deine Verbrechen dann auf mich.. ziehe mich her⸗ nieder zu Deiner Verworfenheit.“ „Das habe ich nicht nöthig,“ verſetzte der Alte mit gifti⸗ gem Spott, indem er ſich bequem gegen die Wandſeite kehrte. 3„Ich bin nie damit umgegangen, meinen Bruder zu er⸗ morden.“ Vor der unverſchämten Bosheit verſtummte Wernher in ohnmächtiger Wuth. Es trieb ihn aus der Kammer des alten Böſewichts. In der Thüre trat ihm die Kammermagd ſeiner Frau in den Weg, und beſchied ihn zu der Gebieterin. Er verſprach, ſogleich zu kommen. Unruhig ging er darauf noch ein paar Mal auf und nieder, trat an Simons Bett, der ſich ſchlafend ſtellte, und blinzelnd, wie ein Fuchs, des Herrn Anrede erwartete,— ſeufzte, rieb ſich die Stirne, und ging plötzlich hinweg. Erfreuliches wartete ſeiner nicht in der Schlafkammer ſeines Weibes. „Es ziemt ſich wohl,“ rief ihm Barbara finſter entge⸗ gen,„ſich um die Frau nicht zu bekümmern, und an gen, die an mein Wochenbett gehört.“ „Vergieb!“ murmelte Philipp verdroſſen zwiſchen den Zähnen. „Immer beſſer!“ verſetzte Barbara ſpöttiſch.„Iſt das nicht eine Bitte um Vergebung, die einer Drohung nicht ähnlicher ſehen kann? Doch iſt's etwas Altes. Ich weiß, daß ich Dir nie ſo werth war, als der alte Wohldiener. Ich dachte indeſſen, Du würdeſt für Dein Kind mehr thun. dem Lager des grauen Trunkenboldes die Beſorgniß zu zei⸗ — — 7 Sieh, der Kleine iſt krank geworden, faſt mit Einem Male. Hier verſchwende Deine Pflege.“ „Was fehlt dem Knaben?“ fragte Wernher ziemlich gleich⸗ gültig.„Er ſchlummert ja ſo ruhig.“ „Ruhig?“ wiederholte Barbara wie oben.„Es muß in Deinem Gehirn ſtürmen, weil Du dieſen unruhvollen Schlaf ruhig ſchiltſt. Sieh, welche Zuckungen des Kindes Körper durchjagen! ich habe nach dem Arzt geſchickt.“ „Du haſt recht gethan. Es wird wohl bald vorübergehen⸗ — weiter nichts als der Kinder gewöhnliches Gebreſten ſeyn.“ „Meinſt Du?“ fragte die Wöchnerin, und heftete einen ſtechenden Blick auf ihn.„Du biſt kalt wie Eis, und ſoll⸗ teſt doch in Fieberangſt glühen, wenn Du an die verfloßnen Stunden gedenkſt.“ „Was willſt Du damit wieder ſagen?“ forſchte der Gatte ſcheu und ängſtlich. „Erräthſt Du es nicht, Rabenvater?“ brach Barbara los.„Der Knabe war geſund, jetzt liegt er in Gichtern. Der Fluch Deines Bruders hat ihm die Krankheit angebannt, ſtürzt ihn ins frühzeitige Grab.“ „Der Fluch meines Bruders?. ſtammelte Philipp in Gewiſſensangſt! „Ja; ich wiederhole es!“ rief die Wöchnerin, vor Grimm bebend.„Oder glaubſt Du, der Baſtard hätte in ſeinem nicht ungerechten Zorne es unterlaſſen, ſeine Verwünſchungen auf unſer Haus zu ſchleudern? Der Knecht, den ich, Deinen Fehler wieder gut zu machen, dem Bettler eilig nachſandte, ſah ihn vor dem Thore, in weiter Entfernung auf dem Felde knieen, und am hellen Nachmittage mit dem Dolche in der Fauſt den Teufel beſchwören. Darauf ſchlug er den Weg nach —— Augsburg ein, und der Knecht kehrte heim, da er alle Hoff⸗ nung verloren, den Fliehenden zu erreichen. Er hat Dir und uns allen geflucht... und die Saat iſt aufgegangen; denn von Stund an wurde mein Kind krank, und Du ſtehſt nun an ſeiner Wiege, gleich einem Marmorbilde, ohne Ge⸗ fühl, ohne Angſt! Herzloſer Menſch!“ Das Kind erwachte mit bitterlichem Weinen; die durch ſein Geſchrei herbeigerufene Amme nahm es mit ſich hinweg, um der Wöchnerin Ruhe zu gönnen. Philipp ging auf die letztere zu, ſah ihr ſtarr in die Augen, und verzog ſeinen Mund zu einem bittern Lächeln. „Du ſchiltſt mich herzlos?“ fragte er kalt.„Ich müßte die Gefühlloſigkeit von Dir geerbt haben, oder der Himmel hat uns zuſammengefügt, weil wir uns in dieſem Punkte auf ein Haar ähnlich ſehen, obſchon Du täglich behaupteſt, wir paßten nicht in daſſelbe Joch. Wie kömmt es, daß dieſes Kind Dein Herz mehr in Anſpruch nimmt, als das⸗ jenige, welches, einem geliebteren Manne das Daſeyn ver⸗ dankend, dennoch dem Grimme nicht entgehen konnte, mit dem Du ſelbſt dem Unreifen im eignen Mutterleibe den Tod gabſt?“ Barbara wurde blaß wie eine Leiche, bis wieder eine dunkle Röthe über Stirn, Wangen und Buſen fuhr. Ihre Lippen bebten, und vermochten kaum die Worte zu ſtammeln: „Schon zum zweiten Male, Niederträchtiger, wirfſt Du mir die grauſame Beſchuldigung vor, die Ausgeburt der boshaf⸗ teſten Verworfenheit. Wage es nicht zum dritten Male.. ſonſt reißt unſer Eheband.“ 8 „O, wäre es doch nie geknüpft worden!“ erwiederte Wernher mit finſterm Groll.„Der böſe Geiſt Asmodi hielt — 9 die Fackel unſerm Brautlager, in welchem jede Täuſchung ſchwand. Larven der Unterwelt ſtanden Wache in jener Hochzeitsnacht, in der ich in gerechter Wuth den bräutlichen Myrthenkranz der Flamme überlieferte, weil Du ihn, der nur der Reinen gebührt, vermeſſen und widerrechtlich vor allem Volke getragen!... nimmer werde ich ſie vergeſſen, jene verhängnißvolle Nacht, nimmer vergeſſen, was mich am Abend, im Tanzgewühl, aus meinem Wahne riß. Wohl bekomm's Schwager! höhnten die beiden vermummten Pritſch⸗ meiſter, als ich Dich in die Kammer führte;... valga me Dios! ſie hatten Recht!“ „Es ſteht Dir wohl an,“ unterbrach ihn Barbara mit zitternder Stimme,„die abſcheulichen Lügen zu wiederholen, die Du mit Begierde auffaßteſt, um Deine eigne Schande damit zu decken.“ „Mit Begierde?“ fragte Philipp beleidigt.„Schweige doch! Habe ich nicht die frechen Spötter gefaßt? habe ich ihnen nicht die Larve abgeriſſen, Genugthuung oder Abbitte gefordert? Als ich aber die Junkherrn von Wiblingen und Ehingen vor mir ſah, die den beſten Leumund haben, weit in der Runde... „Da fiel Dir der Muth,“ ſpottete Barbara.„Der feige Krämer zitterte vor den Degen der Edelleute, die mich ver⸗ leumdeten, weil es ihnen nicht gelungen war, mich zu berücken.“ „Nicht?“ äffte Philipp ihr nach..„Haſt Du dem Ehin⸗ ger den Sieg nicht leicht gemacht? War er nicht der Vater jenes Kindes, das ohne ſein Vorwiſſen geopfert werden mußte. Dich vor Schande zu retten? Floh er Dich nicht gleich einer Schlange, als Du Dich nicht ſchämteſt, vor ihm ſttee Unthat Dich zu brüſten?... Lutd Herr von 2 10 Wiblingen, Dein zweiter Freier, nicht daſſelbe, als er von ſeinem Waffenbruder erfahren hatte, wie es um Deine Tugend ſtehe? Kannſt Du es leugnen... kannſt Du leugnen, daß Du Dich als ein entehrtes Weib in meine Arme warfſt, in die Arme eines Mannes, der ſeine Seligkeit für Deine Keuſchheit zum Pfande geſetzt hätte?“ „Halt ein, Abſcheulicher!“ wimmerte die Wöchnerin.„Du tödteſt mich. Schone wenigſtens meines Zuſtandes. Denke an Deine Unehre, an die Dirne, die Dir von Antorff bis Ulm nachgelaufen iſt, mit hochſchwangerem Leibe, die Du ſammt ihrer Frucht verſtoßen, die Du in ihrer Verzweiflung in die Donau gejagt haſt!... das beſte Bad, unzüchtige Flammen zu löſchen!“ ſ„Schweig!“ donnerte Philipp wild.„Sie war eine Heilige, die ich der Schmach weihte, eine Märtyrin, der ich den Todesſtoß gab, um Deinetwillen! Schwebt ihr Bild mir nicht ſtündlich vor Augen? in derſelben Geſtalt, wie ſie mehrere Wochen hernach die Fluth des Stromes ans ufer warf? entſtellt,.. unkenntlich, hätte nicht das geſchorne 1 Haupt, der Zuſtand ihres Leibes, das arme der Geburt nahe umgekommene Kindlein, deſſen ſie nicht mehr geneſen konnte im Leben, die Unglückſelige meinem ſchuldbewußten Gewiſſen kund gegeben! Niemand wollte die Ertrunkene kennen. Weh' mir, daß ich ſie kennen mußte. Die Strafe folgte meiner Unthat auf dem Fuße. Einen Engel habe ich gemordet, einen Teufel in mein Bett aufgenommen. Gib 3 mir ſie zurück die Jahre, die mir der Unmuth langſam vom 3 Leben gefreſſen. Gib mir die Summen zurück, die Dein Vater in roher Eigenmächt gkeit an ſich geriſſen oder gebet⸗ telt, die er verſchwendet, mit denen er groß gethan, mit 11 — denen er ſeine verſchuldete Habe befreit hat. Gib mir mein Lebensglück heraus, das Du mir geſtohlen!“ „Lügner;“ kreiſchte Barbara in wilder Bewegung.. „das ſagſt Du der Mutter Deines Kindes? Willſt Du mich zur Leiche machen?“ „Dem Kinde, das Du im Schooße trugſt,“ ſprach Philipp düſter,„magſt Du's danken, daß nicht ſchon mein voreiliger Arm das Entſetzlichſte verübt hat, wozu ihn Dein Wandel, Deine Bosheit, und Dein frecher Hohn ſo oft zu reizen wagte. Dieſes Kind... Du nennſt es das meinige, und ich will's glauben... ich liebe es nicht, weil Du ſeine Mutter biſt, und weil es einer trunknen Stunde, in welcher der gehaßte Mann das Weib umarmte, das er verabſcheut... ſein Leben verdankt. Aber, daß Du es geboren, rettet Dich vor einem gähen Ende, und mich vom Blutgerüſte. Rufe mir Deinen Mutternamen nur recht oft ins Gedächtniß, da⸗ mit ich nicht ſeiner vergeſſe, wenn die Himmelszeichen einmal Unglück weiſſagend in unſer Leben ſehen.“ „Ich höre den Vater,“ ſtöhnte Barbara, kaum der Sprache mächtig...„er ſoll Dir die Antwort geben, die Du verdienſt⸗ Schändlicher!“ Der Rathsherr trat den Angenblick darauf in die Stube. Seine Stirn war zornroth, ſeine Bewegungen heftig. Seine Tochter fürchtete im Ernſte das Wetter, welches dieſe Zeichen verkündeten, und ſchob ihre Klagen gegen den Ehehern für's erſte auf. Thurneiſen nickte ihr kaum einen flüchtigen Gruß zu, und ging mit ſtarken Schritten auf Wernher los. „Habt wieder herrliche Streiche angegeben!“ fuhr er den⸗ ſelben mit zornigem Spotte an.„Seyd mir ein ſchöner Rathsherr, ein lieber Eidam! Muß mich der Teufel geplagt — 3 12 haben, Euch in den Magiſtrat zu bringen, während Ihr kein Quentlein Vernunft beſitzt! Wollt andere berathen, wißt Euch ſelbſt nicht zu helfen, noch zu rathen!“ „Was ſoll das heißen?“ fragte Wernher grob und unwirſch. „Daß Ihr ein unbeſonnener Menſch ſepd,“ erwiederte Thurneiſen.„Kaum lange ich von meiner Reiſe an, ſo muß ich auch ſogleich die Neuigkeiten brühwarm erfahren, die ſich während meiner Abweſenheit in Euerm Hauſe zugetragen baben. Alle Teufel! wo hattet Ihr Euern Kopf? Den Baſtard vor den Augen einer Tafelrunde fortzujagen! ihn nicht anzuerkennen! Dachtet wohl, es recht geſcheid zu machen? Umgekehrt. Dumm habt Ihr's gemacht. In der Stadt iſt der Teufel los. Ueberall ſpricht man von Euerer Grauſamkeit, überall bedauert man den Archimbald, überall findet dieſer Freunde, Ihr Feinde, und wenn er vollends in Ulm geblieben wäre, er hätte, weiß Gott! unter dem Lumpengeſindel einen Aufruhr anzetteln, Euch das Haus ſtürmen können.“ „Was ſollte ich thun?“ fragte hämiſch der Schwiegerſohn. „Ihn anerkennen... erläuterte Thurneiſen...„ihn liebreich aufnehmen, hättet Ihr gleich darüber aus der Haut fahren mögen, den gefährlichen Menſchen durch Euer Be⸗ tragen entwaffnen, und ihn nachher als Landſtreicher den Gerichten übergeben. Alsdann wäre er unter meine Klauen gekommen, und ich hätte ihn anders geſtriegelt, als die Hexenlene. Es gibt nicht alle Tage einen überladnen Bürgermeiſtersmagen wieder herzuſtellen. Der Baſtard hat Euch gedroht; in Euerem eignen Hauſe vor zwanzig Zeu⸗ gen einen Dolch gezogen; ich hätte ihn als Mörder auf den 13 Kopfſtuhl, oder zum mindeſten als räuberiſchen Landſtreicher und Zigeuner an den Strang gebracht. Punctum satis!“ „Würde man alsdann Euch und mich weniger grauſam und unmenſchlich genannt haben?“ ſprach Philipp mit trium⸗ phirender Miene. „Sicherlich nicht,“ verſetzte der Rathsherr;„allein wir hätten unſern Zweck erreicht, den Buben aus dem Wege ge⸗ räumt, den weder Elend und Kummer umbringen, noch eine Herenmeiſterin todt zaubern kann. Statt dem bleibt der Baſtard Euch immer gefährlich, droht Euch, da er den öffent⸗ lichen Rechtsangriff nicht wagen darf, hinterrücks mit Meu⸗ chelmord, ſteckt Euch einen rothen Hahn auf's Dach, oder räumt einmal in finſtrer Nacht Euern Geldkaſten aus, und Ihr müßt noch froh ſeyn, wenn er Euere Gurgel nicht mit⸗ nimmt. Seht, das iſt Euere Lage, die Folge von den ver⸗ dammten halben Maßregeln. Lieber das Härteſte vollführt, und damit Alles gewonnen, als durch Zaudern Alles verlo⸗ ren. In die Mäuler der Leute kommt Ihr und die Schande habt Ihr jetzt umſonſt.“ „Ihr habt Recht,“ geſtand Philipp nach einigem Beden⸗ ken.„Jetzt iſt der Bube erſt Si Die Schlange iſt herangewachſen gereizt. „Und alsdann ſticht ſie gerne und ſcharf,“ fiel Thurneiſen ein.„Eine ausgemachte Wahrheit. Indeſſen⸗ da Ihr Euer Unrecht einſeht, will ich auch einen lindernden Balſam auf die Wunde legen. Ich habe der Schlange ihr Gift benom⸗ men, oder es müßte mich Alles trügen. Freilich wäre Alles beſſer und ſicherer, wenn ich in Günzburg gewußt hätte, was ſich unterdeſſen hier in Ulm zugetragen.“ „Vie ſo?“ fragten Wernher und Barbara neugierig⸗ 1⁴ „Wie ich von dem Syndicus von Günzburg begleitet, die Straße des Städtleins hinabwandere, um nach dem Wirthshauſe zu gehen, in dem ich mein Roß eingeſtellt hatte, begegnet mir unfern des Thores ein junger, zerlumpter Bettler, hält mir die durchlöcherte Mütze vor, und ſpricht ſehr laut und ſchneidend:„Ein Almoſen, Vetter Thurn⸗ eiſen!““— Ich ſtehe da, wie vom Blitze gerührt, und meine, ich muß in die Erde finken, vor Scham, weil ein abgerißner Landſtörper mich Vetter zu nennen die Keckheit hat.— „„Frecher Burſche!““ rief dem Unverſchämten der Syndicus zu, der meine Verlegenheit wohl wahrnahm,.„„iſt das die Weiſe eincs Bettelmanns? Fordert man alſo ein Schärf⸗ lein um Gotteswillen? Hinweg!““—„Sorgt nicht, lieber Herr,““ antwortete der Bettler.„„Unter Blutsfreunden nimmt man's nicht ſo genau. Nicht wahr, Vetter Thurn⸗ eiſen?““ Bei der Wiederholung der ſchändlichen Anrede blicke ich zornig nach dem Burſchen auf, und ſtehe verdutzt: denn im Augenblicke erkenne ich des Baſtards Züge; und das boshafte Lächeln, welches dem Höllenbraten in den Mund⸗ winkeln ſitzt, macht mich vollends verwirrt. Da der Syn⸗ dicus wahrnimmt, daß ich nicht vermögend ſey, ein armes Wörtlein hervorzubringen, ſo wirft er dem Bettler ſchnell einen Pfennig zu und heißt ihn weiter gehen.„„Vergebt, edler Herr!““ verſetzt der Baſtard hierauf:„Bei Euch habe ich nicht gebettelt, ſondern allein bei meinem Vetter, dem Rathsherrn Thurneiſen. Da nun derſelbe es nicht über ſich gewinnen kann, mir nur mit einem magern: Helf Gott! zu erwiedern, ſo bitte ich Euch, ſchenkt ihm den Pfennig. Er iſt weit ärmer noch als ich; er hat kein Herz.“ Mit dieſen Worten ſchleudert er den Pfeunig in die Krauſe des 1 Syndicus, und geht mit trotzigem Schritte an uns vorüber. Betroffen ſehe ich ihm nach.„Seltſam!““ ſpricht mein Be⸗ gleiter.„„„iſt der junge Menſch in der That mit Euch verwandt, Herr Thurneiſen? oder wie erkläre ich mir den Vorfall?““ Indeſſen war mein Plan gleich gefaßt. Ich zeige Archimbald als einen gefährlichen Landſtreicher von ehrloſer Geburt an, und erſuchte den Syndicus, ihn feſt nehmen, nach Burgau bringen, und unter die Fußknechte ſtecken zu laſſen, die allda geworben werden, um die Lücken in dem Regimente des Markgrafen Carolus auszufüllen, vas in Hungarn gegen den Erbfeind ſtreitet. Geſagt, ge⸗ than. Der Syndicus willigt ein. Mittlerweile habe ich bemerkt, daß der böſe Bube ſich in eine kleine Taberne an der Straße geſchlichen. Ich bleibe auf der Lauer ſtehen, damit der Vogel nicht aus dem Garne laufe, während der Syndicus die Stadtwächter verſammelt. Dieſe kommen, über⸗ fallen die Kneipe, in welcher der Bettler auf einer Bank ſchläft, packen, binden ihn unverſehens, und bringen ihn auf einen Karren, um ihn auf der Stelle weiter zu ſchaffen, und erſt nachdem ich von Weitem geſehen, wie er, von vier Be⸗ waffneten begleitet, gen Burgau gefahren wurde, machte ich mich ſelbſt auf den Rückweg. Hätte ich aber ahnen können, daß der Bube ſchon hier geweſen, daß er in Euerem Hauſe ſolcher Handlungen ſich ſchuldig gemacht, ich hätte ihn hieher bringen laſſen, nicht nach Burgau, und wäre mit ihm verfahren, wie ich ſchon gemeldet. Er ſcheint mir jedoch vor der Hand gut aufgehoben, und aus dem Türkenkriege kehrt ſich's nicht ſo leicht, zum Mindeſten nicht ſo ſchnell wieder.“ . „Fürwahr, ich bin Euch Dank ſchuldig,“ verſetzte Phi⸗ lipp mit leichterm Athemzuge. „Freut mich, wenn Ihr's einſeht,“ erwiederte Thurneiſen hochmüthig;„allein“— er warf die prüfenden Blicke auf die verſtörten Ehegatten„was hat es unter Euch ge⸗ ſetzt? Sind das Kindtaufsgeſichter? Rede Barbara, ich will's wiſſen.“ Barbara hob ihre Klage an; der Rathsherr ließ ſie aber nicht zum Schluſſe kommen, ſondern nahm, bevor er gehört, wovon eigentlich die Rede war, das Wort. „Was muß ich hören!“ rief er.„Während ich mir's ſauer werden laſſe für das Wohl dieſes Menſchen, mißhan⸗ delt er meine Lochter? Philipp! Philipp! Laßt Euch's ge⸗ ſagt ſeyn. Kommt mir nicht wieder mit dergleichen in die Quere. Schämt Euch, mit einer Ehefrau, nach der alle jungen Männer die Finger lecken würden, nicht in Ruhe, Friede und Eintracht leben zu können!'s iſt eine Schande vor Gott und den Menſchen!“ „Bin ich die Urſache?“ fragte Philipp erbittert.„Bricht ſie nicht ſelbſt die Gelegenheit zum Zwiſte mit jedem Tage vom Zaune?“ „Verfündigt Euch nicht an der Gerechten!“ drohte der Rathsherr.„Iſt ſie nicht ein Lamm der Sanftmuth, der Geduld? Erträgt ſie Eure Pöbelhaftigkeit nicht mit Ge⸗ laſſenheit und chriſtlicher Liebe? Das ſeht Ihr aber nicht ein; daß wißt Ihr nicht zu ſchätzen. Ein Mal eins iſt eins, zwei Mal zwei iſt vier.. was drüber iſt, ſicht Euch nicht an. Hinter Eurem nußbäumenen Ladentiſch, auf dem die falſchen Groſchen angenagelt ſind, ſeyd Ihr ſelbſt zum hölzernen Junker und zur falſchen Münze geworden. Es — — muß mich reuen, Euch durch dieſe Ehe empor und in den Rath gebracht zu haben, da Ihr ſo undankbar gegen meine Tochter handelt.“ „Wenn es Euch reut,“ verſetzte Philipp wild,„ſo ändert es. Ich biete gern die Hand dazu. Ihr habt noch große Summen von mir in Händen; ich Euere Verſchreibungen. Zerriſſen gebe ich ſie Ench zurück. Behaltet das Geld. mein halbes Vermögen iſt's. Mit Freuden laſſe ich es fah⸗ ren, wenn dieſe heilloſe Ehe getrennt wird. Ich zahle jeden Preis, um von dieſer Gerechten loszukommen.“ „Welche Vorſchläge! welches Anerbieten?“ fuhr Thurn⸗ eiſen auf;„meint Ihr, trockner Krämer, daß mit Eurem Gelde Alles ausgemacht ſey? meint Ihr, daß der Rathsherr Thurneiſen von Euch ſich Geld ſchenken laſſen werde? Glaubt das ja nicht. Bei Heller und Pfennig ſollt Ihr den Bettel wieder haben; hört Ihr? Ihr ſollt von meiner Toch⸗ ter geſchieden werden; hört Ihr? aber„ er zog Philipp bei Seite und raunte ihm in's Ohr:„ich werde alsdann dem Magiſtrate ein Wörtchen von dem Auftritte bei der Hexenlene und von dem Teſtamente zublaſen, damit die Her⸗ ren doch auch wiſſen, wen ſie in Euch vor fich haben.“ Philipp verfärbte ſich bei dieſen Worten, mit welchen Thurneiſen, die Schwäche ſeines Gegners kennend, trium⸗ phirend von ihm ging.„Blödſinniger Thor!“ rief er endlich, ſich vor die Stirne ſchlagend.„Dich zu feſſeln an ein Un⸗ geheuer! durch deine Verbrechen auf ewig zu feſſeln!“ Ein mitleidiges Spottgelächter von Vater und Tochter war die Antwort auf den Ausruf des Verzweifelnden. Es wurde aber von dem Jammergeſchrei der hereinſtürzenden Amme unterbrochen. Sie trug den Reugetauften, der in heftigen Krämpfen lag, auf den Armen. Der Arzt folgte mit allen Merkmalen der äußerſten Beſorgniß. „Das Kind ſtirbt!“ rief die Wärterin.„Stirbt?“ fragte Barbara und Philipp. Der Arzt zuckte aufgebend die Achſeln. „Unmenſchlicher Vater!“ ächzte Barbara.„Sieh Dein Werk. Deines Bruders Fluch tödtet unſern Knaben.“ „Abſcheuliche!“ donnerte Philipp ihr zu.„Greif' in Dei⸗ nen eignen Buſen, und frage Dich, warum der Fluch des Herrn unſer Haus heimſucht.“ Thurneiſen, außer ſich vor Zorn und Scham, riß den wüthenden Schwiegerſohn aus der Thüre, indem er ihm zu⸗ flüſterte:„Um unſrer, um Eurer Ehre willen... brand⸗ markt Euch und die Euren nicht vor fremden Leuten.“ „Ihr habt Recht,“ antwortete Philipp bitter.„Es iſt ſchon genug, daß wir uns im Stillen verachten;...“ und drehte dem Rathsherrn den Rücken, nach Simons Kammer eilend. Eine Nachtlampe brannte auf dem Tiſche. Simon lag ruhig wie ein Todter auf dem Bette und ſchien zu ſchlafen. Philipp machte behutſam die Thüre zu, ſchlich gegen das Lager, blieb aber, einige Schritte davon, unentſchloſſen ſte⸗ ſten.— Er ſchauderte zuſammen.„Iſt mir doch,“ flüſterte er in ſich hinein,„als wäre ich im Begriff, die Hölle zu wecken durch Bannformeln und Zauberſprüche, als zöge mich eine unſichtbare Hand bei den Haaren zurück! Allein es iſt umſonſt. Ich bin in Verzweiflung. Ich kenne keine Wahl. Was mir der Unhold rathen möge beſſer iſt es, als ein ſolches Leben.“ Entſchloſſen rüttelte er den Alten aus dem Schlummer.„Was ſoll's?“ murrte dieſer, aus ſeinem geheuchelten Schlafe auffahrend;„weckt man einen 19 — Kranken ſo ungeſtüm? was wollt Ihr von mir? ich muß mich wundern, Euch wieder bei mir zu ſehen, da mein Um⸗ gang doch zu ſchlecht und niedrig für Euch iſt.“ „Der freſſende Gram treibt mich zu Dir,“ verſetzte Phi⸗ lipp in heftiger Bewegung.„Bei Dir ſuche ich Troſt, Rath, Hülfe!“ „So!“ ſpottete Simon.„Die Herzensangſt zieht Euch alſo zu meiner Verworfenheit herab? Ich dachte mir's. Worin ſoll ich denn nun rathen, tröſten, helfen?“ „Höre, Simon,“ begann Philipp, ſich vertraulich auf den Rand ſeines Bettes ſetzend,„ich bin ein unglücklicher Mannz ich kann nicht länger mit meinem Weibe leben. Sie mißhandelt mich, wie mein Schwäher. Es muß ein Ende nehmen, auf eine oder die andere Weiſe.“ „Das wird es auch;“ ſchaltete der Diener ein.„Ihr braucht nur den Weg einzuſchlagen, den Euch die Kirche oͤffnet. Trennt Euch von der Ehefrau, ſo hat der Tanz ein Ende.“ „Ich kann, ich darf nicht,“ verſetzte Philipp dringend. „Ich muß des Rathsherrn Haß fürchten. Ich bin in ſeinen Händen.“ „Das iſt ſchlimm,“ ſprach Simon.„Das habt Ihr nicht klug gemacht. Ihr war't zu offenherzig gegen den groben Mann. Ich ahne, was Ihr von ihm fürchtet. Ich wollte wohl für meine Perſon den Theil, der auf mich kömmt, von der Rechnung herunterlügen, allein Ihr könnt das nicht. Der rohe Schwähervater ſchüchtert Euch ein⸗ wie eine Taube. Es iſt überhaupt beſſer, den alten Schlamm un⸗ aufgerührt zu laſſen. Faßt Euch demnach, und tragt die 20 Kette in Geduld, die Ihr Euch ſelbſt angelegt habt. Ich weiß keinen Rath.“ „Der Groll der verwichenen Stunde ſpricht aus Dir erwiederte Wernher, ſo nachgiebig als möglich..„Du wüßteſt nicht zu rathen, wenn es gilt, einen überläſtigen Menſchen zu entfernen, der mich unglücklich macht? Gütli⸗ cher Vergleich findet hier nicht Statt.. ein Gewaltſchritt muß enden.“ „Wie meint Ihr das?“ fragte Simon, und im argen Verdacht zwinkerten ſeine Wimpern.„Erklärt Euch!“ „Du biſt grauſam,“ ſprach Philipp ſtockend.„Ich ſoll- Dir auseinanderſetzen, was Du erräthſt, wenn Du willſi. Thue einmal auf mein Gebot, was Du einſt ohne mein Ge⸗ heiß vollführt. Barbara ſey Hedwig!“ „Was?“ rief Simon, und ſpielte den Erſchrockenen. „An welche Zeiten mahnt Ihr mich? An diejenige, wo ich mein Seelenheil für das Wohl des zukünftigen Herrn auf⸗ geopfert habe? Ihr habt mir ſchön vergolten für die ruch⸗ loſe That, die Ihr zwar nicht befohlen, die Euch aber ge⸗ nützt hat. Der übel gewählten Hausfrau muß ich weichen, unbeachtet in Vergeſſenheit und Dunkel zurücktreten. Die ſtrenge Ehewirthin fürchtend, ließt Ihr, durch Euere vor⸗ nehme Entfernung von mir, mich merken, daß man das un⸗ nütze Werkzeug hinter die Thüre wirft, iſt die Arbeit gethan. Und Ihr dürft mir zumuthen, am Rande des Grabes einen neuen Frevel zu begehen um Euretwillen?“ „Es mag ſeyn,“ erwiederte Philipp, den die ſchadenfrohe Weigerung des alten Heuchlers in ängſtliche Sorge ver⸗ ſetzte,„es mag ſeyn, daß ich undankbar gegen Dich gehan⸗ delt habe. Ich will es nicht unterſuchen. Verzeihe, hilf nur 21 dießmal. Die Zeit, in der Du allein mit meinem Vater in ſeinem Hauſe lebteſt... „Das war eine ſchöne Zeit,“ fiel Simon ein, und fal⸗ tete andächtig die Hände...„Des Herrn Wille geſchah, und der meinige; kein dritter kam in Betracht.“„Dieſe ſchöne Zeit ſoll wiederkehren,“ verſetzte Wernher mit einem leiſen Seufzer, den ihm das Vorgefühl der künftigen Ab⸗ hängigkeit von dem Diener entlockte.„Ich werde nimmer heirathen, als ein Wittwer mein Leben beſchließen, und Dein Alter ſoll die beſte Pflege bei mir haben.“ „Hm! hm!“ brummte Simon und ſchüttelte den Kopf. „Ich will mir's bedenken.“ „Was iſt hier zu bedenken?“ rief Philipp heftiger.„Ja oder nein! ein Wort nur koſtet's.“ „Freilich,“ äußerte der Alte wie oben;„aber. Gebt mir doch das Glas vom Tiſche, und rührt mir ein Pulver ein! Ich darf über dem Geſchwätz meine Geſundheit nicht vergeſſen.“ Philipp that wie es ihn Simon hieß. Der Letztere nahm die Arznei bedächtig und langſam ein, und fuhr alsdann fort: „Euere Verſprechungen wären ſchon ganz artig. Allein Verſprechen iſt edelmänniſch, das Halten hingegen bäuriſch. Ich müßte doch etwas haben, worauf ich ſicher rechnen dürfte. Denn Zeiten und Menſchen ſind wandelbar. Es könnte Euch, trotz Eueres Vorſatzes, dennoch in den Sinn kommen, aber⸗ mals zu weiben, und ich ſäße auf dem Sande. Dahero bietet etwas Sicheres.“ „Dreihundert blanke baare Gulden ſind Dein, wenn Du mir hilfſt,“ antwortete Philipp raſch. 22 Simon ſchwieg eine Weile.„Seht doch nach,“ ſprach er hierauf,„ob nicht das Fenſter aufgegangen iſt; es zieht mir ſo grimmig auf die Decke.“ Philipp that wie er ver⸗ langte, und fand alles wohl verwahrt.„Dreihundert Gul⸗ den?“ fuhr der Diener fort;„traun, ein hübſches Sümm⸗ chen! Und voraus?“ „Mißtrauſt Du mir?“ fragte Philipp aufgebracht. „Nicht ſo eigentlich,“ erwiederte Simon ſchlauz„al⸗ lein in ähnlichen Geſchäften muß man vorſichtig und genau verhandeln. Die Sache iſt von der Art, daß die Parteien gegenſeitig nicht viel Ehrfurcht für einander hegen können, und da ſteht die Gewiſſenhaftigkeit auf ſchlechten Füßen. Indeſſen... wenn Ihr nicht wollt, ſo iſt mir's um ſo lieber; Ihr behaltet Euer Geld und Euer Hauskreuz, und ich noch ein geſundes Fleckchen an meinem Gewiſſen.“ „Nicht doch,“ entgegnete Wernher eilig.„Ich ſage zu. Die Summe liegt bereit, wann Du es verlangſt.“ „So?“ fragte Simonz.„da wären wir alſo ein⸗ verſtanden und. reibt mir doch die Fußſohlen, damit ſie mir erwarmen ſo! es iſt gut;.. und— was ich ſagen wollte— ich will es auf den hölliſchen Pfuhl pin wagen.“ „Du biſt mein Retter!“ jubelte Philipp. „Gelt, wenn der alte Simon nicht wäre?“ grinste der Böſewicht, und ſchob ſich die Schlafkappe tiefer in die Stirn. „Geduldet Euch nur bis ich geſund geworden, und das Bett verlaſſen; dann wollen wir bald am Ende ſeyn. Bis dahin gebt der Frau Barbara die beſten Worte, damit kein Satan hinterdrein Verdacht ſchöpfen könne. Verlaßt Euch dann nur auf mich. Sie hat Euch ſo oft Imbis, Veſperbrod und 23 Nachttrunk mit Gift und Galle gewürzt... ſie mag auch einmal in dem Morgenſüpplein den Tod ſchlucken. Eine Hand wäſcht die andere.“ Ein lautes Geheul ſchallte mit einemmale durch's ganze Haus; ungeſtümes Thürzuſchlagen⸗ verwirrtes Umherlaufen. „Welcher Sabbat iſt los?“ donnerte Philipp zur halboffe⸗ nen Kammerthüre hinaus den vorüberlaufenden Mägden ent⸗ gegen.„Was gibts?“ „Euer Söhnlein iſt ſo eben verſchieden!“ jammerte die herbeieilende Amme des Knaben.„Kommt doch⸗ Herr Wern⸗ her. die Frau iſt ohnmächtig geworden vor Schreck.“ Eine augenblickliche Regung von Vatergefühl und ehe⸗ licher Veſorgniß durchzuckte Philipps Herz und beſtimmte ihn, den Kranken eiligſt zu verlaſſen. Der eisgraue Schurke wickelte ſich höhniſch lachend in die Decke, und machte ſich zum Entſchlummern fertig.„ Wenn die geſtrenge Frau Barbara Empfindung hätte, wie ein an⸗ deres Weib,“ flüſterte er ſpottend in das zum Mund her⸗ aufgezogene Leintuch,.„ſo könnte mir der Dreihundert⸗ guldenverdienſt entgehen. Sie ſtürbe mir vielleicht vor der Naſe weg, im Schmerz um ihr Söhnlein. Sie iſt jedoch aus derbem Teig geknetet, und ſolche Kleinigkeit ſicht ſie nicht an. Gott ſey Dank, ich werde mein Meiſterſtück an ihr machen. Herr Philipp ſoll alsdann erſt merken, wen er vor ſich hat. Der Rebenſaft ſoll mir zu einem freudenrei⸗ chen Spätherbſt verhelfen im Leben; und ſollte mein Ge⸗ wiſſen dennoch ſo thöricht ſeyn, und aufwachen wollen, ſo ſchwöre ich meinen Glauben ab, trete zur römiſchen Kirche, und ſchüttle in einer Beichte alle Sünden von mir. Meinen Zweck muß ich aber erreichen, und in Philipps Hauſe den —— —— n— 24 Meiſter ſpielen bis an mein Ende, das noch recht ferne ſeyn möge, miüßte ich auch noch dreimal mehr thun, als ich bereits gethan habe.“ Der alte, von fündlichen Gedanken und Vorſätzen ge⸗ wiſſermaßen neugeſtärkte Frevler, entſchlummerte bald und feſt, während ſein Gebieter, Philipp Wernher mit trocknem Auge und eiſerner Stirne an dem Todtenlager ſeines Kin⸗ des ſaß, und, tauſend Gedanken einer fröhlichern Zukunft im Gehirne wälzend, die Athemzüge der vor Schwäche und Er⸗ mattung entſchlummerten Mutter zu bewachen ſchien. Der aufmerkſame Beobachter würde durch die Larve des zärtlichen Gatten, die er vorgenommen hatte, getäuſcht worden ſeyn. Sein Aeußeres heuchelte eine Tugend, während ſein laſter⸗ haftes Herz eifrig bemüht war, den Fleck zu ergründen, wo ſich der Meuchelmord am feſteſten und unbemerkt an das Leben der verrathnen Gattin ſaugen könne. Dieſer einzige Gedanke beſchäftigte ſeinen Verſtand, ſein Gemüth; zuver⸗ ſichtlich hoffend, die finſtere Dhat der Welt verbergen zu kön⸗ nen, ſchwelgte er im Voraus in dem ſchaudervollen Ende, womit er ſeine, unter böſen Zeichen geſchloßne Ehe, zu krönen dachte. Zweites Kapitel⸗ Du fragſt das Leben ſtill beſonnen: Sprich! warum haſt du mich gewonnen? Du fragſt umſonſt. Das Leben ſchweigt. Gramberg. Archimbald lag zu Burgau auf einem ärmlichen Stroh⸗ lager in der feſt verriegelten Kammer, in welcher man auf dem Schloß heimathloſe Landſtreicher, oder widerſpenſtige, zu den Waffen gezwungene Leute zu verwahren pflegte. Die Stadtwächter von Günzburg hatten ihn dem Thorwächter abgeliefert, und waren noch in ſelbiger Stunde wieder heim⸗ gekehrt. Vor Froſt zitternd, und von dem Schnee, der häufig am ſpäten Abend gefallen war, durchnäßt, hatte er um die Erlanbniß gebeten, ſich am Feuer des⸗Wächters wärmen zu dürfen.— Umſonſt!— Ein unehrlicher Baſtard darf ſich an meinem ehrlichen Heerde nicht aufthauen, brummte der Unmenſch, und ſtieß den ſeiner Obhut Anvertrauten in die kalte und finſtre Kammer. Der Unglückliche fand im Umhertappen die elende Streu, und ſank ermüdet darauf hin. Da wehte es ihn kalt an durch das Fenſter.— Wäre es offen! dachte er, plötzlich von neuem Muth entflammt.— II. 2. 3 — Wäre dir vielleicht ein Weg zur Flucht geöffnet?— Er ſtieg empor vom Boden und ſchlich dahin, wo eine ſchwache Helle ihm das Fenſter verrieth. Er erreichte es, allein ſein Muth ſank ſo ſchnell als er gewachſen war. Das Fenſter war zwar offen, ohne Scheiben, aber eng und ſtark vergittert. Ein zerſtörender Blitzſtrahl für ſeine Hoffnungen. Ergrimmt rüt⸗ telte er an den Stäben. Kein einziger derſelben bewegte ſich in ſeinen Fugen.„Gieb Dir keine Mühe, Landsmann,“ ſprach plötzlich eine rauhe Stimme zu ſeinen Füßen.„S iſt alles umſonſt. Ich habe ſchon bereits alles verſucht, und auch mit langer Naſe abziehen müſſen.“„Wer das“ rief der beſtürzte Archimbald.„Ein armer Teufel, wie Du,“ antwortete die Stimme,„der gerne ein Bischen ſchlummern möchte, und vor Deinen unnützen Rettungsverſuchen nicht dazu kommen kann. Lege Dich daher auf's Ohr, und ſtöre Deine Nachbarn nicht länger. Du möchteſt uns ſonſt alle Beide auf das Fell bekommen.“ Archimbald machte ſich auch ohne Geräuſch auf den Rück⸗ zug.„Halte Dich rechts,“ rief ihm die Stimme zu,„ſonſt drückſt Du meinem Gefährten Deinen Stiefelabſatz auf dem Munde ab. So! gute Nacht!“ Archimbald hatte eine Ecke erreicht, in der er ſich nieder⸗ warf, und tief in das Stroh vergrub, um ſich vor der argen Kälte zu ſchützen. Die Haft, in der er ſich befand, kam ihm nun ſchon weniger ſchreckhaft vor, weil er Gefährten ſeines Leidens hatte, und da die Wärme nur langſam wieder in ſeine erſtarrten Glieder zurückkehrte, der wohlthätige Schlum⸗ mer ſodann noch ferne war, ſo ſann er nach über das, was“ ihm der heutige Tag gebracht hatte. was ihm der mor⸗ gende bringen werde. 27 „Muß ich nicht verzweifeln an Gott, an dem Leben und meinem Schickſale?“ ſeufzte er halb beklommen, halb trotzig. „Ich bin ein Thor, daß ich nicht freudig die Bahn verfolgt habe, die man mich antreten ließ. Was hilft mir's nun, daß ich, nachdem meine Unbeſonnenheit den Schreckensauf⸗ tritt in Worosdar herbeigeführt, den Geiſtern der ſcheuen Furcht und der Scham ſo gutwillig Gehör gab? Was hilft mir's, daß ich in jener Nacht, auf unbekannten Wegen und Stegen entfliehend, den ernſten und heiligen Vorſatz faßte, abzugehen vom Wege der Lügen, des Betrugs, der Hinter⸗ liſt, und eine gerade, ehrliche Lebensſtraße zu betreten? Was hilft mir's, daß ich alle Mißhandlungen vergaß, die im Vaterhauſe mein Loos geweſen, und, einem reuigen Sün⸗ der gleich, demüthig auf's Neue zur Heimath kehrte? Ver⸗ flucht ſey die Stunde, in der ich bei dem elenden Schreiner um die Lehre anhielt, und nur Schande erntete; verflucht die Stunde, in der ich zu den Füßen eines niederträchtigen Bruders um das betteln konnte, das von Rechtswegen mir gehört! Verwünſcht der Augenblick endlich, in welchem ich dem abſcheulichen Thurneiſen begegnen mußte, um das Opfer ſeines Haſſes zu werden! Lenens Haus iſt verwüſtet, kein Menſch will wiſſen, wo ſie hingekommen. Der hohle Baum, den ſie mir bezeichnet hatte, enthält ebenfalls nicht das Geringſte. Kein Ausweg war mir übrig, ehrlich durch die Welt zu kommen, als mich zu meinem Lehrer zu betteln, und die ſchmutzige Kutte umzuwerfen; aber dieſen letzten Pfad ſogar verrennt mir mein böſes Geſchick. Eine Beute der Willkühr muß ich werden, und hier ſchmachten, wie ein gebundnes Lamm, bis man mich ungariſchen 28 Schlachtbank treibt. So ſey es denn verrufen und ver⸗ ſchworen, niemals das Gute des Guten wegen verſuchen. Ich bin ausgeſtoßen aus der Geſellſchaft durch meine Ge⸗ burt; ich habe mein Glück, des Doctors Gunſt verſcherzt, in Lenen meine beſte Freundin verloren; Ludmille hat mich verworfen; Engeltrude, die heranblühende Jungfrau, hat mir, als ich, von ihrem Vater ſchnöde abgewieſen, traurig von dannen ging, ein Stück ſchwarz Brod zugeworfen,.. das einzige Geſchenk meiner Jugendgeſpielin. ſie hat ſich geſchämt, dem verachteten Baſtard nur ein Wörtchen der Theilnahme zu ſchenken: ſie hat von meinem Herzen ſich losgeriſſen. Leila, Zenide, die freundlichen Schweſtern, verdammen wohl auch denjenigen, der ſie, die Liebenden, ſo beharrlich hintergehen konnte; ich bin fertig mit dem Leben, und ſtatt, wie der Glückliche, auf ſeinen glatten Fluthen bequem dem Hafen zuzurudern, will ich den Kampf verſuchen mit der Wuth ſeiner Brandung, unbekümmert, ob ſie den Schiffbrüchigen zum ſichern Eiland rette, oder ſeinen Körper an den ſcharfen Felſenkanten zerſchelle!“ Spät erſt, als der Morgen ſchon heraufdämmerte durch die winterlichen Nebel, beſchlich den ärmſten ein leichter Schlummer, der aber bald ſein Ende erreichte, weil die Gefährten des Schläfers laut zu werden anfingen. Archim⸗ bald, begierig, die Beiden etwas auszuhorchen, ließ die Au⸗ gen wieder zufallen, und blinzelte blos zwiſchen den Wim⸗ pern ein wenig hervor. Der einbrechende Tagesſchimmer ließ ihn die Geſtalt der Kumpane völlig unterſcheiden. Der eine von ihnen, klein, unterſetzt, blatternarbig, grauäugig und von blondem Haar, blätterte, auf dem Strohe liegend, in einem Pack Schriften. Der andere, von langer Statur 29 ſchwarzem Aug' und verworrenem ſchwarzem Haare, war eben beſchäftigt, ſeine Kleider von Staub und Spreu zu reinigen. Beide hatten unternehmende, verſchmitzte Ge⸗ ſichter. Am auffallendſten war dasjenige des Blonden, der einen ſtark ausgedrückten Zug von boshafter Spottſucht darinnen trug. „Was treibſt Du denn in aller Frühe?“ fragte der Letz⸗ tere endlich mit halblauter Stimme.—„Willſt Du Deinen Staat vor dem geſtrengen Herrn Schloßhauptmann auskra⸗ men, wenn es ihm belieben ſollte, uns vor ſich bringen zu laſſen.— Unnütze Sorge. Ein Paar Strohhalmen mehr oder weniger auf dem Wamms würden uns dennoch nicht aus dem Garne nagen, wenn wir nicht ohnedieß den Ablaß in der Taſche trügen.“ „Du darfſt noch reden!“ murrte der Lange, in dem Ar⸗ chimbald den Redner der verwichnen Nacht erkannte,„ „was iſt Schuld an dem ganzen Handel? Du ganz allein. Hätte Dich der Teufel und das ſtarke Getränk nicht regiert, ſo ſäßen wir nicht hier in dem verdammten Loche, und hät⸗ ten ſchon Augsburg im Geſichte. Aber, was hilfts? So wichtig und feierlich Du auch thuſt, ſo ſteckt Dir der ver⸗ dorbne Studioſus noch immer in allen Nähten.“ „Silentium!“ drohte der Kleine.„Nehm' Er ſich nicht ſo viel Gurken heraus, Herr vom Pinſel und Farbenſtein! Der verdorbne Student führt Ihn noch zehnmal in den Brei, ehe Er's nur merkt... Aber Scherz bei Seite,. meine unglückliche Conſtellation hat uns dieſes Elend bereitet. Meine Conſtellation, verbunden mit dem allzukräftigen Ho⸗ pfengeiſte. Hundertmal in meinem Leben ſchon habe ich das Buſentuch eines Mädchens verſchoben, und die Dirne hat immerdar dazu gelacht... was kann ich dafür, daß die Kellermagd im Bock ſich es einfallen ließ, bockig zu ſeyn, und meine Liebkoſung verdrüßlich aufzunehmen? Schon hundertmal habe ich einem Mannskerl hinter die Ohren ge⸗ ſchlagen, der ſich als unberufner Mittler in meine Angele⸗ genheiten miſchen, und zwiſchen die Dirne und mich treten wollte,.. und der Kerl hat immer ſeinen Backenſtreich in tiefſter Ehrfurcht hingenommen.— Wie konnte ich aber wiſſen, daß derjenige, dem ich geſtern auf's Maul geſchla⸗ gen habe, weil er ſich unterſtanden, die Kellermagd zu ver⸗ treten, gerade und zu allem Unglück der Vogt ſeyn mußte, der die Ohrfeige nicht geduldig hinzunehmen aufgelegt war? Reines Unglück alſo. Sey indeſſen nur getroſt, Freund Erlwein, unſere Papiere helfen uns aus der Klemme, und bald wirſt Du, ſtatt gegen die Türken geprügelt zu werden, zu Prag in ruhiger Muſe, ein Exvoto für Deinen Schutz⸗ patron, der Dich aus dieſer Trübſal erlöst, fertigen dürfen.“ „Ich habe noch nicht Brief und Siegel über unſere Er⸗ löſung,“ bemerkte Erlwein mit ſorgſamem Kopfſchütteln. „Nicht?“ lachte der Blonde.„Schäme Dich, ungläubiger Thomas. Unſere Briefe von Don Zuniga und dem Beicht⸗ vater werden uns ſo ſicher nach Böhmen führen, als ob wir das Königreich mit Spieß und Fahne vom Kaiſer zu Lehen empfangen hätten. Der arme Schlucker, der dort in der Ecke liegt, und über Nacht wie ein Pilz in unſere Mitte gewachſen iſt, wird wohl nicht ſo wohlfeil davon kommen als wir, und wahrſcheinlich ſeine Haut zum Gerben tragen müſſen.“ „S iſt ein kecker Burſche,“ verſicherte Erlwein;„er hat in der Nacht ausbrechen wollen; iſt alſo ſchon oft dabei geweſen. Jetzt liegt er, und ſchläft wie ein Sack, obſchon er unter Fremden iſt.“ „Welche Gefahr läuft der Bengel auch?“ fragte der Blonde ſpöttiſch.„Wären wir auch aus der Zunft der Lang⸗ finger, ſo möchte ich doch wiſſen, was wir dem Tagdiebe aus ſeinem Lumpen entwenden könnten. Wir dürfen froh ſeyn, daß er weit genug von uns liegt, um uns nichts mit⸗ zutheilen.“ „Der Schein trügt oft,“ verſetzte Erlwein, und heftete einen ſcharfen Blick auf den Schläfer.—„So bemerke ich zum Beiſpiel ein gewiſſes glänzendes Etwas, das dem Bur⸗ ſchen aus dem halb offenen Wamms ſieht, und wie Silber zu mir herüber blinkt.“ „Ein geſtohlner Zinnteller vielleicht,“— ſpöttelte der Blonde—„über deſſen Entwendung der Bube ergriffen wor⸗ den iſt, und den er in der Eile unter die Jacke verbarg, wo ihn die Spießbürger, da ſie ihre Gefangenen nicht zu un⸗ terſuchen pflegen, nicht gefunden haben.“ „Nicht doch,“ erwiederte Erlwein, indem er ſich näher ſchlich.„Das iſt nicht Ziun, nicht Kupfer, das iſt Silber und Gold, und ich bin neugierig genug, das Ding näher zu betrachten.“ Bei dieſen Worten hette er auch vorſichtig die Hand aus⸗ geſtreckt, um nach dem Dolche zu greifen, deſſen glänzender Knopf aus Archimbalds Kleide ragie; allein der lauernde Scheinſchläfer, die Waffe als ſein höchſtes Kleinod bewah⸗ rend, packte heftig die neugierige Hand. Von der unvor⸗ hergeſenen Bewegung erſchreckt, fuhr Erlwein gegen ſeinen Gefährten zurück, der auch von ſeinem Loger aufſprang. 32 Archimbald ſtand im ſelben Nu auf ſeinen Füßen vor den Erſchrockenen.„Oho, ihr Herren!“ rief er drohend, „macht euch nicht mauſig gegen einen fremden Gaſt. Sprecht und denkt von mir, was ihr wollt, laßt aber mein Eigen⸗ thum und meine Ruhe im Frieden, ſonſt halte ich euch für Langfingerzünftige, wenn ihr's gleich nicht Wort haben wollt, und wehre mich wie gegen ſolche.“ „Der Satan hat unſer Geſpräch belauſcht,“ fing nach einer Weile der Blonde zu ſeinem Begleiter gn er hat uns überliſtet, ehe wir nur an ihn dachten.“ „Ich mußte doch wiſſen, wer mit mir in demſelben Bauer ſteckt,“ lachte Archimbald, und lehnte ſich, den Rücken frei zu behalten, an die Mauer, die beiden Nachbarn mit for⸗ ſchendem Blicke meſſend. „Der Burſche iſt doch ſo dumm nicht,“ flüſterte Erlwein dem Blonden zu. „Wohl boshafter als dumm,“ entgegnete dieſer eben ſo leiſe.„Laß uns ihm auf den Zahn fühlen. Ich will bald heraus haben, was hinter ihm ßeckt.“ „Wir werden geſtört,“ rief Archimbald dem Flüſternden zu,„ſonſt möchte ich die Herren wohl bitten, mir ihre Heim⸗ lichke iten mitzutheilen, da ich die Veranlaſſung derſelben bin, dem Geheimnißkrämer aber am allerwenigſten traue.“ Der Hüter des Gefängniſſes trat herein, und bedeutete allen Dreien, ihm zum Schloßhauptmann zu folgen. Mit gezwungener Ergebung gingen ſie der Entſcheidung ihres Schickſals entgegen. Einige Bewaffnete geleiteten ſie in das Vorgemach des Schloßhauptmanns, wo man ſie verziehen ieß. Der Blonde war der erſte, der in das Gebet genom⸗ en wurde, und in das Wohngemach des Hauptmanns treten mußte. Zwiſchen den beiden Zurückgebliebenen wurde kein Wort gewechſelt. Erlwein ſtarrte unverwandten Blicks nach der Thüre, durch welche ſein Freund heraustreten, und ihm ſein Schickſal im eigenen ankündigen werde. Archim⸗ bald ſaß in kaltblütiger Faſſung neben ihm, feſt entſchloſſen, ſein Schickſal, es ſey welches es wolle, mit männlicher Kraft und feſtem Muthe zu ertragen. Geduldig erwartete er den Augenblick, der ihm das Urtheil ſprechen würde, denn das grauſame Loos ſchreckt denjenigen nicht, der ſchon im Voraus das Härteſte zu überſtehen bereit iſt.— Erlweins Freund kehrte bald zurück, Freude im Aug und Antlitz, ein Papier in der Hand.„Vivat Don Zuniga!“ rief er frohlockend.„Sein Brief iſt ein Talismann; freue Dich, Erlwein! Ich habe meine Sache gewonnen; Du wirſt in einem Augenblicke frei ſeyn. Das Kellermädel im Bock behält ſeine Küſſe, der Vogt ſeine Ohrfeige, und Eſchenreuter geht frei aus wie ein Sperling. Geh' hinein, Bruderherz. Der Geſandte hat mir aus der Patſche geholfen.. der Beichtvater wird bei Dir nicht weniger thun.— In der Bockskneipe erwarte ich Dich!“ Den Filz auf einem Ohre, ein fröhliches Studentenlied auf der Zunge, den wiedererhaltenen Raufdegen unterm Arme, ſprang er wie der Blitz durch die Pforten in's Freie. Mit unendlich erleichtertem Herzen ging Erlwein zum Ver⸗ hör; kam in kürzerer Friſt eben ſo fröhlich zurück, als ſein Vorgänger, und wünſchte noch in gutmüthiger Freude dem harrenden Archimbald eine eben ſo glückliche Beendigung ſeiner Sache, oder zum mindeſten Geduld im Unglück. Dar⸗ auf entfernte er ſich eilig und folgte ſeinem Freunde.— 34 Archimbald traf nun die Reihe, und er ſtellte ſich ohne Ueber⸗ windung vor ſeinen unbekannten Richter. In dem weiten gothiſchen Gemache ſah es aber weit trau⸗ licher aus, als ſich es der Jüngling gedacht hatte. Die braungetäfelten Wände waren vom goldenen Dezemberſonnen⸗ ſchein überflogen, der ſich prächtig in den blanken Rüſtſtücken ſpiegelte, die, nebſt Schildern und Panieren, an der Wöl⸗ bung des Saals zur Zierde aufgehängt waren. Im Hinter⸗ grunde des Saals, wo viele enge Fenſter ſich zu einem ein⸗ zigen verbanden, das die ganze Wandſeite einnahm, und in ſeinen oberſten Bögen gar prächtig mit den farbigen Wappen Oeſtreichs, Dyrols und der Markgrafſchaft geſchmückt war, ſaß auf einer mäßig hohen, in der Fenſterniſche angebrachten Estrade, eine junge Frau von äußerſt einnehmenden Geſichts⸗ zügen, in einfacher, aber gewählter Haustracht; neben ihr eine Wiege, in der ein Knäblein ſchlief, von dunkeln Vor⸗ hängen gegen das einbrechende Sonnenlicht geſchützt. We⸗ nige Schritte von ihr entfernt, an einem großen Diſche mit grünem Behänge, auf welchem Papiere zerſtreut lagen und die Ueberreſte eines Frühſtücks zu ſehen waren, ſtand der Schloßhauptmann in kriegeriſcher Tracht, mit den Farben des Markgrafen geziert. So drohend auch ſeine Waffenrü⸗ ſtung ſchien, ſo gebieteriſch und ſtrenge ſeine Haltung, ſo mußte dennoch der Fremdling im erſten Augenblicke ſchon Vertrauen zu den ſanften und ſchönen Zügen des Herrn von Herbenſtein faſſen, deren Reiz ſein melancholiſcher Blick nicht zu mindern, wohl aber zu mehren geeignet war. Des Haupt⸗ manns Auge verweilte lange auf Archimbald, und Mitleid ſprach aus ihm. Endlich begann er, ein Papier vornehmend: „Ihr ſeyd auf eine ſeltſame Weiſe in meine Hände ge⸗ rathen, junger Menſch. Der Syndicus von Günzburg lie⸗ fert Euch mir auf die Anklage eines Rathsherren von Ulm aus, und beſchreibt Euch als einen verwegenen und ſehr gefährlichen heimathloſen Menſchen. Ich ſoll Euch unter den Trupp Fußknechte ſtecken, der in einiger Zeit zu dem Regiment unſers gnädigen Herrn Markgrafen nach Ungarn abgehen wird. So verlangt es der Syndicus. Bevor ich aber unbedingt in ſein Begehren willigen kann, muß ich Näheres von Euch wiſſen. Wie iſt Euer Name?“ „Archimbald heiße ich,“ erwiederte der Jüngling trocken. „Der Name Eueres Geſchlechts?“ fragte Herbenſtein weiter. „Ich habe keinen,“ verſetzte Archimbald,„oder beſſer: man hat mir ihn geſtohlen. Ich bin ein unehelicher Sohn— ein Baſtard.. fügte er mit kalter Bitterkeit hinzu. „So?“ ſprach der Hauptmann gezogen.„Eure Heimath?“ „Man hat mich daraus verſtoßen,“ entgegnete Archimbald wie oben;„ich habe keine.“ „Hm!“ brummte der Herr von Herbenſtein in den Bart. „Unehelich, heimathlos? Ihr ſeyd dem Wildfangsrecht unter⸗ worfen; allein ich will mich nicht damit abgeben. Ich bin weder der Strolchenjäger noch der Spitzbubenfänger des Syndicus. Mit dem Soldatenweſen iſt es ohnedieß nichts, weil unſer gnädigſter Herr die beſtimmte Verordnung er⸗ laſſen hat, keinen unrechtmäßig gezeugten Sohn unter ſein Regiment aufzunehmen. Auf die Vorſchrift halte ich ſtreng,... darum, guter Freund, zieht immerhin Euere Straße. Sucht aber irgend ein Unterkommen zu findenz denn es wäre 36 Schade, wenn Euere Jugend in ſchlechter Genoſſenſchaft ver⸗ dorben würde.“ Archimbald war gerührt von der ſanſten Güte, die aus des Hauptmanns Worten leuchtete, und neigte ſich verlegen, um ſeine Hand zu küſſen. Die Gattin des edeln Herrn hatte indeſſen mit vieler Theilnahme dem Geſpräche zugehört, und griff nach dem ſammetnen Beutel, der an ihrer Hüfte hing. „Ihr werdet eines Zehrpfennigs bedürfen, armer junger Mann,“ ſprach ſie mit einer Engelsſtimme, indem ſie dem Staunenden eine kleine Silbermünze reichte,„nehmt dieſes auf den Weg. Ich will ſorgen, daß man Euch, bevor Ihr geht, noch einen Becher Wein und ein Stück Brod verab⸗ reiche. Denn die Witterung iſt kalt, und Euer Weg wohl noch weit.“ „Der weiteſte, geſtrenge Frau,“ entgegnete Archimbald, von Thränen einer ſüßen Rührung überraſcht.„Ich ſuche ein Obdach, und die vater⸗ und mutterloſe Waiſe findet die⸗ ſes ſo ſelten. Aber ich preiſe dennoch die Vorſicht, ſie hat mich durch einen Kerker zu edeln Menſchen geführt. Edle Frau, ich bedarf Eueres Geſchenkes nicht, ich weiß zu ent⸗ behren, aber ich behalte es dennoch zum ewigen Gedächtniß dieſer Stunde. Wenn ich einſt in den Stand kommen ſollte, ſelbſt wohlthätig ſeyn zu können, und mein Herz wollte taub werden gegen das Gefühl, ſo wird ein einziger Blick auf dieſes Geldſtück mir das Bild einer Frau vor die Seele zau⸗ bern, die an dem fremden Baſtard unaufgefordert that, um was er bei ſeinen Blutsfreunden vergebens mit blutigen Thränen bettelte,— und ich werde wieder ein Menſch ſeyn. Gott ſegne Euch und Euern wackern Gemahl, und laſſe Euch viele Freude an Euern Kindern erleben!“⸗ 37 Die Frau von Herbenſtein hatte der Rede des begeiſter⸗ ten Jünglings zwar mit freundlicher Theilnahme zugehört, allein der Schluß derſelben erſchütterte ſich plötzlich derge⸗ ſtalt, daß ſie zuſammenfuhr, Archimbald zu ſchweigen winkte, und ihr Geſicht unter Thränen und Schluchzen verhüllte. Der Jüngling ſtand beſtürzt bei dieſer unerwarteten Wen⸗ dung des Auſtritts, und ſah ſtaunend bald die Weinende, bald ihren Gemahl an. Der Letztere ſchüttelte aber ernſt den Kopf und ſprach:„Ei, ei, junger Geſell, ich ſollte ſchier zürnen ob Deiner Unbeſonnenheit⸗ allein, wie war's auch möglich, daß Du wiſſen konnteſt... Geh' denn jetzt mit Gott.“ „Erlaubt mir, edler Herr,“ verſetzte Archimbald beſorgt, „daß ich zuvor erfahre, wodurch ich Euere Hausfrau derge⸗ ſtalt gekränkt, und meine Vergebung von ihr erflehe.“ „Du biſt neugierig, guter Freund,“ antwortete Herben⸗ ſtein.„Weil Dir jedoch das Mitleid aus den Augen ſpricht, ſo magſt Du wiſſen, daß dieſe arme Mutter bereits ein Kind verloren hat, das ihr boshaft entwendet wurde, und daß ſie in Kurzem den Verluſt des zweiten, das dort in der Wiege ſchläft, wird betrauern müſſen.“ „Den Verluſt dieſes holden Kindes?“ fragte Archimbald theilnehmend, indem er an das Bettchen deſſelben trat, und nun erſt die Bläſſe und die eingefallenen Wangen des Kna⸗ ben bemerkte. An welchem Gebreſte leidet es?“ Statt aller Antwort hob der bekümmerte Vater die leichte Decke auf, und Archimbald gewahrte, daß das rechte Bein des Kindes ſchon bedeutend geſchwunden war, und dadurch dem übrigen Körper eine auffallende Magerkeit mitgetheilt hatte. ———— ——— 38 „Keine Hülfe?“ forſchte Archimbald. Der Hauptmann zuckte die Achſeln und blickte nach oben.„Der Arzt hat den armen Leidenden verlaſſen,“ ſprach er darauf mit gepreßter Stimme.— In Archimbald loderte aber eine ſchöne Flamme der Dankbarkeit auf. Er betrachtete den Knaben noch ein⸗ mal, und redete mit beſcheidener Zuverſicht alſo zu dem Herrn von Herbenſtein: „Wenn Ihr, mein edler Herr, meiner armen Kunſt Glau⸗ ben ſchenken wolltet, ſo getraue ich mir wohl, den kleinen Kranken herzuſtellen, ob ihn gleich der Arzt aufgegeben.“ Der Hauptmann ſah ihn verwundert an. Archimbald aber fuhr fort wie oben: „Es koͤmmt auf die Probe an, Herr. Ihr dürft mit mir beginnen, was Ihr wollt, ſo ich Euch den Knaben nicht rette.“ „Wenn Ihr das könntet... rief die Mutter, durch die tröſtliche Verheißung ihres Schmerzes entledigt, und der Hoffnung zugewendet;...„wenn Ihr das vermöchtet... Ihr ſolltet keine Undankbare an mir finden.“ „Nein, wahrlich nicht,“ bekräftigte Herbenſtein.„Reicher Lohn ſollte Euch werden.“ „Redet nicht vom Lohne,“ erwiederte Archimbald ernſt und beſtimmt;„ich diene nicht um Sold. Euer Edelmuth hat mir im Voraus vergolten, und meiner Dankbarkeit allein wird Euer Sohn das Leben verdanken.“ Der Hauptmann und ſeine Ehefrau ſchwiegen und wußten nicht, was ſie von dem jungen Menſchen denken ſollten, der ſchnell an's Werk ſchritt, um ſeinen Verſprechungen durch die That Bürgen zu ſtellen. Er lief eilig im ganzen Städt⸗ lein umher und ſpürte nach den Heilmitteln, deren er be⸗ durfte; er plünderte die Arzneiſammlung des Leibarztes der 39 Markgräfin, welcher ſich in ihrem Gefolge auswärts befand, und bereitete in möglichſter Schnelligkeit lindernde und ſtär⸗ kende Umſchläge und Tränke für den Sohn des Hauptmanns, der mit einer unglaublicher Gelaſſenheit ſein Siechthum er⸗ trug. Archimbald ging in allen ſeinen Verrichtungen ſo ge⸗ ſchickt und ſo beſonnen zu Werke, daß die betrübten Eltern das beſte Vertrauen zu ihm faßten. Der Erfolg belohnte auch ſeine Bemühungen. In wenigen Tagen war das Kind in merklicher Beſſerung, und des Lehrers Huberts Segen ſchien auf dem Probeſtück des jungen Heilkundigen zu ruhen. Die Frau von Herbenſtein ſorgte auch wie eine Mutter für den Letztern. Ein Stüblein im Eckthurm mit freundlicher Ausſicht in's offene Feld, reinliche und ſchmucke Kleidungs⸗ ſtücke, nahrhafte Speiſen und achtungsvolle Behandlung.. alles ſtand ihm zu Gebote. Er wußte ſich aber auch ſolcher Gunſt würdig zu machen, und vergaß nie die Schranken, die zwiſchen ihm und ſeinen neuen Beſchützern beſtanden. Er war beſcheiden genug, ſtets nach der Beſorgung ſeines Kranken, Herbenſteins Gemach zu verlaſſen; demüthig genug, die Einladung, an dem Tiſche des Letztern zu ſpeiſen, abzu⸗ lehnen, und ſein Mahl auf dem einſamen Thurmzimmer zu genießen. So ging er geräuſch⸗ und ſpurlos unter den Be⸗ wohnern des Schloſſes umher, die ſich es nicht reimen konn⸗ ten, wie auf einmal der Landſtreicher zum Arzt geworden ſey. Auf dieſe Weiſe erregte er weder Neid noch Mißgunſt⸗ und überließ ſich jeden Abend, mit dem beruhigenden Ge⸗ danken, abermals einen Tag gerecht und gut verlebt zu ha⸗ ven, dem erquickenden Schlummer. Er hatte ſich noch nie ſo leicht, ſo gut gefühlt, als jetzt; und aus dem tugendrei⸗ chen Leben des edeln Herbenſteins und ſeiner Gemahlin, ſchien ein Abglanz auf ſeine Seele zu ſtrahlen. Er war zu⸗ frieden in ſeinem Bewußtſeyn, und dankte Gott mit eifrigem Gemüthe für das Glück, in dieſem Hauſe eine zum mindeſten augenblickliche Zuflucht gefunden zu haben. Seinem Fleiße und ſeiner Pflege gelang es auch, den ihm anvertrauten Knaben gänzlich herzuſtellen, ehe noch die Lerche ſang. Ein allgemeiner Feſttag wurde auf dem Schloſſe gehal⸗ ten, als Archimbald den entzückten Eltern ihren Sohn geheilt und geneſen darſtellte, und der Retter kam dem liebens⸗ würdigen Paare dieſes Mal nicht von der Seite. Der Dank der Mutter kannte keine Grenzen; nicht weniger dankbar, aber beſonnener äußerte ſich des Vaters Freude.„Mein lieber Archimbald,“ begann er, als ſie in der traulichen Dämmerung um den warmen Kachelofen ſaßen,— und er⸗ griff des Jünglings Hand:„Euer ſo wohl gelungenes Werk zeugt für Eure Gelehrſamkeit und Wiſſenſchaft; Eure ein⸗ fache und zurückgezogene Lebensweiſe, die ich genau beobach⸗ tet habe, für Euer unverdorbnes Gemüth; Eure beharrliche Weigerung, irgend eine Belohnung von uns anzunehmen, für Eure Uneigennützigkeit. Indeſſen, junger Freund, gibt es eine Art zu vergelten, die nicht in Gold und Silber einen unbezahlbaren Dienſt ablehnt, und ſowohl dem Dank⸗ barverpflichteten, als dem Verpflichter gleich wohl anſteht. Ich meine damit die Sorge für die Zukunft desjenigen, dem wir verſchuldet ſind, wenn ſie noch nicht beſtimmt und geſichert iſt. Ich möchte ſo gerne einen Stein zu dem Ge⸗ bäude Eures künftigen Glücks tragen. Laßt mich wiſſen, wie ich es anfangen ſoll, und ob Ihr hinlänglich Vertrauen zu uns gefaßt habt, um uns Euere frühern Begebenheiten mittheilen zu wollen, die noch keine vorwitzige Frage Euch abgelockt 1½ — hat. Ihr ſeht, wir meinen es herzlich gut mit Euch, der es ſo wacker mit uns gemeint hat. Gebt darum der falſchen Scham nicht Raum, und entdeckt Euch unverholen Euern Freunden, die, ohne Neugier, von ihrem Wohlwollen allein beſeelt werden. Der unglückliche Umſtand Eurer Geburt iſt Euch nicht anzurechnen, und kann den Rechtſchaffenen nicht ebrlos machen. Sprecht alſo ohne Scheu und Zwang, und rechnet auf unſer Mitgefühl.“ Archimbald hätte ſich ein Gewiſſen daraus gemacht, gegen ſeine Wohlthäter nicht wenigſtens etwas Offenherzigkeit zu zeigen, und ſäumte demnach nicht, den aufmerkſamen Zu⸗ pörern die Geſchichte ſeiner Ingendzeit vorzutragen. Die Dämmerung ließ ihn nicht bemerken, daß flammende Röthe die Wangen der Frau von Herbenſtein überflog, als er gleich von Anbeginn den Namen ſeines Vaters nannte, und erzählte unbefangen weiter, entſchloſſen, über ſeine Lehrzeit bei der Hexenlene und ſein vorſchnell geendetes Probejahr auf Wo⸗ rosdar ſchnell hinwegzuhüpfen, oder dieſe Kapitel völlig zu überſchlagen; allein ſeine Wahrhaftigkeit wurde nicht auf die Probe geſtellt. Denn, als er in ſeiner Erzählung zu dem Zeitpunkte gelangt war, in dem Philipp aus den Nieder⸗ landen zurückkam, als er mit wahrer Begeiſterung und lebhafter Erinnerung kaum die Schilderung des Abends vollendet hatte, an dem der Bruder ihn aus dem Vater⸗ hauſe ſtieß;... ſtand die Frau von Herbenſtein plötzlich auf, vrückte mit lautem Weinen ihren Knaben, der auf ihren Knieen ſpielte, ans Herz, und eilte in heftigſter Bewegung mit demſelben aus dem Gemache.— Archimbald ſah ihr ſprachlos und beſtürzt nach⸗ und der Hauptmann maß den Saal mit langen Schritten, die Hände auf dem Rücken, II. 2. 4 42 das Geſicht voll Verdruß.„Was hab' ich denn nun wieder verbrochen?“ fragte der Jüngling mit ängſtlicher Haſt.„Bin ich denn ſo unglücklich, die edle Frau beſtändig durch mein Geſchwätze zu betrüben und ſchier zu erzürnen?“ „Bei Gottes Blut!“ ſprach der Hauptmann halb ver⸗ drüßlich, halb beruhigend...„Ihr ſeyd wahrlich nicht daran Schuld, lieber Archimbald; allein... ich fürchte.. doch das wird ſich finden. Gute Nacht für heute! beſucht mich morgen, wenn die Frau in der Kapelle Meſſe hört. Wir wollen dann weiter ſprechen!“ Archimbald verbeugte ſich, und ging ohne eine überläſtige Frage von dannen.„Wir wollen dann weiter ſprechen?“ wiederholte er für ſich, als er die Wendeltreppe im Eck⸗ thurme zu ſeiner Kammer emporſtieg.„Was ſoll das heißen? Wie hängt denn eigentlich das Ganze zuſammen? Sind meine Reden etwa bezaubert, daß ſie die Frau von Herben⸗ ſtein dergeſtalt in Trauer und Jammer zu verſetzen ver⸗ mögen? Es muß mich meine Ahnung gewaltig trügen, oder die heutige Begebenheit weiſſagt mir nichts Gutes. Immer⸗ hin! Auf das Aergſte gefaßt, kömmt mir das gemäßigtere Unglück nur wie ein wohlthätiges Gewitter im heißen Sommer vorz. es geht vorüber und der Sonnenſchein kömmt nach.“ Dieſe Faſſung half ihm auch glücklich über die Trennungs⸗ kluft hinüber, die das am nächſten Morgen erfolgende Ge⸗ ſpräch mit dem Hauptmann, zwiſchen ihm und dem edeln Hauſe Herbenſtein, aufriß. „Nein, lieber Archimbald,“ ſprach der wackre Edelmann; „bei Gottes Blut! es thut mir von Herzen leid, Euch von unſerm gaſtlichen Heerde zu entfernen; aber es muß geſchie⸗ den ſeyn, um meiner Eheliebſten willen, obgleich ſie ſelber mit Gewalt dagegen ſträubt, um Euch nicht zu betrüben. Was würde jedoch die Folge ſeyn, wenn Ihr länger bliebt? Mein gutes Weib würde ſich abhärmen, gleich einem Schat⸗ ten, weil Euer Anblick ihr mit jedem Tag einen ſchweren Kummer rege machen würde, dem meine volle, ungetheilte Liebe erſt ſeit einigen Jahren eine Grenze ſetzen konnte. Es iſt deßhalb beſſer, wenn Ihr, von uns unterſtützt, Euer Glück in der Ferne ſucht. Meine Hausfrau wird vergeſſen⸗ ſich getröſtet fühlen, und ihrem Kinde doppelt Mutter ſeyn.“ „Was habe ich denn verſchuldet,“ fragte Archimbald betroffen,„daß ich ſo ſchnell Eure Schwelle meiden muß?“ „Ihr?“ erwiederte Herbenſtein.„Nichts auf der Welt. Hadert mit Euerm Mißgeſchick, das Euch in Ulm geboren werden, und den Namen Wernher führen ließ. Mehr ſage ich Euch nicht, ſo ungenügend Euch meine Erläuterung auch ſcheinen muß. Geht mit Gott Eure Straße fort: ſie führt Euch vielleicht zum Glück. Ihr habt zwar beharrlich jede Vergeltung ausgeſchlagen, doch in den gegenwärtigen Ver⸗ hältniſſen werdet Ihr mich nicht kränken wollen. Nehmt da⸗ her mit gutem Willen den Gaul an, der Euer am Thore wartet, und verſchmäht nicht dieſe unbedeutende Geldtaſche, die meine Hausfrau mit eigner Hand verfertigt und mit we⸗ nigem aber gern gegebenem Inhalte verſehen hat. Weigert Euch auch nicht dieſen Brief anzunehmen, den ich für Euch geſchrieben habe. In Eurer Lage halte ich nämlich dafür⸗ iſt die kriegeriſche Laufdahn die beſte, die Ihr ergreifen koͤnnt, und Enre Geſtalt und Leibeskräfte berechtigen Euch zu großen Hoffnungen. Nur müßt Ihr unter einem Feld⸗ herrn die Waffen führen lernen, der ſich nicht an die Geburt ſtößt, in der That den Mann ſchätzt, und nach Tauf⸗ — ſchein noch Adelsbrief frägt. Ein ſolcher iſt der kaiſerliche General Georg Baſta, der ſich wirklich in Prag aufhält, und an den dieſer Brief gerichtet iſt. Er wird in Kurzem unter den Befehlen des Erzherzogs Maximilian zu Felde ziehen gegen den Erbfeind, und ich möchte für eine bereit⸗ willige Erfüllung meines, in dieſem Schreiben ausgeſprochenen Begehrens ſtehen; denn er iſt mein Freund. Vom gemeinen Trommelſchläger zur Würde des Hrerführers geſtiegen, weiß er das Aechte von dem Falſchen zu unterſcheiden, und Kenntniſſe wie ausdauernden Muth zu ſchätzen. Er wird auch Euern Werth nicht verkennen, und es wird mir eine Freude ſeyn, Gutes von Euch zu hören.— Lebt wohl, ver⸗ geßt unſrer nicht, und glaubt zuverläſſig, daß unſer Dank für Euern Liebesdienſt nie in unſern Herzen erliſcht.“ „Wenn es denn ſeyn muß,“ erwiederte Archimbald mit eiſerner Ueberwindung ſeines Grams,„ſo nehme ich Abſchied von Euch. Es thut mir weh, von Euch zu ſcheiden; aber ich hätte ja doch nicht ewig bleiben können. Es ſchmerzt mich, der edlen Frau nicht einmal die Hände zum Lebewohl küſſen zu dürfen; allein Ihr wünſcht, daß ich mich ſo ſchnell als thunlich iſt, entferne, und Euer Wunſch iſt mir eine päpſt⸗ liche Bulle. Ich ſcheide und laſſe Euch meine beſten Wünſche zurück, und meinen Dank für Euer großmüthiges Geſchenk. Gott behüte Euch, Eure Ehefrau, Euer Söhnlein, und erhalte Euch glücklich! Betet für mich! Von Prag ein Mehreres!“ Er ſchüttelte dem biedern Herbenſtein die Hand, flog in Eil und Haſt die Treppen hinab, und ſtieg zu Roß. Das Herz hämmerte in ſeiner Bruſt, feurige Röthe preßte ſich in ſeine Wangen.. er konnte kaum athmen, und ſprengte dennoch wie ein Raſender durch das Städlein gen — 45— Augsburg zu. Weit⸗ weit von dem Orte, an dem er ſo gut, ſo fromm gelebt hatte, hielt er ſeinen Gaul unter den entlaubten Aeſten eines großen Nußbaumes an, und ließ ſeine brennen⸗ den Augen in der winterlichen reinen Luft, die erquickend und ſtärkend vom blauen Himmel wehte, verkühlen. Es war nicht Grimm, nicht Verzweiflung, was ihm die Gluth des ſtürmiſchen Bluts nach Bruſt und Gehirn trieb;... es war ein verzagendes Leiden... das bittre Gefühl einer abermals getäuſchten Hoffnung. Die ſchmerzlichſte Erfah⸗ rung hatte ihn ſchon belehrt, daß es ſein Loos ſey, immer dann die ſichere Zufluchtsſtätte verlaſſen zu müſſen, wenn er ſich mit ſeiner Lage verſöhnt und vertraut gemacht.„So ſey es denn!“ rief er trotzig.„Offner Helm gegen des Schickſals Grimm! Mag es auf mich losſchlagen... ich ſchlage wieder. Es ſoll mich niemals ungerüſtet finden. In den roſigen Augenblicken des Lebens will ich nie mehr die Trauerſchärpe abwerfen, die mir ohnehin die nächſte Stunde immer von neuem aufdringt am Grabe meiner Erwartungen⸗ meiner ſchönſten Träume 1“ Der muhwillige Hengſt, der den fremden Reiter in Ver⸗ ſuchung zu führen gedachte, warf ſich mit einem Satz von ſeinem Standpunkte wieder auf die Mitte der Heerſtraße. Archimbalds ungeduldiges Treiben ließ ihn aber ſchwer für den Frevel büßen, und ſpornte ihn, als ob er dem Tode entliefe, zum raſtloſen Laufe an⸗ bis er das reiche Augsburg gewonnen hatte. Hier gönnte er dem ermüdeten Roſſe in der wohlbeſtellten Herberge die nothwendige Ruhe, und durch⸗ ſtrich neugierig die Straßen der weiten Stadt. In ſeinen Gedanken und Muthmaßungen über den Beweggrund, der ihn aus Herbenſteins Hauſe entfernt hatte, verloren 1 † 46 bemerkte er nicht, daß der Abend hereingebrochen war und die Gaſſen nach und nach öde wurden. Die wachſende Dunkel⸗ heit um ihn her erinnerte ihn endlich, daß es Zeit ſey, an die Heimkehr zu denken; allein es hielt ſchwer für den Frem⸗ den, ſich ſchnell zurecht zu finden. Längs dem Vogelsgraben hinſchlendernd, um den Weg zum Perlachberge hinzuſchla⸗ gen, und von da auf die hohe Straße zu gelangen, bemerkte er plötzlich eine gekrümmte Weibsgeſtalt neben ſeiner her trippeln. Er ſtand ſtille. „Sucht Ihr etwas Liebes, edler Herr?“ fragte eine ſis⸗ pernde Stimme.— Archimbald ſchwieg ein wenig betroffen. „Ihr ſeyd fremd allhier, wie ich merke, edler Herr,“ fuhr die Weibsperſon fort.—„Ich diene den Fremden gern, und führe Euch an einen ſichern Ort, wo Ihr Liebe und Wein finden werdet; weiche Arme Euch zu umfangen und ein warmes, trauliches Stüblein.“ „Laß mich ungeſchoren mit den weichen Armen und Deiner Kuppelei!“ brummte Archimbald verdrüßlich.„Führe mich lieber in meine Herberge zur Kaiſerkrone. Dort ſoll ein warmes Stüblein und ein Humpen feurigen Weins mich laben, und Dich ein Trinkgeld erfreuen.“ „Soll mich Gott!..„ rief das Weib, und zog ſchnell eine kleine Leuchte unter der Schürze hervor, ihren Strahl auf Archimbalds Antlitz richtend...„die Stimme iſt mir bekannt; und wenn mich meine alten Sinne nicht foppen, ſo ſeyd Ihr Wernhers Archimbald von Ulm!“ „Lene! Mutter Lene!“ jubelte der Jüngling, der ſeiner⸗ ſeits das Geſicht der Alten ebenfalls erkannt hatte „Gott ſey gelobt, der mich in der fremden Stadt Euch finden ließ. Liebe, gute Mutter Lene!“ 47 Er ſiel der Alten um den Hals und drückte ſie ſo brünſtig an die Bruſt, als ob ſie das ſchmuckſte Dirnlein von ſechs⸗ zehn Jahren geweſen wäre. Lene empfand nicht weniger Freude, den ſo lange entbehrten Zögling und Pflegeſohn wieder umarmen zu können; nur ließen ihre Jahre und ihr ganzes ſtillſchleichendes Weſen einen lauten Ausbruch der Wonne des Wiederfindens nicht zu. Sie drückte Archimbald daher nur herzlich die Hand, begrüßte In mit gerührter Stimme, und bat ihn, ohne ferner din Stricke der Ver⸗ führung zu fürchten, getroſt mit ihr zu gehen, und ihre kleine Behauſung mit ſeinem Beſuch zu erfreuen. Drittes Rapitel. 2 Fröhlich und wohlgemuth Wandelt das junge Blut ALuf und ab durch die Welt Von dem Rhein bis zum Belt! Volkslied. Sie ſaßen in dem kleinen, armſeligen Gemach der alten Lene, an dem mit einem Teppich bedeckten Tiſche, unfern des wärmenden Ofens, indem die Flamme behaglich kniſterte und praſſelte. Archimbald hatte ſo eben die Erzählung ſeiner Abenteuer, genau und pünktlich, als ob er ſie einem Beicht⸗ vater vertraute, Lenens verſchwiegenem Ohre mitgetheilt⸗ und langte nun mit gutem Appetit nach dem köſtlich duftenden — n 48 Gansviertel, das ihm die beſorgte Alte aus dem nächſten Gaſthauſe herbeigeſchafft hatte. Lene ſaß ihm gegenüber, ſtreichelte den altersſchwachen Schwarzmann auf ihrem Schvoße, und muſterte wohlgefällig und lächelnd Geſicht und Geſtalt ihres lieben Ziehſohns. Seine muntre Eßluſt, wie ſeine friſche Farbe, ſein ſchmuckes Kleid und ſeine lebhaften Bewegungen hatten Gnade vor ihren Augen gefunden, ſeine aufrichtige und unverſtellte Erzählung hatte ihr Mitgefühl angeregt. Vielledht zum erſten Male in ihrem Leben that es ihr weh, nicht Mutter geworden zu ſeyn, keines ſolchen Sohnes ſich freuen zu können. „Ihr wißt nun alle meine Fata,“ ſprach Archimbald,— legte die abgenagte Keule bei Seite, that einen derben Zug aus dem gläſernen, mit goldhellem Biere gefüllten Kruge, und klappte den zinnernen Deckel vergnügt zu.„Laßt mich nun auch die Eurigen hören, während ich noch gemächlich die Rindswurſt verzehre, die mir Eure Liebe aufgetiſcht hat; denn der ſchnelle Ritt und die unverhoffte Freude... beides hat mich verdammt hungrig gemacht.“ „Meine Schickſale,“ verſetzte die Alte lächelnd,„ſind ganz unbedeutend. Der Rathsherr Thurneiſen hat mir einige verdrüßliche Streiche geſpielt, die ich ihm zu Waſſer gemacht habe. Der verdrüßlichſte war aber der allerletzte, den ich leider nicht abwehren konnte. Ich war über Land, und wäh⸗ rend deſſen hat Thurneiſen den Pöbel der Stadt durch ſeine Helfershelfer wider mich aufhetzen, und durch das dumme Volk mein armes Häuslein ſtürmen, aufbrechen. nieder⸗ reißen laſſen. Er wollte durchaus das Teſtament heraus haben, was Dich angeht, lieber Archimbald. Ich hatte aber 49 ſchon längſt, Stürme und Ungewitter ahnend, das werthhal⸗ tigſte meiner Habe in Sicherheit gebracht. Der grobe Raths⸗ herr war geprellt⸗ und ich lachte ſeiner, als ich in ſpäter Nacht zurückkehrte und meine Wohnung in Trümmern fand. Häßlich war meine Lage dennoch für den Augenblick. Recht konnte ich nicht finden beim Rath, den mein Gegner durch ſeine rohe Anmaßung am Fädchen führt, wie der Knabe den Maikäfer. Obdach wollte mir keine Seele geben, aus Furcht, ich möchte Alles um mich her verhexen. Ich mußte mich alſo, übel oder wohl, entſchließen, das Vaterland mit dem Rücken anzuſehen. Die Vaterſtadt wollte ich ſagen; denn Schwaben iſt ja auch noch hier. Ich zog, bei Nacht und Nebel mein Eigenthum von dannen führend, hieher⸗ und lebe nun ſo für mich allein meine Tage hin, keinen Verdienſt von der Hand weiſend, und, dem Himmel ſey Dank! lange nicht ſo berühmt und gekannt wie in Ulm.