Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 5. Ednard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Seſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe N hinterkegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: ſteht zur Em⸗ von Morgens für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 W 50 Pf 2 W.— 6„ 28 5„ F„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſekbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlbrene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit K Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, lorene oder defeete Buch ein Theil eines größere der Leſer zum Erfatz des Ganzen verpflichtet. ( jensterl Dieſelbe iſt auf 14 T beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ jelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. upfern ꝛc.) muß der beſchmutzte„ver⸗ n Werkes, ſo iſt age feſtgeſetzt und wird) — — 6 C. Spindler's ausgewählte Schriften. Zweiter Band: Der Paſtard. Stuttgart, Druck von Fr. Müller. 1838. Der Baſtard. — Eine dentſch FSitene chi ch aus dem Zeitalter Kaiſer Rudolph des Zweiten . von † C. Spindler. ſter. Der Knabe und der Fluch ſeiner Geburt. 1 Stuttgart, Druck von Fr. Müller. 1838. —— Vorwort. Im Begriff, mit einem größern Werke, als bisher, vor dem gebildeten deutſchen Publikum aufzutreten, halte ich es nicht für unnöthig, einige Worte voraus⸗ zuſchicken, die Form und Tendenz des vorliegenden Zeit⸗ und Sittengemäldes betreffend. Wenn auch die Erſtere(das heißt der äußerſte Umriß des Gemäldes), nach der beliebten des bekann⸗ teſten Romanciers unſerer Zeit gebildet wurde, ſo iſt doch alles Uebrige an dem Bilde ächt deutſch; der Boden, die Sitte, die Handlung, der hiſtoriſche Grund, die Charaktere... ſie verläugnen ihr Vaterland nicht, deſſen Staaten- und Culturgeſchichte dem Dichter wahrlich eine unendlich reichere Ausbeute liefert, als ſie irgend einem ausländiſchen Schriftſteller zu Gebote ſteht. Das Zeitalter glaube ich richtig geſchildert zu haben; nur mußte der Zwang ſeiner Inſtitutionen ſich dann und wann der Dichtung fügen. Die Menſchen habe ich gezeichnet, wie ſie waren, folglich noch ſind und ſeyn können; nicht wie ſie ſeyn ſollten. Daher glaube ich nicht, daß es mir als Sünde angerechnet werden kann, wenn ich das Leben lebendig, die Natur natürlich, die Leidenſchaften grell— hin und wieder glühend gemalt; wenn ich es gewagt habe, die Sünde in ihrer fürchterlichſten Blöße, Teufels⸗ augenblicke im Menſchenleben von dem „falben Wiederſchein der Hölle“ beleuchtet, darzuſtellen. Das Bedürfniß, mit Wahrheit zu malen und eine flammende Einbildungskraft mögen mich entſchuldigen, wenn man auch den Nutzen der nackten Darſtellung des Böſen nicht einſehen wollte. Indeſſen halten, wie ich denke, die ſanften, rühren⸗ den und heitern Bilder in dem Werke den düſtern das entſchiedene Gleichgewicht; und nothwendig wurde dieſe Zuſammenſtellung von Schatten und Licht, um ein durch Geburt, Erziehung und Rohheit in Staub ge⸗ tretenes, nur durch ſeltſame Zufälligkeit wieder ge⸗ wonnenes Leben, wie auch das Verderben zu ſchildern, das die leichtſinnige Sittenloſigkeit eines Familienhaupts über ſein Geſchlecht zu verhängen vermag. Dieſe Zwecke zu erreichen war des Verfaſſers Abſicht, die er nicht mißverſtanden zu ſehen wünſcht. H. am 10. December 1825. C. S. Erſtes Bapyitel. Zwiſchen Lipp' und Kelchesrand Schwebt des Schickſals finſtre Hand. Der Rathsherr Wernher ſtand vor dem venetianiſchen Spiegelglaſe, knüpfte die zierlichen Quäſtlein an der feinen Haarkrauſe zuſammen, und blinzelte, in ſeinem Gott ver⸗ gnügt ſeitwärts zum Fenſter hinaus, in den hellen Sonn⸗ tagsmorgen; ſtrich ſich dann behaglich den ſaubergeſchornen Knebelbart, und lächelte noch behaglicher. Sollte man es denken,— ſprach er endlich für ſich und ſtemmte die Arme in die Seite,— ſollte man denken, daß ich heute vor ſechszig Jahren aus dem Ey geſchlüpft ſey? Sehe ich nicht ſo friſch und blühend aus, als wäre ich um zwanzig Jahre jünger? Steht nicht mein apfelgrünes Seidenwamms mit den hoch⸗ gelben Schlitzen und den reichbebänderten und beſchleiften Unterkleidern ſtattlich und groß zu meinem geſegneten Körper⸗ umfang? Sind die prächtigen karmeſinrothen Strümpfe nicht über Waden gezogen, nach denen manch junger Gugel⸗ hans mit neidiſchen Blicken ſchielt? Nichts geht über ein lebendiges raſches Alter, und der blaue Sonntagsmorgen da draußen feiert recht fröhlich meinen Geburtstag, der, ſo Gott will, noch oft wiederkehren wird. 8 Ja; das gebe der liebe Herrgott! fiel des Dieners ſüß⸗ liche Stimme ein. Ei, ſieh da! rief Wernher, ſich umſchauend. Du hier, Simon? So, ſo. Ich dachte, ich ſey allein. Bin eben eingetreten; entgegnete Simon und kauerte ſich nieder, um dem Gebieter die rauchledernen Schuhe mit den bunten Abſätzen und den gelben Laſchen anzuziehen. Biſt ein guter Menſch, ſprach Wernher während dieſem Geſchäfte; haſt ſchon manches Jahr bei mir ausgehalten... Sollſt auch nicht von mir kommen bis an mein Ende, und auch dann ſoll für Dich geſorgt werden. Mein Sohn, der Philipp, iſt zwar ein böſer Bube, aber meinen letzten Willen wird er, ſo Gott hilft, ehren. Das heilige vierte Gebot; ſchaltete Simon ein. Herr Wernher ſtand auf, ging ein Paar Mal nachdenk⸗ lich im Gemach auf und ab, ſah dann auf die Wanduhr. Es wird bald zur Kirche läuten; fuhr er dann fort. Geh' und bringe mir meinen Scharlach und den feinen nieder⸗ ländiſchen Hut mit der Straußenfeder und dem goldenen Knopfe, wie auch die gemsledernen Handſchuhe mit den ſei⸗ denen Franſen. Simon ging. Der Rathsherr nahm das ſilberbeſchlagene Gebetbuch, die goldene Rathsherrnkette und den Rubinring aus dem Schrein; gürtete ſich den Degen um und beſah ſich von Neuem im Spiegel. Die trüben Wolken, die ſich auf ſeine Stirn gelagert hatten, machten der gewöhnlichen Heiterkeit Platz, die auch dann nicht wich, als er mißfällig bemerken mußte, daß ſowohl in Haar als Bart der grauen Eindringlinge viele geworden waren. Simon! rief er dem Eintretenden zu: Gieb mir doch das — 1 7— Fläſchchen mit dem koſtbaren Oele, das mir vor zwei Jahren der Philipp von Lyon geſchickt hat. Es macht die Haare ſo glänzend und ſo dunkel, daß es eine Freude iſt. Er ſalbte ſich wohlgefällig mit der Eſſenz das Haupthaar, und zog lächelnd den Zwickelbart durch die balſamiſch duftenden Finger. Simon aber reinigte am Fenſter den Federhut vom Staube und bewunderte ihn, wie er immer zu thun pflegte. Welche Feinheit! rief er; der Filz ſo zart gleich Sammet, und die ſchöne krauſe Feder! Den Hut ſandte euch ebenfalls euer Sohn, der junge Meiſter Philipp? Ja, erwiederte Wernher gleichgültig, und warf ſich in den pelzverbrämten Scharlachmantel.— Er ſchickte mir ihn von Antorff aus. Der Heuchler weiß wohl, welche Geſchenke ſeinem Vater die meiſte Freude machen. Deswegen taugt aber der Geber dennoch nichts. Simon ſeufzte beweglich. Der Bube war mir zuwider von Geburt an, eiferte Wernher, weil er ſeiner armen Mutter, die ich zärtlich liebte, das Leben koſtete. Du kamſt dazumal in mein Haus, und erinnerſt dich, in welche Betrübniß ich verſunken war. Ihr thatet gleich einem ächt chriſtlichen Wittwer, be⸗ kräftigte Simon. Der Schmerz konnte aber nicht ewig dauern. Mein Blut war zu leicht, ſprach Wernher; ich dachte bald auf Erſatz für die Selige. Jedoch zum Altare ſollte mich Keine mehr bringen, nahm ich mir vor. Lange ſuchte ich vergebens; allein mit der ſchönen Hedwig aus Thüringen⸗ die ich als Wirthſchafterin annahm, ging ein neuer Stern in meinem Hauſe auf. Ach, die fromme, gute Hedwig! ſeufzte Simon. Vie ſie euch liebte,. wie ſie endlich dahinſterben mußte, ſo elen⸗ diglich!... Ach, fuhr Herr Wernher fort, ſich die Augen trocknend. Es wird mir immer trüber vor dem Blicke, wenn ich an ſie denke. Sie war ſo gut, aber dennoch haßte ſie der heran⸗ wachſende Bube, der Philipp, wurde ein boshafter Kund⸗ ſchafter im Hauſe, und darum ſchickte ich ihn fort, in die Niederlande, um die Handlung zu erlernen. Er ſoll ein wackerer Kaufherr geworden ſeyn: meinte Simon. Ach ja, ſeufzte Wernher. Leider zeigte er Geſchick zur Kaufmannſchaft. Aber beinahe wünſchte ich, er möchte das Kriegshandwerk ergriffen haben. Entweder hätte er in den flandriſchen Trubeln ſein Glück gemacht, oder eine ſpaniſche Falkonetkugel hätte ſeinen Heuchlergeiſt frei gemacht von den Banden des Leibes. Seyd Ihr denn nicht zu hart gegen den eignen Sohn? fragte Simon demüthig. Das verſtehſt du nicht, erwiederte barſch der Rathsherr. Genug; ich kann ihn nicht leiden, und gäbe meine Hand darum, wenn Archimbald mein einziger rechtmäßiger Sohn wäre.. der Erbe meiner Habe und meines Namens. Er wäre es auch, der brave Junge, wenn nicht ein hartes Schickſal mir ſeine liebe Mutter gerade am Vorabende des Tags, wo ich ſie zu meiner ehelichen Hausfrau machen wollte, entriſſen hätte!... naz ſetzte Wernher hinzu, und fuhr ſich über die Stirn... Gott habe ſie ſelig, und dem Buben ſoll auch nichts abgehen. Philipp iſt zwar mein Erbe, aber ein ſtattliches Vermächtniß habe ich dem Archimbald ausgeſetzt, von dem er wird leben können und ſich gütlich thun. Wie mögt ihr doch ſchon jetzt des letzten Willens ge⸗ denken? fragte Simon wehmüthig, und küßte Wernhers Hand. Ihr werdet noch lange und zufrieden leben. Ei, das hoffe ich auch, erwiederte Wernher lachend. Ein Teſtament iſt noch kein Todesurtheil. Die Leute in unſrer lieben Stadt Ulm nennen mich einen leichtſinnigen Freiherrn: ich weiß es wohl. Darum will ich ihnen beweiſen, daß ich nicht faſelhaft genug bin, um auf Leben und Sterben zu vergeſſen. Der Magiſter Kalander wird mir heute oder morgen meinen letzten Willen, wie ich ihn denſelben auf⸗ ſetzen hieß, zur Unterſchrift vorlegen.— Mein Archimbald iſt in demſelben wacker bedacht... und du... doch horch! da brummen ſchon die Glocken vom Münſter. Rufe mir doch geſchwinde den Buben. Ich habe ihn heute noch nicht ge⸗ küßt, und pflücke mir einen hübſchen Blumenſtrauß zum Kirchwege. Simon entfernte ſich. Der Rathsherr vollendete ſeinen Putz, liebäugelte mit ſeinem Spiegelbilde, und hielt es nicht für unmöglich, an ſeinem ſechzigſten Geburtstage ſogar noch einen freundlichen Blick von ſchönen Frauenaugen zu erobern. Archimbald tobte zur Thüre herein. Ein unbändiger zwölfjähriger Knabe, der, von dem liebevollen Vater ver⸗ wöhnt, gerade nur ihn allein als ſeinen Obern in der Welt erkannte, und deſſen wackere Anlagen von ſeinem ſtolzen hochfahrenden Weſen und ſeiner Ausgelaſſenheit weit über⸗ ſtrahlt wurden. Dieſe Unbändigkeit war es aber, die ihm des Vaters Herz ſo völlig erorbert hatte, daß er gerne den ehelichen Sohn, der ſchon ſeit zwölf Jahren das Haus ge⸗ mieden, vergeſſen hatte, um ſeine volle Gunſt an das Kind ſeiner Liebe zu verſchwenden. Archimbald gab des Vaters 12 Bild in all ſeinen Zügen wieder. Das war des Vaters Stirne, ſein lebensluſtiges Geſicht; daſſelbe röthlich-braune Haupthaar, das in tauſend üppigen Locken um des Knaben Nacken ſpielte; daſſelbe Feuerauge mit demſelben kühnen, manchmal ſo redlichen Blicke, denſelben aufgeworfenen Mund, dieſelbe raſche und bewegliche Rede. Deßhalb lebte aber auch Wernher in dem Sohne, und umfaßte ihn mit weit innigerer Liebe, als Archimbald den Vater, deſſen unbegrenzte Zärt⸗ lichkeit der Knabe für Schuldigkeit hinnahm. Es iſt heute dein Geburtstag, lieber Vater Wernher? fragte der kleine Wildfang, und warf ſich dem Rathsherrn um den Hals. Simon hat mich ſo eben daran erinnert. Der Schalksnarr hätte wohl früher davon plaudern können. Der Magiſter hat mir einen ſchönen lateiniſchen Vers auf⸗ geſchrieben; ich ſollte ihn abſchreiben und dir bringen. Doch jetzt iſt die Zeit zu kurz, und ich weiß nicht mehr, wo ich den Zettel hingebracht. Darum mußt du ſchon mit einem Kuß vorlieb nehmen. Glaubſt du nicht, daß dein Kuß mir lieber iſt, als des Magiſters Vers? fragte der Rathsherr, den blühenden Buben in ſeine Arme nehmend, der ihm Halskrauſe und Kette in Unordnung brachte, während der Vater mit ihm im Gemache auf und nieder tanzte. Da ſchlugen die Glocken zum zweiten Male zuſammen. Simon brachte den verlangten Strauß, und Wernher machte ſich bereit zum Kirchgange. Wartet nicht auf mich mit dem Imbiß, ſprach er noch zu Simon. Ich bin zu Gaſte geladen bei dem Syndicus, der mein Geburtsfeſt begehen will. Simon, gib mir doch die Muskatnuß mit dem dazu gehörigen kleinen Reibeiſen... der Syndicus wird Augsburger Märzbier aufſetzen. Lange mir auch die Zwiebel wider den Schwindel. Sie ſteckt in meinem Werkeltagwamms. So!... wenn die Feierglocke läutet, kommſt du mit der Hornleuchte, mich abzuholen.— Bringe mir auch die Sammetkappe mit, wegen der kalten Abendluft.— Kömmt unter Tags der Magiſter mit der Urkunde, ſo beſcheide ihn auf Morgen... hörſt du? Jetzt aber geh voran in die Kirche, und ſperre meinen Stuhl auf. Lebe wohl, mein lieber Archimbald! Gott ſegne unſern Aus⸗ und unſern Eingang. Er küßte noch einmal den Knaben, beſchenkte ihn mit einigen Hellern, um Wecken zu kaufen, und ging dem mit dem Geſangbuche vorſchreitenden Simon nach, mit abge⸗ meſſenem Schritte, würdevoller Haltung, und rechts und links, wo nur der ſtattliche Rathsherr hinſah unter das Gedränge der Kirchgänger, flogen die Mützen. Herr Wernher, die Linke auf das Degengefäß geſtemmt, die Rechte mit dem duftenden Blumenſtrauß geſchmückt, grüßte herablaſſend nach allen Seiten, aber ſo oft er ein liebreizendes Frauenantlitz gewahrte, verjüngte ſich ſein ganzes Weſen, und tiefer beugte ſich, mit den Roſen jugendlicher Erinnerung bekränzt, ſein graues Haupt, bis im Hauſe des Herrn jene Kränze ver⸗ welkten, um ernſtere Betrachtungen in ihm aufkommen und den leichtſinnigen Geiſt fromm werden zu laſſen. Simon kehrte bald wieder zurück, legte dem jungen Archimbald die Feſtkleider an, und ging, den Imbiß zu be⸗ ſorgen. Archimbald, der im Garten geweſen war, und eine Eidechſe gefangen hatte, ſuchte mit ſeiner Beute den alten Diener auf, um ihm einen Streich zu ſpielen, wie er oft gethan. Leiſe ſchlich er nach der Kuche, und ſah Simon am 14 Herde ſtehen, vor ihm Feuer und kochende Speiſen. Der Alte hatte aber ein Fläſchlein zur Hand, welches er bedächtig gegen die Sonne hielt, um den Inhalt deſſelben im hellen Lichte mit den Augen zu prüfen. Ein milchartiger Saft füllte zum Drittel ungefähr die Phiole. Simon rüttelte und ſchuttelte an dem Fläſchchen, als Archimbald, dem es zu lange dauerte, mit einem lauten Halloh! die Eidechſe an ihn ſchleuderte. Das ängſtliche Thier flog wie der Blitz an dem Alten hinunter, der vor Schrecken das Fläſchchen fallen ließ, welches auf dem Steinboden in tauſend Stücke zer⸗ ſprang. Archimbald lachte ausgelaſſen; Simon warf ihm aber einen Zornblick zu, wie der Knabe noch nie geſchen, der ihm auch das Lachen urplötzlich vertrieb. Ein ſchwerer Fluch, oder wenigſtens ein bittres Wort ſchien auf Simons Lippen zu ſchweben, doch nahm ſich der Behutſame zuſammen, und ſchwieg, bis die erſte Bewegung vertobt hatte. Was habt ihr nun davon, junges Herrlein.. fragte er endlich mit unſichrer Stimme,... daß die edle Eſſenz, mit der ich meine alten Augen zu ſtärken pflege, verſchüttet am Boden liegt? Hm, erwiederte Archimbald, das thut mir leid. Doch tröſte dich. Der Vater ſoll dir Geld geben, welche zu kaufen. Sey nur nicht griesgram, und komme mit mir hinein. Ich habe ſo viele Langeweile, und am Sonntage darf ich in den Frühſtunden nicht aus die Gaſſe. Was ſoll ich aber in der Stube mit euch, mein Junker⸗ lein? fragte Simon weiter. Mährlein erzählen, alter Simon, rief der Knabe, und zerrte ihn ungeduldig mit ſich fort.— Der Alte folgte halb gezwungen, überließ der Magd Sabine die Aufſicht der 15 Küche, und brummte in den Bart: Hm! es ſoll nicht ſeyn; es ſoll nicht ſeyn! Was ſoll nicht ſeyn? fragte Archimbald, dem kein Wort entging. Simon ſchwieg eine Weile.— Ich wollte euch eine Freude machen, ſprach er endlich; euer Leibgericht euch aufſtellen. Hirſebrei? fragte der Knabe, aufhorchend. Errathen, Herrlein, verſetzte Simon.— Ich hätte ihn mit dem koſtbaren Zimmet gewürzt, den euer Bruder neulich mit den andern ſchönen Sachen fur den Vater ſchickte. Mein Bruder? ſprach Archimbald hämiſch lachend. Ich mag nichts von ihm, kann ihn nicht leiden. Ei warum denn nicht? forſchte der Diener. Weiß nicht recht, verſetzte Archimbald. Aber genug; es iſt ſo: Vater Wernher kann ihn auch nicht leiden. Er hatte ſeine eigene Mutter umgebracht, und die meinige gehaßt, und er haſſe mich auch, und habe mir oft die Peſt an den Hals gewünſcht. So ſagte der Vater oft, und ob ich ihn gleich nie geſehen, den Philipp, ſo iſt er mir doch zuwider wie Wermuth. Wenn ihr ihn kennen lerntet... meinte Simon. Will ihn nicht kennen lernen, erwiederte der Knabe heftig, und ſtampfte mit dem Fuße. Er ſoll mir nicht ins Haus, ſo lange ich darinnen bin. Ich weiß wohl, alter Simon,.. denn ich habe meine Ohren überall... daß mich viele Leute nicht gerne haben. Der Ohm Leonhard, die Baſe Lai⸗ bingerin, der Vetter Thurneiſen können mich nicht ausſtehen. Wenn die Sippſchaft einmal bei dem Vater zuſammenkömmt, darf ich mich nicht ſehen laſſen. Ja, wenn der Ohm Ehren⸗ fried noch hier wäre! Aber er iſt in den Krieg gezogen nach dem Lande Böheim, oder Hungarn... Der hatte mich lieb, und ſpielte mit mir.— Doch wieder von Vorne anzufangen... ich weiß es, daß mich die Leute haſſen wie eine Spinne, und ſchon oft geſagt haben; ich ſey nicht der rechte Sohn meines Vaters. Aber ich will es ihnen ſchon lehren, wenn ich groß genug bin. Der Vater hat mich am liebſten; darum muß ich auch wohl ſein beßter Sohn ſeyn. Ein beſſerer als der verlaufene Philipp, der mir die Peſt an den Hals wünſcht. Der Knabe ging ganz trotzig und hochfahrend im Ge⸗ mache auf und ab, und wurde noch lange fortgeeifert haben, wenn nicht in demſelben Augenblicke der Magiſter Kalander eingetreten wäre. Simon, bereits unterrichtet von dem Endzwecke ſeines Beſuchs, entſchuldigte die Abweſenheit des Herrn, beſtellte ihn auf Morgen wieder, und wollte ihm das ſauberbeſchriebene Pergament abnehmen, um es dem Rathsherrn bei ſeiner Heimkehr vorzulegen. Ihr durft euch nicht ſcheuen, ſprach er zu dem Zaudern⸗ den, mir das Pergament zu ubergeben. Für das Ge⸗ heimniß ſtehe ich euch. Ich kann nicht leſen. Der gehorſame Magiſter zögerte noch. Aber, in Betracht, die Schrift möchte ihm bei dem Gaſtgebot, zu dem er ſich zu begeben im Begriff ſtand, hinderlich ſeyn, gab er nach, und ließ das Dokument zurück, nachdem er es in einen Papierumſchlag gewickelt, und mit einem großen Wachsſiegel verſchloſſen hatte. Des Knaben Nengierde war nun auf die geheimnißvolle Schrift gerichtet, und Simon nahm keinen Anſtand, ihm davon zu ſagen ſo viel er ſelbſt wußte. Archimbald war es noch nie eingefallen, ſich ſeinen Vater ſterblich zu denken und dieſe Vorſtellung erſchütterte ſein leichtſinniges Herz aufs —— heftigſte. Simon mußte ihn zum Eſſen aufmuntern, und in⸗ dem er ihm ſeinen künftigen Reichthum pries, ihm demüthig die Speiſen vorlegte, und alle Ergebenheit bewies, die dem Diener eines reichen Erben geziemt, verſcheuchte er nach und — nach glücklich den Ernſt des Knaben, und weckte auf's Neue die Geiſter des Stolzes und des Uebermuths in der trotzigen Bruſt. Unter ſeinen Geſpielen verfloß dem lebhaften Knaben der herbſtliche Nachmittag unter Scherz und Fröhlichkeit. In der Dämmerung kehrte er von der Wieſe am Donaufluſſe nach Hauſe, und ſtrich, von ſeinen Gefährten getrennt, durch ein Paar abgelegene Gaſſen. In einem kleinen Häuschen brannte im Erdgeſchoß eine trübe Lampe. Archimbald ſprang auf einen Baumſtamm, der vor dem Häuschen lag, und pöp⸗ pelte an's Fenſterlein. Ein Mädchen von ungefähr neun Jahren, das in der Stube ſaß und Garn wickelte, ſchaute hoch auf. „Trudchen!“ rief Archimbald leiſe ins Fenſter;„Trudchen! komm' heraus! Ich bin's!“ „Biſt du's, Archimbald?“ erwiederte froh die kleine Dirne. Aber ihr Frohſinn wich alſobald.—„Ach, lieber guter Archimbald,“ fuhr ſie traurig fort;„ich kann nicht zu dir hinauskommen. Der Vater iſt auf der Zunft, die Mutter bei der kranken Nachbarin, und ſie haben mich eingeſchloſſen.“ „So komm' nur an's Fenſter,“ drang der Knabe in ſie. Sie kam auch endlich, und Archimbald lehnte ſich mit dem halben Leibe hinein, ergriff ihre beiden Händchen, und er⸗ zählte ihr freudig, wie er einmal ein reicher Mann werden würde, deß Alles vollauf hat und thun kann, was er will. hat mir Simon geſagt!“ ſetzte er hinzu,„und ich habe 2 — 18 ſelbſt die Schrift geſehn, in der mir der Vater vieles Geld ſchenkt, und ſeine goldene Kette und ſeinen ſchönen Degen. Mit dem ziehe ich in den Krieg, wenn ich groß bin, wie der Ohm Ehrenfried, bringe viele Schätze mit, und hernach, Trudchen, wirſt du meine Frau.“ Trudchen lächelte. Bis dahin, meinte ſie, würde noch mancher Tropfen die Donau hinunterfließen.„Du biſt auch ein närriſcher Menſch,“ ſetzte ſie bei.„Warum ſoll ich denn gerade Deine Hausfrau werden? Ich möchte lieber Deine Schweſter ſeyn.“ Archimbald ſchüttelte halb ärgerlich den Kopf.„Ich habe Dir ſchon erzählt,“ ſprach er,„daß es mir geträumt hat, wir würden Mann und Frau, und darauf habe ich Stern⸗ und Gänſeblümchen gezupft, und ſie haben immer: Ja ge⸗ ſagt. Darum laſſe du mich nur erſt zwanzig Jahre alt wer⸗ den dann hol' ich dich heim, mein blauäugiges Trud⸗ chen!“ Trudchen kneipte ihn muthwillig in die Hände. Er nahm ſie beim Kopf und gab ihr einen derben Kuß. Sie ſchlug den Wildfang in's Geſicht.. da knarrte die Thüre des Neben⸗ hauſes; man vernahm Gertrudens Mutter mit lauter Stimme Abſchied nehmen; Trudchen ſchob ängſtlich das Fenſter zu; Archimbald flüſterte ein leiſes„Schlafe wohl!“ und kroch auf allen Vieren an der heimkehrenden Mutter vorbei, deren blöde Augen den ſcheuen Freier nicht gewahrten. Voll von den Gedanken an ſein Trudchen, deren liebrei⸗ zendes Weſen in dem Knaben das dunkle Gefühl emporkei⸗ mender Liebe erzeugt hatte, kam Archimbald in dem väterli⸗ chen Hauſe an. Still, wie ſonſt, lag die weite Hausflur, der dunkle Hof;z aber mit einer beſondern Scheu ſchlich heute 19 der Kleine die gewundne Stiege hinan, betrat er den lan⸗ gen Gang, der an dem Gemache des Vaters vorbei zu ſeinem Kämmerlein und zur Wohnſtube führte. Die Glocke vom Thurme ſchlug die neunte Stunde. Aus Herrn Wernhers Gemach ſtrahlte Licht durch das kleine Schiebfenſter neben der Thüre. Archimbald wollte in das Zimmer; die Thüre war aber verſchloſſen, und ſo ſchlenderte er gegen die Wohn⸗ ſtube fort, als Simon mit der Leuchte in der Fand aus derſelben auf den Gang trat. „Ihr ſeyd's, Herrlein?“ fragte der Diener.„Ich hörte vorhin die Hauspforte raſſeln.“ „Ich war es,“ verſetzte der Knabe.„Aber wo willſt du hin mit der Leuchte?“ „Den Herrn holen,“ antwortete Simon.„Es hat neun Uhr geſchlagen.“ pii Herrn? alter Träumer!“ lachte Archimbald.„Der ja längſt daheim.“ ne fragte der Alte. „Nun freilich,“ lachte Archimbald noch lauter.„Du be⸗ wachſt uns das Haus ſchön, und weißt nicht, wer kommt oder geht. Der Vater iſt daheim, und hat ſich in ſein Stüb⸗ lein verriegelt.“ „Junkerchen, Ihr träumt, nicht ich;“ erwiederte Simon. „Wie kann er in ſeinem Stüblein ſeyn, zu dem ich den Schlüſſel in der Taſche führe?“ „Was?“ rief Archimbald eifrig.„Du, wahnwitziger Ei⸗ genſinn, willſt mich Lügen ſtrafen? Da, ſieh, komm und ſieh.. brennt nicht eine Kerze im Stüblein?“ „Schnell deckte Simon die Leuchte mit ſeinem Mantel zu, und ſeine Kniee fingen an zu ſchlottern, 3 er die Helle in des Rathsherrn Stube gewahrte.„Jeſus!“ ſtammelte er erſchrocken, und griff haſtig in ſeine Taſche nach dem Schlüſ⸗ ſel des Gemachs, den er auch augenblicklich fand. „Da iſt doch der Schlüſſel,“ fuhr er fort.„Alſo ſind Diebe darinnen oder ein Spuckgeſicht.“ Als er aber verſteinert da ſtand, und nichts zu begin⸗ nen vermochte, riß ihm Archimbald den Schlüſſel aus der Hand; im nächſten Augenblicke war die Thüre geöffnet, und Beide ſtanden im Gemach. Der Rathsherr ſaß in ſeinen Prunkkleidern am Tiſche im Erker; hatte eine brennende Kerze vor ſich, hielt in der Rechten eine Feder, in der Linken das eröffnete, entfaltete Teſtament, in dem er mit bekümmertem, ſchneebleichem Ge⸗ ſichte zu leſen ſchien. Unwillkührlich hielt ſich Archimbald an dem Mantel des alten Simon, der mit dem Ausruf:„Aber, Herr Wernher! wie kommt Ihr doch in's Haus gleich dem Diebe in der Nacht!“— dem Gebieter ein Paar Schritte näher trat. Der Rathsherr wandte aber raſch ſein Geſicht gegen die Eintretenden, ſtarrte ſie mit gebrochenen Augen an, die gräu⸗ lich aus den fahlen Zügen blickten, und plötzlich war Geſtalt ſammt Kerzenhelle verſchwunden. Das Document lag feſt verſiegelt auf ſeinem vorigen Platze, und des Dieners La⸗ terne warf ungewiſſe Streiflichter in dem dunkeln Gemache umher. Entſetzt hatte ſich Archimbald mit dem Geſichte an den Alten gedrängt, deſſen Herz ängſtlich pochte, deſſen Glieder bebten, und der kaum ein Kreuz zu ſchlagen vermochte. „Gott ſey uns gnädig und barmherzig!“ ſeufzte Simon nach langer Pauſe aus tiefſter Bruſt.„Es hat ſich geeig⸗ net! Ein Unglück muß geſchehen ſeyn.“ Ein ſchneller Entſchluß riß ihn zum Handeln auf. Er zog den ſchaudernden Knaben mit ſich aus dem Gemache, übergab ihn der Sorgfalt der herbeieilenden Sabine, und ſtürzte halb ſinnlos nach dem Hauſe des Syndicus. Vor einer Viertelſtunde hatte man noch den Jubel der frohen Gäſte deſſelben weit hinaus durch die ſtille Nacht vernommen, aber die letzten Minuten hatten viel geändert. Erleuchtet waren noch die Fenſter, aber Saiten⸗ und Trom⸗ petenklang, wie der Trinkgeſang froher Zecher war ver⸗ klungen. Ein ſtummes, ängſtliches Treiben war im Hauſe, und auf der Straße hatten ſich die Nachbarn geräuſchvoll verſammelt, die ſich mit bedenklichen Worten und Geberden gegenſeitig zu unterrichten ſchienen. „Was giebt's, ihr Leute?“ fragte Simon mit ahnender Seele.— Scheu wichen alle Naheſtehende den wohlbekann⸗ ten Alten aus. Seines Herrn Namen hörte er jedoch hin und wieder im Haufen nennen. So gelangte er in die Pforte; da begegnete ihm ein Diener.„Ach, zu ſpät, Simon!“ rief ihm dieſer zu,„zu ſpät! löſche deine Leuchte aus. Auf Erden bedarf Herr Wernher ihrer nicht mehr.“ „Unglücksprophet!“ ſchrie ihn der Alte verzweifelnd an⸗ und rannte die Treppe hinauf, drang in das Tafelzimmer, und ſah die zahlreiche Gaſtverſammlung die lebloſe Hülle ſeines Gebieters umſtehen. Die Hand Gottes hatte ihn ge⸗ troffen, mitten unter den Freuden des Mahls,„hatte das graue Haupt, unter dem es noch jugendlich geſtürmt und geglüht, niedergedrückt aus dem friſchen Leben auf den dunkeln Sargpolſter. Unwiſſend hatte er an des Syndicus 22 gaſtlicher Tafel, der ſein Geburtsfeſt zu feiern dachte, ſein Todtenmahl begangen, und die Neige des Tummlers voll Rheinwein, den der ſtattliche König des Feſtes auf ſein und ſeiner Freunde Wohl mit einem Zuge zu leeren ſich vorge⸗ nommen, netzte nur noch die erſtarrte Zunge des fröhlich hinübergegangenen Trinkers. „Gottes Gerichte!“ rief die Menge, die, wie es zu ge⸗ hen pflegt, haarſcharf richtete, nur mit Härte die Blößen rügte, die der Verblichene gegeben, und in leichtſinniger Freimüthigkeit nicht mit dem Mantel der Heuchelei zu be⸗ decken gewußt hatte. Wenige Freunde beſeufzten das Hinſcheiden des fröhlichen Biedermanns; im Verborgenen zollten aber viele Arme, die an dem lebensluſtigen Wernher einen Verſorger gefunden hatten, ſeinem Andenken eine Thräne. Am grimmigſten je⸗ doch packte den jungen Archimbald der bittere Kummer über ſeinen unerſetzlichen Verluſt, der ihm in der nächſten Vier⸗ telſtunde kein Geheimniß mehr war. Der hartnäckige Starr⸗ kopf, dem die ſchwerſte Züchtigung nur Thränen der Wuth, nie aber des Schmerzens zu entlocken vermochte, war durch dieſen blitzſchnellen Todesfall ſo tief erſchüttert, ſo zerknirſcht, daß er ſich dem heftigſten Jammer überließ, der zufolge ſei⸗ ner ſchroffen Gemüthsart gar nicht zu bändigen war. Außer ſich vor Leiden, warf er ſich auf den entſeelten Körper, und weinte herbe Thränen der Verzweiflung. Er tobte gegen Jeden, der ihn von der geliebten Leiche führen wollte, und ſogar Simon, der harte Greis, ehrte den natürlichen Schmerz, und ließ ihn gewähren. Als aber die Blutsfreunde kamen mit den Herren vom Gerichte, um die Verlaſſenſchaft für den rechtmäßigen Erben — 23 einzuſehen und anzutreten, fuhr der rauhe Vetter Thurn⸗ ciſen mit böſen Worten den tiefbetrübten Knaben an, und befahl, ihn von dem Vater wegzureißen. Archimbald wehrte ſich, widerſtand, trotzte und klammerte ſich mit ohnmächtiger Kraft an Wernhers Lager. Mitleidig wichen die Diener zu⸗ rück; Thurneiſen aber, von jähem Zorn entbrannt, packte den armen Knaben mit ſeiner Rieſenfauſt.„Baſtard!“ don⸗ nerte er ihm mit grauſem Hohne zu:„Aus meinen Augen, Baſtard!“— und ſchleuderte ihn bewußtlos zu Boden. Ar⸗ chimbald, am Kopfe verwundet, ward ohnmächtig in ſeine Kammer gebracht, auf ſein Lager geworfen, wo ihm bald ein fürchterliches Fieber überfiel, das ſeinen zarten Körper zerſtört haben würde, hätte ſich nicht die mitleidige Sabine als ein rettender Engel des Hülfloſen angenommen. Nicht dieſen finſtern Blick! nicht dieſes Schnauben Verhalt'ner Wuth! Es iſt kein abgeriß'nes Meduſenhaupt, was Du betrachten ſollſt, Dein Bruder iſt's, der zu Dir kam. Euripides. Junge Blüthen ſtreift der Sturmwind am leichteſten von den heimiſchen Zweigen. Hat der fürchterliche ſie aber blos leicht beſchädigen können, ſo richtet immer jugendliche Kraft und balſamiſcher Thau die Geknickten bald wieder auf.— Auch Archimbald genaß. Der frommen Magd und ſeiner feſten Natur dankte er allein ſein Leben. Denn, als ſein Vater hinausgetragen war zum Friedhofe, hatte ſich Alles fremd abgewendet von dem Verlaſſenen. Simon, der ſeine Tücke jetzt recht offen zur Schau ſtellte, hatte, ein treuer Vollſtrecker der Befehle Thurneiſens, den Aermſten ſeines Lagers beraubt, ihn in der Fieberhitze aus der Kammer ge⸗ worfen, und ihm alle Nahrung, allen Beiſtand verſagt. Sa⸗ bine war die Einzige, die der Grauſamkeit offen widerſtrebte. Sie bettete den ſinnloſen Knaben in ihr eigenes Stüblein, pflegte ihn, wie eine Schweſter, that für ihn weit über ihre Kräfte, und ſah endlich mit inniger Freude ihre ſchöne Be⸗ mühung belohnt. Der Knabe erholte ſich aber nur langſam, 25 und die gute Dirne theilte ihre Nahrung mit ihm, ſich ſelbſt Nothwendiges verſagend, um ihm die verlornen Kräfte wie⸗ derzugeben. Archimbald hing dafür auch dankbar an ihr, und ihre Güte hielt doch in etwas das Gleichgewicht mit der fürchterlichen Lage, in der er ſich befand, und die ihm von Tag zu Tag begreiflicher wurde. Denn ſeine Pflegerin konnte ihm nicht verhehlen, daß mit ſeinem Vater alle und jede Hoffnung ſeines Lebens zur Grube gefahren ſey; daß Simon die feindlichſten Abſichten hege, und bereits einen Eil⸗ boten an Philipp nach Antorff geſendet habe, um deſſen An⸗ kunft im Vaterhauſe zu beſchleunigen. Archimbald faßte lange nicht den Grund, warum er ganz ausgeſchloſſen ſeyn ſollte von dem Eigenthume ſeines Vaters, bis ihm endlich die ſittſame Sabine mit halben, gar ſorgſam gewählten Worten ungefähr erklärte, wie das Alles zuſammenhänge. Des Knaben ſtörriſcher Character lehnte ſich auf gegen Un⸗ gerechtigkeit des Schickſals und der Menſchen; ſeine Hülflo⸗ ſigkeit hingegen entpreßte ihm glühende Thränen. In dumpfer Troſtloſigkeit brütend lag er, als eines Tags Simon in die Kammer polterte. „Wie lange ſoll das mit dem Buben noch dauern, Sa⸗ bine?“ zürnte er der Bleichwerdenden entgegen.„Morgen kömmt der Herr, und der ſoll das Gezücht nimmer im Hauſe finden. Entweder Ihr ſchafft den Ueberläſtigen ab; oder ich laſſe den Wechſelbalg auf die Straße werfen, und ihr ſeyd um den Dienſt.“ Sabine ſchwieg beſtürzt. In Archimbalds Buſen kochte es aber, und er rief dem Alten heftig zu:„O Simon, du alter, böſer Knecht! redeſt Du alſo von dem Sohne Deines Herrn, und ſchändeſt den Gebieter noch im Grabe?“ ⸗ Der tückiſche Graukopf brüllte ihn aber an:„Schweig, Lotterbube! ich ehre unſern edlen Herrn,— Gott habe ihn ſelig!— und ſeinen wackern Sohn, den Meiſter Philipp, aber ſeinen Baſtard verabſcheue ich, und war bis jetzt nur zu mitleidig gegen ihn. Aber Alles hat ſein Ziel, und...“ „Simon! Simon!“ fiel dem rohen Menſchen die empörte Sabine in die Rede...„Bedenkt Euere grauen Haare, und erbarmt Euch des Unmündigen. Ueberlaßt es wenigſtens dem neuen Herrn, des Knaben Schickſal zu entſcheiden. Er trägt gewiß ein menſchlicheres Herz in der Bruſt, und wird den Bruder nicht verſtoßen. Ich kann leider für den Armen nichts mehr thun, aber er ſoll nicht aus dem Hauſe, bevor ihn nicht der Herr geſehn, und über ihn entſchieden. Ich leide es nicht, und koſtete es mich zehnmal den Dienſt.“ Freche Dirne!“ ſchnauzte ſie der Alte an:„Euch geht ja die Zunge wie ein Mühlrad. Müßt ein beſonderes Wohl⸗ gefallen an dem rothköpfigen Milchgeſicht gefunden haben.— Haben es Euch vielleicht die frechen Augen des Sündenſohns angethan?“ „Ihr ſeyd ein boshafter Läſterer!“ erwiederte Sabine, vor Aerger roth werdend,„und werdet in Eurer Sünden Blute zur Grube fahren, wenn Ihr die Barmherzigkeit ge⸗ gen das Kind abſchwört. Gedenkt nur an den ſchnellen Tod des ſeligen Herrn,.. wenn Euch nun gleiches Lvos träfe? oder wenn er ſelbſt noch herüberkäme, als Geſpenſt, aus je⸗ nem Leben, um Euch zur Rede zu ſtellen?“ Dem alten Menſchen ſchauerte die Haut, und das ge⸗ ſpenſtige Geſicht von jenem Sonntagsabend zuckte vor ihm auf. Er blinzelte ſcheu mit ſeinen grauen Augen, und brummte mürxiſch vor ſich hin:„Mag ich des Todes ſeyn, 27 wann und wie ich will... wir ſtehen in Gottes Hand, und ich bin bereit. Aber dennoch freut es mich in der Seele, daß Herr Wernher gerade zur rechten Zeit hinübergegangen iſt; ehe er noch ſeinem rechtmäßigen Sohne das Erbe ſchmä⸗ lern konnte, um den Buben ſeiner Metze zu bereichern.— Wollt Ihr im Uebrigen dem jungen Herrn Wernher ſeinen Eintritt in's Vaterhaus vergällen, ſo bleibe meinetwegen das Früchtchen da. Ich waſche meine Hände in Unſchuld.“ Der Unhold entfernte ſich, ehe Archimbald Zeit und Worte gewonnen hatte, ſeinem grauſam mißhandelten Gefühle durch Verwünſchungen Luft zu machen Deſto unbändiger war aber der ſpätere Ausbruch ſeiner Wuth, und Sabine durfte ihre ganze Beredtſamkeit aufbieten, den aufgereizten Knaben zu beſchwichtigen, der in ſeinem zarten Alter ſchon eine Un⸗ biegſamkeit des Characters verrieth, welche, verbunden mit ſeinem vorgereiften Flammengeiſte, für die Zukunft entweder die größten Hoffnungen oder die traurigſten Beſorgniſſe er⸗ regen mußte. Mit dem liebreichſten Zureden, mit Bitten und Thränen, brachte die treue Wärterin ihren Schützling endlich dahin, daß er verſprach, ruhig und gefaßt die Ankunft ſeines Bru⸗ ders zu erwarten, ihm eben ſo gleichmüthig vor Angen zu treten, von ſeinem brüderlichen Herzen eine glimpfliche Be⸗ handlung zu heiſchen, und in Allem auf Gott zu vertrauen. Am Morgen des entſcheidenden Tags kleidete Sabine den Knaben in ſeine beſten Kleider, ordnete ſeine Locken auf das Sorgfältigſte, und ging dann ihre Geſchäfte zu beſor⸗ gen, denn das Haus wurde auf's Beſte ausgeputzt⸗ alles ſpiegelblank und ſauber gemacht, um den neuen Eigenthümer gebührend zu empfangen. Archimbald hielt ſich indeſſen⸗ 28 Simon fürchtend, in der Kammer ſtille und geräuſchlos auf. Die peinigendſte Ungeduld marterte ſeine Seele. Liebliche Hoffnungsbilder und ſchwarze Ahnungen kämpften in ihr, und manchmal war es dem Armen, als ſtünde ſein Vater vor ihm, wie er ihn an jenem verhängnißvollen Abend ge⸗ ſehen, und blicke ihn mit trüber Wehmuth an.— Dann legte er den Kopf auf das Fenſtergeſimſe, und weinte bitter⸗ lich, bis ihn wieder das Raſſeln der Hausthüre aufſchreckte; denn bei jedem Geräuſch hoffte und fürchtete er die Ankunft des fremden Bruders. Hoffnung und Furcht täuſchten ihn aber. Der Morgen verging, und Philipp war nicht an⸗ gelangt. Sabine brachte dem Harrenden ein nahrhaftes Süpplein, weißes Brod, ein Bischen alten Wein. Er konnte keinen Tropfen hinunterbringen... jeder Biſſen quoll in ſeinem Munde. Mit bleiernem Fuße, und ach! dennoch zu ſchnell ſchritten die Stunden vorüber, und es war ſchon ſpäter Nachmittag geworden, als Archimbald das große Hausthor öffnen hörte, und bald darauf im Hofe Pferdegetrappel ver⸗ nahm. Großes Geräuſch im Hauſe... Treppe auf, Treppe ab; Hundegebell; fremde Stimmen. Das mußte Philipp ſeyn. Ach, wie gerne hätte Archimbald vom Gange aus einen Blick in den Hof geworfen! Aber Sabine, beſorgt, der alte Simon möchte ihrem jungen Freunde Mißhand⸗ lungen zufügen, hatte ihn in die Kammer eingeſchloſſen. Das Getümmel verhallte nach und nach, und Sabine kam endlich. Eifrig und geſchäftig muſterte ſie noch einmal das Aeußere ihres Pflegeſohns, nickte beifällig mit dem Kopfe, und drückte ihm einen ſchönen Blumenſtrauß in die Hand.— „Meiſter Philipp iſt angekommen,“ ſprach ſie alsdann ſehr bewegt:„und nun, mein lieber Knabe, benutze die erſte Zeit⸗ ehe Simon Dich noch zu ſehr bei dem Herrn verleumdet⸗ und empfiehl Dich ſeiner Gunſt.“ „Wie mache ich das?“ flüſterte Archimbald ängſtlich. „Ich führe Dich bis an des Vaters Stüblein,“ erwiederte Sabine.„Der Herr iſt gerade darinnen. Tritt dann keck, aber dennoch demüthig ein, verneige Dich vor dem Herrn, küſſe ihm die Hand, und reiche ihm den Strauß, und ſprich beſcheiden und vernehmlich:„Lieber Herr! dieß zum Will⸗ komm! Nehmt Euch eines unſchuldigen Knaben an, und Gott ſegne Euch dafür.““— Dann warte ſtille ab, was er darauf antwortet, und verzage nicht. Er iſt ja noch ein ſehr junger Mann. Der Herr wird ſein Herz lenken. Gehe jetzt, mein Sohn!“ Mit klopfendem Herzen machte ſich Archimbald an der Hand ſeiner Pflegerin auf den böſen Weg. Der Gedanke, als ein Bittender zu erſcheinen, vor ſeinem Bruder, er, der die ungetheilte Liebe ſeines Vaters genoſſen, war vernichtend für des Knaben Stolz; um ſo vernichtender, als er einſah, daß er unerbittlicher Nothwendigkeit weichen müſſe. Zweimal„ griff er nach der Thürklinke... zweimal zog er die Hand ſcheu zurück;... endlich gehorchte er Sabinens freundlicher Ermahnung... ein Druck, und er ſtand in dem Gemach, durch die zufallende Thüre von ſeiner Helferin getrennt, im Angeſichte deſſen, der ſein Wohl und ſein Wehe zu beſtim⸗ men hatte. Das Stüblein war angefüllt mit Reiſeſaͤcken, Felleiſen, Staubmänteln und Reitzeug. In dem großen gepolſterten Sorgenſtuhle des Vaters ruhte Philipp von den Beſchwer⸗ lichkeiten der Reiſe aus. Ein langer, junger Mann von zwei bis dreiundzwanzig Jahren; bleich von Angeſicht, ſchwarz von Haaren, die er kurz geſchoren trug. Seine Stirne war kahl, ſeine Augen dunkel und groß; ein glänzend ſchwarzer, mäßig dichter Knebelbart beſchattete den zugeklemmten Mund. Neben ihm am Boden lag ſein Federhut, der breite Hau⸗ degen an der büfelledernen Kuppel und ein kurzes Feuerrohr mit weiter Mündung. Zu ſeinen Füßen ruhten zwei unge⸗ heure däniſche Hunde mit weißen ſpröden Haaren, und roth⸗ glühenden Augen. Simon ſtand vor dem Gebieter, und kredenzte ihm auf ſilberner Platte einen Becher mit Wein. Bei Archimbalds Erſcheinen ſchlugen die Hunde an. Phi⸗ lipp verwies ſie mit derbem Fußſtoße zur Ruhe, und wen⸗ dete ſich befremdet gegen den Eintretenden.„Was ſoll's?“ rief er demſelben zu.— Aber weder die barſche Rede, noch das forſchende Auge des Fragers, noch der auflodernde Grimm in Simons Angeſichte entmuthigte den wackern Knaben, dem Gott wunderſame Stärke verliehen zu haben ſchien, den Kelch ſeines Leidens zu leeren. Gefaßt und ſo demüthig als er vermochte, trat er dem Bruder näher, ergriff und küßte 8 die widerſtrebende Hand, legte ihm den Blumenſtrauß darein, und ſprach mit rührendem Ausdruck die Worte:„Lieber Herr, dieſes zum Willkomm! Nehmt Euch eines mhulib Knaben an, und Gott ſegne Euch dafür!“ Philipp, der nicht begriff, was dieſer Auftritt bedeute, ſah ſeinen Diener fragend an, und las bald in deſſen ſpötti⸗ ſcher Miene und zuwinkenden Blicken die Antwort. Da hüllte ſich aber urplötzlich ſeine Stirne in finſtre Wolken, die Brau⸗ nen zogen ſich zuſammen; Haß und Zorn blitzte aus den Augen, und ſchadenfroher Hohn klemmte die ſchmalen Lippen noch feſter zuſammen. So durchbohrte er eine Weile hindurch 31 den Bittenden mit ſeinen ſcharfen Blicken, und ſchwieg. Archimbald verwandte kein Auge von ihm, aber es ſtieg ihm heiß auf im Geſichte. Endlich ſprach Philipp mit ſpöttiſchem Tone, aber dennoch nicht frei von dem Grolle, der ihm das Innere zermarterte:„Du biſt alſo der kleine Baſilisk, der meine Jugend vergiftet hat, und meines Vaters Liebe zu mir, ſeinem einzigen ehelichen Sohne?“ Archimbald war ſchneebleich, und froſtig klapperten ihm die Zähne. Philipp weidete ſich an ſeiner Vernichtung, und leerte ruhig, langſam ſogar, den Becher, den ihm Simon darreichte. Dann drehte er ſich zu dem Diener, und ſprach, mit falſcher Tücke den Kopf wiegend: „Wahrlich, Ihr konntet mir kein größeres Feſt bereiten, als mir den rothhaarigen Pagen da vorzuführen in der erſten Stunde meiner Ankunft in der Heimath. Galgen, Rad und Strang mögen's Euch danken.“ „Der Staupbeſen lohne es der, die dieſes Poſſenſpiel begünſtigt hat,“ eiferte Simon, und erzählte, wie die Sache ſich verhielt. „Ein feines Dirnchen, die Sabine!“ ſpöttelte der junge Herr und dehnte ſich bequem in dem weichen Sorgenſtuhle.— „Vielleicht ebenfalls eine zärtliche Schöne des werthen Va⸗ ters? Iſt am Ende noch ein Brüderlein auf dem Wege?“ Simon zuckte die Achſeln.„Eine erbauliche Wirthſchaft! eine feine chriſtliche Haushaltung!“ fuhr Philipp fort, und zerzupfte im Unmuth Archimbalds Blumenſtrauß. Dem Kna⸗ ben drängten ſich Thränen in die Augen, aber ſeine Züge, ſeine Haltung blieben wie verſteinert. „Was iſt aber da zu thun?“ ſprach Philipp weiter.„Der Burſche hätte mir nie unter die Angen kommen ſollen, und „ ich werde nie die Unverſchämtheit vergeſſen, mit der man mich gezwungen hat... „Befehlt,“ unterbrach ihn Simon lebhaft,„befehlt, edler Herr, was mit dem Ueberläſtigen geſchehen ſoll. Im Augen⸗ blick ſey es erfüllt.“ „Alter Tölpel!“ brummte ihm Philipp unwirſch zu.„Er ſollte entfernt ſeyn, ehe ich kam.“— Dann wandte er ſich zu Archimbald:„Zu was biſt Du zu gebrauchen, Bube?“ Archimbald ſchwieg. „Valga me Dios!“ rief darauf höhniſch erſtaunt der Hartherzige aus, der waͤhrend den niederländiſchen Kriegen ſich dieſe ſpaniſche Kernbetheuerung angewöhnt hatte, um in der Heimath damit barſch zu thun,—„Wie? Du hättſt es gar nicht der Mühe werth, zu antworten? Sieh doch!— Ich muß mich alſo ſelbſt überzeugen. Da! ſchnalle mir die Sporen ab!“ Er reckte ihm den Fuß hin. Archimbald ſtand unbeweg⸗ lich. Unwillkührlich bückte ſich Simon, des knechtiſchen Dienſtes gewohnt. Ein zorniger Blick des Herrn ſcheuchte ihn aber zurück. „Wird's bald?“ donnerte Philipp, der Grimm und Galle kochte, dem Knaben zu. Wirſt Du gehorchen, Drachenbrut? oder ſoll Dir die Ritſche den Rücken geſchmeidiger ma⸗ chen?“— Er langte nach derſelben, und holte aus. „Die Peitſche?“ fuhr der empörte Knabe auf.—„Herr⸗ gott! die Peitſche?“ „Sobald du nicht gehorchſt!“ bekräftigte Philipp. Stumm ließ ſich der Knabe auf ſeine Kniee nieder, dem Zwange Genüge zu leiſten, aber des fremden Dienſtes nicht kundig, und den Blick von Thränen umflort, neſtelte er 33 einige Augenblicke an dem Sporen, ohne ihn löſen zu können. Ueber ſeine Langſamkeit fluchend, zog Philipp den Fuß hef⸗ tig zurück, riß dem Armen mit dem ſcharfen Spornrade die Haut auf, daß er laut auf ſchrie, und ſtieß ihn mit einem grimmigen Fußtritt vor die Bruſt zu Boden. „Hinaus!“ ſchrie er alsbald Sabinen zu, die auf das Geſchrei ihres Pfleglings hereinſtürzte.„Hinaus mit dir, leichtfertige, feile Dirne! Wir ſprechen uns ferner!...“ Die Beſtürzte floh, und Archimbald erwachte aus ſeiner kurzen Betäubung in den Armen ſeines unverſöhnlichen Fein⸗ des Simon. Schaudernd riß er ſich aus ihnen empor, wickelte wimmernd die zerriſſenen Hände in ſein Tüchlein, und wollte fort. „Da geblieben!“ brüllte ihm Philipp nach, und Simon verwehrte ihm die Thüre.—„Kleiner, verſtockter Meuter! ich will dir den Kopf zurecht ſetzen! Du biſt untauglich zum Dienſte bei mir, du ungeſchickter Venusjunker! Darum magſt du den Bratſpieß in der Küche drehen.— Geht, Simon, ſchert dem Buben den Kopf, gebt ihm ein Wamms von Zwillich, laßt ihn baarfuß laufen, und weiſ't ihm ſein Lo⸗ ſament im Schweinſtall an. Dorthin gehören ſeines Gleichen.“ „Herr! ich bin euer Bruder!“ ſprach Archimbald mit halb⸗ erſtickter Stimme.— „Schweig, verfluchter Baſiliske!“ ſchrie ihm der Unmenſch zu.—„Ich laſſe dir die Zunge aus dem Halſe reißen, wenn du dich unterfängſt, nur einmal noch— dich meinen Bruder zu nennen. Valga me Pios! ich wollte lieber den Türken oder Moskowiter zum Vater, als einen Baſtard zum Bru⸗ der haben. Fort! hinweg, Kröte! krieche in den Schlamm i aus dem du entſprangſt, Schandfleck ne Hauſes! . Simon wollte den Knaben ergreifen, aber dieſer riß ſich gewaltſam los, umklammerte die Kniee des Barbaren, und ſchrie in Verzweiflung:„Herr! Philipp! habt Menſchlichteit für ein ſchwaches Kind. Ich bin euer Bruder! Stoßt mich lieber in die weite Welt... macht mich todt! nur nicht dieſen Schimpf!“ „Ha!“ höhnte der entmenſchte Bruder:„hegt die Natter⸗ ſeele ſolchen Stolz! Wohlan! Dein Wille geſchehe! Sie mit dieſen Worten führte er einen jämmerlichen Hieb mit der Peitſche über Archimbalds Rücken, und ſtreckte ihn bei⸗ nahe damit zu Boden... hier, Letteljunier, empfange den Ritterſchlag, der dir gebührt, und fliehe hinaus zu den wilden Thieren des Waldes und den Raubvögeln der Haide, Baſtard! niederträchtiger Baſtard! Fliehe, und wage es bei Leib und Leben nicht, wieder das Haus zu betreten, das du mit deiner Geburt verunreinigt, mit deinem Hauche ver⸗ peſtet haſt.“ Er riß den Betäubten, Verzweifelnden vom Boden.„Die Thüre aufgemacht!“ rief er dem frohlockenden Simon zu⸗ „damit der Sündenbrut die gehörige Begleitung werde! Halloh! Alba! Spaniol! auf, ihr Hunde! huſſa! faßt! huſſa! hoh!“ Die zwei Ungeheuer ſprangen wie ein Wetterſtrahl in die Höhe, und folgten dem unglücklichen Opfer, auf das ihr Herr ſie hetzte, mit wüthendem Geheul und ſchäumendem Rachen. Archimbald floh, und die Angſt, die ſeine Körper⸗ kräfte ſtählte, machte, daß er auf der Wendelſtiege den ra⸗ ſenden Thieren glücklich entkam, und den Hof erreichte, wo er kraftlys zuſammenſank. Seine Verfolger waren auf den Pfiff ihres Gebieters wieder zurückgekehrt. Statt chrer 35 erſchien Simon bei dem Armen, entriß ihm ſeine Kleidungs⸗ ſtücke, hüllte ihn in Lumpen, und ſtieß ihn baarfuß, fiebriſch glühend und vernichtet, aus dem Hauſe ſeines Vaters auf die Straße. Gewaltiger Regen fluthete vom Himmel; die Straßen waren leer und dunkel. Keine Seele war um die Wege, die der Verſtoßene um Hülfe hätte anflehen können. Doch, hätte er es auch vermocht? O nein. Bitten, Thränen hatte er nicht mehr, nicht ein armes Wort konnte ſeine Lippe ſtammeln, denn der höchſte Grad des Jammers hatte den Knaben fühllos gemacht, dieſe Stunde ſeinem Alter zwanzig Jahre zugelegt. Sein Herz ſchwoll in männlicher Wuth, ſein Auge flammte gen Himmel. Ohne eine Sylbe zu ſpre— chen, e ſeines Zuſtandes bewußt zu ſeyn, hatte er einen fürchtehchen Eid der Rache geſchworen, und denſelben der Zuku zur üppigen Reife vertraut. Der Augenblick for⸗ derte er ebenfalls ſein Recht, und Archimbald ſah ſich nach einem Obdach gegen Sturmwetter und einbrechende Finſterniß um. Er war noch nicht weit gegangen, als der weit geöffnete Thorweg einer großen Herberge zu ſeiner Rechten ſichtbar wurde. Eine Menge von Dienſtleuten⸗ Schiffern und Bettelvolk hatte ſich unter demſelben verſam⸗ melt. Archimbald ſchlüpfte unbemerkt zwiſchen ihnen durch, und die Wärme des offenſtehenden Pferdeſtalls lockte den Durchnäßten hinein. Er warf ſich auf ein Paar Heubündel nieder und ſchloß die Augen Vergebens aber rief er den Schlaf. Die Begebenheiten der letzten Stunden gebaren ſich immer auf's Neue wieder in ſeinem aufgereizten Ge⸗ hirne und zwangen ihn zu einem qualvollen Wachen. Seine verwundeten Hände ſchmerzten ihn heftig, 4 da er endlich * 36 ſeine peinvolle Lage nicht mehr aushalten konnte, trat er wieder unter den Thorweg. Es war ganz finſter ge⸗ worden. Der Regen hatte aufgehört, und nur von den Dächern fielen einzelne Tropfen. Menſchenleer war der Hof, denn Alles hatte ſich in das Innre der Herberge begeben, die von unzähligen Lichtern ſtrahlte. Das frohe Getöſe der ſorgloſen Zecher ſchnitt hart in des Knaben Bruſt, aber ſein Auge war trocken, und krampfhaft biß er die Zähne zuſammen. Es kamen Leute von der Straße herein in das Haus: Ein vornehmer fremder Herr, von mehreren bewaff⸗ neten Dienern begleitet. Einer von ihnen trug ein Wind⸗ licht. Während die Andern in's Haus ſchritten, leuchtete der Fackelträger Archimbald in's Geſicht.„Gehörſt dz in die Herberge, Bube?“ fragte er. Archimbald nickte ſtu mit dem Kopfe.„Kannſt du nicht reden, dummer Schwabe lachte der Diener.„Da! halte mir die Fackel, bis ich wi her⸗ unterkomme. Löſche ſie aber fein ſäuberlich ab iMinem Winkel, wo es keinen Brand verurſachen kann. Du kannſt fie, wenn ich herabkomme, an der Thorleuchte wieder an⸗ zünden.“ Er folgte den Andern, und Archimbald wollte ſei⸗ nen Worten Genüge leiſten, als er einen Blick auf ſeine Hand warf, worauf die blutigen Striemen beim Schein des Pechlichts ſich noch gräßlicher geſtalteten, und ihm den un⸗ menſchlichſten Entſchluß eingaben, den vielleicht je ein Knabe gefaßt.— Ich ſoll die Fackel löſchen? dachte er bei ſich ſelbſt mit wilder Lücke; in einem Winkel, wo es keinen Brand verurſachen kann? Wenn ich aber nun mit dieſer Fackel eine andere entzündete? wenn ich meinem grauſamen Bruder das Haus, das des Vaters Liebe mir beſtimmte, mit Feuer zerſtörte?— 37 Wenn eine Büchſe ihr verderbenſchwangeres Rohr gegen den Feind entladen ſoll, ſo gilt es einen Wink nur, und es iſt geſchehen. Die Lunte zündet. das Pulver flammt, und lange ſchon hat die Kugel eingeſchlagen, wenn erſt der zürnende Donner den Mord in alle Welt ſchreit. ſo der Nachgedanke des Menſchen: in ſeinem Gefolge die leiden⸗ ſchaftliche That. Nur des Himmels Blitz iſt ſchneller, und Archimbald fliegt halb ſinnlos zu dem Vaterhauſe, das ſei⸗ ner mordbrenneriſchen Begier zum Opfer ſtürzen ſoll. Hin⸗ ter dieſem Hauſe, in dem er die Welt erblickte, läuft eine ſchmale Gaſſe durch, von dem Hintergebäude und der ge⸗ genüberragenden Kloſtermauer allein gebildet. Kein bewohn⸗ tes Gemach hat die Ausſicht in dieſe abgelegene Straße; keine Nachbarn, die, da waren oder retten könnten aber zwei Fuß vom Boden eine weit vergitterte Oeffnung in den Holzſchuppen des Hauſes, viele Reiſigbündel dicht an der Oeffnungz; die Gelegenheit iſt günſtig; weit und breit kein Geräuſch. Die Furie der Rache blickt ſegnend auf das Probeſtück des gelehrigen Schülers. Er ſchwingt die Fackel, und die rothe Flamme leckt gierig an dem Brennſtoffe. Der Regen hat aber das dürre Reiſig genetzt; und alſo verhin⸗ dert ein Gott den gräßlichen Frevel. Die Gluth faßt nicht und der hartnäckige Knabe will gerade die Fackel in die Mitte des Schuppens ſchleudern, als man ihm dieſelbe aus der Hand veißt. Beſtürzt blickte er um ſich, und gewahrt ein altes Weib mit einer Leuchte in der Hand, deren wi⸗ drige Züge durch die mißbilligende Strenge, die ſich jetzt darinnen ausſpricht, noch abſchreckender werden. „Bubel! Bubel!“ ſpricht ſie mit heiſerer Stimme, und droht dem Knaben mit dem Finger, während die Upglücks⸗ * 38 Fackel in einer Pfütze verliſcht, worein ſie die Alte gewor⸗ fen.—„Was willſt du thun? Villſt du dir in ſo zartem Alter ſchon den Scheiterhaufen verdienen?“ Furcht und Scham verſchloßen dem jungen Verbrecher den Mund. Die Alte betrachtete ihn aufmerkſamer, ſchüt⸗ telte bedenklich das Haupt, und fuhr fragend fort:„Trügen mich meine alten Augen, oder biſt du nicht des ſeligen Herrn Wernhers Söhnlein?“ „Ja;“ ſeufzte Archimbald halb laut. „Nun iſt mir Alles klar,“ verſetzte das Weib.„Der Erſt⸗ geborne iſt heute angelangt aus dem Niederland, hat das Büblein ſicherlich nicht ſäuberlich begrüßt, und da will es ihm dafür einen rothen Hahn auf's Dach ſtecken?“ „Er hat mich aus dem Hauſe gejagt,“ murrte Archim⸗ bald;„und ich habe ihm doch nichts auf der Welt gethan.“ „Armes Kind,“ redete ihn die Fremde mitleidig an.— „Und wie er dich zugerichtet hat!“ Statt aller Antwort zeigte Archimbald ſeine verletzten Hände, und ſeine Augen wurden naß von Thränen des Schmerzens und der Scham. „Der Unmenſch!“ ſprach die Fremde wie oben.—„Haſt du ſchon ein Obdach, mein Junge?“ „Ach nein,“ ſchluchzte der verlaſſene Knabe. „So komm mit mir,“ lautete die Antwort.„Komm, und geſchwinde!“ Sie ergriff ihn bei der Hand, und führte ihn mit ſich. Der Unbändige war zum ſchüchternen Lamm geworden.— „Kannſt du leſen und ſchreiben?“ fragte ihn die Alte nach einer Weile.„Der Magiſter Kalander hat mich beides ge⸗ lehrt.“ Die Alte nickte beifällig.„Ich leſe aber weit 39 beſſer, als ich ſchreibe,“ ſetzte der Wahrheitsliebende hinzu. „Gleichviel,“ antwortete die Führerin.„Das lernt ſich. Du ſcheinſt ein verſtändiger Bube zu ſeyn, und entſchloſſen, mehr als deinen Jahren zuſtändig.— Du ſollſt bei mir bleiben, aber das Sengen und Brennen laß dir vergehen⸗ ſi Der Knabe ſchauderte bei der Erinnerung an das, was er begonnen. Zugleich aber bemerkte er, daß ſie ſchon dem Frauenthore ganz nahe waren.„Wo führſt du mich denn hin?“ fragte er ängſtlich.—„Vor das Thor, in mein Häus⸗ lein;“ entgegnete die Alte ernſt.„Ich wohne nicht in der Stadt. Schweige aber jetzt mit deinen Fragen, und danke Gott, daß er mich auf deine Wege geführt. Auch deiner Mutter im Grabe danke dafür.“— Hier ſchauderte die Alte merklich, und ſprach dann leiſer weiter:„Um Ihretwillen nehme ich mich deiner an; hörſt du? um Ihretwillen.“ Nun drehte ſie den Kopf zur Seite, und murmelte mit einem bekümmerten Seufzer:„Ach ja, mein Herrgott! um Ihretwillen... Miserere mei Domine!„ um der armen Hedwig willen... miserere.. Pomine.. Christe.. Sie ſtand ſtille und ſagte mit unverſtändlicher Schnelle ein Gebetlein her, das nach der eifrigen Bewegung ihrer Lippen und der krampfhaften Beziehung ihres Geſichts zu urtheilen, ein ſehr inbrünſtiges ſeyn mußte.— Nach einer kurzen Weile waren ſie am Thore. Mehrere Wächter lehn⸗ ten an ihrer rußigen Hütte.—„Den Sperrheller!“ rief ei⸗ ner von ihnen den Ankömmlingen zu. Die Alte ſuchte in ihren Taſchen. „Daß mich der blaſſe Tod!“ flüſterte ein Andrer dem Fordernden vernehmlich genug zu:„erkennſt du ſie denn nicht, Lukas? Es iſt ja die alte Mutter Lene. Nimmſt du von der nur einen Deut, ſo hext ſie dir Unglück genug auf. den Hals.“ „Laß nur ſtecken, Alte!“ verſetzte hierauf der Erſte, und zog das Pförtlein auf;„für dich iſt freier Ein⸗ und Auslaß.“ Die alte Lene grinzte freundlich. „Kommſt heute knapp noch zu rechter Zeit auf den Blocks⸗ berg, Hexenmutter!“ lallte ein dritter ziemlich benebelter Thorwächter.„Wer iſt denn aber dein Begleiter da? Ein feiner Bube!“ „Gelt?“ ſchnarrte Lene.„Es iſt mein liebes Söhnlein.“ „Brr!“ murrte der Frager und ſchüttelte ſich.„Möchte der Vater nicht ſeyn.“ Lene warf ihm einen fürchterlichen Blick zu. Die Ge⸗ fährten ſtießen den Trunknen in die Rippen und als die Alte durch das Pförtlein ging, mit ihrem Schützling, bat ſie der Wachhabende, ihm die Beleidigung nicht nachzutra⸗ gen, die ihr der Trunkenbold im Rauſche angethan, und ihn ſelbſt bald mit dem längſt verſprochnen Paſſauerzettel zu bedenken. Archimbald, der kein Wort und keine Bewegung ſeiner Führerin verlor, verſank in ſcheue Demuth an ihrer Seite, denn er glaubte neben einem überirdiſchen Weſen zu wandeln. Einen Büchſenſchuß vom Thore entfernt, lag der Alten Wohnung; ein niedriges Hüttlein, von uralten, dicken Bäu⸗ men umgeben. Die Eigenthümerin ſchloß die Thüre auf, und rief mehrere Male: Schwarzmann! Schwarzmann! bis ſich mit lautem Miauen ein ungeheurer ſchwarzer Kater von des Baumes Zweigen auf ihre Schultern ſchwang. „Ei du lockerer Geſell!“ ſcherzte die Alte, und ſtreichelte den Freundlichen.„Luſtwandelſt du, wenn die Gebieterin nicht daheim, ſtatt das Haus zu hüten?“ Der Kater murrte behaglich, und ſchien den jungen Fremdling neugierig anzuſchauen, der, durch ſo viel Son⸗ derbares beſtürzt, es kaum wagte, einen Blick in ſeine glü⸗ henden Augen zu werfen.— Sie traten in die Hütte. Mutter Lene ſchloß ſorgfältig hinter ſich zu, und führte Archimbald in ein reinliches Stüblein, an das eine kleine Küche ſtieß. Hier hieß ſie ihn niederſitzen, ſchürte die Gluth des Herdes und bereitete in Eile einen wohlſchmeckenden Kuchen, der dem hungrigen Archimbald köſtlich mundete. Hierauf legte ſie ihm die Hände auf das Haupt, ſagte einen Spruch in fremder Sprache her, gleich einem Gebete, und hieß ihn alsdann ihr eine kleine Treppe hinauf folgen⸗ die aus der Küche auf einen engen Speicher führte, wo ſie ihm einen mit Moos gefüllten Sack zur Lagerſtätte anwies. Sie entfernte ſich, und überließ den Knaben ſich ſelbſt und ſeinen Gedanken. Er ſtreckte ſich auf das ungewohnte Lager hin, und dieß Mal war ſeine Natur nicht unerbittlich. Bald fühlten ſeine Glieder jene behagliche Wärme, die der Vorbote ſanfter Ruhe iſt, und Schwarzmann, der nicht lange nach ihm auf demſelben Speicher die gewohnte Ruheſtelle ſuchte, fand den neuen Gefährten ſüß ſchlummernd, und kauerte ſich vertraulich an des glücklichen Schläfers Seite. Saul! Saul! warum verfolgſt du mich? Archimbalds Beherbergerin, Frau Magdalena Streicherin, war eine durch ganz Schwaben und Bayern weit berühmte Tauſendkünſtlerin, eine Sibylle, die man von allen Seiten in Nöthen, Gefahren, Krankheiten, Heirathsangelegenheiten und Liebeshändeln um Rath fragte, um Hülfe anſprach, und welcher Vornehm und Gering unbezweifelte übernatür⸗ liche Kenntniſſe zuſchrieb, verbunden mit der unſchätzbaren Gabe, Blicke in die dunkele Zukunft zu thun und ihren Vertrauten deren Schleier lüften zu dürften. Seit langen Jahren war ſie im Beſitz dieſes ausgezeichneten Rufes, und demſelben, wie auch den mannigfaltigſten Verhältniſſen, in denen ſie mit den weiſen Herren vom Rathe und deren Hausfrauen ſtand, hatte ſie es zu danken, daß man ſie nicht ſchon als Hexe den Scheiterhaufen hatte beſteigen laſſen. Vor längeren Jahren hatte freilich nicht viel gefehlt, und ihres ganzen Lebens Laſt und Mühe wäre umſonſt und in Nichts zerfloſſen, indem ihr böſer Geiſt ihr einen Streich ſpielte, der ihr ſehr empfindlich zu werden drohte, hätte nicht ihr gutes Glück das Unwetter wieder beſchworen. 43 Kaiſer Maximilian der Zweite erkrankte im Jahre 1576 auf dem Reichtstage zu Regensburg. Der Aerzte Bemühen war vergeblich. Der Fürſt, deſſen Körper ſeit dem vier und zwanzigſten Jahre, in welchem er Gift bekommen hatte, ſchwächlich geworden war, welkte immer mehr dahin, und konnte nicht geſunden. In den ſchönſten Tagen des Man⸗ nes ſtehend, verlangte er jedoch zu leben; und ſo geſchah es dann, daß er, trotz aller Widerrede ſeiner Leibdoktoren⸗ die berühmte kluge Frau von Ulm zu ſich beſcheiden ließ. Geſchmeichelt von dem kaiſerlichen Vertrauen, folgte Mag⸗ dalena dem Rufe; aber ihr Glück ſprach ihr Hohn. Maxi⸗ milian ſtarb, nachdem er kaum einige Tage lang ihre Wundereſſenz gebraucht hatte. Der Leibarzt Crato, nachdem er den Kaiſer oft gewarnt, ſah ſeine Sorge und Meinung gerechtfertigt, und ſpie Feuer und Flamme gegen die Un⸗ glückliche, die es gewagt hatte, da helfen zu wollen, wo er ſelbſt nicht mehr helfen konnte. Sie mußte eilends fliehen, und zog ſich nach Amberg zurück, um abzuwarten, welchen Eindruck die verunglückte, leider zu bedeutende und offen⸗ kundige Kur in ihrer Vaterſtadt machen würde. Ein volles Jahr hindurch mied ſie die Heimath, bis ſich daſelbſt Alles wieder ins Geleis begeben hatte. Mutter Lene fehlte überall, und die öffentliche Stimme rief ſie zurück. Der Rath ſicherte ihr frei Geleite und Schonung zu, und ſo ließ ſie ſich aufs Neue an ihrem eigenen Herde nieder. Ihre Anhänger fanden ſich wieder bei ihr ein, und nach und nach ward ihre Kundſchaft größer denn zuvor. Dem Fieberkranken verſchrieb ſie Tauſendguldenkraut, dem Schwäch⸗ lichen den heilſamen Löwenzahn; zeigte raſchen Mädchen ihre nftigen Gatten im geheimnißvollen Kryſtall, weiſſagte 44 andern Glück und Reichthum aus geſchmolzenem Blei und aus dem Eierweiß. Dem Feigen gab ſie Paſſauerzetteln, um hieb⸗ und ſtichfeſt zu werden, dem unglücklichen Schützen beſprochene Kugeln; leichfertigen Frauen kochte ſie Liebes⸗ traͤnke, verordnete jungen und alten Wollüſtlingen die Wurzel der Golddiſtel, löste geknüpfte Neſteln und bannte gefähr⸗ lichen Zauber an Vieh, Menſchen und Feldern; nutzte weit mehr, als ſie ſchadete, obſchon ſie eben nicht gewiſſenhaft in ihren Unternehmungen und Zweckmitteln war; hatte ſich aber dergeſtalt in Anſehen geſetzt, daß man ſich ſcheute ſie zu beleidigen, aus Furcht, ſie möchte ihre Wundergaben feind⸗ lich zu gebrauchen ſich veranlaßt finden. Das Alter ſtellte ſich aber, ihren Wundereſſenzen zum Trotz, recht läſtig bei ihr ein. Ihre Schritte wurden unſicher, ihre Hand zitterte, ihre Augen dunkelten; ihre Kräuterſammlungen gingen ſchwerer und mühſamer von Statten. Der Rücken ſchmerzte ſie, wenn ſie in Gräben herumkriechen mußte, um den blutſtellenden Katzenſchwanz und die heilſame Leberklette zu ſuchen; ihre Gicht rührte ſich, wenn ſie ſich lange an feuchten Felſen und ſchattigen Brunnſtellen aufhielt, um die Stein⸗ flechte zu ſammeln und das harzige Waſſermerk. Ihre Füße wollten nicht mehr hinauswandeln zu Strauch und Buſch, um Waldglöcklein und Ehrenpreis heimzuholen, oder in den Dörfern die Horoskopzettel und Glücksbriefe auszutheilen, die der klugen Verfertigerin von dem Landvolke theuer be⸗ zahlt wurden an Lebensmitteln und Früchten. Sie hatte ſich ſchon lange um einen Gehülfen umgeſehen, fähig, die gröbere Arbeit im Hauſe zu verrichten, Kräuter und Wurzeln zu ſammeln, Säfte zu preſſen, Prophetenblättlein und Amulette zu ſchreiben, und von ihr die Geheimniſſe der Chiromantie und 45 die Kunſt, aus den Lineamenten des Geſichts wahrzu ſagen, zu erlernen, um ſie auf Wanderungen durchs platte Land zu üben. Ihre Bemühung war aber bisher fruchtlos geblieben. Erwachſene konnten zu ihrem Zwecke nicht taugen. Ein junges Mädchen ſchien ihr zu plauderhaft, zu unbeſonnen; auch fürchtete ſie mit Recht das Erwachen der erſten Leiden⸗ ſchaft. Ein Knabe mußte es alſo ſeyn. Aber ſo ſehr ſie ſich auch abmühete, fand ſie keinen, der den Verſtand, die Gaben und die Entſchloſſenheit beſeſſen hätte, die ſie als un⸗ erläßliche Eigenſchaften forderte. Ein Zufall war's, der ihr den jungen Archimbald begegnen ließ, als ſie gerade bei nächtlicher Weile vom Friedhof heimkehrte, wo ſie ſich einen Vorrath von Gebein und Sargſplittern geſammelt hatte, die ſie zu nekromantiſchen Gaukeleien zu gebrauchen für gut fand. Das verwegene Geſchäft, bei dem ſie den Buben ertappte, wie ſein keckes Aeußere, flößten ihr alſobald eine günſtige Meinung von ſeinem Muthe und ſeiner entſchloſſenen Seele ein. Einen ſolchen, der, ohne zu grübeln und zu zagen, that was ſie befahl, brauchte ſie zu ihrem Zwecke. Als ſie aber inne wurde, wer er eigentlich ſey, ſtand ihr Vorhaben um ſo feſter; ſie ſah Gottes Finger, nicht den blinden Zufall in der ſonderbaren Fügung. Der Name Hedwig entzündete ein Höllenfeuer in ihrer Bruſt, und ſie beſchloß, dem Knaben Mutter zu ſeyn, wie es eine Frau, die ſchon längſt aller Weiblichkeit entſagt hatte, nur immer ſeyn konnte. Sie weckte den Langſchläfer, führte ihn im Häuslein hin und her, zeigte ihm den kleinen Garten an der Hütte, mit Salbei, Liebſtöckel und Hollunder bepflanzt, das Gemach, in dem ſie ihre magiſchen Werkzeuge und die Kräuter 46 aufbewahrte, aus denen Tränke und Latwergen bereitet werden ſollten, und belehrte ihn ausführlich, worin ſeine neuen Pflichten beſtehen würden, wenn er bei ihr bleiben wolle. Archimbald ſchlug fröhlich ein, denn die Einſamkeit und freie Lage der Hütte, die häuſigen Wanderungen in Feld, Wald und Dorf, hatten etwas unbeſchreiblich An⸗ ziehendes für ſeine Einbildungskraft, und ſein heller Geiſt ſehnte ſich nach der Erlernung der Geheimniſſe ſeiner Pfle⸗ gerin. Frau Magdalena war und blieb freundlich und ſorg⸗ ſam mit dem jungen Menſchen, und unterrichtete ihn, als wäre er ihr eigener Sohn. Bald kannte er alle Kräuter, Blätter und Blüthen, begriff die Elemente der Chiromantte, und konnte ſich ausgelaſſen auf den nächſten Lenz freuen, wo er in Hain und Flur die Heil- und Wunderkräuter pflücken und in den Händen der Landleute Tiſch⸗, Leber⸗ und Ehren⸗ linien auffinden und weiſe errlären ſollte. Mutter Lene hatte ihr beſonderes Wohlgefallen an den Anlagen ihres Pfleglings, und verſtattete ihm auch dafür manche Freiheit. Nur hatte ſie ihm auf das ſtrengſte unterſagt, die Stadt zu betreten. Das Verbot drückte ihn nicht; er hatte ja keine Freunde darinnen aufzuſuchen, ſondern Todfeinde, deren er ſich nie ohne neue Zornaufwallung erinnern konnte. Trudchen nicht ſehen zu dürfen, fiel ihm freilich anfänglich ſchwer; aber, überlegte er ſich's genau, ſo war es eben ſo gut. Sein Stolz hätte nur empfindlich dabei gelitten; als Bettler vor ihr zu ſtehen, gegen die er noch am Todestage ſeines Vaters von ſeinem zulünftigen Reſchthum prahlte?... Nimmermehr!— Darum war ihm auch ſe'n Lors annehm⸗ lich und gut, frei von Zwang und ſicher. Früh ſtand er auf, warf ſich früh nieder auf's Lager, weil er nicht bei den 17 Beſuchen gegenwärtig ſeyn durfte, die Mutter Lene in dn ſpäten Abendſtunden erhielt; er übte ſich, lernte täglich etwas Neues, und, wie es in dem beneidenswerthen Jugendalter zu gehen pflegt, nach und nach ſanken vergangene Bilder in tiefern Schatten, und die Gegenwart erſchien dem Knaben bald als eine freundliche Führerin, ihn der bräutlich ge⸗ ſchmückten Zukunft entgegen zu leiten. Er wiegte ſich fröh⸗ lich in dem Schifflein des Lebens und jeder Augenblick, der vorüberglitt, war ein friſcher Windſtoß in das blähende Segel, ein neuer Ruderſchlag, der die Barke immer näher rückt zum zauberiſch winkenden Strand.— Jugend, Kindes⸗ alter! herrlich duftende Blumenkrone auf den goldenen Locken des ſproſſenden Geſchlechts! welche Wonne gleicht der deinen? Hoffnung leitet den Knaben, bietet ihm bei jedem Ungemach den Becher aus dem Strome der Vergeſſenheit, gräbt jede Freude mit nie verlöſchenden Zügen der Erinnerung in ſeine Bruſt!... Holde Frühlingszeit! warum ſchwindeſt du? warum läſſeſt du nur herbe Täuſchung zurück? Die goldenen Locken werden braun unter der ſengenden Hitze des Tages, grau unter den Stürmen des Abends. Welch ein Abſtand von dem Blüthenſchmucke auf dem Haupte des Kindes, bis zu dem flatternden Sirrhtranze auf den weißen Haaren des Achtzigjährigen? Durch einen Triumphbogen führt der Weg ins Leben... es verſiegt in der dunkeln, einſamen Grube. Aber die Hoffnung, mit uns alt geworden, ſpinnt ſich mit uns ein... und keine untergehende Sonne iſt noch jemals ausgeblieben; ſie geht immer wieder auf, und herrlicher denn je zuvor! Archimbald war eines Abends gerade etwas früher als ſonſt zur Schlafſtätte gegangen, als der Rottmeiſter der 48 Stadtwache zu Frau Magdalena ins Gemach trat. Sie rückte ihm einen Stuhl. Der wohlbeleibte Kriegsmann lehnte die Partiſane an die Mauer, und ließ ſich behaglich nieder. Ein ſpäter Gaſt, ſprach die Alte, und griff wieder zu ihrer Arbeit.—„Vielleicht auch kein angenehmer,“ erwiederte der Rottmeiſter, und legte ſein Geſicht in wichtige Falten.— „Wie ſo?“ forſchte Magdalena. „Ihr werdet euch erinnern, Frau Magdalena,“ begann der Beſucher, daß Weihnachten vor der Thüre iſt.—„Wie ſollte ich nicht? bin ja eine gute Chriſtin.“—„Hml hm! ſo? Um Weihnachten iſt eben auch.... Euer Jahrgeld fällig,“ ſiel Mutter Lene ein.„Könnte ich das je vergeſſen? Ihr habt mich nie im Rückſtande gefunden; auch dießmal plage ich euch nicht um Nachſicht.“ Sie zog ein Beutelchen mit Silbermünze herver, und ſetzte es vor den Rottmeiſter auf den Tiſch. Er zählte, fand die Summe richtig, und knüpfte mit herablaſſender Miene den Beutel an ſein Degengehänge. „Eine gute Chriſtin, fürwahr!“ ſprach er, freundlich mit dem Vollmondsgeſichte nickend;„das muß wahr ſeyn. Es find ſchon an die vierzehn Jahre, ſeit ich das Scherflein von euch beziehe, und nimmer hat es auch nur um einen Hahnen⸗ ſchritt gefehlt.“ „Sollte ich denn jemals meinen wackern Sennt den bra⸗ ven Hans Schnepfinger vergeſſen,“ meinte die Alte;...„der mir mit Rath und Hülfe beiſteht, und weit mehr Freund⸗ ſchaft erweist, als ich ihm mit dieſem Gelde wett machen kann?“ „Eine Hand waſcht die andere!“ ſchmunzekte Schnepfinger. „Gegenſeitiger Vortheil bindet. So kann ich euch vielleicht 49 im Augenblicke Euren jährlichen Zins vergüten, durch eine wohlgemeinte Anzeige.“ „Die wäre,“ fragte Lene neugierig. „Ihr habt vor Kurzem einen jungen Burſchen ins Haus genommen,“ fuhr der Rottmeiſter fort.„Wer der Bube iſt, kümmert mich nicht; aber andre Leute plagt der Vorwitz.“ „Sieh doch!“ verſetzte Lene gleichgültig, obſchon ihr das Herz ängſtlich pochte.—„Da iſt zum Beiſpiel der Raths⸗ herr Thurneiſen,“ ſprach Schnepfinger weiter;„ein braver, lieber Mann, nur etwas grob, biſſig und ein entſetzlicher Neidhammel. Der hat von dem Buben munkeln hören, und mir den Auftrag gegeben, mich von Ferne zu erkundigen, welche Bewandtniß es mit dem Buben habe. Was er im Schilde führt, weiß ich ſo eigentlich nicht; aber Gutes iſt es ſchwerlich. Das wäre wider des Rathsherrn Natur. Nun, denke ich, werdet Ihr am beſten wiſſen, ob Ihr ihn zu ſcheuen habt, oder nicht, und Eure Anſtalten darnach treffen. Denn er läßt Euch einmal überrumpeln, ehe Ihr's Euch ver⸗ ſeht, und— findet er Euch auf einem fahlen Roſſe reitend— dann genade Euch Gott!“ „Ich wüßte nicht...“ ſtammelte Magdalena verlegen. „Thut was Ihr ſollt, laßt was Ihr wollt!“ fiel der Rott⸗ meiſter ein, und ſtand raſch auf.„Ich habe das Meinige gethan.“ „Wofür ich Euch herzlich danke,“ erwiederte die Alte. „Pah, Kleinigkeit!“ rief der Abſchiednehmende, und ſchüt⸗ telte der Hexe traulich die Hand. Kocht mir dafür eine gute Waffenſalbe. Ich habe ein Vöglein pfeifen hören von naher Rauferei mit den Günzburgern. Ich ſchlage zwar los wie ein Heide, und fürchte mich nicht; aber wenn man II. 1. 4 50 ſich einen ſtattlichen Bauch angezecht hat, wie ich, möchte man ihn doch auch wieder heil nach Hauſe bringen. Ver⸗ ſtanden, Mutter Lene?“ Die Alte nickte freundlich, und leuchtete dem Kriegs⸗ knechte zur Thüre hinaus. Kaum war er aber im Dunkel der Nacht verſchwunden, als ſie ſchnell das Haus von innen verriegelte, das Feuer auf dem Herde anſchürte, Kräuter zum Kochen ſetzte, mehrere Pulver rieb und miſchte, und endlich den Pfleglirg aus ſeiner ſüßen Ruhe weckte.„Komm herab, Archimbald!“ rief ſie dem Schlaftrunknen zu:„Du haſt keine Zeit zu verlieren. In wenig Stunden iſt es Tag, und bis dahin mußt Du ein neuer Menſch werden.“ „Wie meint Ihr das, Lene?“ fragte der Knabe, und kletterte gähnend die ſchmale Stiege hinunter. Die Alte blieb ihm jedoch die Antwort ſchuldig, und hieß ihn Arme, Füße und Bruſt entblößen. Staunend gehorchte er; die Alte ſchritt rüſtig zu Werke, und hatte ihn binnen wenig Minuten in einen Zigeunerjungen verwandelt. Des Knaben friſche Züge waren in der braunen, beizenden Lauge untergegangen, mit der Mutter Lene ſie freigebig wuſch; die röthlichen Locken hatten ſich in ſchwarze, ſtraff herunter hängende Haarbüſchel verwandelt; ein Pflaſter von dem Schlafe an über das linke Auge hinunterlaufend, und die halbe Naſe bedeckend, ent⸗ ſtellte das blühende Geſicht auf ſchreckbare Weiſe, und ein eng anliegender Lederſtreif, um das rechte Knie befeſtigt und von innen mit feinen Stachelſpitzen verſehen, zwängte den Fuß in eine krumme Lage, die er nicht verändern konnte, ohne von den Stacheln empfindlich verletzt zu werden. Dieſe elelhafte Geſtalt hüllte endlich Mutter Lene in ein weites, grobes Hemd von braunem Wollenzeuge, das ein Strick um 5 die Mitte des Leibes feſt hielt, ſtülpte ihr eine ſchmutzige Filzmütze aufs Haupt, und hieß den Knaben wieder ſchlafen gehen. „So erklärt mir doch.. Mutter Lene, wie das zuſam⸗ menhängt?“ fragte Archimbald, der von ſeinem Staunen nicht zu ſich kommen konnte. „Du biſt ein armer Knabe,“ erwiederte Lene,„dem Un⸗ glück und Gefahr droht auf allen ſeinen Wegen und Stegen. Darum lerne bei Zeiten die goldne Kunſt der Verſtellung, mein Sohn! Den Gewaltigſten der Erde, deſſen Hauch uns zerſchmettern könnte, ſteckt unſre Liſt und Verſchlagenheit in den Sack. Darum verſtelle Dich Archimbald. Hinke, ſtammle, und geberde Dich wie ein blödſinniger Junge, um Deine Feinde zu bethören. Sobald die Umſtände es erlauben, befreie ich Dich von dieſen läſtigen Banden; für jetzt ſind ſie Dein Heil.“ Archimbald konnte zwar noch immer nicht begreifen, allein die Alte hatte Recht; denn kaum graute der Morgen, als auch die morſche Thüre des Häuschens von heftigem Gepolter und Pochen erbebte. Lene, des Beſuchs gewärtig, öffnete, und herein drangen Bewaffnete und Fackelträger, an ihrer Spitze der Rathsherr Thurneiſen, hinter ihm, tief im Mantel verhüllt, Archimbalds Bruder. „Hexenlene!“ ſchnaubte der Rathsherr die ſchlaftrunkne Alte an:„Im Namen des Magiſtrats öffnet mir alle Kam⸗ mern und Schlumpfwinkel Eures Hauſes.“ „Geſtrenger Herr!“ ſeufzte Lene, ſich kreuzigend und ſeg⸗ nend:„Was habe ich denn Uebles gethan, daß Ihr ſo hart mit mir ins Gericht geht?“ „Schweig, Vettel!“ ſchrie Thurneiſen.„Das wird ſich fin⸗ den. Der Teufel hält Dir das Licht, wenn h finde!“ * 52 dene öffnete bereitwillig alle Gemächer, ſogar das Labo⸗ ratorium, auf deſſen Schwelle jedoch ſelbſt der rohe Thurn⸗ eiſen mit ängſtlicher Scheu ſtehen blieb, und bloß die Späher⸗ vlicke in alle Winkel ſandte, um auszukundſchaften, ob niemand darin verborgen.„Hm!“ brummte er dem Vetter in die Ohren:„haben uns doch am Ende verrechnet.“ Da gewahrte er in der Küche die Leiter, die zum Boden führte.—„Sieh da, noch ein Verſteck!“ rief er hoffend.„Wer da oben?“ „Ein armer Knabe,“ ſeufzte Lene,„den ich aus Barm⸗ herzigkeit zu mir genommen, ſeine Gebreſte zu heilen, wenn's möglich.“ „Aha!“ ſchrie Thurneiſen frohlockend.„Das iſt der, den wir ſuchen. Leuchte, alte Hexe, und freue Dich im Voraus auf Deine Belohnung. Ich laſſe Dich ſäcken, bei meiner Ehre!“ „Ich verſtehe nicht, was Ihr ſagen wollt,“ verſetzte die Alte; allein ich bin guten Gewiſſens. Ich gehe voran, ihr Herren!“ Sie kletterte empor: dicht hinter ihr der Rathsherr und Philipp; doch kaum auf den Speicher gelangt, ſprang, durch den plötzlichen Lichtſchein geſchreckt und wild gemacht, der Kater Schwarzmann an den beiden Männern empor, ſie rechts und links zerkrallend, daß ſie beinahe die Stiege pinabgeſtürzt wären, hätte ſie nicht das Ungethüm endlich losgelaſſen, um die Flucht zu ergreifen. „Der Teufel yole die verfluchte Beſtie!“ brüllte Thurn⸗ eiſen.„Und unſern Vorwitz,“ ſetzte Philipp bei, indem ſie der Alten weiter folgten. „Kunz! Kunz!“ rief dieſe mit ſchnarrender Stimme Archimbald zu, der, ſeiner Rolle völlig gewachſen, in 53 fuchsähnlichem Schlummer lag und den Ankommenden ent⸗ gegen blinzelte. „Kunz!“ wiederholte die Alte, und rüttelte ihn endlich beim Arme.„Wach auf! die Herren wollen dich ſehen.“ Archimbald bewegte ſich, rieb ſich das rechte Auge, und erhob ſich langſam von ſeinem Lager. Als aber die Fremden die Geſtalt aus dem Stroh em⸗ porſteigen ſahen und beim Schimmer der Leuchte die wider⸗ lichen Züge, ſamint den Gebrechen des blödſinnig ſie anſtie⸗ renden Knaben unterſchieden, wendeten ſie ſich mit der Geberde des Abſcheus ab. Thurneiſen allein warf noch die Frage hin: „Wer biſt du, Junge?“ Allein, als Archimbald mit ſtam⸗ melnder Zunge einige unverſtändliche Worte mühſam hervor⸗ gepreßt hatte, winkte der Rathsherr abwehrend, und ging, ohne ein Wort zu reden, zurück. „Wir ſind betrogen!“ flüſterte er dem Vetter zu.„Dem Geißmann, dem beſoffenen Scharwächter, laſſe ich zweihundert Stockprügel geben, weil er uns in den April geſchickt hat.“ „Laßt ihn mir zu Liebe noch acht Tage in den Bock ſpan⸗ nen,“ ſetzte Philipp hinzu. Der Rathsherr nickte beifällig und verließ, ohne ein Wort des Abſchieds, ſammt ſeinem Gefolge das Haus. Lene aber ſchloß hinter ihnen die Thüre, belobte die gewandte Verſtellungskunſt ihres Pfleglings, und ſuchte, ſeit langer Zeit wieder einmal mit ſich ſelbſt zufrieden, auf's Neue das Lager. Viertes Rapitell. Iſt's Mitternacht? Ha, ſieh! die Gräber Thun auf den ſchwarzen Schlund, zum Mondenlicht Die luftgewebten Schattenbilder ſendend. Das Heer der Larven ſteigt aus Todtengrüften, Se ziehen klagend durch die Luft, em Hexenſtab gehorſamt das Geſindel. Anonymus. Der neue Tag brachte auch wieder einen neuen Beſuch. Simon trat zu Lene in die Küche, als ſie mit Bereitung eines Heiltranks beſchäftigt war.—„Guten Morgen, Mut⸗ ter,“ flüſterte er, und ſetzte ſich vertraulich auf die Ecke des Herdes. „Ein ſeltener Beſuch,“ verſetzte Lene;„was bringt Euch zu mir?“ Simon warf ſeine Blicke forſchend rund umher, rückte dann näher zu der Alten, und begann mit gedämpfter Stimme: „Wir kennen uns, Frau Lene.... „Leider,“ erwiederte ſie, und rührte heftiger im Keſſel. „Leider?“ wiederholte Simon, boshaft lächelnd.—„Hätte doch jede Kundſchaft Euch ſo viel rothes Gold eingebracht, als die meine!“ Lene ſah ihm finſter in die Augen, und zuckte die Achſeln. Der Diener ließ ſich aber nicht irre machen, und fuhr fort: Ich traue Euch übrigens Menſchenverſtand genug 55 zu, um mir nicht etwa von Gewiſſensbiſſen, Seelenangſt und Aehnlichem vorzuleiern. Damit ſeyd Ihr längſt fertig, meine ich, und ob nun Hedwig... „Schweigt!“ fiel ihm die Alte heftig in's Wort, und ſchwang drohend den Schaumlöffel;„dieſen Namen laßt aus dem Spiele, wenn Iyr nicht wollt, daß dieſer Heiltrank ſich in Gift verwandle durch Eure Laſterreden.“ „Ei, ei!“ brummte Simon, ſich vorſichtig zurückziehend... „Ihr müßt vergangene Nacht vom Blocksberge geträumt haben— da Ihr ſo unwirſch thut.— Ich wußte ja nicht, daß Euer Gewiſſen eine junge Haut angeſetzt hat, die ver⸗ letzbar iſt, wie das Häutchen vom Ey. Da getraue ich mich kaum, mit meinem Auftrage herauszurücken, ſo viel Vor⸗ theil er Euch böte.“ Lene hatte aber während ſeiner Rede ſchnell überlegt, daß ſie zu unumwunden ihr wahres Gefühl geäußert habe, und daß es ihrem Schützling Schaden bringen könne, wenn ſie nicht genau von allen Planen ſeiner Feinde unterrichtet würde;„ſie zwang ſich daher zu lächeln, rieb ſich, wie verlegen, die Stirne— und ſprach dann ſanfteren Tones zu dem Diener: „Nichts für ungut, lieber Simon;. es geht mir hin und wieder allerlei durch den Kopf, daß ich oft die werthe⸗ ſten Bekannten zu kränken in Gefahr ſtehe. Seht, ich werde alt, habe ſchon gar viel erlebt, und wenn ich dann und wann an's Ende denke, wird mir wohl zu Zeiten etwas bange. Doch währt's nur kurze Zeit, und ich bin die Alte. Sprecht, Simon, ſprecht; ſagt an, was kann ich für Euch thun? Mein verdoppelter Eifer ſoll meine Grobheit von vor⸗ hin wieder gut machen.“ Simons Geſicht wurde weit freundlicher.„So laſſ' ich mir's gefallen, entgegnete er,... nun kann ich wieder Ver⸗ trauen zu Euch faſſen. Ich vergebe Euch auch von ganzem Herzen, daß Ihr mich angefahren, denn ich kenne den Zuſtand, den Ihr mir beſchrieben habt,.. von dem Bangewerden bei den Todesgedanken... aus eigener Erfahrung. Es geht mir wohl auch öfters alſo; jedoch, denke ich, iſt es nur das ſchwache Fleiſch, das vor dem Hinſcheiden bebtz... der Geiſt bleibt immer wacker!“ Beifällig nickte Lene. Simon fuhr fort: „Wieder auf meinen Auftrag zu kommen, ſo iſt es fol⸗ gender: Ihr ſeyd in einem Verdacht geweſen, liebe Lene, der völlig grundlos erfunden worden. Der Scharwächter Geißmann hat ausgeſprengt, als hättet Ihr des ſeligen Rathsherrn Archimbald zu Euch genommen. Das wäre nun den Verwandten aus vielen Gründen nicht genehm. Man hat bei Euch Hausſuchung gehalten, und blos einen unge⸗ ſtalteten Buben gefunden, deſſen Heilung Ihr aus Barmher⸗ zigkeit verſucht. Nicht wahr?“ „So iſt's,“ bekräftigte die Alte.„Der arme Schelm iſt aus der Markgrafſchaft, einer armen Wittwe Sohn, die ſelbſt nichts zu nagen, noch zu beißen hat.“ „So?“ fragte Simon lauernd,—„Gott wird Euch die Menſchlichkeit vergelten, und ein Paar Zoll von Euerm Sün⸗ denregiſter in die Hölle fallen laſſen, wie der Schneider ein Wamms für ſeinen Buben aber: ich wäre doch neu⸗ gierig... könnte ich den Jungen nicht ſehen?“ „Warum nicht?“ verſetzte Lene unbefangen;„er iſt lei⸗ der jetzt nicht daheim.. doch...“— ſie warf einen for⸗ ſchenden Blick zum Küchenfenſter hinaus in den Garten— 57 ſeht, als wie gerufen! Dort humpelt er am Zaune vorüber in die Wieſe. Ich habe ihn ausgeſchickt, mir Spitzwegerich zu pflücken, man findet ihn jetzt im erſten Frühling am häu⸗ figſten. Seht! da könnt Ihr ihn ganz betrachten. Er ſteht am Zaune ſtill und beguckt die ausbrechenden Knospen! Der vorwitzige Junge!“ Simon ſtreckte neugierig den Kopf zum Fenſter hinaus, und zog ihn nach kurzer Weile wieder zufrjeden herein. „Nein! nein!“ äußerte er beifällig,„nein! dieſe Mißgeſtalt iſt Archimbald nicht, der, ſeine rothen Haare ausgenommen⸗ die Einigen nicht ſgefallen, kein häßlicher Knabe war.— Nun alſo...“ er ließ ſich mit neuer Vertraulichkeit bei Lenen auf dem Herde nieder:„Nun alſo zu meinem Auf⸗ trage.... Archimbald iſt nicht mehr in Ulm, das iſt ſehr gut. Ihr könnt's Euch denken: ein Baſtard bringt immer Unfug in eine Familie; allein, wer weiß, wo er ſich herum⸗ treibt, in welche Hände er fallen könnte, vielleicht ſchon gefallen iſt... Wer weiß, ob er nicht einmal zurückkehren und Stänkereien anfangen möchte. Ihr müßt nicht glauben⸗ als ob man ſich davor fürchtete... Gott bewahre, aber unangenehm iſt es für die Blutsfreunde, und ein Gaudium für alle böſen Nachbarn, wenn ſie ſehen, daß ein Nebenkind im Stande iſt, den ächten Erben zu ſchrauben und zu necken.“ „Wie könnte das aber geſchehen,“ fragte Lene, ihn mit durchdringendem Blicke anſtarrend,„wenn nicht ein Grund vorhanden iſt, auf den der Zurückkehrende fußen könnte?“ „Ich merke ſchon,“ erwiederte Simon, und betrachtete verlegen die blauen Zwickel an ſeinen grauen Strümpfen,— „daß Ihr wißt, wovon die halbe Stadt munkelt, weil der * 3 plauderhafte Magiſter Kalander aus der Schule geſchwatzt hat. Wie könnte Euch und Euerm Zauberſpiegel auch etwas verborgen bleiben!“ „Weiter!“ ſprach die Alte. „Das Teſtament alſo... fuhr der Erzähler ſtockend fort,„von dem ſo viel geplaudert wird, und das Kalander nach dem Willen des Seligen entworfen zu haben behaup⸗ tet,„der dem Archimbald darinnen einige Vortheile ein⸗ geräumt haben ſoll.. ich will geſtehen. es iſt vor⸗ handen.“ „Ich weiß,“ verſetzte Lene gleichgültig. „Es iſt ein unheimliches Stück Pergament,“ ſprach Simon weiter, und rückte ängſtlich werdend näher an die horchende Hexenmeiſterin.—„Der Magiſter brachte es ununterſchrieben in's Haus„wäre es nur ſo geblieben! da brauchte man das Daſeyn des Blattes nicht zu läugnen,.. es wäre ungültig an und für ſich. allein... Ihr müßt mich nicht auslachen, Ihr wißt es ja wohl beſſer als ich.“ „Weiter!“ ſprach die Alte wie oben. „In der Stunde, als der ſelige Herr ſtarb, war ſein abſcheidender Geiſt im Hauſe. ich ſah ihn mit leiblichen Augen „Ich weiß,“ entgegnete Lene wie oben. „Nicht wahr?“ fragte Simon, die hellen Schweißtropfen auf der Stirne.—„Nun, ſeht, er ſaß am Tiſche, das Teſta⸗ ment vor ihm, die Feder in der Hand, und als bei ſeiner Ankunft Herr Philipp das Blatt öffnete, war es unter⸗ ſchrieben.“ „Ihr verſuchtet nun⸗ das Pergament zu zerſtören?“ warf Lene ein. 359 „Herr Philipp iſt ganz tiefſinnig darüber geworden. Mit eignen Händen wagt er's nicht, die Schrift zu zerreißen, oder zu zerſchneiden; keinen fremden Händen, nicht einmal den meinigen, vertraut er ſie an.— Das Gerücht von dem Teſtament wird immer lauter, da einige weichherzige Seelen über die plötzliche Entfernung des Buben aus unſerm Hauſe Zeter und Wehe geſchrieen haben. Sogar im Rathe iſt hin und wieder davon gemunkelt worden, und kaum vermag der Vetter Thurneiſen mit ſeiner gewaltigen Stimme den Sturm zu wehren; er wird es aber vielleicht nicht immer können. Es iſt uns daher,— nämlich dem Herrn und mir,— ein Mittel beigefallen, wie wir das Gewitter beſchwören möch⸗ ten. Was thut Archimbald auf der Welt? Wird er nicht, von allen Menſchen als das Kind unerlaubter Liebe verach⸗ tet, ein kummervolles Leben führen? würde er nicht durch ſeine mögliche Heimkehr Schande und Schimpf über die red⸗ liche Familie bringen, in die er durch einen gewiſſenloſen Vater eingeſchwärzt worden? Würde er ihr nicht ein ewiges Brandmal aufdrücken, wenn es ihm gelänge, ſich in ihren Schooß zu drängen? Dem Vortheile von Vielen muß der Einzelne weichen. Hier iſt nun der Vortheil der Wernher⸗ ſchen Sippſchaft, daß der Knabe aufhöre zu leben, da nur mit ſeinem Leben ſeine Schädlichkeit aufhört. Seinen Auf⸗ enthalt kennt man nicht; iſt er nah'? iſt er ferne? Gott allein mag's wiſſen, und die Vertrauten der Geheimniſſe ſeiner Schöpfung. Darum ſendet mich mein Herr zu Euch⸗ bittet um Vergebung, wenn er Euch durch ſeinen nächtlichen Beſuch, zu dem er durch den Thurneiſen gezwungen worden⸗ erzürnt haben ſollte, und läßt fragen, ob es Euch nicht mög⸗ lich wäre, den Aufenthalt des Knaben durch Eure magiſche * Kunſt zu ergründen, und ihm dann,— weil Herr Philipp ſelbſt gegen den in Unzucht gezeugten Bruder weder Dolch noch Gift anwenden möchte, um nicht ſein eigenes Seelenheil auf's Spiel zu ſetzen— gegen fürſtliche Belohnung ein ſchleuniges Ende durch Euren weitreichenden Zauber zu machen; auf eine Art, wie daſſelbe am ſchnellſten herbeizu⸗ führen, und am ſchmerzloſeſten zu bewerkſtelligen wäre.“ „Verſteh' ich Euch?“ fragte im Innern ſchaudernd die Alte. „Ihr werdet doch,“ erwiederte Simon ruhig.„Euch iſt vas eine Kleinigkeit. Die Kunſt, durch einige Beſchwörungs⸗ formeln den Tod in entfernte Gegenden und Körper zu ſen⸗ den, wird doch der erfahrnen Streicherin nicht fremd ſeyn? Die Hofzauberer der blutdürſtigen Königin Katherine von Frankreich brachten ſie ja aus Wälſchland mit vor geraumer Zeit, worauf die jüdiſchen Magiker ſie bald in Deutſchland einheimiſch machten.“ „Ihr werdet mir doch wohl nicht meine Kunſt lehren wollen?“ fiel mit hochmüthigem Tone Magdalena ein.„Wäre es auch nur, um den leiſen Zweifel an meiner Geſchicklichkeit zu Paaren zu treiben! ich willige ein. Was ſoll aber dann werden?“ „Habt Ihr ihn todt gebetet und gebannt,“ verſetzte Si⸗ mon,„ſo wird Euch der junge Herr fürſtlich, wie ſchon ge⸗ ſagt, belohnen,. in kurzer Friſt wird er vorgeben, das längſt beſprochene Teſtament gefunden zu haben, wird es bei Rath niederlegen, und ſich ſcheinbar bemühen, den Knaben aufzuſuchen, wenn lange ſchon auf deſſen Grabe das Gras gewachſen iſt, oder ſeinen Leib die Raubvögel verzehrt ha⸗ ben. Philipp hat dann gethan, was er konnte, und ſeine 61 — Habe wird ihm, da der ſchädliche Baſtard nie wiederkehrt, nicht verkümmert werden.“ „Vortrefflich!“ brummte die Hexenlene.„Topp! ich gehe den Handel ein. Doch mache ich zwei Bedingungen: Nur eines leichten und ſchnellen Todes ſoll der Burſche ſterben.“ „Das iſt des Herrn Wille,“ erwiederte der Diener. „Und zweitens,“ ſprach Lene weiter,„müſſen Seelenmeſſen für ihn geleſen werden, in irgend einer katholiſchen Kirche der Umgegend. Sie haben beſondere Kraft, was Ihr Pro⸗ teſtanten auch dawider einwenden mögt.“ „Es ſoll geſchehen, auf mein Wort!“ verſetzte Simon. „Nun,— ſo geht denn hin,“ flüſterte ihm die Alte zu, „und ſagt Euerm Herrn, daß ich ihn heute Abend zwiſchen zehn und eilf Uhr erwarte. Ihr könnt auch mitkommen. Ich forge für alles, was zu der Handlung gehört. Nur bringe Herr Philipp das beſagte Teſtament mit. Es muß während der Ceremonie, da es in beſonderm übernatürlichen Bezug auf das Leben des Knaben ſtehen könnte, in meinen Händen ſeyn, um nicht meinem Zauber entgegen zu wirken.“ „Das Teſtament?“ fragte Simon bedenklich. „Ihr empfangt es unverſehrt aus meiner Hand zurück,“ entgegnete Magdalena,„ſobald ein untrügliches Zeichen Euch des Knaben Ende verkündet hat.“ „Ich will's ausrichten,“ ſprach der Alte, und nahm Abſchied. „Bringt auch einen vollen Geldſäckel mit,“ rief ihm Mutter Lene mit widerlichem Gelächter nach,.„das nebrige wird ſich finden 1 verriegelte darauf die Thüre, und ging mit ſich zu Rathe, wie ſie es anzuſtellen habe, um ihren Zweck am vollſtändigſten zu erreichen. „Archimbald!“ rief ſie endlich dem Knaben zu, der mit einem ſchweren Kräuterpack beladen, mühſam heranhinkte.. „Archimbald! laß jetzt ein vernünftiges und ienrie Wort mit Dir ſprechen.“ Der Knabe horchte aufmerkſam zu, und verſtummte vor Schreck, als er von Lenen oberflächlich nur erfahren hatte, um was es ſich handle. „Siehſt Du, armer Junge,“ ſprach ſeine Pflegerin, und ſtreichelte ihm mitleidig die zigeunerbraune Wange.„Siehſt Du, wie nothwendig es iſt, Dich auf eine geraume Zeit hin als ein häßliches Scheuſal herumwandeln zu laſſen? Schur⸗ kerei auf Schurkerei, Mordplan auf Mordplan würden Dich verfolgen, und nur Deiner abſcheulichen Verkleidung, wie dem Aberglauben Deiner Feinde, die mir dadurch in's Netz laufen, verdankſt Du Deine Rettung. Mir iſt es hohe Pflicht, dabei thätig mitzuwirken, und Du darfſt keck das größte Vertrauen in mich ſetzen. Einſt wird Dir's klar werden, warum ich dieſe Sorge für Dein Wohl hege. Ich hätte Dich auch jetzt nicht mit dem Anſchlag Deiner Feinde, die Du ohnehin haſſeſt und haſſen mußt, bekannt gemacht, wenn ich Deiner nicht bedürfte, um die Täuſchung, die ich den Elenden vorgauckeln will, lebendiger zu machen, und das Siegel auf mein Werk zu drücken. Es gilt Dein Wohl. Verſprichſt Du mir zu thun, was ich Dir ſage?“ Der Knabe verſprach es mit Hand und Mund. „So laure aufmerkſam,“ fuhr Magdalene fort,„auf Deinem Lager, bis es in der Stadt eilf Uhr ſchlägt. Als⸗ dann beginne ich hier unten das Zauberwerk. Horche genau zu, von oben, wenn Du drei dumpfe Schläge gehört ha⸗ ben wirſt. Vernimmſt Du dann aus meinem Munde den 63 wiederholten Ruf: So fließe hin, du rothes Blut, und thaue mir den Raſen gut! ſo ſeufze laut und ſchwer, und ſtöhne vernehmlich:„Philippz grauſamer Bru⸗ der! ich ſterbe! mein Blut über Dich!““ Dann ſchweigſt Du ganz ſtille, und verbirgſt Dich ſchnell unter ein Paar Schütten Stroh. Gut wird es ſeyn, wenn Du bei obigen Worten den Mund auf den Boden des Speichers legſt: die Worte dringen deutlicher durch die ſchwache Decke in dieſe Stube. Jetzt geh, nimm den Brodkuchen dort aus der Aſche, verzehre ihn, und lerne dabei die Worte, die ich Dir auf⸗ gegeben, gut auswendig.“ Archimbald that, wie ihm befohlen, und bedauerte nichts, als daß ihm bei dem Poſſenſpiele kein wichtigerer Dienſt aufgetragen worden ſey. Bald hatte er die Kunſt weg, die aufgegebenen Worte meiſterhaft, gleich einem Sterbenden jammernd, vorzutragen, und mit wechſelnder Neugier und Wuth im Buſen erwartete der Unglückliche den Abend. Dunkel und ſtürmiſch ſank derſelbe nieder auf die Erde. Sturmwind fegte die Straßen, und jagte auf den Kreuz⸗ wegen den Staub in hohen Säulen empor. Die kaum ent⸗ knospten laubloſen Bäume des Waldes ſeufzten in der rauhen Umarmung des Orkans, die ſchwarzen Fichten ſchüttelten bebend ihr Trauerbehänge, und weithin über Forſt und Flur, wie über der Donau angeſchwollene Wellen heulte die Win⸗ desbraut ihr wüſtes Lied in eiſig kalten Geiſterſtimmen. Schwarze Gebirge thürmten ſich am wolkigen Firmament, bald zerriſſen, bald wieder vereinigt von dem gewaltigen Luftzug; in bleichem Dämmerſchein zog der Mond ſeine Bahn dahin am brauſenden Himmel, und erhellte mit fal⸗ bem Licht die kämpfenden Nebelmaſſen. Alles floh unter's 6⁴ ſchirmende Dach, in das ſchützende Neſt. In den Menſchen⸗ wohnungen erloſchen Feuer und Lampe, damit nicht ein un⸗ glücklicher Zufall zwei wüthende Elemente verbünde zum Verderben; nur in Lenens Hütte war's hell, und geſchäftig anordnend, was nöthig, harrte die Gauklerin des verſpro⸗ chenen Beſuchs. Archimbald lag oben auf ſeinem Strohlager, allein die Neugier pochte immer dringender in dem Buſen des lebhaf⸗ ten Knaben. Er konnte kein Auge ſchließen, obſchon ihm Lene verſprochen hatte, ihn zu wecken, ehe ſie die Fremden hereinließe. Ungeduldig ſtieg er endlich auf, und lauſchte an der Dachlucke, um die Ankommenden zu erſpähen, denn ſchon vor einer ſtarken halben Stunde hatte der wimmernde Sturm die zerriſſenen Glockenſchläge der zehnten Stunde zu ſeinem Ohr herübergeweht. Nicht lange, ſo blinkte ein weißer Mantel durch die flirrende Nacht.„Philipp,“ flüſterte in verbiſſenem Grimme, kaum ſich ſelbſt vernehmlich, der Knabe, und riß krampfhaft an dem Sparrwerke des Dachs.— „Philipp und Simon!— Die Niederträchtigen kommen, mich zu tödten! Doch Geduld!“ knirſchte er, wieder zu ſeinem Lager tappend, als er die Ankömmlinge unten klopfen ge⸗ hört, und ein zweiter wortloſer Racheſchwur war zum Him⸗ mel geſtiegen. „Erwache!“ rief halb leiſe die Alte die Stiege herauf. „Sie ſind da!“ „Ich bin wach!“ entgegnete eben ſo leiſe der Knabe, und horchte, das Ohr auf den Boden gelegt, mit der geſpann⸗ teſten Aufmerkſamkeit, um etwas von der Verhandlung zu verſtehen.— Allein ümſonſt: die Decke war zu dicht, um das leiſe Geſpräch zu vernehmen, und nirgends eine mitleidige 65 Spalte, die dem Auge vergönnt hätte, ſich mit den Geheim⸗ niſſen der Verſammlung bekannt zu machen. Nur in un⸗ deutlichen Tönen unterſchied Archimbald die Stimme des verhaßten Bruders.. noch ſchwächer die des weit verhaß⸗ tern Simons.— Seine Unruhe, ſeine Begierde, ſelbſt zu hören, ſelbſt zu ſehen, hatte den höchſten Gipfel erreicht. Schnell war, auf alle Gefahr hin, ſein Entſchluß gefaßt. Still, wie der lauernde Wolf, düſſelte er vom Lager auf, ließ ſeine ſchweren Holzſohlen auf dem Strohe zurück, ſchnallte, um behender zu ſeyn, den Stachelriemen vom Beine, und ſchlüpfte, baarfuß und geräuſchlos, die ſteilen Sproſſen herunter in die Küche. Gleich einem klugen Feldherrn auf den Rückzug bedacht, ſchob er das Fenſter leiſe auf, das in den Garten führte, und kauerte ſich endlich an der Stuben⸗ thüre nieder, wo ſein ſcharfer Blick durch eine unmerkbare Ritze in das Innere dringen konnte, und ſein Ohr keine Sylbe des Geſprächs verlor. Ein ſchwarz behangener Tiſch ſtand in der Mitte der Stube. Eine Lampe an der Erde erhellte ſie mäßig, und beleuchtete einen, aus Giftpilzen, beſegneten Tannenreiſern und Sargſplittern dicht gelegten magiſchen Kreis. Innerhalb demſelben, hinter dem Tiſche, ſtand die Alte in einer ver⸗ blichenen Kutte von gelbem Zeuge, ein ſchwarzes großes Tuch um Haupt und Bruſt geſchlungen. Außerhalb des Kreiſes Philipp in den Mantel gehüllt; hinter ihm, nächſt der Wand, gleich einem böſen Schatten, Simon. „Mit allem bin ich einverſtanden,“ ſprach Philipp,„doch das Teſtament laßt aus dem Spiele.“ Ich kann nicht,“ entgegnete Lene.„Es iſt vom Geiſte ſlen ſelbſt geweiht, als Talisman für den Sohn. „ 5„ 66 Er kann nicht ſterben, wenn der Bann nicht gehindert wird.“ „Fordert Alles,“ begann Philipp wieder,„nur dieſes nicht. Ich gebe das Pergament nicht heraus.“ „Wie's Euch beliebt,“ verſetzte die Alte.„Dann iſt un⸗ ſer ganzes Geſchäft zu Ende, und ich bedaure, daß Ihr Euch in dem Unwetter herausbemüht habt.“ „Ich hoffe, es nicht umſonſt gethan zu haben,“ ſprach Philipp, und zog einen ſchweren Beutel.—„Seht, das find eitel ſpaniſche Dublonen. Sie ſind Euer, wenn Ihr ohne Aufſchub thut, wie ich begehrte.“ „Und wenn Ihr mir alle Schätze der neuen Welt ſchen⸗ ken wolltet.. ich kann nicht,“ brummte Magdalena. „Meint Ihr denn, Ihr vermöchtet mit Euerm elenden gelben Bettel da die Welt der Geiſter zwingen? Geht heim; Euch iſt nicht zu helfen.“ „Verfluchtes Weib!“ flüſterte Philipp dem Diener zu- „Was ſoll ich thun?“ Simon zuckte die Achſeln. „Wenn ich wüßte...“ begann Wernher auf's Neue, „wenn ich wüßte, daß es ſicher 4 „Geht! geht!“ fiel die Streicherin ein.„Ihr ſeyd ein mißtrauiſcher Krämer, der, weil er ſelbſt dem Käufer ver⸗ fälſchte Waare anhängt, in jedem Winkel Betrügerei ver⸗ muthet. Geht!.. laßt Euch zur Ader, damit's Euch hell werde im Gehirn, und bietet mir nicht ſo verſchwenderiſch Eure goldſchweren Beutel an, mir, der Ihr nicht einmal auf ein Paar Augenblicke ein armſeliges Pergament anver⸗ trauen wollt, das ich Euch doch weder vorenthalten will⸗ 67 noch kann. Gute Nacht, Ihr Herren! Mich ſchläfert; kommt wohl nach Hauſe!“— Sie ergriff die Lampe, und öffnete dem Beſuch die Thüre zur Hausflur... Philipp ſtand unentſchloſſen. Simon aber faßte ſchnell die Hand der alten Rune, und drückte die Thüre wieder zu.„Ein ſo geringes Hinderniß,“ ſprach er, „wird doch nicht das Ganze wieder rückgängig machen ſollen. Die Meiſterin muß wohl am beſten wiſſen, was ſie zu ihrem Werke nöthig hat; darum, edler Herr, dachte ich, Ihr mach⸗ tet weiter keine Einwendung.“ „An dem Pergamente liegt ſo viel!“ ſchaltete Philipp ein. „Weiß es,“ erwiederte Simon,„obſchon ich nicht leſen, noch ſchreiben kannz allein Ihr hört ja, Ihr erhaltet es un⸗ verſehrt zurück.“ „Völlig unverſehrt,“ beſtätigte Lene,„wenn Ihr nicht ſelbſt den Gang des Zaubers ſtört. In dieſem Fall vernich⸗ tet ſich der Talisman ſelbſt vor Euern Augen, ohne eines Menſchen Zuthun.“ „Da hört Ihr es ja,“ redete Simon dem Gebieter zu. „Sogar alsdann wäre erſt nichts verloren; die unglückſelige Schrift käme doch einmal weg, und der Leufel ſollte ſie nicht mehr bei Euch finden.“ „Du dringſt darauf?“ ſprach endlich Philipp.„In Gottes Namen! Da, Frau Streicherin, iſt das Leſtament. Geht jetzt an's Werk, und ſeyd fein geſchwind. Es läuft mir ein Schauder durch die Glieder, wenn ich an die Arbeit gedenke, die wir hier vorhaben.“ „S wird Euch nicht viele Mühe machen,“ verſetzte Mutter Lene, und deckte geſchäftig den Tiſch auf, um die Gegenſtände hervorzunehmen und zu ordnen, die unter der Decke verhüllt geweſen waren.—„Tretet in den Kreis, Ihr Herren, und merkt auf das, was ich Euch ſage: Verſchließt den Mund, ſo wie die Ohren. Nichts kümmre Euch von dem, was Ihr vielleicht hören dürftet, und Ihr ſprecht ja nicht eher, bis ich Euch gefragt habe. Die Antwort ſey als⸗ dann ſo kurz als möglich. Merkt Euch wohl: wenn Ihr den Kreis verlaßt, oder durch unbeſonnenes Reden meine Ar⸗ beit hindert, ſtört Ihr den Zauber, daß er nicht mehr weiter wirken kann, und mögt Euch glücklich ſchätzen, wenn's ohne üblere Folgen abgehen ſollte. Verſprecht mir das.“ Die beiden Zuhörer gelobten es, und traten in den Kreis. Mutter Lene ergriff eine auf dem Tiſche liegende abgezehrte Todtenhand, in deren, von einem blutrothen Leinwandſtreif zuſammengehaltenen Fauſt ein grünes fingerlanges Licht ſteckte, zündete den Docht deſſelben an der Lampe an, und reichte es dem Simon hin, es zu halten, und damit der Handlung zu leuchten.— Der alte Sünder ward bleich wie Schnee, und wollte ſich des Anſinnens erwehren, aber ein finſtrer Seitenblick ſeines Herrn verurſachte, daß er, von heimlichem Grauen durchbebt, die gräßliche Leuchte annahm, um damit den ſchauerlichen Bezirk der Beſchwörung zu erhellen. „Scheut Euch nicht,“ ſprach die Alte, indem ſie die Lampe auslöſchte, um dem trüben Lichte der grünen Kerze allein Spielraum zu verſchaffen:„es iſt nicht die Hand eines ver⸗ ächtlichen Diebes, unter dem Galgen hervorgeſcharrt, deren ſich Räuber bedienen, um unſichtbar in die Häuſer ſchleichen und Schlöſſer erbrechen zu können; es iſt die Rechte eines Brudermörders, der ſeinen Jüngern erſchlug, um das ganze väterliche Erbe zu genießen; demzufolge iſt in der weiten ₰ Welt nichts tauglicher zu dem, was wir vorhaben. Die Kerze, aus geſchmeidigem Otternfett gegoſſen, gibt durch ihre dämmernde Helle unſerer That die nöthige Unſichtbarkeit, obſchon ihr Schimmer mir entdeckt in weiteſter Ferne, was ich ſehen will. In dieſe Schüſſel, durch einen Bannſpruch geweiht, lege ich dieß Pergament, das letzte Denkmal der Vaterliebe für einen in Unehren gezeugten Sohn; und nun laßt uns, bevor ich den Zauberſpiegel enthülle, zur ſtillen Vorbereitung auf das, was folgen ſoll, ſchreiten. Sie warf ſich auf beide Kniee nieder, ſtreute in eine neben ihr glühende Kohlpfanne eine Hand voll Räucherwerk, und legte dann den Kopf, in beiden Händen ruhend, auf den Tiſch. Die Zuſchauer blieben unbeweglich wie Bildſäulen im Kreiſe ſtehen. Das unſtäte Hin⸗ und Herflackern der fürchterlichen Lampe allein zeigte an, daß die Kälte der Furcht in Simons Adern rieſele. Es war ein feierlicher Augenblick, der ſelbſt dem lauſchenden Archimbald das Blut ſchneller zum Herzen trieb. Tiefe Stille hielt den kleinen Raum umfangen, während der Sturm wüthend über die Haide fuhr. Nach langer Pauſe erhob ſich Mutter Lene mit den Ge⸗ berden einer Begeiſterten, und enthüllte den runden Zauber⸗ ſpiegel. Um denſelben her lagen mehrere ſeltſam gepaarte Dinge; eine kleine menſchliche Figur von Wachs zuſammen⸗ geknetet, ein junger Blüthenzweig, ein Ey, eine Muſchel, in der ſich ein wenig Milch beſand, eine lange Nadel, ein Nagel und Hammer. Nach einer kurzen, undeutlich ge⸗ ſprochenen Beſchwörungsformel fragte die Alte, in einem Tone, den Archimbald aus ihrem Munde noch nie gehört hatte: „Zuerſt verlangt Ihr zu wiſſen, wo ſich der, den wir bannen wollen, befinde?“ Philipp nickte ein ſtummes Ja. Lene rieb den Spiegel ab, drehte ihn unter ſeltſamen Geberden hin und her, ſah hinein, und ſprach endlich: „Ich ſehe ihn... in Lumpen gehüllt, mit bloßen Füßen und blaſſem Angeſicht. Sein röthliches Haar flattert um ſeine Schultern, wild wie die Mähne des Pferdes. Durch dichten Wald fördert er ſeine Schritte.„. Da ſteht er an der Pforte eines Bettelkloſters, und zieht den Glockenring. Er bittet um ein Almoſen, oder um nothdürftige Brodſamen, ſeinen Hunger zu ſtillen.“ Philipp ſah ſtarr vor ſich hin. Aus Simons tückiſchen Blicken leuchtete Schadenfreude. Archimbald, ganz Auge, ganz Ohr, getraute ſich kaum zu athmen. „Die Gegend verſchwindet,“ fuhr die Alte fort. Ich ſehe jetzt das Innere des Kloſters; das Spitalzimmer deſſelben. Viele, viele Kranke! im Hintergrunde des Saals liegt er auf dürftigem Lager, krank, elend und abgehärmt. Ein tobendes Fieber verzehrt ſeine Kräfte; ein alter Mönch ſteht ihm hülfreich bei, während alle andere den jungen Ketzer fliehen. Das Bild wechſelt nicht mehr.. es zeigt alſo ſeine jetzige Lage.— Beharret Ihr noch auf Euerm Vor⸗ haben? wollt nicht der Natur es überlaſſen, ob er lebe oder ſterbe 2“— Philipp zauderte; Simon ſtieß ihn in die Seite. „Es werde vollendet wie wir's vorhatten,“ ſprach nun, kaum hörbar, der unnatürliche Bruder.— Archimbalds Pulſe pochten wie im Fieber. „Nun denn!“ rief Lene in heftiger Bewegung,—„ſo rufe ich den Knöchler auf, unſichtbar hier zu walten, in der 7¹ Päh' und in der Ferne nur zu Villen zu ſeyn mit raſcher That, und aufzunagen ein verhaßtes Leben; doch die Blut⸗ ſchuld wälz' ich von mir ab; und auf dieſe, die vor mir im Kreiſe ſtehen, geh' ſie über unverkürzt!“ Die Kohlpfanne warf dicke Dampfwolken in die Höhe, die die ganze Stube mit Nebel umdüſterten, und unter dem Behänge des Tiſches hervor rollte ein mit Moos bewachſener Todtenſchädel in den Kreis. Die Zuſchauer fuhren zuſammen. Die Beſchwörerin riß aber wild die auf der Tafel befindliche kleine Wachsfigur in die Höhe, berührte ſie mit dem Pergament, das ſie wieder in die Schüſſel fallen ließ, ſprach einige, in unverſtändlicher Sprache abgefaßte Formeln über die Puppe, und rief end⸗ lich:„Dies Gebild, gefeit und gebannt, iſt das Conterfei desjenigen, der hier gerichtet werden ſoll. Was ihm geſchieht, geſchieht dem Ebenbilde auch im Augenblick. Erkennet Ihr's für des Knaben Archimbalds Bild, und bleibt zum allerletz⸗ ten Male auf Eurer Willensmeinung?“ „Wir erkennen es,“ ſprachen die Beiden einſtimmig„und bleiben bei dem, was wir beſchloſſen.“ „Wohlan!“ fuhr Mutter Lene fort, und zerrte das ver⸗ hüllende Tuch vom Haupte, daß ihr die greiſen Haare wild und zekzauſ't über die Stirne fielen..„So geh heim, Knäblein, ſuche Dein frühzeitig Grab. Er liegt im Fieber darnieder,“ ſprach ſie mit rollenden Augen..„ſoll er lang⸗ ſam an demſelben verdorren zur Leiche, oder ihm das eti brechen im Augenblick?“ „Der ſchlechte Aſt dorre ab,“ rief Simon in nine lichem Grimm. „Er falle ſchnell und ſchmerzlos! verſetzte vu 5 12 „So ſey's,“ erwiederte Lene.„So ergreife ich ſtatt der Nadel, die, langſam und nach und nach durch die Bruſt dieſes Wachsbildes geſtoßen, die Lebenskraft des Gebannten ſchleichend verzehrt, den Nagel und den ſchweren Hammer!“ Sie winkte dem leuchtenden Simon näher, und hielt den Nagel in die Flamme, um ihn heiß zu brennen. Ihre Lippen zuckten gichteriſch; Gebete und Beſchwörungen rollten aus ihrem Munde, und endlich.. mit dem erſten Schlage der Geiſterſtunde warf ſie das Bild auf den Tiſch, hielt ihm den Nagel auf die Bruſt, und rief mit gräßlicher Stimme: „Fahre hin, verhaßtes Leben! Sey dem Grabe übergeben!“ Sie ließ den Nagel ſtecken, ſchleuderte dann den jungen Blüthenzweig, das Ey und die Muſchel voll Milch in die Kohlen, und murmelte: „Wie der Erſtling des Baumes, der Henne, der Kuh, So falle, Erſtling des Lebens, und ſchwinde auch du!“ ergriff dann den Hammer und rannte den Nagel mit drei gewaltigen Schlägen in die Bruſt des Bildes, rufend: „So jließe hin, du rothes Blut, und thaue mir den Raſen gut!“ Archimbald, der, von der furchtbaren Scene gefeſſelt, vergeſſen hatte, bei Zeiten auf den Speicher zurückzukehren, und von Angſt geſchüttelt, ſich kaum auf den Füßen erhal⸗ ten konnte, fand mit Mühe die Sprache wieder, als jetzt die Reihe an ihn gekommen war zu reden, und in banger Ahnung ſich erhebend, und leiſe an das offne Fenſter zurück⸗ ſchreitend⸗ ſtöhnte er tief ächzend, gleich einem Vergehenden, die fürchterlichen Worte:„Philipp, grauſamer Bruder! ich e in Blut über Dich!“ Zu gleicher Zeit ſpritzte aus dem Wachsbilde, durch einen geſchickten Druck der Gauklerin, ein Strahl von einigen Blutstropfen in die Höhe. Angſtvoll ließ Simon die Leuchte fallen, und Philipp ſtürzte halb ſinnlos mit dem Schrei: „Archimbald! es iſt geſchehen,“ aus dem Kreiſe, hinaus in die Küche, theils, um Luft einzuathmen, theils, um ſich zu überzeugen, daß kein Blendwerk obwalte! Archimbald, den Lärm vernehmend, hatte ſich ſchnell zum Fenſter hinausgeſchwungen, und hinter den Liebſtöckelbuſch geflüchtet. Auf ſeine Schultern ſprang daſelbſt der heimkeh⸗ rende Schwarzmann, und ſtarrte mit ſeinem funkelnden Au⸗ genpaar den bebenden Philipp an, der in dem Sturm, welcher durch das offene Fenſter eindrang, ſich abzukühlen dachte. „Teufelslarven um und um!“ ſchrie er aufſchreckend durch einen entſetzlichen Knall in der Stube, und eilte dahin zurück. Ueberall Rauch und Dampf die Leuchte noch brennend auf der Erde; eine helle flackernde Flamme in der Schüſſel, noch gefräßig das Pergament verzehrend, das darin aufbewahrt worden war; Simon halb leblos am Boden... die Zauberin am Ofen knieend mit verhülltem Haupte und ängſtlichem Zittern. „Was iſt geſchehen?“ rief er in die Verwüſtung hinein; „Lene! verfluchte Hexenlene! wo iſt das Teſtament!“ „Seht ſelbſt,“ ächzte Lene, und wies auf das Verbren⸗ nende. Ihr habt den Zauber geſtört. Ein Blitz hat den Talisman vernichtet. Euer Bruder hat geendet; aber Gott behüte Euch vor übeln Folgen Eurer Unbeſonnenheit.“ „Archimbald iſt dahin!“ ſtammelte Simon, aus ſeiner Betäubung erwachend, und half ſich empor.„Laßt immer⸗ hin das Pergament zum Teufel ſeyn; nun ſchadet es und * nutzt nichts mehr! Laßt uns aber jetzt der Spuckhöhle ent⸗ rinnen, denn es hat mich niedergeſchlagen wie das Wetter, als des Himmels Feuer in die Schale niederfuhr.“ Er warf dem Gebieter den Mantel über die Schulter, und zog ihn nach der Thüre.—„Vergeßt die Meſſen nicht für des Kindes arme Seele!“ wimmerte ihnen die Alte nach. Philipp ſchüttelte mit dem Kopfe, ließ die Goldbörſe hinter ſich fallen, und er und Simon eilten, ſo ſchnell ſie konnten, aus dem Bereiche der Hütte zu kommen. Eine gute Viertelſtunde blieb Lene ohne alle Bewegung auf ihrem Platze; dann ſtand ſie auf, lugte ſorgfältig durch alle Thüren und Fenſter des Hauſes, und nachdem ſie ſich überzeugt, daß kein Lauſcher in der Nähe, verſchloß ſie alles ſorgfältig, horchte an der Speichertreppe auf Archimbalds Athmen, der für gut fand, den Schlafenden zu ſpielen, um ungeſtört die Bilder des Abends zum zweiten Male an ſich vorübergehen zu laſſen,— räumte dann alle Zauber⸗ und Gauklergeräthſchaften in's Laboratorium, und verſchloß in ihrem eiſernen Schatzkaſten, der hinten im Hauſe unter altem Gerüll verborgen ſtand, das Teſtäment, das ſie durch ihren magiſchen Kunſtgriff erobert und durch ein anderes zum Verbrennen hergerichtetes Pergament geſchickt erſetzt hatte. Fluren Des Vaterlands! geliebte Heimath! euch Soll ich verlaſſen? um dem fremden Manne Zu folgen in ein unbekanntes Land? Demungeachtet wurde es Frau Lenen von Tag zu Tage banger um das Herz, als ſie gewahren mußte, daß der alte Simon von nun an ſich tagtäglich etwas um ihre Woh⸗ nung zu ſchaffen machte, öfters zu ganz ungewöhnlicher Stunde in die Hütte eintrat, den verkappten Archimbald beſonders auf's Korn zu nehmen ſchien, mit bedenklicher Neugierde und Zudringlichkeit. Zwar ſpielte der geſchickte Knabe den Blödſinnigen ſo vortrefflich, daß der geübteſte Späher an ihm irre werden mußte; wer ſtand aber dafür, daß der fleine Künſtler nicht einmal eine Blöße geben würde? Darum hielt ihn Lene, ſo gut ſie konnte, mit Aufträgen der verſchiedenſten Gattung von der Hütte entfernt, ſo lang es ſich thun ließ, und ſann in ihrer Einſamkeit mit vollem Ernſte darauf, wie ſie es anfangen könne, dem Pflegling einen ſicheren Zufluchtsort zu bereiten. Archimbald hingegen, leichtſinnigen aufgeweckten Cha⸗ rakters, fand gar viel Behagen in dem Gedanken, durch ſeine Liſt und Gewandtheit ſeinen grimmigſten Feinden eine 6 6 Naſe drehen zu können, bis ihm einſt Alter und Gelegen⸗ heit erlauben würden, beſſer zu vergelten. Er ließ ſich weder durch den Zwang ſeiner Vermummung noch durch die Furcht vor einer vielleicht nahen Entdeckung abhalten, ſowohl ſeinen Arbeiten und lehrreichen Beſchäftigungen als auch ſeinen Vergnügungen nachzuhinken, wurde rüſtig an Leib und Seele, immer verſchlagner an Geiſt, und ſah in jedem ſchönen Tag des Lenzes— den ſichern Bürgen einer ſchönen Zu⸗ tunft. Das kleine Haus ſeiner Pflegemutter ſchien ihm nun von jeher ſeine Wiege geweſen zu ſeyn, der Kater Schwarzmann ſein nachbarlicher Gefährte von Anbeginnz der Forſt und die Flur ſein, vom höchſten Herrn zum Lehen gegebnes Beſitzthum. Die Thürme Ulms, die grau und ehr⸗ würdig in ſeine Dachkammer ſahen, waren ihm die Thurm⸗ ſpitzen einer fremden Stadt geworden, wie die Erinnerung an vergangne glücklichere Zeiten nur ein ſeliger Traum; allein, wenn er in Waldesſchatten lag⸗ auf dem dunkel⸗ grünen Raſen hingeſtreckt, dem Geflüſter der Blätter, wie dem fröhlichen Gezwitſcher der Vöglein zuhörte, und durch das friſche Laubbehänge hinausſchaute auf die im Glanz der Abendſonne ruhende Ebene, auf die in zartem Violett am Horizont angedeuteten Berge, auf das breite Silber⸗ band der Donau mit goldnen Funken beſät, und auf die alterthümliche Stadt, die ſich herriſch und groß vor ſeinen Blicken ausbreitete... da, da ward ihm freilich anders um das Herz. Jene altergraue Stadt war ihm wohlbekannt, jede Gaſſe derſelben hatte ſchon ſein flüchtiger Fuß gemeſſen in fröhlichem Spiel mit ſeinen Gefährten; dort, wo ſich das lange Kloſter ſtreckte, dort mußte das Vaterhaus ſtehen⸗ mit ſeiner weiten Flur und ſeinen heimeligen Stuben und 77 Kammern, dem ganzen Paradieſe ſeiner Kindheit, in dem der Vater lebte, wie ein guter ſchützender Geiſt des gelieb⸗ ten Sohnes Jugend bewachend; wie hatte ſich alles verändert? Verkappt, wie ein flüchtiger Verbrecher, ruhte nun der Verbannte im Angeſichte der verbotenen Heimath, in der kein freundliches Herz für ihn ſchlug, ſeit das Herz des Vaters brach, der dort unter den Fliederbäumen an jenem hochſtrebenden Thurme eingeſenkt wurde! deſſen Grab der Sohn nicht einmal ohne Gefahr beſuchen durfte! Wenn dieſe Gedanken Archimbalds Gemüth beſchlichen, überfiel ihn zugleich eine unnennbare Wehmuth, die ſich in wohlthuende Thränen auflöſete. Dieſer Balſam des Leidens milderte, für Augenblicke wenigſtens, des Knaben rauhes Gemüth, öffnete ſeine mit trotzigem Groll umpanzerte Bruſt einem beſſern Gefühl, daß ſie ihr innerſtes Heiligthum aufſchloß, in dem die zarteſten Saiten edler Menſchenwürde ſchlafen, bis ein Strahl himmliſchen Lichts ihre herrlichen Goldklänge weckt. In dieſen feierlichen Augenblicken der Rührung fühlte der Knabe, ohne ſich es deutlich bewußt zu ſeyn, daß er das Vermögen beſitze, gut, wacker und edel zu werden, daß bloß die Gewalt der Umſtände ihn auf die Bahn des Trugs zund der Verſtellung gezwungen habe, die zuletzt jedes menſchliche Herz verwildert; er nahm ſich vor, er ſchwur es dem Schatten ſeines Vaters zu, auch im Ge⸗ leiſe des Unglücks eines beſſern Looſes werth zu ſeyn;... aber, fiel von ungefähr ſein Blick auf die Lumpen, die ihn nothdürftig verhüllten, oder auf ſeine von tiefen Nar⸗ ben, den ewigen Denkmälern der Mißhandlung eines tyran⸗ niſchen Bruders, verunſtalteten Hände„. dann war der Silberblick ſchöner Empfindung vorbei, die Pforten des Allerheiligſten fielen zu, und die zart angeregten Saiten des Gefühls verſtummten bei dem Emporſteigen des böſen Geiſtes, der ſich mit einem guten Engel in die Herrſchaft über den Sterblichen, und in Archimbalds Buſen nur zu voft die Oberhand behielt. Nach einer ſolchen, aus himmliſcher Selig⸗ keit und Verdammnißqualen gewebten Stunde riß ſich einſt Archimbald von dem Mooshügel auf, der ſein Ruheplatz geweſen war, und ſchlug den Waldpfad ein, der ihn am ſchnellſten zu Mutter Lenens Häuschen bringen ſollte; denn der Tag, einer der heißeſten des Frühlings, hatte ſich in einen gewitterſchweren Abend gewandelt, welcher mit ſeinen hageltragenden Wolken dicht über die Wipfel des Forſts hin⸗ ſtreifte. Einzelne ſchwere Tropfen fielen ſchon in die Blätter⸗ und murrend verkündete der wachſende Donner das baldige Ausbrechen des Vetters, das ſich von den Ufern des Bo⸗ denſee's über ganz Schwaben ſtreckte, wie ein ſchwarzes Panier.— Archimbald eilte auf ſeinem Pfade fort, ſo ſchnell es ihm die Binde um das Bein verſtattete, die abzulegen ihm Mutter Lene ein für alle Male verboten hatte. Allein, der Weg war weit, der Knabe im ſchnellen Vorſchreiten zu mächtig gehindert, und das losbrechende Gewitter über⸗ raſchte ihn noch mitten im Walde. Blitz auf Blitz, Schlag auf Schlag wüthete es über ihm, und der heftige Regen⸗ guß, mit Schloſſen vermiſcht, hatte ſich bald einen Weg durch das junge Laub geöffnet. In ſolcher Noth Lenens Ver⸗ bot nicht mehr achtend, ſah ſich Archimbald nach einem Plätzchen um, wo er, von den Unbilden des Wetters noth⸗ dürftig geſchützt, ſich ſeiner Zwangfeſſel entledigen möchte, um alsdann ſeinen Lauf mit verdoppelter Geſchwindigkeit fortſetzen zu können. Sein Faltenauge entdeckte im Fluge — 79 ein dunkles Gemäuer, etwa fünfzig Schritte im Dickig, und er arbeitete ſich raſch durch's Geſtrüppe. Bald ſtand er vor einer kleinen verfallnen Kapelle, deren Innres jedoch Raum für einen Menſchen zu haben, und deren Dach noch waſſerdicht zu ſeyn ſchien. Er trat in das verödete Gebäude, das überall die Spuren des Verfalls an ſich trug, blickte, durch ein verdächtiges Schnauben aufmerkſam gemacht, in der Dämmerung umher, und gewahrte in einen Winkel ge⸗ ſchmiegt, ein kleines Mädchen, das eine Ziege im Arm hielt, ſich hinter dem Thiere niedergekauert hatte, und bei dem Anrufen des unerſchrockenen Archimbalds einen Schrei der Angſt ausſtieß. Dieſer Schrei verrieth ſie aber dem geüb⸗ ten Ohre des Knaben, der in dieſem engen Raume einen Schutzengel gefunden zu haben glaubte. „Trudchen!“ rief der freudige Ueberraſchte,„Trudchen! finde ich dich endlich einmal wieder!“— und wollte die zarte Geſpielin umfaſſen: allein die Entſetzte floh ſcheu vor ihm zurück bis zum verfallnen Altar; die Ziege ſprang ſchir⸗ mend vor die kleine Gebieterin, und reckte dem Fremdling keck und trotzig die Hörner entgegen. Dieſer jedoch, von ferne ſtehend, wiederholte mit den ſanfteſten Schmeichel⸗ tönen:„Trudchen! Trudchen! finde ich dich endlich wieder?⸗ Ein Blitz leuchtete in die Kapelle herein, und Trudchen, die ganze abſcheuliche Geſtalt des Ankömmlings vor ſich ſehend, bedeckte das Geſicht mit beiden Händen, und rief halb wei⸗ nend:„Wer biſt du denn? ich kenne dich nicht?“ „Du kennſt deinen Archimbald nicht mehr?“ fragte raſch der Bekränkte, und erſchrack über dieſe gefährliche Ent⸗ deckung, als es ſchon zu ſpät war, das verrätheriſche Wort zurückzunehmen. 80 „Archimbald?“ jauchzte das Mädchen hoch auf!„Wern⸗ hers Archimbald?.. Doch nein; du belügſt mich. Die Stimme iſt's wohl, aber dein Geſicht iſt häßlich, und gewiß nicht Archimbalds.“ Nun erinnerte ſich dieſer erſt der abſchreckenden Larve, die er zu tragen verdammt war, und konnte der Kleinen ihre Furcht nicht verargen. Er näherte ſich ihr aber mit aller Freundlichkeit ihrer frühern Tage, beruhigte die Zit⸗ ternde, und rief ihr ſo viele kleine und wenig bedeutende Begebenheiten aus ihren Spielen in's Gedächtniß zurück, daß ſie nicht mehr zweifeln konnte. Und als er ſich neben der kleinen Freundin niederließ, die wohlbekannte Ziege den alten Geſpielen ſchnobernd wieder begrüßte, und er nun an⸗ fing zu erzählen, und ohne Rückhalt der Kleinen geſtand, wo er ſich aufhalte, und warum er dieſe Vermummung trage, da war Trudchen auch wieder die Alte, um⸗ armte ihn hundertmal, drückte hundert unſchuldige Küſſe auf ſeine braungefärbten Lippen, und dankte dem Gewitter, daß es ſie mit ihrer Lieblingsziege, als ſie gerade dieſelbe von der Weide nach Hauſe bringen wollte, in dieſes Kapell⸗ chen getrieben hatte, wo ſie ihren Freund und kleinen Mann wieder finden ſollte. Nun aber ſprach Archimbald, ſeine Plauderhaftigkeit⸗ wiewohl fruchtlos, bereuend:„Liebes Trudchen, höre. Ein ſehr glücklicher Zufall hat uns zuſammengeführt, und ich bin offenherziger gegen dich geweſen, als ich es in meinem gan⸗ zen Leben war, allein du ahnſt,— und wo dein kleiner Verſtand noch nicht ausreicht, mußt du mir es auf's Wort glauben,— daß alles das, was ich dir geſagt habe, mir 81 den Tod bringen würde, wenn es unter die Leute käme. Nun willſt Du aber meinen Tod nicht, glaube ich.“ „Ach Archimbald!“ flüſterte Trudchen mit naſſen Augen, „wie kannſt Du denken?... „Darum verſchweige ſorgfältig alles und alles, was Du von mir gehört haſt, thue gerade ſo, als ob Du mich gar nicht geſehen hätteſt. Verſprich mir das, oder weißt Du was? ſchwöre mir's zu!“ „Gewiß, Archimbald!“ ſprach das Mädchen, ſchlug die Augen auf gegen den flammenden Himmel, und legte die Hände auf die fromme Bruſt.—„Ich ſchwöre Dir's zu; ich will nichts ausplaudern. Meine Ziege da thut es auch nicht, ob ſie gleich recht aufmerkſam Deiner Erzählung zu⸗ gehorcht hat.“ Archimbald klopfte ſchäckernd der kleinen Muthwilligen die Wange; aber ſie fuhr, plötzlich ernſthaft werdend, fort: „jetzt muß ich Dir auch noch etwas vertrauen, lieber Archim⸗ bald, auf was ich mich gerade erinnere. Der Vater hat es vom Zunftmeiſter, der im Rathe ſitzt, und hat es geſtern erſt bei Tiſche der Mutter erzählt, nach dem Nachteſſen. Er glaubte vermuthlich, ich wäre ſchon eingeſchlafen, aber ich hatte bloß die Augen zu; und dachte an Dich, um den ich ſeit vielen Wochen— ſeitdem Dich der Bruder fortge⸗ jagt hat— recht oft und bitterlich geweint habe, daß die Mutter öfters meinte, ich würde krank werden und dahin⸗ welken; denn ich habe ihr nie geſagt, warum ich traurig war.“ „Gute Seele!“ rief Archimbald und drückte ſie feſter an ſich.„Nun erzähle aber: was ſagte der Vater?“ „Ich kann Dir's beinahe wörtlich wieder ſagen,“ verſetzt beſann ſich eine Weile, und hob hierauf an: * 8² —— „Denke Dir, Mutter!“ ſagte der Vater nämlich,„denke Dir, es hat mit Wernhers Archimbald noch immer keine Ruhe. Es iſt wieder im Trieb, daß die Sache im Rathhauſe vor⸗ tommen ſoll. Der Thurneiſen behauptet ſteif und feſt, die Hexenlene wiſſe um den Aufenthalt des Jungen, und habe ihn vielleicht gar todt gemacht. Der Philipp will aber ein⸗ mal Ruhe haben vor dem ewigen Geſpött und Gemurr wegen des Buben, der ihn nichts angeht, und den er um jeden Preis fort haben will. Drum wollen ſie drauf an⸗ tragen im Rathe, daß die Herenlene eingeſteckt, und peinlich befragt werden ſoll, ob ſie nicht von dem flüchtig gewordenen Archimbald etwas wiſſe.“ „Eingeſteckt? meine Pflegemutter 2“ rief Archimbald er⸗ ſchrocken auffahrend...„habe Dank, liebes, Herzenstrud⸗ chen für dieſe Nachricht. Lene muß es ſogleich erfahren, von mir erfahren.“ „Das mag ſeyn,“ erwiederte das Mädchen⸗„denn ich habe nicht geſchworen, das zu verſchweigen, was der Vater ge⸗ ſagt hat. Jetzt aber, lieber Archimbald, lebe wohl, und mache Deine Sachen geſchickt. Das Gewitter hat ſich verzv⸗ gen, der Regen aufgehört, und ich muß wieder heim, ſonſt werde ich von der Mutter erbärmlich geſcholten!“ „Hab Dank, Du treue Seele,“ ſprach Archimbald, ſie auf die Stirn küſſend:„habe Dank, und halte Deinen Schwur. Es gilt mein Leben.— Noch ein Wort: was macht Sabine die gute Dirne?“ „Sie iſt nicht mehr in Ulm,“ entgegnete Trudchen.„Der böſe Simon hat nicht geruht, bis er die brave Magd aus dem Hauſe gebracht hat. Sie hat noch eine Weile kümmer⸗ lich in der Stadt gelebt, dann iſt ſie fortgezogen in ein 83 berrſchaftliches Schloß, weit, weit von hier. Eine vornehme Edelfrau hat ſie mit dahin genommen, um ihren kranken Eheherrn zu pflegen und zu warten.“ „Ja, das kann ſie!“ fiel Archimbald in dankbarer Erin⸗ nerung ein.„Sie iſt oft zu uns gekommen,“ fuhr Trudchen geſchwätzig fort,„als du ſchon fort warſt, kein Menſch wußte, wohin. Durch ſie hat man auch erfahren, wie du eigent⸗ lich weg kamſt, denn der garſtige Philipp hat ausgeſprengt, Du wäreſt als ein ungezogener Bube entlaufen.“ „So? nur Geduld!“ knirſchte Archimbald. „Sabine ſprach aber oft von Dir, und lobte Dich,“ ſprach Trudchen weiter,„obſchon mein Vater Dir nicht grün war.“ Noch bei ihrem Abſchiede von uns ſagte ſie mit Thränen: „Wüßte ich nur, wo jetzt der arme Junge ſein hartes Brod ißt, ich wollte das meinige gerne mit ihm theilen, und ihm etwas mittheilen, das. „Wo iſt jetzt die Sabine?“ fragte Archimbald ſchnell. „Ich habe mir den Namen des Schloſſes gemerkt, weil er ſo ſeltſam klingt,“ verſetzte Trudchen;„es heißt Worosdar.“ „Worosdar?“ fragte der Knabe lebhafter.„Wo, wo liegt's.“ Mit Erröthen mußte das arme kleine Mädchen ihre Un⸗ wiſſenheit geſtehen. Die Glocken der Stadt ſchallten dazwi⸗ ſchen.— Aus Furcht, die Stunde der Thorſperre möchte herannahen, riß ſich das Mädchen ſchnell von dem Freunde los, wünſchte ihm Heil und Glück, baldige frohe Rückkehr zur Vaterſtadt, und ſprang eiligſt mit ihrer treuen Ziege auf den dämmernden Waldwegen der Stadt zu. Archimbald ſah ihr lange nach, bis er das Flattern ih⸗ res Gewandes nicht mehr unterſcheiden konnte, und ſetzte ſeinen Weg nach Lenens Hütte fort. Es n dunlel geworden, als er daſelbſt anlangte. Die Thüre war ver⸗ ſchloſſen. Schon überfiel ihn ein Grauen, wenn er ſich die Wöglichkeit dachte, daß Lenens Verhaftung ſchon ſtatt ge⸗ habt haben könnte; allein ein ſchwacher Lichtſchimmer, der ſich durch den Fenſterladen ſtahl, beruhigte ihn in etwas. Er wagte es demzufolge, zu klopfen. Lenens Stimme fragte von innen, wer es ſey, und auf ſeine Antwort wurde geöffnet. „Sey hübſch artig,“ flüſterte ſie ihm noch auf dem Gange zu,„wenn du in die Stube kömmſt. Wir haben einen Gaſt.— Vor ihm brauchſt Du Dich nicht zu verſtellen.“ Archimbald, ganz von der Fflicht eingenommen, ſeine Pflegemutter zu warnen, wollte die Uebung derſelben um keinen Augenblick verſchieben, und entdeckte ihr vor der Thüre noch, Alles was er gehört. „Ich danke Dir,“ ſprach Lene kalt;„allein ich weiß bereits Alles. Morgen um dieſe Zeit werde ich geholt. Auch auf dich iſt's gemünzt. Ich bin auf Alles gefaßt. Wie konnteſt Du aber ſo unklug ſeyn, Dein Heil der Schwatzhaftigkeit eines Mädchens zu vertrauen?“ Archimbald verſtummte, ſeines Fehlers ſich bewußt. Die Alte wiegte den Kopf, drohte mit dem Finger, und hieß ihn dann in die Stube treten. An dem Tiſche ſaß, ſparſam von der Lampe erhellt, ein langer hagerer Mann in Reiſekleidern, und ſchien in einem Buche zu leſen. Das graue faltige Gewand, mit den hän⸗ genden weiten Aermeln, am Saume mit Pelz verbrämt, die weite Pumphoſe von demſelben Stoffe, mit ſchwarzen Knöpfen an der Seite beſetzt, und mit breiten Schleifen geziert, die nachläſſig über den Umſchlag der braunen Reitſtiefel 85⁵ herunterhingen, gaben der Geſtalt des Sitzenden einen frem⸗ den Anſtrich. Das Geſicht deſſelben war aber unſtreitig das Auffallendſte an der Erſcheinung. Im vollen Licht der Lampe ſaß das Haupt auf der breiten und ſteifen Krauſe, wie auf einer Schüſſel; ein flachshaariger, kurzgeſchorner Spitzkopf mit weit abſtehenden Ohren; ein braunes Antlitz, aus dem ein Paar graue und ſcharfe Augen unter ſchmalen gelben Augenbraunen hervorblitzten; eine kupferige Naſe, unter welcher ein dünner falber Bart— ausgeſpitzt und zugefeilt wie das lange Stoßrapier, das der Fremde an der Seite, und wie die langen dünnen Stachelſporen, die er an den Füßen trug— einen breiten Mund mit ſchmalen Lippen bedeckte, von einem Paar Hängebacken ein⸗ gefangen, i ein viereckiges mit fahlem Spitzbart geziertes Kinn auslief;— das waren die Theile, aus denen ein Kopf zuſammengeſetzt war, der im Ausdruck der Verſchmitztheit, der Lüſternheit, und kenntnißreſcher Beurtheilungskraft Sei⸗ nesgleichen ſuchte. Bei Archimbalds Eintritt gehaltener Hand nach ihm ſeine Stellung im Geringſte „Seht, edler Herr,“ ſp Stube wieder verſchloſſe von dem ich Euch ſagte Unterkommen findet, von ihm getrennt we ihr Euch doch entſchl wachſenen in Euern ſtändigen, muntern zu Euern Zwecken lickte er mit vor die Augen „ohne jedoch im Uebrigen verändern. Mutter Lene, nachdem ſie die „das iſt der Burſche, zie höchſte Zeit, daß er ein , da ich auf einige Tage fahr drohen ſoll; und da inen noch nicht völlig Er⸗ ehmen, und ihr eines ver⸗ r Arbeit aufgelegten Knaben kann ich Euch keinen beſſern * 86 zurathen, als dieſen, den ich ſelbſt nicht müſſen würde, wenn ihm ein längeres Bleiben nicht ſchädlich werden könnte.“ Der Fremde nickte ſchweigend mit dem Kopf, während er Archimbald forſchend von oben bis unten maß. Dann winkte er dem Knaben, näher zu treten. Dieſer gehorchte. „Hätteſt Du Luſt,“ fragte der Fremde in einem ganz beſondern ausländiſchen Dialekt, mit mir zu ziehen?“ Archimbald ſtaunte ſprachlos bald den Gaſt, bald Mutter Lenen an. Die letztere ſprach aber in einem Tone, der nicht ganz ohne Rührung war:„Bedenke Dich nicht lange, Archim⸗ bald. Gott weiß, es geht mir ans Herz, daß ich Dich laſſen ſoll, aber es iſt zu Deinem Nutzen, und zum Verderben Deiner Feinde, wie der meinigen.“ Dem Knaben ſtiegen bittre Thränen in de Augen.— „Ihr verſtoßt mich,“ ſtammelte er, und hing ſich an Lenens dürre Hand..„ich bin ja ohnehin von aller Welt ver⸗ laſſen.. verlaßt Ihr rzich nicht!“ Mutter Lene ſtreichelte m die Backen und die Hände. Der Fremde ſchlug kalt die ½ me übereinander, heftete einen berechnenden Blick auf den Kinen, und ſprach:„der Bube iſt dankbar. das iſt viel! nehme ihn auf Euer Wort.“ „Das dürft Ihr:“ erwie Lene mit einem gewiſſen Stolze;„Ihr werdet ein grö Kleinod in ihm finden, als Ihr denkt. Geh, Archimz dem geehrten Herrn die Hand, und danke ihm, d t mit Dir meint, und Dir zu Kenntniſſen, Gol erhelfen will.“ Archimbald wollte dur von dieſer Art von Huldigung wiſſen; aber leich andere Saiten auf.—„Du vergiltſt mir haten mit Undank,“ ſprach ſie ſtrenge.„Ich habe Verderben entriſſen, und Du willſt mich durch Dein ſtörriſches Bleiben in das Verderben bringen! Wohlan, ſo bleib'; laß Alles gehen⸗ wie es geht, und ſieh zu, wie ich Deinetwegen auf der Folter oder dem Scheiterhaufen mein Leben endige, um das Deinige zu erhalten! Sieh zu, wie...“ „Nein,“ fiel Archimbald ein, und küßte weinend ihre Hände...„Nein! dieſen Vorwurf ſoll mir niemand machen, ſollte ich auch im Lande auf dem Bettel herumziehen. Weil Ihr's aber wollt, ſo ziehe ich in Gottes Namen mit dem Herrn da, wenn er hält was er verſpricht, und mich gut behandelt, mich viel lernen läßt, und mir endlich zu etwas verhilft, damit ich Euch unter die Arme greifen kann, liebe alte Lene!“ Mit dieſem Worten lief er zu dem Fremden, der ihm aufmerkſam zugehört hatte, leiſtete den geforderten Hand⸗ ſchlag, und erklärte, er ſey bereit mit ihm zu gehen, wann er nur wolle.— Der fremde Gaſt belobte ſeine Lebhaftig⸗ keit und das Feuer, das aus ſeinen Augen leuchtete, und ſagte ihm zu:„wenn er ſich folgſam und willig beweiſe, wolle er ihn halten, wie einen Sohn.“ „Es iſt jetzt in der neunten Stunde,“ ſprach er, ſeine eiförmige Nürnberger Taſchenuhr zu Rathe ziehend.„Man wird mich in meinem Gaſthauſe erwarten. Punkt Drei bin ich mit meinen Pferden und mit Kleidungsſtücken für den Buben, ſo gut ich ſie in der Eile werde auftreiben können, vor Euerm Hauſe. Laßt ihn dann fir und fertig, gewaſchen und geſäubert ſeyn. Er wird ſich dann hinter meinen Die⸗ ner auf's Pferd ſetzen, und in einer halben Stunde hat er nichts mehr zu befahren. Vergeßt auch nicht mir die ge⸗ flochtene Flaſche mit Eurer Eſſenz zu füllenz verſtanden?“ Damit erhob er ſich vom Stuhle und ſtand, aufgerichtet, wie ein Rieſe in dem Stüblein, ſchob das kleine Fenſter auf, reckte die Hand hinaus, um zu erkunden, ob noch ein Tropfen falle, warf dann einen breiten Federhut auf den Kopf, ſchüt⸗ telte der Alten die Hand, und ging, mit gnädigem Kopf⸗ nicken gegen Archimbald, hinaus. Lene folgte, und die Beiden hielten draußen noch lange Zweiſprach. Archimbald, der nun wohl ſpüren konnte, daß ein wichtiger Abſchnitt ſeines Lebens herannahe, der ihn hinausführen ſollte, in unbekannte Länder und Reiche, begriff, daß er an etwas Höheres ſich halten müſſe mit ſeiner ſchwachen Kraft, und das von ihm längſt bei Seite geſchobene Gebet drängte ſich ihm wohlthuend wieder auf. Er kniete in einem Winkel nieder, befahl dem Herrn alle ſeine Wege, betete für ſeine abgeſchiedenen Eltern, für Sabinen, Trudchen und die alte Lene, und ſtand bei Lenens Hereintreten weit gefaßter und ruhiger auf. „Danke immerhin dem Herrn,“ ſprach dieſe;„danke ihm für die große Gnade, die er Dir erwieſen hat, indem er Dich in ſolche Hände fallen läßt, in welchen Du ein Licht der Weisheit werden kannſt, wenn Du nur willſt!“ „Wer iſt der fremde Mann?“ fragte Archimbald neugierig. „Es iſt der gelahrte Herr Dee, ein Britte von Geburt,“ verſetzte die Mutter Lene, hocherfahren in allen geheimen und natürlichen Künſten, ein Doktor der Weltweisheit und der Arzneikunde, der weit eher einen kaiſerlichen Leibarzt vorſtellen könnte, als der Neidhammel Crato, der mir bei Sr. kaiſerl. Majeſtät Maximilian dem Höchſtſeligen, beſtändig wie ein biſſiger Hund im Wege ſtand, und der.. Nun, vorbei iſt vorbei! Der Hr. Doktor iſt alſo auf einer Reiſe durch die Welt begriffen, und ſucht ſich einen vertrauten Menſchen an die Hand zu ziehen, dem er einmal in der Folge, Schätze und Kenntniſſe zugleich hinterlaſſen könnte; und Dich, Glücklicher! Dich hat er erkohren. Ein guter Geiſt hat ihn gerade heute nach Ulm geführt, und zu mir, ſeiner alten Freundin geleitet, damit er es wohl mache mit Dir.— Jetzt geh' ſchlafen, mein Sohn. In ein paar Stunden wecke ich Dich, um Dich zu reinigen und zur Abreiſe fertig zu machen. Schlummre zum letzten Male ſanft unter meinem Dache!“ „Liebe Mutter Lene,“ erwiederte der Knabe traurig,„ſoll ich Euch denn nie mehr wieder ſehen?“ „Wenn's Gottes Wille iſt,“ verſetzte ſie,„ſo ſehen wir uns wieder, wenn Du ein gemachter Mann geworden biſt.... wo nicht ſcharren ſie mich früher ein, oder verbrennen ſie mich. und ich kann Dir keine Kunde zukommen laſſen, ſo ſuche bei Deiner Wiederkehr nur in dem hohlen Eichbaum nach, dort an der Landſtraße, der von dem Volke für ge⸗ feit gehalten, und aus dem Grunde gewiß verſchont bleiben wird. Dort findeſt Du alsdann die Weiſung, wo mein Bißchen ſchlechte Habe verwahrt liegt, deren einziger, alleinziger Erbe Du biſt, lieber Archimbald!... Jetzt aber gehe zu RNeſt, weine mir nicht vor, und mache mich nicht am Ende ſelber weich. Ich bedarf meines Muthes, um Morgen den geſtren⸗ gen Herren vom Rathe in die Augen zu ſehen, und allenfalls einen Foltergrad auszuſtehen, bis ich ihnen die Folter zu koſten geben werde.— Geh! geh! und ſchlafe wohl.“ Mit dieſen Worten trieb ſie den zögernden Archimbald zu ſeiner Schlaſſtätte, und machte darauf ihre Vorbereitungen auf den morgenden Abend. Die ganze Nacht hindurch war ſie auf den Beinen, räumte das Koſtbarſte aus dem Labora⸗ thrium hinweg, und verſteckte es in ſichere Schlupfwinlel, verſenkte den feſtverſchloſſenen Schatzkaſten in eine dazu ge⸗ hörig bereit gehaltene Grube, die ſie, ohne ein gewiſſes Zeichen ſich gemerkt zu haben, gewiß ſelbſt nicht wiederge⸗ funden haben würde,— ſo täuſchend war ſie verborgen— und weckte mit dem Schlage Zwei den lieben Pflegling, der aber auch die ganze Nacht kein Auge geſchloſſen hatte. Die Angſt des Scheidens hatte ſein Herz bedrängt; und die dem Jüngling angeborne Reiſeluſt ſeine Fantaſie aufgeregt. Ohne zu wiſſen, wohin der Zug gehen werde, hatte er ſich ſelbſt ſchon den Weg durch tauſend romantiſche Gefilde vorgezeich⸗ net, und immer war, nach unzähligen Abenteuern, das Schloß Worosdar das Ziel der Reiſe. Der frenide Name von Sabinens jetzigem Aufenthalte hatte einen eigenen Reiz für Archimbald; und ohne zu wiſſen, weder ob dieſes erſehnte Schloß wirklich beſtehe, noch in welcher Gegend der Welt es liege, ſchien es ihm der Punkt zu ſeyn, auf welchem alle Linien ſeines Lebens zuſammen fließen ſollten. Lene fand ihn wachend auf dem Lager, ſchalt ihn deßhalb tüchtig aus, und begann die häßliche Kruſte abzuſtreifen, die ſchon ſo lange das blühende Antlitz und die friſchen Glieder des Knaben aller Welt verborgen gehalten hatte. Bald ſtrahlten ſeine Wangen wieder in der Röthe der Geſundheit, ſeine Lippen in Purpurfülle, ſeine Locken im goldnen Glanz der Morgenröthe, und Lene mußte es ſich im Stillen bekennen: der Knabe ſey ſchöner geworden als vordem. Auch der Dottor, der pünktlich, von einem Diener begleitet, zu Pferde eintraf, war angenehm überraſcht, als er den lebensfriſchen Buben vor ſich ſah, der dem glänzenden Schmetterling gleich 91 der garſtigen Puppe ſich entwunden hatte. Lene kleidete ihren Schützling in die Kleider, die der Doktor mit ſich gebracht hatte. Das braune Wams mit den gelben Ausſchlägen, der breite weiße Hemdkragen, die braunen eng anliegenden Beinkleider, die kurzen Schnürſtiefel ſammt dem breiten Ledergurt und der dunklen mit Goldborten verbrämten Mütze, ſtanden ihm ſo gerecht, als ſchön. Mutter Lene hing ihm in der Eile noch ein ſchwarzes Band mit einem vernähten und verſiegelten Päckchen um den Hals.