“ „Ei! ei! Mutter Lene!“ lachte Archimbald und drohte ihr neckend mit dem Finger.„Das Geſchäft, bei dem ich Euch heute Abend fand, und das zum Zweck hat, den Frem⸗ den etwas Liebes zuzuweiſen⸗ iſt nicht ſehr ehrenvoll.“ „Mag ſehn,“ erwiederte Lene ſpottend;„es bringt deſto mehr ein. Und im Uebrigen: iſt denn der Schenkwirth wohl beſſer, der durch den ausgeſteckten Kranz die Vorüber⸗ gehenden einladet, bei ihm einzukehren, und Geſichter ſchnei⸗ det, wenn der fremde Gaſt nicht toll und voll gezecht aus ſeinem Hauſe taumelt? Die Zeiten ſind hart; man muß ſein Bischen Leben verdienen. Ich hätte mich wohl gerne zur Ruhe geſetzt⸗ und könnte es auch allenfalls thun; allein ich muß für meine Kinder ſorgen.“ „Für Eure Kinder?“ fragte Archimbald verwundert. „Das erſte Wort, das ich höre. Ihr yättet Kinder?“ „Ja, mein ungläubiger Junker,“ erwiederte die Alte ſcherzend.„Reißt immerhin die Augen auf es iſt doch dem alſo. Einen Sohn und ein Enkelchen.“ „Ei!“ rief Archimbald;„iſt's möglich? wo ſind denn aber die holden Sprößlinge 2“ „Der erſte iſt ein ſchmucker Junggeſell,“ verſetzte Lene wie oben,„heißt Archimbald, und ſitzt hier mir gegenüber.“ „Mutter Lene! Wie? ich?“ rief der Jüngling ſtaunend. „Ja, lieber Archimbald,“ antwortete die Alte mit Rüh⸗ rung.„Du ſollſt mein Erbe ſeyn„das Bischen, was ich hinterlaſſe, ſoll Dein gehören, aber Du mußt Dein Kind auch davon erhalten.“ „Mein Kind? Neue Räthſel! Was ſoll das heißen?“ Lene ſtand auf und bedeutete ihm, ihr in die Nebenkam⸗ mer zu folgen. Ein Knabe von fünf bis ſechs Jahren un⸗ gefähr, lag darin auf weichen Kiſſen vom Schlafe der Unſchuld gewiegt.— Neben ſeinem Lager ſchlummerte eine Bauerdirne, ſeiné Wärterin.— Lene, den Finger an die Lippen legend, deutete ſtumm auf den Knaben, und zog dann den Jüngling wieder in die Stube zurück. „Haſt du jetzt Deinen Sohn geſehen?“ fragte ſie daſelbſt mit ſchlauem Blick.. „Ihr ſeht mich in Stein verwandelt, Mutter Lene!“ er⸗ wiederte Archimbald.„Jener Knabe mein Sohn? ich will ſterben, wenn ich errathe „Alles zu ſeiner Zeit,“ verſetzte Lene hierauf.„Du wirſt Alles erfahren, was Dir für jetzt noch dunkel bleiben muß. Genug; dieſes Kind iſt beſtimmt, das Deine zu 5¹ werden, und wird Dir einſt zugeſtellt werden, wenn es Gott nicht früher vielleicht zu ſich zu nehmen beſchloſſen hat. Sollte ich es nicht mehr erleben, ſo wird jene Bäuerin des Knaben Ueberbringerin ſeyn, wie meines letzten Willens.“ „Ihr verwickelt mich beſtändig in ein Gewebe von Räth⸗ ſeln,“ ſprach Archimbald etwas ungeduldig.„Ich bin nur ein blindes Werkzeug in Eurer Hand.“ „Sind wir Alle denn mehr in der Hand des unerforſch⸗ lichen Schöpfers?“ fragte Lene.„Sey getroſt, Archimbald⸗ man muß gehorchen lernen, um mit der Zeit befehlen zu können. Darum, mein Sohn, gehorche mir auch nur die⸗ ſesmal, oder folge zum mindeſten einem wohlgemeinten Rathe. Geh' nicht unter's Kriegsvolk. Hätteſt Du wohl ſo viel gelernt, um es im wilden Soldatenleben ſchnell wieder zu vergeſſen? Gehe nach Prag, laß aber den General Ge⸗ neral ſeyn, und verſöhne Dich mit dem Doctor, der vielleicht noch nicht das Geringſte von Dir erfahren hat.“ „Der Doctor? hält er ſich in Prag auf?“ fragte Ar⸗ chimbald haſtig. „Freilich, mein Sohn,“ erwiederte Lene.„Er iſt daſelbſt ein angeſehener, großer Mann, der Dein Glück zu machen im Stande iſt, wenn Du ihm gehorſamſt, und Deine Unbe⸗ ſonnenheit, die Dich von Worosdar entfernt hat, aufrichtig bereuſt. Der Doctor allein führt Dich an's Ziel.“ „Auf einem Wege voll Trug und Hinterliſt,“ ſetzte der Jüngling bedenklich hinzu. „Schäme Dich deſſen nicht,“ ſprach die Alte beruhigend. „Die größten und vornehmſten Leute ſchlagen denſelben Pfad ein, um ihre Zwecke zu erreichen. Und iſt es nicht beſſer, durch Verßand und Klugheit alle Hinderniſſe zu beſiegen, und ſich emporzuſchwingen, als ſich tollkühn in die Säbel der Un⸗ gläubigen zu ſtürzen, und darunter das Leben zu verlieren, ohne ſeine Feinde durch den Abglanz ſelbſt erworbenen Glücks gedemüthigt zu haben?“ „Haltet ein, Mutter Lene,“ rief Archimbald aufgeregt, „Ihr wißt mein Herz zu lenken. Rache iſt meine Pflicht, mein Gelübde. Für ſie muß ich mich erhalten. Ich folge Euerm Rathe, und ſuche den Doctor auf.“ „In der Königlichen Burg zu Prag, wo der Kaiſer Hof hält, wirſt Du ihn erfragen, fügte Lene hinzu.„Geb' aber jetzt zur Herberge, mein Kind. Du biſt müde, und der Wächter hat ſchon die zehnte Stunde abgerufen. Ruhe bis zum Morgen, und mache Dich dann eilig auf den Weg.“ „Wie?“ rief der Jüngling beſtürzt...„ohne Euch noch ein Mal zu ſehen 2“ „Ja! mein Sohn,“ verſetzte die Alte mit bewegter Stimme.„Ich würde mich nur wieder zu ſehr an Dich ge⸗ wöhnen, und wir müßten uns ja dennoch trennen. Du gehſt, Dein Glück zu erjagen... ich tappe meiner Grube zu. Ich bin alt und ſchwach, und das Oel meiner Lampe wird wohl bald verſiegen; indeſſen gewährt mir vielleicht Gott die Gnade, Dich noch ein Mal, das letzte Mal zu ſehen. Laß uns indeſſen ſcheiden wie Freunde, die der nächſte Morgen wieder vereint. Reiſe glücklich; ich will für Dich beten, und wenn es wahr iſt, was die Prieſter ſagen, wenn das Gebet des reuigen Sünders dem Höchſten ange⸗ nehmer iſt, als jenes des Niegefallenen, ſo wird das meinige nicht ohne Wirkung ſeyn.“ —— 8. „Gute Mutter Lene!“ ſprach Archimbald und beugte ſich gerührt zu ihr herab, die ihrer Bewegung kaum Meiſter werden konnte, und heftig zitternd ſeine Hand ergriff. „Ach, mein Sohn,“ ſtammelte ſie,„junges Herr⸗ lein... ich war nicht immer ſo gut, als ich jetzo vielleicht ſcheine. Gegen Dich am allerwenigſten. Doch der Herr wird vielleicht verſöhnlich ſeyn, denn er iſt ein frommer Gott. Behalte Du mich nur lieb, und fluche mir nicht.“ „Ich?“ fragte Archimbald gekränkt.„Ei, wo denkt Ihr hin, Mutter Lene! Meiner Wohlthäterin ſollte ich fluchen?“ „Laß gut ſeyn,“ erwiederte ſie, ſich über die Stirne fah⸗ rend.„Ich fange an kindiſch zu werden. Du mußt es mit meinen Worten nicht ſo genau nehmen. Halte deſtv genauer auf die Lehre, die ich Dir auf die Reiſe mitgebe: Hüte Dich vor Wein und Liebe. Der erſte bethört den Kopf, die zweite das Herz. Beide ſind Gifte für einen Jüngling, der mit einem feindlichen Geſchick den Kampf eingegangen iſt, um das verſagte Erbtheil, des Lebens Glück, dem Unerbitt⸗ lichen abzuzwingen. Hüte und wahre Dich, auf daß Dein Waizen gedeihe. Gehe jetzt⸗ mein Sohn, und gehe recht ge⸗ ſchwinde. Gleich rechts vor der Hausthüre biege in das Gäßlein. Es führt Dich ſchnurgerade am Eiſenberg hinauf an's Rathhaus. Du kannſt von dort aus Deine Herberge nicht verfehlen.— Keinen Abſchied,. gehe.. noch Eins! Du trägſt das Amulett noch um den Hals, das ich Dir um⸗ band, als Dich der Doctor von mir wegholte? Das iſt brav und recht von Dir. Du haſt Dich aber von Worosdar nach ulm gebettelt, wie Du ſagſt? Das iſt nicht recht. In ſol⸗ cher Noth wird das geweihte Päcklein helfen, wenn Du es öffneſt. Verſtanden? Gute Nacht' Sey glücklich!“ Wie bei dem erſten Abſchied in Ulm, ſo ſchob ſie auch jetzo den Jüngling zur Thüre hinaus, und riegelte ſchnell hinter ihm zu. Der nächſte Morgen fand ihn auch ſchon, dem Wunſch der Pflegemutter zufolge, auf der Straße nach ſeinem Beſtimmungsorte. Er näherte ſich demſelben, ſo ſchnell er ſeine Fahrt zu fördern vermochte, ohne ſeinem Klepper Schaden zu thun. Die beginnende ſchöne Jahrszeit trug viel dazu bei, ſein Gemüth aufzuheitern, ſeine Bruſt zu erweitern. Ihm mangelte endlich nichts, ſeinen Weg mit freudigem Muthe fortzuſetzen, als ein Gefährte, der es ver⸗ möchte, die hin und wieder aufſteigenden Grillen aus ſeinem Gehirne zu jagen, durch munteres Geplauder, und fröhlichen Scherz. Der Himmel gewährte dem jungen Mann, in einer Anwandlung von guter Laune, zuvorkommend den Wunſch. Denn als er eines Tags bei guter Zeit von Amberg ausge⸗ ritten war, um Tirſchenreuth und die böhmiſche Grenze zu erreichen, ſo holte er bald einen Wandersmann ein, der, ein Ränzlein auf dem Rücken tragend, friſch und frei in den reifgeſchmückten Morgen hineinſchritt, und ſich ein luſtiges Liedlein pfiff, um die Beine gelenker zu machen. Als der Reiter hinter ihm her und darauf an ihm hart vorbei trabte, blieb er ſtehen, rückte die Mütze ein wenig, und wollte ihn vorüberlaſſen. Archimbald hatte aber in dem Geſichte des Wanderers ein Schongeſehenes gewahrt, und ſein bereitwil⸗ liges Gedächtniß. bedurfte nur eines Augenblicks, um ſich der alten Bekanntſchaft zu erinnern. Dem andern ſchien es eben ſo zu gehen; er beſaß indeſſen nicht Herz genug, ſeine Ver⸗ muthung zu äußern.„Guten Tag, Wandergeſell!“ rief ihn Archimbald an, und ließ ſein Pferd im Schritt gehen.— „Deßgleichen, lieber Herr!“ hieß die Antwort, und beide 55 verwandten kein Auge von einander.„Ich ſollte Euch ſchon irgendwo geſehen haben,“ fing Archimbald von neuem an⸗ „Mit Euch geht mir's eben ſo,“ erwiederte der Fremde. „Wenn ich nicht irre,“ fuhr der erſtere fort,„ſo haben wir, es iſt noch nicht lange her, zu Burgau in Einem Quartier übernachtet.“„Hol's der Teufel, ja,“ verſetzte der Wande⸗ rer, und näherte ſich vertraulicher dem Reiter;„wenn Ihr Euch daran erinnern wollet, ſo begehre ich es auch nicht zu läugnen. Wir hatten freies Nachtlager zuſammen im Schloſſe, das heißt: im Spitbubengewahrſam.“„Ganz recht,“ lachte Archimbald.„Unſere Bekanntſchaft war noch gewaltig grün, als ſie auch ſchon wieder abgebrochen wurde. Ihr gingt⸗ ich blieb zurück.“ „Habe ſeither einigemal an Euch gedacht,“ antwortete der Fremde.„Glaubte Euch ſchon tief in Ungarn, unter den kaiſerlichen Fahnen!“ „Fehlgeſchoſſen Freund!“ rief Archimbald.„Ich habe aber auch nicht getroffen, denn ich vermuthete Euch in Prag, Euern Aeußerungen zu Folge.“ „Ich wäre auch ſchon längſt im gelobten Lande,“ er⸗ wiederte der Wanderer verdrüßlich,„wenn mich nicht in Am⸗ berg, von wannen wir beide kommen, eine Krankheit befallen hätte, die zunächſt eine Folge der vermaledeiten Vertältung war, welche ich mir auf den kalten Steinen des Schloſſes Burgau zugezogen hatte. Ich mußte alſo liegen bleiben im Spittel, und meinen blonden Kumpan allein vorauswandern laſſen. Seit drei Wochen ungefähr bin ich geneſen, und hätte wohl bereits meine Reiſe längſt angetreten, wäre mir nicht das Geld im Beutel ausgegangen geweſen. Darum mußte ich noch verweilen, und um einen Zehr⸗ und Wander⸗ 56 Pfennig zu erübrigen, mich dazu bequemen, den häßlichen Spittelmeiſter ſammt ſeiner Meerkatze von Haushälterin ab⸗ zukonterfeien. Denn die beiden hatten ſchon lange gewünſcht, von Malershand auf einem Stück Lindenholz verewigt zu werden. Demzufolge habe ich in den ſauern Apfel gebiſſen, mich drei Wochen lang an ihrem fetten Tiſch ſatt geſchmaust, die Fratzengeſichter ſo ähnlich als möglich auf die Tafel ge⸗ klert, das ſtolze: Erlwein fecit auf die Rückſeite geſchrieben, mein Geld in Empfang und den Wanderſtab in die Hand genommen.— Da habt Ihr in Kurzem meine Geſchichte, wenn Euch daran liegen ſollte, ſie zu wiſſen, woran ich doch beinahe zweifeln möchte.“ „Nicht doch, Kumpan,“ antwortete ihm Archimbald. „Ihr ſeyd ein aufgeweckter Geſelle. Ich höre Euch gerne zu, und wünſchte wohl, länger in Eurer Geſellſchaft zu blei⸗ ben. Wohin geht die Reiſe?“ „Nach Prag, lieber Herr;“ verſetzte Erlwein.„Ich will ſehen, ob mir Freund Eſchenreuter mein Plätzlein aufge ho⸗ ben hat, wie er verſprach.“ „Nach Prag?“ wiederholte Archimbald zufrieden;... „recht gut. Da reiſen wir ſelbander.“ „Wirklich?“ fragte Erlwein und ſchaute verwundert zu dem Begleiter auf.„Viel Ehre für michz allein Euer ſchnel⸗ les vierfüßiges Roß und meine zwei langſamen Beine wer⸗ den ſchwerlich Schritt halten.“ „Da ließe ſich allenfalls Rath ſchaffen,“ meinte Archim⸗ bald.— „Nein, lieber Herr;“ entgegnete Erlwein, lächelnd den Kopf ſchüttelnd.„Da iſt kein Rath; denn, wenn ich meine ganze Schatzkammer plünderte, würde ich mir damit kaum £ 5 * 3 1 2 mir die Neigung zur Malerlunſt, die er nicht ohne Glück 57 — einen halben Eſel anſchaffen können, geſchweige denn ein ganzes Pferd.“ „So laßt mich dafür ſorgen,“ ſprach Archimbald;„im nächſten Städtchen wird wohl ein Klepper feil ſeyn, den ich Euch zur Reiſe leihen kann.“ „Euer Geſtrengen ſind zu gnädig,“ antwortete Erlwein, und lüftete noch einmal ſo ehrerbietig denn zuvor das Käpp⸗ lein.„Allein ich darf Euch nicht verhehlen, daß ich nicht den geraden Weg auf Prag losgehe. Ich mache einen er⸗ klecklichen Umweg, der Euch nicht angenehm ſeyn dürfte.“ „Welchen denn?“ rief Archimbald ungeduldig.„Ihr ſperrt Euch ja gewaltig, die Strecke in meiner Geſellſchaft zurückzulegen.“ „O glaubt das ja nicht,“ entgegnete Erlwein etwas ge⸗ kränkt.„Ich wäre gar zu gerne Euer Begleiter; allein ich habe es meiner Mutter verſprechen müſſen, über meinen Geburtsort zu reiſen, und ſie zu beſuchen.“ „Wie nennt ſich Eure Heimath?“ fragte Archimbald. „Die Herrſchaft Worosdar in Mähren;“ gab Erlwein zur Antwort. „Worosdar,“ rief Archimbald betroffen, dem dieſer Name wie ein Blitzſtrahl durch's innerſte Mark ſchlug. „Mein Vater,“ fuhr der Maler fort,„war Kammerdiener daſelbſt, bei dem ſeligen Grafen, dem Vater der Fürſtin Eleonore. Kurz nach dem Tode des alten Herrn ſtarb auch er, und hinterließ meiner Mutter ein karges Vermögen, und getrieben hatte. Die Großmuth der würdigen Fürſtin hat meiner alten Mutter einen kleinen Wittwenſitz im Dorfe und mich erziehen laſſen. Gott ſegne die brave II. 2. 5 58— Dame! Sie hatte es gut mit mir im Sinne, und ließ mich auf meiner Kunſt reiſen. Zuerſt ging's in die Niederlande, und trotz Krieg und Rebellion war ich daſelbſt recht fleißig und machte viele Fortſchritte. Als ich aber nach Wälſchland kam, war alles anders. Statt des trüben und bleichen Ne⸗ belhimmels jener Küſten, glänzte mir hier ein heitres tief⸗ blaues Firmament entgegen,— ſtatt des ſchweren flamändi⸗ ſchen Biers, perlte brauſender Goldwein,— ſtatt verdroß⸗ ner, langweiliger und dummköpfiger Holländer, ſprach mir ein regſames Volk in geflügelter Sprache und Geberde den Willkommsgruß;— ſtatt der breiten und ſteifen, drollig verputzten Jungfrauen mit milchweißen Geſichtern, kleinen blaßrothen Bäckleins, und großen blauen Augen ohne Aus⸗ druck und Gefühl, die alle Tage, einer Entenſchaar nicht unähnlich, an meinem Fenſter vorbeiwackelten, tanzten Ita⸗ liens üppige Huldinnen vor mir her, tauſend Reize entfal⸗ tend, mit tauſend Netzen das Herz des Fremdlings um⸗ ſtrickend. Was war die Folge von dem Allen? An der Zuy⸗ derſee war ich fleißig geweſen, an der Tiber wurde ich faul. Der Pinſel blieb liegen, die Paletle fraß der Staub, der Malerkittel von Zwillich hing an der Wand, während das Sonntagswamms ſammt dem Feſtmantel von feinem brau⸗ nen Tuch täglich am Leibe des hochmüthigen Herrn ſpazieren getragen wurde. In Wirthshäuſern, bei Gelagen, in Kir⸗ chen und auf Straßen trieb ich mich herum, nach den Dir⸗ nen gaffend, nach Genuß haſchend, und dem müßiggehenden Wohlleben fröhnend; kam mit jedem Tage in Kunfifertigkeit zurück, und mußte aus demſelben Grunde von Tag zu Tage mehr verzweifeln jemals die Meiſterwerke erreichen zu kön⸗ nen, die in Rom zu jeder Stunde in Kirchen und Paläſten — das Auge des Kunftfreundes entzücken.— Hin und wieder kamen Augenblicke, in denen ich vernünftig wurde. Ich ſchämte mich dann vor mir ſelber, und machte Reu und Leid. Damit war es aber nicht gethan. Der beharrliche Wille fehlte, und ich ſank immer, nach einigen ohnmächtigen Ver⸗ ſuchen, in das alte Schlaraffenleben zurück. Meine Gön⸗ nerin, die Fürſtin, wußte natürlich von alle dem nicht das Geringſte, und ich erhielt beſtändig das Geld für meinen Unterhalt und für meine Lehre. Das ſchöne Silber floß aber entweder in die Beutel der Weinſchenken, oder als Zins in die Hände wuchernder Juden, oder in den Schoß leichtfer⸗ tiger Dirnen, und ich taumelte ohne Aufenthalt dem Ver⸗ derben zu;.. da geſchah es einmal... aber, Ihr hört ja nicht, lieber Herr! Ihr ſitzt auf Euerm Gaule, wie der Ritter Georg an der Münſterpforte zu Baſel auf dem ſei⸗ nen, ſteif und ſtarr! Meine Plauderei hat Euch gelang⸗ weilt, gelt?“ „Keineswegs,“ erwiederte Archimbald, ſich aus ſeiner Zer⸗ ſtreuung erholend, in welche ihn das Andenken an Woros⸗ dar und ſeine Abenteuer daſelbſt verſetzt hatte.—„Ich bitte Euch im Gegentheile weiter zu erzählen,“— ſetzte er hinzu, obſchon er von dem Vorigen wenig vernommen hatte⸗ —„Es geht hier bergan, und um es Euch, mir und dem Gaul bequemer zu machen, will ich abſteigen und neben Euch hergehen, bis auf die Höhe.“ Er ſtieg vom Pferde, ſchlang ſich den Zügel um den Arm, und ſchlenderte nun ganz gemächlich neben Erlwein her, der das Ränzel, ſich zu erleichtern, an dem Knotenſtock hängend über die Achſel warf, und den Faden ſeiner Erzählung wie⸗ der aufnahm. 5* 7 60 „Da geſchah es einmal,“ fuhr er fort,..„daß mir der Beutel leer geworden war, wie faſt noch nie. Ich trö⸗ ſtete mich indeſſen bald, da denſelben Tag ein Schreiben von der Mutter einlief, bei dem ein halb Dutzend Gold⸗ ſtücke lagen. Ich griff haſtig nach dem Gelde, ließ den Brief ungeleſen, und eilte zu Schmaus, Tanz und Vergnü⸗ gen. Vom Wein begeiſtert kam ich ſpät nach Hauſe, ſchlief den Rauſch aus, und erwachte ſpät. Mein erſter Blick fiel auf das ungeleſene Blatt, das auf dem Tiſche lag, wie ich es geſtern hingeworfen hatte. Noch im halben Schlafe griff ich darnach; aber ſowohl Schlaf als Trunkenheit verging mir gänzlich, als ich den Inhalt des unſeligen Schreibens las. Die Fürſtin hatte durch einen Doctor aus England, der in Rom geweſen war, und welchen der Teufel oder mein guter Engel gen Worosdar geführt hatte, woſelbſt er Gele⸗ genheit gefunden, meine Wohlthäterin aus gefährlicher Krank⸗ heit zu retten,— alles erfahren, meinen Müßiggang, mei⸗ nen lockern Lebenswandel.. alles in Allem. Sie hatte ihre Hand gänzlich von mir abziehen wollen, war aber durch die Thränen und Bitten meiner Mutter dahin vermocht wor⸗ den, mir beiliegende Summe zu ſchicken, mit dem ausdrüc⸗ lichen Befehle jedoch, mit dem Gelde hauszuhalten, flugs aufzupacken, und ſo ſchnell als möglich heimzukehren. Dieß alles hatte mir meine Mutter durch den Pfarrherrn Schöne⸗ mann ſchreiben laſſen, der noch aus eignem Antrieb die drin⸗ gendſte Aufforderung beigefügt hatte, auf der Stelle der Hofſtatt des babyloniſchen Kebsweibes zu entrinnen, und meine Seele aus den Klauen der Römiſchen zu retten, ehe es zu ſpät würde. Ihr könnt leicht denken, welchen Eindruck 61 dieſe Botſchaft auf mich machte. Die Abſpannung des Rau⸗ ſches vom vorigen Tage, das Bewußtſeyn meiner Schuld, die Scham über meinen Wandel, und, mehr als das alles, die entſetzliche Frage, die ſich mir plötzlich aufdrang: was ich wohl beginnen würde im weit entfernten fremden Lande, wenn meine Wohlthäterin ihre Hand gänzlich von mir ab⸗ zöge?.. beſtimmte in einem Nu meinen Entſchluß. Ich wollte Gehorſam leiſten, zurückkehren. Von dieſem Gedan⸗ ken erfüllt, ſprang ich auf, und wollte ſchleunigſt mit mei⸗ nem Gelde zu Rathe gehen, um zu berechnen, was mir nach Tilgung meiner dringendſten Schulden übrig bleiben würde. Welch ein Schrecken durchfuhr aber meine Gebeine, als ich mein Geld in allen Taſchen ſuchte, wieder und noch einmal ſuchte, und mir alle drei Male vergebliche Mühe machte? War mir mein kleiner Schatz, dieß mein Um und Alles, ge⸗ ſtohlen worden? Hatte ich ihn ſelbſt unbedachtſam verloren? oder hatte ich bei dem Nachhauſegehen der ſchönen Bettlerin, die mich beim Schein der Lampe, vor dem Marienbilde an einer Straßenecke um ein Allmoſen angeſprochen, in der Großmuth des Trunknen ſtatt einer Handvoll Bajoechi, eine Handvoll ungariſchen Goldes gegeben? Gott weiß es! Ge⸗ nug: Schatz⸗ und Reiſegeld, alles war weg, rein weg. Da ſtand ich Aermſter, wie vom Donner gerührt, mit geplün⸗ dertem Geldſäckel, viele hundert Stunden Wegs von der Heimatb entfernt, und ohne die geringſte Hoffnung, den er⸗ littenen Berluſt von der beleidigten Wohlthäterin erſetzt zu ſehen. Ich ſchrie mein unglück in die weite Welt aus, und machte das Uebel ärger. Mein Hauswirth fiel über meine wenige Habe her; mein Speiſemeiſter zog mir den Mantel vom Leibe; der Weinſchenke, dem ich für ſeine Forderung 62 eine Verſchreibung ausſtellte, die vielleicht im ewigen Leben erſt zahlbar wird, verwünſchte mich; und die Wucherjuden, denen für geliehenes Geld und rückſtändigen Zins das leere Nachſehen blieb, fluchten mir die zehn egyptiſchen Plagen an den Hals. Ich wendete mich an den wackern deutſchen Ma⸗ ler, bei dem ich im Anbeginn in Arbeit gegangen war, um ihn nachher gänzlich zu vernachläßigen,.. er wies mir die Thüre. Ich ſtellte meinen Zunftgenoſſen meine Lage vor; dem liederlichen hoffärtigen Bengel geſchieht's recht, ſprachen ſie, und drehten mir den Rücken; ich bettelte bei meinen Zechbrüdern, ſie lachten mich aus; ich forderte, was ich ibnen einſt ſelbſt geliehen,— ſie kannten mich nicht mehr; ich begehrte das Meinige mit Ungeſtüm,— ſie war⸗ fen mich zum Hauſe hinaus. Meine einzige Hoffnung be⸗ ruhte noch auf einem Bäckergeſellen, der mein Landsmann und mir einige Verbindlichkeiten ſchuldig war; allein, er war entweder zu arm, oder er fand keinen Beruf zu helfen; genug, auch dieſer letzte Strohhalm brach, und ich ſah mich ohne Rettung verloren, denn: auf's Gerathewohl hinaus zu gehen und mich durch's Leben zu ſchlagen, dazu war ich durch mein Wohlleben zu feige, zu muthlos geworden, und hätte in der That lieber den Tod als dieſen Ausweg ge⸗ wählt. Vom Dienſt unter den deutſchen Soldknechten auf der Engelsburg ſchloß mich meine Religion aus, ſonſt früh⸗ ſückte ich wahrſcheinlich in dieſem Augenblicke wit jenen Ehrenmännern und erfreute mein Herz in Zwiebeln, Ziegen⸗ käſe und ſchlechtem Brod. Ich entſchloß mich alſo kurz und friſch, der Welt valet zu ſagen, und ſuchte mir in der Tiber bereits ein Plätzchen aus, hinlänglich breit und tief, um ein ſchlechtes Leben bis an's Ende der Welt zu beherbergen, 63 ohne es wieder an's Tageslicht zu bringen;.. da kam mein Schutzgeiſt zn mir. Ein edler Mann, ein Deutſcher, der meine Verzweiflung bemerkt hatte und Menſchlichkeit genug beſaß, mich ihr zu entreißen. Gott ſegne ihn und ſchenke ihm heute einen guten Tag. Es mag jetzo etwas über's Jahr ſeyn, daß ich ihn kennen lernte. Er iſt Stallmeiſter im Dienſte der Markgräfin von Burgau, und befand ſich dazumal in eignen Angelegenheiten zu Rom. Er ſchoß mir eine Summe vor, mit der ich Rom getroſt verlaſſen konnte, und ſchlug ſtandhaft jeden Dank aus. Laßt das, ſprach der wackere Mann. Was ich euch gebe, iſt nur ein kleiner Theil von dem, was ich Hülfsbedürftigen zu geben gelobt habe; allein ich kann gegenwärtig nicht über einen größern ver⸗ fügen. Denkt zuweilen an mich, wenn's euch gut geht, und ſucht mich heim, wenn ihr an meiner Wohnung vorüberzieht. Somit ſchüttelte er mir die Hand und ich habe ihn nicht wieder geſehen. Seinem Empfehlungsſchreiben an den Abt von St. Blaſien im Schwarzwalde hatte ich es zu verdanken⸗ daß ich daſelbſt Arbeit bekam, und von einem gelehrten Kloſterherrn die Kunſt aus dem Fundament lernte, alte Ge⸗ mälde auf's beſte zu reinigen und wieder herzuſtellen. Da⸗ mals machte ich auch Eſchenreuters Bekanntſchaft, der noch auf der hohen Schule zu Straßburg die Arzneikunde ſtudirte, daneben aber Chemie und Alchymie eifrig trieb. Als er in der Folge wegen Rauferei und blutigen Händeln von der Schule gewieſen wurde, obgleich ſein Ohm ein ſehr geach⸗ teter Medicus in Straßburg iſt, ſo kam er zu mir, theilte mit mir Tiſch und Lager, und verſchaffte mir zum Lohne dafür einen Ruf nach Prag, wo man in der kaiſerlichen Burg eines geübten Mannes bedarf, um alte Gemälde, die der 64 Kaiſer vorzüglich liebt, zu putzen und aufzufriſchen. Eſchen⸗ reuter, der ſelbſt von dem ſpaniſchen Botſchafter dahin ver⸗ ſchrieben wurde, ſeiner ſeltenen Kenntniſſe in Alchymia we⸗ gen, unternahm die Reiſe mit mir, als meine Arbeiten zu St. Blaſien geendet waren. Wir wanderten fröhlich in die Welt, bis wir in Burgau das Abenteuer hatten, das uns in den Karzer brachte, aus dem unſere Pragerbriefe gehol⸗ fen haben. Freund Eſchenreuter iſt voraus gegangen, und ich pilgere nun über Worosdar, um der Fürſtin und meiner Mutter zu zeigen, daß es doch nicht ſo ganz übel mit mir ſtehen müſſe, weil man mir kaiſerliche Dienſte angetragen. Vielleicht fällt dann ein kleines Geſchenk ab, das ich nicht von der Hand weiſen werde, obſchon mich der Gang darum um das Vergnügen bringt, in Eurer Geſellſchaft gen Prag zu ziehen.“ „Nicht doch, guter Freund,“ rief Archimbald.„Ich ziehe mit Euch über Worosdar nach Prag. Der kleine Umweg iſt keineswegs abſchreckend für einen rüſtigen Burſchen wie ich. Wir bleiben zuſammen.“ „Iſt's Wahrheit?“ fragte Erlwein verwundert und kaum ſeinen Ohren trauendz...„Ihr wolltet.. 2 „Ja doch! ich will.“ „Und wegen des Pferdes, daß Ihr kaufen und mir leihen wolltet 2. „Tragt deßhalb keine Sorge. Ich halte mein Wort.“ „Nu. hier blieb Erlwein mitten auf der Straße ſtehen, ſtemmte beide Arme in die Seiten, und ſchaute dem Begleiter drollig neckend in's Geſicht.„Nu bei meiner Treu! da konnte ich nicht zu beſſerer Stunde ausgehen. Ich komme ſchnell von dannen, und wenn die Leute zu Worosdar mich einreiten ſehen, zu Pferde, an der Seite eines ſchmucken jungen Herrn. puh! wie werden ſie die Hälſe ſtrecken! Mit welchen Augen ſie mich betrachten werden! Wie ganz anders, als wenn ich zu Fuß, mit dem Ränzel auf dem Rücken durch den Koth angewatet käme, wie ein jeder ge⸗ meiner Handwerkslümmel! Gott vergelt's Euch, was Ihr an mir zu thun geſonnen ſeyd.— Wie man ſich doch irren kann! Als wir in Burgau auf eine Streu kamen,(was auch nicht geſchehen ſeyn würde, wenn nicht mein wackerer Stallmeiſter mit der Frau Markgräfin verreist geweſen wäre,) hielten wir beide, Eſchenreuter und ich, den neuen Ankömmling für einen Landſtreicher, oder etwas ärgeres⸗ und jetzo, ich muß Euch noch heute um Verzeihung bitten wegen der Keckheit, mit der ich nach dieſem blitzenden Dolch zu greifen wagte, der gegenwärtig ſo prahlend an Euerm Gür⸗ tel hängt, dazumal ſich aber unter Lumpen hervorſtahl. Damals und jetzt! Geſtern im Bettlerkittel⸗ heut im feinen Tuch⸗ wamms. Ich laſſe mir's nicht nehmen, Ihr ſeyd entweder ein vornehmer adeliger Junkherr, oder ein Neuſonntags⸗ kind oder„doch es ſchickt ſich nicht, zu ſagen, was ich jetzt gerade denke.“ „Oder?“ fragte Archimbald lächelnd;„heraus damit!“ „Oder... ein Baſtard 1 platzte Erlwein heraus,„denn den Fallkindern wie den Neuſonntags⸗ und adelichen Buben läßt das Schickſal die gebratenen Schnepfen in's Maul flie⸗ gen.— Nun, nun⸗ macht nur kein mürriſch Geſicht, lieber Herr, ich hab' es ja nicht böſe gemeint, und an mein vor⸗ lautes Maul müßt Ihr Euch ſchon gewöhnen; ich bin bereit Euere ehrliche Herkunft zu beſchwören, ob ich Euch gleich 66 nicht kenne, um zu beweiſen, daß ich kein boshaftes Wort geredet habe.“ „Schon gut, Landsmann!“ verſetzte Archimbald, ſein Mißvergnügen unter erzwungener Freundlichkeit verbergend. „Die Sonne ſteigt aber ſchon hoch, und wenn wir, wie bis⸗ her, neben einander her wandeln, werden wir nicht weit kommen. Am Beſten wird ſeyn: Ihr nehmt, ſo gut es der Raum erlaubt, hinter mir auf dem Gaule Platz, bis wir das nächſte Städtlein erreichen. Legt mir Euer Ränzlein vorne hin auf den Sattel— ſo! Jetzt ſchwingt Euch auf, und haltet Euch an meinem Gürtel. So! Sitzt Ihr feſt?“ „Ich denke, ich ſitze ſo feſt, als es angeht!“ entgegnete Erlwein, und nahm ſo gut es ſich thun ließ, von dem ge⸗ fährlichen und unbequemen Platze Beſitz. „Warte! Dir will ich den Baſtard eintränken, Du unge⸗ geſchlachtes, ungewaſchenes Maul!“ dachte ſich Archimbald in ſeinem argen Sinn, und ſpornte den Gaul bald dermaßen an, daß dem Doppelreiter Hören und Sehen verging, und er alle Beſinnungskräfte nöthig hatte, ſich auf dem Pferde zu erhalten. Im Anbeginn klagte und jammerte er; als er aber merkte, daß Archimbald zu ſeinen Seufzern lachte, ſo verſchloß er ſeine Angſt in der verſchwiegenen Bruſt, und klammerte ſich ſo kletter⸗ und eiſenfeſt an den Vordermann, daß derſelbe gerne in kurzer Friſt das Roß langſamer gehen und verſchnaufen ließ, um nicht von dem Aufhucker im Sat⸗ tel erſtickt zu werden. „Wir können Beide boshaft ſeyn, wie ich merke,“ ſprach hierauf Erlwein, der mit Zufriedenheit den Erfolg ſeines Kunſtgriffs wahrnahm.„Wenn Ihr mir aber wegen meines unbedachtſamen Worts von vornhin den Schabernak geſpielt — habt, ſo laßt es gut ſeyn, und uns“ de bleiben. Ich gebe Euch auch mein Wort, nimmer votwitzig zu ſeyn, be⸗ ſonders da ich ſehe, wie Ihr ſo ſchnell und unverſöhnlich Rache zu nehmen pflegt.“ Archimbald nickte ihm freundlich und verſöhnt zu, und der Gaul trug ſie leichter und gemächlichen Schritts in Kur⸗ zem an das Thor des Städtleins, wo für den neuen Reiſe⸗ gefährten geſorgt werden ſollte. Sie hätten auch zu keinem für ihr Vorhaben günſtigern Zeitpunkt daſelbſt ankommen können. Es war Jahrmarkt in dem Städtchen, die Heerſtraße beſät mit Menſchen, die ihn zu beſuchen, davon zurück gingen. Im bunten Zuge drängten ſie ſich an's Thor, wo die ſtattlich geputzten Wäch⸗ ter, auf gebänderte Spieße gelehnt, ſchon im Voraus die Jahrmarktsgerechtigkeit beurkundeten. Zu Pferde, zu Wagen und zu Fuß ſtrömte die Menge in den Straßen und zwiſchen der auf dem Markte aufgeſchlagenen Budenreihe umher. Friſches Leben, luſtige Regſamkeit, wo man nur hinſah; Getümmel und fröhliches Geſchrei, wo man nur hinhorchte. Kaum war es Mittag und ſchon erklangen ringsum die ſchnarrenden Fideln, die ſchmetternden Schalmeien. Während ältere Landleute und Bürger Erholung an dem reichhaltigen Imbiß ſuchten, den der Wirth für ſchweres Geld und gute Worte auftiſchte, ſchwenkten ſich ſchon die Dirnen mit den jungen Burſchen im Tanzſaale. Die Käufer wirbelten noch auf dem Markte hin und her. Dort rumpelte der mit Säcken und Kiſten hochbeladene Karren eines Landpfarrers zum Thore; hier verzweifelte eine alte Bäuerin daran, ihre widerſpenſtige Ziege durch's Gedränge zu bringen. Auf je⸗ ner Seite kramte ein Quackſalber ſeinen Theriak aus; auf 68 dieſer wurde 6 auf dem Betrug ertappt, jämmerlich durchgeprügelt. Hiüter jener Bude foste ein liebendes Pär⸗ chen mit Kuß und ſüßem Geflüſter; hinter dieſer theilten ein Paar Gauner die flink gewonnene Beute. Kaum konnten die Reiſenden auf einem Gaule ſich durch das Gewühl zu der Herberge arbeiten, die auf dem Kirchplatze, mit vergol⸗ detem Schilde weit in die Ferne prangend, ſich den Fremden als die beſte empfahl. Ein dicker Krautjunker jedoch, der im hellrothen, gelb verzierten Feiertagswamms auf den Jahr⸗ markt zur Freite geritten war, machte, Dank ſey es den ſchwerfälligen Tritten ſeines Holſteiners, Bahn gegen das Wirthshaus, und Archimbald nebſt ſeinem Hintermann, der nicht ungeneckt davon gekommen war, erreichte endlich mit angeſtrengter Mühe den Hafen. Dem Gaule ward der Stall, den Reitern die Stube geöffnet, die ſo voll gepfropft von eſſenden, zechenden und plaudernden Gäſten war, daß nur das vornehme Ausſehen Archimbalds und des blitzenden Dolchs an ſeinem Gürtel, ihm und ſeinem Diener, für welchen die Kellnerin den Maler ſchlechthin annahm, ein Plätzchen in der Ecke verſchaffen konnte. Erlwein fiel er⸗ ſchöpft auf die Bank, und leerte den erſten Krug auf einen Zug.„Lieber Herr,“ ſprach er,„nehmt's nicht übel, ich verſchmachtete aber ſchier vor Durſt, und der Qualm in der niedern Stube iſt mir ſo erſtickend auf die Bruſt gefallen, daß ich der kühlen Fluth bedurfte, wie ein Fiſch der ſeinigen.“ „Auf Euer Wohl, gnädiger Junkherr!“ lächelte die Kell⸗ nerin, ein braunes Mägdlein mit ſchwarzen Schelmenaugen, Archimbalden zu, und kredenzte ihm den friſchen Humpen. „Ich bring's Euch!“„Schönen Dank, lieb Mädel,“ erwie⸗ derte der Jüngling, und umfaßte der Dirne ſchlanken Leib. 69 —— „Der Trunk, von dem Deine kuſſigen Lippen genippt, ſoll mir doppelt ſchmecken.“ Nit gezierter Verſchämtheit wand ſich die Leichtfertige aus ſeinem Arm, und ſprang eilig da⸗ von, um das beſtellte Mahl für den angenehmen Gaſt zu veſorgen. Archimbald ſtarrte ihr mit glühenden Augen nach. Erlwein aber ſpottete:„Ihr brennt ja lichterloh, mein lie⸗ bes Herrlein. Kömmt mir's doch vor, als gucktet Ihr zum Erſtenmale in die Welt, da Euch das lüſterne Ding alſo in Flammen ſetzt. Laßt Euch aber ſolches vergehen⸗ lieber Herr. Solche Dirnen ſind nicht für Leute Eueres Standes, und der Edelmann, der ſich zu ihnen heruntergibt, iſt entweder ein verdorbener Geſell oder auf dem Wege, ein ſolcher zu werden; denn er hat blos das Vergnügen, an Sonn⸗ und Feiertagen den Hausknecht abzulöſen, der alsdann keine Zeit hat, die Liebkoſungen⸗ mit welchen er die Woche hindurch ſo freigebig gegen ſeinen Herzensſchatz iſt, an Mann zu bringen. Wer Pech angreift, beſudelt ſich. Glaubt mir, ich rede aus Erfahrung, und mancher ſchmucke Junker könnte aus dem Schatzkäſtlein meiner Praxis Nutzen ziehen. An Euerer Stelle würde ich die kleine ſchwarze Hexe mit den plumpen Füßen und den rothen aufgedunſenen Fäuſten ſtracks vergeſſen, und lieber nach den Frauen ſchielen, die dort um die Ecke auf das Haus zugeritten kommen. Alle Wetter! das ſind Geſtalten! Seht nur!“ S Alle Anweſenden ſtürmten bei dem Klang einer Trompete, die über den Markt herüber ſchmetterte, an die Fenſter; Ar⸗ chimbald ſprang mit ſeinem Begleiter in die Hausthüre. Zwei Trompeter in koſtbarer Liverei ſaßen ſo eben ab. Ein blaſſer Herr, in grünen Unterkleidern und aſchgrauem mit Pelz verbrämten Reiſerocke, kam dicht hinter ihnen ange⸗ ſprengt, und ihm folgten, in langſamem Schritte durch das Volk reitend, das links und rechts ehrfurchtsvoll auswich, fünf Damen in ſchwarzen Gewändern. Eine Sänfte, von Maulthieren getragen, ein geſchloßner Rüſtwagen, und ein zahlreiches Geleit von bewehrter Dienerſchaft ſchloß den Zug, der vor dem Gaſthauſe hielt.„Das ſind die Farben von Burgau,“ flüſterte Erlwein ſeinem Begleiter zu;„und die Trompetenfähnchen tragen das markgräfliche Wappen.“ Mittlerweile waren die Damen nahe gekommen. Der aſchgraue Herr hatte ſich vom Gaule geworfen, und ging denſelben entgegen. Die zwei Vorausreitenden waren un⸗ ſtreitig die vornehmſten der Ankömmlinge; ihre ſtolze Hal⸗ tung auf den Roſſen, wie auch die eng anſchließenden Ge⸗ wänder verriethen edle Formen; allein die Geſichter waren von neidiſchen Reiſemaslen bedeckt. Die drei übrigen Frauen ſchienen Dienende zu ſeyn; denn aus ihren unverhüllten Zü⸗ gen ſprach Unbedeutendheit und der Gleichmuth derjenigen, die es gewöhnt ſind, willenlos fremdem Gebote zu folgen.— Die Roſſe ſtanden; der Wirth, die grüne Sammtmütze unter dem Arme, erſtarb vor unterthäniger Demuth auf der Schwelle des Hauſes, und der aſchgraue Reiter bot mit ei⸗ nem tiefen Bückling und den ehrfurchtsvollen Worten:„Er⸗ laubt, gnädigſte Frau Markgräfin der einen Verlarpten die Hand, ihr auf den Boden zu helfen. Im ſelben Augenblicke ſprang ein unehrerbietiger Hofhund bellend zwiſchen die Pferde hinein, und machte ſie durch den überraſchenden An⸗ fall ſcheu. Jenes der Markgräfin bäumte ſich und ſtieg in die Höhe; mit einem leichten Schrei riß die erſchrockene Rei⸗ terin am Zaume, und verdarb dadurch alles. Das Roß 73 wurde wilder, der Reiſemarſchall ſprang, beſorgt für ſeine Gliedmaßen, auf die Seite, und die Diener hatten mit ih⸗ ren eigenen unruhig werdenden Roſſen zu thun.„Wer hilft?“ ſchrie die Begleiterin der Markgräfin ängſtlich; aber die Ruhe war wieder hergeſtellt, ehe ſie geendigt hatte, denn Archimbald war dem tollen Pferde in den Zügel gefallen⸗ und es gehorchte ſeiner ſtarken Fauſt. Ehrfurchtsvoll bot er der erlauchten Reiſenden ſeine Hülfe an. Mit dankbarer Kopfneigung bediente ſie ſich derſelben, und ſprang, dem herzueilenden Marſchall einige ſpöttiſche Worte zurufend, an des Retters Hand zur Erde. Die Dienerſchaft ringsumher war abgeſeſſen, und noch hielt die Begleiterin der Fürſtin zu Pferde. Der beſchämte Narſchall wollte auch ihr ſeine Dienſte weihen, allein auch ſie verſchmähte dieſelben.„Schämt Euch, Herr Marſchall,“ rief ſie dem Muthloſen verächtlich zu;„war das ritterlich? Der beherzte junge Mann, welcher that, was Ihr nicht laſſen ſolltet, wird Euern Dienſt auch bis zu Ende verrichten.“ Der arme Marſchall ſtand verdutzt, und Archimbald flog zu der, welche ſeines Beiſtands begehrte.„Wie lange ſoll ich noch auf Euch warten?“ rief indeſſen die Markgräfin, die von ihren Frauen umgeben vor dem Hauſe ſtehen ge⸗ blieben war.„Euern Arm, Freiherr!“— Zitternd folgte dieſer der ſtrengen Mahnung, während der glücklichere Ar⸗ chimbald ſeiner Dame vom Pferde geholfen, die blitzenden Augen, die durch ihre Maske ſtrahlten, bewundert, und durch den leichten Handſchuh hindurch den dankbaren Druck ihrer füllreichen Hand empfunden hatte. F Die Schnelligkeit, mit der die Schwalbe zieht Im blauen Himmelsfelde, wünſcht' ich mir, Dich, holdes Kleinod, früher zu umfangen! Anonymus. „Wer doch auch ſo gewandt, ſo ſchmuck und angenehm wäre, wie Ihr!“ lachte Erlwein, als er hinter den unge⸗ heuern Klößen ſaß, die mit Schweinefleiſch und Backobſt vergeſellſchaftet den hungrigen Reiſenden aufgetiſcht worden waren.„Der hagre Freiherr mußte mit langer Naſe ab⸗ ziehen, und die edeln Frauen riſſen ſich um Euch. Nach meinem ſonnverbrannten Geſichte, über das allerlei Linien und Heerſtraßen des Lebens laufen, hat ſich noch keine ein⸗ zige umgeſehen. Es iſt nur Jammerſchade, daß Ihr Euch nicht auf der Stelle eine Gnade ausgebeten. Es wäre viel⸗ leicht ein geſchenktes Pferdlein abgefallen, und Ihr hättet nicht nöthig, eins zu kaufen.“ „Wie geſchickt Ihr mich doch an mein Verſprechen zu mahnen wißt!“ erwiederte Archimbald lächelnd, und gab ſogleich an Wirth und Knecht die nöthigen Befehle, einen 73 — Klepper, der feil ſey⸗ aufzutreiben. In einem Nu wimmelte es um ſeinen Tiſch von Roßtäuſchern und verkaufsluſtigen Bauern; vor dem Fenſter taumelten ſich die Gäule ſchaaren⸗ weis. Erlwein prüfte, wählte, und Archimbald zahlte, ohne viel zu handeln, den Kaufpreis für den erleſenen Schimmel. Erlwein beſorgte dem Letztern ſogleich eine warme Stelle neven ſeinem zukünftigen Reiſekumpan, und machte ſich wie⸗ der wohlgemuth an den Abhub der Mahlzeit. Draußen in der Küche wurde indeſſen geſotten, gekocht und geröſtet, um der hohen Herrſchaft, die von der Oberſtube Beſitz genommen hatte, über Hals und Kopf die Tafel zu beſorgen. Die geſchäftigen Anordnungen⸗ das ungeſtüme Treiben im Hauſe, die herriſchen Befehle des markgräflichen Kochs, der die Vorrathskammer der Herberge in Anſpruch nahm, und darin⸗ nen hauste, wie in einer mit Sturm genommenen Stadt, friſchten in Archimbalds Gehirn das Andenken an das kleine Abenteuer von vorhin zur lebhaften Neugierde auf.„Wer mag wohl die Frau ſeyn, die neben der Markgräfin daher⸗ ritt?“ fragte er ſeinen Gefährten. Dieſer zuckte die Achſeln, und bedauerte, daß der Stallmeiſter, den er von Rom aus kenne, ſich nicht unter dem Dienertroß befinde; ſonſt wollte er ſchnell von allem unterrichtet ſeyn.“ Archimbald warf ſich nnmuthig in Seſſel zurück, und durch Lufall klangen einige Worte in ſein Ohr, die ihn vermuthen ließen, es ſey von der hohen Fremden dicht neben ihm die Rede. Er hatte ſich auch nicht getäuſcht, wie er beim Umſchauen bemerkte. Der Schulmeiſter des Städtleins war eben im Zuge, einigen Bürgern im engſten Vertrauen die Lebensgeſchichte der Mark⸗ gräfin von Burgau zu entwerfen. Das ſtarke Bier hatte jedoch die Häupter der ehrenwertben Zuhörer, 66 die Zunge 92 — 74 des gelehrten Erzählers dermaßen begeiſtert, daß, ob ſie gleich die Köpfe geheimnißvoll zuſammenſteckten, die Worte wider ihren Willen ziemlich hörbar fielen, und von dem aufmerkſamen Nachbar deutlich vernommen werden konnten, wenn ſchon das Getümmel in der Stube ſie für jeden ent⸗ fernter ſitzenden Gaſt unverſtändlich machte. „Ihr könnt mirs ſicher glauben, ihr Tröpfe,“ ſprach der Schulmeiſter, und wiſchte ſich die Schweißtropfen von Stirn und Naſe.„Erſt vorgeſtern hat es mir Schmiednatzls Knecht erzählt, der, wie Ihr wißt, vor einer Woche gerade aus der Fremde gekommen iſt, und zuletzt in Düſſeldorf gearbeitet hat. Düſſeldorf iſt aber eine weltberühmte Stadt am Fluſſe Rhenus, heißt auf deutſch: der Rhein. Sie liegt in der Gegend von Trier oder Mainz, ober⸗ oder unterhalb Cölln. Das konnte mir Schmiednatzls Knecht nicht genau angeben, und es gilt Euch gleich, nicht wahr? mir auch. Düſſeldorf iſt aber gottlob ächt und rein katholiſch, wie ich beinahe glaube. S wäre wohl möglich, daß es ketzeriſch wäre, aber ich wills nicht hoffen. Zugleich iſt es die Reſidenz oder Hofſtatt eines gewiſſen Herzogs von Cleve, Berg und Jülich, der uns nichts angeht, weil wir ſchon einen andern haben, der uns die Paar Kreuzer abnimmt. Nicht wahr?“ „Es iſt Philoſophie in des Schulmeiſters Rauſch;“ flüſterte Erlwein dem horchenden Archimbald in die Ohren. Der Erzähler wiſchte ſich aufs Neue mit dem Aermel Stirn und Naſe ab, und fuhrt fort: „Da wir nun, wie ich glaube, bei dem Herzoge ſtehen geblieben ſind, ſo iſt es an der Zeit, Euch zu bemerken, Ihr unwiſſenden Leute, daß derſelbe das Unglück hat, mond⸗ ſuͤchtig zu ſeyn, wie mans nennt; verſteht Ihr mich? allein nicht dergeſtalt, daß er umherwandle bei Nacht und Nebel; ich meine damit nur, daß er, wie man ſo ſagt, verrückt und toll ſey zu Zeiten. Denn die vornehmen Herren und Frauen ſind, denke ſich, ebenfalls im Grunde nur Menſchen, wie wir⸗ wenn ſie ſich gleich einen Brocken mehr aus der Schüſſel nehmen dürfen, als Ihr, die Ihr nur eine dumme Herde vorſtellt, deren geplagte Hirten ich und der Herr Pfarrer ſind. Der gute Herzog von Cleve iſt vor mehreren Jahren ebenfalls nicht wohl bei Sinnen geweſen, und hat eine Frau genommen, eine geborne Markgräfin von Baden, Jacobea benamſet, ein gar holdſeliges Prinzeßlein, voll Verſtand und Lieblichkeit. Zur gleichen Friſt ſollte ſich des Herzogs Schweſter mit dem Bruder der Jacobea verehlichen. Der⸗ ſelbe fand aber für gut, vor dem Beilager das Zeitliche zu geſegnen. Er war nicht recht geſcheid, daß er nicht erſt nach demſelben ſtarb; allein, das kümmert Euch nicht, nicht wahr? mich auch nicht. Der Jacobea wäre es wohl beſſer bekommen, wenn ihre Schwägerin Sibylle aus dem Hauſe gekommen wäre, denn ſie lebten wie Katze und Rattmaus; und als dann die Prinzeſſin in der Folge den Markgraf von Burgau ehlichte, war ſchon der Haß zwiſchen ihr und der Herzogin unauslöſchlich geworden, wie Euer Durſt, Ihr bodenloſe Gurgeln!— Mein Humpen iſt ſchon wieder von. Euch leer geſoffen worden, und jetzt bedarf ich erſt Anfeuchtung, weil das Schauerliche der Hiſtorie kömmt.“ Dem Mangel wurde ſchnell abgeholfen, die Köpfe ſchoben ſich enger zuſammen, und der Schulmeiſter fuhr mit ge⸗ dämpfter Stimme fort: Die arme Jacobea hatte ein trauriges Leben bei ihrem — Ehegemahl, der, wenu's ihm drunter und drüber im Kopſe ging, ſie mißhandelte, ſchimpfte und prügelte, gerade wie Ihr, Grobians, es mit Euern Weibern zu halten pflegt, wenn Ihr betrunken nach Hauſe kommt, und ſie Euch das Maul anhaͤngen, wohlverdienter Weiſe; denn die Trunken⸗ heit iſt ein großes Laſter, dem Ihr Vollhänſe leider ergeben ſeyd, und noch zehn Mal ergebner ſeyn würdet, wenn ich mich nicht mit Lehre und Beiſpiel gegen das Unheil ſtemmte, und der Herr Pfarrer hin und wieder ebenfalls.“ Die Zuhörer lächelten verlegen, der Erzähler aber nahm einen tüchtigen Schluck und ſetzte den Stab ſeiner Rede weiter fort: „Am grimmigſten waren aber, durch Frau Sibyllen, die Markgräfin nämlich, die ober unſern Häuptern ihr Mittags⸗ mahl hält, aufgehetzt, die Landſtände wider die arme Her⸗ zogin aufgebracht, weil ſie keinen Prinzen zur Welt brachte. Denn Ihr müßt wiſſen, daß in ſelbigem Herzogthume auch die adelichen und gelehrten Leute dem Herrn in den Topf gucken, ihm Salz und Brod zur Tafel zuwiegen, und den armen Unterthanen heute einen halben Heller an den Steuern ſtreichen, aber morgen einen ganzen mehr auflegen. Ihr kennt das, und ſeyd nicht gar ſo dumm, daß Ihr mich nicht verſtehen ſolltet. Die Landſtände maulten alſo, wie geſagt, und die Herzogin weinte. Aber trotz Weinens und Maulens wollte dennoch kein Prinz kommen. Woran es lag, weiß ich nicht; geht Euch auch nichts an, nicht wahr? mich auch nicht. Das Feuer fing aber an zu brennen. Die Burgauiſche Markgräfin, die, weil ihr Ehegemahl gegen die Türken fechtet, mir nichts dir nichts im Land herumreiſ't, kam auch nach Düſſeldorf, um den Bruder zu beſuchen, wie es hieß, und blies in die Flamme. Mit einem Malc, was geſchieht? Die Landherren nehmen die arme Jacobea ins Gebet, und ſperren ſie ein. Die Markgräfin hetzt und ſchürt, die Her⸗ zogin wird beſchuldigt, ſich mit einem andern Manne, als dem Angetrauten ſündlich vergangen zu haben, und ohne ihr Ja oder Nein zu erwarten, haut man ihr den Kopf ab, zu Düſſeldorf im Schloſſe. So erzählt es des Schmiednatzls Knecht; ob er ſelbſt dabei geweſen iſt, weiß ich nicht, geht mich aber auch nichts an. Nicht wahr, Euch ebenfalls nicht? Genug, wahr iſt es, die Herzogin iſt todt, und die Mark⸗ gräfin der nach dem Stückchen kein Biſſen ſchmecken würde, wenn ſie in meiner Haut ſtäke, reiſ't wohlgemuth nach Prag, um daſelbſt am kaiſerlichen Hofe ihrem Gewiſſen den Maul⸗ korb anzulegen, wie Ihr, faule Schlingel, es mit Euren Hunden halten ſolltet, damit ſie mich nicht mehr in die Waden beißen, wenn ich zum Frühläuten zur Kirche tappe. Verſtanden?— Der Krug iſt wieder leer, und ich muß in die Veſper. Ihr würdet ebenfalls wohl thun, wenn Ihr nach Hauſe gingt und Euern Weibern die Hiſtorie von der armen Herzogin Jacobea erzähltet, damit ſich die guten Thiere ihres Lebens freuen, und ſich Glück wünſchen mögen⸗ daß ſic an Euch ſchlechtes Geſindel verheirathet worden ſind, und nicht an einen Herzog. Wenn ſie Euch, betrunknen Lümmeln, auch hin und wieder ein 2 für ein U machen, ſo ſteht doch ihr Hals feſt, und mit einem Bischen Schimpf iſts abgethan, wenn Ihr nicht vernünftig genug ſeyd, es um Eurer ſelbſt willen bei'm Knieriemen, bei'm Stock oder bei'm Ochſenziemer bewenden zu laſſen.“ Schäkernd und lachend ſchied die ſtark bezechte Geſell⸗ ſchaft von einander, und Archimbald folgte ihnen, von dem in der Ecke eingeſchlummerten Erlwein unbemerkt. Er hätte 78 vieles darum gegeben, die Frau, von der man ſo viel Böſes erzählte, von Angeſicht zu ſehen; allein wie zu dieſem Zwecke gelangen? Es war im Grunde mehr als dieſes Verlangen, das ihn beſeelte. Die Unbekannte, der Markgräfin Beglei⸗ terin, die ihm ſo freundlich, und bedeutender als es der Un⸗ verdorbne ahnte, die Hand gedrückt hatte, deren volle und zierliche Geſtalt ſeltene Reize verſprach,„ ſie wünſchte er ohne Larve und Vermummung zu ſehen, zu bewundern.— Er ſchlich an der Treppe vorüber, die in des Hauſes obern Stock führte ſie war von der ruhenden Dienerſchaft belagert. Er warf einen ſehnſüchtigen Blick nach den Fen⸗ ſtern, die ſich gegen den Markt öffneten.... Nicht das Geringſte zu ſehen.— Verdrüßlich ging er in den Hof, ſchlenderte zum Stalle, ſah nach ſeinen Roſſen, lehnte ſich nachſinnend von unzähligen Gedanken beſtürmt, an die Gartenthüre, und ließ den Blick über die Felder und Beete ſchweifen, aus denen ſchon des Frühlings zarte Kinder die grünen Häupter ſtreckten; da vernahm er ein Geflüſter wie von weiblichen Stimmen. Hoffend und ahnend blickte er um, und gewahrte die Markgräfin und ihre Begleiterin, die, zur Weiterreiſe gerüſtet, die läſtigen Masken vor dem Geſichte, auf der Altane des Hauſes ſtanden, und eifrig ſich zu unterhalten ſchienen. Schnell wie ein Gedanke flog ſein Auge erdwärts, und, als ob er die Frauen nicht bemerkt hätte, ließ ſich der Schlaue auf eine Bank an dem Garten⸗ zaune nieder, wendete ſich zur Seite, und ſtellte ſich an, als ob er in die blaue Luft hinausſähe, während ſein lauern⸗ des linkes Auge, unter der Wimper hervorſchielend, jede Vewegung der auf der Altane ſtehenden Frauen wie einen Schatz belauerte und hütete. Sein Vunſch gelang, die Belauſchten wurden getäuſcht und wähnten ſich unbemerkt. Ihr Geflüſter wurde eifriger und leiſer.. ſie ſprachen von dem Jüngling, wie die unmerklichen Geberden ihrer Hände und die Wendungen ihres Haupts bezeugten. Die Markgräfin legte endlich, der Nachbarin Stillſchweigen ge⸗ pietend, den Finger auf den Mund, und beugte alsdann ihren Kopf zu derſelben nieder. Mit leichten Fingern löste die Gefällige die Larve der Fürſtin vom Geſichte, und Archim⸗ balds diebiſcher Blick erſpähte verſtohlen ein etwas blaſſes aber wohl geformtes Antlitz mit großen dunkeln Augen⸗ majeſtätiſch und befehlend, obſchon der liebliche und aus⸗ drucksvolle Mund auch das Daſeyn weicherer und zärtlicher Empfindungen verrieth. Des leicht gerührten Jünglings Buſen ſchwoll in ſanfter Regung bei dem Anſchauen der ſchönen Fürſtin; aber als ſie ſich anmuthig zu der Gefährtin bog, ihre weiße Hand der Dienſtfertigen Gleiches mit Glei⸗ chem vergalt, und endlich von dem Aaklitz der Letztern die Maske ſiel, da trat ihm die Röthe des ſeligſten Entzückens auf die Wange. Denn eine blendende Schönheit, dieſer zu vergleichen, die ſich ſeinem bezauberten Blick enthällte, hatte er noch nie geſehen. Leilas und Zenidens Reize, Ludmillens überirdiſche Anmuth— ſie mußten weichen vor dieſem Antlitz, umfloſſen von hellbraunem lockigen Haar; vor dieſen großen dunkelblauen Augen, die ein unendliches Sehnen in ihrem milden Strahle trugen; vor dieſen Lippen, den holdeſten Vergelterinnen der Liebe. Eine feine Röthe überzog die Wangen, friſche Weiße überglänzte den vollen Hals und die ſchönen Buſenhügel, die ein dünner Flor nur verrätheriſch verbarg. Der Lauſchende ſaß wie verſteinert. Die beiden Schönen erregten aber ein verabredetes Geräuſch, das die —5 80 Aufmerkſamkeit des Jünglings wecken mußte, wollte er nicht für taub gelten. Archimbald ſah alſo empor, weidete ſich einen Augenblick an dem Himmel, der ſich ihm aufthat, wie die Himmliſchen ſich an der Schamröthe und Verwirrung des kräftigen Noſſebändigers weideten, und ging darauf, nach raſcher und threrbietiger Verbeugung, welche verbindlich erwiedert wurde, über den Hof in's Haus zurück. Das Ge⸗ tümmel der Gäſte hatte ſich auf den Markt gezogen, die Stube war leer und Erlwein ſchlief noch immer behaglich in der Ecke. Archimbald wandelte ungeduldig hin und her und überlegte, ob es gercthener ſey, abzureiten oder zu bleiben bis zur Abeiſe der ſchönen Frauen. Seine Vernunft entſchied für das Erſtere, ſein Herz für das Letztere. Der Eintritt eines markgräflichen Dieners endigte den ungleichen Streit. Der Höfliche lud Archimbald zu dem Herrn Reiſe⸗ marſchall von Keppenbach ein.„Hm!“ brummte der Ge⸗ ladene,„der Herr Marſchall hat ſo weit zu mir, als ich zu ihm. Ich wüßte alſo nicht, warum.. „Se. Geſtrengen haben aber gewünſcht antwortete der Diener dringend und bittend.„Der Herr Marſchall wartet auf dem Gange draußen.“ „Nun, um die Paar Schritte mag's ſeyn,“ erwiederte Archimbald gleichgültig, im Herzen aber erfreut über die mit ſeinem geheimen Wünſchen übereinſtimmende Botſchaft, und ging hinaus, wo der aſchgraue Pelzrock auf und nieder wandelte. „Was verlangt Ihr von mir, Herr Reiſemarſchall?“ fragte Archimbald kurz und unbefangen. Der Marſchall ſtand, muſterte ihn von oben bis unten, pielte eine Weile mit der Reitgerte um Mund und Kinn, — 81 ₰ und verſetzte dann mit hochmüthigem und ſchnarrendem Tone: „Meine durchlauchtigſte Gebietern; die gnädigſte Fürſtin und Markgräfin zu Burgau, wünſcht, da Ihr, mein unbekannter Herr, doch einmal ſo glücklich waret, Hochderſelben einen, wiewohl geringen Dienſt zu leiſten, auch Euern Namen zu wiſſen! weshalb ſie mich hieher geſandt, denſelben aus Euerm Munde zu vernehmen,“ „Mit meinem Namen, wie mit meinem Leben,“ entgeg⸗ nete Archimbald keck,„ſtehe ich der gnädigen Frau Mark⸗ gräfin zu Dienſten. Ich heiße Archimbald von Bühl.“ „Adelich alſo?“ fragte der Marſchall verwundert. „Freiherr,“ verſetzte Archimbald ſchnippiſch und boch; „Freiherr ſo gut wie Einer, Herr Marſchall. Verlaßt Euch darauf.“ „Hm!“ ſprach der Herr von Keppenbach,„von Bühl? Ich kenne doch die meiſten adelichen Geſchlechter, aber dieſes iſt mir unbekannt.“ „Thut mir leid,“ erwiederte der neugebackene Edelmann. „Es iſt ein uraltes ſchweizeriſches Geſchlecht. Unſere Güter liegen in Burgund.“ „So, ſo!“ verſetzte der Marſchall mit einem Bückling. „Und Euer Stand⸗ mein edler Herr?“ „Ich bin Student,“ entgegnete Archimbald,„oder beſſer: ich war's. Ich habe ſo eben die hohe Schule zu Baſel ver⸗ laſſen, und meine Reiſen angetreten.“ „Die hohe Schule zu Baſel?“ wiederholte der Marſchall. „Ihr ſeyd Proteſtant demnach?“ „Ei behüte!“ lächelte Archimbald, der ſich in ſeinem Vorgeben verſtiegen hatte.„Ich bin ein alter Ebriſt. Der 82 Glaube hat mit dem Studium nichts gemein. Befehlt Ihr ſonſt noch etwas? Ich bin geſonnen, zu Gaule zu ſteigen.“ Der Marſchall ſtand noch einige Augenblicke, betrachtete die Schnäbel an ſeinen Stiefeln, wiederholte die Ausſagen des jungen Menſchen in Gedanken. „Ich will's der Hoheit melden,“ ſprach er hierauf, und ging, eine glückliche Reiſe wünſchend, wieder hinauf. Ar⸗ chimbald lachte in's Fäuſichen, weckte ſeinen Trabanten Erl⸗ wein, und gab, in der feſten Zuverſicht, noch einmal beſchickt zu werden, Befehl zu ſatteln. Er irrte auch nicht, denn bald kam neue Botſchaft. Es war diesmal eine der dienen⸗ den Frauen, die ihn einlud, ihr zu der Frau Gräfin von Florenges zu folgen. Er gehorchte, ſeine ganze Kühnheit zuſammen nehmend, um vor dieſelbe zu treten, die ſein Herz ſo mächtig durch ihren einzigen Anblick zu feſſeln gewußt hatte. Die Gräfin ſaß am Fenſter der erſten Stube des obern Stocks, und ſchien den Vorbereitungen zur Abreiſe zuzuſehen, die vor dem Hauſe von der Dienerſchaft getroffen wurden, und den Eintretenden nicht zu bemerken. Der Letz⸗ tere bemerkte hingegen deſto ſchneller, daß die Nebenthür im Gemache nur angelehnt, und der Zipfel eines ſchwarzen Ge⸗ wandes ſichtbar war, das unſtreitig nur der dahinter lau⸗ ſchenden Markgräfin gehören konnte. Ein neuer Sporn, muthig, und auf der Hut zu ſeyn. Er trat der Gräfin näher. „Ihr habt befohlen, gnädige Frau!“ begann er kurz und herzhaft, doch nicht ohne geſchmeidigen Ton, in ehrer⸗ bietiger Stellung. Die Gräfin wandte ſich, wie überraſcht, gegen ihn.... aber, die Sonne hatte ſich wieder hinter neidiſche Wollen 83 verborgen. Die Reiſemaske war abermals vorgenommen und verhüllte die ſchönen Züge bis zum holdlächelnden Munde. Die Gräfin näherte ſich ihrerſeits dem Jüngling und hieß ihn mit etlichen verbindlichen Worten willkommen. „Vergebt, daß ich Euch bemühte,“ hieß die Einleitung.— „Die Ladung muß Euch ſeltſam ſcheinen, indem ſie früher hätte Statt finden müſſen. Allein meine gnädigſte Frau und Baſe, die Markgräfin, hat mir aufgetragen, Euch in ihrem Namen ein Unrecht abzubitten, das Euch wider ihren Willen zugefügt wurde.“ „Ein Unrecht?“ fragte Archimbald lächelnd.„Ihr ſpot⸗ tet meiner, Frau Gräfin.“ „Nit nichten, Freiherr von Bühl,“ verſetzte ſie mit vieler Anmuth und Liebenswürdigkeit.„Ihr botet uns Euern ſtar⸗ ten Arm in einem Augenblicke, der uns Gefahr drohte, und dem Spott des Pöbels ausgeſetzt haben würde, hätte er länger gedauert. Ich bitte Euch, nicht den Glauben zu he⸗ gen, als ſey die Markgräfin undankbar gegen ſolche Dienſte; wenn ſie Euch bisher nicht den Dank abſtattete, den Ihr Euch erworben, ſo trug nur ihre Ueberzeugung⸗ Ihr ſeyet ſchon ferne, die Schuld. Von dem Gegentheile benachrich⸗ tigt, hat ſie mir befohlen, Euch mit ihrer Entſchuldigung zugleich den Zoll der Dankbarkeit abzutragen.“ „Ich bin der Frau Markgräfin gehorſamſter Knecht,“ er⸗ wiederte Archimbald.„Den ſchlechten Dienſt, den ihr zu leiſten mir das Geſchick vergönnte, hat ſie durch das gütige Wort aus Euerm Munde mehr als kaiſerlich vergolten.“ Die Schmeichelei des kühnen Jünglings traf den rechten Fleck. Die Wangen und Stirne der Gräfin hielt zwar die 8⁴ 3 bäßliche Maske über die Hälfte gefangen, allein der purpur⸗ rothe Schimmer, der über ihr Antlitz flog, ließ ſich nicht ganz verbergen; denn über Kinn, Hals und Buſen ſenkte ſich das Panier der gefeierten Eitelkeit und der innigſten Wonne. Sie ſchwieg einen Augenblick, die Herz und Sin⸗ nen gleich gefährliche Zauberin: dann begann ſie auf's Neue, aber mit geſenkter Stimme, und verlegen mit den Enden ihres Gürtels ſpielend:„Der Herr von Keppenbach hat uns mitgetheilt, daß Ihr Euere Reiſen zu beginnen im Begriff ſteht. Werdet Ihr das königliche Prag Eueres Be⸗ ſuchs werth halten?“ „Es iſt das erſte Ruheziel meiner Fahrt,“ erwiederte Ar⸗ chimbald.„Sobald ich einen kleinen Streifzug durch Mäͤhren vollendet, treffe ich in jener Hauptſtadt ein, um einige Zeit daſelbſt zu verweilen.“ „Virklich?“ fragte die Gräfin etwas haſtig, und ein Strahl der Freude blitzte durch die Larve aus ihrem Auge, Zufriedenheit umſpielte den Mund.„Auch meine gnädigſte Frau,“ ſetzte ſie langſamer hinzu,„iſt im Begriff, ſich nach Prag zu begeben, um daſelbſt öftere und ſichere Nachrichten von ihrem Gemahl zu erhalten, der gegen die Ottomanen im Felde ſteht. Sie hat mich ermächtigt, Euch zu ſagen, mein ritterlicher Freiherr, daß ſie Euch gerne in ihrem Pa⸗ laſte ſehen werde, wenn Ihr in Prag verweilen ſolltet.“ „Sie macht mich glücklich durch dieſe Erlaubniß ihrer Gnade,“ verſetzte Archimbald, mit tieſer Verbeugung;„ich werde ſo kühn ſeyn, in die Sonne zu ſehen, die mir heute nur einen einzigen Strahl gönnte.“ Des Jünglings bedeutender Blick ließ der Gräfin keinen Zweifel, welche von den beiden Sonnen er eigentlich meine, und machte ſie verlegener. Archimbald hatte aber ſeinen Vortheil erſehen, und ſich ſo gewendet, daß die Lauſcherin an der Seitenthüre ſein Geſicht und dieſen verrätheriſchen Blick nicht gewahr werden konnte. „So bleibt mir denn,“ fuhr die Gräfin nach einer Weike fort,„nichts weiter übrig, edler Freiherr, als Euch im Na⸗ men meiner gnädigſten Frau zu bitten, dieſes Armband als ein vorläufiges Pfand ihrer Dankbarkeit aus meiner Hand zu empfangen, als ob es aus der ihrigen käme.“— Sie nahm das Armband von angelaufenem Stahl, das eine violette Schleife zuſammenhielt, vom Tiſche, und reichte es ihen hin.—„Die Markgräfin,“ fügte ſie bei,„hat dieſen Trauerſchmuck heute ſelbſt getragen; dieſer Umſtand mag ihm in Euern Augen Werth verleihen. Sie behält ſich aber vor, zu Prag bei Euerm erſten Beſuche dieſes Pfand auf eine ihrer würdige Weiſe auszulöſen; damit iſt mein Antrag am Ende.„Was mich betrifft,“ ſchloß ſie ſo leiſe, daß nur Ar⸗ chimbald ſie verſtehen konnte,„der Ihr eben ſo ritterlich als hülfreich beigeſtanden ſeyd, ſo möge dieſe einfache Schleife, die ich dem fürſtlichen Geſchenk beifüge, das Sym⸗ vol meiner Erkenntlichkeit ſeyn, da ich ſie in der Wirklichkeit auszudrücken außer Stande bin.“ Archimbald löste ſchnell die Schleife los, und barg ſie im Buſen.„Dieß Geſchenk,“ rief er, und hob, ſeine Bewe⸗ gungen berechnend wegen der Horcherin im Verborgenen⸗ das Armband hoch in die Höhe, während ſein trunkener Blick auf der Gräfin, und ſeine Linke auf dem Herzen ruhte⸗ wo er ihre einfache Gabe verwahrt hielt...„dieß Geſchenk ſoll mir ewig heilig und theuer ſeyn! Nimmer weiche es 86 von mir. Der Zorn der Geberin allein möge mir's ent⸗ reißen, und mir dadurch den Tod geben!“ Die Gräfin verſtand den Doppelſinn dieſer Worte nur zu gut; ihre Bruſt hob ſich mühſam athmend, und verrieth durch ihr heftiges Steigen und Fallen dem unternehmenden Jüngling den Triumph ſeiner leidenſchaftlichen Huldigung. Kühner durch den Erfolg, ergriff er die weiche Hand der liebenswerthen Frau und wollte, indem er einen ſtürmiſchen Kuß darauf drückte, ſeine Kniee vor ihr beugen, allein ein heftiges Zucken in den ſchönen Fingern, die in den ſeinigen lagen, eine ähnliche Bewegung des Mundes und ein kaum merkbares Winken der feurigen Blicke nach der Seitenth.“de zu, hinderte ihn die Kniee der Siegerin zu umfangen, und beſtätigte ſeinen Verdacht. Ein gehorſames Neigen des Haupts unterrichtete die Gräfin, daß ſie verſtanden worden ſep, und das Lächeln ungetrübter Zufriedenheit entfaltete ſich um die friſchen Roſenlippen. Ein leiſer, leiſer Druck ihrer Hand begleitete ihr förmliches Lebewohl, und Archimbald ſchied unter einem ähnlichen von ihr.— Wie ein Raſender ſtürmte er aber die Treppe hinunter, umarmte ſeinen Kum⸗ pan Erlwein, der ihm gerade entgegen kam, und nicht wußte, wie ihm geſchah, und trieb mit Wort und That zur Eile an. Seinen Befehlen wurde Gehorſam geleiſtet, und die Roſſe ſtanden bald geſattelt und gezäumt vor der Herberge. Plötz⸗ lich war ihm aber die Ungeduld vergangen, denn die Mart⸗ gräfin war ja noch nicht abgezogen mit den Ihrigen. Er hätte eine Sünde gegen ſich zu begehen geglaubt, wenn er das Städtlein verlaſſen hätte, ohne ſie geſehen zu haben.— Erwartungsvoll lief er durch Stube, Gang und Hof, eilte von neuem in das Getümmel der aufpackenden Dienerſchaft 87 — zurück. Da hörte er Geräuſch von oben, rauſchende Gewän⸗ der, liebliche wohlbekannte Stimmen, den Spornenklang des hagern Reiſemarſchalls. Scheinbar mit ſeines Pferdes Sat⸗ telzeug beſchäftigt⸗ erwartete er die Erſehnten. Sie kamen⸗ ſie erſchienen die königlichen Geſtalten. Ehrfurchtsvoll be⸗ grüßte er ſie. einen Augenblick verweilte die Markgräfin in ſeinem Anſchauen, nickte gnädig und ging vorüber. Die Gräfin folgte raſch; allein ein Seitenblick auf den entzückten Jüngling war hinreichend, ihm zu ſagen, daß nur die Pflicht ihre Schritte beflügle, und die Furcht vor fremden Späher⸗ augen. Zwiſchen Beiden war ein Verſtändniß eingetreten, deſſen leiſes Beginnen dem jungen Abenteurer die ſchönſte Hoffnung gab. Rüſtig ſchwang er ſich in den Sattel, ſein Gefährte blieb demüthig hinter ihm, und langſamen Schritts folgten ſie dem Zuge der Markgräfin, der unter hellem Trom⸗ petenklange ſich nach dem Stavtthore bewegte, durch die ſtaunende Volksmenge⸗ und die Pracht ſeiner Roſſe und Wappen in der hellen Nachmittagsſonne erglänzen ließ. Auch noch außer dem Städtlein ritten ſie hinter dem Gefolge der Fürſtin, und hin und wieder ließ ein günſtiges Geſchick dem fröhlichen Archimbald durch irgend eine zufällige Oeffnung in den Gliedern des Zugs die Gräfin erkennen, deren rück⸗ wärts ſpähender Blick öfters dem ſeinigen begegnete. End⸗ lich aber gelangten ſie zu dem Scheidewege, der ſie von dem fürſtlichen Comitat trennte. An der Spitze, wo die beiden Wege zuſammenliefen, ſetzte Archimbald ſeinen Renner in vollen Lauf und ritt bald, nur durch einen breiten Raſen⸗ ſtrich von dem abwärts lenkenden Zug geſchieden, an den evlen Frauen vorüber. Hoch im Steigbügel ſtehend, den Hut mit der wehenden Feder in der einen Hand, mit der 6 88 andern leicht den Zügel regierend, brachte er im Vorbei⸗ traben der Markgräfin ſeine letzte Huldigung, der Geliebten ſeinen letzten Liebesgruß. Eine freundliche Handbewegung der Erſtern, ein kaum bemerkbares Schwenken mit der Reitgerte der Letztern, und brauſend flogen Roß und Reiter dahin in das waldige Thal, einer neuen Beſtimmung, neuen Abenteuern entgegen.— Seine Träume von einer beſtändi⸗ geren, glücklicheren Zukunft kürzten dem Jüngling, ſeine Freigebigfeit dem Begleiter den Weg, und bereits am dritten Tage tauchte im Mittagſcheine der Glockenthurm von Wo⸗ rosdar aus der Fläche auf. Ein beklemmendes Gefühl legte ſich wie ein Panzer um das Herz Archimbalds, und er konnte ſich keine Rechenſchaft von dem geben, was er eigentlich in jenem Schloſſe beginnen wolle. Er würde auch ſpornſtreichs daran vorüber und weiter geritten ſeyn, hätte er nicht dem Freund Erlwein ſein Wort gegeben. Ludmille! Leila! Ze⸗ nide! klang es leiſe an in ſeiner Bruſt; allein ein Gedante nur an die Gräfin von Florenges, und jene lieblichen Er⸗ ſcheinungen ſanken in verdüſterten Nebel. Demungeachtet guälte ihn eine gewiſſe Unruhe, eine gewiſſe Ungeduld, die er ſich nicht erklären konnte, und die immer peinigender wurde, je näher ſie dem Schloſſe kamen. Er trieb den Gaul an, Erlwein that deßgleichen, nur aus anderem Beweggrunde, und ſie flogen wie ſchnelle Zugvögel um das ſtille und laut⸗ loſe Gebäude längs dem Graben dem Dorfe zu, das ſie bald in ſeine wachſenden Schatten aufnahm. Der Junker von Bühl ritt in die Herberge, Erlwein zum Hauſe ſeiner Mutter, Archimbald hatte Sorge getragen, unter dem Vor⸗ wande heftiger Ohrenſchmerzen, ſein Haupt durch eine breite 89 —— Binde zu entſtellen, und durfte um ſo gewiſſer keine Ent⸗ deckung beſorgen, als die Leute im Dorfe ihn wenig geſehen hatten während ſeines kurzen Dienſtes auf dem Schloſſe. Es fam nur darauf an, ſich dem Falkenauge des Predigers zu entziehen, und der ſicherſte Zufluchtsort war in dieſem Punkte das Wirthshaus, welches dem Pfarrherrn ein Gräuel, ein Sündenpfuhl der Verdammniß war, den er nie beſuchte. Die Wirthsleute waren mürriſche und einſplbige Menſchen, aus denen mit genauer Noth ein Ja und ein Nein zu preſſen war; der Junker unterließ es demnach bei ihnen nach den Verhältniſſen und Umſtänden der Schloßbewohner zu forſchen. Er überlegte, in der elenden Stube hin und her wandelnd in ungeſtörter Einſamkeit, ob er den Gang auf's Schloß, ob er das Wiederſehen geliebter Menſchen wagen ſolle oder nicht. Es drohte ihm vielleicht Gefahr auf Worosdar; allein ſeine Herzhaftigkeit ſpottete ihrer, und hätte den Gang mit friſchem Muthe unternommen; doch ſein Bewußtſeyn ver⸗ rannte ihm drohend den Weg. Er beſchloß, den Befehlen des Letztern zu gehorchen, und in Unthätigkeit den Reiſege⸗ fährten zu erwarten, um den folgenden Tag am früheſten Morgen weiter zu ziehen.— Erlwein kam erſt ſpät von ſeinen Beſuchen zurück, und ziemlich mißvergnügt, dem An⸗ ſcheine nach. Das gehoffte Geſchenk war nicht ausgefallen, wie er ſich's vorgeſtellt hatte.—„Ich habe die Fürſtin gar nicht mehr erkannt,“ ſprach er, und warf ſeine Mütze un⸗ wirſch auf den Tiſch.„Als eine Frau von rüſtigen Jahren habe ich ſie verlaſſen, als ein abgezehrtes Geſpenſt finde ich ſie wieder. Sie ſoll einen bedeutenden Unfall und eine ſchwere Krankheit erlitten haben, ſagt man⸗ Man i freilich noch mehr.. allein um der edlen Frau 1. 2. 7 90 willen iſt es beſſer, ich ſchweige. Es ſind verdrüßliche Fa⸗ miliengeſchichten... Kaum konnte ich das Glück haben, einen Augenblick mit der gnädigſten Frau zu ſprechen. Sie empfing mich gewaltig kalt,. nun, ich kann ihr's juſt nicht übel nehmen; aber ſie ſoll gegen alle Chriſtenmenſchen nicht anders ſeyn. Die arme Prinzeſſin Ludmille grämt ſich deßwegen ab, und iſt ein Bild der Trauer geworden. Ihr Bruder, der Prinz hat nach jenem Vorfall, den ich oben be⸗ rührte, und den Ihr mir erlauben werdet, zu verſchweigen, über Hals und Kopf der Mutter Haus verlaſſen, treibt ſich bald da, bald dort herum, und quält die arme Schweſter beſtändig in Briefen und Botſchaften, einem Menſchen, den ſie nicht ausſtehen kann, ihre Hand zu reichen. Der alte Herr iſt verrückt wie bisher... kurz: das wackre Haus ſteht in ſchlechten Aſpekten. Die ſchlechteſten Aſpekten für mich beſtehen aber darinnen, daß ſich die mildthätige Hand der gnädigſten Fürſtin nicht ſo weit geöffnet hat, als ich er⸗ wartet habe.— Erlaubt mir nur jetzt, mein lieber Junker, daß ich meine alte Mutter noch einmal beſuche. In einer Stunde oder anderthalb bin ich zurück, habe den bittern Abſchied überſtanden und bin Euer bereitwilliger Diener, wie zuvor, Ihr mögt noch auf Heute oder auf Morgen den Auf⸗ bruch anordnen.