—„Trage das zu meinem Andenken;“ flüſterte ſie ihm zu, um nicht, laut ſprechend, ihre Rührung zu verrathen.„es iſt ein Amulett, und nur in höchſter Noth zu öffnen erlaubt.“— Während Archimbald, dem Alles wie ein Traum vorkam, ſich wohlgefällig muſterte in ſeinem neuen Staate, zog Lene den Doktor bei Seite, und verkehrte höchſt angelegentlich mit ihm, bis er endlich, von der Zeit bedrängt, die Flaſche mit der Lebenseſſenz ſich zum Pulverhorn an die Hüfte hing, den Federhut aufſetzte, die Handſchuh anzog, und mit einem derben Handſchlage rief;„Seyd unbeſorgt, Mutter Lene. Ihr wißt, ich thue nichts halb. Schlägt er ein, ſo iſt ſein Glück gemacht... ſchlägt er nicht ein, ſo habt Ihr ihn, ehe zwei Jahre ins Land gehen, wieder.— Und nun auf! zu Pferde!“ Er bedeutete Archimbald, ſich hinter den Diener auf den Gaul zu ſetzen, und ſtieg ſelbſt auf.—„Mit Gott, Archim⸗ bald!“ ſtammelte Mutter Lene, machte ſchnell das Zeichen des Kreuzes auf ſeine Stirn, und ſchob ihn raſch zur Thüre hinaus. Noch einmal wollte der erſchütterte Knabe die Wohlthä⸗ terin ſehen, ihre Hand mit Thränen benetzen; umſonſt. Der innere Riegel war gefallen— die Thüre blieb verſchloſſen. Durch die Aeſte des Baums vor dem Hauſe kam aber der * Kater Schwarzmann heruntergeſchlichen zu dem jungen Freunde und ſchmiegte ſich ſchnurrend an ihn. Archimbald umarmte auch das gutmüthige Thier, und küßte es Abſchied nehmend; allein der Doktor ſetzte ſich in kurzen Trab, der zurückbleibende Diener brummte ſeinen Verdruß über das lange Zaudern vernehmlich genug in Archimbalds Ohren, daß dieſer endlich ſeinem Herzen Gewalt anthun, und von Lenen⸗ ihrer Hütte und dem vierfüßigen Schlaftameraden in allem Ernſte ſich beurlauben mußte. Er ſchwang ſich dann auf den unbequemen Sitz hinter dem Diener, umklammerte den⸗ ſelben, und drückte ſeine brennenden Augen auf ſein kühlen⸗ des Lederwamms, während der ſchwere normänniſche Hengſt mit ihnen hinausſprengte, durch die thauige Morgenluft. Sechstes Kapitel. Trauet nicht den Noſen eurer Jugend! Zrauet, Schweſtern, Männerſchwüren nie! Schönheit war die Falle meiner Tugend.. Schiller. Ungeduldig wartend ging der Rathsherr Thurneiſen in dem Kreuzgange des Münſters auf und ab, blickte ſcharf nach dem Eingange, kaute an den Nägeln, oder ſtampfte mit den Füßen. Die Sonne ſtand im Mittage, und eine halbe Stunde lang hatte er ſchon, in boshafter Freude auf Nadeln ſtehend, Philipps geharrt. Endlich kam dieſer über den Kirchhof in den Kreuzgang geſchritten; ſeine Entſchul⸗ digung erſtarb ihm aber im Munde, bei der rauhen Anrede des Rathsherrn. „Wo zum Teufel haltet Ihr Euch ſo lange auf, Vetter?“ fuhr ihn Thurneiſen an.„Meint Ihr denn, ein Rathsherr von Ulm habe Zeit, in Geduld abzuwarten, bis Ihr ein Paar Loth Gewürznägelein oder Pfeffer an das Lumpenge⸗ ſindel ausgewogen? Seit einer Glockenſtunde laufe ich hier. auf und ab, wie ein gehetzter Haſe. Ich dächte, die Einla⸗ dü eines Rathsherrn, Vetters und künftigen Schwäher⸗ s ſollte mehr Gewicht in Euern Augen haben, als die 94 „ kupfernen Pfenninge des Pöbels, die Euch vielleicht in Euerm Laden darüber zu Schanden gehen dürften?“ „Valga me Pios!“ verſetzte Philipp, als der Rathsherr vor Unmuth keuchend ſchwieg,..„ich konnte nicht ahnen, daß es ſo wichtig ſey, was Ihr mir vertrauen wollt.“ „Nichts mehr und nichts weniger iſt es,“ ſprach der Raths⸗ herr polternd, als daß unſer Anſchlag im Rathe durchge⸗ gegangen. Die Hexenlene wird heute Abend eingeſteckt, Mor⸗ gen früh verhört und gefoltert. Da wollen wir ſchon auf den Grund kommen. Die Mißgeburt, die ſie da draußen hegt und pflegt, wird auch ad coram genommen. Vielleicht iſt es der durch Zigeunerkniffe verkappte Archimbald... vielleicht ein auf dem Hexenſabbat erzeugter Teufelsſohn. Iſt es der erſtere, ſo laſſe ich ihn aus der Stadt ſtäupen, für ſeine Mummerei,— dann hat er alles Recht verſcherzt... iſt es eine Satansbrut, laſſe ich ihr alle Adern öffnen und die Lene wird verbrannt. Punctum satis!“ „Herrlich!“ jauchzte Philipp.„Wenn die kluge Lene uns nur nicht aus dem Garne läuft.“ „Ohne Sorge,“ verſetzte der Rathsherr.„Der Befehl zur Verhaftung iſt unter dem Siegel der ſtrengſten Verſchwie⸗ genheit gegeben. Bis jetzt iſt er Niemanden bekannt, als Euch und dem Rottmeiſter Hanns Schnepfinger, der erſt, wenn die Stunde herannaht, ſeine Leute davon unterrich⸗ ten wird. Er iſt ein zuverläßiger, verſchwiegener Wann nichts von ihm zu fürchten.“ Was ſoll denn aber eigentlich die Lene?“ fragte Philipp vedenklich.— „Nehmt mir's nicht übel...“ erwiederte der Rat und zupfte ſich am Knebelbarte, wie er zu thun pflegte er eine geringſchätzende Miene annehmen wollte...„Ihr ſeyd ein Ellenreiter, und lebendiger Pfefferſack, der nichts begreift.— Bekennen ſoll ſie, wo der Archimbald hingekom⸗ men iſt; denn um alle Schuld von Euch zu ſchieben, muß ſie alles gethan haben. Hat ſie was zu bekennen, ſo wird ſie's thun man läßt ſie dann peitſchen, und verweist ſie aus dem Weichbilde. Hat ſie nichts zu bekennen, ſo läßt man ſie foltern, und unter den venediſchen Schrauben wird ihr ſchon etwas einfallen; für ihre Hartnäckigkeit wird ſie alsdann gewippt, und damit Punctum satis.“ „Mit alledem bekomme ich mein Teſtament nicht wieder,“ brummte Philipp. „Warum wart Ihr auch ſchöpfig genug, es hinzugeben?“ höhnte Thurneiſen.„Der alte Simon mag mir immerhin von den Teufeln, die er geſehen zu haben vorgibt, ſchwatzen, was er will: ich bleibe dabei, die Alte hat Euch einen Spuck aus ihrem eignen Sack vorgemacht, obſchon es ſonſt wohl nicht geheuer mit ihr iſt. Hättet Ihr mir nur Euer Vorhaben vertraut! Doch, dem ſey wie ihm wolle; Schnepfinger hat den Auftrag, bei dem heutigen Ueberfall alle Winkel nach dem Pergament, das ich ihm deutlich beſchrieb, auszuſuchen. Iſt es da, ſo findet er's gewiß, denn im Suchen gleicht ihm keiner. Es iſt, als ob er Maulwürfe an den Fingern hätte. Iſt es nicht da, nun... ſo mag wohl die ganze Zauberei ihre Richtigkeit, und der Archimbald in der That ſein Fett bekommen haben. Leider darf man der Alten deßwegen nicht auf's Leder, weil Ihr gerade den Handel mit ihr hattet. Wäre es einer aus dem Pöbel, ein gemeiner Hund... dann ja, dann gäbe es kurzen Prozeß. Die Here würde erſäuft, oder beſſer, verbrannt,.. dem gemeinen Hunde würden die Knochen auf dem Rade gebrochen, und damit Punctum satis. Aber, weil die Gäule ſchief ſtehen, muß man behutſam thun. Ohne Sorge indeſſen. Die Hexenlene ſoll an mich denken. Ich hab' ſie ſchon längſt auf dem Rohr, ich weiß wohl, warum?.. heute laſſ' ich ſie bei'm Schopf nehmen, und damit ſie nicht durch Teufels⸗ künſte ſich davon mache, habe ich befohlen, ſie gar nicht zur Erde kommen zu laſſen. Das iſt ein probates Mittel gegen alle Hexerei.— Doch horch! die Mittagsglocke ruft. Der Imbiß ſoll mir trefflich ſchmecken. Auch Euch wird hoffentlich die gute Nachricht die Eßluſt beſtens gereizt haben; nicht wahr?— Kommt den Abend zu mir, wenn Ihr den Laden ſchließt; wir wollen am Frauenthore pztene bis man die Hexe bringt: Hört Ihr?“ „Ich werde kommen, Vetter,“ erwiederte pyilipp.„Laßt Euch's ſchmecken, und grüßt mir mein Bärbchen.“ Der Rathsherr nickte vornehm mit dem Kopfe. Als ſie aber mit einander aus dem Kreuzgange traten, fiel ihnen der Grabſtein Wernher's in die Augen, der an der äußern Wand angebracht war. Dort liegt der Rothkopf,— war des Rathsherrn freche Rede,— der durch ſeinen wollüſtigen Kitzel uns ſo viel Moleſten machte. Jetzt noch verurſacht er uns Galle genug. Wir hatten daran bei ſeinem Leben ſchon allzuviel. Werdet Ihr's glauben, Vetter, daß er vor neunzehn Jahren ungefähr meiner eigenen Frau den Hof machte, und daß ſie ſich ihn auch recht gern von ihm machen ließ? Ich meine aber, ich bin dazwiſchen gefahren wie ein Feld voll Teufel. Ich ſteuerte dem Unweſen, verbat dem Vetter das Haus, und hatte Ruhe. Zwar erwiſchte ich im Anfang noch ein Paar Sträußchen, und allerlei Winntam, mit dem der gute Wernher mein Weibchen zu bethören dachte. Die Sträußchen warf ich in die Donau die Ueber⸗ bringerin ſeht!“ ſetzte er leiſer hinzu,„das war eben die Hexenlene; darum habe ich einen Groll auf ſie, wie ein eiterbiſſiger Hofhund„ die Ueberbringerin jagte ich zum Teufel, und alles war gut. Um dieſe Zeit hatte ich in Erb⸗ ſchaftsangelegenheiten eine Reiſe nach Sachſen zu machen, und blieb gegen acht Monate weg. Mein Haus und die Aufſicht über mein Weib hatte ich dem Vetter Ehrenfried anvertraut, auf den ich in jeder Rückſicht bauen konnte. Als ich heimkehrte, wiegte meine Frau die kleine Barbara auf dem Schooß und die närriſche Liebelei hatte, ſobald ſie Mutter geworden war, völlig ihr Ende erreicht. Euern Va⸗ ter hatte Eure Mutter endlich kirre gemacht, zu den Haus⸗ vaterspflichten nach mehrjährigem vergeblichem Bemühen zu⸗ rückgeführt, und wir lebten in gutem Vernehmen, bis Eure Mutter ſtarb, und der Teufel der Unordnung wieder in Euer Haus einbrach. Mein Weib ſegnete auch bald nachher das Zeitliche, und Euer Vater und ich— wir ſahen uns blos im Rathe, wo er gewöhnlich ja ſagte, wenn ich nein, und ſo umgekehrt.— Na! Gott ſchenke ihm den ewigen Frieden. Lebt wohl, Philipp. Von dem vielen Plaudern iſt meine Zunge ganz trocken geworden. Punctum satis!“ Der Rathsherr ging links ſeine Straße fort. Philipp ſtand noch eine Weile am Grabe des Vaters, und ſtarrte das Denkmal an, das nur kalte Pflicht, nicht des Sohnes Liebe hatte ſetzen laſſen, bis ihn ein unheimliches Gefühl erinnerte, er verdiene es eigentlich nicht, an dieſer heiligen Stätte weilen zu dürfen. Schnell ſchüttelte er den Staub ſe Füßen, und eilte nach Hauſe. Der Nachmittag ſchlich ihm bleiern vorüber in der engen Ladenſtube und weder der Beſuch einiger Jugendfreunde, noch Simons Bemühungen, den Gebieter aufzuhettern, ver⸗ mochten etwas über ſeine böſe Laune. Mit ſich ſelbſt unzu⸗ frieden im geheimſten Innern der Seele, blätterte er un⸗ ruhig in ſeinen Büchern, zählte in ſeinem Gelde, ſchob die Laden auf und zu, bockte ſeine Hunde, und jagte ſie mit Fußtritten wieder weg, rechnete, ſchrieb und ließ die Feder wieder unmuthig ſinken.— Simon hatte ihn noch nie in dieſer Stimmung geſehen; er rieth aber unbedenklich auf ein verliebtes Gemüth, weil er wußte, daß Philipp bei dem Rathsherrn um die Tochter freite.— Es war aber nicht die Liebe, es war der Vorwurf eines guälenden Gewiſſens, das den jungen Böſewicht keine ruhige Stelle im eigenen Hauſe finden ließ. Die Reden des Rathsherrn, der Anblick des väterlichen Grabmals hatten auf wunderliche Weiſe das An⸗ denken an den Vater in ſeinem Gehirne aufgefriſcht, mit ihm die Erinnerung an Archimbald, an ſeine Unmenſchlichkeit⸗ an ſeinen letzten Mordverſuch am Bruder. Ein Reſt von Gefühl brannte ſchmerzliche Wunden in Philipps Bruſt Simon wurde endlich gerufen. „Ich bin ſo unruhig, ſo aufgereizt,“ begann Philipp... „ich glaube in jedem Winkel den Vater und den jungen Nothkopf zu ſehen! Hilf mir!“ „Habt Ihr ihn vielleicht auch ſehen müſſen, wie ich?“ fragte Simon, ſchaudernd bei der Erinnerung an das Geſicht veim Tode des Herrn. „Nicht doch,“ verſetzte Philipp, und rieb ſich unruhig die Stirne.„Es geht mir nur im Geiſte ſo vor, daß es mir einmal begegnen könnte. Ich muß dieſer Qual ein Ende machen. Auf Michaelis mache ich Hochzeit, denke ich. Der Braut gefällt ohnehin das veraltete Gebäude nicht, mit den vielen Winkeln, Gängen und krummen Treppen. Mir gefällt es auch nicht mehr. Ich habe in den Niederlanden geräu⸗ migere, hellere Häuſer kennen gelernt, und meine Braut verlangt eines, nach der Weiſe der Augsburger Wechſelherren. Ich will ihr gern zu Willen ſeyn. Zu meinem Gewerbe ſcheint mir das Gebäude neben dem Deutſchen Hauſe, in dem der Gerber Schneidenbach wohnt, am geſchickteſten. So gehe denn hin, und erkundige Dich fein, vorſichtig und ge⸗ nau, ob es zu verkaufen. Den Leuten geht es hinderlich.. es wäre alſo leicht möglich...“ „Ihnen das Haus um einen Spott abzudrücken?“ fiel Simon ſataniſch lächelnd ein.„Laßt mich nur machen. Ich bring' es dahin. Mir ſelbſt liegt daran, aus dieſem Hauſe zu kommen, wo mir zwar vor Zeiten wohl war, aber ſeit Langem nicht mehr.“ „Unterdeſſen aber,“ fuhr Philipp fort,„ſperrſt Du Alles, was an Kleidung, Geräthſchaften, Papieren und beweglicher Habe dem Seligen einſt gehört hat, und von ihm gebraucht worden iſt, ſammt Archimbalds Lumpen und Spielzeug zu⸗ ſammen in eine Dachkammer, damit mir nichts mehr von den Beiden zu Geſichte kömmt; hörſt Du? Es wird mir immer ſchreckhaft zu Muthe, wenn ich dergleichen unvermu⸗ thet wieder ſehe.“ „Es ſoll geſchehen!“ ſprach Simon.„Mühe wird es zwar koſten, mich zu überwinden, und Alles aus den Schränken zu räumen, um es auf einen Haufen zu ſperren; allein, wenn es einmal geſchehen, ſo iſt's vorbei.“ Er ging. Phi⸗ lipp ſchöpſfte etwas leichter Athem, wiſchte ſc den Schweiß 7 * 100 von der Stirne, ſtrich ſich den Knebelbart, kraute Alba und Spaniol hinter den Ohren, und ſchritt dann, des Prinzen von Oranien Leibmarſch pfeifend, im Laden auf und nieder. Da ging die Thür deſſelben auf, und ein zerlumptes Mäd⸗ chen trat ſcheu herein. „Was gibt's?“ ſchnaubte Pbilipp das Kind an, da er ſich ungern in ſeinen Gedanken geſtört ſah.„Was ſoll's? Was verlangſt Du?“ „Nichts!... ſtotterte das Mädchen erſchrocken, und ge⸗ traute ſich nicht, von der Thüre zu weichen; nichts, aber.. „Nichts?“ wiederholte Philipp, ihr nachäffend.„Wenn Du nichts kaufen willſt, ſo verlangſt Du zu betteln. Dem unverſchämten Bettelvolte gebe ich aber die Hetzpeitſche!“ Er machte eine drohende Bewegung, und ſeine Hunde ſtanden ihm ſchon fangfertig zur Seite. „Mein Gott!“ jammerte das Mädchen,„ich will ja auch nicht betteln; ich möchte Euch nur fragen, ob ich hier recht ſey bei Herrn Philipp Wernher, und ob er daheim?“ „Ich bin es ſelbſt,“ verſetzte Philipp.„Was willſt Du?“ „Ich ſoll Euch fragen,“ fuhr das Mädchen fort,„ob Ihr ſchon verheirathet ſeyd?“ „Seltſame Frage!“ lachte Wernher.„Noch bin ich un⸗ veweibt, wie die ganze Stadt weiß. Was nun?“ „Dann ſoll ich Euch dieſen Zettel geben,“ ſprach die kleine Bötin,„und auf Antwort warten.“— Sie reichte ihm einen ſchmutzigen Streif Papier. „Ein ſauberer Aviſo!“ rief er verächtlich, und zögerte, das Papier zu nehmen.„Ein Bettelbrief ohne Zweifel. Wer hat ihn geſchrieben 2“ „Ein junges, ſchönes Weibchenz“ lautete die Antwort. 101 „So? Gib!“ erwiederte Philipp neugierig und ein ver⸗ liebtes Abenteuer witternd. Haſtig riß er das mit Brod⸗ teig verklebte Zettelchen auf, las ein Paar Worte, und fuhr dann erblaſſend zuſammen. Mit ſchelem Blick ſah er auf die Ueberbringerin und wies ihr die Thür. „Ich gehe ſchon,“ antwortete das Mädchen, durch ſeine ſchlecht verborgene Unruhe kecker gemacht.„Aber welche Ant⸗ wort ſoll ich bringen?“ Philipp beſann ſich eine Weile unſchlüſſig.„Sage der Schreiberin,“ ſprach er hierauf:„ich würde kommen.. heute noch. wäre es auch am ſpäten Abend.“ „Nur nicht zu ſpät,“ verſetzte das Mädchen.„Das Haus wird um acht Uhr geſchloſſen. „Wo wohnt ſie?“ fragte er hierauf. „In der Elendenherberge,“ entgegnete das Kind. „Wie?“ rief Philipp in peinlicher Ueberraſchung.„In der Elendenherberge?“ „Ja doch;“ erwiederte das Mädchen.„Ich diene dort. Das gute Weibchen iſt todtmüde dieſen Nachmittag daſelbſt ange⸗ kommen, aber ſie iſt ſo lieb und freundlich, daß ſie ſchon Alle im Hauſe gerne haben. Sie hat mir ihr letztes Geld⸗ ſtück geben wollen, um den Zettel her zu tragen. Aber be⸗ hüte mich Gott, daß ich etwas von ihr angenommen hätte? — Ihr kommt alſo?“ „Ich komme,“ ſprach Philipp, verdüſtert vor ſich hinſtar⸗ rend. Das Mädchen wollte gehen. „Halt!“ rief er ihr plötzlich zu.„Erkläre mir woch das Eine: Wenn ich nun verheirathet geweſen wäre, was hätteſt Du dann mit dem Zettel anfangen ſollen?“ ie Fremde hat mir befohlen,“ erklärte das Mädchen * 102 „den Zettel in dieſem Falle wieder zurückzubringen.„„Ich muß ihn dann ſelbſt zu ſprechen ſuchen,““ hat ſie ſeufzend hinzu⸗ grſetzt.“ „Gut, gut...“ ſprach Philipp zerſtreut, und entließ das Mädchen. Kaum aber hatte ſich dieſes entfernt, ſo brach der mühſam verhaltene Sturm aus. Fluchend und tobend rannte Wernher in ſein Ladenſtüblein, ſchmetterte die Thüre hinter ſich zu, ſchlug ſich wie ein Verzweifelnder vor die Stirne, knirſchte mit den Zähnen, und fand erſt nach einer geraumen Zeit die Faſſung wieder, das Brieflein noch einmal durchzu⸗ leſen.„Mein Philipp,“ hieß es darin in halb unleſerlichen Schriftzügen.„Du haſt mich elend gemacht. Aus der Liefe meines Jammers ſchreie ich zu Dir. Vom Vater verſtoßen, der Schande preisgegeben, irre ich von Stadt zu Stadt⸗ Dein Ebenbild unter dem Herzen. Mit wunden Füßen und verweinten Augen betrete ich Deine Heimath. Philipp, wenn es noch nicht zu ſpät iſt, wenn Du nicht ſchon gefeſſelt biſt, habe Mitleiden mit mir, die ich vor Gott Dein Weib ward, mit Deinem Kinde!— Maria.“ „Alle Teufel haben ſich gegen mich verſchworen, mir die Heimath zur Hölle zu machen,“ murmelte Philipp grimmig vor ſich hin.„Das Andenken an einen leichtſinnigen, buhle⸗ riſchen Vater, die Furcht vor den Eingriffen eines Baſtards quälen mich noch nicht genug! Aus den fernen Niederlan⸗ ven muß noch eine tolle Schwärmerin ſich hierher betteln, um mir die Dornenkrone aufzuſetzen.. in einem Angen⸗ blicke, wo ich im Begriff bin, die ſchöne und reiche Thurn⸗ eiſen zu ehelichen, durch dieſe Verbindung in den Rath zu kommen und mein Glück zu machen. Verflucht!“ Er ging einige Augenblicke mit ſich ſelbſt zu Rathe und Art drang ihm entgegen, und er trat in ein langes, finſtres, rief dann nach Simon. Der eifrige Geſchäftsträger war aber ſchon ausgegangen, um den Auftrag ſeines Herrn, we⸗ gen des Hauskaufs, einzuleiten, und ſein Heimkommen von dem Negoz nicht ſo bald zu erwarten, da er ſeit dem Tode des Rathsherrn die Gewohnheit angenommen hatte, jeden Abend in einer Bier⸗ und Brantweinsſchenke ſich aufzuheitern, und ſeinem Gewiſſen einige Stunden des Schlafs zuzutrin⸗ ten. Zudem dämmerte es bereits, und Philipp mußte ſich alſo entſchließen, den Laden zeitiger zu ſperren, um die Elendenherberge zu beſuchen und ſeine Einladung bei dem Vetter Thurneiſen nicht zu verſäumen. Er warf ſich in ein unſcheinbares Wamms, hing ſich einen Beutel mit Geld an den Gürtel, zog die Krempen ſeiner Ladenmütze über Stirn und Ohren, um der Nachbarſchaft der Elendenherberge un⸗ lenntlicher zu ſeyn, und wanderte, nicht ohne unruhigem Herztlopfen, aus dem Hauſe. Der Weg zu der Herberge war ziemlich weit. Er hatte alſo Muße genug, die Lage zu überdenken, in der er ſich befand, und mußte geſtehen, zu keiner üblern Zeit habe er darein verſetzt werden können. Indeſſen hoffte er durch Keck⸗ heit und Silberklang alle Hinderniſſe niederzuſchlagen, und ſchritt immer muthiger durch die Gaſſen, die von den, am Feierabend heimkehrenden Handwerkern ungemein belebt wur⸗ den. So wie er ſich aber der Herberge näherte, wurde es einſamer und ſtiller um ihn her, und unbemerkt von der Nachbarſchaft, ſchlüpfte er in die finſtre Hausflur des Bett⸗ lerwirthshauſes. Aus der Gaſtſtube rechts ſchallte ein wüſtes Treiben und Getümmel. Philipp drückte vorſichtig die Thüre auf. Ein dichter Qualm von Gerüchen und Dämpfen aller 104 von einigen, an der rußigen Decke hangenden Lampen ſchlecht erhelltes Gemach. Längs den Wänden hin, an ſchmutzigen und ſchmalen Tiſchen, war eine Menge Geſindel jedes Ge⸗ ſchlechts und jedes Alters gelagert. Einige hielten mit ver⸗ dorbenem Käſe und ſchimmeligem Brode ihre kümmerliche Abendmahlzeit, Andere ſaßen bei dem ſauern Biere, das um Gottes willen verzapft wurde. Eine Gruppe von Weibern, deren jede der Preis der Häßlichkeit über die andere davon zu tragen ſchien, verſchlangen mit gierigem Heißhunger die dünne Mehlſuppe, die in der Mitte der Stube auf einem großen Heerde bereitet wurde, und balgten ſich mit ekel⸗ hafter Eßluſt um den einzigen, mit eiſerner Kette an den Tiſch befeſtigten Holzlöffel. Ein paar abgeriſſene Handwerks⸗ burſchen, denen Liederlichkeit und ſchwindſüchtiges Fieber aus den verfallenen Augen ſah, ſpielten in einer Ecke mit zerriſſenen Karten um ihr Pfennigbrod. In einer andern nagte ein Troß zerlumpter Kinder an einigen halb gar ge⸗ kochten Kalbsfüßen, während abgemagerte Hunde ſich mit ihnen um die Wette um einen weggeworfenen Knochen biſſen. Hinter der Thüre reinigten einige Bettelweiber ihre Kinder vom Ungeziefer, zählten krüppelhafte Landſtreicher ihre den Tag über geſammelten Allmoſenkreuzer. Um die Flamme des Heerdes, unter dem ſchwarzen Schlott, der mitten in der Decke angebracht war, und die Wirthsſtube zur Küche zugleich machte, handthierten unſaubere Mägde, und theilten einem hungrigen Haufen die Abendkoſt aus. Im tiefen Hin⸗ ergrunde dieſer Halle des Elends, vom Rauche des Heer⸗ des, wie auch vom nächtlichen Dunkel eingehüllt, breitete ſich die große Streue aus, auf der bereits viele Schüler des Jammers ihr kummervolles Tagewerk verträumten, um in 105 Schlummer vielleicht das Glück zu finden, das in der rauhen Wirklichkeit von ihrem Uebermuth verſcherzt, oder von ei⸗ nem hämiſchen Geſchick tyranniſch ihnen verſagt worden war! Philipp ſtutzte betroffen bei ſeinem Eintritt. Menſchli⸗ ches Elend hatte er noch nie im Großen vor ſich geſehen, wie heute. Und unter dieſen Geſchöpfen ſollte er Marien finden, das Mädchen, das er einſt liebte?— Er konnte ſich eines ſehr bittern Gefühls nicht erwehren, und würde vielleicht wieder unwillkührlich umgekehrt ſeyn, wäre ſeine Anweſenheit nicht ſchon bemerkt worden. Neugierig ſtarrten ihn ſeine nächſten menſchlichen Umgebungen an, denen ſein ſchlechter Kittel vornehm genug vorkam, um deſſen Eigenthümer nicht zu den Gäſten des Hauſes zu zählen, am Heerde ſchwieg plötzlich das Geplauder der maulfleißigen Mägde, und die Wirthin, mit der Suppenaustheilung inne haltend, ſandte ein kreiſchendes:„wer ſeyd Ihr? was wollt Ihr?“ zu dem Ankömmling herüber. Philipp, die Gebieterin des Hauſes nicht verkennend, ſchritt auf die runde Geſtalt los, und ehrfurchtsvoll machten ihm die Bettler Platz, in weitem Kreiſe ſich um ihn dehnend.— Mit dem herablaſſenden Tone, der dem Vornehmern gegen den Niedern ſo eigen iſt, fragte er die Wirthin, wo ſich das fremde Weib aus den Nieder⸗ landen befinde, die heute angekommen ſey, und ihn zu ſpre⸗ chen verlangt habe.— Bei dieſen Worten wurde das ziem⸗ lich unfreundliche Geſicht der Herbergsmutter unausſprechlich freundlich. Sie übergab den großen Schöpflöffel, gleich dem Zepter der höchſten Gewalt, der zunächſt ſtehenden Magd, riß dem an der Heerdesflamme in gewohnter Trunkenheit entſchlafenen Ehegatten, auf ziemlich unſanfte Weiſe das Schlüſſelgebund von dem Gürtel, und lud den vornehmen 106 Gaſt ein, ihr zu folgen.— Mit leichterm Herzen that es dieſer, denn er hatte gefürchtet, Marien aus einem Winkel des abſcheulichen Saales hervorkriechen zu ſehen. Als er mit der Frau vom Hauſe auf die Flur gelangt war, fing ſeine Führerin an, das Lob der jungen, ſchönen und armen Frau zu poſaunen.„Glaubt es, Herr,“ ſprach ſie, und ſtellte ſich breit vor ihn hin:„bei unſrer Handthierung hier in der Armenherberge wird man mit der Zeit hart wie ein Kieſel, denn es kömmt einem gar zu viel ſchlechtes Pack und loſe Waare vor; aber als das Weibchen heute Mittag her⸗ eingewankt kam, das Bündelchen unter dem Arm, vor Mü⸗ digkeit faſt umſank, ihre wunden Füße zeigte, und mit einer hellen, ſilberreinen Stimme um Menſchlichkeit und Barm⸗ herzigkeit für das Würmchen, das ihr unter dem Herzen ruhe, bat ſeht, Herr, da ward mir gleich zu Sinn⸗ als müßte ich ein Uebriges thun; als ſey ein Engel in Men⸗ ſchengeſtalt und tiefem Leiden bei mir eingekehrt. Mein Mann, nun, Ihr habt den Vollzapf am Heerd ſchnar⸗ chen geſehen der iſt nur mehr ein halber Menſch.. mein Mann alſo wollte die arme Wanderin mit dem Grob⸗ zeug da drinnen zuſammenſperren; ich habe es ihm aber verſalzen, meine ich! nein Chriſtoph, habe ich geſagt: die Arme iſt ehrlicher Leute Kind, das ſehe ich gar wohl, und ſie ſoll mir auch ſo gehalten ſeyn.— Da iſt mir vor einem halben Jahr eine Tochter geſtorben— mit achtzehn Jahren, ein braves, liebes Dirnel; Gott hab' ſie ſelig! In deren Zimmer, in ihr Bett habe ich die Fremde gebracht.— Und nun kommt. Sie wird ſich freuen. Sie hat mir geſagt, ein Freund ihres verſtorbenen Mannes werde ſie heute Abend heim⸗ ſuchen, und der ſeyd ohne Zweifel Ihr.“— Philipp bejahte, im Innerſten beſchämt über die Schonung, die ihm Marie hatte angedeihen laſſen.„Nun denn,“ fuhr die geſchwätzige Wirthin fort—„ſo kommt, lieber Herr, und thut für die Arme, was ihr könnt und müßt. In dieſem Hauſe kehrt nicht alle Tage ſolch ein Engel ein.“ Sie hatten während dieſer Rede einige Stufen erſtiegen, und die Wirthin öffnete eine Thüre, ſchob den Philipp hin⸗ ein, und ging beſcheiden wieder von dannen. Er ſtand in einem dürftig eingerichteten Gemache. Ein Tiſch, auf dem eine Nachtlampe brannte, ein Stuhl mit zerbrochner Lehne, ein Wandſchrank, neben dem ein kleiner Bündel mit Hab⸗ ſeligkeiten auf dem Boden lag, und ein ärmliches Lager mit groben Vyrhängen; dieſes war alles Geräth in der Kam⸗ mer, die nut durch ein ſtark vergittertes Fenſter bei Tage erhellt wurde. Alles ſtill in der Kammer. Tiefe Athem⸗ züge einer Schlummernden hinter den Vorhängen hörbar. Ein erdrückendes Bewußtſeyn klemmte Philipps Herz zu⸗ ſammen... er zog die Vorhänge behutſam auf, und ein blaſſes, von Schmerz und Leiden abgezehrtes Antlitz, die müden Augen in tiefem Schlummer geſchloſſen, zeigte ſich ſeinem zagenden Blick. Ja, es war ſeine Marie, die ſchöne Naria Verde, die Tochter eines Spaniers, des berühmteſten Waffenſchmiedes in Antwerpen, des kunſterfahrnen Miguel Verde. Auf dieſen Wangen blühte einſt der friſche Glanz jugendlicher Schönheit.... dieſer Arm, der hier das matte Haupt unterſtützte, hatte ihn einſt in ſeligen Stunden um⸗ ſchlungen.. dieſe blaſſen Lippen ihm unter glühenden Küſſen Gegenliebe geſtammelt, den heiligen Eid der Treue geſchwo⸗ ren!— Ein banger Seufzer entriß ſich der keuchenden Bruſt des laſterhaften jungen Mannes, und dieſer Seufzer weckte * die Leidende. Nit halbgeöffneten Augen ſtarrte ſie den Be⸗ ſuchenden an,. doch bald röthete ſich ihre Wange in der Freude der Ueberraſchung, und heller glänzten ihre Blicke. Himmliſches Lächeln umſtrahlte ihren Mund, und leiſe, aber wie Klang der Harfe, floſſen von ihren Lippen die Worte: „Iſt's möglich? Du, mein Philipp? Du haſt mich erhört? wohl mir!“ „Guten Abend, Marie!“ ſtammelte, alle Kälte zuſammen⸗ nehmend, der Verführer. „Warum ſo kalt? warum ſo einſylbig?“ klagte Marie mit ſanftem Vorwurf.„Zürne mir nicht, mein Lieber. Ich komme freilich unerwartet, allein die Noth zwingt mich dazu. Nicht Mißtrauen in Deine Schwüre hat mich bewogen, aus dem Vaterhauſe zu gehen, obgleich Du mir, ſeit Du Antorff ver⸗ laſſen, nicht ein einzigmal geſchrieben; obgleich Du nicht einmal Abſchied von mir genommen.“ „Meine Geſchäfte...“ verſetzte Philipp rauh,„das Drängen der Zeit es war mir nicht möglich.. „Kein Wort der Entſchuldigung“— fiel Marie ein.. „Hat dich nicht etwa mein Herz ſchon längſt entſchuldigt?.. „Wenn das iſt,“ pochte Philipp wie oben„warum dieſe ſeltſame Ueberraſchung? warum der abenteuerliche Zug von Antorff bis Um?“ „Zürne mir nicht,“ bat Marie,..„ſey gelaſſen, lieber Philipp, und höre mich.. Was ich während Deiner An⸗ weſenheit bei uns fürchtete, und zu gleicher Zeit in ſchmerz⸗ lich ſüßer Ahnung hoffte, es hat ſich verwirklicht, und wahr vefunden.“ Sie erhob ſich etwas vom Lager und die Umriſſe —————— ———————— 109 —— N ihres Körpers ließen keinen Zweifel über ihren ſehr weit vorgerückten Zuſtande Raum. „Wahr?“ fragte Philipp mit Scheu, ob ihn gleich ſein Auge überzeugte. „Glaubſt denn,“ verſetzte Marie,„ich würde Dir je eine Unwahrheit ſagen?“ „Weiter!“ ſprach Philipp ungeduldig. „Sogleich,“ erwiederte Marie demüthig.„Setze Dich aber zu mir, mein guter Philipp. Ich möchte gerne das Lager verlaſſen und Dich empfangen, wie ſich's gebührt, aber meine armen Füße, ſie ſind durch das lange Wandern und durch die ſteinigen Wege ſo wund und müde, daß ich mich nicht aufrecht halten kann, und dann,...“ hier lächelte ſie ſchmerzhaft,—„dann ſchäme ich mich auch, in meinem ſchlech⸗ ten Gewand vor Dich zu treten.“ Sie ſeufzte. Philipp ſchwieg finſter. „Du erinnerſt Dich wohl noch,“ fuhr ſie heiterer fort,„des grauen, wollenen Kleides, mit den breiten Sammetſtreifen an Saum und Ermeln? Du ſahſt mich ſo gerne darinnen, und weil ich Dich in dieſem Kleide zuerſt geſehen, und weil.. ich in dieſem Kleide.. hier ſtockte ſie verſchämt... „die Deine,.. Dein Weib, wie Du es nannteſt... ge⸗ worden war, ſo hatte ich es gar ſo lieb und trug es beſtän⸗ dig bei Deiner ſchnellen Abreiſe, zum Andenken an Dich. Es kam mir auch mit ſeinen weiten Falten wohl zu ſtatten, um dem Vater und der Mutter zu verbergen, was ſie nicht ahnen ſollten, bis Du, nach unſerer Abrede, ſchriftlich um mich angehalten haben würdeſt. Doch Dein Schreiben blich aus iſt vielleicht unterwegs verloren gegangenz tau⸗ ſendmal hatte ich mir vorgenommen, mich der Mutter zu * entdecken; die Scham verſchloß mir den Mund. O, hätte ich doch geredet! Mütterchen hatte mich zu lieb, hätte den Sturm von mir gewendet... Marie trocknete ſich eine Thräne und ſprach dann mit gepreßter Stimme weiter:„nach langem Zögern hatte ich es endlich verzögert, denn die Mut⸗ ter ſtarb plötzlich an einer Erkältung, und ich war mir und der Gnade meines rauhen, ehrliebenden Vaters überlaſſen, der ſeit dem Tode meiner Mutter noch mürriſcher denn zu⸗ vor geworden war. Endlich... und endlich mußte ich Alles geſtehen, und ſieh nun... Philipp.. Thränen erſtickten ihre Worte„in dieſem grauen Kleidchen legte ich das Be⸗ kenntniß ab,.. und in dieſem Kleide ward ich aus dem Vaterhauſe gejagt!“ Ein Dolch durchbohrte Philipps Herz; Marie fuhr fort: „Der Vater kannte ſich nicht mehr, und konnte mir's nicht vergeben.„Hinaus aus meinem Hauſe,“ ſchrie er, „Buhlerin eines verfluchten Lutheraners! hinaus und laſſe Dich nimmer ſehen vor mir!““ Ich floh in dunkler Nacht von Antwerpen. Ich ſchämte mich, mich vor den Anverwandten der Mutter ſehen zu laſſen; ich war in Verzweiflung und wollte mich in's Waſſer ſtürzen. Aber ein Blick auf mein graues Kleidchen gab mir neuen Muth. Philipp hat dich ja lieb, dachte ich, und dieſes Kleid ſah er beſonders gerne an dir. Wenn du nun zu ihm pilgerſt, und in dieſem Ge⸗ wande vor ihn trittſt, ſo wird er noch um eins ſo gern ſeine Schwüre erfüllen, Geſagt⸗ gethan! ich lief gerade aus und fragte nur nach Ulm. Eine Schnur Perlen, die ich um den Hals trug, friſtete mein Leben. Ein menſchen⸗ freundlicher Jude kaufte ſie mir in Cölln a und gab mir eine Handvoll Silbermünze dafür. Gewiß waren die Perlen 111 nicht ſo viel werth. Ich bete auch noch immer für den braven Mann. Sein Geld hielt aber nicht lange an. Es wurde mir in einem Nachtlager, noch weit von hier ein Theil da⸗ von geſtohlen; dann bekam ich auch das Fieber und mußte einige Tage in einem Städtchen bleiben; da ging nun vol⸗ lends meine Baarſchaft drauf. Wegen der ſüßen Bürde, die ich trage, konnte ich ohnehin nur kleine Tagreiſen machen, und brauchte alſo Geld? Aber woher es nehmen? Ich war in großer Noth; jedoch: Gott hilft dem, der ihm vertraut. Meine Wirthin ſagte mir, die Gräſin vom nahen Schloſſe habe mein blondes Haar gelobt, und gewünſcht, es zu ha⸗ ben, um ſich, da das ihrige grau zu werden anfing, eine Haarhaube davon machen zu laſſen, und ſie würde ſie mir wohl abkaufen, wenn ich mich entſchließen könnte, ſie zu ver⸗ äußern. Der Vorſchlag ſchnitt mir in's Herz... aber, ich dachte an Dich, und meine Eitelkeit ſchwieg. Die Gräfin bot zwei Kronen für mein Haar.„Kann ich damit bis Ulm gelangen?““ fragte ich, und auf die bejahende Antwort, ſchlug ich ohne Bedenken ein. Siehſt Du, Philipp,“ lächelte ſie unter Thränen, indem ſie das verhüllende Kopftuch ein wenig lüftete,„mein ſchönes blondes Haar, das Du ſo oft belobteſt, bringe ich nicht mit. Und mein armes graues Kleidchen— ich hatte nicht auf den weiten Weg gerechnet— iſt auch völlig unſcheinbar geworden. Die Sonne hat die Farbe ausgebrannt, Regen und Schnee das Zeug durchnäßt, Dornengeſträuche die Sammtſtreifen vom Saume geriſſen, aber ich dachte immer: Mein Philipp hat mich lieb, ich bringe ihm ein Herz ohne Falſch, eine Vaterfreude mit.. die Haare werden wachſen, und ſomit wird er das abgetra⸗ gene Kleidchen wohl überſehen.“ „Gutes Geſchöpf!“ ſtotterte Philipp verlegen, denn“ die Rührung drohte ihn zu übermannen. „Komm zu mir,“.. ſprach Marie weiter, und zog ihn bei der Hand näher.„Laſſe mich Deine Hand halten, und mich dadurch überzeugen, daß ich wieder unter Deinem Schutze ſtehe. Ich habe mich oft gefürchtet auf meiner Reiſe. Wenige Stunden von hier hatte ich großen Schreck. Ich wandere durch ein befeſtigtes Städtlein, und durch Zu⸗ fall geht mir die Kopfbinde los, und mein geſchorner Kopf wird ſichtbar. Die Gaſſenjungen bemerken es und verſam⸗ meln ſich um mich. Man höhnt mich aus, und endlich führte man mich, die ich von Allem nichts begreife, vor den Be⸗ fehlshaber der Veſte, einen ſchönen Mann, dem aber ein finſtrer Trübſinn aus den Augen ſieht. Da erfuhr ich nun erſt, daß man mich für ein fahrendes Weib gehalten habe, die an einem andern Orte durch Abſcheerung der Haare ge⸗ ſtraft worden ſey.— Der Obriſte fragte mich nach meinem Thun und Laſſen.— Nun hatte ich freilich auf der ganzen Reiſe mich für die Frau eines ſpaniſchen Offiziers ausgege⸗ ben, die zu ihrem Manne nach Wien reiſe, wobei mir auch mein Spaniſch gut zu ſtatten gekommen; allein da man der Obrigkeit, wie dem lieben Gott, die reine Wahrheit ſchul⸗ dig iſt, ſo ſagte ich dem Herrn aufrichtig, wie mein Schick⸗ ſal ſtehe, jedoch mit Hinweglaſſung Deines Namens. Dem guten Manne ſtanden die Thränen in den Augen, als ich anfhörte, und er ſagte:„„Bei Gottes Blut! ich muß Eure Beharrlichkeit rühmen. Zieht im Frieden; denn Euch iſt zu glauben, und Gott laſſe Euch den Liebſten Eurer würdig finden.“— Ich küßte ihm die Hand, und ging. Sein Die⸗ ner wollte mir etwas Geld nachbringen, allein ich nahm's 113 an. Ich hatte ja noch eine Krone in der Taſche, Ulm vor mir, und Dein Bild im Herzen!“ „Seltnes Vertrauen!“ murmelte Philipp zwiſchen den Zähnen, während wüſte Pläne in ſeinem Gehirne durcheinander gingen.—„Und fürchteteſt Du denn nie, der Obriſt möchte wahr geredet, und ich mich gegen Dich verändert haben?“ „Niemals, lieber Philipp,“ verſetzte Marie und ſandte einen himmliſchen Blick in ſein Auge..„niemals.“ „Dein Brieflein ſchien jedoch zu verrathen, als ob..„ ſprach Philipp hämiſch lauernd. „Ach, vergib!“ erwiederte Marie eifrig.„Ein Miß⸗ verſtändniß hatte mich ängſtlich gemacht. Als ich die letzte Viertelſtunde von hier müde und matt einherwankte, geſellte ſich ein Weiblein zu mir, die ein Bündel mit Kräutern trug. Sie fing mit mir zu plaudern an, und ich erzählte ihr mein gewöhnliches Mährlein, behauptete aber, einige Freunde in Ulm zu haben, und erkundigte mich bei der Gelegenheit nach Deiner Wohnung und Deinen Umſtänden. Da lächelte die Alte ſpöttiſch, und ſagte.. Du mußt es aber nicht übel nehmen... ſie ſagte: die Umſtände wären wohl gut, wäre nur das Herz beſſer. Frauchen, ſetzte ſie hinzu, einen zweideutigen Blick auf mich werfend; wenn Ihr mit dem Manne Geſchäfte habt, ſo wäre es vielleicht beſſer geweſen, wenn Ihr einige Monate früher eingetroffen wärt, oder ein Paar Monden ſpäter; da käm't Ihr gerade recht zur Hoch⸗ zeit. Der Herr gedenkt zu heirathen.— Wen? fragte ich erſchrocken. Eine Rathsherrntochter, war die Antwort. Der Name iſt mir entfallen, und die Alte ſchlug auch ſogleich, mir eine glückliche Reiſe wünſchend, einen Seitenweg ein, ran hinter Hecken. Das iſt der Vorfall, der 8 * 114 mich mißtrauiſch machte, daher mein unbeſcheidener Brief. Aber ich bat Dir mein Unrecht ſaleich herzlich ab, als ich von dem Dienſtmädchen die Wahrheit erfuhr, und daß Du kommen würdeſt. Habe Dank, daß Du Dich nicht geſchämt haſt, in meine ſchlechte Behauſung zu kommen. Und ich wohne noch hier gleich einer Fürſtin, gegen die Andern ge⸗ rechnet. Ach, mein Philipp! ich habe gar oft in ſolchen Herbergen mein Nachtlager nehmen müſſen, da ſich andere Leute ſcheuten, mich aufzunehmen, ich habe gar oft mein hartes Brod unter bittern Thränen verzehrt, bin gar oft auf dürrem Stroh unter bittern Thränen entſchlummert, aber — ich bin wieder bei Dir, und jedes Leiden iſt vergeſſen!“ Sie küßte ihm ſchmeichelnd die Hand. Der Unwürdige begann aber langſam, um den Eindruck zu berechnen, den die Wahrheit auf die Dulderin machen würde:„wie aber, wenn die Alte wahr geredet, wenn ich mich wirklich verlobt hätte?“ Bebend ſtaunte ihn Marie an, umklammerte ſeine Rechte mit beiden Händen, und ſprach dann⸗ kaum vernehm⸗ lich:„Philipp! das. das wäre entſetzlich!“ Die Furcht, einen Auftritt des Jammers herbeizuführen, hielt des Treu⸗ loſen Geſtändniß noch auf. Er bemühte ſich, launig zu ſcheinen, und ſprach:„Du biſt gerade zu rechter Zeit gekom⸗ men; denn leit fünf Monden vergebens eine Antwort auf mei⸗ nen Werbebrief, den ich an Deinen Vater ſandte, erwartend⸗ hatte ich mich entſchloſſen, meiner Sippſchaft nachzugeben⸗ die mich mit einer Rathsherrntochter zu vermählen wünſcht!“ Marie ſtarrte ihm erwartungsvoll ins Auge. „Nun iſt es freilich anders,“ fuhr der Betrüger fort. „Ich bleibe meinen Eiden getreu, und fordre von Deiner Liebe nur eine Gefälligkeit.“ 115 — „Welche?. 4 fragte Marie lebhaft und bereitwillig... „ich gehorche Dir unbedingt.“ „Gönne mir nur einige Tage Zeit,“ ſprach Philipp weiter, „bis ich meinen Verwandten, die die Förmlichkeit gar ſehr lie⸗ ben, Deine Ankunft und meinen Entſchluß glimpflich mitgetheilt. Ich bin zwar mein eigner Herr, und werde immer thun, was mir beliebt; allein Du begreifſt: ich bin den Meinen Rückſicht ſchuldig. Nur wenige Tage alſo verweile hier im Stillen und verborgen, und ich führe Dich dann aus dieſer Höhle in ein Deiner würdiges Loos.“ „So dachte ich Dich mir, mein Philipp... verſetzte Marie, mit gläubigem Vertrauen zu ihm aufblickend, und legte ihr Haupt an ſeine Bruſt.„Um Dir zu folgen, habe ich Alles verlaſſen. Du wirſt es ja wohl machen mit Deinem Kinde.“ „Du gewährſt?“ fragte Philipp freudig. „Du frägſt noch?“ lächelte ihm Marie im ſeligen Aus⸗ druck zu:„Dein Wunſch iſt mir Geſetz. Aber eine Bitte, guter Philipp, habe ich.“ „Welche?“ ſprach er ſo ſanft als möglich. „Sieh; hier in dieſem Hauſe iſt's ſo öd und unheimlich. Koͤnnteſt Du mich nicht im Stillen, in der Nacht, wann und wie Du willſt, in eine andre Herberge bringen laſſen, bis..2“ „Das geht nicht;“ verſetzte er ſcharf und beſtimmt... „kann nicht ſeyn.“- „Zürne nicht,“ erwiederte ſie demüthig.„Du mußt das beſſer wiſſen. Mir ziemt Gehorſam. Aber Du beſuchſt mich doch Abends auf ein halbes Stündchen? Am Tage muthe ich Dir's nicht zu. Ein vornehmer Mann, wie Du, ſchämt ſich, ſolche Häuſer zu betreten.. ich auch niemals * 416 geglaubt, daß ich. doch genug! es iſt ja alles nun vorbei. Alſo des Abends? nicht wahr, Du ſchenkft mir ein halbes Stündchen? ich freue mich dann wieder vier und zwanzig Stunden auf das kleine halbe Stündchen Deines Beſuchs. Nicht wahr, mein Philipp?“ „Ja, Marie, ich werde kommen!“ ſprach der Schuldbe⸗ wußte, und drückte einen Judaskuß auf ihre Wange, auf ihren Mund.„Ich muß jetzt heim, um keinen Verdacht im Hauſe zu erregen. Schlafe ſanft und ſüß, träume von mir und dem kleinen Knaben in Deinem Schooße. Träume recht ſüß, und vertraue auf mich.“ „Wie auf Gottes Wort!“ flüſterte ſie unter dem Abſchieds⸗ kuſſe.„Gute Nacht, Du lieber, Du guter Mann!“ Philipp eilte, ihren umſtrickenden Armen zu entrinnen, unter nochmaligen Betheurungen hinweg. Marie hob dank⸗ bar die Hände gen Himmel, betete aus vollem, frommem Herzen, und entſchlief bald unter dem leiſen Flügelſchlage ihres Schutzengels. Sie träumte ſich glücklich, die arme Getäuſchte! S ie b ntes Rpitel. Ihr, ihr dort außen in der Welt ie Naſen eingeſpannt? Auch manchen Mann, auch manchen Held, Im Frieden gut, und ſtark im Feld, Gebar das Schwabenland. Schiller. Zur ſelbigen Zeit ging es im Stadtzwinger, bei den Woh⸗ nungen der Stadtguardia, unruhig und geräuſchvoll zu. Hans Schnepfinger, der Rottmeiſter, hatte ſo eben den Sei⸗ nigen das Mandat eines wohlweiſen Magiſtrats kund ge⸗ than, vermöge deſſen die Hexenlene in ſichern Gewahrſam gebracht werden ſollte; und achtzehn Mann waren auserleſen worden, das kühne Wageſtück herzhaft und geſchickt auszu⸗ führen. Vierzehn Pikenirer und vier Hackenſchützen rüſteten ſich demnach aus allen Kräften, und verurſachten ſo viel Rumor, als ob es wider den Türken gehen ſollte. Die Küraſſe wurden mit haltbaren Schnallen, die Pikelhauben mit ausgepflückten Sturmbändern verſehen, die Piken gewetzt⸗ den Büchſenſchlöſſern mit Oel zugeſprochen, während die Daheimbleibenden mit ehrfurchtsvoller Scheu die verſuchten Streiter anſtaunten, welche es unternehmen durften, die * 118 —— weit und breit gefürchtete Streicherin zu gefänglicher Haft zu bringen. Schnepfinger wandelte auf und ab unter den Geſchäftigen, den Hut mit dem rothen Federſtutz, der nur bei Gelegenheiten, wo es galt, zum Vorſchein kam, auf einem Ohre martialiſch wiegend; das ungeheuer breite, mit Franſen beſetzte Bandelier, an dem der kurze Haudegen hing, über die fette Schulter geſpannt; die Hände auf dem Rücken; das Kinn auf der Bruſt liegend, gleichſam wie in hohen, wich⸗ tigen Gedanken verſunken. In der That ſaß ihm aber der Schalt im Nacken, denn er dachte bei ſich:„Putzt, flickt und rüſtet euch nur, ihr Thoren! Ich weiß es beſſer, wie der Mantel hängt. Hab' ich doch zuerſt von der Sache Wind gehabt!— habe ich doch meine freigebige Lene bei Zeiten gewarnt. Weiß ich's doch ſchon im Voraus, paß wir ein leeres Neſt finden werden! Putzt nur, wetzt nur, ihr Gimpel! Dem Hallunken, dem Geismann, der Schuld am ganzen Handel iſt, will ich's doch noch einmal eintränken, daß er meine beſte Kundin zwingt, wenn auch nur auf kurze Zeit, landflüchtig zu werden!“ Belobter Geismann ſaß aber gerade beim Schein einer Laterne hinter einer Hundehutte verſteckt, und war beſchäftigt, ſich, da er auch zu dem nächtlichen ueberfall befehligt war, ein iStück von einer geweihten Kerze, in einen Lappen genäht, auf der Bruſt zu befeſtigen. „Was machſt Du da?“ donnerte ihm plötzlich der geſtrenge Rottmeiſter in die Ohren, der ſich, vom Lichtſchimmer auf⸗ mertſam gemacht, hinter ihn geſchlichen hatte.— Geismann, vor Angſt und Reſpekt zitternd, geſtand endlich ſein Vor⸗ haben.„Biſt Du toll, Schuft?“ ſchnautzte ihn der Rott⸗ meiſter an, der gar zu gern, wo er ſich ſicher wußte, den ſtarken Geiſt ſpielte.„Solchen Aberglauben zu treiben! Kerl 119 biſt Du ein Proteſtant? Wenn das der Doktor Luther wüßte.. im Grabe drehte er ſich um.“—„Schon recht, geſtrenger Herr Rottmeiſter,“ erwiederte Geismann,„aber Teufelswerk muß mit Teufelswerk vertrieben ſeyn, und ich möchte lieber katholiſch werden, als auf einen Hexenſturm ausgehen!“— „Wer hat denn daran die Schuld, als Du, verdammter Dickkopf?“ rief Schnepfinger, ein grimmiges Geſicht ziehend⸗ und maß ihm ein Paar Lungenhiebe mit der Klinge über den Rücken.„Hätteſt Du Dein beſoffenes Maul nicht gegen den Thurneiſen aufgethan, ſo könnten wir jetzt ruhig auf dem Ohr liegen, und ein Räuſchlein ausſchlafen. Zur Strafe aber ſollſt Du der Erſte bei'm Angriff ſeyn, das ſchwöre ich Dir zu, ſo wahr ich Rottmeiſter bin!“ Er zog wieder mit langen Hahnenſchritten ab, und ließ 6 dem troſtloſen Geismann völlige Muße, ſein Amulet feſt zu machen, und ſich im Voraus ſelbſt ſo viel Angſt einzujagen⸗ als nur immer möglich. Die übrigen Helden, mit ihrer Arbeit im Reinen, ſammelten ſich um die Tonne Bier, die der Rathsherr Thurneiſen ihnen hatte verabfolgen laſſen, um ſich auf die bevorſtehende Heldenthat vorzubereiten. Schnepfinger führte bei dem Gelage, zu dem ſie ein knappes Stündchen Zeit hatten, den Vorſitz, ſchenkte weidlich ein, und trank mörderlich vor, daß ſeine Stirne bald zu glühen begann, ſeine Stellung ritterlicher, ſeine Stimme durchdringender wurde. In einer kurzen, aber kraftvollen Rede, aus dem ſtarken Biere geſchöpft und die Gefahren der nächſten Stunde behandelnd, ermunterte er ſein Häuflein zu mannhaftem Aushalten, und zu blindem Gehorſam. Die Begeiſterten gelobten ſich gegenſeitig, zu ſiegen oder zu ſterben, und Ruhm und Ehre in die Stadt zurück zu bringen. Unter dieſen günſtigen und erhebenden Conjuncturen ſchlug die Stunde des Aufbruchs. Die Kriegsknechte ſchaarten ſich, und Feld⸗ herr Schnepfinger führte ſie glücklich durch's Einlaßpförtlein in's Freie. Gleich einer gewitterſchwangern Wolle rückten ſie auf der dunkeln Straße vor. Der Rottmeiſter mit blan⸗ kem Schwerdt in der Rechten und gewichtiger Partiſane in der Linken, voran. Dicht hinter ihm der zaghafte Geismann, als Führer der Spießknechte, die, die Waffe vorhaltend, und aus Ordnung oder Furcht eng geſchloſſen, den Gewaltshau⸗ fen ausmachten. Zu ihren beiden Seiten gingen die Schützen, die Hacken auf der Schulter, die Büchſengabeln an der Bruſt, die glimmende Lunte in der Fauſt. Bis jetzt.. in eine Maſſe gedrängt, ging Alles gut. Ein jeder hatte⸗ Vertrauen auf ſeine Gefährten. Sogar Geismann hatte Muth genug, der Feldflaſche tüchtig zuzuſprechen; als aber fünfzig Schritte vom Thore Schnepfinger das Häuflein hal⸗ ten ließ, und in kriegserfahrner Weisheit ſechs Pikenirer abſonderte, die hier als Beſchützer des Rückzugs zurückblei⸗ ben mußten,.. als er vollends nach abermaligen fünfzig Schritten wieder eine Feldwache von Sechſen zurückließ, um im höchſten Nothfalle nur die Stürmer zu verſtärken„. da ſiel den letztern das Herzz ſie kratzten ſich hinter den Ohren, ihre kriegeriſche Ungeduld verwandelte ſich in dum⸗ pfes Schweigen, und gleich einer Heerde Lämmer, die in trüber Ahnung, aber willenlos dem Schlächter folgen, folg⸗ ten ſie ihrem Leitſtern, dem Rottmeiſter, deſſen übernatür⸗ lichen und ſonſt ungewöhnlichen Muth ſie zu bewundern nicht unterlaſſen konnten. Schnepfinger wußte aber ſchon, woran er war, und erfüllte demnach unbeſorgt die Pflichten ſeines Amts. Wer malt aber ſein Erſtaunen, als er, mit ſeiner Schaar in die Nähe von Lenens Hauſe gelangt, Licht⸗ ſchein durch das Fenſter wahrnahm. Betroffen und entſetzt blieb er wie eingewurzelt ſtehen, und es überlief ihn ein heimlich Grauen. Lene war alſo nicht flüchtig? hatte viel⸗ leicht ſich Hülfe zu verſchaffen gewußt? erwartete vielleicht im Hexenkreiſe ihre Feinde, um ſie alle durch einen Bann⸗ ſpruch zu verderben?— Des Hauptmanns Schrecken wirkte doppelt auf die halb entgeiſterten Söldlinge. Geismann wollte im Dunkel entſpringen, allein ſein Nachbar, ein Ty⸗ roler Schütz, wies ihn mit der Kolbe der langen Büchſe zur Ordnung. Schnepfinger trat nun hinter ſeine Leute, und befahl ihnen, Sturm auf die offne Thüre des Hauſes zu laufen.— Keiner regte ſich.„Geismann!“ rief der Rott⸗ meiſter, dem jetzt ſelbſt vor einem Schock im Hinterhalt lie⸗ gender Teufel bange wurde..„Geismann! Du weißt, was ich Dir geſchworen habe. Du mußt der Erſte ſeyn, wie Du der vorwitzigſte warſt. Friſch! drauf los!“ Geismann ſtand wie eine Mauer. Schnepfinger ſtimmte den Ton herab. „Lieber Geismann,“ ſprach er ſehr nachgiebig.„Sieh! es iſt nur, weil ich's geſchworen habe.geh' voran! Du haſt ja ein Amulet bei Dit.“„Ich geb's Euch,“ verſetzte Geismann ſchnell,„geht Ihr!„s hilft mir ja nichts,“ ka⸗ pitulirte der Rottmeiſter,„weil ich nicht daran glaube. Geismann, Du haſt Freude an meinem Pulverhorn gehabt. Ich ſchenke Dir's, wenn Du jetzt einen muthigen Mann zeigſt, und vorangehſt.“„Ich gehe nicht,“ hieß die Antwort, „und wenn Ihr mir alle Pulverhörner der Welt ſchenken wolltet.“„Potz Blut und Wunden!“ brach der Rottmeiſter los, da ſelbſt Bitten und Verſprechungen nichts verfingen: „ſeyd Ihr Soldaten, oder ſitzt Ihr noch daheim hinter der 8 X 122 Nähnadel und dem Schuſterpech? Meint Ihr, unſere gnädigen Herren von Ulm ſtopfen Euch Eure ungewaſchenen Mäuler um nichts und wider nichts mit Knöpfliſuppen und Sauer⸗ kraut? Nicht beim Lagerbier zum ſchwarzen Bock, nicht hin⸗ ter dem fetten Schweinsbraten und der Knoblauchsbrühe,.. nein, im Felde, in der Gefahr zeigt ſich der ächte und ge⸗ rechte Soldat.„Wißt Ihr das? Babylon und Rinive! ich hab's ſatt! kitzelt mir den Schuft, den Geismann mit Euren Spießen unter den Rippen⸗ daß er vorangeht, oder, es wird nicht gut!“ Die Söldner konnten dem Haupt⸗ und Sibelfluch des Rottmeiſters den gebührenden Gehorſam nicht verſagen, und thaten, wie er befahl. Geismann zur Verzweiflung gebracht, lief mit eingelegter Pike der Thüre zu, und die übrigen folgten, als ein neues Schreckniß ſie plötzlich wieder zum Stehen und Wanken brachte. Schwarzmännchen kauerte ge⸗ mächlich auf der Schwelle, und glotzte die nächtlichen Geſellen mit ſeinen Feueraugen unverrückt an. „Was iſt?“ rief Schnepfinger, der⸗ als der Hinterſte, nicht ſehen konnte, warum der Heldenflug erlahmte.„Der Teu⸗ fel!“ riefen alle einſtimmig, und wieſen auf die feurigen Augen.„Pah!“ verſetzte Hans mit Zähnklappern.„Lukas! ſchieße ihn auf die Platte!“„Daß ich ein Narr wäre!“ erwiederte der Schütze.„Die Kugel im Rohr würde platt und weich wie ein Pfannkuchen, oder flöge mir ſelbſt in's Hirn. Schießt Ihr!“„Iſ nicht mein Handwerk,“ wehrte der Rottmeiſter ab.„Thu' einen Nothſchuß!“ Lukas blies die Lunte an.„Ihr andern,“ fuhr Schnepfinger fort,„damit Ihr Euch ja zuſammen haltet bei dem Anlauf⸗ packt alle meine Partiſane hier. So! ich in Eurer Mitte. 123 Wenn Lukas geſchoſſen hat, greift er auch mit an, und hält ſich an dem Schaft. Geismann! hänge Dein Amulett vorne an den Spieß, und fürchte Dich nicht. Ich denke, das hölliſche Breſt ſoll doch vor dem katholiſchen Krimskrams weichen. So! nun, Muth, Kinder, nehmt ein Beiſpiel an mir. Warum ſchießeſt Du denn nicht, Lukas?“ „Gleich Hr. Rottmeiſter! die Lunte brennt nicht gut,“ hieß die Antwort.„Gebt jetzt acht, meine Kinder,“ fuhr der Rottmeiſter fort.„Gebt acht. So wie der Lukas geſchoſſen und ſich angehängt hat, ſo drücken wir alle die Augen zu, fürchten uns nicht, und rennen mit dem Spieße das Unge⸗ thüm über'n Haufen. So ſchieße doch, Lukas!“ „Gleich, Hr. Rottmeiſter!“ antwortete dieſer und ſtieß die Gabel feſter ein, ſich fertig machend. „Ich werde drei zählen!“ rief der Rottmeiſter mit ſchlot⸗ ternden Knien.„Gebt acht, liebe Kinder! eins!.. mach' Dich fertig, Lukas! zwei! die Augen zu. und denn in Gottes Namenz; drei!“ Der Schuß krachte hinaus in's weite Feld, Lukas, ſein Zeug fallen laſſend, ſpranz an ſeinen Poſten, und die Sieben rannten in vollem Laufe mit ihrem Spieße der Thüre zu. Schwarzmann hatte bei dem ungewohnten Knall Reißaus genommen; Mutter Lene ſtand aber mit der Lampe auf der Schwelle und ſchrie den Anrennenden ein gellendes Halt! entgegen, daß ſie plötzlich tanden,⸗und die Augen bei ihrem Anblicke weit aufriſſen. „Kommt ihr endlich?“ fragte Lene die Staunenden.„Ich habe Euch früher erwartet. Verlohat ſich's aber wohl der Mühe, um eine alte Frau zu fangen, einen Spektakel zu machen, als ob ganz Ulm in Gefahr wäre?“ 12 Die Wächter blickten ſich beſchämt an. Der Rottmeiſter hatte aber ſeine ganze Herzhaftigkeit wieder gefunden, trat aus der Reihe, und rief Lenen mit barſcher Stimme zu: „Hexenlene! wir verhaften Euch im Namen des wohlweiſen Magiſtrats, unſeren lieben, gnädigen Herren von Ulm. Und ich hoffe,“— ſetzte er mit leiſerer Stimme zu—„da Ihr für gut gefunden habt, uns zu erwarten, daß Ihr keine Um⸗ ſtände machen, und uns ohne Hinterliſt folgen werdet.“ „Ich wiederhole Euch,“ ſprach die Alte gleichmüthig,„daß ich Euch erwartet habe.“ „Ich habe auch Befehl, alles in Euerm Hauſe zu durch⸗ ſuchen,“— fuhr Schnepfinger fort, der ſich gar nicht in ſeine Freundin finden konnte—„und den mißgeſtalteten Buben ebenfalls in Verwahrung zu nehmen.“ „Mein Haus mögt Ihr durchſuchen,“ verſetzte die Alte ſpöttiſch,..„aber nach meinem a'men Kunz müßt Ihr wohl weit laufen, liebe Herren, wenn Ihr ihn haben wollt. Seine Mutter hat ihn geſtern frühe beyeits geholt, und ihn nach Augsburg in's Spittel gebrachf.“ Schnepfinger und die Seinen zogen lange Geſichter, und folgten der Alten behutſam in die Stube. Der Rottmeiſter durchſuchte alles, was da wir, genau, ſchüttelte aber brum⸗ mend den Kopf, als er nict fand, was er ſuchte. „Ihr ſeht Euch die Augen vergebens blind, lieber Herr,“ ſprach endlich Mutter Lene, wie oben,„Ihr ſpürt nach einem Pergament; ich weiß. aber dasſelbe iſt bei einem Anlaß, den der Rathsherr Thumeiſen wohl kennt, verbrannt wor⸗ den, und ich könnte es nimmer ganz machen, ſo gerne ich auch wollte.“ 1 125 Der Rottmeiſter ſchüttelte den Kopf, rieb verlegen die Hände, und da er nichts beſſeres zu ſagen wußte, ſo bedeu⸗ tete er die Alte, ſie müſſe ihm jetzt folgen. Lene war dazu bereit; Schnepfinger verſchloß das Haus, und ſteckte den Schlüſſel zu ſich.„Nun müßt Ihr Euch aber gefallen laſſen,“ ſprach er in ziemlicher Verlegenheit,„daß man Euch die Hände binde; denn ſo iſt's befohlen.“ „Warum denn nicht?“ verſetzte Lene, und reichte ihre Hände hin.„Nur bindet nicht zu feſt, denn meine Hände ſind ſchwach und mager: ich gedenke ſie auch ferner noch zu brauchen, und will mir ſie nicht durch Eure ſcharfen Stricke verhunzen laſſen.“ Der Rottmeiſter ſchüttelte abermals den Kopf,und ließ ſie leicht binden.„Nun aber...“ begann er wie oben... „noch eins. Ihr ſteht im Verdacht der Hexerei, und eine Hexe ſoll, wie der Rathsherr meint, auf dem lieben Erd⸗ boden ſtehend, ſich unſichtbar machen können; dieſes aber wohl bleiben laſſen, wenn ſie in freier Luft getragen oder gefahren wird. Wir werden Euch daher auch die Füße leicht binden, und auf die Piken dieſer vier wackern Männer ſetzen laſſen müſſen, um von ihnen nach der Stadt getragen zu werden, denn ſo iſt's befohlen.“ „Deſito beſſer,“ lachte Lene,„ſo mache ich mir die Füße nicht müde. Ich muß ohnehin Morgen nach Günzburg, um dem dicken Bierbrauer zur Ente von ſeinem Zipperlein zu helfen, und darf daher wohl meine Beine ſchonen.“ Der Rottmeiſter ſchüttelte zum drittenmale den Kopf, ließ ſie mit leicht gebundnen Füßen auf die Spieße ſetzen, und der Zug machte ſich auf nach der Stadt. Die vier Spieß⸗ knechte trugen die Alte, der Liroler ging mit einer Kienfactel voran, und Schnepfinger, den Schützen Lukas zur Seite, ſchlenderte neben her, in ſchwere Gedanken verſunken.„Das Weib macht mich ganz wirblicht,“ ſprach er endlich zu Lukas. „Sie ſpricht von der Gefangennehmung nicht anders, als hätte ſie der wohlweiſe Rath auf Bratfiſch mit Rothwein eingeladen; will Morgen nach Günzburg reiſen?.. du großer Gott! wer weiß ob ſie nicht Morgen um dieſe Zeit im Armenſünderſtübchen ſitzt und der Meiſter Knüpfauf ſchon die Reisbündel zum Scheiterhaufen rüſtet, oder am Sack zum Erſäufen näht.“ „Meinethalben!“ lachte Lukas.„Ob ihr der Teufel hilſt, oder ob er ſie ſtecken läßt, mir iſt's all' eins. Aber Ihr habt mir da euf Bratfiſch und Rothwein lange Zähne gemacht⸗ daß ich recht heißhungrig geworden bin.“ „Hm!“ brummte Schnepfinger, vornehm thuend:„zu ein paar Weißfiſchen und einem Humpen Seewein kann wohl Rath werden, wen nDu mich zum Syndikus begleiten willſt. Der giebt heute wieder einen Schmaus, zu Ehren des Hr. Amtsburgermeiſters; und ich muß Sr. Weisheit melden, was vorgefallen.“ „Topp! ich gehe mit,“ verſetzte Lukas;„und wir wollen dem Geſinde tüchtig auf das Leder ſaufen.“ „Das magſt Du thun,“ ſprach der Rottmeiſter, wie oben. „Für mich ſchickt ſich die Geſellſchaft nicht, und man wird mir wohl oben mein Quantum verabreichen.“ „Holla! Stock an!“ ſchrie einer der Träger ſtolpernd. „Michel! leuchte! was liegt da?“ Beim Schein der Fackel zeigte ſich ihnen eine auf dem Boden zerſtreute Waffenſammlung. Spieße, Hackenbüchſen, Blechhauben, alles in der bunteſten Unordnung. „Was gilt's!“ ſchrie Schnepfinger,„unſre Feldpoſten ſind bei unſerm Nothſchuß ausgeriſſen, und haben im Schrecken alles von ſich geworfen.“ Lene lachte ausgelaſſen von ihrem Sitz herunter. „Wirſt auch nicht lange mehr lachen, alte Vettel!“ brummte Geismann, der ſich in den Feigen mit verlacht fühlte, zu Lenen hinauf.„Die Donau wartet ſchon mit Schmerzen auf Dich.“ 4 Die Alte warf ihm einen vernichtenden Blick zu.„Die Strafe hinkt...“ kreiſchte ſie,..„aber ſie bleibt nicht aus! Den, der Euch ſchickte, und Dich, Du Läſterer, erwartet der kühle Fluß; nicht mich. Merke Dir das!“ Geismann verſuchte zu lachen! es gelang ihm aber ſchlecht! die andern überlief eine Gänſehaut und ſie eilten ſchnellen Schritts über die letzte Wachſtelle, die, ſo wie die erſte, mit den Trophäen der Haſenhaftigkeit geziert war, hinweg nach dem ſchützenden Einlaßpförtlein, das, ein beſcheidner Triumph⸗ bogen, die heimkehrenden Streiter gaſtlich empfing. Die zwölf Davongelaufenen ſaßen ſchon im Block auf Beſehl des Rathsherrn Thurneiſen, der in Perſon am Thore ſtand, und die Ankommenden empfing. „Willkommen Hexenvogel!“ rief er höhnend der Gefange⸗ nen zu;„dein Bauer iſt bereit.“ Lene antwortete bloß mit einem heiſern Spottgelächter, und drehte ihm den Rücken zu. Er ließ ſie aber ſchnell in das für ſie bereitete Thurmgefängniß bringen, in eine Art von Hängmatte ſchnallen, die in der Mitte des Gemachs hing, und begab ſich, nachdem alle Schlöſſer gefallen, alle Riegel vorgeſchoben waren, zufrieden und beruhigt hinweg. Lene, außer Stande, ſich rühren zu können, hatte ſich lurz und gut in die Arme des Schlummers geworfen, und ein paar Stunden recht wohl verſchlafen, als ſie durch ein lautes Geräuſch geweckt wurde. Der Thurmwächter und der Rottmeiſter ſtanden in ihrem Gemach mit einer Laterne verſehen.„Wacht auf, Frau Streicherin,“ rief der Eine; „Geſchwind, Lene, um Gotteswillen—“ der Andere;„was ſoll's?“ die Alte; und ſie war, ehe ſie ſich's verſah, herun⸗ tergelaſſen, losgeſchnallt und auf freien Füßen.„Was giebt's denn?“ fragte ſie noch einmal;„ſeyd Ihr toll geworden? Wenn ich mich jetzt unſichtbar machte?“„Nur jetzt nicht, um's Himmelswillen nicht,“ bat der Rottmeiſter.„Ihr müßt mit mir.“„Wohin?“„Zu Sr. Weisheit, dem Regieren⸗ den.“„Was ſoll ich dort in ſpäter Nacht?“„Helſen, rathen⸗ retten!“ verſetzte der Rottmeiſter außer ſich, und zerrte ſie zum Gemache hinaus, die Treppe herunter, auf die Straße. „Freund,“ flüſterte er dem Wächter zut„reinen Mund gehal⸗ ten! ich käme mit Dir um den Dienſt, wenn der Thurneiſen etwas erführe; denn obſchon es Se. Weisheit betrifft, ſo will Se. Weisheit doch nicht...“„Verſtehe;“ erwiederte der Hüter und ſchloß die Thüre. Schnepfinger nahm Le⸗ nen beim Arm und wanderte mit ihr raſch durch die leeren Gaſſen.— „Werde ich endlich erfahren?“ fragte Lene ungeduldig. „In zwei Worten;“ ſprach der Rottmeiſter, immer drauf los trabend.„Seine Weisheit, unſer Vielgeliebter war heute bei'm Syndicus zum Nachteſſen, auf wälſche Dicknudeln⸗ mit Käſe und Saffran, auf Salmen mit gebratnen Zwie⸗ veln, fetten Aal in Salbei geſchmort, und ein Gallrey mit Krebſen.— Das Alles ſchmeckt gut, müßt Ihr wiſſen, Mut⸗ ter Lene, und unſer Regierender, Seine Weisheit, war nicht 129 dumm, als er ſich grauſam daran übernommen hat. Aber kaum nach Hauſe gekommen, weiß er nicht vor Angſt, wo aus und an. Die Nudeln treiben auf, der Saffran hitzt, der Salmen und der Aal drückt, der Gallrey liegt wie Eis im Magen, und die ſechs Maaß Reckarwein, die er, von dem durſtmachenden Käſe gereizt, darauf hat fließen laſſen, halten das Alles oben, und laſſen der Gottesgabe nicht Zeit noch Raum, ſich zu ſetzen. Der Herr Bürgermeiſter wälzt ſich wie ein Unfinniger, ſchickt nach dem Doetor Hipplein, der iſt ſelbſt, zur Schande der Fakultät, todtkrank; ſendet nach dem alten Spittelarzt mit dem lateiniſchen Namen.. der Grobian läßt ihm aber ausrichten: er habe gerade ein Schwitzpulver genommen, und wolle ſich um der Krankheit willen, die der Herr Bürgermeiſter Jahr aus Jahr ein habe, nicht der kalten Nachtluft ausſetzen; er ſolle in Zukunft... na! das Ende will ich aus Reſpekt vor Seiner Weisheit weglaſſen.— Da ſiel dem geſtrengen Herrn ein, daß Ihr hier im Thurme ſitzt, wie ich's gemeldet, und ich mußte eilen, Euch zu bereden, gleich zu kommen und mit Eurer Wunder⸗ eſſenz zu helfen.“ „Tölpel!“ lachte die Alte,„wenn ich nun nicht gerade zum Glück, als ob mir's vorgegangen wäre, ein Fläſchchen davon zu mir geſteckt hätte, wie wäre es dann?“ Schnepfinger ſchwieg verdutzt, und ſie waren an des Brügermeiſters Hauſe. Die Weisheit lag von ſchwerer Un⸗ verdaulichkeit niedergedrückt, im breiten Sorgenſtuhle ausge⸗ ſtreckt. Dicke Schweißtropfen drangen unter der bequemen Federmütze hervor, die gräulich mit ihrer Weiße gegen das kirſchbraune Antlitz des Gefolterten abſtach, deſſen Mund der größten Anſtrengung nach Luft ſchnappte. Der 1. 9 * 130 weite damaſtne Schlafmantel vermochte kaum die trommel⸗ artige Ausdehnung ſeines ohnehin füllreichen Leibes zu ver⸗ hüllen. Hände und Füße, kalt und ſtarr, zuckten wie im Fieberkrampfe. „Das war die höchſte Zeit!“ rief die Alte, eilte zu dem Kranken und flößte ihm eine gute Doſis ihrer Eſſenz ein. Die Arznei, an welcher ein Kaiſer ſich den Reſt getrunken hatte, gab dem armen Bürgermeiſter das Leben wieder. Er kam zu ſich,„nickte ſeiner Helferin freundlich zu, und ſtöhnte kaum vernehmlich:„Hab' Dank, Du altes Hexlein! ich werde Dich nicht vergeſſen; wenn Du aber bewirken kannſt, daß ich mich ſo ſchnell erhole, daß ich übermorgen dem Hoch⸗ zeitsmahl der Tochter des Thurneiſen beiwohnen, und an der dabei erſcheinenden Kranichspaſtete meine Schuldigkeit als ehrlicher Mann und wackerer Tiſchgenoſſe präſtiren kann,.. ſo will ich Deine Feinde ſchon kuranzen, daß ſie Dich in Ruhe laſſen ſollen!“ Lene bejahte zuverſichtlich die Frage, dankte dem tafel⸗ luſtigen Oberhaupt der Stadt für ſeine Huld, und ließ ihm das Wundermittel ſammt der Vorſchrift, wie es zu gebrauchen ſey, zurück.— Darauf kehrte ſie mit dem für ſie lebhaft beſorgten Rottmeiſter, der ihr nicht genug vorſtellen konnte, wie glücklich die Gnade des Bürgermeiſters ſie machen würde, in's Gefängniß, und durfte ſich ungebunden in ihr unbe⸗ quemes Lager ſtecken. Sie rollte ſich darin wie ein Knäul zuſammen, und überlegte Alles, was ſie gehört.„Uebermor⸗ gen,“ murmelte ſie..„übermorgen will die Thurneiſen ſchon mit dem Philipp Hochzeit halten? Ei, ei! ſo ſchnell? Da muß etwas Dringendes obwalten. Das begreift ſich leicht. Sollte vielleicht die Fremde, die mir heute Morgen 13¹ begegnete?.. Möglich; ich müßte mich erkundigen. Ob ſie wohl noch hier iſt.. oder?— Recht dumm, daß ich morgen Mittag nach Günzburg muß, aber Geſchäfte gehen vor. Indeſſen, was thut's auch? Philipps Heirath mit der Thurneiſen werde ich mich doch wohl büten, zu Nichte zu machen.— Ja, ja, es giebt ein rächendes Geſchick!... Wenn ich auch an meinen Gewiſſensqualen ſein Daſeyn nicht er⸗ kennen wollte aus dieſem Beiſpiel müßte ich's flammend leuchten ſehen. Philipp... und dieſe Thurneiſen... unter Tauſenden gerade ſie!— Recht; freue Archimbald! Deine Rache reift!“ Sie entſchlummerte wieder ruhig, während ihr eifrigſter Widerſacher, der Rathsherr, ſich ſchlaflos auf ſeinem Lager wälzte, und vergebens einige Ordnung in die wilde Flucht ſeiner Gedanken zu bringen ſuchte. Philipp war nämlich noch am Spätabend bei ihm geweſen, und hatte ihm nach vielem Stocken und Zaudern unter vier Augen ſein Verhält⸗ niß mit Marien, wie ihre Ankunft und ſeine daraus ent⸗ ſtandene verdrüßliche Lage, entdeckt, und mit der Bitte end⸗ lich geſchloſſen, ihn, wenn er durchaus ſeine Verbindlichkeit gegen die Fremde erfüllen müßte,— was er ſehr ungerne thun würde,— ſeines Eheverſprechens mit Barbara zu ent⸗ ledigen; oder,— was ihm am liebſten wäre,— ihm ein Mittel an die Hand zu geben, ſich des überläſtigen Gaſtes kurz und gut zu entledigen, und den Anſpruch deſſelben auf ewig vom Halſe zu ſchaffen.— Thurneiſen hatte bei dieſer Beichte getobt und gewüthet, wie es bei ihm, ſelbſt in klei⸗ nern Anläſſen, Brauch und Sitte war, hatte dann überlegt und gefunden, daß er, wenn er mit Philipp bräche, nicht allein das Vermögen deſſelben, das er iuge * 132 ſeines glänzenden⸗ aber insgeheim verſchuldeten Hausweſens, auf ſeine Weiſe zu benutzen gedachte, verlieren würde, mit ihm einen Schwiegerſohn, der durch die Bande der Ver⸗ wandtſchaft an ihn gefeſſelt, ſchon gewöhnt war, ſich in eine ſclaviſche Unterwerfung unter den eiſernen Willen und die rohe Anmaßung ſeines Schwiegervaters zu ſchmiegen; der wohl mit der Zeit das Joch verdoppelt auf ſich nehmen würde;— ſondern, er hatte auch gefunden, daß beim Rück⸗ gang dieſer Heirath Spott und Hohn ſein Lvos ſeyn würde, indem er ſchon unter ſeinen Vertrauten und Freunden mit Wernhers Vermögen als dem ſeinigen geprahlt, und alle ſeine geheimen Gläubiger darauf vertröſtet hatte. Es wäre für ſeinen hochfahrenden Character die härteſte Demüthigung geweſen, wenn er in dieſem Puncte Lügen geſtraft worden wäre, und, nebenbei Barbara's Ruf berückſichtigend, die, obgleich erſt im achtzehnten Jahre, dennoch ſchon mit zwei Freiern verſprochen geweſen, von allen beiden aber ſchnell nach einander verlaſſen worden war, und ſich nun, den böſen Zungen zum Trotz⸗ von Philipp durchaus die Haube wollte aufſetzen laſſen, hatte der Nathsherr beſchloſſen, lieber das Aeußerſte zu thun, als den vortheilhaften Eidam einzubüßen. Er hatte daher Philipp unterrichtet, wie er ſich benehmen ſolle, hatte es über ſich genommen, Marie aus der Stadt zu ſchaffen, daß ihr das Wiederkommen verleidet würde, und hatte bei dieſer Gelegenheit für zweckdienlich erachtet⸗ die Hochzeit auf den zweiten Tag anzuſetzen. Philipp und Varbara wünſchten nichts ſehnlicher, und Thurneiſen⸗ einen Vorwand vom Zaune brechend, ſich beim Syndicus noch am ſelben Abend einzuführen, hatte bei dem Nachtiſch des feierlichen Mahls den Conſuln, wie den angeſehenſten 133 Rathsgliedern der Stadt die Anzeige des Hochzeitsfeſtes ge⸗ macht, und ſie ſammt und ſonders dazu eingeladen.— So weit waren bereits die Sachen gediehen: allein nun guälte ihn die Sorge, Marie auf's Geſchwindeſte los zu werden. Hätte er das argloſe Geſchöpf, das Hinterliſt kaum dem Namen nach kannte, ſehen— hätte er ihren reinen, unſchul⸗ digen Sinn begreifen können, er hätte zu der allergemeinſten Lüge ſeine Zuflucht nehmen und überzeugt ſeyn dürfen, daß die Aermſte gewiß der gröbſten Schlinge nicht entgehen würde.— Allein er hielt ſie für eine der ausgelernten pfiffi⸗ gen Töchtern der Luſt, die, ſelbſt in allen Ränken erfahren, ſich ſchwer und ſelten bethören laſſen.— Gewalt! hieß alſo ſeine Loſung, ihm ohnedies von jeher die angenehmſte. Die mancherlei Rückſichten, die er zu beobachten hatte, hinderten ihn jedoch, mit offenem Helm aufzutreten, und ſo entſtand endlich, nach langem Hin⸗ und Herſinnen, ein Plan, um den ihn,— ſo einfach er war,— bei vollkommener Kennt⸗ niß der zarten, tugendhaften Seele der Verführten, mancher Teufel beneidet haben würde. Achtes Rapitel. Zum Dulden ward das Weib erſchaffen, Sein Erbtheil ſollt' Ergebung ſeyn. Roos. Die Folterkammer war zum peinlichen Verhör bereitet, dem Morgenlicht alle Eingänge durch feſte eichene Laden ge⸗ wehrt. Ein ſchwarz behangener Tiſch mit brennenden Lich⸗ tern, einem Crucifix, Schreibzeug und Papier verſehen; am obern Theile des Gemachs, nebſt einigen Lehnſeſſeln für den Richter, die Beiſitzer und den Schreiber, eine Gallerie von abſcheulichen Marterwerkzeugen längs der ſchmutzigen Mauer, und ein Armenſünderbänkchen für den Beklagten, machten die ganze Einrichtung des Qualbehälters aus. Thurneiſen, als ernannter Inquirent in ſeiner eigenen Sache, wandelte ungeduldig darin umher, während der Schreiber ſein Schreib⸗ rohr ſpitzte, und dem Gähnen wehrte, das dem des frühen Aufſtehens ungewohnten Federſtutzer ſtark zuſetzte. Mit der größten Mühe konnte es der Rathsherr über ſich gewinnen⸗ die Ankunft der drei jungen Rathsherren abzuwarten, die erſt heute in aller Frühe von dem Bürgermeiſter zu Bei⸗ ſitzern des Verhörs ernannt worden waren, ohne den Thurn⸗ eiſen darüber zu conſultiren. Endlich kamen die Dreie, und 135 nach den ſehr kurz abgemachten Begrüßungen der ungebete⸗ nen Gäſte, zog der Rathsherr die Schelle, und befahl, die Hexenlene herbeizuführen. Es dauerte auch nicht lange, ſo erſchien ſie, mit ihrer gewöhnlichen Ruhe und Zuverſicht. Thurneiſen ſtarrte ſie ſchadenfroh und forſchend an; dann fragte er barſch, ob ſie wiſſe, warum ſie hier ſey?— Lene verneinte ruhig. Thurneiſen warf ihr nun in abgeriſſenen Brocken die Anklage hin.— Lene verneinte abermals, und läugnete, die geringſte Kenntniß von Archimbalds Aufenthalt zu beſitzen, vielweniger etwas für ihn gethan zu haben. Thurneiſen drang in ſie, verſprach, drohte, bot alle Mittel der Beredtſamkeit auf, ſie zu einem Geſtändniſſe zu bringen. Umſonſt; Lene antwortete kurz und derb, und wich jeder verfänglichen Rede geſchickt und behend aus.— Wie ein Aal mit glatten Ringen durch das Netz ſchlüpft, das nur die geringſte Lücke hat, ſo ſchlüpfte Mutter Lene mit ihren glatten Worten jedesmal durch die Fangnetze, die des Raths⸗ herrn Bosheit ihr ſpannte, und brachte ihn durch ihre ge⸗ ſchickte Selbſtvertheidigung endlich in Harniſch. „Alle Teufel,“ rief er, ſeine richterliche Würde vergeſſend; „graue Gauklerin, Du willſt mich äffen? gleich geſtehe, oder ich laſſe Dich auf der Folter recken und ſtrecken, bis Du mir bekennſt, was ich von Dir wiſſen will.“— Die Beiſitzer winkten ſich unter einander bedeutend zu. Lene lächelte aber, und verſetzte:„Glaubt Ihr, Herr Thurn⸗ eiſen, daß ich Eure Martern fürchte? o nein; und ein lügen⸗ haft Bekenntniß werdet Ihr nie von mir erpreſſen.“ „Dieſen Hohn?“ ſchrie Thurneiſen..„mir? Du ſollſt es büßen?“ Er rieß an der Schelle. Die Thüre öffnete ſich; * 1 die Henker und der Spitalarzt traten herein. Einer der Beiſitzer aber entfernte ſich plötzlich in dieſem Augenblicke. „Du ſiehſt, daß ich meine Drohungen verwirklichen kann, armſelige Creatur,“ fuhr der Rathsherr fort,„wenn Du nicht auf der Stelle meine Fragen durch ein auſrichtiges, ungeſchraubtes Bekenntniß beantworteſt.“ Lene maß mit den Augen die Diener der Gerechtigkeit, die gleich Fanghunden, blos auf den Wink warteten, um über ihr Opfer herzufallen, und die Werkzeuge, mit denen ſie bedenkliche Vorrichtungen anſtellten. „Willſt Du antworten?“ brüllte ihr Thurneiſen zu.— „Ich habe nichts zu antworten,“ erwiederte Mutter Lene mit feſtem Blick. „Nun denn,“ raſete der erboste Rathsherr,„ſo werft ſie auf die Folter, und ſchraubt jedes Glied auseinander, daß der ungeheure Schmerz ihr das Geſtändniß ihrer Freveltha⸗ ten wider Willen entlocke!“ Die Knechte fielen über das arme alte Weiblein her, ſie mit Stricken zu binden, und im Nu war ſie feſtgeſchnürt. Da rief ſie plötzlich:„Laßt ab, laßt ab, ihr elenden Wichte! ich will bekennen.“ Die Feſſeln wurden gelöſet. Frohlockend befahl ihr der Rathsherr, vor den Tiſch zu treten, und ihr Geſtändniß ab⸗ zulegen. Mit ſeltſam verzogenen Mienen gehorchte die Alte⸗ ſchneuzte und räuſperte ſich, und begann mit lauter Stimme: „Meine lieben Herren! was Ihr von mir verlangt, vermag ich wahrlich nicht zu beantworten. Quält mich deßhalb nicht länger, und nehmt mit meinem guten Willen vorlieb, wenn ich Euch Dinge entdecke, die des Wiſſens wohl auch werth ſind. Da iſtez. B. erſtens eine Geſchichte von einem Herrn 137 zu Ulm, der ein Töchterlein hatte— ein recht feines Töch⸗ terlein,. das Töchterlein lebte lieber auf dem Lande als in der Stadt, und mochte wohl ſeine Urſachen dazu ha⸗ ben ſintemalen zwei Nachbarn unfern wohnten, die ſie beide gern ſahen, und von ihr beide gern wieder geſehen wurden„—“ „Schweigt mit dem Geſchwätz,“ fuhr Thurneiſen auf, und wurde mit Eins bleich wie ſeine Krauſe.„Du biſt ver⸗ rückt, Alte, oder des Teufels.“ „Des Teufels, edler Herr!“ höhnte ihm Lene mit unver⸗ ſchämtem Tone nachz„des Teufels, aber nicht verrückt, denn 's kömmt noch beſſer. „Ihr habt das tolle Zeug doch nicht niedergeſchrieben?“ ſchnaubte Thurneiſen den Schreiber an, und zerriß den An⸗ fang des Protokolls, den ihm dieſer zeigte.„Genug. Führt ſie fort.“ „Bin ich frei,“ verſetzte die Alte,„ſo mags drum ſeyn. Soll ich aber nicht frei werden, ſo muß ich mein Bekenntniß ablegen vor dieſen Herren, und ſie ſollen entſcheiden, ob ich ſtrafbar bin. Denn heute Mittag muß ich nothwendig nach Günzburg.“ „Nach dem Blocksberg, aber nicht nach Günzburg,“ rief der Rathsherr;„Satan von einem Weibe, die von allem Fährte und Witterung hat. In's Gefängniß mit ihr!“ „Und wenn Ihr mich todtſchlagen laßt, ich weiche nicht, bis ich geſtanden habe, was ich geſtehen will,“ kreiſchte die Alte. „Du ſollſt nicht geſtehen!“ donnerte der Rathsherr, blaß und roth werdend. 138 „Warum habt Ihr mich denn auf die Folter werfen laſ⸗ ſen 2“ höhnte ihn die Alte zähnfletſchend aus.„Warum bin ich überhaupt verhaftet?“ „Ein ſeltſamer Auftritt!“ ſprach der eine Beiſitzer be⸗ denklich. „Erklärt uns, Herr Thurneiſen, warum dieſes Weib eigentlich hier iſt,“ ſiel der andere kopfſchüttelnd ein. „Das Weib iſt verrückt,“ rief Thurneiſen im höchſten Grade verlegen. „Das iſt das Weib nicht,“ widerſprach der Arzt, den Puls der Beklagten fühlend. „Ihr werdet ſehen, wie zuſammenhängend ich erzähle,⸗ verſetzte Lene,„wenn Ihr erlauben wollt, daß ich die Hiſtdrie „Der Tod verſiegle Deinen Schandrachen!“ tobte Thurn⸗ eiſen und drohte ihr mit der geballten Fauſt. Die Verwir⸗ rung war allgemeinz da trat der Rathsherr, der ſich entfernt hatte, herein, und verkündete die Ankunft des Bürgermeiſters. Thurneiſen ſtand betroffen. Se. Weisheit folgten dem Mel⸗ denden auf dem Fuße. „Ich komme,“ hob er an,„um mit Eurer Erlaubniß, Herrn Thurneiſen, dem Verhör dieſer Frau hier beizuwoh⸗ nen, bitte aber, die Folterknechte abtreten zu laſſen. Ihr ſeht wohl, daß die Körperbeſchaffenheit der Frau Streicherin nicht zur wirklichen Folter qualifizirt, und um ſich vor dem bloßen Drohen zu ſchrecken, iſt das Weib zu klug. Wie weit ſeyd Ihr mit dem Verhör?“ „Ich ich ſtotterte Thurneiſen, der gern um alles in der Velt jetzt die Alte los geweſen wäre.„Ich.. aun 139 „Das Weib läugnet hartnäckig,“ ergänzte der Schreiber. „Und da keine weiteren Inzichten vorhanden,„ ſetzte der eine Abgeordnete hinzu. „So iſt nichts auf ſie zu bringen?“ fiel der Bürger⸗ meiſter ein. „Nichts!“ erwiederten die Beiſitzer und der Schreiber. „Ei nun,“ ſprach der Regierende gemüthlich,„ſo laſſe man das Weiblein frei!“ „Das wollte ich doch nicht rathen,“ ſtammelte, vor Aerger zitternd, der Rathsherr;„denn 4 „Ach mein Gott!“ fiel Lene ein,„warum will denn der geſtrenge Herr Thurneiſen mir allein ſo aufſätzig ſeyn, wäh⸗ rend er doch weiß, daß ich bereit bin, Alles zu entdecken, was zu meiner Kenntniß gekommen iſt.. „Sadrach!“ knirſchte der Rathsher zwiſchen den Zähnen, und durchbohrte faſt das redſelige Weib mit ſeinen Blicken. „Und wenn er befiehlt,“ fuhr ſie, mit Fleiß ſehr laut wer⸗ dend, fort,„ſo will ich gern in Gegenwart des geſtrengen Herrn regierenden Bürgermeiſters. „Daß Dich Der und Jener mit Deinem Geplauder!“ fuhr Thurneiſen, von innerer Angſt getrieben, heraus. Wenn der Herr Bürgermeiſter meint, ſo laufe hin. Deinem Galgen entläufſt Du doch nicht.“ „Kein Menſch, der Böſes thut, entläuft dem Seinen,“ verſetzte die Alte mit ſpottendem Lachen und ſtechendem Blick. „Das Weib iſt ſpaß haft,“ rief der Bürgermeiſter lachend und hielt ſich den Bauch. Obſchon mich geſtern bei meiner ſchweren Kopfarbeit eine ziemliche Unpäßlichkeit anwandelte⸗ ſo habe ich mich doch heute in der Ausübung meiner Pflich⸗ ten merklich erholt, und möchte wohl ein Stündchen lang die * S n ikeen———————— 140 Poſſen dieſer Streicherin, vulgo Hexenlene, mit anhören, be⸗ ſonders da ſie geäußert hat, in meiner Gegenwart eine Hi⸗ ſtorie vortragen zu wollen... die vielleicht...“ Dem Rathsherrn ſtanden unzählige Schweißtropfen auf der Stirne. Mutter Lene fühlte beinahe Mitleid mit ihm. Sie küßte daher dem Herrn Bürgermeiſter den Saum des Mantels, dankte ihm für die Gnade, die er ihr hatte ange⸗ deihen laſſen, und bat ihn, ihr zu erlauben, ſo bald als möglich ſich zu entfernen, indem ſie noch eine kleine Reiſe vorhabe, für den heutigen Tag. Der Conſul nickte wohlwollend.„So gehe denn hin,“ ſprach er mit Salbung,„altes armes Weiblein. Wir ſetzen Dich in Freiheit, und in den Beſitz Deiner Habſeligkeiten wieder ein. Wandle auf der breiten Heerſtraße der Recht⸗ ſchaffenheit fort, damit kein Verdacht Dich wieder an dieſe Stätte bringe.“ Nach dieſer Standrede wiſchte er ſich den Schweiß von der Stirne, winkte den Uebrigen, etwas abſeits zu treten, und ſprach dann ſehr gnädig und leiſe zu der aufmerkſam horchenden Alten:„Zum Verdruß jenes ausgetrockneten Me⸗ dici beſinden wir uns, Dank ſey dem Höchſten, wieder mun⸗ ter und ſtark, und unſer Magen gleicht wieder dem hungri⸗ gen Löwen in der Wüſte.“ Er reichte Lenen die Hand zum Kuſſe.„Was unſere Verbindlichkeit gegen Dich betrifft,“ fuhr er fort, und neſtelte lange an dem ſtraffen Geldbeutel, der ihm an der Seite hingz es reute ihn aber, er ließ nach⸗ läßig die Hand ſinken,—„ſo bleiben wir Dein wohlwollen⸗ der Schuldner.“— Er entließ ſie mit einer gnädigen Be⸗ wegung des Kopfes. Lene ſetzte ſich gleich wieder in Beſitz ihres Schlüſſels, eilte nach Hauſe, fütterte ihren Schwarzmann⸗ packte Salben und Latwergen zuſammen, und ging, ſo ſchnell es ihr Alter erlaubte, die Straße hinaus, die gen Günzburg führte.— Thurneiſen aber fuhr wie ein Gewit⸗ ter nach Hauſe und hielt mit ſeiner Tochter einen gehei⸗ men, aber verdrießlichen Zweiſprach, denn Bärbchen hatte verweinte Augen den ganzen Tag. Eine üble Vorbedeutung für den Ehrentag, der auf Morgen feſtgefetzt war. In des Rathsherrn Wohnung, wo die Hochzeit begangen werden ſollte, ging alles drunter und drüber. Es wurde geputzt, geſcheuert, gekocht, geſotten und gebraten, geſtickt und ge⸗ näht, und auch für den Bräutigam waren alle Handwerker der Stadt in Arbeit. Das Gerücht von der großen Ver⸗ mählung ging auch geſchäftig durch alle Gaſſen. Nur zur Elen⸗ denherberge drang es nicht, und hatte die Wirthin derſelben wohl auch hin und wieder etwas davon vernommen, ſo war ihr die Begebenheit doch nicht wichtig genug, um gegen ihre armen Gäſte ein Wort darüber zu verlieren. Die gute Marie lebte alſo in ihrer glücklichen Täuſchung fort, und erwartete ſehnlich den Abend, den ihr Philipp durch ſeinen Beſuch zu verſchönern verſprochen hatte. Sie verließ ihr Lager, that ſich Gewalt an, auf den verwundeten Füßen zu ſtehen, und es ging; denn es galt ja, den Geliebten zu empfangen. Sie ordnete ihre Kopfbedeckung zierlicher, verbarg, ſo gut es angehen wollte, die Riſſe, Flicken und ſchadhaften Theile ihres grauen Reiſekleidchens, ſteckte einen Strauß von Mayblumen an die volle, unter einem blendend weißen Hemdchen wallende Bruſt, und nachdem ſie durch ihr kleines Dienſtmägdlein die Kammer mit Stachelbeerzwei⸗ gen und blühenden Schlehenranken hatte ſchmücken laſſen, harrte ſie in ſüßer Zufriedenheit des Geliebten. Wie pochte * ihr Herz, als ſie endlich in der Dämmerung den wohlbekann⸗ ten Schritt auf der kleinen Treppe vernahm! Wie jauchzte ſie auf, als er, der Erſehnte, der Heißverlangte, in ihre dürftige Behauſung trat. Sie flog an ſeinen Hals, um⸗ ſchlang ihn mit Schwanenarmen, und grüßte ihn mit Worten der Liebe. Philipp machte ſich nach einem kurzen: guten Abend! von ihr los, warf den düſtern Blick in der Stube umher, und fragte:„Was ſoll der grüne Staat? der Blü⸗ thenkram an Wand und Decke?“ „Ach verzeih,“ bat Marie mit kindlichem Tone,„s iſt eine Spielerei, die Dich erheitern ſollte, dachte ich. Vergieb der Eitelkeit deines Weibchens, die ſo gerne den Geliebten in einem geſchmückten Gemach empfangen wollte. Ich ſtellte mir dabei die mit Blumen und Myrthen geputzte Braut⸗ kammer vor.“ „Die Brautkammer!“ fuhr Philipp auf; gewann aber bald wieder ſo viel Verſtellung, um hinzuzuſetzen, indem er ſich zu lächeln bemühte:„Ein ſonderbares Geſchlecht! Kaum der bitterſten Noth auf Augenblicke entronnen, überläßt es ſich unbekümmert und leichtſinnig den Spielen der kindiſchen Laune!“ „Lieber Philipp!“ verſetzte Marie, traurig werdend, und ſeine Hand ergreifend.„Es iſt ja ſchon unſer Loos, mehr in unſern Träumen zu leben, als in der Wirklichkeit. Ver⸗ gieb, ich wollte Dich nicht beleidigen. Befiehlſt Du's, nehme ich gleich meiner armen Kammer den Schmuck ab.“ „Du wirſt mich verbinden,“ erwiederte Philipp kurz, und Marie eilte, obſchon ſich ihr Thränen in's Auge preßten, die Mauern ihres Putzes zu entledigen, ſtand, die Zweige 143 in der Hand, ſchmerzlich lächelnd vor dem Geliebten, und fragte gutmüthig:„Iſt es ſo recht, mein lieber Mann 2* „Hm, ja!“ brummte Philipp, und ließ ſich nieder am Tiſche.„Wirf das Zeug zum Fenſter hinaus!“ „Du willſt es,“ ſprach Marie und zerdrückte wieder eine Thräne..„ich gehorche!“ Sie ſchlich, traurig den Kopf bängend, zum Fenſter und zog es auf. Sie ſtarrte eine kurze Weile hinaus.„Nein, Philipp!“ begann ſie,..„nein! ſchelte mich, oder lache mich aus, wenn Du willſt, aber ich vermag es nicht, Dir zu gehorchen. Die Dunkelheit des Hofs kömmt mir vor, wie ein Grab, in das ich jetzt die Hoffnung mit eigner Hand ſchleudern ſoll. Vergib, Philipp⸗ der Grille des reizbaren Weibes; halte der Mutterwerdenden die Weigerung zu gute.“ Spöttiſch lächelte aber Wernher, ſtand auf, und nahm ihr die Zweige ab.„Du biſt kindiſch!“ ſprach er, und warf die Blüthen hinab.„Willſt Du nicht ſelbſt die Hoffnung über Bord werfen, muß ich's wohl an Deiner Statt thun.“ Marien erſchütterte tiefe Wehmuth, als ſie ihre zarte Empfindung roh verletzt fühlte. Sie ſchwieg aber wie ein Lamm, ſetzte ſich ſtille, ſchlug die Augen nieder, und zer⸗ zupfte in ahnender Traurigkeit den Strauß an ihrer Bruſt. Philipp war ein Paar Mal durch das Gemach geſchritten. Endlich ergriff er Mariens Hand.„Nicht böſe, liebe Marie,“ redete er die Gekränkte mit ſchlauer Freundlichkeit an;„nicht böſe. S war ja nur ein Scherz.. nicht bös gemeint.“ Das Mädchen hob ſchnell das leuchtende Auge, und entgegnete mild und freundlich: ich zürne Dir nicht, mein Lieber; ſey Du nur gut mit mir. Ich liebe Dich ja ſo herz⸗ lich, und möchte gleich weinen wie ein Kind, wenn ich etwas * nicht recht gemacht und, ſtatt Dich zu erheitern, Dich ver⸗ düſtert habe.“ „Ei was; kleine Thörin,“ ſprach Philipp ſcherzend,. „vergeben, vergeſſen!“ „Alles! alles!“ rief Marie an ſeinem Halſe, und fühlte ſeinen Kuß.„Nun aber, mein Herzchen,“ fuhr Philipp fort, „nun laß uns fröhlich ſeyn. Man braucht dazu aber keine Chriſtbäume an den Wänden. Das rothe Blut der Trauben thut beſſere Dienſte.“ Bei dieſen Worten zog er aus einer Taſche des faltigen Rocks eine mit ſilberner Schraube verſtopfte weiße Flaſche, von dem Rubinglanz eines ſpaniſchen Edelweins, wie von rothem, flüſſigem Cryſtall gefüllt. Ein kleiner ſilberner Becher und ein Pack kleiner Nürnberger Honigkuchen folgte dem Sorgenbrecher.— Marie ſah ſtilllächelnd dem auftra⸗ genden Geliebten zu.„Das mahnt mich an die erſte Zeit unſrer Bekanntſchaft in Antwerpen,“ ſprach ſie;„weißt Du noch? Bei der alten Muhme im Garten fanden wir uns alle Feiertage zuſammen, und nie kamſt Du mit leeren Ta⸗ ſchen; denn die Muhme war dem ſpaniſchen Weine und dem Frontignan nicht abhold.— Mandeln oder Honigkuchen, wie heute, waren beſtändig die Zugabe, die Du dem Fläſch⸗ lein beilegteſt. Wir beide hatten auch, wie heute, nur einen Becher, den kleinen, vergoldeten, den Du auf der Meſſe für mich gekauft. Er war in Augsburg verfertigt, und trug die einfache Inſchrift: Lieb und Treu!— Während die Muhme behaglich mit ihrem großen Deckelglaſe dem Weine zuſprach, nippten wir wie Bienen an dem kleinen Becher und buchſtabirten täglich auf's Neue die Inſchrift: Lieb und Treu!— Sie war eine gute Vorbedeutung. Wir 145 liebten uns, und ſind uns treu geblieben!— Nicht wahr, mein Wernher?“ Philipps Geſicht überlief es blutroth.„Komm!“ rief er; „laß uns trinken, zur Erinnerung vergangener Zeiten.“— Er ließ das rothe Gold in den Silberkelch fließen, und bot ihn, nachdem er den Trank kredenzt hatte, Marien dar. Sie trank; aber wohlthuender als die Tropfen des edeln Weines, die ihre Lippen balſamiſch befeuchteten, erquickte ſie das liebevolle, freundliche Weſen des Geliebten.—„Deine Geſundheit, Philipp!“ rief ſie mit dem Lächeln der herzlich⸗ ſten Freude, und reichte ihm den Becher.„Die Deinige,“ erwiederte er mit dem Anſtrich derſelben Empfindung... „die Deinige und unſers Kindes Geſundheit!“ Ein dank⸗ barer Kuß lohnte dem Vater ſeine zarte Theilnahme. Unter muntern Scherzen, fröhlichen Planen für die Zukunft, unter Verſicherungen ewiger Liebe und Treue, unter der Erneue⸗ rung alter Eide und Schwüre, verfloß die Stunde, die Phi⸗ lipp Marien ſchenken konnte. Er brach endlich auf, ſtürzte den Reſt des Weins hinunter, küßte Marien, die, über ſei⸗ nen Abſchied bekümmert, ſeine Hand hielt und ſprach:„Leb' wohl, mein Kind! Du ſiehſt, ich bin der Alte. Mein Herz hat ſich nicht verändert. Du darfſt mir kecklich vertrauen. Laß dieß Vertrauen nicht wankend werden. Sieh, ich habe hier der Feinde viele, weil mein gerades Weſen Vielen nicht behagt. Es könnte leicht geſchehen, daß während der kurzen Zeit, als wir noch getrennt ſeyn müſſen, Dir vielleicht das oder jenes Gerücht über mich zu Ohren kommen möchte. Laß es noch ſo auffallend ſeyn, ſo glaube es nicht. Der Neid erſinnt oft die ſeltſamſten Lügen. Glaube nichts, als was ich Dir ſage. Ich bin Dein erſter Freund, Dein einziger, II. 1. 6 10 * * m m—— 146 und liebe Dich. Dieſes Vertrauen ſey Deine Richtſchnur, wie mein Wort, das ich nie brechen werde.“ Mit dieſen Worten umarmte er noch einmal Marien, die in ſorgloſer Zuverſicht einem fürchterlichen Augenblick ent⸗ gegen ging, nahm Abſchied von ihr, verſprach, den kommen⸗ den Abend früher zu erſcheinen, und ging um nachzuſehen, ob ſein Hochzeitskleid ſchon vollendet ſey, und von dem Schneider zu ſeiner Braut zu eilen, bei der er den Abend im Kreiſe der arbeitenden Freundinnen vertändelte. Die Nacht verging ihm viel zu langſam, für die Unruhe, die ſich ſeiner bemeiſtert hatte, und er konnte kaum den Tag erwarten, der ſeine Wünſche krönen, und ſeine angſtvollen Zweifelsqualen mit Einem Male ſtillen ſollte. Endlich brach der Morgen an, und mit pochendem Herzen warf ſich Phi⸗ lipp in ſein prächtiges Ehrengewand. Simon that ſein Möglichſtes, um den Herrn feierlich herauszuputzen und ſei⸗ nen trüben Unmuth zu verſcheuchen, der ihm ein Räthſel war, da Philipp für gut befunden hatte, ihm Mariens An⸗ weſenheit, den eigentlichen Grund ſeines Kummers, gänzlich zu verheimlichen. Rauh und ſtörriſch, wie wohl ſelten ein Bräutigam an ſeinem Hochzeitstage, legte der Gebieter ſei⸗ nem Diener Stillſchweigen auf, und verfügte ſich, ſobald es Zeit und Sitte erlaubten, zu der Braut, um ſie nach der Kirche abzuholen. Er fand ſie, den Schwähervater und die Zeugen bereit und feſtlich geſchmückt. Thurneiſen, der ſchon an und für ſich die Trauung früher als vornehme Leute ſie gewöhnlich vorzunehmen pflegten, angeordnet hatte⸗ drängte, die Stunde nicht zu verſäumen, und der Hochzeits⸗ zug, klein, aber gewählt, ſetzte ſich in Bewegung nach dem Münſter. Stolz gieng Barbara, das Kränzlein im Haare⸗ 147 neben dem verlegnen Bräutigam, und ſah triumphirend um ſich her, unter die Menge Volks, die ſich am Eingang der Kirche drängte.„Wie fein ſteht Euch doch das Kränzlein!“ flüſterte ihr im Gedränge eine Stimme zu.„dachte ſchon, ihr hättet's verloren!“ Mit zornigem Blick drehte ſich die Verhöhnte gegen den Frevler; aber ſie erblaßte, als ſie in ſein Antlitz ſah, das ſich wieder ſchnell unter den Haufen verbarg.—„Was iſt Euch, holde Braut?“ fragte Philipp, dem die Verlegenheit der ſchönen Barbara nicht entging.„Nichts,“ ſtammelte die Erbleichende, und ſuchte ſich zu faſſen...„Eine kleine Anwandlung, in der Welt weiter nichts!“ Die Röthe kehrte auch bald auf ihre Wange wieder; allein die Verſtimmung wich nicht aus ihrer Seele, ſo lange die Ceremonie dauerte. Philipp theilte ſeinerſeits ihre Ver⸗ ſtörung; als ſie die Ringe wechſelten, glaubte er einen glü⸗ henden Reif an den Finger zu ſtecken; als ſie ſich die Hände gaben, ſenkte ſich Beiden ein Fels auf die Bruſt.— Scheu flogen Barbaras Blicke gegen die mit Menſchen gefüllte Em⸗ porkirche; ſcheu richtete Philipp ſein Auge gegen die Kirch⸗ thüre. Es war ihm, als müſſe Marie durch dieſelbe ein⸗ treten, und ihn durch ihren Angſtruf und ihr verzweifelndes Geſchrei vernichtet zu Boden werfen.— Unnütze Furcht. Die feierliche Handlung endete. Die Glocken riefen ſie laut über die ganze Stadt aus, und Marie ahnte nichts von allem. Von den leiſe aufſtrebenden Schauern der heranna⸗ henden Niederkunft bedrängt, hatte ſie troſtbedürftig nach dem Gebetbüchlein gegriffen, das, ein Geſchenk ihrer ver⸗ ewigten Mutter, auf der langen, beſchwerlichen Reiſe nie von ihrem Buſen gekommen war. Mit Frömmigkeit * 1⁴8 betete ſie daraus zu dem ewigen Vater, und ſchöpfte Stärke, Troſt und Hoffnung aus den todten, im Geiſte aber leben⸗ digen Buchſtaben.— Sie bedurfte dieſer Himmelsſtärkung nur zu bald. Die Glocken der Münſterkirche klangen ſchwär⸗ meriſch in ihr Gebet, und beflügelten ihre Worte und Bit⸗ ten. Leicht und wohl wurde ihr um's Herz, als ob eine große Laſt von ihr genommen wäre; und freundlichen Blicks begrüßte ſie die Wirthin, die bald darauf zu ihr in's Ge⸗ mach trat. „Nanntet ihr nicht geſtern Abend,“ begann dieſe,„den Freund Euers verſtorbnen Mannes,„den, der Euch die Tage her beſuchte,.. nanntet Ihr ihn nicht Wernher?“ „Ja,“ verſetzte Marie lächelnd. „Philipp Wernher, der Kaufherr?“ fragte die Wirthin haſtig weiter.„ Marie bejahte. „Nun, nun,“ fuhr die Wirthin lachelnd und munter fort. „Das laſſe ich mir gefallen. Der Mann iſt reich wie einer, und Ihr könnt Euch darauf verlaſſen, daß er Euch als eine alte Freundin aus der Noth reißen wird, freigebiger als jemals, denn wie mich die von der Kirche heimkommende Magd verſichert hat, ſo hält er heute Hochzeit, und an fol⸗ chen Ehrentagen iſt der Leidende unſerm Herzen am Nächſten.“ „Heute?“ fragte Marie lächelnd und ungläubig.„Gute Frau, Ihr ſeyd wohl unrecht berichtet. Mir hat er noch nichts davon vertraut.“ „Ei was!“ erwiederte die Wirthin.„Vornehme und reiche Lente haben ihre Larnen. Vielleicht fällt die Beſcherung für Euch nur um deſto vortheilhafter aus, wenn ihr Euch aufmacht, ſo gut herausputzt als möglich— Eure Schönheit — — 149 iſt ja Euer beſter Schmuck— und dem glücklichen Bräu⸗ tigam im Hochzeithauſe alles Heil und Segen zu wünſchen geht. „Damit hat es noch Zeit,“ verſetzte Marie wie oben. „Laßt ihn erſt verheirathet ſeyn.“ „Ei, zum Kukuk!“ rief die Wirthin, und ſtemmte die Arme in die Seite.„Glaubt Ihr denn, daß ich taub bin, und meine Magd blind? Sie hat ja die Trauung vor ein Paar Minuten ſelbſt mit angeſehen. Es war in der Mün⸗ ſterkirche. Noch ſummen uns ja die Trauglocken in's Ohr.“ „Es iſt eine andre Hochzeit geweſen,“ lächelte Marie mit aller Ueberzeugung.„Ihr irrt.“ „Nein, ſage ich!“ rief die Wirthin eifrig,„ich irre mich nie. Wißt Ihr das, Rechthaberin? Der Syndicus, der Kellerverwalter, der Seckelmeiſter und der Schwähervater ſelbſt, waren Zeugen. Der Bräutigam: Herr Philipp Wernher, der Kaufherr; die Braut: Jungfrau Barbara Thurneiſen, des Rathsherrn eheliche Tochter.“ Der Name der Braut ſchüttelte Mariens Nerven gewal⸗ tig zuſammen. Es war derſelbe, den ihr bereits die Kränu⸗ terſammlerin genannt hatte. Die kühne Behauptung der Wirthin, eine ſchwarze Ahnung, die das Gebäude ihres Vertrauens umzuſtürzen begann„ die warnende Stimme eines Engels, dem ſie bisher das Ohr verſchloſſen Alles raunte in einem einzigen, fürchterlichen Augenblicke ihr zu: Unglückliche! Du biſt betrogen! „So eben,“ fuhr die Wirthin geſchwätzig fort, ohne Ma⸗ riens plötzliche Veränderung zu bemerken,„ſo eben ziehen ſie über den Markt nach des Rathsherrn Hauſe, unter Muſik⸗ ſchall und lautem Jubel!“ 0 „Ich muß hin!“ fuhr Marie auf in tödtlicher Verwirrung; „hin! muß ſie ſehen... mich überzeugen, ob es wahr iſt, das Gräßliche!“ Sie wollte hinaus; die Wirthin, die ihre Bewegung nicht begriff, war bemüht, ſie aufzuhalten, als mit der Erſcheinung eines Dritten ſich ihr Schickſal in dieſer Stadt, mit raſchen Schritten ſeinem Ende näherte. Geismann war es, der Stadtwächter, den Thurneiſen, ſeiner Verſchwiegenheit die kitzliche Ausführung ſeines Ge⸗ waltſtreiches vertrauend, zum Werkzeug erwählt hatte, Ma⸗ riens Entfernung zu beſchleunigen. Er hatte den ganzen Morgen, der Herberge gegenüber, auf der Lauer gelegen, und abgepaßt, ob nicht vielleicht Marie von der Trauung Philipps Wind bekommen und den Entſchluß gefaßt hätte, dieſelbe durch einen Einſpruch zu hindern. Da dieſes nicht geſchah, ſo wartete er, ſeinen Befehlen gemäß, das Ende der feierlichen Handlung ab, und ſchritt, nachdem die Glocken derſelben verklungen, in die Herberge, um ſeinen Auftrag vollends zu erfüllen. „Haltet das Weib!“ rief dem Eintretenden die Wirthin entgegen.„Die Arme iſt plötzlich verrückt geworden, und tönnte ſich, wie ihrer Leibesfrucht, Schaden thun?“ Geismann that, wie ſie ihn hieß, und hielt Marien ſo feſt, daß ſie ſich nicht regen konnte, wohl aber mit Mitleid erregender Stimme bat und flehte, man möchte ſie doch laſ⸗ ſen ſie möchte fort es gelte ihr Leben! „Jaz fort ſollt Ihr auch,“ entgegnete Geismann kalt;„je eher, je lieber. Deßwegen bin ich hier. Der Magiſtrat, von Euerm zuchtloſen Wandel, wie von Eurer Landſtreicherei unterrichtet, läßt Euch über die Grenze weiſen. Ich werde Euch begleiten. Packt Eure Siebenſachen zuſammen, und tommt. Ich bringe Euch über die Don au, wie mir's befoh⸗ len, und weh' Cuch, wenn Ihr's wagt, mit einem Fuße die Stadt Ulm wieder zu betre ten.“ Marie ſtand erſtarrt.—„Was hör'ich?“ ſchrie ſie endlich... „Philipp! Philipp! haſt du mich ganz verlaſſen?“— und glühende Threnen floſſen über ihre Wangen? „Sieh doch,“ ſchimpfte die Wirthin, durch Geismanns Auftrag ſtutzig gemacht..„ſieh doch! kann man ſich nicht täuſchen in der Welt! ſieh doch! hätte ich die Landläuferin beinahe für einen Engel gehalten, trotz ihren Umſtänden und ihren verſchnittenen Haaren! Die kann einmal lügen. Fort aus meinem Hauſe!“ „Erbarmen,“ ſchrie Marie,—„Barmherzigkeit! Mann ſeyd menſchlich! ich beſchwöre Euch! führt mich zum Kauf⸗ herrn Wernher; Philipp Wernher! er wird mich nicht dem ſchmachvollen Urtheil zum Raube laſſen, er wird ſich für mich verbürgen!“ „Das wird er wohl bleiben laſſen,“ lachte Geismann, „und wir kämen ihm heute mit der Forderung verdammt un⸗ gelegen. Er hält Hochzeit. Die Trauung iſt vorbei. In einer Stunde geht's zum fröhlichen Mahle, und da iſt Eure Gegenwart überflüſſig.“. „Alſo wahr! wahr!“ wimmerte Marie in dumpfen Tönen. „Das Entſetzliche wahr? O, mein Gott! verlaß mich nicht!“ — Ihre Sinne drohten zu ſchwinden; die Wirthin rüttelte ſie aber unſanft am Arme. „He,“ rief ſie,„he! treibt keine Mummerei! Sie nützt Euch nichts mehr; packt auf, trollt Euch⸗ und dankt es Eurem * 152 hochſchwangern Leibe, daß ich Euch nicht meine mißbrauchte Güte mit der Peitſche vom Rücken abſtreifen laſſe. Hat mir mein gutes Herz wieder einen garſtigen Streich geſpielt! Mein Mann, der dumme Teufel, hatte Recht. Auf die Streue hätte die ſaubere Strolchin gehört, nicht in meiner Tochter Bett! Drum fort! fort! ehe mir die Galle überläuft.“ „O Wernher! Wernher!“ ſeufzte das erſchöpfte Mädchen, das man nach der Thüre drängte. „Schimpfirt den Namen nicht in Euerm Munde!“ belferte die Alte.„Es wird ihm leid thun, daß er Euch kennt, dem Kaufherrn nämlich.— Wenn man das Weib ſo reden hört, könnte man auf abſonderliche Gedanken kommen!“ „Wird's bald?“ rief Geismann dazwiſchen.„Ich warte nicht länger, und alles Betteln und Bitten iſt umſonſt. Fort müßt Ihr; ſo will's der geſtrenge Rath.“ „Alles iſt umſonſt?“ fragte Marie in verzweiflungsvoller, Faſſung, und die Thränen trockneten in ihrem Auge.„Wohlan! ich folge Euch allein.. ein heftiger Schauder durchflog Ihre Glieder„ich weiß nicht, ob ich es werde können.. meine Füße verſagen den Dienſt.“ „Pah! pah!“ lachte der rohe Stadtwächter:„wird ſo arg nicht ſeyn. Nehmt Euch zuſammen; ſeyd Ihr über der Brücke drüben und jenſeits unſers Weichbilds, könnt Ihr ausru⸗ hen, ſo viel Ihr wollt.“ „Ich fürchte...“ ſeufzte Marie, mit Anſtrengung und zuſammenbrechenden Kn ieen ihr Bündel ergreifend„„ich fürchte. eine ſchnelle Entbindung „Um Gottes Willen!“ ſchrie die Wirthin.„Das wär' mir eine Hiſtorie! Fort aus meinem Hauſe, ſonſt kömmt der 15⁵ Baſtard hier auf die Welt, und Mutter ſammt dem Ban⸗ tert bleibt mir Wochen lang auf dem Halſe. Mann Gottes! greift zu! ſchafft die Metze mir fort, ehe hier der Teufel ſeine Jungen heckt.“ „Gott vergebe Euch dieſe Worte!“ ſchluchzte Marie, der ein neuer Thränenſtrom die Wange überſchwemmte.„Ich danke Euch für die Theilnahme, die Ihr an mir bewieſen, und ſegne Euch für Eure Härte. Ich,„ ich vertraue dem Höchſten, das Schwerſte habe ich überſtanden.. Er wird mir weiter helfen!“ Mit männlicher Faſſung bezwang ſich das zarte Geſchöpf, ſeinen heiligen Schmerz vor unwürdigen Augen nicht zu entweihen, und ſchleppte ſich mühſam dem Diener der Gewalt nach. Wie es aber im Innerſten der Mißhandelten ausſah, tönnen nur im Schmerz Erfahrne im vollen Umfange beur⸗ theilen. Geismann legte im Namen Thurneiſens, der zugleich Armenpfleger war, und der Herbergsmutter viel Nutzen⸗ aber auch vielen Schaden verurſachen konnte, Stillſchweigen öber die ganze Geſchichte auf, und führte ſein Schlachtopfer auf abgelegnen, öden Gaſſen, dem Donauthore zu, damit nicht etwa ein ächter Trabant der Gerechtigkeit dem fal⸗ ſchen Stellvertreter auf die Schliche kommen, und dadurch die ganze wohlzugeſpitzte Bosheit zur verdrüßlichen Sprache bringen möchte. Thurneiſen hatte den Eidam, gleich nach der Vermäh⸗ lung, vermocht, während daheim das Mahl gerüſtet und die Braut in andern Staat gekleidet wurde, mit ihm einen * 154 Spaziergang auf der Stadtmauer zu machen, um durch die Lucken und Schießſcharten derſelben ſich der erquickenden Ausſicht auf die in der Maiſonne herrlich prangenden Flu⸗ ren, und den majeſtätiſch wogenden Strom zu freuen. Ste ſtanden neben einander auf einem Vorſprung, der die Brücke über die Donau völlig frei den Beſchauern darſtellte; Thurneiſen lauernd, mit argen Erwartungen im Herzen; Philipp, bemüht, ſich zu zerſtreuen. Plötzlich zupfte ihn der Rathsherr am Ermel!—„Seht,“ ſprach er,„ſeht, dort.. bereits am Ende der Brücke. das Weib, mit dem Bündel unter dem Arme? Wer iſt das?“— Phi⸗ lipp erbebte und ſtaunte ſprachlos hin.—„Das iſt Eure Ma⸗ r'e, oder ich verſtehe mich nicht auf Eure Züge,“ fuhr Thurn⸗ eiſen fort.—„Seht Ihr den Geismann neben ihr? Der führt ſie über die Grenze auf meinen Befehl. Seht; ſchon ſind ſie jenſeits.— Nun? redet doch! hab' ich zu viel verſpro⸗ chen? hab' ich nicht Wort gehalten? Ihr ſeyd ſie los! und nun kommt, denn ich wollte Euch nur eigentlich das in Ler ſchönen Ausſicht zeigen.“ Er zerrte Philipp mit ſich fort, der, wie ein Träumender, neben ihm herging. Geismann brachte während dem die arme Marie, die ſich kümmerlich ihm nachſchleppte, über das Weichbild der Stadt.—„Jetzt geht mit Cott,“ ſprach er:„dorthin zu liegt Günzburg. Von Seiten des geſtrengen Herrn Armenpfle⸗ gers und Rathsherrn Thurneiſen thue ich Euch kund, daß Euch der Staupenſchlag erwartet, wenn Ihr's nur wagt, nach Ulm zurückzukehren. Und von Seiten des Herrn Phi⸗ lipp Wernher, der Euch ſelbſt der Obrigkeit angezeigt⸗ ſoll ich Euch ſagen, daß er für Euch nichts mehr zu thun ge⸗ denkt, daß er zwar mit Eurem Mann gut Freund geweſen⸗ ſich aber in nichts mehr um die bettlerhafte Wittwe deſſelben bekümmern werde. Er ſey überdieß verheirathet, und Ihr wüßtet wohl, daß damit alles vorbei ſey! Lebt wohl, und beſſert Euch.“ „Ja wohl iſt alles damit vorbei!“ ſeufzte in unend⸗ lichem Schmerze, dem rückkehrenden Geismann nachſtarrend, die mitleidswerthe Marie.„Alles! ſeine Liebe... mein Glück.. mein Leben!“ Noch einmal wandte ſie den thränendüſtern Blick gegen die Stadt, die ſie nach unzähligen Leiden erreicht hatte, um auf ewig unglücklich zu werden, und ſchon erhoben ſich ihre Arme zur Drohung, ſchon öffnete ſich ihr Mund um eine ſchwere Verwünſchung auf das Haupt des Treuloſen, auf ſeine Ehe zu legen; allein ſelbſt im Uebermaße ihrer Pein vermochte ſie es nicht, dem zu fluchen, der ſie ohne Barm⸗ herzigkeit würgen konnte, und ihr Scheideruf war Segen über den Unmenſchen, Segen über ſein Haus. Dann ſetzte ſie, ihr Kreuz geduldig auf ſich nehmend, den Weg fort, vor ſich hin, gen Günzburg, den ihr Geismann gewieſen. Die Erhebung ihres Geiſtes, die Thränen, die ſie weinen konnte, ſtärkten ihre körperlichen Kräfte; allein nur kurze Zeit dauerte dieſe künſtliche Spannung der Nerven. Kaum hatte ſie unter vieler Anſtrengung die Hälfte des Wegs zurückgelegt, ſo be⸗ drängten ſie, in kurzen Zwiſchenräumen auf einander fol⸗ gend, die Schauer auf's Neue, die ihr in ſchmerzlicher Beängſtigung die Annäherung ihrer Entbindung verkündet hat⸗ ten. Sie ruhte, verſuchte dann weiter zu gehen, umſonſt! die Schmerzen kehrten mit verdoppelter Pein zurück, und die ſchwere Stunde trat ein. Auf der weiten Ebene war kein Menſch zu ſehen, die Stimme der Leidenden konnte nicht nach * Hülfe rufen. ſie ergab ſich alſo fromm in ihr bitteres Geſchick, kroch unter den Schatten eines am Wege ſtehenden Baumes, und erwartete dort, von gewaltigen Leiden gefol⸗ tert, die Geburt ihres Kindes, und ihren ſehnlich gewünſch⸗ ten Tod. &— Ueuntes Eapitel. Dunkle Hallen des Schweigens! Sſeeee Der Sitz des Friedens? S. Archimbald war indeſſen ſchon ferne von zi Heimath. Der Doctor Dee ſchien mit dem Scharfſinne ſeiner Lands⸗ leute auch ihre derbe Körperbeſchaffenheit zu vereinigen; denn einen unermüdetern Reiter gab es nicht. Der ſchwere Gaul des Dieners hatte Mübe dem leichten Renner des Gebieters zu folgen, und der arme Archimbald mußte eine ſchmerzhafte Reiſeſchule durchmachen. Das ſchön gethürmte Augsburg⸗ mit den hellen, reinlichen Gaſſen und den vielen prächtig gemalten Häuſern, wurde gleichgültig und ſchnell durchritten⸗ als ob es das ſchlechteſte Dorf Dänemarks wäre, wo, wie bekannt, die Könige nicht beſſer wohnten, als der ſchlechteſte Nürnberger Bürger. Im Fluge näherten ſie ſich dem alter⸗ thümlichen München, und hier wurde ein Raſttag gemacht. Bis hieher hatte Dee kein Wort mit ſeinem neuen Lehrling geſprochen, und dieſer hatte mit dem Diener, der ein grober verdrüßlicher Menſch war, und noch obendrein ein ganz 157 unverſtändliches Deutſch radebrechte, ebenfalls eine ſchlechte Unterhaltung gehabt. Nun aber ließ der Doctor ihn vor ſich kommen.—„Höre Junge,“ ſprach er zu ihm;„ich habe mir auf unſerer Reiſe Deine Sache und Dein neues Verhält⸗ niß zu mir reiflich überlegt. Um jetzt ſchon in meinen wirk⸗ lichen Dienſt zu treten, biſt Du noch zu jung, den Stra⸗ patzen ungewohnt, zu ungelenk, und zu arm am Wiſſen. Ich habe daher, beſonders, da der Zeitpunkt, in dem Du mir nützen ſollſt, noch nicht vor der Thüre iſt, beſchloſſen, Dich auf einige Jahre bei einem Freunde in die Lehre zu geben. Je fleißiger Du biſt, deſto früher endet ſie. Mein Freund hat Muße genug, ſich ganz mit Deiner Bildung zu beſchäftigen, und er wird es mit Eifer thun, wenn er an Dir einen aufgeweckten Kopf verſpürt. Sollte mir während dieſer Zeit das letzte Stündlein ſchlagen, ſo iſt auf dieſen Fall dennoch für Dich geſorgt. Bleibe ich hingegen am Le⸗ ben, und haſt Du Lernbegierde gezeigt, ſo mache ich Dein Glück. Biſt Du's zufrieden?“ Archimbald hatte leine Wahl, er gab alſo ſchnell nach⸗ und war nur froh, da er hörte, daß er nicht in dem finſtern MWünchen ſeine Lehrzeit zu überſtehen haben werde, ſondern in einem ſchönen Gebirgslande, wo im Einklange mit der eiſernen Natur, Menſchen, Thiere und Ströme ſich kräftiger und freier regen. Der Doctor, gewöhnt, einen Eutſchluß mie alt zur Ausführung kommen zu laſſen, brach ſchon den nächſten Tag wieder auf. Mittagwärts ging die Reiſe, und die fernen Gebirge, in blaue Nebel gehüllt, ſchienen gleich rüſtigen Wanderern den Reiſenden ſchnell ſchrei⸗ tend entgegen zu eilen. Es dauerte auch nicht lange, ſo riſſen ſich die Felſenpforten Tprols vor ihren augen⸗uuf * Archimbald ſchauderte bei dem Anblick dieſer ſteilen Wände, dieſer engen und beſchwerlichen Päſſe; aber als ſich das Pa⸗ radies hinter demſelben aufthat, mit ſeinen friſchen Matten und ſilberreinen Quellen, mit den ſchwarzen Forſten, den grünen Hügeln, und den fernern, mit Schnee bedeckten Berg⸗ hörnern, mit ſeinen freundlichen Hütten und ihren ſtarken, geſunden Bewohnern, da ging ſein Herz auf in Luſt und Fröhlichkeit, und war's nicht vermögend, alle die Herrlich⸗ keit zu faſſen, die ſo prachtvoll als neu ſein Auge blendete. Auf dem Zuge durch das romantiſche Land ſchuf er tauſend Bilder, wie er hier die Jahre frei und feſſellos verleben werde, und früher aufgefaßte friſchten ſich in ſeinem Ge⸗ müthe wieder auf's Neue lebendiger an. Das Schloß Wo⸗ rosdar fiel dem Knaben wieder ein.„Wo liegt Worosdar?“ fragte er den mürriſchen Diener. Patrik riß die Augen auf, ließ ſich die Frage wiederholen, und antwortete ein faules und kauderwelſches:„Ich weiß nicht.“„Wo liegt das Schloß Worosdar?“ fragte Archimbald auf der nächſten Sta⸗ tion den Doctor.— Dee rieb ſich beſinnend die Stirne, ſtrich ſich den falben Bart, und konnte nicht befriedigender, als ſein dummer Patrik antworten. Archimbald konnte es nicht begreifen, wie ein gelehrter Doctor nicht wiſſen ſolle, wo das, ihm ſo werthe Schloß Worosdar liege; allein mit allem Simuliren kam er nicht weiter, als zu der Reſidenz⸗ die ihm der Doetor beſtimmt hatte. Sie hatten ein ziem⸗ lich einſames Thal durchmeſſen, einen mäßig hohen Berg erklettert, und befanden ſich auf einmal, nach mehrſtündigem Ritte durch einen finſtern Föhrenwald, vor der Pforte eines mitten im Dickicht gelegenen Kapuzinerkloſters. So roman⸗ tiſch ſich auch das finſtre Gebäude mit ſeinen Umgebungen 159 in dieſer Wildniß ausnahm, ſo enge wurde doch dem Kna⸗ ben um's Herz, als Dee ihm bedeutete, daß er in dieſem Kloſter bleiben müſſe. Die Glocke klang, die Pforte öff⸗ nete ſich, wie ein Grabesſchlund, und fiel hinter den Ein⸗ tretenden zu, als wolle ſie ſich nimmer wieder aufthun⸗ Düſtre Kreuzgänge umfingen ſie mit kühlem Luftzug; meh⸗ rere Brüder im braunen Habit. für den im Proteſtan⸗ tismus erzogenen Knaben nie geſehene Erſcheinungen, ſtrichen ſtill und melancholiſch an ihnen vorüber. Aus der gerne klang ſchaurig der eintönige Chorgeſang der Mönche. Ueber eine ſteile, hölzerne Stiege, durch einen langen Gang zwi⸗ ſchen offnen, ärmlichen Zellen gelangte Archimbald und ſein Führer zu der Zelle des Guardians, der, von Siechthum befallen, ſein Bette hüten, und den Chor meiden mußte. Der ſilberhaarige Greis empfing den Doctor wie einen alten Bekannten.„Der heilige Franziscus ſegne Euern Eingang, würdiger Herr,“ rief er ihm zu.„Gelobt ſey Jeſus Chri⸗ ſtus!“„In Ewigkeit!“ erwiederte Dee, und ließ ſich am Lager des Kranken nieder.„Mein Weg führte mich in Ge⸗ ſchäften hier vorbei, ich dachte aber nicht, Euch ſo unpäßlich zu finden, alter Herr!“ „Ei, Herr Doctor,“ verſetzte der Guardian,„wißt Ihr denn nicht ſchon ſeit Langem, daß ich an der unheilbarſten Krank⸗ heit leide, an meinen ſiebenzig Jahren nämlich? Ich wäre auch bereits ad patres gewandelt, wenn nicht der Pater Hubert von Zeit zu Zeiten durch ſeine geſchickt gemiſchten Arzneien meiner Lebenslampe noch einiges Oel zugöſſe. Ob ich bei dem Fortglimmen des ſchwachen Dochts gewinne, will ich nicht unterſuchen im Schvoße unſers heiligen Stifters wäre ich wohl beſſer aufgehoben. Indeſſen iſt. ja verboten, ſein Leben gleichgültig verſiegen zu laſſen, ohne anzuwenden, was in unſern Kräften ſteht.“ „Allerdings,“ ſprach der Doetor,„und möge Euch der wackre Hubert nur noch lange erhalten, Euern Untergebenen zum Beſten.“ „Des Herrn Wille geſchehe;“ antwortete hierauf der Guardian.„Der Pater wird ſich aber recht freuen, wenn er Euere Ankunft erfährt.“ „Ich bin auch eigentlich ſeinetwegen da,“ ſprach der Doctor. „Den Buben hier, möchte ich gern Eurer und ſeiner Obhut anempfehlen. Er iſt eine Waiſe, leider in der Ketzerei er⸗ zogen— ich habe mich aber ſeiner angenommen, und möchte daher bitten, ihn auf einige Jahre bei Pater Hubert in die Lehre treten zu laſſen.“ „Ei! wie könnte man eine ſo geringe Forderung dem Wohlthäter unſers Kloſters abſchlagen?“ rief der Guardian lächelnd,„der auch! ſeine freundliche Fürſprache beim Kai⸗ ſer, wie bei dem Erzherzog Statthalter, ſchon ſo manche fürſtliche Freigebigkeit unſerm geringen Hauſe zugewendet hat? Recht gern willfahren wir Euerm Geſuche, und wün⸗ ſchen nur, daß Euer Pflegeſohn recht viel Gutes von dem weiſen Pater Hubert lernen,— und Gott ſeinen Uebertritt zur alleinſeligmachenden Kirche beſchleunigen möge.“ Die Mönche kamen aus dem Chor zurück, man hörte das Klappen ihrer Holzſohlen auf dem langen Gange wieder⸗ hallen, und ein dienender Bruder trat demüthig ein, und fragte nach des Guardians Befehlen. Den Pater Hubert zu rufen, ward er hinweggeſandt, und der Beſchiedene ſäumte auch nicht lange. 161 Neugierig hefteten ſich Archimbalds Blicke auf den ihn. beſtimmten Lehrer, der den Engländer freundig begrüßte. Hubert war ein kleiner, unterſetzter Mann, mit kahlem Kopfe und dünnem Barte von brauner Farbe. Seine großen Au⸗ gen leuchteten wie ein Wetterſtrahl nach allen Seiten, und ſeine ſcharf gebogene Habichtsnaſe ſenkte ſich kühn nach dem feſt geſchloſſenen und in ſpottende Winkel aufgezogenen Mund. Seine grobe Kutte war ſorgfältig gereinigt und geordnet, ſeine Sandalen ſauber und nicht zu plump. Seine Sprache war gemäßigt, wohlklingend, und verbreitete eine angenehme Bewegung über ſein Antlitz.— Archimbald hatte ihn beim erſten Anblick lieb gewonnen, weil die freundliche, behagliche Geſtalt ganz dem Bilde widerſprach, das er ſich in der Ge⸗ ſchwindigkeit von Hubert in der Fantaſie entworfen, und auf dem ſich die dem Doctor ähnliche Figur des Paters nicht zu ihrem Vortheil ausnahm. In wenig Worten war Hubert von Dee's Wünſchen un⸗ terrichtet, und zögerte nicht, ſie mit der liebenswürdigſten Offenheit zu genehmigen. Prüfend muſterte er das Geſicht ſeines neuen Zöglings, und führte ihn bald darauf, nebſt Dee, in ſeine Zelle. Sie lag ganz einſam, von den übri⸗ gen durch einen weiten Gang, wie durch die Gemächer des Provinzialats und der Bibliothek getrennt, war von dreimal bedeutenderem Umfange, als die der Andern, und aus beſonderer Rückſicht für ſeine Studien, wie aus beſon⸗ derer Freundſchaft von dem Guardian, dem gelehrten Pater eingeräumt worden. Sie hatte, ein Eck des Gebäudes bil⸗ dend, zwei Fenſter, deren eines die entzückendſte Ausſicht über den Forſt hinweg, auf ferne Thäler und Berge darbot, das andere auf den von Waldesſchatten und finſtern e 11 . Mauern umgebenen Kirchhof ſah, wo unter kühlen Segen⸗ bäumen die Hülle der Bewohner dieſes Kloſters eingeſenkt wurde. Eine höhere Zierlichkeit herrſchte in dem Gemach, als ſelbſt in des Guardians Zelle. Grüne Vorhänge wehr⸗ ten dem Sonnenlicht den Eingang. Eine Strohdecke lag über die Steinplatten des Bodens gebreitet. Ein großer, runder Liſch, auf gekrümmten Löwenfüßen ruhend, ſtand in der Mitte. Bücher, Pergamentrollen, Papierbündel, Meßinſtrumente, anatomiſche Tafeln und zifferbeſchriebene Blätter, waren auf demſelben in bunter Unordnung umher⸗ geworfen. Ein offenſtehender Wandſchrank ſchien mathema⸗ tiſche Werkzeuge zu enthalten, auf einem daneben ſtehenden Repofitorium wimmelte es von Arzneibüchſen und Flaſchen. In einer Niſche ſtand das dürftige Lager des Bewohners dieſer Klauſe, ihm gegenüber ein großes menſchliches Skelett. Aber von der Höhe des Zimmers zwitſcherten luſtig einige bunt gefiederte Vögel aus zierlichen Bauern, pickte eine große Stundenuhr, ein Geſchenk Kaiſer Karl des V., das dem kunſtverſtändigen Pater zur Aufſicht übergeben worden war. Auf dem Oeſtillirofen ſaß ein Storch, den Hubert groß ge⸗ füttert und bei ſich heimiſch und zahm gemacht hatte, und blickte ernſthaft, unverrückt die Fremden an. Ein kleiner Altar mit dem Bilde der heil. Cäcilia, von vielen Blumen⸗ ſträußern umgeben, dicht dabei ein in der Mauer angebrach⸗ tes, ſteinernes Waſſerbecken, in welches näch Belieben das kühlendſte Quellwaſſer aus meſſingenem Hahne ſprudelte, ein bequemer Schreibſeſſel und ein Paar andere Rohrſtühle vollen⸗ deten die Einrichtung der Zelle, in der Archimbald Weisheit lernen ſollte. Reugierig ſtaunte der Knabe jeden Gegenſtand an, während Dee und Hubert am Fenſter in lateiniſchem 163 Ge ſpräche verwickelt waren. Die Verhandlung war indeſſen bald zu Ende, da der kurz angebundne Doctor nicht viel Worte zu machen gewöhnt war, der Handel geſchloſſen. Dee, der gaſtlichen Einladung der Mönche widerſtrebend, ließ ſich nicht halten; er wiederholte Archimbald noch einmal, was er ihm in München ſchon geſagt hatte, ſchüttelte ihm die Hand, verſprach, ihn abzuholen, wenn es Zeit ſeyn würde, und verließ nach kurzem Abſchiede das Kloſter. Nun war Archimbald gänzlich abgeſchieden von Allem, das ihn mit der übrigen Welt zuſammenknüpfte; allein, unter fremden Menſchen, fremdem Glauben, fremden Sitten, frem⸗ dem Himmelsſtriche. Das Heimweh kehrte bei ihm ein, und verkündete ſich durch Thränen, wie ſie ein troſtlos Ver⸗ laſſener weint. Hubert aber war hierin der beſte Tröſter. Liebreich ſetzte er ſich zu dem Weinenden, und legte ihm den ſchönen Keim der Hoffnung in die Bruſt.—„Beruhige Dich,“ ſprach er mit der Dheilnahme, die unſer Vertrauen ſo ſchnell feſſelt:„beruhige Dich, und wirf Dich der Hoff⸗ nung wie dem liebenden Vater dort oben in die Arme. Deine Wünſche werden einſt erfüllt werden; wie glücklich biſt Du! Die Unſrigen werden es nicht. Dir öffnet ſich einſt die Pforte des Kloſters zur fröhlichen Heimkehr, zur heimathlichen Flur, während ſie uns nur zum einſamen Spaziergang, oder zur Bettelwanderung, oder zur Reiſe in ein fernes noch weiter entlegenes Kloſter hindurchläßt. Du wirſt einſt frank und frei dieſen Berg hinunter eilen, Hügel, Forſt und Flur hinter Dir laſſend auf ewig— wir werden einſam, wie zuvor, in unſern Zellen ſitzen oder im Oratorium knieen, und für Deine glückliche Reiſe beten. Dir, der vater⸗ und mutterloſen Waiſe, ſoll dieſes Haus, wenn's Gott 164. gefällig iſt, zur Pforte der Weisheit, zum Grundpfeiler Deines Lebensglücks werden.... Uns war, iſt und bleibt es nur ein Kerker, in dem alle unſre Kräfte, unſre Gaben, unſre Kenntniſſe einer unrühmlichen Vergeſſenheit entgegen⸗ welten,. ein Zwinger, der uns gewöhnlich auf ewig von theuern Eltern und lieben Geſchwiſtern trennt; aus dem wir, zu einer Verläugnung beſtimmt, deren genaue Erfüllung übermenſchliche Kräfte fordert, ſehnſüchtig nach den Lebensbäumen der Welt hinüberſehen, wie der in rauher Wüſte Verſchmachtende nach dem fernen Schatten eines kühlen Hains, den er nicht mehr erreichen kann, in deſſen Angeſicht ein ſtrenger Schickſalsſpruch ihn verderben läßt. Vergleiche alſo unſer Loos mit dem Deinen, Archimbald, und trockne Deine Thränen, Beneidenswerther. Bete und arbeite, bis Du das Ziel erreicht haſt. Dann keimen für Dich des Lebens Blüthen; dann wirſt Du ſeine Früchte pflücken, und Deinen in enge Mauern eingeſperrten Lehrer in dem Gedanken, einen Glücklichen gebildet zu haben, ſich ſelbſt glücklich träumen laſſen.“ Hubert hatte die rechte Saite berührt. Die Hoffnung des yöchſten Glücks, das Streben darnach, dem Menſchen angeboren, ergreift am mächtigſten die Schüler des Lebens, den Knaben, den Jüngling. Einige Tage waren hinrei⸗ chend, in leichte Arbeit und Zerſtreuung getheilt, den Geiſt Archimbalds an ſeine neue Lage zu gewöhnen, und mit Freuden an ſeinen Lehrer zu feſſeln. Ein Kämmerlein dicht neben der Zelle deſſelben war ſeine Wohnung; ein Stroh⸗ ſack mit grobem Linnen, einem Blätterpolſter und einer wollenen Decke begleitet, ſein Lager; die Stube ſeines Leh⸗ rers ſeine Welt. Die Fülle von Kenntniſſen, die ihn Hubert . 165 ahnen ließ, ſtachelte die Forſchbegierde des Knaben mächtig empor, und all' ſeinen Fleiß anwendend, griff er die An⸗ fangsgründe des Wiſſens an, die ihm mit Nachſicht, Ernſt und aufmunternder Liebe vorgetragen wurden.— Mit den übrigen Geiſtlichen des Kloſters kam Archimbald beinahe nie zuſammen. Er ſah ſie nur im Vorübergehen in den Gän⸗ gen, und Meſſe leſend in der Kirche, wobei er(nach vor⸗ läufigem Unterrichte in dem katholiſchen Glauben und Ritus, und nach Abſchwörung des Proteſtantismus, wozu der in letzterm verwahrloſete Knabe ohne Schwierigkeit gebracht worden war), zu miniſtriren angehalten wurde, oder auf der Kanzel. Mit Wenigen kam er in nähere Berührung; Wenige kannte er dem Namen nach. Der Pater Küchenmeiſter, ein wohlbeleibter Greis mit grauem Barte und aufgewecktem Geſichte, war einer der Wenigen. Auf ſeinem Anrichttiſch pflegte Archimbald ſein Mahl zu verzehren, wenn der nicht unbedeutende Abhub aus dem Refektorium nach der Küche wanderte. Gewöhnlich brachte ihm auch der gute alte Mann noch einige Leckereien an Obſt oder Backwerk im weiten Ermel mit, die ihm Hubert für ſeinen Zögling zuzuſtecken pflegte, ließ ihn das Gratias beten, und plauderte dann ein Viertelſtündchen mit ihm, bis er wieder an das Lernen mußte. Schlug am Spätnachmittag die Feierſtunde, ſo flog Archimbald in den kleinen Kloſtergarten, das Viereck zwiſchen den Kreuzgängen, oder erhielt wohl auch die Erlaubniß des Guardians in den größern Gemüſegarten zu gehen, wo er dem Gärtner in leichten Arbeiten half, oder eine Weile dem Treiben der Schneckenkolonie zuſah, die der Küchenmeiſter an der Gartenmauer, zum Beſten der Faſttage, angelegt hatte, bis das Klopfen an das Eßbret die Väter zur Abendmahl⸗ zeit, und ihn abermals in die Küche rief. Da ſetzte ihm der Küchenmeiſter wieder ein leichtes Gericht vor, dem der Kellermeiſter, ſeinerſeits dem lebhaften Knaben zugethan, ein hölzernes Krüglein mit ſchmackhaftem Bier, oder an Feſttagen mit rothem Landwein gefüllt, hinzufügte. Er trank und aß mit von Tag zu Tage wachſendem Appetit, ließ ſich von den dienenden Brüdern noch einige Legenden erzählen, und ſchlich dann in ſein Kämmerlein, um zu ruhen⸗ und mit Sonnenaufgang wieder das gewohnte Tagwerk zu beginnen. Hin und wieder beſuchte er mit Hubert in den Morgenſtunden den friſchen Wald, wenn letzterer zum nahen Dorfe wanderte, um daſelbſt zu predigen. Seltner beglei⸗ tete er ſeinen Küchen⸗ oder Kellerfreund auf einem kleinen Terminirzuge, und half den wohlbeladenen Kloſtereſel heim⸗ treiben; Hubert verbot es ihm bald ganz. Den kranken Guardian beſuchte er aber täglich auf Huberts Befehl, und hatte bald das Vergnügen, ihm aus lateiniſchen Andachts⸗ büchern vorleſen zu können, und leidlich das Geleſene zu verſtehen.— Auf dieſe Weiſe floß das erſte Jahr leicht und nützlich vorüber. Archimbald hatte große Fortſchritte ge⸗ macht, wie ſie ſelbſt ſein ſcharfſichtiger Lehrer nicht erwartet hatte, und berechtigte zu den ſchönſten Erwartungen, zum eifrigſten Unterricht. Seines muntern verſchlagenen Charak⸗ ters halben, von den Wenigen, die ihn genauer kannten⸗ geliebt, waren ſeine Tage freundlich geworden. Der Guar⸗ dian verſtattete ihm, am nächſten Portiunculatage, wo er ſeine Geneſung zu feiern gedachte, im Refektorium bei den Brüdern zu ſpeiſen, und ſtellte ihn bei dieſem Feſtmahle den zahlreichen Gäſten aus der Nähe und Ferne als ein 167 Muſter von Fleiß und überraſchenden Geiſtesgaben vor, ſo daß bereits am Franziscustage darauf ſich viele Fremde am Kloſtertiſche einfanden, die bloß in der Abſicht gekommen waren, den Wunderknaben zu ſehen, deſſen vorzügliche An⸗ lagen glücklich zu entfalten dem gelehrten Pater Hubert gelungen war.— Dieſe Auszeichnungen, verbunden mit dem gerechten Stolze, den ſie dem Lehrer und dem Zögling einflößen mußten, waren helle Lichtpunkte in Archimbalds Leben, die ihn gänzlich einheimiſch im Kloſter machten. Bald hatte Alles um ihn her eine andere Geſtalt angenommen. So weit auch vor ſeinem ſtaunenden Geiſte durch die Leſung der Welthiſtorie, durch die Kunde von offnen und geheimen Kräften der Natur, das Leben in der großen Schöpfung aufging, ſo traulich kam ihm die Stätte vor, an welcher er all' das Schöne lernte, das ihn begeiſterte. Die Kreuzgänge mit ihrem geheimnißvollen Dunkel, durch deren gothiſch geſchmückte Fenſteröffnungen die Blumen und Stauden des Gartens hereinnickten, in dämmernder Sonnenbeleuchtung,— das Refektorium mit ſeinen langen, ſaubern, beſtändig gaſt⸗ lich gedeckten Tafeln, dem Kruzifixe und dem immerlaufen⸗ den Kühlbrunnen, mit ſeinen bunten von üppigem Weinlaub halb verſteckten Fenſtern,— die reinliche Zelle ſeines Lehr⸗ freundes mit der entzückenden und melancholiſchen Ausſicht, — die Kirche endlich mit der braunen, nach der Regel eine breite Oeffnung enthaltenden Holzdecke, und den drei zierlich geſchmückten Altären, das ſtille Oratorium hinter dem Hoch⸗ altar, die eigene Kammer endlich, dürftig und ſchmucklos, wie ſie war;— Alles ſchien ihm jetzt ſo wirthlich, ſo wohn⸗ lich, daß es ihm Kummer machte, wenn er an den Augen⸗ 168 blick dachte, in dem er ſein Lehrparadies verlaſſen ſollte. So verſtrich das zweite Jahr, und der Abſchied ſchien noch ferne zu ſeyn, denn der Doetor hatte noch nicht das Geringſte von ſich hören laſſen,„nicht einmal eine Anfrage, wie es mit Archimbalds Fleiße ſtehe. Das iſt ſeine Weiſe, ant⸗ wortete Hubert, wenn ſein Zögling ſich darüber wunderte.— „Nur muthig gelernt, daß wenn er einmal hereinbricht, wie der Dieb über Nacht, wir vor ihm beſtehen in Ehre, und nicht zu Schanden werden.— Dee ſchien überhaupt bei Hubert und dem Guardian in großer Achtung zu ſtehen, wiewohl aus verſchiedener Urſache, wie der aufmerkſame Archimbald wohl einſah. Der Guardian war ihm, der Frei⸗ gebigkeiten wegen, die Dees Fürſprache bei Fürſten und Herren auf das Kloſter geleiſtet hatte, Dank ſchuldig;.... Hubert hingegen, wenn Archimbald recht vermuthete, war dem Doctor perſönlich verpflichtet. Aus abgerißnen Aeuße⸗ rungen ließ ſich dieſes jedoch nur ſchließen; auf etwas Nähe⸗ res konnte der ſchlaue Schüler, ſo geſchickt er auch oft in traulichen Unterhaltungen mit Hubert die Sprache auf ſeine Lebensgeſchichte zu bringen ſuchte, nicht kommen. Eben ſo wenig vermochte er es, von ihm zu erfahren, welche Ge⸗ ſchäfte der Doetor eigentlich treibe, und warum er ſo oft große Reiſen unternehme, und bei ſo manchen großen Herrn wohl gelitten ſey. Eine ausweichende Antwort war Alles, was er erhielt. Da das Bemühen, ſeine Neugier zu ſtillen, immer fehl ſchlug, ſo ſchwieg der Knabe endlich davon, lernte fleißig, nahm immer zu an Kraft des Körpers und Geiſtes⸗ ſtärke, ſchloß innige Freundſchaft mit dem zahmen Storche des Paters, der ſein Begleiter auf allen Wegen wurde, 169 und lebte in glücklicher Unbefangenheit hin, bis endlich im Wechſel der Dinge die bisherig beſtehende Ordnung gehin⸗ dert, geſtört und durch eine neue erſetzt wurde, die auch auf Archimbalds Verhältniſſe üble Folgen vererben zu wollen ſchien.— Der Guardian fiel wieder in neues Siechthum, und ſtarb nach und nach ab, wie ein verdorrender Baum. So wehe der baldige Verluſt des guten ehrlichen Mannes Archimbald thun mußte, der in ihm einen Freund zu betrauern hatte, ſo konnte ihm jedoch die auffallende Veränderung nicht entgehen, die unter den Bewohnern des Kloſters ſtatt fand und von Tag zu Tage, während des Hinſiechens des Vor⸗ ſtehers, einen entſchiedenen Charakter annahm, der nicht erfreuliche Zeichen an ſich trug. Die Mönche gingen finſter und verſchloſſen an einander vorüber; kein freundliches, kein harmloſes Wort wurde gewechſelt; heimliche Zuſammenkünfte wurden gepflogen, in Gängen, Zellen und im Kloſtergarten. Sogar der unbefangene Hubert, der in ſeinem Aeußern keine Spur einer Aenderung trug, wurde öfters von Archimbald in einſamer Zelle, in dumpfes Hinbrüten verſunken, gefun⸗ den. Im Anfange ſchrieb dieſer es dem Leid zu, das des Freundes nahes Hinſcheiden ihm erregen mußte; allein er traf ihn immer öfter vor ſich hinſtarrend, oder in peinlicher Unruhe umhergehend, ſo daß er endlich, von der wärmſten Theilnahme ergriffen, vor Hubert hintrat und anredete. „Lieber Lehrer und Freund,“ ſprach er:„was kann Euch denn alſo betrüben, daß nichts Euern heimlichen Kummer zu ſtillen vermag? Ihr habt mich ja ſelbſt gelehrt, daß der Tod eines jeden Menſchen Loos und Erbtheil iſt, und daß es thöricht, ja ſogar ſündhaft ſey, in übermäßige Trauer auszubrechen— bei den Tode ſelbſt des beſten Freundes, indem das Hinſcheiden nur ein nebergang zum beſſern Leben ſey.— Da Ihr nun gewohnt ſeyd, Euere Lehren durch's Erempel zu beſtätigen, ſo iſt es nicht das Leid über den Hinſchied Eueres Freundes, des hochwürdigen Pater Guar⸗ dians, das Euch alſo bekümmert. Was iſt es aber anderes, das Euch ſolchen Schmerz erregt?“ Hubert ſchwieg einige Augenblicke.. dann aber überflog ein Lächeln ſein Antlitz⸗ und er redete mit leiſer Stimme alſo:„Du meinſt es gut, Archimbald, herzlich gut⸗ und ich danke Dir für Deine Anhänglichkeit, die ich verdiene, weil mir gerade in dieſem Augenblicke die Sorge für Dein Wohl großen Kummer ver⸗ urſacht. Darum magſt Du wiſſen, daß ich eine traurige Zukunft für uns Beide befürchte, und zwar mit Recht. Der ſterbende Guardian liebte mich; er war mein Freund. Die⸗ ſer und die wenigen Kenntniſſe, die ich beſitzen mag⸗ find von jeher hinreichende Urſachen geweſen, mich dem übrigen Convente verhaßt zu machen. Bis auf einige Wenige, ſind alle Väter des Kloſters meine geſchwornen Feinde. Ich müßte nicht ſelbſt Mönch ſeyn, um nicht zu wiſſen, daß ſolche Feindſchaft unverſöhnlich iſt. Bisher verſteckten meine Widerſacher ihren Groll unter der Larve der Demuth, der kriechenden Freundlichkeit, der Treuherzigkeit, und endlich abſichtlich gehaltener Gleichgültigkeit, je nachdem der Cha⸗ rakter des Einen und des Andern feig, boshaft, verſteckt oder offen iſt. Jetzt aber bricht meine Stütze. Iſt mein Freund dahin, ſo werden all Peſtbeulen der Niederträchtigkeit aufbrechen, und mich in ihrem Giftſchlamme zu erſticken ſuchen. Man wird mich mißhandeln, wo man nur kann, und an Gelegenheit Schlechtes zu thun, fehlt es den Böſen nie. Du ſiehſt nun ein, daß Du mit mir leiden wirſt; denn bei denen, die ich beſonders zu fürchten habe, biſt Du ſchon aus dem Grunde übel angeſchrieben, weil Du Ver⸗ ſtand haſt und mein Schüler biſt. Den Sturm, der uns gegenwärtig droht, habe ich vorausgeſehen, und ſchon lange deßhalb eine Bitte um Verſetzung in ein anderes Kloſter an den General des Ordens geſandt, denn meines Freundes wankende Geſundheit gebot mir Eile; allein die Geſchäfte zu Rom gehen ſo langſam, und der Tod wüthet ſo gefräßig in dem Hinſchmachtenden, daß ich unbewaffnet den Blitz erwarten muß. Denn noch habe ich keinen Beſcheid, und ich ſtehe dem Sterbenden nicht mehr für zweimal vierundzwanzig Stunden. Nach allem, was ich bisher im Stillen beobachtet habe, hat ſich der Convent in zwei Parteien getheilt, die bei der Wahl des neuen Guardians ſich reiben werden. An der Spitze der einen ſtand der Pater Lector, an der Spitze der andern der Pater Theodor. Beide ſind im Grunde Freunde, beide haben ſich gegenſeitig die Stimmen zur Wahl ver⸗ ſichert; beide ſind meine unverſöhnlichſten Feinde. Es darf demnach einer oder der andere gewählt werden, ſo iſt mein Lvos immer das nämliche. Sieh! das iſt es, was mich bekümmert, was mir ſchlafloſe Nächte, trübe Tage macht, und weßwegen ich faſt wünſchen möchte, Dee hätte Dich ſchon abgeholt, ſo gerne ich Deinen Geiſt gebildet haben würde, ſo weit meine Kräfte reichen.“ „O nein! nein!“ rief Archimbald, den ganzen Werth ſeines Vertrauens ermeſſend;„nein! wenn auch der Doctor in dieſem Augenblick einträfe, und mich mit ſich nehmen wollte; ich weiche nicht von hinnen, von Euch, der mir mehr als Vater iſt.“ Die Thüre ging auf, und Amadeus, ein junger Mönch, ver erſt ſeit Kurzem das Noviziat verlaſſen hatte, trat ſchüch⸗ tern herein, und verkündete dem Pater, der Guardian liege in den letzten Zügen.— Hubert verfärbte ſich etwas, faßte ſich jedoch gleich wieder, und ſprach:„In Gottes Namen denn! geht, Bruder Amadeus, und laßt die Zügenglocke läuten, und den Convent in das Gemach des Verſcheidenden verufen, um dort für ſeine Seele zu beten.“ Amadeus ging. Hubert ſah einen Augenblick finſter vor ſich hin, ergriff dann Archimbalds Hand und ſagte:„Komm, komm, mein junger Freund, mit mir. Du ſollſt einen Menſchen, einen gerechten Menſchen ſterben ſehen!“ Sie ſahen ihn ſterben, hinübergleiten mit der Ruhe des Tugendhaften, mit dem himmliſchen Lächeln eines unverletzten Bewußtſeyns. Die Kerzen brannten, die Gebete der Todten ſtiegen in ernſtem Rythmus auf aus den Reihen der knieen⸗ den Väter; aber mitten unter dieſem deutungsvollem Ge⸗ pränge ſtrümte es in mancher ehrgeizigen Bruſt auf und ab, wie es die Wellen herauf und hinunterreißt in klippenvoller Brandung. Dieſe Stürme brachen aber aus am Tage der Wahl. Hubert kehrte erſchöpft aus dem Kapitel zurück.— „Ich habe mich nicht getäuſcht,“ ſprach er zu Archimbaid.„Der Pater Theodor iſt Guardian, und der Pater Lector, nachdem ſeine Partei nicht durchgedrungen⸗ gab ſelbſt dem Freunde ſeine Stimme. So laßt uns denn mit Ruhe, ohne Furcht, aber auf alles gefaßt, erwarten, was weiter kömmt.“ 173 „Es kam auch, und bald kam es. Zuerſt ein Befehl, der Hubert ſtrenge einſchärfte, die bisher inne gehabte Zelle ſo ſchnell, als möglich zu verlaſſen, und eine andere, den übrigen Zellen ganz gleiche, zu beziehen. Zweitens, die Weiſung, dem Pflegevater Archimbalds anzudeuten, daß dieſer nur noch bis zum Ende des dritten Jahrs im Kloſter gehalten werden ſollte, wenn kein Koſtgeld für's Wintern bezahlt würde. Vergebens ſtellte Hubert vor, er wiſſe den Aufenthalt des Doctors nicht.“„Das gelte gleich,“ hieß die Antwort,„man könne die ſchmalen Betteleinkünfte des Kloſters nicht an einen Knaben, deſſen Herkunft man nicht kenne, verſchwenden, das heiße: Simonie treiben, und was dem mehr war. Hubert habe den Buben einmal angenom⸗ men; er müſſe alſo für ihn haften. Man werde ihm nicht länger das Gnadenbrod verabfolgen, als noch binnen vier Monaten, mit denen das dritte Jahr ſeines Aufenthalts im Kloſter ablaufe.“— Hubert benachrichtigte ſeinen Zögling hiervon, hieß ihn aber Geduld faſſen, auf Gott vertrauen und das Beſte hoffen. Er ſelbſt gehorſamte ſeinen Obern in Allem, mied ſeine trauliche Studierſtube, warf die Hälfte ſeiner Geräthſchaften in die Plunderkammer, ſtellte die an⸗ dere Hälfte in ſeinem kleinen Verſteck auf, ſo gut ſie Platz hatte, und begann wieder mit Archimbalds Unterricht. Al⸗ lein es ſollte ihm nicht ſo wohl werden, Ruhe zu haben⸗ Tag für Tag hatte er Hader und Strauß mit dem Guardian, mit dem Lector, deſſen Vertrauten; das geringſte Wort wurde ihm verdreht, gedeutelt, die geringſte Handlung falſch aus⸗ gelegt, der geringſte Fehltritt in den unzähligen Gebräuchen, Sünde genannt. Er ſchwieg zwar geduldig, machte ſeinen „ 17⁴ Feinden nicht die Freude, ſich zu irgend einer ächt ſtrafbaren That verleiten zu laſſen, kam aber immer mißmuthiger, immer überdrüſſiger in ſeine Zelle zurück.„Archimbald!“ ſagte er einsmals in ſolcher Stimmung,„es iſt jetzt an der Zeit, mit Dir die zweite Periode meiner Lehre zu beginnen, diejenige, auf welcher der Doctor am meiſten beſtanden hat, als er Dich mir übergab, die ich aber ſo lange hinauszu⸗ ſchieben gedachte, als möglich, weil ſie ein gefährliches Schwert in die Hände eines gewiſſenloſen Menſchen giebt, ſo nützlich ſie in den Händen eines wackern Mannes wird. Sie begreift in ſich die Artem medicam, die Heilkunde, und die Artem dissimulandi, oder die Kunſt, ſich zu verſtellen. Man ſollte ſie eigentlich Ars regnandi nennen, denn durch ſie herrſcht man in der That. Wir leben nicht mehr in den Zeiten, wo das Schwert galt, und die eiſerne Fauſt. Da⸗ mals ſchlug freilich der Stärkſte den Gegner nieder, ſetzte ihm das Schwert an die Gurgel und preßte ihm die Huldi⸗ gung ab, aber jetzt herrſcht die Feder, der Buchſtabe, der Wink, der Gedanke, und das fürſtliche Wort bewaffnet nur dann die Fauſt des Knechts, wenn in den Unterhand⸗ lungen zwei Liſtige über einander gekommen ſind, die ſich veide gleich geſchickt in die Karte gucken. Einem Jüngling, wie Du biſt, Archimbald.. Du gehſt in's ſechszehnte Jahr, biſt arm, elternlos, ein unbedeutender Punkt in der Welt. einem ſolchen gelingt es nur durch das dissimulare zum regnare zu kommen.— Ich habe Dich genau beobachtet, und finde viele Anlage zur Verſtellung in Dir. Du wirſt Fortſchritte machen in ihr, wie in der Selbſtverläugnung⸗ in der Kunſt, die Leute zu behandeln, wie ſie es gerne haben, in all' den kleinen Mitteln, die zum Zwecke fuͤhrenz und Deine Pflicht iſt es, Dich darin zu vervollkommnen, weil Dein Meiſter Dich in politicis zu brauchen gedenkt. Ein blinder Gehorſam iſt die Grundlage dazu; ein ſtarker Wille, Verſchlagenheit, Weitſichtigkeit und beharrlicher Geiſt ſind die Stufen, die höchſten Gipfel zu erſteigen. Lerne, übe Dich, nur ſuche, über der That nicht Dein Seelenheil zu vergeſſen. Biete Deine Hand nicht zu offenbaren Verbre⸗ chen, ob Du gleich nicht immer wirſt verhüten können, zu kleinern Bosheiten Dich gebrauchen zu laſſen. Der Weg, den Dir, wie ich fürchte, der Doctor vorſchreiben wird, iſt ſchlüpfrig; Dummheit und grad ausgehende Rechtſchaffen⸗ heit,— beide ſtehen hier auf einer Linie— ſie führen rechts hinab in Sumpf und Sand; man bleibt darin ſtecken. Ver⸗ brechen, Unthaten und Gräuel führen links ab, hinunter in den Pfuhl der Hölle, nach unſern Begriffen. Mitten durch zwiſchen beiden Pfaden führt ein dritter im Zickzack zwar, durch mannigfache Krümmungen an's Ziel des zeitlichen Glücks. Wer daſelbſt angelangt iſt, mag ſich Glück wün⸗ ſchen, und— ſind gleich einige Fehler und Fuchsgänge da⸗ zwiſchen gelaufen, von denen ohnehin ſelten ein menſchliches Leben frei iſt— dennoch auf eine leidliche Zukunft dort oben hoffen!