“ „Geht immerhin, lieber Erlwein,“ erwiederte Archimbald, „und übt Eure kindliche Pflicht. Wohl Euch, daß Ihr's noch könnt! Ihr werdet mich aber verbinden, wenn Ihr als⸗ dann meiner am Wege vom Schloſſe hierher warten woll⸗ tet auf dem Flecke wo das Kreuz des Dorfes geſtanden, auf deſſen Fußgeſtell die Landleute bei der Heimkehr vom Felde auszuruhen pflegen. Ich will noch luſtwandeln gehen, 94 und dort mit Euch zuſammentreffen, weil ich Euch vielleicht nöthig brauchen dürfte.“ „Es ſoll geſchehen, lieber Herr,“ verſetzte Erlwein.„Wie kömmt es aber, daß Ihr in der Gegend ſo genauen Beſcheid wißt, wenn Ihr doch zum erſten Male hier ſeyd?“ Archimbald lächelte hierauf, und winkte ihm zu ſchwei⸗ gen. Erlwein ſchlau genug, einen Wink zu verſtehen und einem Jüngling zu gehorchen, der mit der gewöhnlichen Frei⸗ gebigkeit der Jugend ſeinem erſchöpften Beutel zu Hülfe kam, ohne auf Erſatz Anſpruch zu machen, ſchwieg. bückte ſich, und ging. Auch Archimbald enteilte dem Hauſe, dem Dorfe, und ſchritt keck nach dem Schloſſe. Die Schilderung von Ludmillens Trauer hatte ſein Herz gerührt. Wie, wenn auch deine Entfernung Theil an ihrem Kummer hätte? flü⸗ ſterte ihm die Eitelkeit zu, und trug über alle frühern Be⸗ denklichkeiten den Sieg davon. Es zog ihn gewaltig nach dem Orte, von dem es ihn vor einigen Stunden zurückge⸗ ſtoßen hatte. Sicherheit oder Gefahr, Glück oder Un⸗ glück! Wagen gewinnt! war ſeine Loſung, und der erſte Abendſtrahl fand den kühnen Glücksritter an dem Schloß⸗ graben, auf der Stelle, wo einige von einer abgetragnen Brücke übrig gebliebne morſche Balken zu einem Pförtchen in der Bruſtwehr reichten, durch welches man in frühern Zeiten zum Garten des Schloſſes gelangen konnte. Der ptötzliche Gedanke, über dieſe ſchwachen Brückenreſte einen unbemerkten Eingang in das Gebäude zu ſuchen, hatte vie⸗ len Reiz für den Jüngling. Sein helles Auge zeigte ihm leine Seele an den wenigen Fenſtern, die nach dem Garten gingen. Rings um ihn her war ebenfalls alles ſtill, und dem Balken ſich blind vertrauend, der ihm der feſtere ſchien, S 92 wagte er, der Gefahr den Hals zu brechen trotzend, den Uebergang. Seine flinken Füße hatten den ſchwindelnden Pfad in Kurzem zurückgelegt, ſich an dem verroſteten Schloſſe und den Angeln des Pförtleins in die Höhe geholfen, und die nicht allzu hohe Bruſtwehr überſprungen. Aus dem nahen Häuslein, wo die Pfauen des Schloſſes ihre Wohnung hat⸗ ten, klangen weibliche Stimmen. Er ſchlich behutſam hinzu, und gewahrte mit ſüßer Bewegung durch das offne Fenſter Zeniden und Leila, beſchäftigt, den ſtolzen Vögeln ihr Fut⸗ ter vorzuſtreuen. Mit zwei Schritten ſtand er an der halb offnen Thüre, und rief einen: Guten Abend! hinein. Die Mädchen ſahen bei dem Schall der unbekannten Stimme auf„wer malt aber ihre Ueberraſchung, als ſie den Verlornen, den Geliebten vor ſich erblickten, von kräftigerer Schönheit geziert denn zuvor.„Achmet! Bruder,“ riefen Beide mit dem Ausdruck des Entzückens, und ihre Arme umſchlan⸗ gen ſeinen Nacken. Der überglückliche Bruder hatte Mühe dem allzu lauten Ausbruch ihrer Freude zu wehren, bis ſich endlich der Sturm von ſelbſt legte, und eine gelaſſenere Wonne ihr Recht behauptete. Die Thüre des Pfauenpala⸗ ſtes wurde geſchloſſen, der Fenſterbalken zur Hälfte zugezogen, und Archimbald mußte erzählen. Er machte den gläubigen Dirnen ein artiges Mährlein vor, fragte dann, wie es im Schloſſe gegangen ſey; und erfuhr im Ganzen daſſelbe, was ihm Erlwein ſchon mitgetheilt hatte. „Wie denkt man meiner?“ fragte er haſtig.„Zürnt mir die Fürſtin, zürnt mir Ludmille noch, oder darf ich Verge⸗ bung hoffen?“ 93 Die Schweſtern ſahen ſich bedenklich an.„Lieber Ach⸗ met!“ ſprach hierauf Zenide, nichts wäre uns erfreulicher, als Dich wieder in unſrer Nähe zu wiſſen, Dir ſtündlich unſere Liebe beweiſen zu können; denn, ob wir gleich nicht begreifen, was wohl der Grund Deiner ſeltſamen Verſtel⸗ lung geweſen ſeyn mag, ſo haſt Du dennoch unſere ganze Freundſchaft behalten, und Deine uneheliche Geburt, von der die Chriſten ſo viel Aufhebens machen⸗ kann Dir in un⸗ ſern Augen, den Sitten unſers Landes zufolge, nicht ſcha⸗ den; allein wir wollen Dir mit gutem Gewiſſen nicht rathen, weder der Fürſtin, noch Ludmillen vor Augen zu treten. Sie haſſen Dich zwar beide nicht; Ludmille... liebt Dich viel⸗ leicht... allein ihr Stolz, ihre Neigung, ihr Haus iſt veleidigt, und ſie vergeben Dir es nicht.“ „Nicht?“ fragte Archimbald etwas bitter...„auch Ludmille nicht?“ „Ludmille am allerwenigſten,“ fiel Leila eifrig ein.„Noch geſtern... weißt Du noch Zenide? Noch geſtern kam die Rede auf Dich, in den Zimmern der Fürſtin. Nein, ſprach Ludmille... nimmer kann ich's ihm vergeben⸗ uns ſo tückiſch getäuſcht zu haben. Er hat das Unglück in unſer Haus gebracht, hat meine liebe Mutter an den Rand des Grabes geführt, meinen unglücklichen Vater in Raſerei geſtürzt, mei⸗ nen Bruder beinahe zum Muttermörder gemacht. Ich kann, ich darf ihm nicht verzeihen!“ „So ſtehen alſo die Sachen?“ ſprach Archimbald wie oben.„Ja freilich, dann„ „Die Fürſtin,“ begann Zenide,„hat ſich während ihrer Krankheit ſehr verändert. Sie kann es nicht vergeſſen, daß des Sohnes Degen nach ihrem Haupte zielte, und ein finſtrer 4 Groll gegen alle Menſchen, ein kränkendes Mißtrauen hat in ihrer Seele Platz genommen. Sie würde Dich empfind⸗ lich demüthigen, wenn Du es wagteſt, Dich ihr zu nähern. Deine Anweſenheit würde bekannt werden,. Du liefeſt Gefahr von irgend einem Verräther an den Prinzen gelie⸗ fert zu werden, der ſich gegenwärtig wieder in der Nähe aufhalten ſoll, und ſeinen Grimm noch nicht vergeſſen hat. Denn ſo oft Ludmille ein Schreiben von ihm erhält, in wel⸗ chen er ohne Aufhören, durch Ueberredungen wie durch Dro⸗ hungen, ſie zu bewegen ſucht, dem verhaßten Kauniz die Hand zu geben,— wird Deiner in den ſchimpflichſten Aus⸗ drücken gedacht. Er beharrt auf der Grille, in Dir allein den Grund von der Schweſter Weigerungen finden zu wol⸗ len, und hat Dir Rache geſchworen, wo er Dich nur auf⸗ ſpüren würde.“ „In Gottes Namen!“ rief Archimbald lächelnd.„Ich weiß genug.“ „Zenide! Leila!“ rief es im Garten. Es war der gleich⸗ müthigen Mermes Stimme. Die Mädchen fuhren auf.„Ge⸗ wiß verlangt die Fürſtin zu wiſſen, warum wir ſo lange weggeblieben,“ rief Zenide.„Wir müſſen fort!“ rief Leila ängſtlich und bedauernd. Beide ergriffen Archimbalds Hand. „Achmet!“ flüſterten ſie„wir ſehen Dich doch wieder?“ Archimbald bejahte.„Gewiß?“ fragten ſie dringender. „Gewiß?“ betheuerte er, und Mermes rief zum zweiten, zum dritten Male. Die Türkinnen beſtimmten in Eile das Pfauenhäuslein zum Orte, den Sonnenaufgang zur Zeit des Wiederſehens, und folgten nach einigen flüchtigen Küſſen der unangenehmen Pflicht. Archimbald wollte auch ſobald als möglich den Garten verlaſſen; denn über der Unterredung — 95 —— war es ſo dämmerig geworden⸗ daß es kaum möglich war, die Gewänder der nach dem Schloſſe laufenden Dirnen zu unterſcheiden. Er ſchlich ſich dem Pförtlein zu, duckte ſich aber ſchnell hinter einen ziemlich dicht belaubten Buſch, in⸗ dem er zwei Geſtalten, von denen die eine in einen Mantel gehüllt zu ſeyn ſchien, unweit des Thürmleins heimlich mit einander verkehren ſah. Die Stille des Abends begünſtigte ſein lauſchendes Ohr. Die Stimme des alten Nepomuk war die Erſte, die ſich deutlicher vernehmen ließ.„Ich will ſter⸗ ben, gnädiger Herr,“ ſprach er leiſe,„wenn die Heidinnen nur das geringſte Wörtlein vernommen haben. S iſt nicht möglich, ſage ich Euch.“ „Es koſtet Dich Deinen Rücken, wenn wir Unrath im Neſte finden,“ erwiederte der Mann im Mantel mit dumpfer Stimme, welche Archimbald für die des Prinzen erkannte. „Punkt zehn Uhr ſind wir da. Haltet nur das Pförtchen offen, damit wir doch wenigſtens nicht wie Diebe einſteigen müſſen, wenn wir uns über die verdammten Balken gear⸗ beitet haben.“ „Sorgt nicht, edler Prinz,“ verſetzte Nepomuk.„Ich habe Euern Aufträgen pünktlich Folge geleiſtet. Mag nun die gnädige Frau in Gottes Namen alle Abende die Schlüſ⸗ ſel des Hauſes unter vas Kiſſen ſtecken, meine falſchen thun dieſelben Dienſte. Ich erwarte Euch hier, und öffne Euch das ganze Haus bis zur Schlafkammer der Prinzeſſin.“ „Mache Deine Sache klug,“ hieß es drüben.„Wenn wir einen Fehlgriff thäten und die Unrechte erwiſchten, ich wäre des Teufels. Denn Kauniz drängt und droht, und wenn ich ihm die zugeſagte Braut nicht zuführe in der kürzeſten Friſt, ſo ſtellt er mich an den Pranger, und meine Ehre iſt hin.“ 96 „Ach, da ſey Gott vor!“ ſeufzte der heuchleriſche Haus⸗ hofmeiſter.„Um unſerer Sünde willen! Nur die Ehre verwahrt, möge auch alles andere zu Grunde gehen. Ich will mein möglichſtes thun, allein... wie wir's abgeredet, dabei bleibt's; nicht wahr? ich weiß von dem Allen nichts.“ „Bewahre der Himmel!“ ſpottete der Prinz.„Wir bin⸗ den und knebeln Dich zum Scheine, und ziehen mit unſrer Beute durch's große Schloßthor ab. Der Schrecken unſers Nachtbeſuchs ſoll die frechen Knechte ſchon zahm machen, die meiner geſpenſterſehenden Mutter geſchworen haben, ihren künftigen Herrn bei der Fürſtin Lebzeiten nicht mehr in's Schloß einzulaſſen, und im Nothfalle Gewalt mit Gewalt abzutreiben. Gott verdamme die Schurken!“ „Vergieb unſere Schulden, ſo wie wir vergeben unſern Schuldigern!“ betete Nepomuk beweglich.„Laßt es den Ar⸗ men nicht entgelten.“ „Schweig, alter Sündenbock!“ ſchnauzte ihn der Prinz an.„Wenn mir einmal meine Schulden vergeben werden, dann ſollen die Hunde auch leer ausgehen. Hilf mir jetzt über die Mauer hinüber. Ich bin die Schleichwege nicht gewohnt, und im Klettern unbehülflich.— So!— He! was mir einfällt; verſieh' Dich heut Nacht mit einer Blendleuchte, damit wir,— da wir doch, Verdacht zu meiden, im Fin⸗ ſtern heranſchleichen müſſen,— die ſchmalen Balken in der Finſterniß unterſcheiden können. Es dürfte uns ſonſt leicht gerathen, im Sumpfe zu erſticken. Hörſt Du?“ „Ich höre, und werde gehorchen,“ verſicherte der Haus⸗ hofmeiſter, und half, ſo gut es ſeine ſchwachen Kräfte er⸗ laubten, dem Prinzen, die ſchwanke Brücke zu erreichen, auf welcher er langſam und vorſichtig den Rückzug nahm.— 97 — Die Glocke des Schloſſes ſchlug halb neun Uhr.—„Noch anderthalb Stunden alſo!“ brummte der Alte in den Bart, rieb ſich ſchadenfroh die Hände, und verſchwand auf leiſen Socken aus dem Garten. Archimbald ſchwankte zwiſchen zwei entgegengeſetzten Entſchlüſſen. Sollte er das zufällig erlauſchte Geheimniß unbenutzt, Ludmillen ein Opfer der Hinterliſt ihres Bruders werden laſſen?... oder ſollte er den ſchändlichen Plan hintertreiben? Zu dem Erſtern rieth gekränkte Eitelkeit; zu dem Zweiten das Gefühl der Pflicht. Nach langem, ungewiſſen Kampfe überwand die Letztere und zog die Eitelkeit in ihr Bündniß; denn der Augenblick ſchien Archimbald der ſeligſte ſeines Lebens, in welchem er vor die Fürſtin würde hintreten können und ſagen:„Ihr haßt⸗ Ihr verachtet mich, und ich bin es dennoch, der Euch die Tochter erhalten.“ Sein Plan war auf der Stelle reif, und er ſchritt zu der Vorbereitung der Mittel dazu. Schleunig eilte er über den Steg⸗ auf den Platz zu, wohin er ſeinen Reiſekumpan beſchieden hatte. Erlwein ſaß auf dem Steine, und pfiff ſich ein Abendlied. Froh ſprang er dem lange Er⸗ warteten entgegen⸗ aber Archimbald verlor keine Zeit, und entdeckte ihm in wenig Worten⸗ was er gehört, was er be⸗ ſchloſſen, und forderte ihn zur Hülfe auf. Erlwein ſtand verdutzt und fragte nach dem Wie, Wo und Wann der ſelt⸗ ſamen Entdeckung. Archimbald gab auf Alles keine Antwort, ſondern frägte ihn blos, ob er auf ihn zählen dürfe.„Zum Teufel, ja!“ rief Erlwein ungeduldig.„Warum wollen wir aber allein unſere Haut zu Narkte tragen? Laßt uns die Fürſtin ſammt den Schloßleuten davon in Kenntniß ſetzen und Alle vereint auf die Frauendiebe losſchlagen.“ 98 „Wir ſind ſtark genug, ſie in die Flucht zu ſchlagen, und den Verräther bei'm Kragen zu nehmen,“ verſetzte Archim⸗ bald.„Das Verdienſt der That muß auch uns Beiden allein gehören. Ich habe meine Gründe dazu.“ „Das mag ſeyn,“ erwiederte Erlwein,„ob ich gleich vergeblich mir den Kopf zerbreche zu errathen, was Euch eigentlich in die Geſchichte mit hineingebracht hat, und be⸗ wegen mag, ſie auszufechten. Allein es iſt und bleibt ein tolles Wageſtück, oder Ihr ſeyd ein Goliath an Kräften. Ich weiche übrigens nicht von Euch, wie ſich's von ſelbſt ver⸗ ſteht, und thue, was Ihr wollt.“ Er reichte dem Wagehals die Hand, und der Letztere un⸗ terrichtete ihn ſo ſchnell es ſich thun ließ, von dem was ge⸗ ſchehen ſollte. Hierauf kehrten ſie ſelbander in den Garten zurück, der der Schauplatz ihrer Thaten werden ſollte. Sie nahmen in dem Pfauenhäuschen ihre Stellung ein, und lauerten auf den Glockenſchlag. Der Mond ſchlich hinter trüben Wolken am Himmelsbogen hin, und ſandte nur dann und wann einen bleichen Strahl zur Erde; die Lichter im Schloſſe verlöſchten nach und nach, aber jener himmliſche Geſang, der in der erſten Nacht, die Archimbald auf Wo⸗ rosdar zubrachte, ſein Herz entzückt hatte, ließ ſich auch heute vernehmen, entzückend wie damals.„Ach,“ ſeufzte Archimbald für ſich,„nicht dieſe lieblichen Töne! ſie machen mein Herz weich, und ſtumpfen die Flügel meiner Rache ab. Der nahende Feind wird mich ſchwach finden, wie ein Kind.“ Der heiſere Schlag der Thurmuhr ſchallte wie gerufen dazwiſchen. Unter dem grellen Mißtone verſtummte die Har⸗ monie. Leichter am Kopf und am Gemüth drückte ſich Ar⸗ chimbald längs der Bruſtwehr zu dem Pförtchen hin;z denn 99 man ſah bereits von ferne den blaſſen Schimmer der Leuchte, mit welcher Nepomuk angeſchritten kam. Beſorgt und ſcheu ſpähte der alte Verräther nach allen Fenſtern des Hauſes, hinter jeden Strauch; allein der im Pfauenhäuschen verſteckte Erlwein entging ſeiner Vorſicht, und konnte ihm daher un⸗ bemerkt in den Rücken kommen. Als nun der Haushofmei⸗ ſter ſich der Pforte näherte, und den Schlüſſel dazu aus der Taſche zog, um beim Schein der Diebslaterne den Einlaß zu öffnen, ſo trat ihm Archimbald drohend mit gezücktem Dolch entgegen⸗ während im ſelben Nu Erlwein den Entſetz⸗ ten rücklings zu Boden warf, und ihm behend den Mund mit einem Tuche verſtopfte, daß er keinen Laut hervorbringen konnte. Indeſſen ſchnürte ihm Archimbald Hände und Füße mit ſtarken Weidenzweigen zuſammen, und ſchleppte darauf das Männlein in den Pfauenſtall. Erlwein blieb bei ihm als Wache, mit Archimbalds Waffe verſehen, und drohte ihm dieſelbe in den Leib zu bohrem wenn er ſich unterſtände, ſeine Lage nur durch ein Röcheln verrathen zu wollen. Dieſe Drohung war hin⸗ reichend, den ausgemergelten⸗ für ſein Leben zitternden Greis in Ruho zu halten, und Archimbald konnte ungeſtört an ſein weiteres Geſchäft. Nachdem er zuvor über die Bruſtwehr hin⸗ aus gehorcht, und bereits in der Ferne leiſe, nahende Schritte vernommen hatte, ſperrte er nicht ohne Anſtrengung das verroſtete Schloß des Pförtleins auf, und hob in Eile mit gewaltiger Mannskraft die beiden diesſeitigen Enden der Tragbalken aus ihrem Lager. Die verwitterten Steine ga⸗ ben nach, und er ſchob die morſchen Balken ſo weit zur Seite heraus, daß es nur einer geringen Erſchütterung be⸗ durfte, um ſie in den Graben ſtürzen zu machen. Kaum war er mit ſeiner gefährlichen Arbeit im Reinen, ſo 100 verſammelten ſich auch ſchon die Jungfrauenräuber unter den Weidenbäumen des jenſeitigen Ufers.„Was war das für ein Geräuſch?“ fragte leiſe einer von ihnen.„War mir's doch, als ob ich Steingerülle in das Röhricht hätte fallen gehört.“ „Nichts Gefährliches;“ verſetzte der Prinz.„Du ſiehſt, der alte Nepomuk wartet unſer. Sein Licht ſchimmert durch die geöffnete Pforte. Friſch, Kauniz voran! Erſtürme Dir die Braut! Leuchte, Nepomuk!“ fügte er lauter bei. Archim⸗ bald, hinter der Thüre verborgen, ahmte den ſchwindſüchti⸗ gen Huſten des Alten nach, und ließ ein helles, blendendes Licht zur Pforte heraus auf die Brücke fallen.„Weg da⸗ mit, in's Teufels Namen!“ fluchte der vorſchreitende Kauniz und hielt die Hand vor die Augen.„Es blendet, macht mir ſchwindelig. Laß gut ſeyn! der Mond kommt eben ein Bischen hervor, und leuchtet mir genug.“ Archimbald zog die Laterne zurück, und ſtemmte, von der Dunkelheit begün⸗ ſtigt, einen bereit liegenden ſtarken Pfahl gegen den Balken, auf dem der feurige Freiwerber langſam herüberſchritt. Der andere wollte folgen.„Zurückgeblieben!“ rief der Prinz demſelben zu.„Das morſche Holz trägt nur einen Wage⸗ hals. Ich gehe auf dem zweiten Balken voran. Sind wir drüben, kommt Ihr einzeln nach.“ Mit herzhaften Schritten begann er ſeine Wanderung, und gelangte bis faſt auf die Mitte des Grabens.„Hilf Himmel!“ rief plötzlich der weiter vorgedrungene Kauniz:„der Steg wankt,“ und zu gleicher Zeit ſtürzte er in den Sumpf, unmittelbar hin⸗ ter ihm drein der von Archimbald abgeſtoßene Balken. Der Schrei des Freundes, ſein Sturz und der ſchmetternde, alles Röhricht zerknickende Fall des Holzes machte den Frinzen auf ſeinem Wege inne halten, der ebenfalls unter ſeinen 101 Füßen wich, und ihn in die ſchlammige Tiefe riß. Angſtge⸗ ſchrei der zurückbleibenden Freunde und das Hohngelächter des frohlockenden Archimbalds, der in wilder Freude die Pforte vor den abgeſchnittenen Räubern zuſchlug, begleite⸗ ten die Fahrt der beiden Anführer.„Helft! helft mir! Ihr Brüder!“ ſchrie der Prinz aus ſeinem ſumpfigen Grabe: von Kauniz war nichts mehr zu ſehen⸗ nichts zu hören. Aber die Geſellen der nächtlichen Unternehmung, entweder bloße Maul⸗ oder Tiſchfreunde des Prinzen, oder erkaufte Miethlinge, waren zu feig, ſich an den ſteilen Wänden des Grabens hinunter zu wagen, um ihn und ſeinen Freund zu retten, und zerſtäubten⸗ wie die Spreu im Winde. Archim⸗ pald war unterdeſſen zu ſeinem Gefangenen geſprungen, und hatte Erlwein gebeten, im Schloſſe Lärm zu machen, als⸗ dann ſpornſtreichs nach dem Dorfe zu jagen, und mit den Gäulen auf den Schloßhof zu kommen, ohne Verzug und Aufenthalt. Als der Bote fort war, wandte ſich Archimbald zu dem zitternden, vor Angſt und Pein halb entſeelten Ne⸗ pomuk. „Kennſt Du mich?“ fragte er ihn mit beißendem Spotte. „Du niederträchtiger Heuchler; Zwei Mal haſt Du mich ſchon zu verrathen gedacht⸗ und auch wirklich verrathen. Heute habe ich Dich in Deinen eigenen Schlingen gefangen, Du treuloſer Knecht. Dein Anſchlag hat mißglückt, Deine Spießgeſellen zappeln im Sumpfe. Jetzt, da Alles gelungen iſt, will ich Dich auch Deines Knebels entledigen. Steh auf!“ Nepomuk erhob ſich, ſo gut er mit gebundnen Händen und Füßen thun konnte, auf ſeine Kniee, und bettelte, als Archimbald ihn vom Knebel befreit hatte, um Schonung⸗ um Gnade, um Erbarmen! 102 „Ei, ei,“ ſpottete der Jüngling.„Seht doch ein Mal den geſtrengen Herrn Haushofmeiſter Nepomuk. In dieſer Stellung ſeyd Ihr wahrlich kurzweilig, und darum mögt Ihr immerhin in derſelben verbleiben, bis Leute kommen, die mit Euch verfahren werden, wie es Rechtens iſt.“ „O ich armer, unglückſeliger Mann,“ ächzte Nepomuk, und preßte mit Gewalt einige Thränen in ſeine Augen.. „ich geſchlagener Hiob! Soll ich der Spott werden meiner Feinde? Ach! ewiges Lamm, das dahin trägt die Sünden dieſer Welt! iſt denn kein Erbarmen?“ „Für jetzt keines,“ erwiederte Archimbald ſtreng.„Es iſt Zeit, daß Dir die Larve der Frömmigkeit vom Geſichte geriſſen werde, und die Leute nahen ſchon, die nicht ſäuber⸗ lich mit Dir verfahren werden.“ Es drangen auch in der That die Schloßleute in ganzen Haufen, mit Stangen, Leitern und Stricken verſehen in den Garten, und näherten ſich dem Schauplatz des Abenteuers. Windlichter und Laternen erhellten den Kreis der aus dem Schlummer gejagten Diener, in welchen Archimbald den gebundnen, wie Espenlaub zuſammenſchlotternden Haushof⸗ meiſter ſtieß, und den Bericht über den ganzen Verlauf der Sache ohne einige Schonung der darein verwickelten Theil⸗ nehmer abſtattete.„Führt den grauen Schurken,“ ſchloß er ſeine Rede,—„deſſen Zittern und Beben ein ſtummes Be⸗ kenntniß ſeines ruchloſen Verraths iſt, in enge Gewahrſam, und rettet die in den Schlamm des Grabens hinabgeſtürzten Frevler. Der Fürſtin ſagt aber: Archimbald, der Baſtard, den ſie verſtoßen, ſey der Retter ihres Kindes, der Ehre ihres Hauſes geweſen!“ Er ging ſtolz durch die Menge. Der alte Chriſtoph hielt ihn aber auf, und ſprach:„Lieber Einige Stunden vergingen auf dieſe Weiſe, und ſie hatten indeſſen den Wald verlaſſen, um in der Fläche ihren Weg fortzuſetzen; als zufällig einmal Erlwein zurückſah, und eine feurige Röthe in einer ziemlichen Ausdehnung am Ho⸗ rizonte erblickte.„Seht doch ein Mal, lieber Junker!“ rief er ſeinem Vordermann zu.„Was iſt das?“ Archimbald ſah zerſtreut nach der bezeichneten Gegend.„Ein Nord⸗ licht, antwortete er alsdann, und ſah wieder tiefſinnig vor ſich hin. Das Nordlicht wurde jedoch immer größer und röther; in der Ferne wie in der Nähe wurden die Sturm⸗ glocken der Dörfer wach, allein Archimbalds Ohr war taub geworden gegen die Eindrücke der Sinne, und er ſchwelgte in dem Wiederſehen zu Prag. Erlwein wollte ihn in ſeinen Betrachtungen nicht ſtören, und ſchlief, ſeinem Pferde ver⸗ trauend, im Sattel ein. Dieſe zweifelhafte Ruhe bekam ihm indeſſen wohl, denn mit Anbruch des Tages erwachte Archimbald aus ſeinen Träumen.„Was ſäume ich denn?“ ſprach er zu ſich ſelbſt.„In Prag erwartet mich Liebe und Glück, und ich bin noch ſo weit vom Ziel? Auf denn!“ Mit einem Peitſchenſchlag auf den Arm weckte er den an ſeiner Seite ſchaukelnden Schläfer, und ſetzte dem Roſſe die Spornen in die Rippen, daß es unaufhaltſam auszugreifen begann. Erlweins Schimmel blieb nicht hinter dem rühm⸗ lichen Beiſpiel, und mit dem Winde um die Wette laufend, drangen die Gefährten vorwärts, bis ſie endlich nach einer ſchnellen, doch für Archimbalds Sehnſucht viel zu langſa⸗ men Reiſe, das Ziel ihrer Wünſche erreichten: das könig⸗ liche Prag! Fünftes Rapitel. ——— Weh dem, der zu der Wahrheit geht durch Schuld; Sie wird ihm nimmermehr erfreulich ſeyn! Schiller. 65 In dem Hauſe des Rathsherrn Philipp Wernher war noch Alles beim Alten. Von Tag zu Tage wurde ihm ſeines Weibes trotzige Herrſchſucht läſtiger, und der Wunſch leb⸗ hafter in ſeiner Seele, endlich ein Mal von Simons frevel⸗ gewohnter Hand den Streich führen zu ſehen, zu dem er ihn in der Verzweiflung eines laſterhaften Gemüths gedungen hatte. Allein Simon war ſchon ſeit geraumer Zeit geneſen⸗ und ſchien ſeines Verſprechens ſich im geringſten nicht mehr zu entſinnen. Philipp hatte hin und wieder auf jene Ver⸗ abredung die Sprache bringen wollen; der Alte wußte ihm jedoch ſo geſchickt auszuweichen⸗ und das Geſpräch auf an⸗ dere Dinge zu lenken, daß der Gebieter deutlich daraus ſchließen konnte, die Zuſage habe ihn gereut. Nun iſt auch ein Mord keine Sache, von der ein Mann, welcher gerade tein Handwerk daraus macht, gerne alle Tage ſpräche, und ſo 4 von Philipps Seite lange bei vſ Anſpielungen 106 und Hindeutungen, und von Simons, bei unbeſtimmten Abweiſen dieſer Verſuche. Dieſer Zuſtand konnte dem un⸗ geachtet bei Philipps ſchwarzgallichter Complexion nicht lange dauern; die erſie beſte Gelegenheit mußte von Neuem den Zunder ins Pulverfaß werfen, und dieſe Gelegenheit blieb auch nicht aus. Thurneiſen hatte ſeinem Eidam eine aber⸗ malige Summe Geldes zur Tilgung einer nicht unbeträcht⸗ lichen Schuld, theils durch Ueberredung, theils durch Dro⸗ hungen abzulocken gewußt. Die Stunde darauf hatte es den Tochtermann gereut, das Darlehen gemacht zu haben, indem ihm aus Erfahrung bewußt war, wie wenig der Schwäher auf Zurückzahlung des Geliehenen zu denken pflege. In ſeinem Unmuthe ließ er ein Wort davon in ſeines Weibes Gegenwart fallen. Dieſe, erfreut zu neuem Hader die Bahn gebrochen zu finden, nahm das Wort für eine Beleidigung des Vaters, ſchalt den Gatten undankbar, ehrvergeſſen, rüttelte alte, längſt vergeſſene Streitigkeiten auf, und blies mit vollen Backen die Hölle der ehelichen Zwietracht an. Philipps Stolz empörte ſich, ſein Zorn ſprudelte auf, und verſuchte das kecke Weib niederzudonnern durch ſeine Kraft, allein— dem giftigen Gewürme gleich,— das von wieder⸗ holten Streichen zu Boden geſchlagen, ſtets von Neuem in den geſchmeidigen Krümmungen ſeines Körpers neue Stärke findet, um ſich drohend aufzurichten, wohl auch oft dem über⸗ legnen Feinde einen tödtlichen Biß beizubringen— kehrte die ausgeartete Gattin immer einen neuen Pfeil gegen des Mannes Herz, und ſchlug ihn endlich durch ihre unbeſiegbare Bosheit aus dem Felde. Wüthend, an allen Nerven bebend, entwich er dem Hauſe, und tobte ſeinen Grimm im Freien aus. Wie ein Verzweifelnder rannte er auf die Stadtmauer, 107 — wo er von wenigen Menſchen bemerkt, ſeinen bittern Em⸗ pfindungen ungeſtörten Lauf laſſen durfte. Bald ſtand er auf dem Vorſprunge⸗ wohin ihn vor kaum ſechs Jahren ſein Peiniger Thurneiſen am Hochzeitstage geführt hatte. Hier ſtand ich, rief er, in der Hoffnung ſchwelgend, für meine laſterhafte That belohnt zu werden durch Friede, häusliches Glück und Genuß! Durch vieſe Maueröffnung ſtarrte ich damals nach der Brücke, über welche der Engel, den ich mißhandelte, im Kleide der Schande hinausgetrieben wurde vom Büttel, und mein Auge war trocken, denn ich fühlte Mariens Unglück nicht, weil ich auf der letzten Sproſſe zum Paradieſe zu ſeyn wähnte! Armſeliger Thor! der ich hoffen konnte, aus hölliſcher Saat himmliſche Früchte reifen zu ſehen. Der nächſte Morgen fand mich ſchon dem blinden Wahn ent⸗ rückt, der Reue Preis gegeben! Ihre Pein hat zugenommen lange Jahre hindurch.. hat ſich geſteigert zur hölliſchen Folter. Ich kann,. ich will ſie nicht länger erdulden!— Ueber finſtern Entſchlüſſen brütend lehnte er ſich auf das Geländer, und ſah einem Zuge prächtig gekleideter fremder Herren und Frauen zu Pferde entgegen⸗ der ſich langſam über die Brücke bewegte.—„So allein?“ fragte Jemand hinter ihm, auf ſeine Achſel klopfend. Er ſah ſich um⸗ Simon war's⸗„Ihr ergötzt Euch wohl an dem geſchmück⸗ ten Zuge?“ fuhr er fort.„Ich habe ihn unten durch die Straßen reiten ſehen. Es iſt der Schloßhauptmann von Burgau, der Herr von Herbenſtein mit ſeiner Gemahlin. Sie kehren von einer Wallfahrt zu irgend einem wunder⸗ thätigen Marienbilde aus dem Schwarzwalde, nach der Heimath zurück. Die edle Frau hat ſich dahin verlobt, als ihr Soͤhnlein im ſchweren Siechthum darniederlag⸗ Und 108 ſiehe, ein junger Arzt iſt plötzlich erſchienen und hat den Knaben, an dem alles verzweifelte, geheilt. Die dankbaren Eltern haben darauf das Gelübde der Mutter erfüllt und viele Adeliche den Zug mitgemacht, theils aus Freundſchaft für den Herrn von Herbenſtein, theils aus zarter Achtung für ſeine ſchöne Gemahlin.— Sie iſt aber auch ein Muſter von Liebenswürdigkeit und Sanftmuth. Schaut! dort reitet ſie. Die auf dem weißen Zelter iſt; ihre Anmuth könnte ſogar das Eis in meinen Adern wieder in das friſche lebens⸗ warme Blut der Jugend umwandeln. Was iſt Euch aber? Ihr werdet wie die Wand? Was iſts?“ Philipp, der dem ritterlichen Zuge aufmerkſam nachge⸗ ſehen, war mit dem Haupte vor ſich hin auf die Mauer geſunken. Leiſe fragte er auf Simons Anrede:„Sage mir, iſt der Zug vorüber?“—„Ja, Herr,“ antwortete der Alte. „Die Weidenbüſche, die längs dem Fluſſe ſtehen, verbergen ihn. Er kann nicht mehr geſehen werden. Was war Euch aber?“ „O Simon,“ rief Philipp erſchüttert.„Welch eine Erin⸗ nerung! Haſt Du die Frau von Herbenſtein genau betrachtet?“ „Sehr genau,“ erwiederte Simon.„Sie iſt ein wunder⸗ ſchönes Frauenbild.“ „Du haſt meine Marie geſehen!“ rief Wernher mit Thrä⸗ nen;„eine täuſchendere Aehnlichkeit gab es nie. Zug für Zug; ſie war es wie aus dem Spiegel geſtohlen. Etwas älter und vollkommneren Gliederbau's mag die edle Frau ſeyn, aber dennoch dieſelben Reize, daſſelbe Lächeln!.... Glühende Schwerter durchbohren meine Bruſt, denke ich an diejenige, deren Ebenbild die Fremde iſt, an die, welche ich mißhandelte, in den Tod jagte!“ 109 „Zu ſpäte Reue!“ lächelte Simon mit widerlicher Miene, und zuckte ſpöttiſch die Achſeln.„Hin iſt hin, und wenn jenes Frauenbild in der That der ehemaligen Geliebten gleicht, ſo begreife ich nicht, wo Ihr die Augen hattet, als Ihr auf die Freite gingt. Hättet Ihr doch ins Himmels⸗ namen Eure Marie heimgeführt⸗ die Euch durch die halbe Welt nachgelaufen iſt. Euere jetzige Ehehälfte würde wohl nicht vom Seſſel aufſtehen, um vaſſelbe zu thun, wenn Euch in den Sinn kommen ſollte, ihrer Liebe aus dem Wege zu gehen.“ „Willſt Du mich raſend machen durch Deinen Hohn?“ fragte Philipp wild, und packte den Alten bei der Bruſt. „Spotten kannſt Du⸗ Verſucher! aber Hülfe verlange ich von Dir vergebens.“ „Eine ſeltſame Weiſe, in der Noth Hülfe zu verlangen!“ grinste Simon, ſich mit aller Anſtrengung von der Fauſt des grimmigen Herrn befreiend.„Ihr ſeyd der Bettler⸗ welcher, die Muskete auf der Gabel und die Lunte am Schloß, den Vorübergehenden ſein Elend klagt und um Gotteswillen ein Almoſen heiſcht. Ihr ſeyd im Fieber. Ich gehe voraus; kommt glücklich nach. Lebt wohl!“ Er ging auch richtig ſeines Wegs, obſchon langſamen Schrittes, und ließ Philipp allein zurück.„Teufel!“ knirſchte dieſer zwiſchen den Zähnen—„kalter Satan! verſtand ich Deine Worte? Legte ich noch nicht genug auf Deine Schale? Du haſt das Spiel gewonnen. Ich kann nicht elender wer⸗ den, als ich bin... ich muß den Jammer enden. Der rachgierige Vater droht mich unter Schande zu begraben⸗ wenn ich vor die Richterſtühle meine Klage bringe. es koſtet alſo ein Leben; das ihre oder meines. Wohlan denn! 10 Ich will zum Mindeſten Ruhe haben, wenn ich auch nicht glücklich werden ſoll. Hedwig ſtarb um meinetwillen,.. meinem geträumten Glück ſchlachtete ich Marien, mein Kind, meinen Bruder. Der Opfer viere ſind gefallen, ohne mir zu nützen; und das fünfte ſollte nicht bluten, um mir wenig⸗ nigſtens die Ruhe meiner Tage zu ſichern, da meine Nächte ohnehin den böſen Geiſtern verfallen ſind? Ich will doch ſehen, ob ich nicht durchſetze, was ich will.“ Der Unglückliche hatte bald den Alten eingeholt, der ſich in einem dunkeln Winkel der Stadtmauer, da, wo der Gang durch einen Thurm führte, verweilt und auf einem Stein niedergelaſſen hatte. Der ſchaurige und enge Ort hätte nicht beſſer zu der Verſchwörung gegen ein Menſchen⸗ leben gewählt werden können, und Philipp ſcheute ſich auch nicht, dem lauernden Simon noch ein Mal ſein Elend und ſeine Bitte um ſchleunige Abhülfe deſſelben zu wiederholen⸗ und ihn an ſeine Zuſage zu erinnern.„Ich habe mirs über⸗ legt, Herr Wernher,“ erwiederte ihm derſelbe,„und ge⸗ funden, daß es beſſer ſey, wenn ich es unterließe. Mein Seelenheil.... „Schweig'“ alter Heuchler!“ unterbrach ihn Philipp ver⸗ ächtlich.„Du wirſt mich nie an Dein zartes Gewiſſen glauben machen.“ „Nun,“ entgegnete Simon, die Larve abnehmend,„ſo iſt zum mindeſten der Preis zu klein und gering, mit dem Ihr es einſchläfern wollt.“ „Zu gering?“ fragte Philipp, auf den Einwurf gefaßt.— „Das ſoll nicht ſeyn. Ich bot dreihundert Gulden, ich lege zweihundert zu.“ 111 —— „Zweihundert Gulden?“ ſpottete Simon.„In der Wag⸗ ſchale eines Handels wie der unſrige, wiegen dieſe nicht ein Quentlein mehr als die zuerſt gebotenen dreihundert.“ „Habſüchtiger Schurke!“ grollte Wernher.„Verſteigt ſich Deine Raubgier ſo weit? Was hindert mich denn, meinen Grimm „Gemach! gemach„entgegnete Simon und hielt ihm den drohenden Arm auf.„Vergeßt Euch nicht! Was wollt Ihr thun? Ich will ein Mal nicht, um Euere Paar hundert Gulden vollends nicht. Ihr könnt mich doch beim Teufel nicht zwingen zu einem Morde!“ „Wohl, Elender!“ ſprach Philipp, um ihn auf andere Weiſe zu packen,„Du weigerſt mir Deine Hand? willſt Deinen Gewinn ſteigern? Verliere denn Alles. Ich verübe ſelbſt, was ich begehre.“ „Es wäre das Kürzeſte,“ verſetzte Simon mit kaltem Hohne;„nur Jammerſchade um Euch ſelbſt. Beſtellt Euch nur im Voraus das Armeſünderkleid mit den ſchwarzen Schleifen; denn Euere Niſſethäterangſt wird Euch in der Stunde der That verrathen. Einen armen Buben ins Elend jagen, einer verlaſſenen Dirne das Herz brechen⸗ iſt Kinder⸗ ſpiel. Ein Ernſteres gilt's, wenn es d'rauf ankömmt, mit kecker Hand, ſicherm Blick und wechſelloſer Farbe der Gattin das Todespulver zu miſchen. Das könnt Ihr nicht.“ „Hölliſcher Drache!“ ſtammelte Philipp in ohnmächtigem Widerſtreben.„Du haſt mich überwunden, in Deinen Netzen mich gefangen. Du, Du biſt meine einzige Hülfe! Fordere, verlange was Du willſt. es ſey Dein⸗ was Dein Hers begehrt.“ 11² „Nun ſprecht Ihr endlich großmüthig,“ erwiederte Simon, „und man kann ſich mit Euch verſtändigen. Merkt Euch die Lehre: Man muß nie mit dem Solde eines Verbrechens knickern. Da Ihr zu Verſtande gekommen, will ich es auch billig mit Euch machen. Ihr gebt mir tauſend Gulden, das Gärtlein vor dem Ehinger Thore, das mir immer ſo wohl gefallen hat, und überlaßt mir Euer altes Haus, damit ich für meine alten Tage ein Eigenthum habe, in dem ich ſter⸗ ben kann. Das alte Gebäude nützt Euch doch zu nichts, und koſtet Euch verlorne Zinſen.— Nun, was meint Ihr? meine Forderung iſt ſchon zu Ende. Antwortet doch!“ „Vor Deinem unverſchämten Verlangen muß ich wohl verſtummen. ſprach Philipp, ſich von ſeinem Erſtaunen kaum erholend.„Du forderſt mein halbes Vermögen.“ „Ihr ſeyd Kaufmann,“ verſetzte Simon achſelzuckend,— „und macht in Euerem Laden den Preis; ich mache ihn im meinigen. Wem er nicht behagt, laſſe die Waare liegen. Was kann ich dafür, daß Euch ein verhaßtes Menſchenleben ſo wenig gilt? Ich fordere Euer halbes Vermögen, ſagt Ihr?— Poſſen! ich verlange für Euere Rettung aus Teu⸗ felsklauen nicht die Hälfte deſſen, was Ihr auf ewigen Cre⸗ dit hinaus an den Thurneiſen verſchleudert habt, der Euch den Teufel als Ehekreuz aufhängte.“ Wernher kämpfte einen Augenblick mit ſeinem verzweif⸗ lungsvollen Entſchluß,„mit ſeinem angebornen Geiz, und ſchlug endlich, wiewohl von Herzen wiederſtrebend, ein. „Endlich ſind wir des Handels einig!“ lachte Simon und rieb ſich vergnügt die Hände;„und weil gerade ſchönes Wetter iſt, und Ihr ein Stündlein Muße habt, ſo dächte ich, wir gingen ſtracks mit einander zum Tabellion, und„ 1¹3 ließen den Schenkungsbrief aufſetzen, denn; Alles im Vor⸗ aus! iſt mein Wahlſpruch.“ „Mißtrauiſcher Böſewicht!“ ſprach Philipp mit der tief⸗ ſten Verachtung.„Ich ſoll mein Vertrauen in Dich ſetzen, und Du ſchenkſt mir keines?“ „Das iſt ſo Brauch und Sitte zwiſchen Leute unſeres Schlags!“ verſicherte Simon mit arger Tücke.„Kommt nur, und laßt uns gehen!“ „Mein väterliches Haus!“ murrte Philipp vor ſich hin.. „es an dieſen Menſchen hinzuwerfen 1. „Immer beſſer als an den Thurneiſen,“ meinte der Alte⸗ und zog den Gebieter mit ſich fort.„Ihr habt Euch ohne⸗ hin gefürchtet⸗ darin zu wohnen.“ „Haſt Du ſie denn abgelegt, die Angſt, welche Du mit mir theilteſt?“ fragte Philipp beißend.—„So vlötzlich abgelegt?“ „Ich will's verſuchen,“ antwortete Simon,„und wenn es nicht angeht⸗ Euch das alte Reſt um ein Billiges wieder verkaufen. Ihr ſeht, wie ehrlich ich es meine. Fördert nur Euere Schritte, und wenn Euch der Tabellion fragen ſollte, aus welchem Grunde die Schenkung Statt finde, ſo ant⸗ wortet hübſch:„„Für lange und treue Dienſte.““ Hört Ihr?“ Finſter wie eine gewitterſchwangere Wolke ging Wernher neben dem Alten her, der ſeinen Zweck endlich erreicht hatte, und ſich beinahe am Ziele ſeiner Anſchläge ſah. Bei der Verhandlung mit dem Notarius ſogar mußte Simon ſeinen Herrn im Stillen zu mehrerer Heiterkeit ermahnen, um kei⸗ men Verdacht oder Zweifel zu erregen, und ſo wurde alſo Die Schenkungsakte nach allen von Simon beſtimmten Punk⸗ ten geſchrieben⸗ unterzeichnet⸗ beſiegelt und an den Alten 11¹4 gegeben. Noch denſelben Abend ſchloß Philipp ſeufzend ſeinen Geldkaſten auf, und zahlte dem nachſichtsloſen Gläubiger das Gold auf den Tiſch, die Schlüſſel zu Haus und Garten beifügend.„Nimm!“ ſagte er mit düſtrem Groll in den Zügen,—„nimm, Blutigel! Wenn aber binnen ſieben Ta⸗ gen Dein Verſprechen nicht erfüllt, die Unſelige nicht gelie⸗ fert iſt, ſo mache Du Dein Teſtament. Es koſte mich immer⸗ hin den Hals; aber auf offener Straße ſchieße ich Dich nieder, wie einen tollen Hund. Das merke Dir, und geh'!“ Simon hätte indeſſen auch ohne die ſtrenge Ermahnung für dieſes Mal zur Erfüllung ſeiner Zuſage die nöthigen Anſtalten getroffen. Nun er den Lohn ſeiner That bereits zwiſchen den Zähnen hatte, nun lag ihm ſelbſt daran, die läſtige, ihm beſonders gehäſſige Hausfrau aus dem Wege zu ſchaffen. Mit den Mitteln dazu war er auch bald im Reinen. Der friſche Lenz trieb gerade die Sprößlinge der Erde ſaftig in die Höhe; heilende wie ſchävliche Kräuter ſtanden in voller Ueppigkeit in Hain und Feld. Im Thau des Abends ſammelte Simon die, deren er bedurfte zu ſei⸗ nem finſtern Werk, trug ſie unbemerkt nach Hauſe, und braute in ſtiller Kammer und verſchwiegener Mitternacht daraus den verderblichen Saft, von betäubendem Gifte ge⸗ ſchwängert.— Wohl verkühlt, und in ein feſtes Fläſchlein verſchloſſen, brachte er denſelben am nächſten Abend in's Ladenſtübchen zu Philipp, der zerfallen mit ſich und der Wekt, gedankenlos in die Lampenflamme ſtierend, an ſeiner Rechentafel ſaß.„Guten Abend,“ ſprach der Eintretende leiſe.„Warum ſo düſter? warum ſo verſchloſſen?“ „Ich habe den Stand meiner Habe unterſucht,“ antwor⸗ tete Philipp mürriſch,„und nicht die erfreulichſte Berechnung 1¹5 — herausgebracht. Freund und Feind haben mich gerupft, wo ſie nur konnten.“ „Das iſt böſe,“ äußerte Simon theilnehmend.—„Seyd indeſſen getroſt. Der Thurneiſen wird bald ſeine Forde⸗ rungen einſtellen und an Euere Befriedigung denken müſſen.“ „Bis jetzt hat er noch keine Luſt dazu,“ erwiederte Wern⸗ her.„Er macht im Gegentheile neue Anſprüche unter dem Scheine des Rechts. Noch heute war er bei mir, und ver⸗ langte die endliche Beſtimmung des Witthums für ſeine Tochter, auf den Fall, daß ich ſtürbe, oder nach ſeinem Tode mich vielleicht von ihr ſcheiden ließe, welches er bei Lebzeiten Wenn zugeben wird, ohne die empfindlichſte Rache zu neh⸗ men. Was ſoll ich thun? ich bin in ſeinen Händen. Er will noch heute Abends mit einem Notarius zu mir kommen und meinen Entſchluß hören? Was mache ich? Was ſoll ich?“ „Die Gelegenheit ergreifen,“ fiel Simon mit eifriger Haſt ein,„Euch in Zukunft vor jeder übeln Nachrede ſicher zu ſtellen. In des Rathsherrn Begehren willigen⸗ dieſes Haus und Euern großen Garten jenſeits der Donau Euerer Frau als Witthum verſchreiben⸗ und das zufriedenſte Geſicht von der Welt dabei machen.“ „Biſt Du verrückt?“ fuhr Philipp auf...„meine ganze liegende Habe?“ „Meinetwegen noch einen tüchtigen Geldſack dazu,“ ſprach Simon wie oben, weiter.„Das zeugt nur von Euerer Be⸗ reitwilligkeit, iſt ein Beweis, daß Ihr kein Falſch im Herzen habt, und es redlicher mit dem Weibe meint, als nöthig wäre. Zu dem könnt Ihr leicht verſprechen und verſchrei⸗ ben.. ſcht dieſe Phiole ſie wird Euch das Leben in ihrem Tode ſchenken. Iſt das Weib dahin, ſo gibt das frei⸗ willig und ehrlich ausgeſtellte Witthumsdocument den beſten Zeugen für Euere Unſchuld ab, wenn überhaupt Verdacht geſchöpft werden ſollte. Die verſchriebenen Güter und Gel⸗ der verbleiben natürlich Euchz Ihr ſpielt eine Zeit lang den betrübten Gatten, und geht dann dem groben Schwähervater wegen ſeinen Schulden zu Leibr, pollte er auch Haus und Hof zu ihrer Lilgung verwenden müſſen. Seht Ihr, ſo muß es kommen, und die Bahn zu allem dem, bricht Euch der Witthumsbrief.“ „Du haſt recht,“ verſetzte Philipp nach langem Bedenken. „Dieſer klug und liſtig ausgeſtellte Brief iſt auch allein im Stande, durch die Glorie der Großmuth, die er um mein Haupt verbreitet, das böſe Gewiſſen auf meiner Stirne zu überſtrahlen.— Wie iſt es aber? Iſt alles bereit? Kann der Streich fallen? antworte aufrichtig.“ „Dieſes Fläſchlein bürge für die Wahrheit meiner Worte, wenn ich ſage: Es iſt alles bereit,“ erwiederte Simon. „Morgen, wenn's Euch beliebt, miſche ich den Saft in ihre Worgenſuppe. In einer halben Stunde darauf hat ſie in der Welt nichts mehr zu verdauen.“ „Hinterläßt das Gift keine Spur?“ fragte Philipp, das Fläſchlein beſorgt gegen das Licht haltend. „Nicht die geringſte,“ verſicherte der Alte.„Jungfer Hedwig lag im Sarge wie eine blaſſe Roſe, und kein Fleck⸗ chen zeigte ſich an ihrem blüthenweißen Körper. Ihr Beiſpiel lehrt ebenfalls, wie geſchwinde der Himmelsſchlüſſel ihr Thor und Thüre zu öffnen verſtand. Wollt Ihr Euch aber überzeugen, ob dieſe Subſtanz dieſelbe ſey, ſo macht den Verſuch damit an Alba oder Spaniol,“ „ — m. „Wie, an meinen treuen Hunden?“ rief Wernher auf⸗ flammend.„Wo denkſt Du hin 2 Ich hätte Luſt, Dich, zur Strafe für dieſen Vorſchlag, von ihren Zähnen zerfleiſchen zu laſſen.“ „Nun, nun!“ höhnte Simon.„Das Unglück iſt doch nicht ſo groß. Die todte Beſtie hätte ich in einen Sack ge⸗ ſteckt und nach der Donau getragen. Kein Hahn hätte dar⸗ nach gekräht.“ „Dort auf dem Schranke ſitzt der Staarmatz!“ ſprach Philipp.„Seit einigen Tagen iſt er krank, und gibt keinen Laut mehr von ſich. Verſuche, ob ein Paar Tropfen ihm den Reſt geben.“ „Wird bald gethan ſeyn,“ lachte Simon, auf den Vogel losgehend, erwiſchte den Armen mit feſter Hand und flößte ihm trotz ſeines Sträubens etwas von dem Gifte ein. Nach einigen Augenblicken bekam er Zuckungen, ſträubte die Federn auf, und fiel todt zur Erde.— Philipp nickte zufrieden mit dem Kopfe, und Simon ſchob den todten Vogel in die Taſche. „Ihr ſeht, das Nittel iſt probat,“ fragte er darauf, „wann befehlt Ihr⸗ daß es wirke?“ „Je früher, je veſſer,“ verſetzte Philipp, die Zuverſicht eines ſchnellen und glücklichen Ausgangs der That in ſeinem verzerrten Lächeln tragend. „Morgen alſo,“ beſtimmte Simon.„Morgen um die ſiebente Frühſtunde hört Euer Weib auf zu leben. Sie ſoll ein Haar in der Suppe finden⸗ und ſich den Tod daran würgen. Verlaßt Euch darauf und ſeyd frohen Muthes ⸗ Doch halt! beinahe hätte ich vergeſſen, was ich zunächſt bei 118 Euch wollte. Ich habe heute Mittag im alten Hauſe, wel⸗ ches nun das meine iſt, aufgeräumt und ausgelüftet; habe auch alle dem ſeligen Herrn gehörige Habe, die ich auf Euern Befehl in eine Bodenkammer ſperren mußte, zuſam⸗ mengelegt, um ſie zu Euch zu bringen, wenn Ihr's begehrt. Bei dieſem Räumen und Suchen alſo habe ich in einem un⸗ beachteten Schubfache des Käſtleins mit den gewundenen Säulen, worin der Herr Wernher ſeine Kleinodien zu ver⸗ wahren pflegte, einen kleinen Pack Schriften gefunden, die mir, wenn ich auch leſen könnte, dennoch von keinem Nutzen ſeyn würden, während ſie Euch vielleicht in etwas dienen könnten. Ich liefere ſie daher in Euere Hände ab, und wünſche, daß Ihr viel Gutes darinnen ſinden möget.“ Er legte den beſtaubten Papierkram auf den Tiſch und entfernte ſich. Philipp hatte kaum die Zeit, das Päcklein, das mit einer Schnur umwunden, und ohne Aufſchrift war, von außen zu beſehen, und es zu ſich zu ſtecken; denn Thurneiſen und der Notarius traten ſo eben in die Thüre. Die nahe Entwickelung ſeines traurigen Verhältniſſes gab dem Kaufherrn Laune und Muth zur Verſtellung. Thurneiſen fand ſich weit eher mit ihm zurecht, als er je gehofft hatte, ſtieß nur auf geringe Bedenklichkeiten und Hinderniſſe, und ſah ſich bald am Ziele. Philipp zeigte ſich endlich bereit, ſein neues Haus, ſeinen großen Garten vor dem Donauthor, und zweitauſend Reichs⸗ gulden ſeiner Ehefrau als Witthum auszuſetzen. Die Ur⸗ kundsperſon ſchrieb an Ort und Stelle den Vertrag nieder, und nahm ihn, nach gehöriger Unterzeichnung, in Verwahr. Der Rathsherr, vollkommen getäuſcht durch Philipps Betragen, konnte nicht umhin, ſich im Innern viele Vorwürfe wegen —————— 119 — der Unbilden zu machen, die er an ſeinem Eidam verübt, und ihm recht herzlich die Hand zu ſchütteln.—„Ihr ſeht⸗ Schwähervater,“ ſprach Philipp zu dem Rathsherrn, etwas leiſe, doch mit Bedacht laut genug⸗ daß der Notarius es vernehmen konnte,„Ihr ſeht⸗ wie ehrlich ich es mit Euerer Tochter meine, wie ich gerne den Frieden im Hauſe erhalten möchte. Redet ihr doch einmal in das Gewiſſen, daß auch ſie ihr Theil dazu beitrage, und mich nicht durch ihre Bos⸗ heit um Geſundheit und Leben bringe, auch ferner der Welt kein Aergerniß gebe. Ich pin bereit, ihr alles zu vergeben⸗ was ſie gegen mich verbrochen⸗ wenn ich einmal ſehen werde, W es ihr Ernſt mit der Beſſerung iſt.“ Thurneiſen ver⸗ prach auch alles, was Philipp wollte, nannte ihn ſeinen braven lieben Schwiegerſohn, und ging vergnügt hinweg. Der Notarius kehrte ſich aber noch unter der Thüre zu Philipp, und ſagte ihm leiſe:„Herr Wernher! nehmt's nicht ungerade, aber Ihr dauert mich. Es iſt bekannt, daß Ihr einen unglücklichen Haushalt führt mit Frau Barbara, ohne Euer Verſchulden, und ich wünſche, Euer edles Thun möchte von Vater und Tochter erkannt werden. Euere fromme Rede zum erſtern veim Abſchiede hat mich beruhigt, denn nehmt's nicht ungerade, es fiel mir nur ſo ein.. weil Ihr vor einigen Tagen ſo viel Gutes an Euerm alten Die⸗ ner, und heute wieder ſo viel an Euer Weib verſchrieben habt, dachte ich mir, Ihr wolltet Euch am Ende gar ein Leides anthun; aber ich ſehe nun, daß Ihr ein frommer Chriſt ſeyd, der Beleidigungen zu vergeben weiß, und auf Leben und Sterben denkt, um ſeine Angehörigen nicht in Zweifel und ungewißheit dereinſt zu hinterlaſſen. Gott ſegne Euch dafür mit Glück und häuslichem Frieden; denn wenn er es will, ſo wandelt er den verſtockteſten Heiden in einen Bekenner Jeſu, das bösartigſte Weib in ein ſanftmüthiges Lamm.“ Er ging freundlich zunickend von dannen. Doch Philipp lachte dem frommen Alten ſpöttiſch nach.—„Wo Gott nicht hilft, helfe der eigene Arm!“ ſprach er hierauf vor ſich hin. „Wohl bekomme Dir das Morgenbrod, verworfenes Weib!“ Er ſchloß den Laden, und überlegte, ob er wohl zu Barbara hinaufgehen, und zum Letztenmale den Abend bei ihr zu⸗ bringen ſolle, um ſie durch verſtellte Freundlichkeit kirre, und auf alle Fälle hin ſorgloſer zu machen, oder ob es beſſer ſey, im fröhlichen Becher Kraft für Morgen zu ſuchen, und auf das Gelingen des Anſchlags zu trinken.— Dem Reſt von unverdorbnem Gefühl in ſeiner Bruſt widerſtand es, ſich an dem Anblick ſeines Opfers zu weiden, und er ſuchte deßhalb das Getümmel luſtiger Zecher, gegen Mitternacht mit ſchwerem Kopfe das Lager. Dem ungeachtet weckte ihn ſchon der erſte Frühſtrahl, und die Dämpfe des Weins flohen bei der Erinnerung an das Werk, welches den heutigen Tag bezeichnen ſollte. Sein Geiſt beſaß nicht Stärke genng, das Vollbringen deſſelben ruhig und gelaſſen abzuwarten. Na⸗ menloſe Angſt peitſchte ihn aus dem Hauſe. Simon begeg⸗ nete ihm in der Hausflur. Der Alte ſchlich wie eine Katze um die Küchenthüre herum. Leiſe und verſtört fragte ihn Philipp, was er da beginne.„Ich erwarte einen günſtigen Augenblick,“ antwortete Simon.„Ihr habt aber Recht, das Haus zu meiden. Euere Jammermiene würde Verdacht er⸗ regen. Nach ſieben Uhr mögt Ihr heimkehren. Ihr werdet dann des Geheul's genug finden, und die argloſe Welt ſchreibt Euer Entſetzen auf Rechnung des unvorhergeſehenen Verluſtes.“— Nagende Schlangen im Buſen, rannte Phi⸗ lipp davon; an der Ecke hielt er einen Augenblick ſtille. „Jetzt wäre es noch Zeit,“ flüſterte ſein zagendes Gewiſſen; „ein Wort, und die Unthat bleibt ungeſchehen deine Hand rein Schon zuckte der Fuß zurück... da ſtürmte plötzlich der Eigennutz wüthend darein:„Du zauderſt noch, und ſchon iſt der ungeheure Preis bezahlt und dem Teufel verſchrieben. Willſt du ihn zurücklaſſen, ohne deine Ab⸗ ſicht zu erreichen? Vertraue dem Glück und Simons Klug⸗ beit, und laß die Feindin ihre Bosheit büßen!“— Dieſe Gründe überwogen⸗ und Philipp ſchlich ſich ſcheu durch die noch ziemlich öden Gaſſen der Stadtmauer zu. Es war ihm, als könne er nirgends Ruhe finden als in der Nähe des Orts, wo die Frevelthat endlich unwiderruflich beſchloſſen wor⸗ den war. Seine Hoffnung täuſchte ihn. Die dicken Mauern beengten feine Bruſt, aus jedem Winkel drohten die Schreck⸗ bilder ſeiner Einbildungskraft. Die dann und wann an ihm vorbeieilenden Wächter ſchienen ihm, von dem Verbre⸗ chen unterrichtet⸗ auf den Ferſen zu folgen. Vor ſeinem eigenen Gehirne fliehend⸗ verließ er die Stadt und ſtreifte unſtät umher auf den Feldern. Die ſechſte Stunde brummte vom hohen Münſterthurme; zuſammenſchaudernd warf ſich Wernher unter einen in Blüthen ſtehenden Baum auf den tühlen Raſen nieder.„Noch eine Stunde,“ ſeufzte er⸗„noch eine Stunde bat ſie zu leben. Muth! Muth! auch dieſe Stunde wird verrinnen, ihr den Tod gebracht haben, und ich werde ruhig ſeyn!“ In Erſchlaffung ſank ſein Haupt zu⸗ rück, die Hände faltetkn ſich auf der Bruſt, und in halber Abweſenheit des Bewußtſeyns verſuchten ſeine Lippen ein Gebet für die dem Tode Geweihte zu ſtammeln, das in ſeinen 9 verkehrten Wendungen und Ausdrücken ein trenes Bild des Sturms in ſeiner Seele wiedergab. Erſchöpft richtete er ſich wieder auf, nach kurzer Friſt, und griff unwillkührlich nach der linken Seite, wo er einen leichten Druck verſpürte. Seine Hand faßte in der Taſche des engen Wamms das Päckchen, das ihm Simon am verwichenen Abend gegeben. Zufrieden, etwas gefunden zu haben, womit er ſein Gemüth beruhigen, ſeinen Geiſt zerſtreuen könne, öffnete er ſeinen Fund. Haarlocken, Schleifen, Bänder fielen heraus. Es war eine Sammlung von Liebespfändern, die der eitle Va⸗ ter des Kaufherrn aufzubewahren pflegte, um in einſamen vergänglichen Zeichen vergänglicher Liebe befanden ſich ei⸗ nige Papiere, größtentheils Briefe von denjenigen Gelieb⸗ ten des Rathsherrn, die der Schreibkunſt in ſolchem Grade mächtig waren, um an den Studirten ein Schreiben wa⸗ gen zu dürfen. Philipp überflog ſie oberflächlich, und warf ſie mit mitleidigem Lächeln auf die Seite. Der letzte iedoch, kurz und deutlich genug, feſſelte ſeine Aufmerkſam⸗ teit, und machte ihn plötzlich erbleichen. Der Zettel hieß, wie folgt:„Geliebter Wernher. Ich ergreife die Gelegen⸗ „heit, die ſich mir darbietet, um Dir, wiewohl mit zitternder „Hand, zu melden, daß Dein Kind ſich wohl befindet. Ich „bin dagegen noch immer krank.— Wenn Du Deine Toch⸗ „ter doch ſehen könnteſt! Du weißt gewiß, daß ſie geſtern „getauft wurde. Sie heißt Barbara, wie ich, weil Du die⸗ „ſen Namen liebſt. Ich ſchicke Dir hiermit einige Haare „ihres Haupts, das ſic voll Locken auf die Velt gebracht „hat. Verſuche es aber nicht, mich und Dein Kind zu ſehen⸗ Stunden der Muße ſein Alter durch Erinnerungen an be⸗— glückte Stunden der Jugend aufzufriſchen. Unter dieſer 3 „ —. 123 „Ehrenfried hält zu ſtrenge Wache, und ahnt, fürchte ich⸗ „weit mehr als Thurneiſen, der vei ſeiner Heimkunft wohl „ſtutzen wird, wenn er das dicke Dirnlein findet, welches „keinen Zug von ihm hat. Ich kann ihm aber, wenn ich „nur ſeinem Hochmuth ſchmeichle, alles was mir einfällt als „Wahrheit aufheften. Und ſomit beruhige Dich. Deine „treue Barbara.“ „Valga me Dios!“ ſchrie der entſetzte Leſer auf „Barmherziger Gott! welch ein fürchterliches Licht dämmert vor meiner Seele? Verflucht ſey der Tag, der mich, der ſie in's Leben rief! Barbara iſt meine Schweſter, und ich Elen⸗ der habe ſie unwiſſend in Blutſchande umarmt!“ WVie ein ſinnloſer Menſch ſchlug er zu Boden, und wälzte ſich wüthend im Graſe, krallte ſeine Hände grimmig in die Erde. Ein neuer zerſchmetternder Gedanke jagte ihn aber plötzlich wieder empor⸗„Was thue ich?“ brüllte er. „was will ich denn eigentlich? Bin ich nicht auf dem Punkte mehr zu thun, als ich bereits gethan? Will ich ſie nicht er⸗ morden laſſen,. meine Schweſter ermorden? Vielleicht, indem ich daran denke trinkt ſie das Gift von des Gatten, von des Bruders Hand! Jürchterlicher Gedanke! Du machſt mich wahnſinnig, und entmannſt mich!— Iſt es nicht ſchon zu ſpät?“ Im ſelben Augenblicke ſchlug dit Thurmuhr Sieben. Jeder Schlag war ein Keulenſtreich auf Philipps blutendes Herz⸗ und ſeine ſtumme Verzweiflung konnte den unerbitt⸗ lichen Hammer nicht aufhalten. Wenn ich mich verrechnet hätte, ſtammelte des Verbrechers Seelenangſt, während dem Zählen; wenn es jetzt erſt ſechs Uhr ſchlüge?— Umſonſt! die Zeit ſchenkte ihm keine Stunde. w Schlag der Glocke ſetzte aber alle Getriebe ſeines Körpers in Be⸗ wegung. Das unſelige Blatt im Buſen verbergend, flog er mit Rieſenſchritten über die Flur, über die Heerſtraße, der Stadt zu; athemlos ſtürmte er durch die vom Markt beleb⸗ ten Gaſſen nach ſeinem Hauſe, eilte wie ein geſcheuchtes Reh die Treppe hinan. Alles ſchien im Hauſe ruhig, alles ſeinen geregelten Gang zu gehen. Bleich wie ein Geſpenſt ſtürzte Wernher in Simons Kammer.„Schon daheim?“ fragte der darin unruhig auf und abgehende Diener und fuhr vor der Bläſſe und Verſtörung des Gebieters zurück.„Ja!“ keuchte der Letztere...„wollte Gott! ich käme nicht zu ſpät. Hat Barbara getrunken?“„Sie hat,“ entgegnete Simon kalt.— auf ihre Kammer.“„Weh mir!“ ſtöhnte Wernher, und tnickte zuſammen.„Was iſt Euch?“ fragte Simon beſorgt. „Plagt Euch der Satan? Wollt Ihr Euch und mich verder⸗ ben? Richtet Euch aufz was hat Euch denn ſo ergriffen?“ „Barbara iſt... meine Schweſter!“ ſtammelte der Ver⸗ zweifelnde. Simon ſtand wie vom Blitze gerührt, ermannte ſich aber ſchnell.„Wenn ſie Euere Mutter wäre,“ ſprach er hierauf kalt,„ſo könntet Ihr ſie doch nicht mehr retten. Ich ſtehe auf Nadeln, denn ich erwarte von Minute zu Mi⸗ nute das Beginnen des Sterbejammers und Klagegeheuls.“ „Entſetzlicher!“ rief Wernher.„Du ſtehſt ſo kalt bei meiner Verzweiflung? Wohl denn, ich will mich überzeugen und retten, wenn es noch nicht zu ſpät iſt.“„Und uns elend machen!“ erwiederte Simon und hing ſich mit aller Macht ſeines alten Körpers an den Auftobenden; allein dieſer war von dem ſchwachen Greiſe nicht zu bändigen. Er ſchleuderte ihn von ſich und eilte auf Barbaras Gemach zu. Ohne auf „Vor einer Viertelſtunde trug die Magd die Morgenſupp * ſich oder irgend etwas andres Rückſicht zu nehmen, ſtieß er die Thüre aufz ſein erſter Blick auf Barbara machte ihn zu Stein. Sie ſaß bleich, mit blauen Rppen, und an allen Gliedern zitternd am Tiſche; vor ihr ſtand die unſelige Schale.— Lautlos blieb er an der Thüre gelehnt, und ſtarrte auf das Weib; das Letztere durchbohrte ihn mit ihren Augen.„Was willſt Du?“ kreiſchte ſie ihm endlich entge⸗ gen.„Dein Frühſtück theilen,“ ſtammelte er bewußtlos. „Verzehre es ganz⸗ feiger Mörder 1“ ſchrie ſie wuthentbrannt, und ſchleuderte ihm die Schale vor die Füße.„Ich trank teinen Tropfen!“„Gott ſey gelobt!“ ächzte Wernher⸗ und ein Fels wälzte ſich von ſeiner Vruſt.„Ja er ſey gelobt,“ wiederholte Barbara hämiſch;„obſchon Dir der Wunſch nicht von Herzen geht. Deine Argliſt ſcheiterte an meiner Vor⸗ ſicht und Gottes Gnade. Längſt ſchon auf eine ruchloſe That gefaßt, aß und trank ich ſeit geraumer Zeit von nichts, wovon Du nicht auch gekoſtet, und unterſuchte jeden Mor⸗ gen die Suppe⸗ die für mich bereitet wird; heute finde ich ſie übelriechend. Der Schierlingsduft⸗ der grünliche Schleim, der ſich am Boden der Schale ſammelt,— beides enthüllt mir Deine Gräuelthat. Verſuche nicht, zu läugnen. Mar⸗ garetha hat mir in ihrer Einfalt erzählt⸗ daß ſie Dir be⸗ gegnet. Du ſey'ſt blaß und verſtört geweſen. läugne alſo nicht⸗ Ungeheuer! Mörder! Giftmiſcher! Doch Dein Lohn wird nicht ausbleiben; noch weiß das Geſinde nichts, aber ich habe nach meinem Vater geſchickt;. er ſoll Dein Urtheil ſprechen, falſcher Mann!“ Als wie gerufen, polterte Thurneiſen zur Thüre herein. „Was gists?“ rief er.„Was ſoll ich? gilts wieder Frieden 126 zu ſtiften? Wie ſeht Ihr aus, Eidam? Und Du, meine Ban⸗ bara, was hat Dich ſo entſetzlich ergriffen?“ Barbara donnerte ihre Klage herunter, und forderte Rache. Philipp konnte noch immer kein Wort hervorbrin⸗ gen. Thurneiſen ging die ganze Stufenfolge der Gefühle bis zur Wuth durch. Bebend vor Zorn brach er endlich los: „Niederträchtiger Bube! habe ich mein Kind dem Moloch geopfert? Du ſtellſt ihr nach mit Gift? Geduld, Elender, Du ſollſt mir's büßen. Stehenden Fußes gehe ich vor Rath, zeige Dein Verbrechen an, und übergebe Dich dem Blut⸗ gericht! Er wollte wie ein Sturmwind zur Thüre hinaus. Philipp ſtellte ſich ihm aber entſchloſſen in den Weg.„Bleibt!“ Schaffot bringen? Hat nicht das nichtswürdige Weib ſelbſt mich zu der verdammlichen That gezwungen? Dürſtet Ihr nach meinem Blute? Wohl, ſo geht hin, ich werde mich ſtel⸗ len, werde nicht läugnen, aber öffentlich vor allem Volke es ausſchreien, daß Ihr den Bruder mit der Schweſter verkup⸗ pelt habt.“„Menſch! was ſagſt Du da?“ ſchrie Thurneiſen, packte den Eidam bei der Bruſt und ſtarrte ihm in die Au⸗ gen.„Die Wahrheit!“ erwiederte Philipp außer ſich.„Bar⸗ bara iſt Wernhers, meines Vaters Tochter, erzeugt mit Euerm buhleriſchen Weibe. Leſ't und glaubt!“— Er hielt ihm den verhängnißvollen Zettel hin; Thurneiſen ergriff ihn mit zitternden Händen, ſtine Zähne ſchlugen zuſammen, ſeine Kniee wankten.„Wahr!“ heulte er, nachdem er geleſen! „Wahr! Barbara! es iſt wahr!“—„Allmächtiger! die Schande!“ ſtöhnte Wernhers Gattin, und ſank vom Stuhle. Philipp fuhr jedoch fort:„Ihr habt geleſen; Ihr glaubt. Geht nun hin, mich dem Tode zu überliefern. Ich ſierbe — ſchnaubte er dem Rathsherrn zu.—„Wollt Ihr mich aufs“ * L 7 1N auf dem Hochgerichte Dieſer Tod iſt das Werk einer Mi⸗ nute.. aber das Brandmahl Eurer Schande tilgt eine doppelte Lebenszeit nicht von Eurer Stirne!“—„Meiner Schande!“ tobte Thurneiſen.„Die Schmach überlebe ich nicht!“ Ehe ihn Philipp aufhalten konnte, war er der Stube entſprungen und verließ mit allen Zeichen eines irren und verzweifelnden Gemüths das Unglückshaus. Der Stolz des hochfahrenden Mannes war wie von einem Wetterſtrahle gebrochen, ſeinem Herzen in dieſer Demüthigung der em⸗ pfindlichſte Streich verſetzt. Sein verſtorbnes Weib eine Buhlerin, ſeine Tochter, die er in ſtolzem Selbſtbewußtſeyn die ſeinige nannte, ein Sprößling unkeuſcher Liebe— die Gattin des Bruders. Es war zu viel für ihn. Die Probe war zu hart, und ein ungeſtümer Geiſt wie der ſeinige greift gern zu verzweifelten Mittelu. Als Simon, den Phi⸗ lipp eiligſt dem Rathsherrn nachgeſandt hatte, um zu er⸗ fahren was er im Schilde führe,— deſſen Spur verfolgend auf die Donaubrücke kam, ſtürzte ſich Thurneiſen von der Höhe derſelben in den von Frühlingswaſſern angeſchwollnen Fluß.„Helft! rettet!“ ſchrie das verſammelte Volk, der yerbeieilende Simon; aber keine Seele wagte ſich in die reißende Fluth. Da ritt der Syndikus herbei.„Fünfzig Gulden dem, der mir den Freund rettet!“ rief er mit über⸗ lauter Stimme.—„Ich verſuch' es,“ rief einer aus dem Haufen, und Geismann ſprang vor.—„Für fünfzig Gul⸗ den und einen guten Trunk wage ich Alles;“ ſetzte er hin⸗ zu, und warf ſich in die tobenden Wellen. Das zürnende Element ſpottete ſeiner übermüthigen Prahlerei, und riß ihn hinab zu dem Körper des Rathsherrn in die Tiefe.— Ernſt 128 und betroffen ſtarrte die Menge in die donnernden Wogen. Schnepfinger aber, und Lukas, die unter den Zuſchauern ſtanden, und von bangem Schauder ihre Haare gelüpft fühlten, flüſterten ſich ahnungsvoll in's Ohr:„die Heren⸗ lene hat wahr verkündet, als wir ſie vor ſechs Jahren zur Stadt brachten. Den, der uns damals ausgeſandt, und den, der die kluge Frau geläſtert, hat der kühle Fluß erwartet. Gott behüte uns aber vor gleichem Schickſal in Gnaden und Barmherzigkeit!“ Erſt eine Stunde weit unterhalb Ulm wurden die Kör⸗ per der Verunglückten von dem zürnenden Strom an's Ufer geworfen, und von dannen nach der Stadt gebracht. Die Urſache dieſer Begebenheit blieb ein Geheimniß, und man muthmaßte allgemein, die zerrütteten Umſtände des Raths⸗ herrn, und eine Weigerung des Eidams, noch länger deſſen Schulden zu decken, hätten den böſen Entſchluß erzeugt. Dieſer Tag hatte aber auch bedeutende Folgen für Philipp. Barbara und er hatten noch eine Unterredung, in der ſie ſchnell übereinkamen, die unſelige Verwandtſchaft zu ver⸗ heimlichen, aus Furcht vor öffentlicher Schande, und die Trennung ihrer Ehe zu verlangen. Hingegen drohte Bar⸗ bara, den fehlgeſchlagnen Vergiftungsverſuch anzuzeigen und Rache zu fordern, wenn Philipp ſich weigern würde, ihr die in dem Witthumsbrief ausgeſetzten Güter und Gelder, von Stunde an, als Eigenthum zu bewilligen. Der unglückliche Gatte, überzeugt, daß es der Nichtswürdigen keine Ueber⸗ windung koſten würde, ihn auf das Blutgerüſt zu bringen, erfüllte das Begehren der grauſamen Schweſter.— Thurn⸗ eiſens Gläubiger fielen über deſſen verſchuldete Habe her, und die ſehr beträchtlichen Forderungen Wernhers zerfloſſen 6 129 in Nichts.— Der Kaufherr ließ ſich ſo weit berunter, mit Simon zu unterhandeln, um ihn zu bewegen⸗ den Schen⸗ kungsbrief, deſſen Bedingung doch nicht erfüllt worden war, gegen eine mäßige Summe wieder abzutreten. Der alte Heuchler lachte aber in's Fäuſtchen⸗ ſtützte ſich auf die lan⸗ ger und treuer Dienſte wegen gemachte Schenkung, und trat nicht das Mindeſte von ſeinem neuen Eigenthum ab. Der Ueberliſtete mußte ſchweigen, und ſo geſchah es dann daß dem reichen Kaufherrn Wernher,— nachdem er ſein halbes Gut an den verſchwenderiſchen Schwähervater verſchleudert⸗ und die zweite Hälfte deſſelben durch ſeine Verbrechen einem elenden Weibe und einem böſen Knechte in die Klauen ge⸗ jagt hatte,— von ſeiner großen Habe nichts übrig blieb⸗ als ein kleines Bauerngut unweit Ehingen⸗ auf welchem er in Geſellſchaft ſeiner Hunde und ſeines geplünderten Geld⸗ kaſtens ſein verſchuldetes Unglück verbarg. Sechstes Con arte ed inganno Si vive mezzo lanno; Con inganno e con arte Si vive Faltra parbe. Sprichwont. Während auf dieſe Weiſe ein ſtreng vergeltendes Ver⸗ hängniß Rache nahm an dem Urheber von Mariens und Archimbalds Leiden, war der Letztere in der kaiſerlichen Re⸗ ſidenzſtadt Prag angelangt. Obgleich, durch Kaiſer Rudolphs des Zweiten Freigebigkeit und Vorliebe zu einem achten Wunder der Welt erhoben, konnte die ſchöne Stadt mit ihrem Volksgewühl und regem Leben, im Anbeginn die Neugierde des jungen Abenteurers nicht feſſeln, deſſen einziges Geſchäft darin beſtand, den Palaſt der Markgräfin auszukundſchaf⸗ ten. Er nahm freundſchaftlichen Abſchied von ſeinem Be⸗ gleiter, der ſeine Freunde aufzuſuchen eilte, und welchen er in gänzlicher Unwiſſenheit über ſeine eigentlichen Verhältniſſe gelaſſen hatte. In der nächſten beſten abgelegenen Herberge ſtellte er die Pferde ein, und begann ſeinen Streifzug. Nach vielen vergeblichen Fragen an Leute, die entweder der deut⸗ ſchen Sprache nicht mächtig waren, oder nicht ſeyn wollten, gelangte er endlich zu dem prachtvollen Hauſe. Es war F F ———— „ 1³1 ſtill und öde, und auf Archimbalds geziemende Anfrage, erhielt er von dem Thürſteher den Beſcheidi die Markgräfin ſey am verwichenen Tage mit ihrem Gefolge nach Pilſen gereiſ't, und werde unter einigen Vochen nicht zurück erwar⸗ tet.— Unmuthig ging Archimbald davon⸗ und forſchte nach Baſta's Wohnung. Auch der General war auf einer Be⸗ rufsreiſe begriffen. Nun plieb dem Jüngling nichts anders übrig, als den Doctor Dee aufzuſuchen, obgleich ihm dieſer ganz der Sauerſte von allen war⸗ weil er eine Menge ver⸗ vienter Vorwürfe zu erwarten hatte. Seufzend wanderte er alſo dem königlichen Schloſſe zu, und das ſtrenge Aeußre deſſelben ſchien ihm eine üble Vorbedeutung zu ſeyn. Unter dem Thore der Burg wimmelte es von Wachen, die den Fremdling bei ſeinem Eintritt in ſtrenge Frage nahmen. Seine Kühnheit half ihm aber ſchnell durch die trotzigen Hü⸗ ter.„Ich bin zum Doctor Dee berufen;“ prahlte er mit vornehmem Blick, und wie auf einen Zauberſchlag traten die Wächter zurück, und wieſen ihm mit ehrfurchtsvoller Ge⸗ perde den Weg in die innern Höfe des Schloſſes. Zuver⸗ ſichtlich ſchritt er vorwärts, an der großen Burgtreppe vor⸗ über, die von ſtarken Gittern verſchloſſen, wie der Eingang eines Kerkers⸗ noch oben drein von doppelten Wachen be⸗ ſetzt war. Ein Schwarm von Dienern und Knechten war in den Höfen veſchäftigt, und muſterte den jungen Ankömm⸗ ling von Kopf bis zum Fuße. Begierig zu ſehen, ob des Doctors Name hier denſelben Eindruck machen werde, als am Thore, fragte derſelbe mit lauter Stimme:„wo gelange ich zu dem Doctor Dee?“„Zu dem Teufelsbanner?“ erwie⸗ derte ein Diener.„Geht nur in jenes Pförtchen ein, das Ihr dort zur Linken ſeht, und ſteigt auf der Wendeltreppe 132 bis in den dritten Stock. Dann mögt ihr klopfen.“— „Deufelsbanner?“ wiederholte der Jüngling kopfſchüttelnd für ſich, indem er auf den bezeichneten Eingang losſteuerte. „Muß ich denn immer mit Hexen und Zauberern zu thun haben? Aber Muth!“ fügte er hinzuz„wäre der Doctor gleich der Teufel ſelbſt;. ich habe keine andere Wahl⸗ und Lene hab ich's in die Hand geloben müſſen!“ Ohne Verzug erklimmte er die ſchmale Wendelſtiege, bis im dritten Stockwerk eine verſchloßne Thüre ihn aufhielt. Er machte durch den ſchweren metallnen Klopfer ſeine Anweſenheit kund. Schleppende Schritte nahten darauf von innen; in der Thüre öffnete ſich ein Schieber und ein Weibergeſicht von greller Häßlichkeit und ächt ſélaviſchem Schnitt ließ ſich da⸗ hinter ſehen. Auf das Begehren des Pochenden, mit dem Doctor zu ſprechen, ſchob ſie, ohne ein Wort zu erwiedern, das Guckloch zu, und entfernte ſich. Je länger ſie ausblieb, je banger wurde Archimbald zu Muthe.„Wenn der Em⸗ pfang des Doctors eben ſo einladend iſt, als derjenige ſei⸗ ner Magd,“ dachte er ſich,„ſo werde ich übel wegkommen, und mir ſtraks eine andere Hülfs⸗ und Erwerbsquelle ſuchen müſſen. Indeſſen will ich nicht meine Verweiſung unbeſon⸗ nen herbeiführen, ſondern eine kleine Demüthigung erragen von dem Manne, dem ich im Grunde Alles, was ich weiß, verdanke.“ In dieſe Gedanken vertieft, lehnte er ſich an die Mauer, und ſah, um ſich die Zeit zu vertreiben, durch das hohe und ſchmale Fenſter ihm gegenüber auf den Hof. Eine Minute nach der andern entſchwand, eine jede dünkte ihm eine Ewigkeit, und die häßliche Pfortenhüterin ließ ſich immer noch nicht ſehen. Schon hatte Archimbald den Hammer wieder gefaßt, um gewichtiger denn das erſte Mal an die Thüre zu donnern⸗ als die ſchweren Schritte wieder heranſchlappten, und der Eingang ſich knarrend aufthat. Archimbald ſchlüpfte auf den vüſtern Vorplatz, und die Magd e ihm, ohne ein Wort zu reden, eine halb offne Thüre im Hintergrunde. Er folgte dem Winfe, und trat in ein ziemlich weitläufiges Gemach, mit ſtark vergitterten Fenſtern. An den Wänden thürmten ſich Schaft auf Schaft, mit Bü⸗ chern beladen; auf dem Fußboden lag eine Menge phiſika⸗ liſcher Werkzeuge⸗ auf allen Tiſchen waren unzähliche Papierbündel aufgehäuft. Mitten in dieſer bunten Unord⸗ nung ſaß der Doctor bei einem ungeheuren Folianten⸗ und ſchrieb daraus magiſche Charactere auf ein zur Seite lie⸗ gendes Pergamentblott. Er ſah einen Augenblick in die Höhe, hielt ſich die Hand vor die Augen⸗ wie er es bei der erſten Zuſammenkunft bei Lenen gethan hatte⸗ verzog keine Miene, und bückte ſich wieder zum Schreiben. Dieſe ſtumme Geringſchätzung hatte Archimbald nicht erwartet, und es überlief ihn bald heiß, bald kalt.— Dennoch bezwang er ſeinen Zorn, verhielt ſich ruhig, und harrte ſtille des Au⸗ genblicks, in welchem der Doctor das Geſpräch beginnen würde. Als dieſer aber gar nicht dazu Luſt zu haben ſchien, ſah ſich der Jüngling genötbigt⸗ ſo peinlich es ihn ankam, das Stillſchweigen zu unterbrechen.„Herr Doctor,“ hob er zagend an.. 1 Der Doctor richtete ſich auf, und ſah ihm ſtarr in die Augen.„Herr Doctor⸗“ fuhr ſein muthloſer Pflegeſohn fort,..»ich pabe gefehlt; ich dente aber, Ibr werdet meiner Jugend vergeben, und Eure Hand nicht von mir abziehen, wenn ich Ench gelobe..„Ge⸗ lobe nichts,“ unterbrach ihn der Doctor und runzelte die Stirn;„Du haßt Dein erſtes Verſprechen gehalten wie ein zeigt 134 wortbrüchiger Jude; haſt nicht allein Dich, ſondern auch mich zu Schanden gemacht vor der Welt.— Was willſt Du nun?“—„Ich hab' es Euch geſagt,“ erwiederte Archimbald trocken;„ich wiederhole meine Bitte nicht zum zweiten Male, wenn Ihr nicht menſchlich genug ſeyd, einen Fehltritt zu vergeben, den ſowohl meine Jugend, als der grauſame, alle menſchliche Kraft überſteigende Zwang der aufgebürdeten Pflicht entſchuldigt.