— Und dieſen Pfad zu gehen, will ich⸗Dich lehren.“ Archimbald ſtand mit offenem Munde da, als er ſeinen Lehrer, von dem er noch kein trüglich Wort gehört hatte, alſo ſprechend vernehmen mußte. Er glaubte anfänglich, Hubert wolle ihn auf eine Probe ſtellen, ſah aber bald an dem Ernſt und Eifer des Unterrichts, daß ſein Vorgeben 176 baare Münze ſey. In einer Stunde ſchloß er ihm die Schätze der Natur und die Wunder des menſchlichen Körpers auf, in der andern enthüllte er ihm machiavelliſche Künſte und Ränke, in der dritten ging er das Gehörte mit ihm durch, um es ja dem jungen Gemüthe auf immer einzuprägen. Auch die Praxis wurde nicht vergeſſen. Archimbald trieb die Scheidekunſt, die Meßkunſt, das Steckenpferd der damaligen Zeit; Aſtrologie blieb ihm nicht fremd.— Alles faßte ſein rieſenmäßig emporſtrebender Verſtand mit Geſchick und Er⸗ folg auf, und Hubert ſetzte Stein um Stein zu dem kecken Bau, der in dem ſechszehnjährigen Gehirne Archimbalds eben ſo feſt gegründet ſtand, als in dem fünf und zwanzig⸗ jährigen eines Meiſters der ſieben freien Künſte. Jeder Tag ſchien einen Strom des Wiſſens zu gebären,.. Archimbald faßte ihn auf; und auf dieſe Weiſe ſchwanden die vier Friſt⸗ monate, bis auf vierzehn Tage hin, ohne daß ſich der Doctor gemeldet, und der wüſte Gang der Dinge im Regimente des Convents eine andere Wendung genommen hatte. Aber eine ſchauderhafte Begebenheit, die ſich im ſelben Zeitpunkt im Kloſter zutrug, änderte Alles in einem Nu, und ſchrecklich. Behntes Rapitel. Gefährlich iſt's, den Leu zu wecken, Verderblich iſt des Tigers Zahn; Jedoch das ſchrecklichſte der Schrecken, Das iſt der Menſch in ſeinem Wahn. Schiller. Unter den Mönchen des Kloſters zeichnete ſich durch ſeine empfehlenswerthen Eigenſchaften der junge Pater Amadeus am vortheilhafteſten aus. Seine Jugend,— er ſtand in der Blüthe des Jünglingsalters,— ſeine edle Geſtalt, die ſelbſt die unförmliche Kutte nicht verhüllen konnte, der ſchwarze, kurz gekräuſelte Bart, das gleichfarbige volle Haupthaar, das in üppigem Wachsthum kaum nach der Re⸗ gelvorſchrift zu bändigen war, das blühende Geſicht mit den freundlichen Augen... alles dieſes war geeignet, ihn bei'm erſten Blicke zu empfehlen. Wer aber ſeine ſtille und frohe Laune, ſeine Demuth, ſeine ächte Frömmigkeit und Herzens⸗ güte kennen lernte, und ſie mit dem unbiegſamen Hochmuth des rothbärtigen Lectors, oder mit der ſtudirten Heuchelei des leichenblaſſen Guardians, oder mit der rohen dickköpfigen Flachheit der übrigen Mehrzahl verglich, mußte den anſpruch⸗ loſen Amadeus innig achten und lieben. Selbſt Archimbald, Vorurtheil für Hubert manches in anderm Lichte . 12 ſehen ließ, konnte ſich nicht verbergen, Amadeus ſey beſſern Herzens, reinern Sinns, als ſein Lehrer ſelbſt, der in ver⸗ traulichen Unterhaltungen mit ſeinem Schüler zu äußern pflegte: Amadeus ſey viel zu gut für das Kloſter, viel zu unſchuldig und ſorglos für ſeinen Stand, den er, von hab⸗ ſüchtigen Verwandten halb gezwungen, halb beſchwatzt, an⸗ genommen, ohne ſich auf die nachfolgende Reue und bittern Entſagungen vorbereitet zu haben, die einmal nothwendiger Weiſe ſein Erbtheil ſeyn würden.— Archimbald theilte alſo die Liebe, mit der beinahe Alles dem guten Amadeus entge⸗ gen kam, und wunderte ſich nicht, daß er den jetzigen Obern ein Dorn im Auge zu ſeyn ſchien. Ging es doch ſeinem be⸗ hutſamen und weiſen Lehrer auch nicht anders. Der Guardian beſonders, Theodor, ein Mann von ſechs und dreißig Jah⸗ ren, großer Geſtalt, blaſſem Geſichte, pechſchwarzem bis zum Gürtel fallendem Bart, und falſchen, lichtſcheuen Augen⸗ ſchien einen perſönlichen Haß gegen Amadeus zu hegen⸗ hatte ihn ſchon oft wegen geringen Vergehen zu erniedri⸗ gender Strafe gezogen, ohne daß der Mißhandelte— Dank dem eiſernen Deſpotismus der Regel— auch nur ein Wort vawider äußern durfte; hatte ihn mit unzähligen Vorwürfen und Schmähungen überhäuft, in denen der Lector, von her⸗ kuliſcher Statur und durchdringender Stimme, ſeinem Freunde trefflich beiſtand.— Amadeus duldete alles ruhig, und ſuchte auf ſeinen Wanderungen⸗ die er als weit und oft be⸗ rufener Prediger häufig zu unternehmen im Fall war, ſeines tyranniſchen Zwangs, ſo gut es für Augenblicke anging, zu vergeſſen. Plötzlich aber war er verſchwunden; Niemand wußte, wo er geblieben war.„Er iſt flüchtig geworden,— der Apoſtat!“ donnerte der Guardian, und rief die Strafe des Himmels über den entſprungenen Frevler herab. Sein Anhang führte dieſelbe Sprache.— Die Uebrigen bedauer⸗ ten es, daß man den Untadelhaften gezwungen, meineidig zu werden. „Weiß es der heilige Franziscus von Aſſiſi,“ murmelte einmal der alte Frater Joſeph dem Archimbald in's Ohr, als dieſer ihm half, die Sprenkeln am Vogelheerde, tief im Walde, zuzurichten;„weiß es der liebe Gott, was mit dem armen Pater Amadeus vorgefallen iſt.— Sieh da unten die Mühle, dort wo der Strom ſo mächtig durch ſein Fel⸗ ſenbett rauſcht;. dort lebt eine junge, raſche und engel⸗ ſchöne Müllerin, eine Wittwe und Eigenthümerin des großen Gutes, eine andächtige Chriſtin und eifrige Wohlthäterin unſers Kloſters; denn es vergeht keine Woche, in der ſie nicht unſern Betteleſel mit einem tüchtigen Sack voll Nah⸗ rungsmittel nach unſerm armen Hauſe ſendet. Nun mußt Du aber wiſſen,“ fuhr der geſchwätzige Alte fort,„daß der Pater Amadeus, der ihrem ſeligen Manne vor einem Jahre mit Salbung und göttlicher Tröſtung auf dem Sterbelager beigeſtanden hat, dafür einen großen Stein bei ihr im Brette zog, und in ihrer Gunſt war. Amadeus beſuchte ſie ſehr oft; doch wollte ich's faſt beſchwören, daß dem guten und frommen Herrn kein ſündlicher Gedanke dabei in Sinn ge⸗ kommen iſt; zugleich aber behaupte ich, daß der jetzige, hoch⸗ würdige Herr Guardian, der die hübſchen Frauen ſelbſt ſehr yechſchätzt, und auch tägliche Einkehr in der Mühle hätt, das nicht geglaubt hatte.— Ich vermuthe alſo, in meinem 3 ſchlichten und geraden Sinn die beiden Paters möchten wohl ein Bischen zuſammen gerathen ſeyn. Der Guardian wird gedroht und Amadeus die nächſte Selegenſt ergriffen 12* haben, ſich durch ſchnelle Flucht der Strafe zu entziehen.— Na! Gott der Herr behüte uns auf allen Wegen! Kaputzen⸗ fleiſch und Weiberblut, das thut in Ewigkeit nicht gut!... Verzeih' mir der heilige Franziscus Seraphicus die grobe Sünde!“ Archimbald lachte ausgelaſſen über den tollen und etwas ruchloſen Vers. Der Frater ſah ſich aber verlegen rund um, ob ihn Niemand gehört habe, und ſprach dann vertrau⸗ lich zu dem Begleiter:„Ich beſchwöre Dich bei'm heiligen Antonius von Padua und ſeinem Schwein! behalte bei Dir, was mir ſo unverſehens entfahren iſt. Es iſt ſo eine alte, verdammte Gewohnheit, die ich dann und wann nicht laſſen kann; denn ich ſtack nicht immer in der Kutte, mein junges Herrlein; ich war ein rauher Soldatenbart, und mein Leb⸗ tage nicht zum beſten auf die Pfaffen zu ſprechen: aber als mir vor einigen zwanzig Jahren,„der ſiebente Oktober Anno ein und ſiebenzig gedenkt mir ewig.. in der See⸗ ſchlacht von Lepanto von einem türkiſchen Hunde ein Stück Blei in den rechten Arm geſchoſſen wurde, daß er mir von Stund an krumm wurde und blieb, da ward mir anders zu Sinn. Seine Hoheit, der tapfere Don Juan d'Auſtria— was doch nicht alles aus einem Baſtard werden kann!..— ſchenkte mir ein Paar Goldſtücke, und ſchickte mich heim, wo mir der Kaiſer und der Erzherzog die Freiheit ließen, in der Heimath zu betteln, wo ich Luſt hätte. Das war nicht nach meinem Geſchmack; ich ſtrolchte eine Weile herum, und ein blinder Zufall führte mich hierher, wo man mich als zwei⸗ veiniger Laſteſel aufgenommen hat. Das geiſtliche Weſen wollte bei mir anfänglich nicht recht fortz es ſtand mir zu Leib wie ein verkehrtes Wamms, und ich habe lange Zeit Sonne, Mond und Sterne zuſammengeflucht und gewettert, bis ich einmal die Frömmigkeit bei'm rechten Zipfel hatte. Hin und wieder guckt noch der wüſte Kriegsknecht aus der Kutte; es geſchieht aber ſelten.“ Archimbald verſprach reinen Mund zu halten, und ſie ſchlenderten wieder dem Kloſter zu. Frater Joſeph ward aber nicht müde, das Geſpräch immer wieder auf den armen Amadeus zurückzubringen, ſo daß ſein junger Freund wohl merkte, er habe etwas auf dem Herzen. „Es iſt verteufelt heiß,“ ſprach der Frater puhſtend,„und der Weg iſt noch weit. Wollen wir ein wenig ausruhen?“ „Meinetwegen,“ verſetzte Archimbald,„wenn's nicht zu ſpät iſt.“ „Ei was!“ ſprach Joſeph hierauf.„Die Sonne ſteht noch hoch. Und wann auch, ſo lügen wir ihnen daheim etwas vor.— Sieh, mein kleiner Freund, Aufrichtigkeit und beſon⸗ ders gewiſſenhafte Ehrlichkeit iſt mein Hauptaugenmerk im Dienſt; aber ſelbſt der Ochſe, der da pflückt, will ruhen. Komm mit dahinein in den Buchenſchlag, da habe ich vor⸗ geſtern, als ich den Betteleſel aus dem Dorfe herauftrieb, zur Vorſorge einen Krug Wein eingeſcharrt... Die Glatz⸗ köpfe daheim haben doch immer genug, um ſich die Gurgeln auszuſpülen.“ „Ei, du Heide!“ lachte„aß aber immerhin ſeyn. Ich trinke jetzt keinen Wein, und es iſt beſſer, wir gehen ganz gemach dem Kloſter zu, ſonſt verſäumen wir die Abendſuppe.“ „Na, wie Du willſt, Bürſchlein,“ erwiederte der Frater. „So laß uns aber wenigſtens recht langſam gehen, und 182 beten, daß wir nicht ſammt unſerer Ehrlichkeit in die Stricke des Satans fallen, wie der arme Pater Amadeus.“ „Was haſt Du denn immer mit dem?“ fragte Archimbald, ſeine Neugier unter verdrüßlicher Larve verbergend.„Der iſt einmal fort, und ſomit: Glückliche Reiſe! und gutes Wetter dazu! Hin iſt hin! was nützt das Reden!“ „Hin iſt hin, ſagſt Du 2 flüſterte der Frater, und faltete ſein Geſicht in ein geheimnißvolles Lächeln.„Ich ſage Dir aber, er iſt noch nicht hin.“ „Du ſprichſt wie ein Verrückter,“ rief Archimbald,„oder Du haſt Deiner geſtohlnen Flaſche ſchon heute weidlich zugeſprochen.“ „Nichts da!“ ſprach Joſeph, halb aufgebracht.„Ich bin nicht verrückt, wie der alte Pater Lochus, der die Meſſe immer von hinten anfängt, wenn der Mond zunimmt, noch betrunken, wie der Pater Lector, wenn er Abends vom Brettſpiele aufſteht; ich habe meine geſunden fünf Sinne, und die ſagen mir, und ich ſage Dir... aber ein Jude, der es weiter trätſcht!...“ „Behüte Gott!“ fiel Archimbald ein. „Und ich ſage Dir alſo,“ fuhr der Frater fort,„daß ich alles darauf verwetten möchte, Amadeus ſey noch im Kloſter.“ „Wie?“ fragte Archimbald ſtannend. „Ja, ja,“ nickte der Frater;„eingeſperrt, wo da iſt Heu⸗ len und Zähnklappen, wo nicht ſcheint Sonne noch Mond.“ „Was?“ fragte Archimbald wie oben.„Gefangen 2* „So iſts,“ bekräftigte Joſeph.„Ich habe ihn zwar nicht geſehen, nicht gehört; auch weiß ich nicht einmal den Weg zu den unterirdiſchen Gewölben, die da ſeyn ſollen, und von denen der Guardian den Schlüſſel bei ſich trägt; aber eine gute Katze ſpürt die Ratten am Geruch. Wo's Rauch gibt, iſis Feuer nicht weit. Ich habe was gemerkt.“ 183 „Heraus damit!“ drängte Archimbald. „Gieb Acht auf das, was ich ſage,“ antwortete der Frater. „Du kannſt es leicht, weil Du in der Küche Dein Eſſen be⸗ kömmſt. Gieb Acht, ob nicht der Küchenmeiſter täglich eine Portion Eſſen mehr richtet, als im Refectorium Hungrige ſind. Wir ſind in allem unſer Dreißig an den Tafeln, und wenn mich irgend ein Geſchäft in die Küche führt, ſteht die ein und dreißigſte Schüſſel mit einem hölzernen Krüg⸗ lein auf dem Schaft unter dem Anrichttiſche. Komm ich nach der Mahlzeit wieder hinein, ſo iſt es weg. Einmal habe ich das Krüglein aufgedeckt; Es war aber nicht Bier⸗ nicht Wein, ſondern Brunnenwaſſer darin. Ich habe nach⸗ geſonnen, und herausgebracht, daß dieſe Practik erſt ſeit dem Verſchwinden des Pater Amadeus ihren Anfang ge⸗ nommen; darum behaupte ich ſteif und feſt, er ſitzt irgendwo in einem Keller, iſt vielleicht ſchon halb eingemauert! Hu! mich ſchaudert's! Ich hätte gerne den Küchenmeiſter gefragt; allein wie ſo die Herren ſind. Da heißt's gleich: das geht den Frater nichts an! oder? acht Tag Waſſer und Brod für den neugierigen Frater! oder: die Disciplin dem vor⸗ witzigen Soldatenſeppel, wie ſie mich ſcherzhafter Weiſe zu nennen pflegen,— und deshalb verbrenne ich mir's Maul nicht.— Wenn Du aber... Du biſt ein durchtriebener Vogel, und ein geborner Ketzer dazu— die haben alle den Teufel im Leibe... wenn Du etwas auswittern könnteſt⸗ und mir es mittheilen wollteſt... dann wollten wir erſt gute Freunde ſeyn! ich ſterbe ſonſt vor Neugier.“ „Ich will ſehen, wie ich's anfange,“ verſprach der durch⸗ triebene Vogel, insgeheim feſt entſchloſſen, dem vorwitzigen Frater nicht das Geringſte von dem mitzutheilen, was er 5 — 18⁴ vielleicht entdecken würde. Es ſchien ihm indeſſen nicht un⸗ paſſend, die Wahrhaftigkeit jener Angaben zu beleuchten. Er legte ſich alſo auf die Lauer, und fand ſie beſtätigt. Waren die Speiſen im Refectorium aufgetragen, und er trat in die Küche, ſo ſtand richtig die ein und dreißigſte Schüſſel mit dem Krüglein auf dem angezeigten Schafte. Der Küchenmeiſter ſchickte ihn regelmäßig, irgend ein unbe⸗ deutendes Geſchäft zu verrichten, fort; und wenn er wieder tam, war die Schüſſel ſammt dem Krüglein nicht mehr am Platze; war fortgebracht. Er wagte einmal hingeworfen die Frage:„für wen das Eſſen?“„Für einen Kranken!“ prummte der Küchenmeiſter in den Bart, und ſchickte ihn fort. Er legte ſich unfern der Küchenthüre in Hinterhalt; lauerte eine Weile. Niemand trat heraus; gleichwohl hatte die Küche nur den einen Ausgang. Des Wartens müde, und in Furcht, Verdacht durch zu langes Außenbleiben zu erregen, kehrte er dahin zurück, und die Schüſſel war fort ſammt dem Trunke; war nirgends zu ſehen, noch zu finden. Das grenzte an's Wunderbare. Gegen Hubert ließ er ſich nichts merken, weil dieſer immer verdießlich abbrach, wenn auf Amadeus die Sprache kam.— Da gerieth er einmal in die Küche, als gerade der Küchenmeiſter im Begriff war⸗ eine ſtarke Thüre, die einen Wandſchrank zu ſchließen ſchien⸗ zu öffnen. Keine Seele war bei ihm. Er fuhr zuſammen bei Archimbalds Eintritt, und ließ das Schloß wieder zu⸗ ſchnappen, den Schlüſſel hingegen ſtecken, um, wie es den Anſchein hatte, bei gelegenerer Zeit zu öffnen. Mit Archim⸗ bald, der kein Auge von dem Schlüſſel verwendete, war aber zu gleicher Zeit die Kloſterkatze hereingekommen. Lů⸗ ſtern ſchnüffelte ſie in dem verbotnen Orte umher, und ergriff 185 endlich uühemerzt die Gelegenheit, einen, für einen unpäß⸗ lichen Mönch bereiteten Leckerbiſſen dem Heerde zu entführen. Um Gotteswillen! Küchenmeiſter! die Katze! rief der ſchlaue Archimbald demſelben zu. Der Alte ſah ſich raſch um, ge⸗ wahrte die davon eilende Räuberin, und lief ihr, ſo ſchnell es ſeine Schwere erlaubte, mit geſchwungenem Kochlöffel nach, zur Thüre hinaus. Wie ein Blitz, keinen Augenblick verlierend, ſprang Archimbald an das geheimnißvolle Schloß; ein Druck, und es ſchnappte auf, die eichene Thür wich, und ließ eine andere, ſchwer mit Eiſen beſchlagene dahinter wahrnehmen, in der ein viereckiges Loch befindlich war, wel⸗ ches ein, mit einem beſondern Schloß verſehenes Gitter ſperrte. Modrige Luft drang durch die Oeffnung dem Spä⸗ her entgegen; er ſtutzte.. fuhr aber mit einem Ruf des Entſetzens zuxück, als plötzlich des vermißten Amadeus Antlitz, einem Todtengeſichte ähnlich, hinter dem Gitter auf⸗ tauchte, und mit Grabesſtimme ſtöhnte:„Bringt Ihr meine arme Koſt? mich hungert ſo ſehr!“ Ein kaltes Grauſen ſchlich durch Archimbalds Adern bei dem jammervollen An⸗ blicke, und bei dem Raſſeln der Kette, die das arme Opfer feſt hielt in ſeiner Gruft. Da fühlte er ſich heftig bei den Haaren zurückgeriſſen, die äußere Thüre flog zu, und der vor Zorn und Schrecken an allen Gliedern zitternde Küchen⸗ meiſter ſtand zwiſchen Kerker und Lauſcher mitten inne. „Verdammter Rothkopf!“ ſtammelte er mit halb gelähm⸗ ter Zunge...„welcher Geiſt der Finſterniß hielt Dir das Licht zu Deiner verdammlichen Neugier?“ „Archimbald, von ſeinem Erſtaunen noch nicht erholt, wußte nicht, wie ihm geſchehen war. Der Küchenmeiſter lief aber troſtlos in der Küche umher, und rief händeringend: „ich bin verloren! der Guardian ſchickt mich in pacem! ich bin ein rettungslos verlorner Mann: Pomine! sancte Fran- cisce, ora pro nobis! Maria! regina coeli! turris ebur- nea! stella maris!... Ich weiß nicht, was ich rede! was ich thue!“ Archimbald, der mit ſeiner Verzweiflung herzliches Mit⸗ leid fühlte, legte ſich auf's Bitten, und betheuerte ſeine Verſchwiegenheit. „Das räth Dir Gott,“ ſprach der Küchenmeiſter, Angſt⸗ ſchweiß auf Stirn und Naſe, Leichenfarbe auf den Wangen. „Burſche! lieber Archimbald! Du bringſt mich auf die Folter, in's Grab, wenn Du nicht Dein Maul hältſt. Schwöre mir's, Junge, ſchwöre; ſonſt liegſt Du in der nächſten Minute in Ketten, gleich dem da drinnen. Schwöre!“ Er riß ein Kruzifir aus der Kutte hervor, das er be⸗ ſtändig auf der Bruſt trug, und Archimbald mußte ihm mit einem fürchterlichen Eide geloben, keiner menſchlichen Scele vor dem Abſterben des Guardians zu entdecken, was er geſehen. Sodann wurde er ruhiger, ſchob vor ſeinen Augen, mit den Zeichen eines lebhaften Bedauerns, dem Ge⸗ fangenen die ſparſame Koſt in's Gefängniß, und las, nach⸗ dem er den Schlüſſel zu ſich geſteckt hatte, dem Jüngling über ſeine vorwitzige Neugier derb den Tert; ſchwieg aber wie eine Mauer, als Archimbald in ihn drang, ihm zu er⸗ klären, was es für eine Bewandtniß mit dem Gefangenen und ſeiner Strafe habe.— Denſelben Abend wurde jedoch von dem Guardian allen Fratres, wie allen übrigen Haus⸗ bewohnern geboten, ſich in ihre Zellen und Gemächer eine halbe Stunde früher als gewöhnlich zurückzuziehen, und ſie bei ſtrenger Strafe, es ſey unter welchem Vorwande es 1½ wolle, nicht zu verlaſſen bis zur üblichen Morgenzeit. Diefes Gebot erregte allerlei Muthmaßungen. Man mußte ſich jedoch ihm fügen, und auch Archimbald ſuchte in eitlem und vergeblichem Nachgrübeln ſein Lager. Alles ſchien ſtill im ganzen Hauſe. Draußen war es dunkel geworden; kein Lüftchen regte ſich. Archimbald hatte ſein Gebet ver⸗ richtet und war im Begriff zu entſchlummern, als er ein ſeltſames Geräuſch hörte. Es war nicht um die Zeit der Mette, und dennoch öffneten ſich nach und nach alle Zellen⸗ thüren der Mönche, und die ſchleppenden Schritte gingen leiſe über den langen Gang hinweg, nach der Treppe zu. Ar⸗ chimbald, von dieſem Schlürfen und Flüſtern völlig munter geworden, ſprang auf, fuhr in die Kleider. Wiſſen mußte er, was man ſo hartnäckig verſchwieg, und ſich ſelbſt ein Probeſtück ablegen, wie weit ſeine kecke Gewandtheit wohl gehe.— Er war mit dem Ankleiden beſchäftigt, als noch zu guter Letzt der verſchlafne Kellermeiſter vorüberkeuchte, der am entlegenſten wohnte, und immer der faulſte Chor⸗ gänger war. Nun hatte Archimbald nicht mehr zu befürchten, einem Geiſtlichen zu begegnen, und wollte die Kammer ver⸗ laſſen.— Man hatte aber von Außen den Riegel vorge⸗ ſchoben, und er ſaß gefangen. Sein erſter Blick nach einer leiſen Verwünſchung flog gegen das Fenſter. Es war hoch, aber unvergittert. Er erkletterte es, öffnete und gewahrte, zu ſeiner innigen Freude, mehrere lange Heuleitern daneben angelehnt. Ohne ſich lange zu beſinnen, ſchwang er ſich zu der ſicherſten herab, und hatte bald den Boden erreicht. Er ſtand in einem kleinen Hofe, der ihm aber wohl bekannt war, und durch einen ſchmalen Pfeilergang mit dem Kreuz⸗ gange zuſammenhing. Er eilte dem Pförtlein zuz; allein, 5 188 auch hier war alles verrammelt. Unmuthig kehrte er auf ſeinen Fußſtapfen zurück in den Hof. Wie, dachte er end⸗ lich bei ſich ſelbſt, wenn ich über jene kleine Mauer in den Garten ſpränge, und von da aus in das Kloſter dränge?— Gedacht, gethan! Er klimmte, ſprang, und ſtand im Garten. Hoffnungsreich lief er auf die Thüre zu, die neben dem Re⸗ fekrorium in's Innre führte. Auch ſie war verriegelt. Seine Ungeduld war auf ihrem Gipfel; aber ein Gemurmel und Geſumme von vielen Stimmen machte ihn aufmerkſam. Es wurde gebetet, nach der Kapuzinerweiſe in tiefem, unmo⸗ dulirtem Tone. Der Schall kam aus dem Refektorium. Archim balds Seele jauchzte; denn von jenem Apfelbaume konnte er ja bequem die Verſammlung belauſchen, die hin⸗ gegen ſeine Anſtalten durch die mit Traubenblättern ver⸗ hangnen Fenſter nicht zu ſehen vermochte. Dem Eichhörn⸗ chen im Flettern gleich, nahm er bald Platz auf dem lau⸗ bigen Throne, und überſah von dort aus einen Theil des Refektoriums. Es war hell von den Kerzen erleuchtet, welche die Brüder in den Händen trugen, die, auf dem Boden tnieend, ein Viereck zu bilden ſchienen. Das eintönige Ge⸗ bet dauerte lange; endlich wurde es geſchloſſen, und die Mönche nahmen Platz auf hölzernen Bänken, die hinter ſie geſtellt waren. Die Stimme des Guardians, den Archimbald nicht ſehen konnte, weil ein neidiſcher Pfeiler ihm die halbe Verſammlung verbarg, ließ ſich nun vernehmen. Theodor ſprach lange, blieb aber dem ungebetnen Zuhörer unver⸗ ſtändlich. Er ſchwieg; aber nun fing eine andere Stimme an zu reden, die, obgleich ſehr matt und erſchöpft, ſchreckbar zu Archimbalds Herzen drang. Amadeus war's, und nur ſein Schatten war in dem Viereck ſichtbar, ſeine Geſtalt ebenfalls 189 durch den Pfeiler verborgen. Seine Antwort, von lan⸗ gen Zwiſchenräumen unterbrochen, ließ nur einige Worte, als: Unſchuld, Eiferſucht, ungerechte Haft, zu Ar⸗ chimbalds Ohren gelangen. Da erhob ſich der Lector, der dem Lauſchenden gerade gegenüber in vollem Lichte ſaß, und brach mit gewohnter Heftigkeit los: Ich bewundre die Ge⸗ duld, rief er, mit der der Convent die Lügen eines nichts⸗ würdigen— von der Regel und dem Keuſchheitsgelübde ab⸗ trünnigen Mönchs anhören kann, der es ſogar wagen darf, den frommen Wandel unſers würdigen Vorſtehers durch böſen Leumund zu verunglimpfen, und in den Moraſt des ſeinigen herab zu ziehen. Der Schwur des frommen Paters Theodor iſt höher zu achten, als ſelbſt die triftigſten Be⸗ weiſe. Wenn Er überzeugt iſt, und beſchwört, daß die Sonne am Mittage nicht ſcheine, ſo dürfen wir dieſelbe auch nur als ein gefährliches Blendwerk unſrer Sinne anſehen. Ich ſtimme daher ohne Anſtand und ſonder Gewiſſensſerupel für die in Antrag gebrachte gelinde Züchtigung, die man aber nicht nur ein einzig Mal, ſondern drei Male anwen⸗ den möge, um dem laſterhaften Fleiſche des Verirrten ſtren⸗ gere und heilſamere Buße aufzulegen.— Beifallsgemurmel. Nur Wenige ſaßen in trübem Schweigen. Da vernahm Archimbald Huberts Stimme.. „Ich weiß im Voraus,“ ſprach er ganz kalt,„daß mein Gutachten ein geringes Gewicht im Convente hat. Ich vertheidige den Sünder nicht, noch widerſpreche ich dem Kläger. Allein meine Brüder mögen mir erlauben, als Arzt und Menſch ein Wort gegen die Strafe fallen zu laſſen. Seht dieſen, in einem ſehr harten Kerker, dem es an Licht und Luft gebricht, zur lebendigen Leiche abgefallnen Körper. Wird er die Buße, die man ihm aufzulegen denkt, ertra⸗ gen? Lebensgefährlich iſt es ihm, ſie nur Ein Mal aus⸗ zuhalten, und man will ſie zu dreien Malen angewendet wiſſen?— Laßt ihn länger, aber leichter büßen, und gebt ihm die Mittel,— ſeine Strafe zu überſtehen. Laßt Milde und Menſchlichkeit walten!“ „Wer wagt's?“ rief der Lector, wie oben.—„Wer wagt's, uns erſt Menſchlichkeit zu empfehlen, der Kirche Regeln vorzuſchreiben? Sie will nicht den Trd des Sün⸗ ders, ſie will, daß er lebe, gebeſſert lebe. Wir wiſſen das alles, ſind wir gleich nicht ſo gelehrt, wie der Pater Hu⸗ bert. Allein die Kirche will, daß der Sünder leide, und durch das Leiden gebeſſert werde; deßhalb hat ſie auch Strafen eingeſetzt, und der Weisheit unſrer Obern in manchen Fällen die Gewalt gelaſſen, dieſelben nach Gutdünken zu verſchär⸗ fen, und zur Ehre Gottes anzuwenden. Ich bleibe bei meinem Antrage.— Fiat! tönte es donnernd aus dem Munde der größern Mehrzahl.— Nun ſprach der Guardian, und mußte in ſeiner kurzen Rede des Lectors Urtheil be⸗ ſtätigt haben; denn Amadeus warf ſich jammernd vor ihm nieder, und bettelte um Barmherzigkeit und Hülfe. Um⸗ ſonſt! die Gnade ſchwieg„. die Kerzen der Brüder er⸗ loſchen, bis auf die am großen Kruzifir brennenden. Ein Bußpſalm ertönte in grauſenhaft wechſelloſer Tiefe, und es fiel ein Streich, der dem bebenden Archimbald in's Herz zu fahren ſchien; ein Schlag, der, wahrſcheinlich auf dem Rücken des Büßenden auffallend, einen hohlen Klang von ſich gab, als ob er mit einer ſchweren, in Riemen hängen⸗ den Kugel geführt würde. Ein fürchterliches Schmerzgeheul folgte unmittelbar darauf, das die anſchwellenden Töne des 191 Chorals kaum zu erſticken vermochten. Dieſes verzweiflungs⸗ volle Geſchrei vermehrte ſich unter den nächſten Streichen, die in gemeſſenen Pauſen immer ſchwerer zu fallen ſchienen, bis, unter ihrer Laſt vergehend, der Leidende immer ſchwä⸗ cher, ſein Geſchrei immer dumpfer, ſein Geheul zum Ge⸗ wimmer wurde. Sechzig ſolche Streiche, deren jeder ein Leben zu zerſchmettern ſchien, zählte Archimbald in der Angſt des Mitgefühls.— Da wurde es ſtill. Choral und Pein hörte auf. Vom Fußboden wandten ſich herzzerreißende Seufzer empor. Die Kerzen wurden wieder entzündet, der Gemarterte, nach der Bewegung iin der Verſammlung zu urtheilen, weggebracht, und ein raſches Gebet begonnen⸗ das vermuthlich die Handlung beſchließen ſollte. Archimbald 3 hielt es für rathſam, vor dem Aufbrechen der Mönche in die Kammer zurückzukehren. Obgleich halb ſtarr an allen Gliedern machte er ſich ſchnell auf den Rückweg, und langte ohne Hinderniß wieder in ſeiner Klauſe an. Er hatte auch Zeit; denn kaum lag er unter der Decke, um zu erwarmen, ſo ſchlichen die Mönche vorüber, nach ihren Zellen. Der Riegel ſeiner Thüre wurde leiſe weggeſchoben, und die Klinke aufgedrückt. Archimbald blinzelte, ſich ſchlummernd ſtellend, dem Hereinſpähenden entgegen. Es war der Küchenmeiſter, der einen Blick auf den Schlafenden warf, beifällig mit dem Kopfe nickte, und die Thüre wieder ohne Gerauſch anzog, um ſich zu entfernen. Archimbald träumte die ganze Nacht von den Leiden bes armen Amadeus, und verſprach ſich's am andern Morgen beilig, nichts von allem, was er wußte, zu verlauten, aus Furcht, ebenfalls in die Klauen der grauſamen Peini⸗ ger zu fallen. Auch gegen ſeinen Lehrer, den er ßtrafbar fand, weil er ſich des Gemarterten nicht eifrig genug ange⸗ nommen, wußte er ſich meiſterlich zu verſtellen, obſchon der ſchlaue Hubert ihn, ohne es merken zu laſſen, eifrig in's Verhör nahm, um zu erforſchen, ob er nichts ergat⸗ tert habe. Liſt gegen Liſt! dachte Archimbald. Der Lehrer ſehe, daß ſein Schüler nicht faul war; und ſpielte den Un⸗ befangenen ſo natürlich, daß der Klügſte nicht die geringſte Muthmaßung hegen konnte. Dieſen Abend wurde kein Ver⸗ bot bekannt gemacht, wie geſtern. Amadeus hatte alſo Ruhe; und auch Archimbald ſchlief ſo ruhig als möglich. Der nächſte Tag brachte das geſchärfte Verbot zum zweiten Male. Archimbald konnte kaum die Zeit erwarten. Alles ging gut und leicht, wie das erſte Mal. Er ſaß auf ſeinem Apfel⸗ baume, und hörte und ſah daſſelbe wie vorgeſtern. Nur fielen die Verhandlungen vor der Strafe weg; und wäh⸗ rend ihrer Dauer war der Büßende weit ſtiller und ruhiger. War er die gräßlichen Streiche ſchon gewohnt, oder was verkündete ſein leiſes gepreßtes Gewimmer?.. Der ungeſehene Zeuge der finſtern That kehrte glücklich nach ſeinem Gemache zurück, der Küchenmeiſter ſpionirte wieder, und ging zufrieden zu Bette.—„Nein!“ ſagte A⸗ chimbald zu ſich ſelbſt,„nein!... dieſe Martern will ich nicht mehr anhören. Es ſchneidet mir durch Mark und Bein, und wenn ich auch noch ſo gerne will... ich kann dem Un⸗ glücklichen nicht helfen!— Schlaflos wälzte er ſich auf dem Lager, ſtand mürriſch auf, und ging verdroſſen zu Hubert.— Der Mönch ſaß, von einer Menge von Arzneibüchſen um⸗ ringt, am Tiſche, und hatte eine ſtarke Doſis eines ſchwar⸗ zen Pulvers vor ſich auf dem Miſchbrete liegen.—„Ei, was macht Ihr da, lieber Lehrer?“ fragte Archimbald, näher — — 193 tretend.„Biſt Dn's?“ fuhr Hubert auf, und ſah ſich raſch um.„Was willſt Du?“ „Wie fragt Ihr doch ſo ſonderbar?“ erwiederte Archimbald, und ſuchte in den betroffenen Zügen des Lehrers zu leſen. „Es iſt ja die Stunde zum Unterrichte vor der Thüre.“ „Ich habe heute keine Zeit,“ verſetzte Hubert, und kraute verlegen ſeinem Storche auf dem Kopfe.»Morgen, mein Sohn, Morgen!“ „Mir recht;“ ſprach Archimbald. Kann mich wohl gedul⸗ den. Aber, was laborirt Ihr denn da, lieber Meiſter? Eine Wundſalbe, oder ein Zugpflaſter für ein verhärtetes Gewiſſen?“ Eine ſchnelle Röthe überflog Huberts Geſicht.„Was ſoll die Frage?“ begann er zu dem vorlauten, ſchon bereits ſeine Worte bereuenden Jüngling. „Ei nun!“ erwiederte dieſer, ſo treuherzig als möglich. „Nehmt ſie, wie die Blechmünze, die ein Thor unter's Volk wirft, wenn er ſich ein König dünkt, der zur Krönung rei⸗ tet. Es iſt nichts dahinter!“ „Archimbald!“ ſprach hierauf der Mönch, mit dem Finger drohend;„denkſt Du denn, Du ſeyeſt mir ſchon ſo gewaltig über den Kopf gewachſen, daß ich Deine Rede nicht mehr zu deuten vermöchte? Die Blindſchleiche liegt wie ein ab⸗ geriſſener Zweig im Staub der Straße. Der unvorſichtige Wanderer tritt auf ihn, und nimmt erſt am Biſſe der gif⸗ tigen Beſtie wahr, daß ihn ein Blendwerk täuſchte.“ „Wie meint Ihr das?“ fragte Archimbald halb trotzig. „Die Blindſchleiche,“ fuhr Hubert fort,„iſt Deine Rede, die mich in Verſuchung führen möchte. Verſtehſt Du nun? Aber an meinem Beiſpiele erſiehſt Du auch, daß ich nicht II. 1. 13 der unvorſichtige Wanderer bin, der in die Falle geht. Be⸗ hüte Dich Gott. Komm Morgen wieder.“ Archimbald wollte ſich beſchämt entfernen. „Höre!“ rief ihm Hubert nach.„Bete und arbeite, ſagt die Schrift. Da Du heute nicht unter meinen Augen arbei⸗ ten kannſt, ſo bete vor dem allſehenden Auge Gottes,. bete für den Erfolg einer guten Sache,.. bete für mich. Jetzt geh!“ Er begleitete den Schüler zur Thüre, und ließ den Rie⸗ gel hinter ihm fallen. Archimbald ſah ihn den ganzen Tag nicht. Uum die fünfte Stunde des Abends, erblickte er ihn, im Refectorium beſchäftigt, zu einer Zeit wo alle Uebrigen, ohne Ausnahme, ſich im Blumengarten ergingen. Hubert ſtand auf einem Stuhle an dem Kruzifir, das, in über⸗ menſchlichen Verhältniſſen geſchnitzt, hoch oben, auf einem ſtarken Fußgeſtell befeſtigt war⸗ und über der Haupttafel gerade die Mitte behauptete. Eben an dieſem Fußgeſtelle mußte etwas losgegangen oder verrückt ſeyn, deun der Mönch hob emſig an demſelben, und rückte es nach allen Richtun⸗ gen, bis endlich das Kruzifir von oben zu ſchwanken begann und zu ſtürzen drohte. Nun befeſtigte er es ſchnell wieder auf dem vorigen Platze, ſtieg, nach einem vorſichtigen Blicke rund umher, vom Stuhle, und verließ das Zimmer, nach dem Garten gehend. Wozu das Geheimnißvolle, dachte Ar⸗ chimbald, hinter einem wilden Roſenbuſche verſteckt, als Hubert ſich, aufmerkſam umſchauend an ihm vorüber geſchli⸗ chen hatte, wozu vas Schleichende, das dieſer Mann in Alles legt? Man könnte faſt auf den Verdacht gerathen, er ſinne und thue Böſes, wenn man ihn die unbedeutendſte Verrichtung ſo ſcheu und behutſam vornehmen ſieht. Als 195 ob das Zurechtſtellen eines vom Flatz gerückten Bildes mit einem Kirchenraub die gleiche Stange hielte. Mit neuen Zweifeln an dem Charakter und Gemüth ſeines Lehrers ging Archimbald weiter. Frater Joſeph begegnete ihm, und hielt ihn an.„Im Namen Jeſu!“ ſagte er mit allen Zeichen des Schreckens,„komm mit mir, Archimbald.“ „Wohin?“ fragte dieſer verwundert. „Dorthin!“ verſetzte Joſeph wie oben.„In das Holz⸗ aus, aus dem ich komme.“ „Wozu?“— „Du wirſt's ſchon ſehen, ſchon hören.“— Sie traten in den Schuppen. „Nun gib acht!“ flüſterte der Frater;„gib acht und rühre Dich nicht.“ „Was ſoll ich denn?“ wiederholte Archimbald. „Aufpaſſen,“ murmelte Joſeph,„und die Geiſterſtimme hören, die mir Angſt und Schrecken in die Rippen gejagt hat.“ „Eine Geiſterſtimme? biſt Du toll?“ „Nichts weniger als das. Kein Schloß, kein Kloſter ohne Geiſt. So iſt's in der Ordnung. Still! hörſt Du nichts?“ „Nein!“ erwiederte Archimbald lachend. „Sonderbar!“ ſprach hierauf Joſeph.„Jetzt hör' ich auch nichts. Und vor einer kleinen Weile noch, war hier ein gar trauriges Geſtöhne und Geächze. Jetzt alles ſtill und todt.“ „Haſenohr!“ ſpottete Archimbald.„In Deinem Hirn ſpuckt der geſtohlne Wein.“ „Pſt! um des heil. Franziscus willen!“ raunte der Frater und ſtieß ihn in die Seite.„Das Wetter hn Dich neun und 13* 8 neunzigmal umdrehen wie einen alten Stiefel, wenn Dir ein Wort über die Zunge kömmt! Aber eins wie's andere, es iſt hier nicht richtig, vder es war einmal hier etwas nicht richtig, denn die Schorköpfe.. heilige Viktoria bitt für uns! die Herren wollt' ich ſagen.. haben immer al⸗ lerlei im Trieb... Nu, in Gottes Namen!— Haſt Du denn nichts aufgeſpürt von dem, was ich Dir vertraute?“ „Nicht das Geringſte,“ erwiederte Archimbald; und ſchickte ſich zum Fortgehen an.„Sprich, woran ſtößt denn dieſes Holzhaus?“ „An eine Seite der Küche,“ verſetzte der Frater abſchied⸗ nehmend, und dem forſchenden Jüngling war die räthſel⸗ hafte Geiſterſtimme nun wohl bekannt.„Sie konnte niemand anderem als dem unglücklichen Amadeus angehören.“ Nun fielen ihm auch wieder Huberts letzte Worte ai. Sn ſprach er vor ſich hin.„Sollte das gute Werk, von dem Hubert ſprach, den armen Amadeus betreffen, ihn aus den Klauen ſeiner Teufel reißen? Ja, herzlich und fromm will ich dafür beten, wenn mein Gebet nützt, und dennoch, ob⸗ wohl ich es nicht Willens war, auch noch heute dem ſchreck⸗ lichen Auftritt beiwohnen, wenn er nämlich heute ſtatt hat.“ Sein Zweifel deßhalb ward auch ſogleich gehoben. Der Guardian wiederholte vor der Abendmahlzeit das Verbot, ſich aus den Zellen zu entfernen, und den Befehl ſich ruhig zu verhalten. Man ſteckte die Köpfe zuſammen, man muth⸗ maßte, hatte Argwohn, Verdacht; doch der Gehorſam, der plinde Gehorſam, das erſte Grundgeſetz und Bindemittel klöſterlicher Zucht, überwog alles Grübeln, und Alles ſchlich erwartungsvoll zu Bett; Archimbald erwartungsvoller als — 2— alle Andere.— Die Stunde rückte heran, die Mönche brachen nach dem Refectorium auf, der Kellermeiſter war, wie ge⸗ wöhnlich, der letzte geweſen, und Archimbald ſtieg auf's Fenſtergeſimſe. Allein welch ein Schrecken, welche unvermu⸗ thete Ueberraſchung! Die Leitern waren weggenommen, der Ausgang verwehrt. Ein Sprung von dem hohen Stockwerk hinunter, war nicht wohl zu wagen, und wäre er auch ge⸗ lungen, wie den Weg zurücknehmen? Archimbald war von Ungeduld und Verdruß zerfleiſcht. Noch vor wenigen Stunden feſt entſchloſſen, der nächtlichen Geſellſchaft nicht beizuwohnen, plagte ihn jetzt die Begierde es zu thun; um ſo mehr, als ihm alle Mittel zu fehlen ſchienen, ſeinen Zweck zu erreichen. Unmuthig trat er zur Thüre, einen Verſuch zu machen, ſie aus den Angeln zu he⸗ ben. Er hatte ihn aber nicht nöthig; denn als er durch Zufall die Klinke berührte, ging ſie von ſelbſt auf. Man hatte heute vergeſſen den wehrenden Riegel vorzuſtoßen, und Archimbald ſah ſich im Beſitz der Freiheit, gerade da, wo er es am wenigſten hatte hoffen dürfen. Wie flog er durch den von ſchwacher Lampe erleuchteten Gang, die dunkle Treppe hinab! Allein.. da ſtand er in dem Kreuzgange, der bloß von dem ewigen Lichte, das vor dem rieſenhaften Chriſtus⸗ bilde erhalten wurde, etwas dürftige Helle lieh. In dieſer halben Dämmerung nickten die großen Bilder geſpenſtig von den Wänden; lange Schatten liefen durch die Halle, und der dumpf einfallende Choral aus dem Refectorium mahnte den ſchaudernden Archimbald an die ſchon begonnene Trauer⸗ ſcene. Aber wie in den Garten kommen? alles verſchloſſen verriegelt! Von dem Reitz des Schauerlichen zu vemSchunpli 5 198 jenes Auftritts hingezogen, tappte er nach dem Refecto⸗ rium. Die Thüre war feſt zu, und er hörte die Streiche ſchon dröhnend fallen. Die daran ſtoßende Küche war hin⸗ gegen offen; eine Laterne ſtand darin auf dem Boden„ er ſah behutſam in die Thüre... kein Menſch darinnen zu ſehen; keck ſchlich er ſich hinein; die offene Thüre von Ama⸗ deus Kerker gähnte ihn gräßlich an, und immer hinter ſich ſchauend, als ob er fürchte, von einem daraus hervorſtei⸗ genden Geſpenſte gepackt zu werden, näherte er ſich dem Schieber, durch welchen die Speiſen in's Refectorium gege⸗ ben wurden. Er war offen, gegen das Speiſegemach mit einer dünnen, in allerlei Figuren durchſchlagenen Meſſing⸗ platte verdeckt, die dem lauſchenden Auge freien Spielraum ließ. Ohne die drohende Gefahr zu bedenken, legte ſich Archimbald in Hinterhalt. Nun überſah er ſo ziemlich das ganze Gemach. Sein erſter Blick fiel auf das Schlachtopfer unverſöhnlicher Wuth. Auf einer Tragbahre hatte Amadeus zur Marter geſchleppt werden müſſen. Auf ihr ruhte er noch, den gräßlich zerfleiſchten Rücken mit der ſtumpfen Un⸗ empfindlichkeit eines Sterbenden der furchtbaren Geißel dar⸗ bietend, die mit Stacheln, Widerhacken und ſchweren bleier⸗ nen Kugeln bewaffnet, ſich bei jedem Streich in die Wunden des Unglücklichen ſo tief eingrub, daß man ſie mit der ro⸗ heſten Gewalt wieder losreißen mußte. Der Novizenmeiſter war der Henker. Mit nerviger Fauſt ſchwang er das Werk⸗ zeug des Todes; aber, obgleich er ſeine Wuth verdoppelte⸗ erpreßte er höchſtens nur ein dumpfes Röcheln der Bruſt des Sterbenden, der nicht einmal mehr durch ein leiſes Zucken den grimmigen letzten Schmerz verrathen konnte. Bei 199 dieſem jammervollen Schauſpiele erbebten die Herzen der zuſchauenden Brüder; einer nach dem andern ſchwieg im Cho⸗ ral.„Was ſoll die fortgeſetzte Pein?“ begann endlich Hubert, und ſprang auf.„Sind wir Metzger, oder Schinder, daß wir an ſolchem Anblick unſer Herz erfreuen ſollen? Laßt ab, Novizenmeiſter! Ich wiederhole es Euch im Namen der Menſchheit. Seht Ihr nicht, daß der Arme in kurzer Friſt mit dem Leben fertig ſeyn wird? Wozu noch länger die viehiſche Wuth?“ Der Geißler blickte fragend nach dem Guardian, der ſeinen innern Groll nur durch grimmige Blicke kund that,— der Lektor rief aber wild:„Fortgefah⸗ ren! zwanzig Streiche ſind noch zurück! Die Strafe muß ihren Lauf haben, ſollten auch die letzten Hiebe nur die ſtarre Leiche treffen.“ Der Novizenmeiſter ſchwang die Geißel wieder; aber wie ein Blitz hatte Hubert ſie ihm entwunden, und ihn zu Boden geſchleudert.„Nichtswürdiger Bube!“ ſchrie er ihm zu„Werkzeug niedriger Bosheit! ich entwaffne Dich!“ „Verdammter!“ brüllte ihm der Lector zu, und fuhr, braunroth vor Zorn, in die Höhe;„elender Gaukler! Deine Stunde iſt gekommen!“ „In pacem mit ihm!“ ſchrie der Guardian, ſich er⸗ mannend. Zwei bis drei Mönche wollten dem Befehl gehorſamen, aber die Uebrigen traten ſchützend vor Hubert. Die Menſch⸗ lichkeit hatte, freilich zu ſpät, den Sieg über ihre verſtockten und in Selbftſucht verſteinerten Herzen davon getragen. 200 Der Lector ſchäumte vor Wuth.„Aufwiegler! Apoſtat! Ketzer und Tempelſchänder!“ raſ'te er gegen Hubert„was hält mich ab, daß ich nicht mit eigener Hand „Der Provinzial ſol erfahren“ ſtammelte der Guardian. „Er weiß ſchon alles,“ höhnte Hubert ihnen entgegen. „Vor ihm ſtelle ich mich zur Rechtfertigung; er ſoll erfah⸗ ren, daß dieſer Arme, der zu unſeren Füßen ſein bejammerns⸗ würdiges Leben ausröchelt, unſchuldig iſt; daß der blaſſe Sünder, den ſeine Creaturen zu unſerm Obern gewählt ha⸗ ben, ſelbſt gethan hat, weſſen er den Bruder Amadeus be⸗ ſchuldigt hat; daß er unerlaubte Buhlſchaft mit der Müllerin im Thale pflegen wollte, und von des Weibes Keuſchheit zurückgewieſen, auf den Unſchuldigen, den er mit Unrecht begünſtigt glaubte, ſein Gift ausgegoſſen hat, um ihn zu ſtrafen, daß er immer tugendhafter war als er. Schande und Strafe wird dann des unwürdigen Obern Loos ſehn!“ „Aber Dich,“ fuhr er, zum Lector gewendet, fort,„Dich, den erſten unermüdetſten Henker des Gemordeten, lade ich an ſeiner Statt und in ſeinem Namen vor den Thron des ewi⸗ gen Richters, um dort Rechenſchaft abzulegen von Deinen Miſſethaten!“ „Ha! ha! hal“ lachte der Lector wüthend.„Deine Dro⸗ hungen, elender Gleißner, verachte ich. Der Himmel iſt taub gegen Deine ohnmächtigen Verwünſchungen, wie gegen die Seufzer des Verruchten, der ſeinen Geiſt hier auskeucht, und noch einen quglvollern Tod verdient hätte.“ „Taub?“ rief Hubert begeiſtert, und riß eine von den Fackeln, die zu den Füßen des Kruzifixes brannten, aus ihrem Behälter.„Taub? Du läſterſt die Gottheit, die über⸗ all allgegenwärtig iſt, und hier in dieſem Gemache ſowohl unſichtbar, als in körperlichem Bilde. Sieh hier das Bild des Gekreuzigten... des Heilandes, der uns ein milder Erlöſer wurde, Dir aber ein ſtrenger Richter ſeyn wird,— Dir und Deinem niederträchtigen Freunde! Wage es, in dieſe Züge zu ſchauen, die finſter und mißbilligend auf Dich her⸗ unterſehen; wage es im Angeſichte ſeiner heiligen Wunden die freche Läſterung zu wiederholen, die Du gegen ſeine Größe ausgeſpieen haſt, und fürchte ſeine Rache!“ „Ich fordere ſie heraus,“ tobte der Lector ſchäumend, und raſte zu dem ſterbenden Amadeus.„Ich lege meine Hand auf dieſe Wunden, und ſein Blitz treffe mich, wenn ich gefrevelt habe an ſeinem Ruhm und an Dieſem.“ „Wehe!“ ſchallte es wie ein Donner durch den Chor der Mönche.„Wehe!“ rief Hubert, und ſchwang die Fackel gegen das Fußgeſtell des Kreuzes. Da füllte ein entſetzlicher Blitz das Gemach, der ſchnell in einem donnernden Knall erloſch. krachend ftürzte das Kruzifir herunter, unter ſeinem Ge⸗ wicht den Lector begräbend. Der auffliegende Staub, der Schwefeldampf hatte alle Lichter gelöſcht, und auf das ent⸗ ſetzliche Getöſe folgte eine dumpfe Stille, in der kein Athem⸗ zug gehört wurde. Archimbald hatte verſteinert alles mit angehört und ge⸗ ſehen, und war bei dem fürchterlichen Donnergebrüll, ohne zu wiſſen, wie? auf die Kniee geſunken. Plötzlich wurde die Thüre des Refectoriums aufgeriſſen, und in wilder Flucht ſtürzten die Erſtern am Ausgange in die Hallen auf den Weg nach ihren Zellen. Ihnen folgten Andere, die Jemand 202 zu führen ſchienen.„Sieh da, da iſt Licht!“ ſtammelte die Stimme des Küchenmeiſters, der, ohne einen weitern Blick in die Küche zu thun, eilig die Laterne herausholte, und ſich wieder zu den Uebrigen geſellte.„Führt ihn behutſam,“ flü⸗ ſterten ſie draußen...„er iſt wie von Sinnen, und dann laßt uns wiederkommen, um die Andern wegzuräumen, da⸗ mit der Leumund des Kloſters nicht leide.“ Sie entfernten ſich mit ſchnellen Schritten, die Perſon, die krank geworden war, mit ſich fortzerrend. „Die Andern wegräumen?“ fragte Archimbald ſeine Klug⸗ heit.„Wen? war denn der Kranke, den ſie führen, nicht der Lector? Das Gewitter hat ausgetobt..ich muß mir doch den Kampfplatz beſehen.“ Er trat aus der Küche. Die Thüre des Refectoriums war angelweit offen. Der Mond ſchimmerte durch die Fenſter in den trüben Qualm, und be⸗ leuchtete die Verwüſtung. Alle Tiſche, Bänke umgeworfen⸗ das Cruzifix auſ dem Geſichte ausgeſtreckt am Boden. Der Lector neben dem lebloſen Amadeus liegend, eine ſtarre Leiche. Zitternd, von Fieberfroſt geſchüttelt, ſchlüpfte Archim⸗ bald durch den Krenzgang, die Treppe hinan und ungeſehen an der offnen Zelle des Guardians vorüber, in der alle Mönche um einen ächzenden und ſtöhnenden Kranken ver⸗ ſammelt waren, erreichte ſein Kämmerlein und ſchlief getroſt und ermüdet ein. Bei ſeinem Erwachen durchlief bereits das ganze Kloſter die Kunde, den böſen Guardian und den Lector habe die Hand Gottes getroffen. Den Lector habe ſie auf der Stelle getödtet, den Guardian aber gelähmt und ſtumm gemacht auf ewig. So war es auch. Der Bedauernswürdige, von dem Schreck der vergangenen Nacht an Füßen und Zunge gelähmt, ſchmachtete noch einen ganzen Tag hin, und ſtarb unter jämmerlichen Gewiſſensgualen. Er und der Lector wurden an der Kirchhofsmauer eingeſcharrt. Der Körper des Amadeus war aber verſchwunden, und unter dem Klo⸗ ſtervolke blieb ſeine Todesart ein Geheimniß. Pater Hubert wurde auf der Stelle zum Guardian er⸗ wählt, und durch dieſe Wahl ſein Wunſch erfüllt, den er immer künſtlich zu verbergen gewußt hatte.— Als Archim⸗ bald ihm Glück wünſchte, fragte der Pater lächelnd:„Nun mein lieber Schüler und Freund; Du ſiehſt, die Sachen haben ſich plötzlich umgeſtaltet. Wie mag das wohl gekom⸗ men ſeyn?“ Sein Blick ruhte lauernd auf dem Jüngling, der, ſchlau genug, um den wahren Zuſammenhang der Sache zu ahnen, aber auch, um ſeine Ahnung nicht zu ver⸗ rathen, ſich begnügte, fein zu erwiedern:„dießmal, Herr, iſt Euere Rede die Blindſchleiche, ich der Wanderer. Ihr habt mich aber vorſichtig zu ſeyn gelehrt, und deßhalb ant⸗ worte ich:„ich weiß es nicht.„Recht, mein Sohn,“ ver⸗ ſetzte der Guardian,„Deine Antwort iſt gut. Iſt ſie ächt, ſo haſt Du Wahrheit geſprochen, und das iſt löblich. Iſt ſie falſch, ſo haſt Du klug geantwortet, und das iſt noch löblicher. Du kannſt indeſſen Dich nicht beklagen, wenn ſich Alles umgewandelt hat. Wir bleiben jetzt ungehindert bei⸗ ſammen, und Du ſollſt Dein Ziel erreichen.“ Der Unterricht ging nun eifriger an, als je, und unter den Flügeln der Wiſſenſchaft entſchwebten noch zwei volle Jahre, während denen Dee zum öftern Nachricht von ſich gegeben, und bei deren Verlauf er verſprochen hatte, ſeinen Pflegeſohn abzuholen. 204 Archimbald ſtand im achtzehnten Jahre. Eine herrliche hoch gewachſene Geſtalt, das kühne Antlitz von tauſend goldfarbigen Locken umringelt, das Auge voll Muth, die keck aufgeworfene Lippe voll Kraft, Naſe und Stirn voll Verſtand. Um das Kinn kräuſelten ſich die röthlichen Flau⸗ men des Barts; ein kurzer, ſtarker Hals, breite Schultern und Bruſt, nervigte, ſtark ausgebildete Glieder vereinigten ſich zu einem ſchönen, derben und übereinſtimmenden Gan⸗ zen. Die trotzige Haltung, die ſich in allem ſeinem Thun ausſprach, ließ unmöglich die Gewandtheit und Geſchmei⸗ digkeit ahnen, die ſeinen Geiſt in tauſendfache Formen zu bilden vermochte. Eine wunderbare Miſchung offenbarte ſich in ſeinem Weſen. Feurig und kühn wie der kräftige Jüng⸗ ling,„beſonnen und überlegt, wie der Mann, ſchlau und verſchlagen wie der Greis, der ſchon das Leben in allen Geſtalten lennt, einte er die widerſtrebendſten Elemente in ſeiner Bruſt. Ihm mangelte nur noch kriegeriſche Uebung und Fertigkeit, ein Heer und ein Diadem: er wäre der Odyſſeus ſeiner Zeit geworden.“ Gilftes Rapitel. 8 D zarte Sehnſucht, ſüßes Hoffen.. Der erſten Liebe gyldne Zeit... Schiller. Mit der herbſtlichen Tag⸗ und Nachtgleiche kam der Doctor im Kloſter an, um ſeinen Archimbald zu weiterer Beſtimmung abzuholen. Die vorübergeſtrichene Friſt von fünf Jahren hatte den Doctor um kein Haar verändert. Die bedeutende Veränderung aber, die in Archimbalds Weſen vorgegangen war, leuchtete ihm trefflich ein, wie es ſchien. „Nehmt meinen wärmſten Dank,“ ſprach er zum Guardian, „für die herrliche Erziehung dieſes Jünglings, und rechnet auf meine Bereitwilligkeit, wenn ich jemals ſollte vergelten können. Nun aber iſt es Zeit, den Neophiten in die Welt zu bringen. Noch iſt aber nicht die Stunde gekommen, in der ich ihn für meine Plane benutzen kann; er ſoll daher noch ein Probejahr halten, um auf ſeine Lehrjahre das Sie⸗ gel zu drücken und Dienſt und Sitte eines vornehmen Hau⸗ ſes kennen zu lernen. Ich habe Gelegenheit gehabt, vor Kurzem noch einer fürſtlichen Familie, die in Mähren auf ihren Gütern lebt, ſeit ein verdrüßlicher Gemüthszuſtand das Haupt derſelben von des Kaiſers Hofſtaat entfernt hat, 206 einige nicht unbedeutende Gefälligkeiten zu erweiſen. Ich habe mir die Gunſt als Belohnung erbeten, einen verwaisten Jüngling auf ein Jahr bei ihr in Pagendienſt bringen zu dürfen. Dieſer biſt nun Du, mein lieber Archimbald. Aber merke Dir im Voraus zweierlei: Du biſt der Sohn eines armen bayeriſchen Edelmanns, der vor ungefähr fünfzehen Jahren auf dem Zuge gegen den abtrünnigen Erzbiſchof von Köln das Opfer einer Seuche ward, und haſt das Un⸗ glück gehabt, in früher Jugend durch einen ſchweren Fall und den Schrecken darüber die Sprache zu verlieren.“ „Wie?“ rief Archimbald,„ich ſoll mich ſtumm ſtellen?“ „Ja, mein Söhnchen,“ lachte der Doctor und zupfte ihn neckend bei den Ohren,—„ich will Deine Studia auf die Probe ſtellen; will ſehen⸗ ob Du ein frühgereifter Mann biſt, wie ich denke. Denn als Stummer mußt Du auch den Weg betreten, der Dich zu Reichthum und Ehre bringen ſoll. Stumm mußt Du ſeyn und bleiben, bis ich Dir er⸗ laube, zu reden.“ „Das iſt unmenſchlich,“ eiferte der Jüngling, die Gluth des Zorns auf den Wangen.„Sündlich iſt's, daß Ihr mir dieſes Joch aufzulegen gedenkt.“ „Unmenſchlich?“ ſprach Dee, und maß den Zögling mit raltem Blicke.„Sündlich?— Ich fürchte, Guardian, Ihr habt mir den Buben doch nicht ganz nach Wunſch erzogen.“ „Rechnet ſeiner Jugend dieß verzeihliche Widerſtreben zu,“ entgegnete Hubert.„Erklärt ihm doch, warum dieſer Zwang Statt finden ſoll. Laßt ihn den Vortheil ahnen, den er bringt.“ „Kein Vortheil in der Welt ſoll mich bewegen, meiner Freiheit ſolche Ketten anlegen zu laſſen,“ rief Archimbald außer ſich.„Man ſpielt mit mir, wie mit dem Spielballe eines Knaben,. verfügt über mich, und verhandelt mich wie ein Hausthier, das im Karren oder in der Mühle ſeinen kärglichen Unterhalt verdient, und durch ſeine Pein den grauſamen Herrn mäſtet. Nein, nimmermehr; kein Vortheil ſoll mich bewegen, ein Knecht Eurer tollen Launen zu werden.“ „Sprichſt Du aus dieſem Tone?“ fragte der Doctor höhniſch;„gut, mein Bürſchchen. Die Flügel ſind Dir ge⸗ wachſen, merke ich; und der Undankbare, in fremdem Neſt, durch fremde Sorge ausgebrütete Kukuk will in's Weite flie⸗ gen. Nur zu, mein Vögelein! Haſt Dein A, B, E und Dein Einmaleins auswendig gelernt? meinſt, es könne Dir damit nicht fehlen? geh' hin, verſuche Dein Glück, laß Dich in der Welt herumſtoßen und ſchinden, bis Du einmal mit Schmerzen an Deinen Pflegevater, dem Du Wohlthaten mit Undank vergiltſt, zurückdenken wirſt. Dann wird es aber zu ſpät ſeyn. Dir wird keine Wahl übrig bleiben, als für ein Paar Heller, die Dir ein raufluſtiger Potentäte zuwirft, für ſeine Sache, die Dich nichts angeht, Dein Leben zu laſſen; oder Almoſen bettelnd daſſelbe zu friſten; oder es durch Straßenraub und Mord zu verwirken. Fahr' hin, Undankbarer?“ „Ich bin nicht undankbar,“ ſprach Archimbald erſchüttert. „Ich bin Alles durch Euch, und verkenne Eure Wohlthaten nicht. Verkkeinert ſie aber nicht ſelbſt durch Eure Härte.“ Beweife ich Härte, wenn ich Dir Gelegenheit gebe, die Stärke Deines Willens zu prüfen?“ fragte der Doctor, mit finſterm Ernſte.—„Oder wenn ich Dir nicht von jedem Schritte, den ich Dich zu thun heiße, Rechenſchaft ablege? 208 Die Creatur darf ſie von ihrem Schöpfer nicht verlangen. Ich bin der Deinige, der Statthalter, den Gott Dir auf die Welt geſetzt. Ich darf blinden Gehorſam fordern. Wenn ich Dich in ein Carthäuſerkloſter ſtieße, wo Stillſchweigen Gebot, die Rede hingegen, ohne Erlaubniß der Obern, Sünde iſt was würdeſt Du dann ſagen? Ich will aber nur Dein Glück, und Du kannſt es bloß unter meinen Au⸗ gen machen. Dazu iſt aber erforderlich, daß Du ein Probe⸗ jahr hindurch ſtumm ſeyeſt, und noch weiter hinaus, wenn der Zeitpunkt eingetreten iſt, in dem ich Deiner zu meinem Dienſt benöthigt bin— bis ich Dir erlaube, oder befehle, zu ſprechen. Ich ſtehe Dir dafür, daß es mein ſehnlichſter Wunſch iſt, Dir dieſe Erlaubniß recht bald geben zu können. Nun wähle: gehorchſt Du, ſo will ich Deinen Uebermuth verzeihen„widerſtrebſt Du aber auf's Neue meinen Be⸗ fehlen. ſo fahr' hin, und verſuche, Verlaßner, auf den trügeriſchen Wellen des Lebens in morſchem Kahne ſchwan⸗ kend, Dein Glück. Nimmer wirſt Du Dein Ziel erreichen, nimmer gerechte Rache nehmen können an Deinen Todfeinden!“ „Rache?“ fuhr, wie vom Blitz getroffen, Archimbald auf, und ſtarrte den Doctor glühend an!... „Nimmer,“ fuhr dieſer fort,„Deiner alten Pflegerin ver⸗ gelten können, nimmer ſchauen das Schloß Worosdar!“ „Worosdar?“ fragten Hubert und Archimbald ſtaunend. „Aus dieſem Kloſter führe ich Dich dahin,“ verſetzte Dee. „Deine Ankunft habe ich bereits daſelbſt verkündet; dort ſollſt Du Dein Probejahr beſtehen.“ „In Worosdar?“ fragte Hubert, und legte mit wehmü⸗ thig freundlichen Zügen ſein Haupt in die ſtützende Handz — während Archimbalds Bruſt vom romantiſchen Andenken des Angenblicks gehoben wurde, in dem der fremde Mann ſein Ohr zuerſt herührt hatte. „Was iſt Euch, alter Freund?“ ſprach der Doctor ver⸗ wundert zu dem Mönche.„Kömmt's mir doch ſchier vor, als ob der Name des Schloſſes Euch erſchüttert habe.“ „Ihr irrt nicht,“ verſetzte Hubert nach einiger Erholung. „Er hat mich wahrlich erſchüttert. Noch weiß ich nicht, iſt es Schmerz, iſt es Freude, das mich bewegt. Am Ende iſt es beides zugleich. Ich traure über ein unerreichtes Glück, während in der neu aufgehenden Sonne einer faſt verklunge⸗ nen Erinnerung die Blumen der Luſt wieder auf einen Au⸗ genblick in meinem Garten blühen.— Vergebt meiner Schwachheit.“ „Ihr hattet ein Geheimniß vor mir?“ fragte Dee mit ſanftem Vorwurf. „Im Grunde keines,“ erwiederte Hubert.„Denn von der Begebenheit, die mich damals in Venedig an den Rand des Grabes brachte, von dem Ihr mich zurückgeriſſen habt, iſt alles buchſtäblich wahrz nur wechſelte ich die Namen, die auch gleichgültlg ſeyn konnten, gegen fremde aus. Doch jetzt, nach ſo vielen Jahren, nach geprüfter Freundſchaft mögt Ihr unverholen wiſſen, daß Worosdar der Schauplatz mei⸗ nes Unglücks war.“ „Ich ahne,“ ſprach der Doctor, ſich die Stirne reibend. „Es wird mir klar.“ „Wie lebt ſie?“ fragte Hubert mit wärmerer Theilnahme. „Konnte er ſie glücklich machen? verſtand er ihren Werth?“ „Ihr ſeyd gerächt,“ erwiederte der Doctor.„Sinnverlo⸗ er ein freudenarmes Leben auf 3 Stammſitze⸗ ——— da der Türken Mordfackel ſeine ungariſchen Beſitzungen ver⸗ wüſtet hat.— Sie, die Edle, Verkannte, pflegt mit derſel⸗ ben Geduld, mit der ſie ſeine ſchweren Feſſeln trug, ſeine Krankheit; erzieht ihre Tochter, und findet nur in der Aus⸗ bildung derſelben dann und wann eine Roſe auf ihrem dun⸗ keln Pfade.“ „Die Aermſte!“ ſeufzte Hubert.„Sie hat eine Tochter, ſagt Ihr? Ein liebenswürdiges Kind, ohne Zweifel? Und ihr Sohn?“ Prag den Wiſſenſchaften ob.“ „Ich danke Euch für dieſe Kunde,“ erwiederte der Mönch. „Ihr habt mir eine ſchmerzlich füße Stunde geſchenkt. Ihr könnt noch mehr thun. Seit zwanzig Jahren bildete ſich die Narbe unſerer Wunden. Man kann ſie jetzt berühren, ohne daß ſie blute. Nehmt ein Schreiben von mir an ſie mit Euch. Es bringt Eurem Zögling vielleicht Nutzen, wenn ich ihn empfehle.“ Der Doctor machte ſich mit Freuden dazu verbindlich⸗ und wendete ſich zu Archimbald, der, in den Tagen ſeiner Kindheit ſchwelgend, wenig von dem Geſpräch der Beiden 7 vernommen hatte. „Wie iſt es?“ fragte er.„Haſt Du Dich eines Beſſern beſonnen, Archimbald?“ „Ich bin der Eure,“ ſprach dieſer, feſt und mit Nach⸗ druck.„Ihr zeigt mir in der Ferne die Rache? Sie allein iſt das Ziel meines Lebens. Macht mit mir, was Ihr wollt, und fürchtet nicht, daß, wenn ich mich freiwillig an die Kette gebe, mein Eifer erkahme.. Ich werde mich immer gehor⸗ ſam, willig, Eures Lobes würdig zeigen.“ „Dieſer Sohn,“ antwortete Dee,„liegt gegenwärtig zu 5 Der Doctor nickte ihm Beifall zu, und betrieb mit ſeinem angebornen Ungeſtüm die Abreiſe. Kaum konnte er in Geduld abwarten, bis Hubert ſein Schreiben vollendet hatte; kaum gönnte er dem Schüler Zeit, von ſeinem Lehrer Abſchied zu nehmen, und ihm für fünfjährige Liebe und Sorge zu danken. Alles mußte ſtürmiſch abgethan werden. Vor der Kloſterpforte ſchwangen ſich die Abreiſenden auf die Gäule, die der faule Patrik in ſtiller Verdroſſenheit hielt. Die Einwohner des Kloſters ſchüttelten dem ſcheidenden Archimbald dieHände; Hubert rief ihm ſeinen beſten Segen zu, und in wenigen Minuten war die Trennung vollendet.— Den Schmerz abgerechnet, den Archimbald fühlen mußte, ſein trauliches Kloſter zu meiden, fügte er ſich nicht ungerne in ſeine neue Lage. In der Kleidung eines Dieners, hinter dem faulen Knecht Patrik auf ſchwerem Roſſe reitend, war er hier angelangt.— In der Tracht eines wohlhabenden Junkers, auf einem eignen, wohlgeſtalteten Fuchs trabend, Patrik weit hinter ſich, den Doctor zur Rechten, zog er von dannen. Anlagen hatte er mitgebracht, Kenntniſſe und Lebensklugheit nahm er mit ſich. Welch ein Unterſchied; wie geeignet, den muthigen Jüngling zu begeiſtern, und das Leid abzuſtumpfen! Er war nicht mehr der unbedentende Knabe, mit dem der Doctor kein Wort wechſelte, den er mit dem Diener in eine Reihe warf; er war zum Pflegeſohn des gelehrten Herrn emporgeſtiegen, der ſich gerne mit ihm unterhielt, ſeine Wiſſenſchaften erweiterte, und ihm neue noch nicht geahnte Felder der Weisheit in der Ferne ſehen ließ; der ihn in allem einem ächten Sohne gleich hielt, und dem Diener, der ſich anfänglich nur des armen Betteljungen Archimbalds erinnern wollte, bei jeder 16 Gelegenheit, 14 ————— die größte Achtung vor demſelben einzuſchärfen nicht unter⸗ ließ. Die Wirthe in Flecken und Städten, wo die Reiſenden einkehrten, bückten ſich vor dem ſtattlichen Junker, deſſen Vater durch ſeine Freigebigkeit den knickeriſchen Geiz vor⸗ nehmerer Leute zu Schanden machte. Die Dirnen auf Gaſſe und Feld blinzelten lächelnd nach dem freundlichen Jüng⸗ ling, der, obgleich Neuling in der Welt, dennoch dieſe ſtille Huldigung verſtand, und mit dankbarer Scham auf den Wangen annahm. Er fühlte tief, er ſey ein Anderer ge⸗ worden; und in neuer Kraft pochten ſeine Pulſe, wenn er an die Zukunft dachte, die ihm größere Arbeit, aber auch größere Genüſſe verſprach. Der Doctor unterließ von ſeiner Seite nicht, um das Urtheil ſeines Pflegbefohlenen zu ſchärfen, ſeine Forſchbe⸗ gierde zu befriedigen. Er verließ nie eine Stadt, in der er ihn nicht mit allen Sehenswürdigkeiten bekannt, nicht mit dem Geiſte ihrer Bewohner, Sitten und Geſetze vertraut gemacht hätte. Er verſäumte keine Gelegenheit, in der jungen Bruſt den Samen der Lebensweisheit, den ſchon Hubert hinein⸗ gepflanzt hatte, zur Reife zu bringen; und es gelang ihm vielleicht nur zu ſehr. Der Jüngling wurde wohl klüger als tugendhaft. So näherten ſie ſich allgemach dem Ziele ihrer Reiſe, und es lag an einem ſchönen October⸗Abend vor ihnen⸗ in weiter, mit Buſch und Wald bewachſener Fläche. Die ſcheidende Sonne ſpiegelte ſich in den Scheiben des Schloſſes Worosdar. Archimbalds Herz ſchlug ahnungsvoll, als er das Schloß erblickte, das in ſeinen Jugendträumen eine ſo bedeutende Stelle eingenommen hatte, ohne daß er ſich er⸗ klären konnte, warum. Freilich hatte ſeine Einbild ungskraft 2¹3 es ihm unter andrer Geſtalt gezeigt; als eine am Felſen klebende, mit Thürmen, Zinnen und ſteilen Mauern dro⸗ hende Burg, zu der ſchmale Pfade, enge Thore mühſam den Weg bahnten.— Hier ſah er in der Ebene ein altes, „ aber in ſeiner Art prächtiges Gebäude vor ſich, maſſiv aus rothem Sandſtein errichtet. Die durch den Wald ge⸗ hauene Straße führte ſchnurgerade darauf zu. Ein breiter Graben, eine unbedeutend hohe Mauer mit Schießſcharten hinter demſelben, lief rund um das Schloß. Eine Zugbrücke in gutem Stande führte zwiſchen zwei, zur Zeit nur von einem alten Thorwärtel bewohnten Wachhäuſern in den weiten Hof, der, häufig mit Gras bewachſen, keinen ſtarken geſellſchaftlichen Verkehr ahnen ließ. Die ganze Breite deſſelben nahm das geräumige, in gothiſchem Styl geformte Hauptgebäude ein, an das ſich zwei Seitenflügel lehnten, die augenſcheinlich in weit neuerer Zeit, und anderem Ge⸗ ſchmack erbaut worden waren. Kühle Gänge, von ſeltſam nach der Weiſe der Moresken gebildeten Pfeilern getragen, machten das Erdgeſchoß dieſer Flügel aus, und boten durch ihre breiten, oben in ſtumpfen, mit Schnörkeln verzierte Spitzen auslaufenden Fenſteröffnungen eine melancholiſche Ausſicht über den ſchilfreichen Waſſergraben in dem waldigen Grund.— Ein großes Thor führte in das Mittelgebände. Streng und finſter ſtand dieſer Haupttheil des Schloſſes da. Die unzähligen Fenſter in allen Geſtalten ſtarrten, wie lauernde Augen in den Hof. Ein gothiſches Thürmchen, in der Mitte des bunten und glänzenden Ziegeldachs, ſtieg ſchwarz und traurig über das Gebäude empor, und der heiſere Klang der Abendglocke bewillkommte gerade die an⸗ langenden Reiſenden.— Muth! Verſtellung! die Probezeit beginnt; flüſterte Dee ſeinem Zögling zu, als ſie von den Gäulen ſtiegen. Archimbald, ſchon auf ſeine Rolle gefaßt, nickte ſtumm mit dem Kopfe, und ſandte ſeinen ſcharfen Blick nach allen Fenſtern, um zu erſpähen, ob er nicht Sabinen in einem derſelben wahrnehme. Keine Spur von einem lebenden Weſen.— Ein eisgraues Männchen trat ihnen in der Vorhalle entgegen, und ſtellte ſich ihnen als der Haushofmeiſter des Schloſſes vor.„Willkommen, Nepo⸗ muk,“ ſprach der Doctor in ernſtem, abgemeſſenem Tone, den er auch im Uebrigen ſtrenge beibehielt, ſo lange er auf dem Schloſſe war,„willkommen, mein Bruder im Herrn!“ — Demüthig neigte ſich der Haushofmeiſter, küßte dem Doctor den Mantelſaum, und verſetzte mit gezwungen leiſer Stimme:„der Herr ſegne Euern Eingang, würdigſter Herr und Doctor. Mit was kann der geringſte Eurer Knechte Euch dienen?“ „Melde mich bei der gnädigſten Fürſtin,“ ſprach Dee wie oben,„und frage an, ob mir's vergönnt ſeyn könnte, noch heute meinen Pflegeſohn ihr vorzuſtellen, und mich ihrer Gunſt zu empfehlen, indem ich Willens ſey, Morgen mit dem Früheſten meinen Stab weiter fortzuſetzen.“ „Ich weiß nicht, ob die Betſtunde ſchon vorüber,“ flüſterte Nepomuk.“ „Sie wird wohl vorüber ſeyn,“ erwiederte der Doctor nachdrücklich, und ließ eine Silbermünze in die Hand des Meldenden fallen. „Was macht Ihr? was denkt Ihr?“ fragte dieſer, er⸗ ſchrocken thuend.„Ihr glaubt doch nicht etwa, daß ich des Lohns bedarf, um meine Pflicht zu thun.“ „Behüte der Himmel;z“ ſprach Dee mit Salbung.„Du biſt ein frommer Knecht. Das Silber aber iſt für die Armen.“ „Nun wohl denn,“ verſetzte Nepomnk mit ſüßlichem Tone...„für die liebe Armuth;“ ließ das Geldſtück in die weite Taſche ſeiner Pumphoſen, die er wohl für die Armenbüchſe anſehen mochte, hinabgleiten, führte die Beiden geſchäftig eine Treppe hinauf, öffnete einen kleinen Saal, in den er ſie einzutreten bat, und entfernte ſich auf leiſen Socken, wie eine diebiſche Katze vom Heerde. „Vor dem Schuft nimm Dich in Acht,“ raunte Dee dem Jüngling in die Ohren.„Er iſt aus der Gemeinde der mähriſchen Brüder, und ein Erzheuchler. Die Fürſtin allein iſt blind gegen ſeine Falſchheit, und hält ihn für ein Tugend⸗ muſter, weil ſie, ſchwärmeriſch geſinnt, ſelbſt zu den Stillen ſich hinneigt, ſo ſehr der Prediger des Dorfs, der täglich auf dem Schloſſe iſt, in ſeinem rohen Eifer dawider hadert. Du wirſt überhaupt wohl thun, ſo lange Du hier biſt, Proteſtant zu ſcheinen, um verdrüßlichen Händeln auszu⸗ weichen. Mache die Gebräuche mit; von dem Mitbeten oder Singen befreit Dich ohnedieß Deine Stummheit.— Uebe Dich fleißig in dieſer letztern, und lerne den Tafel⸗ und Zimmerdienſt genau. Denn übers Jahr, ſo Gott will, trittſt Du in die Dienſte einer weit vornehmern Perſon, wo Du dieſe Pagengewandtheit nothwendig brauchen, und in der hier geübten Stummheit beharren wirſt, bis ich Dir ſagen werde:„Rede jetzt, und rede ſo und ſo. Verſtanden?“ Archimbald nickte, und verſprach ſich auch, Wort zu halten. Nur gegen Sabinen, von der er aus Scheu und Mißtrauen dem Doctor gar nicht geſprochen hatte, wollte 216 er eine Ausnahme machen, die aber unter dem Schleier des tiefſten Geheimniſſes ruhen müſſe. Seiner guten Pflegerin traute er auch genug Liebe und Anhänglichkeit an ſeine Perſon zu, um überzeugt zu ſeyn, von ihr nicht verrathen zu werden. Der Doctor hängte in der Geſchwindigkeit noch einige Regeln des Anſtands an ſeine Rede, und Archimbald ſah, mit Zuverſicht auf ſeine Geſchicklichkeit, der Rückkehr des Haushofmeiſters entgegen.— Sie erfolgte auch bald. Er meldete, die Fürſtin habe ihre Andacht geendet, und erwarte die Fremden auf ihrem Arbeitszimmer.— Sie folgten dem Führer durch eine Reihe von Gemächern zu der Gebieterin. Die halbe Flügelthüre öffnete ſich, und ſie ſtanden vor ihr. Archimbald ſtutzte. Er hatte ſich gefaßt gemacht, einer ein⸗ zigen, überdieß ältlichen Frau vorgeſtellt zu werden, und 4 plötzlich befand er ſich hier vor fünf weiblichen Geſichtern. † —,———— Noch nie hatte er ſo vielen Stand halten müſſen; und ängſt⸗ licher hämmerte es in ſeiner Bruſt, als er, trotz ſeiner Ver⸗ legenheit, bemerken mußte, daß viere von den fünfen noch die Blüthe der Jugend und der Reize auf ihren Wangen trugen. In der Mitte des mit gewirkten Tapeten bekleide⸗ ten Gemachs, an einem runden, auf einem vergoldeten Greif ruhenden Tiſche, von welchem in zwei ſilbernen Armleuchtern ſechs Wachskerzen flimmerten, ſaß im geräumigen Lehnſtuhle die Fürſtin, eine anſehnliche Frau von vierzig Jahren, mit Spuren großer Schönheit. Sie trug ein braunes Gewand,— mit ſchwarz achatnen Knöpfen an Leib und Aermeln geziert. Eine breite, goldne Agraffe hielt den tief auf die Füße fallen⸗ den Sammtgürtel um den Leib zuſammen. Ein ſchmaler Spitzenkragen lag feſt an dem wohlgeformten Halſe; die 217 Haare verbarg gänzlich die feine weiße Haube, von der ein dünner zweifingerbreiter Schleierbeſatz auf die hohe Stirne herabfiel, ſie mit einem leichten Nebel umgebend, und einen anziehenden Schatten auf das bleiche kummererfahrne Antlitz werfend. Die Fürſtin war mit der Stickerei eines Kanzel⸗ tuchs beſchäftigt. Ihre Tochter, die reizende Ludmille, ihre Helferin bei der mühſamen Arbeit, ſaß neben ihr auf einem gepolſterten Sitze ohne Lehne. Eine reine, fromme, überir⸗ diſch zarte Jungfrau, wie die Fürſten der italieniſchen Schule, im goldnen Zeitalter der Kunſt, von dem Gott in ihrem Buſen begeiſtert, mit allgewaltigem Pinſel die Himmels⸗ königin auf Leinwand, Holz und Kupfer zauberten, und in ihrem Bilde das Ideal himmliſcher Schönheit aufſtellten.— Ein einfaches Nachtkleid umhüllte ihre ſchlanke Geſtalt; in kunſtloſen Locken floß ihr blaßgoldnes Haar über den edeln Nacken. Die friſchen blauen Augen erhoben ſich wie Sterne gegen die Eintretenden, und ſanken im ſelben Augenblicke wieder züchtig auf ihre Arbeit, die ihre flinken roſigen Finger emſig betrieben.