“ „Es koſtet Mühe, den Gipfel des Glücks zu erklimmen,“ ſprach der Doctor.„Einige Tropfen Schweiß ſollten Dich nicht verdrießen, willſt Du aus dem Sumpfe Deiner Her⸗ kunft zu der erſehnten Höhe emporklettern. Dem Starken bürdet man auch ſchwere Laſten auf. Du ſiehſt, ich ſage Dir ſo eben eine Schmeichelei und ich glaube in der That, Du hätteſt Deine Prüfung beſtanden, wäre nicht Deine unzeitige Liebelei dazwiſchen gekommen. Du kannſt Dir denken, daß ich Alles weiß, Alles auf die unangenehmſte Weiſe erfahren habe. Was ſoll ich nun mit Dir, da Du meinen Zwecken nicht entſprichſt?“—„Nichts weiter;“ verſetzte der Bekränkte bit⸗ ter;„auf der Welt nichts weiter, als mich auslachen, daß ich ſo thöricht ſeyn konnte, auf die Milde eines Mannes zu rechnen, der mich nur zum Werkzeug ſeines Eigennutzes bil⸗ dete, und mich kalt verſtößt, weil ich nicht völlig den Men⸗ ſchen zu verläugnen im Stande war. Behüte Euch Gott, Herr Doctor!“ Er griff nach der Klinke; der Doctor ſtand aber auf, und rief lachend:„willſt Du bleiben, toller Geſell? Nun, bei meiner Treue, Du haſt gelernt, was ich nicht ahnte. Du wagſt es, Deinem Herrn und Meiſter Schach zu bie⸗ ten!.. WVillſt hinausrennen in die Welt, und ein rechter ₰ Schuft werden? Gott verdamme mich, wenn ich das leide. Da komm her, ſetze Dich zu mir, und erzähle mir Deine Abenteuer. Ich will darüber nachdenken, und ſehen, zu was ich Dich benutzen kann⸗ Sey aber aufrichtig, denn ich weiß Alles, Alles, was auf Worosdar vorgegangen und ſeitdem Dir begegnet iſtz ich will es nur aus Deinem Munde hören, um Deine Wahrheitsliebe zu prüfen. Wehe Dir, wenn ſie eben ſo wenig Stich hält⸗ als Dein Verſprechen.“ Des Doctors vielſagende Miene bei dieſen Worten, und das pfiffig blinzelnde Auge, mit dem er den Jüngling maß⸗ während er ihm einen Seſſel hinſchob, hätte jedem Andern als Archimbald den Glauben aufgedrungen, der kluge Britte ſey in der That bereits von Allem in Kenntniß geſetzt; hätte jeden andern verzagtern Schüler zur offenherzigen Beichte bewogen. Allein der junge Glücksritter wagte es dennoch, einen wichtigen Abſch itt ſeiner Begebenheiten zu verſchweigen, und überſchlug, die Zukunft genau berechnend, ſowohl die Bekanntſchaft mit Erlwein, als das Abenteuer mit der vor⸗ nehmen Reiſegeſellſchaft gnzlich. Seine Verrichtung auf Worosdar ſchnitt er hingegen dergeſtalt zu, daß der Doctor, falls er nicht wirklich einen Teufel im Solde hatte, unmög⸗ lich das Daſeyn eines Helfers dabei(Erlweins)/ errathen konnte.— Er hatte das Vergnügen, ſeine Liſt wohl gelin⸗ gen zu ſehen; denn Meiſter Dee that nur einige verfängliche Fragen querfeld ein, und ſchwieg, als dieſe von dem Zög⸗ ling auf die unſchuldigſte Weiſe beantwortet waren.— Er ſchüttelte hierauf mißbilligend den Kopf, und tadelte die Unbeſonnenheit, mit welcher ſich der Jüngling in die Fami⸗ lienhändel auf Worosdar gemiſcht, und ſprach:„die toll⸗ kühn ausgeſtreute Saat tann Dir noch böſe Früchte tragen⸗ 136 Entweder iſt der Prinz bei der Gelegenheit verunglückt, und Du haſt Dir die Seinen gänzlich zu Feinden gemacht, oder der Prinz iſt mit dem Leben davon gekommen; zittre Du jedoch alsdann für das Deinige. Prag wäre aus dieſem Grunde der gefährlichſte Aufenthalt für Dich, indem der Prinz häufig die Stadt beſucht, und viele Schulfreunde in derſelben zählt.— Weil indeſſen der rohe Menſch mich hart beleidigt hat, und frech genug geweſen iſt, mich zur Rechen⸗ ſchaft ziehen zu wollen, für Deine in Worosdar verübten tollen Streiche;.... weil ich trotz der Letztern dennoch es nicht über's Herz bringen kann, Dich Deinem Schickſale zu überlaſſen, nachdem ich ſo viel für Dich gethan, ſo will ich ſehen, ob nicht gewiſſe Umſtände beſchleunigt werden können, um Dich noch einmal, wiewohl in veränderter Weiſe, auf die Bahn zu bringen, die Dein Leichtſinn beinahe verſcherzt hat. Sage, hat man Dich kommen ſeben, angehalten, aus⸗ gefragt?“ Archimbald bejahte und erzählte ſeinen Einzug in's Schloß auf's Ausführlichſte. Dee ſchüttelte abermals den Kopf.„Nicht gut,“ brummte er in den Bart,„es ſoll uns aber dennoch nicht hindern... es gehen Tag für Tag ſo viele Leute im Schloſſe aus und ein.. zweckmäßige Ver⸗ änderung der Tracht thut auch ſchyn viel...; na! wir wollen ſehen. Ich gehe,“ fügte er binzu, indem er aufſtand, „ich gebe, für Dich zu arbeiten. Wollte Gott, Du täuſch⸗ teſt meine Hoffnungen nicht zum zweiten Male! Verlaſſe in⸗ deſſen meine Behauſung nicht. Ich werde, wenn meine Abſicht gelingt, Deine kleine Habe ſchon aus der Herberge ablangen laſſen. Verhalte Dich hübſch ſtill und ruhig, und 137 verliebe Dich nicht auf's Neue. Meine Hagar könnte Dir gefährlich werden. Hörſt Du?“ Während dieſes Spotts, der wie ein glühender Pfeil in Archimbalds Buſen drang⸗ hatte Dee ſeinen Talar überge⸗ worfen, die ſchwarze Sammtmütze aufgeſetzt⸗ und ein Paar Bücher unter den Arm genommen. Er ging über den Vor⸗ platz/ einen veträchtlichen Gang hindurch, und klopfte an einer ſtarken mit Eiſen beſchlagnen Thüre. Von Innen wurde gefragt, wer da ſey? Dee nannte ſeinen Namen, und hier⸗ auf öffnete man vorſichtig. Archimbald, der an der Ecke lauſchte, ſah einen bewaffneten Mann, der augenblicklich hinter dem Doctor die Thüre verriegelte. Da ſich nachher nichts mehr regte und ſehen ließ, ſo ſetzte ſich der Jüngling auf eine ſteinerne Bank, die in dem Vorplatze angebracht war, und überließ ſich einer behaglichen Ruhe. Dieſe ging bald in feſten Schlummer über, weil die Ermüdung der letzten Tage ihr Recht um ſo ungeſtümer geltend machte, als ſie bisher von der Ungeduld des Reiſenden niederge⸗ drückt worden war. Lachende Bilder belebten ſeine Träume, reizende Geſtalten gaukelten um ihn her, und die lieblichſte derſelben hatte er neckend bei der Hand gefaßt⸗ als ſich mit einem Male Traum und Schlummer zugleich endeten. Es dämmerte ſtark um ihn her, ſeine Hand lag in der Hand der häßlichen Hagar⸗ die mit einem Lichtſtümpchen in der andern vor ihm ſtand.— Verwundert zog er die ſeinige zurück, und fuhr in die Höhe. „Erſchreckt nicht,“ redete ihn die Magd mit einer ſehr ſanften und wohlklingenden Stimme an,„ich habe Euch ge⸗ weckt, weil es Nacht wird und die kühlen Steine Euch i an der Geſundheit bringen tönnten. Geht in des 10 Herrn Schlafkammer, ich habe ein helles Feuer in dem Kamine angemacht; denn trotz der ſchönen Jahreszeit wird es am Abend immer kalt und unfreundlich in dem weiten Steingebäude. Erwärmt Euch daſelbſt, und nehmt etwas von dem Gerichte zu Euch, das ich bereitet habe. Der Herr iſt noch nicht zurück, und Ihr werdet hungrig ſeyn.“ Sie leuchtete Archimbald vor, der nicht begreifen konnte, wie ein ſo freundliches Herz, eine freundliche Stimme wie dieſe unter dem häßlichen Antlitze der braunen Hagar zu be⸗ ſtehen vermöge. Er ließ ſich am gedeckten Tiſche neben der er⸗ wärmenden Flamme nieder, und verzehrte die wohlſchmeckende Speiſe mit ſichtbarer Eßluſt. Hagar ſaß unfern von ihm und ſpann. Von Zeit zu Zeit warf der Tafelnde einen Blick auf die fleißige Magd, und machte die Bemerkung, daß ſie noch in den kraftvollſten Jugendjahren ſtehen müſſe. Er entdeckte einen vollen Hals, wohlgebildete Arme und Hände, einen ſchlanken Wuchs mit reicher Fülle, alle Verhältniſſe eines ſchöngebauten Weibes, aber ein halber Blick nur auf das in vollem Feuerſchein erglühende Geſicht, genügte ſchon jeden verſöhnenden Eindruck zu vernichten, denn, wenn auch die ſchwarzen Augen an ſich nicht unangenehm und falſch ſchienen, ſo verdarben doch die platte Naſe, der breite Mund, das ſtumpfe Kinn und die unter der Stirnbinde hervor⸗ quellenden, wild umher flatternden Haare wieder alles. Hagar mochte den widrigen Eindruck bemerken, den ihr Antlitz auf den Gaſt machte, denn ſie rückte haſtig ihren Schemel in die dunkle Ecke, ſo daß nur ihre bloßen Füße, von denen ſie die ſchweren mit gewaltigen Nägeln beſchlage⸗ nen Schuhe abgezogen hatte, dem Feuer genähert und von ihm beleuchtet blieben.— Archimbald dauerte die arme Dirne, 139 und er verſuchte wieder gut zu machen, was er verdorben.— „Dein kleines Mahl war vortrefflich,“ ſprach er freundlich zu ihr.„Es hat mir herrlich geſchmeckt.“ „Es freut mich, wenn es ſo iſt,“ erwiederte die Magd⸗ und ihre Finger zogen hurtiger den Faden vom Rocken. „Wie iſt Dein Name, mein Kind?“ fragte Archimbald⸗ obſchon er denſelben bereits wußte. „Hagar heiße ich, lieber Herr,“ verſetzte die Spinnende,— „wie die Mutter Ismaels. Es iſt kein ſchöner Name, nicht wahr? Was thut es aber? ich bin es ja auch nicht.“ „Deine Eltern?“ forſchte Archimbald weiter. „Mein Vater heißt Johannes Prapoweck, er iſt Soldat und Büchſenmeiſter des Kaiſers in Hungarn. Viel Unglück hat ihn ſo weit gebracht, denn er war ein hablicher Bürger von Czaslau. Ich wurde daſelbſt geboren und in der Peter⸗ und Paulskirche getauft, wo der Streitkolben des gewaltigen Huſſitenführers Zizka an ſeinem Grabe aufgehängt zu ſehen iſt. Als ich herangewachſen, mein Vater unterdeſſen verarmt und zum Heere gegangen war, konnte mich meine Mutter, die ſich jetzt noch tümmerlich durchbringt, nicht länger bei ſich behalten. Ich ſchämte mich aber in Czaslau Dienſte zu ſuchen, und die Mutter wollte es auch nicht zugeben. So kam ich denn nach Prag, und habe, dem Himmel ſey Dank⸗, den guten Dienſt beim Herrn Doctor gefunden, in dem ich ſchon über Jahr und Tag verweile.“ „Wohnt der Doctor ſo lange hier im Schloſſe?“ fragte Archimbald, ſeinem Ziele näher dringend. „Wohl viel länger ſchon,“ antwortete Hagar.„Seit vier oder fünf Jahren mag es ſeyn-“ 10* 140 „Was ſtellt er denn eigentlich vor,“ fuhr der Fragende fort,„welch ein Amt bekleidet er?“ Hagar lächelte.„Das werdet Ihr wohl am beſten wiſſen, junger Herr!“ ſprach ſie,„ich bin nicht davon unterrichtet. Die Leute im Schloſſe nennen ihn nur den Teufelsbanner und behaupten, er hätte Umgang mit dem Böſen. Ich habe jedoch nicht das Geringſte gemerkt, und der Herr ſteht bei unſerm König in grofen Gnaden. Die Majeſtät hat ihm auch eine Wohnung im Schloſſe anweiſen laſſen, um ihn beſtändig in der Nähe zu haben.“ „Iſt der Doctor vielleicht in dieſem Augenblick bei dem Kaiſer?“ fragte Archimbald, aufmerkſamer werdend. „Ja freilich, junger Herr,“ erwiederte Hagar,„und wenn ich nicht irre, ſo höre ich die Thüre auf dem Gange zuſchlagen. Wenn man den Wolf nennt, ſo kommt er gerennt. Erlaubt! ich muß dem Herrn leuchten.“— Sie ſchob den Rocken bei Seite, ſchlupfte in die ſchweren Schuhe, und ſprang dem herannahenden Gebieter entgegen. Dee trat zufrieden ein, machte ſichs bequem, und ſprach, mit Wohl⸗ gefallen den falben Bart ſtreichend, feierlich zu Archimbald: „Alles iſt vorbereitet, der erſte Stein glücklich gelegt. Höre nun mit Eifer und willigem Ohr auf die Lehren, die ich Dir geben werde. Befolge meinen Willen genau, und Du wirſt mir Vortheil bringen, den größten indeſſen Dir ſelbſt.“ — Archimbald war ganz Ohr, und prägte ſich die Ver⸗ haltungsbefehle, die ihm der Doctor in dieſer Nacht gab, ⸗ fleißig ein. Der frühe Morgen fand Lehrer und Schüler noch hinter verſchloſſenen Thüren beiſammen ſitzend, und er⸗ innerte den Letztern, daß es hohe Zeit ſey zu gehen, wenn er unbemerkt aus dem Schloſſe kommen wolle. Er nahm daher eiligen Abſchied von Dee, ſchlüpfte über die Hofräume, die noch ganz öde ſtanden, ſchritt geſchäftig an der ſchläfri⸗ gen Wache und dem Pförtnerſtüblein vorbei durch das vor Kurzem geöffnete Thor des Schloſſes, und war bald im Freien. Geflügelten Fußes ſlog er in die Stadt hinab, zu der Herberge, wo ſeine Roſſe eingeſtellt waren, und der erſte Menſch, der ihm entgegentrat, war Erlwein. „Willkommen, lieber Junker vom Bühl,“ rief ihm dieſer zu, und ſchüttelte ihm freudig die Hand.„Wohnt Ihr in dieſem Hauſe? Seyd Ihr vielleicht der Fremde, der geſtern hier einſtellte, und über deſſen Ausbleiben die guten Leute ſich bereits Gedanken machten?“ Archimbald gab es zu. Erlwein fuhr aber fort:„Ihr ſeyd ein loſer Vogel, Herr vom Bühl! Kaum in der Haupt⸗ ſtadt angekommen⸗ ſpürt Eure feine Naſe auch ſchon die Tempelchen auf, in denen junge und hübſche Ritter ſo gaſt⸗ lich aufgenommen werden, daß ſie das Nachhauſegehen mit Freuden vergeſſen. Nehmt Euch indeſſen in Acht,“ ſetzte er leiſer hinzu:„Böhmiſche Liebe und Treu', zerſtiebt in der Luft wie Spreu⸗ Deutſches Gelübd iſt das Beſt', es hält ſtets eiſern und feſt!“ Archimbald dankte für den guten Rath, betheuerte ihm aber, daß er ſich irre, und fragte, ähnliche Theilnahme zu beweiſen, nach ſeinen Geſchäften. Erlwein ſäumte nicht zu antworten. Er hatte ſeinen Freund gefunden, und wegen ſeinem Dienſte war alles in Ordnung. Der Beichtvater des Kaiſers hatte ihm eine ganze Menge von Gemälden gezeigt die der Auffriſchung bedurften, und einige mitgegeben, um ſein Probeſtück zu liefern. Demzufolge hatte er eine Stube bei einer alten 142 Wittwe gemiethet, und ſo eben in dem benachbarten Wirths⸗ hauſe ſein Herz mit einem Frühtrunk erfreut, um vergnügt und luſtig an die Arbeit zu gehen. „Und ſo wäre ich alſo in der erſehnten Stadt Prag,“ ſchloß er ſeinen Bericht,„und bin erfreut, Euch noch ein Mal zu ſehen, lieber Junker vom Bühl, um Euch aus der Fülle meines Herzens für die Freundſchaft zu danken, die Ihr mir armen kaum geneſenen Burſchen erwieſen habt. Ich bedaure nichts, als daß ich, obwohl meine Aſpekten jetzt günſtig genug ſind, wohl niemals in den Stand kommen werde, mich einem vornehmen Herrn, wie Ihr ſeyd, im geringſten dankbar erweiſen zu können.“ „Hm!“ entgegnete Archimbald, den Kopf in tiefer Ueber⸗ legung wiegend.—„Man könnte doch nicht wiſſen. Mög⸗ lich, daß in Kurzem ſich eine Gelegenheit darbieten dürfte, mir Eure Ergebenheit zu bezeugen.“ „Befehlt dann über mich,“ fiel Erlwein eifrig ein.„Bin ein lockrer Geſell, aber dankbar und treu wie einer, dienſt⸗ fertig, anſtellig und verſchwiegen!“ „Verſchwiegenheit wäre freilich die Hauptſache,“ ſagte Archimbald langſam, indem er Erlweins Züge forſchend mit den Augen überlief, und kein Falſch darin aufſpüren konnte.„Ich hätte wohl Luſt, Euch etwas mitzutheilen, wenn ich mein Geheimniß bei Euch ſicher wüßte.“ „So ſicher,“ betheuerte Erlwein,„als ob Ihr's einem Fiſche in die Ohren geplaudert hättet. Sprecht! ich brenne vor Begierde, Euch zu dienen.“ „Merkt auf,“ antwortete der Junker vom Bühl.„Haltet Ihr's getreu mit mir, kann's Euch blos Nutzen, handelt Ihr treulos, nur Schaden bringen. Glaubt mir das, und 1⁴3 ſagt mir zuvor aufrichtig habt Ihr Euerm Freunde ſchon etwas von mir mitgetheilt?“ Erlwein verneinte„Auch niemand anderem?“ Erlwein beſtand auf dem Nein. „Nun wohl,“ fuhr Archimbald fort,„ſo bleibt dabei, und laßt mich ein Geheimniß in Euerm Munde ſeyn. Wißt: ich liebe die Tochter eines Arztes in dieſer Stadt. Der Vater iſt dagegen⸗ weil ich von adelicher Geburt bin, und die Dirne nicht ehelichen darf. Demungeachtet bin ich aber zum Sterben in ſie vernarrt, und das Mädel liebt mich ebenfalls nicht minder. um den gegenſeitigen Wunſch eines vertrautern Umgangs zu erfüllen, bin ich wieder gen Prag gekommen⸗ nach kurzer Abweſenheit, und habe mir eine Liſt erdacht, vvn der ich geſtern Abend die Geliebte ſchon unterrichtet habe, und die unfehlbar glücken muß. Ich ſtecke mich in die Kleider eines fahrenden Studenten, die ich zu vieſem Endzweck erhandelt habe, und unterm Arme trage⸗ wie Ihr ſeht; gebe vor, hier meine Lehrzeit endigen zu wollen, zeige Gold und Kenntniſſe, und miethe mich in des Alten Haus ein, der mich vor einem halben Jahre ein ein⸗ ziges Mal bei trübem Mondſcheine geſehen hat, als er den Junker vom Bühl mit ſeiner Tochter im Garten überraſchte⸗ worauf er demſelben das Haus verbot. Er wird mich alſo unmöglich in der neuen Tracht erkennen⸗ und ohne Arg in die Schlinge gehen.“ „Herrlich rief Erlwein⸗ dem ein ſolcher Schwank Waſſer auf die Mühle war.„Das macht Ihr klug! wie kann ich Euch dabei helfen, was dabei thun?“ „Ueber das Ganze reinen Mund halten,“ erwiederte Archimbald⸗ und mir ein Plätzchen in Eurer Wohnung 144 einräumen, wo ich meine ritterlichen Kleidungen ſammt Waffe und Zugehör aufbewahren, und mich hin und wieder,— wenn ich es wegen den Freunden meines Vaters thun muß, deren einige hier wohnen, und meinen Beſuch verdienen— aus meiner Doctorslarve in den Junker vom Bühl um⸗ wandeln könne. Gerne will ich Euch dafür meine Dankbar⸗ ſeit erzeigen, und bitte Euch, im Voraus den Schimmel, der Euch hieher getragen, als Geſchenk anzunehmen.“ „Ei zum Teufel,“ rief Erlwein etwas böſe werdend,„um ſchnöden Lohn thu' ich's nicht, ſondern aus reiner Freund⸗ ſchaft für Euch, und aus Freude über Euern ſchlauen Ein⸗ fall. Ich werde freilich das Geſchenk nicht ausſchlagen, das Ihr mir zugedacht, aber Ihr müßt Euch's gefallen laſſen, wenn ich das Schimmelchen in Geld verwandle. Stall und Haber iſt in meinem Hauſe nicht zu finden. Im Uebrigen rechnet auf mich, und nennt mich einen ſchlechten Buben, wenn ich's nur mit einem Worte gegen Euch verſehe. Wie lieb iſt mir's nun, daß ich den Eſchenreuter geſtern nur eine Viertelſtunde lang ſpréchen konnte, weil er am Laboriren war. Wir hätten ſonſt nicht bloß von Geſchäften, ſondern auch von Euch geſprochen; denn meinen Wohlthäter hätte ich nicht verleugnet. Auf dieſe Weiſe aber ſeyd Ihr ganz un⸗ gekannt, und könnt über mich gebieten, wie und wann Ihr nur wollt. Nehmt meinen Handſchlag darauf.“ Archimbald räumte alſo geſchäftig zuſammen, was ſein war, und übergab es dem Bundsgenoſſen, der die Habe nach Hauſe ſchleppte. Hierauf hinterließ er in der Herberge ein lleines Bündel mit Leinenzeug, und beauftragte den Wirth, es an die Magd abzuliefern, die er ſenden würde. Erlwein hatte unterdeſſen auch die beiden Roſſe an ſeine Wohnung x 145 geritten, und am Pfortenringe feſtgebunden. Archimbald kleidete ſich ſchnell in die Studentengewänder, beſtieg ſeinen Gaul, nahm von Erlwein auf unbeſtimmte Zeit Abſchied, und ritt zu einem Thore hinaus, um zum andern durch ganz fremde und unbekannte Straßen einzureiten. Auf beſtaubtem Roſſe ſitzend, im ſchwarzen Ueberkleid mit hängenden Aermeln⸗ den faltigen Rock, größerer Bequemlichkeit des Reitens halber, aufgeheftet bis zum Knie, die ſchweren Stiefel bis in die Höhe gezogen, die ſchwarze Mütze etwas keck in die Stirne geſetzt, zog er durch die Stadt, ſich abermals zum Schloſſe fragend. Es hüpfte ihm das Heyz im Leibe vor Erwartung und Freude, als er ſich der alterthümlichen Burg langſam näherte.— Die Schranken öffneten ſich ihm, um den Preis zu erringen durch liſtigen Kampf gegen ein hartes Loos. Dee's W trat, wiewohl beſchleunigt durch die Umſtände, ins Lebe und Archimbalds eigne, im Herzen tief ver⸗ ſchloſſene Anſchläge neigten ſich, dem ſcharfſinnigen Lehrer unbewußt, der Reife zu. Er nahm den Weg nach dem Seitenthore, das gegen die Marſtälle des löniglichen Schloſ⸗ ſes führte, und vermied dadurch den großen allgemeinen Eingang. Er ſtieg vom Pferde, ließ es unter der Obhut eines Schloßknechtes, und ging durch die Pforte. Auch hier ſtanden Wachen, und hielten den Fremdling an.„Ich bin Student,“ war ſeine Antwort,„lomme aus Wälſchland ünd will den Kaiſer ſprechen.“—„Den Kaiſer darf hier niemand ſprechen,“ rief der wachhabende Rottmeiſter.„Das iſt eine Gnade, die er vornehmen Leuten nur ſelten gewährt, wie kann er ſie Dir, Gelbſchnabel, wohl zugeſtehen? Packe Dich fort! Se. Majeſtät hat andere Dinge im Kopfe, als ſich mit Dir abzugeben.“ 146 „Nur nicht ſo barſch!“ fiel Archimbald ein.„Ich bin ein Fremder, und weiß es nicht ſo genau. Ich habe übri⸗ gens Empfehlungen an den Aufſeher der Marſtälle, Herrn Adam Propicz. Laß mich nur dieſe ausrichten.“ „Der Studioſus muß von wohl unterrichteten Leuten kommen, da er die rechten Wege kennt,“ meinte der Thür⸗ ſteber.„Laßt ihn ein, er ſcheint ordentlicher Leute Kind.“ „Auf Deine Verantwortung,“ verſetzte der Rottmeiſter. „Ich waſche meine Hände.“ „Geht nur hin,“ ſprach darauf der Thürſteher mit einer Miene eines vornehmen Gönners.„Dort ſind die Marſtälle, und dicht dabei,— wo das Spitzpförtlein vorſpringt, und die große Hundehütte ſteht,— die Wohnung des Aufſehers. Glückliche Verrichtung, Herr Studioſus.“ Er begleitete Archimbald noch etliche Schritte weit, und flüſterte ihm, die offene Hand verſtohlen hinhaltend, zu: „Nehmt's den rohen Burſchen nicht übel, Herr Student. Es ſind lauter böhmiſche Talken, wie wir zu ſagen pflegen, rohe Kerls, die nichts kennen als den Pallaſch und die Mus⸗ kete, dumm ſind wie die Enten, ob ſie es gleich fauſtdick hinter den Ohren haben, und jeden Deutſchen vergiften möch⸗ ten. Ich habe hingegen zwei Jahre lang einen Freiherrn bedient, der auf der hohen Schule zu Wien den Studibus obgelegen; während ich ſeine Stiefel geputzt und ſeine Röcke ausgeſtaubt habe, iſt mir hin und wieder manches in den„ Kopf geſlogen, und darum weiß ich auch, wie man die Her⸗ ren zu reſpiciren hat.“ Der Reſpicirte drückte ihm ein Silberſtück in die Hand, belobte ihn, und näherte ſich dem Hauſe des Aufſehers der ——,—— 117 Marſtälle. Ein biſſiger Hofhund wollte von ſeiner Hütte aus, den Paß ſtreitig machen, wurde aber durch einen dicken und kleinen Mann von poſſierlicher Geſtalt, der in die Thüre des Hauſes trat, ſogleich beſchwichtigt. „Was wollt Ihr?“ fragte er hierauf den jungen Fremd⸗ ling.„Sucht Ihr mich? Ich bin Adam Propicz, Oberauf⸗ ſeher der Marſtälle Seiner römiſch kaiſerl. Majeſtät.“ „Eurer begehre ich juſt,“ antwortete Archimbald.„Ich komme von Padua in Wälſchland, und bringe Euch einen freien und herzlichen Gruß von dem Herrn von Wallenſtein, ver daſelbſt mit mir zugleich ver Wiſſenſchaften ſich befleißigt hat. Er reitet noch immer den Rothfuchs, zu dem Ihr ihm geholfen habt, und dankt Euch tauſend Mal für den Liebes⸗ dienſt, den Ihr ihm erwieſen, weil doch nur auf Euere Für⸗ ſprache hin, der ſchöne Gaul von den Stallmeiſtern verab⸗ folgt worden iſt.“ „Pſt'“ ſprach Adam⸗ und legte den Finger auf den Mund. „Sprecht nicht ſo laut, der Handel war gewagt„der Kaiſer hat das Pferd vermißt, ich mußte es geradezu ſterben laſſen, um nur Ruhe zu haben. Indeſſen danke ich Euch herzlich für Euere Botſchaft und überbrachten Grüße. Der junge Herr Albrecht iſt immer mein Freund und abſonder⸗ licher Gönner geweſen, und hat mir jenen Dienſt reichlich vergolten. Wir hätten wohl noch mehrere Geſchäfte mit einander gemacht, hätte er nicht ſo ſchnell ſeine Reiſen an⸗ getreten. Ich danke Euch noch einmal, lieber Herr, und bitte demüthigſt, bei mir einzutreten und es Euch einen Au⸗ genblick bei mir gefallen zu laſſen; ich bin ein wilder Hage⸗ ſtolz, und kann mit keinen Leckerbißlein Euern Gaumen 148 vergnügen; indeſſen findet ſich immer etwas vor zum Beißen, Brechen und zum Schlucken.“ „Vergebt, Meiſter Propicz,“ verſetzte Archimbald.„Mir iſt dermalen um keines von den Dreien zu thun. Wohl liegt mir aber ein dringenderes Geſchäft auf dem Herzen. Ich habe Sr. Majeſtät Nothwendiges zu berichten, weiß aber bereits, wie ſchwer es hält, vor des Kaiſers Angeſicht zu gelangen, wenn nicht ein vielvermögender Gönner die hülfreiche Hand dazu leiht. Der Herr von Wallenſtein, den ich vor meiner Abreiſe in's Vaterland darum befragte, konnte mir keinen beſſern Weg zu meinem Ziele angeben, als mich Euerer Gunſt zu empfehlen, und bittet Euch in„ 1 ſeinem Namen um gütige Vermittlung. Doch hat mein Geſchäft Eile, und wenn Ihr geſonnen wäret, aus Liebe zu dem Empfehlenden etwas für den Empfohlenen zu thun, ſo 3 thut es ſchnell.“ ſ „Hm!“ entgegnete Propicz, und ſtrich ſich verlegen lächelnd den Bart.—„Ihr überrumpelt mich da mit einem Ver⸗ langen, das ſeine Mücken hat; der Kaiſer ſieht nicht gerne fremde Bittſteller.“ „Es führt mich keine Bitte zu ihm,“ erläuterte Archim⸗ bald,„ſondern einzig und allein die Sorge für ſein Wohl. In einer halben Viertelſtunde iſt alles abgethan.“ Der Aufſeher betrachtete den Jüngling mit forſchender Miene vom Kopf bis zum Fuß, zupfte verlegen an ſeinem Rockſchoße, und ſprach hierauf:„Der Name des Junkers, 1 deſſen Schulfreund Ihr ſeyd, und der meinen Rothfuchs noch dergeſtalt in Ehren hält, hat allerdings ein bedeutendes Ge⸗ wicht in meinen Augen... aber er kratzte ſich hinter den Ohren.„„die Sache iſt kitzlich; ich komme in des —— Teufels Küche, wenn Euer Anbringen nicht Farbe hält, oder wenn die Herren des Kaiſers... verſteht Ihr mich? die Herren varüber böſe werden ſollten. So wahr ich heiße wie der erſte Menſch, ſo wahrhaftig würde mich Se. Maje⸗ ſtät aus dem Marſchall ſtäupen laſſen, wie der Erzengel meinen Namensvetter aus dem Paradieſe gepeitſcht hat.“ „Sorgt nicht, die Herren und Freunde römiſch kaiſerl. Majeſtät werden nicht mißvergnügt über dieſe Audienz ſeyn,“ tröſtete Archimbald. „Das verſteht Ihr nicht!“ ſprach Propicz eifrig,—„ich habe meine Verhaltungsregeln von ihnen, ſo gut als ſie der Nuntius vom Papſte hat. Ich wäre verloren, wenn ich zu⸗ fällig einen Wolf in die Hürde ließe. Der Kaiſer hat mir meine Schellenkappe genommen.— Ihr werdet wiſſen, daß ich die Ehre hatte, der Hofnarr zu ſeyn, bis es dem durch⸗ lauchtigſten Herrn geſiel, nur einen Narren am Hofe zu haben;— er könnte mir, weiß es Gott, am Ende noch das Stücklein Brod nehmen, das mir mein ſauberer Dienſt bei den Roßkreaturen abwirft, und ich ſäße alsdann auf dem Niſthaufen, wie Lazarus.“ „Ihr ſollt kein Lazarus werden,“ lachte Archimbald ganz unbefangen.—„Ihr werdet im Gegentheile des Kaiſers Dank erwerben, wenn Ihr meine Sendung unterſtützt. Fürch⸗ tet Ihr vielleicht, ich ſey ein Mörder? Durchſucht mich, ſeht zu, ob ich Waffen bei mir trage. Nicht ein Stücklein Pa⸗* pier werdet Ihr finden, das vergiftet ſeyn könnte. Was kann Euch außer dem beſorgt machen?“ Adam unterſuchte in der That die weiten Gewänder des hartnäckigen Fremdlings⸗ und fand nirgends etwas Verdäch⸗ tiges. Demungeachtet ſchüttelte er noch immer den Kopf⸗ 15⁰ und ſprach:„Euere Worte ſind's, die ich am meiſten fürchte. Wenn Ihr etwas gegen einen Günſtling des Herrn anzu⸗ bringen hättet.. mein Unglück wär's und das Euere. Ich bin zwar Narr geweſen, aber ein freiwilliger Narr, und die ſind nicht ſo dumm als diejenigen, die durchaus ven⸗ nünftig ſeyn wollen, und dabei unfreiwillige Thoren find. Verſtanden?“ „Hm!“ erwiederte achſelzuckend und gleichgültig Archim⸗ bald:„Wenn Ihr durchaus auf Euerm Entſchluß beharrt, ſo muß ich mich an den Doetor Dee wenden, an den ich ebenfalls einen Empfehlungsbrief habe. Dieſer wird mir ſchon zur Audienz verhelfen, und es Euch wahrlich nicht vergeſſen, daß Ihr ſo halsſtarrig mir den Zutritt zu einer Unterredung verweigert, die des Monarchen Heil und Leben betrifft.“ „Der Doctor Dee?“ fragte Propicz, und ſein Geſicht veränderte ſich auf ein Mal.„Herrlein! den Fleck möchte ich ſechen, wo Ihr mein Herz beſſer hättet treffen können. Nein, vor des Doctors Namen habe ich die gemeſſenſte Ehr⸗ furcht, und Gott ſoll behüten, daß ich noch länger Euerm billigen Anfordern im Wege ſtünde. Man muß dem Teufel auch eine Kerze anzünden, damit er Waffenſtillſtand hält. Ihr dürft nur befehlen, liebſter Herr Studioſus, oder was Ihr ſonſt ſeyn mögt, ob Ihr heut oder morgen...“ Ein Stallknecht kam in voller Haſt herbeigeſprungen, und kündigte gerade die Ankunft des Kaiſers in dem Mar⸗ ſtalle an, wie auch deſſen Wunſch, den Aufſeher auf der Stelle zu ſprechen. Propiez ſandte den Boten über Hals und Kof zurück, ließ ſeinen augenblicklichen Gehorſam ver⸗ melden, und lief in die Stube, um ſeinen bordirten Rock 151 überzuwerfen, und die verbrämte Mütze zur Hand zu neh⸗ men.„Eine koſtbare Gelegenheit...“ ſagte der Eilfertige zu Archimbald, der ihm in das Haus gefolgt war. „ſchöner konnte ſie ſich nicht treffen;... Ihr ſollt ankom⸗ men, im Augenblick... hättet Euch an keinen beſſern wen⸗ den können... der Kaiſer iſt am leichteſten da zu ſprechen, wo er nicht hingehört, nämlich im Stalle. Er geht nirgends hin, und in ſeine Gemächer kommen blos die Auser⸗ wählten;.. thut Euer Möglichſtes und vergeßt mei⸗ ner nicht bei dem Herrn Doctor Dee,... wenn Ihr was Gutes für mich wirken könnt. verſtanden?.. Jetzt aber kommt, denn die liebe Majeſtät wird anſonſten unge⸗ duldig.“ Der kleine Mann war indeſſen angekleidet, hatte ſich die Zeichen ſeiner Macht: den Schlüſſelbund und die Reitpeitſche an den Gürtel gehängt, und führte den zufriedenen Schütz⸗ ling hinweg nach dem Eingang der prächtigen Marſtälle des Kaiſers. Siebentes Rapitel. Was nützt mir Kron' und rothes Gold, Wenn ich nicht fröhlich bin? Altes Lied. Als Archimbald mit ſeinem Führer in die geräumigen Hallen des herrlichen Marſtalls einging, bedroht von den argliſtigen Blicken der Musketenträger, die ſich an der Pforte verſammelt hatten, befand ſich niemand darinnen, als ein Reitknecht, der einen Gaul, auf welchem ein Mann von ge⸗ ringer Kleidung ſaß, langſam auf der Mittelbahn des Ge— wölbes auf und ab führte. Die prächtige Liverei des Knechts ſtach ſeltſam gegen das abgetragene zimmetfarbige Röcklein des Reiters ab, auf den Propicz ſeinen Begleiter verſtohlen aufmerkſam machte.„Dieß iſt Se. Majeſtät, unſer aller⸗ gnädigſter Kaiſer,“ flüſterte er ihm zu;„der Herr iſt gegen⸗ wärtig in ſeinem gewöhnlichen Spazierritt begriffen, und wir dürfen vor der Hand ihn nicht ſtören.“— Sie blieben ſtill am Eingang ſtehen, und da der Kaiſer ſie nicht zu be⸗ merken ſchien, und ſeinen ſonderbaren Ritt, ohne ſich ſtören zu laſſen, fortſetzte, hatte Archimbald alle Muße, den Herrſcher, —— 153 — von dem ſein zukünftiges Lvos abhängen ſollte, aufmerk⸗ ſam zu betrachten. Rudolph, ſeines Namens der Zweite im habsburgiſchen Kaiſerſtamme, war von ſehr anſehn⸗ licher Geſtalt. Sein volles Antlitz, dem blitzende Au⸗ gen, eine hohe gewölbte Stirne, und ein ſorgfältig ge⸗ pflegter Bart zu veſonderer Zierde gereichten⸗ würde milde und freundlich geweſen ſeyn, hätten nicht die buſchigen ſchwarzen Augenbraunen und überhängenden Wimpern ſeinem Ausdruck einen gewiſſen feierlichen Ernſt eingeprägt, in wel⸗ chem ein ängſtliches Mißtrauen nicht zu verkennen war. Kleidung und Hut waren abgetragen und unſcheinbar; in Schuhen und wollenen Strümpfen ſaß er zu Pferde, und ſeine Hände waren hin und wieder von Farbeflecken verun⸗ ſtaltet. Auch der Rock war hie und da mit Oelfarbe beklext, an einigen Stellen ſeine Nähte auseinander gegangen. Die ganze Haltung des Monarchen verrieth übrigens einen ziem⸗ lichen Grad von Indolenz, ſeine Züge die verkehrte Richtung eines großen Verſtandes. Dieſes Ergebniß eigenen ſcharfen Ueberblicks, zuſammengehalten mit dem Unterricht des Do ctors, ließen Archimbald nicht im Zweifel über die Gemüthsver⸗ faſſung des Kaiſers. Und dennoch, als dieſer Fürſt ſeinen einſamen Luſtritt geendet, den Aufſeher herbeigewinkt, mit leiſer Stimme nach dem Fremdling ſich erkundigt hatte,— als er hierauf vom Roſſe ſtieg, und in beſonders guter Laune dem Gehörſuchenden ein Zeichen gab, näher zu tre⸗ ten,— verlor Archimbald, von dem wahrhaft königlichen Anſtande, mit welchem Rudolph ſeinen Vortrag erwartete, betroffen, allen Muth, alle Faſſung, und verſtummte vor dem majeſtätiſchen Blicke des unſcheinbar gekleideten Kaiſers⸗ wie es ſchon manchem Geſandten in der Antrittsaudienz vor I1. 2. 11 dem Throne deſſelben begegnet war.— Rudolph munterte den Verlegenen mit all' der Leutſeligkeit auf, die ihm, wenn er wollte, zu Gebote ſtand; und dieſes Zureden blieb auch nicht ohne Erfolg. „Was verlangſt Du, mein Sohn, und wer biſt Du?“ fragte der Kaiſer. „Eurer unwürdigſten Diener Einer,“ erwiederte Archim⸗ bald mit wachſendem Muthe,„Archimbald Seibelſtorfer, aus einem edeln Hauſe in Baiern. Ich bin von einem, wenn gleich entfernten, doch nichts deſto weniger treuen Freunde, und Anhänger Eurer kaiſerlichen Majeſtät hieher geſandt, mit einer geheimen Botſchaft, die nur zu Euern Ohren kom⸗ men darf.“ Der Kaiſer trat einen Schritt zurück, betrachtete den Re⸗ denden von oben bis unten, und warf dann einen ängſtlichen Blick auf den hinter ihm ſtehenden Propicz.„Er iſt ohne Waffen und Gewehr, wie ohne Brief,“ verſicherte der Erra⸗ thende in leiſer Demuth.„Ich habe mich davon ſelbſt über⸗ zeugt.“ Rudolphs Stirne heiterte ſich bei dieſen Worten merklich auf, und er befahl ſowohl dem Aufſeher, als dem Reitknechte, ſich unter die Säulen der Pforte zu begeben, wo ſie weit genug entfernt waren, um keine Splbe von der Verhandlung zu vernehmen. „Ich komme von Padua,“ begann Archimbald,„woſelbſ der vertriebne Neapolitaner Andreas Argoli geiſtliche und weltliche Politik, Philoſophie und die herrliche Aſtrologie mit allgemeinem Beifall lehrt. Ich war einer der zahlreichen Schüler des vortrefflichen und gelehrten Mannes, und darf mich rühmen, durch meinen angeſtrengten Fleiß ſein Lieb⸗ ling geworden zu ſeyn. Ich vollendete meine Lehrzeit unter ————— ———,————— vier und zwanzigſten Fe 155⁵ ſeinen Augen, und als ich mich bei ihm beurlaubte, um in der Welt mein Glück zu verſuchen, da ich, als eine arme Waiſe, von dem Vaterhauſe nichts zu hoffen habe, ſo führte er mich in ſein Laboratorium, und ſprach zu mir, nachdem er die Thüre feſt verriegelt hatte:„Deine Reiſe trifft gerade zur gelegenen Zeit, mein lieber Schüler Archimbald, um einen Auftrag mir vom Herzen zu nehmen, den ich nur der verſchwiegenſten Zunge anvertrauen darf. Du gehſt nach Prag? Nun, ſo verſäume es um Alles in der Welt nicht, Dir zu dem allergnädigſten Herrn und Kaiſer Rudolph dem Zweiten, Zutritt zu erbitten, nd demſelben warnend an das Herz zu legen⸗ daß ich ſein Horoſcop geſtellt in gerech⸗ ter Stunde, die Planeten befragt, die bei ſeiner Geburt, Königs⸗ und Kaiſerwahl geherrſcht und influirt, und zu dreien Malen in den Sternen und ihrer Conſtellation die unheilbringende Weiſſagung geleſen habe: ſeinem theuern Leben drohe Gefahr; die um ſo dringender iſt, da ſie ein naher Blutsfreund über daſſelbe zu verhängen gedenkt. Sage ihm ferner, daß die Planeten, welche den achtzehnten Julius eintauſend fünfhundert und zwei und fünfzig, wie den prnarius des Jahres ſieben und fünfzig darauf durch ihren Schein regierten, in Ewigkeit feindſelig ſich auf ihrer Bahn begegnen⸗— und daß, nach den Häuſern und Wurzeln der Cabbala perechnet, kein Name dem Kaiſer ver⸗ derblicher ſeyn dürfte, als der Name Matthias.“ Mit dieſer Botſchaft entließ mich mein weiſer Lehrer, der ſelbſt den weiten Weg unternommen haben würde, wenn er ſeinem kränklichen Leibe die Reiſe zumuthen könnte. Nur mir allein vertraute er die wichtige Kunde⸗ indem ihm meine Anhäng⸗ lichkeit an meinen Herrn und Kaiſer, ſr den mein Vater * 156 geſtorben iſt, bekannt war; und aus Furcht, ſie möchte durch eine der tauſend Zufälligkeiten eines weiten Zuges, in fremde Hand gerathen, gab er mir nichts Schriftliches mit, als dieſes Täflein, auf dem Euer Majeſtät Nativität, Conſtella⸗ tion und Horoſcop in geheimnißvollen Ziffern aufgezeichnet ſteht, von Argoli mit griechiſcher Schrift unterzeichnet. Ob⸗ ſchon dem Ungelehrten gänzlich unverſtändlich, habe ich daſ⸗ ſelbe vor Aller Augen, und ſelbſt vor denen des Aufſehers zu verbergen geſucht, damit nicht unnützer Vorwitz mich meiner Beglaubigung beraube; und ich überreiche Euch hiermit, allergnädigſter Herr und Kaiſer, was Euch, wenn Ihr der Weisheit Euer Ohr leiht, retten, und mit der Hülfe Gottes, Eure Feinde verderben wird.“ Der Kaiſer, der bisher mit trübem Ernſt und wachſender Theilnahme zugehört hatte, griff begierig nach dem über⸗ reichenden Täflein, zog mit Eifer und Haſt ein andres, un⸗ gefähr ähnliches aus dem Buſen, und fing an, vergleichend wie es ſchien, vor Archimbald auf und nieder zu gehen, der nun mit pochendem Herzen die Folgen ſeiner argliſtigen Lüge abwartete. Rudolph war in heftiger Unruhe, die er nicht verbergen konnte. Endlich hielt er inne, und Archimbald konnte deut⸗ lich wahrnehmen, daß ihm die Augen übergingen. Er trock⸗ nete ſie, indem er mit der Hand leicht darüber fuhr, und nahm hierauf wieder die Haltung eines Königs an. „Man rufe Tycho Brahe und den Doctor Dee!“ befahl er dem Aufſeher, der ſich eilends davon machte. Nach eini⸗ gem Hin⸗ und Herwandeln drehte ſich der Fürſt wieder zu dem Ueberbringer des Horoſcops. Sein Auge ruhte wohl⸗ gefällig auf demſelben.„Du haſt Dich um Uns verdient — —— —— 157 gemacht, und Dir ein Recht auf Unſre Dankbarkeit erworben. Sie ſoll kaiſerlich ſeyn, wenn ſich Alles beſtätigt, wie Du geſagt. Du viſt eine Waiſe? Wer ſandte Dich auf die hohe Schule?“ „Mein Oheim, ein Maltheſerritter,“ erwiederte Archim⸗ bald.„Es war das Einzige, was er bei geringen Vermö⸗ gensumſtänden für mich thun konnte. Ich ſegne ſeine Aſche.“ „Er ſtarb?“ fragte Rudolph.„Du biſt Dir allein über⸗ laſſen? Tröſte Dich;“ fuhr er fort, da Archimbald achſel⸗ zuckend bejaht hatte;„Du haſt in Uns einen zweiten Vater gefunden, wenn wir Dich unſers Schutzes würdig halten. Auf was haſt Du Dich beſonders verlegt in Deinen Studiis?“ „Auf die Arzneikunde, allergnädigſter Herr-“ „Verſtehſt Du Dich auf Gifte und tollmachende Tränke? — Wir meinen nicht damit das Verfertigen, ſondern das Erkennen derſelben.“ „Ich habe dieſes Fach der Heilkunde zum Gegenſtande meines emſigſten Forſchens gemacht. Ich laſſe mich zu jeder Stunde darin prüfen.“ „Vermagſt Du entweder durch den Geſchmack, oder den Geruch, oder durch beſonders angeſtellte Proben zu unter⸗ ſcheiden, ob das Waſſer des heiligen Nikolaus, das aus Napoli kömmt, zu irgend einer Speiſe, oder einem Geträuk gemiſcht worden ſey?“ „Weder durch Geruch noch Geſchmackz aber zuverläſſig durch gewiſſe Probemittel.“ „Wir haben Gefallen an Dir,“ ſprach hierauf der Kai⸗ ſer,„und ſo Du in Deiner Sendung⸗ wie in Deinen Zeug⸗ niſſen von Padua wohl veſteheſt, magſt Du auf Unſre Huld zählen.“ 158 Archimbald ſchauderte die Haut, wenn er an ſeine falſche Sendung, an ſeine verfälſchten Zeugniſſe dachte, die der Doctor verwichne Nacht mit beſonderer Kunſt gefertigt hatte. Der Letztere war zwar ebenfalls berufen, und es war auf ihn, als den Hebel des Plans, allerdings zu rechnen; aber Tycho Brahe,„dies war ein drohender Name in Ar⸗ chimbalds Ohren, der aus des Doctors Munde ſelbſt von des gelehrten Mannes Unbeſtechlichkeit und Wahrheitsliebe gehört hatte. Und im nämlichen Augenblicke traten die beiden Berufe⸗ nen in den Marſtall, angethan mit ihrem mit Marderpelz reich verbrämten langen Gewändern, die Sammetkappe über Stirn und Kopf bis in den Nacken herabgezogen, den Hut in der Hand. Sie näherten ſich dem Kaiſer mit ziemlicher Vertraulichkeit. Dee verrieth mit keiner Miene irgend eine frühere Bekanntſchaft mit dem ſogenannten Seibelſtorfer. „Dieſes ſendet Uns Argoli von Padua,“ ſprach der Kai⸗ ſer zu ihnen, und reichte dem Thcho Brahe das Täflein.— Während dieſer die aſtrologiſche Berechnung mit Habichts⸗ augen durchſpähte, ergriff Rudolph den unfern ſtehenden Dee bei der Spange, die ſeinen Talar zuſammenhielt, und zog ihn vertraulich näher.„Nun, Ungläubiger,“ fragte er lä⸗ chelnd, und dennoch mit bekümmerter Miene,„zweifelt Ihr noch immer? Argoli ſendet uns das Horoſcop, das er frei⸗ willig über unſere Laufbahn den geheimnißvollen Himmels⸗ zeichen abgelockt, und es iſt Wort für Wort daſſelbe, welches Brahe uns vor wenig Tagen kund machte, welches Ihr zu verſpotten kühn genug waret. Was ſagt Ihr dazu?“ Dee zuckte mit allen Aeußerungen des Staunens die Ach⸗ ſeln.— Tycho Brahe hatte indeſſen das Täflein durchſtudirt, F ————— — 159 und rief mit leuchtendem Blicke und triumphirender Stimme? „Nun, Römiſchkaiſerliche Majeſtät! hegt Ihr noch eine Be⸗ denklichteit, meinem Urtheile, meinem Ausſpruch beizupflich⸗ ten?— Ziffer für Ziffer Conjunction für Conjunction hat der weiſe Argoli hier wiederholt. Scht da den Thriumph der Wiſſenſchaft; ihren Sieg über alle Vorurtheile,“ ſetzte er hinzu, den Doctor von der Seite anſchielend.„Zweihun⸗ dert Meilen von Prag entfernt, liest der fremde Aſtrolog in den Sternen⸗ was Tycho Brahe darinnen las. Die Be⸗ rechnung iſt dieſelbe. Die Unterſchrift gerecht und ächt, denn dieſe griechiſche Signatur iſt mir aus Briefen, die ich von dem würdigen Manne hie und da erhalten, wohl be⸗ kannt und unzweifelhaft. Darum ſeyd auf Eurer Hut, aller⸗ gnädigſter Herr,. Euer Feind heißt Matthias, trachtet Euch nach dem Leben, und wird es Euch rauben, wenn Ihr ihm nicht zuvorkommt, und ihn unſchädlich macht, ſammt ſeinen Helfershelfern.“ „Sie wollen Uns tödten,“ ſprach Rudolph mit weicher und bewegter Stimme:„da Wir ihnen doch nichts als Gu⸗ tes erwieſen;„ Gott verläßt Uns in unſerm Hauſe.“ „Gott hat uns dafür als Wächter Eures ruhmwürdigſten Lebens beſtellt, glorreichſter Herr und Kaiſer,“ erwiederte Dee;„er hat die Fremdlinge zu dem erhabenen Dienſt be⸗ rufen, den die Blutsfreunde von ſich warfen, um ihren Ge⸗ bieter feindlich zu verfolgen. Nehmt meine Hand, Brahe! Argolis Zeugniß hat meinen bereits erſchütterten unglauben völlig umgeſtürzt. Ich bewundere Eure Weisheit.“ Brahe nahm zufrieden die dargebotne Hand, und wen⸗ dete ſich zu Archimbald und dem Kaiſer:„Dieſem jungen Manne,“ ſprach er⸗„gebührt das größte Lob, da er ſeinen 160 Auftrag ſo geſchickt, als verſchwiegen zu erfüllen gewußt hat. Ich würde in einem Schreiben an den berühmten Lehrer ſei⸗ nen klugen Schüler preiſen, wenn es ſich nicht ziemte, über dieſe Sache, die allein unſern großmächtigſten Herrn und Kaiſer betrifft, reinen Mund zu halten. Aber der Huld un⸗ ſers Fürſten darf ich ihn keck empfehlen, ohne ihn genauer zu kennen. An den Früchten kennt man den Baum.“ „Unſere Gerechtigkeit hat bereits erwogen, was dem Bo⸗ ten gebührt,“ entgegnete der Kaiſer, etwas gekränkt, ſich daran gemahnt zu ſehen.—„Prüft ſeine Zeugniſſe, Herr Doctor Dee, und bringt ihn alsdann den Nachmittag zu Uns, um die Stunde, da Wir zu luſtwandeln pflegen. Für jetzw ſeyd Ihr gnädig entlaſſen.“ Er beurlaubte die Anweſenden mit einer huldvollen Kopf⸗ neigung, und bewegte ſich unter ſorgſamem Umſchauen nach der Pforte, die im Hintergrunde der ſchönen Halle ange⸗ bracht war, über einige Stufen in das Innere der Burg führte, und nur von einem Schlüſſel, den der Kaiſer ſtets bei ſich trug, eröffnet und geſchloſſen werden konnte. Nach⸗ dem er verſchwunden, gingen auch die übrigen Anweſenden, wie die zahlreichen Wachen vor den Thüren davon. Der Doctor beſchied den Zögling mit vornehmer und fremdthuen⸗ der Herablaſſung nach Liſche zu ſich, und wandelte mit Brahe ſeine Straße weiter. Der Aufſeher des Marſtalls zupfte aber den Studioſen beim Mantel, und ſprach mit freundlichem Antlitz:„Mein lieber Herr, Ihr habt Eure Sachen recht wacker gemacht und mich nicht in Schaden gebracht, wie ich merke, wenn ich gleich nichts von Euerm Geſchäfte weiß; allein ich ſehe, daß Euch unſre fürtrefflichſte Majeſtät freund⸗ lich angelacht, und der Doctor Euch zu ſich beſtellt hat, und ———— ———— „ 161 das ſind herrliche Omina. Dürfte ich demnach wohl ſo kühn ſeyn, Euch ein Plätzlein für den Gaul, für Euern Reitſack⸗ und endlich für Euch ſelbſt an dem geringen Tiſche Euers demüthigſten Dieners anzubieten?“ Archimbald ſagte willig zu; und nachdem das Pferd ver⸗ ſorgt war, und deſſen Reiter die zweifelhaften Zeugniſſe der hohen Schule von Padua zu ſich geſteckt hatte, ging er mit ſeinem neuen Freunde zum Schloſſe hinaus, in deſſen Nähe eine Schenke, zum Granatapfel geſchildet, den Hungrigen ihre Küche, den Durſtenden ihren Keller gaſtlich aufthat. Ihre Schätze waren verſchwenderiſch auf langen mit farbig geſtreiften Tüchern bedeckten Tiſchen aufgeſtellt. Zahlreiche Theilnehmer hatten ſich bereits eingefunden, die in der ge⸗ räumigen Stube luſtig mit Meſſern und Gabeln hanthierten⸗ und ihres Leibes pflegten. Propicz leitete ſeinen Tafelge⸗ noſſen durch das geräuſchvolle Gewühl der großen Eßſtube in ein angrenzendes kleines Gemach, worin ſich nur für zwei mäßige Tiſche Raum finden ließ. Dieſe zwei waren noch unbeſetzt. „Ihr müßt Euch gefallen laſſen, junger Herr,“ ſprach Propicz,„für heute einmal an dem Narrentiſche Euern Imbiß einzunehmen. Werdet wohl ſchon öfters unter när⸗ riſchen Menſchen Euern Platz gefunden haben... wahr⸗ ſcheinlich aber noch nicht an einer Tafel, an welcher Narren von Rechtswegen ſich niederſetzen. Aber hier, in dieſer welt⸗ berühmten Schenke zum Granatapfel, findet Ihr der Narren dreie, die ſich eine Ehre aus ihrem Stande machen, und das neidiſche Schickſal wie den Befehl des Kaiſers beſeufzen, die ihnen ihre rühmliche Laufbahn vor der Naſe zuſchloſſen⸗ Nämlich einen ausgedienten Narren, einen in voller Alters⸗ 162 blüthe ungerechter Weiſe Abgeſetzten, und einen, der ſich mit ausgezeichneten Gaben und vorzüglichem Fleiße zu die⸗ ſem Geſchäft vorbereitete, und die gegründetſten Hoffnungen gab, einſt ein glorwürdiges Glied dieſer berühmten Zunft zu werden, als mit einemmale die Schellenkappe in Verfall gerieth, und ſeinen Vorſatz zu Waſſer machte. Er iſt darauf ein Schneider ſeines Zeichens geworden, und man ſchimpft ihn ſogar kaiſerlicher Hofſchneider, ob er gleich keine Kund⸗ ſchaft in der Burg beſitzt, als die der Majeſtät für die Wer⸗ keltage, und der Stallknechte ebenfalls für die Werkeltage.“ Archimbald lachte ob dem ſeltſamen Zuſammenſtellen des Monarchen mit dem Stallpödel. „Ihr lacht?“ fragte Propicz.„Ich kann's Euch nicht ver⸗ argen, denn Ihr verſteht die Sache nicht. Allein einige Worte werden hinreichen, Euch dieſelbe begreiflich zu machen. Unſer Narrenzögling, David Gitz, wäre allerdings eid tüch⸗ tiger Poſſenreißer geworden, aber, als der Kaiſer die rivi⸗ legirten Narren am Hofe abſchaffte, wurde der gute Zr laſſen, weil er alles verkehrt angreift. Die Röcke und Wämmſer macht er gewöhnlich ſo weit, als ob er über den ganzen Radſchin das Maß genommen hätte; die Beinkleider hingegen ſo eng, daß ein Truthahn ſich gewaltig unbequem darinnen finden würde. Auf die Mäntel verſteht er ſich noch am beſten, weil er ſo geſcheit iſt, wenigſtens die Hälfte des Zeugs in die Hölle fallen zu laſſen, obgleich dadurch das Kleidungsſtück nicht einmal die Blöße zu bedecken im Stande iſt, und einem ärztlichen Recept nicht unpaſſend zu verglei⸗ chen, kahl und ſchmal von der Schulter des Kundmanns hängt. Wie Meiſter David ſchneidet, ſo nähen die Geſellen, . vid ein ſchlechter Schneider. Kein Menſch will bei ihm arbeiten 163 wie der Lehr prinz hudelt, ſo pfuſchen die Buben, die Werk⸗ ſtatt iſt verkehrt von oben bis unten, und der Hofſchneider hätte ſchon lange zu ſeinen Tuchſchnitzeln und Zeuglappen Zuflucht nehmen müſſen, um den bellenden Magen zu be⸗ ſchwichtigen, wenn nicht der Kaiſer in einem lichten Augen⸗ blick eingeſehen hätte, daß er allein an der Pfuſcherei Schuld geweſen. Darauf hat er dem David eine Gnadenſumme zu⸗ geworfen, die er jährlich bezieht, und für welche er gehalten iſt, den Stallleuten die Werkeltagsjacken zu fertigen und zu flicken; die Staatslivereien hingegen macht der Schneider Stichel, ein grundgeſchickter Mann. Die Stallknechte haben nun dem Kaiſer die Luſt gemacht, ſich ebenfalls von dem David bedienen zu laſſen, indem der Herr, welcher die Be⸗ quemlichkeit vor allem liebt, unſagliches Wohlgefallen an den breiten Rücken und Schulterblättern, den weiten Aermeln und ſchlappenden Schößen gefunden hat, die ein ſicheres und zuverläſſiges Wahrzeichen der Gitziſchen Arbeiten ſind.— Dieſer Schneider alſo, und der eisgraue Bombaſt, der Me⸗ thuſalem aller zünftigen Narren, der ebenfalls das Gnaden⸗ brod genießt, und hier dicht nebenan in ſeinem eigenen Schneckenhauſe wohnt, ſammt Euerem dienſtwilligſten Pro⸗ picz, der vom Hofnarren zum Marſtallaufſeher befördert wurde, ohne nur zu wiſſen, mit wie viel Nägeln ein Huf⸗ eiſen angeſchlagen wird; wir werden die Ehre haben, heute Eure Nachbarn zu ſeyn, an dieſer Kneipentafel, deren Bei⸗ ſitzer wir,„der Hofküche entlaufend.. gewotden um unſere Mahlzeit ehrenhaft und brüderlich zu halten⸗ ohne von dem Spott des rohen Geſindels in der Burg geärgert zu werden.“ 164 Archimbald ſchaute neugierig nach der Thüre, durch welche Bombaſt und Gitz ſich herein begaben. Der Erſte, ein kurzer runder Kegel mit ſchneeweißem, kurz geſchornem Haupte und glühendem Kupfergeſichte; der Zweite etwas größer, klapper⸗ dürr, mit einem wahren Vogelsgeſichte, das naſeweis und vorlaut ſich nach allen Richtungen der Windroſe in einer Minute drehte. Bombaſt trug eine veraltete Hofnarren⸗ kleidung, mit kurzem rothen Mäntelchen und blau und weiß gewürfelten Strümpfen, zu dem ſchwarzen Wamms und den ungeheuern Pumphoſen von derſelben Farbe. Der Hofſtall⸗ ſchneider hingegen hatte ſich mit lederfarbigen Unterkleidern und einem zeiſiggrünen Röcklein aufgeputzt, das im Aufein⸗ anderklappen prahlend das vornehme Futter von Schiller⸗ taffet ſehen ließ. Ein feiner Spitzhut ſaß ſteif, und einer Pyramide gleich, auf ſeiner ſchlecht behaarten Scheitel, und der kleine Federſtutz darauf winkte ſchalkhaft nach hintenzu. Scheere, Nadelkiſſen und Ellenmaß baumelten an ſeiner Hüfte, in ſeiner Hand ſchwankte ein Blumenſtrauß. Nachdem die erſten Begrüßungen vorüber waren; und Bombaſt den fremden Gaſt einſpylbig und mürriſch, der Schneider aber mit vielen Worten und ſteifen Bücklingen bewillkommt hatte, lagerte ſich die Narrenſippſchaft ſammt dem jungen Abenteurer um den Tiſch, den die Wirthin des Granatapfels mit reichlichen und wohlſchmeckenden Gerichten beſetzte. Der braune Malztrank ſchäumte in den blanken Zinngefäßen, und jeder der Tafelgenoſſen griff mit fröhlicher Eßbegierde zu. Endlich fand ſich auch das verſtummte Ge⸗ ſpräch wieder zurechte, und Propicz ergriff die Gelegenheit, den Schneider zu befragen, wie er an einem Wochentage in ſeinen Sonntagsputz komme, und ob er vielleicht auf die — Freite zu gehen Willens ſey. Der Schneider verzog hierauf das breite Maul von einem Ohr zum andern⸗ und ſchüttelte den Koypf. „Wie ſoll ich armer Zeugverderber zum Freien komme ſprach er lachend„ wollen, die ich mir gerne wünſchte, während meiner ſolche begehren nach denen ich meine ſchlechteſte Nähnadel nicht werfen möchte? Damit iſts vorbei. Wozu noch mehrere unnütze Schneiderleins in die Welt ſetzen, da ich mich kaum durchbringe? Hätte ich ein Narr werden können, ſo hingen die Glocken jetzt anders. Thyrheit wirft fette Brocken ab, die Schneiderei nur hie und da ein Feigenblatt; und wenn man,„wie ich.. gerade nicht der erſte im Handwerk iſt, gar nichts, als beim Flicken zerſtochne Finger⸗ blöde Augen und ein Jucken auf der Haut bekommen, das weder angenehm noch empfehlend iſts Ich meinerſeits ſollte mich freilich im gegenwärtigen Augenblicke gar nicht beklagen⸗ da es meinem unabläſſigen Bemühen gelungen iſt, meiner armen Leute Korn. bedeutet: meinen Kundleuten,„. einen anſehnlichen Zuwachs zu verſchaffen, welches auch die Urſache iſt, warum ich meine Feierkleider angelegt habe.“ „Glücklicher Leibſchneider rief Propicz mit luſtigem Spott. „Das blinde Huhn hat ein Waizenkorn gefunden,“ meinte der mürriſche Bombaſt. „Nennt's wie Ihr wollt,“ erwiederte Gitz lachend,„es iſt nichts deſto weniger wahr⸗, daß man mich zu den drei Prin⸗ zen beſchieden hat, um Arbeit für dieſelben zu unternehmen.“ „Welche Prinzen?“ fragte Archimbald. „Hm!“ äußerte Propicz, der neben ihm ſaß, in vertrau⸗ lichem Tone:„Man ſollte ſie wohl nicht ſo eigentlich da mich diejenigen Mädels 166 nennen es ſind unſers gnädigſten Kaiſers Söhne; Mat⸗ thias Carl, und Julius, Kinder der Liebe, fröhlicher Stun⸗ den, oder ſchwacher Augenblicke. Du lieber Gott, jeder Menſch hat die ſeinigen, und der Kaiſer, obgleich ein Ge⸗ ſalbter des Herrn, iſt doch wohl nicht mehr als ein Menſch. Er ſcheint obendrein zu dem Heirathen keine Luſt zu haben. Er war mit der Infantin Iſabella verlobt,.. es iſt nichts d'raus geworden. Er hat mit einer lothringiſchen Prinzeſſin, mit einer Prinzeſſin des Erzherzogs Carl, mit einer mosko⸗ witiſchen Großfürſtin,.. ich glaube ſogar mit einer wal⸗ lachiſchen Fürſtentochter angehunden.. Semper idem, es wurde nichts d'raus. Gegenwärtig iſt er ſchon ſeit einigen Jahren mit Marien, der Prinzeſſin des Herzogs von Tos⸗ dana verlobt, es ſollte mich aber wundern, wenn die Ehe zu Stande käme. Die drei Söhne, die er mittlerweile zeugte, und als die Seinen feierlich erkannte, ſollen herrliche Anlagen, drei Löchter, deſſelben Urſprungs, vorzügliche Schönheit beſitzen: was hilft aber alles das, wenn es nicht unter dem Thronhimmel zur Welt gekommen iſt!“ „Wer hat denn das Glück, von dem Kaiſer alſo geliebt zu ſeyn?“ fragte Archimbald neugierig. „Ei, liebes Herrlein,“ antwortete Propicz lachend,„wer kann das beſtimmen? Die Majeſtät iſt in dieſem Punkte ſo flatterhaft als der Großtürke mit ſeinen fünfhundert Kebs⸗ weibern. Viekerlei! heißt ihr Wahlſpruch, und jeder Samſtag dankt in der Regel eine Geliebte ab, die jeder Sonntag neu erſetzt.“ „Seltſam!“ lächelte Archimbald. „Das hängt alles mit der üblen Gemüthsverfaſſung des Herrn zufammen, von der viel zu reden wäre,“ bemerkte S. 167 — Bombaſt,. ollein, was hilft das Reden! Die Leute, die den Kaiſer umgeben, drehen ihn um, wie einen Hand⸗ ſchuh, und machen ihn zu etwas, das er nicht ſeyn ſollte. Und wißt Ihr, woran die Schuld liegt? Hm! daß keine Hofnarren mehr gelitten werden. Das haben dem Kaiſer die gelehrten Herren und die Künſtler und Betrüger, die ſeinen Hofſtaat ausmachen, eingeſchwatzt, weil ſie wohl wiſſen, daß ein Pritſchmeiſter der Einzige iſt, der hin und wieder den Nagel auf den Kopf trifft, und dem Fürſten die Wahrheit ſagt⸗ die jene Leute ſcheuen wie die Eule das Licht.— Nu, ſie haben ihren Zweck erreicht! Proſit! Die Hofnarren ſind fort; Narren gibt es aber immer noch genug am Hofe, und ich wüßte wohl zu ſagen, wer der größte iſt. Da lobe ich mir den höchſtſeligen Kaiſer Maximilianus! Das war ein Herr⸗ dem die gebratnen Vögel auch nicht ins Maul flogen, der viele, viele trübe Stunden hatte. In ſolchen ließ er aber ſtets den alten Bombaſt kommen, und der mußte ſeine Streiche machen, bis er den Herrn zum Lachen brachte. Es iſt mir auch immer gelungen,“ ſetzte der Greis hinzu, ſich in der Erinnerung vergnügt die Hände reibend,„und der Höchſtſelige hat mich öfters den Uhrſchlüſſel geheißen, der es allein vermöge, das Räderwerk ſeiner Complexion aufzuziehen und zum Regieren wieder tüchtig zu machen. Von ſelbiger Zeit an habe ich erſt den rechten Reſpekt vor unſerm Stand bekommen, und wenn derſelbe noch florirte, ſo würde es beſſer um Kaiſer und Reich ſtehen. Wir würden den Erſten immer wieder tüchtig machen das Zweite zu regieren, und würden ihm die Schmarotzer vom Halſe beißen, die den allergnädigſten Herrn zu einem ge⸗ lehrten Tippel machen, wie ſie ſelber ſind, und ihn zu allerlei Geſchäften antreiben, die für ihn ſich ſchicken, wie die Fauſt auf's Auge. Er füttert Löwen und Pantherkatzen, während viele ſeiner Unterthanen an Hunger und Steuern verſchei⸗ den, er malt heidniſche Hiſtorien und Bilder, während die heidniſchen Muſelmänner ihm einen Biſſen nach dem andern vor dem Munde wegnehmen. Er iſt ein Beckenſchläger und Paternoſtermacher geworden, ſtatt eines Mehrers des Reichs; und damit alles fein im Gleiſe bleibe, hat er ſeine Aemter ſo ausgetheilt, daß ſie verſehen werden, wie er das ſeinige verſieht. Fremde Landſtreicher ſind ſeine geheimen Räthe, ein ehemaliger Trommelſchläger wird General, und aus zwei ziemlich guten Narren macht er einen ſehr übeln Schnei⸗ der und einen Marſtallsaufſeher, der nicht weiß, ob das Heu auf den Bäumen oder im Keller wächst?“ „Ich verbitte mir allen Schimpf,“ verſetzte Propicz, hath im Ernſt halb im Spaß.„Den Kaiſer magſt Du ſchelten, wie Du willſt, nur mich nicht, und nicht ſeine Günſtlinge. Du dankſt ihnen das Gnadenbrod ſchlecht, das ſie Dich in Ruhe und Friede leben laſſen.“ „Ich hab' es von meinem Kaiſer Maximilian,“ erwiederte Bombaſt grollend,„und nicht von Raubvögeln. Hätten ſie mir's auch wirklich verliehen, und ich dankte es ihnen ſchlecht, ſo thäte ich nichts anders, als was ſie dem Kaiſer ſelbſt thun.“ „Jetzt ſchweige aber, alter Brummbär,“ raunte ihm der Schneider zu, und ſtieß ihn in die Rippen.„Es kommen Leute.“ Es trat auch wirklich ein ganzer Schwarm von Gäſten in das Gemach, und reihte ſich geräuſchvoll um den zweiten Tiſch. Die Unterhaltung war zerriſſen, das Mahl zu Ende, und Archimbald entfernte ſich mit ſeinem Gaſtfreunde. Er eilte hierauf zu Dee, und war gewiſſermaßen erfreut, ihn + 169 —— nicht zu Hauſe zu finden. Dieſer Aufſchub, die Wartezeit⸗ tam dem Jüngling ſehr gelegen, um ſeine Gefühle und Be⸗ griffe zu ordnen; denn es ging ihm viel Unangenehmes im Kopfe herum. Dee hatte ihm ſein Verhältniß zu des Kaiſers Perſon unter einem ganz andern Geſichtspunkte vorgeſtellt, als aus den Aeußerungen des alten Bombaſt zu erhellen ſchien. Ob es nun gleich rathſam war, dieſe letztern eben⸗ falls auf den Probeſtein zu nehmen, und davon hinweg zu thun, was lediglich die Erbitterung ſprach, ſo ging dem ungeachtet aus Allem hervor, daß der Kaiſer übel berathen⸗ übel geleitet ſeyn mußte,— daß es einer gewiſſen Partei gelungen war, die natürliche Trägheit des Kaiſers, ſeine angeborne Scheu vor Geſchäften und durchgreifenden Maß⸗ regeln, ſein durch ſpaniſche Erziehung angenommenes Miß⸗ trauen endlich dergeſtalt zu benutzen und zu regieren, daß dieſe Eigenſchaften⸗ zuſammengeſtellt, dem Fürſten den Schein einer Gemüthsblödigleit zu verleihen geeignet geweſen, worauf es am Ende auch nicht bei dem Schein verblieben, ſondern dieſer Zuſtand in Wirklichkeit getreten war. Und das Werkzeug dieſer Partei— er konnte ſich's nicht verhehlen, ſollte er ſeynz er war es bereits; er hatte ſchon in der erſten Audienz durch ſeinen lügenhaften Bericht, durch die Ueberreichung verfälſchter Urkunden die Spornen ver⸗ dient in ſeinem nicht ehrenvollen Handwerke.— Er konnte die Schamröthe nicht unterdrücken, die über ſein Geſicht floß; er konnte nicht gut heißen, was ſein beßres Gefühl verdammte. Aber leichter war die Reue, als die Hülfe in der zweideu⸗ tigen Lage. Was ſollte der Bethörte thun? War er nicht in das umlaufende Rad geſchleudert? hatte er nicht den Rücktritt 3 Dem Kaiſer Alles entdecken, oder Fallſtricken — 170 entfliehen, die ſeiner Unerfahrenheit und ſeiner Hülfloſigkeit gelegt worden waren— ein Drittes gab es nicht, wollte er den Abſichten des Doctors widerſtreben. Aber die Folgen davon? war er gewiß, in dem Monarchen einen gnädigen, verzeihenden Herrn zu finden? Und,— fand er ihn auch,— konnte er ſich gegen die mächtigen Feinde wehren, die ihm der Verrath an ihrem Vertrauen erwecken würde? Mußte er nicht ihr Opfer werden, von dem ohnmächtigen Herrſcher in der Noth verlaſſen? Die Flucht war ein eben ſo verzweifelter Ausweg, der ihn aufs Neue hinausſtieß in die fremde Welt, hülflos, verlaſſen, allem Elend Preis gegeben und ſeinen Vor⸗ würfen, und der Verfolgung ſeiner Widerſacher. Alles blieb dann unerreicht,— der Zweck ſeiner Leiden, ſeines Fleißes, ſeines ganzen Lebens, und unerfüllt das Gelübde der Rache.— Dieſer Gedanke, die Erinnerung an dieſen Schwur hatte noch nicht aufgehört gebieteriſch auf ſeine zweifelnde Seele zu wirken. Einem Blitzſtrahl gleich, zeigte der fürchterliche Eid dem Schwankenden den zu betretenden Weg. Führte dieſer auch über verbotne Pfade, gleichviel! war doch endlich Ver⸗ geltung ſein Ziel! Die Erreichung deſſelben ſchon auf Jahre, Monate, Tage hinaus berechnend, ſtürzte ſich Archimbald mit frohem Muthe kopfüber in die Fäden des lichtſcheuen Gewebes, das ihn umfing, ohne ſich träumen zu laſſen, daß Leidenſchaft und warmes Blut ihn bald in noch weit ver⸗ wickeltere Netze verſtricken, in einen endloſen Strudel des Trugs veißen würden. — Achtes Rapitel. —— unſel'ge Liebe! Eiferſuͤcht'ges Wüthen! Du trennſt die Beſten, und kein Talisman Verſöhnt die Leidenſchaft. Schulz⸗ Der Dvetor, nachdem er bei ſeiner Rückkehr des Jüng⸗ lings Muth und Gewandtheit belobt hatte, führte ihn ſelbſt zu dem Kaiſer. Sie trafen den Herrſcher auf⸗ und nieder⸗ wandelnd in einem langen bedeckten und ſchmalen Gange, der, bloß durch hin und wieder angebrachte enge Schieß⸗ ſcharten, ein zweifelhaftes Licht erhielt⸗ Den Gang, wie mehrere andre derſelben Gattung, dem ſchmalen Wege hin⸗ ter einer Feſtungsmauer nicht ganz unähnlich, mit dem Un⸗ terſchiede jedoch⸗ daß dieſer nicht von allen Seiten verſchloſſen⸗ und dem Himmelslichte zugänglich zu ſeyn pflegt, hatte der* bedauernswerthe Fürſt in verſchiednen Theilen des Schloſſes erbauen laſſen, ſeinem Mißtrauen und ſeiner ängſtlichen Scheu zum Schilde. In dieſen Mauerſpalten pflegte er zu luſtwandeln, geſchützt vor tödtendem Geſchoß und gedungnem Dolchſtoß, denen er unvermeidlich zum Opfer fallen zu müſ⸗ ſen glaubte, wenn er es wagen würde, Freien zu 172 ergehen. Durch dieſe engen Schlupfwinkel endlich gelangte er zu ſeinen Marſtällen, woſelbſt er täglich ſeinen Luſtritt machte, auf die Art und Weiſe, wie ihn Archimbald am heu⸗ tigen Morgen getroffen,— und wo es noch am leichteſten anging, durch das Vorwort eines Stallmeiſters den Zutritt zu ihm zu erlangen. Denn ſein Leben war zwiſchen Furcht“ und Sorge getheilt. Er geizte nach dem Scepter und hatte den höchſten Begriff von ſeiner Würde, allein er ſchau⸗ derte ohnmächtig vor ihren Laſten und Arbeiten zurück; er fühlte wohl, daß es nöthig ſey, in mißlicher Zeit beſtimmt und kühn zu handeln,. allein ſeine Schwäche ließ den Vorſatz in dem nächſten Augenblick unausgeführt fallen. Durch eignen Mangel an Vertrauen ſowohl, als durch Ein⸗ flüſterungen unredlicher achſelträgeriſcher Speichellecker fürch⸗ tete er ſeine nächſten Blutsfreunde wie reißende Thiere, und warf ſich blindlings Fremden in die Arme, die, theils ſeinen Hang zur Frömmigkeit benutzend, theils ſeine Neigung zu Künſten und Wiſſenſchaften dienſtwillig unterſtützend, theils ſeinem Aberglauben fröhnend, ihm die Macht aus den kin⸗ derſchwachen Händen wanden, um ſie nach ihrem Gutdünken zu üben.— Wenn es darauf ankam, eine große Ausgabe für das Wohl des Landes zu machen, war der Schatz be⸗ ſtändig leer, und Rudolph geizte wie ein Knicker mit dem, was ſich vorfand. Galt es hingegen, ein wildes Thier, eine ſeltne Pflanze, oder eine Gemme einzuhandeln, oder einen ſeiner Vertrauten zu bereichern, ſo war keine Summe zu groß, die er nicht gegeben,.. ſo war ihm in deren Er⸗ manglung kein Pfand zu theuer, daß er es nicht zu ihrer Herbeiſchaffung willig geſtellt hätte.— Unaufhörlich ſchwan⸗ kend in all ſeinen Beſchlüſſen, in all ſeinen Vorſätzen und 173 — Unternehmungen gab er ſich einer geiſtigen Sklaverei hin, deren Ketten um ſo dauernder waren⸗ als Männer von aus⸗ gezeichnetem Verſtande und argliſtiger Verſchlagenheit die Endringe derſelben unerſchütterlich hielten⸗ ohne dem Gefeſ⸗ ſelten ihre Laſt merken zu laſſen. Dem ungeachtet gab es dann und wann großen Stoff zum Mißbehagen in einem und dem andern Geſchäfte, das, ſeiner Art nach⸗ dem Kaiſer ſelbſt vorgelegt werden mußte, und nicht von einem Günſt⸗ ling geſchlichtet werden konnte. Alsdann ſuchte der reitzbare Fürſt, nachdem er ſeiner Galle auf dieſe oder jene Weiſe Luft gemacht, einen ſichern Schmollwinkel, den er in ſeinen Marſtällen oder in den oben beſchriebnen Grenzen woſelbſt der Doctor und Archimbald ihn antrafen, zu finden nicht ermangelte. Er erwartete die Herannahenden mit herablaſſender Miene⸗ und in ſolchen Angenblicken war der Ausdruck ſeiner Züge⸗ wie ſeiner Haltung unwiderſtehlich. „Was bringt Ihr Uns, Doctor 2“ fragte er lächelnd.— „Wie ſtehts? Kann man dem jungen Manne vertrauen⸗ den Ihr da mitgebracht?“ „Völlig, Euer kaiſerliche Majeſtät,“ erwiederte der Do⸗ ctor.„Die Zeugniſſe ſind vortrefflich, und wenn mein aller⸗ gnädigſter Herr und Kaiſer nicht verſchmähen wollte, einen Blick auf dieſe Blätter zu werfen reichte dem Kaiſer die Papierrolle hin. Unentſchloſſen griff Rudolph nach derſelben, zog aber ſchnell die Hand zurück, als hätte er eine Brenneſſel berührt. „Verſchont Uns damit, lieber Doctor,“ ſprach er hierauf etwas verlegen.„Ihr wißt, Wir leſen nicht gerne viel⸗ und da Uns ohvehin Unſer hoher Beruf ſo vielerlei vor die Augen bringt, ſo verſchließen Wir ſie gern vor dem Ueberflüſ⸗ ſigen. Indeſſen, bewahrt die Schriften wohl; Wir werden ſie zu gelegner Zeit durchſehen. Doch vertrauen Wir gänz⸗ lich Eurer Redlichkeit und Euerm ſcharfen Blicke.“ Der Doctor, der wohl wußte, daß der Kaiſer in ſeinem Leben die Papiere nicht zu ſehen begehren würde, ſteckte ſie mit tiefer Verbeugung ein.„Und dieſer Jüngling 25 ſprach er hierauf.„Was befiehlt Euer Majeſtät?“ „Er ſoll bleiben; in Prag bleiben; in Unſerm Dienſte bleiben;“ erwiederte Rudolph in kurzen Zwiſchenräumen. „Ein unendliches Glück für den Verwaiſ'ten;“ äußerte Dee mit abermaliger Verneigung.—„Allein die Art des Dienſtes 2. „Da ſteckt der Knoten;“ antwortete der Kaiſer und ſangte am Finger.„Man ſpricht Uns täglich von Verminderung Unſrer Dienſtleute, und täglich ſehen Wir derer mehrere. Wir werden am Ende nicht ohne Unruhe unter dieſem Heere von Dienern, die Soldateska ungerechnet, leben können. Es iſt aber mit alle dem kein Amt, kein Plätzlein übrig.“ „Es ſteht in Eurer Macht, allergnädigſter Herr, ein ſol⸗ ches zu ſchaffen, für den, den Eure kaiſerliche Huld beglücken will;“ bemerkte der Doctor ſehr geſchmeidig. „Wer ſagt Uns das?“ fragte der Kaiſer, und warf einen hohen Blick auf den Verſtummenden—„Wir wiſſen wohl, wie weit die Macht geht, welche der Herr Uns anvertraut hat. Wir bedürfen keiner Erinnerung in ſolchen Dingen. Wir haben auch beſchloſſen, ein neues Amt zu ſchaffen.“ „Das erwartete ich von Eurer Weisheit, allergnädigſter Herr und Kaiſer,“ erwiederte der Doctor. 175 „Dieſer junge Mann,“ fuhr Rudolph fort,„ſoll von Stund an einen ordentlichen Famulum bei Unſrer geſalbten Per⸗ ſon vorſtellen⸗ in Unſern vertrauteſten Angelegenheiten, wenn er die dazu erforderlichen Eigenſchaften beſitzt, und wenn Ihr, Doctor Dee, für ſeine Treue und Verſchwiegenheit Bürgſchaft leiſtet.“ „Schwer iſt's, für einen wenig Gekannten zu bürgen,“ antwortete Dee;„ indeſſen leiſte ich die erforderliche Bürg⸗ ſchaft für dieſen jungen Mann ohne Bedenken.“ „Ihr ſeyd der ehrlichſte Mann den Wir zu kennen glau⸗ ben,“ verſetzte der Kaiſer,„und durch Eure Bürgſchaft be⸗ ſtimmt Ihr gänzlich Unſern Entſchluß. Tritt näher, mein Sohn! Verſtehſt Du mit dem Schermeſſer umzugehen, um Uns den Bart zu ſtutzen?“ „Es iſt des Wundarzts erſte Uebung,“ antwortete Ar⸗ chimbald, ſich zuſammennehmend.„Ich bin ihr gewachſen.“ „Gut,“ ſprach der Kaiſer.„Unſer alter Diener, der dieſe Pflicht bis daher erfüllt, legt ab an Augen und an Händen⸗ und zittert dergeſtalt, daß Wir manchmal befürchteten⸗ Uns in aller Unſchuld die Gurgel abgeſchnitten zu ſehen. Du magſt fortan den Dienſt verſehen, doch zuvor in Unſrer Ka⸗ pelle auf das Partikel vom heiligen Kreuze des Erlöſers einen theuern Eid ablegen, keinen Frevel Dir gegen das heilige Haupt Deines Kaiſers jemals zu erlauben.“ „Auch ohne Schwur iſt mir's ein Gott geweihtes,“ er⸗ wiederte Archimbald. „Und ferner... fuhr der Kaiſer fort,„wie ſtehts um ſeine Wiſſenſchaft, lieber Doctor? Iſt er bewandert in der Giftkenntniß und den Mitteln, ſolchen ſchädlichen Subſtan⸗ zen heilſam entgegen zu wirken?“ 2— 176 „Vollkommen!“ betheuerte der Doctor,„ich habe ihn geprüft, und kann ihn mit gutem Gewiſſen empfehlen.“ „Nun denn,“ ſprach der Kaiſer mit einer gewiſſen Feier⸗ lichkeit—„ſo ernennen Wir Dich, getreuer Seibelſtorfer, zu Unſerm geheimen Vorkoſter, Scherermeiſter, und vertrau⸗ ten Aufzeichner der Gedanken, und der zu unternehmenden Geſchäfte, die Uns den Tag hindurch einfallen dürften, und welche eigenhändig niederzuſchreiben, Wir nicht die nöthige Muße beſitzen. Der gelehrte Herr und Doctor Dee dahier hat für Dich Bürgſchaft geleiſtet, und Wir vertrauen der⸗ ſelben, da er der ehrlichſte Mann iſt, den Wir zu kennen Uns einbilden. Küſſe jetzt Unſer kaiſerliches Gewand, und entferne Dich, um morgen ſehr früh in Unſerm Vorzimmer bei der Hand zu ſeyn. Unſer getreuer Haushofmeiſter wird Dir Deine Wohnung anweiſen. Lebt wohl, Doctor!“ Der Kaiſer trat hart an die Mauer mit dem Rücken, und winkte dem Doctor gnädig, abzutreten. Dieſer verneigte ſich; Archimbald küßte den abgetragenen Rockſchoß des Kai⸗ ſers, und ging mit dem Führer. Der ehrgeizige Jüngling wußte gar nicht wie ihm geſchehen war. Er ging geraume Zeit ſchweigend neben dem Doctor her. Sein Unmuth machte ſich aber endlich Luft. „Nehmt mir's nicht übel, Herr Doctor,“ ſprach er, Ver⸗ druß in Wort und Miene,—„aber erlaubt mir, Euch zu ſagen, daß Ihr mir wenig Gefallen durch Euere Bemühun⸗ gen erwieſen habt. Ein ſchönes Glück in der That, den Bartputzer und Vorkoſter eines an Geiſt und Macht übel beſchlagnen Kaiſers vorzuſtellen. Hättet Euch wahrlich Geld, 177 —— Zeit und Mühe, mir aber die vielen Lügen erſparen können⸗ wenn Ihr nichts Beſſeres aus mir zu machen wußtet.“ „Nichts Beſſeres?“ fragte der Doetor erſtaunt.„Lieber Freund, ich glaube Du redeſt irre. Iſt die Stelle, die meine ſchlaue Berechnung Dir verſchafft hat, etwa nicht die beſte von allen, die ich Dir verſchaffen konnte? Wird ſie nicht un⸗ ter geſchickten Händen die Stufe zur erſten Macht? Die gewaltigſten Fürſten, vor denen die fernſten Reiche zittern⸗ ſind Spielbälle in der Hand ihres klugen Dieners. In dem Auge des Letztern wird der in's Weite hinaus blitzende Kai⸗ ſermantel zum alltäglichen Schlafrock, die funkelnde Reichs⸗ krone zur einfachen Nachtmütze. Der Scepter ſinkt zur harmloſen Fliegenklatſche, das Schwert zum ſtumpfen Brod⸗ meſſer, der Reichsapfel zur tauben Nuß, und der Beſitzer all' dieſer Herrlichkeiten endlich, zum gewöhnlichen Menſchen⸗ kind herab. Man legt ihm mit behutſamer Hand Fallhut und Gängelband an, und läßt ihn alsdann wandeln, ſo weit es rathſam,— thun, ſo viel als zuträglich iſt. Mag auch dann der bevormundete Fürſt nur in die Sterne gucken⸗ ſtatt in die Geſetze und Beſchwerden ſeiner armen Leute,— oder vor dem alchymiſtiſchen Tiegel den Schweiß vergießen⸗ der eigentlich ſeinem Berufe gehören ſollte,— in vergeblichen Bemühungen das Gold zu erſchaffen, das in ſeiner Schatz⸗ tammer täglich dünner wirdz. für den Schlauen und Beharrlichen fallen noch immer genug der Broſamen vom Tiſche des fürſtlichen Mündels, genug der Pfennige aus den Taſchen der Bittſteller und Gerechtigkeit Suchenden in die eigne— um ſich ein beguemes Neſt für den Winter zu bauen und einen Nothheller zurückzulegen⸗ der nicht ſelten dem Schatze des Gebieters ſich zur Seite ſtellen darf. Iſt 178 dieſes geſchehen, ſo macht man aus Rächſtenliebe einem An⸗ dern Platz auf der ergiebigen Weide, und ruht aus vom Tagewerk, zufrieden mit ſich ſelbſt und geachtet von einer nicht geringen Zahl bedeutender Männer, die man, ſo lange man im Rohre ſaß, zu verbinden und zu verpflichten gewußt hat. Das iſt das Ende vom Liede, und die höchſte Sproſſe der Leiter, an deren Fuß Du gegenwärtig ſtehſt, und die zu erklettern nur von Deinem guten Willen und von Deiner klugen Standhaftigkeit abhängen wird.“ „Ihr wißt freilich mir die Sache von der lachenden Seite vorzuſtellen,“ entgegnete Archimbald aufgeheiterter,„und ich will Euch Recht geben; allein Ihr werdet mir doch nicht glauben machen wollen, daß Alles, was Ihr an mir gethan, blos zu meinem Vortheil geſchehen ſey? Ihr werdet mir zugeben, daß ich in der That nur Euer Werkzeug bin, das, wenn es Euer Beſtes bezweckt hat, wohl nebenbei, ſo es angeht, das ſeinige berückſichtigen darf? Nun begreife ich aber immer noch nicht, welchen Dienſt ich Euch zu leiſten im Stande wäre, wenn ich dem Kaiſer den Bart ausſchere, oder ſeine Speiſen koſte; es müßte denn ſeyn, daß Euch ein⸗ fallen möchte, mir zu befehlen, den erſten ſammt der Gurgel abzuſchneiden, oder die letztern mit Opperment zu verſal⸗ zen, welches beides jedoch beſtimmt und heilig nicht geſche⸗ hen würde.“ „Kurzſichtiger!“ lächelte der Doctor.„Meinſt Du denn, ich hätte ſo viele Sorge an Dich vergeudet, wenn meine Abſicht geweſen wäre, einen gemeinen Mörder aus Dir zu ſchnitzen, Dich zu einer That zu erziehen, zu welcher jeder Taugenichts, der nichts zu verlieren hat, als ſein armſeliges Leben, mit Freuden beide Hände bieten würde, wenn ich ſie mit gewichtigen Ducaten vergoldete? Schäme Dich, aus Huberts und meiner Schule einen ſolchen Bock in das Leben mitzubringen. Hätteſt Du ausgeführt, was Du in Worosdar begonnen,... dann hätteſt Du unter anderer Vermummung bei dem Kaiſer Deine Stelle eingenommen; dann hätteſt Du mir freilich nützlichere Dienſte leiſten können.— Wie konnte ich aber auf's Neue mit Dir es wagen, wie ich es vor⸗ hatte? Begnüge Dich daher immerhin mit Deinem Looſe, und liefere mir einen täglichen Bericht von dem⸗ was bei dem Kaiſer vorgeht, was er thut, was er ſpricht; dann haſt Du das Deinige gethan, und magſt mir das Weitere überlaſſen.“ Der Doctor drehte ihm damit kurz den Rücken, und ſtieg ſeine Wendeltreppe hinauf. Archimbald ſtand verblüfft⸗ und ſah ihm nach. Unmuthig ſchob er dann das Baret aus der Stirne, ſtrich ſich die Falten des Kragens glatt, und drehte ſich pfeifend auf dem Abſatze um.„Ich verſtehe,“ brummte er in den Bart, indem er ſeinen Rückzug nach dem Thore des Schloſſes nahm,„ich werde gehätſchelt, wenn ich dem geſtrengen Herrn blind und ſtumm durch die Fußangeln nach⸗ tappe, in welche er mich führt,— wenn ich mit gehorſamer Pfote für ihn den Kuchen aus der heißen Aſche hole;... ſobald ich aber ſelbſt ſehe, und mich unterſtehe zu reden⸗ was meine Gedanken mir eingeben, wird das Rauhe heraus gekehrt, und der vorlaute Wicht abgefertigt, wie ein un⸗ verſchämter Bettler. Vortrefflich, Archimbald, ſo weit wären wir alſo! Durch Lügen und Betrügen, durch Ränke und Schwänke hätten wir uns alſo zum Amt eines geheimen Kundſchafters hinauf oder hinunter gearbeitet.— Ein ehren⸗ feſtes Aemtchen, dem der Pranger ſammt Galgen näher 180 ſteht, als eine Verdienſtſäule und ein rechtliches Grab. Kundſchafter, bei der heiligen Perſon des Reichsoberhaupts, aufgeſtellt von Quackſalbern, Sternguckern, Traumdeutern, Goldmachern, und der Himmel weiß, von welchen Leuten noch, die ſich Alle hinter meines Lehrers Doctormantel ver⸗ bergen! Ein würdiges Geſchäft, das ich auch würdig aus⸗ führen werde, ſo ich Dee's Rathe folge.— Ob ich das thue? Ja nun, die Zeit wird's lehren. Er ſoll aber ſehen, daß ich mich nicht vergeſſen werde über ſeinem Vortheil. Es iſt mir, als hörte ich den Sturm ſchon von weitem daherbrau⸗ ſen; ich will alſo einen Strohhalm nach dem andern zum Neſte tragen, damit mich das Ungewitter nicht unvorbereitet überraſche.“ Mittlerweile war aber der junge Mann, in ſeine Gril⸗ len verloren, tapfer darauf losgeſchritten, und gewahrte ſich mit einem Male ganz nahe bei Erlweins Hauſe. Es trat ihn die Neugier an, zu ſehen, was der Kumpan wohl treibe, allein zum Glück wurde er verleitet ſich nach dem Geräuſch umzuſehen, das von ſchnellen Männerſchritten hinter ihm verurſacht wurde. Er gewahrte den blonden Eſchenreuter, der die Straße herunter kam. Um dem ſcharfen Blick deſ⸗ ſelben zu entgehen, und nicht erkannt zu werden, warf er ſich in ein Nebengäßlein, und ſeine Ahnung hatte ihn auch nicht betrogen. Eſchenreuter zog die Klingel an Erlweins Hauſe, und trat in die Pforte. Archimbald war erfreut, ein unangenehmes Zuſammentreffen vermieden zu haben; allein, indem er den Weg nach einem der Stadtthore ſuchte, um in's Freie zu gelangen, gerieth er einem Schwätzer in die Hände. Der Schneider David in ſeinem Feierkleide ſtieß ihm auf.„Ei wohin, lieber Junker?“ fragte der — d ————— 181 — Begegnende in der ſüßen Hoffnung jemand gefunden zu haben, der ihm und ſeinem Geplauder Stand halten werde.— „Luſtwandeln,“ entgegnete der Befragte.— So haben wir eine Abſicht,“ fuhr der Zudringliche fort,„und ich werde Euch begleiten, wenn Ihr nichts dagegen habt.“— Zugleich war er dem Jüngling derb an die Seite gerückt, und ſchritt vertraulich mit ihm weiter.„Ich habe einen guten Handel gemacht,“ ſprach er alsdann,„für Prinz Matthias eine Reit⸗ jacke und ungariſche Beinkleider— für Prinz Carl einen wohlgefütterten ſeidenen Ehrenrock, und für den Prinzen Julius ein ſpaniſches Kleid. Gelt, Junker Seibelſtorfer, das ſind Beſtellungen? Seit Jahr und Tag hat ſich in mei⸗ ner Werkſtätte nichts Aehnliches ereignet.— Ich war wirk⸗ lich auf der Herberge, um nach einem guten Geſellen zu ſchauen, es hat ſich aber keiner vorgefunden. Indeſſen Zeit bringt Rath, und endlich die That. Es gibt auch morgen einen Tag. Ich will die Gelegenheit benutzen, dieweil ich mein Sonntagskleid auf den Schultern habe, und luſtwan⸗ delnd die ſchöne Zeit genießen, und den heitern Abend. Es hat mich auch auf der Welt nichts dergeſtalt gefreut, als daß es mir ſo gut gelingt/ mich Eurer Geſellſchaft dabei zu rühmen.“ Den Geſchmeichelten freute hingegen die Geſellſchaft des Schneidermeiſters wenig; und er empfand zum erſtenmale vas beklemmende Gefühl, das einen Vornehmern, oder zum mindeſten einen, der ſich es einbildet zu ſeyn, befällt, wenn ein weit geringerer und abgeſchmackter Menſch ſich vor allen Leuten an ſeine Seite klebt.— Davids poſſierliche Tracht, ſeine ſchreiende Stimme, ſein affenmäßiger Gang machten ihn ohnedieß zum Spott der Vorübergehenden. Er ſchien es 12 iedoch nicht zu bemerken, und brüſtete ſich nicht wenig, an der Seite eines jungen Edelmanns ſeine Späße treiben zu dürfen. Der letztere verwünſchte ihn im Grunde ſeines Her⸗ zens, konnte im Augenblick kein Mittel finden, dem läſtigen Schwätzer zu entrinnen, und tröſtete ſich mit der Hoffnung, bald die Stadt im Rücken zu haben, und alsdann mit dem Narren wenigſtens allein zu ſeyn. Die weitläufigen Gaſſen wollten aber kein Ende nehmen, denn der mit ſeinem Be⸗ gleiter prunkende Schneider hatte den mit der Oertlichkeit noch nicht Vertrauten wieder in den Wirbel der großen Stadt zurückgezogen. Auf dem langen Wege marterte er den Miß⸗ muthigen mit unbedeutenden Neuigkeiten und Hiſtorien des Tags, mit den Begebenheiten eines jeden anſehnlichen Hauſes, an dem ſie vorüber kamen, und Archimbald hatte ſchon be⸗ ſchloſſen, ſich geradezu unter die drängenden Volksmaſſen zu werfen, und von dem unerbittlichen Fasler einen Abſchied über Hals und Kopf zu nehmen, als mit einem Male deſſen Geſchwätz ſeine Theilnahme erregte, weil der Name der Markgräfin von Burgau darin vorkam.—„Was iſt mit der Markgräfin?“ fragte er haſtig.„Zum Glück iſtes nicht von Bedeutung,“ erwiederte David.„Der Wagen iſt frei⸗ lich gebrochen, aber niemand iſt etwas zu Leide geſchehen. Die Markgräfin hat es indeſſen als ein böſes Omen ange⸗ ſehen, und befohlen umzukehren, und die weitere Reiſe zu unterlaſſen.“ „Mein Gott!“ rief Archimbald ängſtlich„ſie hatte Unglück. ihr Wagen iſt geſtürzt?“—„Nun freilich,“ brummte David,„ich erzähle Euch ja ſchon ſeit einer halben Stunde davon.“—„Niemand wurde beſchädigt?“ fragte Archimbald dringend weiter.„Niemand?“—„Keine Seele, 183 ich kann's beſchwören,“ antwortete der Schneider.„Ich habe ſelbſt den ganzen Zug friſch, geſund und fröhlich nach der Stadt kehren geſehen.“—„Gewiß 2“ wiederholte Archimbald noch dringender.— Da wurde David aber unwillig.„Ei⸗ junger Herr,“ rief er,„wenn Ihr meinen Worten nicht glau⸗ ben wollt, und Euch dennoch ſo viel daran liegt, der Sache auf den Grund zu kommen, ſo fragt meinetwegen die Mark⸗ gräfin ſelbſt. Hier iſt ihr Pallaſt, und ſie ſieht gerade aus jenem Fenſter auf die Straße herab.“ Erſchrocken blickte Archimbald um ſich her, und erkannte den Platz, das Gebäude, und die Beſitzerin deſſelben am hohen Bogenfenſter. Neben ihr die Krone der Schönen⸗ Geblendet ſchlug er die Augen nieder, und belobte von gan⸗ zem Herzen das Getümmel der heimkehrenden Handwerkleute, unter deſſen Toben und Wogen ſeine Geſtalt in der ſeltſamen Schulkleidung den edeln Frauen hoffentlich entgangen war, ſammt dem geckenhaften Begleiter in ſeiner bunten Tracht. Zugleich aber beſchloß er ſeine vorgefaßte Abſicht auszufüh⸗ ren, riß ſich von dem Schneider los, und drängte ſich gäh⸗ lings durch die zuſammenſtrömende Menge.—„Wo wollt Ihr hin, Junker?“ rief ihm David nach.„Plötzliches Na⸗ ſenbluten,“ antwortete ihm in Eil der Fliehende, verſchwand unter dem Gewühl, und licß den Gimpel ſtehen. „Dachte ich doch, er ſey es!“ ſprach die Gräfin von Flo⸗ renges an des Pallaſtes Fenſter, und erſchrack im Augenblick, weil ihr Gefühl den fliegenden Gedanken unwillkührlich Worte gegeben hatte. Die neben ihr ſtehende Gebieterin erſchrack aber noch heftiger und fragte zuſammenfahrend:„Wer? ſprich, liebſte Iſabelle. Wen meinſt Du? den Furchtbaren? verfolgt er mich auch hier?“ 184 „Nicht doch!“ tröſtete die Freundin mit beruhigenden Worten.„Wie kannſt Du glauben, liebe Baſe? Sieh, wie Dir der Schrecken die Wangen ſo bleich gemacht hat. Du bebſt; laß Dich in den Seſſel nieder. Befiehlſt Du Wein? oder irgend etwas anderes zur Stärkung?“ Sibylle winkte abwehrend, fuhr ſich einige Male über Stirn und Wange mit dem kühlenden Tuche, und verſuchte wieder zu lächeln.„Ich danke Dir für Deine zarte Beſorg⸗ niß, theure Florenges,“ liſpelte ſie, das Haupt an deren Bruſt lehnend,„ich erhole mich aber ſchon wieder.— Du darfſt Dich nicht wundern, daß ich ſo ſehr erſchrack. Ich habe die Erſchütterung nicht überwunden, die mir der ſchau⸗ derhafte Fremdling eingeflößt hat, der an dem geſtrigen Un⸗ fall Schuld und Urſache war. Mehr als dreißig Stunden ſind ſeit der angſtvollen Begebenheit vergangen, und noch immer ſteht das grauſende Bild ſo lebhaft vor meiner Seele, als ob es jetzt, in dieſer Stunde erſt ſich mir eingeprägt hätte.“— Sie ſchwieg eine kurze Weile.—„Wer war aber,“ fuhr ſie fort,„derjenige, den Du meinteſt? Nenne mir ihn doch.“ „Es war ein einfältiger Gedanke,“ erwiederte Iſabelle roth werdend,„eine grundloſe Vermuthung.. mit einem Worte, eine Täuſchung des Auges. Ich ſah in das vorüber⸗ rennende Volk hinunter, und da glaubte ich plötzlich... aber es iſt lächerlich... und ich begreife ſelbſt nicht, wie mir dieſer Glaube kam,.„der Junker vom Bühl, deſſen Du Dich erinnern wirſt, wandle unter den Leuten gegen unſern Hof heran.“ „Der Junker vom Bühl?“ fragte die Markgräfin, und richtete ſich auf mit ſtrahlenden Augen.„So? warum — —— 185 denn der Gedanke lächerlich, die Vermuthung grundlos? Sagte er nicht, er würde bald zu Prag ſeyn?“ „Ich weiß es,“ verſetzte die Frau von Florenges.„Allein, obſchon ich beinahe die Aehnlichkeit verbürgen möchte, ſo ver⸗ rieth doch die Tracht, wie eitel mein Glaube war. Der ritterliche Junker vom Bühl trägt auch ritterlich Gewand und nicht den weiten Talar eines fahrenden Schülers oder eines trockenen Magiſteks, in dem ſich ſein Ebenbild dort unten darftellte.“ „Es wäre auch Schade,“ ſprach die Markgräfin lebhaft, „wenn die Natur ihn in den Zwilchkittel, oder in den Fal⸗ tenrock eines Schulgelehrten geſteckt hätte. Seine Geſtalt, ſeine Bewegungen, ſeine Sitten⸗ die Anmuth ſeiner Sprache, ſeiner Geberden:. alles weiſ't ihm ſeine Stelle in den Reihen des Adels an, der an ihm eine große Zierde verlie⸗ ren würde.“ Iſabelle hörte dieſer Rede erbleichend zu; denn, mit glühender Neigung an dem Andenken des Belobten hängend, wie an der ſchönen Hoffnung, ihn bald wieder zu ſehen,— entdeckte ſie ſchmerzlich ahnend, ein gleiches Gefühl in der Gebieterin Bruſt. Um ihr in dieſem Stücke keinen Zweifel zu laſſen, fuhr auch die letztere fort: „Du betrachteſt mich ſtaunend, liebe Freundin? Meine Worte erregen Deine Neugierde⸗ Deine Verwunderung? Ich kann Dich deßhalb nicht ſchelten, eben ſo wenig, als ich Deinem verſchwiegenen Buſen eine, ſo Gott will, nur flüch⸗ tige Neigung zu verhehlen vermag, die ſeit dem Tage, an dem wir den Junker ſahen und ihm verpflichtet wurden⸗ wohlthuend und ſchmerzlich mein Herz berührte. Dir darf i daß dieſer Jüngling meine S die noch nie 2 1 für einen Mann empfand, entzückt hat, daß dieſes Gefühl mit Leid und Wonne mich bewegt. Ich empfinde die Selig⸗ keit einer Leidenſchaft, die ich auch nicht gekannt; mein Blut wallt in einer ſanften Gluth, jeder Herzſchlag zaubert das theure Bild auf's Neue vor mich hin, und ein neues Leben regt ſich auf in mir. O wahrlich! wahrlich! hätte ich in Düſſeldorf empfunden, wie jetzt, Jakobäa wäre nicht geſtor⸗ ben, ihr Haupt des Henkers Beute nicht geworden, ich nicht der Raub meines nagenden Gewiſſens!“ „Du glaubteſt Deine Pflicht zu thun,...“ erwiederte die Gräfin mit kühlem Troſte, durch das vorhergehende Geſtänd⸗ niß verſtimmt. „Ich glaubte es,“ ſprach die Markgräfin weiter,„und dennoch war es, wie ich jetzt mir klar bewußt bin, gehäſſige Strenge, Durſt nach Rache an der Ehrgeizigen, die mich be⸗ wogen, die Stände auf's Aeußerſte gehen zu laſſen. Man liest in alten Büchern, es ſtehe im Lande der Aegypter auf großer und wüſter Fläche ein rieſenhaftes Königsbild, das, ſchwarz und düſter in die Ferne ſchauend, im Augenblicke, da der erſte Sonnenſtrahl des ernſten Denkmals Krone über⸗ glüht, einen pellen Freudenklang über die öde Haide ſendet, der weit in der Runde ertönt, und alles weckt zum fröhlichen Tageslicht.“ „Dieſem Bilde nun vergleiche ich mich. Jenes Jünglings Anblick war der Freudenſtrahl, der nach langer Nacht die Saite der Liebe in meiner Bruſt berührte, daß ſie erklang in banger Luſt. Wenige Monden früher, und Jakobäa wäre nicht angeklagt, nicht gerichtet worden. Hätte ich den erſten Stein auf ſie werfen können, weil ſie, durch Staatsklugheit an einen ſinnverwirrten Gemahl gefeſſelt, einer ſanftern . Regung folgte, an dem Buſen eines Freundes, eines Lieben⸗ den, Vergeltung für häusliche Leiden ſuchte?— Unmöglich; nimmer hätte ich's gekonnt, Iſabella. Ich theile ja ihr un⸗ glückliches Lvos. Ich gehe in den Ketten eines Gatten, den ich nicht lieben kann, den nicht einmal die mächtige Gewohn⸗ heit mir vertrauter macht, weil ſeine kriegeriſche⸗Wildheit⸗ jeder weichen Rührung fremd, fern von den heimathlichen Marken, im Blute der ungläubigen Feinde Sättigung für ſeine Wuth und Granſamkeit ſucht. Mag daheim die ver⸗ laßne Gattin in der ſtillen Kammer weinen, und dem Tage fluchen, der ſie in das ſchwere Joch geſchlagen! das fühlloſe Echo ſpottet ihrer Seufzer, ihrer Klagen. Mag auch ein verführeriſches Geſchick den Freund, den Längſterſehnten an ihre Seite führen, was bleibt ihr übrig, als dieſes Glück mit Härte von ſich zu ſtoßen, weil ihre Kette bis zum Grabe reicht; weil nur mit dem Tode ſich ihr Jammer endet, weil das Geſetz ſie unauflöslich mit dem Verhaßten vereint? Denn der Geſetze Schöpfer iſt der Mann.“ „Es gibt noch ein Zweites!“ entgegnete Iſabelle mit ſpöt⸗ tiſchem Lächeln.—„Die Aermſte kann, ihren Pflichten frei⸗ lich zum Trotz, die unbeſiegbare Leidenſchaft pflegen, unter dem dichten Schleier des Geheimniſſes ihre verzeihlichen Wünſche krönen. Das war Jakobäens Verbrechen. Ihr größerer Fehler, wie ich denke, war vielleicht, daß ſie's nicht fünſtlich genug verbarg. Sie mußte blutig dafür büßen; vielleicht jedoch trägt ihre Strafe eine Frucht: Die Richterin der Unglücklichen wird es klüger machen.“ Dieſe unüberlegten, von gereizter Eiferſucht eingegebenen Worte waren noch nicht ſo bald aus ihrem Munde, als ſie dieſelben auch ſchon bereute und plötzlich Doch 188 war's zu ſpät. Der Pfeil hatte bereits getroffen, und die Markgräfin, blutroth vor Zorn und Verlegenheit, erhob ſich von ihrem Stuhle, einen vernichtenden Blick aus ihren ſpre⸗ chenden Augen auf die Unbeſonnene ſchlendernd. „Was war das?“ fragte ſie mit gepreßter Stimme.— „Habe ich recht gehört?— Eine Freundin, eine Verwandte vergißt ſich ſo weit, nachdem ich ihr mein Herz geöffnet?— Frau Gräfin von Florenges,“ fuhr ſie drohend fort,„erinnert Euch dieſer Stunde! Prahlt nicht mit Eurer unverſuchten Tugend, die vielleicht nur in Eurer Erziehung bei den Non⸗ nen zu Lüttich, und in der Gefangenſchaft, die Euer eifer⸗ ſüchtiger Gemahl Euch auferlegte, Ihre Stütze fand. Rühmt Euch nicht, ſeit Euerem kurzen Wittwenſtande gleichgültig geblieben zu ſeyn. Noch tragt Ihr die Trauer für Euern Gemahl, wie ich ſie für die Schwägerin trage, und die Pflichten der trauernden Wittwe ſind nicht weniger heilig, als diejenigen der Gattin. Vor allem aber bildet Euch nicht ein, eine Jakobäa vor Euch zu haben; pocht nicht auf eine Verwandtſchaft, die Euch kein Recht zu Beleidigungen gegen Eure Gebieterin giebt; mißbraucht nicht eine Freundſchaft, die auf die Dankbarkeit der Unbemittelten Anſpruch machen darf.“ „Wir wiſſen, wie weit unſere Pflichten gehen, wie wir dieſelben ehrenvoll zu erfüllen haben,... welche Antwort endlich der Dienerin gebührt, die es wagt, uns daran erin⸗ nern zu wollen.“ Hierauf rauſchte ſie ſtolz an der Gräfin vorüber in ihr Cloſet. Die Frau von Florenges war allein, getraute ſich aber lange nicht, die Augen aufzuſchlagen, die, vor Scham glühend, e in den Boden gewurzelt ſchienen. Das Bewußtſeyn ihrer Demüthigung war um ſo ſchmerzlicher, als ſie ſich bewußt war, dieſelbe verdient zu haben. In dieſer Stimmung hätte ſie Archimbalds Andenken verwünſchen mögen,„der nächſte Athemzug der holden Betrübten ſprach jedoch den Geliebten wieder frei, und fachte den argwöhniſchen Reiz in ihrem Buſen auf's Neue an. „War ſie es denn wirklich, die Herzloſe, welche ſo ſpre⸗ chen, ſo handeln konnte?“ fragte ſie ſich ſelbſt.—„Sie, die talten Bluts die Schwägerin verdammte, ihr Haupt fallen ſah? Hab' ich recht gehört? ſie liebte ihn, den ich verehre, den holden Jüngling, der meine Träume, wie mein Wachen beſchäftigt? Die Heuchlerin! Edle Liebe kennt ſie nicht. Sie nimmt prunkend das ſchönſte Gefühl als Larve vor, aber die Begierde allein lauert dahinter. Sie will keine Jakobäa ſcheinen, ſie will es aber ſeyn.“ „Von jeher war mir ihre Seele kein Räthſel. Durch geheuchelte Sanftmuth, durch erkünſtelte Schwermuth, durch ein hinterliſtiges Bekenntniß endlich wollte ſie mir abſchmei⸗ cheln, wie ich von den Wünſchen, von der Sehnſucht und dem Verlangen der geſtrengen Frau Markgräfin urtheilen würde. Ich that Recht, daß ich ihr antwortete, wie ſie es nicht gerne hörte. Unbiegſam muß ich ihre Hoffnungen mit Füßen tre⸗ ten, damit ich mir das theure Herz errette!“ Stolz, wie eine Königin, ging ſie nach ihrem Gemach. Die Markgräfin hatte ſich in dem ihrigen eingeſchloſſen, und dadurch offenen Krieg erklärt, zum mindeſten für den heuti⸗ gen Tag. U en Nichts in der Welt doch alle Friſt Wie Regiment ſo löblich iſt! Von Groß und Klein, von Arm und Reich Thut's keiner mir an Mühe gleich! Ich trag' ein' Bürde groß und ſchwer; Wo trägt und ſchafft ein Andrer mehr? Wyß. Die achte Morgenſtunde hatte ſchon geſchlagen, als der Kaiſer die Glocke zog, und dem ſeit fünf Uhr wartenden Archimbald durch den Kammerbedienten bedeuten ließ, vor dem Gebieter zu erſcheinen. Der neue Famulus trat zu demſelben ein, in das vergoldete mit Pracht überladene Ge⸗ mach, deſſen Glanz die darin allgemein herrſchende Unord⸗ nung bemerkbarer machte. Der Kaiſer ſaß im Erker deſſelben, in bloßen Hemdärmeln und dem Bruſtlatz des vergangenen Tages. Die wollenen Strümpfe hingen ihm halb herunter, die Füße ſtanden in unſcheinbaren Pantoffeln. Vor ihm ein angefangenes, ſchön übermaltes Bildniß, an dem er, Maler⸗ ſtock, Pinſel und Palette in der Hand, emſig arbeitete. Ar⸗ chimbald fragte nach ſeinen Befehlen.„Recht mein Sohn,“ ſprach der Monarch,„Du befolgſt Unſere erſten Weiſungen ———— ————— pünktlicher als mancher Kurfürſt. Wir haben Dich frühzeitig beſchieden, und Du haſt Dich eingefunden; findeſt Uns aber auch ſchon wacker an der Arbeit; denn Morgenſtunde hat Gold im Munde, wie ein alter Sänger nicht unpaſſend ſagt. Niemand darf in Unſerm Hauſe müßig gehen.“ Archimbald dachte an die Vorhallen voll ſchlafender Be⸗ dienten und faullenzender Trabanten, und lächelte. Der Kaiſer bemertte es, und fragte um den Grund des Lächelns. Archimbald ſuchte Ausflüchte, weil aber der Kaiſer hier ein⸗ mal ſeinen Zweck raſch und ſtreng verfolgte, ſo mußte er es am Ende geſtehen. Rudolph, weit entfernt, ſauer dabei zu ſchen⸗ wiegte lachend den Kopf, und ſprach: „Du verſtehſt das nicht, mein Sohn. Denn erſtens biſt Du noch ein ungeſchliffener Bayer, und zweitens kömmſt Du von der hohen Schule zu Padua, wo man auch die Sitte und den Brauch, die an Fürſtenhöfen üblich ſind, nicht lernt. Du nennſt das faullenzen und ſchlafen? Behüte der Him⸗ mel, das iſt kaiſerlicher Diener Beruf, und ſie ſind nicht müßig, wenn ſie ihrem Berufe folgen; denn jedermann, vom Kaiſer an, der Wir ſind, bis zum Bettelmann hinunter⸗ muß einig und allein ſeinem Berufe treu bleiben.— Kannſt Du Farben reiben?“ fragte er nach kurzem Stillſchweigen, und pinſelte fleißig fort. Archimbald verneinte, erklärte ſich aber bereitwillig, es verſuchen zu wollen. „Wohl,“ entgegnete der Kaiſer.„Das gefällt Uns. Ein junger Mann muß überall Hand anlegen können. So begieb Dich dann zu dem Steine in jener Ecke, und reibe Uns et⸗ welche Laſurfarbe an; doch mit der größten Sorgfalt.“ Er zeigte ihm hierauf die nöthigen Handgriffe, und kehrte zu ſeiner Staffelei zurück, während Archimbald mit Wider⸗ willen die ungewohnte Arbeit trieb. „Wieder auf Padua zu kommen,“ begann der Kaiſer von neuem das Geſpräch...„erzähle Uns doch etwas von der behen Schule. Zu Unſrer Zeit war ſie ſehr im Flore, ob⸗ ſchon die Sitten der Studioſen hie und da als ſehr anſtößig ausgeſchrien worden ſind. Beſonders zeichneten ſich die Qui⸗ valiſten aus, die zur Nachtzeit keinen Bürger über die Straße ließen, ohne ihm eine Kugel nachzuſenden, oder zum mindeſten mit Knütteln und Rappieren übel zuzuſetzen. Ein abſcheu⸗ licher Unfug, der die Stadt, welche den Beinamen la Dotta führt, und ſo glücklich iſt, des heil. Antonius Grabſtätte zu ſeyn, in gewaltig übeln Geruch gebracht hat; ein Unfug, den die Herren Venetianer nur aus dem Grunde dulden, die unruhigen Paduaner von nächtlichen Verſchwörungen abzu⸗ halten, obſchon ſie ſelber nicht auf die ehrlichſte Weiſe zu der benannten Stadt gekommen ſind. Wie war nur gleich die Hiſtorie? Wir können Uns ihrer nicht mehr genau entſinnen.“ Archimbald, der bei dem unverhofften Examen Mühe hatte, vor dem wohl unterrichteten Kaiſer ſeine Unwiſſenheit und Aengſtlichkeit zu verbergen, mußte achſelzuckend bekennen, daß er ſich ebenfalls nicht mehr erinnere. „Ei, ei,“ ſprach der Kaiſer kopfſchüttelnd, jedoch ohne ſich nach dem Verlegenen umzuſehen..„ein junger Mann ſollte nicht ſo leicht vergeſſen. Vir werden Dich unterrichten laſſen müſſen. Wann iſt die hohe Schule zu Padua geſtiftet worden? und von wem iſt ſie geſtiftet worden?“ —— S— — ———— 193 Die fürchterlichſte Angſt hatte ſich Archimbalds bemächtigt, als er dieſe Frage, auf die er im geringſten nicht vorbereitet war, vernahm, und das Bekenntniß der Wahrheit wäre beinahe ſeinen Lippen entſchlüpft, als der Kaiſer, immer ohne ihn anzuſehen, emſig fortmalend, fortfuhr: „Keine Antwort, junger Menſch? Pfui der Schande. Haſt in Padua ſtudirt, und weißt nicht daß die Alma mater daſelbſt Anno 1221 von dem in Gott ruhenden Kaiſer und Mehrer des Reichs Friedrich dem Zweiten, aus dem Hauſe Hohenſtaufen, gegründet worden? Das iſt übel, iſt nicht recht; und wenn der gelehrte Herr Doctor Dee nicht eine Bürgſchaft für Deine Wiſſenſchaft eingelegt hätte, ſo müßten Wir glauben, es ſey mit derſelben gar übel beſtellt. Tritt aber hieher vor unſer Angeſicht, und laß Uns mit eignen Ohren hören, was Geiſtes Kind Du biſt.“ Der Kaiſer ließ die Arbeit ruhen, ſchlug die Arme über einander, und lehnte ſich, mit der Miene eines prüfenden Doctors, in den Seſſel. Archimbald war aber hier wieder in ſein Element gerathen, und antwortete auf alle Fragen, die ihm der Fürſt mit beſonderm Scharfſinn vorlegte, ſo befriedigend und erſchöpfend, daß die Wolken von der Stirne deſſelben verſchwanden, und ein zufriednes Lächeln des Wohl⸗ wollens, gleich einer Frühlingsſonne, darüber aufging. Billigend nickte er nach langem Verhör endlich mit dem Kopf, und ſprach leutſelig:„Recht gut, mein Sohn. Wir können nicht umhin, Dich zu loben, wie Wir Dich vorhin tadelten; denn Deine Wiſſenſchaft haſt Du vollkommen inne, und wie man gemeinhin zu reden pflegt, an den fünf Fingern. Nur in historicis biſt Du ſchlecht bewandert; jedoch erklären Wir es Uns, da Ihr Medicinae Studiosi Euch nur um Eure . Arzneibüchſen und Schermeſſer bekümmert, und alles Andere gehen laſſet, wie es nun eben geht; Ihr in Padua beſon⸗ ders, wo man ſo gleichgültig gegen Geſetz und Chriſtenheit geworden iſt, daß man ſich nicht einmal ſchämt, den Doctor⸗ hut an Juden und Türken zu vergeben. Wir wollen aber zunächſt dafür ſorgen, daß Du beſſer unterwieſen werdeſt. Laß uns jetzt zu der Arbeit zurückkehren, die ſchon zu lange unterbrochen worden iſt.“ Er ergriff wieder den Pinſel, Archimbald den verwünſch⸗ ten Reibſtein, und es entſtand eine tiefe Stille, die von dem Eintritt eines Dieners unterbrochen wurde, der des Kardi⸗ nals von Dietrichſtein Eminenz bei dem Kaiſer ankündigte. Rudolph fuhr ſich verdrüßlich, in ſeiner Arbeit geſtört zu werden, durch die Haare.„Was bringt der Kardinal?“ fragte er hierauf etwas zornig. Der Diener ſtammelte verlegen, der Kardinal käme in Geſchäften des Staatsraths, und zog ſich dabei behut⸗ ſam gegen die Thüre. Der Kaiſer ſprang auf und ergriff in einer Aufwallung, die den Neuling im Dienſte nicht we⸗ nig befremdete, eine ſilberne Vaſe, von herrlicher Arbeit, welche neben ihm ſtand, und warf ſie nach dem ſchüchternen Kammerbedienten.„Der Kardinal und der Staatsrath ſollen Uns ungeſchoren laſſen!“ rief er ihm mit blitzenden Augen zu„wir können Unſre Arbeit nicht unterbrechen.“ Der Diener flog zur Thüre hinaus. Rudolph murrte einige Flüche vor ſich hin, und fuhr alsdann ganz ſtille in ſeiner Malerei fort. Leider erneuerte ſich bald der Anfang des vorigen Auftritts; denn ein anderer Diener hatte Muth genug, noch einmal die Anfrage des Kardinals vorzutragen, mit dem Beifügen, ſeine Aufträge wären von der höchſten Wichtigkeit. Mit glühendem Geſichte hörte ihn der Kaiſer an, und wetzte ungeduldig auf dem Seſſel.„Nun denn, in's T.. in Gottesnamen!“ antwortete er alsdann:„weil er denn ſo ſehr darauf beſteht. Er ſoll kommen. Zuvor aber kleide Uns an.“ Der Diener wollte geſchäftig helfen; aber ohne ſei Zuthun war der Kaiſer ſchnell wie der Blitz in ſein zim metfarbiges Röcklein gefahren, und hatte ſeine Strümpf hinaufgezogen. Er fuhr in die herbeigetragenen ſchwerer Schuhe, und wendete ſich dann gegen den neugierig ſchauen⸗ den Archimbald.„Man begebe ſich in jene Kammer,“ ſprach er, noch bewegt von dem Zorn der verwichenen Minute, „weil es ſich nicht ziemen will, daß ein Diener dem Geſpräche beiwohne, welches die Eminenz mit Uns pflegen will. Man laſſe aber die Thüre offen;.. hier wies er dem lauſchen⸗ den Kammerdiener den Eing ang⸗ und gab ihm einen Wink⸗ den Kardinal hereinzuführen. Dann fuhr er zu Archimbald fort;„Du magſt die Thüre offen laſſen⸗ haben Wir geäußert⸗ damit Du unbemerkt Alles hören, und die Reden des Kar⸗ dinals in Geſchwindigleit aufzeichnen könneſt; Wir werden Uns ſpäter dieſes Protocoll zur ueberlegung abfolgen laſſen.“ Der Kaiſer trieb den überraſchten Geheimſchreiber gegen das Seitengemach, und kaum hatte ſich derſelbe darin feſt⸗ geſetzt, ſo trat der Kardinal bei dem Monarchen ein, der ſeine Begrüßungen nicht abwartete, ſondern in beleidigtem Tone ſeinem Unmuth Luft machte. Es ſchien aber, als ob ſein Verdruß von Wort zu Wort mehr von ſeiner natürlichen Gutmüthigkeit bekämpft würde; denn er ſchloß endlich mit den Worten, die nur einen freundſchaftlichen Vorwurf aus⸗ vrückten:„Da, ſeht her, Herr Kardinal, ſeht Euer Bild⸗ niß, welches Wir mit eigner Hand zu entwerfen geruhten. 196 Es wäre heute ſeiner Vollendung nahe gekommen, bättet Ihr nicht muthwillig meinem Pinſel Stillſtand geboten.“ „Allerdings,“ begann der Kardinal,„bin ich Ew. kaiſerl. Majeſtät für das huldvolle Andenken unendlich dankbar, das ſich aus ſolchem Vernehmen deutlich erſehen läßt; allein mns Wohl der Krone, wie das Heil des Staats gehen vor Kunſt, wenn auch ein Herrſcher ſie ausübt.“ 4 Macht nicht ſo viele Worte, lieber Kardinal,“ erwiederte olph wie oben,„ſagt,— was Ihr Uns zu hinterbrin⸗ habt. Ihr ſehet, Unſere Zeit iſt koſtbar.“—* Allergnädigſter Herr und Kaiſer, ſie iſt es allzuſehr,“ ſeufzte Dietrichſtein.„Seit ich den Poſten bekleide, zu dem Ew. Majeſtät mich Unwürdigen erhoben hat, ſeitdem ich den Vor⸗ ſitz führe im Staatsrath, habe ich es eingeſehen; denn alle Geſchäfte erlahmen und ſchleichen fort, als ob Jahre nur Augenblicke wären, als ob das menſchliche Leben noch Me⸗ thuſalems Alter erreichte. Und dennoch iſt nicht eines Fürſten Lage ſo bedrängt, als die Euere, allergnädigſter Herr. Kein Land der Welt iſt ſo gedrückt, als Euer Reich.“ „Wer trägt die Schuld des Zögerns?“ eiferte der Kaiſer. „Opfern Wir nicht alle Dage und Nächte für das Wohl des Ganzen? Können Wir dafür, daß die Miniſter von Tag zu Tag ſorgloſer, die Kriegsleute langſamer, die Amtleute ſchläfriger werden? Auch ſehen Wir Unſere Lage nicht ſo bedrängt, als Ihr Uns glauben machen wollt. Iſt Unſere Reſidenzſtadt nicht ſchön und herrlich verſchönert? Iſt Boh⸗ men nicht blühend und glücklich? Was wollt Ihr mehr?“ „Auch die Oeſtreicher, die Ungarn ſind Euere Kinder, gnädigſter Kaiſer,“ entgegnete der würdige Kardinal;„auch ſie flehen um Beweiſe Eurer Huld und Gerechtigkeit.⸗ 5 197 „Die Oeſtreicher halten es mit einem unwürdigen Gliede Unſers Hauſes,“ ſprach der Kaiſer nicht ohne Bitterkeit; „die Ungarn.. nun ja, Wir wollen darauf denken.“ „Es geſchehe bald,“ bemerkte der Kardinal dringend⸗ „denn Eure Feinde und die Neider Eures Stammes jagen einen Sturm nach dem andern am Horizonte auf. Blitz⸗ ſchnell handeln ſie, während wir nur überlegen, nie zur That kommen.“ „Können Wir dafür?“ fragte der Kaiſer ſchärfer.„Th Wirnicht genug? laſſen Wir's an einer Anſtrengung fehl „Dennoch iſt noch ſchwere Arbeit übrig,“ meint 1 Kardinal.„Ich lege Euch, mein gnädigſter Herr, ir ta⸗ men des Staatsraths zwei eingelaufene Mahnſchreiben von den öſtreichiſchen und ungariſchen Ständen vor. Die Er⸗ ſtern fordern die ihnen verſprochne und zurückgehaltene Re⸗ ligionsfreiheit, die Zweiten Beſtätigung ihrer Vorrechte, Handhabung der Gerechtigkeit.“ „Die Oeſtreicher ſind Rebellen,“ polterte Rudolph,„denen Vir nicht antworten, die Wir züchtigen werden. Die Un⸗ garn.. ja, wie geſagt, Wir werden darauf denken. Was iſt da wohl das Beſſere?“— „Eine Reiſe nach dem Königreiche wäre wohl der ſicherſte Weg, Euch alle Gemüther raſch zu gewinnen, und jede un⸗ gariſche Fauſt für Euch zu bewaffnen. Noch keiner Eurer Vorfahren, gnädigſter Herr, hat das ſchone Reich unbeſucht gelaſſen. Es freue ſich auch Eurer Gegenwart.“ „Eine Reiſe?“ rief der Kaiſer mit ſichtbarer Aengſtlich⸗ teit.„Wo denkt Ihr hin, Herr Kardinal? Wo bleibt Ew⸗ Eminenz erprobte Weisheit? Ihr habt freilich keinen Bru⸗ der, der Euch nach dem Leben trachtet, wie Matthias nach 198 dem Unſern. Darum mögt Ihr wohl das Gefährliche Uns rathen, ohne darin Uns zuzumuthen, Euch zu folgen. Unſre Völker ſind glücklich, frei, und Wir, der Schöpfer dieſes Glücks, Wir müſſen wie ein Gefangner in Unſrer Burg ver⸗ ſchloſſen bleiben, um dem unnatürlichen Bruder ein Verbre⸗ chen zu erſparen.“ „Unglückſeliger Wahn,“ rief Dietrichſtein mit zuſammen⸗ geſchlagnen Händen aus,„der zwei edle Herzen auseinander reißt, die beſtimmt waren, ſich zu lieben. Wenn Ihr ihn doch ablegtet, mein kaiſerlicher Herr; wenn Ihr es doch wagtet, glücklich und frei ſeyn zu wollen! Geht hervor aus Eurer peinlichen Abgeſchloſſenheit. Ein guter Fürſt bedarf keiner Leibwache. Die Liebe ſeines Volks iſt ſein Schild, ſeine Wehre. Im einfachen Kittel darf er unter ſeinen Unterthanen wandeln... in jeder Hütte ſein Haupt nieder⸗ legen, aus jeder Schüſſel eſſen, ohne Scheu und Menſchen⸗ furcht, bewacht von dem Schutzengel des Gerechten. Eure Vürger „Ward nicht das Muſßterbild aller Güte, unſer Heiland, um dreißig Silberlinge verkauft?“ fragte Rudolph ſchnell. „Laſſen Wir das. Ihr ſtört unſre gute Laune. Legt die rebelliſchen Schriften auf jenen Tiſch, und laßt Uns Eure Meinung über Unſre Arbeit hören. Was ſagt Ihr zu Euerm Bilde. Wiſſen Wir die Aehnlichkeit zu haſchen? Wie? Nicht wahr? Ihr ſtaunt? Ihr lächelt? Was habt Ihr wieder auf dem Herzen?“ „Ich lächle,“ ſprach der Kardinal,„weil mir einfiel, daß Euch, mein gnädigſter Kaiſer, das Bildniß Eures Dieners lieber geworden iſt, als ſein Dienſt; denn Ihr verbietet mir beinahe, von meinen weitern Geſchäften mit Euch zu ſprechen.“ 199 „Nun, ſo ſprecht,“ erwiederte Rudolph finſter, indem er anfing, das Gemach mit langen Schritten zu meſſen. „Ew. Majeſtät nennt Ihr Reich glücklich und frei?“ be⸗ gann der Kardinal.„Erſt geſtern hat der Staatsrath Eurer Majeſtät das Gegentheil erfahren.“ „Wie ſo?“ fuhr der Kaiſer auf, und die Stirnader ſchwoll ihm. „Der Marſchall der mähriſchen Stände,“erklärte der Kar⸗ dinal,„iſt, wie uns ein Schreiben berichtet, von ſeinem Nef⸗ fen, dem Prinzen Bernhard aufgefordert worden, deſſen Schweſter Ludmille mit Gewalt zur Ehe mit Ulrich von Kauniz zu zwingen, den die Prinzeſſin verabſcheut, obgleich ihr Bruder ſie an ihn verſagt hat. Der Marſchall hat, zur Schande ſeines Namens, dem unerhörten Verlangen ent⸗ ſprochen. Die unglückliche Ludmille, die ſeit dem Brande ihres mütterlichen Schloſſes Worosdar, der ihr auch den Vater gekoſtet hat, mit der Fürſtin in Ollmütz lebt, hat in der ſehr kurzen Zeit ihres Aufenthalts von dem rohen Oheim und ſeinen Freunden Schmach und Zwang genug erlitten. Die zartfühlende Mutter hat ſich darauf durch einen Eilbo⸗ ten an den Staatsrath Ew. Majeſtät gewendet, um Hülfe gegen ſolche Gewaltherrſchaft zu finden. Doch können wir ohne Befehl Ew. Majeſtät gar nichts beſchließen.“ „Hm!“ verſetzte der Kaiſer mürriſch.„Da haben wir's. Wenn es irgendwo etwas abſetzt, wenn Bruder und Schweſter in einer Familie ſich in den Haaren liegen, wenn die Schwerdt⸗ und Spillmagen einander das Leben ſauer machen, an wen hält man ſich? an die kaiſerliche Majeſtät. Zu andern Zeiten bekümmern ſich die Leute nicht um unsz.. kömmt aber ein ärgerlicher Handel zum Vorſchein, flugs ſollen Wir wie ein Bettelvogt mit Scepter und Stab drein fahren und das loſe Geſindel auseinander treiben, als ob Wir nichts zu thun hätten, als ob Wir nicht ohnedieß das Laſtthier des heiligen römiſchen Reichs wären! Was iſt da zu thun? Wir wiſſen es nicht. Hat denn die Prinzeſſin keinen Vater?“ „Er verbrannte in dem Schloſſe Worosdar,“ antwortete Dietrichſtein nachdrücklich.—„Das iſt ſchlimm,“ erwiederte Rudolph, und ſaugte an dem Finger.„Verbrannt? O pfui! verbrannt! da habt Ihrs. Seht Ihr, was bei Familien⸗ ſtreitigkeiten herauskömmt? Mord, Brand und Todtſchlag. Um keinen Preis möchten Wir Uns da hineinmiſchen. Sie ſollen's unter ſich ausmachen. Thut uns Leid. Wir hätten aber am Ende die Familie, den Marſchall und alle Stände auf dem Halſe, und ſind ohnedieß genug und übel traktirt.“— „Es könnte für die Folge jedem ähnlichen Mißbrauch geſteuert werden,“ meinte der Kardinal,„wenn neue Geſetze eingeführt würden, pis „Um des heiligen Geiſtes willen, verſchont Unſere Ohren mit ſolchen Vorſchlägen..“ rief der Kaiſer und hielt ſich die Ohren zu.—„Neue Geſetze? zu welchem Endzweck? Schwimmt Ihr nicht in einer Sündfluth von alten?“ „Habt Ihr nicht die Provinzialverordnungen, das römiſche Recht des Kaiſers Juſtiniani, die Halsgerichtsordnung Unſers hoͤchſtſeligen Großoheims, Kaiſer Caroli des Fünften? Was wollt Ihr mehr.— Schafft erſt den alten Geſetzen Gehorſam, und kommt über hundert Jahre wieder, neue zu verlangen.“ „Leider achtet man die Geſetze nicht;“ ſprach Dietrichſtein achſelzuckend.„Nicht einmal die peinlichen Verordnungen halten den Frevel im Zaume. Vorgeſtern erſt trug ſich, auf der öffentlichen Heerſtraße nach Pilſen, zu, daß der auf der 201 Reiſe nach letzterm Ort begriffnen Markgräfin von Burgau ein fürchterlich vermummter Mann in den Weg trat, den Roſſen in die Zügel griff, die Fürſtin mit ungeheuern Schmä⸗ hungen überhäufte, ſie eine Mörderin, eine blutbefleckte Sünderin nannte, und mit bloßem Stahle auf ihren Wagen eindrang. Allein die Pferde wurden ſcheu und ſchleuderten das Fuhrwerk in den Graben. In dem Tumult, der darüber im nachkommenden Gefolge entſprang, war es dem Ruchloſen möglich ſich zu retten, und die Fürſtin kehrte nach Prag zurück. Nahe der Hauptſtadt hebt alſo das Verbrechen kühn ſein Haupt empor, denn eine tödtliche Erſchlaffung hat Geſetze und Gewalt des Herrſchers befangen. Alles wird möglich bei ſolcher Kraftloſigkeit.“ „Möglich,“ antwortete der Kaiſer.„Tragen Wir die Schuld? Sind Wir nicht überthätig? An wem liegt es alſo? Ihr werdet doch nicht verlangen⸗ daß Wir den Rumormeiſter vorſtellen und auf Landſtraßen und Waldwegen einherklep⸗ pern ſollen, den Profos und ſeine Schergen im Gefolge, um die Spitzbuben bei der Wolle zu nehmen? Um die Mark⸗ gräfin iſt's Uns leid, aber noch ein Mal: was iſt zu thun?“ —„Die Markgräfin wurde von dem ſeltſamen Ereigniß und den fürchterlichen Schmähungen wahrſcheinlich um ſo mehr erſchüttert, als Ihr die unglückliche Begebenheit ihrer Schwägerin, der Herzogin von Cleve, noch friſch im Gedächt⸗ niß war;“ ließ ſich der Kardinal bedeutend vernehmen.— „Sie war Jacobäens Richterin, die Stände ihre Henker, und Euer Majeſtät muß allerdings große Beweggründe gehabt haben, daß ſie jenes Bluturtheil gebilligt hat⸗ wie ſich die Landherren viktoriſirend gebrüſtet, und allenthalben aus⸗ geſtreut.“ 14 202 „Eine Lüge, weiſe Eminenz,“ verſicherte der Kaiſer mit unerſchütterlichem Gleichmuthe.„Das Urtheil hatten ſie Uns zugeſchickt, es zu beſtätigen. Uns ging der Handel nicht zu Sinn. Wir wollten indeſſen nicht zu ſchnell verfahren. Als Wir nun aber noch reiflich überlegten, hatten die in Düſſel⸗ dorf bereits geköpft. Was war alſo zu thun? Todt war ſie einmal, die arme Jacobäa. Wir ließen demnach die Sache beruhen und ſind noch gegenwärtig zufrieden, in dieſer kitzlichen Hiſtorie gar keinen Ausſpruch gefällt zu haben. Hätten Wir beſtätigt, würde die ganze Welt über Uns her⸗ gefallen ſeyn,— hätten Wir verneint, was wäre die Folge geweſen, was hätte es genutzt? Wir ſind römiſcher Kaiſer und wiſſen wie es die Stände deutſcher Nation zu halten pflegen. Ob Wir befehlen, ob Wir drohen, am Ende thun ſie doch, was ſie wollen.“ „Dieſen letztern Satz kann ich nicht ſtreitig machen,“ antwortete Dietrichſtein,„und es iſt gewiß eine ſaure Bürde, Carls des Großen Krone zu tragen. Allein in ſolchem Drang der Zeiten, beim Herannahen ſo bedenklicher Stürme iſt es von der höchſten Nothwendigkeit, das Schickſal Eurer Erb⸗ lande zu ſichern, mein Herr und Kaiſer. Laßt immerhin bei Euerm dereinſtigen Hinſcheiden, das Gott noch lange Jahre verſchieben möge, das Schiff des deutſchen Reichs auf un⸗ gewiſſem Meere dahin fahren und vertraut es dem Arme deſſen, den die Churfürſten würdig halten, Euer Nachfolger zu ſeyn, aber ſetzt die angeſtammten Kronen blühender Reiche nicht auf die Spitze des Schwerts, nicht auf die gefahrvolle Probe bürgerlichen Kriegs. Bewaffnet nicht Bruder gegen Bruder, Habsburg gegen Habsburg. Hört die erneuerte Bitte Eurer treuſten Diener, Euers unterwürfigſten Staats⸗ 203 raths: Vermählt Euch, gnädigſter Herr und ſchenkt Euern Erblanden einen Prinzen, oder beſtimmt die Erbfolge unter den Herzogen Eures Hanſes auf unumſtößliche Weiſe. Gebt Euern Reichen durch dieſe Handlung ein Pfand künftigen Friedens, künftigen Glücks. Ihr runzelt Eure Stirne, mein Kaiſer! Bezwingt Euern Unmuth. Ich weiß es, daß meine Bitte die empfindlichſte Saite berührt hat. Allein ich war es Eurer Wohlfahrt, unſrer Beſorgniß, der Ruhe des Vater⸗ landes ſchuldig, noch ein Mal zu wiederholen, was nicht oft genug geſagt werden kann. Denn Ihr dürft Euch nicht ver⸗ hehlen, daß es die höchſte Zeit⸗ vielleicht nicht mehr ganz die rechte Zeit iſt, feſt und nachgiebig im ſelben Augenblicke zu ſeyn. Es geht die Rede, übelwollende Rathgeber hätten Euch bewogen, die Erbfolge, allen Hausgeſetzen zuwider, dem Erzherzog Matthias zu entziehen, und dem Erzherzog Ferdinand von der ſteuermärkiſchen Linie zuzuwenden. Dieß Gerücht, das ſich im Munde falſcher Freunde fortpflanzt wie die Peſt, iſt auch zu den Ohren Euers Bruders Matthias gedrungen. Der wohlangelegte Zunder hat ſein reizbares Gemüth entflammt. Im Innerſten ergrimmt, hat er aus dem ungariſchen Feldlager eine Proteſtativn an den Staatsrath gelangen laſſen, deren Ausdrücke nur allgemein bekannt ſeyn dürften, um die Rebellion ausbrechen zu laſſen in voller Wuth. Der Herzog droht, er warnt; und obgleich ſeine Schreibart beleidigend für Eure Majeſtät iſt, ſo hielt ich es doch für nothwendig, Euch den Brief zu überreichen.“ „Werft ihn in's Feuer,“ rief der Kaiſer erbost;„laßt ihn verbrennen den majeſtätsverbrecheriſchen Aufruf zur Rebellion. Sollen Wir Uns die Galle in's Blut jagen? Kennen Wir nicht bereits die Handlungsweiſe v Die Frechheit dieſer Geißel, die Gott in ſeinem Zorne auf Unſre Schultern band? Er wird nicht ruhen bis er Uns in's Ver⸗ derben geriſſen hat. Warum blieb er nicht in Flandern, als ſein Trotz und ſeine Kronenluſt ihn bewogen hatten, Heſtreich zu verlaſſen wie ein Dieb, zu Brüſſel eine erniedrigende Kapitulation zu beſchwören, der Statthalter der aufrühre⸗ riſchen Niederlande zu heißen, in der That aber nur der Vikar des untergeordneten Oranien zu ſeyn? Damals wurde er ſchon Unſer, Unſers Stammes Feind. Damals hat er Habsburg gegen Habsburg in die Schlacht geführt. Die Niederländer jagten am Ende ſelbſt den abtrünnigen Prinzen zur Heimath zurück, ſetzten uns den Kobold auf den Nacken, vor deſſen Dolchen Wir Uns bergen müſſen, wie ein vogel⸗ freier Mörder. Sprecht nicht, dieſes ſey nur ein blinder Wahn; Ihr beleidigt dadurch unſern Scharfſinn.. Matthias Handlungen bedürfen keines Kommentars, und die Sterne lügen nicht. Beide verdammen ihn. Kein Wort mehr von ihm. Wir kennen ihn nicht mehr.“ „Nun, ſo iſt es geſchehen,“ erwiederte der Kardinal ſeuf⸗ zend,„ſo habt Ihr denn den Wurf gethan, allergnädigſter Herr und Kaiſer. Ihr habt das Rad hinausrollen laſſen in den unabſehbaren Raum; Eure Hände können es nicht mehr aufhalten. Ihr habt den Brand geſchleudert, den Ihr nim⸗ mer löſchen könnt. Menſchliche Klugheit verſtummt vor den Maßregeln Eurer Weisheit. Bloß das Gewiſſen allein kann ſolche Majeſtätshandlungen ſchlichten.“ „Wie Ihr doch ſprecht, guter Dietrichſtein,“ ſprach Ru⸗ dolph mit völligem Gleichmuthe.„Ihr ſeht alles trüb und ſchwarz, wo durchaus keine Gefahr vorhanden iſt. Matthias iſt ja nicht der einzige Stecken und Stab Eures Heils. Wir . 205 werden Uns vermählen. Wir werden des Bruders Nachfolge unnöthig machen.“ „Wenn das wäre...“ äußerte der Kardinal, angenehm überraſcht,..„welche ſchöne Hoffnung thut Ihr uns auf, allerdurchlauchtigſter Herr! wenn Ihr Eure Abneigung gegen den heiligen Eheſtand bezwingen könntet.„ „Sind Wir ihm denn gehäſſig?“ fragte Rudolph ſtaunend. „Keineswegs. Wir haben keine Abneigung gegen die Liebe.. die Beweiſe ſind da! Wir haben auch keine vor dem Ehe⸗ ſtande, wenn das Wohl Unſerer Staaten unumgänglich dieſes Opfer verlangt.— Wir opfern Uns ja bei Tag und Nacht für unſre Völker. Ihr wißt, daß Wir ſeit mehrern Jahren mit der Prinzeſſin von Medicis verlobt ſind,... Wir wollten zwar den Zeitpunkt abwarten, wo alle Unſre unrecht⸗ mäßigen Söhne und Töchtern verſorgt ſeyn würden;... jedoch, da es nothwendig ſeyn ſoll, wollen Wir Uns jetzt fügen, und Unſer Miniſter ſoll die Befehle erhalten, die Verbindung zu beſchleunigen.“ „Ich beſorge, er kömmt zu ſpät;“ erwiederte Dietrich⸗ ſtein.„Denn alle Nachrichten melden, die Prinzeſſin werde nächſtens mit König Heinrich von Frankreich ein Ehebündniß eingehen.“ „Wie?“ fuhr der Kaiſer auf.„Das iſt erlogen.“ „Ich bürge mit meinem Kopfe für die Wahrheit,“ ant⸗ wortete Dietrichſtein kalt und feſt.„Ein franzöſiſcher Bot⸗ ſchafter iſt auf dem Wege, Euer Majeſtät es anzuzeigen.“ Nun gerieth der Kaiſer in die höchſte Wuth, tobte⸗ im Gemache hin und her, ſchleuderte Bücher, Uhren und Ge⸗ mälde zu Boden, und verrieth in allen Geberden einen wie von Sinnen gekommenen Menſchen. Der Kardinal ſtand aber wie ein Fels im Sturm, und ſprach, als mit einem Kernfluche des Kaiſers eine kurze Stille entſtanden war: „Seht hier die Folgen des Zögerns, gnädigſter Herr! Euer Unmuth beweiſ't, daß Ihr ſie empfindet. Die Prin⸗ zeſſin könnt Ihr nicht verdammen. Sie mußte ſich vergeſſen, beſchmipft glauben. Was den König Heinrich betrifft, ſo warne ich Euch noch einmal von treuem Herzen vor dieſem Feinde der habsburgiſchen Macht. Er dürfte Euch wohl mehr als die Braut rauben wollen.— Meine Aufträge ſind zu Ende. Bin ich entlaſſen?“ „Ihr ſeyds,“ polterte der Kaiſer.„Seyd verſichert, daß Uns ſelten ein Menſch in einer Morgenſtunde ſo viel Galle gemacht hat, als Ihr. Ihr nehmt ein Jahr Unſers Lebens mit Euch.“ „Gnädigſter Herr!“ ſprach der Kardinal mit bewegter Stimme.„Verdiene ich dieſen Vorwurf? bin ich nicht Dietrichſtein? Wäret Ihr nicht überzeugt, daß ich mein ganzes Leben hingeben würde, um Euch eine glückliche Stunde zu bereiten?“ Eine lange Stille trat ein. Endlich näherte ſich der Kaiſer, beſänftigt und ergriffen, dem treuen Diener, und klopfte ihm auf die Schulter.„Ja,. haſt recht;. ſprach er mit tiefer Rührung....„Du biſt unſer guter Franzl, Un⸗ ſer treuer Franzl;.... haſt Uns weh gethan, aber es gut gemeint;... dem Rock da und Deiner Jugend muß man auch viel zu gute halten;... Wir haben Dich lieb. Biſt Du zufrieden?“ Der Kardinal wollte ihm dankbar die Hand küſſen. Rudolph verhinderte es aber, und ſchloß mit den förmlichen Worten: —— 207 —— „Lebt wohl, Herr Kardinal. Wir wollen alles überlegen. Bis dahin behüte der große Gott Eure Eminenz!“ „Welchen herrlichen Mann hat Uns die fremde Gaukler⸗ brut verdorben!“ ſeufzte der Kardinal, als er von dannen ging, und der Kaiſer ſchritt noch lange nachdenkend im Gemache auf und nieder.— Archimbald hatte das vorüber⸗ gegangene Geſpräch mit Theilnahme angehört.— Die Lud⸗ millen, und die Markgräfin betreffenden Aeußerungen hatten ihn beſonders ergriffen. Er lauſchte mit Ungeduld auf die Bewegungen des Kaiſers, der, in Betrachtungen vertieft, alles um ſich her zu vergeſſen ſchien, einen Seufzer nach dem andern ausſtieß, unverſtändliche Worte in den Bart brummte, an den Fingern ſaugte⸗ und öfters leiſe mit dem Fuße ſtampfte. Das Gewitter verzog ſich nach und nach. „Wäre ich doch in Spanien geblieben!“ ſprach der Monarch halblaut vor ſich hin....„Wie hat mich Deutſchland ge⸗ täuſcht... Wie läſtig iſt nicht dieſe Krone wie viel Zeit muß ich nicht meinen Arbeiten entziehen, und ſie in des Reichs Dienſt verſchwenden! Man ärgert mich noch zu Tode!.. Er bemühte ſich nun, die Gegenſtände wieder aufzuleſen, die ſein Zorn auf den Fußboden umhergeſtreut hatte. Sein mühſames Keuchen und Aechzen deutete an⸗ wie beſchwerlich ihm dieſe Arbeit ſeyn müßte, und Archimbald überſchritt daher die Schranken der Hofordnung⸗ indem er aus der Kammer trat, um dem Kaiſer zu helfen, ohne daß dieſer letztere ihn gerufen hatte. Rudolph fuhr bei dem Geräuſch erſchrocken empor, und die Angſt vor einem mörderiſchen neberfall malte ſich in all ſeinen Zügen. Jedoch beſann er 208 ſich bald, daß Archimbald auf ſeinen Befehl ſich in dem Verſteck gehalten, und winkte demfelben herablaſſend näher. „Hilf Uns aufräumen,“ ſprach er launig;...„haſt Du alles gehört? aufgezeichnet? Gelt, das Regieren iſt nicht ſo leicht? Danke dem Himmel, daß Du nicht Kaiſer geworden biſt.“ Indem war wieder alles an die gehörige Stelle gebracht, und eine Kraftbrühe für den Kaiſer aufgeſtellt worden. Ar⸗ chimbald mußte zum erſtenmale ſeinen Koſterdienſt verrich⸗ ten, und fand nichts Bedenkliches in dem ſchmackhaften Getränke. „Glaub's, glaub's!“ rief der Kaiſer und lachte, daß er ſich den Bauch halten mußte.—„Seit unſerm Regierungs⸗ antritt waren wir nie ſo überzeugt, kein Gift zu ſchlucken, als heute. Du haſt gar zu tief in die Schüſſel geguckt, als daß wir etwas zu fürchten hätten. Du biſt aber auch der beſte Vorkoſter, den wir wählen konnten. Du kannſt jetzo gehen, und den Stallmeiſter benachrichtigen, daß wir heute nicht zu reiten gedenken. Fehle aber bei unſrer Tafel nicht, und verfieh Dich mit feinem Geruch und Geſchmack.“ Mit dieſen Worten entließ der Kaiſer ſeinen Famulus, machte ſich's, den Rock abwerfend, und die Hemdärmel auf⸗ ſtreifend, wieder bequem, und ſetzte ſich ſo ruhig und eß⸗ luſtig, als ob ſich am ganzen Morgen nichts Verdrüßliches zugetragen hatte, zu ſeiner Suppe. Als ſich Archimbald zum Doctor begab, um ihm Bericht von ſeinem Dienſtantritt zu erſtatten, ſo fiel ihm die häß⸗ liche Hagar auf, die mit Thränen in den Augen, am Heerde ſtand, und den Schaumlöffel handhabte. „Was haſt Du denn, mein Kind 2“ fragte er ſie theil⸗ nehmend.„Warum weinſt Du denn?“ Ein Heftigeres Schluchzen war die Antwort. „So ſprich doch,“ fuhr er fort.„Wenn Dir zu helfen in meinen Kräften ſtünde...“ „Ihr ſpottet wohl nur einer armen Magd,“ erwiederte Hagar.„Wäre ich ſchön und von nicht gar ſo geringem Stande, könnte ich wohl Euer redliches Auge, und Euer herzliches Wort für baare Münze anſehen. Ich bin aber die garſtige Magd Hagar, und darf Eurer glatten Rede nicht trauen, wenn es gleich möglich wäre, daß Ihr mir helfen könntet.“ „Ei Du mißtrauiſche Dirne!“ eiferte Archimbald halb launig, halb ernſthaft.„Soll ich Dir bei Ziska's Keule oder bei der lieben Frau von Czenſtochan meine Aufrichtig⸗ keit beſchwören?“ „Ihr würdet mich nur auslachen, wenn ich's Euch ſagte⸗ warum ſich's handelt,.. antwortete Hagar, wurde aber dabei ſchon vertraulicher. „Dich auslachen, meine fromme Magd?“ rief Archim⸗ bald.„Wo denkſt Du hin. Glaubſt Du denn ich würde jemals vergeſſen, wie gut Du mich am Abend meiner An⸗ kunft bewirthet haſt,... wie beſorgt Du um meine Ge⸗ ſundheit geweſen? Rede ohne Scheu. Du beſchimpfſt mich, wenn Du glaubſt, ich könnte Dir helfen⸗ und dennoch hart⸗ näckig ſchweigſt.“ Die Dirne ſah ihm eine Weile aufmerkſam in's Geſicht, ſeufzte einige Male, zupfte an dem kupfernen Kreuzlein, das am ſchwarzen Bande um ihren Hals hing, und ſprach hier⸗ auf mit Roſen auf den Wangen⸗ die ihre unſchönen Züge 210 minder abſchreckend machten, und mit ungewiſſer Rede:„Ihr ſcheint mir ſo ehrlich, lieber Junker, daß ich's darauf wagen will, Euch eine Angelegenheit zu entdecken, die mich recht bekümmert, und einen Andern obendrein, den ich um alles in der Welt nicht traurig ſehen möchte.“— Sie wendete ſich ein wenig ab, um nicht in Archimbalds lächelndes Antlitz zu ſchauen, und ſprach weiter...„Nun ſeht, lieber Herr, der Thürſteher an der Pforte bei den Marſtällen, der gute Hans Dywoky und ich, wir haben uns lieb, wir möchten gerne ein Paar werden. Er wünſcht es, weil er nicht mehr allein wirthſchaften will,. ich wünſche es, weil ſich nicht ſo geſchwinde ein zweiter Freier für die häßliche Hagar fin⸗ den möchte, und weil Hans ein wackrer Menſch iſt. Aber der mürriſche Hausmarſchall will es nicht haben, und ver⸗ weigert dem guten Dywoky die Erlaubniß. Er ſoll mich heirathen und den Dienſt fahren laſſen, oder den Dienſt be⸗ halten und mich dahinten laſſen. Er möchte nun beides nicht gerne thun, ob er mir gleich hundert Mal betheuert, ich ſey ihm lieber als des Kaiſers Dienſt. Aber ich bin ein armes Kind, meine Mutter iſt in Noth, der Vater weit ent⸗ fernt, und Dywoky hat auch blutwenig. Sein Dienſt er⸗ nährt ihn allein, und würde uns Beide reichlich ernähren, und immer eine kleine Spende für die Mutter zulaſſen. Der böſe Marſchall will aber nicht, hat es dem Dywoly drei Mal abgeſchlagen, und ihm mit Prügeln gedroht, wenn er ſich unterſtehen würde, ihn noch einmal zu beläſtigen.— Da iſt weiter keine Hülfe, als mit dem Kaiſer ſelbſt zu ſpre⸗ chen, und ihn darum bittweiſe anzugehen. Ich hätte gern einen Fußfall vor dem gnädigſten Herrn gethan, aber es „— „— 211 darf keine Menſchenſeele zu ihm, gelehrte Leute ausgenom⸗ men; und ich weiß uns nicht zu helfen.“ „Thörichtes Geſchöpf!“ lachte Archimbald.„Weißt Du nicht, daß wer den Papſt zum Vetter hat, leicht Kardinal wird? Deinen Herrn, den Doctor, koſtet's nur ein Wort.“ „Das iſt ja eben mein Kummer!“ erwiederte Hagar be⸗ trübter als vorhin.„Er könnte, aber er will nicht. Die Sache iſt ihm zu gering, und er haßt die Ehe bis in den Tod.— All mein Bitten war umſonſt, und ich hatte alle Hoffnung verloren. Mir iſt's aber jetzo, als wäre mir ein Glücksſtern aufgegangen, da ich Euch geſehen. Der Herr Doctor hat nämlich geſtern zufällig geäußert, daß Euch der Kaiſer in ſeinen vertrauteſten Dienſt aufgenommen, und der Antheil, den Ihr an mir nehmt, beſtärkt mich in dem Glau⸗ ben, Ihr könntet uns wohl helfen, wenn Ihr zu rechter Zeit ein gutes Wort bei dem Herrn fallen ließet.“ „Ein Wort ein Mann,“ rief Archimbald.„Es ſoll ge⸗ ſchehen.— Der Kaiſer hat ein gutes Herz⸗ und wenn ich die gehörige Stunde ablaure, könnte ich Dir faſt im Vor⸗ aus die Erfüllung Deines Wunſches zuſagen.“ Die freudigen Strahlen der Zuverſicht flogen über Ha⸗ gars Antlitz.„Gottes Engel begleite und ſegne Euch auf allen Wegen für Euer Mitleid,“ ſprach ſie begeiſtert,. „und wenn wir armen Leute in etwas Euch zu dienen im Stande wären.... „Wer weiß?“ fragte der Jüngling lächelnd.„Der Ge⸗ ringſte hilft dem Stärkſten oft aus der Noth. Die Maus nagte den Löwen aus dem Netz.— Doch, das verſtehſt Du nicht; ich will deutlicher reden. Du, meine gute Hagar⸗ Du mußt mich für meinen Schutz und Schirm belohnen⸗“ 2 „Ach, ſprecht,“ rief ſie freudig...„wie kann ich. 2 „Denke Dir einmal,“ fuhr er leichtfertig fort,„Du ſeyeſt eine arme Leibeigene, und ich Dein geſtrenger Herr und Edelmann, Dein liebſter Dywoky ein armer Teufel, wie in der That. Weißt Du wohl, was ich das Recht zu for⸗ dern habe für meine Einwilligung zu Eurer Heirath?“ Die arme Hagar ſtand betroffen und glühend mit nie⸗ dergeſchlagnen Augen. Der ſpottende Archimbald ergötzte ſich an ihrer Verle⸗ genheit.„Deine Liebe.— Nun, Du antworteſt nicht?...“ fragte er hierauf. Hagar ſchlug die Augen auf, in welchen Thränen hin⸗ gen, von dem liebloſen Spott ausgepreßt, und wandte ſich ſchnell und gekränkt von dem Muthwilligen, der, als er ih⸗ ren aufrichtigen Schmerz wahrnahm, bereute und gut zu machen ſuchte. Er ſprang der Bekümmerten in das Dunkel der Küche nach, und verſuchte es, Sie von ihrem Gram zu⸗ rück zu bringen. „Verſtehſt Du denn keinen Scherz, thörichte Dirne?“ fragte er lachend.—„Sey doch vernünftig und gut. Ich wollte Dich nicht kränken, Dich nicht beleidigen. Ei, ſo ſträube Dich doch nicht. Komm und laß uns weiter ſpre⸗ chen.“— Die Widerſtrebende weigerte ſich noch immer.— Archimbald faßte ſie ſcherzend um den Leib, und ſtaunte über die vollendeten Formen, die ſein Arm umſchlang. Die plötz⸗ liche Entdeckung dieſer verborgenen Reize wirkte wie ein Zauberſchlag auf den Jüngling, dem ſie bisher fremd ge⸗ weſen. Er blieb in bewegungsloſem Entzücken ſtehen, und die ſchlaue Hagar, den Grund deſſelben errathend, entwand ſich indeſſen ſeinem Arme. Archimbald trat zurück.„Hätte 213 ich doch nimmer geglaubt,“ ſprach er halb ernſtlich, halb im Scherz,„daß Dywoky eine ſo gute Wahl getroffen. Ver⸗ gib mir, Hagar⸗ ich habe Dein geſpottet; aber ich will es gut machen. Sobald es angeht, ſpreche ich mit dem Herrn, und zweifle nicht an dem Gelingen. Sey getroſt, furcht⸗ ſame Maid, und traue auf mein Wort.“ Er ging ſchnell und ohne zu weilen davon, ſtattete dem Doctor im Fluge ſeinen Bericht ab, und rannte alsdann in den Garten der Burg. Aber weder der Duft der Blumen, noch ihr Farbenſpiel, noch das Rauſchen der Bäume ver⸗ mochten ihn zu zerſtreuen. Seine Gedanken drehten ſich alle nur um eine Axe. Er mochte noch ſo ſehr die Bilder der Vergangenheit heraufzuzaubern, ſeinem Geiſte eine andere Richtung zu geben ſuchen.— Vergebens!— Die gefähr⸗ lichſte Stunde des Mannes hatte geſchlagen. Der feſtge⸗ haltene Gedanke an Hagars garſtiges Antlitz war freilich der beſte Schild für dieſe in Archimbalds Augen. Aber ſeine Fantaſie lieh ihre Reize einem ſchönern, liebern Ge⸗ genſtande; und darin ſtack der Keim der folgenden Bege⸗ benheiten, der in ſeltſam verworrener Vergangenheit aus⸗ geſäten, ſüßen und bittern Lebensfrüchte eines verwaisten, gegen die erſten Gefühle der Menſchen erbitterten, in zwei⸗ deutiger Schule gebildeten jungen Mannes, dem es nicht an Herzensgüte,— an Klugheit noch weniger gebrach, den aber ein ſonderbares Geſchick beſtimmt hatte, die Ruthe ſeiner Freunde— ſeiner Feinde Nothanker zu werden. Zehntes Rapitel. Horch! was wimmert hoch vom Thurm? Das iſt Sturm! Schiller. Es dämmerte ſchon beträchtlich, und die Diener hatten bereits in dem Cloſet der Markgräfin von Burgau die präch⸗ tige Deckenlampe angezündet, als ſich ein lieber Gaſt bei der Fürſtin anmelden ließ. Kaum vermochte ſie vor dem mit ihr im Schachſpiel begriffenen Hausmarſchall ihre Freude zu verbergen, ſandte den überflüſſigen Zeugen hinweg, und ließ den Angemeldeten hereintreten. Sie überhob ihn alles Zwangs, und machte die frühere Bekanntſchaft geltend.—„Willkom⸗ men, Junker vom Bühl!“ fprach ſie herablaſſend und freund⸗ lich zu Ihm,—„willkommen in meinem Hauſe. Das nenne ich Wort halten, und ich danke Euch dafür.“ Der Junker war verblüfft und ſtotterte endlich:„die Frau von Florenges... „Ganz recht, junger Herr,“ erwiederte die Markgräfin, „das meine ich; ich weiß gar wohl, was Ihr der Gräfin verſprochen, denn ſie hat mir alles haarklein erzählt. Ihr erfüllt Euer Verſprechen, kommt nach Prag, ſucht mich in meiner Klauſe heim, und gebt mir Gelegenheit, meine — — 2¹5 Schuld Euch abzutragen. Bedient Euch indeſſen dieſes Hau⸗ ſes als des Euern, und zwängt Euch nicht in die Form eines höfiſchen Anſtandes. In jener Grenzſtadt erlaubte mir's die Sitte kaum, Euch nur ein Wort zu ſchenken, hier aber bin ich die Wirthin und muß dem Gaſt durch feſſelfreie Auf⸗ nahme Ehre und Vergnügen zu verſchaffen ſuchen.“ Sie wies dem geſchmeichelten Jüngling einen Seſſel ne⸗ ben ihrem Armſtuhl an, und wußte durch lebhafte Rede und feſte Aufmerkſamkeit auf die Erzählung, die er ihr vordich⸗ tete, ihn in das Behagen zu verſetzen, das man im Kreiſe inniger Freunde empfindet. Kaum erkannte er die Frau wieder, die ſo ſtolz und vornehm gegen ihn geweſen, ſo lieb⸗ lich war ihre Miene, ſo munter und fröhlich ihr Geſchwätz. „Ihr wollt auf's Neue Euere Studien beginnen?“ fragte ſie theilnehmend.„Ritterliche Uebungen treiben? Ihr habt recht. Prag iſt der Ort dazu; der Kaiſer, der für die übrige ganze Welt nichts thut, hat dieſe Stadt zum verhätſchelten Schooßkinde gemacht, an welches man alle Pracht und Liebe verſchwendet.“ „Wißt Ihr das aus Erfahrung, gnädigſte Frau?“ fragte Archimbald lächelnd. Der Blick der Markgräfin flog verdüſtert zu Boden.— „Ich habe keine Kinder“— ſprach ſie hierauf langſamer;.. „Mir thut es leid, Herr von Bühl,“ fuhr ſie, das Geſpräch ändernd, fort,„daß Ihr Euer Hausweſen bereits geordnet; ich hätte mir eine Freude daraus gemacht, Euch in meines Marſchalls Hauſe bewirthen zu dürfen.“ Archimbald dankte verbindlichſt, und bedauerte, daß ſeine Seſchäftigungen ihn gezwungen hätten, den erſten Beſuch bei 2 ſeiner Gönnerin am dunkelnden Abend abzulegen. Die Markgräfin lächelte bei dieſer Entſchuldigung und fand ſie unnöthig. „Die Verläumdung ſtirbt an meiner Schwelle,“ ſagte ſie bedeutend, und ſah ihn mit durchdringendem Blicke an,.. „die Welt wird in dem verſpäteten Beſuche kein Verbrechen finden. Ich lade Euch ſogar ein, wenn Ihr in der Folge mein Haus nicht verſchmäht, nur dieſe Stunden zu wählen. Es geht nicht immer ſo ſtille zu, wie beute. Gewöhnlich verſammelt ſich eine zahlreiche Geſellſchaft um mich her. Spiel und Scherz verkürzt mir die einförmige Dauer meines Wittwenſtandes. Heute iſt eine Ausnahme.“ Sie ſchwieg einen Augenblick, dann begann ſie wieder: „Habt Ihr mein Armband wohl verwahrt?“ „Wie ein theures Heiligthum,“ antwortete der Junker vom Bühl.„Es ruht bei dem, was ich am meiſten liebe, bei meinen Waffen.“ „O der kriegeriſchen wilden Jugend;“ rief in muthwilliger Laune die Markgräfin.„Sie hat keinen Sinn für ſanftere Gefühle. Nur das Toben der Waffen entzückt ihr Herz.. Da muß ich doch wohl eilen, meinen friedlichen Trauerſchmuck von den zum Mord geſchliffenen Klingen zu entfernen und ihn auszulöſen.“ „Ihr zürnt mir alſo?“ fragte Archimbald mit wehmüthiger Geberde;..„ich habe gelobt, nur Euerm Zorn allein das theure Andenken zurückzugeben.“ „Verräther!“ verſetzte Sibylle mit ſcherzhaftem Unmuth.. „Ihr nähmet wohl das Löſegeld, und behieltet das Pfand obendrein?“ „Kein Löſegeld erreicht den Werth deſſelben,“ erwiederte der Liſtige geſchmeidig.„Ueberhaupt: ſchnödes Metall ver⸗ gilt nicht, es bezahlt die That. Mein Verdienſt um Euch⸗ gnädigſte Frau, iſt von ſo geringem Werthe, daß ich es nicht in Anſchlag bringen darf; für Eueres Wohlwollens Unter⸗ pfand jedoch verlange ich einen andern Preis, wenn ich verurtheilt werden ſoll, es herauszugeben.“ „Welchen?“ fragte die Markgräfin neugierig, und ihre Blicke glühten in dem Strahl einer Ahnung, die ſie ſich kaum deutlich zu denken wagte. „Einen Preis,“ fuhr Archimbald fort⸗„gering für Euch, unſchätzbar für mich, deſſen Zuſage ich aber von Euch gern erhalten möchte, ehe ich ihn nenne.“ „Seltſame Forderung!“ ſprach die Markgräfin verlegen⸗ während ihr Buſen ſich erwartungsvoll und unruhig hob. „Willigt ein, gnädigſte Frau,“ drang Archimbald in ſie, „es iſt ein einzig Wort, ein armes kleines Wort, das meine Wünſche erfüllt, und für Euer Herz nicht ohne Beruhigung ſeyn wird.“ „Ein einziges Wort?“ fragte Sibhlle lauſchend.„Eines nur?“. Wohlan denn, es ſey⸗ Laßt hören, dieſes arme kleine Wort.. es heißt?“ „Verzeihung!“ erwiederte Archimbald mit fröhlicher Rüh⸗ rung.„Vergebung denen, die Euch beleidigten.“ „Wie meint Ihr das?“ fragte Sibylle betreten.—„Er⸗ klärt mir dies Wort.“ „Gnädigſte Frau!“ begann Archimbald mit Gefühl, denn er führte zugleich die eigene Sache...„als ich in dieſen Pallaſt trat, führte mich der Zufall in die Nähe einer Trauern⸗ den, der Eure Ungnade das Herz zerreißt. Während alles 15 218 in Euerem Hauſe, von der allbelebenden Sonne deſſelben beſtrahlt, Luſt und Freude athmet, ſitzt die Arme weinend in ihrer einſamen Kammer, und erwartet in tiefſter Betrüb⸗ niß den nächſten Morgen, an welchem ſie Euer ſtrenger Be⸗ fehl von Eurer Seite verbannt; an welchem ſie, von Euerm Zorn zu Boden gedrückt, in's Vaterland zurückkehren ſoll.— Vergebung der Verbannten!“ „Ich verſtehe,“ erwiederte die Markgräfin, die eine andere Erläuterung vermuthet, und ſich unangenehm getäuſcht fühlte, mit bitterm Lächeln.—„Die Gräfin hat Euch zum Vertrau⸗ ten, zum Zeugen der Grauſamkeit gemacht, die ich an ihr verübt haben ſoll... nicht wahr? Sie hat Euch erwählt, ihr gutes Recht vor der unbilligen und rachſüchtigen Mark⸗ gräfin durchzufechten. Sie hofft auf Euere Ueberredung, auf Euer Mitleid. Sie hat Euere unerfahrene ritterliche Ju⸗ gend gegen mein dankbares Herz aufgewiegelt, um die Ver⸗ zeihung zu erzwingen, die ihrer Bitte ſich verſagte. Ein herrlicher Anſchlag und ſicher der Erfolg. Ihr habt mein Wort. Euere Bundesgenoſſin hat geſiegt.“ „Nehmt dieſes Wort zurück, gnädigſte Frau,“ rief Ar⸗ chimbald feurig,„es ſoll und muß Euch nicht binden, wenn Ihr auf dem Glauben beharrt, als ſey ein unwürdig Gau⸗ kelſpiel zwiſchen der Gräfin und mir verabredet worden, um Euch zu täuſchen und zu bethören. O nein, gnädigſte Frau... Ihr irrt; Ihr laßt dem Herzen Eurer Freundin nicht Gerechtigkeit widerfahren;.. es iſt Euch treu, wenn Ihr es auch verſtoßt.»Weit entfernt mich zum Vertrauten des unglücklichen Zwiſtes zu machen, der ſie von Euch tren⸗ nen ſoll, hat die Gräfin mir nur entdeckt, daß eine Miß⸗ helligkeit beſtehe, die ſie aus dieſem Hauſe verbanne, von 2¹⁰ welchem ſie niemals getrennt zu werden hoffte. Kein Aufruf zum Mittleramt, kein Vorwurf gegen Euch entſchlüpfte ihrem Munde. Sie ahnt nicht die unbeſcheidene Vorbitte, mit der ich Euer Ohr zu beläſtigen wagte. Geruht, Euch ſelbſt da⸗ von zu überzeugen, meine Fürſtin, und gewährt der Troſt⸗ loſen den Sonnenblick der Gnade.“ „Wayrlich...“ verſetzte die Markgräfin etwas beſchämt,... „ich weiß nicht, welche Macht Euch verliehen wurde, die mein Herz bewegt, und einen feſten Vorſatz erſchüttert, den ich unumſtößlich wähnte. Ich fühle mich ſo geneigt, Euch zu willfahren,.. nicht mein Wort. meine Empfindung iſt im Bunde mit Euch. Doch will ich ſehen, ob Ihr Probe haltet.