— Im Halbkreiſe aber, vor den beiden ſitzen⸗ den Frauen, theils knieend, theils auf den Ferſen kauernd, ſtellten ſich noch drei liebliche Gehülfinnen dem Auge des überraſchten Jünglings dar. Dienerinnen ohne Zweifel; denn ſie boten den arbeitenden Herrinnen Nadeln, farbige Wolle, Gold⸗ und Silberfaden, und jedes zur Arbeit gehörige Werk⸗ zeug demüthig an, während ſie ſelbſt keine Hand an das Werk legten, und es kaum wagten, mit ſcheuer Hand das Tuch zu drehen und zu wenden, je nachdem es erforderlich war. Die fremde Tracht aber, in die ſie gekleidet waren, zog unwiderſtehlich den. Blick des kälteſten Beobachters auf ſich. Die langen weiten Gewänder, aus buntfarbigem Seidenſtoffe, mit Gold⸗ und Silberblumen durchwebt, ge⸗ fertigt; die loſen Gürtel, mit glänzenden Knöpfen, Haften und Schlöſſern geziert; die auf abenteuerliche Weiſe um den Kopf geſchlungenen bunten Tücher, unter welchen das Haar in langen dunkeln Flechten über den vollen Hals und Buſen fiel,— machten einen lebhaften Eindruck auf Archimbald, der in ſeinem Leben ſolche Gewänder nicht geſehen hatte. Nicht weniger fremdartig waren ihm auch die Züge der Dienerinnen; das gelbliche volle Antlitz, die dunkeln Brau⸗ nen, die glühend ſchwarzen lang geſpaltenen Augen, die wohlgeformte Naſe, der kleine Mund mit ſchwellenden Pur⸗ purlippen, die im Lächeln eine Perlenreihe ſehen ließen,.. die üppigen Formen des Körpers... Alles zuſammengs⸗ nommen bildete ein Ganzes, das nicht dem vaterländiſchen Boden anzugehören ſchien. Neugierig blickten die Sonder⸗ baren zu den Fremdlingen auf, und— das Gegentheil von Ludmillen— verwandten ſie keinen Blick von ihnen. Der Doctor trat in das Gemach mit der Unbefangen⸗ heit eines Mannes, der auf ſeinem eignen Boden einher⸗ ſchreitet,— Archimbald, mit der Blödigkeit eines, fern von der Frauenwelt erzognen Jünglings. Die Fürſtin erhob ſich, den Doctor achtungsvoll begrüßend, von ihrem Stuhle, winkte dem Haushofmeiſter, dem Doetor einen Sitz zu reichen und ſich zu entfernen; dann ließ ſie ſich mit einem leichten Kopfnicken gegen Archimbald nieder. Der Doctor bemächtigte ſich ſeines Seſſels ohne Umſtände, und begann das Geſpräch, ſtellte der Fürſtin ſeinen Zögling vor, bat⸗ ihn in gnädiges Wohlwollen aufzunehmen, und überreichte endlich Huberts Brief. 2¹9 Als die Fürſtin die wohlbekannten Schriftzüge ſah⸗ ſtieg der Wiederſchein einer holden Erinnerung auf ihr Ge⸗ ſicht; ſie warf einen forſchenden Blick auf den Doctor, der aber durch ſeine gleichgültigen Züge nicht den fernſten Arg⸗ wohn weckte, als wiſſe er um die nähern Verhältniſſe des Briefſtellers zu der Leſerin. Schon nachdem ſie die erſten Zeilen durchlaufen hatte, perlte ihr, von Archimbald nicht unbemerkt, eine Thräne im Auge. Sie zu verbergen, drehte ſie ſich raſch gegen das Licht, und las eifrig und aufmerkſam weiter. Die Epiſtel war lange, und die Pauſe während ihrer Leſung ward für Archimbald zur Ewigkeit und martervollen Pein, da die drei Zofen nicht aufhörten, ihn mit ihren Blicken zu durchbohren.— Gluth auf den Wangen, drehte er ſich halb von ihnen weg, und hatte das Uebel ärger gemacht: denn ſein Blick ruhte nun auf Ludmillens Geſtalt, die durch wunderbaren Reiz ſeine Bruſt entflammte, und der regelloſen Sehnſucht des Jünglings plötzlich ihr herrliches, aber um deſto unerreichbareres Ziel anwies.— Sein unſtätes Auge ſuchte um andre Ruhe⸗ punkte es fiel auf den Doctor, und ſchreckte ſchnell vor der Eiſeskälte dieſes unſchönen Anlitzes zurück.. es ſchweifte umher an den Wänden, und verfolgte die im Kerzenſchimmer wirr durch einander fließenden rieſigen Kriegergeſtalten, die, auf die Tapete gewirkt, auf ungeheuren Roſſen turnirten, oder in einen Wald von Lanzen brachen, oder den Ritter⸗ ſchlag erhielten... Alles umſonſt! Wider willen mußte er wie verzaubert und gebannt auf Ludmillen ſehen, und zum erſten Male die wunderſüße Qual empfinden, die der ärmſte Jüngling nicht gegen eine Königskrone hinwirft, und der Tugendhafte, Unverdorbene zum mindeſten Ein Mal im Leben fühlt wohl nur ein einziges Mal. Er dankte dem Himmel, als endlich die Fürſtin geleſen, den Brief zu⸗ ſammenfaltete, und ihr Auge mit dem Tüchlein getrocknet hatte; ſie wendete ſich zu dem Doctor.„Eine beſſere Em⸗ pfehlung für Euern Pflegling,“ ſprach ſie,„hättet Ihr mir nicht bringen können.— Der Schreiber dieſes Briefs— ſie ſeufzte,„iſt mir aus frühern Zeiten genau bekannt. Die Meinen ſchätzten ſein Gemüth, ſein Wiſſen. Ich pabe ſchon lange Jahre nichts.„nicht das Geringſte von ihm vernommen. Dieſe Nachricht macht mir Freude, obſchon nicht ungetrübte; denn ich muß daraus ſchließen, daß er ſeinem Glauben untreu, daß er katholiſch geworden. daß er ſich ſogar in ein Kloſter begeben... „Im römiſchen Glauben,“ verſetzte der Doctor,„und in dem klöſterlichen Stande, fand er allein Ruhe für ſein verwundetes Herz.“ „Hat er Euch ſeine Leiden vertraut?“ fragte die Fürſtin neugierig und geſpannt. „Mit keiner Sylbe,“ erwiederte Dee gleichgültig,„denn er klagt nie. Aber meine geſunden Augen überzeugten mich⸗ daß er viel gelitten haben müſſe, daß er als Mönch den Seelenfrieden auf's Neue ſich erringen werde.“ „Meint Ihr?“ fragte die Fürſtin theilnehmend. „Ich bin davon überzeugt,“ verſetzte Dee wie oben. „Durfte er aber in der Abtrünnigkeit von ſeiner Lehre ſein Heil ſuchen?“ ſprach die Fürſtin, etwas ſtrenge. „Warum nicht?“ entgegnete Dee.„Er vertauſchte Form gegen Form; der Kern blieb derſelbe, und der Zweck heiligt das Mittel. Frankreichs König gab der Welt darin ein großes Beiſpiel.“ Die Fürſtin ſchüttelte, zweifelnd wie es ſchien, das Haupt.„Der Graf,“ begann ſie dann,„empſiehlt mir den Jüngling auf das Wärmſte. Er war ſein Lehrer. Er hat viel Geiſt und Verſtand in dem ſtummen Knaben entdeckt, ihn gebildet, hat ihn durch die Kunſt der Feder in Ver⸗ bindung mit der Außenwelt gebracht, da ſein unglückliches Gebrechen die Mittheilung ſehr hindert und beſchränkt. Er⸗ laubt mir jedoch die einzige Frage: hat man den Jüngling⸗ der, wie Ihr mir bereits vertraut, von der lutheriſchen Mutter für ihren Glauben erzogen wurde.. hat man ihn vielleicht im Kloſter zum Uebertritt beſchwatzt?“ Der Doctor verneinte beſtimmt.„Ihr fühlt,“ fuhr die Fürſtin fort,„daß dieſer Umſtand unſere ganze Abrede auf⸗ beben müßte.“ Der Doctor gab das zu, verneinte aber noch einmal, und rief Archimbald ſelbſt auf der, ſeiner erhaltnen Weiſung zufolge, läugnend den Kopf ſchüttelte. Hierauf hieß ihn die Fürſtin näher treten, betrachtete ihn, mit Wohlgefallen wie es den Anſchein hatte, nahm ihn förm⸗ lich in ihren Dienſt auf, reichte ihm die Hand zum Kuſſe, und zog die Glocke. Der Haushofmeiſter trat ein.„Dis⸗ ſen jungen Menſchen empfehle ich Eurer Obhut, Nepomuk;“ ſprach die Fürſtin.„Er lernt den Pagendienſt in unſerm Hauſe. Ihr werdet ihn daher in Allem unterrichten und anſtellen, was in dieſen Dienſt gehört; und ihm das, was in unſerm kleinen Hausweſen nicht vorkömmt, als ein gütiger Lehrer beibringen. Vergeßt nicht, daß Junker Archimbald von guter, adelicher Herkunft iſt, und unverſchuldet an einem Gebrechen leidet, das unſere Nachſicht und Geduld in Anſpruch nimmt, bis wir die Zeichen, deren er ſich be⸗ dient, um ſeine Gedanken auszudrücken, völlig verſtehen gelernt haben.— Weiſit ihm ſein Gemach an, und den Eh⸗ renplatz an Eurem Tiſche; denn er iſt Edelmann und Euch im Stande weit zuvor, wenn Ihr gleich in der Ordnung des Hausweſens ſein Vorgeſetzter ſeyd.“ Nepomuk bückte ſich unterthänig und öffnete die Thüre. „Gute Nacht, Archimbald,“ redete die Fürſtin den neuen Pagen an.„Ruht von der Reiſe, und bereitet Euch vor auf den Dienſt, den Ihr morgen antreten werdet. Er iſt nicht ſchwer. Von Eurer Aufmerkſamkeit, Eurer Treue und Eu⸗ ren Sitten wird es abhängen, ob Ihr in dieſem Hauſe blos den Diener vorſtellen wollt, oder etwas mehr.“ Sie entließ ihn. Der Doctor blieb zurück. Archimbald folgte dem Haushofmeiſter auf das für ihn beſtimmte Ge⸗ mach. Es war von den Wohnzimmern der Fürſtin zwar et⸗ was entlegen, aber durch einen Glockenzug mit ihnen ver⸗ bunden. Eine kleine, reinliche Stube mit der Ausſicht in den Garten des Schloſſes, der hinter dem Hauptgebäude liegend, von nicht ſehr beträchtlichem Umfange, und im Hin⸗ tergrund von der Bruſtwehr des Grabens begrenzt war. Ein Knecht ſchleppte Archimbalds Mantelſack in die Stube herauf. Der Haushofmeiſter fragte den Jüngling, ob er ſich es heute Nacht an ſeinem Tiſche wolle gefallen laſſen; Archimbald verneinte aber, gab durch Zeichen zu verſtehen, daß er müde und ſchläfrig ſey und der Ruhe bedürfe. Ne⸗ pomuk ließ demzufolge ſeine Einladung ruhen, ſandte ihm einen friſchen Abendtrunk hinauf, und ließ ihm eine gute Nacht in der neuen Behauſung wünſchen. Archimbald ſchloß die Thüre und warf ſich in einen Seſſel, um nach Herzens⸗ luſt ſeine Lage zu überdenken. Sie war ſonderbar;. allein dachte er an Ludmillen, ſo fand er ſie ſchön, „ ————————————— 223 reizend.. es konnte keine beſſere geben.— Wenn nur der verdammte Zwang nicht geweſen wäre, der ihm unerbittlich den Mund ſchloß, und die Zunge lähmte. Nun erſt ſtand ihm ſein Probejahr gleich einer rieſenhaften Unternehmung drohend vor Augen. Hier galt es auf der Hut ſeyn.„Was nutzte aber für jetzt die voreilige Furcht?...“ dachte er ſich endlich.„Der erſte Schritt iſt geſchehen; die Lüge begonnen⸗ Das Werk muß vollendet werden. Wenn mich nur Sabine nicht erkennt, ſonſt iſt Alles verrathen! Wenn ich mich aber im Spiegel beſehe... er ſtand wirklich wohlgefällig vor dem ſeinen...„ſo möchte ich wohl daran zweifeln; denn ich bin nicht mehr der Knabe Archimbald— ich bin ein großer und, ich darf's wohl ſagen, wohlgewachſener Jüng⸗ ling geworden. Sie wird mich nicht kennen, und gerne ſchweigen, wenn ich mich ihr vertraut haben werde.— Aber, wer jetzt reden dürfte, mit Ludmillen.... Er trat ſinnend an das Fenſter und öffnete es. Der Abend war ſtill, aber dunkel und wolkenverhüllt; der Gar⸗ ten einſam und leer. Im fernen Graben plätſcherte Froſch und Schlange; ſonſt nirgends ein Laut. Ueber die Bruſt⸗ wehr herüber ſchimmerten in friedlicher Klarheit die Lichter des Dorfs, bis eines nach dem andern verloſch, die Häuſer⸗ gruppen in den Schatten der Nacht zurückfielen, und immer tiefere Ruhe eintrat in der Natur. Da wurde dicht in Archimbalds Nähe ein fröhliches Leben rege. Die Töne einer Zitter und einer kleinen Hand⸗ pauke beſeelten plötzlich die Dämmerung, der Klang fröhli⸗ cher Schellen tanzte dazwiſchen, bis ſich mit der leiſer wer⸗ denden Weiſe drei Stimmen vermählten, die ein romantiſches Lied in fremder Sprache anſtimmten. Bald athmeten ſie die reinſte Weiblichkeit in geordneten, getragenen Strophen, und langſamer und leiſer murmelte die Zitterbegleitung, wirbelte die Trommel, während die Glöckchen, nur vom lei⸗ ſeſten Weſt berührt, erklangen; bald ſchwellten ſie rauſchend im abenteuerlichem Wechſel zum wilden, unermüdeten Jubel⸗ und Luſtgeſang, aus dem endlich mit raſchem Schwung Stim⸗ men und Begleitung in kriegeriſche Weiſen übergingen und in der Luft verhallten. Archimbald war nur Ohr. Er hatte ſo ſelten den Zauber der Muſik empfunden, daß die Kunſt der Töne eine ganz neue für ihn war; ein fremder, aber lieber Gaſt. Er horchte mit geſpannter Aufmerkſamkeit, ſelbſt dann noch, als die verführeriſchen Dreiklänge ſchon geſchwiegen hatten. Sehnſüchtig wünſchte er die Lieblichen zurück, und das Geſchick, in ſeiner beſten Laune, gewährte ihm mehr, als er verlangte. Denn der Genuß, der jetzt ſeinem Ohre ſich aufthat, und überraſchend an ſein Herz griff, war der höchſte, den er je geahnt. Eine Harfe er⸗ klang in füll⸗ und anmuthsreicher Melodie. Die heilige Cä⸗ cilia, die Archimbald auf dem Zellenaltar ſeines Lehrers ſo oft mit Liebe betrachtet und verehrt hatte... ſie ſelbſt ſchien die Saiten zu rühren, ſie ſelbſt ſchien in der engel⸗ gleichen Stimme, die voll und mächtig, gleich einek ſiegen⸗ den Königin, in das Gewühl der Töne trat, das Lob des Ewigen zu verkünden. Denn die Saiten ſchienen bald nur zu lispeln, um ihre Gebieterin, die Herrſcherin, dienend zu umſpielen, wie die murmelnden Wellen des ruhigen Sees die Bruſt des fröhlichen Schwimmers,— bald in gewiſſen Zwiſchenräumen aus dem ſchmeichelnden Geflüſter in eine preiſende Hymne aufzurauſchen; bis mit einemmale die drei erſten Stimmen in heiliger Weiſe mit einfielen, und das 225 vierfach verzweigte Loblied majeſtätiſch ſchloſſen. Die verwe⸗ henden und fern hinauszitternden Himmelslaute klangen wie Feſtglocken wieder in Archimbalds Buſen, und wiederholten unaufhörlich und nie zu oft das herrliche deutſche Lied, das ſeine trunkenen Sinne begeiſtert hatte, und vor deſſen frommem Ausdruck der frühere Geſang, mit ſeiner fremden Sprache und fremdartigen Weiſe weit zurücktreten mußte. „Wer kann die herrliche Sängerin ſeyn?“ fragte ſich Archim⸗ bald unruhig.„Wer anders,“ antwortete ſein klopfendes Herz,„wer anders als Ludmille? wer anders als ſie, die Reine, die Fleckenloſe, kann ſo die Saiten rühren— alſo die Stimme erheben? O gewiß, ſie iſt es; gewiß iſt ſie der gute Engel dieſes Hauſes, die Fürbitterin deſſelben bei dem Allmächtigen... möchte ſie doch auch mein freundlicher Geiſt ſeyn, mit treuer Hand aus dem Labyrinthe meines, durch den Fluch des Schickſals verworrenen Lebens, mich, den Sehnenden, den Hoffenden, hervorleiten an das Licht, zu dem Glauben, der ſie hienieden ſchon zur Seligen ge⸗ macht hat!“ In der feſten Ueberzengung, daß Alles ſo ſey, wie er ſich es denke, warf ſich Archimbald auf das Lager. Zwar hatte er noch keine Sylbe aus Ludmillens Munde vernom⸗ men, zwar hatte er noch nicht die geringſte Kunde von dem Werthe ihres Herzens;... wußte nicht einmal zuverläſſig, ob ſie die Sängerin geweſen, die ihn ſo ſehr entzückte, allein aus ihren zarten und gefühlvollen Zügen glaubte er mit vollem Recht auf alles Obige ſchließen zu dürfen;... und wer verzeiht nicht dem liebenden Jüngling ſein raſches Urtheil? Vertrauen und Glaube ſind ja die einnen deſſelben, wenn er hinaustritt auf die fremde 1. 15 2²6 Straße, die durch Welt und Leben führt. Sie ſind es, die ihm mit gutmüthiger Täuſchung die ſchwachen Augen blen⸗ den, damit er nicht bei dem erſten Schritte aus dem Va⸗ terhauſe verſchüchtert zurückkehre in daſſelbe. Sie ſind es, die ihm im freundlichen Händedruck den Freund, im liebe⸗ vollen Blick die Geliebte, im biedern Wort den Redlichen ahnen laſſen. Wohl dem, der von ſeltnem Glücke begün⸗ ſtigt, raſch zugreifend, in der Täuſchung die Wahrheit fin⸗ det, und noch ferner Hand in Hand mit ſeinen Führerinnen gehen kann.... Wenn aber die Feindin der jugendlichen Fantaſie, die rauhe Erfahrung mit ſchonungsloſer Hand die täuſchende Hülle von den Erwählten ſtreift, und den Be⸗ trug mit Füßen tritt.... dann verdorren ſchöne Keime in der jungen Menſchenbruſt. Der unerbittliche Reif hat die Blüthe berührt. Vertrauen zu ſeinen Brüdern, Glaube an ihre Würde. ſie fliehen. Das Mißtrauen kettet ſich an den Verlaſſenen. Durch ſeine ſcharfe, oft zu ſtrenge Brille ſchauend, ſieht er nur Ungeheuer hinter der menſchlichen Larve lauſchen; flieht das Geſchlecht, oder tritt es verachtend mit Füßen. Des Lebens Feuergeiſt iſt verflogen, die ſchale Neige bleibt zurück. B m5 l ftes Rapitrl. Trau! ſchau wem? Altd. Sprichwort. Archimbald erwachte ziemlich ſpät; der Haushofmeiſter überbrachte ihm ein verſiegeltes Schreibenides Doctors. Dee hatte nämlich für gut befunden, auf das ſchnellſte abzu⸗ reiſen, und ſeinem Zögling ſeine übrigen Verhaltungsbefehle ſchriftlich zu hinterlaſſen. Der Page überlas ſie flüchtig, fand unter Vielem ſchon zwanzigmal Wiedergekauten wenig Neues, und warf ſich in die Kleider. Nach der Morgen⸗ ſuppe führte ihn Nepomuk in das Vorzimmer der Fürſtin, ſeinen Dienſt anzutreten. Hier ſchlenderte er nun auf und ab, haſchte Fliegen von den Wänden, ſtarrte durch's Fen⸗ ſter in den Hof, und wartete ſehnſuchtsvoll auf den Augen⸗ blick, in dem ihm die Sonne dieſes Schloſſes aufgehen würde. Allein er harrte lange vergebens. Gegen die eilfte Stunde endlich öffneten ſich die Gemächer, und eine von den drei unbekannten Zofen trat heraus.—„Die gnädigſte Frau will ausfahren,“ ſprach ſie mit fremder Betonung, aber ziemlich geläufig,„und der Junker ſoll ſie zu Pferde begleiten.“— Archimbald nickte gehorſam, und eilte, den Haushofmeiſter durch Zeichen von dem Befehle zu wn Nepomuk verſtand wohl, was er verſtehen wollte, und in einigen Mi⸗ nuten ſtand der geräumige, offne, mit goldenen Leiſten, und dem großen, in erhabner Arbeit geſchnitzten und in all' ſeinen Farben glänzenden Wappen geſchmückte Wagen vor dem Portal. Er war mit feinem braunen Leder ausgeſchla⸗ gen, in welchem die Meſſingnägel, mit denen es befeſtigt war, die zierlichſten Figuren bildeten. Große bauſchige Kiſſen von grünem Plüſch blähten ſich auf dem breiten Rück⸗ ſitze. Der ſchmale Vorderſitz war ohne Auszeichnung. Aber auf goldnen, ziemlich weit vom Vordertheil des Wagens gegen vorne ausgeſchweiften Zierrathen prangte ein präch⸗ tiger Buſch von Straußen⸗ und Reiherfedern in den Far⸗ ven des fürſtlichen Hauſes, und verkündete, hoffärtig im Winde flatternd, den Reichthum und Geſchmack der Be⸗ ſitzerin. Vier ſchöngebaute Rappen in blauem, mit gol⸗ denen Buckeln beſetzten Riemzeuge ſtampften vor dem Wa⸗ gen ſchnaubend den Boden, und konnten mit Mühe von ihrem Lenker, der in reicher Liverei im Sattel ſaß, in Ruhe gehalten werden. Archimbald, der Weiſung Nepomuks zu⸗ folge, floh zum Gemach der Fürſtin, die ſo eben aus der Thüre trat, von Ludmillen und der vorhin bemeldten Zofe begleitet; er bot ihr den Arm, um den ein feines weißes Neſſeltuch geſchlungen war; ſie ſtützte ſich gnädig darauß⸗ und ließ ſich alſo die breite Treppe hinunterleiten. Archim⸗ bald hob ſie demüthig in den Wagen; kaum wagte er es Ludmillens Arm zu berühren, welche erröthend nachfolgte⸗ und ſich neben die Mutter ſchmiegte. Die Zofe ſchwang ſich ſchnell über den niedern Wagentritt und nahm den ſchmalen Vorderſitz ein. Der Page, dem Nepomuk in Eile eine in den Hausfarben gewebte und mit Troddeln beſetzte S*—— Schärpe über die Achſel warf, beſtieg den Falben, der für ihn beſtimmt war, und folgte dienſtfertig und ſchnell dem dahineilenden Wagen. Ueber die donnernde Zugbrücke ging es, längs dem Graben hin in geſtrecktem Laufe bis in das Dorf. Hier ließ die Fürſtin die Pferde langſamer gehen, weil Jung und Alt, Kinder und Greiſe der Gebieterin in den Weg ſtrömten, zu grüßen, zu jubeln, zu danken! Es war ein ſchöner Anblickz und die Güte,.. die, man möchte ſagen, demüthige Huld, mit der die Wohlthäterin den Aus⸗ bruch der Empfindungen ihrer dankbaren Kinder aufnahm, war koſtbarer als ihre Geſchenke ſelbſt. Auch heute hatte ihre Freigebigkeit ſie nicht verlaſſen. Sie reichte dem Pagen einen Beutel mit Scheidemünze, um ſie unter das Volk aus⸗ zutheilen, während ſie gnädig wie die Gottheit ſelbſt, die Bittenden anhörte, die Weinenden tröſtete, die Verzagen⸗ den ermunterte, die Fleißigen belobte. Schritt für Schritt fuhr ſie weiter, als ein unangenehmer Vorfall ſie aufhielt. Denn auf den Stufen vor dem Pfarrhauſe ſtand der Pre⸗ diger des Orts, ein handfeſter, ſtarkknochiger Mann, dem ein finſterer Geiſt aus den tiefliegenden Augen, aus dem ganzen braunen Angeſichte leuchtete.— Er nickte kaum nach⸗ läßig bei dem achtungsvollen Gruße, der ihm von den Vor⸗ beifahrenden wurde, rückte die Sammetkappe trotzig in die Stirne, und rief: Gott ſchenke Euch einen guten Tag, gnä⸗ digſte Frau, und wolle Euch Vergebung Eueres ſündigen Hochmuths angedeihen laſſen. Da fahrt Ihr nun wieder hin, wie eine andere Jeſabel, in goldnem Wagen und Prunk und Hoffart, während Ihr gar wohl einhergehen ſolltet auf Euern Füßen, demüthig vor Gott und den Gerechten,— ein Beiſpiel zu geben in Ifrael. Ihr laſſet Euch geleiten von geleckten und geſchmiegelten Dienern auf ſtolzen Roſſen, während doch unſer geliebter Herr und Heiland nur auf einem ſchlechten Eſelein eingeritten iſt in Jeruſalem. Der Teufel der Eitelkeit hat Euch beſeſſen, daß Ihr einherzieht wie eine Königin von Saba, und Geld auswerfen laßt unter das Volk vor dem Volke. Denn es ſteht geſchrieben; laſſet die linke Hand nicht wiſſen, was die rechte thut; das heißt, angewendet auf Euch; gehet hin ſtill und züchtig, und ſuchet die Demuth auf in den Hütten, und nicht auf der Land⸗ ſtraße; ſuchet ſie auf in den Wohnungen der würdigen Diener Gottes, die für das reine Evangelium, das ſie pre⸗ digen, von ihren Jüngern nur armſelig geſpeist und ge⸗ tränkt werden, und in gläubiger Zuverſicht harren müſſen⸗ bis ſie der himmliſche Vater wieder neu kleidet, wie die Li⸗ lien auf dem Felde.— Gehet hin und ſuchet endlich die Armuth auf in den Kerkern und ſcheußlichen Löchern, in welchen die Anhänger des Glaubens gefangen gehalten wer⸗ den von der Rotte des babyloniſchen Kebsweibes.— Thut Euere Wohlthaten ſtill und heimlich auf, daß Ihr entgehet dem Pfuhle der Finſterniß, und gewinnet das ewige Zion! denn wenn Ihr fortfahret dieſelben hinauszuſchreien in die Welt, ſo handelt Ihr ruchlos, verdammlich, gottlos, katho⸗ liſch! Amen!“ Archimbald, im Innerſten empört von der Rohheit des ſehr unwürdigen Dieners Gottes, zuckt mit der Reitpeitſche; allein verwundert ließ er den Arm ruhen, als er ſah, daß die Fürſtin ſchnell aus dem Wagen ſtieg, ſammt ihren Be⸗ gleiterinnen, ſich mit niedergeſchlagnen Augen dem Pfarr⸗ berrn näherte, und halb leiſe vor Scham zu ihm redete.— „Verzeiht, ehrwürdiger Herr,“ ſprach ſie ſanft und geduldig 231 zu ihm, der ſich nicht von ſeinem Standpunkte wegrührte. „Verzeiht! es iſt nicht ſündiger Hochmuth, der mich beſeelt. Ich fahre meinem Sohne entgegen, der heute Mittag von Prag eintreffen ſoll, um ſeine Ferienzeit auf dem Schloſſe zuzubringen. Die Freude, die mein Mutterherz empfindet, den Erſtgebornen wieder zu umfangen nach jahrelanger Tren⸗ nung ſie allein hat mich bewogen, meinen lieben Un⸗ terthanen öffentlich ein Scherflein meiner Liebe abzutragen. Ihr wißt, daß ich es ſonſt gewöhnt bin, die Leidenden im Stillen aufzuſuchen, und wenn Ihr ſelbſt an etwas Mangel paben ſolltet, ſo beliebt, mir anzuzeigen, worin ich demſelben abhelfen kann.“ Der Pfarrherr nahm das Käpplein ab und erwiederte weit gemäßigter:„Wenn dem alſo iſt, verehrteſte und aller⸗ gnädigſte Frau, ſo vergebe ich Euch von Herzen im Namen Gottes. Doch möchte ich Euch, um der Leute willen, bitten, nicht zu glauben, als ob ich aus ſtrafbarem Eigennutz alſo in die Poſaune geſtoßen hätte. Zwar iſt mein Dach ſehr baufällig, und der Regen dringt bis in meine Schlafkammer, ohne daß ich die Mittel beſitze, dieſem Uebelſtande abzuhel⸗ fen. Zwar find meine Schuhe, ob den vielen Wanderungen im Weinberge des Herrn arg zugerichtet, wie ein einziger Blick wohl beſtätigen mag;— zwar iſt mein Keller und mein Speicher ſchlecht gefüllt, weil meine Zuhörer und Beichtkinder zu glauben ſcheinen, die Verkündiger des Worts Gottes könnten von Luft und Waſſer leben, allein, Eigennutz iſt mir dennoch gänzlich fremd. Ich rede blos von den Leiden meiner Nebenmenſchen; mag ich immerhin in der Fluth herumwaten, die aus den Fenſtern des Himmels in meine Schlafkammer träufelt; mag ich doch baarfuß auf N 232 Kieſeln und Dornen gehen; mag ich auch mit Kräutern und Schlamm, wie ein Fröſchlein, meines Magens Bedürfniſſe ſtillen.“ „Das ſollt Ihr nicht,“ verſetzte die Fürſtin.„Mein Haus⸗ hofmeiſter ſoll ſorgen, daß keines von dem allem geſchehe.“ „Ihr werdet Recht thun,“ ſprach der Pfarrer,„wieder ſeine Kappe aufſetzend.„Erwartet von mir keinen Dank, ſondern von dem ewigen Vergelter ein ruhiges Gewiſſen. Denn die Pflichten gegen ihn und ſeine Kirche ſind immer die erſten. Zieht hin in Frieden, und Gott laſſe Euch Euern Sohn wiederfinden, gebildet nach ſeinem Herzen.“ „Ich danke Euch, würdiger Herr,“ ſprach die Fürſtin ge⸗ rührt.„Lebt wohl!“ „Es wäre mir ungemein lieb,“ fuhr der Pfarrer fort, die Kappe wieder abnehmend,„wenn ich das junge Herrlein gleich bei ſeiner Ankunft empfangen, und meine unterthänigſte Ehrfurcht....“ „Ihr werdet mir an der Tafel willkommen ſeyn!“ erwie⸗ derte die Fürſtin, die ihn verſtand. „Das habe ich erwartet!“ ſprach der Pfarrer faſt grob, und ſchob ſich wieder die Kappe auf's Haupt, wünſchte der Fürſtin mit halbem Bückling eine glückliche Fahrt, und kehrte in's Haus zurück. Dieſes Ereigniß mußte zu den gewöhnlichen gehören; denn weder die Fürſtin, noch Ludmille nahmen im Weiter⸗ fahren Rückſicht darauf. Die Zofe allein lächelte vor ſich hin, und ſprach nach einer Weile: „Als mein Vater, der Paſcha von Bosnien, in Crvatien einbrach, um den räuberiſchen Uskoken in Zengg die Ruthe zu geben, und in gewohnter Pracht auf dem ſtattlich geſchmückten Hengſte ſeinen Heerhaufen muſterte, da trat ihn auch ein Mollah an, und ſchalt ihn wegen ſeines Prunks, den er in einem Augenblicke entfalte, in dem das Heer mit Hunger und Noth kämpfe. Mein Vater hieß ihn gelaſſen ſchweigen. Statt deſſen wurde der Mollah nur noch ungeberdiger, und drohte ihm mit der Rache des Propheten. Darauf ergrimmte mein Vater, und ließ den unberufenen Eiferer auf die Fuß⸗ ſohlen peitſchen, bis er genug hatte. Er war ſpäter nie ſo übermüthig mehr, und mein Vater war im ganzen Feldzuge glücklich, bis vor Siſſek. hier ſchwieg das Mädchen plötzlich verdüſtert. Was ſoll das Ganze heißen?“ fragte die Fürſtin ſtreng. „Errathe ich, was Du meinſt, ſo laſſe Dich einen zweiten Verſuch nicht gelüſten. Ich dulde es nicht, daß Du die Die⸗ ner des wahren Glaubens mit Euern heidniſchen Götzenprie⸗ ſtern in eine Reihe ſtellſt. Während Deine ältere Schweſter Zenide die Unterwürfigkeit ſelbſt iſt, die mittlere, die gute Mermes, ſich in ihrer Behaglichkeit um nichts kümmert, als um ihre Pflicht, biſt Du, die jüngſte, immer vorlaut und abſprechend über das, was Dir nicht zu Sinne geht. Leila! Leila! vergiß nicht, daß Du Selavin durch das Recht des Krieges biſt, daß Du nur dem Mitleid und einem ſeltſamen Einfalle meines Gemahls die ſorgloſe, bequeme Lage ver⸗ dankſt, in der Du Dich mit Deinen Schweſtern gegenwärtig befindeſt.“ „Ich vergeſſe es nicht,“ verſetzte Leila, etwas leidenſchaft⸗ lich.„Als die Belagerung von Siſſek aufgehoben war, und ſich mein Vater zurückzog über die Kulp, dem ungeachtet aber von dem kaiſerlichen Heere ereilt und wüthend ange⸗ griffen wurde, entſtand ein fürchterliches Gemetzel. Wir arme Mädchen, in Sänften ſitzend, wurden zurückgebracht; allein zu ſpät. Trotz der wüthenden Vertheidigung unſerer Wache wurden wir gefangen. Wir waren verloren, wenn nicht der edle Fürſt ſich Bahn gemacht, und uns aus den Händen der trunkenen Soldaten gerettet hätte. Ihm ver⸗ danken wir Alles, Alles ihm und Euerer Güte. Wir werden Euch nicht mit Undank lohnen. Zürnt mir aber nicht, wenn noch hie und da meine Rede an mein Vaterland erinnert, das ich ja erſt ſeit wenigen Jahren verlaſſen habe.“ „Türkinnen alſo?“ dachte der aufmerkſam lauſchende Ar⸗ chimbald, während die Fürſtin, ihre Strenge wieder gut ma⸗ chend, Leila's Wangen ſtreichelte. Er betrachtete die heid⸗ niſche Schönheit näher, und fand, daß ſie die zarteſte und lieblichſte ihrer Schweſtern war; denn den Worten der Für⸗ ſtin und ſeiner Erinnerung vom geſtrigen Abend zufolge hatte ſein heller Blick bald die Schweſtern unterſchieden. Die große, üppige Geſtalt, mit der bräunern Geſichtsfarbe, dem ſtolzen und lockenden Blick, war unſtreitig Zenide; die weißeſte von den Dreien, mit der beſtändig lächelnden Miene, dem ruhigen Auge, den allzureichlich geſegneten Formen war die behagliche Mermes;.. die ſchönſte unter ihnen, wie die lebendigſte, war Leila. Ihr feuchtes Gazellenauge glänzte in ſchwärmeriſchem Feuer, die dunkle Farbe war von ſanf⸗ tem Roth auf Wangen und Kinn gelichtet; unter dem glän⸗ zenden Schwarz der Flechten ſchien der gelbliche Nacken weiß, die friſche Gluth der Kirſche lachte von ihren vol⸗ len Lippen; ein ſehnſüchtiges Leben hob den vollen Su⸗ ſen.— Mit gierigem Auge verſchlang Archimbald die beiden hohen Schönheiten, die ſich gegenüber ſaßen, Lud⸗ millen und Leila, beide unter verſchiedenen Verhältniſſen gleich bewundernswerth. Ludmilla trug in ſeiner Bruſt den Sieg davon. Leila ſchien für die Liebe geſchaffen, Ludmille einer abgöttiſchen Verehrung werth. Verlangende Seufzer entwanden ſich der Bruſt des Vergleichenden, der mit dem Schickſale grollte, das ihn im Staube hatte werden laſſen; da wirbelte dichter Staub von der fernen Anhöhe auf.„Er kömmt! das iſt er!“ rief die Fürſtin, und hob ſich neugierig im Wagen empor. Ludmille klatſchte freudig in die Hände. Der armen Leila hing eine Thräne an der Wimper. Sie gedachte ihres Bruders in der allzufernen Heimath. Archim⸗ bald ſtellte ſich aufrecht im Steigbügel, und erkannte im Nähereilen einen Troß Reiter, die in vollem Galopp gegen den Wagen ſprengten. Der Prinz war an ihrer Spitze. In einem Nu war er am Schlage, mit einem Sprung zur Erde, und in ſeiner Mutter Armen. Vor Freude weinend lag ſie an ſeiner Bruſt. Er umſchlang ſie mit dem rechten, Ludmillen mit dem linken Arm. Im weiten Kreiſe ſtanden die übrigen Reiter,— Schulfreunde des Prinzen, die ihn begleitet hatten, einige luſtige Tage auf Worosdar zu ver⸗ leben, um die ſchöne Gruppe her. Wort um Wort, Kuß um Kuß flog von Munde zu Munde unter den Fröhlichen; und Archimbald wandte, weil der Prinz in brüderlicher Inbrunſt nicht aufhören konnte, die wunderſchöne Schweſter zu herzen⸗ eiferſichtig den Blick hinweg, als er mit einem Male be⸗ troffen bemerken mußte, daß Leilas Auge, dem Luſtgetümmel um ſie her fremd geblieben, mit ſtiller Freundlichkeit an ſei⸗ nem Antlitz hing, und nur dann die Wimper ſchnell und erröthend ſenkte, als ſein raſches Umſchauen ſie auf der That ertappt hatte. Archimbald ſtutzte befremdet, als er von der S Fürſtin den Befehl erhielt, voraus zu eilen, und dem Haus⸗ hofmeiſter zu bedeuten, der Prinz ſey angekommen, und die Tafel auf zahlreiche Gäſte zu rüſten. Dieſer Auftrag war ihm willkommen; denn ſo gerne ſeine geſchmeichelte Eitelkeit noch einmal die liebliche Leila durch einen Seitenblick über⸗ raſcht hätte, ſo ungerne wäre er ferner Zeuge der brüder⸗ lichen Zärtlichkeit gegen eine Jungfrau geweſen, die er ſelbſt kaum mit ſchüchterner Demuth anzuſchauen vermochte. Er flog raſch wie ein Pfeil auf ſeinem Falben dahin, ritt in eifriger Dienftfertigkeit beinahe den Pfarrherrn über den Haufen, der ſich auf den Weg nach dem Schloſſe gemacht hatte, zuckte bei dem Zornausbruch des Erſchreckten mitleidig die Achſeln, und kam, von Staub bedeckt, bei Nepomuk an. Schnell wußte er ihm ſeinen Auftrag begreiflich zu machen, und ging mit ihm nach der Küche, um mit einer geröſteten. Brodſchnitte und einem Glaſe Malvaſier die auf dem Eil⸗ ritte verſchwendeten Kräfte zu erſetzen; im Grunde aber, um Sabinen zu ſuchen, die er im Schloſſe noch nicht ge⸗ ſehen hatte. Sein Gang war aber unnütz. Sabine war auch hier nicht zu finden, unter all den fremden, trotzigen Geſichtern der Mägde, ihr treues und frommes Antlitz nicht. Er ſetzte ſich an den Anrichttiſch, verzehrte ſein Brod, trank ſeinen Wein, und horchte auf das Geſpräch der Dirnen am Heerde, die es nicht genug beklagen konnten, daß es dem lieben Gott gefallen habe, einen ſo artigen Junker völlig ſtumm zu machen, und auf die halblauten Anordnungen Nepomuks, der gar zu gerne in Küche, Schloß und Stall die bedeutſame Stille eingeführt hätte, die von Anbeginn das Thun und Laſſen der mähriſchen Brüder bezeichnet hat⸗ „Un des himmliſchen Lammes willen!“ jammerte er in ſeiner ——— 237 Weiſe,„ihr laßt mir den Auerhahn zu Pulver verbrennen. Das unnütze Volk hat keinen Begriff von ſolchen Braten.“ „Ignaz!“ rief er einem andern Koche zu:„mehr Saffran an die Brühe! ſie muß goldgelb werden. Tummelt Euch, Ihr faulen Brüder und Schweſtern! Wo ſteckt der Chriſtoph? Er ſoll im hohen Saale decken. Es find fünfzehn Gäſte mehr, als wir gerechnet. Um des Erlöſers roſenfarbnen Blutes willen! eilt! laßt nicht die Flügel hängen!“— Der Jäger trat mit Wildpret beladen, der Fiſcher mit Krebſen und Hechten, die Backfrau mit einem Korbe voll Brod her⸗ ein. Meiſter Nepomuk unterſuchte alles, mäckelte an allem, nahm am Ende alles.„Das Wildpret an den Spieß, die Fiſche in die Pfanne, das Brod auf den Tiſch!“ rief er, vor Ungeduld trippelnd.„Nur ſchnell, flink und hurtig. Die gnädigſte Herrſchaft wird gleich hier ſeyn, wird nicht lange warten wollen. Der gnädige Prinz wird mit hungrigem Magen einreiten, und ſeinen liebwertheſten Freunden wird es auch nicht daran fehlen! Elias! gieb genau Acht auf die Weinſuppe! um unſrer Sünden willen! wenn die erſte Speiſe nichts taugt, dann iſt es aus. Herr, gehe nicht mit uns in's Gericht! Unſer gnädigſter Prinz iſt ein Studioſus, und kömmt von der hohen Schule. Die Herren ſind alle kurz⸗ weg, fackeln nicht lange; und wenn das Traktement ſchlecht ausfällt, traktieren ſie mit der Hetzpeitſche. Chriſtoph! da ſind die Kellerſchlüſſel, da der Schlüſſel zum Schrank, in dem die Becher ſtehen! Oeſtreicher, Ungar und Spaniſcher werden aufgeſetzt. Nehmt die Pokale, die zur heiligen Taufe unſers vielgeliebten Prinzen verfertigt worden ſind; und ihm ſelbſt, der oben an ſitzen wird, ſtellt den großen Tummler hin den mit der Krone und dem Bildniſſe des höchſt 238 ſeligen Kaiſers Caroli des fünften und ſeinem Wahlſprich: plus ultra! Ein ächt kaiſerlicher und eines Zechers würdiger Wahlſpruch! Wer aber, ich ſpreche von uns gemeinen Leu⸗ ten, die ewige Krone erlangen will, der trinke Waſſer und keinen Wein; verſtanden, Ihr Trunkenbolde? Kaſteit Euern Leib, damit die Sünde von Euch fahre, weit hinweg zu dem BVoc Hazazel in die Wüſte.“ „Meiſter Nepomuk!“ ſchrie eine Magd zur Thüre herein. „Meiſter Nepomuk! der durchlauchtige Herr ſchlägt alle Fenſter ein!“ „Herr meines Lebens!“ fuhr Nepomuk zuſammen.„Habt Ihr denn alle die Mittagsglocke überhört? Der durchlauch⸗ tige Herr geruht, wieder ungeduldig zu werden. Chriſtoph! ſündiger Chriſtoph! wo ſteckt denn der Gottloſe?“ „Ihr habt ihn ja in den Saal geſchickt,“ rief ihm ein Koch zu. „Recht, recht,“ verſetzte Nepomuk verdutzt, riß einen Schrank auf, und nahm ein damaſtnes Tafeltuch, ein zier⸗ lich geſchnitztes Aufſtellbrett, ſilberne Teller und Eßzeug heraus.„Da,“ ſprach er, indem er alles dem aufhorchenden Archimbald in die Arme legte;„da, lieber Junker. Erzeigt mir nur dieß Mal die Liebe und die Güte, mit mir zu gehen. Es ſoll nie wieder geſchehen, aber der gottloſe Chri⸗ ſtoph... und meine Verwirrung... Elias, die Speiſen für den gnädigſten Herrn... man iſt es das ganze Jahr hindurch nicht gewöhnt, Gäſte zu ſehen, und dann kömmt ſo etwas„ ſoll's der ſtarke und fromme Gott wiſſen, wie ein Gewitter über unſern Hals.— Geſchwinde, Elias, die Schüſſeln auf die Kredenzplatte... nimm die große, 239 mit den heiligen drei Königen und ihrem Stern, ſo; gib und nun Junker, folgt mir!“ Nepomuk nahm geſchäftig den Kredenzteller, auf deſſen. geräumiger Fläche mehrere Speiſen in ſilbernen Gefäßen angerichtet ſtanden, in die Hände, und eilte, ſo raſch es ſeine kurzen Beine vermochten, vor Archimbald her, der mit ſeinem Eßgeräthe verwundrungsvoll nachſchritt, ohne zu wiſſen, was dies alles wohl bedeuten möge. Bald waren ſie im erſten Stocke angelangt, und in der Nähe von der Fürſtin Gemächern.„Ich muß Wein mitnehmen,“ flüſterte Nepomuk, ſtellte ſeine Laſt auf das Fenſtergeſimſe, und flog in einen Seitengang. Während dem öffnete ſich die Thüre des Vorgemachs der Fürſtin behutſam. Zenide ſchaute her⸗ aus, und nickte Archimbald freundlich zu. Lächelnd beant⸗ wortete er den Gruß. „Schon zurück, ſchöner Itſchoglan?“ fragte ſie mit gar wohlklingender Stimme, der das hart und mühſam ausge⸗ ſprochene Deutſch einen gewiſſen Reitz verlieh. Archimbald nickte abermals lächeld der Huldin zu. „Darum hab' ich Dich auch nicht unter dem Gefolge der Füſtin geſehen, die ſchon am Dorf vorüber iſt, und gleich hier ſeyn wird;“ fuhr Zenide fort, und trat behutſam näher. —„Ach!“ ſprach ſie weiter, da ſie die Speiſen gewahrte... „Du bedienſt den gnädigen Herrn?“ Archimbald bejahte achſelzuckend. „Du biſt ſtumm, Du Armer?“ liſpelte Zenide mit bemit⸗ leidendem Blicke.„Ganz ſtumm? Das iſt traurig. Aber doch gut. So kannſt Du nicht widerſagen, was ich Dir ſage.“ Archimbald neigte lauſchend das Ohr zu ihrem Munde. 240 Sie hob ſich auf den Zehen und flüſterte ihm zu:„ich habe Dich lieb.— Haſt Du mich auch lieb?“ Der Jüngling, dem ein ſolches Geſtändniß zu überraſchend war, als daß er nur mit dem leiſeſten Zeichen darauf hätte antworten können, trat verwundert und lächelnd zurück. Das holde Beichtkind floh aber wie ein Reh von ihm in die Gemächer der Gebieterin; denn Nepomuk kam mit einem prächtigen Krug unterm Arme zurück. „Tragt mir auch das nach!“ ſprach er zum Pagen.„Und nun kommt.“ Im Gehen fragte er aber:„Lief nicht jemand von Euch weg, als ich kam?“ Archimbald bejahte es.— „Gewiß eine von den Türkinnen,“ fragte der Neugierige wieder;„nicht wahr? ich hab' mir's gedacht. Das heidniſche Ungeziefer bindet mit jedem an, um hinter alles zu kommen. Aber bei Euch laufen ſie ſchön an, die Vorwitzigen. Ihr plaudert nichts aus, gelt! ha! ha! ha! Ihr ſeyd zum Herrendienſt geboren.“ Während dieſer Rede waren ſie in den zweiten Stock hinaufgeſtiegen, und in den linken Flü⸗ gel des Schloſſes getreten. Der Gang, welchen Nepomuk einſchlug, verrieth in allem, daß er nicht häufig beſucht ſey. Staub deckte den Boden, Spinnweben die graue Decke und die erblindeten Fenſter. Alte zerriſſene Bildniſſe hingen an den Wänden, zu denen ſich nur ein mattes Tageslicht den Weg bahnen konnte. Ein Paar offenſtehende Gemächer hatten daſſelbe Anſehen; die Geräthſchaften waren zerbro⸗ chen, die Fußdecken zerriſſen; alles voll Staub und Unrath. Nun kamen die Beiden an eine von Außen mit einem Mahl⸗ ſchloſſe verſehene Thüre. Nepomuk ſperrte aufz es ergab ſich aber nun, daß ſie von Innen verſchloſſen war. Der Haushofmeiſter klopfte leiſe, dann ſtärker, und rief endlich durch's Schlüſſelloch:„Durchlauchtigſter Herr! der unter⸗ thänigſte Nepomuk iſt's, der ſeinen Fehler wieder gut zu machen kömmt.“— Nach einer kleinen Weile näherten ſich gewichtige Schritte der Thüre, und langſam wurde ſie geöff⸗ net. Archimbald fuhr zurück, als er durch die halb offne plötzlich ein langes gelbes Geſicht blicken ſah, mit grauem Schnauzbart und grauen überhängenden Augenbraunen, unter welchen große, aber verglaste blaue Augen hervor⸗ ſchimmerten. Ein alter, ſpitzzulaufender Filzhut mit zer⸗ riſſener, rother Feder an der Seite deckte den Kopf, über deſſen Stirne lange graue Haare in wilder Unordnung fielen. „Kömmſt Du einmal, langſamer Knecht?“ fuhr der Seltſame den Haushofmeiſter mit rauher Baßſtimme an„ich dachte ſchon, ich müßte den Pallaſt in Brand ſtecken. Otternge⸗ zücht! Ihr wollt mich verhungern laſſen, oder Ihr ſeyd thö⸗ richt genug, zu glauben, was im Volk herumgetragen wird, nämlich: daß ich gefangen und toll ſey. Nicht ſo?“ „Gnädigſter Herr,“ entgegnete Nepomuk ſo ſüß als mög⸗ lich:„Wir glauben es nicht, und bitten in tiefſter Demuth, Euch das Mitgebrachte ſchmecken zu laſſen, wenn es gleich zu gering und zu erbärmlich für Euch iſt.“ „Tritt ein!“ brummte der Gnädigſte,„und machte ganz auf. Nepomuk ſchritt in das Gemach, und Archimbald hin⸗ ter ihm drein. Sie befanden ſich in einem Vorſaal mit vergitterten Fenſtern, deren Scheiben faſt alle zertrümmert und in Scherben auf dem Boden umherlagen, welcher eben⸗ falls mit hohem Staub bedeckt war. Im Hintergrunde öff⸗ nete ſich eine Reihe von Zimmern. Der Inhaber dieſer Woh⸗ nung ſtand in Lebensgröße vor Archimbald. Seine Geſtalt entſprach dem Geſichte vollkommen. Rieſengroß, abgezehrt 1 1. 16 242 und vertrocknet ſahen die Hände und bloßen Füße aus den weißwollenen Nachtkleidern heraus, wie die Glieder eines balſamirten Leichnams. Eine ächte Kette des goldnen Vließ⸗ ordens ſchmückte das grobe Wamms, über welches nur ein ſchmaler Hemdekragen herausſah. Um den Leib war eine breite Degenkuppel geſchnallt, an der eine lange ſpaniſche Klinge hing, die, nach dem übel zugerichteten Gefäſſe zu urtheilen, in die Scheide geroſtet ſeyn mußte. Der Furcht⸗ bare warf einen durchdringenden Blick auf Archimbald, und fragte:„Wer iſt dieſer Fremdling?“ „Es iſt ein redlicher Portugieſe,“ erwiederte Nepomuk, und winkte dem ſtaunenden Archimbald mit den Augen zu. „Ein Portugieſe?“ ſprach der Erſtere wieder.„Einer, der es redlich meint? Sey mir willkommen, wackrer Landsmann. Küſſe Deinem Könige die Hand.“ Er hielt ihm die Rechte mit gnädigem Lächeln hin. Ar⸗ chimbald zögerte; allein der Haushofmeiſter flüſterte ihm zu:„Thut es immerhin, und ſchämt Euch nicht. Es iſt unſer Fürſt“— Der Page gehorchte nun. „Wie ſteht's in meinen Staaten?“ fuhr der Fürſt fort. „Kehrt Ihr dahin zurück?“ Archimbald verneinte. „Da habt Ihr ſo Unrecht nicht,“ antwortete der Fürſt mit Eifer.„Ein undankbares Volk verdient es nicht, daß man wie warum antwortet Ihr nicht?“ „Er iſt ſtumm, durchlauchtiger Herr,“ fiel Nepomuk ein. „Warum mengſt Du Dich in's Geſpräch?“ polterte der Fürſt, und zog die Stirne in Falten.„Er wird mir's ſchon ſelbſt ſagen, daß er ſtumm iſtz oder könnt Ihr vielleicht reden,“ fuhr er ferner fort, zu Archimbald gewendet⸗„wollt Ihr es vielleicht nur nicht?“ Dem vorgeblichen Stummen ſtieg das ſiedheiße Blut ins Geſicht, als er aus dem Munde des Irren, der den Nagel auf den Kopf getroffen hatte, die verfängliche Frage vernahm. Ein zweideutiges Lächeln war ſeine ganze Erwiederung. „Recht,“ ſagte hierauf der Fürſt vertraulich zu ihm, und blinzte pfiffig mit dem einen Auge.„Der kluge Mann ſpricht, hört und ſieht nicht. Hätte ich das doch auch ge⸗ than! Ich hätte nicht Krone, Reich und Leben verloren. Zwar,“ ſetzte er leiſe hinzu,„mit dem Leben iſt es nur figürlich gemeint;... das Herz ſchlägt, die Beine rühren ſich, und mein Magen erinnert mich noch, daß ich Hunger habe.“ Er drehte ohne Umſtände dem Pagen den Rücken, und wandelte nach dem Gemach, in dem Nepomuk während deffen die Tafel gerüſtet hatte; nun winkte er dem Begleiter, ſich zu beurlauben. Archimbald verbeugte ſich; der Fürſt überſah ihn aber ganz, und rief, indem er ſich zum Eſſen niederließ, dem abgehenden Haushofmeißer zu:„Halte nur gut, Wache, alter Knabe, daß ſich kein Muhamedaner, am wenigſten ein Spanier, bei mir einſchleiche. Leb' wohl!“ Archimbald und Nepomuk verließen das Gemach, und der letzters ſchloß ſorgfältig zu.—„Der arme Herr!“ klagte der Alte, als ſie wieder hinunter ſtiegen.„Er bildet ſich ein, der portugieſiſche König Don Sebaſtian zu ſeyn, der in Afrika von den Mohren ertödtet oder gefangen worden iſt; man weiß keines von beiden gewiß, weil ſein Körper nicht gefunden wurde. Schon vor ſechs bis ſieben Jahren hatte der Herr kleine Anfälle von Geiſtesabweſenheit Damals 16 hat ihn die Pflege der gnädigen Fürſtin und eines braven Weibes von Ulm in Schwaben, das die Fürſtin von einer Reiſe, die ſie in Erbſchaftsſachen an den Rhein gemacht, mit ſich gebracht hatte;... dieſe Pflege, ſage ich, hat den guten Herrn recht hergeſtellt. Da kam der leidige Kriegs⸗ teufel wieder über ihn, und er zog mit einem kaiſerlichen Regiment nach Ungarn, wo er wie ein anderer Gideon unter den Ungläubigen gehaust haben ſoll, bis ihn beim Sturm von Sabalka ein türkiſcher Pfeil im Kopf verwundete. Das unglückliche Gewehr wurde zwar herausgezogen, und die Wunde ging zu, allein ein Splitter mag wohl zurückge⸗ blieben ſeyn; denn ſeit der Zeit hat der gnädige Herr immer etwas überſchnappen wollen, und ſich auch deßwegen vom Heere nach Hauſe begeben. Allein der Zuſtand wurde immer ärger, und da er vollends die Nachricht bekam, man habe ſeinem Buſenfreund, dem Grafen von Hardegg, zu Wien den Kopf abgeſchlagen, weil er Raab an die Türken überaeben⸗ ſo fing er an zu raſen, bis man ihn mit blutendem Herzen hier einſperren mußte, wo er ſich verſchloſſen hält, und verſchloſſen gehalten werden muß, weil ſeine Krankheit immer heftiger wird, und beſonders gegen die Seinigen eine üble Wendung genommen hat. Doch ſieh da,„die Herrſchaften ſind angelangt ſammt den Gäſten. Wir wollen alſo auch mit Gottes Segen das Mahl beginnen. Ihr⸗ mein lieber Junker, verſeht heut den Ehrendienſt an der Tafel bei den drei hohen Perſonen; ich werde Euch, ſo wie ich Zeit habe, zur Hand gehen.“ Der Fuchs ſchlich nach der Küche. Archimbald ſchlenderte nach dem Saale, um ſich vor der Hand mit der Oertlichkeit bekannt zu machen, und die Pflichten eines Tafeldieners im — 245 — Stillen zu bedenken, um nicht in ihrer Ausübung einen zu groben Fehler zu begehen. Mehrere von den Dienern des Schloſſes gingen hin und her. Am Fenſter ſtand der Pfar⸗ rer des Dorfs, und trommelte ungeduldig an den Scheiben. Es mochte ihm wohl zu langſam mit dem Beginnen des Mahls zugehen. Von Zeit zu Zeit langte er ſeitwärts auf die Tafel und raubte dem Brodteller, der in ſeiner Nähe ſtand, ein Stückchen von ſeinem Inhalte. Als Archimbald aber eintrat, wurde der Prediger zornroth im Geſicht, ging auf den Jüngling zu, und ſprach:„Wie ſtehts, Geſell2 habt heute wohl Euer Lüſtchen an einem Diener der wahren evangeliſchen Kirche büßen wollen? habt ihn wollen zer⸗ ſtampfen laſſen unter den Hufen Eures Roſſes? Richt wahr? Aber der Herr, ohne deſſen Willen kein Sperling vom Dache fällt, und kein Haar von unſerm Haupte, hat der Creatur mehr Ehrfurcht vor ſeinem Knechte eingeflößt, als dem Reiter derſelben. Geh' bei Zeiten in Dich, junger Frevler. Du haſt den Eintritt in dieſes gottesfürchtige Haus mit einer Sünde gegen Gott und mich bezeichnet. Thue Buße, denn das Leben iſt kurz, die Welt iſt alt, und die Saat iſt reif für den Schnitter, der die Spreu vom Waizen ſondern wird.“ Archimbald konnte ſich des Lächelns nicht erwehren, und der Eiferer fuhr mit kräftigerer Stimme fort:„Du lachſt, Unglückſeliger, während ich Dir das warnende: Mane tekel auf die Zukunft zeichne? Iſt es denn möglich, daß die Jugend alſo verderbt und ruchlos ſeyn könne? Biſt Du ein Heide, ein Wiedertäufer, ein Katholik, oder das Schlimmſte von Allem: ein calviniſcher Ketzer? Wahrlich! wahrlich! Du ſollſt anders werden mit der Zeit, oder ich will nicht Hans Schönemann heißen!“ 246 Archimbald ſchüttelte lächelnd den Kopf und bedauerte im Stillen, dem Ueberläſtigen keine Antwort geben zu dür⸗ fen; aber der Bußrede wurde bald durch die Ankunft der Tiſchgeſellſchaft ein erwünſchtes Ziel geſetzt. Der Prinz Bernhard nahm die oberſte Stelle an der Tafel einz ihm zur Rechten ſaß die Fürſtin, zur Linken Ludmille. Neben der Erſtern nahm ſich der Pfarrherr den Platz⸗ neben der Zweiten ein junger Herr von Kauniz. Die übrigen Freunde des Prinzen folgten, nach dem wie ſie ſich untereinander geord⸗ net hatten. Das Mahl nahm ſeinen Anfang, und Archim⸗ bald trat ſeinen Dienſt mit großer Freudigkeit an; denn er gab ihm Gelegenheit, ſich der Angebeteten zu nähern, ihr Gewand zu berühren, ihren reinen Athem einzuſaugen, wenn ſie dem demüthig Gebückten einen Wunſch oder einen Auf⸗ trag ins Ohr raunte. Er war geſchäftig, ohne etwas zu übereilen, verſah ſein Amt ſchnell und pünktlich, hatte Aug und Ohr überall, mit ſich ſelbſt aber am meiſten zu käm⸗ pfen, um nicht mit einem unvorſichtigen Worte die Täu⸗ ſchung zu vernichten, die zu erhalten ihm von ſeinem Pflege⸗ vater ſo ſtrenge auferlegt war. Die Fürſtin hatte ihn und ſein Benehmen beſtändig im Auge und winkte ihm dann und wann ſtillen Beifall zu, während der Pfarrer, ſo oft Archimbald in ſeine Nähe kam, ängſtlich zuckte als wie vor einer Schlange, und den Aufmerkſamen ſchel von der Seite anſah. Wie hätte aber der Jüngling für das Mißfallen des Unbedeutenden einen Blick finden können, da er Ludmillen⸗ die Einzige, in ſeiner Nähe wußte? Bald bemerkte er aber mit geheimem Verdruſſe, daß der Herr von Kauniz ſich es angelegen ſeyn ließ, die Prinzeſſin zu unterhalten, und wohl mehr Wärme in ſeine Worte legte, als man in ein 247 Tafelgeſpräch zu legen pflegt. Es blieb ihm auch in Kurzem kein Zweiſel übrig, daß der Bruder Ludmillens eine Be⸗ werbung ſeines Freundes gar ſehr begünſtigen würde. Denn⸗ als in der Mitte und am Ende der Tafel die jungen Män⸗ ner in eifrigeres Geſpräch geriethen, und vom Ungarwein erhitzt, einander ihre beſtandenen und noch zu beſtehenden Abenteuer und Schwänke mitzutheilen begannen;— als die Fürſtin dem Pfarrer, der wahrſcheinlich ihr ins Gewiſſen ſprach, ein aufmerkſames Ohr lieh, und auf dieſe Weiſe die oben an der Tafel ſitzenden nicht befürchten durften, gehört und verſtanden zu werden, redete Bernhard Ludmil⸗ len alſo an:„Du kennſt ihn nun, geliebte Schweſter, den Mann, von dem ich Euch ſo viel in meinem Schreiben er⸗ zählte, deſſen ſtarkem Arme ich mein Leben verdanke, als zwei Elende mich in einem kleinen Gäßchen zu Prag bei nächtlicher Weile angegriffen hatten, mit dem bloßen Degen in der Fauſt. Du wünſchteſt den jungen Helden kennen zu lernen, der die Meuchelmörder entwaffnete und in die Flucht jagte. Siehe, ich habe Dein Verlangen erfüllt. Kauniz ſitzt an Deiner Seite, und hat ſich auf unſerm Wege hieher wie ein Kind auf Deinen Anblick gefreut. Es ſcheint aber, als ob'Du kein freundliches Wort für ihn finden könnteſt, ſo einſilbig ſitzeſt Du da.“ „Du verkennſt mich,“ entgegnete Ludmille mit einer Stimme, die um Schonung bat. Wie könnte ich dem Retter meines Bruders die Achtung verſagen, die Freundſchaft ent⸗ ziehen, die er durch ſeine wackre That errungen hat? Was ſoll ich aber mehr thun, als ihn achten, als ihm Freundin ſeyn? An Dir iſt es, mein Bruder, ihm würdig zu ver⸗ gelten, und Du wirſt es auchz denn Du biſt Mann. Ich, 248 das ſchwache Weib kann ihm nur innig danken, und des Himmels Segen auf den herabrufen, der mir einen Bruder, den ich liebe, erhielt.“ „Spitzfindige Schweſter,“ lachte Bernhard,„Du haſt das Pistinguo in Logica recht gut aufgefaßt; aber Du ent⸗ kömmſt mir nicht ſo geſchwinde, denn noch habe ich meine Gelehrſamkeit im Kopfe. Nach ein Paar Jahren, wenn wir eine Weile im Küraß geſteckt haben, wird's wohl anders ſeyn, nicht wahr, Kauniz?“ Der Befragte bejahte ſcherzend, und winkte dem Freunde Stillſchweigen zu. Er ließ ſich aber nicht irre machen, ſondern fuhr fort: „Wieder auf das Kapitel zu kommen, liebe Schweſter, ſo mußt Du wiſſen, daß ich ſchon daran gedacht habe, dem Lebensretter zu vergelten; daß ich aber, um es, wie es ſich gehört, ſeiner und meiner würdig thun zu können, noch eine zweite Perſon in den Handel ziehen muß, und dieſe biſt Du. Du ſollſt ihm an meiner Statt lohnen.“ Ludmillens Wangen flammten. Kauniz legte dieſe Unruhe zu ſeinem Vortheil aus, und nahm die Rede auf: „Ihr werdet mich zum Beneidenswertheſten auf Erden machen, ſchöne Ludmille,“ ſprach er, ſeines ſchnellen Siegs gewiß,„wenn Ihr mich würdigt, mir freiwillig den Lohn zu gewähren, den mir Euer Bruder ſchon im Voraus ver⸗ heißen hat: Eure Liebe, Eure Hand.“ „Wie?“ verſetzte Ludmille, halb erſchreckt, halb gekränkt. „Freiwillig? im Voraus verheißen?. Bernhard, erkläre mir, wie das zuſammenhängt.“ Nun ja,“ entgegnete dieſer in gezwungener Laune;„ich habe gethan⸗ was mir als älterer Bruder, als Erbe des 249 Hauſes zukömmt; ich habe Dein Schickſal beſtimmt, Deine Hand verſagt. Einmal hätte es doch geſchehen müſſen, und ich konnte ſie in meinem Leben an keinen Würdigern ver⸗ ſagen, als an Kauniz.“ Ludmille ſchwieg betroffen; ihr Buſen hob ſich ſchwer⸗ ſie ſuchte nach Worten, ſie konnte keine finden. Archimbald ſtarrte mit glühenden Augen auf die Verletzte, denn die Eiferſucht hatte ſeine Sinne geſtärkt, und keine Splbe des Geſprächs war ihm, obgleich er ziemlich ferne ſtand, entgangen. „Ich bin vielleicht der Unwürdigſte, der auf Euere ſchöne Hand Anſpruch machen kann,“ ſprach Kauniz mit ſelbſtge⸗ fälligem Lächeln;„indeſſen auch dem Unwürdigen wird ja das Himmelreich zu Theil, wenn ers darnach anfängt. Ich will mich Eurer werth machen, im Kriegerſtande mich aus⸗ zeichnen, wo es Gelegenheit gibt, und Euch dann ein gemäch⸗ liches ſanftes Leben an meiner Seite bereiten. Meine Güter ſind anſehnlich, meine Familie und Blutsfreunde zahlreich und mächtig. Schon iſts im Werke, die Grafenwürde an unſer Haus zu bringen. Der Kaiſer kann unſerm ernſtlichen Wetben nicht widerſtehen; er darf es nicht, denn er weiß, daß mein Geſchlecht keinen gerechten Anſpruch aufgibt; auch ich werde es nie thun, meine holde Prinzeſſin; zählt darauf. Den Anſpruch auf das ſchönſte der Güter, das ich je Mein nennen werde,— auf Euern Beſitz, werde ich mit Wort und That, mit dem Degen wie mit der Feder, gegen Jeden vertheidigen, der mir es zu rauben gedächte. Ich habe des Bruders Wort; und wenn ich vollends Euere freiwillige Gunſt zu erringen verſtehe„„ 250 „Das werdet Ihr nie,“ fiel Ludmille dem unbeſcheidenen Prahler mit dem edeln Unwillen ins Wort, den das Be⸗ wußtſeyn einer ungerecht erhaltenen Kränkung in einem reinen Herzen erzeugt.„Man behandelt mich wie eine Scla⸗ vin, und höhnt mich noch?— Kein Wort mehr davon. Meinen Bruder bedaure ich, daß er ſeinen eigenen Werth ſo ſehr verleugnen konnte, ſeine Schweſter zur Waare zu machen, die man nach Belieben an Jeden verſchleudert, der ſie zu kaufen wünſcht. Euch, mein Herr von Kauniz, würde ich verachten müſſen, hättet Ihr Euch nicht durch meines Bruders Rettung um unſer Haus verdient gemacht. Aus dieſem Grunde allein verzeihe ich Euch die üble Sitte und Sprache, die Ihr gegen mich beobachtet habt, und welche nie in dieſem Schloſſe Brauch und Rechtens war.“ Mit dieſen Worten erhob ſie ſich ſtolz, und verließ Tafel und Zimmer plötzlich. In Archimbalds Buſen ging ein neuer Tempel für die erhabene Jungfrau auf, die ihm, ohne vaß er ſich Rechenſchaft geben konnte, weßhalb? durch die ſtrenge Abfertigung des ungeſtümen Freiers unausſprechlich wohl gethan hatte. —— — Drrizehntes Rapitel. — Saheſt Du nie die Schbnheit im Augenblicke des Leidens? Riemalv haſt Du die Schönheit geſehen. g5 Schiller. „Das Regiment unſers Hauſes kömmt mir vor wie das heilige römiſche Reich,“ ſprach Bernhard nach dieſer Scene verdrüßlich.„Einer will rechts, der Andere links, der Dritte gar nicht vom Flecke; und das Oberhaupt iſt verrückt, wie unſer gnädigſter Kaiſer. Die Wirthſchaft muß mir aber aufhören, ſo wahr ich ein Mann bin. Die Weiber müſſen ſich fügen,— Ludmille gehorchen,— die Mutter den ver⸗ dammten Schwarzkittel abſchaffen, deſſen Geſicht wie eine magere Faſtenſuppe in unſer Oſtermahl hereinſchielt.— Der Vater muß aus dem Hauſe, auf eins von ſeinen ungari⸗ ſchen Schlöſſern. Dort mag er wüthen und toben, die Seinigen verwünſchen, ſo viel— und ſterben, ſobald er Luſt hat. Wenn ihn auch die Ungläubigen ein Paar Jahre früher aus der Welt befördern ſollten.. was ſchadet's? ein Toller iſt gar kein Menſch mehr, und er hat uns Tort und Dampf genug gethan. Vor Allem aber verlaſſe Dich darauf, Bruder Kauniz, ich halte meine Zuſage.“ 252 „Das hoffe ich auch,“ erwiederte der Buſenfreund.„Du weißt, was wir abmachten, als ich Dir die Gelder vorſchoß, die Dich vom Abgrund retteten.“ „Ich weiß es wohl,“ verſetzte Bernhard grämlich.„Laß nur die alten Zeiten ruhen, ſonſt fallen mir wieder alle meine Gläubiger ein, die täglich wie Huſſiten mein Haus ſtürmten. Pedell, Carzer, Conſilium, Schande, alles ſtand mir bevor. Die Mutter hätte mir nicht helfen können.. ich hätte mich auch eher erwürgt, ehe ich den Mantel mei⸗ ner Tugend abgelegt hätte, den ich noch immer vor ihren Augen ſo glorreich trage. Mit einem Wort; ich weiß, was ich dem Retter in der Noth zuſagte; und ich werde es halten.“ Sie ſtanden auf. Es galt als ein Signal für die Ver⸗ ſammlung, die ruhig fortgezecht hatte; und unter den jun⸗ gen Herren wurde einſtimmig ein Ritt nach dem Forſt be⸗ ſchloſſen, in den ſie an den folgenden Tagen zur Jagd ziehen wollten. Kauniz allein entſchuldigte ſich, ſeiner Müdigkeit wegen, und blieb zurück, als die Uebrigen aus dem Schloſſe in's Freie jubelten. Aufgeregt von der Reiſe und dem feurigen Trauben⸗ ſohn, der an der Taſel die Becher der Zechenden gefüllt hatte, ſtrich er unruhig im Schloſſe hin und her, ohne Zweck noch Ziel. Mit Ludmillens Bilde beſchäftigt, ſtand er bald am Fenſter eines Vorſprungs und ſah in die vom matten Sonnengolde erleuchtete Abendgegend; bald ſchritt er auf und nieder in den langen Gängen des Schloſſes. Auf einer dieſer Wanderungen ſtahlen ſich Zitterklänge zu ſeinem Ohr. Er ſtand, lauſchte, vernahm eine zarte weib⸗ liche Stimme, die durch ihre ſchmelzenden Töne ſeine 253 Einbildungskraft in Flammen ſetzte. Das iſt Ludmille! war ſein erſter Gedanke. ſein zweiter der Vorſatz, ſie zu überraſchen, und vielleicht zur gelegenen Zeit ihre Neigung, ihr Jawort zu erſchmeicheln oder zu ertrotzen. Behutſam ſchlich er den Klängen nach, und ſtand in Kurzem vor einer Thüre, hinter welcher die Sängerin athmen mußte. Als ein geübter Horcher überzeugte er ſich davon, und öff⸗ nete ſie leiſe. Gerade ihm gegenüber ſaß auf einem türki⸗ ſchen Ruhebette Leila mit der Laute in der Hand, und ſtockte in ihrem Geſange, als ſie den unerwarteten Beſuch eintreten ſah.— Kauniz trat auch wirklich ein. Die Sän⸗ gerin war zwar nicht Ludmille, wie er gehofft, aber doch immer ein wunderhübſches Mägdlein, ihr Wuchs lockender, ihr Auge verſprechender und der Beſucher nicht ſchwierig in dem Wechſel ſeiner Wahl. Glühend von Wein und Liebe trat er keck zu der Fremden, belobte ihr Spiel, ihre Stimme, ihre Reize. Leila horchte ſtaunend auf, und wollte, da er ſich neben ſie auf die Ottomane niederließ, ſich entfernen. Allein der lockre Jüngling, nicht gewöhnt auf halbem Wege ſtehen zu bleiben, hielt ſie zurück, und verſchwendete ſanfte Bitten und Schmeicheleien, um einen Kuß von ihren Lippen bettelnd. Leila widerſtrebte anfänglich ſchüchtern und be⸗ ſcheiden dem vornehmen Gaſt; als dieſer aber die Unbeſchei⸗ denheit immer weiter trieb, in wilder Begierde bald keinen Zaum mehr kannte, ſtieß ſie ihn zurück mit Drohungen und Vorwurf. Kauniz lachte des Grimmes der Wehrloſen, und ſetzte ſeine Unanſtändigkeiten mit verdoppelter Gewalt fort, ſo daß dem bedrängten Mädchen, von der Flucht zu⸗ rückgehalten, nichts übrig blieb, als laut um Hülfe zu rufen. Kauniz, im Wahne ſtehend, ſich in einem abgelegenen Theile des Schloſſes zu befinden, kümmerte ſich nicht darum, ſon⸗ dern bemühete ſich, den Angſtruf der Schönen mit feurigen Küſſen zu erſticken— Allein zu ſpät.. er war gehört worden, und zur gelegenen Zeit für Leila, zur ungelegenen für den Lüſternen, ſprang Archimbald in das Gemach. Die Stellung, in der er Beide ſah, die gefalteten Hände, die ihm die um Hülfe flehende Leila entgegenſtreckte, un⸗ terrichteten ihn augenblicklich von dem, was hier vorging. Ohne ſich lange zu bedenken, fiel er über den weit ältern Kauniz her, und dieſer mußte der gewaltigen Kraft des Jünglings weichen. Er taumelte auf das Ruhebett, und Leila floh. Wüthend fuhr Kauniz in die Höhe, und wollte auf Archimbald ein, der wie ein zürnender Gott ihm ge⸗ genüber ſtand, als er, von ſeinem Bewußtſeyn niederge⸗ worfen, auf's Neue in die Kiſſen zurückſank. Denn in der Nebenthüre, von dem Getöſe aufgeſchreckt und herbei⸗ gerufen, war Ludmille erſchienen und Zeugin des Auftritts geweſen. Kauniz wollte einige Worte der Entſchuldigung ſtammeln, aber ihr vernichtender Blick donnerte ihn zu Bo⸗ den. Dem Retter in der Noth mit ohnmächtiger Wuth drohend, verließ er das Gemach mit ungewiſſem Schritte. Archimbald wollte ihm auf der Ferſe folgen, als er be⸗ merkte, daß Ludmille, theils vom Schrecken, theils von dem kränkenden Gefühle, daß ſie dem verjagten Wollüſt⸗ ling von ihrem Bruder zum Opfer beſtimmt ſey, erſchüttert, an allen Gliedern bebte, und, die Farbe wechſelnd, mit ungewiſſer Hand ſich an dem Pfeiler der Thüre hielt. Sie war unendlich liebenswürdig in dieſer Stellung, und Archimbald konnte dem Reiz des Augenblicks nicht wider⸗ ſtehen. Er flog zurück, und unterſtützte die heißgeliebte — 255 Herrin mit ſanfter, aber ſtarker Hand. Ludmille hielt ihre Augen auf eine kurze Weile geſchloſſen„öffnete ſie dann langſam, und wurde zur Purpurroſe, als ſie ſich im Arme, beinahe an der Bruſt des Jünglings, erblickte, gegen deſſen äußere Vorzüge und ſittiges Benehmen ſie nicht unem⸗ pfindlich geblieben war. Sanft und ſchnell entzog ſie ſich ihm, und lispelte:„ich danke Euch„ Junker es iſt vorüber.“ Archimbald hatte zwar die Rechte von dem ſchlanken Leibe der holden Prinzeſſin ehrerbietig entfernt, mit der Linken aber bewußtlos, in ihren Reizen verſunken, die ihrige feſtgehalten. Der ſchwache Verſuch, den ſie machte, der leichten Feſſel ſich zu entledigen, mißlang; denn ein feuriger Druck hielt die Gefangene enger verwahrt.— Staunend ſah Ludmille zu dem verwegnen Frevler auf, allein beſtürzt mußte ſie den Blick zu Boden ſenken, als ſie ſeine brennen⸗ den Augen auf ihrem Antlitz verweilend ſchaute. Es lag Mitleid, Beſorgniß, Theilnahme ach es lag weit mehr als alles dieſes in dem Ausdruck ſeiner Miene, in dem Schimmer ſeiner Augenſterne; etwas.. das wunder⸗ ſam beängſtigend, und dennoch unnennbar wohlthuend das iungfräuliche Herz berührte; ein Blitzſtrahl, der die Flamme eines ſüßen Leidens auf dem Altar entzündete, der bis jetzt noch öde, ohne Opfer geſtanden. Welch ein Sturm in ihrem Innern ſie konnte ihn nicht ertragen.„Was thut Ihr, Archimbald?“ fragte ihr namenloſes Staunen.„Laßt mich!“ ihr Stolz; allein der Ungehorſame widerſtand noch immer, er wurde kühner. Ludmillens Linke fühlte ſich enger umſtrickt, und zu ihren Füßen lag der verwegene Jüngling, als wollte er um Vergebung ſeiner Keckheit bitten. Seine 255 Unterwerfung vollendete die ihrige. Der Sieger lag auf den Knieen vor der Beſiegten.— Sie ward es mit Scham und Wonne inne.„Um Gotteswillen!“ ſeufzte ſie;„Ar⸗ chimbald! was iſt Euch?“ Der ſtumme, aber um ſo unwi⸗ derſtehlichere Jüngling erwiederte dieſe Frage mit einer leidenſchaftlichen Geberde, die über das, was in ſeiner Bruſt vorging, keinen Zweifel überließ, und drückte einen heißen Kuß auf die Sammthand der Geliebten, die mit einem lei⸗ ſen Gegendruck ſo viel Liebe vergalt, ſich mit der letzten Anſtrengung der Weiblichkeit von ihm losmachte, noch einen innigen Blick auf den Glücklichen warf, und ſchnell, wie eine Erſcheinung, in ihren Gemächern verſchwand. Archimbald, in einer Verwirrung verſunken, wie ſie nur die erſte Liebe in dem Buſen des Mannes ſchaffen kann, brauchte lange Zeit, um ſich in dem Wirbel ſeiner Empfin⸗ dungen zurecht finden. Dieſer ebnete ſich endlich; allein es ſchienen ihm bereits Jahre zwiſchen dem verwichenen und dem jetzigen Augenblick zu liegen. Was er vor einigen Athem⸗ zügen erlebt hatte, der Genuß, in dem er geſchwelgt, wie ein üppiger Praſſer, die Wonne der letzten Minuten... alles dieſes war ihm eine ſelige, aber lang entwichene Ver⸗ gangenheit. Er konnte ſich die Möglichkeit ſeines Glücks, die Wirklichkeit deſſelben nicht denkenz; er wagte es nicht,.. und dennoch, geſtand er ſich mit ſtillem Jubel, dennoch war es kein Traum; es war mehr als ein täuſchendes Bild, das der Einbildungskraft von der Sehnſucht vorgehalten wird.. er hatte ihr, der Liebenswerthen, ſeine Leidenſchaft geſtanden, hatte den ſanften Druck ihrer Hand empfunden, hatte ihren letzten Blick geſehen, der ihm eine glückliche Vorbedeutung ſchien. Demungeachtet quälten ihn aber bange Zweifel. Hätte er ſich in ſeiner Vermuthung getäuſcht, wäre der Blick, den er für die Morgenröthe der Liebe hielt, der Herold ihres Zorns geweſen?— Von dieſen Gedanken beunruhigt, hörte er mit einem Male die Glocke aus der Fürſtin Zimmer. Der Dienſt mahnte ihn, und wie ein armer Sünder, in banger Beſorgniß, Ludmille möchte den frevelnden Pagen vor dem Richterſtuhle der Mutter angeklagt haben, und dieſe ihn zur Rechenſchaft ziehen wollen, folgte er dem Ruf. Seine Züge mochten auch das Gepräge dieſer Beſorgniß tragen; denn die Fürſtin, die ihn allein in ihrem Gemache empfing, ſprach lächelnd und gutmüthig zu ihm:„Befürchtet nichts, mein Sohn. Ich ſchelte Euch nicht um Euers Betragens gegen den Herrn von Kauniz, ob ihr gleich dadurch die heilige Gaſtfreiheit beleidigt habt. Ich bin ſchon durch die arme Leila von allem unterrichtet, und Ludmille hat mir ihre Ausſage beſtätigt. Kauniz hat zuerſt das Gaſtrecht gebrochen durch ſeine Frechheit gegen meine Dienerin, und Ihr habt ihn in die Schranken zurückgewieſen. Das war Eure Pflicht als Genoſſe dieſes Hauſes, und als Edelmann, der die Un⸗ ſchuld ſchirmen ſoll, wo er es vermag. Für die Mäßigung aber, die Ihr dabei bewieſen habt, danke ich Euch, und will, daß Ihr hinfüro dieſen Dolch, den ich Euch zum Ge⸗ ſchenke mache, tragen mögt, um auch in ernſthaftern An⸗ läſſen der Tugend Euern ſtarken Arm leihen zu können. Einen beſonnenen Jüngling, wie Ihr ſeyd, darf man wehr⸗ haft machen ungeſcheut. Ihr werdet die Waffe nicht miß⸗ brauchen.“ Sie reichte ihm einen blitzenden Dolch. Der vergoldete Griff von getriebener Arbeit, verſchwenderiſch mit Kryſtall⸗ geziert, hatte ein vornehmes Anſehen, ſo wie die . 1 258 roth ſammetne Scheide mit vergoldetem Beſchläge, in der die damaseirte, zweiſchneidige Klinge ruhte. Ein reichgeſtick⸗ tes Wehrgehänge befeſtigte die Waffe an Archimbalds Gürtel. „Der Dolch,“ ſprach die Fürſtin, während er ihn anlegte, „wurde von meinem Gemahl dem von ſeiner Hand gefallenen Haſſan Paſcha von Bosnien als Siegeszeichen abgenommen. Haſſans Tochter, Leila, macht Euch alſo gewiſſermaßen ein Geſchenk aus dem Erbe ihres Vaters. Das Wehrgehänge iſt von Ludmillens Hand verfertigt, die es für ihren Bruder beſtimmt hatte. Die Geſchwiſter haben aber, wie ich glaube, ſchon einen kleinen Zwiſt, und Ludmille hat erklärt, dieß Geſchenk ihrem Bruder entziehen, und Euch zum Dank für den Schutz, welchen Ihr der armen Leila verliehen, beſtim⸗ men zu wollen. Tragt es alſo zu ihrem Gedächtniß, und entweiht es nicht durch eine unwürdige That.“ Archimbald, hoch entzückt über das liebe Geſchenk, das ſeine kühnſten Erwartungen übertraf, küßte der Fürſtin die gütige Hand, und betheuerte ihr durch die ausdruckvollſten Geberden ſeinen Dank und ſeine Unterwürfigkeit. „Ich glaube Euren Verſicherungen,“ ſprach die Fürſtin mit Gefühl;„aber nun erlaubt mir eine Bitte, und ver⸗ nehmt meinen Befehl. Die Bitte iſt: laßt von nun an den Herrn von Kauniz in Ruhe; denn er ift ein inniger Freund meines Sohns, hat ihm das Leben gerettet; und ich will wegen deſſen den ärgerlichen Auftritt mit Leila gütig über⸗ ſehen, um ihm nicht die wenigen Tage zu verbittern, die er in Geſellſchaft meines Bernhards hier zuzubringen hat. Da er Eure Kraft kennen gelerut, wird er Euch in Frieden laſſen⸗ denle ich. Thut Ihr gegen ihn das Gleiche.“ Archimbald neigte ſich, und gelobte es mit erhobener Hand. „Nun aber,“ fuhr die Fürſtin ernſthafter fort;„. nun hört meinen Befehl. Der Pfarrherr Schönemann hat ſich bitter über Euer Betragen gegen ihn beſchwert. Lächelt nicht, Ihr könntet mich aufbringen wie den Pfarrherrn. Thut, wie ich Euch ſage. Hegt mehr Ehrfurcht gegen ihn und die Lehre, welche er verkündet. Mag ſein Weſen abſchreckend, ſein Ton immerhin etwas rauh, ſeine Sitten anſtößig ſchei⸗ nen er iſt ein Diener des Herrn und des heil. Evan⸗ geliums. Ihr ſeyd verbunden, ihn zu ehren; und ich be⸗ fehle es Euch. Euere treueſten Dienſte verlieren in meinen Augen den Werth, wenn Ihr die Religion nicht Euerer Ge⸗ bieterin gleich achtet, ja wohl noch höher als ſie. Ich will wohl zu Euerer Entſchuldigung glauben, daß an der Ge⸗ ringſchätzung Euerer Religion der lange Aufenthalt unter katholiſchen Bettelmönchen Schuld iſt, die nicht ermangelt haben werden, die proteſtantiſche Lehre zu verkleinern, allein Ihr müßt auf den rechten Weg zurückgebracht werden, mit der Hülfe Gottes. Dazu iſt aber das beſte Mittel, der fleißige Beſuch unſerer täglichen Betſtunde in der Schloß⸗ kapelle, wo Ihr Euch ohne Weigern einzufinden habt. Ich werde erfahren, ob Ihr mir Gehorſam leiſtet. Geht ietzt mit Gott!“. Archimbald bückte ſich, um zu gehen. Die Fürſtin rief ihn aber zurück.„Noch ein Wort, weil ich gerade auf den Tert kam,“ ſprach ſie, eine kleine Verlegenheit unter dem Deckmantel der Gleichgültigkeit verbergend.„Wie geht es dem Grafen... dem Pater, wollte ich ſagen, der Euch unterrichtete? Er befindet ſich wohl?. Zufrieden 2. 260 Ihr zuckt die Achſeln? O nein! nein!“ ſetzte ſie mit aus⸗ brechender Wehmuth hinzu.. er kann nicht zufrieden ſeyn! in dem Schvoße der fremden, feindlichen Kirche? Nimmer⸗ mehr!“ Sie legte das kühlende Tuch vor die Augen, und ſchwieg einige Augenblicke.„Wie ich von Nepomuk vernommen habe,“ fuhr ſie dann gemäßigt fort,„ſo habt Ihr heute mit ihm zu⸗ gleich den Dienſt bei meinem Gemahl verrichtet?“ Archimbald bejahte. „Es war nicht mein Wille,“ ſprach ſie weiter,„ich hätte gewünſcht, Euch den traurigen Anblick vorenthalten zu kön⸗ nen; ich liebe es nicht, daß meine Dienerſchaft die bekla⸗ genswerthen Blößen ſehe, die mein Gemahl in ſeinem un⸗ glücklichen Gemüthszuſtande ſich und ſeiner Würde gibt.— Darum hat auch keiner von den Schloßleuten noch jene Zimmer betreten, Nepomuk und Chriſtoph ausgenommen. In die Redlichkeit des Erſtern ſetze ich das größte Vertrauen. Sie und die unempfindliche Gleichgültigkeit des Zweiten bür⸗ gen mir dafür, daß dem Geſinde und den Fremden ſtreng verſchwiegen bleibe, was in dem Gemach, das mein Gemahl bewohnt, vorgehen mag. Der Zufall hat Euch zum Mit⸗ wiſſer gemacht. Ich hege aber die Zuverſicht, daß Ihr kei⸗ nen Mißbrauch von dieſem Umſtande machen, und keiner Seele durch das geringſte Zeichen verrathen werdet, was Ihr geſehen habt.“ Archimbald ſchüttelte den Kopf, und legte die Hand feier⸗ lich auf die Bruſt. „Nun ſo geht denn im Frieden,“ verſetzte die Gebieterin erheitert,„und nehmt dieſen Schlüſſel mit Euch.“— Sie machte ihn von dem Schlüſſelbunde an ihrer Seite los.— 261 Er ſchließt die Bibliothek im rechten Flügel des Schloſſes auf, zu dem Euch Nepomuk den Schlüſſel geben wird. Die Bücherſammlung iſt anſehnlich, denn meine Ahnherren haben ſich immer mehr mit der Gelehrſamkeit als mit dem Kriege abgegeben, ſo wie im Gegenſatze die Vorfahren meines Gat⸗ ten, des Fürſten, ſtets den Degen der Feder vorgezogen haben. Seit dem Ableben meines Vaters kam die koſtbare Sammlung in Unordnung. Der vorige Pfarrherr des Dorfs, ein Mann von großer Wiſſenſchaft, kam zwar häufig in die Bibliothek, beſchäftigte ſich aber nur mit ſeinen Studien, und ſtellte keine Ordnung wieder her. Nach ſeinem Tode war vollends nicht mehr daran zu denken. Denn der Pfar⸗ rer Schönemann hält nichts auf Bücher, indem er meint, in der Bibel ſey alles enthalten was der Menſch zu wiſſen brauche. Er mag auch recht haben, weil dieſes heilige Buch von Gott ſtammt. Es ſehen es aber nicht alle Menſchen ein. Mein Sohn hat gleich bei ſeiner Ankunft die Bibliothek zu ſehen verlangt, und ſich über die Zerrüttung beſchwert, in der ſie ſich befindet. Da er ſie in der Folge zu benutzen gedenkt, jedoch ſelbſt die Zeit und Geduld nicht hat, ſie wieder einzurichten, ſo beauftrage ich Euch, dieſes in den Nachmittags⸗ und Abendſtunden in's Werk zu ſetzen; für dieſe Zeit entbinde ich Euch des Dienſtes. Ihr ſeyd gelehrt und fleißig, wie mir der Pater Hubert meldet. Ordnet die Bücherſammlung, und fertigt ein Verzeichniß davon. Hal⸗ tet Euch indeſſen nicht zu tief in die Nacht hinein, in jenem Flügel auf. Die Schloßleute hegen ohnedieß den Wahn, es ſpucke darinnen, und der ungewohnte Lichtſchimmer könnte ſie in dem Glauben beſtärken, oder meinen Gemahl ſchrecken, der gerade gegenüber ſeine Gemächer hat. Geht, und verrichtet 262 Euere Geſchäfte mit Eifer und Fleiß. Der Herr ſey mit Euch!“ Archimbald entfernte ſich, um in ſeiner einſamen Kam⸗ mer das unſchätzbare Geſchenk Ludmillens, den Beweis ihrer Zuneigung, das Pfand ihrer Verzeihung zu betrachten, zu küſſen, und den Eid unverletzlicher Treue gegen die Gebie⸗ terin ſeines Herzens darauf abzulegen. Dieſes Eiſen, ſprach er ſo leiſe als möglich, damit die ſtillen Wände nicht ſeine Verräther werden ſollten, dieſen ſcharfen Stahl, den erſten den ich trage, weihe ich dem Schutz der Liebe, und der gs⸗ rechten Rache. Er werde mehr als ein glänzendes Spiel⸗ werk; er werde das Werkzeug meiner heiligſten Pflichten⸗ der Schlüſſel, der meine Gelübde löst, der mitlei⸗ dige Freund, der mich aus dieſen Gefilden in eine beſſere Heimath führt, wenn ich je an der Erfüllung meiner Schwüre verzweifeln müßte! Stolz und feierlich, als ob des Pabſtes Segen den Dolch des Ungläubigen geweiht hätte, ſteckte er ihn wieder an die Seite, und ſchob den Schlüſſel der Bibliothek— ebenfalls ein köſtliches Kleinod für ihn, der ſich ſchon verlangend nach den Schätzen des Wiſſens ſehnte— in die Taſche, als Ne⸗ pomuk leiſe ſchleichend in die Kammer trat. „Guten Abend,“ ſprach er freundlich wie eine Katze,„ „guten Abend, lieber Junker. Der Herr gönne Euch das Licht. Was macht Ihr ſo einſam hier im Stüblein, worin es bereits dämmert, dieweil es ſich behaglich und hell in meinen vier Pfählen ſitzen ließe? Ich hätte Euch ein Stünd⸗ chen verplaudert, und Ihr hättet mit Händen und Augen geantwortet, ſo gut es angeht. So wäre die Zeit hin⸗ gegangen, da doch heute die Beiſtunde, wie man ſagt⸗ geſchwänzt wird, weil der Pfarrer ſich den Magen überladen und die Galle in's Geblüt gejagt hat.— Lächelt nur, ſchel⸗ miſcher Junker. Ihr ſeyd allein daran Schuld. Ihr habt überhaupt einen gewaltigen Rumor im Hauſe angerichtet. Kaum ſeyd Ihr vier und zwanzig Stunden im Schloſſe, und ſchon drehen alle Dirnen die Köpfe nach Euch, und die Manns⸗ leute blöcken die Zähne. Die gnädigſte Gebieterin hat Euch ein Geſchenk von vielem Werthe gemacht. Die gnädigſte Prinzeſſin deßgleichen. Die heidniſchen Teufelskinderchen ſehen nur wo Ihr kommt oder geht;.. von Euch allein ſchwatzen die Mägde in Küche, Keller und Stall, am Brun⸗ nen und am Trog; ja ſogar der durchlauchtigſte Fürſt und Herr da oben hat ſich, als ich ihm vor einer Stunde ſeinen Nachtimbis brachte, angelegenheitlich nach Euch erfragt und umgethan. Wenn Ihr erſt reden könntet... dann wäre es vollends aus. Ihr habt Euch indeſſen auch Feinde gemacht; der Pfarrherr hat Euch zu den Böcken geworfen. Laßt ihn aber immerhin reden, den ſteifen Lutheraner. Was der ſagt, löſcht Euch keinen Funken des hölliſchen Feuers ab, noch bringt es Euch um ein Haar breit der himmliſchen Freu⸗ digkeit näher. Mit ſeinem rauhen, bärbeißigen Gepolter iſt es nicht gethan; mit ſtillem Gebet und verſchwiegenem Thun gewinnt man allein das Himmelreich. Allein Ihr habt andere Feinde, die Euch empfindlicher ſchaden können, als der ungeſchlachte Predikant, der unſre gute Fürſtin in ſei⸗ nen Netzen gefangen hat, weiß der Heiland, wie?— Ihr babt den jungen Herrn von Kauniz gröblich beleidigt; er hat es dem gnädigſten Prinzen vertraut, als derſelbe von dem Ritt zurückkam, und der Prinz kömmt gerade von einer 264 ſehr heftigen Unterredung, die er deßhalb mit ſeiner erlauch⸗ ten Mutter angehoben.“ Archimbald ſtaunte den Allwiſſenden mit weitgeöffneten Augen an. Nepomuk begriff ſehr leicht; daher erwiederte er lächelnd: „Ihr wundert Euch, wie ich alles und ſo ſchnell erfahren konnte? Ja, mir entgeht nichts im Schloſſe.... mertt Euch das für die Zukunft... der alte Nepomuk ſieht durch ein Bret. Ich habe gute fremde Ohren im Dienſte, und wo die nicht ausreichen, nehme ich die meinigen und ein gutes Schlüſſelloch zu Hülfe.“ „Spitzbube;“ dachte ſich Archimbald, und machte die Ge⸗ berden eines Menſchen, der einem andern ein Ohr ab⸗ ſchneidet. „Laßt los!“ rief der Alte, und befreite ſich von Ar⸗ chimbalds Fingern, die um der Verſtändlichkeit willen ſein Ohr gepackt hatten:„ich verſtehe Euch ja ſchon, man braucht mir nicht mit dem Knittel zu winken. Ihr meint, man müſſe dem unberufnen Horcher die Ohren abſchneiden? Gelt, ich hab's errathen? aber, keine Sorge. Wir ſchneiden die Ohren dem nicht ab, der ſchon oft für uns gehorcht hat, und manches weiß, das übel bei Menſchen aufgeho⸗ ben wäre, in deren Ohren. Beim heiligen Blut! Ihr habt mir das Läppchen gedrückt, daß ich kein Gefühl darin habe in deren Ohren alſo, wollte ich ſagen, kein Ge⸗ heimniß ſchläft. Begreift Ihr?“ Archimbald ſchüttelte den Kopf. Der Haushofmeiſter fuhr aber weiter fort:„Werdet's ſchon mit den Jahren begreifen. Man lernt das im Herrendienſt. Unterdeſſen aber befiehlt Euch die gnädigſte Fürſtin von der Tafel wegzubleiben, 265 ſo lange der junge Herr und ſeine Freunde hier verweilen, damit keine unangenehmen Auftritte vorfallen. Archimbald ſah ihn fragend an. „Der Prinz Bernhard,“ verſetzte Nepomuk,„hat Euch, ver⸗ eint mit ſeinem Freunde Kauniz ſchwere Rache geſchworen, weil Ihr Euch an demſelben vergriffen habt. Ich ruhe nicht, hat er vor einer halben Stunde zu ſeiner Mutter geſagt, bis ich den pöbelhaften Burſchen empfindlich gezüchtigt habe, der ſich erfrecht hat, die gemeine Hand an meinen Freund zu legen; Kauniz hätte ihn gleich niedergeſtoßen,— hat er ferner geſagt— wenn ihn nicht der Prinzeſſin Herbeikommen zurückgehalten hätte... Archimbald mußte lächeln; denn der Junker hatte nicht Miene gemacht, an den Degen zu greifen. „Es wäre auch Schade geweſen.., fuhr Nepomuk fort...„hat der Prinz ferner geſagt, wenn eine ritterliche Klinge von dem Blute eines gemeinen Schurken befleckt worden wäre; aber ich, ich nehme die Rache über mich, ich laſſe dem Buben die Peitſche geben, bis er den Himmel für eine Pudelmütze, und die Welt darunter für ſein Affen⸗ geſicht anſieht. Das ſind ſeine eignen Worte, und ein ganz beſondres Gleichniß, das wohl bei den S in Schwang gehen muß.“ Archimbald war wüthend aufgeſprungen, als er von der Peitſche hörte; und ein ſchneller Blick traf glühend in bitt⸗ rer Erinnerung ſeine beiden Hände, auf denen die Narben von Philipps Spornenriſſen und Peitſchenhieben immer noch ſichtbar waren. Drohend ballte er die Fauſt, klemmte die Unterlippe zwiſchen die Zähne, und ſtampfte herausfordernd mit dem Fuße, daß der Haushofmeiſter verſchüchtert ſich nach der Thüre zog. „Seht Ihr wohl,“ begann er hierauf,„wie gut es iſt, daß Ihr nicht um die Wege war't? Die Fürſtin nahm herz⸗ haft für Euch das Wort, und ließ am Kauniz wenig gutes Haar; allein, was half's? Der Prinz, der auf der hohen Schule ſich gewaltig verändert hat, wie man jetzt deutlich merkt, wurde immer heftiger, und forderte mit Ungeſtüm Eure Auslieferung. Er drohte ſogar, wenn ſich die Fürſtin weigere, von Stund an das Schloß zu meiden, ſie bis an ihr Ende nimmer zu ſehen, und Euch fangen und mißhandeln zu laſſen, wo er die Gelegenheit dazu finde.“ Ein gepreßter Laut des Unwillens entfuhr dem Munde Archimbalds; er faßte krampfhaft nach dem Dolche. Nepomuk wehrte ab.„Laßt ihn ſtecken,“ flüſterte er kläg⸗ lich, die Augen verdrehend.—„Er iſt das Werkzeug des Böſen; denn alles Uebel kömmt vom Eiſen.— Die Fürſtin, um meinen Bericht zu enden, will Euch nicht opfern, ihren Sohn, den ſie außerordentlich liebt, nicht verlieren. Sie läßt Euch daher entbieten, ruhig auf Euerm Stüblein zu verharren, bis der Prinz wieder von dannen reitet. Dem letztern hat ſie vorgeſpiegelt, als hättet Ihr einen Auftrag zu beſorgen über Land, und kämet erſt in ſpäter Nacht zurück. So hat denn der Prinz das Strafgeſchäft auf Mor⸗ gen verſchoben, und ſich fröhlich zum Bretſpiele geſetzt. Morgen aber ſprengt man aus, Ihr hättet Euch aus Furcht vor der Strafe aus dem Staube gemacht.“ Archimbald zuckte in unwilliger Bewegung auf, und wollte, ſtolz im Vertrauen auf ſeine Kraft, nach der Thüre. Nepo⸗ muk warf ſich ihm in den Weg, und verſchloß ſie von innen. 267 „Um des heiligen Lämmleins willen, das da trägt unſere Sünden,“ flüſterte er ängſtlich in den Jüngling ein,„macht Euch und mich nicht unglücklich. Die Fürſtin hat mir's be⸗ ſonders auf die Seele gebunden, und auch die engelgleiche Prinzeſſin Ludmille hat geſagt: ſie ließe Euch bitten, Euch nicht in Gefahr zu bringen. Leila hat geweint, Zenide ge⸗ klagt, und ſelbſt die dicke Mermes, die ſonſt nicht leicht von stwas angefochten wird, ſelbſt die ſchien ein wenig un⸗ ruhig zu werden, als der Prinz mit der fürchterlichſten Dro⸗ hung das Gemach verlaſſen hatte.“ Ludmillens Bitte hatte ſchnell die Oberhand in Archim⸗ balds Buſen gewonnen, und den Streit ſeiner Empfindun⸗ gen entſchieden. Er warf ſich in den Seſſel, dachte an ſie, die ihm in ſpannenlanger Zeit ſo theuer geworden war, und horchte nicht mehr auf Nepomuks Reden, die ihm Stille, Behutſamkeit und Ruhe anempfahlen. Der Haushofmeiſter verließ ihn endlich mit dem Verſprechen, ihm das Abendbrod ſelbſt zu bringen, da allen übrigen Dienſtleuten ſein Auf⸗ enthalt im Schloſſe von nun an ein Geheimniß bleiben müſſe. Er hielt auch ſein Wort, und brachte ein Nachtmahl, das für Archimbald und ihn ſelbſt berechnet war. Eine Kerze, mit einem Lichtſchirm verſehen, beleuchtete das einſame Mahl der Beiden, das bei verſchloſſener Thüre gehalten wurde. Archimbald war nicht hungrig, nicht durſtig; allein Nepo⸗ muk verſicherte, beides zu ſeyn, da ihm die Anſtrengung und Mühe des Mittags keinen Augenblick gegönnt habe, an die Nothdurft des Leibes zu denken. „Die Herrſchaften.., die männlichen nämlich ſprach er, indem er ſich behaglich zum Tiſche ſetzte...⸗ 268 „halten im kleinen Saale ihren Abendſchmaus mit kalter Küche, und ſtarkem Biere, weil die Herren von der hohen Schule es dem Weine weit vorziehen. Die gnädigen Frauen ſind in ihren Gemächern bei den geröſteten Honigſchnitten und einem Fläſchlein Malvaſier in ihrem Gott vergnügt... Elias und Chriſtoph ſehen bei den Herren nach dem Rech⸗ ten und paſſen auf den Dienſt. So mag ich denn auch ein Stündlein ruhen im Geſpräch mit Euch. Euch muß es lieb ſeyn, jemanden zu haben, der Euch vorplaudert, weil Ihr, dem himmliſchen Vater ſey's geklagt, den Mund nicht ſelbſt aufthun könnt; mir iſt es lieb, einen zu finden, der mir lange zuhört und mich nicht unterbricht; denn das iſt das Aergerlichſte, das mir begegnen kann.“ Er legte dem Tiſchgenoſſen von der köſtlich duftenden Schnepfe vor, füllte ihm den Becher, that ſich ein gleiches, aß und trank ein Weilchen, und fuhr dann weiter im Terte fort: „Es iſt gegenwärtig der beſte Zeitpunkt, Euch von den Verhältniſſen zu unterrichten, die in unſerm Schloſſe ob⸗ walten, damit Ihr nicht binnen der Zeit Eures Dienſtjahrs einen Anſtoß macht, der oft bei der Herrſchaft üble Folgen hat. Da ich Euch lieb gewonnen habe, weil Ihr ſo ein or⸗ dentlicher, ſtiller, junger Mann ſeyd, und das Geheimniß, Euch bei der Herrſchaft beliebt zu machen, im kleinen Fin⸗ ger habt, wie Figura zeigt. hier deutete er auf Archim⸗ balds Dolch, und lächelte ziemlich zweideutig dabei. da man ferner nicht weiß, wo man ſich wiederfinden und gegen⸗ ſeitig brauchen könnte, ſo bin ich gerne bereit, Euch unter dem Siegel der Verſchwiegenheit mitzutheilen, was Euch nöthig iſt zum glatten Fortkommen auf der Bahn, die Ihr betreten habt.“ 269 Archimbald horchte hoch auf, und gab alle Zeichen der lebhafteſten Neugierde an. Der Haushofmeiſter wiſchte ſich den Mund mit dem Tafeltuch, putzte ſein Eßgeräth in der Brodkrume ab, nahm einen Schluck Wein und hob an: „Jür's Erſte iſt im Hauſe zu bemerken: die gnädigſte Fürſtin.. Ihr nickt? Gelt, ich hab' es getroffen? Schlauer Fuchs! Ihr habt es ſchon gethan, nicht wahr? Seyd auch wie⸗ der bemerkt worden. nicht wahr...2? Na, weitet im Spruche: die gnädigſte Fürſtin alſp. Wenn es auch bis an⸗ hero ſchwer geſchienen, ſich durch langjährige Dienſte... hier brüſtete er ſich wichtig... derſelben Gunſt ſich erfreuen zu dürfen, die Euch unſre durchlauchtige Frau am erſten Tage Eurer Anweſenheit in vollem Maße angedeihen läßt... ſo wäre es Euch dennoch ein Leichtes, Euch wieder daraus zu bringen, wenn Ihr es ſchief aninget. Das erſte Mit⸗ tel, ſich aus der hohen Huld ſchnell wieder auf den Sand zu ſetzen, iſt, wenn man die hohe Frau oft und ungele⸗ gen an ihren durchlauchtigen Eheherrn und Gemahl erin⸗ nert, der in einer ſehr verdrüßlichen Geiſtes⸗ und Gemüths⸗ verwirrung ſeine Tage zubringt, dem aſſpriſchen Könige Nabuchodonoſor zu vergleichen, mit dem einzigen Unter⸗ ſchiede, daß er nicht, wie dieſer, vermeint er ſey ein Ochſe, einhergeht wie ein Ochſe, und brüllt wie ein ſolcher, fondern ſich in Krone und Purpurmantel gekleidet wähnt. Nichts deſto weniger bleibt er aber noch immer ihm zu vergleichen, weil er toll wie er iſt, und ein Nebucadnezaniſches Leben geführt hat, bevor er toll wurde. Er war von Kindheit an eine wilde rohe Natur, die nur im Raufen und Schla⸗ gen ihr Element fand. Er wurde ein Mann von ſechs und dreißig Jahren, ehe er an das Heirathen dachte. Da fiel 270 endlich ſein Auge und ſein Verlangen auf die Tochter dieſes Hauſes, die gnädige Fürſtin Elevnore, die, von ihrem Va⸗ ter beredet und gezwungen, ihm wider Willen ihre Hand gab. Denn ihr Herz hatte ſchon ein Anderer: ein kurlän⸗ diſcher Graf von großer Gelehrſamkeit.. ſein Name iſt mir entfallen,— und von einnehmender Geſichtsbildung. Der Ruf von der großen Wiſſenſchaft des Vaters unſrer durchlauchtigſten Frau hatte ihn herbeigezogen— Er practi⸗ eirte mit demſelben, trieb Alchymie und Aſtrologie, und verliebte ſich nebenbei im die Tochter. Um dieſe Zeit herum kam ich in dieſes Haus, als ein niederer Knecht, und habe viel von den Streitigkeiten und dem Zwiſt gehört, die es gegeben hat, als die junge Gräfin den zürſten ehelichen ſollte, und doch nicht wollte, bis ſie endlich den Eltern geſtand, daß ſie ihre Gunſt ſchon verſchenkt habe an den obigen Grafen. Ihre Mutter wäre es zufrieden geweſen; allein der Vater brannte auf. Kurz zuvor nämlich hatte ſich der Fall begeben, daß bemeldeter Vater einmal der Tochter Horoſcop ſtellte, und ausrechnete, ſie würde in der Ehe mit dem, den ſie liebe, unglücklich— hinwiederum mit dem, den ſie nicht liebe, glücklich werden. Da er nun ſehr gläubig auf die geheimen Wiſſenſchaften baute, ſo war nun jedes Einreden umſonſt. Er blieb dabei; und die Bemer⸗ kungen des Grafen, der Mutter, der Tochter liefen ſchlimm ab, weil das Horoſcop da, und der Fürſt als künftiger Bräutigam ſchon im Schloſſe war. Es gab ſchreckliche Auftritte, über welche die kreuzbrave Mutter ſich derge⸗ ſtalt grämte, daß ſie ſich hinlegte und die Augen auf immer zumachte. Sie möge ſanft ruhen und ihr Geiſt im himm⸗ liſchen Jeruſalem Freuden ohne Zahl genießen. Nun half 271 kein Bitten und kein Vorſtellen. Der Kurländer mußte das Feld räumen, und es ſeinem glücklichen Nebenbuhler überlaſſen. Die junge Gräfin Eleonore wurde zur Fürſtin gemacht, und von ihrem Gemahl auf ſeine Güter nach Ungarn geführt. Nun war der Vater zufrieden; und weil er ſich allein fand in dem weiten Schloſſe, und noch ein rüſtiger Mann war, ſo gedachte er zu heirathen, wurde aber während der Freite krank, und wollte nicht mehr recht geſunden. Er faßte ſich, als er den Tod vor Augen ſah, der ihm immer näher kam von Tag zu Tage, beſtellte ſein Haus, und berief endlich zur Pflege und Geſellſchaft ſeine Dochter zu ſich, die während der Zeit ſelbſt lieber den blaſ⸗ ſen Tod umarmt hätte, als ihren Ehegemahl. Denn— ich weiß nicht— war das Horoſcop nichts nütze, oder hat der ſelige Herr nicht recht verſtanden, damit umzugehen... turz, die Fürſtin war unglücklich mit dem, den ſie nicht liebte.„Es wird ſich ſchon geben,“ tröſtete der Vater; aber s hat ſich nie gegeben. Die Fürſtin alſo pflegte den Va⸗ ter, wie ſich's gehörte; und nicht lange dauerte es, ſo kam der Fürſt, den die Eiferſucht plagte, der Gemahlin nach, nahm, als wie ein Feldherr in Kriegszeiten, von dieſem Schloß Beſitz; aß, trank, ſpielte, ſchoß die Rehe und Schweine im Forſte nieder, mißhandelte ſeine Gemahlin, und' küm⸗ merte ſich in nichts um den Schwähervater, der immer mehr dahinſiechte, weil der Gram über das Loos ſeiner Tochter ihm das Herz vollends abfraß. Die Fürſtin duldete ganz ſtill, beſorgte den Vater und ihren Knaben Bernhard, der, ein Jahr alt, bei ihr war, und bereitete ſich auf die zweite Niederkunft vor, der ſie nahe ſtand. Da ſchlägt einmat das Unglück den Kurländer in dieſe Gegend; er erfährt, 272 wie es um die Fürſtin ſtehe, und gewinnt durch Geld und gute Worte einige Leute im Schloß.“ Der Haushofmeiſter machte hier ein außerordentlich ver⸗ legenes Geſicht, aus dem Archimbald abnahm, der Erzäh⸗ ler müſſe ebenfalls unter den Gewonnenen geweſen ſeyn. Nach einer kleinen Pauſe fuhr er fort:„Mit ihrer Hülfe wurde es ihm leicht, Brieflein auf Brieflein in das Schloß zu ſenden. Die gnädige Frau hat aber keinen beantwortet, am Ende keinen mehr angenommen. Der Verwegene ging jedoch bald weiter. Eines Abends,— ſo erzählte man ſich zum mindeſten damals,— kömmt die Frau Fürſtin in ihre Schlafkammer, um zu Bette zu ſteigen; wer tritt hin⸗ ter dem Schirm hervor? der kurländiſche Graf. Er fällt ihr zu Füßen, und beſchwört ſie, ihr Elend zu verlaſſen, ihm nach Wälſchland oder Spanien... weiß Gott wohin?... zu folgen... ſtatt aller Antwort zeigt ſie ihm ihr Kind, das neben ihr in der Wiege ſchlummert.— Er wird heſ⸗ tiger, will ſich vor ihren Augen ermorden; da tritt der Va⸗ ter, der nur wenige Schritte davon ſich ſchlaflos auf ſei⸗ nem Siechenlager wälzte, in das Gemach; bald darauf auch der Fürſt. Den hatte nämlich... ſetzte er etwas verlegen huſtend hinzu,—„irgend ein treuer Diener von der An⸗ kunft des Grafen und ſeinem Beſuche unterrichtet.— Was von dieſem Augenblick an in jenem Gemach, dort im rech⸗ ten Flügel des Schloſſes vorgegangen iſt, weiß Niemand mit Zuverläſſigkeit zu erzählen. Es muß fürchterlich gewe⸗ ſen ſeyn, denn der Fürſt holte in eigener Perſon den Kam⸗ merdiener des alten Herrn aus dem Bette, und brachte ihn hinüber. Den folgenden Morgen hieß es aber, der alte Herr ſey geſtorben; es habe ihn die Hand Gottes berührt. 273 Tod war er, das iſt ſicher, und Gott nehme ſeine arme Seele väterlich auf! aber mit der Todesart war's nicht richtig; das vertraue ich Euch im tiefſten Geheimniß. Es durfte zwar Niemand zu der Leiche, als der alte Kammer⸗ diener, der ein Jahr darauf ſelber ſtarb! allein es giebt Leute, die der verzeihlichen Neugier nicht widerſtehen konn⸗ ten, durch ein Schlüſſelloch gelauſcht haben, und bei dem Ankleiden des Todten an ſeinem Halſe eine breite Wunde geſehen haben. Umſonſt brachte auch nicht die Prinzeſſin Ludmille auf der Bruſt ein breites Muttermaal, einer Wunde gleich, zur Welt; das zwingt ſie auch, den Buſen ganz ver⸗ hüllt zu tragen, bis zum Halſe, wie mir ihre ſelige Wär⸗ terin vertraut hat. Genug; die Leiche wurde begraben, der Graf, augenſcheinlich der Mörder des alten Herrn, war ver⸗ ſchwunden, die Fürſtin wurde krank, genaß bald dieſe Toch⸗ ter, und der Fürſt ging davon, und ließ ſich lange Jahre nimmer ſehen, während die Fürſtin immer hier wohnte. In ſpäterer Zeit kam ihr Gemahl wieder auf Worosdar, befand ſich aber damals ſchon nicht wohl im Kopfe. Die Pflege der guten Sabine von Ulm hat ihn hergeſtellt, und er zog gegen die Türken. Darauf ſchickte er die drei jun⸗ gen Heidinnen, die er erbeutet hatte, hieher, und kam bald ſelbſt nach, wo er alsdann bei einem Anlaß, den ich Euch ſchon erzählt habe, gänzlich verrückt geworden iſt. Meiſtens iſt er ſtill, oder er befehligt das portugieſiſche Heer, und ſchmäht Spanier und Muhamedaner. Kömmt ihm aber Jemand aus ſeiner Familie zu Geſichte, ſo tobt und rast er dergeſtalt, daß es, nach manchen Verſuchen, Alle bleiben laſſen müſſen, ihn zu beſuchen. Er leidet eben ſo wenig, daß man außerhalb ſeiner Gemächer, oder in demſelben etwas . 18 reinige, und geräth in die fürchterlichſte Wuth, wenn man es unternehmen will.— Die Fürſtin aber hat ihr Gemüth ganz von ihm gewendet. Seit dem Tode ihres Vaters waren ſie ſich ſchon ſo gut als fremd. Die Krankheit des Herrn hat zwar ſeine erlauchte Ehefrau wieder etwas mit ihm ver⸗ ſöhnt, und ſie hätte gern ihre FPflicht an ihm erfüllt, hätte er es nur gelitten. So iſt es aber vorbei, und wenn man mit der Fürſtin viel von ihrem Gemahl und ihrer Ehe ver⸗ handelt, ſo ſteht man in Geſahr, ſich ihrer Gunſt beraubt zu ſehen.— Was ferner den Prinzen betrifft.. Archimbald legte ſchnell den Finger auf den Mund, und bedeutete den Haushofmeiſter, zu horchen. In der That waren leiſe Schritte auf dem Gange zu hören, die aber plötzlich einzuhalten ſchienen. „Gute Nacht,“ flüſterte Nepomuk ängſtlich, löſchte das Licht, erwiſchte ein Tiſchmeſſer, empfahl noch ganz heimlich dem Jüngling, die Thüre von innen zu verriegeln, und, nachdem er vorſichtig aus derſelben auf den Gang geblin⸗ zelt, und keinen Lichtſchimmer bemerkt hatte, ſchlüpfte er im Dunkeln, nicht ohne Geſpenſterfurcht durch die wohlbe⸗ kannten Gänge in den erleuchteten Theil des Schloſſes. „Wo ſteckt Ihr denn, Meiſter Nepomuk?“ rief ihm der neugierige Elias zu.„Ihr waret nirgends zu finden.“ „Ich war im Dorfe,“ erwiederte der Befragte,„und habe den Pfarrherrn beſucht. „Der Pfarrer ſitzt ja oben bei der Fürſtin,“ verſetzte jener. „Nun, ſo habe ich die Frau Pfarrerin beſucht,“ antwor⸗ tete Nepomuk, etwas verlegen. „Die Pfarrerin?“ lachte Elias.„Die iſt geſtern nach Ollmütz zu ihrem Sohne verreist.“ 275 „Ei nun. polterte Nepomuk ungeduldig...„ſo war ich bei'm Teufel, und damit holla!“ Als ob ihm der Kopf brennte, entlief er dem ungeſtümen Frager. Mittlerweile hatte es an Archimbalds Thüre leiſe, ganz leiſe geklopft. Archimbald lauſchte, den Athem anhaltend. Das Klopfen wurde wiederholt, und es lispelte durch das Schlüſſelloch:„Junker Page.. öffnet... Zenide iſt's.“ Mit Herzklopfen öffnete Archimbald die Thüre zur Hälfte, und ein blaſſer Mondſtrahl, der durch die Scheiben fiel, bezeichnete ihm deutlich die Umriſſe der ſchönen Beſucherin. Sie huſchte geſchwinde in die Kammer; Archimbald ſchob leiſe den Riegel vor.“ „Bei Euch iſt es dunkel, lieber Archimbald.“ Der Name ging nur mit großer Mühe über die Lippen des holden Mädchens. Archimbald mußte lächeln, und verwünſchte ſeine Stumm⸗ heit, die ihm verbot, der Schönen etwas Schönes zu ſagen. „Ich komme ſpät zu Euch,“ fuhr ſie fort;„aber ich konnte mir die Freude nicht nehmen laſſen, Euch noch heute in Sicherheit zu bringen, wie es die Fürſtin befohlen.“ Archimbald ergriff fragend ihre Hand, und zog ſie an's Fenſter, um ihr in's Auge zu ſehen. „Die Herrin will...“ ſprach ſie ferner,.. daß Du,.. nein, daß Ihr.. ach, verzeihe mir... aber ich kann Dich nicht länger Ihr nennen, denn ich habe Dich lieb, nicht Euch.— Sie will alſo, daß Du noch heute aus Deiner Kam⸗ mer, in der Du dem Verrathe ausgeſetzt ſeyn würdeſt, in jenen Flügel, wo die Bücher ſtehen, Dich flüchteſt. Sie hat ſich von dem alten Hofmeiſter, dem ſie Zr Zufluchtsort 276 auch nicht vertrauen will, weil er geſchwätzig iſt,— die Schlüſſel geben laſſen, und hat uns gefragt, welche von uns Herz genug habe, Dich in der Nacht dahin zu führen. Mer⸗ mes hat ſich gefürchtet, Leila hätte es gerne unternommen⸗ aber ich hatte mich ſchon angeboten zu dem Dienſt, und nun komm, geſchwinde, denn Deine Feinde ſitzen beim Zechgelage, und ahnen nichts. Willſt Du?“ Archimbald bejahte, und drückte die weiche Hand der Retterin. Feurig preßte ſie die ſeinige, küßte ſie, drückte ſie an ihre Bruſt, und zog ihn dann mit ſich zur Kammer hinaus. Sie mußte die Gelegenheit des Orts genau kennen; denn ſie führte den Schutzbefohlenen raſch und ſicher zu einer klei⸗ nen Wendeltreppe, über welche man in den Säulengang un⸗ ter dem linken Flügel gelangte. Knechte mit Laternen gingen über den Hof nach dem Thore. Die Fliehenden ſchmiegten ſich in eine Ecke, wo einige Säulen ſie in ihren Schatten aufnahmen. Unwillkührlich ſchlug Archimbald ſeinen Arm um die füllreiche Zenide, ihr Haupt ruhte an ſeinem Herzen. Eine kurze Weile ſtanden ſie ſo.—„Dein Herz ſchlägt ſo ruhig,“ flüſterte endlich das Mädchen.„Fühle, wie das mei⸗ nige ſtürmt.“— Sie drückte ſeine Hand an den lebens⸗ warmen Buſen, und die ſehnſüchtige Unruhe deſſelben theilte ſich dem Jüngling mit. Sein Haupt ſank zu dem ihrigen hernieder. Ein ſchneller Kuß brannte auf ihren Lippen, und wurde innig erwiedert.—„Geliebter!“ lispelte Zenide, „mein Einziger! mein Gebieter!“— Feſter umſchlang ſie der Jüngling; da trat der Mond hinter eine Wolke, und es wurde finſter im Hofe.„Süß iſt Dein Kuß,“ ſprach Zenide ſich ermannend,„beglückend Deine Liebe, aber Deine Rettung W geht vor allem. Komm, der Augenblick iſt günſtig, alles dunkel. Eile!“ 3 Sie flogen mit raſchen und leiſen Schritten über den Hof in den Säulengang des rechten Flügels, und klimmten eine Wendeltreppe hinan, ähnlich derjenigen“, die ſie auf der gegenüberliegenden Seite herabgeſtiegen waren. Der ſchwere Schlüſſel öffnete die Thüre, die in's Innere führte, und ſie traten in den hallenden Gang. Nun verlaſſe ich Dich, mein Leben,“ ſprach Zenide,„und übergebe dem Propheten und Deinem Muthe Dein Heil und Deine Sicherheit. Eines von den offen ſtehenden Gemächern wird Dir wohl eine Ruheſtätte für dieſe Nacht gewähren, und für die folgenden laſſe Deine Freunde ſorgen. Leb' wohl! träume von Zeniden!“ Sie umſchlang den geliebten Mann, und der gefährliche Taumel der Sinne, welcher Archimbald ſchon überraſcht hatte, behauptete noch einmal ſeine Rechte. Mund an Mund, Lippe an Lippe hielten ſich beide umfangen, Küſſe folgten auf Küſſe, bis Zenide durch die heiſren Schläge der Thurm⸗ uhr erinnert wurde, daß ſchon nahe an eine Stunde verron⸗ nen war, ſeit ſie von der Gebieterin geſchieden. Sie wand ſich ſanft widerſtrebend aus dem Arm des Geliebten.„Gute Nacht, mein Leben!“ rief ſie ihm im Scheiden zu; die Thüre fiel in's Schloß; Zenidens behende Schritte verhallten auf der Wendeltreppe, und Archimbald ſtand allein, im Dunkeln, auf einem ganz unbekannten Boden. — vierzehntes RBapitel. Gaudeamus igitur, Juvenes dum sumus! Alt. Studentenlied. „Iſt der Bube noch nicht zurück von ſeiner Sendung?“ fragte der Prinz in halber Trunkenheit den bei dem Zech⸗ gelag der jungen Edelleute aufwartenden Elias. „Wen meint Euer fürſtl. Gnaden?“ fragte dieſer demüthig. „Den Schuft meine ich,“ ſchnaubte Bernhard,„den meine Mutter gewiß wieder in ihrer Barmherzigkeit von der Straße aufgeleſen hat; mit einem Worte, den frechen Pagen.“ „Da kann ich nicht berichten,“ verſetzte Elias.„Will den Haushofmeiſter herſchicken.“ „Iſt nicht nöthig,“ rief Kauniz.„Ich habe den alten Ziegenbock ſchon gefragt. Er will den Jungen mit keinem Auge geſehen haben, ob er gleich das Schloß nicht verlaſſen haben will, der Haushofmeiſter nämlich.“ „Halten Ew. Geſtrengen zu Gnaden,“ lächelte Elias, der dem Haushofmeiſter gar zu gerne etwas anhängen mochte„da hat der Meiſter Nepomuk, mit Verlaub zu reden, die Unwahrheit geſagt. Er war außer dem Hauſe, 279 ich kann's beſchwören; denn er war nirgends zu finden. Er konnte auch keine Auskunft geben, wo er geweſen. Er machte Ausflüchte auf Ausflüchte.“ „Da weiß der Tuckmäuſer beſtimmt, wo der Archimbald ſteckt,“ fiel Kauniz ein,.„hat ihn vielleicht ſelber ver⸗ borgen, um uns eine Naſe zu drehen.“ „Weiß es Gott!“ rief der Prinz, und ſchlug auf den Tiſch, daß die ganze Geſellſchaft erſchrocken in die Höhe fuhr. „Bruder Kauniz, Du haſt einen Spiritus familiaris im Sacke, Du kannſt recht haben. Verſteckt wird der Bube ſeyn!“ „„S iſt möglich;“ meinte Elias achſelzuckend. „Wo glaubſt Du aber,“ fuhr der Prinz fort,„daß er ſich verborgen halte?“ „Nach meinem geringen Dafürhalten,“ verſetzte der Die⸗ ner,„ſteckt er, wenn er ſich nämlich im Schloſſe aufhält, nirgends anders als in ſeiner Kammer, die ziemlich abge⸗ legen iſt. Denn, als ich vor einer Stunde durch den Gar⸗ ten ging, habe ich einen ſchwachen Lichtſchimmer an deren Fenſter bemerkt, und Zehn gegen Eins will ich wetten, daß Nepomuk bei dem Junker war.“ „Warte, ſcheinheiliger Galgenſtrick!“ lachte wild der Prinz...„wir wollen ſchon auf deine Schliche kommen. Fir, Elias! hole mir den alten Burſchen her. Gebt acht, meine Freunde, wir wollen uns mit dem baheriſchen Kraut⸗ junker ein Feſt machen, von dem das Schloß Worosdar und ſeine Bewohner noch in zwanzig Jahren ſprechen ſollen. Wir holen ihn aus dem Bette, da er ſich's am wenigſten verſieht⸗ und heizen ihm mit Peitſchen⸗ und Rappierhieben dergeſtalt ein, daß er vor Angſt die Sprache wieder bekommen ſoll“ 280 „Recht ſo,“ rief Kauniz,„der Krüppel iſt nichts Beſſeres werth. Feig zitterte er vor meiner Klinge, ſo daß ich mich ſchämte, ihn niederzuſtoßen, und mit ſeinem Hundeblut mei⸗ nen Degen zu verunreinigen.“ „In den Koth mit der Beſtie,“ ſchrie der Prinz,.. „die ſich unterſtanden hat, Hand an meinen beſten Freund zu legen, weil derſelbe ſich herabließ, mit einer heidniſchen Dirne zu ſcherzen. Doch, nur gemach! wir wollen den Fuchs gehörig prellen!“ Nepomuk, den Elias ganz unbefangen zum Prinzen be⸗ rufen hatte, trat herein, ohne zu ahnen, welch fürchterliches Gewitter über ihn loszubrechen im Begriff war. „Ich will den Fuchs gleich bei den Ohren kriegen!“ flü⸗ ſterte Kauniz den Uebrigen zu, die ſich in einen Kreis um den Prinzen zuſammengedrängt hatten.„Da her, vor die Schranken, Nepomucene! Gib den Teufelsbraten heraus, den Pagen Archimbald, den Du verborgen.“ Die unerwartete Anrede brachte den Alten etwas aus der Faſſung.„Ich weiß nichts von ihm,“ ſprach er endlich mit unſicherer Stimme. „Du lügſt, ſcheinheiliger mähriſcher Bruder!“ donnerte ihm der Prinz zu:„Ihr Sektirer kennt nur Lug und Trug, von Euerm heuchleriſchen Zierotin an bis auf Dich armen Hechten hinunter. Bekenne aber jetzt, und ſprich Wahrheit, oder ich bläue Dir den Rücken, bis Du beteſt: Sancte Zie- rotine, ora pro nobis!“ Ein wieherndes Gelächter belohnte den platten Witz des Prinzen, der ſich die Mütze tief in die Augen ſchob, um dem zitternden Nepomuk noch fürchterlicher vorzukommen. „ 281 „ Der Letztere wiederholte aber noch einmal, er wiſſe nicht das Geringſte von Archimbald. „Du läugneſt hartnäckig?“ fuhr Bernhard fort.„Wohlan! Commilitones! macht Euch fertig, und gebt dem abgeſchmack⸗ ten Pickelhäring da die Peitſche!“ Die Commilitonen holten aus, und Nepomuk fiel auf die Kniee, bei den Wunden des Heilands und den Sünden der Menſchheit um Schonung bittend; er wolle bekennen. „Bekenne!“ rief der Prinz, und die drohenden Rappiere und Peitſchen ſanken nieder. Hüte Dich aber, uns anzu⸗ lügen, denn wir haben uns alle dem Teufel verſchrieben, der uns im kleinen Finger ſitzt, und alles haarklein offen⸗ bart. Rede!“ „Mit ein paar Worten iſt es gethan,“ ſeufzte Nepomuk mit niedergeſchlagenen Augen.„Archimbald iſt davon ge⸗ laufen, weil Elias ihm geſteckt hat, was ſich gegen ihn an⸗ geſponnen habe.“ „Ihr lügt wie ein Jude!“ rief Elias und trat plötzlich aus dem Haufen, dem überraſchten Haushofmeiſter unter die Augen.—„Ich habe den Pagen nicht zu Geſichte be⸗ kommen.“ „Ich habe mich verſprochen.. ſtammelte Nepomuk... „die Angſt hat meine Sinne verwirrt;...ich weiß nicht, war es Chriſtoph, der's ihm verrathen hat, oder Gottlieb, oder der Jäger. „Oder der Teufel!“ fiel der Prinz ein, und ſchleuderte ihm den Fechthandſchuh in's Geſicht.„Schweig, verfluchter Ketzer! Weil Du nicht bekennen willſt, ſo will ich Dir's ſa⸗ gen, wo der Burſche ſteckt. Auf ſeiner Kammer iſt er, und dahin wirſt Du uns auf der Stelle führen.“ 8 32 „Wie iſt's denn möglich,.. rief—. „wie iſt's möglich, daß Ibr... Die Worte verſtummten ihm im Munde. 5 6 „Daß wir dahinter gekommen ſind?... frag e Kauniz. „Gelt, das wollteſt Du ſagen, Lügenprophet? Der kleine Finger hat's uns geſagt. Iſt's die Wahrheit?.. Bekenne, oderi „In des Himmels Namen denn,“ ſeufzte der Haushof⸗ meiſter...„weil Euch nichts verborgen bleiben kann, ſo will ich's denn geſtehen. Euer kleiner Finger hat Recht.“ Unmäßiges Spottgelächter brach von allen Seiten los. Der Prinz erhob ſich vom Seſſel, knöpfte das Reitwamms zu, ſchnallte das Rappier darüber, zog die Handſchuhe an, und ſprach zu Nepomuk: „Brich auf, alter Narr! Nimm dieſen Leuchter, und gehe voran. Du, Elias, begleiteſt uns, damit er nicht etwa uns einen falſchen Weg einſchlagen läßt.“ „Was wollt Ihr thun, gnädigſter Herr?“ wimmerte der Haushofmeiſter. „Den Dachs aufſuchen,“ lachte Bernhard.„Du aber mußt ihn aus dem Loche beißen, Nachbar Krumbein.“ „Ihr jagt mich in's Verderben,“ ächzte der Bedrängte. „Der Page iſt bewaffnet mit einem ſcharfen Dolche, und ein entſchloſſener Burſche. Wenn er mich anſichtig wird..“ „Und wenn er der große Chriſtoph wäre, oder den Speer des heiligen Longinus trüge; Du mußt voran,“ polterte der Prinz.„Greift zu, ihr Freunde. Schiebt das Männlein fort, wenn es nicht von ſelber aus der Stelle will.“ Das Wort wurde erfüllt. Unter Stößen und Püffen drängte die ausgelaſſene Schaar den Alten zur Thüre, bis 3 5 3 6 2⁸3 er im Namen Gottes um Gnade bat, und willig ſein Amt zu verrichten verſprach.— Der Prinz legte ihm und dem ganzen Zuge das äußerſte Stillſchweigen auf, und es ging auf Archimbalds Kammer zu. Mit jedem Schritte, der näher zum Ziele führte, ſchlotterten Nepomuk's Kniee hef⸗ tiger zuſammen, und er betete in Gedanken ein Stoßgebet⸗ lein nach dem andern; denn von dem entſchloßnen Charak⸗ ter Archimbalds, der ihn für den Verräther halten mußte, erwartete er nichts Geringeres, als den Tod. Schon war die Thüre des Gemachs ſichtbar; Elias flüſterte dem Prin⸗ zen zu, daß hier das Wild im Lager ſey; und dieſer ließ den Zug halten, und bedeutete dem zitternden Haushof⸗ meiſter:„er müſſe an die Thüre ſchleichen, leiſe klopfen und für ſich um Einlaß bitten, als ob er eine wichtige Nachricht bringe. Nepomuk zögerte, zauderte; allein die entblößten Waffen gaben ihm bald wieder den nöthigen Gehorſam ein. Gott ſeine Seele befehlend, klopfte er.— Keine Ant⸗ wort.— Er rief leiſe zum Schlüſſelloch hinein.— Alles ſtille. Die ungeduld des Prinzen ließ ihm keine Ruhe. Als Alles nicht verfangen wollte, ſchritt Bernhard ſelbſt gegen die Thüre, klopfte heftig, drückte am Schloß, und die Thüre wich. „Unverſchloſſen?“ fragte Bernhard höhniſch.„Der Dumm⸗ bart hat nicht einmal ſo viel Mutterwitz, die Thüre zu ver⸗ wahren. Kommt, meine Freunde!“ ₰ Der helle Haufen drang ins Gemach. Nepomuk ſtellte ſich hinter ihm auf die Zehen, und hielt den Leuchter hoch empor. Aber mit allem Suchen und Spüren fanden ſie nur das leere Neſt. 284 6 „Der Bube iſt entflohen,“ knirſchte Bernhard grimmig. „So wollte ich, daß das heilige Feuer dem Weiberknecht in die Rippen führe. Doch Geduld, einmal muß er zurück⸗ kehren, oder aus ſeinem Verſteck ſchlüpfen; und ich gehe nicht von der Stelle, müßte ich auch zehn Jahre lang, wie die Griechenkönige vor Troja, vor der Falle ſitzen. Einmal geht doch die Maus an den Speck.“ „Er hat ſich noch recht wohl ſeyn laſſen,“ ſpottete Kauniz, „ehe er ſich aus dem Staube machte. Da ſtehen noch die Ueberbleibſel einer Abendmahlzeit.“ „Dieſe hat der da geſchafft!“ ſchnautzte der Prinz den Haushofmeiſter an.— Nepomuk verſchwor ſich bei allen Himmelszeichen, nichts davon gebracht und beſorgt zu haben. „Ein doppeltes Gedeck obendrein,“ ſprach Kauniz wei⸗ ter„alſo wurde ſelbander getafelt.“ „Was liegt da?“ fragte Bernhard, ein buntes Tuch auf⸗ hebend, das in der Nähe des Tiſches lag.„Was iſt das für ein Fetzen?“ „Weiberzeug,“ verſetzte Kauniz.„Ein Wiſchtüchlein, oder etwas dergleichen.“ „Ich will katholiſch ſeyn, wenn das Tüchlein nicht einer von den drei Heidinnen gehört!“ rief Elias, der ſich neu⸗ gierig zugedrängt hatte. Nepomuk, in der Seele froh, etwas gegen die Türkinnen aufbringen, und die Leute unter einander hetzen zu können, und den eignen Kopf aus der Schlinge zu ziehen, bekräftigte die Worte des Elias. „Teufel und Pandekten!“ jubelte Kauniz.„Ich beſinne mich. Meine kleine Spröde hatte ein ähnliches um den Kopf geſchlungen. Ohne Zweifel hat ſie den Ritter, der 285⁵ für ſie focht, beſucht, mit ihm geſchmauſ't, und ihm das Pförtlein zur Flucht geöffnet. Friſch! ſteckt das Tuch an ein Rapier! Dieß Panier ſey unſer Siegeszeichen, die ſchönſte Trophäe der vermeinten türkiſchen Keuſchheit. Weiß Gott, bei welcher Gelegenheit ſie das Fähnlein verloren hat.“ Da nichts mehr in dem öden Gemache zu ſuchen war, machte ſich der Trupp auf den Rückzug, das erbeutete Tuch in jugendlichem Uebermuthe vor ſich her tragend, unter lautem Scherzen, Lachen und Jubeln. Da trat aus der Fürſtin Zimmern der Pfarrherr Schönemann unter die tobende Schaar!„Verſtummt!“ rief er ihr zu,„verſtummt, Ihr, die Ihr da ſeyd trunken vom verderblichen Safte der Reben oder der Gerſte, und nicht von dem reinen Weine des heiligen Wortes! Und Ihr, mein Prinz, führt Eure Freunde ſtill vorüber; denn Eure Mutter hat mich berufen laſſen, die Nacht mit ihr zu durchwachen in Gebet und Betrachtung, zu Eurem Heil und Frommen.“ „Was meinſt Du damit?“ lachte der Prinz, und maß ihn vom Wirbel bis zur Zehe.„Was ſoll mir Dein Gebet frommen und nützen?“ „Ihr ſeyd eingezogen in das Haus Eurer Väter, wie die fromme Taube, und habt Euch an ſelbem Tage verwandelt in ein reißendes Thier!“ verſetzte der Pfarrer, rauh und ſchonungslos, wie gewöhnlich.„Ihr ſeyd zu vergleichen dem böſen Sohne Abſalon, der da ſchlug auf den, der ihn erzeugte. Ihr habt Eurer frommen Mutter harte Worte gegeben, und Drohungen ausgeſtoßen, die ihr weiches Herz zerknirſcht, und ihren Augen blutige Thränen entlockt haben; warum ſie auch ihre Zuflucht zu Gott genommen, und zu mir, deſſen unwürdigen Diener, um zu ihm zu beten, aus 286 ſolcher Betrübniß, daß er Eure Seele umwende, und zu⸗ rückfahre auf den Weg der Gnade.“ Einige unter dem Haufen ſtutzten über die Strenge, mit der der Prediger das Wort führte, und verhielten ſich ſtille. Die Meiſten aber— an ihrer Spitze der Prinz und Kauniz — brachen in ein ſchwer zu ſtillendes Gelächter aus. „Bekümmre Dich um Dein eigen Seelenheil!“ rief der Prinz dem Bußprediger zu,.„und ſieh, wie Du damit fertig wirſt. Mich kümmert es nicht. Das meinige aber laſſe Du ungeſchoren.“ Dem FPfarrherrn ſchwoll die Stirnader.„Ich ſtehe hier im Namen des Herrn, und laſſe mir nicht Stille gebieten, wenn er mir befohlen hat, zu reden!“ „Das will ich ſehen!“ ſchnaubte Bernhard.„Ich bin hier Dein Herr, und leide es nicht, daß Du in dem groben Tone mit mir redeſt.“ „Wie könnt Ihr verbieten,“ rief Schönemann,„was ſelbſt die großen Könige in Juda und Iſrael ſich gefallen laſſen mußten? Die großen Helden Saul und David mußten ſich vor dem Propheten Samuel, der wohl anders mit ihnen umgeſprungen iſt, als ich mit Euch umſpringe, bücken bis zur Erde. Warum? weil der Herr Samuel geſendet hatte. Mich ſendet aber jetzo auch der Herr und Eure Mutter.“ „Ich höre gern, daß meine Mutter noch wach iſt,“ ſprach der Prinz mit finſterm Blicke,„denn ich habe mit ihr zu reden. Eich aber will ich antworten, wenn ich die Herr⸗ ſchaft antrete. Geht, meine Freunde, auf Euere Gemächer, und laßt den Kanzelnarren ſtehen. Morgen ein Mehreres.“ Er ſchob den Pfarrherrn, der Miene machen wollte, ihm den Weg in das Zimmer der Mutter zu vertreten, auf die Seite und verriegelte hinter ſich die Thüre. Mit Hohn und Spott in Wort und Blick wünſchten ſeine Geſellen dem Pfarrer gute Nacht; und es blieb dem armen Geiſtlichen nichts übrig, als mit Groll und Verdruß den Heimweg anzutreten. Bernhard trat in das Schlafgemach ſeiner Mutter, die be⸗ kümmert und troſtlos am Tiſche ſaß, auf dem die Bibel auf⸗ geſchlagen lag; denn ſie hatte jedes Wort vernommen, mit dem der verirrte Jüngling des Pfarrers Herz, in demſelben ihr eignes verwundet hatte. Die Religion hatte immer den Vortritt in dem Buſen der frommen Frau. Ihr war ſogar die allzuzärtliche Liebe, die ihr ſchwaches Gemüth für den Liebling, für ihren Bernhard empfand, untergeordnet, und lieber hätte ſie von einem Unterthane eine ihr zugefügte per⸗ ſönliche Beleidigung ertragen, als geduldig eine gegen den Diener der Kirche ausgeſtoßene Schmähung mit angehört.— Sie empfing den eintretenden Bernhard mit tiefem Kummer. Er ſchien aber die Gemüthsſtimmung ſeiner Mutter nicht zu bemerken, ſondern begann mit ſcharfem Tone, die Larve völlig abwerfend, alſo: „Mit Staunen habe ich vernehmen müſſen, welche Sprache der Pfarrer ſich gegen mich herausnimmt, und ich kann niemanden als Euch die Schuld davon zur Laſt legen.⸗Dieſe betſchweſterliche Sitte muß auch ein Ende nehmen. Ihr macht Euch zum Kinderſpott. Oder ſoll die übertriebene Frömmigkeit vielleicht Sünden abbüſen, die eine gewöhnliche Andacht nicht mehr gut machen kann? Faſt möchte ich das glauben.“ „Bernhard!“ rief die Fürſtin ſtaunend, und ſchlug die Hände zuſammen:„Was muß ich hören? aus Deinem Munde hören?“ 288 „Die Sprache der Vernunft,“ erwiederte Bernhard kalt. „Geſetzt aber auch, Euere Frömmigkeit hätte die reinſte Quelle, ſo verderbt Ihr auf einer Seite, was Ihr auf der andern gut macht. Der unwiſſende Pfaffe darf Euch, darf mir, ſeinem Herrn, ungeſtraft die niedrigſten Schmähungen vor der Welt ſagen, und Ihr nehmt geduldig Euer Kreuz auf Euch,. verlangt von mir daſſelbe. Wenn ich aber Genugthuung für einen Frevel verlange, der an mir in meinem Herzensfreunde von einem Nichtswürdigen verübt wurde, ſo weigert Ihr mir dieſelbe, und da ich darauf beſtehe, nehmt Ihr Euere Zuflucht zur Lüge. Der elende Archimbald, deſſen Sache Ihr ſo eifrig führt,— es mag wohl ſeine urſache haben, war vor Kurzem noch im Schloſſe, von Nepomuk auf Euern Befehl verborgen, und eine von den Türkinnen, die durch ihre Gegenwart Euer Schloß verpeſten, hat mit dem frechen Stummen, in ſeinem Gemache eine buhleriſche Zuſammenkunft gehalten. Dieſes Tuch, das ich gefunden, gehört der Dirne zu, die ſicher auf Euer Geheiß dem Buben Thür und Thor zur Flucht geöffnet hat. Ich verlange, daß dieſelbe ausgemittelt und beſtraft werde. Wenn nicht der Ungehorſam gegen meinen Willen„ſo verdient doch ihre Unkeuſchheit eine ſtrenge Züchtigung.— Laßt mich ſie nicht vergeblich fordern. Eine Genugthuung muß dem ſchwerbeleidigten Kauniz werden; kann der Beleidiger ſelbſt nicht zur Verantwortung gezogen werden, da man ihm hinterliſtig fortgeholfen, ſo mag das Werkzeug ſeiner Flucht, ſeine Buhlerin, ſeine Stelle einnehmen. Was die Beleidi⸗ gung betrifft, die Ihr, Mutter, meinem Freunde durch Euere heftigen Ausfälle gegen ihn, angethan habt, ſo könnt Ihr ſie nur in etwas gut machen, wenn Ihr meine eigenſinnige 289 Schweſter durch Euer mütterliches Anſehen zwingt, ſich mei⸗ ner Verfügüng zu unterwerfen. Ich habe ſie dem Kauniz zugeſagt, mit Eid und Fürſtenwort zugeſagt. Mein Ver⸗ ſprechen muß erfüllt, mein Wort gelöst werden, darauf beſtehe ich. Ich bin Erbe und Herr. Ich entſcheide über die jüngere Schweſter; ſelbſt Euer Loos zu beſtimmen, ſteht mir zu, und Ihr werdet mir mein Recht nicht antaſten, wenn mir auch gleich noch einige Monden am Atter fehlen. Ihr werdet mich nicht zwingen zum Oheim Marſchall meine Zuflucht zu nehmen, und mich von den Ständen frei ſpre⸗ chen zu laſſen. Darum überlegt alles wohl. Morgen mit dem Frühſten will ich hören, was Ihr gethan habt, ſehen, was Ihr thun werdet.“ Der Fürſtin rollten Thränen der angſtvollen Verzweif⸗ lung über die Wangen.„Bernhard! Bernhard!“ rief ſie außer ſich.„Was iſt aus Dir geworden? Der Pfarrherr hat recht! aus der frommen Taube iſt ein reißendes Thier geworden. mein Sohn wüthet gegen ſeine Mutter.. gegen den Schvoß, der ihn geboren!“ „Rechtet deßhalb mit dem Himmel!“ höhnte im Gehen der böſe Sohn.„Sein Fluch hat ſich an unſerm Geſchlechte deut⸗ lich geoffenbart. Wie könnt Ihr einen dankbaren Sohn ver⸗ langen? Ihr, die ſündige Mutter? Den Wahnſinn des Va⸗ ters, die Verunſtaltung des Leibes Eurer Tochter, den grauſenhaften Tod des Großvaters alles habt Ihr ver⸗ ſchuldet. Alles trägt in Euch ſeine Wurzel, ſeinen Keim. Die Wölfin kann nur den Wolf gebären.“ Er warf die Thüre hinter ſich zu, die troſtloſe Mutter mit ihren gräßlichen Gefühlen allein laſſend. Vergebens ließ ſie ihre bittern Thränen fließen, teebe rief ſie den . —290 Himmel zum Zeugen ihrer unſchuld. Vergebens ſuchte ſie Muth und Linderung in den troſtreichen Sprüchen der hei⸗ ligen Schrift. Alles war umſonſt. Der abſcheuliche Undank eines geliebten Kindes hatte ihre Sinne, ihr Gefühl, ihre Kraft abgeſtumpft und mit eiſernem Fuße zertreten. Am folgenden Morgen war ſie unſichtbar für jeden, die ruhige Meimes ausgenommen, die in ſtiller Gelaſſenheit die Leiden der Gebieterin austoben ließ, und nicht durch zudringliche Theilnahme in Erbitterung verwandelte. Die Einſamkeit, in der die Fürſtin verharrte, welche für alles Sinn und Gedanken verloren hatte, ihren Schmerz ausge⸗ nommen, wurde Zeniden und Leila verderblich.— Ludmille wandelte trauernd im Garten auf und nieder. Die beiden Türkinnen befanden ſich allein in ihrem Gemach, als der Prinz, Kauniz und Nepomuk hereintraten.„Sind das die Dirnen?“ fragte Bernhard, und Nepomuk bejahte.„Welche iſt die Urſache des Handels?“ fuhr der Prinz fort.„Das iſt die kleine Spröde!“ erwiederte Kauniz auf Leila zeigend. „Warſt Du geſtern Abend bei Archimbald?“ fuhr ſie der Prinz an.„Sie verneinte zitternd.“ „Welche von euch beiden hat ihm fortgeholfen?“ rief Bernhard.„Geſteht es, und nennt zugleich ſeinen Aufent⸗ halt. Das Tuch zeugt wider euch, das diejenige verlor, die ihn entwiſchen ließ;.. ſeine Buhlerin!“ „Das Tuch habe ich verloren,“ ſagte Zenide ſtolz, und trat vor den Prinzen.„Die Buhlerin des verfolgten Pa⸗ gen bin ich nicht, gnädiger Herr, wohl aber ſeine Befreierin.“ „Welche Frechheit!“ rief der Prinz.„Wo iſt der Elende? Sprich, oder ich laſſe Dich mit Gewalt... 291 „Wenn Ihr mich tödtet,“ erwiederte Zenide,„ſo kann ich Euch nicht mehr ſagen, als daß ich ihm die Hinterpforte in das Freie öffnete. Ueber die Balken der abgetragnen Brücke gelangte er glücklich in's offne Feld. Wohin er ſich gewen⸗ det, gilt mir gleich, iſt er nur der Rache Eures unwürdigen Freundes entkommen.“ „Und Du?“ ſprach der Prinz finſter, ſich zu Leila wen⸗ dend.„Biſt Du offenherziger? Rede!„ „Ich bin's, gnädiger Prinz,“ entgegnete Leila.„Seht in mir diejenige, die Archimbald gerettet hat. Meine Schwe⸗ ſter hat ſich edelmüthig an meiner Statt der That zeihen wollen.— Ich danke ihr dafür; ſie darf aber nicht das Opfer ihrer ſchweſterlichen Liebe werden. Ich bin die Schuldige.“ „Schweſter! lüge nicht!“ rief Zenide.„Ich ſprach die Wahrheit. Glaubt Ihr nicht! ich bin die Strafbare;“ über⸗ täubte ſie Leila. „Die Unverſchämten brüſten ſich mit ihrer Schande,“ rief Kauniz dem Prinzen zu.„Kannſt Du es dulden, daß ſolch ein verabredetes Gaukelſpiel in Deiner Gegenwart aufge⸗ führt werde?“ „Was glaubſt Du wohl?“ fragte Bernhard höhniſch ſei⸗ nen Freund.„Ich will nicht das Kind meines Vaters ſeyn, wenn ich es länger ertrage. Nepomuk, thue Deine Schul⸗ digkeit.“ „Aber, Herr„ flüſterte der Haushofmeiſter beweg⸗ lich.„Ihr ſteht mir dafür, daß die Verantwortung nicht ⸗ie meinige ſey?“ „Mit meinem Worte, zaghafter Thor,“ entgegnete ihm der Frinz,„s iſt ja kein Todtſchlag; Dich, ehe 292 —— es zu ſpät ſeyn möchte. Folgt dieſem Mann, ehrvergeßne Dirnen. Meine Mutter läßt euch züchtigen für eure un⸗ keuſchen Nachtbeſuche, nur zu gelinde zwar für euer Verge⸗ hen. Eine von euch war zur Strafe erleſen,— weil ihr beide jedoch um dieſen Preis ringt, ſo werde er euch bei⸗ den. Fort, und laßt euch auf ſolchen Wegen ferner nicht betreten.“ „Gnädiger Prinz.. ſtotterte Leila erſchrocken; „Euere Gnade „Nicht doch, Schweſter;“ rief ihr Zenide mit ſtrengem Tone zu.„Keine Bitte, keine Entſchuldigung. Wir ſind die Sclavinnen, er der Herr. Er züchtige uns, wie es ihm gefällt; wir leiden ſtandhaft für den Freund.“ „Für ihn?“ ſprach Leila, und hob begeiſtert ihr Auge gen Himmel.„Du haſt recht, Zenide. Für ihn leiden wir, für den Freund, und jede Marter wird uns Wonne dünken. Komm, laß uns gehen, muthig eine durch die andre. Nicht die Fürſtin, unſere Mutter, verdammt uns zur Strafe, ſondern er allein, der harte Gebieter. Wir wollen aber nicht murren, und weil ſie, die hohe Frau ihn geboren, ihm auch der Großmuth Beiſpiel geben, und ſeine Grau⸗ famkeit der Mutter nicht verrathen.“ Sie folgten mit Würde dem Haushofmeiſter in ein ent⸗ legenes Gewölbe des Schloſſes, in dem zwei rieſenhafte wendiſche Weiber, eigens zu dieſem Zweck gedungen, mit ſtarken Ruthenbüſcheln die armen zur Qual beſtimmten Mädchen erwarteten, um an ihnen die grauſenhafte Züchti⸗ gung zu vollziehen, zu der ſie in roher Eigenmächtigkeit der Prinz verurtheilt hatte. Aber heldenmüthig boten Zenide und Leila den Streichen dieſer Furien ihren ſchönen Rücken . dar, und litten die harte Strafe ohne Angſtgeſchrei, ohne Widerſtreben. Wenn ihnen auch der heſtigſte Schmerz ein leiſes Wimmern entlockte, ſo ſtammelten ſie den Namen deſ⸗ ſen, für welchen ſie beide duldeten, den ſie beide unaus⸗ ſprechlich liebten; errangen Faſſung genug, die demüthigende Pein bis zu Ende kräftig auszuhalten, und kehrten, feſt entſchloſſen, die Unthat zu verſchweigen, in ihr Gemach zu⸗ rück. Als ſie jedoch kurz darauf zu der Fürſtin gerufen wurden, und ihr verſtörtes Ausſehen die Beſorgniß derſelben erregte, als Leila plötzlich von den Folgen ihrer Qual ohnmächtig wurde, und Mermes bei dem Entkleiden der geliebten Schweſter die blutigen Spuren derſelben gewahr wurde. da konnte die Sache nicht mehr verheimlicht werden, und die Fürſtin, empört und gereizt von ſo tiefer Abſcheulichkeit ihres Sohnes, gab Befehl, ihre Wagen zu rüſten, mit dem feſten Entſchluſſe, dem Prinzen das Feld zu räumen, und nach Ollmütz vor ſeiner Tyrannei zu flüchten. Aber in dem Augenblick, als die Frauen zuſammen Rath bielten, wie man den eingeſperrten Archimbald unbemerkt aus ſeiner Haft befreien, und aus dem Schloſſe führen könne, drang Bernhard, über den raſchen Entſchluß der Mutter betroffen, zu ihr in's Gemach. Er verſuchte alles, was in ſeiner Gewalt ſtand, ihren Vorſatz zu ändern,. bezwang ſich ſogar in dem Grade, ſie um Vergebung zu bitten, ſelbſt gegen die Mißhandelten eine Entſchuldi⸗ gung zu ſtammeln. Er beſchwor die Fürſtin, alles zu ver⸗ geſſen, verſprach ſein Betragen zu ändern, und binnen acht Tagen nach Prag zurückzukehren und die zügelloſe Bande heimzuführen, die die Ordnung des Hauſes umkehren zu wollen ſchien. Die Fürſtin, ſchwach in ihren Neigungen⸗ 294 fromm durch Unglück und Ueberzeugung, eine allzugütige Mutter, ließ ihren gerechten Unwillen durch die Bitten des heuchelnden Bernhards von Grund aus zerſtören, nahm die Honigreden des Schmeichlers für baare Münze, vergab, ver⸗ gaß, und das gute Vernehmen zwiſchen Mutter und Sohn ſchien wieder völlig hergeſtellt⸗ die gänzliche Verſöhnung be⸗ wirkt. Durch reiche Geſchenke aus der freigebigen Schatz⸗ quelle der Fürſtin, wollte der Prinz Zeniden und der kranken Leila das Andenken ihrer Schmerzen abkaufen, aber ſie ſchlugen dieſelben ſtandhaft aus, und baten nur die Fürſtin und Ludmillen auf's Inſtändigſte, den Aufenthalt Archimbalds dem Prinzen ja nicht zu verrathen,— Bernhard möchte ſich auch noch ſo verſöhnlich bezeigen,— indem ſeinen Worten— da Kauniz ihn regiere— nicht zu trauen ſey.— Die Für⸗ ſtin ſagte es ihnen zu, weniger aus Mißtrauen gegen ihren Sohn, als aus Furcht, Archimbald möchte ſich durch eigne Schuld, oder von Kauniz gereizt, in neue Händel verwickeln; und Ludmille.. das holde Mädchen zitterte ſchon bei dem Gedanken des Verraths. Sie durchſchaute ihren Bruder weit beſſer, als ihre Mutter es zu thun vermochte. Sie traute ihm nicht mehr. Sie fürchtete ſeine Rohheit, ſeine Heftigkeit,— Kaunizens verderbliche Rathſchläge. Wenn Archimbald verrathen würde. wenn er von dem unver⸗ ſöhnlichen Bruder zu einer ehrloſen Strafe verdammt würde, wie Haſſans Töchter.... Sie ſchauderte bei der bloßen Vorſtellung, den in Gefahr zu wiſſen, der ihr, wie ſie ſich leiſe geſtehen mußte, nicht gleichgültig war,.. der ihr vor ihrem eignen Herzen bange gemacht hatte. Fünfzehntes Rapitel. Ich wollte mich ja gerne in eine Nuß⸗ ſchale verkriechen und mir einbilden: ich ſey König über einen ungeheuren Raum; wenn ich nur nicht ſo böſe Träume hätte! Hamlet, v. Shakeſpeare. Archimbald verträumte indeſſen den Morgen in einem un⸗ ruhigen Schlummer, der ſpät erſt bei ihm auf dem morſchen Ruhebette Platz genommen, das er ſich zum Lager auser⸗ kohren hatte. Ein ſanftes Rütteln weckte ihn. Mermes ſtand mit einem Speiſekorb vor ihm, und lächelte ihn mit ruhiger Freundlichkeit an. Er ſprang etwas beſchämt auf. „Laßt Euch in Eurer Ruhe nicht ſtören,“ ſprach Mermes langſam und ſanft.„Zum Schlafen ſteht freilich die Sonne ſchon zu hoch; aber in behaglicher Ruhe zu verbleiben, iſt dem Körper und dem Geiſte gut, vorzüglich jedoch einem armen Gefangenen, wie Ihr ſeyd.— Die Fürſtin ſchickt Euch hier Euer Eſſen; es iſt von ihrer eigenen Tafel beſorgt wor⸗ den, damit Haushofmeiſter und Dienerſchaft nichts merke, denn Ihr müßt Euch noch acht Tage lang halten⸗ bis der Prinz endlich geht.“ Archimbald ſeufzte. 296 1 „Ich kann Euch nicht helfen,“ fuhr Mermes traurig fort. „Auch Zenide und Leila können es nicht, ſonſt wäre es ſchon geſchehen.— Prinzeſſin Ludmille ſendet Euch dieſes Körb⸗ chen mit Obſt. Ihr ſollt es Euch ſchmecken laſſen, und Euch friedlich in Eurem Verſtecke verhalten. Damit Euch dieſes um ſo leichter werde, muntert Euch die Fürſtin auf, das Geſchäft zu beſorgen, das ſie Euch, wegen der Bücherſamm⸗ lung, glaube ich, aufgetragen hat. Wir alle wünſchen Euch gute Geduld, und wollen Euch gewiß nicht vergeſſen.“ Archimbald drückte der gemüthlichen Pflegerin ſeinen wärmſten Dank aus. Mermes ward davon gerührt, und es dauerte nicht lange, ſo hatte ihre Schwatzhaftigkeit dem Jüngling verrathen, was Leila und Zenide für ihn erduldet hatten, und ihn zu der heftigſten Wuth begeiſtert, die ihn beinahe bewogen hätte, in Worte auszubrechen. Doch zügelte er noch zu rechter Zeit die überſtrömende Leidenſchaft, und beruhigte ſich durch der erſchrocknen Mermes Zureden, und im Gedanken einer zukünftigen Vergeltung. Er trug ihr auf, ſo gut er es durch Zeichen vermochte, den Schweſtern ſeinen Dank und Schwur, ihre Liebe zu vergelten, zu überbringen. Mermes verſprach es auch, und entfernte ſich behutſam, die Thüre wieder feſt verſchließend. Archimbaid nahm ſich hingegen vor, ſeinen neuen Auf⸗ enthalt zu beſichtigen, und die Bibliothek aufzuſuchen, in der er, die Langeweile und ſeine ewige Sehnſucht nach Lud⸗ millen zu tödten, das anbefohlne Geſchäft zu beginnen ge⸗ dachte. Die Thüren einer Reihe von Gemächern ſtanden offen. Alles wüſt und leer, alles in Verfall. Endlich ge⸗ langte er in eine mit Geräthſchaften verſehene Stubez allein — — 297 die Unordnung war dieſelbe, als in dem linken Flügel. Seine Schritte hallten wieder in dem einſamen Zimmer, zu dem ſich das Licht des Himmels kaum zu ſtehlen vermochte. Denn die Scheiben waren blind geworden von Näſſe und Staub. Die mit goldnen Figuren verzierten Ledertapeten hingen ſtückweiſe von den Wänden herunter. Schimmeliges Grün hatte die Decke überzogen, eingedrungene Feuchtigkeit den Fußboden beſchädigt. Indeſſen war dieſe Stube noch die wohnlichſte, die Archimbald bisher gefunden hatte; und er beſchloß vorläufig, ſeinen Aufenthalt darin aufzuſchlagen. Eine kleine und enge Schlucht führte ihn in das dazu gehö⸗ rige Schlafzimmer, das ſich in ziemlich gutem Stande be⸗ fand. Aus demſelben trat er in den Gang, und fand die Thüre gegenüber verſchloſſen. Er verſuchte den Schlüſſel, den er von der Fürſtin erhalten hatte, und er paßte. Die Flügelthüre ging auf, und öffnete ihm den Eingang in ein, von der Nachmittagsſonne beleuchtetes, gegen das freie Feld gelegnes Gemach, aus dem mehrere Thüren weiter führten. Archimbald warf ſich in einen ſchweren Armſeſſel, der in der Ecke ſtand, und überlegte, im Sonnenglanze ſich weidend, ſein Schickſal bis auf den heutigen Tag, ſeine Geburt, ſein Knabenleben, ſeine Verbannung aus dem Vaterhauſe, ſei⸗ nen Aufenthalt bei Lenen, ſeine Reiſe mit Dee, ſeine Lehr⸗ zeit im Kloſter, und die begonnene Dienſtzeit auf Woros⸗ dar. Er dachte an ſeine Kinderſpiele mit Trudchen, an ſeine heiße Liebe zu Ludmillen, an die Reize Zenidens, die ſeine Sinnlichkeit zum erſten Male beſtochen hatten, an Lei⸗ las Leidenſchaft endlich, die ſie ſtumm und treu für ihn em⸗ pfand. Welch' eine Lage iſt die meinige! ſeufzte er. Gehaßt von denen, die mich lieben ſollten, die ich ſo gerne lieben möchte, gehört mein Herz einer Jungfrau, die in dem All⸗ tagslaufe der Dinge nie die Meine werden kann! Feinen Betrügern, wie ich fürchte, als Spielwerk hingegeben, muß ich eine Frau, die ſtrenge Achtung verdient, ihre Tochter, die ich mit heißer Leidenſchaft umfange, grauſam täuſchen; die hintergehen, die allein auf der Erde mir freundlich zu⸗ gethan ſindz muß mich üben in dem Gewerbe der Schlange, um mich vielleicht zum Werkzeug verbrecheriſcher Plane zu bilden...! Ein böſer Stern hat meiner Geburt geleuchtet kein milder Planet war ihr Zeuge⸗ Fortwandeln muß ich meine verworrene Bahn, wenn nicht ein Gott, oder mein eigen Herz mir eine beſſere zeigt! Ein Geräuſch wurde hörbar, als ob in der Ferne eine Thüre zugeworfen würde. Archimbald fuhr in die Höhe. Sind es meine Verfolger? dachte er bei ſich.. Haben ſie den Weg zu meiner Höhle gefunden? Sie ſollen mich nicht unvorbereitet überfallen.— Er öffnete leiſe die Thüre, durch die er gekommen, und horchte vorſichtig. Kein Laut vom Eingange her. An der Pforte, die ganz am Ende des lan⸗ gen Ganges in tiefem Schatten lag, und den Flügel mit dem Hauptgebäude zu verbinden ſchien, alles ſtill.. Nach langem Lauſchen und aufmerkſamem Umherſpähen verriegelte Archimbald, um ſich vor dem erſten Anlauf ſicher zu ſtellen⸗ die Thüre, und ſetzte ſeinen Weg weiter fort. Das Ge⸗ mach, in dem er ſich ſo wohl befunden hatte, ſtieß an die Gemäldegallerie des Schloſſes, die, ebenfalls in Unordnung ſchmachtend, dem Beſchauer neben einigen Meiſterwerken italieniſcher und altdeutſcher Schule eine Menge von elen⸗ den Schmierereien darſtellte. Auch die Ahnenbilder des 299 Grafenhauſes hingen in ernſter altväterlicher Würde, Ritter und Grafen mit ihren Gemahlinnen in bunter Reihe, längs den Wänden hin. Ein langer Zug von blaſſen traurigen Geſichtern, mit ſtrengen und finſtern Blicken, die den ein⸗ tretenden Fremdling drohend zu meſſen ſchienen. Der letzte in der Reihe war der Vater der Fürſtin. Ein Antlitz von Sorgen und Kummer gefurcht, von grauem Barte umdü⸗ ſtert. Seine Hand ruhte auf einer Sphäre, ſein Blick forſchte in den Himmelszeichen, die um ſeinen Scheitel in düſterm blutrothen Scheine hingen. Die Umſchrift lautete: Evrardum, ultimum comitem ex praeclara stirpe Woros- dar, terrestram felicitatem perquirentum infelix mors ad acternam duxit. Anno domini 1578. Durch dieſe Inſchrift ſich an Nepomuks Erzählungen erinnernd, betrachtete Ar⸗ chimbald das Bild genauer, und gewahrte mit Entſetzen eine dicht am Halſe geſchlagene breite Wunde, die der Ma⸗ ler, gewiß von den Hinterlaſſnen bewogen, mit der breiten Halskrauſe dergeſtalt verdeckt hatte, daß ſie nur einem ſehr ſcharfen Blicke auffallen konnte. Des Jünglings Seele war heftig erſchüttert. Sein Lehrer, Hubert, hatte alſo damals, in unreiner Liebe verſtrickt, den Degen geführt und dem un⸗ glücklichen Handel den blutigen Ausſchlag gegeben. Und er konnte noch ſo ruhig ſeyn, nach einem Morde? Scheu floh Archimbald von dem Gemälde, und eilte in den an⸗ grenzenden Saal. Hier ſah es freudiger und glänzender aus. Eine thatenvolle Vergangenheit lebte in Her weiten Halle; denn ringsum in leicht mit Meſſingdraht vergitter⸗ ten, zum Theil ganz offen ſtehenden Schränken brüſteten ſich die kriegeriſchen Trophäen, die der Fürſt, ein tapferer Degen, vor mehreren Jahren aus dem türkiſchen Heerzuge mitgebracht hatte. Roßſchweife, Standarten, Pauken und Sattelzeug, das an Koſtbarkeit Seinesgleichen ſuchte, ſchmück⸗ ten die Decke des Waffenſaals. Säbel, Dolche, Pfeile und Feuergewehre von allen Formen und Gattungen, blin⸗ zend von Gold, Silber, Stahl und edlen Steinen füllten die Schreine mit verſchwenderiſcher Pracht. Ein glänzend reiches Gezelt, das der Fürſt in der Schlacht bei Siſſeck dem daſelbſt getödteten Sangiak der Herzogewina Mehmed abgewonnen, nahm allein eine ganze Wandſeite ein. Des Sangiaks Kaffetiſch, Schreibrohr und Roſenkranz nebſt vie⸗ len Gefäßen wurde darin erbeutet, wie die Aufſchrift be⸗ ſagte. Eine andere Seite des Saals nahmen die Harniſche der Spahis, ihre Lanzen,— Bogen und Wurfpfeile der Tataren ein; am Ende deſſelben hieng eine kleine Waffen⸗ ſammlung mit Aufſchriften verſehen, aus Geſchenken von vertrauten Freunden, Kriegsgefährten des Fürſten, beſte⸗ hend. Hier glänzte ein zierlicher ungariſcher Säbel, ein Geſchenk des ſlavoniſchen Ban Thomas Erdödy, nach dem Siege an der Kulp, am zwölften Juni 1593, auf dem Schlachtfelde verliehen; ein mit Türkiſſen beſetzter Dolch, ein Andenken von Ruprecht von Eggenberg; ein koſtbares Paar Spornen von Andreas Auersberg, dem Führer des kaiſerlichen Heers; ein ſchöner Ringkragen von dem wegen der Uebergabe Raabs enthaupteten Hardegg; und noch meh⸗ rere theils werthreiche, theils blos durch die Freundſchaft des Gebers gehaltvolle Dinge. Ein einfacher, prunkloſer Degen ſiel durch ſein glanzloſes Aeußre dem neugierigen Forſcher auf. Er trat ihm näher; und wer ſchildert ſein Erſtaunen, als er den Namen ſeines geliebten Ohms auf dem dabei hängenden Zettel erblickte: Ehrenfried Wernher 301 aus Ulm, kaiſerlicher Hauptmann unter den Büchſenmeiſtern, ſtarb vor Sabalka, nachdem er unſerm durchlauchtigſten Für⸗ ſten und Herrn das Leben gerettet, im November 1593. Thränen der aufrichtigſten Betrübniß ſchoſſen aus Ar⸗ chimbalds Augen. Sein Oheim Ehrenfried, der einzige un⸗ ter der ganzen Blutsfreundſchaft, der ihm liebreich zuge⸗ than geweſen, auf deſſen Knieen er ſich geſchaukelt, in deſſen Armen er ſich ſo oft gewiegt, deſſen dichten Knebel⸗ bart er ſo gerne zerrauft hatte.. er alſo auch dahin? Gefallen unter den Säbeln der Ottomannen, fern von ker lieben Heimath, fern von ſeinem armen Neffen?„Wenn er gewußt hätte, wie man mit mir umging,“ ſeufzte er vor ſich hin, der betrübte Jüngling,„wie wäre Alles anders geworden! In ſeine Arme hätte er mich gerufen, an ſeiner Seite hätte ich das Schwert führen gelernt, wäre vielleicht an ſeiner Seite gefallen! Beſſer jener Tod, als dieſes Leben, in dem mich jede Stunde auf dem Wege des Trugs und der Heuchelei weiter bringt!“ Er küßte mit frommem Angedenken die Klinge, die der biedre Oheim in kampfgewohnter Fauſt geführt hatte. Es ſprang in die Augen, daß ſie des Fürſten Leben erhalten, und daß er mit dankbarer Anerkennung nach dem Hinſchied des Beſitzers ſie hingenommen und zum ewigen Gedächtniß an dieſe Stätte aufgehangen hatte. Mit Ehrfurcht betrach⸗ tete der Neffe die noch ſichtbaren Blutflecke an dem breiten Degen, und betrauerte ſein Lvos, das ihm nicht ver⸗ gönne, des geliebten Oheims Schatten an ſeinen Feinden zu rächen, als ein neues Geräuſch dicht hinter ihm ihn auf's Neue ſtutzen und aufhorchen machte. Er ſtand mit dem Rücken gegen eine breite Flügelthüre gewendet. Indem er 302 ſich ſtaunend nach derſelben umſah, gewahrte er ihre große Aufſchrift. Bibliotheca ſtand mit großen goldnen Buchſta⸗ ben auf dem braunen Grunde.„So bin ich am Ziel,“ dachte er bei ſich,„und das Geräuſch wird von nichts An⸗ derm herrühren, als von dem Falle einiger Bücher, die eine umherlaufende Ratte von ihren Brettern geſtürzt haben wird.