— Tretet in dieſe Kammer, und harrt geduldig, bis ich Euch rufe.“ Archimbald gehorchte. Die Markgräfin ließ den ſchweren Vorhang vor die Thüre fallen, und zog die Schelle. „Die Frau von Florenges!“ rief ſie der Kammerfrau ent⸗ gegen, und warf ſich in ihren Armſtuhl. Den Kopf in die Hand geſtützt, überlegte ſie, wie ſie die Beleidigerin zu em⸗ pfangen, auf welche Weiſe ſie ihr zu vergeben habe. Sie haßte ſie nicht unverſöhnlich. Ein Winkel ihres Herzens blieb der Freundin immer offen. Den übrigen Raum aber nahm ein Bild ein, das wie ein Zauber auf dieſe Feuerſeele wirkte, die in Zorn und Liebe kein Ziel fand. In Archim⸗ bald glaubte ſie den Jüngling zu ſehen, den Freund, der in ihren heitern Träumen von Lebensglück und Genuß den er⸗ ſten Platz ausfüllte, der allein geſchaffen war, ihrem Gefühl Erſatz zu geben, für die Leiden, die ſie der Gleichgültigkeit eines mürriſchen Gemahls, und einer freudenloſen Ehe zu verdanken hatte. Wie aber dieſen Glauben der Welt am 15 — ſicherſten verbergen? Wie die Aufgabe löſen, vor dem Sit⸗ tengerichte als eine Frau von unbeſcholtenem Ruf und Wan⸗ del aufzutreten, und dem ungeachtet in verſchwiegener Stille der Liebe Glück mit vollen Zügen zu genießen? Der Eintritt der Frau von Florenges preßte die mannig⸗ faltigen Gedanken, die ſich in der Markgräfin Seele durch⸗ kreuzten, in ihre erſte Form zurück. Sibylle hob das Haupt, warf den ganzen Körper in eine würdevolle Haltung, und erwartete mit hohem und kaltem Blicke die Anrede der blaſſen und verweinten Gräfin. „Gnädigſte Markgräfin... ſtammelte dieſe..„Euch zu gehorchen...“ ihre Stimme erloſch. Sibylle machte ſich das boshafte Vergnügen, ſie eine Weile in dieſem peinlichen Schweigen verharren zu laſſen, worauf ſie begann: „Wißt Ihr, Frau von Florenges, warum ich Euch berief?“ Die Gräfin ſchüttelte langſam das ſchöne Haupt, und ließ es troſtlos auf den Buſen ſinken. „Ihr habt den Beſuch eines Mannes angenommen... vor einer halben Stunde erſt. Läugnet nicht.“ „Wie könnte ich auch?“ erwiederte die Gräfin.„Ich that nichts Böſes. Der Junker vom Bühl trat durch Zufall⸗ in mein Gemach.“ „Das geſchah bei ſeiner Ankunft?“ forſchte die Mark⸗ gräfin.—„Habt Ihr ihn bei ſeinem Weggchen abermals geſprochen?“ „Ich ſah ihn nicht,“ antwortete die Frau von Florenges mit leiſem Schmerze. „Seyd Ihr zu Eurer Reiſe bereit?“ fragte Sibylle.— „Habt Ihr nichts mehr zu ſchlichten?“ 221 „Nichts mehr,“ ſeufzte die Frau von Florenges. Alles alles iſt geſchehen.“ „Es freut mich, daß Ihr ſo gehorſam waret,“ äußerte Sibylle milder.—„Nehmt dieſes Kreuz als ein Andenken von mir, erinnert Euch bei ſeinem Anblick an eine Fürſtin, die Euere Freundin war, deren Gunſt Ihr ſelbſt verſcherztet. Lebt wohl.“ Die Gräfin empfing mit demüthiger Geberde das Ge⸗ ſchenk der ſtrengen Richterin, küßte die Hand, die ſie ſchlug, und ſchwankte unter ausbrechenden Thränen nach der Thüre. Da rührte ein menſchliches Herz die Markgräfin; ſie ſah ihren Verdacht widerlegt, ſah der herben Reue Zeichen, die Seelenangſt, mit der die Freundin von ihr ſchied ſie dachte an ihr, dem gefährlichen Archimbald verpfändetes Wort, an den Sieg, den ihr Edelmuth über des Jünglings Empfindung davon tragen würde.. ſie hatte Erbarmen. Mit Worten rückkehrender Liebe rief ſie die Gehende zu ſich, trö⸗ ſtete, vergab, und die Gräfin, kaum ihren Sinnen trauend, ſah ſich an einem Ziele, das zu erreichen ſie nimmer gehofft hatte. Sie lag zu der Gebieterin Füßen, ſie umſchlang dank⸗ bar ihre Kniee. Da ſchlug Sibylle den Vorhang zurück, der den Lauſchenden verbarg, und die überraſchte Iſabelle verbarg ihre flammenden Wangen in dem Gewande der Verzeihenden. „Dankt es dieſem Jüngling,“ ſprach die Letztere,„wenn ich zum erſtenmale in meinem Leben mein Urtheil wider⸗ rufe. Seine Fürbitte hat Euch meine Gnade zugewandt. Opfert ſie nicht zum zweitenmale Eurem Leichtſinn auf.“ Sie erhob die Knieende, drückte einen Kuß auf ihre Stirne. Der Friede war geſchloſſen und der Mittler deſſelben in dem 222 Sinne beider Parteien hoch geſtiegen. Sibhlle dankte ihm die Veranlaſſung, die ihr erlaubte, ihre Großmuth auf eine glänzende Weiſe zu äußern, ohne ihrer Eitelkeit wehe zu thun, und Iſabelle ſah in ihm den hülfreichen, theilnehmen⸗ den Freund, der ſie uneigennützig in das Paradies zurück⸗ führe, das ſie mit doppeltem Schmerz verlaſſen hätte, weil er der freundliche Gaſt in demſelben geworden war.— Archimbald überſah die Blüthen nicht, die ſeine Handlung zur Reife gebracht, und verſprach ſich es, die duftenden recht bald zu einem Kranze des Lebens und der Wonne zu verei⸗ nigen.— Auf den Schwingen eines fröhlichen Geplauders ſchwand noch eine halbe Stunde den drei Glücklichen dahin, bis endlich der vorrückende Abend dem Jüngling unerbittlich die Heimkehr befahl. Er ſchied entzückt von zwei Frauen, welche die Liebe zu ihm vereinigt hatte, und wanderte för⸗ dernden Schritts durch die ausgedehnte Stadt dem Radſchin zu. Eine kühle Nacht hatte ihren Schleier über das weite Prag ausgeſpannt. Hin und wieder luſtwandelten Züge von Studenten und Handwerksgeſellen in den Straßen. Vor den Hausthüren ſaßen die geſchwätzigen Mütter und Baſen, und trieben ihren plauderhaften Verkehr, während die Töch⸗ ter, in den Vorplätzen verſammelt, mit biegſamer Kehle die alten Meiſterlieder und Sagen von Böhmens altem König Krak, ſeiner Libuſſa und ihren Schweſtern abſangen. An den Kreuzſtraßen klang die luſtige Fidel, das ſchwirrende Hackbrett zu den leichtfertigen Schwänken des zahlreich um⸗ hergelagerten Pöbels; in einſamen Straßen, vor Liebchens dunklem Fenſter bekleidete die melodiſche Theorbe des zurtlichen Ritters Abendlied. Die rauhe böhmiſche Zunge ſang Honigworte in die tönenden Saiten,... die Tonkunſt ſchien ihr Lager in der großen Stadt aufgeſchlagen zu ha⸗ ben... das reizende Gezwitſcher, mit welchem ſich die Vögel im Sonnenlichte auf den Zweigen wiegen, ſchien mit der Nacht in die Gaſſen herabgeſtiegen zu ſeyn. Doch all' das luſtige Treiben, all' dieſe fröhlichen Töne hielten den haſti⸗ gen Archimbald nicht auf. An den Plaudernden, Singenden und Scherzenden, an den ſtillen Hütten, wie an den hellbe⸗ leuchteten Schenken vorüber eilte er dem Schloſſe zu, nachdem er bei Erlwein ſeine Kleider gewechſelt, und dem Emſigen eine gute Nacht gewünſcht hatte. Allein welch Unglück! Das Hauptthor war verſchloſſen. Ein Klopfen war nicht zu wagen, der Wachen furchtbares: Wer da? hätte der ganzen Schloßwelt den Nachtſchwärmer verrathen.— Was war zu thun? Die Seitenpforten waren ebenfalls verriegelt. Es gab kein Rittel⸗ als in einem Gaſthauſe zu übernachten, in einer verborgen den Tag zu erwarten, oder den Schaarwächtern, die um Mitternacht zu ſtreifen pflegten⸗ in die Hände zu fallen. Das Erſtere ſchien dem Nachtwan⸗ derer verwerflich, weil er erkannt zu werden fürchtete. Das Letztere wäre eine unauslöſchliche Schande geweſen. Das Zweite war noch das Annehmbarſte. Den Gedanken ſchnell ausführend und ſich ſeinem Schickſale ergebend, ſchlüpfte er in den Vorſprungwinkel einer Kloſterkirche, warf ſich auf eine Bank, und bemühte ſich einzuſchlafen, um Morgen mit Sonnenaufgang wach zu ſeyn, und unbemerkt in's Schloß zurückkehren zu können. Er war aber noch in dem Kampfe zwiſchen Wachen und Träumen befangen, dem ſichern Vor⸗ boten des Schlummers, als er vernahm, wie ſein Verſteck von einem Zweiten betreten wurde. Das Rauſchen der Schritte des Ankömmlings ermunterte ihn, vorſichtig ſpitzte er die Ohren. Der Fremde ließ ſich neben ihm auf der Bank nieder und Archimbald ſah im Schimmer eines bleichen Mondſtrahls ein Wehrgehänge an ſeiner Seite funkeln. Der neue Gaſt lehnte ſich in die Ecke und ſchien zu ſchlummern. Aber die Anwandlung war nicht von langer Dauer, denn bald begann er, allerlei verkehrtes Zeug vor ſich hinzuſchwatzen. „Ich bin ſo müde,“.. murmelte er, und gähnte zu wieder⸗ holtenmalen;...„ich könnte umſinken vor Hunger;..o Gott! wann ſind meine Leiden vorüber?...Ich weiß nicht... bin ich ſchon in Frankreich?... unfern von Paris?... die Ungeheuer!.. ſie haben meine Hütte verbrannt... ich bin aber jetzo frei... all' das Blut, das mich's geko⸗ ſtet.. ſie ſollen mir's bezahlen.. bezahlen!. Archimbalds Haar ſträubte ſich bei den gräßlichen Wor⸗ ten, die der Mund des Unbekannten ſprach. Die Stimme war ihm indeſſen nicht fremd. Da ſchüttelte ſich der Fremde, und zog den weiten Mantel, der von ſeinen Schultern hing, enger zuſammen.„Eine kalte Nacht,“ ſprach er zähnklap⸗ pernd wie oben,„der Luftzug läßt mich nicht ſchlafen. nein! das iſt nicht mein Vaterland; das iſt nicht das ſchöne Portugal... Portugieſen! edelmüthiges Volk!... Könn⸗ tet ihr euern König ſehen in ſeinem Elende!“ Entſetzt ver⸗ nahm Archimbald dieſe. das war die Stimme des wahnſinnigen Fürſten auf Worosdar... und dennoch war dieſer Fürſt nicht mehr am Leben, war begraben unter den Trümmern ſeines Kerkers. Der Gedanke, daß ein neckendes Geſpenſt neben ihm verkehre, riß den Jüngling gewaltſam in die Höhe.„Wer iſt hier?“ rief er, beherzt genug für dieſe Stunde, dem unheimlichen Gaſte zu.— „Der Kopfabſchneider!“ krächzte dieſer ihm entgegen, und 2²5 eine breite Klinge blitzte, von zitternden Händen gezogen⸗ langſam aus der Scheide.— Dieſe Ruhe des gefährlichen Nachbars jagte Archimbald ein größeres Entſetzen ein, und ſprang zurück, unentſchloſſen, wie er den Angriff des kalt⸗ blütigen Mörders abweiſen wolle. Der Letztere ſchien hin⸗ gegen für ſich ſelbſt zu fürchten, denn er entlief auf einmal mit ſchanderhaftem Geſchrei der dunkeln Halle; Archimbald wie ein Windſpiel hinter ihm drein. Allein auch hier, wie in Worosdar, gewann der Wahnwitzige die Wette. Sein breiter Mantel wogte in der Luft, und ſchien ihn auf den Flügeln einer Fledermaus in die Ferne zu tragen. Die blanke Klinge in des Verrückten Fauſt diente ihm als ſtützen⸗ der Stab zu ſeinen weiten Sprüngen, und nach langem, vergeblichem Laufe hatte der Verfolgende den Verdruß, ſeine Beute plötzlich verſchwinden zu ſehen. Verſchnaufend ſtand er ſtill, und bemerkte, daß ſeine ſchnellen Füße ihn wieder zur kaiſerlichen Burg getragen hatten.„Verdammt!“ rief er, und ſtampfte ungeduldig den Boden.„alſo getäuſcht zu werden! Der Wahnſinnige lebt wie ich, und äfft mich doch gleich einem Spukgeſichte. Aber, welche Räthſel! Lud⸗ millens Vater unter den Lebendigen.. hier zu Prag?.. Warum mußte mir der Arme entſ ringen! ich hätte ſeiner gepflegt ich hätte ſein gewartet wie ein Sohn! Ex iſt ja Ludmillens Vater,... Ludmillens, die ich liebte, hoff⸗ nungslos liebte, ehe eine andre mich in Feſſeln ſchlug... Was ſoll aber nun geſchehen? Es geht auf Mitternacht; wo werd' ich ein Obdach finden?“ Er war an die Pforte bei den Marſtällen gekommen, und plötzlich fiel ihm der Thürſteher Diwoky, Hagars Liebſter, ein.„Eine Hand waſcht die andere l. dachte er, und eilte, 226 die Dankbarkeit des Pförtners im Voraus in Anſpruch zu nehmen. Er erkletterte den ſteinernen Vorſprung, der zu dem Fenſterlein deſſelben führte, und klopfte ihn aus dem Schlummer. Kaum hatte der Erwachende den Namen des Einlaßfordernden gehört, als er auch ſchon willig ſeinem Verlangen zu entſprechen eilte. Die ſchwere Pforte knarrte im Gewinde, und Archimbald ging hindurch. Der Luftſtoß bließ aber die Leuchte des Oeffnenden aus.„Ei zum Teufel!“ brummte er vor ſich hin..„das kömmt ungeſchickt. War Jemand bei Euch, lieber Junker?“— Archimbald verneinte. „Es war mir doch, als ob ein Zweiter hinter Euch gekom⸗ men,“ ſagte hierauf der Thürſteher.„Mein Schatten ohne Zweifel,“ lachte Archimbald.— Und wirklich gab weder das angeſtrengteſte Horchen, noch das emſigſte täbe etwas Beunruhigendes an. Archimbald bat hierauf den gefälligen Thürſteher, ſeine ſpäte Heimkehr zu verſchweigen, und ihm öfters zu gleichem Liebesdienſt bereit zu ſeyn. Diwoky drückte ihm die Hand und erwiederte:„Ihr wißt wohl, lieber Junker, daß ich es war, der Euren allererſten Eintritt in die Burg erleichtert hat. Ihr habt mir ſchon dazumal ſehr wohl gefallen. Nun aber weiß ich bereits von meiner lieben Hagar, daß Ihr Euch vorgenommen, bei unſerm gnädigſten Herrn und Kaiſer ein gutes Wort für uns zu ſprechen, und dieſes macht mich zu Eurem Leibeigenen. Geht, wann Ihr wollt, kommt wann Ihr wollt, und verlaßt Euch ganz auf meine Ver⸗ ſchwiegenheit und aufrichtige Treue.“— So ſchieden ſie. Es mochte aber ein Uhr um Mitternacht ſeyn, als dem Kaiſer, der ſich ſchlaflos auf ſeinem Lager wälzte, plötzlich einfiel, er hätte dem alten Löwen, den er mit eigner Hand zu füttern pflegte, den Trank zu reichen vergeſſen. Um dieſe wilde Beſtie beſorgter, als um ſeine weitläuſigen Reiche, verließ er ſchneller, als er ſelbſt am Morgen zu thun ge⸗ wöhnt war, das gemächliche Lager, und ſchlich durch die engen Gänge, die ſeine Wandelbahn vorſtellten, den Mar⸗ ſtällen zu, in deſſen Gewölben eine Halle zur Aufnahme der vergitterten Thierbehälter beſtimmt war. Er erfüllte hier ſeine verſäumte Wärterspflicht, und wollte wieder in's Schlaf⸗ gemach zurück gehen, als das Mondlicht, das hell und ſilbern durch die Bogenfenſter der Ställe ſiel, mit einem Male einen verführeriſchen Gedanken in ihm rege machte. Schon ſo lange war es her⸗ daß er keine friſche Luft genoſſen, aus Furcht vor dem Dolche eines Bruders. Jetzo bot ſich eine unvorhergeſehene Gelegenheit dar, ſich in der erquickenden Kühle zu erholen. Sie war um ſo lockender, als ſie die völligſte Sicherheit darbot. Der ſtille Hof war ja ſo öde wie ein Grab; alle Lichter rings umher erloſchen, kein Menſch mehr wach in den dunkeln Gebäuden, die in das In⸗ nerſte zurückgezogenen Wachen ausgenommen. Hohe Mauern, ſchwer verriegelte Thore boten Schirm gegen einen Frevel von Außen. Die ſchweigende Nacht konnte den gewagten Schritt des Kaiſers nicht verrathen. Rudolph faßte ſich alſo ein Herz, öffnete behutſam mit ſeinem Hauptſchlüſſel ein Seitenpförtlein des Marſtalls und betrat auf leiſen Sohlen den Hof. Gierig ſaugte der arme Selbſtquäler, der un⸗ glückliche Kronenträger⸗ die lang entbehrte Himmelsluft ein⸗ und dehnte ſich behaglich im Freien. Die Nacht war herr⸗ lich geworden. Ein köſtlicher Ordensmantel war über die Erde geſpannt. Leuchtende Sterne und flimmernde Punkte prangten in zahlloſen Scharen auf dem dunkelblauen Grunde. Das blitzende Gewimmel durchzog majeſtätiſch, wie der Schwan die blaue Fluth durchſchneidet, das Herrſchergeſtirn der Nacht auf unverrückter Bahn. Die kleinen glänzenden Höflinge ſchienen vor dem ſiegenden Fürſten zu erlöſchen, zu verſchwinden, während die größeren Vaſallen ſeines Throns in ruhiger Klarheit ſtille ſtehend, dem Vorübergleitenden ihre würdevolle Huldigung zu bringen ſchienen. Leicht wehte die Luft unter dem ſtolzen Himmel, und trug balſamiſche Düfte von den Aepfelblüthen naher Gärten in den Hofbezirk des Schloſſes, das in ehrwürdigen Maſſen dunkel emporſtrebte, während ſeine Dächer, ſeine Zinnen und Giebel, ſeine Schornſteine und vergoldeten Wetterhähne ſich prahlend in dem Zauberlichte brüſteten. Der Kaiſer erging ſich in dem rings eingefangenen gepflaſterten Hof, als ob er in den Gärten der Semiramis luſtwandelte, auf Augenblicke ſeiner Angſt, ſeiner Sorgen vergeſſend, und athmete den Frühling in ſeine erleichterte Bruſt. Da drang ein kaum vernehm⸗ liches Raſſeln zu ſeinem geübten Ohr. Er ſtutzte; die un⸗ ſchuldige Freiheit jedoch, die er ſich heute erlaubt, hatte ſchon ſeinen Muth,— der gewöhnlich im Geräuſch eines fallenden Blatts den Tritt des Mörders zu hören glaubte,— in dem Grade geſteigert, daß er es wagte nach der Gegend umzublicken, woher die Störung gekommen war. In dem⸗ ſelben Nu war aber das Raſſeln hinter ihm, und ſein ſcheues Auge hatte kaum die Zeit, ſeine Richtung zu verändern, als er ſchon einen baumlangen Mann gewahrte, der hinter dem Kaiſer aus dem Dunkel tauchte, den Hals deſſelben mit beiden Armen umklammerte, und ihm mit widerlicher Stimme in die Ohren kreiſchte:„Landsmann, ſage an, wo der Kaiſer 229 zu ſprechen iſt!“— Das furchtbare, todtbleiche Antlitz des nächtlichen Fragers, der gräßliche Ton ſeiner Stimme und die höchſt überraſchende Umarmung raubten dem Kaiſer auf eine kurze Weile die Sprache. Jedoch erholte er ſich ſchnell wieder, oder die Angſt rüttelte ihn vielmehr auf. Er ſtieß einen Arm des Angreifers von ſich, ſchob den groben Mantel deſſelben zurück, der ihm den Mund verſchloſſen hielt, und ſchrie gräßlich nach Hülfe, daß die hohen Mauern das Echo ſchauernd wiedergaben.—„Willſt Du ſchweigen, guter Freund,“ heulte ihm ſein Geſellſchafter in's Ohr, und ent⸗ blößte ein breites Schwert, während er den Hülferufenden mit der Linken beim Kragen packte.—„Schweige, oder ich ſchneide Dir die Zunge aus!“ Die Drohung war fürchterlich, die Liebe zum Leben be⸗ hielt aber die Oberhand, und der Monarch, mit beiden Händen den Drohenden verzweiflungsvoll abwehrend⸗ ließ lauter und unausgeſetzter ſeinen Hülferuf ertönen. Er würde indeſſen vielleicht noch lange vergebens geweſen ſeyn, denn alles lag im erſten Schlafe, den ehemaligen Hofnarrn und gegenwärtigen Marſtallaufſeher Propicz ausgenvmmen. Der gute Mann war nämlich vor einer Viertelſtunde unge⸗ fähr durch das Geraſſel der kleinen Pforte des Marſtalls, welche dicht neben ſeinem Fenſter in den Hof ging, geweckt worden. Neugierig zu ſehen, welcher von den Stallknechten ſich wohl erfrecht habe, von ſeinem Schlüſſelbund denjenigen Schlüſſel zu entfremden, der zu dieſer Pforte gehörte, war der treue Diener an das Fenſter geſchlichen, und hatte zu ſeiner allergrößten Verwunderung den Kaiſer wahrgenommen⸗ der, ſeine Lampe in eine Blende ſtellend⸗ im Hof der Länge anch umherſchlenderte. Obſchon dieſe nächtliche Luſtwande⸗ rung eine ſehr ſeltſame Erſcheinung war, ſo kannte doch Propicz die Gemüthsſtimmung des Kaiſers zu gut, um durch irgend ein Geräuſch ſeine Gegenwart zu verrathen; er hatte ſich demnach wieder ganz ſtille in's Bett begeben, war aber noch nicht wieder eingeſchlummert, als das ängſtliche Hülfe⸗ rufen begann. Er unterſchied deutlich des Kaiſers Stimme, ſprang vom Lager, riß an der Glocke die in der Dachkammer der Knechte hing, und eilte wenig oder gar nicht bekleidet hinab, zum Schirm des Geſalbten, den er, zum Glück un⸗ verletzt, in den Händen des hartnäckigen Frevlers antraf. Adam, deſſen ſchwächſte Seite übrigens die Tapferkeit war, hatte hier, wo es galt, Herz wie ein Löwez er fiel über den Unhold her, der den blaugewürgten Herrſcher mit ge⸗ nauer Noth losriß, riß ihm das drohende Schwert aus der Hand, und warf den gefürchteten Gaſt mit einem Rippen⸗ ſtoße über den Haufen. Nun knicte er neben dem Ueber⸗ wundenen nieder, hielt ihn mit beiden Händen feſt, und rief mit dem Kaiſer vereint nach Hülfe. Mittlerweile hatte die Glocke in der Kammer der Knechte ihre Schuldigkeit gethan. Aus dem tiefſten Schlummer mit ſchwerem und dämiſchem Kopfe erwachend, glaubten die Stallleute die Sturmglocke zu hören. Das Mordgeſchrei im Hofe verſtärkte noch den Eindruck, und eilend in die Kleider fahrend, brüllen die Mißverſtehenden den Schreckensruf: Feuer! Mord! über die weiten Schloßhöfe hin, und purzeln hierauf die Treppen hinab auf den Ort der Gefahr. Die Wachen im Innern hören den Lärm, und poltern mit ihren Partiſanen an alle Thüren der Gänge in der Burg. Das Hausgeſinde ſtrömt herbei, Männer und Frauen, Mägde mit ihren Buhlen⸗ ſchlaf⸗ und biertrunkene Diener in den abenteuerlichſten Nacht⸗ gewändern. Der Kaſtellan ſchlüpft in dienſtfertiger Haſt in das Thürmlein, und ſteckt die Feuerfahne auf, zündet mit eigner Hand die Pechpfannen auf der Altane an. Alles rennt, alles läuft, ſeine Habe zu retten. Alles räumt, packt, beginnt zu flüchten; an den Kaiſer denkt keine Seele. In⸗ deſſen ſind die Jagdleute des Fürſten, ſeine Kirchendiener nicht müßig geweſen. Die Erſtern feuren Hackenbüchſen gegen die Stadt los. Die Letztern ziehen die Sturmglocke. Un⸗ mittelbar darauf kracht die Lärmkanone auf dem Bollwerke, die übrigen ſchweren Stücke antworten. Der Donner des Geſchützes weckt vollends alle Schläfer.„Wo das Feuer?“ rufen tauſend Stimmen in der Stadt.„Auf dem Radſchin!“ antworten tauſend. Halb bekleidet ſtürzen die Bürger auf ihre Lärmplätze, nach den Löſcheimern, den Feuerleitern. Der Magiſtrat ſteigt zu Pferde, und tobend, wie eine gewaltige Waſſerfluth, dringt das Volk über die Moldaubrücke. Un⸗ zählige Fackeln ſpiegeln ſich im Strom, zahlloſe Stimmen prauſen in die Luft, vergebens ſuchen die Sturmglocken jen⸗ ſeits, vergebens die Trommeln, welche dieſſeits die Traban⸗ ten und Leibwächter des Kaiſers aus ihren Wohnungen lärmen, das Getöſe zu übertäuben. Das Kriegsvolk ſtürmt gegen die Hauptpforte, die der Thorwächter, einen Aufruhr beſorgend, nur gezwungen öffnet.„Wohin?“ ſchreien die Eindringenden einem Haufen ſchwerbeladener Leute zu, der ims Freie will, und größtentheils aus den Leibdienern und Günſtlingen des Kaiſers, aus Sterndeutern, Nativitäts⸗ ſtellern, Alchymiſten, Malern, Gold⸗ und Silberſchmieden⸗ Taſchenſpielern und Gauklern beſteht.—„Wohin mit Eurer Bürde?“—„In's Freie, um zu fliehen, das Unfrige zu retten,“ ſtammeln einige, auf die ſchweren Kiſten und Bündel . 4 232 deutend.—„Wo iſt der Kaiſer?“ rauſcht es durch die her⸗ eindringenden Rotten der Krieger und des Volks. Da ſtutzen die Flüchtigen, und ſchweigen.„Riederträchtige!“ donnerte ihnen der Grimm der Bürger zu:„Euer geraubtes Gut wollt Ihr retten, und denkt nicht an den, der Euch alles dieß auf unſre Koſten an den Hals warf? Da geblieben⸗ mitgezogen, mitgelöſcht, ſonſt ſollt Ihr alle zu Staub und Pulver verbrannt werden!“. Die Undankbaren, unter ihnen Doktor Dee, werden zu⸗ rückgetrieben und in einem Augenblicke wimmelt das ganze Schloß von den fremden Gäſten: Treppe auf, Treppe nie⸗ der, vom Grunde des Kellers bis zum letzten Ziegel des Dachs keine Spur von Feuer. Nirgends Rauch, nirgends Gluth. Alle Höfe leer. Des Kaiſers Wache betheuert, der Monarch befinde ſich in ſeinen Gemächern, und ſey im höchſten Zorne über den aufrühreriſchen Tumult. Die Menge iſt betroffen, ſchweigt und zieht ſich, murrend über die Täu⸗ ſchung, zurück. Der Kaſtellan, beſorgt, das Bad austrinken zu müſſen, ſchleicht wie ein Marder zum Thürmlein, wirft die Fahne herunter, loͤſcht die Pechpfannen, und das Volk drängt ſich langſam, von Zauberei und Hexenwerk träumend, wieder zum Schloſſe hinaus. Die Trommeln ſchweigen, eine Glocke nach der andern verſtummt, und beim erſten Morgenſtrahl kehren die letzten der geäfften Bürgerſchaft über die Brücke heim. Während nun die Gefoppten ſich gegenſeitig um den eigentlichen Grund und Hergang der Sache befragten, und doch kein ander Ergebniß fanden, als daß der Teufel ſie geblendet haben müſſe,— war indeſſen die Sache ganz natürlich aufgeklärt worden.— Als der Lärm mit einemmale 233 ſo heftig geworden, daß das Volk herbei zu eilen begann, hatte den Kaiſer ſeine angeſtammte Furchtſamkeit ergriffen, und ihn plötzlich in ſein Gemach zurückgejagt auf ſeinen verborgenen Pfaden. Den Zunder alles Frevels, den Belei⸗ diger Sr. Majeſtät, hatten die Stallleute in ſichre Gewahr⸗ ſamkeit gebracht, und ſich alsdann nicht mehr ſehen laſſen, um nicht zur Verantwortung wegen ihres unzeitigen Feuer⸗ lärms gezogen zu werden. Archimbald war der erſte, der zum Kaiſer gerufen wurde.—„Seibelſtorfer!“ ſtöhnte ihm der Fürſt aus dem Ohrenſeſſel entgegen;„ſchau an, in welchem Zuſtande Wir Uns befinden um ein Haar ſäße nur noch Unſer Leichnam hier im Seſſel, mit vielen blutigen Wunden be⸗ veckt. Und eine gerechte Strafe wäre es noch dazu geweſen für Unſern Vorwitz, für Unſere Nachläſſigkeit in Vollziehung der Befehle, in Befolgung der Vorſchriften, die Uns von den heiligen Sternen durch ihre würdigen Dollmetſcher, Brahe und Argoli gegeben wurden. Wir haben in Unſerer Todesangſt der lieben heiligen Mutter von Oettingen eine zweipfündige Wachskerze verlobt, und Dir, treuer Bote des weltweiſen Argoli, einen Botenlohn von hundert Dukaten verſprochen, wofern Uns Gott aus dieſem Leid erretten würde. Wir ſind gewohnt, Unſre Verſprechen zu halten, und reichen Dir hiemit in Gnaden dieſen Beutel. Es wird ein Ueberſchuß darinnen ſeyn, welches Du verwenden magſt, um unſrer lieben Frau die angelobte Kerze zu ſenden.“ Archimbald ſchob dankend das Säcklein in den Buſen. Der Kaiſer, der ſeine Freigebigkeit wohl unterlaſſen haben würde, hätte er gewußt, daß niemand als der Beſchenkte wht der ganzen Hiſtorie geweſen— fuhr fort:„Und 16 234 nun, lieber Sohn, nimm dieſes grüne Tüchlein, verbinde Uns damit die Augen, und ſchlage Uns eine Ader, damit der Schrecken ſich nicht in Unſerm Blute feſtſetze.“ Mit leichterm Herzen, als er kam, machte ſich Archimbald an die ſchon im Kloſter geübte Verrichtung, und ſie ging trefflich von Statten. Der blutſcheue Kaiſer hatte ſchon ſeine Augenbinde wieder abgenommen und den verwundeten Arm zur Ruhe gelegt, als endlich Doctor Dee in das Ge⸗ mach trat, und viel Dheilnahme, viel Beſorgniß verrathend, die Aderläſſe für heilſam erklärte, und dem Gelingen der⸗ ſelben ſein ganzes Lob ſchenkte. Der Kaiſer ſah ihn aber von der Seite an, weil ihm ſchon hinterbracht worden war, wie lieblos ſeine Schmarotzer, ihr Heil in's Auge faſſend, des ſeinigen vergeſſen hatten.—„Ihr kommt ziemlich ſpät,“ warf er mürriſch hin,„bei der Rettung Eurer Habe war't Ihr flinker. Eure Habe, die Ihr Uns verdankt, gilt Euch mehr, als Unſer Leben. Ein feiner Grundſatz. Das hätte Unſer Wolfgang nicht gethan, den Ihr von Unſrer Seite gejagt; das hat der brave Seibelſtorfer auch nicht gethan, der Uns ſo hülfreich beigeſtanden. Wir bedürfen Eurer Bemühungen nicht mehr.“ Der Kaiſer wendete ſich unmuthig ab,— der Doctor verſtummte, und Archimbald lachte heimlich über den Zufall, der den Lehrer vom Schüler aus dem Sattel heben ließ. Er hatte aber Gelegenheit zu lernen, wie weit die Liſt des Doctors über die ſeinige erhaben ſey.— Dee hob alſo an: „Es iſt mir ſchmerzlich, von Euch zu weichen, allergnädig⸗ ſter Herr, doppelt ſchmerzlich wird es mir, weil mich ein ungerechter Wahn von Eurer Seite entfernt. Meine Flucht war nicht mein Werk, mein Herr und Kaiſer; Ew. Majeſtät⸗ 235 die ſo gründlich in Astrologia bewandert iſt, weiß wohl, daß die Sterne unſern Wandel auf Erden regieren. Ich ſelbſt, der ich ſo oft dagegen ſtritt, muß die Wahrheit des Satzes eingeſtehen. Aus den Wirkungen kennt man die urſache. Ihr habt gegen das Urtheil der Geſtirne gehan⸗ delt, gnädigſter Herr. Ihr habt Euch der drohenden Gefahr bloß geſtellt. Die Fatalität hat gewirkt; zum Glück ließ die böſe Stunde ſich noch wenden. Indeſſen hat ſie auf uns alle Uebrige böſen Einfluß gehabt, indem ihre Kraft uns wider Willen gewaltſam von der Stätte riß, die wir mit unſerm Leben zu behaupten ſtolz geweſen wären. Denn das iſt die unheilbringende Macht der Sterne, daß ſie im unglück alle Freunde des Leidenden in die Flucht ſchlägt, ſollten auch gleich ihre Herzen darüber brechen.“ Der Kaiſer ſchwieg eine Weile nachdenklich, ſah alsdann, den Doctor an, und ſprach:„Wahrlich, Doctor Dee, Uns ſcheint, Ihr könntet recht haben! Denn allemal iſt es gewiß, daß der Unglückliche allein bleibt, wie der kranke Hiob in der heiligen Schrift. Leicht möglich wäre es dann, daß die Fatalität derer Geſtirne einen Einfluß ſchädlicher Art aus⸗ üben könnte. Aus dieſer Rückſicht wollen wir vergeben⸗ wünſchen aber jedem Leidenden viele Ausnahmen von der Regel, wie hier den wackern Seibelſtorfer.“ Eine duntle Röthe verbreitete ſich auf Dees Anzſch bei dieſem zweiten Vergleich mit ſeinem Zögling, er räus⸗ perte ſich, küßte der Majeſtät die Hand, und fragie ſo ge⸗ mäßigt als möglich,„was mit dem verhafteten Mörder wohl zu beginnen ſey.“ Der Kaiſer befahl, ihn vor ſeinen Stuhl zu bringen.—„Sorgt nur, d daß er gefeſſelt ſey, wie ein wildes Thier,“ ſprach er etwas„Wir könnten Uns ſonſt des Schauders nicht erwehren. Ein einziger flinker Gewappneter reicht hin, den Unhold vor Uns zu bringen. Wir wollen hören, wer ihn gedungen, und damit Wir die Schande Unſers Bruders vor gemeinen Ohren ſo tief ver⸗ hüllen, als es angeht, befehlen Wir, daß niemand bei die⸗ ſem Verhör zugegen ſey, als Ihr, Brahe und der Famulus Seibelſtorfer, der das Protokoll führen mag. Auf Euer Schweigen können Wir zählen, und darum genießt Ihr vor⸗ zugsweiſe dieſer Gunſt.“ Der Doctor begab ſich hinweg, und Archimbald, von dankbarem Gefühl für den verſchwiegenen Diwoky erfüllt, benutzte den günſtigen Zeitpunkt, um dieß verſprochene gute Wort für ihn und Hagar einzulegen. Er ſtellte dem Mo⸗ narchen vor, wie wohl es zieme, nach der Rettung aus einer ſo dringenden Gefahr ein Werk der Nächſtenliebe zu ver⸗ richten, und fand ihn geſchmeidiger als je. Er war milder geworden durch die ausgeſtandne Angſt, vielleicht auch durch den Blutverluſt, und verſetzte mit huldreicher Miene:„Wir hatten zwar beſchloſſen, die pflichtvergeſſenen Thürhüter peitſchen zu laſſen, die einen Mörder in Unſre Königsburg eingelaſſen. Dieweil Wir aber in Betrachtung gezogen, daß der Böſewicht ſicherlich ſchon während des Tages ſich herein⸗ geſchlichen haben wird, ſo wollen Wir Gnade für Recht er⸗ gehen laſſen, und dem genannten Diwoly ſtatt der Peitſche ſeine Liebſte zur Ehefrau geben, welches Du ihnen Beiden vermelden magſt.“— Von Herzen erfreut dankte der Jüng⸗ ling dem gutmüthigen Fürſten, deſſen Strenge nicht an⸗ haltend, deſſen Güte und Huld jedoch unendlich war, wenn ſein Mißtrauen ihm zugelaſſen hatte, ſie an jemand zu ſchenken. Das Geräuſch von ſchweren Ketten im Vorgemach ver⸗ kündete die Ankunft des Gefangenen. Brahe und Dee tra⸗ ten ein, Archimbald ſetzte ſich zum Schreiben,. aber die Feder entſiel beinahe ſeiner Hand, als er in dem Verbrecher Ludmillens Vater erkannte. Die abgezehrte Geſtalt bog ſich unter der Laſt ihrer Feſſeln, die grauen Haare fielen, von den Mißhandlungen der Wächter zerrüttet, wild über Stirn und Augen. Der graue Schnauzbart hing unordentlich⸗ gleich dem Bart des raubbegierigen Kumanen, über die trotzigen Lippen. Die ſtieren Augen verkündeten einen hohen Grad von Wahnſinn. Wie eine Bildſäule ſtand der unglück⸗ liche Fürſt vor dem Kaiſer, der ſich ſcheu in den Winkel ſei⸗ nes Sorgenſtuhls drückt. Der Stand des Gefangenen war allen unbekannt. Der Doctor ſelbſt hatte nie auf Worosdar den Gemüthskranken geſehen. Die Ueberraſchung hätte faſt dem Zögling Dee's das Geheimniß entlockt; der Vorſichtige hielt es aber auf den Lippen zurück, überlegend, daß ein ſolches Bekenntniß ihn leicht in ein Labyrinth von Fragen verwickeln dürfte, deren Beantwortung unangenehme Ent⸗ deckungen für ihn zur Folge haben müßte. Er verhüllte da⸗ her, um nicht etwa von dem Wahnwitzigen durch Zufall erkannt zu werden, das Geſicht zum Theil mit ſeinem weiten ſchwarzen Ermel, und horchte aufmerkſam der Verhandlung zu, welcher er, die Feder in der Hand, folgte. „Wer biſt Du?“ fragte der Kaiſer, nachdem er ſeine ganze Strenge auf der Stirne zuſammen gesogen hatte. „Dein Name?“ „Ich bin der König von Portugal,“ erwiederte der Wahnſinnige mit hohler Stimme⸗„ich bin Don Sebaſtian⸗ und kenne Dich wohl, heimtückiſcher Molucco, Feind meines 238 Volkes und meines Glaubens. Du haßt fälſchlich die Kunde Deines Todes verbreiten laſſen, um mich deſto ſichrer in Deinem Hinterhalte zu fangen; falſcher, elender marokkani⸗ ſcher Heide!“ Während dieſer feierlichen Anrede waren die Geſichter der Zuhörenden lang geworden, und ſie hatten ſich gegenſeitig mit neugierigen und fragenden Blicken betrachtet. „Bei Unſrer Majeſtät,“ begann hierauf Rudolph;„das Ding wird luſtig. Der Nichtswürdige hat Uns ermorden wollen, und macht Uns heute herunter wie einen Bettel⸗ bubenz nennt ſich einen König, Uns einen heidniſchen Ma⸗ rokkaner. Haben Wir recht gehört?“ „Du haſt;“ antwortete der Irre.„Ich nehme mein Wort nie zurück. In der Ebene von Alcazar haſt Du mich kennen gelernt. Ich habe geſtern Frankreich durchſtreift um Beiſtand gegen Dich zu ſuchen; vergebens. In der Hof⸗ burg zu Prag wollte ich den Kaiſer um Hülfe anrufen, aber Deine Schergen warfen mich nieder, und brachten mich hie⸗ her, nach Tanger, wo ich und mein Heer Fuß faßten in Deinem Reiche.“ „Gott behüte Euch, Herr Bruder;“ verſetzte der Kaiſer mit einem Anſtrich von guter Laune.—„Wir wollen Euch Euer angeſtammtes Reich, das Narrenſpittel, anweiſen laſ⸗ ſen. Der Mann iſt toll, und Wir haben dem Matthias einen ungerechten Verdacht abzubitten. Verſorgt den Ver⸗ rückten, Doctor, und laßt nach den Seinen Kundſchafter ausgehen.“ „Man hat aber Beiſpiele, Ew. Majeſtät,“ entgegnete Dee,„daß ſolche Böſewichter ſich wahnſinnig geſtellt haben, um der Strafe eines großen Verbrechens zu entgehen. Sollte ————— man nicht vorerſt verſuchen,— ob er im Gefängniſſe ge⸗ ſchmeidiger werde?“ „Hm! ja!“ äußerte der Kaiſer.„Das mögt Ihr thun, und Uns Bericht abſtatten. Verlaßt Uns jetzt alle, denn Wir bedürfen— der Ruhe.“ Ludmillens armer Vater wurde in's Gefängniß gebracht, und Archimbald mußte es, ſeinen Entwürfen gemäß, ge⸗ ſchehen laſſen. Die übrigen Anweſenden ließen den Kaiſer allein. Brahe eilte nach ſeiner Studirſtube, Dee hielt ſich mit Archimbald allein, und führte ihn unvermerkt an einen ſtillen heimlichen Platz. „Was war das,“ ſprach er hier, und ſtellte ſich zornig vor den Staunenden,—„was war das heute bei dem Kaiſer? Sollteſt Du Dich unterſtehen, mich zu verkleinern, Dich an meinen Platz drängen zu wollen? Noch einmal, was bedeu⸗ tet die Behandlung, die mir der Kaiſer zuzufügen ſo keck war?“ Archimbald, ſeiner Unſchuld ſich bewußt, ſah feſt in des Doctors graue Augen, die der Zorn in beſtändiger Unruhe verdrehte, und entgegnete lächeld:„Sie bedeutete, Herr Doctor, daß der Kaiſer auf einen Augenblick zu Verſtande gekommen war, und ſeine wahren Freunde von den falſchen zu unterſcheiden wußte.“. „Wie?“ donnerte der Doctor;„Verwegener! Du unter⸗ ſtehſt Dich...2 „Euch die Wahrheit zu ſagen?“ antwortete Archimbald ruhig;„o ja.— Aber niemals werde ich mich unterſtehen⸗ gegen den Mann, dem ich verdanke, was ich weiß, Feind⸗ ſeligkeiten auszuüben, wenn er nicht ſelbſt durch feindliches Betragen dazu Anlaß gibt. Das gelob ich Euch.“ „Behalte Deine Schwüre,“ zürnte der Doctor;„nicht Deiner Heuchelei, nur meinem ſcharfen Blick will ich trauen, ich will Dir auf die Finger ſehen, und wehe Dir, wenn ich Dich auf unrechten Wegen finde. Ich habe Dich geſchaffen. Der Schöpfer kann aber auch ſein Werk vernichten.“ Mit grimmiger Geberde drehte der Eiferfüchtige dem Geſcholtnen den Rücken.„Das iſt alſo Dein verwundbarer Theil, Du kalter Froſch!“ murmelte Archimbald ihm nach. „Ein Stoß auf dieſen Fleck ruft den Leichnam in's Leben? Ei, Herr Doctor; ich fürchte, Ihr habt die Maske zu früh⸗ zeitig abgenommen.“ Er ſchüttelte alsdann die harten Redensarten, die ihm der Doctor in den Bart geworfen, luſtig von ſich, und beeilte ſich, den Glücklichen, die er gemacht, die gute Kunde zu überbringen. Eine Ahnung mußte Beide zuſammenge⸗ führt haben, denn Archimbald traf das Paar trautich bei⸗ ſammenſitzend in des Thürſtehers Stüblein.— Eine fröhliche Botſchaft iſt mit wenig Worten abgethan, während man eine üble in tauſende zu vermummen ſucht; und ſo wußten denn in zwei Augenblicken Braut und Bräutigam, daß ſie es wa⸗ ren durch kaiſerliches Wort und kaiſerliche Gnade. Der Dank der Zufriedenen war herzlich; Hagar weinte vor Freu⸗ den und benetzte des Jünglings Hand mit ihren Thränen. Diwoky bot ihm die treue Rechte.—„Was ich verſprochen habe, halte ich, lieber Junker,“ ſagte er.„Zwar iſt mir 3 recht bange geworden, als ich den Lärm verwichner Nacht vernahm, denn der Fremde war wohl der Schatten, der hinter Euch vorüberſchlich; allein mein Entſchluß iſt unab⸗ änderlich. Ihr dürft auf mich zählen.“ Archimbald nahm die angebotne Hand des Dieners, und vereinte ſie mit der Rechten Hagars.„Sey glücklich, lieber Diwoky,“ ſprach er heiter, wie man es durch das Bewußt⸗ ſeyn einer guten That wird,—„ſey glücklich auf lange Jahre. Du haſt den beſten Theil erwählt. Hagars Züge ſind nicht ſchön, doch ihre Geſtalt,.. was noch mehr, ihr Herz iſt es. Der rohe Verführer flieht ihr unſchönes Ant⸗ litz, der glatte Verſucher ſcheitert an ihrer Tugend. Sie wird nur in Dir leben, nur in Dir und Deinen Kindern glücklich ſeyn. Eure Vereinigung, die zweite rechtſchaffene That eines leichtſinnigen Jünglings, bringe euch Segen, und mir die Ueberzeugung⸗ Freunde erworben zu haben, deren ich vielleicht bald, vielleicht ſpäter, in den Stürmen meines launiſchen Geſchicks bedürfen werde.“ Eine begeiſterte Antwort auf dieſe Anrede fehlte nicht. Die Freude macht ja ſo geſchwätzig, nur das Leiden macht ſtumm.— Aber es waren nicht bloß Worte, das Hers ſelbſt kam auf die Zunge der Zufriedenen. Kein Eid, keine Ur⸗ kunde beſtätigte ihr Verſprechen; allein dieſer gemeinen Leute einfaches Ja war heilig wie ein Schwur, ihr aufrichtiges Auge das bündigſte Diplom, ihr biedrer Händedruck das unverfälſchteſte Siegel. Eilftes Rapitel. Sie konnte mir kein Wörtchen ſagen, Zu viele Lauſcher waren wach, Den Blick nur durft ich ſchüchtern fragen, und wohl verſtand ich, was er ſprach. Schiller. Gleich wie ein begieriger Leſer in einem Buche, das ſeine Theilnahme erregt, ein Blatt nach dem andern eifrig umſchlägt, um mit magnetiſchen Augen das darauf enthal⸗ tene Gute und Schöne mit langen Zügen einzuſaugen, wie ein Durſtiger die Tropfen des ſprudelnden Quells... alſo blätterte Archimbald im Buche ſeines Lebens, haſtig und wonniglich von einem Tage zum andern ſpringend, wie das muntre Vöglein von Zweig zu Zweig. Die Monate wur⸗ den ihm in dem ſchönen Prag zu Stunden, und er glaubte ſich verrechnet zu haben, als er bemerkte, daß er ſchon ein halbes Jahr in ſeinen Mauern zugebracht.— Sein Leben war ein buntſchäckiges Kleid von den lebhafteſten Farben, und gerade der ſtete Wechſel, in dem es fortſchwamm, er⸗ höhte ſeinen geheimnißvollen Reiz. Zwei Naturen vereinig⸗ ten ſich in dem meiſterhaft geſchickten Archimbald; eine jede 2¹3 derſelben nahm ihre eigne Laufbahn ein, in welcher ſie ſich unbefangen bewegten. Der bayeriſche Edelmann Seibel⸗ ſtorfer, der Famulus des Kaiſers, war den Tag über in der Vurg, im Gemach des Herrſchers beſchäftigt, kredenzte ihm bei der einſamen Tafel die Speiſen und Getränke; rieb ihm die Farben zu ſeiner Malerhanthierung, ſtand mit ihm am Schmelztiegel im geheimſten Laboratorio, half ihm ſeinen alten Löwen füttern, ſchor ihm den Bart, und ſtattete, dem Vertrag gemäß, dem Doctor täglichen Bericht über alles ab, was in des Kaiſers Tagwerk vorgefallen und nicht vor⸗ gefallen war. Die ſiebente Stunde des Abends war des Kaiſers letzte Tafelſtunde, wobei der Diener noch ſein Amt verrichtete, und alsdann frei war bis zum nächſten Morgen⸗ weil Rudolph entweder um acht Uhr ſich ſchon zur Ruhe begab, oder ſeine Geliebten empfing, deren Einführung ſich der alte Kammerdiener nicht nehmen ließ. Seibelſtorfer ſtreifte nun ſeinen Stand und Namen mit ſeinem Gewand in Erlweins Stube ab, und der fröhlich ritterliche Junker vom Bühl flog, zierlich geſchmückt, in den Pallaſt der Mark⸗ gräfin, wo ihn verſtohlene Liebe im Kreiſe einer glänzenden Verſammlung täglich mit heftigerer Ungeduld erwartete. Scherz und Geſelligkeit hatten ihren Thron in Sibillens Hauſe errichtet. Die Mitternachtsſtunde endete erſt ihr Reich, und der Junker vom Bühl, nachdem er ſich in der Wohnung ſeines Freundes, welcher ſchnarchend im tiefen Schlummer lag, auf's Neue in den ſteifen Seibelſtorfer verwandelt, ſchlüpfte nun, unter Diwokys Schutz und Schirm, in die Burg ein und gewann ſeine Kammer.— So bunt nun auch dieſer Lebenswandel war, ſo geſchickt führte ihn der Jüng⸗ ling durch, und jeder Tag gewann ihm mehr Vertrauen von 244 ——„ Seite des Kaiſers, mehr Liebe von Seite der gefährlichen Nebenbuhlerinnen. Rudolph lohnte mit fürſtlicher Freige⸗ bigkeit die kleinen Dienſte, die ihm Seibelſtorfer leiſtete,— die Markgräfin vergolt mit reichen Geſchenken von Bühls uneigennützigen Beiſtand, und ihre Gaben, eine freuden⸗ reiche Zukunft im Auge habend, hörten nicht auf, in ange⸗ nehmer Reihe ſchnell auf einander zu folgen. Der ſchlaue Doyppeldiener nahm mit beiden Händen, was ihm von bei⸗ den Seiten ſo freundlich geboten wurde, und, klug gemacht durch Erfahrung, ſammelte er für die Winternacht des Le⸗ bens. Er hatte ſeine Schätze an einem ſichern Orte einge⸗ ſcharrt, und nur er allein war der Vertraute ſeines Ge⸗ heimniſſes. Jeder Beutel, jedes Kleinod, welches er zu ſeinem Mammon fügte, ſchien ihm ein Schritt weiter zu der goldnen Unabhängigkeit; aber vor allem Gold und Silber, vor allen Juwelen ſeines kleinen Reichthums hatte das veil⸗ chenblaue Band der unbemittelten Gräfin von Florenges bei weitem den Vorzug in ſeinem Gemüthe. Iſabelle machte ihn durch einen zärtlichen Blick zum König des Erdballs. Ein langer Abend voll nichtigen Geplauders, und ſinnlo ſer Förmlichkeit war ihm nur ein Augenblick, hatte die Gräfin ein ſanftes Wort zu ihm geſprochen. Sie ſchien ihm eine Heilige mit irdiſchen Gefühlen zu ſeyn. Gleich würdig, von den Völkern der Erde angebetet zu werden, wie auch des ſchönſten und edelſten der Menſchen Gattin zu ſeyn. Daß dieſes Muſter weiblicher Anmuth nicht unempfindlich ſep, daß ſie ihn liebe, war dem ſcharfſichtigen Jüngling längſt kein Geheimniß mehr. Seiner Klugheit konnte jedoch eben ſo wenig verborgen bleiben, daß die Markgräfin eine ähn⸗ liche Neigung hegte, und dieſe letztere war es, die er fürchtete. Vergaß einmal die Fürſtin Herkommen, Form des Anſtands und weibliche Sitte,. trat ſie einmal im Wahnſinn der Leidenſchaft die Scheidewand des Ranges zu Boden,. forderte ſie einmal von dem, der ihren Wohlthaten ſo viel verdankte, Vergeltung und Minneſold,.... was ſollte er thun 2— Den Reizen des feurigen Weibes huldigen? Dann pätte er ſich Iſabellens unwürdig gezeigt, Zucht und Sitte gröblich verletzt? Oder, die Liebe der Fürſtin verſchmähen? Mußte er dann nicht zittern vor der Rache der Verſchmäh⸗ ten? Dem unſchuldigſten Neuling kann des Potiphar Bei⸗ ſpiel kein fremdes ſeyn. Der Gedanke an dieſes ſchwere: „Entweder, oder!“ beunruhigte Archimbald gar oft. Dieſe Furcht war um ſo gegründeter, da bereits alle Zeichen von dem Herannahen der Entſcheidungsfrage vorhanden waren. Wie der Flug der Vögel auf der weiten Meeresſfläche oft des Sturmes Vorbedeutung iſt⸗ ſo wurde das Benehmen der Markgräfin nach und nach zum Herold eines gewagten Schritts, der nicht mehr ferne ſeyn konnte. Die beſonnene Frau, welche ſo meiſterhaft die Kunſt ver⸗ ſtand, Flammen unter Eis zu bergen, hatte Mühe, ihre Lei⸗ denſchaft für den Junker länger zu verhehlen. Ein hinge⸗ worfenes Wort, ein Blitz aus ihrem Feuerauge, eine leiſe Bewegung ihres Haupts wiederholte dem ſorglich lauſchen⸗ den Jüngling ein Geſtändniß, leicht verſtändlich dem Gelieb⸗ ten, dem unbefangenen Dritten nicht bemerkbar. Dem Blick der Eiferſucht hingegen entging es nicht. Die Frau von Florenges ſah alles, berechnete alles, und litt unausſprech⸗ lich bei jeder huldvollen Auszeichnung, welche die Markgräfin ihrem Liebling zu Theil werden ließ,.. bei jedem ver⸗ bindlichen Worte, womit die Dankbarkeit des Begünſtigten die Gunſt vergalt. Hätte ſie gewußt, wie ſchwer ihm dieſes Wort fiel, ſie würde nicht gezittert haben. Die Schlingen der ſchönen Markgräfin, dem Unerfahrnen unvermeidlich, waren es nicht für Archimbald, der Iſabellen im Herzen trug. Gern hätte er ſich zwar den Zwang erſpart, den er ſich anthun mußte, gerne die Rähe der Calppſo gemieden.. aber. mied er alsdann nicht auch Iſabellens beglückende Nähe? Der Weg zum Gläck iſt nie ohne Gefahr. Das Paradies bewacht der Engel mit dem flammenden Schwerte. Der Liebende fürchtet jedoch weder Gefahren noch Para⸗ dieſeswächter, und Archimbald, die Zutunft ſcheuend, und dennoch um ihren Wechſel unbekümmert, verfolgte beharrlich ſein Ziel. Da traf es ſich einmal, daß Archimbald eines Abends länger in des Kaiſers Dienſt verweilen mußte, und ſpäter als gewöhnlich in den Saal der Markgräfin trat. Die An⸗ weſenden waren ſo eben im weiten Kreiſe um eine fremde Dame gereiht, die mit dem Rücken gegen die Thüre gekehrt, vor der Markgräſin und ihren Damen ſaß, und, in einer unſtreitig anziehenden Erzählung begriffen, den neuen An⸗ köͤmmling nicht wahrnahm. Ein huldvoller Gruß Sibyllens, ein Lächeln der Frau von Florenges bewillkommte den Jun⸗ ker, und dieſes leichte Mienenſpiel mochte die Fremde be⸗ wegen, ſich nach dem Begrüßten umzuſehen. Welch ein Schrecken glich aber dem ſeinigen?.... Die Fremde war Ludmille. Ihre Ueberraſchung war nicht minder; unwill⸗ kührlich zuckte ſie empor, allein ein Blick auf Archimbalds Kleidung, auf die Achtung und Freundſchaft, mit der man ihm von allen Seiten entgegen kam, reichte hin, um ihr Schweigen zu empfehlen. Archimbald entging einer beklem⸗ 247 menden Angſt, und überließ es gerne der Frau vom Hauſe, den Junker vom Bühl der Prinzeſſin vorzuſtellen. Hierauf wurde die Letztere gebeten, den Faden ihrer Erzählung wie⸗ der aufzunehmen, welche den Brand ihres mütterlichen Stammſchloſſes und den Beweggrund ihrer Reiſe nach Prag zu betreffen ſchien. Allein Ludmille war ſichtlich zerſtreut, führte die Reihe ihrer Begebenheiten mit eilenden Worten zum Schluſſe und beklagte ſich endlich, daß ſie bis jetzt noch kein Mittel gefunden habe, bis zu der Perſon des Kaiſers zu dringen, der allein Schiedsrichter in ihren Angelegenhei⸗ ten ſeyn könne. Die Umſtehenden bemitleideten herzlich die peinliche Lage, in welcher ſich die reizende Bittſtellerin zu befinden verſicherte, und Archimbald war keiner der letzten. Auch die Markgräfin wußte keinen Rath. Sie ließ ſich weit⸗ läufig darüber aus, wie ſchwer es ſey, Zutritt zu dem Monarchen zu erhalten, und erzählte Ludmillen, was ſchon lange ganz Prag wußte, daß der Kaiſer auf dem Wege ſey⸗ ein finſtrer Menſchenhaſſer zu werden, daß, je vornehmer der, Rang desjenigen ſey, welcher Audienz verlange, um deſto weniger ſeinem Begehren entſprochen werde,. daß, den jeſuitiſchen Beichtvater und den ſpaniſchen Botſchafter aus⸗ genommen, nur Leute von geringerm Herkommen, theils durch ihre Kunſtfertigkeit, theils durch Marktſchreierkniffe bis zu dem Kaiſer drängen, daß es endlich ganz unmöglich ſey⸗ ohne den beſondern Schutz eines dieſer Geringen den Kreis zu überſchreiten, den die Umgebungen des Herrſchers um deſſen Majeſtät gezogen. Jedes Wort der Markgräfin, durch deren Fürſprache Ludmille gehofft haben mochte, zum erſehn⸗ ten Ziele zu gelangen, raubte der Armen einen Troſt nach dem andern, bis endlich keiner mehr übrig blieb. 248 Als nun die Vornehmſten und Angeſehenſten in der Ge⸗ ſellſchaft für die Rath⸗ und Thatbedürftige nur ein Achſel⸗ zucken hatten, da überwand der Unmuth und ein ſanftes Gefühl, das noch für die verſagende Ludmille in Archimbalds Buſen wohnte, die leicht erklärbare Scheu deſſelben, ſie an⸗ zureden. Er näherte ſich kühn der Prinzeſſin, und ſprach mit der Unbefangenheit eines dienſtfertigen Fremden.„Wenn ich mich unterſtehen dürfte, gnädige Prinzeſſin, in Eurer Sache einen Fingerzeig zu geben, ſo möchte ich Euch rathen, einen Weg einzuſchlagen, der meines Bedünkens zum Zweck zu führen nicht ermangeln würde.“ Ludmille ſah ihn mit ſtaunenden Blicken an. Alle An⸗ weſenden wurden neugierig, zu wiſſen, wie es der Fremdling anfangen wolle, etwas zu bewerkſtelligen, was ihnen, den Einheimiſchen, faſt nicht thunlich ſchien. Er fuhr aber, ohne ſich irre machen zu laſſen, erläuternd fort:„Die beſte Stunde, bei dem Herrn geneigtes Gehör zu finden, iſt die, unmittel⸗ bar vor der Tafel. Denn der Kaiſer legt zu dieſer Friſt alle Arbeit bei Seite, um die Verdauung vorzubereiten. Wenn Ihr Euch daher um dieſe Zeit einfinden, und nach dem neuen Kammergehülfen der Majeſtät, dem Junker Sei⸗ belſtorfer ſenden wolltet, um Euch melden zu laſſen, ſo hätte ich Luſt, mit meinem Kopfe den Erfolg zu verbürgen. Ich bitte Euch, gnädige Prinzeſſin, bis dahin meinem Worte zu trauen, und zu glauben, daß ich nur Euer Wohl bezwecke.“ Ludmille beſann ſich eine Weile, neigte aber dann mit freundlichem Danke das Haupt, und erwiederte lächelnd und bedeutend:„Ihr ſcheint mir gerne Beiſtand leiſten zu wollen, edler Junker, und ſomit glaube ich Eurem Rath, und werde nicht zögern, ihn zu befolgen.“ „Der Herr vom Bühl ehrt noch die alte Ritterſitte, die täglich mehr in Verfall geräth,“ ſprach die Markgräfin bei⸗ fällig.—„Alles für Gott, die Frauen und den König! iſt das nicht der Wahlſpruch der Paladine? Der Junker hat die Deviſe zu zwei Drittheilen angenommen; den König allein hat der freie Schweizer durchgeſtrichen, der keinen Fürſten über ſich erkennt.... Um ſo mehr darf ich mich wundern, daß er ſo gut Beſcheid in unſerer Königsburg niß. „Ich ſpreche aus Erfahrung, gnädigſte Frau,“ antwortete Archimbald.—„Auf dem angegebenen Pfade drang ich zu Sr. Majeſtät, der ich, als ein der Wiſſenſchaften Befliſſener, meine Huldigung darzubringen hatte, weil ihrer Freigebig⸗ keit die Künſte, wie die Gelehrſamkeit, ſo viel verdanken.“ Ludmillens Staunen wuchs mit jedem Worte Archim⸗ balds. Seine Gewandtheit, ſein unbefangener Ton und adelicher Anſtand drohten eine Empfindung in ihrer Bruſt“ zu erneuern, die ſie nur mit der raſtloſeſten Anſtrengung niedergekämpft hatte. Sie brach daher ſchnell auf. Seine Dienſtfertigkeit vor der Welt zu behaupten, ergriff Archim⸗ bald die Wachsfackel des Dieners im Vorzimmer und gelei⸗ tete mit der Leichtigkeit eines vollkommenen Edelmanns die Prinzeſſin zu ihrer Sänfte. Hier wollte er ihr ein dankba⸗ res Lebewohl zuflüſtern, allein er gewahrte, zum Glück noch bei Zeiten, bekannte Geſichter unter den Dienern,. ein vekannteres und theureres, Leila's Antlitz bog ſich aus dem Dunkel der Sänfte der Gebieterin entgegen,... und der Abſchiedsgruß erſtarb auf den Lippen des Jünglings. Mit halb abgewendetem Geſichte hob er die nicht minder wort⸗ karge Ludmille in den weich ausgepolſterten Tragſeſſel, und 2 17 entging, mit ſchnellem Bückling zurücktretend, den Falken⸗ blicken Leila's und der Diener, die gar zu gerne dem zierlich geputzten Junker unter den Federhut geſehen hätten. Mit leichter Bruſt, als hätte er eine Zentnerlaſt von ſich gewor⸗ fen, kehrte er in den Saal zurück, wo ſich bereits die ganze Verſammlung von der Fürſtin beurlaubte. Unter dem Ge⸗ dränge kam die Frau von Florenges auf ihn zu, und flü⸗ ſterte:„Die Markgräfin verreist morgen auf einige Tage, um das Todtenfeſt ihrer Schwägerin in ſtiller Einſamkeit zu begehen. Der Pallaſt iſt Euch aber darum nicht verboten, und unverwehrt bleibt es dem Freunde, die Verlaſſene trö⸗ ſtend heimzuſuchen.“— Dankbar ergriff der Geladene die Hand der Gräfin, aber ſchnell entzog ſie ihm dieſelbe, um vor der nahenden Markgräfin in das Gewühl der ſcheiden⸗ den Gäſte zu entweichen. Archimbald durfte nicht folgen, und mußte, dem Anßtande gehorchend, die Fürſtin erwarten, die, als ob ſie ihm etwas mitzutheilen hätte, herzutrat.— „Ich ſah die Gräfin von Euch gehen,“ ſprach ſie zu ihm. „Sie wird Euch mitgetheilt haben, daß ich auf einige Tage Prag verlaſſe. Ich ziehe mich für dieſe kurze Zeit auf ein Landhaus zurück, das ich, eine Stunde von hier, auf der Straße gen Czaslau beſitze. Ich feiere dort in verborgener Abgeſchiedenheit das Gedächtniß einer theuern Verwandten, die mir ein widriges Schickſal entriß.— Eine vertraute Kammerfrau und zwei alte Diener machen meine Begleitung aus. Jeder Beſuch iſt ſtreng in meiner Einſamkeit unter⸗ ſagt; wenn aber,“ ſetzte ſie mit leiſer Stimme hinzu... „wenn dem Junker vom Bühl ſeine Geſchäfte und Studia einige Nachmittagsſtunden frei laſſen ſollten, ſo iſt er von der Trauernden eingeladen, ſie in ihrer Einſiedelei zu —— 251 überraſchen.. Morgen ſchon. Sie hat dem Junker, an dem ſie vielleicht nur zu großen Antheil nimmt, etwas zu vertrauen, das ſeine Zukunft betrifft und ſein Glück beab⸗ ſichtigt.“ Eine ſtumme Verbeugung nahm die überraſchende Ein⸗ ladung an. Die Markgräfin ſenkte einen unausſprechlich zärtlichen Blick in Archimbalds Augen, reichte ihm mit zau⸗ beriſchem Lächeln die Hand, ſie zu küſſen, und entließ ihn huldvoll und gnädig, wie noch nie. Er ſtürmte fort, und die kalte Nacht, in welche er trat, war ganz geeignet, ſeine glühende Stirne zu kühlen. Nicht Ludmillens höchſt überraſchendes Wiederſehen, nicht der Mark⸗ gräfin ſchmeichelhafte Einladung, die ſeine Furcht mehr als ſeine Sehnſucht rege machte.. all' dieſes nicht;... Iſabellens Erlaubniß, ſie allein zu ſehen, zu ſprechen, das war es, was dieſen glühenden Sturm in ſeine Pulſe jagte. Er war ſich ſeiner Gedanken nicht klar bewußt; allein ihm war, als hätte die Stunde ſeines Glücks geſchlagen. Und wie denn ein Glücklicher, oder ein ſolcher, der im Wahne ſteht, es zu werden, ohne lang neben und hinter ſich zu ſchauen, fortſchreitet, das Angeſicht gen Himmel, das Auge in den Wolken, ſo ſchritt Archimbald auf den Gaſſen, die der herbſt⸗ liche Luftzug kältend durchſchnitt, und war ſchon nahe an Erlweins Wohnung, als er plötzlich verſtimmte, aus einem Seitengäßchen klingende Zithertöne vernahm, in deren un⸗ melodiſches Geſchrill eine heiſere Stimme ein Minnelied krächzte. Neugierig, den Sänger zů ſchauen, der an einem halb winterlichen Spätabend ſo viel Vergnügen daran fand⸗ ſein Liebchen, und mit ihr die ganze Nachbarſchaft auf Ko⸗ ſten ſeiner Lunge und Zither aus dem zu quälen⸗ drückte er ſich an der ſchwarzen Mauer hin gegen den un⸗ barmherzigen Spielmann. Mit einem heilloſen Triller hatte derſelbe ſo eben ſeinen Geſang geendetz die Laute verklang, ſank auf des Künſtlers Schooß, und er verſuchte die erſtarr⸗ ten Hände durch wiederholtes Hauchen und Puhſten wieder geläufig zu machen. Trotz der Finſterniß hatte aber ſeine krumme Haltung dem herbeigeſchlichenen Späher ſeinen Mann verrathen. Dieſe Stimme, dieſe Geberden, dieſe Art mit übereinander geſchlagenen Beinen auf der breiten Bank zu ſitzen.. ſie konnten nur einem Schneider angehören, und der buntſcheckige Anzug, der ſelbſt im Dunkeln die ſchreiend⸗ ſten Farben angab, beurkundete den Eigenthümer, Herrn David Gitz, der ſich ſo eben aufrichtete, um ſein Lied von Neuem zu beginnen. Archimbald klopfte ihm, in einer An⸗ wandlung von guter Laune, etwas derb auf die Achſel⸗ und der Erſchrockne ſtürzte, wie vom Blitze gerührt, zu ſei⸗ nen Füßen nieder, das freundliche:„Guten Abend!“ des Ueberraſchers gänzlich überhörend.„Barmherzigkeit! Gnade!“ wimmerte der vor Angſt halb entſeelte Tropf, und umfaßte Archimbalds Kniee...„Gnädigſter Prinz... Vergebung.. ich will Buße thun.„ich will in meinem ganzen Leben nicht wieder ſündigen.. vergebt mir nur dieſes Mal, und laßt mich lebendig von hinnen.“—„Biſt Du nicht David?“ fragte Archimbald, den Irrthum benutzend, mit barſcher Stimme und drohender Geberde. „Bin's Herr, bin's, mein gnädigſter Prinz;“ ächzte der Vernichtete, immer noch vor Archimbald knieend;„bin das elende Schneiderlein, was ſich erkühnt hat, ein Auge auf dasjenige zu werfen, das Ihr liebt, und der Alles 253 unumwunden bekennt, um durch ſein Bekenntniß Gnade zu erlangen.“ Das mühſam verhaltne Lachen, von Archimbald bis jetzt nur mit der äußerſten Anſtrengung gefeſſelt, brach in ver⸗ doppeltem Maße los mit einem Male. Der Schneider ſah nun wohl, daß ſeine ſchwache Einbildungskraft ihn gewaltig hinter's Licht geführt hatte, und wollte ſich ſachte bei Seite machen; allein Archimbald hatte ſchon zu viel aus dem plau⸗ derhaften Munde des Zitherſchlägers vernvmmen, um ihn ohne Generalbeichte von dannen ziehen zu laſſen. Für's erſte ſuchte er den Erſchrocknen alſo zu beruhigen, indem er ihm ſei⸗ nen Namen nannte. Der Schneider glotzte ihn an.„Guter Gott,“ ſprach er kleinlaut,„da hab' ich einen rechten Bock geſchoſſen; aber Euere Kleidung und Euere Waffen, die durch die Nacht durch mir in die Augen blitzen, geben Euch ſo etwas Ritterliches, daß ich Euch ohne Bedenken für den Prinzen hielt. Das böſe Gewiſſen mag wohl auch ein we⸗ nig mitgeſpielt haben.“ „Ohne Zweifel,“ meinte Archimbald.„Was iſt's aber mit dem Prinzen, und welchen Prinzen meint Ihr?— Zau⸗ dert nicht zu ſagen, was Ihr wißt. Euch iſt bekannt, auf welchem Fuße ich mit unſerm allergnädigſten Herrn und Kaiſer ſtehe, wie viel ich bei dem Doctor Dee gelte. Ge⸗ ſteht Ihr nicht, was Ihr hier gewollt, ſo zaubert mir der Letztere in einer halben Stunde alles hervor, was Ihr ver⸗ ſchweigt, und der Erſtere wird Euch derb abſtrafen laſſen⸗ für Euere krummen Schleichwege. Hofft auch nicht, mir zu entwiſchen. Ich gehe auf Befehl des Kaiſers durch alle Straßen der Stadt, um zu ſehen, ob alles ruhig iſt. Hin⸗ ter jenem Hauſe lauern die bewaffneten Vollſtrecker meiner 254 Macht, und halten Euch auf einen Wink von mir bei Euerm Schelmengenick feſt. Wählt alſo nicht lange, prüft nicht viel, bekennt, was es hier geben ſollte, und verlaßt Euch auf meine Freundſchaft, die alles zu verſchweigen wiſſen wird, einen Hochverrath an kaiſerlicher Majeſtät etwa aus⸗ genommen!“ „Ei, ei, verehrteſter Junker,“ verſetzte der Schneider halb ſcherzhaft, halb erſchrocken,„wie mögt Ihr doch dergleichen majeſtätsmörderiſche Gedanken in meinem armen Gehirne vorausſetzen. Wären alle Unterthanen ſo treu und ſchafge⸗ duldig wie ich, unſer Kaiſer und Herr hätte nicht halb ſo viel Verdruß. Nein, lieber Herr, hier handelt ſich's um nichts mehr, noch weniger, als um ein Mädchen.“ „So?“ fragte Archimbald langgedehnt.„Darf ich's glauben?“ „Euer Mißtrauen kränkt mich,“ erwiederte Gitz,„und ich will Euch daher vollends reinen Wein einſchenken. S iſt eine heidniſche Dirne aus dem Lande Bosnien, die der Prinz Julius erbeutet hat.“ „Erbeutet?“ fragte Archimbald neugieriger.„Wo denn?“ „Je nun,“ lächelte David etwas verlegen.„Auf dem Schlachtfelde nun wohl nicht, aber wohl in irgend einem Gäßlein unſrer guten Stadt Prag. Die Heidin kam im Dienſte einer Herrſchaft hieher, vor einigen Wochen ungefähr. Ein Auftrag der Gebieterin führt ſie aus dem Hauſe. Sie verirrt ſich in der weitläufigen unbekannten Stadt. Der Prinz Julius, der gewöhnlich bei Nachtzeit umhergeht, um die Töchter des Landes in Augenſchein zu nehmen, begegnet an einem Abend der Verlaſſenen, verſpricht ſie auf den rech⸗ ten Weg zu leiten, und bringt ſie geradezu in ein kleines Haus, das ihm gehört, und zum Frauenzwinger gebraucht wird. Dort ſteht das Haus, und darinnen wohnt ſie.“ „Vortrefflich!“ brummte Archimbald zwiſchen den Zäh⸗ nen.„Und wie kam't Ihr hinter das alles?“ „Ich bin des Prinzen Leibſchneider,“ antwortete der Schneider prahleriſch,...„ohne mich kann er ſchier nicht leben. In einer Anwandlung von froher Laune führte er mich hieher, um mir das weibliche Wunderthier zu zeigen.— Aber Herr,'s muß wahr ſeyn, ein Engel iſt ſie wenigſtens, und der Vogelſteller hatte ſein Vöglein bereits ſo zahm ge⸗ macht... ſo zahm... um den Finger konnte er's wickeln. Mein Herz hat aber der Anblick der ſchönen Zenide wild gemacht.“ „Zenide?“ rief Archimbald beſtürzt. „So heißt das Heidenkind,“ entgegnete Gitz.„Ich ließ mich vom Satan blenden, verliebte mich in die Hexe, und begehe den dummen Streich, den mir der Prinz übel ver⸗ gelten dürfte, wenn Ihr das Abenteuer nicht mitleidig ver⸗ ſchweigt.“ „Meine Hand darauf,“ ſprach Archimbald raſch.„Stumm wie das Grab! Doch entfernt Euch jetzt, ich höre meine Leute kommen.“ Der Schneider glaubte in der That, von Schrecken und Angſt bethört, in der Ferne Tritte und Waffengeklirr zu vernehmen, dankte dem Gnädigen mit einem eiligen Hände⸗ druck, und lief ſpornſtreichs durch die gegenüber kiegende Gaſſe davon. Archimbald blieb aber zurück, ſtarrte zu dem dunkeln Fenſter hinauf, und ſprach vor ſich hin:„Zenide! Betrügt mich meine Ahnung? wärſt du es?“ Im ſelben Augenblick hörte er das Fenſterlein klingen, und eine ſanfte 256 Stimme liſpelte auf die Straße:„Achmet! Achmet! biſt Du's?“ Ein unwillkührlicher Laut froher Ueberraſchung ent⸗ floh Archimbalds Lippen, denn Zenidens Stimme war es. Er bedachte ſich nicht lange, dem ſüßen Rufe zu folgen. Die Thüre und ihr hartnäckiges Schloß widerſtand ſeinen Be⸗ mühungen; allein ſein ſcharfes Auge entdeckte bald einen leichtern Weg. Ein großes Heiligenbild ſtreckte ſich am Hauſe empor. Für den geübten Kletterer war es ein Kinderſpiel, an demſelben in die Höhe zu ſteigen, und von der Eiſen⸗ ſtange aus, die aus der Mauer hervorragend den Heiligen⸗ ſchein feſthielt, ſich auf eine Reihe von Tragſteinen zu ſchwingen, die unter Zenidens Fenſter hinliefen, und vormals einen Altar gehalten zu haben ſchienen. Im Nu lehnte er in dem Fenſter, aus welchem die Türkin ihm, zärtlich grüßend, die weiche Hand entgegenſtreckte. Die erſten Fragen des Wiederfindens waren ſchnell gewechſelt, Zenidens Freude unbeſchreiblich. Sie hatte, durch Davids erbärmlichen Ge⸗ ſang geweckt, die ganze Verhandlung vor dem Hauſe be⸗ lauſcht, Archimbalds Geſtalt und Stimme erkannt, und nur den Augenblick, wo der überläſtige Dritte ſich entfernen würde, erwartet, um ihren Freund zu rufen. Sie beſtätigte dem dringend Forſchenden des Schneiders Erzählung, inſofern dieſelbe ſie betraf, ihre Ankunft zu Prag, die liſtige Weiſe, mit der ſie der Prinz in ſein Garn gebracht, und ihre jetzige Lage. Ach, nur zu bald konnte ſich's der aufmerkſame Zu⸗ hörer nicht mehr verhehlen: die Leichtſinnige gefiel ſich darin. Die Anmuth ihres Entführers, ſeine Schmeicheleien, die Sorgfalt, mit welcher er die Ketten der Unglücklichen zu vergolden trachtete, die Gewandtheit, womit er ihr heißes Vlut und ihre Sinnlichkeit in ſeinen Vortheil zu ziehen 257 wußte, alles hatte ſich vereinigt, ſeinen Sieg zu krönen, ihre Niederlage zu beſchleunigen. Sie hatte gewährt, und in ſorgloſem Taumel Gebieterin und Schweſtern vergeſſen, um an dem Buſen des freigebigen Julius der vergänglichen Freuden Becher zu leeren. Archimbald konnte Zeniden den Kummer nicht verbergen, der ihm ihre Erzählung verurſachte, und in dieſem Augenblicke, demjenigen gegenüber, den ſie geliebt hatte, für welchen gerade jetzt wieder neue Flammen in ihrer Bruſt aufſchlugen, fühlte ſie plötzlich zum erſten⸗ male das Schmachvolle ihres Verhältniſſes. Ihr Gemüth, einer leichten Fluth zu vergleichen, die bald ruhig dahin⸗ ſtrömt in ebnem Spiegel, bald vom Weſt gekräuſelt, fröh⸗ liche Wogen ſchlägt, bald ſtürmend einherbraust, vom Orkan zu weißem Schaum gepeitſcht,— ging ſchnell aus ſeiner leichtfinnigen Zufriedenheit in tiefen Schmerz über. Sie ward immer ſtiller unter den Zureden ihres Freundes, und als dieſer der Betrübniß erwähnte, mit welcher ihr plötzli⸗ ches Verſchwinden Ludmillen, die Fürſtin, Mermes und Leila heimgeſucht haben müſſe, brach ſie in heiße Thränen aus, und flehte ihn an, ihr ein Mittel zu nennen, dem Labyrinth zu entfliehen, worein ſie ihr böſer Stern verwickelt hatte. Archimbald konnte nur die Rückkehr zu der Fürſtin empfeh⸗ len, obgleich dieſer Vorſchlag für die Gefallne der kränkendſte ſeyn mußte. Sie konnte ſich nicht mit dem Gedanken ver⸗ traut machen, als eine Reuige, als eine Büßende zu der Wohlthäterin zurückzukehren, ſich den Demüthigungen zu unterwerfen, die ihrer vielleicht daſelbſt warten dürften, und verwarf den Vorſchlag beinahe gänzlich. Mit Mühe, mit dem unausgeſetzteſten Zureden brachte Archimbald ſie endlich zu dem Verſprechen, die Sache in Ueberlegung nehmen zu 258 wollen. Binnen zehn Tagen ſollte er wieder zur ſelben Stunde ſich einfinden, und ihren Entſchluß vernehmen, bis dahin aber ſich entfernt halten, weil der Prinz verſprochen hatte, auf einige Tage ſeinen gänzlichen Aufenthalt bei Zeniden zu nehmen.—„Ich bin von Auflaurern und Wäch⸗ tern umringt,“ ſchloß dieſe Letztere ihre Rede.„Die Schlüſſel des Hauſes ſind nicht einmal in meiner Gewalt, denn die Eiferſucht meines Herrn fürchtet immer, ich möchte die ge⸗ ringſte Freiheit zu meiner Entweichung benutzen. Dieſe ängſtliche Bewachung ſtimmt indeſſen mit den Sitten meines Vaterlandes überein, und bisher fand ich mich in meinem goldnen Käfig glücklich. Allein ich ahne, daß es jetzt anders ſeyn wird. So lieb Du mir auch biſt, mein Achmet, ſo wollte ich doch faſt wünſchen, Du hätteſt mich nicht wieder gefunden. Ich bin Deiner unwürdig, Du mußt mich ver⸗ achten, und Deine Worte drücken einen glühenden Stachel in mein Herz. Ich werde nicht mehr ruhig ſeyn können. Deine Beſuche werden mein einziger Troſt ſeyn; nur muß ich Dich bitten, ſo behutſam als möglich dabei zu Werke zu gehen, damit ich nicht ein Unglück zu beweinen habe. Julius iſt wild und jähzornig; wie ſeine Liebe, ſo kennt auch ſein Mißtrauen keine Grenzen. Keine Seele darf erfahren, daß wir uns kennen, denn nur auf dieſe Art wird meine Rettung aus den Klauen der Verführung möglich.“ Archimbald gelobte der ſchönen Sünderin das unverbrüch⸗ lichſte Stillſchweigen, ermahnte ſie noch einmal herzlich, ihre Wohlfahrt zu bedenken, und der ihrigen ſich zu erinnern, und nahm Abſchied von Zeniden, um noch einige Stunden des Schlafs zu genießen. Des am verwichenen Abend gefaßten Vorhabens einge⸗ denk, ſäumte er nicht, am nächſten Morgen, während er be⸗ ſchäftigt war, den Bart des Kaiſers ſauber auszuſcheeren, dem Monarchen Ludmillens Anliegen, und ihre vergeblichen Bemühungen, bis zu ihm zu dringen, mitzutheilen, als hätte ihm das Gerücht Beides zu Ohren gebracht. Rudolph, der heute wieder ſeine beſondere Laune hatte, wurde entſetzlich böſe, daß man ſich unterſtehe, ohne ihm's zu melden, Leute abzuweiſen, die Zutritt bei ihm verlangten, und gab, ohne ſich lange zu bedenken, Archimbald den Befehl, dafür zu ſorgen, daß die Prinzeſſin eingelaſſen werde, wenn ſie ſich wieder melden würde. Dem Jüngling hätte nichts Erwünſch⸗ teres begegnen können, und er beſorgte ohne Verzug ſeinen Auftrag.— Es war auch noch nicht der halbe Vormittag verfloſſen, ſo riefen ſchon alle Leibdiener nach dem Junker Seibelſtorfer, den eine vornehme fremde Dame ſehnlichſt zu ſprechen wünſche. Mit dem ſtandhafteſten Muthe bewaffnet, ging Archimbald dem erwarteten Beſuche entgegen, und wei⸗ dete ſich an dem Erſtaunen Ludmillens, die in dem Leibjun⸗ ker des Kaiſers den Junker vom Bühl und den Pagen von Worosdar erkannte. Sie vermochte nur, einige Worte zu ſtammeln, die der Dienſtfertige bald unterbrach, um die liebenswürdige Herrin zu Rudolphs Gemach zu geleiten.— „Ihr ſpielt zu Prag ein gewagtes Spiel, wie mich däucht,“ flüſterte ſie ihm zu, auf ſeinen Arm ſich ſtützend.—„Wenn mein Leben der Preis wäre,“ erwiederte er eben ſo leiſe, „ich würde mich glücklich ſchätzen, das Spiel zu verlieren, ſo es Euch Gewinn brächte.“— Ludmille erglühte, und ſuchte vergebens nach einer Antwort.—„Der Kaiſer wird Euch ſeinen Schutz gewähren,“ flüſterte er wie oben;„er 260 wird Euern Bruder, der, wie ich leider hören mußte, ſich unbeſchädigt aus ſeinem Waſſergrabe gerettet hat, um Euch in Ollmütz zu Tode zu quälen, zur Ruhe verweiſen. Ich verſpreche es Euch. Er kann noch mehr thun. Fordert Euern Vater von ihm.“—„Meinen Vater?“ fragte Ludmille be⸗ troffen.„Kann der Kaiſer Todte lebendig machen.“— Ar⸗ chimbald berichtete ihr aber in Kürze, daß ihr Vater lebe, nach Prag gekommen ſey, und ſich im Gefängniſſe des Radſchins befinde. Ludmille wollte nicht glauben, er ſchwor es aber heilig und theuer zu, und bat ſie, vom Kaiſer den Vater zurückzufordern, ohne jedoch mit einer Sylbe zu ver⸗ rathen, woher ſie Alles eigentlich wiſſe. Hierauf öffnete er ihr die Thüre des kaiſerlichen Zimmers und erwartete mit fröhlicher Ungeduld das Ende der Audienz. Sie hatte den Erfolg, den er ſich davon verſprochen hatte. Ludmille kam zurück, von der Gnade des Monarchen entzückt. Rudolph hatte ſich ſelbſt übertroffen. Die Schönheit der Bittſtellerin hatte ihn vermocht, ihr mit eigener Hand den angeſuchten Schutzbrief gegen die Gewaltthätigkeiten ihrer Blutsfreunde zu verleihen, und den Freibrief ihres Vaters auszufertigen, falls es ſich ergeben ſollte, daß der verhaftete Greis wirklich der Fürſt ſey.— Selig, wie eine Heilige, ſchwebte die rei⸗ zende Prinzeſſin dem harrenden Archimbald entgegen.