“ In dieſer Zuverſicht drückte er keck an dem Schloſſe. Die Pforte ging auf, und eine Wolke von Staub, die ihm entgegenwirbelte, ſchien ſeine Muthmaßung zu rechtfertigen. Einige Folianten lagen auf dem Boden. Um den Ein⸗ tretenden her ſtanden wohlgefüllte Bücherſchränke, die den großen Saal in mehrere Abtheilungen ſchieden. Hin und wieder beſtaubte Tiſche mit Papieren und Schreibzeug. Große Welt⸗ und Himmelsgloben in den Ecken. Archim⸗ bald wurde wieder munter und friſch bei dem Anblicke dieſes bedeutenden Bücherſchatzes; mit gierigen Augen überflog er die zahlreichen Bände, und ſchritt, um das Ganze mit einem Male in allen ſeinen Theilen zu überſchauen, hinter die als Scheidewände aufgeſtellten Schränke. Stutzig fuhr er aber zurück, als er hier ſchon einen Gaſt erblickte, der an einem großen Fenſter ſtehend, dem Jüngling den Rücken kehrend⸗ eifrig in einem Buche zu blättern beſchäftigt war. Durch das Geräuſch jedoch aufgeſchreckt, das Archimbalds Schritte verurſachten, drehte ſich der Leſende um, und mit ſchaudern⸗ dem Befremden ſah Archimbald. den Fürſten vor ſich. „Wer da?“ rief ihn dieſer mit barſcher Stimme an.— Der Page blieb ſeiner Aufgabe getreu, ſprach kein Wort, ſondern näherte ſich demüthig dem Furchtbaren. „Stille ſtehen!“ befahl dieſer wie oben.„Willſt mich im Lager überrumpeln? Zittre Türkenhund!“ Er griff mit — 303 dieſen Worten an den Degen; allein der eingeroſtete wich, aller ſeiner Bemühungen ungeachtet, nicht aus der Scheide. Archimbald hatte bei der verdächtigen Bewegung ſogleich zum Dolche gegriffen, und ihn ſchützend vorgehalten. Der Fürſt wich betroffen vor der blanken Waffe zurück, ließ das unerbittliche Schwert ruhig ſtecken, und wehrte mit der Hand ab. „Laß ſtecken!“ rief er;„Du ſiehſt ja, daß Gott und mein gutes Schwert mich verlaſſen haben. Ich ergebe mich Dir, zu fürſtlicher Haft. Mein Königreich wird Dir ein unge⸗ heures Löſegeld zahlen, wenn Du mich nicht an die Spa⸗ nier auslieferſt. Hörſt Du!“ Archimbald bejahte, ſteckte den Dolch ein, und machte alle Geberden, die geeignet waren, dem Fürſten ſeine Fried⸗ lichkeit erkennen zu geben. Der Letztere ſah ihn auch mit einem ſonderbaren Ausdruck an, als wollte er die Züge des fremden Geſichts nach allen ihren Linien durchſtudieren. „Nein,“ ſagte er endlich gemäßigt;„Du biſt kein Maure, biſt auch kein Spanier, ſondern ein redlicher Portugieſe. Haſt mich ſchon bedient an meiner königlichen Tafel zu Belem. Wackrer Don! ſeyd mir willkommen in meinèr Einſamkeit!“ Er bot dem Pagen die Hand, der ſie ehrfurchtsvoll küßte; betrachtete ihn dann ſtarr und aufmerkſam, mit der Kette ſpielend, die ihm am Halſe hing. „Vortrefflich!“ fuhr er fort;„ich entfinne mich nun ganz. Ihr habt einen Vorzug vor den übrigen Granden meines Reichs, ſeyd im Beſitz eines Verdienſtes, das an den Die⸗ nern der Könige nicht genug zu würdigen iſt. Ihr ſeyd 304 ſtumm nicht wahr?... Bejaht es doch nicht ſo traurig. Freut Euch darüber; wäre ich an Eurer Stelle, ich würde entzückt ſeyn. Stumm ſeyn im Leben iſt gut ſtumm ſeyn im Grabe, beſſer!“ Er ſchwieg, legte die Hand vor die Augen, und blisb ohne Bewegung ſtehen. Archimbald betrachtete theilnehmend die abgezehrte Geſtalt des wahnſinnigen Fürſten, und konnte mit aller Anſtrengung ſeiner Gedanken nicht begreifen, wie es ihm wohl gelungen ſeyn möchte, aus ſeinen Gemächern hieher zu kommen. Wie eine Bildſäule ſtand indeſſen der Fürſt eine lange, lange Weile, bis allmählich die Empfi dung in den erſtarrten Körper wiederkehrte. Die Hände ſanken hernieder, die Augen blickten wie aus langem Schlafe erwachend vor ſich hin. Die ſcharfen Züge hatten ihre Trockenheit mit dem weichen Ausdruck eines langen, ge⸗ duldig getragenen Leidens vertauſcht, und ehrwürdig ge⸗ ſtaltete ſich das braune von grauen Haaren umwehte Krie⸗ gerantlitz. „Wie kommt es,“ fragte er mit ganz verändertem Tone, „daß mich ein fühlender Menſch heimſucht in meiner Gefan⸗ genſchaft, in der Einöde meiner Haft? Ich wähnte mich von Allen verlaſſen. S iſt mir aber darum nicht minder lieb, edler Junker, Eurer Führer ſeyn zu können zu den Merk⸗ würdigkeiten meines Hauſes. Kommt,. hier ergriff er des widerſtrebenden Archimbalds Hand, und zerrte ihn mit ſich„kommt! folgt mir, denn ſchon will es Abend wer⸗ den, und wenn es dämmert, bringt mich die Hoffnung einer Seligkeit nicht mehr in jene Stube, die ich Euch doch am allererſten zeigen möchte. Archimbald folgte nicht ohne Be⸗ ſorgniß dem unzuverläſſigen Führer, und hielt den Griff ſeines Dolchs immer feſt, um ihn im Nothfall gleich bei der Hand zu haben. Der Fürſt ſtieß eine kleine mit Schnitz⸗ werk gezierte Thüre auf, und beide befanden ſich in einem länglichen Gemache, das als Schlafzimmer gedient haben mußte. Obgleich es gereinigt war vom Staube, lag Alles drunter und drüber. Das Bette in Unordnung, eine Wiege daneben. Zwei Leuchter mit heruntergebrannten Kerzen auf dem Tiſche. Kleidungsſtücke auf den breiten Seſſeln zer⸗ ſtreut... Alles hatte den Anſchein, als ob der Bewohner dieſes Zimmers in Eile die Flucht ergriffen hätte. Allein auf dem Boden, faſt in der Mitte des Gemachs, war ein großer Blutfleck ſichtbar.. dicht dabei ein krummer unga⸗ riſcher Säbel, ebenfalls mit Blutſpuren gezeichnet. Archim⸗ bald entſetzte ſich über den Anblick; der Fürſt ſprach hierauf mit ernſtem Tone und trübem Auge!„Seht hier, mein edler, junger Mann, ſeht, zu welchen Thaten ein untreues Weib einen ehrliebenden Gemahl veranlaſſen kann. Hier überraſchte einer die Treuloſe, als ſie mit dem Buhler und ihrem Kinde entſpringen wollte.. der erzürnte Gatte fordert ihren Va⸗ ter auf, die Strafbare ſeiner Rache zu überliefern, und findet Widerſtand bei dem blinden Greiſe. Empört zieht er den Säbel, will den Buhler zur Hölle ſchicken, und ſein böſer Engel führt ihm den Alten in die Klinge, die das kranke Leben ſchnell durchſchneidet. Beſtürzung ergreift ihn nach der That er entweicht, ſucht in Alcacars bluti⸗ gen Feldern unter einem ritterlichen Könige den Tod, wird aber in ſchimpflicher Flucht mit fortgeriſſen und wieder an Europa's Geſtade geſchleudert.... Der Fürſt hielt einen Augenblick inne, rieb ſich die Stirn, und fuhr darauf gemäßigter fort:„Er ſuchte Ruhe II. 1. 20 306 —— in allen Ländern, er fand ſie nirgends. Er kehrte endlich heim zu der Gattin, die ihn verrieth, und durch jährliche Gebete an dieſem Orte, wo das Opfer fiel, deſſen Schatten und ihre eigenen Sünden, zu verſöhnen gedenkt.. aber auch hier floh ihn Ruhe.... er wurde krank, und that ein Gelübde, noch einmal gegen die Ungläubigen zu ziehen. Er erfüllte es auch, ſchlug bei Siſſek den heidniſchen Feind, und erwürgte abermals einen Vater, deſſen unmündige Töch⸗ ter er, den Mord gut zu machen, als Selavinnen heim ſchickte. Wie gefällt Euch das, junger Mann?“ Archimbald ſah den Wahnſinnigen bebend an, deſſen Ge⸗ ſicht ſchon wieder in die gewöhnlichen Fugen zurücktrat, und der, nach kurzem Schweigen, ſchneller fortfuhr: „Ich muß eilen, ſonſt reißt mir der Faden im Gehirne, an dem die Erinnerung klebt. Er fechtet alſo weiter. bei Vesprim, bei Stuhlweißenburg. ſtürmt Sa⸗ balka.... und hier fährt ein türkiſcher Pfeil ihm in den Schädel.— Sceht ungefähr hier!“ Er ſtrich ſich die Haare von der Stirne und eine blau⸗ rothe lange Narbe wurde ſichtbar„. „Und dieſer Schmerz,... ſprach er in kurzen Abſätzen weiter....„dieſer Pfeil.... das Gehirn. Mit einem Laut des Schmerzens und krampfhafter Ge⸗ walt fuhr er mit der Rechten nach der Wunde, während er die Linke wieder vor die Augen legte; und ein neues Erſtarren bemächtigte ſich all' ſeiner Glieder. Archimbald rüttelte ihn, und führte ihn aus der fürchter⸗ lichen Kammer. Der Fürßt ließ ſich leiten wie ein Kind, durch den Waffenſaal und die Gemäldegallerie hindurch, bis in das erſte Zimmev am Gange. Hier kam er zu ſich. „Was wollt Ihr von mir?“ fragte er verſtört.„Bin ich nicht Euer König?... Selbſt in Mehmeta feſſeln König?.. Wollt Ihr mich ermorden, Portugieſen?“ Er machte ſich gewaltſam von Archimbald los; blickte ihm ſcharf und ſtrenge in's Geſicht, und rief: „Wißt Ihr wohl, daß Ihr das Leben verwirkt habt, da Ihr den König mit Eurer Hand berührt? Der Staatsrath hat das Urtheil geſprochen.. ich kann nicht helfen.. ich hole Euch den Beichtvater!“ Bei dieſen Worten eilte er mit langen Schritten den Weg zurück, den Beide gekommen waren. Archimbald, der ſich bald von ſeinem Staunen zurecht fand, verfolgte ihn, aus Furcht, der Wahnſinnige möchte im Waffenſaale nach Gewehr greifen, und in ſeiner Hirnverrückung mörderiſch auf den Fremdling losgehen.— Der Fürſt bemerkte aber alſobald des Pagen eilendes Annähern, begab ſich ſpornſtreichs auf ſchnelle Flucht, und gewann die Bibliothek. Archimbald folgte ihm ſo geſchwind er es vermochte, konnte ihn aber nicht mehr erreichen. Innerhalb der Bücherſchränke kam ihm der Fliehende aus dem Geſichte... gleich darauf hörte er einen Lärm, als ob eine Thüre feſt zugeſchlagen würde,.. drang in's Innere des Saals; allein der Fürſt war ver⸗ ſchwunden, und allem Umherſpähen und Forſchen zum Trotz keine Spur von einer geheimen Thüre in den getäfelten Wänden zu entdecken. Er ſtand endlich mißmuthig von ſeinem Vorhaben ab, und machte ſich auf den Rückweg nach dem Gemache, in dem er die Nacht zuzubringen gedachte. Es war die Dämmerung eingebrochen, und die Bilder in dem Gemäldeſaal dehnten ſich zu mißgeſtalteten Umriſſen in dem Lichte 2 des Abends. Noch einmal blieb Archimbald vor dem Bilde des unglücklichen Eberhards ſtehen, wie er es ſchon vor ſei⸗ nes Oheims Degen gethan hatte, und ein innerer Schauer ſträubte ſeine Haare. Die Geſtalt, die Wunde auf der Bruſt, alles kam ihm grauſender, furchtbarer vor.—„Dich ſoll ich noch acht Tage lang vor Augen haben, ſo oft ich nach der Bibliothek meine Wanderung antrete, oder daraus zurücktehre, ſchreckhaftes Gemälde!“ ſprach er vor ſich hin.. „Dich immer wieder ſehen, ſtets mit neuem Schauder ſehen? Nein! weich von Deiner Stelle, damit ich ruhig ſey!“— Er griff mit aller Stärke das große, bis an den Fußboden reichende Bild an, entrückte es glücklich den feſthaltenden Hacken, und lehnte es verkehrt gegen die Wand. Auf dem leeren Raume aber, den das Konterfei eingenommen hatte, gewahrte er einen offenen Eingang in die Mauer. Obgleich der fremde Pfad im Dunkeln lag, ſo betrat ihn der Herz⸗ hafte dennoch ohne Zagen. Durch verſchiedene Krümmungen und Winkel, in welchen er ſich nur mit der äußerſten Mühe forthalf, drang er auf dem dumpfigen Wege weiter, bis auf einmal ſein Fuß einen Abſchnitt des Bodens entdeckte. Vor⸗ ſichtig unterſuchte er die Stelle, und bemerkte gar leicht, vaß er ſich auf der oberſten Stufe einer engen Treppe be⸗ fand, die abwärts in entlegene Gewölbe zu führen ſchien, nach der eiſigen Luft zu urtheilen, die dem Neugierigen ent⸗ gegendrang. Ihn konnte jedoch keine Bedenllichkeit ſchrecken; er ſtieg muthig die unbekannte Stiege hinab, und erreichte in Kurzem den Boden. Einige Minuten waren vonnöthen⸗, um das Auge zu gewöhnen, durch das in dieſem Raume herrſchende Dunkel die Gegenſtände zu unterſcheiden. Eine Oeffnung in der Ferne, durch welche ein gemäßigtes Licht — 309 hereinfiel, kam ihm zu Hülfe. Der Jüngling befand ſich in der Gruft der Grafen Worosdar. Nach und nach riſſen ſich große Sarcophage aus den ſchwarzen Schatten los, und wurden ſichtbar mit ihren Wappen und Trauerzierden. Längs den Wänden ſtanden aufgeſchichtete Särge. In der Mitte der Todtenhalle ragte ein auf ſteinernem Poſtamente erhöh⸗ ter metallener Sarg empor; Schild und Helm ruhten auf demſelben in düſtere Trauerflöre verhüllt, und bezeichneten die Ruheſtätte des letzten Worosdar. Archimbald ſchlich ſcheu an ihr vorüber, der Oeffnung zu, die er im Hintergrunde entdeckte, und erreichte ſie bald. Ein großer Bogen, halb von der Mauer der Gruft durchſchnitten, that ſich ihm auf. Behend ſchwang er ſich auf ein darunter befindliches Grab⸗ mal, und ſah durch den Bogen in die Kapelle des Schloſſes. Der Stellung der Kanzel und der Richtung der Betſtühle zufolge, mußte er ſich unter dem Altare befinden, der, in den Zeiten der päpſtlichen Kirche, mit einem Chor umgeben worden war, zu dem einige Staffeln hinanführten. Die proteſtantiſchen Neuerer hatten ſich begnügt, dem Kirchlein ſeinen Bilderſchmuck, ſeine Heiligen und Meßornamente zu rauben, hatten aber an das Gebäude ſelbſt keine Hand ge⸗ legt, und demzufolge war die römiſch-katholiſche Bauord⸗ nung geblieben, und unter den Stufen des Chors, dem Boden der Kirche gleich, ein Bogen in die Gruft gebrochen, derſelbe, durch welchen jetzt Archimbald den Forſcherblick in's Haus Gottes ſendete. Die Schloßleute, an ihrer Spitze die Fürſtin und Ludmille, wohnten gerade der Betſtunde bei, die der Pfarrherr ſo eben ſchloß. Ein geiſtliches Lied wurde angeſtimmt, und die Verſammlung damit beendet. Ge⸗ ſammelt und mit niedergeſchlagenen Augen verließen die 310 Andächtigen nach und nach die Kapelle. Auch die Fürſtin erhob ſich aus ihrem vergoldeten und mit Sammt ausge⸗ ſchlagenen Sitze. Der Pfarrherr ſtand bereit, ſie zu beglei⸗ ten. Ludmille zögerte noch. Sie begehrte zu bkeiben, und ihr Herz im einſamen Gebete zu Gott zu erheben. Die Für⸗ ſtin willigte nach einigen mütterlichen und beſorgten Vor⸗ ſtellungen ein, empfahl ihr, nicht zu lange in der öden und dämmerigen Kapelle zu verweilen, und ging alsdann mit dem Pfarrherrn hinweg. Kaum hatten ſich beide entfernt, ſo warf ſich Ludmille auf ihre Kniee, und legte, in Andacht verſunken, das Haupt in beide Hände verhüllt, auf den Bet⸗ ſchemel hin. Archimbald in ſtummes Lauſchen verloren, ließ ſich keine Bewegung der Geliebten entgehen, die ihm der letzte, durch die bunten Fenſter einbrechende Strahl der ſchei⸗ denden Sonne im Schimmer der Verklärung zeigte. Er verſchlang mit den Blicken die zarte Geſtalt der Liebens⸗ werthen, und ein Seufzer des Verlangens und der Eiferſucht entquoll ſeiner gepreßten Bruſt, wenn er ſich dieſe edle For⸗ men, dieſe ſeltenen Reize, in dem Beſitz eines Andern, eines Kaunizen dachte. Die reine überſinnliche Liebe, die wie ein Blitz ſein Herz für Ludmillen entflammt hatte, war ſchon mit der Gluth des Begehrens vermiſcht, welche Zenidens Leidenſchaft, ihre üppige Schönheit, und die ihrem Vater⸗ lande entſprechende ſinnliche Hingebung, in des feurigen Jünglings Adern entzündet hatte. Ludmille blieb lange Zeit in ihrer andächtigen Stellung⸗ dann erhob ſie ihr himmliſches Antlitz, die Augen von Thrä⸗ nen feucht, ſtützte die gefalteten Hände auf den Betſchemel⸗ und betete eifrig, den Blick nach oben gewendet, zu dem Allmächtigen. Archimbald ſchwelgte in dem Genuſſe ihres 31¹ Anſchauens; indeſſen aber verbleichte der Sonne letztes Gold und ein lichter Flor ſchien alle Gegenſtände zu bedecken. Da wurde Ludmillens Gebet laut, und Archimbald horchte auf, ſtill wie eine Bildſäule, als fürchte er, ſich durch den leiſeſten Athemzug zu verrathen. „Herr des Himmels!“ ſprach ſie in heftiger Bewegung.. „Herr des Lebens! nimm ſie wohlgefällig auf, die Bitte, die ich Deiner Vaterſorge mit gläubigem und zerriſſenem Herzen anvertraut habe. Laß dieſelbe gnädige Erhörung finden vor Deinem Throne. Gib es nicht zu, daß ein herzloſer Bruder mich, das wehrloſe Opfer ſeiner Willkühr, in Feſſeln ſchmiede, die mich bis zum Grabe unglücklich machen würden; laß mich lieber das Ziel des Lebens bald, in der Blüthe meiner Jahre, finden. Allein, gütiger Vater, gib es auch nicht zu, daß eine Leidenſchaft, die nach der beſtehenden Weltordnung nimmer zum Guten reifen würde, noch länger mein Herz verzehre, in welches ſie der Zufall gleich einem Feuerbrand in's ruhige Haus geworfen. Vertilge das Bild deſſen in meiner Bruſt, der ſich gleich einem Zauberer in meine in⸗ nigſte Neigung gebannt hat, den ich immer heftiger liebe, je mehr ich mich bemühe, dieſe Liebe zu erſticken. Schmerz⸗ lich wird zwar die Heilung ſeyn; allein ich halte Deiner väterlichen Hand ſtille, will nicht murren, und dem Gelieb⸗ ten das Glück in fremder Liebe wünſchen, das er in der meinigen gefunden haben würde, träten nicht Menſchen⸗ ſatzungen unerbittlich dazwiſchen. Komme mir zu Hülfe, Allbarmherziger. Dir vertraue ich mein Wohl. Du wirſt mich nicht verlaſſen!“ In der Zuverſicht, die der feſte Glaube einflößt, ſtand die holde Beterin auf, um zu gehenz; allein ſchon hatte den 31¹2 Lauſchenden der unſelige Taumel der Leidenſchaft ergriffen,.. ſchon hatte er ſich aus ſeinem Verſteck in die Kapelle ge⸗ ſchwungen,„ſchon hielt er, mit flüchtigen Schritten nach⸗ geeilt, die Scheidende auf. Sie warf den ſcheuen Blick auf den Feſthaltenden; ein leiſer Angſtruf erſtarb auf ihren Lippen, und Gebet, Glaube, Vorſatz. alles war dahin bei dem unerwarteten Zuſam⸗ mentreffen mit dem geliebten Zauberer. „Archimbald!“ rief ſie halb freudig, halb entſetzt;„Ar⸗ chimbald! wie kommt Ihr hieher? was beginnt Ihr?“ Er machte ihr durch die lebhaften und leicht verſtändli⸗ chen Geberden des Begeiſterten begreiflich, wie es zugehe, daß er hier ſey, und wie ſehr es ihn ſchmerze, ihr Gebet, das ihn verwerfe, vernommen zu haben. Sie folgte mit ſtillem Entzücken auf dem leichtgeröthe⸗ ten Antlitz allen ſeinen Bewegungen, und eine Zähre der Rührung blinkte in ihrem ſchönen Auge.„Ich ſollte Euch nicht geſtehen,“ ſprach ſie darauf leiſe und ſenkte den Blick zu Boden,„um meiner Weiblichkeit willen nicht geſtehen, daß Ihr mein Gebet richtig gedeutet habt, daß in der That nur Ihr es ſeyd, den ich... meiner Neigung werth ge⸗ funden;— mit Leid muß ich hinzufügen: wider meine Pflicht.— Allein wir ſtehen vor dem Altare des Herrn, im Angeſicht der heiligen Stätte, von wo das Wort des Heils uns verkündet wird.... ich darf keine Lüge ſprechen. Das Geheimniß meines Herzens iſt Euch verrathen,„. in Euch, meinem ärgſten Feinde, wenn Ihr unedel genug wäret, die ſcharfe Waffe gegen mich zu gebrauchen, und mit meiner Scham, mit meiner Schwäche im Bunde mich dadurch gänzlich zu Euerer Sclavin zu machen; der Stolz der Fürſtentochter müßte in dieſem Gefühle vor ihrem Diener verſtummen, wie ich fürchte.“ Ein wehmüthiger Seufzer hob ihren Buſen. Archimbald ergriff ihre Hand, und drückte ſie an ſeine Bruſt. Ihre zitternden Finger fühlten den heſtigen Schlag ſeines Herzens, und verpflanzten dieſe ſüße Unruhe auch in das ihrige. Sie ſuchte die Hand zu befreien. Nach einigen Verſuchen gelang es. Sie blickte dem gehorſamen Archimbald unbeſchreiblich zärtlich ins Auge, und ſprach: „Nein, Ihr ſeyd nicht unedel; Ihr werdet nie meine Schwäche, und dem Zufall, der ſie Euch bekannte, mißbrau⸗ chen. Ihr werdet Euch bezwingen, mich vergeſſen. Fahrt nicht auf, betheuert nicht.... Das Gefühl, das uns ſo wunderſchnell im Geiſte vereinte, läßt ſeine Dauer noch nach Stunden berechnen. Soll es in der kurzen Friſt ſchon Wur⸗ zeln für das Leben gefaßt haben? Muth, mein Freund! Gott wird helfen,. Euch.. und mir!“ Archimbald faßte mit beiden Händen Ludmillens Rechte, küßte ſie, benetzte ſie mit ſeinen Thränen, hing mit feuchtem Auge an ihrem ſchwärmeriſch verklärten Angeſichte. „Nicht ſo!“ verſetzte Ludmille, und wandte ſich halb von dem Geliebten.„Nicht dieſen ſchwermüthigen Blick, nicht dieſe kummervolle Miene. Eure ſtumme Sprache wirkt mächtiger als die feurigſte Beredtſamkeit. Ein gefährliches Mitleid ſteht Euch bei. Schont meiner!“ Archimbald, von dem mächtigen Klang ihrer ſüßen Stimme gerührt, gehorchte und trat zurück, mit ernſter und trauri⸗ ger Stirne. 31⁴ „Ich danke Euch,“ fuhr Ludmille ſanft und mild fort. „Nun laßt uns ſcheiden.“ Archimbald rang ſchmerzlich die Hände. „Ihr liebt mich?“ ſprach die Prinzeſſin, wie oben. Der Jüngling bejahte leidenſchaftlich. „Ihr wollt mein Glück?“ fragte Ludmille weicher. Der Jüngling betheuerte es mit ſtrahlendem Blicke. „Nun wohl,“ fuhr ſie mit unſicherm Tone fort.„Grün⸗ det es. Meidet mich. Vergeßt mich.“ Er ſchüttelte ernſt den Kopf. „Ihr weigert Euch?“ fragte ſie ängſtlich.„Nun, ſo muß ich Euch fliehen.“ Archimbald faßte beſtürzt und erſchrocken ihre Hand, und deutete an, ſie könne über ihn gebieten. „Wohl,“ verſetzte hierauf Ludmille heiterer,„Ihr ſeyd, wie ich vermuthete, treu und wahr, und wenn das Schick⸗ ſal jemals.... Doch genug hievon. Laßt uns auf Mittel ſinnen, wie wir mit des Himmels Beiſtand einer Leidenſchaft Einhalt thun können, die uns nur verderblich ſeyn würde, da wir nie uns angehören dürfen. Geht nach Euerm Zu⸗ fluchtsort zurück, und haltet Euch wohl verborgen. Ich zittre für Euch. Morgen um dieſelbe Zeit als heute, werde ich wieder hier zurückbleiben, und Euch, wenn Ihr zu kommen gedenkt, mittheilen, was mir bis dahin Gott eingegeben hat, was wir zu thun haben, um Euere Ruhe wieder herzuſtellen, und mir es möglich zu machen, meine Pflichten als Tochter einer edeln Mutter, als Sprößling eines adelſtolzen Fürſten⸗ hauſes zu erfüllen. Bis zu jenem Augenblicke gehabt Euch wohl;...“ ſie ergriff ſeine Rechte, drückte ſie zärtlich, und 315 ſetzte mit ausbrechendem Gefühl hinzu:„bis dahin behüte Dich, Geliebter, der Herr mit ſeinen Engelſchaaren!“ Die Liebliche eilte nach dieſen Worten ſchnell, als wollte ſie ihrem verrätheriſchen Herzen entlaufen, aus der Kirch⸗ thüre, und verſchloß ſie ſorgfältig. Archimbald ſuchte über die Särge der alten Grafen ſeinen Rückweg. Die Nacht war zwar hereingebrochen, er mußte tappend wie ein Blin⸗ der durch die Wohnung der Todten ſchreiten, und ſich bis zu der engen Treppe fühlen. Allein, in der Begebenheit der verwichenen Stunde grübelnd, empfand er nicht die Schwie⸗ rigkeiten und Schreckniſſe des weiten Wegs, den er bis zur Nachtherberge zurückzulegen hatte. Erſt, nachdem er in ſeinem Gemach angelangt war, ſammelte er das Ergebniß ſeiner Gedankenſpiele.„Sie liebte mich?“ fragte er ſich ſelbſt und lachte bitter.„Sie, die ſich dieſer Liebe ſchämt, weil ſie eine Fürſtentochter iſt, und ich nur ihr demüthiger Knecht ſcheine? O nein, nein! ihr Stolz iſt ihr Götze. Sie hat mich nicht geliebt!“ Von feindſeligen Grillen geplagt, grollend über ſein Ge⸗ ſchick, entſchlief er ſpät auf ſeinem Lager, und wilde Träume, wie ſie der verfloſſene Tag, und der unheimliche Aufenthalt, in dem er ſich befand, erzeugen mußte, quälten ſein Gehirn mit tauſend Schreckbildern, bis der helle Morgen die ſchwar⸗ zen Fantome verſcheuchte durch ſeinen freudigen Strahlen⸗ glanz. Sechzehntes Rapitel. Doch mit des Geſchickes Mächten Iſi kein ew'ger Bund zu flechten, Und das Unglück ſchreitet ſchnell. Schiller. Die Mittagsſtunde führte zwei freundliche Geſtalten in Archimbalds Einſamkeit. Leila und Zenide brachten ihm eine kleine, aber ausgeſuchte Mahlzeit. Als er ſein Stau⸗ nen und ſeine Freude über den doppelt willkommenen Beſuch ausdrückte, ſprach Leila erröthend:„Vergebt; allein ich konute dem Verlangen nicht widerſtehn, meinen Beſchützer zu ſehen, und ihm zu danken.“ Archimbald machte ihr begreiflich, daß es an ihm ſey, ihr und Zeniden zu danken für den Muth, mit welchem ſie die barbariſche Strafe ausgeſtanden hatten um Seinetwillen.“ „Nichts davon,“ fiel Zenide ein. Man duldet gerne für das, was man liebt: nicht wahr, Leila?“ Leila nickte verſchämt. Archimbald glaubte in ihrem Blicke ein Geſtändniß zu leſen, das durch ſeinen geheimen Zauber ibn mächtiger ergriff, als die unumwundne Erklärung Zenidens. „Meine Schweſter theilt meine Neigung zu Dir,“ fuhr die Letztere fort.„Ich bin aber deßhalb nicht eiferſüchtig, wie die Weiber Eures Landes. Die Sitte unſerer Heimath iſt Urſache daran. Von früher Jugend an werden wir an⸗ gehalten, uns an den Gedanken zu gewöhnen, einſt mit mehreren Gefährtinnen die Liebe eines Gatten zu theilen. Ich habe alſo dem Verlangen Leila's, Dich zu ſehen, nicht widerſtanden, ob ſie gleich kaum vor zwei Stunden das Schmerzenlager verlaſſen hat, und finde in der Nebenbuhle⸗ rin zugleich die beſte Wache vor Deinem Ungeſtüm und meiner Liebe.“ Archimbald wurde feuerroth, da er aus Zenidens Munde dieſe ſchonungsloſe Erinnerung an den vorgeſtrigen Abend hören mußte; und er hätte Alles darum gegeben, wenn Leila nicht zugegen geweſen wäre. „Du haſt ihn böſe gemacht,“ flüſterte dieſe, als ſie die düſtre Stirne Archimbalds bemerkte. „Das wollte ich nicht,“ erwiederte Zenide eben ſo unbe⸗ fangen,„und er wird wohl ſo vernünftig ſeyn und wieder gut werden, wenn er ſieht, daß wir ihn beide herzlich lieben.“ „Wie einen Bruder!“ fiel Leila ein. „Mehr als einen Bruder!“ ſetzte Zenide hinzu.„Er muß uns dafür auch einen Gefallen thun.“ Fragend ſah Archimbald die Mädchen an, und faßte ihre weichen Hände. „Welchen meinſt Du?“ fragte Leila halblaut, und ſchlug ihr großes dunkles Auge zu ſeinem Antlitz auf. „Der Name, den er führt,“ fuhr Zenide fort.. viſt häßlich. Die ſchweren deutſchen Worte wollen nicht recht ————— — —— ———— 318 geläufig aus unſerm Munde. Dann iſt der Name Arch.. im bald.. ſo breit, ſo lang. Er ſoll uns erlauben, ihn Achmet zu nennen, wie unſer geliebter Bruder heißt.“ „Ja, guter Archimbald verſetzte Leila, ſeine Hand drückend.„Thue das, laß uns Dich Achmet heißen. Wir ſtellen uns dann vor, Du ſeyeſt der unſern einer, der hoch⸗ herzige Bruder, von dem wir leider weit entfernt, unſer Leben vertrauern müſſen. Sey Du Achmet, unſer Bru⸗ der an ſeiner Statt.“ Freundlich nickte Archimbald ein bereitwilliges Ja. Die Mädchen hüpften vor Freude, und verſprachen ihm, ſich des Schweſternamens und des ſtattlichen Bruders würdig zu zeigen. Als ſie ſich endlich behutſam wieder entfernen woll⸗ ten, hielt ſie Archimbald zurück, und ſeine Geberde forderte von Jeder den Schweſterkuß. Zenide erfüllte ſchnell ſein Verlangen. Leila ſchüttelte aber ſanft lächelnd das Haupt. Sie kniete vor dem Staunenden nieder, küßte ſeine rechte Hand, ſein Knie, und ſtellte dann ſeinen Fuß auf ihren Kopf; verharrte einige Augenblicke in dieſer Stellung, und ſtand alsdann auf, ihm die Stirne zum Kuſſe reichend. „Du biſt mein Herr,“ ſprach ſie darauf ſchwärmeriſch, „und mit dieſer Huldigung habe ich mich Dir geweiht, bis an mein Lebensende. Gebiete über mich. Sey es mein Tod,„meine Schandez... nimmer wirſt Du mich meinem Gelübde untreu, Deinem Willen ungehorſam erfinden. Wo⸗ wann und wie uns auch der Prophet zuſammentreffen laſſen möge, in Glück oder Noth, früh oder ſpät, hier oder im Vaterlande... ich theile Alles mit Dir; den Becher der Freude, den Heller der Armuth, den Todeskampf!“ ——— 3¹9 Archimbald blickte betroffen in Leilas Feueraugen, wäh⸗ rend ſie das Gelübde ſprach, deſſen feierlicher Ausdruck ſelbſt die leichtſinnige Zenide bis in das Innerſte erſchüttert hatte. Aus ihrem Antlitz leuchtete Liebe und Rührung. Schluch⸗ zend umſchlang ſie die begeiſterte Schweſter, küßte ſie, und ſprach zu Archimbald: „Achmet, Bruder, Geliebter! Du haſt dies Gelübde ge⸗ hört, wie noch nie dieſe Mauern ein ähnliches vernahmen. Schätze es nach ſeinem Werthe, hege die köſtliche Perl, die der Allmächtige in der Geſtalt meiner Leila auf Deinen Weg geſtreut hat. Liebe, ſchirme ſie, wie Dich ſelbſt; Ihr ſtehe ich gern zurück, denn ich bin nicht ſo gut, nicht ſo edel als Leila; neben Ihrer Tugend bin ich eine Un⸗ würdige.“ Leila zog die von ihrem Lobe Ueberfließende ſchnell mit ſich fort. Auf der Schwelle der Eingangsthüre blieben die Mädchen einen Augenblick ſtehen, ſendeten dem nacheilenden Wahlbruder Gruß und Kuß, und verſchloſſen eiligſt die Thüre.— Archimbald konnte ſeines Staunens kein Ende finden. Die Handlungsweiſe der Türkinnen ſchien ihm ſo eigen, ſo ungewöhnlich, daß ſie ſchon um deſſentwillen ſeine ganze Theilnahme in Anſpruch nahm, hätte nicht bereits die Schönheit der Schweſtern ihr das Wort geredet. Er mußte die ſeltſame Laune ſeines Geſchicks bewundern, das ihm durch Frauengunſt erſetzen zu wollen ſchien, was Haß und Tücke des eignen Geſchlechts ihm hartnäckig verſagte: Liebe, Mitgefühl. Aus dem fernen ottomanniſchen Reiche ſandte ihm die Vorſicht eine Freundin, wie Leila. Auf dem entlegnen Schloſſe Worosdar entblühten ihm drei Knospen, eine liebenswürdiger als die andere, eine jede ſich zärtlich 320 ihm zuneigend, ihn ermunternd, die ſchwere Wahl der Ei⸗ nen zu treffen. Ludmille hatte ſein Herz beſtochen, Zenide ſeine Sinne entflammt,... Leila, die Unbeachtete, beſiegte beide. Ludmillen galt ihr Stolz mehr als die Liebe, Ze⸗ niden ſein Körperreiz mehr, als ſein Gemüth,... Leila verſagte die Gunſt eines Kuſſes, warf ſich aber als demü⸗ thige Sclavin in den Staub vor dem Gebieter, während ihr unnennbarer Zauber das Herz des Herrn in Feſſeln ſchlug. O, wie bereute der Jüngling jeden Blick, den er Ludmillen geſchenkt; jede Liebkoſung, die er an Zeniden verſchwendet hatte ſie ſchienen ihm Frevel an Leilas ſtiller Liebe zu ſeyn; ſie allein behauptete in ſeiner Bruſt den erſten Platz, denn die hingebende Demuth des Weibes beſticht die Eitelkeit des Mannes, der ſeine Kraft und Hoheit gerne von dem Gegenſtande feiner Liebe anerkannt ſieht.— Mit der ſchönen Türkin und ihrem Bilde beſchäftigt, erwartete Archimbald die Stunde, in der ihn Ludmille beſchieden, die Stunde, in der ſie ſich vorgenommen hatte, den Weg ihrer beiderſeitigen Trennung kaltblütig vorzuzeichnen.—„Nein!“ wiederholte er;„ſie hat mich nicht geliebt. Eiſige Kälte, kein lebenswarmes Blut rieſelt in ihren Adern. Sie hat nicht geliebt, wird nimmer lieben können, wie Leila!“ Taub gegen die Stimme der Vernunft, die für Ludmil⸗ lens Betragen das Wort führte, bemühte ſich der verblen⸗ dete Jüngling in ſeinem Herzen das Gefühl zu erſticken, das ihn noch an die Angebetete band. Sein angeborner Starrſinn trat hinzu, und diktirte ihm folgende Zeilen in die Feder:„Gnädigſte Prinzeſſin!... Eure Worte fielen in ein aufmerkſames Ohr. Ihr ſeyd die Fürſtin, ich der Knecht. Mein Urtheil iſt geſprochen, und ich weiche Euerm 321 Willen. Während der Gram der erſten Liebe mich verzehrt, möge befriedigter Stolz Euch Glück und Segen bringen. Der Eurige auf ewig.“ Dieſe Zeilen Ludmillen zu übergeben während der heu⸗ tigen Zuſammenkunft, war feſt in Archimbalds Seele be⸗ ſchloſſen. Durch dieſe Schrift, die ein unverzeihlicherer Stolz als Ludmillens in's Daſeyn rief, dachte er ſeine Liebe abzuſchwören, ſie auf den Gegenſtand überzutragen, der ietzt ausſchließlich ſeine Einbildungskraft beſchäftigte, auf die holde Leila. Der Unglückliche! Er ahnte nicht, daß ein boshafter Dämon ſchon bereit ſtand, die Flamme zu ſchüren, die den Pallaſt ſeiner eitlen Träume verzehren, und zum Scheiterhaufen ſeiner Wünſche machen ſollte. Die Zeit hat das Verdienſt der Unparteilichkeit. Mit gleich ſchnellen Schwingen eilt ſie an Glücklichen und Un⸗ glücklichen vorüber; für Archimbalds Ungeduld ſchlich ſie heute wie eine Schnecke, denn er ſehnte ſich nach dem Au⸗ genblicke, Ludmillens Kälte mit gleicher vergelten zu können, und ihr im Scheiden fühlen zu laſſen, welch ein Herz ſie von ſich geſtoßen.— Er durcheilte in dieſer Erwartung alle Räume ſeines Gebiets, warf ſogar einen flüchtigen Blick in das ſchauerliche Gemach, in dem Eberhard gefallen war, und dankte Gott dabei im Stillen, ſeinen Lehrer, ſeinen Freund von der blutigen That freiſprechen zu können. Er kramte in der Bibliothek, reinigte die Bücher, die Papiere vom freſſenden Staub, begann ſie in Ordnung aufzuſtellen; allein die Arbeit eckelte ihn bald an, eine prickelnde Lange⸗ weile quälte ihn, und ſogar der Wahnſinnige fand es nicht für gut, den Beſuch von geſtern zu wiederholen, um der nfirnge Stundenreihe eine Abwechelung zu verleihen. . 1. 21 322 Kaum ſank auch die Sonne, als Archimbald ſchon die Reiſe nach der Gruft antrat. Bald hatte er die Treppe erreicht, und befand ſich ſchon an ihrem Ausgange, als ihn der Klang mehrerer Menſchenſtimmen in dem Gewölbe ſtutzig machte. Er ſtand ſtille, noch zeitig genug, um nicht von den in der Gruft Handthierenden geſehen zu werden. „Horch!“ ſagte der eine...„Chriſtoph! hörſt Du nichts? Es hat geraſchelt und gerauſcht.“ „Wo?“ fragte Chriſtoph. „Dort, bei der kleinen Treppe...“ verſetzte der erſte, in dem Archimbald Elias erkannte.„Laß uns nachſehen, ob nicht ein Spitzbube... „Befehlt dem Herrn Eure Wege... fiel Nepomuls Stimme ein,...„und laßt ab von Eurem frevelhaften Un⸗ ternehmen. Dort hauſen nicht gefährliche Menſchen, ſondern gefährlichere Geſpenſter. Ich möchte um keinen Preis die Treppe beſteigen, abſonderlich zu dieſer Friſt, wo es Abend werden will.“ „Brr!“ rief Chriſtoph.„Alle gute Geiſter!“ „Wer ſpuckt denn aber auf der Treppe?“ fragte Elias. „Wer anders, als der ſelige Herr?“ erwiederte Nepo⸗ muk kläglich.„Hat er nicht dieſe Treppe aus ſeinen Zim⸗ mern herunterleiten laſſen, um in finſtern Nächten bei'm Scheine einer gebannten Lampe, durch geheime Künſte die Geiſter ſeiner Altvordern zu beſchwören, und von ihnen das Schickſal ſeines Hauſes zu erkunden?“ „Behüte uns der Herr in Gnaden!“ murmelten die Zu⸗ hörer. „Solch verderbliches Eindringen in die Geheimniſſe der Todten,“ fuhr Nepomuk fort,„bringt aber niemals gute — Frucht. Darum mußte der Herr auch eines kläglichen Todes ſterben; Gott ſey der armen Seele gnädig! Die durchlauch⸗ tige Frau hat alsbald, nachdem der Kammerdiener Erlwein ſein Bildniß vollendet, und kurz nachher das Zeitliche ge⸗ ſegnet hatte, mit demſelben das Pförtlein verſperren laſſen, das hier herunter führt, damit kein Menſchenkind ferner den gefährlichen Pfad betreten möge. Aber was machſt Du denn, Elias? Lege doch mehr Wachholder auf die Gluth!“ „Sagt mir doch'mal, Meiſter Nepomuk,“ verſetzte Elias,„warum wir denn eigentlich die Gruft lüften und ausräuchern müſſen?“ „Die allergnädigſte Fürſtin hat es befohlen,“ erwiederte Nepomuk vornehm.„Das ſollte uns genug ſeyn. Jedoch halte ich dafür, der vortreffliche Prinz Bernhard wünſche die Ruheſtätte ſeiner Ahnen von mütterlicher Seite in Au⸗ genſchein nehmen zu wollen.“ „Ich dächte gar;“ lachte Chriſtoph.„Er iſt ſeit heute Vormittag mit ſeinem wilden Heer auf die Jagd gezogen. Lebendiges Wild iſt ihm lieber, als die verwitterten Kno⸗ chenhäuſer hier unten. Ich will's Euch beſſer ſagen. Des Pfarrherrn Bruder iſt mit ſeiner Eheliebſten heute Nachmit⸗ tag von Auſterlitz hier angelangt, nämlich im Dorfe bei dem Bruder. Vermuthlich wird der Pfarrer ſeinen Bluts⸗ freunden die Ehre anthun, und ihnen alles zeigen wollen, was unſer Schloß Merkwürdiges enthält. Ihr wißt, daß es ihm bei der gnädigen Frau nur ein Wort koſtet... „Ja wohl, ach ja wohl!“ ſeufzte Nepomuk,...„frei⸗ lich wiſſen wir das. Die gnädigſte Frau iſt darinnen ein Bischen eigen... na! es iſt meine Sache nicht, ihr Thun und Laſſen zu meiſtern, obſchon ich in meinem ſchlichten Sinne 34 mir anders betten würde.. allein, wenn Du meinſt, Chri⸗ ſtoph, daß die Gruft dem Pfarrherrn zu Liebe gereinigt werden ſoll, ſo mag es für dies Mal ſein Bewenden damit haben. Löſch aus, Elias, das Wachholderholz iſt ſelten und koſtbar. Es iſt mir lieb, daß wir noch nicht mit dem Maſtix den Anfang gemacht haben. Hör' auf zu putzen⸗ Chriſtoph. Die Wappenſchilder glänzen ja helle genug, und Du renkſt Dir die Arme aus einander. Nun, Kinder, laßt uns gehen, und den Herrn bitten, daß er unſern Fleiß ſegne. Die Gatterthüre wollen wir offen laſſen. Die Luft reinigt ſich dann von ſelbſt.“ „Wenn aber die Fürſtin merken ſollte,“ ſprach Elias be⸗ denklich,„daß wir mit unſrer Arbeit ſo früh fertig geworden ſind? „Das wird ſie wohl bleiben laſſen,“ lächelte Nepomuk. „Wir können uns noch ein halbes Stündlein in dem Depu⸗ tat⸗Keller erluſtiren, wenn es Euch gefällig wäre.“ „Habt Ihr was Gutes?“ fragten Chriſtoph und Elias. „Ein Fläſchlein Ungar wird ſich allenfalls vorfinden,“ erwiederte Nepomuk,„ſo gut ihn die gnädige Frau auf der Tafel hat. In dieſem Goldweine wollen wir des durch⸗ lauchtigen Hauſes Wohl trinken, und dabei die Geſundheit der wackern Diener nicht vergeſſen, die ſich's im Herren⸗ dienſte ſauer werden laſſen um ihr Bischen täglich Brod. Und da heute die Betſtunde abermals verſchoben wird, wegen des Beſuchs, den der Pfarrherr von ſeinen liebſten Anverwandten empfangen hat, ſo laßt uns, ehe wir gehen, ein kräftiges Vaterunſer ſprechen, denn eine jede Arbeit muß mit Gebet begonnen und geſchloſſen werden, ſonſt ge⸗ deiht ſie in Ewigkeit nicht.“ Die Schwätzer entfernten ſich, und nach kurzem Ver⸗ weilen in der Kapelle, während deſſen Nepomuk ſeinen Freun⸗ den mit ſchnarrender Stimme das Gebet des Herrn ohne Sinn und Verſtand vorgeplappert hatte, verließen ſie die Kirche. Archimbald trat aus ſeinem Schlupfwinkel i0hn und harrte, an Eberhards Sarg gelehnt, Ludmillens. Sie zögerte lange, und der Wartende faßte ſchon den Verdacht, ſie ſey ihrem gegebenen Worte untreu geworden, als ſich das Schloß an der Pforte öffnete, und die edle Geſtalt in das dämmernde Gotteshaus trat. Archimbalds Vorſatz, der Geliebten Kälte und beleidig⸗ ten Stolz zu zeigen, wankte merklich während dem Nähen⸗ ſchreiten der Liebreizenden, deren Auge in dem dunkeln Raum der Gruft den Freund ſuchte. Langſam, mit ſich ſelbſt im Kampfe, trat er ihr unter dem Gatterthor entgegen, und begrüßte ſie förmlich. „Guten Abend,“ flüſterte ſie;„Ihr ſeht, Archimbald, ich babe Wort gehalten, und wünſchte Euch freundlicher zu fin⸗ den. Weg mit den finſtern Falten vor der Stirne. Nehmt ein Beiſpiel an mir. Ich bin freudig und ergeben; denn ich habe den Nuth gefunden, mein Herz der geliebten Mutter zu offenbaren.“ Archimbald fuhr betroffen zuſammen. Sie ergriff ihn aber ſchmeichelnd bei der Hand, zog ihn neben ſich auf den Sitz, und fuhr fort: „Erſchreckt doch nicht. Wir haben ja keine Sünde be⸗ gangen, die uns Angſt verurſachen könnte. Meine Mutter kennt der Liebe Leiden. Sie war nicht unempfindlich gegen die meinigen. Sie ſchalt mich nicht„ſie bedauerte mich. —— 326 Ich habe ihr Alles entdeckt, nur unſer geſtriges Zuſammen⸗ treffen, unſer heutiges habe ich ihr verſchwiegen, und faſt muß ich fürchten, das ich übel daran gethan habe; denn Ihr betrachtet mich mit einem glühenden Blicke, der mich wün⸗ ſchen läßt, entweder gar nicht, oder unterm Schutze der Mutter, Euch beſucht zu haben.“ Archimbald zwang ſich zu einer freundlichen Miene, und Ludmille fuhr beruhigter fort: „So, guter Archimbald;z nun ſeyd Ihr wieder der Alte, und ich habe wieder Vertrauen zu Euch. Hört mir auf⸗ merkſam zu. Die Mutter hat ſich vorgenommen, ſelbſt mit Euch zu ſprechen, wenn mein Bruder abgereist, Ihr Euerer Hoft entlaſſen ſeyn würdet; allein es iſt beſſer, wenn ich Euch vorbereite. Die Fürſtin, weit entfernt, mich und meine Gefühle zu verdammen kann ſie dennoch, mit dem beſten Willen, nicht billigen.“ Ludmille ſeufzte, ſtrich ſich die Locken aus der Stirn, und ſprach weiter:„Ich bin dem Villen meines Bruders untergeordnet, und was dieſer über mich beſchließt, muß ich in Geduld hinnehmen. ſelbſt das Schlimmſte, wenn nicht der Allmächtige ſein Herz rührt. Jedoch, wäre er auch gleich im Stande, mich leichtſinnig dem Elendeſten hin⸗ zuwerfen, wenn nur eine Grafen⸗ oder Fürſtenkrone ſein Wappen deckt, ſo iſt dennoch keine Hoffnung vorhanden, daß er mich dem Glanz⸗ und Güterloſen überlaſſen werde, wäre dieſer auch der Würdigſte ſeines Geſchlechts. Kummer, Elend und Verfolgung würde mein, würde des geliebten Mannes Lvos ſeyn, der mich, allen Hinderniſſen zum Trotz, die Seine nennen... dem ich, Alles verlaſſend, Gattin ſeyn wollte. Trennung durch den Machtſpruch und die * — Gewaltthat eines graufamen Bruders wäre die Entwickelung des unter ungünſtigem Geſtirn geſchürzten Knotens.— Laßt uns der fremden Willkühr zuvorkommen, ſelbſt mit bluten⸗ dem Herzen zerreißen, was das ſchwache Herz in unbewach⸗ ter Stunde unbeſonnen knüpfte.“ Archimbald ſah düſter auf den Boden, denn des Arg⸗ wohns Dämon ſtieg in ſeinem Gemüthe auf, und dennoch konnte er es nicht über ſich gewinnen, übereilt und rauh der lieblichen Sprecherin, die ihn mit neuen Roſenbanden umſchlungen hatte, Lebewohl zu ſagen.— Sie begann aber aufs Neue, indem ihre Stimme immer ſchwankender wurde gegen das Ende ihrer Rede: „Trennung, theurer Freund, iſt das einzige Mittel zu unſerer Rettung. Allein, wie ſie bewerkſtelligen? Meine Mutter gedenkt nicht Euch aus dem Schloſſe zu entfernen, da ſie dem Doctor Dee, der Euch empfahl, und dem ſie, weil er von ſchwerer Krankheit ſie errettet, Dank gelobte, ihr Wort zu halten verbunden iſt, das Euch auf ein Jahr zu ihrem Dienſte verpflichtet. Sie zürnt Euch auch nicht, wegen der verzeihlichen Neigung, wie ſie es nennt, die Ihr gefaßt, und wünſcht nicht, Euch in Ungnade zu entlaſſen, Ihr müßt demnach auf dem Schloſſe bleiben, bis der Doc⸗ tor Euch wieder von dannen nimmt; und ich.. ſie ſtockte... „ich werde es verlaſſen, und bei einer bejahrten Baſe mei⸗ ner Mutter, in Ollmütz freudenloſe Tage verleben, bis⸗ ich 2. hieher zurücktehren darf, ohne zu gewaltſam an die ſchönſten Stunden meines Lebens erinnert zu werden, an die Stunden, in denen ich Euch ſah,... in welchen mein Herz zum erſtenmale ſich einem Gefühle anſchloß, das mei⸗ nem Leben Seligkeit verleihen würde, wie ſie die Engel 3²8 genießen, wäre ich nicht in dieſem Schloſſe, nicht unter dem Purpur meines Vaters geboren!“ Ihre Thränen brachen hervor; ſie ſtützte ſich ſchluchzend auf Archimbalds Schulter, deſſen Bruſt in fürchterlicher Bewegung war. Er ſah frei und offen, ungeblindet in Ludmillens Gemüth,.. ſah es beſeligt vom Entzücken der Liebe.. zerriſſen von dem ſchrecklichen Gedanken, ihr entſagen zu müſſen,.. und bereute bitter den Verdacht, den ſein argwöhniſcher Sinn gegen die Reine gehegt. Auf ſeinen Knieen überreichte er, mit den ſchmerzvollſten Zeichen ſein Leid kund gebend, und die Vorwürfe, die ſein Gewiſſen zernagten, Ludmillen das Blatt, das er für ſie geſchrieben, das auf ewig ihre Seelen in Unfrieden getrennt haben würde. Sie las es, während er ihre Hände mit ſeinen Thränen netzte, und als ſie ihm darauf ſtill bekümmert in die Augen ſah, zerriß er heftig die liebloſe Schrift, und betheuerte ihr vor dem Altar ſeine Liebe, ſeine Treue, ſeinen Gehorſam.— Der Auftritt nahm aber plötzlich eine andere Wendung. Nepomuk, an der Kirche vorüberſchleichend, hatte die Pforte nur angelehnt gefunden. Der Neugierige ſandte einen vohrenden Blick des Vorwitzes in das Gebäude und erſtarrte, als er die beiden befreundeten und in ihrer Unterhaltung verſunkenen Menſchen gewahrte. Archimbald, den er hun⸗ dert Meilen von dannen glaubte, Archimbald, der auf dem beſten Wege geweſen war, von ihm die Gunſt der Fürſtin ab, und auf ſich ſelbſt zu leiten,„ Archimbald in ge⸗ heimem Verſtändniſſe mit der Prinzeſſin?... Wie ein Pfeil⸗ um ja den Augenblick nicht zu verſäumen, in dem es galt dem unberufenen Gunſträuber ein Bein unterzuſchlagen,— 3²9 flog der Heuchler zu der Fürſtin, und brachte ihr athemlos die Kunde, die ſie in keine geringe Beſtürzung verſetzte. Schnell entſchloſſen jedoch warf ſie den Schleier über, um ſelbſt nach der Kirche zu gehen, nachdem ſie dem Haushof⸗ meiſter das ſtrengſte Schweigen gegen einen Jeden empfoh⸗ len hatte. Allein Nepomuk, ſeit Langem gewöhnt, die Be⸗ fehle der Herrſchaft nur in ſoweit zu erfüllen, als ſie ihm gut dünkten, lief ſpornſtreichs von dannen, dem jungen Herrn entgegen, deſſen Annäherung ſchon von weitem der luſtige Hörnerſchall und das Halloh der Jagdgenoſſen ver⸗ kündete. Als ob ihm der Kopf brannte, rannte er an dem Pfarrherrn vorbei, der in Geſellſchaft ſeines Bruders und ſeiner Schwägerin in geringer Entfernung vom Schloſſe am Wege ſtand, um die fröhlichen Jäger, die im Fackelſchein daher kamen, an ſich vorüber ziehen zu laſſen. Eilfertig drängte ſich der ſchadenfrohe Bote zu dem Prinzen, der als künftiger Herr von dem Wohldiener beſonders berückſichtigt wurde, und meldete ihm in eifriger Kürze, was vorgefallen ſey, und wie er ſich geſputet habe, die Kunde zu des Herrn Ohr zu bringen, damit er den Schuldigen auf friſcher That ertappe. „Sturm und Wetter!“ rief Bernhard, und packte Kauniz, der ihm zur Seite ritt, unſanft an.„Bruder Kauniz, die Rache iſt nah. An dem Frevler ſowohl, der Dich beleidigt hat, als an der Nichtswürdigen, die Dir an offner Tafel den Korb gab, und die ich nicht mehr Schweſter nenne! Ich hielt ſie für eine Thörin,.. jetzt ſehe ich in ihr nur die lockre Dirne, die im Verſtändniß mit dem gemeinen Knechte lebt.— Auf, Ihr Herren, ſpornt Eure Gäule. Vor der Zugbrücke ſitzen wir ab, damit die Vöglein nicht ſcheu werden; Neſte!“ Mit dieſen Worten ſprengte der Trupp, deſſen Getüm⸗ mel plötzlich ſchwieg, an dem Pfarrherrn und ſeinen Ver⸗ wandten vorüber, warf ſich an der Brücke vom Gaule, und der Pfarrherr folgte mit den Seinen neugierig dem leiſ' ſchleichenden Fackelzuge. „Verzeihung, Mutter!“ flehte zu der Fürſtin Füßen die ſchluchzende Tochter, als dieſe, nachdem ſie eine Weile un⸗ bemerkt die Liebenden belauſcht hatte, gleich einer zürnenden Göttin zwiſchen ſie trat. Archimbald knieete zu ihrer Lin⸗ ken, und küßte bittend ihr Gewand. Lange fand Elevnore keine Worte. „Ungläckliche!“ ſprach ſie endlich mit ſanftem Vorwurf. „Was beginnt Ihr? Du, Ludmille, täuſchteſt mein Vertrauen, treibſt Dein Spiel damit, indem Du mir einen Theil Deiner Handlungen geſtehſt, um mit dieſem Bekenntniß die andere Hälfte derſelben zu verſchleiern? Ihr, Archimbald, mißbraucht meine Gnade, und belohnt ſie mit dem ſchwärzeſten Undank, indem Ihr mein Kind, mein liebſtes Kind zu verführen trach⸗ tet, an heiliger Stätte ſogar? Sollen etwa, da Euer Mund ſtumm iſt, Euere Thaten reden, und Euere Schande laut bekennen? Unſelige, Ihr habt mein Herz durchbohrt.. wie könnt Ihr Euch entſchuldigen?“ „Wir haben nichts Böſes gethan,“ rief Ludmille,„ich ſchwöre es vor Gott in ſeinem Hauſe. Mutter, Du kennſt meine Liebe Du kennſt aber auch den ſtandhaften Kampf, den ich ihr entgegenſetzte. Meinen Muth habe ich dem Freunde mit⸗ getheilt,. wir ſcheiden... auf ewig... und in dem erſten Kuſſe unſers Bundes, in dem letzten Abſchiedsknſſe dann aber freut Euch auf den Tanz im — 4 —— den ich dem Troſtloſen nicht weigern konnte, fandeſt Du uns...Entſcheide!“ „Erbaulich! in der That!“ ſchallte eine rauhe Stimme hinter ihnen. Erſchrocken blickten die Dreie um. Bernhard mit all' ſeinen Begleitern ſtand neben ihnen, und die Män⸗ tel, welche bis jetzt das Licht der Fackeln verhüllt hatten, ſanken plötzlich hernieder, und ließen einen grellen Schein auf die entſetzenſtarre Gruppe fallen. Die Knieenden ſpran⸗ gen auf.„Fliehe Geliebter!“ flüſterte dem Pagen Ludmille ängſtlich zu; allein zur Flucht war es zu ſpät, und ſein Ehrgefühl ſträubte ſich mächtig dagegen, da zu fliehen, wo vielleicht ſein Schutz nothwendig ſeyn dürfte! „Erbaulich!“ wiederholte Bernhard, die Fürſtin, die un⸗ beweglich, mühſam nach Faſſung ringend da ſtand, verächtlich meſſend.—„Hier ſpielt die fürſtliche Mutter die Kupplerin ihrer Tochter. Eine feine Wahl, die ſie da getroffen. Den frechen Knecht,— der bereits die Matrone zu unziemlicher Begierde entflammt hat, wie das Gerücht zur Schande un⸗ ſeres Hauſes ausbreitet,— gelüſtet's nach der jüngern und friſchern Tochter, und ſie wirft ſie ihm in die Arme, wie ſie ihm die Geſchenke zugeworfen, die er als Pfänder ihrer altersſchwachen Leidenſchaft trägt.“ Beſtürzt ſtanden alle Anweſenden, bei den ungeheuern Beſchuldigungen, die ein Sohn gegen ſeine Mutter zu erhe⸗ ben wagte. Durch dieſe Schmähungen hatte die Letztere aber ihre Faſſung wieder erhalten, und antwortete mit Würde. „Schweige, ungerathener Sohn, und blicke um Dich. Wenn Du noch einen Funken von Scham beſitzeſt, ſo ſchweige in der Gegenwart Deiner Genoſſen, vor welchen Du Dein Haus brandmarkſt, boshafter Lügner!“ 332 „Nicht doch, meine fromme Mutter,“ ſpottete der Prinz. „Die Herren ſind zugegen, um Zeuge Eures Wandels zu ſeyn. Ihr habt Euch nicht geſcheut, dem Knecht vor aller Welt Beweiſe Eurer laſterhaften Gunſt zu geben, ſo werde denn auch der Tochter Schande offenkundig vor aller Augen, wie die Strafe jenes Buben, der nicht allein die vejahrte Fürſtin berückte, ſondern auch die ſtolze Ludmille aus dem edeln Stamme Worosdar zu ſeiner Metze machte!“ „Barmherziger Gott!“ rief die Fürſtin, die Arme gen Himmel breitend. „Zu viel!“ ſtammelte Ludmille, und ſank halb ohnmächtig an der Mutter Bruſt. Grenzenloſe Wuth aber zuckte durch Archimbalds Nerven, der, ſich ſelbſt vergeſſend in dem Sturme der Gefühle, vor die Frauen ſprang, und mit Löwenſtimme dem ruchloſen Bruder zudonnerte:„Schweigt, Unglückſeliger! ſchweigt! oder, ich ſchwöre es bei Gottes Sternen dort oben, das nächſte Wort iſt Euer letztes!“ Alle fuhren zuſammen, bei der kühnen Rede, die wie ein Gewitterſturm von den Lippen des Stummgeglaubten rollte. Ludmille, die Fürſtin ſtaunten ihn bewegungslos an. Aus dem Hintergrunde der Kirche aber erſchallte ein lautes Ge⸗ ſchrei.„Er iſt's! er iſt's!“ laßt mich hindurch zu ihm, daß ich ihn ſehe, daß ich mich überzeuge!“ rief eine ſehr bewegte Weiberſtimme, die Archimbald mit Entſetzen für die Sabi⸗ nens erkannte. Sie war es auch, die gutmüthige Krankenpflegerin, die von ihrem Gatten, dem Bruder des Pfarrherrn, begleitet, ſich Bahn machte zu dem Jüngling, und ihn entzückt in die Arme ſchloß.—„Willkommen! willkommen, Herr Wernher!“ —— 333 rief ſie freudig, halb weinend, halb lachend, und ergriff ſeine Hände.—„Ihr ſeyd groß und ſtark geworden, aber Euer Geſicht iſt daſſelbe, Euere Sprache ganz die alte.“ Archimbald wollte fremd thun; allein ein Blick auf Sa⸗ binens Gatten, auf den Magiſter Kalander, machte ihn ver⸗ ſtummen.„Ja, es iſt mein Zögling Archimbald,“... ſprach dieſer ganz treuherzig zu dem nacheilenden Pfarrherrn,.. „der unglückliche Knabe, von dem ich Dir ſchon erzählt habe.“ Hierauf wendeten ſich beide zu dem Wiedergefundenen, der endlich, gezwungen ihren Liebkoſungen nachzugeben, nicht gewahr wurde, wie der Pfarrherr eifrig mit der Fürſtin verkehrte alsdann den Prinzen bei Seite zog, und wie eine ſehr übelwollende Aufmerkſamkeit ſich auf ihn rich⸗ tete. Der Prinz näherte ſich aber bald triumphirend, und befahl dem Magiſter und Sabinen, ſich von dem Jüngling zu entfernen. Sie gehorchten, und Archimbald ſtand allein wie ein Beklagter vor ſeinen feindſeligen Richtern. „Meine Herren und Freunde,“ ſprach hierauf Bernhard zu den Umſehenden.„Ihr habt Alle geſehen, welch ein un⸗ würdiges Poſſenſpiel vor unſern Augen abgeleiert worden iſt. Der Pickelhäring deſſelben jedoch, der Knecht Archim⸗ bald iſt, wie ich von dem Pfarrherrn erfahre, kein bayeri⸗ ſcher Edelmann aus altem Hauſe, wie man meiner leicht⸗ gläubigen Mutter vorgelogen, er iſt kein Bürger, kein Bauer, nicht einmal ein Leibeigener.. er iſt ſchlechter als alles dieß, der elende Baſtard eines gemeinen Krä⸗ mers von Ulm, der, aus Gründen, die er uns auf der Fol⸗ ter bekennen wird, ſich ſtumm geſtellt, und dadurch alle hin⸗ tergangen hat. Was meint ihr dazu?“ 334 Gemurmel des Hohns lief durch die weite Reihe. Sabine und Kalander, ihre Voreiligkeit bereuend, ſtanden des Aus⸗ gangs zitternd gewärtig, in der Ecke. Archimbald, ſeiner Larve ſchonungslos beraubt, warf ſich, Vergebung flehend⸗ zu der Fürſtin Füßen.„Hinweg!“ zürnte dieſe.„Der arme, mit Gebrechen behaftete, ehrlich geborne Jüngling gewann meine Gnade. Den Heuchler, den Lügner, den Baſtard kenne ich nicht mehr.“ „Prinzeſſin! werdet Ihr mir Euere Vergebung verſa⸗ gen?“ ſtammelte der Verzweifelnde, die Hand der Schreckens⸗ bleichen heftig faſſend. Stumm riß ſie ſich los. ihr Antlitz mit dem thränennaſſen Tuche verhüllend. Archimbald war zu Boden geſchmettert von ſeinem Unglück⸗ Indem traten einige Knechte ein, nach delen der Prinz geſandt hatte.„Der Sohn einer fahrenden Metze darf ſich nicht rühmen,“ ſprach derſelbe,„von adeligen Händen be⸗ rührt und gefahndet zu werden. Darum verrichtet Ihr den Schergendienſt. Bindet, knebelt ihn!“ Die Fürſtin und Ludmille ſprangen abwehrend vor.„Mich binden, knebeln, mißhandeln?“ rief Archimbald, grimmig entbrannt.„Wer thut das, ohne das letzte Stoßgebet ver⸗ richtet zu haben?“ Mit dem Rücken an den Thorpfeiler der Gruft gelehnt, ſchwang er den blitzenden Türkendolch in der Fauſt. Die Knechte wichen zurück, da ſie der Waffe anſichtig wurden. „Jeige Hunde!“ ſchnaubte der Prinz, und riß den Degen aus der Scheide.„Schreckt Euch ein Dolch? Leg' die Waffe nieder, Böſewicht, oder ich haue Dir die Schurkenfauſt her⸗ unter!“ „Dann wärt der Schurke Ihr!“ entgegnete Archimbald im ſelben Tone.„Indeſſen verſucht's!“ „Du drohſt, nichtswürdiger Bankert?“ rief der Prinz außer ſich, und ſtürzte auf Archimbald ein„der ihn trotzig und feſten Fußes erwartete. Als er ihn aber bei der Gur⸗ gel packen wollte, ſtieg plötzlich neben Archimbald, unter dumpfem Hohngelächter, eine geſpenſtergleiche Schreckgeſtalt aus der Gruft. Ein Schrei des Entſetzens ertönte im Gewölbe. Der Prinz ſtürzte zurück. Die Fürſtin hielt beide Hände vor's Geſicht. Ludmille ſchlug leblos zu Boden. Sie hatte in der Spuckgeſtalt den wahnſinnigen Vater erkannt. Archim⸗ bald aber benutzte den günſtigen Augenblick, in dem alle Anweſenden gleich Bildſäulen nach dem Fremden, ihm wohl⸗ bekannten Gaſt ſtarrten, und machte ſich muthig Bahn zur Kirchenthüae, ohne daß ein Menſch daran gedacht hätte, ihn aufzuhalten. „Tod und Hölle!“ wüthete Bernhard, zu ſich ſelbſt kom⸗ mend.„Was iſt das?“ Ein heiſeres Gelächter war des Verrückten Antwort. „So falle denn, elendes Gaukelbild, wenn Du nicht Rede ſtehſt,“ brüllte der Prinz und holte zu einem gewaltigen Hiebe nach dem Wahnſinnigen aus. 5 „Um des Erlöſers willen!“ ſchrie die Fürſtin, ſich athemlos zwiſchen beide werfend...„halt ein! es iſt Dein Vater!“ „Mein Vater?“ wiederholte der Sohn und taumelte in Kaunizens Arme. Denn der Streich war gefallen, und die Mutter in ihrem Blute zu Boden geſunken. Siebzehntes Rapitel. — Was ich gelobt in jenes Augenblickes Höllenquallen, Iſt eine heil'ge Schuld! ich will ſie zahlen! Schiller. Es war um die Weihnachten, und in des Kaufherrn Philipp Wernhers Hauſe, unfern des Hauſes der deutſchen Herren zu Ulm, ging es boch her mit Muſiciren, Pfeifen und Trompeten, weil ein koſtbares Mahl daſelbſt gehalten wurde, zur Feier eines großen Feſtes. Es war nämlich Herrn Wernhers erſtgebornes Söhnlein durch die Taufe in die Zahl der Chriſten aufgenommen worden. Die Tafel war reich beſetzt mit Speiſen und Getränkenz alles im Ueberfluß, alles prächtig und vornehm. Silberne Gefäße blinkten, wo man nur hinſahz köſtliche Wohlgerüche duf⸗ teten auf in dem hohen Zimmer: liebliche Töne rauſchten munter und ſcherzend von dem Altan durch die Gemächer des Hauſes und durch die Straßen, um weit in die Ferne den Jubel zu verkünden. Bunt uud reichgeſchmückte Gäſte ſaßen um die ſchimmernde Tafel, allein der beſte Gaſt fehlte unter ihnen: die Fröhlichkeit, die alles belebende Freude. Förmlich und feierlich ſaßen Alle um das Mahl; der Hausvater oben an mit finſterm Blick, blaſſem Antlitze und düſtrer Laune; und das Tauffeſt würde einem Leicheneſſen ähnlich geweſen ſeyn, hätten nicht ein Paar Meiſterſänger ————— 337 durch ihr rauhes Lied einen ſchwachen Schimmer von Luſtig⸗ keit im Kreiſe verbreitet. Wie in der Tafelſtube, ſah es in dem Nebengemache aus, wo die Wöchnerin auf reichen Betten ruhre, den Säugling an der Seite, und gegen die geſchwätzi⸗ gen Freundinnen eine mühſam erzwungne Heiterkeit zu er⸗ künſteln ſich bemühte. Ein feindſeliger Geiſt ſchien über dem ganzen Hauſe zu walten; denn ſtumm und verdroſſen ſchlichen die Diener, beſtändig lebendige Bilder der Herrſchaft, um⸗ her, und in einer fernen Kammer kämpften zwei erbitterte Gegner: Tod und Leben, um die Hülle des alten Simon, der in der Vewußtloſigkeit eines hitzigen Fiebers ſchmachtend, ohnmächtig dem Ausgange des Streites entgegen athmete. Zu des Bettes Fuße ſaß der erfahrne Arzt, und berechnete aufmerkſam das Steigen und Fallen der wüthenden Krank⸗ heit. Die Pulsſchläge des Gequälten zählend, mit ſtaunen⸗ dem Ohre auf die ſeltſamen Reden horchend, die der Kranke in ſeiner verzehrenden Hitze ausſtieß, erwartete er geduldig das Ende der Kriſis, die denſelben dem Leben zurückgeben, oder in die Grube ſtürzen würde. Philipp war auch in ſeinen Gedanken mehr an dem Sterbe⸗ lager ſeines getreuen Helfershelfers, als an dem Kindtaufs⸗ ſchmauſe, und lechzte begierig dem Glockenſchlage entgegen, der ihm erlauben würde, ohne gegen die Sitte zu verſtoßen, die Tafel aufzuheben oder ſie zum mindeſten zu verlaſſen.— Da trat ein Diener vor ihn und ſprach:„Verzeiht, Herr Wernher; aber draußen vor der Thüre ſteht ein junger und armer Geſell, wie ſeine abgerißnen Kleider zur Genüge be⸗ weiſen. Er iſt auf der Wanderſchaft begriffen, und ſpricht bei Euch ein, um Euch eine gute Kunde zu bringen, die ihm, Si meint, wohl einen Zehrpfennig i würde.“ 2 338 „Hm!“ verſetzte Philipp, und rieb ſich die kahle Stirne. —„Ich hab' es zwar verſchworen, kein wanderndes Lumpen⸗ geſindel, das bettelnd umherſtreift, mehr anzuhören; doch weil ich heut' ein Feſt begehe, und weil er mir denn auch eine gute Kunde zu bringen vorgibt, ſo mag's drnum ſeyn. Er ſoll kommen, ſich aber fein kurz faſſen. Schärfe ihm das ein!“ Der Diener ging, und führte einen zerlumpten blaſſen Jüngling ein. Das eine Auge und die Stirn war von einem ſchwarzen Tuche verhüllt, das beinahe den ganzen Kopf be⸗ deckte. ein dichter Schnauzbart veſchattete den Mund, ſein Gang war hinfällig, gebückt und ſchwächlich. Demüthig blieb er an der Thüre ſtehen. Da alle Gäſte ſich verwundert nach ihm hingewendet hatten, ſo ergriff Philipp die Gelegenheit, einmal vor aller Welt ſeine Großmuth zu zeigen. „Tritt näher, Burſche;“ ſprach er halb freundlich zu dem Harrenden....„Du kömmſt, um zu betteln, wie ich merke; allein da ich heute guter Dinge bin, ſo ſoll Dir auch ein gutes Allmoſen nicht entſtehen, wofern Du mir die glückliche Botſchaft bringſt, deren Du Dich rühmſt.“ „Ja, edler Rathsherr!“ verſetzte der Fremde mit kränklicher Sprache.—„Ich werde, denke ich, meinen Zehrpfennig ehr⸗ lich verdienen, und Euch Freude gemacht haben. Damit ich mich alſo kurz faſſe, wie Euer Diener mir es geboten, ſo hört: ich bringe Euch Kunde von Euerm Bruder Archimbald.“ „Archimbald?“ wiederholten alle Gäſte verwundert„von dem Todtgeglaubten? von Archimbald?“ ſtammelte Philipp heftig erſchrocken, und verſtummte wie vor einem Donnerſchlag. „Ich fand auf meiner Wanderſchaft Euern Bruder, krank und mittellos in einer elenden Herberge,“ fuhr der fremde Geſell fort.„Er war, gleich mir, auf der Reiſe gen Ulm ———————— 339 begriffen. Er erzählte mir ſeine Begebenheiten, ſein un⸗ glückliches Schickſal. Da er nirgends mehr eine Ausſicht, nirgends Hülfe wußte, hatte er beſchloſſen zu Euch zu fliehn, Euch zu Füßen zu fallen und Euch zu bitten, ihn aufzuneh⸗ men, weil ihn die Welt feindlich von ſich ſtieß. Da aber ſeine kaum gewichne Krankheit ihn ſehr ſchwach gemacht, und außer Stand geſetzt hat, ſo ſchnell wie ich zu reiſen, ſo iſt er zurückgeblieben, und hat mich inſtändigſt gebeten, ſeiner Ankunft Herold zu ſeyn; in der Ueberzeugung, daß es Euch Freude machen würde.“ „Ein zierlicher Herold!“ murmelte Philipp höhniſch durch die Zähne; darauf wandte er ſich zu den Tafelgenoſſen.— „Wie gefällt euch,“ fragte er mit gezwungnem Lachen,. „das Fündlein, das der ſchlaue Zugvogel da erſonnen hat, mich zum Beſten zu haben, und mir einen Gulden aus der Taſche zu locken. Archimbald lebend... auf dem Wege hieher? ha! ha! ha! nur ein Verrückter kann ſich beigehen laſſen, mit der albernen Mähre einen Mann hintergehen zu wollen, der durch ſchriftliche Beweiſe von dem Tode des fraglichen Menſchen unterrichtet iſt, wie ich. Hebe Dich weg, und bringe Deine Zeitungen an, wo Du magſt, nur nim⸗ mer hier... Du biſt ein ſchlechter Lügner!“ „Herr!“ erwiederte der Fremde eifrig.„Ich bin kein Lüg⸗ ner. Ich will es darauf ankommen laſſen. In Euerm Hauſe will ich geduldig warten, bis Euer Bruder ſelber kömmt. Er kann nicht lange ausbleiben.“ „So?“ fragte Philipp mit ängſtlichem Scherz...„Glaub's wohl. Der Landſtreicher würde gute Tage leben, ſeinem Bauch pflegen, und wenn die Zeit herannaht, die er anberaumt, den Abſchied hinter der Thüre nehmen. Falſch gerechnet, 22 guter Freund. So lieb es mir wäre, wenn Deine Kunde ſich wahr erfände, ſo gerne ich den armen Archimbald, der in ſtörriſchem Eigenſinne und angeborner Wildheit die Flucht von hier ergriffen hat— ſo gerne ich ihn aufnehmen und pflegen würde.. wäre es auch nur, um die Läſterer Lü⸗ gen zu ſtrafen, die zu behaupten wagten, ich hätte ihn in's Elend gejagt, wohl gar mißhandelt oder ermordet— ſo be⸗ ſtimmt kann ich Dich verſichern, daß Deine Ausſage ohne Grund und der beſagte Jüngling todt iſt. Ich habe Be⸗ weiſe, die mich ſchützen, und bekräftigen, was ich behaupte.“ „Dieſe Beweiſe ſind falſch,“ erwiederte der Fremde kräf⸗ tiger.„Ich bin aber gutes Muths, da ich höre, daß Euer Herz freundlich geſinnt iſt gegen den Bruder... denn ich ich ſelbſt. bin Archimbald.“ Er riß ſich die Binde vom Haupte, die röthlichen Locken rollten golden darunter hervor, die muntern Augen blitzten, der falſche Bart fiel, und ſtatt der bleichen Wange, ſah man in ein geſundes, friſches Antlitz. Die Gäſte fuhren mit einem Laut der Ueberraſchung von den Stühlen auf. Philipp blieb wie erſtarrt auf dem ſeinigen, die weitgeöffneten Augen erſchrocken auf den Jüngling geheftet, der ihm freundlich die Hand bot, und mit mildem Tone alſo anhub: „Es freut mich, Bruder, Dich in Wonne und Fröhlichkeit zu finden; denn zu ſolchen Zeiten iſt das Herz zum Frieden aufgelegter als zu andern. Nach ſechs Jahren betrete ich wieder Dein Haus, zwar nicht mehr des Vaters ehrwürdige Wohnung, aber doch die Deinige. Von aller Welt verlaſſen, nach einer Wanderung voll Kummer, Hunger und Elend komme ich zu Dir... Gott hat heute mich eintreten laſſen. Du biſt Vater, Dein Sohn iſt heute unter die Gläubigen — 2u aufgenommen worden. nimm mich auch auf.. verſtoße mich nicht. Ich habe viel ausgeſtanden, recht viel gelitten. Laſſe mich bei Dir Ruhe finden!“ Philipp ſchwieg noch immer beſtürzt, und ein finßtres Gewitter ſtieg in ſeinen Augen auf. Die Gäſte lehnten auf⸗ merkſam und lauſchend auf ihren Stühlen, als fürchteten ſie ſich, durch einen Laut die heilige Prüfung der Bruderliebe zu unterbrechen. Nach einer Weile fuhr Archimbald, der ängſtlich in Phi⸗ lipps Augen las, dringender fort: „Philipp! Bruder Philipp, ſieh mich an. Wie der ver⸗ lorne Sohn komme ich zu Dir in den Lumpen der Armuth. Ich habe zwar keinen Vater mehr, der mich aufnähme. Ver⸗ tritt aber Du ſeine Stelle. Nimm mich auf an Deinen Heerd. Auf der weiten Welt habe ich niemand als Dich; verſtoße mich nicht!“ Philipp ſchwieg ſtörriſch. Archimbald, von Rührung und Schmerz bedrängt, ſprach bittend weiter. „Laß mich nicht ſo lange um ein freundliches Wort bet⸗ teln; reiche mir Deine Hand. Glaube mir, es iſt mir ſauer angekommen, Dir beſchwerlich zu fallen. Noch heute, als ich in die Vaterſtadt kam, wollte ich es anders verſuchen. Ich trat bei dem Schreiner ein, mit deſſen Tochter Trudchen ich als Kind ſo oft geſpielt habe. Ich gab mich ihm zu erken⸗ nen, ich bat ihn dringend, mich als Lehrling anzunehmen zu ſeinem Handwerk. Er verweigerte mir es aber hart, weil ich„ weil ich unehlich geboren bin. Es ſchmerzte mich tief, aber ich dachte: Hat gleich der fremde Mann kein Herz für dich, ſo wird's der Bruder doch wieder gefunden haben. 342 „Velch ein liſtiger Betrüger!“ ſtotterte Philipp, der die Theilnahme einiger Gäſte bemerkte.„Er macht es ſo natür⸗ lich, als ob er in der That der wäre, für den er ſich aus⸗ gibt. Mich fängt man aber nicht in ſolchen Schlingen.“ „Bruder,“ rief Archimbald, und die Thränen liefen über ſeine Wangen.„Rede nicht alſo, Bruder. Du kennſt mich wohl; und könnteſt Du zweifeln, ſo ſchaue hier auf die Narben meiner Hände. Dieſe Wunden, die ſich nie verwachſen wer⸗ den, riſſen Deine Spornen, als Du mich aus dem Hauſe ſtießeſt. Bei dieſen Wunden beſchwöre ich Dich, ſey barm⸗ herzig. Ich habe nicht Dach, nicht Fach; kein Brod, meinen Hunger zu ſtillen; kein Gewand, meine Blöße zu decken... Nimm mich auf, Bruder! Ich will Dir nicht läſtig fallen. Ich habe Vieles gelernt, ich will für Dich arbeiten. Ge⸗ brauche mich als Schreiber, als Diener, als Laſtträger, ich bin zu allem bereit. Ich bin ein unehelicher Sohn.. ein „ hier ſtockte ſeine Stimme ein Baſtard...z habe nicht die gleichen Rechte, wie Du... aber, Philipp, erinnere Dich wenigſtens, daß ein Vater uns zeugte. Vergib mir den Haß, den ich gegen Dich hatte, ich vergebe Dir alles, was Du mir zu Leid gethan, von Herzen. Mache es wieder gut, indem Du für den Bruder thuſt, worauf ein Frem⸗ der ſo oft Anſpruch macht.“ „Hilft mir denn niemand von dem zudringlichen Lügner?“ rief Philipp, und ſprang erbost auf. Philipp!“ fuhr Archimbald immer ängſtlicher fort,„was thuſt Du? Dein Mund verleugnet mich, Dein Herz hat mich aber doch erkannt. Sey menſchlich! Hier liege ich zu Deinen Füßen, wie damals, als ich Dir die Spornen ablöſen ſollte. Hier kniee ich, und bettle ich, Dein Bruder, bettle 343 um einen Winkel in Deinem Hauſe, wie ihn Deine Hunde haben. Es iſt kalt und rauh draußen. Meine wunden Füße kleben mit dem Blute am Eiſe feſt, ich kann nicht weiter wandern. Hilf mir! Bis der Frühling kömmt, gönne mir einen Winkel mit etwas Stroh. die Broſamen, die von Deinem Tiſche fallen, das Waſſer Deines Brunnens!“ „Hinweg!“ ſchrie Philipp, und wich einige Schritte zurück. „Elender Gaukelſpieler! ich kenne Dich nicht. Iſt einer unter den Anweſenden, der den verſchollenen Archimbald, deſſen Tod urkundlich bewieſen iſt, in dem Betrüger erkennt?“ Alle ſchwiegen betroffen. Archimbald ſtand langſam auf. „Ich muß alſo fort?“ fragte er gedehnt und mit gepreß⸗* tem Tone, während alle ſeine Mienen gichteriſch zuckten.. „Ich muß?— Wohl; doch werdet Ihr mir, Herr Raths⸗ herr, einen Biſſen Brod und einen Schluck Wein von Eurer Tafel nicht verſagen?“ „Sogar die gemeine Bettlerzehrung verſage ich dem ab⸗ gefeimten Schurken, der durch ſeine elenden Mährleins mich höhnen will;“ polterte Philipp giftig.„Hinweg aus meinem Hauſe, und danke Gott, frecher Abenteurer, daß ich heute dieſes Feſt feire, und mein Schwähervater abweſend iſt, Du würdeſt Deinen kecken Schritt bereuen!“ „Wenn einer von uns,“ verſetzte Archimbald mit fürchter⸗ lichem Drohen,„Gott danken muß, daß heute die Taufe Euers Kindes gefeiert wird, ſo ſeyd Ihrs, Herr Wernher. Leicht möchtet Ihr ſonſt kein Nachtmahl mehr genießen.“ „Wie, Schurke! Du drohſt?“ ſchrie entſetzt der Raths⸗ herr, und floh zurück.„Diener! Hülfe! Wache!“ Knechte und Mägde ſtürzten herein. Archimbald zog aber den Dolch aus ſeinem Wams, und ſellte ſich gegen die, die Miene machten, ihn anzugreifen.„Des Todes iſt, wer mich anrührt!“ donnerte er gegen die Verſammlung. „Mord! Hülfe! Mord!“ ſchrieen alle Gäſte. Archimbald machte ſich aber den Weg zur Thüre frei.„Lebt wohl, Herr Wernher!“ rief er noch mit vielſagendem Zornblicke.„Das uebermenſchliche habe ich gethan. Mein Gewiſſen iſt ruhig. Was Euch betrifft, ſo ſehen wir uns wieder!“ Er ſchritt hinaus, und eilte alsdann, wie ein Vogel⸗ durch die winterlichen Gaſſen ins Freie. Hier aber, auf ödem Schneefelde, kniete er nieder und rief, von Wuth und Schmerz gepeinigt, den Dolch gen Himmel hebend: „Allmächtiger! Du haſt meinen Kampf, meine Leiden, meine Ueberwindung geſehen. Ich habe vor ihm gebettelt, er hat mich abgewieſen. Ich lag vor ihm auf den Knieen, er hat mich zurückgeſtoßen. So ſchwöre ich ihm denn Rache! die vollſte, gräßlichſte Rache, und übergebe mich dem ewigen Fluche, der ewigen Verdammniß, wenn ich eher raſte, eher ruhe, bis ich nicht ſein ſchwarzes, abſcheuliches Schelmen⸗ blut getrunken, und dadurch mit meinem innerſten Leben vermiſcht habe; wozu mir Gott helfen möge.“ Nach dieſem fürchterlichen Racheſchwur, dem dritten, den er gegen Philipp geleiſtet, ſchritt er, ohne zu wiſſen wohin, auf's Gerathewohl in die von Winterſtürmen durchheulte Ebene hinein. Ende des erſten Theils.