— „Ihr ſeyd die Urſache der Erfüllung meiner Wünſche,“ ſprach ſie mit Flötenſtimme zu ihm, und Freudenthränen ſtan⸗ den in ihrem Auge.„Euch verdanke ich Rettung aus Ver⸗ führers Netzen, Schirm gegen rohe Gewaltthat des Bru⸗ ders, das Wiederfinden eines todt geglaubten Vaters. Und ich konnte Euch haſſen?“— Archimbald zuckte die Achſeln, und erwiederte, ſich bückend:„die Zeit kömmt und geht, 261 gnädigſte Prinzeſſin. Heute heben wir die Perle auf, die wir geſtern in den Staub traten. Es iſt das allgemeine Loos des Menſchen, verkannt zu werden. Auch ich kann ihm nicht entgehen, zufrieden, wenn meine Handlungen in etwas das böſe Vorurtheil widerlegen. Kein Wort mehr, keinen Dank. Ihr belohnt mich überſchwenglich, wenn Ihr den armen namenloſen Archimbald nicht mehr verabſcheut, und ihn in den Stand ſetzt, Euch bald wieder einen geringen Dienſt zu erweiſen.“ Herannahende Diener waren die Urſache, daß das Geſpräch zwiſchen den Beiden ſchnell abgebrochen wurde, und Ludmille ſich, in tiefe Rührung verſunken, entfernte. Archimbald ging froh wie ein König auf und nieder.„Glühende Kohlen! glühende Kohlen!“ rief er vergnügt vor ſich hin, und ſchwelgte in Ludmillens Beſchämung, in ihrer Reue. Seine Gefühle wurden endlich gemäßigter. Sanfte Wehmuth beſchlich ihn bei der Erinnerung an das Erwachen ſeiner erſten Liebe zu Worosdar. Ludmillens, Leila's Zaubergeſtalten ſchwebten lächelnd an ihm vorüber. Die gefallene Zenide ſchloß ſich an die ſchönen Bilder an. Für alle drei hatte er empfunden, doch gewann Iſabelle, die reizende Frau von Florenges, den Preis. So ſchwärmt der Schmetterling von Blume zu Blume, findet eine lieblicher als die andere, die lieblichſte iſt aber ſtets diejenige, in deren Kelche er gerade ſein präch⸗ tiges Gefieder entfaltet. Eine natürliche Gedankenverbindung leitete ihn auf den Beſuch, zu dem ihn die Markgräfin auf den heutigen Nachmittag beſchieden, und welchem auszuwei⸗ chen weder ſeine Dankbarkeit noch ſeine Hoffnungen erlaub⸗ ten. Wie bald verrauſchten auch nicht ein paar Stunden des Zwangs. Hatte nicht Iſabelle verſprochen, ihn dafür 262 zu entſchädigen?— Er trat alſo, bereit das Gebot beider Frauen zu erfüllen, rüſtig vor den Kaiſer und bat um Urlaub für den Nachmittag und Abend, um einen durchreiſenden Vetter gehörig bewirthen und noch ein Stück Wegs gelei⸗ ten zu können. Der Kaiſer weigerte ihm die Erlaubniß keineswegs, ſondern fügte noch derſelben den Befehl bei, ſich recht zu erluſtiren und viele Neuigkeiten in Stadt und Land zu ſammeln, um ſie in den Früheſtunden dem luft⸗ ſcheuen Monarchen wieder erzählen zu können. Nach Auf⸗ hebung der Tafel entließ er ihn auf die leutſeligſte Weiſe. „Gehe hin, lieber Vorkoſter,“ ſprach er zuletzt;„freue Dich Deines Lebens und danke dem Schöpfer, daß er Dich zu keinem Kronenträger gemacht hat. Berufe den würdigen Doctor Dee, ſammt Unſerm kaiſerlichen Hof-Mathematikus Brahe. Nach Unſerm Mittagsſchlummer mögen ſie ſich bei Uns einfinden. In ihrer Geſellſchaft, bei einigen hart ge⸗ ſottenen Eiern, wollen Wir den Abend zubringen.“ Archimbald verrichtete flugs, was ihm aufgetragen wor⸗ den, zog ſein Roß aus dem Stalle, ritt zu Erlweins Woh⸗ nung, vertauſchte daſelbſt ſein ſchwarzes Gewand mit dem glänzendſten Anzuge, der ihm zu Gebote ſtand, und eilte, geſchmückt wie ein junger Gott, durch die ſchöne Stadt, dem Thore zu, das gen Czaslau führt. B wölftes Rapitel. Des Herzens hochbeglückendes Gefühl Schlingt um den zarten Bund den Zaubergürtel, Geheimnißvoll geweiht, der jedes fremde Aug' In ſeine Schranken bannt. Anonymus. Die Sehnſucht hatte ſchon hundertmal die Markgräfin an das Fenſter ihres einſamen Landhauſes getrieben; hundert⸗ mal hatte ſie ſich wieder ſeufzend auf das Ruhebett geworfen, denn ihrer Ungeduld zögerte der beſchiedene Gaſt viel zu lange. Alles war bereit, den Erwünſchten auf's Beſte zu empfangen. Balſamiſcher Duft durchſtrömte die Gemächer. Perſiſche Teppiche deckten den Boden des Cloſets. Türkiſche Polſter luden in jedem Winkel deſſelben zur behaglichſten Ruhe ein. Große italieniſche Spiegel deckten die Wände. Koſtbare Damaſtvorhänge mit ſchweren goldnen Troddeln geſchmückt, wehrten der Tageshelle den freien Eingang. Die⸗ ſer Aufenthalt der Liebe bot die vollkommenſte Ruhe dar. Nur in dem Buſen der Beſitzerin pochte eine ſtürmiſche Un⸗ ruhe. Die Entſcheidung nahte. Ungeduldig zählte die Für⸗ ſtin jedes fallende Körnchen der Sanduhr, und wünſchte im 264 ſelben Augenblick die Stunden feſthalten, verſchieben zu kön⸗ nen. Sie glaubte ſich gefaßt, muthig, beſonnen, und eine beklemmende Angſt packte dennoch ihre Seele, als der Huf⸗ ſchlag eines herantrabenden Roſſes von Bühls Ankunft ver⸗ kündete, und ihr ſcheuer Blick, hinter den Vorhängen hervor⸗ ſchielend, dieſe Vermuthung bekräftigte.„Noch iſt es Zeit!“ flüſterte ihr guter Geiſt.„Laß ihn abweiſen, und die Gefahr geht vorüber.“ Ihr böſer Engel hingegen lächelte verächt⸗ lich über die Feigheit ihres Rathgebers. Die falſche Scham ſiegte. Ohne Widerrede erlaubte ſie dem Angemeldeten den Eintritt in das Cloſet, und der gefährliche Jüngling, in einer Tracht, die von Frau Venus ſelbſt geordnet zu ſeyn ſchien, ſtand vor der angenehm Ueberraſchten. Die Unterredung dauerte ziemlich lange, und die Bäume warfen lange Schatten, als Archimbald, ernſter als gewöhn⸗ lich, aber mit offener triumphirender Stirne, trotzigen Augen und einem kleinen ſpöttiſchen Zug um den Mund aus den Zimmern der Markgräfin trat, nach ſeinem Renner rief, und wie ein Sturmwind davon flog. Es öffnete ſich inveſſen kein Fenſter, um dem Erſehnten den Blick der Liebe noch lange folgen zu laſſen; denn die Augen, die ſo ängſtlich vor ſeiner Ankunft die Heerſtraße bewacht hatten, ſchwammen jetzt in einem Meer von Thränen. Der Buſen der Markgräfin flog, von den bitterſten Empfindungen bedrängt; die Röthe des Zorns hatte die Roſen der Liebe von ihren Wangen verjagt⸗ und die Hände flochten ſich krampfhaft in einander.„Ver⸗ ſchmäht!“ ſtammelte ſie endlich mit gepreßter Stimme; „verſchmäht von Dem, den ich zu beglücken dachte! Himmel und Erde! gab es jemals eine größere Demüthigung? Wie ging es nun zu, daß ich mich verſtellen, daß ich leidende 265 Schwermuth heucheln konnte, während der Grimm meine Bruſt folterte? daß ich ihm, der unter der Maske der Ehr⸗ furcht mich verwarf, Verzeihung lügen,.. ihn noch ferner in meine Wohnung einladen konnte?— Dank dir, göttliche Beſonnenheit, die trotz meiner Ueberraſchung mich nicht ver⸗ ließ! Du haſt noch den Schein, meine Ehre vor der Welt gerettet!“— Sie ſtand vor einem Spiegel ſtill.—„Dieſe Reize,“ fuhr ſie fort,„konnte der Grauſame verachten? Ge⸗ wiß, gewiß thront ein andres Bild in ſeinem Herzen; wer iſt aber die Nebenbuhlerin, die es mir entreißt? Das muß ich ergründen, und das beleidigte Weib wird ſich furchtbar rächen. Bis dahin aber bezähme die Fürſtin ihre Wuth; ſie begrabe das Andenken einer ſchwachen Stunde in ſchein⸗ bare Vergeſſenheit, und erſticke durch neue und größere Wohlthaten jeden Verdacht, der in dem undankbaren Jüng⸗ ling aufkeimen möchte. Der Blitz überraſche den Sorgloſen, und verzehre ihn um ſo gewiſſer.“ Unbekümmert um die Zukunft, getäuſcht von der Sanft⸗ muth und Milde der Markgräfin eilte indeſſen Archimbald nach Prag zurück, um pünktlich bei Iſabelle einzutreffen, bis der ungewiſſe Tritt ſeines Pferdes ihn bemerken ließ, daß demſelben ein Hufeiſen losgegangen. Eine Schmiede war in der Nähe und während die Geſellen den Gaul beſorgten⸗ trat Archimbald in die daneben ſtehende Schenke, die von luſtigen Prager⸗Leuten wohl angefüllt war. Er verſpürte heftigen Durſt, und verlangte einen Becher Wein. Der Ver⸗ langte erſchien, wurde auf einen Zug geleert und noch ein⸗ mal zum Füllen hingegeben. Während der Zwiſchenzeit ſah ſich der Trinker in der Stube um, und fand alle Augen auf denn ein Edelmann in ſolch Wat Gewande 5 — 266 war in dieſem Hauſe ein ſelten geſehener Gaſt. Halb un⸗ willig drehte er den Gaffern den Rücken, und erblickte auf einmal in der Ecke hinter dem Ofen zwei Bekannte, in trau⸗ licher Eintracht bei den Römern ſitzend. Erlwein und Eſchen⸗ reuter waren die beiden Zecher. Vergebens nahm Archimbald eine fremde Miene an; die Art, mit welcher der blonde Eſchenreuter ihn anglotzte, ließ ihn vermuthen, daß er von ihm erkannt werde, und obendrein vergaß ſich Erlwein in ſeiner Weinlaune ſo weit, den Junker durch ein vertrauliches Kopfnicken zu bewillkommen. Der Begrüßte fand es nicht nöthig, die Freundlichkeit zu erwiedern, ſtellte ſich, als hätte er ſie nicht bemerkt, und wendete ſich, einen Fluch zwiſchen ſt den Zähnen, brummend ab. Er ſtürzte den herbeigebrachten Wein ſo ſchnell hinunter, als ſäße er bei einem Studenten⸗ gelage, warf vornehm ein Silberſtück auf die Tafel, und beſtieg ſeinen Gaul, der den Feuergeiſt des Weins wohl ſpüren mochte, welcher in ſeinem Herrn um ſo heftiger zu wirken begann, als er bisher für denſelben nur ein ſeltnes Getränk geweſen war. „Wer war der Junker?“ fragte Eſchenreuter ſeinen Nach⸗ bar, der gerade in der übelſten Stimmung war, ein Geheim⸗ niß zu bewahren.„Du mußt ihn kennen.“— Erlwein zuckte die Achſeln, ſchüttelte den Kopf, und ſteckte verlegen die Naſe in das Glas.—„Was ſoll denn das heißen?“ fragte Eſchen⸗ reuter auf's Neue, und durchbohrte den Geheimnißvollen mit ſeinem pfiffigen Blick.„Wozu hältſt Du dergeſtalt hinter dem Berge? Hab' ich's etwa nicht geſehen, wie Du ihn grüßteſt?“—„Da hab' ich einen dummen Streich gemacht,“ erwiederte Erlwein trocken.—„Wie ſo?“ fragte der zudring⸗ liche Freund.—„J nun,“ verſetzte Erlwein;„s war dumm 267 von mir, daß ich einem Menſchen zugewinkt habe, den ich nicht kenne.“ „Du biſt entſetzlich ungeſchickt im Lügen, guter Freund,...“ lachte Eſchenreuter;„wirſt mich aber damit nicht irre machen. Du kennſt ihn genau. Er Dich ebenfalls. Ich hab's ihm angeſehen. Er wurde roth wie ein feuriger Ofen, und hat Dich ſicherlich in ſeinem Gemüthe zu allen Teufeln gewünſcht. Warum haſt Du auch in ſolch gemeiner Gefellſchaft Dir merken laſſen, daß Du Seine Geſtrengen kennſt. Mich würde es freilich nicht wenig ärgern, von einem Pfauenſchweif, wie der Junker einer iſt, mich verleugnet zu ſehen, als ob ich zu ſchlecht wäre, ihn nur grüßen zu dürfen. Ich könnte das nicht vertragen, aber freilich..... einer iſt nicht wie der andre. Mancher ißt ſich an einem ſchlechten Stücklein Fiſch ein Fieber an den Hals, während manch andrer Huf⸗ nägel vertragen kann, wie der Vogel Strauß. Quod licet Jovi, non licet bovi.“ „Bleib mir vom Leibe mit Deinem lateiniſchen Kram!“ rief Erlwein, deſſen empfindliche Seite gut getroffen war. „Ich bin kein Jovi, kein bovi, kein Vogel Strauß. Mich hat's verdroſſen, daß er ſich meiner geſchämt hat; recht geärgert hat es mich,“ ſetzte er mit ſteigender Hitze hinzu, „denn die Freundſchaftsdienſte, die ich ihm erwieſen habe, und gegenwärtig noch erweiſe.... Na, wir wollen davon ſchweigen.“ „Ja, Bruder Herz, das wollen wir,“ ſtimmte Eſchen⸗ reuter ein, der auf dieſem Wege ſeinen Zweck am vollſtändig⸗ ſten zu erreichen hoffen durfte.—„Schlecht belohnte Freund⸗ ſchaftsdienſte verdienen freilich nichts Beſſeres, als bekannt gemacht zu werden, zur Beſchämung der Undankbaren,... 18 268 allein, was kümmert das mich? Ich hätte mich nicht im Geringſten nach dem Junker umgeſehen, hätte er nicht ſo, viel Aehnlichkeit mit...... „Teufelskerl!“ lachte Erlwein, und fſtützte den ſchweren Kopf behaglich in die Hand...„haſt Du die Aehnlichkeit auch gleich weg? nach ſo langer Zeit obendrein!“ „Laß mich nur ausreden,“ erwiederte Eſchenreuter.„Du weißt ja nicht, ob ich auf der rechten Fährte bin,— ob nicht. Es iſt freilich ein unwürdiger Vergleich zwiſchen dem Edelmann, Deinem Freunde, und einem Taugenichts. Aber ich will ſterben, wenn der Junker nicht dem Landſtreicher, deſſen Bekanntſchaft wir im Hundeloch zu machten, wie aus dem Geſicht geſchnitten iſt.“ Erlwein lachte verſchmitzt, und raunte dem Blonden zu: „Der iſt er auch.“ „So?“ forſchte dieſer.„Nicht möglichz Du haſt mich zum Beſten.“ „Bei meiner armen Seele: Nein!“ betheuerte der Erſtere. „Dieſer Wein, den ich jetzt meine Gurgel hinab fließen laſſe, ſoll mir zu Gift werden, wenn ich gelogen habe.“ „Ei! ei,“ murmelte der Andere, mit dem Kopf ſchüttelnd, was Du da ſagſt. Wie biſt denn Du mit ihm bekannt geworden?“ Der letzte Becher Wein war für Erlweins Verſtand in der That gefährlich geworden, und hatte ſeine Zunge gelöst. Bald war ſein Zuſammentreffen mit Archimbald, ihre Reiſe, ihre Abenteuer, ihr gegenwärtiger Vertrag kein Geheimniß mehr für den lauſchenden Eſchenreuter, der an dem Schluſſe der Erzählung mehr Antheil nahm, als ſich der bezechte Plauderer träumen ließ. Endlich ſchlug der Zuhörer, dem 269 tein Wort entgangen war, auf den Tiſch, und er rief: „Deine Nachricht, Freund Erlwein, iſt nicht mit Gold zu bezahlen, obſchon ſie mir auf's Neue die Galle rege macht. Thut nichts indeſſen. Weiß ich doch jetzt den Mann, an dem ich ſie auslaſſen darf. Nun, warte, warte, ſauberer Junker! Ich will Dir die Jacke ausklopfen, daß kein Stäub⸗ chen darin ſitzen bleiben ſoll.“ „Was haſt Du denn?“ fragte Erlwein ganz verblüfft und ſperrte die Augen weit auf.„Da habe ich am Ende wieder einen dummen Streich gemacht.“ „Behüte,“ lachte Eſchenreuter wild und ausgelaſſen.„Den geſcheuteſten, ſeitdem Du auf der Welt umherkriechſt. Ich möchte des Teufels werden vor Vosheit, und dennoch bin ich vergnügt, daß ich weiß, wen ich vor mir habe. Du kennſt den alten Doctor Cyriak in der Altſtadt? Nicht? Nun gleichviel. Sein Mädel, die braune Anna, war mein Augapfel, iſt es noch, das undankbare Geſchöpf. So oft meine alchymiſtiſchen Dienſte im Laboratorio des Kaiſers geendigt waren, und Se. Majeſtät ſich allein in die Küche eingeriegelt hatte, flog ich zu dem alten Cyriak, um dem Halbblinden bei der Bereitung ſeiner Arzeneien zu helfen, und mit der Tochter zu koſten. Wir ſprachen von Mond⸗ ſchein, Blumen, Liebe und Zukunft; hin und wieder fiel auch ein Küßchen ab. Alles ging vortrefflich, bis auf ein⸗ mal der Satan einen Nebenbuhler in's Haus führt, der... es mag ein halb Jahr her ſeyn. ſeine Lehrzeit zu been⸗ digen, bei dem alten Geizhals einzieht. Da war all meine Freude aus. Der Burſche, ein Student im ſchwarzen Rock, den ich nur ein einzig Mal in der Dämmerung am Fenſter geſehen habe, wandte auf einmal das Herz meiner Anne 270 von mir ab. Tauſend Zufälligkeiten machten es mir kund. Ich ward eiferſüchtig, mürriſch, grob. Anne lachte mich aus. Ich drohte. Sie wies mir die Thüre. Endlich kam es zum offenbaren Bruch! Ich verließ vor einigen Tagen das ver⸗ maledeite Haus, um es nie wieder zu betreten. Dem ab⸗ ſcheulichen Studenten... Meßner nennt ſich der Bube dort— habe ich allenthalben aufgelauert, doch umſonſt. Der Feige ſitzt unter Tags zwiſchen ſeinen vier Mauern, bloß des Abends fliegt er auf ein Paar Stunden aus. Um dieſe Zeit wechſelt er bei Dir die Kleider, und treibt dann, Gott mag es wiſſen was. Denn nun ich Deinen Bericht gehört, lege ich mein Haupt auf den Block, wenn Dein Junker und der Student Meßner nicht eine Perſon vorſtellt.“ „Was Du nicht ſagſt?“ lallte Erlwein und lachte.„Das wäre ja eine verwünſchte Hiſtorie!“ „Verwünſcht iſt ſie bei meiner Seligkeit!“ rief Eſchen⸗ reuter.„Aber, nun ich weiß, wer der Nebenbuhler eigentlich iſt, ſoll er die Stunde verwünſchen, die ihn nach Prag geführt hat.“ „Laß mich nur aus dem Spiele, Bruderherz!“ ſtammelte Erlwein,„in meiner Stube verbitte ich mir alle Gewaltthat.“ „Ohne Sorge,“ erwiederte Eſchenreuter.„Lieb Annchens Haus ſoll der Schauplatz ſeyn, das Feld, auf dem die ge⸗ rechte Rache ſiegen wird.“ „Wenn's ſo iſt, in Gottesnamen!“ brummte der Maler, ſank mit dem Kopf auf den Tiſch, und ſchlief in Kurzem ein. Eſchenreuters Gehirn ging mit einer Menge von Entwürfen ſchwanger. Keiner behagte ihm. Die Da⸗ zwiſchenkunft eines Dritten ſollte ihn in ſeiner Wahl beſtim⸗ men. Es hinkte nämlich der Schneidermeiſter David Gitz b 71 herein, verzog bei jedem Schritte das Geſicht gar jämmerlich, und betrachtete ſeufzend ſein von Staub und Koth arg ent⸗ ſtelltes Gewand. Er ſchob ſich, um die Aufmerkſamkeit der nebrigen nicht auf ſich zu ziehen, längs der Mauer bis zum Ofentiſch, wo er ſich erſchöpft an Eſchenreuters Seite nieder⸗ ließ.—„Woher ſo ſpät, guter Meiſter?“ fragte der Alchy⸗ miſt,„in welchem Zuſtande laßt Ihr Euch unter Menſchen ſehen? Ihr dürft nicht zu der Hochzeit des reichen Mannes, denn Ihr habt kein hochzeitliches Kleid an.“ „Wohl wahr,“ erwiederte David mit tiefen Seufzern. „Ach, lieber Herr Eſchenreuter, hättet Ihr mein Unglück geſehen... Ihr würdet Mitleiden mit mir haben. Ein toller Reiter hat mich hart am Thore in den Staub gewor⸗ fen, ſo daß mein Gewand alle Farben des Erdreichs trägt, und mein Fuß gar erbärmlich verſtaucht iſt. Ueber eine Viertelſtunde brauchte ich, um hieher zu hinken, weil ich mich ſchäme in dieſem Aufzuge nach Prag zurückzukehren, vevor die finſtre Nacht eingebrochen.“ „Armer Mann!“ äußerte Eſchenreuter theilnehmend.„Wer war aber der Sauſewind, der einen Leibſchneider und an⸗ gehenden Hofnarren alſo mißhandeln durfte? Ein unge⸗ ſchlachter Kriegsmann ohne Zweifel?“ „Nicht doch,“ verſetzte David wichtig, indem er ſich das⸗ verletzte Bein rieb.„Ich kenne den groben Reiter wohl, er iſt nicht Fiſch, nicht Vogel, von allen ſieben Suppen ein Dünklein. Junker, Student, kaiſerlicher Diener und Tafel⸗ kredenzer, Sterndeuter und ſo weiter. Ihr habt ihn vielleicht vorbeijagen geſehen, denn des Wegs kam er gerannt als wie der leidige Satan. Karmeſinrothes Wamms, gemslederne Beinkleider, einen funkelnden Dolch an der Seite, Straußen⸗ 272 federn auf dem Hut. Ein dunkles Roß mit rothem Riemzeug, eine türkiſche Reitpeitſche in der Fauſt.“ „Ganz recht,“ antwortete Eſchenreuter,„ich beſinne mich.“ — In der That beſann er ſich auf der Stelle auf Archim⸗ bald, der die beſchriebne Kleidung trug.—„Und Ihr habt die Beleidigung erduldet von dem Gelbſchnabel.“ „Gelbſchnabel hin, Gelbſchnabel her!“ rief David kopf⸗ ſchüttelnd, und ſchlürfte behaglich den Wein.—„Mit dem binde ich nicht an. Hätte wohl ſonſt noch wichtigere Sachen anzubringen, als dieſe iſt.“ „So?“ fragte Eſchenreuter neugierig und ſetzte ſich bereits in Poſitur, ſeine Kunſtgriffe, die bei Erlwein von ſo gutem Erfolg geweſen waren, auch an dem Schneider zu verſuchen. Der letztere aber, der geſchwätzigen Elſter nicht unähnlich, ließ ihm keine Zeit dazu, und erzählte von ſeinem Abenteuer verwichener Nacht, von ſeinem Ständchen, von Archimbalds Dazwiſchenkunft, von ſeinem Bekenntniß und ſeiner Flucht. „Ich war ängſtlich wie ein gehetzter Haſe,“ ſprach er,„allein, wie denn nun Adams Kinder ſind: die Neugierde überwog ſogar die Furcht, neuerdings von dem ungebetnen Schar⸗ wächter ertappt zu werden. Da ich keine Bewaffneten kom⸗ men hörte, und die Vermuthung in mir aufſtieg, es möchte. dieſes Vorgeben wohl nur eine Kriegsliſt geweſen ſeyn,. ſo verſteckte ich mich hinter einen breiten Eckſtein, und be⸗ merkte bald, daß ein Nebenbuhler den andern von dem Taubenſchlage weggebiſſen hatte. Denn der Junker, der mir ſo grimmig gedroht hatte, kletterte am Fenſter empor⸗ und ich hörte die Heidin mit ihm plaudern, als ob ſie Landsleute, oder ein längſt verſtandnes Liebespaar wären. Leider konnte ich von der Unterredung nichts verſtehen, als 273 die Verſicherung des Junkers, die er im Herabklettern leiſtete, bald wieder zu kommen, falls ihn nichts abhielt, am zehnten Tage aber zuverläſſig einzutreffen, es möge dazwiſchen kom⸗ men, was da wolle. Hierauf ging er da, und ich dort hin⸗ aus, dachte mir mein Theil und wiſchte mir das Maul. zum Danke, daß ich ihn nicht ſtörte, reitet der adeliche Schnepfenfanger mich heute auf offner Straße nieder!“ „Eine gerechte Strafe für Euer Schweigen gegen den Prinzen Julius,“ entgegnete Eſchenreuter.„Der gute Herr läßt ſich Eure ſchlechten Röcke gefallen, und Ihr ſagt ihm nicht einmal, daß der Marder vor ſeinem Hühnerhauſe ſitzt. Schämt Euch!“ „Keineswegs!“ ſprach David und legte den Finger an die Naſe.„Ich bin nicht ſo dumm; der Junker gilt viel bei unſerm glorreichſten Kaiſer. Plaudert' ich nun etwas aus, hätte ich den Kaiſer, den Doctor Dee den Geiſterbanner, den Hofmathematikus, den Propicz und den Junker obendrein wider mich. Dem Prinzen würde alles vor der Naſe abge⸗ leugnet, und wer ſäße in der Patſche? Der Schneidermeiſter Johann David Gitz. Wer bekäme von beiden Parteien die Prügel? Der unwürdige Diener, der an Eurer Seite ſitzt.“ „Beim Lichte beſehen, habt Ihr recht,“ erwiederte der verſchmitzte Eſchenreuter, dem mit einem Male ein neues Vorhaben durch den Kopf ging.„Ihr thut am beſten, zu ſchweigen. Wenn aber die Sache ohne Euer Zuthun heraus fommen ſollte, würdet Ihr wohl Euer Zeugniß nicht weigern?“ „Gewiß nicht,“ verſicherte David mit Schadenfreude.„Im Gegentheile, ich wäre froh, wenn's dem groben Kumpan ein Bißchen auf's Leder ginge. Er ſollte dann das Niederreiten wohl bleiben laſſen.“ 274 „Das meine ich auch,“ lächelte Eſchenreuter.„Sagt mir aber doch gefälligſt, wie nennt ſich der ſaubre Junker, der bei der Geliebten des Prinzen in's Fenſter ſteigt? Ich habe mich vorhin mit dem Erlwein, der wie ein Sack an meiner Seite ſchläft, von dem tollkühnen Reiter unterhalten. Er hat mir den Namen deſſelben nicht genannt.“ „Seibelſtorfer heißt der Fant!“ antwortete der vom Wein herzhaft erglühende Schneidermeiſter.„Der Seibelſtorfer hat mir die Heidin von der Naſe weggeſchnappt; der Seibel⸗ ſtorfer hat mich beinahe zu Tode geritten, und wenn jemand es verſtünde, dem Seibelſtorfer einen Kler anzuhängen, ohne daß für mich ein Schade daraus erwüchſe, ſo würde ich dieſem Jemand ein fürſtliches Trattement ausrichten, und auf ein ſpaniſches oder ungariſches Kleid käme mir's auch nicht an.“— „Das ließe ſich allenfalls hören,“ meinte Eſchenreuter. „Na, wer weiß, lieber Meiſter? Zeit bringt Roſen. Eile mit Weile. Putzt indeſſen nur die Flecken aus Euerem Ge⸗ wande, bügelt die ärgerlichen Falten aus Euerem Mantel, und verlaßt Euch auf eine vergeltende Macht, welche auch die Leiden eines Schneiders auf ihrer Wage wiegt, und nicht unbelohnt läßt.“ Mit dieſen ſalbungsreichen Worten ſtand der Schalk auf, ließ den Maler im Traubenblute liegen, den Schneider behaglich beim Humpen ſitzen, und wanderte nach Hauſe, um ſeine Anſchläge gehörig zu überlegen, ehe er ſie in's Werk richtete. Wahrnehmend, daß der gehaßte Seibelſtorfer bei dem Kaiſer in Achtung ſtehen müſſe, obſchon es ſchwer war, ſich in dem Krimskrams des Schneiders zurecht zu finden,— verwarf er gänzlich den Entwurf perſönlicher 275 Rache, den er früher angenommen hatte. Er beſchloß, die Eiferſucht des Prinzen Julius durch einen ununterzeichneten Brief rege zu machenz... den in Zenidens Beſitz Gekränk⸗ ten zum Werkzeug ſeiner Vergeltung zu gebrauchen; durch den wegen ſeiner Herkunft und Anerkennung über dem Geſetze ſtehenden Kaiſerſohn, die Unbill zu ſtrafen, die Archimbald unter dem Namen Meßner an ihm verübt haben ſollte, und dem ganzen Anſchlag dadurch eine für den Junker nach⸗ theiligere Wendung zu geben. Archimbald lebte indeſſen, während ſein böſer Geiſt Un⸗ kraut ſäete, Augenblicke ſeliger Wonne. Er ſaß bei Iſabellen in dem traulichen Stübchen, dem Schmollwinkel der anmu⸗ thigen Frau. Den Inhalt ihres Geſprächs hatte keine Seele erlauſcht, allein die Stellung Archimbalds und ſeiner Freun⸗ din ließen ihn errathen. Der Geliebten gegenüber ſitzend, ſein Auge auf das ihrige geheftet, ſein Knie an das ihrige geſchmiegt, ihre Rechte mit beiden Händen haltend, und mit Küſſen überſäend, ſchien der Jüngling vor wenig Augen⸗ blicken ein Geſtändniß gewagt zu haben, das nicht ungünſtig mochte aufgenommen worden ſeyn. Denn der Gräfin Wan⸗ gen brannten, ihre Hand zitterte und blieb doch ſo gerne in ihren Feſſeln, ihr Buſen ſtieg haſtig auf und nieder, und ihr Blick ſchien in deſſen leichter Verhüllung Wurzel ge⸗ ſchlagen zu haben. Der Jüngling von der ſeligen Stunde überraſcht, glühend von Liebe und Rebenfeuer, drang mit der Leidenſchaft allgewaltigſter Rede in die ſchwach Wider⸗ ſtrebende, und ließ nicht ab, bis das entzückende Gegenbe⸗ kenntniß den roſigen Lippen entfloh und mit einem Zauber⸗ ſchlage die ſeinigen mit ihnen zum erſten Kuß verband. Der Auftritt wechſelte nun. Archimbald, an die Seite ſeiner 276 Huldin geſchmiegt, hielt ihren ſchlanken Leib umſchlungen, ihre Hände hielten die ſeinigen und drückten ſie zärtlich, während ihr Haupt mit ſeinem üppigen Lockenreichthum an des Geliebten Bruſt ruhte. Dieſe Hingebung, dieſes zarte Anſchmiegen... wie weit entfernt ſchien es dem Liebe⸗ trunknen von Zenidens Sinnlichkeit, von Ludmillens ſcheuer Sprödigkeit, die kaum eine Fingerſpitze dem Freunde über⸗ ließ, von Leilas Ehrfurcht endlich, die in dem Geliebten nur den ſtrengen Gebieter ſehen wollte. Das iſt die Liebe!— flüſterte ſein Herz; das iſt ihre Wonne!— ſeine Empfindung; und feſter drückte er das ſchwere Kleinod an ſich, und wies lächelnd der Reitzenden das veilchenblaue Band, das er auf ſeiner Bruſt gleich einem Heiligthume bewahrt hatte. Ver⸗ geltend drückte ſie einen neuen Kuß auf ſeinen Mund, und flüſterte:„Du haſt ſie werth gehalten, die kleine Gabe der armen Iſabelle! Ach, mit dieſem Bande beſaßeſt Du ſchon meine Liebe, an dieſes Band knüpfte ſich ſchon dazumal mein Herz. Du haſt es heilig bewahrt. Darum wankte auch meine Neigung nicht. Darum bliebſt Du mir treu.⸗ Der Jüngling beugte ſich lächelnd zu ihr hernieder und fragte mit ſchmeichelnder Stimme:„Iſt es denn ein ſo großes Verdienſt, der Verführung zu widerſtehen, wenn man Dein Bild im Herzen trägt?“. Die Gräfin lächelte durch Thränen, ſenkte das Haupt, und ließ lange, ohne zu ſprechen, die Perlen, die ſie um den Hals trug, durch ihre Finger gleiten; als aber Archim⸗ bald durchaus und ohne Aufhören auf Antwort drang, ſprach ſie endlich mit unbeſchreiblich ſüßer Stimme:„Wenn es wahr iſt, was die alten Dichter fingen, wenn die Liebe eine Kunſt, das Weib die Lehrerin derſelben iſt, ſo beant⸗ ——— R wortet ſich Deine Frage von ſelbſt. Wir lieben nur den Jüngling, den wir ſelbſt bildeten. Jeder fremde Einfluß iſt ein Eingriff in das Recht, das wir uns über den Freund anmaßen. Mögen wir eigennützig erſcheinen, was ſchadet es? Lieben wir wahr und innig mehr als einmal? Darf man uns ſchelten, wenn wir zum Gegenſtand der ſchönſten Leidenſchaft nur den reinſten uns erwählen?“ „Wer bürgt Dir dafür, daß ich es bin?“ fragte Archim⸗ bald und ſenkte den glühenden Blick in das feuchte Auge der Gräfin, die erröthend verſtummte und in ſeine Arme ſank. Dreizehntes Rapitel. Ja, eine Stimme wohnt in unſrer Bruſt, Die Glück und Unheil uns voraus verkündet! Mit ſchweren und bedeutungsvollen Zeichen Trat dieſe Nacht in ihren ſchwarzen Kreis. S Wer weiß, was ſie in ihrem dunkeln Schvoße Noch birgt! Anonymus Die Markgräfin hatte ſich nach mehreren Tagen unter dem Vorwand einer plötzlich ausgebrochenen Krankheit nach der Hauptſtadt zurückbringen laſſen. Der Kaiſer hatte durch Zufall davon vernommen, und wahrſcheinlich ebenfalls durch Zufall war durch dieſe Nachricht ſeine Theilnahme rege ge⸗ macht worden. Er ließ daher dem Doctor Dee anbefehlen⸗ 278 in ſeinem Namen die Markgräfin zu beſuchen, zu behandeln, und wieder herzuſtellen. Dee erzeigte ſich dem erhaltenen Befehle Gehorſam. Die Markgräfin mußte den von ſo hoher Hand geſandten Arzt empfangen, wenn ſie gleich keine Luſt dazu hatte. Der Doctor fand nicht das geringſte Symptom einer Krankheit an der Leidenden, eine heftige Gemüthsbe⸗ wegung ausgenommen, die ſeine Menſchenkenntniß mit vollem Rechte aus andern Quellen herzuleiten geneigt war. In⸗ zwiſchen verſah er als pflichtgetreuer Diener des Monarchen ſein Amt bei der ſogenannten Kranken, als ob die größte Gefahr vorhanden wäre, bis nach Verlauf von drei Tagen die Markgräfin ſelbſt für gut fand, die Geneſende zu ſpie⸗ len und das Bett zu verlaſſen. Eine große Verſammlung von Frauen und Herren feierte das Feſt ihrer Wiederherſtel⸗ lung, und der Doctor mußte nothgedrungen dabei erſcheinen, und ſeinen Platz neben der Markgräfin nehmen. Vornehmen Umgang nicht gewöhnt, ſaß er ſtumm und wenig beachtet in dem Kreiſe, als der Diener den Namen des Junkers von Bühl in das Gemach rief, und der Gemeldete raſch hinter demſelben eintrat. Welche Ueberraſchung für den Doctor! Der Junker war ſein Archimbald in koſtbaren Kleidern, befiedert und bewehrt. wie nur ein reicher Edelmann es ſeyn konnte. War Dee betroffen, ſo war es Archimbald nicht minder. Die Klug⸗ heit trug aber in Beiden den Sieg davon. Der Doctor ſtrich ſich den rothen Schnauzbart, und bewillkommte Archimbald als einen Fremden. Dieſer erwiederte den kühlen Gruß auf dieſelbe Weiſe, und wünſchte der Markgräfin unbefangen und demüthig zu ihrer Geneſung Glück. Sibylle nahm den Glückwunſch mit der Sanftmuth auf, die ſie ſo vortrefflich 279 zu erkünſteln wußte. Nicht leicht werden drei Menſchen wie dieſe in einem ſo kleinen Raume beiſammen geweſen ſeyn; ein jeder bemüht, den andern zu täuſchen, ein jeder über⸗ zeugt, von dem andern getäuſcht zu werden. Das Geſpräch nahm bald darauf eine allgemeinere Wendung, und Archimbald begnügte ſich, in einer geringen Entfernung von der Mark⸗ gräfin und dem Doctor Stand zu halten, um ein geheimes Geſpräch zwiſchen ihnen zu verhüten. Er theilte ſeine Auf⸗ merkſamkeit zwiſchen den Benannten und der Frau von Florenges, die, ihm gegenüber, wonnetrunken in ſeinem Anſchau'n verloren, nicht nur der Sterblichen Schönſte, ſon⸗ dern auch die Glücklichſte der Erde zu ſeyn ſchien, bis der Doctor aufbrach und die Geſellſchaft verließ.— Der Britte wickelte ſich in ſeinen Mantel, und überlegte auf dem Heim⸗ 1 wege, wie wohl das Räthſel, das ſich ſeinem Auge ſo un⸗ verhofft dargeſtellt hatte, zu löſen ſey.— Das war ſeinem Luchsauge entgangen, daß Archimbald im Stande ſey, zwei Geſichter zu tragen, und obendrein ſo verſchiedene Geſichter. Er fühlte ſeufzend, daß ſeine Saat hier nur zu üppige Früchte trage, daß der Schüler den Meiſter übertreffe, daß wohl noch Mehreres zu beſorgen ſey. Zu welchem Endzweck auch die Mummerei, das Beſuchen vornehmer, geſelliger Kreiſe, wenn nicht ein Kgeheimer Plan darunter verborgen lag? Ein Plan, der wohl am Ende des Lehrers Verhältniß am Hofe gefährden durfte! Hatte der ſchlaue Bube nicht ſchon als wie mit Zauberarmen Rudolphs Zuneigung an ſich geriſſen? Hatte er nicht gefliſſentlich den Doctor ver⸗ mieden? Hatte er ſich nicht unterſtanden, hin und wieder die täglichen Berichte an denſelben wegzulaſſen, oder falſche zu ſchmieden, woraus oft ſonderbare Mißverſtändniſſe ihren — 280 Urſprung nahmen, weil der Doctor zu ſeinen magiſchen Kunſtſtücken und Geiſtererſcheinungen, mit denen er den wachen Fürſten bald unterhielt bald ſchreckte, dieſe genaue Kenntniß des häuslichen Lebens deſſelben benutzte, um mit jedem Tage mehr Gewicht in ſeiner Meinung zu erhalten? Von Tag zu Tag aber war Archimbald dem Doctor ver⸗ dächtiger geworden, und um ihn auf gute Art zu entfernen, warnte Dee den Kaiſer zum öftern vor ſeinem Famulus, ließ die Sterne drohen, Spuckgeſtalten und Ahnungen ſprechen, bewirkte aber nicht das Geringſte dadurch. Des Kaiſers abergläubiſches Gemüth wurde ſcheuer, allein ſein Vertrauen zu Archimbald nicht geringer. Mit der Zeit ſah der kluge Britte, daß er auf dem beſten Wege ſey, ſich ſelbſt das Spiel zu verderben, und den Monarchen auf ſeinen Fuchsgang aufmerkſam zu machen; er unterließ daher mit einemmale ſeine bisherigen Ränke, und begnügte ſich, auf die Stunde zu warten, die früh oder ſpät ihm ſein Opfer in die Schlinge liefern ſollte. Entſchloſſen, ſeine Kreatur, weil ſie es wagen wollte, ſelbſtſtändig zu ſeyn, zu vernichten, war ihm die Be⸗ gebenheit des heutigen Abends von beſondrer Wichtigkeit. Er fürchtete, Archimbald möchte vielleicht auf Geheiß des Kaiſers in dieſer Verkleidung herumgehen, um für den Mo⸗ narchen unter dem Volke zu ſehen und zu hören, was der betrogne Fürſt durchaus nicht hören und nicht ſehen ſollte. Der Augenblick von Rudolphs Enttäuſchung würde laber auch zugleich ſeiner Tyrannen Tod geweſen ſeyn, darum mußte vorgebaut,— darum der überläſtige, dienſtwillige Gelbſchnabel entfernt werden, durch einen glücklichen Streich entfernt werden, ohne daß der Kaiſer das Geringſte davon ahne. Der Doctor ließ alle Regiſter ſeiner Teufeleien los, um das Anklingendſte heraus zu finden, und beſchloß, als er daheim ſein Lager beſtieg, am nächſten Morgen ſchon die Vertrauten mit in die Verſchwörung gegen den kecken Jüng⸗ ling zu ziehen. Archimbald, wohl begreifend, daß der Doctor ſich über ſeine Freiherrſchaft allerlei Gedanken machen werde, wäre ihm gerne auf dem Fuße nachgefolgt, allein das Geſchwätz eines zudringlichen Pfaffen, und die magnetiſche Nähe der Geliebten hielten ihn auf Kohlen zurück. Der Eine plau⸗ derte ihm die Ohren voll von dem Kirchenlichte, das ſeit einiger Zeit als Prediger in dem Kapuzinerkloſter ſein We⸗ ſen trieb,... die Zweite feſſelte ihn durch ihren ſchmach⸗ tenden Blick und durch ihre Geberdenſprache, die dem Glück⸗ lichen auf Morgen eine Wonneſtunde verhieß, wie er deren etliche ſeit kurzer Zeit hatte genießen dürfen. Die Martgräſin gab aber plötzlich, in ihre Zimmer ge⸗ hend, der Geſellſchaft das Zeichen, ſich zu entfernen. Iſabellen gebot der Dienſt, ihr zu folgen. Archimbald war von kei⸗ nem Zauber mehr zurückgehalten, und eilte, ſo ſchnell er konnte, davon, um den Doctor noch außer dem Bette zu finden, und den Fuchs durch irgend eine ſchlaue Lüge auf eine andre Fährte zu bringen. Aber auf dem Wege zu Erlwein ſiel ihm plötzlich bei, daß Zenide ihm den heu⸗ tigen Tag anberaumt hatte, um ſie zu ſehen, zu ſprechen, und von ihr die Entſcheidung ihres Schickſals zu vernehmen. — Schon war er an dem Gäßchen vorbeigegangen. Im Begriff umzukehren, ſprach eine innere Stimme zu ihm: „Bleib! menge dich nicht in ein fremdes Leben! Laß ſie ihrem eignen Sinne folgen, die Leichtfinnige. Biſt du doch glück⸗ lich in Iſabellens Armenz was kümmert v Prinz mit 2 — 282 ſeiner Liebe?“—„Eigennützige Selbſtſucht!“ ſchalt des Jünglings Stolz dagegen;„willſt du mich hindern, einer Verirrten beizuſtehen, die einſt zärtlich für mich empfand?2 Weiche, böſer Geiſt.“ Muthig ſchritt der Jüngling zurück; aber es ſchienen ſich Angeln um ſeine Füße zu legen.„Bleib zurück, Unſeliger!“ heulte es durch ſein Gehirn.„Nicht Ret⸗ tung bringſt Du Zeniden.... nur Verderben!“ Bei den Haaren hielt es ihn feſt, wie eine Höllenpforte gähnte ihn die ſchwarze Nacht aus dem Gäßchen an. Allein je drin⸗ gender die Warnung der ahnenden Seele, je eiſerner wurde auch Archimbalds Eigenſinn. Jener bekümerten Warnungs⸗ ſtimme zum Trotz ging er auf Zenidens Gefängniß los. Das Fenſter ſtand offen, ſchwacher Lichtſchimmer erhellte das Gemach. Zenide lauſchte hinter dem Vorhang, und rief leiſe ihren Achmet. Dieſer beſtieg herzhaft den ſteilen Pfad, und ſtand mit einem leichten Sprunge in der Stube. Die Türkin lag an ſeiner Bruſt, und drückte ſeine Hand bald an ihre Lippen, bald an ihren unruhig wogenden Buſen.„Du kömmſt zu rechter Zeit, Geliebter,“ ſprach ſie begeiſtert. „Nun fürchte ich nichts mehr, ob mich gleich den ganzen Abend hindurch ein Heer von ſchwarzen Gedanken bedrängt hat.“—„Schwärmerin!“ ſchalt Archimbald lächelnd,„wo denkſt Du hin? Roſen und Myrthen bekränzen Deine Schläfe— Du ſollſt nichts ſchwarz ſehen. Wie iſt es? Komm ich zur rechten Stunde, wirſt Du meinem Rathe fol⸗ gen?“—„Ich habe mich entſchloſſen,“ entgegnete Zenide weinend;„wenn ich ein laſterhaftes Leben führe, wie Du meinſt, ſo darf ich wohl nicht länger hier verweilen, aber zu der Fürſtin kehre ich nie mehr zurück. Bringe mich wohin Du willſt; zu wackern Leuten als Magd, oder als Dienerin in —— ein Kloſter; ich folge Dir, wohin Du mir's befiehlſt, damit ich mich nur wieder achten kann, obgleich Du mich ſtets verachten wirſt.“ Archimbald erröthete.„Sekltſames Geſchöpf,“ ſprach er hierauf.„Weißt Du, was Du thuſt? Du willſt noch einmal einem fremden Manne Dich anvertrauen, nachdem Du kaum es wagen darfſt zu hoffen, in Deiner jetzigen Bedrängniß einen Rettungsweg zu finden? Beſinne Dich. Wo iſt Julius?“ „Er verließ mich geſtern,“ antwortete Zenide,„nachdem er zwei Tage wie ein grauſamer Wächter bei mir zugebracht. Er war ſo mürriſch, ſo einſylbig, daß ich recht froh war, als er ging, und die Bemerkung, wie ſchnell die Liebe ver⸗ geht in Männerherzen, iſt nicht die geringſte Triebfeder meines Entſchluſſes, mich lieber Dir zu überlaſſen, als län⸗ ger hier zu bleiben.“—„Ein blindes Vertrauen,“ eiferte Archimbald.„Wer ſteht Dir dafür, daß ich nicht ſchlechter ſey als Dein Prinz! Höre mir zu. Morgen ſtecke ich Dir eine Strickleiter zu; übermorgen hole ich Dich aus Deinem Kerker, und bringe Dich zu Ludmillen und ihrer Mutter. Die Frauen ſind mitleidig, ſie kennen die Liebe, den Sturm der Sinne; ſie werden vergeben,„ ſie werden mehr thun: vergeſſen.“ „Nimmer, nimmermehr!“ fiel Zenide ein, und ſchlug die Hände ſchamroth vor das Geſicht.„Ehe ich mich den ſtren⸗ gen Richterinnen hingebe als demüthige Sünderin, will ich lieber ſterben,. heute auf dieſer Stelle!“ Der frevelhafte Wunſch war kaum ausgeſprochen, als ſchon ihr böſes Schickſal an die Thüre klopfte. geig Waffengetlirr⸗ 284 Schlüſſelgeraſſel erſchallte auf der öden Straße, zwei Fackeln warfen ihre aufflackernden Fluglichter an die Fenſterſcheiben. „Bei den Wundern des Paradieſes!“ rief Zenide er⸗ ſchrocken und bebte von dem Fenſter zurück, zu welchem Neu⸗ gierde ſie gelockt hatte.„Hier iſt Verrath— der Prinz offnet ſo eben die Thüre des Hauſes. Fackelträger und Be⸗ waffnete ſind bei ihm. Was wird aus Dir werden?“— „So Gott will, Einer, der ſeinen Verfolgern eine Naſe dreht!“ entgegnete Archimbald lachend, und ſchwang ſich behend aus dem Fenſter auf die Tragſteine, von da hinter den Heiligenſchein der darunter ſtehenden Bildſäule. Kaum hatte er aber hier feſten Fuß gefaßt, ſo knallte unter ihm eine Büchſe los, und der Schuß riß ihm den Hut vom Haupte, daß die zerſtückten und zerriſſenen Federn deſſelben weit umherflogen. „Der ſitzt im Bug oder im Hirn,“ jubelte der Schütze auf der Gaſſe.„Weit gefehlt!“ höhnte ein andrer, als der zerriſſene Hut zur Erde ſchwirrte.„Blinder Ziska! Haſt den Knopf getroffen, ſtatt des Kopfes. Willſt Du treffen, ſo ziele wie ich!“ Der Großſprecher legte auch ſofort ſein Handrohr an; Archimbald hatte aber keine Luſt abzuwarten, ob er ſeine Prahlerei behaupten möchte oder nicht, ſondern kletterte wie eine Katze in Zenidens Gemach zurück. Im ſelben Augenblick, als er in's dunkle Zimmer ſprang, ward die Thüre aufge⸗ viſſen. Julius, die höchſte Wuth der Leidenſchaft auf dem Angeſichte, ſchleppte Zeniden bei den Haaren herum. Meh⸗ rere bewaffnete Diener, unter ihnen Eſchenreuter, ein Schieß⸗ gewehr in der Fauſt, drangen dem Gebieter nach. Eine Fackel warf ihr ungewiſſes Licht an den Wänden umher. 285 Archimbald ſtand in einer Ecke. Ein großer Schrank deckte ihn mit ſeinem Schatten. Zu tollkühn wäre es geweſen, gegen zehn Bewaffnete ſich zu wagen, er der Einzelne; der ſichre Dod, oder eine demüthigende Fahndung wäre ſein Lvos geweſen, das alle ſeine Ausſichten, alle ſeine Hoffnungen zer⸗ trümmert haben würde. Er hielt ſich daher ſtille, und war ein betrübter Zeuge des Auftritts, der jetzt erfolgte.„Buh⸗ lerin,“ donnerte Julius der halbtodten Zenide in's Ohr: „habe ich Dich ertappt? Wo iſt der freche Bube, der hier im Trüben fiſchte? Antworte, oder es koſtet Dein Leben.“ „Schont meiner, o Herr!“ wimmerte Zenide auf ihren Knicen„Ihr ſeyd im Irrthum.....“„Schweig, Schlange!“ wüthete Julius auf's Neue, und ſtieß ſie mit einem Fußtritt zu Bodenz..„„ſtieg der Buhler nicht durch's Fenſter ein, ſah ich's nicht ſelbſt? Wo iſt er? bekenne!“— „Er iſt entflohn!“ jammerte die Arme unter der Fauſt ihres Henkers.„wenn Ihr mich tödtet... mehr weiß ich nicht zu ſagen.“—„Du weißt es nicht? Du läſſeſt es dar⸗ auf ankommen?“ ſchnaubte Julius:„ſtirb denn!“ Von rückwärts führte ein Knecht einen fürchterlichen Streich mit der Mordaxt auf Zenidens Haupt. Entſeelt⸗ ohne Laut ſtürzte ſie nieder. Archimbald warf ſich, von die⸗ ſem Schauſpiel erſchüttert, unter die grauſame Rotte. Die Betroffenen wichen zurück, aber ein einziger Blick auf die ſchöne Leiche überzeugte den Jüngling, daß er zu ſpät er⸗ ſchienen ſey, und nur auf die eigne Rettung zu denken habe. Eſchenreuter, der in ihm ſeinen beglückten Nebenbuhler bei Annen zu ſehen wähnte, rannte mit blinder Raſerei auf ihn los, das Feuerrohr in der Hand.„Da iſt er, meine Freun⸗ de!“ ſchrie er laut, und ſchwang die Lunte;„ſtirb, verma⸗ 286 ledeiter Schelm, und verführe in Zukunft keine Dirnen mehr!“— Er brannte das Gewehr auf Archimbald los. Die Kugel verſagte ſich aber ſeiner Wuth, und pfiff an Ar⸗ chimbalds Kopf vorüber. Nichts deſto weniger ſtürzte der Jüngling zuſammen, um durch Liſt der größern Gefahr zu entgehen. Sein Fall, und das Lärmgeſchrei der aus dem Schlafe aufgeſchreckten Nachbarn gaben das Zeichen zur Flucht der Mörder. Sie warfen die Fackel mitten in die von Pulverdampf erfüllte Stube, und drangen, den Prinzen an ihrer Spitze, zum Hauſe hinaus. Die anlaufenden Bür⸗ ger machten Miene, ſie zurückzuhalten. Allein ihre Waffen, ſo wie der drohende Ruf des Prinzen:„Ich bin der Sohn Eures Königs, des römiſchen Kaiſers! Wehe dem, der mich anrührt!“ hielten den Haufen von dem Angriff ab, und die Mörder zogen ungefährdet von dannen. In dieſer allge⸗ meinen Verwirrung wagte auch Archimbald den Rückzug, und ſchritt mitten unter ſeinen Verfolgern, die ihn in der Dunkelheit für einen der Ihrigen nahmen, in's Freie, bis er an eine Seitengaſſe gelangte, durch welche er nach Erl⸗ weins Hauſe eilte. Der Maler erſchrack über die Bewegung, in der ſein Geiſt ankam, und gerieth in Todesſchrecken bei der Erzählung deſſelben. Sein Gewiſſen ſchlug ihn heftig. Er konnte nicht zweifeln, daß ſeine Ausſage, ſeine Plauder⸗ haftigkeit die Wurzel des Uebels geweſen ſeyn müſſe, und dankte Gott im Stillen, daß ſein Junker ſo gnädig davon gekommen. Seinen Verdacht beſtätigte Eſchenkeuters Stimme, die, während Archimbald ſich ſchnell umkleidete, unter dem Fenſter hörbar wurde, und ſeinen Namen rief. Erlwein blickte durch's Fenſter.„Leb' wohl, Bruderherz!“ rief Eſchen⸗ reuter hinauf, indem ſeine Zähne wie ein Fieber auf einander 2 ſchlugen.„Ich gehe auf und davon. Ich habe meinen Nebenbuhler erſchoſſen! Grüße meine Anna, ſage ihr... die Verzweiflung habe mich ſo weit gebracht, und laß für die arme Seele beten!“ Kaum hatte er in ängſtlicher Haſt dieſe Worte ausge⸗ ſprochen, ſo entfloh er auch, ehe Erlwein die Zeit fand, ihn durch eine Sylbe nur zu tröſten und aufzuhalten. Archim⸗ bald, in ſein Friedensgewand gehüllt, lief nun dem Schloſſe zu. Auf allen Gaſſen wälzten ſich lärmende Volkshaufen dem Ort des Schreckens entgegen. Die Kunde der verübten Gräuelthat war ſchon bis in die entfernteſten Gegenden der weiten Stadt gedrungen. Häſcher ſchweiften überall umher. Das Blutgericht zog zu Pferde beim rothen Schein der Pechfackeln zur Stätte des Mordes. Ein allgemeiner Schrei der Verwünſchung bezeichnete den Urheber deſſelben, der, des Kaiſers Baſtard, ſich über alle Geſetze erhaben glaubte, und der Hauptſtadt des Königreichs ein ſolches Beiſpiel der Grau⸗ ſamkeit zu geben gewagt. Einige Diener der Fürſtin Eleo⸗ nore, von der Neugier zu dem Schreckensorte hingezogen⸗ erkannten das unglückliche Schlachtopfer der Eiferſucht. Sie bringen die unſelige Botſchaft in Ludmillens Haus. Leila's Verzweiflung iſt grenzenlos, Ludmillens Bekümmerniß un⸗ ſäglich. Die Fürſtin, beſonnener als alle Uebrigen, denkt auf Mittel, den Folgen dieſer That zu entgehen. Die An⸗ ſtalten zur Abreiſe werden auf der Stelle getroffen, der wahnſinnige Fürſt wird in einen verſchloſſenen Wagen ge⸗ bracht, die Fürſtin, die Prinzeſſin und die weinende Leila, die vergebens noch einmal ihre Schweſter zu ſehen verlangt⸗ beſteigen einen zweiten. Der alte Chriſtoph, bevollmächtigt zur Verwaltung des Hauſes, wie zur Einforderung der Leiche Zenidens, bleibt zurück, und in wenigen Stunden hat die fürſtliche Familie das ſtolze Prag im Rücken. Der Tiger, der in dieſer Nacht ſo viele tauſend Bürger in Schrecken und Wuth verſetzte, hat ſich indeſſen in ſeine Höhle zurück— gezogen. Er iſt in die Gemächer heimgekehrt, die er in der Königsburg bewohnt, als ob nicht das Geringſte vorgefal⸗ len. Innerhalb des königlichen Burgfriedens, wohin kein Scherge dringen darf, an deſſen Grenze des Richters Arm erlahmt, hält er ſich für frei, für unverletzbar; beſchirmt von der Macht eines für die Kinder ſeiner Liebe blinde Nachſicht hegenden Vaters. Dießmal hat ſich aber die Zu⸗ verſicht des ſtolzen Frevlers getäuſcht; dießmal hat der To⸗ desſeufzer der Geopferten, der himmliſchen Langmuth eine blitzſchnelle Rache abgenöthigt.— Es graut kaum der Mor⸗ gen, ſo vernimmt der Kaiſer aus dem Munde des wackern Feldmarſchalls von Rödern— der, vor Kurzem aus Ungarn zurückgekehrt, um ein wichtiges Geſchäft bei Hofe zu betrei⸗ ben, bereits durch ſeine kriegeriſche Freimüthigkeit der Schrecken der Schranzen und Speichellecker geworden war,— den ganzen Verlauf der Begebenheit, die ganz Prag in bedenk⸗ liche Gährung bringt. Rudolphs Herz wird von einem ſcharfen Schwerdt zerſchnitten, da er die Unthat ſeines Soh⸗ nes vernimmt. Auf den natürlichen Schmerz folgt die Strenge. Der Feldmarſchall, an der Spitze einiger Dra⸗ banten, verhaftet ſelbſt auf Befehl des Kaiſers den Urheber des Mords, der nach einer wüthenden Vertheidigung ſich endlich knirſchend gefangen giebt. Seine Halsſtarrigkeit ver⸗ läßt ihn aber auch vor dem Angeſichte des kaiſerlichen Va⸗ ters nicht. Er behauptet, recht gethan zu haben, er läugnet nicht, was er befohlen, er geſteht auch noch, was bisher 280 280 noch Niemand wußte, daß auch der Buhle der Dirne durch einen Schuß darnieder geſtreckt worden,... daß derſelbe zum Hofgeſinde gehöre, wie man ihm geſagt, daß er aber mit Vorbedacht ſeinen Namen nicht zu wiſſen begehrt habe, um nicht vielleicht durch irgend eine Rückſicht in der Aus⸗ übung ſeiner Rache aufgehalten zu werden. Er nimmt alle .— Schuld ſeiner Untergebnen und Helfer, deren Namen er je⸗ doch ſorgfältig verſchweigt, auf ſich, beruft ſich trotzig auf ſeine Herkunft, auf ſeine ſogenannten Rechte, und erkennt weder Kaiſer noch Reich, noch irgend einen Sterblichen als ſeinen Richter auf Erden.— Der betrübte Vater verſtummt vor ſolcher beiſpielloſer Geſinnung, läßt den Schuldigen ab⸗ treten, und befrägt, ſich bereits zur Milde neigend, zweifel⸗ haft und ängſtlich die wenigen Glieder des Staatsraths, die er zu ſeiner Perſon gelaſſen, um ihr Urtheil. Der Spruch iſt ſtreng, gerecht, überläßt dem Vater jedoch das Recht der Milderung. Schon bewegt die Liebe zu dem Sohne das Herz des Kaiſers, ſchon ſinnt er auf Mittel, ſeiner Nachſicht nur den Schein der Strenge zu geben.... Melchior von Rödern beſtimmt aber ſeinen Entſchluß durch ein einzig hin⸗ geworfenes Wort.„Welch ein grauſames Gemüth!“ ruft der Feldmarſchall empört aus.—„Gebt dem jungen Wütherich Waffen in die Hände, ſtellt ihm einen Haufen Rebellen zu Gebote, und er ſtürzt den eignen Vater vom Throne, mordet ihn an deſſen Stufen!..“ Dieſe Rede dünkte plötzlich dem Kaiſer eine Prophezeihung; Mißtrauen, Verdacht, finſtrer Argwohn grinſen ihn an; und aus Furcht vor einem Frevel gegen ſein eignes Haupt, nimmt er die Rache für den be⸗ gangnen auf, und fällt ein Urtheil, des freien Römers wür⸗ dig, hätte nur die Sorge für Gerechtigkeit und Geſetze es 290 —— ausgeſprochen.— Archimbald wird bald darauf zum Kaiſer berufen, glaubt ſeine Theilnahme an der fürchterlichen Be⸗ gebenheit dem Herrſcher verrathen, denkt, ihn im Zorn zu finden,„findet ihn aber in der Stellung eines Tiefbe⸗ kümmerten. Rudolph iſt in dem Seſſel wie zuſammen ge⸗ ſunken, die Hände auf der mühſam athmenden Bruſt gefaltet⸗ den Kopf, mit dem Ausdrucke bittern Leidens im Antlitz, gen Himmel gerichtet. Lange verharrt der Monarch in dieſer Lage. Endlich erhebt er ſich mit einem tiefen Seufzer.„Haſt Du Deine Werkzeuge bei Dir?“ frägt er mit hohler Stimme. Archimbald bejaht die Frage mit ſteigendem Staunen.— „So folge Uns denn im Namen der Drreifaltigkeit!“ ver⸗ ſetzte mit überſtrömenden Augen der Kaiſer, und geht ihm durch die Seitenthüre voran. Am Ende eines jener ſchmalen Gänge, von denen ſchon geſprochen, klopft Rudolph an ei⸗ nem eiſernen Pförtlein. Ein alter Diener öffnet es von innen. Der Kaiſer ſteigt eine lange enge Treppe hinab, an deren letzter Stufe eine zweite Thüre ſtößt. Neues Klopfen, die Thüre geht auf, und die Eintretenden ſtehen in einem engen gewölbten Vorplatze, der ſeitwärts einen Ausgang hat, durch welchen leichte Dampfwolken in die kleine Flur ſchlagen. Des Kaiſers Beichtvater, der Jeſuit, tritt ſo eben aus dieſen Dampfwolken vor ſie hin.„Seyd Ihr fertig, würdiger Herr?“ fragt Rudolph. Der Jeſuit verbeugt ſich ſchweigend mit bekümmerter Miene.—„Iſt er gänzlich vorbereitet?“ fährt der Kaiſer fort.—„Vollkom⸗ men, gnädigſter Herr,“ erwiederte der Geiſtliche.„Ich habe ihm die Wegzehrung gegeben, und bitte Euch um Gnade für den Unglücklichen.—„Bei Gott iſt Gnade!“ antwortet der Kaiſer.„Wir dürfen aber nicht mit Unſerm Urtheil ſpielen. —— — . Kehrt bald wieder, um ihm im letzten Kampfe beizuſtehen.“ Der Beichtvater neigt ſich, und von Schauern befallen folgt Archimbald dem Kaiſer in das anſtoßende Gewölbe, wo er den unglücklichen Julius in einem heißen Bade ſitzend, ge⸗ wahr wird. Zwei ſchweigende Wächter, die Waffen zur Seite, beobachten jede Bewegung des Verurtheilten. Rudolph ſpricht aber mit der kaiſerlichen Würde und dem ernſten Richtertone, die ihm eigen ſind, zu Archimbald:„friſch⸗ Wundarzt! ergreife Deine Werkzeuge, und öffne dem hier im Bade Verweilenden, zum Tode Verdammten die Schlag⸗ adern an Händen und Füßen, damit er ſich verblute, der Gerechtigkeit zum Troſte, allen denen, die verſucht ſeyn ſoll⸗ ten, ihm nachzuahmen, zum warnenden Beiſpiel. Leb wohl, ungerathner Sohn,“ fährt er fort, den finſter ſchweigenden Julius umarmend.„Deines Vaters Segen, und des Herrn Gnade ſey mit Dir!“— Darauf wendet er dem Sohne den Rücken, befiehlt noch einmal durch eine ſcharfe Geberde dem veſtürzten Arzte, ſein Amt zu verrichten, und flieht den Ort der Hinrichtung. Nach einem kurzen aber eifrigen Gebete geht Archimbald an's Werk. So wie er durch die aus dem heißen Waſſer aufſteigenden Dünſte demjenigen ſich nähert, der von ſeinen Händen den Tod erwartet, dreht Julius das Geſicht gegen ihn, und zu der Bläſſe der Todesangſt tritt noch das fahle Entſetzen auf ſeine Wangen.„Grauſames Geſchick!“ ſeufzt er.„Muß in meinen letzten Augenblicken auch noch der Schatten des Gemordeten mir drohend nahen?“ „Beruhigt Euch,“ flüſtert ihm Archimbald zu.„Ich lebe⸗ der Himmel hat Euch ein Verbrechen erſpart. Verzeiht, daß meine Pflicht mich zwingt, Hand an Euch zu legen.“„Ich „ 292 bin erfrent im Gegentheile,“ erwiedert Julius leiſe und drückt ihm die Hand.„Das iſt eine Wohlthat. So werde ich mir einbilden, durch die gerechte Rache deſſen, das Leben zu verlieren, dem ich das ſeinige rauben wollte; nicht durch das unnatürliche Urtheil eines Vaters.“ Er fährt ſich über die Stirne mit beiden Händen, und bietet dann wie ein Lamm ſeine Arme dar um den Spruch zu vollſtrecken. Schnell war Archimbalds Arbeit gethan, langſam war der Todeskampf, dem der Beichtvater als tröſtender Beiſtand, der Feldmarſchall von Rödern als Zeuge beiwohnten. Mit grauſamem Zögern ſchied das Leben aus dem jugendlichen Körper. Der erſte Strahl der durch die ſchrägen Fenſter hereinſpielenden Sonne, beſchien endlich das Antlitz des Todten. Zenidens Schatten war verſöhnt, gerächt durch den⸗ ſelben, für den ſie den Tod litt, und ernſt, wie man von einem Sterbelager geht, ging Archimbald zum Kaiſer zu⸗ rück, der kaum ſeinen Bericht anhörte, ihn dann fort wies und ſich in ſein Gemach verriegelte, mit dem feſten Vorſatze niemand zu ſehen. Eine dumpfe Stille herrſchte durch den ganzen Pallaſt. Obgleich am hellen Morgen, war alles rund um das Schloß wie ausgeſtorben. In der Stadt gährte es dumpf durcheinander, bis ein Wort des alten mürriſchen Bombaſt, in irgend einer Schenke unter einen Volkshaufen geworfen, den Funken zur Gluth aufjagte. „Ihr wundert Euch,“ rief der boshafte Greis,„daß Ihr noch teine Kunde habt, ob der Kaiſer Willens ſey, die Unthat ſei⸗ nes Sohnes zu ſtrafen? Staunt darüber nicht, meine Freunde. Wißt Ihr denn, ob der Kaiſer überhaupt noch etwas wollen oder nicht wollen kann? Hat einer von Euch den Herrn ſeit „ — langer Zeit geſehen? Iſt er nicht ſelbſt ſeit Langem aus der Kirche weggeblieben, die er ſonſt ſo fleißig beſuchte, wenn auch nur in dem ſtark vergitterten Oratorio, der fromme Herr? Iſt es nicht wahrſcheinlich, daß eine Krankheit ihn befallen, iſt es nicht möglich, daß ihn ſchon der Tod hinweg⸗ gerafft, und daß ſeine Günſtlinge, die fremden Schranzen, die Gott verdammen möge, denſelben nur läugnen, und dem treuen Volk verhehlen, um unter des Kaiſers Namen noch länger in unſerm Schweiß und Blut fortzupraſſen, die Witt⸗ wen und Waiſen zu berauben, die frommen Stiftungen zu plündern und die Unterthanen nach Gefallen zu ſchinden? Lebte der Kaiſer noch, er würde ſicherlich ſolch frevelhafte Unthat nicht unbeſtraft laſſen...allein der Mund des Todten iſt ſtumm, ſeine Gewalt dahin, und der Mörder ge⸗ wiß ſchon lange in Sicherheit!“ Die Bürger ſahen ſich verwundert und bedenklich an,.. das Ungewöhnliche verfehlt nie ſeine Wirkung auf die Menge; auch hier erreichte es den beabſichtigten Zweck. Von Mund zu Mund pflanzte ſich mit der Schnelligkeit der Ge⸗ danken die abenteuerliche Sage fort, verbunden mit den übertriebenſten Zuſätzen. Sie drängte ſich bald, obgleich nur aus dem Gehirne eines zurückgeſetzten Hofnarren ent⸗ ſprungen, in die Häuſer der Vornehmen, die ſie mit Be⸗ gierde auffaßten, um den zur Rebellion geneigten Pöbel gegen eine Regierung, die ſie verachten, gegen eine Schar von Günſtlingen, die ſie verabſcheuen mußten, aufzuhetzen und los zu laſſen. Gold flog von der einen Seite, Ver⸗ ſprechungen von der andern unter die Menge. Die Auf⸗ ruhrluſtigen vermehrten ſich mit Wetterſchnelle; ihre Zahl wuchs wie die von Helvetiens Gebirgen ſtärzenden Schnee⸗ 294 maſſen, unaufhaltſam an.„Der Kaiſer iſt todt!“ johlte es durch alle Straßen.„Nieder mit ſeinen Mördern! Nieder mit den Fremden!“ Alle Plätze, alle Kreuzſtraßen wimmelten von bewaffnetem Volke. In einer entfernten Kirche wurde geſtürmt; bald heulten die Glocken der ganzen Stadt den Ruf des Aufruhrs, und um Mittag ſtand die Rebellion in voller Blüthe. Der Kardinal von Dietrichſtein war der erſte, den ſeine Anhänglichkeit mit dieſer Botſchaft zum Kaiſer trieb. Nur auf ſein dringendſtes Bitten wurde er vorgelaſſen, und wie ein Lügner weggewieſen. Die Warnungen des tapfern Rö⸗ dern, des treuen Althan ſchlug der bekümmerte Monarch in den Wind. Indeſſen umlagerten ſchon die Schwärme der Empörer das Schloß, Drohworte ſchallten zu den Fenſtern deſſelben empor. Die Leibwachen verſchloſſen die Thore, richteten das Geſchütz, die Befehlshaber fragten an, was ſie zu thun ermächtigt würden; der Kaiſer gebot, Menſchenblut zu ſchonen, blieb aber in träger Unthätigkeit in ſeinem Ge⸗ mach verborgen. Die Gefahr wurde von Minute zu Minute dringender, die Aufrührer forderten mit lautem Geſchrei die Köpfe derjenigen, die es gewagt hatten, den Tod des Kaiſers zu verheimlichen. Der Monarch, in ſeine Zimmer verſchloſ⸗ ſen, glaubte beſtändig den Ruf:„Tod dem Kaiſer,“ zu ver⸗ nehmen, und lag regungslos in den Feſſeln der Angſt. Die im Schloß verſammelten Fremdlinge zitterten vor dem Schick⸗ ſale, das ihnen bevorſtand; ein Theil deſſelben forderte, der Kaiſer ſolle ſich dem Volke zeigen. Rudolph ſchlug dieſe Zumuthung voll Entſetzen ab. Der größere Theil war für eine ſchnelle Flucht, und der ungkückliche Fürſt, ſeit langen Jahren jede Handlung ſcheuend, die das Gepräge der 295 Oeffentlichkeit trägt,.. Winkelzüge dem geraden Wege vor⸗ ziehend, willigte in den böſen Rathſchlag. Vor Wuth und Furcht zitternd, befahl er ſeinen engſten Vertrauten, in deren Zahl der Doctor Dee ſich befand, eilends die koſtbaren Samm⸗ lungen von Kunſtgegenſtänden zu retten und zu verbergen, die er mit ungeheuern Koſten aufgeyäuft hatte. Silber⸗ und Goldgefäſſe, Uhren, prächtige Werke der Buchdruckerkunſt, ſeltne Münzen, geſchnittene Steine, Gemälde und Kupfer⸗ platten wurden in Menge aus des Kaiſers Zimmern wegge⸗ ſchleppt. Da begegnete dem ausräumenden Doctor ſein Zögling Archimbald, der ſo eben erſt herbeieilte, dem Kaiſer ſeine Dienſte anzubieten. Ein böſer Gedanke durchzuckte den Kopf des Britten. Mit verſtellter Freundlichkeit und eifriger Haſt drückt er dem Jüngling eine Schachtel in die Hand. „Rette dieß!“ ruft er ihm zu,„und erwarte dafür den höch⸗ ſten Lohn. Verbirg das Kleinod in den ſicherſten Winkel Deiner Kammer, und gib es nicht eher heraus, als bis ich es von Dir fordere.“— Archimbald greift zu, und thut wie ihm geheißen, verbirgt die Schachtel, die eine herrliche Camee enthielt, in das Stroh ſeines Bettes, und eilt von Neuem dahin, wo ſein Dienſt nützen kann. Die tobende Menge umbrauste unterdeſſen, wie ein felſenpeitſchendes Meer, das weite Schloß. Schon ſchleppt man Geſchütz aus dem Zeughauſe herbei, ſchon läuft man nach Sturmleitern, ſchon fliegen Steine, die Herolde der Pöbelrache, gegen die Fenſter und Zinnen der Königsburg. Rudolph iſt auf dem Wege, nach einem unterirrdiſchen Gang zu fliehen, trotz den Bitten des Kardinals, trotz den Vorſchlägen des muthigen Rödern. Da ſtürzt ein junger Mann in Reiſekleidern, der durch irgend einen Schlupfwinkel in das Schloß gedrungen 296 war, in des Kaiſers Bahn.—„Kaiſerliche Majeſtät!“ ruft er mit Löwenſtimme,„ich komme ſo eben von einer be⸗ ſchwerlichen Fahrt, und höre von dem, was hier ſich begiebt. Bleibt ſtandhaft, gnädigſter Herr! Erlaubt mir hundert von Euern berittenen Trabanten, und die mit Ketten und gehack⸗ tem Eiſen geladnen Büchſen, die unter dem Schwibbogen müßig ſtehen. Ich laſſe das Thor aufreißen, die ganze Hölle jener Feuerſchlünde auf die Rebellen ſprühen, ehe ſie ſich's verſehen, und ſtürze mich mit meiner Schaar unter ſie. Un⸗ ſere Schwerter und die Hufſchläge der Roſſe werden dann ſchon das Uebrige thun.“ „Nicht doch,“ verſetzte der Kaiſer kalt.—„Wir danken Euch, Herr von Wallenſtein. Wir ſind aber feſt entſchloſſen, keinen Tropfen des Bluts Unſrer Unterthanen zu vergenden, obgleich die Unſinnigen, wie Ihr vernehmt, Unſern Tod be⸗ gehren.“ „Mein Herr und Kaiſer, Ihr liegt in böſem Irrthum,“ rief der Kardinal.„Das Volk glaubt Euch geſtorben und wüthet über Euern Tod, den man ihm vorgeſpiegelt. Flieht nicht, es giebt ein ander Mittel, den Sturm zu beſchwören.“ „Zeigt Euch dem Volke,“ ſprach Melchior von Rödern.„Euer Anblick wird Wunder thun. Wir ſtehen an einem großen Bogenfenſter, das, ſeiner Richtung zufolge, Euch einem großen Theile des Volks zeigen würde. Laßt die Fenſter⸗ balken öffnen. Gewährt der Bürger Wunſch.“ „Wir gehorchen keinem Rebellen,“ antwortete der Kaiſer. „Außerordentliche Begebenheiten heiſchen außerordentliche Mittel,“ polterte der Feldmarſchall.„Wähnt Ihr denn, es ſey rühmlicher, mit der Krone auf dem Haupte, und dem Scepter in der Hand, in feiger Flucht den Rebellen den Rücken zu zeigen, als ſich, ihrem Wunſch gemäß, ihnen von Angeſicht zu Angeſicht zu zeigen? Der königliche Reif hat kein Viſir, damit man dem Träger deſſelben offen in die Augen ſehen könne.“ „Ihr ſprecht verwegen!“ herrſchte ihm der Kaiſer zu. „Wie es einem treuen Soldaten zukommt, Ew. Majeſtät, nicht anders,“ entgegnete der Feldmarſchall eifrig.—„Ich komme aus Ungarn, ich habe daſebſt unzählige Mal den Muſelmännern, den geſchwornen Feinden unſers Volks und unſers Glaubens, in heißer Schlacht, in's Weiße ihrer Au⸗ gen geſehen, ich kann es nicht begreifen, wie ein Habsbur⸗ ger, ein Fürſt, deſſen Gleichen an Macht und Anſehen die Welt nicht hat, ängſtlich zagen kann, ſeinen Freunden, ſeinen Kindern das lang entbehrte Vaterantlitz zu zeigen.“ „Zagen?“ fragte Rudolph mit funkelndem Blick.„Wer ſagt Euch das?“ „Ihr willigt alſo ein, gnädigſter Herr?“ rief Rödern mit ſchlauem Mißverſtehen.„Auf, ihr Leute, reißt die Laden auf, im Namen des Kaiſers! Hurtig an's Werk!“ Der Kaiſer, über dieſe raſche Wendung betroffen, wollte den eigenmächtigen Befehl nicht gelten laſſen, aber ſeine Weigerung wie ſein Drohen wurde von dem Lärmen ver⸗ ſchlungen, mit dem die Dienerſchaft, begierig, die beunruhi⸗ gende Lage der Schloßbewohner auf eine oder auf die andere Weiſe zu endigen, die Fenſterbalken einſchlugen und auf⸗ riſſen. Als der Kaiſer merkte, daß ſein Winken und Rufen von den fleißigen Arbeitern blos als Aufmunterung ange⸗ ſehen wurde, wollte er entrüſtet ſeinen Weg weiter fortſetzen. Nödern⸗ in Gefahr, die Frucht ſeiner Keckheit verlierend, 20 298 faßte ſchnell entſchloſſen, den Fürſten bei der Hand und hielt ihn zurück. Rudolph ſträubte ſich.„Wie?“ rief er mit bebenden Lippen,„Ihr unterſteht Euch, Uns zu halten? Hand an Uns zu legen?“ „Meine Hand hat ſchon viele Eurer Feinde in den Sand geſtreckt,“ entgegnete Rödern kalt und hielt den Kaiſer feſter. „Sie rettet Euch für dießmal vor der Schande. Bleibt, gnädigſter Herr, und ſprecht nach dem Tanze mein Urtheil!“ In dieſem Augenblicke polterten die ſchweren eiſernen Laden zur Erde, die Flügel des weiten Bogenfenſters wur⸗ den aufgeſprengt, und von Rödern bei der Hand geführt, von ſeiner zahlreichen Umgebung vorgedrängt, trat der Kai⸗ ſer, mit verfinſtertem Geſichte und einem bittern Zug um den Mund, an das Fenſter, unter welchem die Volksmaſſe ſich drängte, von gewaltigen Schwärmen vermehrt, die ſich, neugierig herbeieilend, mit Waffenſtößen und Ellbogengewalt Platz machten. Kaum aber wurden die zahlloſen Zuſchauer den Fürſten gewahr, als auf einmal alle Lanzen und Schwerter niederſanken, alle Hüte und Mützen in der Luft geſchwenkt wurden, und ein donnerndes:„Vivat Rodolphus Imperator! Vivat rex Bohemiae!“ losbrach, das von allen Seiten unter⸗den Volkshaufen ſelbſt wiederholt wurde, die nicht zum Anſchauen des Landesvaters gelangen konnten.— Ein leichtes Lächeln überflog Rudolphs Angeſicht; allein, eines ſolchen Anblicks ſchon längſt entwöhnt, konnte er ihn nicht auf die Dauer aushalten. Nach einigen Augenblicken neigte er ſeinen Kopf unmerklich, und verließ eiligſt ſeinen Standpunkt, um wieder in ſeine innerſte Kammer ſich zu verſtecken. Der Kardinal ließ die Vorſteher der Bürgerſchaft — ———— — 299 in's Schloß, um ihnen den Leichnam des armen Julius zm zeigen und die ſtrenge Gerechtigkeit des Kaiſers zu preiſen. Der Feldmarſchall lieferte ſich in enge Haft, um ſein Be⸗ nehmen zu rechtfertigen, erhielt aber unverzüglich ſeinen Degen wieder zurück, mit der Weiſung jedoch, dem Kaiſer eine Zeit lang nicht mehr vor das Angeſicht zu kommen. Die Aufrührer, von der Leutſeligkeit des menſchenſcheuen Monar⸗ chen bezaubert; wie von ſeiner ſtrengen Gerechtigkeit ge⸗ ſchmeichelt, kehrten zu ihren Häuſern wieder, und ließen, wie es zu geſchehen pflegt, ihren Herrſcher hoch leben, hatten ſie ihn gleich vor Kurzem noch wie die Sünde verwünſcht. Dich kann mein Mund nicht glücklich ſprechen, So lang des Feindes Auge wacht. „ Schiller. 3 Alle bewaffneten Haufen hatten ſich verlaufen. Die Ruhe war nach dem heftigen Sturme wiedergekehrt in das Haus der böhmiſchen Könige. Archimbald erinnerte ſich an das ihm anvertraute Kleinod. Er ſuchte es hervor, und betrach⸗ tete den unſchätzbaren geſchnittenen Stein, den ihm der Kai⸗ ſer ſelbſt ſchon unlängſt einmal als ſeinen höchſten Schatz vorgewieſen hatte. Ein ſeltnes Denkmal alter Kunſt, das die Apotheoſe Auguſts vorſtellte, zur Zeit der erſten Kreuz⸗ züge durch die Ritter des Spitals von St. Johann zu Jeru⸗ ſalem nach Europa gebracht worden war, und der Barbarei wie den ſtürmiſchen Fehden des Mittelalters in dem Kloſter zu Boiſſy zu entgehen das Glück hatte, weil die guten Non⸗ nen ſich einbildeten, das Kunſtwerk ſtelle die Kreuzigung des Heilands vor, und daſſelbe aus dieſem Grunde gleich einem Heiligthum hielten. Rudolph hatte ſich den koſtbaren Stein durch überkaiſerliche Freigebigkeit zuzueignen gewußt, und hielt ihn höher als die Edelſteine ſeiner Kronen, höher als die Kronen ſelbſt. Archimbald fühlte ſich geſchmeichelt, daß man ihm das Kleinod aller Kleinodien anvertraut hatte. Es brannte aber eben deßwegen in ſeiner Hand, und er ging zu Dee, um es demſelben wieder zurückzugeben. Der Doctor weigerte ſich aber deſſen, und ſprach freundlich:„Nicht doch, guter Archimbald. Der Kaiſer iſt heute in ſeinem Schmerze dergeſtalt verſunken, daß er keinen Menſchen ſehen will. Er hat mir aufgetragen, Dir anzukündigen, daß er Dir den ganzen Tag frei laſſe, indem er entſchloſſen ſey, heute zu faſten und zu beten. Es iſt demnach nicht daran zu denken, daß er ſeine Sammlungen heute wieder ordnen werde. Ueber⸗ gieb ihm morgen den Dir anvertrauten Schatz. Ich baue auf Deine Wachſamkeit, und möchte Dich um alles in der Welt nicht um den reichen Lohn betrügen, der Deiner war⸗ tet, wenn Du die Apotheoſe dem Kaiſer eigenhändig wieder einlieferſt.“ Dieſe Bemerkung leuchtete dem Jüngling ein, und er benutzte die gute Stimmung des Doctars, um einige ent⸗ ſchuldigende Worte wegen des geſtrigen unvermutheten Zu⸗ ſammentreffens vorzubringen. Der Doctor lächelte. ————— 301 „Du biſt ein ſchlauer Fuchs!“ ſprach er, und drohte neckend mit dem Finger.„Aber Dein Wageſtück hat mir nicht übel gefallen. Du thuſt recht daran, Dich in vorneh⸗ mer Geſellſchaft abzuſchleifen. Man kann nicht wiſſen, zu was das Schickſal Dich am Ende aufbewahrt war. Hüte Dich nur, einem Uneingeweihten merken zu laſſen, daß Du zwei Masken trägſt.“ Es war dem Doctor gelungen, den eitlen Archimbald treuherzig zu machen, und die Lüge, als ob der Kaiſer dem Jüngling für dieſen Tag den Dienſt geſchenkt hätte, ver⸗ fehlte eben ſo wenig ihr Ziel. Archimbald hatte nichts Dringenderes zu thun, als die Apotheoſe wieder in dem Stroh des Bettes zu verbergen, bei Erlwein die Junkers⸗ tracht überzuwerfen, und Ludmillens Haus aufzuſuchen, um der armen Leila, wenn dieſe noch nichts wiſſen ſollte, den Tod ihrer Schweſter mit Schonung zu hinterbringen. Er fand das Haus, in demſelben aber nur den alten Chriſtoph und Zenidens Leiche. Er drückte noch einen Kuß auf die kalte Hand des Mädchens, die unter dem Einfluſſe ſeines böſen Sterns ihr Ende gefunden hatte, und eilte dahin, wo lebenswarme Arme ſeiner harrten, ihn glühend zu empfangen: in der Markgräfin Pallaſt, in Iſabellens Kammer, dem verſchwiegenen Schauplatz ſeliger Freuden. Unter Scherz, Koſen und Liebesgeflüſter vergingen die Stun⸗ den. Die düſtern Erinnerungen des Tages und der verwi⸗ chenen Nacht, deren Begebenheiten er vor der zur Eiferſucht geneigten Gräfin ohnehin geheim halten mußte, bedrängten nur wenig des Leichtſinnigen Gemüth, und dennoch ſchwang ſein böſer Engel mit jedem Athemzuge, der ihn der Zukunft näher brachte, die ſchwarzen Fittige luſtiger... dennoch ſchritt er auf blumigem Abhange wie ein Blinder dem fin⸗ ſtern Abgrunde zu. Die Stunde ſchlug endlich, in welcher die Gräfin ihre Gebieterin für die Abendverſammlung zu ſchmücken hatte, womit der geſammte Adel von Prag in ihrem Hauſe einen Vortheil zu feiern gedachte, welchen der Markgraf Karl von Burgau, Sibyllens Gemahl über den Erbfeind errungen hatte. Die holde Iſabelle wand ſich ſeufzend aus den Armen des Geliebten, und drückte den letzten Kuß auf ſeinen Mund.„Komme bald nach,“ lispelte ſie ihm lächelnd zu.„Dein Anblick wird mich allein in der langweiligen Geſellſchaft tröſten und aufheitern. Ich bin ſo unruhig, mir iſt ſo beklommen. Ich werde krank werden, oder es ſteht mir ein anderes Unglück bevor.“ Archimbald küßte den Ernſt von ihrer Stirne, einen Thau⸗ tropfen der Ahnung aus ihrem Auge, überließ ſich in dem einſamen Gemach eine lange Weile hindurch ſeinen Betrach⸗ tungen und glaubte am Ende zu finden, daß Iſabellens Schwärmerei ihn angeſteckt habe.„Sonderbar!“ ſagte er ſich ſelbſt.„Wie kömmt es, daß mich gerade jetzt dieſelbe Stimmung befällt, die mich geſtern beinahe,— und wollte Gott, es wäre geſchehen!— von dem Beſuche bei Zeniden abgehalten hätte? Dieſelbe Unruhe, dieſelbe Scheu! als ob ein Schwerdt über meinem Scheitel hinge! Thor, der ich bin! Ich bin ja kein Moloch, dem alle Tage ein Opfer geſchlachtet werden muß. Nicht alle Tage ſtirbt eine Zenide um meinetwillen, ſtellt ein eiferſüchtiger Kaiſerſohn, oder ein raſender Liebhaber, der mich für ſeinen unbekannten Neben⸗ buhler hält, mir nach dem Leben. Der Eine ſchläft den ewigen Schlummer! der Andere iſt ſchon weit von dieſen Mauern. Was habe ich denn alſo zu fürchten? Muth! ——— ——— Archimbald, überwinde dieſe weibiſche Furcht, die Geſpenſter ſieht, wo keine ſind, und ſtets wiederkehren wird, wenn du ihr nicht Zaum und Gebiß anlegſt.“ Ueber ſeine Schwach⸗ heit ſpottend, begab er ſich, als beträte er jetzt erſt das Haus, nach dem feſtlich erleuchteten Saale, in dem ein blü⸗ hender Kranz der ſchönſten Frauenblumen, und ein ſtrahlen⸗ der Kreis prächtig gekleideter Edelleute das ſchönſte Schau⸗ fpiel darbot. Dieſe Verſammlung, die glänzendſte, welche der Markgräfin gaſtliches Haus noch je geſehen, blendete die Augen des eintretenden Jünglings, der ſich unter der Menge verlor, und nur von den ihm zunächſt ſitzenden Frauen mit nicht mißfälligem Kennerblicke beachtet wurde. Die Wirthin des Hauſes erſchien endlich im höchſten Schmuck des Ehrentages in dem prunkvollen Kreiſe, und nach der Reihe gingen die Gäſte, um an ihrem Stuhle die Glück⸗ wünſche und Huldigungen darzubringen. Auch Archimbald näherte ſich der gefährlichen Sonne, neben welcher der Stern der Liebe, ihm der gefährlichere, in anſpruchloſer Milde ſtrahlte, und reihte ſich, nur noch durch wenige Vorder⸗ leute von der Fürſtin getrennt, in Gedanken einen Spruch zuſammen, der alle übrigen die Wage halten, und ſich zum guten Theile auf die nebenſitzende Frau von Florenges be⸗ ziehen ſollte. Die Beſchäftigung ließ ihn ſeine Nachbarn gänzlich überſehen, und es kam ihm daher ganz unvermuthet⸗ als ihn jemand auf die Achſel klopfte, mit den hämiſchen, laut ausgeſprochenen Worten:„Sieh da, Bürſchlein! wer ließ Dich hier ein?“ Er ſah ſich um, und erſtarrte vor Schrecken. Prinz Bernhard ſchaute ihm über die Schulter. Neben ihm das ſchadenfrohe Geſicht des Herrn von Kauniz.— Archimbalds A 304 Knie wankten, eine allgemeine Erſchütterung hatte ſein gan⸗ zes Weſen ergriffen. Die zunächſt Stehenden ſahen ver⸗ wundert nach der Seite, wo die ſeltſame Rede fiel, nicht wiſſend, ob ſie Scherz oder Ernſt bedeuten ſollte. Bald je⸗ doch ließ die ſichtbare Beſtürzung des Junkers von Bühl, wie der boshafte Triumph in den Zügen ſeiner Gegner kei⸗ nen Zweifel an dem Ernſt des unfreundlichen Spottworts. Um Archimbalds Faſſung war es geſchehen;... von dieſen Beiden durfte er keine Schonung erwarten,.. ſein Ge⸗ heimniß war unwiederbringlich Preis gegeben. Des Prinzen nächſte Worte beſtätigten ſeine Furcht nur zu ſehr.„Ich bedaure,“ ſprach der Rachſüchtige,„meine Herren und Frauen, daß ich bei meinem erſten Beſuche in Eurer Mitte der Ur⸗ heber eines unangenehmen Auftritts ſeyn muß. Allein ich bin es Euern Wappenſchildern, noch mehr der hohen Fürſtin, die uns hier verſammelt hat, ſchuldig, einen Schandfleck aus ihrem Hauſe zu tilgen.“ „Einen Schandfleck?“ fuhr die Fürſtin auf. Die Uebrigen ſtaunten neugierig. Iſabellens Geſicht überzog eine tiefe Purpurröthe, als ſie Archimbalds Bläſſe bemerkte. „Ja, einen Schandfleck,“ fuhr Bernhard kalt und gemeſſen fort.„Wir ſind alle gebrandmarkt, ſo lange dieſer“ auf Archimbald deutend,—„in unſrer Mitte iſt.“ „Der Junker von Bühl?“ war Eine Stimme.„Um Gottes willen! Was iſt es denn mit ihm?“ „Er iſt ein Baſtard aus dem Schlamm des Pöbels,“ rief Bernhard mit ſtärkerer Stimme,„ein Betrüger, ein Landſtreicher; ich verbürge mich für die Wahrheit mei⸗ ner Ausſage mit meinem fürſtlichen Worte. Derjenige ſchlage mir in's Geſicht, der mich einer Lüge zeihen kann.“ 305 Acles ſtand in banger Erwartung ſtumm im Kreiſe. Iſabelle war mehr todt als lebendig. Die Markgräfin lächelte verſtohlen in tückiſcher Freude, und winkte ihrem Marſchall von Keppenbach. Dieſer näherte ſich mit dem rohen Stolze eines Krautjunkers dem darniedergeſchlagenen Archimbald.„Meine gnädigſte Frau hat mir befohlen, Euch hinwegzuweiſen,“ ſchnarrte er.„Es ziemt ſich, dem edlen Prinzen auf ſein Wort zu glauben; ſolltet Ihr dem ungeachtet Euch gekränkt fühlen, ſo ſteht es bei Euch, an⸗ derwärts Genugthuung zu verlangen. duldet aber keinen beſcholtnen Gaſt.“ Die Markgräfin Hierauf wollte ihn der Marſchall bei dem Arme gegen die DThüre drehen. chimbald ſchreckte den ſchergenmäßigen Marſchall mit fürchterlichen Zornblick zurück, ging auf Bernhald los, Ar⸗ einem „ packte ihn bei der Hand, und rief ihm mit greller Stimme zu; „Wir ſprechen uns noch, Prinzlein, und dann wehe ir! Dir! Der Baſtard bricht Dir den Hals, der leider unverſehrt aus dem Graben zu Worosdar gekommen i „Es iſt mir ſchmerzlich,“ fuhr er fort,„alſo aus dieſem Kreiſe ſcheiden zu müſſen, in welchem ich ft ohe Stunden ge⸗ noß; aber Ihr werdet finden, ed dem Schelm im Fürſtenhute ſein geſchworen.“— le Herren, daß der Baſtard Wort hält, wie er es ihm Er verbeugte ſich tief, warf ein d rohendes Auge auf die ſchadenfrohe Markgräfin, einen ſanften Abſchiedsblick auf die Frau von Florenges, auf deren Wangen die tiefſte Bläſſe mit dem feurigſten Roth wechſelte, und ging ſtolz, wie ein König, der ſeinen Staatsrath mit den gerechteſten Vorwür⸗ fen überhäuft hat, hinweg aus dem Saale und aus dem Hauſe. Freilich wich hierauf ſein mühſam erkünſtelter Stolz⸗ freilich preßten Wuth und Scham Feuertropfen in ſeine Au⸗ gen, und ſein Herz drohte zu brechen bei dem zerſchmetternden Gedanken, Iſabelle auf ewig verloren zu haben. Allein, was konnte er thun, als dem Hohne ſeiner Feinde einen ohn⸗ mächtigen Grimm entgegenſetzen? Ach, er wußte nicht, daß ſeine Schale noch nicht geleert war, daß ſich noch mehr des Unglücks auf ihrem Boden fand. In die königliche Burg zurückgekommen, fand er ſeine Kammer erbrochen, und mit Wache beſetzt, die ihn ſogleich in Verhaft nahm. Vergebens wollte er die Urſache dieſer Behandlung wiſſen,.. verge⸗ bens betheuerte er ſeine Unſchuld. Er mußte die Nacht in einem feuchten Gefängniſſe des Schloſſes zubringen. Schlaf⸗ los wälzte er ſich auf dem moderigen Stroh, bis eine ſchwache Delle als Bote des Morgenlichts in ſeinen düſtern Aufent⸗ halt drang. Da ſtahl ſich durch das ſchräge Kellerloch, das ſeinem Kerker zum Fenſter diente, eine ſanfte Stimme zum Ohr des Gefangenen. Es war die gute Hagar, die Mittel gefunden hatte, die Wache zu vermögen, ihr eine kurze Un⸗ terredung mit ihm zu geſtatten. Durch das Mitleid der theilnehmenden Freundin erfuhr der Unglückliche ſein ganzes Mißgeſchick. Man war theils unerhört mit ihm umgegan⸗ gen, theils hatten alle Umſtände ſich verſchworen, ſeinen bisherigen Standpunkt zu untergraben und ihn zu verder⸗ ben. Der Kaiſer, bereits ungebalten über das ungebührliche Wegbleiben ſeines Famulus von der Abendtafel, hatte nach Beendigung derſelben unter ſeinen Sammlungen, die alle am ſelben Nachmittage zurückgeſtellt worden waren, die Krone ſeiner Kunſtſätze, die Apotheoſe vermißt, und der Schmerz über die Hinrichtung ſeines Sohnes hatte ſeinen Zorn nicht mäßigen können. Vergebens waren alle Diener 307 befragt worden. Keiner derſelben, wie auch keiner der Ver⸗ trauten, wollte die Camee geſehen haben. Der Doctor war endlich der Erſte geweſen, der den Verdacht auf Archimbald geleitet, als ob dieſer das Kunſtwerk freventlich entwendet hätte. Hierauf war man in ſeine Kammer gedrungen, hatte im Stroh des Bettes den edlen Stein gefunden, und da⸗ durch, wie man meinte, ſeine Unthat außer Zweifel geſetzt. Zugleich war man bedacht geweſen, die Vermuthung zu verbreiten, als unterhalte der ungetreue Famulus des Kai⸗ ſers geheimnißvolle Verbindungen in der Stadt, die am Ende dem Leben des Monarchen gefährlich werden dürften. Auch hatte der Aufſeher der Ställe, Adam Propiez, die An⸗ zeige gemacht, der Herr von Wallenſtein, der erſt geſtern angekommen ſey, und ſich nach den Marſtällen verfügt habe, um beſagten Propicz, dem er wohl will, zu beſuchen, hätte, da man im Geſpräch auf den Junker Seibelſtorfer gekom⸗ men, erklärt, er erinnere ſich niemals einen ſolchen zu Padua gekannt, noch viel weniger ihm einen Gruß an Pro⸗ picz mitgegeben zu haben. Dieſe Ausſage hatte Wallenſtein vor dem Kaiſer wiederholt, und die Nichtigkeit des Vorge⸗ bens Archimbalds wie des Horoſcops von Argoli unläugbar dargethan. Brahe und Dee hatten ſich als Getäuſchte aus der Schlinge gezogen, und alle Schuld auf den Jüngling geſchoben.— Das war es⸗ was dieſer aus Hagars Erzäh⸗ lung ſich zuſammenreimen konnte, und er verſtummte vor ſeines Lehrers Niederträchtigkeit.„O, mein junges, liebes Herrlein!“ ſeufzte Hagar unter Thränen,„wie habt Ihr Euch doch ſo weit vergeſſen können! Noch habe ich nicht alles erzählt, recht Schlimmes kömmt noch nach. Denn heute Morgen... es mag kaum eine Viertelſtunde her ſeyn,.. 308 — ſind die Herren vom Blutgerichte im Schloſſe eingeritten in ihren rothen Mänteln, und haben Zutritt vom Kaiſer ver⸗ langt; und alle Welt behauptet, das gelte Euch nun eben⸗ falls. O, lieber Junker, was habt Ihr angerichtet? Ihr werdet doch nicht meinen lieben Mann, den guten Dywocky, mit Euch in's Elend ziehen, zum Dank, daß er Euch ſtets die Thüre geöffnet hat, wenn Ihr aus Euern Nachtgeſell⸗ ſchaften kamt, wo Ihr, weiß Gott was, verhandelt habt? O, thut dieſes doch nicht. Er iſt ja an allem unſchuldig, das weiß niemand beſſer, denn Ihr. Macht uns daher nicht unglücklich, und habt Mitleiden mit dem armen Würmlein, das ich unter dem Herzen trage, das, wenn Ihr nicht menſchlich ſeyd, ſeinen Vater vielleicht auf dem Blutgerüſte verlieren muß.“ Die Arme war weinend an dem Gitter auf die Kniee ge⸗ ſunken, und umklammerte die kalten Eiſenſtäbe in namen⸗ loſer Angſt. Archimbald lächelte aber mitleidig, und tröſtete ſie.„Nimmer,“ ſprach er,„werde ich vergeſſen, was ich Deinem Manne ſchuldig bin, nimmer ſoll ſein Name über meine Zunge gehen, müßte ich auch dem Nachrichter meinen Hals hinſtrecken. Verlaßt Euch darauf, lieben Leute, und denkt nicht böſe von mir. Saßen doch auch die Jünger des Herrn in ſchmählichen Banden.— Bin ich auch nicht rein vor Gott, ſo werde ich doch unſchuldig erfunden werden vor den Menſchen.“—„Gebe es der Himmel,“ ſeufzte Hagar, und wurde aber im nämlichen Augenblicke vom Gitter ver⸗ jagt, weil ſich viele Menſchen durch den Hof nach dem Keller begaben. Archimbalds Kerkerthüren raſſelten auf, aber ſtatt der gehofften Befreier, ſchleppten die langen Scharlachgewänder der Blutrichter die Treppe herab in das Gewölbe. Eine Menge Volks hielt die Pforte, einen Theil der Stiege und das Fenſtergitter beſetzt. Archimbalds Herz pochte ängſtlich; er hatte nicht vermuthet, daß der Kaiſer, auf einen bloßen Verdacht hin, ihn dem peinlichen Gericht übergeben würde; allein wie ſehr ſtieg nicht ſein Entſetzen, ſein gerechter Zorn, als er aus dem Munde des Gericht⸗ ſchreibers die neue Anklage inne wurde, die ſein Haupt be⸗ laſtete,... als er vernahm, daß er, von Prinz Bernhard, unter Kaunizens und Nepomuls Zeugenbeiſtand, beſchuldigt worden ſey, das Schloß Worosdar angezündet zu haben⸗ um die Schätze deſſelben zu rauben, die Prinzeſſin Ludmille zu entführen, und die Kläger zu ermorden. Ob dieſer ent⸗ ſetzlichen Anſchuldigung erſtarrte der Verleumdete, und bekam erſt die Sprache wieder, da er bemerkte, daß man Anſtalten traf, ihn hinwegzubringen. Nun brach ſeine Verzweiflung aus, er warf ſich vor den Richtern auf die Kniee, er geſtand ſeine Fehler, leugnete die gräßlichen ihm angelogenen Ver⸗ brechen, flehte um die einzige Gnade, vor den Kaiſer ge⸗ bracht zu werden. Alles war umſonſt.„Der Kaiſer hat Euch auf unſer Anſuchen dem Halsgerichte übergeben!“ lautete die niederdonnernde Antwort, die keine Hoffnung mehr übrig ließ. Seiner Betheurungen, ſeiner Thränen, ſeiner Drohungen ungeachtet, belaſtete man den Aermſten mit ſchweren Feſſeln, und führte ihn zum beklagenswerthen Schauſpiel durch die Straßen Prags, unter den Fenſtern der Markgräfin vor⸗ über, die hohnlächelnd dem tobenden Zuge zuſah, nach dem Gefängniſſen der gemeinen Verbrecher, welche der, von aller Welt Verlaſſene allem Anſchein nach nicht eher verlaſſen ſollte, als um den Scheiterhaufen zu beſteigen. Dee triumphirte. Bernhard und Kauniz, wie der bos⸗ hafte Nepomuk, der nach jener nächtlichen Begebenheit auf Worosdar, um ſeine Schande zu bergen, in des Prinzen Dienſte getreten war, frohlockten über das Verderben ihres Feindes, das unvermeidlich ſchien. Erlwein machte ſich die größten Vorwürfe, denn er war es geweſen, der unbeſonnen und vorlaut dem Prinzen die Spur Archimbalds gab. Bernhard hatte, nach dem Auftritt bei der Markgräfin, den im Hauſe unter ſeinem Gefolge befindlichen Elias, dem ſo⸗ genannten Junker vom Bühl nachgeſandt. Der Diener hatte auch pflichtgemäß ſeine Fußſtapfen verfolgt, hatte ihn in Erlweins Haus gehen, daſſelbe nach kurzer Zeit verlaſſen ſehen. Er war hierauf, der ſpäten Stunde ungeachtet, zu dem Maler hinaufgeſtiegen, übel von demſelben empfangen worden, hatte aber auf eingezogene freundſchaftliche Erkun⸗ digung nach dem jungen Manne, der ſo eben weggegangen, von dem halb Schlaftrunknen herausgebracht, was dieſer erſt ſeit Zenidens ſchauervollem Ende, ſeit dem verwichenen Abend von Archimbald erfahren hatte, daß derſelbe nämlich im Schloſſe bei dem Kaiſer einen wichtigen Dienſt bekleide. Dieſe Erläuterung zog die Folge nach ſich, daß die Kläger ihr Opfer in dem Schloſſe des Kaiſers zu finden wußten. Erlwein zitterte, als er von jener Mordbrenneranklage hörte, mit in die Sache verwickelt zu werden; allein die drei Geſchwornen dachten nicht mehr an den Genoſſen Archim⸗ balds, zufrieden, den Letztern in dem Garn zu haben. Die Markgräfin, durch ſeine Sprödigkeit erbittert, war aus ſeiner warmen Freundin ſeine abgeſagte Widerſächerin geworden. Ihrem beleidigten Stolze konnte keine größere Genugthuung werden, als ihr die plötzliche traurige Wendung von Archim⸗ 31 valds Schickſal darbot. Unedel genug⸗ denjenigen in den Koth zu treten, dem ſie einſt ihre höchſte Gunſt zugedacht hatte, ließ ſie keine Gelegenheit verſtreichen, ihren Triumph auszuſprechen, und mit dem Prinzen Bernhard, der von ſeinem erſten Eintritt in ihr Haus, ihr Vertrauter geworden war, über den Sturz des niederträchtigen Baſtards zu jubeln. Die Frau von Florenges litt Todesqualen bei ſolchem Anlaß. Wenn gleich alle Nachrichten übereinzuſtimmen ſchienen, aus dem mit ehrloſer Geburt befleckten Jüngling vollends einen Auswurf der Menſchheit zu machen, ſo konnte ſie ihn den⸗ noch nicht haſſen. Die Liebe, die ſie für ihn empfand, nahm nicht Rückſicht auf Geburt und Verhältniſſe, und ihr Herz konnte es nicht über ſich gewinnen, die Abſcheulichkeiten zu glauben, die man über den Geliebten zu verbreiten allge⸗ mein bemüht war. Jedoch, obſchon ihre Liebe, ihr beſſeres Gefühl ihn frei ſprach, ſo ſchmachtete er nichts deſto weniger in Feſſeln,. ſo ging er nicht minder einem ſchauervollen Urtheil entgegen, das, von mächtigen Anklägern vorge⸗ ſchrieben, den Wehrloſen niederdrücken mußte. Dieſe Vor⸗ ſtellung, der Gedanke an ſeine Leiden folterte die Seele der Leidenden in ſolchem Maße, daß auch ihr Körper nothwendig darunter leiden mußte. Kummervoll durchwachte Nächte raubten ihrem Antlitz die holde Farbe der Geſundheit; die heißen Thränen, die ſie in einſamen Stunden des Tags weinte, raubten ihren Augen den zauberiſchen Glanz, der ſie belebte. Ihre Reize welkten dahin, wie die Blume in der brennenden Mittagshitze. Dieſe Veränderung, obſchon zuerſt von der Markgräfin in ihrem neuen Einverſtändniſſe mit dem Prinzen nicht bemerkt, war zu dauernd, zu auf⸗ fallend, um nicht am Ende doch beachtet werden zu müſſen. 312 Sibylle forſchte nach dem Grunde. Ihr Bemühen hatte aber im Anfange keinen Erfolg. Weder der gebieteriſche Ernſt, noch der leichtfertige Spott entlockten der ſchönen Beküm⸗ merten das Geheimniß. Und dennoch hätte die Markgräfin, halb und halb errathend, es zu wiſſen gewünſcht. Sie wußte allerdings, welcher Schlüſſel am ſicherſten das Herz der Jugendfreundin zu öffnen im Stande ſey.— Es wurde ihr zwar unendlich ſchwer jenes freundliche Mitgefühl, jene ſchweſterliche Theilnahme zu erkünſteln, welche Empfindungen einſt das Glück der Freundinnen ausgemacht hatten, und ſeit dem Zwiſt, den Archimbald ausgeglichen, entflohen waren, um kalter Förmlichkeit, lieblofer Freundlichkeit Platz zu machen. Indeſſen gelang ihr der Verſuch beſſer als ſie dachte. Die ausgelernte Heuchlerin ging trefflich, Zug für Zug in ihrem Spiele dem beabſichtigten Zwecke entgegen. Der Spott ſchwieg, die ſchöne Zeit früherer Zärtlichleit ſchien wieder⸗ zukehren, die Freundſchaftsſonne auf's Neue zu leuchten. Ein wundes Herz wählt ſo gern den theilnehmenden Ver⸗ trauten; nichts iſt hingebender als der Schmerz des Weibes. Die Schlange zog einen Ring nach dem andern um die argloſe Iſabelle, und ſchmeichelte ihr ein Geſtändniß nach dem andern ab, bis die Erſchütterung eines entſcheidenden Tages das Siegel des Geheimniſſes vollends ſprengte. Seit Monaten ſchon war Archimbald ſo gut als vergeſſen in den abſcheulichen Gewölben ſeines feſten Thurms. Sein Andenken war geſtorben, als es mit einemmale auf eine furchtbare Art wieder aufgefriſcht wurde. Aus dem Innern der Kammern des peinlichen Gerichts ging die Kunde aus, der Baſtard ſey überwieſen, habe alles eingeſtanden, und werde vor dem öffentlichen Malefizgericht ſein Urtheil vernehmen; zugleich wurde bereits auf einem wüſten Platze der Stadt der Scheiterhaufen errichtet, der den Körper des unglücklichen zu Staub und Aſche verbrennen ſollte.— Nun wurde Archimbald plötzlich der Gegenſtand des allgemeinen Geredes in Schloß und Stadt, in Palläſten und Hütten, in Klöſtern und Schenken. Und als der ageſetzte Tag erſchien, belagerte eine unabſehbare Menge das Richt⸗ haus. Die Schwibbogen und Treppen deſſelben wimmel⸗ ten von ungeſtümen Zuſchauern, die dem Zuge der Richter kaum den Durchgang verſtatteten. Kaum hatten die ge⸗ ſtrengen Herren ihre Plätze mit Mühe und Noth erreicht, als auch der zu Verurtheilende gebracht ward, in eine Eiſenlaſt gehüllt, als wäre er ein reißend Thier. Bei dem Erſcheinen des blaſſen, trotz der ſchneidenden Kälte nur dürf⸗ tig bekleideten Jünglings ward eine Todtenſtille im Saale, ſo daß man jedes Wort vernehmen konnte. Als der Syndi⸗ kus die Anklagspunkte verleſen und den Beklagten ermahnt hatte, öffentlich vor allem Volke ſeine Verbrechen zu geſtehen, ſo wie er ſie im ſtillen Verhör geſtanden,.. ſo richtete ſich Archimbald mit edelm Anſtand in die Höhe, ſchüttelte ſeine Ketten, überflog mit einem Flammenblick das Volk und ſeine Richter, und ſprach mit lauter, deutlicher Stimme: „Ich bekenne vor Gott und den Menſchen, daß ich viel und gröblich gefehlt habe gegen meinen Herrn und Kaiſer, den Gott erhalten möge bis in die ſpäteſten Lebensjahre. Es ſind aber dieſe Fehler keine Verbrechen, und gehören nur vor des Königs eigene Gerichtsbarkeit. An den Miſſethaten⸗ deren man mich ferner bezüchtigt, bin ich unſchuldig. Ich habe meinem Kaiſer nichts entwendet; ich habe das Schloß II 2. 11 21 Worosdar nicht angezündet. Wenn gleich hundert Zeugen dieſe Thatſachen mir aufbürden wollten, ſo ſind ſie nichts deſtoweniger unwahr. Man hat diejenigen Zeugen, die ich vorſchlug, nicht vorgefordert; man hat mich in der ſchmäh⸗ lichſten Haft ohne Vertheidiger gelaſſen; man hat endlich durch die Schrecken der Folter mein Geſtändniß erzwungen. Ich bin kein Rieſe, meine Fibern ſind nicht von Eiſen, ich bin nicht unempfindlich gegen den Schmerz; und einen ſchnellen Tod, das Ende eines unglücklichen Lebens, lang⸗ ſamen Martern vorziehend, die ich dennoch nicht aushalten würde, habe ich bekannt was man wollte, werde ich ferner bekennen, was man will. Ich betheure aber hier vor allem Volke meine Unſchuld; mein Blut komme über das Haupt meiner ungerechten Richter und ihre Kinder, über meine ſtrafbaren Ankläger bis in's zehnte Glied. Mir möge Gott helfen!“ Dieſe ſchmuckloſe Rede, vorgetragen mit dem Ausdruck einfältiger Wahrheit und der Ergebung in ein hartes Schick⸗ ſal, machte einen unauslöſchlichen Eindruck auf die Zuhörer. — Die Menge, obgleich bald zur Wuth und Ungerechtigkeit aufgereizt, fühlt dennoch am richtigſten. Hier erhob ſich ein Murren des Mißfallens, das während der Vorleſung des Urtheils immer mehr anwuchs, und gerechte Beſorgniſſe in den Richtern zu erwecken begann. Die Häſcher und Scher⸗ gen mußten zu Drohungen und Gewaltthätigkeiten ſchreiten, um den Haufen im Zaume zu halten, und mit der größten Mühe brachte man ihn dahin, nachdem der Stab gebrochen⸗ die Armeſünderglocke geläutet worden war, das Richthaus zu verlaſſen, in welchem der Verurtheilte zurückblieb, den Geiſtlichen zu erwarten, und ſich zu dem bittern Gange 31⁵ vorzubereiten, den das Urtheil auf den kommenden Morgen feſtgeſetzt hatte. Das gräßliche Urtheil, das den Unglücklichen dem Flam⸗ mentode geweiht hatte, flog von Haus zu Haus, drang in der Markgräfin Pallaſt und ſchmetterte die Frau von Flo⸗ renges nieder, wie ein Gewitterſtrahl. Spbille, bei welcher ſich gerade die Leidende befand, entfernte alle läſtigen Zeugen, und ſuchte die Gräfin durch Honigworte und falſchen Troſt wieder aufzurichten. „Wie lömmt es denn,“ fragte ſie ſchmeichelnd,„daß dieſe ohne Zweifel ſehr unglückliche Begebenheit Dich ſo ſehr er⸗ ſchüttert, liebſte Freundin? Ich bedaure den jungen Ver⸗ brecher, und beurkunde ſchon dadurch ein gefühlvolles Herz, weil ich billig über ihn entrüſtet ſeyn follte, der durch ſeine Beſuche mein Haus entehrt hat; allein ich bin unvermögend Deinen Schmerz zu begreifen.“—„O laß mich weinen!“ ſchluchzte Iſabelle, und rang die Hände.„Du begreifſt ſie auch nicht, meine Qualen.... Du haſt ihn nicht geliebt!“ „Wie?“ fragte die Markgräfin betroffen, indem ein Blitz der Hölle aus ihren Augen ſchoß.—„So hätte ich Recht gehabt, als ich vermuthete... O Iſabelle! was haſt Du gethan!... Wie ſehr haſt Du Dich erniedrigt!. Du liebteſt ihn? und er wußte um Deine Liebe?“ „Mein Herz ſtand ihm offen,“ ſeufzte die Gräfin;„ich konnte ihm meine Gedanken nicht verbergen!“ „Unglückliche!“ brach Sibylle los, Schadenfreude und Rachgier in ihrem Buſen paarend.„Du haſt Deine Neigung an einen Ehrloſen verſchleudert..... er wird Dein Ge⸗ heimniß vom Scheiterhaufen in die Welt ſchreien! Dich brand⸗ marken mit ſeiner eignen Schande!“— das nicht⸗ Sibylle,“ entgegnete die Frau von Florenges eifrig.„Ich kenne ſeinen Muth, ſeine Treue..... dieſes Geheimniß ſtirbt mit ihm, aber„Kannſt Du ſeiner Verſchwiegen⸗ heit ſo feſt vertrauen,“ ſprach die Markgräfin lauernd, ſo wünſche ich Dir Glück. Warum alsdann dieſe Thränenfluth? Man weint dem vorübergehenden Spielwerk des Herzens eine ſtille Klage, trocknet dann, der Welt zu Liebe, das feuchte Auge, und wendet ein andermal die Neigung des ſchwachen Köpſchens einem würdigern Gegenſtande zu!“ „Nimmermehr!“ rief Iſabelle faſt beleidigt.„Nimmer werde ich einen andern lieben können, lieben dürfen! Er war mir Alles, ich bin auf das Innigſte, auf das Unauflöslichſte mit ihm verbunden.... Ein heiliges Band kettet mich an ihn, ach eben dieß iſt es dieſe Wonne. dieſes namenloſe Leiden... ſie bringen mich zur Verzweiflung!“ „Verſtehe ich Dich?“ fragte die Markgräfin beſtürzt, einen Schritt zurück tretend, und in tückiſcher Ahnung lauſchend. „Wenn Du mich liebſt, und meine Scham ehrſt, ſo verſtehſt Du mich,“ ſtammelte Iſabelle in unbeſchreiblicher Angſt und Verwirrung, während bange Thränen über ihre bleichen Wangen rollten;...„wenn Du ein fühlendes Weib biſßt, und ein menſchlich Herz in der Bruſt trägſt,“ fuhr ſie händerin⸗ gend fort,„ſo wirſt Du mich nicht verſtoßen⸗ nicht mißhandeln.“ „Was ſoll der ſeltſame Eingang?“ rief die Markgräfin wie oben. Die Frau von Florenges ſank aber im ſelben Augenblicke vor ihr nieder, umklammerte ihre Knice, und wimmerte im Ausbruche des höchſten menſchlichen Leidens:„Nicht dieſe Strenge. Freundin meiner Jugend,. erkünſtle nicht eine Unwiſſenheit, die tödtet.... zwinge Dich nicht meine 317 Worte mißzuverſtehen.... ſey barmherzig genug, ſie zu errathen!“ „Ihr redet irre, Gräfin!“ entgegnete die Markgräfin dringend, und machte ſich von der Knieenden los. Dieſe ſchleppte ſich aber ihr nach, hing ſich an ihr Gewand, und preßte mit Mühe die Worte hervor: „Muß ich's denn geſtehen? muß ich mein Elend aus⸗ ſprechen?... ich habe ihn geliebt.... ich war ſchwach. ich werde Mutter werden!“ Schluchzen erſtickte ihre Stimme; mit einem Schrei des Entſetzens, zugleich der Siegesruf ihrer, mehr als ſie ſich je geträumt⸗ befriedigten Rache, fuhr die Markgräfin bei dieſem völlig unerwarteten Bekenntniß auf. Die Flammen des Abgrundes loderten in ihren Blicken auf, die wie giftige Pfeile auf die Vernichtete herniederſchoſſen. Ein teufliſches Hohngelächter ſchallte aus ihrem Munde, dem es anfänglich an Worten gebrach, der in Staub getretnen Nebenbuhlerin das ganze Gewicht ihres Sieges empfinden zu laſſen. Dieſes Spottgelächter ließ der Getäuſchten, verblendeten⸗ Iſabelle das Schickſal, das ihrer wartete, in der Ferne ſchauen. In allen ihren ſeit Kurzem gefaßten Hoffnungen betrogen, ver⸗ ſtummte die Unglückſelige, als es ſchon zu ſpät war. Die Antwort der Markgräfin beſtätigte ihre Angſt. „Das iſt alſo,“ ſprach die Unbarmherzige mit ſchonungs⸗ loſem Hohne,...„das iſt alſo die Sittenpredigerin, die ſich nicht entblödet hat, meine Tugend ihrer Muſterung und ihrem Tadel zu unterwerfen? Das iſt die Elende, die unter dem Deckmantel ſtrenger Heiligkeit mein Haus und meine fürſtliche Ehre, die unter den Laſtern der Baſe leidet. in 318 Schimpf und Schande zu bringen aus allen Kräften bemüht iſt? Die gleißneriſche Heuchlerin, die die Frechheit beſitzt, ſich einzubilden, ihr mit Schamloſigkeit ausgeſprochenes Be⸗ kenntniß werde mich vermögen, ſie der gerechten Strafe zu entziehen? Falſch gerechnet, Frau von Florenges. Zwar gebietet mir die Sorge für die Ehre unſers Hauſes die Strenge zu mildern, die ich gegen Euch entfalten würde, wäret Ihr nicht ſo glücklich, mit mir verwandt zu ſeyn. Euer Gemahl war mein Vetter. Entehrt Ihr ihn gleich in der Grube, muß ich doch darauf denken, feinem Wappen keinen Makel anzuhängen. Darum verhänge ich eine Strafe über Euch, die nur zu gelinde iſt, weil ſie in der Verbor⸗ genheit Euch auferlegt werden wird. Macht Euch zur Reiſe fertig. DerStallmeiſter Pinzinger, der heute erſt vom Heere kam, und zu meinem Gemahl in die Winterquartiere zurück⸗ geht, wird Euch in ein Kloſter der Büßenden bringen, deſſen Aebtiſſin, meine Freundin, Euch gefangen halten wird, daß nicht das Licht, nicht der Thau des Himmels auf Euch fal⸗ len ſoll. Beweint dort Eure Sünden, und rechnet nicht auf Erlöſung aus jenen Mauern. Macht Euch fertig und unterſteht Euch nicht, mir je wieder vor die Augen zu kommen.“ „Barmherziger Gott! welch ein Lvos bereitet Ihr mir!“ ſtöhnte die Erſchöpfte, und ſank auf den Fußteppich.—„Mein Kind! mein armes Kind! was wird aus meinem Kinde?“ „Aus dem Baſtard des Baſtards?“ fragte Sibylle mit höhniſchem Grinſen.„Bittet Gott, daß er ihn ſterben laſſe, und Euch bald erlaube ihm zu folgen, damit unſer Geſchlecht wieder zu Ehren komme.— Bereitet Euch zur Reiſe!“ Die Grauſame, die ſich an den Qualen ihres armen Opfers ſatt geſchwelgt, überließ es, auf dem Fußboden 3 liegend, einer dumpfen Beté ubung⸗ die bald zu einer ernſt⸗ haften Ohnmacht überging, in welcher keine mitleidige Seele der Verzweifelnden Beiſtand leiſtete. Fünfzehntes Rapitel. Horch, die Glocken hallen dumpf zuſammen, Und der Zeiger hat vollbracht den Lauf; Nun ſo ſey's denn!— Nun in Gottes Namen!— Grabgefährten! brecht zum Richtplatz auf! Schiller. * Der Geiſtliche, der den unglücklichen Archimbald zum Tode bereiten ſollte, wurde während ſeines Geſchäfts am ſpäten Abend von einem plötzlichen Uebelbefinden befallen, das ihm ein ferneres Verweilen unmöglich machte. Er ent⸗ fernte ſich daher, auf einen dienſtſertigen Knecht geſtützt, nachdem er verſprochen hatte⸗ einen Stellvertreter zu ſenden. Archimbald ſaß, des neuen Tröſters harrend, einſam in dem Armenfünderſtüblein neben jder düſter brennenden Laterne, und ſpielte in friedlicher Betrachtung bald mit der leichten Feſſel, die man ihm angelegt hatte, bald mit den ſchwarzen Schleifen des Sterbekleides, das ihm von frommen Matro⸗ 3 nen überſendet worden war. Dann und wann faltete er die Hände zum eifrigen Gebet, und horchte in den Zwiſchen⸗ räumen auf den Winterſturm, der draußen in die dunkle Nacht peitſchte,... wie auf den regelmäßigen Schritt der 3 Wächter vor ſeiner Thüre. Himmliſcher Friede thronte in 320 ſeiner Bruſt. Die Fehler ſeines Lebens hatte ihm der Prie⸗ ſter vergeben, und das Bewußtſeyn ſeiner Unſchuld breitete die Engelsfittige über ihn aus, von denen die Todesangſt machtlos abprallte. Es ſchien ihm ſogar herzerhebend, die Verirrungen, die er hauptſächlich der unſeligen Verkettung ſeines Schickſals zuzuſchreiben hatte, durch einen feierlichen Tod abbüßen zu dürfen, es ſchien ihm ein beneidens⸗ werthes Loos, unſchuldig an den ihm aufgebürdeten Miſſe⸗ thaten in die Ewigkeit zu gehen; als ein Märtyrer eine Welt zu verlaſſen, die für ihn ein Dornenfeld geweſen war, mit wenigen ſchnell entblätterten Roſen kärglich geziert. Er durfte zwar nur an Iſabellen denken, um das dornige Leben wieder reizend zu finden. Aber, den Ermahnungen ſeines Beichtigers folgend, verdrängte er dieſe Vorſtellung aus ſeiner Seele, und ward ruhig, den feſten Blick auf das unbekannte Jenſeits gerichtet. Herannahende Schritte ver⸗ kündeten ihm den Stellvertreter ſeines wackern Ordensgeiſt⸗ lichen. Der Gerichtsknecht öffnete die eiſenbeſchlagne Thüre, und ſchloß ſie alſobald hinter dem eingetretenen Kapuziner. Langſam ging dieſer auf Archimbald zu, der ihn nicht ſo bald im vollen Licht der Laterne ſah, als er auch ſchon mit einem Laut der Freude aufſprang, und ſich an ſeinen Hals warf.„Mein Lehrer! mein Freund! um Gotteswillen! welch ein Wunder führt Euch zu mir in meinen letzten Stunden?“ ſtammelte der gerührte Jüngling unter einem Strome von Thränen, und drückte den Mönch feſter an die hochſchlagende Bruſt.„Gott grüße Dich, guter Archimbald,“ erwiederte Hubert mit gedämpfter Stimme.„Mäßige Deine Freude, damit ſie nicht den Wächtern allzufrüh kund werde.“—„Ihr habt Recht,“ ſprach Archimbald, wie ſein Lehrer, mit gemäßigterem Tone.„Ich vergaß auf einen Augenblick, daß ich ein Sterbender bin. Die Erinnerung an meine Jugend, an meine goldne Lehrzeit hat mich hingeriſſen. Vergebt mir; ich bin ja noch ein ſehr junger Menſch; ich kann mir es vft nicht einbilden, daß es möglich ſey mich jetzt ſchon aus dem Leben zu reißen, wie die junge Pflanze aus dem mütterlichen Boden!“— Hier brachen ſeine Thränen wieder hervor. „Jaſſe Dich,“ tröſtete Hubert.„Iſt es nicht genug, daß ich Dich alſo wieder finde?“„Nicht wahr, lieber Lehrer,“ ſeufzte Archimbald,„Eure Lehren haben treffliche Früchte getragen? Doch nein, beſter Hubert, glaubt nicht, als ob Eure friſchen Zweige taube Sodomsäpfel hervorgebracht hätten! Ich bin unſchuldig, ich ſterbe auf dem Scheiterhaufen, ein unſchul⸗ diger Mann, an dem der ewige Richter keinen Fehl entdecken wird, der des Todes würdig wäre.“„Das habe ich ge⸗ hofft;“ antwortete Hubert.„Man hat Dich abſcheulich miß⸗ braucht, noch abſcheulicher hintergangen, wie ich denke. Hätte ich nur früher.. doch was nützen jetzt die thörichten Wünſche... Erzähle mir, was Dir hier begegnet.“ Ar⸗ chimbald that es; und Hubert hatte alle Urſache, mit ſeiner Aufrichtigkeit zufrieden zu ſeyn. Hierauf ſchüttelte der Mönch mit bedenklichem Lächeln den Kopf und ſprach:„Du biſt in weit ſchlimmern Händen geweſen, als ich wohl fürchtete, mein Sohn. Der Doctor iſt ein böſer Menſch, und die Dankbarkeit, die ich ihm ſchuldig war, weil er mich einſt abhielt, mir das Leben zu nehmen, das ich im Ueberdruſſe von mir werfen wollte, iſt verjährt durch die boshafte Tücke, mit der er mir Deinen Aufenthalt verbarg. Es mögen un⸗ gefähr vier Monden ſeyn, ſeit ich nach Prag kam, und als Prediger mir ſchnell einen guten Namen machte. Wie hätte 322 ich denn verſäumen mögen, meinen Retter, den Doctor, heim⸗ zuſuchen? wie hätte ich wohl unterlaſſen können, nach mei⸗ nem Zögling zu forſchen, von deſſen Abenteuern zu Worosdar ich nur unvollkommne Nachricht eingezogen hatte? Der geübte Lügner verhehlte mir Deinen Aufenthalt. Du athmeteſt mit ihm und mir unter einem Dache, und er gab vor, Du ſeyſt ein Undankbarer, Du hätteſt ihn verlaſſen, um Dein Heil im Kriege zu ſuchen. Ich glaubte ihm, beklagte Dein Schickſal, und vergaß den Doctor, deſſen verſtecktes und vornehmthuendes Weſen mir nicht zuſagte, über meinen Be⸗ rufspflichten. Ich erfuhr indeſſen bald, daß die Fürſtin Eleonvre ſich in Prag aufhalte, und verſchloß mich in mein Kloſter, um der einſt Geliebten nie zu begegnen, nie von ihr erkannt zu werden. Daher kam es auch, daß mir die Kunde von den Begebenheiten des jungen Abenteurers nur verſtümmelt zu Ohren gebracht werden konnte, bis mir heute ein vortrefflicher Freund, dem ich einſt einen Dienſt zu er⸗ weiſen Gelegenheit hatte, den ganzen Zuſammenhang der Sache entdeckte. Ohne Mühe konnte ich nun errathen, daß Du es ſeyſt, der der Rache einiger Böſewichter erliegen ſolle. Ein Vertrauter von Dir, der vor einiger Zeit Mittel ge⸗ funden hat, mit Dir zu ſprechen.....“ „Erlwein?“ fiel Archimbald ſchnell ein. „Derſelbe,“ verſetzte Hubert,„derſelbe iſt es, welcher mei⸗ nem Freunde alles haarklein erzählt hat, über Deinen Un⸗ fall, den er ſich zum Theile zuſchreibt, untröſtlich iſt, und geſchworen hat, Dich zu retten, wenn es immer möglich ißt. Du kannſt Dir denken, wie ich erſchrocken. Zum Glück war ein Pater unſers Kloſters zu Deinem Beichtiger beſtimmt; leicht permochte ich ihn, mir dieſe Stelle zu überlaſſen, und „ ₰ bier bin ich nun, um Dich zu tröſten, Dich zu verupißen⸗ mein lieber Sohn.“ „Ich danke Euch für Eure Bemühungen,“ ſprach Archim⸗ vald.„Getröſtet, beruhigt vin ich ohnehin; denn ich bin unſchuldig. Ich bin bereit zu ſterben.“ „Du wirſt nicht ſterben,“ erwiederte Hubert,„wenn ſich nicht der Teufel darein miſcht. Erlwein wird Dich retten.“ „Was will der ſchlichte Maler wider meine mächtigen Feinde?“ fragte Archimbald. „Dieſer Menſch liebt die Gewalisſtreiche,“ verſetzte Hu⸗ bert,„und in gewiſſen Fällen iſt eine geballte Fauſt beſſer als tauſend überredende Worte.“ „Was laßt Ihr meiner Seele ahnen?“ rief Archimbald angſtlich.„Wenn er mit mir in's Verderben ftürzte.. vergebens ſeinen Kopf gewagt hätte.. „Er hätte alsdann nur ſeine Schuldigkeit gethan für ei⸗ nen treuen Freund,“ antwortete Hubert.„Jetzt aber laß uns hoffen, und betend den Tag erwarten.“ Die lange Winternacht verging unter lehrreichen, erbau⸗ lichen Geſprächen. Es wurde ein heitrer, kalter Morgen. Das Volk, neugierig die Todesangſt eines armen Sünders zu ſchauen, ſammelte ſich in den Straßen. Haſchiere und Stadtwächter mit Hellebarden bewaffnet, beſetzten das Richt⸗ haus. Die Thüren wurden geöffnet, und ſo viel Menſchen, als das Gebäude faßte, hereingelaſſen, um den Verurtheil⸗ ten noch einmal zu ſehen. Milde Gaben flogen in Menge auf den Teller, der auf der Schwelle der Armenſünderſtube ſtand, um die Allmoſen aufzunehmen⸗ die zu Seelenmeſſen verwendet werden ſollten. Die eifrigſten Proteſtanten ſpen⸗ deten ihr Scherflein dazu, gus Mitleid für den jungen, zum ſchimpflichen Tode verdammten Mann. Alle Geſichter trugen das Gepräge einer bangen Erwartung; nur der Verurtheilte allein genoß ungetrübter Ruhe. Eine Locke von ſeinen Haa⸗ ren hatte er dem biedern Hubert übergeben, mit der Bitte, dieſe ſeiner Iſabelle zuzuſtellen, wenn es Ernſt gelten ſollte. Im Uebrigen hatte er nichts zu ſchlichten auf der Erde. Die Stunden gingen in langſamem Wechſel vorüber.. Die zu der Hinrichtung als Zeugen geſandten Richter trafen ein.. es ſchlug die verhängnißvolle Stunde. Der Henker mit ſeinen Gehülfen trat ein, um den Verurtheilten zu bin⸗ den. Archimbald ſchauderte und erblaßte. Huberts Ge⸗ ſichtszüge entſtellte das Entſetzen, und er wendete alle Mühe an, den anweſenden Gerichtsbeiſitzer zu vermögen, die ent⸗ ehrende Handlung erſt auf dem Richtplatze vor ſich gehen zu laſſen. Er ſprach zu einem mitleidigen Manne, der dieſe kleine Gunſt wohl bewilligen, aber die anberaumte Zeit der Strafe nicht aufſchieben konnte. Der traurige Zug ſetzte ſich in Bewegung, Archimbald ging neben Hubert in ſeinen leichten Feſſeln. Der Mönch hatte alle Hoffnung vökloren. Die Richter und Schreiber zu Pferde eröffneten den Condukt. Fußknechte mit Partiſanen und Büchſen machten eine breite Gaſſe, in deren Mitte gedämpfte Trommeln wirbelten, und Archimbald neben ſeinem Freunde einherſchritt. Der Scharf⸗ richter in ſeinem blutrothen Mantel, die Henkersknechte mit ihren Schürgabeln, Stricken, Ketten und Feuerhaken folgten. Eine ſtarke Rotte von Haſchieren machte den Beſchluß. Die Armenſünderglocke tönte kläglich unter das Gewühl der gaf⸗ fenden Volkshaufen. Immer näher kamen die Dahinziehen⸗ den ihrem fürchterlichen Reiſeziele,.. angſtvoll ſah Hubert nach allen Seiten mit dem ſcharfen Blick des Falken. Nergends —— — 325 eine Spur der Rettung. Umſonſt wandte der Mönch alle Kunſtgriffe an, den Zug aufzuhalten. Er kroch langſam aber unaufhaltſam vorwärts, und ſchon machte die entſetzliche Anſicht des Holzſtoßes Archimbalds Blut zu Eis, ſchon er⸗ bebte ſein Herz bei dem Anblick des ſchrecklichen Marter⸗ pfahls, an den er geſchmiedet werden ſollte; ſchon wonkten ſeine Kniee,. ſchon nahten die Büttel, ihn durch ihre Berührung ehrlos zu machen, als auf einmal ein Getümmel unter dem Volke hörbar wurde, das nach und nach, an Stärke zunehmend, zum Freudengeſchrei, zum allgemeinen Gnadenruf wurde. Mit brünſtigem Entzücken drückte Hubert ſeinen Zögling, der nicht wußte, wie ihm geſchah, an das Herz. Der Blutvogt gebot Halt. Das Volt bildete einen dichten Kreis, der ſich auf der Seite, die nach der Burg führte, in eine weite Menſchengaſſe aufriß, durch welche viele Reiter mit weißen flatternden Tüchern in der Hand im ge⸗ ſtreckten Laufe heranflogen.„Gnade! Aufſchub!“ ſchrie der Erſte derſelben, in dem Archimbald den treuen Erlwein er⸗ kannte, und ſprang dicht neben dem Geretteten vom Pferde. „Gnade!“ wiederholte in freudetrunknem Jubel die Maſſe des Volks. Die übrigen ſtaubbedeckten Reiter ſaßen eben⸗ falls av. Archimbald ſah faſt alle Diener der Fürſtin Elev⸗ nore vor ſich. Der alte Chriſtoph, der an ihrer Spitze ſtand, ſchüttelte dem Jüngling die Hände und rief jauchzend:„Gott hat geholfen, ehrlicher Junker. Durch den wackern Erlwein da, hat die gnädige Frau noch gerade zu rechter Zeit erfah⸗ ren, was hier vorging, und daß man Euch zum Mordbren⸗ ner machen will. Flugs gab ſie Befehl, ihr Gegenzeugniß zu überbringen, und ſelbſt Zeugſchaft zu leiſten. Heute mit Tagesanbruch kamen wir an, der brave Erlwein hieb uns durch zu des Kaiſers Majeſtät, und Sie ſprach Euch frei und ledig, und gebot, die falſchen Ankläger zu fahenz allein die ſchlechten Menſchen, unſer Prinz an der Spitze, ſind fort, über alle Berge, weil ſie zu früh Wind erhalten hatten. Gott ſey Dank! wir kamen nicht zu ſpät. Ihr ſeyd gerettet.“ Erlwein hatte indeſſen dem Richter einen offnen Brief von Rudolphs Hand vorgelegt, worin der Kaiſer alles Verfah⸗ ren gegen Archimbald niederſchlug, ſein Urtheil vernichtete, und ihn in Freiheit ſetzte, unter dem Beding jedoch, binnen dreien Tagen die Hauptſtadt Prag zu verlaſſen, und nicht mehr dahin zurückzukehren, ohne ausdrückliche Erlaubniß des Monarchen. Demzufolge nahm der Rottmeiſter dem Be⸗ gnadigten die Feſſeln ab, ein mitleidiger Bürger warf ihm eine weite Schaube zu, um ſeine Sterbekleider darunter zu verbergen, und, umgeben von Worosdar's Dienerſchaft, ihm zur Seite Erlwein und der getreue Hubert, beinahe getra⸗ gen von dem fröhlich herbeiſtürzenden Volke, das ſeine Un⸗ ſchuld pries und ſeine Feinde verwünſchte, zog er wie im PDriumphe Erlweins Wohnung zu, deren beſcheidene Stille ihn gaſtfrei aufnahm, ſammt ſeinen Begleitern. Als, nach einem fröhlichen Mahle, die fürſtlichen Diener ſich in der Stadt zerſtreuten, und die drei, Archimbald, Hu⸗ bert und Erlwein allein ließen, begann der Erſtere alſo? „Meine lieben Herren und Freunde! Daß ich Euch das Leben verdanke, und ohne Euern Beiſtand jetzo zu Pulver und Aſche verbrannt wäre, iſt unläugbar, und tief in mein Herz geſchrieben; aber noch begreife ich nicht, wie es Euch mög⸗ lich geworden, mir meine Tage zu friſten. Wollet mir daher das Letztere mittheilen, damit, ich wiſſe, wie Ihr es ange⸗ faugen.“ 327 „Wird bald gethan ſeyn!“ verſetzte Erlwein nach einem tüchtigen Schluck.—„Ich hatte Euch hauptſächlich in den Sumpf geritten, was wohl auch unterblieben wäre, hättet Ihr mich ſehen laſſen, was Trumpf in der Karte iſt. Dem ſey nun wie ihm wolle; ich konnte mir meine Schwatzhaf⸗ tigkeit nicht vergeben, und dachte auf Mittel und Wege, den Bock ungeſchehen zu machen. Ich pußte jedoch die längſte Zeit nicht, wie es anzuſtellen 5 und unter fruchtloſem Nachdenken und Grübeln verfloß ein Tag nach dem andern. Der zum Maleftzgericht beſtimmte Tag konnte nicht ferne ſeyn, und mir wurde ſchon Himmelangſt bei der Sache. Da fügte es ſich einesmals, daß ich im Granatapfel ſaß, und ein Betruntener nicht fern von mir. Ich ſprach mit Nieman- den; mein Nachbar hingegen miſchte ſich in alles, ließ ſeine böſe Zunge ohne Unterlaß gleich einem Reibeiſen über Kai⸗ ſer und Reich, über Magiſtrat und Bürgerſchaft auf und ab ſpazieren, daß an keinem ein guter Biſſen blieb. Deß⸗ wegen ließ man mich in Ruhe, und fiel dem Nachbar auf die Jacke. Er hätte türkiſche Prügel bekommen; denn was vermochte der Einzelne gegen Zwanzig, die Luſt hatten, auf ſeinem breiten Rücken zu wirthſchaften? Allein ich legte mich in's Mittel, vertheidigte den Berauſchten, ſprach zur Sühne, bot im Nothfall eine Hand voll Schläge aus, und rettete ſeine Haut. Der Nachbar,— Euer Kerkermeiſter, lieber Junker, war dankbar, er ſchenkte mir ſeine Freund⸗ ſchaft. Er that mehr, er ließ mich einmal zu ſeinem Ge⸗ fangenen. Ihr wift⸗ daß ich Euch bat, mir alles haarklein zu erzählen; Ihr thatet es; ich glaubte nun völlig an Eure Unſchuld, und lernte Eure Feinde kennen. Nun ging ich au's Werk. Nach ein paar Tagen reiste ich nach Ollmütz. 328 Ihr hattet ja in Prag keinen Freund außer mir, wenigſtens keinen, der von Euch wußte. Die Leute von Worosdar, deren Zeugniß Euch retten konnte, wußten ebenfalls nichts von Euch und Eurer Sache. Euren hieſigen Feinden war es ein Kinderſpiel, Euch zu verderben. Keinem Boten wollte ich Brief und Sendung anvertrauen. Ich ritt alſo ſelbſt gen Ollmütz zur Fürſtin. Sie und die Prinzeſſin erſchracken in den Tod ob dem ungeheuern Frevel, den man an Euch zu verüben im Begriff ſtand, und verſprachen zu thun, was recht ſeyn würde. Nachdem ich Eile empfohlen hatte, kehrte ich heim, froh wie ein Gott; denn ich glaubte Euch durch das ſchriftliche Zeugniß der Fürſtin, das ſie mir vorläufig mitgegeben, gerettet. Allein, wie wurde mir zu Muthe, als mir ein Rechts⸗ und Geſetzkundiger erklärte, felbſt bei be⸗ ſeitigter Mordbrandsanklage ſey die Entwendung des kaiſer⸗ lichen Kleinods ſchon hinreichend, Euch das Leben zu koſten, wenn der Monarch nicht außerordentliche Gnade walten laſſe. Da ſtand ich wie vom Blitz getroffen. Ich hatte noch nichts gethan. Der nichtswürdige Doctor mußte gebändigt werden, oder alles ging verloren. Ich hatte den fahlhaari⸗ gen, kupfernaſigen Knochenmann ſchon lang auf dem Korne, denn er hat mich damals von Rom aus bei der Fürſtin ver⸗ leumdet. Ich hatte ihm Rache geſchworen; die Gelegenheit bot ſich dar, ſie zum Nutz und Frommen meines Reiſege⸗ fährten auszuüben: und wenn ſich die ganze Welt vor dem Teufelsbanner Dee fürchtete, ſo war ich mehr als der Teu⸗ fel, und fürchtete ihn nicht. Dennoch war ich geſtern früh noch unentſchloſſen, aber es drängte die Zeit, ich durfte nicht ſäumen, entſchloß mich kurz und gut, und ging zu dem Gei⸗ ſterbeſchwörer in die Studierſtube. Der feine Galgenvogel ———— erkannte mich alſobald, und ſein falſcher Blick ſagte mir, daß er meinem Beſuch nichts Gutes zutraue. Als ich aber die Thüre verriegelte, und ihn mit allerlei Schimpfworten begrüßte, wurde dem engelländiſchen Gauner angſt und bang, und als ich vollends Euern türkiſchen Dolch hervor⸗ zog, und ihm drohte, ihn auf der Stelle zu ermorden, wenn er nicht ſogleich auf einem Blatt Papier zu Eurer Rechtfer⸗ tigung niederſchreiben würde, daß er ſich ſpät aber deutlich erinnere, ſelbſt Euch das Kleinod in die Hände gegeben zu haben, und Euch zu retten, zur Steuer der Wahrheit, und ganz freiwillig dieſe Erklärung ausſtelle;. da zitterte der feige Haſe für ſeine Paar Tropfen Fiſchblut, ſchrieb und unterſchrieb das Blatt, und es gelangte, ſammt dem Briefe der Fürſtin, durch den gelehrten Herrn Brahe in des Kaiſers Hände, der gerade und zum Glück nicht gut auf den Doctor Dee zu ſprechen iſt, und ihn ſeit einiger Zeit nicht vor ſich laſſen will. Somit war't Ihr eigentlich geſtern Abend ſchon gerettet; allein die Majeſtät, die gern in allem zaudert, zögerte auch hier mit der Entſchließung, bis ich endlich durch Fürſprache des Herrn Kardinals von Dietrich⸗ ſtein mit den heut am früheſten Morgen angelangten Die⸗ nern von Worosdar dem Kaiſer in der Reitbahn zu Füßen fiel, und Er endlich im letzten Augenblicke Euch die Begna⸗ digung ertheilte. Da Ihr aber unterſchiedlich, ob veranlaßt oder aus eignem Antrieb des Kaiſers Majeſtät mit Worten und Werken hintergangen, ſo verbannt Sie Euch von Prag auf unbeſtimmte Zeit, und zeigt in dieſer Strafe ſich ſehr gelinde: denn ich glaube, Ihr würdet auch unverbannt wohl Srl länger in dieſen Mauern verweilen⸗ 2 ₰ 330 Archimbald ſeufzte bei der Erinnerung an die Lügen und Ränke, zu denen er ſich hatte gebrauchen laſſen, und unter deren Laſt er beinahe das Leben verloren hätte, und drückte dem wackern Erlwein dankbar die Freundeshand. Nun kam die Reihe zu erzählen an Hubert, der aber feierlich be⸗ theuerte, nicht das Geringſte in dieſer Sache gethan zu ha⸗ ben, die unſtreitig ſeiner Mitwirkung verſichert geweſen ſeyn würde, hätte er nur früher gewußt, daß es ſein Zögling ſey, der ſich in ſolcher Gefahr befinde. Uebrigens hatten blos die Regeln ſeines Ordens, der ſeine Glieder ohne Unterſchied bald in dieſes, bald in jenes Kloſter verſetzt, ihn nach Prag geführt, wo er, des verdrüßlichen Amts eines Guardians überdrüſſig, ſich dem Beruf des Predigtdienſtes eifrig hingegeben. Archimbald fühlte ſich unausſprechlich glücklich unter ſei⸗ nen beiden Freunden, und forderte ſie endlich zutraulich auf, ihm ihre Gedanken über ſein weiteres Fortkommen mitzu⸗ theilen. Die Meinungen fielen verſchieden aus. Ein uner⸗ warteter Beſuch gab jedoch hierin den Ausſchlag. Es kam nämlich ein hoher junger Mann herein von ausgezeichnetem Aeußern, gelblicher Geſichtsfarbe, röthlichem, kurzem Haar und ſchwarzen Augen, die ernſt und ſtolz unter den buſchi⸗ gen Braunen hervorblitzten, als könnten ſie nicht den min⸗ deſten Widerſpruch vertragen. Archimbald durfte ſich nicht lange auf dieſes Geſicht beſinnen, das er ſchon einmal ge⸗ ſehen zu haben ſich deutlich erinnerte. Der Fremde war der junge Mann, der an jenem denkwürdigen Tage des Aufruhrs der Prager Bürgerſchaft, dem Kaiſer angeboten hatte, mit Feuer und Schwert des Schloſſes Zugänge von den Rebellen zu ſäubern. 331 —— „Mein Name iſt Wallenſtein,“ ſprach der Eintretende mit einer gewiſſen Freundlichkeit, die an dieſem Manne nicht gewöhnlich ſchien.—„Ich ſuche den Jüngling, der heute durch ſeinen günſtigen Stern dem Henkertode entgangen iſt, der ſeine Unſchuld zu würgen drohte. Die vor dieſem Hauſe noch immer verſammelten müßigen Haufen neugieriger Gaffer wieſen mich hieher.“ „Ich bin derjenige, den ihr ſucht, edler Herr,“ erwiederte Archimbald mit demüthiger Beſcheidenheit.—„Ich geſtehe aber, daß ich erſtaune, unter dieſem geringen Dach einen Mann von Eurer Bedeutung zu ſehen, um ſo mehr, als ich mich eines geringen Vergehens gegen Euch bewußt bin. Seyd Ihr gekommen, daſſelbe zu rächen?“ „Gott ſey dafür, daß ich mich an einem Menſchen zu rächen verſuchte, den ſeine Sterne ſo augenſcheinlich be⸗ ſchützen,“ ſprach Wallenſtein feierlich.„Ihr habt meinen Namen mißbraucht, wie den meines trefflichen Lehrers; allein ich ſchreibe dieſes nicht auf Eure Rechnung, ſondern auf das Schuldregiſter derjenigen, die Euch dazu verleiteten. Ihr waret ſo edelmüthig, dieſelben nicht zu nennen, aber die Zukunft wird ſie nichts deſto weniger offenbaren, denn in der Schöpfung beſteht die Ordnung, daß alles mit der Zeit an's Licht der Sonne komme. Obſchon ich nun jenen Miß⸗ brauch meines Namens nicht billigen und nicht fortdauern laſſen durfte, ſo bin ich doch weit entfernt, ihn zu ſtrafen. Ihr ſeyd ein Günſtling der Planeten, ein Glücklicher. Ich liebe die Glücklichen, ſie ſind mir verwandt, denn auch ich bin ein ſolcher. Was nützt Tugend, Kunſt und Reichthum, was nützt die höchſte Macht, wenn ſie Hand in Hand mit dem Unglück geht? Fortuna regiert die. ihre Jünger, ob unter dem blauen Himmel oder unter dem Hermelin ge⸗ boren, ſtehen immer oben auf der rollenden Kugel, von ihrem magnetiſchen Glücksſtern gehalten, und die Geſtirne lügen nicht. Ich wünſchte daher, Euch gefällig ſeyn zu kön⸗ nen, junger Mann. Habt Ihr für die Zukunft gewählt? Man verbannt Euch aus Prag. Wohin wendet Ihr Euch?“ Archimbald antwortete, daß gerade dieſe Frage der Ge⸗ genſtand der Berathung geweſen ſey, als er gekommen. „Ihr ſeyd demnach noch nicht im Reinen,“ verſetzte Wal⸗ lenſtein.—„Hört meinen Rath. Man rüſtet ſich zu einem neuen Feldzug gegen die Türken. Steckt Euch in das Kollet des Kriegsmanns, werft die Schulfuchſerei in den Winkel, und ergreift den Degen. Der Soldat frägt nicht nach Ge⸗ burtsbrief, nach Reichthum, noch nach dem Vaterland. Wer am tüchtigſten drein ſchlägt, iſt im Heer der Beſtgeborne; ein tapfrer Arm, ein ſchlauer Kopf ſind die beſten Schätze; und des Kriegers Heimath iſt allenthalben, wo nur die Stangen ſeines Zelts im Boden haften. Sein iſt des Fein⸗ des Beute, ſein Haus, ſein Gut, ſein Leib und Leben. Ein friſches Herz, ein dem Reglement gehorſamer Sinn und eine glückliche Conſtellation, das ift alles, deſſen man bedarf. Unter Fortunas Fahnen iſt man gewiß, überall zu victori⸗ ſiren. Stellt Euch darunter, junger Mann, und es wird Euch nicht gereuen. General Baſta iſt hier angekommen, um die Rüſtungen gegen Siebenbürgen, in welchem wieder die Kriegsflamme aufzulodern droht, zu betreiben, und mit neuer Kraft dieſes unruhige Land ſammt dem Erbfeind zu bekämpfen. Meine bevorſtehende Vermählung hindert mich, ſelbſt auf's Neue die Waffen zu ergreifen; ich gelte aber otwas bei dem tapfern Georg Baſta, der ſich darauf verſteht, y den Feind zu ſchlagen, wie er einſt die Trommel ſchlug, und machte mich anheiſchig, Euch eine Führersſtelle unter dem Fußvolk zu verſchaffen, wenn Ihr nicht vorziehen ſolltet, als Freiwilliger unter den Büchſenmeiſtern einzutreten. Für Euren Unterhalt werde ich alsdann Sorge tragen.“ „Ihr öffnet mir die glänzendſten Ausſichten...“ entgeg⸗ nete Archimbald,„und ich wäre gern geneigt, Eurem Rath zu folgen, wenn ich nicht fürchten müßte, Eure Güte und Gnade zu mißbrauchen.“ „Nicht doch!“ rief Wallenſtein, und ſchlug, als wie in eine Berechnung verſunken, die Augen gegen die Decke der Stube.—„Ihr habt mir nicht einmal zu danken. Denn was ich thue, geſchieht eigentlich nur aus Eigennutz.— Mit Euerm klugen und ſchlauen Kopf bringt Ihr's bald unter den Büchſenmeiſtern zum Offizier, Fähnrich, Lieu⸗ tenant, Hauptmann.. in zehn Jahren ſeyd Ihr's. Bis dahin, höchſtens in fünfzehn Jahren werde ich an der Spitze eines Heeres ſtehen, und bedarf alsdann erprobter Leute. Dann mache ich Euch zum Oberſt, ſchenke Euch ein Regi⸗ ment, und Ihr bezahlt mir zurück, was ich für Euch aus⸗ gelegt habe.“ Die Freunde ſahen ſich verwundert an, und wußten nicht, ob ſie den ſonderbaren Rechner, der die Zukunft mit einem Blicke überſchaute, als könnte ſie nicht anders, als nach ihm ſich richten, für einen kühnen Ehrgeizigen oder für einen Wahnſinnigen halten. „Edler Herr,“ äußerte Archimbald lächelnd„.„darf ich den Vorſchlag eingehen? Wir ſind ſterblich, in dem erſten Treffen könnte... „Beſorgt nichts,“ ſprach Wallenſtein mit zuverſichtlicher Miene.„Die Sterne leiten ihre Lieblinge bis an's Ende ihrer Laufbahn. Mir ſind große Dinge prophezeiht; ich werde nicht eher hinübergehen, bis dieſe erfüllt ſind. Euch weiſſage ich daſſelbe. Und könnte ich mich darin betrügen, was ſchadet das? Die Kugel, die Euch aus dem Leben jagt, reißt auch Euern Schuldbrief entzwei. Wählt jetzt.“ Nach geringem Bedenken willigte Archimbald ein, von Hubert und Erlwein in ſeinem Vorhaben unterſtützt. Der Letztere ließ es ſich ſogar nicht nehmen, ſeinem lieben Jun⸗ ker, wie er ihn nach wie vor nannte, zu folgen.„Nehmt mich mit,“ ſagte er zu demſelben,„als Freund, als Beglei⸗ ter, als Knecht, wie Ihr wollt. Ich bin des Pinſel⸗ geſchäfts überdrüſſig, und will auch mein Heil mit dem Säbel in der Fauſt verſuchen“ am fotgenden Tag erſchien Whimbald im Geleite ſeines Beſchützers Wallenſtein vor dem kaiſerlichen General, der nach einigen kurzen Fragen ihm und ſeinem Freunde Erl⸗ wein erlaubte, als Freiwillige unter die Büchſenmeiſter zu treten, und ihnen befahl, ſich als ſolche bei dem in ſeinem Gefolge gekommenen Hauptmann einſchreiben zu laſſen. Auf der Stelle gehorchten die Kriegsluſtigen dem willkom⸗ menen Gebot. Der Hauptmann, mit ſeinen Regiſtern beſchäftigt, ſah kaum nach ihnen hin, hörte nur halb auf ihr Begehren, und ergriff gleichmüthig die Feder.„Euer Name?“ fragte er mit einem flüchtigen Blick auf Archimbald. Dieſer erwiederte beſcheiden:„Ich heiße Archimbald Wern⸗ her, edler Herr, und bin aus Ulm gebürtig.“— A ₰ A ₰ 33⁵ Bei dieſen Worten ließ der Hauytmann plötzlich die Fe⸗ der ſinken, drehte ſich raſch um, ſtarrte den Jüngling forſchend an, ſprang dann in die Höhe und rief mit ausgebreiteten Armen und freudeſtrahlendem Blick:„Biſt Du es denn? des Rathsherrn Wernhers Sohn? mein geliebter Neffe?“ „Ohm Ehrenfried!“ ſchrie der Jüngling, der mit einem⸗ male in den alternden Zügen des Hauptmanns das Antlitz des geliebten Blutsverwandten erkannte, und flog an deſſen Bruſt, in ſeine väterlich geöffneten Arme. Thränen der Freude und der ſüßeſten Rührung floſſen in den grauen Bart des Kriegers, der ſo unverhofft das Ebenbild ſeines geliebten Bruders an's Herz ſchloß. Jubel und Entzücken ſprach aus jeder Geberde des Neffen, der in dem Todtge⸗ glaubten plötzlich den treuſten Freund wieder fand; einen zweiten Vater. Es war der ſchönſte Augenblick in ſeinem Leben. 3 Ehrenfried, der die Kürzeé liebte, forderte nur leiſe An⸗ deutungen aus Archimbalds Begebenheiten. Bald lächelte, bald zürnte er, bald drohte er bedenklich mit dem Finger, und ſchloß endlich den geliebten Neffen zum zweitenmale in die Arme, in⸗ dem er dem braven Erlwein die Hand freundlich drückte.„Seyd mir willkommen, wackre Burſche,“ rief er im derben Sol⸗ datentone.„Eure Wahl ſoll Euch nicht gereuen. Im Feld⸗ lager findet man allein die Freiheit und offne Biederkeit. Zwar hätte ich gewünſcht, Euch in glänzenden Zeiten in unſre Reihen treten zu ſehen. Die Waffengilde der Büch⸗ ſenmeiſter hat viel an ihrer frühern Wichtigkeit verloren. Es ſind nicht mehr die Zeiten des höchſtſeligen Kaiſers Karl, der unſerm Korpo Vorzüge verliehen hatte, wie keinem an⸗ dern. Es blieb beiſammen in bedeutend höherem Solde als alle übrige, während das ganze kaiſerliche Heer aus einan⸗ der lief nach geendigtem Kriege. Wer ſeinen Feind oder Nebenbuhler im Zweikampf oder im Zornhandel getödtet, war frei, wenn er unter den Büchſenmeiſtern Dienſte nahm, ja ſchon der Umkreis von vier und zwanzig Schritten um eine Kanone diente flüchtigen Miſſethätern zur Freiſtätte, wie der Umfang einer Kirche. Händelſtifter im Umkreis einer Schanze oder eines Bollwerks verloren ohne Gnade den Kopf.— Das waren preiswürdige Verordnungen, die von der Wichtigkeit unſers Berufs zeugen, und eigentlich noch beſtehen, obgleich ſie, wie unſer Handwerk, ſehr in Verfall gerathen ſind, was unſre Feldherrn einſt mit Schrecken einſehen werden, wenn ſie mit einem kriegsgewandtern Feind u thun bekommen, als die türkiſchen Hunde ſind, die, wo fie ſiegen, nur durch ihre zahlloſe Uebermacht überwinden.— Indeſſen, kömmt Zeit, kömmt Rath. Ihr erlebt vielleicht noch beßre Tage im Dienſte des Geſchützes; und da mein Neffe denn doch einmal zur Fahne ſchwören will, ſo iſt mir's eine Freude, daß er unter meine Aufſicht kömmt. Ja, lieber Archimbald,“ ſetzte er gerührt hinzu....„Ich will Dir Vater ſeyn, Euch, Erlwein, dem Freunde meines Neffen, gleichfalls ein lieber und getreuer Freund! Gott ſegne uns, und alle wackern Soldaten!“ Die Waffenzöglinge wiederholten den Ruf, ſchwuren den Eid, und rüſteten ſich, am nächſten Morgen mit Ehrenfried, der in ſeine Winterſtation an Ungarns Grenzen zurückging, die Stadt zu verlaſſen. Archimbald, von Wallenſteins Groß⸗ muth, die ſich auch auf ſeinen Begleiter erſtreckte, auf das Beſte mit allem zu ſeinem neuen Stande Erforderlichen ver⸗ ſehen, nahm von dem Gönner herzlichen Abſchied, und ging davon, ſeine eignen kleinen Angelegenheiten zu ordnen. Er grub ſeine geſammelten Schätze an gemünztem Gelde und Kleinodien aus der Erde, welcher er ſie anvertraut hatte, und übergab ſie ſeinem Lehrer Hubert, um ſie aufzubewah⸗ ren. Zugleich bat er ihn, die Locke, die er an jenem fürch⸗ terlichen Tage ſich abgeſchnitten hatte, um ſie Iſabellen zu hinterlaſſen, der Geliebten nach ſeiner Entfernung einzuhän⸗ digen. Hierauf eilte er zu ſeinem guten Diwoky und deſſen Weibe, der freundlichen Hagar. Freudig kamen ihm die ehrlichen Menſchen entgegen, und wünſchten ihm Glück zu ſeiner Befreiung, wie alles Heil in ſeinem neuen Stande. „Wir haben das Wenige, das Ihr im Schloſſe hinterlaſſen, zu uns genommen,“ ſprach Diwoky,„und überliefern es Euch hiermit unverkürzt und unangetaſtet. Aber, lieber Junker!“ ſetzte er lächelnd hin,„man hört ja alle Tage etwas Neues von Euch. Vor einer Stunde fragte eine Dirne von fremder Tracht und Sprache nach Euch, und da wir nicht wußten, ob und wann wir Euch zu ſehen bekommen würden, wollte ſie an den Herrn Doctor Dee gewieſen ſeyn. Der böſe Mann iſt aber Euer ärgſter Feind, wie wir gehört ha⸗ ben, und ſo wollten wir nicht zugeben, daß die Maid an ihn ſich wende. Ich habe auch den Küchenjungen Slobka nach Euch ausgeſandt, Euch überall zu fuchen und um einer wichtigen Sache willen hieher zu beſcheiden. Es betrifft nämlich ein Kind, das Ihr gewiß verlaſſen habt.“ Hagar entfernte ſich erröthend, um, ihrem Vorgeben nach, die Dirne ſammt dem Kinde zu holen. Archimbald ſah ihr verwundert nach. „Seht, lieber Herr,“ fuhr Diwoky fort,„das iſt nicht ſchön von Euch, aber leider nur zu allgewöhnlich in Euerm Stande und Alter. Mein vormaliger Herr und Meiſter, der Freiherr, den ich zu Wien bediente, hatte auch derglei⸗ gen Historias, mehr als eine,. ſie führten aber zu keinem guten Ende.“ „Ich glaube, Ihr ſeyd berauſcht, Diwokyz“ lachte Ar⸗ chimbald...„wie käme ich denn zu ſolcher Nachrede?“ „Ei! ei! ei!“ erwiederte der Thürſteher kopfſchüttelnd; „läugnet wie Ihr wollt, und ſo lang Ihr wollt,... die Dirne iſt einmal da, der Knabe ebenfalls, und es müßten mich alle Vermuthungen trügen, wenn nicht., So eben trat die Fremde in das Stüblein mit Hagar, die einen Kna⸗ ben von ſechs bis ſieben Jahren an der Hand führte.„Seyd Ihr der Herr Archimbald Wernher?“ fragte ſie in ſchwäbi⸗ ſcher Mundart.„Der bin ich, meine Tochter,“ erwiederte er:„was ſoll's?«—„Mutter Lene ſchickt mich an Euch mit ihrem letzten Gruße,“ ſprach die Fremde und trocknete ſich eine Thräne ab,„ſie iſt geſtorben, es ſind juſt vier Wochen ſeitdem verfloſſen.“ Auch auf Archimbald machte dieſe Nach⸗ richt einen unbeſchreiblich bittern Eindruck; er hatte die alte Pflegemutter wirklich und aufrichtig geliebt.“ „Die gute Frau hatte mich als ein armes Mädel zu ſich genommen,“ fuhr die Dirne fort,„um das Kind da zu er⸗ ziehen, deſſen ſie ſich unterzogen hattetz; woher es iſt, weiß ich nicht. Als Wärterin des Kindes bin ich mehrere Jahre bei ihr geweſen, habe ihr im letzten Todeskampfe beige⸗ ſtanden. Eine kurze Weile vor ihrem Ende, als ich ihr das Kiſſen rückte und den Todesſchweiß abtrocknete, ſprach ſie mit verlöſchender Stimme: Biſt eine gute Seele, Agathe. Haſt mir treulich gewartet und gepflegt. Hab' Dir auch in meinem letzten Willen ein Legat vermacht, das Dir zu einem braven Manne verhelfen wird. Das Geld bekommſt Du aber erſt alsdann von unſerm Magiſtrat dahier, wenn Du den kleinen Philipp an den Junker Archimbald Wernher, zu Prag im Schloſſe zu erfragen, oder an den Doctor Dee ebendaſelbſt, in des jungen Herrn Ermangelung, ausge⸗ liefert haſt, ſammt beiliegendem von meiner Hand geſchrie⸗ benen und petſchirten Briefe, und ein glaubhaftes Zeugniß, daß Du Deine Sendung erfüllt, zurückbringſt. Darum ver⸗ richte Dein Geſchäft als eine treue Magd, auf daß es Dir wohl gehe auf Erden. Darauf fing ſie an zu röcheln, ſprach noch zweimal unter vielen Zuckungen Euern Namen und den Namen Hedwig! und verſchied. Die Gerichte kamen, nahmen der Verſtorbenen letzten Willen und ihre Habe zu ſich, und ließen mich friedlich mit dem Kinde und dem Briefe abziehen, gaben mir auch Geld zur Reiſe gen Prag. Ich wanderte nach München, ſetzte mich daſelbſt auf einen Kauf⸗ mannswagen, der mit vielen andern auf dem Wege nach Böhmen war, und kam geſtern Abend an. Hier iſt der kleine Philipp, hier der Brief.“— Der ſtaunende Archimbald erbrach das unverletzte Siegel, und las, von der zitternden Hand der alten Magdalena geſchrieben, folgende Zeilen: „Guter Archimbald!— ich fühle, daß es zu Ende geht. Ich ſende Dir das Kind der Rache. Erziehe es gut.. Du biſt mein Erbe. Meine Habe wird Dir der Rath der Stadt Augsburg aufbewahren, bis Du ſie in eigner Gegen⸗ wart von ihm verlangſt; nicht eher, weil in dem eiſernen Kaſten Dinge ſind, die nur Dir bekannt werden ſollen. Be⸗ halte mich indeſſen in freundlichem Angedenken, und wenn Du auch einſt Alles wiſſen wirſt, fluche meinem Gedächtniß nicht. Theile mit dem Knaben Alles was Du haſt; durch dieſe 3¹0 Wohlthaten wir Du Deine Rache einſt vollkommen machen, und dem Sohne die Leiden vergüten, die ich ſeiner Mutter zugefügt habe. Meine Augen verlöſchen... meine Hände zittern... ich muß enden. Bete für mich und fluche mir nicht!— Magdalena.“ Er hatte längſt ausgeleſen und ſtarrte noch immer in das Blatt, und konnte noch immer nicht aus dem Wirrwar, der darin zu herrſchen ſchien, klug werden. Endlich faltete er aber das Pergament zuſammen, ſchob es zu ſich, und ſprach zu Agathen:„das Vermächtniß der Mutter Lene wird mir werth und heilig ſeyn, und ich will es unverbrüchlich beob⸗ achten, ob ich gleich ihren Willen nicht klar begreife. Was iſt aber zu thun? Ich ſoll bei dem Kleinen da Vaterſtelle vertreten, und mein unruhvolles Schickſal wirft mich gerade jetzt in die unſtäteſte Laufbahn auf Erden! Wie kann ich meine Pflichten gegen das Kind erfüllen; wer wird ſich in meiner Abweſenheit mit der Sorge für ihn belaſten?“ Hagar fragte ihren Diwoky durch einen einzigen Blick. Der Mann gewährte eben ſo, und mit edlem Eifer rief ſie, Archimbalds Hand faſſend:„Wir wollen es thun, mein Gatte und ich. Philipp ſoll unſer Kind ſeyn, bis Ihr einſt wie⸗ derkehrt, und ſelbſt für ihn zu ſorgen im Stande ſeyd.“ „Bedenkt, liebe Leute entgegnete Archimbald warnend. Diwoky ließ ihn aber nicht ausreden.—„Wären wir wohl würdig, unſer Glück Euch zu verdanken,“ ſprach er,„wenn wir Euch nicht gefällig ſeyn wollten? Beſchämt uns nicht⸗ Junker, und laßt uns den Zoll der Dankbarkeit abtragen.“ „Die Laſten jedoch, die Ihr Euch auferlegt...“ erwie⸗ derte Archimbald.„Bin ich nicht Mutter?“ fragte Hagar mit ſtolzem Bewußtſeyn, und zog den Vorhang von einer 341 Wiege, in der das Pfand einer glücklichen Ehe ſchlummerte. „Könnt Ihr noch zweifeln? noch länger unſer Herz kränken 2. Archimbald, zu Thränen gerührt, konnte nicht widerſte⸗ hen, und alles wurde ſogleich in Ordnung gebracht; Philipp ſeinen Pflegeältern übergeben, die Botin mit einem reichli⸗ chen Geſchenke und dem bedungnen Zeugniſſe abgefertigt. Nun kam aber die Reihe des Abſchiednehmens an Archim⸗ vald ſelbſt. Das Lebewohl hatte nicht viel Worte, es war deſto herzlicher. „Lieber Herr,“ flüſterte ihm Hagar noch unter dem Thore zu„lebt wohl, und erinnert Euch, wenn Ihr zu den Büchſen⸗ meiſtern kommt, des alten Johannes Prapowick. Er iſt mein Vater. Was Ihr ihm thut, thut Ihr dem lieben Gott ſelbſt.“ Archimbald gelobte es, und enteilte dem Burgraum, in dem er viel glückliche, wenig bittre Stunden verlebt hatte. Mit der Scheu eines Verbrechers floh er an der Markgräfin Pallaſt vorbei. Die Scham verbot es ihm, nach der Ge⸗ liebten zu forſchen, und ſich den Pfeil der Ungewißheit aus der Bruſt zu ziehen. Im Frühroth des nächſten Tages je⸗ doch ritt er, in die kaiſerlichen Farben gekleidet, an der Seite ſeines Ohms und Erlweins, umgeben von bewaffneten Kriegsleuten, an dem Gebäude vorüber, in welchem Iſabelle wohnte. Sein Blick flog nach dem Fenſter hinauf, aus wel⸗ chem ſie ihm oft und freundlich zugewinkt hatte.— Nichts zu ſehen, nichts zu hören. Alles todt in dem weiten Hauſe. Verblaſſend lauſchte die Markgräfin hinter den dicht verhüll⸗ ten Scheiben ihres Gemachs, zu denen der kriegeriſche Lärm die kaum dem Lager Entſprungene gelockt hatte. Sie konnte ihren Augen nicht trauen, die ihr den Verhaßten, zu ihrem Verdruſſe dem Tode Entronnenen, im Schmuck des Soldaten zeigten. Sie mochte aber ihre Sehkraft Lügen ſtrafen wie ſie wollte, es blieb doch Archimbald, der ſtolz und zuver⸗ ſichtlich einem neuen Abſchnitt des Lebens entgegen ging. Durch ein herbes Lvos vom Knaben zum Jüngling erzogen in der Schule bittrer Erfahrung, hatte ihn eine Reihe von demüthigenderen und fürchterlicheren Begebenheiten und Leh⸗ ren frühzeitig zur Reife gebracht. Er hatte einſehen gelernt, daß Eitelkeit, Ränke, Winkelzüge und böſe Leitung auf keine Weiſe zum Guten, wohl aber durch die unvorhergeſehenſte Verkettung der Umſtände und Zufälligkeiten des Lebens zum übelſten Ende ausſchlagen; daß Schande und Verachtung den mit Gold und Anſehen geſchmückten Betrüger verfolgen, während der ſchlichte Handwerker und der Tagelöhner ſein Brod in Zufriedenheit und Ruhe verzehrt,.. daß Klug⸗ heit endlich. welch köſtliche Gabe ſie auch ſey, der Bie⸗ derkeit nur untergeordnet bleibt,... daß dieſe letztere, mit Freimüthigkeit und raſtloſer Thatkraft vereint, den Vollen⸗ dungsſtempel auf den wahren Mann drückt;.. er hatte ſich es ſelbſt zugeſchworen, keinen Finger breit mehr von der Heerſtraße des Rechts abweichen zu wollen. Durch dieſen feierlichen Vorſatz hatte er ſich ſelbſt den Ritterſchlag, die Würde des Mannes ertheilt, und ging mit Ernſt und Ver⸗ trauen in die neugewählte Laufbahn ein.— Wille und Voll⸗ endung! Vorſatz und Erfüllung! Gelübde und Gehorſam! eines aus dem andern folgend! eines von dem andern doch ſo unermeßlich verſchieden! eines wie das andere ſo leicht verletzt! Zerſplittert nicht der ungeheuerſte Eichbaum unter dem wüthenden Andrang des heulenden Orkans? Schmilzt nicht das dichteſte Eis unter den ſtechenden Strahlen der Sonne? Schmiegt ſich nicht das weltenbeherrſchende Eiſen ——— B. /. G. Farbkarte 613